Das Buch der Liebe

Erster Teil
 
Das erste Kapitel

Wie der Koenig Marchs seine Schwester Blankeflor vermaehlet dem Koenig Ribalin von Johnoys.

Es war ein Koenig mit Namen Marchs von Kurnewal, er haet etwann lange große Kriege wider den Koenig von Schotten. Als das nun eine lange Zeit gewaehret hatte, da kam Koenig Ribalin von Johnoys mit großer Macht Koenig Marchsen zu Huelf', und dienet' ihm wohl und lang, bis der Krieg gestillet ward. Auch gefiel demselben Ribalin das Wesen daselbst wohl; denn der Koenig hatte eine sehr schoene Schwester, mit Namen Blankeflor, gegen die ward Ribalin in Liebe entzuendet, und hub an sie lieb zu haben, desgleichen sie ihn herwieder, doch heimlich, ihm und allermaenniglich unwissend. Jedoch merket' und verstund Ribalin in ihm selbst, daß seine Liebe gegen sie nicht umsonst, sondern ein Wiedergelten da waere; das war ihm Ursache, mit Wesen da zu bleiben, so lang' als er moechte. Er ward in allen Geschaeften und Haendeln desto fleißiger, damit er sich den Koenig willig und guenstig machte. Dann kurz, er hielt sich so wohl, daß er die Jungfrau erwarb, und ihm der Koenig sie mit gutem Willen ehelich vermaehlete.
 
Das zweite Kapitel

Wie Tristan auf der See geboren, und bei seinem Vater am Hof erzogen ward.

Es stund nicht lange nach dieser beider Beiliegen, daß die Frau schwanger wurde. Da ward Ribalin mit seinem Schwager Koenig Marchsen eins, seine Frauen mit ihm heim zu fuehren in sein Koenigreich Johnoys; das ward ihm also vergoennet. Als sie nun auf die See kamen, und durch Ungewitter lang' umfahren mußten, nahete sich die Frau zu der Geburt, und ward ihr also wehe, daß sie nicht genesen mocht', und starb. Da ward von dem todten Leib ein Kind geschnitten und bei dem Leben behalten. Dasselbe Kind wuchs hernach, und ward ein mannlicher, theurer Held, genannt Tristan: von dem diese Historie sagt. Was großer Klag' und Traurigkeit da ward von dem Koenig, seiner Ritterschaft und allem Volk, so bei ihm war, davon waere viel zu sagen; denn ein jeder, der wahre Liebe recht versucht hat, erkennt auch wohl, was großes Leids und Schmerzes nachfolget. Jedoch ward die Klag' und das Leid verwischet und ein Theil gestillet, da ihm Gott der Herr das Kind leben ließ. Das fuehret' er mit ihm heim zu Lande, gab es den Ammen, fein zu pflegen und zu warten, als Kindern nothduerftig ist, und koeniglicher Art zugehoeret; so lange, bis er zu Vernunft kam, in Buechern zu lernen. Da ward ihm zugegeben ein Meister der Geschrift und aller anderer Behendigkeit, mit Namen Kurnewal. Als er ihn der Buecher unterrichtet haet, lehret' er ihn darnach Behendigkeit und Geradigkeit, mit Ringen, Laufen, Springen, Steinwerfen, den Schaft schießen, mit dem Speer und mit Schwert, auch alles andere, was zu der Ritterschaft gehoeret. Er lehret' ihn auch dabei milde sein und wahrhaftig, was er geredet' und verhieße, daß er derer keines nimmer braeche; denn wo er mit Werken oder Worten, die er verheißen haette, sich vergaeße, und deren nicht hielte, so wuerde er bald Gott und der Welt unwerth. Er befahl ihm auch insonderheit, alle Frauen zu ehren, und denen zu dienen mit Leib und Gut, und von Kurzweile zu sagen mit Zuechten. Er kehret' allen Fleiß fuer, er zog und hielt ihn in Uebung zu allen Tugenden. Der junge Herr hub an dem Meister nachzufolgen, in allem, so er ihn lehren konnt' und mochte. Er wuchs auch fast in Tugenden und andern guten Werken, so koeniglicher Art wohl anstehen, mit Milde, Mannheit, staet, wahrhaft, und bescheiden, also, daß niemand einiges Mißfallen an ihm vermerken konnte. Dazu haet ihm die Natur einen erwuenschten Leib geformiret, nach aller Gliedmaß gar unstraeflich, nichts an ihm vergessen, und war auch wohlgefaellig jedermann anzusehen.
 
Das dritte Kapitel

Wie Herr Tristan Urlaub begehrete von seinem Vater, fremde Land zu besehen.

Als nun Tristan dazu kam, daß er in der Noth etwas leiden mochte, rieth ihm sein Meister Kurnewal, daß er Urlaub begehrte von seinem Vater Ribalin, auf daß er andere Land' und Sitten sehen und erfahren moecht', und sich nicht also in seinem eigenen Vaterland verlaege, sondern daß auch in fremden Landen sein Nam' und seine Thaten offenbar und erkannt wuerden. Auf solches ging Herr Tristan zu dem Koenig seinem Vater, und sprach zu ihm: »Herr und Vater, ich bitte euch mit Unterthaenigkeit, wollet mir euern Urlaub geben, auch dazu helfen mit Gesinde, und was mir zu solcher Reise nothduerftig sein wird; denn ich habe mir fuergenommen, mit eurer Huelf' und Gunst, fremde Lande zu erfahren, und andere Sitte und schoene Gebaerde zu erlernen, so ich von andern Landen sagen hoere.«
 
Das vierte Kapitel

Wie Herr Tristan mit seinem Heer in Kurnewaelisch Land fuhr.

Da Koenig Ribalin erhoerte das Fuernehmen seines lieben Sohns, gefiel es ihm wohl und sprach: es gefiel' ihm, daß er sich so jung in andere Lande zu fahren begeben wollte; dazu wollt' er vaeterlich helfen mit aller Kost und Zehrung, so er beduerfte. Er schuf bald mit seinem Hofmeister, was Kurnewal begehrt' und haben wollte, nichts hierin ausgeschieden, sollte man ihm nach dem allerbeßten und reichlichsten geben. Das ward also vollbracht. Auch wurden besonders geladen zween Saeumer mit Gold, Silber und den allerkoestlichsten Kleidern. Kurnewal nahm am Hofe zween Jungherrn und acht Knaben edeler Geburt. Als er nun zugerichtet und ganz abgefertigt war, nahm er Urlaub von dem Koenig seinem Vater und von allem Hofgesinde. Der Koenig gab ihm vaeterlichen Segen, befahl ihn Gott dem allmaechtigen und Maria seiner Mutter, auch seinem Meister Kurnewal, in große Hut.
Also fuhr das kleine Heer von Johnoys ueber Meer in Kurnewaelisch Land. Als sie nun schier zu Lande kamen, bat Tristan seine Diener, daß sie niemand sagten, wer oder von wannen er waere, noch sein Geschlecht offenbarten; und thaet das aus Listigkeit. Mit diesen Worten gingen sie von dem Schiff, saßen auf ihre Pferd', und ritten in Koenig Marchsen Hof. Da ward Herr Tristan ehrlich empfangen. Er dankte dem Koenig, und begehrt', ob er sein beduerft', und ihn zum Diener haben wollte? darum er kommen waer', auch keinen andern Herrn wueßte, dem er vor ihm dienen wollte; denn er haette so viel Zucht und Ehre von ihm und seinem Hof gehoert, darum er sich, fuer alle andere Herrn, haette fuergenommen, ihm zu dienen. Solches Erbieten nahm der Koenig in großem Gefallen auf, und sagt' ihm zu, daß er ihn gern zum Hofgesinde haben wollte. Hierauf ward berufen ein Herzog, mit Namen Thinas, der war des Koenigs Truchseß. Er war getreu und ganz fromm, und was in dem koeniglichen Hof zu thun war, mußt' alles durch sein Geschaeft geschehen; diesem ward Tristan befohlen, daß er ihn hinfort in seiner Acht und Sorgfaeltigkeit haben sollte. Der benannte Herzog Thinas nahm den jungen Herrn in seine Pfleg', und hielt ihn mit allen Dingen wohl, und mit solchem großen Fleiß, als ob er sein leiblich Kind waere. Er bat auch alles Hofgesinde, daß sie Tristanen vor Augen hielten und ihm dienten, als ihrem eignen Herren. Solches konnte Herr Tristan um sie alle wohl verschulden, also, daß ihn jedermann werth, lieb und schoen hielt; denn er befließ' sich aller Tugend und Froemmigkeit. Also war er eine Zeitlang an des Koeniges Hofe, daß ihn bedaucht', er waere nun wohl dazu geschickt, daß er ein Ritter werden moecht', und man ihm das Schwert geben sollt'; als auch kuerzlichen geschah.
 
Das fuenfte Kapitel

Wie Morholt von Irland von dem Koenig Marchsen Zins fordert.

Zu der Zeit war ein Held ein Irland, mit Namen Morholt, der war ein sehr starker Mann und hatte allein vier Mannes Staerke. Der Koenig von Irland hatte seine Schwester, der hielt ihn also bei sich; denn er war ihm sehr nuetz und bezwang mit seiner Mannheit alle die Lande, so um Irland gelegen waren, daß sie ihm mußten Zins geben; bis an Kurnewaelisch Land, davon er ihn auch manchmal fordert. Aber Koenig Marchs hatte sich deß allezeit enthalten und Widerstand gethan. Da aber Morholt solches vernahm, beschweret' er sich darum, und meinet', er waere selbst desto ringer und leichter an seinen Wuerden und Ehren, so er ihm das Land nicht unterthaenig machet', und schwur darauf eine Heerfahrt: er wollte den Leib verlieren, oder das Land bezwingen.
Er nahm mit sich ein groß Heer und fuhr hinweg. Als er nun ueber Meer kam, beschickt' er den Koenig Marchsen und entbot' ihm, er sollt' ihm den Zins schicken, den er fuenfzehen Jahr durch seine Stolzheit uebermuethiglich versessen haette. Auch hieß er ihm sagen, ob er einen Mann haette, der ihn bestehen duerfte, mit dem wollt' er kaempfen: gesieget' er demselbigen ob, daß ihm dann Koenig Marchs mueßte unterthaenig sein, gesieget' ihm aber dieser ob, so wollt' er Koenig Marchsen frei und forthin unbezwungen lassen. Doch wollt' er zuvor den Zins oder Tribut haben, und hieß dem Koenig sagen, was er fuer Zins begehrete: vor allen Dingen wollt' er haben alle Menschen, die da bei fuenfzehen Jahren alt waeren, Knaben und Maidlein; wollt' er ihm die geben, das waere gut, wollt' er aber nicht, so wollt' er sie mit Gewalt nehmen. Die Knaben mueßten sein eigen sein, und die Maidlein wollt' er daheim in das offene Frauenhaus thun, daß sie ihm Geld gewinnen mueßten. – Hoert, wie eine schaendliche und unbescheidenliche Botschaft war das von einem Koenig, deren er sich billiger geschaemet sollte haben zu gedenken, denn daß er es ueberlaut hieße ausrufen! – Indem kamen seine Boten zu Koenig Marchsen und sagten ihm die Botschaft, deren er sehr erschrak, und klagete das Gott dem allmaechtigen heimlich in seinem Herzen, und gab keine Antwort darauf. Denn er schrieb und schicket' aus in alle Land, allen Fuersten und Herrn, daß sie zu Angesicht des Briefs zu Hof kaemen, und sich nichts darin irren ließen, denn er beduerft' ihrer zur Roth.
 
Das sechste Kapitel

Wie Herr Tristan ward zu Ritter geschlagen, und sich verwilligete mit dem Morholt zu kaempfen.

Dieweil nun solches Schreiben ausgesandt ward, beredete sich Tristan mit seinem Meister Kurnewal, den Kampf selbst zu thun, und vermeinete, das an den Koenig zu begehren; aber Kurnewal widerrieth ihm das, und meinet', er waere der Jahr' und Kraefte noch zu jung und klein wider einen so starken Mann. Aber Tristan schaetzete sich nicht minder an der Staerke, denn Morholt war, und bat mit Fleiß, ihm sein Fuernehmen nicht abzuschlagen, sondern dazu zu helfen, daß ihm der Kampf erlaubt wuerde. Kurnewal sagte, daß kein Mann nie ward, dem er so viel Ehren und Gutes goennte, dem er auch lieber dazu helfen wollte, denn ihm; dieweil er aber je fechten wollte, waere seine Meinung, daß er den Koenig vor gebeten haette, daß er ihn zu einem Ritter schluege: so moecht' er mit desto groeßern Ehren kaempfen.
Tristan folgete diesem Rath, und ging hierauf zu Herzog Thinas, dem er vom Koenig befohlen war, saget' ihm sein Fuernehmen der Ritterschaft halben, und verhehlete den Kampf.
Das gefiel dem Herzog wohl; er ging mit ihm zum Koenig, und baten beide, daß er Tristanen zu Ritter schluege. Der Koenig aber haette es ihm gern abgeschlagen und seiner Jugend halben noch ein Jahr verzogen; aber sie baten mit so großem Ernst, daß ihn der Koenig nicht laenger aufhalten mochte, sondern schlug ihn zum Ritter, und sechzig andere Jungherrn mit ihm. Dies alles geschahe in sieben Tagen.
In der Zeit waren etliche Fuersten und Herrn gen Hof kommen. Herr Tristan ritt mit seinen Schildgefaehrten auch dar. Als man ihn da sah, ward er fuer alle andere sehr gelobet und gepreiset in allen seinen Haendeln. Als er aber vernahm, daß er fuer die andern fuergenommen und gepreist ward, gab ihm solches je mehr und mehr Ursache zur Kuehnheit, und er wurde dadurch sehr gestaerket und zur Mannheit gereizet.
Als nun die Herrn und Ritterschaft alle zu Hof kamen, sagt' ihnen der Koenig die Botschaft, so ihm Morholt gethan haette, leget' ihnen die klaeglich fuer, begehrte darauf Raths, was ihm und ihnen zum nuetzlichsten hierin zu thun waere, dem wollt' er gern folgen, und daß sie darnach saehen, ob man nirgends unter ihnen allen einen finden moechte, der Morholten allein bestehen wollte. Darauf gingen sie zu Rath, gar nahe einen ganzen Tag, und konnten unter ihnen allen keinen finden, der sich's annehmen wollte. Deß ward Herr Tristan inne, und ging zu ihnen in den Rath, und fragete, was die Sachen waeren, darin sie so lang Rath haetten? Das ward ihm gesagt. Da sprach er: »Es sind doch viel stolzer Ritter hie, aus denen sich billig einer deß annaehme; so aber keiner unter ihnen ist, so will ich mich williglich von unser aller wegen darein geben, und bitte euch alle, das mir bei dem Koenig zu erlangen, daß mir der Kampf erlaubet werde.« Das gelobten sie ihm alle; doch riethen sie ihm, er sollte sich vor wohl bedenken, und sich deß nicht so liederlich annehmen, denn er waere sehr jung und unerfahren, aber Morholt waere solcher Kraeft' und Mannheit, daß seines gleichen nie gesehen waere; darum wollten sie es nicht rathen. Aber Herr Tristan war aller Furcht und Zagheit frei, antwortet' aus mannlichem Herzen, und sprach: »Ich getrau' euch wohl, und bitte euch, daß ihr mir helfet, daß mir der Kampf zugelassen werde; denn ich hoffe, ich wolle uns allen Ehr' und Sieg erfechten. Wer weiß, vielleicht goennet mir Gott des Siegs; denn er ist je den Rechten beistaendig und schlaegt die Hoffaertigen mit ihrer eigenen Bosheit und Unrecht.« Da nun die Herrn seine Mannheit und Ernst hoerten und sahen, wurden sie alle froh; jedoch war ihnen schwer, solche große Sach' an einen so jungen Ritter zu lassen, der gegen Morholt als ein Kind zu schaetzen war. Aber Herr Tristan gab ihnen guten Trost, dadurch sie alle gestaerkt wurden, und vermahnete sie hierauf, zu dem Koenig zu gehen, ihm zu sagen, daß sie einen unter ihnen haetten, der sich der Sache wider Morholten angenommen haette; sie sollten ihn aber nicht nennen, bis ihnen der Koenig gelobt, ihm den Kampf zuzulassen.
Mit dem gingen sie alle zu dem Koenig und sagten ihm die Botschaft; da ward er gar sehr erfreuet, und sprach: »Wer ist der Ritter oder Knecht? Er sei eigen oder frei, so soll er meine Huelfe, Gunst und Rath dazu haben, in allem, was er dazu haben soll; ich will ihm auch solches nicht unbelohnet lassen.« Morholts Boten waren zugegen, und sagten: ihr Herr wollte mit keinem fechten, er waere ihm denn gemaeß; darum wollten sie wissen, von was Art und Geschlecht der waere, daß sie das ihrem Herrn wueßten zu sagen. Hierauf antwortete Herr Tristan, sie sollten ihrem Herrn sagen, er waere von Art so frei, als er: »denn Blankeflor ist gewesen meine Mutter und Koenig Ribalin von Johnoys mein Vater, und ich bin Koenig Marchsen Schwester Sohn.« Da der Koenig das hoerete, ward er erfreuet, und auch betruebt: erfreuet, daß der so mannlich war und sich des Kampfs angenommen haette, betruebet, daß sich seiner Schwester Kind in solche Noth begeben haette; und bat Tristanen mit großem Ernst, daß er den Kampf unterließe. Da antwortete Herr Tristan: »Sollte Morholt also ungefochten von hinnen scheiden, so hielt' er uns alle fuer zaghaft, und nicht unbillig, so wir uns also Land, Leut' und Gut, ohn' alle Wehr nehmen ließen; wir haetten auch billig den Spott zum Schaden.« Der Koenig sprach: »Deß darfst du dich nicht so hoch besorgen, es ist dir weder Schande noch Unehr'; und bitte dich, lass' von deinem Fuernehmen, denn ich will diesen Kampf von dir nicht haben.« Hierauf antwortete Herr Tristan gar hoeflich, und sprach: »Herr, wo es an eure Ehr' und Glimpf gehet, da werd' auch ich zu beiden Seiten angerennet: darum will ich sterben, oder den Sieg behalten.« Als der Koenig sah, daß all sein Bitten umsonst war, ward er zornig und sprach: »Nun mußt du mir nicht kaempfen, es sei dir lieb oder leid.« Da Tristan hoerete, daß ihm der Kampf sogar versagt sollte sein, vermahnet' er den Koenig der Geluebd' und Treue, so er den Fuersten haette gethan, damit ihm der Kampf erlaubt und bestaetiget worden waere. Mit dem erhielt er, daß ihn der Koenig mußte kaempfen lassen. Und er entbot Morholten, daß er am dritten Tage zu rechter Kampfs Zeit allein auf den Werder kaem', und alle seine Herrn hinter sich ließ', er wollt' ihm auch nur mit einem Mann zu kaempfen genug geben, der wuerd' ihm den Zins mitbringen, den er viel zu lang versessen haette.
Die Boten eilten zu ihrem Herrn, und sagten ihm die Geschichte ganz und gar. Morholt fragete, wer der waere, der mit ihm kaempfen wollte, auch wenn und wo der Streit wuerde? Das sagten sie ihm alles. Hierauf ruesteten sich beide Theile, als zum Streit gehoeret.
Als der gesatzte Tag kam, hieß der Koenig Marchs fuer sich bringen den allerbeßten Harnisch, so er haette, wappnete seinen Neffen selbst darein, mit großem Fleiß, und gab ihm ein Schwert: wohin das mit Kraeften geschlagen ward, mochte kein Stahl vor ihm bestehen; und befahl ihn Gott dem allmaechtigen mit weinenden Augen in seine Hut, daß er sein Helfer waer', und ihn mit Gesundheit herwieder schickete. Er kuesset' ihn, druecket' ihn an seine Brust; und ruften beide, er und alles Volk, um Huelfe gen Himmel.
 
Das siebente Kapitel

Wie Herr Tristan auf den Werder fuhr mit Morholten zu kaempfen, und den Kampf allda gewann.

Als nun Herr Tristan also geruestet war, ging er zu Schiffe, nahm mit ihm sein Pferd, Schild und Schwert, und fuhr allein auf den Werder. Viel guter Segen wurde ihm nachgesprochen und des Siegs gewuenscht.
Morholt der kam ihm entgegen gefahren, der heftete sein Schiff an, und stieß Herr Tristanen seines fern hindann. Der sprach: »Held, warum thust du das?« Er antwortete: »Wir sind beide herkommen, daß wir Schaden oder Frommen hie hohlen wollen.« Herr Tristan sprach: »Ei, der kommt wohl von hinnen, welcher den Sieg behaelt, das weiß ich fuerwahr.« Da sie also mit einander redeten, bat Morholt der starke, Herr Tristanen fleißig, daß er sich des Fechtens abthaet', und mit ihm zu Lande fuehr', er wollte mit ihm theilen, was er haett', und sein Erbe halb geben, denn sollt' er ihn erschlagen, das waere ihm inniglichen Leid. Herr Tristan sprach: »Das thu' ich ungern, doch sofern, da du den Koenig frei lassest und forthin unbekuemmert.« Morholt sprach: »Das mag nicht sein, Koenig Marchs wird nicht frei gelassen; denn wer das vernaehme, moechte meinen, ich thaete das aus Furcht.« Da sprach Herr Tristan der kuehne Held: »So sei dir widersagt; denn ehe du den Zins gewinnest, sollte dir lieber sein, du haettest ihn nie gefordert.« Als er diese Worte redete, saßen sie beide auf ihre Pferde und eileten mit großem Zorn auf einander, und stach einer den andern durch den Schild, und ward Herr Tristan wund. Sie ritten abermals mit großen Kraeften zusammen: da stach Herr Tristan Morholten vom Pferd, und er ward zum andern mal wund von einem vergifteten Speer, das auf ihn zerstochen und zerbrochen ward. Morholt sprang bald wieder auf und lief Herr Tristanen zu Fuß an; da sprang der kuehne Held auch vom Pferd, und sie erhuben einen solchen ernsthaften Streit, als von zweien Mannen je gesehen ward, und trieben einander lang hin und wieder. Morholt war gar ein starker Mann, der schlug den Juengling, daß er auf beide Knie fiel; aber er sprang behend auf, erhohlte sich des Schlags, und schlug Morholten die Hand ab, darinnen er sein Schwert trug. Als Morholt sich selber ueberwunden sahe, hub er sich an die Flucht, und meinet' also davonzukommen. Herr Tristan lief ihm behend nach, und in dem Laufen schlug er ihm eine Wunde durch seinen Helm in sein Haupt, daß er also todt niederfiel fuer seine Fueß', und es blieb ein Stueck von seinem Schwert im Helm stecken. Da sprach Herr Tristan: »Ich sehe wohl, du bleibst, und ich achte, mein Herr Koenig Marchs werde frei von dir sein, und du habest des Zinses genug; du wirst auch forthin nichts mehr fordern, denn dein Uebermuth hat dich gefaellet.«
Also ward der Streit geschieden, dem einen zu Freuden, dem andern zu Klagen. Koenig Marchs hohlete seinen Neffen mit großen Freuden und Lobgesang; und lobten alle Gott den Allmaechtigen, daß er ihnen so gar vaeterlich und troestlich geholfen haette, und fuhren mit Freuden heim.
Aber die traurige Schaar von Irland hohleten ihren Kaempfer auch, doch nicht, als Koenig Marchs seinen Neffen, sondern mit gar großem und traurigem Weinen und Klagen; und schickten gar bald zu der allerschoensten Isalden, des Koeniges Tochter von Irland, ließen ihr sagen: wollte sie ihren Oheim lebendig sehen, daß sie zu Stund' kaeme. Das thaeten sie auf das Verhoffen, so sie ihn lebendig fuende, so moechte sie ihn bei dem Leben behalten; denn sie war zur selbigen Zeit mit bewaehrter Kunst der Arzenei die beruehmteste in allen Landen. Da sie die Botschaft vernahm, eilete sie bald, und nahm mit ihr, was sie zu Wunden bedurfte. Als sie aber eilend darkam, war ihr Oheim todt, und hatte ihrer Zukunft nicht erwarten moegen. Als sie sah, daß er todt war, thaet sie ziemlich weinen, und ging zu dem Todten, seine Wunden zu besehen. Da stack die Schart' oder Stueck aus Herr Tristans Schwert noch in der Wunden, die nahm sie daraus, weisete sie allem Volk, und thaet die darnach mit Fleiß behalten. Sie fuhren heim mit großem Jammer und Leid, und begruben ihren Todten mit großer Klag' und Herrlichkeit, als Koenigen zugehoeret. Der Koenig von Irland fiel auf das Grab mit sehr klaeglicher Gebaerd' und großem Geschrei. Darnach gebot er seinem Volk, wer von Kurnewaelischen Landen in sein Land kaeme, daß man derer keinen lebendig ließe, sondern sie alle an die Galgen henkete. Und nahm ihm das zu Rach um seinen Schwager Morholten; den meinet' er nimmermehr zu verschmerzen, noch deß getroestet zu werden.
 
Das achte Kapitel

Wie Herr Tristanen ein Haeuslein gebauet ward fern von den Leuten; auch wie er darnach hinweg fuhr in einem Schiff, und wie ihm geholfen ward durch den Koenig in Irland.

Nun war auch Herr Tristan gar sehr wund von den vergifteten Waffen, und war kein Arzt in den Kurnewaelischen Landen, noch an andern Enden, der ihm die Wunden heilen mochte. Man wußte auch niemand in der ganzen Welt, der solche Arzenei konnt', als die schoene Isalde, die ihm auch wohl haette helfen moegen; aber sie haett' ihn lieber getoedtet, denn bei dem Leben erhalten. Als aber alle Arzenei an ihm umsonst und unnuetz war, und er je laenger je kraenker ward, und die Wunden sehr faulten und rochen, daß niemand bei ihm bleiben mochte, begehret' er, daß man ihm ein Haeuslein fern von den Leuten an der See machte, darin er allein waere, seines Endes wartend. Das ward also gemacht und nach seinem Begehren an die See gesetzt. Als man ihn nun darein trug (denn er mochte selbst nicht mehr gehen noch stehen), da erhub sich solche große Klage von allermaenniglich, daß sie ihren Kaempfer, einen schoenen, jungen und waidlichen Helden, also jaemmerlich verlieren sollten, daß ihr Klagen ohne Maß war.
Nun war Herr Tristan jung, und gar hurtiger Sinne, der gedachte hin und wieder, ob einigerlei in der Welt sein mochte, das ihn fristen und helfen koennte? und fand nichts in seiner Vernunft, denn eines, das fiel ihm bei: er wollt' auf die See fahren, ob ihn das Glueck etwann braechte, da ihm geholfen wuerd', oder aber also elendiglich stuerbe. Dies leget' er seinem Meister Kurnewal fuer, bat ihn in ein Schifflein zu tragen, und vermeinete hinweg zu fahren; als auch geschahe. Er nahm Urlaub von dem Koenige, und allenthalben, und bat Kurnewalen sein ein Jahr da zu warten: blieb' er bei Leben, so kaem' er ehe, denn in Jahres Zeit, kaeme er aber nicht, so duerft' er nicht laenger warten, und sollt' ihn gewißlich todt wissen; dann hieß' er ihn wieder heim ziehen, seinem Vater sagen, daß er nun fortan Kurnewalen fuer seinen Sohn hielt', ihm seines getreuen Diensts lohnet', und nach seinem Tode die Krone tragen ließ', als seinen eigenen Sohn; denn er goennete sie niemand baß, denn ihm. Kurnewal haette sich der Kron' und des Reichs gern verziehen, so er mit seinem Herrn sollte gefahren sein, auch sehen und wissen, wie es ihm doch ergehen sollte. Er weinet' und thaet aus der maßen ungebaerdig um seinen lieben Herrn. Desgleichen ward alles Volk beweget mit Mitleiden, und herzlich betruebet. Hiemit ward er in ein Schifflein getragen, mit großer Klage, mit ihm sein Schwert und eine Harfe. Auch ward das Schifflein versorget nach Nothdurft fuer die Sturmwinde. Herr Tristan troestete sich selbst wohl, und befahl sich und die Umstehenden dem allmaechtigen Gott in seine Hut, und fuhr damit hinweg, doch mit waesserigen und betruebten Augen. Der Koenig sah ihm sehnlichen mit betruebtem Herzen nach, und klageten alle, daß ihnen Tristan je kund ward.
Er fuhr nun hin ohn' alle Huelf', und wußte selbst nicht, wohin. Die Winde thaeten ihm fast wehe, und wie sie ihn trieben, also mußt' er fahren. Also trieben sie ihn gerichts hin gen Irland. Da er aber vermerket', in Irland zu sein, gedacht er: nun erst habe ich den Leib verloren; jedoch gedacht' er: das Leben ist edel; und wollte das fristen, dieweil er moechte.
Und als ihn der Wind an das Land warf, ging der Koenig spazieren bei dem Wasser; der schickete bald, daß man besaehe, was in dem Schifflein waere. Die Diener kamen und sageten, da waer' ein Mann, verwundet bis auf den Tod. Der Koenig ging selbst dar, und fand, wie ihm gesaget war. Da hieß er ihn in ein Haus tragen, darin man sein pflegen sollte. Doch fraget' er ihn, wer und von wannen er waere? Herr Tristan erschrak der Frage hart, und sprach: »Herr, ich heiße Pro, und Segnicest ist mein Haus, und bin ein Spielmann. Nun bin ich auf dem Meer beraubt und bis in den Tod verwundet worden, und die Winde haben mich hergetrieben.« Da der Koenig das hoeret', und sahe auch den großen Schmerzen seiner Wunden, ward er in Erbarmung beweget, hieß sein wohl pflegen, und schickete zu seiner Tochter, daß sie dem armen verwundeten Mann ein Pflaster gaebe. Das geschahe, aber es war ihm unnuetze. Das ward ihr gesaget; sie sandte ihm bald ein anderes: da ward ihm noch weher. Als ihr das fuerkam, sprach sie: »Ich weiß wohl, was ihm gebricht; er ist mit Gift wund.« Und bereitet' allererst Arzenei, die ihm zugehoerete, davon er alsbald und in kurzer Zeit gesund ward. Also heilete sie ihn in kurzer Zeit, ohne daß sie beide einander ersahen. Er schied so von ihr, wiewohl er vor zu Hof gefordert ward; das geschahe aber durch besondere Geschichte, hiernach folgend.
Es begab sich, daß die Schiffe von Kurnewaelischen Landen nimmer gen Irland fahren duerften, da war großer, merklicher Hunger und auch Theurung in Irland, und lebeten mit großem Gezwang Hungers halb. Auf das berieth sich der Koenig mit seiner Ritterschaft, was ihm hierin zu thun waere, und wo sie Speise nehmen wollten, damit das Volk erhalten wuerde und nicht so gar verduerbe. Sie konnten ihm alle nicht rathen, und wußten auch nicht, wohin. Da gedachte der Koenig an den Mann, den seine Tochter geheilet haet, und schickete nach ihm. Tristan kam bald zu Hof. Als er kam, bat ihn der Koenig Raths um sein und des Lands anliegende Noth. Da sagt' er: »Herr, alles, was ich vollbringen kann, soll ich mich nicht saeumen, denn ihr habt das gar wohl um mich verschuldet. Wollet ihr aber meinem Rath folgen, so sendet etliche Schiffe mit mir in Engeland, da will ich so viel Fleiß ankehren, und Speise bestellen, auf das allernaeheste, so ich mag, und euch die zuschicken.«
 
Das neunte Kapitel

Wie Herr Tristan dem Koenig von Irland Speise schicket', und das Land vom Hunger erledigete.

Dem Koenig gefiel der Rath wohl, und sagte das seinen Raethen; die wurden deß froh, daß sie der Sorg' und Muehe sollten entladen sein. Hierauf wurden Herr Tristanen die Schaetz' und Schiffe befohlen, und er fuhr hinweg. Als er nun in Engelland kam, beschicket' er einen Kaufmann, und bat ihn, daß er ihm kaufen huelfe. Er kaufet' auch selbst, und stellete sich in aller Weise, als ob er auch ein Kaufmann waere.
Als er nun Speise gekaufet hatte, so viel, als um tausend Mark Golds, ließ er die Schiffe laden, und schickete sie dem Koenige in Irland. Er aber ging in ein ander Schiff, das war von Kurnewaelischen Landen, mit dem fuhr er heim in seines Oheims Koenigreich und in die Stadt Thintariol, da er vor krank und ungesund von geschieden war, und kam gleich dahin an dem Tage, als ein ganzes Jahr vergangen war seines Dannenscheidens. Als er zu Thintariol aus dem Schiff ging und ihn sein Diener Kurnewal ersahe und erkannte, thaet er vor großen Freuden und Liebe weinen, und entbot dem Koenige die Zukunft seines lieben Neffen. Mit was großen Freuden, Ehren und Wuerden Herr Tristan empfangen ward von dem Koenige, Herzog Thinas, und aller Ritterschaft, auch allen andern, Frauen und Mannen, waere Wunder davon zu sagen.
Herr Tristan war dem Koenige so lieb, daß er um seinetwegen keine Frau nehmen wollte, sondern ihn zu einem Erben seines Reichs haben. Da waren etliche an dem Hofe, die meineten, Herr Tristan riethe dem Koenige, ohn' ein Weib zu bleiben, und hasseten ihn sehr darum. Aber er wußte es nicht, auch nicht, daß der Koenig solches um seinetwillen unterwegen ließ, oder thaet; denn die andern Maechtigen an dem Hof riethen dem Koenige taeglich, ein Weib zu nehmen.
Eines Tages gingen die Freunde und Ritterschaft fuer den Koenig und nahmen Herr Tristanen mit ihnen, baten den Koenig mit großer Bitte, daß er eine Frau naehme, die ihm an Adel und Geburt geziemen moecht', und daß er das durch Gott und ihrer aller Willen thaete. Der Koenig ward dieser Bitte beschweret, jedoch setzet' er eine Zeit, darauf er antworten wollte. Deß wurden sie froh; denn er hatte solche Bitt' allwegen vor abgeschlagen. In der gesetzten Zeit gedachte der Koenig, wie er antworten wollte, damit er sie fueglich von der Bitte bringen moechte; denn er wollte je kein Weib nehmen, es waere gleich ihnen lieb oder leid. Als er aber in diesen Gedanken saß, sahe er zwo Schwalben mit einander streiten, und sahe, daß ein schoenes langes Frauenhaar herabfiel; das hub der Koenig auf, und sagete bei ihm selbst also: »Fuerwahr mit diesem Haar mag ich mich gar wohl erwehren, so ich ihnen sage, daß ich keine andere haben woelle, denn die, der dies Haar gewesen ist; deren moegen sie mich nicht gewaehren, und muessen mich forthin solcher Bitte frei lassen.«
Da er die Worte mit ihm selber redete, kam Herr Tristan eingegangen, und andere Herren mit ihm, und fragten den Koenig von des Reichs Nothdurft wegen. Das ließ er hingehen, und antwortet', auf andere Meinung, mit solchen Worten: »Ich habe hie einer Frauen Haar: so ihr mir die gebet, die will ich nehmen, und kein Widersprechen darin haben; aber ich will sonst keine andere, dieweil ich lebe.« Die Herren nahm das gar fremd und wunder, und sprachen unter einander, es waere Herr Tristans Schuld, und angelegt Ding, damit er sich also wollt' ausreden. Doch fragten sie den Koenig, wer und von wannen die Frau waere? sie wollten ihm die hohlen, in welchem Lande sie waere. Der Koenig sagete: »Das weiß ich selbst nicht; ich kann euch auch nicht mehr davon sagen.« Da sprachen sie, sie hoereten wohl, daß er sich mit solcher Rede fristen und ihnen die Bitte versagen wollte; doch wollten sie gern wissen, woher ihm das Haar kaeme. Der Koenig saget' ihnen, wie ihm dasselbige worden waere. Da sprach Herr Tristan: »Herr, ihr thut groß Unrecht, daß ihr uns allen nicht folgen wollt. Ich habe es euch vor oft gerathen, und rath' es noch mit ganzen Treuen, wiewohl mich etliche der Eueren zeihen, ihr thut es durch meinen Rath. Daß aber das nicht sei, und sie mir Unrecht thun, will ich oeffentlich erzeigen, und um eurer Liebe willen die Frauen euch suchen. Darum gebet mir das Haar, wenn mich's Glueck an das Ende braechte, da sie ist, daß ich sie bei dem Haar desto besser erkennen moege.«
 
Das zehnte Kapitel

Wie Herr Tristan nach der Frauen fuhr, und wie es ihm auf der Reise ging.

Der Truchseß, Herzog Thinas, hieß zuhand ein Schiff bereiten, darein tragen von Speis' und Kleidern, was man bedurfte, auch Harnisch und Pferde, zu hundert Rittern, und großen Hort von Gold und Silber. Da das alles bereit war, nahm Herr Tristan Urlaub, nahm das Haar, und schied ab, mit hundert andern Rittern, welche ihm der Koenig zugegeben hatte.
Sie fuhren hinweg, und sahen einen ganzen Monat nichts anders, denn Himmel und Wasser. Da gebot Herr Tristan dem Schiffmann, daß er Irland vermeiden sollte; denn sie alle wueßten wohl, wer von Kurnewaelischen Landen dahin kaeme, daß er sterben mueßte. Wie sie aber mit einander redeten, erhuben sich die Winde mit einem großen Sturmwetter und warfen das Schiff mit Gewalt in derselbigen Nacht an Irland, zu der Stadt, dabei Herr Tristan vor geheilet ward. Als aber der Tag erschien und Herr Tristan ersahe, daß sie an Irland waren, erschrak er sehr, und sagete seinen Mitgesellen, daß er vormals an dem Orte geheilet waere worden: »und ist kein Zweifel, wir muessen alle hie sterben, oder mit großer Listigkeit hinein kommen; darum schweiget ihr alle still, und lasset mich allein reden, ob ich uns gefristen moege.«
Als aber der Koenig aufstund und sahe das Schiff, daß es der Stadt so nahe lag, schuf er bald mit seinem Marschalk, daß er hinginge und sie alle enthaeuptete. Dieser aber durfte das Gebot nicht uebergehen, es waere ihm lieb oder leid. Als er zu dem Schiff kam, hieß er die Gaest' alle ausgehen, und saget' ihnen, sie mueßten sterben. Herr Tristan bot große Gab', und begehrte zu leben, schenkete dem Marschalk einen gueldenen Kopf, und bat ihn fleißig, dem Koenig seine Rede zu sagen, und daß er sie dieweil ließe leben. Der Marschalk war ein frommer, getreuer Mann, und erbot sich das zu thun. Hierauf sprach Tristan: »Ich bitt' euch, zu sagen dem Koenig mein Gefaehrt' und meinen Namen: ich bin geheißen Tantris, und sind meiner Gesellen zwoelf mit mir, Kaufleute aus Engelland; wir haben hoeren sagen, wie großer Hunger in diesem Koenigreich sei, da verkauften wir alle unsere Hab', und legten die an Speise, damit luden wir zwoelf Schiff', und hoffeten dadurch alle reich zu werden: da begegneten uns Leute auf dem Meer, denen man stark nachjagete, die sagten uns, wenn wir herkaemen, so haetten wir gewißlich den Leib verloren. Als wir das hoereten, begonnten wir uns zu beklagen, und nicht unbillig, der großen Schaeden halb, unserer angelegten Hab' und Gueter, die wir nehmen wuerden, wo wir nicht herfuehren, fuehren wir aber her, daß wir den Leib und Gut mit einander verloeren. Hierauf gingen wir zu Rath, und warfen das Loos unter uns: auf welchen es fiele, der sollte hieher fahren, und besehen, ob dem also waere, als uns gesaget ist. Also fiel das Loos auf mich Armen, und bin also auf Gnade herkommen; so sind meine Gesellen noch auf dem Meer. Lieber Herr, das alles, bitt' ich euch, dem Koenig zu sagen; und daß er mir das Leben lasse, so will ich ihm die Speise, so ich gesaget habe, alle zusammen bringen.« Der Marschalk meinete, die Rede waere also, und brachte sie zuhand fuer den Koenig.
 
Das eilfte Kapitel

Wie Herr Tristan einen großen Drachen erschlug, darum ihm der Koenig seine Tochter gab.

Also lag das betruebte Heer bis ueber Mittentag, und redeten unter einander: ob man sie schon leben ließe, so mueßten sie doch ewiglich in Irland gefangen sein; und waegten die Sache hin und wieder. Indem kam ein Mann zu ihnen gegangen, der ward mit ihnen zu Rede, und sagete Herr Tristanen, daß ein großer und grausamer Drach' in dem Koenigreich waere, der thaete dem Lande großen Schaden, an Leuten und Vieh. Nun hatte der Koenig ausrufen lassen, wer den Drachen erschluege, dem wollte er seine Tochter geben. Da Herr Tristan solche Dinge hoerete, nahm er keinen laengern Verzug, sondern wappnete sich nach Nothdurft, und ritt gegen die Noth; denn er war ein kuehner, unverzagter Held.
Als er ueber das Feld trabete, sah er fuenf Maenner sehr fliehen; unter diesen einer den andern fern fuergelaufen war, dem eilete Herr Tristan zu, ergriff ihn bei dem Haar, und fragete, was oder wen er so sehr fliehe? Dieser Mann bat ihn ueberlaut um Gottes willen, daß er ihn ließ', und sprach: »Ach, lieber Herr, der Drache jaget daher und will mir den Leib nehmen; darum lasset mich laufen, daß mir das Leben vor ihm bleiben moege.« Herr Tristan fraget', an welchem Ende der Wurm waere? er wollt' ihm entgegen kommen, ob ihm Gott der allmaechtige Glueck wollte zufuegen, daß er ihn toedten moechte. Dieser saget' ihm die Gelegenheit ganz; da ließ er ihn laufen und hieß ihn mit Heil hinfahren, er aber kehrete sich gegen den Drachen. Er hielt sich in einem Grunde, und wartete, bis der grausame Wurm neben ihn kam; da zerstach er erstmals seinen Speer auf ihm, und ehe der Schaft zerbrach, hatt' er schon sein scharfes Schwert in der Hand, und schlug mit ganzen Kraeften so lang' auf ihn, daß er mit großer Arbeit und Mannheit zuletzt den Sieg an ihm gewann. Aber der Wurm verbrennete das Pferd unter ihm, und er mußte zu Fuß fechten. Als er nun den Drachen erschlagen hatte, schnitt er ihm die Zungen aus dem Rachen, und trug sie mit sich hinweg. Es hatt' aber der grausame Wurm ihn also mit Feuer angeworfen, daß er in dem Feuer schier verbrannt war; da sahe er einen Moor vor sich, darein ging er, und wollte sich erkuehlen, daß er in dem Harnisch nicht verbraenne. Als er darein kam, da ward ihm der Harnisch aller kohlschwarz, ohn' allein der Halskragen, der war guelden. Da er das sah, ging er ein wenig fuerbaß, da fand er einen lautern Brunnen, darinnen er sich allererst erkuehlet', und legete sich um Ruhe willen zu dem Brunnen; das war auch nicht unbillig, denn der grausame Wurm hatt' ihn sehr umgetrieben, muede gemacht und verwundet: und lag also daselbst gar nahe unversonnen.
 
Das zwoelfte Kapitel

Wie sich des Koenigs Truchseß beruehmet', er haette den Drachen erschlagen, und wie ihn Herr Tristan zu Schanden machte.

Wir wollen Herr Tristanen eine Weile ruhen lassen, und von den Fluechtigen sagen, die Herr Tristan vor gesehen hatte. Das waren des Koenigs Truchseß und seiner Diener vier. Da sie vermerkten, daß der Wurm erschlagen war, ritten sie dahin, und schnitten dem ertoedteten Wurm das Haupt ab. Der Truchseß bat seine Diener, daß sie ihm der Unwahrheit beistuenden, und sagten, er haette den Drachen erschlagen, er wollte sie darnach immerdar foerdern und reich machen. Das thaet er aber darum, daß ihm der Koenig seine Tochter geben sollte. Auch hatte er sich großer Mannheit ausgegeben, daß er den Wurm allein bestehen wollte, wiewohl seine Zagheit maenniglich wissend und offenbar war, darum ihm auch Roth war, daß er Gezeugniß mitbraechte; denn er wußte wohl, daß man ihm allein nicht glauben wuerde.
Hiemit kam er zu dem Koenige, vermahnet' ihn seiner Geluebde, daß er ihm, dieweil er den Drachen erschlagen, seine Tochter geben sollte. Aber es war dem Koenig noch nicht gelegen, daß er seine Tochter sollte seinem Truchseß geben; auch wußte er vormals von ihm solcher Mannheit nicht; darum widerredet' er das, und saget' oeffentlich zu ihm, er glaubet' ihm solches nicht, sondern es haette ihn ein anderer erschlagen, und er haett' es nicht gethan. Solche Rede bewegete den Truchseß zu Zorn, und er sprach, er haette den Drachen allein erschlagen mit seiner eigenen Hand, und er wollte das gnugsamlichen beweisen mit vier Maennern, die das von ihm gesehen haetten; man sollt' ihn auch nicht dafuer halten, daß er sich der Ding' annaehme, wenn er solches nicht gethan haette: er hoffete auch, daß ihm die Jungfrau zu geben nicht abgeschlagen werden moechte. Mit solchen und mehr Worten ueberredet' er den Koenig, daß er die Worte glaubete; doch sprach er: »Ich will meine Tochter vor darum besprechen.« Und ging damit hin zu ihr, saget' ihr, wie der Truchseß sie erfochten, und den Wurm erschlagen haette. Die Jungfrau, mit Namen die schoene Isalde, erschrak, glaubete dieser Geschichte nicht, und sprach: »Herr und Vater, wo nahm der nur solche Mannheit, der doch allwege ein Verzagter ist gewesen? Glaubet's nicht; denn ich weiß, daß er den Drachen nicht erschlagen, hat ihn auch nie duerfen ansehen. Gott woelle, daß der Held funden werde, der den Wurm erschlagen hat! Ich hab' aber Sorge, dieser verzagte Boesewicht hab' ihn ermordet, wo er ihn etwann in Unkraeften liegen gefunden hat.« – Solches redete sie auch nicht vergeblich, denn der Truchseß und seine Helfer suchten fleißiglich nach ihm; wo sie ihn funden, haetten sie ihn getoedtet. Als sie aber nichts funden, meinete der Truchseß, er haett' alle seine Noth ueberwunden; darum war er auch mit Worten so frech gegen den Koenig, und versaehe sich keiner andern Ausrede, denn daß man ihm die schoene Isalden geben sollte. – Als sie aber also mit dem Vater geredet hatte, antwortet' er, und sprach zu ihr also: »Nun mag kein laengerer Verzug sein, dich ihm zu geben: ich habe so hoch verheißen, wer den Wurm erschlage, der solle dich zum Weibe haben. Wiewohl du dich hierinnen widerst, so muß es doch sein. Er will auch das redlich beweisen mit vier Maennern, daß er dich erfochten habe.« Hierauf antwortete sie: »So sagt ihm, daß er warte bis morgen; doch weiß ich, daß er nicht gefochten hat, als er saget. Glueck fuege mir den, der mich erfochten hat!«
 
Das dreizehnte Kapitel

Wie Brangele Tristanen erstehet an dem Helmen in einer Hecken, und wie sie zu ihm kamen, und ihn die Isalde mit ihr heimfuehret.

Aber Frau Isalde haet einen Kaemmerer, mit Namen Peronis, dem sie gar wohl getrauete, dem befahl sie, daß er bald drei Pferde sollte zuruesten und bringen. Und auf den Abend, als es dunkel ward, ritt sie selbst mit Peronis, und nahm noch eine Jungfrau, naemlich Brangele, mit ihr, und kamen gerichts auf Herr Tristans Hufschlag. Da die Frau das saehe, bat sie, fleißiglich dem Hufschlag nachzureiten, und sprach: »Das Pferd ist nicht in diesem Lande erzogen: Ach, Gott, wo ist der Held, den es hergetragen hat? Aber die Moerder haben ihn ertoedtet; suchet nur nach dem Grabe, er liegt etwann in der Naehe hiebei begraben.« Als sie die Worte redete, kamen sie, da der todte Wurm lag und das verbrannte Pferd, auch der versengte Schild: das alles war so gar besenget und verbrennt, daß sie weder Farbe noch Wappen sehen noch erkennen mochten. Die Frau hub an mit sonderlicher großer Klag' um diesen werthen und maennlichen Held zu weinen, und bat, daß man staets fuer sich suchen wollt', ob man ihn todt finden moechte, und wer ihn fuende, dem wollte sie hundert Stueck Goldes geben. Die zwei waren desto fleißiger zu suchen, aber Brangele saehe von ferne den Helmen gleißen, die eilete bald zu der Frauen, und sagete, sie haette den Helm funden. Da ritten sie mit großer Eil', und kamen zu dem Brunnen, dabei lag er ganz mued' und unbesinnet. Die schoene Isalde stricket' ihm den Helm auf und nahm ihm den von seinem Haupt. Herr Tristan hoerete wohl, daß Weibsbilder bei ihm waren, warf die Augen auf, und sprach: »Wer nimmt mir meinen Helm?« Die Frau ward ohne maßen froh, da sie ihn reden hoeret', und antwortet' ihm bald: »Habt keine Sorge, er wird euch wohl wieder; denn ich will ihn euch selbst behalten.« Also fuehreten sie den halb todten Mann mit ihnen verborgenlich in die Stadt. Die Frau nahm selbst den Helm und das Schwert, Brangele nahm den gueldenen Ringkragen und das andere Geraethe.
 
Das vierzehnte Kapitel

Wie Isalde Herr Tristanen ein Wannenbad beraten ließ: als sie ihn aber erkannte, wollte sie ihn ihrem Vater verrathen haben; das wehret ihr die Brangele.

Als nun Frau Isalde Herr Tristanen gar ausgezogen hatte, ward ihm ein Bad bereitet. Die Frau brachte Salben, die ihm zu seinen Wunden gehoerten; sie salbete, band und badet' ihn, daß er ganz zu seinen Kraeften kam.
Da er aber also in dem Bade saß, und die Frau bei ihm umging, gedacht' er bei dem Haar, das er mit ihm gefuehret hat, daß sie die Frau waere, die er sucht', und thaet in ihm selbst laecheln. Deß nahm die schoene Isalde wahr, und gedachte: Weß lachet dieser? Ich weiß doch nichts, das ich gethan habe. Aber ich sollt' ihm vielleicht sein Schwert gewischet haben; fuerwahr, er ist deß gar wohl wuerdig. Nahm damit das Schwert und wollte das wischen: da ersaehe sie eine Scharte in dem Schwert, davon all' ihre Freude verschwand. Sie leget' es bald von ihr, und brachte das Stueck, das in dieselbe Luecke gehoerete, das sie vormals behalten hatte. Als sie sahe, daß es gerecht darein war, hub sie an den Held zu hassen, und sprach: »Du bist Tristan, und hast den Drachen erschlagen; aber was mag dich das gehelfen? Du kommst nimmer lebendig von hinnen, und ist kein Zweifel, du mußt meinen Oheim mit dem Tode vergelten. Ich will dich selbst nicht ungemeldet lassen, denn du hast mir den Mann, den nie keine Jungfrau gehabt hat, an meinem Oheim erschlagen.« Tristan laeugnete, daß er deß schuldig waere; sie beschied ihn aber, daß er deß gestund, und sprach: »Es ist doch nicht Sitte, daß man Leib und Leben gebe, so einer den andern mit Kampf bestehet.« Sie sprach: »Du mußt aber die Sitte lernen.« Als sie aber jetzt Wehe! schreien wollt', und sehr weinete: ging Brangele, ihre getreue Jungfrau, zu der Thuer hinein; die erschrak sehr, und fragete, was das waere, daß die Frau so herzlich weinete. Es ward ihr gesaget mit zaehrenden Augen, und daß er sterben mueßte. Brangele sprach: »Das waer' ein' unerhoerte Sache, daß ihr diesen um sein Leben bringen wolltet, der euch ritterlich und mannlich, als ein Held, erfochten hat. Wie geziemete sich das, daß ihr ihn zu seinem Tode in Freundschaft her gefuehret haettet? Ach, was großer Unehr' und Unglimpf wuerd' auch dadurch entstehen! Und nicht allein der Unglimpf, ja ihr mueßtet auch euers Vaters Schluesseltraeger zu einem Mann haben. Ei, wie schoene Ehre wuerde euch das sein, wo man in den Landen sagen wuerde, euers Vaters Schluesseltraeger habe euch mit Listen und Unwahrheit euerem Vater abgeredet! So ist Herr Tristan von hoher Geburt und so ein freier Held, daß sich keiner ihm gleichen mag; und ob er alle euere Freund' erschlagen haette, solltet ihr ihn dennoch lieber nehmen, denn den Verzagten, der von geringem Geschlecht geboren ist, von dem ihr keiner guten That noch Wuerdigkeit gewaertig seid.«
Durch solche Worte ward Isalde bewegt, stellet' ihren Zorn ab von ihm, und hieß Kleider bringen. Als er aber bekleidet war, ward er ihren Augen so gefaellig, daß alle Klagen, so sie vor gehabt hatte, vergessen wurden. Denn es geschieht oft, daß weibliches Gemueth durch schoene Gestalt und huebsche Gebaerde von Zorn in Guetigkeit und Sanftmuethigkeit gewandelt wird: also geschah auch an Frau Isalden. Sie umfing Herr Tristanen freundlich, kuesset' ihn lieblich an seinen Mund, vergaß aller Feindschaft und Haß, und saget ihm zu staeten Frieden und Freundschaft; sie gelobet' ihm auch Fried' und Geleit von ihrem Vater zu erwerben.
Als sie ihm das verheißen hatte, ging sie zu ihrem Vater, sagt' ihm, daß sie erfahren haette, wer der waere, der ihnen allen aus der Noth geholfen und den Wurm erschlagen haett', und sprach: »Vater, dein Zager beruehrete den Wurm nie, bis ihn ein anderer getoedtet hatte.«
 
Das fuenfzehnte Kapitel

Wie Isalde ihrem Vater anzeigete, wer den Drachen erschlagen haett', und wie er ihr das lange nicht glauben wollte, und allezeit meinete, der Truchseß haette ihn erschlagen.

Der Koenig sprach zu seiner Tochter: »Was weißest du? Du redest gleich, als ob du den gesehen habest, der es gethan soll haben. Weißt du aber den, der uns von der Noth des Drachen entladen hat, so heiße ihn fuer mich bringen.« Hierauf antwortete die schoene Isalde: »Das will ich gern thun. Aber vor allen Dingen will ich, daß der Held Friede und Geleit habe, um alles, das er dir je gethan hat.« Da sprach der Koenig: »Fried' und Geleit soll er haben, und was er mir Leids gethan habe, sei ihm ewiglich vergeben.« Da sie das hoerete, sprach sie zu dem Vater: »So mache den Frieden staet', und kuesse mich an des Helden statt.« Das thaet der Koenig, und sprach: »Mit diesem Kuß ist nachgelassen und verziehen alles, das dieser wider mich verschuldet hat.« Als nun der Friede gegeben und bestaetiget ward, sprach Frau Isalde zu ihrem Vater: »Du hast dem Truchseß zugesaget; so nimm nun morgen alle dein Hofgesinde dazu, so will ich dir den Helden bringen, dem Truchseß zu Schanden.«
Nun haet der Koenig in seinem Land und Koenigreich allen Fuersten, Grafen, Freien, Rittern und Knechten schreiben lassen, daß sie zu der Hochzeit sollten kommen. Deßgleichen haet auch der Truchseß allen seinen guten Freunden und Bekannten geschrieben, und sie gebeten, daß sie kaemen, und ihn in koeniglicher Wuerde und seinen großen Ehren saehen, und ihm dazu helfen sollten; denn er wußte nicht anders, als der Koenig wuerde ihm seine Tochter geben.
Indem war Herr Tristan noch verborgen in einer Kammer, der haet groß Verlangen nach seinem Gesinde, das er in dem Schiff traurig und betruebet gelassen hatte, und berufete der Frauen Kaemmerer Peronis, vor genannt, bat den, in sein Schiff zu gehen zu seinen Dienern, und ihm Kurnewalen zu bringen. Das ward gethan, als ihm befohlen ward, und er saget' ihnen die Botschaft. Als sie erhoerten, daß ihr Herr Tristan noch im Leben war, wurden sie zumal hoch erfreuet.
Kurnewal ging mit Peronis zu seinem Herrn. Als er zu ihm kam, sprach er ihm gar freundlich zu, und befahl ihm wieder in das Schiff zu gehen, den andern zu sagen, daß sie zu morgen all' ihre beßten Kleider anthaeten und gen Hof kaemen, daselbst sich an eine Bank setzten, und mit niemand redeten, auch nicht aufstuenden, bis sie ihn selbst saehen; denn er hoffete, die Sache wuerde geendet, um der willen er auskommen waere. Kurnewal ging wieder in das Schiff, und sagete den Herrn und Gesellen seines Herrn Willen und Gebot. Sie wurden deß inniglichen froh, dankten und lobten Gott den allmaechtigen, daß sie ihren Herren lebendig und gesund sehen sollten.
Zu morgens bereiteten sie sich auf's allerkoestlichste, mit Kleidern und Kleinod, so koestlich und zierlich, dergleichen in Irland vor nie gesehen war; sonderlich was Herr Tristanen zu seinem Leibe gehoerete, das war alles viel koestlicher, denn das andere. Darauf kamen sie alle gen Hof, zu erfuellen ihres Herren Gebot, schwiegen alle, und setzten sich auf eine Bank, und achteten nicht, wer wider oder fuerging, auch stunden sie nicht auf, und gaben niemand Antwort, wieviel man sie fragete. Der Koenig merkete das, und fragete, wer die herrlichen Weigande waeren? aber niemand wußt' ihm das zu sagen.
Nun war es Zeit, daß der Truchseß seine mannliche That bezeugen sollte mit den vier Mannen, als er denn versprochen haet. Da schickte der Koenig nach seiner Tochter, daß sie den Held mit ihr braechte, der sie erfochten haette. Als sie die Botschaft vernahm, nahm sie Herr Tristanen bei der Hand, und fuehrt' ihn fuer ihren Vater. Als er aber in den Saal ging, sprungen die Herren, seine Diener, alle auf mit großen Freuden, empfingen ihren Herrn, stunden ihm an seine Seiten, und gaben damit zu verstehen, daß sie bereit waeren, ihm zu dienen, auch mit ihm zu sterben und zu leben. Da der Koenig das sahe, fraget' er Frau Isalden, wer der Held waere? Sie sprach: »Du sollt ihn vor kuessen.« Zuhand ward der Tochter Wille vollbracht: er kuessete den Helden, bestaetiget' auch damit den Fried' und Geleit, so er vor gegeben hatte. Als das geschahe, sprach Frau Isalde: »Ich weiß, was du gelobest und geredest, daß du das staet und unzerbrochen haeltest, darum will ich auch sagen, wer der Held ist. Er hat dir den liebesten und kuehnesten Mann erschlagen, an meinem Oheim.« Da das der Koenig hoerete, ward er zum Theil betruebet, und sprach: »Gott weiß, Herr Tristan, waere die That nicht versuehnet, ihr kaemet ungeschumpfiert nicht von hinnen; aber was mir Leides geschehen ist, habe ich alles nachgelassen und verziehen: ihr sollt auch guten und staeten Frieden haben.« Isalde sprach, das waere recht und billig, denn Tristan waere ein solcher wehrlicher Held, daß er billig zu preisen waere; daß er aber Morholten erschlagen haette, waere ohne seinen Dank geschehen; er haette auch seines Oheims Land von dem Zins, noch seinen Leib von dem Tode, nicht anders befreien moegen. »Dieweil es sich aber je also zugetragen hat, ist es ihm doch leid, und er hat sich um deß willen aufgemacht, und ist ueber Meer gefahren, ob er also um dich verdienen moechte, daß du sein Freund wuerdest. Er hat sich auch dir zu Liebe der Noth unterstanden, und den Drachen erschlagen, dadurch wir, auch das ganze Land mit uns erfreuet ist.« Als sie die Worte vollendete, stund der Truchseß auf, und sprach zu Herr Tristanen, warum er sich deß ausgaebe, das er nicht gethan haette? Es waere ein großer Unfug an ihm, daß er sich dieser Sachen anzoege. Und vermahnete hierauf den Koenig, daß er ihm die Tochter gaebe, als er verheißen haette. Herr Tristan aber wollte sein Recht auch nicht laenger verschweigen und sprach zu dem Koenige, ein Theil in Zorn: »Herr, der saget unrecht; das will ich beweisen, auch daß er den Wurm nie durft' ansehen, so, noch wie oder wo ich den erschlagen habe. Ist er aber mannhaft, als er saget, daß er mich allein darf bestehen, so trete er zu mir in einen Kampf: da sollt ihr sehen, daß sein Sagen, auch seine Zeugen falsch und unwahrhaftig sind. Auch beweise ich das mit dieser Zungen, die ich dem Drachen aus seinem Hals geschnitten habe.« Diese Rede bedauchte sie alle genug. Aber es war dem Truchseß dadurch seine Freude bald verloschen; doch begehrt' er, sich mit seinen Freunden zu besprechen, denn ihn bedauchte wohl, es waere ihm besser, daß er den Streit ließe, denn daß er kaempfte. Da war einer unter seinen Freunden, der sprach: »Kaempfest du, so mag leicht kommen, daß du deinen Leib verlierest, denn Herr Tristan ist ein starker Mann, und gar ein kuehner, vermessener Held, als er an manchen Enden in harten Streiten viel und oft erzeiget hat. Darum rath' ich dir in ganzen Treuen, hast du den Drachen nicht erschlagen, so lass' dein Kaempfen mit ihm; denn bestehest du ihn mit Unrecht, so wird es dich reuen; und du must doch den Unglimpf haben, du kaempfest oder nicht: darum ist ehe zu rathen, du entbehrest des Kampfes, denn daß du beide, den Leib und Glimpf, mit einander verlierest.« Da sprach der Truchseß: »Ich will nicht mit Tristanen kaempfen; denn er ist ein starker Mann.« Mit diesen Worten ging er fuer den Koenig, und sagete vor allem Volk, daß er den Drachen nicht erschlagen haette; Herr Tristan waere der rechte, der sollt' auch des Koenigs Tochter billig und von Rechts wegen haben. Als er nun so oeffentlich sein eigen Laster gestanden und bekennet hatte, sprach der Koenig: »Das haettet ihr billig vorhin gethan, und ehe ihr euch selbst zu solchem großen Spott und Laster gebracht haettet.«
Den Truchseß gereuete, daß er der Dinge je gedacht hatte. Ihm ward auch jedermann unguenstig, er ward sogar verspottet und verachtet, und allen Menschen unwerth. Er ward auch aller Ehren und Wuerden entsetzt. Das Laster und Unehre, darein er sich selbst gefuehrt hatte, bedacht' er erst hernach, und ward ihm selbst feind, und schaemete sich so sehr, daß er aus dem Land hinweg ritt, und kam nimmermehr darein. Mir ist auch nicht kund, wo er hin kommen, oder wie ihm geschehen sei.
Aber Herr Tristan vermahnete den Koenig seiner Verheißung; da war seine Tochter, die schoene Isalde, auch nicht wider.
 
Das sechzehnte Kapitel

Wie der Koenig Herr Tristanen die schoene Isalde befahl, seinem Oheim, Koenig Marchsen in Kurnewaelisch Land zu bringen.

Herr Tristan sprach zum Koenige. »Herr, hoeret, welcher Weise ich euere Tochter nehmen will. Ich will sie nehmen meinem Oheim; dem sollt ihr sie geben, da ist sie besser mit versehen, denn mit mir; denn ich bin der Jahre noch jung, und gebuehrt mir noch nicht, eine Frau zu nehmen, sonderlich weil ich weiß, daß euere Tochter eines maechtigern und wuerdigern Manns, denn ich bin, wohl wuerdig ist.« Hierauf antwortete der Koenig: »Das will ich gern thun, weil es dir lieb ist; dieweil du ihr Leids gethan hast, an ihrem Oheim, so sie deß gegen dich eingedenk sein wuerde, daß ihr dann nicht so wohl mit einander leben wuerdet, als es billig waer' und sein sollte.« Damit ward die Heirat bestaetigt, und die Jungfrau Herrn Tristan befohlen, sie seinem Oheim zu bringen.
Der Koenig fertigete seine Tochter ab mit so großer Hab' und Reichthum, daß es unsaeglich ist, mit allem, was einer Koenigin zugehoeret' und sie haben sollte. Nicht minder bereitet' auch die Koenigin große Gezierd' und Koestlichkeit ihrer Tochter, um deß willen, daß sie so fern in ein ander Land fahren sollte, da wollte sie ihre Tochter je heimsteuren, daß sie ueber andere ihres Gleichen beruehmet und gepreiset wuerde.
Sie machet' auch einen Trank, der billig das unselig Getraenk genennet wird, und befahl den ihrer allerliebsten Jungfrauen einer, mit Namen Brangele, daß sie den Trank sollte verwahren, daß niemand darueber kaeme, noch davon truenke, denn allein Koenig Marchs und die schoene Isalde, so sie die erste Nacht beilaegen; sie sollten auch das Getraenk alles austrinken, daß niemand nichts davon wuerde, denn nur den zweien. Solches gebot sie mit Fleiß zu vollbringen; denn sie haet Sorge, wuerd' es andern Leuten zu Theil, es wuerde nichts Gutes daraus entstehen.
Dies Getraenk ward also gemacht: welche zwei das truenken, die mueßten einander also lieb haben, daß eins ohne das andere nicht bleiben noch leben moechte; sie moechten nicht einen Tag sein, sie mueßten einander sehen; so es sich aber also zutruege, daß ihrer eines das andere nur einen Tag nicht saehe, so wuerden sie krank und so lang' ungesund, bis sie einander wieder sehen moechten. Solches geschahe durch Kraft und Wirkung des unseligen Tranks, der mit solcher Meisterschaft getemperiert war, daß die Kraft der großen Liebe also angeheftet ward, daß sich ihrer keines vor vier Jahren davon abziehen mochte; so aber vier Jahr verschienen waeren, so moecht' eines das andere wohl lassen, des Tranks halben. Was wirket aber das natuerliche Feuer der Liebe in so langer Zeit? Ich lass' mich beduenken, wo die Menschen also freundlich in allen lieblichen Gebaerden so lange mit und bei einander wohnen, daß dann das Feuer der Liebe so groß und stark werde, daß es darnach schwerlich zu loeschen sei. Also mag ich auch von diesen zweien liebhabenden Menschen reden. Da nun die Liebe von der Kraft des Getraenks, nach den vier Jahren aufhoerete, war die natuerliche Flamme der Liebe so weit und inbruenstiglich in ihnen beiden mit solcher großen Kraft entzuendet, daß ihnen unmoeglich war, das zu erloeschen: und mußten also ihr Lebtage brennen in der Flamme der starken und unsaeglichen großen Liebe.
 
Das siebenzehnte Kapitel

Wie Herr Tristan die schoene Isalde mit ihm hinweg fuehret', und wie es ihnen auf dem Meer erging.

Da nun der Koenig seine Tochter Herr Tristanen vermaehlt und befohlen hatte, ward Urlaub zu fahren genommen, und von dem Koenige, der Koenigin, und allem Hofgesinde gegeben. Also fuhren sie dahin. Herr Tristan haet die Frau in großer Sorg', und macht' ihr ein besonder Gemach in dem Schiff, da sie mit ihren Jungfrauen innen war. Er ging zu dem Schiffmann, und befahl ihm, daß er bald fahren sollte, damit sie nicht lang unterweges laegen. Aber Frau Isalde mochte solches eilendes fahren nicht erleiden, und bat, wo man zu einer Anfahrt kaeme, sollte man anlaenden: das geschahe. Als aber jedermann aus an das Land ging, durch Lust, zu sehen, was auf dem Land waere, ging Herr Tristan zu der Frauen, zu besehen, was ihr waere, oder ob sie lange da mueßten still liegen. Indem begab es sich, daß er mit den Frauen allen reden thaet, saget' ihnen schoene Abentheuer, damit er ihnen die Zeit kuerzet', und lange Weile vertriebe. In diesem Reden thaet ihn sehr duersten. Der Schenke war nicht gegenwaertig, aber ein kleines Jungfraeulein sprach: »Herr, ich weiß wohl Trinken.« Ging damit, da der verflucht' unselige Trank stund, und bracht ihm den. Es wußt' aber nicht anders, denn es waere Wein, wie anderer Wein. So wußte auch Herr Tristan nicht, daß ihm dieser Trunk zu solchen Aengsten und Noethen gerathen sollt', und thaet einen guten Trunk, denn ihn duerstete sehr, und bedaucht' ihn der Wein gut, und gab ihn der Frauen Isalden auch dar. Alsbald sie getrunken hatten, wurden ihre Herzen und all' ihre inwendigen Kraefte verwandelt und in inbruenstiger Liebe entzuendet und so hoch in der Flammen der Liebe entbrennet, daß ihrer jegliches das andere inniglich begehrte lieb zu haben. Sie wußten vor solcher großer, ungestuemer Liebe nicht, wie sie sich halten sollten, und meineten, sie mueßten von ihren Sinnen kommen, sie gaeben sich denn einander zu erkennen. Doch so wußte er von ihr, noch sie von ihm, dieser Geschichte nicht, und meinet' ihrer jedes, es haette diese Noth allein. Jedoch wurden sie beide oft bleich und roth, heiß und kalt, und wurden ihre Gebaerden gar oft verwandelt und viel anders, denn sie vormals gewohnet waren. Was soll ich sagen? Die Liebe ward so groß und ihr Kummer so mannichfaltig, daß ihrer jegliches Sorge hatte, das andere wuerd' es merken: so das geschaehe, moechte kein Versagen noch Verziehen da sein, was eines an das andere begehrete. Als Herr Tristan das in ihm selbst wahrnahm und empfand, schied er traurig und hart krank von der Frauen, welche auch nicht weniger Noth und Schmerzen hatte, denn er. Sie legten sich aber beide also ungegessen und ungeredet zu Bette. Also nun ihrer keines weder essen noch trinken mochte, auch mit niemand reden, sondern mit staeter, emsiger Klag' ihrer jegliches ihm selbst so streng ohn' Aufhoeren anlag, daß ihrer jedes meinet', es wuerde den Tod vom andern haben: und wußte doch ihrer keines des andern Noth.
Also lagen sie beide bei vierthalben Tag ungegessen, ungetrunken und ungeschlafen, und wußt' ihrer keines anders, denn es mueßte gewißlich eines nach dem andern sterben, oder aber sich offenbaren. Sie waren beide so gar entzuendet, daß sie nichts anders gedenken konnten, denn nur, wie sich eins dem andern zu erkennen geben und offenbaren moechte. Durch solche große Noth wurden sie ganz entstellet, ihre lichten und wohlgefaerbten Angesichter erbleicht und mißfarbt, und lagen also ohn' alle Kraft und Macht.
Als aber Kurnewal und Brangele solche Krankheit und Jammer an ihrer Herrschaft sahen, wurden sie bewegt in großem Mitleiden, und dieweil sie mit einander redeten, gedachte Brangele an das Getraenk, das ihr befohlen ward zu verhueten, ging bald, da sie es behalten hatte, und fand nichts: da erschrak sie von ganzem Herzen und all' ihrem Gemueth, schlug die Haende ob dem Tisch zusammen, und sprach: »O wehe, mein lieber Herr Tristan und meine allerliebste Frau, nun seid ihr beide verloren, es sei denn, daß ihr zusammen kommet!«
 
Das achtzehnte Kapitel

Wie Isalde und Herr Tristan zusammen kamen und der großen Noth ein Theil offenbarten und entbunden wurden

Als nun Brangele die Krankheit ihres Herren und ihrer Frauen erfunden haet, ging sie wieder zu Kurnewalen, und sagt' ihm, wie die Krankheit beschaffen waere, und sprach: »Ehe ich deinen Herren und meine Frau also sterben lasse, ehe wag' ich Ehre, Leib und Gut. Kurnewal, thu' du dein Theil, und hilf, daß wir sie zusammen bringen. Ich muß doch zuletzt das Leben darum verlieren; denn ich sollte des Getraenks fleißiger gepflegt haben: dieweil aber das nicht geschehen ist, so muß sein Glueck walten.« Kurnewal sprach: »Also ist auch mir; denn wie und welcher Weise ich dazu helfen mag, bin ich willig und bereit.«
Als dieser Rath beschlossen ward, kamen sie abermals an eine Anfuhrt: das war nun an dem vierten Tag. Die Leute gingen von dem Schiff, daß ihrer nicht viel darin blieben. Da sprach Kurnewal zu seinem Herrn: »Herr, gehet zu Frau Isalden, – sie wirret auch, ich weiß nicht, was – ob euere Noth gelindert wuerde, und ob sie auch gern wueßte, wie es um euere Krankheit beschaffen waere.« Solches redete Kurnewal aus Listigkeit und durch Rath der getreuen Brangele. Herr Tristan hub sich auf, und ging zu der Frauen. Als er zu der Thuer kam, haet er nicht so viel Kraefte, daß er fuerbaß mochte. Als sie ihn aber fern sah, begunnte sie zu rufen: »Herr, wohl, kommt bald!« Da er das hoeret', erschrak er, und gedachte: »Ich bin unwerth; sie beut mir diese große Ehre nicht durch Guete: waere ich ihr lieb, sie hieße mich nicht Herr.« Und war ihm die Rede leid. Doch gedacht' er wiederum: »Sie hat es durch große Liebe gethan, und mir damit angezeiget, daß ich ihr vor aller Welt der liebste bin.« Dieser Gedanke gab ihm eine neue Kraft, und er ging zu der Frauen, setzte sich neben sie an ihre Seiten, und ward mit ihr redhaft. Da das sah Kurnewal und Brangele, nahmen sie sich bald ander Geschaeft fuer, und gingen zu der Thuer aus: die zwei blieben aber bei einander.
Welches aber am ersten anfing zu reden, ist mir nicht wissend, denn es sagt' ihrer eins dem andern die große Liebe und Freundschaft, so sie zusammen haetten. Ehe sie sich aber schieden, wurden sie beide gesund, und ward vergessen alle Klag', Angst und Noth, so sie vor gehabt hatten. Da sie nun einander ihre Liebe geoeffnet und verkuendet hatten, und je eins von dem andern mit gleicher maß lieb gehabt ward, pflegten sie solcher großen Freuden und Wonne, davon viel zu sagen waere. Es gebar ihnen diese Liebe taeglich neue Lieb' und Freundschaft.
Durch solche Liebe ward diese Reis' etwas laenger verzogen, daß sie sich der Lieb' und Begierd' ein wenig desto besser moechten ersaettigen, so lange, bis sie Koenig Marchsen Land sahen. Da besorgten sie das zukuenftige Scheiden und Meiden, und wurden dadurch sehr betruebt; aber die große, inbruenstige Liebe gab ihnen Hoffnung und guten Trost, gingen mit einander zu Rath, wie sie den Koenig betriegen moechten, daß sie doch forthin ihrer Liebe nachgehen und ungeschieden bleiben wollten. Als dieser Rath beschlossen war, ging Isalde zu Brangelen, und redete mit ihr also: »O Brangele, meine allerliebste und getreue Freundin, sage du mir, wie ich meine Sach' anfahen soll, so ich bei dem Koenig soll liegen.« Brangele sagete: »Das weiß ich nicht.« Isalde sprach: »Ach meine Brangele, so erzeige das durch deine Frommkeit, und hilf mir.« Brangele sprach: »Ja, Frau, ich wollte das gern thun, wueßt' ich, welcher Weise.« Da sprach Isalde: »Ach, meine Brangele, meine besondere, liebe und getreue Freundin, ich bitte und begehre, daß du die erste Nacht eine Weile bei dem Koenig liegst: das will ich reichlich um dich verdienen.« Brangele erschrak, und sprach: »Frau, ich hab' euch fern ueber Meer gefolget, und euch je und je getreulichen und unverdrossen gedienet, ich bitt' euch, ihr woellet dasselbige auch bedenken und ansehen, und mich nicht also sehr bekraenken und meiner Ehren entsetzen.« Isalde sprach: »Ach und weh, so verlier' ich meine Ehr'! Nun hast du mir doch selbst gesagt, daß mir solche meine Noth und Unglueck von dem Getraenk entstanden sei, das du solltest bewahrt haben, und das dir allein anbefohlen ist worden. Bist du denn nicht schuldig an meiner so großen Muehseligkeit? So du nun daran schuldig bist, so bist du auch schuldig und gebunden, mir wiederum aus solcher meiner großen Noth zu helfen.« Da Brangele das hoerete, thaet sie inniglichen weinen, und saget': »Es ist leider wahr, diese Schuld kommt von mir, durch mein großes Uebersehen, und ist derhalben billig, daß ich darum leide, was mir zu leiden aufgelegt wird, und will mich ergeben, euch zu helfen: doch wollt' ich mich lieber todt wissen.« Als sie das gelobte, ging Isalde zu Herr Tristanen und sagt' ihm die Geschichte; deß ward er sehr erfreut.
Nun waren sie der Stadt Thintariol nicht fern, und haet Tristan fuergeschickt, und dem Koenig entboten, er braechte ihm die Frau, nach der er ausgesandt waere.
 
Das neunzehente Kapitel

Wie Koenig Marchs der Frau entgegen ritt; von ihrer Hochzeit, und wie er die erste Nacht betrogen ward.

Der Koenig ritt mit großer Macht, nach dem allerkoestlichsten, mit seiner Ritterschaft entgegen, die Frau zu empfahen. Sie fuhren mit Freuden heim. Die Hochzeit ward groß und zumal herrlich; denn Herr Tristan hatte dem Koenig die Sache laengst durch Boten kund gethan, also, daß er sich vor mit allen Dingen nach Nothdurft dazu geschicket und versehen hatte.
Herr Tristan ging zu dem Koenig und sprach: »Herr, die Frau begehret, daß ihr des Landes Sitte mit dem Beiliegen haltet.« Der Koenig fragete, was Landes Sitte sie haette? Herr Tristan sagt' ihm: So sie beilaege die erste Nacht, sollte kein Licht da sein, um daß man sie nicht saehe, bis zu morgens, daß sie wiederum aufstuende. Da sprach der Koenig, daß er ihr solches vergoennet': und hieß seinen Neffen, Herr Tristanen, selbst Kaemmerer sein, daß er auch thaet' und ließe, was die Koenigin begehrete.
Herr Tristan war nun Kaemmerer, und stunden alle Geschaeft' in seiner Hand; auch was er forthin thaet gegen die Koenigin, haet er gut Recht, denn der Koenig haet ihn das vor geheißen. Er unterwand sich der Kammer, fuehrete dem Koenig Brangele zu Bett', und lag er bei der Koenigin. Dies war und ist die groeßte Betrieglichkeit, die Herr Tristan je thaet. Doch mag es rechtlich nicht Betrieglichkeit sein, dieweil Herr Tristan solches nicht aus eigenem Muthwillen noch Frevel gethan hat, sondern aus Schickung und Wirkung natuerlicher Kunst.
Als nun die Nacht ihren Lauf eines Theils vollbracht hatte, und sich wiederum kehrete gegen Orient, ging Brangele mit betruebtem Herzen und versehrtem Leib und Gemueth von dem Koenig hin zu Isalden, hieß sie aufstehen, und sich zu dem Koenig legen. Dies ward gethan mit unwilligem Muth, und war ihr viel zu fruehe, aufzustehen von Herr Tristanen: bei dem ließ sie ihr Herz und ging mit dem Leib zu dem Koenig. Also ward der Koenig betrogen und die Frau bei Ehren behalten.
Es blieb auch Herr Tristan ein ganzes Jahr an dem Hofe, gar unangemeldet und unvermerkt von jederman. Wie groß die Liebe war, so konnten sie es doch beiderseiten hehlen. Er redet' oft zu seinem Diener Kurnewal: »Mich hat Wunder, wie ich solche große Liebe also leiden und gedulden moeg', und der schoenen Isalden nicht staets beiwohnen soll, die doch mein Herz und Gemueth allezeit gar bei ihr hat und regieret, wie sie selber will. Wahrlich, Kurnewal, glaubt mir, ohne Zweifel, sollt' ich sie nur einen Tag nicht sehen, ich wuerde krank; sollt' ich aber zween Tage von ihr sein, so mueßt' ich sterben.« Nun war auch die Frau gleich so sehr verwundet, als er; denn sie hatten beide eine Krankheit.
 
Das zwanzigste Kapitel

Wie die Koenigin ihre getreue Brangele befahl zu toedten, und doch nicht geschah.

Nicht lange darnach bedachte die Frau ihr Wesen, Herr Tristans halben, und fiel ihr bei, Brangele moechte solches von ihr sagen und offenbaren, deß sie doch wohl sicher war, und wollte ihr mit dem Tod lohnen. Sie schickte nach zweien armen Gesellen, gab ihnen sechzig Mark Silbers, und weiset' ihnen einen Brunnen in einem Garten, und befahl ihnen bei ihrem Leben, wer mit einem gueldenen Trinkgefaeß zu dem Brunnen kaem', es waere Mann oder Weib, den sollten sie toedten und sollten ihr die Leber zu einem Zeichen bringen. Die zween gelobten der Frauen, das also zu thun, nahmen das Silber, und wurden deß sehr erfreuet. Die Koenigin aber legete sich nieder, und klagete sich sehr; und begehrete von der Brangele deß Wassers aus dem Baumgarten. Die getreue Brangele ward betruebet um ihrer Frauen Krankheit, nahm ein guelden Trinkgefaeß, nach Geheiß ihrer Frauen: sie wußte aber nicht den verborgenen Mord und Untreu' ihrer Frauen, oder daß sie jetzt sterben sollt', und ging zu dem Brunnen. Als sie des Wassers schoepfen wollte, traten die zween herfuer, griffen sie an, und sagten ihr, sie mueßte sterben. Brangele erschrak deß ohne maßen sehr, und sprach: »Ihr Herren, was soll das sein? Was meinet dieses Ding und groß Unbild? Es sei denn das: Da wir von Irland in dieses Koenigreich fahren sollten, da gab uns meine alte Frau, ihre Mutter, zwei weiße Hemden, gleich rein; und sie sollte die erste Nacht in ihrem Hemd bei dem Koenig liegen. Ihr Hemd ward zertrennt und zerbrochen, daß sie es mit Ehren bei dem Koenig nicht mocht' anhaben: da war das meine noch ungetragen, ganz und neu. Sie erbat mich mit großer Bitte, verhieß mir so viel Treu' und Freundschaft, daß ich ihr mein Hemd liehe nur die einige Nacht, daß sie mit Ehren in dem Hemd bei dem Koenig schlafen moechte. Wiewohl ich solches ungern thaet, jedoch bewegete sie mich mit ihrer Bitt' und Verheißung, daß ich es ihr zuletzt lieh. Ich weiß ihr sonst nichts mehr zu entbieten, denn: in derselben ersten Nacht, als sie bei dem Koenig lag, ward mir mein Hemd verwuestet. Dies saget' ihr von mir; denn ich weiß nicht, das ich gehandelt, damit ich den Tod verschuldet haette.« Durch solche ihre Klag' und Unschuld wurden diese zween Maenner in Erbarmung beweget, und redeten zu einander: »Was ginge uns fuer Noth an, daß wir das weiblich Bild ihres Lebens beraubten? Wir moechten es nimmer ueberwinden; ja wir kaemen auch von allen unsern Ehren, wo man solches von uns innen wuerde. Wir wollen uns an ihr nicht beflecken.«
Dieweil sie also mit einander redeten, lief ein Hund ungefaehrlich fuer: den ertoedteten sie, und nahmen die Leber von ihm. Mit der ging der eine gar heimlich zu der Koenigin und saget' ihr die Geschichte. Sie hieß ihn großen Dank haben, und fraget', ob ihnen Brangele nichts gesagt haette? Er sprach: »Ja«, hub an, und sagt' ihr von Wort zu Wort, was sie ihr entboten, und was sie geredet haette. Da die Frau nun hoerete, merkt' und verstund die große Lieb' und Treue, so Brangele zu ihr haette, daß sie auch in ihren großen und letzten Noethen nichts geoffenbaret haette, thaet sie sich selbst hassen und feinden, und sprach: »Nun muß es Gott erbarmen, daß ich den Tag je erlebt habe! Was soll ich Arme nun thun, daß ich mich selber also gefaelschet und solchen Mord begangen habe?« Sie ward so gar betruebt und bekuemmert, daß sie ihrer selbst ganz vergaß, und klaget' auch so sehr, daß der Gesell, der die Maehr brachte, gleich still stund, und sah sie mit Wunder an. Als er aber solches großes Leid und Reue an ihr sah, mocht' er sich nicht laenger enthalten, und sprach: »Frau, troestet euer Gemueth: Brangele lebt und ist nicht todt. Ich durfte es vor nicht sagen, denn ich besorget', es waere euch leid; wollet ihr, daß ich sie bringe, so will ich es thun.« Die Frau sprach: »Moechtest du mir sie lebendig wieder bringen, darum verheiße ich dir, dich reich zu machen.« Dieser ward solcher Verheißung froh, ging hinweg, und sagt' es seinem Gesellen. Also nahmen sie Brangelen mit ihnen, und fuehrten sie zu der Koenigin, in ihre Kammer.
 
Das ein und zwanzigste Kapitel

Wie sich Frau Isalde wieder mit Brangelen versuehnet.

Als aber Brangele zu der Thuer einging, sprach die Koenigin also zu ihr: »Biß mir willkommen, mein liebes Weib, meine Frau, meine Koenigin, und du meine Gebieterin! Ich falle dir zu Fuß, ich suche deine Fueß', und begehre Gnade von dir um meine große Schuld.« Sie gab ihr so viel freundlicher Wort', und thaet große Verheißung, daß sie des Mords gegen sie vergessen sollte. Durch solches hoch Erbieten ward Brangele gesaenftet, und bat die Frauen, ihr auch zu vergeben, ob sie je etwas gethan haette, das sie sollte vermieden haben. Indem wurden sie beide vor Leid und auch vor Liebe stumm und ungespraechig, fielen unversonnen nieder, und lagen lange, bis sie wieder zu Sinnen kamen. Da stunden sie auf, und versoehneten ihren Neid. Es war dazumal niemand bei ihnen, der ihnen geholfen haette; denn die zween Gesellen gingen gleich hinweg, als sie Brangelen wieder zu der Frauen brachten.
Herr Tristan war nicht anheim, da sich diese Sache verlief, sondern er war um Kurzweile mit dem Koenig in den Wald beizen geritten. Alsbald er aber kam, ward ihm die Sache durch Kurnewalen angezeiget. Da ward Tristan sehr leidig und zornig, ging zu der Koenigin, und strafete sie hart mit Worten um ein solch fuergenommen Uebel und Bosheit.
 
Das zwei und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan feindlichen gegen den Koenig verklagt ward.

Indem begab es sich, daß Herr Tristan sehr verwundet ward, doch ohn' alle Schwert, und geschahe das durch einen Herzogen, mit Namen Auctrat, und vier Grafen die auch an dem Hofe waren. Diese fuenf Maenner fielen in solchen großen Neid und Haß gegen ihn, daß es ohne Maaß war, und um nichts anders, denn daß Herr Tristan so gar tugendlich und frommlich lebet' und zu aller Zeit das Beßte thaet mit mannlicher That und allen Dingen, und darum, daß er jedermann so angenehm, und fuer sie alle fuergezogen und gepreiset ward. Dieser obgenannte Herzog Auctrat war Herr Tristans geborner Freund; denn sie waren zweier leiblichen Schwestern Soehne, so daß er ihn billiger haette lieb gehabt, denn gefeindet. Als er nun staetiglich darauf gedachte, wie er Tristanen verleumden und dahin bringen moechte, daß ihm der Koenig unguenstig wuerde und ihn vom Hof thaete, kehret' er allen Fleiß fuer, ob er irgend eine Ursache haben moechte. Durch solchen seinen Fleiß und Nachforschung erfuhr er zuletzt, daß er, Herr Tristan, die Koenigin lieb haette. Als er das gewahr ward, freuet' er sich in ihm selbst, ging zu seinen Gesellen, beredete sich mit ihnen, dem Koenig diese Geschichte zu offenbaren.
So nahm er zu ihm die vier Grafen, seine Mitgesellen in aller Boeslistigkeit und Verwegenheit, ging zu dem Koenig, und sprach: »Herr, ich muß euch ein Ding sagen, das mir doch zu schwer ist. Jedoch, daß ihr mich nicht verdenket, daß ich's aus Ungunst thue, so wissen es ihrer vier also wohl, als ich; Tristan hat euch gehoehnet, ist euern Ehren faehrlich, und buhlet euer Weib; darum soll er billig sein Leben verlieren; denn der Schanden ist gar zu viel, die er euch taeglich thut, und mehret sich von Tag zu Tag.« Hierauf antwortete der Koenig: »Schweiget, und lasset mich solche Rede nimmermehr hoeren; ihr gleichet euch selbst den Todten, daß ihr dem draeuet, den ich lieb habe und Gutes goenne. Tristan soll vor euch wohl genesen, wie ihr ihn neidet.
Mit diesen Worten schied der Koenig von ihnen ab, zornig und unmuthig, und wollte nun zu Ruhe gehen: Ach Wehe! da fand er Tristanen vor dem Bette stehen, die Koenigin in seinem Arm ganz freundlich umfangen, und sah, daß er sie kuessete. Da erschrak er ohne maßen sehr, und hub jetzt an Tristanen zu feinden, und sprach in großem Zorn: »Tristan, das ist eine boese Freundschaft und ist ein Laster, das dir und mir zu viel wird; denn wo ich nicht mehr bedaechte, was mir meiner Ehren halb zu thun waere, du kaemest mit gesundem Leib keinem Mann mehr zu seinem Weib. Ich wollt' es nie glauben, wie viel und oft man mir das saget: O, wollte Gott, daß ich ihnen gefolget haette! Ich hab' aber nicht gedacht, daß du so ein untreuer Mann gewesen seiest. Bald hinweg ab meinem Hof, und danke Gott, daß ich dir dein Leben lasse!«
Hiemit schied Tristan ab, traurig und mit klaeglicher Noth. O des sehnlichen behenden Scheidens, so da geschah, da sich die zwei Liebhabenden ungesprochen mußten scheiden! Herr Tristan ging in seine Herberge. Als er bedachte, daß er das Land raeumen sollt', und nicht zuvor Urlaub nehmen von seiner Allerliebsten, und sollt' ihrer forthin ganz beraubet und von ihr geschieden sein, wollte ihm sein Herz zerbrechen; ihm ward auch so wehe, daß er meinet', er mueßte gewißlich sterben. Deßgleichen war auch der Koenigin; die litt wohl zweifaeltige Noth. Herr Tristan war ihr also lieb und zu Herzen gebunden, daß sie nichts anders begehrte noch gedachte, denn an ihn; und darum waere sie gar viel lieber todt gewesen, denn daß sie ohn' ihn sollte leben. Und kurz zu sagen, sie wurden beide krank, und lagen in großer schwerer Sucht. Es getrauet' auch ihrer keines zu genesen ohne des andern Beiwohnen. Dem Koenig ward gesaget, wie Herr Tristan krank waere. Der Koenig sprach: »Das bekuemmert mich nicht; denn er hat ungetreulich an mir gethan, darum lasse ich's ein Ding sein.«
O Brangele, getreue Helferin, gib Rath und thue Huelfe, damit sie zusammen kommen, und nicht so jaemmerlich in ihren Noethen verderben! – Brangele hub sich auf, und ging heimlich zu Herr Tristanen, als sie denn vormals oft gethan hatte. Als sie darkam ruehrete sie die Thuer gar leise. Kurnewal ging herfuer, und ließ sie hinein. Herr Tristan, der kranke Mann, empfing sie, und fragete, wie sich die Koenigin gehueb', und wie es ihr ging? Brangele saget' ihm: »Sie gehabt sich recht uebel, doch um eurentwillen, denn moechte sie euch sehen und mit euch reden, und wuerde an den boesen laesterlichen Neidern gerochen, so gebraech' ihr nichts mehr. Scheidet ihr aber also von hinnen, so stirbet sie gewißlich.« Da sprach er: »Sage meiner Frauen, ich wolle sie sehen, und wolle solches durch niemands Draeuen noch Furcht vermeiden. Will sie nun zu mir gehen, so heiße sie in ihrer Kammer warten, bis sie den Spahn, daran ein Kreuz gemalet ist, siehet daher rinnen durch ihre Kammer: so soll sie kommen in den Baumgarten; daselbst wird sie mich finden bei dem Brunnen des Flusses, so durch ihre Kammer fleusset. Das sage meiner lieben Frauen.« Brangele nahm Urlaub, ging hinweg, und bracht' ihrer Frauen liebe Maehre, davon sie bald gesund ward.
 
Das drei und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan und die Koenigin zusammen kamen des Nachts in dem Baumgarten.

Um die Losung hatte es eine solche Gestalt: Es war ein schoener Baumgarten, gleich an der Koenigin Kammer, darin entsprang ein Brunnen, darob stund eine große Linde. Derselbige Brunnen haet seinen Fluß gerichts durch der Frauen Schlafkammer, und wenn sie nicht redhaft mit einander werden mochten, so ging Herr Tristan zu dem Brunnen, brach der Blaetter von der Linden, darauf leget' er den Spahn mit dem gemalten Kreuz, das floß dann durch der Frauen Kammer, die thaet solcher Botschaft bei dem Fluß warten.
Als nun die Losung gegeben ward, kamen sie zusammen, ehe es Mitternacht war: da ward abermals ein Theil ihrer großen Noth gesaenftiget. Sie blieben da, als lange die Zeit verhaenget'; es war aber gar eine kurze Zeit, die ihnen verliehen ward, nach ihrem Begehren zu rechnen. Sie wurden deß beide frisch und gesund, ehe sie sich schieden, und ward vergessen aller vorigen Klage, so sie gehabt hatten. Darnach kamen sie durch solche ihre Losung zusammen als oft sie geluestet', ungeirret aller Neider und Aufseher. Zu morgens lag Herr Tristan dennoch, als ob er krank waere, und sagt' es niemand, welchen Arzt er gehabt haet, und klagete sich so hart, als ob er todt krank waere. Er ging aber nichts desto weniger zu der Frauen, so es die Zeit begab.
Damit wurden den neidischen Aufsehern die Augen verhalten, daß sie noch nicht fuer wahr wußten, wie ihm war, und redeten mit einander: »Tristan hat meine gnaedige Frauen lieb.« Einer sprach: »Ja.« Der andere: »Nein.« Der dritte sprach: »Ich zweifele daran; doch wollt' ich gern die Wahrheit wissen.« Auctrat, ein Fuerst der Boeslistigkeit, der sprach: »Das will ich uns wohl erfahren. Es ist ein Zwerglein nicht fern von hinnen, das kann kuenftige Ding' an dem Gestirn sehen; wir wollen demselben so viel Guts geben, daß es uns die Wahrheit sage.« Der Rath gefiel ihnen allen wohl, und wurben um das Maennlein. Der boese Volland, das Zwerglein, begunnt' an das Gestirn zu sehen, und sprach: »Meine gnaedige Frau hat Tristanen lieb, und will mein Herr, der Koenig, ich lass' es ihn selbst sehen, daß ich wahr sage. Herr Tristan ist faelschlich krank; befindet sich das anders, so heißet mein Haupt abschlagen.« Mit den Worten brachten sie das verfluchte Maennlein fuer den Koenig, und sagten ihm die Geschichte. Das kleine Boeswichtlein sprach zum Koenig: »Herr, wollt ihr die Sache selbst befinden, so reitet mit dem Hofgesinde in den Wald jagen, und saget meiner gnaedigen Frauen, ihr woellet sieben Nacht außen sein: so laesset sie es nicht, sie sagt das Herr Tristanen; der wird dann zuhand gesund und bald so kuehn, daß er keiner Furcht nicht achtet, und gehet zu der Frauen. So es denn Nacht wird, so lasset das Hofgesind' an den Enden, und gehet ihr mit mir: da werdet ihr sehen, wie die Sach' um sie beide gestalt ist.«
Der Koenig thaet das alles nach Geheiß des schnoeden Maennleins. Als die Nacht kam, stiegen sie auf die Linde, die ob dem Brunnen war. Der Mond schien dieselbe Nacht hell, daß sie wohl mochten sehen alles, das da geschah.
Sie stunden nicht lang auf dem Baum: Herr Tristan ging daher, brach der Blaetter von dem Baum, legte den Spahn mit dem gemalten Kreuz darauf, und warf das in den Brunnen. Als er dieses gethan hatte, sah er den Schein von den zweien Mannen ob ihm in dem Brunnen; deß erschrak er zumal hart, und gedachte: Es ist kein Zweifel, nun muß ich sterben. O, wueßte meine Frau die Koenigin diese Hut, die uns gethan ist! O, daß du nicht her kaemest! denn deine Noth gehet mir mehr zu Herzen, als mein selbst Sterben. Doch saß er stille, ließ sich gar nichts merken, und sah auch nicht ueber sich. Die Koenigin aber haet mit Fleiß der Losung gewartet; und als sie die fand, ging sie eilend zu ihrem allerliebsten Liebhaber.
Herr Tristan stund nicht auf, als die Koenigin das von ihm gewohnet war, und winket' ihr heimlich, als viel er mochte. Die Koenigin gedachte: Ach, reicher Gott, was ist diesem Juengling, daß er nicht aufstehet und gegen mich gehet, als er vor gethan hat? Indem merkete sie das Winken, und stund bei dem Brunnen still: da sah sie den Schatten von denen, die auf der Linden aufsahen. Sie ließ sich nichts merken und stellete sich, als ob sie die nicht wueßte; da ließ die Frau ihre Weisheit scheinen, und sprach mit großen Listen: »Warum soll ich her zu dir, oder was begehrest du?« Er antwortet', und sprach: »Frau, da bitte ich, daß ihr mir helfet um meines Herren Hulde, daß er mich an seinem Hofe bleiben lasse, in solcher maßen, als vor; angesehen die große Unschuld, so ihr denn selbst wohl wißt, und daß sich die Sachen ungefaehrlich und ohn' Uebel verhandelt haben.« Sie sprach: »Du sollt wissen, daß ich dir nicht dazu helfe noch rathe, und auch recht gern sehe, daß dir dein Herr feind ist; denn ich bin von deinetwegen in ein Gerede kommen, ohn' alle Schuld. Da sprach Herr Tristan: »So muß ich von hinnen reiten. Wie wenig mein Herr das klage, doch weiß ich, daß er den Schaden nimmer ueberwindet, so ich mit Unwillen aus seinem Lande reite: mein wird vielleicht etwann Rath, ich komme auch, da man mir's wohl erbeut, und da mich andere Leut' auch ehren, lieb und werth haben.
Mit diesen Worten ging die Frau hinweg, wieder in ihr Gemach. Herr Tristan stund auch auf; und sprach: »Nun muß Gott erbarmen und geklagt sein das große Unrecht, das mein lieber Herr an mir thut!« Und ging damit zu seiner Herberge.
Als er aus dem Baumgarten kam, mochte sich der Koenig nicht laenger enthalten, zog sein Schwert aus und wollte das Zwerglein erstochen haben: da fiel es von dem Baum, und kam leider davon.
 
