Nero

Zum Eingang.

Der vorliegende Roman stellt sich die Aufgabe, seinen Lesern zu schildern, wie und durch welche Momente sich der ursprünglich so milde, unverdorbene, groß und edel veranlagte Nero in das übermenschliche Ungeheuer verwandelt hat, von dem uns die alten Autoren so unbegreifliche Dinge erzählen. Aus dieser Absicht ergibt sich naturgemäß die umfassendere Behandlung der einzelnen Entwicklungsstadien im Vergleich mit den Ausschreitungen des fertigen Missethäters. Sobald der Cäsar den Höhepunkt seiner Entartung erreicht hat, ist unser Problem der Hauptsache nach gelöst; nur die Entsühnung, falls eine solche möglich erscheint, reizt noch unser künstlerisches Interesse.

Dies zur Vorbemerkung für solche Leser, die, verführt durch die herkömmliche Betrachtung dieses Charakters, vielleicht eine breitere Ausmalung des Schauderhaften und Widerlichen erwartet haben.

Noch sei hier erwähnt, daß die Ereignisse, die sich in Wahrheit auf einen erheblich längeren Zeitraum verteilen, aus leicht ersichtlichen Gründen zusammengedrängt worden sind. Auch sonst finden sich kleine Abweichungen von der Chronologie, die nicht über Gebühr auffallen werden. Für diese und andere Punkte – insbesondere für die innere Motivierung der geschichtlichen Vorgänge – nehme ich selbstverständlich ganz die gleiche Freiheit in Anspruch, die der Dramatiker, einem historischen Stoff gegenüber, längst als sein unbestreitbares Recht betrachtet. Uebrigens wird ein genaueres Studium der einschlägigen Litteratur den Beweis liefern, daß gar manche »Kühnheit«, die den Leser anfänglich überrascht – so z. B. die Intimität der Poppäa Sabina mit der Phönicierin Hasdra, die Beziehungen Senecas zu dem Fanatiker Nicodemus, die Genesis der Christenverfolgung u. a. – nicht so ganz in der Luft schwebt, sondern durch die Berichte der alten Autoren und die neue und neueste Kritik vielfach getragen wird.

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Drei Soldaten des römischen Stadtpräfekten schleppten einen Gefangenen durch die cyprische Gasse.

Der kaum vierundzwanzigjährige Mensch war zum Tode verurteilt. Er sollte durch die Klinge des Henkers enthauptet und dann auf dem Anger der Missethäter vergraben werden.

Ueberall, wo die Bewaffneten mit dem jungen Manne vorüberkamen, blieb man einen Augenblick stehen. Das bleiche und doch so gefaßte Antlitz des Unglücklichen erregte selbst bei den leichtlebigen Römern eine gewisse Teilnahme. Dies Volk, das jährlich Tausende von Gladiatoren und Tierkämpfern bluten und sterben ließ, dem das Röcheln der Todesopfer die wonnevollste Musik war, schien von plötzlichem Mitleid ergriffen. Insbesondere die Frauen: denn Artemidorus war schön. Die ebenmäßigen Züge, klar, wie in Marmor gemeißelt, das schwärmerisch-dunkle Auge mit den tiefschwarzen Wimpern, die edle Stirn und das prächtige Haupthaar – dies alles gemahnte fast an die würdevolle Erscheinung des Phthapriesters Necho, der die vornehme Damenwelt Roms gleichermaßen durch die Kunst seiner Weissagung wie durch den Zauber seiner Persönlichkeit fesselte.

Auch Artemidorus war Orientale.

Er entstammte dem fernen Damaskus, war zu Jerusalem von dem Senator Flavius Scevinus käuflich erworben und mit nach den sieben Hügeln gebracht worden. Bald danach mit der Freiheit beschenkt, diente er seinem ehemaligen Eigentümer als Schatzmeister, Vorleser und Bibliothekar, ja beinahe als Vertrauter, bis ein plötzlicher Umschwung der Dinge dies friedliche und behagliche Dasein zerstörte und den einst so Beneideten in die Arme der Häscher warf.

Je mehr man dem entsetzlichen Ziele sich näherte, um so schwerer und zögernder schritt Artemidorus einher. Der Obersoldat, der die kleine Geleitschaft befehligte, mußte ihn wiederholt durch ernsthafte Mahnworte aufrütteln.

Es war ein wundervoller Oktobertag. Ganz Rom schien wie in flüssigem Golde zu schwimmen. Rotglühendes Weinlaub, mit dunkelbeerigen Trauben durchsättigt, hing über die Mauern der Gärten oder schmiegte sich an den weithinschattenden Ulmen hinauf. Ein unbeschreiblicher Hauch von Frische und Lebenslust wehte durch alle Straßen. Die Männer hielten sich stattlicher, die Frauengesichter leuchteten schöner und lockender.

Ihm wenigstens dünkte es so, dem armen Verurteilten, der in kurzer Frist Abschied nehmen sollte von dieser Welt des glänzenden Scheins.

Wo war jetzt der vertrauende Todesmut, der noch vor kurzem seine Adern geschwellt hatte wie vom Odem eines besseren übermenschlichen Daseins?

Wie er die purpurfarbigen Reben so wogen und wuchern sah, gedachte er einer zierlichen Rhodierin, deren schamhaft gerötete Stirne er einst mit solchem Blattwerk geschmückt hatte, – in glücklicher Einsamkeit, tief in der lauschigen Parkwildnis seines Gebieters.

»Chloris, Chloris!« seufzte er qualdurchschauert.

Welch ein Verhängnis, daß ihm das Bild der Geliebten gerade jetzt vor die Seele trat, wo er all seiner Kraft und all seiner Lebensverachtung benötigte, um zu zeigen, daß ein Jünger des Zimmermannssohnes von Nazareth freudig und hoffnungsklar dem Beispiele seines Heilands folgt!

So sehr er dagegen ankämpfte, seine Erinnerung malte ihm die ganze glückberauschte Vergangenheit in brennender Farbenpracht.

Vor einigen Wochen erst hatte er Chloris gesehen, als sie im Hause des Cajus Calpurnius Piso die neunsaitige Kithara spielte und dazu ein fröhliches Liebeslied des Alcäus vortrug. Es war dies ihr erstes Auftreten auf dem gefährlichen Boden der Siebenhügelstadt, – und gleichzeitig ihr erster Triumph. Alles jubelte ihrer köstlichen Meisterschaft, ihrer herrlichen Stimme zu.

Artemidorus, der sich in der Gefolgschaft seines Gebieters Flavius Scevinus befand, war wie verzaubert. Von dieser Minute an hatte er keinen andern Gedanken als ihren Besitz.

Doch – einen andern, einen höheren Gedanken: ihr Seelenheil! Nach jener unvergeßlichen Stunde, da er zum erstenmal ihre Lippen geküßt, war ihm der leidenschaftliche Wunsch erwacht, die Verlorene zu retten. Verloren war sie, der Anschauung des gläubigen Nazareners zufolge, wenn es ihm nicht gelang, sie von der himmlischen Wahrheit zu überzeugen, die Jesus Christus geoffenbart hatte.

Artemidorus warb daher, wie er erst um ihr Herz geworben, voll Inbrunst um ihre Seele.

Leider vergeblich.

Chloris kannte das Leben nur von seiner rosenfarbensten Seite her. Die Erde schien ihr ein duftiger Lustgarten, recht geschaffen zum Glück und zum kampflosen Frohgenuß. Als Griechin schreckte sie vor allem Herben und Düstern zurück; die Kreuzeslehre mit ihrem schwermutsvollen Entsagen wollte nicht Eingang finden in diesem Gemüt, das ganz durchtränkt war von der Sonnenhelle der althellenischen Götterwelt. Die schöne Kitharaspielerin zuckte die Achseln; sie lächelte; sie erklärte ihrem Artemidorus, daß er sie langweile, und schloß nach langem unerquicklichem Widerstreit mit einem spöttischen »Niemals!«

In hellem Ingrimm hatte er die Geliebte nach diesem »Niemals!« verlassen. Nicht auf sie zürnte er, – denn es war ja nicht ihre Schuld, wenn die bösen Geister ihr thörichtes Herz so umklammert hielten, – sondern auf die Tücke der alten Götter, die trotz der Geburt des Erlösers noch so viel Macht besaßen über die Reinsten selbst und die Edelsten.

So geschah denn, was ihm die Anklage wegen Beschimpfung der Staatsreligion und die Verurteilung zum ehrlosen Tode zuziehen sollte. . . .

War sein Elend vielleicht nur eine Strafe der einen und wahrhaftigen Gottheit? Wollte sie ihn zu Boden schmettern für die Hartnäckigkeit, mit der seine Liebe an Chloris, der Spötterin, festgehalten?

Er übersann dies alles in wirrer Gedankenfolge. Keuchend kämpfte er wider die seltsamen Regungen, die ihn fast zu ersticken drohten. Er versuchte zu beten. »Selig sind, die um der Lehre des Heilands willen den Tod erleiden,« murmelte er mit zuckender Lippe. Weiter kam er nicht. Das goldene Sonnenlicht strömte jetzt so voll über den Weg; ein balsamischer Lufthauch quoll ihm entgegen – und alle Heilslehren übertäubend, schrie es laut in seinem geängstigten Herzen auf: »Wehe deiner blühenden Jugend!«

Er fühlte die warmbeglänzte Herrlichkeit, die ihn um gab, wie eine grausame Verschärfung seines Geschicks. »So sterben zu müssen, – fern von ihr . . .!« klang es ihm unaufhörlich durch das brennende Hirn; – »fern von ihr, fern von ihr!«

Ja, die unerbittliche Gottheit hatte ihn auserlesen zur Höchsten irdischen Marter, zur tiefsten Verzweiflung. Wäre sein scheidender Blick nur noch einmal dem der Geliebten begegnet, – welch ein Labsal in der letzten fürchterlichen Minute! So aber – das war der Tod noch während des Lebens!

»Fern von ihr!« brauste es um ihn her. »Fern von ihr!« Die Kniee wankten ihm. Es ward ihm schwarz vor den Augen.

»Taumele nicht!« sagte der Obersoldat. »Wenn du denn sterben mußt, so stirb wie ein Mann!«

Artemidorus raffte sich auf. Die Anwandlung war vorüber. Er holte Atem und schritt dann ruhig und gleichmäßig weiter.

Jetzt, da die Geleitschaft mit dem Verurteilten links in südöstlicher Richtung von der cyprischen Gasse abbog, drängten sich Männer und Frauen, meist in ärmlicher Kleidung, so dicht und zahlreich heran, daß die Eskorte für einige Augenblicke nicht weiter konnte.

»Artemidorus!« erklang es in allen Tonarten. »Sei standhaft, Artemidorus! Fahr wohl, Artemidorus! Vergiß deine Freunde nicht! Bitte für uns vor dem Thron des Allmächtigen!«

Einzelne ergriffen die gefesselten Hände des jungen Mannes und küßten sie; andre stimmten nach feierlich klagenden Melodien Gesänge an, in denen der Name »Jesus« durch besonders eigenartige Tonverbindungen gekennzeichnet war.

Ein hochgewachsener, hagerer Fünfziger, dessen breitschimmernder Goldring verriet, daß er dem Ritterstand angehörte, bahnte sich jetzt den Weg durchs Gedränge.

»Gestattest du,« sagte er zu dem Obersoldaten, »daß ich euren Verurteilten, eh' sich sein Schicksal erfüllt, noch einmal umarme?«

Der Soldat krauste die Stirne. Die Anzahl derer, die hier von allen Seiten mit Artemidorus sympathisierten, flößte ihm augenscheinlich Bedenken ein. Er durfte den finsterblickenden Mann, der die Toga so stolz und bedrohlich über der Schulter trug, nicht schroff zurückweisen wie einen schäbigen Kornspenden-Empfänger.

»Mach's kurz!« sagte er zögernd. »Ich bin sonst nicht von Eisen und Stein: aber hört's der Präfekt, so komm' ich in Ungelegenheiten.«

»Nicodemus!« flüsterte Artemidorus, während der Freund ihm wie segnend einen Kuß auf die Stirn drückte, – »welch ein Schicksal! Welch ein trauervolles Verhängnis!«

»Mut, mein Sohn! Harre aus bis zuletzt! War es unklug, daß du so voreilig wider den Wall gestürmt, so war es doch immerhin hochherzig. Glückliche Jugend, die da nicht ahnt, wieviel sicherer der ruhige Bedacht zum Ziele führt, als der Zorn und das Ungestüm!«

»Du hast recht,« murmelte Artemidorus. »Da ihr doch alle so hoffnungsfreudig der Zukunft entgegensaht, kam es mir, einem der Jüngsten, vielleicht nicht zu. . . . Aber Chloris, die hassenswerte, geliebte Chloris war daran schuld mit ihrem entsetzlichen Unglauben. Ich war wie von Sinnen. Alles, alles hatte ich aufgeboten: umsonst! Und wie ich nun heimkehre und erblicke im Atrium die abscheulichen Götzenbilder mit ihrem höhnischen Grinsen . . .«

»Schweig! Du hast die römische Gesellschaft gereizt, – und das war zwecklos. Niemand wird hier seines Glaubens wegen gekränkt. Wir können und werden in aller Ruhe und Vorsicht den Pfad verfolgen, der den Bekennern des Evangeliums klar vor der Seele steht. Nur keine Stürme, keine Gewalttaten! Auch du, mein teurer Artemidorus, wärest bei dem, was ich so mühsam geplant habe, vielleicht ein Bundesgenosse gewesen. Ich bin trostlos, dich verloren zu haben!«

Der junge Mann richtete sich hoch auf.

»Wie? Du beklagst mich? Aber ist es denn nicht das Höchste, was Gottes Huld uns bescheren kann: siegreich dahin zu sterben als Blutzeuge für die Lehre von Nazareth?«

»Dein Zeugnis, Artemidorus, wird nicht verloren sein,« flüsterte Nicodemus beschwichtigend. »Aber du hättest leben können, leben . . .«

Mitten in seiner Rede ward Nicodemus durch eine plötzliche Unruhe in den Reihen des Volks unterbrochen. »Der Kaiser!« klang es von hundert Lippen zugleich, und aller Augen wandten sich in der Richtung der Porta Querquetulana, von wo eine prachtvolle Sänfte mit purpurnem Baldachin langsam näher kam. Acht stämmige, flachsblonde Sigambrer in scharlachroter Gewandung trugen das verschwenderisch ausgestattete Prunkbett auf Tragbalken von vergoldetem Zedernholz.

Die faltenreichen Gardinen waren zurückgeschlagen.

In den Kissen lehnte ein stolzes, majestätisches Weib – Agrippina, die Kaiserin-Mutter – und ihr zur Seite ein Jüngling von gewinnender Schönheit, beinahe mädchenhaft in dem Ausdruck seiner großen, forschenden Augen, den üppigen Mund von einer Fülle liebenswürdiger Gedanken umspielt, halb Küsse atmend, halb Melodien träumend.

Der Führer der kleinen Eskorte zuckte bei diesem Anblick zusammen. Er wußte, wie ungern der Imperator an Dinge gemahnt wurde, die mit der ruhig-klaren Stimmung seines Gemüts im Widerspruch standen; wie insbesondere die Rechtsprechung und der Eindruck ihrer grausamen Konsequenzen ihn aufregte.

»Pharax, du bist zum Unheil erkoren!« sagte der Soldat zu sich selbst. »Wenn der Stadtpräfekt das erfährt, wird der Rebstock des Centurio dir mit gaditanischer Grazie über den Rücken tanzen! Freilich, die Sache ist nur ein Zufall; aber ein Knecht des Präfekten büßt sogar für die Launen des Fatums . . .«

»Der Kaiser!« hatte auch Nicodemus gerufen. »Er kömmt auf zwei Schritte an dir vorbei. Fleh' seine Gnade an, Artemidorus!«

Alles machte jetzt Platz. Nicodemus ergriff die Hand einer jungen Blondine, deren Auge bis dahin voll heiligen Mitleids auf dem Gefangenen geruht hatte. Fragend sah sie empor. Eine bedeutsame Gedankenverbindung mußte sich hinter der Stirne des Mannes vollzogen haben: denn ein Leuchten unverhoffter Befriedigung ging über sein Antlitz und der fast triumphierende Zug um die Lippen schien zu besagen: Das bedeutet Erfolg!

Er beugte sich zu dem Mädchen hernieder und flüsterte hastig: »Acte, du siehst es! Der Himmel selber zeigt uns die Pfade! Wenn du noch irgend gezweifelt hast, ob mein Plan dem Gott Jesu Christi wohlgefällig und lieb sei, so wird dies wunderbare Zusammentreffen dir Klarheit gewähren. Höre nun, was ich heische! Sobald ich dir zunicke, trittst du vor, wirfst dich dem Kaiser zu Füßen und suchst den mutigen Artemidorus zu retten!«

»Das will ich!« gab ihm Acte zurück. »Bete du, daß mich der Cäsar erhören möge!«

»Ich hoffe, er wird . . .« murmelte Nicodemus. »Sprich nur so warm und so innig, wie dir's ums Herz ist! Oder jammert's dich nicht dieser blühenden Jugend, die unter dem Beilhieb des Henkers hilflos verbluten soll?«

Acte seufzte und schwieg. Starr und zaghaft blickte sie in das bunte Getümmel.

»Wie schön sie ist und wie kindlich!« dachte Nicodemus erregt. »Keine zweite gleicht ihr in Rom . . . Es muß gelingen, es muß! . . .«

»Heil dem Kaiser!« klang es immer näher und näher. Und nun stimmten die Wachsoldaten weithallenden Rufes mit ein und das gaffende Volk und die meisten der Nazarener. »Ruhm und Ehre dem Imperator! Heil dem Claudius Nero, der Wonne des Menschengeschlechts!«

Der Kaiser hatte seinen Sigambrern ein Zeichen gegeben. Die Sänfte hielt an. Auf den Sturm der Begrüßungsrufe, die Nero mit einer liebenswürdigen Handbewegung erwidert hatte, folgte lautlose Stille.

»Ein Unglücklicher!« wandte der junge Fürst sich zu Agrippina. »Du erlaubst, teure Mutter, daß ich die Stadtsoldaten befrage, was er verbrochen hat?«

»Ganz, wie du willst,« versetzte die Kaiserin-Mutter. »Dem Herrscher des Weltreichs steht es unzweifelhaft wohl an, sich um alles, auch um das Kleinste zu kümmern, was ihm den Weg kreuzt.«

»Um das Kleinste?« lächelte Nero, der Mutter ins Auge blickend. »Ein kettenbeladener Mensch, dem das Weh und der Jammer im Antlitz geschrieben steht . . . Nein, teure Mutter, das redest du neben dem Herzen her! Oder verlangt es die Würde des Imperators, das Unglück der Staatsangehörigen leicht zu nehmen, – leicht wie das Mißgeschick dieser pästischen Rose, die deinem schönen Gelock zu entgleiten droht?«

Mit anmutsvoller Gebärde schob er den Stengel der sinkenden Blume unter das strahlende Diadem, das Agrippinas flammfarbigen Schleier hielt.

Dann, zu dem Obersoldaten gekehrt, fragte er wohlwollend: »Wen haltet ihr da und worin besteht sein Verbrechen?«

»Herr,« sprach der Soldat, »es ist ein Freigelassener des Flavius Scevinus . . .«

»Wie? Unsres Freundes, des ewig jungen Senators?«

»Des nämlichen.«

Nero warf einen prüfenden Blick auf den jungen Mann, der unbeweglich die Augen zu Boden senkte.

»In der That, ich erkenne ihn . . . Artemidorus, der uns damals im Parke die Schriften des Ennius entrollte . . . Flavius Scevinus war deines Lobes so voll. Er pries deine Zuverlässigkeit, deine Klugheit. Und jetzt? Ich begreife das nicht!«

»Herr,« hub der Obersoldat wiederum an, »der Verurteilte leidet nach dem Gesetz. Ein Sklave hat ihn dabei überrascht, wie er die Hausgötter grimmig verhöhnte und zuletzt von den Sockeln warf.«

»Artemidorus,« wandte sich Nero an den Gefesselten, »ist das wahr?«

Blitzenden Auges hob der Gefragte sein schönes, bleiches Gesicht.

»Ja, Herr,« sprach er mit fester Stimme.

»Wußtest du,« fuhr der Kaiser mit ruhiger Strenge fort, »wußtest du, daß du mit diesem Angriff auf die Heiligtümer des Hauses ein todwürdiges Verbrechen begingst?«

»Todwürdig, im Sinn des Gesetzes, – ja!«

»Und was bewog dich, dieses Gesetz unter die Füße zu treten?«

»Die Liebe zur Wahrheit.«

»Wieso?«

»Eure Penaten und Laren sind falsche Götter: ich aber glaube an den wahrhaftigen Gott, den Jesus Christus gelehrt hat.«

»Du bist Nazarener?«

»Ja, Herr!«

»Ist das deinem erhabenen Schutzherrn Flavius Scevinus bekannt gewesen?«

»Ja, Herr!«

»Hat er dich jemals darum belästigt?«

»Nein, Herr!«

»Nun also! Glaub', was du willst, und laß die andern glauben, was sie wollen. Siehst du nicht ein, daß diese Forderung schlicht und gerecht ist?«

»Jesus Christus hat uns geboten, die Lehre des Heils weiter zu tragen und wider die feindlichen Truggötter anzukämpfen.«

»Sei's darum! Kämpfe, – aber kämpfe im Geist! Ueberzeugt man etwa mit der geballten Faust? Sind Schmähworte ein philosophisches Argument? In der That, du hast deine Strafe verdient, Artemidorus . . .«

Der Obersoldat machte ein sehr beklommenes Gesicht. Er hatte fast mit Bestimmtheit darauf gerechnet, Claudius Nero würde den Gang der Ereignisse durch einen Akt seiner kaiserlichen Machtvollkommenheit unterbrechen. Geschah dies, so mußte der Stadtpräfekt den Rebstock des Centurionen natürlich im Schrank lassen. Jetzt mit einemmal und gegen jedes Erwarten erklärte der Cäsar die Strafe, die selbst er, Pharax, und seine Mitsoldaten barbarisch und überlebt fanden, für billig und sachgemäß! Verdrießlicher Umschwung!

Acte inzwischen, dem Zeichen des Nicodemus gehorchend, hatte sich aus den Reihen des Volkes stürmisch hervorgedrängt. Dicht vor der Sänfte des Imperators warf sie sich knieend aufs Straßenpflaster. Voll unsäglichen Liebreizes hob sie ihr rosig blühendes Antlitz zu dem Herrscher des Weltreichs empor und hauchte mit einer Stimme, in welcher die ganze bestrickende Allgewalt mitfühlender Weiblichkeit zitterte: »Gnade, Herr! Gnade für meinen Bruder!«

Das Auge des jungen Kaisers weilte mit staunendem Wohlgefallen auf der schlanken Gestalt, die so inbrünstig zu ihm aufschaute. Selbst die Kaiserin-Mutter konnte sich einer flüchtigen Regung von Sympathie nicht erwehren, und milder als sonst glitt ihr ein Lächeln über das ernste, stolze Gesicht.

»Ich dachte es wohl,« sagte der Kaiser bewegt. »Wer eine Schwester von so holdseliger Art und Gebärde besitzt, der mag aus Irrtum und Uebereilung gefehlt haben, aber kann nicht schlecht sein.«

Einige Augenblicke schien er völlig versunken in diese zauberhafte Erscheinung. Dann ergriff er die Hand Agrippinas und hub mit deklamatorischem Pathos wiederum an: »Eh'vorgestern war dein Geburtstag! Bei allen Schmuckverkäufern und Juwelieren der Zweimillionenstadt habe ich Umschau gehalten, um etwas bilden zu lassen, was deiner würdig wäre: aber ich fand nur dieses klägliche Diadem. Kostbar an sich, drückt es dennoch dein ambrosisches Haupt wie ein Reif aus Korinthermetall. Jetzt vergönnt mir das Schicksal etwas Erlauchteres! Zur Ehre deines vielteuren Namens, geliebte Mutter, übe ich hier das Recht, zu lösen und zu entsühnen.«

Er befahl den Soldaten, ihren Gefangenen dicht vor die Sänfte zu führen, während sich Acte mit einem leuchtenden Dankesblicke zurückzog.

»Du hast es gehört,« sprach Nero. »Ich begnadige dich! Bringt ihn zurück nach dem Hause des Flavius Scevinus und meldet meinem vortrefflichen Freunde, was vorgefallen! Ich lasse ihn bitten, den Missethäter acht Tage lang einzusperren. Dir aber, junger Mann, empfehle ich Klugheit und Vorbedacht! Nochmals: Hältst du die Götter des Römerreiches für Traumgestalten, so opfere meinetwegen der Isis oder dem Horus, aber mäßige deine vorlaute Zunge und beleidige nicht das Feingefühl der Quiriten!«

Dem Begnadigten zuckte es um die Lippen, als wolle er, trotz aller Huld, die er erfahren, dem Kaiser etwas erwidern. Er unterdrückte jedoch seine Entgegnung, kreuzte die Hände über der Brust und stammelte ein fast unvernehmliches »Dank, Herr!«

Die Leute des Stadtpräfekten, voran der fröhliche Pharax, entledigten ihn sofort seiner Ketten. Man behandelte ihn von dieser Minute ab mit höflicher Auszeichnung. Pharax beglückwünschte ihn mit kraftvollem Händedruck.

Im Hause des Flavius Scevinus fand der Zurückgekehrte eine begeisterte Aufnahme. Die Kunde von dem Gnadenakte des Kaisers war ihm vorangeeilt. Scevinus in eigener Person empfing ihn am Ostium. Der Sklave, der die unbedachte Handlung des Artemidorus mit so großer Beflissenheit angezeigt hatte, war von dem tiefbetrübten Senator bereits vor mehreren Tagen verschenkt worden.

Zweites Kapitel.

Unter den schallenden Jubelrufen der Menge hatte sich die kaiserliche Lectica wieder in Bewegung gesetzt.

Nero und Agrippina kamen vom Haus des Afranius Burrus, des Oberbefehlshabers der prätorianischen Leibwache. Burrus litt seit einigen Tagen am Fieber. Das Uebel schien, dem Ausspruch der Aerzte zufolge, geringfügig: aber dem einflußreichen Gardepräfekten schuldete man eine besondere Aufmerksamkeit.

Wie die Sänfte mit ihrer kriegerischen Gefolgschaft jetzt aus dem Vicus Cyprius abbog, kehrten die Gedanken der Kaiserin an das Krankenlager des Burrus zurück.

Heimliche Mißstimmung lag auf ihrem Gemüt: je mehr sie wahrnahm, daß sich die Gunst der Massen ihrem einst so zärtlich geliebten Sohne zuwandte, um so eifersüchtiger ward sie auf den gefährlichen Nebenbuhler. Nun suchte sie Befreiung von diesem Druck, indem sie bei Vorstellungen verweilte, die ihr die alte Zuversicht wiedergaben.

Burrus, der Oberst der Leibwache, und Seneca, der ehemalige Lehrer des Nero, hatten bis dahin ihr treulich zur Seite gestanden, wenn es galt, den jugendlichen Imperator zu lenken, die Regierungsgeschäfte im Sinne der Kaiserin zu erledigen und ihrem Sohne die Anschauung beizubringen, sie, Agrippina, sei die Erste im Reich, er aber, aus Gründen natürlicher Pietät, nur der Zweite.

Wenn so Burrus ihr Schwert und Lucius Annäus Seneca ihr Schild war: was fragte sie dann nach dem Gemurre oder dem Jubel des Volkes? Was kümmerte sie das heimliche Schwirren jener dunklen Gerüchte, die – sie spürte es, wie man den ungesehenen Blick eines feindseligen Beobachters spürt – allenthalben von Mund zu Mund gingen? Burrus zumal war ein Präfekt, wie sie ihn besser nicht wünschen konnte: sehr empfänglich für ihre Schönheit, äußerst dankbar für jedes huldvolle Lächeln, aber mehr noch durchdrungen von dem Gefühl seiner Pflicht und dem Gedanken des Allgemeinwohls. Er hatte Verständnis dafür, daß ein erfahrenes, geistig begabtes Weib besser für die Regierung taugt, als ein kaum zur Reife gelangter phantastischer Jüngling . . .

»Was sinnst du, Mutter?« fragte der Imperator auf griechisch. »Du beachtest kaum noch die Grüße der Senatoren . . .«

»So? Ich bemerkte nichts . . .«

»Thrasea Pätus kam des Weges daher mit vielen Klienten. Ich nickte ihm zu: du aber danktest ihm nicht, sondern verbargst dich sogar wie mit Absicht hinter dem Vorhang.«

»Schien es dir so?« erwiderte Agrippina. »Dergleichen verzeiht man füglich den Müttern, die unablässig ans Wohl ihrer Söhne denken. Ich übersann deine Zukunft, – und ich gestehe dir, daß ich nicht ganz ohne Sorge bin.«

»Sorge? Weshalb? Liegt die Erde nicht blühend zu meinen Füßen? Bin ich nicht Cäsar? Ja, beim Glanz dieses Himmels: ich kann Glückliche machen bis in die fernsten Gelände, – Glückliche, so weit ein römisches Segel das Meer durchfurcht! Mein Volk liebt mich! Noch eben, in dieser Minute, hast du gehört, wie das dankbare Jubelgeschrei, einem helvetischen Bergstrom vergleichbar, aus tausend Kehlen erquoll! ›Heil dem Kaiser! Heil dem Claudius Nero, der Wonne des Menschengeschlechts!‹ Ach, Mutter, das klingt meinem Ohr wie ein Festgesang der Unsterblichen!«

Agrippina errötete. Sie schüttelte langsam das majestätische Haupt.

»Dennoch, mein Knabe, – ich bin besorgt! Du scheinst mir zu weich, zu schmiegsam für das furchtbare Herrscheramt eines Cäsar. Dein harmloses Auge übersieht die entsetzliche Tücke, die rings in den Höhlen und Schlupfwinkeln eines verabscheuungswürdigen Neides lauert. Du mußt frühzeitig mit gebührender Strenge walten. Geliebt sein ist gut; gefürchtet sein ist besser und sicherer. Füge dich hier, wie in so mancher bedeutsamen Frage, meiner bewährten Einsicht! Laß mich handeln, wo ich's für gut finde! Meinst du, die Senatoren, die sich in scheinbarer Ehrerbietung vor deiner Größe beugen, seien innerlich von dieser Größe durchdrungen? Ach, wie schlecht kennst du die römischen Aristokraten! Sie denken: ›Nero ist Cäsar durch unsre gnädige Duldung!‹ Fällt's ihnen bei, und bietet sich die erwünschte Gelegenheit, so zertrümmern sie deine Herrschaft so gut, wie jüngst die Herrschaft des Claudius.«

»Des Claudius?« wiederholte der Kaiser befremdet.

»Jawohl, – deines Stiefvaters, meines erlauchten Gemahls. Mitglieder des hohen Rates sind es gewesen, die ihn vergiftet haben.«

»Seneca hat mir die Sache anders erzählt,« erwiderte Nero.

Agrippina erblaßte. Gleich darauf aber sagte sie mit erkünstelter Ruhe: »Du machst mich neugierig. Damals – du weißt, der Senat verwehrte die Untersuchung, – und dieser Umstand allein . . .«

»Sie wäre zwecklos gewesen, da der Giftmörder nicht zu erreichen war. Solltest du in der That keine Ahnung haben . . .?«

Die Kaiserin zitterte.

»Nicht die geringste,« sprach sie, die Augen schließend.

»So hat man dich schonen wollen,« fuhr Nero fort. »Ein persönlicher Gegner des Claudius, der Freigelassene Eutropius, hat die Unthat begangen.«

»Allerdings,« stammelte Agrippina, – »aber ich dachte, er sei nur das Werkzeug höherstehender Feinde gewesen.«

»Nicht doch! Der Kaiser Claudius hatte gedroht, ihn wegen zahlreicher Diebstähle zur Verantwortung zu ziehen, – und so kam der Verbrecher seinem Richter zuvor. Eh' man ihn fassen konnte, war er spurlos verschwunden. Aber lassen wir dies betrübsame Thema! Der Mahnung des Seneca eingedenk, hätte ich's überhaupt nicht berühren sollen.«

Er zog die Gardine vor, als gälte es, eine empfindliche Dulderin vor allzugrellem Lichtschein zu hüten. Dann lehnte er sein Haupt zärtlich an die Schulter der Mutter, holte tief Atem und fragte sie plötzlich: »Wie gefiel dir das blonde Mädchen, das für den Freigelassenen des Flavius Scevinus um Gnade flehte?«

»Ich hatte nicht acht auf sie.«

»Ich fand sie bezaubernd! Dieses kindlich-holde Gesicht, diese wonnigen Augen! Sie glich ein wenig der Psyche im Oecus der Acerronia, und doch, wie viel hundertmal schöner und lebensvoller!«

»Das klingt ja fast wie Begeisterung. Leider gelingen dir solche Gemütstöne immer nur da, wo sie nicht völlig am Platze sind. Schwärmtest du halb so sehr für Octavia!«

»Mutter, ich bin dir stets ein gefälliger Sohn gewesen; ich werde auch jetzt gehorchen, zumal schon dein verstorbener Gatte diese Verbindung gewünscht hat . . .«

»Gehorchen! Als wär's eine Strafe, dem vornehmsten, liebenswürdigsten Mädchen der Hauptstadt die Hand zu reichen!«

»Für andre vielleicht ein unermeßliches Glück,« sagte der Kaiser gemessen. »Ich bestreite nicht ihren Wert, aber mir fehlt das Verständnis dafür. Octavia ist zu vollkommen für mich.«

»Stehst du schon jetzt auf diesem bedenklichen Standpunkt? Ein Blumenmädchen vom Argiletum oder ein schmetterlingshaftes Geschöpf, wie die Kitharaspielerin Chloris, die ihr neulich so überschwenglich gepriesen habt: – das wäre dir wohl erwünschter? Kleine Flecken reizen euch ja, wie schon Ennius behauptet.«

»Streiten wir nicht, teure Mutter! Ich werde Octavia heiraten; ich werde sie achten und ihrer Stellung gemäß behandeln. Aber daß ich sie lieben soll, das kann mir selbst ein unsterblicher Gott nicht aufzwingen. Eros naht sich uns nicht auf Befehl: er kommt ungerufen, und manchmal gerade da um so stürmischer, wo die Vernunft ihn verbannen möchte. Vor seinen Augen gilt keine Tugend und kein Verdienst. Oft hat eine Sklavin größere Leidenschaften erweckt als fürstliche Jungfrauen, und – so versichert mich Seneca – das höhere Recht ist dann allemal auf seiten der Sklavin.«

»Thorheit!«

» Keine Thorheit, dafern du erlaubst! Die Sklavin stellt in diesem Falle den Ausdruck des Naturwillens dar, – und die Natur ist wahrer und echter als die menschlichen Satzungen.«

»Also auch hierin unterrichtet dich Seneca?« fragte Agrippina mit verdrießlichem Lachen. »Vortrefflich! Wie es den Anschein hat, besiegt er mit seiner glänzenden Theorie meine Praxis.«

»Du thust ihm unrecht. Solche und andre Betrachtungen knüpft er gelegentlich an die Erklärung einer Tragödie. Ueber Octavia hat er niemals gesprochen. Im Ernste, Mutter: Du hast auch nicht den leisesten Grund zur Verstimmung. Mein Herz ist frei. Dank den Lehren meines vortrefflichen Meisters hab' ich entsagen gelernt. Das Getändel der Freunde war mir von jeher nur ein Gegenstand der Beobachtung. Ich habe niemals geliebt; ja ich zweifle, ob ich dieser Empfindung überhaupt fähig bin. Trotzdem, ich wiederhole dir's, werde ich unsrer Octavia mit aller Zartheit begegnen, die sie als Gattin des Imperators beanspruchen kann. Bist du zufrieden, Mutter?«

»Nicht ganz. Diese blutlose Gleichgültigkeit macht mich bekümmert. Octavia ist wie geschaffen für dich. Ihr klarer, unbestechlicher Blick wird dem Schwärmer zu gute kommen, der tagtäglich Gefahr läuft, sich in philosophischer Träumerei zu verlieren oder im Strudel künstlerischer Phantasmen. Du kennst meine Ansicht. Die Stoa ist eine tüchtige Schule, aber sie darf unsre Kräfte nicht lahmlegen. Die Kunst hat ihre bestrickenden Reize, aber der Cäsar darf nicht zum Künstler werden. Denke, aber vergiß nicht das Leben! Baue Theater, beschütze die Modedichter, wirf dein Gold wie Gerste unter die Sänger und Flötenbläser: aber dichte und deklamiere nicht selbst! Singe nicht wie ein schmachtendes Mägdlein! Ueberlaß die Kithara den Kitharöden! Die Hand, die das Scepter führt, ist nicht geschaffen für das elfenbeinerne Leierstäbchen. Das ist mein Begriff von der Sache, – und Octavia wird just in dem gleichen Sinn auf dich einwirken.«

Nero lächelte.

»Du erinnerst mich wieder ganz an die Zeit, da du mich unsanft beim Ohre nahmst, wenn ich in der Subura mit den Söhnen der Bäcker und Garköche allerlei Tollheiten aufgeführt hatte.«

»Willst du mir's etwa verwehren, den Sohn, den ich erzogen habe, zu tadeln?« fragte Agrippina gereizt. »Wem verdankst du denn, was du bist? Mit dieser welterschütternden Faust hab' ich dich auf den Thron gesetzt. Solang du dies anerkennst, wird dein Genius über dir wachen. Lehnst du dich auf, – wohl, so zweifle ich, ob du die Kraft besitzest, auf so schwindelnder Höhe dich festzuhalten.«

»Du erregst dich ganz ohne Ursache. Auflehnen? Du allein hast dieses abscheuliche Wort gebraucht. Ich weiß zur Genüge, daß es keinen – selbst nicht den Cäsar – entehrt, den Ratschlägen seiner Mutter zu folgen. Eins nur sähe ich gern – da wir denn doch einmal von der Sache jetzt reden –: wenn du die Form dieser Ratschläge etwas mildern und mäßigen wolltest. Du selber kannst doch nicht wollen, daß jemand das Recht hätte, über die allzu kindliche Pietät des Nero zu lächeln.«

»Ich wüßte nicht, inwiefern du Veranlassung hättest . . .« grollte die Kaiserin.

»Doch, doch, Mutter! Aber ich sehe, du nimmst die Sache zu schwer. Brechen wir ab! Es war vielleicht überflüssig, daß ich's erwähnte. Im Laufe der Zeit wird sich das alles von selber ausgleichen.«

»Aber du siehst doch,« versetzte sie lebhaft, »wie frei ich von allem persönlichen Ehrgeize bin! Würde ich sonst so eifrig deine Vermählung betreiben? Diese Ehe wird meinen Einfluß naturgemäß abschwächen. Ist Octavia erst Kaiserin, so fällt ihr eine bedeutsame Rolle zu, eine Rolle . . .«

»Das kann ich mir vorstellen,« spottete Nero. »Sie wird mit den Augen des Argus darüber wachen, daß nie und nirgends eine Zeremonie versäumt wird, und wäre sie für mein Gefühl die absurdeste. Sie wird verlangen, daß ich allmorgendlich zum vergötterten Romulus bete; daß ich ein Amulett um den Hals hänge mit dem Bildnis der Wölfin und der hungrigen Zwillinge; daß ich ihr glauben helfe, wenn sie in jedem Ereignis den unmittelbaren Einfluß Jupiters und seiner zärtlichen Juno gewahrt.«

»Und wenn sie das thäte, was wäre dir Schlimmes dabei?«

»Schlimmes?« wiederholte der Kaiser. »Nun, ich weiß nicht, wie du über die Göttergeschichte unsrer Vorfahren denkst. Du hast mir niemals davon gesprochen, selbst da ich noch Knabe war. So vermute ich fast, wir denken das nämliche.«

»Wie meinst du das?«

»Ich glaube nicht an die Fabeln des Pöbels.«

»So? Und was glaubst du denn?«

»Kann ich das gleich so in Worte fassen? Ich glaube mit Seneca an das Vorhandensein einer gewaltigen Urkraft, eines verborgenen Geistes, der alles umspannt und alles mit seinem Odem durchsättigt. Diese Urkraft lebt auch in uns; ihr Wollen ist unser Wollen, ihr Fühlen ist unser Fühlen! Die Götter aber, wie sie der Pöbel verehrt, halt' ich für Märchengestalten, gerade gut genug, um als letzter Kitt für die zerbröckelnde Tugend unsrer Gesellschaft zu dienen.«

Agrippina schwieg lange.

»Weißt du, mein Sohn,« sagte sie endlich, »daß du dich auf dem besten Wege befindest, ein Staatsverbrecher zu werden, – ganz nach der Weise des kaum begnadigten Artemidorus?«

Nero lächelte.

»Du unterschätzest meine Gewandtheit. Ich weiß den Kaiser von dem Privatmann zu trennen. Vor dem Senat zum Beispiel werd' ich mich hüten, die philosophischen Ueberzeugungen, die ich im Busen trage, leichtsinnig preiszugeben. Ich werde dort ebensogut von der allgeliebten Minerva reden, wie der Dümmste unter den Dummen. Aber das hindert doch nicht, daß ich es langweilig finde, wenn ich daheim, als Gatte, nicht einmal ausruhen soll von dieser unbequemen Komödie, wenn ich sogar im Schlafgemach eine Priesterin finde, die an den Stier der Europa glaubt! Ein prächtiger Gott, dieser hellenisch-römische Zeus, der mit der Tochter des Königs Agenor über das Meer schwimmt, um auf den Matten von Kreta den Minos und Radamanthos zu zeugen!«

Agrippina zuckte die Achseln.

»An Jupiter als an den Lenker des Weltalls glauben, und diese Schwänke der griechischen Volkspoeten für bare Münze nehmen, ist zweierlei.«

»Der Wahrhaft-Gläubige glaubt auch die Schwänke,« erwiderte Nero. »Wäre das nicht der Fall, so müßte er doch in der bildlichen Darstellung solcher Narrenspossen eine Lästerung erblicken.«

»Ich fürchte, du redest dir da mancherlei ein,« sagte die Kaiserin. »Uebrigens danke ich dir für dein offenes Bekenntnis. Ach, und was soll ich's leugnen: ich sehe, du bist der Sohn deiner Mutter. Ganz richtig hast du vermutet, daß die Götter auch mir vollständig fremd sind. Ich glaube nichts als das Fatum, die Moira, die uns die Wege des Lebens vorzeichnet von Anbeginn bis zum Ende. Dennoch – ich glaube auch an die Kraft der Bevorzugten, diese Wege mit Blumen zu schmücken, wo der Alltagsmensch nur in klägliche Dornen tritt. Ich glaube an die Fähigkeit des Genies, dort und da der Moira eine Vergünstigung abzutrotzen. Hierzu ist Klarheit erforderlich, Ruhe, die alle Vorteile ausnützt, Standhaftigkeit in der Verfolgung der Ziele. Deine Gemütsart kennt diese Tugenden nur als Keime: Octavia wird sie leicht zur Entfaltung bringen.«

»Octavia, die stille Octavia?«

»Sie ist nur still, so lange sie dich in der Nähe weiß. Ein Mädchen auch von geringerem Feingefühl würde herausmerken, daß du ihre Empfindung nicht teilst. Sie liebt dich von ganzer Seele: du aber, so freundlich du ihr begegnest, hast noch nie einen Ton gefunden, der wie Neigung geklungen hätte. Das, mein Sohn, macht sie befangen; das drückt sie beinah zu Boden. Scheute sie nicht das peinvolle Aussehen, hoffte sie nicht, daß es ihr dennoch vielleicht gelingen möchte, deine Gleichgültigkeit zu besiegen, sie hätte längst wohl ein Ende gemacht.«

»Das wäre das beste!« murmelte Nero gedankenvoll.

»Es wäre dein Unheil!« rief Agrippina empört. »Ich gestehe dir, daß ich die Oedigkeit, die du ausströmst, wenn du mit Octavia zusammen bist, längst müde bin, müde zum Krankwerden. Ich verlange, daß du dich änderst. Und da du als Bräutigam so gar kein Talent zeigst, will ich nun Sorge tragen, daß ihr endlich ein Paar werdet. Du gewinnst ihr vielleicht Geschmack ab, wenn du sie ganz besitzest und völlig kennen gelernt hast.«

»Mutter! Ein Jahr noch war mir als Frist gegönnt . . .«

»Das ist zu lange.«

»Ich habe dein Wort.«

»Ich nehm' es zurück. Diesen Winter hindurch magst du denn meinetwegen noch Philosophie treiben und griechische Trauerspiele entwerfen. Sobald aber der Lenz in die Lande zieht . . .«

»Soll mein Frühling zu Ende sein,« seufzte der Kaiser. »Nun, wir besprechen das noch!«

Die Sänfte hielt vor der Eingangshalle der Hofburg. Ernstlich verstimmt begab sich die Kaiserin Mutter in ihre Gemächer. Nero jedoch hatte den Mißklang der letzten Minuten sofort vergessen. Gleich im Säulenhofe begrüßte ihn Seneca und lud ihn ein, bis zur Stunde des Mahles mit ihm zu lustwandeln. Unter den Baumwipfeln der palatinischen Gärten erzählte der geistsprühende Lehrer seinem wißbegierigen Schüler allerhand wundersame Geschichten von der neuen sozialreligiösen Bewegung, die, zur Zeit noch unscheinbar und verborgen, unter dem Namen des Nazarenertums von Osten her nach dem Westen vorschreite, in ihren Lehrsätzen mancherlei ungeahnte Berührungspunkte mit der Philosophie des Palatiums aufweise und wohl geeignet erscheine, von Männern wie Nero und Seneca vorurteilsfrei studiert zu werden.

Drittes Kapitel.

Es war acht Tage später.

Man hatte sich im Palatium soeben von der Frühstückstafel erhoben.

Agrippina lehnte auf blumiger Ottomane unter den Bäumen des Xystus und plauderte mit einer kleinen Schar Auserwählter, an deren Spitze sich wie gewöhnlich der Staatsminister und Philosoph Lucius Annäus Seneca durch Geist und Frische hervorthat. Ihm zur Seite stand Burrus, der Oberst der Leibwache. Zum erstenmal seit seiner Genesung war er heut in der Hofburg zu Gaste und nun erlabte er sich an dem Bilde der Herrscherin wie ein Mitrasdiener am Glanz der Sonnenscheibe. Auch der jugendliche Poet Lucanus, ein Neffe des Seneca, befand sich im Kreis der Erkorenen; denn die beißenden Epigramme, die er auf diese oder jene Persönlichkeit der römischen Aristokratie zu fertigen wußte, hatten ihm bei der Kaiserin mehr genützt als selbst die eifrigen Empfehlungen seines Oheims.

Während so Agrippina auf ihre Art Hof hielt und alle diejenigen wahrhaft entzückte, denen die vollerblühte Erscheinung des stolz prangenden Weibes nicht allzu weltgebietend und mannhaft erschien, hatte sich Nero, der ernsten Mahnungen seines gelehrten Meisters uneingedenk, heimlich hinweggeschlichen.

Im Gemüte des jungen Fürsten regte sich nachgerade, halb im Widerspruch mit dem künstlich herangezogenen, weisheitstriefenden Nero, ein andrer, minder pathetischer, der – von dem lebenslustigen Adjutanten Sophonius Tigellinus beeinflußt – zuweilen die Oberhand über den ersten gewann und schüchterne Anstalten machte, das Leben und seine mannigfachen Genüsse praktisch kennen zu lernen. Sophonius Tigellinus aus Agrigentum war dem Kaiser zuerst im Circus Maximus näher getreten, als der Besitzer nämlich der auserlesensten, immer siegenden Rennpferde. Nero ließ ihn ans kaiserliche Pulvinar entbieten, beglückwünschte ihn und war von der bestechenden Liebenswürdigkeit des glänzenden Kavaliers so entzückt, daß sich bald eine wirkliche Freundschaft entwickelte. Da Tigellinus früher bereits den Rang eines überzähligen Militärtribunen bekleidet hatte, machte ihn Nero zum Offizier der prätorianischen Leibwache und erkor ihn zu seinem persönlichen Dienste. Seneca wollte zunächst zwar Einwendungen erheben, denn der dreißigjährige Tigellinus galt für den ausgesprochensten Herzenseroberer der Siebenhügelstadt und flößte auch sonst nur geringes Vertrauen ein. Nero jedoch betonte so sehr die gesellschaftlichen und künstlerischen Talente des Mannes, daß der Minister bald seinen Widerstand aufgab, und nur mit verdoppelter Sorgfalt über dem Wohl und Wehe des Imperators zu wachen beschloß.

Sophonius Tigellinus war es gewesen, der die abenteuernden Regungen Neros zuerst geweckt und neuerdings mit seiner köstlichen, ewig sprudelnden Laune in Handlungen umgesetzt hatte.

Insbesondere packte den Kaiser von Zeit zu Zeit eine mächtige Schaulust im kleinen, das reizvoll-dunkle Verlangen, sich, ohne erkannt zu sein, unter das Volk zu mischen, interessante Beobachtungen zu machen, Scenen, Begegnungen zu erleben und echte, unverkünstelte Menschlichkeit aufzusuchen.

Vorläufig schienen die Anwandlungen des Kaisers noch äußerst harmlos, und Sophonius Tigellinus hütete sich, in dieser Beziehung die Rolle eines Verführers gar zu deutlich zu spielen. Das wäre ihm, falls etwa Seneca davon Kunde bekommen hätte, teuer zu stehen gekommen. Aber er hoffte bestimmt, die Sache werde sich mit der Zeit machen. Was jetzt noch beinahe knabenhaft und kindlich erschien, das mußte allmählich, trotz aller Warnungen Senecas, in tolle Vergnügungssucht und rasende Lebensgier ausarten, – und dann war Sophonius Tigellinus Beherrscher der Situation. Die Stoa verdrängt durch die Lehren des fröhlichen Epikur; – Senecas philosophische Weisheit als drückende Last empfunden; – er, Tigellinus, als der trostreiche Erretter aus dem Sumpfe des Ueberdrusses und der Langeweile vergöttert: – das war eine Basis, von der es nur eines einzigen Schrittes zur höchsten Gewalt bedurfte!

Von all diesen hochfliegenden Plänen ließ der schlaue Agrigentiner natürlich nicht das Leiseste ahnen. Er gab sich den Schein, als teile er die jugendliche Sehnsucht des Kaisers – er, Tigellinus, der alles bereits genossen, der schon als Knabe in ungezügelter Freiheit geschwelgt hatte! Nero begriff nicht den Unterschied zwischen seinem Entwickelungsgange und dem des Agrigentiners, und glaubte ihm. Er hielt den verwöhnten, üppigen Lebemann für ebenso frisch, wie sich selbst. Er vergaß die freudlose Existenz, die er nach dem Tod seines Vaters Domitius Aënobarbus geführt hatte, bis die zweite Ehe der Agrippina mit dem damaligen Imperator Claudius ihn aus dem Dunkel emporhob. Der künstlerischen Veranlagung Neros schien es ja überdies selbstverständlich, daß ein Auge nach Bildern, ein Geist nach Stoff, eine glühende Phantasie nach Erlebnissen haschte.

Noch stand die Sonne hoch über dem langgestreckten Janiculus-Berg, als Nero und Tigellinus, in leichte Mäntel gehüllt, das menschenerfüllte Marsfeld betraten.

Die zehn Germanen der Leibwache, die man, um jedes Aufsehen zu meiden, vom Palatium her mit weggenommen, saßen bereits in einer der großen Tabernen unweit des Kapitols und tranken das Wohl des Kaisers und seines liebenswürdigen Adjutanten im roten Signiner.

Der Tag war herrlich. Die faltige Kopfhülle, die Nero und Tigellinus, wie zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen, übergestreift hatten, hinderte ihr Erkanntwerden, zumal ja in Rom, wo jeder vornehme Bürger sich stets nur mit einer größeren Gefolgschaft zeigte, keine menschliche Seele in den beiden einsamen Wandrern so hochgestellte Persönlichkeiten vermuten konnte.

Tief Atem holend, sog der Kaiser die warme und doch so erquickende Luft ein. Ueber den riesigen Baumgängen, die hier und da bereits die Verfärbung des Herbstes zeigten, glänzte ein tiefblauer Himmel. Die sorgsam gepflegten Rasenplätze prangten in leuchtendem Grün. Die Marmorbilder, die zahllosen Prunkläden, die Kolonnaden und Denkmäler schienen von reinerem Lichte umflossen als je. Durch die Hauptallee bewegte sich eine endlose Reihe von Sänften und Fußgängern. Rechts und links auf den Reitwegen sprengten feurige Kappadozier einher, schmalhufige Renner aus der Ebene von Hispalis und schnaubende Ponies. Rings aber in den buntverschlungenen Spazierwegen, zwischen den Lorbeer und Myrtenhecken, drängte sich ein farbenreiches Gewimmel aus den verschiedenartigsten Ständen: Senatoren in purpurverbrämter Toga, von zahlreichen Klienten und Freunden umgeben; vornehme Kleinasiaten in goldgesticktem Himation; schwarzlockige Perser mit hoher Tiara und kunstvoll gestickten Beinkleidern; blühende Griechenmädchen in krokusfarbenem Diploïdion; Aethiopier und Gallier, Freie und Sklaven, Kornspenden-Empfänger und Stutzer, Pädagogen mit ihren Schützlingen, Erbsenverkäufer und Schmuckhändler, beide mit gleich gellender Stimme ihre Ware empfehlend, Wahrsager, Schiffsknechte, Soldaten der Stadtkohorte und Invaliden.

»Fühlst du nun wieder, vielteurer Cäsar,« hub Tigellinus an, »wie vortrefflich mein Rat ist, wenn ich dir zuspreche, deinem Genius zu leben und die mühsamen Staatsgeschäfte dem herrlichen Dioskurenpaare Seneca und Afranius Burrus zu überlassen? Du bist jung, Cäsar! Du mußt die vielköpfige Menschheit, die du regieren sollst, in all ihren tausendfachen Gestalten erst kennen lernen.«

»Du hast recht, Tigellinus,« versetzte der Kaiser. »In der That, – was wäre ich ohne Burrus und Seneca? Und mehr noch: was wäre ich ohne dich? Beim Herkules, dir gelingt es doch, mich für Stunden wenigstens aus dem Banne zu lösen, den die Pflicht meines Herrscheramtes mir auferlegt. Ich bin Kaiser, – aber zuvor bin ich Mensch, und so spreche ich mit dem Poeten: Für alles Menschliche hab' ich ein flammenloderndes Herz!«

Sie erreichten jetzt den marmorglänzenden Festraum, wo das römische Volk einen immerwährenden Jahrmarkt feierte. Kauf und Schaubuden aller Art lockten hier in fröhlichem Durcheinander. Tummelplätze für Diskuswerfer und Ballspieler wechselten mit Garküchen, Weinschenken und duftigen Obstlagern ab. Weiter hinaus, am Ufer des Tiberstromes, ragten die Holzgerüste, von denen die Wettschwimmer sich in die kräuselnde Flut stürzten. Dazwischen allerwärts schattende Bäume, hochquellende Sträucher, schimmernde Blumenbeete und parische Götterstatuen.

Vor dem silberumschnürten Leinwandzelt eines ägyptischen Zauberers machte der Cäsar mit seinem Begleiter Halt.

Cyrus – so hieß laut Inschrift am oberen Zeltsaum der lockende Wundermann – war erst vor wenigen Tagen aus Alexandria eingetroffen und bildete jetzt schon den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Die bartumwallte Gestalt lehnte nachlässig neben dem Eingange. Gleichmütig lächelnd blickte er auf das massenhaft herandrängende Volk.

Dann plötzlich, als ob ihm eben nur so der Einfall gekommen sei, stellte er ein sechs oder siebenjähriges Kind auf den sogenannten magischen Dreifuß, überstülpte das Ganze mit einem mannshohen Spitzhute nach persischem Zuschnitt, berührte die bildergeschmückte Umhüllung mit seinem elfenbeinernen Stabe und hob sie empor.

Zum unbeschreiblichen Staunen des Volkes war das Kind spurlos verschwunden.

Nunmehr begab sich der Aegypter ins Innere, während zwei kraushaarige äthiopische Sklaven ihm den Dreifuß und den Papierhut unter mancherlei drolligen Bewegungen nachtrugen.

Alle Umstehenden jubelten Beifall. Auch Nero klatschte mit großer Lebhaftigkeit in die Hände.

»Ein Meisterstück,« sprach er leise zu Tigellinus. »Als wohlerzogener Lebenskünstler soll man nicht staunen; aber ich frage dich: hast du die leiseste Ahnung, wie er dies Wunder bewerkstelligt?«

Tigellinus versetzte achselzuckend: »Wenn nicht die Erde mit diesem Aegypter im Bunde ist, wenn sie nicht insgeheim ihre Tiefen öffnet, um das Kind zu verschlingen, wie einst den todesmutigen Curtius – so fehlt mir die Lösung.«

Jetzt trat ein gelb und rot gekleideter Herold auf das gezimmerte Podium und stieß dreimal mit voller Gewalt in seine dröhnende Tuba.

Hiernach lud er die edlen Quiriten und Quiritinnen ein, länger nicht zögern zu wollen.

»Drei Sesterzen!« so klang es gellend von seinen Lippen. »Drei Sesterzen nimmt man euch ab, um euch anderthalb Stunden hindurch zu Göttern zu machen! Cyrus, mein ruhmgekrönter Gebieter, der Stern des Morgenlandes, der Meister von Babylon, Susa und Alexandria, der Freund so vieler asiatischer Könige, der Liebling aller Völker vom Aufgang zum Niedergang, bietet euch seinen Gruß und fragt, ob jemals ein andrer euch das Gleiche für drei Sesterzen geboten hat? ›Nein!‹ werdet ihr antworten. ›Solches vermag nur Cyrus, der Einzige.‹ Also greift in den Bausch eurer Tunica und ersteht die Elfenbeinmarke, die euch berechtigt, anderthalb Stunden lang die Luft des Olympos zu atmen! Wenn ich zum zweitenmal hier in die Tuba schmettere, wird der unsterbliche Cyrus beginnen!«

In hellen Haufen strömten die Zuschauer rechts nach den Tischen, wo drei stämmige Friesen, gleichfalls in märchenhaftem Kostüm, die Marken verkauften.

Nero und Tigellinus folgten dem Beispiel der Menge.

Der Andrang war ein so heftiger, daß sich der Kaiser schon nach wenigen Augenblicken von Tigellinus getrennt sah.

»Freund,« rief Nero in griechischer Sprache über die Köpfe der jungen Mädchen hinweg, die es so eilig hatten, »sollten wir während der Vorstellung auseinander kommen, so treffen wir uns nach Schluß dort drüben am Ahornbaum des Agrippa!«

»Abgemacht!« nickt der Adjutant.

Das Zelt des Aegypters war von ungewöhnlicher Ausdehnung. Durch eine Längsspalte von der Breite eines Tricliniums fiel reichliches Oberlicht in den prächtig ausgestatteten Raum. Matten aus Spartgras überdeckten den Boden. Teppiche, die man von weitem für syrische halten konnte, hingen von silberdurchwirkten Schnüren herab. In der Mitte eines bühnenartig erhöhten Aufbaus, der vom Zuschauerraum durch bronzene Ketten abgesperrt war, stand ein großer Altar.

Unmittelbar dahinter öffnete sich nun langsam ein gewichtiger Vorhang aus tarentinischer Amethystwolle. In majestätischer Haltung trat der Magier aus den Falten der üppigen Draperien hervor, während draußen der Herold zum zweitenmal seine Tuba erdröhnen ließ.

Nero hatte sich – jetzt mit bewußter Absicht – weiter und weiter von Tigellinus getrennt. Er stand ziemlich vorn bei den Bronzeketten und schaute dem stolzen Aegypter erwartungsvoll in die blitzenden Augen.

Das erste, was der Magier zum besten gab, war sein bereits in Alexandria so hoch gepriesenes Wunder: die schwarze Eurydice. So nannte er, im Anklang an die hellenische Sage, die Tötung und Wiederbelebung einer schwarz gefiederten Taube.

Wie er das ängstlich flatternde Tierchen scheinbar in Stücke riß, da erklang unmittelbar in der Nähe des Kaisers ein leises »Ach!«

Er wandte sich um.

Die da hinter ihm stand, war keine andre, als das reizende blonde Mädchen, das für Artemidorus um Gnade gefleht hatte. Jetzt erst schien sich dem seltsam bewegten Jüngling der ganze Liebreiz dieses rosigen Angesichtes zu offenbaren. Der süße, halbgeöffnete Mund, der von den Zähnchen einen verführerisch blinkenden Streif sehen ließ, atmete Unschuld, Sehnsucht und Wonne zugleich; der Ausdruck des Staunens und des Bedauerns verlieh dem holden Kindergesicht etwas Mütterlich-Schmollendes . . .

Ach, und die Stimme!

Nero fühlte, wie ihn der flüchtige Ausruf immer noch unter dem Bann seines unbeschreiblichen Wohllauts hielt, wie es ihn stürmisch antrieb, diese Stimme weiter plaudern zu lassen, unbekümmert um alle Zauberkünste Aegyptens und Babylons.

Langsam, damit er nicht auffalle, trat er ein wenig zurück. Bald hatten sich andre ihm vorgedrängt. Er stand jetzt dicht an der Seite des jungen Mädchens und flüsterte bebend: »Kennst du mich noch?«

»Ja, Herr!« versetzte sie gleicherweise.

»So verrate mich nicht!«

»Wie du befiehlst.«

»Bist du allein?«

Sie zögerte eine Weile. Dann hauchte sie schüchtern: »Ich bin allein, Herr.«

»Wie heißt du?« fragte der Cäsar.

»Mein Name ist Acte.«

»Leben dir noch die Eltern? – Und welchem Stande gehörst du an?«

»Meine Eltern sind tot. Der Vater stammte aus Mediolanum, die Mutter aus Griechenland. Beide waren von unfreier Geburt.«

»Unmöglich! Du eine Sklavin?«

»Eine Freigelassene des Nicodemus . . .«

»Des Mannes, der zuweilen mit Seneca Philosophie treibt . . .?«

»Des nämlichen.«

Ein brausender Lärm ging jetzt durch die Reihen der Zuschauer.

»Herrlich! Herrlich!« jauchzte die begeisterte Menge. »Es lebe Cyrus, der Götterliebling!«

Das vielbewunderte Meisterstück »Eurydice« war in Scene gegangen, ohne daß Nero das Geringste davon bemerkt hätte. Er stand regungslos. In starrer Bewunderung blickte er dem jungen Mädchen ins Antlitz und prüfte wie traumverloren die berückende Lieblichkeit ihrer Züge. Wer unter allen senatorischen Damen konnte sich mit dieser leuchtenden Holdseligkeit messen? Keine, selbst nicht Poppäa Sabina, die jugendrosige Gattin des Otho, obgleich ganz Rom von der Herrlichkeit dieser Frauenblüte berauscht war! Und nun vollends Octavia, die zukünftige Kaiserin! Ja, Octavia war, vom Standpunkt eines hellenischen Bildners betrachtet, vielleicht untadelhafter; sie besaß eine fürstliche Gemessenheit der Bewegungen: aber wie kalt, wie öde, wie leblos berührte das alles im Vergleich mit der knospenden, duftigen Anmut dieser Niedriggeborenen!

»Unmöglich!« wiederholte der Cäsar. » Was behauptet Acte zu sein?«

»Eine Freigelassene.«

»Eine Göttin,« murmelte Nero, ihr leidenschaftlich die Hand pressend. »Kind, du hast keine Ahnung, wie unsterblich schön du bist!«

»Herr, du verwirrst mich . . . Siehe, ich weiß ja, die Großen der Erde lieben es, mit den Armen und Schutzlosen ihre Scherze zu treiben. Aber von dir, dem edlen Befreier des Artemidorus, kann und darf ich nicht denken, daß du die Absicht habest, meiner zu spotten . . .«

»Ich deiner spotten? Auf den Händen möcht' ich dich tragen wie eine Schwester. Ich beneide den Artemidorus, wie der Tote den Lebenden! Wenn' s dir genehm ist, du liebes Geschöpf, so treten wir aus dem Getümmel hier abseits. Dort drüben am Ausgange beobachtet uns niemand, – und ich habe dir noch so vieles zu sagen!«

Sie folgte ihm schweigend.

»Wahrhaftig, der Gedanke läßt mich nicht los,« fuhr er mit herzentquellender Stimme fort. »Artemidorus! Wer mit ihm tauschen könnte!«

»So glaube ich dennoch, du spottest meiner! Du, der allmächtige Princeps – und Artemidorus! Welch eine gähnende Kluft . . .!«

»Freilich, – aber zu meinem Nachteil! Artemidorus hat das entzückende Recht, dir die Stirne zu küssen, dich in die Arme zu schließen . . . Wie froh und selig muß ihm zu Mute sein, wenn dein frühlingsblühender Mund auf dem seinen geruht hat!«

»Ich küsse den Artemidorus nicht,« sagte das Mädchen bestimmt.

»Wie? Deinen leiblichen Bruder?«

»Das ist er nicht, mit Vergunst. Claudius Nero hat übersehen, daß Artemidorus dem fernen Damaskus entstammt, während Acte einen italischen Vater hat.«

»Aber du hast doch um Gnade gebeten für deinen Bruder . . .«

»Ja, Herr, – im Sinne der nazarenischen Lehre. Ihr zufolge sind alle diejenigen meine Brüder, die ein menschliches Antlitz tragen.«

»So hast du mich nahezu überlistet.«

»Wahrlich, nein! Frage doch einen der Unsern, ob ich dich täusche! Wir Nazarener nennen uns auch im Alltagsverkehr Brüder und Schwestern, – weil wir jegliche Schranke, die uns, nach Ansicht des Volkes, zu trennen scheint, als nicht vorhanden betrachten. Wir nennen uns so, ob nun der eine auch Sklave, der andre ein Ritter sei; denn Menschen sind wir durch unsre Geburt, Sklaven, Ritter und Senatoren aber durch Zufall, wenn nicht durch die Gewalt und die Ungerechtigkeit früherer Geschlechter . . .«

Leuchtenden Auges schaute der Cäsar in das holde Gesicht.

»Mädchen,« raunte er, ganz betäubt von ihrer zaubrischen Weiblichkeit, »du bist eine Frühlingsblume und redest doch weise wie ein Pythagoräer. Was du gesprochen, ist nicht mehr und nicht weniger, als der tiefinnerste Kern jener Philosophie, die mir Seneca in die Seele geträufelt. Du beschämst mich tief. Ich glaubte mit meiner Weltanschauung hoch über den besten meiner Zeitgenossen zu stehen, und nun finde ich hier eine kaum erblühende Jungfrau, die das gleiche empfindet, ja, die es klarer und trefflicher ausdrückt, als mein bewunderter Meister! Träume ich denn? – Hat sich denn Plato mit Sokrates und dem wuchtigen Zeno in eins verschmolzen, damit diese göttliche Dreizahl in Gestalt eines Mädchens aufs neue geboren würde?«

Das Antlitz des Imperators schien bei diesen Worten hellster Begeisterung von einem Feuer durchglüht, das alle Züge verklärte, alle Bewegungen adelte. Die großen Pupillen saugten sich gleichsam fest an Actes tiefblauen Augen. Um die schwellenden, kaum vom ersten Flaume bedeckten Lippen bebte ein Zug unendlicher Sehnsucht, – so beredt, daß selbst ein Ungeübter ihn ablesen konnte. Es war das übersprudelnde, heiße Bekenntnis einer ersten, vergötternden Liebe.

Ungeübt waren nun freilich die Augen nicht, die aus dem Menschengewühle heraus den Imperator beobachteten, so verschieden auch der Gang ihrer Schulung und Erfahrungen sein mochte.

Sophonius Tigellinus, der schlaue, lebenslustige Agrigentiner, verfolgte die Scene zwischen dem Kaiser und dem hocherrötenden Mädchen mit jenem Behagen, das den Lehrer ergreift, wenn er wahrnimmt, wie die Saatkörner, die er ausgestreut, Wurzel schlagen. Claudius Nero schien auf bestem Wege, den hochnäsigen Philosophen Seneca für einen Esel zu halten, und was bis dahin Ausnahme war, zur Richtschnur der Existenz nehmen zu wollen. Die Kleine da mit dem wallenden Blondhaar und den küßlichen Lippen war ganz allerliebst. Hätte nicht Nero so unverhofft angebissen, so würde Sophonius Tigellinus vielleicht in eigener Person . . . Beim Hercules, er konnte sich vorstellen, daß ein kleines intimes Gelage – Cäcuber, Cyprier und dann die Knospe da als Dessert – selbst für ihn seine Reize gehabt hätte. Daran war nun allerdings nicht zu denken, und das blieb sich im Grunde auch gleich, denn Sophonius Tigellinus hatte die Auswahl unter den Schönsten und Vornehmsten; er brauchte die Hand nur auszustrecken, und selbst Poppäa Sabina schlug ihrem Ehegemahl ein Schnippchen . . . Ja, ja, davon war er fest überzeugt, der glänzende Tigellinus, – und nächstens wollte er sich die Sache einmal überlegen. Vorläufig hatte er alle Veranlassung, über das Resultat dieser Marsfeldwanderung zufrieden zu sein, kolossal zufrieden, denn Claudius Nero ging in der That ganz über alle Erwartung ins Zeug, – bei der Pferdegöttin Epona, ganz über alle Erwartung! . . .

Das andre Augenpaar, das unbemerkt auf dem Kaiser und seiner rosigen Partnerin weilte, gehörte dem Nicodemus. Durch seine Späher und Horcher hatte er in Erfahrung gebracht, was Tigellinus und Nero für die Zeit zwischen dem Frühstück und dem Hauptmahl geplant hatten. Sofort war er mit Acte nach dem Marsfeld geeilt, – und als er des Kaisers ansichtig ward, zog er sich schleunigst zurück, alles übrige der Klugheit des jungen Mädchens anheimgebend. Acte, die erst seit einigen Wochen in Rom weilte – sie hatte bis dahin eine Verwandte des Nicodemus in Ostia gepflegt – war in den Kreisen der Nazarener fast schon berühmt geworden wegen der wundersamen Kraft und Eindringlichkeit ihrer Bekehrungsversuche. Die Anhänger, die sie der Lehre Christi erworben hatte, zählten nach Dutzenden. So hatte sich denn der rastlose, fieberische Nicodemus entschlossen, dem verblüffenden Ziele, das er sich vorgesetzt, nicht nur auf dem Weg über Seneca, sondern unmittelbar nahe zu kommen und Acte, die unwiderstehliche Fürsprecherin, schlankweg in den Gesichtskreis des Imperators zu stellen. Ehedem Inhaber eines bedeutenden Handlungshauses, war Nicodemus auf einer Orientfahrt mit den Lehren der Nazarener bekannt geworden; der Tod eines geliebten Sohnes festigte in seinem trostbedürftigen Herzen die Ueberzeugung von der göttlichen Wahrheit des Christentums; und nachdem ihn der Glaube siegreich über den Jammer dieses Verlustes emporgehoben, brannte er nun von einer wahrhaft verzehrenden Glut, diesem Allheilmittel zum endgültigen Triumph über die Irrlehren des römischen Staats zu verhelfen. Wohlvertraut mit der Philosophie des Seneca, den er in früheren Jahren durch finanzielle Gefälligkeiten dringend verpflichtet hatte, fand er die innere Verwandtschaft zwischen der Lehre Jesu und dem weltverachtenden Stoicismus freudig heraus und knüpfte daran die tollkühne Hoffnung, mit einiger Klugheit den Zögling des Seneca in den Jünger des Zimmermannssohnes von Nazareth zu verwandeln.

Acte schien ihm als Mittel zu diesem Zweck wie geschaffen, nicht nur um ihrer warmherzigen Beredsamkeit willen, sondern auch – so sehr er sich dies verhehlte –, weil sie der Inbegriff aller Anmut und Weiblichkeit war. Sie würde auf Neros Gemüt, vielleicht sogar auf sein Herz wirken, – und was schadete es, wenn hier der welterlösende Glauben ausnahmsweise einmal seinen Einzug hielt auf den Flügeln der irdischen, baldvergänglichen Liebe? Acte wußte ja, was sie sich schuldig war . . . Sie würde im letzten Moment noch die Kraft finden, ihre Tugend aus der tosenden Brandung ans Ufer zu flüchten.

So legte sich Nicodemus die Sache zurecht . . . .

In Wahrheit und sich selber nicht klar, hatte er das Gefühl: »Und wenn dies eine Lamm auch zu Grunde geht, – der großen Herde wird sein Verderben zum Heil gereichen.« Der Bethörte hatte vergessen, daß aus dem Ueblen und Schändlichen niemals ein Gutes entsproßt; die vorurteilsfreie Abschätzung der Dinge war ihm abhanden gekommen.

Jetzt verfolgte er, durch die Gestalt eines breitschulterigen Chamaven gedeckt, die rasch wachsende Vertraulichkeit seiner Freigelassenen und Claudius Neros mit fast dämonischer Freude. Das alles spielte sich herrlicher ab, als er jemals gehofft hatte. Das Antlitz des Imperators zeigte nichts von jener schäkernden Leichtmütigkeit, die sonst das Anknüpfen gewisser Beziehungen mit Schönheiten von niederer Geburt charakterisiert; hier glänzte vielmehr eine bewundernde Sympathie, eine fast scheue Verehrung. Wenn Acte sich klug benahm, konnte sie das Herz dieses edelveranlagten Jünglings formen und bilden wie hymettisches Wachs.

Eine Weile noch hatte die Unterredung zwischen dem Cäsar und der lieblichen Freigelassenen fortgedauert. Plötzlich ergriff Nero, von seinen Empfindungen überwältigt, beide Hände des jungen Mädchens und drückte sie stürmisch an seine Brust.

»Acte,« sprach er, »du hast mir's angethan mit der flutenden Melodie deiner Rede, mit der himmlischen Anmut und Klugheit deiner tiefblauen Augen . . . Was du so flüchtig nur angedeutet, weckt mir die gewaltigsten, unermeßlichsten Bilder! Laß uns Freunde sein, Acte, wirkliche Herzensfreunde! Jetzt verstehe ich erst, was ich jüngst im Saturnaliengedichte des jungen Lucanus las: daß jegliche Offenbarung vom Weibe kommt. Du, Acte, hast die Reinheit und Größe des Wollens: ich aber besitze die Macht. Ich brauche die Hand nur zu recken, und die Dinge des Weltreichs verwandeln sich, wie die kleinen Spielzeuge hier unter dem Zauberstabe des Cyrus. Wenn wir mutig zusammenstehen, du und ich . . . Ach, wie reizend du bist, wie gar so herrlich und wonnesam!«

Voll brünstiger Zärtlichkeit küßte er der Glutüberströmten die Fingerspitzen. Sie entzog sich ihm, – fast mehr durch die bittende Kraft ihres Blickes, als mit Gewalt.

»Besuche mich im Palatium,« fuhr Nero fort. »Hier dieser Ring wird dir jederzeit freien Zutritt verschaffen. Seneca muß dich kennen lernen. Du scheinst mir die großen Probleme des Nazarenertums tiefer zu fassen als Nicodemus. Willst du, Acte?«

Er hatte den Siegelring vorsichtig abgezogen und bot ihr ihn jetzt, wie der Bräutigam der Braut eine Rose bietet.

»Dank, Herr,« stammelte Acte verwirrt, – »aber mir sagt eine innere Stimme, daß ich dies Kleinod nicht nehmen darf; ebensowenig wie es mir zusteht, die Schwelle der Hofburg zu überschreiten.«

»Thorheit! Wenn der Cäsar selbst es verlangt! Ah, – du fürchtest für deinen Ruf? Freilich, die verlästernde Welt geht um so rascher ans Werk, je frühlingsfrischer der Gegenstand ihres Hasses ist. Komm also stets nur in Begleitung des Nicodemus . . .«

»Vielleicht, Herr!«

»Weshalb sagtest du nicht ohne Umschweife Ja? Sieht es nicht aus wie Vorausbestimmung, daß wir uns hier zum zweitenmal treffen mußten, nachdem du vor wenigen Tagen erst meine Pfade durchkreuzt und meine Seele mit Sympathie erfüllt hast?«

Acte errötete heftig. Wie in tiefer Beschämung senkte sie schweigend die Augen.

»Also du kommst?« wiederholte der Kaiser.

»Ich will zusehen, ob ich es wagen kann.«

»Wie du glühst, Acte! Seh' ich denn aus, als ob ich dir Uebles wollte? Du sollst meine Schwester sein, meine herzliebe Schwester; – sonst vergeh' ich vor Sehnsucht. Ueberlegst du auch? Nero bietet dir seine Bruderhand, Nero, um dessen Gunst sich Könige in den Staub werfen!«

»O, ich weiß, was diese Gunst wert ist!« sagte sie tieftönig. Es klang eine mächtige, überzeugungsfrohe Kraft in dieser vibrierenden Mädchenstimme. Nero war wie berauscht.

»So bleibt es dabei, du Süße, du Herrliche! Welch ein Gedanke von Tigellinus, mich heute, in dieser Stunde just, nach dem Marsfeld zu locken! Alle Schätze des Reichs können's nicht aufwiegen! Er ist ja ein Thor, ein Mann des Augenblicks, ein Gedankenfeind, – aber dennoch hat er mir mehr gegeben als Seneca mit all seiner Weltweisheit.«

Dröhnender Beifall und gleich darauf ein helles Fanfarengeschmetter bezeichnete jetzt den Schluß der Vorstellung.

»Herr,« flüsterte Acte, da Nero Miene machte, ihr nach dem Ausgang zu folgen, »wenn du mir wohl willst, so lässest du mich allein. Ich möchte erkannt werden, – ach, und du ahnst nicht – wie lieblos und erbärmlich man urteilen würde.«

»Gut, Acte! Du siehst, ich gehorche schon fast wie ein Sklave. Aber den Ring wirst du nehmen? Ich bitte dich herzlich darum.«

»Wohlan denn . . .« stammelte sie bewegt. Der schwere Goldreif glitt ihr über den Mittelfinger. Hier paßte er, als sei er eigens für sie gefertigt. Ein sonderbares Gefühl überrieselte sie, halb Wonne, halb Weh und ahnungsvolle Besorgnis. Es war ihr, als trage sie eine Kette, die keine Gewalt der Erde wieder zerreißen könne.

Viertes Kapitel.

Mit großer Hast drängte sich Acte durch das Getümmel und erreichte das Freie, ohne daß Nicodemus ihr Enteilen bemerkt hätte.

Es war ihr ein unerklärliches, aber zwingendes Herzensbedürfnis, mit den Eindrücken dieser bedeutsamen Stunde allein zu sein.

Wenn sie sich vorstellte, wie ihr Gebieter sie ausforschen, wie er jegliches Wort, das der Kaiser zu ihr gesprochen hatte, zweifach und dreifach beleuchten würde, so verspürte sie eine unsägliche Angst. Es war ihr, als solle sie einer ungeweihten, fühllosen Hand die Durchmusterung ihrer kostbarsten Schätze gönnen. Eh' dies geschah, wollte sie wenigstens eine Weile noch glücklich sein im Alleinbesitz; sie wollte, was sie erlebt hatte, ungestört auskosten, und sich hinlänglich sammeln.

Fast eine halbe Stunde lang schritt sie so durch die entlegneren Teile des Marsfeldes, ab und zu die zaghaften Blicke auf das Kleinod gerichtet, das sie am Finger trug. Sie meinte zu träumen. Ein Ring mit dem Insiegel des römischen Imperators, von dem Allgewaltigen selber gespendet, an ihrer Hand! Klang das nicht wie ein Märchen aus der pelasgischen Urzeit? Damals stiegen die Uranionen, vom Lichte des Aethers umflossen, zu den Töchtern der Menschen herab und legten den Hirtenmädchen des Oeta die himmlischen Donnerkeile zu Füßen. Aber hier, in dem wirklichen, wahrhaftigen Rom, das von dem gar nicht märchenhaften Schwerter- und Lanzengeklirre der Prätorianer erdröhnte, hier am Tibergestade, wo alles so neu, so frisch, so lebendig ins Dasein blickte – es war unfaßlich!

Ihr Blick schweifte hinüber nach der gewaltigen Zweimillionenstadt . . . Ein rötlicher Dunst lagerte, trotz des klaren Oktobertages, breit über dem südlichen Horizont. Fernab ragten die sonnbestrahlten Tempel des Kapitols, rechts davon das hochgetürmte Palatium, der Herrschersitz des blühenden Jünglings, der über dies ganze unabsehbare Häusermeer, über Italien, über den Erdkreis das Scepter hielt, und doch mit ihr, der Niedriggeborenen, so warm, so liebevoll, so ganz über alle Beschreibung traulich gesprochen hatte . . .

Sie seufzte.

»Wär' er doch einer von den elenden Sklaven, die dort mühsam die Steine zum Ausbau der Halle schleppen!« dachte sie traurig. »Alles, was ich besitze, wollte ich geben, ihn loszukaufen, – jahrelang wollte ich schaffen und arbeiten, damit ich's zusammenbrächte, was etwa fehlte, – und dann . . .«

Sie schloß die Augen.

Da plötzlich hörte sie eine Stimme, die sanft ihren Namen rief.

Emporschauend, gewahrte sie einen etwa vierzigjährigen Mann in vornehmer Tracht. Die blitzenden grauen Augen mühten sich offenbar, liebenswürdig und verbindlich zu scheinen.

»Acte,« sprach er, »du wandelst allein, wie die trauernde Demeter. Darf dir ein neugewonnener Freund seine Begleitung anbieten?«

»Herr, ich kenne dich nicht.«

»Diesem Uebelstande ist mit Leichtigkeit abzuhelfen. Mein Name wird dir, so denk' ich mir, weniger fremd sein, als meine Züge. Ich bin Pallas, der Vertraute der Kaiserin.«

»Pallas!« rief sie erschreckt, als habe sie kein gutes Gewissen. »Der Name ist allerdings gekannt und – gefürchtet.«

»Nur derjenige hat mich zu fürchten, der meiner Gebieterin die schuldige Ehrerbietung versagt, ihr weisheitsvolles Wirken mißachtet, ihre glorreichen Pläne zu kreuzen strebt, oder sich sonst wider die göttliche Majestät versündigt. Durch die Gunst Agrippinas bin ich das, was ich bin: Dankbarkeit aber und Treue sind die vornehmsten Tugenden.«

Acte sah, wie in tiefe Gedanken versunken, auf das Kleinod des Imperators. Dann plötzlich das duftige Blondhaar aus ihrer Stirne streichend, fragte sie beinahe keck: »Woher kennst du mich, und was willst du von mir?«

»Ich sah dich neulich, als der Cäsar den Freigelassenen des Flavius Scevinus begnadigte. Ich befand mich an der Spitze der kaiserlichen Gefolgschaft.«

»So? Ich bemerkte dich nicht.«

»Wenig schmeichelhaft. Aber du warst so völlig in Anspruch genommen, daß ich geneigt bin, diese Vernachlässigung zu entschuldigen. Vielleicht reizte mich gerade dein blumenhaftes Versenktsein in die Forderungen des Augenblicks. Du schienst mir wie ein lieblicher Ruhepunkt inmitten der ewig hastenden Weltstadt. Mit einem Wort: du entzücktest mich . . .«

»Weshalb sagtest du mir das?«

»Seltsame Frage! Weshalb sagt man der Amphora, daß man dürstet? Ich liebe dich, Acte, und flehe zu allen Göttern, sie möchten dein Herz mir geneigt stimmen.«

»Da wirst du umsonst stehen,« fuhr das Mädchen heraus. »Ich kann nicht lieben. Ich habe nicht Sinn noch Seele für solche Thorheit.«

»Nennst du Thorheit, was die wonnigste, ja, die einzige Blüte des Lebens ist? Acte, Acte, was sprichst du da? Du nicht lieben . . .? Du mit deinen sehnsüchtig verschwimmenden Augen, mit deinen süßschwellenden Lippen, die wie ein immerwährender Kuß in die Welt lächeln? Täusche du einen Dümmern!«

»Ich kann nicht lieben,« wiederholte sie traurig. »Und wenn ich's könnte – meinst du, ich würde mich wegwerfen?«

»Wegwerfen? Ist denn die Liebe des Pallas so entehrend und schmachvoll?«

»Für hundert andre gewiß nicht. Glaub' mir, ich kenne die Welt und ihre Gebrechen trotz meiner Jugend! Ich weiß, wie Rom von uns freigelassenen Mädchen zu denken pflegt, wie unser Name fast gleichbedeutend geworden ist mit Unehrbarkeit und Leichtsinn. Viele, sehr viele würden sich glücklich schätzen, ihre Sünden mit dir zu teilen; denn du bist mächtig und reich, und etwas vom Glanze der weltbeherrschenden Hofburg fällt auch auf die Geliebte des Pallas. Ich aber verachte solche Erhebung, die in Wahrheit doch nur Erniedrigung ist. Ich verachte sie: einmal weil mir der Abscheu vor solcher Verirrung unüberwindlich im Blute liegt; dann aber, weil Jesus Christus von Nazareth, dem ich von Herzen anhange, die Tugend lehrt und die Reinheit im Sinn und im Wandel.«

Pallas schwieg eine Weile. Dann versetzte er zögernd: »Du sagst mir nichts Neues, Acte. Gleich von Anbeginn war zu vermuten, das junge Mädchen, das für den Nazarener um Gnade flehte, sei Nazarenerin. Dann aber erfuhr ich's von Nicodemus. Ich hatte bemerkt, daß ihr beide in Beziehungen steht; ihn kannte ich, da ich ihn mehrmals bei Seneca traf . . . Wisse also, daß deine hochgemute Erwiderung mich keineswegs überrascht. Dennoch war sie verfehlt.«

»Wieso?«

»Weil du zurückweisest, ohne geprüft zu haben. Acte! Ich sehe dich jetzt zum drittenmal. Vorgestern im Hause des Nicodemus hatte ich vollauf Gelegenheit, dich zu beobachten . . . Ich stand, ohne daß du es ahntest, mit dem graulockigen Sonderling im Tablinum. Wie ein junges Reh huschtest du über die Fliesen; du sprachst mit den Sklaven, und jedem gönntest du ein freundliches Wort; du besprengtest die Spätrosen am Rand des Impluviums; du streutest den Tauben Körner und Brosamen; du gossest sogar von dem Lichte, das dich umfließt, einen Strahl in die Seele des alten Hundes, der halbgelähmt vor dem Bassin lag, und schweifwedelnd zu dir aufschaute. Nun war's beschlossen: bei nächster Gelegenheit wollt' ich dir sagen, wie sehr ich das Tier beneide, das deine beglückende Nähe genießt; ich wollte dir sagen . . . Aber was hast du?«

»Nichts, nichts!« stammelte Acte. »Ein dummer Gedanke . . . eine Erinnerung . . .«

Sie hatte die Hand wie eine Taumelnde vor die Augen gepreßt. Jetzt, da sie merkte, daß Pallas ihr von echter und wahrhaftiger Liebe sprach, stellte sich ihrer Phantasie plötzlich ein Bild, so greifbar, so deutlich, daß sie laut hätte aufschreien mögen: das Bild des Cäsars, wie er zum erstenmal sagte, daß er sie reizend finde. Und mit diesem Bilde kam ein beklemmender Krampf, ein süßbetäubender Schmerz, der sie beinah zu Boden geworfen hätte.

Als sie sich wieder gefaßt hatte, fuhr Pallas mit wachsender Inbrunst fort: »Ich will nicht hoffen, daß meine Worte es waren, die dich erschreckt haben. Bin ich zu stürmisch gewesen? Aber in meinem Alter hat man nicht Zeit, wochen- und monatelang zu werben. Gerade heraus: Pallas der Vertraute der Kaiserin, der Furchtbare, wie du ihn selber genannt hast, – er begehrt dich zum Weibe. Hörst du, Acte? Zur gesetzlichen Ehefrau, nicht zur Geliebten! Was gibst du zur Antwort?«

»Daß ich ihm danke,« flüsterte Acte, zur Erde schauend, »und daß ich ihn bitte, mir zu verzeihen, wenn ich trotz alledem Nein sage.«

»Sprichst du im Fieber?«

»Keineswegs, Herr! Eben weil ich so klar überlege, find' ich den Mut, diese Ehre zurückzuweisen. Ein Mädchen, wie ich, paßt nicht zu dem vornehmen Kavalier . . .«

Er legte ihr kopfschüttelnd die rechte Hand auf die Schulter. Funkelnden Blickes maß er die schlanke Gestalt, die vor Aufregung bebte.

»Muß ich dir sagen, daß du nur allzugut zu mir passest? Muß ich mich demütigen? Weißt du nicht, daß ich selber von unfreier Geburt bin? Antonia, die Mutter des Kaisers Claudius, schenkte mir vor Jahren die Freiheit, – und durch eigene Kraft bin ich geworden, was mir ganz Rom jetzt beneidet: der Vertraute der göttlichen Agrippina.«

»Ja, ich weiß,« versetzte das Mädchen. »Trotzdem – die Kluft ist unübersteiglich. Welch traurige Rolle würde ich spielen in dem glänzenden Kreis des Palatiums! Mir schwindelt, wenn ich nur daran denke.«

»Mit niemand hättest du den Vergleich zu scheuen.«

»Nein, nein, – der Gedanke ist mir entsetzlich. Und dann, Herr: ich sagte dir schon, daß ich nur eine Seele, aber kein Herz besitze. Ich liebe dich nicht, und ohne Liebe dein Weib zu werden, das wäre doch ein Verrat an dir selbst.«

Pallas krauste die Stirn. Auf diese unzweideutige Ablehnung war er denn doch nicht gefaßt gewesen. Seine Eitelkeit blutete.

»Mädchen,« sprach er nach einer Weile, »du gebärdest dich wie von Sinnen. Töchter von Senatoren hab' ich in diesen Armen gehalten – ohne umständliche Zeremonie –, und du weigerst dich, als rechtmäßige Gemahlin mein Leben und meine Stellung zu teilen? Du bist ebenso wahnwitzig mit deinem kindischen Zögern, wie ich mit meinem unerhörten Entschluß dich zu heiraten. Aber ich kann's nicht ändern: ich war wie besessen bei deinem Anblick, und jetzt, da du mir weigerst, was du mit Dankesthränen mir in den Schoß werfen solltest, – jetzt fühle ich um so klarer, daß ich nicht von dir lassen kann. Ueberlege dir's, Acte! Der Vertraute der Kaiserin ist nicht der erste Beliebige, und wer nicht sein Glück frohmutig beim Schopfe ergreift, der jammert nachher vielleicht ein ganzes Dasein hindurch nach dem einen thöricht vergeudeten Augenblick. So: nun gehab dich wohl! Drüben am Reitweg wartet meine Gefolgschaft.«

Er nickte ihr bedeutungsvoll zu. Dann verschwand er zwischen den Myrtenhecken.

Der Tag hatte sich inzwischen geneigt. Die Stunde der Coena war längst vorüber. Die Scharen der Sänften und Fußgänger, die so lebensvoll durch die breiten Alleen gewogt, hatten einer gewissen Oedigkeit Platz gemacht, deren Wirkung durch das glutvolle Rotgold der Abendbeleuchtung erhöht wurde.

Acte gewahrte jetzt, daß sie im Weiterschreiten die älische Brücke erreicht hatte. Unwillkürlich betrat sie den marmorgepflasterten Seitenstieg, wandelte bis zur Mitte, und blieb dann, über den Rand der Brüstung gebeugt, stehen. Hier, von der Höhe des Hauptbogens, stürzten sich alljährlich Hunderte hinab in die Tiefe, – Lebenskranke, denen der Inhalt des Daseins verloren gegangen, Elende, die des unablässigen Ringens mit den Gewalten des Schicksals müde geworden . . . Drunten rauschte und wogte die gelbliche Flut, wie eine unheimlich flüsternde Lockung. Die schaumigen Wirbel drehten sich, bald schwellend, bald nachlassend, mit der Regelmäßigkeit gewaltiger Atemzüge. Welle auf Welle quoll zwischen den quadergetürmten Pfeilern hervor, und Welle auf Welle glitt, allmählich ebbend, ins Weite, bis sie im gleichförmigen Einerlei des breitrollenden Stromes verloren ging.

»Wie wohl das thut!« flüsterte Acte, die Stirn auf die Handfläche stützend. »Das kommt und schwindet, – und so stürmisch es toben mag, es glättet sich dennoch, und beruhigt fließt es dem Meere zu.«

Nun starrte sie lange nachdenklich auf die eine Stelle am Mauerwerk, wo die Strudel am höchsten emporschäumten, bis ihr zu Mute ward, als ob die Brücke mit ihr und allem, was sich darauf befand, glatt und geräuschlos nach rückwärts dahinschwimme. Es war ein unbeschreiblich süßes Gefühl, eine Schlaffheit, die ihrer Seele nach so vielen Erregungen die gleiche Erquickung gewährte, wie ein tiefer Schlummer dem Leibe.

Die Sonne war untergegangen, als Acte sich endlich, ihrer Verpflichtungen eingedenk, auf den Heimweg begab.

Mit hastigen Schritten wandte sie sich in südöstlicher Richtung und erreichte nach vierzig Minuten den Vicus Longus, die ›Lange Straße‹, die den viminalischen Hügel vom qnirinalischen trennte.

An die kaum bemerkliche Böschung des ersteren angelehnt, stand hier das wohlgebaute, stattliche Haus des Lucius Nicodemus, der, in der vierten Generation von Lacedämoniern abstammend, nach Sitte und Lebensgewohnheit durch und durch Römer war.

Acte fürchtete schon, ihr heißblütiger Patronus würde sie ungnädig empfangen, denn sie war über Gebühr ausgeblieben, und Nikodemus, getreu der frommen Strenge der Nazarener, hatte ihr noch jüngsthin gegrollt, da sie mit einer der Dienerinnen um die Stunde des Dämmerns am Ostium gestanden. Auch die Ungeduld konnte ihn peinlich erregt haben.

Nicodemus jedoch, weit entfernt, ihr ein tadelndes Wort zu sagen, strahlte bei ihrem Anblick. Er hatte im Atrium auf sie gewartet. Dicht am Thürweg nahm er sie in Empfang und führte sie am Tablinum vorüber ins Peristyl. Aus dem Speisezimmer glänzten die Lampen. Die Familie hatte vor zwei Stunden bereits das Mahl genommen: der Hausherr, die Hausfrau, eine Tochter und sieben ehemalige Sklaven und Sklavinnen, die von ihrem Gebieter sämtlich mit der Freiheit beschenkt worden waren; denn die Lehre des Heilandes widersprach der persönlichen Knechtschaft zu schroff, als daß selbst ein Mann von dem starren Charakter des Nicodemus das staatliche Institut der Unfreiheit hätte verteidigen mögen. Zudem waren sämtliche Hausgenossen von ihm selber bekehrt und getauft worden: er konnte also nicht thatsächlich die Ketten bestehen lassen, die er durch die Feierlichkeit dieser Handlung geistig vernichtete.

»Du wirst hungrig sein,« sprach er mit beinahe zärtlicher Fürsorge. »Da kömmt Lesbia mit ihren Schüsseln! Sie hat dir einiges warm gestellt, Acte! Iß, trink' und erzähle dann!«

Acte setzte sich auf die Kante des Speisesofas, wo sonst Nicodemus, halb liegend, sein Mahl genoß.

»Iß, iß!« wiederholte er freundlich. »Du mußt ja halbtot sein. Wahrhaftig, deine Hände sind kalt, wie Eis. Hier – der schöne Vesuvwein . . . ich hab' ihn eigens für dich aus dem Keller geholt . . . der wird dir gut thun, Acte. Du scheinst sehr übermüdet.«

»Das bin ich auch,« sprach sie und führte hastig den ehernen Becher zum Munde. »Verzeih, daß ich nicht gleich von dem Zelt des Aegypters aus mit dir heimkehrte . . .«

»Im Gegenteil,« schmunzelte Nicodemus. »Ich danke dir, daß du das heilige Werk, dem du obliegst, gar so eifrig und ernst nimmst. Ich habe gesehen, wie der Cäsar dir gegenüber stand. Wenn du klug bist, hat Nicodemus und mit ihm der göttliche Galiläer gesiegt, ehe zum zweitenmal sich der Mond füllt.«

Acte, sich nur noch mühsam beherrschend, schüttelte traurig den Kopf.

»Nein, Herr!« sagte sie dumpf. »Zürne mir nicht – um Jesu Christi willen – aber es geht nicht!«

»Was geht nicht?«

»Daß ich . . . daß ich den Kaiser Nero bekehre.«

»Du hast ihn bekehrt, wenn du nur folgegerecht ausnützest, was dir das Schicksal fast in den Schoß geworfen. Er war die Huld und die Güte selber . . .«

»Ebendeshalb. Er hat mir sogar die Hände gedrückt, und mir angetragen, seine herzliebe Schwester zu sein . . .«

»Was?«

»Nun ja, das waren just seine Worte. Und ins Palatium lädt er mich ein, und was ich geredet habe, scheint ihm das klare Echo seiner eigenen Gedanken . . .«

»Aber das ist ja ein wunderbarer Triumph, Acte! Das ist die Eroberung Roms, das Kreuz Jesu Christi aufgepflanzt auf die Zinnen des Kapitols . . .«

»Das ist das Ende unsrer freudigen Hoffnungen,« flüsterte Acte. »Herr, ich muß dir den letzten Zweifel benehmen: ich werde den Kaiser nicht wiedersehen.«

»Bist du toll, Mädchen?«

»Gott sei Dank, nein! Seit lange war's nicht so klar in meiner Seele, wie jetzt. Ich will offen und ehrlich sein, denn ich bin dir zu Dank verpflichtet. Du sollst nicht wähnen, Acte zerstöre aus Eigensinn, was du so klug und so redlich gesponnen hast. Ich . . . ich . . .«

Sie stockte. Eine brennende Schamröte flammte über ihr Antlitz, während Nicodemus bleich und geöffneten Mundes ihr zuhörte.

»Ich fühle,« sagte sie endlich, »daß ich die Rolle, die du mir zugeteilt hast, nicht durchführen kann, ohne mich selbst zu verlieren. Ihr alle behauptet, es wohne mir etwas inne, was mehr überrede, als die begeisterndsten Worte des Presbyters . . . Ich weiß nicht, ob ihr euch hierin täuscht. Das aber weiß ich, daß mich der Cäsar mit andern Blicken betrachtet hat, als irgend wer, den ich dem Christentum zu gewinnen suchte . . .«

»Nun, und was folgt daraus?«

»Einfach, daß er . . . daß er mich lieben würde . . .«

»Um so besser!«

»Nicht um so besser; denn auch ich würde ihn lieben. Ja, ich liebe ihn, Herr!«

»Das ist rasch gegangen!« lachte der hagere Nazarener ingrimmig. »Gleichviel: was soll dies abgeschmackte Bekenntnis? Lieb' ihn, so viel du begehrst, – aber thu' deine Pflicht als Verbreiterin unsres göttlichen Glaubens!«

»Dazu fehlt mir die Kraft.«

»Elende!« fuhr Nicodemus heraus. »Hat nicht Christus gesagt: ›Ihr sollt das Irdische abthun um des Ewigen willen!‹? Befiehlt er uns nicht, unser Fleisch zu kasteien und die Sinne zu meistern, wenn sie uns ablenken wollen vom Pfade des Rechts und der Tugend?«

»Eben das will ich,« gab ihm Acte zurück. »Folgte ich meinem Sehnen, so würde ich in dieser Minute noch aufbrechen . . . Ihm nach – in seine Arme, an seine Brust, die so voll ist von allen Hochgefühlen des Schönen und Edlen, – das wäre der Drang meines sündigen, pflichtvergessenen Wollens. Da ich aber in Schande und Schmach sinken würde, wenn ich dem nachgäbe, so steht mein Entschluß fest. Keine Macht dieser Erde soll mich bewegen, den Mann je wieder zu sehen, dessen Nähe mich so zu vernichten droht.«

»Und wenn er selbst es befiehlt?«

»So sterbe ich lieber, eh' ich ihm Folge leiste. Ueber vieles hat der Cäsar Gewalt; den Tod aber kann er keinem verwehren, der den Mut dazu hat.«

Nicodemus saß eine Weile da, wie gelähmt. Dann streckte er seine krampfhaft zitternden Hände aus und sprach schluchzend: »Acte! Im Namen des Heilands, der für uns alle geblutet hat, thue mir das nicht an! Zerstöre nicht so den größten Gedanken seit Christi Dahinscheiden! Zertrümmere nicht die Zukunft des Nazarenertums, das herrliche, himmlische Werk der Erlösung!«

»Durch Sünde kann die Welt nicht erlöst werden.«

»Acte! Beim Grab deiner Mutter, die im seligen Glauben an Gottes Gnade gestorben ist . . .!«

»Beim Grab meiner Mutter!« rief die Freigelassene bewegt. »Diese Heilige brauchtest du noch zu nennen, um die Festigkeit meines Entschlusses zur Starrheit zu machen!«

»So willst du nicht . . .? Trotz meines Flehens, Acte, trotz meiner Thränen?«

»Nein, und tausendmal nein.«

Die Züge des Nicodemus verzerrten sich. Ein gräßlicher Fluch schien auf seinen Lippen zu schweben, ein wilder, unerhörter Schrei der Verdammnis . . . Die fleischlosen Finger hatten sich geierartig zusammengekrallt; die Brust keuchte; aus den geröteten Augen flammte der Blick eines dämonischen Hasses.

Gleich danach überwand er sich. Noch immer zitternd goß er Wein in die nächste Schale und stürzte den Trunk hinab, wie ein Verlechzender.

»Du willst nicht,« sagte er tonlos. »Aber der Cäsar will – und Nicodemus will, – und da möge sich's denn erweisen, ob stiebende Kieselsteine die Bergwand aufhalten, wenn sie ins Thal donnert. Du kennst mich. Geh jetzt schlafen, du arme Thörin! Mit dem neuen Tage kehrt dir vielleicht die alte Vernunft wieder.«

Er verließ das Triclinium. Seine Schritte verhallten im Säulengang. Man hörte das leise Aechzen der Thürzapfen. Dann alles still.

Halbverstört sah Acte sich allein in dem weindurchdufteten Speisegemach. Die Drohworte ihres Gebieters klangen ihr mit zermalmender Klarheit durch das Gemüt. Ja, sie kannte ihn. Gütig sonst und gerecht, war er zu jeder Gewaltthat fähig, wenn ihm das, was er für zweckmäßig oder notwendig hielt, störend durchkreuzt wurde.

Sie sann und sann. Schwerer immer und schwerer legte sich ihr die Ahnung eines künftigen Unheils über die bangende Brust.

Plötzlich war es, als rufe ihr aus der matt erhellten Tiefe des Speisegemachs eine Stimme die Worte zu: »Fort, fort, sonst bist du verloren!«

Eine sinnlose Angst überkam sie. ›Der Cäsar will‹ . . . ›Nicodemus will‹ . . . Aber sie wollte nicht, so wahr der Sohn Mariä geboten hatte: ›Wandle unsträflich!‹ Sie wollte nicht, – und so mußte sie flüchten . . . Nur so entging sie der feindlichen Uebermacht, dem Kampf mit der eigenen Schwäche, dem Ingrimm des Nicodemus.

Leise, wie eine Verbrecherin, schlich sie in ihr Cubiculum. Sie bebte an allen Gliedmaßen. Rasch, als hinge ihr Heil von jeder versäumten Minute ab, schnürte sie das Notwendigste ein. Die goldene Kette, das letzte Vermächtnis ihrer sterbenden Mutter, schlang sie wie einen Talisman um den Hals. Dann warf sie ein dichteres Obergewand über, löschte die Lampe und eilte dem Posticum zu.

Am folgenden Morgen riefen die Hausbewohner vergeblich ihr ängstliches »Acte!« durchs Peristyl. Man fand ihr Lager noch unberührt. Ein Pergamentstreifen, mit einer Schmucknadel wider die Thüre befestigt, trug die wenigen Worte: ›Lebt alle wohl!‹ Nicht die leiseste Spur aber ließ erraten, wohin sie entschwunden war.

Nicodemus, von Zweifeln und Gewissensbissen gequält, schwieg über die Ereignisse des verflossenen Tages. Die ahnungslose Familie suchte daher auch vergeblich nach einem Beweggrund für diese plötzliche Flucht. Alle beklagten nur den Verlust der lieben Genossin wie ein gemeinsames Unglück. Sie war so hold, so erquickend gewesen in ihrer harmlosen Fröhlichkeit; ihr schimmerndes Blondhaar hatte die Räume des Hauses wie mit himmlischem Glanze durchtränkt; ihre ganze rosenhafte Erscheinung, ihre Stimme, ihr lerchenfröhliches Lied, – alles das würde man jetzt vermissen, wie der Blinde die ewig erloschene Sonnenpracht . . .

Nicodemus sprach seiner Gemahlin, die fast in Thränen zerfloß, Mut ein, murmelte etwas wie ›Mädchenlaune‹, ›Ueberspanntheit‹, ›schon zur Vernunft kommen‹ zwischen die Zähne, und begab sich dann auf die Stadtpräfektur, um das Vorgefallene zur Meldung zu bringen.

Pharax, der Obersoldat, der vor acht Tagen den verurteilten Artemidorus eskortiert hatte, war zufällig in dem Geschäftsraum derjenigen Abteilung thätig, die Nicodemus für seine Zwecke in Anspruch nahm.

Die beiden Männer erkannten sich.

Da Pharax hörte, um was es sich handelte, war er Feuer und Flamme. Er führte den Nicodemus geradeswegs zum Präfekten, kam auf die Huld zu sprechen, die Claudius Nero in eigener Person dem jungen Mädchen erwiesen habe, und betonte mit Nachdruck, daß es den Cäsar ohne Zweifel betrüben würde, wenn der Entflohenen irgend ein Unheil begegne.

Der Stadtpräfekt reichte dem Nicodemus die Hand.

»Meine Kohorten – die in der Waffenrüstung wie die in der Toga – sind leidlich geschult. Wir werden die Kleine schon auftreiben, – verlaß dich darauf! Uebrigens möchte ich meinen Rapphengst verwetten: eh' wir noch ernstlich auf sie gefahndet haben, kehrt sie von selbst zurück!«

Sie kehrte weder von selbst zurück, noch auch glückte es den Kohorten des Stadtpräfekten, sie aufzutreiben.

Vierzehn Tage lang hatte man – zuletzt sogar unter Beteiligung der gewerbsmäßigen Sklavenfänger – nach ihr geforscht. Alles umsonst.

Auch Nero, der, von heimlicher Sehnsucht verzehrt, scheinbar aus gnädiger Wohlgesinntheit gegen den trostlosen Nicodemus einen namhaften Preis auf Actes Entdeckung gesetzt und seine Prätorianer beauftragt hatte, den Stadtkohorten hilfreiche Hand zu leisten, mußte sich schließlich mit dem Gedanken vertraut machen, daß Acte, die Süße, die Holdselige, die ihm das Herz mit so zauberischen Melodien erfüllte, ein für allemal spurlos verschwunden sei.

Fünftes Kapitel.

Es war Winter geworden und wieder Frühling.

Der April mit seinen leuchtenden Horizonten goß himmlische Lebenslust über die Erde. Sein quellender Blütenflor hatte die vornehmeren Stadtviertel Roms in einen einzigen Garten verwandelt. Der Brunnen der Aqua Claudia und Marcia rauschten mit verdoppeltem Wogenschwall. Das Forum und die heilige Straße sahen aus wie beschneit: so zahlreich wimmelten dort die weißen Obergewänder der Müßiggänger. Die Volkspoeten sannen auf neue Weisen; die Jünglinge schmückten ihre Erkorenen mit Purpurrosen; die Mädchen träumten von zukünftigen Seligkeiten.

Starr und düster – in schroffem Gegensatze zu all den Glücklichen, die er beherrschte – wandelte Claudius Nero Cäsar eines Nachmittags durch den Säulenhof.

Ihm zur Linken schritt Seneca, sein Ratgeber und ehemaliger Lehrer.

Beide verharrten wohl zehn Minuten und länger noch in bedrückendem Schweigen. Hin und wieder, wenn sie am Ende der marmorgetäfelten Bahn kehrt machten, blickte der Staatsminister heimlich unter den tiefgesenkten Wimpern hervor, um in den ernstgeschlossenen Zügen des Imperators zu lesen . . .

Wie seltsam hatte der junge Fürst sich verändert, seit er damals in Gemeinschaft mit Tigellinus das Zelt des ägyptischen Zauberers betreten! Sein blasses Antlitz erzählte von Kämpfen, die kein menschliches Auge belauscht hatte, von einer ewigen Rastlosigkeit des Gedankens, der da ergründen, wirken und schaffen will, und doch niemals die That gebiert. Ach, die That erblüht nur aus der göttlichen Zuversicht, aus dem Glauben an ihre Notwendigkeit, aus der mannhaften Ueberzeugung. Vielleicht auch war es der Gram des Gemütes, was ihm die Schwingen in Fesseln schlug.

Er, dem sonst die Kunst Blüte des Lebens gewesen, schloß sich mit einemmal wie ein Feind gegen sie ab.

Seine Lieblingsautoren lagen unentrollt in den Elfenbeinkästchen der Bibliothek; er versuchte sich nicht mehr im Epos, noch in der Lyrik; die Kithara trauerte schwermutsvoll zwischen den Lorbeerkränzen, die ihm die wahren und falschen Bewunderer seines Talents gereicht hatten; kein Lied entquoll mehr seiner ehedem so sangesfreudigen Kehle.

Seit ihm Acte entschwunden war, hatte er sich völlig der Philosophie gewidmet und der pflichtgetreuen Erwägung dessen, was Nicodemus im Vereine mit Seneca ihm als die höchste Aufgabe einer wahrhaft großen Herrschernatur anpries.

Mancher Schritt war in dieser Richtung bereits geschehen . . .

Die Erinnerung an Acte schien den Zögernden wie ein mahnender Genius allerwärts zu begleiten. Sie selber hing dem Bekenntnis der Nazarener ja an: durfte Nero da zweifeln?

Dennoch, er zweifelte. Vielleicht weniger noch an der Heilsamkeit des gewaltigen Umsturzes, den man ihm zumutete, als an der Möglichkeit seiner Durchführung.

Ja, hätte Acte ihm in die Seele geredet, die leibhaftige Acte mit ihrer süßen, schmeichelnden Stimme, – alle Bedenken wären dahingeschmolzen, wie Schnee im Lenzwinde. Ihr bloßes Andenken vermochte dies nicht. Es erfüllte ihn zwar mit jener heiligen Pietät, die wir den Toten widmen; dieser Pietät aber gesellte sich eine dumpfwühlende Trauer, die ihn stets von neuem zu Boden drückte.

Unseliges Rätsel!

Welcher boshafte Dämon hatte ihm den Stern seines Daseins geraubt? Und wie und warum? Er fand keine Antwort auf diese Fragen, und Nicodemus, der doch wenigstens um die Ursache des Verhängnisses wußte, hielt es für angemessen, zu schweigen.

Die Schritte des Imperators und seines Staatsministers hallten beinahe unheimlich durch das verödete Peristylium. Kein Sklave ließ sich hier blicken, kein Soldat selbst der Leibwache. Sie alle fühlten, daß es bei drohendem Sturme geratener ist, ein Obdach zu suchen.

»Du scheinst über die Maßen verstimmt, Herr,« hub Seneca an, da Nero mit jeder Minute finsterer zu Boden starrte.

»Vielleicht,« versetzte der Kaiser.

»So folge dem Rat eines Erfahrenen, der dich liebt und dessen herrlichsten Stolz du ausmachst.«

Nero seufzte. Der weltmüde Ausdruck seines jugendlichen Gesichtes bot einen merkwürdigen Gegensatz zu der sonnigen Ruhe und Heiterkeit, die über dem Greisenantlitz seines kraft- und zielbewußten Begleiters lag.

»Wenn du deine Verstimmung beherrschen willst,« fuhr Seneca fort, »so zwinge deine Gedanken, sich auf Dinge zu stürzen, die von dem, was dich heimsucht, himmelweit abliegen!«

»Das ist leicht gesagt,« gab ihm der Cäsar zurück. »Ixion, aufs Rad geflochten, wird bei aller Philosophie nichts andres zu denken wissen, als seine Schmerzen.«

»So leidest du, Cäsar? Ich dachte, was du mir angelobt hast, würde dir minder schwer fallen. Sehnst du dich wirklich so sehr nach den Zwiegesprächen mit Tigellinus? Nach den Abenteuern der Straße, der nächtlichen Zechgelage . . .?«

»Vielleicht auch das. Tigellinus war mir ein trauter Genosse, ein wackerer Freund. Es ist unrecht, daß ich ihn so vernachlässige.«

»Nach wie vor kannst du ihm deine Huld beweisen: als Genosse freilich ziemt er nicht einem Fürsten, der so Gewaltiges plant und so Hehres . . . Teurer Sohn! Ich begreife ja, daß die Jugend gewisse Rechte fordert . . . Dennoch: die Größe des Fürsten, sei er noch so jung und so blühend, beruht in der Mäßigung. Du bringst ja freilich ein Opfer, wenn du streng nach den Grundsätzen herrschest, die ich entworfen und die du gebilligt hast: aber dies Opfer ist unerläßlich, wenn du erfüllen willst, was du dir vorgesetzt: die Befreiung der Menschheit. Niemand traut dir ein Herz zu für die Leiden des Volkes, falls du selber in rastlosem Genusse dahin schwelgst.«

»That ich dies?« fragte der Cäsar bitter.

»Wahrlich, nein! Das überließest du den Senatoren und den Emporkömmlingen, die grinsend im Golde wühlen, während die Armen und Elenden kaum ihre Blöße decken.«

»Nun also! Wessen klagst du mich an?«

»Ich wollte nur sagen: wenn du die Aufgabe willst, so darfst du auch ihre Schmerzen nicht scheuen: weder die Schlichtheit deines Privatlebens, noch das Staunen ehemaliger Freunde; weder die Vorwürfe deiner Gemahlin Octavia, noch selbst den ewig nagenden Groll Agrippinas . . .«

»Hab' ich mich schwach gezeigt in dieser Beziehung?«

»Du hast deine Pflicht gethan, soweit es dir möglich war. Trotz alledem hört man Stimmen, die da behaupten, daß es für das Gemeinwesen vorteilhafter und des römischen Imperators würdiger wäre, wenn er die Kaiserin-Mutter von den Staatsgeschäften etwas zurückdrängen wollte.«

»Das sagt mir Seneca, der mit Agrippina gemeinsam den Claudius Nero erzogen hat?«

»Du verzeihst meine Kühnheit: aber ich kann nicht anders. Gerade die edelsten Männer teilen hier meine Ansicht. Vorläufig hat sich ja alles noch ziemlich nach Wunsch geordnet: aber ich fürchte, es wird eine Zeit kommen, da uns just Agrippina die Straße verlegt. Sie ist ganz und gar die Verkörperung jener unphilosophischen Weltanschauung, die wir befehden. Wo wir Gleichheit und Gerechtigkeit wollen, gräbt sie die Kluft zwischen reich und arm, vornehm und niedrig, frei und geknechtet zum unausfüllbaren Abgrund aus. Ohne die nazarenische Lehre zu kennen, ist sie ihre glühendste Gegnerin . . .«

Der Kaiser blieb stehen.

»Seneca,« sprach er mit seltsam gepreßter Stimme, »glaubst du im Ernste, daß unsre Epoche schon reif ist für die Riesenpläne des Nicodemus?«

»Reif? Wird denn die Alltagsmenge jemals reif zu einer großen geschichtlichen Wandlung? Nur die denkende Minderzahl arbeitet an der Gestaltung des neuen Ideenkreises: die Mehrheit leistet naturgemäß Widerstand. Aber fragst du etwa ein wimmerndes Kind, ob ihm der Heiltrank wie Honig schmeckt? So mißachte denn auch die Selbstsucht der Senatoren, die nichts wissen wollen von ihrer menschlich-engen Gemeinschaft mit den Sklaven und Kleinbürgern! Gieß' ihnen die brennende Arzenei mit Gewalt zwischen die Zähne, und sollten sie brüllen wie Philoktet!«

»Ja, ja, das wäre an und für sich ein Triumph,« sagte der Kaiser gedankenvoll. »Ich hasse die Senatoren . . .«

»Mit einigen Ausnahmen. Flavius Scevinus zum Beispiel –«

»Und Thrasea Pätus – ergänzte der Imperator. »Das sind echte Männer und Denker, die ich fast so verehre, wie dich, mein teurer Annäus.«

»Verehre mich nicht, sondern liebe mich!« sagte der Greis.

Nero drückte ihm schweigend die Hand.

»Diese wenigen,« fuhr Seneca fort, »werden im Kampf uns zur Seite stehn, – und ihr Einfluß wiegt schwerer, als die gesamte Unfähigkeit ihrer Standesgenossen. Die Philosophie auf dem Throne – das ist der größte Gedanke, der je gedacht worden ist. Ich glaube ja nicht die frommen, traumhaft-rührenden Fabeln, die Nicodemus den phantasiereichen Männern des Orients nacherzählt: aber ihr Kern ist echt, – und wie die Dinge jetzt liegen, sind sie der einzig mögliche Weg, um dem Volk das Erhabenste aus den Lehren der Stoa und aus dem, was wir selber gefunden haben, zugänglich und begreiflich zu machen.«

Nero machte abermals Halt.

»Daran zweifle ich eben,« sprach er bedächtig.

»Wie? Nachdem uns gestern noch Nicodemus Bericht erstattet über die Christen in Palästina – über die Schmerzverachtung, die Ruhe, den Todesmut, den sie im Kampfe mit ihren judäischen Gegnern bekunden?«

»Ja, teurer Annäus! Ich blieb nicht unberührt von dem gewaltigen Eindruck dieses Berichtes, aber gleichzeitig empfand ich eine dumpfe Beklemmung. Wie soll ich mich ausdrücken? Mir bangt bis in den Grund meiner Seele hinein vor einer Weltanschauung, die das Diesseits völlig entwertet, die das Schöne und Liebliche als verwerflich betrachtet, nur weil sie fürchtet, seine Lockungen möchten die Seele vom Ewigen, von der Sorge ums Jenseits ablenken. Was soll uns – dir und mir – dieses farblose Nazarenertum, da wir den Himmel der Nazarener nicht glauben?«

Seneca nagte die Lippe. Dann plötzlich eine majestätische Haltung annehmend, sagte er langsam: »Ich glaube ihn, Herr! Nicht so freilich wie die zitternden Weiblein, die sich in den Tiefen der Katakomben vor dem Haß unsrer Priester und dem Hohne des übermütigen Pöbels verbergen: aber ich glaube ihn. Unser Empfinden ist ewig; wir sind ein Teil der unsterblichen Gottheit, hier zur Einzelerscheinung verdammt, nach dem Tode jedoch als Individuen erlöschend und zurückströmend in den uranfänglichen Quell des Lichtes.«

»Nach dem Tode! Aber noch leben wir! Muß dies flüchtige Dasein vertrauert werden, um das Zurückströmen ins Unendliche zu ermöglichen? War es nötig, daß ich alles verlor, um jenseits des Holzstoßes, der meine Gebeine verbrennen wird, nichts wiederzufinden als die Fortdauer der ichlosen Allgemeinheit?«

»Was? Was hast du verloren? Rede, mein Sohn! Ach, ich merk' es seit lange, daß dich ein Kummer verzehrt, der über die Grenzen unsres Kampfgebietes hinausreicht . . .«

Nero versuchte zu lächeln. »Du irrst dich,« sagte er mit genügender Glaubwürdigkeit. »Nichts Neues ist mir begegnet. Was wir geleistet haben, erfüllt mich sogar mit Befriedigung. Vor allem unser Edikt über die ausländischen Religionen, – dein Werk, teurer Annäus . . .«

»Das deine,« wehrte der Staatsminister. »Ich regte nur an, du aber hast ausgeführt. Und wie hast du' s ausgeführt! Deiner Mutter zum Trotz, die, aufgestachelt von ihrem Schleppträger Pallas, die Sache für plebejische Narrheit erklärte; dem Pontifex Maximus und dem Jupiterpriester zum Trotz, die voll Inbrunst über die wachsende Frechheit der orientalischen und ägyptischen Irrlehren deklamierten; deiner Gemahlin zum Trotz, die stündlich das Hereinwettern der jovischen Donnerkeile befürchtete; aller Thorheit zum Trotz, die sich von rechts und links, von oben und unten dawider stemmte. Kein Bewohner der Siebenhügelstadt, und sei er ein Sklave, soll fürderhin um seines Bekenntnisses willen verfolgt werden! Kein römisches Vorurteil soll ihn zwingen, den Göttern des Staates zu opfern! War das nicht ein glorreicher Sieg der Philosophie? . . . Und dennoch trauerst du?«

Das Antlitz des Imperators hellte sich auf.

»Ja, du hast recht,« sprach er, dem Staatsminister die Hand reichend. »Ich könnte zufrieden sein. Dies und andres haben wir durchgeführt, zwar nur Vorbereitungen, tastende Vorbereitungen, aber doch immerhin Rühmliches und Erhebendes. Die Herrschaft der Pflicht – das Wort schon klingt wie göttliches Tubengeschmetter; es leiht die Kraft des Verzichtens, der Selbstverleugnung. Aber ich bin ein sterblicher Mensch, der leicht und oft in seine Schwäche zurückfällt . . . Es beschleicht mich im Traum wie im Wachen: das heiße, ungestillte Verlangen nach Glück . . .«

»Das Glück beruht in der Erfüllung des Sittengesetzes,« sagte der Staatsminister.

»Ich erfülle das Sittengesetz – aber das Glück durchdringt nicht das Gewölk meines Lebens.«

»Was in aller Welt kannst du entbehren? Du, der Cäsar, der Philosoph, der Gatte der schönen, liebevollen Octavia, die für dich sterben würde, – obschon sie dir nach ihrer Art Opposition macht . . .«

»Wäre es das nur! Opposition! Denkst du, ich bin so unduldsam? Ihre Meinung zu äußern, hat sie als Kaiserin und Gemahlin das Recht. Allerdings, ich bekenne dir, es überrieselt mich frostig, wenn ich des Abends im Thalamus noch Erörterungen höre über den Groll des allmächtigen Jupiter . . . Aber wär' es auch anders, stünde sie auf der Seite der Freiheit: ich hätte doch keine Rast. Ich weiß nicht, was mich von hinnen treibt. Oft ergreift's mich wie Mitleid: ich komme mir vor wie ein großer Verbrecher, daß ich ihr die unsägliche Güte nicht danken kann: und dennoch –; es ist mein Unheil.«

»Du liebst sie nicht,« sagte der Staatsminister bedrückt.

Nero seufzte.

»Liebe – Liebe! – Ich denke, die Liebe reißt den Menschen mit fort, wie ein Wirbelwind . . . Man fühlt sich betäubt, man möchte vor Sehnsucht dahinsterben, und dennoch regt sich's in allen Adern wie Feuer . . .! Kein andrer Gedanke hat Raum in der zerspringenden Brust, als sie! – Sie! – Um ihren Besitz gäbe man alles, alles dahin, – selbst den Thron, selbst die weltbeglückende Weisheit der Stoa . . .«

Mit jeder Silbe war der Cäsar lebhafter, leidenschaftlicher, wilder geworden. Er drückte die Faust wider die Brust, als habe er da drinnen einen tosenden Sturm zu bändigen.

»Du hast so geliebt!« raunte der Staatsminister, wie von plötzlicher Offenbarung erleuchtet.

»Ja! Einmal soll es gesagt werden! Ich habe geliebt! Ein blondes, süßes, himmlisches Mädchen – Acte, die Freigelassene des Nicodemus! Weh mir! Mein Glück ist zertrümmert, noch eh' ich's genossen habe! Diese liebliche, angebetete Acte – ich schwöre dir's bei der Grabstätte meines unvergeßlichen Vaters Domitius – wäre Kaiserin geworden, hätte ein blödes, unbegreifliches Schicksal uns nicht frevelhaft auseinandergerissen!«

»Wie? Eine Freigelassene auf dem Fürstensitz des Palatiums?«

»Du widersprichst dem obersten Grundsatze deiner Philosophie,« sagte der Cäsar, »wenn du in so verwundertem Tone die Frage aufwirfst. Ich wiederhole dir's: die Abmachungen des Kaisers Claudius hätte ich aufgelöst; Octavia würde sich bald getröstet haben, und Acte, die Einzige, Unvergleichliche, wäre mein Weib. Klatsche doch Beifall, Seneca! Die Nazarenerin auf dem Throne, – das wäre der kühnste Schritt zur Verwirklichung deiner gesellschaftlichen Revolution!«

»In der That,« stammelte Seneca . . . »Aber ich fürchte . . .«

»Leider, leider hast du gar nichts zu fürchten,« fiel der Cäsar ihm in die Rede. »Roms Kaiserin heißt Octavia – Acte ist ausgelöscht, wie ein längst verglommenes Meteor, und Nero hat glücklicherweise gelernt, seine Träume zu zügeln. Laß uns jetzt diese verderbliche Wanderung beschließen! Heute will ich den Ernst des Daseins vergessen und Epikuräer sein. Flavius Scevinus, wenn er den Kaiser zu Gaste lädt, erwartet mit Recht einen gut gelaunten Gesellschafter.«

»Wie du befiehlst. Ich eile mich umzukleiden.«

Sechstes Kapitel.

Anderthalb Stunden später herrschte vor dem Vestibulum des Kaiserpalastes ein großes Gedränge. Die Soldaten der Leibwache, die hier, den Speer im Arme, aufgepflanzt waren, hielten die neugierbeseelte Volksmasse nur mit Mühe zurück. Die Stufen und Sockel der benachbarten Tempel waren dicht mit Menschen besät; halbwüchsige Gesellen hatten die vergoldeten Standbilder erklettert; sogar zwischen den hohen Kolonnen der palatinischen Vorhalle tauchten schaulustige Gesichter auf.

»Sie kommen!« rief plötzlich eine jubelnde Knabenstimme.

Nun ging ein Murmeln durch die erregte Menge, wie unmittelbar vor dem Beginn eines sehnlichst erwarteten Schauspiels.

Zum erstenmal seit seiner Verbindung mit der jugendlichen Octavia sollte der Kaiser in feierlichem Gepränge durch die Straßen der Siebenhügelstadt ziehen: der Senator Flavius Scevinus gab zu Ehren des hohen Paares ein glänzendes Festgelage.

Zwei Militärtribunen in silbernen Harnischen ritten langsam vorauf. Dann folgte eine halbe Manipel prätorianischer Krieger, flammrote Federbüsche über den blitzenden Helmfirsten; hiernach dreißig Sklaven in goldgestickten Gewändern, jeder zwei unangezündete Fackeln tragend. Die Speere der Krieger wie die Fackeln der Sklaven waren mit Rosen umwunden.

»Die Kaiserin-Mutter!« ging es durch die Reihen des Volkes . . .

Allgemeines Erstaunen.

»Wie? Auch hier beansprucht Agrippina den Vortritt?«

»Unglaublich!«

»Das mochte wohl angehen, solange der Cäsar noch unvermählt war.«

»Es ist verletzend für die erlauchte Octavia.«

»Hüte dich, Cajus! Und du vor allem, kecker Sempronius! Es wimmelt hier von Spionen.«

»Spione! Was soll das uns? Wir verteidigen nur die Rechte des Imperators.«

»Und die römische Sitte.«

»Der verklärte Augustus hätte das niemals geduldet.«

»Nero liebt seine Mutter.«

»Beim Herkules, wenn er wüßte –«

»Still doch! Willst du dich um den Kopf bringen?«

So oder ähnlich raunte man beim Erscheinen der Prunksänfte, die auf den Schultern der allbekannten Sigambrer würdevoll und elastisch zugleich einherschwebte.

In den üppigen Polstern lehnte, außer der Fürstin, ihre Hofdame, die Hispanierin Acerronia.

Kaum zwanzig Jahre alt, schien dieses eigentümliche Mädchen die Welterfahrung einer Matrone mit der harmlosen Albernheit eines Kindes zu paaren. Bald glänzte in ihren meergrünen Augen die bedenklichste Pfiffigkeit; bald wußte sie ihren breiten, sinnlichen Mund so dummschmollend aufzuwerfen, daß selbst ein Skeptiker an ihre Unschuld geglaubt hätte. In ihrem Verkehre mit Agrippina sprang sie vom Ton einer Freundin ganz unvermittelt in den der unterwürfigsten Sklavin über; dabei hatte man das Gefühl, als sei es ihr weder Ernst mit der Sklavin, noch mit der Freundin. Das Schönste an ihr waren die wallenden, brandroten Haare, die schneeige Hautfarbe und die glänzenden Zähne, die, wenn sie lachte, ihrem Gesichtchen etwas Angenehm-Pantherartiges liehen. Jedenfalls war die Kaiserin-Mutter von ihrem Umgang höchlich erbaut: die Hispanierin Acerronia war wohl die einzige, die noch niemals ein ungnädiges Wort von ihrer Herrin vernommen hatte.

Agrippina, wie sie so in den Polstern zurücklag, und das perlengeschmückte Haupt in die Hand stützte, sah hoheitsvoller, gebieterischer und zuversichtlicher aus, denn je. Die Selbständigkeitsgelüste Neros, der sie vor einigen Monaten mit dem Duldungsedikte so unangenehm überrascht hatte, schienen mehr und mehr wieder zu ebben. Seit lange hatte er nichts Ernstliches unternommen, ohne sie einzuweihen, ihren Rat zu begehren, ihre Ansicht fast wie Befehle zu achten. Das Edikt war offenbar eine flüchtige Laune gewesen; sie wollte nicht daran rütteln; ein erneuter Versuch ihrerseits hätte den fast schon erstorbenen Gegentrieb vielleicht wieder wachgerufen. So, wie die Dinge jetzt lagen, durfte sie gründlich zufrieden sein. Die Ehrerbietung des Sohnes vor ihrer geistigen Ueberlegenheit war kaum erschüttert . . . Selbst Seneca schien wieder die Thatsache anzuerkennen, daß eine heilsame Politik ohne das unbestrittene Primat der Kaiserin-Mutter unmöglich sei, – und vor allem hatte sie ja den Führer der Prätorianer auf ihrer Seite, den redlichen Burrus, der da im Notfall ein energisches Wort mitreden konnte. Burrus war in der letzten Zeit noch tiefer in ihre Netze verstrickt worden; sie meinte, er sei jetzt geradezu toll verliebt in seine Gebieterin, obgleich sie ihn mit wirklichen Huldbezeigungen äußerst knapp hielt.

Unmittelbar hinter der Sänfte der Kaiserin-Mutter schritt ihr Verwalter und Privatsekretär Pallas, von zahlreichen Sklaven umringt.

Er trug um den Hals eine kostbare Ehrenkette, das jüngste Geschenk seiner mächtigen Gönnerin.

Was man dem weltverachtenden Weibe auch vorwerfen konnte: Undankbarkeit gehörte nicht zu ihren Sünden und Fehlern.

Pallas war es gewesen, der dem verwitweten Kaiser Claudius den Rat erteilt hatte, Agrippina zum Weibe zu nehmen.

Der überängstliche Fürst, dem die grauenhaften Exzesse seiner vor kurzem erst hingerichteten Ehefrau Messalina noch wie frisch erduldete Schand- und Brandmale auf der Stirne glühten, sträubte sich anfangs von Herzen: Pallas jedoch ließ nicht nach; denn Agrippina, damals von scheinbarer Sittenstrenge, dünkte ihm wirklich die geeignetste Gattin für den haltlosen Kaiser – und zudem hatte sie ihm so wunderherrlichen Lohn verheißen, daß er nicht nur die Heirat durchsetzte, sondern auch die feierliche Adoption ihres Sohnes aus erster Ehe: des damals noch im Knabengewande spielenden Nero.

Diese Liebesdienste vergaß sie ihm nicht. Pallas, von den Aristokraten seiner unfreien Geburt wegen heimlich mißachtet, auch dem Nero wenig sympathisch, spielte gleichwohl durch die Gnade der Kaiserin-Mutter eine gewaltige Rolle.

Der Senat knirschte zwar vor Entrüstung, aber er fügte sich und erkannte dem Gunstbestrahlten bei mehr als einer Gelegenheit glänzende Ehren zu, amtliche Danksagungen für Dienste, die er dem Staate geleistet, ja einmal sogar, als er erkrankt war, öffentliche Gebete für seine Genesung.

Agrippina vollends beglückte ihn mit dem reichsten Schatz ihrer Huld. Sie schenkte ihm Landgüter, Villen, Paläste, Sklaven, Kleinodien, – und was ihm jetzt so gülden um den nervigen Hals gleißte, war vielleicht die zarteste und schmeichelhafteste ihrer Gaben: denn jedes Glied dieser Prachtkette trug in verschiedenartiger Auffassung das Bildnis der Spenderin.

Pallas galt für einen der wenigen Männer am Hofe, deren Lebenswandel so ziemlich untadelhaft war.

Sein Verhältnis zur Kaiserin blieb frei selbst von den oberflächlichen Galanterien, wie sie Afranius Burrus in Scene setzte.

Vor Jahren war Pallas vermählt gewesen; sehr bald aber hatte er seine Frau, eine sanfte, schmiegsame Griechin, durch einen schrecklichen Tod verloren.

Von da ab lebte er nur noch seinem Berufe, der darin bestand, die Interessen der Kaiserin-Mutter nach allen Richtungen hin zu vertreten.

Ein Versuch der Fürstin, ihren getreuen Pallas mit der Hofdame Acerronia zu verheiraten, scheiterte mehr noch an der ruhigen Abneigung des besonnenen Mannes, als an der leidenschaftlichen Unart der rothaarigen Pantherkatze, die als Tochter eines cordubanischen Ritters mit Geringschätzung auf den Freigelassenen herabsah, und dreist genug war, ihm in Gegenwart Agrippinas die unverbindlichsten Dinge zu sagen.

Auch im übrigen blieb der Vertraute der Kaiserin unberührt von allem, was sich ihm nahen mochte; denn nicht sämtliche junge Mädchen von freier Geburt teilten die Anschauungen Acerronias. Pallas jedoch sehnte sich ganz und gar nicht nach einer neuen Verbindung. Seine sanfte Andromeda hob sich zu schroff ab gegen die klug berechnenden Römerinnen.

Diese Stimmung beherrschte ihn, bis er an jenem Nachmittage die blondrosige Acte erblickte.

Nun plötzlich schien der kaum für möglich gehaltene Ersatz gefunden. Noch einmal erwachte im Herzen des Dreiundvierzigjährigen ein volltöniger Nachklang jener Begeisterung, die ihn damals ergriffen, als er am Strande von Stabiä zum erstenmal die wunderholde Gestalt der jungen Hellenin gewahrte. »Jetzt oder nie!« rief es in seiner Seele. Er entsann sich des altetrurischen Liedchens vom Dornbusch, der längst an sich verzweifelt hatte und dennoch Rosen trug . . . Und er lächelte nicht ob dieser poetischen Anwandlung, sondern gestand sich, daß er erst jetzt den Sinn dieser oft gesungenen Verse richtig erfaßt habe.

Er sah dann Acte wieder – ohne daß sie die Gegenwart eines Bewunderers ahnte – bei Nicodemus; und hiernach zwischen den Lorbeerhecken des Marsfeldes, wo er seine Empfindungen offenbarte. Dann mit einemmal war sie verschwunden – Proserpina, die plötzlich von dem Herrscher der Finsternis hinab in die Tiefe gezogen wird . . .

Ihre Ablehnung war deutlich genug gewesen. Pallas konnte nur annehmen, daß sie um seinetwillen die Flucht ergriffen. ›Der Gefürchtete‹ – so hatte sie ihn gleich zu Anfang genannt – und daß sie Angst vor ihm hegte, sinnlose Angst, das bewies sie jetzt durch die That.

Unsägliche Bitternis war ihm ins Herz gezogen.

Von der weiblichen Hoheit ihres Wesens besiegt, hatte er, der gewaltige Pallas, dieser unglaublichen Thörin sofort Hand und Herz zum dauernden Bündnis geboten, anstatt, wie sie selbst dies vorausgesetzt hatte, nur ihre Gunst zu erstreben: sein ehrenhaftes Verlangen jedoch wirkte so abscheuerregend, daß sie das Weite suchte wie vor dem Hauche eines Verpesteten!

Sie floh vor ihm, sie ließ alles im Stich, weil sie besorgte, er möchte Gewalt brauchen!

Erbärmliche Niederlage! Qualvolle, unbeschreibliche Demütigung!

Der Gedanke an dieses Erlebnis hatte ihm wochenlang die Brust zusammengeschnürt. Diese lichtstrahlende Acte verlieren zu müssen, – und sie so zu verlieren. es überstieg alles erträgliche Maß!

Von Actes wahren Beweggründen hatte er nicht die leiseste Ahnung. Denn daß der Cäsar mit so energischem Eifer nach ihr geforscht hatte, hielt er für eine Rücksicht auf Nicodemus, der mit Seneca fast ja befreundet war. Hätte Pallas die Wahrheit gewußt, er würde gerast haben wie Ajax, da ihm die Götter den Geist umnachteten.

Jetzt, hinter der Sänfte seiner Fürstin einherschreitend, von dem prunkenden Troß der palatinischen Sklaven umringt, ein Gegenstand offenen und heimlichen Neides für so viele Tausende, hatte sich Pallas mit der Enttäuschung zurecht gefunden. Er trug das ausdrucksvolle, energische Haupt hoch; er fühlte sich ganz und gar in der Rolle als Schöpfer der agrippinisch-neronischen Dynastie. Dennoch schien er etwas gealtert. Wenn ein tüchtiger Mann, der Jahre hindurch nichts gefühlt hat, als die Lust am Gedeihen seiner Arbeit, plötzlich von einer unüberwindlichen Neigung und gleich darauf vom Weh über den Untergang jeder Hoffnung ergriffen wird, so läßt das tiefere Spuren zurück, als selbst die leidenschaftlichsten Stürme des Jünglingsalters.

Der Geleitschaft der Kaiserin-Mutter folgte die goldene Lectica des Imperators und seiner Gattin Octavia.

Auch dieser Sänfte schlossen sich dreißig Fackelträger und eine halbe Manipel der Leibgarde an, befehligt von dem Agrigentiner Sophonius Tigellinus.

Auf seinem prachtvollen kappadocischen Rapphengst ritt der zündende Kavalier unmittelbar neben der jungen Gebieterin. Das Pferd war, angesichts der brausenden Menschenmenge, ein wenig unruhig, was dem Agrigentiner nicht nur die erwünschte Gelegenheit gab, seine ausgezeichnete Meisterschaft als Reiter und Bändiger ins gehörige Licht zu setzen, sondern auch ab und zu unter den tiefschwarzen Wimpern hervor nach Octavia zu blicken, die leise errötend ihr Antlitz neigte, zum Gegengruß für die begeisterten Volksmassen.

»Sie ist schön,« dachte der Herzenseroberer aus Agrigentum, »schön wie Diana; aber ich fürchte, auch ebenso streng . . . Und er liebt sie nicht, mein weltbeherrschender Nero! Unbegreiflich! Einfach absurd! Ich glaube, hätt' ich im Anbeginn meiner Lebensreise ein Mädchen geschaut wie diese Octavia – ich wäre niemals der unersättliche Sünder geworden, der jetzt hier so brillant seinen Rappen zügelt. Eine tolle Geschichte, die Biographie des würdigen Tigellinus, – und im Grunde: ewig die nämliche Leier! So in jeder blühenden Frauengestalt die himmlische Aphrodite zu suchen und doch nur immer ein klägliches Bruchstück zu finden, ein schwaches Echo der göttlichrauschenden Melodie – das wirkt nachgerade ermüdend. Bei der Epona, mir kommt so manchmal die dumme Idee, als spiele man bei der Komödie eine recht lächerliche Figur! Hier zum erstenmal . . .! Dreister, titanenhafter Geselle, kennst du deinen Homer nicht? Nun, König Ixion hatte die Sache wohl etwas ungeschickt angefangen . . . und . . . Pah, sie ist wirklich die babylonische Rose – nicht zu vergleichen mit all den Blumen und Blümchen, die ich bis dahin vom Strauche gepflückt – und den Helden lockt Heldenhaftes!«

Die junge Kaiserin war in der That eine Frauenerscheinung, wie sie den leicht entbrannten Agrigentiner verblüffen durfte. Früher von heiterer, lebensfroher Gemütsart, schaute sie jetzt – im Widerspruch zu ihrer milden, weichen Gesichtsbildung – außerordentlich ernst und gemessen drein. Ueber den langen bräunlichen Wimpern, die sie meistens gesenkt hielt, lag ein Schatten von Trauer. Schweigsam lehnte sie neben dem jungen Gemahl, dessen bleiches, marmornes Antlitz ihr eigenes geheimstes Wesen seltsam zu spiegeln schien.

Diese plastische Ruhe der beiden Ehegatten und der eigentümliche Hauch innerer Fremdheit, der sie umschwebte, mußte ein tiefer blickendes Auge geradezu peinlich berühren. Offenbar hatte das Schicksal hier zwei Herzen aneinander geknüpft, die, beide von edler Veranlagung, sich gleichwohl in ihrem Denken und Fühlen durchkreuzten. Nero, die phantastisch lebenswilde Natur, deren Uebersprudeln nur auf künstlichem Wege zurückgedrängt wurde, Nero, der Abtrünnige, Nero, der Mann der inneren Stürme und Kämpfe – wie paßte er zu der klar-gefesteten, frommen Octavia, deren Gemüt in dem altvererbten Glauben der Väter selig ward, die jeden Zweifel ihres Gemahls mit einem Seufzer des Mitleids, einem Lächeln der Zuversicht und der Hoffnung beantwortete?

Wenn Claudius Nero einen schweren Entschluß gefaßt, Großmut geübt oder sonst einen Sieg über sich selber errungen hatte, so fand Octavia das alles nur selbstverständlich.

Wie konnte man schwanken, wo die Dinge so hell und so offen dalagen? Ein edler Mensch fand hier den Weg ja im Dunkeln . . .

Nero fühlte bei solchen Reden seiner Gemahlin ein sonderbares Gemisch widerspruchsvoller Empfindungen: Groll, Bewunderung, Scham – vor allem aber ein trotziges Mißbehagen, das zuweilen die Färbung eines beginnenden Hasses annahm.

»Heil dem Kaiser!« klang es jetzt von neuem durch die jauchzende Menge. »Heil der Kaiserin, unsrer süßen Octavia!«

Nero, tief Atem holend, blickte zu seiner jugendlichen Gefährtin hinüber. Er versuchte zu lächeln . . . Sie schaute eine Sekunde lang auf, um wieder den träumerisch-müden Blick seufzend niederzuschlagen.

In der That, sie schien gleichgültig zum Erschrecken.

Und so war sie von je, dachte der Kaiser.

Nicht einmal am Tage der Hochzeit hatte sie jene holde Erregung gezeigt, die selbst ein unschönes Mädchen bräutlich verklärt. Starr und stumm war sie geblieben, die Statue Pygmalions vor ihrer Beseelung durch Aphrodite.

Wie anders Nero! Beim Zeus, er hatte sie niemals geliebt; – und dennoch, als nun die Thüre des Thalamus friedlich geschlossen war, als er das jugendblühende Weib vor sich erblickte, zauberisch vom Purpurschimmer der Ampel umflossen: da hielt er seine bisherige Gleichgültigkeit für ein Märchen, da schien sie ihm hold und begehrenswert, wie kaum die Helena dem zärtlichen Alexandros. Er setzte sich auf den löwenfüßigen Goldsessel, zog sie stürmisch zu sich heran und flüsterte sehnsuchtsvoll: »Laß uns glücklich sein, süße Octavia, glücklich ein langes Leben hindurch!«

Mit flammenden Küssen überflutete er das liebliche Angesicht, die kostonduftigen Haare, die schneeigen Schultern . . .

Sie aber, von der ihm die Freigelassene Rabonia – ihre Vertraute – so oft beteuert hatte, daß sie vor Liebe zu ihm vergehe, sie, die ›zärtliche Braut mit den leuchtenden Rehaugen‹, schien bei all seinen trunkenen Beteuerungen nach wie vor das leblose Marmorbild.

Wenn sie sich noch gesträubt hätte! Aber sie wehrte ihm nicht; sie that nicht verschämt; – sie erlaubte nur seine Liebkosung, ohne Gefühl, ohne den leisesten Hauch von Glückseligkeit.

Nero verlor so gleich am Anfang den Glauben an ihre Neigung. Sie schien ihm höchstens die Empfindung einer Schwester zu hegen. Er war nicht Heuchler genug, um ihr seinerseits auf die Dauer verbergen zu können, daß er noch weniger fühlte. Der Riß war unheilbar. Nur nach außen hin wahrte man noch den Schein.

Auf die Geleitschaft des Kaiserpaares folgte der angesehenste und vertrauteste Sklave des Imperators, der sechsunddreißigjährige Phaon. Um den wohlgebildeten, sympathischen Mund spielte ein Zug von Keckheit, der dem stattlichen Manne etwas Jünglingshaftes verlieh. Dieser Phaon schien die großen Fragen der Existenz nicht allzu düster zu nehmen. Seine Philosophie mochte die des Horaz sein: »Pflücke das Heute und hoffe möglichst wenig von dem, was da kommen soll!«

Neben dem Obersklaven schritten fünf oder sechs andre Bedienstete, perlengeschmückte Kästchen von Citrusholz vor sich her tragend. In diesen Behältnissen waren allerlei Kostbarkeiten verpackt – Geschenke des Kaisers für die Gemahlin und die Töchter des Flavius Scevinus.

Den Schluß des Zuges machte die Sänfte des Seneca. Zahlreiche Hofbeamte und Prätorianer umringten sie. In ihren Polstern saß, außer dem Staatsminister, der Oberst der Leibwache, Afranius Burrus.

Das Volk begrüßte die allbeliebten Männer mit jubelnden Zurufen.

»Heil den Dioskuren des Reiches!« klang es vielhundertstimmig.

»Seneca lächelt!« sagte ein greiser Klient. »Seht, er lächelt wie einer, der im Triumphe einherzieht! Kein Zweifel, er hat günstige Nachrichten von der Grenze! Die Chatten sind seiner Staatskunst erlegen, die Chatten, die das Schwert nicht besiegen konnte.«

»Glaube das nicht!« versetzte ein Hüne mit flachsblondem Haupthaar. »Die Chatten sind ebenso klug im Rate, wie tapfer im Kampf. Aber Freundschaft wollen sie halten mit Rom und Frieden, und deshalb entsenden wir nächstens die vornehmsten unsrer Edelinge, auf daß sie den Cäsar begrüßen und im Namen der übrigen mit ihm verhandeln.«

»Das ist auch Triumph,« sagte der Römer. »Ich wußte es ja: Seneca lächelt. O, diese Blüte der Philosophie! Wahrlich, die Toga ist immer noch mächtiger als die Waffen!«

»Denkst du?« fragte der Germane. »Burrus, wie er so dreinschaut, mahnt mich ans Gegenteil.«

Die beiden Charakterköpfe – der unüberwindliche Denker und der straffe, entschlossene Kriegsmann – gaben dem ernsten Beobachter wirklich ein Rätsel auf. Seneca – blaß, ruhig, die gewaltige Stirne kahl und gefurcht; Burrus, das Antlitz gerötet, wie nach dem zwanzigsten Becher, muskelstark, beinahe derb –: welcher von diesen zweien hielt das Schicksal des Reiches zwischen den Händen? Seneca, der die jahrtausendalte Vergangenheit stürzen wollte? Burrus, der sie als Kampfgenosse der Agrippina verteidigen mußte?

Oder stand es vielleicht in den Sternen geschrieben, daß keiner von beiden für die Entwickelung der Dinge den Ausschlag gab? Für denjenigen, der solches vorausgesehen hätte, wäre die selbstbewußte, beinahe welthistorische Sicherheit in den Mienen des ungleichen Paares über alle Beschreibung komisch gewesen.

. . . So bewegte sich der festliche Kaiserzug langsam und feierlich über die Via Sacra, dem querquetulanischen Thore zu . . . Ein Blühen und Leuchten ging durch die Luft, ein Odem des Frühlings, als huldige selbst der allgütige Jupiter dem irdischen Abbild seiner unendlichen Herrschergewalt.

Siebentes Kapitel.

Flavius Scevinus empfing die kaiserliche Familie und ihre Gefolgschaft am Vestibulum.

Während die Kaiserin-Mutter, den palla-verhüllten Arm ihrer Hofdame Acerronia berührend, stolz aus der Sänfte stieg, zogen die stämmigen Prätorianer langsam durch den bildergeschmückten Thürweg. Ohne die Rosengewinde, die sich – eine poetische Abmilderung – um die Helme und Speere flochten, hätte die Sache beinah den Eindruck einer kriegerischen Besetzung gemacht.

Als der greise Senator Flavius Scevinus über den ungewohnten Vorgang zu staunen schien, sagte sie lächelnd:

»Unsre Krieger sollen das Freudenfest, das du geplant hast, verschönern helfen. Nichts dünkt mir herrlicher und gewaltiger, als der harnischklirrende Ares zwischen den Blüten des Frühlings. Ich bitte dich, frei über die Mannschaften zu verfügen. Mische sie unter die Sklaven; gruppiere sie bei den Festspielen; stelle den Gästen, oder einigen, die du auszeichnen willst, Ehrenwachen, – ganz nach Belieben! Die Leute sind angewiesen, rückhaltslos zu gehorchen.«

Flavius Scevinus, von der meisterhaften Verstellungskunst Agrippinas ein wenig getäuscht, suchte sich einzureden, es handle sich in der That nur um eine huldvolle Aufmerksamkeit.

Bald jedoch zerfloß dieser Selbstbetrug. Um das üppig gerundete Kinn der Kaiserin spielte ein kaum bemerkbares Zucken, ein Flimmern der Ironie, und Flavius erkannte nun, was er gleich von Anfange an hätte voraussetzen dürfen.

Agrippina, durch zahlreiche Späher bedient, wußte, daß Flavius Scevinus ein ausgesprochener Feind ihrer Herrschergelüste war, daß er sogar mit andern hervorragenden Senatoren, wie Barea Soranus, Piso und Thrasea Pätus mehrfach über die Mittel und Wege verhandelt hatte, ihren übermächtigen Einfluß zu brechen.

Da sie selbst nun in der starren Verteidigung ihrer Stellung vor keinem Frevel zurückschrecken würde – ihre Vergangenheit, die nur noch für Claudius Nero und dessen Gemahlin Geheimnis war, bürgte dafür – so gewärtigte sie von den Gegnern die nämliche »Bündigkeit« der Entschlüsse. Wenn sie denn wirklich hier die Höhle des Löwen Flavius betreten mußte, so wünschte sie die Gewißheit einer heilen Zurückkunft.

Während sich Agrippina jetzt zu Metella, der Gattin des Flavius Scevinus, wandte, und sich, voll von jener majestätischen Gönnerschaft, die ihr eigen war, nach dem Befinden der Edeldame erkundigte, begrüßte der Hausherr den Imperator und die jugendliche Octavia.

Es war Sitte, daß der römische Cäsar die Senatoren bei solcher Gelegenheit küßte. Nero jedoch wußte dieser bedeutungslosen Zeremonie eine Innigkeit aufzuprägen, die allem Volke verkündete. »Diesen Mann verehre ich wie ein Sohn!«

Der sanften Octavia küßte Flavius Scevinus die Hand. Sein Auge strahlte, als die errötende Frau einige Silben der Artigkeit an ihn richtete. Octavia war von jeher sein Liebling gewesen. Er ahnte nicht, daß sie litt; er hielt ihre Ehe mit Nero für das Urbild stiller Glückseligkeit.

Mit herber Verbitterung nahm Agrippina wahr, wie sich Flavius Scevinus von dem jungen Paare nicht trennen zu wollen schien, während Metella bereits die Worte sprach: »Herrscherin Agrippina, – wenn dir's genehm ist, laß uns eintreten!«

Trotz der mangelnden Wohlgesinntheit des Flavius hatte es Agrippina für selbstverständlich gehalten, vom Hausherrn geleitet zu werden, und nicht von Metella, dieser grobknochigen, frühgealterten Krämerstochter – in Wirklichkeit entstammte sie einer der angesehensten Reeder-Familien von Ostia – dieser Plebejerin, die als halbwüchsiges Mädchen alte Segel geflickt hatte, jetzt aber den Kopf in dem Nacken trug, als sei ihr die purpurgeränderte Toga ihres zukünftigen Ehegemahls in der Wiege schon prophezeit worden.

Agrippina bezwang indes ihren Unmut, versuchte zu lächeln und schritt hoheitsvoll durch den Thürgang.

Das große korinthische Atrium des Flavius Scevinus war bereits von einer glänzenden Schar vornehmer Gäste erfüllt. Senatoren mit ihren Frauen und Töchtern; Ritter, die sich im Staatsdienste oder als Rechtsbeistände hervorgethan; der Pontifex Maximus; die Priester der drei obersten Gottheiten; der Stadtpräfekt; mehrere süditalische Großgrundbesitzer; einzelne Klienten von bevorzugter Stellung –: das alles mischte sich in dem halb überdeckten Raum bunt durcheinander.

Nur wenige Schritte vom Ostium entfernt stand eine mittelgroße Männergestalt von überraschender Klarheit und Sicherheit. Das geistvolle Auge gemahnte an Seneca; Antlitz und Haltung jedoch verrieten in höherem Grade, als bei dem Staatsminister, die Fülle einer unwankenden Willenskraft.

Dieser bedeutende Mann war Thrasea Pätus, der grimme Verurteiler Agrippinas, der glühende Patriot, der seine ganze Hoffnung auf den Regierungsantritt Neros gesetzt hatte, und der nun erleben mußte, wie die ehrsüchtige Kaiserin-Mutter trotz aller offenen und heimlichen Gegenströmungen dennoch den Staat im wesentlichen nach ihrem Geschmack lenkte, die Käuflichkeit und Verderbtheit allenthalben begünstigte, die einflußreichsten Aemter mit ihren ödesten Kreaturen besetzte und selbst den Staatsminister nur um deswillen duldete, weil die Einseitigkeit seiner Philosophie den jungen Kaiser zur Bethätigung wirklich praktischer Kräfte untauglich machte.

Beim Erscheinen der Kaiserin-Mutter neigte Thrasea Pätus kaum bemerklich das Haupt. Dem jungen Paare jedoch eilte er lebhafter noch als vorher Flavius entgegen, hielt die schlanke Apollogestalt des Kaisers lange umschlungen und küßte ihn dreimal weihevoll auf die Stirne.

Octavia schien beim Anblick dieses edelsten aller Römer lebhaft ergriffen. Ihr Busen hob sich und senkte sich stürmisch, als vergesse sie jegliche Selbstbeherrschung. Wehmütig-schwärmerisch weilte ihr Blick eine Sekunde lang auf den Zügen ihres Gemahls. Niemals war er so schön gewesen, so unvergleichlich. Sie hätte ihm zurufen mögen: »Alle Herrlichkeit dieser Erde wollte ich dafür hingeben, wenn du dereinst als Fünfzigjähriger auf ein Leben zurückschauen könntest, wie dieser Thrasea!«

Nachdem die erlauchten Ankömmlinge hier und dort noch einige Worte mit den Bevorzugtesten unter den Gästen gewechselt hatten, gab ein lustiges Trompetengeschmetter das Zeichen zum Beginne des Festmahls.

In Paaren gereiht, wandte sich die Gesellschaft nach dem Cavädium, wo der Hausverwalter unter dem tiefblauen Frühlingshimmel zwei lange Festtafeln aufgestellt hatte.

Rings an der dorischen Kolonnade brannten in erzgetriebenen Haltern mannshohe Fackeln, deren würzige Rauchwolken sanft gekräuselt in die beginnende Dämmerung emporstiegen. Kleinere Lichter glänzten auch oben vom Gesimse des Daches.

Die Tafeln selbst konnten bei dieser taghellen Beleuchtung der üblichen Bronzelampen entbehren. Um so üppiger glänzte ihr Blumenschmuck. Rosen- und Veilchengewinde schlangen sich duftend um die silbernen Mischkrüge, um die kostbaren Murrhagefäße und die kunstvollen Schaugerichte. Für die Stirnen der Festteilnehmer lagen dreihundert schwellende Kränze bereit. Rosenblätter und zerpflückte Narzissen überdeckten, so weit das Auge reichte, den Fußboden. Sämtliche Säulenschäfte waren mit Epheu und Akanthus umwunden.

In kurzer Zeit waren die Gäste verteilt, dank der großen Gewandtheit der Obersklaven und ihrer Gehilfen. Während vom Garten her eine schmelzende südhispanische Weise erscholl – ›Schlummerst du‹ war sie betitelt – gossen die Sklaven und Sklavinnen aus etruskischen Henkelkrügen goldenes Vesuvgewächs in die mattglänzenden Becher.

Den Ehrenplatz an der Spitze der linken Tafel – vom Atrium aus gerechnet – hatte die Kaiserin-Mutter. Ihr zur Rechten lehnte Afranius Burrus, der Oberst der Leibwache; auf der andern Seite Flavius Scevinus, der Hausherr. An der Spitze der zweiten Tafel thronte der Imperator zwischen Octavia und der Gemahlin des Hausherrn. Eine querlaufende Verbindungstafel, wie dies sonst üblich war, fehlte.

Da nur die äußeren Seiten der Tische mit Speisesofas bestellt waren, die inneren aber, nach römischer Sitte, frei blieben, so hatte Flavius und seine Gattin Metella keine Seitennachbarn.

Die Reihe der Gäste schloß sich vielmehr drüben an Burrus, hüben an die Gemahlin des Imperators.

Und zwar folgte bei Octavia zunächst der Stoiker Thrasea Pätus; hiernach eine reiche Aegypterin, Epicharis mit Namen; dann der Staatsminister Annäus Seneca; und links von ihm die vierzehnjährige Frau eines Senators.

Thrasea Pätus wandte sich gleich beim Beginn des Mahles, das mit lucrinischen Austern und asiatischen Meertulpen eröffnet wurde, der jungen Kaiserin zu.

Octavia hatte nur ein unbedeutendes Wort an ihn gerichtet, eine höfliche Frage wegen der jüngst in Scene gegangenen Cirkusspiele, die ganz Rom in fieberhafter Erregung hielten: denn immer noch war es nicht ausgemacht, ob der sausende Fulgur des Tigellinus gesiegt hatte, oder die Flava des Anicetus. Ein Ausschuß war niedergesetzt worden zur Erledigung dieses weltbewegenden Streites. Zeugen wurden verhört, als handle es sich um einen Prozeß wegen Steuererpressung. Die meisten Aussichten hatte bis jetzt Anicetus, was die Partisanen des Tigellinus um so bitterer verdroß, als der unangenehme Gegner eigentlich auf dem Land nichts zu suchen hatte. Anicetus war Seeoffizier. Seit kurzem befehligte er die Flotte am Kap Misenum, und nur aus besonderem Anlaß weilte er jetzt in Rom, wo er sofort dem altbewährten Agrigentiner den Rang bestritt . . .

Thrasea Pätus lächelte bei der Frage Octavias, als glaube er nicht an den Ernst ihres Interesses. Er gab ihr Auskunft – ganz in dem Tone, mit dem er gesagt haben würde: ›Ja, Herrin, das Wetter ist allerliebst‹. –

Octavia nickte zerstreut und that eine zweite Frage, die nach einigen Abschweifungen auf ein geradezu unerschöpfliches Thema führte: auf den Kaiser Augustus und die allbewunderten Großthaten dieses Monarchen für die Entwickelung des Weltreichs.

Auch Nero und die ägyptische Nachbarin des Thrasea Pätus – Epicharis – nahmen mehrfach an diesem Gespräche teil. Ja, selbst der Staatsminister Annäus Seneca löste sich bald von dem öden Geplauder seiner Partnerin links, um an geeigneter Stelle ein epigrammatisches Wort einzuwerfen.

So ernst, so feierlich wogte der Strom dieser Erörterungen, daß Nero sich fast im Arbeitsgemache der Hofburg wähnte, wo ihm der geistreiche Philosoph gerade während der letzten Wochen so unaufhörlich betont hatte, wie das Leben Entsagung, Selbstbeherrschung und Pflicht sei.

Bei dieser Erinnerung überkam den jugendlichen Monarchen plötzlich inmitten der festlich-lauten Gesellschaft das Wehgefühl einer unermeßlichen Oede.

In der That, es war ein unvermittelter Gegensatz, der die Künstlerseele des jungen Kaisers seltsam erregen mußte.

Während man hier, an dem oberen Ende der Tafel, nahezu Vorlesungen aus dem Gebiete der lichtlosen Stoa hielt, scherzte und lachte es von dort unten herauf, wie das Murmeln einer geschwätzigen Quelle in den Gründen von Tibur.

Schöne Jünglinge neigten sich mit verbindlichen Reden zu ihren blühenden Nachbarinnen, – und zwischen den jugendfröhlichen Paaren saß unsichtbar der geflügelte Gott, seine Pfeile schärfend.

Reifere Männer schwelgten in heiterem Geplauder über Vergangenes, wußten ganz allerliebste Geschichten aus ihren Amtserfahrungen in Sicilien oder Kleinasien, leerten Becher um Becher, und citierten, wie zur Entschuldigung, die Worte des hellenischen Trinkliedes: ›Nyn chre methyskein‹ . . .

Ach, und dort – der verliebte Ehemann, der allezeit eifersüchtige Otho, der von zwei lustigen Tarraconenserinnen förmlich belagert, dennoch immer und immer wieder nach seiner reizenden Gattin Poppäa Sabina hinüberlugte!

Ferne von ihm, an der Tafel der Kaiserin-Mutter, lehnte sie neben dem höchst gefährlichen Tigellinus!

Bei allen Göttern, ein entzückendes Weib, diese Poppäa Sabina mit ihren sanft verschwimmenden Augen und der liebenswürdigen Art, ihr blumengeschmücktes Köpfchen nach rechts zu neigen! Otho mußte in ihrem Vollbesitz das überschwenglichste Glück empfinden, und dieses Glück erklärte auch seine Eifersucht. Je teurer das Kleinod, desto vernunftgemäßer die Sorge um seine Verwahrung.

Sophonius Tigellinus mußte ihr jetzt eine scharfgewürzte Bemerkung zugeraunt haben. Poppäa Sabina blinzelte wie ein schalkhafter Satyr unter den Wimpern hervor, kämpfte ein wenig und lachte dann mit den perlweißen Zähnen so herzlich, daß ihrem angstbeklommenen Eheherrn Salvius Otho alles Blut in die Schläfe stieg.

Nero hatte das schöne, lachende Weib fast wie im Halbschlaf beobachtet. Jetzt verweilte sein Blick etwas gedankenvoller auf ihrem Antlitz.

In zwei Jahrzehnten würde der schwellende Mund dieser Poppäa Sabina von abscheulichen Furchen umrahmt, ihr strahlendes Auge gerötet, ihre blühenden Wangen verdorrt sein, schier wie das Antlitz des philosophischen Staatsministers . . .

Aber sie konnte sich dann doch sagen: ›Ich habe genossen, was dies vergängliche Leben mir darbot! Ich habe den Becher geschlürft, eh' mir ein widriges Schicksal ihn umstürzte! Ich habe nicht Qual erduldet um einer sogenannten Idee willen!‹

Es war, als ob die Gedanken des Imperators geheimnisvoll strömend die Seele Poppäas berührt hätten. Sie, die bis dahin gänzlich unter dem Banne des Tigellinus gestanden, schaute jetzt plötzlich zu Claudius Nero hinüber und so begegnete sie seinem traurig sinnenden Blick.

Poppäa Sabina errötete heftiger, als zuvor ihr Gemahl. Ihr ganzes Haupt, ihre Kehle, ja selbst ihre Schultern leuchteten wie in Purpur getaucht. Da sie erwog, daß Claudius Nero dieses Erröten bemerken mußte, ward sie vollends dermaßen verwirrt, daß Tigellinus ihr zuraunte: »Herrin, was gibt's? Fühlt sich die schöne Poppäa nicht wohl?«

Sie faßte sich rasch.

»Das ewige Lachen ist mir zu Kopf gestiegen,« sagte sie scherzend.

»O, ich verstehe den Vorwurf,« gab Tigellinus zurück. »Aber siehst du, vieledle Poppäa, mein Beruf wird nachgerade so ernst, so pathetisch und würdevoll, daß ich mich ab und zu einmal austoben muß. Im Verkehr mit dem Cäsar ist das Lachen neuerdings eine recht seltene Ware. Wenn's noch lange so währt, dann verschlingt mich der Abgrund der Melancholie, – oder ich werfe mich auf die Stoa.«

»Das klingt außerordentlich komisch.«

»Meinst du? Aber ich rede die Wahrheit. Ich merke, wie ich seelisch verknöchere. So nutze ich's denn nach Möglichkeit aus, wenn mir der Zufall die Gelegenheit bietet, einer so reizenden Epikuräerin, wie Poppäa, hilfreiche Hand zu leisten in der Betätigung ihrer Lebensweisheit.«

»Ich eine Epikuräerin? Nun ja, wenn du willst . . .! Weshalb sollte ich nicht? Ist dies entschwindende Leben nicht kurz genug? Lohnt es, den Kopf zu hängen? Das Trübe noch trüber zu malen? Ein Jammer um euren Cäsar, daß er sich so von Seneca in die Wüste verbannen läßt! So jung ist Nero und so geschaffen zum Glücklichsein! Sieh doch nur: diese nachtschwarzen Augen! Sind sie nicht himmlisch?«

»Welche Begeisterung! Dächtest du halb so günstig von mir, – beim Zeus, vor Wonne und Seligkeit würde ich närrisch werden!«

»Heuchle nicht!« sagte Poppäa. »Du, der Gefeierte, der allein hier im Cavädium zwölf oder zwanzig angenehme Erinnerungen zählt! Du, dessen reizvolle Abenteuer bis in das fernste Hispanien und Lusitanien berühmt, oder besser: berüchtigt sind . . .! Aber lassen wir dies verfängliche Thema! Folge lieber dem Rat einer Freundin – denn das bin ich, trotz allem und allem . . .«

»Sehr verbunden! Also was rätst du mir?«

»Dem Staatsminister und seinem philosophischen Unsinn gründlich entgegenzuwirken.«

»Wie soll ich das anfangen?«

»Lächerlich! Mache dem Kaiser begreiflich, daß man ein großer Regent, ein gewaltiger Denker, ein glorreicher Volksbeglücker und dennoch ein ganz vernünftiger Mensch sein kann! Sieh nur, jetzt breitet sich über sein Antlitz wiederum jener seltsame Schleier von Traurigkeit, den ich vorhin schon ein paarmal beobachtet habe. Wahrlich, wenn die Sitte nicht wäre, und die abgeschmackte Rücksicht auf die Gesellschaft, ich würde mich ohne weiteres erheben, ihm die Hände sanft auf die Schulter legen, und . . . und . . . und ihm Trost einsprechen.«

»So? Und was würdest du sagen?«

»›Cäsar,‹ würde ich sagen, ›was kränkt dir das Herz? Warum lachst du nicht? Weshalb ziehst du die Stirne in Falten? Schau um dich her! Jugend, Anmut und Schönheit umleuchten dich! Genieße mit uns, was die flüchtige Stunde beut! Sei ein Mensch unter Menschen!‹ So würde ich sprechen, – schmeichlerisch und so recht aus der Seele heraus; – und wenn er mich hörte, käm' er doch vielleicht auf den Gedanken, es sei klüger, sich den Weg bis ins ewige Dunkel mit Rosen zu überstreuen, als auf die Dutzendphrasen seines Ministers zu hören, und bei so wundervoller Musik dreinzuschauen wie ein Verurteilter!«

Der Agrigentiner lachte.

»Das wäre ein echter Geniestreich, höchst würdig unsrer liebenswerten Poppäa! So verachte doch die Gesellschaft und ihre thörichten Redereien! Geh und versuch's!«

»Das ist leichter gesagt als ausgeführt. Du rechnest ohne den Ingrimm meines Gemahls. Otho würde mich kreuzigen . . . Ueberhaupt, – ich bitte dich, goldner Sophonius, neige dein salbenduftiges Haupt nicht gar zu eifrig zu mir herüber! Ich bemerkte soeben, wie Salvius Otho mir seinen balearischen Kampfblick zuwarf . . . Du verstehst mich doch? Einen Blick von der Wucht einer balearischen Bleikugel! Jüngsthin schon, im Hause des Piso, fand er, daß du mir gar zu tief in die Augen schautest. Und du weißt doch, daß ich dir nur erlaubt habe, mir als Bruder und Freund zu huldigen.«

Tigellinus krauste die Stirne.

»Ich entsinne mich,« sagte er spöttisch. »Vergieb mir, daß ich's für Augenblicke vergessen konnte. Du warst so . . . lebhaft eben, da du von Claudius Nero sprachst. Freilich, dem philosophischen Imperator, den du bekehren möchtest, ihm würdest du mehr gestatten als dem unbedeutenden Agrigentiner . . . Ich begreife das vollständig. Jedem nach Rang und Verdienst!« –

»So? Was gibt dir ein Recht zu dieser schlimmen Bemerkung? Hüte die Zunge, du Ausbund aller Verderbtheit! Man ist ja leider gewöhnt, dir vieles zu gute zu halten – aber nicht alles!«

Sie heftete wieder die halbverschämten Blicke auf Nero, seufzte, und fuhr dann schwärmerisch wie im Selbstgespräch fort: »So unterscheidet sich die Unschuld von der Entartung. Drei oder viermal im Leben hat der Cäsar mit mir geredet: aber wenn er auch zehnmal so lange mit mir vertraut wäre, als dieser entsetzliche Tigellinus, er würde doch niemals – des bin ich gewiß – einen so ungezogenen Ton wagen. Er achtet, er fühlt, er begreift. Er ist ein Gott, wo ihr andern insgesamt nur zerbrechliche, staubüberqualmte Menschen seid!«

Nero inzwischen war mit jeder Minute stiller und ernster geworden. Er hörte nichts mehr von dem würdevollen Gespräche Octavias mit Thrasea Pätus. Nur Tonwellen ohne Sinn und Verstand murmelten um ihn her, klanglos, abgedämpft, wie aus unendlicher Ferne. Seine Gedanken weilten wieder bei jenem Tage, da er den Freigelassenen Artemidorus begnadigt hatte. Er sah im Geiste das entzückende Mädchen mit dem herrlichen Blondhaar und den lichtblauen Augen. Er hörte, wie sie mit ihrer herzbewegenden Stimme sein Mitleid anflehte. Ja, sie war es, die Einzige, Unvergleichliche. Da kniete sie vor der palatinischen Sänfte, und hob die schneeigen Arme empor – er hätte sie malen können! Und nun plötzlich zerfloß dies wunderliebliche Bild, – und ein schöneres, wonnesameres tauchte vor seiner Seele empor, – ach, die einzige Stunde, da er wahrhaft glücklich gewesen! Er stand im Zelte des ägyptischen Zauberers, Acte ihm gegenüber, – und die nämliche Stimme drang ihm tiefer noch und verführerischer ins leidenschaftlich pochende Herz.

Acte! Unsäglich geliebte Acte! Warum verschwandest du wie du kamst, – flüchtig, eine Blume des Lenzes, ein verschwimmender Lufthauch, der schon dahin ist, wenn er uns kaum erst die fieberglühende Stirn berührt hat?

Sonderbar! In diesem Augenblick ward ihm zu Mute, als sei die Lösung des Rätsels endgültig aufgedeckt. Vor ihm war sie geflohen – aus Liebe zu ihm, nicht aus Liebe zu einem andern. Sie hatte gefühlt, daß auch er sie vergötterte; sie wollte vermeiden, was sie voraussah: den furchtbaren Kampf.

Er schaute nach der jenseitigen Tafel hinüber, wo die Kaiserin-Mutter den Ehrenplatz inne hatte.

Ja, die unerbittliche Agrippina würde sein Herz verdammt haben!

Eine Freigelassene, eine ehemalige Sklavin!

Kaum als Liebchen hätte sie ihm die Niedriggeborene gegönnt: wieviel weniger als Gemahlin!

Freilich, Acte konnte nicht wissen, was er um sie gewagt haben würde; wie ihm kein Opfer zu kostbar, kein Zwist zu schrecklich gewesen wäre, wenn sie ihm als Siegespreis vor den Augen schwebte.

Die Thörin! Weshalb nur entwich sie mit jenem orakelhaften »Lebt alle wohl!« . . .? Eine Zeile der Aufklärung, ein einziges ehrliches Wort, und alles wäre vielleicht noch gut geworden.

Er sann und sann, und verfiel dann wieder in die seltsamsten Zweifel. Nicodemus, der grübelnde Nazarener, hatte beteuert, daß Acte ihm eine Sphinx sei mit ihrer völlig unbegründeten Flucht. Wenn der selbst nicht einmal klar sah, der sie doch kannte von Anbeginn . . .! Es war und blieb für den trauernden Imperator ein unheimlich-drückendes Phänomen. Er fühlte nur eines: daß ihm die ganze unermeßliche Welt gleichgültig war – bis auf die eine weh- und lusterfüllte Erinnerung.

Welch ein trostloses Schicksal! Welche Zerrissenheit! Hätte er Acte zur Seite gehabt statt des Weibes, das ihn so gar nicht verstand, das bei aller Herzensgüte sein tiefstes Fühlen beleidigte – wie wäre das göttliche Werk seiner Regierung gediehen! Wie hätte das Glück und die Liebe ihn zu Thaten begeistert, die er jetzt nur mit Hilfe der kalten Lehrsätze seines Ministers und der phantastischen Winke des Nicodemus mühe- und qualvoll zu leisten strebte!

Ja, er hätte gesiegt! Er wäre der ewig-unsterbliche Schöpfer einer ruhmreichen Aera menschlicher Freiheit und Brüderlichkeit geworden! Der Himmel der Nazarener mit seiner friedvoll-klaren Versöhnung ward ja Wirklichkeit in den Augen der blonden Acte!

Nero preßte die Hand wider die Brauen.

Er, der Erste unter den Römern, der Herrscher über das weite, gewaltige Reich von den Säulen des Herkules bis zum fernsten Mesopotamien, er, angebetet von seinem Volke, reicher als der König von Lydien, jung, voll heimlich tobender Lebenskraft, von Begierde erfüllt nach allem Guten, Edlen und Schönen – wie war er arm und einsam auf seinem weltüberstrahlenden Hochsitz! Einsam und öde zum Herzbrechen!

Eine unerwartete Stille schreckte ihn aus seinen Betrachtungen auf.

Der fröhliche Lärm, der rings das blumengeschmückte Cavädium erfüllte, war plötzlich verstummt.

Flavius Scevinus, den rosenumwundenen Becher hoch in der Rechten, brachte den Trinkspruch aus auf Nero den Allgeliebten, den Hehren, den Glücklichen.

In artiger Wendung flocht er Octavia und die Kaiserin-Mutter in diesen Trinkspruch mit ein, um dann wieder ausschließlich zu der erhabenen Person des Kaisers zurückzukehren, und jeden Segen der Götter aus das teure, jugendstrahlende Haupt hernieder zu flehen.

Stürmischer Jubel folgte dem oratorischen Meisterstück.

Ganz besonders hatte die Stelle gezündet: ›Nero, Octavia, und nächst ihnen die edle Mutter, die einen Princeps von so vortrefflichen Eigenschaften herangebildet.‹

Dieses ›nächst ihnen‹ bedünkte den Anhängern des Scevinus, die sämtlich der Kaiserin-Mutter feindlich gesinnt waren, geradezu mustergültig.

Man fühlte hier die kaum noch verhüllte Mahnung an die Festversammlung und das ganze mitauflauschende Rom heraus, die Gegner der Agrippina wirksam zu unterstützen, und Nero von dem übermäßigen Einfluß des ehrsüchtigen und tyrannischen Weibes zu lösen.

Gleichzeitig war es nach langer Pause der erste deutliche Wink an die Adresse der Fürstin, freiwillig zu entsagen, und dem römischen Volk auf die Dauer nicht zuzumuten, was unerträglich schien.

Gerade jetzt hatte der Wink einen besonderen Zweck.

Zu Anfang der nächsten Woche stand eine wichtige politische Beratung im Senate bevor.

Es handelte sich um eine Streitigkeit mit dem germanischen Nachbarvolke der Chatten. Der Zwist konnte gar leicht eine Kriegserklärung herbeiführen, obschon der römische Festungsverwalter im Kastell von Moguntia alles angestrengt hatte, um den berechtigten Forderungen der Chatten thunlichst entgegenzukommen.

Man hoffte nun, Agrippina werde sich aus der offenherzigen Wendung des Flavius den Wunsch herauslesen, daß der Kaiser allein und ohne ihre Bevormundung in der Sitzung erscheine.

Der Trinkspruch und die jubelnden Ave-Rufe waren verklungen. Agrippina lächelte mit Aufbietung all ihrer Selbstbeherrschung. Ihre Augen zwar sprühten unheimliche Flammen des Hasses, aber dennoch: sie lächelte.

Feierlich vergoß nun ein jeder unter den Festteilnehmern einige Tropfen des duftigen Samiers als Trankopfer.

Dann erscholl es von neuem: »Heil dem Cäsar! Heil dem Geliebten, dem Glücklichen!«

Nero hatte sich langsam erhoben. Er dankte wortlos mit einer Bewegung der rechten Hand; es schien als ob die Rührung über die Herzlichkeit dieser Begrüßung ihn übermanne. Was ihm jedoch die Thränen ins Auge trieb, das lag weit ab von dem Geräusch dieses Festes, das klammerte sich mit der starren Kraft einer erstorbenen Hoffnung an die Lichtgestalt eines rosigen Mädchens, an den heißgeliebten Namen einer ewig Verlorenen.

Achtes Kapitel.

Das Festmahl in dem fackelerhellten Cavädium hatte sein Ende erreicht. Die Gesellschaft – Metella mit dem jungen Kaiserpaare voran – begab sich durch das weitgeöffnete Mittelgemach in den Park.

Auf dem forumartigen Freiplatz dicht hinter dem Hause brannten unzählige Kandelaber mit rötlichen Glasscheiben. Weiter am Hügel hinaus schimmerten die gewaltigen Baumgänge, von Bärenklau, Anemonen und Lorbeer umwuchert, in magischem Halblicht.

Einstweilen stand man noch in zwanglosen Gruppen, Freunde begrüßend, die man bis jetzt übersehen hatte, das glühende Angesicht der köstlichen Zugluft preisgebend, die in duftigen Wellen über die Beete strich. Man schien erfreut, vom Banne der Tafelordnung erlöst zu sein; man atmete auf und sammelte frische Empfänglichkeit für das, was da kommen sollte.

Poppäa Sabina, die schöne Gemahlin des Otho, lehnte den schwellenden Arm auf die Schulter ihrer phönicischen Gesellschafterin Hasdra und wandelte einige Schritte parkeinwärts.

»Es war Zeit, daß der Hausherr uns frei gab,« sagte sie aufseufzend. »Wie schön ist die Nacht!«

»Schön, wie ein Traum!« hauchte die leidenschaftliche Hasdra.

»Was fehlt dir, Kleine? Du zitterst?«

»Ich habe ihn wiedergesehn –«

»Wen? Deinen Prätorianer?«

»Meinen göttlichen Pharax! Während wir speisten, schritt er zweimal durch das Cavädium.«

Poppäa lachte. »So ist's denn wahr?« fragte sie erstaunt. »Meine zierliche Puppe, die schmiegsam-kleine Phönizierin, hat sich wirklich in einen Soldaten verliebt? Und dazu in einen solchen Koloß? Beim Eros, ich hätte dir einen besseren Geschmack zugetraut, Hasdra!«

»Und ich, Herrin, schwöre dir bei Melkarth, dem Gott meiner Väter, daß niemals ein Sterblicher diesem bezaubernden Pharax an Hoheit des Wesens glich!«

»Du bist verliebt, – und so wär' es ein Wahnsinn, deinen Pharao bekritteln zu wollen. Auch seh' ich vollkommen ein, daß du ihn heiraten würdest, und wär' er ein Sklave oder ein Henkersknecht. Was du dir einmal so in den Kopf gesetzt . . .«

»Ja, Herrin, so ist's. Ich bin ein tolles Geschöpf – und fast nimmt es mich wunder, daß du bei meinen Fehlern und Thorheiten immer wieder mit mir Geduld hast.«

»Pah! Ich trage schon Sorge, daß die kleine Barbarin mir nicht hinterrücks über den Kopf wächst. Im übrigen gefällt mir dein stürmisches Temperament, das bei Gelegenheit so in die Hülle der Sanftmut und Milde schlüpft. Ich weiß ja, du hast mich lieb – und wo die Not es verlangte, würde ich fest auf dich zählen können.«

»Bis in den Tod!« beteuerte Hasdra.

»Ich danke dir. Aber nun sag mal –: hast du Beweise, daß der göttliche Pharax deine Wohlgesinntheit erwidert?«

»Ja, Herrin! Neulich schon, da mich der Zufall mit ihm zusammenführte . . .«

»Da hat er dich angeschaut, wie ein Britannier das Kapitol. Das weiß ich bereits. Aber ich finde die Bürgschaft nicht ausreichend.«

»Ich auch nicht. Heute indes warf er mir Blicke zu . . .«

»Wie mindestens drei Britannier!« lachte Poppäa.

»Mehr noch. Er ließ mir durch einen der Tafeldiener ein Streifchen Papyrus zustecken . . .«

»Der Unverschämte!«

»Die wahre Liebe ist immer dreist,« sprach die Phönizierin. »Hier, vieledle Poppäa! Lies – und gib mir dein ehrliches Urteil ab!«

Poppäa nahm das Billet in Empfang. Im Dämmerlicht einer vorgeschobenen Girandole entzifferte sie, wie folgt:

»Pharax, der Prätorianer, grüßt in tiefster Ehrfurcht die Phönizierin Hasdra.

»Ich hoffe, die Phönizierin Hasdra wird dem Leibsoldaten der Kaiserin-Mutter manches zu gute halten. Denn es bleibt immer doch eine große Ehre. Wir Prätorianer sind nicht wie die gemeinen Soldaten, die im narbonensischen Gallien oder in Asien stehn. Wir sind im Gegenteil etwas Erlesenes, und – so behauptet's auch der Oberbefehlshaber, unser Afranius Burrus. Wenn ich's daher unternehme, Dir, o reizende Hasdra, von meiner Liebe zu reden, so ist das nicht, als ob ein gemeiner Soldat um Dich würbe, sondern im Gegenteil. Ich liebe Dich sehr. Fünfmal habe ich Dich gesehen. Da Du so niedlich bist, wie ein Röschen, so genügte mir das. Ich vermelde noch, daß ich, ohne mir schmeicheln zu wollen, bei der Kaiserin Agrippina sehr in Gunst stehe. Ehvorgestern hat die Erlauchte mir angedeutet, wenn ich so fortführe, könnt' es nicht lange anstehn, daß ich Centurio würde. Ein Centurio ist aber fast schon ein Militärtribun. Ich mußte Dir meine Verehrung und Liebe heute noch mitteilen, um Dich zu fragen, ob ich Dir nicht zu schlecht bin. Das Herz der Mädchen ist oft so eigen. Antworte mir bald. Ich liebe Dich heiß und grüße Dich in der freudigsten Hoffnung.«

»Nun, was sagst du?« murmelte Hasdra.

»Ein Heiratsantrag,« sagte Poppäa gleichmütig.

»Meinst du, daß er es redlich meint?«

»Unzweifelhaft. – Wenn's dir genehm ist, brauchst du nur Ja zu sagen. Aber ich denke doch, Hasdra, die Zierliche, Hasdra, die Freundin Poppäas, wird sich besinnen, ehe sie einen solchen Plebejer zum Manne nimmt.«

»Nicht die Spur!« rief die Phönizierin, das Billet wieder einsteckend. »Lieber heute als morgen! Plebejer! Kümmert mich seine Herkunft, wenn er selbst mir das Herz bewegt?«

Die elementare Kraft ihres Wesens wirkte auf die kalte Natur Poppäas beunruhigend.

»Phantastische Närrin!« sagte sie spöttisch.

»Ich bin, wie ich bin,« gab ihr Hasdra zurück. »Auch verstehe ich nicht, wie Poppäa so reden mag, da sie selbst doch die Liebe kennt. Freilich . . .«

»Nun, vollende!«

»Ich fürchte, du zürnst mir . . .«

»Hast du mich jemals kleinlich gefunden? Rede!«

»Gut. Ich wollte sagen, daß ich, Hasdra, die Liebe anders verstehe, als Poppäa Sabina. Du liebst Otho, deinen Gemahl – aber du lässest dir schöne Dinge sagen von Tigellinus, von Cajus und Lucius, von Titus und Tatius . . . Siehst du, erlauchte Poppäa, das ginge mir wider das Herz. Ich kann nur einen lieben: – alle übrigen sind mir so gleichgültig wie die Pflöcke.«

»Du kannst nur einen lieben,« raunte Poppäa dumpf. »Hasdra, Kind, bei allen Göttern, ich weiß nicht, ob ich dich jetzt bemitleiden oder beneiden soll. Ich liebe keinen – keinen, selbst nicht den Cäsar, den ich erobern will . . .«

»Wie verstehe ich das?«

»Endlich mußt du's erfahren, denn ich werde dich nötig haben – früher vielleicht, als du denkst. Sieh, Hasdra, ich kenne nur ein Verlangen: die Herrschaft. Zunächst die unter den Weibern. Ich will die Schönste sein, die Begehrteste. Und ich bin's. Ganz Rom liegt mir zu Füßen. Ich scheue nicht Last und Mühe, den Reiz, mit dem die Natur mich ausgestattet, zu wahren und zu erhöhen . . .«

»Das weiß ich. Deine köstlichen Salben, die Teigmasken, deine Bäder in Milch . . . Und auch das weiß ich: daß du die Schönste bist unter den Schönen. Nur Octavia, die Kaiserin, könnte vielleicht in Betracht kommen, wenn sie nicht ewig blaß wäre, und so ernst und so schweigsam.«

»Octavia! Nenne mir nicht Octavia! Weißt du, warum ich den Salvius Otho geheiratet habe . . .? Aus Neigung? O du kindliche Unschuld! Durch Salvius Otho, dem er befreundet ist, hoffte ich dem Kaiser nahezukommen, sein Herz zu erobern, das blöde Gespenst Octavia auf die Seite zu schieben . . . Still! Da schlendert Sophonius Tigellinus mit Acerronia. Morgen erfährst du mehr. Höchste Verschwiegenheit brauch' ich der klugen Hasdra nicht ausdrücklich zur Pflicht zu machen.«

Sie wandten sich wie ermüdet dem Hause zu, während der Agrigentiner mit Acerronia abseits an ihnen vorüberkam.

»Willst du nun endlich mit der Sprache heraus?« fragte die Hofdame der Kaiserin-Mutter ziemlich ungemut. »Was? Hier in die Ulmenallee soll ich dir folgen? Nicht um alle Schätze des Lydiers! Agrippina wird sich ohnehin wundern . . .«

»Agrippina redet eifrig mit Seneca. Wen der aber einmal zwischen den philosophischen Klauen hat . . .«

»Besser philosophische Klauen als räuberische. Du bist ein Geier, Sophonius. Ich trau' dir nicht über den Weg. Gesteh mir's nur: das wunderbare Geheimnis, das du mir beichten wolltest, war ein plattes Geflunker!«

»Höre und urteile! Pallas, dein ehemaliger Pallas . . .«

» Mein Pallas? Ich rate dir, solche Redensarten für Leute zu sparen, die mehr Geschmack daran finden; zum Beispiel für Poppäa Sabina . . .«

»Aha! Du bist eifersüchtig.«

»Ich? Nun soll doch Jupiter seine Donnerkeile auf dein albernes Haupt schleudern! Ich eifersüchtig! Etwa auf dich, du Allerweltsnarr, der keine Stola in Frieden läßt? Ich finde dich tölpelhaft wie den Makkus der Atellanenspiele! Also was ist's mit dem Pallas, der mich so wenig angeht wie dich . . .«

»So? Pallas geht die rosenlockige Acerronia nichts an? Du kindliche Seele! Als ob nicht ganz Italien mit Einschluß der Inseln wüßte, daß ihr heimlich verlobt wart.«

»Das ist schamlose Lüge! Wer behauptet das? Nenne mir den Verleumder, damit ich ihn vors Gericht schleppe!«

»Aber du wirst nicht in Abrede stellen . . .«

»Nenn' mir den Buben!« wiederholte sie wütend.

»Er selber . . .«

»Was? Er selber?« fiel sie ihm in die Rede.

Aufgeregt, wie sie war, hatte sie ganz übersehen, daß sie dem schlauen Agrigentiner – auch ohne die Schätze des Lydiers empfangen zu haben – langsam in die dunkle Allee gefolgt war.

»Er selber,« fuhr Tigellinus fort, indem er sie plötzlich mit unwiderstehlicher Kraft an sich zog, »er selber hat zwar noch nicht in Erfahrung gebracht, wie die Lippen der roten Pantherkatze sich küssen: dein vortrefflicher Freund Tigellinus aber möchte sich endlich einmal aus erster Hand unterrichten . . . Sträube dich nicht, süßes Kind! Ich weiß ja doch, daß Acerronia sterblich in mich verliebt ist.«

»So tritt doch wenigstens hier ins Gebüsch,« sagte sie fügsam. »Das also war der kurze Sinn deiner Rede! Und die Geschichte mit Pallas . . .?«

»Ein erbärmlicher Vorwand,« flüsterte Tigellinus. »Komm, – und stillgehalten! Küsse mich wieder, mein Täubchen! Gibt's denn was Reizenderes, als so ein süßes Geschnäbel? So! So ist's recht! Und nun auf die Schulter! Ich danke dir, wonnesames Geschöpf! Jetzt aber sage mir auch, daß du mein eigen sein willst . . . ganz ohne Rückhalt – ach, und wär' es auch nur einen flüchtigen, glückseligen Tag lang. – Ein Kuß verhält sich zum wirklichen Liebesglück, wie die Meertulpe und die lucrinische Auster zum Festgelage . . . Sprich, reizende Pantherkatze! Soll dem Vorgerichte ein köstliches Mahl folgen! Ich liebe dich grenzenlos!«

»Ja,« stammelte Acerronia, »es soll etwas nachfolgen . . .«

»Wie machst du mich glücklich!« jauchzte der Agrigentiner.

Er nahm ihr hocherglühendes Haupt brünstig in beide Hände. Von neuem beugte er sich mit der banalen Zärtlichkeit des Verführers zu ihr hernieder. In demselben Augenblicke jedoch empfing er die schönste Ohrfeige, die jemals einem unverschämten Mädchenjäger in das Gesicht klatschte. Acerronia hatte sich losgemacht und lief jetzt, behend wie ein Wiesel, dem erleuchteten Teile des Parkes zu.

»Die kleine Bestie!« lachte der Agrigentiner. »Eine Fingersprache, so deutlich wie diese, hätte der armen Lucretia vielleicht den Selbstmord erspart. Ganz infam! Seitdem ich die Schule verließ, hab' ich eine ähnliche Maulschelle nicht wieder zu kosten gekriegt. Aber gleichviel. Sie soll mich kennen lernen! Gerade jetzt reizt sie mich, – und ihre Küsse, wenn sie Verstellung waren, überraschten durch die Echtheit des Kolorits . . .«

Er trällerte ein hellenisches Weinlied und folgte langsam den Spuren seiner befremdlichen Partnerin.

Acerronia inzwischen war aufs Geratewohl zu einer Gruppe getreten, deren Mittelpunkt Anicetus, der Befehlshaber der misenischen Flotte, war.

Man sprach natürlich wiederum von dem Wettstreite zwischen dem Fulgur des Tigellinus und der prächtigen Vollblutstute des Seeoffiziers.