Das vier und zwanzigste Kapitel

Wie der Koenig die Koenigin und Brangelen sehr bat, daß sie Herr Tristanen wieder an Hof braechten.

Der Koenig erwartete des Tages kaum. Als es Tag war, ging der Koenig zu der Frauen, bat sie fleißiglichen, daß sie ihm sagete, was sie mit Herr Tristanen in dieser vergangenen Nacht geredet hatte? Sie sprach: »Lieber Herr, ihr moechtet mich dieser Rede wohl ueberheben; ich sah ihn in zwoelf Tagen nie, und will ihn auch forthin nimmermehr sehen, es geschehe denn ohne Dank: mir ist wohl so viel Unmuts und Leids von seinetwegen entstanden.« Der Herr sprach: »Frau, du sahest ihn fuerwahr hint' in dieser Nacht, und ich war auf dem Baum, darunter ihr miteinander redetet und einander sahet, da hoeret ich euer beider Rede: das lasse dich nicht betrueben, meine Fraue, und helfe mir durch deine Frommkeit, daß Herr Tristan hie bei mir bleibe; ich will ihm unterthaenig machen alles, das ich habe, deß soll er gewaltig sein.« Die Frau sprach: »Um den kuehnen Helden helfe ich euch nicht; denn hinte, da ich ihn sah, schieden wir mit Zorn; ich bitt' auch ihn darum nicht; denn mir ist lieber, er werde vertrieben, denn es moechte vielleicht dazu kommen, daß ihn euere Diener aus Neid abermals verluegen moechten, als sie vorhin gethan haben; so wuerde meine Schmach dadurch gemehret und so viel groeßer. Der Koenig sprach: »Du darfest ihm wohl zusprechen, und ich gebe dir ganze Gewalt, und sollt ihn nicht vermeiden; und gebe dir dann auch noch mehr: daß Tristan heimlich und bei dir sei, als oft und wie dich geluestet. Da er dich kuessete, das nahm ich fuer anders, denn ich sollt', und zuernete zu sehr darum: das soll mir nimmermehr geschehen; denn ihr habt mir beide erscheinet und beweiset, daß ihr unschuldig seid, mich mit Treuen meinet, und solches von meiner Liebe wegen gethan habt. Darum bitt' ich dich fleißig, daß du helfest und rathest, daß Tristan bei mir bleibe.« Hierauf antwortete die Frau: »Ich bitte ihn in keinem Wege darum; wollt ihr ihn aber wiederhaben, so bittet Brangelen, daß sie durch euere Liebe euch wieder um den Helden werbe: ich meine aber, sie thue es gleich so ungern, als ich.«
Der Koenig bat und vermahnete Brangelen auch sehr, daß sie durch all ihre Guete beholfen waere, damit Tristan bliebe. Der Koenig war sehr betruebet, bat Brangelen mit großer Bitte, verhieß ihr zu geben großes Gut, daß sie Fleiß thaet', ob sie den Held am Hofe behalten moecht', und hieß ihm sagen, alles, das er ihm zu leid gethan haette, wollte er ihm schoen ergetzen; er sollt' auch sein Bette heißen setzen in der Koenigin Schlafkammer, daß er forthin frueh und spat mit der Koenigin sein moecht' ohne maenniglichs Irrung.
Brangele saß auf, ritt in die Stadt, in Herr Tristans Herberge, und saget' ihm diese Botschaft, die er gar guetlich aufnahm; sie mochte ihm deß auch gar leicht erbieten, das er gern thaet.
Sie ritt wieder hinweg, sagete dem Koenig, wie sie ihn ueberredet haette mit großer Muehe und Bitt', und wie gar ungern er das gethan haette. Also trieben sie mit Listen zusammen, daß Herr Tristan wieder an den Hof kam.
Als nun Herr Tristan wieder zu Hulden und Freundschaft kam, hieß er Kurnewalen sein Bette tragen und setzen in der Frauen Kammer, nach Geheiß und Geschaeft des Koenigs, und mochte nun wohl mit Freuden verschmerzen, was ihn durch Neiden zu Leid geschehen war; denn er mochte nun bei und mit der Koenigin sein, nach allem Willen und ihrer beider Begierde. Dies waehret' auch etwann eine gute Zeit, daß sie keiner Freude mangelten; und obschon etwas von den Neidern geredet ward unter ihnen selbst, so durften sie es doch nicht fuer den Koenig bringen.
Einsmals begab sich's, daß Thinas, des Koeniges Truchseß und Herr Tristans allerbeßter Gesell, ritt auf die Jagd zu demselben Walde, da fand er das leidige Zwerglein. Als er das sah, fraget' er, was er in diesem Walde thaete? Das Betriegerlein klaget', es haette des Koenigs Huld verloren; es saget' aber nicht, warum. So wußte auch nicht Thinas die Geschichten, so sich verhandelt hatten, und sprach: »Ich will dir meines Herren Zorn legen.« Haette er aber die Schuld des schalkhaftigen Maennleins gewußt, er haette es mit seiner eigenen Hand gehenket. Das war ihm leider verborgen und unwissend; darum fuehret er das Boeswichtlein mit ihm, und bracht' es wieder in des Koenigs Huld.
In dieser Zeit begab es sich, daß die Neider großen Verdruß daran hatten, daß Herr Tristan so lange in Gnaden war, und ihm alle Dinge so ganz nach seinem Willen ergingen. Auctrat thaet abermals mit dem Maennlein reden, und schwur bei seinem Haupt, wo es ihnen die Wahrheit nicht gesagt haette, so mueßt' es sterben. Satanas redet' abermals aus dem verfluchten Zwerglein, und sprach: »Von welchen Listen das geschehen sei, daß wir die Wahrheit nicht finden koennen, das weiß ich nicht: aber daß Tristan die Koenigin lieb hat, daß weiß ich gewißlich; und wenn mir mein Herr, der Koenig, folgen wollt', ich wollt' ihm weisen, daß er nimmermehr moechte betrogen werden. Aber er ist mir nicht mehr so guenstig, als vorhin, und vertrauet mir nichts mehr.«
 
Das fuenf und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan abermals verrathen und bei der Koenigin in der Kammer verhuetet und gefangen ward.

Als nun die Neider solche Rede von dem Zwerglein gehoeret hatten, gingen sie abermals zu dem Koenige, und sagten ihm so viel vor, mit Unwahrheit und mit Wahrheit, bis sie ihn dazu brachten, daß er sich deß verwilliget', und sprach: »Ich will es abermals versuchen: ist's aber, daß er unschuldig ist, deß ich Gott getraue, Gesell Zwerge, so mußt du in dem Feuer verbrennen.« Das ungeheuer Zwerglein sprach: »Herr, wo das nicht also sei, als ich sage, so leide ich, was mir darum geschieht. Denn wollt ihr mir folgen, so saget zu Tristanen, er solle euch eine Reise thun, dazu euch niemand so tauglich sei, als er, und habe nicht laenger Verzug, denn auf morgen; er werde auch nicht laenger, denn sieben Nacht außen sein; bietet ihm eures Dienstes und Gute: so mag er nicht lassen, er muß die Koenigin sehen noch hint' in dieser Nacht, ehe er von dannen scheidet; so will ich mit weißem Mehl den Estrich zwischen der zweier Bette bestreuen, und so er darein tritt, so mag er nimmer laeugnen, noch uns mit keiner List betriegen. Auch will ich unter dem Bette verborgen sein, und so ich ihn dann hoere gehen, will ich euch wecken. Vor allen Dingen sollt ihr hundert Mann haben vor der Thuer; denn Herr Tristan ist freudig und stark; sonderlich sollt ihr auch die Thuer niemandem befehlen, denn Auctrat und seinen Gesellen: ihr gewinnet dennoch alle zu schaffen, ehe ihr den Helden fahet. So er aber die Koenigin hinte vermeidet und nicht zu ihr gehet, so heißet mir mein Haupt abschlagen.« Als nun der Rath beschlossen und Tristan verrathen war, sprach der Koenig zu Auctrat und seinen Gesellen, daß sie der Thuer pflegen sollten, und bestellten die andern auch, der sie bedurften.
Als es nun schier Nacht ward, redete der Koenig zu Herr Tristanen und bat ihn mit großer Bitte, zu Koenig Artus zu reiten, und so er wiederkaeme, wollte er ihn forthin ungemuehet lassen; und sprach: »Lieber Neffe, morgen, so es allererst taget, so sollst du auf sein, und mir sagen, so will ich dir die Botschaft befehlen.« Herr Tristan verwilligete sich, die Sach' auszurichten; er wußt' aber leider den verborgnen Mord nicht, der ihm da zugerichtet war, und sprach: »Herr ich thue das gern; wohin ihr mich schicket, und wo ich euer Frommen schaffen mag, ist es mir nicht zu fern, und sollt' ich auch zu Fuß dargehen.«
Als sie nun alle zu Bette waren, und die Neider ihres Amts auch warteten, gedachte Herr Tristan an sein Hinwegreiten, und wollte die Koenigin sehen, und von ihr Urlaub nehmen: da sah er, daß der Estrich mit Mehl bestreuet war. Er gedachte: Was haben sie gesaeet? Fuerwahr, es hilft alle ihre Hut nicht, ich will meine Frau sehen, was mir halt darum geschieht.
Indem wollt' er zu der Frauen Bette gehen; seine Listigkeit lehret' ihn aber einen andern Sinn, wie er sollte von einem Bett' in das andere springen; als er auch thaet, und sprang also sehr, daß sich seiner vor geheilten Wunden eine wiederum aufriß, und ward die Koenigin mitsammt ihm voll Bluts. Da rufete der Teufel mit lauter Stimm' aus dem Zwerglein (das ihm Gott nimmermehr helfe!): »Wohl auf, Herr, nun moeget ihr Tristanen fahen, er ist jetzt bei der Koenigin!« Herr Tristan waere dem Tod gern entflohen, und sprang wieder in sein Bett', aber mit dem einen Fuß sprang er zu niedrig und trat in das Mehl. Der Koenig und die Seinen waren bald auf, fingen Herr Tristanen und banden ihm seine Haende laesterlichen auf den Ruecken, als einem Dieb und schaendlichen Mann. Solches aber war jedermann an dem Hof leid, ohn' Auctrat und seinen Gesellen.
Der Koenig ward dieser Geschichte zumal sehr betruebet, und fing einen solchen grimmen Zorn wider Tristanen und die Frauen, daß er vor Zorn und auch vor Leid nicht wußte, was Tods er ihnen beiden anthun sollte, daß man auch forthin in aller Welt davon sagen moechte. Hierauf fraget' er seine Raethe, welches Tods sie sterben sollten, der ihnen auch am allerunehrlichsten waere? Auctrat, ein Fuerst aller Bosheit und des Lasters, sprang herfuer, gab das erste Urtheil, und verurtheilte Herr Tristanen auf ein Rad, als einen Moerder, das er doch nicht war, und die Koenigin sollte man verbrennen auf einer Huerden, damit sollte sie bueßen den Mord, so sie gethan haette.
Dem Koenig war die Nacht sehr lang, und er wartete kaum, bis der Tag kam, daran er diesen Dingen ein Ende machet', als ihm gerathen war. Als der Tag kam, ließ er Wehe! schreien, in all seinem Land, und was man fuer Leute daheim fuende, daß sie alle zu Gericht sollten kommen; ihnen ward aber angezeiget, warum das Recht sein wuerde.
 
Das sechs und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan und die Koenigin zu dem Tode verurtheilet werden.

Darnach, als es noch frueh war, ritt der Koenig aus der Stadt, an das Gericht zu sitzen, vor allermaenniglichen Angesicht, und war vor Zorn und auch vor Leid verwundet und nahe ganz unsinnig, also, daß ihn niemand etwas bitten durfte.
Nun waren diese Dinge dem getreuen Truchseß, Herzog Thinas, verhalten gewesen, und hatt' auch nichts darum gewußt; denn haett' er es gewußt, es waere hiezu nicht kommen; denn er hatte Tristanen also lieb, als seinen eigenen Leib. Als nun diese Sachen offenbar waren, und Thinas auch zu dem Gericht wollte, nicht um Urtheilens willen, sondern, ob er ihnen beiden davon helfen moechte, ging er zu dem Koenig, fiel ihm zu Fuß, und bat bittlich und mit großer Bitt' und Fleiß. Der Koenig ward durch solche Bitt' und Anstrengung noch mehr erhitziget und erzuernet in dem Zorn, und brannte gleich als eine Flamme, und saget' ihm zu, daß keine andere Gnade da waere, denn daß sie sterben mueßten. Als der fromme Herzog Thinas sahe den großen Ernst und brennenden Zorn, durft' er nicht fuerbaß mehr reden, und schied da ab von dem Koenig, ganz betruebet, mit großem Herzenleid: ihm moechte sein Herz zerbrochen sein, da er Tristanen nicht erledigen mochte. Er kehrete mit Jammer von dannen. Solche Geschichte war allen frommen Menschen leid, und hatten ein Mitleiden mit ihnen.
 
Das sieben und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan ausgefuehret ward, daß man ihn sollte richten, und er in eine Kapelle begehrete, Gott seine Suenden zu klagen.

Da nun Thinas also traurig und betruebet dannen ritt, fuehrete man Tristanen gegen ihn, mit gebundenen Haenden auf seinem Ruecken, als einen Dieb und Ueberthaeter: viel große Menge des Volks folgeten ihm nach. Als Thinas das sah, thaet er herzlich weinen, und schnitt ihm die Band' entzwei, und gebot denen, die ihn fuehrten, daß sie ihn ungebunden ließen, denn so er das Recht erhielte, moecht' ihnen das zu nutz kommen. Als er die Worte redete, kuesset' ihn Tristan mit weinenden Augen; denn er weinet' innerlich mit dem Herzen und Augen und stelleten sich beide so gar klaeglich, daß der mehrer Theil des Volks mit ihnen weinete. Die Herren, die Tristans pflagen, sie waren auch alle betruebet durch diese große Klage, so die zween Maenner fuehreten, und thaeten mit ihnen weinen.
Also fuehreten sie ihn fuer eine Kapelle. Tristan bat sie fleißig, daß sie ihn ließen in die Kapelle gehen, und sie dieweil hie außen blieben, bis er sein Gebet vollbraecht' und Gott dem Herren seine Suende beichtete. Da sprachen sie: »Was schadet es uns, daß wir seinen Willen thun? denn deß wird leicht gut Rath: die Kapelle hat nur eine kleine Thuer, der wir gar leichtlich hueten; so gehet an der andern Seiten die See mit wilder Flut an der Mauer hin, also, daß er uns nicht entrinnen mag.«
Also ließen sie ihn in die Kapelle gehen. Als Herr Tristan in die Kapelle kam, schloß er die Thuer gar wohl zu, und rufte zu Gott dem allmaechtigen und seiner werthen Mutter um Huelf und Gnade, daß sie ihm sein Leben fristeten; und stieg damit zu dem Fenster, brach es auf, und drang so hart, bis er sich doch zuletzt hindurch drang: er sprang in die See, und schwamm aus an das Lande und kam davon; er lief bei dem Wasser zu Thal und sah, oft hinter sich, ob ihm jemand nachliefe.
Indem war Kurnewal, sein getreuer und liebster Diener, von großem, herzlichem Leid gar nahe ganz unsinnig worden, jedoch ritt er aus der Stadt, fuehrete seines Herren Pferd, schoen gesattelt, und sein Schwert mit ihm, auf Meinung, ob Gott seinem Herren davon huelfe. Er gedacht' auch in ihm selbst: »Mein Herr ist listig, und findet etwann Wege, dadurch er davon kommet.« Also ritt er nicht fern: er sah seinen Herrn, und sie erkannten beide von Stund' an einander. Kurnewal ritt eilends dar, brachte seinen Herren auf sein Pferd, und sie wurden ihres Zusammkommens zumal hoch erfreuet. Herr Tristan guertete sein Schwert um sich, und stellete sich zur Wehr, ob ihm jemand nachreiten wuerde, daß sie zum Streit bereit waeren. Kurnewal sprach: »Herr, was mag uns nun gefaehrden? Wir wollen uns von hinnen machen; denn ich weiß wohl, alsbald der Koenig erfaehret, daß ihr entlaufen seid, so wird großes Nachsuchen werden.« Hierauf sprach Herr Tristan: »Ich will meinen Leib nicht von hinnen bringen, es sei denn, daß ich die Koenigin auch davon bringe, oder will den Tod mit ihr leiden.« Also ritt er in einen dicken Busch, besteckete sich und sein Pferd allenthalben mit Laub und Blaettern von den Baeumen, mit solcher Listigkeit, obschon der Koenig selbst fuer ihn gehen sollte, so waere er ihm so unbekannt gewesen, und ritt so nahe zu dem Gericht, daß er wohl sehen mochte, was da geschahe: man mochte ihn aber nicht sehen vor der Dicke des Laubs und auch des Busches, damit er besteckt war.
Die aber, so vor der Kapellen stunden, verlangete hart, da Tristan seinem Gebet so lange machte, und sagete je einer zu dem andern, sie sollten ihn herfuer fordern. Da sprang einer zu der Thuer, laut rufend: »Ihr muesset noch heut' euer Gebet lassen! Was ist's, daß wir so lang hie stehen? Es ist eine große Unmuße, und muß jedoch sein.« Es gab ihm aber niemand Antwort. Da wurden sie zornig, stießen die Thuer auf, und wollten ihren Muthwillen an ihm raechen. Da sie ihn nicht funden, kamen sie zu dem Koenige, und sagten, daß Tristan entlaufen waere. Der Koenig sprang vor großem Zorn und Leid auf, und sprach: »Wohlauf, Freund' und Mann, und helft ihn suchen! Wer ihn bringt, dem will ich so viel Schatzes geben, daß er ihm nimmer zerrinnt.« Durch solches Geheiß waren ihrer viel, die sich bald bereiteten, ihn zu suchen, ob sie ihn irgends finden moechten.
Es war auch solches Suchen etlichen leid, dieselben suchten mit Unwillen und Unfleiß; ihnen war auch lieber sein Entkommen, denn daß sie ihn funden haetten. Der leidige Auctrat suchet' ihm auch nach, aber er kehrete bald wieder um; denn er furchte, fuende er Herr Tristanen, so wuerde er solche Pfand von ihm nehmen, die er nimmermehr ueberwinden moechte: darum war ihm viel lieber, er fuende ihn nicht.
Als nun die Suchenden wiederkamen, und nichts funden, ward der Koenig betruebet, und wollte seinen brennenden Zorn an der Frauen erkuehlen, und draeuet' ihr sehr mit freventlichen Worten, er wollte ihre Liebe zerstoehren und ihr den Mord vergelten, so sie gethan haette. Und hieß sie damit hinfuehren, daß man sie verbrennet' auf einer Huerde.
 
Das acht und zwanzigste Kapitel

Wie der Koenig einem aussaetzigen Mann die Koenigin gab, der sollte sie seinen Gesellen heim fuehren, sie zu toedten.

Als man die Frau jetzt hinfuehrete, kam mit großer Eil' ein Herzog, der war aussaetzig, und rufete dem Koenig mit großer Bitte, daß er vernehmen wollte, warum er darkommen waere. Der Koenig hieß ihn reden; da sagete der Sieche: »Herr, ich hoere, die Koenigin muß sterben, und ihr wollt ihr gern einen laesterlichen Tod anthun. Nun beduenket mich, so sie verbrennet werde, so sterbe sie ohne Laster, denn ihr seid so reich und gewaltig, ihr moeget sie henken oder verbrennen, wie ihr wollet. Ich will euch aber einen Tod nennen, erstuerbe sie deß, so waer' ihr Laster tausendfaeltig mehr, denn, so ihr sie hie ertoedtet.« Der Koenig bat, daß er ihm sagte, was Tods das waere? Der sieche Herzog antwortete: »Herr, ihr sollt mir die Frauen geben, so will ich ihr das Leben nehmen mit einem bitterlichen und laesterlichen Sterben, denn je kein Mann erhoeret hat, und sage euch recht wie: ich will sie meinen Siechen bringen, der habe ich bei hundert oder etwas mehr, die muessen alle nach einander mit ihr zu schaffen haben und Unkeuschheit mit ihr pflegen; das kann und mag sie mit lebendigem Leib nicht erleiden, noch davon kommen, ob sie gleich zehen Frauen Staerke haette: das ist einer Koenigin der allerschmaehlichste und unehrlichste Tod, als er vor je erhoeret ist.« Der Koenig sprach: »Ihr habt wahr gesagt: wer thut mir aber Sicherheit, daß ihr sie also toedtet, als ihr geredet habt?« Der Herr antwortet': »Ich verheiße euch das so theuer, als ich immer soll: so ich die Frauen bei Leben lasse, daß ihr mich und meiner Soehn' einen heißet henken, oder sonst ertoedten, wie ihr wollet, und alle meine Siechen dazu.«
Auf solche Geluebde gab ihm der Koenig die Frauen, und vermeinet', er haette sich gar wohl an ihr gerochen. Der sieche Herzog aber ward sehr froh, daß er eine solche schoene Frauen mit so leichter Bitt' erworben haette; er nahm sie fuer sich auf sein Pferd und ritt damit hinweg.
 
Das neun und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan dem aussaetzigen Herzog die Koenigin nahm und mit ihr davon kam.

Des aussaetzigen Herren Weg lag gleich, daß er fuer Herr Tristanen reiten mußte. Kurnewal erkannte die schoene Isalde, oder die Koenigin von ferne, und sprach: »Ich sehe meine Frau dorther fuehren.« Da das Herr Tristan gewahr ward, klaget er mit ganzem Herzen, daß ein unreiner, aussaetziger Mann mit seiner Hand den reinen Leib beruehren sollt', und ward dadurch zu grimmigem Zorn beweget, und verritt diesem den Weg. Als er nun gar nahe neben ihn kam, nahmen sie die Pferde gar freventlich unter die Sporen, und vermeineten sich an ihm zu raechen; als sie auch thaeten. Mit großem grimmigem Zorn hauet' er den Herzogen, der die Frauen fuehrete, in mitten von einander, daß das Obertheil des Leibes todt zu der Erden fiel; danach schlug er unter die anderen Siechen, er und Kurneval, daß nicht mehr, denn einer davon kam.
Hiemit nahm er die Koenigin, seine allerliebste Fraue, gar freundlich in seinen Arm, und umfing sie gar lieblich und freundlichen, daß ich davon nicht sagen kann. Doch hatten sie keine Zeit da zu bleiben, sondern mit sehr schneller Flucht eileten sie von dannen, und kamen in einen großen Wald.
Der Sieche aber, der genesen und davon kommen war, kam zu dem Koenig, saget' und klagete ihm, daß sein Herr und die andern alle erschlagen waeren, und die Frau genommen und weggefuehret, und daß Herr Tristan das gethan haette. Da der Koenig das hoerete, da stellet er sich so gar zorniglichen, daß es ein Wunder ist zu sagen, und bat alle seine Freund' und Ritterschaft, daß sie wollten auf sein und nachsuchen.
Als sie nun fern und nahe allenthalben in dem Lande gesuchet hatten, und doch nicht funden, kamen sie wieder zu dem Koenige; der fragete zu Stund', ob etwann einer unter ihnen allen waere, der Tristanen gesehen haette? Sie antworteten alle: Nein, und wueßten ihn auch nirgends mehr zu suchen. Das klagete der Koenig so sehr und hoch. Dieweil er also zornig und wuethend hin und her ging, sahe er einen Bracken angebunden, und aus der maßen sehr zappeln und wuethen. Der Bracke hieß Uctant, den hatte Herr Tristan gar lieb, fuer alle andere Hunde; denn er war sein und er hatte ihn erzogen. Der Koenig fraget' einen Knaben, weß der Hund waere, der also frischlich und ernstlich zappelte? Der Knabe saget' ihm, es waere Tristans Birschbracke. Zuhand gebot er dem Knaben, daß er den Hund henken sollte, wo er ihn aber leben ließe, so wollt' er ihm die Augen lassen ausstechen.
Dieser Knabe nahm den Bracken und ritt mit ihm von dem Wege. Es war ihm aber inniglichen leid, daß er ihn ertoedten sollt', und setzet sich fuer, er wollte sich ehe des Landes verzeihen, ehe er den Hund ertoedten wollte; denn er hatte Herr Tristanen sehr lieb; er ließ den Bracken laufen, wo er wollt', und er ritt heim. Der Bracke Uctant lief nach der Spur seines Herrn und kam gerichts in den Wald, darinnen Tristan war. Der hoerete den Hund von ferne bellen und nachjagen; da erschrak er ohne maßen sehr, und sprach zu Kurnewal: »Nun muessen wir sterben; denn ich hoere meinen Bracken, mit dem faehret man uns nach: darum rathe, was wir thun sollen; denn ich kann nicht erdenken, wohin wir kehren sollen. Wir moegen ihnen nicht entreiten, noch entlaufen; aber wir wollen mit Ehren mit ihnen streiten und unsern Leib so frischlichen an sie wagen, daß ihre Weiber daheim das Nacheilen beweinen sollen.« Kurnewal sprach: »Herr, das ist uns kein nuetz; sie sind gewappnete Leute, wir moegen ihnen nicht gleich fechten, es ist uns ihrer zuviel. Nun will ich allein diese Noth fuer uns leiden, reitet ihr in den Wald, da ihr genesen moeget, und nehmet die Frauen mit; denn mit dem Bracken, damit man uns nachfaehret, will ich wohl bewahren und fuerkommen, daß man nicht weiter damit suchen noch nachjagen mag.« Herr Tristan aber sprach: »Ich will mein Leben mit Ehren verlieren, oder meine Frauen davon bringen.« Kurnewal der getreue Diener sah oft hin und wieder, wie nahe der Bracke waere, und hielt mit zornigem Muth bei einem Baum, denn es war ihm leid, daß sein Herr nicht fliehen wollte, und nahm wahr, wo der Bracke her kaeme, und setzte sich fuer, daß er den Bracken und die, so ihn fuehrten wollte zu Tode schlagen: da kam das gute Huendlein, allein auf der Fahrt nachjagend. Da Kurnewal das sah, ward er wiederum sehr und hoch erfreuet, und sprach dem Bracken zu, der auch froh war, daß er ihn funden haet. Kurnewal vergaß all' sein Leid, nahm das Huendchen zu sich auf sein Pferd, und ritt mit Freuden in den Wald nach seinem Herren. Er hatte aber der Spur verfehlt, und schwieg auch der Bracke stille, der hatte vor staetiglich ohn' Unterlaß gebollen, als denn die Huendlein gemeinlich im Suchen und auch in Freuden thun: da ließ er ihn nieder zu der Erden, und hieß ihn suchen nach seinem allerliebsten Herrn. Der Bracke Uctant kam auf die rechte Spur, und suchete nach Wild, das war geschaffen gleich als Mann und Weib. Als nun Kurnewal seinen Herrn fand, und mit ihm die Koenigin, ward ihm recht froehlichen zu Muth. Zur Stund ward Herr Tristan auch gar froh, und ritten also den ganzen Tag in dem Wald, so fern, daß sie gewißlich vermeinten, so alles Volk in dem ganzen Koenigreich sie suchten, so moechten sie sie doch nicht finden. Und als er fand die Statt und Ende, da er vermeinete sicher zu sein, da ließen sie sich nieder und machten ihnen eine Wohnung mit Holz, Laub und Gras, das trugen die zween, Herr Tristan und Kurnewal, zusammen; die Frau half auch dazu, so viel sie konnt' und mochte.
Also waren sie an dem Ende gar nahe zwei Jahr, und litten große Armuth; sie hatten weder Essen noch Trinken, denn Kraeuter, so sie in dem Walde funden; so ward ihnen auch ihre Speise zu Zeiten gebessert, wenn dann Herr Tristan Voegelein schoß, oder Fische fing mit einer Angel, in dem Wasser, das da nahe bei ihnen hinfloß. Auch hatten ihre Pferde nichts anders zu essen, denn Laub und Gras, damit wurden sie erhalten.
Nun hatte Herr Tristan eine Gewohnheit, mit der Frauen Willen: so sie sich zu Ruhe legten, mit freundlicher Rede und Gebaerde einander ergetzten, bis es Zeit war zu schlafen, so zog er sein Schwert aus, und legete das also bloß zwischen sie beide. Dieses ließ er nie keine Nacht unterwegen, und war doch gar eine seltsame Gewohnheit, auch eines Theils unmoeglich, der großen Liebe halben, so sie zusammen hatten. Aber es kam ihnen hernach zu großem Heil; als ihr hoeren werdet.
 
Das dreißigste Kapitel

Wie der Koenig eines Tages mit seinen Jaegern in den Wald ritt, und fand Tristanen und die Koenigin bei einander.

Es begab sich, daß des Koenigs Marchsen Jaeger einer eines Tages gar frueh in den Wald ging; der hatte einen Hirsch gespueret, und ging der Spur nach; aber er verlor die wieder, und kam gerade zu der Huetten, da die beide schlafend lagen. Er stund still, und zitterte vor großer Furcht; und alsbald er Tristanen erkannte, hub er sich hinweg; doch merket' er vor eben, wie sie lagen.
Er eilete sehr und bald zu dem Koenige heim, saget' ihm, wie er Herr Tristanen und die gnaedige Frauen gefunden und gesehen haette. Der Koenig hieß ihn zu den Dingen allen still schweigen, und begehret' an dem Jaeger das, daß er ihn selbst zu dem Huettlein braechte. Der Jaeger thaet das, und brachte den Koenig mit ihm dar; es war aber noch ganz frueh. Als sie nahe zu ihnen kamen, da stund der Koenig von dem Pferde, ließ es den Jaeger halten, und ging er zu Fuße dar. Als er zu der Huetten kam, da fand er sie beide schlafen und das bloße Schwert zwischen ihnen beiden, als ihm der Jaeger gesaget hatte. Er haet darob groß Wunder, und ging ihnen naeher, griff leise nieder, nahm das Schwert zwischen ihnen, und legete das seine an die Statt. Er leget' auch seinen Handschuh auf die Frauen, und ging hinweg wieder zu dem Jaeger, und ritt zu seinen Gesellen, als ob er nie weiter kommen waere.
Da aber Herr Tristan, der kuehne Held, erwachet', und sahe des Koenigs Handschuh auf der Frauen liegen, das nahm ihn gar sehr Wunder, und fragete zu Stund', weß dieser Handschuh waere? Die Frau erschrak gar sehr, und sprach, sie wueßte nicht, mit welchen Listen, oder wie er daher kommen waere, oder wer ihn dargebracht haette. Alsbald Herr Tristan sein Schwert will wieder einstecken, so siehet er, daß das Schwert Koenig Marchsen ist, und ihm das seine dagegen genommen. Da sprach er zu der Koenigin: »Nun kommen wir ohn' allen Zweifel lebendig oder mit gesundem Leibe nimmer von hinnen; denn Koenig Marchs ist hie gewesen. Wir haben seiner Tugend genossen, daß er uns nicht also schlafend hat getoedtet; so wir aber aufstehen, so haben wir beide den Tod gewiß.«
Hiemit hieß er Kurnewalen die Pferde satteln und wohl bald bringen. Sie saßen auf und ritten in schneller Eil', als ob man ihnen mit einem ganzen Heer nachjaget' und eilet', und wußten doch nicht, an welchem Ende der Koenig war. Sie ritten den ganzen Tag bis auf Vesperzeit, da kamen sie in ein Gereute; da blieben sie, stunden von den Pferden ab, und lasen Kraeuter und Wurzeln, die sie mit einander aßen.
 
Das ein und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu dem Priester Ugrim, Koenig Marchsen Beichtvater, kam, allda Buße zu empfangen.

Es war ein geistlicher Priester nicht fern von dem Ende, der war gar ein frommer Mann und eines guten Lebens; der hatte eine Klause vor dem Walde, fern von den Leuten, daß er Gott dem Herrn desto besser dienen moechte. Derselbe Priester hieß Ugrim und war Koenig Marchsen Beichtvater. Eines Tags ritt Herr Tristan zu dem Priester, und wollte Buße von ihm empfahen; aber der Priester wollte ihm keine geben, er gaebe denn die Frauen ihrem Mann wieder, und sagt' ihm dabei, so er also in seinen großen Suenden erfunden wuerde, daß dann seine Seele ewiglich darum leiden mueßte. Es stund aber mit Tristanen noch nicht also, daß er die Frauen so liederlich von ihm geben mochte und sich ihrer verzeihen, und ritt ohne Buße von dannen.
Also waren sie in dem Walde so lange, bis gleich vier Jahr vergangen waren, von der Zeit, als sie den unseligen Trank getrunken hatten. Zuhand ward ihnen das armutselig Leben und das große Ungemach, so sie in dem Walde mit großem Schmerzen und Elend erlitten, schwer, und sie meinten auch nicht, daß sie solche große Noth und Armut einen Tag mehr erleiden moechten, daß sie doch vor so manchen Tag, gar nahe zwei ganze Jahre gar williglich und ohne Verdrießen erlitten hatten.
Als es Tag ward, ritten sie alle drei fuer den Wald, und kamen zu Priester Ugrim. Herr Tristan bat ihn fleißiglich, daß er ihm riethe und beholfen waere, damit er seiner Suenden ledig wuerde, und sagt' ihm, wie es ihm so sehr gereuet haette, daß er die Frauen nicht wiedergegeben, zu der Zeit, als er ihn solches geheißen haette; doch wollt' er es nach seinem Rath und Heißen noch gern thun. Solches ward durch die Koenigin gar williglich vergoennet. Als der Priester das hoerete, ward er froh, daß sie sich zu solchem verwilligten, und ihn um Rath und Trost heimsuchten, schuf ihnen gut Gemach, und thaet ihnen das Beßte, so er konnt' und mochte. Er fragete Herr Tristanen, ob er Reue darum haette, daß er die Frau so lange bei sich gehabt haette, und ob er sie noch wiedergeben wollte? Er antwortete: Ja, er wollt' es gern thun, es waer' auch seine groeßte Klage, daß er es nicht laengst gethan haette. Der Priester ward froh, und schrieb von Stund' an dem Koenig einen solchen Brief.
»Herr, dich bittet dein Meister Ugrim durch die Liebe Gottes, du woellest meine Frau, dein Gemahel, wiedernehmen; die schaffe ich dir zu bringen, wohin du willt: und wenn du sie haben willt, so komme selbst nach ihr mit wenig Leuten. Auch bitte ich dich sehr, du woellest Herr Tristanen deine Huld wiedergeben; das bist du ihm schuldig, auch kann und mag er das wiederum wohl um dich verdienen. Hierin bitte und gebeut ich dir bei den Geboten Gottes, du woellest dies mein Begehren nicht verachten, sondern zu Gut und Seligkeit deiner Seelen und Leibes aufnehmen; denn es gebuehrt euch zu thun gegen Gott und euerthalben.«
Als dieser Brief geschrieben war, befahl er ihn Tristanen dem Koenig zu bringen, und dabei zu sagen, daß er ihm Rath und Bitte dazu thaete, darum er ihm geschrieben haette.
Herr Tristan hub sich auf die Fahrt, und als es Nacht ward, kam er gen Thintariol in den Baumgarten zu dem Brunnen, dabei ihm vormals oft Lieb und Leid wiederfahren war. Er heftete sein Pferd an die Linden, darauf ihm der Koenig einmal aufgelauert hatte, und ging mit großer Listigkeit gegen die Kammer, darin der Koenig lag. – Denn die Koenige haben zu derselben Zeit nicht solche herrliche Pallaeste gehabt, als jetzt, sondern auf der Erden ihre Schlafkammer gebauet, als noch an etlichen Enden und Koenigreichen Gewohnheit ist. – Darum mochte Herr Tristan dem Koenig wohl zureden, und saget' also: »Koenig schlaefest du?« Er antwortete: »Ja.« Herr Tristan sprach: »Waere es mir vergoennt, du mueßtest eine Weile wachen.« Da sprach der Koenig: »Warum soll ich wachen? Warte bis es Tag wird.« Herr Tristan sprach: »Das mag nicht sein, es ist keine Stunde noch Zeit zu warten.« Er sagte: »So sage, was dir sei.« Herr Tristan sprach: »Dein Meister und Beichtvater Ugrim entbeut dir seine Bitte, und heißet dich vermahnen, ob er dir lieb sei zu einem Meister, daß du dann woellest leisten, darum er dir geschrieben und dich gebeten hat. Er raeth dir auch das mit ganzen Treuen. So sollt du es auch gerne thun, denn er will dir es fuer deine Suende zu Buße geben. Was aber deine Meinung sein wird, das lass' ihm schreiben und den Brief morgen henken an das rothe Kreuz, das da stehet in dem Dorn vor der Stadt, da sich die Straße in zwei theilet; da will dein Meister den Brief hohlen lassen.« Und warf damit den Brief durch ein Fenster auf ihn. Der Koenig erkennete Tristanen an der Rede, er mochte es nicht lassen, und sprach zu ihm: »Du bist Tristan, denn ich habe dich an deiner Sprach' erkannt: nun wart' eine kleine Weil', ich habe mit dir zu reden.« Tristan kehrete sich aber nicht an den Koenig, und ritt mit gutem Frieden, da er wohl sicher war. Als nun der Koenig zu der Thuer ausging, und meinet', er wollt' ihm fast zu, da war Tristan schon hinweg: da wollt' er ihm auch nicht nachjagen. Aber er erwartete kaum, bis daß es Tag ward, daß er nur hoerete, was ihm sein Meister geschrieben und warum er ihn so fleißiglich gebeten haette.
Als es nun Tag ward, da las der Koenig den Brief mit gutem Fleiß. Da es aber um die Sache war, da hatte er Rath mit seinen Raethen, was ihm hierin zu thun waere. Und saget' ihnen auch, wie er sie in dem Walde bei einander ohn' alles Gefaehr liegen funden, und ein bloßes Schwert zwischen ihnen beiden gesehen haette. Er schwur auch wohl mit ganzer Wahrheit, er wueßte auch ohn' allen Zweifel, daß Herr Tristan die Frauen nie zum Weibe gewonnen, noch sie unziemlicher Dinge nie angesucht haette, er haette sie allein von seinetwegen und ihm zu lieb also lieb gehabt. Hierauf war seine Meinung, die Frauen wiederzunehmen, wo sie ihn Herr Tristan anders geben wollte. Solches war den Raethen wohl anmuthig. Aber Herr Tristan ward hierin ausgeschieden, daß er nimmer weder Frieden noch Geleit haben sollte, denn nur bis an das Ende, da er die Frauen hin antworten sollt', und stracks wieder von dannen an sein Gewahrsam. Dieses ward also geredet und verschrieben, und die Staette benennet, da er die Koenigin hin bringen sollte. Als nun solches also durch den Koenig und die Seinen verschrieben und bestaetiget ward, da haengte man den Brief an das Kreuz, als Herr Tristan den Koenig beschieden haet.
 
Das zwei und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan dem Koenige die Frauen wiederbracht', und er hinweg ritt.

Als nun der Tag seinen Lauf vollbracht hatte, und die Nacht herging, hohlete Herr Tristan den Brief, und bracht' ihn dem Priester Ugrim. Als er diesen Brief verlas, sagt' er Herr Tristanen des Koeniges Meinung. Also richtet' er sich auf die Fahrt, und brachte die Frauen zu der Suehnung. Sie besorgten aber beide ihr Scheiden gar herzlichen sehr, denn sie wußten nicht, ob sie wieder bei einander kaemen, daß ihrer eines das andere sehen moechte: solches war ihnen aus der maßen schwer und dieses ihr Scheiden viel zu frueh.
Als sie nun zusammen kamen, und der Koenig Herr Tristanen ansichtig ward, sprach Herr Tristan: »Nun nehmet hin die Koenigin: seit ich von hinnen reiten muß, so thu' ich auch das Beßte, so ich mag. Aber ihr erlebt den Tag nimmer, daß ich so mit großen Ehren um euere Huld werbe, dieweil mein Dienst und all' mein Arbeiten sogar verachtet werden. Und sag' euch wahrlich, genoesset ihr nicht euerer frommen Frauen, ihr mueßtet euers Leibs und Lebens vor mir unsicher sein. Aber ihr sollt ihrer großen Tugend und weiblichen Guete genießen wider mich.« Hiemit kehret' er sich zu der Koenigin, und sprach aus sehnlichem und betruebtem Herzen: »O weh, himmlischer Koenig, wie recht weh thut mir das, daß ich dich, meine allerliebste Fraue, lassen muß, die ich so recht lieb habe! So nehmet hin, Herr Koenig, meine Frauen, und lasset sie mein nicht entgelten; denn was ihr anders thaetet, das thaetet ihr aus Gewalt, und wuerde auch nicht unvergolten bleiben.«
Mit diesen Worten schied er ab. Ehe er aber von dannen ritt, gab er der Frauen seinen Bracken Uctant, und bat fleißiglich, daß sie sein selber pflaege, und wenn sie den Hund saehe, daß sie sein dabei gedaecht', und sprach: »Bin ich euch lieb, so lasset das an dem Bracken erscheinen.« Die Frau nahm den Hund an ihren Arm, verhieß ihm das zu thun, und pflag sein forthin mit großem Fleiß.
Also ritt der Koenig dar, und nahm die Frauen zu sich, fuehrete sie mit sich heim, und hielt sie mannich Jahr in großen Ehren, lieb und schoen.
Herr Tristan mußte nun aus dem Land: das war ihm die haerteste Buße, so man erdenken konnte. Er ritt nun hinweg, aber sein Herz und Gemueth ließ er bei der Koenigin: deßgleichen sie auch wiederum ihres bei ihm.
Also ritt er in Britannia, an des Koeniges Artus Hof.
 
Das drei und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan in Britannia kam, an Koenig Artus Hof, und wie es ihm daselbst erging.

Wie Herr Tristan in Britannia kam, ward er besser empfangen von dem Koenig und allermaenniglich, denn zuvor je ein Ritter empfangen ward. Es war ein Ritter an dem Hofe, der beßten einer, Balbon genannt, dem war Herr Tristan bekannt, derselbige ward seiner Zukunft sonderlich froh. Sie wurden gute Gesellen mit einander.
Auch ward Herr Tristan von dem Koenig und aller Ritterschaft, so bei der Tafelrunde waren, gar lieb und werth gehalten, also, daß ihm der hoechsten Staetten eine an der Tafelrunde vergoennet wurde, zu gebieten und zu schaffen, wie und was er wollte. Auch war er wiederum bereit zu dienen mit Streiten und aller mannlicher That, also, daß er den hoechsten Preis erwarb: es war auch niemand zu derselben Zeit, der fuer ihn gepreiset wurde.
 
Das vier und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan einen Britanischen Ritter ueberwand und ihm sein Pferd nahm.

Nun war auch ein Ritter an dem Hofe, mit Namen Delecors Iseualire, der auch wohl zu den beßten zu zaehlen war, um seiner mannlichen That und Frommkeit willen; auch hatte er mit Ritterschaft je und je das Beßte gethan, also, daß ihm keiner je besessen war, und es hatte ihm nie keiner obgesieget. Eines Tages ritt der obgenannte Ritter Delecors Iseualire durch Kurzweil' in den Wald, ob er Abentheuer finden moechte: da hatte Herr Tristan seinen Harnisch veraendert, daß er jenem unkenntlich war. Sie ritten zusammen: Herr Tristan stach ihn von seinem Pferd', als ob er nie daraufkommen waer', und gab das Pferd einem armen Menschen, der ihm auf der Straßen begegnete. Delecors Iseualire mußte zu Fuß heim gehen, das ihm doch vorhin nie geschehen war. Er saget' auch diese Geschichte selbst daheim zu Hofe, wie es ihm ergangen war. Dieses stund wohl sechs Wochen an, daß niemand wissen noch erfahren mochte, wer diese That gethan haette.
Koenig Artus und Herr Balbon redeten mit einander, daß keiner unter ihnen waere, der das gethan haette, denn Herr Tristan. Der Koenig sprach: »Wie moechten wir das erfahren?« Herr Balbon antwortete: »Ich will uns das wohl mit Listen erfahren.« Er ging zu seinem Gesellen und fraget' ihn um diese Geschichte; er wollt' aber nichts gestehen. Da ermahnet' er ihn von wegen der Liebe, so er zu ihm haette; er schafft' aber nichts. Zuletzt bat er ihn, doch ganz im Geheimen, um der Koenigin willen: allererst gestund' er; und saget' ihm dabei, was man ihn baete um seiner Frauen willen, daß er deß keines versagete, so er auch gewißlich darum sterben mueßte. Da sprach Herr Balbon: »Gnad' und Dank habe sie immer, seit du mir diese Ding' um ihretwillen gestanden hast. – Sage, Gesell, magst du die Koenigin, deine allerliebste Frau, nicht sehen, als oft du gern thaetest?« Herr Tristan antwortete: »Ach, lieber Gesell, mir mag nimmer so wohl geschehen, daß ich an das Ende komme, da ich sie sehen mag.« Herr Balbon sprach: »Willt du sie sehen, so erwerbe ich dir, daß du sie gar kuerzlich sehen sollt. Und wisse auch wie: Mein Herr, Koenig Artus, hat ein Jagdhaus nahe bei Thintariol; nun will ich wohl zu wegen bringen, daß mein Herr dir zu Liebe daselbst jaget und Kurzweile macht, so mag Koenig Marchs mit Glimpf nicht ueberhoben sein, er muß meinen Herrn, Koenig Artus, mit seinem Hofgesinde ueber Nacht bei ihm behalten. So schaffest du es wohl mit deiner Geschwindigkeit und Listigkeit, daß du zu der Frauen kommest. Darum habe nicht Zweifel, ich will helfen auf's Beßte, so ich mag.« Herr Tristan war deß sehr froh, und sagte seinem Gesellen hohen Dank.
 
Das fuenf und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan mit dem Koenig Artus auf die Jagd ritt, und wie es ihm des Nachts erging.

Herr Balbon ging zu dem Koenig Artus, und saget' ihm die Geschicht', und bat ihn mit Fleiß, daß er eine Jagd sollt' anrichten an dem Ende bei Thintariol. Denn der Wald, darauf man jagen sollte, gehoerte halber Koenig Artus und halber Koenig Marchsen zu, also: was Koenig Artus fing, das fuehret' er auf das Jagdhaus Thintariol, was aber Koenig Marchs fing, das fuehret' er in die Stadt Thintariol; und jagt' ihrer jeder, in welchem Theil er wollte, so war er auch von dem andern ungeirret. Koenig Artus wollte Herr Tristanen sein Hoffen und fuergenommene Freud' auch nicht abschlagen, sondern dazu helfen, damit die Jagd und die Hoffnung zu ganzen Freuden gekehret wurde, und hieß die Jagd machen.
Als man auf der Jagd war, da bat Herr Balbon die Jaeger, daß sie den Hirsch zu der Stadt Thintariol jagten. Das thaten sie, und wurde der Hirsch gleich bei der Stadt abgejaget. Da kamen die zween Gesellen, Herr Balbon und Tristan, und baten fuer den Hirsch um laenger Leben, bis sie ihm den Tod erwaehlten. Also zogen sie die Jagd mit Listen hin, bis der Abend kam und sie die Nacht ueberfiel; da ward der Hirsch erst gefaellet.
Als das geschahe, da kehrete sich Koenig Artus zu Herr Balbon, und sprach: »Freund, dieses Ungemach hab' ich von dir, daß du den Hirsch nicht zeitiger hast lassen faellen: wo sollen wir nun bei der Nacht hinreiten, wohl drei Meilen oder mehr? Ich weiß nicht, wo wir hinte bleiben.« Da antwortet' ihm Balbon: »Herr, in Thintariol, da bleibet bei Koenig Marchsen, der euch vormals oft daher gebeten hat.« Der Koenig sprach: »Du hast wahr; du weißt aber wohl, daß Tristan seine Huld nicht hat.« Balbon sprach: »Herr, dies lassen wir jetzt ein Ding sein: sendet ihr Herr Keyen zu dem Koenig, und entbietet ihm, ihr woellet hinte Nachtlager bei ihm haben, daß er auch Frieden und Geleit gebe euch und allen euern Mitkommenden.«
Herr Key ritt hin, dem Koenig die Botschaft zu sagen. Als Koenig Marchs das vernahm, sprach er: »Saget meinem Herrn, wer mit ihm komm', oder was sie gethan haben, soll ihnen keinen Schaden bringen, sondern sie sollen guten Frieden und Geleit haben. Ich hab' auch große Freude, daß er sein Nachtlager bei mir haben will, hab' auch nie keinen Gast so lieb gesehen.« Herr Key sagt' ihm deß großen Dank, und ritt wieder zu seinem Herrn, und saget' ihm, daß sie Frieden und Geleit und gute Nachtherberge haetten. Als sie das vernahm, wurden sie froh, besonders Herr Balbon und Herr Tristan, und redeten unter einander: »Was mag uns nun gefaehrden, seit wir Geleit haben?« Unter diesen Reden bat Herr Tristan seinen Gesellen, Herr Balbon, so ihn die Koenigin empfinge, sollt' er sie nicht kuessen; denn es war Gewohnheit, daß die Koenigin liebe Gaest' und wohlgeborne Leute mit dem Kuß empfing; das versprach er ihm, und hielt es auch.
Da sie nun gen Thintariol kamen, da ging ihnen Koenig Marchs mit viel großen Kerzen entgegen; denn es war bei der Nacht. Er empfing den Koenig mit großer Wuerdigkeit, deßgleichen die andern alle, ohn' einen, den konnte auch niemand versuehnen. Koenig Artus ging hin zu der Koenigin, von der er auch wohl und wuerdiglich wurde empfangen, und auch Herr Balbon: als sie ihm auch den Kuß bieten wollte, wollt' er solches nicht gestatten, sondern halten, das er seinem Gesellen verheißen hatte. Der durfte nicht herfuer, und war doch keiner unter ihnen allen, dem die Koenigin ihres Kusses guenstiger war, denn ihm; und dieweil er ihren Kuß vermeiden mußte, wollte Herr Balbon auch ungekuesset empfangen werden. Als aber das Empfangen verendet war, ging man zu dem Tische, und gab ihnen Essen und Trinken, nach dem allerbeßten und koestlichsten, so man haben mochte.
Als man nun gessen hatte, redete der Wirth zu dem Gaste, daß er darob sehen wollte, daß sein Hofgesinde zuechtig, auch ihm ohne Laster und Schaden waeren: welcher aber solches uebertraete, der mueßte darum sterben, wo er begriffen wuerde. »Ich hab' ihnen allen Fried und Geleit gegeben, um das sie mir gethan haben, und will ihrer auch diese Nacht wohl pflegen; aber sie hueten sich, daß sie mich nicht schaenden, oder ich richte sie um alles, das sie mir je gethan haben.« Der Gast sprach: »Da habt ihr meine Huelfe: wer euch laestern wollte, den will ich euch helfen strafen, wie ihr selber wollt.« Hiemit war Herr Tristan gewarnet: aber er pflag der alten Gewohnheit, daß er seine Frauen weder durch Furcht noch Draeuen vermeiden wollte; deß mußte er auch oft großen Kummer leiden.
Nun waren in des Koenigs Hof nicht solche Pallaest' und herrliche Schlafkammern, als jetzt sind; also, daß die Herrn und alles Hofgesind' in dem Saal an einer Zeile nach einander liegen mußte. So lag der Koenig und seine Frau an dem andern Ende des Saals; doch pflagen sie einer Sitten, daß sie besonders lagen. Das ersah Herr Tristan, dem ward sein Herz und Gemueth dadurch ganz erfreuet: er gedachte, wie er wollte zu ihr gehen und mit ihr reden. Nun hatte Koenig Marchs große Bloecke gar heimlichen in den Saal tragen lassen, die waren alle wohl beschlagen und zugerichtet mit Wolfseisen, die hieß er seinen Kaemmerer zwerchs ueber den Saal legen, in Meinung, ob Herr Tristan zu der Frauen ginge, daß er ihn also ergreifen moecht', und ihm mit Recht das Leben nehmen. Aber Herr Tristan hatte keine Achtung auf solche Nachstellung, oder daß ihm da also mitgespielt waere.
Als nun jedermann entschlafen war, da wollte Herr Tristan seiner alten Tuecke je nicht lassen, und ging zu der Koenigin. Als er auf dem Weg war, schnitt er sich hart und blutete sehr; da nahm er sein Hemd und verband die Wunden auf's beßte, so er vermochte. Doch wollt' er nicht wieder umkehren, sondern er ging zu der Frauen. Als er zu ihr kam, da konnte eins dem andern sein Herz und Willen sobald nicht zu verstehen geben, als sie denn begehrten; allein mit behendem Umfahen und herzlicher Klage sagt' er ihr, wie ihm geschehen waere, und daß er jetzt sein Leben haette verloren, und waere nichts, daß ihm dafuer helfen moechte. Die Frau ward aus der maßen sehr betruebet, und wußte vor großem Leid nicht, wie sie sich halten sollte, und fing an gar inniglichen zu weinen. Denn vor klagete sie allein sein schnelles Abscheiden, aber nun klagete sie Verlierung seines Lebens; und schieden sie sich jetzund haerter und mit groeßerem Schmerzen, denn vor nie; denn vormalen hatten sie allwegen Hoffnung, aber jetzt war alles Hoffen umsonst, der Warnung halb, so der Koenig Marchs gethan hatte. Sie waren in solchen aengstlichen Noethen und Sorgen, ihnen moecht' ihr Herz zerbrochen sein.
In solchen Aengsten ging er wieder zu seinem Lager und legete sich in dem Jammer nieder, sehr blutend, und redete mit ihm selbst: »Nun ist kein Zweifel, ich habe das Leben verloren; jetzt wird der Koenig seinen Zorn an mir raechen. Ach wehe, daß ich je her kam! Ach, sueße, reine Isalde, soll ich dich nimmermehr sehen? Ich klage dich viel mehr, denn mich selber. O, wollte Gott, daß wir beide noch in dem Walde waeren, ich wollte etwann Wege finden und erdenken, damit wir in ein ander Land kaemen. Ach, was sage ich? Heut ist leider mein juengster Tag!«
Diese große jaemmerliche Klag' erhoerte Herr Balbon, und fraget' ihn, was ihm waere? Als er ihm das saget', erschrak er hart, und ward mit ihm betruebet, und alle, die an der Lagerstatt waren. Koenig Artus ward auch herzlichen betruebet um diese Geschichte; und sie redeten zu einander: »Es ist kein Zweifel, er muß sterben; Koenig Marchs hat seine Vorrede also gethan, daß ihm niemand weigern, noch helfen kann, er muß das Leben verlieren.« Da sprach Herr Balbon, Delecors Iseualire und gemeinlich die andern alle, so mit Koenig Artus da waren: »Ei, so wollen wir den Tod mit ihm leiden, oder aber ihm von dannen helfen.« Also waren sie alle mit großen aengstlichen Noethen umfangen. Herr Key sprach: »Ihr beduenkt euch alle klug und hoeflich, ihr lasset aber das an keinem Ding erscheinen, und seid alle Bauren: der bedaeuchte mich klug und listig zu sein, der solche Lehre gaebe, damit ihm geholfen wuerde.« Er rieth ihnen durch Neid einen Rath, dadurch ihm geholfen ward, und sprach: »Ich sage euch, was ihr thut: Hebet alle ein Geraeusch oder einen Schimpf mit einander, und werft einander in die Wolfseisen, also, daß euer mehr verwundet werden; damit wird ihm geholfen. Ich weiß sonst nichts, das ihm helfen moege.« Herr Balbon sprach: »Das mußt du immer Dank haben, du hast uns recht gerathen.« Und lief zuhand, daß er auch verwundet ward. Also wurf je einer den andern dar, daß sie schier alle verwundet wurden, ohne Herr Keyen, der behalf sich mit Listigkeit. Aber Herr Balbon ergriff ihn und warf ihn, daß ihm die allergroeßte Wunde ward. Herr Key sprach ueberlaut: »O wehe des Unheils! Gehen die Woelf' in diesem Saal, daß man ihnen hierinnen nachstellet? Was Wunders ist das? Daß sie Gott muesse schaenden, wie hart bin ich verwundet! Was Teufels thun wir hie? Gott helfe uns mit Freuden wieder heim! Ich habe doch vormals nie von keinem Koenige gehoert, der solche That je gethan habe: was wunderlicher Sitten hat der, daß er den Leuten nachstellet, als den Woelfen!«
Herr Key erhub seine Stimme hoch, daß der Koenig Marchs erwachete; der sprach ihnen zorniglichen zu: »Wie lachet ihr, Herren? Ich meinet', ihr waeret wohlgezogen: so gehet ihr die ganze Nacht um toben, als die unvernuenftigen Thiere.« Koenig Artus sprach: »Ich kann sie je nicht ziehen: sie thun allezeit also, und lassen das weder durch meine Frauen, noch durch jemand anders.«
Als der Koenig seinen Zorn ließ, und die andern entschliefen, da machte sich Herr Tristan abermals zu der Koenigin; deß ward sie von Herzen sehr erfreuet: sie legeten sich freundlich zusammen, und ergetzten sich ihres Leides; denn es war ihnen beiden, als ob sie waeren todt gewesen und wieder lebendig worden. Sie vergaßen aller ihrer vorigen Angst und Noth, und blieben bei einander, bis ihn der Tag dannen trieb: da mußten sie sich abermals scheiden, und wußten nun keine Zeit ihres Zusammenkommens.
Als es nun Tag ward, und die Ritter aufstunden, und jeglicher klaget', und seine Wunden verband, da ward Koenig Marchsen recht leid, und schaemete sich aus der maßen sehr, daß ihm solcher großer Unglimpf widerfahrn war, und wußte nicht, wie er sich jetzt dabei verhalten sollte; denn die Ritter mußten alle hinken, so sehr hatten sie sich verwundet. Jedoch, wie listig er war, so wurden ihm die Augen verblendet, daß Herr Tristan die einige Nacht zweimal ihm zu seiner Hausfrauen der Koenigin ging.
Als nun diese Dinge sich also verlaufen und verhandelt hatten, schieden sie bald von dannen. Koenig Artus mit seiner Ritterschaft kamen wieder in Britannien. Hiemit hatte Herr Balbon seinem guten Gesellen, Herr Tristanen geleistet, was er ihm geredet und verheißen hatte.
 
Das sechs und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan von Koenig Artus Hof abschied, und kam darnach in das Land Careches.

Darnach ueber eine kurze Zeit nach dem, nahm Herr Tristan Urlaub, und wollte nicht laenger da bleiben, und schied hinweg. Das war dem Koenig und aller Ritterschaft leid, und ließen ihn zumal ungern. Herr Balbon bat Herr Tristanen gar sehr, vermahnet' ihn aller Gesellschaft, auch alles, was ihm je geschah, Liebes und Leides: es war aber alles umsonst. Koenig Artus bat ihn selbst, und bot ihm Lehen und Eigen; aber es verfing alles nicht: er wollte nimmer an dem Ende bleiben, und ritt hinweg. Als er nun von dannen ritt, erhub sich eine gemeine Klage von Frauen und Mannen, die alle sein Abscheiden klagten. Besonders Herr Balbon, der schied mit nassen Augen; denn ihm geschah vormals nie so leid, als jetzt, da sein Gesell von ihm ritt. Der Koenig, die Koenigin und alle Ritterschaft geleiteten hin fern; aber er wollt' es nicht verhehlen, nahm Urlaub, und sie schieden beiderseits mit Zaehren.
Herr Tristan und sein allerliebster getreuer Diener Kurnewal ritten mit einander, was sie in sieben Tagen reiten mochten, und kamen in ein schoenes Land; es war aber so gar verheeret und verbrennt, daß weder Haus, noch nichts mehr da war. Viel guter Burgen lagen da verwuestet und zerbrochen, auch viele Doerfer und Staedte, das alles war gar dahin, daß er in zweien Tagen weder Haus, Leute, noch Vieh sah oder hoerete.
Am dritten Tag zur Nonenzeit sah er eine Kapelle auf einem hohen Berge, dabei ein Haeuslein, da sah er einen Rauch aufgehen: dahin eilten sie bald, zu besehen, was daselbst waere. Als sie nun darkamen, funden sie einen Priester, mit Namen Michael. Herr Tristan stund ab von seinem Pferd und bat um Herberge; denn sie hatten heute den dritten Tag weder gessen noch getrunken. Der Priester sprach: »Herr, ich geb' es euch so gut, als ich's habe; haette ich's aber besser, so theilet ich es euch auch mit.« Herr Tristan saget ihm deß großen Dank, und blieb die Nacht bei ihm.
Als sie zu Abend gessen hatten, saßen sie bei dem Feuer, da fragete Herr Tristan, weß dies Land waere? Der Priester saget' ihm: »Das war das allerbeßte Land, so man wuenschen moecht', ehe denn es also verwuestet und verbrannt ward, und ist des Koenigs Haubalin von Careches. Nun moechtet ihr Wunder hoeren, wie es also verwuestet ist worden. Denn diesen großen Schaden haben ihm seine eigenen Leute gethan, und ist das die Ursache: Mein Herr hat einen Grafen in seinem Land, und ist auch sein Dienstmann, mit Namen Riolin von Mantis, der ist so maechtig und reich, auch ein mannlicher Held; und darum, daß er fuernehmer ist, denn der andern einer in meines Herrn Land gesessen, vermeinet' er, mein Herr sollt' ihm seine Tochter geben. Solches war aber meinem Herrn nicht gelegen, daß er seine Tochter seinem Dienstmann geben sollte, sondern er vermeinete sie besser zu versorgen. Als aber dieser sah, daß ihm die Jungfrau versaget ward, da wollt' er sie mit Gewalt haben, und hat mit Listigkeit und großem Verheißen all meines Herrn Landvolk und Dienstmann abfaellig gemacht, und sie dahin beredet, daß sie zu ihm gefallen sind, und ihm zu solchem seinem unbilligen Fuernehmen Huelfe gethan haben. Durch solchen Muthwillen und große Ungerechtigkeit ist dieses gute Land alles so verwuestet und verbrennet, ohn' allein die Burg Careches, die moegen sie nicht gewinnen. Sie haben aber meinen Herren also darin belagert, daß niemand darein noch daraus kommen mag, und sie leiden großen Mangel und Hunger; denn ihnen mag weder Speise noch anders zugehen. Diese große Noth leidet mein Herr unverschuldet, von seinen eigenen Leuten, und kann doch keinen Widerstand mehr thun; denn er hat niemand, denn einen Sohn, mit Namen Caynis, der darf auch wohl mannliche Thaten thun: was hilft aber der unter so viel Volks, als der Feinde sind? Sie besuchen alle Tage die Thore der Bruecken mit großem Fleiß, ob sie jemand finden, der mit ihnen woelle streiten; sie finden aber die Pfort' allezeit beschlossen; denn es ist niemand in der Burg, der sich gegen die Feinde wagen woelle.« Herr Tristan fragete, wie weit die Stadt von dannen waere? Der Priester antwortete: »Es sind nicht mehr, denn zwo kleiner Meilen dahin.« Sie gingen zu der Ruhe.
Zu Morgens fruehe hielt ihnen der Priester eine Messe, darnach gab er ihnen ein gut Mahl. Herr Tristan nahm Urlaub von dem Priester, mit großem Danksagen, und ritt hinweg.
 
Das sieben und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu dem Koenig Haubalin gen Careches kam, und mit Graf Riolin einen Streit thaet.

Als aber Herr Tristan gen Careches kam, fand er den Koenig an einer Zinnen stehen; er fraget', ob der Koenig da waere? Der Koenig antwortete selbst: »Ja, ich bin hie: was waere euch lieb? oder was begehret ihr von dem Koenig?« Er rufete bald seinen Sohn, daß er den Helden auch saehe. Da sprach Herr Tristan: »Herr, ich habe gehoeret, wie großen Schaden ihr von euren Feinden genommen habt, und bin darum herkommen, daß ich euch dienen will: ob Glueck uns beistuende, daß ihr an euern Feinden gerochen wuerdet.« Der Koenig schwieg eine Weile still; zuletzt sprach er: »Sollt' ich euch das sagen, so gebuehrt mir vor zu wissen, wer ihr seid, und daß ich euch zuvor erkenne.« Tristan sprach: »Herr, ich heiße Tristan, und bin Koenig Marchsen Schwester Sohn.« Der Koenig sprach: »Seid ihr Herr Tristan, so hab' ich vormals oft viel großer und mannlicher Thaten von euch vernommen. O weh, Jammer und Leid, daß euch meine Augen je sahen! denn ich kann euch leider nicht behalten. Wir haben kein Brot, und moegen auch keinerlei Speise ueberkommen, ohn' allein Bohnen, damit erhalten wir uns, daß wir nicht gar Hungers sterben. Nun seid ihr so rein und wohlgeborn, und solcher Noth nicht gewohnet, daß ihr mit uns also leiden moechtet. Ich wollt' es auch ungerne an euch begehren: darum kann ich euch nicht behalten.« Herr Tristan sprach: »Herr, ich weiß fuerwahr, daß kein Mann in dieser Burg ist, der so viel Noth erlitten hat, als ich; denn ich habe gar nahe zwei ganze Jahr' ohne Brot und alle gekochte Speise gelebet. Darum, was ihr ertraget, will ich auch ertragen, und wie ihr lebet, also lasset mich mit euch leben.« Als nun der Koenig solchen seinen guten Willen an ihm erkannte, hieß er die Pforten aufschließen, und ließ Herr Tristanen ein: der ward von dem Koenig, von Caynis, und aller Ritterschaft, so in der Burg waren, wuerdiglich empfangen. Herr Caynis empfing den kuehnen Held, Herr Tristanen, und gelobet' ihm von Stund' an Gesellschaft, mit handgebenden Treuen und Eiden.
Darnach sprach Herr Caynis: »Gesell, wir wollen gehen, da dich die Frauen empfahen, da du auch meine Schwester sehen magst; da wirst du fuerwahr sagen, daß du nie schoenern Leib gesehen habest: sie moechte mit Ehren wohl des theuersten Koeniges Gemahl sein.« Herr Tristan sprach: »Wie heißt deine Schwester?« Er antwortete: »Sie heißet Isalde.« Tristan gedacht' an seine Isalde, und meinete, die haette ihn jetzt auch vergessen, und sprach in ihm selbst: »Isalde verloren, Isalde funden.« Indem kamen sie, da er sie sah; er lobte sie aber nicht nach seines Gesellen Sage, denn seine Isalde war viel schoener.
Als er nun von den Frauen auch empfangen war, nahm ihn Herr Caynis bei der Hand, weiset ihm die Burg allenthalben, und die Gelegenheit der Feinde. Herr Tristan war listig und fuersichtig in Kriegen, und fragete, wie der Krieg stuende, ob man aus der Burg fechten mueßt', und wie alle Dinge beschaffen waeren? Caynis saget' ihm, die Feinde haetten eine solche große Ritterschaft, daß es ohne maßen waere, die kaemen alle Tage fuer die Burg und suchten Streit. Graf Riolin, ihr Herr, ritte den andern fuer durch Tyostiren: »aber er findet niemand, der ihm duerfte entgegen kommen.« Herr Tristan bat seinen Gesellen, daß er ihm aus der Burg huelfe, morgen, sobald es tagete.
Und sobald es Tag ward, ließ Caynis seinen Gesellen aus der Burg, der eilete zu Feld' und wartete Graf Riolins; den sah er dort weit vor den Seinen her traben: er schickete sich an, ihm zu begegnen. Graf Riolin ward Tristans auch gewahr: das befremdet' ihn, es war auch selten mehr geschehen, daß ihm ein Ritter entgegen kam; aber doch hatte er Sorg', er wuerde ihm entfliehen, und eilete bald gegen ihn. Herr Tristan saumete sich auch nicht, kehrete sich gegen ihn, und stach ihn von dem Pferd', als ob er nie darauf kommen waere; er stund auch ab zu Fuß', und mit dem Schwert bezwang er ihn zu Sicherheit: er zerschlug ihm Helm und Schild, daß er meinet', er haette den Tod gewiß. Als er sich ueberwunden sah, bat er Sicherheit fuer Sterben, und gab Herr Tristanen seine Treue, zu thun alles, so er ihn hieße, sein Heer von dannen zu schicken, in die Burg zu kommen, sein Gefangener zu sein, und mit ihm abzukommen, wie er selber wollt; und waer' er dennoch froh, daß ihn Herr Tristan leben ließe. Als das Gefaengnis angelobet war, da kamen Graf Riolins Diener, ritten zu der Burg, und wollten alle fast streiten; aber Graf Riolin leistete seine Treu', und kehrete mit Herr Tristanen in seine Burg, und befahl vorhin seinen Heer dannen zu kehren. Herr Tristan sprach zu dem Gefangenen, daß er die Stadt auch etliche Zeit speisen sollt', und wo die Speise noch heute nicht eingebracht wuerde, so mueßt' er den innersten Thurm, so in der Burg waere, noch hinte beschauen. Graf Riolin war ein herrlicher Mann, und meinet', er mueßte deß immer Schande haben, sollt' er sich von Speise wegen in einen Thurm bringen lassen, und wollte lieber Schaden nehmen an der Speise, denn an dem Leibe, und ließ Speise zufuehren, daß sie mehr, denn sechs Monat Speise genug hatten.
Solche Geschichte vermeineten Graf Riolins Diener zu raechen, und entboten dem Koenig, daß er Graf Riolinen ledig ließe, oder sie wollten Stadt und Burg zerbrechen, und alles, was sie darinnen fuenden, umbringen. Herr Tristan sprach: »Nun sei uns Gott gnaedig! Vor ihnen wollen wir wohl genesen; aber Graf Riolin wird durch ihr Draeuen nicht ledig, es sei ihnen gleich lieb oder leid.«
Als er die Worte redete, kam dem Koenig die Botschaft, daß seiner Schwester Soehne zween ihm zu Huelfe kommen waeren, mit zwei tausend Helmen; der Koenig ging ihnen selbst entgegen mit der Ritterschaft, und empfing seine Neffen freundlich, als billig war. Darauf beschlossen sie mit einander, daß der Koenig seine Sache ganz an Herr Tristanen lassen sollte.
 
Das acht und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan mit des Koeniges Volk zu Felde zog, und wie er die Feinde mit Gewalt schlug und bezwang.

Der junge unverzagte Held, Herr Tristan, machte diese Ordnung: er legete den Koenig nicht fern von der Stadt mit zwei hundert Mannen; darnach die mit Kolben, mit Streitaexten, mit Hellebarten, und was zum Streit dienet, deren war eine lange Schaar; an den dritten Ort, die mit Schwertern und mit Spießen. Zum vierten haet er auch eine große Anzahl Buerger, die wohl geruestet waren mit sonderlichen Wehren und Geschoß. Darnach leget' er des Koenigs Neffen einen mit seinem Volk auch an einen besondern Ort; den andern leget' er ein wenig weiter von der Stadt: und bat sie alle mit großem Ernst und Fleiß, daß sie an den Orten still laegen, bis er es ihnen selbst saget', oder Kurnewalen sagen ließe.
Als er sie also geordnet hatte, ritt er und Herr Caynis auch mit zwei hundert Pferden den Feinden entgegen. Da sie so nahe zu ihnen kamen, daß sie einander sahen, da hielten sie sich zusammen. Aber Graf Riolins Ritter dauchten sich so kuehn und stark, daß sie, der mehrer Theil, ungewappnet ritten: deß verlor mancher das Leben, das er sonst wohl haette behalten moegen. Sie renneten mit großem Neid und Grimmen in die Feinde, und vermeineten den Ruhm zu erfechten. Aber Herr Tristan hielt still mit seiner Schaar, bis diese zu ihm kamen: da nahmen sie ihre Schilde mannlich, und renneten unter sie mit starken Schlaegen, also, daß ihrer gar viel todt darnieder fielen. Als sie das sahen, huben sie sich zur Flucht, Herr Tristan eilet' ihnen nach und thaet zumal großen Schaden. Er fing wohl vierzig Ritter, ohne, die er erschlug. Als er mit den Gefangenen dannen ritt, da kam ein geruheter Haufe der Feinde an ihn und kehrete ihn um, also, daß er entfliehen mußte; doch floh er so weislich, daß er nichts verlor. Da kam ihm des Koenigs Neffen einer zu Huelfe; sie satzten mit großem Ernst an die Feinde und thaeten ihnen zumal großen Schaden. Herr Tristan und Caynis erhuben erst einen hatten Streit; sie fingen mehr, denn dreißig Ritter. Da erhub sich ein Geschrei unter des Grafen Heer von Ach und Weh! Der Verwundeten und Todten war ohne Zahl; denn welchen Herr Tristan mit seinem Schwert ruehrete, der hatte den Tod gewiß.
Es waren der Feinde so viel, wenn sie schon einen Raum machten, so kam wieder ein geruheter Haufen. Nun geschah es, daß Herr Tristan abermals weichen mußte; doch floh er allwege ritterlich und mit Ehren. Da aber Herr Tristan sah die Uebermacht der Feinde, bedaucht' ihn wohl Zeit, daß ihm der Koenig zu Huelfe kaeme; und ritt aus dem Streit, sagete Kurnewalen, daß er bald ritte und den Koenig kommen hieße. Dieweil kam der Koenig Nampecenis und nahm Caynis bei dem Zaum, fuehret' ihn dahin mit großem Neid und zwang ihn um Sicherheit. Das ersah Herr Tristan, er eilete seinem Gesellen bald zu helfen, und bracht' ihn mit großen Schwertschlaegen von ihm. Also kehreten sie beide wieder in den Streit, schlugen die Feinde ungesegnet nieder und thaeten großen Schaden. Deßgleichen auch des Koenigs Neffen beide zerschrieten Schild und Helm, daß die Todten zu beiden Seiten vor ihnen nieder fielen. Als der Streit lang' und viel waehrete, wurden Herr Tristanen und etlichen der Seinen ihre Pferde erschlagen, und mußten zu Fuß fechten. Da sprachen sie zu einander: »Wir moegen ihnen nicht entfliehen: soll es denn nach ihrem Willen ergehen, so kommen wir nimmer von hinnen. Das woelle Gott nicht, daß ihnen an uns so Liebes geschehe!« Mit diesen Worten liefen sie auf die Feinde mit Stechen und Hauen, und trieben sie mit Gewalt hinter sich. Es blieben der Feind' ohne Zahl auf der Walstatt, die auf der Flucht erstochen und erschlagen wurden in Graf Riolins Heer. Als aber Herr Tristan und Herr Caynis wiederum auf die Pferde kommen waren und so haeßlichen unter den Feinden umrenneten, da kam ihnen der Koenig mit seinem Haufen auch zu Huelfe. Dennoch waren der Feinde so viel, daß sie vermeineten, das ganze Land waere alles voll Feinde. Nun schlugen die zween Helden, Herr Tristan und Herr Caynis, so viel Volks zu Tode, daß es nicht zu sagen ist. Deßgleichen die zween Herrn, des Koenigs Neffen, die warfen ihre Schilde zurueck und schlugen mit beiden Haenden auf die Feinde: da fielen die Todten ohne Zahl und ward der Streit so groß, daß man an etlichen Enden in dem Blute ging bis ueber die Fueße. Als aber die Feinde sahen, daß sie so gar niederlagen, huben sie sich zu der Flucht, und auf dieser Flucht ward der mehrer Theil erschlagen und gefangen.
Also haet der Koenig der Gefangenen so viel, daß er seinen Schaden wohl desto besser mochte verschmerzen. Denn Graf Riolin mußte mit ihm fuer sich selbst und fuer alle andere abkommen, wie er selbst wollte. Der Koenig hatte sich gnug mit großer strenger Rach' an seinen Feinden gerochen. Deß alles stund er allein Herrn Tristanen zu danken. Der machete nun einen staeten Frieden, also, daß Graf Riolin dem Koenig sein Land mußte wieder bauen, und alle seine Kosten und Schaden, so er deßhalben genommen hatte, abtragen und wiederkehren. In diesen Vertrag verwilligete Graf Riolin gar gutwilliglich.
 
Das neun und dreißigste Kapitel

Wie der Koenig Sorge hatte, Herr Tristan zoege von ihm, und gab ihm seine Tochter.

Als dieser Krieg gestillet war, furchte Herr Caynis, es wuerde sein Gesell, Herr Tristan, einmal jaehling von ihnen reiten, da gedacht' er, wie er dem fuer kommen moechte, und machete sich ihm zumal heimlich und freundlich. Eines Tages sprach er zu ihm: »Gesell, du hast meinem Vater und uns allen so große Lieb' und Dienst' erzeiget, deren wir dir nimmer verdanken koennen noch moegen; du bist auch meinem Vater so lieb, als ich. Warum bittest du ihn nicht, daß er dir meine Schwester gebe?« Herr Tristan antwortet' und sprach: »Wueßte ich, daß er mir sie gaebe, ich waere bereit sie zu nehmen.« Deß ward Herr Caynis froh, sagt' es seinem Vater, dem war es auch lieb und fast angenehm. Also brachte Herr Caynis diese Heirat zuwegen und gab seinem Gesellen seine Schwester zu rechter Ehe.
Herr Tristan war mit seiner ehelichen Frauen Isalden ein ganz Jahr, daß er ihren Leib nicht beruehrete, weder wenig noch viel; denn sein Herz und Gemueth war zu allen Zeiten bei seiner allerliebsten Frauen Isalden in Kurnewaelischen Landen: von der schied sein Herz nie, weder in Stuermen, noch Streiten, noch in keinerlei Noethen. Sein ehelich Gemahl vertrug solch Beiwesen ohne Neid; denn es war ihr fuerbaß nichts kund.
Eines Tags ritt der Koenig, die Koenigin, Herr Tristan und seine Frau, auch Herr Caynis, kurzweilen fuer die Stadt Careches. Isalden Pferd trat in einen tiefen Hufschlag, da Wasser innen war, also, daß ihr das Wasser unter dem Hemde aufsprang bis zu dem Knie. Da sagete sie: »Wasser, du bist fremd und doch kuehn, daß du mir so weit darfst unter mein Gewand springen, da Ritters Hand noch nie hin geruehret hat.« Solches redete sie bei ihr selbst, ohn' alles Uebel. Aber Herr Caynis hoerete die Rede und fraget' ihr eigentlich nach. Der Frauen war leid, daß Herr Caynis solches gehoeret hatte, jedoch sagete sie ihm, daß es wahr waere. Er sprach: »Du bist nun ein ganz Jahr und mehr mit deinem Mann gewesen, wie moecht' eine Statt an deinem Leibe sein, da nicht meines Gesellen Hand ueber gelaufen waere? Ich meine, du sagest Unwahrheit.« Sie sprach: »Fuerwahr, nein; dein Gesell ist so zuechtig, daß er noch nie mit seiner Hand zu meinem Knie geruehret hat.« Herr Caynis sprach: »So wardst du auch noch nie sein Weib.« Damit ritt er zu seinem Vater, ihm zu klagen, daß Herr Tristan seine Schwester noch nie zum Weibe gewann, und sprach: »Wir haben deß alle Laster und Schande; denn er hat es darum gethan, daß er sie verlassen will.« Da sprach der Koenig, ihr Vater: »So muesse uns Gott der Herr alle verlassen und nimmer helfen, wo wir ihm deß gestatten! Wir wollen von Stund' an ueber ihn richten; denn an diesem Ende moegen wir das am allerfueglichsten thun.
Sie nahmen zu ihnen etliche Freunde und Maenner, wie viel deren bei ihnen waren, und vermeineten, sie wollten ihn zu Tode schlagen. Jedoch gedachte Herr Caynis der Gesellschaft, so sie zusammen gelobet hatten, und sprach: »Er ist mein Gesell, und gebuehret mir nicht, daß ich ihn ungewarnet zu Tode schlage: darum will ich ihm zuvor widersagen, daß ich meinen Ehren gnug thue.« Hiemit kam er zu Herr Tristanen und sprach zu ihm: »Ich widersage euch und mag nicht laenger Gesellschaft noch Freundschaft zu euch haben.« Herr Tristan fragete dem nach: »Warum doch?« Caynis sprach: »Darum, daß ihr meine Schwester und uns alle geschaendet habt.« Herr Tristan begunnte laeugnen, und begehrete der Sache recht zu wissen. Herr Caynis sprach zu ihm: »Was soll ich euch von diesen Dingen sagen? ihr wisset es am beßten.« Herr Tristan sprach: »Ich weiß nichts, damit ich euere Schwester, noch euch gelaestert habe.« Caynis sprach: »Ei, so will ich's euch sagen: ihr habt meine Schwester eine Jungfrau gelassen, uns allen zu Schmach; und wir wissen doch wohl, daß sie also edel und eines guten Geschlechts ist, als ihr. Dieses Ding ist allein uns allen zu Schand' und Laster geschehen, und darum, daß ihr sie verlassen wollet.« Darauf antwortete Herr Tristan: »Herr Caynis, glaubet fuerwahr, daß ich nie Muth gewann, sie zu verlassen: es koemmet von andern Ursachen, daß ich sie nicht zum Weibe gewann.« Er sagete: »So lasset mich's hoeren; wovon das koemmet.« Herr Tristan antwortete: »Euere Schwester Isalde hat mich nicht also gehalten, daß ich ihr nahe beiliegen sollte; das weiß Gott.« Caynis sprach: »Sie legete sich neben euch, daß ihr selber thun moechtet, wie es euch gefiele: was sollte sie mehr gethan haben?« Tristan sprach: »Herr Caynis, zuernet nicht, ehe ihr wisset, warum. Eine Frau, eine Koenigin, haelt einen Hund besser und werther, um meinetwillen, denn mich euere Schwester bisher gehalten hat. Wollt ihr mir folgen, so will ich euch an das Ende bringen, da ihr selbst hoeren und sehen sollt', daß ich wahr sage. Wo es sich aber anders erfinden wuerde, so habet Macht und ganze Gewalt, euere Forderung an mich zu erheischen, wie und in welcher Weise ihr nur wollt.« Darauf mußte Herr Tristan Caynis geloben, daß er herwieder zu seiner ehelichen Frauen kommen wollte; und ob die Dinge, vor beruehret, nicht also waeren, wie er gesaget haette, daß sie dann mit Herr Tristanen thaeten, wie sie selber wollten.
 
Das vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan und Caynis sein Schwager ueber Meer zu Herzog Thinas Burg kamen, und wie es fuerder ging.

Als das also versprochen ward, ritten sie hinweg, Herr Tristan und Caynis. Als sie zu dem Meer kamen, da gingen sie in ein Schiff und fuhren in Kurnewaelisch Land. Da sie aber der Burg Litany, die Herzog Thinas war, so nahe kamen, gingen sie aus dem Schiff zu der Burg. Der vorgenannte Herzog war der Zeit anheim, ging ihnen entgegen und empfing sie mit großen Freuden; denn er sah nie keinen Gast so gern, als Herr Tristanen, der denn allwege sein beßter Gesell war.
Herr Tristan nahm den Herzogen an einen Ort und saget' ihm von Wort zu Wort, wie seine Sachen beschaffen waeren; und das Leben stuende in seiner allerliebsten Frauen Haenden, das moechte sie ihm behalten oder verlieren, wie sie selber wollte. Doch haett' er je kein ander Vertrauen, denn daß sie ihm Huelfe thaete, und ihn aus diesen aengstlichen Sorgen erledigete. Wie und in welcher Weis' aber das geschehen moechte, saget' er dem Herzogen alles, und entbot ihr, daß sie das um seinetwillen thun wollte, und den Koenig bitten, daß er mit großer Ritterschaft auf die Jagd reiten wollte, gen Blankenland, an die Wiesen, da sollte sie auch hin kommen, mit allen ihren Jungfrauen, auf das allerkoestlichste, so sie immer moechte, und sonderlich das Huendlein, das er ihr gegeben haette, auch mitfuehren mit großer Gezierde und Herrlichkeit. Thinas sprach: »Mag ich mich darauf verlassen, daß dir meine Frau die allerliebste ist, als du denn selbst gesaget hast, so will ich dir diese Botschaft werben.« Da sprach Herr Tristan: »O lieber Thinas, mein guter Freund, willt du mir denn zu Willen werden, so sage meiner Frauen, daß bei der Straßen, die sie reiten soll, eine Birschwarte ist, und gar nahe dabei ein dicker Dorn: da soll sie fleißig aufsehen; denn ich habe diesen dazu erkohren, daß wir, ich und mein Gesell, darinnen sein wollen; und so sie zu dem Dorn kommt, als neben uns, so will ich meiner Frauen Pferd ein Reis in die Maehnen schießen: dann soll sie still halten, und das Huendlein selbst fuehren, daß mein Gesell sehe, ob ich wahr gesagt habe oder nicht.« Das alles, mit mehr Worten, hieß er seiner liebesten Frauen und Koenigin sagen. Auch schicket' er ihr einen Ring, den sie ihm gegeben hatte, dabei sie verstund, daß er zu Lande kommen war.
Herr Thinas ritt hinweg. Als er gen Hof kam, fand er den Koenig und die Frauen ob einem Brettspiel mit einander spielen, und sie hoereten gleich jetzt auf von dem Spielen, Herr Thinas ging hinzu, und sprach: »Frau, ich will mit euch spielen.« Als er nun spielete, griff er oft und mehr, denn er sollt', auf das Brett; das thaet er darum, daß die Frau des Rings an seiner Hand wahrnaehme. Als sie den Ring sah, mußte das Spiel bleiben, sie ging bald in ihr Gemach, und forderte Thinas zu ihr, fraget' ihn zu Stund'. Er gab der Koenigin den Ring, und saget ihr dabei, was ihr Herr Tristan entboten haette, und ermahnete sie auch fleißig, daß sie ihm solch sein Begehren nicht abschluege, sondern ihm zu Willen wuerde, damit diese Reise loeblich und koestlich vollbracht wuerde.
Als die Frau ihren Allerliebsten in solcher Naehe vermerkete, ward sie aus der maßen hoch erfreuet; denn sie hatte in seinem Abwesen echter Freude nie empfunden. Und ohn' alles Verziehen bat sie den Koenig, mit großer Ritterschaft gen Blankenland auf die Jagd zu reiten. Deß ward der Koenig willig. Also richtete sich die Frau mit ihren Jungfrauen so koestlich und herrlich zu, daß Wunder davon zu sagen waere.
An dem andern Morgen frueh kam Herr Tristan und Herr Caynis in den Dorn, als er der Frauen entboten hatte, darinnen zu warten seines Herzen Kaiserin. Als sie eine kleine Weile darinnen waren, da kamen die Koeche des Koeniges, mit Kesseln und Pfannen; darnach Leute, die Speise zufuehreten: deren bedauchte Herr Caynis viel zu sein. Auch kamen dar die Truchseß' und Schenken; darnach die Jaeger mit viel Hunden. Darnach kam des Koeniges Kammerwagen und die Kapelane; darnach der Koenig selbst, mit großer Ritterschaft und mit manchem schoenen Federspiel. Als nun der Koenig fuerueber war, da kam der Frauen Kammerwagen; da gingen so viel Trabanten mit, daß es Herr Caynis groß Wunder nahm. Darnach kamen die Frauen. Nun hatte die Koenigin ihre Reise also geordnet, daß allwege ein Ritter und eine Jungfrau neben einander ritten, und die Nachreitenden nicht zu nahe auf die Vorderen, also, daß je zwei und zwei wohl mit einander reden mochten, wollten, was sie daß es die andern nicht hoereten. Es waren auch die Frauen und Jungfrauen so gar herrlichen und koestlichen bekleidet und gezieret mit Golde und koestlichem Edelgestein, und den beßten Kleidern, so man gehaben mochte; jedoch eine koestlicher, denn die andere, und je mehr sie fuer den Dorn ritten, je besser und schoener sie gezieret waren. Nun sahen sie eine minnigliche, schoene Jungfraue, daß Caynis bedauchte, er haette nie nichts Schoeners gesehen, und sprach: »Hie kommt die Koenigin.« Da antwortete Herr Tristan: »Sie ist's nicht: diese ist zu schaetzen gegen die Koenigin, als eine truebe Wolke gegen die lichte Sonne.« Herr Caynis gab keine Antwort, aber er glaubet' es nicht; denn er meinet', er hatte sich in dieser Jungfrauen Angesicht ersehen, als in einem Spiegelglas. Diese Jungfraue hieß man die schoene Gymelle von der Schitriel; bei ihr ritt Herr Caylach, ein Graf von Miliach, der war der schoenste Juengling, so in derselbigen Zeit mochte leben: diese zwei kehreten ihre Angesichter recht gegen Herr Caynis, also, daß er sie gar eigentlichen sehen mochte. Sie redeten auch mit einander und lachten einander gar freundlich und guetlich an. Als aber Herr Caynis das sah, sprach er bei sich selbst, daß nichts Schoeners noch Lieblichers auf allem Erdreich leben moechte, denn diese zwei Menschen.
Als nun diese zwei fuerueber waren, da ritt die getreue Brangele allein, ohn' alle Gesellschaft: sonst ritten je zwei und zwei mit einander. Da Herr Caynis die ersah, vermeinet' er, sie waere an Gestalt und an aller Gebaerde noch schoener, denn die er vor gesehen hatte.
Nach ihr gingen zween Zelter, die trugen eine koestliche Truhe, mit Golde und edlem Gestein auf das allerzierlichste gemacht. Herr Caynis fragete, was dies waere? Herr Tristan antwortet' und sprach: »Das ist der Hund, den ich meiner Frauen gegeben habe, den sie um meinetwillen also mit ihr fuehret.« Als Herr Caynis solches hoerete, sprach er: »Du hast wahr gesaget; denn du wurdest nie von meiner Schwester also gefuehret.«
Als er nun diese Worte redete, sah er einen solchen Schein, daß ihn bedauchte, wie zwo Sonnen waeren; und fragete zu Stund', was das waere? Herr Tristan sprach mit großen Freuden: »Hie kommt die Koenigin, meines Herzen allerliebste Fraue!« Herr Caynis aber getrauete nicht, daß ein solcher Glanz von der Frauen leuchtete, bis er sie selbst sah. Die Koenigin ritt allein; denn sie hatte ihren Mitreiter Auctrat wieder hinter sich geschickt, um Dinge, die er nicht finden mochte: sie haette moegen leiden, daß er nimmermehr wiederkommen waere. Also kam sie zu dem Dorn geritten, und brachte mit ihr das Licht und den Schein, so Herr Caynis gesehen hatte: der mußte nun von wahren Schulden bekennen, daß er in seinem Leben nie so schoenen Leib gesehen haette. Er stund, und konnte sich nie genug verwundern der großen Schoene und des lichten Glanzes, so von der Frauen glastete, und sprach zu Herr Tristanen: »Gesell, ich meinete nicht, daß solche große Klarheit und Schoene den Menschen auf Erdreiche beiwohnen moecht', ich haett' es auch weder dir, noch seinem Menschen nimmermehr geglaubet, wo ich das nicht selber gesehen haette. Erst merk' ich, daß meine Schwester solcher Schoene nicht an ihr hat, die ich doch fuer die Schoeneste geachtet habe. Aber nun ist mir ihre Schoene ein Verdruß gegen die, die ich hie sehe.«
Herr Tristan wollte sich nun offenbaren und seiner Frauen zu verstehen geben, daß er allda waere: er nahm ein Reis und schoß das seiner Frauen Pferd in die Maehnen. Zu Stund' vermerkete sie, daß er da war, und hielt still, rufete Brangelen zu ihr, daß sie ihr den jungen Grafen Caylach kommen hieße. Als er kam, sandte sie ihn zu dem Koenige, und entbot ihm, sie waere sehr krank worden auf dem Wege, ließ ihn sehr bitten, daß er sie die Nacht vermeiden und nicht bei ihr wesen wollte, sondern sein Lager jenseit des Wassers, und das ihre hie dieshalb aufschlagen, damit sie desto besser Ruhe haben moechte; daß er auch mit Fleiß bewahrete, so sie gen Blankenland kaeme an die Herberge, daß alsdann kein Hoern noch Hund da gehaeret oder erschaellt wuerde: denn sie moechte das vor Schwachheit ihres Haupts nicht erleiden.
Caylach ritt hinweg, dem Koenig diese Botschaft zu sagen. Der Koenig war deß wohl zufrieden; denn die Frau war ihm so lieb, daß er gar williglichen thaet, was sie ihn bitten ließe.
Die Koenigin stund von dem Pferd, ohne daß sie Huelfe begehrete, was vormals nie geschehen war, und ging hin zu der gueldenen Truhe, darin der Bracke lag: den nahm sie mit ihren hermelinweißen Haenden heraus, mit viel sueßen Worten und lieblichen Gebaerden; sie strich ihn schoen mit ihrem Mantel, der da gemacht war von Gold und edlem Gestein, daß er keiner Gezierde mangelte. Sie nahm allda diesen schoenen Bracken in ihre Arme, und sprach dem so gar guetlich und freundlich zu, als ob sie Herr Tristanen selbst in ihren Armen haette. Als sie ihn nun lange gestreichelt und geliebelt, da trug sie ihn wieder in sein Haus. Auf dem Wiedergang ließ sie den Mantel fallen, also, daß sie Herr Caynis wohl sehen mochte. Er mochte sich auch nicht laenger enthalten, sondern er redete mit Herzen und Zungen, daß keine schoenere Kreatur auf Erden lebete, denn diese Frau. Und er sprach zu seinem Gesellen Herrn Tristanen: »Gesell, ich sage dich aller Treu' ledig und los: ich sehe gar viel mehr, denn du gesagt hast. Ich bekenne auch, daß du von meiner Schwester nicht so freundlich bist gehalten worden.«
 
Das ein und vierzigste Kapitel

Wie die Koenigin zu dem Dorn kam und Herr Tristanen zu verstehen gab, wo er zu ihr kommen sollte.