»Anicetus,« wollte die schneidige Acerronia in ihrem Zorne auf Tigellinus dem Flottenbefehlshaber zurufen, »ich habe den Göttern ein hohes Gelübde gethan, wenn sie den Streit zu Gunsten deiner herrlichen Flava entscheiden!« Aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Nur den Namen stieß sie hervor, – und dann, als Anicetus forschend zu ihr herübersah, fügte sie tonlos hinzu: »Hat das Schiedsgericht schon gesprochen?«

Alles lächelte; selbst der Freigelassene Artemidorus, der an der Seite des Sklaven Milichus bescheidentlich zugehört hatte. Die Art und Weise der heftigen Rotgelockten wirkte zu komisch; man fühlte, daß sie die Redewendung noch im Herausschleudern jählings geändert hatte. Eine Sportfrage, wie der Streit zwischen dem Fulgur des Tigellinus und der Flava des Anicetus war dem geringsten Sklaven der Siebenhügelstadt so geläufig, und die fieberische Ungeduld wegen des Endurteils ging allenthalben so tief, daß die augenblitzende Acerronia sofort begriff, wie unerhört sie sich bloßgestellt hatte. Entweder hielt man sie für ›wenig urban‹, – eine beliebte Phrase des Tigellinus – oder man zog fatale Schlüsse auf die Ursache ihrer Verlegenheit . . .«

Niemand jedoch konnte nur ahnen, was in Wahrheit sie so plötzlich erschreckt hatte . . .

Es war ein sonderbarer, geradezu rätselhafter Ausdruck im Gesichte des Anicetus gewesen, begleitet von einer Sinnestäuschung, die im Herzen der sonst so mutigen Pantherkatze schauerliche Empfindungen weckte.

Der Flottenbefehlshaber lehnte am Standbild einer Pomona. Da Acerronia eben ›Anicetus!‹ gerufen, ward ihr zu Sinne, als seien die Augen des Seeoffiziers geschlossen, wie die eines Toten . . . Wasser floß ihm in grünlich schimmernden Strömen aus dem üppigen Haupthaar. Die breite Nase und der halbgeöffnete Mund schienen soeben im letzten Krampfe erstarrt zu sein. Die Pomona aber, die majestätisch hinter ihm aufragte, trug die Züge der Agrippina.

Acerronia trat eilends zurück. Eine halbe Minute später war der unheimlich-seltsame Spuk verschwunden. Wild erregend jedoch klang es im Busen des Mädchens nach, so daß sie beschloß, die Aegypterin Epicharis, die für gründlich bewandert in den Künsten der Wahrsagerei galt, schleunigst um ihren Rat zu fragen.

»Ich sehe nichts Schlimmes darin,« lächelte Epicharis. »Du wirst mit Agrippina, deiner kaiserlichen Gebieterin, im Lauf der Jahre eine besonders glänzende Meerfahrt unternehmen, bei welcher der Flottenbefehlshaber Anicetus die Rolle des Dreizackschwingers Poseidon spielt, euch schützt und schirmt und fröhlich zum Hafen geleitet. Die Flut wogt vielleicht, – aber du hast es ja selber gesehen: ihr Toben war unfähig, die stolze Pomona, die Kaiserin-Mutter, die uns alle mit ihren Früchten erquickt, in die Tiefe zu reißen.«

»Ich danke dir!« sagte die Hofdame Agrippinas mit einer artigen Handbewegung. »Dennoch verbleibt mir ein Rest von heimlichem Unbehagen. Dieser schreckliche Anicetus . . .«

»Ist ein höchst intelligenter Mann,« fiel Epicharis ihr in die Rede. »Wer weiß, Acerronia, wie das alles gekommen ist. Die Liebe ist eine seltsame Visionärin.«

»Die Liebe?«

»Ja doch! Daß er dich liebt, heiß, lodernd, – in dieser Minute noch wurde davon gesprochen; – und heutzutage pflegen die Männer erst dann zu lieben, wenn sie der Gegenliebe ziemlich versichert sind.«

»Nun steht mir bei, ihr sämtlichen Götter von Latium! Ich, ich . . . Nein, das ist unerhört! Da wär' ich ja eingekeilt zwischen zwei richtigen Ungeheuern! Hier Tigellinus, dort Anicetus! Der erste ein rasch getrösteter Witwer, der zweite ein Ehemann! Der erste frech wie ein Bettelbube am Cirkus, der zweite verschmitzt, heimtückisch, im Gesicht eine Breitnase wie ein Aethiopier! Ist das eure vornehme Welt, euer unvergleichliches Rom? Ei, so nähm' ich mir lieber einen Soldaten der Leibwache! Den zum Beispiel, der jetzt eben der unleidlichen Hasdra ein Bisellium herzuträgt . . .«

»Wirklich, den . . .?« fragte die Aegypterin lächelnd.

»Weshalb nicht? Er ist höchstens halb so verlogen wie ein vornehmer Durchschnittsrömer, und den tausendsten Teil nicht so fade.«

»Kennst du ihn?«

»Zufällig, ja. Er heißt Pharax und steht in augenscheinlicher Gunst bei der Kaiserin.«

»Bei Octavia?«

»Thorheit! Wenn ich von der Kaiserin spreche, meine ich immer nur Agrippina.«

Um die Lippen der vornehmen Epicharis spielte ein fein-ironisches Lächeln.

Jetzt erscholl ein helles Zinkengeschmetter, dem sich eine lustige sizilianische Tanzweise anschloß.

»Suchen wir unsre Plätze,« sprach die Aegypterin.

Sie näherte sich, von dem Staatsminister, der jetzt eben zu ihr herantrat, begleitet, dem sandbestreuten Oval der Arena.

Das Mahl im Peristyl hatte nicht allzulange gewährt. Das sogenannte Convivium, die Commissatio, das fröhliche Zechgelage, gewürzt durch die üblichen Unterhaltungen, sollte hier draußen in zwangloser, aber desto gewählterer Form stattfinden.

Für die kaiserliche Familie hatte Flavius Scevinus dicht am Stamme seines berühmten dritthalbhundertjährigen Ahornbaums eine eigene Tribüne errichten lassen, von deren Brüstung amethystfarbene indische Teppiche mit goldenen Schnüren und Quasten herniederhingen.

Rechts und links von dieser prächtigen Loge, die den Hochsitz des Imperators im Cirkus nachahmte, reihten sich in stattlichen Halbkreisen die polsterbedeckten Sitze für die übrigen Zuschauer. Aber auch jenseits dieser beinah geschlossenen Rotunde, mehr nach dem Mittelwege des Gartens hin, fanden sich Plätze für etwaige unruhige Geister, die das Wandeln durch die frühlingsduftigen Parkanlagen vorziehen und nur für Augenblicke bei einer besonders glänzenden Nummer sich ansiedeln möchten, – zierliche Bronzestühle mit brandroten Lederkissen, sigma-gestaltete Sofas und wohlige Ottomanen.

Vor jedem Sitze trug ein kostbares Monopodium mit elfenbeinernem Untergestell die goldgeränderten Trinkschalen, frische Kränze, und je ein Körbchen voll picentinischen Kuchens, sowie eine zierliche Spartgrasdecke mit ionischen Feigen und campanischen Mandeln.

Farbig gekleidete Sklaven huschten geräuschlos einher, um die Becher zu füllen oder sonstigen Wünschen der Eingeladenen mit unterwürfiger Hast zu entsprechen.

Eine Abteilung Prätorianer stand als Ehrenwache zu beiden Seiten der kaiserlichen Tribüne; darunter auch Pharax, dessen kluges Gesicht von den Alltagsköpfen seiner Genossen vorteilhaft abstach. Die übrigen Soldaten der Leibwache hatten sich scheinbar ohne Berechnung da und dort bescheidentlich aufgestellt, oder hielten sich noch im großen Triclinium des Hauses auf, wo ihnen Milichus, der Obersklave des Flavius Scevinus, nomentanischen Landwein kredenzte.

Es währte fünf oder sechs Minuten, bis die schöne Kitharaspielerin Chloris aus dem Zelt in der Nähe des Posticums heraus in den Kreis trat und mit vollem Griff in ihr Saitenspiel einen hellenischen Hymnus anstimmte.

Noch lauschten die Gäste mit halbem Ohre; der kleinste Teil erst des Publikums hatte sich niedergelassen; darunter freilich die Kaiserin-Mutter und die ernste Octavia.

Aber auch diese schienen zerstreut.

Die junge Kaiserin schaute forschend nach ihrem Gemahl aus, der mit dem Agrigentiner weit abseits am Stamm einer Pinie lehnte und nicht die mindeste Lust zeigte, den ihm gebührenden Platz zwischen Mutter und Gattin so frühe schon einzunehmen.

Auch der armen Octavia war aufgefallen, daß Nero seit einigen Tagen doppelt verstimmt, ja geradezu trübsinnig und von Kämpfen durchtobt schien . . .

Hätte er doch sein Herz ihr, die sie ihn liebte, rückhaltslos offenbart!

Aber er gönnte ihr nie auch nur den leisesten Einblick in seine Kümmernis, – und wenn sie ihn, ganz ohne Ahnung von dem, was ihn bewegte, fromm auf die Götter verwies, dann krauste sich die Stirne des Imperators in verdoppelter Schwermut, und die Lippen umzuckte es heimlich wie verzehrender Hohn, ja wie Haß und Vernichtungsgier.

War er denn wirklich ein Feind der Götter? Oder hatte nur sie das Unglück, mit jeder noch so gütig gemeinten Silbe sein Mißfallen zu wecken? War sie im Ernste das Bleigewicht, das den jugendkräftigen Adler am Aufschwung in die reine Höhe des Selbstgenügens verhinderte?

Die Thränen traten ihr in die Augen. Mit dem eigenen Verhängnis beschäftigt, nahm sie nicht wahr, daß Agrippina noch immer totenbleich das Haupt in die Hand stützte und leise die Lippen bewegte. Der Trinkspruch des Flavius Scevinus wühlte in diesem ehrgeizerfüllten Gemüt wie ein rasendgewordener Skorpion. Aber schon hatte die tödlich beleidigte Fürstin auf Rache gesonnen. Das Lächeln, das von Zeit zu Zeit ihre Nasenflügel vibrieren machte, trug halb schon den Stempel eines widerlichen Triumphgefühls.

Jetzt trat Burrus zu ihr heran und die Züge der Kaiserin-Mutter hellten sich plötzlich auf. Sie war eine Meisterin der Komödie. Burrus, der Oberst der Prätorianer, durfte nicht ahnen, was sie beschäftigte.

»Du hast recht, Burrus,« sagte sie huldvoll. »Dieses Mädchen ist ein starkes Talent. Ich war ganz versunken in die Flut ihrer Töne . . . Da – nun ist der Hymnus zu Ende.«

Man klatschte der schönen Kitharaspielerin Beifall. Sie verneigte sich artig, ohne indes nach dem Zelte zurückzukehren.

Die Sitzreihen füllten sich jetzt; nur noch einige vierzig Personen schritten allein oder paarweise durch die Laubgänge, oder verharrten abseits von dem festlichen Zirkel aus den Bronzestühlen und Sigmas, eifrig in ihre Gespräche vertieft.

Zu diesen letzteren gehörte auch Otho, der seine Gattin Poppäa halb zärtlich, halb eifersüchtig bei den Händen gefaßt hielt und ihr Vorwürfe machte, daß sie dem übelberufenen Sophonius Tigellinus gar zu huldvoll entgegenkomme.

»Du weißt, ich vertraue dir, obgleich dies Vertrauen vielleicht eine Thorheit ist: denn ein Frauenherz gleicht dem Gewölk bei Südostwind; jeder Augenblick kann es umgestalten. Du aber, süße Poppäa, hast einen Blick, so sanft, so bethörend, daß man rein den Verstand verliert, und so begeh' ich die Absurdität, dich für unerschütterlich treu zu halten

»Das nennt mein angebeteter Otho eine Absurdität?« sagte sie schalkhaft.

Aus ihren funkelnden Augen fuhr ein so verzückender Strahl zu ihm auf, daß er kaum noch der Lockung, sie in die Arme zu schließen, Widerstand leistete.

»Du süße, du üppige Rose,« flüsterte er, von heißester Liebe entbrannt, »sind wir nicht wahnsinnig, daß wir den herrlichen Abend so im Getümmel der Menschen verbringen, anstatt uns daheim in der wonnigen Stille unsres Cubiculums nach Herzenslust zu genießen? Ach, Poppäa, dein lächelnder Mund, dein schlanker, schneeiger Leib, –: so oft ich dich ansehe, gedenk' ich an Helena, die überall, wo sie sich zeigte, Stürme der Sehnsucht entfesselte . . .«

»Ein übler Vergleich! Helena war ein loses Geschöpf . . .«

»Du hast recht. Es war ein täppischer Mißgriff. Ich hätte sagen sollen: Du bist reizend wie Helena und treu wie Penelope. Aber ebendeshalb, mein Liebchen, meide doch auch den Schein! Ich kann's nicht ertragen, wenn du einen so übelbeleumdeten Menschen, wie den Agrigentiner, so verständnisvoll anblickst. Ich weiß, er ist liebenswürdig, er versteht es, zu schmeicheln und doch wieder eine Ehrfurcht zu zeigen, die ein Frauengemüt stolz macht. Um so leichter wird man vermuten, daß du gefesselt seist. Nicht wahr, du thust mir die Liebe an und vermeidest diesen Weiberverführer? Laß deine Anmut doch lieber auf Nero, den Imperator, wirken!«

»Meinst du?« fragte Poppäa verblüfft.

»In vollem Ernste. Suche ihn aufzuheitern! Bring' ihm Freude am leichten Getändel bei! Stich den Staatsminister, den schrecklichen Seneca, aus! Das wäre noch ein Verdienst!«

Die junge Frau schüttelte, heftig erglühend, den Kopf. Dann senkte sie ihr lichtgraues Auge gedankenvoll auf den Busen. »Poppäa drängt sich nicht auf,« sagte sie traumverloren. »Wenn es dem Cäsar beifiele, an meiner Gesellschaft nur halb so viel Vergnügen zu finden als an der deinigen, weshalb sollte ich nicht diese Auszeichnung hochschätzen? So aber – ihn umschwärmen wie die Motte das Licht? Nein, vielteurer Otho, dazu bin ich zu stolz und . . . zu gleichgültig.«

»Du vergissest, daß ich von jeher zu seinen Freunden gezählt, daß ich als Knabe ihn schon gekannt habe . . .«

Horch! Da erscholl die silberhelle Kithara der schlanken Chloris aufs neue!

Und jetzt gesellte sich dem Klange der Saiten auch der schwellende Ton ihrer Stimme.

Alles Gemurmel verstummte.

Sie sang märchenhaft schön, diese Griechin im krokusfarbenen Gewande, die rhodische Nachtigall, wie die goldene Jugend der Zweimillionenstadt sie benannt hatte.

Und wie edel sie dastand, in der Rechten das Plektrum, in der Linken, vom blaßgelben Bande gehalten, das neunsaitige Instrument, blaßgelbe Rosen im nachtschwarzen, lieblichgewellten Haar, eine Gestalt aus den Tagen Homers!

Es war, im Gegensatze zu der schmetternden Hymne, mit der sie begonnen hatte, ein melancholischer Klagegesang, was ihr jetzt von den Lippen erscholl, eine Weise der Sehnsucht, die Verlorenes beweint und ihre Thränen gleichsam in Töne verwandelt.

Wunderbar, wie die Herrlichkeit des rein gestimmten Gesangs in diese Gesellschaft einschlug, die zur größeren Hälfte von der Verderbnis des Zeitalters völlig zersetzt war, die noch eben so übermütig gelacht, so verstohlen getändelt, so schnöde gescherzt und gefaselt hatte.

Jener trunkene Senator mit dem widerwärtigen Faungesicht, der zwar im Kreise der hohen Versammlung auf dem kapitolinischen Hügel fast bei jeder Gelegenheit zur Scheu vor den unsterblichen Göttern mahnte, aber jetzt eben seiner vierzehnjährigen Nichte, deren Vormund er war, den frechsten Antrag ins Ohr geflüstert; der mit dem klassischen Vorbild aller Beredsamkeit unaufhörlich »O Sitten!« rief, aber das Kind seiner Schwester seit Jahren bereits mit ekelhaften Küssen verfolgte und ihre blühenden Lippen mit seiner dicken, belegten Zunge viehisch entweiht hatte: – er verstummte jetzt inmitten seiner lüsternen Phrase und sank stöhnend zurück, als höre er ein erschütterndes Mahnwort aus den Höhen des Olympus.

Hier die rotgemalte Kokette, die heute bereits das vierte Stelldichein verabredet hatte, wehrte sich nur mit erkünstelter Gleichgültigkeit gegen die Wirkung dieser weichen und doch so vollschwellenden Stimme, wie sie in lockenden Modulationen von dem Tiefsten und Heiligsten sang, was eine menschliche Brust durchzittert.

Dort die frechen, blasierten Jünglinge, die bei den Dirnen des tullischen Walles besser Bescheid wußten als im eigenen Familienkreise; die den Hallen der Rechtsprechung fern blieben, aber niemals eine Pantomimenaufführung oder die Orgien vornehm ausgestatteter Halbweltsdamen versäumten: sie legten ihre Stutzerphysiognomien unwillkürlich in weniger impertinente Falten und ließen ab von ihrem Geflüster, mit dem sie anfangs die Erscheinung der jungen Rhodierin dreist analysiert hatten.

Kurz, der Triumph der Künstlerin war ein vollständiger. So ergreifend, so herrlich hatte sie noch niemals gesungen, seit sie den Boden Italias betreten; und als nun der Freigelassene Artemidorus im Auftrage seines Gebieters Flavius Scevinus ihr am Schluß des bestrickenden Zauberliedes knieend einen goldenen Kranz überreichte, da konnte sich der Enthusiasmus der Zuhörer in Händeklatschen und Beifallrufen kaum noch genug thun.

»Süße Chloris,« flüsterte Artemidorus, nur für das hold errötende Mädchen vernehmlich, »nimm und rede: was ist dir lieber? Dieser kostbare Kranz oder mein stürmisch pochendes Herz?«

»Dein Herz, das weißt du!« hauchte die Sängerin.

Und da sie die prächtige Gabe ihm abnahm, drückte sie dem freudebebenden Artemidorus heimlich die Hand.

»Welch ein unermeßliches Glück, so geliebt zu werden!« sagte er leise, als er sich mit geschmeidigem Anstand wieder erhob. »Ehe ein Jahr verstreicht, ist sie mein! Und ich dachte schon, ich müßte fern von ihr sterben! Fern von ihr –: das wäre entsetzlicher als der Tod selber.«

»Ein köstlicher Junge, dieser Artemidorus,« raunte ein achtzehnjähriges Weib von senatorischem Range ihrer gleichalterigen Nachbarin zu. »Schade, daß er nicht von freier Geburt ist.«

»Weshalb schade?«

»Nun. das scheint mir doch nicht gerade rätselhaft . . .«

»Pah! Was mich betrifft, – wenn ich die Wahl hätte zwischen ihm und dem vielgerühmten Sophonius Tigellinus, ich würde den Artemidorus unbedingt vorziehen . . .«

»Meinst du?«

»Unbedingt! Das heißt: Du verstehst mich doch? Als Gemahl oder selbst als dauernder . . . Freund wäre Tigellinus mir lieber. Aber mal bei Gelegenheit, so als flüchtige Laune . . . Und ich bitte dich, frag' dich doch selber: Vorurteile sind nirgends läppischer, als beim Verliebtsein. Wenn uns der Ehegemahl schließlich ertappt, wird's auch ihm wohl wenig verschlagen, ob der Liebhaber über den Rittercensus verfügt oder nicht.«

Die beiden schamlosen Frauen lachten, – so ekelerregend, daß ihre hübschen jugendlichen Gesichter beinah verzerrt schienen.

Chloris aber, selig im Gefühl ihres künstlerischen Triumphes, seliger noch im Bewußtsein, von Artemidorus geliebt zu werden, neigte sich dreimal nach allen Richtungen, rief der Kaiserin-Mutter, die ihr mit großer Lebhaftigkeit applaudiert hatte, auf griechisch ein herzentquollenes »Zeus beschirme die Mutter des Vaterlandes!« zu und verschwand dann im Zelte, um einem stolzen Athletenpaar, das einen Ringkampf zum besten zu geben hatte, Platz zu machen.

Eh' noch die dröhnende Blechmusik einfiel, die den Ringkampf begleiten sollte, hatte sich Nero, den Tigellinus allein lassend, abseits gewandt.

Das Lied der Hellenin wühlte ihm tief in der grausam verwundeten Seele.

Zwei ihm befreundete Jünglinge, die ihm zu folgen gedachten, wies er durch eine trotzige Handbewegung zurück.

»Unglaublich!« sagte der eine zum andere »Auch hier, im festlich geschmückten Garten des Flavius scheint er zu grübeln. Bei der Epona, es wäre jetzt an der Zeit, daß man dem grämlichen Seneca endlich ein Bein stellte. Mit zwanzig Jahren klug und kalt wie ein Zeno – das geht nicht länger! Ueber welches metaphysische Rätsel mag der Träumer jetzt nachdenken, daß selbst wir, die gesetztesten seiner Freunde, ihm lästig sind?«

Ja, es war ein metaphysisches Rätsel, das den jungen Cäsar beschäftigte – allerdings nur praktisch beschäftigte, nicht theoretisch: das metaphysische Rätsel der echten, herzbewegenden Liebe, die dem Verstande nicht antworten könnte, wenn er sie fragte: ›Weshalb hängst du so mit allen Fasern des Wesens an der einen, kaum Geschauten und für immer Entschwundenen, während doch andre, ebenso Schöne oder noch Schönere rings um dich her blühen, wie Rosen, die auf den Gärtner warten? Weshalb klammert sich deine Sehnsucht an die ehemalige Sklavin, während Octavia, deren edles Profil sämtliche Bildner der Siebenhügelstadt für göttlich erklären, deine Genossin ist?‹

Selbst die Rhodierin Chloris, die ihm die Seele so von Grund aus erschüttert hatte, war, streng genommen, schöner als Acte.

Und dennoch hatte der Cäsar kein Auge für sie. Die magische Wunderkraft ihrer Kunst war für ihn nur der Hebel gewesen, der alle Einzelheiten der schmerzlich süßen Erinnerung mit verzehnfachter Klarheit ans Licht gehoben.

Nero konnte nicht anders. Er mußte den Glanz und den betäubenden Lärm dieser Geselligkeit fliehen; er mußte erst fertig werden mit diesem verzehrenden Sturm, der heute mit unaufhörlichem Anprall wider sein Herz tobte.

Alle Gäste hätten's ihm angesehen; sie hätten die Thränen geschaut, die ihm jetzt stumm über die zuckenden Wangen dahinperlten, – und das durfte nicht sein. Er war Cäsar; er mußte standhalten nicht nur wider die Parther oder die Chatten, sondern auch wider das eigene Ich und dessen heiße, bethörende Anwandlungen.

Leise rauschte der Wind durch die Baumwipfel. Das klang wie ein Wiegenlied. Da sollten sie bald wohl entschlummern, die schäumenden Wogen, die jetzt wie im tollen Gerase eines Orkans ihm den Busen durchtobten.

Komm, heilige, friedenspendende Nacht! Schlage den schattenden Mantel um das Weh deines Lieblings! Gib ihm den Frieden, wenn ihm das Glück denn verweigert ist!

Neuntes Kapitel.

Ehe sich Claudius Nero dessen versah, schritt er völlig vereinsamt durch das dunkle Gesträuch.

Das erste Mondviertel goß ein mattsilbernes Licht über den kiesbeschütteten Weg, da hier die hochaufragenden Urstämme des Gartens weiter zurücktraten.

Plötzlich schreckte der Kaiser zusammen. Dicht hinter den Lorbeerbüschen, an denen er sinnend vorüberschritt, schien sich etwas zu regen, und da er nun stehen blieb, um zu lauschen, raschelte es wie von menschlichen Tritten, die sich den Weg durchs Gezweige bahnen.

Claudius Nero war ohne Waffen, – und ein Monarch, wäre er auch der beste, hat immer geheime Gegner, die ihm von Grund ihrer Seele aus gram sind und kein Mittel zu seiner Bekämpfung scheuen. Dennoch empfand der cäsarische Jüngling, im Bewußtsein, allenthalben das Gute gewollt zu haben und mehr noch vielleicht aus dem Hochgefühl seiner mannhaft strotzenden Kraft heraus, keine Spur von Beklommenheit.

»Halt!« rief er mit drohend gedämpfter Stimme ins Dickicht, während die Rechte den silbernen Griffel seiner Tabellä umspannte, – »wer du auch seist, ich befehle dir, frei heraus auf den Pfad zu treten, – ich, dein Kaiser!«

In dem Lorbeergesträuch regte sich nichts.

»Hast du gehört?« mahnte der Princeps. »Widerstrebe mir nicht! Ein einziger Kampfschrei, – und die Soldaten der Leibwache hetzen dich, wie ein umstelltes Wild!«

»Allwaltender Cäsar,« flüsterte eine bebende Mädchenstimme, »grolle mir nicht, wenn ich zögerte . . .!«

»Acte! du! du!« jauchzte der Jüngling im Tone einer schwindelnden Seligkeit . . . »Du hier? Leibhaftig? Lebendig?«

Ihre schlanke Gestalt löste sich vorsichtig aus den Zweigen. Im nächsten Moment hatte der Cäsar sie stürmisch umklammert. Er küßte sie leidenschaftlich auf den wonneverzückten Mund, immer und immer wieder, als müsse die eine Minute ihn schadlos halten für alles Weh der Vergangenheit.

»Acte!« rief er dazwischen, »himmlische Acte, bist du es wirklich?«

Seine Stimme klang wie verzaubert und doch so bange, als ob ihm das Ganze wie das Gaukelbild eines baldzerfließenden Traums erschiene.

Eine Zeit lang duldete sie den tobenden Anprall seiner Liebkosungen schweigend und in süßer Erstarrung. Es war, als ob ihr jegliche Kraft eines Widerstandes dahin sänke.

Dann freilich entzog sie ihm schamübergossen die Lippen; aber noch war die Willenslose nicht fähig, ganz und gar von ihm abzulassen. Sie lehnte das heißerglühende Haupt wider die Schulter des Einzigen, des Unendlich-Geliebten, dessen Bild sie all die Monate her mit der gleichen unverlöschlichen Sehnsucht im Herzen getragen, wie er das ihre.

Nun senkten sich seine begehrlichen Lippen andachtsvoll auf ihr welliges Blondhaar, das im Mondlichte wie ein fließendes Durcheinander von Silber und Gold glänzte.

Es war, als habe er nach verzweifelter Wüstenwanderung endlich, endlich die Blume gefunden, deren Duft ihn berauschen, deren tauiger Blütenkelch ihm das Heil bringen sollte.

Da plötzlich fuhr sie zurück.

»Herr, du entehrst dich!« hauchte sie beinah verstört. »Weißt du auch, was du gethan hast? Du, der Princeps der Erde, hast eine ehemalige Sklavin geküßt!«

»Ja, ja, ich habe Acte geküßt! Vom Kapitol herab möcht' ich's in alle Welt rufen. Ich bin glücklich gewesen, zum erstenmal, seitdem ich atme!«

»Glücklich gewesen, – ist's wahr?« fragte sie leuchtenden Auges. »O, wie herrlich das klingt! Aber gleichviel! Wenn du es warst, so bist du's in Schmach und in Sündhaftigkeit gewesen. In Schmach, denn ich bin eine Freigelassene, und deiner nicht wert. In Sündhaftigkeit, denn Claudius Nero besitzt eine edle, hochherzige Gattin, deren Herz wohl in Stücke zerbräche, wenn sie erführe, wie treulos ihr Gemahl sie verrät.«

»Octavia!« rief Nero voll unsäglicher Bitternis. »Ich habe sie nicht gewählt; ich habe dem Staatswohl und den Wünschen meiner Berater ein thörichtes Opfer gebracht. Aber siehe, ich schwöre dir: Niemals im Leben hätte ich eingewilligt, und wäre selbst Agrippina, meine erlauchte Mutter, in eigener Person vor mir in die Kniee gesunken, wenn ich gewußt hätte. wo ich die eine, die ich vergötterte, finden sollte! Acte, wie unablässig hab' ich nach dir geforscht! Wie rastlos haben meine Vertrauten ganz Rom durchwandert, um Kunde von dir zu gewinnen! Ach, wie oft selbst habe ich deinen Freund Artemidorus befragt! Alles umsonst! Sprich, wo warst du denn? Warum hast du's geschehen lassen, daß der Mann, der dich liebte, jede Hoffnung verlor und sich stumpfsinnig einem Schicksal preisgab, das jetzt kaum noch zu ändern ist?«

»Cäsar, ich folgte der Stimme meines Gewissens. Da ich dir kaum erst in die Augen geblickt, fühlte ich, daß du mir Sinn und Seele hinweggenommen! Aber ich wußte zugleich, wie thöricht es ist, wenn die niedrige Feldblume zu der Sonne emporschaut, die unnahbar im Aether schwebt. Ich hatte dich schrecklich lieb, ganz über alle Maßen . . .«

Noch einmal barg sie ihr Antlitz an seine Schulter. Dann sich würdig emporrichtend: »Du weißt, Herr, ich bin eine Christin. Unsre Lehre und die Pflichten, die sie uns auferlegt, hast du inzwischen durch Nicodemus und Seneca, deinen Berater, kennen gelernt. Als Christin mußte ich fliehen, denn wir beten alltäglich zu dem Gotte, den uns der Heiland gelehrt hat: ›Führe uns nicht in Versuchung!‹ Nicodemus hatte mir in dem Werk der Bekehrung, das meine Glaubensgenossen planten, eine gefahrvolle Rolle erteilt. Die Brüder und Schwestern, so hieß es, hätten mich lieber, als jede andre; meine Art sei bestrickend, meine Sprache beredt. Und so sollte ich denn dem zweifelnden Cäsar, der sich dem ernsten Mahnwort der Männer vielleicht verschließen würde, das Herz öffnen und es zugänglich machen für den Balsam des Glaubens. Ach, Herr, ich hatte von Anfang an das Gefühl, dieser Weg sei der falsche, und Nicodemus handle im Widerspruch mit dem frommen Erlöser, wenn er die weltlichen Dinge mit den Angelegenheiten des Glaubens vermische. Als ich nun vollends erfahren hatte, welch ein betäubender Zauber dir innewohnt, da stand es fest in mir wie ein heiliger Spruch der Propheten: Du mußt fort und gälte es Leben und Tod. Die eine selige Stunde im Zelt des Aegypters hatte mir klar gemacht, daß ich mich selber verlieren würde, – und so floh ich denn weit hinaus über die Grenze des Weichbildes, nordwärts bis nach Falerii, wo ich bei redlichen Pächtersleuten Unterkunft und Verdienst fand.«

Claudius Nero sah ihr gedankenvoll in das mondscheinbestrahlte Antlitz.

»Und wie kömmst du hierher?« fragte er nach langer Pause.

Acte senkte den Blick auf die Tunica.

»Herr, du siehst mich beschämt; aber auch dies noch darf ich bekennen. Seit acht Tagen weile ich in Rom. Eine vornehme Dame, die mich auf ihrer Reise durch das stille Falerii zufällig sah, fand Behagen an mir, – und da ich längst mich hinweggesehnt aus der Eintönigkeit dieses Lebens, so nahm ich den Vorschlag der reichen Sicilianerin dankerfüllt an, ihre Hausgenossin und Vorleserin zu werden. Ich begleitete sie hierher, wo sie mancherlei zu erledigen hatte. Morgen in aller Frühe geht die Fahrt über die appische Straße nach Capua.«

»Das alles erklärt mir noch nicht, weshalb ich dich hier bei Flavius Scevinus im Park finde.«

»Ahnst du das immer noch nicht?« flüsterte Acte verschämt. »Ich wußte durch Artemidorus, daß du, Herr, heute bei Flavius Scevinus zu Gast sein würdest. Artemidorus hat mir das Pförtchen geöffnet, das von der Höhe des Hügels herein führt. Seit einer Stunde schon schlich ich umher, bald hervortretend, bald mich verbergend. Noch einmal im Leben wollt' ich das Antlitz meines Gebieters schau'n, eh' ich für immer hinausginge ins Leere und Trostlose.«

»Artemidorus wußte also um deinen Aufenthalt?« fragte der Kaiser staunend.

»Ja, Herr! Ich bin lange mit ihm befreundet; sein Gebieter Flavius Scevinus hat zweimal die heiße Jahreszeit am Gestade von Ostia verbracht, wo auch Nicodemus ein Haus besaß. Ich wußte, Artemidorus würde in Sorge sein um die plötzlich entschwundene Acte, – weit mehr als die übrigen. So schrieb ich ihm denn, daß es mir wohl ergehe, und einmal sogar, als er für seinen Herrn etwas in Cures zu thun hatte, nahm er den Umweg über Falerii und besuchte mich.«

»So also lohnt er mir's, daß ich ihn damals vom Tod errettet!« rief Nero voll Bitternis. »Zehnmal hab' ich gefragt: ›Wo ist Acte?‹ und zehnmal beteuerte er, nichts, gar nichts zu wissen.«

»Er hatte mir Schweigen gelobt, – ach, und er kannte ja meine Gründe.«

»Er ist ein Schurke. Dem Imperator, der ihn befreit hatte, schuldete er die Wahrheit. Wenn ich bedenke, was ich durch ihn und seine Lüge verloren habe, – ich könnte ihn eigenhändig erdrosseln.«

Der junge Fürst stand hoch aufgerichtet. Wie Wetterleuchten zuckte es um den blühenden Mund. Die ganze Qual dieser letzten Wochen, das Weh um seine zertrümmerte Liebe, das wühlende Mißbehagen über die Aufgabe, die ihm zugefallen: von Menschen und Prinzipien geknechtet, den Herrscher zu spielen, und insgeheim einen Glauben zu fördern, der ihm jetzt, in der Gestalt des Nicodemus verkörpert, fast antipathisch erschien, – dies alles wogte, wallte und tobte in seiner keuchenden Brust wie eine drohende Rebellion.

Was war das für eine fromme Gemeinde, die ihm Last um Last auf die Schultern wälzte, die in elender Gaukelei ein Geschöpf wie Acte zum Werkzeug schnöder Intriguen machte?

Er kannte ja nicht die stillen, demuterfüllten Christen, die sich andachtsfroh um ihre Aeltesten scharten, um das Wort und den Wandel des Gekreuzigten zu erfahren; wie er Blinde geheilt und den Trauernden Trost gespendet, und was er am Berg gesprochen, oder als Knabe im Tempel unter den Schriftgelehrten . . . Der Cäsar dachte jetzt nur an den schlauen, hohläugigen Fanatiker, der die Lehre zu predigen schien: alles auch das Verwerflichste sei gestattet um des erhabenen Zwecks willen.

So schroff zerklüftet war die Seele des Imperators, daß er beiden mit gleicher Aufgeregtheit Vorwürfe machte, dem Artemidorus für die brüderliche Beschirmung, dem Nicodemus für die gewissenlose Gefährdung des jungen Mädchens.

Er durchwühlte sein volles Haar, daß die halbentblätterten Rosengewinde sich lösten, und über die Schultern hinab in das taufeuchte Gras fielen.

Dann plötzlich ergriff er mit sanfter Zärtlichkeit Actes zierliche, weiche Hand.

»Laß uns vergessen, was wir gelitten haben!« sagte er aufatmend. – »Um mich noch einmal zu schauen, bist du hierher gekommen: du liebst mich, heute wie damals, – und bei allem, was heilig ist, das Schicksal soll mich bestrafen, wenn ich die glücklich Wiedergefundene je wieder frei gebe! Siehst du nicht ein, Acte, daß es die Moira, oder mit dir zu reden, die Vorsehung selber ist, die uns zusammenführt, gerade jetzt, – unmittelbar vor der Stunde des Abschieds, den du liebliche Thörin für möglich hieltst? Laß dich umklammern, du Einzige, die da im stande ist, meiner Seele den Frieden zu geben! Acte, ewig geliebte Acte, willst du mein eigen sein voll und ganz, mit Leib und mit Seele? Wenn du willst, so gelob' ich dir Treue bis in den Tod. Mit dir will ich leben und mit dir will ich sterben. An deiner Seite will ich die Hände zu deiner Gottheit emporheben. Ich will glauben, – glauben so gut ich kann, daß Christus gestorben ist zur Erlösung der Menschheit. Das Symbol dieses Glaubens soll sich allenthalben erheben, wo die Cäsarenfaust noch die Kraft besitzt, die Altäre des Jupiters und des übrigen Göttergesindels über den Haufen zu stoßen. Das Weltreich soll nächst mir dem Galiläer gehorchen, und du, als die Erkorene des Imperators, wirst hoch über den ungezählten Scharen deiner Gemeinde thronen, hoch und herrlich wie kein irdisches Weib vor dir und nach dir.«

Acte schüttelte schwermütig das mondlichtbestrahlte Haupt.

»Nein, Herr!« sagte sie bebend. »Aus Ueblem ist noch niemals Gutes erwachsen. Die Kirche des allmächtigen Gottes gründet sich nicht auf Missethaten, sondern auf die unerschütterte Treue seiner Bekenner. Sie wird siegen auch ohne mich, auch ohne die Unterstützung der Imperatoren, – einfach durch die innere Kraft ihrer Wahrheit.«

»Ist das die Sprache der Liebe? Süße, himmlische Acte . . .«

»Denk an Octavia!«

»Ich denke an sie, und fühle keine Gewissensregung. Octavia kann nicht verlieren, was sie niemals besessen hat. Ich bin dein gewesen, lange bevor mich die List meiner Umgebung, die Autorität einer kindlich verehrten Mutter, ach, und die maßlose Oede des eigenen Herzens zu diesem Bündnis verführten. Acte, lässest du jetzt wieder von mir, so ist's mein Tod. Siehe, mein Abgott, wenn du's gebietest, sprech' ich heute noch mit Octavia und verlange die Scheidung . . .«

»Niemals!«

»Du willst nicht mein sein vor aller Welt? Du fürchtest den Sturm, den die Trennung des Imperators von der kaiserlichen Gemahlin entfesseln würde? Gut. Dein Wille ist mir Gesetz. Laß mich denn als Cäsar der Pflicht genügen, die mich an das jämmerliche Getriebe meines Palastes fesselt! Dem Menschen aber gönne das Glück deiner Liebe! Ja, du hast recht, all die Verheißungen abzuweisen, die ich der Christin gemacht. Nur zu dem Mädchen hätte ich sprechen sollen. Nicht erkaufen durch cäsarische Gunst will ich die himmlische Acte, sondern ihr Herz als freies Geschenk empfangen aus ihren eigenen liebeglühenden Händen!«

Seine Stimme erbebte von so maßloser Leidenschaft, daß Acte, wie von seligem Schauer ergriffen, am ganzen Leibe erzitterte.

Einige Schritte weiter, wo die alten Platanen ihr dichtes Geäste wieder tief ineinander flochten, stand eine Ruhebank, von tarentinischen Wollgeweben bedeckt.

Claudius Nero zog die kaum Widerstrebende schmeichlerisch kosend zu sich hernieder.

In Actes vereinsamter Brust wallte es auf, wie unermeßliche Seligkeit.

Fest an ihn geschmiegt weinte sie sanftfließende Thränen des Glücks und der schluchzenden Wonne.

Dann ward sie still. Schweigend litt sie die Flammenküsse des jungen Kaisers, der sich an ihrem glühenden Munde fest saugte, wie ein Verschmachtender.

Da man sich endlich erhoben hatte, stand man sich wohl eine Minute lang stumm gegenüber.

Acte strich sich das lose flatternde Haar aus der Stirne, steckte die Nadeln zurecht und das halbgelockerte Band, und blickte dem angebeteten Jüngling süßverwirrt in die Augen.

Nichts von Reue lag in dem Ausdruck ihres flammenden Angesichts: nur unsägliche Liebe, unsägliche Hingebung.

»Also du bleibst?« flüsterte Nero, sie noch einmal heiß in die Arme schließend. »Ja? Du versprichst mir's? Acte, Acte, wie soll ich für all diese Güte und Liebe dir danken! Leb wohl, mein Liebchen, meine einzig wahre, holdselige Gattin! Ich muß jetzt eiligst zurück zur Gesellschaft. Schon fürchte ich, meine lange Abwesenheit ist bemerkt worden. Ich sehe, du trägst von damals noch meinen Ring. Zeig ihn dem Pförtner des Tigellinus. Man wird dich dort wie eine Fürstin behandeln und dir ein Nachtlager anweisen, wo du ruhig im Vollbewußtsein unsres endlich erreichten Glückes entschlummern kannst. Deine Herrin mag Artemidorus auffordern, daß sie sich anderweitig nach einer Begleiterin umschaue. Acte ist für Höheres geboren, als zur Kammerzofe einer alternden Provinzialin. Bitte, schreib das Nötige hier in die Wachstafel: ich will zusehen, daß der Junge sie morgen in aller Frühe an die Adresse befördert. Wo hält sich deine Sicilianerin auf?«

»Im Haus einer Freundin, – der Aegypterin Epicharis.«

»Die heut hier geladen ist?«

»Der nämlichen. Artemidorus sprach mir davon. Hätten wir nicht für morgen die Abfahrt in Aussicht, wäre auch meine Gebieterin unter den Gästen.«

»Da mag Epicharis ihr gleich deine Absage heimbringen,« sagte der Kaiser.

Acte schrieb.

»So,« flüsterte Nero, die Wachstafel in die Tunica schiebend. »Nun geh, mein liebes, angebetetes Mädchen! Ach, wie du mich glücklich machst, über jede Beschreibung! Die Brust will mir überquellen vor Lust, – alle Menschen könnt' ich umarmen. Geh, und nimm noch diesen feurigen Kuß, der dir sagen möchte, wie ganz und gar du mein Herz besitzest!«

Ein letztes Mal preßte er seinen Mund auf den ihren. Dann wandte sie sich in der Richtung der kleinen Parkthüre, während Nero sich die Toga über die Schultern warf und eilig dem Festplatz zuschritt, dessen rauschender Lärm immer voller und lauter zu ihm herüber drang.

Zehntes Kapitel.

Ein Gladiatorenkampf, der die weinerregten Gemüter des Publikums zu heller Begeisterung entflammt hatte, neigte sich, da Claudius Nero den Festplatz wieder betrat, soeben dem Ende zu.

Aus mehreren Wunden blutend, war der eine der Fechter in die Kniee gesunken; sein zerbrochenes Schwert lag einige Schritte abseits im Sand der Rotunde. Fragend blickte der Sieger umher, und ließ dann die Blicke auf dem Hochsitz der Imperatorenfamilie haften, um von den Lippen der Kaiserin-Mutter den Spruch zu empfangen, der über Leben und Tod seines entwaffneten Gegners beschließen sollte.

Agrippina, obschon die rotgelockte Hispanierin Acerronia ihr heimlich zuredete, lehnte die ihr angetragene Entscheidung ab, – denn sie sei hier ja Gast so gut wie die andern – und wies den Fechter mit einer vornehm-kühlen Gebärde an die übrigen Sitzreihen.

Der Uebermut der entnervten Jünglinge und der herzlos-öden Koketten wünschte den Kelch dieser blutigen Scene bis zur Neige zu kosten.

Ueberall senkte man weitstarrenden Auges den Daumen.

Das hieß verdolmetscht: »Erspare dem Flavius Scevinus die Kurkosten! Vorwärts! Den Todesstoß!«

Ein letztes Zögern: dann senkte sich die Klinge des Siegers breit in die Brust seines Opfers. Ein dunkler Blutstrahl zischte rauchend zum Himmel auf . . .

Da, inmitten der weithin dröhnenden Beifallsrufe, erschien der Cäsar.

Hehren Angesichts wie Apoll schritt er die Stufen hinauf zur Tribüne, wo er zwischen Octavia und Agrippina Platz nahm.

»Das hättest du hindern sollen,« wandte sich Nero zu seiner Mutter. »Oder du zum wenigsten, edle Octavia, die man die Sanfte nennt. – Freilich, eine Römerin von der Sohle zum Scheitel, bist du auch abgehärtet gegen die Gräuel des Sterbens. Ich begreife das und ich füge mich. Heute nur, heute . . . ich weiß nicht, – aber das Fest war so schön, so harmonisch, – ihr hättet euch sträuben sollen, diesen glückseligen Tag durch einen Mord zu entweihen.«

»Mord?« fragte Agrippina erstaunt.

»Ja, Mord,« wiederholte der Cäsar; »denn so gesetzlich er ist, es bleibt immer ein erbärmlicher Mord. Hörtest du nie die Meinung des Seneca? Auch der edle Flavius Scevinus gehorcht hier lediglich den Pflichten des Gastgebers, nicht seinem eigenen Gefühl, wenn er dem grausamen Zeitgeschmack willfährig scheint. Im Herzen aber teilt er die Ansicht meines unsterblichen Lehrers.«

»Die Gladiatorenkämpfe sind ein Vermächtnis der Ahnen,« versetzte Octavia. »Cicero selber, der doch so gut ein Philosoph war, wie Seneca, hielt sie für die geeignetste Schule männlicher Tapferkeit. Wie käme es mir zu, dem Willen und den Gewohnheiten des Römervolkes zu widerstreben?«

»Das dächte ich auch!« sagte die Kaiserin-Mutter mit großem Nachdruck. Ihre Stimmung war geradezu grimmig. Der dreiste Trinkspruch des Hausherrn tobte ihr jetzt, da Flavius Scevinus ihr offen als Muster ethischer Lebensführung gepriesen wurde, doppelt heiß durch die Adern.

»Mutter,« wandte sich Nero wieder zu Agrippina, während zwei Sklaven den sterbenden Thraker hinausschafften, »rede, was hast du? Mißfiel dir, was ich doch aus heiligster Ueberzeugung zu Octavia gesprochen? Du schaust so ernst, so verdrossen aus. Ach, und ich bin so froh, so glückselig, so ganz durchflutet von Festeswonne und Lebenslust, daß ich dem Tod gebieterisch in den Weg treten möchte! Mutter, ich weiß, der Trinkspruch des Flavius Scevinus hat dir wehe gethan. So fein er gedrechselt war, die Spitze umschloß dennoch ein schleichendes Gift . . . Sieh, Mutter, eine beträchtliche Anzahl der Senatoren und die Mehrheit des römischen Volkes wünscht, daß ich das Scepter des römischen Imperators allein trage, aber Nero fühlt zur Genüge, wem er den Thron verdankt. Du sollst die Herrin bleiben über das Reich, falls du mit echter Milde regierst und ohne Verletzung der Staatsgesetze. Nur im kleinen wirst du mir nachgeben, nur im Spiel, während der Ernst dein unumschränktes Gebiet sei. Ich bin nicht ehrgeizig, Mutter. Ich lasse mich nicht verführen durch die Mahnrufe derer, die dich verdrängen wollen.«

Noch ehe ihm Agrippina etwas erwidern konnte, scholl aus dem mächtigen Piniengang, unmittelbar hinter dem Festplatz, ein hallender Hilferuf.

Alles sprang von den Sitzen auf.

Die Prätorianer voran, stürmte man in die breite Allee, wo Flavius Scevinus, auf den Arm der schönen Poppäa Sabina gestützt, langsam heranschwankte.

»Mord! Mord!« rief Poppäa mit ihrer dunkeltönigen Stimme. »Welch ein Zeitalter! Nicht mehr im eigenen Hause verschont man den Festgeber!«

Im Augenblicke war Nero auf der andern Seite des wackeren Senators und legte ihm wie beschirmend die rechte Hand weithinumklammernd über die Hüfte. So streifte er den Arm der Poppäa, die trotz der Aufregung des Moments bei dieser Berührung eigentümlich zusammenzuckte. Es war, als wolle sie den Kaiser empfinden lassen, wie gewaltig er auf sie wirke.

»Sprich, wie geschah es?« fragte Nero besorgt. »Und vor allem: wie fühlst du dich?«

»Für diesmal scheint die Sache noch leidlich abgelaufen zu sein,« scherzte Flavius Scevinus. »Ich wandle hier mit der Gattin des Otho und verabsäume, von ihrem anmutreichen Geplauder bestrickt, meine Pflichten als Hausherr. Da raschelt es im Gebüsch. Ich denke, es ist ein Raubvogel: aber noch eh' ich das ausgedacht, trifft's mich hier rechts auf der Schulter. ›Oho!‹ ruf' ich und wende mich um. Da verschwindet's schon wieder, und ich merke nur, wie mir das warme Blut über den Rücken fließt.«

»Prätorianer! Umzingelt den Park und das Haus!« rief Agrippina gebieterisch. »Die Mauer ist hoch, die Ausgänge sämtlich geschlossen. Der elende Missethäter soll uns mit heiler Haut nicht davonkommen!«

»Fackeln her!« gebot Tigellinus, während Nero und die schöne Poppäa den blutüberströmten Flavius Scevinus nach dem Cubiculum führten.

»Vergebliche Mühe!« rief der Verwundete mit einem seltsamen Blick auf die Kaiserin-Mutter. »Solche Meuchelmörder sind schlau, über die Maßen schlau, und sie haben das Glück, daß unsre Erbitterung sie stets in der falschen Richtung verfolgt.«

Im Cubiculum angelangt, wandte sich Nero an den ängstlich dastehenden Artemidorus.

»Hilf mir,« sprach er, »deinen Gebieter aufs Lager heben!«

»Durchlauchtigster Kaiser,« versetzte der Freigelassene, »siehe, hier stehen Leute genug, darunter die Aerzte. Der edle Scevinus würde es niemals verzeihen, wenn ich's geschehen ließe . . .«

»Schweig!« unterbrach ihn Scevinus barsch. »Thu, was Nero, der Imperator, gebietet! Er ist der Herr, er allein, dem ihr Gehorsam schuldet, und geböte er euch, – seine eigene Mutter in Haft zu nehmen.«

Claudius Nero wechselte mit der schönen Poppäa einen Blick des Erstaunens, der sich ihrerseits sofort in den schmachtenden Augenaufschlag der Minne verwandelte.

Danach hob der Kaiser mit kaum bemerkbarer Kraftanstrengung den Oberkörper des breitschulterigen Mannes auf die eherne Bettstatt, während Artemidorus die Kniee des Patienten umspannt hatte, und so gemeinschaftlich mit dem Beherrscher des Weltreichs den Dienst eines Krankenträgers versah.

Zurücktretend gewahrte Nero, daß seine schneeige Toga über und über mit Blut getränkt war.

Eine sonderbare Empfindung beschlich ihn.

Blut an dem Tage, der ihn mit seiner heißgeliebten Acte zusammengeführt – das bedeutete Unheil.

Zwar widerstrebte er diesem Eindruck.

»Thorheit!« sagte er zu sich selbst. »Nero glaubt ebensowenig an die Ammengeschichten der Wahrsager, wie an die zärtlichen Abenteuer des Jupiter. Ich selbst werde nun Jupiter sein in den Armen meines bezaubernden Liebchens, und die Regierung der Erde den Verblendeten überlassen, die im Kampf um die Herrschaft das Glück dieses vergänglichen Lebens erblicken.«

Die Wunde des Flavius Scevinus schien nicht gefährlich. Der Dolchstoß, in rasender Ueberstürzung ausgeführt, war zu weit links gegangen.

Der Hausarzt Polyhymnius legte einen kunstgerechten Verband an und ließ dem Erschöpften aus schneekühlem Wasser und Fruchtsaft eine Art Limonade bereiten, die ihn sichtlich erquickte.

Hiernach bedankte sich Flavius nochmals in den bewegtesten Ausdrücken bei dem hilfreichen Imperator.

»Das ist die wahre Herrschernatur,« fügte er bedeutsam hinzu, »die überall selbst zugreift, wo es ein Unglück zu lindern, eine Schmach zu bestrafen, eine hochherzige That zu belohnen gilt. Nero, der seinen Freunden hilft, wie ein Bruder, wird in den Stunden ernster Gefahr auf uns zählen dürfen.«

Dann zu Poppäa. »Gib mir die Hand, du liebenswürdigste unter den Römerinnen! Wäre ich zwanzig Jahre jünger, ich möchte deinen glückseligen Otho beneiden. Du bist schön wie die himmlische Aphrodite und freundlich wie Eos. Versprich mir, daß du mich dieser Tage besuchst! Ich muß die allerliebste Geschichte, die du begonnen hattest, zu Ende hören.«

»Wenn es dem Diener gestattet ist,« fiel hier der Arzt Polyhymnius ein, »für das Wohl seines Gebieters unbedingt Sorge zu tragen, so möchte ich dem göttlichen Cäsar und der edlen Poppäa den Rat erteilen, unsern Kranken von jetzt ab allein zu lassen. Das Wundfieber, das nicht ausbleiben wird, möchte sonst gar zu bedenklich wüten.«

»Du redest weise,« versetzte der Imperator. »Komm, Poppäa! Dein zärtlicher Otho wird ohnedies vor Eifersucht halb schon vergangen sein.«

»Laß ihn, Herr!« sagte Poppäa schalkhaft; »die Eifersucht ist das Oel, das die Flammen der Liebe nährt. Uebrigens« – fügte sie leise hinzu – »Eifersucht auf Flavius Scevinus . . .? Du überschätzest seine Talente.«

Sie warf ihm einen verzehrenden Blick zu, während sie jetzt durch den großen Mittelsaal in das Freie trat.

Hier herrschte eine unglaubliche Aufregung. In Abteilungen von drei oder vier Mann durchstreiften die Leibsoldaten des Imperators, soweit sie nicht zur Umzingelung des Grundstücks verwendet waren, die endlosen Baumreihen und das dichte Gestrüpp.

Je ein Fackelträger begleitete sie.

Die Beherzteren unter den Senatoren und Rittern, von Milichus, dem Obersklaven des Hauses, mit Waffen versehen, schlossen sich, soweit es ihr Zustand gestattete, an. Die Mehrzahl freilich – zumal die gesamte Jugend – hatte dem schweren Wein des Flavius Scevinus derart zugesprochen, daß sie taumelten, wie die Gefolgschaft des Dionysos. Diese unermüdlichen Zecher sanken nach fruchtloser Anstrengung seufzend auf die polsterbelegten Sitze zurück. Selbst Tigellinus, der doch so gründliche Uebung hatte, wußte sich nur mit äußerster Mühe noch in Bewegung zu setzen.

Die Frauen und Mädchen, soweit sie nicht auf ihren Bisellien entschlummert waren, hatten sich ins Cavädium geflüchtet.

Nur Agrippina und die ernste Octavia saßen stolz aufrecht in ihrer Loge, klar und gleichmäßig von den ruhig brennenden Kandelabern bestrahlt, ernste, majestätische Bildsäulen.

Nero hatte sein Schwert gezogen. In eigener Person wollte er die erbärmliche Missethat, die ein tückisch-verborgener Feind an Flavius Scevinus verübt hatte, rächen.

Poppäa Sabina, die nächste Fackel aus dem ehernen Halter emporhebend, folgte ihm; denn Otho, ihr eifersüchtiger Gemahl, war nirgend zu schauen – oder die Gattin verstand es, ihm auszuweichen . . .

Poppäa, in das üppig verschlungene Gestrüpp leuchtend, zuckte mit einemmal heftig zusammen.

Sie hatte unmittelbar am Wegraine in der kleinen Vertiefung, die das Gewässer zu Thal führte, einen blinkenden Dolch entdeckt.

Ohne ein Wort zu sprechen, hob sie ihn auf.

Nero, im Eifer seiner Verfolgung, hatte ihr plötzliches Bücken nicht wahrgenommen.

Die bläulich schillernde Klinge war dreischneidig, die Blutspuren zwar nicht umfangreich, aber doch frisch genug, um jeden Zweifel an der Bedeutung dieses unerwarteten Fundes zu unterdrücken.

Immer weiter stürmte Nero voraus.

Poppäa Sabina benützte einen günstigen Augenblick, um den Dolch am taufeuchten Rasen abzuwischen und ihn vorsichtig unter den Gürtel zu schieben.

Alles war ihr nun klar.

Ganz die nämliche Waffe hatte sie neulich durch einen seltsamen Zufall in den Gemächern der Agrippina bemerkt, – ein unscheinbares Stilett, nicht dazu angethan, seine fürstliche Besitzerin zu verraten.

Einfach genug, und doch wie die kunstvolle Anzettelung eines Tragödiendichters hatte die Sache sich zugetragen.

Noch sah Poppäa im Geiste das üppige Schlafgemach.

Agrippina war unpäßlich. Poppäa brachte ein herrliches Blumengewinde »als Gruß für die holde Dulderin« – in Wahrheit, um sich bei der Kaiserin-Mutter einzuschmeicheln, im Hinblick auf Nero.

Agrippina war damals besonders huldvoll; die gelben Rosen hatten für Augenblicke ihr Herz erobert.

Sie ließ Poppäa zu sich entbieten und dankte ihr.

Außer der Kranken war nur die Pantherkatze im Zimmer, die rote Hispanierin Acerronia.

Da plötzlich fiel Agrippina in Ohnmacht. Vielleicht hatte der Duft des Rosengewindes zu stark auf ihre erregten Nerven gewirkt. Acerronia fing die Herrin sorglich in ihren Armen auf, rieb ihr die Stirne, die Wangen, und rief der erschreckten Poppäa zu:

»Die Essenz, ich beschwöre dich, die Essenz! Rechts in der Wandlade hinter dem Ebenholzschrein! Das Fläschchen mit der Ausschrift: ›Niemals zuviel!‹«

Poppäa suchte. In ihrer Erregung fand sie nicht gleich den elfenbeinernen Knopf der Wandlade. Sie suchte und drückte, bis ihr eine der übrigen Silberplatten der Wandbekleidung entgegensprang.

Die allbekannten Krystallflaschen der Giftmischerin Locusta verrieten ihr zur Genüge, daß sie hier einen sehr unerwünschten Einblick gethan hatte.

Hier lagen auch zehn bis zwölf Dolche mit dreifach gekanteter Klinge und kupfernem Rundgriff.

Sie hatte das alles wie im Fluge geschaut, – aber ihr Gedächtnis war treu.

Geräuschlos klappte sie die Silberplatte wiederum ein, fand nun sofort die Wandlade mit dem Essenzfläschchen und eilte zu Acerronia.

Niemand hatte etwas gemerkt . . .

So sollte auch jetzt niemand erfahren, wie eigentümlich ihre Entdeckung von damals sich heute verwertete.

Agrippina durfte nicht ahnen, daß Poppäa Sabina den Beweis für die Urheberschaft der Kaiserin-Mutter an dem Mordanfalle auf Flavius Scevinus hier unter dem Busen trug; daß es ihr nur ein Wort kostete, um Agrippina bei dem ahnungslos-vertrauenden Imperator jämmerlich zu entlarven. Die junge Frau blieb so Herrin der Situation. Vorläufig unverbrüchliches Schweigen – dann aber, wenn es die Umstände etwa erheischen sollten: voran! Beim Jupiter, Nero würde erkennen, wie vortrefflich dieses Stilett zu den übrigen paßte, die bei den Flaschen Locustas im Schreine lagen!

Dies alles zuckte ihr mit der Schnelligkeit eines Blitzes durch das Gehirn.

Nun eilte sie seelenvergnügt weiter.

Bald hatte sie den rastlos forschenden Cäsar wiederum eingeholt.

»Da kommen die ersten bereits zurück,« sagte sie seufzend. »Es scheint, sie haben genau so vergeblich gesucht, als wir.«

»Nichts, teurer Cäsar, nichts!« rief Tigellinus mit lallender Stimme von weitem schon. »Auch die Tribunen der Prätorianer, deren Pfad ich gekreuzt habe, sind, beim Herkules, ohne die leiseste Spur. Die Lanzen der Leibwächter haben sich überall durch Lorbeer und Myrte gebohrt: jeder irgend denkbare Spitzbube hätte aufgespießt werden müssen.«

»So hat der Missethäter die Mauer erstiegen,« sagte der Cäsar.

»Kaum glaublich, wenn er nicht im Besitz einer Leiter war. Von dieser Leiter jedoch müßte man in dem weichen Erdboden Eindrücke vorfinden, selbst wenn der Schurke sie nach sich gezogen hätte. Zudem stehen da draußen ja Prätorianer, – und Leute der Stadtkohorte, die der Lärm in die Nähe zog.«

»Gut. So weilt der Mörder in unsrer Mitte.«

Tigellinus zuckte die Achseln.

»Wer unter all den Geladenen wäre ein so verruchter Bube und Lumpenhund? Und ferner: wer hegte Feindschaft wider den wackeren Scevinus? Er ist allenthalben beliebt, ein vergnügtes, harmloses Kneipgenie . . . Seine Sklaven vergöttern ihn. Artemidorus vielleicht . . .?«

»Artemidorus befand sich im Hause, als man um Hilfe rief.«

»Nun, nun, er ist ihm doch durchgebrannt, – damals, vor einigen Monaten.«

»Das geschah nur aus Furcht, nicht aus Gehässigkeit.«

»Aber wer soll's denn gewesen sein?« fragte der Agrigentiner, ein wenig taumelnd. »Du glaubst doch nicht, daß irgend ein leidenschaftlicher Anbeter unsrer Poppäa dem Sechzigjährigen grollte, weil er Seite an Seite mit ihr durch den Park schweifte?«

»Ich glaube vorläufig gar nichts,« erwiderte Nero. »Du aber wirst mir einräumen, daß der Dolch nicht von selber geflogen kam, wie das Täubchen Melinnos. Also werde ich thun, was meines Amtes ist. Forsche nach Burrus! Heiß ihn seine Prätorianer zusammenrufen! Die Stadtsoldaten mögen draußen die Wache halten, falls der Verbrecher sich etwa in einem der undurchdringlichen Baumwipfel sollte verborgen haben. Wie die Sache jetzt liegt, traue ich keinem. Jedermann vom Senator bis zum niedrigsten Sklaven herab soll untersucht werden. Man möge erfahren, daß im Reiche des Nero solche Banditenstreiche sofort geahndet werden.«

Fünf Minuten danach erscholl die Drommete. Von allen Seiten strömte die Leibwache herzu. Auch die Gäste waren in kürzester Frist vollzählig.

»Tritt du heran zu uns auf den Hochsitz,« sagte der Cäsar zu Poppäa Sabina. »Du, die Begleiterin des Flavius Scevinus bei dem schnöden Ereignisse, stellst hier gleichsam das öffentliche Gewissen dar. Deine Trauer und deine Schönheit wird dem Schuldigen Reue und Scham einflößen und so die Entdeckung erleichtern. Auch bist du, Poppäa, die du ja mit ihm warst, die einzige, die erhaben über jedem Verdacht steht, – du, und wir, die kaiserliche Familie!«

Agrippina warf der schönen Poppäa, als diese zur Linken des Imperators stehen blieb, einen befremdlichen Blick zu, dem die übermütige junge Frau ruhig und freundlich begegnete. – Was hätte es jetzt auch für einen Zweck gehabt, Agrippina zu reizen? – Nein, Poppäa war viel zu schlau, um ihre weitausschauenden Pläne zu überstürzen.

»Wen mag sie so plötzlich dazu gedungen haben, die kaiserliche Verbrecherin?« dachte Poppäa. »Burrus gilt als ihr Günstling . . . Aber ihm trau' ich's nicht zu: das bewiese doch eine zu pöbelhafte Gesinnung. Vielleicht der Centurio Ubius, der so fabelhaft rasch avancieren soll? Pah, was bekümmert's mich? Da ich ja weiß, wo der Urquell dieser Missethat sprudelt, so weiß ich genug.«

Im Innern mußte sie herzlich darüber lachen, wie rasch und wie leicht sie, dank jener Ohnmacht der Agrippina, das Spiel durchschaut und so einen Vorteil gewonnen hatte, der ihr mit höchster Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang zu statten kam.

Trotz dieses heimlichen Siegesgefühls beherrschte sie sich, und fand so die nötige Würde, als der entrüstete Nero mit flammendem Auge in den Kreis der Gäste hinabrief: »Ein Frevel hat sich ereignet – ruchlos wie kein andrer zuvor! Helft mir den Thäter entlarven! Wer sich da schuldlos fühlt, halte es ja nicht für überflüssig, diese Schuldlosigkeit zu beweisen! Keiner verlasse hier seinen Platz, eh' er nicht dargethan, wo er bis dahin sich aufgehalten; daß er weder verborgene Waffen trägt, noch etwa Spuren des meuchlings vergossenen Blutes. Insbesondere ihr, glorreiche Prätorianer, Stützen des Rechtes und der Gesetze – ihr vor allen müßt darauf halten, daß der Schurke entdeckt werde! Malt euch die unerträgliche Schmach aus, daß er sich etwa in eurer Mitte befände! Fort mit dem Buben! Fort aus dieser ehrenwerten Truppe der Auserlesenen! Der Henker wäre zu gut dazu, ihm den Garaus zu machen.«

Ein beifälliges Gemurmel ging durch die Runde.

»So beginne mit mir,« sagte die Kaiserin-Mutter, die Arme ausbreitend, als überliefere sie sich einem entehrenden Schicksale.

Dabei geschah es, daß ihr ein silberner Nagel, dessen Spitze durch den Rand der Polsterbrüstung hervorlugte, scharf über die Hand ritzte. Ihr Blut floß hell über den Harnisch des ihr zur Rechten stehenden Centurionen Ubius, und dann, als sie mit einem flüchtigen Aufschrei zurückzuckte, über ihr eigenes lilienweißes Gewand.

»Mutter,« rief der Kaiser entsetzt, »was beginnst du! Nochmals Blut an diesem herrlichen Tage, der so leuchtend begann und so himmlisch zu enden schien?«

»Mein Sohn, dieses Blut ist ein Zufall: aber im Zufall äußert sich oft der Wille der unsterblichen Götter. Sie wollen Dich, ihren Liebling, vielleicht gemahnen, daß du die Gäste des Flavius Scevinus beleidigst, wenn du hier eine Kriminalsitzung planst, als wäre der Festplatz im Parke eines Senators die pöbelumdrängte Basilica, wo die Rechtsbeflissenen ihre Spitzfindigkeiten zum besten geben.«

Nero griff wie betäubt an die Stirne. War er denn immer noch der zehn- oder zwölfjährige Knabe, den die Mutter, wenn er mit zerrissener Tunica heimkehrte, bei den Haaren zauste, nach der ungeschlachten Manier einer Oskerin?

Schon wollte er – mit vollkommener Mäßigung, aber dennoch energisch – betonen, daß die Sicherheit seiner Staatsbürger ihm höher stehe, als die höfische Rücksicht auf die Geselligkeit. Burrus jedoch, der Oberst der Prätorianer, war ihm zuvorgekommen.

»Allgewaltige Agrippina,« sprach er mit fester Stimme; »mein Amt gebietet mir, unverzüglich ans Werk zu gehen und den Befehlen des Imperators Folge zu leisten. Mag die vornehme Dame dadurch verletzt werden: die Mutter des Kaisers wird bereitwillig anerkennen, daß der alte, schlechterzogene Soldat seine Pflicht gethan.«

Agrippina zuckte die Achseln. Wenn der Oberst der Prätorianer für Nero Partei ergriff – was konnte sie machen? Heimlich gelobte sie sich, den Bären jetzt endgültig mit Rosenketten zu fesseln, damit sie künftighin solche Ausbrüche eines unerwarteten Pflichtgefühls hintertreiben könne.

Der Befehlshaber der Prätorianer rief nun acht seiner Leute, auf deren unverbrüchliche Treue er bauen konnte, mit Namen auf, und befahl ihnen, zunächst ihre Kameraden, dann aber alle männlichen Gäste, soweit sie nicht darthun konnten, wo sie sich während des Attentats aufgehalten, sowie sämtliche Sklaven gründlich zu untersuchen. Die Frauen und Mädchen, die nicht im stande sein würden, sich sofort zu entlasten, hieß er unter Bedeckung einiger weiteren Prätorianer ins Atrium treten.

Keine der Damen erhob sich.

Die ganze Angelegenheit war über alles Erwarten schnell zu Ende gebracht.

Jeder hatte zum wenigsten zwei oder drei Zeugen, die ihm eidlich erhärteten, daß er sich anderwärts aufgehalten.

Nirgends fand sich eine stilettartige Waffe, – und die Gestalt der Wunde ließ doch keinen Zweifel darüber, daß sie von einem Stilett herrührte.

Das Ergebnis der Untersuchung war in jeder Beziehung gleich Null.

»Ich sagte es ja!« rief Agrippina. »Wir bitten euch sehr um Verzeihung, ihr edlen Gäste des Flavius Scevinus, wenn der rühmliche Rechtseifer unsres geliebten Sohnes ein wenig zu weit gegangen.«

Nero erwiderte nichts. Seine Seele war bereits von andern Bildern erfüllt. Schweigend erhob er sich und behändigte unbemerkt dem Sklaven Artemidorus das Schreiben Actes für die sicilianische Dame . . .

In der nämlichen Ordnung, wie man im Hause des Flavius Scevinus eingetroffen, wandte sich der Zug der kaiserlichen Familie dem Heimweg zu. Metella, die Gattin des bedauernswerten Scevinus, geleitete ihre erlauchten Gäste bis ans Vestibulum.

»Möge er bald genesen!« flüsterte Agrippina, der Frau des Verwundeten freundlich die Stirne küssend.

»Das wünsche auch ich,« rief Nero. Er führte die Hand Metellas dreimal an seine Lippen.

»Und möge der Unhold, der deinen Frieden gestört hat, trotz der Schlauheit seines Verbrechens entdeckt werden!« sagte Octavia, die Weinende zärtlich umarmend. »Getröste dich, liebste Metella! Polyhymnius ist ein vortrefflicher Arzt, und die Wunde ist leicht.«

Der Zug setzte sich in Bewegung. Weder Nero, noch Octavia sprachen ein Wort. Außer den regelmäßigen Schritten der Sänftenträger, des Fackelgefolges und der Soldaten der Leibwache hörte man keinen Laut. –

Nero sah einer leuchtenden Sonne entgegen, die er heute schon flüchtig geschaut, die aber morgen aufgehen sollte für sein ganzes, glückliches Leben.

Octavia hatte, ohne doch das Geringste zu wissen, das dunkle Gefühl, als würde es nie wieder Tag werden.

Das ruhig-klare Schweigen ihres Gemahls war so seltsam beredt. Sein Auge strahlte, sein Mund lächelte, wie der eines Kindes, das am Abend seines Geburtsfestes von der Puppe träumt, die ihm beschert worden ist.

Was ihn so klar, so beruhigt stimmte, und diese blühende Jugendlust über sein Antlitz goß, das konnte nur eins sein: die babylonische Rose, nach der Millionen vergeblich suchen – das Glück.

Die arme Octavia fühlte es wie ein unaussprechliches Weh, daß sie keinerlei Anteil hatte an diesen Empfindungen; daß die babylonische Rose in seinen Händen für sie den Schmerz, die Entsagung, das Unglück für alle Zeiten bedeutete.

»In deinen Schutz befehle ich Sein und Leben, allgütiger Jupiter!« murmelte sie unhörbar. Sie rang die Hände. Sie ächzte, als wollte das Herz ihr in Stücke springen, aber so leise, wie der junge Spartaner, dem das gefangene Raubtier heimlich die Brust zerfleischte. Claudius Nero, der so glückselig in die sternbestrahlte Aprilnacht hinauslächelte, sollte nicht wissen, wie ohne Maßen sie elend war.

Elftes Kapitel.

Sechs Wochen waren verstrichen.

Im lauschigen Xystus einer der reizendsten Villen jenseits des Drususbogens saß Acte auf einer teppichbelegten Marmorbank und folgte mit sehnsuchtsvoll-erwartendem Blicke dem Schatten der Sonnenuhr.

Die Stunde der Coena war jetzt vorüber.

Nero speiste heut bei dem Flottenbefehlshaber Anicetus. So war er Gast, nicht Gastgeber, wie im Palatium, und konnte aufbrechen, wann's ihm genehm schien. Es drängte ihn, möglichst frühe zu ihr zu eilen, die er mehr liebte als den Glanz seines Thrones und die herrlichsten Weisheitslehren des Staatsministers. Der junge Fürst gönnte jetzt den Großen der Hofburg jeglichen Einfluß auf die Regierung. Er litt es, daß seine Mutter, ja, daß Octavia in Dingen mitredete, die, selbst nach der Anschauung Agrippinas, die ureigenste Domäne des Imperators waren. Der Trinkspruch des Flavius Scevinus schien ganz und gar ohne Wirkung geblieben zu sein.

Nero sagte zu allem Ja, was ihm der würdige Seneca, vielfach von Tigellinus beeinflußt, vortrug.

Er verdoppelte, auf den Rat beider, für den Monat Dezember, in dem er geboren war, den Prätorianern die Löhnung, wobei es merkwürdigerweise in allen vierzehn Regionen von Mund zu Mund ging, diese politisch-bedeutungsvolle Idee entstamme dem Hirn des Agrigentiners.

Der Kaiser repräsentierte auch, wo das Hofzeremoniell oder die Hohe Körperschaft es verlangte.

Aber dies alles nur aus der Seele eines Mannes heraus, der in fröhlicher Resignation sein Tagewerk leistet, dieweil er alles Glück von den Stunden der Freiheit erwartet.

Der Gedanke an Acte beschäftigte ihn ja vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht.

Die ganze Welt war nur der Rahmen für das eine köstliche Bild, das er da insgeheim, einige hundert Schritt von der lärmenden Via Appia entfernt, selig verwahrte.

Niemand wußte noch um die Sache, als Tigellinus, dem er in überströmender Wonne alles gebeichtet hatte. Er hätte ersticken müssen an dem Uebermaße des Glücks. Und Tigellinus hatte ja bei den Manen seiner verstorbenen Mutter heilig geschworen, kein Wort zu verraten.

Acte, die rotverschnürten Füßchen übereinander schlagend, harrte auf ihren Abgott. Jeden Augenblick konnte er über die Schwelle treten. Die trauliche Marmorbank zwischen den Rosenhecken war sein erklärter Lieblingsplatz. Deshalb pflegte sie hier sein Erscheinen heranzuwarten.

Der Schatten der Sonnenuhr rückte weiter und weiter. Acte, von der Gewißheit berauscht, daß er kommen würde, übersann ihr Geschick, und sie fand sich beneidenswert, wie nie eine Sterbliche.

Die sechs Wochen, die nun hinter ihr lagen, waren ein einziger duftumwobener Traum gewesen.

Sie hatte alles verwunden, was die Gegenwart mit dem Vergangenen verknüpfte.

Wohl dachte sie noch zuweilen an die trostlosen Tage der Trennung, aber ihr Herz empfand nur eitel Wonne dabei.

Auch ihr Gewissen regte sich nicht im mindesten.

Sie wußte zwar, daß sie als gläubige Nazarenerin sündigte, wenn sie in Liebe den Mann umfing, der nicht allein vor dem Gesetze Christi, sondern auch vor den Göttern des Heidentums der Gemahl einer andern war.

Sie wußte das, aber – sie fühlte es nicht; wenigstens dann nicht, wenn sie an ihn gedachte, den sie über alle irdischen Grenzen hinaus anbetete.

Ein Blick aus seinen herzbezwingenden Augen genügte, um den letzten Rest ihrer Selbstanklagen über den Haufen zu stoßen.

Hatte sie nicht alles gethan, den Kaiser zu meiden?

War sie nicht willens gewesen, nach Sicilien zu flüchten, wo nie ein Strahl seiner berauschenden Gottheit sie erreicht haben würde?

Nur Abschied hatte sie nehmen wollen von diesem zauberisch holden Antlitz, das gleich von Anfang ihr höchster Himmel war, – und nur der Zufall oder die Fügung des Schicksals war es gewesen, was ihn gerade in dieser Abschiedsstunde für ewig an ihr Dasein gekettet hatte.

Ja, für ewig!

Eine solche Liebe konnte nicht enden; nur der Tod vermochte gewaltsam auseinander zu reißen, was für alle sonstigen Mächte der Erde unlöslich blieb.

Und dann: raubte sie ihn denn wirklich seiner herzenskühlen Gemahlin? Hatte sein ganzes Wesen nicht von Anbeginn ihr gehört, ihr, der Niedriggeborenen? Hatte Octavia ihn jemals auch nur halb so verstanden, wie sie?

Zumal seit einigen Wochen, seit vierzehn Tagen vielleicht. So lange war's her, daß im Verhalten der jungen Kaiserin eine gesteigerte Schroffheit sich ausprägte. Sie behandelte ihren Ehegemahl geradezu feindselig. Schlaflosigkeit und häufig wiederkehrende Kopfschmerzen vorschützend, hatte sie ihre Gemächer ganz von denen des Imperators getrennt . . .

Ja, die bleiche, herzlos-öde Octavia teilte mit Claudius Nero den Thron und die äußerlichen Ehren der Kaiserherrschaft; sie erschien ordnungsgemäß ihrem Gatten zur Seite, wo Sitte und Herkommen dies erheischten; sonst aber besaß sie nichts von dem Herrlichen, nichts . . .

Acte wußte nicht, was Octavia inzwischen erlebt hatte. Wenn sie's geahnt hätte, sie würde sich wohl gescheut haben, die junge Kaiserin herzlos und öde zu nennen.

Genau vor dreizehn Tagen war es gewesen. Tigellinus hatte bei Octavia heimlich um eine Audienz nachgesucht. Er schützte wichtige Staatsangelegenheiten vor, bat die Fürstin, ihre Freigelassene Rabonia und die beiden Sklavinnen aus dem Oecus zu schicken, und begann hiernach mit einer gemessenen Höflichkeit, wie folgt: »Herrin, ich fühle die Pflicht, dir eine entsetzliche Mitteilung zu Füßen zu legen, eine Mitteilung, die leider nur lückenhaft sein wird, da mir ein unverbrüchlicher Schwur gebietet, den Namen der Sünderin zu verschweigen.«

»Was gibt's?« fragte Octavia.

»Etwas Alltägliches, und doch ein Elend für die Herrin von Rom, ein Mißgeschick, das sich nicht aussagen läßt.«

»Du scheinst bewegt. Hab' ich dir dennoch unrecht gethan?«

»Unrecht, Herrin, unrecht bis in den Grund meiner Seele hinein, wie mir so viele unrecht thun, die nicht den wahren, echten, redlichen Tigellinus kennen, sondern die gesellschaftliche Maske, die meinen Namen trägt. Schwöre mir, Herrin, daß du alles geheim halten willst . . .!«

»Ich schwöre.«

»So wisse, dein Herr und Gemahl liebt eine andre, – ein junges, schönes, liebreizendes Geschöpf, aber nicht wert, dir das lichtbraune Haar zu strähnen. Sein heißes Gemüt ist dir allewig verloren: sie hat ihn verzaubert, wie Kirke die Kampfgenossen des Dulders Odysseus. Du schwankst? Du taumelst? Fasse doch Mut und vertraue mir! Siehe, hier schlägt noch ein Herz, das mit Freuden für dich, sein Alles, den Tod erlitte.«

Halb ohnmächtig war sie in seine Arme gesunken. Berauscht von der Wonnigkeit dieser Berührung hatte er sie voll Ungestüm an sich gepreßt.

Sie stieß ihn zurück.

»Elender!« sprach sie mit zuckender Lippe. »Und wär' er sechshundertmal schlechter und treuloser, als du ihn schilderst: – ich zum wenigsten will ihm treu sein bis zur letzten Minute. Wessen erfrechst du dich? Nur dein Blut könnte diese Besudelung abwaschen, – aber ich will kein Blut. Jupiter in seiner hehren Gerechtigkeit wird dich schon züchtigen.«

»Herrin . . .« stammelte Tigellinus.

»Laß mich allein!«

»Und so hätte ich nichts zu hoffen, – auch dann nicht, wenn ich's bewiese, daß Nero dich in offener Schamlosigkeit betrügt?«

»Wenn du nicht gutwillig gehst, so ruf' ich um Hilfe,« sagte Octavia, in der ganzen Fülle ihrer jugendschönen Majestät aufgerichtet. »Haben denn früher hier solche Dirnen gehaust, daß ein Mensch wie du sich erdreisten darf . . .«

»Ich gehe, Octavia,« zischte der Agrigentiner. Er war bleich wie der Tod. »Ich gehe! Auf Wiedersehen!«

. . . Von diesem herzbeklemmenden Vorfall wußte Acte nicht das geringste.

Für sie war Octavia nur das arme Geschöpf, das von Gott nicht bestimmt war, das liebeverlangende Herz des Kaisers zu begreifen und auszufüllen.

Daß sie selber, die Niedriggeborene, dies so vollkommen vermochte, betrachtete sie als ein unverdientes Gnadengeschenk des Himmels.

Sie schwindelte jetzt bei dem Gedanken ihrer maßlosen Seligkeit. Die Thränen traten ihr in die Augen.

»Gott der Gnade,« flüsterte sie, »verzeih mir mein Glück! Oder wenn du's nicht kannst, so laß mich im Jenseits für jeden Tag dieser Wonne hundert Jahre lang büßen, – unmenschliche Qual, – bis ich dann endlich, endlich, endlich wieder mit ihm vereint werde! Ich will ihm auch unermüdlich ins Ohr flüstern, daß du in Knechtsgestalt hernieder gestiegen bist, um uns loszukaufen von der Last unsrer Sünden! Seine Seele will ich erretten, – ach, leider aus Selbstsucht; denn was wäre der Himmel mit all seiner Herrlichkeit ohne den einzigen, den ich liebe, wie nichts auf der weiten unermeßlichen Welt!«

Nun blinkte ein sonniges Lächeln über ihr Antlitz. Es war ihr, als habe der Christengott sie erhört; so heilig klang es in ihrem Herzen, so göttlich ruhig.

Sie sprang empor. Im Peristyl ertönten die Schritte Phaons, des treuen Sklaven, den Claudius Nero mit der Verwaltung der kleinen Villa betraut hatte.

Die Harrende wußte, was diese Schritte besagten.

Vom Söller des Obergemaches hatte Phaon die wohlbekannte Sänfte erblickt, unter deren halbseidenen Vorhängen sich die Apollogestalt des jungen Kaisers verbarg. Die vier Lusitanier, in unauffälligem, grauem Gewand, die ihn trugen, waren verschwiegen; niemand kümmerte sich darum, wenn diese Lectica durchs Ostium in den halb überdachten Hof schlüpfte.

Acte schritt durch das Peristyl bis an den Korridor. Hier gewahrte sie hochklopfenden Herzens, wie ihr Geliebter in blumiger Tunica, die weiße Toga nur auf dem Arme haltend, der Sänfte entstieg und geraden Wegs nach dem zauberhaften Gemach schritt, wo der fünfarmige Leuchter bereits sein mildes Licht über die Wandbekleidung und das kostbare Mobiliar goß.

Das helle Blut stieg ihr ins Angesicht.

Ja, da draußen, unter den Steineichen, zwischen den duftigen Rosenhecken, am Springbrunnen, war es entzückend, Hand in Hand zärtlich zu plaudern und sich zum tausendstenmal zu sagen, daß man sich rasend, über alle Begriffe lieb habe.

Hier aber in dem stillen Gemach, wo das heimliche Liebesgeflüster so märchenhaft, so gedämpft klang, hier berauschte es Sinn und Seele noch unwiderstehlicher; auch hatte man nicht zu befürchten, es werde der Blick einer lauschenden Dienerin frech in die süße Verschwiegenheit dieses Glückes hereindringen.

Die kleine buckelbeschlagene Thür hatte sich hinter den beiden geschlossen.

Der Armleuchter an der purpurdurchwirkten Schnur leuchtete friedsam und klar, wie die milde Scheibe des Vollmonds.

Auf dem glänzenden Citrustische, unter dem florüberkleideten Fenster, stand eine silbergetriebene Kanne mit hellenischem Wein, zwei schlangenfüßige Schalen und zwei bläulich-schimmernde Murrhagefäße. Vor dem rosenfarbig gepolsterten Sigma, rechts neben dem schwellenden Ruhebette, befand sich ein ähnliches Monopodium mit duftigen Früchten und einer Flachschüssel hartgebackenen Zitronenkuchens.

Nero setzte sich auf die Kante des Lagers, umschlang seine frühlingsholde Geliebte mit jugendkräftigen Armen und drückte sie bebend an seine Brust.

»Hab' ich dich endlich, endlich wieder?« flüsterte er bewegt.

Er küßte ihr schämig gesenktes Antlitz, ihre schneeigen Schultern, ihr unvergleichliches Haar, das breit gelöst über den Nacken rollte.

Sie aber schmiegte sich auf seine Kniee, strich ihm lächelnd über das volle Gelock, und hing sich dann im Hochgefühl des Besitzes stürmisch an seinen Hals.

Das war es ja, was ihn im Wesen Actes immer und immer wieder so heiß entzückte: diese holdselige, zaghafte Scheu, diese jungfräuliche Befangenheit, und gleich darauf die hingebungsvolle Kraft einer Liebe, die keine Schranken kennt.

Nun folgte mit betäubender Innigkeit die ewig wiederkehrende Frage des Imperators:

»Hast du mich lieb? Hast du auch manchmal an mich gedacht?«

»Unablässig, jede Sekunde lang,« flüsterte Acte, vor Wonne vergehend. »Aber du? Du da draußen in der vornehmen Welt, wo die schönen Frauen und Mädchen wie Blumen sprießen, wo die Huldigungen auf jedem Schritte dir nachfolgen, wo die tausendfältige Sehnsucht allenthalben dir Netze wirft –?«

»Himmlische Acte, du übertreibst diese Dinge. Wahrlich, ich sage dir, käme die Schönheit aller Weiber, vom Tanais bis zum Gestade des Ozeans, zusammengefaßt in einem einzigen liebreizenden Wesen, – ich würde sie dennoch verschmähen, und der göttlichen Aphrodite zurufen: ›All deine Meisterwerke sind Stümperei, verglichen mit Acte, dem wonnigen Blondschatz, dessen große Pupillen so tief in die meinen schauen und mir so lieblich zulächeln: – Cäsar, hier ist deine Heimat!‹ –«

»Ja, – das ruft mein Antlitz dir zu! Ich liebe dich von Grund meiner Seele aus – du süßer, herrlicher Mensch! Dein bin ich und bleib' ich, und gälte es meinen ewigen Untergang! Zerbrich mich, Nero, zerbrich mich! Das wäre ein glückseliger Tod!«

Wie schön sie war, diese mädchenhaft errötende Acte, wenn so die Liebesglut eines unverkünstelten Herzens ihr gleichsam Flügel verlieh!

Nun schloß sie die Augen, als ob der überirdische Glanz ihres angebeteten Claudius Nero sie blende.

Ihre Wimpern erbebten und schimmerten feucht.

Sie atmete tiefer und tiefer, bis sie nach einer Weile entschlummert war, – ein Bild der Seligkeit und des unendlichsten Glücks.

Nero trat zu der silbergetriebenen Kanne, und füllte sich eine der schlangenfüßigen Trinkschalen.

Wie er, den duftigen Cyprier hoch in der Rechten, so das reizend schlummernde Mädchen erblickte, das, den Arm in bezaubernder Biegung unter das Haupt geschmiegt, an die schöne Ariadnestatue im Cubiculum des Palatiums gemahnte; wie er das hold gerötete Antlitz schaute, ihren knospenden Busen, und den halbgeöffneten, Küsse atmenden Mund, der die herrlichsten Zähne freigab, – da ergriff ihn etwas von jener dichterischen Begeisterung, die ihm oft so unmittelbar neben dem eigenen Erlebnis gedieh, daß ihm die Gegner diese echt künstlerische Veranlagung als Komödiantentum vorwarfen.

Er führte die Schale zum Munde, leerte sie halb, und schrieb dann, leise murmelnd, die folgenden Verse in seine Tafel:

Ja, beim unsterblichen Zeus, Ariadne bist du geworden
Meinem bedrängten Gemüt, das in verzehrender Qual
Unablässig geschweift durchs Labyrinth der Erkenntnis,
Ohne der gräßlichen Fahrt irgend ein Ende zu sehn.
Dich zu verherrlichen, trink' ich den leuchtenden Bacchus: doch wahrlich,
Nimmer gelüstet es mich, treulos wie Theseus zu sein.
Weh dir, erbärmlicher Thor, der blind vom entsetzlichen Wahne,
Die sich zu eigen ihm gab, irren Gebarens verließ!
Neu umdräun dich die Wege des trostlos-riesigen Bauwerks,
Weil du den Frieden verschmäht, den dir die Liebe gereicht!

Diese rhythmisch wohlgegliederten Doppelverse, die für eine Improvisation gar nicht so übel waren, erfüllten das Herz des jugendlichen Imperators mit einer Art von transscendenter Verzückung.

Er setzte sich wieder auf die Kante der Bettstatt, und beschaute andachtsvoll das liebliche Rätsel, das ihm in dieser holden, nicht genug zu bewundernden Mädchengestalt entgegenlächelte.

Ihr langhinwallendes Blondhaar, das allein ausgereicht hätte, ein nachtumdunkeltes Weltall mit Poesie zu erleuchten; dieser schwellende Arm; diese Brust, weiß wie der Blütenschnee des Aprilmonds – bei allen Unsterblichen, es war wie ein Göttertraum!

Voll heiligen Staunens hielt er den Atem an, die Geliebte nicht aufzuwecken: das Bild war zu sehr über alle Beschreibung herrlich.

Ach, und wie liebte ihn diese Acte! Wie völlig ging sie auf in seinem Besitz! Ihre zerschmelzende Hingebung fand nicht ihresgleichen im ganzen Imperium!

Plötzlich wurde er traurig.

War es nicht dennoch ein Unglück, dieses Kleinod verbergen zu müssen, als sei die beglückende Liebe zu Acte ein Unrecht? Wenn es denn in der Menschenbrust ein Gewissen gab, das die gute That lobte und die schlechte verurteilte – wohl: so hatte sich sein Gewissen niemals reiner gefühlt als jetzt; die Gottheit wünschte dann nichts Vollkommeneres und Gerechteres, als diese heißerglühende Herzensneigung.

Er suchte sich die Erinnerung an Octavia heraufzubeschwören, und so die Probe zu machen, ob sich noch irgendwo eine Stimme erhübe zu Gunsten der unglückseligen Gattin.

Aber alles blieb stumm.

Acte war sein Traum und sein Leben, und da er sie liebte, kannte er fürder nur eine Pflicht: durch Acte glücklich zu sein und die Geliebte glücklich zu machen.

Abermals lehnte er so eine Weile in Betrachtung versunken. Wie war sie himmlisch, einer kaum erschlossenen Frühlingsrose vergleichbar! Wie war sie jung! Aber ach – nur den Göttern der hellenischen Sagenwelt war ewige Jugend eigen! Dieses liebliche Mädchen, das so ganz Blüte war und so völlig die Aetherlüfte des Olympos zu atmen schien, würde trotz all seines Liebreizes dem nagenden Einfluß der Jahre nicht widerstehen können. Diese schimmernden Wangen sollten allmählich verblassen, die ganze holdselige Zaubergestalt verwelken, verwittern . . . Und am Ende der schauderhaften Entartung stand ein hohläugiges, bleiches Gespenst: der Tod.

»Weh mir, der Tod!« murmelte Nero. – »Um so – sehnsuchtstrunkener will ich das Leben umfassen, so lang es mir leuchtet. Acte, beneidenswertes Geschöpf! Nach deinem Glauben ist der Tod nur ein Uebergang in ein besseres Sein, und das Verwelken des Leibes gleicht der Verpuppung der Raupe, die späterhin als strahlender Schmetterling zur unsterblichen Sonne schwebt. Ach, könnte ich glauben, wie du! Nicodemus, dein ehemaliger Herr, hat mir – wie oft! – zu beweisen versucht, was leider, leider nicht zu beweisen ist: die ewige Seligkeit in den ambrosischen Hallen des Jenseits. Wo ich ihm Zweifel entgegenschleuderte, hob er, einer Sibylle vergleichbar, die Finger der rechten Hand, und sagte prophetisch: ›Herr, du mußt glauben!‹ Er begreift nicht, welchen Widersinn diese Worte enthalten. Es ist, als ob man dem Kranken zuriefe: ›Du mußt nun gesund sein!‹ Er hat mich abgestoßen mit seiner Unlogik. Acte freilich könnte dasselbe sagen, und würde mein Herz berücken, denn bei ihr vernähme ich nichts von dem Widerspruch der Gedanken, sondern nur die Tieftönigkeit ihres Glaubens . . . Sterben, sterben . . .! Für ewig dahin gehn mit allem, was man gefühlt und gedacht und geträumt und geliebt hat! Es ist seltsam, wie mir das an die Seele faßt. Sonst verstand ich es doch, wenn mir Seneca nachwies, daß der Untergang unsres Ich kein Uebel bedeute. Seit ich Acte besitze, möchte ich ewig leben. Ewig um ihretwillen.«

Er beugte sich über die Schlummernde und küßte sie wie von Sinnen. Sie schlug die Augen auf, streckte ihm selig lächelnd die Hände entgegen, umschlang ihn und zog ihn liebend zu sich herab.

Jetzt nahm auch sie von dem Weine, den er ihr darbot. Sie trank wie eine Verschmachtende. Dann lohnte sie's dem Geliebten mit einem duftigen Kuß, hieß ihn an ihrer Seite verweilen, und blickte ihn, halb sich aufrichtend, wonnevoll an.

»Acte,« sprach er, mit ihrem goldigen Haar spielend, »Acte, mein Stern, mein Liebchen, mein Alles – bist du glücklich?«

»Unendlich glücklich.«

»Hast du irgendwie einen Wunsch, den du geheim hältst?«

»Nein . . .«

»Acte, ich sehe, wie du errötest. Sprich mir die Wahrheit!«

»Nun, ich dachte, wie es doch herrlich wäre, wenn ich dich manchmal begleiten dürfte, – zum Beispiel ins Marsfeld . . . Ach, weißt du noch, – die selige Stunde im Gezelte des Magiers? Aber das geht ja nicht . . .«

Nero stützte sein schönes Jünglingshaupt in die Rechte.

»Das geht nicht?« fragte er, dem jungen Mädchen das Kinn streichelnd. »Wer, vielteure Acte, wollte mir's wehren?«

»Deine Mutter, – Octavia, – der hohe Senat – was weiß ich!«

»Ich will dir beweisen, wie schwer du dich im Irrtum befindest. Ich bin der Herr, und mir gehorcht das Prätorium und das redliche Volk. Morgen kann ich nicht . . . Morgen speise ich bei Thrasea Pätus. Uebermorgen jedoch finde ich einen Vorwand . . . In der vierten Nachmittagsstunde hol' ich dich ab in die Prunkalleen des Campus.«

»Ach, wie reizend!« Sie klatschte in beide Hände. Es war ihr in der Abgeschlossenheit ihres Landhauses doch mitunter recht einsam geworden, obgleich der vortreffliche Phaon, ihr Obersklave, sie in Staatsgeschichte und Naturwissenschaft emsig und mit gutem Erfolg unterrichtete.

»Nun seh' ich, daß du um meinetwillen was wagst,« stammelte sie verzückt. »Aber ich will nicht Mißbrauch treiben mit deiner Güte. Vorsicht heißt die Mutter der Weisheit. So viel es an mir liegt, soll mich keiner der widerlichen Gaffer erkennen, die sich allenthalben heranwerfen. Ich will mich verschleiern . . .«

»Mach, was du willst! Jetzt aber – nur noch ein Viertelstündchen in süßem, weltvergessenem Geplauder! Ach, die Zeit meines Glückes ist leider noch immer ein achtfach geflügelter Hermes!«

»Nero, mein Herr und Gott!«

»Acte! Acte!«

Zwölftes Kapitel.

In rosigster Laune kehrte der Imperator zwei Tage später nach der Villa seines sehnsüchtig harrenden Mädchens zurück.

Noch stand die Sonne zwar hoch, aber ein köstlicher Seewind strich seit der vierten Morgenstunde vom Tyrrhenischen Meere herüber, atmete weich und erfrischend durch die hohen Cypressen und zerstreute den Duft der Purpurrosen, wie ein übermütiger Knabe, in alle Winkel des Gartens.

Die prächtige Sänfte, von acht Lusitaniern in halbseidenen Veilchenkostümen getragen, war mitsamt den glänzend ausgestatteten Sklaven ein Geschenk des Kaisers für seine maßlos geliebte Acte.

Er sagte ihr dies, nachdem sie zusammen das Tragbett bestiegen und die veilchenfarbenen Gardinen so dicht geschlossen hatten, daß ohne besondere Anstrengung niemand hereinschauen konnte.

Sie dankte mit einem glühenden Kusse, – aber doch so, daß er fühlen mußte, dies kostbare Geschenk sei ihr nichts im Vergleich mit dem Glücke, das sie an seiner Seite und im Vollbesitz seiner Liebe empfand.