Nach dem ging die Koenigin also wieder fort, und hoerete Waldvoegelein singen, zu denen redete sie mit lauter Stimme: »O ihr lieben Voegelein, ihr habt mannichfaeltige Freude durch euere sueßen Stimmen und Getoen: nun will ich euch miethen, mit reicher Gab' und Geschenke, daß ihr hinte mit mir stieget gen Blankenland an die Herberge, und mir daselbst diese Nacht singet!« Mit dieser Rede und behender Listigkeit gab sie Herr Tristanen zu verstehen, wo sie die Nacht sein wuerde, und an welchem Ende er zu ihr kommen sollte.
Nicht lange darnach kam der leidige Auctrat; zu Stund' hub er die Frauen auf ihr Pferd, und fuehrete sie gen Blankenland; denn das sie den Koenig hatte bitten heißen, war alles nach ihrem Willen vollbracht. Aber ehe, denn der Koenig zu Ruhe ging, wollte er vorhin besehen, wie sich die Frau gehabet', und ritt allein dar. Brangele ging herfuer, und sagt' ihm, die Frau waere sehr krank, daß er nicht zu ihr reden moechte, bis morgen. Was mochte der Koenig nun anders thun, denn daß er dannen ritte? Und ihm war der Frauen Krankheit inniglichen leid.
Alsbald der Tag seinen Lauf vollbracht hatte und die Nacht kam, da kam auch Herr Tristan und sein Gesell, die ließ man zu Stund' fuer die Frau: die ward alsbald gesund; denn der rechte Arzt war ihr kommen. Wie gar freundlich und lieblich die Frau ihren Liebhaber empfing, bleibet von mir hie ungesagt; denn ich kann solcher gebluemter Worte nicht. Auch ist ohne das maenniglich kund und wissend, daß sich Liebes gegen Liebes auf das freundlichste erzeiget, so sie moegen.
Die Frau nahm Herr Tristanen zu ihr, und hieß seinen Gesellen Herr Caynis zu der schoenen Gymellen von der Schitriel sitzen. Nun war niemand in diesem Gemach, denn die Koenigin, Herr Tristan, Herr Caynis, Gymelle, Brangele und Peronis. Diese alle wußten wohl der Frauen Heimlichkeit. Die war nun mit Herr Tristanen in großer Geheim und einigem Rath. Da klagete je eins dem andern, was sehnender Roth sie erlitten haetten in ihrem Abwesen; und nahmen ihnen deß eine kleine Ergetzlichkeit, so viel denn diese kurze Zeit ihres Beiwesens verhaengete.
Herr Caynis sprach der schoenen Gymellen um ihre Liebe und Freundschaft so ernstlich zu, daß er meinete, sie sollt' ihn jetzt bei ihr schlafen lassen; aber sie verachtete seine Worte, und es war ihr gleich ein Gespoett. Jedoch ließ er nicht nach, es waer' ihr lieb oder leid, und lag ihr fest und staetiglich an. Als sie aber seinen Ernst recht ersah, sprach sie: »Herr, wo gedenket ihr hin, oder wohin thut ihr euern Sinn? ihr sehet doch wohl, daß ich keine Baeurin bin, daß ihr mir so jaehlingen um Lieb' und Freundschaft zusprecht. Ich mein', ihr seid ein Bauer; ich glaube nicht, daß ihr es sonst thaetet; und sag' euch ueberlaut, daß ihr von mir ungewaehret seid; denn haettet ihr fuenf Jahr' in meinen Geboten gestanden und gelebet, es waere dann noch viel zu frueh, daß ihr so viel begehren solltet, als ihr hinte gethan habt.« Doch bedachte sie sich bald anders, und sprach: »Ihr bedunkt mich so ehrlich, wenn ihr mein Landsmann waeret, und mir gemaeß, auch meinen Freunden gefaellig, also, daß sie euch mir gaeben, das ließ' ich geschehen: aber durch euere Bitte nicht.« Herr Caynis ward betruebet; es gereuet' ihn, daß er es je gedacht', und wußte nicht, was er antworten sollte.
Nun war es Zeit, daß die Koenigin und Herr Tristan sollten zu Ruhe gehen, da ging sie vor zu Herr Caynis, und sprach: »Durch Tristans Liebe will ich euch vergoennen hinte zu liegen, unter diesen zweien bei welcher euch gefalle (das waren Gymelle und Brangele), und welche euch die liebste sei, die heißet hinte bei euch liegen.« Herr Caynis meinete, sie trieb' ihren Spott mit ihm, und gedachte: Bin ich ihnen denn nur zum Spott herkommen, so waere ich wohl da außen blieben. Als er aber ihren Ernst vermerket' und verstund, daß kein Gespoett dabei waere, sprach er: »Frau, Gott belohne euch in seinem hohen Thron solcher Treu' und Freundschaft, so ihr mir beweiset. Sollt' ich denn die Kuer und Wahl haben, so mueßt es Gymelle sein; denn ich habe schon eines Theils mit ihr geredet, auch bin ich mehr bei ihr gesessen, denn bei dieser.« Zu Stund' gebot die Koenigin, daß Gymelle den Helden zu sich leget', und ihn freundlich in ihre Arme naehme. Die Jungfrau hieß ihr und Herrn Cayms zusammenbetten. Er zog sich bald aus, und legete sich zu Bette. Aber Gymelle ging vor zu der Frauen und sprach in großem Unwillen: »Wie meinet ihr dies Ding? Ist es euch lieb, daß ich meine Ehr' also verlieren sollte: mir nicht also!« Die Koenigin sprach: »Geh' hin, und nimm das Kissen, das ich unter mein Haupt lege, so ich mich nach Herr Tristanen sehne: du weißt wohl, wie es darum stehet; lege es ihm unter sein Haupt, zuhand entschlaeft er, so lange, bis du's ihm wieder nimmst: also magst du die Nacht mit gutem Frieden bei ihm schlafen.« – Das Kissen war mit solchen Kuensten zugerichtet: wer drauf entschlief, der schlief Nacht und Tag; es konnte sich auch niemand sobald drauf legen, er waere von Stund' an entschlafen, mochte auch nicht erwachen, bis man ihm das wieder entzog. Wenn der Koenigin die große Lieb' und das Sehnen nach Herr Tristanen so gar ueberhand nahm, so legete sie sich darauf: damit ward ihre Roth abermals eines Theils geringert. – Gymelle nahm das Kissen, legete sich zu dem Helden und sprach: »Hebet euer Haupt auf, ich will euch in meinen Arm legen: das hat mir meine Fraue geboten.« Herr Caynis dankete Gott, und auch der Koenigin, und ward aus der maßen froh, daß ihm die Jungfrau so freundlich sein wollte. Gymelle leget' ihm das Kissen unter sein Haupt, zuhand entschlief er, daß er diese Nacht nie erwachet'; er wueßt' auch nicht, ob er allein oder selbander lag.
Zu Morgens da es tagete, stund die Jungfrau auf, bekleidete sich schoen, ging dar, und zog dem Helden das Kissen von dem Haupt: von Stund' an erwachet' er, griff um sich, und fand nichts. Da erschrak er sehr, und meinet', er waer' also verspottet und verunglimpft: er waere lieber tausend Meilen von ihr gewesen, denn daß er allda sollte sein. Die Nacht war nun dahin, und der Tag erleuchtete das ganze Erdreich, darum er verhoffete, daß ihm kein Gutes von ihr widerfuehre; jedoch blieb er eine Weile da, bis er sein Leid besser hoeren mußte, mit Spottworten. Gymelle sprach da: »Haett' ich naechten gewußt, daß ihr also zuechtiglich wolltet liegen, ich haett' euch der Dinge, so ihr mich batet, nicht verzogen.« Da er das hoerete, da ward er vor Leid gar nahe verwundet und vertobet, auch so gar erschrocken: der ihm ein Ohr entzwei geschnitten haette, haette gesehen, daß kein Blutstropfen davon waere kommen.
Nun war auch Zeit, daß sich die zwei abermals scheiden mußten: die schieden sich mit großer Klag' und Uebelgehaben. Herr Tristan wueßt' aber nicht, wie es seinem Schwager gangen haet. Er hieß Peronis bald zu Kurnewalen gehn und ihm sagen, wo er ihn finden moecht', auch wohin er die Pferde bringen sollte; denn es war ein boeses Bruch bei dem Wege, den sie reiten sollten: das wollte Herr Tristan umgehen, bis er zu dem rechten Pfad zu den Pferden kaeme.
Peronis lief bald dahin und sagete Kurnewalen die Botschaft. Der hub sich schnell dar, kam zum Bruch, und vermeinete seinen Herrn da zu finden. Auch war mit ihm da Herr Caynis und sein Diener, die hielten auf der Fuhrt. Und weil sie also hielten, da kam ein Mann, mit Namen Pleherin, der war auch des Koenigs Hofgesinde, mit sieben Dienern; dieser kam an sie, und jagete sie so meist, als er mochte: diese aber flohen sehr. Pleherin vermeinet', es waere Herr Tristan, und rufet' ihm nach: »Kehre Held, kehre, durch deine große Kuehnheit!« Diese aber kehreten sich nicht an sein Rufen, und eileten ihre Straße. Da rufet' er abermals: »Kehre, werther Herr Tristan, um der Koenigin willen, so sie dir je lieb ward!« Diese aber wollten nicht wiederkehren. Da sprenget er ihnen mit großem Neid zu, sie zu noethen, ihm zu sagen, wer sie waeren: dennoch kamen sie ungefragt von ihm; doch eilete er ihnen ein Pferd ab auf der Flucht. Kurnewal ritt desselben Tags mehr, denn vier Meilen irr', ehe er zu seinem Herrn kam.
 
Das zwei und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan gegen die Koenigin verleumdet ward, darum sie darnach sehr zornig ward.

Nicht lange darnach kam Pleherin gen Hof, und sagte der Koenigin, Herr Tristan waere im Land', und wie er ihn gejaget und ihm ein Pferd abereilet haette; er waer' aber so fast geflohen, daß er ihn nicht haette ereilen moegen. Auch saget' er, wie er ihn um ihrentwillen ermahnet haette, daß er wieder umkehren sollte, er haette es aber nicht hoeren wollen, und waere also fluechtig hinweg geritten. Die Frau antwortet' ihm ernstlich und mit großem Zorn: »Was sagest du mir davon? Ich wollte, du haettest ihn auf deinem Ruecken getragen, und in die See geworfen, daß ich doch sein nimmer gedenken hoerete! Jedoch glaube ich, du duerftest ehe deine Augen aus deinem Haupt graben, denn einen solchen kuehnen Mann jagen.« Pleherin war ein hoeflicher und verstaendiger Mann; als er ihren Zorn saehe, war ihm leid, daß er die Rede gethan haette, und hub sich zu Stund' dannen.
Die Koenigin grammt' in ihr selbst, und thaet ihr gar Zorn, daß Herr Tristan um ihrentwillen nicht widerkehret waere, und mocht' auch das nicht laenger verdulden, sondern entbot ihm durch Peronis: er haette fast uebel gethan, daß er nicht wiederkehrete, da ihn Pleherin um ihrentwillen vermahnet und gebeten haette.
Peronis war ganz eilig, er lief schnell dahin, und kam, da er Tristanen an dem Dorn fand; dem saget' er die Botschaft, die ihm zumal fremd war; und dieweil sie also redeten, kam Herr Caynis, Kurnewal und Cannis Diener, und brachten nicht mehr, denn drei Pferde; das vierte hatte ihnen Pleherin abgejaget. Herr Caynis war zornig und unmuthig, und meinete nicht anders, denn Herr Tristan wueßte wohl, wie ihm geschehen war, und daß ihm die Hofschande lieb waere und durch seinen Rath geschehen; und wollte das an ihm raechen. Nun wußte Herr Tristan nichts um die Maehre, denn er hatte seines Geschaefts gewartet. Sie geriethen da also hart mit Worten an einander, daß Herr Tristan Herrn Caynis also anlief, und wollt' ihn niedergeschlagen haben. Doch bedacht' er sich anders; er ist mit mir herkommen; schlage ich ihn denn, das waere mir keine Ehre; darum will ich meinen Zorn gegen ihn nachlassen, wiewohl er uebel an mir gethan hat. Hiemit kehret' er sich zu Peronis, und sprach zu ihm: »Sage der Koenigin, meiner Frauen, meine Unschuld, auch daß sie gewiß sei, was man mich je um ihrentwillen gebeten, oder von mir begehret, daß ich deren keines nie keinem versaget, noch abgeschlagen, sondern allezeit in ihrem Dienst gewesen, und alles vollbracht habe. Laufe bald hin und sage solches meiner allerliebsten Frauen, so will ich also hie dein warten? es sei mir gleich nutz oder schaedlich.«
Peronis der lief dahin. Als er zu der Frauen kam, und ihr Tristans Botschaft ansagete, da glaubete sie deß alles nicht, daß dem allem so waer', und sprach zorniglichen: »Peronis, daß du mir um seiner Gabe willen unrecht sagen willt, ist mir nicht lieb.«
Als Peronis ihren Zorn vernahm, da ging er wieder zu Herr Tristanen, und sagt' ihm, daß seine Frau seiner Unschuld nicht glauben wollte. Herr Tristan sprach: »Das ist mir inniglich leid; ich will auch große Arbeit darum leiden, oder aber sie sage mich dieser That ledig.« Als aber Herr Caynis merkete den großen Zorn und Ernst seines Schwagers, ward es ihm leid und gereuet ihn uebel, daß er je etwas wider ihn geredet haette, und sprach zu Kurnewalen: »Ich will nirgends hin reiten, sondern mit dir hie meines Gesellen warten, bis er herwieder komme.«
 
Das drei und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu der Koenigin kam, in Gestalt eines Aussaetzigen, und wie es ihm daselbst erging.

Tristan sprach: »Ich will darum sterben, oder sie sage mich unschuldig.« Er ging hinweg, und kam zu einem aussaetzigen Mann, den bat er, ihm seine Kleider und sein Klaepperlein zu leihen: der thaet das. Tristan legete die Kleider an, nahm das Klaepperlein in seine Hand, und ging vor die Koenigin, als ob er ein siecher Mann waere. Die Frau erkannt' ihn, und sprach zorniglich: »Bald treibet diesen siechen Mann hinweg.« Da liefen zween Gesellen dar, die schlugen ihm zween große Schlaeg', und stießen ihn mit Ungeduld unmaeßlich hart hinweg. Dieses sah die Frau, und begunnte deß sehr lachen: jedoch haette sie billiger geweinet; es war ihr aber zu der Zeit nicht zu Sinne. Herr Tristanen thaet diese Schmach und Laster sehr weh, denn er hatte sich solches nicht zu ihr versehen, und kehrete bannen in grimmigem, zornigem Muth.
Als er zu Kurnewalen und seinen Pferden kam, saß er auf und ritt weg; er saget' auch seinem Diener in großer Geheim, wie es ihm ergangen war. Als er solches hoerete, daß die Frau darueber gelacht haette, ward er so gar zornig, und bat seinen Herrn mit ganzem Fleiß, daß er um seinetwillen die Frauen ein Jahr vermeiden wollte, auch nicht kommen an das Ende, da sie ihn sehen moecht'; und wo er das nicht thaete, wollt' er keinen Tag mehr bei ihm bleiben. Herr Tristan verhieß ihm, das staet und fleißiglich zu halten. Er verließ alle Feindschaft und Unwillen, so er zu Herr Caynis hatte, deßgleichen Herr Caynis gegen ihn auch, und wurden gute Gesellen, in maßen, wie vor.
Sie ritten miteinander heim; da wurden sie mit großen Ehren empfangen. Herr Caynis sagete seinen Gesellen vor seinem Vater aller Geluebde ledig und los, und alles, so Herr Tristan haette gesagt, das haette sich wahrlich erfunden, und zehenfaeltig mehr. Also ward erst eine neue Freundschaft gemacht, und legete sich Herr Tristan naehre und freundlicher zu seiner ehelichen Frauen, denn er vormals gethan hatte, und lebeten auch freundlich und schoen mit einander.
Sie verschmerzeten auch wohl, ob die Koenigin Reu' oder Unglueck haette: der war es auch gar nicht ohne, der Schimpf hatte sie gereuet, und kam in große Klag' und Leid und erkannte, daß sie von rechten Schulden Herrn Tristans Huld verloren haette.
 
Das vier und vierzigste Kapitel

Wie die Koenigin Herr Tristanen um Huld bitten ließ, und die von ihm erlangete.

Die Koenigin hatte einen Lakeien an dem Hof, schoen und wohlgezogen, mit Namen Pyloys, dem war die Sache der Koenigin und Herrn Tristans auch nicht gar unwissend; der ward berufen und zu der Frauen gefordert. Als er zu ihr kam, sprach sie zu ihm: »Ich habe durch meinen jaehen Zorn von rechten Schulden Herr Tristans Freundschaft und Huld verloren; denn ich habe zugesehen, daß man ihm zween ungefuege Schlaege gegeben hat, und habe deß sehr gelachet. Nun bitte und begehr' ich von dir, du wollest mein Bote zu ihm sein; das will ich dir gar wohl lohnen. Sag' ihm meinen Dienst, klag' ihm dabei meinen großen Kummer, so ich nach ihm erleide; daß ich auch von seinetwegen ein haeren Hemd an meinem bloßen Leibe trage, das mir doch schwer zu thun ist: jedoch will ich's nimmer abthun, es sei denn, daß er mich das heiße, und seinen Muth gegen mich bekehre.«
 
Das fuenf und vierzigste Kapitel

Wie Pyloys zu Herr Tristanen gen Careches kam, und die Koenigin wiederum bei ihm Huld erwarb.

Pyloys nahm Urlaub von der Frauen, und hub sich Kurnewarlischen Landen. Als er schier gen Careches kam, ritt Herr Tristan im Felde beizen mit einem Sperber, der hatte wohl geflogen und gefangen nach allem seinem Willen und Gefallen. Herr Tristan sah Pyloysen von fern auf dem Wege, und gedachte: Dieser mag wohl ein Bote sein; ich will ihn fragen, wo er hin woelle? Sie kehreten beide zusammen, und kamen so nahe, daß sie einander erkannten. Da hieß Herr Tristan Pyloysen willkommen sein, und fragete zu Stund', wie sich die Koenigin gehabte? Er antwortete: »O lieber Herr, bedenket, daß sie euch will zu Buße stehen, wie ihr selber gebietet. Auch wie sie von euerentwegen ein haeren Hemd an ihrem bloßen Leibe trag', und das tragen woelle, so lang' als ihr selbst woellet. Aber das ist nicht minder: wollt ihr sie so lang meiden, so stirbt sie. Darum such' ich, Herr, euere Fueße, daß ihr schier kommt an das Ende, da meine Frau, euere Allerliebste, ist, und machet sie dieser großen Sorgen frei.« Herr Tristan sprach: »Ich will sie nicht sehen, mir moechte vielleicht geschehen, als zum naechsten geschaehe, da sie mich von ihr treiben hieß.« Pyloys sprach: »Herr, sie hat fuerwahr also groß Reuen, als ich von keinem Weib nie vernommen habe.« Herr Tristan sprach: »Ich laeugne nicht, ich war ihr ein wenig gramm. Das lass' ich nun hie sein, und will ihr wieder freundlich sein. Sag' ihr auch, daß sie das haeren Hemd hinlege, und sich forthin mit Seiden bekleide. Auch will ich sie empfahen durch Gnad' und nicht durch Recht, sondern ich will sie dein genießen lassen, daß du so ein guter Bote bist. Und alsbald ich geleistet ein Ding, das ich gelobt habe, so will ich zu ihr kommen, es sei mir gut oder schaedlich. Auch sage meiner Frauen, ich habe gelobt, daß ich sie ein Jahr vermeiden und nicht sehen wolle: so sich aber das Jahr endet, in dem Maien, so komm' ich wieder dar; das mag aber vor der Jahrzeit nicht geschehen noch sein.«
 
Das sechs und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu der Koenigin kam, und wie es ihm darnach erging.

Als der Mai kam, nahm Herr Tristan graue Kleider an sich, als ein Pilgrim, dazu Tasche und Stab, auch zween Bundschuhe, mit ihm sein Diener Kurnewal, ihm gleich gekleidet, und zogen in Kurnewaelisch Land. Als sie nun kamen zu der Burg Litany, die Herrn Thinas war, da war er nicht daheim. Als sie ihn aber nicht funden, mußten sie bedenken, was ihnen zu thun waer', und nahmen den Rath, auf die Straßen zu gehen, ob sie jemand saehen, den sie als Boten schicken koennten. Hiemit gingen sie in den Dorn, da er und Herr Caynis vor in gewesen waren. Es zog viel Volks da wieder und fuer, es war aber keiner unter ihnen, dem sich Herr Tristan eroeffnen durfte: also mußten sie diese ganze Nacht in dem Dorn behausen.
Als es nun Tag ward, da kam sein lieber Freund Herr Thinas, der ritt dorther und schlief. Herr Tristan gedachte: Ich will dich nicht wecken; du bist vielleicht hinte bei deiner Lieben gewesen, und schlafest nothduerftig. Er ging dar und nahm das Pferd bei dem Zaum, und ging eine gute Weile mit ihm, und wollte sich ehe dieser Botschaft verzeihen, ehe er ihm seinen Schlaf brechen wollte. Zuletzt erschrak das Pferd und fuhr aus dem Weg, davon der Herr erwachet', und erkannte Herr Tristanen zu Stund'. Sie wurden beide froh, und empfingen einander mit viel freundlichen Worten. Herr Tristan hub an den Herrn zu bitten und mit großem Fleiß zu begehren, ihm abermals Botschaft an die Koenigin zu werben und sprach: »Nimm hin diesen Ring, und bringe den der Koenigin zum Wahrzeichen meiner Herkunft, und sage ihr, sie solle Fleiß thun, damit sie den Koenig abermals auf die Jagd bringe gen Blankenland; da soll sie mich finden in dem Dorn, da sie mich fand, als ich naechst hie war.« Herr Thinas nahm den Ring und kehrete damit hinweg.
Als er gen Hof kam, und die Frau vermerkete die Ursache seiner Zukunft, auch den Ring sah, ward sie gar inniglichen froh. Zu Stund' bat sie den Koenig, daß er jagte zu Blankenland. Der Koenig hieß von Stund' an Jaegermeister und Jaeger, daß sie sich zur Jagd ruesteten; denn er war allezeit willig, zu thun, was die Frau begehrete: darum ritt er bald hinweg. Die Frau sprach: »Auctrat soll hie bleiben und mit mir nachreiten.« Er waer' ihr aber lieber ueber tausend Meilen gewesen. Sie war ganz listig und gescheit, und redete solches, daß man desto minder Argwohn aus der schnellen Jagd nehmen moechte.
Nun hatte sie in der Zeit, als Herr Tristan naechstmals bei ihr gewesen war, der beßten eine aus ihrer Schaar der Frauen verloren, das war die getreue Brangele; darum die Frau sehr viel Klag' und Leid hatte. Es fiel aber das Amt, so Brangele gehabt hatte, auf Gymelle von der Schitriel; und wußte die Sache nun niemand mehr an dem Hof, denn Gymelle und Peronis: die mußten auch staets bei der Koenigin sein.
 
Das sieben und vierzigste Kapitel

Wie die Koenigin zu dem Dorn kam, und Herr Tristanen zu verstehen gab, wo er zu ihr kommen sollte.

Als sie nun kamen zu der Warte bei dem Dorn, da Herr Tristan innen war, hieß sie alles Volk wegreiten, ohn' Auctrat und Gymelle, die blieben bei ihr. Die Frauen beide saßen nieder in das Gras, und der leidige Auctrat – daß ihn Gott schaende! – zu ihnen; es waere ihnen lieb oder leid, er setzte sich zu ihnen. Die Frau sollte nun Herr Tristanen zusprechen und sagen, wo er zu ihr kommen moechte: das mochte vor dem Verraether Auctrat nicht geschehen. Sie stund auf und brach der Bluemlein, so bei der Warte stunden. Indem hoerten sie die Hunde gar zumal laut laufen, und kam der Hirsch daher gelaufen, gerichts zu der Warte. Da erschrak der Frauen Pferd; da es den Hirsch sah, riß es so hart, daß es Zaum und Zuegel alles zerbrach, und lief zum Wald ein. Auctrat saß bald auf sein Pferd und eilete diesem nach, daß er es wiederfinge. Die Koenigin ging dem Dorn ein wenig naeher, und durfte doch nicht gar hinein, noch er heraus. Sie sagete mit hellen Worten, daß er's wohl hoeren mochte, wo er sie finden und zu ihr kommen sollte.
Als ihr aber vor gehoeret habet, daß der Hirsch der Warte zugelaufen kam bei dem Dorn, als er Leute darin vernahm, erschrak er, und kehret' um auf einen andern Weg. Die Jaeger haengeten ihm nach, der Koenig ritt auch hin nach. Als er sah den Hirsch scheuen bei dem Dorn, wollt' er auch sehen, was darin waere. Die Frau ersah das, und erschrak ohne maßen sehr; sie thaet laut rufen und schreien, der Hirsch waere hinweg! Sie schrie so fast und so viel, daß sich der Koenig Suchens begeben mußt'. Auch kamen die Hund' auf die rechte Fahrt, dem Hirsch nachjagend. Also verhuetete die Frau, daß Herr Tristan nicht gefangen wurde, und der Koenig dem Hirsch nachritt.
Nicht lange darnach kam Auctrat auch herwieder, und hatte das Pferd gefangen. Damit saßen sie auf und ritten hin gen Blankenland, an die Herberg' oder Feuerstatt, da Herr Tristan das naechstemal auch bei ihr gewesen war. Er vergaß auch nicht, wohin sie ihn jetzt geweiset hat, und kam an dasselbige Ende, sobald die Nacht herging. Wie gar freundlich und lieblich er von der allerschoensten und liebsten Frauen empfangen ward, und wie er dankte, da kann ich euch nicht genug davon sagen; denn sollt' ich das alles von Wort zu Wort erzaehlen, so wuerde dies Buechlein sehr gelaengen: darum lass' ich es gleich fallen. Sie heilet' ihm seine Schlaege, so er von ihrentwegen empfangen und gelitten haet, daß er forthin nicht mehr darob klagete, noch ihrer in Argem gedachte.
Des Morgens, da sie sich abermals scheiden mußten, hub sich neue Klag' und Ungemach, und schieden sich die zwei Lieben mit nassen Augen und großem Schmerzen.
Herr Tristan der ging traurig hinweg, suchete Kurnewalen seinen Diener an dem Ende, da er ihn gelassen hatte, und fand ihn nicht. Da kam er an die Feuerstatt, da das Hofgesinde lag. Als er aber die Leute ersah, wollt' er wieder umgekehret sein; da furchte er, man haette ihn gesehen: so moechte ihm sein Fliehen nicht zu nutz kommen, sondern mehr Schadens bringen. Er gedacht auch: Ich bin unkenntlich denn ich bin als ein Pilger vermummt, ich will wohl fuer sie alle gehen, daß sie mein nicht wahrnehmen. Also ging er fuer, und sah ihrer viel, deren etliche wurfen den Stein, etliche schossen den Schaft, so sprungen etliche ueber den Graben; er aber ging fuerbaß, als ob er sie nicht saehe. Da erkannte ihn ein Ritter, seiner guten Freund' einer, der stellete sich, als ob er ihn nicht kennt', und ließ ihn fuerbaß gehen. Als Herr Tristan vorbei kam, ward er inniglichen froh, und meinet', es haette ihn niemand erkennet. Aber jener Ritter ritt ihm nach, und bat ihn, daß er um seinetwillen mit ihm ginge zu der Feuerstatt und sprach: »Thue mir das zu Liebe, scheuß mit dem Schaft nur zu einem einigen mal, spring' einmal ueber den Graben, und wirf den Stein einmal: ich will dich ohn' allen Schaden von dannen bringen.« Herr Tristan wollte nicht, und sprach: »Du bittest gar thoerlich und unbedacht; ich waere auch nicht ein weiser Mann geheißen, so ich von eines solchen kleinen Preises und Ruhms wegen an die Statt ginge, da man mich vielleicht fangen und darnach toedten moechte.« Was Herr Tristan sagte, so wollte dieser Ritter nicht ablassen und sprach: »Ich bitte dich durch der Koenigin willen, bei der du oft und viel freundlich und lieblichen gelegen und geschlafen hast, daß du mich meiner Bitte gewaehrest.« Sobald er diese Worte redete, da ging er mit ihm und thaet all sein Begehren. Er ging stillschweigend dar, nahm den Schaft in seine Hand, schoß einen so ungefuegen weiten Schuß, daß ihrer keiner unter ihnen allen, so da waren, deßgleichen nie gesehen hatte, und gingen alle von Wunders wegen dar, zu sehen, also, daß ein großes Gedraenge dabei wurde. Dieweil sprang Herr Tristan ueber den Graben einen Sprung, und dem keiner hinnach mochte. An dem Sprung zerriß ihm der grauen Hosen eine, also, daß man Scharlach und Wohlbeschlagenes dadurch sah scheinen. Dennoch ging er dahin, und wurf den Stein so weit, daß ihrer keiner so weiten Wurf nie gesah. Von Unglueck fuegete sich, daß ihm auch der graue Rock zerriß, dadurch man sah scheinen gueldene Kleider. Als er das vermerkt', eilet' er bald von bannen, thaet auch seinen Hut nicht ab, ging also hinweg, ihnen allen unerkannt.
Zu Abends, als der Koenig zu ihnen kam, sagten und weiseten sie ihm, was von einem fremden Pilger da geschehen waere. Es nahm ihn groß Wunder, und gedachte in ihm selbst, Herr Tristan haette es gethan. Hierauf bat er sie alle, so bei ihm waren, daß sie ritten und gingen, und mit allem Fleiß suchten, ob sie ihn moechten finden. Sie suchten wieder und fuer, in dem Wald auf und nieder: aber Herr Tristan war wohl sicher vor ihnen. Der war schon zu seinem Diener kommen, und fuhr mit Freuden heim in sein Koenigreich, da er auch wohl und mit großen Freuden empfangen ward von seiner ehelichen Frauen, auch von dem Koenig und der Koenigin, von seinem Schwager Herrn Caynis und der ganzen Ritterschaft; denn allermaenniglich hat ihn lieb und werth.
 
Das acht und vierzigste Kapitel

Wie Herr Caynis mit der Koenigin Gardoloye in Freundschaft kam, und wie es ihm erging.

Es war ein maechtiger Koenig, nicht fern von Careches, mit Namen Nampecenis, ein mannlicher Held, der auch oft große Ritterschaft begangen haet und hohen Preis erworben, der hatte eine aus der maßen schoene Frauen, mit Namen Gardeloye, die hatte er gar inniglich lieb, auch in großer Hut, daß er eines Theils sein selbst Ehre mit solcher Hut verkraenkete: – und doch, so eine Frau nicht will, ist alle Hut umsonst. – Nampecenis gedachte Tag und Nacht darauf, wie er seine Frauen wohl verhueten und versorgen moecht', und ließ die Mauer um seine Burg zumal hoch mauren, und weite, tiefe Graeben darum machen. Auch hatte er zu allen Zeiten die Schluessel selbst und war auch selbst Pfoertner. So er ausritt auf die Jagd, oder an ander Ende, so fuehret' er die Schluessel mit ihm. Er ließ auch weder Mann noch Knaben in der Burg, nur allein Frauen und Jungfrauen. War er denn daheim, so durfte sie niemand ansehen. Also fuehrte die Frau ein strenger und gezwungener Leben, denn eine Klosterfrau. Jedoch hatte sie Herren Caynis lieb, und ihm verheißen, ehe sie Nampecenis vermaehlet ward, wenn er zu ihr kaeme, wollte sie ihn umsahen.
Herr Caynis gewann nun manchen Gedanken, wie er mit Fug zu seiner allerliebsten Frauen kommen moechte, und kehret' allen Fleiß fuer. Da saget' er es seinem Schwager Herr Tristanen, und bat ihn sehr, daß er ihm riethe. Herr Tristan sprach: »Mich beduenkt nichts besser, denn daß du deine Frauen bittest, daß sie die Schluessel abdrueck' in Wachs, und dir dasselbe Wachs herauswerfe ueber den Graben: nach demselben Wachs lass' du dir die Schluessel machen, so magst du die Burg selbst aufschließen, auch aus und ankommen, als oft dir Glueck das fueget.«
Herr Caynis ward des Raths froh, ritt kuerzlich dar, und kam, da er mit seiner Frauen ueber den Graben reden mocht', und saget' ihr von dem Wachs, auch all sein Fuernehmen. Der Frauen gefiel dieser Rath wohl, brachte das Wachs zuwegen, mit Huelf ihrer Jungfrauen drei, die auch um diesen Rath wußten und warf es Herrn Cayms ueber den Graben, daß er hoch erfreuet ward.
Als er nun heim kam, da schickte er nach einem Schmidt. Als er kam, nahm ihn Herr Tristan in Geheim, weiset' ihm das Wachs und bat ihn die Schluessel zu machen. Der Schmidt thaet lachen, und sprach: »Herr, was wollt ihr mit diesen Schluesseln thun? Wollt ihr stehlen? so helfe, noch mach' ich die Schluessel nicht.« Herr Caynis antwortet' und sprach: »Da frage du nicht nach, was wir damit thun; denn ich verspreche dir fuerwahr, machst du die Schluessel gut und gerecht, daß du deß immer genießen sollt.« Der Schmidt unterstund sich das zu thun.
 
Das neun und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristanen Botschaft kam, daß sein Vater todt waere: er sollte heimziehen, das Land einzunehmen.

Als sie nun alle die Sachen also verhandelt hatten, kam ein Bote von Johnoys, der sagete Herrn Tristanen, daß sein Vater mit Tod' abgangen und verschieden waere. Und es stuende sehr uebel in dem Reich; denn etliche Fuersten wollten mit Gewalt Koenig sein: dawider waeren etliche seiner Freund' und der mehrere Theil der Landschaft. Darum so thaet große Noth, daß er heimzoege und das Land selber einnaehme und regierte. Als aber Herr Tristan diese Botschaft, so von Johnoys kommen war, erhoeret hat, sprach er zu Kurnewalen: »Du hast mir viele Jahre fleißig und wohl gedienet: so hab' ich nun ein eigen Koenigreich, damit ich dich will belohnen, und bin froh, daß ich dich deiner getreuen Dienste belohnen mag; darum geb' ich dir mein Koenigreich Johnoys ganz zu eigen, daß du forthin gewaltiger Koenig und Herr seiest in diesem Koenigreich.« Kurnewal sprach: Herr ich nehm' das nicht; auch waere es eurer Landschaft nicht lieb, daß sie ihr Lehen von mir empfahen und mir dienen sollten: sie sollen von Recht euch dienen, als ihrem rechten Erbherrn. Wollt ihr mir dann eine Pfleg' oder ein Amt leihen und mir uebertragen, will ich's selber aufnehmen: aber der Kron' und des Reichs will ich nicht. Und so ihr euere Sach' also schicket, und euer Koenigreich nach Nothdurft versehet, wollt ihr dann, so sendet nach meiner Frauen, euerem Gemahel, und wartet euers Koenigreichs selbst.« Herr Tristanen gefiel dieser Rath wohl, und schickete sich, zu Lande zu fahren. Doch war es ihm schwer, daß er hinweg ziehen sollte, und die Koenigin nicht vorhin sehen.« Kurnewal verwilligte dazu, denn er seines Herrn Bitte und Gebot nie verachtete. Herr Tristan sagete sein Dannenkehren Herr Caynis seinem Schwager und bat ihn mit Fleiß darob zu sein, daß seine Ritterschaft und Diener sich dieweil schickten und auf das herrlichste bereiteten, mit ihm zu Lande zu fahren.
Hiemit huben sich die zween, Herr Tristan und Kurnewal, aus dem Land und bekleideten sich als zween Landfahrer und Spielleut', in kurze graue Roeck' und kurze rothe Kappen, den waren die Zotten von gelbem Fritschal. (Dies ist ein besonder gut Tuch, das nur maechtige Herrn tragen.) Sie eileten bald hinweg, und ließen sich nicht gern auf der Straßen finden. Sie kamen mit großer Eile gen Litany, und funden Herr Thinas anheim. Er ward zumal froh, entbot der Koenigin, daß er abermals kommen waere, sie zu sehen und mit ihr zu reden: das sollte geschehen in dem Baumgarten bei der Linden, darauf der Koenig einmal gespaehet hatte. Herr Thinas ritt hinweg, und sagete der Koenigin die Botschaft, deren sie hoch erfreuet ward.
Als die Nacht kam, kam auch Herr Tristan an die bezielte Statt; die Koenigin ging zu ihm und empfing ihn mit freundlichen Worten und lieblichem Umfahen. Sie blieben diese Nacht bei einander in kurzer Ergetzlichkeit und schnellem Abschied, der abermals von ihnen mit großem Leid und Traurigkeit geschah; denn es war ihnen gar viel zu fruehe, und mußte doch sein. Die Koenigin befahl ihm Gott in seine Hut, und ging mit betruebtem Herzen wieder in ihre Schlafkammer.
 
Das funfzigste Kapitel

Wie Auctrat Herr Tristanen nachjaget', und wie Tristan davon kam.

Als Herr Tristan wieder zu seinem Diener kam, eileten sie auch von dannen, und kamen so fern, daß sie meineten, sie waren sicher, daß ihnen niemand nachjagete: da sendete der boese Geist seinen Diener Auctrat dar. Da er Herr Tristanen sah, begunt er zuhand eilen und jagen, als stark er mochte. Herr Tristan haet keine Wehr bei sich, und mußte fliehen, wie ungern er das thaet. Auctrat aber jagete seinem Vetter nach mit Schwert und Spieß, so kraeftiglich, daß Herr Tristan gar kaum entfloh; und kam an ein kleines Wasser, es war aber gar schnell und tief, er fand ein Schifflein bei dem Gestade, darein lief er und Kurnewal. Sie stießen vom Land, wie sie mochten, denn sie hatten weder Ruder, noch Schalter. Auctrat ritt schnell nach, gedacht' in allewege, wie er ihn fangen und erschlagen moecht', und kommt' ihm doch nicht auf dem Wasser zukommen: da nahm er sein Spieß, vermeint', er wollte Herren Tristanen damit durchschießen, und schoß ihm den mit ganzen seinen Kraeften gar neidlichen zu; aber er verfehlete des kuehnen Helden und schoß in das Schifflein, daß der Schaft in zwei Stuecke zerbrach. Sie nahmen die Stuecke, schifften damit ueber das Wasser, und kam ihnen so zu großem Glueck, das ihnen zu dem Tod gemeinet war, und fuhren ohn' alle Irrung, da sie sicher waren.
Da aber der leidige Auctrat das sah, daß er nichts mehr schaffen mochte, ward er gar zornig, und schickete bald hin zu dem Koenig, hieß ihm sagen, Herr Tristan waere im Lande, haette die Koenigin gesehen und ihn betrogen; auch wie er ihn angetroffen haette, und er ihm entflohen und davon kommen waere. Als der Koenig das hoerete, macht' er sich auf mit allem Volk, so er haet, und eilete nach, zu suchen, ob man ihn irgends finden moechte. Er gebot allen Suchenden, als lieb ihnen Leib und Leben waere, daß sie suchten auf allen Straßen, auch nicht dannen kaemen, bis Tristan gefangen oder erschlagen waere. Er sucht' auch desselben Tages selbst, und gebot Herrn Thinas, der Hut selber zu pflegen bei seiner Burg Litany: der thaet das ganz gern und mit gutem Fleiß, denn er gedachte wohl, Herr Tristan wuerde ihn abermals daheim suchen. Er ritt gar allein auf die Straßen vor der Burg, und fand allda Herren Tristanen, der war ueber Berg und Thal gelaufen, bis daß er zu der Burg kam. Herr Thinas thaet seiner Treue gnug, fing ihn und fuehret' ihn mit sich in seine Burg, und befahl ihn seiner Frauen, gebot ihr bei ihrem Leben, daß sie ihn in solcher Geheim hielte, daß sein niemand gewahr wuerde, daß sie auch sein mit Fleiß selbst pflaege, deßgleichen seinen Diener mit ihm.
Dieweil aber Herr Tristan also verborgen lag, war die Koenigin in großen, aengstlichen Sorgen; denn es ward ihr Herrn Tristans Nachjagen und sein Entkommen von Wort zu Wort gesagt. Da aber alles Volk gemeinlichen suchen thaet, hatte sie keine Hoffnung seines Entkommens, sondern furchte, er wuerde gefangen und von ihrentwegen sterben. Dieweil sie also saß ueberladen und vertieft in der großen, herzlichen Klage, kamen zween unbekannte Landfahrer zu ihrer Kammer, die hatten verspielet, was sie um und an hatten gehabt; darum gingen sie zu der Frauen, sie um etwas zu bitten. Da die Frau sah ihre große Noth und Armut, gedachte sie, Herrn Tristanen listiglichen mit diesen Knechten aus seinen Noethen zu helfen. Die Beiden sagten, sie waeren zween Landfahrer und haetten sich also verspielet; der eine hieße Haupt, der andere Blat, und kaemen erst des Tags in diese Stadt. Die Koenigin sprach: »Liebe Gesellen, duerft' ich mich an euch lassen, meinen Willen zu thun, deß ich euch gar freundlich bitte, und wohl belohnen will, also, daß ihr wohl von Armut gefreiet werdet?« Die zween gelobten ihr die Sache getreulichen auszurichten. Die Frau sprach: »Liebe Gesellen, ich will euch Kleider geben und Kappen, die ziehet an, und gehet gleich, als ob ihr aus dem Land wollet; denn die Kleider und Kappen sind gleich, wie die, so Herr Tristan antraegt: darum, kaemen sie euch zu, so lasset euch fahen, und bestehet kraeftiglich darauf, Herr Tristan sei euer Herr, und hab' euch geschickt in's Koenigreich Johnoys: denn sein Vater sei ihm mit Tod' abgangen, und seine Freunde haben Irrung um das Koenigreich; nun sei er selbst noch zu Careches, er werde aber kuerzlich mit drei tausend Helmen hernach kommen. Saget auch ihnen dabei, wie euch Leib und Leben hie im Land gar nahe genommen waere, durch solche Geschichte, wie es zuvor Herr Tristanen geschehen.« Das sagte sie ihnen alles eigentlich, und hieß sie, das wahrlich sagen in aller Form, als ob es ihnen geschehen waere. Sie benannt' ihnen auch die Zeit, als es geschehen war, auch das Wasser, und alle andere Artikel Fliehens und Entkommens; und sprach: »Saget auch, wie ihr seid mit Flucht in dem Lande gangen, bis man euch gefangen habe. Ob es aber kaeme, daß man euer jeden besonders fragen thaete, so bestehet festiglich auf einer Rede, und lasset euch weder mit Draeuen, noch mit nichten dazu bringen, daß ihr mit Worten wanket, anders, denn wie ich gesaget habe: wuerdet ihr aber mit Worten faellig, also, daß einer nicht saget', als der andere, so mueßtet ihr gewißlich sterben; darum haltet meine Rede, und helfet mir und euch selber.« Hiemit gab sie ihnen Kleider und Kappen und schickete sie hinweg.
Sie gingen nicht lange, sie wurden gefangen, und Auctrat fuehrete sie gen Hof, und fragete sie nach aller Nothdurft. Sie sagten offenbar, als sie die Koenigin zuvor haet heißen sagen. Auctrat, der Fuerst aller Bosheit, fragete jeden besonders, mochte aber nicht anders aus ihnen bringen; da ließ er sie ledig, und ging zu dem Koenig, und sprach zu ihm: »Die zween Gesellen haben wahr und recht gesaget; denn die, so ich jagete, trugen auch solche Kleider und Kappen, und darum, daß sie so behendiglich und schnelliglichen flohen, meinet' ich, es waere Herr Tristan.«
Da der Koenig das hoerete, schaffet' er die Hut wiederum ab; denn er haet alle Wege verhueten lassen; und ließ die guten Gesellen gehen, wo sie wollten. Herr Thinas ritt auch heim, und half Herr Tristanen wiederum aus dem Lande. Aber die zween Gesellen, Haupt und Blat, kamen heimlich zu der Koenigin und sagten ihr diese Geschichte; darum empfingen sie große Gaben, als sie ihnen versprochen haet, und schieden damit vom Lande.
 
Das ein und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan gen Johnoys zog, sein Reich einzunehmen, und dieweil Graf Riolin das Land Careches abermals graeulich verwuestete.

Als aber Herr Tristan gen Careches kam, nahm er zu ihm dreitausend Mann und fuhr damit in seine eigene Landschaft; da entbot man ihm große Ehre. Da richtet' er allen Krieg und Unfrieden, auch was Ungebuehrliches in seinem Land war, das ward alles ausgereutet. Er blieb bei ihnen mehr, denn zwei Jahre. Darnach nahm er den Rath, wieder zu seinem Schwaeher zu ziehen, und befahl Kurnewalen die Kron', auch Land und Leut'; er befahl auch allermaenniglich, daß sie Kurnewalen unterthan waeren, als ihrem rechten Erbherrn. Hiemit belohnt' er ihn seiner getreuen Dienste. Kurnewal thaet dies ungern, doch nahm er das mit großer Dankbarkeit von seinem Herren auf. Der nahm Urlaub von seinem Volk, und fuhr wieder gen Careches.
In dieser Zeit war ihm sein Schwaeher und Schwieger gestorben, und hatte Herr Caynis viel Kriegs; denn Graf Riolin hatte ihn abermals ueberzogen, und großen Schaden gethan. Herr Caynis wurde aus der maßen froh, da Herr Tristan kam; deßgleichen sein Gemahl. Da er erhoerete, daß Herr Caynis so großen Schaden an Land und Leuten genommen haette, schrieb er aus um Huelf', als weit das Land war: da kam mancher stolzer Mann. Mit diesen ruestet' er sich zum Streit; und ward Graf Riolin abermals bezwungen. Er und all' seine Freunde, die mußten alle Schuld bezahlen, und haertiglich bueßen, was sie Herrn Caynis je fuer Schaden gethan hatten. Herr Tristan thaet großen Schaden in Graf Riolins Land mit Brennen und Stuermen.
 
Das zwei und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan einen Thurn stuermet', und mit einem Stein vom Thurn schier zu Tode geworfen ward.

Nachdem Graf Riolin bezwungen und das Land wieder eingenommen ward, war ihnen noch eine einige Stadt widerstanden. Zu derselben kehrten sie sich, und gewannen sie mit großer Gewalt, bis an einen einigen Thurn, den wollten sie nicht aufgeben. Herr Tristan ward sehr erzuernet, und ging mit Gewalt an den Thurn zu stuermen. Er troestete sich aber zu viel seiner Kuehnheit, und stuermte baarhaupt, und haet den Helm von ihm gethan: er ward geworfen mit einem Stein, daß man ihn fuer todt dannen trug. Herr Caynis ward deß sehr betruebt und dadurch in grimmigen Zorn bewegt, gewann den Thurn mit Gewalt; er erhaengt' und ertoedtet auch alles, was er lebendig darinnen fand, und mußten den Wurf, den sie thaten, mit dem Tod bezahlen. Herr Tristan aber lag allda ohn' alle Macht, unredend und unhoerend. Er ward nun heimgefuehrt mit großem Jammer und Klagen, und meinete niemand, daß er genesen moechte. Herr Caynis klagete sehr, er weinete mit Herzen und Augen, und sprach: »Soll er dieser Wunden, so er von meinetwegen empfangen hat, sterben, so ueberwinde ich den Tag nimmermehr.« Also redeten auch alle seine Mann, Ritter und Knecht, auch jedermann. Herr Caynis schickte zu Stund' um Aerzte, die ihn verbunden und heileten; jedoch war er wohl mehr, als ein Jahr, daß er unvermoegend und staetiglich ungesund war.
Als er aber ward, daß er wieder reiten mochte, ritt er eines Tags beizen, und nahm einen Knaben mit ihm; den hat er bracht aus seinem Land Johnoys, der war ihm gefreundet. Herr Tristan hat seiner Schoene gar viel verloren, und wer ihn vor gekennet haet, dem war er unbekannt worden. Als er also ritt, kam er zu der See, darauf man in Kurnewaelisch Land faehret; dagegen kehrt' er sich, und sprach jaehlingen bei ihm selbst: »O weh, liebe Koenigin, soll ich dich nimmermehr ersehen?« Er antwortet' ihm selbst: »Ach nein! wie koennte das immer geschehen.« Der Knabe sprach: »Vetter, du magst sie nicht so wohl nach deinem Willen gesehen haben, du mußt sie nun noch besser sehen.« Herr Tristan fragete: »Wie?« Der Knab' antwortete: »Du bist anders geschaffen, als du vormals gewesen bist; auch ist dir dein Haar abgeschoren, und wer dich erkennet hat, dem bist du unerkannt, du werdest ihm denn genennet. Darum leg' an eine Narrenkappen, und stelle dich als ein Narr, so kommst du mit deiner Listigkeit wohl zu ihr; auch meinen die Hueter nicht anders, denn du seiest ein rechter, natuerlicher Narr, und haben kein Aufmerkens auf dich.« Herr Tristan thaet sehr lachen; er kuessete den Knaben vor Freuden, und sprach: »Nun muß dir Gott lohnen, lieber Vetter, deines getreuen Raths, und ich will dir immer darum hold sein. Mir zweifelt auch nicht, es werde noch ein sehr geschickter Mann aus dir werden, dieweil jetzt so viel Verstandes in dir ist.«
Er ritt heim, ließ sich heimlich eine Narrenkutte machen mit einer Kappen, hub sich allein hinweg, und trug eine große Kolbe mit sich, fuer seinen Geleitsmann.
 
Das drei und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan sich zu einem Narren verstellet' und zu der Koenigin gefuehret ward.

Als nun Herr Tristan das Narrenkleid angezogen hatte, kam er zu der See, und ging wieder und fuer, gleich wie ein rechter Narr. Das trieb er so lange, bis ein Kaufmann zu ihm kam, der war von Thintariol, der vermeinete nicht anders, denn er waere ein Narr. Er fing ihn, und vermaß sich, er wollt' ihn der Koenigin bringen. Dies hoerete Herr Tristan gern und ward froh. Hiemit gingen sie in ein Schiff. Herr Tristan stellete sich so naerrisch, davon sie alle oft lachen thaeten, und sagten gemeinlich, sie haetten nie so guten Narren gesehen. Nun gaben sie ihm in dem Schiff Kaese, Brot und anderes, so sie bei sich hatten. Herr Tristan hatte seiner Lieben nicht vergessen: er nahm den Kaese, den er selbst essen sollte, behielt den heimlichen in seine Kappen, und vermaß sich den seiner Frauen zu bringen. Als sie gen Thintariol kamen, da ritt Koenig Marchs spazieren bei der See; die Kaufleute gingen zu ihm dar, schenkten ihm den Narren, und wurden darum zollfrei gelassen.
Dieser Narr stellete sich so gar thoerlich mit Reden und Gebaerden, daß niemand anders verstehen konnte, denn er waere ein natuerlicher Narr; er gefiel ihnen allen zumal wohl. Die Herren und auch andere Gesellen trieben ihn sehr um; das vertrug er guetlich und viel. Auctrat wollte auch sein Narrenspiel mit ihm getrieben haben, das wollte aber der Narr von ihm nicht leiden, und gedacht' an die alte Schuld, daß er ihm so viel zu leide gethan haette, und schlug ihm gar neidlich zu, in Meinung, daß er ihn wollte zu Tode schlagen. Aber Auctrat war behender, und floh mit schneller Eile; er kam kaum davon; aber nichts desto minder war ihm Fliehen nuetzer, denn das ganze Kaiserthum; denn er mueßt' ohne Zweifel todt sein, deß haette ihm kein Mensch helfen moegen.
Der Koenig ritt gen Hof und fuehrete den Narren mit ihm; der ging eines Ganges zu der Koenigin, die empfing ihn, als man Narren empfangen soll. Er stund vor sie: sie sollt' ihn kuessen. Die Frau hatte keinen Gefallen noch Lust dazu; denn sie erkennet' ihn nicht, wußte auch nicht, wer er war. Wiewohl er vor ihr stund, als ein Narr, so sah er sie gar lieblich und freundlich an. Dies vermerkete der Koenig, und sprach: »Wie? du Narr, lass' dies anstehen: sollt du Frauen so lieblich ansehen?« Der Narr antwortete: »Ich muß sie wohl ansehen.« Der Koenig sprach: »Deß muß ich auch ein Wissen haben, warum du sie ansehen mußt.« Er sprach: »Das will ich dir sagen: um daß sie von Recht mir hulden muß und Freundschaft tragen soll, und ich weiß, daß ich ihr lieb bin.« Da sprach der Koenig: »Ei, hoer' auf du Narr, du spottest.« Er sprach: »Nein, fuerwahr, ich spotte nicht.« Der Koenig sprach: »So leugest du aber.« Er antwortet': »Ich leuge nicht.« Der Koenig sprach: »Fuerwahr, du leugest.« Der Narr sprach: »Ich leuge nicht: es wird auch schier dazu kommen, daß ich bei ihr schlafe.« Er sprach: »Bei wem?« Der Narr antwortete: »Bei deiner Frauen; ja, bei deinem Weib, wie es dir halt gefalle.« Da sprach der Koenig: »Schweig' du Narr, lass'solche Rede, und sage von anderm.« Er antwortet': »Ich mag nicht schweigen, und kann auch nicht luegen.« Der Koenig sprach: »Laessest du doch jetzt Luegen hoeren.« Er antwortet': »Ich leuge nicht, und was ich rede, das ist wahr.« Der Koenig sprach: »Sie hat vor dir guten Frieden, und mag deiner Liebe wohl entrathen.« Der Narr antwortet': »Ich weiß es nicht, ob sie vor mir Frieden hat, oder nicht; aber das weiß ich wohl, daß ich ihr lieb bin, als ihr eigener Leib.« Da sprach der Koenig: »Hoere auf, Narr? wie moechte das sein, daß eine so wunderschoene Frau ihr Gemueth an einen Narren kehrete?« Er sprach: »Ich bin kein Narr, ich bin ein guter Ritter, und habe viel um ihretwillen gethan.« Der Koenig sprach: »So sage an, du Narr, was du gethan hast.« Er antwortete: »Da habe ich um ihretwillen große Arbeit bestanden, mir ist auch oft lieb und leid um ihretwillen geschehen: denn, so ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich durch sie ein Narr; man zeucht mich bei den Ohren und bei der Kappen hin und wieder: das leide ich alles guetlichen, allein um ihretwillen. Sie ist mir auch lieb vor aller Welt: dies rede ich stille und ueberlaut, wie es dir halt gefalle. Ob sie es aber nicht glauben will, so goenne ich doch niemand so viel Gutes, als ihr.«
Mit diesen Worten sprang er vor ihr auf den Teppich, setzete sich darauf, und sprach: »Nun will ich lassen sehen, ob es also sei, wie ich gesagt habe, und ob ich mir mit allen meinen Sinnen meiner Treuen bedacht, daß ich ihr so fern ueber See dieses Dinglein gebracht habe.« Hiemit zog er den Kaes' aus seiner Kappen, und sprach: »Nehmet hin, liebe Frau, dieses Ding, so ich euch gebracht habe; und sage euch in rechten Treuen, waehret ihr mir nicht so lieb, ich haett' euch dies Ding nicht gebracht.« Da thaeten sie alle lachen, und sagten, sie haetten nie so guten Narren gehabt. Also beschloß er alle seine vor geredeten Worte ganz naerrisch an dem Ende, und brachte sie alle auf den Wahn, daß sie geschworen haetten, er waere ein rechter natuerlicher und geborner Narr.
 
Das vier und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan sich der Koenigin zu erkennen gab, und wie es ihm da weiter erging.

Als nun der Koenig ausging von den Frauen, da ließ er den Narren bei ihnen. Der fing seine Sache an mit so schimpflichen Dingen, daß ihn die Frauen auch nicht austrieben; er blieb auch selbst gern da, denn er war darum darkommen. Er nahm den Kaes' und zerbrockete den in seinen Schooß, den er vor wohl sieben Nacht in feiner Kappen gehalten hatte, und bat Frau Isalden, sie sollte mit ihm essen. Wie oft er sie bat, so war es doch alles umsonst. Er nahm den zerbrockten Kaes' und bot ihn der Koenigin zu dem Mund: da schlug sie ihm einen sanften Schlag zu einem Ohr. Da sprach er: »Frau, ihr schlagt mich viel zu hart; aber wueßtet ihr, wer ich waer', ihr schlueget mich nicht so sehr: ist euch anders Tristan lieb, so schlagt mich nicht mehr.« Als die Frau das hoerte, fragte sie zu Stunde, was er von Herr Tristanen wueßte? Der Narr antwortete mit Listen und sagt' ihr heimlich der Dinge viel, so ihnen beiden geschehen war. Auch ließ er sie den Ring sehen, den sie ihm gegeben haet, und saget' ihr, daß er selbst Tristan waere. Deß ward sie inniglichen froh, und erkannt' ihn zu Stund'. Sie nahm ihn in ihre Pfleg', und hieß ihm unter einer Treppen oder Stiegen in ihrer Kammer betten. Deß war Herr Tristan froh. Bei dem Tage war er ein Narr, aber zu Nachts versann er sich wohl, und ließ ihm wohl sein; denn er mochte mit der Koenigin sein, wie und als oft er wollte; schuf also mit solcher Listigkeit, da niemand Merkens noch Aufsehens hatte.
Dies waehret' also drei Wochen an einander: da wollt' es sich nicht laenger helfen lassen, und es wurden sein zween Kaemmerer gewahr, daß der Narr bei der Frauen lag. Die gingen hin und sagten es dreien ihren Gesellen, und baten sie mit allem Fleiß, daß sie ihnen sollten helfen, damit der Narr gefangen wuerde. Der Koenig war diesmals nicht anheim. Als es nun spat ward, gingen die fuenf mit einander zur Frauen Kammer; einen ließen sie bei der Frauen Betten stehen, zween stunden bei der Thuer und verbargen sich, daß man sie nicht sah, auf Meinung, daß sie den kuehnen Helden moechten sahen und schlagen nach ihrem Sinn. Herr Tristan ersah hie diese Hut; dennoch wollte er weder durch Furcht noch Draeuen seine Frau nicht vermeiden, sondern nahm seine Kolbe mit ihm, und ging zu der Frauen: denn er hatte sie vor aller Welt inniglichen lieb. Er sprach ihr gar freundlichen und lieblichen zu, und kuessete sie begierlichen in inniglicher Liebe an ihren Mund. Die Hueter verzagten ganz nahe, und durften ihn vor großen Sorgen nicht anruehren. Darnach sprach Herr Tristan oeffentlich: »Frau, wir muessen uns scheiden, daß ist unser beßter Nutz, denn ich bin hie verspaehet. Und bitte euch, meine allerliebste Frau und einiges Lieb, ihr woellet mir staet bleiben; desgleichen will ich euch immer sein. Wenn meine Boten zu euch kommen und euch diesen Ring weisen oder zeigen, in meiner Meinung und Gestalt, so thut heimlich, was ich euch bitten lasse. Gott muesse die verlassen und schaenden, die uns so frueh scheiden.« Die Koenigin sprach aus sehnlichem und sehr betruebtem Herzen zu Herr Tristanen dem weichen und kuehnen Held: »Ja, der Teufel habe sie ihm ewiglich, die unser Beiwesen so oft zerstoeren.« Sie verhieß ihm seine Bitte zu vollbringen, und thaet inniglichen weinen. Sie schieden sich mit großer herzlicher Klage, mit viel klaeglichen und freundlichen Worten und Gebaerden.
Also ging er hinweg, und trug seine Kolbe hoch empor, als ob er sie alle erschlagen wollte. Erst verzagten die Hueter, und vermeineten nimmer lebendig von ihm zu kommen; sie schwiegen alle still, und durfte sich ihrer keiner regen noch melden, und ließen ihn mit gutem Frieden hinweg gehen. Als er nun fern vorbei kam, sprungen zween aus der Thuer und sprachen zu einander: »Wie ist uns nur geschehen, daß er uns entgangen ist, ungeschlagen und ungefangen? Wir moegen uns dies Laster billig schaemen.« Sie wurden unzufrieden, und legete je einer die Schuld auf den andern. Einer sprach: »Haettest du ihn zuerst angegriffen, so waeren wir dir zu Huelfe kommen.« Der andere sprach: »Also haette ich auch gethan.« Doch vereinigten sie sich, und gereuete sie, daß sie nicht haetten Hand angeleget. Sie gingen ihm wieder nach, und vermeineten, große Kuehnheit an ihm zu begehen. Als sie ihn aber ansahen, bedaucht' er sie so grausam zu sein, daß sie ihn abermals gehen ließen, und durften ihm nicht nahen. Also gingen sie wieder davon, und duerft' ihrer keiner sagen noch anzeigen, was da geschehen war.
Herr Tristan in seiner Narrenkappen kam auch mit gutem Frieden wieder heim in sein Land.
 
Das fuenf und funfzigste Kapitel

Wie Herr Caynis zu der Koenigin Gardeloye kam, darum er erschlagen ward.

Ihr habt vor wohl vernommen, wie Herr Caynis und Gardeloye, Nampecenis Ehegemahl, auch ein besonder groß Gefallen und Liebe zu einander hatten; derselben Liebe in Herr Tristans Abwesen, nach ihrem fuergenommenen Willen, nicht genug geschehen war; denn er koennt' und mochte das nicht zuwegen bringen. Deß ward er sehr betruebet.
Eines Tags war es gar heiter und schoen, da ritt Nampecenis auf eine Jagd. Deß ward Caynis gewahr, der nahm mit ihm seinen Gesellen Herr Tristan, und ritten sie zu der schoenen Gardeloye. Als sie zu der Burg kamen, entschloß Herr Caynis die Thore selbst; denn er hatte die Schluessel, die nach dem Wachs gerecht gemacht waren. Von Unglueck fuegete sich, da sie ueber die Bruecken ritten, daß der Wind Herren Caynis seinen Huth in den Graben warf: derselbige Huth war von Rosen auf das allerschoeneste gemachet. Herr Tristan fuehrt' einen von Violen, den verwahret' er, daß ihm der Wind nicht schaden thaet. Als sie in die Burg kamen, wurden sie beide von den Frauen sehr wohl empfangen, aber ihres Bleibens mochte nicht lange da sein: darum ging Gardeloye mit Herr Caynis in ihre Kammer, und nahmen und gaben, deß sie lange Zeit entbehret und gemangelt hatten. Dieweil saß Herr Tristan bei den andern Frauen, schoß durch Kurzweile mit einem Reis in eine Wand, und schoß also ein Reis in das andere. Dasselbige Schießen konnte zu derselben Zeit niemand, denn er. Aber das kam ihm desselbigen Tages zu großem Unheil, denn es wurde der Reiser leider in der Wand vergessen, und wurden nicht wieder ausgezogen: das geschah ungefaehrlich, aus Vergessenheit.
Als aber Herr Caynis von seiner Frauen hatte, was er haben wollte, schieden sie ab, wider ihrer beider Willen, denn ihre Begierden waren nicht ersaettiget, sondern sie hatten einander nur guten Willen beweiset: aber die große Sorg' und Noth, die sie hatten, wollt' ihnen nicht vergoennen, laenger bei einander zu sein, sondern sie schieden sich mit großer Klage.
Sie nahmen Urlaub, und ritten hinweg, und schlossen die Thore alle wieder zu. Nun mußten sie durch einen Wald reiten, der war nicht lang: da lief ein Reh vor ihnen ueber die Straße, dem renneten sie nach, und vermeineten es zu sahen. Von Unglueck geschah, daß sie es nicht ereilen mochten: nun wollten sie auch nicht ablassen, sie fingen es denn. Also jagten sie so lange, bis ihnen die Pferde, und auch sie selbst erlagen, und dennoch das unselige Reh nicht fingen.
Nampecenis ritt wieder heim zu Haus, und entschloß die Burg, auf der seine Fraue Tag und Nacht gefangen war. Als er ueber die Bruecken ritt, sah er den Hut in dem Graben, deß verwundert' er sich zumal sehr, und gedachte: Was ist dies Ding? Er ging in die Burg, zu sehen, was die Frauen thaeten. Als er in das Frauenzimmer kam, sah er das Reis stecken: allererst erhub sich der Frauen Ungemach; denn er wußte wohl, daß niemand dies Schießen konnte, denn Herr Tristan. Er wußte auch, daß seine Frau Herrn Caynis so lieb hatte, wo sie Statt und Zeit dazu haben moechte, daß sie ihm zu Willen wuerde. Darum gedacht' er zu Stund', Herr Caynis haette seine Frau daheim besucht. Hiemit ging er zu der Frauen und sprach: »Gardeloye, hie ist gewesen Herr Tristan und Caynis!« Zog damit sein Schwert aus, und sprach: »Bei meinen Treuen, du sollt den Tod gewiß haben, wo du mir nicht die Wahrheit sagest! Darum sage bald, ob Caynis mit ihm gewesen ist: denn ich weiß, daß Herr Tristan hie gewesen ist.« Ach wehe! das weiblich Herz und Gemueth verzagete ganz, und bekennete: ja, er waere da gewesen. Nampecenis sprach: »So sage an, was thaet er hie?« Die Frau antwortet': »Er kuessete mich.« Nampecenis sprach: »Du sagest nicht recht: es ist sonst mehr geschehen.« Die Frau antwortete: »Nein Herr, es ist nichts mehr geschehen.« Er sprach: »Fuerwahr, du sagest unwahr, und mußt auch darum sterben.« Die Frau sprach: »Ach, lieber Herr, ihr saget leider wahr.« Er sprach: »Lass' hoeren, wie das kam, und wie er herein sei kommen?« Die Frau sprach: »Wie er herein sei kommen, das weiß ich nicht: aber mich leget' er auf den Teppich, und schlief mit mir. Es geschah aber solches ohne meinen Dank.«
 
Das sechs und funfzigste Kapitel

Wie Herr Caynis von dem Nampecenis erschlagen ward und Herr Tristan bis in den Tod verwundet.

Da Nampecenis solches von seiner Frauen hoerete, ward er ohne maßen sehr zornig, sprang bald wieder auf sein Pferd, und mit ihm hundert seiner Maenner, die nahmen mit ihnen Helm, Schild, Spieß und Schwerter, und eileten den Helden nach, in Meinung, seine Schmachheit und Laster zu raechen, so ihm von ihnen geschehen war.
Herr Tristan hoerete wohl, daß man ihnen nachjaget', und sprach: »Ich hoere, daß wir bestanden werden: wie wollen wir das anfahen, daß wir unser Leben erretten? Denn ich hoere an dem Hufschlag, daß ihrer viel sind. Wir moegen nicht entfliehen: die Pferde sind uns vorhin erlegen und gar untuechtig; so moegen wir ihnen nicht gleich fechten. Doch wollen wir uns wehren, dieweil wir moegen.«
Indem kam Nampecenis mit hundert Mannen an diese zween Helden. Sie bestunden einander mit sehr großem Neid, und schlugen so fast auf Herrn Caynis, bis sie ihn todt schlugen. Er schlug ihrer dreißig mit seiner eigenen Hand, ehe er sein Ende nahm. Herr Tristan wehrete sich auch mannlich, er schlug ihrer bei siebenzig wund und todt; er ward auch selbst hart verwundet. Nampecenis ritt ihm zu und schoß ihn mit einem vergifteten Speer, daß er ihn vor todt liegen ließ. Als er nun seinen Zorn an dem gerochen hatte, und sah, daß er solcher theurer und mannlicher Helden zween erschlagen hatte, haett' er seinen Schaden gern verschmerzet und gut lassen sein, so sie beide noch im Leben waeren. Auch geschah ihm groß Leid an seinen Mannen, die ihm erschlagen waren. Er stund mit gewundenen Haenden und sprach: »Ich habe meinen Zorn an denen gerochen, in maß, daß ich das nimmer verschmerzen mag; denn ich muß noch selbst darum sterben: ihrer beider Freunde lassen mich deß nicht genießen, wiewohl ich sein an meinen Leuten sehr entgolten habe.« Also ritt er leidig und traurig dannen.
Diese leidigen Maehre kamen gen Careches: da war großer Jammer und Klag' in der ganzen Stadt. Als Herr Tristans Frau diese Geschicht' und großen, unwendlichen Schaden vernahm, thaet sie aus der maßen leidig und gar herzlich weinen: auch nicht unbillig; denn sie verlor da ihre naechsten und beßten Freunde.
Sie ließ die Herren beide hohlen mit großem Jammer und Klagen. Als nun die Herren gebracht wurden, ward Herr Caynis zu der Erde bestattet, mit koeniglicher Wuerdigkeit, auch in solcher Reu' und Klage, daß es unsaeglich.
Herrn Tristan wurden Aerzte gehohlet, die ihn sollten verbinden: aber wie viel ihrer waren, so waren sie ihm doch alle unnuetz und konnten nichts zu seinen Wunden. Es war auch niemand im Lande zur selbigen Zeit, der zu solchen Wunden etwas konnte, denn nur die schoene Isalde, Koenig Marchsen Frau, die ihm auch vormals seinen Leib von vergifteten Wunden geheilet hatte.
Herr Tristan war deß noch wohl eingedenk, und schickte nach einem Wirth, der war in der Stadt, und war mit ihm von Thintariol darkommen. Als er zu ihm kam, bat er ihn fleißig, daß er sein Bote sein wollte zu der Koenigin. Dieser verwilligte dazu und wollt' es thun. Herr Tristan entbot der Koenigin alles Liebes und Gutes, ließ sie mit großer Bitte bitten, daß sie eingedenk sein wollt' aller Dinge, so er um ihrentwillen gethan haette, auch als er sie gebeten haette in seinem naechsten Abschied: wollte auch bedenken rechte, wahre Lieb', und nicht ansehen Draeuen oder Furcht, sondern ihm zu Huelf', um seiner Liebe willen, zu ihm gen Careches kommen. Er gab ihm auch einen gueldenen Ring, den die Koenigin ihm gegeben haet, und sprach: »Bring' ihr diesen Ring zum Wahrzeichen, daß sie dabei erkenn' und sehe meinen großen Ernst und strenge Noth. Ach, lieber Wirth, thu' Fleiß in diesen Dingen, und habe keinen Zweifel, ich will dir deine Muehe wohl belohnen. Ist es Sache, daß meine Fraue mit dir kommt, so fuehre ein weißes Segel; kommt sie aber nicht, so fuehre ein schwarzes Segel. Dies Wahrzeichen und auch deine Wiederkunft sollt du deiner Tochter sagen, daß sie bei der See taeglichen warten thu', und so sie dich sehe herfahren, daß sie mir zu Stund' sage, wie das Segel gestalt sei; daß sie auch sonst niemand nichts davon sage, auch nicht, was ihr Geschaeft bei der See sei.«
Der Wirth vermerkete dies alles eben, nahm Urlaub von dem Herrn, und ging heim in sein Haus, schickete sich zu Stund' auf die Fahrt, und sagte seiner Tochter, als ihm befohlen war, bat sie, daß sie ihr das ließe befohlen sein, und schied damit hinweg, und eilete, so beßt er mochte, daß er nur bald wiederkaeme.
Als er gen Thintariol kam, hatte er weder Ruhe noch Rast, bis er zu der Koenigin kam: da saget' er ihr heimlich die Botschaft, und weiset' ihr auch den Ring, der allerwegen ihr Wahrzeichen war.
 
Das sieben und funfzigste Kapitel

Wie die Koenigin eilend gen Careches fuhr; doch ehe sie dahin kam, war Herr Tristan schon todt.

Als die Koenigin den Ring sah, und hoerete, wie es um Herr Tristanen stund, nahm sie keinen laengern Verzug, sondern verließ ihren Gemahl, Land, Leut' und Gut und alles, das sie hatte, nahm allein zu ihr, was zur Arzenei gehoeret', und fuhr heimlich und eilend mit dem Wirth hinweg. Herr Tristan war ihr so lieb, daß sie kein Acht hatte, weder auf Koenig oder Koenigreich, noch alles, das ihr Gott gegeben hatte; sie schlug es alles zurueck, schaetzet' es fuer nichts, und eilet' allein dem zu helfen, der ihr Herz und Gemueth ohn' alle Mittel bei ihm hatte.
Nun wartet' auch des Wirths Tochter alle Tage, wenn ihr Vater kaeme. Welches Ding die Frauen, Herr Tristans Gemahlin, dieser Sachen wissend machte, weiß ich nicht: sie schickete heimlich zu dem Jungfraeulein, und fragete gar eigentlich, wo ihr Vater waere? Kurz, sie draeuet' es ihr ab, daß sie es sagen mußte. Als sie das vermerkete, gebot sie ihr bei ihrem Leben, wenn ihr Vater kaeme, so sollte sie ihr zuerst sagen, wie das Segel gestalt waere, und sollte das Herrn Tristanen verhehlen.
Die Jungfrau ging von der Frauen alsbald zu der See, und sah ihren Vater eilend zufahren, mit einem weißen Segel.
 
Das acht und funfzigste Kapitel

Wie die Jungfrau wieder heim kam und sagete der Frauen, wie ihr Vater kaeme mit einem weißen Segel gefahren; deß die Frau sehr erschrak.

Sie kehrete bald um und kam wieder zu der Frauen und saget' ihr, daß ihr Vater kaeme, mit einem weißen Segel. Da die Frau das hoerete, ging sie zu Stund' zu Herrn Tristan, saget' ihm, sein Wirth kaeme zu Lande. Deß ward der Herr gar herzlichen froh, richtete sich auf, wie krank er war, und fraget', ob sie nicht wueßte, wie das Segel gestalt waere? – Ach wehe des großen Mordes, den die Frau unwissentlich mit Unwahrheit beging, das ihr doch darnach herzlichen leid war! – Sie sprach: das Segel waere schwarz. Von Stund' an, alsbald die Frau das Wort redete, da erschrak der Herr von Herzen so inniglich sehr: er legte sein Haupt nieder auf das Bette, streckete seine Haende und gab schnell auf seinen Geist. Da die Frau das sah, daß der Herr also schnell und so geschwinde verschieden war, konnte sie vor großem und herzlichem Leid gar kaum genesen, und verstund nun, daß ihm von ihren Schulden und von ihrer Worte wegen, die sie doch ohne Arg und Uebel geredet hatte, sein Herz zerbrach und sein Leben so jaehling verendete. Nun wollt' ihr ihr Herz auch zerbrechen, und sie schrie mit herzlicher, inniglicher Klag': »O weh, ach und weh mir armen Weib, daß mir je also geschah, daß du von meinen Schulden dein Leben also verloren hast! Ach und weh mir dieser großen Noth! Mir moechte nun nicht besser geschehen, denn daß man mich mit dir begraben sollte!«
Dieses Schreien und jaemmerliche Klagen erscholl, als weit die Stadt war: Ritter und Knecht und gemeinlich alles Volk hatten solche ungemessene Klage um ihren Herren, daß ich es nicht sagen kann. Sie gingen dar und bahrten ihn auf, als seinen koeniglichen Gnaden zugehoert' und gebuehrlich war.
Indem fuhr die schoene Isalde daher und kam in die Stadt. Als sie das große Geschrei und jaemmerliche Klagen und Weinen erhoerte, saget' ihr zu Stund' ihr Herz, was das meinete. Sie erschrak so unmenschlich hart, ward weder bleich noch roth und wußte vor großem, inniglichem Leid nicht um sich selber. Zuletzt sprach sie: »O weh, ach und oh weh nun immermehr: Herr Tristan ist todt!« Sie war also gar erschrocken, daß sie kein Gebluet noch keine Feuchtigkeit in ihrem Leibe hatte, mochte auch nicht erweinen. Aber ihrem Herzen geschah viel desto weher.
 
Das neun und funfzigste Kapitel

Wie Koenigin Isalde bei Herr Tristanen starb und beide in ein Grab geleget wurden.

Ganz traurig, betruebet und bekuemmert ward die gute Fraue, die da von Kurnewaelischen Landen kam, ging ganz schweigend zu der Bahre, darauf Herr Tristan bedecket lag; und seine eheliche Frau stund auch dabei, mit großem, herzlichem Weinen und sehnlicher Klag', als das wohl gebuehrlich war. Die schoene Isalde, betruebt und ganz todt versehrt im Herzen und in der Seele, sprach zu ihr: »Frau, stehet bei Seite, und lasset mich naeher dargehen: denn ich meine billiger, denn ihr, deß glaubet mir in der Wahrheit: er war mir auch viel lieber, denn er euch gewesen ist.« Mit diesen Worten versagte ihr alle Rede, ganz schweigend thaet sie die Bahr' auf, darinnen sie sah ihre hoechste Freude und Zuversicht, so sie in diesem Leben gehabt hatte, toedtlich gestalt und um ihrentwillen gestorben. Zu dem legete sich das arme, betruebete Weib und gab zuhand sterbend auf ihre traurige Seele.
Als Herr Tristans eheliche Frau sahe, daß die Koenigin so ganz erbaermlich und sehnlich von dieser Welt abgeschieden war, durch so große, strenge Liebe, so sie im Leben zusammen gehabt hatten, die ihnen beiden so große Treu' und Mitleiden gehabt, daß sie die mit dem Tode erfuelleten, und sie deß Ursache war, mit dem eigenen Wort, daß sie aus ihrer Dummheit und doch ohn' alle arge List, Einfall und Eintrag sprach: das Segel waere schwarz; das dennoch nicht also war: allererst hub sie an zu klagen mit solcher großen, ungestuemen Klag' und schrie so gar herzlichen klaeglich unter allem Volk, daß jederman mit ihr beweget wurde zu solchem Weinen und Klagen, daß es unsaeglich ist. Und wer bei dieser Klage nicht weinen oder Mitleiden haben moechte, der haette sicher in der Wahrheit ein staehlen oder steinen Herz.
Sie schuf, daß man die Leichnam' alle beide in einen koestlichen und herrlichen Sarg thun sollte, und gab dazu großen Schatz von Gold und Silber und allem Reichthum.
 
Das sechzigste Kapitel

Wie Koenig Marchsen die leidigen Maehre verkuendet wurden, und er sie beide also todt mit ihm heim fuehrete.

Nicht lange darnach wurden die Geschichten Koenig Marchsen in Kurnewaelisch Land entboten, der deß ohne maßen sehr erschrak; er hatte auch nicht minder Klag' und herzliche Betruebniß um sie beide, denn die Koenigin von Careches. Auch ward ihm dabei gesaget, wie sich die Liebe zwischen ihnen beiden von erst begeben haette durch Kraft und Wirkung des unseligen Getraenks, daß sie also einander mußten lieb haben. Da der Koenig solches hoerete, ward seine Klage wohl zehenfaeltig mehr, denn vor, und er sprach: »Das sei Gott von Himmel geklaget, daß ich das nicht laengst oder von erst gewußt habe: ich haette, auf meine Wahrheit, meine liebeste Koenigin Isalde meinem Neffen immer gern in Geheim gelassen und ihm zu Liebe behalten, auf daß er allwegen mit ihr und bei mir gewesen waere. Daß ich ihn aber vertrieben habe, das muß mich immer reuen. Nun ließ' ich euch beiden williglich und gern Land, Leute, mein Koenigreich und alles, was ich habe, daß ihr gesund und bei Leben sein solltet, und wollte ich darum mein Lebtage arm sein und kein Eigenthum mehr haben.« Der Koenig stellete sich so jaemmerlich und klaeglich, daß ich nicht gnugsam davon sagen kann.
Er ruestete sich auf und fuhr selber nach den todten Leichnamen ueber die See. Als er nun dahin kam, ward die Klage dem Koenig und auch der Koenigin von Careches wiederum erneuert. Er machet' einen behenden Abschied, nahm diese zween todten Leichnam' und fuehrte sie mit ihm zu Lande.
Er ließ sie gar herrlich, auch mit großer Klag' und Kammer in ein Grab zusammenlegen, das war gar koestlichen gehauen in einen Marmelstein. Und als diese Historia saget, so hieß der Koenig auf Herren Tristans todten Leichnam eine Weinrebe setzen und auf der Frauen Isalden Leichnam einen Rosenstock: diese beiden Reben wuchsen zusammen, daß man sie mit keinen Dingen von einander bringen mocht. Man saget aber, es geschah aus Wirkung und Kraft des unseligen Tranks.


Zweiter Teil

Das erste Kapitel

Nach der Zeit des Koeniges von Frankreich, genannt Otto, da war zu Potiers in dem Koenigreich zu Frankreich ein edler Graf, wohl erkannt, der war genannt Emerich, und war ein wohlgelehrter, sinnreicher Herr, und besonders in der Kunst Astronomia, daß er sich des Himmelslauf und der kuenftigen Ding viel wußt zu berichten. Derselbige war auch an Gut gar reich und hatte mit jagen große Kurzweil. Er hatte auch nur einen Sohn und eine einige Tochter, die er gar lieb hatte; der Sohn hieß Bertram und die Tochter hieß Blanisette, die war eine schoene und zuechtige Jungfrau. Nun waren in dem Land zu Potiers viele große Waelder und auch Hoelzer, und besonders so hieße ein Wald der Kuerbsforst; in demselbigen Wald war gesessen ein gar edler Graf, der ward geheißen der Graf von dem Forst, und war an zeitlichem Gut gar arm und war auch beladen mit viel Kindern. Er war aber ein gar vernuenftiger, weiser, redlicher Herr, und der auch gar bescheidenlich nach guter Ordnung lebet und sich und seine Kinder ehrlich hinzohe mit wenig Guts; darum er wohl erkannt ward und auch von allermaenniglich geehrt und gar wohl gehalten. Derselbige Graf war auch desselbigen Stammes und Geschlechts des vorgenannten Grafen von Potiers und seines Schilds und Helms Genoß, denn er war sein rechter Ohem. Nun betracht der vorgenannte Graf Emerich von Potiers, daß sein Ohem, der Graf vom Forst, arm waer, dazu mit vielen Kindern beladen, und gedachte, wie er ihn seiner Kinder einesteils wollte entladen, ihm etwas gestatten und zu Huelf kommen, daß er seine Nahrung desto baß gehaben moechte und die andern seine Kinder desto baß moechte anssteuren und beraten.

Das zweite Kapitel

Hie halten sie die Hochzeit und sitzen alle zu Tisch, trinken und essen mit einander in freudenreichem Schall.

Der Graf von Potiers ließ darauf zu Potiers ein große Hochzeit machen und seinen Vettern, den Grafen vom Forst, dazu berufen, dann er sich deß mit seinen Lehenmannen zu tun beraten haette. Und auf dieselbige Hochzeit kam nun der Graf vom Forst mit drei seiner Soehne, gar mit weidenlicher Zucht und Ordnung. Da nun auf dieser herrlichen und loeblichen Hochzeit der Graf vom Forst erschien, ehrt der von Potiers ihn und seine Soehne, nach dem es sich gebuehrt und ihm auch von natuerlicher Lieb angehoeret und von Freundschaft moeglich war; sah auch an und beschaemte die Juengling seines Vettern, des Grafen von dem Forst Soehne. Unter den dreien warde der Juengste, Reymund genannt, ihm zumal wohlgefallen, darum er zu seinem Vettern und dem Grafen von dem Forst sprach: »Lieber Vetter, ich sehe wohl, daß Ihr mit Kindern fast beladen seid. Nun begehre ich von Euch, daß Ihr mir Eurer Soehne einen gebet, den soll und will ich ziehen als mein eigenes Kind und ihn versorgen, deß Ihr mir ganz vertrauen moeget.« Da antwortet ihm sein Vetter: »Welchen Ihr da haben wollt unter den dreien, der sei Euer.« Also fordert er den juengsten, genannt Reymund, der ihm auch allerbest behaget. Das danket ihm der Graf von dem Forst gar tugendlich und gab ihm Reymund, seinen juengsten Sohn, der auch zumal ein gar adelicher Knab und ganz wohlgestalt war.

Das dritte Kapitel

Wie Graf Emerich seines Vettern, des Grafen vom Forst juengsten Sohn, Reymund genannt, behielt, und wie der Graf vom Forst und seine andere zwei Soehne von ihm hinweg schieden und freundlich von einander Urlaub nahmen.

Da nun die Hochzeit auf drei Tag gewaehret hatte, nahm der Graf vom Forst Urlaub von seinem Vetter und Herren und wollte wiederum zu Haus reiten, und schied der Vater und die Soehne von Reymund, desgleichen er von ihnen, und war etwas betruebet. Doch so hatte ihn der vorgenannte Graf Emerich gar lieb fuer anderen seiner Diener, denn er ihm auch fleißiger dienet, wie die anderen, dazu er auch sein geborner Freund war; darum er ihn ehret und vorzoege, daß er von allen seinem Hofgesind, Freunden und Goennern geehret ward.

Einsmals, da Graf Emerich nach seiner Gewohnheit auf einem Gejaegdt war, da die Seinen jagten ein wildes Schwein, ritt Reymund hinnach, und eilete das wilde Schwein vor den Hunden hin und zohe das ganze Gejaegdt nach, darum auch der vorgenannte Graf dem Gejaegdte schnell nacheilte auf sein Schaden und Ungewinn, und eilete ihm Reymund schnell nach, um daß er seinen Vetter nicht verloere in dem Wald. Und hieß derselbige Wald Columpier, und es war so spat am Abend, daß sie bei dem Mondschein ritten in dem Wald, und eilten dem Gejaegdt nach, und erschlug das Schwein viel Hunde zu tot, und hatten ihn alle seine Diener verloren, daß ihr keiner wußte, wo er hinkommen war, ausgenommen Reymund, der war bei ihm. Und also, wiewohl Graf Emerich mehr denn mit zwanzig Mannen auf das Gejaegdt gezogen war, doch so hatten sie ihn alle verloren. Nun da sprach Reymund zu ihm: »Herr, wir sind nun nachts von allem Volk kommen und haben die Hunde des Gejaegdts verloren und all unser Volk, nun gebuehret uns nicht, hinter sich zu reiten gegen der Nacht, denn wir das Gejaegdte noch unser Volk nicht wieder finden koennen; aber ich rate, daß wir hie zu dem Naechsten trachten, wo wir die Nacht etwan Herberg gehaben moegen.« Der Graf antwort und sprach zu ihm: »Du redest recht und ratest auch wohl, denn die Sterne stehn und scheinet auch der Mond gar hell.« Also fingen sie an zu reiten ueberzwerch durch das Holz und funden zuletzt nach viel Arbeit einen schoenen Weg. Da sprach Reymund: »Herr, ich versiehe mich, daß dieser Weg gen Potiers gehe.« Der Graf sprach: »Es mag vielleicht also sein.« Reymund sprach: »Wir wollen eilen, vielleicht so finden wir etwan unseres Volks, die den Weg baß kennen denn wir; so kommen wir nicht zu spat, man laeßt uns zu Potiers ein.« Der Graf antwortet: »Ich folge gern Deinem Rat.«

Das vierte Kapitel

Wie Graf Emerich und Reymund das Gejaegdt verloren hatten bei dem hellen Mondschein und sie beide irr ritten in dem Wald. Und wie Graf Emerich groß Wunder sahe an dem Gestirn und das Reymund sagte.

Da sie nun ritten und der Graf das Gestirn des Himmels und der Planeten begunnt zu achten, denn er ein guter Astronomus war und sich kuenftiger Dinge wißt zu berichten, so stehet er unter anderen Sternen einen Stern, und da er den ersahe, erseufzet er gar tief und sprach: »Ach Gott, wie ist Dein Wunder so groß und mannigfaltig, oder wie mag doch die Natur an ihr selber ein solche Gestalt haben, daß sie einen Mann laßt werden, der nun von seinem großen Uebeltun und Missetat soll also in großen und zeitlichen Ehren erhoecht werden; denn es doch unziemlich ist, daß von Uebeltun jemand soll aufkommen und geehret werben.« Er sprach: »Reymund, lieber Ohem, komme herzu, ich zeige dir großes Wunder und fremd Abenteuer, dergleichen Du nie vernommen hast.« Reymund, der war ein guetiger Juengling, der fragt seinen Herrn und Vettern, was das waere. Antwort ihm der Graf Emerich und sprach: »Da sehe ich, daß jetzund einer auf diese Stund seinen Herren ertoetet. Er wird ein gewaltiger Herr und wird maechtiger und glueckhaftiger, denn keiner seiner Freund oder Beisessen je ward.« Reymund schwiege und redet nicht ein Wort, und fande da ein Feuer, das hatten die Hirten in demselbigen Holz gelassen. Er stunde aber von dem Roß und klaubet klein Holz zusammen und machte ein Feuer, denn es kalt war. Der vorgenannte Graf stunde ab, ihm zu Schaden, und waermeten sich beide bei dem Feuer. Indem so hoereten sie beide durch das Holz etwas herfuer brechen; Reymund, der ergriff schnell sein Schwert, desgleichen der Graf seinen Spieß, so kommt dorther ein groß Schwein, klappet mit seinen Zaehnen und schaumet gar feindlich. Reymund schrei den Grafen, seinen Herrn, an und sprach: »O Herr, behalt Euer Leben und steiget schnell auf einen Baum.« Der Graf antwortet und sprach: »Solches ist mir nie gehebt worden auch noch widerfahren, und soll mir auch, ob Gott will, nimmer fuergehebt noch beweist werden, daß ich durch eines Schweins willen so schaendlich fliehe.« Das war Reymund fast leid. Der Graf zucket den Spieß und lief's Schwein an und gabe ihm einen Stich und traf es nicht recht, daß ihm das Schwein den Stich abschluge und ihn auf die Erden hernieder warf. Reymund, der zucket seines Herrn Spieß und wollte das Schwein treffen; von großem Ungefell da fehlet er des, daß ihm der Spieß abwiche und stieß den seinem Herren und Vetter tief in seinen Leib. Er zucket wieder und stach das Schwein recht und faellet es, damit kehret er sich um und kam zu seinem Herren und Vettern; den fand er schnell in Todesnoeten liegen und verscheiden.

Das fuenfte Kapitel

Wie Reymund seinem Vetter sein Ungefell klaget, um das er seinen Vettern und Herren also jaemmerlich ertoetet hatte.

Als nun Reymund sahe das große Ungefell, das ihm allda zuhanden gangen war, bedarf man nicht fragen, ob er nicht große Klage vollbracht hat. Ja, solches jaemmerliches und bitteres Klagen und sein Haar ausraufen, daß sein genug war, und sprach: »Glueck, was hast du mich so gar mit Jammer, mit Elend, mit Herzeleid und mit allem Ungefelle beladen; niemand aber soll sich an dich lassen, denn du viel Jammers und Leidens zufuegen kannst, dem du es guennest, und du kannst machen aus dem Armen einen Reichen und aus dem Reichen einen Armen; dem einen hilfst du auf, dem andern nieder, einem bist du sueß, dem andern bitter. Ach Glueck, was hast du mir armen jungen Toren angethan, denn du hast mich an Leib und Seel, an Ehr und Gut verderbet und mich in große Not, Elend und Arbeit bracht. Ach, wollte Gott, daß ich nun auch sterben sollt und mit meinem allerliebsten Herren und Vettern begraben werden; das waere mir eine Aufenthaltung; denn ich des zeitlichen Tods ganz beraubet bin und sein muß, dieweil ich mein Leben habe, so mag ich aus Argwohn nimmer kommen, denn daß man mich dafuer wird halten, ich habe den Stich mit Willen an meinem allerliebsten Herren und Vettern getan und ihn ermordet. So erbarms Gott von Himmel, daß ich je geboren ward, und verflucht sei die Stund, in der ich empfangen ward oder an die Welt kam, denn ich die Tat gegen Gott nimmer kann noch mag gebueßen.« Und also trieb er solche Klage mehr denn auf eine Stunde. Reymund saß wieder auf sein Pferd, so in großem Jammer, Leiden und Betruebnuß, mit großem Geschrei und jaemmerlicher Klag, und wand seine Haende klaeglich und ließ sein Pferd gehen ohn Fuehren und ohn alles Weisen, daß er den Zaum nicht anruehret vor großem Leid und Jammer, das er in seinem Herzen trug.

Das sechste Kapitel

Wie Reymund also irr ritte in großer Klage und zu dem Durstbrunnen kam, und Melusina da zu ihm kam und ihn troestet und ihm alles sagt, was ihm widerfahren oder kuenftig war.

In dieser großen jammerlichen Klag kam Reymund zu seinem kuehlen Brunnen, genannt der Durstbrunnen. Bei demselbigen Brunnen standen drei schoene Jungfrauen, hochgeboren und adelicher Gestalt, die er nun vor Leid und Jammer ganz uebersehen und ihr nicht acht gehabt hatte. Unter den die schoeneste und juengste zu ihm ging und sprach: »Ich habe nie kein Edelmann so unzuechtig gesehen, daß er fuer einem Frauenbilde hinritte oder ginge und nicht mit ihr redet noch ihr kein Ehr erbiete.« Reymund antwortet ihr allzeit nichts und trieb seine Klage stetiglich fuer sich, bis sie ihm bei dem Zaum finge und zu ihm sprach: »Sicher, Du beweisest gar nicht, daß du von dem hochgelobten Adel geboren seiest, daß du also stillschweigend fuerreiten wollest.« Da Reymund die edle schoene Jungfrau ersahe, da erschrak er und wußte nicht, ob er lebendig oder tot war, oder ob das ein Gespenst oder eine Frau war. Sie sahe wohl, daß er toedlicher Gestalt war, vor Leid und Schrecken sich entfaerbet ohn Unterlaß. Da fing sie an und schuldiget ihn großer Untreu und Unzucht, daß er nicht mit ihr redte. Da begundte er die unsaegliche Schoene ihres Leibs beschauen und sprang schnell von seinem Pferd auf die Erde und sprach: »Ach, allerschoeneste Jungfrau, ich begehre mit Fleiß an Euer adeliche Tugend, daß Ihr mir mein Unzucht verzeihen wollet, denn ich sicherlich in solchem Leid und Jammer bin von eines großen, jaemmerlichen Ungefells wegen, das mir gar kuerzlich widerfahren ist, daß ich nicht kundt wissen, ob ich todt oder lebendig war. Denn ich war von mir selbst kommen, daß ich nicht wußte, was ich taet oder wo ich war, und Euer nicht acht nahm. Doch so bitte ich Euer Gnad demuetiglich, daß Ihr mir es wollet verzeihen; ich will Euch gern darum zu Buß stehen.« Die Jungfrau antwortet guetiglich und sprach: »Reymund, lieber Freund, Dein Not und Klag ist mir leid in Treuen.« Da er hoeret, daß sie ihn mit dem Namen nennte, das nahm ihn sehr wunder und sprach: »Ach, edle Jungfrau, mich kann nicht genug verwundern, daß Ihr mein Namen wißt; denn mich duenket nit, daß ich Euch kenne. Doch so sehe ich wohl ein unsaeglich schoen Angesicht, von Leib und Gestalt wohl gezieret und zuechtig; nun saget mir mein Herz und Mut, ich soll in meinem Herzeleid ein Trost von Euch empfahen, dadurch mir mein Kummer etwas gemindert werde.«

Die Jungfrau sprach: »Reymund, ich weiß Deine Not und Klage und das Ungefell, das Dir zu dieser Stunde an Deinem Herren und Vettern widerfahren ist mit dem Schwein, und daß Du ihn und das wilde Schwein ertoetet hast, das doch wider Deinen Willen und von ungefell geschehen ist. Und wenn Du meiner Lehr willst folgen und nachkommen, so soll Dir Gut, Ehr, Gluecks und Gelds nimmermehr gebresten, sondern Du sollst glueckhaftiger, maechtiger und reicher werden denn keiner Deiner Freunde.« Reymund gewann einen Trost von der Jungfrauen freundlichen Worten. Die sprach wiederum zu ihm: »Lieber Reymund, was dir dein Vetter und Herr geweissaget hat, das muß auch an Dir vollbracht werden mit der Huelfe Gottes, der alle Dinge vermag.«

Da nun Reymund hoeret, daß sie von Gott saget, da gewann er einen besonderen Trost und gedacht in seinem Herzen: Nun mag ich etwas Trosts haben, daß die Jungfrau kein Gespenst noch keines Unglaubens, sondern von christlichem Blut kommen und nicht unglaeubig sei. Und sprach zu ihr: »Schoene, adeliche Jungfrau, ich will mein Herz und Gemuet richten, Euch zu hoeren und Euren ganzen Willen vollbringen. Aber ich kann noch mag mir selbst nicht entziehen, muß je mit Urlaub Euer Gnad fragen, wie das kommet, daß Ihr mein Namen moecht wissen und wie Euch fuerkommen oder kund getan das große Leid und Ungefell, das mir zu Haenden gangen und widerfahren ist.« Sie troestet ihn und sprach: »Reymund, verzage nicht, Dein Glueck, Heil und Ehr, die will sich erheben; denn Dir Dein Vetter und Herr das vorhin hat gesagt und nach Gott so bin ich die, durch die Du dies alles magst erholen; doch so zweifel auch nicht, dann daß ich von Gottes Gnaden und wahrlich ein gut Christenmensch sei, denn ich glaub alles das, das ein Christenmensch soll halten und glauben: daß Gott von einer keuschen Jungfrauen geboren ist und fuer uns arme Suender gelitten habe, Gott und Mensch auferstanden, gen Himmel gefahren …« Und alle Artikel christlichen Glaubens konnte sie ihm gar ordentlich erzaehlen. Und sagt zu ihm: »Reymund, Du wirst gar hoch und zu solchen Ehren kommen, daß seiner Deines Geschlechts nie hoeher kam noch hinfuer der kommen wird.«

Reymund begundt ein großen Trost empfahen und wieder zu seinen Sinnen und zu seiner Farb kommen. Also antwortet er und sprach: »Allerliebste, schoene und adeliche Frau, ich bin bereit, alles das, was Ihr mir ratet, zu tun und zu erfuellen nach ganzer Lieb und gutem Vermoegen.« Die Jungfrau sprach: »Reymund, Du sollst mir zum ersten schwoeren bei Gott und seinem Leichnam, daß Du mich zu einem ehelichen Gemahel nehmen und an keinem Samstag mir nimmer nachfragen noch mich ersuchen wollest, weder durch Dich selbst, noch jemand anderm goennen, geheißen, verschaffen, noch Dich lassen darauf weisen, daß Du mich denn immer ersuchst, wo ich sei, was ich tu oder schaff, sondern mich den ganzen Tag unbekuemmert lassen wollest. So will ich Dir hinwieder schwoeren und geloben, daß ich derselben und all mein Zeit und Tag, besonder auf denjenigen Tag, an kein End kommen will, das Dir schaedlich oder unehrlich sei.« Dies alles gelobet und schwur ihr Reymund. Aber ob er es hielt oder nicht, werdet Ihr hernach hoeren; denn er sein Eid und Treu an ihr brach, darum ihm groß Leid und Jammer zufiel.