Mit einemmal schmiegte sie sich errötend an seine Brust, liebkoste seine Wange und sagte dann halblaut: »Es ist doch gerade als ob wir verheiratet wären, richtig vor Gott und seinem Gesetz! Ach, Nero, würde das himmlisch sein . . . Ich – so offen an deiner Seite, durchs weite Rom . . .! Mir schwindelt, wenn ich nur daran denke. Laß mich um Fingersbreite noch den Vorhang zurückziehen! Mein Schleier ist dicht genug: man erkennt mich nicht.«

»Ganz wie du willst,« versetzte der Kaiser. »Deine Stimme betrachte ich als die Stimme des Schicksals.«

»Auch sieht man so viel besser das blühende Rom, und die herrlichen Prunkpaläste, und die Bürger in ihren glänzenden Togen . . . Dort – beinahe vor uns – erhebt sich der Aventin mit seinem Dianatempel; und drüben, links, der langgestreckte Janiculus. Wie schön sich hier die schwarzblauen Schatten gegen das Licht abgrenzen! – Sprich, kommen wir über das Forum? Ich hätte Lust, dein fürstliches Heim zu schauen, und mir so einzureden, auch ich hätte ein Recht, die Schwelle des Palatiums zu überschreiten.«

»Das hast du, Acte!«

Sie verschloß ihm den Mund.

»Rede nicht!« bat sie schmeichlerisch. »Genug, daß ich die unglückliche Octavia aus deinem Herzen verdrängt habe! Genug, und mehr als genug! Aber siehe, ich stürbe lieber, als daß ich zugäbe . . . Nein, das Palatium ist der Tempel der Schuldlosen, und ehe ich sie verfolgte bis in ihr Heiligtum, eher wollt' ich zu ihren Füßen den grausamsten Tod erleiden.«

»Sprich nicht so thöricht! Wenn sie nun die Absicht hätte, dies Heiligtum rückhaltslos aufzugeben? Wenn sie flüchten wollte, so daß ich inmitten dieses cäsarischen Glanzes allein stünde . . .?«

»Das wird sie nicht! Aber jetzt biegen wir ein . . . Das ist die Via Sacra . . . Und dort, vom Tempel der Dioskuren beschirmt, ragt die ehrwürdige Hofburg der Imperatoren zum Himmel auf. Die Hofburg meines glühend geliebten Nero!«

Plötzlich fuhr sie zurück.

»O, wie verdrießlich!«

»Was hast du?« fragte der Imperator.

»Das war Pallas, der Vertraute der Kaiserin-Mutter. Er kam unmittelbar an unsrer Lectica vorüber. Er hat mich erkannt.«

»Du bist ja verhüllt, wie ein ägyptisches Zauberbild.«

»Nicht ganz so, – und Pallas hat scharfe Augen, Ich erzählte dir schon . . .«

»Ja, du erzähltest mir, daß auch er sein Antlitz emporgehoben zu der himmlischen Acte. Wie muß er unglücklich sein! Ich beklag' ihn aus vollstem Herzen.«

»Gleichviel, er hat mich erkannt, und ich fürchte . . .«

»Was denn, mein zaghaftes Reh?«

»Er wird uns zu schaden suchen . . .«

»Bin ich nicht Kaiser?«

»Das wohl . . . Aber gerade als Kaiser hast du schon Feinde genug, so daß ich's für überflüssig erachte, auch dem Privatmanne Widersacher zu schaffen, – dazu noch so unheimliche, wie diesen finsterblickenden Pallas.«

»Du überschätzest ihn. Zudem, wenn er dich auch erkannt hätte, wüßte er dann etwa sofort, wer dein Begleiter wäre? Verlaß dich darauf, seine Vermutung, ich sei in die Freigelassene des Nicodemus verliebt, war nur ein ganz vorübergehender Einfall. Er sucht seinen Rivalen wo anders. Daß er dir aber auch nur ein Härchen deines goldschimmernden Hauptes krümme, das wird Claudius Nero zu hindern wissen.«

»Du hast recht,« flüsterte Acte. »Frisch und vertrauend, das sei unser Grundsatz! Allgütiger Himmel, wie schön das ist! Das ganze Marsfeld ein einziger, blütenbesäter Garten! Dort die Platanen, die Steineichen! Hier die flammigen Blumen zwischen den Rasengründen! Und hier die Buchsbaumfelder mit ihren künstlich ausgeschnittenen Figuren!«

»Siehst du dort das riesige C. N. C. – vor den Säulen der Marmorhalle?«

»Das bedeutet ›Claudius Nero Cäsar‹!« jubelte Acte. »Die ganze Pracht und Herrlichkeit dieser Welt scheint nur dazu da zu sein, um dir zu huldigen, mein Einzig-Geliebter!«

»Und doch bist du in all dieser Pracht die einzige Perle, die mich wahrhaftig beseligt.«

Sie sah zu ihm auf.

»Ist's auch wahr?« fragte sie schalkhaft.

»So wahr die Maisonne uns zu Häupten, und ein ewiger Frühling uns in den Herzen glüht! Acte, Acte, mit Worten ist's ja nicht auszusagen, wie ganz und gar ich ein andrer geworden, seit du mich liebst! Ich verstehe jetzt die Natur und mich selbst; das ewige Sehnen, das durch den Weltraum geht, ist mir kein Rätsel mehr. Und so glaube ich auch: die Sehnsucht, das Verlangen, der Wille nach Glück ist der einzig wahrhaftige Kern unsres Wesens. Leben ist Lieben, Leben ist Wollen. Und lehrt ihr Nazarener denn etwas andres, wenn ihr dies Wollen noch hinausverlegt über die Todesstunde, wenn ihr ein ewiges Wollen, ein ewiges Leben hofft?«

Acte, von unsäglicher Lust durchschauert, lehnte ihr bänderumflochtenes Köpfchen an seine Schulter.

»Dort ist das Zelt des Aegypters,« fuhr Nero in verändertem Tone fort. »Wenn ich bedenke, wie dreist der pfiffige Nicodemus über dein Glück verfügte! Schmachvoll! Der Gerechte und Weise hatte nur außer Betracht gelassen, daß ein reines Mädchenherz keine Ware ist, die man verschachert, sondern ein Schatz, der sich aus freiem Antrieb verschenkt . . .«

»Nein, nicht aus freiem Antrieb, sondern weil ihm die Liebe ihr unabweisbares Joch auferlegt. Ach, ich liebte dich wie von Sinnen . . . Hättest du damals mich bei der Hand gefaßt, – ich wäre dir blindlings gefolgt bis ans Ende der Welt . . .«

»Ja, ich hab' es versäumt . . .« murmelte Nero betrübt.

Dann sich aufraffend: »Schäme dich, thörichter Knabe! Alles besitzest du, und willst Nänien und Trauergesänge anstimmen? Laß uns fröhlich sein, Acte! Laß uns die Gegenwart voll und verschwenderisch auskosten! Wehmütige Gedanken sind albern, wenn Liebe bei Liebe ist. Ja, dort steht das Zelt des Aegypters, – aber ich lache darob! Bin ich nicht tausendmal glückseliger als im verwichenen Herbst? Weiß ich nicht, was ich damals nicht ahnen konnte: daß du mich liebst?«

»So gefällst du mir! Ach, wie es hier glänzt und leuchtet zwischen den Baumgängen! Ueberall prangt mein Geliebter – in Marmor, in Bronze, in Silber, in Gold, – und überall ist es der gleiche, anbetungswürdige Heros. Du hast den bezauberndsten Mund, den ich jemals erblickt habe. So wonnige Lippen – wie zum Kusse geschaffen, zum Gesange und zur Beredsamkeit. Nero, ich werde noch wahnsinnig vor Selbstüberhebung und Stolz. So weit die bewohnte Erde reicht, tönt dein Name, dein himmlischsüßer, göttlicher Name . . . ›Nero!‹ murmelt der Lusitanier, und Ehrfurcht beugt ihm beim Anblick deines Bildes die Kniee. ›Nero‹ klingt es in Asien und Afrika; ›Nero‹ in Gallien, und jenseits der Grenze bei den Germanen . . .«

»Die nun allerdings ihre Kniee vor dem Standbild des Kaisers nicht in Bewegung setzen!«

»Nicht? Weshalb nicht?«

»Weil sie ein freies Volk sind, und den römischen Adlern keinerlei Heerfolge leisten.«

»Du zeigtest mir doch jüngsthin vom Söllergemach einen chattischen Edlen in römischer Rüstung?«

»Das war Giso, der Sohn des chattischen Häuptlings Lollarius. Giso thut bei uns Dienste, um die römische Sprache und die römische Kriegswissenschaft zu erlernen und dann im Heimatlande seine Erfahrungen nutzbar zu machen.«

»Du gestattest ihm das?«

»Weshalb nicht? Wenn ich's ihm weigerte, sähe das nicht danach aus, als ob das römische Reich die germanischen Völkerschaften an seiner Grenze fürchtete?«

»Da hast du recht, – ich überlegte das nicht.«

»Uebrigens hat uns dieser jugendmutige Chatte schon redlich gelohnt, was wir ihm beigebracht – im Ostland gegen die widerwärtigen Parther, und weiter nordwärts gegen zwei sarmatische Stämme, die keinen Respekt vor der römischen Größe zeigten.«

»Ach,« seufzte das junge Mädchen, »wie wollte ich glücklich sein, all diese Erwägungen mit dir teilen zu können!«

»Merkst du denn nicht, daß ich selber aufgehört habe, sie ernst zu nehmen? Du und die Schönheit der ewig jungen Mutter Natur, die mir ein ohnmächtiger Versuch bedünkt, deine Herrlichkeit nachzustammeln, – das ist meine Welt, meine Gegenwart, meine Zukunft. Sieh doch, wie es da plötzlich aufleuchtet am Giebel des alten Minervatempels! Die Sonne schreitet nach Westen, und so ist es, als riefe die Göttin der Weisheit mir selber Beifall mit den Flammen ihres nachtverscheuchenden Lichtes.«

»Ja, die Gegenwart und die Zukunft! Heute abend im Cäcuber lass' ich sie hochleben, – so laut und so lange du willst. Aber sag doch, wer ist das üppige Weib, das sich dort an der Seite der zierlichen Orientalin dahintragen läßt, – die Sänfte in Blaßrot, die Träger in Braungelb . . .? Sie ist schön, – aber der lodernde Blick ihrer Augen erschreckt mich . . .«

»Hörtest du nie von Poppäa Sabina, der Gattin des Otho, meines Jugendgespielen?«

»Doch, doch . . . Aber sieh nur, wie sie dich anschaut! Sie muß dich von weitem erkannt haben. Wie Zorn bebte es über das stolze Gesicht . . .«

»Was thust du?«

»Ich halte den Vorhang zu, bis wir vorüber sind . . .«

»Damit sie doppelt aufmerksam wird . . .?«

»Damit ihr böser Blick dir nichts anhaben kann. Sprich, Nero, kömmst du öfter mit ihr zusammen?«

»Sehr selten, und zudem bin ich gegen die bösesten Blicke so sicher gefeit, als trüg' ich ein Amulett auf der Brust.«

»Wir Nazarener glauben nicht an die Wunderkraft dieses Tandes,« versetzte Acte. »Aber wolltest du eine Locke von meinem Haar schneiden, und sie allezeit bei dir führen – ich dächte, das müßte dir Glück bringen.«

»Heute noch raub' ich mir diese Locke. Sie wird mich schützen, wenn alles um mich in Trümmer fällt.«

»Sag mal, wer war denn die Dunkelhaarige, die neben ihr saß? Die hatte auch einen Blick . . . ich weiß nicht, die beiden passen zusammen!«

»Meinst du? Das war Hasdra, die Vertraute der Poppäa Sabina . . . Man sagt ihr nach, sie sei bis über die Ohren in Pharax verliebt . . .«

»Pharax?«

»Nun ja, Pharax, der neugebackene Centurio der Leibwache . . .«

»Der nämliche . . .? Aber nein, der war doch damals noch Soldat in der Stadtkohorte.«

»Doch, doch, derselbe, der damals den Artemidorus führte. Wer sich der Gunst der Kaiserin Agrippina erfreut, der macht rasche Fortschritte auf dem Wege zur Höhe . . .«

»Nun, ich gönne die Hasdra dem Pharax und den Pharax der Hasdra. Weißt du, Nero, ich möchte alles umher recht von Herzen glücklich und froh sehen. Ach, wenn ich zu gebieten hätte, gäb' es kein Weh und kein Jammern mehr; nur sonnige Lust, nur ambrosisches Jauchzen . . .«

»Dann fall dem Tod in den Arm, wenn er der Mutter das blühende Kind hinwegmäht, und dem Vater den vortrefflichen Sohn! Dann schaff' die thörichten Hoffnungen aus der Welt, und die Krankheit, und das markverzehrende Alter . . .!«

Das war der letzte ernstere Klang in ihrem Geplauder. Wie schwellend reichten die Ulmen, die Pinien, die Ahornbäume sich die gewaltigen Aeste über den wohlig beschatteten Weg hin! Wie öffnete jede neue Wendung der Sänftenträger entzückende Fernsichten, bald auf den fünfzackigen Berg Soracte, bald auf die Höhen von Alba oder die langgestreckte, malerisch zerklüftete Hügelreihe Sabinums! Der Turm des Mäcenas hob sich stolz wider den blauen Hintergrund ab – und rings, so weit das Auge reichte, Blume an Blume, Ranke an Ranke, üppiges Frühlingsgrün, so recht eine Welt zum traumverlornen Genießen.

Noch eh' die Sonne sich bis zum Scheitel des Mons Janiculus herabgeneigt hatte, war das glückselige Paar wieder daheim in der Villa jenseits des Drususbogens.

Nero speiste heute bei Acte. Sie war närrisch vor Freude über diesen reizenden Einfall; ihr Küchenmeister hatte für ein erlesenes Mahl gesorgt. Mit eigener Hand goß sie ihrem Geliebten den köstlichen Wein in die Schale: – campanisches Vollblut, gekeltert beim Regierungsantritt des Kaisers Claudius; dann Reben aus der Zeit des Augustus; und schließlich als Perle des Frohgelages Falerner, nach den ehvorletzten republikanischen Konsuln betitelt.

»Welch ein herrlicher Tag!« jauchzte Acte. »Es lebe die Gegenwart und die Zukunft! So hatten wir's ausgemacht in der Sänfte.«

Er leerte den Becher bis auf den Grund, und stellte ihn dann energisch zwischen die Fruchtschalen.

»Komm!« seufzte er, und drückte ihr einen Feuerkuß auf die Kehle.

Sie betraten das Zimmer, – und es war, als hätten sie's kaum erst verlassen. Auch der fünfarmige Leuchter brannte; nur stand schneekühle Milch an Stelle des Weines auf dem kunstvollen Monopodium. Sie schlang beide Arme um seinen Nacken. Dann schien alles wie gestern zu werden . . .

Da plötzlich klopfte es wider die Thüre, leise, bescheiden, aber doch ernsthaft, wie von einem, der sich seines Rechtes bewußt ist.

Stirnrunzelnd sprang der junge Cäsar empor.

»Was bedeutet das?« fragte er, zitternd vor Ingrimm.

»Ich begreife es nicht. Keine unter den Dienerinnen würde es wagen . . . Phaon vielleicht . . .?«

»Phaon«, sagte der Imperator, »weiß, daß ich ihm strengstens verboten habe . . .«

»So muß es etwas Außergewöhnliches sein, was ihn zum Ungehorsam veranlaßt.«

»Willst du, daß ich ihm öffne?«

»Tritt an die Thüre und frage bloß . . .«

Sie war bleich geworden bei dem schroffen, unangenehmen Ton, der in die Stille dieser lauschigen Einsamkeit wie der Ruf einer Kriegsdrommete hereingedrungen.

»Ich habe ein Herzklopfen . . .« sagte sie angstvoll.

Er strich ihr schmeichlerisch über das flutende Haar.

»Du liebe Thörin! Wovor erbangst du? Was hienieden soll dich bedrohen, wenn du so gut bleibst und so hold wie bisher, und wenn der Kaiser seinen Arm über dich hält?«

Er trat gelassen zum Eingang, schob den Riegel zurück und fragte durch die Spalte hindurch: »Bist du es, Phaon?«

»Ja, Herr!« klang's in gedämpftem Tone zurück. »Verzeih mir, wenn ich im Ungestüm der Erregung vergaß, was du mir anbefohlen. Aber es war in der That ein eigentümlicher Vorfall.«

»Wart einen Augenblick!«

Dann zu Acte gewandt: »Es ist Phaon. Kann er hereintreten?«

Sie hatte eine milchfarbene Palla über die Schultern geworfen.

»Meinetwegen, ja!« versetzte sie, halb schon neugierig, obwohl die Verstimmung über den plötzlichen Schreck ihr noch in den Gliedern lag.

Der Sklave erschien und verneigte sich ehrfurchtsvoll.

»Sprich!« winkte ihm Claudius Nero.

»Die Sache ist schneller erzählt, als die Fabel vom sterbenden Löwen. Ich stehe da just am Vestibulum und schau' so hinaus in den rosigen Abend, nichts denkend oder doch wenig: da tritt so ein unbekannter Pacuvius oder Lucilius, die Kapuze der Pänula halb ins Gesicht gezogen, recht ungebührlich zu mir heran und fragt barsch, wie ein Packträger: ›Wohnt hier Acte, die Freigelassene des Nicodemus?‹«

»Und was gabst du zur Antwort?« forschte der Cäsar.

»Nun, ich versetzte ihm kurz aber deutlich, er sei ein Flegel.«

»Das muß man dir lassen, Phaon, du beherrschest die Umgangsformen! Der Flegel inzwischen – wie verdaute er diesen Brocken?«

»Er stürzte mit einer gewissen Heftigkeit über mich her, packte mich vor der Brust, empfing einige Faustschläge und brüllte dann zornig: ›Willst du gar den Beleidigten spielen, du erbärmlicher Kuppler? Ich stehe hier im Namen höherer Gewalten, die dich zerschmettern können!‹ – ›Noch ein Wort, und ich hau' dich fünf bis sechsthalb Klafter tief in den Boden hinein!‹ rief ich erbittert. Da sah er, ich war keiner von denen, die sich ankläffen lassen, und so ward er denn höflicher. Nach einigem Hin und Her gab er mir eine doppelt umschnürte Wachstafel. ›Die Sache eilt außerordentlich‹, fügte er ernsthaft hinzu. ›Das Wohl und Wehe des Cäsars hängt von der pünktlichen Einlieferung ab! Fliege also – und tritt auf wie ein Siegesgewisser!‹ Verzeih mir – so bin ich denn hergelaufen, deinem Gebote zum Trotz; denn ich dachte, möglicherweise hat es doch vielleicht Eile damit, und das Schicksal verlangt's.«

Phaon entfernte sich.

Der Kaiser nahm eins der silbernen Fruchtmesser und zertrennte die seidene Schnur, welche das Briefgetäfel widereinander preßte. Dann las er mit halblauter, ironischer Stimme wie folgt:

»Die ehemalige Sklavin Acte, von dem römischen Ritter Lucius Nicodemus zu ihrer eigenen Verderbnis mit der Freiheit beschenkt, wird hiermit aufgefordert, ihre Beziehungen zu dem erhabenen Beherrscher des Weltreichs augenblicklich zu lösen und den göttlichen Imperator unverzüglich seiner edlen Gemahlin, die verzweiflungsvoll um ihn trauert, wieder zurückzugeben.

Octavia selber weiß, beim allmächtigen Jupiter, nicht das geringste von diesem Schritte.

Aus eigenem Antrieb vielmehr wendet sich das Gerechtigkeitsgefühl und die Klugheit ehrlicher Vaterlandsfreunde mit einem geschäftlichen Vorschlag an die Verführerin.

Wenn sich die Freigelassene Acte bereit finden läßt, ihre Wohnung und das Weichbild der Siebenhügelstadt binnen drei Tagen auf Nimmerwiederkehr zu verlassen, so wollen die Partner der jungen Kaiserin Gnade üben, die Freigelassene Acte nicht weiter behelligen, noch etwa sie den Aedilen um ihres Wandels willen zur Züchtigung überantworten, sondern vielmehr am Tage des Wegzugs ihr eine Summe behändigen, die ihr auf Lebenszeit ein behagliches Auskommen sichert.

Weigert sich Acte, so mögen die gräßlichsten Folgen über ihr Haupt kommen.

Der ihr diese Wachstafel übermitteln läßt, hat den Willen sowohl als die Macht, auszuführen, was er ihr androht.

Acte wird aufgefordert, heute noch ihren Entschluß dadurch zweifellos kund zu geben, daß sie zu Anfang der zweiten Nachtwache ihren Söller betritt und dem Manne, der diese Tafel ihr hat behändigen lassen, ein vernehmliches: ›Ja, ich reise!‹ entgegenruft, sobald er, von einem Fackelträger begleitet, am Hause vorüber kömmt. Sein Erkennungszeichen wird sein: über der Pänula ein flammrotes Tuch und das lautgesprochene Wort: ›Es reut sie!‹«

Als Nero geendet hatte, saß Acte wie niedergeschmettert auf einem der Bronzesessel. Glühende Thränen quollen ihr zwischen den halbgeschlossenen Wimpern hervor.

Nero legte die Wachstafel ruhig, aber dennoch mit geheimer Beklommenheit auf das duftige Monopodium.

Dann zu Acte herantretend: »Liebling! Ich kenne die Schriftzüge, so mühevoll sie verstellt sind!«

Das schluchzende Mädchen schaute hastig empor.

Er trocknete mit den Falten ihres Gewandes die zährenbenetzte Wange.

»Es sind die Schriftzüge meiner Mutter, der Kaiserin Agrippina,« sagte er feierlich. »Mit unsäglicher Sorgfalt hat sie den Griffel geführt; mit berechnender Absicht hier und da eine Linie gegraben, die mich beirren sollte. Aber ich kenne sie – und malte sie ihre Buchstaben mit der Linken. Sieh doch ihr A und ihr nahezu griechisches S! Zudem: wer sonst sollte in ganz Rom sich erdreisten, solche Ungeheuerlichkeiten an die Braut des Imperators zu richten?«

Acte seufzte.

»Deine Mutter habe ich allerdings noch schwerer zu fürchten, als deine Gemahlin.«

»Octavia ist ernst und gemessen,« erwiderte Nero. »Ihre Liebe zu mir scheint seit lange im Schwinden. Da hast du recht. Eher noch, als an die Urheberschaft der armen Octavia, würde ich an gewisse Staatsbeamte, an unzufriedene Senatoren und Ritter denken. Es gibt Leute genug, die den übermächtigen Einfluß der Agrippina verabscheuen und vielleicht in der Absicht, unsern Verdacht auf Agrippina zu lenken, derartige Drohbriefe in die Welt setzen könnten. Auch senatorische Damen gibt's, die mit Unlust bemerken, daß ich seit jenem vielversprechenden Anlauf bei Flavius Scevinus mich von jeder Festlichkeit fern halte. Aber all diese Variationen sind Hirngespinste. Ich bin meiner Sache gewiß. Auch an verschiedenen Wortwendungen erkenn' ich die trotzige Weise der Herrscherin, die noch nie einen Wunsch geäußert, ohne im nämlichen Augenblick die Erfüllung zu sehen.«

»Welch ein Unglück!« stöhnte das junge Mädchen.

»Unglück? Wieso? Wer ist Herr und Gebieter in Rom: ich oder Agrippina?«

»Sie ist deine Mutter!«

»Du willst sagen, sie knechtet mich, weil ich bis dahin ihre thätige Mitwirkung bei den Staatsgeschäften geduldet habe? Du irrst, Acte! Was bis heute geschah, das geschah nur um deswillen, weil es meinem Verlangen entsprach. Ich bin kein asiatischer König, dem es Vergnügen macht, bis in die fernsten Provinzen seine unbegrenzte Gewalt fühlen zu lassen. Ich begeistere mich nicht für die umständliche Maschinerie des Beamtentums, für die Rechtsstreitigkeiten der Bürger und den kleinlichen Ehrgeiz der Offiziere. Was ich in dieser Beziehung geleistet habe, das geschah nur aus Pflicht. Zwischen Seneca und den geheimnisvollen Lucius Nicodemus eingeklemmt, schritt ich vorwärts auf dem einmal betretenen Pfade: aber je mehr die andern von dem lästigen Reisegepäck mir abnahmen, um so frischer ward mir zu Mute. Ich bin ein Mensch, Acte, ein Freund des Schönen und Edlen, ein Künstler, ein Dichter. Ach, und vor allem ein zärtlich liebender Tollkopf, dem eine Stunde in deinen wonnigen Armen lieber ist, als hundert Triumphzüge über die Parther. Seitdem du mein bist, hab' ich die andern gewähren lassen. Agrippina und Seneca führten das Scepter; kaum noch, daß ich mit Burrus halb im Verkehre blieb und mit dem eifrigen Tigellinus, der mich bei den Soldaten der Leibwache gelegentlich mich tüchtigen Goldspenden in gutes Gedenken bringt. Jetzt aber, da sie das eine mir rauben wollen, was ich mir vorbehielt, jetzt sollen sie fühlen, daß nur meine Gnade zu dem sie erhoben hat, was sie bedeuten; daß ich der Herr bin über sie alle, und daß ich mein Glück verteidigen werde bis auf den letzten Blutstropfen.«

»Du wirst dich zu Grunde richten,« jammerte Acte. »Steure nicht wider den Strom! Kämpfe nicht thöricht gegen die wildanstürmende Uebermacht! Nero, mein Liebling, du täuschest dich! Glaube mir doch, die Zügel, die du beinahe schon aus der Hand gegeben, sind nicht im Augenblicke wieder erfaßt, – und eh' sie erfaßt sind, liegt deine Acte zermalmt und zertreten unter den Hufen!«

Er riß sie stürmisch empor. Mit der Linken ihre Hüfte umklammernd, hob er die Rechte und that einen furchtbaren Schwur, daß er sie schützen und schirmen werde bis zum letzten verröchelnden Atemzug.

Nun hing sie wieder selig an seinem Hals und küßte ihn – so süß und so schmeichlerisch, wie nur sie es verstand in ihrer kindlichholden Vermischung von Jungfräulichkeit und leidenschaftlicher Frauenart.

»Nero, was soll ich thun?« hauchte sie zärtlich. »Sprich nur! Ich gehorche dir blindlings, und wüßte ich, daß es mein Tod wäre!«

»Du bleibst ruhig zu Hause,« lächelte Nero, ihre Küsse erwidernd. »Laß durch unsern getreuen Phaon das Ostium und das Posticum doppelt verriegeln! Ich schicke dir unverweilt ein Dutzend meiner Gefolgsleute. Sollte der Unbekannte, wenn du die Antwort verweigerst, zudringlich werden, so befiehlst du ihm: ›Packe dich!‹ Wenn er sich dann nicht ohne Zögern zurückzieht, läßt du ihn festnehmen. Noch einen Kuß, Acte! Welch ein himmlischer Frühlingshauch entströmt deinem Haargelock! Narzissen und Rosen! Ach, und ach! diese Lippen! So, nun sei gutes Muts, mein angebetetes Mädchen, mein wonniger Herzensschatz!«

»Leb wohl!« stammelte Acte. »Leb wohl zu tausendmal!«

»Diese Wachstafel hier stecke ich zu mir,« sagte Nero geschäftsmäßig. »Heute noch red' ich mit Agrippina. Sie wird ihre Urheberschaft nicht ableugnen. Auf alle Fälle soll das Palatium erfahren, wie Nero es aufnimmt, wenn irgend eine sterbliche Hand sich an Acte versündigt.«

Er schwang die Toga über die Schulter und schritt, einen Blick der unendlichsten Zärtlichkeit auf die Geliebte heftend, dem Ausgange zu.

»Flink, Leute!« herrschte er seine muskelkräftigen Lusitanier an, die auf den Marmorfliesen zwischen den schlanken korinthischen Säulen kauerten.

Sie sprangen eiligst empor und legten sich die Tragriemen über die Schultern.

Nero schmiegte sich in die Polster.

Phaon stand am Seitenrande des Tragbetts; auch die Obersklaven des Atriums und einige Sklavinnen drängten sich dienstbeflissen heran.

Der Kaiser warf eine Handvoll Goldstücke unter die Leute, nickte den üblichen Abschiedsgruß der römischen Großen, und befahl dann mit energischer Stimme: »Nach dem Palatium!«

Dreizehntes Kapitel.

Die vier Lusitanier hatten im Ostium ihre Hornlaternen entzündet. Einige Sklaven folgten mit schmalen, hochaufragenden Fackeln.

Die endlose Via Appia, die nach einigen hundert Schritten erreicht war, lag schweigend in ihrer magischen Dämmerung. Milchweiß geballte Wolken, vom Schimmer des Mondes nur an ihren dünneren Schichten durchdrungen, überschwemmten das Himmelsgewölbe. Rechts und links ragten die Grabmäler vor den Landhäusern auf, – düstere Mahnungen an die Vergänglichkeit alles Schönen, an das Recht des Genusses, an die unveräußerlichen Rechte der Leidenschaft. – In der Ferne, jenseits des Tibers, stieg, wie ein seltsames Wrack in dem versteinerten Meere, das den Cäsar auf seiner nächtlichen Fahrt hier umflimmerte, der Berg Janiculus auf, der Stolze, Trotzige, der allein erhaben schien über den elegischen Schauern dieser dämmernden Mondnacht.

Rechts am Eingang der Via Sacra traf man die Leibwache, die der Cäsar zum Beginn der ersten Vigilie dorthinbestellt hatte.

Die Prätorianer schlossen sich lautlos der Sänfte an.

Zehn Minuten später hielt das fürstliche Tragbett vor dem fackelerhellten Vestibulum des Kaiserpalastes.

Seneca, der den Herrscher für heute abend zu einer wichtigen Besprechung erwartet hatte, eilte mit großer Hast auf ihn zu.

Nero wies ihn ungeduldig zurück.

»Alles Ernste auf morgen! Ich habe noch einige spaßhafte Privatangelegenheiten zu ordnen. Wo ist Octavia? Und wo die Kaiserin-Mutter?«

Seneca drapierte sich vornehm in seine Toga.

»Die Gattin des Imperators,« sagte er starr und förmlich, »verweilt, wie ich annehmen darf, noch im Oecus bei der Kaiserin-Mutter. Wünscht mein Kaiser die beiden erlauchten Frauen zu sprechen? Es ist schon spät, – und ich fürchte, Agrippina ist sehr ermüdet. Nur der Wunsch der Octavia, die heute eigentümlich erregt schien, ließ sie einige Stunden länger wach bleiben, als gewöhnlich.«

»Verehrungswürdiger Meister,« murmelte Nero, von Groll erfüllt, »sei so gut und präge dir die Thatsache ein, daß es niemals ein Ungewöhnliches ist, wenn der Kaiser gelegentlich auf sich warten läßt. Bis heute geschah es zwei oder dreimal; es wird sich noch oft ereignen, ohne daß mir's genehm wäre, selbst von dir, den ich so hoch schätze, heimliche Andeutungen der Mißbilligung zu erfahren. Beim Herkules, ich staune, wie weit es mit mir gekommen ist! Darf sich Claudius Nero etwa geringere Freiheit verstatten, als der Sohn eines Emporkömmlings, dem das leidige Gold in den Senat verhalf?«

Diese etwas ungestüme Erwiderung war aus Rücksicht auf den verdienten Lehrer und Staatsminister in griechischer Sprache erteilt worden.

»Herr und Cäsar,« stammelte Seneca in demselben Idiom, »du verzeihst . . .«

»Laß jetzt die Redensarten, würdiger Seneca! Soll ich dir Dank wissen, so sorge für meine alsbaldige Anmeldung! Beide Frauen wünsch' ich zu sprechen, und zwar beide gleichzeitig. Octavia möge daher geruhen, auf keinen Fall, wie dies neuerdings ihre Art ist, durch eine Seitenthür zu verschwinden, sobald ihr Gemahl durch die Hauptthüre eintritt.«

Der Staatsminister senkte das Haupt und schritt eilig durch das halberleuchtete Atrium, – die Linke unter den Falten der Toga, in der Rechten die fest aufeinander gepreßten Schriftstücke.

»Ich erwarte dich später in meinem Studiergemach,« sagte der Kaiser zu Seneca, als dieser – geradezu außer sich über die Rolle, die man ihm zugeteilt – nach Erledigung seines Auftrages wieder zurückkam. »Ich bin aufgeregt, teurer Meister, namenlos aufgeregt. Vergib mir, wenn ich dir schroffer begegnet bin, als meine Ehrfurcht vor deinem lorbeergekrönten Haupt dies erheischt hätte. Weißt du, was vorgegangen?«

Seneca zuckte die Achseln.

»Ich ahne es, aber ich darf dich versichern: meine Hände sind nicht im Spiel gewesen. Ich weiß, mit der Leidenschaft ist nicht zu rechten: nur einige Rücksichten darf man ihr zumuten. Daß du nun heute, an eurem Verlobungstage, so lange von Hause wegbliebst, das überschreitet, meiner Ansicht zufolge, die Grenzen, die selbst ein Cäsar zu achten hat.«

»Unser Verlobungstag!« rief Nero im Tone ehrlichster Ueberraschung. »Das wußte ich nicht. Auch hat sie keine Silbe davon geredet. Meinetwegen! Ich will nachher deine Vorwürfe ruhig mit anhören. Also auf Wiedersehen!«

So sprechend trat er über die Schwelle des großen Frauengemachs.

Octavia saß bleich wie ein Wachsbild auf dem silbernen Lehnstuhl.

Ihr Blick haftete unbeweglich an den musivischen Blumen des Fußbodens.

Auch als Nero nun prüfend in der Mitte des Zimmers stehen blieb, schaute sie nicht empor.

Agrippina dagegen schritt in wahrhaft fürstlicher Haltung von der hochgepolsterten Ottomane, wo sie geruht hatte, auf ihren Sohn zu, und wollte eben in der ihr eigenen kategorischen Weise zu reden beginnen, als Nero ihr düsteren Blickes die geöffnete Wachstafel entgegenhielt, und mit halblauter Stimme sprach: »Kaiserin Agrippina, antworte: was bedeutet diese wundersame Epistel?«

Agrippina, wie sie den Sohn hochaufgerichtet, das jugendsprühende Antlitz von edler Blässe bedeckt, so ernst, so menschlich-erhaben vor sich sah, machte unwillkürlich zwei Schritte zurück.

»Mutter,« fuhr Nero fort, »leugnest du die Urheberschaft? Ich sehe, daß Octavia um die Angelegenheit weiß: sonst würde sie mich begrüßen, anstatt wie die liebesfeindliche Daphne mit beiden Füßen im Boden zu wurzeln. Also mag's auch in ihrer Gegenwart ruhig erörtert werden. Nochmals: wer hat die Zeilen hier in das Wachs gegraben?«

»Ich,« versetzte die Kaiserin-Mutter, die Arme kaltblütig unter dem Busen kreuzend.

»So gestatte mir die Bemerkung, daß du in dieser Zuschrift Töne anschlägst, die ich zu hören weder gewohnt noch gewillt bin.«

»Galten sie etwa dir?« fragte Agrippina spöttisch. »Konnte ich ahnen, daß diese Tafel dem Imperator in die Hand fallen würde?«

»Das konntest du nicht, – aber ich danke dem Schicksal, daß ich im richtigen Augenblicke zur Stelle war. Das arme Kind hätte sich doch am Ende verblüffen lassen. Wisse denn, Mutter, daß dein geheimer Sendbote die sehnlichst erhofften Worte ›Ich werde reisen‹ niemals vernehmen wird. Ich, der Kaiser, habe Befehl erteilt, dem Burschen, falls er zudringlich werden sollte, so die Wege zu weisen, wie das Gesetz dies jedem römischen Bürger, ja dem Fremdling gestattet . . .«

»Du hättest gewagt . . .«

»Ich hab' es gewagt, Mutter, und da es denn doch einmal zur Sprache gekommen, so sag' ich's auch dir, Octavia! Seit lange bist du ja doch nur dem Namen nach meine Gattin. Wie also kann es dich kränken, wenn ich einem so holden, zauberhaften Geschöpf das widme, was die stolze Octavia verschmäht: die ganze Glut meines liebebedürftigen Herzens? Jede Rücksicht, die ich der Kaiserin schulde, wird ja gewahrt. Meine Vertrauten sind die Verschwiegenheit selber. Prunklos und ohne Glanz betret' ich das stille Haus, wo ich glücklich sein darf, namenlos glücklich, während ich hier nur starren Formen begegne, kalter Gefühllosigkeit, trostloser Oede. Ich mache dir keine Vorwürfe, gute Octavia! Du bist wie du bist. Aber nun fleh' ich dich an, laß auch mich sein, wie der Schoß der Natur mich geschaffen hat! Laß mich lieben, da du nur denken, Pflichten erfüllen und deinen Göttern gehorchen kannst!«

»Unglücklicher!« versetzte die Kaiserin-Mutter, während Octavia, ohne nur mit der Wimper zu zucken, sich abwandte. »Lohnst du mir so, was ich für dich und deine Zukunft gethan habe?«

Sie packte ihn mit der Faust über dem Knöchel der rechten Hand und zog ihn mit der Leidenschaftlichkeit einer Mänade in die entlegenste Ecke.

»Glaubst du etwa,« fuhr sie mit flüsternder Stimme fort, denn sie wollte Octavia, ihre Bundesgenossin, schonen – »glaubst du etwa, es habe mir Vergnügen bereitet, den Vater Octavias zum Manne zu nehmen? Claudius war ein Scheusal, hörst du, ein Scheusal, – ein Stubengelehrter, voll von litterarischen Narrenspossen, ein Laffe, der neue Buchstaben erfand, während das römische Volk ihn weidlich auslachte als den Tölpel der Messalina. Diesen Claudius hab' ich nach dem Tod Messalinas geheiratet; ich wurde Kaiserin, – den Ekel im Herzen und nur aufrecht erhalten durch den einen Gedanken: dein Sohn wird vielleicht dereinst zur Herrschaft gelangen . . .«

»Mutter . . .«

»Schweig! Es ist so! Und hiernach – was hab' ich gethan? Jahre hindurch bin ich dem Kaiser Claudius in den Ohren gelegen, den Britannicus von der Thronfolge auszuschließen, und nicht eher hab' ich geruht, bis der halsstarrige Imperator einwilligte und mit Umgehung seines leiblichen Sohnes dich, seinen Stiefsohn, zum Kronprinzen proklamierte!«

»Ich bitte dich, Mutter, wozu das alles?«

»Dabei war nur eine Bedingung: die Heirat mit Octavia, der Tochter des Claudius. Wir gingen sie ein, – denn niemals war eine Tochter ihren Eltern so unähnlich wie Octavia. Höchstens die Schönheit hatte sie von der unseligen Messalina. Sonst aber: beim Jupiter, in ganz Rom gibt es kein Weib, das deiner Octavia an Tugend, Edelsinn und züchtigem Wesen gliche, – und die Hirnlosigkeit des Claudius ist spurlos an ihr vorüber gegangen. Nach dem Tode des Claudius konntest du, wenn es dir absolut unerträglich schien, die feierlich begangene Verlobung lösen. Jetzt ist Octavia dein Weib. Sie liebt dich; sie entstammt einem der ersten Geschlechter des Hochadels; – und kurz und gut: du entehrst dich, wenn du sie in so frecher Weise verletzest und Liebschaften anknüpfst mit einer hergelaufenen schamlosen Dirne.«

»Deine Rede ist herb!« rief Nero, sich mit einem kräftigen Rucke losreißend. »Dank es den Göttern, daß du die Mutter des Mannes bist, dessen Liebstes du so maßlos beschimpfst!«

»Ich habe ein Recht dazu. Oder bist du im stande, dich rein zu waschen?«

»Ja, Mutter. Mit einem einzigen Worte. Ich kann ohne Acte nicht leben.«

»Ein Narr bist du und ein Taugenichts. Ich wiederhole dir: hast du denn alles vergessen, – meine Opfer und Anstrengungen, meine unablässige Fürsorge . . .?«

»Ich weiß seit einiger Zeit, daß der Eifer, mit dem du gestrebt hast, vor allem dir selber galt. Die Mutter eines Imperators zu heißen, in seinem Namen zu herrschen, ihn stets zu gängeln wie ein unmündiges Kind, das war der Traum, der dir vorschwebte!«

»Wer sagt das?« rief sie empört.

»Das haben mir Männer gesagt, die jeder Lüge unfähig sind. Ich selber verspüre ja die Wirkungen dieses Traumes. Gleichviel: du bist meine Mutter, und so hab' ich denn, oft gegen meine bessere Ueberzeugung, alles ertragen. Jeden harmlosen Anlauf zur Selbständigkeit hab' ich sofort unterdrückt, wenn ich gewahrte, daß ich dir Schmerz bereitete. Jetzt aber drängst du dich mit deiner Gewalttätigkeit in Bereiche, wo kein andrer gebietet, als Nero allein, wo kein Vorwurf ihn hemmen, keine Rücksicht ihn aufhalten wird.«

»Du sprichst wie ein Sinnloser.«

»Es scheint so, aber ich weiß genau, was ich will. Zerreißen will ich den Strick, den du mir um den Hals geworfen, – ein für allemal! Auch die arme Octavia leidet unter der furchtbaren Obmacht deiner eisernen Willenskraft. Diese Obmacht hat uns zur Heirat veranlaßt, – aber sie kann uns nicht zwingen, Liebe für einander zu fühlen, oder nur zu erheucheln . . .«

»Knabe, was soll das?«

»Du hast zu wählen, Mutter! Entweder schwörst du mir bei Jupiter, dem Rächer der Meineide, daß du mein teures Kleinod – die ehemalige Sklavin, wie du sie nennst – fürder in Frieden lässest, oder noch heute ist es zu Ende mit deinem rechtswidrigen Einfluß auf die Regierungsgeschäfte. Ich werde dann nicht fernerhin dulden, daß du mit Seneca über die Zukunft der Rheinprovinzen oder mit Burrus über die Vorkommnisse in der Kaserne der Prätorianer verhandelst. Ich habe Männer zur Hand, die mir droben im Senate ihr Wort, auf der Straße ihr gutes Schwert zur Verfügung stellen, wenn es zur Fehde kommt.«

»Thorheit!« lächelte Agrippina mit erkünsteltem Gleichmut.

Sie war blaß geworden bei dieser ungewohnten Sprache des Sohnes; aller Selbstbeherrschung bedurfte sie, um ihre tiefe Erregung nicht merken zu lassen.

»Ich bitte dich nochmals: wähle!« heischte Nero voll Ungeduld.

Agrippina, wieder gefaßt, trat auf ihn zu, fuhr ihm wie beschwichtigend über die glühende Wange, und sagte dann mit dem sanftstrafenden Blick einer betrübten Mutter: »Wie du dich aufregst, und da Worte redest so ganz ohne Sinn! Was ist Nero denn ohne die Mutter, die ihn zur Herrschaft emporgeleitet? Sieh mal: Burrus mit seinen Prätorianern ist mir geradezu blindlings ergeben . . .«

»Was?« fuhr Nero empor.

»Geradezu blindlings!« wiederholte sie mit ruhiger Bestimmtheit.

Nero zuckte die Achseln.

»Wie verkennst du das römische Volk und die Krieger der Leibwache! Solange Nero als dein gefügiger Sohn galt, – wohl! Ganz Rom wußte ja, wie treu ich dir anhing; also hieß dir gehorchen auch mir gehorchen. Sollte sich aber, was das Schicksal verhüten möge, je eine Kluft zwischen uns aufthun, – hörst du, Kaiserin Agrippina? – so werden sich unsre Soldaten erinnern, wem sie den Eid geleistet, – dir oder mir!«

»Streiten wir nicht!« sagte Octavia, zum erstenmal das Wort ergreifend. »Ich erwarte hier weder Drohungen noch rhetorische Phrasen, sondern ganz ohne Umschweif einen entscheidenden Abschluß. Hast du denn keine Empfindung für die entsetzliche Schmach, die du uns anthust? Nero, der Imperator, der Gatte Octavias, liebt eine niedrig geborene Magd . . .!«

»Ich darf dir bekennen,« sagte der Kaiser in herber Verbitterung, »daß diese niedrig geborene Magd wenigstens eins versteht, was vielen sehr hochgeborenen Damen des senatorischen Standes abgeht: zu lieben und glücklich zu machen . . .«

Octavia war nicht länger im stande, ihn anzuhören.

Schweigend erhob sie sich und verließ das Gemach, um ihr Cubiculum zu erreichen, wo sie erschöpft von den unbeschreiblichen Aufregungen der letzten Wochen haltlos zusammenbrach.

»Es ist gut, daß sie gegangen ist,« hub Agrippina wiederum an. »Was ich dir sagen wollte, war in der That kaum verträglich mit ihrer Gegenwart.«

»Du machst mich neugierig.«

»Ich will frank sein und gleich mit der Thüre ins Hans fallen. Wisse, mein Sohn, daß ich weniger deine Treulosigkeit schimpflich finde, als die grenzenlose Verirrung in der Art deines Auftretens. Es mag ja sein, daß unsre Voraussetzungen betreffs der guten Octavia falsch waren; daß ihr beide mit aller Anstrengung nicht auf die gleich Tonart zu stimmen seid. Meinetwegen suche dir für den Mißgriff, den ihr begangen, frohe Entschädigung: nur verwandle nicht eine flüchtige Laune in ein offenes Verhältnis. Du wirst mir einräumen, es war geradezu frech, mit dieser . . . Acte vor aller Augen dich im Marsfeld herumzutreiben.«

»Mutter!« rief Claudius Nero empört . . .

»Laß mich ausreden! Ich gehe noch weiter. Hättest du eine Liebschaft mit Septimia oder mit sonst einer Dame des ersten Standes: ich wollte ein Auge zudrücken. Der Cäsar ist schließlich der Cäsar, und tausend andre, ohne das Vorrecht des Prinzipats, betreiben dasselbe. Daß du jedoch mit der Freigelassenen des Nicodemus diese abgeschmackte Idylle spielst, ihr zärtliche Lieder singst, ihr zu Füßen kauerst, und dich so dem ungestümsten Gelächter aller gebildeten Menschen preisgibst, das ist deiner nicht würdig und, bei den Göttern, meiner noch weniger!«

»Mutter, wenn du sähest, wenn du gewahrtest, wie ihr im Auge die reinste, vornehmste Seele strahlt, wenn du sie reden hörtest, so klug, so verständig . . .«

»Es ist zum Tollwerden!« unterbrach ihn die Kaiserin-Mutter. »Ich wiederhole dir: und wenn sie noch so verlockend ist, du hast gehandelt wie ein alberner Schulbube! ›Das reizende Blümchen!‹ Gut, so pflücke sie doch wie ein Wanderer die Heckenrose! ›Ein Spaß,‹ hätte man dann gesagt, ›ein Abenteuer im Stile des Zeus, der ja auch zuweilen vom Göttersitze herniederstieg, um eine Sterbliche zu erobern!‹ So aber gründest du deiner Geliebten ein förmliches Heim, gibst ihr Sklavinnen, als ob sie gewohnt wäre, eine Dienerschaft zu befehligen, sinnst und trachtest nichts andres als ihre Gunst, überschüttest sie tagtäglich mit Veilchen und Rosen; kurz du gebärdest dich wie ein fanatischer Isispriester vor dem Standbild seiner allmächtigen Göttin. Ihr freilich, der eingebildeten Puppe, mag es behagen, sich so plötzlich von Reichtum und Glanz überflutet zu sehen . . .«

»Halt!« fiel der Sohn ins Wort. »Verdächtige wenigstens nicht die Selbstlosigkeit ihrer Neigung. Mit dem niedrigsten Obdach im Quartiere der Schiffsknechte hätte sie freudig fürlieb genommen: aber ich zwang ihr das alles auf, weil ich der Meinung bin, daß nichts in der Welt zu gut für sie ist; und ferner, weil die Herzallerliebste des Kaisers wohnen soll, wie eine Kaiserin . . .«

Es war zum Teil Rebellion und prahlerischer Trotz, was aus dieser Rede des Imperators herausklang; denn in Wirklichkeit war ja die Villa der Acte ein zwar reizendes, aber durchaus nicht etwa verschwenderisches, oder selbst nur künstlerisch ausgezeichnetes Bauwerk.

»Die Herzallerliebste!« spöttelte Agrippina . . .

»Die Braut, wenn dir das besser behagt. Ich betrachte sie so, da ja die unglückselige Lage der Dinge mir nicht gestattet, ›Gemahlin‹ zu sagen.«

»Knabe! Bist du gehirnkrank?«

»Nicht daß ich wüßte. Aber ich schwöre dir, wenn ich nicht durch die feierlichste Form der Vermählung, die uns von den Altvordern überkommen ist, an Octavia gleichsam geschmiedet wäre, so würde die himmlische Acte, dem ganzen Hochadel der weltbeherrschenden Roma zum Trotz, meine allgebietende Kaiserin.«

Agrippina lachte verzweiflungsvoll auf. Mit krampfhaft verschränkten Armen schritt sie keuchend durch das Gemach.

»Eine Dirne auf dem Thron des Augustus!« rief sie plötzlich, die Hände ringend. »Der bloße Gedanke ist ein Verbrechen am Staat, ein bübischer Faustschlag in das Gesicht deiner Mutter.«

»Beruhige dich doch! Einstweilen ist ja nicht die geringste Aussicht vorhanden. Aber wenn es geschähe, so fordere mir doch ja keine Antwort auf die Frage heraus: Welche Kaiserin vor der himmlischen Acte die Krone denn mehr verdient hätte, als sie, die Einzige, Unvergleichliche!«

»Die Sklavin!« ächzte und jammerte Agrippina.

»Was willst du damit? Bist du noch gar so umnachtet, um nichts zu verspüren von dem gewaltigen Hauche, der, ein geistiger Frühlingssturm, die Welt durchdringt von Syrien bis Lusitanien . . .? Oder stehe nur ich so hoch, daß ich von dem ahnungsvollen, göttlichen Wehen berührt werde? Nicht umsonst hat Seneca mir die Lehre ins Herz geträufelt, daß alle Menschen von der Natur ebenbürtig, daß der Unterschied zwischen hoch und niedrig ein erkünstelter ist, daß die vermeintlichen Rechte der Großen nur in ihrer trotzigen Willkür und Macht beruhen.«

Agrippina schäumte.

»Wann jemals hätte Seneca solchen Wahnsinn gepredigt?«

»Tagtäglich, – seit ich ihn kenne.«

»So muß er beseitigt werden. Der verwerfliche Unmensch! Ich hielt seine Lehren für gut, dieweil sie dich zum gehorsamen, liebenden Sohn machten. Jetzt aber – hinweg mit dem gauklerischen Sophisten!«

»Mutter,« begann Nero nach einer langen Pause, »wenn Seneca dein Mißfallen erregt, so will ich ihn seiner Stellung entheben. Er ist Philosoph genug, um das Palatium entbehren zu können. Hast du sonst noch Wünsche: sie sind mir Befehle. Nur das eine erwarte nicht: daß ich Acte im Stich lasse! Merk' ich noch das geringste von einer Befehdung, so werb' ich ihr eine eigene germanische Leibwache.«

Agrippina zuckte zusammen. Es war, als blitzte ihr jählings ein Gedanke durchs Hirn, der ihr den Sieg verheiße.

Eine Zeit lang senkte sie ihre Augen zu Boden.

Dann sagte sie sanftmütig: »Rede mir, teurer Knabe! Ist das alles nur ein Zug jener Halsstarrigkeit, die du von deinem Vater Domitius Aënobarbus ererbt und bis heute zurückgedrängt hast? Oder liebst du das Mädchen wirklich?«

»Ich liebe sie wie nichts auf der Welt.«

»Nun denn, so liebe sie! Aber ich bitte dich, ganz im geheimen! Ich werde versuchen, ob ich die unglückliche Octavia zu trösten vermag.«

»Mutter, du machst mich selig!« rief Nero voll Leidenschaft.

Er warf sich der Kaiserin wild an die Brust und küßte ihr die fieberisch glühenden Wangen.

»Du tolles Kind,« sagte sie zärtlich. »Aber glaube doch ja nicht, daß ich nun gutheiße, was ich aus allzugroßer Schwäche geschehen lasse. Ich denke, – und das ist wirklich mein einziger Trost: die Zeit wird dich allgemach zur Vernunft bringen.«

»Denk, was du willst, und laß dir was recht Behagliches träumen! Ich bin fürchterlich abgespannt. Gute Nacht!«

Glückstrahlend eilte Nero von dannen. Im Atrium harrten bereits die Sklaven, die ihn zur Ruhe geleiten sollten.

»Alberner Knabe!« murmelte Agrippina, als der Vorhang sich hinter dem Kaiser geschlossen hatte; »mich, mich gedenkst du zu meistern? Wie ihm der Groll in den Augen flammte, als er mir drohte! Aber den Göttern sei Dank: es ist Sorge dafür getragen, daß die Gewässer nicht über den Berg fließen!«

Vierzehntes Kapitel.

Agrippina verließ rasch den Oecus und eilte in das matterhellte Schlafgemach der Octavia.

Die junge Frau hatte sich schluchzend über das Bett geworfen. Mit reichlich strömenden Thränen benetzte sie ihren Arm und den schwellenden Pfühl.

»Weine nicht!« sagte die Kaiserin-Mutter halb schroff, halb mitleidig. »Hättest du's pfiffiger angefangen, der flügge Vogel wär' dir gewiß nicht ausgekommen. Diejenige ist in meinen Augen kein Weib, die – schön und jung – einen Mann, der auch nur einmal an ihrem Herzen geruht hat, nicht zu fesseln versteht.«

Octavia hob langsam ihr thränenbefeuchtetes Antlitz. Sie bewegte die Lippen, wie zum Versuch einer Widerlegung.

»Laß nur!« wehrte die Kaiserin-Mutter. »Ich bin nicht gekommen, dir Vorwürfe zu machen oder Kritik zu üben. Was hülfe das auch? Das Gestern wird durch das Heulen der Klageweiber nicht besser. Im Gegenteil: ich will dir verkündigen, daß du in kurzem über die Nebenbuhlerin triumphieren sollst.«

»Triumphieren?« wiederholte Octavia zweifelsbang.

»Ja. Mein Entschluß ist gefaßt. Trotzig genug hat er mir's zugerufen: nur der Tod trenne sein Bündnis mit Acte. Für diesen unerläßlichen Tod werde ich sorgen.«

Zitternd barg Octavia ihr Angesicht.

»Sei ganz unbesorgt!« tröstete Agrippina. »Die Sittlichkeit, die Tugend, der Glanz der Cäsarenwürde gebietet's. Wir befinden uns im Stande der Notwehr: da ist jedes Mittel erlaubt. Hat nicht auch Mucius Scävola, den die Geschichte als den edelsten Patrioten preist, heimlich, wie ein bezahlter Messerheld, sich ins Zelt des Porsena geschlichen? Hat nicht Brutus die eigenen Söhne geschlachtet, um des Vaterlandes, um der Hoheit des Konsulates willen? Der Thron des Kaisers aber strahlt höher und herrlicher, als alles übrige auf der leuchtenden Erdscheibe. Kurz und gut: drei Wochen geb' ich ihm Frist. Wenn er bis dahin die liederliche Dirne nicht fortjagt, so ist ihr Schicksal besiegelt. Ich lasse sie töten.«

»Beim allmächtigen Jupiter,« stöhnte Octavia, angstvoll emporfahrend, »das wirst du nicht, Mutter des Imperators!«

»Weshalb nicht?«

»Weil . . . weil . . .«

»Es gibt eine Grenze,« rief Agrippina, »wo die Gutmütigkeit einfach absurd wird. Wenn dereinst die Weltgeschichte über mich urteilt, wird sie gar manches Verdammungswort auf meine Eigenart schleudern: denn wie viele von den traurigen Alltagsmenschen der Zukunft werden im stande sein, mich und meine heldenhaften Beweggründe zu begreifen? Das alles will ich für Tand und Firlefanz halten: das eine aber, der Fluch der Lächerlichkeit – dieser Gedanke könnte mich rasend machen. Ich vertrete hier das Gesetz und die Ehre des Kaiserhauses: mir, als dem Oberhaupt der Familie, geziemt es, den alten Glanz derselben zu wahren, und die Schuldige, die ihn befleckt, aus der Welt zu schaffen.«

Octavia trat auf sie zu.

»Teure Mutter,« sprach sie mit herzbewegender Stimme, »ich am letzten wäre berufen, diese Schuldige zu verteidigen. Aber mir sagt's mein Gewissen: nur das Weh meiner ewig verlorenen Liebe macht mich so unversöhnlich in der Beurteilung ihrer Handlungsweise – und so wär' es dennoch ein Mord.«

»Gut, nenne es so! Aber wenn mir ein Strauchdieb ins umfriedigte Heim steigt, um die Schatzkammer zu berauben, so hab' ich ein Recht, ihn zu morden.«

»Mutter,« schluchzte Octavia, »Acte hat mir das Kleinod seiner Liebe niemals geraubt, denn es lag niemals in meiner Schatzkammer. Sieh, auf den Knieen wollt' ich tagtäglich den Göttern danken, und Opfer bringen und Weihgeschenke bis zum letzten Denar, wenn ich nach jahrelanger Bemühung sein Herz mir erobern könnte, ach, nur für eine einzige flüchtige Woche! So aber – die rohe, mitleidslose Gewalt, – nein, Mutter, das geht nicht. Das würde ihn nur noch tiefer erbittern; er würde in mir die Urheberin seines Verlustes ahnen; er würde mich hassen, während ich jetzt ihm nur gleichgültig bin.«

»Fürchte das nicht!« erwiderte Agrippina. »Alles läßt sich im Leben verschmerzen, zumal wenn man Kaiser ist. Liebt er sie wirklich – gut, so wird er ihr kurze Zeit nachweinen, und dann um so stürmischer das Bedürfnis nach einem Ersatz fühlen. Dann ist es deine Aufgabe, schön zu sein, zärtlich, und die Erinnerungen, die sich noch hier und da regen, zu deinem Vorteil zu nützen. Laß ihn im Anfang sich einbilden, er umarme in dir seine ›Himmlische‹, wie er sie nennt. Ihr seid so ziemlich von der gleichen Statur; seine glühende Phantasie wird sich leicht eine Täuschung gewähren, bis er allmählich auch die Wirklichkeit lieben lernt. Auf dich kann er unmöglich Verdacht haben betreffs der Acte. Er weiß, wie sehr du die Götter ehrst, wie scheu und sittsam du bist. Schlimmstenfalls tret' ich ihm offen unter die Augen und sage ihm schlankweg: ›Ich, deine Mutter, bin es gewesen, die dich von Acte befreit hat. Octavia ist am kleinen Finger hübscher als die Verlorene am ganzen Leibe. Vertragt euch und sorgt mir dafür, daß bald ein Kronprinz zur Welt kömmt! Ich will euch nicht zürnen wegen des unangenehmen Ehrentitels Großmutter, der für Agrippina fast schon ein Schimpfwort ist!‹ – Jetzt geh' zur Ruhe, Octavia! Du wirst müde sein, just so wie ich.«

»Nein, nein, ich lasse dich nicht!« rief Octavia. Sie hatte die schon zur Thür sich wendende Agrippina sanft bei der Schulter gefaßt. »Ach, du verkennst ihn. Glaube doch ja nicht, daß du so leichtes Spiel mit ihm hast! Wenn er sie wirklich liebt – wie ich fürchte – so wird er um ihres Besitzes willen die Fehde aufnehmen mit allen Gewalten der Erde. Und kämpfst du nicht offen, läßt du sie heimlich dahinraffen, die er so anbetet, so gnade uns allen der gütige Jupiter! Mich, dich, ganz Rom wird er zermalmen in der Maßlosigkeit seiner Herzensqual. Die kurze Zeit, da er mein Gatte war, hat schon ausgereicht, mir den Blick in die furchtbar-dräuenden Abgründe seiner Brust zu erschließen. Da wohnt alles dicht gedrängt bei einander: die guten und bösen Genien, das Glück und das Unheil, der Gott und der weltzertrümmernde Unmensch. Ich wäre selig gewesen vor allen Weibern, wenn mir das Schicksal vergönnt hätte, das Herrliche, Edle in seiner Seele erstarken zu lassen, die Dämonen der Finsternis aber sieghaft hinabzudrängen. Mir ward es nach dem unerforschlichen Ratschluß der Götter versagt: dieser Acte aber – so scheint es – gelingt's. Ueberlaß mich also getrost meinem wühlenden Gram, wenn er nur glücklich ist, wenn nur die Keime unsterblicher Großthaten unverkümmert und hehr in ihm aufblühen!«

Agrippina starrte ihr mit einem Ausdruck von Schwerhörigkeit ins Gesicht, als hätte Octavia gotisch oder sarmatisch geredet.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte sie endlich mit verzweifeltem Achselzucken.

»Wenn du ihn liebtest wie ich, so verstündest du mich. Du hättest ihm jetzt gleich zu Anfang den Mund geschlossen, ihn weggeführt – unter irgend einem erträglichen Vorwand – und mir alles erspart. Ach, was hab' ich gelitten! Welche Qual, wie er dich kurz und bündig zur Rede stellte, und mich, seine Gemahlin, so völlig mißachtete, daß er in meiner Gegenwart die Sache seiner Geliebten verfocht!«

»Nun, da siehst du ja, was sie dir anthut, die erbärmliche Schlange! Das ist's ja, was ich beseitigen will! Du bist wahrlich in einem Grade verwirrt . . .«

»Nicht doch! Ich sehe vollständig klar . . . Was ich da sagte, war nur ein schlecht unterdrückter Aufschrei meiner geängstigten Seele. Acte zerquält mich, ja, ja, sie quält mich zum Rasendwerden, – aber du darfst sie nicht töten! Schwöre mir's beim Heiligsten, was du kennst! Sonst habe ich erst recht keine Ruhe mehr! Sonst geh' ich in dieser Minute noch zu ihm, und verrate ihm, was du planst!«

Ueber die Züge der Kaiserin-Mutter flammte die Glut einer wilden Entrüstung.

»Du hast die Natur einer Sklavin,« rief sie voll Ingrimm. »Wer sich bettlergleich in den Staub der Landstraße legt, der darf sich nicht wundern, wenn er getreten wird.«

». . . Ich gehe zu ihm,« stöhnte Octavia.

Sie nestelte mit fiebernden Fingerspitzen über dem halbentblößten Busen die Tunica zu und griff nach der Palla.

»Gut denn,« grollte die Kaiserin-Mutter, wie sie sah, daß Octavia Ernst machte. »Ich will dir's geloben . . .«

»Beim Höchsten und Heiligsten zwischen Himmel und Erde!« sprach Octavia ihr vor.

»Bei meiner Herrschergewalt über dies Weltreich!« verbesserte Agrippina in der Haltung einer gebietenden Niobe. »Es soll der Dirne, für die du um Schonung bittest, kein Leids geschehen. Das aber wirst du, hoff' ich, gestatten, daß ich gleichwohl mit aller Kraft danach strebe, dieses Verhältnis auf irgend eine entsprechende Weise zu lösen. Ist dir's um deinetwillen so gleichgültig, – gut! Mir als der Mutter des Imperators ist es ein Greuel, und so werd' ich denn handeln, wie mein Stolz mir gebietet.«

Ohne Gruß schritt sie hochatmend von dannen.

Der syrische Teppich wallte langsam über die Pforte.

Octavia aber warf sich, wie zu Tode erschöpft, in die Kniee und betete.

»Allgütige Mutter der Alls,« – so klang es bebend von ihren Lippen, – »frauenbeschützende Juno, erbarme dich meiner! Ich hab' ihn geliebt als mein Höchstes von Anbeginn, – und bin stumm geblieben und frostig mit qualvoller Selbstüberwindung, weil ich die Hoffnung in meinem angstvoll pochenden Herzen ertöten wollte. Ach, und dann kam der kurze glückselige Traum, wo ich jeden Augenblick hätte aufschreien mögen: ›Glaube doch nicht, daß ich kalt bin! Ich sterbe ja fast vor heißer, unaussprechlicher Sehnsucht! Siehst du, nur weil ich mich schäme, daß ich so lange gezweifelt habe, nur um deswillen liegt es bei aller Wonne wie Blei auf diesem selig schauernden Herzen . . .!‹ Vielleicht, wenn ich damals verwunden hätte, was mir die Brust durchtobte . . . Fürchterlicher Gedanke! . . .«

Sie senkte das Haupt. Voll und prächtig wallte ihr lichtbraunes Haar über die schneeige Stirne, über Antlitz und Busen.

»Frauenbeschützende Juno,« hauchte sie, »Gnadenreiche, vergib mir, wenn ich in thörichtem Ungeschick etwas versäumt habe! Erbarme dich meiner! Heile dies zu Tod verwundete Herz von seiner verzehrenden Liebe, laß sie verlöschen wie eine Kerze im Luftzug, oder verleih mir die Zauberkraft, meinen Claudius Nero zurückzugewinnen! Denn lange ertrag' ich's nicht. Allnächtlich betaue ich mein verödetes Lager mit Thränen, – und graut dann der Morgen, so frage ich: ›Was soll mir der neuerstandene Tag, da er alles beim alten läßt?‹ Erbarme dich meiner, errette mich von diesem nagenden Elend –: so will ich dich preisen, hochherrliche Matronalis, mein ganzes Leben hindurch!«

Ein wenig getröstet, erhob sie sich.

»Die Macht der Natur!« murmelte sie im Ton einer Nachtwandlerin. »Was war es doch, was er mir damals von der Macht der Natur und ihren geheimnisvollen Zwecken erzählte? Jupiter donnere nicht und Amor schieße nicht Pfeile; dennoch walte ein Göttliches hinter dem Schein aller Dinge, und dennoch sei die Liebe die wirksamste und gewaltigste aller Gottheiten. Wenn zwei – ein Mann und ein Weib – für einander entbrannt seien, so geschehe dies im Namen jener verborgenen Allmacht und zur Erfüllung ihrer unendlichen Zwecke . . .«

Sie strich sich, diesem Gedanken nachhängend, langsam über die haarumflutete Stirn.

»Ja, ja, so war's – oder doch ähnlich . . . Der Mann liebt in dem Weibe, das er vergöttert, schon das zukünftige Kind, und deshalb – obschon er's nicht klar begreift, sondern nur leise im Inneren fühlt – hängt seine Liebe auch mit so stürmischem Eigensinn just an der einen, die ihm das schönste und vollendetste Kind verheißt . . .«

Mit beiden Händen überdeckte sie ihr hocherglühendes Antlitz.

»Wehe mir,« stöhnte sie tonlos, »wehe mir! Hätt' ich ihm jetzt die freudige Hoffnung zu bieten, daß er durch mich Vater werden, daß er ein Kind besitzen solle, ihm ähnlich – ja, dann . . .«

Nach kurzer Pause gell aufschreiend:

»Thorheit! Mein Kind würde ihm niemals die Sehnsucht stillen. Es wäre nicht das Kind seiner Träume. Ja, wenn Acte . . . O, ich bin die unglückseligste aller Frauen!«

Völlig erlahmt setzte sie sich in den Lehnstuhl.

Nach einer Weile pochte man zweimal an die Thür des Cubiculums.

Octavia hieß ihre Getreuen – Phyllis und die Freigelassene Rabonia – eintreten.

Die nicht mehr jugendliche Rabonia erlaubte sich einen fragenden Blick, den Octavia mit einem flüchtigen Nicken beantwortete.

Rabonia entkleidete nun die Fürstin sanft und geräuschlos ihrer Gewandung, während Phyllis ihr die Sandalen löste, die Spangen vom Arme nahm und die letzten Goldnadeln aus dem üppigen Haar zog, das nun mantelähnlich über die Schultern Octavias herniederwallte.

Rabonia schlang es in einen Knoten, und mochte sich nicht enthalten, die unvergleichliche Schönheit dieses duftigen Lichtbrauns zu loben. –

»Du Gute,« sagte die junge Kaiserin, »glaubst du mir Freude zu machen mit dieser harmlosen Schmeichelei? Ich danke dir um der freundlichen Absicht willen.«

Nachdem Octavia im Seitengemach das übliche Bad genommen, entfernte sich Phyllis mit einem formvollen Gruße. Rabonia half ihrer schönen Gebieterin beim Besteigen des Lagers und streckte sich dann als Wächterin dieser lieblichen Frauenblume dicht vor dem Bette auf ein teppichbelegtes Polster.

Die bläuliche Ampel goß ihr melancholisches Licht wie versöhnend über die bleichen Züge der Dulderin, die zwar geschlossenen Auges dalag, aber noch wachte, als Rabonia bereits lange entschlummert war.

Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Zwei Wochen später saßen im Arbeitsgemache des Flavius Scevinus sechs Personen in flüsternder Unterredung: der Hausherr; Metella, seine Gemahlin; Barea Soranus; Pätus Thrasea; die reiche Aegypterin Epicharis; und der Staatsminister Annäus Seneca.

Der letztere hatte infolge der Festigkeit, mit der er sich jeder Gewaltmaßregel wider die junge Geliebte seines kaiserlichen Gebieters entgegenstemmte, so sehr die Gunst der Kaiserin-Mutter verscherzt, daß sie alles aufbot, um ihn aus seiner maßgebenden Stellung bei Hof zu verdrängen.

Seneca nämlich beurteilte – trotz seiner Theorie von der Allgewalt des Naturwillens, der in der Liebe um so entschiedener zum Ausdruck gelange, je eigensinniger die Verliebtheit sich zu gebärden scheine – die Leidenschaft des Cäsars als einen vorübergehenden Rausch, der sich ohne Nachteil für Neros geistige Entwickelung austoben werde, falls man ihm Zeit lasse, im entgegengesetzten Falle jedoch die bedenklichsten Folgen nach sich ziehen könne.

Noch scheute Agrippina sich vor dem Aeußersten – vor der Umgehung Senecas nämlich und der Ausführung ihrer Pläne auf eigene Faust; – denn die im großen und ganzen verständige Haltung Neros nach jener letzten unangenehmen Erörterung und die strenge Zurückgezogenheit Actes flößten ihr einen gewissen Respekt ein.

Auch waren die Worte der unglücklichen Octavia vielleicht nicht spurlos an ihr vorübergegangen.

Dennoch glaubte der Staatsminister den Zeitpunkt ziemlich nahe gerückt, da es heißen würde: ›Dem Uebermute der Agrippina Wälle entgegengetürmt!‹

»Genossen,« sprach Pätus Thrasea mit seiner herzbewegenden Stimme, »ich bin der Ansicht, daß wir, falls nicht Nero für eine entscheidende That sofort zu gewinnen ist, selbständig vorgehen –, wenn auch so schonend als möglich. Der heillose Vorfall bei dem Gartenfeste des Flavius Scevinus hat uns ja zur Genüge gezeigt, daß die Mörderin des Kaisers Claudius und des Britannicus ihre schmachvollen Künste noch nicht verlernt hat. Wenn unser Annäus Seneca, dem diese Missethaten von Anfang bekannt waren, nicht schon längst für die Beseitigung der Verbrecherin Sorge getragen, so ist dies lediglich eine vielleicht allzu zaghafte Rücksicht auf den pietätsvollen Sohn gewesen, der von den Frevelthaten der Mutter nichts ahnte. Mehr und mehr jedoch scheint sich Nero von den Staatsgeschäften zurückzuziehen. Agrippina ist thatsächlich die Alleinherrscherin, und neben einigen klugen und verständigen Maßnahmen übt sie, wo es ihr wirklicher oder vermeintlicher Vorteil erheischt, die verruchteste Willkür aus.«

»Du sagst es!« riefen Metella und die Aegypterin Epicharis zugleich.

»Insbesondere,« fuhr Pätus Thrasea fort, »hat mich die schändliche Missethat gegen Flavius Scevinus empört. Ich schwieg – denn ich schweige da, wo das Reden verfrüht erscheint. Sofort aber bin ich klar darüber gewesen, daß jener geheimnisvolle Dolchstoß die Antwort Agrippinas auf den patriotischen Trinkspruch unsres herrlichen Freundes war. Viele Wochen hindurch lag Flavius Scevinus schwer krank danieder. Jetzt endlich ist er dank der Heilkunst seines redlichen Polyhymnius, wieder genesen. Ich habe im Einverständnis mit Flavius euch hier in dies Zimmer entboten; denn es erscheint mir ebensosehr eine Pflicht der Freundschaft, wie der Vaterlandsliebe, die widerwärtige Angelegenheit energisch ins Auge zu fassen.«

»Du meinst, es herrsche kein Zweifel über den Thäter?« wandte sich Barea Soranus an Pätus Thrasea.

»Alle Welt raunt sich zu, Agrippina sei die Verbrecherin.«

»Und die Beweise für ihre Urheberschaft? Ich hasse dies erbärmliche Weib, – aber ich bin ein Freund der Gerechtigkeit. Noch will mir das, was Pätus Thrasea angeführt hat, nicht vollständig einleuchten.«

»Wieso?« fragte Pätus.

»Nun, ich sehe zum Beispiel vollkommen die Gründe ein, weshalb Agrippina den Kaiser Claudius aus dem Wege geräumt hat. Der Tropf war ihr persönlich zum Ekel; seine schulmeisterlichen Schrullen kamen ihr überall quer; und wenn es denn in der That vergiftete Pilze waren, mit denen sie dem Schwächling zu Leibe ging, so will ich meinetwegen auch das alberne Witzwort glauben, das man ihr in den Mund legt: ›Pilze sind ein Gericht, das die Menschen zu Göttern macht.‹ Ich fasse das, obwohl ich es schurkisch und dirnenhaft finde. – Sie hat dann später dem edlen Britannicus vergiftetes Wasser unter den Glühwein gegossen. Auch hier muß ich einräumen, daß die Motive der Verbrecherin logisch, daß ihre Handlungen vom Standpunkte eines ehrbegierigen Schandweibes klar und verständlich waren. – Wenn sie jedoch um einiger Worte willen – die doch schließlich nur dem Cäsar zu Gemüt führen sollten, daß er aufgehört habe, ein Kind zu sein, – wenn sie, sage ich, dem Flavius Scevinus diesen harmlosen Trinkspruch mit sofortiger Abschlachtung lohnt, so bin ich ratlos über die Gründe. Man schießt doch nicht mit Katapulten nach Spottvögeln.«

Es entstand eine Pause.

»Pätus,« hub dann Flavius Scevinus an, »du hast mir früher schon allerlei Andeutungen gemacht, – aber die Aerzte erlaubten ja nicht, daß du öfter als dies einzige Mal meine Schwelle betratest. Ich sollte erst vollständig wieder gekräftigt sein, eh' ich dem altvertrauten Freunde die Hand schüttelte. Ich denke, daß du mehr weißt, als Barea Soranus vermutet. Wohl denn, so ergänze nun jene Andeutungen, damit auch diese hier, insbesondere der Staatsminister, alles erfahren mögen!«

»Gern,« erwiderte Pätus. »Ich hätte schon angefangen, wenn nicht Freund Barea gar so rhetorisch wirksam seine Skepsis betont hätte. Seneca wird nicht staunen, denn er kennt ja die Sitten der Kaiserin und ihren ungezügelten schnöden Charakter.«

»In der That,« bestätigte Seneca, »ihre Kühnheit entwickelt sich täglich gefahrdrohender. Ich habe ihr das Vergangene verziehen, um Neros willen, und weil ich der Ansicht bin, daß es dem wahren Philosophen geziemt, streng gegen sich selbst, mild aber gegen andre zu sein. Nun jedoch gilt es, den reißenden Strom endlich einzudämmen: sonst überschwemmt er das Reich, und die Farbe seiner Gewässer wird ein dampfendes Rot sein.«

»So weit also ist es gekommen mit unsern Hoffnungen!« seufzte Flavius Scevinus.

»So weit – unter dem Scepter des milden, menschenfreundlichen Nero, des glühenden Kunstschwärmers, des trunkenen Naturfreundes, der vielleicht nur den einzigen Fehler besitzt, allem, was ihn begeistert, in gar zu leidenschaftlicher Träumerei nachzuhängen.«

»Wir geraten hier auf ein fremdes Gebiet,« bemerkte der finster blickende Barea. »Pätus wollte uns darlegen, was er beobachtet hat.«

»Pätus Thrasea hat das Wort!« riefen drei Stimmen zugleich.

»Also, mein teurer Flavius Scevinus,« begann Thrasea, »das Verbrechen, das die Kaiserin-Mutter an dir begehen ließ, war nur halb ein politisches, und als solches sogar ein äußerst unkluges und verfrühtes; denn es hat uns veranlaßt, die Gefahr, die jedem von uns über dem Haupte schwebt, ruhig und sicher ins Auge zu fassen, und die Verwirklichung unsrer Pläne mit verdoppelter Energie zu betreiben. Sie glaubte aus deinem Trinkspruch entnommen zu haben, daß auch du, den sie halb für einen Bekehrten hielt, ein Stein in der Wallmauer sein würdest, die das alte, noch ungebrochene Römertum ihr entgegenzustellen gedenkt. Und so mochte sie in ihrer plötzlichen Aufwallung stöhnen: ›Hinweg mit dem Hindernis – und je eher desto besser!‹ Ihre Aufwallung jedoch würde nicht so maßlos gewesen sein, wenn Otho, dem sie einige Tage zuvor ihre verschwiegenste Gunst anbot, ohne etwas andres zu ernten als verbindliche Ausflüchte – (Poppäa hat mir's erzählt) – wenn also Otho während des Trinkspruches nicht so vergnüglich gelächelt hätte. Das gab den Ausschlag.«

»Pah,« unterbrach ihn Barea, »wer weiß, über was er grinste. Vielleicht über die hübschen Rundungen seiner Gemahlin. Vielleicht über das unverschämte Lärvchen der Acerronia.«

»Ereifere dich nicht, wackerer Soranus,« fuhr Pätus fort. »Worüber Otho gelächelt hat, bleibt ja gleichgültig. Thatsache ist, daß er gelächelt, oder, wie du dich ausdrückst, gegrinst hat, daß die Kaiserin dieses Grinsen bemerkte und auf sich und ihre peinliche Situation bezog. Klar und deutlich hab' ich gesehen, wie sie bei diesem mehrfach erwähnten Lächeln erbleichte, während das Schärfste, was du gesprochen, längst doch vorüber war. Nun kochte die Wut des verschmähten, liebebedürftigen Weibes in ihr empor. Sie wollte dem Otho, den sie noch immer nicht aufgibt, zeigen, wie's dem Vermessenen ergeht, der die schönste Frau Roms – denn dafür hält sie sich doch – zu beleidigen wagt.«

»Hm!« brummte Soranus.

Nach einer Pause hub Thrasea Pätus wiederum an: »Ich bemerkte alsbald, daß sie irgend was plane. Vielleicht gedachte sie auch, just durch die Schnelligkeit der Bestrafung dem poppäasüchtigen Otho Eindruck zu machen. Kurz, sie benutzte den ersten geeigneten Augenblick, um dem Bevorzugten ihrer Leibwächter einen Auftrag zu geben, den dieser mit erschreckender Pünktlichkeit, aber den Göttern sei Dank, ohne rechtes Geschick ausführte.«

»Auch ich gewahrte das flüchtige Zwiegespräch der Kaiserin mit einem der Centurionen,« sagte Metella. »Ich fand es der guten Sitte zuwider, aber ich dachte, es handle sich nur um ein zärtliches Liebeswort. Denn wir wissen ja durch Poppäa, daß Agrippina keinerlei Vorurteile kennt in der Wahl ihrer Liebhaber. Gestern ein senatorischer Jüngling, heute vielleicht ein wohlgewachsener Soldat: – das ist so ihre tugendsame Gepflogenheit.«

»Aber sie hält's doch ziemlich geheim,« versetzte die Aegypterin Epicharis. »Mir wenigstens, die ich so vielfach herumgehorcht, ist noch nie was von ihren bedenklichen Abenteuern zu Ohren gekommen.«

»Nun, man ist ja wohl vorsichtig in solchen Bemerkungen,« lächelte Pätus Thrasea. »Damals jedoch war es ein öffentliches Geheimnis, daß der Centurio Gallienus im Vollbesitz ihrer Gunst stand, und heute noch soll er zu gewissen Stunden nach Mitternacht von dem Wahne besessen sein, er, der unbedeutende Kriegsmann, beherrsche die Herrscherin Roms.«

»Das alles beweist nichts,« rief Barea Soranus. »Ich versichere euch, der Centurio hat bis zu dem Augenblick, da wir den Hilferuf des Scevinus vernahmen, den Platz hinter der Loge seiner Gebieterin nicht verlassen.«

»Vortrefflich,« erwiderte Pätus. »Aber daß man innerhalb der zehn Minuten, die zwischen dem kurzen Gespräch mit der Kaiserin und der Gruppierung der Logenwache belegen sind, sehr wohl einen derartigen Auftrag weiter geben und dem Buben, der die Missethat ausführen soll, das Stilett behändigen kann – das will meinem ewigen Krittler Barea Soranus nicht einleuchten – obgleich ich hier ausdrücklich hinzufüge, daß ich dieses Verhandeln des Centurio Gallienus mit einem der Prätorianer beobachtet habe.«

»Das scheint mir allerdings von Belang,« versetzte Soranus. »Aber ich zwinge mich trotzdem zu zweifeln, solang auch nur die leiseste Möglichkeit einer andern Deutung vorliegt. Muß das, was aufeinander folgt, auch schon deshalb ursächlich miteinander verknüpft sein? Werde nicht ungeduldig, Pätus Thrasea! Ich entwickle hier nur meine Grundsätze. Im übrigen traue ich – ohne Bescheidenheit sei es gesagt – deinem bewährten Scharfblicke mehr als dem meinigen.«

»Und trautest du meinem sogenannten Scharfblick auch nicht, so würdest du meinen Worten doch glauben als denen eines wahrhaftigen Mannes. Ich vermute nicht nur, ich weiß, daß Agrippina die Mörderin ist; ich weiß es aus dem Mund einer Frau, die bei jenem Feste zugegen war und häufig genug mit Agrippina verkehrte, um ihre Eigenheiten zu kennen; ja, die den Dolch, mit dem das Verbrechen geschah, auffand und als eine Waffe der Kaiserin-Mutter erkannte.«

»Beim Herkules,« rief Soranus, »nun schweige ich.«

»Wer ist jene Frau?« erklang es im Chore.

»Ich darf sie nicht nennen.«

»Schade,« versetzte Flavius Scevinus.

»Aber ich kann mir sie denken,« sagte Metella.

»Wo aber fand jene Unbekannte den Dolch?« fragte Barea Soranus.

Hiernach Seneca: »Augenscheinlich am Orte der That; der Verbrecher hatte ihn von sich geworfen. Darf ich euch aber jetzt einen Rat erteilen, so wäre es der: Laßt uns an das gedenken, was kommen soll, nicht aber an das, was gewesen ist. Agrippina hat sich außerhalb des Gesetzes gestellt: das ist zweifellos. Aber wäre sie auch so rein, wie die fromme Iphigeneia, so würde dennoch das Wohl des Staates ihre Entthronung fordern. Ich sage Entthronung, denn keiner von uns kann besser wissen, als ich, wie sehr sie in Wahrheit Kaiserin ist, während Nero, mein herrlicher, mein göttlich begabter Schüler, nur eine Scheinregierung führt. Zu Anfang mag das heilsam gewesen sein: jetzt aber empört sich die Seele aller edel gesinnten Römer wider die schmachvolle Thatsache, daß ein Weib, und noch dazu die heimliche Buhlerin prätorianischer Leibwächter, über den ruhmvollen Staat des Augustus gebietet. Jede Woche, die wir verlieren, um dieser Herrschaft den Boden zu untergraben, ist eine ernste Gefahr für das Weltreich. Wollt ihr' s erleben, daß Agrippina im ewig wachsenden Brand ihres Ehrgeizes etwa dem eigenen Sohne so mitspielt, wie ihrem Stiefsohn Britannicus? Daß sie den Cäsar in Ketten wirft oder ermordet, um vergnügt mit irgend einem robusten Kerl aus der Prätorianerkaserne Hof zu halten, und das römische Volk auszusaugen, wie eine schwellende Giftspinne? Ich sehe sie vor mir, und in der That, sie gleicht einer ungeheuren Spinne. Da, wo die Strahlen ihres Netzes zusammenlaufen, steht das Palatium. All die einzelnen Fäden aber, bis zur Grenze des Reiches, sind mit Soldaten besetzt, die sie erkauft hat mit den Reichtümern unsrer Provinzen. Sie ist danach angethan, von ihrem Schlafgemach aus den Erdkreis zu knechten; sie liebäugelt den Senat über den Haufen, wenn ihr etwa die Bleikugeln ihrer balearischen Schleuderer versagen sollten. Immer und immer wieder packt mich die Reue, daß ich von Anfang an zu nachgiebig war, daß ich, in der sicheren Voraussetzung, Nero werde sich frühe genug zum Adler entwickeln, dem wachsenden Einfluß der Hassenswerten mitunter Vorschub geleistet habe . . .«

Er unterbrach sich.

Der gefeierte Redner hatte noch niemals mit so warmherziger Ueberzeugungskraft, mit so packender Frische in Gebärde und Ausdruck gesprochen.

Es darf indes nicht verhehlt werden, daß die Sorge ums eigene Heil bei dieser Beredsamkeit wesentlich mitspielte.

Ein Lauscher hatte ihm hinterbracht, wie herb sich Agrippina über seine Person und sein Verhalten bezüglich Neros geäußert hatte.

Es galt nun, der Kaiserin-Mutter gründlich zuvorzukommen, wenn man das Spiel nicht verlieren wollte.

Der nämliche Lauscher – ein hellenischer Sklave, den er einst wider den Jähzorn der Agrippina mild einschreitend beschützt hatte – teilte ihm ferner mit, was zwischen dem jungen Kaiser und seiner Mutter betreffs der Freigelassenen Acte geredet worden, und Seneca hatte nun seinerseits den Versuch gemacht, dem Kaiser von der Fortsetzung dieses Verhältnisses abzuraten.

In diesem Fall nämlich – wenn Claudius Nero sich selbst bezwang – hätten die Genossen des Pätus Thrasea in Nero einen kräftigen Rückhalt gefunden.

Leider ergab sich, daß auf die Mitwirkung des liebeglühenden Jünglings durchaus nicht zu rechnen war.

Die Palastrevolution büßte dadurch ihren wichtigsten Hebel ein, der ihr tausend Schwierigkeiten spielend aus dem Wege geräumt hätte.

Mit Beihilfe des jungen, von wirklicher Schaffenslust begeisterten Imperators wäre alles geräuschlos, ja vielleicht in der scheinbaren Form einer freiwilligen Entsagung der Agrippina von statten gegangen.

So aber, wie die Dinge jetzt lagen, mußte man höchst wahrscheinlich Gewalt üben.

Und dieser Gewalt die gangbarsten Pfade zu zeigen, war die Aufgabe, die sich Seneca für den weiteren Verlauf seiner Rede gestellt hatte.

Zunächst wies er auf die Notwendigkeit hin, Burrus, den Befehlshaber der Prätorianer, dann aber auch die Sympathien der Krieger selbst zu gewinnen.

Nero hatte bis jetzt die Geldspenden an die prätorianische Leibwache ordnungsgemäß auszahlen, gelegentlich auch verdoppeln oder verdreifachen lassen.

Im Eifer, ihre Herrschaft zu festigen, zahlte die Kaiserin-Mutter auf eigene Faust diese Geldspenden nochmals und fügte besondere Ehrengaben an die Militärtribunen und Centurionen hinzu.

Burrus befand sich, ohne persönlich über Gebühr eitel zu sein, dennoch ziemlich unter dem Banne der Kaiserin, die ihn trefflich zu nehmen wußte; und es schien nicht gerade leicht, diesen Bann zu zerstören.

Beide Ausgaben indes getraute sich Seneca trotz ihrer Schwierigkeit siegreich zu lösen.

Die Bearbeitung der Soldaten sollte von einigen Centurionen ausgehen, die mit Geldmitteln bis ins Ungeheuere versehen waren.

Was den Burrus betraf, so war dieser Bär, dem die Galanterie so schlecht zu Gesichte stand, in erster Linie Soldat. Dem selbständigen Kaiser zu dienen, würde ihm rühmlicher scheinen, als die bisherige Situation, die ihn mehr, als seinem Charakter entsprach, zum Herkules am Spinnrocken der Agrippina entwürdigte.

Sobald Burrus gewonnen war, galt es einen leicht durchzuführenden Handstreich.

Seneca würde den Burrus ersuchen, sämtliche Prätorianer in der großen Kaserne bereit zu halten. Alsdann wollte der Staatsminister mit einer hohen Gefolgschaft von Senatoren und Priestern den Kaiser dorthin geleiten und ihn veranlassen, den Kriegern in kurzer Ansprache mitzuteilen, daß aus Gründen des Staatswohles Agrippinas Herrschaft ein Ende genommen. Hiernach sollte den Leuten eine Summe geschenkt werden, die sämtliche Donationen der Agrippina um das Zwölffache übertraf. Inzwischen würde sich der Militärtribun Julius Vindex, den man längst ins Vertrauen gezogen, mit einer Schar senatorischer junger Männer bereit halten, im Falle unerwarteter Hindernisse das Volk zum Kampfe wider die Herrschaft der Palla aufzuwiegeln. Waffen lagen in Hülle und Fülle unter den riesigen Kellerwölbungen der Aegypterin Epicharis. Die Römer, in ihren Sympathien für Nero, würden trotz der Erschlaffung des überfeinerten Zeitalters, noch einmal das Schwert ziehen, um zu beweisen, daß der Geist der lorbeergekrönten Fabier noch immer nicht völlig dahin sei. Thrasea Pätus aber sollte im Senat, den der Staatsminister sofort nach dem Kapitol zu entbieten hätte, durch die Macht seiner Beredsamkeit und das Ansehen seiner Person die Schleppträger Agrippinas zu Boden schlagen und einen Beschluß herbeiführen, der das Vorgefallene als gesetzlich bezeichnen und den Verschwörern den Dank des geretteten Vaterlands feierlich aussprechen würde.

Die kleine Versammlung atmete hoch auf, als der Staatsminister seine zündende Rede beendet hatte.

Niemand wußte im Grunde etwas hinzuzufügen.

Die Rollen schienen so gut verteilt, die einzelnen Räder des ganzen Getriebes mit so großer Genauigkeit für einander gestimmt, daß keine eigentliche Kritik möglich war.

»So soll es geschehen!« rief endlich Barea Soranus. »Und wenn alles geglückt ist, dann klagt mir die Kaiserin-Mutter vor dem Staatsgerichtshof der Patres Conscripti öffentlich als Verbrecherin an und schickt sie unter guter Bedeckung nach Pandataria, wo sie in strengster Verbannung darüber nachdenken mag, daß politische Herrschbegier zwar den Männern geziemt, nicht aber den Weibern!«

Zweites Kapitel.

In der folgenden Woche überzog sich der Himmel trotz der bereits vorgeschrittenen Jahreszeit mit dichtem Gewölk.

Am Abend des vierundzwanzigsten Mai strömte der Regen so gleichmäßig und ruhig über die Siebenhügelstadt, als feiere der Wettergott seine langweiligen Dezemberorgien.

Die Kaiserin-Mutter befand sich auf ihrem herrlichen Landsitze im Albanergebirge, wo sie fast alles, was sonst ihre bewegliche Seele in Anspruch nahm, im Frühlingsglanz einer vollerblühten Natur zu vergessen schien.

Wunderbare Gerüchte gingen dieserhalb unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit von Mund zu Mund.

Pharax, der mustergültig gebaute Centurio, war mit einemmal zum Militärtribunen emporgerückt.

Einige Tage des Urlaubs hatte er ausgenützt, um sich der kleinen, geschmeidigen Hasdra – der Gesellschafterin der Poppäa Sabina – hinlänglich zu versichern. Der Austausch der Jaworte, durch einen eifrigen Schreibverkehr vorbereitet, war tatsächlich schon erfolgt und bedurfte zu seiner Gültigkeit nur noch der Bestätigung seitens der Kaiserin . . .

Merkwürdigerweise zögerte Agrippina mit diesem unentbehrlichen Ja . . .

Dagegen wollte man öfters bemerkt haben, daß Pharax mit der noch immer verlockenden Fürstin ganz unter vier Augen in den entlegensten Gründen des albanischen Parkes lustwandelte; ja, daß sie einmal mit beiden Händen seine wuchtige Männerfaust zärtlich umklammert hatte . . .

Und die Genehmigung zur Heirat mit Hasdra ließ nach wie vor auf sich warten . . .

Auch Octavia hatte die Hauptstadt verlassen und ihre antianische Villa bezogen.

Nero allein wohnte noch im Palatium, wo er die Vormittagsstunden einsam in der Stille seines Museions verträumte, während Burrus und Seneca die jetzt ohnehin geringfügigen Staatsgeschäfte kurz erledigten, ihre Tageskuriere an die Kaiserin-Mutter beförderten, und im übrigen auf die rasche Herbeiführung der Sommerferien bedacht waren, damit auch für sie, die beiden Hauptarbeitsträger des Weltreichs, die Stunde freier Erholung schlage.

Nero speiste jetzt beinahe regelmäßig bei Acte.

Vor Mitternacht kehrte er selten zurück, und wenn er sich dann allein sah in dem prunkvoll-öden Cubiculum, so wachte er noch oft die vierte Vigilie heran, ernsthaft mit der Erwägung der nächsten Zukunft beschäftigt.

Seine geliebte Acte durfte natürlich, wenn er demnächst die Hauptstadt verließ, um nach einer der reizenden Villen im Lande Campania zu siedeln, hier in Rom nicht zurückbleiben.

Am liebsten hätte er heimlich am Gestade des norditalienischen Sees Benacus irgend ein Landhaus gemietet, sich daselbst für einen Ritter etwa aus Mutina oder Verona, Acte für seine Gemahlin ausgegeben.

Bald aber begriff er, diese Idee sei nicht ausführbar.

Wenn man den Kaiser einen ganzen Sommer hindurch vermißte, wenn selbst Octavia und Agrippina keine Auskunft erteilen konnten, wo und zu welchem Zwecke er abwesend blieb, so mußte dies zu Erörterungen führen, die er vermeiden wollte. So fest er entschlossen war, dem Willen der Agrippina in dem einen wichtigen Punkte zu trotzen, so klar empfand er ein heimliches Grausen vor dem Ueberschwall ihres Zornes. Er mochte jetzt ahnen, daß diesem Weibe ein Dämon im Busen wohnte, ein Geist, der, einmal entfesselt, alles zertrümmern konnte.

So hielt er es denn für das beste, noch einige Zeit in Rom zu verweilen, unterdes aber durch seinen Vertrauten Sophonius Tigellinus für Acte eine freundliche Unterkunft in dem volkreichen Bajä zu suchen, wo Nero selbst eine prachtvolle Villa besaß. Er wohnte dann der Welt gegenüber allein, und verstieß nicht gegen die äußeren Rücksichten, die er seiner Gemahlin schuldete. Unbemerkt aber konnte er seiner Acte ins Auge schauen, so lang und so oft er's begehrte – und so schien doch, für einige Monate wenigstens, die Hauptfrage seines Lebens glücklich gelöst.

Es war just um die Stunde, da Nero in seinem Cubiculum diesen Entschluß gefaßt hatte und sich beruhigt aufs Lager streckte, als eine Schar Berittener vom Albanergebirge her nach der Appischen Straße sprengte.

Große lederne Mäntel, unter denen die Klinge des Breitschwerts hervorlugte, schützten die Männer gegen die Unbill der Witterung.

Die Nacht war, trotz des rieselnden Regens, von einer mattgrauen Helligkeit: über dem langsam verschwimmenden Dunstgewölk stand der Mond.

An der Spitze der Kavalkade ritt, völlig vermummt, Pallas, der Vertraute der Kaiserin.

Er war es gewesen, der Zeit und Gelegenheit ausgespäht, der Acte beobachtet, ihre Wohnung entdeckt und die Kaiserin Agrippina mehr und mehr aufgehetzt hatte.

Jetzt führte er einen Plan aus, der besser noch seinem innersten Wollen entsprach, als dem der Fürstin.

Die rasendste Eifersucht wühlte ihm durchs Gebein, die verzehrendste Wut auf die Glücklichen, die hier draußen in der schweigsamen Villa den Frühlingstraum ihrer ersten Liebe genossen.

So ungerecht verteilte das Schicksal Wonne und Elend, Segen und Fluch!

Wie mußte sie diesen Knaben vergöttern, wenn sie es vorzog, nach Art der römischen Libertinen seine Geliebte zu werden, indes doch er, Pallas, ihr die Hand zum Ehebündnis geboten! Und war denn Nero, trotz seiner vornehmen Herkunft, mehr als Pallas, der Freigelassene, der aus nichts alles geworden, der sich selber emporgehoben, der durch seine Beeinflussung der Kaiserin-Mutter oft mehr wirkte und schaffte, als der lüsterne Zögling des Seneca samt seinem Lehrer . . .?

Pallas hatte bereits am dritten Tage nach jener peinlichen Scene zwischen dem Kaiser und Agrippina leise Andeutungen gewagt, Beifall geerntet, und schließlich den Auftrag erhalten, das Unlösbare nach Art des macedonischen Alexander kühn auseinander zu hauen.

Die Lavaplatten der Via Appia hallten weithin unter den Hufschlägen der bewaffneten Reiterschar, die vor dem Heiligtume des albanischen Mavors den Schwur hatte leisten müssen, alles, was diese nächtliche Unternehmung auch bringen werde, ewig geheimzuhalten, vor allem jedoch bei Strafe des Todes niemals merken zu lassen, daß der gefürchtete Pallas an ihrer Spitze gestanden.

Weiter, weiter auf der gewaltigen Gräberstraße . . .

Alles ringsum schien wie ausgestorben.

Die Lichter in den hochragenden Prunkhäusern waren sämtlich erloschen. Die Inhaber weilten bereits auf ihren lauschigen Landsitzen, und die zurückgelassenen Hausverwalter ruhten seit lange auf ihren Pfühlen.

Nach Verlauf einer halben Stunde schwenkten die Reiter nach links.

Dreihundert Schritte noch, – und Pallas befahl den Mannschaften abzusitzen.

Zwei der Bewaffneten ließ er bei den Pferden zurück.

Mit den übrigen schritt er ans Ostium der Villa, wo Acte in süßem Schlummer lag, ließ den pantherköpfigen Klopfer dreimal wider das buckelbeschlagene Eichenholz dröhnen, und rief dann, als der Ostiarius von innen zur Thür trat, mit veränderter Klangfarbe: »Oeffne!«

»Wer bist du?« gab der Sklave zurück.

»Erkennst du nicht meine Stimme?«

Der Thürhüter schwieg einen Augenblick.

»Nein,« sagte er ruhig. »Aber wer du auch seist: was kann dich bewegen, zu so später Nachtstunde hier noch Einlaß zu heischen?«

»Das sollst du erfahren, wenn du geöffnet hast.«

»Ich kann und werde nicht öffnen, eh' ich's erfahren habe.«

»Wahnsinniger!« gab ihm Pallas zurück. »Willst du dich um den Kopf bringen?«

»Ich wüßte nicht, was den Kopf mir bedrohen sollte.«

»Im Namen der Kaiserin Agrippina befehl' ich dir: Oeffne!«

»Agrippina ist nur die Mutter des Princeps. Ich verweigere das Oeffnen – im Namen des Kaisers.«

»So gebrauch' ich Gewalt.«

»Gewalt wider den Imperator?«

»Wie ich dir sage. Noch drei Minuten hast du Bedenkzeit.«

»Die werde ich ausnützen, das Haus in Alarm zu setzen. Wir sind unsrer zwanzig, darunter zwölf germanische Kriegsknechte.«

»Was werdet ihr ausrichten gegen die sechzig, die euch von allen Seiten umspannt halten? Zudem – du weißt, die Kriegsknechte schwärmen für Agrippina. An meinem Finger jedoch glänzt der Siegelring der Gewaltigen, der euch beweisen wird, daß ich alles in ihrem Namen geredet. Auch ein Schreiben führe ich mit . . .«

»Gut. So warte!«

Die dröhnenden Hufschläge und jetzt das lebhafte Zwiegespräch des Pallas mit dem Ostiarius hatten bereits die meisten Insassen der Villa aus dem Schlafe geweckt.

Acte selber, eine schneeige Stola über dem Untergewand, schritt in das Atrium. Man entzündete Fackeln und Pechpfannen. Rechts und links stürzten die Sklaven und Freigelassenen Actes, mit Schwertern und Lanzen bewaffnet, aus den Hallen hervor, während vom Peristyl her die Leibwache, die der Kaiser für sein blondlockiges Liebchen ausgewählt hatte, in militärischer Haltung hereintrat.

Der Führer der kleinen Garde begab sich nun mit dem Ostiarius an die Hausthüre, und fragte in einem Tone, der den Pallas eine Sekunde lang doch etwas stutzig machte: »Was bedeutet dieser nächtliche Unfug? Ich bin kaiserlicher Centurio und vertrete hier voll und ganz den Beherrscher des Erdkreises.«

Pallas gab ihm nach kurzem Besinnen die gleiche Erklärung, wie vorhin dem Ostiarius.

»Du trägst den Siegelring Agrippinas,« versetzte der Kriegsmann. »Wisse, unsre Gebieterin trägt den Ring des göttlichen Imperators. Den Schluß ziehe dir selbst!«

»Ich ziehe nicht Schlüsse, sondern ich handle. Die Kaiserin-Mutter befiehlt mir, Acte, die Freigelassene des Nicodemus, unverweilt nach der albanischen Villa zubringen.«

»Um diese Stunde?« lachte der Kriegsmann. »Bist du verrückt, Herr? Zieh nur getrost ab mit deinen Soldaten und störe uns hier nicht weiter die Nachtruhe! Nero, der Imperator, hat uns befohlen, jedem, der uns verdächtig erscheint, den Eintritt zu weigern – selbst bei Tage, geschweige denn in der Nacht, wo nur Verbrecher und Straßenräuber ihrem Gewerbe nachgehen.«

»Thut mir leid,« sagte Pallas ironisch. »Wir dürfen nicht unverrichteter Sache zurückkehren. Ich leiste dir Bürgschaft mit allem, was ich habe und bin, daß Agrippina dem holden Liebchen des Imperators kein bitteres Wort sagt.«

»Was du hast, könntest du schließlich wieder zurückfordern; was du bist, weiß ich nicht. Schwerlich etwas Gediegenes: denn sonst würdest du dich für solche Henkersdienste nicht hergeben. Zudem meldet mir einer, der euch vom Dach aus gesehen, daß ihr Kapuzen tragt und eure Gesichter zur Hälfte verhüllt habt. Soll ich euch raten, so zieht mir schleunigst von dannen, eh' euch die Stadtkohorte ertappt: sonst wird der gestrenge Präfekt euch möglicherweise ans Kreuz nageln.«

»Du widerstrebst also?«

»Ich widerstrebe.«

»So mögen die Folgen über dein Haupt kommen. Vorwärts, Leute! Erbrecht die Hausthür!«

»Den ersten, der durch die Bresche steigt, stoße ich nieder,« rief der Centurio. »Diesen Engpaß werden wir hoffentlich noch verteidigen können.«

Drei von den Soldaten des Pallas traten heran. Ihre gewaltigen Aexte holten mit unheilverkündendem Schwunge aus, und wetterten dann wie Donnerkeile dumpfdröhnend herab.

Die breiten eisernen Buckeln leisteten eine Zeit lang kräftigen Widerstand.

Beim sechsten Schlage jedoch fingen sie an, sich zu lösen und abzubröckeln; das Holz erkrachte in allen Fugen; ein Angelzapfen zerbarst, und im nächsten Moment stürzte das Ganze tollprasselnd über den Haufen. Selbst der schwere eiserne Riegel war aus der Kramme gewichen.

Die keuchenden Beilschläger traten sofort beiseite, und drohend gezückten Schwertes stürmten die Kampfsoldaten voran.

Actes Leibgarde und selbst ihre Sklaven und Sklavinnen standen jedoch bereit, den Friedensstörern einen heißen Empfang zu gewähren.

Gleich die vier ersten der Angreifer fielen wie taumelnde Jagdtiere in die entgegengestemmten Langschwerter.

Einen, der sich geduckt an den sinkenden Kameraden vorbeidrängen wollte, traf der Todesstoß von der Breitklinge Phaons, des treuen Haussklaven des Imperators.

Aber die übrigen schoben mit unwiderstehlichem Anprall ihre Toten und Verwundeten vor sich her.

Brust und Bauch mit dem Schilde bedeckend, erreichten sie so durch den engen Thürgang das Atrium, wo sich nun ein Gefecht entspann, das angesichts der erregten Gemüter für beide Teile furchtbar zu werden versprach.

Da plötzlich ertönte ein greller Pfiff.

Die Vermummten zogen sich augenblicklich zurück.

Da sie bereits nahe daran gewesen, den Sieg zu erringen, so ließen die staunenden Verteidiger Actes die Entweichenden ruhig gewähren, machten auch keinen Versuch, ihnen die Mitnahme ihrer Gefallenen streitig zu machen. Selbst dem kampferprobten Centurio dünkte es ratsam, diesen Widersachern eine goldene Brücke zu bauen.

Eben hatte der letzte sich aus dem Ostium entfernt, und der wackere Thürhüter plante bereits Mittel und Wege, das zertrümmerte Balkenwerk wieder zusammenzustücken, als die Sklavin Erotion schreiend vom Peristyl nach dem Haupthof gerannt kam.

»Wehe uns allen!« ächzte sie mit thränenerstickter Stimme. »Der Cäsar wird uns seinen Muränen zum Fraße vorwerfen. Sie ist fort, schmählich geraubt, Acte, unsre süße, himmlische Herrin.«

»Unmöglich!« herrschte Phaon sie an.

»Doch, doch!«

»So hast du sie verraten.«

»Ich?« klagte das Mädchen, außer sich vor wahrhaftigem Schmerz. »Sie war ja die Liebe und Freundlichkeit selbst, und gütig gegen uns alle wie eine Schwester. Ich – meine Acte verraten! Schäme dich, Phaon, – das glaubst du selbst nicht! Aber nun hört, wie es kam! Sie wußte ja gleich, um was es sich handelte. Nun wollte sie jedes Blutvergießen vermeiden, und so beschloß sie, durchs Posticum zu entfliehen. Wir öffnen – leise – leise – und eben will sie nach rechts in den Vicus Alienus einbiegen: da stürzen sich zwei von den Straßenräubern über sie her. Einer packt sie mit Gewalt auf sein Pferd, und eh' ich noch rufen kann: ›Gnade uns Jupiter!‹, ist der Bube auch schon hinausgesprengt in die Finsternis.«

»So gnade uns Jupiter in der That!« rief der Centurio. »Wenn der Kaiser erfährt, wie schlecht wir sein Kleinod behütet haben . . .«

»Pah,« rief eine der Sklavinnen, »gar so schlimm wird's nicht werden. Seine Wut muß doch ganz und gar auf Agrippina, die Mutter, fallen.«

»Wer weiß,« meinte Erotion, »ob's nicht doch eine Strafe der Götter ist. Er liebt sie ja heiß und wonnig, seine reizende Acte, – aber Octavia ist sein angetrautes Gemahl . . .«

»Dummes Zeug,« brummte die oskische Untersklavin, die den Vorhof zu fegen hatte. »Mich hat Otho, der Ehemann der Poppäa, auch nicht gefragt, ob ich verheiratet sei oder nicht, als er mich damals von Flavius Scevinus kaufte. Die unsterblichen Götter haben jetzt mehr zu thun, als sich um jede erbärmliche Liebschaft zu kümmern.«

»Alberne Gans!« strafte sie Phaon. »Prahlst du denn immer noch mit der kindischen Lüge, Otho habe dir nachgestellt? Schau doch mal in den Spiegel! Aber es ist eine Schande, daß wir so elend die Zeit vertrödeln . . .«

»Kameraden,« hub der Centurio wiederum an, als hätten die Worte Phaons ihn aufgeschreckt, »mir wird äußerst beklommen. Bleiben wir hier, um den zürnenden Imperator seine Verzweiflung über uns ausschütten zu lassen? Oder eilen wir nach der Albanischen Villa, um uns der Gnade der Kaiserin zu empfehlen?«

»Das wär ein Gedanke,« sagte einer der Kriegsknechte.

»Ich diene dem Kaiser,« meinte ein andrer, »und die Weiberherrschaft ist mir verhaßt.«

»Mir auch!«

»Jawohl, sie entwürdigt uns!«

»Gut, so bleiben wir!« sprach der Centurio. »Unser Kaiser wird einsehen, daß uns keinerlei Vorwurf trifft.«

»Und treue Diener wird er gebrauchen können bei diesem Zwiespalt mit seiner Mutter.«

»Verfluchtes Volk, die Mannskerle!« brummte die Untersklavin, Besen und Spartgraslappen herzuschleppend. »Weiß der Henker, das ganze Atrium ist eine Blutlache.«

Die übrigen Mädchen und Frauen machten sich unterdes mit den Verwundeten zu schaffen. Man trug die Opfer des Handgemenges auf ihre kaum erst verlassene Lagerstatt, verband sie so gut als möglich und flößte ihnen schneegekühlte Erfrischungen ein.

Phaon war unverletzt. Er hatte im ersten Augenblick an die Möglichkeit einer Verfolgung gedacht. Sofort aber ließ er diese Idee fallen. Sie war geradezu lächerlich, – schon deshalb, weil man in der Villa über kein einziges Pferd verfügte.

Er schritt bedächtig im Peristyl auf und nieder. Der Regen hatte jetzt nachgelassen. Der Wind aber heulte in klagenden Tönen durch die vereinsamten Kolonnaden, als trauere er um ein schweres, unabwendbares Schicksal.

Drittes Kapitel.

Tausend Schritte ostwärts von dem Schauplatze dieses nächtlichen Ueberfalls sonderten sich die Berittenen in zwei verschiedene Abteilungen.

Die größere sprengte mitsamt den Toten und Verwundeten aus der Via Latina dem mondbestrahlten Gebirge zu; denn das Regengewölk begann sich zu lichten.

Die übrigen, Pallas voran, verfolgten die Richtung der Via Appia und erreichten nach scharfem Ritte das Städtchen Bovillä, woselbst sie Halt machten.

Der feiste Wirt der verräucherten Thorschenke ward aus dem Schlafe gepocht; nach den Anstrengungen der letzten Stunden bedurfte man einer Erfrischung.

Pallas ließ die acht oder zehn Reiter vorn in der Zechstube allein und trat mit der todbleichen Acte, die er gleich hinter dem letzten Hause der Via Appia zu sich aufs Pferd genommen, in ein Seitengemach, das der Schenkwirt für erlesenere Gäste bereit hielt.

Eine samnitische Magd, der das verworrene, blauschwarze Haar tief ins Gesicht hing, hatte, mit ihren nackten Beinchen auf den hölzernen Tisch kletternd, die krokodilköpfige Hängelampe entzündet, die nun schwelenden Dochtes ihr trübseliges Licht verbreitete.

Pallas hieß Acte niedersitzen. Er enthüllte sein Antlitz. Dann trat er, die Arme über der Brust gekreuzt, vor sie hin und fragte sie mit bebender Stimme: »Kennst du mich noch?«

»Ja, und zwar besser als ehedem.«

»Wie meinst du das?«

»Früher hielt ich den Vertrauten der Kaiserin für einen gerechten und wackeren Mann; jetzt aber weiß ich, daß er ein Schurke ist.«

Die Hand zuckte ihm nach dem Schwerte.

Dann beherrschte er sich.

»Acte,« sprach er, »laß uns die Lage der Dinge in voller Ruhe erörtern. Ich bin absichtlich während des ganzes Rittes stumm geblieben; diese Absicht hast du verstanden. Was wir zu reden haben, schickt sich nicht für die Ohren meiner Gefolgsleute.«

»Rede denn!« sagte sie frostig.

»Acte, elende, fluchbeladene Dirne, ich habe dich über die Maßen geliebt. Ich habe dir angeboten, was selbst eine Freigeborene stolz hätte nehmen dürfen: diese Hand, mein Haus und mein Herz. Acte, du solltest das ehrliche Weib eines ehrlichen Mannes werden. Du hast es vorgezogen, die Geliebte des lüsternen Imperators zu sein – eine Verderberin der kaiserlichen Familie, eine Verbrecherin an dem Glücke Octavias. Alle Welt ist empört, das Volk deutet mit Fingern auf dich . . . Und nun, da ich im Auftrage der Kaiserin-Mutter gekommen bin, dies schmachbedeckte Verhältnis zu lösen, nun erfrecht sich die ehrlose Libertine, die Buhlerin, mich einen Schurken zu heißen! Armseliges Kind, frage dich selber, ob deine Dreistigkeit nicht den Tod verdient!«

Acte stützte den Kopf in die Hand. Ein Hauch von Zerknirschung ruhte sekundenlang über dem sinnenden Antlitz.

Plötzlich röteten sich ihre Wangen; sie hob die herrlichen Wimpern und maß den Vertrauten der Kaiserin mit trotzigen Blicken.

Je schroffer und verdammender seine Rede geklungen, je mehr sie ihm recht geben mußte, wenn sie sich auf den Standpunkt Octavias und der Kaiserin-Mutter stellte, um so entschiedener regte sich ihr das dunkle, aber machtvolle Bewußtsein, daß sie kraft eines höheren Gesetzes bessere Ansprüche auf den Geliebten habe, als irgend wer sonst.

Ein freundlicher Warner aus der Gemeinde der Nazarener, der da mit Worten der Milde an ihre Seele gepocht, der ihr klargemacht hätte, daß die echte Christin entsagen muß, wo das Glück ihres Herzens mit den Geboten des göttlichen Heilands im Widerspruch steht, hätte vielleicht ihr erregtes Gemüt auf die richtigen Pfade geleitet. Pallas jedoch, der im Namen der Agrippina und der beleidigten römischen Gesellschaft zu reden vorgab, während er doch in Wahrheit nur dem Drang seiner eigenen Leidenschaft folgte, Pallas war nicht der Mann, ihre Achtung vor dem geschriebenen Recht und dem Willen der Kaiserin-Mutter zu kräftigen.

Sie sah zu ihm auf und versetzte mit ruhiger Stimme: »Nein, ich bin nicht, was du mich schiltst. Ich sage dir's frei ins Gesicht, – und weshalb sollt' ich mich schämen . . .? Macht's doch den tiefsten Kern meines Wesens aus –: Erst seit ich Nero liebe, glaub' ich zu leben! Ja, Pallas, ich habe ihn lieb, wie nichts, nichts auf der Welt. Sein Weib bin ich gewesen, und ich sehe nichts Schlimmes darin; denn nur die unbezwingliche Sehnsucht hat mich ihm zugeführt. Er aber war nicht mein Geliebter, wie ihr's versteht, wenn ihr dem Publius Ovidius nachplappert, sondern mein rechter Gemahl. Er hat alles mit mir geteilt, was ihm das Herz bewegte, und wenn nicht Octavia wäre, die ja gewiß edel und gut ist, die ihm aber das tiefe Gemüt nicht ersättigen kann, er hätte mich frank und frei auf den Thron erhoben.«

»Das lügst du!« rief Pallas.

»Ich lüge nicht. Hundertmal hat er mir's zugeschworen, wenn er schwärmend zu meinen Füßen lag. Dann versetzte ich wohl: ›Laß nur, mein Trauter! Ich verlange nicht nach dem Glanz des Palatiums, – ja nicht einmal nach dem Ruhme, vor der Welt deine Gattin zu heißen: nur dich will ich, Nero, nur dich allein, und wärst du der niedrigste deiner Sklaven.‹ –«

»Redensarten, erbärmliche Redensarten!«

»Es ist die Wahrheit. Und so glühend, wie ich ihn liebe, so liebt er auch mich. Das weiß die Kaiserin-Mutter nur allzuwohl: daher denn ihre sinnlose Wut. Aber sie wird's nicht ändern, denn seine Liebe ist unermeßlich, gleich dem brausenden Meer, das ihr nicht ausschöpfen könnt, und mühtet ihr euch Jahrtausende. Du vollends? Pah, ich verachte dich. Du betrügst ja die Herrin, der du zu dienen vorgibst. Nicht das Recht, sondern Haß und elende Eifersucht sind deine Leitsterne.«

»Nenne es wie du willst! Eins ist sicher, und das solltest du kurz in Betracht ziehen: daß du in meiner Gewalt bist.«

»In deiner Gewalt?« lachte das junge Mädchen. »Zuerst war ich durch euren Angriff betäubt. Es übermannte mich wie Verzweiflung: das alles schien mir so fremd, so unglaublich . . . Jetzt aber sage ich dir: ich spotte eurer erbärmlichen Tücke. In dieser Stunde vielleicht ist Nero schon auf dem Wege, um seine Acte zu retten. Der Arm des Kaisers reicht weiter, als du dir vorstellst. Wenn du dann elend in Ketten schmachtest, – gut, so will ich ein freundliches Wort für dich einlegen zum Dank dafür, daß du nicht rauh gegen mich warst, während ich über dem Bug deines Rosses hing. Ja, ihr sollt alle begnadigt werden – durch meine Fürsprache. Wie froh und wie stolz will ich sein, wenn er euch dann verkündigen läßt: ›Ihr seid frei, – denn Acte, mein blonder Liebling, hat es gewollt!‹ –«

Starr vor Bewunderung blickte Pallas die anmutvolle Gestalt an, die zu wachsen schien mit der Größe ihrer Empfindungen.

»Mädchen,« sprach er, »willst du mich anhören?«

»Gern,« versetzte sie lächelnd. »Wenn die That dich gereut, so will ich dir alles, alles verzeihen. Bring mich zurück in mein glückseliges Heim, so sollst du überdies noch reichlich belohnt werden. Die Beschämung wird dich dann vielleicht zum treuesten Diener des Mannes machen, den du verraten wolltest.«

Bitter lächelnd nahm er sie bei der Hand.

»Du vergissest, daß ich dich liebe. Nie im Leben wirst du zu ihm zurückkehren. Wisse, der Arm des Kaisers reicht weit; aber die Herrscherin Roms heißt Agrippina. In wenigen Stunden erreichen wir Antium. Abseits vom Hafen wartet auf uns ein Kahn, der uns an Bord einer schnellen Bireme bringt. Dein Schicksal ist klar vorgezeichnet. Ich schaffe dich nach Sardinien und verkaufe dich dort als Sklavin an den ersten Verwalter der Staatsbergwerke, der seit Jahren bereits der Kaiserin-Mutter ohne Rückhalt ergeben ist. Dort, mein Täubchen, wirst du ängstlich bewacht werden. Zeigst du dich störrisch, wohl, so kann sich's ereignen, daß du gelegentlich einige Tage unter der Erde verbringst in den Höhlen und Stollen, aus denen die Zwangsarbeiter das Erz zu Tage fördern. Niemand erfährt, was aus der reizenden Acte geworden ist. Die Leute, die dein Haus überfielen, gehören sämtlich zu den bevorzugten Wachen der Kaiserin. Alle waren vermummt. Kein Toter, dessen Gesicht uns verraten könnte, blieb in eurem Atrium liegen. Begib dich also jeglicher Hoffnung! Der Handstreich der Agrippina ist wirklich geglückt. Acte ist ausgetilgt aus dem Buch der Lebendigen.«

Verstört sah sie dem Sprecher ins Auge.

»Ist das wahr?« fragte sie tonlos. »Oder quälst du mich nur aus Rachsucht, weil ich dir damals nicht mit Ja antworten konnte? Thue das nicht, Pallas! War es denn meine Schuld? Kann denn ein sterblicher Mensch für das, was er fühlt? Laß mich jetzt nicht entgelten, ich bitte dich herzlich, was nur das Schicksal verbrochen! Nicht wahr, du hast mich erschrecken wollen? Sardinien! Welch ein entsetzliches Wort! Ich kannte einen jungen Ligurier, der zwei Strafjahre in der Tiefe des Bergwerks verbüßt hatte: da er nun heimkehrte, war er ein Greis geworden. Rede doch, Pallas; dein Schweigen ist ja schrecklicher als dein Zorn! Agrippina, die Mutter meines geliebten Nero, kann nicht so grausam sein, – ach, und wenn sie es wäre, so hättest du ihr zu solcher Missethat nicht die Hand geboten!«

»Wie schön du bist in dieser flehenden Bangigkeit,« murmelte Pallas. »Aber es ist, wie ich dir sage. Alle Götter ruf' ich zu Zeugen. Die Kaiserin hat es befohlen, und will ich der Gnade der hohen Frau nicht verlustig gehen, so muß ich gehorchen. Nur ein Mittel gibt es, ein einziges . . .«

»Nenne es! Kein Opfer soll mir zu schwer sein, wenn's mich zu Nero zurückführt.«

»Davon war nicht die Rede; nur von dem Elend deiner Gefangenschaft. Höre also! Ich will dich mit Gefahr meines eigenen Lebens erretten, ich will vor Antium meine Gefolgschaft zurücksenden, und dann mit dir, du armes, gequältes Kind, ein alexandrinisches Kauffahrteischiff besteigen, das gleich nach Aufgang der Sonne die Anker lichtet. Nur das eine verlang' ich: daß du den Claudius Nero vergessen lernst. In dem Menschengewimmel der ägyptischen Hafenstadt verliert sich der einzelne wie ein Sandkorn am Meeresufer. Schaue nicht so entrüstet zu mir empor! Ich bin noch immer der alte. Meine Frau sollst du werden nach dem Gesetz, – nicht meine Geliebte. Ich will alles verschmerzen, was sich ereignet hat, so sehr mir die bloße Vorstellung das Blut ins Gehirn treibt . . . Ich will dich als rein empfangen, obgleich du in den Armen eines andern geruht hast; ich will dich ehren und achten, trotz deiner Schändlichkeiten. Ueberlege dir' s, Acte! Gib mir keine verfrühte Antwort! Eine halbe Stunde noch haben wir Zeit. Inzwischen nimm einen Schluck Päligner und iß ein paar Bissen Brot! Ich liebe dich, Acte; ich liebe dich heiß und tief. Was dir grausam erscheint, ist nur der unbezwingliche Drang meines Innern.«

Er füllte aus dem irdenen Krug, den der Schenkwirt jetzt auf den Tisch neben dem Eingang setzte, einen Metallbecher, und bot ihn mit ritterlicher Gebärde dar, während das Schenkmädchen einige Schnitten Gerstenbrotes herzutrug.

Acte leerte den Becher unendlich langsam – bis auf den Grund.

Pallas hielt sich inzwischen abseits und schlürfte ein paar Tropfen des dunklen Landweines mit dem Ausdruck eines Besinnungslosen. Sein Antlitz glühte; die Hand, mit der er das Trinkgefäß an die Lippen führte, zitterte wie im Fieberfrost.

Nach fünfzehn Minuten trat Pallas wieder zu Acte heran.

»Was hast du beschlossen?« fragte er tonlos.

»Kannst du noch zweifeln? Ich bekenne dir, daß die Anhänglichkeit deiner Liebe mich rührt; aber wenn du auch nur sekundenlang glauben konntest, ich würde den Cäsar, dem ich mit Seele und Leib angehöre bis in den Tod, um deinetwillen verraten . . .«

»Nicht um meinetwillen,« fiel Pallas ihr in die Rede, »sondern um deinetwillen . . .«

»Gleichviel! Wenn du jemals gedacht hast, ich könnte dem Stern meines Lebens untreu werden, um dieses Dasein zu retten, so bist du von Sinnen. Ich dir folgen! Ich dein Weib sein! Wäre nicht jeder Augenblick meiner Zukunft trostlose Sehnsucht, traurige Selbstverachtung? Nein, lieber das Schlimmste! Ich sag' dies wahrlich nicht, um deine Ehre zu kränken. Jeder andre, und wär' es der herrlichste senatorische Jüngling, wäre mir gleich verhaßt. Bin ich denn eine Ware, die man verschachert? Oder hat Nicodemus mich freigelassen, damit ich das Recht dieser Freiheit auch ausübe? Pferde und Hunde, Wurfspieße und Gemälde, Ringe und Halsbänder mögen ihre Besitzer wechseln, ohne an Wert zu verlieren: aber ein weibliches Herz . . .? Pallas, gesteh es nur: Du selber fühlst, wie unsäglich gemein es wäre, wenn ich dir nachgäbe!«

»Ja, dafern es aus eigenem Willen geschähe. So aber gehorchst du der Not. . . .«

»Ich gehorche ihr nicht. Ich sage dir kurz und bündig: Lieber töte ich mich, eh' ich noch ferner auf deine Vorschläge achte. Bring mich nach Rom zurück! Frevle nicht an dem Herrscher, der dich belohnen, der dich zermalmen kann!«

»Das wäre dein letztes Wort?«

»Mein letztes.«

»Wohlan, so ist dein Schicksal besiegelt. In wenigen Stunden schwimmst du auf hoher See, und Sardinien wird dich für ewig begraben.«

»Armer, sterblicher Mensch!« rief Acte, sich hoch emporrichtend. »Willst du auch nur voraussagen, was morgen geschieht? Kannst du bestimmen, wie lang noch dein Odem geht, oder wann Agrippina samt dir in den Abgrund stürzt? Rühme dich nicht des Sieges, da du die ganze Schar deiner Gegner noch nicht kennen gelernt! Claudius Nero wird den Erdkreis durchforschen, und diesmal wird er mich finden – da ich mich finden lasse! Dann aber wehe dir und allen, die sich zu meinem Unglück verbündet haben!«

»Du redest voll Zuversicht,« polterte Pallas.

»Ja! Und mutig nehme ich diese Buße auf mein sündiges Haupt, – denn ich weiß, ich habe gefehlt. Die Strafe des allmächtigen Gottes soll mich entsühnen. Ihn aber, den Geliebten, sehe ich wieder! Eine untrügliche Ahnung sagt mir's voraus: Meine Lippen werden ihm noch zärtlich die Stirne küssen, wenn die arme Octavia längst von hinnen gegangen ist, und Agrippina, und du, ihr schnödes, erbärmliches Werkzeug.«

»Schweig, sonst lass' ich dich fesseln!« rief Pallas, am ganzen Leibe erbebend. »Ich bin dein Kerkermeister, ja, wenn nötig, dein Henker. Also reize nicht den, der dich zerknicken kann. Uebrigens sollst du erfahren, daß auch Pallas einen unermüdlichen Willen besitzt. Mein wirst du dennoch, eh' du Sardiniens Ufer betrittst – und sollt' es mein Leben kosten!«

Acte legte die Hände schlaff ineinander. Ihre Lippen murmelten ein leises Gebet.

Pallas aber trat an die Thür und mahnte seine Genossen zum Aufbruch.

Dann zu Acte gewendet: »Bei dem ersten Alarmschrei, den du versuchen solltest, trifft dich dieses Stilett.«

Er hielt ihr die Waffe dicht vors Gesicht.

Fünf Minuten später ging der Ritt weiter in die dämmernde Nacht hinaus.

Viertes Kapitel.

Pallas hatte die leise schaudernde Acte wiederum vor sich aufs Pferd genommen.

Sein Gehirn arbeitete unaufhörlich. Bald überkam's ihn wie die Vernichtungsgier eines Rasenden; bald wie ein Hauch jener nazarenischen Milde, die Böses mit Gutem vergilt.

»Fürchte nichts!« raunte er in einer plötzlichen Anwandlung solcher Weichherzigkeit. »Meine letzten Drohungen waren sinnlos. Lehne dich mir unbesorgt wider den Arm, sonst ermüdest du. Wenn es geht, magst du schlafen. Mein Hispanier trabt außerordentlich sanft. Tröste dich, Acte! Das Zukünftige ruht ja im Schoße der Götter. Wer weiß: vielleicht wird alles noch gut.«

Und Acte, von ihrer Müdigkeit übermannt, gehorchte der Weisung des Pallas wie ein gefügiges Kind. Vertrauend sank sie an die Schulter des Feindes; denn sie trug die Empfindung in ihrer Brust, daß nichts Uebles sie anfechten könne, solange sie an der Treue zu Nero festhalte.

Dicht vor Antium bog man nach links ab. Die Stadt mit ihrer früherwachenden Hafenbevölkerung mußte vermieden werden.

Der Tag begann schon zu grauen. Das Meer kam in Sicht, und der stattliche Zweiruderer, der abseits, einige tausend Ellen vom Ufer, seine Anker geworfen hatte.

Pallas blickte dem schönen Mädchen mit unsagbarem Wehgefühl in das schlummernde Antlitz.

Da die Luft kühler und kühler ward, zog er den Mantel von der Schulter herab und bedeckte damit die holde Gestalt seiner Gefangenen.

Zwei schwere Thränen tropften ihm von den Wimpern – auf Actes Hand, die leise zusammenzuckte.

Grimmig, als schäme er sich dieser Schwäche, fuhr er sich mit der Faust über die Lider. Heißer jedoch und gewaltiger quoll es ihm aus der Seele empor, – ein Lavastrom allüberwindender Großmut. Ja, er fühlte: es gab eine Selbstlosigkeit, die ihre glühendsten Wünsche zum Opfer bringen, die allem entsagen konnte, um nur eins zu erstreben: das Glück der Geliebten.

Eine Minute lang hielt ihn so der Gedanke fest, umzukehren, die Geraubte – der Agrippina zum Trotz – wieder nach Rom zu bringen und sich dem Kaiser zu Füßen zu werfen. Mochte der Fürst sich dann huldreich erweisen, oder ihm das Schwert in die Brust stoßen, – gleichviel: Acte, Acte war doch am Ziele ihrer Sehnsucht.

Dann aber schnürte ihm die entsetzliche Vorstellung jenes Glücksrausches, der sich in der blumenumwogten Villa nun wieder fortspinnen würde, mit krallendem Tigergriffe die Gurgel zusammen.

Er gab seinem Pferde die Sporen.

Weit vor seinen Genossen sprengte er über die Straße dahin, als fürchte er, die stürmisch abgewiesene Versuchung möchte zurückkehren.

Acte an der Brust des jauchzenden Imperators –? Lieber den ewigen Vorwurf, sie vernichtet zu haben! Mochte sie elend dahin sterben in verzehrender Qual: die Küsse des Cäsars durften niemals wieder auf ihrem wonneatmenden Munde brennen, – oder Pallas war dem Irrsinn verfallen!

Ach, dieser himmlische Mund, den jetzt in dieser Stunde des Schreckens ein so zauberisches Lächeln umspielte! Ach, diese duftige, herzberückende Mädchenblüte! Wenn ihm ein Gott es gewährt hätte, sie nur ein einziges Mal zu umfahen, um dann, selig erfüllt von dem Bewußtsein ihres Besitzes, plötzlich hinabzusinken in das uranfängliche Nichts: er würde keine Sekunde gezögert haben.

Als man eben die breite Uferstraße erreichte, die von Antium nach Astura und Clostra führte, wachte die Schläferin auf.

Erschreckt blickte sie um sich.

Es war also nur ein Traum gewesen, was ihr so lieblich und doch so bang und beklemmend vor der Seele geschwebt hatte!

Nicht auf dem Rasenteppich ihres traulichen Gartens ruhte sie, nicht am Rande des Springquells, nicht an der Seite ihres Ewig-Geliebten, der ihr mit schmeichelnder Stimme die alte Weise vom gefesselten Eros vorsang, sondern die kaum vergessene furchtbare Wirklichkeit hielt nach wie vor erbarmungslos ihr Opfer umklammert.

Sie hatte geglaubt, jene Bangigkeit sei den traurigen Worten entsprungen, die das Traumbild des Claudius Nero zu ihr geredet: ›Fahr wohl, Acte! Dies ist mein letztes Lied; zerbrich die Kithara!‹

Jetzt wußte sie, daß der gefürchtete Pallas und sein nächtlicher Ueberfall ihr das reizend-harmonische Trugbild getrübt hatte. – Selbst im Traume ward ihr mißgönnt, was sie liebte!

Der Himmel im Osten glühte heller und heller.

Eine lebhafte Brise wehte vom Tyrrhenischen Meere über das weithin grünende Ufer. Saftige Wiesen, von Akanthus durchwuchert, hochaufgeschossene Weizenfelder, die sich hier und da schon zu färben begannen, blitzten im Morgentau. Aus den vereinzelten Hütten und Häusern stieg der bläulich kräuselnde Rauch auf, an dessen Flammen sich die Kolonen den Speltbrei, das angestammte römische Frühmahl, bereiteten.

Da lag sie – rosig schlummernd, als wäre sie eine harmlose liburnische Jacht – die fürchterliche Bireme . . .! Schlaff und bewegungslos hing die Doppelreihe der Ruderstangen ins blaue Gewässer hinab. Der gewaltige Mastbaum, die Rahen mit den gerefften Segeln, das kreuz und quer verlaufende Takelwerk, das alles machte in dieser Entfernung eher einen duftigen, malerischen, als gewaltigen Eindruck, – und dennoch: Acte erbebte an allen Gliedern.

Jetzt gewahrte sie auch hinter den schwankenden Schilfhalmen des Gestades den Kahn, der sie an Bord bringen sollte . . .

Allerbarmender Jesus, gab es denn keine Rettung aus diesem Elend?

Pallas hatte die erschütternde Wirkung sehr wohl bemerkt, die der Anblick der offenen See und des Doppelruderers auf Acte hervorgebracht.

Es trieb ihn, diese Stimmung zu einem letzten Versuch auszunützen.

»Ueberlege dir's nochmals!« sprach er bewegt. »Dort die Bireme geleitet dich ebensogut in die Knechtschaft, wie in die Freiheit . . . Alles, alles will ich vergessen. Meine Einbildungskraft will ich erwürgen, wenn sie mir deinen schmiegsamen Leib in fremder Umarmung vormalt. Jede Silbe aus meinem Munde, die ans Vergangene erinnert, rufe den Zorn der unsterblichen Götter herab! Ich will dich hegen und pflegen als mein Liebstes und Heiligstes. Jene Wunde, die so tief dir im Herzen brennt, wird allmählich vernarben. Du wirst glücklich werden und mir am Ende noch Dank wissen, daß ich nicht abgelassen von meiner Werbung. Hörst du? Warum erwiderst du nichts? Hier sind wir am Ziele . . .«

Er sprang aus dem Sattel und ließ das junge Mädchen langsam zur Erde gleiten.

Einer aus der Gefolgschaft gesellte sich zu ihnen. Die übrigen machten mit sämtlichen Rossen kehrt, nachdem sie verschiedene Gepäckstücke, die sie vorn auf den Sätteln getragen, eilig in den harrenden Kahn geschleppt hatten.

Der sonnverbrannte, sehnige Schiffer mit der phrygischen Mütze stemmte die Ruder ein . . .

Straff und mit spielender Ueberwindung der schäumenden Wellenkämme ging die Fahrt über die weithin glitzernde Fläche. Fern ab lag Antium, glührot bestrahlt von der steigenden Morgensonne. Südostwärts, beinahe ebensoweit wie Antium, erblickte man das Städtchen Astura. Aus beiden Häfen steuerten schon vereinzelte Fischerboote ins Meer, weiße oder hochgelbe Punkte auf dem flimmernden, tiefgesättigten Blau . . .

Pallas hatte neben der schweigsamen Acte Platz genommen.

Die Bireme rückte näher und näher. Deutlich unterschied man bereits den scharlachrot übermalten Adlerkopf an der Kielspitze, den Namen des Schiffes: ›Cygnus‹, und die Gestalten der Rudersklaven, die auf den Doppelbänken gereiht, voll Neugier durch die kreisrunden Luken spähten.

Jede dieser Gestalten kam der heimlich grausenden Acte wie ein Henkersknecht vor, und starrer immer und krampfhafter blickte sie auf den Gegenstand ihres Entsetzens.

»Nun?« murmelte Pallas, unter den Falten des Reitermantels ihre Linke berührend.

Sie fuhr heftig zurück, ohne Antwort zu geben.

»Acte,« hub er nach einer Weile auf griechisch an, »sprich zu mir in der Mundart deiner verstorbenen Mutter, wenn du dich scheust, von meinem Soldaten hier und dem Schiffer gehört zu werden. Es wird nun Ernst, Acte, bitterer Ernst. In fünf Minuten sind wir an Bord, und wahrlich, das schwöre ich dir beim Grab meines Vaters: hab' ich erst einmal dem Obersteuermann die Richtung gewiesen, – dann ist alles zu spät!«

Sie schwieg noch immer.

Plötzlich klar und fest zu ihm aufschauend, sagte sie in der weichen ionischen Mundart: »Sitze ein wenig abseits!«

»Weshalb?«

»Damit ich dir endgültig antworten kann. Deine unmittelbare Nähe verwirrt mich.«

»Wie du begehrst.«

»So,« fuhr sie mit tonloser Stimme fort, – »wenn ich nun wollte, wäre es mir ein leichtes, dir durch die That zu beweisen, wie mir's bei deinem verhaßten Antrag ums Herz ist. Eh' du mich hindern könntest, glitte ich über die Brüstung hinab in die allewige See, und befreite mich so von euren Ränken und Tücken, von deinem Hasse und deiner vermeintlichen Liebe . . .«

Pallas wollte emporspringen.

Sie streckte beruhigend die Hand aus.

»Ich könnte das, aber ich thue es nicht. Bleib nur unbesorgt wo du bist! Mein Glaube an den Willen des allmächtigen Gottes verbietet mir's. Ach, und mehr noch scheucht mich die süße, unabweisliche Hoffnung zurück! Ja, ich werde ihn wiedersehen, den Herrlichen, Einzigen, den ich getreuer liebe, als alles im Himmel und auf der Erde! Ich werde ihn wiedersehen, des bin ich gewiß; denn eine innere Stimme verkündet mir's, eine Stimme der Zuversicht, die da nicht täuschen kann. Beim Blute des Heilands, das für uns alle vergossen wurde zur Vergebung der Sünden, ich werde ihn wiedersehen! Schaffe mich also immerhin fort! Vollführe als ein gehorsamer Sklave die ungerechten Befehle deiner Gebieterin! Um den Preis eines Treubruchs, einer schändlichen Selbstentehrung verschmäh' ich alle Schätze der Welt, geschweige denn die klägliche Freiheit an deiner Seite!«

»Dirne!« knirschte Pallas empört.

»Schweig und beschimpfe mich nicht! Sonst erzähl' ich an Bord der Bireme, wie du, der opferwillige Knecht Agrippinas, um der Gunst dieser ›Dirne‹ willen deine Herrin verraten wolltest.«

»Wag es! Ich würde dich Lügen strafen, wie du's verdienst; ich würde die Hoffnung, mit der du noch eben geprahlt hast, töten; ich würde dich blenden. Siehst du, mit diesem Dolch hier grab' ich dir beide Augen heraus, diese verfluchten, blauen, sonnigen Sterne, die den Cäsar ins Verderben gelockt.«

»Das wirst du nicht,« versetzte sie trotzig. »Was dem Cäsar gehört, hat sein Sklave zu hüten, nicht zu bedrohen.«

»Nein, ich werde es nicht, weil ich's verschmähe. Du bist meinem Zorn zu gering. Du sollst schauen und leben, um desto tiefer dein Elend zu fühlen. Verzehre dich denn in dieser trostlosen Pein, winde dich wie eine zertretene Schlange, ächze, verzweifle – aber klage als Urheberin dieser Qual nur dich selbst an, und deine kindische Thorheit, die sich erfrecht hat, von dem Scepter des römischen Weltreichs zu träumen.«

Sie zuckte, wie von Mitleid erfüllt, die Achseln.

Bald darauf stand Pallas mit der Gefangenen auf dem Verdeck der Bireme. Die Matrosen waren just im Begriff, die Segel zu spannen; das Knarren des Takelwerks erinnerte an das Gekrächze unheilverkündender Raben.

Der Gefolgsmann blieb im Kahne zurück.

Pallas, eine furchtbare Miene aufsetzend, nahm den Obersteuermann auf die Seite, während zwei der Matrosen das Mädchen bei den Händen ergriffen.

»Ich bringe hier eine Verurteilte,« flüsterte Pallas.

Er verlas mit gedämpfter Stimme ein Pergament, das die Unterschrift und das Siegel der Kaiserin-Mutter trug.

Hier und da betonte er eine Stelle so eigentümlich, daß ihn der Obersteuermann scheu von der Seite anblickte. Nach erfolgter Verlesung überreichte Pallas ihm das gewichtige Schriftstück mit dem Bedeuten, es wohl zu verwahren und sich den Inhalt desselben buchstäblich einzuprägen.

»Agrippina,« fügte Pallas hinzu, »lohnt fürstlich, aber sie straft auch mitleidlos wie die Totenrichter. Liefere das Püppchen da richtig ab und vergiß nicht, daß du ihr Ketten anlegst, wenn ihr sie nach der Wohnung des Verwalters geleitet. Sie ist flink wie ein kappadozisches Füllen und jeder Ungebühr fähig. Während der Fahrt laßt sie mir unter dem Deck und bewacht sie mir wie ein Kleinod!«

»Wohl, Herr! Das alles wird der Ordnung gemäß vollführt werden.«

»Um so besser für dich. Hier dieser Beutel mit Gold sei einstweilen dein Handgeld. Sobald wir die erste zuversichtliche Nachricht von der Verwaltung der Staatsbergwerke erhalten, daß sie an Ort und Stelle gelangt ist, zahlt man dir in Savona, wo ihr zunächst einlauft, dreimal so viel, – und den gleichen Betrag zur Verteilung an deine Leute. Aber unverbrüchliches Schweigen – oder ihr seid verloren bis auf den letzten Mann!«

»Sei unbesorgt, Herr!«

»Leb wohl! Aphrodite Euploia schenke euch glückliche Fahrt!«

Eine kreischende Seemöwe schoß bei diesen Worten von links her über die Kielspitze.

»Das sei kein Vorzeichen!« sagte der Obersteuermann, im Sinne des römischen Aberglaubens.

»Kein Vorzeichen!« versetzte auch Pallas.

Und somit stieg er wieder hinab in den Kahn.

Nachdem er mit seinem Gefolgsmann wieder gelandet war, ging es geraden Weges nach Antium. Die kurze Strecke war bald zurückgelegt. Unerkannt erreichte man das Haus eines Günstlings der Agrippina, wo man sich von den Strapazen dieser bewegten Nacht durch ein reichliches Frühstück und einen langen, ausgiebigen Schlaf gründlich erholte.

Fünftes Kapitel.

Fünfzehn Minuten nach dem Verschwinden Actes und ihrer tückischen Räuber eilte Phaon mit einigen Fackelträgern nach dem Palatium, wo er zu jeder Tages- und Nachtzeit unbedingt Zutritt hatte. Die Wachen vor dem Vestibulum fragten erstaunt, was der Vertraute des Kaisers zu so ungewöhnlicher Stunde begehre.

»Das werde ich dem Gewaltigen selbst sagen,« gab Phaon zur Antwort. »Man lasse ihn wecken; man führe mich ohne Verzug ins Cubiculum!«

Die Hast und die Aufregung, die Phaon bekundete, waren beredter als seine Worte.

Einer der Prätorianer führte ihn also ins Vorgemach und bemerkte den Sklaven, die hier die Wache hatten, was Phaon begehre.

»Geh nur zu und wecke ihn selbst!« sagte der Obersklave.

Inzwischen war Claudius Nero, von unruhigen Träumen verfolgt, jählings erwacht.

Er hörte die abgedämpften und dennoch erregten Stimmen, fuhr sich über die Augen, als zweifle er, ob sein Traum sich noch fortspinne, und rief dann seufzend ins Vorgemach: »Cassius, was gibt's?«

»Herr,« entgegnete Phaon an Stelle des Angesprochenen, »ich bringe dir mißliche Botschaft. Darf ich hineinkommen?«

»Phaon – du? Ich ahne das Fürchterlichste. Schnell – und berichte!«

Nero hatte sich hoch aufgesetzt.

»Ein Gewaltstreich, eine That ohne gleichen!« murmelte Phaon, über die Schwelle schreitend. »Acte, das Weib deiner Wahl, ist soeben entführt worden.«

In hastigen Worten erzählte er, was sich ereignet hatte.

Nero sprang mit beiden Füßen zugleich auf das prächtige Löwenfell, das vor der bronzenen Bettstatt auf dem Mosaikboden lag. Im Schimmer der blaßblauen Hängelampe sah er aus, wie ein mondscheinbeleuchtetes Wachsbild.

»Cassius,« rief er mit bleierner Stimme, »kleide mich an! Du, Elpenor, laß mir die Pferde satteln – zehn, zwanzig, dreißig! Die erlesensten Leute aus der Kohorte sollen sich auf der Via Sacra versammeln! Phaon, ich bitte dich, einen Tropfen Wasser!«

Nachdem der Kaiser getrunken hatte, fuhr er unter dem Ankleiden in hellenischer Sprache fort: »Also ihr habt euch gewehrt, Phaon? Tapfer gewehrt?«

»Ja, Herr! Keiner war da so kläglich, daß er für seinen Kaiser nicht alles geopfert hätte. Beim Haupt meiner Mutter hatt' ich mir zugeschworen, eher zu sterben, als die niederträchtigen Räuber bis zum Cubiculum Actes vordringen zu lassen . . . Vielleicht hätten wir obgesiegt, trotz der feindlichen Uebermacht . . .«

»Mein Freund,« sprach Claudius Nero gerührt, »von dieser Stunde an bist du frei. Und daß du die Freiheit vollauf genießen mögest, schenke ich dir zwei Rittervermögen und mein Landhaus Eirene. Du bist treu und gerecht wie ein Abier.«

Dann zum Kammersklaven gewendet: »Cassius, du bürgst mir dafür, daß die bezüglichen Urkunden heute noch vom Geheimschreiber fertig gestellt werden.«

Phaon beugte sich nieder und küßte dem Imperator die Hand: »Nicht um Lohnes willen, sondern weil ich dich liebe, hab' ich dein teures Kleinod verteidigt. Leider umsonst.«

»Waren es Prätorianer, die auf euch anstürmten?«

»Herr, ich vermute, – trotz ihrer ungewöhnlichen Mäntel und trotz der Kapuzen, die sie über den Köpfen trugen. Ihr Anführer war dem Ostiarius bekannt. Das heißt, der Ostiarius weiß nicht den Namen: nur der Stimme entsinnt er sich, obschon sie verstellt war – von damals her, wie ihm der Mensch die Wachstafeln der Kaiserin-Mutter behändigte . . .«

»Mich wundert nur, daß aus den Nachbarhäusern euch niemand zu Hilfe kam. Man wußte doch, daß die Geliebte des Imperators diese Villa bewohnte . . .«

»Erlauchter Cäsar, du kennst die vorsichtigen Gepflogenheiten der Römer. Ein nächtlicher Lärm scheucht sie alle in ihre Wohnung zurück . . . Und solche Tumulte sind ja nichts Seltenes.«

»Ahnst du, wohin sich die Entführer gewandt haben?« fragte der Kaiser.

»Sie sprengten die Via Appia hinunter . . .«

»So ist immer noch Hoffnung. Aprippina wird es nicht wagen, meiner Acte ein Haar zu krümmen. Sie weiß zu genau, daß sie mit diesem Mädchen mich selbst vernichtet. Cassius, reich mir das Schwert! Du begleitest mich, Phaon!«

Er stand da, die Klinge um die Hüften gegürtet, ein jugendstrahlender Kriegsgott.

Plötzlich die Stirn runzelnd: »Beim Herkules! Wer gestattet dir, unangemeldet hier einzutreten?«

Die letzten Worte galten dem Staatsminister, dessen Privatgemächer sich am ersten Cavädium befanden.

Seneca, über die unwirsche Art dieses Empfanges höchlich verblüfft, erwiderte ruhig: »Die Pflicht, Herr!«

»Wieso?«

»Nun, ich höre zu ungewohnter Stunde Lärm im Palatium: also denke ich, allen Gesetzen der Logik gemäß, irgend was Ungewöhnliches habe sich zugetragen.«

Nero hatte das Schwert aus der Scheide gezogen. Er packte den Staatsminister wie ein Besessener vorn bei der Tunica.

»Ja, es ist gut, daß du kömmst,« knirschte er augenrollend. »Ich sehe, du weißt darum. Augenblicklich wirst du bekennen, wo ihr sie hingeschleppt, – oder, bei meiner Cäsarenwürde, ich spieße dich auf, wie der Koch eine Drossel!«

»Nero,« versetzte der Philosoph, »deine Sinne verwirren sich! Lege nicht Hand an den Mann, der bis zur Stunde dein treuester Freund gewesen! Oder nein: töte mich lieber, ehe du mich so unverzeihlich beschimpfst.«

Etwas beschämt trat Claudius Nero zurück, noch immer das Schwert blank in der Rechten.

»Vergib mir,« sprach er, sich mühsam zur Ruhe zwingend – »aber der Schein ist gegen dich.«

»Inwiefern?«

»Während der letzten Wochen hast du mit Agrippina die Staatsgeschäfte so gut wie allein besorgt, – und was meine zärtliche Mutter mir angethan, das paßt so verwünscht in ihre sonstigen Pläne, in ihre Ideen von Recht und Gesetz, daß ich vermuten durfte, du habest hier mitgewirkt . . .«

»Mitgewirkt? Wovon redest du nur?«

»Mein Glück ist zertrümmert. Acte befindet sich in der Gewalt Agrippinas. Ha, du begreifst nun? Und bist so gar nicht erstaunt? Beim Zeus, du selber hast ja anfangs meine Liebe getadelt! So bist du dennoch der Bundesgenosse der Kaiserin.«

In seiner rasenden Aufregung zückte er von neuem das Schwert.

Seneca beteuerte gleichmütig seine Unschuld.

»Schweig!« herrschte Nero ihn an. »Ich glaube dir's. Ich wäre ein Schuft, wenn ich dir's nicht glaubte. So verächtlich kann doch ein menschliches Wesen nicht sein, daß es mit der Zunge mir wohlwollte und mit dem Herzen drauf sänne, wie es mich elend machte. Jetzt aber vorwärts! Agrippina soll sie herausgeben. Sie soll und sie muß, oder die Erde öffnet sich zwischen ihr und ihrem verzweifelten Sohne. Was willst du noch?«

»Dich begleiten,« sagte der Staatsminister.

»Wozu?«

»Mein Platz ist an der Seite des Kaisers – jetzt und allezeit, – sogar im Kampf wider die Uebergriffe der Agrippina. Wir machen das Geschehene um jeden Preis rückgängig.«

»Sprichst du im Ernste? Du, der alte, finsterblickende Mann, der mir so tausendfältig gesagt hat, der Fürst des Weltreichs dürfe nur eine Geliebte haben: den Staat . . .?«

»Ich rede im Ernste, nachdem ich mich überzeugt habe, daß Nero im Besitz jenes unvergeßlichen Mädchens ein besserer Regent sein wird, als wenn das Geschick sie ihm wegnimmt.«

Draußen auf den Platten der Via Sacra stampften die Rosse.

Der Staatsminister heischte den Mantel.

Bald danach saß der Kaiser mit seiner Gefolgschaft in den goldblinkenden Sätteln.

Zehn riesige Fackeln warfen ihr unruhiges Licht über das schweigsame Forum – bis hinauf zu den Zinnen des Kapitols. Flammrot bestrahlt, ragten die Säulen des Saturnustempels und die düsteren Gemäuer des mamertinischen Kerkers zum wolkigen Himmel auf.

Nero selbst, im blitzenden Brustharnisch, über den Schultern das langhinwallende Sagum, hatte in dieser Beleuchtung etwas Dämonisches. Man erkannte den milden, harmonischen Jüngling von eh' nicht wieder, den huldreichblickenden Imperator, der sonst so weihevoll die Treppe zu der Senatsversammlung emporstieg oder dem Volke für das hallende ›Ave, Cäsar!‹ dankte.

Ein Dutzend der Prätorianer vorauf, setzte die Kavalkade sich in Bewegung.

Rechts zwischen dem cälischen und dem palatinischen Hügel bog man ein, und gewann so – unter der finsteren Wölbung des Drususbogens hindurchsprengend – die endlose Via Appia.

Dort drüben, westlich, jenseits der wuchtigen Prachtgebäude des Hauptwegs, lag die einst so hundertfältig gebenedeite Villa, wo Nero glücklich gewesen: wo er am Busen Actes die Welt mit ihrem Glanze und ihren Kümmernissen vergessen hatte; wo aus den blauen Augen mit den großen, märchenhaften Pupillen ihm das Rätsel des Daseins, vor dem er bis dahin heimlich zurückgeschaudert, wonnig entgegenlachte.

Er knirschte wild mit den Zähnen.

Wenn es dennoch zu spät war? Wenn Agrippina in ihrem glühenden Hasse dennoch die Grenze des Denkbaren überschritt . . .?

Gestern erst hatte er zwischen den Schreibrollen und den Federgestellen seines Arbeitsgemachs einen Zettel gefunden mit hieroglyphischen Redensarten, die er, das ganze Gemüt von dem leuchtenden Bilde seiner Geliebten erfüllt, nicht weiter beachtet hatte.

Jetzt, wie er des eigentümlichen Zettels wieder gedachte, fiel es ihm von den Augen wie Schuppen.

›Die einst dich beschirmte,‹ – so hieß es auf dem grünlichgrauen Papyrusstreifen – ›die trachtet jetzt nach deinem Verderben! Kennst du nicht die uralte Mär von der Löwin? Der junge Leu, den sie herangesäugt, war ihr endlich über den Kopf gewachsen, und da er im Schlafe lag, so erwürgte sie ihn. Hüte dich, Löwe! – Also reden zu dir deine Verwarner, die Manen des Kaisers Claudius und des armen Britannicus.‹

Seneca, trotz seiner vorgerückten Jahre noch rüstig und straff, war bis dahin wortlos neben dem Cäsar einhergesprengt. Er hatte just seine eigenen Gedanken. Am verflossenen Tage erst war er bei Flavius Scevinus gewesen. Die Verschwörung schien sich entwickeln zu wollen; dennoch war man auf größere Schwierigkeiten gestoßen, als man vorausgesetzt. Nun ereignete sich, gegen alle Erwartung, dieser Zwischenfall mit Acte und Agrippina. Konnte ein Gott die Würfel günstiger schütteln? Selbst wenn alles scheinbar ins Gleiche kam – eine Kluft zwischen Nero und Agrippina war für immer gerissen: denn das eine erkannte Seneca wohl: die Qual dieser Schreckensnacht würde Nero, der so verstört, so leichenhaft dreinschaute, niemals vergessen. Bis zur Stunde hatte der Staatsminister alles aufgeboten, um die Verbrechen der Kaiserin-Mutter vor dem Sohne geheim zu halten. Nun aber, da sich die Lage der Dinge so gründlich verschoben hatte, konnte man hier und da schon wenigstens andeuten . . .

So begegneten sich die Gedanken des Kaisers und Senecas fast in dem nämlichen Augenblicke an der nämlichen Stelle.

Nero teilte dem Staatsminister den Inhalt des eigenartigen Zettels mit.

»Auf die Folter mit meinen Sklaven,« rief er empört, »dafern du es nicht herausbringt, wer es gewagt hat, mit dem Kaiser derartigen Spuk zu treiben!«

»Herr,« versetzte der Staatsminister voll stiller Genugthuung, »wie dir bekannt ist, verteilt der Aegypter Cyrus – gebeten und ungebeten – derartige Wahrsagungen.«

»Cyrus, der fingerfertige Gaukler vom Marsfeld?«

»Derselbe.«

»Pah, wie sollte der ins Palatium gelangen! Alle Welt kennt ihn. Die Wachsoldaten würden ihn festnehmen.«

»Entsinne dich seiner unbegreiflichen Künste! Hast du nicht selber . . . beinahe . . . mit angesehen, wie er den Tod ins Leben zurückführte? Wer das Wunder ›Eurydice‹ täglich zu stande bringt, ohne entlarvt zu werden, dem gelingt auch der Eintritt in das Palatium. Jedenfalls scheint mir diese Mahnung von außen zu kommen.«

»Die Löwin – der junge Leu . . .!« murmelte Nero. »O, ich verstehe! Das Unheil ist ein vortrefflicher Lehrmeister.«

Er schwieg eine Weile.

»Seneca!« fuhr er plötzlich heraus.

»Herr?«

»Der junge Leu wird sich wehren.«

»Er thut wohl daran.«

»Wirklich? Er begeht keine Missethat, wenn er sich wider die Mutter auflehnt?«

»Dafern sie ihn angreift, nein. Aber glaube mir, das alles wird noch besser und glätter, als du vermutest. Sobald die Löwin gewahrt, daß ihr muskelgewaltiger Sohn ernstlich die Mähne schüttelt, wird sie schon nachgeben.«

»Eins noch!« fragte Nero nach einer Pause. »Was soll das bedeuten: ›Die Manen des Kaisers Claudius und des armen Britannicus‹? Und weshalb sind Claudius und Britannicus meine Verwarner?«

Seneca zuckte die Achseln.

»Mit deiner Erlaubnis, Herr, verschiebe ich hier die Auslegung um einige Tage.«

»Weshalb?«

»Ich könnte mich irren . . .«

»Irren? Wie schaust du mich an, Seneca? So bang, so verschleiert, und doch wie von Trotz erfüllt! Sprich! Beim Herkules, ich bin es nun müde, ewig im Finstern zu tappen! Wäre ich besser berichtet, so hätte ich Zeit gehabt, mich gründlicher vorzusehen. Also was ist's mit den Manen des Claudius und des Britannicus?«

»Herr, du kannst mich von deinen Soldaten durchbohren lassen, denn dein ist die Macht; aber du wirst niemals im stande sein, mich zum Reden zu zwingen, wo die Klugheit mir Schweigen gebietet. Ich muß schweigen, Cäsar – um deinetwillen. Sieh erst zu, was du bei Agrippina ausrichtest! Hiervon mach' ich es abhängig, ob ich dir antworte oder nicht. Meines Wissens nämlich bin ich der Freund und Berater Neros, nicht ein Knecht seiner Willkür.«

Der Kaiser krauste die Stirne. Ein bitteres Wort schwebte ihm auf den Lippen. Endlich sagte er mit vollendeter Selbstbeherrschung: »Wohl, – ich vertraue dir. Mehr noch: ich bitte dich um Verzeihung. Als vorhin die Verzweiflung mich packte, hab' ich dich angefallen, wie ein Molosser. Ich schäme mich des. Ich weiß, teurer Seneca, was ich dir schulde. Ich weiß, was du dem römischen Staate bist und der Menschheit. Dir soll von jetzt noch unumschränktere Vollmacht verliehen sein, als bisher; du sollst gestalten und schaffen dürfen, was dir beliebt; du sollst meinetwegen der Lehre des Nicodemus Tempel erbauen, und ihren Bekennern den Zutritt zu allen Aemtern eröffnen: wenn ich nur Acte wiedergewinne, meine himmlische Acte! Ich begehre nicht Ruhm noch Macht: laßt mir das Glück und die stille Beschaulichkeit! Siehst du: wenn ihr die Eine mir raubt, so ist alles andre nur Spreu. Das ganze Weltall wird dann nicht ausreichen, die entsetzliche Lücke zu füllen.«

Seneca nickte, als fange er an, die elementare Glut dieser Leidenschaft zu begreifen.

»Verstehe nicht falsch,« fuhr Nero fort. »Ich gedenke nicht, meinen Obliegenheiten als Regent untreu zu werden. Ich will meine Pflicht erfüllen, – frei jedoch von Ehrsucht und Herrschbegier. Ich will der vornehmste und eifrigste Diener des Staates sein… – Nur Acte verlang' ich zurück –: sonst stürzt alles über den Haufen! Sage das meiner Mutter! Deiner Beredungskunst wird es besser gelingen, als mir, der Bethörten die Augen zu öffnen.«

»Ich will thun, was ich kann,« sagte der Staatsminister entschlossen. »Du weißt – und eben noch hast du mir's vorgehalten – daß ich von Anbeginn über Acte und ihr Verhältnis zu dir verstimmt war. Die erste Pflicht eines Fürsten heißt Achtung vor dem Gesetz. Aber ich sehe nun, daß wir alle gefehlt haben, als wir die unglückliche Octavia dir zugesellten. Eros ist hartnäckig; er weicht keiner Vernunft. So will ich denn Mittel und Wege suchen, deine Verbindung mit Octavia zu lösen . . .«

»Zu lösen?« rief Nero im Tone eines Verzückten. »Welch ein Glück – auch für sie! Gelöst! Frei! Und Acte? Wird es dann möglich sein . . .?«

»Mein junger Freund,« sagte der Staatsminister bewegt, »außergewöhnliche Menschen erheischen außergewöhnliche Maßnahmen. Das Staatswohl geht über alles. Ein unglücklicher Regent aber ist ein schlechter Regent.«

»Teurer, Allweiser, ich danke dir . . . Ja, der Staat soll gedeihen, die Welt soll blühen wie ein einziger Frühlingsgarten, wenn du zu stande bringst, was ich so leidenschaftlich ersehne.«

Nun schwiegen sie lange Zeit. – Höher und höher stieg das Albanergebirge vor den nächtlichen Reitern empor, eine gespenstische, wildzerklüftete Wand. Der Weg schien kein Ende zu nehmen.

»Noch zwanzig Minuten,« sprach der getreue Phaon, als Nero seine wachsende Ungeduld in die schläfrige Mondnacht hinausklagte.

Weiter, weiter!

Da hielten sie denn mit ihren dampfenden Rossen vor dem Vestibulum. Phaon pochte. Der Thürhüter legte fragend den Kopf an das Gitter.

»Der Kaiser!« rief Nero gebieterisch.

Die Thüre drehte sich in den Zapfen. Ehrfurchtsvoll beugte der alte Ostiarius die Kniee.

»Meine Mutter . . .« fuhr Nero mit steigender Aufregung fort; »meldet mich der Kaiserin-Mutter! In dieser Minute noch!«

Der Gehilfe des Thürstehers erlaubte sich einen schüchternen Einwand.

»Auf den Anger mit dem Verruchten!« schrie Nero empört. »Du meldest mich oder du stirbst!«

Jetzt näherten sich einige Soldaten der Leibwache. Da sie den Kaiser erkannten, grüßten sie ihn mit ehrerbietigem Ave. Nero wiederholte ihnen den Wunsch, augenblicks Agrippina zu sprechen, nannte sie seine Getreuen und warf ihnen Gold zu.

»Herr,« sagte ihr Obmann, »wenn du uns bei den Göttern gelobst, daß du nichts Feindseliges gegen die Fürstin im Schilde führst . . . Du hast ein großes Gefolge, vielleicht gar eine Kohorte des Burrus . . .«

Nero erbleichte.

»Feindseliges? Ich, der Sohn, gegen die Mutter? Bist du von Sinnen?«

Der Kriegsmann zuckte die Achseln.

»Verzeihung, Herr, – aber man sprach davon . . .«

»Wer?«

»Und wenn du mich foltern ließest, ich könnte nicht antworten. Einer der Unsern vielleicht, oder ein Sklave . . . Es war nur ein flüchtiges Wort, das ich ganz im Vorbeigehen erhaschte . . .«

Der Kaiser atmete schwer auf.

So weit also war es gekommen! Agrippina fürchtete Uebles von dem leiblichen Sohne! Welch eine grauenhafte Verkehrung aller echten Gefühle! Wahrlich, man hätte sagen dürfen: ›Die da Uebles fürchtet, ist auch fähig, Uebles zu thun; die von Feindseligkeiten redet, plant selber Feindseligkeiten in ihrem Herzen!‹ Und hatte Nero nicht den klarsten Beweis dafür? Jetzt eben in dem Falle mit Acte?

»Ich werde Sorge tragen, daß dein unverschämtes Gerede bestraft werde,« sagte er zu dem Soldaten.

Dann zu den übrigen: »Ich allein, nur vom Staatsminister begleitet, werde die Herrscherin hier im Oecus erwarten.«

Hierauf zu seiner Gefolgschaft: »Bleibt ihr draußen vor dem Vestibulum, bis ich zurückkehre!«

»Welch ein Lärm!« erklang jetzt die ruhige Stimme der Kaiserin-Mutter, die an der Seite ihrer Gesellschafterin Acerronia ins Atrium trat, eh' noch der Kaiser die Schwelle des Oecus beschritten hatte. »Bist du es, geliebter Sohn? Laß dich umarmen! Was führt dich so frühe am Morgen hierher? Ist ein Unglück geschehen? Ich beschwöre dich, rede doch!«

»Nicht vor deinen Trabanten,« erwiderte Nero.

»So folge mir! – Acerronia darf doch zugegen sein?«

Nero machte eine Gebärde, die für die rothaarige Pantherkatze nicht eben schmeichelhaft war.

»Meinetwegen,« sprach er geringschätzig. Er hatte sie im Verdacht, die grollende Agrippina im Zorn gegen Acte bestärkt zu haben.

Unter andern Verhältnissen würde das hübsche Katzengesichtchen mit den winzigen Sommersprossen und den meergrünen Augen, die im Fackelscheine dämonisch blitzten und blinkten, selbst dem Cäsar diese Gebärde erwidert haben. Diesmal aber blieb die rotgelockte Harpyie auffallend gleichgültig. Es spielte sogar ein eigentümliches Lächeln um den blühenden Mund; sie sah ganz danach aus, als sei sie eher zum Küssen geneigt, als zum Beißen. Agrippina, des stattlichen Militärtribunen Pharax gründlich müde geworden, hatte ihr nämlich gestern die erste Andeutung darüber gemacht, daß die haarglühende Cordubanerin bezüglich dieses ausgezeichneten Mannes hoffen dürfe. Pharax, einer der intelligentesten und stattlichsten Offiziere, von freier Herkunft, ja, wie sich neuerdings ›zuverlässig‹ herausgestellt, sogar der Sohn eines Ritters, habe der Kaiserin seine geheimsten Wünsche betreffs Acerronias ehrfurchtsvoll unterbreitet, und herzlich darum gebeten, die hohe Frau wolle seine Bemühungen unterstützen, – was sie natürlich ihm zugesagt, da ihr die stille Neigung ihrer Gesellschaftsdame für Pharax bekannt sei. – In Wirklichkeit hatte die Kaiserin ihrem ehemaligen Günstling ein hübsches Vermögen versprochen, falls er in die Verbindung mit Acerronia einwillige. Er könne alsdann, dafern's ihn gelüste, den Abschied nehmen, und an der Seite dieses reizenden Wesens ein vergnügliches Leben führen. – Die sonst so überschlaue Brandfackel ahnte natürlich nicht das Geringste von diesem Zusammenhang; sie glaubte fest an die uneigennützige Liebe des Militärtribunen; sie war selig wie ein errötendes Kind, das zum erstenmal gekost wird . . .

Agrippina betrat ein kleines, mit persischem Luxus ausgeschmücktes Gemach, das einer der Prätorianer auf ihren Wink hatte erleuchten lassen. Nero folgte Arm in Arm mit dem Staatsminister. Dann erst kam die überlegen schmunzelnde Acerronia.

»Wo ist Acte?« fragte der Kaiser, dicht zu Agrippina herantretend.

»Was kümmert mich Acte?« versetzte die Kaiserin mit großer Kaltblütigkeit.

»Du hast sie entführen lassen. Deine Banditen haben sie nächtlicherweile geraubt.«

»Mein Sohn, ich verstehe dich nicht.«

Dem jungen Fürsten stieg das Blut in hochtobender Welle zum Angesicht. Seine Stirnadern schwollen, wie unheilverkündende Schlangen.

»Du sollst mich verstehen lernen,« rief er mit heiserer Stimme. »Aber ich will mich beherrschen, – sonst möchte ein Unglück geschehen. Seneca, sprich du an meiner Statt!«

Der Staatsminister setzte nun kurz auseinander, was Agrippina schon wußte, und fügte hinzu, daß es nicht klug sei, den Bogen zu straff zu spannen. All seine Philosophie, all seine Beredsamkeit bot er auf, um Agrippina zu rühren.

Umsonst.

»Mutter!« rief Nero, beide Hände krampfhaft zur Faust geballt. »Lüge nicht! Ich verachte dich wie die niedrigste Dirne vom Stadtwall, wenn du zu feige bist, uns die Wahrheit zu sagen.«

»Wohl!« versetzte sie, blaß wie die Marmorbilder rings in den Wandnischen. »Wohl! – Du hast richtig vermutet. Acte ist entfernt worden, – auf meinen Befehl, und zum Heile des Staates. Ich verbanne sie, – und niemals wirst du erfahren, wo sie sich aufhält . . . Niemals!«

»Du hast sie getötet!« stöhnte der Kaiser, jählings zurücktaumelnd.

»Nein,« erwiderte Agrippina fest. »Bei allem Heiligsten, was ich jemals empfunden, bei meiner Liebe zu dir, den ich einst auf den Knieen gewiegt: – ich habe dafür gesorgt, daß sie nicht Schaden und Not erleide! Glaubst du mir nun?«

»Ja. Gleichwohl: was frommt mir diese klägliche Zusage? Daß wir getrennt sind, das ist Schaden und Not genug. Ich will sie wieder haben, – um jeden Preis! Wo ist sie? Du sollst und du mußt mir antworten.«

»Niemals!«

»Niemals? – Und wenn ich darüber zu Grund gehe?«

»So stirbt Nero wenigstens unbefleckt, auf der Höhe seiner unvergleichlichen Machtstellung, nicht entweiht durch die dauernde Liebe zu einer nichtswürdigen, verächtlichen Sklavin.«

»Mutter!«

Er hatte die Faust erhoben. Ein Schauer überlief seinen fiebernden Leib.

»Wisse, daß kein andres menschliches Wesen diesen Moment überlebt hätte,« sagte er, die Hand wieder sinken lassend. – »Leb wohl! Ich werde sie suchen. – Beim allmächtigen Jupiter, jetzt erkenn' ich die Löwin, die dem schlummernden Sohn nach der Gurgel faßt! Hüte dich, Mutter, und besinne dich eines Besseren! Bringe mich deinem Dünkel, deinem thörichten Stolz nicht zum Opfer! Sonst . . .«

»Nun? Was? Sonst . . .?«

»Leb wohl!«

Wie sinnlos stürzte Nero von dannen.

Sechstes Kapitel.

In stürmischer Eile sausten die Rosse thalabwärts. Nach kurzer Frist machte man Halt. Die Tiere drohten zu unterliegen. Man erquickte sie mit Wasser und Brot und rieb sie mit Ulmenlaub.

Nach Verlauf einer halben Stunde setzte man den Ritt in gemäßigter Schnelligkeit fort. Vom Frühlicht bestrahlt, lag die Zweimillionenstadt wie eine erwachende Riesin vor den Blicken des Kaisers. Die bräunliche Dunstschicht über den hochaufragenden Tempeln, Theatern, Palästen und Thermen wogte und wallte wie ein rätselhaftes Gewand, unter dem sich schlaftrunken die Glieder regten . . .

Endlich erreichte man den Bogen des Drusus. Bleich vor sich hin starrend, sprengte der Kaiser über das menschenbelebte Forum, ohne sich um die Heilrufe, die ihm lauter als jemals entgegenschallten, irgend zu kümmern.

Allenthalben standen erregte Gruppen, die sich über das ungewohnte Ereignis – den nächtlichen Ausritt des Imperators – mit fiebernder Lebhaftigkeit unterhielten und bereits eingehend unterrichtet waren: denn die Sklavinnen aus der Villa der Acte, insbesondere Erotion, waren, sobald ihre Furcht sich etwas gelegt hatte, eiligst in die Subura gestürzt, um den Erbsenverkäufern und Bäckern die Erlebnisse dieser entsetzlichen Nacht unter Jammern und Wehgeschrei zu erzählen.

So wenig Uebles man der jungen Octavia auch nachsagen konnte: man war dennoch geneigt, die Partei des Kaisers zu nehmen; denn Octavia in ihrer majestätischen Ruhe galt für gleichgültig gegen ihren Gemahl, während der Name Actes von einer wundersamen Gloriole weiblicher Zärtlichkeit und Minne umgeben schien.

»Ich habe sie selbst gesehen, die schöne Freigelassene des Nicodemus,« sagte ein hagerer Klient, der eben aus dem Hause seines Patrons trat. »Sie ist ein zauberhaftes Geschöpf, – und ich kann mir wohl ausmalen, wie der Cäsar um ihren Verlust grollen und toben mag.«

»So ist's, Lucius,« versetzte ein andrer, der ihm zur Seite schritt. »Die Gunst Octavias neben der Flammenglut dieser Acte bedünkt mich wie massilischer Rauchwein neben dem süßesten Cyprier. Man hat die Gemahlin ihm aufgenötigt . . .«

»Das alles wäre ja noch gegangen,« fuhr der Klient fort. »Aber die Kaiserin-Mutter soll greulich gehetzt haben, so daß Octavia schließlich zu dem Ueberfall ihre Zustimmung gab . . . Nun haben wir den Skandal! Ganz im Vertrauen: Agrippina scheint eifersüchtiger und empörter gewesen zu sein als Octavia selbst.«

»Ja, ja! Sie fürchtete, Acte möchte zu großen Einfluß gewinnen, – am Ende gar auf die Staatsregierung . . .«

»Ganz zweifellos. Und da packt sie denn zu, wie ein Bauernbube, der ein Vogelnest aushebt. Aber ich fürchte, ihr thörichter Eingriff bedeutet uns Schlimmes.«

»Wieso?«

»Nun, sahst du ihn nicht vorüberreiten? Den Cäsar mein' ich. Er glich einem zornentbrannten Achilleus, der da kömmt, den Patroklus zu rächen. Niemals lohte ihm so gespenstisches Feuer unter den Wimpern. Ich bebte zusammen bei diesem Anblick.«

So schritten sie weiter, immer an Leuten vorbei, die mit ängstlich gedämpfter Stimme das gleiche Thema behandelten.

Er selbst aber, mit dem sich ganz Rom in dieser frühen Morgenstunde beschäftigte, warf sich, zu Tode ermattet, aufs Lager, wo er sofort entschlief. Kein Traum beeinträchtigte seinen erquickenden Schlummer. Es war, als gönne ihm ein allgütiges Schicksal die volle Sammlung der Kräfte, die er zum baldigen Kampfe benötigen würde.

Gegen Mittag erst wachte er auf. Er befahl einen kühlenden Trunk; alle Speise wies er kurz und mürrisch zurück.

Er plante, er überlegte. Stundenlang verharrte er in seinem Arbeitsgemach. Auf den Zehen huschten die Sklaven und Freigelassenen an der verriegelten Thüre vorüber: niemand wagte um Einlaß zu bitten.

Selbst da Seneca um die Stunde der Cöna vorsichtig anklopfte, scholl ihm ein halb gebietendes, halb verzweifeltes »Laßt mich allein!« entgegen.

Längst schon war es wiederum dunkel geworden, als Nero von selbst an die Thüre trat und dem Sklaven Cassius die Weisung erteilte, Licht zu bringen, und Brot und samischen Wein. Die Hofbeamten und Gäste möchten zu Tisch liegen, wann und wie es dem Küchenmeister genehm sei. Der Staatsminister solle den Imperator vertreten.

Hiernach entbot er den Freigelassenen Phaon.

Als der Vertraute ins Zimmer trat, überreichte er ihm eine Anweisung auf die Schatzkammer.

»Verschwende, vergeude!« raunte er, ihn beim Arme ergreifend. »Sende zehntausend Boten und Späher aus, zwanzigtausend, so viel du willst, – und jeden mit dem Gehalt eines Militärtribunen! Sie sollen suchen, als gält' es Leben und Tod. Wer sie findet, der darf zum Lohne fordern, was er begehrt, – meinetwegen den Thron! Aber findet sie . . .! Fort! Zu lange schon hab' ich gezögert. Nein, nein, ich will nichts hören . . . deine Gegenwart ist mir zuwider . . . du trägst ja ein menschliches Angesicht!«

Phaon, aufs tiefste erschüttert, entfernte sich. Nero versank wieder in sein trostloses Brüten.

»Es ist alles umsonst,« stöhnte er. »Das nämliche hab' ich schon einmal erlebt . . . Alles Nachforschen fruchtet nichts . . . – Ich fühl' es . . . Ich weiß es!«

Am folgenden Tage die gleiche Zerrissenheit. Schon vor Sonnenaufgang verließ er sein Schlafgemach und begab sich, scheu wie ein Flüchtling, nach dem Museion, wo bereits Cassius, der Leibsklave, für ein Frühmahl gesorgt hatte.

Nero, obgleich ihn hungern mußte, berührte zunächst keinen Bissen. Starr grübelnd saß er vor seinem Arbeitstisch, mit der Rohrfeder spielend, oder die gelbgetönten Papyrusstreifen, die in zierlicher Schichtung vor ihm gehäuft lagen, auf und ab schiebend.

Dann sprang er empor, durchmaß das Zimmer wie ein Tiger den Käfig, ballte die Fäuste, oder legte sich die Finger festgekrallt an die Gurgel. Plötzlich stieß er einen raubtierähnlichen Schrei aus, warf sich stöhnend auf das erzgetriebene Ruhebett und schlug die Hände vors Angesicht.

So lag er wohl eine Viertelstunde lang, bald regungslos, bald an allen Gliedern geschüttelt wie ein Epilepsiekranker.

Endlich erhob er sich, trat zu dem schöngetäfelten Schreibtisch, wo er so manchmal der griechischen und lateinischen Muse geopfert, wo er die Verse gedichtet:

»Wie süß und lieblich ruht sich's am Quellgesträuch,
Wenn Actes Blondhaar flutend herniederwallt,
Und ihres Lächelns Maienblüte
Selbst die entseelte Natur bezaubert.«

Glückliche Zeit!

Er fetzte sich jetzt, nahm eines der gelblichen Blätter, tauchte die Rohrfeder ein und schrieb wie folgt:

»Claudius Cäsar Nero an seine erlauchte Mutter,
die hochmögende Agrippina.

Ich schwebe hier zwischen Leben und Tod.

Mutter, hast Du mich je geliebt, so löse mir dies entsetzliche Rätsel!

Ich habe Boten entsandt zu Tausenden: aber ich ahne, sie werden zurückkehren, ohne die leiseste Spur der Geliebten entdeckt zu haben. Du bist zu groß, zu gewaltig. Niemand vermag zu siegen, wenn Du ihm die Fehde beutst . . .

Mutter, ich will Dich auf Händen tragen mein Leben lang, wenn Du mich nur zum wenigsten über ihr Schicksal beruhigst. Fast schon zweifle ich ja, daß sie noch lebt. Ach, und ich habe sie lieb gehabt, maßlos, über alle Vernunft!

Mutter, gib mir sie wieder!

Bei der Asche meines vielteuren Vaters Domitius beschwöre ich Dich!

Kannst Du denn gar nicht mitempfinden, wenn ich Dir sage, daß ich sie liebe?

Mutter, die Antwort, die ich von Dir erbitte, wird Cassius, mein Sklave, so schnell es angeht, zurückbringen. Zögere um keinen Preis, ich beschwöre Dich! Laß ihm ein frisches Pferd satteln! Sage mir, daß ich noch hoffen darf! Jupiter schütze Dich!«

Nachdem er dies Schreiben umschnürt und gesiegelt hatte, ward er ein wenig ruhiger.

Er rief den Sklaven herein, erteilte ihm die nötigen Befehle und nahm dann einiges von dem Mahle, das nur aus Milch, Weizenbrot und einer Platte von Thunfischgarum bestand. Ihm wollte nichts munden; die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

Nun warf er sich in den üppigen Armsessel. Er zählte die Blumen auf dem syrischen Teppich zu seinen Füßen; dann blickte er wieder ausdruckslos nach der schön kassettierten Zimmerdecke, als wisse er weder von sich noch seiner Umgebung.

Die Zeit bis zur Rückkehr des Cassius dünkte ihm eine Unendlichkeit.

Ach, und immer wieder die dumpf-beklemmende Angst wegen Acte! . . . Es war heute der dritte Tag, daß er den wonnigen Mund nicht geküßt hatte, der ihm bei jeder Begegnung so viel Liebes und Gutes gesagt . . . Ihre letzte himmlisch-süße Umarmung! . . . Hätte ein Gott ihm vorausgesagt, was da wenige Stunden später erfolgen sollte! Vielleicht war es die letzte für dieses Leben! Ein gespenstisches Vorgefühl schien ihm zuzuraunen: ›Ja, wahrhaftig, die letzte!‹ Er würde also nie, nie wieder so froh, so reich und so selig sein . . .

Grausiges Schrecknis! Was war ihm die weite Welt, wenn Acte sie nicht mit ihrem strahlenden Lichte erfüllte? Selbst des neuerwachenden Lenzes hatte er sich nur um ihretwillen erfreut; – die Rosen hatten nur darum so verlockend geduftet, weil Acte sie mitgenoß; jedes flammende Abendrot, das ihm das Herz aufwärts trug in das Reich poesievoller Träume, war nur deshalb so göttlich, weil er vom glutüberströmten Himmel die Blicke hinwegwenden konnte in Actes tiefschwarze Augensterne, wo sich der lodernde Brand des Gewölkes so zauberisch widerspiegelte. Wenn sie dann eins ihrer schmelzenden Lieder sang: ›Uranos, Vater des Alls . . .‹ oder: ›Helios, senkst du die Zügel und steigst zum Okeanos nieder . . .‹ – dann hatte auch er wohl zur Kithara gegriffen . . . Ihre Stimmen vermischten sich in freundlicher Harmonie, die Erde schien so hehr und so frühlingsgrün, das Palatium mit seinen weltgeschichtlichen Forderungen so ferne, daß Nero meinte, in dieser sanften Verzückung sterben zu müssen, wie eine Welle, die sich im Meer verliert. Ja, – das war die Liebe, das war das Glück . . .! Und jetzt?

Er stand auf und öffnete eines der Ebenholzkästchen, die, auf langen Bronzegerüsten nebeneinander gereiht, die Rollen seiner Handbibliothek enthielten. Behutsam holte er das kunstvoll geschriebene, mit leuchtendem Rotschnitt versehene Exemplar seines hellenischen Lieblingsdichters hervor.

Wie oftmals hatte er, Schulter an Schulter mit Acte, die unsterbliche Epopöe von der Heimkehr des Dulders Odysseus durchblättert, und sich schönheitsberauscht dahintragen lassen auf den Fluten dieser unvergleichlichen Melodien!

Welche trostlose Wandlung! Oede und traurig starrten ihm jetzt die Verse entgegen, die ihm damals die Seele mit Schauern des Vollgenusses und der Bewunderung durchrieselt hatten.

Und Cassius kehrte immer noch nicht zurück!

Er las und las, um diese Ungeduld zu betäuben . . . Nun ward ihm plötzlich zu Sinne, als gebe es nur ein einziges Mittel, die Qual über den Verlust seiner Acte aus dem Herzen herauszureißen: das Schwert.

Ja, wenn er, gleich den Heroen der hauptumlockten Achäer, über trotzige Feinde hinwegstürmen, wenn er ein Ilion zertreten konnte, – dann vergaß er vielleicht den schimmernden Jugendtraum und gewöhnte sich an die ewige Nacht.

Die Sonne stand hoch, als der Leibsklave Cassius von der albanischen Villa zurückkehrte. Er überbrachte ein dreifach umschnürtes alexandrinisches Pergament.

Zitternden Fingers löste der Kaiser die silberdurchwirkte Schnur.

Der Brief lautete:

»Agrippina wünscht ihrem geliebten Sohn Claudius Nero Glück und Segen.

Ich beantworte Deine Zeilen gern der Wahrheit gemäß.

Da Du mich jüngsthin bestürmtest, wie es die Mutter des Imperators nicht dulden kann, wenn sie selber vor der erhabenen Würde des Princeps einige Ehrfurcht empfindet, so bin ich Dir schroffer begegnet, als ich dies sonst wohl gethan hätte.

Vernimm jetzt, daß die Unsterblichen selber zwischen Dir und jenem unglückseligen Mädchen die ewige Trennung herbeigeführt haben.

Auf meinen Befehl ist Acte nach Antium geschafft und von dort auf ein Schiff gebracht worden. Ich hatte nichts Uebles im Sinne: was ich gethan habe, das geschah aus reinster innigster Liebe zu Dir. Ich wollte sie, ohne sie zu gefährden, für einige Monate nach Sardinien verbannen, damit Nero diese thörichte Spielerei inzwischen vergäße. Die Bireme jedoch, die mit Acte nach Westen steuerte, ist – nur wenige tausend Ellen von der Küste entfernt – durch ein großes hispanisches Kauffahrteischiff, das nach Ostia bestimmt war, unbegreiflicherweise in den Grund gerannt worden. Da die Bireme fast augenblicklich zum Sinken kam, hat sich nur ein verschwindend kleiner Teil der Bemannung zu retten vermocht, zumal die See ziemlich hoch ging. Alle übrigen, darunter auch Acte, haben den Tod gefunden.

Füge Dich, mein geliebter Sohn, in die Strenge des Fatums. All Deine Seufzer werden die arme Ertrunkene nicht wieder lebendig machen. Ich aber will mit verdoppelter Liebe Dich hegen und pflegen und Dir beistehen in der Erfüllung des wahrhaft göttlichen Amtes, zu dem Du berufen bist: in der Regierung des Römervolks.

Gehab Dich wohl!«

Da Nero, die zitternde Faust starr um die Lehne des Bronzesessels geklammert, das Blatt sinken ließ, trat Phaon vorsichtig ins Gemach. Eine halbe Minute lang hielt er sich scheu an der Pforte, durch die der geängstigte Cassius leise hinausschlüpfte, wie ein Hund, der die Nähe des Löwen scheut.

Endlich fuhr der Kaiser empor. »Sie lügt,« rief er mit herzzerreißender Stimme, »sie lügt! Acte ertrunken! Ein erbärmliches Märchen, dieser Zusammenstoß mit dem hispanischen Kauffahrteischiff! Da, lies, teurer Phaon, und bestätige mir, daß der Brief da nur eine Fabel erzählt!«

Phaon, schwer atmend vor tiefer Erregung, überflog hastig das Pergament. Dann sagte er mühsam: »Herr, mein Leben gäb' ich darum, könnt' ich die Kaiserin Lügen strafen. Aber ich selber komme von Antium . . .«

»Unglücklicher! . . .« stammelte Nero.

»Erhabener Cäsar, beuge dich dem Willen der unsterblichen Götter! Agrippina redet die Wahrheit. Das ganze quiritische Volk weiß schon darum. Die Bireme versank: – und alles, was sie getragen, mit Ausnahme des Obersteuermanns und dreier Matrosen, fand den Tod in den Wellen.«

»Beweise! Beweise!« schrie Nero verstört. »Auch du belügst mich! Agrippina hat dich erkauft! Beweise, hörst du? – oder ich laß dir den Kopf vor die Füße werfen!«

»Claudius Nero ist trostlos, aber er zweifelt nicht an der Ehrlichkeit seines getreuen Phaon. Die Beweise kannst du dir leicht verschaffen. Das Kauffahrteischiff liegt noch im Hafen; es hat beim Anprall auf die Bireme ernstlich Schaden genommen, und ohne die fiebernde Anstrengung sämtlicher Ruderknechte wäre es gleichfalls zu Grunde gegangen . . . Die Hafenbeamten, deren Zuverlässigkeit dir bekannt ist, haben die Mannschaft des hispanischen Fahrzeugs bereits vernommen; desgleichen zwei freigeborene Matrosen der niedergerannten Bireme . . .«

»So kehre nach Antium zurück!« keuchte der Cäsar. »Der Hafenaufseher soll die Hispanier in Ketten schlagen! Mann für Mann bringst du sie her! Ich will sie den Bestien zum Fraße vorwerfen; unter den Griffen hungriger Tiger sollen sie langsam verbluten, die herzlosen Schurken, die es gewagt haben, das Kleinod des Imperators in den Abgrund zu schleudern!«

»Selbst im Unglück wirst du gerecht sein,« stammelte Phaon. »Die Hispanier sind unschuldig. Die Verantwortung für das entsetzliche Unglück trifft nur den Obersteuermann der Bireme, der nicht rechtzeitig auswich.«

»So bring mir den Obersteuermann! Keine Folter sei mir zu grausam für diesen Elenden, keine Qual, die sich ausdenken läßt. Ich selber will ihn erdrosseln, zerreißen, zerfleischen . . . so . . . so . . .!«

Zähneknirschend hatte er beide Hände erhoben und die Finger gekrallt, als fühle er die wütende Mordlust eines gätulischen Löwen. Dann taumelte er. Von Schmerz und Jammer bewältigt, sank er in die Arme seines Getreuen, der ihn vorsichtig auf die Polster der Ottomane bettete. Eine wohlthätige Ohnmacht umfing ihm das kranke, schmerzdurchtobte Gemüt.

Die Hände im Schoß gefaltet, stand Phaon daneben, unschlüssig, was zu beginnen sei, immer und immer wieder in das totenblasse Gesicht starrend. Vielleicht gönnte er dem Unglücklichen diese Minute des Selbstvergessens; vielleicht ahnte er, daß es dem Cäsar wie dem römischen Volke zum Heil gereichen würde, wenn der Gequälte nach diesen furchtbaren Stürmen niemals wieder zum Leben erwachte.

Als Nero die Augen aufschlug, heischte er einen Becher des schwersten Weines, leerte ihn, ohne abzusetzen, und hieß dann Phaon hinaustreten.

Mit erkünstelter Ruhe las er noch einmal das Pergament seiner Mutter.

Hiernach verfiel er in eine brütende Lethargie.

»Also tot, – tot!« murmelte er von Zeit zu Zeit, um dann wieder halbe Stunden lang schweigend auf den Boden zu starren. Er sah nichts; er hörte nichts.

Es ward Abend. Noch immer lag ein dumpfbetäubender Druck auf seinem Gehirn, ein Schleier, der ihm verhüllte, wie unsagbar elend er war.

Plötzlich zerriß der Schleier.

Claudius Nero sprang, vor sich selber erschreckend, empor und sank in die Kniee. Der Schweiß perlte ihm von der Stirne. Er rang die Hände wie ein sündiger Beter, dem die Gottheit ihre Gnade verweigert.

»Es ist vorbei!« ächzte er aus erstickender Brust. »Nie, nie im Leben werde ich wieder sagen: ›Acte, du meine Seele!‹ Nie, nie! Ihr Götter, ob ihr seid oder nicht seid, ich beschwöre euch: ist der Gedanke denn auszudenken? Vorbei! Zertrümmert! Vernichtet! Könnte ich einmal noch ihr liebes, himmlisches Auge schauen, das jetzt der ewige Schatten verschlungen hat, o, mein ganzes inhaltsloses, erbärmliches Leben wollte ich freudig dahinströmen lassen in einem einzigen dampfenden Blutstrom! Ach, daß ich verröchelnd noch einmal ihre Stimme vernähme, die süße, holde, herzbewegende Stimme! Welch eine Welt ist das, in der solch ein Verbrechen wider das Schöne und Gute möglich ist! Acte, mein Liebchen, tot! Und diese fühllosen Mauern stehen noch heute, wie gestern – vielleicht um Jahrtausende höhnisch zu überdauern! Dies wimmelnde Rom freut sich nach wie vor seines kindischen, vergnügungslüsternen Daseins! Die Senatoren steigen zum Kapitol, als hätte sich nichts geändert! Die vestalischen Jungfrauen bringen ihre Opfer dar, die Prätorianer ziehen auf Wache, die Zecher schmausen und trinken, die Wüstlinge laufen den Mädchen nach, die Strolche stehlen, die Nazarener singen und beten, – als wäre der heutige Tag so ruhig und friedlich, wie all die Tage zuvor! Fluch über das elende Schandgesindel, das nicht trauernd zu Hause bleibt, wenn dem Kaiser, der doch über alle gebietet, das Herz zerbricht! Eine rühmliche Treue! Aber nein! Ich verzeihe ihnen. Sie sind schuldlos. Was soll ich vom Pöbel erwarten, da doch die eigene Mutter Hand angelegt hat an das einzige Glück ihres Sohnes! Acte! Acte!«

Er sprang empor. »Ich ernte nur, was ich gesät habe,« murmelte er voll unsäglicher Bitternis. »Ich war ein Thor, ein verächtlicher Sklave. Warum auch hab' ich das alles so weit sich entwickeln lassen? Die gütige Mutter! Sie will mich auf Händen tragen! Sie will die Regierung getreu mit mir teilen! Täusche dich nicht, du Zerstörerin meines Daseins! Um solche Wunden vernarben zu lassen, wird die Hälfte der Herrschaft nicht ausreichen! Die Erde soll nun begreifen, wem der Thron des Augustus gehört: Dir oder mir!«

»Phaon!« rief er mit Donnerstimme.

Es klang als habe er sein unermeßliches Leid mit Riesenkraft überwältigt und erhebe nun ein Triumphgeschrei.

Der Freigelassene trat ängstlich über die Schwelle.

»Geh und hol mir den Staatsminister!« sagte der Kaiser, halb zur Seite gewandt.