Die Jungfrau sprach zu ihm: »Reymund, ist es sach, daß Du mir nicht leistest oder haeltst, das Du mir gelobet und geschworen hast, so sollst Du mich wahrlich verlieren und mich nimmermehr gesehen, und es wird darnach Deinen Kindern und Erben fast mißgehen und werden abnehmen an Land und Leuten, an Ehr und an Gut.« Reymund, der schwur ihr aber zu dem andern Mal, er wollte sich selbst darinnen nimmer uebersehen, sondern sein Treu und Geluebd an ihr getreulichen halten. Das er ihr aber darnach nicht hielt, darum verlor er sein schoene und allerliebste Frau, die ihm so ungesaeglich lieb war, als Ihr denn hernach hoeren werdet. Die Jungfrau sprach zu Reymund: »Nun sollst Du hin reiten gen Potiers, und ob man Dich fragt, wo Dein Herr sei, so magst Du antworten: ich habe ihn in dem Wald verloren. Desgleichen die andern den mehrern Teil auch sagen. Darnach wird man ihn suchen und zuletzt auch finden und wird ihn mit großer Klag gen Potiers fuehren und mit großer Betruebnuß begraben; besonders die Frau und ihre Kinder werden besondern Jammer und Herzeleid haben, und andere Frauen und Maenner werden mit ihnen groß Mitleid haben, darinnen Du sie troesten sollst und ihnen freundlich dienen in ihrem großen Jammer und Herzeleid. Darnach, so er denn bestattet ist, so werden die Edlen alle kommen und ihre Lehen fuer seinen Sohn erkennen und empfahen. Und dann sollst Du ihn bitten, daß er um die getreuen Dienst, die Du dem Grafen von Potiers, der so nahe abgangen ist, getan hast, Dir ein Gab geben wolle allhie an dieser Statt und bei dem Brunnen, da wir jetzund seind, naemlich so viel Erdrichs, Felder und Holz, als Du in ein Hirschhaut beschließen oder damit umfangen moegest. Solches wird er Dir nicht versagen, sondern Dir das guennen. So sollst Du denn gedenken auf dieselbe Stund und ohn Verziehen, daß Dir datum desselbiaen Tages gut versiegelte Brief werden, darinnen begriffen sei, was die Gabe oder warum sie Dir gegeben, und den Tag und das Jahr mit rechtem Dato darein geschrieben; und wenn Dir die Gab also gegeben, verbrieft und versiegelt wird, so sollst Du Dich denn ein Weil enthalten und dannen gehen, so wirst Du denn alsbald finden einen Mann, der ein Hirschhaut feil traegt. Denselbigen laß nicht von Dir kommen, Du kaufest denn dieselbige Hirschhaut, sie kost was sie wolle; daraus sollst Du lassen schneiden einen schmalen Riemen, und so duenn, als es gesein mag, und sollst ihn von ganzer Haut zu ringsum lassen schneiden und tue sie zusammen an ein Pueschel und heiß Dir Dein Gab ausrichten ob diesem Brunnen bei diesem starken Felsen und ziehe denn den Riemen herum.« Und sie zeiget ihm, wo er hinziehen sollt, und sie hieß ihn hinwegreiten und auf ein benannten Tag wieder zu ihr an diese Statt kommen.

Das siebente Kapitel

Wie Reymund von der Jungfrau Melusina schied und Urlaub von ihr nahm und hin gen Potiers ritt.

Reymund nahm Urlaub von seinem Gemahel Melusina und ritt hin gen Potiers und verhieß ihr, zu leisten alles, das sie ihm zu tun geraten hatte. Er tat es auch nach ihrem Rat. Und kaeme gen Potiers an dem Morgen fruehe. Da er nun hinein kam, da sprachen sie alle: »Reymund, wie kommt es, daß Du ohne Deinen Herrn kommest; wo ist er hinkommen?« Reymund antwortet ihnen und sprach: »Sicher ich habe ihn seither nechten Abends nie gesehen, denn er entritt mir in dem Wald, dem Gejaegd nach, daß ich ihn nicht mocht erreiten, und habe ihn also verloren und darnach nit mehr gesehen.« Also fraget man ihn nit fuerbaß und niemand haett sich versehen, daß dem Reymund solcher Handel zu Handen gangen oder widerfahren waere, wiewohl er dadurch gar schwermuetig war und gar erseufzet. Doch so hielte er sich darinnen gar klug und weislich und nach Rat seines Gemahels, als ihm denn das zu tun geraten hatte. Nun kamen des Grafen Diener alle ab dem Gejaegde, einer vor, der andere nach, bis ohne zween, und ihr keiner kundte aber nicht gesagen oder wissen, an welchem Ende der Graf am Abend zuletzt gewesen oder blieben war. Dardurch sich nun gar große Klag zu Hof erhube, insonderheit von der Graefin und von ihren Kindern. Von den erhub sich ein Weinen, Schreien, großer Jammer und Klagen. Und da sie also in dieser Klag waren, da kamen die letzten zween Diener auch und trugen den Grafen also tot, und hatten mit ihm große Arbeit getan und sagten, wie sie ihn bei dem Schwein also tot gefunden haetten; aber erst da hub sich noch groeßer und jaemmerlichere Klag, denn das zumal ein erbaermliche Sach war, insonderheit der Graefin und ihren Kindern, da sie ihn also tot vor ihnen sahen. Also ward er gar koestlich und ehrlich mit großem Jammer und Klagen aller der Seinen zu seinem Begraebnus bereit. Und beklagten ihn die Edle und Gemeine, jung und alt, Mann und Frauen, Geistlich und Weltlich, aus dermaßen klaeglich und sehr. Und er ward des Morgens also bestaettiget gar ehrlich zu der Erden von allen den Seinen, die man dazu erlangen mocht. Und besonders tat Reymund solche große Klag, daß ihm dadurch viel Ehr zugezahlet und von jedermann gelobet ward und ihn auch maenniglich dester ehrlicher hielte.

Das achte Kapitel

Wie Reymund von seinem lieben Herrn und Vettern zu Lehen empfing so viel Erdrichs bei dem vorgenannten Durstbrunnen, als er mochte in eine Hirschhaut beschließen und umfahen.

Da nun dieser Graf also wohl bestaetiget war, da kamen die Edlen alle zu seinem Sohn, Graf Bertram, und erkenneten und empfingen ihr Lehen, als man denn gewoehnlich tut von einem neuen Herrn. Reymund trat auch herfuer und tat sein Gebet, als er denn von Melusina, seinem Gemahel, zu tun unterweist war, und sprach also: »Gnaediger, lieber Herr, ich bitte Euer Gnad, als um die getreuen Diensie, die ich Graf Emerich, meinem Herrn und Vettern seligen, meine Tag getan hab, daß Ihr mir geben wollt bei dem Durstbrunnen so viel Lands, Felds und Erdrichs an Ackern und Wiesmahd, als viel ich in ein Hirschhaut beschließen oder umfahen mag; begehre auch nie mehr dafuer um all meine Dienst, und mich beduenket, mein Begehren sei so schlecht und unkoestlich, daß Ihr mir es nicht versagen.« Der Herr antwortet und sprach: »Ich will Dich Deines Gebets gewaehren und Dir es nicht versagen, es werd mir denn von meinen Raeten widerraten.« Die Herren sprachen alle gemeinlich: »Ihr sollet dem Reymund das nicht versagen, denn er solches und auch viel groeßers um unsern Herrn, Euern Vater seligen, und um Euer Gnad wohl verdienet hat.« Der Graf Bertram gab ihm die Gab nach seinem Begehren. Also bat ihn Reymund gar fleißiglich, daß er ihm darum ein Besorgnus taet und geb. Also ließ er ihm zu Stund ein Brief machen, der auch gar meisterlich gesetzt war. Und als der Brief also wohl gestellet und versiegelt ward mit des Grafen mehreren Insiegel mit samt der andern Herrn und Ritter Insiegel, und das Datum des Jahrs und Tages schoen ward darein gesetzt mit Zeugen, desselbigen Morgens fand Reymund ein Mann, der truege feil ein Hirschhaut, gar schoen und wohl gegerbet; die kaufet er von Stund an und ließ die gar schmal und duenne in Riemenweis zerschneiden, nach dem laengsten, als man mocht und kundt, und kame darnach wieder zu dem Grafen und begehrt allda, daß man ihm seine Gabe freundlich und tugendlich wollte ausrichten.

Das neunte Kapitel

Wie der Graf ordnet von Stund an seine Boten und auch etliche seine Raet, die mit Reymund ritten zu dem Durstbrunnen, ihm seine Gabausrichtung zu tun.

Der Graf ordnet von Stund an seine Boten und etliche seiner Raet, die mit Reymund ritten zu dem Durstbrunnen, ihm seiner Gabe Ausrichtung zu tun. Und da sie zu dem Durstbrunnen kamen, und sie sahen, daß Reymund die Hirschhaut so schmal und klein in Riemenweis geschnitten hatte, des nahm sie alle Wunder und wußten nicht, was ihnen darinnen zu tun oder zu lassen waer, denn sie gedauchten, es wuerde da gar viel zu weit an Holz und Felsen, an Wald und Land begreifen. Zu der Stund da kamen zween unerkannte Mann und nahmen die Hirschhaut und wunden sie zusammen zu einem Pueschel, der da groß ward. Sie steckten einen Pfahl auf ein besonderen Ort in der Erden und bunden dasselbige Ort des langen Riemens an den Pfahl und umzogen da den Fels und den vorgenannten Durstbrunnen und gar eine große Weite des Tals, darinnen auch ein huebscher Bach hinfloß; und hatten also zu Stund an ein gar weite Weide beschlagen und umfangen, daß die Boten, die dahin gesandt waren, sich des nicht versehen haetten, daß man kaum den halben Teil so viel und als weit damit immer haett moegen begreifen. Doch was ihm geredt und gegeben war, hielten sie ihm begnueglich und ritten gen Carthause, dabei gelegen, und kamen gen Potiers und erzaehlten das ihrem Herrn vor allem Volk, wie zween unerkannte Maenner die Riemen gezogen haetten und an den Pfahl geheftet, und wie es so große Weite begriffen haett. Der Graf sprach: »Das ist mir ein seltsam und ein fremde Sach, es mag mir wohl ein Gespenst sein, denn ich habe viel und dick gehoeret sagen, daß etwas fremder Abenteuer dick bei dem Brunnen gesehen sei. Desgleichen moechte Reymunden auch etwas Fremdes allda widerfahren sein oder noch widerfahren; doch wolle Gott, daß es ihm gut sei und sein Glueck. Denn ich des und alles Guts meinem Freund und Ohem wohl guennen wollte, als ich auch bekenne, daß das billig ist.« Reymund kam in demselben und war gar wohlgemut und danket dem Grafen gar fleißiglich seiner Gabe und sprach: »Ich weiß nicht, was mir von dieser Gabe entstehen mag, aber ich hoff, mir soll viel Gutes, auch Glueck und Selde davon entstehen.« Reymund, der stund des Morgens fruehe auf und ritt wieder zum vorgenannten Durstbrunnen, da fand er aber sein Frauen, die ihn also schoen und aus dermaßen wohl empfinge, also sprechend zu ihm: »Lieber Reymund, bis mir Gott willkommen, denn Du weis und vernuenftig bist, denn alles das, das ich Dich unterweist habe, das hast Du nicht vergessen, sondern das nach meinem Willen ganz und gar vollbracht, in Maßen, daß Du sein doch groeßere Ehre gewinnest.« Also gingen sie mit einander in ein Capellen; da sahe Reymund so viel schoenes Volks, Frauen, Ritter und Knecht, Priester und mancherlei ehrliches Volks, gar reich bekleidet. Des begundt sich Reymund gar sehr zu verwundern, was oder welcherlei Volks dies waere, und darum mochte er sich nicht enthalten, er fraget seine Frauen und sprach: »Wer oder von wannen ist das Volk alles?« Da antwortet ihm die Frau und sprach: »Es soll Dich nicht wunder nehmen, denn sie sein alle Dein.« Und kehret sich damit um zu dem Volk und gebot ihn allen, daß sie dem Reymund gehorsam und Untertan waeren als ihrem rechten Herrn und Gebieter. Das taeten sie zu Stund und erboten ihr auch Zucht und Ehr, die sie kundten.

Das zehnte Kapitel

Wie Reymund der Jungfrauen Melusina Hofgesind beschauet in der Capellen und ihm das gar wohl gefiel, und wie ihm auch so große Ehr von demselben Volk erboten ward.

Nun gedachte Reymund heimlich: das ist ein fremde Gehorsamkeit, nun wolle mir verleihen die Gotteskraft, daß es ein gutes Ende gewinne. Die Frau sahe, daß er in schweren Gedanken war und in einem starken Verwundern, als denn das nicht unbillig war und an ihm selbst wohl zu gedenken. Darum hube sie an und sprach zu ihm: »Reymund, ich will Dir sagen, Du kannst noch magst meinen Stand noch Wesen eigentlich erkennen, bis daß Du mich zu einem ehelichen Gemahel genommen hast.« Reymund saget darnach zu ihr: »Frau, ich bin bereit zu allen Zeiten, Euern Willen zu tun und den mit Fleiß zu erfuellen.« Die Frau antwortet ihm und sprach: »Lieber Reymund mein, es muß ein andere Gestalt haben und muß ehrlich zugehen. Du mußt Arbeit haben, und Leut zu Deiner und meiner Hochzeit mit Dir bringen, die da wissen, Hochzeit nach Ehren helfen zu halten und auszurichten. Und gedenk noch zweifel nicht, denn die, die mit Dir herkommen, nicht Gebresten haben oder gewinnen an keinen Sachen, der man zu Hochzeiten bedarf, denn Rats und Kost genug da ist. Und gedenk, daß Du mit den Deinen, die Du mit Dir bringen willst, ohn Fehlen und Aufzug auf den Montag jetzt kuenftig fruehe zu rechter Tageszeit hier seiest.«

Reymund kehret um und ritt wieder gen Potiers schnelle zu seinem Herren, grueßet ihn und sprach: »Gnaediger Herr, ich bin Euer Diener und Euern Gnaden gewohnet in Maßen, daß da mich nit beduenkt billich zu sein, daß ich Euch koenne meine Heimlichkeit verhalten, noch verschweigen sollt, und fuege Euer Gnaden zu wissen, daß ich mir ein Frau zu der Ehe genommen habe, die ein maechtige edel Frau ist, und soll und will nun auf den jetzt kuenftigen Montag Hochzeit haben bei dem Brunnen, genannt der Durstbrunnen. Und darum bitte ich Euch gar demuetiglich, daß Euer Gnaden selber persoenlich da bei mir erscheinen und mir solche Ehr tun wollet, desgleichen meine gnaedige Frau, Euer Mutter. Der Graf antwortet und sprach: »Lieber Ohem, ich will Dir gar gern zu Ehren und auch zu Lieb darkommen und Dir Deine Bitte nicht versagen; ich hoffe, daß mein Frau und Mutter desgleichen auch tu. Doch eins muß ich Dich je fragen: wer oder von wannen ist die Frau, die Du genommen hast. Schau, daß Du mir nit mißfahrest, von welcher Gegend oder was Geschlechts ist sie? Auch sage mir, ob sie fast wohl und hochgeboren sei, denn ich Dir je zu Lieb darkommen will.« Reymund antwortet ihm und sprach: »Herr, es mag nicht gesein, daß Ihr jetzt vernehmet, wer oder von wannen sie sei oder was ihr Wesen sei. Laßt Euch begnuegen, daß Ihr sie in ihrem Stand und Gestalt sehen moeget.« Der Graf antwortet ihm und sprach: »Mich verwundert nicht klein, lieber Ohem, daß Du ein Weib genommen hast und nicht wissen magst, wer sie sei, noch ihrer Freund kein Kundschaft hast.« Reymund sprach: »Herr, in der Wahrheit, sie ist also Wohlgestalt und mit Geberden, mit schoene und loeblichen Sitten geziert, als ob sie eines Koenigs Tochter war. Kein schoener Weib ward nie gesehen; ich habe auch nicht gefraget, ob sie eines Herzogen oder Marggrafen Tochter sei, sie ist ganz nach meinem Gefallen, und ich will sie auch haben.« Da der Graf diese Wort erhoeret, da gedacht er ihm, daß der Markt mehr denn halber beschlagen und gemacht waer, und ließ fuerbaß sein Fragen unterwegen und sagt: »Ich will Dir je selbst kommen und mit mir meine Frau und Mutter, und der Meinen viel mit uns.« Des danket ihm Reymund mit Fleiß. Am Montag darnach am Morgen fruehe machet sich der Graf auf mit seiner Frauen und Mutter und mit allem seinem Hofgesind, auch mit andern der Seinen, dem genannten seinem Ohem zu Ehren, mit Rittern und Knechten. Und besorget doch, etwas, daß er und die Seinen bei dem vorgenannten Durstbrunnen nicht vollkommliche Herberge moechten haben, doch schwieg er und fraget nicht fuerbaß; es war aber ein toericht Sorg, als Ihr hernach hoeren werdet. Sie schieden von Potiers und ritten gegen dem Wald zu auf Columpier durch das Doerflein und den Weg gegen den Felsen. Da sahen sie unter den Felsen in den Baeumen, auf dem gruenen Boden gar viel schoener Gezelt aufgericht, und bei dem Durstbrunnen und auch allenthalben dem Walde gar ein großer Rauch aufgehen und viel Volks dabei wandeln, und sahen Backoefen, Kuechen, Koech und viel Volks ohn alle Zahl. Sie gedachten alle, dies mag wohl nun ein Gespenst sein. Indem da ritten dorther gegen ihnen wohl bei sechzig Ritter, jung und gerade, stolze Maenner, auch wohl beritten und dazu wohl gewappnet, und empfingen den Grafen und die Graefin tugendlich und gar fast ehrlich und verfuegten sich zu Reymund, ihrem Herren, und taten ihm besondere Ehr fuer anderen Gaesten, die da waren; und grueßten sie und empfingen maenniglich Jung und Alt, jedermann nach seinem Stande und zu gleicher Weis, als ob sie alle ihr Tag bei ihn gewesen waeren.

Das eilfte Kapitel

Wie der Graf Bertram und die Graefin, seine Mutter, von Reymund, Melusina und ihrem Volk gar ehrlich empfangen wurden.

Da danketen sie von Melusina wegen dem Grafen sprachen zu ihm: »Unsere Fraue Melusina hat uns gar fast befohlen, daß wir Euch gute Herberge sollen geben.« Der Graf antwortet ihnen herwiederum und sprach: »Ich sehe ein gute Ordnung.« Und also gaebe man ihm fast gute Herberg in schoenen Gezeiten; seine Pferde wurden wohl gestellet und hatten Barren und Raufen, die schon in den Gezeiten gemacht waren. Es kamen auch gar viel schoener Frauen und Jungfrauen, die die Graefin und alle die Ihren auch schon lieblich empfingen. Sie verwundert sich auch der adelichen Bereitschaft, die sie sahen, das sie sich nimmer versehen hatten keiner koestlichen Zurichtung an einem so seltsamen Ende. Reymund zohe mit dem Grafen in sein Herberg, in dem war die Capell gar reichlich und mit koestlichen Kleinoden aus der maßen wohl zugericht. Man leutet darnach alsobald zu der Predigt, und Melusina, die Braut, fuehret man zu der Capellen, die war nur gar schoen und adelich gezieret und gleichet sich baß einem schoenen Engel, denn einem toetlichem Menschen. Und dabei auch unsaeglich koestlich und wohl zugericht mit Kleidern, Kleinodern und allen Sachen. Und also ging ihr der Graf von Potiers entgegen und empfing sie nach allen Ehren schoen und wohl. Desgleichen die schoen Jungfrau Melusina empfing ihn mit Scham und loeblicher Geberde und ging also zu der Capell mit mancherlei Getoen von sueßem Saitenspiel, Pfeifen und Posaunen und Floeten, des dazumal gar viel war, und aus der maßen koestlich und reich zugericht, daß alle die, die mit dem Grafen darkommen waren, sprachen: »Das ist ein unsaeglich schoen Hochzeit, dergleichen wir alle nie gesehen noch vernommen haben.« Und war auch nicht ein Wunder, ob sie diese Hochzeit fremde daucht, denn an solchem Ende also koestliche Hochzeit gar ungewoehnlich seind zu haben.

Das zwoelfte Kapitel

Wie Melusina und Reymund bei der Capell von dem Bischoff mit einander vermaehlet wurden.

Sie wurden bei der Capellen nach der Predigt loeblich zusammen vermaehlet, und der Graf fuehret die Braut von der Capellen gen dem Gezelt zu der einen Seiten und ein Fuerst und Herr aus derselben Gegend zu der andern Seiten. Da sie nun alle in das Gezelt kamen und man Wasser auf die Haende nahm, da ward die Braut zu Tisch gesetzet und mit ihr der Graf, darnach die Graefin und darnach ein maechtiger Herr aus demselbigen Land, der auch zu Ehren und Wuerdigkeit dar zu der Braut gesetzt ward. Graf Bertram und alle die Seinen, die sahen ein solche gute Ordnung, das sie eigentlich meinten achthaben, wie doch die Hochzeit ausgericht sollt werden, daß sie sich auch ein ander Mal darnach gerichten moechten.

Das dreizehnte Kapitel

Wie man zu Tisch saß und Reymund dienet selber zu Tisch und auch andere Ritter.

Es dienet Reymund selbst zu Tisch mit seinen Rittern zuechtig und nach adelichen Sitten, und die Edlen und auch die andern Dienstleut, die trugen die Speis und den Trank zu den Tischen. Und war unsaeglich viel Kost bereitet worden und zugericht auf das allerkuenstlichest, als man kundt erdenken. Und besonders war auch da viel und mancherlei Wein und fast koestlich von Dames und von Rottschelle, und von Temars, Byane, Claret, Rosmarin und Ipocras, Wein von Tornis und von deutschen Landen, auch sonst von manchen Enden. In allen Gezeiten war der Wein aus der maßen herrlich gut und die Kost wohl und reichlich bereitet. Nach dem Imbiß, da man nun gessen und getrunken hatte und jedermann froehlich war, da Hub sich ein schoen Gestech und kamen auf die Bahn Freund und Gaest von beider Partei, des Grafen von Potiers und der Melusina, und waren gar reichlich mit koestlichen Kleinodern gezieret. Die schoenen Frauen hatten ihr Aufsehen auf sie, denn da ward gar ritterlich und fast wohl gestochen.

Das vierzehnte Kapitel

Wie auf der Hochzeit gestochen wurde, besonders Reymund.

Reymund, der stach insonderheit ritterlich und wohl. Das wahret bis zu Abend, da beleget man die Tisch und aßen zu Nacht, und mit viel Kurzweil ward das Nachtmahl vertreiben, desgleichen mit huebschen schoenen Worten, die man vor nie mehr gehoeret hatte. Zuletzt, da sie dauchte, daß Zeit war, da kaeme der Melusinen Volk und hießen die Braut besonders kommen und fuehreten die in ihr Gezelt. Dasselbige von Seiden koestlich und aus dermaßen mit mancherlei Voegelen war gestricket, und ihr Bett war auch reichlich zugeruestet und bereitet und mit Lilien wohl bedecket, daran legt man die Braut. Reymund kam auch und legt sich zu ihr. Am letzten, da kaeme ein Bischoff, der sie an dem Bett gesegnet und schoene Gebet ueber sie tat. Da nahm Urlaub der Graf und die Graefin und schieden dann von ihnen, und maenniglich suchet seine Herberg, denn es eben spat war. Und blieben auch etlich wachend die lange Nacht, tanzten und sprungen. Etliche blieben auch wachend und sungen gar schoene Lieder und Gedicht, es war von Hofliedern oder anderem Gesang.

Das fuenfzehnte Kapitel

Wie Reymund Melusina gelobt, sich an ihr treulich zu verhalten.

Wie Melusina und Reymund zu einander wurden gelegt, laß ich jetzt alles stehen, denn es ist oben vor diesem Capitel begriffen, und sage Euch hie, wie sie ein Wesen miteinander hatten. Sie hube an und sprach zu ihm: »Lieber Freund und Gemahel, Glueck hat uns zusammen gefuegt in Maßen, daß wir nun ehelich sein, und sollen sein und bleiben bis an unser Ende. Und ich stehe in Deinem Willen und Gebot, doch also, daß Du mir auch haltest, was Du mir in Treuen gelobet und geschworen hast. Denn ich weiß auch wohl, da Du kamest zu dem Grafen von Potiers, Deinem lieben Herren und Vettern, und Du ihn batest, zu kommen und ihn auch ludest zu Deiner Hochzeit mit seinen Herrn Rittern und Knechten, und ihm sagtest, daß Du mich zu deinem Weib haettest genommen, da fraget er, wer oder von wannen oder von was Geschlecht ich waere. Aber Du gabest ihm gar ein gute Antwort, aber darum so wiß und hab keinen Zweifel daran, denn ob Du mir das haeltest, daß Du mir gelobet, versprochen und geschworen hast, daß Dir denn auch gutes Glueck, Ehren und Selden nimmer gebrist noch auch gebresten soll, sondern daß Du als ein glueckhaftiger, seliger Mann werden sollst und auch fast mehr, denn keiner Deines Geschlechts und Vordern je warde. Uebersiehst Du Dein Geluebd, Eid und Ehr, so wirst Du gar große Not und Arbeit leiden und Kummer gewinnen und also um Dein Land und Leut des mehrern Teils kommen und mich dazu verlieren und nicht wieder finden, noch mein warten.« Reymund gelobt ihr in ihr Hand und schwur ihr aber teuer und hoch, daß er sein Geluebd und auch Eid an ihr stett halten wollt und darwider nimmer tun. Also sprach sie aber: »Lieber Reymund, ob Du das tust, so bist Du zu einer guten Stund geboren worden.« Und daß ich nun diese Matery zum kuerzten mache, so lebten die zwei so freundlich mit einander, daß Melusina in derselbigen Nacht eines Sohns schwanger ward, derselbige ward genannt Uriens. Diese Hochzeit wahret fuenfzehen Tag, und lebeten in großen Freuden und Kurzweil. Und nach den fuenfzehen Tagen, da begabt Melusina die Frauen, die auf ihr Hochzeit waren kommen, naemlich die Graefin und alle die Frauen, die mit ihr darkommen waren, gar reichlich, daß maenniglich sprach: »Ach Gott, was mage dieses Wunder sein, Reymund ist gar gluecklich zu ihr kommen.« Zuletzt, da man nun von dannen scheiden wollt, da tat Melusina auf ein helffenbeinen Schrein, dann zumal koestlich und schoene Kleinod waren, und gab daraus der Graefin ein koestliches Kleinod und Perlen, von Gold und Edelgestein gemacht, desgleichen vor nie mehr gesehen ward.

Das sechzehnte Kapitel

Wie der Graf Bertram und die alte Graefin, seine Mutter, und auch alle Gaest Urlaub nahmen und von dannen schieden, wieder heimwaerts zu.

Der Graf Bertram und auch die Seinen schieden also von dannen, gar zumal ehrlich und nahmen vor Urlaub von Melusina, und sie schieden also von dannen. Da beleitet sie Reymund bis fuer den Wald mit viel ehrlichen Leuten, die mit ihm ritten. Nun hatt der vorgenannte Graf Bertram den Reymund, seinen Vettern, gar aus dermaßen gern gefraget, wer Melusina oder von wannen sie gewesen waere, da besorget er, den Reymunden daran zu erzuernen und ließ es auch anstehen und sagt ihm gar nichts davon. Und danket ihm Reymund und auch der Graefin fast der Ehren, die sie ihm getan hatten, und daß sie also zu seiner Hochzeit kommen waeren. Und schieden von einander. Da nun diese fremde und abenteuerliche Hochzeit ein End nahm, aller erst, da erhob sich das große Wunder und Abenteuer, als Ihr nun hernach hoeren werdet. Und ward ein solches Gebau angefangen, desgleichen vor und nach nie mal mehr gesehen oder erhoeret, noch vernommen ist worden, noch immer wird. Reymund kam wiederum zu der Melusina, kuesset die Liebliche und sprach: »Allerliebstes Gemahel, wie wollen wir nun fuerbaß unsere Zeit vertreiben?« Die Melusina antwortet ihm und sprach: »Ich hoffe, daß uns Gott soll versehen mit allem dem, was wir denn bedoerfen. In acht Tagen kamen ihrer Werkleut mancherlei Handwerker, die fingen an und faellten das Holz aller hernieder, das innerhalb den Pfaehlen mit dem Hirschriemen war begriffen, und sie schlugen das zu kleinen Truemmern, ausgenommen das, das denn zu Bauholz gut war, und machten um den hohlen Fels gar fast tiefe Graeben. Und richtet dies alles Melusina aus und bezahlet ihre Werkleute alle Tag mit bereitem Geld, darum sie auch dester williger waren, ihr Werk zu vollbringen. Sie machten gar ein tiefes und gar ein starkes Fundament und setzten die ersten Gesatz auf den harten Fels. In kurzer Zeit hatten sie gar großmaechtige Tuerme und dabei gar aus dermaßen eine hohe starke Ringmauer gesetzet, und machten zwei gar gute und feste starke Schloß. Um das unterste Schloß machet man gar einen guten und hohen Zwinger, der fast gut und stark war. Da nun die Landsleut sahen, daß ein unsaegliches groß und starkes Werk an dem Schloß und so gar in kurzer Zeit ganz und gar vollbracht war worden, des kundten sie sich nicht verwundern. Als nun das Schloß zu aller Wehr fest und stark zugericht ward, da nennet es Melusina ihrem Taufnamen nach aehnlich und sprach: »Dies Schloß soll und muß Lusinien geheißen und genennet werden. Denselben Namen noch heut bei Tag gar viel Volks in Frankreich in ihr Losung und Geschrei, das sie in Streiten und in Kriegen gebrauchen. Da nun das Schloß mit Tuermen, Ringmauern, Zwingern und Graeben ausbereitet ward, und aus dermaßen stark gemacht, und maenniglich sich da verwunderten des großen Gebaeues und Werks, da nahet die Zeit, da Melusina eines Kinds sollt niederkommen und genesen. Da gebar sie einen Sohn, den nennet sie Uriens, der dernach zu großen Ehren kam. Doch war sein Angesicht nicht schoen, sondern einer seltsamen Form und Gestalt, denn er war kurz und breit und stach unter den Augen, und war ihm das eine Auge rot und das andere gruen. Er hatte auch einen großen weiten Mund und lang hangende Ohren. Aber von Leib und Beinen, von Arm und Fueßen und aller Geschoepf war er gar gerad und wohlgeschickt und adelich gestalt. Darnach ließ sie das Schloß mit aller Eingebaeu ausbereiten, die Gaenge, die Erker und alles unter ein Dach zusammen ziehen, und besetzt das mit Leuten, Speiß und Gezeug in Maßen, daß es nicht zu gewinnen noch zu stuermen war, denn die Graeben, die waren gar unsaeglich tief, und die Mauern und Tuerm hoch und auch stark, und die Tore waren mit Ueberschuetzen und mit einem starken Schloßturm gemacht, und hieß heidnische Spaeher darein legen, die des Turms und Schlosses Tagwaechter waren und die zukommenden Gaest verkuendeten. Melusina gebar desselbigen Jahrs einen Sohn, der ward genannt Gedes, der hatte eine inbruenstige Roete unter seinem Angesicht, die so gar rot war, daß sie herwider schien, doch war er sonst zumal schoene und von Leib wohl geschicket. Darnach bauet sie aber ein gewaltiges herrliches Schloß, genannt Fauent. Darnach den Turm Mauent, darnach Meuent. Da dies alles vollbracht ward, da bauet sie aus Andacht, der Mutter Gottes zu Ehren, ein schoenes Kloster, das nennet sie Malliers. Zuletzt bauet sie das Schloß und die Stadt, Portenach genannt.

Das siebenzehnte Kapitel

Wie Melusina drei Soehn nach einander gebar in dreien Jahren, die alle drei ungestalt waren unter dem Angesicht, und sonst von Leib ganz vollkommen.

Nach dem, als nun die obgeschriebenen Ding geschahen, gebar sie einen Sohn, der war gar schoen, ausgenommen, daß ihm das eine Auge um ein kleines hoeher stunde denn das andere. Derselbe hieß Gyot. Desselbigen Jahres bauet Melusina ein Schloß, genannt Alrotschelle, und darnach zu Sonites machet sie gar ein schoene Brueck. Darnach gebar sie einen Sohn, genannt Anthoni, der bracht an die Welt ein Loewengriff an seinem Backen. Dieser Sohn war auch rauh von Haar und hatte gar lange und scharfe Naegel an seinen Fingern. Er war so grausam, wer ihn sahe, der mußt ihn foerchten. Auch vollbracht er darnach zu Luetzelburg große Sachen und Taten an demselben End. Und erzohe die vorgenannten Frauen ihre Kinder schoen und lieblich, bis daß sie erwuchsen. Und da es nun Gott wollt fuerbaß fuegen, da gewann sie aber einen Sohn, derselbige hatte nicht mehr denn ein Aug, das stunde ihm in der Mitte seiner Stirn, und ward genannt Reinhart; doch saehe er viel mehr mit einem Auge, denn haette er zwei gehabt. Und da er erwuchs, da vollbracht er große Taten. Darnach, da bracht sie aber einen Sohn, der ward genannt Goffroy mit dem Zahn. Derselbe hatte einen Zahn, der ihm als ein Eberzahn vorn aus dem Munde ging. Es war aus dermaßen ein starker Mann und wohlmuegendt seines Leibs; und fremder, wunderbarlicher und wilder Sinn hatte er viel, und noch viel mehr, denn keiner seiner Brueder hatte gehabt, als Ihr hernach wohl hoeren werdet. Melusina gebar den siebenten Sohn, genannt Freymund, der war von Leib und Gestalt gar schoen, aber er hatte auf der Nasen ein haeriges Fleck, der war gleich, als ob er von Wolfshaut und Haaren war. Derselbe Sohn war gar weise und vernuenftig, er verdarb aber also jung, als Ihr hernach auch wohl hoeren werdet. Nicht lange darnach gebar sie den achten Sohn, derselbige hatte drei Augen, deren ihm eins an der Stirn stund, und der ward Horibel geheißen. Dieser ward boeser Sitten, alles sein Gemuet und Herz stunde nur auf Arges. Darnach gebar sie aber einen Sohn, genannt Dieterich, der gar ein treuer Ritter ward. Zuletzt gewann sie den zehenten Sohn, den nennet sie Reymund, der ward Graf im Forst.

Das achtzehnte Kapitel

Wie Goffroy von dem Land schiede und sein Bruder Freymund darzwischen zu einem Moench ward zu Malliers in dem Kloster, das seine Mutter hatt lassen bauen.

Diese Brueder kamen zu großen Ehren in der Welt. Aber davon wollen wir nicht erzaehlen, und sagen nun fuerbaß von Melusina. Nun war ihr siebenter Sohn, geheißen Freymund, der war weise, vernuenftig und wohlgelehret und wandelt zumal sehr in das Kloster Malliers und gewann inbruenstige Liebe in das Kloster, sofern, daß er in Andacht und Demuetigkeit kam, daß er in demselbigen Kloster ein Moench werden und ein geistlich Leben fuehren wollt; und bracht das mit großer Bitt an sein Herrn und Vater und an sein Frauen und Mutter Melusina. Der Vater antwortet und sprach zu ihm: »Freymund, Du siehst nun, daß Anthonius und alle Deine Brueder nach großen Ehren werben und kuehne und mannliche Ritter sein und Lob und Preis an manchen Enden erworben haben. Und sollte ich denn erst einen Pfaffen oder Moench machen, das tue ich nit gern; ich will, daß Du auch nach Ehren und um Ritterschaft werbest, als Deine Brueder.« Freymund sprach: »Ein Ritter will ich nimmer werden, noch kein Harnisch fuehren, denn ich will Gott bitten fuer Euch und meine Mutter und meine Brueder, und ich bitte Euch demuetiglich und um Gottes willen, daß Ihr mich laßt geistlich werden; denn mir in dieser Zeit nichts liebers ist noch mich so wohl erfreuen mag, als daß ich geistlich werde und ein Moench sei in dem Kloster zu Malliers, da ich nun mit Gottes Huelf mein Leben enden will und Gott dem Allmaechtigen dienen.« Reymund sahe die große Begierd, die Freymund hatte, geistlich zu werden, und schicket einen Boten zu Melusina, der ihr saget Freymunds Begier und daß er zu Malliers ein Moench werden wollte. Und ob ihr das gefiel, das solle sie ihn lassen wissen. Melusina entbot ihn hinwieder, daß er in den Sachen moechte tun, was ihm gut gedeucht; und was er darinnen tat, das sollt ihr je ganz wohlgefaellig sein. Reymund kuesset seinen Sohn Freymund und sprach: »Freymund, ich habe zu Deiner Mutter gesandt, ihren Willen zu vernehmen, ob ihr auch auf dies mal gefaellig waere, daß Du ein Moench zu Malliers wuerdest, oder welchen Stand Du an Dich naehmest und nach Ehren oder Ritterschaft wuerbest, als auch Deine Brueder tun. Also hat sie das ganz zu mir gesetzet. Nun habe acht, was Dir das Liebest sei: Ob Du zu Malliers lieber ein Moench waerest, da sie gar eine strenge Regel halten, oder daß Du zu Mormostier ein Moench werdest, oder zu Gotzburg, oder zu Poliers lieber ein Thumbherr, oder zu Thuris in Thorante zu S. Martin ein Thumbherr sein wollest? So bin gegen unserem allerheiligsten Vater, dem Papst, wohl verdient, und verhoffe auch Dir jetzt wohl ein Bistum zu erwerben, es sei gleich zu Paris, zu Peama oder zu Arras.« Freymund antwortet und sprach: »Lieber Herr und Vater, ich begehre nichts anders, denn zu Malliers ein Moench zu werden.« Und also folget der Vater seinem Willen und machet ihn zu einem Moenche und ließ ihn den Orden annehmen und die Profeß tun. Des freueten sich alle die Moench sehr, das ihnen aber hernach zu großem Kummer und Herzeleid geriete, als Ihr auch hernach wohl hoeren werdet. Nun waren die Melusina beide zu Fauent, und es wollte Melusina, Reymundes Gemahel, ihre Kleider an die Luft heraus henken, so kommt ein Bot geritten, der brachte dem Reymunden Botschaft und Briefe, und darzu gute Maehr, daß Anthonius und Reinhart, seine Soehne, also gestritten haetten vor Luetzelburg und darnach vor Prag, und wie Anthonius ein Hertzoa und Fuerst zu Luetzelburg und Reinhart ein gekroenter Koenig zu Behem worden waere. Der Maehre ward er gar froh und rufet seinem Gemahel Melusina lachend und mit Freuden und saget ihr die guten Maehr. Melusina ward von Herzen froh und dankten beide Gott und seiner Gnaden, daß er ihnen so Glueck und Selde zugefueget, daß ihre Soehne also zu hohen Ehren kommen waeren, drei zu Koenigen gekroenet, der vierte ein Fuerst, und der so nahe bei ihnen ein Moench worden, dardurch sie verhoffeten, er solle Gott fuer sie alle bitten. Das aber nicht lange waehret, sondern ein klaegliches Ende gewann, als Ihr hoeren werdet. Auch daß die andern Soehn also wohl beraten sollten werden, darum so lobten sie Gott, daß er ihnen auch so viel Ehren und Guts zufueget, und begehreten von Gott, daß sie auch also geraten sollten werden. Die Maehr erschallen durch das ganze Land, daß sich maenniglich erfreuet, und jedermann hatte Freud mit Reymund und Melusina. Nun laß ich dies alles sein und muß sagen von dem Ende, das diese Freude nahm, denn gewoehnlich die Glueckseligkeit dies Jammers alles nimmt mit Leid, Bekuemmernis und Schmerzen ein Ende in dieser Zeit. Ob das nicht geschieht, so ist's ein Gewißheit der Verdammnuß, als wir auch das lesen in einem Exempel von dem heiligen Lehrer S. Augustino. Der wollte eine Nacht nicht in einer Herberg bleiben, als er von Rom reit in eines Wirtshaus, der sein Schulgesell war. Den fraget er, wie es ihm ginge? Da antwortet ihm der Wirt, es ginge ihm fast gluecklich und wohl und reichtet an zeitlichem Gut und nehme fast zu. Da ruft S. Augustin seinen Diener einen und sagt ihm heimlich: »Gehe bald und lege die Sattel auf, denn wir wollen gar bald fliehen, daß uns Gottes Zorn allhie nicht ergreife.« Denn S. Augustinus nicht fern von dem Haus auf die Straß kaeme, da hube die Herberge, darin S. Augustinus das Nachtmahl gessen hatte, an zu brennen, und verdarbe der Wirt und alles sein Hausgesinde, Weib und Kind, Knecht und Maegd, und man siehet noch heut des Tages die Gruben desselbigen Hauses. Nun komme ich wieder an die History. Es fueget sich einsmals auf einen Sambstag, daß Reymund Melusinam aber verlorn hatt als auch andermal; doch hatte er sie noch nie ersucht, noch auch ihr je nachgefragt, und sein Geluebd und Eid gehalten, denn er auch nie nichts denn Guts und keines Argen gedachte. Und in dieser Zeit, da war eben der Graf vom Forst, Reymunds Vater, mit Tod abgangen; darum so kam sein Bruder, der Aeltere, der dazumal Graf war, gen Lusinien zu seinem lieben Bruder, den er gar schoen und ehrlich empfinge, und das war an einer Hochzeit, als die Grafen und Landherren zu ihrem Herrn Reymunden geritten waren. Da sprach der Graf vom Forst zu seinem Bruder: »Lieber Bruder, heißt Euer Gemahel herfuer zu Euch und Euern Gaesten kommen und sie allda empfahen und ihnen Ehr antun, als sich's denn nun gebuehret.« Reymund antwortet und sprach: Lieber Bruder, laßt Euch nicht verlangen; auf morgen sollt Ihr sie sehen.« Also ward nun das Mahl gegeben und ehrlich vollbracht; und nach dem gehaltenem Mahl, so nahm der Graf vom Forst seinen Bruder, und fuehret ihn besonder und sprach: »Reymund, lieber Bruder, ich besorge, Ihr seid bezaubert. Und das ist eine ganze Landmaehr und sagt maenniglich, Ihr seid nicht wohl bedacht, das Ihr nicht sollet noch bedoerfet Euerem Gemahel nachfragen, wo sie oder wie sie sich haelt an dem Sambstag. Und ist ein fremde Sach, daß Ihr nicht wisset, was ihr Gewerb, ihr Tun und Lassen sei. Und ich muß es Euch je sagen, denn Ihr habt fein groß Unehr, viel Nachrede; denn etliche meinen, sie truebe Bueberei und habe andere Leute lieber denn Euch. Etliche sprechen, es sei ein Gespenst und ein ungeheuer Wesen um sie. Das sage ich Euch als meinem lieben Bruder, und dazu rate ich Euch, daß ihr gedenket zu wissen, was ihr Gewerbe sei; daß Ihr nicht zu einem Toren gemacht und von ihr also geaeffet werdet.« Da er die Rede hoeret, da ward er vor Zorn rot und darnach bleich, und kehret sich an die Wort seines Bruders in großer Grimmigkeit und in hartem Zorn, und ginge gar schnell und nahm sein Schwert und liefe an ein Kammer, darin er noch nie kommen war, die er ihr zu ihrer Heimlichkeit gebauet hatte, und kaeme an ein eiserne Tuer. Da stund er und dachte, was ihm nun zu tun war; und nach seines Bruders Worten kam ihm in seinen Sinn und gedachte, daß sein Weib, die Melusina, gegen ihm untreulich fuehre und große Schand triebe und jetzund vielleicht an solchen Enden waer, daß sie Unehr haett. Und also zog er sein Schwert aus und sucht, ob er ein Loch moechte finden, dardurch er seines Gemahels Handel moechte sehen und befinden, dardurch er denn die Wahrheit fuende und nicht also zweifeln moecht. Und er machet mit seinem Schwert ein Loch durch die Tuer. Ach wie ein groß Uebel er ihm selber macht! Denn er verloere darnach alle seine Freude, als Ihr hoeren werdet. Reymund saehe durch das Loch hinein und saehe, daß sein Weib im Bad nacket saß; sie war oberhalb dem Nabel ein schoen weiblich Bild und von Leib und Angesicht ganz schoen, aber von dem Nabel hinab war sie ein großer, langer und ungeheurer Wurmschwanz, als blau Lasur und mit weißer Silberfarb troepflich unter einander gesprengt, als denn ein Schlang gemeinlich gestaltet ist.

Das neunzehnte Kapitel

Wie Reymund Melusina im Bad ersaehe und er zumal uebel erschrack und in großem Zorn sein Bruder von ihm schicket, denn er ihm Arges von Melusina sagt, das sich aber nicht also erfande.

Reymund, als er nun diese greußliche und fremde Geschoepf an seinem Gemahel saehe, da ward er gar sehr bekuemmert und von allem seinem Gemuet betruebet und erschracke sehr von diesem Gesicht und stund also vor Furcht und großen Sorgen, daß ihm der Schweiß vor Angst ausginge. Doch besann er sich und vermachte das Loechlein, das er mit seinem Schwert gemacht hatte, wieder mit einem Wachs, und versaehe sich des nit, daß es sein Gemahel haett empfunden, was er getan hatte, und kehret da stillschweigend wieder von bannen in großem Zorn und Grimm ueber seinen Bruder, und versiegelt dies Loechlein wohl, daß niemand hinein gesehen mochte, und kam wieder zu seinem Bruder in großem Zorn und Grimmigkeit. Da ihn der Bruder saehe kommen, da gedauchte ihn wohl, wie er zornig war, und versaehe sich vor ihm, er haette sein Weib Melusina an was unehrlicher Tat und ungetreuen Sachen funden.

Also hube er an und sprach: »Lieber Bruder, ich versahe mich zu Stund an, daß Euch Euer Gemahl abgetreten und Euch nicht Treu geleistet hat.« Reymund sprach: »Ihr lueget durch Euer Maul und Rachen; Ihr seid ein schaendlicher Mann und seid zu einer unseligen Stunde herkommen. Und saget mir von meinem Gemahl nichts Arges, denn sie ist fromm und aller Schand unschuldig. Und gedenket, daß Ihr Euch von dannen hebt; denn solltet Ihr Euch ein Weil hier enthalten, es mueßt Euch den Leib kosten. Unselig sei die Stund, darin Ihr herkommen seid. Denn ihr habt geschafft, daß ich ein Sach getan habe, die mir wohl all mein Tage schaden moechte. Eilet bald von meinen Augen und kommt nit wiederum zu mir, dieweil wir beide noch leben.« Reymund, der war so erzuernet, daß er fast von ihm selbst kommen war vor Zorn. Der Graf, sein Bruder, sahe diesen Zorn und erschracke gar sehr und ritte schnell seinen Weg wiederum heim. Und war ihm herzlich leid und jammert ihn fast, darum, daß er seinen Bruder so gar erzuernet und seine Huld und Gunst verloren haett. Denn es dem Grafen vom Forst zu Unheil geriete, und kame des um sein Leben, als Ihr wohl hoeren werdet. Also war nun Reymund in großem Jammer und Herzeleid, und besann sich des, da er Melusina zum ersten nahme, wie er ihr so treu und hoch geschworen hatte, daß er sie an keinem Sambstag nimmer wollt suchen, noch niemand gehellen zu tun, und wo er das braeche und ihr sein Geluebde nicht hielte, daß er sie verlieren und nit mehr sehen wuerde. Und so er an ihr bruechig war worden und er sich besonders versahe, daß sie wohl wueßt, daß er an der eisernen Tuer gewesen waer und sie ihn auch wohl gesehen haelt, denn sie kundt ihm gar wohl sagen die Wort, die der Graf von Poliers mit ihm geredet hatte, da er ihm saget, daß er sich vermahlet haette, und also sich dieser Sache begundt eigentlich bedenken und besinnen, da begundt er gar inniglichen erseufzen und hatte in seinem Herzen großen Jammer und Herzenleid. Und klaget sein großen Kummer und Herzenleid sehr und begundt zu spreche«: »Ach der elenden Stunde, daß ich armer und elender Mann je geboren ward. Soll ich nun durch meine Untreu verlieren die, die all mein Freud, mein Aufenthalt, mein Kurzweil und mein Trost und mein Zuversicht ist.«

Und vor Leid und Jammer zog er sich aus und legt sich an ein Bett, und weinet bitterlich und sprach: »Ach Melusina, soll ich Dich verlieren, so will ich doch durch die Wueste fahren und mich ganz und gar von der Welt tun, und ein Einsiedel oder Moench werden und mich der Welt nichts annehmen.« Solche Klage triebe er den ganzen Tag und die lange Nacht ohne Aufhoeren bis des anderen Tages, der da war der Sonntag, und wendet sich letzthin, jetzt her, nun auf den Ruecken, nun stunde er auf, nun leget er sich nieder; und fuehret also ein klaegliche Weis, daß alle die Seinen in großem Kummer waren, doch so wußte niemand, was doch ihm gebrach. Indem so kommt Melusina und entschloß mit einem Schluessel die Kammer und ginge hinein zu Reymunden und schloß hinter ihr wieder zu. Und zog sich ganz nackend aus und leget sich also wieder zu ihm an sein Bett und kuesset und umfing ihn gar tugendlich. Sie befaende auch wohl, daß er sehr kalt und vor Leid und Unmut ungesund worden war, denn er war gar verkehrt. Sie sprach zu ihm: »Reymund, allerliebster Gemahel, wie gehabt Ihr Euch? Seid Ihr bloede, oder was gebricht Euch; foerchtet oder besorget Ihr Euch. Seid Ihr krank, so laßt mich das wissen, so will ich Euch mit der Huelfe Gottes wohl helfen.« Da nun dies Reymund erhoeret, da ward er froh und gedachte, sie weiß vielleicht nicht um die Untreu, die Du ihr beweist hast. Aber sie wueßt es alles wohl, wiewohl sie nie dergleichen taet; doch tat sie es darum, daß sie wohl wußt, daß er noch keinem Menschen davon nichts gesagt hatte und die Sach ihm selbst behielte.

Das zwanzigste Kapitel

Wie Goffroy Botschaft kaeme, daß sein Bruder Freymund ein Moench waer worden zu Malliers, in dem schoenen Kloster; darum er gar zornig ward, als Ihr hernach denn wohl vernehmen und hoeren werdet.

Also kam an Goffroy ein Bot mit einem Brief von seinem Vater, der hatte ihm geschrieben, daß er und die Melusina, seine Mutter, von Gnaden des allmaechtigen Gottes frisch und wohlmoegend waeren, auch daß sie von den andern seinen Bruedern viel Gluecks und Ehre vernahmen; auch so waere Freymund, sein siebenter Bruder in ein geistlichen Orden kommen und waere ein Moench worden zu Malliers in dem Kloster. Und also begehret Reymund, sein Vater, in seinem Schreiben zu wissen von ihm, was sein Fuernehmen und Meinung waer, fuerbaß zu tun. Da nun Goffroy verstund, daß Freymund, sein Bruder, in ein geistlich Leben kommen und ein Moench worden war, da ward er vor Zorn bleich und grimmig und schaeumet wie ein wildes Schwein; darum alle die, die bei ihm waren, mußten vor Forcht wegen schweigen und dorfte niemand mit ihm reden. Also hube er an und sprach zorniglich: »Die schelmischen und boesen Moench zu Malliers, die haben mir meinen Bruder verzaubert und dazu mit falschen Worten hinterkommen und hintergangen, daß er den ritterlichen Orden verschmaehet hat und ein loser Moench worden ist. Das soll ihnen nimmermehr wohl gedeihen und ich will jetzund das Kloster und alle Moench darinnen verderben und verbrennen.« Goffroy sprach zu seinen Dienern: »Ihr sollt schnell die Pferde zubereiten.« Das geschahe. Also saß er auf und ritt eilends und saeumt sich nicht lange, bis er gen Malliers zu dem Kloster kam. Das geschahe an einem Dienstag. Der Abt und das ganze Convent ginge ihm entgegen und waren seiner Zukunft froh; dieselbige Freud aber bald ein Ende nahm, denn Goffroy war grimmiges Zornes voll und sprach zu dem Abt und zu ihnen allen: »Ihr unseligen Moench, warum habt Ihr meinen Bruder also bekehret und hinterkommen, daß er ein Moench ist worden und die edle Ritterschaft verleugnet hat! Daran habt ihr gar sehr unweislich getan und habt Euren Tod erjagt, denn Ihr muesset darum verderben und Euer Leben darum geben.« Und er begundte gar sehr zornig zu werden und vor Grimmigkeit die Zaehn aufeinander beißen. Der Abt und auch die Moench begundten vor großer Sorge schwitzen und erzittern. Doch antwortet ihm der Abt und sprach: »Herr, es ist nicht durch mich geschehen, denn er ist sein selbst maechtig und ist von Andacht beweget worden, dadurch er in diesen Orden und Kloster kommen ist. Und Euer Bruder steht hier gegenwaertig, den fraget selbst ob dies also sei oder nicht.« Freymund hube an und sprach: »Lieber Bruder, ich sage Euch fuerwahr und bei meinem Eid, daß ich niemands denn allein meinem Willen gefolget habe, und meine Schuld ist es, daß ich hie zu einem Moench worden bin; und ich habe nichts Besseres verstanden noch zu tun gewußt. Denn ich in dem Willen habe, hie fuer Euch Gott zu bitten, fuer meinen Vater und fuer meine Mutter und fuer alle meine Brueder, auch fuer alle unsere Vorfahren, und es ist auch meines Vaters guter Will gewesen und auch meiner lieben Mutter.« Goffroy war voll grimmiges Zorns und half gegen ihn kein Red noch Gut, und stunde zu Fuß ab von seinem Pferde und beschloß das Kloster allenthalb und die Moench darinnen und ließ ihm bringen einen großen Haufen Heu's, Stroh und Holz, und ließ das alles an einen Ort des Klosters auf einen Hauf tragen und gegen dem Wind anstoßen mit Feuer. Die Moench waren alle in die Kirchen geflohen, dieselbigen verbrannten auch ganz und gar und alle die Moench, die darinnen waren. Also verdarbe sein leiblicher Bruder mit den anderen Moenchen von Feuersnot, jung und alt also jaemmerlich, daß ihrer keiner davon mocht kommen; denn sie alle miteinander, wie Ihr jetzt gehoeret habt, gar jaemmerlichen verdorben und umkamen, ganz und gar unverschuldet und auch unverdient. Das doch einem solchen wohl beruehmten Ritter zumal unehrlich war, dadurch seinem Vater und seiner Mutter gar großer Kummer auferstund und ihn Ungefell kamen, als Ihr hernach baß vernehmen werdet. Desselbigen Ungefells diese Tat ganz und gar eine Ursach war, daß Goffroy das Kloster und die Moench, die darinnen waren, mit einander verbrennet.

Das ein und zwanzigste Kapitel

Wie Goffroy mit dem Zahn das Kloster, Malliers genannt, das seine Mutter Melusina hatte bauen lassen nach dem aller koestlichsten, in den Grund verbrennet und auch alle die Moench, so darinnen waren.

Wie nun Goffroy seinen Zorn vernichtet und seinen boesen Willen vollbracht hatte an dem Kloster und darzu an den Moenchen, die er so gar elendiglich taet verbrennen und verderbet unverschuldeter Sach, naemlich den Abt und seinen Bruder Freymund und dazu wohl hundert Moenchen, da begundte ihn sein Missetat und Suende sehr uebel gereuen. Dasselbige aber dem Abt und den anderen Moenchen zu spat war. Also schied er von dannen in großem Leid und Zorn, schalt und fluchet ihm selbst nach dem, und ihm gedaucht, daß er sich gegen Gott, auch den Moenchen und dem wuerdigen Gotteshaus verwirket haett. Und also haette Goffroy vor großem Leid und Unmut schier verzweifelt an ihm selbst und ritte gegen dem Land Garande.

Nun lassen wir dies alles bleiben und kommen wieder an die foerdere History, wie es mit Reymund und der Melusina ein Gestalt gewunnen habe. Reymund, der war zu Fauent, da er auch gern war, und war auch bei ihm die schoene Melusina. Nun es begaebe sich einesmals, da sie ueber dem Tisch sitzen, so kommt ein Bote, der grueßet den Herrn und sie und schwiege darnach, denn er seine Botschaft nicht gern sagen wollt, denn sie nicht froehlich sondern erschrecklich war. Reymund fragt ihn zur Stund, was Maehr er braecht. Der Bot verhielte die Botschaft so lange er mocht, doch zum letzten sprach er: »Herr, meine Botschaft muß ich Euch sagen, aber ich tue es nicht gern. Euer Kinder eins, das ist tot.« Reymund antwortet und sprach: »Wie kommt das, welches ists unter meinen Kindern?« Er antwortet und sprach: »Es ist Freymund.« Er fraget den Boten: »Seind ihm aber christliche Recht geschehen oder nit?« Er antwortet und sprach: »Herr, nein; denn keines christlichen Rechts er bekommen und ist verbrunnen und verdorben zu Malliers in dem Kloster mit den anderen Moenchen, die auch verbrunnen sein.« Reymund, der sprach: »Lieber Bote, sage mir ganz, wie doch die Sach ergangen sei, denn ich des ein Wissen will haben.« Der Bot sagt und erzaehlet ihm Goffroys Bosheit und Missetat, die er so frevenlich begangen haett an dem Kloster, an dem Abt, an seinem Bruder Freymund und an allen andern Moenchen, und wie sie ihn sollten verwiesen haben mit listigen Worten, daß er zu einem Moench waer worden, und was ihm der Abt zur Antwort gegeben haett, und wie er die Tuer ganz verriegelt haett und mit Holz, Heu und Stroh einen großen Haufen gemacht und den gegen dem Wind angezuendet und das Kloster und die Moench alle darinnen verbrennet bis in den Grund. Da Reymund diese boese Maehr hoeret und vernaehme, da saget er zum Boten: »Lieber Bot, gedenke, daß Du mit der Wahrheit umgehest und kein Unwahrheit sagest.« Der Bot antwortet und sprach: »Herr, es ist leider viel zu wahr, denn ich habe die Hofstatt des armen und elenden Klosters gesehen.« Da Reymund dies hoeret und vernahme, da erzuernet er sehr ueber Goffroy und ward von ganzem seinem Gemuet beweget. Er saß auf schnell ohn allen Verzug, und ritt selbst gen Malliers; da hoeret er in dem Lande allenthalben und in den Doerfern große Klag des Klosters halben, das Goffroy also verderbet hatte. Er kam auf die Hofstatt, da sahe er, daß das Kloster und alle Moench darinnen verbrennet waren, da ward er so gar zornig, daß er darnach sein selbst entgelten mußt, als Ihr hoeren werdet. Er reuet fast, moechte ihm Goffroy werden, er mueßt auch eines boesen Todes sterben. Und saß also in großem Zorn wieder auf sein Pferd und ritte heim gen Fauent, und kaeme dennoch desselbigen Tages dar. Und da er wieder von dem Pferde stund, da ginge er in ein Kammer, da beschloß er sich und klagt da sehr sein Herzenleid und das große Uebel, das Goffroy hatte an dem Kloster und an seinem Bruder und auch an allen Moenchen begangen, die in dem Kloster waren, und klaget das Uebel, das er auch selbst an seinem Vetter, dem Grafen von Potiers, getan hatte, wiewohl das wider seinen Willen geschehen war. Und daß er darnach auch ein Meerfei und ein Gespenst Weib genommen haett und zehen Soehne von ihr gewonnen und jetzund den einen so jaemmerlich verloren haette und von seinem eigenen Bruder so jaemmerlich verderbet waer worden. Da gedachte er: »Soll denn Goffroy immer so gut tun? Dazu hat er nicht wohl angefangen, denn er hat ein großes Mordstueck begangen an seinem leiblichen Bruder und an viel geistlichen Moenchen. Und gedacht auch: es ist ein Gespenst um dies Weib, das mag ich wohl berufen, denn sie sich in dem Bad erzeiget hat als ein halber Mensch und ein halber Wurm, das doch ein grausamliches Ansehen war.« Als Reymund nun in diesen Gedanken und in großem Unmut lang wehklagt, da schloß Melusina die Kammertuer auf und ging hinein, und mit ihr Ritter und Knecht, Frauen und Jungfrauen, und funden Reymund liegen in seinen Kleidern auf dem Bett. Reymund sahe sein Gemahel kommen. Und er war in so großem Unmut und Zorn, dar mit er bekame sein großes Herzenleid und ein langwaehrendes Reuen dazu, auch ein betruebtes Scheiden, als Ihr nun hoeren werdet. Melusina die Tugendreiche und dazu die Hochgeborene hube an und sprach ganz freundlich zu ihrem Gemahel: »Reymund, Du sollst Dich nicht so uebel gehaben und dich selber betrueben und bekuemmern in Sachen, daran Du nicht schuldig bist, noch die nit gebessern magst, denn Du sollst geduldig sein in Deinem Kummer und Leiden und sollst es Gott befehlen, der alle Ding vollbringet nach seinem Willen, und dem seinen Willen niemand verkehren mag. Der will nun vielleicht, daß wir diesen Kummer und dies Herzeleid haben; und was niemand wiederbringen mag, das ist sehr weislich getan, daß man das geringe fahren laß. Und ob Goffroy gesuendiget und mißgetan hat an dem Gotteshaus, das er verbrennet und verderbt hat, gewinnt er recht Reu, als ich hoff; so wiß ohn Zweifel, er moege es bueßen, sonder so er Reu und Leid darueber empfahet, als ich hoffe, er werde es tun. Denn Gottes Barmherzigkeit gar viel und groß ist und begehret nicht des Suenders Tod, sondern daß er lebe und sich bekehre.« Melusina, die redet vernuenftig und weislich, aber Reymund lag da so in großer Grimmigkeit und so voll Zorns, daß alle Vernunft von ihm schied, und nicht moeglich war, daß er guts reden mocht, als uns auch bezeuget Seneca, da er spricht: »
Iratus nil nisi criminis loquitur. Der zornige Mensch redet nichts, denn das laesterlich ist.« Er spricht auch fuerbaß: »
Melius est iram vincere tacendo quam loquendo.« Das ist zu Deutsch also geschrieben: »Es ist viel besser, den Zorn zu ueberwinden mit Schweigen, denn mit Reden.«

Das zwei und zwanzigste Kapitel

Wie Reymund in großem Zorn und Grimmigkeit um Goffroys Missetat wegen Melusina vor den Leuten beschaemet, wie sie ein Meerwunder waer.

Der hochgeborn Fuerst und Herr Reymund saehe sein fromme Frauen grimmiglichen und zorniglich, und auch trotzenlich an und schwiege eine kleine Weile still, und hube doch an und sprach vor ihnen allen: »O Du boese Schlang und schaendlicher Wurm, der Samen nach all Dein Geschlecht tut nimmer gut, siehe, was schoenen Anfang Dein Sohn Goffroy mit dem Zahn hat getan. Er hat sein eigenen leiblichen Bruder Freymund und darzu hundert Moench mit dem Abt und darzu das schoene Kloster verbrennet und laesterlich verderbet, und besonders meinen Sohn, den ich am allerliebsten hatte. Und ich bin da gewesen und habe es alles mit den Augen selbst gesehen.« Spricht Melusina: »Ach Reymund, wie hast Du Dich so ganz und gar von aller Vernunft geschieden und lassest Unbescheidenheit in Dir so gewaltig regieren, warum hast Du die verargwohnet, der es als leid war als Dir, die Dich als gar lieb und so wert hat und wider Dich nie Arges tat. Und ueber solche Geluebd und Eid, so Du ihr gelobet und geschworen hattest und sie Dir auch, und Dir allen ihren Handel und Sach gesagt, und ob Du ihr solch Dein Geluebd und Treue nicht hieltest, daß Du sie verlieren wuerdest. Reymund, Dein Glueck, Dein Selde und alle Deine Freud und Ehr sollen leider jetzund ein Ende haben.« Da die Melusina solche Wort geredet, da erschracke sie aus dermaßen sehr und uebel von Grund ihres Herzens und Gemuets, daß sie sich fuerbaß fuer Schrecken und Zittern auf ihren Fueßen nicht mehr auffenthalten mochte noch kundte, und fiel von Stund an vor ihnen allen, die da gegenwaertig waren, ernieder auf die Erden und laege also da bei einer halben Stund lang. Die Herren und die Diener erschracken auch aus dermaßen sehr von den Worten, die sie gehoeret hatten von Reymund, ihrem Herren, zu ihr reden. Und erschracken und wurden gar sehr bekuemmert, noch viel mehr, da sie sahen die Frauen so gar schnell ernieder fallen und sie ganz von ihren Kraeften kommen. Sie nahmen die Frau und huben sie auf und gossen ihr kalt Wasser unter ihr Angesicht, mehr denn fuenfzehen mal, daß sie doch zuletzt wieder zu ihr selber kam.

Das drei und zwanzigste Kapitel

Wie Melusina vor großer Ohnmacht und betruebten Jammer ernieder fiele und sie darnach wieder zu ihr selbst kame. Und daß sie darnach mit Reymund, ihrem Gemahel und mit etlichen Landsherren redte von ihrem Hinscheiden. Auch Horridel, ihres Sohnes wegen, der drei Augen hatte und darnach in einem Keller ersticket ward.

Sie hub gar erbaermlich an und sprach: »Ach Gott! Ach Gott! O Reymund, wehe mir, daß ich dich je sahe mit Augen, wehe mir, daß ich ueber Deiner schoenen Geberde so viel Wohlgefallens je gewann! Das soll Gott geklaget sein. Wehe mir, daß ich Dich bei dem Brunnen je fande, wehe mir, daß ich Deinen stolzen Leib je umfinge, wehe mir des elenden Tages, daß ich Dein Kundschaft und Liebe je gewann, wehe mir der Stund und des Augenblicks, daß ich Dich mein je gewaltig macht! Dein große Verraeterei und Falschheit, Dein falsche Zung und Deine zornige grimmige Rede und Verweisen haben mich so gar in langwaehrende Arbeit, Angst und Not gesetzt, darin ich sein und bleiben muß bis an das End des juengsten Tages, so Gott ueber Lebendige und Tote richten wird. Du schaendlicher, ehrloser Schalk und Boesewicht, aller Untreu voll, Du meineidiger und falscher Ritter, wie hast Du mir gehalten, wie hast Du so laesterlich und schaendlich dein Geluebd, Ehr und Lob uebersehen! Noch hatte ich mich gelitten in dem, daß Du mich im Bad hattest gesehen, wenn Du Dir es heimlich und verschwiegen haettest behalten und keinem andern Menschen offenbaret, denn alldieweil es niemand gewußt haett, so haette es mir nicht geschadet, aber seither, daß Du nun selbst geoffenbaret hast, so muß es Dir an Leib und Gut, an Glueck und Seide und sonderlich an Deinen Ehren mißgehen. Das kommt Dir von Deinem falschen Meineid und Deiner großen Missetat, die Du an mir armen Frauen so schaendlich hast begangen. Denn haettest Du mir Dein Geluebd gehalten und geleist, aufrecht und ehrlich, so waere ich bei Dir blieben so lange, bis Gott ueber mich geboten haette, und waere natuerlich gestorben als ein ander Weib und der Erden befohlen worden, und waere meine Seel und mein Leib gewißlich zu der ewigen Freuden kommen. Nun, so muß mein Leib und Seel zu dieser Stund hie in Leiden und Pein bleiben bis an den juengsten Tag, und Du hast Dir selbst erworben, das Dein Leiden, Kummer und Arbeit jetz und anfanget, und es wird Dir uebel und mißgehen, und Dein Land wird nach mir weit verteilet und nimmer wieder zusammen in ein Hand kommen. Etliche Deines gesipten Geschlechts, die werden auch unsellig und nimmer Fried gewinnen. Nun habe fuerbaß in acht, denn ich Dir fuerbaß kein Gesellschaft nimmer leisten mag, das mir doch schwer und leid ist.« Melusina, die Ungemute, nahm mit traurigem Gemuete drei Landsherren und fuehret die besonders zu Reymund und sprach: »Reymund, an mir ist keines Bleibens mehr. Horribel, unser achter Sohn, der drei Augen in die Welt hat bracht, den sollst Du nicht lebendig lassen und von stundan nach meinem Hinscheiden toeten und verderben. Und ob er lebendig blieb, so moecht in dem ganzen Land zu Potiers vor großem Krieg, der da wuerd, kein Korn oder andere Fruecht mehr wachsen, denn er wuerde es ganz und gar verwuesten, und seine Brueder wuerde er alle bringen in ein große Armut, und alle seine Freund, die seines Geschlechts sein, wuerde er verderben und verheeren. Aber um den Unmut, den Du hast, darum, daß Goffroy das Kloster und die Moenche verbrennet und verderbet hat, sollt Ihr wissen, daß es Gott also ueber die Moench verhaengt hat, von ihrer greulichen großen Suend wegen. Unangesehen also, denn sie ihr Regel und Observanz nicht gehalten haben, von Aergernus wegen der Leut, als Du vor gehoert hast, denn um eines Suenders willen etwann hundert verderben und schaden nehmen; und wisse auch, daß Goffroy das Kloster wiederum wird lassen bauen, koestlicher und besser denn es vor je gewesen, und werden auch mehr Moench an der Zahl darin bestaettiget und versorget, denn jetzund darinnen gewesen sind, und er wird das Kloster reichlicher begaben, und er wird noch gar viel Gutes tun, so er alt wird. Aber eines sage ich Dir, ehe daß ich von Dir scheiden will, daß Du und die noch ueber hundert Jahr nach Dir kommen, sollen wissen, wenn man mich siehet in der Luft daher schweben ob dem schoenen Schloß Lusinien, so soll es gewiß sein, daß desselbigen Jahrs das Schloß einen andern Herrn gewinnen, und ob man mich in der Luft nicht erkennen kann, so wird man mich aber bei dem Durstbrunnen sehen. Und dies geschicht, all dieweil das Schloß also in Ehren und Gebaeuen steht, denn ich meines Taufnamens auch ein Teil daran geleget habe, besondern am Freitag vor, ehe daß der Herr des hohen schoenen Schloß soll geendet werden. Aber daß ich das Schloß soll lassen und davon scheiden muß, das nimmt mir alle meine Freud und bringet mir groß Trauren; doch so muß es sein und mag auch anders nicht ergehen. Reymund, da wir zusammen von Angesicht kamen, da funden wir beide, je eines an dem andern Freud, Lust und Kurzweil. Ach Gott, das fueget und will sich nun zu einem großen Leid und Kummer ziehen, unser Freud ist verkehret in groß Trauren, unser Staerke und Kraft ist verkehret in Ohnmacht, unser Wohlgefallen in Mißfallen, unser Selbe in Elend, unser Sicherheit in Sorge, unser Glueck in Ungefell, unser Freiheit in Dienstbarkeit.«

Das vier und zwanzigste Kapitel

Wie Melusina so jaemmerlich klaget ihr groß Ungefell und Hinscheiden, das sie tun mueßt. Und wie er sie um Gnad bad und sie beide vor Herzenleid niederfielen.

Dies kommet alles von Gluecksunfall, wo etwann das Glueck einen erhoehet und den andern wieder erniedert, aber Du hast selber Schuld daran, und von Deiner großen Unwahrheit und Untreu wegen, so, wirst Du Dein Herzenlieb verlieren und um sie kommen. Nun mage ich je laenger nicht bleiben, aber Reymund, lieber Freund, Gott vergebe und verzeihe Dir Deine Missetat, die Du an mir begangen hast, denn durch das so leide ich Pein bis an den juengsten Tag, des waer ich durch Dich erloeset worden. Ach Gott, nun muß ich wieder in Leiden und Kummer, von dannen ich kommen bin!« Da nun Reymund diese Klag vermerket und erhoeret und der hochgeborenen Fuerstin, seines lieben Gemahels, Hinscheiden begundte zu betrachten, so bedarf niemand fragen, ob er sehr dadurch wurde betruebet. Ja, ohn alle Fehle und so sehr und fast, daß es unmoeglich zu schreiben und zu sagen war, und er mocht vor Jammer und Herzenleid nicht mehr ein Wort gesprochen, denn ihn gedauchte, daß sein Herz alle Augenblick vor großem Schmerzen, Jammer und Leid billich brechen sollt, daß er auch von Gott von Herzen begehret zu sterben. Reymund stunde auf und ginge zu Melusina mit gar jaemmerlicher Geberde und umfinge und kuesset sie mit großer Betruebnuß und Kuemmernuß und weinet bitterlichen. Und vor großem unaussprechlichen Herzenleid, daß sie beide hatten des Scheidens halben, fielen sie beide nieder auf die Erden.

Die Landsherren und Hofdiener, Frauen und Jungfrauen, begundten sehr zu trauren und huben beide wieder auf, sie weineten und alles Volk mit ihnen. Reymund stund auf und fiel fuer sie nieder auf das eine Knie und bate sie ganz fieißiglichen mit ganzem Ernst, daß sie ihm verzeihen und vergeben wollt, daß er sich selber so boeslich versehen und sein Geluebd ueberfahren haett. Melusina antwortet ihm und sprach: »Das soll noch mag nicht mehr gesein, denn es Gott nicht also geordnet hat, und es muß nun also zugehen. Doch, lieber Reymund, vergiß Deines Sohns Freymunds; aber doch Deines Sohns Reymunds, des sollest Du auch nicht vergessen, denn derselbige soll Graf werden im Forst an Deines lieben Bruders Statt. Auch denke Dieterichs, Deines neunten Sohns, der noch an der Ammen ist, denn er zu Portenach und zu Rotschelle Herr sein und werden soll, denn er noch gar ein mannlicher Ritter werden muß, desgleichen alle die Soehne, die von ihm kommen, werden mannlich und stark kuehne und beruehmte Ritter. Lieber Freund, ich bitte Dich, daß Du Gott allezeit fuer mich bittest, denn ich auch Dein nichtvergessen will, Du sollst auch von mir noch viel Trosts und Huelf zu gewarten sein in Deinen anliegenden Noeten, doch magst Du mich hinfuer in einer weiblichen Natur nicht mehr gesehen.« Melusina, die sprange mit ebenen Fueßen in ein Fenster und sahe hinaus, und wollte doch nicht von dannen scheiden ohne Urkund der Landsherrn und alles Hofgesinds, als Ihr hoeren werdet. Nun redet sie fuerbaß zu Reymund und sprach: »Gesegne Dich Gott, mein Herz, mein Lieb und wahrer rechter Freund, gesegne Dich Gott, mein holdseliger und herzliebster Gemahel, gesegne Dich Gott, mein koestliches Kleinod, das ich so gar sueßlich und lieblich geliebt habe! Gesegne Dich Gott, Du edle Kreatur, gesegne Dich Gott, mein Wollust und Freud und was ich in dieser Zeit lieb gehabt. Gesegne mir Gott den schoenen, edlen und sueßen, auserwaehlten und holdseligen Gemahel, mein allerliebster Buhle und auch mein freudenreicher Mann! Gesegne Dich Gott, mein liebster Herr und sueßer Hort! Gesegne Dich Gott, mein Auffenthaltung, mein Kurzweil und Schimpf, vielmehr denn zu tausend Malen! Ach, gesegne Dich Gott, mein allerliebster Trost und Hort in meines Herzens Grunde! Gesegne Euch Gott, alles Volk! Gesegne Dich Gott, das Schloß Lusinien, so sein und schoen, das ich gemacht und selbst gestiftet habe! Gesegne Dich Gott, Du sueßes Saitenspiel! Gesegne Dich Gott alles, was einer Frauen Wohlgefallen mag! Gesegne Dich Gott, mein allerliebster Freund, der mir mein Herz hat besessen.«

Das fuenf und zwanzigste Kapitel

Wie Melusina Reymund gesegnet und alles Volk, und schiede weinend und schreiend hinweg.

Als nun Melusina diese Wort aller vollbrachte, da taete sie vor ihnen allen einen Sprung, und sprang gegen einem Fenster und schoß also zum Fenster aus und war zur Stunde eines Augenblicks unter dem Guertel wiederum ein feindlicher, ungeheurer, langer Wurm worden, des sie sich alle sehr verwunderten, denn niemand unter ihnen allen sie vormals also gesehen hatte, denn allein der Reymund. O, der elenden Stunde, da er mit ihr zu Krieg kame von Goffroys wegen, als Ihr gehoeret habt. Melusina, die schoß durch die Luft schnelle und umfuhr das Schloß dreimal und ließ zu jedem mal einen großen Schrei, gar zumal erbaermlichen, und schoß also durch die Luft hin schnelle, daß von Stund darnach alles Volk noch niemand sie mehr gesehen mochten. Reymund, der stund also bei den Seinen und war in gar großem unseligem Leid und großer Qual. Er schrie und weinet bitterlichen, und rauft ihm selber sein Haar aus und flucht gar viel und dick der Stunde, darinnen er geboren ward. Und da er vor Leid so viel gesprechen mocht, da rufet er und sprach: »Nun gesegne Dich der allmaechtige Gott, mein schoener Gemahel, mein liebste Freundin, aller Ehren eine Kron! Gesegne Dich Gott, mein Geluebde und Gesundheit! Gesegne Dich Gott, meine sueße Meisterin! Gesegne Dich Gott, meine Freud und mein Reichtum! Gesegne Dich Gott, mein Kurzweil! Gesegne Euch Gott, aller Schimpf und Schall! Gesegne Euch Gott von hohem Preis, die ich lobe und ruehme! Gesegne Euch Gott, mein Weib und Gemahel! Gesegne Euch Gott, meine sueße Blum! Gesegne Euch der allmaechtige, ewige Herr und Heiland Jesus Christus! Nun sind mir alle mein gute Tag vergangen, seit ich Euch nicht mehr gesehen mag. Wehe, daß ich je geboren ward!«

Es klagt sich Herr Reymund unmaeßiglichen fast, daß alle die Seinen, und wer das sahe, der mußte mit ihm klagen und weinen. Denn auch sonst um die Melusina gar große Klag war in allen ihren Landen, und dazu auch anderswo, wo man sie erkannt hatte. Besonders klagt er gar sehr, daß von seiner Missetat und Schuld wegen er sie verloren haett und sie nimmer bekommen moecht, und satzt das alles so schwer zu Herzen, daß ihn darnach nimmermehr kein Mensch froehlich sahe bis an sein Ende.

Eine fast schoene
und kurzwellige Histori
von der schoenen Magelona,
eines Koenigs Tochter von Neapel, und
einem Ritter, genannt Peter
mit den silbernen Schluesseln,
eines Grafen Sohn
aus Prouincia.

Das erste Kapitel

Wie einstmals ein Turnier geschah durch die Edlen und Freiherrn des Grafen von Prouincia.

Die Freiherrn und Edlen des Landes hielten eines Tages ein Turnier, in welchem Peter erlanget den Preis vor allen anderen, wiewohl viel fremde und geuebte Ritter auch dabei waren, die alle nach dem gehaltenen Turnier von dem Grafen geehret wurden, von wegen seines Sohnes. Denn sein Geruecht weit erschall, wie seines Gleichen nicht waer, und redeten also mancherlei miteinander; insonderheit ließ sich einer vernehmen von der schoenen Magelona, des Koenigs zu Neapel Tochter, deren Gleichen nicht sollt gefunden werden von Schoenheit und Tugend. Es uebten sich auch viel in Ritterspielen, ihr damit verhoffend zu gefallen.

Das zweite Kapitel

Wie Peter ausreitet, die schoene Magelona zu besehen.

Und es begab sich eines Tages, da kam einer zu dem Peter und sagete ihm also: »Ihr sollt wandern und die Welt suchen und Euch ueben in Ritterspielen, damit Ihr weiter bekannt werdet. Und ohne Zweifel, so Ihr mir also folget, werdet Ihr einen schoenen Buhlen ueberkommen.« Da solches Peter vernahm, dieweil er auch vor von der schoenen Magelona gehoeret, satzte er ihm selbst fuer mit seinem edlen Herzen, so er moechte Urlaub haben von Vater und von Mutter, zu folgen, um die Welt zu erfahren. Nicht lang darnach, als der Hof vergangen, gedachte Peter, wie er's anfangen wollt, damit er Urlaub von Vater und Mutter erlangen moechte, die sich seines Hinwegscheidens gar nicht versahen. Es begab sich eines Tages, daß er Vater und Mutter bei einander sah sitzen, gedachte er da um Urlaub zu bitten, fiel auf seine Knie nieder und sprach zu ihnen: »Gnaediger Herr Vater und gnaedige Frau Mutter, ich bitte Euch untertaeniglich, mich als Eueren Sohn zu hoeren. Ich sehe und erkenne, wie Ihr mich bisher erzogen und in großen Ehren gehalten, auch viel verzehret von dem Euren, mich aber nicht gebrauchet, etwas zu erlangen und bekannt zu werden, wie die andern Herren. Hierum bitte ich, so es Euch nicht entgegen, mir gnaediglich zu erlauben, der Welt Lauf zu erfahren, dann mich gedaeuchte gaenzlich, es wuerde Eure Ehr und mein großer Nutzen sein. Darum mein allerliebster Herr Vater und Frau Mutter, ich bitte Euch demuetiglich, Ihr wollet mir gnaediglich und gutwilliglich erlauben.« Als der Graf und die Graefin solchen Willen ihres Sohnes vermerkten, wurden sie nicht ein Kleines beschweret und traurig; doch antwortet ihm sein Vater und sprach: »Peter, lieber Sohn, Du weißt wohl, daß wir keinen andern Sohn haben, denn allein Dich einigen, auch sonst keinen Erben, denn Dich; so stehet alle unsere Hoffnung und Trost zu Dir. So es Dir denn mißlinge, da Gott lange vor sei, wuerde unsere Grafschaft und Herrschaft ganz verloren werden.« Auch sagt ihm seine Frau Mutter: »Liebster Sohn, es ist Dir nicht vonnoeten, zu suchen die Welt; denn diejenigen, so die Welt suchen, tun es um Geld und Reichtums willen, dardurch auch der Fuersten und Herrn Gnad zu erlangen. So hast Du von Reichtum und Ehren, in Waffen und Ritterschaften, Adel, Freundlichkeit und Schoenheit so genug als kein Fuerst dieser Welt. Du hast auch ein gut Geruecht ueberall durch Deine Tapferkeit erlangt, zudem eine schoene Landschaft, Gott sei gelobet. Warum begehrest Du denn ander Gut zu erlangen; zeige nun doch an die Ursachen, warum Du deß Willens seiest, uns also zu verlassen. Siehe an Deines Vaters und mein selbst Alter und betrachte, wie wir doch auch sonst keine andere Freude noch keinen anderen Trost haben, denn allein von Dir; und so keine andere Ursach waere, Dich in Deinem Fuernehmen zu verhindern, gedaeuchte mich solches genugsam sein. Hierum bitte ich Dich, liebster Sohn, als viel eine Mutter ihr Kind bitten kann, Du wollest Hinwegscheidens fuerder geschweigen.« Als Peter solchen Willen seines Vaters und Mutter vermerket, ist er sehr erschrocken, jedoch hat er mit untergeschlagenen Augen auf ein Neues angefangen und gesagt: »Ich bin derjenige, der Euch gehorsam und willig in allen Dingen sein will, jedoch so es Euer beider Wille waere, bitte ich nochmals von Euch beiden gnaedige Erlaubnis; indem werdet Ihr mir einen großen Gefallen tun, denn ein junger Mensch mag nichts Besseres tun, als sich ueben und die Welt durchsuchen. Derhalben ich wieder auf das Untertaenigste bitte und begehr, meines Hinwegziehens keine Beschwerung zu tragen, sondern in Frieden stehen.«

Das dritte Kapitel

Wie der Graf und die Graefin ihrem Sohn Peter erlaubten, die Welt zu erfahren.

Da der Graf und die Graefin solchen Fuersatz und Willen ihres Sohnes vernahmen, wußten sie nicht, was ihnen hierinnen zu tun geziehmen wollt, ihrem Sohn sein Bitt und Begehr abzuschlagen oder zuzulassen. Denn ihr Sohn blieb also auf den Knien, beider Antwort zu hoeren, und als er vermerket ihr langes Stillschweigen, fienge er wieder an zu bitten also: »Allerliebster Herr Vater, meine untertaenigste Bitte ist noch einmal, Ihr wollet mir gnaediglich erlauben.« Sagt sein Vater zu ihm: »Liebster Sohn, dieweil Du also einen gewissen Willen hast, die Welt zu sehen, so geben Deine Frau Mutter und ich Dir ein gnaedig Erlaubnis; doch gedenke, daß Du nicht uebel handelst und tust, das dem Adel entgegen sei. Habe Gott den Allmaechtigen lieb vor allen Dingen, demselbigen diene allewegen, und huete Dich auch vor boeser Gesellschaft und komme als zierlich herwieder. Nimm auch Pferde und Harnisch, Gold und Silber von den meinen, als viel Dir vonnoeten will sein.« Da solches der Peter von Vater und Mutter gehoeret, dankt er ihnen beiden auf das untertaenigste. Indem nahme ihn seine Frau Mutter auf einen Ort und gab ihm drei koestliche und huebsche Ringe, welche eines großen Gelds geschaetzt wurden. Als er dieselbigen empfangen, danket er auf das Demuetigest seiner Frau Mutter und bereitet sich auf die Fahrt, nahm mit ihm Edel und Unedel, ihm zu dienen. Nachmals nahm er Urlaub von Vater und Mutter, die ihm befahlen, gute Gesellschaft zu suchen und die boese zu fliehen. Er sollt auch ihrer beider eingedenk sein. Also zog Peter auf das Heimlichst, so viel ihm moeglich war, hinweg und ritt also lang, bis er kam in die Stadt Neaples, da der Koenig Magelon, der schoenen Magelonen Vater, Hof hielt mitsamt seinem Gemahl und seiner Tochter, und zog zur Herberg auf einen Platz, welcher auf den heutigen Tag genannt wird der Fuerstenplatz. Da er nun in die Herberg kam, befraget er sich der Gewohnheiten des koeniglichen Hofs und begehrt von seinem Wirt unterrichtet zu werden, ob auch fremde namhaftige Ritter am Hof waeren. Darauf zeiget ihm sein Wirt an, es waere vor kurzen Tagen einer an Hof kommen, dem der Koenig große Ehr beweiset von wegen seiner großen Mannheit, mit Namen Herr Heinrich von Crapana genannt, welchem zu Gefallen der Koenig haett bestellet ein Rennen und Turnieren auf den naechsten zukuenftigen Sonntag. Da fragt weiter Peter seinen Wirt, berichtet zu werden, ob auch die fremden Renner und Turnierer zugelassen wuerden. Antwort ihm sein Wirt: »Ja, gern, doch daß einer geruest nach aller Notdurft auf die Bahn komme.«

Das vierte Kapitel

Wie Peter kam auf die Bahn, Ritterspiel zu ueben, und stellet sich auf das niedrigest Ort der Bahn, als ein Fremder und Auslaender.

Den nachfolgenden Sonntag stunde der Peter fruehe auf, denn er begehrt die schoene Magelona auch zu sehen, und hoeret Predigt. Er ließ ihm auch seine Pferde mit aller Zubehoer versehen, desgleichen auch seine Kleidung; denn er war willens, auf denselbigen Tag Ehre einzulegen; ließ sich machen zween silberne Schluessel auf seinen Helm, dabei er mocht erkannt werden in der Ehr des Himmels-Fuersten S. Peters des Apostels, denn er liebet ihn, auch dieweil er den Namen von ihm truege. Die obgenannten Schluessel waren sehr koestlich, auch eines großen Geldes geschaetzet. Er ließ sich auch Schluessel machen auf alle seine Decken seines Pferdes. Da sich nun die Zeit nahet, auf die Bahn zu reiten und der Koenig mit seinem Gemahl und der Tochter, auch anderen Jungfrauen zu Morgen gegessen, stiegen sie auf einen Schaustuhl, dem Rennen und Turnieren zuzusehen. Also kam Peter mit samt einem Knecht und Knaben auf die Bahn gezogen und hielt am niedrigsten Ort der Bahn, denn er war fremd und unbekannt, so kannt ihn auch niemand, der ihn herfuer gezogen und oben an gestellt haett. Als nun die Zeit kam, die Ruestung zu tun, von Jungfrauen und Frauen in der Ordnung zu erzeigen, kam ein Herold, rufet auf Befehl des Koenigs diesergestalt: Welcher da in Willens waere, vonwegen Jungfrauen und Frauen einen Spieß zu brechen und Ritterspiel zu ueben, der sollte auf die Bahn ziehen. Als solches geschehen, kam herfuergezogen auf die Bahn Herr Heinrich von Crapana; gegen demselben zoge einer von des Koenigs Dienern, den traf Herr Heinrich wohl, daß er am Sattel hing, brach also seinen Spieß wohl. Es begab sich aber, indem, als des Koenigs Diener also getroffen, daß er seinen Spieß von sich warf, und begab sich ungefaehr, daß derselbige Spieß Herrn Heinrichs Pferde zwischen die Fueße kam, von welchem das Pferd ward genoetiget zu fallen mit Herrn Heinrichen von Crapana; so huben an die Freunde des Dieners zu sagen: Herr Heinrich waere redlich gefallen. Das taet Herr Heinrichen sehr verdrießen und wollt darnach nicht mehr treffen. Zum anderen Mal rufet der Herold auf Befehl des Koenigs: wo ein anderer waer, der Lust hatte, einen Spieß zu brechen, der sollt auf die Bahn ziehen. Als solches der Peter vernahm, zog er auf die Bahn wider den Koenigischen, der mit Herr Heinrichen gestochen haett und gesagt, er haette Herr Heinrichen redlich herabgestochen, von welcher Red der Peter zornig und bewegt ward, denn Herr Heinrich ein beruehmter Renner war. Traf der Peter den Koenigischen also, daß er sich nicht erhalten mocht, sondern Mann und Pferd auf einem Haufen lagen, daß sich alle Umstaender und Zuseher solches Treffens taeten verwundern. Als solches der Koenig gesehen, lobete und preisete er den Ritter mit den Schluesseln und haette gern erfahren, wer solcher Ritter gewesen war. Also schicket er ihm bald einen Herold, an ihm zu erfahren, wer er waere. Als nun der Herold zu dem Peter kam, zeiget er ihm an, wie er vom Koenig seinem Herrn gesandt waere, zu erfahren, wer er war und wes Landes. Saget der Peter dem Herold: »Du sollst sagen dem Koenig, Deinem Herrn, und ihn bitten von meinetwegen, er wolle keinen Ungefallen darob haben, so ich ihm meinen Namen zu wissen verhalte; denn ich habe es gelobet, keinem Menschen zu bekennen, wie ich heiße. Doch sage dem Koenig also: ich heiß ein armer Edelmann aus Frankreich und suche die Welt, von Jungfrauen und Frauen Preis und Lob zu erlangen.« Also kam der Herold wieder zu dem Koenig und zeiget ihm an, was er von dem Peter gehoert und gesehen haett. Da solches der Koenig verstund, ward er zufrieden und zueignet solche Antwort einer Hoeflichkeit, dieweil er nicht wollt beruehmt sein. Und darnach fieng es der Peter recht an, denn ein jeder das Best zu tun sich unterstund mit ganzem Fleiß, jedoch auf das kuerzeste; darum taet der Peter sich herfuer und rennet die Fremden alle ledig ab. Aus solchem der Koenig und alle andere ihm das Lob gaben, wie daß er haett das Beste getan, und behielt den Preis; jedoch haett' der Koenig gern gewueßt (so viel ihm moeglich), wer er gewesen, desgleichen auch alle Umstaender. Das Geruecht ging auch unter den Jungfrauen und Frauen von diesem Ritter mit den silbernen Schluesseln, auch haett die schoene Magelona große Acht auf den Peter und kunnt sein nicht vergessen. Da es nun ein Ende nahm, zog jedermann in seine Herberge, und erhielt Peter den Preis von maenniglich. Als er nun von der Bahn nach seiner Herberg zog, kam zu ihm Herr Heinrich von Crapana, desgleichen andere mehr und geleiteten ihn in seine Herberg. Und in derselben Stunde ueberkam Herr Heinrich eine große Liebe zu dem Ritter mit den silbernen Schluesseln und blieben darnach gute Gesellen.

Das fuenfte Kapitel

Wie viel Rennen und Stechen gehalten wurden auf Befehl des Koenigs von wegen seiner schoenen Tochter Magelona.