»Wie du befiehlst.«

»Noch eins, Phaon! Weiß man nicht, wer die Räuber gewesen sind, die meine Acte entführt haben?«

»Nein, Herr! Alle Nachforschungen sind fruchtlos geblieben. ›Sklaven der Agrippina‹ – sagen die einen; ›Prätorianer‹ die andern . . .«

»Schweig! Meine Frage war abgeschmackt. Wenn ich's auch wüßte, – sie waren ja doch nur Werkzeuge in der Hand Agrippinas. Also: den Staatsminister!«

Seneca schritt dem Kaiser voll Würde, beinahe traurig entgegen.

»Mein Freund,« sagte Nero mit eiserner Selbstbeherrschung, »fürchte nicht, daß ich jammern und klagen werde über das Ewig-Verlorene! Was ich mit dir bereden will, das schaut weit hinaus in die Zukunft.«

Er legte ihm kurz und bündig seine Absichten dar.

»So bist du wahrlich der Cäsar nach meinem Herzen,« sprach Seneca und schloß ihn feierlich in die Arme. »Was in meiner Gewalt steht und in der meiner Freunde . . .«

»Ja, ich weiß, ihr werdet mir euern Geist leihen, und wenn es not thut, euer geheiligtes Schwert. Handle Seneca! Plane! Berechne! Mir fiebert noch das gemarterte Hirn . . .«

»Keinen Rückfall in die kaum überwundene Schwäche! Beim Zeus, ich lasse dich nicht! Heute noch sprech' ich mit Tigellinus. Der erste Sturm wider die Selbstüberhebung der Agrippina soll dem römischen Volke beweisen, daß Nero seine welthistorische Pflicht nun erkannt hat.«

»Du wolltest mir von Agrippina manches erzählen; von Claudius und dem armen Britannicus . . .«

»Noch nicht, dafern du dem Rate des Freundes folgst. Du wirst größer und herrlicher dastehen, wenn du nur im Selbstgefühl des Regenten handelst, nicht auf Grund gewisser Gerüchte, die vielleicht doch nur . . . Gerüchte sind.«

Nero neigte sein Haupt. »Ich vertraue dir,« sagte er seufzend. »Rette mich vor mir selbst! Gib mir den allgewaltigen Zauberstab, um die Geister des Einst zu verscheuchen, die mich so lieblich und doch so schreckenerregend umwirbeln . . .«

»Dieser Stab ist das Scepter. Handhabe es wie ein Heros . . .!«

»Wenn du willst, wie ein Dämon.«

Siebentes Kapitel.

Am sechsten Tage nach diesen Geschehnissen prangte das Atrium des Kaiserpalastes schon bei dämmernder Morgenfrühe im Festgewande.

Das marmorne Podium neben dem Eingang in das Archivzimmer war mit kostbaren Teppichen überkleidet.

Hier standen zwei löwenfüßige Thronsessel, von goldenem Baldachin überragt.

Eine Fülle der herrlichsten Blumen, mit üppigem Grün durchmischt, wogte von einem Säulenkapitäle zum andern, schmückte den Boden und wucherte rechts und links aus den Kolonnaden hervor.

Wo es nur irgend anging, schmiegten sich die farbenglühendsten Teppiche an die schimmernde Architektur; die Wand des Archivzimmers troff geradezu von diesen wundervollen Geweben; die Bilder unter den Kolonnaden waren davon überdeckt; selbst vom Dache hernieder hingen die schweren Quasten und Troddeln, die sich, je höher die Sonne über den Horizont lugte, um so heller und flammenroter bemalten.

Heute früh in der zweiten Stunde des Tages sollte der feierliche Empfang einer Gesandtschaft des Chattenvolks stattfinden. Man hatte den großen Familienhof des Palatiums, nicht aber den Sitzungssaal des Senats gewählt, um so der Sache einen zwar minder staatsmännischen, aber vielleicht desto glänzenderen und wärmeren Ton zu verleihen.

Wäre dies längst erwartete diplomatische Schaustück nicht in Aussicht gewesen, so hätte Seneca vielleicht schon in voriger Woche Urlaub genommen. Die Hitze nämlich der letzten Maitage brütete sommerähnlich über der Stadt; aus der engen Subura hatte man gestern bereits einige Fieberfälle gemeldet. So aber mußte das Uebel ertragen werden, denn es handelte sich um die erste große Gelegenheit, dem Ehrgeiz der Agrippina nicht nur vor den versammelten Vätern, sondern sogar in Gegenwart ausländischer Botschafter einen empfindlichen Stoß zu versetzen. Es mußte ihr endlich einmal zum Bewußtsein gebracht werden, daß für die römischen Regierungsgeschäfte eine neue Aera im Aufdämmern war.

Der chattische Volksstamm, wohl der begabteste aller Germanen, unmittelbarer Nachbar der römischen Reichsgrenze, hatte, durch mehrfache Uebergriffe römischer Soldaten erbittert, während des letzten Jahres eine bedrohliche Haltung gezeigt und sich im Einverständnis mit den Sigambrern allerhand römerfeindlichen Plänen gewidmet. Wenn der Proprätor, der dort oben im Norden die Hoheitsrechte des Imperators vertrat, seinen Kundschaftern glauben durfte, so handelte es sich um einen Ansturm des gesamten freien Germaniens wider das Römerreich.

Die Sigambrer waren jedoch die einzigen unter den vielen germanischen Volksstämmen, bei welchen der Einheitsgedanke schon damals Wurzel gefaßt hatte. Alle übrigen, bis hinauf zu den Guttonen und Rugiern, vergeudeten, trotz der großen Erinnerungen an die Tage des Varus, ihre blühendste Kraft in Fehden von Gau zu Gau, und verhielten sich gleichgültig gegen die neue, vielleicht in der That noch verfrühte Idee. Ja, selbst unter den Edelingen der Chatten gab es jüngst wieder ungestüme Familienzwiste.

Den schlauen diplomatischen Schachzügen des kaiserlichen Vertreters war es unter solchen Verhältnissen unschwer gelungen, die Chatten durch einige Zugeständnisse, insbesondere durch Zahlung einer Entschädigungssumme, zur Abwiegelung zu bestimmen und ihnen die Freundschaft mit dem gewaltigen Römerreiche als ein so herrliches Ziel auszumalen, daß sie nach einigem Hin und Her den Beschluß faßten, zwölf ihrer ausgezeichneten Edelinge unter Führung des Oberfeldherrn Lollarius nach Rom zu schicken, dem Kaiser Geschenke zu übermitteln und ihm friedliche Nachbarschaft anzubieten.

An diese mehr theatralische Aufgabe der chattischen Edelleute knüpften sich noch einige mehr geschäftliche Punkte, die der kaiserliche Proprätor nicht auf eigene Faust zu erledigen wagte.

Agrippina hatte bereits vor mehreren Tagen die überflüssige, vom Standpunkt des römischen Volksbewußtseins geradezu anmaßende und verletzende Absicht geäußert, von ihrem albanischen Landsitz herüber zu kommen, an der Seite des jungen Kaisers die zwölf Botschafter zu empfangen und bei der ganzen Zeremonie buchstäblich den Vorsitz zu führen.

Das also war der Punkt, wo der Staatsminister zum erstenmal den Hebel einsetzen wollte, um die Kaiserin-Mutter sanft, aber allem Volke ersichtlich, beiseite zu schieben.

Seit jenem Tage, da Nero ihn zu sich gerufen und ihm eröffnet hatte, daß er gesonnen sei, durch den Glanz der Alleinherrschaft sich für das zu entschädigen, was Agrippina und ein schreckliches Schicksal ihm boshaft geraubt hatte, war Annäus Seneca überhaupt nicht müßig geblieben.

Er hatte den plötzlichen Aufschwung des Imperators mit einer Begeisterung begrüßt, die bei Nero den Glauben erwecken mußte, als sei das ein Verdienst, was ihm zunächst doch nur ein Bedürfnis war.

Am nämlichen Abend noch hatte sich Seneca zu Flavius Scevinus begeben und ihm gemeldet, daß, wenn die energische Stimmung des Kaisers standhalte, Nero selber als Mitverschworener gegen die Kaiserin-Mutter angesehen werden dürfe. Man möge daher vertagen, was man gegen Agrippina im Schild führte, da es unstreitig einen weit besseren Eindruck auf den Senat wie auf das römische Volk machen müsse, wenn Claudius Nero in eigener Person die Initiative ergreife.

Nachdem er dies mit Flavius Scevinus erörtert hatte, ließ der Staatsminister demungeachtet die nötigen Vorbereitungen treffen, um gegen etwaige Gewaltmaßregeln der Agrippina geschützt zu sein.

Burrus, der von der Verschwörung nichts ahnte, war leicht zu bestimmen, das Kommando über die halbe Kohorte, die in der Hofburg die Wache hielt, dem Agrigentiner Sophonius Tigellinus zu übertragen, zumal er seit einiger Zeit nicht mehr so blindlings die Kaiserin-Mutter vergötterte. Es war ihm zu Ohren gekommen, daß der Militärtribun Pharax bei Agrippina auffällig in Gunst stand, und die Gerüchte, die sich, unbestimmt freilich, aber dennoch in leicht zu deutender Richtung, an diese Bevorzugung knüpften, kränkten seinen Soldatenstolz. Nicht, daß er etwa die Neigung verspürt hätte, geradezu gegen die Fürstin zu rebellieren: aber sie sollte doch sehen, daß er nicht ganz das willfährige Spielwerk in ihrer Hand war, für das sie ihn ansah.

Tigellinus, sobald ihn Burrus mit dem Oberbefehl über die Wachmannschaften betraut hatte. streute unter die Krieger ganze Schläuche voll Gold aus, während sich Nero, den Winken des Staatsministers entsprechend, bis auf weiteres zurückhielt.

Jetzt, in der Morgenfrühe, da die Kaiserin-Mutter bereits in ihrer Carruca saß, um, von vier schnaubenden Kappadoziern gezogen, von ihrem Landhause nach der Hauptstadt zu eilen, erachtete Seneca den Augenblick für gekommen, um der Erbitterung Neros gegen Agrippina durch die früher verschobenen Enthüllungen frische Nahrung zu geben.

Während die Kammersklaven den Imperator für die große Empfangsfeierlichkeit ankleideten, saß der klug berechnende Staatsmann, die Arme über der Brust gekreuzt, im kaiserlichen Studiergemach und legte sich sein bedenkliches Thema sorgsam zurecht.

Der Leibsklave Cassius hatte dem Herrscher bereits mitgeteilt, daß der Minister noch vor dem Erscheinen der Senatoren schwerwiegende Dinge mit ihm zu erörtern wünsche. Ungeduldig drängte Nero zur Eile.

Mit außergewöhnlichem Ernste ging Seneca ihm entgegen, als er nun endlich in seiner purpurverbrämten Toga die Schwelle betrat.

»Komm, du Teurer!« sagte der Staatsminister vertraulich. »Eine halbe Stunde noch haben wir Zeit. Hier, sitz nieder – und höre mir zu!«

Nachdem er dem Kaiser in aller Kürze einige Grundlehren der augustinischen Staatsweisheit wiederholt, und insbesondere betont hatte, wie es zuzeiten gut sei, halbverjährte Verbrechen gleichsam als nicht geschehen zu betrachten, suchte er sich von dem Vorwurf zu reinigen, als habe er etwa die Thaten der Agrippina gebilligt.

»Glaube mir,« sprach er bewegt, »hundertmal hat mich die Stimme des inneren Gottes stürmisch gemahnt, allem Volk zu verkündigen, daß es befugt sei, von Agrippina nichts Gutes zu denken. Eins nur hat mich immer wieder zurückgehalten: die bange Rücksicht auf dich, den untadeligen Sohn der Verbrecherin. Ich wußte es ja, wie treu du deine Mutter verehrtest, wie du allein von sämtlichen Römern die Binde über den Augen trugst und so die Dinge nicht ahntest, die uns übrigen oft genug das Blut der Scham und des Zorns in die Stirne getrieben.«

Da Nero atemlos aufhorchte und ihm krampfhaft die rechte Faust um die Handwurzel legte, fuhr Seneca noch bedeutsamer fort: »Nein, teurer Cäsar, ich fiebere nicht, und was ich rede ist keineswegs die Ausgeburt eines kranken Gehirns. Frage den Tigellinus, frage, dafern du willst auch den Burrus, der ihr vielleicht nur deshalb jede Unthat vergibt, weil er, rauh, wie er scheint, dennoch weicher empfindet, als ein junger Poet . . .«

»Wie verstehe ich das?«

Seneca, jegliches Wort einförmig und bleiern betonend, gab ihm zur Antwort: »Nun – er liebt Agrippina und – er besitzt sie!«

»Das sagst du mir?« schrie Nero mit greller, mark- und beinerschütternder Stimme. »Burrus besitzt sie? Die Mutter des Imperators ist die Geliebte eines Kasernenhäuptlings?«

»Beruhige dich!« mahnte der Staatsminister mit großer Kaltblütigkeit. »Nicht zum erstenmal ereignet sich's in der Weltgeschichte, daß ein edler Stamm, nachdem er edle Früchte getragen, plötzlich in sich verfault . . . Uebrigens sagst du: ›Kasernenhäuptling‹. Weshalb so geringschätzig? Besser der Häuptling, als der plebejische Troßknecht. Neuerdings geht ja die Rede . . . Verzeih, aber ich bring' es nicht über die Lippen!«

»Glaubst du mich schonen zu sollen?« lachte der Imperator.

Nach kurzem Zögern hub Seneca wiederum an: »Es hilft nichts. Du mußt alles erfahren. Denn es handelt sich jetzt um die Frage: ›Du oder sie?‹ Drohend gärt es in allen Volksschichten. Heimlich murrt der Senat. Die Ritter, die kleinen Kaufleute, die Handwerker, ja selbst die Sklaven sind wutentbrannt, daß so die Willkür eines verwerflichen Weibes den Staat unter die Füße tritt. Zunächst: welch ein Abgrund von Lüsternheit! Burrus – ich wollte da noch ein Auge zudrücken. Aber wie ich jüngsthin erfahren –: sie hält es mit vielen . . .«

»Das lügst du!« rief Nero, emporfahrend. »Sie mag sich vergessen, sie mag sich entweihen, aber niemals wird sie ihren gewaltigen Stolz verleugnen.«

»Ich übertreibe vielleicht,« stammelte Seneca. »Aber mach's doch wie einst! Misch dich verkleidet unter den Pöbel der Vorstadt! Besuche die Schenken, die Garküchen, die Barbierstuben! Da wirst du's hören, wie man von einem gewissen Tribunen Pharax allerlei Dinge munkelt . . .«

Nero stöhnte laut auf.

»Und das alles ist wahr?« fragte er nach langer Pause.

»So wahr, Imperator, daß du mich auf dem Anger der Ausgestoßenen lebendig begraben sollst, wenn ich lüge! Weshalb zitterst du, Claudius Nero? Was ich erzählt habe, sind doch immer nur menschliche Schwächen, unrühmlich, meinetwegen verächtlich, aber verzeihlich. Senke den Blick nicht zu Boden! Bei dem Geiste des Alls, welch ein Trauern soll dich befallen, wenn ich dir jetzt berichte, was sie Schlimmeres gethan hat?«

»Sprich!« rief Nero verstört. »Ich bin jetzt auf alles gefaßt. Buhlt sie nicht auch mit den Maultiertreibern, die ihr Essenzen und Früchte bringen? Es gewährt mir eine qualvolle Lust, bis an die Kehle in diesem greulichen Schmutze zu wühlen.«

»Ich wiederhole dir, das alles ist menschlich,« sagte der Staatsminister. »Ein Weib, von heißem Blute durchlodert, allzeit nur ans Befehlen gewöhnt, von keinem Manne gezügelt, alternd, und dennoch jugendlich schön wie die schwellende Traube: ein solches Weib wird immer die Beute ihres unersättlichen Lebensdranges. Aber« – hier schwoll seine Stimme wie ein näher und näher klingendes Donnergerolle – »Mörderin braucht sie um deswegen doch nicht zu werden!«

Ein Lächeln, ausdruckslos wie das eines Blödsinnigen, glitt über die Züge des unglückseligen Kaisers.

»Weißt du,« fuhr Seneca fort, »wie dein bedauernswürdiger Stiefvater Claudius geendet? Ich will gerecht sein: auch dem Opfer zähle ich seine Schwächen vor. Claudius war kein Gatte für Agrippina. Domitius Aënobarbus mit seiner stahlharten Faust konnte sie niederhalten; Claudius, der Witwer der Messalina, war schon verloren, eh' er den Kampf begann. Dennoch: – hat er sie nicht zärtlich geliebt? Hat er sich jemals eines Vergehens, geschweige denn eines Verbrechens schuldig gemacht? Er regierte – oder besser: er ließ regieren. – Daß er nicht ihr die Herrschergewalt anvertraute, daß er den eigenen Sohn, den armen Britannicus, den er bereits zu deinen Gunsten enterbt hatte, nicht überdies noch verbannte, oder gar tötete: siehe, das war in den Augen der zärtlichen Agrippina die Unthat, die er gefrevelt hat. Da sie nun allerlei Ränke schmiedete, um ans Ruder zu kommen, merkte Claudius, was sie im Schilde führte. Er beschloß, die Ehe mit ihr zu lösen und den Britannicus in die Rechte des Kronprinzen wiederum einzusetzen. Was begann Agrippina? Zweierlei stand ihr frei: durch Milde, Güte und Nachgiebigkeit ihren Gemahl zu versöhnen – oder ihn mit Gewalt zu beseitigen, eh' er noch seine Entschlüsse zur That machen konnte . . . Ihre Lieblingswaffe bestand dazumal in den Tropfen der Giftmischerin Locusta. Dieses fluchbeladene Schandweib stellte ihr eine geruch- und geschmacklose Flüssigkeit her, die den kostbaren Vorzug hatte, die Vergiftung langsam, aber mit desto größerer Sicherheit zu bewerkstelligen. Als es nun just im engsten Familienkreise das Lieblingsgericht des Claudius – Steinpilze – gab, ließ sie durch einen der Köche in das prächtigste Exemplar so viel einträufeln, als zur tödlichen Wirkung erforderlich war. Man brachte die Schüssel. Wie eine aufmerksame Familienmutter schob sie ihm den vergifteten Pilz zu. Der sehe so reizend aus, so frisch und verlockend! Sie selber aß von den übrigen. Als er nach kurzer Zeit schläfrig ward, glaubte man, er sei ein wenig bezecht. In der Nacht jedoch verlor er nach und nach das Gesicht, das Gehör und die Beweglichkeit seiner Gliedmaßen. Unter entsetzlichen Qualen verschied er.«

Seneca schwieg. Der junge Kaiser blickte starr zu ihm auf.

»Welch ein Ungeheuer!« lallte er endlich. »Aber wer – selbst unter euch Menschenkennern und Philosophen – bürgt mir dafür, daß diese Geschichten mehr sind, als thörichte Fabeln, von den Gegnern ersonnen, von der Leichtgläubigkeit des Pöbels in Umlauf gesetzt?«

»Wenn du ihr volle Straflosigkeit zusicherst, wird die Giftmischerin Locusta diese Missethat freudig bestätigen, denn überall, wo das Gift eine Rolle spielt, war sie das Werkzeug in der Hand der erlauchten Verbrecherin.«

»Seneca, mein Lehrer und Freund, ich glaube dir's, wenn mir die Seele auch vor Scham und Jammer verdorren möchte! Weh mir, was soll ich beginnen?«

Wie zu Tode erschöpft sank er in den Sessel zurück.

Der Staatsminister, ohne auf die Verzweiflung des jungen Kaisers zu achten, hub nun wiederum an: »Weißt du, wie Britannicus starb, dein Stiefbruder? Ich am wenigsten hab' es beklagt, daß man den Jüngling von der Thronfolge ausschloß. Britannicus, so vortrefflich er war, stand doch hinter dem Sohn Agrippinas zurück. Der Staat gewann daher durch jene Enterbung. Aber weshalb mußte nun Agrippina dies blühende Leben unter die Füße stampfen? Britannicus war selbstlos genug. Er wäre dein Freund, dein erster Berater geworden. Er hätte mit seiner Kühle und Klarheit deine lodernde Phantasie gleichsam ergänzt. Die Nachwelt hätte von euch geredet wie von Damon und Phintias, wie von Pylades und Orestes –«

»Rede mir nicht von Orestes,« flüsterte Nero schaudernd.

»Warum nicht?«

»Mich überläuft's! Orestes – hat seine Mutter getötet.«

»Mit vollem Recht: denn die Mutter hatte ihm in Gemeinschaft mit ihrem Buhlen den teuren Vater erschlagen.«

Nero machte eine Bewegung der Abwehr.

»Diesen Britannicus also« – nahm Seneca das Gespräch wieder auf – »hat Agrippina ermordet – ach, mit so unsäglicher Schlauheit, mit so niederträchtiger Arglist, daß man sich fragen darf, ob die gesamte Weltgeschichte etwas Aehnliches aufweist. Britannicus war gewarnt. Keine Speise genoß er, ohne daß ein Sklave den Bissen ihm vorgekostet. Deine Mutter aber brachte es fertig, ihn mit dem zu vergeben, was die Natur so rein und so unverfälscht aus der Erde fördert. Sie ließ ihm den Würzewein so heiß vorsetzen, daß er zur Kühlung desselben kaltes Wasser verlangte. Sein Prägustator hatte aus der dampfenden Murrhaschale bereits geschöpft und geschmeckt. Der Trank war harmlos. Nun aber sich Britannicus das vergiftete Wasser hinzugegossen und einen Schluck über die Lippen gebracht, sank er jählings zurück und war sofort eine Leiche.«

»Wie?« rief Nero. »Aber ich war doch Zeuge des entsetzlichen Vorgangs. Man sagte, es sei eine Ohnmacht; erst einige Tage später verschied er am Schlagfluß.«

»Das hat man uns vorgeredet, uns und den übrigen; denn die Tafel sollte doch ihren Fortgang nehmen. Glaube mir doch, mein Liebling: auch für diese Unthat hab' ich Beweise!«

Nero warf sich breit über die Tischplatte und durchwühlte mit zuckenden Fingern sein Haar.

Leise trat Seneca zu ihm heran. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte, wie von Mitleid bewegt: »Laß mich das andre verschweigen! Eines nur sollst du noch wissen: daß der Mordversuch auf Flavius Scevinus gleichfalls ein Werk der grollenden Agrippina war. Sein Trinkspruch hatte sie tödlich beleidigt . . .«

»Schweig, schweig!« stöhnte der Kaiser in herzzerreißendem Klagelaut. »Ich weiß genug!«

In diesem Augenblicke erscholl vom Atrium her die Stimme des Stundenausrufers.

»Es wird Zeit!« sagte der Staatsminister. »Fasse dich, teurer Freund! Nero der Sohn ist zu Grunde gegangen: möge Nero der Kaiser jetzt um so glorreicher strahlen auf der Höhe seiner Alleinherrschaft! Nein, nicht so, mein Knabe! Trockne die Thränen! Blicke frei in die Welt, wie ein Adler, der seinen Flug aufwärts zur Sonne nimmt! Zeige den nordländischen Barbaren, daß die Größe und Hoheit des römischen Namens voll und ganz in dir, dem Liebling des Volkes, verkörpert ist! Sei ein Mann! Sei ein Augustus!«

Langsam richtete Claudius Nero sich auf. Es war nun wirklich, als habe die entsetzliche Stunde ihn völlig gestählt und gehärtet. Hoch und herrlich stand er vor seinem alten Erzieher, der gleichfalls mit einemmal vergaß, was ihn bis dahin bewegt und erschüttert hatte. Forschend sah er dem jugendlichen Beherrscher des Weltreichs ins Angesicht. Der glich jetzt einem marmorgemeißelten Bildnis des Gottes Apollo, der nicht nur segnende Strahlen, sondern auch verderbliche Pfeile entsendet. Immer fester und ruhiger ward es um den blühenden Mund, der so seligsüße Wochen hindurch nur gelacht und geküßt hatte. Ja, ja, die trotzigen Chatten, wenn sie diesen leuchtenden Heldenjüngling erblickten, durften sich sagen: ›Wehe dem Volke, das den römischen Cäsar zum Feinde hat!‹

So begab er sich mit Seneca in den Oecus, wo seine Gefolgschaft schon seit fünfzehn Minuten bereit stand.

Achtes Kapitel.

Im Atrium hatten sich unterdes die Senatoren mit einer Vollzähligkeit eingefunden, die geradezu überraschend war; denn die Mehrzahl der hohen Herren war bereits in die Sommerquartiere übergesiedelt und nur, der Einladung der Kaiserin-Mutter gehorchend, eigens zum Zweck des großen Chattenempfangs nach Rom zurückgekehrt.

Der kaiserliche Geheimschreiber Epaphroditus hatte die Ankömmlinge begrüßt, und sie ehrerbietigst nach den kissenbelegten Sesseln geführt, die da rechts und links vor den festlich geschmückten Arkaden in bogenförmiger Linie aufgestellt waren.

Die Morgensonne malte bereits einen Streifen von Mannshöhe an den oberen Rand der Archivmauer. Die ringsher verstreute Blumenfülle, von den Sklaven mit künstlich zerstäubtem Wasser besprengt, schimmerte wie ein Frühlingsgarten im Tau, und die kostbaren Teppiche glühten mit jeder Minute farbenreicher und prächtiger.

Der Staatsminister hatte von jeher eine Art Stolz darein gesetzt, daß derartige Zeremonien, wie der jetzt bevorstehende Empfang der Chattengesandtschaft, bis ins kleinste pünktlich in Scene gingen.

Fast in dem nämlichen Augenblicke, da Nero, von seinem glänzenden Hofstaat umringt, nach dem Hochsitz wandelte; und die versammelten Senatoren mit einem weit vernehmlichen ›Ihr Herren, seid mir gegrüßt!‹ bewillkommte, tauschte Seneca draußen vor dem Vestibulum mit dem hochgewachsenen, graubärtigen Führer der germanischen Edelinge einen kräftigen Händedruck. Die Gesandten waren von ihren mähnenumwallten Rossen gesprungen.

Nero, das ›Heil dem Kaiser!‹ der Senatoren mit einer huldvollen Handbewegung erwidernd, hatte sich auf einen der beiden Prunksessel unter dem Baldachin niedergelassen.

Zu seiner Rechten stand Burrus mit einigen Militärtribunen. Zur Linken der Agrigentiner Sophonius Tigellinus; Otho, der Gatte der schönen Poppäa Sabina; der junge Dichter Lucanus, den Seneca während der letzten Monate auffällig beschirmt und gefördert hatte; der Geheimschreiber Epaphroditus; und einige andre Hof- und Staatsbeamte mit ihren vornehmsten Untergebenen.

Weiter nach rechts und nach links folgten kleine Abteilungen von Prätorianern, in vergoldeten Harnischen, hochrot gefärbte Roßschweife auf dem blinkenden Helmfirst, an der Hüfte das Schwert, – den gewaltigen Langspeer nach Art der Wachtposten senkrecht im Arme.

Rechts und links an der Spitze der Senatoren saßen die regierenden Konsuln, deren Amt seit der staatlichen Neugestaltung nur noch äußerlich eine Bedeutung hatte, aber nichtsdestoweniger glühend erstrebt wurde.

Auch der germanischen Botschaft hatte der Staatsminister eine Ehrenwache von prätorianischen Kriegern zugeführt, die jetzt zunächst durch das Ostium einzog, und sich links vom Eingang, gerade dem Thron gegenüber, ordnungsgemäß aufstellte.

Hiernach erschien der Staatsminister mit dem Führer der Chatten, Lollarius geheißen. Die übrigen, stattliche, hochgewachsene Männer von dreißig bis vierzig Jahren, blauäugig und blond, bis auf zwei, deren Haupthaar die dunklere Färbung des Südens zeigte, wandelten unmittelbar hinter Lollarius einher und machten dann in der Mitte des Atriums Halt, während ihr Anführer mit dem höflichen Seneca dicht zu dem teppichbelegten Podium heranschritt.

»Allgewaltiger Cäsar,« begann der Staatsminister, »der vortreffliche und tapfere Mann, der in Gemeinschaft mit seinen edlen Genossen als ein Freund des römischen Namens hier das Palatium betritt, ist der Gaufürst Lollarius, wohl der Erste im Rate unter den chattischen Großen, ein ruhmreicher Heerführer und ein ausgezeichneter Kenner unsrer Sprache, unsrer Gesetze und Sitten.«

So sprechend, trat Seneca neben den Agrigentiner Sophonius Tigellinus, der die Hünengestalt des chattischen Gaufürsten mit staunender Neugier musterte.

Nero erhob sich, schritt bis auf die letzte Stufe des Podiums herab, und reichte dem Botschafter mit einem gewinnenden Lächeln die Hand.

»Wir heißen dich und die Deinen in unsrer geheiligten Siebenhügelstadt freudig willkommen. Aus deinen Augen blickt Geradheit und Mut. Ich liebe das. Im Namen der hier versammelten Väter und des unbezwungenen römischen Volkes biet' ich dir ehrliche Freundschaft an. Denn unsre Freundschaft zu suchen – das wissen wir von unserm Proprätor, eurem Nachbar am Rheine – seid ihr nach Rom gereist.«

»Du sagst es, großmächtiger Kaiser,« versetzte Lollarius in musterhaftem Latein; denn auch er hatte, wie jetzt sein ältester Sohn, vor vielen Jahren die Weltstadt am Tiberstrome besucht, um Studien zu machen auf dem Gebiete der Staatswissenschaften und der römischen Kriegskunst. »Nachdem dein Stellvertreter unsre berechtigten Wünsche erfüllt hat, wüßte ich nicht, weshalb wir Chatten euch grollen müßten, – wenn ich's auch tief beklage, daß die kaiserlichen Legionen manchen urgermanischen Landstrich nach und nach in römischen Boden verwandelt haben.«

»Weshalb beklagst du das?« fragte der Cäsar.

»Weil wir Nordlandsmänner, die ihr Römer nur als Einzelvölker beurteilt, weit näher untereinander verwandt sind, als der Italier mit dem Hispanier; weil wir ein großes, gewaltiges Reich von einerlei Stamm und Nation ausmachen könnten, wenn nicht ein Teil uns durch Rom entfremdet, ein andrer durch die leidige Zwietracht vollständig lahmgelegt wäre. Wir Chatten allein und die wackeren Sigambrer haben Verständnis für die Zusammengehörigkeit aller germanischen Stämme, für die Allmacht der Staatsidee, die euch Römer so groß gemacht, – kurz: für das Vaterland.«

Der Imperator stieg jetzt wieder die Stufen hinauf und ließ sich langsam unter dem Baldachin nieder, während zwei Sklaven, die Blicke des Staatsministers verstehend, einen Goldsessel zum Podium hinantrugen.

»Ich begreife das,« sagte der Kaiser wohlwollend. »Inzwischen bitte ich dich, auf diesem Stuhle hier Platz zu nehmen. Es ziemt sich nicht, daß man Gesandte, die dem Völkerrecht wie dem Gastrecht gleichmäßig heilig sind, länger stehen läßt, als die Begrüßung währt.«

Lollarius zögerte einen Augenblick. Dann stieg er ruhigen und selbstbewußten Schrittes das Podium hinan, als sei es den Stammesgenossen des Mannes für spätere Jahrhunderte vorbehalten, sich im Kaiserpalaste heimisch zu fühlen, wie jetzt der hochgebietende Imperator.

»Lollarius,« hob Nero wiederum an, da sich der Chatte gesetzt hatte, – »du siehst es: unsre bloße Begegnung hat ausgereicht, um die Sache, über die wir verhandeln wollten, ins reine zu bringen. Kein Römer, solange nicht offener und ehrlicher Krieg zwischen uns herrscht, soll hinfürder eure Landschaft in ungebührlicher Absicht betreten dürfen. Das gleiche versprecht ihr uns. Auch im übrigen halten wir freundliche Nachbarschaft. Eure Leute verkaufen uns die Erträgnisse der Jagd und des Fischfangs, die herrlichen Tierfelle, das köstliche Wild und die Lachse der Logana. Von uns bezieht ihr die kunstvollen Werkzeuge, die tarentinischen Wollstoffe, die milchweißen Gewänder für eure Frauen und Jungfrauen, die Gürtel und Spangen, vor allem aber die Gabe des unsterblichen Bacchus. Denn, wie ich höre, da droben bei euch will die herzerquickende Rebe nicht recht gedeihen; ihr behelft euch mit einem sonderbaren Gebräu von Weizen und Gerste, das ihr – ein wahres Wunder – zu einer gewissen Aehnlichkeit mit unserm italischen Weine herankünstelt.«

»Herr,« versetzte Lollarius, und strich sich schmunzelnd über den breiten, graugesprenkelten Bart, – »unsrer Getränke gibt's zwei: ein süßeres und ein herberes. Das erste nennen wir Met, das zweite Bier, – und wahrlich, wenn die Metpokale so kreisen, oder gar die gewaltigen Bierhörner, und ein kriegerischer Gesang ertönt in der Runde, und die Hirschkeule oder der Bärenschinken liefert uns die saftigen Scheiben, dann möchtest auch du, o Cäsar, uneingedenk des römischen Prunkes, bekennen, daß wir Germanen zu leben wissen.«

»Daran zweifle ich nicht,« erwiderte Nero. »Jegliche Gepflogenheit ist berechtigt, jegliche Art und Sitte hat ihre Vorzüge. – Also wir stehen nun am Ziele. Hier meine Hand! Friede und Freundschaft! Nur der Form halber soll mein Geheimschreiber Epaphroditus einen Staatsvertrag abfassen, – nicht, weil ein Zweifel bestünde, sondern zur Einverleibung in die Archive. Denn auch ihr besitzt wohl Amtsgebäude oder Heiligtümer der Götter, wo ihr gewichtige Aktenstücke verwahren laßt.«

»Unsre Priester und Edelinge sind des Schreibens nicht unkundig,« sagte Lollarius. »Auch wird es den Chatten genehm sein, die Freundschaftsworte des Kaisers auf kräftigem Pergament zu besitzen. Es gibt Leute bei uns, denen man solcherlei Dinge gelegentlich wiederholen muß.«

»Morgen noch empfängst du die Urkunden zur Unterzeichnung,« versetzte der Imperator. »Nun aber, nachdem das alles erledigt ist, erzähle mir doch, ich bitte dich, einiges von dir und deinen Genossen. Wer sind die Männer, die dich begleiten? Du könntest sie wohl heranführen.«

Lollarius erhob sich.

Der Kaiser hielt ihn zurück.

»Zuvörderst du,« sagte er huldvoll. »Du heißest Lollarius. Der Name klingt ja beinah lateinisch?«

»Er ist nach lateinischer Weise umgebildet – für euch; dieweil ihr die rauheren Laute des Nordens minder beherrschen würdet. Ich heiße in germanischer Sprache Lautharto, das ist verdolmetscht: ›das große Herz‹. Mein Edelsitz erhebt sich am Ufer der Lahn, die ihr Logana nennt, unweit der Stelle, wo die reißende Wisacha in den Fluß mündet. Weiterhin erhebt sich der waldüberkleidete Vogelsberg, so genannt um seiner unzähligen Urhähne willen, deren Balzen wie das wunderbare Gekreische der Wotansraben durch den dämmernden Forst klingt. O, es ist ein herrliches Land, unser Chattenland!«

»Seltsam,« erwiderte Nero. »Wir Römer lieben weder die Bergwälder noch die Felsengeklüfte. Uns verlangt es nach lieblich blühenden Auen, nach Lorbeerhainen, vornehmlich aber nach dem Gestade des Meeres. Du hast kein Meer, selbst keinen See in der Nähe?«

»Nein, Imperator. Die Lahn und die Wisacha müssen uns schadlos halten. Eure gewaltigen Brandungen kennen wir nicht. Doch, daß ich's gestehe: hundert Schritte nur von meinem Gehöft strömt die Wisacha über steiles Geröll so schroff in die Tiefe hinab, daß ihr Gebrause schier an den Wellenschlag des Tyrrhenischen Meeres erinnert. ›Den Guß‹ oder ›die Gießen‹ nennt man diesen Strudel im Volke, und mein Edelsitz heißt danach die Burg an den Gießen.«

Eine Weile noch plauderte so der Cäsar mit dem bärtigen Chattenführer, als ob der Beherrscher des Römerreichs nahezu willens sei, demnächst während der Sommermonde in den Wäldern der Logana als Gast zu erscheinen. Dabei warf er indes ab und zu einen Blick nach Seneca, der dann jedesmal kaum bemerklich die Lippen regte: ›Du hast noch Zeit, Herr.‹

Endlich stieg Lollarius vom Podium hernieder und holte die drei vornehmsten Männer seiner Gefolgschaft heran.

Einer derselben, der goldhaarige, wangenblühende Heilo, war beauftragt, dem Kaiser ein stattliches Ehrengeschenk anzukündigen: zwölf lebende Auerochsen, die man in eigens dazu hergerichteten Wagen auf der großen linksrheinischen Heerstraße bis nach Vesontio und von dort nach Massilia gebracht hatte, wo sie nach Ostia eingeschifft wurden.

Das Schiff mit den Ungeheuern, die für die kaiserliche Arena bestimmt waren, lag jetzt am aventinischen Hügel vor Anker, und Heilo ersuchte den Imperator, sobald es ihm gut dünke, die Freundschaftsgabe des chattischen Volks in Empfang zu nehmen.

Nero dankte, hieß, da Seneca immer noch gleichmütig dastand, auch die übrigen Teilnehmer der Deputation vortreten, redete eifrig mit jedem einzelnen und erhob dann die Rechte.

Zwölf scharlachrot gekleidete Hofbedienstete schritten auf diesen Wink hin aus dem Säulengange hervor und überreichten jedem der zwölf Gesandten als Gegengabe des Imperators ein kostbares Schwert mit Goldgriff und in glänzender Goldscheide.

Die Senatoren, die anfangs über die gar zu leutselige Art des Kaisers heimlich gemurrt hatten, hielten es dennoch für angebracht, in die Beifallsrufe miteinzustimmen, die jetzt Flavius Scevinus, Barea Soranus, Thrasea Pätus und andre Genossen der hohen Körperschaft in wohlberechneter Absicht erschallen ließen. Einige ausgesprochene Anhänger der Kaiserin-Mutter indes konnten sich kaum noch beherrschen. Mit jeder Minute malte sich deutlicher in ihren verblüfften Gesichtern die ungeduldige Frage: ›Wo bleibt Agrippina? Weshalb nimmt sie nicht Platz an der Seite des Sohnes, den sie zum Kaiser gemacht hat?‹

Agrippina befand sich noch immer auf der hallenden Landstraße in ihrer breitüberdeckten Carruca.

Der Staatsminister hatte ›ordnungsgemäß‹ bei ihr angefragt, wann der Empfang der Chattendeputation stattfinden solle, – und die entsprechende Antwort erhalten.

Agrippina hatte die Zeit für die Wagenfahrt reichlich bemessen.

War es die Schuld nun etwa des Seneca, wenn ihm der Kaiser ›plötzlich befahl‹, just eine halbe Stunde früher die Zeremonie anzuberaumen, als Agrippina gewünscht hatte . . .?

Arglos lehnte sie an der Seite ihrer Vertrauten, der meergrünäugigen Pantherin Acerronia, und scherzte darüber, wie außerordentlich leicht es sei, einem störrisch gewordenen Knaben wieder die Zügel zu straffen.

Sie glaubte sich völlig Herrin der Situation.

Sie pries im stillen ihre bedeutende Staatsklugheit, die nun der Zufall so meisterhaft unterstützte . . .

Ja, ja, diese Acte hätte den Herrschergelüsten der Kaiserin-Mutter gefährlich werden, sie hätte im fortgesetzten Verkehre mit Nero allgemach einen Standpunkt der Einsicht erklimmen können, der ihr gezeigt hätte, wie wenig Wissen dazu gehört, um ein Weltreich zu lenken. Jener phantastische Liebesrausch war ja doch nur das Vorspiel. Nach einigen Monaten wären ihr andre Empfindungen, andre Wünsche und Hoffnungen in der Seele gereift . . . Wenn diese Acte zum Beispiel dem Kaiser ein Kind, einen Knaben geschenkt hätte! Welch ein gewaltiger Sporn für die Mutter, nach Einfluß, ja nach der Herrschaft zu streben! . . . Nein, das Schicksal hatte hier einen Geniestreich begangen: Agrippina durfte zufrieden sein.

Ein huldvolles Lächeln schwebte auf ihren Lippen.

»Nun, Acerronia?« fragte sie nach Beendigung dieses schönen Gedankengangs. »Du scheinst ja heute so kühl und so gleichmütig? Nicht ein einziges Mal hast du zum Wagenfenster hinausgeschaut, während doch Pharax, der stattliche Pharax, in eigener Person unsre Bewaffneten führt. Jüngst noch ein Jauchzen und Jubeln wie von hunderttausend liebedurstigen Lerchen, – und nun mit einemmal diese Verschlossenheit? Habt ihr euch etwa veruneint? Wie?«

»Nein!« sagte die hübsche Pantherkatze mit erstaunlicher Barschheit.

Jeder andre Sterbliche wäre durch ein halb so häßliches ›Nein‹ für immer der Gnade Agrippinas verlustig gegangen. Nur Acerronia genoß in dieser Beziehung die unglaublichsten Vorrechte.

Agrippina ergriff ihre Hand. »Was ficht dich an, Täubchen?« fragte sie mütterlich. »Schon bei der Abfahrt hab' ich bemerkt, daß dein Antlitz etwas umflort war.«

»Pah! Dieser Pharax!« rief Acerronia geringschätzig.

»Ist dein Verlobter und wird, dafern es die Götter nicht hindern, noch vor Herbst dein Gemahl. Ich hab's ihm versprechen müssen . . .«

»Müssen?« fragte Acerronia. »Wer konnte dich zwingen?«

»Nun, er bat mich darum, er flehte . . .«

»Wie viele bitten, ohne erhört zu werden!«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte die Kaiserin. »Hat dein Sinn sich geändert? Pharax gefiel dir doch. Gleich bei der ersten Begegnung.«

»Ja, er gefiel mir, und er gefällt mir noch heute; aber eines gefällt mir nicht: daß er dir so gefallen hat.«

»Närrin!« lächelte Agrippina. »Träumst du oder bist du bezecht? Wie kann's dich verdrießen, wenn der Mann, den ich dir zugedacht, meinen Beifall hat? Wär es dir lieber, ich fände ihn widerwärtig?«

»Vielleicht, – – denn es kommt mir bisweilen so vor . . .«

»Nun?«

»Darf ich offen meine Gedanken aussprechen?«

»Freilich.«

»Nun, ich meine, du selber bist – über die Ohren verliebt in ihn.«

Agrippina ward außerordentlich ernst.

»Dank es den Göttern, daß der Cäsar dieses Wort nicht vernommen hat! Er ließe dich kreuzigen.«

»Meinetwegen!« murmelte Acerronia. Sie nagte die Lippen. Ihre Stirn umwölkte sich zusehends.

»Laß jetzt die Thorheiten!« sagte die Kaiserin strafend.

»Nun, so verbiete den Sklaven, daß sie dir Dinge nachsagen, die . . . die . . .«

»Du solltest vor Scham in die Erde sinken! Acerronia, die Tochter des cordubanischen Ritters, hört auf das Schandgerede der Unfreien! Jetzt verstehe ich erst! Wisse denn, Acerronia: mit eigenen Ohren hab' ich gehört, was zwei Dirnchen, die im albanischen Parke die Hecken zustutzten, selbander geschwatzt haben. Sie erfrechten sich, ihre Kaiserin zu beschimpfen; denn solche gemeine Seelen wissen ja niemals die politische Gunst der Fürstin von den Zärtlichkeiten des Weibes zu trennen. Ich rede hier ganz ohne Scheu, denn es ekelt mich an, daß gerade du in diesen schmutzigen Sumpf trittst. Ein Wink von mir, und jene Sklavinnen würden sterben. Agrippina aber denkt zu groß von ihrem unsterblichen Namen, als daß die Kleinheit und die Niedrigkeit sie beleidigen könnte. Artemis schoß die Pfeile auf die Töchter der Niobe, aber die Frösche im Tümpel mißachtet sie.«

Die Worte der Kaiserin klangen so würdig und weihevoll, daß sie die Zweifel Acerronias glänzend besiegten.

»Verzeih mir!« schluchzte das Mädchen.

Sie legte ihr Antlitz wider die Schulter ihrer Gebieterin, als suchte sie Schutz vor sich selbst.

Dann plötzlich zurückfahrend und ihre Hände wie Krallen ausstreckend: »Ich aber, ich bin keine Fürstin von hohem Geblüt; ich kann mich herablassen, die erbärmlichen Lügenmäuler zu züchtigen, wenn ich sie jemals wieder bei so schandbaren Reden ertappe. Und so schwör' ich's beim Jupiter . . .«

»Ruhig, mein Kind!« unterbrach Agrippina die Zürnende. »Siehst du, hier sind wir bereits mitten im Häusergewühl. Trockne die Thränchen! Du hast eine Rolle zu spielen. Zum erstenmal erscheinst du vor dem Senat.«

»Weshalb ist Pallas nicht mitgekommen?«

»Er liegt im Fieber. Gestern abend ließ er sich krank melden.«

»Ich bekenne dir, Herrin, daß ich für meine Person recht wenig Verlangen trage, mich von den ernsthaft-albernen Senatoren begaffen zu lassen.«

»Du liebst Ausdrücke . . . Ernsthaft-albern! Uebrigens was du dir einbildest! Heute, bei einer so wichtigen Staatsaktion . . .!«

»Mein rotes Haar ist noch wichtiger. Daß es schön ist, hast du ja selber gesagt, – fast so schön wie dein eigenes nachtschwarzes, und je älter die Männer, um so verrückter.«

Die Hufschläge der Kappadozier dröhnten jetzt über das Pflaster der Via Sacra . . .

Tigellinus hatte inzwischen von dem Herannahen des harnisch-umblitzten Reisewagens Kunde bekommen.

Während der Kaiser noch mit den Chatten plauderte, schlich der Agrigentiner hinweg, um die Kaiserin-Mutter mit ihrer Gefolgschaft am Vestibulum zu bewillkommnen.

»Herrin,« sprach er, »ich bitte, beeile dich! Wenn dir's genehm ist: hier durch die Seitenthüre! Vor der Mündung des Ostiums stehen die Polstersessel der Botschafter.«

»Wie? Schon jetzt?« fragte die Kaiserin, während ein helles Rot ihr Gesicht überflammte.

»Ja, schon jetzt. Du hast dich nämlich zum Bedauern des Kaisers und der versammelten Väter etwas verspätet.«

»Ich? Wieso? Wir sind pünktlich, wie die Soldaten zur Wachablösung. Sprich! Was bedeutet das?«

Tigellinus, die größte Unterwürfigkeit heuchelnd, zuckte die Achseln. »Unser Herr und Gebieter hat es gewollt. Ich machte ihm Vorstellungen, aber er meinte, man dürfe die Chatten, die in so trefflicher Absicht gekommen seien, nicht warten lassen. Noch ist es ja vollauf Zeit, du Erlauchte! Noch kann dem weltgeschichtlichen Akte durch dein Erscheinen die letzte Weihe gespendet werden.«

Agrippina fieberte. Ohne auf Acerronia und die sonstige Gefolgschaft zu warten, schritt sie majestätischen Ganges durch die vorderste Thüre der Linkswand.

Die Senatoren erhoben sich. Agrippina wandte sich nach dem Podium.

Da stieg Nero, alle Bitternis, die in ihm aufquoll, bekämpfend, ruhig von dem Throne herab, eilte der Kaiserin-Mutter entgegen und begrüßte sie mit der üblichen zeremoniellen Umarmung. »Welch freudige Ueberraschung!« rief er – so hatte ihm Seneca diese Rolle entworfen – »Die Staatsgeschäfte sind nun beendet. Freuen wir uns jetzt doppelt der trauten Gemeinschaft in der Familie!«

Das Murmeln des Beifalls, das die Mehrheit der Senatoren vernehmen ließ, zeigte der Fürstin die Vollständigkeit ihrer Niederlage. Sie fühlte, daß sie geradezu lächerlich wurde, wenn sie nicht gute Miene zum bösen Spiel machte. Die Meisterschaft ihrer Selbstbeherrschung feierte jetzt einen Triumph.

»Ich danke dir,« sprach sie, den Sohn auf die Stirn küssend, »daß du so rasch und so glücklich eine höchst schwierige und verwickelte Angelegenheit zum Schlusse geführt hast. Es scheint mir, die edlen Männer, die hier versammelt sind, Römer wie Chatten, warten darauf, daß sie der Cäsar verabschiedet. Dies erledige noch! Vermelde ihnen den herzlichen Anteil, den ich an dem Gelingen des Freundschaftsbundes genommen habe, und folge uns dann zum Frühmahl nach dem kleinen Triclinium!«

Würdevoll grüßend entfernte sie sich. Innerlich aber kochte ihr die empörte Seele vor Wut und herzzerfressendem Haß.

»Ein Werk des Seneca!« knirschte sie durch die Zähne, als sie bei Acerronia vorbeikam. »Ich habe es wohl bemerkt, wie der Schurke seit einiger Zeit lau wurde und verlogen. Die Mär von diesem Ereignis wird hinausdringen in die Stadt, in das ganze latinische Land, in alle Provinzen. Mein Ansehen ist unwiderruflich erschüttert. Allerorts wird es heißen: ›Agrippina hat abgedankt . . .‹ Abgedankt? Nun und nimmer! Die Zeit soll's lehren! Geduld nur und Mäßigung! Hüte dich, Acerronia! Kein Mensch unter dem Himmel des Jupiter, und er, der Undankbare, am wenigsten, darf eine Ahnung haben, wie tief mir dieser schreckliche Stoß in die Brust gedrungen. Der Pöbel würde sonst jauchzen. Geduld, nochmals Geduld! Ganz unmerklich kann ich zurückerobern, was er mir abgetrotzt. O, ich verstehe ihn! Das war die Rache für Acte! Nun freut's mich doppelt, daß ihr götterverfluchter Leib den Fischen zum Fraß geworden!«

Neuntes Kapitel.

Der Obersteuermann und die beiden Matrosen, die aus der schrecklichen Katastrophe ihrer Bireme mit dem Leben davongekommen, wußten über die Freigelassene des Nicodemus keinerlei Auskunft zu geben. Alle Welt war der Meinung, Acte sei, wie die übrigen Insassen des verunglückten Fahrzeugs, ertrunken. Wo stämmige Gallier und muskelstarke Iberier im Kampf mit der feindlichen Meerflut zu Grunde gegangen, wie sollte da ein zartes, rosiges Mädchen obgesiegt haben?

Gleichwohl irrte man sich.

Eh' noch der Zweiruderer ganz in die Tiefe sank, hatte sich Acte, eine der losgesplitterten Planken der Brüstung ergreifend, jäh über Bord gestürzt. Heil und ihrer Sinne noch mächtig, tauchte sie aus dem gurgelnden Schlunde wieder empor, immer die Planke wider den Busen pressend, und aus dem Bereich der Matrosen steuernd, die nach kurzem qualvollem Ringen sämtlich im Gewoge verschwanden; denn die Schiffsleute von Beruf waren grundsätzlich keine Schwimmer.

Das junge Mädchen allein harrte aus. Ihre geschmeidigen Glieder, die es gewohnt waren, halbe Stunden lang von dem wallenden Element sich tragen zu lassen, brauchten nur eine mäßige Anstrengung, um jetzt mit Hilfe der Planke den Kopf über Wasser zu halten. Eine Vorwärtsbewegung versuchte sie nicht; der Gedanke, auf eine so große Entfernung die Küste erreichen zu wollen, wäre ein Wahnsinn gewesen. Ein Fischerkahn mußte ihrer gewahr werden oder ein Lastschiff: das war die einzige Möglichkeit einer Rettung. Deshalb hieß es: die Kräfte gespart und den Mut nicht verloren, und die kluge, kühle Besonnenheit . . .

Mit unglaublicher Energie rang ihre zagende Seele wider die Anwandlungen der Furcht, die ihr mehr und mehr das pochende Herz zu ersticken drohte.

Sie sprach sich vor, es sei ja nicht denkbar, daß ihr glückseliger Liebestraum ein so schreckliches Ende nehme. Sie suchte sich das himmlische Selbstvertrauen, wie sie's dem Pallas gegenüber bekundet hatte, wieder zurückzurufen, und sich einzureden, die Liebe Neros wehe als schirmender Odem auch über die endlose Wasserwüste.

Alles vergeblich. Trotz der heiligen Glut ihres Empfindens mußte sie voll begreifen, daß ihre Lage eine verzweifelte war.

Der Frühwind hatte inzwischen die Fluten, so weit der Blick reichte, mit weißen Kämmen besät. Von einem Schiff aus konnte die Unglückliche nur noch entdeckt werden, falls dasselbe ganz in der Nähe vorbeikam: denn ihr bleiches Gesicht, ihr helles Gewand und ihr glänzendes Haupthaar mischten sich mit dem schneeigen Schaumgewirbel zu einem unentwirrbaren Ganzen.

Auf und nieder, auf und nieder, mit der Regelmäßigkeit gewaltiger Atemzüge ging dies Wogen der überstürzenden Wasser. Jetzt sah sich Acte auf der strudelnden Höhe; jetzt strömte sie, willenlos und gleichsam ein Teil der beweglichen Flut geworden, in die schwarzblaue Senkung hinab, um ebenso wieder emporzusteigen.

Das Rauschen und Brausen übertäubte nun ganz und gar ihren oft wiederholten Hilferuf. Die sonst so herrliche Stimme scholl matt und ohne Metall. Oder war es die immer wachsende Todesfurcht, die ihr den süßen, silbernen Klang benahm . . .?

Drüben am westlichen Himmelsrand zogen die riesigen Kauffahrteischiffe, die nach Panormus steuerten, bleich wie fliehende Dunstgebilde vorüber: keines jedoch lenkte den Kurs nach der Unglücksstelle. Die Fischerboote von Antium wagten sich bei dieser bedenklichen Brise nicht so weit in die See hinaus. Was von Gallien oder Hispanien nach Ostia ging, kreuzte mehr nordwärts.

Wo sollte die zitternde Angst hier Umschau halten?

Stärker und stärker sauste der Wind, – und höher und höher bäumten sich die mähnenumflatterten Rosse Neptuns. Eine Sturzwelle nach der andern überströmte die zagende Schwimmerin; aus dem Stirnhaar troff ihr fast unablässig ein rieselnder Guß über das fahle Gesicht, so daß sie die thränenden Augen kaum noch zu öffnen vermochte.

In dieser Herzenspein wandte sie sich zu dem allmächtigen Gott, den fern im Lande Judäa der Zimmermannssohn von Nazarath dem Volke verkündigt hatte. Voll stummer Inbrunst flehte sie um Errettung. Sie bot ihr zuckendes Herz dem Erlöser als Opfer an. »Nimm alles dahin,« stöhnte sie qualdurchschauert. »Mein ganzes Leben soll fürderhin dem Glauben geweiht sein; wandern will ich von Stadt zu Stadt, von Weiler zu Weiler, wie die frommen Apostel, um deine Lehre hinauszutragen bis zu dem ewigen Eise der Goten und Skandier . . .«

Und siehe da, der Heiland der Welt schien ihr gnädig zu lächeln. Neue Kraft durchströmte die ersterbende Seele, – die Kraft der Hoffnung.

Da plötzlich trat die zauberhafte Gestalt des Jünglings, der sie gestern noch so wonnesam in den Armen gewiegt hatte, leuchtend wie ein nächtliches Meteor zwischen sie und den sanften, gütigen Galiläer.

Die Züge des Welterlösers wurden ernster und strenger, bis er sich endlich ganz und gar von ihr abkehrte . . .

Nein, sie konnte nicht beten. Was sie gethan hatte, war ja Todsünde vor dem Gotte der Christen. Sie war eine Abtrünnige, eine Verräterin.

Wohl hatte der Presbyter gar manchmal von der Gnade des allbarmherzigen Gottes erzählt, und wie er den Sünder freudig wiederum aufnehme in die Gemeinschaft der Heiligen, dafern sich in der Brust des Verlorenen die echte, lichtverlangende Reue, das Weh um die lastende Schuld rege.

Aber ach, sie bereute ja nicht!

Um Reue zu fühlen, hätte sie alles, was ihr bis dahin teuer gewesen, grimmig verabscheuen, sie hätte ihr Dasein verleugnen, ihr ganzes Ich von Grund aus zerstören müssen.

Nein, sie bereute nicht!

Und so gab es wohl auch für die Unbußfertige keine Rettung aus dieser gräßlichen Todesnot.

Acte schauderte. Dann überkam sie's – heimlich und rätselhaft – wie eine wundersame Erinnerung.

Hatte sie einst nicht andre Götter gekannt, milder noch und menschlicher im Denken und Fühlen, als die Gottheit der Nazarener?

Hatte ihr Auge nicht in den ersten Tagen der Kindheit sich gläubig emporgerichtet zum Throne der goldenen Aphrodite?

Aphrodite war dem Abgrund des Meeres entstiegen. Sie kannte also dies tosende Element. Sie würde den Sturm, der es aufwühlte, huldreich beschwichtigen, wenn Acte sie gläubigen Herzens anflehte, Acte, die Sehnsuchtsvolle: denn Liebe fühlen hieß ja, voll Andacht auf den Altären der Göttin opfern, und weltvergessende Küsse, ach, Küsse, wie sie den Lippen Neros entblühten, waren in ihren Augen kein Greuel, sondern ein gutes Werk, und ihrer Gottheit ein Wohlgefallen.

Als Acte gewahrte, wie stürmisch dieser Nachklang aus ihrer Kindheit sie heimsuchte, bebte sie in verdreifachtem Schauer. Die strahlenden Zinnen Korinths stiegen vor ihrem geistigen Auge empor; sie hörte die wuchtigen Mahnworte des großen Apostels, sie erblickte sein ernstes, gewaltiges Antlitz und die ehrfurchtstarre Versammlung der Gläubigen . . . Das war damals gewesen, wie sie mit Nicodemus drei Monate lang am Isthmus Wohnung genommen und eben die Taufe empfangen hatte. Die Donnerstimme des warnenden Paulus war ihr ins Herz gedrungen, wie die Posaunenstöße des jüngsten Gerichts. Ewiges Unheil, höllische Qual und Verdammnis war das Los der Verworfenen, die, einmal von der Gnade des Herrn erfüllt, in die Netze des abgeschworenen Mißglaubens wieder zurückfielen.

»Du einziger und wahrhaftiger Gott, vergieb mir die Todsünde!« stöhnte die Dulderin. »Rette, o rette mich um deines geliebten Sohnes willen! Amen!«

Alles umsonst!

Ringsher die trostlos tobende Oede, die tausend Schlünde, die mordbegierig emporgähnten – und kein Schimmer des Heils, keine unsterbliche Hand, die sich der Elenden hilfreich entgegenstreckte . . . Die alten Götter hatten die Macht verloren; sie waren nur Schatten, sinnlose Wahngebilde. Der wahrhaftige Gott aber, der den Heiland zur Erde gesandt, stieß die Verbrecherin mitleidslos in den Abgrund.

»Nero, in deiner Liebe leid' ich den Tod,« hauchte Acte noch einmal mit gebrochener Stimme . . .

Nun fühlte sie, wie sie sank. Ihre Augen umschattete eine blaugrüne Dämmerung; in den Ohren gurgelte ihr die chaotische Flut; phantastische Ungeheuer, von aschfahlen Blitzen umzuckt, schwirrten und sausten um sie herum. Dann ward es still . . . Nur die Wogen trieben ihr einförmiges Spiel über der Tiefe, und hoch oben, im blendenden Sonnenglanz wiegte sich eine bänglich klagende Möwe . . .

Als Acte wieder die Augen ausschlug, befand sie sich in einem kostbar ausgestatteten Schlafgemach.

Ein weicher, mit cordubanischem Linnen bedeckter Pfühl stützte ihr das fieberglühende Haupt.

Die Decken der Lagerstatt waren von feinster tarentinischer Purpurwolle, mit Gold durchwirkt.

Links neben der Kranken kniete ein halbwüchsiges Mädchen, eben damit beschäftigt, ihr die schlaff herniederhängende Hand mit duftigen Essenzen zu waschen.

Eine ältere Frau, strengen Gesichts, aber dennoch sympathisch in dieser Strenge, legte ihr, von rechts sich herüberneigend, ein breites, in Schneewasser getauchtes Tuch über die Stirne.

Am unteren Bettrande aber stand, wie aus Marmor gemeißelt, ein bleiches, jugendlich schönes Weib mit sanften rehbraunen Augen, die leise zusammenzuckten, als sie dem forschenden Blicke Actes begegneten.

»Wo bin ich?« fragte die Freigelassene des Nicodemus.

»Bei Leuten, die es gut mit dir meinen,« versetzte die Alte, mit der runzeligen Hand die Kompresse glättend.

»O, das ist ein unendliches Glück!«

»Freilich, du armes Ding!«

»Und wie komm' ich hierher?«

»Durch die Hilfe der Götter und die eines menschenfreundlichen Schiffers,« sagte die Alte.

»Aber ich sank doch . . . tief, immer tiefer . . . und es war mir, als sei alles vorüber . . .«

»So mochte dir's scheinen. Auch der brave Abyssus, der dich den Wellen entriß, glaubte im Anfang, jede Mühe sei hier verloren.«

»Abyssus? Niemals habe ich diesen Namen gehört.«

»Er ist ein Aegypter – und Ruderobmann auf dem Lustschiffe unsrer Gebieterin.«

»Und der hat mich gerettet?«

»Ja, mein Kind.«

»Aber wie war das möglich? Rings in der weiten Unendlichkeit hob sich kein Segel – nein, nicht ein einziges! Und ich hatte so gläubig gebetet . . .! Ach, es faßt mich von neuem . . .! Ich sinke . . . Helft! Helft mir um Christi willen!«

Sie schloß die Augen. Zwei Minuten lang schien sie besinnungslos. Dann schaute sie klarer auf, als zuvor.

»Nein, es ist nichts,« gab sie dankbar lächelnd zur Antwort, da sich die Alte mit einer besorgten Frage über sie her beugte. »Sagt mir nur, wie alles gekommen ist.

Die Pflegerin warf einen forschenden Blick auf die hohe Frauengestalt, die immer noch unbeweglich am Ende des Bettes stand und sich heimlich zu sammeln schien.

Da ihr die Herrin nicht wehrte, gab die ehrliche Dienerin kurz und bündig die von Acte erbetene Auskunft.

»Früh in der Dämmerung sind wir hinausgerudert, weit von der Küste hinweg. Unsre Herrin konnte nicht schlafen; die erfrischende Luft sollte ihr wohlthun. Als die Sonne nun stieg, da erhob sich der Wind, der sich kaum erst gelegt hatte, mit verdreifachter Heftigkeit. Schleunigst machten wir kehrt, geradeswegs nach dem Hafen. Nun, und so kam's. Mitten auf offener See fanden wir die zierliche Puppe, die nun hier in den Kissen liegt. Krampfhaft hieltest du ein zersplittertes Holz umklammert. Unser Abyssus sieht dich und besinnt sich nicht lange. Wie ein Pfeil saust er vom Bord, faßt dich just in dem Augenblick, da deine Finger sich lösen, und schleppt dich bei den triefenden Haaren heran. Das Schifflein tanzt wie besessen; die Ruderknechte wissen nicht aus noch ein; ich bete verzweiflungsvoll zum Vater Neptunus; vom Steuersitze ruft's schon zum zweitenmal: ›Rette dich selbst, Abyssus, und laß die Verunglückte fahren!‹ Aber die Herrin befiehlt's und Abyssus ist hartnäckig, – und so hilft kein Gewinsel . . . Endlich packt er den Strick. Er umschnürt dir den Leib. So wirst du emporgezogen. Dann folgt er selbst, der todesmutige Schwimmer, halb schon betäubt, aber strahlend, daß er den Sieg gewann. Die Herrin hat ihm schweigend die Hand gedrückt; keine Silbe hat sie gesprochen: aber wir sahen, wie's dem braven Abyssus weich durch die Seele ging. Ich glaube, er hat sich die Augen gewischt – und seitdem pflegt er dich, als wärst du sein eigenes Kind.«

»O, ich danke euch!« stammelte Acte. »Sprich, wie heißest du?«

»Ich heiße Rabonia,« sagte die Alte.

»Gute Rabonia! Womit hab' ich's verdient, daß ihr euch meines armen Lebens so annehmt? Mich dünkt's, als hätte ich lange, lange geträumt, recht beklemmend und herzzermalmend. Nun, da ich aufwache, ist's eine Wohlthat, ein so treues Antlitz zu schauen . . .«

»Acht Tage hindurch lagst du im Fieber,« nickte Rabonia. »Seit gestern erst hat seine Wut sich gelegt. Jetzt aber wird uns Abyssus wohl endlich versichern können, daß die Genesung kömmt.«

»Abyssus? Der mich gerettet hat?«

»Der nämliche. Er ist nicht nur der Seefahrt kundig, sondern auch Arzt; und, wie ich glaube, so trefflich in diesem Fache, wie kaum der Leibarzt des Imperators.«

Acte zuckte zusammen. Das Wort Imperator überströmte ihr Herz mit allen Schauern der Hoffnung und Sehnsucht.

Dann plötzlich erhob sie sich in den Kissen. Ihr starrer Blick haftete wie gebannt auf den lieblich-edlen Zügen der jungen Frau, die noch immer schweigend auf sie herniedersah.

»Foltert mich Satanas?« ächzte die Freigelassene, mit zitternder Hand auf die regungslose Gestalt deutend, »Octavia, die Gemahlin des Kaisers!«

»Ich bin's,« versetzte Octavia gleichmütig. »Fürchte nichts! Unter dem Dach dieses Hauses findest du Schutz gegen alle Unbill der Welt.«

»Aber kennst du mich denn?« rief Acte in trostloser Herzensangst. »Nein, du ahnst nicht . . . Wehe mir, dreimal wehe! Mußtet ihr mich dem Wasser entreißen, um die Gerettete langsam zu Tode zu martern?«

»Beruhige dich!« sagte die Kaiserin. »Du verfällst wieder in die schrecklichen Phantasien des Fiebers.«

»Nein, o nein!« rief Acte bewegt. »Ich bin klarer als je.« – Wie zur Bekräftigung riß sie das kühlende Tuch von der Stirne. – »Schicke die Frauen hinaus! Bei allem, was heilig ist, fleh' ich dich an, Herrin: schick sie hinaus! Wahrlich, du kennst mich nicht! Sonst würdest du nicht so gütig und so mitleidsvoll dreinschauen.«

Rabonia und ihre Gehilfin entfernten sich.

»Kaiserin,« stöhnte Acte, da sie nun mit Octavia allein war, »schwöre mir, daß du die Wahl meiner Todesart mir freigeben wirst!«

»Wie verstehe ich das? Willst du, kaum erst dem Tode entronnen, Hand an dich selbst legen?«

»Nicht ich!« rief Acte verzweiflungsvoll. »Du aber, Kaiserin, wirft mich töten wollen, wenn du erfahren hast, wer ich bin. Wie? Acht Tage ist's her? Ganz Rom also weiß darum! Wahrlich, da wundert's mich über die Maßen, daß du keinen Verdacht geschöpft! – Ach, ich ersticke fast! – Höre denn: ich bin Acte, die Freigelassene des Nicodemus . . .«

»Die Geliebte des Imperators,« ergänzte Octavia mit einem traurigen Lächeln. »Ich wußte das, obgleich ich niemals zuvor dein Antlitz gesehen hatte.«

»Du wußtest das? Und hast mich im Schlaf nicht erdolcht? Haft mir nicht Gift in die Ohren geträufelt? Mir nicht die Augen mit glühendem Stahl versehrt?«

»Nein, du armes, irres Geschöpf! So beruhige dich doch! Du wirst ja bleich, als ob du erlöschen wolltest.«

»Ewige Allmacht!« schluchzte das Mädchen, die Hände ringend. »Welchen Frevel hab' ich begangen! Ist's denn möglich, daß ich jemals Verzeihung finde? Herrin, wenn ich dir sagen könnte . . . Du, du hast mich gehegt und gepflegt . . .? Ach, daß ich doch gleich in den Boden versänke, um diese zermalmende Scham zu begraben!«

»Halte mich nicht für gütiger als ich bin!« wehrte Octavia. »Als ich zuerst an dein Lager trat. wo du im Taumel deiner Delirien den Namen riefst, den ich nicht nennen mag, – als ich den Ring erkannte, den du am Finger trägst: wohl, da war mir's zu Mute, als müßte ich über dich her stürzen, wie ein reißendes Tier . . . Dann aber, wie du zu klagen anhubst und ihm nachweintest, wie ein Kind seiner Mutter nachweint, da verspürte ich eine seltsame Wandlung. Ich brauchte dich nur deinem Schicksal zu überlassen: die Krankheit hätte ihr Werk vollendet, auch ohne mein Zuthun. Im Herzen regte sich eine Stimme, die mir Besseres gebot. Es erbarmte mich deiner, und so folgte ich denn der Mahnung der Gottheit. Abyssus, mein ägyptischer Arzt, hat ganze Nächte an deinem Lager gesessen, und siehe, seiner Gewissenhaftigkeit ist es gelungen, was wir gehofft haben.«

»Gehofft? Wie konntest du hoffen, da ich doch deine Feindin bin, und ein Abscheu für alle Guten?«

»Ja, du bist Acte, und wohl ist es möglich, daß ich mit dir mein Unheil gerettet habe. Ach, ich weiß es ja nun, ihr habt euch geliebt – tief und wahrhaft und mit aller Kraft des Gemüts. Gleichviel: ich konnte nicht anders. Gern will ich sogar den Vorwurf der Thorheit und der Lächerlichkeit ertragen, wenn das Gewissen mich freispricht von dem der Selbstsucht und der herzlosen Missethat.«

»Du rasest, Octavia!« rief Acte, geisterhaft zu ihr aufschauend. »So was vermag kein sterbliches Weib. Nein, niemals, – dafern sie wirkliche Liebe fühlt.«

Octavia errötete über und über.

»Ob ich ihn liebe!« hauchte sie schmerzlich, die Blicke nach oben richtend. »All mein Dasein wollt' ich dahingeben, wenn ich nur eine flüchtige Stunde lang so völlig sein Herz besäße, wie du.«

Der weibliche Stolz, der sie bis dahin aufrecht erhalten, war mit einemmal gebrochen. Die Thränen rannen ihr über das Antlitz. Sie wandte sich ab.

»Du bist niederen Standes,« fuhr sie nach einer Weile fort, – »aber ich schäme mich keineswegs, dich beneidet zu haben. In der Liebe gilt ja nicht Rang, noch Vornehmheit der Familie, – ja vielleicht nicht einmal das Gesetz: denn dies alles hattest du gegen dich. Wahrlich, die Ehren des Herrschertums, die ich sonst hochgeschätzt als ein himmlisches Gnadengeschenk, – ich verachte sie jetzt wie zerstiebende Spreu! Die niedrigste Sklavin wollte ich sein, wenn ich's erlangen könnte, daß er mir nur ein einziges Mal so in die Augen schaute, wie er in deine geblickt hat. Ja, ich beneide dich, – aber ich hasse dich nicht. Eine grausame Qual ist's gewesen, so die Nachklänge deines unsäglichen Glücks aus den Reden der Fieberkranken herauszuhören . . . Fast bin ich gestorben vor Weh. Und dennoch hab' ich's verwunden. Meine Liebe zu ihm ist so tief und so heilig, daß sie auf dich selbst ihren versöhnenden Abglanz wirft.«

Die Freigelassene war wie versteinert.

»Zweifelst du immer noch?« sagte Octavia, durch Thränen lächelnd. »Da – gib mir die Hand! Ich verzeihe dir. Wenn du genesen bist, sollst du frei deines Wegs ziehen, gleichviel wohin. Was auch frommte es mir, wenn ich, wie Agrippina es wollte, dich gewaltsam verbannte? Seinen Augen wärest du freilich entrückt; seine Seele würde sich nach wie vor an das klammern, was er besessen hat. Für die echte, wahrhaftige Liebe, so wie ich sie begreife, strömt kein Lethe in dieser Welt.«

Tief erschöpft sank Acte in die Kissen zurück. Sie hatte die schmale Hand, die sich so hochherzig ihr entgegenstreckte, mit zuckenden Fingern umklammert und stürmisch an die glühenden Lippen gedrückt. Jetzt aber löste sich dieser fiebernde Griff: – sie ward bleich wie Wachs; eine todähnliche Ohnmacht umfing ihr mitleidsvoll die allzutief erschütterte Seele, während Octavia, vom Ungestüm ihrer inneren Kämpfe bewältigt, am Lager des jungen Mädchens stöhnend zusammenbrach.

Zehntes Kapitel.

All-Heilmittel ist die Arbeit. Wäre es Winter gewesen, und der todwunde Cäsar hätte sich tief in den Strudel der inneren und äußeren Politik stürzen können, – wer weiß, wie die Dinge sich schließlich entwickelt hätten. So aber stand die Sonne fast schon im Zeichen des Löwen; die Staatsgeschäfte stockten; Rom war nach den Begriffen der vornehmen Welt unbewohnbar, – und so blieb nur die campanische Villeggiatur mit ihren tollen, märchenhaften Vergnügungen . . .

Es war eine wetterleuchtende Nacht im herrlichen Bajä. Das geräuschvolle Treiben der Hafenstraße begann zu verstummen. Hier und da klang noch ein Trinklied aus den Matrosentabernen über den Golf herüber. In den glänzenden Villen herrschte die Ruhe der Uebersättigung. Die ermüdeten Großstädter lagen bei weit geöffneten Thüren auf den Polstern ihrer Cubicula, um der Ruhe zu pflegen, wenn auch die drückende Temperatur den Schlaf scheuchte.

Nur droben, einige hundert Schritte aufwärts vom Gestade der Bucht, flammte es noch von zahllosen Pechpfannen, deren rötlich bestrahlter Qualm nahezu senkrecht zum Himmel aufstieg.

Hier, in den Rosengärten des Salvius Otho, hatte sich noch zu später Stunde ein auserlesenes Convivium gelagert, das mit jubelnder Flottheit Becher um Becher leerte.

Salvius Otho, der Hausherr, war auf Antrag seines erlauchten Freundes, des Imperators, zum König dieses Conviviums ernannt worden und entledigte sich seiner scherzhaften Obliegenheiten als Trinkrichter mit vollendeter Grazie.

Reichgekleidete Sklaven füllten unablässig die silbergetriebenen Kelche; allerliebste Hispanierinnen mit langhinwallendem Haupthaar schwebten im Glanze ihrer enganschließenden coïschen Florkleider wie beflügelte Genien umher und boten die sogenannten Bellaria, die würzigen Leckerbissen, durch deren Genuß die römische Zecherwelt ihre Leistungsfähigkeit zu steigern gewohnt war.

Otho, als der König des Festgelags, lehnte mit einer Griechin aus Epidamnus, die vor kurzem erst in der Hauptstadt weilte, stolz am oberen Ende der Tafel.

Rechts von der Griechin folgte der Herzenseroberer Sophonius Tigellinus mit der Gattin eines Senators. Die junge Frau, Septimia geheißen, gebärdete sich wie von Sinnen. Ihr Blick bohrte sich förmlich in die dunklen Augen ihres blasierten Partners. Trotz der Länge seines berauschend klingenden Namens hatte sie das Gelübde gethan, im Verlauf einer Stunde ihn ordnungsgemäß abzutrinken, das heißt: aufs Wohl des vergötterten Mannes so viel Becher zu leeren, als das Wort › TIGELLINVS‹ Buchstaben zähle.

Sie war jetzt eben beim › V‹.

Links von dem Trinkrichter zechte der würdige Seneca, der Horazischen Mahnung folgend, daß es reizend sei, bei Gelegenheit über die Schnur zu schlagen. Vielleicht entschuldigte ihn sein Gewissen mit dem hochpolitischen Lehrsatz von der Obmacht der Staatsraison. Nero war, der Meinung des Philosophen zufolge, jetzt gerade im besten Zuge, den letzten Einfluß der Kaiserin-Mutter beiseite zu schieben. Zur Durchführung dieser Oppositionsrolle bedurfte der junge Cäsar einer gewissen Betäubung. Trotz aller Enthüllungen über Agrippinas Vergangenheit regte sich immer wieder die vielberufene kindliche Pietät; in den Stunden der Einsamkeit suchte der Kaiser nach Entschuldigungsgründen für die Missethaten der Mutter, ›die doch stets nur gefrevelt hatte um seinetwillen!‹; und so hielt es der Staatsminister für günstig, wenn sich der Imperator, anstatt wie früher zu grübeln, frisch und frank in das laute Getümmel des Lebens stürzte.

Senecas Nachbarin war nicht viel ernsthafter und gediegener, als die Septimia des Tigellinus: aber sie war eine größere Modenärrin, und die Mode verlangte es, mit Seneca zu philosophieren. Deshalb beneidete sie ihre Freundin Septimia keineswegs um den glänzenden Agrigentiner; ihre Eitelkeit war stärker als ihr Bedürfnis nach Huldigung.

Nero selbst hatte den äußersten Platz am Ende der Tafel, damit, wie Otho sich schmeichlerisch ausdrückte, dies untere Ende ins obere verwandelt würde.

Die Tafelgenossin des Kaisers war Poppäa, Othos Gemahlin.

Tänzerinnen und Flötenspieler, Gaukler und Deklamatoren hatten die Trinkpausen nach altüberlieferter Weise musterhaft ausgefüllt. Mitternacht war vorüber. Da nahte in Begleitung einiger Fackelträger die allbeliebte Sängerin Chloris. Dem Zuge des großstädtischen Lebens und Treibens folgend, hatte sie um die Iden des Mai Rom verlassen, um zu Bajä in den Landhäusern der reichen Aristokraten Tausende und Abertausende mühelos zu verdienen. Ohne es zu wollen, erbeutete sie nebenher auch die Sympathien der zahlreichen Lebemänner, die auf Schritt und Tritt ihr den Weg verlegten und den Jupiter Ultor zum Zeugen ihrer verliebten Meineide anriefen.

Mit unnachahmlicher Grazie erhob sie jetzt das stählerne Plectrum. Sie sang ein Liebeslied der Melinno. Von den ruhig lodernden Fackeln bestrahlt, sah sie aus wie Melpomene.

»Diese reizende Unschuld,« raunte Septimia und schmiegte sich zärtlich an die Schulter des Agrigentiners.

Ihr Ton hatte etwas Ironisches. Tigellinus, der sonst nicht der Mann war, die Unsträflichkeit eines Weibes gewichtig zu nehmen, fühlte sich heimlich verletzt. Ohnehin war er verstimmt darüber, daß ihm die sehnsuchtskranke Septimia eigentlich gar nicht die Zeit zur Eroberung ließ, sondern sich blindlings und mit gebundenen Händen ihm auslieferte.

Er bemerkte deshalb: »In der That, dieses Mädchen ist makellos. Ihr Anblick erfrischt mir die Seele wie ein duftiger Tau.«

»Ah!« versetzte die schöne Septimia etwas nervös. »Ich wußte nicht, daß gerade du zu den Männern gehörst, denen die Unschuld so lieblich erscheint.«

»Weshalb sollte sie nicht?«

»Weil du im Rufe stehst, ihr verderblichster Gegner zu sein.«

»Ein zierliches Epigramm! Aber man hat mich verleumdet.«

»Wirklich? Die lange Tabelle deiner Trophäen wäre ein Mythus? Hast du mir nicht vor einer Stunde noch zugestanden, daß deine Feldzüge unter den Adlern der Aphrodite nicht völlig des Ruhms entbehrten?«

»Darf ich der holden Septimia betonen, daß ihre Purpurlippen mit gewohnter Unstetigkeit vom Thema abgeschweift sind? Von mir und meinen ›Großthaten‹ war ja durchaus nicht die Rede.«

»Allerdings, wir sprachen von Chloris. Du verteidigst sie; du beschwörst ihre Tugend. Wäre mein Freund Tigellinus vielleicht nur deshalb so fest von ihrer Standhaftigkeit überzeugt, weil er sich jüngst einen Korb geholt?«

»Ich nicht,« gab Tigellinus ihr mit höflicher Ruhe zurück. »Andre jedoch, – und zwar vortreffliche Kämpfer: zum Beispiel – aber die Namen sind peinlich.«

»Mir kannst du sie anvertrauen.«

»Unmöglich!«

»Otho vielleicht?« hauchte sie, schalkhaft lächelnd.

»Was denkst du, Septimia! Otho, der ewige Bräutigam, der so verliebt ist in seine Poppäa Sabina!«

»Freilich ist er verliebt. Aber sie lohnt's ihm schlecht. Oder glänzte nicht auch Poppäa auf der Liste des Tigellinus?«

»Die Frage ist zartfühlend. Nein, Septimia. Unsre Poppäa, so schön sie ist, hat mich allezeit kalt gelassen. Uebrigens steht ja noch lange nicht fest, ob's mir bei Poppäa Sabina nicht genau so ergangen wäre, wie – deinem hochgeborenen Gemahl bei der reizenden Chloris.«

»Was? Meinem Gemahl? Cnejus Camillus, diese Seele von einem Manne, das treueste, schüchternste Maultier, das jemals im Joch der Ehe gewandelt?«

»Du sagst es.«

»Ich spotte deiner Erfindungen.«

»Ich berichte dir Thatsachen – zur gerechten Strafe dafür, daß du Chloris belächeln wolltest.«

»Sieh doch, wie du das Schwert ziehst für deine Virginia! Uebrigens: Strafe? Ich dächte, du könntest allmählich wissen, daß auch die größte Thorheit des Cnejus Camillus mir so gleichgültig wäre, wie der Streich eines Schulbuben. Du glaubst nicht, Sophonius, wie sehr seine Liebe mir lästig ist. Ich danke den Göttern, daß wir ihn glücklich ins Hochland geschickt haben. Der Arzt, mein Vertrauter, hat sich fast heiser geredet. Schließlich jedoch war er fest überzeugt, der gute Camillus, daß ihm die Seeluft nicht zuträglich sei.«

Tigellinus wandte sich ab. Dieses Weib, so jung und so reizend sie war, flößte ihm Ekel ein.

Septimia stürzte den vollen Becher hinunter.

»So, das bedeutet › S‹. Dein Name ist fertig.«

Nun erhob sie sich und rief ihre Großthat hinüber nach Salvius Otho.

»Klatscht Beifall!« sagte der Trinkrichter. »Unbedenklich sei dir der Preis erkannt, schöne Septimia. Hasdra, unsre kleine Phönicierin, wird sich beeilen, dir die Siegerkrone über die Stirn zu drücken.«

Hasdra, die Vertraute Poppäas, trat bedächtig zwischen den Ahornstämmen hervor, wo sie bis dahin gramerfüllt auf der steinernen Bank gekauert. Das lärmende Festgelage hatte das leidenschaftliche Weh, das sie tief in der Brust verbarg, neu zur Flamme entfacht. Pharax, trotz der Ungelenkigkeit seines Briefstils ihr heiß bewunderter Abgott – Pharax, mit dem sie in aller Stille schon einig gewesen, hatte ihr schriftlich vermeldet, daß es mit seiner neuen Stellung als – Militärtribun nicht vereinbar sei, wenn er sie heirate. Am Schluß des Briefes stand freilich die sehr bestimmte Versicherung, daß er demungeachtet in herzlicher Freundschaft ihrer gedenken werde: aber was half das der armen, zierlichen Hasdra, der mit der Freundschaft ihres prächtigen Pharax ebensowenig gedient war, wie dem Hungrigen mit dem Verzeichnis der Tafelgänge – Sie war wie gelähmt. Ein verzehrender Haß brütete hinter den schattenden Wimpern. Jene Gerüchte also, die ihr zu Ohren gedrungen, hatten die Wahrheit gesprochen. Agrippina, die Mutter des Imperators – das Ungeheuerliche war nicht zu glauben! Freilich, wen die Gebieterin Roms in die Arme geschlossen, der mußte von dem Wahn seiner Größe betäubt werden. Die Phönicierin, die ja ohnehin für eine Barbarin galt, war nicht mehr gut genug; er übte noch Gnade, wenn er sich huldvoll zu der cordubanischen Ritterstochter Acerronia herabließ. O, diese rothaarige Bestie mit den giftigen Augen und dem ewig klaffenden Mund! Aber nein, Acerronia war ja nur das Werkzeug in der Hand Agrippinas! Acerronia war schuldlos im Vergleich mit der Kaiserin! Agrippina! Der Name klang der Phönicierin gleichbedeutend mit Folterqual und Entsetzen. Neben der gleißenden Tigerin auf dem Throne war Acerronia nur eine harmlose Wildkatze.

Dies alles tobte, ungeahnt von der Gesellschaft, durch den bräunlichen Busen der kleinen, glutäugigen Orientalin. In der Rechten die rosengeflochtene Preiskrone haltend, die Linke aufs Herz gepreßt, trat sie heran, verneigte sich vor Septimia, die jetzt doch die Wirkungen ihres abgetrunkenen › TIGELLINVS‹ ernstlich verspürte, und setzte ihr den kunstvoll getürmten Festschmuck mit aller Grazie aufs Haupt.

»Tigellinus!« seufzte Septimia, dem Agrigentiner schlaff an die Brust sinkend. »Ich will dich erhören. Ich will dein sein, schlanker Sophonius, dein . . . dein . . .«

Der Agrigentiner löste sich höflich aus ihrer Umstrickung.

Die reizende Chloris hatte inzwischen ihr Lied beendet, unbekümmert darum, daß sie während der Krönung Septimias wenig Beachtung fand. Sie zögerte, ob sie ein zweites hinzufügen sollte. Salvius Otho schnitt ihren Zweifel ab. Den rebenumkränzten Becher hoch in der Rechten schwingend, rief er mit etwas lallender Stimme: »Die große Pause!«

Wer noch dazu fähig war, erhob sich, um allein oder zu zweien in die prächtige Wildnis zu schlendern, die Othos Vater hier groß gezogen.

»Du entschuldigst mich einen Augenblick,« sagte der Agrigentiner zu seiner Partnerin. »Ich habe drei Worte mit Chloris zu reden.«

»Mit der Kitharaspielerin?« fragte Septimia. »Du? Also doch . . .«

»Rein Geschäftliches. Ich bedarf ihrer, – übermorgen für die Seefahrt, die ich geplant habe. Ich hoffe, der Kaiser und die schöne Septimia werden zufrieden sein.«

Sie strahlte nun selbstgefällig über das ganze Gesicht, während der Agrigentiner die rhodische Sängerin heimlich beiseite nahm.

»Du kommst also?« fragte er, langsam ihre Linke ergreifend.

Chloris erbebte. Schweigend sah sie zu Boden.

»Willst du nicht antworten?« fuhr Tigellinus fort.

Seine aristokratischen Finger glitten bedächtig an ihrem entblößten Arme hinauf.

»Ich weiß nicht, ob mir's Artemidorus gestatten würde,« sagte sie bänglich.

»Artemidorus? Der Freigelassene des Flavius Scevinus? Ja, beim Castor, ist denn Artemidorus dein Vormund?«

»Das nicht, – aber mein Bräutigam.«

»Lächerlich! Eine harmlose Kinderei! Glaubst du im Ernste, daß er dich heiraten wird? Er denkt nicht im Traum daran. Heute die Chloris, morgen die Doris! Leute in diesem Alter sind ja beflügelt wie Jynx, der Zaubervogel der Aphrodite.«

»Ich habe sein Wort.«

»Und wenn selbst: wäre das etwa ein Glück für dich? Du, die freigeborene, göttliche Künstlerin – und, Artemidorus, der ehemalige Sklave, der schon dem Henker verfallen war . . .«

»Herr,« stammelte Chloris errötend, »er ist so edel, so gut . . .«

»Aber du liebst ihn nicht! Sonst würdest du seine Vorzüge mir nicht anpreisen wollen, sondern rundweg erklären: ›Er ist mein Gott!‹ Auch ich bin gut, reizende Chloris, und doch wird niemand behaupten, daß ich dein Herz besitze.«

»Gewiß nicht!«

»Nun also! Was bedeuten die Umstände? Du hast mir zugesagt, das Fest auf dem Golfe durch deine Mitwirkung zu verschönen: ich aber kenne besser, als du, den Geschmack meiner Gäste. Ich will aus dem Schatz deiner Lieder mir das Geeignetste auswählen. Scheint dir das so absonderlich?«

»Nein. Aber ich dachte . . .«

»Denke du gar nichts, mein süßes Täubchen, sondern fühle und singe! Morgen also drei Stunden nach Sonnenaufgang! Links der vierte Eingang im Peristyl. Komm aber nicht durch das Atrium, sondern vom Garten her! Du sollst nicht bemerkt werden, sonst verdirbst du die Ueberraschung.«

Sie zögerte noch. Tigellinus klopfte ihr väterlich auf die Schulter.

»Du bist ein Ausbund von Aengstlichkeit, schöne Rhodierin! Gesetzt auch, Artemidorus hätte ein Recht auf dich: wäre es denn etwas Schlimmes, was ich dir zumute? Oder zürnt er zum Beispiel, wenn du ein wüstes Gelage mit alkäischen und alkmanischen Rhythmen schmückst?«

»Das ist mein Beruf . . .«

»Auch was ich von dir heische, ist dein Beruf. Ohne Vorbereitung gibt's keine wirkliche Leistung. Hier, versprich mir beim Musenführer Apollo, daß du den eifrigsten deiner Verehrer nicht warten läßt!«

Er bot ihr die Rechte.

»Gut denn, ich komme,« sagte sie, schüchtern einschlagend. »Aber du hältst mir auch deinerseits treu und ehrlich, was du mir versprochen hast.«

»Alles, alles!« versetzte der freudestrahlende Agrigentiner.

»Pyrrhus, dein kunstverständiger Sklave, wird bei der Auswahl zugegen sein?«

»Selbstverständlich. Sein Urteil ist mir so wertvoll!«

»Ganz bestimmt?«

»Ganz bestimmt! Und nun schau mir doch nur ein einziges Mal in die Augen! Seh' ich denn gar so gefährlich aus? Bin ich ein Raubtier? Lächle doch, reizende Griechin! Oder denkst du noch immer an Artemidorus?«

»Leider zu wenig!« fuhr sie seufzend heraus.

Im nächsten Moment schon bereute sie, was sie gesagt hatte: aber nun war es zu spät. Tigellinus begriff, daß ihm die scheue Gazelle nicht mehr entgehen konnte. Ein Lächeln stolzer Befriedigung spielte um seinen Mund. Diese eine Eroberung wog ihm zwanzig in den Kreisen des senatorischen Adels und der Ritterschaft auf.

Chloris entfernte sich. Während sie hastigen Schrittes durch eine Seitenpforte zu Thal eilte, trat Tigellinus wieder zu seiner liebeglühenden Tischgenossin Septimia und bot ihr huldvoll die Hand.

Sie erhob sich und hing sich mit voller Schwere an seinen Arm. »Ich bin beschwipst! Göttlicher Tigellinus, ich bin beschwipst!« lachte sie unaufhörlich. »Nein, ist das närrisch! Alles dreht sich um mich im Kreise . . . Auch du, Sophonius, auch du . . .! Mensch, so halte mich doch! So! So! Und jetzt führst du mich hinter die Pinien dort und gibst mir einen tüchtigen Kuß . . . einen von zwei Minuten . . . Weißt du . . . einen . . . Ach, der dumme, gute Camillus! Wenn der Esel nur küssen könnte . . .!«

Tigellinus war heute nicht unbarmherzig. Er schleppte seine berauschte Last mutig vorwärts, obgleich Septimia unausgesetzt stolperte, und verabreichte ihr außer dem vorgeschriebenen Langkuß noch etliche minder ausgedehnte als Dreingabe.

Die meisten Gäste wandelten nun paarweise durch den duftüberfluteten Garten, oder suchten sich in der Richtung des Hügelkamms eine lauschige Bank, wo die Luft reiner und kühler schien, als an der Festtafel unter den Ahornbäumen.

Nur Seneca stand noch, wie in Gedanken versunken, bei einem der gewaltigen Mischkrüge, und füllte sich, die Sklaven zurückweisend, eigenhändig den Becher.

»Eine tolle Welt!« sagte er zu sich selbst. »Nichtig, und dennoch im stande, uns ihre Nichtigkeit jeden Augenblick vergessen zu machen! Vielleicht ist Bacchus dennoch die beste aller Philosophien. Sorgenlöser, ich opfere dir, denn hier halt' ich dich leibhaftig zwischen den Händen, und brauche dich nicht erst logisch zu konstruieren!«

Er goß die Hälfte des Becherinhalts zur Erde. Den Rest trank er mit einer verdächtigen Unsicherheit aus.

»Evoë!« rief er, das leere Gefäß schwingend. »Evoë!«

Dann schritt er mit Aufbietung aller Würde dem Hause zu, warf sich in der spärlich erhellten Exedra langwegs auf die Bronzebank und schlief, noch ehe das Echo dieser sturzähnlichen Niederlassung verhallt war, den traumlos tiefen Schlaf des Bezechten.

Elftes Kapitel.

Tigellinus hatte bei Tafel, trotz des Eifers, mit dem ihn Septimia beschlagnahmte, Zeit gefunden, die sonderbare Erregtheit Poppäas und den wechselnden Ausdruck im Antlitz ihres fürstlichen Partners zu beobachten.

Der Imperator schien mehr und mehr von Othos verführerischer Gemahlin gefesselt. Zwei oder dreimal hatte er, wie von heimlichem Dank erfüllt, zu ihr aufgeschaut. Die Wolken, die sich sonst mitten im tollsten Jubel auf seiner Stirn zeigten, waren heute nur ganz vorübergehend emporgetaucht, als nämlich Chloris in die Saiten ihrer Kithara schlug.

Tigellinus freute sich dieser Wahrnehmung.

Die dumme Geschichte mit Acte, die ja freilich ein ganz allerliebstes Persönchen gewesen, fast so schön und so küßlich, wie die reizende Rhodierin, mußte jetzt endlich aus dem Gedächtnis des Kaisers getilgt werden. Dazu war Poppäa das rechte Weib. Und welch ein Vorteil für das Palatium, wenn sie den Princeps in ihre Netze zog! Wo Poppäa Sabina herrschte, da schlug die Freude, die üppige Lebenslust ihren Thron auf. Gelang ihr die große Eroberung, dann war die Hofburg in alle Zukunft ein Göttersitz. Man brauchte dann nicht mehr so ängstlich mit seinen Abenteuern und Herzensgeheimnissen hinter dem Schilde zu halten; man konnte Milliarden vergeuden, wo jetzt nur Hunderttausende oder Millionen draufgingen; kurz, man durfte seine Persönlichkeit, wie die Gnade der Götter sie einmal gestaltet hatte, rückhaltslos offenbaren und alles mit Füßen treten, was dieser freien Betätigung irgend zuwiderlief.

Gar zu gern hätte der glänzende Virtuose der Orgie in Verfolgung dieser Gedanken den Kaiser belauscht, wie er jetzt mit Poppäa an der marmorbelegten Parkmauer Halt machte, und hinab auf den Golf schaute. Die ›beschwipste‹ Septimia indes hielt ihren freundlichen Kavalier so energisch beim Arme und flüsterte so weinberedt auf ihn ein, daß er sie, ohne brutal zu werden, nicht abschütteln konnte.

Poppäa und Nero lehnten dicht nebeneinander.

Beide sprachen kein Wort. Der Kaiser starrte mit weitgeöffneten Augen in das verschwimmende Blaugrau der Meeresflut . . . Poppäa hatte mit reizender Koketterie die Hand auf seine Schulter gelegt als wollte sie sagen: ›Erinnere dich, daß hier neben dir eine Freundin steht, die ein Herz hat für alles, was dich bewegen mag!‹

Lange schwiegen sie so. Die Phantasien des Imperators schienen trüb und traumvoll ins Weite zu schweifen.

Endlich fragte Poppäa: »Was sinnst du, Cäsar? Denkst du noch immer an die Ewig-Verlorene?«

Er gab keine Antwort.