Viel Turniere, Rennen und Stechen befahl der Koenig von Neaples auf Ansuchen seiner lieben Tochter, der schoenen Magelona, die ihn sehr alleweg bat aus Liebe, die sie zu dem Ritter mit den silbernen Schluesseln trug, doch verborgen. Wenn denn der Koenig den Ritter mit den silbernen Schluesseln ansichtig war, gefiel er ihm allenthalben wohl, sonderlich von wegen seiner Tugend, Adels und Hoeflichkeit, und sprach zuweilen wider sich selbst: »Fuerwahr, dieser Ritter wird nicht eines kleinen Geschlechts sein, denn all sein Wesen nichts anderes anzeiget: Er ist auch wuerdig, daß wir ihm mehr Ehr erzeigen, denn bisher ihm von uns ist widerfahren.« Auf das befahl der Koenig etlichen seines Hofgesindes, sich zu befleißen, zu erfahren, wer er waere, und ihm solches darnach anzeigen; das sie zu tun bewilligten. Es begab sich eines Tages, daß der Koenig ihn zum Mittagsmahl fordert, mit ihm zu essen, auf daß er ehrlich gehalten wuerde. Des war der Ritter sehr erfreuet, der Hoffnung, die schoene Magelona, des Koenigs Tochter, baß zu besehen, denn er sie vor nicht wohl besehen haette. Als nun die Zeit war, zu essen, kam der Ritter mit den silbernen Schluesseln, den hieß der Koenig, sein Gemahl und seine liebe Tochter, die schoene Magelona, auch zu ihm an seinen Tisch sitzen, allein dem Ritter zu Gefallen, ihm große Ehre damit zu erzeigen. Da sie nun alle zu Tisch gesessen, ward der Ritter gegen der schoenen Magelona ueber gesetzet. Nun war die Mahlzeit von fremden Essen aufs Beste bestellet, aber der Ritter achtet des Essens wenig, denn er allein mit seinem Herzen geflissen war, die schoene Magelona genugsam zu besehen und in ihm zu bedenken die uebertreffliche Schoene der Jungfrauen, des Koenigs Tochter, und setzet also sein Gesicht auf sie und gedachte in seinem Herzen, es waere keine schoenere auf Erden denn die schoene Magelona. Also war er entzuendet in ihrer Liebe und gedachte, einer muß selig sein, der ihr Liebe ueberkommen moecht. Doch schaetzet er sich nicht als denselben, dem es widerfahren moecht, und hielt ihms selber fuer unmoeglich, daß ihm solch Glueck begegnen sollt. Nichts destoweniger, wie ihm geschah, also ward auch der schoenen Magelona in ihrem Herzen von dem Ritter. Als sie nun gessen hatten, geschah mancherlei Spiel und Kurzweil auf dem koeniglichen Saal und ging der Koenig samt seinem Gemahl, der Koenigin, kurzweilen, gab auch seiner lieben Tochter, der schoenen Magelona, Macht und Erlaubnis, mit dem Ritter auf dem Saal zu reden. Also begab es sich, daß die schoene Magelona freundlich den Ritter mit den silbernen Schluesseln zu ihr rufet.

Da solches der Peter vernahm, kam er schnell und willig. Da sprach sie zu ihm: »Edler Ritter, mein gnaediger Herr Vater, der Koenig, hat einen großen Gefallen in allem Eueren zuechtigen Wesen, desgleichen auch die anderen alle, die hierum sein, auch von wegen Euerer ritterlichen Taten, Tugenden und adelichen Gemuets; darum bitte ich Euch, kommt oft her, Kurzweil zu machen, denn mein Herr Vater, desgleichen meine gnaedige Frau Mutter und alle anderen haben ein groß Gefallen an Euch, auch ich mitsamt andern Jungfrauen und Frauen.« Als nun solches der Ritter von der schoenen Magelona verstanden hatte, antwortete er ihr zuechtiglich: »Gnaediges Fraeulein, mir ist nicht allein moeglich, Eurem Herrn Vater, dem Koenig, meinem gnaedigen Herrn, desgleichen meiner gnaedigen Frauen, Euer Gnaden Frau Mutter, zu danken der Ehren, so mir von ihren Gnaden unverdienet erzeiget werden, auch Euere Gnaden mir als einem armen Diener eines niedrigen Standes so viel Ehren erzeiget; ich habe es auch nicht verdienet genennet werden ein geringster Diener Euerer Gnaden Hofgesindes. Jedoch, Hochgeborenes gnaediges Fraeulein, ich tue Eueren Fuerstlichen Gnaden demuetiglich danken mit Erbietung, solches zu verdienen; ich will auch Eurer Gnaden nun allwegen untertaenig sein, es sei gleich wo es wolle.« Da antwortet ihm die schoene Magelona: »Ich bedank mich Eures Erbietens und will forthin Euch fuer meinen Diener halten.« Nach diesen Worten ging die Koenigin in ihre Kammer und die schoene Magelona mit ihr, wiewohl ungern, doch am Abscheiden saget sie zu dem Ritter: »Edler Ritter, ich bitte Euch freundlich, Ihr wollet oft herein kommen zu kurzweilen. Denn ich haette wohl etwas mit Euch im Geheimen zu reden von Ritterspielen und anderem, so in Euerer Heimat geschehen, und mich beschweret nicht ein wenig, daß ich diesmal nicht Zeit habe, mit Euch zu reden.« Nahm also von ihm Urlaub und sahe ihn ganz freundlich an, mit welchem Ansehen er tiefer verwundet ward in seinem Herzen, denn vormals. Also ging die schoene Magelona in ihre Kammer mitsamt anderen Jungfrauen. Der Koenig blieb bei den Herren auf dem Saal stehen und redet mit ihnen mancherlei. Da kam er zu dem Ritter mit den silbernen Schluesseln und bat ihn freundlich, so es ihm nicht entgegen waer, er wolle ihm seinen Namen anzeigen, auch seinen Stand. Aber er koennt nichts anders von ihm erfahren, denn er waer ein armer Edelmann aus Frankreich, zoege, die Welt zu beschauen und Ritterspiel zu ueben. Als solches der Koenig von ihm verstanden hatte, ließ ers auch darbei bleiben und hielt es ihm fuer eine große Tugend und adeliches Gemuet und wollt ihn weiter nicht fragen. Denn er wohl merket, daß es ihm entgegen war. Also nahm der Koenig Urlaub und ging zu seiner Ruhe. Desgleichen nahm der Ritter Urlaub von dem Koenig und andern Herrn und ging wieder in seine Herberg.

Das sechste Kapitel

Wie der Peter betrachtet die uebertreffliche Schoene des Koenigs Tochter.

Da nun Peter in seine Herberg von dem Koenige kam, ging er an ein heimlichs verborgenes Ort und fing an zu betrachten und zu Herzen fuehren die freundliche Rede und gnaediges Ansehen, auch die uebertreffliche Schoene des Koenigs Tochter, der schoenen Magelona, mit welcher sie gezieret war. Alsbald die schoene Magelona in ihre Kammer war kommen, taet sie nicht viel weniger von dem Ritter zu gedenken und haett gern gewußt, wer er waer und wie er hieße, und gedacht, so er eines großen und hohen Geschlechts waere, wollt sie ihn desto lieber haben und sehen, dieweil er von ihretwegen an Hof war kommen, und gedaeuchte sie wohl, er waer nicht also gering, als er sich schaetzet, auf Anzeigung seines zuechtigen und adelichen Wesens; und nahm sich fuer, in großem Geheim ihre Liebe, die sie zu ihm trug, zu offenbaren ihrer Amme, die ihr sonderlich und heimlich getreu war. Eines Tages nahm sie dieselbige Ammen und sprach zu ihr: »Meine allerliebste Amme, Du hast mich allwegen lieb gehabt und mir große Liebe erzeiget, darum ich in keine Person dieser Welt also großes Vertrauen setze als auf Dich; hierum will ich Dir etwas sagen, bitte allein, Du wollest es heimlich halten und mir Deinen getreuen Rat mitteilen, will ich Dir's nimmermehr vergessen.« Also fing die Amme an und sprach zu ihr: »Meine allerliebste Tochter, ich weiß in dieser Welt nichts, das Ihr von mir begehret, ich wollt es gerne tun, und sollt ich darum sterben; derhalben saget mir es kecklich und eroeffnet mir Euer Herz und Gemuete ohn alle Furcht.« Da fing die schoene Magelona an, zu ihr sprechend: »Ich habe mein Herz und Liebe ganz gesetzet in diesen jungen Ritter, der den vorigen Tag den Preis im Turniere erlanget hat; ich kann auch oder mag darvor weder essen, trinken, noch schlafen; und so ich auch erfuehr, daß er eines guten Herkommens waere, wollt ich alle meine Hoffnung auf ihn setzen und ihn zu meinem Gemahl nehmen. Hierum begehre ich zu erfahren seinen Stand und Wesen.« Als solches die Amme von der schoenen Magelona vernahm, erschrack sie nicht wenig und wußte nicht, was sie antworten sollte; doch saget sie wieder zu ihr: »Meine allerliebste Tochter und Fraeulein, was saget Ihr? Ihr setzet Euer Herz und Liebe in einen jungen fremden Ritter, der Euch zusamt den Seinen unbekannt. Vielleicht begehrt er nicht mehr, denn Eure Schmach und Schande und verließ Euch dann, so er solches zuwege gebracht haett. Darum bitte ich Euch, allerliebste Tochter und Fraeulein, Ihr wollet solche Gedanken aus Eurem Herzen schlagen und des nicht mehr gedenken. Denn wo solches Euer Herr Vater, der Koenig, erfuehre, moecht Eure Lieb toericht geacht und schaedlich werden.« Da dies alles die schoene Magelona von ihrer Ammen verstanden hatte und bemerkte, daß sie nicht nach ihrem Gefallen wollt verwilligen, ward sie ganz traurig in ihrem Herzen und Gemuet, denn die Lieb hatte sie ueberfallen und umgeben, daß sie ihr selbst nicht mehr maechtig war, und sprach: »Ach, meine liebste Amme, ist das die Liebe, die Du jetzt zu mir getragen hast? Willst Du, daß ich sterbe also elendiglich und das Ende meines Lebens vollende? Ach wehe, die Arznei ist nicht weit zu suchen, sondern ist stets nahe bei Dir, ich schicke Dich doch nicht also fern von mir, Du darfst keine Sorge vor meinem Herrn Vater und Mutter, auch mir haben, noch von niemands. Und so Du das tust, das ich Dich heißen will, so ist mir geholfen; wo Du mir aber nicht folgest, sollst Du mich bald in kurzer Zeit sehen vor Deinen Augen vor Unmut und Schmerzen sterben.« Da die schoene Magelona solches geredt, fiel sie in eine schwere Ohnmacht auf ihr Bett. Als sie aber zu sich selbst kam, sagte sie: »Wisse, liebe Amme, daß er eines großen Geschlechtes und Stammes ist, welches denn seine Tugend anzeigen, auch will er darum seinen Namen nicht anzeigen. Ich glaub auch gaenzlich, so Du von meinetwegen an ihn wuerdest begehren seinen Namen und Stand, er werde ihn Dir nicht verhalten.«

Als nun die Amme sahe an der schoenen Magelona die große Liebe, so sie zu dem jungen Ritter trug, troestet sie die schoene Magelona und sprach: »Meine allerliebste Tochter und Fraeulein, dieweil es Euer Begehr und Wille ist, will ich mich also befleißen, damit ich von euretwegen mit ihm rede und solches, wie Ihr mir aufgelegt, erfahre. Seid nur getrost und bekuemmert Euch nicht mehr.«

Das siebente Kapitel

Wie die Amme in die Kirche ging zu dem Ritter, mit ihm auf Befehl der schoenen Magelona zu reden.

Danach ging die Amme in die Kirchen, den Ritter zu suchen, und fand ihn allein betend und tat auch gleich, als betet sie. Alsbald sie aber das Gebet verbracht, erbot ihr der Ritter Ehre, denn er kennet sie wohl, er hatte sie vormals gesehen bei der schoenen Magelona. Da fing sie zu ihm an und sprach: »Herr Ritter, ich verwunder mich nicht wenig, daß Ihr Euren Stand und Wesen also heimlich haltet und verberget. Ich weiß wohl, daß mein gnaediger Herr, der Koenig, und Seiner Gnaden Gemahl eine große Freude haetten, und insonderheit die schoene Magelona, wenn sie wueßten, von wannen und wer Ihr waeret. Der schoenen Magelona solches zu wissen zu tun, wollt ich ihr es nicht verhalten; ich weiß auch, Ihr taetet in solchem ihr großen Gefallen, denn sie es ganz herzlichen begehret zu wissen.« Als der Ritter hoeret die Frauen also reden, ward er voller Gedanken, doch vermeinet er gaenzlich, solche Rede kaeme von der schoenen Magelona, gab ihr auch zur Antwort und saget: »Meine liebste Frau, ich sage Euch großen Dank, daß Ihr mit mir also freundlich geredt habt, desgleichen danke ich auch allen denjenigen, die meinen Namen zu wissen begehren und insonderheit meinem tugendreichen gnaedigen Fraeulein Magelona, welcher, so es Euch geliebet und unbeschwerlich, Ihr mich befehlen wollet; und sie meinetwegen bitten, sie woll keinen Ungefallen daran tragen, daß ich mich nicht offenbare; denn dieweil ich von Heimat bin gewesen, habe ich es keinem Menschen zu erkennen geben. Jedoch dieweil sie denn die Kreatur auf Erden ist, deren ich das Allerbest goenne in dieser ganzen weiten Welt, auch zu dienen und gehorsam zu sein erbietig, moeget Ihr also zu ihr sagen: Nachdem sie also herzlich begehret, zu wissen meinen Namen, soll sie wissen, daß mein Geschlecht groß und hoch geadelt ist, und bittet sie von meinetwegen freundlich, sie wolle an dem ein gut Genuegen haben. Und ich bitte Euch getreulich und auch aufs freundlichst, Ihr wollet von meinem kleinen Vermoegen ihr etwas mitbringen von meinetwegen, denn ich's selber nicht doerfte ueberantworten, daran tut Ihr mir einen großen Gefallen.« Gab ihr damit der drei Ring einen, die ihm seine Frau Mutter in seinem Hinwegziehen mitgeben haett, die eines großen Gelds wert geachtet wurden. Da sie solchen Ring von dem Ritter empfangen haett, saget sie zu ihm: »Edler Ritter, diesen Ring will ich ihr von Eurentwegen ueberantworten, auch daneben anzeigen, was wir miteinander geredet haben.« Also nahmen sie Urlaub von einander und schieden hinweg.

Die Amme ging froehlich von dem Ritter, darum, daß sie mit ihm war zu reden kommen, und redet mit sich selber also: »Es mag ihm also sein, als mir die schoene Magelona angezeiget hat, daß er eines großen Geschlechts sein sollte. Denn er ist aller Tugend, Zucht und Ehren voll.« Ging zu der schoenen Magelona, welche ihrer Zukunft mit großen Freuden wartete, zoge den Ring herfuer und ueberantwortet ihn der schoenen Magelona mit Anzeigung, was sie mit einander geredet haetten. Als die schoene Magelona des Ritters Erbieten haett verstanden und sahe auch den koestlichen Ring, den ihr der Ritter ueberschickt haett, sprach sie zu ihrer Ammen also: »Mein allerliebste Amme, habe ich Dir nicht vormals gesaget, er wuerde eines großen Geschlechts sein; denn mein Herz saget mirs, auch kannst Du wohl bedenken, ob ein solch koestlicher Ring moege eines Armen sein? Das wird mein Glueck sein und kann nichts anders werden; denn ich will und begehr, ihn zu haben, und kein Gedanken soll mir in mein Herz steigen noch kommen, einen andern zu, lieben und begehren, denn allein ihn. Denn von Anbeginn, als ich ihn am ersten ersahe, ergab sich mein Herz ihm allein. Ich erkenne auch, daß er mir zu Lieb und zu Gefallen hierher gekommen ist. Dieweil er denn eines hohen Geschlechts ist, ich auch weiß, daß er von meinetwegen hierher kommen und er der schoenste Ritter unter allen in dieser Welt ist, waere ich doch unhoeflich und eines harten Herzens, wenn ich ihn nicht wiederum lieb haette. Ich will auch ehe vor Schmerzen sterben, ehe ich sein vergesse und ihn verlasse. Derhalben ich Dich bitte, meine liebste Amme, Du wollest ihm mein Gemuet und Willen zu erkennen geben und in dem mir treulich raten, und damit ich meine großen Schmerzen linder mache, so bitte ich Dich, Du wollest mir diesen Ring lassen, denn ich im Ansehen große Freude habe.« Als solches die Amme von der schoenen Magelona vermerket, daß sie ihr Herz und Gemuet also bald wollt entdecken, ward sie traurig und sprach zu ihr: »Mein edelstes Fraeulein und Tochter, auch allerfreundlichstes Herz, ich bitte Euch fleißig, Ihr wollet solchem Fuersatz in Eurem edlen Herzen keinen Fuergang geben, denn es je nicht loeblich noch ehrlich waere, daß Ihr, als eine hochgeborene Fuerstin, Eure Liebe also schnell einem fremden unbekannten Ritter gebet.«

Da die schoene Magelona solche Straf von ihrer Ammen hoeret, mocht sie nicht laenger dulden noch verschweigen und sprach zu ihr mit bewegtem Gemuet: »Du sollst ihn hinfort nicht fuer einen Fremden schelten, denn ich auf Erdreich keinen Liebern hab, wird mir ihn auch niemands aus meinen Gedanken und Herzen reden. Darum bitte ich Dich freundlich, Du wollest hinfuerder dieser Worte geschweigen, als lieb ich Dir bin und meine Gnade.« Da die Amme das alles vermerket, wollt sie nicht mehr darwider reden; doch saget sie zu ihr: »Mein liebstes Fraeulein, was ich sage, tue ich um Euretwegen und Euch zu Ehren. Denn alle Ding, so unordentlich und unbedachtlich geschehen, kommen nicht zu Ehren, auch werden sie nicht gepreiset von denen, die es erfahren. Ich lobe es wohl, daß Ihr ihn lieb habet; denn er ist's wohl wuerdig; doch also, daß solches von Euch ehrlich und zuechtig geschehe, wie es sich denn gebuehret. Denn ich habe eine gute Hoffnung zu Gott dem Allmaechtigen, diese Dinge werden wohl geraten.« Als die schoene Magelona solche maechtige Rede von ihrer Ammen vernommen haette, ward sie ein wenig gestillet und saget ihr doch: »Meine allerliebste Amme, ich will alles tun, was Ihr mir raten werdet.« Dieselbige Nacht schlief die schoene Magelona nicht viel, mit ihrem Ringe, welchen sie zum oftermal kuesset, aus großer Liebe, mit herzlichem Seufzen an den Ritter gedenkend, ihren liebsten Freund; bis nahend dem Tag entschlief sie, und da sie entschlafen war, kam ihr fuer ein solcher Traum. Der Ritter und sie waeren allein bei einander in einem lustigen Garten, und sie sagte zu ihm: »Ich bitte Euch freundlich von wegen der Liebe, so Ihr gegen mir traget, Ihr wollet mir sagen, von wannen Ihr seid und was Geschlechts. Ich liebe Euch vor allen andern Menschen auf Erden; darum begehr ich's zu erfahren, wer der Ritter, dem ich meine Liebe geben, sei.« Auch gedauchte sie danach, der Ritter antwortet ihr: »Edles Fraeulein, es ist die Zeit noch nicht kommen, mich gegen Euch zu offenbaren. Darum bitte ich Euch, Ihr wollet mich solches ueberheben auf diesmal, denn Ihr sollt es noch in kurzer Zeit erfahren.« Weiter gedauchte sie, der Ritter gaeb ihr einen Ring, der waer koestlicher denn der erste, den er ihr bei der Ammen geschickt haelt. Und lag also die schoene Magelona schlafend in großem Gefallen bis auf den Morgen frueh. Und da sie erwachet, saget sie solchen Traum der Ammen, aus welchem Ansagen die Amme vermerket, daß sie all ihr Herz und Gedanken auf den Ritter geworfen haett, derhalben sie die schoene Magelona troestet auf das Beste, so sie koennt und vermocht.

Das achte Kapitel

Wie eines Tages der Ritter die Ammen in der Kirchen fand und ging zu ihr und saget ihr etwas Heimlichs.

Eines Tages taet der Ritter also großen Fleiß, daß er fand die Amme der schoenen Magelona in der Kirchen, mit welcher er wollt heimlich reden. Als sie ihn vernahm, ging sie zu ihm und zeiget an, wie die schoene Magelona ein großes Gefallen haett an dem Ring, den er ihr bei ihr zugeschickt und gesandt haette, und taet ihm auch freundlich danken.

Da antwortet ihr der Ritter und sprach: »Liebe Frau, ich habe den Ring Euch geben, nicht der schoenen Magelona; denn ich weiß wohl, daß solche kleine Gabe nicht wuerdig ist, einer solchen maechtigen Fuerstin zu ueberschicken, als die schoene Magelona, mein gnaediges Fraeulein, ist, Jedoch alles mein Leib, Gut und Vermoegen ist ihr. Auch wisset, liebe Frau, daß ihre uebertreffentliche Schoene mein Herz also gefangen und verwundet hat, daß ich es Euch nicht weiter verbergen kann. Darum ist es vonnoeten, Euch zu eroeffnen alles mein Anliegen. Und so sie mir nicht Gnad erzeiget, schaetz und acht ich mich fuer den unglueckhaftigsten Ritter in der ganzen Welt. Liebe Frau, ich sage Euch im großen Geheim mein Herz und Gemuet, denn ich weiß und erkenne, daß Ihr ein große Freundin seid der schoenen Magelona. So es nun Euch nicht entgegen waere, bitte ich freundlich, Ihr wollet mein Gemuet ihr anzeigen, wiewohl ich es nicht um Euch verdienet habe; doch bin ich Willens, solches noch treulich zu verdienen.« Da sprach sie zu ihm: »Ich danke Euch; ich will auch alles, so Ihr mir befehlet, ihr treulich anzeigen, verhoffe auch, eine gute Antwort Euch wiederum zu bringen. Doch kann ich nicht verstehen, wie Ihr solche Liebe vermeinet; denn so Ihr's verstuendet fuer eine toerichte und unzuechtige Lieb, so geschweiget hinfuerder und redet nichts mehr davon.« Da sprach der edle Ritter: »Ich muß eines boesen und unglueckseligen Todes sterben, so ich je an eine solche Liebe oder Schande gedacht habe, sondern ein ehrliche, zuechtige, holdselige, treuliche Lieb, darinnen ich ihr gern dienen wollte.«

Als die Amme solches gehoeret, saget sie: »Edler Ritter, ich verheiß Euch hiemit, alles auszurichten. Dieweil aber Ihr jetzunder mir anzeiget, Ihr wollet sie lieben aus getreuer Lieb, verberget Ihr denn Euern Namen und Geschlecht fuer ihr? Denn Ihr moegt vielleicht auch solches Adels und Geschlechts sein; es wuerde zwischen Euch beiden mit Gottes Hilf ein Ehe beschlossen, denn sie liebet Euch aus ganzem Herzen. Ja, ihr hat auch von Euch getraeumet, und wenn wir zwei bei einander allein sind, so reden wir von Euch.«

Da er solches hoeret, sprach er zu ihr: »Allerliebste Frau, dieweil Ihr mir also viel gesagt habt, bin ich hoechlich erfreuet worden und bitte Euch freundlich, Ihr wollet verhelfen, damit ich mit ihr zu reden kommen moege, so will ich ihr sagen mein Geschlecht und alles, so sie von mir begehret zu wissen. Ich verhoffe auch, so sie mich gehoeret hat, sie werde mich nicht verachten. Aber keinem andern Menschen sage ich's nicht, ausgenommen ihr allein.« Da sprach die Amme zu dem Ritter: »Ich will's ihr sagen, wie Ihr mich berichtet; ich will auch helfen, damit Ihr mit ihr zu reden kommt.« Da ward der Ritter noch sehrer erfreuet dieser Zusagung und sprach: »Liebste Frau, ich danke Euch Eures Erbietens und bitte Euch freundlich, so es Euch geliebet, Ihr wollet diesen Ring, der wenig geachtet ist, von meinetwegen ihr ueberantworten. Und so sie denselbigen von mir wird annehmen, werde ich es fuer eine sonderlich Gnade achten. Denn ich besorge, der vorige Ring sei nicht nach dem, als ihr wohl gebuehret. Ihr wollet mich auch ihr untertaeniglich befehlen.«

Da sprach die Amme: »Dieweil ich also erkennet hab Euer edel Herz, will ich ihn ueberantworten von Euretwegen, will damit Euch ihr befehlen und Fleiß fuerwenden, damit Ihr mit ihr zu reden kommt.« Da sprach der Ritter: »Ich danke Euch Euers Erbietens.«

Das neunte Kapitel

Wie die Amme wieder zu der schoenen Magelona kam.

Da die Amme also von dem Ritter aus der Kirchen ihren Abschied nahm, ging sie den naechsten zu der schoenen Magelona Kammer zu, welche sehr krank war von großer Liebe, die sie haett zu dem Ritter, und lag also zu Bett, denn sie mocht an keinem Ende Ruhe haben. Und alsbald sie die Ammen ersaehe, stund sie auf und sprach zu ihr: »Mein allerliebste Amme, bist mir willkommen. Ach weh, bringst Du mir nicht gute neue Zeitung von dem, den ich also sehr liebe? Fuerwahr, liebe Amme, gibst Du mir nicht einen treuen Rat, damit ich ihn sehe und mit ihm rede, so muß ich sterben.«

Als die Amme solche Rede vernahm, saget sie zu ihr: »Mein edeles Fraeulein und allerliebste Tochter, ich will Euch einen solchen Rat geben, davon Ihr sollt froehlich werden, und, ob Gott will, werdet Ihr erkennen und erfahren, daß ich Euch von Herzen lieb habe.« Da die schoene Magelona solches von ihrer Ammen hoeret, sprang sie vor großen Freuden ihres Herzens aus dem Bette auf das Erdrich, halset und kuesset sie und sprach zu ihr: »Mein allerliebste Amme, saget mir neue Zeitung.« Da fing die Ammen an, ihr zu sagen, wie der Ritter waer zu ihr kommen und haett gesagt und angezeiget den großen Willen, den er zu ihr trueg, daß er von Lieb schier moechte sterben, und saget: »Glaubet mir fuerwahr, allerliebste Tochter, habt Ihr von seinet wegen großen Schmerzen, so tragt er von Eurent wegen nicht weniger Schmerzen, und die Lieb, die er zu Euch gesetzt hat, ist treulich, zuechtig und ehrlich gegen Euch; darum ich denn erfreuet bin. Und wisset, meine allerliebste Tochter, daß ich nie gehoeret habe einen also jungen Ritter, der so weislich redet als er; ohne allen Zweifel wird er eines großen und hohen Herkommens sein. Hat auch diese Gestalt mit ihm: er begehret auf Erden nicht mehr, denn mit Euch allein zu reden im Geheim; da will er Euch alles sein Wesen und Anliegen entdecken. Er will auch tun, was Ihr ihm gebietet, und besticht sich Euch in aller Untertaenigkeit, bittend, Ihr wollet ihm einen Tag bestimmen und einen Ort, daß er Euch sein Herz und Gemuet eroeffnen moege. Denn er solches sonst keinem Menschen sagen will. Er bittet Euch auch, Ihr wollet diesen Ring gnaediglich von ihm annehmen und von seinet wegen behalten.« Da die schoene Magelona solche gute und froehliche neue Zeitung hoerte, auch den Ring sahe, der also schoen und koestlicher war denn der erste, da verwandlet sich ihre Farb vor Freuden und ward rot und saget zu der Ammen: »Das ist der Ring, davon mir getraeumet hat die vergangene Nacht, denn mein Herz saget mir nichts, das mir nicht geschehe, und glaub sicherlich ohn allen Zweifel, daß dieser Ritter ist, der mein Gemahel und Mann soll werden; ohn ihn kann ich kein Lust und Freude haben. Darum ich Dich freundlich bitt, Du wollest Rat suchen und erdenken auf das Best, so Dir moeglich, mit ihm zu reden, denn ich kann nicht laenger verziehen. Darum, mein allerliebste Amme, such Mittel, damit ich ihn sehen moege nach meinem Gefallen und mit ihm reden. Denn ich habe große Hoffnung, durch solche Mittel zu kommen zu einem guten Ende meines Begehrens. Ich verheiß Dir auch hiemit, Du sollst es nicht entgelten.« Da verhieß ihr die Amme, nichts zu sparen, und allen moeglichen Fleiß fuerzuwenden, damit dies alles ausgericht wuerde. Also blieb die schoene Magelona den ganzen Tag froehlich und besichtiget und behielt ihre Ring, so ihr von dem Ritter geschicket waren, und danket ihm in ihrem Herzen dieser Gaben; denn stecket sie die Ring an ihre Finger, nachmals kuesset sie die, und vertrieb also ihre Weil und Zeit damit.

Das zehnte Kapitel

Wie die Amme wieder mit dem Ritter zu reden kam.

Als es nun kam auf den anderen Tag, bemuehete sich die Amme, den Ritter anzusprechen, denn sie fand ihn in der Capellen, in welche er pfleget zu gehen. Und als er sie sahe, ward er fast froehlich, denn er erhoffete, etwas von der schoenen Magelona zu erfahren, stund auf und ging ihr entgegen, grueßet sie gar freundlich und hoeflich. Da antwortet sie ihm wieder und sprach: »Gott gebe und verleihe Euch zu ueberkommen, was Euer Herz begehret.« Danach fraget der Ritter, was die schoenste Magelona beginnet, und fraget, ob er in ihrer Gnad waere? Da antwortet die Amme ihm und sprach: »Edler und allerliebster Ritter, glaubet mir sicherlich, daß kein Ritter in dieser Welt jetzund ist, der Harnisch fuehret und Ritterspiel brauchet, der also gluecklich sei als Ihr. Selig ist auch gewesen die Stund, da Ihr hieher in dieses Land kommen seid, denn durch Euere redliche Tapferkeit habt Ihr erlanget und ueberkommen die schoenste Jungfrau in dieser Welt. Euch ist auch nie kein groeßer Glueck widerfahren, denn Ihr habt ueberkommen ihr Gnad und Lieb. Sie tut Euch danksagen um den Ring, den Ihr habt durch mich ihr ueberschicket, will ihn auch von Euret wegen behalten; sie begehret Euch auch herzlich zu sehen und freundlich mit Euch zu reden. Ich bin auch wohl zufrieden, daß solches geschehe, jedoch werdet Ihr mir verheißen bei Edelmannstreu und -Glauben, daß Eure Lieb nichts anders sei denn Zucht und Ehr, wie denn geziemet einem jeden eines hohen Stands.« Als solches der edel Ritter von der Ammen verstanden haett, taet er als einer, in dem alle Tugend waren, und kniet nieder auf die Erden und sprach: »Mein liebe Frau, ich verheiß und schwoere Euch hie vor Gott, meinem Schoepfer, daß meine Meinung und Gemuet nichts anders denn Zucht und Ehr; ich begehr auch nichts anders zu erlangen, so es Gottes Will waere, denn die Liebe der schoensten Magelona zum heiligen Sakrament der Ehe, solche zu vollenden nach Gebrauch der christlichen Kirchen; oder Gott helf mir nicht in dieser Welt. Amen.«

Da die Amme solch Geluebnis von ihm hoeret, gab sie ihm die Hand und zohe ihn wieder auf und sprach: »Fuerwahr, edler Ritter, Ihr habt einen solchen Eid getan, darum Euch billig zu glauben und zu vertrauen ist. Ihr sollt auch wissen, ich will solchen Euren Willen anzuzeigen der schoenen Magelona nicht lassen. Ich bitte auch den allmaechtigen ewigen Gott, er wolle Euch in diesem Fuersatz behalten, und so es sein goettlicher Wille war, moechte ich sprechen, daß in dieser Welt nicht werde gefunden ein Paar Volks, so edel und ehrliches, zuechtiges Wesens bei einander als Ihr beide. Und darum, edler Ritter, schicket Euch darauf und kommt morgen nachmittag durch das kleine Pfoertlein des Gartens zu der schoenen Magelona in ihr Kammer, welche wird allein mit mir darinnen sein; doch will ich auch die Kammer raeumen, daß Ihr beide allein bei einander seid, da redet und erzaehlet Euer Anliegen nach Eures Herzens Begehr.« Da solches der Ritter vernahm von der Ammen, ward er hoechlich erfreuet und dankt ihr der guten Botschaft, und schieden also von einander und kam die Amme wieder zu der schoenen Magelona und saget ihr alles, wie sie es mit dem Ritter ausgericht haelt und beschlossen. Da sie solches hoeret, danket sie dem Ritter mit herzlicher Begier.

Das elfte Kapitel

Wie der Ritter zu der schoenen Magelona kam durch das kleine Pfoertlein.

Den anderen Tag, als die Zeit und Stunde verhanden war, daß der Ritter zu der schoenen Magelona sollt kommen, nahm er der Stunden fleißig wahr und gedaucht ihn die Zeit lang sein; kam doch zu dem Pfoertlein bei dem Garten, das ihm angezeiget war und fand es offen, wie ihm die Amme angezeiget haette. Also ging er hinein in die Kammer der schoenen Magelona mit großer Begierd seines Herzens und fand da die schoene Magelona samt der Ammen beide allein. Und als ihn die schoene Magelona ersahe, verwandelt sich alles ihr Gebluet und ward rot in ihrem Angesicht als eine Rose und haett guten Willen gehabt, gegen ihn aufzustehen und ihn in Arm zu nehmen und zu kuessen, denn die Lieb sie dazu taet reizen; jedoch die Vernunft, die da soll regieren das Herz eines jeglichen adelichen Menschen, erzeigt ihm ihr Ehre, wiewohl ihr schoenes Angesicht, auch ihre liebliche und freundliche Augen nicht verbergen mochten die Liebe, so sie in ihrem Herzen trug gegen dem Ritter, und das Herz sprang ihr auf im Leibe vor Freuden. Die schoene Magelona haett in ihr selbst zween Gedanken und sahe den Ritter freundlich an. Der edele Ritter verwandelt auch nicht weniger sein Farb, da er vor ihm sahe stehen die Allerschoenste und Liebste seines Herzens. Er wußte auch nicht, wie er sollt ansahen zu reden, denn er wußte nicht, ob er in Lueften oder auf Erdreich war, als denn die Liebe ihren Untertanen pfleget zu beweisen und tun. Da kniet er nieder ganz schamhaftig fuer sie und sprach: »Großmaechtige, hochgeborne Fuerstin, der allmaechtige Gott verleihe Euch Ehr und alles, das Euer Herz begehrt.« Alsdann stund die schoene Magelona auf und nahm ihn bei der Hand und saget zu ihm: »Edler Ritter, seid mir willkommen« und hieß ihn zu ihr sitzen. Da solches die Amme vermerket, ging sie in ein andere Kammer, nahe dabei; indem fing die schoene Magelona also an zu reden: »Edler Ritter, ich habe großen Gefallen in dem, daß Ihr seid zu mir kommen, denn ich habe großen Willen gehabt, mit Euch zu reden; wiewohl es nicht geziemet einem jungen Menschen, als ich bin, allein mit einem Mann heimlich zu reden, wie ich mich denn solches zu tun unterstanden habe. Jedoch hab ich wiederum angesehen Euer edles Gemuet, das mich gesichert und keck gemacht hat, solches zu tun. Wißt auch, da ich Euch den ersten Tag gesehen, hat Euch mein Herz alsbald Guts gegoennet, denn alle Gutheit, die in einem adelichen Menschen moegen sein, die werden vollkommenlich an Euch befunden. Darum, edler Herr, saget mir Eures Geschlechts Namen, Wesen und Stand und verberget mir nichts, denn kein Mensch auf Erden ist, dem ich mehr Gutes goenne denn Euch. Hierum ich gern erfahren wollte, wer Ihr waeret und aus was Lands Art, und warum Ihr hierher kommen seid?« Da stund der Ritter auf und saget: »Großmaechtige Fuerstin, ich bedanke mich anfaenglich untertaeniglich Eures freundlichen Willens und Gemuets, so Ihr gegen mir erzeiget habt, mich in eure Gnad zu nehmen, wiewohl in mir kein Tugend ist, die solchs um Euch verdienet hat. Es ist auch billig, daß Ihr von mir erfahret, wer ich sei und warum ich her kommen, jedoch bitte ich Euch aufs Untertaenigst, Ihr wollet es niemand sagen und also bei Euch behalten, denn es ist gewesen all mein Fuersatz, da ich von Heimat geritten, dies niemand zu offenbaren; es ist auch bisher verschwiegen blieben. Großmaechtigste, edelste Fuerstin, wisset, daß ich bin ein einiger Sohn des Grafen zu Prouincien, der da ist ein Oehem des Koenigs von Frankreich. Ich bin auch von Vater und Mutter allein darum hinweggezogen, Euer Lieb zu erlangen; denn ich hab hoeren sagen, wie kein schoenere Fuerstin sollt sein denn Ihr, welches denn die ganze Wahrheit ist; man kann auch solche Schoene an Euch nit genugsam aussprechen. So bin ich herkommen mit keiner Gesellschaft, wie denn große Herren, Fuersten und Edlen, die in allen Dingen geschickter sein denn ich, und haben sich in mancherlei Ritterspielen erzeiget von Euret wegen; habe ich mir fuergesetzt in meinem Herzen, wiewohl unter solchen ich der Wenigst, ob ich Euer Gnad und Lieb moecht erlangen, und ist das die ganze Wahrheit, die Ihr von mir begehrt zu erfahren. Ich habe auch bei mir beschlossen gehabt in meinem Herzen, niemand lieber zu haben denn Euch bis in mein Tod.« Da er solches geredt, hieß sie ihn niedersitzen und sprach zu ihm: »Mein edler Ritter und Herr, ich dank dem allmaechtigen Gott, meinem Schoepfer, daß er uns verliehen hat einen solchen glueckseligen Tag. Denn ich schaetz mich fuer die Glueckhaftigste in dieser Welt, daß ich gefunden hab ein so adelichen Menschen eins solchen hohen und großen Geschlechts, welches Gleichen nit gefunden wird auf Erden an Tapferkeit, Zucht, Schoene und Weisheit; dieweil denn dem also ist, daß wir zwei Liebhabende einander aus ganzem Herzen geneiget und lieben, und Ihr, mein edelster Herr, seid von meinet wegen hieher in dieses Land kommen und habt es baß ausgerichtet, denn alle andere, so vorhanden sein, habt auch den Preis und Namen aller Ritterschaft, so darf ich mich wohl glueckselig schaetzen, daß Ihr von meinet wegen in das Land kommen, Vater und Mutter, Land und Leute verlassen. Darum, edler Ritter und Herr, will sich nicht geziemen, daß Ihr Euer Arbeit verlieret, die Ihr also getreulich darzu gesetzt habt; und dieweil Ihr mir Euer Herz und Gemuet entdeckt habt, ist's billig, ich tu ihm auch also. Hierum sehet hie Euer Magelona ganz und gar, und setze Euch als einen Meister und Herrn meines Herzens und bitt, Ihr wollet solches heimlich, ehrlich und verborgen halten, bis zu der Zeit meiner Verluebnuß, und seit sicher meinesteils, daß ich wollt lieber den Tod sehen, denn mein Herz gegen einem andern bewilligen.«

Indem nahm sie eine gueldene Ketten von ihrem Hals, daran hing ein koestliches Haefftlein, und hing es an seinen Hals und sprach: »Durch diese Ketten, allerliebster Freund und Gemahel, setze ich Euch in Besitzung meines Leibs und verheiß Euch treulich, wie eines Koeniges Tochter geziemet und gebuehret, keinen andern zu nehmen denn Euch.« Indem nahm sie ihn freundlich in ihren Arm. Da kniet der Peter fuer sie nieder und sprach: »Meine allerliebste Fuerstin, die Schoenste unter allen dieser Welt, ich bin nicht wuerdig, Euch darum Danksagung zu tun, doch wie Ihr gesaget habt, also bleibe es dabei. Ich bin's wohl zufrieden. Ich verheiß Euch auch hiemit, Euer Gebot und Befehl treulich zu erfuellen, so es Gott gefaellt. Wiederum, so es Euch lieb waere, von Eurem Gemahel zu empfahen diesen Ring, meiner dabei zu gedenken.« Dieser war der dritte Ring, welchen ihm seine Mutter haett geben, als er von ihr hinwegzohe, der denn koestlicher war denn die andern zween. Also empfing die schoene Magelona den Ring gutwilliglich und wendet sich wieder gegen ihm, ihn wieder in ihre Arm zu nehmen und kuessen, nachdem rufet sie der Ammen wieder.

Da die zwei nun lang mit einander allein haetten geredt, beschlossen sie unter einander, wie sie oft und viel moechten einander sehen. Also nahm der Peter Urlaub von der schoenen Magelona und ging wieder in seine Herberg, doch froehlicher denn er gewohnet war. Und die schoene Magelona blieb allein in ihrer Kammer bei ihrer Ammen und taet nicht dergleichen, ließ sichs auch gegen niemand merken. Oft und viel aber redet die schoene Magelona mit ihrer Ammen von ihrem allerliebsten Peter und sprach: »Was duenket Dich von meinem getreuen, allerliebsten Menschen, dem Ritter? Ich bitt Dich freundlich, Du wollest mirs sagen und ganz nichts verhalten.« »Fuerwahr,« saget sie, »mein liebstes Fraulein, er ist also schoen, zuechtig, tapfer und freundlich in allen seinen Gebaerden, daß mich beduenkt, es moeg nicht anders sein, er muß von einem hohen Geschlecht sein.«

Auf das antwortet die schoene Magelona: »Hab ich Dir nicht allwegen recht gesaget, denn mein Herz und Gemuet verstund es wohl. Darum ich mich genuegen laß, Gott hab Lob, denn es ist keine Tochter also hochgeborn auf Erden, so sie die Haelft von ihm wueßte, als ich weiß, sie achtet sich glueckselig, so sie ihn moechte zu einem lieben Menschen haben.« Darauf antwortet ihr die Amme: »Liebstes Fraeulein, es ist alles wahr, wie Ihr saget; doch eins bitte ich Euch freundlich, Ihr wollet nicht leichtfertig sein aus Liebe. Denn so ihr werdet zu Hof sein bei andern Jungfrauen, desgleichen der Ritter, daß Ihr Euch nichts wollet vernehmen noch merken lassen. Denn so von Euch solches geschehe, wuerden Euer Vater und Mutter solches leichtlich verstehen; daraus denn moechten entspringen drei Uebel:

Das erste, daß Ihr schamrot wuerdet und verliert Eures Vaters und Mutter Gunst. Das ander, so sie es inne wuerden, moechte der Ritter getoetet werden; so waeret Ihr ein Ursach des Todes solchs edlen Ritters, der Euch lieber hat denn sich selbst. Und zum dritten, so wuerde ich auch gestraft werden.

Darum bitte ich Euch freundlich, Ihr wollet Euch weislich halten, als einer hochgeborenen Tochter zu tun gebuehret.« Da sprach die schoene Magelona wieder zu ihrer Ammen: »Mein liebste Amme, in diesem und andern will ich folgen Deinem getreuen Rat, denn ich erkenn, daß Du mir allwegen treulich geraten hast, und bitte Dich freundlich, so Du etwas an mir siehest, das mir nicht zu tun geziemet, Du wollest mir's sagen oder mit einem Zeichen anzeigen. Denn ich will Dir folgen als meiner liebsten Ammen und Mutter. Doch noch eins will ich Dich freundlich bitten. So wir zwei allein bei einander sind, Du wollest mir vergoennen, zu reden von meinem liebsten Menschen, damit ich mein Zeit desto leichtlicher verbringen moeg, als viel mir moeglich, bis daß ich erkenne, wo es endlich hinaus wolle. Und vor allen Dingen bitte ich Dich, Du wollest raten und helfen, damit ich ihn oft moecht sehen und mit ihm reden; denn ich kein ander Freude weiß zu haben in dieser Welt. Und so durch Unglueck, da Gott lang fuer sei, ihm etwas widerfuehre, so wiß, mein liebste Amme, daß ich mir mit meiner eigen Hand wollt den Tod tun.«

Nun da der Ritter wieder heim in sein Herberg war kommen, betrachtet er die große Freundlichkeit, die ihm widerfahren war, und lobte Gott, daß ihm solches begegnet. Er vermeinet auch, Gott haette keinem Ritter ein so hohe Ehr zugesandt als ihm. Er verwundert sich auch in ihm selbst der uebertrefflichen Schoene der Magelona, daraus er verursachet ward, ehe gen Hof zu kommen, denn sein Fuernehmen gewesen war. Doch hielt er sich ganz weislich und still gegen dem Koenig und andern, damit er nicht verdacht wuerde; also, daß ihn jedermann lieb gewann am Hofe, nicht allein die großen Herren, sondern auch das gemeine Hofgesind. Und wenn er die Zeit erkennet, darinnen er unvermerkt seine Augen moechte speisen, sahe er die schoene Magelona ganz freundlich an. Solches geschahe alles von ihm weislich heimlich und verborgen. Wenn er den Befehl haett von dem Koenig und der Koenigin, zu reden, so ging er auch hinzu. Also vertrieben die zwei ihre Zeit mit einander.

Das zwoelfte Kapitel

Wie der Ritter Peter die schoene Magelona versucht.

Wie einmal der edel Peter zu der schoenen Magelona kam, denn sie mochten nicht lang von einander sein, so sie es geschicken kunnten, da wollt sie der Peter versuchen und sprach zu ihr: »Edelste, allerliebste und schoenste Magelona, Ihr wißt, daß ich von Eurent wegen lange aus bin blieben von Vater und Mutter, darum, allerliebstes Lieb, weil Ihr des eine Ursach seid, wollt ich bitten, Ihr wollet mir erlauben, heim zu reiten, so es Euch gefiele; denn ich bin es sicher, daß meine Eltern Sorge und Schmerzen fuer mich tragen, dieweil sie nicht wissen, wo ich bin; ich macht mir auch solcher Beschwernus ein Gewissen.« Solches taet der Peter allein, zu erfahren, wie sie sich darin wollt verhalten. Als nun die schoene Magelona haett ihres liebsten Peter Red vernommen, stunden ihr alsbald die Augen voller Wassers, und begunnten die heißen Zaehren ihr das schoene Angesicht naß zu machen und verwandelt sich all ihre Farb und ward ganz bleich, und indem fiel sie in eine Ohnmacht, ganz schwermuetig, danach fing sie wieder an zu reden und sprach mit großem Seufzen und Weinen zum Peter. »Fuerwahr, allerliebster Peter, alles das Ihr mir gesaget, ist wahr und billig, daß die Natur will, daß sich der Sohn geb Untertan und gehorsam seinem Vater und Mutter, damit er nichts wider sie handle, das ihnen entgegen sei. Mich tut aber sehr beschweren, daß Ihr Euer Allerliebste hinter Euch wollt lassen, die ohne Euch weder Rast noch Ruhe haben mag in dieser Welt. Ich laß Euch auch fuerwahr wissen, so Ihr von mir hinwegziehet, Ihr werdet bald von meinem Tod erfahren, als durch Euret wegen wuerde ich sterben. Darum, mein allerliebster Herr und Freund, ich bitte Euch freundlichen, Ihr wollet mir Euer Hinwegziehen nicht verbergen; denn alsbald ihr hinweg kommet, will ich mich dazu schicken, denn ich weiß wohl, daß ich danach nicht lange wuerde leben, also waeret Ihr ein Ursach meines Todes. So es aber vonnoeten ist, daß Ihr hinwegziehet, bitte ich Euch freundlich, mein allerliebstes Lieb, Ihr wollet mich mit Euch nehmen und nicht hinter Euch lassen zu meinem großen Schaden.« Als nun der Peter die schoene Magelona haette also klaeglich hoeren reden, ging es ihm nahe zu Herzen; ihn gedaucht auch, sein Herz wollt in seinem Leib zerspringen, und saget ihr: »Ach, Magelona, mein allerliebstes Lieb, weinet nicht und bekuemmert Euch nicht mehr; denn ich habe mir fuergesetzt, nimmer aus diesem Land zu ziehen, sondern zu erharren das Ende, wie es mit uns ergehen werde. Ich wollte auch den Tod viel lieber leiden, denn Euch verlassen. So Ihr aber mit mir wollet, so seid sicher, daß ich Euch in aller Zucht und Ehr will fuehren und staet halten die Zusagung, so ich Euch getan vor dieser Zeit.« Als die schoene Magelona solches von dem Peter verstund, ward sie wieder erfreuet und saget zu ihm: »Mein edler Herr und Freund, dieweil ihm also ist, als Ihr anzeiget, so rate ich, wir ziehen von dannen auf das kuerzest und heimlichst, so es geschehen mag, von wegen zweier Ursachen:

Die erste, denn es ist zu besorgen, Ihr werdet verdrossen, laenger zu verziehen, und Ihr endlich keine Lust mehr habt, hie zu bleiben, und zoeget hinweg, ließet mich hinter Euch.

Die ander Ursach ist, es ist wahr, daß mein Vater mich Willens hat in Kuerz zu verheiraten und zu vergeben; daraus ich empfinde, daß er mir wuerde den Tod geben, denn ich will keinem andern vertrauet sein, denn Euch. Darum, mein allerliebstes Lieb, bitt ich freundlich, Ihr wollet aufs Kuerzest dazu tun und Mittel suchen, damit wir mit einander hinwegkommen. Denn laenger hie verziehen, moecht uns schaedlich sein, denn ich habe mein Herz ganz in Euch gesetzet, daß ich Euch nimmermehr will verlassen, so habt Ihr gesaget, Ihr wollet mich zuechtiglich und ehrlich halten, bis zu unserm Verloebnis.« Da fing der Peter an auf ein neues Schwur und verhieß ihr's zu halten. Also beschlossen sie, den dritten Tag mit einander zu ziehen nach dem ersten Schlaf. Indem sollt sich der Peter schicken mit aller Notdurft und sollt kommen mit den Pferden zum kleinen Pfoertlein bei dein Garten und allda ihrer verharren. Sie bat ihn auch fleißiglich, er wollt gute starke Pferde mitbringen, damit sie auf das schnellest aus dem Land ihres Vaters kaemen; denn sie sprach: »So mein Vater das innen wuerde, so wuerde er uns nachfolgen, und so er uns ueberkaeme, besorge ich, er wuerde uns beide toedten lassen.« Also nahm der Peter Urlaub von der schoenen Magelona und bat sie freundlich, sie sollt geschickt sein und nicht lange verziehen. Von diesem Rat und Beschluß sie die Amme gar nichts wissen ließ, denn die war nicht dabei gewesen, als sie es beschlossen hatten. Auch wollt die schoene Magelona nicht, daß sie es sollt wissen, denn sie haett große Sorge gehabt, sie wuerde es nicht verschweigen, sondern solches verhindern; darum hielt sie es heimlich. Der Peter ging von ihr hinweg in sein Herberg und schickt alles, so ihm vonnoeten war, doch verborgen, und ließ seine Rosse aufs Beste beschlagen.

Das dreizehnte Kapitel

Wie der edle Peter die schoene Magelona, des Koenigs Tochter, hinweg fuehret.

Nun als es kam um die bestimmte Zeit auf den ersten Schlaf, kam der Peter zu dem Pfoertlein des Gartens mit dreien Pferden, unter welchen eins war geladen mit Brot und anderer Speise auf zween Tag, damit sie nicht doerften Essen und Trinken suchen in den Herbergen. Er fand die schoene Magelona ganz allein, welche zu ihr haett genommen Gold, Silber, und was ihr vonnoeten war, und setzt sie auf ein schoenes, gutes englisch Zelterlein, das sanft ging. Darnach saß er auf ein schoen gutes Pferd und ritten beide eilends ohne Abstehen die ganze Nacht ueber, bis der Tag anbrach, auch sucht Peter die Hoelzer, wo sie am dicksten waren gegen dem Meer, damit er nicht von jemand gesehen wuerd und damit man nichts moecht von ihm erfahren. Als sie nun fern genug ins Holz waren kommen, da hub der Peter die schoene Magelona vom Pferd und zoge darnach den Pferden die Zaeum ab und ließ sie weiden und grasen, und sie saßen auf das gruene Gras unter einen Schatten und redeten von ihren Sachen und baten Gott fleißiglich, daß er sie wollt beschuetzen und endlich fuehren, da sie hin begehreten, ihr Fuernehmen zu verbringen. Und da sie beide lang mit einander haetten geredt, ueberkam die schoene Magelona großen Willen, zu schlafen und ein wenig zu ruhen, denn sie haett die ganze Nacht nichts geschlafen, auch war sie mued worden von dem Reiten. Also legt sie ihr Haupt in des Peters Schoß und fing an zu schlafen.

Das vierzehnte Kapitel

Wie man das Hinwegziehen des Ritters und der schoenen Magelona erfuhr und wie sie an allen Orten gesucht wurden.

Nun als es Tag war worden, kam die Amme in die Kammer der schoenen Magelona und tat allda lange Zeit verharren, denn sie meinet, sie schlief noch, und da sie sahe, daß die Zeit fuerueber war, in welcher sie Gewohnheit haett, aufzustehen, gedachte sie, dieweil sie also verzoege, wuerde sie schwach sein. Also ging sie fuer das Bett, da fand sie niemand, sondern das Bett war noch unzerbrochen, daran man kein Zeichen finden mocht, daß jemand darinnen waer gelegen; des sie sehr erschrack und gedachte in ihr selbst, daß sie der Peter hinweg haett gefuehret. Sie ging also in die Herberg des Peter und fraget nach ihm, da erfuhr sie, daß er hinweg war. Da hub die Amme an, so jaemmerlich sich zu stellen, daß sie vermeinet zu sterben; und ging alsbald in der Koenigin Kammer und saget ihr, wie sie die schoene Magelona haette gesucht in ihrem Bett, aber nicht gefunden; sie wueßte auch nit, wo sie waere. Als solches die Koenigin von der Ammen hoeret, erschrack sie sehr und ward zornig, ließ sie ueberall suchen, so lang bis solches der Koenig auch erfuhr, und kam das Geschrei, der Ritter mit den silbernen Schluesseln waere hinweg. Da gedachte der Koenig, der Ritter haett sie hingefuehret, und ließ der Koenig alsbald mit Macht aufbieten, nachzufolgen und zu suchen; und so man den Ritter ueberkaem, gebot er, man sollt ihn lebendig bringen, denn er wollt ihn also strafen, damit die ganze Welt davon mueßt sagen.

Da nun die Untertanen haetten verstanden den Willen ihres Herrn, gingen sie heim und nahmen ihre Harnisch und Waffen, zerteilten sich hin und wieder auf den Weg und suchten mit ganzem Fleiß; und blieb der Koenig und die Koenigin bei einander unmutig, denn der ganze Hof ward betruebet, insonderheit die Koenigin, die wollt verzweifeln, denn sie schrie und weinet jaemmerlich. Indem schickt der Koenig nach der Amme und saget ihr: »Es mag nit sein, Du mußt etwas darvon wissen zu sagen, baß denn kein Mensch.« Da fiel die gute Amme dem Koenig zu Fuß und sprach: »Allergnaedigster Herr, so Ihr in mir moecht finden, daß ich in dieser Sach einerlei schuldig bin, so bin ichs zufrieden, daß Ihr mich lasset toeten eines grausamen Todes, wie in Eurem Hof erkennet wird. Denn alsbald ich solches erfahren, hab ich's meiner gnaedigen Frauen, der Koenigin, angezeiget.« Da ging der Koenig in sein Gemach, aß und trank nichts den ganzen Tag vor Trauren. Es war auch erbaermlich zu sehen der Koenigin Wesen, samt andern Jungfrauen des Hofes, auch durch die Stadt Neaples.

Nun suchten die Untertanen hin und her, aber sie kunnten nichts finden noch erfahren von den zweien, und kamen also eines Teils in sechs Tagen wieder, die andern in fuenfzehen Tagen, erfuhren und funden nicht, darum der Koenig fast zornig war.

Nun wollen wir hie verlassen, von dem Koenig jetzt weiter zu sagen, und wollen uns wenden und sagen von der schoenen Magelona, die im Holz lag und schlief.

Das fuenfzehnte Kapitel

Wie die schone Magelona entschlief in dem Schoß des Peters und wie ihn geluestet, die Schlafende anzuschauen, doch zu End zornig ward.

Wie ihr oben gehoert habt, wie die schoene Magelona in dem Schoß des Peters entschlief, da haette der Peter keinen groeßeren Lust, denn im Anschauen seiner Allerliebsten; er kunnt sich auch nit ersaettigen der Schoene, die er da vor ihm sahe, und da er sie genug besehen haette, ihren schoenen roten Mund, auch das Angesicht, da kunnt er sich nicht erhalten, schnueret ihre Bruest auf, zu besichtigen ihre schoene weiße Bruestlein. Als er nun solches tat, ward er in der Liebe ganz entzuendet, redt und gedauchte ihn, er waere im Himmel, gedachte auch, Unglueck moechte ihm nicht schaden. Doch dieser Lust blieb ihm nit lang, denn er darnach uebertreffenliche Pein litte. Da nun der Peter die schoene Magelona wohl besehen haette, da sahe er ungefaehr ein roten Zendel zusammen gewickelt zwischen den Bruestlein der schoenen Magelona liegen. Da ueberkam er große Lust, zu erfahren, was es waer, und nahm es heraus, wickelt es auf; da fand er darinnen liegen die drei schoenen Ring, die er ihr gegeben haett, welche sie also lieb haett und aufhub um seinet wegen. Da sie nun der Peter haett gesehen, da wicklete er sie wieder in den Zendel wie vor und leget sie neben sich auf einen Stein und begunnt die schoene Magelona wieder anzusehen, und ward also in der Lieb verzucket, daß er nicht wußte, wo er war. Aber Gott der Allmaechtige erzeiget ihm, daß in dieser Welt kein Freude waer, sondern Traurigkeit, und kam ein Vogel, der lebet von dem Raub; derselbe ersahe den Zendel und vermeinet, es waere Fleisch, und erwischt den Zendel und flohe davon.

Das sechzehnte Kapitel

Wie der Peter dem Vogel nachfolget und warf zu ihm mit Steinen, aber der Vogel ließ den Zendel in das Meer fallen.

Da nun der Peter ersahe, daß ihm der Vogel die Ring hinweg gefuehret, ward er zornig; denn er besorget, so es die schoene Magelona erfuehr, es wuerde ihr nicht gefallen, die er denn ungern wollt erzuernen. Er leget seinen Mantel saeuberlich der schoenen Magelona unter ihr Haupt, damit sie nicht erwachet, und folget dem Vogel nach, warf ihn mit Steinen, denn er verhoffte, er wollt die Ring ihm wieder abjagen, und trieb es so lang, bis der Vogel den Zendel mit den Ringen ließ ins Meer fallen, denn er saß auf einem kleinen Felsen. Nahe bei dem Erdrich war ein große Menge des Wassers, also, daß niemand mocht hinueberkommen, Sorg halben, damit er nicht ersoeffe. Auf demselben Felsen saß der Vogel, zu welchem der Peter warf mit Steinen, und drang ihn also sehr, daß er die Ring ins Meer ließ fallen und flohe davon. Doch mochte der Peter nicht hinueber kommen vor Wasser, er waere sonst ersoffen, wiewohl es nit weit war von dem Land. Da ging der Peter hin und her, zu suchen, ob er moecht etwas finden, darin er sicher hinueberkommen moecht, und saget wider sich selbst: »O Gott, was hab ich getan! Haett ich die Ring liegen lassen an ihrem Ort, da sie wohl und sicher lagen; ich mein sie werden mir wohl bezahlet, desgleichen der schoenen Magelona, denn so ich lang ausbleib, wird sie mich suchen.« Also suchet der Peter so lang am Gestad, bis er fand einen kleinen alten Kahn, welchen die Fischer haetten verlassen, dieweil er nichts nuetz war. Der Peter stieg hinein und ward wieder erfreuet, aber seine Freude waehret nicht lang. Denn er nahm ein Stecken in die Hand, den er ohngefaehr haett gefunden, und leitet sich damit hinueber gegen den Felsen. Aber Gott der Allmaechtige, der alle Ding macht nach seinem goettlichen Willen, schicket es also, daß ein großer Wind aufstunt, der nahm den Peter mit Gewalt und fuehret ihn auf das hohe Meer ueber seinen Willen. Da er sahe, daß er je laenger je mehr von dem Erdrich kam und wußte nicht zu widerstehen und taet betrachten die große Gefaehrlichkeit, darin er war, sonderlich des Tods, und daß er haett die schoene Magelona also verlassen, die er mehr liebet als sich selbst, und in dem Holz liegen lassen, und besorget, sie wuerde sterben eines boesen Todes und wuerde verzweifeln ohne Huelf und Rat, gedachte er in ihm, sich selbst in das Meer zu werfen, denn sein edles Herz mocht nicht mehr dulden noch leiden solchen großen Schmerzen. Jedoch derjenige, der da versucht, die Menschen dieser Welt durch mancherlei Truebsal und Widerwaertigkeit zu fuehren und zu leiten zu der Geduld, wollt nicht verhaengen ueber ihn, daß ihm etwas an seinem Leib widerfuehr. Da kam der Peter wieder zu ihm selber als ein rechter Mensch, rufet an Gott den Allmaechtigen und sprach wider sich selbst, und dann also weinet und klaget er mehr die schoene Magelona, denn sich selber. Er saß in der Mitten des Platzes oder Schiffleins, wartet des Todes, wo ihn das Meer hin wuerf, denn er ließ es frei gehen, wohin ihn wollten fuehren die Wellen des Meeres. Er haett auch Wassers genug bei ihm im Kahn und ward naß. In dieser Gefaehrlichkeit blieb der Peter vom Morgen an bis auf den Mittag.

Das siebzehnte Kapitel

Wie der Peter gefangen und dem Soldan geschenkt ward.

Es begab sich auch, daß ein Raubschiff kam der Mohren, die sein ansichtig wurden und sahen ihn allein daher fahren, wie ihn der Wind fuehret; sie zogen zu ihm und fingen ihn und setzten ihn in ihr Schiff. Aber der Peter war vor Leid halber tot, er kannt sich selber nicht wohl und wußte nicht, wo er war. Da nun der Patron des Schiffs den Peter recht ansahe, gefiel er ihm wohl, denn er war wohl gekleidet und schoen; gedacht in ihm selber, er wollt ihn dem Soldan schenken. Sie schifften so viel Tagreisen, bis sie kamen gen Alexandria; als sie nun dahin kamen, da schenkt der Patron den Peter dem Soldan. Da ihn der Soldan ersehen haett, da gefiel er ihm wohl und danket dem Patron. Der Peter trug die guelden Ketten allwegen am Hals, welche ihm die schoene Magelona haett gegeben, darum gedauchte den Soldan, daß er eines großen Geschlechts waere; er ließ ihn auch fragen durch einen Dolmetschen, ob er zu Tisch dienen kuennt. Da antwortet ihm der Peter: »Ja.« Also befahl der Soldan, man sollt ihn die Weis unterrichten. Der Peter lernet's also wohl, daß er's ihnen allen vor taet. Auch gab Gott der Allmaechtige dem Soldan die Gnad, daß er den Peter lieb gewann und also sehr, als waere er sein einiger Sohn gewesen. Der Peter unterstund sich auch, die Sprach wohl zu lernen, und redet gut Moerisch und Griechisch, und war also zuechtig und freundlich, daß ihn jedermann am Hof lieb gewann, als waere er ein einiger Sohn gewesen oder Bruder. Es war auch seinesgleichen nicht am Hof mit aller Geschicklichkeit, darum er auch sehr geliebet ward, also, daß alles am Hof durch ihn geschehen mußt bei dem Soldan. Denn was ihm befohlen ward zu tun und auszurichten bei dem Soldan, das taet er mit ganzem Fleiß, derhalben er herfuer gezogen ward. In dieser Ehr war der Peter bei dem Soldan, jedoch mocht er nicht froehlich werden, denn sein Herz war ihm allwegen schwer, so er gedacht an sein allerliebste Magelona, und haett gewollt, er waer in dem Meer ersoffen, damit er solchs Schmerzen erledigt wuerd. Also gedacht der Peter an sein trauriges Leben, doch ließ er sichs nicht merken, wiewohl sein Herz also betruebet war, und taet oft Gott bitten, weil er ihm geholfen haett aus der großen Gefaehrlichkeit des Meers, daß er ihm auch Huelf und Gnad gebe, damit er das heilige Sakrament der Ehe moechte empfahen, ehe er stuerbe. Er gab auch viel Almosen den armen Christen, von wegen seiner allerliebsten Magelona; er hoffet auch, Gott wuerde sie nicht verlassen. – Nun wollen wir von ihm lassen zu reden und von der schoenen Magelona sagen.

Das achtzehnte Kapitel

Wie die schoene Magelona lag und schlief auf des Peters Mantel, und da sie erwacht, befand sie sich allein.

Als nun die schoene Magelona nach Lust haett geschlafen, denn sie war muede und haett die ganze Nacht gewacht, deß sie nit gewohnet war, da wachet sie auf und gedacht, sie war bei ihrem allerliebsten Peter und haett ihr Haupt in seinem Schoß. Da saehe sie auf und saget: »Mein allerliebster Peter, ich hab wohl geschlafen; ich glaube gaenzlich, ich hab Euch verdrießlich gemacht.« Und sah also um sich, da fand sie niemand, stund auf, erschrack sehr, fing an mit lauter Stimme zu rufen durch das Holz: »Peter, Peter«; aber niemand wollt ihr antworten. Da sie niemand hoert noch sahe, waer es nit Wunder gewesen, daß sie von ihren Sinnen waer kommen; da fing sie an zu weinen und ging also durchs Holz, ruft: »Peter, Peter«, als lang sie immer rufen mocht. Da sie nun lang gerufen hatte und gesucht, da ward sie heiser von dem Rufen und stieg ihr ein Schmerzen und Wehe in das Haupt, daß sie vermeinet, allda zu sterben; und fiel also in einer großen Ohnmacht auf die Erden, als waere sie tot, darin sie ein lange Zeit lag. Und als sie nun wieder zu ihr selber kam, da setzet sie sich nieder und fing an zu tun die jaemmerlichste Klag, die je ein Mensch gehoeret hat, und sagt: »Ach, mein allerliebster Peter, mein liebstes Lieb und Hoffnung, wo habe ich Euch verloren? Warum seid Ihr von mir geschieden und habt mich also verlassen, Eure treue Gesellin; Ihr wißt doch wohl, daß ich ohne Euch nicht hab wollen leben in meines Vaters Haus, da ich so reichlich gehalten ward. Ach wehe und aber wehe, wie moegt Ihr gedenken, daß ich moege leben in dieser Wildnis und Wuestung! Ach, mein edelster Herr, in welcher Irrung gehet Ihr um, daß ihr mich so verlassen habt in diesen rauhen Bueschen, in welchen ich werde eines jaemmerlichen Tods sterben! Ach wehe und aber wehe, was hab ich Euch zu Mißfallen getan, daß Ihr mich habt gefuehret aus meines Vaters Haus, des Koeniges von Neaples, mich also in großen Aengsten und Schmerzen zu toeten! Habt Ihr doch mir also große Lieb erzeiget! Ach, mein allerliebster Peter, habt Ihr an mir etwas gefunden, so Euch nicht gefallen hat? Fuerwahr, ich hab mich zu viel gegen Euch entdeckt. Nun ich je solches getan aus großer Lieb, die ich zu Euch getragen hab; denn nimmer kommt mir ein Mensch also tief in mein Herz als Ihr. Ach, edlester Peter, wo ist Euer Adel, wo ist Euer edels Herz, wo ist Euer Glaub und Zusagen? Fuerwahr, Ihr seid der allergraeulichste Mensch auf Erden, der je von einer Mutter geboren war. Wiewohl, mein Herz kann und vermag nichts Boeses von Euch zu sagen. Ach wehe, was kann ich mehr fuer Euch tun? Fuerwahr, Ihr seid der ander Jason und ich die ander Medea.« Und sie ging also verzweifelt hin und her und suchet den Peter durch das Holz, und kam, da sie die Pferde fand. Als sie die Pferde ersahe, da fing sie auf ein Neues an zu klagen und weinen und saget: »Fuerwahr, mein allerliebster Peter, ich erkenne je, daß Ihr mit Willen nicht seid von mir geschieden; des bin ich sicher. Ach wehe, mein treuer Liebhaber; und ich Untreue, daß ich Euch also geschmaehet habe! Darum mein Herz ist betruebet bis in den Tod. Ach, welches Abenteuer hat uns von einander geschieden? Seid Ihr tot, warum bin ich mit Euch nicht auch tot? Fuerwahr, es ist keiner armen Tochter nie widerfahren so ein groß Unglueck als mir. Ach Glueck, du fahest jetzt nicht ernstlich an, zu verfolgen die Treuen und Frommen, und je hoeher die Personen sind, je mehr du mit ihnen zu kriegen hast. Oh guetiger Gott, der Du bist ein Licht aller Ungetroesten und Verlassenen, ich bitte Dich, Du wollest mich arme Jungfrau troesten; behalt und behuete mir meine Sinn, mein Verstand und Vernunft, damit ich nicht verliere Leib und Seel, laß mich sehen mein allerliebsten Herrn und Gemahel zuvor ehe ich sterbe. Ach wehe, moecht ich erfahren, wo er waere! Und so ich ihn wueßte zu Ende der Welt, ich wollt ihm nachfolgen. Ohn allen Zweifel glaube ich, diese Widerwaertigkeit hab uns geben der boese Geist, dieweil unser Lieb nicht ist gewesen unordenlich, und dieweil wir nicht haben wollen bewilligen in seine boese Anfechtung, und halte dafuer, daß er ihn darum gefuehret hab in ein fremdes Land, unser beider guten Willen zerbrechen.« Solches und dergleichen saget die schoene Magelona in ihr selbst, beklaget ihr Unglueck und ihren allerliebsten Peter, ging also hin und her durch das Holz wie ein verlassene Frau, und horchet, ob sie etwas moecht hoeren oder verstehen, nahe oder weit. Darnach stieg sie auf einen Baum und sahe sich um, ob sie etwas moecht sehen und erkennen, und sahe nichts auf Erdrich denn Baeume und auf der anderen Seiten sahe sie nichts anders denn das tiefe Meer. Also blieb die schoene Magelona ganz traurig und beschwert diesen ganzen Tag ohn Trinken und Essen. Da nun die Nacht kam, suchet sie einen großen Baum, auf welchen sie mit großer Marter und Pein stieg; darauf blieb sie die ganze Nacht sitzen. Aber sie ruhet und schlief wenig, denn sie hatt große Sorg vor den wilden Tieren, die wuerden ihr ein Schaden tun; und also vertrieb sie die ganze Nacht. Darnach gedachte sie, wo er moecht hinkommen sein, und darnach, was sie tun wollt oder wo hinaus, denn sie hatt in ihrem Herzen festiglich fuergesetzt, sie wollt nicht wieder heimziehen zu ihrem Vater und Mutter, so sie sich moechte enthalten vor der Welt, denn sie foerchtet den Zorn ihres Vaters und beschloß endlich bei ihr selbst, sie wollt ihren allerliebsten Peter suchen durch die ganze Welt.

Das neunzehnte Kapitel

Wie die schoene Magelona herab stieg von dem Baum und kam, da sie die Pferde fand, loeset sie auf und ließ sie laufen.

Als nun der Tag herfuer brach, da stieg sie von dem Baum hernieder, ging an den Ort, da sie die Pferde fand, die da noch angebunden waren, loeset sie auf mit weinenden Augen und saget: »Als ich in mir gedenke, wie Euer Herr ist verloren und mich in der Welt tut suchen, also will ich auch, daß ihr in die Welt lauft, wo ihr hin wollt«, und zog ihnen die Zaeum ab und ließ sie also laufen durch das ganze Holz, wo sie hin wollten, und ging danach also lang im Holz, und suchet einen Weg, bis sie fand die Landstraße. Die ging gen Rom; und da sie sich auf die Landstraße fand, wendet sie wieder dem Holz zu und suchet ein Ort, das dick war und hoch gelegen, darum sie mocht sehen, wer hin und wieder ging, aber sie mocht man nicht sehen.

Da sie nun eine Zeit lang da blieb, da sahe sie auf dem Weg daher kommen eine Pilgerin, der rufet sie zu ihr; die kam alsbald und fraget, was sie begehret. Da bat sie die Pilgerin, sie wollt ihr geben ihren Rock und die andern Kleider. Da solches die Pilgerin hoert, gedacht sie bei ihr selber, sie waere nicht allein im Holz ohne Leut, und vermeinet, die schoene Magelona spottet ihr, und sprach: »Gnaedige, liebe Frau, so Ihr wohl gekleidet seid, sollt Ihr darum der Leut Jesu Christi nicht spotten; denn solcher schoener Rock, den Ihr antraget, zieret Euch den Leib, aber mein Rock, hoffe ich, werd mir mein Seel zieren.« »Mein liebe Schwester, ich bitte Dich, Du wollest keinen Verdrieß haben, denn ich rede von gutem Herzen und will mit Dir freimarken.« Als nun solches die Pilgerin verstund, daß sie das redet aus gutem Herzen ohn allen Spott, da zog sie sich aus und gab ihr die Kleider, desgleichen die schoene Magelona die ihren und bekleidet sich mit den Kleidern der Pilgerin also wohl, daß man ihr nicht viel an dem Gesichte mocht sehen; und was sie nicht verbergen mocht, da nahm sie ein nasse Speichel und Erdrich, beschmieret sich damit, daß sie nicht erkannt wuerde.

Das zwanzigste Kapitel

Wie die schoene Magelona gen Rom kam in der Pilgerin Kleider, und wie sie eine fromme Frau aufnahm in ihr Haus.

In dieser Kleidung nahm die schoene Magelona ihren Weg gen Rom und ging so lang, bis sie in die Stadt kam. Alsbald sie dar kam, ging sie des ersten Gangs in S. Peters Kirchen und kniet fuer dem hohen Altar nieder und fing an, ganz inniglichen zu weinen und zu seufzen, und verbracht ihr Gebet. Darauf stund sie auf und wollt in ein Herberg gehen. Da sahe sie ihren Vetter in die Kirchen treten, der da war ihrer Mutter Bruder, in großer Ehr und Gesellschaft, welche sie taeten suchen. Darob sie sehr erschrak, doch nahmen sie ihr nicht acht, denn es kunnt sie unter ihnen keiner erkennen in dieser Kleidung; und ging also wie eine Pilgerin. In dem Spital blieb sie fuenfzehn Tag wie eine arme Pilgerin, und ging alle Tag in die Kirchen S. Peters und verbracht allda ihr Gebet in großer Traurigkeit und großem Weinen; verhofft, Gott der Allmaechtige wuerde sie endlich erhoeren. Indem als sie allda blieb, fiel ihr zu, sie wollt ins Land Prouincia ziehen; denn sie da verhoffet, etwas von ihrem allerliebsten Peter desto ehe zu hoeren, und macht sich auf den Weg und ging also lang, bis daß sie kam in die Stadt, Genua genannt; da erfraget sie den Weg gen Prouincia, welcher der kuerzest und sicherste waer; und es ward ihr geraten, sie sollt auf dem Meer fahren, denn derselbige Weg waer der kuerzest und sicherst. Und als sie an die Port des Meeres ging, da fand sie zu allem Glueck ein Schiff ganz zubereitet und wollt gen Todtenwasser genannt fahren. Sie kam mit dem Patron ueberein und zohe mit ihm dahin. Als sie nun dahin kamen, da ging sie eines Tages durch die Stadt wie ein arme Pilgerin; da rufet ihr ein fromme Frau und nahm sie in ihr Haus von Gottes willen; sie aßen und trunken auch miteinander und legte sie in ein koestlich Bett. Denselbigen Tag fraget die gute Frau die schoene Magelona viel von ihrer Wallfahrt; also saget sie ihr, wie sie kaem von Rom wallfahrten. Danach fraget sie wieder die schoene Magelona von der Gewohnheit und Eigenschaft der Laender und ob fremde Leut moechten sicher wandern. Da sagt sie: »Ihr wisset, liebe Pilgerin, daß wir haben ein Herrn dieses Landes aus Prouincia von hinnen gen Arragon, und heißt unser Herr der Graf von Prouincia. Er ist maechtig und haelt sein Land in gutem Fried, also, daß nie kein Mensch hat vernommen, daß jemands waer ein Verdrieß geschehen, denn er befilcht, Sicherheit und Gerechtigkeit zu halten in seinem Land. Er und die Graefin sind also freundlich und holdselig gegen armen Leuten, daß es Wunder ist; aber sie sind sehr betruebet und zornig, und wir alle mit ihnen als die Untertanen, von ihres Sohnes wegen, genannt Peter. Der ist der edlest Ritter in dieser Welt, denn er ist vor zweien Jahren hinweggezogen, sich zu ueben in der Welt in Ritterspielen, und in dieser Zeit ist nichts mehr von ihm gehoeret worden. Sie besorgen allein, er sei tot oder ihm sei ein großer Schad widerfahren, das denn ein großer Schad waer. Und fing also an zu erzaehlen die Guttaten und Tugenden des edlen Peters, die er haett. Als solchs die schoene Magelona merket und gehoert von dem Grafen und der Graefin, und daß der Peter nicht heimkommen, da erkannt sie, daß der Peter nicht williglich was von ihr kommen und solchs haett getan ein boeses Abenteuer. Und also von Mitleiden fing sie an zu weinen, und die Frau, dabei sie war, vermeinet, sie weinet aus Mitleiden und hielt sie dester baß, und mußte die Nacht bei ihr schlafen.

Das ein und zwanzigste Kapitel

Wie die schoene Magelona sich fueget auf ein Port der Heiden, zu dienen den armen Leuten in ein klein Spital daselbst, und da zu behueten ihre Jungfrauschaft, und wartet, ob sie moecht etwas erfahren von ihrem lieben Peter.

Dieselbe Nacht setzet ihr die schoene Magelona im Herzen fuer, dieweil der Peter nicht heimkommen waer, sie wollte sich dahin wenden, wo sie dem allmaechtigen Gott andaechtiglich moechte dienen, damit sie ihr Jungfrauschaft dester baß moechte unbefleckt behalten, und ob sie etwas moechte erfahren von ihrem lieben Peter; denn sie verhoffet, da mehr etwas zu erfahren von ihm, denn anderswo, und tat also fragen, ob in dem Land waer ein Ort, da man andaechtiglich moecht Gott dienen. Die gute Frau Wirtin saget, daß nahe waer die Insel des heidnischen Ports, da alle Schiff und Kaufmannschaft aus allen Laendern hinkaemen, auch viel armer Menschen, Kranke und Schwache. Also ging die schoene Magelona, das Ort zu besuchen und gefiel ihr wohl; ließ von dem Geld, das sie haette, ein klein Kirchlein bauen und ein klein Spital mit dreien Betten. In derselbigen Kirchen ließ sie machen ein Altar in der Ehre S. Peters, ihrem allerliebsten Peter zu Gefallen, und gab der Kirche den Namen S. Peter von Magelona. Da nun die Kirchen und Spital gebauet war, da taet sie sich hinein und dienet den Armen daselbst mit großer Andacht, und fuehret ein scharfes Leben, also, daß die Leute der Insel und auch die Umliegenden sie hielten fuer eine heilige Frau; man nennet sie auch die heilige Pilgerin. Es kam groß Opfer in das Kirchlein von viel Leuten und ward also weit erkannt, daß der Graf und die Graefin (des Peters Vater und Mutter) selber mit großer Andacht kamen, die Kirch zu besuchen. Es begab sich eines Tages, daß sie alle beide kamen, zu besuchen dies Kirchlein und Spital und sahen der Spitalerin Wesen und sagten wider einander: »Es muß eine heilige Frau sein.« Die Spitalerin, als sie die zwei ersahe, ging sie zu ihnen als eine, die sich wohl wußte zu halten, und erbot ihnen Ehr und befahl sich ihnen beiden, von welchem Erbieten der Graf und die Graefin ein Wohlgefallen empfiengen, und gefiel ihnen ihre Weise sehr wohl. Jedoch zog die Graefin die Spitalmeisterin auf ein Ort, und redeten mit einander von mancherlei Dingen und kamen also weit, daß die Graefin ihr sagete, wie sie betruebet waer um ihren Sohn, und fing an, herzlich zu weinen. Die Spitalerin taet sie auf das Best, so sie mocht, troesten, obwohl ihr noetiger waer gewesen, sie zu troesten, denn der Graefin. Jedoch ward die Graefin fein durch die Spitalerin gestillet und saget zu ihr: Sie haett ein großes Gefallen an ihrem Reden und sprach, sie wollt oft zu ihr kommen, und alles, was sie beduerfte, das sollt sie begehren, das wollt sie ihr nicht versagen. Darum die Spitalerin ihr Dank saget. Also zog die Graefin wieder heim und bat die Spitalerin, sie sollt Gott treulich bitten, damit sie erfuehr, wo ihr Sohn waer; das ihr denn die Spitalerin verhieß mit gutem Herzen, und schieden also von einander. Und die Spitalerin ging hin und wartet also der armen Leut, wie sie denn gewohnet war zu tun, und fuehret ein sehr hartes und strenges Leben.

Das zwei und zwanzigste Kapitel

Wie die Fischer desjenigen Orts eines Tages fischten und fingen einen schoenen Fisch, genannt ein Meerwolf, und von wegen seiner Schoene schenkten sie ihn dem Grafen und der Graefin.

Eines Tages begab sich's, daß die Fischer desselbigen Orts fischten in dem Meer und fingen einen Fisch, genannt ein Meerwolf, der sehr schoen war; darum sie ihn dem Grafen und der Graefin schenkten, welchen sie mit großem Dank empfingen. Als nun der Fisch durch die Diener ward getragen in die Kuechen, ihn zu bereiten, da fand, der ihn bereitet, in des Fischs Bauch ein roten Zendel, und da sie solches sahen, da nahm es eine Magd und brachts der Graefin zu sehen und saget: »Gnaedige Frau, wir haben das gefunden in dem Fisch.« Da nahm es die Graefin und wicklets auf und fand darin die drei Ring, welche sie haett geben ihrem allerliebsten Sohn Peter, als er von ihr gezogen, und als sie dieselbigen gesehen haett, da kennt sie die Ring, fing an zu weinen inniglich und fuehret einen großen Unmut und Trauren und sprach: »Ach wehe, allmaechtiger, ewiger, guetiger Gott, nun bin ich sicher und genugsam bericht, daß mein allerliebster Sohn tot ist. Nun bin ich aller meiner Hoffnung beraubt, ich werd ihn nimmermehr sehen.

Oh allmaechtiger, ewiger, guetiger Gott, was hat die unschuldige Kreatur verwirket, daß ihn der Fisch hat verschlucket?« Da die Graefin also heulet und schreit, indem kam der Graf, und als er das Geschrei gehoert, welches die Graefin taet, erschrack er gar sehr und fraget, was das waer. Und ging also in ihre Kammer zu ihr.

Als ihn die Graefin ersahe, saget sie zu ihm klaeglich und weinend: »Ach weh, weh, wie bringet uns ein unvernuenftig Tier so gar boese Maehr um unsern lieben Sohn Peter.« Und fing ihm an zu sagen, wie sie haelt gefunden ein Zendel, darinnen waeren gelegen die drei Ring, welche sie ihm haett geben, als er hinweg gezogen waer, und zeiget dieselbigen Ring dem Grafen. Da er sie saehe, erkennet er sie alsbald und ward auch sehr betruebet, legt sein Haupt aufs Bett und fing an, klaeglichen zu weinen, wohl eine halbe Stund; darnach, als ein tugendreicher und beherzter Herr, kam er zu der Graefin und troestet sie aufs Allerbeste, so er vermocht, und sprach zu ihr: »Wiß, liebe Hausfrau, daß dieser Sohn nicht unser, sondern Gottes des Allmaechtigen gewesen ist, denn er hat ihn uns gegeben. Nun jetzunder es ihm wieder gefallen, zu schaffen nach seinem goettlichen Willen mit ihm, als mit seinem eigenen. Darum wir nicht sollen zornig noch traurig sein. Darum bitte ich Dich, Du wollest abstellen Deinen Unmut und Schmerzen und Gott loben, daß er ihn uns hat geschickt und geben; und so Du das wirst tun, so tust Du ein Gefallen Gott, dem Allmaechtigen, ja mir auch.«

Alsobald befahl er seinen Dienern, hinwegzunehmen die koestlichen Teppich seines Palastes, und darhenken schwarze Tuecher durch sein Haus. Als solches die Untertanen erfuhren, da wurden sie alle traurig, denn sie haetten den jungen Grafen sehr lieb. Nicht lang danach haett die Graefin Willen, zu ziehen zu der Spitaelerin, die Kirch und Spital zu sehen und der Spitaelerin ihre Not zu klagen. Als sie zu ihr kommen und ihr Gebet in der Kirchen verbracht haett, nahm sie die Spitaelerin bei der Hand und fuehret sie zu einem Betstuhl, fing an, mit großem Seufzen und Schmerzen ihr zu sagen, wie es ergangen war, und zu verzaehlen, wie daß sie keine Hoffnung mehr haett, ihren liebsten Sohn zu sehen. Da die Spitalerin solches von der Graefin verstanden haett, fing sie an mit ihr inniglichen zu weinen und saget: »Gnaedige Frau, ich bitte Euch, so Ihr die Ring habt, Ihr wollet mich sie sehen lassen.« Die Graefin zog sie herfuer und gabs ihr zu sehen; da sie solche Ring ersaehe, erkannt sie dieselben bald, und waer nit Wunder gewesen, daß ihr Herz vor Leid war zerbrochen in ihrem Leib. Jedoch wie eine tugendreiche und weise Tochter, die ihre Hoffnung in Gott allein setzt, saget sie also: »Gnaedige Frau, Ihr sollt Euch nit bekuemmern, denn die Ding, so nit gewiß sind, sollen nit verhoffet werden. Wiewohl das die Ring sind, welche Ihr Eurem liebsten Sohn Peter geben habt, kann und mag doch wohl sein, daß er dieselbigen hat verloren oder einer andern Person geben. Darum ich Euch bitt, Ihr wollt Euch nit mehr betrueben oder bekuemmern; darin werdet Ihr Eurem Herrn Gefallen tun, und mehret ihm seinen Schmerzen, alsbald er Euch siehet betruebt und traurig. Darum kehret Euch gegen Gott, den Allmaechtigen, und danket ihm um alles, das er Euch erzeiget hat.« Also troestet die Spitaelerin die Graefin auf das Beste, so sie mocht, wiewohl ihr Schmerzen nicht weniger war denn der Graefin; sie waer auch wohl notduerftiger Troestens gewesen denn die Graefin. Die Graefin gab große Gaben in das Spital, Gott fuer die Seel ihres Sohnes zu bitten, ob er tot waer, wo nicht, daß sie etwas von ihm erfuehr, und zohe also wieder heim. Und die Spitaelerin blieb also fast traurig und fiel auf ihre Knie vor dem Altar bittend, und bat Gott, so er lebendig waer, ihn zu fuehren in aller Sicherheit zu seinen Freunden, wo er aber tot waere, wollt sich Gott seiner armen Seel erbarmen und derselbigen gnaedig sein. Und blieb lang also in ihrem Gebet. – Nun wollen wir aufhoeren zu reden von dem Grafen und der Graefin und der Spitaelerin, und wollen reden von dem Peter, der die Zeit am Hof des Soldans war.

Das drei und zwanzigste Kapitel

Wie der Peter eine lange Zeit blieb an dem Hof des Soldans, und durch seine Geschicklichkeit regieret er den Soldan und den ganzen Hof, denn jedermann haett ihn lieb.

Der Peter blieb eine lange Zeit an dem Hof des Soldans zu Babylonien und ward von dem geliebet, als waere er sein einiger Sohn. Der Soldan mocht auch keine Freud haben, denn der Peter waere dabei, doch haette der Peter allwegen sein Herz zu der schoenen Magelona, denn er wußte nicht, wo sie hin kommen war. Also nahm er eines Tages fuer, Erlaubnus zu nehmen von seinem Herrn, sein Vater und Mutter zu besuchen. Und es begab sich eines Tags, daß der Soldan ein großes Fest hielt, und war froehlich und gab große Gaben vielen Menschen. Da ersaehe der Peter die Zeit, fiel fuer ihn auf die Knie und sprach also: »Herr, ich bin lange Zeit an Eurem Hof gewesen und durch sonderliche Gnad um viel Sachen, so ich Euch fuergetragen, von Euch gehoeret worden; ich habe auch viel ander Leuten ihre Sach ausgericht', aber meinethalben; mir zu geben, habe ich noch nie nichts begehrt oder gebeten. Darum ich auf diesmal Euer Gnad etwas bitten wollt zu geben, so Ihr mir solches nicht abschlagen wollt.« Als ihn der Soldan saehe also demuetiglich bitten, sprach er zu ihm: »Lieber Peter, es ist nichts wenigers, was Du von mir eines andern wegen begehret hast, habe ich Dir gutwilliglich bewilliget; wie viel mehr, so Du fuer Dich selber wuerdest bitten, will ich mit einem froehlichen Herzen Dir geben, was Du begehrest. Darum begehr, was Du willst, es soll Dir von mir nicht abgeschlagen werden.« Solcher gnaedigen Troestung war der Peter herzlich erfreuet und saget zu ihm: »Gnaediger Herr, ich begehr nicht mehr von Euch, denn Ihr wollet mir gnaediglich erlauben, heim zu ziehen, Vater und Mutter, auch andere meine Freund zu besuchen; denn dieweil ich an diesem Hof gewesen bin, habe ich nicht von ihnen koennen erfahren. Darum ich Euch bitt, mir guetlich und gnaediglich zu erlauben, und solchs kein Beschwerung zu haben.«

Als der Soldan solches vom Peter vernahm, ward er unruhig und sagt zu ihm: »Lieber Peter, guter Freund, ich bitte Dich, Du wollest Deines Hinwegziehens nit gedenken, denn Du magst nirgend hinkommen, daß Du baß gehalten werdest, denn bei mir; Du wirst auch keinen Freund haben, der Dir also viel Gutes beweiset als ich, denn ich will Dich machen zum gewaltigsten Mann des ganzen Lands. Jedoch, dieweil ich Dir hab solches zugesaget, will ichs halten. Doch wirst Du mir verheißen, so Du Vater und Mutter besucht hast, Du wollest wieder zu mir kommen, und so Du ihm also tust, wirst Du tun als ein Weiser.« Das ihm denn der Peter verhieß zu halten.

Nachdem ließ der Soldan einen Befelchbrief durch sein Land ausgehen und gab ihn dem Peter, in welchem stund geschrieben, an welches Ort er kam des Mohrenlands, sollt man den Peter halten als ihn selber und ihm in allem behuelflich sein, was er begehret. Mit dem gab ihm der Soldan Gold und Silber eine große Menge und ander Kleinod. Also nahm der Peter, da es ihm gelegen war, Urlaub von dem Soldan und zohe hinweg; von seinem Abziehen weineten viel, die ihn lieb hatten. Er kam in kurzer Zeit gen Alexandria; als er dahin kam, zeiget er seinen Brief dem Statthalter allda des Soldans. Als er den Brief verlesen haelt, da erbot er dem Peter große Ehr und fuehret ihn in ein koestliche Herberge, die mit allem, so man haben sollt, versehen war. Da versaehe er sich mit allem dem, so ihm vonnoeten war, und nahm den Schatz, ließ ihn in vierzehn Laegel oder Faeßlein machen, die auf beiden Seiten moechten gefuellet werden mit Salz, und in die Mitten setzt er den Schatz.

Das vier und zwanzigste Kapitel

Wie der Peter wollt gen Prouincia fahren.

Und eines Tages, da sie zugerichtet waren, ging er an das Meer und fand zum Glueck allda ein Schiff, das wollt gen Prouincia, das mit allem bereit war, alsbald davon zu fahren. Da redet der Peter mit dem Patron des Schiffs, ob er ihn wollt mit ihm nehmen mit vierzehn Laegeln, die er haett, und saget, er wollt dieselbe gen geben in ein Spital, darum wollt er ihm seinen Willen machen. Als der Patron des Schiffs ihn haett vernommen, antwortet er ihm und sprach: Er war wohl zufrieden, daß er mit ihm zoege; aber der Laegel halben wollt er ihm raten, er ließ sie hinter ihm und fuehret sie nicht mit; denn so er in Prouincia kaem, fuende er allwegen Salz in gutem Kauf. Da antwortet ihm der Peter wieder: Er sollt sich darum nicht bekuemmern, denn er wollt ihn wohl bezahlen, allein daß er sie fuehret, denn er wollt es dahin fuehren, wo es ihnen geduenkt. Als der Patron die Antwort des Peter gehoeret und vernommen, schwieg er still und war damit zufrieden. Der Peter bezahlet den Patron wohl. Da saget der Patron: Er sollt sein Salz in das Schiff legen und was er mit ihm gedaecht zu fuehren, denn mit Gottes Huelf wollt er hinweg fahren, so guter Wind aufstuend. Diese Nacht hatten sie guten Wind und ließen die Segel aufziehen und kamen gar gluecklich in ein Insel, genannt Sagona, und funden allda sueß Wasser. Der Peter war muede, stieg auf das Land und wollt nicht auf dem Meer bleiben. Da er auf das Land kam, ging er auf der Insel hin und her und fand die schoensten Bluemlein; also setzet er sich mitten darein und vergaß seines Leids eines Teils. Er fand unter den Blumen eine, die war die schoeneste ob allen von Farben und Geschmack; er brach sie ab. Alsbald fiel ihm zu die schoene Magelona, da fing er an zu sagen: »Wie diese schoene Blum uebertrifft alle andere Blumen, also auch uebertrifft die schoene Magelona alle andere Frauen und Jungfrauen mit Schoene.« Und fing also herzlich an zu weinen und zu empfinden großen Schmerzen in seinem Herzen und gedacht, wo sie hin waer kommen. In diesen Gedanken ward er schlaeferig und leget sich schlafen. Dieweil erhob sich ein guter Wind; da ließ der Patron rufen jedermann, man sollte zu Schiff gehen. Da der Patron sahe, daß der Peter nicht vorhanden war, da befahl er, ihn zu suchen, aber man kunnt ihn nicht finden; sie ruften laut, aber er schlief zu hart, derhalben ers nicht hoeret. Als sie ihn nicht funden, da wollt der Patron, dieweil er also guten Wind haett, die Zeit nicht versaeumen und hieß die Segel aufspannen, und fuhren also davon. Der Peter aber blieb also schlafend liegen. Die schifften also lang, bis sie kamen an ein Port, der Heiden Port genannt, und da luden sie das Schiff ab. Als sie nun die vierzehn Laegel funden, sagten sie zu dem Patron: »Was wollen wir mit den Laegeln tun des Edelmanns, der auf der Insel Sagona ist hinter uns geblieben, der sein Schiffgeld wohl bezahlet hat, dieweil er saget, er wollt sie in ein Spital geben?« Da wurden sie eins unter einander, dieselbigen zu geben in das Spital S. Peters, denn sie gedachten, sie kuenntens nicht baß anlegen. Da ging der Patron zu der Spitalmeisterin und saget zu ihr, daß der Herr der Laegel verloren worden, darum er sie wollte geben in das Spital, sie sollt Gott fuer die Seel bitten.

Das fuenf und zwanzigste Kapitel

Wie die Spitalmeisterin ein großen Schatz fand von Golde, Silber und Kleinoden in Laegeln des Peters, die da wurden geben in das Spital um Gottes willen.

Es begab sich eines Tages, da die Spitalerin solches notduerftig ward, da machte sie ein Laegel auf; da fand sie in der Mitten ein großen Schatz von Gold. Davon sie erschrack und nahm eine andere und brach sie auf, da fand sie auch wie in der ersten; da saget sie bei ihr selbst: »Ach, armer Mensch, Gott, der Allmaechtige, Hab Deine Seel; denn ich sehe wohl, daß ich nicht allein mit Schmerzen, Unmut und Truebsal umgeben bin.« Danach nahm sie die anderen Laegel alle und schlug sie auch auf, da fand sie einen großen Schatz. Alsbald ließ sie Maurer und andere Werkleute berufen und fing an, die Kirche groeßer zu machen, und machet also eine schoene Kirche und ein Spital, in welchem der Gottesdienst und alle Ding ordentlich zugingen, und kam das Geschrei so weit, daß viel Volks dahin kam. Und brachten große Allmusen und Opfer und verwunderten sich darob, die Spitalerin wußt also koestlich zu bauen, denn man sich bei ihr nicht Gelds versahe.

Das sechs und zwanzigste Kapitel

Wie der Peter entschlafen in der Insel blieb, da er an sein liebste und getreuste Magelona gedacht.

Als der Peter blieb entschlafen liegen in der Insel eine Zeit, da saehe er auf und saehe, daß es Nacht war, stund bald auf und ging zu dem Meer, da er das Schiff haett verlassen. Als er dasselbige nicht saehe, da gedacht er, die Nacht betroege ihn, damit er nicht sehen moecht' und fing an laut zu rufen; aber es antwortet ihm niemand. Da ueberkam er großen Schmerzen in seinem Herzen, daß er niederfiel als waer er tot, und verlor gar seine Vernunft und fing darnach an, herzlich zu weinen, und sprach: »Oh, allmaechtiger, ewiger, guetiger Gott, werd ich nit einsmals meiner Tag erledigt, kann ich nit sterben? Welcher Mensch ist auf Erden, den das Unglueck verfolgt als mich?« Solcher gestalt weinet und beklaget sich der Peter die ganze Nacht bis an den Tag und sucht in der Insel, ob er moecht ein Schiff sehen, das ihm aus der Insel moecht helfen; aber er mocht nichts sehen, das ihm haett moegen helfen. Da er sich mit dieser Truebsal umgeben sahe, gedacht er an Gott, denn er vermeinet sich zu nahen seinem End, und bat ihn, er wollt sich sein erbarmen. Da schicket Gott, der Allmaechtige, der die Seinen nicht verlaeßt, die Sache also, daß ein Fischerschifflein kam, darauf man wollt sueß Wasser holen.

Das sieben und zwanzigste Kapitel

Wie der Peter ohnmaechtig ward, dieweil er das Schiff haett verloren, und ihn die Fischer funden.

Als die Fischer in die Insel kamen, funden sie den Peter gestrackt liegen, als ob er tot waere. Als sie solches ersahen, hatten sie ein Mitleiden mit ihm und gaben ihm zu essen Spezerei, Confekt und trinken, legten ihn auf ihr Bett, das sie haetten, deckten ihn warm zu aufs Beste, so sie mochten. Da er nun ein wenig zu ihm selbst kam, trugen sie ihn in das Schifflein und fuehrten ihn in eine Stadt Crapana, da halfen sie ihm in das Spital und gingen also von ihm und befahlen ihn dem Spitalmeister. Nachdem er nun eine lange Zeit in dem Spital war und mocht weder essen noch trinken, sein Sach auch von Tag zu Tag boeser ward, da wandert er hin und wieder, ob er moechte gesund werden; aber seines Herzens großer Schmerz mochte solches nicht leiden und betruebet ihn sehr, daß er krank blieb in dem Spital liegen bei neun Monat; er war auch noch nicht heil und gesund.

Das acht und zwanzigste Kapitel

Wie sich der Peter auf ein Schiff verdinget, in Prouincia zu fahren.

Eines Tages begab sich's, daß er spazieren ging an das Meer nach seiner Gewohnheit, und saehe ein Schiff an Port, zu welchem er ging; da hoeret er die Schiffsleut die Sprach seines Vaterlands reden. Da fraget er, wenn sie wieder wollten heimfahren. Sagten Sie: aufs laengst in zween Tagen. Da kam der Peter zu dem Patron und bat ihn um Gottes Willen, er wollte ihn mit ihm fuehren, denn er war auch aus demselben Land und lange Zeit krank gelegen. Antwortet der Patron: Er waere es in Willens zu tun um Gottes Willen, weil er sein Landsmann waer, doch mueßt er mit ihm fahren gen Todtenwasser genannt, in die Insel der Heiden Port; des war er wohl zufrieden und saß in das Schiff. Indem begab es sich einsmals, daß die Gesellen im Schiff redeten von der Kirch S. Peters zu Magelon und dem Spital. Da Peter hoeret reden und nennen Magelona, verwundert er sich und fraget, wo solche Kirche waere. Also sagten sie es ihm, es laege in der Insel, die Heidnische Port genannt, da waere eine schoene Kirche und Spital gebauet, darinnen Gott viel Zeichen tat, und sagten zu dem Peter: »Wir raten Euch, daß Ihr Euch dahin gelobet von Grund Eures Herzens.« Als der Peter solches von den Schiffgesellen gehoeret haett, da verhieß er Gott, er wollt in demselben Spital einen ganzen Monat bleiben, ehe er sich Vater und Mutter zu erkennen geb, bis er gesund wuerde von seiner Krankheit und etwas hoeret von seiner schoenen Magelona, wiewohl er glaubt, sie waere tot von dieser Zeit. Die Schiffleut schiffeten also lang, bis daß sie kaemen an die Port, der Heiden genannt, und luden den Peter also ab.

Das neun und zwanzigste Kapitel

Wie der Peter wieder zu Land kam ins Spital der schoenen Magelona.

Als nun der Peter auf dem Land war, ging er gar in die Kirche und danket Gott dem Allmaechtigen, daß er ihm haett sicher bis daher geholfen. Da er nun gebetet haett, da ging er in den Spital, sich zu ruhen als ein Kranker, damit er seinem Verheißen genug taet.

Als nun die Spitaelerin nach ihrem Gebrauch umging, die Kranken zu besehen, da ersaehe sie ihn, daß er neulich war kommen, und hieß ihn aufstehen, wusch ihm seine Haend und Fueß und kuesset ihn, wie sie gewohnet war, bracht ihm zu essen; darnach leget sie ihm schoene weiße Tuecher unter und hieß ihn sich darein legen und sprach zu ihm: »Alles, was Ihr beduerft, das begehrt, es soll Euch gegeben werden, damit Ihr bald gesund werdet.« Also pfleget sie allen Kranken zu tun, die zu ihr kamen.

Das dreißigste Kapitel

Wie der Peter in dem Spital war in der Insel, genannt der Heiden Port, welches die schone Magelona eine Stifterin war.

Eine lange Zeit ruhet der Peter in dem Spital, nahm zu an seiner Gesundheit, denn die Spitalmeisterin pfleget ihn so wohl, daß er sich darob verwundert und saget in seinem Herzen: »Ohn Zweifel muß die Frau eine heilige Person sein.«

Einstmals gedacht der Peter an seine allerliebste Magelona und fing an zu weinen und sprach: Oh allmaechtiger, ewiger Gott, so Du mich durch Deine goettliche Milde ließest wissen von meinem allerliebsten Gemahel, der schoenen Magelona, wollt ich meines Leids alles vergessen und Geduld getragen haben.«

Als er solches gesaget, da ließ er ein großen Seufzer. Nun ging die schoene Magelona von einem Kranken zu dem andern, wie denn ihre Gewohnheit war, und als sie zu dem Peter kam und solchen Seufzen von ihm vernahm, da gedacht sie, was ihm fehlet oder waer, und sprach zu ihm: »Lieber guter Freund, was fehlet Euch? So Ihr etwas wollet haben, zeiget es nur an, so soll es Euch werden, da will ich auch kein Geld sparen.« Da dankt ihr der Peter und antwortet, es fehlet ihm gar nichts, nur, wie der Kranken und Betruebten Gewohnheit ist, wenn sie gedenken an ihr Unglueck, so beklagen sie sich und haben Leichterung in ihrem Herzen, das also zu betrachten. Als die Spitaelerin hoeret reden von dem Unglueck, da fing sie an ihn freundlichen zu troesten und fraget ihn um sein Truebsal. Da saget ihr der Peter all sein Anliegen, doch nennet er niemand, und sprach also: »Es ist gewesen ein reicher Sohn, der hoeret reden von einer schoenen Jungfrauen in fremden Landen und verließ derhalben Vater und Mutter, zohe hinweg, dieselbige zu besehen. Also gab ihm Gott das Glueck, daß er ihr Lieb erlanget, doch ganz heimlich, daß es niemand vernahm. Er nahm sie zu der Ehe und fuehret sie heimlich hinweg von Vater und Mutter; darnach verließ er sie in einem wilden Wald schlafend liegen, zu ueberkommen seine Ring.« Und zeiget ihr alles seine Geschicht an bis auf die Zeit, da er kommen war in das Spital. Durch diese Worte verstunde die schoene Magelona wohl, daß er der Ritter, ihr allerliebster Gemahel war, den sie also oft begehret haett, den sie an allen seinen Gebaerden erkannt; und vor großer Freude fing sie an zu weinen. Doch wollt sie sich gegen ihm zu der Zeit nicht entdecken, aber aufs freundlichste, so sie zu tun vermocht, fing sie an zu reden mit ihm und ihm zu troesten; darnach ging sie in die Kirchen und kniet fuer den Altar und fing an zu weinen vor großen Freuden, die sie in ihrem Herzen haett, und danket Gott dem Allmaechtigen, daß er ihr solche Gnade haett mitgeteilet, damit sie erlebet haett, ihren allerliebsten Gemahel vor ihrem Ende zu sehen. Und als sie ihr Gebet geendet, da ließ sie ihr koenigliche Kleider machen, denn sie haett Gelds genug, sie haett auch wohl gelernet, solches anzugeben zu machen, wie ihr denn zu tragen gebuehret, und ließ ihr darnach ihre Kammer schoen zurichten und schmuecken auf das Allerkoestlichste.

Das ein und dreißigste Kapitel

Wie sich die schoene Magelona ihrem allerliebsten Peter zu erkennen gab.

Und da alle Ding bereitet waren, da ginge sie zu dem Peter und saget ihm: »Mein liebster Freund, kommet mit mir, denn ich habe ein Bad bestellet, Euch zu waschen Eure Haend und Fueß, daß Euch gut sein soll. Denn ich habe ein gute Hoffnung zu Gott dem Allmaechtigen, meinem Schoepfer, der werde Euch gnaediglich erhoeren, frisch und gesund machen. Da ging er mit ihr in die Kammer, da hieß sie ihn niedersitzen und verziehen, bis sie wieder zu ihm kaeme. Also ging sie in ihr koestliche Kammer und bekleidet sich ganz in die koeniglichen Kleider und setzt den Schleier doch wieder auf wie vor, als sie gewohnet war zu tragen, daraus man je nichts sehen mocht denn allein die Augen und Nasen; aber unter dem Schleier haett sie ihr schoenes Haar, das ihr ging bis auf das Erdreich, das da leuchtet als Gold, schoen zugericht, ging also zum Peter und sprach: »Edler Ritter, seid froehlich! Da sehet Ihr hie vor Euch stehen Euern allerliebsten Gemahel und treue Freundin, die Magelona, von welcher wegen Ihr so viel erlitten habt. Ich habe auch nicht weniger erlitten von Euret wegen. Ich bin dieselbige, die Ihr allein schlafend liegen gelassen habt in dem Holz und wilden Wald, und Ihr seid derjenig, der mich gefuehret hat aus dem Haus meines Vaters, des Koeniges von Neapels; ich bin die, der Ihr verheißen habt ihr Ehr und Zucht bis zum Beschluß unserer Ehe. Ich bin auch diejenige, die diese gueldene Ketten hat gehenkt an Euren Hals mit Uebergebung des Gewalts meines Lebens. Ich bin die, deren Ihr habt die drei Ring geben, die koestlich sein gewesen. Darum, allerliebster Herr und Gemahel, sehet mich an, ob ich dieselbige sei oder nicht, der Ihr tut von Herzen begehren.« Indem warf sie ihren Schleier von ihrem Haupt auf die Erden, da fiel ihr schoenes Haar herab gleich als das Gold.

Das zwei und dreißigste Kapitel

Wie der Peter erkennet die schone Magelona, seinen getreuen Gemahel.

Und als der Peter von Prouincia sahe die schoene Magelona ohn einen Schleier, da erkennet er sie erst recht, daß sie die war, die er lang haett gesuchet, und stund auf, fiel ihr um den Hals und taet sie freundlich kuessen in rechter guter Lieb, und fingen beide an, vor Freuden zu weinen. In solcher Liebe blieben sie bei einander und kundt keins kein Wort reden vor großer Freude; doch nachmals setzten sie sich zusammen und erzaehlet eins dem andern sein Unglueck. Ich kann nicht die Haelfte erzaehlen der Freuden, so sie haetten, denn ich geb solches einem jeglichen selber zu bedenken; solche Ding lassen sich auch baß bedenken denn schreiben. Jedoch mochten sie sich nicht ersaettigen ihres Kuessens und Anzeigen ihres Ungluecks, und richteten den ganzen Tag nichts anders aus, denn Kuessen und einander klagen.

Nun begab es sich auch, daß die schoene Magelona ihm anzeiget, wie sie die vierzehn Laegel haett empfangen mit dem Schatz, den er verloren haett, und saget ihm, wie sie dieselbige Haelfte haett verbauet an dem Gotteshaus, welches zu hoeren der edel Peter sehr erfreuet war. Nach dem beschlossen sie mit einander wie sie die Sache dem Grafen und der Graefin wollten zu wissen tun; doch saget der Peter der schoenen Magelona, er haette gelobet, einen Monat in dem Spital zu bleiben und die Zeit waer noch nicht vergangen. Saget ihm die schoene Magelona: »Mein allerliebster Herr und Gemahel, wenn es Euch gefiel, so wollt ich zu dem Grafen und Graefin gehen und sie freundlich bitten, sie wollten zu mir kommen auf den Tag, so Euer Geluebnis aus waer? Und so sie denn kaemen, wollte ich sie in diese Kammer fuehren, da wollten wir uns ihnen zu erkennen geben.«

Da solches der Peter hoeret, gefiel es ihm wohl. Also verschaffet die schoene Magelona, daß der Peter schlafen mußt in ihrer Kammer, aber sie lag in einer andern. Wiewohl die schoene Magelona dieselbige Nacht nicht viel schlief vor Freuden, die sie in ihrem Herzen trug, und begehret, daß bald Tag wuerde, damit sie den Grafen und die Graefin troesten moecht ihres Leids, denn sie wußte wohl, daß sie sehr betruebet waren, das denn sie beschweret. Es waren auch nicht mehr vorhanden denn vier Tag an dem Monat, den der Peter haelt gelobet, daß er sich gegen Vater und Mutter nicht wollte melden und zu erkennen geben.

Das drei und dreißigste Kapitel

Wie die schoene Magelona zu dem Grafen und Graefin kam, bat sie, zu ihr zu kommen ans den naechsten Sonntag.

Als nun der Tag kam, daran sein Verluebnis ausginge, bekleidet sich die schoene Magelona wieder mit ihren Kleidern, wie sie gewohnet war zu tragen im Spital; daran sie der Peter erkannt, und ging folgends in die Kammer zu dem Peter, welcher vor großen Freuden die Nacht wenig haelt moegen schlafen und nahm Urlaub von ihm und zog also zu dem Grafen und der Graefin, welche ihr viel Ehr erboten und sie freundlich empfingen, denn sie dieselbe sehr lieb hatten, und hießen die Spitaelerin zu ihnen niedersitzen. Da fing die Spitalmeisterin also an zu reden: »Gnaediger Herr, auch gnaedige Frau, ich bin zu Euch kommen, Euch ein Gesicht zu eroeffnen, welches die vergangene Nacht gesehen hab, Euch zu erfreuen, damit Ihr moeget in Hoffnung leben, denn kein Mensch soll an Gott verzweifeln. Es gedauchte mich, daß Christus unser Erloeser zu mir kaeme und fuehret einen schoenen jungen Ritter bei seiner Hand und sprach zu mir: »Dieser ist derjenige, darum Du, auch Dein Herr und Frau, so lang habt gebeten.« Solchs habe ich Euch nicht wollen verhalten, denn ich weiß wohl, daß Ihr betruebet seid um Euren Sohn. Aber glaubet sicherlich, Ihr werdet ihn sehen in kurzer Zeit, lebendig, frisch und gesund. Darum bitte ich Euch, Ihr wollet lassen hinwegnahmen Eure schwarzen Trauerkleider und aufhenken die Kleider der Freuden.«

Da solches der Graf und die Graefin von der Spitaelerin haetten verstanden, wurden sie sehr froehlich; wiewohl ihnen schwer war, zu glauben, daß der Peter noch lebet. Doch der Spitalmeisterin zu Gefallen befahlen sie, die schwarzen Trauerkleider hinwegzunehmen, und baten sie, sie sollt mit ihnen zu Morgen essen. Aber ihr Herz vermocht ihnen solches nicht zuzusagen; darum sprach sie, sie haett daheim zu tun, und bat sie freundlich, sie wollten beide auf den naechsten Sonntag bei St. Peter in der Kirchen erscheinen, denn sie haett gaenzlich gute Hoffnung zu Gott dem Allmaechtigen, ehe sie von einander abscheiden, sie wuerden erfreuet werden. Und nahm also Urlaub von ihnen, und verhießen ihr, sie wollten kommen.

Das vier und dreißigste Kapitel

Wie die schoene Magelon« wieder kam vom Grafen und der Graefin zu ihrem allerliebsten Peter, welcher ihr mit großen Freuden wartet, ihr Wiederantwort, so sie empfangen haett, zu hoeren.

Nach dem kam die schoene Magelona wieder zu dem Peter, der ihr wartet mit sehr großer Begierd, und zeiget ihm an, wie sie die Sach haett ausgerichtet, und daß sie sich gaenzlich versehe, sein Vater und Mutter wuerden nicht ausbleiben. Darnach ließ sie, die schoene Magelona viel Kleider machen fuer den Peter und sie.

Das fuenf und dreißigste Kapitel

Wie der Graf mit der Graefin kam in das Spital zu S. Peter auf den angezeigten Tag.

Als nun der Sonntag kam, da nahm der Graf die Graefin und sein Gesind und zogen zu S. Peter von Magelona und hoereten Predigt. Als die Predigt ein Ende haett, nahm die Spitaelerin den Grafen und die Graefin, ein jegliches auf eine Seiten, und sprach zu ihnen: sie wollt gern etwas Heimlichs mit ihnen reden, doch mueßten sie in ihre Kammer kommen; darein sie denn gern bewilligten.

Da sie zu der Kammer kamen, da sprach die Spitaelerin zu ihnen: »Gnaediger Herr, auch gnaedige Frau, so Ihr Euren Sohn sehet, moeget Ihr ihn kennen?« Da sprachen sie: »Ja.« Als sie in die Kammer kamen und der Peter seinen Vater und Mutter saehe, da kniet er fuer sie nieder. Da sie ihn sahen und erkannten, da liefen sie zu ihm und fielen ihm um den Hals und kueßten ihn freundlichen, doch vermochten sie kein Wort eine lange Zeit zu reden. Also ging das Geschrei aus, wie des Grafen Sohn wiederkommen waer. Da kamen Edel und Unedel, empfingen ihn und erboten ihm große Ehr, und ward jedermann froehlich. Nach dem allen redet der Graf und die Graefin, sein Vater und Mutter, mit dem Peter, und fragten ihn mancherlei, wie es ihm ergangen war.

Das sechs und dreißigste Kapitel

Wie sich die schoene Magelona dem Grafen und der Graefin zu erkennen gibt.

In mittler Zeit ging die schoene Magelona in ihre Kammer und bekleidet sich auf das Koestlichste, als denn ihr zu tun wohl gebuehret, so bald sie mochte, und kam darnach also gekleidet wieder zu ihnen. Als sie die schoene Magelona ersahen, verwunderte sich der Graf und die Graefin, woher die schoene Jungfrau kaem, die ihnen unbekannt war. Also stund der Peter auf, umfing sie freundlich und kuesset sie. Da solches die Leute ersahen, da verwunderten sie sich alle. Nach dem nahm sie der Peter bei ihrem Arm und sprach zu Vater und Mutter: »Gnaediger Herr Vater, auch gnaedige Frau Mutter, diese Jungfrau ist diejenige, von welcher wegen ich bin von Euch gezogen, und wisset, daß sie ist eine Tochter des Koenigs von Neaples.« Da gingen sie ihr entgegen, umfingen sie freundlichen und dankten Gott dem Allmaechtigen.

Das sieben und dreißigste Kapitel

Wie das Geschrei durch das ganze Land Prouincia ging, wie der Peter waer wieder heim kommen, und wie sie ein Fest hielten vierzehn Tage lang.

Das Geschrei kam durch das ganze Land Prouincia, wie daß der Peter wieder heim kommen waer, und wie er war in der Kirchen S. Peters von Magelon. Da sahe man Edel und Unedel zu Roß und zu Fuß kommen, und geschaehe allda ein Turnier vom Adel des Landes, dem Peter zu Gefallen. Die andern aber tanzten und waren froehlich. Da nun Vater und Mutter gehoeret haetten das Unglueck ihres Sohnes, desgleichen der schoenen Magelona, daraus ihnen Gott der Allmaechtige geholfen, da nahm der Graf seinen Sohn bei der Hand und fuehret ihn fuer den Altar S. Peters in die Kirch, und desgleichen taet auch die Graefin der schoenen Magelona, und knieten nieder, danketen Gott dem Allmaechtigen.

Das acht und dreißigste Kapitel

Wie der Peter und die schoene Magelona zusammen gegeben werden.

Da sie ihr Gebet hatten verbracht, saget der Graf zu seinem Sohn Peter also: »Ich will, dieweil diese Jungfrau von Deinet wegen also viel gelitten, Du wollest sie zu der Ehe nehmen.« Antwortet ihm Peter: »Allerliebster Vater, da ich sie aus dem Hause ihres Vaters fuehret, war es mein Will, sie zu ehelichen; doch auf Befelch Euer und meiner Mutter bin ich zufrieden, jetzunder sie oeffentlich zur Kirchen zu fuehren.« Also gab sie ein Bischof zusammen, und die Graefin gab dem Peter einen schoenen Ring, damit er sich verehlicht.

Also hielten sie ein groß Fest und Freude durch das ganze Land, vierzehen Tage lang, und gefiel jedermann die schoene Magelona wohl. Sie sagten auch, es moecht in seinem Menschen also viel Tugend erfunden werden als in ihr. Da richtet man mancherlei Kurzweil an und wollt ein jeglicher das Beste tun, damit er die Lieb gegen seinem Herrn beweisen moecht.

Das neun und dreißigste Kapitel

Wie nach diesem ehelichen Beilaeger der Graf und die Graefin lebten zehen Jahr, und sturben darnach alle beide.

Als nun das eheliche Beilaeger ganz vergangen war, lebete der Graf und die Graefin noch zehen Jahr in gutem Fried mit einander. Da sie nun gestorben waren, ließ sie der Peter beide ehrlich begraben in der Kirch S. Peters zu Magelon. Nach ihnen lebete der Peter und die schoene Magelona acht Jahr und zeugeten einen schoenen Sohn miteinander, der da tapfer und keck ward. Und als die Historien bezeugen, ward er darnach Koenig zu Neaples und Graf zu Prouincien. Der Peter und die schoene Magelona fuehreten bei einander ein freundliches und glueckseliges Leben. Und als sie sturben, da Wurden sie auch begraben in die Kirche S. Peters, und noch auf den heutigen Tag, da die schoene Magelona hat den Spital gestiftet, ist ein schoene Kirch der heiligen Dreifaltigkeit.

Ende.

Eine schoene,
anmutige und lesenswuerdige
Historie von der unschuldig bedraengten frommen
Pfalzgraefin Genovefa,
wie es ihr in Abwesenheit ihres
herzlichen Ehegemahls
ergangen.

Zu den Zeiten des seligen Hidulf, Erzbischofs der Trierischen Kirche, welcher in dem Schlosse Ochtendung wohnte, geschah ein Kriegszug gegen die Heiden. Es war damals im Trierischen Schlosse ein sehr vornehmer Pfalzgraf namens Siegfried, der nahm sich ein Weib aus koeniglichem Geschlecht, naemlich eine Tochter des Herzogs von Brabant, mit Namen Genovefa, welche recht schoen war; dieselbige diente auch Tag und Nacht, wann es die Zeit erlaubte, der seligen Mutter Gottes Maria, und so sehr liebte sie die, daß sie alles, was sie an zeitlichen Guetern haben konnte, aus Liebe zu ihr den Armen schenkte. Wegen ihrer großen Schoenheit befahl der Pfalzgraf, sie sollte waehrend der Zeit, da er abwesend sei, im Mayengau in der Burg Simmern wohnen, um unerlaubten Umgang zu vermeiden, denn er fuerchtete wegen ihrer großen Schoenheit, und sie hatten keine Kinder; und weil er mit den andern eilends fort mußte, so ordnete er alles so schnell es moeglich war und rief die Edlen und Ritter zusammen, welche er haben konnte, um besagten Kriegszug ins Werk zu setzen.

Unter diesen befand sich ein Ritter namens Golo, der Vornehmste der Ritterschaft, und der Pfalzgraf liebte ihn sehr wegen seiner Tapferkeit. Wie sie nun alle auf besagter Burg und in ihrer Umgebung zusammengekommen waren, befragte sie der Pfalzgraf um Rat und spricht: »Gebt Uns Euren Rat, wem wir das Unsere anvertrauen koennen und zu Unserm Statthalter machen.« Wie sie das gehoert hatten, vereinigten sie alle ihre Stimmen auf Golo, und wurde ihm der Eid abgenommen, und setzte ihn der Pfalzgraf als Statthalter ein. In der Nacht aber schlief der Pfalzgraf bei seiner Ehefrau, und sie empfing in derselben Nacht.

Wie es nun Morgen geworden war, ließ er den Ritter Golo vor sich rufen und sprach so zu ihm: »Golo, wir uebergeben Dir unsere vielgeliebte Gemahlin benebst unserm ganzen Lande, sie getreulich zu bewachen.« Da fiel die Pfalzgraefin zu dreien Malen auf die Erde und lag da wie halb tot. Der Pfalzgraf aber hob sie auf und sprach: »O Herrin Jungfrau Maria, Dir und keinem andern empfehle ich mein vielgeliebtes Weib in die Hut,« weinte, umarmte und kueßte sie, erwies ihr auch noch andere Liebeszeichen; denn sie hatten sich einander sehr lieb. Und so sagte er ihr Lebewohl und ging fort.

Was geschieht nun? Nicht lange Zeit danach entbrannte der treulose Ritter Golo in Liebe zu der Pfalzgraefin und wollte mit ihr buhlen, drang mit schmeichlerischen und ueppigen Reden bestaendig in sie und sprach also: »O Herrin, Gott weiß, daß ich um uebergroße Liebe, welche ich zu Euch trage und lange Zeit getragen habe, nicht weiß, was ich beginnen soll; ich bitte Euch, wollet mir zu Willen sein.« Aber die gute und christliche Frau wies ihn mit Verachtung ab und sagte, daß sie lieber sterben wollte, wie ihrem geliebten Mann untreu sein. Indessen erwies es sich von Tag zu Tag immer mehr, daß sie mit einem Kindlein ging; ueber welches der Ritter Golo sich freute.

Es ging aber der ruchlose Golo eines Tages zu der Pfalzgraefin und hatte einen Brief in der Hand, welchen Brief er selber geschrieben hatte, wollte sie betruegen und sprach: »O geliebte Herrin, siehe, dieser Brief ist mir geschickt, und wenn Ihr wollt, so will ich Euch diesen Brief kundgeben.« Sie antwortete: »Leset ihn.« Wie er den Brief las, vernahm die Pfalzgraefin, daß ihr Mann, der Pfalzgraf, mit seinem ganzen Kriegsvolk im Meere untergegangen sei. Wie sie das vernommen hatte, seufzte sie und weinte bitterlich und flehte zu der seligen Jungfrau Maria, welche alle troestete, so sie anrufen, und sprach: »O Herrin Jungfrau Maria, siehe doch auf mich Elende.« Und so schlief sie ein wenig ein, indem ihr die Augen von dem großen Kummer schwer wurden. Da erschien ihr die Jungfrau Maria mit großer Klarheit und sprach: »Der Pfalzgraf, Dein Mann, lebt, aber etliche von den Seinen ruhen in Frieden.« Sie wachte auf und war gestaerkt. Der Ritter Golo aber hieß eine seine Mahlzeit zubereiten, ging zu der Pfalzgraefin, wollte sie zwingen und reizen zum Ehebruch und sprach: »O Herrin! Ihr wißt aus dem Brief, daß unser Herr gestorben ist, und meine Gattin ist gestorben, und weil die ganze Grafschaft mir untertan ist, so koennt Ihr mich als Gatten annehmen,« wollte sie umarmen und ihr einen Kuß geben; sie aber vertraute auf die Hilfe Gottes und der seligen Maria und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, so hart sie vermochte.

Wie sie nun Golo gar nicht zu seinem Plan verfuehren konnte, nahm er ihr alle ihre Diener und Maegde. Es kam aber die Stunde, daß sie gebaeren sollte, und gebar die Pfalzgraefin einen Gott teuren und lieben Knaben, und wagte kein Weib zu ihr zu gehen und zu troesten außer allein eine Waschfrau, welche die schlechten Kleider wusch. Und alles Herzeleid, welches er ihr antun konnte, tat er ihr an. Und wie sie so elendiglich lebte, kam ein Bote von dem Herrn Pfalzgrafen an die Pfalzgraefin und sprach: »Der Herr Pfalzgraf lebt, aber etliche von den Seinen ruhen in Frieden.« Da fragte ihn die Pfalzgraefin und sprach: »Wo ist er, sage es mir.« Er antwortete ihr: »In der Stadt Straßburg.« Da freute sie sich und hoffte, daß sie befreit werde von dem boesen Ritter.

Es kam aber der Ritter Golo zu ihr, und sie berichtete ihm, was sie von dem Boten erfahren hatte. Wie er das gehoert hatte, erschrak er sehr, fuerchtete sich, schrie und weinte und sprach: »Wehe mir ganz Ungluecklichen, ich weiß nicht, was ich tun soll und wohin ich mich wenden soll«. Das erfuhr ein altes Weib von schlechtem Lebenswandel, welches am Fuße des obenbesagten Burgberges wohnte, die kam zu dem treulosen Golo und sprach: »O Herr! Was ist Euch, oder was drueckt Euch? Saget es mir! Und wenn Ihr meinem Rate folgt, so werdet Ihr Euch von Eurem Kummer und Gefahr frei machen.« Da antwortete der treulose Ritter: »Weißt Du nicht was und wie ich gegen unsere Frau Pfalzgraefin gewesen bin? Ich weiß, wenn mein Herr Pfalzgraf zurueckkehrt, so wird er mich mit dem Tode bestrafen, aber wenn Du mir einen Rat gibst, wie ich entkomme, so sollst Du und Dein ganzes Haus es gut haben.« Da sprach jenes schlechte und listige Weib: »Das ist mein Rat. Unsere Frau Pfalzgraefin hat ein Kind geboren. Wer weiß, ob unser Herr sie erkannt hat oder einer von den Koechen;« und berechnete die Abreise des Pfalzgrafen und den Tag der Geburt und fand, daß sie zuletzt bei seiner Abreise empfangen hatte und sprach: »Wer kann das genau wissen, da niemand zugegen war? Gehet zum Herrn und saget ihm, daß die Frau Pfalzgraefin mit einem Koch gebuhlt hat und hat von ihm ein Kind, und ich weiß, daß er sie zum Tode verdammen wird, und Du bist errettet.« Antwortete der treulose Ritter, daß der Rat gut war, beruhigte sich und tat also.

Wie der Herr Pfalzgraf das von dem Ritter Golo gehoert hatte, ueberkam ihn ein heftiger Kummer und wurde ganz verstoert, seufzte und sprach: »O Herrin Jungfrau Maria, Dir hatte ich meine liebe Frau in die Hut gegeben; warum hast Du solche Schaendlichkeit geschehen lassen? Wehe mir Ungluecklichen! Ich weiß nicht, was ich tun soll. O Gott, Schoepfer und Begruender Himmels und der Erden, laß die Erde sich oeffnen und mich verschlingen. Besser ist es, ich sterbe, als daß ich in Schande lebe!« Da trat der treulose Ritter nach dem Geheiß des schlechten Weibes zu ihm und sprach: »Herr, bei meinem Eide! Es ziemt sich nicht fuer Eure Wuerde, daß Ihr ein solches Weib habet.« Erwiderte der Pfalzgraf: »Aber was soll ich mit ihr machen?« Sprach der Ritter: »Ich will gehen und sie mit dem Kind in den See werfen lassen, damit sie im Wasser umkommen!« Sprach der Pfalzgraf: »Gehe!«

Der Ritter Golo eilte sich, wie er die Erlaubnis hatte, und der Teufel trieb ihn an; trat zu der Kindbetterin, legte die Hand auf die Pfalzgraefin und ihren Sohn und sagte zu den umstehenden Untergebenen: »Ergreifet sie, und erfuellet den Befehl unseres Herrn.« Die antworteten: »Was hat denn der Herr befohlen?« Er sprach: »Ich soll diese toeten lassen!« Sie sprachen: »Was haben sie denn Uebles getan?« Golo antwortete: »Gehet hin, und tuet nach dem Befehl des Herrn, oder Ihr sollt sterben!«

Da nahmen die Diener die Mutter mit dem Knaeblein, um sie zum Tode zu bringen, und fuehrten sie in den Wald, wo wilde Tiere inne waren. Wie sie aber in den Wald gekommen waren, sprach einer von den Dienern: »Was haben diese Boeses getan?« Und so entspann sich ein Wortwechsel unter ihnen. Einer aber von den Dienern spricht: »O Diener und lieben Freunde, wißt Ihr nicht wie und auf welche Art mit unserer Herrin und ihrem Knaeblein verfahren ist, die uns uebergeben sind, sie zu ermorden?« Und antworteten alle einmuetig mit Bitterkeit des Herzens und sagten: »Wir wissen es!« Da sprach ein Getreuer unter den Dienern: »Nichts Boeses hat sie getan,« und schwur und sagte: »Sie ist unschuldig jeglichen Verbrechens.« Weiter sprach der treue Diener: »Warum sollen wir sie bestrafen samt ihrem Knaben?« Da war einer unter ihnen, der sagte: »Kann uns einer einen Weg zeigen, wie wir sie entlassen?« Und sprach der treue Diener: »Wir wollen ihnen einen Ort anweisen, wo sie bleiben muessen; besser ist es, die wilden Tiere verzehren sie, als daß unsere Haende besteckt werden.« Sprachen die Diener: »Wie aber, wenn sie von da entweichen?« Jener: »Sie soll uns versprechen, daß sie dableibt.« So geschah es auch. Da beratschlagten die Diener unter einander ueber das Zeichen. Es folgte ihnen aber ein Hund und sie sprachen: »Wir wollen die Zunge des Hundes abschneiden und sie als Zeichen geben, daß sie gestorben sind.« So geschah es. Und dergestalt gingen sie gleich nach Hause. Wie sie der Ritter Golo zurueckkehren sieht, sagt er: »Wo habt ihr sie gelassen?« Sie sagten: »Sie sind getoetet. Dieses geben wir als Zeichen!« und zeigten ihm die Zunge des Hundes. Da sprach der treulose Ritter: »Ihr werdet Unserm Herrn und Uns angenehm sein, weil Ihr das Gebot des Herrn vollfuehrt habt.« Es glaubte aber der Ritter Golo, daß es sich mit allem so verhalte.

Die Frau Pfalzgraefin aber, welche mit ihrem Knaben an dem grauenerregenden Ort zurueckgelassen war, weinte eine Zeit lang und sprach: »Wehe mir Ungluecklichen, die ich in großem Ueberfluß war, und habe jetzt durchaus garnichts und bin verlassen!« Der Knabe aber war noch nicht dreißig Tage alt. Weil die Mutter aber keine Milch hatte, so weinte sie bitterlich und konnte sich gar nicht troesten. Da vertraute sie auf die Hilft der seligen Gottesmutter, der Jungfrau Maria, und sprach so zu ihr: »O Herrin, Jungfrau Maria! Erhoere mich verurteilte Suenderin! Da ich unschuldig bin dieses Verbrechens, so bitte ich Dich, Du lassest mich nicht in meiner Not. Ich weiß, daß mich keiner befreien und ernaehren kann außer Du, Jungfrau Maria, und Dein eingeborener Sohn. Errette mich, o Herrin, Jungfrau Maria, Du Troesterin aller, so Dich anrufen, von den grausamen wilden Tieren.« Sogleich hoerte sie eine sueße Stimme, welche sprach: »Geliebte Freundin, ich will Dich nicht verlassen.« Darauf wurde die Stimme nicht weiter gehoert. Es kam aber durch die Fuegung des allmaechtigen Gottes und die Fuerbitte der seligen Jungfrau Maria eine Hinde und legte sich zu Fueßen des Knaebleins. Wie die Mutter dieses Wunder sah, legte sie das Kindchen gleich an die Zitzen, und es saugte.

Die Pfalzgraefin blieb aber an demselben Ort sechs Jahre und drei Monate. Sie naehrte sich von den Kraeutern, welche im Walde wuchsen. Ihr Lager war ein Haufen Reisig, welches sie sammelte, und war mitten in einer Brombeerhecke. Wie die besagten sechs Jahre und drei Monate um waren, ließ der Pfalzgraf alle seine Ritter und Bedienten zusammenrufen und wollte ein großes Gastmahl geben am Tage von Epiphanias. Und weil nun einige von diesen Rittern, und der groeßere Teil, etwa einen Tag frueher gekommen waren, so befahl der Pfalzgraf zu ihrer Erheiterung, daß alle gleich mit ihm auf die Jagd gehen sollten. Und wie die Jaeger die Hunde hetzten, erschien mit einem Male die Hinde, welche den Knaben naehrte, und die Hunde jagten sie mit Gebell und die Jaeger mit Geschrei. Der Ritter Golo aber verließ die Meute und folgte von ferne. Wie nun die Hinde nicht mehr aus wußte, lief sie an den Ort, wo sie den Knaben der Pfalzgraefin naehrte, und wie sie da war, legte sie sich zu Fueßen des Knaben, wie sie ihre Gewohnheit hatte. Die Hunde mit Gelaeute, nach ihrer Sitte, verfolgten die Hinde und wollten sie fangen und wie die Mutter des Knaben sah, daß die Hunde das ihr vom Himmel geschickte Tier fassen wollten, verscheuchte sie die Hunde so gut sie konnte, mit einem Stock, den hatte sie in der Hand. Indessen kam der Pfalzgraf mit den Seinen, und wie er dieses Wunder sieht, sagte er: »Jagt die Hunde fort.« Das geschah auch. Da gefiel es dem Pfalzgrafen, mit ihr zu sprechen, und kannte sie nicht, und sagte: »Bist Du eine Christin?« Antwortete das Weib: »Ich bin eine Christin, und ohn alles Gewand, wie Du siehst, denn ich habe meinen ganzen Koerper bloß, aber gib mir Deinen Mantel, damit ich meine Bloeße bedecken kann.« Und er gab ihr seinen Mantel, und wie sie mit dem Mantel des Pfalzgrafen bedeckt war, sprach der Pfalzgraf: »O Weib! Hast Du keine Speise und kein Kleid gehabt?« Sie sprach: »Brot habe ich nicht gehabt, außer ich habe die Kraeuter gegessen, welche in diesem Walde wachsen; mein Kleid aber ist durch sein großes Alter vernutzt.« Der Pfalzgraf sprach zu ihr: »Wie viele Jahre sind es, daß Du nach hier gekommen bist?« Sie antwortete: »Es sind sechs Jahre und drei Monate.« Sprach der Pfalzgraf zu ihr: »Wessen Sohn ist dieser?« Sie antwortete: »Er ist mein Sohn.« Denn es ergoetzte sich der Pfalzgraf an dem Anblick des Knaebleins und sagte weiter: »Wer ist des Knaebleins Vater?« Sie sprach: »Gott weiß es!« Darauf der Pfalzgraf: »Wie heißest Du?« Sie antwortete: »Ich heiße Genovefa.« Wie er den Namen Genovefa hoerte, bedachte er, ob sie seine Gemahlin sei. Und trat einer vor, der frueher der Kaemmerling der Pfalzgraefin gewesen war, und sagte: »Es scheint mir, daß es unsere Herrin ist, welche seit langem gestorben ist, denn sie hatte eine Narbe im Gesicht. Laßt uns sehen, ob sie die hat.« Und betrachteten sie alle und fanden es so. Der Pfalzgraf sagte auch: »Sie hatte einen Trauring.« Und traten zwei Ritter hinzu, um nachzusehen, und fanden den Trauring. Da umarmte sie der Pfalzgraf und kueßte sie und den Knaben, weinte und sprach zu der Frau: »Wahrlich, Du bist mein Weib,« und zu dem Knaeblein: »Wahrlich, Du bist mein Sohn.« Was geschah weiter? Die Pfalzgraefin erzaehlte Wort fuer Wort, wie es oben beschrieben ist, allen, die da waren, was ihr geschehen, und weinte der Pfalzgraf und alle die Seinen.

Und wie alle vor Freude weinten, kam der Ritter Golo dazu. Da stuerzten sich gleich alle auf ihn und wollten ihn toeten. Der Pfalzgraf aber sprach: »Haltet ihn, bis wir ausgedacht haben, zu welcher Strafe wir ihn verurteilen sollen.« So taten sie. Und dann befahl der Pfalzgraf, daß vier Stiere geholt werden sollten, die noch nicht im Pflug gegangen waren, und je einer an die vier Glieder seines Koerpers gebunden werden sollte, naemlich zwei an die Fueße und zwei an die Haende, und dann sollten sie losgelassen werden. Und da sie nun so angebunden waren, zog jeder an seinem Strick, und so wurde er in vier Stuecke zerrissen.

Nach diesem wollte der Pfalzgraf seine Vielgeliebte nebst dem Knaeblein mitnehmen, sie aber weigerte sich und sprach: »Die selige Jungfrau Maria hat mich mit meinem Knaeblein in dieser Einoede vor den wilden Tieren beschirmt und mein Knaeblein von den Tieren ernaehren lassen, deshalb will ich nicht von diesem Orte weichen, er werde denn zu ihrer Ehre geweiht und eingesegnet. Da schickte der Pfalzgraf gleich Leute zu Hidulph, dem Erzbischof von Trier, daß der Ort eingesegnet werde. Und wie sie dem seligen Hidulph alles erzaehlt hatten, freuete er sich mit großer Freude und kam am Tage Epiphanias und segnete den Ort ein zu Ehren der unteilbaren Dreieinigkeit und der seligen Jungfrau Maria. Nach der Einsegnung des Ortes fuehrte der Pfalzgraf die Pfalzgraefin in sein Haus, auch gab der Pfalzgraf ein großes Gastmahl fuer alle, die da kamen. Die Pfalzgraefin, aber bat ihren Herrn und sprach: »O Herr, ich bitte Dich, daß Du lassest eine Kirche bauen auf dem geweihten Orte und sie begabest.« Er versprach es. Auch ließ der Pfalzgraf alle Speisen bereiten, die seiner Frau mochten zutraeglich sein, sie konnte aber solche Speisen nicht vertragen, sondern aß und ließ sammeln die Kraeuter, so sie in jener Zeit gegessen hatte. Und so lebte die Pfalzgraefin vom Tage ihrer Auffindung an, das ist vom Tage vor Epiphanias bis zum zweiten April, da ging sie zum Herrn ein.

Der Pfalzgraf aber baute, wie er es versprochen hatte, an jenem Orte eine Kapelle zu Ehren der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit und der seligen Jungfrau Maria, und in der begrub er seine geliebte Frau Genovefa mit Trauern und Weinen. Der selige Hidulph weihte sie ein und verlieh bei derselben Kapelle einen Ablaß von vierzig Tagen. Am Tage der Einweihung aber geschahen in derselben Kapelle zwei große Wunder und viele andere kleine. Es waren naemlich zugegen zwei Maenner, ein Blinder und ein Stummer. Der Blinde erhielt das Gesicht wieder, der Stumme aber bekam die Sprache. Sie dankten Gott und der allerheiligsten Jungfrau Maria, welche solche Wunder an ihnen zu tun wuerdigte, und gingen ehrfuerchtig von dannen. Auch schickte der Pfalzgraf Leute an den Apostolischen Stuhl, um Ablaesse zu erwirken. Der damalige allerheiligste Herr aber ließ in Barmherzigkeit ein Jahr von der ihnen anbefohlenen Buße nach Allen, welche die zu Ehren der seligen Jungfrau Maria vom Pfalzgrafen erbaute Kapelle besuchten, an allen Festtagen der seligen und glorreichen Jungfrau Maria, am Fest der Geburt des Herrn, der Auferstehung, Pfingsten, Epiphanias, der Kirchweih, welche ist der naechste Sonntag nach Petri Kettenfeier, im Monate August, und waehrend der Oktaven derselben Feste.

Eine schoene
und wahrhaftige Historie von
Kaiser Karls Sohn genannt Lother,
wie er verbannt ward sieben Jahr aus dem
Koenigreich, und von seinem Gesellen
Maller und wie die beiden
sich ritterlich hielten.

Das erste Kapitel

Eine schoene Historie will ich Euch verkuenden; die Worte darin sind lieblich, und sagen von huebschen Abentheuern, welche in Wahrheit geschehen sind. Dieß Buch ist aus dem Lateinischen in's Waelsche, und vom Waelschen in's Deutsche uebertragen und erneuert von Friedrich Schlegel, und sagt von zwei getreuen Gesellen, getreuere wurden nie erdacht. Sie waren beide Fuersten; der eine war Koenig Karls Sohn von Frankreich, und hieß Lother; der andre war des tapfern Koenigs Galyens Sohn, und hieß Maller; seine Mutter, die schoenste Frau der damahligen Zeit, ward Rosamunde genannt.

Lother nahm in allen Tugenden zu, war froehlich und heiter; darueber gefiel er allen Frauen so wohl, daß sie ihn alle lieb hatten. Dieß verdroß viele von der Ritterschaft sehr, sie gingen hin vor Ludwig, Koenig Karls Sohn, und klagten ueber Lother. Herr, sprachen sie, Euer Bruder Lother gehet stets zu unsern Frauen, und wir koennen es auf keine Weise verhindern. Er laeßt nicht ab, wenn Ihr ihn nicht auf sieben Jahre aus dem Lande verbannt; unterdessen wird ihm vielleicht der Schimpf vergessen, und dann wuerde er wohl verstaendig genug sein, Gutes und Boeses zu verstehen. Bliebe er aber hier, so moeget Ihr fuerwahr wissen, er braechte Eure hohe Verwandte in solchen Zorn und Unwillen, daß Ihr und Euer Vater nicht wissen werdet, Euch zu sichern. Darum, Herr, bitten wir Euch, dieß Euerm Vater vorzulegen. – Ich will es gern thun, sprach Ludwig, ging zu seinem Vater, dem Koenig Karl, und legte ihm die Sache vor.

Koenig Karl schickte sogleich nach seinem Sohne Lother; er kam, und mit ihm sein Gesell Maller. Mein lieber Sohn, fing Koenig Karl an, meine Herrn und Getreuen, und meine hohe Mannschaft, die sind um Eurentwillen sehr erzuernt, und hassen Euch alle gar sehr, wegen der Sache, die ich Euch schon oftmahls verboten habe, aber das Verbot habt Ihr nicht gehalten, welches mich nicht wenig betruebt. Nun muß ich ueber Euch ein Urtheil sprechen: Bei dem allmaechtigen Gott und seiner lieben Mutter, der reinen Jungfrau, bei allen Gottesheiligen im Himmel und dem guten St. Dionysius, bei meiner Krone, die ich auf dem Haupte trage, und bei meinem Barte, den ich in meiner Hand halte, und bei meines Vaters und meiner Mutter Seelen, finde ich Euch in sieben Jahresfrist in den Graenzen meines Landes, und sollt ich darum ewiglich verdammt werden, so will ich Euch in einen tiefen Thurm werfen, darinnen Ihr in sieben Jahren weder Sonne noch Mond werdet scheinen sehen. Als Lother seinen Vater so sprechen hoerte, erstarrte ihm das Blut in seinen Adern. Lieber Herr und Vater, fing er an, wer Euch dazu rieth, der ist sicher nicht mein Freund; darum bitte ich Euch sehr, seid mir nicht so ungnaedig, ich hoffe, ich habe dieß nicht verschuldet, ich bitte Euch um Gottes Willen, berathet Euch eines Bessern. – Es mag und kann nicht anders sein, sprach Karl; nehmet Goldes und Silbers so viel Ihr beduerft, auch von meiner besten Ritterschaft, die Euch anstehet, ziehet in ein anderes Land und erwerbet Ehre. Streitet gegen die Heiden, und gerathet Ihr in eine Noth, so laßt es mich wissen, daß ich Euch zu Huelfe komme. Fuerwahr, mein lieber Sohn, Ihr mueßt sieben Jahre lang aus sein, solches ist mir getreulich gerathen worden; werdet Ihr nicht thun, was ich Euch heiße, so habt Ihr niemahls Friede mit mir. Gedenket alle Wege nach Ehre zu streben, wie Geryn von Mangelen that, der dasselbe Land mit seiner Hand gewann, dazu ich ihm verhalf. Leget Ihr Euch auch sowohl an, so will ich Euch auch helfen. Seid fromm und getreu, so will ich Euch fuer einen Sohn halten; seid Ihr dieß aber nicht, so werde ich Euch stets verlaeugnen. Vater, sprach Lother, ich will thun, was Ihr mich heißt. Mallern, meinen Gesellen, will ich mitnehmen, und mehrere andere Ritter, die ich gern habe. Gott empfohlen, mein lieber Vater, ich bin nicht Willens, wieder zu kommen, ich habe dann Ehre und ein Koenigreich gewonnen. Der Koenig sprach: Damit erfreuest Du mich gar sehr.

Wohlan, liebe Gesellen, rief Lother seinen Rittern zu, als er von seinem Vater fortgegangen war, wir wollen fort, mein Vater hat mich verbannt auf sieben Jahre aus diesem Lande; mein Herz sagt mir, ich werde nimmer ein Erbe in diesem Reiche. – Lieber Herr, sprach Maller, verzaget nicht, diejenigen, welche dem Kaiser Euerm Vater dieß riethen, die werden schon ihren Lohn davon tragen; Euch zum Schaden war es erdacht, aber ich hoffe, es soll Euch zur Ehre und zum Nutzen werden; ein junger Mann muß nicht zu Haus bleiben, sondern im fremden Lande sein Glueck suchen und Ehre erwerben, denn daheim mag es ihm wohl nicht gelingen. Ich zieh' mit Euch, und will Euch treulich dienen. Mit diesen Worten umarmte er ihn, und troestete ihn. Lother ward getroestet, und sprach lachend: Ich hoffe, Gott wird mir helfen; wir wollen uns ihm befehlen und uns die Reise leicht werden lassen. Damit hieß Lother seinen Gefaehrten, daß sie sich bereit machen, und ihre guten Ruestungen anlegen sollten. Maller, wie die uebrigen Ritter, bereiteten sich koestlich, und stellten sich vor dem Pallast wohl geruestet und im Zeuge. Lother saß auf sein Roß, nahm Abschied von den Herren und der Ritterschaft. Diese weinten alle, da sie Lother fortziehen sahen; jene aber, die dazu gerathen, die lachten und waren froehlich.

Das zweite Kapitel

Lother und seine Gesellen zogen aus Paris, nachdem sie Goldes und Silbers in Menge vom Kaiser Karl erhalten, und ritten nach der Lombardei in eine Stadt, Pavie genannt, wo Lother seinen Oheim, seiner Mutter Bruder, fand. Er zog mit seinen Gesellen nach einer Herberge in der Stadt, und nachdem sie ihre Ruestungen abgelegt, gingen sie allesammt zu der Burg, wo sie den Koenig Dansier, den Oheim Lothers, in dem Garten unter eines Oelbaums Schatten fanden, wo er saß, und mit einem seiner Ritter Schach spielte.

Gott wolle meinen Herrn Oheim behueten, sprach Lother, als er vor ihn kam. Da stand Koenig Dansier auf, und empfing sie sehr freundlich. Wie geht es Euerm Vater, den ich sehr lieb habe? fragte er den Lother. Ihm geht es sehr wohl, antwortete Lother; aber ich bin bei ihm verlaestert worden, daß er mich auf sieben Jahre aus seinem Lande verbannt hat. Dieß erschrecke Euch nicht, sagte Koenig Dansier, ich bin reich genug, und lasse Euch sicher nicht stecken; ein Biedermann verlaeßt seine Freunde nicht in der Noth. Herr Oheim, sprach Lother, schweigt davon, daß ich bei Euch sollte verbleiben, dazu bin ich noch zu jung; ein junger Mann muß ausreiten, und ritterliche Abentheuer suchen, und weder des Winters noch des Sommers achten, was er sich dann in der Jugend erstritten, deß mag er sich im Alter wohl erfreuen. Darum, lieber Herr Oheim, bin ich Willens, gegen die Heiden zu ziehen und Abentheuer zu suchen. Ihr redet sehr wohl, sprach Koenig Dansier. Waehrend sie mit einander sprachen, trat zu ihnen Otto, Koenig Dansiers Sohn, ein Juengling von schoener Gestalt, huebschem Angesicht und roethlichem Haar; als dieser hoerte, wie es dem Lother ergangen, und daß er so verbannt worden, da schwur er ihm, er wolle ihn niemahls verlassen; aber er log ihm das, wie Ihr hernach wohl hoeren werdet.

Nachdem Lother wohl vierzehn Tage bei seinem Oheim zugebracht, sprach er zu Otto: Vetter, ich will nun ueber die Heiden, willst Du mit mir ziehen, so will ich gern alles mit Dir theilen, was ich gewinne. Ja, Vetter, sprach Otto, ich will mit Euch ziehen, und will auch meine Ritterschaft mit mir nehmen, wofern Ihr mir schwoeren wollet, dieß ganze Jahr lang meinen Nahmen zu tragen, und mich dafuer den Eurigen fuehren zu lassen; Ihr und Eure ganze Ritterschaft mueßt es mir auf dem Altar zuschwoeren, daß Ihr dieß ganze Jahr hindurch von ihnen nicht anders wollet gehalten sein, als waere ich es, und ich muß dafuer statt Eurer gelten. Das will ich sehr gern thun, sagte Lother, schwor es ihm auch mit allen seinen Gesellen vor dem Altar zu. Darauf nahmen Lother und Otto Urlaub von dem Koenige; dieser befahl seinem Sohne, daß er Lothern in Ehren halten und alles thun sollte, was ihm angenehm waere. Darauf ritten sie hinweg.

In dem Roemerlande kamen sie in einen Wald, vor eine Burg, in dieser meinten sie die Nacht zuzubringen. In dieser Burg lagen aber Raeuber verborgen, wohl zweihundert an der Zahl. Man spricht, und es ist auch wahr: Wie man sich vor heimlichen Dieben nicht wohl verwahren kann, so mag einem auch niemand mehr betruegen, als dem man am meisten vertraut. So geschah es dem Lother; er traute seinem Vetter Otto gar viel, aber dieser betrog ihn faelschlich, denn wie sie in der Burg zu Tische saßen, wo sie zuerst von dem Raeuberhauptmann waren guetlich empfangen worden, sprangen, als sie sich keines Ueberfalls versahen, die Raeuber alle aus ihren Schlupfwinkeln hervor, und fielen sie an. Sobald als nun Otto dieß gewahr wurde, ließ er seinen Vetter Lother und die Uebrigen in der Roth, suchte sich mit der Flucht zu retten, und lief hinaus. Lother und die Seinigen kaempften frisch mit den Raeubern, mit solcher Mannskraft, daß die Raeuber ueberwaeltigt wurden und entflohen. Lother und seine Gesellen setzten ihnen nach. Als Otto dieß gewahr wurde, stieg er von dem Baume herab, auf welchen er sich gerettet hatte, zog sein Schwert heraus, und lief auch mit den andern den Raeubern nach. Vetter, rief er Lothern zu, wir moegen wohl Gott danken, daß wir die Moerder ueberwunden haben. Freilich, rief Maller, Ihr habt sehr viel dazu beigetragen, es liegen ihrer viel, die Ihr erschlueget. – Nun blieben sie die Nacht in der Burg und ruhten aus. Den Morgen begaben sie sich auf den Weg, gingen ueber Rom nach Constantinopel zu. Sie mußten ueber Meer. Als sie eingeschifft waren, sprach Lother: Nun laßt uns froehlich sein, unser erstes Abentheuer mit den Moerdern haben wir gluecklich geendet; Gott wolle uns ferner helfen. Euch alle bitte ich aber, daß wir bei einander bleiben und uns nicht einander verlassen, wenn uns wieder etwas begegnet. Das schworen ihm alle zu, mit frohem Muthe.

Sobald sie an's Land getreten waren, wurden sie sogleich wieder von Raeubern ueberfallen, die mit großem Geschrei auf sie zukamen. Otto wandte sogleich sein Pferd um, und ritt in einen Busch, nah am Ufer. Hier verbarg er sich, waehrend Lother und die Ritter sich mit den Raeubern schlugen. Maller sah es, wie er sich verbarg, ritt hin und fand ihn hinter der Hecke sitzend. Du falscher Dieb, rief Maller, moege Gott Dich verfluchen, daß Du Deinen Vetter Lother in solcher Noth magst allein lassen! Nahm einen Stecken und schlug so auf Otten, daß dieser, ihm entfliehend, in das Wasser fiel; worauf Maller ihn aber wieder bei einem Beine heraus zog, und ihn vor sich her in den Streit jagte. Er sagte es dem Lother, wie er den Otto hinter einer Hecke haette sitzend gefunden. Bei meiner Treue, sprach Lother, ich war ein Thor, daß ich ihn mit mir ausfuehrte, und noch dazu meinen Nahmen mit dem seinigen vertauschte. Der Streit war sehr groß, doch waeren sie diesesmahl nicht so gut als das erstemahl weggekommen, waere nicht der Richter des Landes, ein sehr tapfrer Ritter, ihnen zu Huelfe geeilt. Die Raeuber wurden geschlagen, und Haende und Fueße ihnen abgehauen. Darauf fuehrte der Richter Lothern und die Ritter alle in sein Haus, nachdem er gehoert, daß sie gekommen seien, Koenig Orschier zu dienen und ihm zu helfen in seinem Kriege gegen die Heiden. Der Richter fuehrte sie dann zum Koenige, dem er erzaehlte, wie er sie mit den Raeubern kaempfend angetroffen, und wie sie gekommen seien, ihm gegen die Heiden zu helfen. Koenig Orschier war dieser Soeldner sehr froh, und besonders da er vernahm, daß sich des Koenigs Sohn von Frankreich dabei befaende.

Das dritte Kapitel

Koenig Orschier nahm Otten bei der Hand: Lieber Herr, sagte er, wie nennt man Euch, und wo kommt Ihr jetzt her? – Herr, sprach Otto, ich heiße Lother, und bin des Koenigs Karl Sohn von Frankreich. Ich freue mich, entgegnete Orschier, daß Ihr hergekommen seid, mir in meiner Noth beizustehen. Ihr sollt hier an meinem Hof leben, ich will Euch guetlich thun, und will Euch meine Tochter Zormerin zur Frau geben; sie ist so schoen, meine Tochter, als ihr wohl nimmer ein schoeneres Weib saehet. – Herr, antwortete Otto, ich waere wohl ein Thor, wenn ich dieß nicht annaehme, ich danke Euch sehr dafuer. Hier kam Zormerin die Stufen herab zu ihnen; zwei Herzoginnen fuehrten sie. Komm her, meine liebe Tochter, sprach der Koenig, hier ist Lother, des Koenigs Sohn von Frankreich, empfange ihn freundlich, und danke ihm, er ist hergekommen, mir zu helfen; ich habe Dich ihm verlobt, Du wirst, will's Gott, gut mit ihm berathen sein. – Er und seine Gesellen sollen mir willkommen sein, sprach Zormerin; auch sehe ich dort hinten einen schoenen Ritter stehen, er ist von edlerer Gestalt, als einer unter ihnen, ich wuensche wohl zu wissen, wer er waere?

Er heißt Otto, sprach der Koenig, er ist mit Lother aus Frankreich gekommen.

Zormerin war sehr schoen und verstaendig, man mochte ihres Gleichen wohl selten finden. Otto dachte in seinem Herzen: Wann doch nur erst die Zeit waere, daß ich koennt' in ihren Armen liegen und mich mit ihr ergehen, und sollte Lother und seine Gesellen auch alle darum an dem Galgen haengen. Er weiß nichts als zu kaempfen; ich ziehe es vor, bei den Frauen zu bleiben; was hilft es einem Manne, wenn er im Streit erschlagen wird? er wird gar bald vergessen; ich lobe mir ein gutes Leben, daß man zarte Speise und guten Wein zu sich nehme, denn das ist des Leibes Arznei. Maria, Mutter Gottes, wie schoen ist diese Zormerin; wie hat Lother sich nun selber betrogen, denn nun werde ich sie unter seinem Nahmen heirathen.

Sie saßen zu Tisch, Koenig Orschier und seine Tochter, und Otto ihnen gegenueber. Maller waere vor Zorn darueber fast unsinnig geworden, und sprach zu Lother: Herr, wie seid Ihr doch ein Thor gewesen, daß Ihr dieß nicht eher bedacht! – Lother hieß ihn schweigen und troestete ihn mit guter Hoffnung, aber er selber war in seinem Herzen nicht froehlicher darum, und verfluchte die Stunde, in welcher er seinen Nahmen mit Otto getauscht. Koenig Orschier sagte zu Otto, er solle seine Gefaehrten nach der Herberge in die Stadt schicken, ihn selber aber hieß er in der Burg bleiben, um gleich bei ihm zu sein, wenn die Heiden ihn ueberfielen. Sobald der Krieg geendet, fuegte er hinzu, so will ich Euch meine Tochter geben, und sobald ich nicht mehr bin, so sollt Ihr Koenig dieses Landes sein. – Otto bedankte sich sehr fuer diese großen Gaben.

Lother und Maller zogen in die Stadt mit ihren Gesellen, und wohl mit dreißig Pferden zu einem Wirth, der hieß Salomo.

Otto und die Seinigen blieben am Hofe, und haetten gern gesehen, daß Lother und Maller an dem Galgen waeren, denn sie fuerchteten sie. Zormerin erzeigte dem Otto alle Ehre, die sie glaubte, dem Sohne des Koenigs von Frankreich schuldig zu sein. Otto, als er die schoene Zormerin immer vor seinen Augen hatte, und in Freuden am Hofe lebte, vergaß des Lothers und seines Gesellen Mallers in der Herberge, und bekuemmerte sich so wenig um sie, als waeren sie Heiden. Lother verzehrte all sein Gut daselbst; als er nichts mehr hatte, verkaufte er nach und nach alle Pferde, ausgenommen sein eignes vortreffliches Roß; er hatte es von seinem Vater bekommen, und seine Gesellen wollten es nimmer zugeben, daß er es verkaufen sollte. Der Wirth war ein Biedermann, er gab ihnen zu essen auf Glauben, und lieh ihnen dann noch an zwanzig Mark dazu, weil er wohl sah, wie Lother sich adlich hielt. Aber die zwanzig Mark halfen nicht viel, Lother hatte sie sehr bald ausgegeben; er kaufte seinen Rittern Kleider dafuer, nebst uebrigem Zugehoer. Herr, sprachen endlich die Ritter, es ist in Wahrheit thoericht von Euch, daß Ihr nicht dem Koenige Orschier sagt, wie der Schalk Otto uebel mit Euch verfaehrt, und wie sich die ganze Sache mit Euch verhaelt; wollt Ihr aber Euern Eid nicht damit beflecken, so wollen wir in Gemeinschaft vor den Koenig treten und es ihm vorstellen. Euer Vater, Koenig Karl, hatte einst den Ogier von Daenemark gefangen, und geschworen, er wolle ihn toedten; wer sich unterstand, fuer ihn zu bitten, den haßte er und ließ ihn sogleich um das Leben bringen; damahls entschloß sich auch die ganze Ritterschaft, daß sie gemeinschaftlich vor den Koenig traten und ihn fuer den Ogier baten; so wollen auch wir jetzt thun. – Ihr Herrn, antwortete Lother: Bei der Jungfrau, die Gott unter ihrem Herzen trug, wer von Euch mir dieses thun wollte, der mueßte von meiner Hand sterben. Der ist kein Biedermann und keine Treue ist in dem, der seinen Eid nicht fest in sich haelt. Sollte ein Mann um Armuths willen seine Seele beladen? Ihr wißt es wohl, was wir dem Otto auf dem heiligen Altar geschworen; will er nun Uebels thun, sollen auch wir darum Uebels thun? Eher wollte ich Steine auf meinem Nacken tragen, ehe ich meinen Eid faelschte, und ihn nicht grade und unbefleckt hielt! Laßt uns stets aufrichtig im Dienste Gottes leben, so wird er uns auch sicher lohnen. Die Ritter, als sie Lothern so wohl reden hoerten, gingen hinaus und weinten.

Sie gingen darauf zu Tische; ihrer waren wohl an vier und zwanzig, aber ihr Vorrath an Speisen langte kaum fuer zehne zu. Der Wirth theilte, als ein Biedermann, alles was er hatte mit ihnen, gab ihnen wohl zwanzig Kruege mit Wein und auch der Speisen genug. Dieser Wirth zeigte sich als ein rechtschaffener, frommer Mann. Denn als Otto erfuhr, wie es dem Lother in der Herberge ging, und wie große Armuth er leiden mußte, da freute er sich dessen von ganzem Herzen, ging auch zum Koenig Orschier, und beredete ihn, daß er jemand sollte nach der Herberge schicken, um dem Lother sein gutes Pferd abzuhandeln, denn er meinte, in der Noth wuerde dieser es gern um Geld verkaufen. Koenig Orschier sandte einen Ritter deshalb nach der Herberge, dieser fand den Lother, als er mit seinem Wirth spielte, um sich den boesen Verdruß zu vertreiben. Als nun der Ritter seine Botschaft, wegen des Pferdes, angebracht, sprach Lother zu seinen Gefaehrten: Ihr Herrn, ich muß nun wohl mein Roß verkaufen, um den Wirth davon zu bezahlen. Da der Wirth nun dieses hoerte, sprang er hervor und rief: So mir Gott helfe, Ihr sollt meinetwegen Euer Roß nimmer verkaufen, und sollte ich zehen Jahre vergebens warten, und sollt' ich alles, was ich habe, dabei verlieren! Geht nur wieder zu Eurem Herrn, fuegte er hinzu, indem er sich zudem Boten wandte, sagt ihm, seinen Verwandten ginge es schlecht, aber das Roß sollt Ihr dennoch nicht mit Euch fuehren, eh' wollt ich ihm mit einem Stecken die Beine entzweischlagen. – Ueber diese Rede des Wirths lachte der Ritter in seinem Sinn, denn sie gefiel ihm gar wohl. Darauf nahm er Abschied von dem Wirth, von Lother und seinen Gesellen, und ging wieder nach der Burg, wo er dem Koenige und Otten alles wieder erzaehlte; darueber ward Otto sehr verdrießlich.

Hast Du wohl vernommen, lieber Maller, fragte Lother, was Otto gegen mich im Sinne hat? Gott wolle ihn ewig verdammen! – Amen! rief Maller; Maria, Mutter Gottes, wann wollen doch die Heiden kommen, daß man dann moege sehen, welch ein Mann der falsche Verraether ist! Kaeme es zur Schlacht, so verloer er zur Stund seinen Nahmen wieder, denn er wagt es nimmer zu kaempfen.

Das vierte Kapitel

Lother lag eines Tages in seinem Bette, und sah sein Hemd an, daß es sehr unrein war. Hemd, sprach er, es ist sehr lang her, daß du nicht gewaschen bist, das kraenkt mich am meisten. Maller, lieber Gesell, nimm mein Hemd, gieb es einer Frau, daß sie es wasche, ich will im Bett liegen bleiben, bis es trocken ist. – Sehr gern, lieber Herr, sprach Maller, nahm es und ging damit hinaus, des Morgens ganz frueh. Ich werde keine Frau suchen, sondern ich selbst will dich waschen, du Hemd, sprach er; denn einer schlechten Frau goennte ich es nicht, daß sie dich wasche, und eine edle wird es nicht thun. Er ging aus dem Haus hinaus, und durch die Stadt, bis an die Burg, wo ein sehr schoener Garten lag, worin viel schoene Baeume waren. Von ungefaehr hatte der Pfoertner den Garten nicht wohl verschlossen, so daß die Thuer weit offen stand. Maller ging hinein, und kam zu einem Brunnen mitten in dem Garten; das Wasser lief hell und klar aus goldenen Loewenkoepfen in ein großes Becken von weißem Marmor, einen schoeneren Brunnen konnte man nicht erdenken; auch ging eine marmorne Treppe von hier nach einem Gang, auf marmornen Saeulen, wo Zormerins Kammern waren, denn der Garten lag gerade hinter der Burg. Als Maller den Brunnen sah, warf er das Hemd hinein, und wusch und rieb es mit seinen Haenden gar fleißig. In derselben Zeit kam Zormerin mit ihrem Fraeulein, Scheidechin genannt, die Stufen herab in den Garten, und als sie den Ritter an dem Brunnen gewahrte, schlichen sie sich leise hinter einer Hecke nah dabei, um ihm zuzusehen, wie er das Hemd so fleißig wusch und rieb. Waehrend dem sprach Maller ganz laut mit sich selber, als ob er zu dem Brunnen redete: Ach du sueßer Brunnen, koenntest du sprechen, so moechtest du dich wohl beruehmen, daß du heute mit deinem Wasser das Hemd des tapfersten Ritters hast gewaschen, der je auf Erden gelebt, oder der jemahls Waffen getragen. Verflucht sei doch die Stunde, da er seinen Nahmen hat verwechselt mit dem falschen verraetherischen Rothkopf, dem Otto; erbaermlich ist es, daß ein Mann von so edler Abkunft nun solche Armuth leiden muß! – Als Zormerin diese Worte hatte vernommen, schlich sie sich leise wieder mit ihrer Jungfrau die Stufen hinauf nach ihrem Gemach, und befahl dieser, daß sie sogleich wieder hinunter gehen und den Ritter zu ihr fuehren sollte, den sie unten die Worte habe sagen hoeren.

Scheidechin, Zormerins Fraeulein, ging sogleich hinunter, wo sie Mallern noch an dem Brunnen antraf, und richtete die Botschaft ihrer Gebieterin aus. Maller folgte ihr auch sogleich nach, in das Gemach der Prinzessin. Er fand es so schoen, und mit solcher Pracht verziert, daß er darueber erstaunte. Zormerin saß auf einem hohen Sessel, der mit Gold und edlem Gestein gar wohl geziert war. Maller sah sie an, und es ueberlief ihn kalt, da ihm zu gleicher Zeit die Worte einfielen, welche er am Brunnen mit sich selber geredet. Er kniete vor ihr nieder, und sprach: Der Gott, der um unsrer Erloesung willen die Marter litt, der wolle die Prinzessin Zormerin, und alles was ihr lieb ist, in seinen Schutz nehmen! Ich bitte Euch, Ihr wollet meinem Herrn zu essen schicken, er liegt fastend von gestern Morgen her in seinem Bette. – Wie heißt Euer Herr, fragte Zormerin, dessen Hemd Ihr gewaschen habt? – Maller erschrack so sehr, daß er nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte. – Erschreckt nicht, lieber Herr, fing Zormerin wieder an; wer in fremde Laender reist, um Abentheuer zu suchen, oder auch um Ehre zu erwerben, der kann nicht zu jeder Stunde alles haben, dessen er bedarf, oder was er gerne haette. – Jungfrau, fing Maller an, ich gestehe es Euch, waere mein Herr Otto, in seiner Heimath in Lombardei, so waere er reich und versorgt. – Wie ist es denn, daß Ihr ihn Otto wollt nennen? Mich duenkt, Ihr verwandelt seinen Nahmen, denn ich hoerte Euch sagen: der Brunnen leistete den Dienst dem besten Ritter, der heißet Lother, und ist des Koenigs Karl Sohn aus Frankreich? so hoerte ich Euch sprechen; auch sagtet Ihr noch: verflucht sei die Stunde, daß er seinen Nahmen verwechselte; meine Jungfrau wird es bezeugen, daß ich Euch dieß sagen hoerte. – Ja wohl bezeuge ich es, sprach Scheidechin, und da ich Euch das Hemd so mit Euern Haenden reiben sah, da haette ich Euch gern ein Waschholz bringen wollen.

Frauen, ich kann es nicht laeugnen, antwortete Maller, es ist wahr, ich habe das Hemd des tapfersten, des frommsten Ritters gewaschen, mit meinen Haenden; koennt' ich aber auch ein Koenigreich damit gewinnen, so moechte ich keinem lebenden Menschen seinen wahren Nahmen sagen, weil ich einen theuern Eid geschworen habe, es nicht zu thun. – Als Zormerin dieß hoerte, duenkte es ihr schlimmer, daß sie diese Sache nicht gruendlich und ganz zu Ende hoeren sollte, als wenn sie gar nichts davon erfahren haette. Denn es ist gemeinlich so der Frauen Art: so man ihnen etwas zu erzaehlen beginnt, wird all ihr Sinn bewegt, und sie gewinnen keine Ruhe, bis sie auch das Ende davon erfahren. Sie fragte also den Maller noch einmahl; da er aber darauf bestand, er duerfe es keinem Menschen entdecken, sprach sie: Hoert eine List; ich will mit Scheidechin in eine andre Kammer gehen, dann entdeckt Ihr hier der Erde Eures Herrn Nahmen, dieß kann mit Eurem Eide sehr wohl bestehen; sollt' ich es dann von ungefaehr auch hoeren, so will ich es doch nimmer jemand sagen, bis die Zeit um ist. – Werthe Frau, sprach Maller, ich will thun, was Ihr befehlt; versuendige ich mich an meinem Eid, so will ich Gott stuendlich bitten, daß er es mir wolle verzeihen um Euerntwillen. – Da entfernte sich Zormerin und Scheidechin, und gingen in eine andre Kammer.

Erde, fing Maller an, hoere zu; dir will ich klagen von dem großen Schalk, dem Otto von Lombardei; der hat meinen Herrn mit glatten Worten dazu verfuehrt, daß er seinen Nahmen mit dem des Otto vertauschte, der nun den Nahmen meines Herrn traegt, der ist: Lother, Koenig Karls Sohn von Frankreich! Darum bietet jetzt Koenig Orschier dem Otto solche große Ehre, in meines Herrn Nahmen, waehrend mein Herr sich in Ottens Nahmen so schaemen muß, und solche Armuth erleiden, nebst seinen Gesellen; niemahls hat ein so großer Herr solche Armuth leiden muessen. – Eh er noch weiter reden konnte, sprang Zormerin aus der Kammer hervor, und sprach: Lieber Geselle, Dein Herr soll genug bekommen. O fuerwahr, mir hat diese Verraetherei schon lange geahnt, oft sah ich in der Kirche wie Deinem Herrn die heißen Zaehren ueber die Wangen liefen, daß es mich jammerte. Mein Herz hat es mir gleich gesagt, es hat mehr nach ihm gestanden als nach dem Verraether Otto, wenn gleich mein Vater mich diesem zum Weibe zugesagt, aber nimmer, nimmer soll er mich haben; denn wer mich zum Weibe haben will, der muß mich erst verdienen. Wie heißt Ihr, Geselle? – Ich heiße Maller. – Lieber Maller, zur gluecklichen Stunde habt Ihr Euers Herrn Hemde am Brunnen gewaschen, ich will Euerm Herrn so viel schicken, daß er die Armuth, welche er und seine Gesellen erlitten haben, bald vergessen und daß er sich mit ihnen wohl ergehen mag.

Sie hohlte Hemden und Kleider von ihrem Vater, gab sie Mallern, daß er sie seinem Herrn in ihrem Nahmen bringe, dazu auch einen kostbaren Guertel. Maller dankte ihr, nahm Urlaub von ihr, und ging desselben Wegs, den er gekommen war, wieder zu seinem Herrn in die Herberge. Wo koemmst Du so eilends her? Da warf Maller, was er auf seiner Schulter trug, auf das Bett. – Hast Du diese koestlichen Kleider einem reichen Manne gestohlen? fragte Lother, so trag sie nur wieder dahin, woher Du sie genommen hast, nimmermehr sollen sie an meinen Leib kommen. – Man sollte mich billig ruehmen, rief Maller, daß ich so geschickt war, einen reichen Mann zu bestehlen; haette ich einen Armen beraubt, so waere ich den Galgen werth! Lieber Herr, nehmet des reichen Mannes Gut hin, die Suende will ich tragen, und will sie dazu nimmer beichten. Ist es nicht besser, einen Reichen bestehlen, als einen Armen Hungers sterben lassen? – So sprach Maller im Scherz, seinen Herrn neckend; doch als er sah, daß dieser gar zornig um des gestohlnen Gutes ward, da fing er ernstlich an, ihm die Wahrheit zu erzaehlen, wie die Koenigstochter ihn am Brunnen gewahrte, wie sie ihn durch ihr Fraeulein zu sich berief, und alles, was sich hier zugetragen. Da Lother den Verlauf gehoert, freute er sich herzlich. Sehr lieb ist es mir, sprach er, daß Du Deinen Eid nicht gebrochen hast, denn wahrlich, lieber Maller, so Du dieses haettest gethan, ich waere Dir nimmer wieder hold. – Nun, lieber Herr, habt guten Muth; wenn es Euch gefaellt, so will ich ein Bad fuer Euch bestellen, darin sollt Ihr Euch baden, ehe Ihr die weißen Kleider anthut. – Das waere mir sehr lieb, antwortete Lother; nur fuerchte ich, die Wirthin wird es nicht bereiten wollen, weil ich ihr schon so viel schuldig bin. – Maller schwieg, und ging hinaus zur Wirthin. Da er sie fragte: ob sie seinem Herrn ein Bad bereiten wolle, da war sie sehr freundlich, und sagte: sie wolle es gern thun. Indem sie noch mit ihm redete, kam ein Knecht vor die Thuere, der fuehrte ein Pferd mit Gold und Silber schwer beladen. Diesen Schatz, sprach der Knecht, sendet die Prinzessin Zormerin, des Koenigs Tochter dem Gaste, der hier in der Herberge liegt; sie hat vernommen, wie er große Armuth hier leiden muß, dieß wird sie nimmer geschehen lassen. – Maller nahm das Geld und trug es in die Kammer zu seinem Herrn. Sehet, lieber Herr, rief er, das koemmt Euch von der schoenen Zormerin. Gott beschuetze sie! rief Lother. Nun will ich wieder froehlich essen und trinken, nun ich meinen Wirth bezahlen kann; auch will ich, nach dem Bade mich auf mein Roß setzen und mich etwas erreiten; es ist mehr als vier Wochen her, daß ich auf kein Pferd gekommen bin, denn ich hatte nicht den Muth dazu, so lange es bei dem Wirth verpfaendet stand. Lother bezahlte den Wirth mit froehlichem Muth, und dankte ihm, daß er ihm so guetlich geborgt, rief dann seine Gesellen alle zusammen, und gab ihnen allen Geld zu Pferden, zu Ruestungen und schoenen Kleidern; badete sich, legte schoene Kleider an, und war von Herzen froehlich.

Das fuenfte Kapitel

Zormerin ging zu ihrem Vater und sprach zu ihm: Geliebter Herr Vater, Ihr habt so viele fremde Soeldner in der Stadt liegen, so stellt doch einmahl ein Turnieren an, ich bitte Euch darum, und versprecht dem, der den Dank verdient, ein schoenes Roß zu geben. Auf diese Weise moegt Ihr sie erproben, und wohl erfahren, was jeder unter ihnen werth ist; denn wie Ihr wißt, wird Koenig Pynart bald gegen diese Stadt ziehen, dann ist es wohl gut, daß Ihr wisset, auf welchen unter Euern Dienern Ihr Euch am besten verlassen koennt. – Liebe Tochter, antwortete der Koenig, ich wollte dieß schon sehr lange immer thun, aber Lother von Frankreich hat es jederzeit verhindert. – Waere Lother fromm und tapfer, sprach Zormerin dagegen, und waere von dem edeln Blut, dessen er sich ruehmt, so wuerde er es sicher nicht verhindern, vielmehr wuerde alle sein Trachten und Sinnen darnach stehen, oft zu turnieren und zu stechen. Ich schwoere bei dem Gott, der mich erschaffen hat, waere er auch ein Koenig ueber zehn Koenige, ich wuerde ihm dennoch nimmermehr zu Theil. Nimmer will ich mich einem Feigen vermaehlen! Der mein Gemahl wird, derselbe muß nach Euch dieses Land regieren; ein feiger, verzagter Mann, der wuerde es gegen die nahen Heiden gar uebel beschirmen! Dieß hoerte der Koenig gern von seiner Tochter; ließ auch sogleich in die Stadt ausrufen, wie er ein Stechen vor dem Pallast veranstalten lassen. Naehmlich: Sechs Bretter sollten an eben so viele Stangen aufgerichtet werden, und wer diese Bretter niederstaeche, der solle ein Roß von ihm zum Dank erhalten, das so gut als hundert Mark an Werth haette. Die Soeldner waren ueber diesen Aufruf alle sehr erfreut; Otto aber erschrack gar sehr in seinem Herzen, und fluchte mehr als hundertmahl Allen, die dazu gerathen.

Lother bereitete sich koestlich nebst allen seinen Gesellen zum Stechen; ihn duenkte, der Donnerstag, auf welchen Tag es angesetzt war, blieb gar lange aus, so ungeduldig war er zu stechen und zu turnieren. Die andern Herren und Ritter ruesteten sich auch wohl dazu; gar mancher unter ihnen duenkte sich der weidlichste zu sein, und hoffte wohl den Dank zu verdienen. Zormerin gedachte gar oft in ihrem Herzen: Ach wollte Gott es fuegen, daß Lother den Dank gewoenne, ich goennte es ihm wohl von ganzem Herzen. Oft redete sie mit ihrer getreuen Scheidechin von ihm. Koennte er den Dank verdienen, wie ich es hoffe, sprach sie, so koemmt er dann in meines Vaters Huld gar hoch, dann wuerde die Falschheit wohl ausbrechen. – Sicher, Ihr redet wahr, sagte Scheidechin; mich wollte es nie beduenken, als wenn Otto der Mann waere, fuer den er sich ausgiebt; alle sein Wesen hat ihm nie wohl angestanden, dazu ist er ein Rothkopf, die sind gewoehnlich falsch und ungetreu.

Das sechste Kapitel

Als der Donnerstag kam, da ging der Koenig an ein Fenster seines Pallastes, bei ihm standen andre Herren, Grafen und Ritter, wohl an zweihundert; Zormerin stand auf der andern Seite, und bei ihr wohl dreißig Jungfrauen. Sie war gar koestlich gekleidet, auf ihrem Mantel glaenzten die herrlichsten Edelgesteine, und vorn war er mit einem Karfunkel und einem schoenen Rubin befestigt. Ueber diesem Karfunkel hatte ein Jude, Nahmens Pharao wohl sieben Jahre lang gearbeitet; er gab ihn der Sybille, diese gab ihn in den Tempel, welcher Christo zu Ehren erbaut ward; Pilatus schenkte ihn dem Kaiser, daß er ihn sollte leben lassen, da Vespasian Jerusalem zerstoerte; der Kaiser gab ihn St. Clemens, dem Papst, dieser gab ihn dem Antonius, Vater der heiligen Helena. Diese fuehrte ihn nach Constantinopel und stellte ihn vor St. Sophien, da ward er zu dem Schatz gelegt. Diesen Mantel hatte Koenig Orschier aus dem Schatz genommen, und seine Tochter damit geziert, einen schoenern mochte man wohl in keinem Lande sehen; auch keine schoenere Jungfrau, als Zormerin war; sie war von so großer Schoenheit, daß sie nie ein Mann recht ansehen mochte, ohne in Liebe fuer sie zu entbrennen, so daß er sich von Stund an aus großer Liebe nicht zu rathen wußte.

Otto kam zu Zormerin, als sie mit ihrem Fraeulein Scheidechin in einem Fenster lag, dem Stechen zuzusehen. Liebe Jungfrau, sprach er, ich will hier bei Euch stehen, und dem Stechen zusehen, damit ich urtheilen kann, wem man den Dank geben mag. – Was denkt Ihr? fing Zormerin gegen ihn an; waehnet Ihr, schoene Frauen zu gewinnen mit Essen, Trinken und Schlafen, und mit mueßigem Schwaetzen? Wenn es sich denn also fuegte, daß ich Eure Gemahlin wuerde, so moechte meine Ritterschaft und die ganze Welt wohl denken, was ich fuer einen feigen unseligen Mann geheirathet habe, der nicht mit dem Schwert drein zu schlagen versteht. Um meinetwillen thut es, reitet hinaus, Ihr moechtet sonst in ein arges Geruecht kommen.

Otto mußte mit Schande von Zormerin hinunter zu dem Stechen gehen, und mußte sich Schaemens halber zu Pferde setzen.

Jedermann kam zu dem Stechen, in Begleitung von Pfeifern, Trompeten und Posaunen. So kam auch Lother mit einer Menge seiner Gesellen und Ritterschaft: er hatte auch Pfeifer, Trompeten und Posaunen, und viele Herolde und Knappen, die in Haufen neben und hinter ihnen gingen, als waere er ein großer Koenig. Wer ist, sprach Orschier, der stattliche Ritter, der mit so ansehnlichem Gefolge koemmt? – Es ist Otto von Lombardei, sprachen die Diener, der so sehr arm war; er muß den Reichthum gestohlen haben, wie kaeme er sonst dazu. – Otto wunderte sich nicht wenig, wo seinem Vetter Lother doch das Gut zu solchem Aufwand mochte hergekommen sein, und konnte deshalb seine Verwunderung nicht bergen. Maller ritt zu ihm hin, und sagte ihm: Nach Euern Gedanken mueßten wir eigentlich in großer Noth und Armuth stecken, solche Gedanken moegt Ihr aber nur fahren lassen, es sei Euch nun lieb oder leid. Wer nach Bosheit ringet, dem wird solcher Lohn! – Otto that als hoerte er nicht, was Maller ihm sagte, und ritt immer vor sich hin. Zormerin sah nach niemand, als nach Lother, er allein gefiel ihr vor allen andern; so sah auch Lother oft zu Zormerin hinauf, und wann er merkte, daß sie auf ihn sah, so ließ er lustig sein Pferd springen, und setzte ueber die Baenke mit solchem Muth und so edelm Anstand, daß alle sich darueber freuten.

Nun fing das Stechen an; wer die Bretter nicht eben traf mit dem Speer, dem schlug der Schwengel an den Helm, daß er vom Pferde fallen mußte. Dieß widerfuhr manchem, der sich sehr stattlich duenkte. Otto nahm seinen Speer unter den Arm und rannte so graeulich zu, daß er weder sah noch hoerte, denn er saß auf einem guten Roß. Da er aber nah an das Brett kam, wider welches man stechen mußte, da erschrack er so sehr, daß er das Brett nicht traf; der Speer ward ihm in der Hand herumgedreht; dicht an dem Brett war eine Pfuetze voll Mist und Unrath; da er nun das Brett nicht getroffen, sondern selber vom Schwengel getroffen wurde, so konnte sein Pferd sich nicht halten, sondern fiel mit ihm in die Pfuetze, darin ward Otto wie ein Schwein besudelt und herumgewaelzt. Maller fing an laut zu lachen. Schweig, Maller, sagte Lother, thaete das ein andrer als Du, ich wuerde es ihm nicht verzeihen. Lother war so gar treu, daß es ihm immer leid that, wenn dem Otto etwas Uebels widerfuhr, obgleich dieser gar schlecht an ihm handelte. Zormerin aber haette nicht einen Wagen voll geschlagenen Goldes dafuer genommen, daß Otto gefallen war.

Nun rannte Lother mit seinem Speer gegen das Brett, mit solcher Macht, daß der Stecken oben entzwei brach, woran das Brett hing, und dieses hinunter fiel; ebenso stach er auch die andern fuenf Bretter herab. Maria, Gottes Mutter, riefen die Ritter, wer sah je einen so starken Ritter? – Herr, sprachen die Herolde zu Koenig Orschier, gebt diesem Ritter so viel Gueter und so viel Pferde, als Ihr immer wollt, Ihr koennt ihm doch nimmer so viel geben, als er verdient. Zormerin, voller Freude, sprach zu Scheidechin: Der Rothkopf hat mich verloren! Geh, eile zu Maller, sag ihm in meinem Nahmen, sein Herr moechte in seiner Herberge heute offenen Hof halten, ich werde ihm Geld genug dazu schicken; was ich auch schicken mag, ist er dennoch mehr noch werth.

Scheidechin richtete den Auftrag an Maller aus, worauf dieser sich gar hoeflich bedankte, und sogleich zu seinem Herrn auf den Platz ritt, um ihm den Befehl der Koenigstochter zu hinterbringen. Lother berief zehen Herolde zu sich, und ließ durch diese alle Herren, sowohl Ritter als Knechte, Edelleute, Buerger und Buergerinnen, weß Alters oder Standes sie sein mochten, zu sich auf den Abend in seine Herberge einladen, um sich mit ihm und seinen Gesellen guetlich zu thun, mit Essen, Trinken und anderer Ergetzung. Da sprach einer zu dem andern: Wer hat wohl diesem Erbaermlichen so viel Geld und Gut gegeben? Es kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein; denn erst kuerzlich wollte er sein Roß aus Armuth verkaufen, und nun will er offnen Hof halten. Das ist ja eine große Hoffahrt; morgen frueh, beim Fruehstueck, wird er sich wohl aus dem Staube machen. So schwatzten die Leute; Lother aber war froehlich, und dankte Gott von ganzem Herzen, daß es ihm den Tag so gluecklich ergangen war. Zormerins Gunst war ihm mehr, denn alle das Gold, was sie ihm schickte, und seine Sorge ging nur dahin, wie er dieses seinen Gaesten wieder zu Gute kommen lassen wollte; darum sprach er zu Maller: Lieber Geselle, verlasse Dich nicht auf den Wirth allein, sorg selber, daß wir genug haben moegen. – Sorgt nicht, sprach Maller, was in der Stadt zu haben ist, das soll bei uns diesen Abend nicht fehlen; ritt hin zur Herberge, rief den Wirth Salomo. Herr Wirth, rief er, schafft Rath, denn mein Herr haelt diesen Abend hier offnen Hof, und er hat durch zehn Herolde einladen lassen: Ritter, Grafen, Herren, Buerger und Buergerinnen, alt und jung, groß und klein, und jedermann, der mit uns essen will; es darf uns also an nichts fehlen. – Das soll geschehen, lieber Herr, sprach der Wirth, bringet, wen Ihr wollet, ich will Eure Gaeste wohl bedienen. Ging darauf hinaus und bereitete das Gastmahl auf das koestlichste. – Da das Stechen vorbei war, da ritt jedermann nach Hause, um die Ruestung abzulegen, und sich alsdann zu Lother in die Herberge zu begeben.

Das siebente Kapitel

Koenig Orschier uebersandte dem Lother den Dank, und ließ ihn zur Tafel an seinen Hof einladen; Lother ließ ihm aber wieder entbieten, wie er es nicht wolle uebel aufnehmen, daß er nicht kommen koenne; es sei ihm dießmahl nicht gelegen, da er selber einen offenen Hof halten wolle. Darueber war der Koenig nicht wenig verwundert.

Lother begab sich in seine Herberge, wo der Gaeste so viel gekommen waren, daß sie in dem Hause nicht alle Platz fanden; sie mußten theils in den Garten sich lagern, theils saßen sie auf der Gasse vor der Herberge. Es war Wildbret und Gefluegel, und an Schuesseln mit Eßwaaren aller Art kein Mangel; dabei standen große Faesser mit Wein, sowohl weißem als rothem, woraus ein jeder so viel trinken mochte, als ihn geluestete. Es waren an demselben Tage wohl an zweihundert Menschen des Weins so voll, daß sie ihre eigene Sprache nicht reden konnten. Einer sprach da zu dem andern: Fuerwahr, er muß morgen davon laufen; der Wirth ist wohl ein Thor, ihm so viel zu borgen. Lother hoerte dieß und rief: Laßt Euch wohl sein, Ihr Freunde, und sorgt nicht fuer's Bezahlen, der gute Wirth borgt mir gern. – Ich habe eben so große Sorge fuer meine Bezahlung, sprach der Wirth, als ob ich das Geld schon in meiner Hand haette. – Da sagten sie: Ei, der Wirth ist so voll als irgend einer der Gaeste; morgen wird er ein anderes Lied singen. Die Gaeste blieben in Freuden und in Ergetzlichkeit zusammen bis Mitternacht, dann schied ein jeder von dannen. Zormerin hatte ihr Wort nicht vergessen, noch ehe es tagte, kam ein Pferd mit Gold und Silber beladen in der Herberge an. – Lieber Wirth, jetzt macht Euch bezahlt, so viel als drauf gegangen, das uebrige Geld nehmt in Eure Verwahrung; so bald es verzehrt ist, sagt es mir, daß ich Euch wieder welches verschaffe.

Des Morgens frueh zog Lother sich sauber an, nebst seinen Gefaehrten, und gingen in die Kirche. Als Zormerin ihn erblickte, pochte ihr Herz heftig. Sie bat ihren Vater, daß er den Ritter, der gestern den Dank verdiente, und so vortrefflich stach, doch zur Tafel bitten moechte, und zeigte dem Koenig den Lother, daß er derselbe sei. Da nun der Koenig zu ihm ging und ihn zur Tafel bat, da wollte Lother es nicht annehmen, und sprach: Herr Koenig, ich will nicht eher an der Tafel mit Euch sitzen, bis ich es gegen die Heiden verdient habe. Da gab Zormerin ihm die Hand, die er nahm, und both ihm einen guten Morgen, darueber ging er erfreut wieder in seine Herberge.

Das achte Kapitel

Vierzehn Tage hernach, da kam Koenig Hispinart von Akre wohl mit zweihunderttausend Mann, und mit ihm kamen vierzehn Koenige. Da diese Heiden in das Land kamen, da flohen die Einwohner alle zu Koenig Orschier, und schrien um Huelfe gegen die Heiden. Der Koenig erschrack, da er hoerte, daß die Heiden so nahe waeren, und ließ Otto zu sich rufen. Lother, sprach er zu ihm, heißet Eure Soeldner sich ruesten, wir muessen gegen die Heiden, Euch uebergebe ich und befehle ich mein Banner.

Otto erschrack von ganzem Herzen, doch verbarg er es, und sprach mit lachendem Munde: Herr, ich will das meinige auf's beste thun. Ging hinaus, und ließ austrompeten, daß ein jeder sich auf's beste waffne. Lother und seine Gesellen die waffneten sich sogleich auf's eilendste, und setzten Pferde und Zeug in besten Stand. Da rief Otto einen seiner Waffentraeger, zu dem sagte er: Geh zu meinem Vetter, sage ihm, es sei mir von Herzen leid, daß ich ihn erzuernet. Ich habe boesem Rath gefolgt, bin aber nun bereit, ihn um Gnade zu bitten, er solle mir nur dießmahl aus der Noth helfen. Denn Koenig Orschier hat mir sein Banner zu fuehren gegeben, in diesem großen Krieg, damit kann ich mich aber nimmer behelfen; mein Vetter vermag es besser zu thun als ich, denn er ist ein tapfrer starker Ritter, ihm kaeme es mehr zu als mir. Will er sich nun des Banners fuer mich annehmen, so will ich ihm die Jungfrau Zormerin gern ueberlassen, die mir von dem Koenige versprochen worden ist. Ich will lieber eine Frau entbehren, als daß ich diesen großen Streit fuehren sollte. – Herr, antwortete der Knappe, diese Botschaft will ich gern ausrichten; es waere sehr gut, wenn Lother sich der Sache annaehme; denn so viel ich Euch kenne, kommt Ihr zum Streit, so laßt Ihr das Banner fallen, das moechte den Christen zu gar großem Schaden gereichen. – Das ist freilich wahr, sagte Otto. – Darauf ging der Knappe von ihm zu Lother, und richtete die Botschaft gar ernstlich aus. Er nahm den Lother auf die Seite, und sprach: Euer Vetter Otto sendet mich zu Euch; er bittet Euch um Gnade, daß er Euch erzuernet, er hat hierin boesem Rath gefolgt, und es ist ihm leid. Er bittet sehr, Euch mit ihm zu versoehnen; wenn Ihr ihm verzeihen wollt, so will er seinen Fehler gegen Euch verbessern, und damit anfangen, daß er, um Euch zu ehren, Euch das Banner ueberlassen will, das der Koenig ihm uebergab, dazu will er Euch auch die schoene Zormerin lassen, die der Koenig ihm versprochen, und alle Ehre, die Ihr sonst verlangt. Pruefet diesen Vorschlag wohl, lieber Herr, ich bitte Euch freundlich darum. – Sage meinem Vetter, sprach Lother, ich habe keinen boesen Willen, besonders nicht gegen ihn; ich halte ihn fuer einen verstaendigen Mann, dazu ist er auch von edler Geburt; hat ihm nun der Koenig sein Banner befohlen, so ist es bei ihm in guten Haenden, besonders gegen die Heiden; hat ihm dann Gott eine Frau beschert, so begehre ich nicht sie ihm zu nehmen. Gott wolle ihm zu beiden viel Freude und Glueck geben; ich wuensche es ihm vom Herzen, und er thaete sehr Unrecht, wenn er nicht das Beste thun wollte, um des großen Gluecks willen. Sagt meinem Vetter dann auch noch in meinem Nahmen: Da der Koenig ihm das Banner empfohlen, so mag er wohl zusehen, daß er es nicht fallen lasse, denn wo er es fallen laeßt, so haue ich ihm den Kopf herunter, oder wenn ich zur Stunde nicht zu ihm kommen kann, so werde ich meinen Gesellen Maller schicken, daß er ihm seinen Kopf herunter haut. Diese Antwort bring meinem Vetter von mir.