»Ich weiß,« fuhr sie fort, »daß ein edles Gemüt nur schwer und langsam vergißt. Wohl denn: meine Aufgabe soll es sein, dir die heimlich blutende Wunde allmählich heilen zu lassen. Raffe dich auf, mein Freund! Oder muß ich es wirklich beklagen, daß dich ein Zug meines Angesichts an die Tote gemahnt? Ich hoffte im Gegenteil, durch diese flüchtige Aehnlichkeit dir um so teurer zu werden . . .«

»Wahrlich, so ist's!« versetzte der Kaiser. »Ich fühle, wie du mit jedem Tag mir unentbehrlicher wirst . . .«

»So bin ich glückselig! Ach, gedulde dich nur! Allmählich wirst du mit immer sanfterer Trauer auf das Vergangene zurückschauen, – und schließlich kaum noch als Schmerz empfinden, was dich jetzt noch zerfoltert. Claudius Nero! Schau mir ins Angesicht! Seneca hat dich erzogen, der große Weltweise. Durftest du, als der Schüler dieses Heroen, überhaupt in so krankhaften Trübsinn verfallen? Dem Unabänderlichen sich fügen – das allein ist Mannes- und Menschenmut. In eine Welt der Vergänglichkeit bist du hineingeboren: und du wunderst dich, daß dir ein Frühling zu Grabe geht?«

»Vergänglichkeit!« wiederholte Nero dumpf. »Ein entsetzliches Wort! Leuchtend, wie unsterbliche Götter, wandeln dort oben die Sterne, ungezählte Jahrtausende lang: und dennoch wird dereinstens die Stunde kommen, da auch die Sterne für allzeit erlöschen, die schreckliche Todesstunde des großen Pan . . .«

»Die Geburtsstunde der götterverschlingenden Welt-Nacht,« – seufzte Poppäa. »Menschenlos, wie bist du klein und erbärmlich! Eine Ewigkeit lang waren wir nicht, – und wenn die kurze Zeit dieses Daseins vorüber ist, werden wir eine Ewigkeit lang nicht mehr sein. Was bedeutet also die Sorge, der Gram, der Jammer in dieser Zeitspanne, die uns geschenkt ist? Acte ist tot, weil das Schicksal es so gewollt hat. Eh' ein Jahrhundert verstreicht, wäre sie tot, auch wenn ihr die Götter das Leben bis an die äußersten Grenzen gnädig beschirmt hätten. Ach, und das gilt auch von uns! Der Sand im Zeitenglas des Saturn kann für uns heut noch zu Ende gehen. Wirst du dann sterblich nicht jede Minute verwünschen, die du glücklos vertrauert hast? Heute leben wir! Heute laß uns genießen!«

Nero atmete tief.

»Beim Styx, du hast recht!« sagte er plötzlich emporgerichtet. »Alles ist eitel, am meisten aber die Klage ums Einst.«

Thränenfeuchten Auges sah sie zu ihm herauf.

»Du weinst, Poppäa?«

»Vor Freude, vor Seligkeit . . .«

Nero umschlang sie zärtlich.

»Heute leben wir!« seufzte er, halb schon betäubt von ihrem unwiderstehlichen Zauber. »Weib, wie du schön bist!«

Mit gut erkünstelter Bangigkeit suchte Poppäa sich ihm zu entwinden.

»Heute trägst du noch Rosen im Haar, – und Rosen, Rosen auf den blühenden Lippen.«

»Laß mich, Cäsar!« flehte sie schmeichlerisch. »Denke an Otho!«

»Soll Otho allein sich als Zeus fühlen? Dafür blüht diese unvergleichliche Io zu wonniglich.«

Die faltige Stola war ihr von der Schulter geglitten. Mit wütenden Küssen durchflammte er den üppigen Arm, die zarte, sammetweiche Kehle, den herrlich geformten Nacken.

»Heute leben wir!« wiederholte er, nachdem er sich endlich ersättigt hatte. »Droben die frostigen Sterne mit ihrer menschenverhöhnenden Ewigkeit, – was gehen sie uns an, wenn wir selig dahinschmelzen im Genusse des Augenblicks? Wahrlich, Poppäa, du scheinst mir Thales, Herakleitos und Plato in einer Person! Du verdunkelst den Seneca, wie die Sonne das Mondlicht. Süße Trösterin, dir folg' ich mein Leben lang!«

Nun warf sich Poppäa, wie vom Ueberschwang ihres Glückes bewältigt, an seine Brust.

»Nero,« hauchte sie schmachtend, »ich bete dich an!«

Er umschlang sie von neuem. Ihre Lippen saugten sich an den seinigen fest, als wollte sie ihm das Herz aus der Tiefe der Brust holen.

»Und Otho?« fragte er plötzlich, da der bezaubernde Mund ihn freigab. »Otho, an den mich Poppäa so strafend erinnert hat?«

»Was frag' ich nach Otho, – nun, da ich weiß, daß Claudius Nero mich liebt? Einer fürstlichen Laune hätte ich mutvoll die Pflicht entgegengesetzt: deine Liebe jedoch wirft das alles über den Haufen. Ich fühle jetzt, was ich zuvor nur geahnt habe: daß Otho mir gleichgültig ist, wie ein Fremdling.«

»Ach, und dennoch wirst du bei diesem Fremdling rasten, sein Lager, sein Leben teilen . . .«

»Kann ich's ändern? Bin ich nicht seine Gattin?«

Es entstand eine Pause.

»Wann und wo sehen wir uns wieder?« fragte dann plötzlich der Imperator. »Ich meine natürlich: unter vier Augen . . .?«

»Wann und wo du befiehlst. Aber hüte dich! Otho ist eifersüchtig, als wär er ein Greis . . .«

Nero zuckte die Achseln.

»Wem sagst du das, schöne Poppäa?«

»Verstehe nicht falsch! Ich betone das nicht um deinetwillen, sondern um meinetwillen.«

»Pah, was kann er dir anhaben? Uebrigens braucht er ja vorläufig nichts zu wissen. Ich rede mit Tigellinus. Der soll ihn schon anderweitig beschäftigen. Wahrlich, Poppäa, du entweihst mir im voraus das unerwartete Glück, wenn du so kleinliche Furcht bekundest.«

»Ja, du hast recht,« sagte sie frohmütig. »Mag da kommen, was will: ich bin deine Sklavin . . .«

»Meine Führerin,« verbesserte Nero, »meine reizende Lehrmeisterin im Vollgenusse des Daseins.«

»So sei es! Und ich hoffe bestimmt, der jugendstrahlende Schüler soll morgen bereits vergessen, daß er jemals getrauert hat. Früh nach dem ersten Imbiß findest du mich dort drüben im Gartenhaus . . .«

»Ich komme, du himmlische Aphrodite! Ach, ich vergehe vor Sehnsucht! Einmal noch laß dich hier an das Herz drücken!«

»Horch! Schritte!« sagte Poppäa.

»Fernab! Einen Kuß noch, Geliebte! So! Und nun brechen wir auf! Der zweite Teil des Gelages muß jeden Augenblick seinen Anfang nehmen.«

Ein lauter Drommetenstoß klang, jede Stimmung verscheuchend, grell durch die bläuliche Sommernacht.

Poppäa und Nero traten Hand in Hand von der epheuumrankten Mauer zurück und schlugen schweigsam den Rückweg nach der Festtafel ein.

Im Busen des jungen Weibes jauchzte es wie von Triumphgesängen.

Otho, der nüchterne, öde, abgeschmackte Geselle, er sollte nun fühlen, was eine Poppäa vermag, die sich von Claudius Nero geliebt weiß!

Nero selber – das stand ihr so fest, wie der Glaube ans ewige Nichts – würde dereinst sie zur Lösung ihres verhaßten Ehebunds hindrängen. O, sie wollte ihm, wenn er vom Glück ihrer Liebe erst gründlich berauscht war, schon ausmalen, wie sinnlos glühend ihr Gemahl sie begehrte . . . Die Eifersucht und der fürstliche Stolz des Kaisers mußten geweckt, sein Herz mußte zermartert werden, bis er aus eigenstem Antriebe ihre Scheidung verlangte. War sie erst frei, dann würde sie zusehen, wie ihre Stellung sich weiter befestigen ließ, und ob sie – der Gedanke kam ihr erst heute – den Kaiser bewegen könnte, im Widerstreit gegen die allgefürchtete Agrippina, die glühend gehaßte Octavia aus dem Wege zu räumen.

Poppäa Sabina konnte nicht sprechen: so tobte das Hochgefühl des erwarteten Sieges in ihrer ehrsuchterfüllten Brust, die weder Liebe empfand, noch selbst die naiv-brutale Sinnlichkeit einer Septimia. Poppäa liebte nur sich, und dieser Eigenliebe hätte sie alles, auch das Heiligste, blindlings zum Opfer gebracht.

Nero indes bemerkte kaum, daß sie schwieg. Seine Gedanken jagten sich, wie die Wolken in jener stürmischen Nacht, da man die unvergeßliche Acte aus ihrer Villa entführte. Er kam sich vor wie ein Verräter an der Vergangenheit.

Wer Acte besessen, konnte der noch ein Glück von Poppäa hoffen?

Ferner: war nicht Otho – nächst dem Agrigentiner – sein bester Freund? Und diesen Freund betrog er nun um das Liebste. Dem arglos Vertrauenden grub er den Boden unter den Füßen weg; er bewies ihm punische Treue, während Otho ihm voll Zärtlichkeit anhing . . .

Bald jedoch überkam ihn wieder die alte Bitternis, der unversöhnliche Groll wider das Fatum.

Wenn er dem Freund die Gemahlin entfremdete, wohl, so that er genau das gleiche, was die unsterblichen Götter an ihm gesündigt. Dieser sogenannte allgütige Jupiter hatte ihm Acte geraubt, ohne zu fragen, ob ihm das Herz bei diesem Eingriff in Stücke brach. Jetzt spielte Nero selber den Jupiter. Diese Vertauschung der Rollen schien ihm nur billig. Auch war es ja, bei Lichte betrachtet, Poppäa selber gewesen, die sich ihm angetragen. So machte er nur von dem selbstverständlichen Rechte Gebrauch, das zu ernten, was ihm gesät wurde.

Und vor allem: ›Heute nur leben wir!‹ Ihre eigene Sirenenstimme hatte das Wort ihm ins Ohr geflüstert. Her mit dem schäumenden Becher! Schlürfe ihn aus bis zur Trunkenheit! Frage nicht, ob ein andrer verdurstet, während du schwelgen darfst! Schämt sich etwa Fortuna? Weshalb, zum Henker, hat sie so wenige auserwählt? Otho, wenn er Poppäa verlor, hatte nichts Besseres verdient. Hohn und Spott nur blieben sein Erbteil. Ach, der Erbärmliche! Menelaos, der Fürst der Achäer, konnte doch Krieg führen wider den Räuber seiner Gemahlin. Otho aber, der Tropf, – was vermochte er gegen die Allgewalt seines Kaisers? Die Prätorianer waren ein besseres Bollwerk, als die Mauern von Ilion. Der arme Betrogene mußte sich fügen, wenn's ihn nicht etwa gelüstete, blindlings, wie ein rasend gewordener Stier, in die Speere zu rennen.

Nero seufzte.

Die Prätorianer! Mit dem ersten Verstoße wider sein Rechtsbewußtsein fühlte er auch die Notwendigkeit dieses ehernen Schutzwalls. Bis dahin hatte er niemals darüber nachgedacht.

Die Giftblume der Tyrannei war im Wachsen.

Zwölftes Kapitel.

Der Sommer zu Bajä schloß in der nämlichen Tonart, in der er begonnen hatte.

Ein Fest jagte das andre, dank den wohlerwogenen Plänen des Tigellinus und der Poppäa, die sich's zum Ziele gesetzt, den Imperator nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Dabei wußten sie die Sache doch so einzurichten, daß keinerlei Uebersättigung eintrat.

Nervenerquickende Lustfahrten über den nächtlichen Golf, wo außer dem Klang der Ruder kein Laut ans Ohr schlug, unterbrachen häufig genug die lange Reihe der prunkvollen Schaustellungen, Spiele und Wettkämpfe.

Auch hatte Poppäa jetzt, nachdem sie den Kaiser völlig ins Garn gelockt, wohl dafür Sorge getragen, daß ihm nicht übermäßig der Schlaf gekürzt wurde. Ohne weniger üppig und wild zu sein, schlossen doch die Gelage schon eine Stunde vor Mitternacht.

Zwei Abende in der Woche wurden damit gefüllt, daß Nero selbst – scheinbar auf das dringliche Zureden seiner Freunde – deklamatorische Vorträge hielt, zur Leier sang, oder, dem Vorbilde gefeierter Modekünstler nacheifernd, pantomimisch Scenen aus dem Bereich der altgriechischen Sage vorführte, – die Opferung Iphigeniens, die Leiden des Philoktetes, die Heimkehr des Laërtiaden.

Früher war dies außerordentlich selten und nur im engsten Kreis der Vertrauten geschehen. Jetzt lud man halb Bajä zu Gaste, – und so sehr sich das römische Anstandsgefühl durch diese künstlerischen Excesse beleidigt fühlte: man klaschte dem Weltbeherrscher doch Beifall, und zwar mit verdoppeltem Eifer, seitdem ein alter Senator, der beim verzweifeltsten Händeringen des Philoktetes friedlich entschlummert war, von einem der dienstthuenden Prätorianer einen ermunternden Stoß mit dem Lanzenschaft in den Rücken bekommen.

Auch den Frühherbst verbrachte man noch in Bajä, ›leider‹ – wie Tigellinus heuchlerisch seufzte – ›ohne die allbelebende Gegenwart Othos‹, den die Gnade des Kaisers zum Proprätor in Lusitanien ernannt hatte.

Das war ein Umarmen und Händedrücken, ein Winken und Wehen mit den flammroten Schleiern, als der betrogene Gemahl der schlauen Poppäa ›eingedenk seiner patriotischen Pflichten‹ am Kap von Misenum sich einschiffte! Der Flottenbefehlshaber Anicetus in eigener Person kommandierte das buntbewimpelte Fahrzeug, das den überflüssigen Eheherrn durch die felsgetürmten Säulen des Herkules nach dem Westgestade der Iberischen Halbinsel bringen sollte, denn: ›Ehre wem Ehre gebührt!‹

Merkwürdig! Dieser Otho, ursprünglich von so rasender Eifersucht, und so leidenschaftlich erregt, war seit einiger Zeit ganz still und ruhig geworden, so unheimlich still, daß Nero im Verkehre mit ihm sich nicht mehr behaglich fühlte. Schon aus diesem Grund hatte der Imperator für die ›ruhmreiche Verbannung‹ des Unbequemen das abgelegene Lusitanien erwählt.

Der Vorsicht halber gab er dem neuen Proprätor in der Person eines jungen germanischen Offiziers einen persönlichen Adjutanten mit, der die amtlichen wie die außeramtlichen Handlungen Othos insgeheim überwachen sollte.

Dieser germanische Offizier war der Militärtribun Giso, der Sohn des Chattenfürsten Lollarius.

Nero hielt ihn für ebenso zuverlässig als klug, ohne zu ahnen, daß Giso, von dem verwerflichen Treiben in Bajä gründlich angewidert, längst schon im stillen Partei für Otho ergriffen.

Auch Poppäa verspürte bei der unbegreiflichen Wandlung ihres Gemahls ein Gefühl der Beklommenheit.

Sie hatte schon eine offene Entzweiung gefürchtet, als sie erklärte, sie müsse zu ihrem größten Leidwesen hier in Italien zurückbleiben, weil der Arzt ihr bedeutet habe, das lusitanische Klima werde sie töten.

Otho jedoch ging so ganz ohne Widerspruch auf ihre Absicht ein, daß sie stutzte.

War sein eifersüchtiges Gebaren von ehedem nur Heuchelei gewesen? Hatte er aufgehört, sie zu lieben?

Oder hielt er in seinem wachsenden Selbstgefühl eine ernstliche Treulosigkeit für unmöglich?

Fast bedünkte es ihr, – und die Abschiedsworte des Gatten schienen diese Auffassung zu bestätigen.

Nämlich zuletzt noch, beim Einsteigen in die Barke, die ihn an Bord bringen sollte, sprach Salvius Otho mit seltsam bewegter Stimme zum Imperator: »Liebster, nimm dich meiner getreuen Poppäa an und sorge dafür, daß ihr die Zeit bis zu meiner demnächstigen Rückkehr nicht zu beschwerlich deucht!«

Nero meisterte seine Verwirrung, so gut es gehen wollte.

»Reise nur!« sagte er höflich, und winkte ihm mit der Hand. »Ich werde mich dieses Auftrags erinnern.«

Hiernach bemerkte der Agrigentiner: »Ich kenne den Cäsar in seiner ganzen unermeßlichen Huld. Mit meinem Kopfe bürg' ich dafür, daß er deiner verwaisten Gemahlin, wenn dir's genehm ist, ein Asyl im Palatium gewährt.«

»Das überträfe ja meine kühnsten Erwartungen,« lächelte Otho.

Nicht der leiseste Hauch von Bitternis oder Selbstironie glitt über sein vornehm-blasses Gesicht. Noch einmal nickte er mit gewinnender Freundlichkeit. Dann schritt er ins Boot, während die Umstehenden sich bedeutsame Blicke zuwarfen.

Die Liebschaft zwischen Poppäa und Nero war für jeden, der Augen hatte, die unbezweifeltste Thatsache, wenn auch niemand gewagt hätte, öffentlich darauf anzuspielen. Höchst klüglich hatte Poppäa den Schein gewahrt, um desto sicherer sich festzunisten. Daß aber Otho so ganz und gar nichts gemerkt haben sollte, das ging ihr denn doch auf die Dauer nicht völlig ein. Bei der Erinnerung an die lächelnde Ruhe des Scheidenden schwante ihr etwas wie Unheil . . .

Otho war abgesegelt. Die zweite Hälfte des Monats September brachte schon kühlere Nächte. Trotz der unvergänglichen Reize Campaniens sehnten sich die verwöhnten Großstädter nach dem Mittelpunkt der bewohnten Erde, nach Rom zurück.

Mitte Oktober bestieg man die Reisewagen, – viele Hunderte an der Zahl: denn Poppäa allein hatte ein riesenhaftes Gefolge.

Die purpurfarbenen Kaleschen, je mit vier, sechs oder acht goldüberladenen Vollblutrossen bespannt; die geräumigen Schlafkutschen; die Flachfuhrwerke mit ihren kunstvollen Mosaikböden und zusammengerollten Zeltdächern, aus denen man jederzeit so und so viele Speisezimmer herstellen konnte; die breiten Gepäckwagen; die hochgeräderten Cisien mit dem Tafelgeschirr; dies alles machte in seiner unendlichen Fülle und Ueppigkeit fast schon den Eindruck altpersischen Königsprunks.

Dazu kamen die harnischblitzenden Prätorianer, die, in zwei Abteilungen gesondert, auf schneeigen Kappadociern dem Zuge voransprengten.

Abenteuerlich und grotesk vollends wirkten die zwanzig Kamele mit den wallenden, gelbquastigen Scharlachdecken, von ringgeschmückten kohlschwarzen Afrikanern geritten, – eine Laune des Tigellinus, der am Strande von Bajä zur Abwechslung einmal ein feierliches Kamelsrennen veranstaltet hatte und diesen Scherz im großen Cirkus zu wiederholen wünschte.

Den Kamelen des Tigellinus folgten, als Schluß des unabsehbaren Zuges, die allbekannten fünfhundert Eselinnen, prächtige mauritanische Exemplare, in deren Milch die schöne Poppäa Sabina jeden Morgen ein viertelstündiges Bad nahm, um sich die unvergleichliche Frische und Jugendlichkeit ihres ambrosischen Leibs zu erhalten.

Wie betäubt starrten die armen Landleute rechts und links von der Via Appia diesem phantastischen Chaos von Wagen, Menschen und Tieren nach, bis das letzte Gefunkel des Sonnenlichts auf den goldbeschlagenen Hufen der Eselinnen verschwunden war.

Von diesem glänzenden Hufbeschlag unterhielt man sich bereits in Hispanien und Gallien.

Er war das erste Geburtstagsgeschenk des Kaisers an seine Geliebte und kostete elf Millionen Denare.

Inzwischen war auch Octavia, ohne daß sie von Neros Beziehungen zu Poppäa etwas geahnt hätte, – denn keiner der Hausgenossen war dreist oder grausam genug, dergleichen ihr mitzuteilen – in das Palatium zurückgekehrt. Abyssus der Arzt, Rabonia und drei ihrer übrigen Freigelassenen begleiteten sie.

Acte, in den Augen Octavias die reuigste Sünderin, die sich jemals einem beleidigten Weibe zu Füßen geworfen, war unter dem Namen Ismene zu Antium in der Villa verblieben. Niemand wußte dort um Actes Vergangenheit; nur Abyssus und die ernste Rabonia hatten's am Krankenlager des Mädchens vernommen, – und beiden brauchte man nicht erst zu sagen, wo sie zu schweigen hatten.

Acte-Ismene sollte dem greisen Verwalter, dessen Ehefrau kürzlich gestorben war, die Haushaltung führen, ihm die früh schon verwaisten Enkelkinder erziehen und sich sonst nach Fähigkeit nützlich machen.

Diese Vereinbarung entsprach dem dringenden Wunsche, den sie selber geäußert hatte.

In Wahrheit nahm sie an nichts Interesse.

Sie hatte nur den einen Gedanken: sich vor der Welt zu verbergen, den Cäsar, welchem sie jetzt, nachdem Octavia ihre Wohlthäterin geworden, noch weniger angehören durfte als je, um keinen Preis wieder zu sehen, und die Erinnerung an ihr sündiges Glück ein für allemal zu vernichten.

Oft genug, wenn sie der Großmut und der Hochherzigkeit der jungen Fürstin gedachte, und jenes heiligen Schmerzes, der so bittere Thränen in diese jugendstrahlenden Augen gelockt hatte, meinte sie obgesiegt und jedes eigene Verlangen getilgt und verwunden zu haben.

Dann aber kamen Momente der Sehnsucht, die alles, was Selbstverleugnung, ehrliche Willenskraft und heißes Gebet aufgebaut hatten, wieder in Trümmer warfen. Ihr Herz war zerklüftet, ihr ganzes Wesen grausam zerrissen. Sie konnte dann nicht begreifen, wie das eine Sünde sein sollte, was ihr so süß gedünkt, so himmlisch und rein, was ihr das unverstandene Dasein erst zum Leben gemacht hatte. Ja, sie liebte ihn, nach wie vor, heiß, unauslöschlich – obschon sie um dieser Liebe willen sich mitleidsloser verdammte, als Jesus von Nazareth in eigener Person es gethan hätte . . .

Dazu kam, daß ihr die Kunde von dem Triumph der Poppäa nicht fremd geblieben war, wie der jungen Kaiserin selber.

Ein unendliches Weh beschlich sie bei dieser Botschaft; nicht fiebernde Eifersucht, wie sie ein hohler geartetes Herz wohl empfunden hätte, sondern unsägliches Mitleid.

Sie beweinte Octavia, die noch einmal die Funken ihrer verlöschenden Hoffnungen angefacht hatte, und mit dem scheuen Gedanken, es könne sich dennoch alles zum guten wenden, in die Hofburg zurückgekehrt war.

Sie beweinte den Kaiser, der doch über alle Beschreibung elend sein mußte, wenn er bei einer Poppäa Sabina Trost suchte für das Ewig-Verlorene. Früher bereits hatte sie durch den Freigelassenen Artemidorus von dem ›schönsten Weibe der Siebenhügelstadt‹, ihrer öden Gefallsucht, ihrem tückischen Egoismus gehört. Sie wußte, daß diese Poppäa das glückverlangende Herz des Kaisers nie würde ausfüllen können. Seine Sinne berauschen, seinen Schmerz um das Einst für einige Augenblicke betäuben, das vermochte sie wohl: aber volle Heilung – wenn Heilung von dem Weh der Liebe überhaupt möglich war – hätte er nur bei Octavia gefunden. Dieses liebliche, jungfräulich-reine, ach, und doch so glut-erfüllte Geschöpf, diese Kaiserin mit der Dornenkrone: sie allein war befähigt, ihm Balsam in die blutenden Wunden zu gießen und seiner verfinsterten Seele das Licht zu bringen. Einmal nur mußte sie ihm beweisen, daß sie ihn wahrhaft liebte, daß ihre Neigung stärker war als ihr Stolz und ihr schmählich gekränktes Rechtsgefühl.

Schien dies möglich? Oder hatte das Unglück sie völlig verschlossen gemacht? Dann wehe ihr, – und wehe dem Imperator!

Es war Agrippina, die der Gemahlin des Kaisers unmittelbar nach ihrer Zurückkehr von Antium die Augen öffnete, – nicht etwa feierlich und im Tone einer gewichtigen Offenbarung, sondern ganz im Vorübergehen, gesprächsweise. Denn die Kaiserin-Mutter glaubte, Octavia wisse bereits um die bajanischen Vorfälle.

Der Ausdruck wilder Verstörtheit in dem blutlosen Angesicht der Enttäuschten war fürchterlich.

Agrippina selber, sonst doch gefeit gegen alle weichlichen Regungen, verlor gänzlich die Haltung.

Sie fing die Zusammenbrechende mit den Armen auf, trug sie nach jenem Cubiculum, dessen Rückwand das Mordarsenal der Tyrannin beherbergte, und legte sie vorsichtig auf die Polster.

Dann holte sie aus dem Schubfach – dicht neben jener verborgenen Lade, wo die entsetzlichen Gifte Locustas in Reih und Glied standen – ein lebenspendendes Wasser, halb nach Rosen und halb noch Zitronen duftend.

Wie eine Mutter um ihr erkranktes Kind, mühte sie sich um die Bewußtlose, ohne nach Hilfe zu rufen, ohne nur den Gedanken zu fassen, als könne ein andrer hier Besseres und Sachgemäßeres leisten.

Endlich schlug Octavia die Augen auf. Gleich darauf aber begann sie zu delirieren. Sie kleidete ihr unermeßliches Elend in herzzerreißende, wüste Naturlaute.

»Arme Octavia!« murmelte Agrippina ein um das andre Mal. Und dann küßte sie ihr die Stirne, und für Augenblicke trug jener tiefgeheime sympathische Zug, der allerorten das Weib zum leidenden Weibe drängt, über die starre Selbstsucht ihres Charakters den Sieg davon. Die Augen dieser stolzen Menschenverächterin, die seit Jahren nur aus verwundeter Eitelkeit oder aus Zorn geweint hatten, opferten eine Thräne des Mitleids am Pfühl der grausam zertretenen Dulderin.

»Acte! Poppäa! Chloris!« schluchzte Octavia, die Hände ringend. »Habt ihr euch alle verschworen? Ihr wollt mir ihn wegschleppen? Ach, und ich hatte ihn doch so namenlos lieb! Ihr macht mir ihn unglücklich! Ja, ich seh' es, ich seh' es . . .! Dort . . .! Dort . . .! O, wie er bleich ist! Was wollen denn die gespenstischen Reiter, die ihn verfolgen? Sein Blut! Ihr ewigen Götter, sein Blut! Helft! Helft! Rettet ihn! Acte! Süße Acte! Wenn du ihn wahrhaft geliebt hast – wirf dich doch ihren gräßlichen Lanzen entgegen! Sie durchbohren ihn sonst! Sie zermalmen ihn! Halt! Beim allmächtigen Jupiter, halt! Hier ist meine Brust! Tötet mich! Ach, ich kann ja nicht leben, wenn ihr mein Alles dahin rafft!«

Mit zuckenden Fingern zerrte sie an der Tunica und entblößte in ihren schrecklichen Wahnvorstellungen den alabasternen Busen.

»Hier! Stoßt zu! Hier!« ächzte sie unaufhörlich, während die linke Hand sich krampfhaft unter die linke Brust stemmte, als wolle sie dort einen qualvollen Druck beiseite schieben.

Agrippina eilte nun doch in das Vorgemach.

»Lauf!« sagte sie zu der nächsten Sklavin, deren sie ansichtig wurde. »Abyssus, der Arzt der erlauchten Octavia, soll unverzüglich hier eintreten.«

Abyssus erschien. Tiefen Schmerz in dem klugen, männlich-schönen Gesicht, schritt er aufs Lager zu.

Er fühlte der Kranken den Puls, schob ihr mit der Spitze des linken Daumens die halbgeschlossenen Lider zurück und sah ihr – seine rechte Hand bald über das Auge legend, bald sie rasch wieder hinwegziehend – forschend in die Pupille.

Nachdem er unmerklich genickt hatte, drückte er sein Ohr wider die Brust der Patientin, um ihre Herzthätigkeit zu beobachten.

Octavia indes klagte und jammerte unbeirrt weiter.

Neue Visionen schienen ihre umnachtete Seele jetzt heimzusuchen.

»Ja, du bist unglücklich!« stöhnte sie, das Antlitz in den Kissen verbergend. »Dieser erbärmliche Phaon! Hast du ihm dafür das entzückende Landhaus geschenkt? Phaon hat sie beschützen sollen, – und Phaon hat zugegeben, daß sie geraubt wurde! Der Elende! Dir so das Herz zu zerreißen! Weine nicht, Nero! Ich kann's ja nicht sehen, wenn du weinst. Ich will sie dir suchen helfen. Ganz gewiß! Und ich finde sie! Nein, nein! Fort mit dem Dolche! Du sollst dich nicht töten! Leben sollst du, leben – mit ihr, mit deiner unvergeßlichen Acte! Glaube mir doch, sie liebt dich ganz ohne Maßen! Und ich weiß, wo sie ist . . . Ach, ihr Blondhaar, das dich so süß umstrickte, schimmert ja dort durch das Myrtengesträuch! Ist das die Villa des Phaon? O, die entsetzliche Klinge! Phaon! Acte! Fallt ihm doch in den Arm! Hilfe! Nero! Da . . . Er stößt zu . . . Nero! Nero! Zu spät!«

Ihre Stimme klang wild gellend, wie die einer Rasenden.

Dann schluchzte sie eine Minute lang still vor sich hin.

Plötzlich fuhr sie empor.

»Laß mich hinaus!« schrie sie verzweiflungsvoll. »Ich will zu ihm! Ich schwöre es euch: er bohrt sich sonst den Stahl in die Kehle! Er hat's ja vor dem Senate gelobt! Die eigene Mutter hat es ihm vorgeschrieben! Agrippina! Ruft mir doch Agrippina! Hört ihr denn nicht! Hat mich denn alles verlassen?«

»Hier bin ich,« stammelte Agrippina, sich niederbeugend.

Octavia schlang ihr den rechten Arm um den Hals und wiederholte voll Inbrunst: »Thu mir die Liebe an! Ruf mir die Agrippina! Agrippina, das weiß ja die ganze Welt, hat großen Einfluß auf Nero! Weit größeren als ich! Und so gehört sich's auch! Siehst du, ich bin ja viel zu gering für Nero! Ein so schlechtes Geschöpf kann er nicht lieben, wenn er auch wollte! Sag das der Agrippina! Wenn er mit Acte sich einließ: – ich allein war die Schuldige! Auch Poppäa ist hundertmal besser als ich! Tragt ihr das alles nicht nach, ich bitte euch flehentlich! Agrippina soll ihr verzeihen! Allmutter Juno, ich bin die Verworfenste unter den Weibern! Ach, Nero kann mir ja nicht vergeben! Nie und nimmer! Kein Gott wird die arme Octavia erlösen, nicht einmal Jesus der Galiläer, der zu Acte gekommen ist, um sie selig zu machen! Selig, selig . . .! Das ist sie gewesen! Mich aber sollt ihr ans Kreuz schlagen, an den Galgen der Ehrlosen! Fort! Ihr durchbohrt mir die Hände! Noch nicht, noch nicht! Ich lebe ja noch! O, so wartet doch nur einen einzigen Tag! Ich sehe ja schon, wie der gräßliche Tod kommt, der unbarmherzige Tod mit dem Stundenglas! Da – nun ist das letzte Sandkorn hinabgerollt! Nun bin ich gestorben! Gestorben! Und Nero hat seine arme Octavia nicht wiedergesehen!«

Erschöpft löste sie ihren Arm von dem Nacken der Kaiserin-Mutter und sank zurück.

Abyssus, dem die funkelnden Thränen über die Wangen liefen, eilte von dannen.

Zehn Minuten später kam er zurück. Er trug in metallener Schale einen milchweißen Trank.

»Herrin,« flüsterte er mit einem flehenden Blick in Octavias verstörte Augen, »nimm dies: dann wirst du Ruhe finden!«

Beim Klange seiner weichtönigen Stimme horchte sie auf.

»Wer sprach zu mir?« fragte sie lächelnd. »Ach so mild, so unsagbar freundlich? Das war Nero, mein teurer Gemahl. Tritt doch heran! Noch näher! Aber ich sehe dich nicht. Bin ich denn blind? Mir liegt's wie ein Schleier über den Augen.«

Abyssus schob ihr den rechten Arm unter den Rücken, hob sie sanft in die Höhe und bot ihr mit der Linken die Schale.

Sie schürfte einige Tropfen, bäumte sich jählings zurück und schrie so laut, daß rings die Wände erdröhnten: »Gift! Gift! Ihr wollt mich ermorden!«

»Beruhige dich, Herrin! Ich bin's, Abyssus, dein getreuester Knecht, der dich hüten möchte wie seinen Augapfel.«

Sie schaute ihm blinzelnd ins Angesicht.

»Ja, ich erkenne dich! Alle Unsterblichen seien gelobt, daß du da bist! Komm, du Geliebter! Küsse mich! Warum sträubst du dich nur? Denkst du noch immer an Acte? Nein, du nimmst mich wieder ans Herz, wie ehedem! Weißt du noch – damals? Ach, hier über der Stirn sitzt mir ein Goldschmuck, der ist noch glühend vom Schmelzofen . . . Wie das hämmert und brennt! Gebt mir doch Schnee . . . Ich vergehe sonst!«

»Trinke nur!« sagte Abyssus erschüttert.

Sie leerte die Schale jetzt ohne Widerrede.

Inzwischen hatte sich Agrippinas Vertraute, die meergrünäugige Acerronia, von ihrer Sklavin Olbia begleitet, in das Gemach geschlichen.

Abyssus, kraft seiner Machtvollkommenheit als Arzt, gab ihr einen höflichen, aber energischen Wink, sich zurückzuziehen.

»Völlige Ruhe,« setzte er flüsternd hinzu, »ist das einzige Mittel, die entsetzliche Ueberreizung, wie sie hier vorliegt, nach und nach zu beschwichtigen.«

Die flammhaarige Cordubanerin willfahrte nur zögernd. Unter den gelblichen Wimpern zuckte es ihr wie Haß und Erbitterung.

Das war nun das zweite Mal, daß Meister Abyssus die Pflichten des Arztes über die der Ehrerbietung und der höfischen Rücksicht stellte! Im vorigen Winter bereits, da die Kaiserin-Mutter plötzlich von heftigem Kopfschmerz befallen wurde, und ihr eigener Leibarzt erkrankt war, hatte sich dieser dreiste Abyssus erfrecht, ihr gleichsam die Thüre zu weisen! Es war unglaublich! Ein Sklave nahm sich's heraus, ihr, der Tochter eines römischen Vollbürgers, eines Ritters, Befehle zu geben! Der Laffe! Der dünkelvolle, unverschämte Gesell! Freilich, es war ihm vielleicht bequemer, keine Zeugen zu haben, wenn er so seinen schwarzlockigen Kopf wider die schneeige Brust seiner Patientin drückte, oder sie, wie ein zärtlicher Bräutigam, weich um die Hüften faßte!

Mit solchen Reden machte sie ihrem Verdrusse Luft, während Olbia ihr gewohnheitsgemäß recht gab.

Sie war allerdings äußerst gereizt, die rotumloderte Acerronia. Ihre Ehe mit Pharax schien sich unglücklich anzulassen. Kaum verheiratet, wohnten die beiden schon wieder getrennt; sie im Palatium, er in der großen Kaserne der Prätorianer. Agrippina hatte ihm freigestellt, die Legion zu verlassen und als persönlicher Adjutant der Kaiserin-Mutter in der Hofburg zu bleiben. Der kurze Versuch einer häuslich-ehelichen Gemeinschaft mit Acerronia war jedoch fehlgeschlagen, da Pharax, so kühn er auch seiner Zeit dem Rebstock der Centurionen getrotzt, den Krallen seiner mähnenumflatterten Pantherkatze durchaus nicht gewachsen war. Auch hatte er die Entdeckung gemacht, daß Acerronias Vorleben nicht ganz so tugendhaft war, als man auf Grund der Ohrfeige, die sie dem Tigellinus gespendet, hätte vermuten können.

Abyssus wandte sich nun, den Wutblick der Cordubanerin vollständig übersehend, zu Agrippina. Er zeigte ihr den halb schon gerinnenden Rest, der in der Schale verblieben war, und raunte ganz leise: »Es ist ein Schlaftrunk, hauptsächlich aus Mohn bestehend. Wirkt dieses Mittel, so kann die fürchterliche Erregtheit schon vielleicht morgen beseitigt sein. Befiehl nur, daß niemand unsre Patientin zu stören kommt.«

»Ich danke dir,« sagte die Kaiserin-Mutter. Sie bot ihm die Hand zum Kuß. »Niemand soll diese Schwelle betreten, außer mir und der Freigelassenen Rabonia.«

Abyssus entfernte sich.

Fast eine Stunde noch hielt die qualvolle Unruhe Octavias, ihr plötzliches Aufspringen, ihr Klagen und Schreien an. Nach und nach ward sie stiller. Zuletzt überkam sie ein bleischwerer Schlaf, der von der ersten Nachtstunde bis zum folgenden Mittag währte.

Als sie die Augen aufschlug, war sie vollständig klar. Nur von dem, was sich seit ihrem Zwiegespräch mit der Kaiserin-Mutter ereignet hatte, wußte sie nicht das geringste. Auch fühlte sie sich über alle Beschreibung matt.

»Wir haben gesiegt,« sagte Abyssus zu Agrippina. »Nun gilt's eine sorgsame Pflege, eine kunstgerechte Ernährung und die strengste Vermeidung gewisser Anklänge. Du verstehst mich, Gebieterin!«

Acht Tage lang war Octavia unfähig, das Bett zu verlassen. Noch weitere acht Tage verstrichen, bis sie kräftig genug war, um durch die Gärten des Kaiserpalastes eine halbe Stunde lang auf und nieder zu wandeln . . .

In diese Zeit nun fiel die Rückkehr des Imperators und der Einzug der Poppäa Sabina in die cäsarische Hofburg.

Als Freundin, als ein Vermächtnis des vortrefflichen Otho, ward sie von Nero eingeführt. Wohlweislich hatte man ihm von Octavias Erkrankung nichts mitgeteilt. Der Ueberbringer der Botschaft wäre keine Sekunde lang vor dem tödlichen Grimm der Poppäa sicher gewesen; gefruchtet aber hätte die Botschaft doch nichts; denn Poppäa hatte sich der glühenden Phantasie des Kaisers so völlig bemächtigt, daß nur ein Ereignis sie daraus hätte verdrängen können: das Wiedererscheinen Actes.

Agrippina versuchte den Cäsar auf die richtigen Wege zu lenken. Sie beschwor ihn, das Weib des Otho nach Lusitanien oder doch in ihr eigenes römisches Heim zu senden, nicht aber der jungen Kaiserin das anzuthun, was selbst die ärmlichste Kleinbürgerin nicht zu dulden brauchte: die Beherbergung der Geliebten unter dem Dache der Ehegattin.

Nero bestritt sein Verhältnis zu Poppäa Sabina und verharrte erst recht auf seiner tollen Idee, weil er der Mutter mißtraute und neue Herrschergelüste vermutete, wo in der That nur die berechtigte Mahnung einer weltklugen Frau vorlag.

Seltsamerweise gab sich Octavia den Anschein, als glaubte sie, was ihr Gemahl ihr vorlog. Sie benahm sich wie Otho, wenn auch aus andern Beweggründen. Sie war zu ohnmächtig, zu völlig gebrochen, um den Kampf mit ihrer schnöden Rivalin auch nur zu erwägen. Ein Kampf überhaupt – das erkannte sie klarer als je – war auf diesem Gebiet eine fruchtlose Thorheit. Nicht der Ernst und der Eifer der Leidenschaft konnte zum Siege führen, noch gar eine verdienstliche Handlung: hier gab es lediglich eine Gnade der Götter.

Sie schwankte anfangs, ob sie der Gegnerin nicht einfach das Feld räumen und sich für immer nach dem antianischen Landhaus zurückziehen sollte.

Dann aber verwarf sie diesen Gedanken. »Die Pflicht« – so meinte sie – »gebietet mir auszuharren. Wenn der allmächtige Jupiter will, so kann er schon morgen das Herz meines Gatten mit Sehnsucht erfüllen nach der Verstoßenen, die ihm jetzt nur ein lästiges Hemmnis bedünkt. Dann will ich zur Stelle sein.«

Gegen den Kaiser war Octavia die Sanftmut und Güte selber. Ja, sie ertrug es sogar, mit Poppäa Sabina höflich, wenn auch mit großer Förmlichkeit zu verkehren und sich blind zu stellen, wenn es der Uebermütigen manchmal wie triumphierender Hohn um die Lippen spielte.

Diese stille Resignation wirkte wunderthätig auf ihr Gemüt. Sie erholte sich trotz der unmittelbaren Nähe des Weibes, das ihr den Herd entweihte.

Ein Kraftgefühl kehrte ihr wieder, eine Frische des Wesens, die sie seit ihrer Mädchenzeit nicht mehr gekannt hatte. Mit heimlichen Wonneschauern gewahrte sie, daß sie voller ward, blühender, lebhafter als jemals zuvor.

Nun begann sich auch die Hoffnung zu regen, die wirkliche, echte Hoffnung, nicht jene haltlose Schwärmerei, die von den Göttern ein Wunder erwartet . . .

Octavia erschrak bei dieser Entdeckung. Mit aller Macht ihres Willens unterdrückte sie, was da so trügerisch lockend emporkeimte. Hatte sie nicht genug an dem Jammer früherer Enttäuschungen? Sie wollte nicht hoffen, sie wollte nur abwarten wie eine unbeteiligte Zuschauerin.

So verstrich ihr der Winter. Nero schwelgte und prunkte mit Poppäa Sabina, ohne sich mehr um Octavia zu kümmern, als die strengste Notwendigkeit dies erheischte.

Nur in den seltensten Fällen trat die junge Kaiserin an die Oeffentlichkeit. Die Gärten der Hofburg, die Unterhaltungen mit der welterfahrenen Rabonia und die traulichen Stunden, in denen Abyssus ihr die Fahrten und Abenteuer des Laërtiaden Odysseus vortrug, – das waren die Glanzpunkte dieses einsamen Daseins.

Selbst den Verkehr mit der antianischen Villa hatte die Fürstin abgebrochen, da ihr die Briefe des wackeren Verwalters die Ruhe störten.

Der Villicus nämlich schrieb gar zu begeistert von den häuslichen Tugenden Actes, von ihrer freundlichen, liebenswürdigen Art, die seinem Herzen so wohl thue und seinen Enkelkindern die natürliche Zärtlichkeit einer Mutter ersetze.

Octavia, so wenig sie eines verwerflichen Neides fähig war, hatte dann jedesmal das Gefühl: ›Diese Acte ist dennoch von den Göttern bestimmt gewesen, ihn, den einzigen, wahrhaft glücklich zu machen.‹ Solche Betrachtungen aber sollten einstweilen vermieden werden.

Im Anfang des Monats April nahm Octavia auf den Rat des Abyssus wieder zu Antium Wohnung.

Das Wiedersehen mit der Freigelassenen des Nicodemus verlief, dank dem Zartgefühle des jungen Mädchens, ohne tiefere Erschütterung. Nach kurzer Frist war die Gesellschaft Acte-Ismenes für Octavia so unentbehrlich geworden, wie die Luft und das Sonnenlicht.

Dreizehntes Kapitel.

Am nördlichen Abhang des Mons Cälius, unweit der Via Sacra, stand das Haus des jüngeren Menenius, eines tüchtigen Rechtsanwaltes, der sich vor kurzem in der Beschwerdesache einer Provinz gegen die Aussaugungs- und Erpressungspolitik ihres Statthalters die Aufmerksamkeit weiter Kreise erobert hatte.

Es war zu Anfang des Monats Mai, eine Stunde vor Mitternacht.

Lucius Menenius, von einigen Sklaven umringt, weilte im kleineren Oecus am Peristyl.

Mit halblauter Stimme erteilte er seine Befehle.

Zu ernster Besprechung in einem wichtigen Rechtsstreit erwartete er eine Anzahl von Männern, die spät erst von dem benachbarten Gabiä aufgebrochen. Er habe eingehend zu verhandeln. Jede Störung sei aufs strengste verbeten.

»Wacht mir darüber!« fuhr er in vertraulichem Tone fort. »Besonders haltet mir auch die Lauscher fern, die naseweisen Persönchen, wie Leda und Chloë, oder den Wichtigthuer Philemon. Die sind im stande, noch zu Anfang der zweiten Vigilie das Bett zu verlassen, nur um ein Wort zu ergattern, das sie nicht hören sollen. Als Rechtsanwalt muß ich aber geheim halten, was Fremde mir anvertrauen, unbekümmert darum, ob sich Chloë das Haar zerrauft. Ihr versteht mich?«

Die Sklaven, Leute von alterprobter Ergebenheit, nickten ihm Beifall.

»Zwei von euch,« sagte Menenius nach einer Pause, »könnten im Atrium, in der Nähe des Thürgangs verbleiben. Ich weiß nicht, der brave Ostiarius scheint mir seit einigen Wochen etwas zerstreut. Neulich, da ich an seine Blende trat, fuhr er zusammen, wie Diana im Bade.«

»Er ist verliebt, Herr,« sagte einer der Sklaven.

»Romäus verliebt? Das ist köstlich. Nun, ihr erzählt mir das bei Gelegenheit. Jetzt: auf Wiedersehen!«

Die Sklaven entfernten sich. Lucius Menenius trat heraus in den mondscheinflirrenden Säulenhof und setzte sich schweigend auf eine Bank.

Fünfzehn Minuten später klirrte das Posticum.

Leisen Schrittes trat eine hohe Gestalt herein, die Pänula faltig über die Schultern geworfen, das Haupt in der Wetterkapuze, das Angesicht bis unter die Augen mit Leinwand bedeckt.

»Eos und Thiton!« sprach der Vermummte.

»Komm nur! Du bist der erste!« gab Lucius Menenius zurück, der auch ohne dies Paßwort seinen älteren Bruder Didius an der Stimme erkannt haben würde.

Er führte den Eingetretenen rasch nach dem hellerleuchteten Oecus und hieß ihn Platz nehmen.

Dann eilte er zurück nach dem Posticum, wo fast in dem nämlichen Augenblicke zwei andre Männer, gleichfalls durch die Kapuze der Pänula und ein Tuch vor dem Antlitz gründlich maskiert, über die Schwelle schritten.

Sie trugen unter dem Mantel den Brustharnisch der prätorianischen Militärtribunen.

Wie sie jetzt im Gemach sich der äußeren Hüllen entledigt hatten, zeigte der Schlankere ein geistvolles, aristokratisches Antlitz mit sprühenden Augen und einem höchst sympathischen Zug um die Lippen.

Diese noch jugendliche und dennoch so ausgereifte Persönlichkeit war Julius Vindex, ein Sproß der angesehensten Fürstenfamilie von Aquitanien.

Der andre, wohl ebenso groß, aber weit muskulöser und stämmiger, entpuppte sich als der bedauernswürdige Pharax, der körperlich und geistig geschundene Ehegemahl Acerronias.

Noch fünf Minuten und die Gesellschaft im Oecus des Lucius Menenius war vollzählig.

Die Männer, die sich hier zu geheimer Beratung zusammengefunden hatten, zeigten nach Herkunft, Stellung und Eigenart erhebliche Unterschiede. So bildete Didius Menenius, der neun Zehntel des Jahres auf seinen etrurischen Gütern verbrachte, einen vollendeten Gegensatz zu dem stürmisch beredten Lucius, der fern von der Atmosphäre des römischen Forums nicht hätte leben können. Der greise und dennoch so jugendfrische Senator Flavius Scevinus ließ den finsterblickenden Nicodemus, der ihm zur Seite saß, noch hohläugiger und hagerer erscheinen als sonst, während der Dichter Lucanus, ein schönes Bild vollendeter Urbanität, neben dem kurzen, grobknochigen Osker Marcus Velinus wie ein Edelhirsch neben dem Büffel aussah.

Eines jedoch war all diesen Männern gemeinsam: die wühlende, nicht mehr zurückzudrängende Bitternis über die schnöde Entartung des einst so vielverheißenden Imperators.

Nur Pharax vielleicht, der Gatte der Rotgelockten, hegte einen persönlichen Haß gegen Nero. Der Kaiser nämlich hatte ihn höhnisch zurückgewiesen, als der verzweifelte Militärtribun kniefällig um die Lösung seiner Ehe mit Acerronia ersuchte. Die derbe Spottrede, die ihm der Fürst in Gegenwart zahlreicher Höflinge zugeschleudert, brannte dem urwüchsigen Naturmenschen heiß auf der Seele. Da nun auch Agrippina ihren ehemaligen Günstling kaum noch beachtete, ja seit kurzem sogar rückhaltlos die Partei Acerronias ergriff und der kralligen Pantherkatze die kräftigste Unterstützung in Aussicht gestellt hatte, wenn sich Pharax nicht ducke – so schäumte der unglückliche Emporkömmling vor Entrüstung und Wut und schloß sich mit wilder Freude dem Julius Vindex an, der ihn vorsichtig in die Pläne einer kühnen Verschwörung eingeweiht hatte . . .

Streng genommen war diese Verschwörung nur die Fortsetzung jener Projekte, die sich anfänglich gegen den widerwärtigen Ehrgeiz der Agrippina gekehrt. Nach und nach jedoch hatten sich die Verhältnisse derart verschoben, daß der Kaiser, zu dessen Gunsten man Agrippina hatte befehden wollen, nunmehr gleichfalls, und zwar in erster Linie, der Gegenstand der verborgenen Feindseligkeiten wurde. Nur Barea Soranus und Pätus Thrasea hielten sich neuerdings abseits, da sie den Zeitpunkt eines erfolgreichen Aufstandes nicht für gekommen erachteten.

Seneca vollends, der sich so eifrig an der Agitation wider die Kaiserin-Mutter beteiligt hatte, war aus begreiflichen Gründen diesmal nicht eingeweiht worden. Seine Stellung war ohnedem eine seltsame. Ruhig, beinahe düster, versah er die Staatsgeschäfte. Nero ließ ihn gewähren, verbat sich aber die Einmischung des philosophischen Warners in sein Privatleben. Agrippina schien auf jeden Einfluß verzichtet zu haben. In Wahrheit lauerte sie auf die nächste Gelegenheit, ihren Sohn zu verblüffen und die Herrschaft von ehedem wieder an sich zu reißen. Thatsächlich regierte Poppäa Sabina, denn Seneca, dem sie die größte Ehrerbietung bewies, hatte sich eingeredet, er müsse ihr thunlichst nachgeben, um später durch ihre Vermittelung den jetzt so unphilosophischen Kaiser zurückzugewinnen. Die Schmeicheleien des schlau berechnenden Weibes hatten ihm jede Urteilsfähigkeit lahm gelegt. Er hielt sie für eine geistesverwandte Natur, und da die Kluft zwischen Octavia und Nero nun doch einmal unüberbrückbar erschien, so beruhigte sich auch sein stoisch ernstes Gewissen.

. . . Lucius Menenius eröffnete die Beratung mit einer kurzen, weihevollen Begrüßung der Kampfgenossen.

Dann fuhr er in abgedämpfterem Tone fort: »Es ist nun klar wie das Sonnenlicht, daß wir uns alle in Claudius Nero Cäsar getäuscht haben. Dem Quiritenvolke ergeht es, wie der Henne des Fabeldichters, die einen Raubvogel ausbrütet. Erst nimmt sie ihn für ein Hühnchen, bis sie dann endlich mit Entsetzen gewahrt, wie dem jungen Geier die Griffe wachsen.«

»Dem jungen Aasgeier!« schnaubte der Militärtribun Pharax.

Lucius Menenius schüttelte lächelnd den Kopf. »Leider nein!« sagte er bitter. »Nicht die Toten zerfleischt er, sondern die Lebenden. Wir selber sind seine Opfer. Er trinkt das Herzblut Roms, um neue Kräfte zu sammeln für seine phantastischen Flügelschläge. Ich wiederhole es: wir sind schmählich getäuscht worden. Seneca, der ihn von Jugend auf kennt, hätte ihn längst schon begreifen müssen. Hier galt es die furchtbarste, eisernste Energie. Mit geistreichen Philosophien treibt man die eingeborene Wildheit nicht aus. Fast verspüre ich Lust, ihn der Mitschuld an all diesem Unheil zu zeihen, zumal jetzt, da er schweigend mit ansieht, wie die verlogene Poppäa sich fester und fester nistet. Diese Verderberin ist überhaupt der Urquell jeder Erbärmlichkeit. Agrippina siegte durch Missethaten; Poppäa herrscht durch die Künste der Buhlerin. Ich schwanke da, ob ich die Kaiserin-Mutter nicht vorziehe . . .«

»Oh, oh!« rief Flavius Scevinus.

»Verzeih, – aber ein Opfer der Agrippina ist leicht parteiisch,« sagte der Rechtsanwalt. »Früher, da Agrippina am Steuer saß, wahrte doch Nero den Schein. Seit ihn Poppäa umgarnt hält, tritt er alles, was heilig ist, mitleidslos unter die Füße. Er treibt die Verschwendung bis zur Verrücktheit. Er beugt offenkundig das Recht, um seine ewig-erschöpfte Kasse zu füllen. Er entehrt sich als Pantomime, als Ringkämpfer, ja als Kutscher im Cirkus . . .«

»Zähl ihm das Kleine nicht nach, da es ja leider des Großen genug gibt!« unterbrach ihn Flavius Scevinus. »Wenn er Komödie spielt oder als Ringer auftritt, so läßt sich dies halbwegs noch entschuldigen. Nero ist mehr Grieche als Römer. Sophokles und die Gesänge Homers haben ihn großgesäugt. Er lebt in dem Wahne, alles, was die Achäer vor Ilion getrieben, sei auch in Rom erlaubt. Hat einst Odysseus mit Ajax um den silbernen Dreifuß gerungen, so meint der Sohn Agrippinas, dergleichen stehe auch ihm zu Gesicht. – Das alles wollt' ich ertragen. Ich rechne mit seiner lodernden Phantasie, mit seinem Hange zum Bunten und Märchenhaften. Aber das andre, das Große . . .! Wahrlich, Menenius, in dieser Beziehung wirst du bei aller Beredsamkeit niemals Worte finden, die mir genugthun! Die trostlose Rechtsunsicherheit hast du erwähnt, die schmachvollen Majestätsprozesse, die jeden Bürger zum Spielball tückischer Denunzianten herabdrücken. Ich zittere vor Ingrimm, wenn diese Zustände nur flüchtig berührt werden. Eins aber empört mich noch tiefer: das schurkenhafte Gebaren des Cäsars wider Octavia. Denk' ich daran, so steigt mir das Blut in fast betäubender Welle zum Hirn; meine Finger krümmen sich zuckend, als wollten sie nach dem rächenden Dolch greifen. Ach, und doch – welche unsägliche Qual! Freunde, ihr ahnt ja nicht, wie ich diesen Knaben geliebt habe! Mein Herzblut hätt' ich für ihn gegeben. Er war mir wie ein leiblicher Sohn. Und er liebte mich wieder, anhänglich, treu, voll rührender Pietät . . . Um so glühender hass' ich ihn jetzt. Nein, ich betrüge mich. So schnell reißt Flavius Scevinus nicht ein Gefühl aus der Brust, das einmal dort festgewurzelt. Noch habe ich nicht gelernt, ihn zu hassen, so sehr ich es anstrebe. Um so gerechter werde ich sein, um so parteiloser. Ich verurteile ihn, wie einst Brutus die eigenen Söhne verurteilte, – und mein Wahrspruch lautet: ›Er ist des Todes schuldig!‹«

»Nicht des Todes!« wehrte ihm Nicodemus. »Auch ich bin ja felsenfest überzeugt, daß dem Staate kein Heil erblüht, bevor wir den heuchlerischen Tyrannen vom Throne gestoßen. Aber ihn töten, hieße uns Rechte anmaßen, die nur der ewig waltenden Gottheit zustehen.«

»Mich wundert deine platonische Mäßigung,« sagte der Dichter Lucanus. »Du besonders hättest doch Ursache, ihn zu hassen, denn lächerlicher wie dir hat er keinem unter den römischen Bürgern mitgespielt. Ich weiß das alles von Seneca. Ihr habt Sonderbares geplant. Ueber den Wert oder den Unwert eurer Ideen will ich nicht urteilen. Eines jedoch muß dich meines Erachtens geradezu als Verhöhnung berühren: der Umstand nämlich, daß Claudius Nero zu einer Zeit, als niemand ums Treiben der Nazarener sich kümmerte, höchst überflüssige Duldungsedikte erließ, während er jetzt, den Duldungsedikten zum Trotz, die Verfolgung gestattet, sobald sich ein harmlos-gläubiger Sklavenjüngling gar zu öffentlich seines gekreuzigten Meisters rühmt . . .«

Nicodemus erblaßte. »Ich spreche hier nicht als Gönner des Nazarenertums,« versetzte er frostig. »Auch ahne ich nicht, ob und wie weit dein Oheim Annäus Seneca es für gut befunden, dich einzuweihen, da es sich hier doch um Dinge handelt . . .«

»Beim Herkules, du kannst vollkommen beruhigt sein! – wir sind ja hier unter Freunden! – Also: du willst den Cäsar geschont wissen?«

»Ich scheue das Blutvergießen,« gab Nicodemus zurück. »Morden wir den Verbrecher, so sind wir ebenso große Frevler als er.«

»Du bist zu feige,« grollte der Militärtribun Pharax. »Hat sich Nero etwa bedacht, als ihm der junge Britannicus lästig wurde?«

Flavius Scevinus zog die Brauen zusammen. »Rede nicht thöricht!« wies er den Ungestümen zurück. »Britannicus fiel als ein Opfer der Agrippina.«

»Wem aber zum Vorteil?« fragte der Neffe des Seneca. »Lebte Britannicus, wahrlich, so wäre für Nero im Palatium nicht Raum geblieben. Der Sohn Agrippinas wohnte vielleicht in Athen und spielte in seinem Trauerspiel ›Jokaste‹ die Titelrolle.«

Man lachte.

»Ich rede völlig im Ernst,« sagte Lucanus. »Unser vortrefflicher Flavius hat ja bereits bemerkt, wie sehr den Cäsar das Außergewöhnliche und Phantastische lockt. Neuerdings betreibt er sogar den Spaß nächtlicher Prügeleien.«

»Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen,« rief der Osker Velinus. »Von einigen Schandgenossen begleitet, fiel der Bube mich an, da ich eh'vorgestern zu Anfang der zweiten Vigilie von Didius heimkehrte. Ich erkannte ihn trotz der Kapuze; ebenso den räudigen Hund Tigellinus. Sie waren fünf, wir drei: aber wir hieben sie! Da pfiff der Erlauchte, und plötzlich hörten wir Waffengerassel. Von der curischen Gasse her kamen die Prätorianer. Ich versetzte dem Tigellinus noch einen saftigen Bauchschlag. Dann rasten wir um die Ecke.«

»Freue dich, daß du noch fremd bist,« sagte Menenius der Jüngere. »Wüßte der Agrigentiner, wer ihm so mitgespielt, er machte dir augenblicklich den Majestätsprozeß. – Aber die Zeit rückt vor: wir dürfen nicht weiter abschweifen. Julius Vindex, berichte uns, was du neues gehört!«

Julius Vindex erhob sich. Die Linke am vergoldeten Schwertknauf, begann er wie folgt: »Ich war also vor einigen Tagen in Luna am Flüßchen Macra. Dort traf ich, wie lange vereinbart, mit Giso, dem Sohn des Lollarius, zusammen. Es reiste als Bauunternehmer; wenige Meilen von dem Städtchen entfernt liegen ja die gewaltigen Marmorbrüche. Wir verstanden uns rasch. Salvius Otho konnte uns keinen gewandteren Botschafter senden, als diesen blondhaarigen Chatten. Was Otho uns mitteilen läßt, klingt erfreulicher, als die Stimmungsberichte aus dem Lager der Prätorianer. Zahlreiche Centurionen und Militärtribunen hat er bereits gewonnen. Giso meinte, in Lusitanien würde der Aufstand heute schon möglich sein.«

»Lusitanien, wenn es allein steht, ist nur ein Piedestal ohne Bildsäule,« meinte Scevinus.

»Das denke ich auch,« bestätigte Vindex. »Also, um ganz und gar bei der Sache zu bleiben, noch eins: Otho erklärt sich mit aller Entschiedenheit gegen die Absicht der Truppen, die ihn zum Kaiser ausrufen wollen. Er fürchtet, die Rebellion, die doch lediglich eine Handlung strengster Gerechtigkeit sei, möchte sonst aussehen wie die That eines verwerflichen Ehrgeizes. Ich muß ihm vollständig beistimmen. Soll nicht die Lauterkeit unsrer Beweggründe schmählich verkannt werden, so darf keiner von uns nach der Herrschaft trachten.«

»Keiner!« klang es im Kreise. Nur Pharax schwieg. Er mochte so seine eigenen Gedanken haben. Ihm hatte ja auch kein Wahrsager prophezeit, daß er einst von der hoheitsstrahlenden Agrippina ›mein süßer Junge‹ und ›ach, du wonniger Liebling‹ genannt werden sollte! Wer durfte sich da erdreisten, dem Aufschwung dieses begnadeten Adlers eine Grenze zu stecken? Pharax Cäsar – das klang gar nicht so unwahrscheinlich; und wenn er's erreicht hatte, wenn er alltäglich Tausende unter die Prätorianer verteilen und sämtliche Eselshufe Italias vergülden konnte: dann wollte er auch die rotgelockte Pantherin züchtigen und sie gerade so in die Enge treiben, wie Nero seine Gemahlin Octavia. Die reizende Hasdra, die er so voreilig aufgegeben, war dann sicher nicht abgeneigt, bei Pharax dem Weltbeherrscher die Rolle der schönen Poppäa Sabina zu spielen . . .

Sein Auge strahlte bei diesem Zukunftstraum: man konnte ihm die gaukelnden Hirngespinste fast vom Gesicht lesen.

»Genossen,« fuhr Vindex fort, »ich werde also dem Giso vermelden, daß ihr die Anschauung Othos teilt. Das wird ausreichen, die Halsstarrigkeit der Offiziere zu brechen. Eine Persönlichkeit, die dem Thron des Augustus zur Zierde gereichen würde, besitzt Roma in Cnejus Calpurnius Piso . . .«

»Oder in Galba,« sagte Lucanus.

»Wie ihr beschließt! Beide sind Ehrenmänner und heimliche Todfeinde dieser unglaublichen Schandregierung. Auch zweifle ich keine Sekunde an Pisos Bereitwilligkeit, falls wir erklären können: die Bahn ist geebnet. Hierzu ist nötig, daß wir wenigstens eine Kohorte der Leibwache . . .«

Das Wort erstarb ihm plötzlich zwischen den Lippen. Die Verschworenen fuhren von ihren Sitzen empor, als hätte ein Erdstoß das Haus erschüttert. Todbleichen Angesichts lauschten sie in der Richtung des Atriums.

Vierzehntes Kapitel.

Was die Genossen des Lucius Menenius so mit Schrecken erfüllte, war eine Reihe sonderbarer Geräusche; vor allem ein heftiger Wortwechsel, der mit unheilverkündender Klarheit durch die schweigsame Nacht scholl.

Der Thürhüter Romäus, der seit kurzem mit einer der niedlichsten Sklavinnen des Nachbarhauses zärtliche Beziehungen unterhielt, hatte auf das bekannte schüchterne Pochen seiner Geliebten hin vorschriftswidrigerweise geöffnet, so energisch man ihm die äußerste Sorgsamkeit gerade für diese Nacht auf die Seele gebunden.

Das Mädchen aber, das scheinbar so gluterfüllt zu ihrem Anbeter in die Zelle schlüpfte, war von den Spähern der Kaiserin-Mutter erkauft.

Eh' der Ostiarius begriff, daß die reizende Schlange ihn überlistet hatte, drängte sich Pallas, der Vertraute der Agrippina, mit fünfzehn Bewaffneten in den Thürgang.

Verzweifelt stemmte sich nun Romäus, von den Sklaven des Atriums unterstützt, den Bedrängern entgegen.

Er rief mit Donnerstimme das jüngst noch erneute Gesetz an, demzufolge es streng untersagt war, einen römischen Bürger, selbst wenn er der schwersten Unthat verdächtig war, zur Nachtzeit in seinem Daheim zu belästigen.

Umsonst.

»Gib Raum,« erwiderte Pallas, »oder ich spieße dich auf!«

»Vorwärts!« schrieen die Prätorianer.

Dazwischen tönte ein heiseres Gebell, dem plötzlich ein Wutgekläffe und gleich danach ein fürchterliches Geheul folgte.

Der große Molosserhund, der links an der dritten Kolonne lag, hatte sich losgerissen und einen der Prätorianer scharf bei der Gurgel gepackt. Ein Schwertstoß in die zornerzuckende Weiche streckte das schäumende Tier auf die Steinfliesen. In das Wimmern des verendenden Hundes mischten sich das Dröhnen der Rundschilde, der zehnmal erneute Mahnruf der Sklaven, die wilde Beteuerung, Menenius sei nicht zu Hause, die barschen Befehle des Anführers.

Unterdes hatten sich die Verschworenen doch nicht völlig verblüffen lassen.

»Verrat!« schrie Lucius Menenius, nachdem die Lähmung der ersten Sekunden vorüber war. »Das Schicksal hat es beschlossen! Rette sich, wer da kann! Ich werfe mich den Schurken entgegen, sie aufzuhalten!«

Da die Genossen sich unschlüssig zeigten, rief er noch einmal gebieterisch: »Flieht – um der Sache willen! Ihr seid Rom: wenn ihr jetzt dahinsinkt, stirbt die Freiheit des Vaterlandes für allezeit. Mir aber ist nicht zu helfen. In meiner Wohnung hat der Tyrann uns entdeckt; ich bin gezeichnet; er würde mich dingfest machen, und fände ich Zuflucht bei den Sarmaten.«

»Ich kämpfe an deiner Seite,« sagte der ältere Menenius. »Ich, als dein Bruder, wäre verdächtig wie du.«

»Fort, fort!« drängte Julius Vindex die Zögernden. »Wollt ihr ein Volk befreien, so müßt ihr auch lernen, euren Mannesstolz und das leicht bewegte Herz zu bezwingen. Dieses herrliche Brüderpaar ist beneidenswert. Vielteurer Lucius, und du, hochsinniger Didius, wir werden eurer gedenken, solange wir atmen. Bezeug es mir, allmächtiger Jupiter: an ihrer Stelle würd' ich das Gleiche wagen!«

Gezückten Schwertes eilten nun die Verschworenen dem Posticum zu, während Pallas mit seinen Trabanten vom Atrium her in das Peristyl eindrang.

»Verwünscht!« murmelte Flavius Scevinus. »Hier flüchten zu müssen, anstatt loszuschlagen wie der gätulische Leu, den die Meute hetzt! Ha, das kömmt wie gerufen!«

Der letzte Ausruf klang wild-überrascht. Er bezog sich auf den urplötzlichen Anblick einiger Prätorianer, die Pallas an der Rückwand des Hauses, dicht neben dem Posticum, aufgestellt hatte.

»Zurück!« brüllte der vorderste, und streckte den Verschworenen das Schwert entgegen.

Ein furchtbarer Hieb des greisen Flavius Scevinus war die Antwort auf dieses ›Zurück!‹ Der Helm des Getroffenen barst entzwei, wie eine wurmstichige Walnuß. Die Klinge senkte sich ihm zwei Zoll tief in das Gehirn. Lautlos brach er zusammen.

Auch dem zweiten der Prätorianer machte die Riesenkraft des erbitterten Flavius den Garaus.

Die beiden übrigen fielen unter den Schwertern des Pharax, des Julius Vindex und des Dichters Lucanus, während der kurze, etwas unbehilfliche Osker Velinus trotz aller Tapferkeit nicht zur Entwickelung gelangte.

Das ganze Gefecht hatte kaum zwei Minuten gedauert. Die Verschworenen entkamen. Nicht einer hatte eine Verwundung empfangen, bis auf den hoffnungsfreudigen Pharax, dem die feindliche Klinge den Hals beinah vom Rumpf trennte. Als Julius Vindex sich zu ihm niederbeugte, war das Leben bereits erloschen. Ein jähes Ende für die weltbewegenden Hochgedanken des Pharax-Cäsar! Man mußte ihn, allen Geboten der Pietät zuwider, bei den Leichen der Prätorianer zurücklassen, wollte man nicht das Schicksal der ganzen Verschwörung aufs Spiel setzen.

Lucius und Didius Menenius hatten indes am Ausgang des Korridors, der vom Atrium nach dem Peristyl führte, Stellung genommen.

»Wenn es ein Jenseits gibt, so bewahre mir auch dort deine Liebe!« murmelte Lucius, dem Bruder die Linke reichend.

»Und du mir die deine! Da kommen Sie. Mir graust nicht vor der schweigsamen Totenurne. – Im Reiche des Nero ist dies Leben kaum eine Thräne wert.«

Die tapferen Menenier wichen und wankten nicht. Bis an die Augen deckten sie sich mit den wuchtigen Schildern, die noch soeben als harmloser Schmuck an den Wänden geprangt. Nicht umsonst hatten die beiden Brüder im Feldzug wider die Parther gekämpft. Ihre machtvoll geschwungenen Schwerter säten Verderben.

Endlich jedoch ward der Ansturm zu heftig. Die Prätorianer, müde, sich einzeln abschlachten zu lassen, drängten mit unwiderstehlicher Macht vor. Sie warfen die beiden Brüder zurück in den Säulenhof, und hatten nun freie Hand.

In der nächsten Sekunde fiel Didius, von zwei Klingen auf einmal durchbohrt.

»Es lebe das Vaterland! Nieder mit den Tyrannen!«

Das waren die letzten Worte des Sterbenden.

»Halt!« rief Pallas, der die Ausbeute seiner Entdeckung gefährdet sah, wenn auch Lucius getötet wurde. »Schont ihn! Lucius Menenius, ergib dich!«

»Niemals!«

»Tausend Denare demjenigen, der ihn entwaffnet!« schrie der geängstigte Pallas noch lauter.

Es entstand eine Pause. Mit keuchender Brust stand Lucius Menenius drei Schritte weit von den Angreifern, den Schild auf die Marmorfliesen gestemmt, den blutigen Stahl in der Rechten, jede Bewegung der Prätorianer beobachtend, und gewillt, den ersten, der sich ihm nähern würde, über den Haufen zu stoßen.

Plötzlich, das Verzweifelte seiner Lage erkennend, warf er den Schild weg und hielt sich das Schwert vor die Brust, um sich, wie weiland Quintilius Varus, hineinzustürzen.

In demselben Moment jedoch hatte einer der Prätorianer mit tollkühnem Sprunge sich über ihn her geworfen.

Lucius Menenius taumelte rückwärts. Die Klinge, die den Soldaten rechts an der Weiche schwer verwundet hatte, brach in zwei Stücke.

Eine Minute später war der Verschworene gefesselt.

»Pallas,« rief Lucius Menenius, »handle vernünftig und töte mich!«

»Werde mich hüten! Erst auf die Folter mit dir, und dann magst du abwarten! Die Gnade der Agrippina stellt dir vielleicht anheim, die Art des Todes dir selbst zu wählen.«

»Was ihr erfahren sollt, das kann ich hier gleich bekennen. Mehr aber wird auch die grausamste Folter mir nicht erpressen.«

»Wohl, so rede!« schmunzelte Pallas, höchlich erfreut über die Aussicht, seiner Gebieterin etwas Genaueres vermelden zu dürfen.

»Ich werde sprechen, dafern du mir eine Gunst gewährst. Sie ist arm und gering. Willst du?«

»Laß hören!«

»Gib mir die Hände frei! Diese Ketten zerfleischen mich. Du siehst ja wohl, daß ich ganz ohne Waffen bin. Mit diesem Strick um die Kniee werd' ich euch niemals entweichen können.«

Pallas willfahrte ihm, nachdem ihn die Prätorianer durchsucht hatten, ob er nicht doch einen Dolch unter den Kleidern trage.

»Vernimm denn,« sagte Lucius Menenius, »und berichte es deiner allmächtigen Auftraggeberin Wort für Wort! Ich erkläre mich schuldig, zu den Häuptern einer Verschwörung zu zählen, die sich tausendfältig bis in die äußersten Winkel Italiens verzweigt, und die das glorreiche Ziel verfolgt, den bübischen Imperator, seine schurkische Mutter und die ehrsuchtgeile Poppäa Sabina aus dem Wege zu räumen.«

»Dafür haben wir die Beweise in Händen.«

»Das habt ihr nicht, hochmögender Pallas. Ihr kennt keinen der Mitverschworenen: sonst hättet ihr sie in aller Gemütlichkeit bei Tage verhaften lassen. Das Geständnis, das ich dir ablege, soll die Verbrecher der Hofburg mit fröstelnder Angst erfüllen: denn sie lieben dies vergängliche Leben, das ich und meine Gefährten geringschätzen. – Auch weiß ich ja nur zu genau, daß im Reiche des Bluthunds schon der bloße Verdacht zu meiner Verurteilung ausreicht. Deshalb leugne ich nicht. Einige Kampfgenossen sind hier bei mir gewesen, wohl vermummt, von keinem unsrer Sklaven erkannt. Du begehrst ihre Namen? Das wäre so was! Vielleicht entspreche ich deinem Wunsche, vielleicht auch nicht. Wo gedenkst du mich hinzubringen?«

»Ins Staatsgefängnis,« erwiderte Pallas, verblüfft durch den unerwarteten Ton seines Gefangenen.

»Gut. So befiehl nur dem Kerkermeister, daß er mir eine würdige Bettstatt bereitet, und mir ausnahmsweise die Toga beläßt. Kommst du dann morgen und fragst mit gebührender Höflichkeit, so will ich schon zusehen, was ich erwidere.«

Pallas verbarg nur mit Anstrengung seine Triumphgefühle. Er hätte laut aufjubeln mögen inmitten seiner Bewaffneten. Dieser Lucius Menenius war ja ein unbezahlbarer Fund! Wenn der tollkühne Staatsverbrecher, gleichsam durch ihn, Pallas, beredet, die tausend geheimen Fäden jener Verschwörung bloßlegte: welch eine thronerhaltende That für den Vertrauten der Kaiserin!

Und wie die Götter das alles gefügt hatten! Der unglaublichste Glücksfall! Bis dahin hatte ja niemand die leiseste Ahnung gehabt! Nur daß Lucius Menenius ein Feind des Palatiums war, und daß heute nacht eine späte Zusammenkunft bei ihm stattfinden sollte, nur das hatten die Kreaturen der Kaiserin ausgekundet: – sonst nichts!

»Die Uranionen verwöhnen mich,« dachte Pallas.

Dann, zu Lucius gewandt, sagte er vornehm: »Sei's! Ich verspreche dir's. Man soll dir ein Lager bereiten, wie du's gewohnt bist, – und die Toga behältst du.«

Acht prätorianische Krieger nahmen jetzt den Verhafteten in die Mitte. Pallas empfahl ihnen eine rücksichtsvolle Behandlung. Für den Beschließer des mamertinischen Kerkers schrieb er einige Worte in seine Wachstafel. Dann aber eilte er, nur von drei seiner Soldaten begleitet, auf den Fittichen eines unwiderstehlichen Hochgefühls nach dem Palatium. Agrippina hatte den Wunsch geäußert, möglichst frühzeitig Kunde von dem Erfolge des Ueberfalls zu erhalten. Nero dagegen wußte noch überhaupt nicht, daß die Kaiserin-Mutter so insgeheim für die Wiederbefestigung ihres Einflusses wirkte.

Die drei Soldaten im Vorhof zurücklassend, wandte sich Pallas mit äußerster Vorsicht nach den Gemächern seiner schon ungeduldig harrenden Gönnerin. Eine griechisch gekleidete Sklavin öffnete ihm, und zog sich alsbald mit einem seltsam-pfiffigen Lächeln zurück.

Unverhofft, und zum erstenmal zu so ungewöhnlicher Stunde, sah sich Pallas mit Agrippina allein.

Von der Decke des märchenhaft ausgestatteten Raumes hing in Gestalt eines fliegenden Phönix die berühmte purpurne Ampel, ein Meisterwerk des alexandrinischen Künstlers Anthrax. Sie verbreitete eine rosige, wunderliebliche Dämmerung. Agrippina lehnte in einem der Ruhesessel. Ihre prunkvolle Schönheit, durch die entglittene Tunica halb nur verhüllt, wirkte in dieser märchenhaften Beleuchtung verführerisch. Man glaubte unter der durchsichtig-schimmernden Haut das ambrosische Blut kreisen zu sehen.

Pallas, mit jeder Feinheit der palatinischen Sitte vertraut, kniete bedächtig nieder, legte die Hand auf die Brust, wie ein Mann, der gewillt ist, sein ganzes Dasein freudig zum Opfer zu bringen, und sprach mit stürmisch bewegter Stimme: »Herrin, wir haben's erreicht.«

Sie lächelte voll überschwenglicher Huld.

»Ich wußte, daß der gefürchtete Pallas nur mit dem Schild oder auf dem Schild heimkehren würde,« sagte sie theatralisch. »Weiter! Berichte das Einzelne!«

Pallas, noch immer knieend, erzählte, was vorgefallen.

»Morgen in aller Frühe« – so schloß er im Ton eines Weltbeherrschers – »wird der Gefangene mir sämtliche Rädelsführer beim Namen nennen. Dann: ein mutiger Griff, und die ganze hundertköpfige Hydra ist lahmgelegt.«

Agrippina bot ihm die Hand. »Wahrlich, du hast dich wohl verdient gemacht um deine dankbare Freundin! Glaube mir: diese Stunde bedeutet das Wiederaufblühen meiner Autorität! Ich werde dem übermütigen Tigellinus, der öden Poppäa, kurz, allen, die den Kaiser umstrickt halten, die Frage ins Antlitz schleudern: ›Was habt ihr gethan, um dieser rebellischen Anzettelung zu begegnen?‹ Und wenn sie verstummen, dann soll die Kunde von dem, was ich geleistet, wie helles Fanfarengeschmetter weit über das römische Reich schallen. Vor aller Welt soll Claudius Nero bekennen: ›Agrippina hat mir das Leben gerettet. Sie allein ist fähig, den Thron der Cäsaren wirksam zu schützen!‹ Nun aber komm, du ruhmgekrönter, glücklicher Triumphator! Ich muß dich umarmen.«

Pallas beugte sein Antlitz über die weiße Hand Agrippinas, und drückte, leise erschauernd, die Lippen darauf.

»Nein, so war's nicht gemeint,« raunte sie zärtlich.

Aus ihren nachtschwarzen Augen sprühte ein versengender Blitz. Pallas erschien ihr in diesem Moment wie ein Heros, der nach zwanzig gewonnenen Schlachten ans Herz der Geliebten heimkehrt.

»Küsse mich auf den Mund!« hauchte sie schmachtend. »Fürchtest du dich? O du närrisches großes Kind!«

Und jählings, als drücke ein unsichtbarer Finger auf ihre Dochte, erlosch die Ampel.

Fast in der gleichen Minute hatte sich Lucius Menenius in der Quaderzelle des Staatsgefängnisses langhin aufs Lager gestreckt.

Die Schritte des Kerkermeisters verhallten. Grabesstille brütete über dem lichtlos-dumpfen Gelaß.

Der junge Mann schloß die Augen. Ein freundliches Frauenantlitz tauchte vor seiner Seele empor, ein Gesicht, das weder schön war, noch jugendlich, aber so mild, so über alle Beschreibung gut, – das Antlitz seiner in Rhegium wohnenden Mutter.

Noch einmal krampfte sein Herz wild und schmerzlich zusammen. Dann glitt ein Lächeln über den einst so beredten Mund. Er führte, tief atemholend, den linken Arm an die Zähne und biß sich mit einem einzigen Rucke die Adern auf.

Drei Stunden später wollte der Kerkermeister ihn wecken. Pallas, noch glühend von den betäubenden Küssen der Kaiserin, stand in der Vorhalle, um das Verhör zu beginnen.

Diesmal hatte das alte catonische Rom über das Rom der Entartung gesiegt. Der Vertraute der Agrippina fand einen blutüberströmten Leichnam.

Fünfzehntes Kapitel.

Am folgenden Morgen, zwei Stunden nach Sonnenaufgang, weilte der Kaiser in seinem luftigen, springbrunngekühlten Schlafgemach, wo er mit dem nachgerade unentbehrlich gewordenen Agrigentiner ein üppiges Frühmahl genoß.

Tigellinus, der unter den Sklaven und Sklavinnen Agrippinas mehrere dienstwillige Geschöpfe erkauft hatte, die ihm alles und jedes mit großer Promptheit berichteten, wußte schon längst, was sich im Hause des Lucius Menenius ereignet hatte. Auch das zärtliche Abenteuer der Kaiserin mit dem Führer der Expedition war ihm pünktlich vermeldet worden.

»Vielteurer Cäsar,« begann er, nachdem er die letzte lucrinische Auster mit süßem Falernerweine beträufelt hatte, »hab' ich dir schon erzählt, daß Agrippina aufs neue den Arm nach dem Scepter ausstreckt?«

»Wieso?«

»Nun, seit Wochen plant sie einen Geniestreich . . . Sie möchte dir's unter die Augen reiben, daß niemand als sie allein den Scharfblick der geborenen Regentin besitzt. Du sollst erschrecken; ihre Oberhoheit wiederum anerkennen; – kurz, ihr Spielzeug werden, wie ehedem.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Vielteurer Cäsar, du kennst die Vergangenheit Agrippinas, – aber nicht ihre Gegenwart. Glaube mir: die Gattin des ermordeten Claudius hat nichts vergessen . . . Ich bin dein Freund, Cäsar . . . Ich fürchte, du möchtest dich aufregen, wenn du erführest . . . Gestatte mir einen Vorschlag! Wenn Agrippina jetzt eintritt – zweimal schon hat sie fragen lassen, ob du erwacht seist – so laß mich an deiner Stelle auf ihre seltsamen Heucheleien die Antwort erteilen! Du wirst dann gleichzeitig wahrnehmen, daß Tigellinus in allem, was sich aufs Wohl und Wehe des Imperators bezieht, mindestens ebensogut unterrichtet ist, als die Kaiserin-Mutter, die sich immer und immer wieder gegen dich auflehnt.«

»Ganz wie du willst. Ich vertraue dir vollständig. Aber nun sag mir, bei allen Göttern . . .«

Der Agrigentiner blinzte ihm zu. Der Sklave Cassius war eingetreten. Er meldete Agrippina.

»Mein Sohn,« hub die Fürstin nach kurzer Begrüßung an, »du weißt, es hat mir von jeher ferne gelegen, mit meinen Verdiensten vor dir und dem römischen Volke prahlen zu wollen. Dennoch muß es gesagt sein: Hielte die Mutter des Kaisers ihr vorsorgliches Auge nicht offen, so wärest du jetzt schon vielleicht ein Opfer schamloser Mordgesellen.«

Nero warf ihr einen zweifelnden Blick zu.

»Gewaltige Herrin,« lächelte Tigellinus, »ich fürchte, du versetzest den Kaiser in grundlose Aufregung. Oder irre ich, wenn ich vermute, es handle sich um die abgeschmackte Verschwörung des Lucius Menenius?«

Agrippina prallte zurück.

»Woher weißt du?«

»Man ist so ziemlich allwissend, Herrin, wo die Pflicht es erheischt. Meine Soldaten, die heute nach Sonnenaufgang die beiden Menenier in ihrer Wohnung verhaften sollten, kehrten unverrichteter Sache wieder zurück. Man hatte im Namen der Kaiserin Agrippina zur Nachtzeit Blut vergossen. Didius war tot, Lucius hinweggeschleppt. Inzwischen hat er im Kerker sich selbst entleibt. Ich bitte dich, Herrin, welche Begebnisse! Pallas hat sich augenscheinlich stark übereilt. Allzu glühend strebt er nach deiner Gunst. Jedenfalls hat Rom jetzt einen lauten Skandal zu verzeichnen, während sich sonst alles gesetzmäßig und geräuschlos entwickelt hätte.«

Die Kaiserin-Mutter war blaß geworden. Sie warf dem Agrigentiner, dessen Kniff sie durchschaute, ohne ihn doch widerlegen zu können, einen vernichtungsgierigen Blick zu.

Dann aber faßte sie sich und sprach, zu Nero gewendet: »Wie kömmt es, mein teurer Sohn, daß hier an deiner Stelle ein dritter mir antwortet?«

»Das hat vielleicht seinen Grund in der Thatsache, daß du mitunter gehandelt hast, wo ich hätte handeln sollen. Tigellinus vertritt mich.«

»Außerordentlich gnädig, wenn auch nicht ganz nach meinem Geschmack. Wenn ich den Herrn suche, so verbitt' ich mir die Bediensteten.«

Tigellinus lehnte im Vollgefühl seiner Sicherheit lächelnd an dem korinthischen Marmorpilaster. Er hatte die Toga nicht abgelegt. So glich er in seiner selbstgefälligen Stellung einem hellenischen Rhetor, der seine dankbare Zuhörerschaft durch die funkelnde Grazie seiner Antithesen ergötzt.

»Wisse,« wandte sich Nero zu Agrippina, »daß Tigellinus mein Freund, mein Berater, keineswegs aber mein Bediensteter ist.«

»Beim Styx, er scheint mir beinahe dein Herrscher zu sein! Jeglichen Einfluß auf deine Entschließungen hat er an sich gerissen, und diesem Einfluß entsprechen die kläglichen Resultate. Frage doch Rom, ob es neuerdings stolzer und glücklicher ist! Ich war nicht zaghaft in der Wahl meiner Mittel, – das bekenne ich rückhaltlos. Ich wollte eine Regierung von Stahl, eine Herrschaft der absoluten Gewalt. Nur so läßt der Aufruhr sich bändigen, die Ordnung und das öffentliche Gedeihen sich schützen. Jetzt aber, welch ein widerwärtiges Gaukelspiel der Versumpftheit! Ihr tyrannisiert, wie ihr Wettfahrten anstellt: nur des Vergnügens halber. Niedrige Günstlinge schalten mit dem Besitztum des Volkes, wie Betteljungen mit verrosteten Spielmarken. Leute, die ein gewisses Talent für die Herrichtung üppiger Festgelage besitzen, geben sich dreist für Staatsmänner aus, heben erprobte Freunde des Kaiserhauses, wie Burrus, fast aus dem Sattel und liebäugeln mit den Truppen, als gälte es, noch vor Abend die Würde des Oberbefehlshabers anzutreten. Selbst ein Seneca muß sich unter das Joch beugen. – Dabei leisten diese Schmarotzer nicht einmal das Notwendigste für deine Sicherheit. Ich, ich muß Wache halten. Und wenn ich nun komme dir zuzurufen: ›Du bist gerettet!‹ – dann tritt mir so ein . . . würdiger Tigellinus entgegen und lispelt: ›Beruhige dich! Was du gethan hast, war überflüssig! Wir hatten schon vorgebeugt . . .‹ Ich aber sage dir kurz und bündig: Er lügt! Und nochmals er lügt!«

Die dunkeln Augen des Tigellinus sprühten ihr einen Blitz unversöhnlichster Feindschaft entgegen. In der That aber nur ein Blitz. Gleich danach zeigte das schöne, verlebte Antlitz wieder die einförmige Ruhe des Höflings.

»Herrin,« begann er mit überraschender Gleichgültigkeit, »was du gesagt hast, bedaure ich. Der Mutter des Kaisers darf Tigellinus nicht antworten. Daß der Vorwurf der Lüge auf mich keine Anwendung findet, davon ist Nero durchdrungen. Alles übrige kann mir gleichgültig sein. Er ist der Herrscher. Sein Wille allein hält mich oder verstößt mich. Jetzt noch eins! Da du so gründlich über die Pläne der Rebellion unterrichtet bist, so hast du wohl auch gewußt, wer zuvörderst auf der Liste der Proskribierten stand? . . . Soll ich deinem Gedächtnis zu Hilfe kommen? Du selber, Kaiserin Agrippina, warst dieser Ehre teilhaftig, und du dankst sie dem Pharax, deinem ehemaligen Schützling. Siehst du, nun gewinnt diese sogenannte Verschwörung mit einemmal eine ganz veränderte Physiognomie. Dir selber, göttliche Agrippina, ging's an die Gurgel, – und deshalb, nur deshalb hat Pallas mit seiner hochklopfenden Männerbrust die Rolle des Schicksals gespielt. Hätte der Plan sich lediglich gegen den Kaiser gerichtet . . . mit der Nebenbestimmung, du solltest an seiner Stelle den Thron besteigen, – Pallas wäre nicht halb so eifrig ins Zeug gegangen.«

»Elender Bube!« rief Agrippina, rasend vor Leidenschaft.

Dann zum Kaiser gewendet: »Nero, mein Sohn, glaubst du denn diesem Schurken? Ich – ich . . . o es ist schauderhaft! Hab' ich in dir, meinem Abgott, nicht von jeher das Beste und Höchste geliebkost, was ich vom Leben erwartete?«

»Auch den Britannicus hast du geliebkost,« stöhnte der Imperator. »Dennoch wurdest du seine Mörderin.«

»Wer sagt das? Zeige mir den Verruchten, der so ehrlose Lügen wagt, auf daß ich ihn töten lasse!«

»Ich möchte dem Cäsar die Pein erspart wissen, die Quelle zu nennen,« flüsterte Tigellinus. »Aber wenn er sich sonst nach einer Persönlichkeit umsieht, die ihm die Wahrheit seiner Behauptung eidlich erhärten möge – wohl: ich erbiete mich.«

Agrippina war sprachlos. Händeringend sah sie sich um.

»Ist denn niemand hier im Palatium,« schrie sie endlich mit halb versagender Stimme, »der diesen Schuft da in Ketten wirft?«

»Niemand, solange mich Nero beschirmt.«

Agrippina kreuzte die Arme wild vor der Brust. Sie warf ihrem Sohn einen Blick der tiefsten Geringschätzung, der äußersten Bitternis zu.

»Das also ist der Lohn für meine thörichte, maßlose Mutterliebe!« sagte sie zitternd. »Wahnwitziger Knabe, ich rate dir: sieh dich vor! Am Ende möchtest du doch noch erleben, was Agrippina vermag, wenn sie die Muskeln strafft!«

Nero stützte die trauerumwölkte Stirn auf die Handfläche. Mit dem unbeweglichen Blick eines Visionärs starrte er bleich vor sich hin.

»Hättest du mir die eine gelassen!« sagte er tonlos. »Ach, so manches wäre besser gekommen! Acte, du unvergleichliche Tote, ist's denn der Wille des Fatums, daß ich dir ewig, ewig nachweinen soll?«

»Recht so!« höhnte ihn Agrippina. »Lottre bis tief in die Nacht mit liederlichen Gesellen und schamlosen Weibern, um dann des Morgens wehleidig und geknickt zu thun! Das ist cäsarenhaft! Das ist göttlich!«

Nero hörte nicht, was sie sprach. Um so klarer verstand sie der Agrigentiner. Mit großer Lebhaftigkeit trat er vor.

»Was verstehst du unter schamlosen Weibern?« fragte er augenrollend. »Meinst du die schönheitsstrahlende Jugend, die sich im Rausch ihrer Lebenswonne vom Weg der Tugend verirrt, oder ausgereifte Matronen – etwa in deinem Alter, wenn sie verspäteter Liebeswahnsinn aus einem Arm in den andern schleudert?«

Die Hände der Kaiserin zuckten vor ohnmächtiger, hirnzerfressender Wut. Ein Röcheln stieg ihr aus der kochenden Brust heraus, das wie der erste Ansatz zu dem Gebrüll eines reißenden Tieres klang. Es währte geraume Zeit, eh' sie im stande war sich zu regen.

»Gehab dich wohl!« rief sie dem Kaiser zu. »Ueberlege dir, was ich gesagt habe! Rette dich, eh' es zu spät ist!«

Ohne auf Tigellinus zu achten, schritt sie, das zorndurchzitterte Haupt im Nacken, majestätisch hinaus.

»Welch ein Mißgeschick!« stammelte Nero, als der bequastete Vorhang über die Thüre gefallen war. »Ehedem hab' ich sie wahrhaft geliebt. ›Der besten Mutter‹ – das war die Losung, die ich am Tag meiner Thronbesteigung den Prätorianern erteilte. Und jetzt?«

»Freilich!« seufzte der Agrigentiner. »Aber ist's deine Schuld, wenn sich dein Pietätsgefühl nach und nach abstumpfte? Sie hat's nicht besser verdient, – bei allem, was heilig ist!«

Nero seufzte tief auf.

»Sende mir meinen Cassius,« sprach er beklommen. »Er soll mich ankleiden.«

»Wie du befiehlst. Inzwischen geh' ich zu Seneca und berichte ihm. Die Untersuchung muß heute noch eingeleitet, die Sklaven und Freigelassenen des Lucius Menenius müssen verhaftet werden.«

»Meinetwegen. Nur vertagt mir um dieser Erbärmlichkeit willen den Aufbruch nach Bajä nicht! Ach, dies erquickliche, trostreiche Bajä! Immer und immer wieder lockt es die duldende Seele mit tausend Schmeicheltönen. Dort am Gestade des Golfes lebt es sich leichter, als zwischen den Mauern der Siebenhügelstadt. In Bajä vergißt man doch zuweilen das Elend, mit dem uns die Götter gestraft haben: die Qual, Mensch zu sein.«

Der Agrigentiner hatte die Unterredung mit Seneca heuchlerisch vorgeschützt. In Wahrheit begab er sich nach dem zweiten Cavädium, wo Poppäa Sabina, allen Sittenrichtern zum Trotz, ihre Wohnung genommen.

Eilig überschritt er die Marmorschwelle des himmelblau getäfelten Oecus, der so zauberisch nach athenischen Veilchen duftete.

Die Geliebte des Imperators empfing ihn mit freundschaftlicher Vertrautheit.

Man wechselte flüsternd ein paar sehr gewichtige Worte. Dann winkte Poppäa ihrer phönicischen Freigelassenen Hasdra, die seitwärts auf einem Polsterkissen gekniet und funkelnden Auges gebetet hatte.

Poppäa raunte dem Mädchen etwas ins Ohr.

Hasdra senkte die Wimpern. Sie nickte, als handle es sich um etwas längst schon Vereinbartes. Hiernach verschwand sie im Seitengemach.

Unterdessen harrte der Kaiser auf seinen Kammersklaven.

Im Anfang ohne jegliche Ungeduld. Seine Gedanken weilten noch immer bei dem, was er soeben erlebt hatte.

Dann aber plötzlich erstaunte er, daß man es wagen durfte, ihn, den Beherrscher des Weltalls, warten zu lassen, wie den Kuchenverkäufer in der Barbierstube.

Wenn er doch wollte, so waren die unvorsichtigen Sklaven, ehe der Tag verstrich, an das Kreuz genagelt!

Jetzt noch in der Vollkraft der Jugend – und gleich danach eine formlose Masse, ein Haufen abgetakelter Knochen und Muskeln, die einst gelebt hatten!

Er verfolgte diesen Gedanken weiter . . .

Nicht nur die Sklaven waren sein Spielwerk: auch sämtliche Freigeborenen; – alle Staatsbürger, alle Ritter und Senatoren, bis hinauf zu den Konsuln . . .

Welch ein sonderbares Gefühl! Er legte die Hand über die Augen, als ob ihn jählings ein Schwindel ergreife.

In der That: bei Lichte betrachtet, saß kein einziger Kopf in dem unermeßlichen Rom fest auf den dazu gehörigen Schultern. Er war vom Rumpfe getrennt, sobald es den Cäsar gelüstete, ihn herunter zu säbeln. Es bedurfte nur eines schwächlichen Vorwandes, – und die fürstliche Laune glich einem Akt des Gesetzes. An solchen Vorwänden aber wäre kein Mangel gewesen. Das Hofgesindel, das ihm zu Füßen kroch, – pah, die Schufte hätten für zehn Denare beeidigt, daß Rom ein Dorf und der Pontifex Maximus ein verkleidetes Weib sei . . .