Der Knappe war sehr betruebt, daß er nicht besseren Bescheid erhalten konnte; Otto aber erschrack gar erbaermlich, als er diese Botschaft vernahm. Ach ich Armer, Unseliger! rief er aus; ich sehe wohl, meine Zeit ist nun gekommen, ich muß streiten wider meinen Willen, und muß noch dazu der Vorderste sein, und die Andern anfuehren, wiewohl ich lieber der Hinterste waere! –

Der Koenig setzte sich auf sein Pferd, nahm das Banner in seine Hand und uebergab es Otten; dieser nahm es, und ritt hinaus, wohl mit dreißigtausend Christen. Lother ritt ihm zunaechst; er trug auf seinem Helm einen seidenen Aermel mit Gold gestickt, und mit goldnen Spangen, den hatte ihm Zormerin gegeben. Sie ging auf einen Thurm, wo sie dem Streit zusehen konnte; Lothern kannte sie wohl an dem Aermel, und bat Gott von ganzem Herzen, daß Otto doch nicht wieder kaeme.

Da die Heiden sahen, wie das Heer der Christen gegen sie zog, da stellten sie sich in Schlachtordnung, und ein Schreckliches Schlagen begann; sie hieben entsetzlich auf die Christen ein, und schlugen was ihnen vorkam. Als Otto sah, daß die Heiden so gar graeulich stritten, da ließ er vor Schrecken das Banner fallen, und sprach zu seinen Leuten: Liebe Gesellen, ich bleibe nicht laenger hier, ich will heim reiten in die Lombardei, denn ich trage große Sorge, die Heiden moechten mich noch hier erschlagen. Ich moecht' nicht hier bleiben, und wollt' Koenig Orschier auch noch ein Koenigreich zu dem seinigen geben. – Gott verdamme Euch riefen seine Gesellen ihm nach, Ihr schaendet alle Lombarden: darum moeget Ihr nur allein reiten; wer einen boesen Herrn verlaeßt, den mag Gott segnen. Koenig Pynart kam wohl mit zehntausend Heiden von der Seite her, wo Otto entfloh; da er sie so gegen sich kommen sah, rief er mit lauter Stimme und mit aufgehobenen Haenden: Toedtet mich nicht, Ihr Herren, ich will gern Gott verlaeugnen, und will an Mahom glauben.

Da ward er gefangen und in ein Zelt gefuehrt, und Koenig Pynart begonn wieder frischlich zu streiten. Die Christen waren bestuerzt, daß ihr Panier gefallen war. O weh mir! rief Koenig Orschier; verflucht sei die Stunde, wo ich diesen Lother an meinem Hof empfing, und ihm so traute, er hat heute als ein falscher Boesewicht an mir gehandelt. Die Heiden waren gar froehlich; denn wann ein Panier gefallen ist, so ist die Gegenparthei desto froehlicher. Koenig Orschier stritt auch tapfer; als er aber zu tief in den Streit gerieth, da kam der heidnische Koenig Helding und stach ihn vom Pferde; alsobald umringten ihn die Heiden, und fuehrten ihn gefangen hinweg. Als die Christen ihren Koenig gefangen sahen, da hielten sie sich gar uebel, was auch nicht Wunder zu nehmen ist; ein Heer mag wohl erschrecken, das sein Banner, und dann auch seinen Koenig verloren hat.

Lother focht kuehnlich, und schlug sich tief in das Heer der Heiden, Maller und die uebrigen Gesellen fehlten auch nicht; da erblickte Lother das Panier, das auf der Erde lag. Maller, lieber Geselle, rief er, nun schlage frisch zu daß ich absteigen und das Panier aufheben moege. Da schlugen die zween so graeulich um sich, bis sie einen Kreis um das Panier frei machten; da stieg Lother ab, ergriff das Panier und ließ es hoch in der Luft wehen; es war aber ganz beschmutzt und zerrissen worden unter den Pferden. Er gab es dem Maller, und sagte: Hier, hebe es hoch in die Hoehe; das that Maller, deß freute sich das Christenheer, und fing wieder mit frischem Muth zu kaempfen an. – Maria, Gottes Mutter, rief Zormerin, beschuetze meinen Geliebten, er ist der tapferste Mann, der je auf ein Pferd gesessen.

Lother stritt so lange, bis er kam zu Koenig Pynarts Banner, da sah er eben, wie vier Heiden den Koenig Orschier gefangen fortfuehrten, der heiß weinte. Lother eilte sogleich hinzu, erschlug die vier Heiden, ergriff eins ihrer Pferde und reichte es dem Koenig Orschier. Lieber Herr, rief er ihm zu, sitzt geschwind auf und sehet, daß Ihr tapfer streitet. Freund, erwiederte Orschier, Du hast mich heute von dem Tode errettet, Dir will ich meine Tochter geben, dazu auch mein Koenigreich; Lother von Frankreich hat mich verrathen, gar boeslich, er soll meine Tochter nimmer haben. Hiermit ritt er eilends wieder in den Streit, da brachte ihm Maller das Panier. Maria, Gottes Mutter, rief er, wer mag der Mann sein, der das Panier wieder aufgerichtet hat? – Herr, sprachen die Diener, das hat derselbe gethan, der Euch auch aus der Gefangenschaft erloeste, er hat heiß darum gearbeitet. Auf meine Treue, sprach der Koenig, das will ich ihm wohl lohnen, ich will ihm meine Tochter geben, und nach meinem Tode mein Reich; ist es nicht ein Jammer, Ihr Freunde, daß mich der so betrogen, dem ich so viel getrauet? Waere dieser fromme Ritter nicht gewesen, so waeren wir jetzt alle von den Heiden erschlagen.

Zormerin folgte dem Lother mit den Augen, denn sie erkannte ihn vor allen an dem Aermel auf seinem Helm. Da sah sie, wie wohl zehntausend Heiden ihn umringten, und sein Pferd erstachen; sie sah ihn fallen, und sah ihn nicht wieder aufsitzen, auch niemand, der ihm zu Huelfe kaeme, sodaß er mit Gewalt gefangen ward. Als Zormerin dieß sah, ergriff sie ein Messer und wollte sich dasselbe ins Herz stoßen; aber Scheidechin hielt sie, und sprach: Liebe Jungfrau, besinnt Euch, und bittet Gott Eure Sinne zu behueten. – Scheidechin, rief Zormerin, ich habe gesehen, daß die Heiden den Prinzen von Frankreich niedergestossen haben, und niemand koemmt ihm zu Huelfe, haben die Heiden ihn erschlagen, so will ich auch nicht laenger leben. Hiermit wollte sie von den Zinnen hinunter springen, aber ein Ritter erhaschte sie, und hielt sie. Liebe Jungfrau, sprach er, sie zu troesten, haltet Euch wohl, Euer Vater ist nicht erschlagen.

Das neunte Kapitel

Maller suchte seinen Herrn auf dem ganzen Schlachtfelde; da er ihn nirgend fand, ritt er zu Koenig Orschier: Herr Koenig, wo ist mein Herr und Meister? – Auf meine Treu, sagte Orschier, ich weiß nichts von ihm. – Du falscher Koenig, so verdankst Du dem, der Dich erloeste aus der Heiden Hand? Du hast verloren den Besten, der irgend im Lande zu finden ist, denn wisse, er ist Lother von Frankreich, denn nun kann ich es Dir nicht laenger verschweigen, auch denke ich, das Jahr ist nun wohl um. Otto von Lombardei hat Dich betrogen; mit glatten Worten hatte er meinen Herrn beredet, dessen Nahmen mit dem seinigen zu verwechseln. Nun wohl, Ihr Herren, rief Orschier, laßt uns alsbald Lothern suchen: alles was ich habe, moechte ich hingeben, nur ihn nicht verlieren. Da ritten sie allesammt hinaus, Lothern zu suchen, konnten ihn aber nicht finden; darueber der Koenig und die ganze Ritterschaft sich sehr betruebten, denn alle seine Gesellen liebten ihn, besonders aber Maller, dieser waere beinah unsinnig geworden vor großem Schmerz.

Als die Nacht einbrach, zog Koenig Orschier wieder ein in Konstantinopel, da kam Zormerin ihm entgegen. O Vater, redete sie ihn an, Ihr moeget Euch betrueben, daß Ihr den habt zurueckgelassen, der Euch von den Heiden erloeste; Ihr wißt nicht, wer er ist. – Ich weiß es, meine Tochter, sprach Orschier; Otto, der Rothkopf, der hat mich und Dich schaendlich betrogen, und haette dazu seinen Vetter gern in Schande gebracht. Gott wolle mir Lother behueten, und wolle verhindern, daß Otto nimmermehr wieder herkaeme. Zormerin weinte heftig, als sie ihren Vater so sprechen hoerte. Sie gingen darauf alle zu Tisch, Zormerin aber und Maller, die konnten Beide vor großem Leid nicht essen. Als nun die Tafel aufgehoben war, und jedermann sich in sein Zimmer begab, ging auch Zormerin in ihre Kammer und ließ Maller zu sich rufen. Da saßen sie Beide die ganze Nacht zusammen, klagten und weinten um ihren Herren. Weh mir, rief Zormerin, ohne meinen Geliebten mag ich laenger nicht leben! – Jungfrau, sprach Maller, hoert mich, ich will morgen frueh mein Leben wagen, um meinen Herrn zu suchen; ich weiß der Heiden Weise sehr wohl nachzuahmen, ich werde unter sie gehen, daß sie mich fuer einen der Ihrigen Halten, dort will ich hoeren, ob mein Herr lebt oder todt ist. – Des Morgens, da es anfing zu tagen, beurlaubte er sich von Zormerin, und ging in seine Herberge und rief die Gesellen zusammen. – Ihr Freunde, legt Eure Ruestung an, ich reite hinaus zu den Heiden, und nimmer will ich wieder kommen, ich habe dann Nachricht von meinem Herrn. Ihr kennt mein Hoernchen wohl, sprach er ferner zu ihnen, ich will Euch in einen Busch fuehren, dort sollt Ihr meiner warten; wann Ihr mich nun blasen hoeret, dann kommt mir schnell zu Huelfe. – Das thun wir mit Freuden, riefen die Gesellen, bereiteten sich dann eilends, und ruesteten sich.

Maller rieb sein Angesicht mit Kraeutern, die er wohl kannte, davon wurde seine Farbe ganz veraendert; darauf ritt er mit den Gesellen aus der Stadt hinaus. Als sie an den Busch kamen, da bat Maller sie, daß sie hier auf ihn warten sollten. Ich reite hin in das Heidenlager, sprach er, dort zu erfahren, ob mein Herr lebt oder todt ist; und lebt er noch, so wißt, ich will ihn befreien, und sollt' ich darueber mein Leben einbueßen. – Lieber Maller, riefen sie alle einstimmig, wir wollen Euren Wink hier erwarten; und zweifelt nicht, kommt es dazu, so wollen wir getreulich arbeiten, daß Ihr uns sollt Dank wissen; jeder von uns soll Zwei werth sein. – Gesellen, sprach Maller, dieß danke ich Euch freundlichst. Damit ritt er dem Lager zu, und befahl sich Gott und der Jungfrau Maria, seiner Mutter. Er dachte hin und her, wie er es anstellen wollte, um Nachrichten von Lother zu erfahren, als ein Haufen Heiden zu ihm stieß, die von der Fuetterung kamen. Er hatte sein Gesicht und Haende so gefaerbt, kannte auch die Sprache und die Geberden der Heiden sehr wohl, und ahmte sie so natuerlich nach, daß sie ihn alle fuer einen der Ihrigen hielten. So ritt er mitten unter ihnen ins Lager hinein. Er fragte nach Koenig Pynarts Zelt; als man es ihm gezeigt, da sprang er ab von seinem Pferde, und ging geradezu hinein in das Zelt zum Koenige. Mahomet, sprach er, der alle Dinge erschaffen hat, der wolle meinen Vetter, den Koenig Pynart behueten, und wolle Koenig Orschier nebst allen Christen verdammen. Vetter, ich bin Koenig Glorians, Deines Bruders Sohn; mein Vater hat mich zu Dir hergeschickt mit zwanzigtausend Gewaffneten, Dir zu helfen. Aber Koenig Orschier und sein Heer sind im Walde ueber mich gekommen und haben meine Gesellen alle erschlagen. Mit großer Noth bin ich ihnen entkommen; willst Du mich nun nicht an ihnen raechen, so will ich mich selber toedten. Damit schlug er sich selber ins Gesicht, zerraufte sein Haar und trieb so großen Jammer, daß die Heiden sich seiner erbarmten. Lieber Neffe, sprach Koenig Pynart, fasset Euch; saget mir, wie geht es meinem Bruder? Ihr seid sicher mein rechter Neffe, ich weiß wohl, daß mein Bruder einen schoenen Sohn von Eurem Alter haben muß. – Vetter, es geht meinem Vater, Eurem Bruder, sehr wohl, er laeßt Euch durch mich auf's schoenste grueßen; auch bitt' ich Euch freundlich, daß Ihr mich wollet zum Ritter schlagen, wornach mich von ganzem Herzen verlangt. Mein Vater hat mich auch mit darum zu Euch geschickt, daß Ihr mich moegt zum Ritter schlagen. Ach lieber Vetter, raechet mich doch auch an dem boesen Schalk Maller, der mir viel Schaden zugefuegt hat, und der nur darauf lauert, wie er Euch moege Schaden zufuegen. – Lieber Neffe, ich geh' nicht eher weg von Konstantinopel, ich habe dann die Stadt gewonnen; dann wollen wir die Christen alle verbrennen, Maller aber in den Wind haengen. – Ach Vetter, ich kann meinen erlittenen Schaden nicht vergessen. – Du sollst ihn gar bald vergessen; ich habe wohl achtzig Christen in meiner Gefangenschaft, an diesen sollst Du Dich wohl raechen. –

Maller fiel auf seine Knie und rief: Edler Koenig, so gib mir nur sogleich diese Christen, daß ich mich an ihnen raeche! – Recht gern, mein lieber Neffe, Du sollst sie haben, und kannst mit ihnen machen, was Dir gefaellt; meinethalben schinde sie und brate sie; vorher aber will ich Dich zum Ritter schlagen. Da schlug Koenig Pynart den Maller zum Ritter nach heidnischer Art. Dann stand Maller auf, ergriff seine Lanze, und nachdem er sie wohl vier bis fuenfmahl sich um den Kopf geschwungen, warf er sie so weit, daß man sie mit den Augen nicht erreichen konnte. Fuerwahr, sprachen die Heiden, das ist ein wackrer Geselle; wenn unser Koenig Pynart stirbt, so wollen wir diesen zu unserm Koenig erwaehlen. – Mein Neffe, sagte der Koenig, helfe mir Mahomet, wenn ich Konstantinopel gewinne, so will ich Dich zum Koenig machen ueber dieß ganze Land, und ich will Zormerin zum Weibe nehmen. Ich habe bei dem Koenig Orschier schon um sie angehalten, aber der Lecker versagte sie mir, darum will ich sie mir selber nehmen; Koenig Orschier will ich als einen Dieb in den Wind haengen, und die Gefangenen sollst Du haben. Da schickte Koenig Pynart hin, daß man die Gefangenen vor ihn fuehren solle; sie wurden auch alsbald hergefuehrt. Lother war darunter; da Maller ihn erblickte, ward ihm froehlicher zu Muth, als haette er ein Koenigreich gewonnen; er zog sein Schwert heraus und schlug einem gefangenen Lombarden den Kopf herunter, so machte er es dem zweiten Lombarden und so dem dritten. Otto war auch dabei; als dieser sah, wie Maller den Lombarden mitspielte, rief er ueberlaut: Edler Koenig Pynart, ich will gern Gott verlaeugnen und will an Mahomet glauben! Da ergriff ihn Maller und wollte ihn eben wie die andern toedten; Koenig Helding rief ihm aber zu, er solle diesen leben lassen. Er will an Mahomet glauben, sprach er, darum darfst Du ihn nicht toedten; auch ist er mein Gefangener, er hat sich mir ergeben. – Bei Mahomet, rief Maller, desto eher muß er sterben; ein schlechter Christ wird nimmer ein guter Heide. – Nein, sprach Koenig Helding, erst muß man ihn pruefen, er muß auf das Kreuz treten, Christum zu verhoehnen, dann wollen wir ihn beschneiden. – Neffe, sprach Pynart, erzuernt den Koenig Helding nicht, er ist gekommen mir zu Huelfe mit wohl hunderttausend Mann. – Lieber Oheim, sagte Maller, ich bin gar sehr bekuemmert, daß ich den Schalk soll davon kommen lassen; verflucht sei die Mutter, die ihn getragen hat! – Die Heiden aber waren einstimmig der Meinung, Otto muesse leben bleiben, weil er an Mahomet glauben wollte.

Da ging Maller auf Lother zu und ruckte ihn bei einem Arm, so daß er zur Erde fiel, dann gab er ihm noch einige harte Streiche ueber den Nacken. Lother sprang wieder auf, und schlug in seinem Muth so hart auf Maller ein, daß er ihm zween Zaehne ausschlug und ihm das Blut aus Mund und Nase stoß. Da fiel Maller vor Koenig Pynart und rief: O edler Koenig, laßt mich diesen Schalk aufhaengen, der mich so uebel zugerichtet! – Thu mit ihm was dir gefaellt, sagte Pynart. – Einen Galgen will ich aufrichten lassen, sprach Maller, gegen Konstantinopel zu, da sollen die Christen zusehen, wie ich ihn daran haengen will. Ergreift ihn sogleich und fuehrt ihn hinaus! – Da ward Lother gar erbaermlich ergriffen und gebunden, und ein Strick um seinen Hals geworfen. Da rief Lother zu Gott von ganzem Herzen, daß er seiner Seele gnaedig sein moege.

Der Galgen ward auf den Bergen gegen Konstantinopel zu aufgerichtet, obgleich Koenig Helding meinte, es waere nicht gut gethan. Wenn die Christen, sagte er, es sehen, denn sie haben alle Baeume von dieser Seite abgehauen, um alles zu sehen, was wir thun, so koennen sie uns leicht ueberfallen und einen Schrecken verursachen. Maller aber blieb dabei, die Christen sollten eben zusehen muessen, wie Lother gehaengt werde. Als die Gesellen in dem Busch den Galgen aufrichten sahen, da baten sie flehentlich zu Gott, es moege Lother und Maller kein Unglueck bedeuten, und es moege Maller sein Unternehmen gluecken; setzten sich auch sogleich auf ihre Rosse, denn sie dachten wohl, es muesse nun bald etwas setzen, um sogleich in Bereitschaft zu sein, wenn sie Maller auf seinem Horn wuerden blasen hoeren; und nun standen sie alle fertig und willig zum Streit.

Maller fuehrte Lothern gebunden zum Galgen, und viele Heiden mit ihm. Lother seufzte tief und sagte: Ach Zormerin, ach Maller, Du treuer Geselle, ich sehe Euch nie wieder, Gott dem Allmaechtigen empfehle ich Euch! – Da rief Maller in seinem Herzen zu Gott, daß er ihm zu Huelfe kommen moege, denn er sah sich allein, von den Heiden umringt, und wußte nicht, wie er es anfangen wuerde, seinen Herrn zu retten. Als sie unter den Galgen gekommen waren, da rief Lother Gott von ganzem Herzen an, daß er seiner Seele moege barmherzig sein. Dann rief er: Vater, wueßtet Ihr, wie hart es mir geht, es wuerde Euch doch wohl erbarmen. Lebt wohl, Zormerin, geliebte Jungfrau, treuer Geselle mein, nie sehe ich Euch Beide mehr, die ich sehr liebte. Ach Maller, wueßtest Du, wie man mich hier haengen will, ich weiß gewiß, Du kaemest mir zu Huelfe. Aber ich habe dich verloren, und auch Dich, schone Zormerin; der Galgen wird schon aufgerichtet, und nimmer seh ich Euch wieder!

Hoere, Du Schalk, sprach Maller, willst Du Deinen Glauben verlaeugnen, und an Mahom glauben, so sollst Du leben. – Nimmermehr, sprach Lother; fuehrt mich zum Galgen, und laßt mich nur noch so lange leben, daß ich mein Gebet verrichte. – Du Unseliger, fing Maller wieder an, willst Du Deinen Glauben nicht verlaeugnen? – Nimmermehr! – Lother weinte heiß, da er gefuehrt ward. Maller that es tief in der Seele wehe, da er ihn weinen sah. Laßt ihn los, sagte er zu denen, die ihn hielten, laßt ihn frei stehen, waehrend er betet. Da fiel Lother auf seine Kniee, und als Maller ihm noch einmahl zurief, seinen Glauben zu verlaeugnen, da hob er an mit lauter Stimme: Ewiger Gott Vater, wer Dich verlaeugnet, wer an Dich nicht glaubt, der ist kein Biedermann. Du hast Himmel und Erde geschaffen, dann gebar Dich die Mutter, die reine Magd, Du Gott und Mensch, und Du hast die Milch ihrer Brust gesogen. O Maria, Gottes Mutter, Du sahest Deinen Sohn auf den Berg Calvari fuehren, wo er die Marter litt um unsrer Versoehnung willen, und als er am Kreuze starb, da ward die Sonne verfinstert, und die Erde spaltete sich. Du erstandest am dritten Tage, und fuhrest zum Himmel, und schicktest Deinen Juengern Deinen heiligen Geist. Hernach holtest Du Deine liebe Mutter, und kroentest sie im ewigen Leben. Ewiger Gott, so wahr ich dieses glaube, so wolltest Du mir heute barmherzig sein, und meine Seele in Deinen goettlichen Schutz nehmen. Hiermit stand Lother auf, und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes ueber sich. Waehrend er gebetet, hatte Maller auf seinem Horn geblasen, und sah nun die Gesellen wohlgeruestet herzureiten. Da eilte er auf Lother zu, als dieser eben von seinen Knieen aufstand, band ihm die Augen auf, und sprach eilig: Erkennt mich, Herr, ich bin Maller, Euer Geselle; hier nehmt diesen Ring, Zormerin sendet ihn Euch, sie trauert sehr um Euch. Damit schlug er einen Heiden den Kopf herunter, nahm dessen Schwert, und gab es Lothern. Hier, Herr, nehmt das Schwert, wehrt Euch! Da schlugen sie Beide kuehn um sich her alles nieder, was vor ihnen war. Die Heiden, da sie sich von Mallern betrogen sahen, liefen sie hinzu, sich zu wehren; unterdessen kamen auch die andern Gesellen aus dem Busch herzu und fuehrten zwei gute Pferde, Lother und Maller saßen schnell auf, und indem sie bald sich umwendeten und auf die Heiden schlugen, eilten sie gegen Konstantinopel zu; die Heiden verfolgten sie hart. Koenig Orschier stand auf der Mauer, und sah das graeuliche Jagen auf dem Felde, da sprach er: Ich hoffe, es ist Maller, der den Lother zurueckbringt; wohlauf, Gesellen, daß wir ihnen zu Huelfe kommen! Da blies er auf seinem Horn, alles ruestete sich, und ritt mit ihm aus der Stadt, und nun fing ein gewaltiges Streiten an. Da Orschier Lothern erkannte, freuete er sich, ritt zu ihm hin, und fragte ihn: wie er aus der Gefangenschaft erloeset sei? Das sage ich Euch ein andermal, sprach Lother, jetzt ist es Zeit zu streiten. Damit eilte er in den Grund, zog einem Todten den Harnisch ab, ruestete sich damit, auch mit einem Helm und uebrigem Zeug, und schlug tapfer auf die Heiden, die sich stark wehrten. Einer ritt hin zu dem Graben, und rief der Prinzessin zu, die auf dem Thurm dem Streit zusah: Lother waere am Leben, und frei. Da dankte sie Gott mit heißen Zaehren, und bat die Jungfrau um fernem Schutz fuer den Geliebten. Der Streit war heiß; Koenig Helding rannte wider Maller, ward aber von ihm vom Pferde herabgestochen; Mallers Pferd fiel auch, sie standen aber Beide wieder auf, und Helding begab sich zurueck. Heute will ich die Christen vertilgen! rief Koenig Pynart. Haettet Ihr Lother und Maller, sprachen seine Diener, so moechtet Ihr die Christen wohl ueberwinden. – Diese Beiden aber schlugen so kuehnlich, daß Keiner gegen sie zu stechen vermochte. Koenig Pynart kam auf Maller los, den er an seinem Schild wohl erkannte. Boesewicht, rief er, falscher Verraether, daß Du gehangen waerst. Wie durftest Du Schelm es wagen, mich Vetter zu nennen? – Lieber Herr Vetter, sprach Maller wieder, die Vetterschaft verlaeugne ich nimmer. Da rannte Pynart mit seinem Speer gegen ihn und wollte ihn vom Pferde stechen, Maller aber traf ihn mit seinem Speer so hart, daß er ihn durch den Leib stach, davon er vor großem Schmerz auf die Erde fiel. Koenig Helding kam dem Pynart zu Huelfe, sonst haette Maller ihn vollends getoedtet. Vetter, rief Maller, ich will Gott ewig fuer den bitten, der Euch vom Pferde stach. – Ach weh mir, sagte Koenig Pynart, was habe ich fuer eine boese Verwandtschaft gefunden! – Darauf ward er in sein Zelt zurueckgetragen, wo er den Otto nicht mehr fand. Dieser war entflohen, und nach der Lombardei zurueck gelaufen.

Als er heim kam, da fand er den Koenig, seinen Vater,, todt. Das Volk empfing ihn als seinen rechtmaeßigen Herrn, und er ward zum Koenige gekroent. Er that nachmahls seinem Vetter noch vieles Leid, wie man hernach erfahren wird. Er bedachte wenig die große Ehre, die ihm in Lothers Namen widerfahren war, auch daß dieser ihn nie Uebels gethan, obgleich er ihn gar vieles Uebel zugefuegt. Dennoch haßte er den Lother und goennte ihm nie etwas Gutes; schwur auch einen Eid bei Gott, daß, koennte er Lother und Maller einen Schaden thun, er es nie unterlassen wolle. Er hielt auch seinen Schwur, wie man hernach hoeren wird.

Da es nun spaet wurde, da zog Koenig Orschier mit seinem Volke wieder in die Stadt Konstantinopel ein. Als Zormerin das Heer kommen sah, ging sie ihrem Vater entgegen vor dem Pallast; da sie Lothern erblickte, da erschrack sie vor Liebe so sehr, daß sie nicht ein Wort sprechen konnte. Lother, sprach der Koenig, ich gebe Euch meine Tochter, die hier steht. – Herr, das danke ich Euch gar herzlich, antwortete Lother, und weil Ihr sie mir nun gegeben habt, so erlaubt, daß ich sie umarme. Ging darauf zu ihr, umarmte sie und kueßte sie mit großer Wonne. Nahm sie dann in seine Arme und sprach: Geliebte Frau, danket meinem Gesellen Maller, der hat mich erloest von den Heiden. Er hat um meinetwillen gethan, was nie ein Mann um des andern willen je that. Geliebter Herr, sprach Zormerin, waeret Ihr gestorben, kein groeßer Leid koennte mir nie geschehen.

Darauf gingen sie allesammt in den Saal, und jeder legte seine Waffen ab und saßen nieder an den Tisch. Orschier ließ Lother neben Zormerin sitzen, und seinen Gesellen Maller bei ihm, da sie gegessen hatten, da fing Maller an zu erzaehlen, wie er den Koenig Pynart ueberredet haette, er sei sein Vetter, und alles was ihm auf dem Zuge begegnet, Wort fuer Wort. Darueber fing Koenig Orschier an zu lachen und alles Volk lachte sehr.

Das zehnte Kapitel

Die Belagerung von Konstantinopel dauerte wohl schon an zwei Jahre, waehrend denen es manchen Streit und manchen Sturm gab, worin viel gute Maenner, sowohl Ritter als Knechte, ihr Leben ließen. Lother und Maller verhielten sich so kuehn und tapfer und fromm, daß sie viel Ehre erwarben und jedermann sie lieb gewann. Oft rannten sie beide heimlich, allein von ihren Gesellen und Rittern begleitet, hinaus in das feindliche Lager, und thaten da den Heiden großen Schaden. Die Heiden hatten mehr Schaden durch Lother und Maller, als von allen andern Soeldnern zusammengenommen. Darum bedauerten sie es immer mehr, daß ihnen die Beiden aus den Haenden gegangen waren, da sie sie schon in ihrer Gefangenschaft hatten; schwuren auch bei Mahomet, weder Lother noch Maller ueber Nacht leben zu lassen, wenn sie einen von ihnen erhaschen koennten.

Zormerin war aber sehr aengstlich, daß Lother so oft hinausritt. Sie bat ihn gar freundlich, er moechte sich doch nicht so sehr gegen die Heiden wagen; sie toedten Euch gewiß, sprach sie, denn sie hassen Euch und Maller mehr als die andern Alle. – Gott wird mich beschuetzen, geliebte Zormerin, sprach Lother; ich bin hier, um Abentheuer zu suchen, so muß ich sie denn auch nicht vermeiden; soll ich mich nicht an den falschen Heiden raechen? – Ich wuenschte, sagte Zormerin, daß Ihr es um meinetwillen ließet, mir zu Liebe. – Geliebte Frau, um Eurentwillen will ich alle Unthat lassen, aber jede ehrliche That vollbringen.

Das elfte Kapitel

Nach drei Monathen, als Koenig Pynart von seinen wieder genesen war, da kam seine Tochter Synoglar und brachte wohl noch fuenfzehntausend Gewaffnete in ihrem Gefolge. Synoglar war die schoenste Heidin ihrer Zeit; Pynart war voller Freude, als er sie sah, er lief auf sie zu, herzte und kueßte sie, und dankte ihr vielfaeltig, daß sie ihm zur Huelfe kaeme. Liebe Tochter, sprach er, laengst schon haette ich Konstantinopel gewonnen, waere nicht ein junger Ritter darin, er heißt Lother, des Koenigs Sohn von Frankreich. Einen schoenern Juengling giebt es nirgend; wollte er seinen Gott verlaeugnen und an Mahomet glauben, so gaebe ich ihn Dir zum Gemahl. Er ist der schoenste und dabei der tapferste Mann, der je auf ein Pferd gesessen, er hat mich zwoelfmahl niedergeworfen; haette ich ihn in meiner Gewalt, ich ließe ihn nicht eher, und draengte ihn so lange, er mueßte an Mahomet glauben, dann wuerdest Du sein Weib. – Von dieser Rede ward Synoglar in Liebe entbrannt gegen Lother. Sie dachte in ihrem Herzen: nimmer werde ich wieder froh, ich habe dann Lother von Frankreich gesehen.

Koenig Helding stand dabei und hoerte die Reden des Koenigs Pynart. Er liebte die Prinzessin schon seit langer Zeit, und Pynart hatte sie ihm jederzeit versprochen, darum trat er jetzt vor und sagte: Edler Koenig, ich habe Euch hunderttausend Mann gebracht, sie sind auf meine Kosten in Euerm Dienst, und will Euch auch nicht verlassen, bis wir die Stadt eingenommen. Das geschieht um Eurer Tochter willen, die Ihr mir zugesagt habt; wenn ich aber weiß, daß Ihr sie mir nicht geben wollt, so wollte ich morgen des Tages mit meiner Mannschaft aufbrechen, wieder heim in mein Land zu reiten. – Bei Mahomet, antwortete Pynart, lieber Helding, das hatte ich ganz vergessen; wohlan, koennt Ihr mir Lother und Maller in meine Haende geben, so sollt Ihr meine Tochter haben. Koenig Helding sagte ihm dieses zu; ihm waere aber besser gewesen, er haette dieß nicht gethan.

Ich habe etwas erdacht, sprach Synoglar, wodurch Ihr sicher einen von den beiden in Eure Hand bekommt, ehe noch die Sonne untergehet. – O sagt mir das, sprach Helding, denn ich will nie Ruhe haben, bis ich es ausgefuehrt. – So waffnet Euch, sprach Synoglar, setzt Euch zu Pferd, nehmt Eure Lanze und laßt mich geschmueckt und reich geziert, wie es einer Koenigstochter zukoemmt, auf einem andern Pferd Euch zur Seite reiten. So wollen wir hin zu den Graben an der Mauer. Ist Lother nun so ein Held, als mein Vater von ihm ruehmet, und er sieht Euch mit mir freundlich zusammen sprechen, so koemmt er sicherlich heraus, denn schoene Jungfrauen pflegt man gern zu sehen, und wessen Mannes Herz zu schoenen Frauen nicht Liebe hat, der ist wohl nimmer ein Held im Streite. Bei Mahomet, ich weiß gewiß, wenn Lother mich so schoen und trefflich geschmueckt erblickt, so koemmt er sicher heraus, und sollte es sein Leben kosten. Wenn Ihr dann gegen ihn streitet, so will ich Euch mit meinem Dolch wohl zu Huelfe kommen und ihn damit in den Ruecken stechen, bis wir ihn ueberwunden haben. – Wenn Ihr mir helfen wollt, sprach Koenig Helding, so gehe ich mit Euch bis in den Tod. Ich gehe jetzt mich zu waffnen, geht auch Ihr und bereitet Euch.

Als er geruestet war, und Synoglar koeniglich geschmueckt, da ritten sie hinaus aus dem Lager auf einen Huegel, einen Bogenschuß weit von der Stadt, und als sie sich auf diesem Huegel umsahen und niemand im Thale erblickten, da ritten sie ganz nahe zur Stadtmauer hin. Nun sehet zu, sagte Helding zu Synoglar, daß Ihr den Dolch nicht vergesset, wenn ich in's Gedraenge mit Lother komme. Er wird herreiten zu uns, sobald er Euch gewahr wird, deß bin ich gewiß, denn einen kuehnern Ritter gab es nie und nie einen schoenern Juengling. Euer Vater hatte ihn gefangen, da erloeste ihn Maller, sein Geselle, mit großer List. Waere er nicht so hinweg gekommen, so haette Euer Vater ihn dennoch nicht getoedtet, sondern ihn an seinem Hof behalten, um seiner Schoenheit und Tapferkeit willen. Als Synoglar den Ritter so von seinem Feind ruehmen hoerte, da gewann sie ihn im Herzen immer lieber. Ach dachte sie in ihrem Sinn, moechte doch der Juengling erst herauskommen, und gewiß kommt er, da er so ein gar kuehner Held ist; wenn er dann Helding ueberwunden hat, so will ich mit ihm gehen, will Mahomet verlaeugnen und will der Christen Glauben annehmen. Wie koennte mir wohl ein besserer Mann, ein schoeneres Glueck werden als mit diesem Helden. Helding meint, ich sollte ihm helfen; aber verflucht will ich sein, wenn ich meine Hand gegen den schoenen Juengling aufhebe! – Woran denkt Ihr, schoenes Fraeulein? fragte Helding. – Laßt uns nun, sagte Synoglar, nahe zur Mauer hinreiten, dort ruft mit lauter Stimme, Ihr habet Eure Liebste hier, waere Lother von Frankreich der tapfre Ritter, so kaeme er heraus, sie Euch abzugewinnen. Vergesset Euer Messer nicht, sagte Helding. – Sorgt nicht dafuer, antwortete Synoglar.

Da rief Helding mit lauter Stimme: Wo bist Du, Koenig Karls Sohn? Komme heraus, gewinne mir meine schoene Liebste ab! – Die auf der Mauer waren, die gingen es dem Lother zu sagen. Er stieg auf die Mauer und sah den Heidenkoenig mit der schoenen Jungfrau. Lother von Frankreich, rief Helding, komme heraus, eine Lanze mit mir zu brechen, wenn Du Muth hast, um dieser schoenen Jungfrau willen! – Wer ist die Schoene, fragte Lother, die so koestlich geschmueckt ist? – Sie ist Koenig Pynarts Tochter; ihr Vater hat sie mir gelobt, aber ich darf sie nicht eher zu meiner Hausfrau nehmen, das habe ich ihrem Vater versprochen, bis ich Dich, oder Deinen Gesellen Maller erschlagen habe. Darum bin ich hergekommen, daß ich mit Dir kaempfe, Leib gegen Leib, wenn Du anders so kuehn bist, es gegen mich zu wagen. – Erwarte mich hier, antwortete Lother, ich will mich waffnen. – So spute Dich, rief Helding.

Lother ging eilends nach dem Pallast, hier fand er Koenig Orschier und Maller. Er legte ihnen die Sache vor, wie der Heide gekommen sei, mit ihm eine Lanze zu brechen, und wie er es angenommen habe. Das ist mir leid, rief Orschier erschrocken. – Herr, sagte Maller, ich will hinaus und mit ihm fechten; es ist nicht gut, daß Ihr hinausgeht. – Das leide ich nimmermehr, sprach Lother, bringe meinen Harnisch her, und helfe ihn mir anlegen. Zormerin, die es erfuhr, kam herzu eilends, und weinte sehr. Sie bat Lothern mit freundlichen Worten, daß er doch nicht hinaus reiten moechte; Lother aber ließ sich auch von ihr nicht abhalten, sondern nahm von ihnen Urlaub, und ritt hinaus vor die Stadt.

Als Helding ihn kommen sah, sprach er zu Synoglar: Nun sehet den, der Euch wohl verhaßt sein darf. Dieß ist der Lother von Frankreich, der Euern Vater zwoelfmahl im Streite hat ueberwunden, und ihm viel der Mannschaft erschlagen hat; ich bitte Euch, Fraeulein, Ihr moeget des Dolches nicht vergessen, wenn ich in's Gedraenge mit ihm komme. – Koenig Orschier, Maller und Viele andre Ritterschaft standen auf der Mauer, dem Streite zuzusehen, auch Zormerin ging hinauf und weinte sehr.

Hier bin ich, rief Lother, als er zu Helding kam, und bin bereit mit Dir zu rennen, gewinnst Du, so fuehrst Du mich mit Dir, ueberwinde ich aber Dich, so fuehre ich die schoene Jungfrau mit mir. Ich werde um desto muthiger fechten, da es eine schoene Jungfrau gilt. – Ich achte Deiner hohen Worte nicht, sagte Helding; solche Worte, waeren sie auch noch so groß, fuehren keinen Streich aus. Lother nahm seinen Speer, so that auch Koenig Helding, und nun rannten sie frisch gegen einander. Heldings Speer zerbrach, und er ward von Lother so getroffen, daß er vom Pferde fallen mußte. Synoglar lief hinzu und rief: Wie ließest Du Dich, Du falscher Mann, so bald herabstechen! Verflucht seiest Du bei Mahomet! Meinen Leib sollst Du sicher nie gewinnen. Bei diesen Worten zog sie ihren Dolch und wollte ihn damit erstechen, aber Lother verhinderte sie daran, und sprach zu Helding: Sitzt wieder auf, Herr, denn zu Fuß mag ich nicht mit Euch streiten. Helding setzte sich wieder auf sein Roß, ritt auf Lothern zu und schlug nach ihm, Lother deckte sich mit seinem Schild, so daß Helding eine Hand breit von dem Schild herunter schlug. Lother schlug wieder nach ihm, und traf eine Achsel, so daß sein Blut herabfloß. Deß war Synoglar im Herzen froh: Lieber Herr, rief sie Lothern zu, habt kein Mitleiden mit dem Lecker; wenn Ihr ihn erschlagt, so will ich aus Liebe zu Eurer Heldenkuehnheit mit Euch reiten, Mahomet verlaeugnen, und der Christen Gott verehren, sammt der Mutter, die ihn getragen. Das hoerte Lother und freute sich. Er und Helding schlugen frisch auf einander, und fuehrten beide gar harte Streiche gegen einander. Endlich schlug Helding so auf Lothers Pferd, daß es todt niederfiel; Lother sprang wieder auf, verwundete Helding in der linken Seite, und sprach: Steig von Deinem Pferde ab, oder ich toedte es. – Ich will absteigen, sprach Helding, wenn Du mir so lange nichts thun willst, bis ich abgestiegen bin. – Lother stand, und sagte: Steig sicher ab, ich thue Dir eher nichts. – So bin ich sicher vor Dir, sprach Helding, denn ich bin nicht Willens, eher abzusteigen, bis ich in meinem Zelt bin. Mahom empfohlen! Ich lasse Dir meine Liebste, Fraeulein Synoglar, die gar uebel an mir gehandelt hat. Ich will mir meine Wunden verbinden lassen, denn ich bin sehr verwundet. Damit wandte er sich und ritt schnell fort; Synoglar blieb allein bei Lother. – Du hast ein verzagtes Herz, Du falscher Heide, rief dieser ihm nach, ich haette es nicht von Dir gedacht.

Lother nahm Fraeulein Synoglar freundlich in seine Arme, und fragte sie: Schoene Jungfrau, begehrt Ihr der Taufe von ganzem Herzen? – Ja wohl, antwortete sie, von ganzem Herzen. Lother setzte sich auf ihren weißen Zelter, und sie setzte sich hinter ihn, und waehrend sie nach der Stadt ritten, redeten sie gar freundlich mit einander. Lieber Herr, sagte sie, ich hoerte so viel von Eurer Tapferkeit und Schoenheit reden, daß ich es nicht unterlassen konnte, ich mußte Euch sehen. Mein Vater hatte mich dem Helding zum ehelichen Weibe zugesagt, wenn er Euch und Maller ueberwinden, und in seine Haende liefern wuerde. Da machte ich die Erfindung, daß Helding herreiten und mich mit sich nehmen mußte, damit ich Euch nur zu sehen bekaeme. – Lother antwortete mit Lachen: Dafuer mueßt Ihr Dank haben, schoene Synoglar, daß Ihr so schoene Erfindungen koennt ersinnen. Helding haette wohl kuehner streiten sollen, er sollte sich billig schaemen, daß er sich eine so schoene Jungfrau so leicht abgewinnen ließ.

Das zwoelfte Kapitel

Koenig Orschier, Maller und die ganze Ritterschaft ihnen entgegen, und empfingen Lother sehr ehrenvoll. Zormerin aber ging ihm nicht entgegen, sie betruebte sich, daß er eine andre Jungfrau fuehrte, und meinte, er wuerde diese nun mehr lieben als sie. Sie ging trauernd in ihre Kammer, und ließ Scheidechin zu sich kommen. – O liebe Scheidechin, rief sie weinend, warum mußte ich Lothern je sehen, warum mußte ich solche Liebe zu ihm tragen, und ihm mein ganzes Herz geben? Ich habe ihm viel Liebes gethan, aber nun verlaeßt er mich, einer Heidin zu gefallen. Schoen ist sie, und eine Koenigstochter, so gut als ich, und das Neue liebt man ja immer mehr als das Alte! Ach liebe Scheidechin, so habe ich nun an dem heutigen Tage den verloren, den ich so vom Herzen liebe! – Liebes Fraeulein, sprach Scheidechin, dafuer halte ich Lothern nicht; er ist gewiß der treueste Mann unter der Sonne; auch ist er viel zu weise und verstaendig; er weiß ja wohl, daß er durch Euch so viel Gutes und solche Ehre genießt, darum bin ich gewiß, daß er nie etwas thun wird, was Euch Leid oder Betruebniß macht. Hat er eine schoene Jungfrau mit dem Schwerte gewonnen, so ist er darum viel Lobes und großer Ehre werth. Ich weiß gewiß, er tauft sie, und gibt sie dann der Gesellen einem. Sollte es sich auch zutragen, daß er einen oder ein paar Monathe bei ihr waere, so ist ihm das erlaubt, weil er noch ledig ist. Sie kaeme damit wohl in Schande, und Ihr bleibet dennoch die Frau.

Nein, rief Zormerin aus, ich will es nicht verschweigen, ich will Mallern meine Noth klagen. – Scheidechin ging hinaus, rief Maller zu ihrem Fraeulein; er ging sogleich mit ihr hinein. O Maller, sprach Zormerin, die Frau, welche ihren Sinn auf einen Mann setzet, die handelt thoericht! Lother verlaeßt mich um einer Heidin Willen, das koennt Ihr jetzt wohl sehen; nie ist er noch von einem Streit gekommen, oder er kam sogleich zu mir in meine Kammer, aber dießmahl koemmt er nicht. Er hat mich vergessen, obgleich ich ihm so viel Gutes gethan. Verflucht sei die Stunde, da ich ihm aus seiner Armuth half, verflucht das Hemde, das Du fuer ihn wuschest, und verflucht der Brunnen, dazu meine Ohren, daß sie je Deine Worte hoerten! – Liebes Fraeulein, klagt nicht so stark meinen Herrn an, er ist fuerwahr der treueste Mann in der ganzen Christenheit. Er hat ein heidnisches Fraeulein mit dem Schwert gewonnen, es ist ihm also nicht zu verdenken, daß er so lange bei ihr bleibt, bis sie die Taufe empfangen hat; seid ueberzeugt, sobald sie getauft ist, giebt er sie seiner Gesellen einem. Wenn Ihr erlaubt, so will ich mit Lother davon sprechen, denn es waere nicht gut, daß Ihr etwas gegen ihn zurueckhieltet. Ich weiß gewiß, Ihr findet keine Untreue in meinem Herrn! Maller beurlaubte sich hierauf von ihr, und sie blieb in ihrer Kammer.

Zormerin war in Liebe entbrannt. Welches Menschen Herz die Liebe entzuendet, dem wird es an Sorge niemahls fehlen. Sie schickte Scheidechin zu Lother, und ließ ihn rufen, er kam alsobald, nichts Arges denkend. Lother, redete sie ihn an, mag Euch an mir nicht genuegen, daß Ihr auch noch Koenig Pynarts Tochter habt genommen, und sie mehr liebt als mich? – Nie begehrte ich Koenig Pynarts Tochter, antwortete Lother, und nie kann ich eine andere Frau so lieben, als ich Euch liebe, und habe auch keine andre so geliebt. Er nahm sie hierauf in seine Arme und kueßte sie gar zaertlich, und setzte sich neben sie auf ihr Bette. Da kam Koenig Orschier wohl mit sechs Rittern, von ihrer Verwandtschaft, in die Kammer; sie hatte es so mit ihnen verabredet, noch ehe sie Lothern rufen ließ. Als nun der Koenig die Beiden nebeneinander liegen sah, da sprach er: Fuerwahr, Herr Lother, Ihr eilt sehr! Wollt Ihr, nachdem Ihr Euern Willen an meiner Tochter veruebet, nun nach Frankreich zurueckreiten, und sie in Schande und mich in Betruebniß setzen? Aber bei Gott, der mich erschaffen hat, so Ihr nun meine Tochter nicht ehelicht, so will ich Euch wohin legen, wo Ihr nimmer wieder an das Tageslicht kommt. – Lother sprang auf, und sprach: Edler Koenig, was ich mit Eurer Tochter gethan habe, das sei mir wohl erlaubt, denn Ihr habt sie mir verlobt und mir zugesagt, ich solle sie nach dem Kriege vor den Altar fuehren. Doch gefaellt es Euch, daß dieses jetzt geschieht, so kann ich mir nichts Gluecklicheres wuenschen, und ich bin sogleich von Herzen dazu bereit. – Das freut mich, sprach der Koenig, wir wollen die Sache nicht laenger verschieben, und morgen frueh sollt Ihr in der Kirche zusammengegeben werden. – Lother war voller Freude darueber, er haette lieber gesehen, daß es gleich den Augenblick geschaehe, als daß es noch bis den andern Tag waehrte, denn so konnte Zormerin nicht nach ihm sich sehnen, als ihn nach ihr verlangte.

Des andern Morgens gab der Bischof Lother und Zormerin zusammen in der Kirche, und segnete sie ein, deß freueten sie sich Beide von ganzem Herzen, denn sie liebten sich gar sehr. Zu gleicher Zeit ward auch Maller mit der Jungfrau Scheidechin vermaehlt. Als sie aus der Kirche kamen, da gingen sie zu Tische; jedermann war froehlich, die Buerger in der Stadt bezeigten allgemein eine sehr große Freude, daß sie einen so tapfern Herrn haben sollten. Nach der Tafel begann ein großes Stechen und Rennen, den Herren und der Ritterschaft ward koestliche Ehre erzeigt, in allen Stucken, ein jeder that das Beste, und bemuehte sich, einen Dank zu verdienen. Lother und Maller rannten und turnirten den ganzen Tag, und stachen manchen stolzen Ritter nieder; niemand durfte gegen sie die Bahn halten, oder gegen sie rennen. Maria, Mutter Gottes, sprach Koenig Orschier, was sind diese Beiden starke Helden! Sie allein machen den andern die Bahn zu enge; meine Tochter ist sicherlich wohl versorgt, und es ist auch ein schoenes Paar, schoenere Eheleute moechte man schwerlich finden. Seine Diener, die Herren und die Ritterschaft insgesammt gaben dem Koenig Orschier dieß gar gern zu. Alles war voll Lust und Froehlichkeit, ausgenommen Synoglar; diese war sehr betruebt, da sie ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt hatte, Lother sollte sie zur Frau nehmen. Lother ging zu ihr und troestete sie auf's Beste. Liebes Fraeulein, sprach er, trauert nicht, Ihr sollt gut versorgt werden. Bleibt bei meiner Hausfrau, bis ich Euch einen reichen und edeln Gemahl zufuehre. – Ich danke Euch, Herr, antwortete Synoglar, meine Hoffnung ist zerronnen, nun muß ich mich der Geduld befleißen.

Das dreizehnte Kapitel

Als die Feierlichkeiten alle zu Ende gebracht waren, in großer Froehlichkeit, da ruesteten sich die Christen mit frischem Muthe, fielen auf das heidnische Heer hinaus, und kaempften so tapfer den Tag, daß die Heiden alle erschlagen wurden, auch Koenig Pynart und Helding mußten ihr Leben lassen. Was sich retten konnte, das entfloh, und raeumte das Land. Die reichen Gezelte, und viel herrliches Geraethe, Geld und Gut, ward den Christen zur Beute. Den Tag wurden viel hunderttausend Heiden erschlagen, doch mußte auch viel Christenblut vergossen werden, denn die Heiden hatten tapfer gestritten.

Lother blieb noch in Konstantinopel, bis die sieben Jahre um waren, waehrend denen sein Vater, Koenig Karl, ihn verbannt hatte; dann sprach er zu Zormerin, wie er wuensche, nach Frankreich zurueckzukehren, um sie seinem Vater vorzustellen. Zormerin war dieß auch gleich zufrieden. Lother ging zu Koenig Orschier, und bat ihn um Urlaub, mit seiner Tochter nach Frankreich ziehen zu duerfen, da seine Verbannungsjahre um waren. Ich will Euch das wohl erlauben, sprach Orschier, nur mueßt Ihr mir versprechen, wieder nach Konstantinopel zu kommen, wenn Ihr Euern Vater gesehen habt; darum bitte ich Euch gar freundlich, denn nach meinem Tode sollt Ihr mein Reich regieren, und sollt Kaiser von Konstantinopel sein. – Lieber Herr, sprach Lother, ich will, noch ehe ein Jahr vergangen ist, wieder bei Euch sein.

Sie machten sich alle reisefertig; Lother und die schoene Zormerin, ihr geliebtes Fraeulein Scheidechin, mit Maller dem treuen Gesellen, nebst all ihrer Ritterschaft, nahmen Abschied von dem Koenige Orschier, der seiner Tochter den Segen gab. Er sah sie nicht eher wieder, bis sie große Leiden erfahren hatte, und allesammt machten sich auf den Weg, begleitet von wohl hundert Bewaffneten. Als sie nach Rom kamen, erzeigte der Papst ihnen viel Ehre, und sie blieben vier Tage lang daselbst. Da erfuhr Otto von einem Spion, daß Lother mit seiner Gemahlin, wie auch Maller und die uebrigen auf der Reise nach Frankreich seien, und wie sie ihren Weg ueber Pavia nehmen wuerden. Da ersann Otto die groeßte Verraetherei, die jemahls ist erhoert worden; er versammelte naehmlich zwanzigtausend Gewaffnete und ließ damit alle Wege besetzen, auf welchen Lother mit den Seinigen kommen konnte.

Herr, sagte Maller, laßt uns lieber nicht ueber Pavia reisen, oder uns wenigstens gehoerig ruesten und wohl waffnen, weil Otto, dem Schalk, der nun Koenig von Pavia geworden, nicht gut zu trauen ist. Lother gab ihm hierin Recht, und sie waffneten sich allesammt. Sie wurden aber von einem Spaeher bemerkt, der von Otto war hingeschickt worden, um sichre Kundschaft von Lother und seinem Gefolge zu haben. Der Spion ritt eilends zu Otto zurueck, und brachte ihm die Botschaft, wie Lother und Maller mit ihren Weibern jetzt die Straße heraufgezogen kaemen, und nur sehr wenige Leute mit ihnen; aber sie haben sich alle gewaffnet, so viel habe ich hinter einer Hecke, wo ich mich verbarg, wohl gesehen; darnach richtet Euch Herr Koenig. Bei meiner Treu, sprach Otto, ihre Waffen sollen ihnen wenig helfen, denn ich will so viele Leute ueber sie schicken, daß wohl zehne auf einen von ihnen kommen sollen. Nun will ich mich an ihnen raechen; Lother und Maller sollen an dem Galgen hangen, und Zormerin will ich zum Weibe nehmen. Hiermit ritt er, von seiner Ritterschaft begleitet, in den Wald, wo Lother durch mußte, der auch sehr bald den Weg daher kam. Otto rannte wohl mit fuenftausend Gewaffneten, mit eingelegten Speeren, auf Lother ein, den Gott in seinen Schutz nehmen wolle, weil nun ihm sowohl als seiner treuen Zormerin großes Leiden bevorsteht.

Mit großem Geschrei rannten sie auf ihn zu; Lother von Frankreich riefen sie, Du kommst nicht lebendig durch, hier mußt Du sterben! Und damit liefen sie so grimmig auf sie los, wie Woelfe auf eine Herde Schafe. – Zormerin, als sie dieses sah, sprang sie sogleich von ihrem Wagen herunter, und lief in den Wald ganz allein, und verbarg sich daselbst.

Die Lombarden umgaben ihren Wagen, und suchten sie; sie fanden sie aber nicht, da nahmen sie Scheidechin gefangen, nebst allen ihren Frauen. Lother schlug auf die Lombarden kuehnlich, und wehrte sich als ein Held, aber sein Pferd wurde unter ihm erschlagen, so daß es mit ihm auf die Erde fiel; da umringten sie ihn, und nachdem er viele Wunden erhalten hatte, nahmen sie ihn mit Gewalt gefangen.

Maller erschlug der Lombarden wohl zwanzig an der Zahl, er ward aber schwer verwundet, wohl dreißig Wunden hatte er, deren jede toedtlich war; auch sein Pferd fiel todt unter ihm nieder, und so sank er ohnmaechtig um, und lag wie todt unter den Todten. Lother ward gebunden wie ein Dieb, mit verbundenen Augen nach Pavia gefuehrt. Sein Herz war sehr betruebt, da er sich in der Gewalt des arglistigsten Verwandten befand, und er seufzte tief, als er an Zormerin und Maller dachte, und empfahl sie in Gottes Schutz.

Otto begab sich in seinen Pallast, versammelte seine Raethe und vornehme Ritterschaft, und fragte sie um Rath, was er mit Lothern machen, und wie er sich an ihm raechen solle? Er war zweifelhaft, ob er ihn aufhaengen oder welche Todesart er ihn leiden lassen solle. Da trat einer der Lombarden vor Otto, und sprach: Gnaediger Herr, mich duenkt in meinem Sinn, es waere gar uebel gethan, wenn Ihr Euer eignes Fleisch und Blut so jaemmerlich verderbtet. Dazu ist er der edelste und tapferste Ritter, der jemahls in Euerm Geschlechte geboren ward; habt Ihr auch einigen Verdruß durch ihn gehabt, so hat er doch deshalb den Tod nicht verschuldet. Toedtet Ihr ihn, und Koenig Karl erfahrt es, so gewinnt weder Ihr noch Euer Geschlecht jemahls Frieden, und Ihr mueßtet stets in Furcht vor ihm leben. Darum, Herr, legt ihn in einen Thurm, darinne haltet ihn so hart, als es Euch beliebt; wird Euch jemahls dieser Rath gereuen, so folgt mir niemahls wieder; ist aber jemand an Euerm Hof, dem der Rath mißfaellt, der thue es kund, so will ich mit ihm kaempfen.

Der Lombarde, der dieß sprach, war von einem großen Geschlecht. Er selbst hatte ehedem bei Lothers Vater, dem Kaiser Karl gedient, und war mit ihm gegen Marsilien gewesen, wo er ihm half, den Grafen Ganelon gefangen nehmen, darum mußte Otto seine Worte achten, und dem Rathe folgen. Lother wurde also in einen Thurm gelegt.

Otto schickte nach den gefangenen Frauen, da aber Zormerin nicht gefunden ward, aergerte er sich sehr. Wo ist Euere Frau? fragte er Scheidechin. Herr, antwortete diese, vierzehn Lombarden fuehrten sie fort, so viel ich sahe, ich weiß nicht, woher sie kamen, oder welche es waren, doch besorge ich sehr, sie bringen meine Frau zu Schaden und Unehre. Otto betruebte sich ueber diesen Bescheid, und ließ die Frauen in ein besonderes Gemach fuehren, wo ihnen hinlaenglich Speise und Trank gereicht ward. Lothern wurde auch ein Wundarzt geschickt, der ihm seine Wunden heilen mußte.

Otto schickte darauf Boten herum, so weit als die Lombardei reichte, welche Zormerin suchen sollten; sie ward aber nicht gefunden. Da ward Otto sehr grimmig, daß ihm sein Plan so mißglueckt war, denn ihm war es hauptsachlich darum zu thun gewesen, Zormerin in seine Gewalt zu bekommen.

Lother war jetzt mit Huelfe des Arztes wieder hergestellt, nachdem er viele Schmerzen hatte ausstehen muessen. Aber er betruebte sich und klagte innig um Zormerin, denn er wußte nicht anders, als sie sei in Otto's Haende gefallen. Er klagte mehr um Zormerin als um sich selber.

Das vierzehnte Kapitel

Wir lassen hier Lothern eine Weile, und wenden uns zu Maller, seinem Gesellen. Er erhohlte sich wieder aus seiner Ohnmacht, und als er den Kopf ein wenig in die Hoehe hob und sich umsah, da fand er nichts als Todte um und neben sich. Er kroch mit vieler Muehe unter den Todten hervor, und in den Wald. Hier setzte er sich nieder, und da seine Wunden sehr bluteten, zog er sein Wamms aus, und riß sein Hemde in Binden, damit verband er sich die Wunden so gut als es gehen wollte. Darauf sah er hin und wieder, und erblickte ein Pferd, das aus der Schlacht gelaufen war. Mit vieler Muehe ging er hin zu dem Pferde, setzte sich darauf, und ritt langsam durch den Wald.

Nicht lange war er geritten, als er eine schoene Frau erblickte, die schnell entlief, als sie ihn kommen sah; er ritt ihr nach, aber sie lief nur um desto schneller. Ach fliehet nicht, schoene Jungfrau, rief Maller, so laut er konnte; erwartet mich, ich will Euch nichts thun! – Zormerin war die Fliehende, und als sie Mallers Stimme erkannte, da stand sie still und erwartete ihn. – Ach Maller, bringst du mir Nachricht von meinem Herrn Lother? – Ja, theure Frau, mein Herr ist nach Pavia gefangen fortgefuehrt; ich hoffe aber, Otto ist nicht so kuehn, daß er ihm das Leben nimmt. Hilft mir Gott, daß meine Wunden geheilt werden, so soll der Verraether Otto es mit seinem Koenigreiche bueßen, dahin will ich es bringen. Aber ich nehme jetzt kein Koenigreich dafuer, daß ich Euch, werthe Frau, gefunden habe; wir wollen nach Frankreich gehen, und wollen den Koenig Karl um Huelfe anstehen fuer seinen Sohn, gegen den falschen verraetherischen Otto. Aber ich leide jetzt so große Schmerzen, daß ich immer fuerchte, ich sterbe und komme nicht weiter. – Lieber Gesell, seid getrost, ich will Gott inbruenstig fuer Euch bitten, daß er Euch helfe, und auch meinem theuern Gemahl, und daß er uns raeche an dem falschen Schalk Otto, der uns so viel Leides zufuegt. Wer Uebels thut, der entgeht seiner Strafe nicht, habe ich immer sagen hoeren; darum, lieber Maller, hofft auf Gottes Huelfe.

Zormerin war froh, daß sie Mallern hatte, aber er war sehr krank an seinen Wunden und litt viel Pein. Besonders hatte er eine sehr große Wunde von einem Speer in dem Leib, die verursachte ihm gar bittre Schmerzen. Sie ritten Schritt vor Schritt, und kamen endlich zu St. Bernhard an. Hier gingen sie in eine Herberge, wo sie beinah vier Monathe lang bleiben mußten. Waehrend vierzehn Tagen glaubte Zormerin jeden Tag, daß Maller sterben muesse. Endlich aber ward er besser und nach vier Monathen ging er mit Zormerin wieder hinaus. Alles, was sie besaßen, hatten sie verzehrt, und nun gingen sie arm und barfuß hinweg. Zormerin suchte ihn mit sanften Worten zu troesten, wie sie nun nach Frankreich ziehen wollten, und wie sie auf den Kaiser Karl ihre Hoffnung setzte. Maller troestete sie wiederum, wie sie Lother aus dem Gefaengniß erloesen, und sich an dem verruchten Schalk raechen wollten. So ermunterte und troestete eins das andere, aber ihn ahnete nicht, daß sie keine Huelfe bei seinen Anverwandten finden wuerden.

Das fuenfzehnte Kapitel

Kaiser Karl merkte, daß er sterben muesse; da schickte in seinem ganzen Reich nach allen Herren und seiner ganzen Ritterschaft, bezahlte ihnen alles, was er ihnen schuldig war, dann ging er in die St. Kilianskirche, hier legte er Beichte ab und ließ eine herrliche Messe singen. Wie die Geschichte sagt, so fand der Priester einen Brief auf dem Altar, darin stand eine Suende aufgeschrieben, welche der Kaiser Karl begangen, aber zu beichten unterlassen hatte. Der Priester zeigte den Brief dem Kaiser, der bekannte und beichtete auch alsobald dieselbe Suende, und dankte Gott von ganzem Herzen fuer diese Gnade.

Kaiser Karl starb bald, und sein Sohn Ludwig ward zum Kaiser erwaehlt und gekroent, nachdem er Blancheflure, die Tochter des Grafen von Narbonne, zur Gemahlin genommen hatte. – Koenig Ludwig war noch nicht lange zu Paris, als Zormerin und Maller auch daselbst ankamen. Maller ging sogleich an den Hof vor Koenig Ludwig, der von den Großen und Maechtigen des Reichs umgeben war, unter denen die Brueder seiner Gemahlin waren, denen er große Gueter gegeben, wodurch sie sehr maechtig geworden waren. Maller hatte einen ganz zerlumpten Rock an, und sein ganzer Aufzug war sehr armselig; darum wollte ihn niemand von seinen ehemahligen Bekannten wieder erkennen, und alle verschmaehten und verstießen ihn. Verflucht sei der boese Reichthum, sprach Maller in sich, weil einem reichen Schalk große Ehre angethan wird, waehrend der Fromme, wenn er arm ist, verachtet wird. Ewiger Gott, wie ist es doch so gar verkehrt auf Erden! –

Maller fiel dem Koenig Ludwig zu Fueßen, der eben nicht viel auf ihn achtete, da er ihn in so aermlichem Aufzuge sah. Herr, fing Maller an, mich beduenkt, Ihr wollet mich nicht erkennen, obgleich Ihr mich ehedem sehr wohl kanntet, und ich auch noch sehr viel Verwandte an Euerm Hof habe, nun ich aber arm bin, so erkennt mich niemand. Ich heiße Maller, Koenig Galyens Sohn, bin an Euerm Hof erzogen; mit Eurem Bruder Lother ritt ich hinweg, da sein Vater ihn verbannte. – Lieber Maller, antwortete Koenig Ludwig, ja wohl kenne ich Dich nun; willst Du bei mir am Hofe bleiben, so will ich Dir Gutes thun, und Du sollst wie die andern Diener gehalten sein. – Herr, erwiederte Maller, es waere wunderlich, wenn ich Euch dienen wollte, da ich selber eines Koenigs Sohn bin! – Und indem er in seinem Herzen dachte, welch ein Bruder ist dieß, daß er mich nicht einmahl nach seinem Bruder fragt, von dem ich ihm gesprochen, nicht einmahl fragt, ob er noch lebt, oder ob er todt ist; haette ich einen solchen Bruder, fuerwahr, ich schickte ihn hin, wo er sonst in tausend Jahren nicht hinkaeme; so sagte er: Edler Koenig, wie habt Ihr doch gegen Euern Bruder einen ehernen Sinn! Mich duenkt wohl, Ihr habt gar wenig Liebe zu Euerm leiblichen Bruder, der in Unglueck und Elend gerathen ist, und bei Euerm verraetherischen Vetter in Fesseln schmachtet, waehrend Ihr hier in Ruhe und Frieden Kaiser und Koenig seid. Darauf erzaehlte er dem Koenig Ludwig, wie alles sich mit Lother zugetragen seit seiner Verbannung, und bat ihn, nachdem er alles umstaendlich vorgetragen um Huelfe, daß er den Lother aus der Gefangenschaft rette, und sich an dem ungetreuen Otto raeche. –

Koenig Ludwig haette seinen Bruder gern gerettet und ihm Huelfe geschickt, aber es lebten an seinem Hofe alle die falschen Verraether, die stets Lothers Feinde gewesen waren, diese zogen den Koenig Ludwig bei Seite, Herr, sprachen sie, laßt Euern Bruder fahren, er thut doch nie Gutes. Eure hohe Ritterschaft hat er alle, um der Frauen willen, gegen sich aufgebracht, weswegen Euer Vater ihn auch, wie Ihr Euch noch erinnern moeget, auf sieben Jahre lang verbannte; empfanget Ihr ihn nun wieder an Euerm Hof, so habt Ihr niemahls Ruh und Frieden mit diesen Herren. Bedenkt dann auch, daß Ihr das vaeterliche Erbe mit ihm theilen mueßt; koemmt er wieder, so will er sicher entweder Koenig oder Kaiser sein. – Bey meiner Treu, sprach der Koenig, Ihr sprecht die Wahrheit; Otto wird ihn auch wohl wegen irgend einer Untugend gefangen genommen haben, Maller, fuhr er fort, sich zu diesem wendend, meine Freunde rathen mir, keinen Krieg ins Land zu ziehen um meines Bruders willen. Lother wollte immer nach seinem eignen Sinn leben, er wollte auch meinem Vater nie folgen; darum, hat er nun meinen Vetter Otto beleidigt, so ist es billig, daß dieser ihn dafuer bestraft; obgleich er ihn gefangen hat, so giebt er ihm doch genug zu leben. Ich werde also nimmermehr einen Harnisch anlegen, um ihm aus dem Gefaengniß zu helfen, wo er recht gut ist; meinen Raethen will ich hierin folgen. – Das sind lauter Verraether, rief Maller, die Euch solchen Rat gaben. Jammer ist es, daß Ihr Euerm leiblichen Bruder nicht wollt zu Huelfe kommen; Otto hat ihn verraetherisch gefangen! – Damit kehrte Maller sich um und ging hinaus. Koenig Ludwig rief ihm nach, ob er nicht mit ihm fruehstuecken wollte? Nimmermehr! rief Maller, eher will ich fastend schlafen gehen, ehe ich mit Verraethern essen will! – Das sprach Maller gar kuehnlich; er haette sich um Koenig Ludwigs willen nicht herumgedreht, denn er war eines eben so großen Koenigs Sohn als Ludwig.

Er ging zurueck in seine Herberge zu Zormerin. Frau, rief er voller Zorn, an Ludwig fand ich den ungetreuesten Mann, der da lebt. Er laeßt seinen Bruder in der Noth, und folgt dem Rathe falscher Verraether; moege Gott ihn verdammen dafuer! Ach Gott, ich fuerchte sehr, Lother koemmt wohl nimmer wieder los. – Zormerin weinte. Ach ich Unglueckliche! rief sie, litt jemahls eine Frau, was ich leiden muß? Verflucht sei die Stunde, in der ich geboren ward! – Werthe Frau, fing Maller wieder an, laßt uns wieder nach Konstantinopel zu Euerm Vater gehen. Ich will ihn bitten, daß er der großen Treue gedenke, die Lother ihm geleistet;, daß er dem zu Huelfe komme, der ihn in seiner Noth gegen die Heiden doch auch nie verließ. Ich will dann sehen, ob noch Treue auf Erden zu finden ist.

Das sechzehnte Kapitel

Sie verließen Paris und reisten manchen Tag. Von ihrer Reise sage ich nichts; sie gingen so lange, bis sie wieder in die Lombardei kamen, da gingen sie mit einander zu Rathe, wie sie sich unkenntlich machen wollten, um unerkannt durch das Land zu kommen. Zormerin verkaufte ihren schoenen Pelz, den sie anhatte, und kaufte sich eine Laute dafuer, denn sie konnte gar schoen die Laute schlagen. Maller, der die Kraeuter wohl zu finden wußte, faerbte sich und auch Zormerin das Antlitz und die Haende damit; es konnte kein Mensch sie in dieser Gestalt erkennen. – Maller, lieber Geselle, sprach Zormerin, als sie sah, wie entstellt sie Beide waren, laßt uns nach Pavia gehen, und dort erfahren, ob Lother todt ist oder noch lebt; ich bitte Euch gar sehr darum, denn niemand erkennt uns in dieser Verkleidung. – Weil Ihr denn ein schoenes Handwerk versteht, sagte Maller, so bin ich dieß gern zufrieden: Ihr koennt mit Euerm Lautenspiel so viel verdienen, als wir noethig haben, um nicht Hungers zu sterben. Auch kleiden soll mich Koenig Otto noch dazu; ich will sagen, ich sei Euer Gemahl, Ihr sollt Maria heißen und ich will mich Dietrich nennen. – Das ist recht, sprach Zormerin, und nun nur schnell, so eilend als moeglich nach Pavia, daß wir von Lother hoeren.

Unterdessen, daß diese so wanderten, lag Lother in einem tiefen Thurm; zu essen und zu trinken ward ihm auf Otto's Geheiß genug gereicht. Nun begab es sich am heiligen Pfingstfeste, da man Koenig Otto ein neues Gewand brachte, und er es anlegen wollte, fand es sich, daß es um eine Hand breit zu lang war. Da er nun den Schneider, der es gemacht hatte, sehr schalt, da sprach einer der Kammerdiener: Herr, Ihr habt seit langer Zeit schon Lothern von Frankreich in Eurer Gefangenschaft, und er ist seitdem noch nicht neu gekleidet worden. Er ist von hoher Geburt und Euer naechster Verwandter, darum waere es wohl schicklich, Ihr schicktet ihm das Gewand, zumahl es Euch zu lang ist; ihm wird es aber ganz recht passen, da er viel laenger ist als Ihr seid. – Es mag sein, sprach Otto, geh, bringe es ihm.

Der Kammerdiener ging mit dem Gewand zu Lothern, den er sehr betruebt in dem Thurm liegend fand. Der Diener grueßte ihn und redete ihn freundlich an: Mein Herr, der Koenig Otto sendet Euch dieß Gewand, Ihr moechtet es anlegen. Lother stand auf, zog es an, und es paßte ihm trefflich. Da entfuhr dem Kammerdiener ein unvorsichtiges Wort, das er nachmahls wuenschte, nicht gesagt zu haben. Er sagt naehmlich: Herr, das Kleid ist Euch so ganz anpassend, als ob es fuer Euch gemacht waere, meinem Herrn, dem Koenige, war es etwas zu lang. – Was heißt das? rief Lother, werde ich so in der Welt verachtet, darf Otto mir schicken, was ihm nicht paßt? O muß ich dieß erleben! Weh mir! bin ich denn so verflossen, so will ich nicht Essen oder Trinken mehr je verlangen! – Zog damit das Kleid wieder aus, schnitt und riß es in kleine Stuecke entzwei, und trat mit Fueßen auf die Stuecke. Geh nun, sagte er dem Kammerdiener, sag dem Thurmhueter, ich will weder essen mehr, noch trinken, ich will nicht laenger leben, daß mir niemand etwas bringe! – Dem Kammerdiener that es sehr leid, so gesprochen zu haben; er ging traurig zum Koenig Otto und erzaehlte ihm den Verlauf, auch alles, was Lother geredet hatte. Da fing es dem Otto an ein wenig zu erbarmen, und es that ihm sehr leid, daß der Kaemerer das gesagt hatte.

An demselben Tage kamen Zormerin und Maller zu Pavia an. Sie gingen auch sogleich an den Pallast, und fragten den Thuersteher: ob es erlaubt sei, vor dem Koenig zu spielen und zu singen, dann sollte er sie hinauf in den Speisesaal fuehren. Der Pfoertner wollte Scherz mit Zormerin treiben, und ihr um den Hals fallen, aber sie wehrte sich und gab ihm einen so kraeftigen Stoß, daß ihm zwei Zaehne ausfielen. Nun ward der Pfoertner falsch, und wollte sie nicht hinauf lassen. Dieß sah ein Ritter, der nahm sich ihrer an, und fuehrte sie Beide grade hinauf in den Speisesaal, wo der Koenig mit dem ganzen Hof, vielen Rittern und auch viel schoenen Frauen an der Tafel saß. Otto dachte es wohl nicht, daß Zormerin und Maller ihm so nahe waeren; haette er sie unter dieser Gestalt errathen koennen, er wuerde Maller ohne Gnade haben toedten lassen, denn diesen haßte er ganz besonders. Zormerin und Maller gingen an die Seite, wo sie die andern Spielleute sahen, und setzten sich bei ihnen nieder. Maller langte sogleich nach der Schaale mit Wein, und trank sie auf einen Zug aus. Gott helf Dir, sprachen die Pfeifer, wir sehen wohl, Du bist unser einer. Als die Mahlzeit halb vorbei war, standen die Spielleute auf, einer pfiff, der andre orgelte, so daß jedermann sein Spiel trieb. Dann nahm Zormerin ihre Laute, und spielte darauf so sueß und wohl, daß sie Otto stets ansah, ohne daß er sie doch erkannte. Ihr Lautenspiel gefiel ihm so wohl, daß er die andern Spielleute alle schweigen hieß, und nur ihr allein zuhorchte; sagte auch zu einem der Diener: Laß die Lautenspielerin reich begaben, weil sie mich so wohl ergetzt hat, daß sie auch von mir nicht sagen koenne, ich sei karg oder unbemittelt. Diese Leute wandern mehr ueberall umher, als andere, wenn sie dann anderswo hinkoemmt, so mag sie auch meinen Hof ruehmen.

Edler Herr, sprach einer der Ritter, Ihr moegt wohl diese Spielleute begaben, damit sie Euer Lob an andern Orten preisen; gedenkt doch aber auch in solcher Stunde Euers Vetters Lother, der in Euerm Thurm gefangen liegt. Er ist Euer naechster Anverwandter, und wenn es nach dem Recht geht, so muß er Kaiser zu Rom werden. Ich habe gehoert; Euer Kammerknecht habe ihn sehr betruebt, um eines Rockes willen; Ihr solltet billig das nicht zugeben, gnaediger Herr, daß er nun so erbaermlich verderbe. Mein Rath ist, Ihr schickt ihm gute Speise und Trank, laßt ihn sagen, er solle gutes Muthes sein, seine Sache wuerde noch wohl besser werden, Ihr wuerdet Euch mit ihm aussoehnen. Es waere auch wohl gut, Ihr schicktet die Lautenspielerin zu ihm in den Thurm, vielleicht, daß sie ihn ergetzt, und er wieder Muth fast; ich weiß gewiß, er wird es Euch danken. – Es mag sein, sagte der Koenig, und rief einen seiner Diener. Nimm Speise und Wein, sagte er, trage es meinem Vetter in den Thurm. Dann befahl er auch Zormerin, sie sollte ihre Laute nehmen und mit dem Diener gehen zu einem Gefangenen in den Thurm, dem sollte sie auf ihrer Laute vorspielen, und ihn ergetzen. Ich will Euch eine gute Gabe dafuer geben, sprach er. – Herr, was Ihr mir gebietet, das thue ich sehr gern, sagte Zormerin, und daran sagte sie gewiß die Wahrheit, denn keine noch so große Gabe haette sie froher machen koennen, als daß sie den geliebten Gemahl sehen sollte. Ihr Herz klopfte sehr vor großer Freude und Erwartung; so auch dem treuen Maller, der sich nur fuerchtete, man moechte ihnen die große Freude anmerken.

Sie gingen mit dem Kammerdiener, der die Speisen trug; als sie in den Thurm kamen, fanden sie Lother sehr krank auf dem Bette liegend. – Nehmt die Speisen wieder mit hinaus, sprach er, ich mag weder essen noch trinken. Hat Koenig Otto mir diese Spielleute aus Spott geschickt? Er weiß es sehr gut, daß mich dieß nicht ergetzen wird. Geht wieder hinaus mit Euerm Spiel, gute Frau, mich wird es nicht ergetzen. Zormerin sagte darauf zu dem Kammerdiener und dem Thurmhueter: Lieben Freunde, geht Ihr nur hinaus, und schließt mich hier ein bei dem Herrn; ich will so sueß spielen, daß es ihm doch ergetzen soll, dazu will ich ihm so sueße Worte sagen, daß er mit Freuden jeden Heller mit mir theilen soll. Ueber diese Rede lachten der Kammerdiener und der Thurmhueter, sie meinten, Zormerin sei eine Corinne. – Lother war erstaunt als er sie reden hoerte, doch konnte er weder sie noch Maller erkennen. Zormerin fing an zu spielen, der Diener ging hinaus sammt dem Thurmhueter, und ließ die Beiden allein bei dem Gefangnen. Als Zormerin ueberzeugt war, daß die Beiden weit genug entfernt, und alle Riegel und Schloesser zu waren, da fiel sie Lothern um den Hals, und weinte, und kueßte ihn wohl tausendmahl. O Lother, kennst Du Deine treue Zormerin nicht? Hier ist auch Maller, Dein Geselle; um Dich zu sehen, haben wir uns so verkleidet. Lother fing gar heiß zu weinen an, als er sie erkannte, und drueckte beide an sein Herz, umarmte und kueßte sie unzaehligemahl. Kuesset mich, lieber Herr sagte Maller, denn ich habe Euch lieber, als alle Eure Freunde Euch haben. Euer Vater ist todt, und Euer Bruder Ludwig ist zum Koenig gekroent; dieser folgt aber Euern verraetherischen Feinden, so daß Ihr bei ihm keinen Trost suchen duerft. Es kuemmert ihn gar nicht, daß Ihr hier gefangen liegt. Eure Hausfrau und ich, wir waren zu Paris, und da ich so ueblen Trost von Euerm Bruder erhielt, so habe ich sie hierhergefuehrt, damit wir erfuehren, wie es mit Euch steht, ob Ihr todt oder lebendig seid. Dann will ich sie nach Konstantinopel zum Koenig Orschier fuehren, wir wollen mit ihm reden, daß er Pavia belagere, und Otto verderbe, Koenig Orschier muß Euch helfen, wenn er bedenkt, wie Ihr ihn gegen die Heiden unterstuetztet. Und nun, lieber Herr, wißt Ihr nichts von Scheidechin, meiner Hausfrau? Ist sie todt oder lebt sie? – Lieber Geselle, sie ist nicht todt, sie ward mit andern gefangen, und in eine andre Stadt gefuehrt, dort ist sie wohl noch. Zormerin, Du geliebtes Weib, wir haben in unsrer Ehe wenig Freude gehabt; moechte Gott uns aus dieser Betruebniß helfen! – Und nun weinten sie Beide heftig, und jammerten sehr. Maller versuchte sie zu troesten. Ihr habt Unrecht, sagte er, daß Ihr Euch so uebel gehabt, ist es Gottes Wille, so mag er Euer Leid bald in Freude verkehren. Ich wollte nur, daß ich Scheidechin, mein liebes Weib bei mir haette, ich wollte mich recht wohl mit ihr ergehen. Ihr solltet Euer Leid billig vergessen, weil Ihr beisammen seid. Ich will ein wenig in das Kaemmerlein gehen, und Euch allein lassen, denn ich gehoere nicht zu Euch in Euern heimlichen Rath. – Geselle, sagte Lother, gebenedeit sei die, welche Dich trug; dieß Wort hieß Gott Dich reden!

Sie waren so lang beisammen, bis sie den Thurmhueter kommen hoerten, der die Thuere aufriegelte, da mußten Lother und Zormerin mit betruebtem Herzen scheiden. Lother kueßte Maller auf den Mund; gehab Dich wohl, getreuer Geselle, arbeite nach besten Kraeften, daß ich aus dem Gefaengnisse komme. – Ja Herr, mein Herz wird nimmer froh, Ihr seid dann aus der Gefangenschaft, und arbeiten will ich so viel als moeglich, das schwoere ich Euch bei allen Heiligen. – Nun kam der Thurmhueter, und hieß sie hinausgehen. Zormerin konnte fast sich nicht entschließen, auch ihre Thraenen kaum zurueckhalten, sehr weh that ihr das Herz, als sie nun hinaus ging und Lothern zuruecklassen mußte. – Koenig Otto ließ Mallern ganz neu kleiden, und Zormerin einen goldnen, reich mit Perlen gestickten Guertel geben; behielt sie dann noch drei Tage an seinem Hof, und ließ es ihnen wohl gehen; dann nahmen sie Urlaub vom Koenig Otto und gingen aus der Stadt Pavia wieder hinaus. Als sie auf das Feld hinaus gekommen waren, da dankten sie Gott, daß sie nicht erkannt worden und ihren geliebten Herrn gesehen hatten, und empfahlen sich und ihn ferner in den Schutz des allmaechtigen Gottes.

Das siebzehnte Kapitel

Sie kamen nun nach Konstantinopel und gingen sogleich in den Pallast vor Koenig Orschier. Als Zormerin ihren Vater sah, konnte sie vor Thraenen kein einziges Wort sprechen. Orschier sah sie an, konnte sie lange nicht erkennen, endlich erkannte er sie. Geliebte Tochter, wo kommst Du her? kaum daß ich Dich wieder erkannte! Wer sah je eine Koenigin in diesem Zustande? Verflucht sei die Stunde, da ich Euch Lothern gegeben! – Da sprach Maller: Davon schweigt, Herr, Ihr habt sie dem froemmsten Ritter gegeben, der auf Erden lebt; und dazu ist er so wohlgeboren, als nie einer aus Euerm Geschlechte geboren ward! Ich bitte Euch, Ihr wollet gedenken der großen Treue, die er Euch bewiesen hat; Ihr wißt wohl, daß, haette er nach Gott nicht gethan, so haetten die Heiden Euch ganz und gar verderbt. Koenntet Ihr seine Treue vergessen, Ihr thaetet fuerwahr groß Unrecht. – Und nun fing er an, und erzaehlte dem Koenig Orschier alles, wie es ihnen ergangen, und wie Lother nun durch die Verraetherei des Otto gefangen in einem Thurm zu Pavia liege; auch wie Koenig Ludwig in Frankreich boesem Rath folge, und seinem Bruder nicht helfen wolle. – Gedenket, edler Koenig, sprach er, wie die Heiden Euch gefangen hatten, und wie mein Herr, Lother, Euch wieder befreite, erbarmt Euch also ueber meinen Herrn, und kommt ihm zu Trost und zu Huelfe. – Darauf antwortete Koenig Orschier: Ich hoere ja von Euch, daß sein leiblicher Bruder von ihm abstehet, warum sollt' ich ihm dann beistehen? warum sollte ich meinem Lande einen so schweren Krieg zuziehen? Ich wuerde ein Gespoette der Welt, wenn ich nicht gewinne, welches doch wohl sein kann. Da sei Gott vor, daß ich solches thue. Meine Tochter will ich besser versorgen, Lothern soll sie nimmermehr wiedersehen, ich will wohl einen reichern Fuersten fuer sie finden, als Lother ist. – Koenig, rief Maller, nimmer werde ich wieder Dein Freund! Wo ich Dir je schaden kann, da will ich es sicher nicht unterlassen, sondern Dir schaden, wo ich kann. Ich schwoere Dir ewige Feindschaft und kuendige Dir Fehde an! – Hiermit stand er auf und ging stracks hinaus.

Da ging er zu Zormerin, die saß trauernd in ihrer Kammer und vergoß viel tausend Thraenen; auch sie hatte ihren Vater fuer Lothern gebeten, aber alles war umsonst. – Was sollen wir nun thun, lieber Maller? rief sie weinend. – Ich gehe jetzt zu meinem Vater, sprach Maller, um ihn um Huelfe fuer Lother zu bitten, dieß ist das letzte, was ich zu thun weiß. – Thut so, lieber Maller, ich will Euch ein gutes Roß geben und einen Mantelsack voll Gold. – Gott wird es Euch vergelten, edle Frau! Nun bitte ich Euch, bleibt fest und getreu. – An mir soll es nicht fehlen; doch ich werde wohl nicht lange mehr leben, denn ich besorge sehr, Lother koemmt nimmer wieder los. – Maller weinte, als er sie so traurig reden hoerte, und nahm Urlaub von ihr, sie ließ ihm das beste Pferd aus dem Stalle geben, und er ritt sogleich zur Stadt hinaus.

Maller war herzlich betruebt. Nimmer, sprach er, als er auf das Feld hinauskam, nein, nimmer will ich rasten, bis ich Euch, theurer Herr, erloest habe. Er wollte jetzt zu seinen Eltern reisen, die er in vielen Jahren nicht gesehen hatte. Er ward als ein Kind von Ogier von Daenemark auf dem Wasser gefunden, als dieser hinaus gegangen war, mit dem Falken Enten zu beitzen; davon erhielt er den Nahmen Maller, der in waelscher Sprache so viel bedeutet, als Enterich im Deutschen. Ogier von Daenemark gab das Kind an Koenig Karl von Frankreich; dieser hatte erfahren, wie der Koenig Galyen sein Kind verloren haette; er dachte also, wie dieses dasselbe verlorne Kind sein muesse, und schickte es dem Koenig Galyen wieder zu. Dieser erzog den Sohn bis zu dem Alter, da er dienen konnte, und schickte ihn dann dem Koenig Karl wieder zu; dort blieb er, bis er wohl zwei und zwanzig Jahre alt war, dann ging er mit Lother nach Konstantinopel, und waehrend dieser ganzen Zeit hatte er seine Eltern nicht wieder gesehen.

Maller kam auf seiner Reise durch eine Reichsstadt. Er war zwar wohl bewaffnet, hatte aber sein Wappen auf seinem Schild; da er also in der Reichsstadt ankam, da ritt er gleich vor eines Mahlers Haus und ließ sich ein Wappen mahlen, naehmlich drei goldne Jungfrauenkoepfe im blauen Felde, ueber den Koepfen ein Leopard, und mitten in dem Schilde einen halben Loewen. Als es fertig gemahlt war, bezahlte Maller es reichlich und ritt weiter bis nach der Champagne. Hier kam er an eine große Stadt, mit einer schoenen Burg, er wußte aber nicht, wem sie angehoerte. Indem er sich besann, begegnete ihm ein Bote mit Briefen; diesen redete er hoeflich an, und fragte ihn um den Nahmen der Stadt und ihres Herrn. Herr, erwiederte der Bote, diese Stadt heißt die Neustadt und gehoert dem Koenig Galyen, dem Wiederhersteller, zu. Dieser Antwort ward Maller sehr froh, und fragte den Boten noch mehr: Wo willst Du hingehen, lieber Freund? – Nicht weit von hier, edler Herr, dort in das Schloß soll ich zehn Werkmeister hohlen, daß sie morgen in der Neuenstadt Fenster machen, und alles ruesten zu dem großen Turnier, welches in der Neuenstadt soll gehalten werden. – Was fuer ein Turnier soll denn gehalten werden? – Herr, Koenig Ansys Tochter von Hispanien, die soll dem Sohn des Koenigs Galyen, Otger, vermaehlt werden. Wer den Dank bei dem Spiele verdient, der soll ein schoenes Roß haben, dessen Sattel von Gold und die Satteldecke mit Perlen gestickt ist, ein koestlicherer Dank ward nie gesehen. Da wird man nun pruefen die Blume der Ritterschaft; Herolden und Spielleuten soll auch große Gabe verehrt werden. Ein Mann mag wohl froehlich turnieren um schoener Frauen willen, denn die Jungfrau, Koenig Ansys Tochter von Hispanien, ist so schoen, als man nicht leicht in der Welt eine Schoenheit findet.

Maller verließ den Boten und ritt weiter gegen die Stadt; er nahm sich vor, sich nicht eher seinen Eltern zu erkennen zu geben, bis er zehn der staerksten Ritter turniert haette. Dann befahl er sich Gott, seiner heiligen Mutter und St. Julian; dieser ist ein Heiliger, den man anzurufen pflegt, daß einem Gott gute Herberge beschere.

Als er in die Stadt einritt, da sah er viel edle Herren, Ritter und Knappen, auch viel schoene Frauen. Dabei ertoenten ihm allenthalben Pfeifen, Posaunen und mancherlei Saitenspiel entgegen. Ewiger Gott, sprach da Maller, wie ist eines armen Mannes Leben doch ungluecklich, jetzt habe ich dieß erfahren; wie muß sich einer quaelen, der keinen Reichthum hat, waehrend der Reiche sich das Leben so trefflich schmuecken kann. O Gott, wie ist dieß alles so nichtig! Waere nicht Lother, mein Herr, und mein geliebtes Weib Scheidechin, die ich so gern aus dem Gefaengniß befreiete, so verließ ich die weltliche Ehre und alle ihre Lust und Freude, ginge einsam in einen Wald, da moechte ich Gott dienen, denn nur dann waere ich unvergaenglicher Freude gewiß. –

Er ritt weiter in die Stadt hinein und bat an vielen Orten um Herberge, aber jedermann spottete seiner und hieß ihn weiter gehen. Da lachte er in seinem Herzen, denn er wußte wohl, haette er sich zu erkennen gegeben, er wuerde allenthalben Herberge gefunden haben. Endlich ward er in eines reichen Kaufmanns Hause aufgenommen. Hier sah er, wie jeder, der in dem Hause herbergte, seinen Helm vor das Fenster gestellt hatte, er bat also seinen Wirth, er moechte dafuer sorgen, daß auch sein Helm an ein Fenster aufgehaengt wuerde, damit man sehen moege, daß er mit turnieren wolle, und versprach dem Wirthe zehn Gulden dafuer. Der Wirth war des Geldes begierig, und befahl seinem Knechte, er solle den Helm an ein Fenster aufhaengen. Maller gab dem Knechte einen Gulden, dafuer ihm dieser dankte, und wie im Spotte hinzufuegte: Ich will es Euch besorgen, wenn Ihr mir versprechen wollt, mich zum Ritter zu schlagen, wenn Ihr morgen den Dank verdient, denn ich habe schon lange begehrt, Ritter zu werden. Maller antwortete lachend: Mehr als Du verlangst, sollst Du von mir haben. Der Knecht nahm den Helm und hing ihn spottweise hoeher als alle anderen Helme auf, damit er recht in die Augen fiele. Und so verspottete der Knecht ihn auf alle Weise, und bei allem, was Maller von ihm verlangte, denn er hielt ihn fuer einen gar armseligen Ritter, der auf Abentheuer herumzieht, um etwas zu gewinnen. Maller lachte aber des Knechts, und wußte ihn so zu gewinnen, daß er sowohl als der Wirth ihm alles zu Liebe thaten, was er verlangte.

Maller ging hierauf in der Stadt umher spazieren und kam auch vor den Pallast; hier begegnete er Otger, seinem Bruder, mit ihm ging sein Vater, Koenig Ansys, und der Bastard von Cueneber, Koenig Ansys Sohn. Als Maller die Fuersten alle kommen sah, fragte er einen Diener, wer sie waeren, und da er seinen Vater nennen hoerte, da traten ihm Thraenen in die Augen. Die Fuersten machten Otger auf Maller aufmerksam, weil er ihm vollkommen aehnlich sah. Koenig Galyen, sein Vater, kam auf ihn zu, da verneigte Maller sich ehrerbietig. Sage mir, lieber Geselle, sprach der Koenig, wo koemmst Du her? – Herr, antwortete Maller, das sollt Ihr morgen wohl gewahr werden, wenn man turnieren wird. Ich bin ein armer Geselle, suche Abentheuer, und bin hergekommen, den Dank zu verdienen; verdiene ich ihn aber, so soll Gott den verdammen, der ihn mir streitig machen wird. – Koenig Galyen lachte und wandte sich wieder zu den Fuersten. Welch ein naerrischer junger Mensch ist dieß, sprach er, wornach ich ihn fragte, darauf antwortete er nicht, und sagte mir dafuer allerlei thoerichte Dinge.

Darauf begegnete Maller seiner Mutter; da wallte sein Blut ihm heftiger in den Adern, er wußte nicht, sollte er sie anreden und sich ihr zu erkennen geben, oder nicht; doch besann er sich auf seinen Schwur, er wolle sich nicht eher zu erkennen geben, er habe dann gegen die tapfersten und beruehmtesten Ritter gestochen.

Die Herren und Damen fingen nun einen schoenen Tanz an; da nahm Maller die schoenste Frau aus der Reihe, und tanzte mit ihr so schoen, und sprang so leicht mit ihr, wie ein Voegelchen, so daß alle Frauen ihn liebgewannen, und auch die Ritter sprachen: Welch ein schoener Juengling ist dieß, alles, was er thut, steht ihm wohl an.

Das achtzehnte Kapitel

Den andern Morgen frueh legte Maller eine schoene Ruestung an, die er von Zormerin bekommen hatte, und ritt auf den Platz vor dem Pallast, wo das Stechen sollte gehalten werden; der Knecht aus der Herberge, Gernier genannt, begleitete ihn als sein Knappe. Zuerst sah Maller, wie sein Bruder mit Koenig Ansys Tochter zusammengegeben wurde; sobald dies geschehen war, begab sich ein jeder hin zu turnieren. Zehn Fuersten hielten auf dem Rennplatz, um gegen jedermann zu stechen, der es verlangen wuerde. Die Frauen gingen auf ein schoenes Geruest, welches eigentlich dazu verfertigt war. Ihrer waren wohl dreihundert an der Zahl; Rosemunde, Mallers Mutter, saß in der Mitte bei Koenig Ansys Tochter, und die Frauen von beiden Seiten um sie her. Vortreffliche Schoenheit, Anmuth und Zierde war genug da zu sehen; aber auch genug Hoffart und Uebermuth. Mancher schoene Ritter hatte seine Liebste dort, und manche Frau, die von Herzen wuenschte, ihr Mann moechte nicht lebendig aus dem Turniere kommen.

Maller ritt hin zu den Leuten, welche die Speere austheilten, und verlangte auch einen Speer. Als sie ihn aber nur von einem einzigen Knechte begleitet sahen, da sprachen sie: Wer seid Ihr? wo kommt Ihr her? weß Landes? waren Eure Wappen zur Schau gestellt? – Sie sind zur Schau gestellt worden, mein Knecht wird es bezeugen. – Man wollte es ihm dennoch nicht glauben, als zwei Herolde, welche zufaellig dabei standen, darauf schwuren, das Wappen den Tag vorher zur Schau gestellt gesehen zu haben. Nun erst bekam Maller einen Speer. Er fuehrte ganz seines Vaters Wappen, bis auf den halben Loewen, diesen hatte er dazusetzen lassen. Als er nun in die Schranken einritt, wunderte sich ein jeder ueber dieses Wappen; selbst der alte Koenig Galyen war erstaunt, woher der Fremde dieß Wappen habe. Da Maller nun in die Schranken ritt, und vor dem Koenige vorbei kam, neigte er sich hoeflich und ehrerbietig vor ihm. Der Koenig dankte ihm freundlich und redete ihn an: Ich wundere mich des Wappens, das Du fuehrst, Geselle, denn es ist ganz mein Wappen, ausgenommen den halben Loewen. Drum sage mir, wo hast Du es her? – Herr, ich habe mir das Wappen nach meinem Willen mahlen lassen, nicht Euch damit zu kraenken, sondern Euch zu ehren und zu preisen, darum bitte ich Euch, daß Ihr mir vergoennt, damit zu stechen. – Was, rief einer von den Rittern, Du uebermuethiger Lecker, wie darfst Du Dich unterstehen, des Koenigs Wappen zu fuehren? Macht nicht so viel Worte, entgegnete Maller, und erzuernt Euch nicht so sehr, ich bitte Euch gar sehr darum! Bringt mir einen Eurer tapfersten Gesellen, ich will dieß Wappen an ihm bewaehren! – Koenig Galyen mußte lachen ueber des Mallers kecke Rede. Geselle, sprach er, dieß Wappen soll Dir zu fuehren erlaubt sein, unter der Bedingung, daß Du gegen einen Ritter stichst, den ich Dir zuschicken will, und machst Du dem Wappen alsdann keine Ehre, so will ich Dir so mitspielen, daß alles dem Wappen verkehrt werde, das oberste soll zu unterst kommen. – Das geschehe, Herr, erwiederte Maller; doch habe ich zuvor noch ein Begehren, das Ihr mir gnaedigst zusagen moechtet. – Es sei Dir gewaehrt, was ist Dein Begehren? – Man hat ausgerufen, daß man vier Lanzen brechen muesse, ehe man den Dank verdient, ich bitte mir aus, acht Lanzen brechen zu duerfen. – Der Koenig, nachdem er eingewilligt, ritt fort und ließ sich waffnen. Er legte eine unbekannte Ruestung an, als ein fremder Ritter, zog in die Schranken, und begehrte gegen Maller zu stechen, der auch gleich dazu bereit war. Sie rannten beide gegeneinander, Maller aber traf seinen Vater grade an das Visier an seinem Helm, so daß ihm der Helm vom Kopfe fiel und seine Lanze dabei zerbrach. Der Koenig mußte fallen, er mochte wollen oder nicht. Da liefen mehr denn hundert hinzu, den Koenig wieder aufzuheben; Maller konnte vor den Leuten nicht erkennen, daß es sein Vater selber gewesen, den er heruntergestochen, er waere sonst gewiß niedergekniet und haette ihn um Gnade und Verzeihung geflehet. Man trug den Koenig hinweg in seinen Pallast, hier ließ er sich entwaffnen und einen Becher mit Wein reichen, den trank er aus, dann setzte er sich wieder zu Pferde und sagte zum Bastard von Cueneber: Ich bitte Euch, brecht gegen den Abentheurer ein paar Speere. Wo Ihr ihn niederstecht, will ich Euch alsdann reich beschenken. – Der Koenig erwaehlte den Bastard dazu, weil er sehr groß und stark und tapfer war. Er rannte auch sogleich gegen Maller, und ward von ihm, so wie der Koenig, niedergestoßen, indem er ihn in das Visier traf, dabei fiel das Pferd dem Bastard so hart auf, daß ihm ein Bein zerbrach. Er schrie so entsetzlich vor Schmerz bei dem Falle, daß alle, die es hoerten, glaubten, er wuerde sterben. Koenig Ansys ließ seinen Sohn von der Stechbahn tragen, und alle Fuersten betruebten sich um ihn. Da rief Koenig Galyen einen frommen Grafen, der schon in vierzehn Schlachten das Panier vor dem Koenige getragen hatte. Graf Richard, lieber Neffe, sprach Galyen, ich bitte Euch, brecht eine Lanze mit dem Abentheurer. Herr, antwortete der Graf, mich duenkt, es ist heute kein guter Stern, gegen den Abentheurer zu stechen, ich will bis morgen warten. – Geon, Koenig Ansys aeltester Sohn, winkte nun Mallern mit der Hand, und Maller war auch gleich bereit; er waere lieber gleich gestorben, als an diesem Tage den Dank nicht zu gewinnen, weil er dann hoffte, sich von seinen Eltern und Freunden desto lieber als den Ihrigen erkannt zu sehen, und desto eher auf Huelfe fuer Lother zaehlen zu duerfen. Denn seinen Freund hatte er bestaendig im Sinne und vergaß ihn nicht einen Augenblick bei allem, was er that. Maller stach auch den Geon hinunter, daß er mit einem Fuß im Steigbuegel haengen blieb, und so ward er vom Pferde in der Bahn herumgeschleift. Es entstand ein Getuemmel und Geschrei unter dem Volke bei diesem Anblick, als ob die Erde bebte. Da ritt sein Bruder Otger zu ihm, und bat ihn, eine Lanze mit ihm zu brechen. Das geschieht nimmermehr, entgegnete Maller, ich wollte um alles in der Welt nicht gegen Euch rennen; mich selber halte ich fuer sehr geringe, und achte mich keinesweges, aber Eurentwegen thaete es mir sehr leid, Euer Vater und Mutter und Eure Braut, die moechten mich wohl verfluchen, wenn ich Euch herunter staeche, darum renne ich nicht gegen Euch. Bei meiner Treue, sprach Otger, Ihr seid ein sehr tugendhafter Ritter; wollt Ihr bei meinem Vater und bei mir hier bleiben, so wollen wir Euch gut halten. – Ich danke Euch sehr, erwiederte Maller, es moechte sich vielleicht thun lassen, wenn ich einen guten Herrn faende, so diente ich ihm wohl. Darauf ritt Otger wieder fort.

Maller brach die acht Speere gar ritterlich und mit schoenen Turnieren; obgleich er bei dem vierten schon den Dank verdient haette, und die Herolde schon anfingen, sein Lob und seinen Sieg mit vielen schoenen Worten auszurufen, so ließ er es doch nicht dabei bewenden, bis er seine acht Speere allesammt gebrochen und acht Ritter damit heruntergestochen hatte. Koenig Galyen befahl seinen Pfeifern und Spielleuten, den Maller nach seiner Herberge zu geleiten, und auch die Herolde zogen mit schoenen Gesaengen voraus; da ließ Maller eine schoene Mahlzeit zubereiten von Gefluegel, Fisch und Wildpret, auch Wein genug, und bewirthete alle, die da kommen wollten.

Unterdessen er in seiner Herberge fuer seine Gaeste alles bereitete, kam Koenig Galyen und brachte den Dank zu ihm in die Herberge. Es war ein vortreffliches Roß, darauf lag ein goldner Sattel, die Steigbuegel waren von seidnem Gewebe, mit Edelsteinen und Perlen wohl verziert. Zwo Koeniginnen fuehrten es, die eine war die schoene Rosemunde, Mallers Mutter, und die andere Koenig Ansys Tochter. Koenig Ansys selber, Koenig Galyen und sein Sohn, Otger, und viele andere Fuersten kamen mit und folgten dem Roß, so wie auch viel schoene Frauen und die beste Ritterschaft folgte. Auf dem Rosse saß ein kleiner Edelknabe, der war mit seidnem Gewand wohl gekleidet und mit koestlichen Kleinodien geziert; auf dem Kopfe trug er einen goldnen Kranz, der war mit Edelsteinen reich besetzt; auch die beiden Koeniginnen, welche das Roß fuehrten, waren mit goldnen Kronen auf's herrlichste geschmueckt und mit reichen Gewaendern gekleidet. In so schoener Ordnung, und mit so herrlichem Gefolge, gingen sie durch die Stadt, bis nach Mallers Herberge. Als Maller sie kommen sah, ward sein Herz froh und er dankte Gott im Stillen.

Koenig Galyen sprach: Herr, empfanget diesen Dank, Ihr habt ihn mit Eurer ritterlichen Tugend wohl verdient. – Habe ich den Dank verdient, entgegnete Maller, so verdanke ich es Gott, der mir die Kraft dazu verliehen, und dann den schoenen Frauen, die mir im Sinne lagen. Darauf nahm er den Becher, gab seinem Vater zu trinken, dann seiner Mutter, und dann seinem Großvater, gleichfalls Galyen genannt, dann seinem Bruder Otger. Das nahm Koenig Ansys uebel, daß er den Vieren vor ihm zu trinken gab, er glaubte verschmaehet zu sein, kehrte sich um und wollte hinausgehen. Edler Koenig, rief Maller, laßt es Euch nicht verdrießen, daß ich den Vieren habe zuerst zu trinken gereicht: denn der Erste, dem ich gab, das war der, der mich erzeugte; die Zweite die, welche mich getragen; dann gab ich meinem Ahnherrn, von dem mein Vater und ich abstamme, und dann meinem Bruder. Mit diesen Worten fiel er seinem Vater um den Hals, drueckte und kueßte ihn, dann umarmte er seine Mutter auch und rief: Sehet Euern Sohn Maller, den Koenig Karl von Frankreich erzogen! Da war die Freude gar groß, Maller wurde von Allen willkommen geheißen, und sehr geliebkost von allen Verwandten und Freunden. Der Knecht Gernier drang durch das Volk, fiel Maller zu Fueßen und bat ihn um Verzeihung, daß er seinen Scherz mit ihm getrieben und ihn verspottet hatte. Du hast mir wohl gedient, sprach Maller, ich will dich dafuer lohnen. Er schlug ihn zum Ritter, und gab ihm ein Land nebst großem Gut. Dem Wirth gab er das Roß nebst den Schaetzen, welche er zum Dank erhalten, bat ihn, daß er zu Gott stehe, daß er ihm in seinem Vorhaben beistaende; dieß versprach auch der Wirth, und darauf lud Maller ihn und seine Frau zur Tafel ein, und sie begaben sich allesammt nach dem Pallast, wo die Tische mit vortrefflichen Speisen schon bereitet standen. Ehe sie sich aber zu Tische setzten, trug Maller noch sein Begehren vor, und bat um Huelfe fuer Lothern und fuer seine Hausfrau Scheidechin, erzaehlte auch alles, was ihnen begegnet, und die Verraetherei des falschen Otto. Ich gehe nicht eher zu Tische, will mich nicht eher ergetzen, nicht ruhen oder rasten, bis ich Huelfe gefunden fuer meinen Herrn, Lother, und fuer meine Hausfrau. – Lieber Sohn, rief Mallers Ahnherr, ich werde Dich nicht verlassen! Auch ich nicht, sprach Galyen, ich helfe Dir mit fuenfzehntausend Gewaffneten. Auch ich, lieber Bruder, rief Otger, helfe Dir nach bestem Vermoegen. Und ich nicht minder, sagte Koenig Ansys, ich will Lother, meinen Anverwandten, nicht in Noth stecken lassen. Da war Mallers Herz hoch erfreut, er dankte allen und umarmte sie; dann fiel er vor seinem Vater auf die Knie nieder und bat ihn um Verzeihung, daß er wider ihn hatte gestochen. Das verzieh ihm sein Vater willig und segnete seine ritterliche Kraft. Rosemunde konnte nicht aufhoeren, ihn zu liebkosen, zu herzen und zu kuessen, sie war voller Freude, einen so tapfern Sohn zu haben; und Alle setzten sich froehlich und voll Freude an die Tafel nieder, wo sie vergnuegt aßen und tranken und mit einander kosten, bis Otger mit seiner Braut sich schlafen legte.

Des andern Tages schrieben die Fuersten sogleich die Briefe und schickten sie nach allen ihren Laendern, daß jeder, der waffenfaehig waere, sich rueste, und daß jeder sich zu ihnen versammle. Maller blieb dabei und trieb sie an, daß alles desto eher in Ordnung kam und alles auf das baldeste zum Zuge bereit war.

Das neunzehnte Kapitel

Unterdessen hatte Otto erfahren, daß Zormerin wieder Konstantinopel bei ihrem Vater lebte; er schickte also eine sehr große Gesandtschaft zum Koenig Orschier und ließ ihm entbieten, Lother von Frankreich sei todt, und wenn er seine Tochter Zormerin nun dem Koenige Otto zur Frau geben wollte, so wuerde dieser einen Bund mit ihm schließen, und ihm mit aller Macht gegen die Heiden zu Huelfe kommen, und wenn Zormerin einen Sohn von ihm bekaeme, so sollte dieser das ganze Koenigreich Lombardei erben.

Koenig Orschier war mit diesem Vorschlag wohl zufrieden, nahm die Gesandten sehr wohl auf, und sandte sogleich nach Koenig Otto. Dieser kam auch sogleich mit herrlichem Gefolge und mit solchem Reichthum, daß jedermann darueber sich verwunderte.

Zormerin war ganz in Verzweiflung, als ihr die Sache gemeldet ward; sie raufte ihr Haar aus, und zerschlug mit ihrer Hand das schoene Gesicht und den weißen Busen. O weh mir armen elenden Frau, schrie sie; will mir denn Gott nicht aus dieser Noth helfen? O Maria, Mutter Gottes, Du reine Jungfrau, rette mich, daß ich nicht muß meinen Leib dem falschen Verraether hingeben, und meine Seele in Verdammniß komme! So schrie sie, betete und weinte gar jaemmerlich. Synoglar, welche sich unter ihren Frauen bei ihr hielt, und sie sehr liebte, suchte sie zu troesten mit Liebe und sanften Worten, aber sie vermochte es nicht. Zormerin blieb untroestlich, und als Koenig Orschier zu ihr schickte und ihr sagen ließ, daß sie vor Koenig Otto kommen sollte, da ließ sie ihm zuruecksagen, sie waere sehr krank und koenne nicht erscheinen; legte sich auch wirklich in's Bette, denn sie fuehlte sich sehr elend; nahm sich aber da im Herzen vor, wenn sie sollte zur Ehe mit Otto gezwungen werden, so wolle sie ihn toedten, und sollte sie darum auch ihr Leben verlieren. Darauf rief sie Synoglar zu sich und sagte: Synoglar, ich moechte Dir wohl einen Einfall vertrauen, den ich habe, und zu dessen Ausfuehrung Du mir helfen mußt, wenn Du mir versprichst, mir treu zu sein und verschwiegen. – Redet, geliebtes Fraeulein, erwiederte Synoglar, so helfe Gott mir und seine Mutter, als ich Euch treulich will helfen; wollte Gott, Ihr haettet etwas gefunden, wodurch wir Euern Gemahl aus dem Gefaengniß erloesten, denn nimmermehr glaube ich dem Schalk Otto, daß Lother todt sei. – Das ist es eben, fiel Zormerin ein, worin Du mir helfen sollst. Geh hin, und rufe mir Otto her, sag ihm, ich sei zwar krank, aber nicht so sehr, daß ich ihn nicht gern sprechen sollte, denn ich liebte ihn heimlich, und die Liebe zu ihm verzehre mich ganz. Suche ihn von meiner Liebe ganz zu bereden, daß er sie fest glaubt und mit Zuversicht zu mir koemmt; ich will ihm dann mit List seinen Siegelring zu entwenden suchen, mit diesem einen Brief untersiegeln, den ich in seinem Nahmen an seinen Burgvogt zu Pavia schreiben will; darein will ich setzen, er solle sogleich Lother und die andern Gefangenen frei hinausgehen lassen. Ihr, Synoglar, mueßt der Bote sein und den Brief dem Burgvogt nach Pavia bringen; habt Ihr dann Lother erst heraus in's freie Feld, dann sagt ihm die Wahrheit von allem, und gebt Euch ihm zu erkennen. – O geliebtes Fraeulein, rief Synoglar, welch eine treffliche Erfindung habt Ihr ersonnen! Ich will auch sogleich hingehen und es in's Werk richten. – Sie eilte zu Otto und richtete ihren Auftrag auf's Beste aus. Eure unglueckliche Flucht und Gefangenschaft, redete sie schmeichelnd zu ihm, und Lothers Sieg war Schuld, daß Zormerin ihrem Vater gehorchen und Lothern heirathen mußte; aber sie liebte ihn nie und liebte immer nur Euch, Herr Otto. – Otto ließ sich von diesen Reden bethoeren und glaubte ihnen, denn er bildete sich ein, den Frauen wohl zu gefallen, und folgte der listigen Synoglar in Zormerins Zimmer. Hier begegnete ihm das boese Vorzeichen, daß er ueber die Schwelle stolperte, und der Laenge nach so hart in das Zimmer hereinfiel, daß die Erde davon erdroehnte. Er stand beschaemt wieder auf; Synoglar konnte sich des lauten Lachens kaum enthalten, Zormerin aber wuenschte im Stillen, daß er den Hals gebrochen haette.

Darauf that sie sich Gewalt an und rief ihn mit freundlicher Stimme zu sich, bat ihn auch schmeichelnd, daß er sich zu ihr auf's Bett setzen moechte. Er war ganz blind vor verliebtem Eifer, setzte sich zu ihr, und indem sie ihm von ihrer Liebe zu ihm klagte, und gar freundlich und lieblich mit ihm koste, er auch nicht wußte, vor großer Freude, wie ihm geschah, da griff sie nach einem seidenen Beutel, der an seinem Guertel hing. Herr, fing sie an, was habt Ihr in diesem Beutel? Sind es schoene Ringlein, so wollte ich wohl eins davon haben, ich truege es dann Euch zu Lieb an meiner Hand. – Nehmet daraus schoene Zormerin, was Euch gefaellt, sprach der entzueckte Otto. – Da suchte sie lang in dem Beutel und zog ein kleines Ringlein heraus, das sie sich an den Finger steckte, zugleich aber stahl sie ihm den Siegelring, ohne daß er es merkte, indem er sie unverwandt mit seinen verliebten Blicken anschaute, und nicht Acht gab, was sie that. Zormerin war so froh, als sie den Siegelring hatte, daß sie gutes Muthes und froehlich mit ihm scherzte, und ihn voellig um seine Sinne brachte. Und da er sie sehr bat, daß sie ihn zum Gemahl annehmen moechte, da klagte sie ihm, wie sie sich jetzt zu krank fuehle, sobald sie aber wieder gesund sei, wolle sie seine Gemahlin werden. Darauf ging Otto wieder von Zormerin zu Koenig Orschier, der ihn zur Tafel hatte rufen lassen.

Zormerin blieb allein mit Synoglar, und nun machte sie sich gleich an den Brief. Sie schrieb ihn ganz so, als wenn der Koenig an den Burggrafen einen Befehl ergehen laeßt, unterschrieb Otto's Nahmenszug, und drueckte sein Petschaft darunter. Darauf uebergab sie ihn Synoglar, die sich, waehrend jene geschrieben, als ein Botschafter angethan und ihr Pferd bereitet hatte, worauf sie sich sogleich mit dem Brief auf den Weg nach Pavia machte.

Zormerin warf den Siegelring vor die Thuer ihres Gemachs auf die Erde. Nach der Tafel ging Otto sogleich wieder zu ihr, da fand er ihn vor der Thuere liegen; er hob ihn auf und meinte, er muesse ihn erst haben fallen lassen, da Zormerin den Beutel durchsuchend, ihn nicht recht wieder zugemacht habe, und beunruhigte sich nicht weiter darueber, sondern ging wieder zur schoenen Zormerin und sprach mit ihr von seiner Liebe. Sie redete freundlich mit ihm, aber ihr Herz war bei Lother.

Synoglar kam ohne Verhinderung zu Pavia an und ließ sich sogleich vor den Burggrafen fuehrte, vor diesem kniete sie nieder, grueßte ihn im Nahmen seines Herrn, Otto, und uebergab ihm den Brief. Als der Burggraf ihn durchgelesen und seines Herrn Insiegel erkannt hatte, da ward er der Botschaft sehr froh, denn er liebte den Lother sehr, er wußte auch wohl, daß er mit Unrecht gefangen lag. Er ging also mit froehlicher Geberde zu Lothern in den Thurm. Herr, gebt mir ein gutes Trinkgeld, sagte er, ich bringe Euch gute Botschaft. Ihr seid frei! Koenig Otto hat mir geschrieben, daß ich Euch und die uebrigen Gefangenen losgeben und Euch zu ihm nach Konstantinopel fuehren soll, dort will er sich mit Euch aussoehnen. Wie froh bin ich, daß mein Herr, der Koenig Otto, sein Unrecht einsieht. Mir war es immer um Euch leid, Herr Lother, und ich danke Gott, daß es nun so weit mit Euch gekommen ist. Lother wollte erst den Worten gar nicht glauben, und hielt dafuer, der Burggraf wolle seiner spotten, doch als er hoerte, wie dieser so gar ernstlich sprach, und so guetlich zu ihm redete, da dankte er ihm gar freundlich fuer seine gute Freundschaft, und er ging mit ihm aus dem Thurm, in welchem er so manches Jahr trauernd verlebte. Alle Leute zu Pavia wunderten sich, da sie Lothern frei umhergehen sahen; da ließ der Burggraf den Brief, den er vom Koenig Otto empfangen, laut vorlesen, und jedem, der ihn lesen wollte, zeigen; da freute sich jedermann, und man ging zu Lothern hin und wuenschte ihm Glueck. Synoglar ging in den Pallast, wo Lother war, aus und ein, sprach auch mit ihm, aber er konnte sie nicht erkennen, sie war in fremder Tracht und hatte sich Gesicht und Haende mit Kraeutern gefaerbt.

Der Burggraf schickte nun auch zu Scheidechin und zu den andern gefangnen Frauen, die in einer andern Stadt lagen, und ließ sie allesammt nach Pavia fuehren. Scheidechin war ehemahls unter die schoensten Jungfrauen, die auf Erden lebten, gezaehlt worden, aber nun war ihre Schoenheit dahin und ganz verblichen, denn sie hatte in ihrem Gefaengniß Frost und Hunger, und an Allem Mangel gelitten, was die Schoenheit einer Frau erhaelt. Lother umarmte sie, und kueßte sie mit vielen Thraenen, da er sie so gar verblichen sah. Ach Herr, sprach sie, ich habe meinen Gatten, Euern treuen Gesellen, verloren, ich sah ihn fallen, als ich noch auf dem Wagen saß. Gott und seine liebe Mutter wissen es, nun kann ich niemahls wieder froh werden, denn er war der getreueste Mann, den man wohl je finden mag. – Seid gutes Muthes, junge Frau! Euer Mann lebt noch; mein Geselle, Maller und meine Hausfrau Zormerin, die waren bei mir als Spielleute. – Nun ward Scheidechin erst ihrer Freiheit froh. – Der Burggraf ließ hierauf Wasser bringen, sie wuschen sich, und setzten sich allesammt zu Tisch. Denselben ganzen Tag blieben sie zu Pavia. Des andern Morgens aber, ganz frueh, machten sie sich alle auf den Weg nach Konstantinopel. Die Frauen wurden auf einen Wagen gesetzt, der Burggraf und Lother ritten, von zwanzig gewaffneten Lombarden begleitet, und Synoglar, auf einem guten Pferde sitzend, eroeffnete den Zug.

Vier Tage reisten sie schon, ohne daß sie haette Gelegenheit gefunden, sich dem Lothar zu erkennen zu geben, oder ihm ein Wort zu sagen. Nun machte es sich aber eines Tages, als sie vor einem schoenen kuehlen Brunnen vorbei kamen, daß Lother abstieg und zu dem Brunnen hinging, um zu trinken. Die Lombarden ritten alle weiter, ohne sich aufzuhalten; dieß nahm Synoglar wahr. Herr Lother, ich will auch trinken! rief sie, wandte ihr Pferd und ritt hin zu dem Brunnen, wo Lother abgestiegen war. Sie stieg gleichfalls vom Pferde, anstatt aber zu trinken, nahte sie sich ihm und sprach eilend: Seht mich an, Herr Lother, ich bin Synoglar; Frau Zormerin hat dem Verraether Otto sein Insiegel entwendet, hat den Brief an den Burggrafen geschrieben, den ich, als Bote gekleidet, ueberbrachte, und so seid Ihr aus dem Thurm gekommen. Koenig Orschier will seine Tochter dem Verraether Otto geben, der Euch fuer gestorben ausgab. Jetzt aber seht zu, wie Ihr Euch und die Uebrigen losmachet; ich muß mich abstehlen und auf einem andern Weg nach Konstantinopel zu meinem gnaedigen Fraeulein Zormerin reiten. – Lother hatte sie, waehrend sie redete, erkannt, und sprach: Grueßet meine Hausfrau freundlich von mir, ich will sie binnen kurzem sehen, es koste auch was es wolle. Darauf stieg Synoglar wieder auf ihr Pferd, wandte sich, und ritt einen andern Weg. Darauf gab der Burggraf nicht Acht und meinte, sie waeren hinten bei dem Zuge, oder haette sich irgend verweilt.

Lother ritt hin zu Scheidechin an den Wagen und erzaehlte ihr heimlich die ganze Sache. Dann setzte er hinzu: Liebe Scheidechin, Ihr mueßt nun sehen, wie Ihr Euch losmacht, denn ich kann Euch weiter nicht helfen.

Die Nacht blieben sie in einem Dorfe liegen, um auszuruhen. Da sie aber nichts zu essen oder trinken vorfanden, mußten sie sehr bald zu Bette gehen. Scheidechin, als sie merkte, daß die Lombarden fest eingeschlafen waren, stand auf, weckte die anderen Frauen, erzaehlte ihnen kurz, was sich alles zugetragen, und wie sie sich nun davon machen mueßten, worauf sich alle die Roecke kuerzten, so daß sie wie Knappen einhergingen, schlichen leise aus dem Hause, worauf sie denn, so eilends als moeglich, sich nach dem nahen Walde fluechteten. Lother zerschnitt sein Bett-Tuch, knuepfte es an den Fensterpfosten und ließ sich daran hinab. Er lief nach dem naechsten Dorf, hier stellte er sich, als sei er sehr krank, legte sich in's Bett, und ließ den Pfarrer hohlen. Unterdessen erwachte der Burggraf, und da er sah, daß der Tag angebrochen war, stand er auf und ging hinaus, Lothern und die Uebrigen aufzuwecken. Da er Lothern nicht fand, erschrak er; er sah die zerschnittenen Bett-Tuecher im Fenster, und nun merkte er, daß Lother entflohen sei, worueber er nicht wußte, was er denken sollte, und ganz wie ein Unsinniger umherlief. Da nun auch an den Tag kam, daß die Frauen gleichfalls entflohen waren, merkte er, daß irgend eine Verraetherei im Spiele sein muesse, und sah zu seinem Schrecken voraus, daß er es mit dem Leben werde bueßen muessen. Er ließ seine Gesellen zehn verschiedene Wege nehmen, allenthalben nachsuchen, ob sie keinen wiederfinden wuerden, und bestellte sich mit ihnen in eine Stadt, wo sie wieder zusammenkommen wollten. Ihr Nachsuchen war aber umsonst: Lother hielt sich still wie ein Kranker im Bette, und ließ niemand vor sich als den Geistlichen, bis er ungefaehr wohl denken konnte, daß die Lombarden die Gegend verlassen haetten.

Der Burggraf ging nun betruebt mit seinen Gesellen nach Konstantinopel, und kniete vor Otto nieder, der bei Zormerin saß. Gott grueße Euch, Burggraf, sprach Otto, welch ein Geschaeft fuehrt Dich hieher zu mir in diesem fremden Lande? – Herr, ich bringe Euch boese Nachrichten. Ich wollte Euch Lothern herfuehren, so wie Ihr mir es in Eurem Briefe befahlt, er ist aber entflohen. Ueber diese Botschaft erstarrte Otto fast fuer Entsetzen. Was? schrie er, was sagst Du, Burggraf? Ich habe nie den Gedanken gehabt, Dir zu schreiben, daß Du Lothern sollst heraus lassen. Du falscher Boesewicht, Du hast ihn heraus gelassen, so mußt Du ohne Verzug sterben. Er rief seine Raethe zusammen und klagte ihnen die Verraetherei. Wie soll ich es doch machen, rief er, um zu erfahren, wer mir diesen Streich gespielt. Die Raethe sprachen: Herr, es kann nicht fehlen, es ist sicher durch Frauen geschehen. Die weisesten und staerksten Maenner sind durch Frauen betrogen worden; wenn diese auf eine Sache ihren Sinn gesetzt haben, so hilft nichts, wie man sich auch vorsehen mag. – Ja, ja, rief der Burggraf in seiner Noth, Herr, Eure Raethe reden die Wahrheit! – Aber diese Reden halfen dem armen Burggrafen nicht; Otto ließ in seiner Wuth sowohl ihn als alle seine Gesellen an den Galgen haengen.

Das zwanzigste Kapitel

Darauf ging Otto zu Koenig Orschier, und fuehrte Klage gegen Zormerin, daß sie ihm sein Insiegel gestohlen und damit einen falschen Brief an seinen Burggrafen in Pavia geschrieben, daß dieser mußte Lothern frei lassen. Herr Koenig, sagte er, wegen dieser Verraetherei verlange ich Urtheil und Recht gegen Eure Tochter. – Hat sie diese Bosheit gethan, sagte Koenig Orschier, so will ich sie verbrennen lassen. Hiermit schickte er einen Ritter zu ihr, der mußte sie rufen; sie saß eben und ließ sich von Synoglar alles erzaehlen, wie es mit Lothern gegangen war, und was sich alles mit ihr zugetragen. Da sie die Botschaft vom Koenig, ihrem Vater, vernahm, ging sie sogleich zu ihm. Als Koenig Orschier sie sah, rief er ihr mit zorniger Stimme entgegen: Tochter, Koenig Otto klaget Dich an, Du habest ihm sein Insiegel gestohlen, damit habest Du einen falschen Brief gemacht und diesen an seinen Burggrafen nach Pavia geschickt, daß er Lothern aus dem Gefaengnisse lassen solle. – Vater, waere ich ein Mann, ich wollte das verantworten, Leib gegen Leib, gegen jeden, der mich dessen beschuldigt. Aber ich bin eine Frau, und kann mich nun nicht vertheidigen. – Ihr koennt nicht laeugnen, sprach Otto, ich fand meinen Siegelring vor Eurer Thuere liegen. Das Blut in den Adern erstarrte mir vor Schrecken, als ich ihn liegen sah; aber Eure schoenen Worte, und Eure freundlichen Geberden machten, daß ich es gleich wieder vergaß. – Herr, erwiederte Zormerin, war ich Euch freundlich mit Worten und Geberden, so geschah es aus Liebe, wie Ihr wohl werdet wissen, denn ich glaubte damahls, mein Gemahl, Herr Lother, waere todt, so wie Ihr es bezeugtet. Nun dieser aber noch lebt, hat alles sich zwischen uns veraendert, und Gott behuete mich, daß ich einen andern Mann nehmen sollte; auch bin ich unschuldig an dem, wessen Ihr mich anklagt. – Da trat einer von Otto's Gesellen, Herna genannt, hervor; es war derselbe, der damahls das Kleid zu Lother in den Thurm getragen, und ihn mit unvorsichtigen Reden beleidigt hatte. Gnaedige Frau, sprach Herna, Ihr koennt es nicht laeugnen, Ihr habt meinen Herrn verrathen; sucht Euch nun einen Ritter, der fuer Euch kaempfe, den will ich bestehen fuer meinen Herrn, Koenig Otto, so soll Euch dann Euer Vater nach Eurem Verdienste richten. – Es muß gekaempft sein, sprach Orschier, darum, Tochter, gehe und suche Dir einen, der fuer Dich kaempfe.

Zormerin ging hinaus, und schickte wohl nach dreißig ihrer Diener, zu deren jedem sie das Zutrauen hatte, baß er fuer sie in den Tod gehen wuerde; aber sie fand nicht einen, der den Kampf fuer sie bestehen mochte, denn Herna war als ein starker Kaempfer im Lande bekannt. Nun lag Zormerin auf ihren Knien und flehete zu Gott, daß er sie nicht verlassen moechte, da sie alles nur gethan hatte, um ihrem Eheherrn getreu zu bleiben und ihm zu helfen. Gott erhoerte Zormerins Gebeth, und Lother war schon ganz nah an Konstantinopel. In der letzten Herberge, wo er die Nacht zubrachte, eh er in die Stadt hineinging, kaufte er einen falschen Bart von einem Bettler, der ihn immer getragen, und den Leuten vorgeredet hatte, er sei ein Pilger und kaeme vom heiligen Grabe, dafuer gaben ihm die Menschen Almosen. Diesen Bart kaufte Lother nebst einem vollstaendigen Pilgeranzug, und ging so verkleidet nach Konstantinopel. Hier kehrte er bei seinem alten Wirth, Salomon ein, doch gab er sich ihm nicht zu erkennen; er wollte von niemand gekannt sein, und traute sich keinem Menschen an. Salomon und seine Hausfrau nahmen ihn auf, als einen frommen Pilger, und bewirtheten ihn sehr wohl.

Wir lassen Lother hier in der Herberge und kehren zu Zormerin, die keinen Kaempfer fand. Unterdessen sprach Herna eines Tages zu Otto: Herr, es dauert lang, eh Zormerin einen Kaempfer findet, und Ihr koennt Euch nimmer an ihr raechen, so lange ihr Vater, Koenig Orschier, noch lebt, dieser laeßt sich wohl von ihren Bitten noch erweichen. Wollt Ihr aber mir meinen Willen lassen, so will ich Euch bald von Koenig Orschier befreien, dann seid Ihr Herr von Konstantinopel und von Zormerin. – Kannst Du dieß, sprach Otto, so soll es Dir wohl gelohnt werden. Da bereitete Herna ein Gift, das war so stark, daß man des Todes war, sobald man es hinuntergenommen hatte. Koenig Orschier aber trug einen goldnen Ring, darin war ein koestlicher Edelstein gefaßt; dieser Stein hatte unter dem heiligen Kreuze gelegen, als unser Herr Jesus Christus daran die Matter litte, und als Longinus ihn mit dem Speer in die Seite stach, da floß etwas von dem heiligen Blut ueber den Stein; davon behielt er die Eigenschaft, daß er jedes schaedliche Gift merkte, wenn man es nur auf dreißig Schritte nahe brachte, und sogleich aus dem Ring sprang. Niemand wußte um die Eigenschaft des Steines als Koenig Orschier.

Als er nun bei der Tafel saß, und seinen großen goldnen Becher forderte, da wußte Herna das Gift hineinzuthun, daß niemand es merkte. Als aber der Becher vor dem Koenige niedergesetzt ward, da sprang der Edelstein aus dem Ring wohl dreißig Schritte weit in den Saal. Koenig Orschier stand sogleich von der Tafel auf, voller Schrecken. Wie, hab' ich es wohl verschuldet, rief er, daß man mich vergiften will? Ich wueßte doch niemand, dem ich etwas zu Leid gethan haette. Herr, sagte Otto, das Gift ist sicher nicht Eurentwegen hergestellt worden, ich will also nur lieber heimreiten in mein Land, eh ich mich hier vergiften lassen soll! – Sie gaben den Wein einem Hunde zu saufen, der sogleich davon starb; da war es also gewiß, daß es Gift sei. – Ach, ach weh mir! rief Orschier klagend, wer mag es wohl sein, der meines Todes so sehr begehret? – Herr, sprach Herna, keiner kann dieß sein als Eure Tochter, sie kann seinen Kaempfer finden, also meint sie, Euch auf die Seite zu schaffen, um dann hier im Reiche allein zu regieren, dann meinte sie des Kampfs entladen zu sein. Eure Tochter Zormerin klage ich darum an, und wer mir widerspricht, der muß mit mir kaempfen! – Wohlan, sprach Orschier, bringet meine Tochter her. Da liefen wohl zehn Ritter zu Zormerin und ergriffen sie hart. – Ihr lieben Herrn, sprach sie, was wollt Ihr mit mir? – Einer von ihnen sagte: Fraeulein, Ihr mueßt verbrannt werden wegen des Giftes, das Ihr Euerm Herrn Vater vorgesetzt habt. Laeugnen hilft Euch nichts, denn es ist mit dem Ringe bewaehrt. – Jesus behuete mich, sagte Zormerin, welche Reden fuehrt Ihr da? Ewiger Gott, in Deinen Schutz befehle ich mich, sie gehen verraetherisch mit mir um.

Sie wurde wie eine Verbrecherin hinweggefuehrt. Als sie vor ihrem Vater erschien, da fiel sie auf ihre Knie vor ihm nieder: Vater, rief sie, erlaubt, daß ich mich verantworte, denn nie kam solche Frevelthat mir in den Sinn! Schnoede Verbrecherin, rief Orschier, Du kannst die That nicht laeugnen, Du hast mich vergiften wollen! Nein, nimmermehr, bei dem Tod, den ich leiden soll und muß. – Frau, sprach Otto, Ihr sollt verbrannt werden, das habt Ihr an mir wohl verdient, denn fuer mich habt Ihr das Gift bereitet, auch habt Ihr meinem Todfeind herausgeholfen; und wer dieß laeugnet, der mag hervortreten, und es gegen meinen Kaempfer bestreiten. Herna warf bei diesen Worten seinen Handschuh hin, es fand sich aber niemand, der ihn aufnahm. Da rief Koenig Orschier seinen Marschall, und sprach: Marschall, ich, befehle sie Dir, richte Du sie, und schone ihrer nichts denn sie soll nicht mehr meine Tochter sein; ich verlaeugne sie, und will nicht essen oder trinken, bis sie ihre gerechte Strafe empfangen. – Zormerin weinte bitterlich, und ward hinweggefuehrt; und vor dem Pallast ward ein Pfahl in einem Holzstoße aufgerichtet, daran sollte sie verbrannt werden.

Als dieß die Buerger in der Stadt erfuhren, da ward der Jammer um Zormerin allgemein. Maenner, Weiber und Kinder, und alles, was in der Stadt war, das klagte und weinte um sie. Salomo, der Wirth, nebst seiner Frau, die weinten auch gar klaeglich; da fragte sie Lother um die Ursache des großen Trauerns. Weh uns, rief die Wirthin, sollten wir nicht weinen? Des Koenigs einziges Kind, die schoene Zormerin, soll heute verbrannt werden. – Lother erschrack so, daß ihm sein Blut ganz kalt zum Herzen fuhr. Ohne Abschied zu nehmen und ohne sich zu bedanken, ging er aus der Herberge hinaus nach dem Pallast zu. Vor dem Pallast war ein Gedraenge, daß Lother kaum hindurchkommen konnte. Eben fuehrte man Zormerin herbei; sie hatte kein andres Gewand an, als einen schlechten Unterrock, so hatte der Marschall es befohlen. Er stellte sich hoch auf ein Geruest, daß jedermann ihn sehen konnte, und nachdem er dem Volke Stille gebothen, fing er an: Ihr Herren, wir muessen unser Fraeulein zum Tode verurtheilen, wenn ich zuvor dreimal werde gefragt haben, ob niemand fuer sie gegen Herna kaempfen wollte. Findet sich einer, der fuer sie kaempft und den Streit fuer sie gewinnt, so ist sie frei, und der im Kampf verliert, muß haengen; findet sich aber niemand, der fuer sie streiten will gegen Herna, oder der fuer sie streitet, verliert, so muß sie nach Urtheil und Recht verbrannt werden. Da fragte der Marschall einmahl, aber da war niemand, der fuer sie antworten wollte. Zormerin fiel auf ihre Knie und weinte heiße Thraenen; sie sah die Ritterschaft an: Ihr lieben Herren, erloest mich von dieser unverschuldeten Todesstrafe, man beschuldigt mich falsch, mir geschieht Unrecht! So rief sie immerfort, aber die Ritterschaft schwieg stille; da fragte der Marschall zum zweitenmahl, und jetzt erst gelang es dem Lother sich durchzudraengen; er trat hervor mit seinem langen Bart und seinem Pilgerstab. Hoert mich, Ihr Herren, rief er laut, vergoennt mir fuer das Fraeulein zu kaempfen, denn mich duenkt, man geht verraetherisch mit ihr um; ich komme so eben vom heiligen Grabe, und habe nichts, als was ich am Leibe trage, wollt Ihr mich aber waffnen, so will ich kaempfen gegen diesen Schalk, der da stehet, und ueberwindet er mich, so sollt Ihr mich an den Galgen haengen; aber ich vertrau' auf Gott, der den Unschuldigen beisteht; denn ich weiß, das Fraeulein ist unschuldig der That, die man ihr Schuld giebt. Als er ausgeredet, da erhob sich ein Murmeln unter dem Volke; einer sprach zu dem andern: Ich hoffe, der Pilgrim ist von Gott hergesendet worden, unser Fraeulein zu erloesen. Zormerin sprach bei sich: Ach, soll der Pilgrim fuer mich streiten, und er ist viel kleiner als Herna, o Gott, nimm mich in Deinen Schutz! Sie rief den Pilgrim zu sich: Lieber Bruder, kaempfe muthig fuer mich, ich schwoere Dir, es geschieht mir unrecht, ich bin unschuldig an der Verraetherei, deren man mich beschuldigt – Fraeulein, ich kaempfe von Herzen gern fuer Euch, nur sorgt, daß ich Waffen und ein gutes Pferd erhalte. – Das soll Euch nicht fehlen; zuvor laßt mich den Stab kuessen, der das heilige Grab beruehrte. Lother reichte ihr den Stab, und zwar so, daß sie den Ring an seiner Hand erblicken mußte, den sie wohl kannte, weil sie ihm denselben einst an den Finger gesteckt. Als sie den Ring sah, da lebte ihr innerstes Herz; sie sah den Pilgrim an, konnte ihn aber nicht erkennen vor dem langen Bart; da besah sie seine Haende, die waren weich und weiß; an diesen Haenden und an seinen braunen Augen erkannte sie ihn endlich. Da sagte sie dem Marschall: Ich bin zufrieden mit diesem Kaempfer; ich hoffe, Gott der Herr hat ihn mir gesendet: wird er ueberwunden und aufgehenkt, so sollt Ihr mich zur Stunde verbrennen, und ich will Euch nicht um mein Leben bitten. – Da mußte Herna sein Pfand wieder hinwerfen, und der Pilgrim hob es auf. – Bist Du ein Edelmann? fragte ihn Herna. – Niemand ruehme sich selber, antwortete der Pilgrim, mein Schwert wird Dir die Antwort geben.

Man erzaehlte dem Koenige, was sich mit dem Pilger zugetragen, aber es war ihm ein Spott. – Herna ging fort, sich zu waffnen, denn der Pilger drang darauf, der Kampf solle sogleich beginnen. Der Marschall nahm Lother mit in sein Haus, hier gab er ihm eine gute Ruestung, die wußte der Pilger sich so gut anzulegen, und verstand alles so wohl, was zur Ruestung gehoert, daß der Marschall sich sehr darueber wunderte. Darauf setzte er sich zu Pferd, hing seinen Schild ueber, und ergriff die Lanze; darauf setzte er sich fest in den Sattel, ritt hin und her, besah alles Zeug genau an dem Pferde, und versuchte sich mit ihm von allen Seiten. – Mein Gott, dachte da der Marschall, wer sah je einen Pilgrim wie diesen! – Lieber Herr Marschall, sagte Lother, indem er sich bei ihm beurlaubte, nun bittet Gott fuer mich! – Hiermit ritt er auf den Platz, hier fand er Herna, der schon auf ihn wartete; und das war nicht mehr als billig, weil Herna den Handschuh hatte hingeworfen, so mußte er auch der erste auf dem Platze sein. Lother ritt zu Zormerin, und reichte ihr die Hand, die sie an ihren Mund drueckte mit heißer Liebe. Gott wolle Dich behueten, dachte sie in ihrem Herzen; mit dem Gift geschieht mir Unrecht, und darum hoffe ich, Du sollst den Sieg davontragen; aber den Brief habe ich freilich geschrieben, nur hoffe ich, das wird nicht eine so schwere Suende sein. – Koenig Orschier saß an einem Fenster, und sah, daß der Pilgrim sehr wohl zu Pferde saß, deß freute er sich. Geschieht meiner Tochter Unrecht, so wolle Dir Gott helfen, dachte er auch still in seinem Herzen.

Die Reliquien wurden gebracht, Herna und Lother schworen darauf, dann setzten sie sich wieder auf, und entfernten sich von einander; nun ritten sie wieder zusammen, und trafen sich beide so hart, daß ihre beiden Pferde todt niederfielen unter ihnen. Sie sprangen wieder auf, zogen ihre Schwerter und schlugen so entsetzlich auf einander ein, daß das Volk meinte, der Pilger muesse gleich vom ersten Streiche fallen, denn Herna war ein sehr großer, starker Mann. Lother wehrte sich als ein tapferer Mann, er gab ihm einen Streich, daß das Blut durch den Harnisch niederfloß. Schalk, rief er ihm zu, seh Dich vor, solche Streiche lernte ich am heiligen Grabe fuehren! – Herna ergrimmte ueber diese Rede, und drang hart auf Lother ein. Heiliger Gott, betete Zormerin inbruenstig, behuete den Mann, den ich liebe: wird er ueberwunden, und muß er sterben, so begehre auch ich keinen Tag laenger zu leben. – Herna fuehrte einen solchen Streich gegen Lothern, daß er ihm den vierten Theil seines Schildes hinunterschlug. Waere der Streich nicht von dem Schilde aufgefangen worden, so haette er den Lother von einander gehauen. Lother fehlte auch nicht, er schlug so auf Hernas Helm, daß ihm sein Schwert gegen den Helm zerbrach; da fluchte er dem, der das Schwert gemacht hatte. Das Volk schrie laut auf: Ach, unser Fraeulein muß verbrannt werden! – Koenig Orschier war sehr betruebt. Ach Tochter, seufzte er, muß ich die Stunde verfluchen, in welcher Du mir geboren wurdest! – Zormerin fiel auf ihre Knie nieder, und begann gar andaechtig und inbruenstig zu beten, und als sie ihr Gebet in großer Angst und im tiefen Jammer des Herzens ausgesprochen haette, da vergingen ihre Sinne, und sie fiel ohnmaechtig zur Erde nieder.

Die Beiden kaempften noch muthig; Herna schlug auf Lother, und dieser wich den Streichen aus, oder deckte sich mit seinem Schild. Endlich fuehrte Herna einen so gewaltigen Streich, daß sein Schwert in Lothers Schild stecken blieb, so, daß er es nicht wieder herausziehen konnte. Als Lother dieß sah, da ergriff er das Schwert bei der Spitze mit beiden Haenden; Herna zog auf seiner Seite bei dem Griff, und Lother auf der seinigen bei der Spitze. Endlich, als Herna mit aller Kraft zog, da gab Lother auf einmahl nach, so, daß Herna ruecklings auf die Erde fallen mußte. Nun sprang Lother auf ihn, und stach ihm ein Messer in den Leib, daß es im Ruecken wieder durchkam, doch war sein Herz nicht durchstochen, so, daß er nicht davon starb. Er ließ aber sein Schwert fallen, das ergriff Lother und warf es ueber die Schranken, lief dann wieder zu Herna und zog ihm den Helm ab; darueber ermunterte sich Herna wieder und sprang wieder auf seine Fueße; nun rangen sie mit einander, keiner konnte den andern niederwerfen; endlich stieß Lother den Herna um, als dieser sich nach seinem Schwerte umsah; Lother nahm wieder sein Messer und hieb ihm das Ohr mit einem Theil des Backens, herunter. Du kannst nun dem Galgen nicht entlaufen, rief er ihm zu, denn wer Dich mit einem Ohr sieht, der wird den Dieb wohl erkennen! Pilgrim, Du hast mich gar uebel, zugerichtet, sprach Herna, willst Du Dich aber jetzt freiwillig von mir ueberwinden lassen, so will ich Dir Gold und Geld genug, auch sonst viel koestliche Gaben geben. – Falscher Boesewicht! rief Lother, welche Schandthat muthest Du mir zu! Und wisse, Du Schalk, keinen Pilger hast Du vor Dir; ich bin Lother von Frankreich, dem Du ein Gewand in den Thurm brachtest. – Da erschrack Herna so, daß ihm sein Herz entfiel. Edler Herr, fing er an, ich ergebe mich Euch; ehe Ihr mich aber toedtet, so laßt mich zum Koenige Orschier gehen, daß ich ihm meine Verraetherei bekenne, denn ich war es, der ihm das Gift bereitete. – Lother setzte sich nieder, denn er war gar sehr ermuedet, und wollte die Rede Herna's anhoeren; da setzte Herna sich ihm gegenueber, als wollte er gemaechlich mit ihm sprechen, nahm aber sein Messer, ehe Lother sich's versah, und warf es nach ihm; das Messer durchfuhr aber nur den Panzer, verwundete aber Lother nicht zum Glueck, denn waere es tiefer gegangen, es haette ihm eine toedtliche Wunde gemacht. Da sprang Lother wuethend auf, zog sein Messer, und schlug damit so kraeftig nach Herna, daß er ihm den Kopf bis auf die Zaehne zerspaltete; da fiel Herna todt nieder zur großen Freude der schoenen Zormerin und ihres Vaters. Alles Volk rief voller Freude: Gott der Barmherzige schickte uns den Pilgrim. Gesegnet sei die Stunde, da er ist hergekommen! – Lother ging zu Zormerin, nahm seinen Helm ab, und kueßte sie auf den Mund mit seinem langen Bart, darueber lachte alles Volk sehr.

Darauf fuehrte sie ihn bei der Hand zu ihrem Vater und sprach: Ihr sehet nun, mein Herr Vater, wie mir von den Lombarden ist Gewalt und Unrecht geschehen; nie habe ich Uebels gegen meinen Herrn Vater zu thun gedacht, und werde es nimmer denken. – Koenig Orschier sprach: Ich sehe es nun wohl ein, liebe Tochter; geh, nimm den Pilgrim mit Dir, bewirthe ihn wohl, gieb ihm auch reiche Gaben, und wenn er weggeht, so will ich ihm ehrenvolles Geleit geben, so weit als er will. Lother dankte dem Koenig hoeflich; darauf fuehrten ihn Zormerin und Synoglar in eine heimliche Kammer, hier wusch er sich, daß ihm seine Farbe wieder hervorkam, und zog sich sauber an, dann ging er zu Zormerin in ihre Kammer, die ihn freudig umarmte, und wohl hundert und tausend Kuesse auf seinen Mund drueckte. Von ihrer großen Freude, daß sie beisammen waren, will ich schweigen, doch kann ein jeder sich's wohl denken. Zormerin verband seine Wunden, deren er viele hatte, und pflegte ihn wohl. Geliebte Frau, sprach Lother, wißt Ihr mir denn nicht zu sagen, wo Maller, mein treuer Geselle, geblieben ist? – Nein, ich weiß nichts von ihm, antwortete Zormerin, ich habe nichts von ihm gehoert, seitdem er hier auf dem Saal dem Koenige, meinem Vater, den Frieden aufkuendigte; damahls hatte der treue Mann im Sinne, er wolle zu seinem Vater ziehen, und den um Huelfe fuer Euch bitten, auch wolle er nicht eher ruhen oder rasten, er habe Euch denn aus der Gefangenschaft erloest. – Ach, rief Lother aus, koennte ich ihm doch seine Treue je vergelten! –

Vierzehn Tage waren sie schon beisammen gewesen, da kam Scheidechin, Mallers Hausfrau, endlich auch nach Konstantinopel, und zu Zormerin, die sich herzlich freute, sie wieder zu sehen; auch nach ihren andern Frauen schickte sie sogleich, die sich in einer Herberge in der Stadt aufhielten, und ließ sie alle zu sich kommen. Als Scheidechin vernahm, daß Maller, ihr Gemahl, wohl noch am Leben sei, sie auch von Zormerin wohl gepfleget und genaehret ward, sowohl mit Speisen und Getraenk als auch mit Baedern und herrlichen Kleidern, da bluehte sie wieder auf, und ward so schoen als sie vorher gewesen war.

Hier wollen wir Zormerin und Lother ein wenig lassen, und uns einmahl nach Maller, dem treuen Gesellen, umsehen.

Das ein und zwanzigste Kapitel

Maller und seine Freunde hatten ein gewaltiges Heer versammelt, damit brachen sie in die Lombardei ein und zerstoerten das ganze Land, weder Kirchen noch Kloester wurden verschont. Als er gegen Pavia kam, da schickte er einen Herold in die Stadt zu den Buergern, mit dem Auftrag, sie sollten ihm Lothern herausbringen, und auch Otto, ihren Koenig, sollten sie in seine Haende liefern, auf ein Pferd gebunden mit Haenden und Fueßen. – Denn Maller bestand darauf, er muesse den Otto aufhaengen, das haette ihm kein Mensch aus dem Sinn geredet. – Die Buerger antworteten dem Herold: Lother von Frankreich ist nach Konstantinopel gefuehrt worden, dort hat er sich ausgesoehnt mit unserm Koenig Otto. – Als Maller die Antwort von dem Herold vernahm, da waere er bald unsinnig geworden vor Ungeduld. Er schwur zu Gott, Koenig Orschier sammt Koenig Otto mueßten des bittersten Todes sterben, wenn sie nicht seinen Herrn frei ließen; denn an die Aussoehnung konnte er nicht glauben. Darauf ließ er die Stadt Pavia mit Sturm erobern, und so wie die Historie sagt, ließ er keine Seele in Pavia mit dem Leben davon kommen. Maenner und Weiber, Greise und Kinder, alles wurde mit dem Schwerte erschlagen, weil er die Lombarden alle haßte als falsche verraetherische Leute. Nachdem er die Stadt mit zwanzigtausend seiner Gewaffneten besetzt hatte, zog er mit dem uebrigen Heere weiter gegen Konstantinopel; sobald er in des Koenigs Orschiers Land kam, ließ er alles verheeren und verbrennen, und erschlug alles, was ihm begegnete. Da lief einer nach Konstantinopel, fiel dem Koenige zu Fueßen und schrie: Herr, bewachet Eure Stadt, denn Maller koemmt mit hunderttausend Gewaffneten und will Euch belagern, er ist nicht mehr zwei Meilen weit von hier, und wo er durchkam, da hat er alles verbrannt und verheert, und alles todtgeschlagen. Koenig Orschier erschrack heftig, und sprach zu Otto: Ich bitte Euch, versoehnt Euch mit meiner Tochter, und steht mir bei gegen Maller! Sicher ist Lother auch bei ihm, und der wird nicht unterlassen, sich in den Pallast zu meiner Tochter zu schleichen, dann wollen wir ihn fangen, und Ihr koennt dann mit ihm machen, was Euch gefaellt, und dann meine Tochter ehelichen. – Gebt Ihr mir Euer Wort, sagte Otto, daß Ihr dieß thun wollt, so bleibe ich hier und ziehe gegen Maller. Koenig Orschier ließ Zormerin zu sich rufen, und sagte ihr, sie solle sich mit Otto versoehnen und seine Gemahlin werden, damit er ihm gegen Maller zu Huelfe kaeme. Zormerin sprach: Gnaediger Herr Vater, weil Ihr es befehlt, so will ich mich mit ihm versoehnen, obgleich er sehr unrecht an mir gehandelt, und ich viel Schmach um seinetwillen erleiden mußte. Seine Ehefrau werde ich aber nimmermehr, auch werdet Ihr solches nicht verlangen, da Ihr wohl gehoert habt, daß mein Herr, Lother, lebt. Nun versoehnte sie sich gutmuethig mit Otto'n, dann entfernte sie sich eilend, und ging wieder in ihr Gemach zu Lothern; diesem erzaehlte sie, daß Maller mit einem gewaltigen Heere nicht weit von der Stadt sei, und daß er sie belagern wolle. Da sprang Lother auf und rief: So will ich zu ihm hinausreiten, zu dem Treuen, der mir zu Huelfe koemmt. Geliebter Herr, fing sie wieder an, ich stehe Euch an, Ihr wollet meinen Vater nicht verderben; er folgte boesem Rath, aber ich weiß gewiß, er wird es einst bereuen. – Geliebte Frau, beruhigt Euch, Eurem Vater soll nichts geschehen, aber Otto, den Verraether, will ich toedten, obgleich er mein Vetter ist, denn er hat große Bosheit an mir veruebet. – Als die Nacht hereinbrach, da waffnete sich Lother und legte eine herrliche Ruestung an, dazu gab ihm Zormerin ein gutes Pferd. Dann ging sie mit ihm und machte ihm die Pforte offen; die Pfoertner durften das der Koenigstochter nicht versagen. Da ritt Lother hinaus, und dankte Gott von ganzem Herzen, als er sich im freien Felde sah; Zormerin ging weinend wieder in ihre Kammer.

Als der Tag anbrach, da begegneten dem Lother viele Leute, die fluechteten. – Wen fliehet Ihr, lieben Leute? fragte sie Lother. – Wir muessen wohl fliehen, antworteten sie, und auch Euch waere es Noth zu fliehen, denn es ziehet ein großes Heer daher, das verderbet das ganze Land, verbrennet und zerstoert Kirchen und Kloester, und schlaegt alles todt, was ihm vorkoemmt. – Lother war froh, da er hoerte, sein Geselle Maller sei ihm so nah, und ritt weiter. Da sah er einen Ritter von gutem Ansehen, der war von seinem Pferde abgestiegen, und bei ihm war eine schoene Jungfrau, die klagte und weinte sehr, und geberdete sich gar jaemmerlich, denn er rang mit ihr und wollte sie zu seinem Willen zwingen. O toedte mich, rief sie weinend, nimm Dein Schwert, schlag mir den Kopf ab, denn ich will viel lieber sterben, als Deinen Willen thun. – Liebe Jungfrau, sagte der Ritter, erst will ich mich an Euch erfreuen, dann will ich Euch den Kopf abschlagen. Da rief die Jungfrau mit lauter Stimme: O Maria, Mutter Gottes, komme mir zu Huelfe, hilf mir meine Ehre erhalten und mein Leben! Lother, der ihnen hinter einem Busch zugehoert, der sprang nun hervor und rief: Falscher Ritter, sitze auf Dein Pferd, Du mußt mit mir kaempfen, ich will dieses Fraeuleins Ritter sein. – Der Ritter hoerte nicht sobald diese Worte, als er auf sein Pferd sprang und seine Lanze einlegte. – Es war Dietrich von Karthago, ein Bastard des Koenigs Ansys; er hatte diese Jungfrau um ihrer Schoenheit willen mit Gewalt entfuehrt, und ihren Vater, den Koenig von Hispanien getoedtet; darum ward in der Folge ganz Hispanienland verwuestet.

Die Beiden kaempften nun, und schlugen so graeulich auf einander, daß sie Beide sehr verwundet waren; dieß sah ein Reitersknecht, der daher geritten kam, der wandte sein Pferd und ritt zu Maller, der nicht weit mehr zurueck war. Herr, rief der Reiter, kommt dem Bastard von Karthago zu Huelfe, er ist im Kampf mit einem fremden Ritter, der ihm gar sehr zusetzt. Da blies Maller auf seinem Horn, und spornte sein Pferd, daß es sehr schnell laufen mußte; ihm nach eilten wohl zehntausend Mann. Da Maller auf den Platz kam, wo die Beiden kaempften, da drang er auf sie ein, und wollte dem Dietrich zu Huelfe kommen; Lother aber, der ihn gleich an seinem Wappen erkannte, zog eilend seinen Helm ab, da erkannte ihn Maller auch; Beide sprangen von ihren Pferden, umarmten und kueßten sich voll Freude, Beide mußten vor Freude weinen, daß sie sich nun wieder hatten. Unterdessen waren die andern Herren mit dem Heere auch herzugekommen; Koenig Galyen, Otger, Mallers Bruder, und Koenig Ansys, die hießen alle den Lother willkommen, und waren froh, ihn zu sehen, nun kam auch Dietrich von Karthago naeher und versoehnte sich mit Lother, und alles war voller Freude. Maller erzaehlte seinem Freunde, was sich mit ihm begeben, waehrend er ihn nicht gesehen, so that auch Lother, und Beide beschlossen, Konstantinopel zu belagern, und nicht eher zu ruhen, bis sie den Otto an den Galgen gehaengt.

Nun zogen sie weiter und belagerten die Stadt Konstantinopel. Koenig Orschier beschloß sogleich, auf sie zu fallen mit einem großen Heere, noch ehe sie sich von der Reise ausgeruhet hatten. Dieß war seine Ritterschaft auch wohl zufrieden, und sie zogen wohl mit sechzigtausend Gewaffneten gegen den Feind. Maller bestellte auch sein Heer; sowohl er als Lother und Koenig Ansys, Koenig Galyen, Otger und Dietrich von Karthago fuehrten jeder einen Haufen an. Koenig Orschier und seine Griechen schlugen tapfer in den Feind, aber diese fehlten auch nicht. Otger, Mallers Bruder, erwischte Salomon, den Wirth, zog ihm seinen Helm ab, und wollte ihm den Kopf herunterschlagen, das ersah Maller und sprach: Mein Bruder, verschone diesen, er ist mein guter Freund. Ergieb Dich mir! rief er ihm zu. Da reichte ihm Salomon, der Wirth, sein Schwert, und man fuehrte ihn in Mallers Zelt. Es war eine große Schlacht, wobei mancher Mann sein Leben einbueßte. Maller drang so weit vor, daß er Koenig Orschier erblickte. Du thoerichter Koenig, rief er ihm zu, jetzt ist Deine Stunde gekommen, Du hast schon zu lange gelebt; mit diesen Worten stach er mit seinem Speer nach ihm und warf ihn aus dem Sattel, so daß er vom Pferde herunter fiel. Maller ergriff ihn und zog ihm den Helm ab. Otto hatte nun dem Koenige bei allen Heiligen geschworen, er wolle ihn nicht verlassen, da er ihn aber unterliegen sah, da haette er nicht Koenig Salomons Schaetze genommen, den Maller zu verhindern. Dieser hohlte mit dem Schwerte aus, und wollte Orschier den Kopf abschlagen; da eilte Lother hinzu und hielt seinen Arm. Lieber Maller, toedte mir den Koenig nicht, uebergieb ihn mir. Maller that es ungern, doch folgte er Lothers Worten und ließ den Koenig los. Edler Koenig, sprach Lother, Ihr seht nun, was des Otto Reichthuemer Euch helfen, Ihr habt Euch selbst betrogen. Da schickte er ihn in sein Zelt, und ließ ihn genau bewachen.

Otto schaute hin und her, und waere gern weit weg gewesen, aber er konnte vor dem Volke nicht herauskommen. Maller drang immer weiter ein, endlich sah er Otten, und machte sich Raum, um zu ihm zu gelangen; dieß ward Otto gewahr, und bat einen lombardischen Ritter, die Waffen mit einander zu tauschen. Ich will es Dir wohl lohnen, lieber Ritter, sagte er, denn ich moechte Mallern nicht erwarten, fuer kein Gut in der Welt. Der Ritter war der kuehnste und tapferste unter den Lombarden; er tauschte sogleich die Waffen mit Otto, und dieser zog sich aus dem Streit gegen die Stadt zu. Maller kam nun auf den lombardischen Ritter zu, und gab ihm einen solchen Streich, daß er todt vom Pferde fiel. Nun meinte Maller, es sei Otto, und schleifte ihn nach dem Zelte, um ihn dem Lother zu ueberliefern. Das Volk meinte auch, Otto sei erschlagen, und zog sich zurueck. Maller zog, als er in seinem Zelt war, dem Erschlagenen den Helm ab; da er nun sah, daß es Otto nicht war, da aergerte er sich sehr. Einen verzagteren Buben, rief Lother, giebt es nicht auf Erden, als diesen Rothkopf.

Nun ließ Lother Koenig Orschier kommen und sagte: Edler Koenig, ich mag Euch kein Leides thun, ich weiß wohl, daß mein Vetter Otto Euch gerathen hat, so thoericht zu handeln. Ihr seid ein verstaendiger Mann, bedenkt, daß ich Eurer Tochter vor dem Altar von dem Priester bin zum ehelichen Gemahl gegeben worden; Ihr wißt, daß keine Ehe zu scheiden ist, der Tod scheide sie dann. Ich schwur ihr Treue vor dem Altar, bei dem Gott, der fuer uns die Marter litt. Was also auch geschehen mag, und was Ihr mir auch thun moegt, ich werde Euch nie Uebels erzeigen, und Euch immer als meinem Schwaeher ehrerbietig begegnen. – Koenig Orschier, als er Lothern so reden hoerte, fiel vor ihm nieder, umfaßte seine Knie und wollte ihn um Verzeihung bitten; Lother gab dieß aber nicht zu, dazu war er zu tugendhaft. – Gefaellt es Euch, sprach Orschier, so will ich nach Konstantinopel reiten und will Euch morgen die Pforten oeffnen lassen und Otto in Eure Hand liefern. – Reitet in Gottes Nahmen, Herr Koenig. – Ei, das soll er wohl nicht, rief Maller ein; ich werde ihn nicht reiten lassen, er habe mir dann in meine Hand vorher gelobt, was er Euch versprach; denn wer so oft gelogen hat als er, dem kann man nicht so leicht trauen.

Nun gelobte Orschier mit lauter Stimme, und vor allen Anwesenden bei seinem koeniglichen Ehrenwort, daß er dem Heere wolle die Thore von Konstantinopel oeffnen und ihnen den Otto ausliefern. Darauf ließ ihn Maller reiten; Lother begleitete ihn, und indem sie Beide zusammen ritten, erzaehlte ihm Lother, wie er der Pilgrim sei, der Herna erschlagen und seine Tochter erloest. Da weinte Koenig Orschier, als er diese Erzaehlung anhoerte, und segnete den Lother fuer seine Treue und seinen Heldenmuth.

Sobald als Koenig Orschier in Konstantinopel auf seinem Pallast angekommen war, schickte er einen Haufen Gewaffneter nach Otto, um ihn zu suchen und zu fangen. Sie fanden den Rothkopf in einer Kammer versteckt, da lag er und schlief. Er ward gebunden vor den Koenig gefuehrt. Was heißt denn das? fragte er. – Gestern hast Du, arger Schalk, mich verlassen, sprach der Koenig, als Du mich in großer Noth saehest, und nun, bei dem Gott, der mich erschaffen hat, ich ueberliefere Dich Deinem Vetter Lother und Maller, seinem Gesellen. Nun erschrack Otto gar sehr, schrie und weinte, aber es half ihm nichts; er ward mit Haenden und Fueßen fest an einer Saeule gebunden.

Darauf ließ der Koenig die Pforten weit aufthun, und ließ Lother mit seinem Heere einziehen. Zormerin lief Lothern entgegen, und Scheidechin Mallern, sie umarmten sich mit Liebe und gar großer Freude. Maller, fing Scheidechin an, ich glaubte schon, Ihr wuerdet Euch eine andere Jungfrau erworben haben. Liebes Weib, antwortete ihr Maller, und haette ich ihrer hundert erworben, Du waerst doch und bliebst die Gebieterin. Aber sei ruhig, ich habe mich wohl gehuetet, und bin Dir immer treu geblieben. – Sie zogen nun mit großer Freude, und unterm Getoen von Pfeifen und Cymbeln und Spielen aller Art, nach dem Pallast, so daß es ein Wunder war zu hoeren. Lieber Gemahl, sprach Zormerin, ich wuensche nun, an dem boesen Schalk, Otto, geraecht zu sein, aber ich weiß wohl, Ihr werdet das niemahls selbst thun; darum bitte ich Euch, traget es Euerm Freund Maller auf, denn ich schwoere zu Gott, ich will nicht eher Speise oder Trank genießen, bis Otto nicht mehr lebt. Lother rief seinen Gesellen Maller, und sprach: Ich bitte Dich, Du wollest Otto den Kopf abschlagen, denn ich wollte um keinen Preis meine Hand an ihn legen. – Herr, antwortete Maller, habe ich nur erst Urlaub von Euch, fuer das Uebrige laßt mich sorgen. Damit band ihn Maller von der Saeule ab, und fuehrte ihn an einem Arm die Stiege hinab; Otto sah aus, als ob er schon gestorben waere. Er ward hinaus an den Galgen geschleppt und aufgehaengt.

Sie lebten nun in großer Freude zusammen; Lother und Zormerin, Maller und Scheidechin waren die gluecklichsten Eheleute, die man sehen konnte; auch ward Jungfrau Synoglar mit Dietrich, dem Bastard von Karthago, vermaehlt. Bald darauf nahmen Koenig Galyen und sein Sohn Otger, Koenig Ansys und die uebrigen Herren, vom Hofe zu Konstantinopel Abschied, und ein jeder begab sich wieder in sein Land.

Das zwei und zwanzigste Kapitel

Die Buerger von Konstantinopel und das ganze Griechenland erwaehlten Lother von Frankreich zum Koenige; denn Koenig Orschier war ein alter Mann, und mochte nicht laenger regieren. Als nun Lother zum Koenig und Kaiser von Griechenland gekroent war, und große Feste und Gastirungen hielt, da kam ein Botschafter vor ihn, der kniete nieder und sprach: Gott, dem alle Dinge bekannt sind, der wolle den Kaiser und die ganze Ritterschaft heut und alle kuenftige Tage in seinen Schutz nehmen. – Gott grueße Dich, lieber Bote, sprach der Kaiser, sage an, was bringst Du uns? – Herr, ich bin zu Euch gesandt von dem frommen Bonifacius unserm geistlichen Vater. Er entbietet Euch durch mich, daß Ihr ihm doch wollet zu Huelfe kommen; vierzehn heidnische Koenige haben Rom belagert, unter ihnen ist der Sultan von Babylonien, und der Koenig von Mohrenland, der so schwarz ist, wie auch sein Volk, daß sie den hoellischen Teufeln gleichen. Sie haben dreißigtausend Gewaffnete, und besonders sind der schwarzen Teufel so viel, sie besetzen die ganze Gegend, und verwuesten das ganze Roemerland. Darum bittet Euch unser geistlicher Vater, Ihr moechtet ihn in der groeßten Noth nicht verlassen. Es betrifft die ganze Christenheit. – Lieber Bote, hat der heilige Vater nicht zu meinem Bruder Ludwig, dem Koenige in Frankreich geschickt, und ihn um Huelfe angerufen? – Herr, ich glaube wohl, es ist auch zu ihm geschickt worden, aber ich weiß nicht, ob er koemmt oder nicht; denn man spricht allgemein, er ließe sich von boesen Verraethern verleiten, und thue nach ihrem Rath.

Da schickte Lother den Boten mit der Antwort zurueck: er wolle in Kurzem mit seiner ganzen Macht dem heiligen Vater zu Huelfe kommen. Maller erbot sich gleich mit ihm zu ziehen, denn ihn verlangte sehr, einmahl wieder gegen die Heiden zu ziehen. Ich scheide nie von Euch, Herr, sagte er, der Tod mueßte uns denn scheiden. – Dafuer sei Gott gelobt und gedankt, sagte Lother. Gesegnet ist die Stunde, in welcher Du mein Gesell wardst. – Lother schrieb sogleich Briefe an alle seine Fuersten und Grafen, so weit sein Land reichte, und ließ sie nebst allen ihren Gewaffneten entbieten. Und als sie in kurzer Zeit sich zusammen in Konstantinopel versammelt hatten, da nahm Lother von seiner Gemahlin Abschied; sie weinte bitterlich, als er fortging, auch sah sie ihn dann nimmer wieder. Maller nahm auch Abschied von seiner treuen Scheidechin. Der Abschied war bitter und sehr schmerzhaft fuer die vier Eheleute, die sich sehr von Herzen lieb hatten.

Lother und sein Heer stiegen zu Schiffe, und kamen mit gutem Wind bis zum Roemerland, dann stiegen sie aus, und ritten nach Rom. Vorher sagte Lother zu Maller: Ich will dem Papste klagen ueber meinen Bruder Ludwig, und daß er mir nicht aus dem Gefaengniß zu Pavia hat helfen wollen. Verhilft mir dann der Papst nicht zu dem Meinigen, so will ich mir mit gewaffneter Hand wohl Recht verschaffen.

Als sie vor Rom ankamen, da fanden sie die Heiden eben im harten Streit mit den Christen begriffen. Hoere ich recht, sprach Lother, ich vernehme ein Geschrei Montjoye, das ist der Franzosen Feldgeschrei; geschwind, lieber Maller, laßt uns hinzu, denn ich goenne es den Franzosen nicht allein, den Tag zu gewinnen. Sie stuermten nun in hellen Haufen hinzu, und fielen den Heiden in den Ruecken, die dadurch in gar großes Gedraenge geriethen; die Historie sagt, ohne Lother und Maller waeren die Franzosen den Tag geschlagen worden. Lother sah einen Haufen Heiden, die da sehr hart stritten, und hoerte die Franzosen Montjoye rufen; da drang er ein, wo der Haufen am dicksten war, da sah er seinen Bruder Ludwig von Heiden umringt, zu Fuß fechtend; sein Pferd war erschlagen, und er selber sehr verwundet. Lother erkannte ihn sogleich an seinem Wappen; da er ihn in solcher Noth erblickte, da vergaß er seinen Unwillen gegen ihn, schlug um sich her auf die Heiden, mit solcher Kraft und Wuth, daß es bald weiter um Ludwig ward; die Heiden flohen vor Lother wie der Teufel vor dem Weihwasser, er war aber auch ein gar tapferer Ritter, er schlug dem, der das heidnische Panier fuehrte, den Arm mit der Schulter herunter, so daß der Arm sammt dem Panier auf die Erde fiel. Desselben Heiden sein Pferd faßte er, und fuehrte es Koenig Ludwig zu. Ludwig saß auf, und betrachtete Lother; da sah er, daß dieser das griechische und franzoesische Wappen im Schilde fuehrte. Das griechische Wappen war ein Greif, halb von Gold und halb von Silber, nebst einem Sessel, dieser Sessel bedeutete das Gericht. Lieber Freund, fing, Ludwig an, wie ist Euer Nahme? Darnach muß ich billig fragen, weil Ihr mich habt vom Tode erloest; zudem sehe ich Frankreichs Lilien auf Euerm Schild, nebst dem griechischen Greifen, welches mich sehr Wunder nimmt. – Ich will Euch meinen Nahmen nicht verhehlen, sprach Lother. Einen Greif fuehre ich, denn ich bin ein Kaiser in Griechenland, und so fuehre ich die Lilien, weil ich ein Sohn bin Koenig Karls von Frankreich. – Da erschrack Ludwig gar heftig. O lieber Bruder, rief er, ich bitte Euch um Gnade, denn ich habe gegen Euch gehandelt, ich bekenne es, und will es nach Euerm Willen und Begehren bessern. Ihr habt mir viele Liebe bewiesen, die ich Euch verdanke, aber ich habe es nicht um Dich verdient. – Von dieser Bitte ward Lother sein Herz bewegt. Bruder, sagte er, ich verzeihe Euch, was Ihr gegen mich gethan, wiewohl Ihr unser vaeterliches Erbe gar ungleich getheilt habt; Ihr habt Frankreich, und dazu das Kaiserthum von Rom. Seid Ihr es nun zufrieden, so wollen wir dem Papst zu Rom unsere Sache vorlegen, und er mag ueber uns entscheiden, und theilen. Es geschehe also, sprach Koenig Ludwig.

Nun ritten sie wieder in den Streit, und schlugen muthig alle Heiden, die ihnen zu nahe kamen; auch Maller that denselben Tag viel herrliche Thaten, und erschlug viele heidnische Riesen. Der Papst stand auf der Mauer, und bat bestaendig zu Gott um Sieg und Schonung der Christen. Als es nun Nacht ward, da ritten die Herren zusammen und hielten Rath, was sie nun thun wollten. Da gab ihnen Maller den Rath, daß sie einen Waffenstillstand mit den Heiden schließen sollten, um die Todten zu begraben, die sonst so uebel riechen wuerden, daß eine Pest im Lande entstehen muesse. Diesen Rath genehmigten Alle; sie sandten einen Herold zu der Heiden Lager, und ließen einen Waffenstillstand von vierzehn Tagen vorschlagen, welches die Heiden auch zufrieden waren. – Darauf zog das christliche Heer in Rom ein, wo sie vom Papste mit großer Ehre empfangen wurden; er ging ihnen entgegen und gab ihnen den heiligen Segen. Er sprach zu Koenig Ludwig: Seid mit Gott willkommen, mein Sohn, in diesem fremden Lande, ich bedurfte Eurer gar sehr. Damit ging er weiter, und sprach zu Lother: Seid mit Gott willkommen, mein lieber Sohn, ich habe vieles schon von Euch vernommen, Ihr seid ein Schirm und Schwert der ganzen Christenheit, und der Gerechtigkeit. Ihr sehet Euerm Vater sehr aehnlich. Er hat Euch sieben Jahre lang verbannt, aber das ist nun vorbei, und soll Euch weiter nicht schaden, denn Ihr und Euer Bruder, Ihr sollt Euch in das vaeterliche Erbe theilen. Heiliger Vater, sprach Koenig Ludwig, wir haben uns Beide vorgenommen, die Sache Eurer Entscheidung zu ueberlassen. Habe ich gegen meinen Bruder gefehlt, so will ich es vergueten, und bitte ihn wegen jeder Beleidigung um Verzeihung.

Wohl gesprochen, lieber Sohn! antwortete der Papst. Nun gingen sie zusammen in den paepstlichen Pallast, und setzten sich zu Tisch, wo sie alle gar trefflich bedient wurden.

Nach verfloßnem Waffenstillstaende zogen die Christenvoelker wieder heraus gegen die Heiden. Von diesem Tage, und der greulichen Schlacht, wo viel tausend Christen und noch viel mehr Heiden ihr Leben verlieren mußten, waere gar viel zu sagen. Ehe die Christen aus Rom zur Schlacht gezogen waren, hatten sie in großer Andacht Messe gehoert, welche der Papst ihnen gelesen, dann hatten sie auch reiche Opfer gebracht; der Papst gab ihnen den heiligen Segen, und bestrich sie in Andacht mit den heiligen Reliquien. Der Sieg war ihre, und die Heiden wurden alle erschlagen, die sich nicht mit der Flucht retteten. Nun zogen sie alle wieder in Rom ein, wo der Papst sie mit großer Ehre und in Froehlichkeit empfing. Die Leichname der Christen wurden alle in geweihter Staette begraben, die der Heiden aber den reißenden Thieren und den Voegeln Preis gegeben.

Der Christen Seelen wolle Gott troesten,
Und der Teufel die Heiden roesten.

Das drei und zwanzigste Kapitel

Vierzehn Tage waren Lother und die uebrigen zusammen zu Rom gewesen, als ein Bote ankam, der dem Kaiser Lother einen Brief brachte. Lother gab den Brief seinem Schreiber, daß er ihn ihm vorlesen moechte, und als dieser ihn geoeffnet, und anfing zu lesen, da weinte er gar bitterlich. Was ist Euch, Schreiber? Weshalb weinet Ihr? – Herr, sprach der Schreiber, Koenig Orschier, Euer Schwaeher meldet Euch, Eure Gemahlin, Frau Zormerin sei todt; sie ist von einem Kind entbunden worden, das so groß war, daß man es von ihr schneiden mußte, davon ist sie gestorben, und man besorgt sehr, das Kind moechte auch nicht leben bleiben. – Da fiel Lother vor Schrecken ohnmaechtig zur Erde nieder, und verblieb darin so lang, daß man meinte, er sei gestorben. Da er endlich wieder zu sich kam, da zerraufte er sein Haar, und war in großes Leid versenkt um seine Gemahlin; Koenig Ludwig lief hinzu, und versuchte es ihn zu troesten. Aber Lother hoerte nicht auf die Worte, die man zu ihm redete. – Ach Du schoene, Du getreue Zormerin! so klagte er immerfort; ach mein geliebtes Ehegemahl, nie kann ich Dich vergessen, und Deine große Liebe, die Du zu mir trugst! Ach Tod! warum hast Du uns getrennt, warum hast Du der Welt genommen die Schoenste und die Huldreichste, die Froemmste und Tugendsamste, die je auf sie gekommen? Ach Tod! mich, mich haettest Du nehmen sollen viel eher als sie! – Ihr solltet Euch in Gott ergeben, sprach Koenig Ludwig, denn was Gott will, das muß geschehen. – Ach Bruder, ich bin zum Unglueck geboren, nun habe ich die verloren, die ich so einzig habe geliebt. O Erde, thu' dich auf, verschlinge mich in deinen Abgrund. – Und nun raufte er wieder sein Haar, und rang die Haende; nie ist wohl eines Mannes Herz so hart geboren, haette er den Jammer gesehen, und Lothers Klage gehoert, es haette ihn erbarmen muessen. Zwei Tage und zwei Naechte klagte er so, daß niemand ihn zu troesten wagte. Am dritten Tage ward er etwas stiller. Nie ist ein Leid so groß, man muß seiner doch vergessen; das koennen wir auf Erden wohl taeglich schauen, an Maennern so wie auch an frommen Frauen.

Der Papst schickte nach den beiden Bruedern, Lother und Ludwig, und nach den andern Fuersten, die mußten sich alle bei ihm versammeln. Lieben Soehne, fing der Papst an in der Versammlung zu reden; Ihr seid beide Kaiser Karls von Frankreich Soehne. Die Franzosen haben Ludwig zu ihrem Herrn und Koenig erkoren; Lother aber hat von seinem ganzen vaeterlichen Erbe nicht eines Sporns werth. Doch ist er Kaiser Karls leiblicher Sohn, und kein Bastard, wir halten ihn nicht dafuer. Nun, Ihr lieben Herren und Freunde, was beduenket Euch dazu? sagt mir Eure Meinung; mich beduenkt es billig: Ludwig bleibe Koenig in Frankreich, und ließe Lother Kaiser in Rom sein. – Heiliger Vater, fing Koenig Ludwig an, Euer Rath duenkt mich gut, und ich will ihn befolgen. – So dachte der Papst die beiden Brueder zu vereinigen, aber um dieser Vereinigung willen wurden in der Folge mehr als zweimahlhunderttausend Menschen erschlagen. – Es waren viele schlechte Menschen unter den Raethen Koenig Ludwigs, die noch zu Lothers alten Feinden gehoerten; diese erschracken sehr, daß Ludwig dem Papste so folgsam war, und daß er dem Lother das Kaiserthum so willig abgetreten hatte, und hieraus entstand großes Unglueck und der blutigste Krieg, der jemahls ist gefuehrt worden.

Lother ward auf den paepstlichen Stuhl gehoben, ihm die Kaiserkrone auf das Haupt gesetzt, und in die eine Hand das Schwert, in die andere der Reichsapfel gegeben. Da geschah dem Lother große Ehre, denn er ward zum roemischen Kaiser mit vieler Festlichkeit und großem Pomp gekroent, aber er war dennoch nicht vergnuegt, und da jedermann froehlichen Herzens war, da war er es nicht um seiner Gattin willen, die er Nacht und Tag nicht aus dem Sinne verlor, und im Herzen gar tief betrauerte.

Nicht lange hernach, da nahm Koenig Ludwig Urlaub vom Papste, um wieder nach Frankreich zu reisen. Er ging auch zu Maller und nahm von ihm Abschied, denn Maller lag an seinen Wunden krank im Bette, er hatte in der letzten Schlacht wohl an dreißig Wunden erhalten, die alle gefaehrlich waren. Zuletzt kam Koenig Ludwig auch zu seinem Bruder, dem Kaiser, um sich von ihm zu beurlauben. Er umarmte ihn und kueßte ihn gar zaertlich, dann sprach er: Lieber Bruder, nehmt keine andere Ehefrau, Ihr habt mich denn um Rath darueber gefragt, darum bitte ich Euch gar sehr. – Mein Bruder, antwortete Lother, das thaete ich nicht, um viele Tonnen Goldes, denn haettet Ihr mich gefragt, ehe Ihr Eure Gemahlin freitet, ich wuerde Euch wahrscheinlich nicht dazu gerathen haben. – Hierauf antwortete Koenig Ludwig nicht, sondern er beurlaubte sich beim Kaiser, und ritt nach Frankreich zurueck.

Jene falsche Verraether, Lothers Feinde, die sprachen nun zu Ludwig: O Herr, wie thoericht habt Ihr gehandelt, daß Ihr das Kaiserthum habt von der franzoesischen Krone getrennt. Ihr habt ihr die groeßte Herrlichkeit geraubt, und werdet doch nun niemahls Freundschaft und Vertrauen mit Euerm Bruder haben koennen, und Eure Erben werden es in Jahrhunderten entgelten muessen. Das Kaiserthum wird sich nun ueber die franzoesische Krone weit erheben, und diese wird sich gar nicht mehr frei bewegen koennen. Nein, nie hat ein Koenig schmaehlicher gehandelt; Kinder, die jetzt noch ungeboren sind, die werden Eure Seele noch deswegen verfluchen. – Solche Reden fuehrten die Verraether so oft gegen den Koenig, und er mußte so viel davon reden hoeren, daß er endlich anfing, seinen Bruder Lother im Herzen zu hassen. – Da sie ihm nun riethen, Lothern zu verrathen und mit Krieg zu ueberziehen, sprach Ludwig: Ihr seid meine geheimen Raethe und vertraute Freunde, aber davon Ihr redet, das will ich gar nicht wissen; sprecht mir also nicht mehr davon, ich gebe es nicht zu.

Die Verraether waren mit diesem Bescheide uebel zufrieden; sie haetten dem Lother gerne ein Leids gethan, sie konnten es nicht vergessen, daß er ehedem bei ihren Weibern und Toechtern gefunden ward. Dem Koenige sagten sie diesesmahl nichts mehr, aber sie beschloßen unter sich, daß sie des Koenigs Gemahlin, Weißblume, auf ihre Seite ziehen wollten, damit diese den Koenig, ihren Gemahl, dazu bringe, daß er seine Einwilligung gaebe. Wenn eine Frau einen Mann hat, der sie von Herzen liebt, die bringt ihn, wozu sie will; je weiser der Mann ist, zu desto groeßrer Thorheit sie ihn verleiten kann.

Das vier und zwanzigste Kapitel

Nachdem Ludwig von Rom gereist war, bekam Lother eine Botschaft, sein Sohn waere am Leben, und sei frisch und gesund; er habe zwei rothe Kreuze mit auf die Welt gebracht, auch sei sein rechter Arm, mit dem er das Schwert fuehren sollte, ganz roth wie Blut, der andre Arm aber sei weiß. Dieser Botschaft war Lother froh, und sagte zu Maller: Lieber Geselle, ich muß nach Konstantinopel reiten, und muß meinen Sohn sehen. Laß Dich unterdessen von den Aerzten wohl pflegen, daß Du genesen moegest. Lieber Herr, sprach Maller, ich bitte Euch, bringt mir Scheidechin, meine Hausfrau, mit her zu mir. – Das soll geschehen, sprach Lother; hiermit ritt er fort, setzte sich zu Schiffe, und fuhr ohne Aufenthalt nach Konstantinopel.

Als Koenig Orschier und Lother sich wiedersahen, da fingen Beide an gar sehr zu weinen, und ihr Beider Leid ward wieder erneut um die schoene Zormerin. Die Amme brachte Lothern seinen kleinen Sohn herbei; Lother nahm ihn auf seine Arme und sah ihn an; da floßen seine Thraenen reichlich ueber das Kind: Marphone, Du lieber Sohn, sprach er, die schoenste, frommste und treueste Frau auf dem Erdboden, die mußte um Deinetwillen sterben. – Bei meiner Treue, sagte Koenig Orschier, der Nahme soll ihm bleiben. Marphone bedeutet auf deutsch: Weh, daß Du geboren! – Zwanzig Monate blieb Lother zu Konstantinopel, dann beurlaubte er sich bei seinem Schwaeher, um wieder nach Rom zu reisen. Beim Abschiede sagte ihm Koenig Orschier: er wolle Marphone in Konstantinopel bei sich behalten, und ihm das griechische Kaiserthum geben; er solle wieder eine Frau nehmen, um einen Erben fuer das roemische Reich zu haben. – Ich will Euch gehorchen, antwortete Lother, aber nie werde ich eine Frau lieben, wie ich die treue Zormerin liebte. – Da blieb Marphone zu Konstantinopel, und ward schoen und groß; Lother aber reiste mit Scheidechin, Mallers Ehefrau nach Rom. Hier fanden sie Mallern wieder voellig hergestellt, und die Freude, die er hatte, Scheidechin wieder zu sehen, war sehr groß.

Lother verlebte nun noch vier Jahre zu Rom, und zog mitunter gegen die Heiden, denen er vielen Schaden zufuegte. Eine Ehefrau zu nehmen, konnte er sich nicht entschließen, Zormerin lebte immer noch in seinem Herzen. Unterdessen hatten die boesen Verraether nicht geruhet; sie brachten Weißblume, die Koenigin von Frankreich, dahin, daß sie ihren Gemahl beredete, und er gab endlich nach vielem Zoegern seine Einwilligung zum Kriege. Auch Lother versammelte ein großes Heer; viele Herren und Fuersten kamen ihm zu Huelfe. Auch Marphone, Lothers Sohn, der unterdessen ein starker maechtiger Ritter, und nach Koenig Orschiers Tode Kaiser von Griechenland geworden war, kam seinem Vater mit einem maechtigen Heere zu Huelfe; auch Maller und die Seinigen fehlten nicht. So ward der blutigste Krieg gefuehrt, wo Christen gegen Christen fochten, von dem je ist erhoert worden. Viele Jahre dauerte der Krieg, wo ganze Laender zerstoert, Kirchen und Kloester verbrannt, und mehr denn sechsmahlhunderttausend Christen ihr Leben verloren, deren Blut die Stroeme und Fluesse im Lande roth faerbte. Endlich versoehnte sich Lother sanftmuethig mit Ludwig, nachdem die verraetherischen Raethe alle gefangen und getoedtet waren.

Dann nahm Marphone wieder Abschied von seinem Vater Lother, und zog wieder mit seinem Heere nach Konstantinopel. – Maller bekam Botschaft, wie seine liebe Ehefrau, Scheidechin, gestorben sei; da trauerte er viel um sie, und beweinte sie aufrichtig, konnte auch nimmer froh werden von da an, und da er seinen Herrn und Freund Lother auf Lebenszeit ungluecklich wußte. Es kam ihm in den Sinn, er moechte wohl Vater und Mutter noch einmahl sehen; er beurlaubte sich also von dem Kaiser Lother, und ritt nach Montsysson. Vorher mußte er aber Lothern versprechen, wieder nach Rom zu kommen, und nicht lange zu verweilen. Zu Montsysson fand er seinen Vater und seine Mutter, auch seinen Bruder, Koenig Ansys und seine Soehne, auch den wilden Bastard, Dietrich von Karthago. Sie alle freuten sich sehr, Maller wieder zu sehen, er aber konnte keine Freude mehr haben; da er kaum vier Wochen bei ihnen sich aufgehalten hatte, da sagte er, er wolle wieder nach Rom zu Kaiser Lother, nahm Abschied von allen Freunden, kueßte seine Mutter mit weinenden Augen, und ritt fort. Als er vor die Stadt kam, da ward sein Herz so gar mit Traurigkeit umfangen, und ihn gereute so sehr alle das Christenblut, das er vergossen, daß er vom Pferde absteigen, und sich niedersetzen mußte. Hier duenkte ihm, als rief eine Stimme vom Himmel ihm zu, er solle ein Einsiedler werden, ein hartes Leben fuehren, und seine Suenden im Gebethe und in der Einsamkeit bueßen. Da ließ er sein Pferd laufen, ging tief in den Wald hinein, wo keines Menschen Fuß je hinkam, und hier lebte er als ein Einsiedler, schlief auf der harten Erde, trug den eisernen Harnisch auf seinem bloßen Leib, ohne ihn abzulegen, weder bei Tag noch bei Nacht; aß wilde Wurzeln, die er sich selber ausgrub, trank Wasser und kasteite seinen Leib sehr.

Kaiser Lother war zu Rom, und wunderte sich sehr, daß Maller sein Geselle nicht wieder kam. Und als es sich gar zu lange verzog, da saß Lother selber auf mit einigen Gesellen, und ritten nach Montsysson, um nach Maller zu fragen. Keiner aber wußte etwas von ihm, sondern sie meinten alle, er muesse in Rom sein, und der Schrecken war gar groß, als sie von Lother vernahmen, er sei nicht daselbst angelangt. Lother und die andern suchten ihn ueberall im ganzen Lande, aber er ward nirgend gefunden; da legte sich Rosemunde, Mallers Mutter, nieder, und starb vor großem Leide um ihren Sohn. Lother ritt wieder nach Rom. Drei Jahre gingen noch wohl darueber hin, und man konnte nichts von ihm erfahren. Da ward auch Lother krank, und waere beinah vor Gram gestorben; er klagte und weinte ohne Unterlaß um ihn: und so oft jemand von Maller redete oder seinen Nahmen nannte, da mußte er immer wieder aufs neue weinen. Endlich ward er so krank, daß er zu Bette liegen mußte, und er ward ganz schwach von Sinnen. Da sagten die Aerzte: er muesse die große Klage zu fuehren aufhoeren. Lother ließ also in seinem ganzen Reiche den Befehl ergehen, niemand solle von Maller sprechen oder seinen Nahmen nennen; wer den Nahmen nennte, der mueßte sterben. Da ward also Maller vergessen, und sein Nahme nicht mehr gedacht. Nach drei Jahren, da war es gerade die Zeit, daß man die heilige Veronica in Rom vorzeigte; diese ward nur alle hundert Jahre einmahl gezeigt. Nun gedachte Maller auch nach Rom zu gehen, um die heilige Veronica zu sehen. Er kam zu Rom an, und hatte einen langen Bart, sein Antlitz war bleich, und ohne Farbe oder Licht, denn er hatte in dreien Jahren keine menschliche Speise zu sich genommen, und hatte kaum sein Leben erhalten. Er ging wie ein Pilger gekleidet, keiner seiner Freunde haette ihn so erkannt. Er ging sogleich nach der St. Peters-Kirche, und sah Lother, seinen Gesellen, alle Tage vor sich hinein- und herausgehen. Da ging Maller einen Sonntag auf den Pallast, wo Lother saß. Als dieser den Pilgrim sah, da bebte er zusammen, denn er erinnerte sich, wie Maller ihm einmahl gesagt hatte, er wollte auch einmal ein Pilgrim werden. Ach Maller, seufzte er bei sich selber, wueßte ich Dich zu finden, ich wollte Dich suchen von einem Ende der Welt bis zum andern. Maller hatte nichts von dem Verbothe gehoert, daß man vor dem Kaiser nicht seinen Nahmen nennen durfte; er ging also zu ihm, und bat ihn um Almosen um Gotteswillen, und auch um Eueres Gesellen Mallers willen, wenn Ihr ihn je lieb gehabt. Bei diesem Nahmen da vergingen dem Kaiser die Sinne, sein Herz ward kalt, und so nahm er sein Messer, warf es nach dem Pilgrim, das Messer fuhr ihm tief in den Leib. O Lother, ich bin Maller, Dein Geselle, den Du erstochen hast, komm her zu mir, kuesse mich, daß ich Dir die That verzeihe.

Da sprang Lother hinzu, nahm den Pilger in seine Arme, und besah ihn von Kopf zu Fuß da er ihn endlich erkannte, da fiel er in Ohnmacht neben ihm nieder; da er wieder zu sich kam, und den Jammer bedachte, den er angerichtet, da schrie er vor großem Schmerz, verfluchte sich und die Stunde, in welcher er geboren, und wollte sich selber toedten; Maller aber sammelte seine Kraefte, und hielt ihn ab. Herr, sagte er, mehret nicht Eure Suenden, denkt an Gott; schreit auch nicht so sehr, daß man nicht gewahr wird, ich sei Maller, den Ihr getoedtet, denn wo mein Vater es erfaehrt, und mein Bruder, so werden sie meinen Tod an Euch raechen wollen, welches Gott verhueten wolle. Gott und seine liebe Mutter wollen Euch verzeihen, ich verzeihe Euch von ganzem Herzen. Als er dieß gesagt hatte, da sah er Lother an mit freundlichem Laecheln, und verschied in seinem Arm; seine Seele war so treuer Liebe voll, und ward in einem so bußfertigen Leben abgerufen, daß sicher ihm die ewige Seligkeit zu Theil worden ist. Sein Koerper ward von den Rittern in geweihte Erde bestattet; Lother aber verfiel in eine so große Krankheit, daß man glaubte, er wuerde nicht laenger leben koennen. Endlich ward er doch so weit hergestellt, daß er wieder heraus konnte; er redete aber mit niemand mehr ein Wort, und war in tiefe Traurigkeit versenkt, woraus ihn nichts zu ziehen vermochte. Und als er einesmahls allein hinausgeritten war, und keine Begleitung mitnehmen wollte, da erwartete man vergebens seine Zurueckkunft, er kam nicht wieder nach Rom. Als sein Sohn, Marphone, durch den kalabrischen Wald kam, da fand er ihn als Einsiedler in einer Klause im Walde, wo er auch bald darauf starb, in seines Sohnes Armen.

Hier endigt das Buch von Lother und Maller, den beiden treuen Gesellen.