Eine verrückte Welt, die so dem einzelnen die Macht über alle gab! Ja, über alle! Den reichsten Senator konnte er durch ein Zucken der Wimper zum Bettler machen, die tugendhafteste Gattin zur Straßendirne.

Mehr noch! Wenn's ihm beliebte, so war der niedrigste, schmutzigste Leichenträger morgen Proprätor, und die verbuhlteste Gaditanerin wandelte gleichberechtigt an der Seite der Edeldamen.

Cäsar! Das klang majestätisch, wie Jupiter!

Nicht majestätischer?

Nero hielt ja wirklich den Donnerkeil in der Faust, während Jupiter ein Gespenst war. Nero Cäsar thronte in Wahrheit über dem Weltreich; Jupiter lebte nur im Gehirne des Pöbels.

»Ja, so ist's!« klang es traumhaft von den Lippen des Imperators. »Betet um Regen, ihr armselig-dummen Kolonen, wenn euch die Sonne den Boden zu Staub verdorrt! Jupiter kann's nicht gewähren. Der Cäsar aber, wenn' s ihm genehm ist, führt euch die claudische Leitung bis zum Soracte hinaus und bespült euch die Fluren mit olympischem Nektar. Jammert um Brot, wenn die alexandrinischen Kornschiffe ausbleiben, ihr kindischen Proletarier! Jupiter läßt euch verhungern, wenn nicht der Cäsar die unermeßlichen Speicher öffnet. Wäret ihr nicht vertiert bis zur Schwachsinnigkeit, ihr müßtet begreifen, daß mir die Altäre gebühren, mir der Weihrauch und der lodernde Opferbrand.«

Er warf sich wie erschöpft auf das Lager.

In diesem Augenblick drang ein kleiner, gelenkiger Mensch, den Kopf mit einem larvenartigen Leder umwunden, pfeilgeschwind ins Gemach. Er führte, den Arm fast im Kreise bewegend, nach dem Halse des Imperators einen sausenden Dolchstoß, der unzweifelhaft tödlich gewesen wäre, wenn er sein Ziel erreicht hätte. Die übermäßige Hast mochte indes dem jugendlichen Banditen die Sicherheit rauben. Der Stoß ging fehl und bohrte sich tief in das hartgepolsterte Unterkissen.

Mit einem Schrei der Entrüstung war Nero emporgesprungen.

Das also war die Unantastbarkeit seines Göttertums?

Wie rasend stürzte er auf den Angreifer los, ihm das Handgelenk zu umspannen. Der Bursche aber war flink wie ein Iltis. Die Waffe zurücklassend, huschte er durch die Thüre. Als Nero ihm nach wollte, stieß er mit Tigellinus zusammen. Gleich danach erschienen die Kammersklaven.

»Ihr Schufte!« herrschte Nero die Sklaven an. »Soll ich euch bei lebendigem Leibe zersägen lassen? Während ihr draußen im Winkel hockt und sauft oder Würfel spielt, laßt ihr's geschehen, daß euer Gebieter von Meuchelmördern bedroht wird!«

Die Leute zuckten zusammen.

»Das wolle Jupiter von dir abwenden!«

»Jupiter! Was frommt mir Jupiter gegen die Dolche der Niedertracht! Wäret ihr zur Stelle gewesen, wie eure Pflicht es gebot, so hätte der Majestätsverbrecher seine Missethat überhaupt nicht versuchen können.«

»Herr,« stammelte Cassius, »zweifle nicht, daß wir alle bereit sind, unser Herzblut für dich zu verspritzen! Aber die Kaiserin-Mutter hielt uns zurück. Sie wollte uns Aufträge geben – und muß dann vergessen haben, daß wir noch wartend unter den Säulen standen . . .«

»Aufträge . . .« stammelte Tigellinus. Er bückte sich und hob den dreikantigen Dolch des Banditen vom Teppich auf. In seinen Gesichtszügen malte sich ein heftiger, fast theatralischer Schreck.

»Cäsar, mein angebeteter Freund!« raunte er in höchster Verwirrung.

Dann zu den Sklaven: »Geht! Heißt das römische Volk Opfer entzünden zum Dank für die Rettung unseres glorreichen Imperators! Geht, geht! Ich selber werde dem Kaiser behilflich sein.«

Die Sklaven entfernten sich.

Tigellinus warf sich vor der löwenfüßigen Bettstatt des Imperators heuchlerisch in die Kniee und barg sein Antlitz wie ein Verzweifelter in den Falten der Purpurdecke.

»Claudius Nero,« stöhnte er dann, sich feierlich ausrichtend, »dieser Dolchstoß kam dir von Agrippina.«

Ein wildes Röcheln quoll über die Lippen des jungen Fürsten. »Sophonius!« rief er, die rechte Faust wie zum Schlage erhebend.

»Von Agrippina!« wiederholte der Sicilianer.

»Beweise mir's!« ächzte der Kaiser.

»Ich kann's, und deine Poppäa wird mir's bestätigen. Soll ich sie rufen lassen?«

»Thu was du willst! Aber wehe dir, wenn du mich täuschest!«

»Täuscht man auch seine Freunde? Mit diesem Kopfe steh' ich dir dafür ein, daß Poppäa genau das nämliche aussagt, wie ich. Meine Behauptung aber lautet wie folgt: Dies schöngeschliffene Stilett entstammt dem geheimen Mordarsenal, das sich die würdige Agrippina in der Wand ihres Cubiculums angelegt hat. Dort findest du ihrer noch mehrere. Wenn sie der Waffe, die ich hier in der Hand halte, nicht gleich sehen, wie ein Ei dem andern, so schleife mich nach den gemonischen Stufen!«

Er trat an die Thür und schickte einen der Sklaven, die in der Mitte des Säulenhofs wieder Stellung genommen, zu der ränkevollen Gemahlin des Otho.

Die kleine Phönicierin Hasdra, die auf Poppäas Geheiß mit der ihr eigenen wunderbaren Gelenkigkeit das Scheinattentat vollbracht hatte, war inzwischen, ohne von jemand bemerkt zu werden, bei ihrer Gebieterin angelangt.

Noch im ersten Korridor hatte sie sich die Ledermaske hinuntergerissen und das hochgeschürzte Gewand wieder fallen lassen.

Poppäa wartet längst in fiebernder Ungeduld. Da sie vernahm, daß alles genau so gelungen sei, wie verabredet, zog sie das Mädchen an ihre Brust und küßte sie zwanzigmal. Hasdra jedoch schien keinerlei Dank zu beanspruchen. Ihre Augen funkelten von dämonischer Freude. Dann schlich sie hinweg, setzte sich wieder auf ihr einsames Polsterkissen und weinte. Ihre Thränen galten dem toten Pharax.

Jetzt kam der Bote des Tigellinus.

Poppäa zögerte nicht. Was fragte sie nach den übrigen Insassen des Palatiums, die ihren Eintritt in das Cubiculum Neros bemerken konnten! Nachgerade schien es ihr an der Zeit, etwas freier und kühner die Wirklichkeit zu betonen, als während der Anwesenheit der Octavia.

»Cäsar, ich grüße dich,« sagte sie lächelnd, als ahne sie nichts. Sie umarmte ihn zärtlich.

»Herrin,« bat Tigellinus, »schenk mir für einige Augenblicke Gehör!«

»Was gibt's?« fragte sie neugierig.

Der Agrigentiner erzählte – zuerst von den Begebnissen im Hause des Lucius Menenius, dann von dem Auftritt mit Agrippina und schließlich von dem entsetzlichen ›Frevel‹, den ›ein unbekannter Verbrecher‹ wider den Kaiser in Scene gesetzt.

Poppäa Sabina gebärdete sich wie toll. »Nero, mein süßer Nero!« klagte sie unaufhörlich. »Lebst du noch, oder ist's ein Traum, daß ich dein teures Haupt hier zwischen den Händen halte? Ja du lebst! Ach, ich vergehe, wenn ich mir ausmale . . . Tigellinus, ich taumle . . . O, mein armes, armes, zerquältes Hirn! . . .«

Nach einer Weile flossen ihr sogar einige Thränen über die Wangen, echte, natürliche, breithinrollende Thränen.

In diesem Augenblick hielt ihr der Agrigentiner den dreimal gekanteten Dolch hin und sagte ruhig: »Sieh, Herrin, das ist die Waffe, die der Mörder zurückließ.«

Poppäa Sabina schrie gell auf. Sie sank, von den Armen des Tigellinus rechtzeitig aufgefangen, in eine gut erkünstelte Ohnmacht, während dem Kaiser in Wirklichkeit alles Blut nach dem Herzen strömte. Er schwankte. Mit beiden Händen stützte er sich auf den wuchtigen Bronzetisch, daß die silbernen Becher und Schüsseln hart widereinander klirrten.

Endlich ermannte er sich. »Poppäa,« raunte er tonlos, »zwinge mich nicht, das Ungeheure zu glauben . . .! Es wäre mein Tod, Poppäa!«

»Nicht der deine, denn du bist schuldlos. Nero . . .! Wenn Tigellinus dir schon gesagt hat . . . Er hat die Wahrheit gesprochen. Dieser Dolch . . .«

»Dieser Dolch . . .?« flüsterte Nero. »Ueberlege dir's! Du irrst dich, Poppäa! Du mußt dich irren, oder das weite All verdiente in Schutt zu sinken!«

Poppäa Sabina schüttelte traurig den Kopf. »Ich irre mich nicht. Die Urheberin dieser schrecklichen Missethat heißt Agrippina.«

Sie erzählte ihm nun den seltsamen Zufall, der sie mit dem Geheimnis jener verborgenen Mauerhöhlung bekannt gemacht hatte, und was sie dort wahrgenommen. Die Platte, welche den Zugang verdeckte, war augenscheinlich damals nicht vollständig eingefügt; denn späterhin hatte Poppäa versucht, die Eröffnung zu wiederholen, ohne daß ihr's gelungen wäre. Uebrigens könne ja Nero die Wand jederzeit mit Gewalt sprengen.

Starr, wortlos, den glasigen Blick tief in ihr heißes Gesicht bohrend, hatte der Kaiser ihr zugehört. »Schlau in der That!« ächzte er vor sich hin. »Sie selbst also liefert ihren Verbrechern die Mordklingen. Geht so ein Dolch dann verloren, bricht er etwa im Brustbein des Opfers ab, so führt das weniger leicht auf die Spur des Banditen, als wenn er mit eigenen Gewaffen zur That schritte. Meisterhaft!«

Es entstand eine Pause.

»Nero Cäsar,« begann endlich der Agrigentiner, »dieser Tag ist entscheidend. Zweierlei wirst du einsehen: erstens, daß Agrippina vor dem Gesetze den Tod verdient hat; Zweitens, daß sie allein schon um deiner Sicherheit willen hinweggeräumt werden muß. Die Mörderin zu verhaften und sie in Ketten vor den Senat zu schleppen: das wäre, streng genommen, die Pflicht des Kaisers, dessen erlauchte Person ja vor allem dem Vaterlande, dem Volk gehört. Aber ich weiß: das würdest du niemals ertragen – und ehrlich gesagt: dein Widerspruch schiene mir selbstverständlich. Selbst als Verbrecherin bleibt sie die Mutter des Imperators. Ein öffentliches Gerichtsverfahren würde das Ansehen der Dynastie, ja des gesamten römischen Staates in Frage stellen. Dein göttlicher Name soll nicht geschändet werden. Ueberlaß also mir die Beseitigung der Verworfenen, die aus erbärmlicher Herrschbegier das kostbare Leben des eigenen Sohnes bedroht! Ich rate dir das, ich verlange das, – oder ich töte mich selbst!«

»Folge ihm!« flehte Poppäa Sabina, sich auf die Kniee werfend. »Ich kann nicht atmen, wenn ich dein teures Haupt nicht für immer geschützt weißt.«

Sie zerriß ihr Gewand, sie durchwühlte mit krampfhaft zuckenden Fingern ihr Haar – und von neuem gelang ihr ein Thränenguß, reichlicher noch und ausgiebiger als zuvor.

Nero sträubte sich anfangs. Dann aber warf er die lähmende Dumpfheit, die auf ihm lastete, mit einem titanischen Zornesausbruche ab und ballte die Fäuste empor, als ob er die Götter für dieses Unheil verantwortlich mache.

»Die Elende!« rief er. »Sie watet im Blute bis über die Knöchel, und noch hat die Unersättliche nicht genug! Den eigenen Sohn muß sie schlachten, um ruhig schlafen zu können! Fort mit deiner erbärmlichen Schwäche, du feiges, qualdurchzittertes Herz! Strafe sie, Tigellinus! Handle, töte, morde, wie dir's genehm ist!«

»Ich danke dir, Cäsar! Nur um eins noch muß ich dich bitten, wenn alles gelingen soll.«

»Nun?«

»Begegne der Agrippina von dieser Stunde an jedesmal so, wie ich es für gut finde! Nur Worte, nur Gebärden und Mienen sollst du uns beisteuern: für die That sorg' ich allein, – und ehe du's ahnst.«

Noch einmal zögerte Nero. Aber da lag das Stilett mit seiner funkelnden Klinge . . .

»Sie hat es gewollt,« hauchte er durch die Zähne.

Dann bot er dem Agrigentiner die Hand und sagte mit hohler Stimme: »Es sei!«

Sechzehntes Kapitel.

Acht Tage später weilte Nero mit seinem glänzenden Hoflager wieder in Bajä.

Seneca nur, der eine Reihe wichtiger Staatsgeschäfte zu ordnen hatte, und Burrus waren zu Rom verblieben. Burrus ›mit Rücksicht auf die Ereignisse im Haus des Menenius‹.

Da nämlich ein Militärtribun – Pharax – bei der Verschwörung beteiligt gewesen, so hielt Tigellinus, wie er mit großem Nachdruck betonte, die äußerste Wachsamkeit für notwendig, und ›niemand konnte in dieser Beziehung den ausgezeichneten Burrus vertreten‹.

In Wahrheit wünschte der schlaue Agrigentiner den einzigen Mann, der ihm bei dem unglaublichen Anschlag wider die Kaiserin-Mutter hinderlich dünkte, vom Schauplatz der geplanten Intrigue fernzuhalten.

Agrippina war seit jener peinvollen Scene im Cubiculum ihres Sohnes nicht wieder zum Vorschein gekommen. Zwei lange, trostlose Tage hatte sie einsam in ihren Gemächern verbracht und die Gefühle des Zornes und der Rachsucht verarbeitet, die ihr beinahe den Atem versetzten. Am dritten Tage reiste sie Hals über Kopf mit geringer Gefolgschaft ab. Pallas sogar durfte sie nicht begleiten: sie wollte die Schlichte, Verwaiste, Verstoßene spielen . . . Zu diesem Behuf wählte sie einen Aufenthaltsort, der zwar gleichfalls am bajanischen Meerbusen, aber doch hinlänglich von Bajä entfernt lag, um den Eindruck der Zurückgesetztheit, vielleicht gar des Exils zu machen. ›Wie?‹ sollte die Welt staunend ausrufen, ›Claudius Nero schwelgt unter den Prachtkolonnen seiner olympischen Villen; sein ganzes Leben ist ein einziger Wonnerausch: und drüben in dem stillen Bauli bewohnt Agrippina, die ihn zum Herrscher gemacht, ein verödetes Bauerngehöft? Welch eine Mutter!‹

In Bauli nämlich stand ein reizendes kleines Landhaus, das die Kaiserin jüngsthin ihrer Vertrauten Acerronia zur Hochzeit geschenkt hatte. Die rothaarige Cordubanerin war nun schon Witwe. Man lebte schnell im Rom der Imperatoren.

Nero und Tigellinus schienen den vielberufenen bajanischen Taumel diesmal toller und übermütiger kosten zu sollen, als je. Poppäa Sabina war die ausgesprochene Oberpriesterin eines Kultus, der sich aus allen erdenklichen Daseinsgenüssen gleichmäßig zusammensetzte.

Man feierte Orgien einer krankhaft verzückten Naturschwärmerei; man beging Ausschweifungen im Gebiete der Kunst; man raste vor überschäumender Sinnlichkeit.

Tigellinus hatte die schöne Kitharaspielerin Chloris inzwischen völlig erobert. Ihrer Vergangenheit uneingedenk, hing sie bei den tollen Symposien jauchzend an seinem Hals.

Nero, wenn er sie so gewahrte, lächelte hohnerfüllt. Er entsann sich dann jenes Abends bei Flavius Scevinus, da Chloris noch makellos vor die lauschenden Gäste trat, und jenes ergreifende, unvergeßliche Lied sang.

So mußten die Dinge sich wenden! Die keusche Braut des Artemidorus – und jetzt? Pah, der ehemalige Sklave würde sie schon verschmerzen: er würde sich sagen: das sei der Lauf der Natur und der Wille des Schicksals. Wozu leuchteten diese Mädchenblüten, wenn sie nicht am Altare der imperatorischen Allmacht geopfert wurden? Tigellinus von Chloris umschlungen – das war, als würde ein Pfeiler der cäsarischen Götterburg mit Rosen geschmückt.

Das Lied, das Lied! Bei dieser Erinnerung tauchte wohl ein süßes, blondes Gesicht vor ihm auf, ein Blumenantlitz mit großen, tiefblauen Augen. Diese thränenumflorten Augen schienen zu sagen: ›Ich habe dich lieb gehabt, wie nichts im Himmel und auf der Erde. Aber nun bin ich lange schon tot.‹

Dann legte er mit der Hast eines Fieberkranken die Linke um die schwellende Hüfte Poppäas, rief ein feuriges ›Evoë!‹ und leerte den Becher, ohne nur abzusetzen, bis auf die Neige. –

Tigellinus und Poppäa Sabina schienen bei diesem Getümmel der Lebenswonne die Verurteilung Agrippinas völlig vergessen zu haben. Kaum, daß hie und da der Agrigentiner bei einer Schaustellung syrischer Tänzerinnen etwas zu spät kam, oder sich heimlich entfernte, eh' noch die lärmende Commissatio zu Ende ging. Auch hätte es auffallen können, daß der Flottenbefehlshaber Anicetus, dessen Kriegsschiffe nur wenige Meilen westwärts am Cap Misenum vor Anker lagen, jetzt öfter und freundschaftlicher mit Tigellinus verkehrte, als früher. Niemand jedoch fand hier in Bajä Zeit, das Treiben der andern ernstlicher Betrachtung zu unterziehen, und Nero, der einzige, dem dies nahe gelegen hätte, suchte sich absichtlich zu betäuben.

So ahnte denn keine Seele, daß der tückische Anicetus gegen die Summe von drei Millionen Sesterzen sich bereit erklärt hatte, die Vollstreckung des ›Urteils‹ an Agrippina zu übernehmen.

Zu Anfang der dritten Woche bat Tigellinus den Kaiser ›um einige Augenblicke seiner wertvollen Zeit‹.

»Was gibts?« forschte der Imperator, dem eine bängliche Ahnung schon den ganzen Tag über auf der Stirne gelastet.

»Wenn dir's genehm ist, so folge mir!« sagte der Agrigentiner. »Wir ersparen uns so eine umständliche Erörterung.«

Er geleitete nun den Kaiser in das reizende, braun dekorierte Zimmer, das mit der Längswand unmittelbar an den Park stieß. Ein kleines, glasloses Fenster erschloß den Anblick über ein wahres Meer blühender Rosenbeete. Rechts von dem Fenster stand ein kostbarer Schreibtisch, die Füße von Erz, die Platte vom Querschnitt eines prächtigen Zedernstammes.

Hier schrieb Tigellinus, der neuerdings beinahe das Amt eines Mitregenten versah, die kaiserlichen Depeschen an Burrus und Seneca.

Hier hatte er jüngsthin dem Otho nach Lusitanien vermeldet, daß man den Mitverschworenen des Lucius und Didius Menenius noch immer nicht auf der Spur sei; daß man jedoch zu der Vermutung neige, einzelne der dem Otho unterstellten Centurionen seien für die Sache des Aufstands gewonnen worden; daher denn Otho vorsichtig, aber energisch der Angelegenheit auf den Grund gehen möge.

An diesem Schreibtische wurden ferner die zahlreichen, mit allen Floskeln einer banalen Rhetorik ausgestatteten Liebesbriefe entworfen, die der sieghafte Tigellinus, ungeachtet seiner bevorzugten Neigung für die Rhodierin Chloris, gleich halbdutzendweise vom Stapel ließ. Rings in dem weiten aphroditefreundlichen Bajä gab es kaum eine vornehme Großstädterin, mit der Tigellinus nicht in vollschwellendem Griechisch korrespondiert hätte, natürlich vorausgesetzt, daß die freundliche Korrespondentin jung, gefällig und hübsch war. Seine schneidige Rohrfeder strömte nur so von glühenden Apostrophen und funkelnden Schmeichelworten.

Jetzt freilich herrschte auf der schön gemaserten Zedernplatte, die sonst mit ernsten und zierlichen Manuskripten breit überdeckt war, eine mustergültige Klarheit. Nur zwei lange Papyrusstreifen, der eine leer, der andre beschrieben, lagen vereinsamt vor der goldgetriebenen Urne mit dem flüssigen Schreibschwarz.

»Herr,« begann Tigellinus feierlich, »dir und mir, und vor allem auch der besorgten Poppäa hab' ich's gelobt, jene traurige Angelegenheit, die während der letzten Tage zu Rom uns in Aufruhr versetzte, – ich meine den Frevel der Kaiserin-Mutter – möglichst ohne dein Vorwissen zu erledigen. Gleichwohl scheint es unmöglich, jede Beteiligung deinerseits zu vermeiden. Ich ersuche dich also, den Brief hier abzuschreiben, und heute noch an die Kaiserin Agrippina hinüberzusenden. Der Brief enthält alles, was ich bei reiflicher Ueberlegung für nötig erachte. Einen Nachmittag lang wirst du dann eine Rolle zu leisten haben, die bei dem großen schauspielerischen Talent, das Apoll dir verliehen hat, peinlich zwar, aber nicht unbezwinglich erscheint. Du sollst dich nur so gebärden wie früher: als der höfliche, pietätsvolle Sohn, der nicht ahnt, was die unnatürliche Mutter ihm zugedacht.«

Der Cäsar nahm den Papyrusstreifen mit leise bebender Hand von der Tischplatte. Das Schreiben lautete:

»Claudius Nero Cäsar wünscht seiner geliebten Mutter Agrippina Glück und Gesundheit.

Zu meiner tiefsten Betrübnis nehme ich wahr, vielteuere Mutter, daß jener Auftritt mit Sophonius Tigellinus mir Deine Seele ganz zu entfremden droht.

Ich will hier nicht untersuchen, inwieweit die Beschuldigungen des Mannes, der seinem eigenen Geständnis zufolge in höchster Erregung gesprochen, wahr oder unwahr sind. Ich weiß nur, daß die Sterblichen ausnahmslos ihre Fehler haben; daher es die größte Thorheit wäre, gerade Dir zum Vorwurf zu machen, was allen gemeinsam ist. Mir, Deinem Sohne, steht es am wenigsten zu, Dich zu richten; denn was Dir auch etwa zum Uebeln gedeutet wird –: Du hast es gethan und verbrochen um meinetwillen. Die Mutterliebe jedoch ist selbst da noch ehrwürdig, wo sie um des geliebten Kindes willen auf Irrpfade gerät.

Laß mich kurz sein! Ich fühle, daß ich Dich heut noch liebe, wie einst, und daß mir die echte Freude am Leben vergällt wird, dafern wir länger in Groll und Feindschaft leben. Sonach bitte ich Dich: wirf das Vergangene rückhaltlos zu den Toten und reich mir wieder die teure Hand, die mich so oft – und wahrlich niemals zu meinem Schaden – gelenkt und geleitet hat.

Willst Du, dann soll es der Welt sich auch äußerlich offenbaren, daß wir völlig versöhnt sind. Ich lade Dich ein, den morgigen Tag bei Deinem wiedergefundenen Sohn zu verbringen. Tigellinus, den ich ob seiner Frechheit zu strafen gedenke, hat seit gestern Bajä verlassen. Ich habe den sonst so vortrefflichen Mann, der ja auch nur aus treuester Liebe zu mir sich vergangen hat, bis auf weiteres nach Rom geschickt, wo er die Arbeitslast des würdigen Seneca ein wenig erleichtern mag.

Antworte mir durch den Sklaven, der dies Schreiben Dir überbringt! Ich hoffe, Du schlägst mir meine Bitte nicht ab. Auf Wiedersehen, vielteure Mutter! Gehab Dich wohl!«

Nero blickte fragend zu Tigellinus auf. Dieser jedoch bat ihn dringend, keinerlei Auskunft zu heischen.

Schwer seufzend ging der Cäsar ans Werk. Nachdem er die Abschrift vollendet, begab er sich hastig ins Frigidarium. Die Stirn glühte ihm: das quellfrische Bad sollte ihm wohlthun.

Inzwischen sandte der siegesgewisse Agrigentiner den Brief durch einen reitenden Boten nach Bauli.

Schon zur Stunde der Coena kam die Antwort zurück.

Die Kaiserin schrieb:

»Agrippina ihrem geliebten Sohn Claudius Nero.

Deine Zeilen hab' ich erhalten. Ich entnahm daraus die erquickliche Kunde von der längst erwarteten Sinneswandlung, die in Dir vorgegangen. –

Daß Du den Tigellinus entfernt hast, erscheint mir ebenso weise als rücksichtsvoll. Dieser Mensch – darüber möcht' ich Dir jeden Zweifel benehmen – hegt keinerlei Freundschaft für Dich. Er schmeichelt Dir aus ganz gewöhnlichem Eigennutz. Er will Dich beherrschen, um Dich hinterher auszubeuten. Ich dagegen, wenn ich Dich lenken und leiten wollte, ich, Deine Mutter, verfolgte dabei den einzigen Zweck, der mir von Anbeginn vor der Seele stand: Dein Glück, Deine Größe und die dauernde Festigung Deiner Herrschaft. Sich der Mutter zu fügen – (wie viel hundertmal hab' ich Dir das betont!) – kann sogar den Heroen und Halbgöttern nicht zur Schande gereichen. Der alles zermalmende Coriolanus zog mit dem Heere von Rom ab, weil seine Mutter ihm ins Gewissen sprach.

Genug. Ich komme also, und zwar – was soll ich's verhehlen? – mit großer Freude.

Sorge dafür, daß wir anfangs allein sind! Wir müssen uns aussprechen.

Wenn das Wetter sich einigermaßen hält, komm' ich zu Schiff. Eine Stunde nach Sonnenaufgang denk' ich dort anzulangen. Es begleitet mich nur Acerronia nebst einigen Sklavinnen.

Bleibe gesund!«

Tigellinus, der das Billet Agrippinas eröffnet hatte, nickte stumm vor sich hin. Er begab sich sofort zu Poppäa, wo der Flottenbefehlshaber Anicetus bereits auf ihn harrte.

Als er, das bläulich getönte Papyrusblatt in der Linken, über die Schwelle schritt, fuhren die beiden giererfüllt aus den Sesseln empor und starrten ihn an, wie ein Gespenst. Auch die Phönicierin Hasdra, die an dem fürchterlichen Geheimnis teil hatte, zuckte zusammen, und wühlte die nachtschwarzen Augensterne tief in das Antlitz des Agrigentiners.

»Hier!« flüsterte Tigellinus lächelnd. Die Aufgeregtheit seiner Genossen ergötzte ihn.

Nachdem Poppäa und Anicetus von dem Inhalt des Schreibens Kenntnis genommen, ward der Beschluß gefaßt, dem Kaiser den Brief vorzuenthalten, da der verständige und glaubhafte Ton, den sie anschlug, gefährlich sei.

»Wenn sie erst hier ist,« sagte Poppäa, »will ich schon dafür einstehen, daß die Wirkung selbst ihrer zärtlichsten Schmeichelworte nicht vorhält. So aber, wenn er das läse, was sie so schlau ihm gedrechselt hat, möchte er's breit überlegen und seinen Bedenken Raum geben.«

»Wohl gesprochen,« nickte der Agrigentiner. »Die Sache liegt gerade so knapp leidlich: ein bloßer Aufschub kann uns verderblich werden. Agrippina ist unablässig am Werke. Gibt man ihr Zeit, so glückt's der alten Schlange vielleicht doch noch einmal, sich emporzuringeln.«

»Das verhüte mein Glücksstern!« seufzte Poppäa. »Ich empfinde bei diesem Gedanken wirkliche Todesangst.«

»Ich für mein Teil,« sagte der Agrigentiner, »fürchte sie weniger als ich sie hasse. Auch steht meine Eitelkeit auf dem Spiele. Ich kann und darf nicht besiegt werden.«

»Nein, du darfst nicht, erlauchter Herr!« zischelte Hasdra, die Hände reibend. »Sie hält sich für eine Göttin. Zeige ihr, daß sie sterblich ist! Töte sie, und mit Wonne will ich den Staub küssen, den deine Sohle getreten!«

»Höre ich recht,« sagte der Flottenbefehlshaber Anicetus. »Du bist nicht nur das treugehorsame Werkzeug deiner Gebieterin, sondern du selber hast Gefühle der Feindschaft?«

»Ja, Herr!«

»Aber weshalb?«

»Kanntest du nicht Pharax, den Militärtribunen? Da er noch einfacher Prätorianer war, liebte er mich. Spotte nur, Tigellinus! Auch Hasdra, die Unschöne, die euch allen mißfällt, ist wirklich geliebt worden. Die große Buhlerin aber hat mir ihn weggelockt . . . Ach, könnt' ich ihr nur ein einziges Mal an die lüsterne, schändliche, frechverlogene Gurgel!«

Sie ballte die Faust in der Richtung von Bauli. Ihre Züge verzerrten sich; hinter den halbgeöffneten Lippen blitzten die fest aufeinandergepreßten Zähne, – weiß und scharf wie die eines Schakals.

Der elementare Ausbruch dieses rasenden Hasses wirkte auf Poppäa verblüffend.

»Beruhige dich!« sagte sie huldvoll. »Agrippina wird sterben, auch ohne daß du mit Hand anlegst. Schäme dich doch! Du weinst?«

»O nein! Ich weine nicht mehr. Das hab' ich seit lange verlernt. Nur die Wut macht mir die Augen feucht. Ach, die herzzerfressende Wut!« . . .

Nero hatte indes, nachdem er das Bad verlassen, einsam in der Kühle der Exedra auf den Polstern gelegen, und bald die marmornen Standbilder in den braunroten Blenden gemustert, bald einige Schriftstücke durchblättert, die ihm vor kurzem durch einen der palatinischen Eilboten zugestellt worden waren. Die Tagesberichte des Seneca und des Burrus hatte er nur leicht überflogen, obgleich namentlich die Epistel des letzteren Dinge enthielt, die nicht ohne Bedeutung schienen. Burrus meldete die erfolgte Verhaftung zweier Tribunen, die sich verschworen hatten, den Kaiser und Poppäa Sabina zu töten. Nach ihren Gründen befragt, hatten sie trotzig geantwortet: »Unsre Schwerter sollten die edle Octavia rächen!«

Eine Minute lang hatte der Kaiser über den Zwischenfall nachgedacht. Seine Empfindungen gipfelten in dem Satze: »Um Octavias willen regt sich die Mordlust: also Octavia bedroht meine Sicherheit!«

Dann aber schlug er sich diesen Gedanken und die daraus quellende jähe Verbitterung rasch aus dem Sinne. Weit mehr, als alle Berichte des Burrus über noch so unverhoffte Begebnisse interessierte ihn die Zuschrift des Phaon, den er als Oberverwalter der Hofburg in Rom zurückgelassen.

Phaon überschickte ihm nämlich den Plan und den Kostenanschlag für ein neues üppiges Landhaus, das auf der Höhe des Hügelkammes zwischen Bajä und Cumä erbaut werden sollte, – ein funkelndes Zeugnis für die Verschwendungswut und das nachgerade persisch gewordene Luxusbedürfnis des Imperators.

Das war binnen weniger Monate schon der fünfte Monumentalbau, den der Kaiser für seine eigene Person hatte entwerfen lassen. Zwei der Prunkhäuser standen bereits vollendet; denn die Sklaven und Arbeiter, die unter dem Oberbefehle der Architekten, Maler und Bildhauer bei Tag und bei Nacht auf den Beinen waren, bildeten eine Armee . . .

»Entzückend!« murmelte Nero, sich von neuem in die Einzelheiten vertiefend. »Beim Zeus, das nenne ich doch Verständnis für die Lebensanschauung des Weltbeherrschers! Allerdings – die Kosten stehen im Verhältnis zur Ausstattung! Neunhundert Millionen! Ich zweifle sehr, ob einst Semiramis so fürstlich gewohnt hat. Neunhundert Millionen! Geld genug, um ganz Alexandria in alle Ewigkeit von Steuer und Last zu befreien!«

Er stützte den Kopf in die Hand. »Für wen säest du also, keuchender Landmann im Delta des Nils? Für wen jagst du mit Gefahr deines erbärmlichen Daseins den Löwen, knochiger Mauretanier? Für wen züchtet ihr eure prächtigen Rinderherden, ihr schmutzigen Ansiedler des blauen Danubius? Und ihr in Südhispanien und Kappadocien die feurigen Rosse? Für mich, den Cäsar, dem ihr noch danken müßt, wenn er euch so viel beläßt, damit ihr nicht Hungers sterbt, und weiter säen, weiter jagen und züchten könnt! Ein herrliches, ein olympisches Hochgefühl! Wenn dieser Taumel mich packt, dann sinkt die Erde spurlos vor mir hinab; dann fühle ich, daß der Cäsar höher steht als das Fatum. Raubt mir doch, was ich liebe: es ist ein flüchtiger Tautropfen! Was ich aber beherrsche, was ich zerstäuben kann, das ist ein unerschöpfliches Meer, ein Ozean winselnder, elender Kreaturen!«

Er starrte verzückt nach der holzgeschnitzten Decke empor, als gewahre er durch das schönverschränkte Gebälk die Unendlichkeit des entgötterten Himmels, für die nur ein erlauchter Gast noch bestimmt war: er selbst!

So fand ihn sein Adjutant Tigellinus.

»Herr,« sprach er im Tone einer geschäftlichen Mitteilung, »morgen in aller Frühe wird Agrippina hier eintreffen.«

»Ich wußte es,« sagte der Kaiser zerstreut. »Wo Claudius Nero befiehlt, da gehorcht selbst die Trotzigste unter den Trotzigen.«

»Nennst du das ernstlich einen Befehl, was in so schmeichlerischen Ausdrücken abgefaßt war?«

Nero fuhr sich über die Stirn. »Ja, ich entsinne mich,« sprach er, als ob er nun plötzlich aus weltfernen Illusionen zur Wirklichkeit heimkehre. »Ja, ich bat, ich, der ich doch mit dem Blick meines Auges die ewige Roma zertrümmere! Aber du selber hast Schuld daran. Ich habe nur nachgeschrieben, was du mir vorgelegt.«

»Mit gutem Bedacht, Herr! Mein Bote vermeldet mir, Agrippina sei überglücklich gewesen, und so erregt, daß sie zur schriftlichen Antwort nicht Zeit gefunden. Sie läßt dir hundert zärtliche Grüße entbieten, denn sie glaubt dich zu deiner früheren Demut völlig zurückbekehrt.«

»Demut!« rief Nero hohnlachend. »Sie sollte doch wissen . . .! Demut! Ich, ich, der Cäsar!«

Er sprang empor und schritt ein paarmal tief nachdenklich auf und nieder. »Verzeih!« sagte er endlich. »Deine Hand, Tigellinus! Du bist einer von den wenigen Sterblichen, denen ich gern und aus innigstem Herzen danke. Ich war nicht ganz bei der Sache. Die Berichte des Phaon – ich wollte sagen: des Burrus . . . Hier: lies selbst! Also sie kommt? Und was hab' ich nun weiter zu thun, da ich dir doch gelobt habe . . .?«

»Wir besprechen das noch,« unterbrach ihn der Adjutant. »Du scheinst seltsam erschüttert. Was dir Burrus da meldet, hörte ich schon durch Poppäa. Sie weiß alles, diese Perle der Frauen. Die zwei meuterischen Tribunen, die er entwaffnet hat, sind durch Agrippina erkauft gewesen.«

»Wer sagt das?«

»Poppäa. Und sie wird dir's nächstens beweisen. Sprich nur jetzt nicht davon! Sie könnte sich aufregen, und wir müssen doch frisch und elastisch sein, wenn es nun gilt.«

»Du hast recht, Tigellinus! Sie muß geschont werden. Zumal jetzt, da sie die Aussicht hat . . . mir ein Kind zu schenken.«

»Cäsar, mein Freund!« stammelte Tigellinus bewegt, als hätte er nicht schon längst um dieses Geheimnis gewußt. »Deine süße Poppäa . . .? O, du seliger, du dreimal seliger Fürst! Nun hab' ich die volle Bürgschaft, daß alles gut geht. Das Kind des Kaisers liegt am Herzen der Götter. Noch einen Tag, – und Nero wird endlich von der giftgeschwollenen Natter befreit sein, die unablässig sein teures Haupt bedroht. Geh, mein Claudius! Speise mit deiner Poppäa! Bleib für heute mit ihr allein! So beruhigst du dich. So stählst du dein Herz und das ihre für die letzte entscheidende Fehde. Sei glücklich, Cäsar! Tigellinus wird für dich arbeiten.«

Siebzehntes Kapitel.

Am folgenden Morgen brach Agrippina, wie vereinbart, in aller Frühe von Bauli auf.

Nero, von einem glänzenden Hofstaat umringt, begrüßte sie feierlich an der Landungstreppe, half ihr mit emsiger Höflichkeit aus der Barke und küßte ihr beide Hände. Auch Acerronia wurde huldvoll bewillkommt.

Agrippina, mit dem Cäsar vorauf, schritt nun die Stufen hinan zu dem breiten, myrtenumhegten Pfade, wo die Sänften bereit standen. Selbst die wenigen Schritte bis zum Vestibulum sollten der Fürstin erspart bleiben: so streng nahm es der Flottenbefehlshaber Anicetus mit den Forderungen der Etikette.

Ein Freigelassener des Kaisers war inzwischen damit beauftragt worden, die Barke abseits in einer der ausgemauerten Buchten anpflocken zu lassen, und die schweißtriefenden Ruderknechte, sowie die Sklavinnen Agrippinas ordnungsgemäß zu verpflegen.

Poppäa Sabina, das Haupt voll Demut geneigt, die Hände nach orientalischer Sitte über der Brust gefaltet, harrte bereits am Eingang des Atriums. Längst hatte sich Agrippina daran gewöhnen müssen, die willensstarke Poppäa als eine ebenbürtige Macht anzuerkennen. Der Kaiser empfand für die schöne, in allen Schmeichelkünsten erfahrene Frau in der That eine leidenschaftliche Neigung, die nur dann flüchtig verdunkelt wurde, wenn ihn das halbverblaßte Erinnerungsbild Actes beschäftigte, oder in Augenblicken jener unstillbaren Lebensgier, die ihn meist dann ergriff, wenn er am tiefsten philosophiert hatte. Von solcher Ekstase geschüttelt, wünschte er allen Weibern der Erde einen gemeinsamen wonnestrahlenden Leib, um so in einer einzigen Liebesumarmung alles das auszukosten, was Aphrodite in ihrer göttlichen Thorheit so kläglich zersplittert hatte. War die Ekstase nachhaltig, so bemühte er sich wohl einige Tage lang, die Splitter zu sammeln. Von einer Inkarnation der Schönheitsidee schwärmte er dann zur andern. Er küßte die Töchter der Senatoren ganz mit der nämlichen Inbrunst wie die sigambrischen Sklavinnen; die Gemahlin des Konsuls wie die des Maultiertreibers; die Modedame Septimia, wie die Sängerin Chloris, die keine Gewissensbisse empfand, ihrem Liebhaber Tigellinus untreu zu werden, nachdem sie das wahre Glück ihres Lebens mit Artemidorus längst über Bord geworfen. Immer jedoch kehrte der Cäsar mit erneuter Leidenschaft zu Poppäa zurück, und diese war klug genug, von den Streifzügen des Gewaltigen nichts zu bemerken. So verlor er sich mehr und mehr an die Unwiderstehlichkeit ihrer Anmut.

Jetzt vollends, da man sich überall zuflüsterte, Poppäa Sabina fühle sich Mutter, und Otho, von dem Sachverhalt in Kenntnis gesetzt, habe ruhig und ohne Erbitterung die Absicht geäußert, sich scheiden zu lassen, – jetzt vollends mußte sich Agrippina bekennen: ›Wenn ich hier siegen will, darf ich den Haß, den die Dirne mir einflößt, nicht an den Tag legen.‹

Sie verstand es denn auch, diesen Entschluß meisterlich durchzuführen. Die demutsvolle Gebärde der jungen Frau ward glänzend belohnt. Agrippina umarmte sie, nannte sie ihre teuerste Freundin, küßte sie auf die halbgeöffneten Lippen, und schwur, die süße Poppäa habe noch nie so entzückend, so hold und so schwärmerisch ausgesehen, wie jetzt.

Gleich danach tischte man unter dem Zeltgewebe des kleinen Tricliniums ein köstliches Frühstück auf. Nur fünf Personen waren bei diesem Prandium beteiligt: Nero, Agrippina, Acerronia, Poppäa und der Flottenbefehlshaber Anicetus.

Der Agrigentiner hielt sich während des ganzen Tages verborgen. Alle Welt glaubte, er sei verreist. Uebrigens wurde sein Name während des Mahls nicht erwähnt.

Anicetus und Poppäa Sabina trugen vorzugsweise die Kosten der Unterhaltung. Insbesondere war Anicetus gegen seine Gewohnheit gesprächig. Es galt ja, der Kaiserin-Mutter jede Möglichkeit einer Verständigung mit dem Kaiser von vornherein abzuschneiden. Durch Poppäa und Acerronia mit lautem Beifall belohnt, gab er ein überraschendes Seemannserlebnis nach dem andern zum besten, – bald durch den Reiz der Gefahr und der Spannung wirkend, bald aufs Gebiet der Komik und der Verliebtheit abschweifend, oder die Neugier durch unaufgeklärte Rätsel kitzelnd. Selbst die Kaiserin-Mutter schien ein paarmal durch die lebhafte Art und Weise des Mannes völlig gepackt zu sein.

Jeder Zuschauer würde geglaubt haben, an dieser üppigen, gold- und silberglänzenden Tafel herrsche der fröhlichste Lebensgenuß, die klarste Gemütsruhe, die sonnigste Heiterkeit.

Agrippina jedoch kämpfte mit einem seltsamen Unbehagen. Daß sie noch mißtrauisch war, das merkte Poppäa an der zwar unauffällig, aber doch sehr konsequent gehandhabten Vorsicht, mit der sie erst dann eine Speise berührte, wenn der Kaiser oder Poppäa davon gekostet hatte.

Einmal, wie Agrippina gerade den Kopf wandte, machte Poppäa den Imperator mit einer nur ihm verständlichen Handbewegung auf diese Thatsache aufmerksam.

Nero krauste die Stirn. Die Aengstlichkeit Agrippinas schien ihm der klarste Beweis ihrer Schuld.

Mit dem Zeigefinger der Hand schrieb er wie spielend ein langgezogenes B auf den Tisch.

In den Augen Poppäas glomm eine stille Genugthuung. Sie wußte: dieses – hieß ›Britannicus‹.

Das Prandium war ausgezeichnet. Riesige Austern und zarte, grätenlose Muränen; das vortrefflichste Garum, das jemals ein römischer Kochvirtuose bereitet hatte; zwei Pasteten, – eine von Lerchengehirn, die andre von gedünstetem Rehfleisch mit zwanzig Gewürzen; Früchte aus den berühmtesten campanischen Kunstgärten –: kurz, das Erlesenste aus allen Gebieten ward hier von den prunkvoll gekleideten Dienern vorgelegt, während ein schneegekühlter, blinkender Aetnawein den berauschendsten Duft verströmte.

Die einzige aber, die von all diesen Herrlichkeiten Genuß empfand, war die Hispanierin Acerronia. Sie schwelgte – und mehr als eine herzerquickende Schale goß sie mit dem brünstigen Wunsch über die Zunge, die Tage der Einsamkeit in der Villa zu Bauli möchten nun wirklich zu Ende sein.

Wie anders lebte sich dies vergängliche Leben hier unter dem luftgebauschten Velarium, als drüben in ihrem ›Hochzeitsgeschenk‹! Dank den Unsterblichen, war sie den schauderhaften Ehegemahl jetzt los: nun fehlte nur noch der flotte, farbenreiche Verkehr von ehedem, und ein Ersatz für den Toten! Sie wollte nicht wieder heiraten, – nicht um die Welt: aber . . . einen Freund wünschte sie sich. ›Allgütige Cypria, du kennst ja das Leid junger, lebenslustiger Witwen!‹

Anicetus zum Beispiel . . . Seine Nase war etwas breit; aber man küßte ja nicht mit der Nase!

Beim Herkules, wie er so schlankweg plauderte, und so herzlich mitlachte, wenn Acerronia losplatzte – da begriff sie gar nicht, daß sie ihn früher so wenig beachtet hatte! Und nun gar ihre lächerliche Vision im Park des Scevinus! Seine jetzt so beweglichen Augen hatten sich damals jählings geschlossen . . . Grünliches Wasser floß ihm über das Antlitz. Der Mund war verzerrt, bleich, schreckhaft . . . Und hinter ihm die Pomona, die mit einemmal die Züge der Kaiserin-Mutter annahm . . .!

Zu albern!

Nun, die kluge Aegypterin Epicharis hatte ihr ja schon damals eine günstige Deutung gegeben. Sie hatte geweissagt, der Flottenbefehlshaber werde sie einstmals im Lauf der Jahre fröhlich zum Hafen geleiten . . . Der Hafen natürlich konnte auch bildlich gemeint, und als Minneglück aufgefaßt werden . . .

So gingen ihre Gedanken auf und ab, und die Zukunft malte sich ihr in verlockenden Bildern.

Während der Mittagsglut hielten sämtliche Insassen der Villa Rast.

Zwei Stunden erst vor Beginn der Hauptmahlzeit fand man sich in der Exedra, dem kühlsten Raume des Hauses, wieder beisammen, wo die Sängerin Chloris einige Lieder vorsang.

»Zierliche Rhodierin,« sagte der Kaiser, als sie zum zweitenmal die Kithara gesenkt hatte, »jetzt noch eines, das wir lange entbehrt haben. Ich bitte dich, sing uns dein weiches, volltönendes › Glykeia mater‹!«

› Glykeia mater . . .‹ – ›O süße Mutter . . .‹ – das war der Anfang eines beliebten dorischen Volksliedes.

Die ganze Zuhörerschaft, vor allem Poppäa und Anicetus, klatschten dem Cäsar Beifall.

Agrippina gab sich dem Zauber dieser feinfühligen Aufmerksamkeit willig gefangen. Sie war nun ganz überzeugt: der junge Kaiser gehörte ihr wieder an. Daß die Stimme Neros bei der Aufforderung, die er an Chloris richtete, merklich gebebt hatte, legte sie vollends zum Guten aus. Was ihr Stolz auch gelitten, wie sehr auch ihre Herrschbegierde sich aufgebäumt hatte wider den störrischen Knaben, der ihr so dreist, so unerwartet über den Kopf gewachsen: er war und blieb doch ihr zärtlich geliebtes Kind. Und da die Sängerin nun begann, und den Worten › Glykeia mater‹ die ganze Glut ihrer leidenschaftlichen Seele einhauchte, da klangen die herzbewegenden Töne so hold, so verführerisch, daß Agrippina, die Meisterin sieghafter Selbstbeherrschung, für Augenblicke vergaß, was sie sonst für das erste Erfordernis ihrer Würde hielt. Ihre Augen feuchteten sich; zwei funkelnde Thränen schienen bereit, ihr von den Wimpern zu rollen, als Sühne vielleicht für so manche blutige That, die durch kein Gebet wieder gut gemacht werden konnte.

› Glykeia mater‹ sang die Rhodierin Chloris.

Inzwischen rückte für die also Gefeierte der Moment des Verderbens näher und näher.

In der vierten Stunde nach Mittag ward unter Hinzuziehung sämtlicher Hausgenossen und zahlreicher Gäste die Coena eröffnet.

Der Phönicierin Hasdra war auf ihren dringenden Wunsch hin gestattet worden, die Austeilung der üblichen Kränze zu übernehmen. In wallendes Rot gekleidet, ernst, langsam, weihevoll, als begehe sie eine heilige Handlung, so nahte sie der festlich geschmückten Doppeltafel. Zu oberst auf ihrem Flachkorb lag ein Gewinde von weißen Rosen, das sich durch Fülle und Feierlichkeit von den übrigen auszeichnete. Funkelnden Auges trat sie zum Ehrenplatz, wo die stolzlächelnde Agrippina zwischen dem Kaiser und dem Flottenbefehlshaber Anicetus auf prunkenden Polstern ruhte.

Die Vertraute Poppäas hob den duftigen, diademartig geflochtenen Kranz wie triumphierend empor.

»Rosen aus Cumä!« sagte sie bebend. »Die schönsten in ganz Italien! Claudius Nero, unser Herr und Gebieter, hat sie für dich bestimmt. Dir allein diese Auszeichnung! Rosen, wie vom Brautschmuck der Todesgöttin Proserpina, so bleich und so königlich!«

Anicetus, empört über diese unkluge Auslegung, warf ihr einen wütenden Blick zu. Hasdra jedoch lächelte, als verachte sie den schnöden ›Geschäftsmann‹, der so um des Goldes willen Mord und Verrat übte, während sie Millionen und aber Millionen freudig geopfert hätte, nur um sich rächen zu dürfen. Beinahe hochmütig schritt sie weiter.

Agrippina hatte die Ansprache ihrer heimlichen Widersacherin fast überhört. Gleichmütig setzte sie sich den Todeskranz auf das Haar, und litt es, daß Anicetus ihr mit höfisch-ehrfurchtsvoller Gebärde die saphirgekrönte Nadel zurechtschob.

Längst schon hatte ihr Blick nachdenklich auf der ewig heiteren Poppäa Sabina geruht. Wie leicht hatte es diese schönheitstrahlende Frau, den Cäsar gefügig zu machen! Beim Zeus, überall sonst hätte sich Agrippina getraut, im Punkte des Liebreizes und der Verführungskraft es mit jedermann aufzunehmen, – selbst mit Poppäa! Hier jedoch wollte es leider das Unglück, daß sie die Mutter war . . .

Lächelnd teilte sie diesen Gedanken dem Anicetus mit.

»Du wirst mir einräumen,« fuhr sie nach einer Pause fort, »der Kampf war ungleich. Die zuverlässigste Waffe ist mir versagt geblieben. Ich denke, so darf ich mich trösten.«

Anicetus, heimlich mit seinen Plänen beschäftigt, verstand sie falsch. Er zuckte zusammen. Die Ungeheuerlichkeit der Absicht, die er zu ahnen glaubte, ließ ihn erschaudern. Dann aber führte er, innerlich hohnlachend, den Becher zum Munde, und trank im Geist auf die ›glückliche Fahrt‹, die er der bräutlich geschmückten Kaiserin-Mutter bereiten wollte.

Es war Nacht geworden, als Agrippina sich vom Speisesofa erhob, um nach Bauli zurückzukehren.

Ueber den Höhen der leugarischen Berge stand der Mond und goß sein beruhigendes Licht auf den weiten, spiegelnden Golf und die zahlreichen Tempel, Theater und Landhäuser, die ihn umsäumten.

Nero führte die Kaiserin bis zum Gestade. Die meisten der Gäste folgten. Ueberraschenderweise war die Barke nicht vorgefahren. Von der gemauerten Bucht, wo sie am Ring gelegen, scholl ein befremdliches Stimmengewirre.

»Was soll das bedeuten?« fragte der Flottenbefehlshaber.

»Die Barke ist leck,« versetzte einer der Ruderknechte.

Agrippina zog die Brauen zusammen.

»Unbegreiflich! Wer kann das verschuldet haben? Du, Androclus?«

»Herrin, bei meinem Leben . . .«

»Schweig!« wehrte ihm Nero. »Morgen soll sich's herausstellen, wen hier ein Vorwurf trifft. Cassius, bring mir die Leute in Haft! Du aber, teure Mutter, laß dir um solcher Kleinigkeit willen die gute Laune nicht rauben! Hundert Schritte von hier liegt das Prachtschiff, das mir der luxusliebende Anicetus jüngst zum Geschenk gemacht. Flink, Eurysthenes! Alle Ruderer an Bord! So, Mutter! Raste nur eine Weile hier auf der Steinbank! In fünf Minuten steuerst du deinem Ziele entgegen.«

Die Worte blieben ihm fast in der Kehle stecken. Dorrend lag ihm die Zunge wider den Gaumen. Aber er konnte nicht mehr zurück. Es mußte sein, um der Gerechtigkeit, um des eigenen Heiles, um der Sicherheit Roms willen; denn er selbst war ja Rom!

Ein regelmäßiges Klatschen und Rauschen verkündete das Herannahen der üppig ausgestatteten Jacht. Anicetus hatte das Fahrzeug mit den verwegensten seiner Seesoldaten bemannt, die jetzt harmlos in schlichter Matrosentracht auf den Bänken saßen und beim Zeichen des Obmanns die Ruderstangen zum Halten einstemmten.

Man schob ein teppichbelegtes Brett aus dem Schiff nach der Strandmauer. Agrippina umarmte den Cäsar und die marmorbleiche Poppäa, reichte dem Anicetus die Hand, winkte den übrigen huldvoll zu, und schritt, von Acerronia und den Dienerinnen gefolgt, ruhigen Wandels an Bord.

In der Mitte des Schiffes befand sich ein persischer Baldachin. Schwellende Sessel und Ruhebetten waren hier aufgestellt. Agrippina lagerte sich; ihre Begleiterinnen scharten sich um sie her, blühende Mädchen in rosiger Tunica, die schimmernden Mäntel aus lichtem Wollgewebe nachlässig um die Hüften gelegt. Man konnte an Galathea denken im Kreise der Nereiden.

Ein letztes ›Gehabt euch wohl!‹ klang vom Lande herüber. Dann streckte der Obmann die rechte Hand aus. Zwei Flötenspieler huben ihre schmelzende Weise an: ›O goldenes Bajä!‹, nach deren Takte die Seesoldaten zu rudern begannen. Das Schiff machte eine Schwenkung nach links, und vorwärts ging die köstliche Fahrt in den schweigsamen Golf hinaus.

Die Nacht war entzückend. Auf den leicht gekräuselten Wassern glänzte das weithinflutende Mondlicht immer voller und flammiger. Das fernverschwimmende Cap Misenum, die villenbesäten Hügel, die ragenden Pinienwälder – alles schien wie in Silber und Schnee getaucht. Silber und Schnee troff in schäumender Herrlichkeit von den Spitzen der Ruderstangen, rieselte an den Pfeilern des Baldachins auf das breite Verdeck herab und senkte sich kühlend in die halbermatteten Seelen.

Agrippina stützte das Haupt in die Hand. Der milde Azur, die balsamische Luft, das melodische Flötenspiel, – das wirkte unsäglich beruhigend! Ein weiches Lächeln schwebte um ihren Mund. Sie war seit langer Zeit wieder glücklich.

Welch ein unvergeßlicher Tag! Alles, alles wandte sich ja zum Guten!

Ihr Sohn hatte aufs neue die Grenzen gefunden, wo ihre mütterliche Autorität begann. Er hatte gelobt, diese Grenzen zu achten, ihr fest zu vertrauen, ihrem Rat zu gehorchen, so lange sie atme!

Das war die Rückkehr zum Einst, die cäsarische Machtfülle, die Oberhoheit über das Reich.

Ach, und die Herrschaft war so verlockend, so göttlich, so folgenschwer!

Was konnte die neugefestete Kaiserin-Mutter gerade jetzt Entscheidendes leisten! Was konnte sie wirken, schaffen, stürzen, vernichten! Fort mit dem öden Gesindel, das Rom zur Taberne entwürdigte! Fort mit dem Gaukler aus Agrigent und seinem saft- und kraftlosen Anhang! Ordnung sollte geschafft werden in dem Staat des Augustus, Ordnung um jeden Preis! Die Parther sollten sich ducken, wie die Hunde sich ducken beim Wutgebrülle des Löwen! Die Deutschen droben am Ufer der Logana wollte sie ein für allemal niedertreten, um dem ewigen Streit zwischen hüben und drüben ein glorreiches Ende zu machen. – Die den Varus geschlagen, die dem großen Augustus Thränen des Grams entlockt, die furchtbare blondlockige Riesin Germania –: sie sollte erzittern und in den Staub sinken vor Agrippina, der römischen Kaiserin!

Schlaftrunken sank ihr Haupt in das Polster zurück. Rosige Genien, die Siegeskrone der Triumphatoren schwingend, quollen in unerschöpflicher Fülle vor ihr empor, – eine dichte, endlose, phantastische Wolke. Sie schloß die Augen. Ein wonniger Hauch streifte ihren halblächelnden Mund, wie vom Kusse eines unsterblichen Gottes . . .

Da mit einemmal erscholl ein furchtbares Krachen, ein Prasseln, ein wildes, gelles, mark- und bein-durchdringendes Angstgeschrei. Das Fahrzeug des Anicetus hatte sich wie von selbst in drei Teile zerlegt, von denen der mittlere, wo der Baldachin stand, bleischwer hinabstürzte.

Ehe noch Agrippina völlig erwacht war, hörte sie rechts und links das dunkle Gewässer gurgeln. Die salzige Flut drang ihr in Mund und Nase; fast entschwand ihr schon die Besinnung.

Endlich tauchte sie wieder empor. Sie hörte die Hilferufe der jungen Sklavinnen, die qualerfüllt um ihr Leben rangen; sie hörte die Jammertöne der schreienden Acerronia.

Das Herz der Kaiserin krampfte in unendlichem Weh. Nicht die Todesangst schnürte ihr so mitleidslos die Kehle zusammen, sondern die fürchterliche Erkenntnis der Wahrheit. Lautlos ergriff sie einen der korinthischen Holzpfeiler, der sich vom Baldachin abgelöst hatte und kreisend im Strudel schwamm.

»Weh mir, die geschlossenen Augen des Anicetus!« wimmerte Acerronia, ihrer jüngst so rosig ausgelegten Vision gedenkend.

Mit der Kraft der Verzweiflung schwamm sie auf das größere der beiden flott gebliebenen Schiffsteile zu.

Der Mond verbarg sich hinter den Wolken. Ein seltsames Aschgrau spannte den unheimlich-düstern Schleier über die Schreckensscene.

»Rettet mich!« schrillte es schauerlich von den Lippen der Cordubanerin. Sie hatte eine der niederhängenden Stangen umklammert. Und nochmals: »Rettet mich!«

Da niemand sich um sie kümmerte, fügte sie kreischend hinzu: »Ich bin die Mutter des Imperators!«

Kaum waren ihr diese verhängnisvollen Worte entflohen, als ein Hagel von Ruderschlägen ihr von rechts und links über den triefenden Kopf sauste.

Mit zertrümmertem Schädel sank die einst so lebenslustige Acerronia blutend ins Bodenlose. Fast in derselben Minute sanken auch sämtliche Sklavinnen.

Nur die Kaiserin Agrippina, von dem schwimmenden Pfeiler gegen die Blicke der Meuchelmörder geborgen, trieb langsam in der Richtung des offenen Meeres.

»Acte,« murmelte ihr verzerrter Mund, »kommst du, um Rache zu nehmen?«

Die Todesqual des blühenden jungen Mädchens, das ihrer Meinung zufolge kläglich ertrunken war, trat ihr mit zerknirschender Greifbarkeit vor die Seele. Ja, das ewig gerechte Schicksal vergalt ihr nun buchstäblich das Gleiche mit Gleichem. Sie hatte das schauerliche Gefühl, als ob eine Geisterhand aus der Tiefe nach ihrer Gewandung fasse. Eine widerspruchsvolle Reue glomm in ihr auf. Diese Freigelassene – trotz allem – war ihr sympathisch gewesen, sympathisch von der ersten Minute an. Agrippina hatte gegen ihr eigenes Empfinden gehandelt, da sie den Haß und den Verfolgungsgrimm in sich groß zog . . . Ach, und er, der Fluchbeladene, der zweite Orestes, – stammte sein erster Groll gegen die einst so zärtlich geliebte Mutter nicht aus dem Kampf um die eine, die er sein Glück nannte?

Wie jäh aufloderndes Wetterleuchten zuckten ihr diese Gedanken durchs Hirn. Dann ward es tiefdunkle Nacht in ihrem Gemüt. Sie schwankte, ob sie der grausigen Qual nicht ein Ende machen, den Pfeiler loslassen, und, eine letzte Verwünschung wider den Mordbuben auf den sterbenden Lippen, hinabtauchen sollte in den purpurnen Abgrund. Eines jedoch hieß sie ausharren: die tobende Gier, den Missethäter zu züchtigen. Wie Acte einst die erlahmenden Kräfte im Born ihrer vertrauenden Liebe gestählt hatte, so schöpfte das tödlich verwundete Herz Agrippinas erneute Hartnäckigkeit aus dem Quell ihrer Rachsucht.

Nachdem die Schandgesellen des Anicetus ihr Werk vollendet glaubten, bestiegen sie ein versteckt gewesenes Langboot, brachten die beiden noch unversehrten Teile der Jacht zum Sinken und kehrten, froh der gelungenen That, nach Bajä zurück.

Der Morgen graute bereits, als sie ans Land stiegen.

Anicetus war dreist genug, ungeachtet der günstigen Witterung die Mär zu verbreiten, Agrippina habe bei ihrer Rückfahrt nach Bauli Schiffbruch gelitten.

Kein Mensch glaubte das. Jedermann aber gab sich den Anschein, als sei er fest davon überzeugt. Tigellinus hatte deutlich betont, daß der Golf seine Klippen habe. Die Jacht des Anicetus war vielleicht tiefer gegangen als die üblichen Prunkschiffe. Die Kauffahrteischiffe jedoch, die nach Puteoli kamen, hatten einen mehr nördlichen Kurs. Tigellinus verstand sich darauf, und da er ja neben der Einsicht die Macht besaß, so übte man keine unbequeme Kritik

Nero, dem der Agrigentiner alsbald nach erfolgter Rückkehr der Seesoldaten vermeldete, was sich ereignet hatte, schien, so wenig er überrascht wurde, furchtbar erschüttert.

»Du hast mich übel beraten,« hauchte er tonlos. »Ja, ja, ich weiß, was du sagen willst. Ich glaube dir's auch. Sie hat mir frevlerisch nach dem Leben getrachtet. Dennoch, dennoch . . . Ich hätte sie lieber verbannen sollen . . .«

»Verbannen?« rief Tigellinus. »Herr, wie wenig kennst du die Eigenart solcher Verbrecherinnen! Turmhohe Wälle reichen nicht aus, ihre Bosheit unschädlich zu machen. Sie durchbrechen selbst die Quadern des mamertinischen Kerkers und die ewigen Felsengrüfte Sardiniens. Ich will ein Dankopfer zünden, wenn uns die Gräßliche nicht aus dem Totenreiche zurückkehrt, um neues Unheil zu säen!«

»Sie wird zurückkehren!« sagte der Kaiser schaudernd. »Ich sehe sie schon, wie sie allnächtlich zu meinem Lager tritt, ein blasses Gespenst; wie sie mir jammernd die Brüste zeigt, aus denen ich Leben trank; wie sie mich keuchend erwürgt . . !«

»Fasse dich!« sagte der Adjutant. »Soll ich's zum hundertstenmal wiederholen? Sie hat das nur erlitten, was ihr gebührte. Nicht den Sohn allein wollte sie töten, sondern den Cäsar. Der Sohn hätte verzeihen können: der Cäsar durfte dies nicht.«

Nero schüttelte sich.

»Es läuft mir kalt über den Rücken,« stöhnte er zitternd. »Ich habe kein Wort dafür, was ich empfinde, – aber ich leide unsäglich!«

»Denke an Brutus! Wie oft, Vielteurer, hab' ich auch diesen Namen dir angerufen! Die Söhne des Brutus hatten sich lediglich wider den Staat versündigt; das Leben ihres Erzeugers war ihnen heilig. Trotzdem zögerte Brutus keine Sekunde lang. Er sprach voll heroischer Würde das Todesurteil. Er verleugnete, was zehntausendmal heißer lodert, als alle Kindesliebe der Welt: die Vaterliebe! Nein, Claudius Nero: was du geschehen ließest, war lobenswert und gerecht, – und die Nachwelt wird dir um dieser That willen den Kranz ebensowenig vorenthalten, wie dem ehernen Konsul.«

»Muttermörder wird sie mich nennen!« ächzte Nero verzweifelt.

»Wenn du mich liebst, so beherrsche dich! Deine Nerven sind krankhaft erregt. Geh schlafen, Cäsar! Noch ist's nicht vollständig Tag. Du benötigst der Ruhe.«

»Ich kann nicht schlafen. Hunderttausend Gedanken rasen mir durchs Gehirn, – alte, längst verblaßte Erinnerungen . . . O, ihr Tage meiner frühesten Kindheit! Da ich zu ihren Füßen noch spielte, wie war ich glücklich! Wie frei und rein fühlte sich dieses Herz! Sie schaute sinnend auf mich herab; ihre Züge wurden so mild, so klar: ich fühlte, daß ich geliebt wurde . . .«

»Herr, ich beschwöre dich . . .«

»Einmal . . . ich entsinne mich noch . . .« fuhr Nero fort, – »es war im Dezember, kurz vor dem Feste der Saturnalien . . . Der Tag neigte sich. Wir saßen im Oecus, während der Vater mit seinen Freunden zu Tische lag. Sie nahm mich auf ihren Schoß. ›Du sollst mir einst Ehre machen,‹ sagte sie nachdenklich. – Auf dem Tischchen neben der Mauerblende lag ein Lorbeerstrauß, den ich gepflückt hatte. Sie nahm die Zweige und flocht mir eine Krone davon. Dann lächelte sie und nannte mich ihren Liebling, ihren König und Gott. Und sie küßte mich . . .«

Von wühlender Reue bewältigt, warf Nero sich auf das Ruhebett und barg sein thränenbeströmtes Angesicht in den Polstern.

Tigellinus fühlte mit jedem Augenblick sich unbehaglicher und verstimmter. Nach einer langen Pause der Ueberlegung sprach er pathetisch: »Weine dich aus, herrlicher Cäsar! Diese Thränen gelten der Kindheit, die ja dem Glücklichsten unter uns wie ein ewig verlorener, seliger Traum erscheint. Von der Zaubergewalt der Erinnerung übermannt, fühlst du jetzt nicht, daß alles längst schon begraben war; daß jene liebende Mutter, die den Sohn auf den Knieen gewiegt, in der Schlammflut eines gehässigen Ehrgeizes, einer abgrundtiefen Selbstsucht ertrunken ist, nicht, wie du dir einredest, in den Gewässern des Golfs. Weine, Cäsar, und bringe so, wenn du es willst, ihren Manen ein Sühnopfer! Befreie ihr Andenken von allem Verwerflichen, was ihr anhaftet! Vergiß die zahlreichen Opfer, die sie geschlachtet hat! Gönne ihr deine Verzeihung – und hebe dann frohen Mutes das Haupt, um aufs neue zu strahlen, zu herrschen und zu genießen!«

Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

Mehrere Stunden lang hielt Agrippina den Pfeiler umklammert, der die Ermüdende von der ewigen Nacht in der Tiefe trennte. Sie hatte sich ihres Opfers, der unglückseligen Acte, erinnert. Und siehe, es war, als ob die Götter dieses Reuegedankens wegen sich ihrer erbarmen wollten. In der gleichen entsetzlichen Lage widerfuhr ihr ein Aehnliches wie der Freigelassenen des Nicodemus.

Schon war ihr Leib von der Kühle des Meerwassers beinah erstarrt; sie fühlte nur noch das pochende Haupt und die beiden Arme, die sich mit letzter entschwindender Kraft ihrer Muskeln um das geschnitzte Holz spannten. Da kam aus der Richtung des misenischen Vorgebirgs eine Barke, die, mit Blumen beladen, von Cajeta nach Puteoli fuhr. Agrippina rief mit der Volltönigkeit der Verzweiflung über die mondscheinbeglänzte Fläche, – sechs, achtmal, bis ein flatterndes Tuch und ein lautes ›Harre noch aus!‹ ihr die Antwort gab. Fünf Minuten später war sie in Sicherheit.

Dem eigenen Auge nicht trauend, wortlos vor Staunen, beugten sich die ehrlichen Schiffsleute vor der ungeahnten Erscheinung. Agrippina, die Kaiserin! Jeder von ihnen kannte die ernsten, charakteristischen Züge – wenn nicht aus eigener Anschauung, so doch aus den unzähligen Büsten und Statuen, die überall, wo römisch geredet wurde, die Plätze der Städte und selbst der kleineren Municipien schmückten. Niemand wagte zu sprechen. Man führte die Tödlich-Ermattete unter Deck, reichte ihr Tücher und Teppiche und ein trockenes Gewand, wobei es zu statten kam, daß die Tochter des Gärtners, ein hochgewachsenes neunzehnjähriges Mädchen, zufällig mit an Bord war.

Kaum hatte sich Agrippina halbwegs erholt, als die unbeschreibliche Wut, die der Kampf mit der Meerflut zurückgedrängt hatte, in dreifacher Heftigkeit wieder hervorquoll. Der elende Mordbube! Seine zärtlichen Worte, die warmen Händedrücke, die weichen Umarmungen, das sehnsuchtsvolle › Glykeia mater‹ – kurz, die ganze Aufnahme in der götterverhaßten Villa zu Bajä war also schnöde, feile, schurkenhafte Komödie! Und sie, Agrippina, die sonst alles durchschaute, – sie hatte sich täuschen lassen! Diese Beschämung drückte sie fast noch schwerer zu Boden, als die fürchterliche Enttäuschung des Mutterherzens.

Sie bezwang ihren rasenden Grimm. Die volle, die zerschmetternde Rache konnte nur dann gelingen, wenn das empörte Blut ruhig und ebenmäßig dahinfloß. Ihr Verstand mußte zum Wort kommen, unbeeinträchtigt vom Getöse ihrer Empfindungen. Nach kurzer Frist schon war sie mit ihrem Schlachtplan im reinen.

»Ihr wackeren Männer,« sprach sie, die Schiffsleute um sich versammelnd, »ich danke euch! Ja, ich bin's, die Kaiserin Agrippina. Wir fuhren im Lustschiff über den Golf, – denn die mondhelle Nacht schien so fromm und friedsam. Ein plötzlicher Wirbelwind hat uns den Nachen zertrümmert. So unbeständig sind die Lose der Menschen. Ich bitt' euch indessen: schweigt mir über den Vorfall, als ob euch selber die Schuld träfe. Wollt ihr?«

»Herrin, wie du gebietest!«

»Ihr werdet es nicht zu bereuen haben. Jetzt aber führt mich schleunigst nach Bauli! Was der Gärtner verliert, soll ihm hundertfältig ersetzt werden.«

Die Leute gehorchten. Es war leuchtender Tag, als sie den Strick um die Pflöcke warfen. In majestätischer Gleichmütigkeit schritt Agrippina ans Land.

»Wartet!« sagte sie, Abschied nehmend.

Gleich danach kam ihr Obersklave ans Ufer, und behändigte jedem der Schiffsleute tausend Denare, dem Steuermann aber und der Gärtnerstochter je fünftausend.

Ihren Hausgenossen verriet sie gleichfalls mit keiner Silbe, was vorgefallen. Dem Obersklaven, der sie befragte, weshalb sie allein komme, erteilte sie eine Antwort, die ihm die Lust benahm, weiter zu forschen.

Sie genoß einige Bissen, trank eine Schale gewässerten Fruchtsaftes, und begab sich dann in ihr Cubiculum, wo sie nach kurzer Frist in einen todähnlichen Schlaf versank.

Gegen Mittag wachte sie auf. Sie strich sich über die Stirne, als ob sie erst die Erinnerung an das Erlebte wieder zurückrufen müßte. Ein grimmiges Hohngelächter schrillte plötzlich von ihren Lippen.

»Es ist wie im Brettspiel,« dachte sie, krampfhaft die Finger bewegend. »Wir stehen vor dem letzten entscheidenden Augenblick . . . Schon müßt' ich geschlagen sein: da wendet sich die Partie noch im Handumdrehen. Gerade der eine Zug, der mich verderben sollte, bringt mich in eine Stellung, die mich gewinnen läßt. Wartet, ihr Hunde, jetzt sollt ihr erfahren, was Agrippina vermag, wenn es um Leben und Tod geht! Mein vortrefflicher Burrus wird nun wohl endlich aus seiner Vertrauensseligkeit aufschrecken.«

Sie ballte die Faust.

»Bube!« raunte sie qualverzerrt. »Da ich den Claudius getötet – um deinetwillen –: beim Styx, ich bangte, ich fühlte etwas wie Reue . . . Und Claudius war ein Tropf, den ich haßte! Du aber . . . ist's denn im Leben nur auszudenken? Wenn es Götter gäbe, sie müßten dich foltern in alle Ewigkeit!«

Heißer als jemals stürzten ihr die Thränen über das Antlitz. Dann ermannte sie sich.

»Fluch über die Schwäche dieses erbärmlichen Mutterherzens!« dachte sie zähneknirschend. »Die halb schon Gemordete weint über den elenden Wegelagerer, statt ihn lächelnd zu züchtigen! Aber ich werde die Thränen mir abgewöhnen. Ich werde ihn treffen, – unabweislich, – sobald die Stunde gekommen ist.«

Nun warf sie die Palla über, eilte ins Nebengemach und schrieb mit fester, markiger Hand, wie folgt:

»Die Kaiserin Agrippina grüßt ihren herrschergewaltigen Sohn Claudius Nero.

Die Götter sind neidisch, mein lieber Sohn! Wo sie das Glück in seiner vollendetsten Fülle gewahren, da senden sie die Kinder Latonas mit den tödlichen Pfeilen.

Nero Cäsar, Deine Mutter fleht Dich um Rache an für einen fluchwürdigen Frevel. Du bist von Verrätern umringt, von ehrlosen Meuchlern, die mir, und vielleicht auch Dir, nach dem Leben trachten.

Das Schiff, das der elende Anicetus Dir zum Geschenk gemacht, war eine Falle. Mitten im Golfe barst es entzwei, wie ein schlaugezimmertes Spielzeug, mit dem man die Kinder beim Feste der Saturnalien erschreckt. Ich, mitsamt meinen treuen Begleiterinnen, stürzte ins Meer. Nur durch ein Wunder bin ich dem Tode entronnen. Schütze mich, Nero! Oeffne die Augen, und strebe zu unterscheiden zwischen den wahren, erprobten Freunden und den selbstsuchtkranken, geld- und machtbegierigen Schurken, die den heiligen Namen der Freundschaft mißbrauchen, um Dich und das römische Staatswesen desto sicherer in den Abgrund zu stoßen!

Meinen Hausgenossen hab' ich aus Scham verhehlt, was ich erdulden mußte. Die Schiffer dagegen, die mich gerettet haben, schienen zu ahnen, daß eine Missethat vorliegt. Die Kunde davon wird sich rasch über ganz Italien verbreiten. Sorge dafür, daß ihr die Botschaft von der Züchtigung der Verbrecher nicht allzusehr nachhinke!

Trotz der entsetzlichen Aufregung dieser Schreckensnacht bin ich gesund.

Du, so hoffe ich, auch.«

Diesen Brief übergab sie einem alterprobten Colonen mit dem Befehl, ihn dem Kaiser persönlich zu überreichen, und sich durch keinerlei Schwierigkeiten, die sich allenfalls darböten, einschüchtern zu lassen.

Nero, obgleich in seinem dichtverhangenen Cubiculum die tiefste Finsternis herrschte, war seit dem Weggang des Tigellinus doch nicht im stande gewesen, auch nur minutenlang Schlaf zu finden.

›Muttermörder!‹ klang es ihm unaufhörlich im Ohre. Bald war es die Stimme des unglückseligen Opfers, bald seine eigene, die er zu hören glaubte. Dazwischen brauste die Meerflut in turmhohen Wellen, und gräßliche Nachtgebilde, hagere Dämonen, die Züge verzerrt, hoben sich in blutbeträuften Gewändern lang und langsam aus dem gähnenden Wogenschlund. Er suchte sie zu verscheuchen; er rang; er kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles umsonst. Neue todesbleiche Gesichter quollen aus jeder Schaumperle – viele Tausende, viele Millionen. Der ganze Weltraum war von ihnen erfüllt, ein unabsehbar-grausiges Chaos . . .

Zuweilen, wenn dieser entsetzliche Zustand den äußersten Grad erreicht hatte, jenseits dessen nur noch der Wahnsinn lag, stieg aus all dem schauderhaften Getümmel die süße Blumengestalt Actes empor, schaute ihn bleich und vorwurfsvoll an und seufzte schmerzlich: ›Nero, mein Glück, mein Abgott, ach, wie anders hast du mir damals in die Augen geschaut, da deine Hände noch rein von Blut waren! Diese Hände haben mein Haar geliebkost, meine Wangen gestreichelt, mich wonnetrunken umklammert . . . Damals gab sich mein Herz dir zu eigen, wie das der Io dem Zeus. Jetzt aber – wehe mir! Nicht um alle Schätze der Welt möchte ich je deine Finger berühren!‹

Er preßte sein glühendes Angesicht in die Kissen.

Horch! War das nicht ein verzweifelter Hilferuf? Glänzte dort nicht die weiße Palla der Kaiserin? Jetzt, jetzt . . . o, wie zog das Bleigewicht sie hernieder –! Sie hob die Hände empor . . .

›Nero, mein Sohn!‹

Dumpf gurgelnd schloß sich das Wasser über dem Haupt der Ertrinkenden . . .

Die Sonne stieg höher und höher und goß ihr lebenspendendes Licht breiter und voller über die menschenwimmelnde Golfstadt. Drunten am Ufer, die herrliche Hafenstraße entlang, brauste das altgewohnte farbenprächtige Treiben. Hunderte von Singvögeln schmetterten in den Zweigen des Parks. Von der See her wehte ein erfrischender Wind, der eine Heerschar leuchtender Segel blähte. Kurz, es war ein Tag wie geschaffen zur irdischen Seligkeit. Der Kaiser nur, wie er jetzt heraustrat ins Peristyl, spürte nichts von der erlösenden Kraft des Lichts. Die Augen schmerzten ihm; das glühende Blut pochte ihm hart in den Stirnadern.

So schritt er nur zweimal auf und ab, eilte dann in die Exedra, und warf sich dort auf die Bronzebank. Endlich sank ihm ein schwerer, unerquicklicher Schlaf über die Seele.

Als der Botschafter Agrippinas die Villa betrat, war der Cäsar noch nicht erwacht. Cassius und die übrigen Kammersklaven weigerten sich, ihn zu stören. Schon machte der muskelstarke Colone Anstalten, kurzerhand vorzudringen, als Tigellinus des Wegs daher kam, und sich erkundigte, was hier vorgehe.

»Herr,« gab ihm Cassius zurück, »ein Fremdling, der ein dringliches Schreiben für den Gebieter hat.«

»Gib her!« sagte der Adjutant zu dem Sendling.

»Unmöglich. Was ich hier bringe, ist nur für den Cäsar bestimmt.«

»Ich will es ihm zustellen.«

»Das verwehrt mir mein Auftraggeber.«

»Wer ist der?«

»Ein Freund des Erlauchten, der sich nicht nennen will. Hindere mich nicht! Der Kaiser würde dir grollen, wenn du mich länger aufhieltest.«

Der Agrigentiner fühlte sich plötzlich von einem Unbehagen ergriffen, das unerklärlich schien.

»Wohl!« sagte er gleichmütig. »Tritt in den Oecus hier! Ich eile, den Imperator zu wecken.«

Der biedere Colone schritt hocherfreut über die Schwelle. Tigellinus jedoch gab den Sklaven ein Zeichen. Sie folgten dem Boten, warfen sich über ihn her, und rissen ihm den Brief aus der Tunica.

Der Agrigentiner war jetzt gleichfalls in den Oecus getreten.

»Schweig!« raunte er dem Colonen zu, da dieser zu lärmen begann. »Ich lass' dich zusammenhauen, wenn du noch mit der Lippe zuckst!«

Er nahm das Schreiben und überflog es. Zwei Sekunden lang schien er nahezu fassungslos.

Dann sagte er frostig: »Ihr knebelt mir diesen Burschen und schafft ihn unverzüglich in's Kellergewölbe! – Dort bewacht ihr ihn strengstens, bis ich euch Nachricht gebe! Sträubt er sich, so stoßt ihm einfach den Griffel ins Herz! Nicht du, Cassius! Der Kaiser würde dich bald vermissen. Ihr aber – gut! Packt ihn straff in die Mitte! So! Und nun: keine Silbe von all dem geredet! Auch nicht vor dem Cäsar! Wer nicht zu schweigen versteht, der stürze sich lieber sofort in den Fischteich: denn ich verspreche ihm eine schreckliche Todesart.«

Nachdem dies erledigt war, eilte der Agrigentiner, von zwei Soldaten begleitet, zu Anicetus, und hielt ihm schweigend das Pergament unter die Augen.

Der Flottenführer las und erbleichte.

»Wähle!« sagte Sophonius Tigellinus auf griechisch. »Entweder fällst du nun selber als Opfer deiner pfiffigen Anzettelung – oder du wirst genötigt sein, das gestern mißglückte Werk noch heute auf bessere Manier zu vollenden.«

»Verwünscht!« murmelte Anicetus. »Die Löwin hat doch ein zäheres Leben, als wir voraussetzten! In einigen Stunden vielleicht bin ich verloren. Denn du, edler Sophonius, wirst mich natürlich im Stich lassen.«

Tigellinus zuckte die Achseln.

»Jeder für sich,« sprach er mit diplomatischer Kaltblütigkeit. »Kömmt es zum öffentlichen Skandal, so lass' ich dich fallen: das versteht sich von selbst. Wenn du dich aber mit gutem Erfolg aus der Klemme ziehst – wohl: so sei dir der Lohn für deine Arbeit verdoppelt.«

Anicetus sann einen Augenblick nach.

»Ist der Bote schon wieder fort?«

»Nein. Ich hab' ihn für alle Fälle hier in Gewahrsam genommen.«

»Vortrefflich! Wenn du mir halbwegs beistehst, hoff' ich die Sache noch rund zu kriegen. Wir müssen jetzt Schulter an Schulter kämpfen . . . Denn schließlich –: ganz ohne Verdacht wirst du nicht durchschlüpfen, da man uns letzthin häufig miteinander verkehren sah. Auch jenes liebenswürdige, in meinem Besitz befindliche Schreiben, durch das du mich huldvoll zu Gaste ludest, zeugt nur allzu beredt für die innere Verwandtschaft unsrer Bestrebungen.«

»Glaube das ja nicht!« erwiderte Tigellinus. »Wenn mir's beliebt, so bist du in zwei Minuten ein toter Mann. Ich lass' dir den Kopf abschlagen, und melde der Agrippina, dein Mordanschlag sei gesühnt. Meinst du, es werde dann irgend jemand vermuten, ich, dein Bestrafer, hätte mit dir gemeinsame Sache gemacht?«

Anicetus zwang sich zur Ruhe.

»Vielleicht dennoch,« sagte er kalt lächelnd. Er hatte jetzt das Gefühl, als ahme er sein leuchtendes Vorbild, den Adjutanten, bis zur Vollkommenheit nach. »Vielleicht dennoch! Aber beiseite mit diesen Scherzen! Selbstverständlich bin ich entschlossen, mein Werk zu Ende zu führen. Die Erhöhung der vereinbarten Summe scheint mir nicht unbillig: auch die Gefahr hat sich verdoppelt. Höre also, was ich für gut halte! Laß den Boten, den du so klüglich in Verwahrung genommen, augenblicklich vom Leben zum Tode bringen! Verbreite die Nachricht, er habe im Auftrag der Agrippina den Cäsar ermorden sollen! Für tüchtige Zeugen, die sein Geständnis mit angehört haben, wirst du schon Sorge tragen. Du bist ja nicht ganz und gar ohne Uebung.«

»Gut! Was weiter?«

»Das weitere gibst du dann mir anheim. Ehe der Tag verstreicht, ist die unangenehme Arbeit gethan.«

»Du machst mich neugierig,« sagte der Adjutant.

»Zweifle nicht! Schicke sofort nach meinen Triremen! Fünfzig Mann entbiete ich zu den zwanzigen, die das Prunkschiff gerudert. Ich will sicher gehn. Fünfzig aus der Schar der Erlesenen, die ich als ›Möwen‹ bezeichne. Kann vielleicht einer von diesen Soldaten hier abkommen?«

Tigellinus bejahte.

Anicetus schrieb nun einige Worte in seine Wachstafel. Im Sturmlauf rannte der leichtfüßige Prätorianer dem Strande zu, wo die beiden Triremen ›Samos‹ und ›Herakleia‹ vor Anker lagen.

»So!« murmelte Anicetus. »Ich hoffe, mein kühner Entschluß wird euch derb überraschen. Nein, nein, ich verrate nichts!«

»Beim Zeus, spiele doch nicht den Geheimnisvollen! Wirklich, mein trefflicher Anicetus: in Schiffsangelegenheiten magst du ein Gott sein, – aber zu Lande scheinst du mir schwerfällig, wie die nordische Fettgans. Denkst du, ich bilde mir ein, du willst deine Seesoldaten hier im Atrium exerzieren lassen? Oder den Cäsar und mich aus dem Sattel heben?«

»Höre mich nur! Alles durchschaust du mir doch nicht. Ja, in der That, ich will die Kaiserin überfallen. Heute noch muß sie hinab in den Tartarus, – oder mein Kopf und vielleicht auch der deine sind keinen halben Denar wert. So weit hast du's enträtselt. Was ich mir sonst jedoch vorgesetzt, ahnst du gewiß nicht. Nun, am Ende ist's besser, ich weihe dich ein . . .«

»Rede!«

»Ich habe bemerkt,« fuhr Anicetus fort, »wie es dem Kaiser das Herz zerriß, das Todesurteil der eigenen Mutter zu sprechen. Ich werde also erzählen, ich selber hätte, von Mitleid bewältigt, ihre Ertränkung verhindert, um späterhin dich und den Cäsar für die Verurteilte um Erbarmen zu bitten. Agrippina jedoch habe dies Mitleid übel gelohnt. Sonach zieh' ich hinaus, um die Verbrecherin, ihres erneuten Mordanschlags wegen, in Haft zu bringen, nicht sie zu töten; denn die Tötung der Kaiserin-Mutter widerstrebt meinem Zartgefühl. Natürlich töt' ich sie dennoch: aber dem Kaiser wird dann glaubhaft berichtet, sie selber habe sich bei der Verhaftung den Tod gegeben . . .«

Tigellinus trat einen Schritt zurück. »Anicetus,« sprach er, »ich widerrufe nun mein verletzendes Gleichnis. Du bist doch keine Fettgans zu Lande. Bei der stolzen Epona, diese Findigkeit weckt mein Erstaunen! Sie ist ganz danach angethan, unserm Nero die frühere Leichtblütigkeit wiederzugeben; denn in der That: sogenannte Gewissensbisse können wir auf dem Thron nicht gebrauchen.«

»Auch Poppäa hat einen besseren Stand, falls die Sache wie Selbstmord aussieht,« fuhr Anicetus fort. »Oder glaubst du nicht auch, daß Poppäa mit dem Gedanken umgeht . . .?«

Er unterbrach sich . . .

»Mit dem Gedanken . . .? Sprich weiter!« drängte der Agrigentiner.

»Herrlicher Tigellinus, ich zögere! Man weiß ja niemals, ob man sich hier in Bajä nicht die Zunge verbrennt.«

»Pah! Mir gegenüber kannst du so offen sein, wie ein Trunkener. Du unterstellst, daß Poppäa den Wunsch hegt, Kaiserin zu werden und Mitregentin über das Weltreich?«

»Diese Vermutung liegt außerordentlich nahe. Nun wirst du mir zugeben: wenn der Tod Agrippinas zum Drittel auf ihre Rechnung käme, – das könnte den Cäsar, bei der Befremdlichkeit seiner Anwandlungen, dergestalt gegen sie einnehmen . . .«

»Ausgezeichnet!« sagte der Adjutant. »Ich begreife nicht, daß wir nicht früher auf diesen Selbstmord verfallen sind. Horch! Was ist das?«

»Der Marschtritt meiner Soldaten!« versetzte der Flottenführer. »Ja, die ›Möwen‹ sind pünktlich, wenn Anicetus den Hammer schwingt. Gehab dich wohl, Tigellinus, und verabsäume nicht die sofortige Tötung des Eingesperrten!«

»Sei unbesorgt! Eh' ihr die Straße erreicht, ist er ein Leichnam. Alles Glück auf den Weg! Wirfst du diesmal den Hund statt der Venus, so kannst du dir nur getrost selber das Schwert in die Gurgel bohren!«

Zweites Kapitel.

Die Seesoldaten warteten am Vestibulum. Durchweg straffe, wettergebräunte Gesellen, denen die rauhste Verwegenheit auf der Stirne geschrieben stand. Die meisten von ihnen trugen Schwerter am Gurt; einige waren mit Spießen und Stöcken bewaffnet. Der Flottenbefehlshaber nahm sich nicht lange Zeit, sie zu mustern. Im Sturmschritt ging es der breiten Heerstraße zu, die nach Bauli führte.

»Soldaten,« sprach Anicetus, da sie die Stadt hinter sich hatten, »Rom zählt auf euch! Die Löhnung soll euch auf sieben Jahre verdreifacht werden, falls ihr nun durchführt, was ich euch auftrage. Wollt ihr?«

Die ›Möwen‹ beteuerten ihre Ergebenheit.

Anicetus setzte nun kurz auseinander, um was es sich handle, und wie es geboten sei, aus Rücksicht auf das leicht erregte Gemüt des Kaisers die Wahrheit zu modeln.

»Es lebe der Imperator! Es lebe unser glorreicher Anicetus!« riefen die Seesoldaten.

Wie sich der Flottenbefehlshaber jetzt umsah, gewahrte er einige hundert Schritte weit hinter dem Zug, den er befehligte, eine zierliche Mädchengestalt in flatternder Tunica.

Es war Hasdra, die kleine, schwarzgelockte Phönicierin.

Anicetus, einen Auftrag der Poppäa oder des Tigellinus vermutend, ließ einen Augenblick Halt machen.

»Was willst du?« fragte er, als das Mädchen atemlos zu ihm heran kam.

»Nichts von Belang. Mitziehen will ich nach Bauli. Ich weiß alles. Ich will dabei sein – wenn sie getötet wird.«

»Hat dich Poppäa dazu ermächtigt?«

»Nein. Aber ich hörte, wie Tigellinus meiner Gebieterin mitteilte, was ihr im Schilde führt. Ihr sollt die ruchlose Agrippina über den Haufen stoßen.«

»Ich bitte dich, schweig!« versetzte der Flottenführer. »Oder willst du dich um den Hals reden?«

»Ganz im Gegenteile. Ich werde schon reinen Mund halten. Aber mit muß ich, – um jeden Preis.«

»Thorheit! Was soll ein gebrechliches Mädchen bei solchem Waffenwerk? Kehr nur getrost wieder um! Hörst du? Ich dulde das nicht.«

»Sei nicht so barsch, Herr! Wenn ich sage: ›Ich will das!‹, so will ich's.«

»Unglaubliches Mädchen! Du bringst mich in die widerlichste Verlegenheit. Den Menschen, die dort vorüber kommen, fällt dein Gebaren schon auf. Du bist hier in ganz Bajä bekannt wie ein hinkendes Reitpferd. Laß uns allein! Ich befehle dir's.«

»Herr, ich begleite euch. Das steht so fest, wie der Himmel zu unsern Häupten. Rolle nicht so die Augen: es hilft dir doch nichts! Wenn du jetzt nicht sofort einwilligst, so erheb' ich dir ein Geschrei, daß uns die Strandbewohner schockweise über den Hals kommen. Ich erzähle dann, was du vorhast. Ich verrate, daß alles erlogen ist; daß Poppäa Sabina . . .«

»Kein Wort mehr!« drohte der Flottenführer, die Hand am Schwerte. Er verbiß seinen Aerger. »Wenn dir das Herz denn daran hängt, so trabe meinetwegen mit durch die Gluthitze! Aber neugierig wäre ich doch, zu erfahren, was dich so närrisch macht. Wenn du nach Blut verlangst, besuche doch die Arena!«

»Nicht nach Blut verlang' ich, sondern nach ihrem Blut.«

»Aber weshalb?«

»Das ist meine Sache.«

Das bleiche Mädchen schien so erregt, daß Anicetus für gut fand, sie weiter nicht zu beachten. Sie zog sich bescheidentlich hinter die Mannschaft zurück, und vorwärts ging nun der Eilmarsch nach der Villa von Bauli.

Hasdra, die Zierliche, Zarte, schien unermüdlich. Keiner der Seesoldaten übertraf sie an Raschheit und Ausdauer, keiner an schweigsamer Spannung. Sie trank nicht einmal, obschon ihr die Zunge bleiern am Gaumen klebte. Es war, als habe sie dem allrächenden Gott ihrer Heimat gelobt, nicht eher die Qual ihres Durstes zu stillen, bis ihr der Born einer höheren Labe entgegengesprudelt sei aus den geöffneten Adern ihrer tödlich gehaßten Feindin.

In der That, die kleine Phönicierin regte unmerklich die Lippen, wie im Gebet.

»Melkarth, Unfaßbarer,« mochte es wild durch ihre verzweifelte Seele ziehn, »gönn mir das eine noch! Schrecklicher, dessen Schemel die Erdscheibe, dessen Odem der sandaufwirbelnde Sturm ist, laß mich, o laß mich teilhaben an dem Werk dieser Rache! Mein verwundetes Herz schreit zu dir auf; mein Gebein ist zerschlagen: ich bin ein verwüstetes Land, seit er mir dahingegangen. Du selber hast's ja geboten: ›Duldet nicht wie die Hunde, die sich treten lassen vom Uebermut ihrer Peiniger!‹ Du selber hast uns gemahnt: ›Zwei Augen für eines und das Leben für beide!‹ Melkarth, geherrlicht in Zor, in Berytus und Sidon, Zertrümmerer der Lüge, Beschützer des Rechts und der Treue, verlaß mich nicht!«

So schritt sie einher, das Auge fest auf den Boden geheftet, einer Verzückten gleich, die ganz und gar vom Glanze ihrer Vision erfüllt ist.

In der vierten Nachmittagsstunde war man am Ziele.

Anicetus ließ das Landhaus umzingeln. Dann warf er sich mit den kräftigsten seiner Leute aufs Ostium. Die wenigen Prätorianer, die hier die Wache hielten, waren bald niedergemacht. Keinen verschonte man.

Gleich danach rauschte es auf den Fliesen von dem gefalteten Saum einer Palla. Stolzen Schrittes trat Agrippina ins Atrium. Sie wußte sofort, daß ihre Stunde gekommen war. Der Anblick, der sich ihr darbot, war ja mehr als beredt. Anicetus mit seinem breit-sinnlichen Galgengesicht allein hätte genügt.

Nun zeigte es sich, daß dieses fürstliche Weib, trotz aller Ausschweifungen, aller Verbrechen, die ihr zur Last fielen, mehr von jenem halbvergessenen Heroismus der alten Republikaner besaß, als die meisten ihrer männlichen Zeitgenossen.

In ihren Augen flammte es trotzig auf.

»Was wollt ihr?« frug sie mit fester Stimme.

»Dich, elende Vettel!« schrie ein brutaler Kelte, rasch auf sie zuspringend. Er versetzte ihr mit dem Stock einen heftigen Schlag gegen die Stirne.

Die Kaiserin taumelte. Ein leises Stöhnen rang sich von ihren Lippen. Dann, mit königlicher Gebärde ihren Busen entblößend, sagte sie voll unsäglicher Bitternis: »Verschont mir das Haupt: seine Gedanken haben allzeit der Größe Roms gegolten! Aber dies Herz durchbohrt mir: – unter dem Herzen trug ich den Muttermörder!«

Anicetus, trotz der Niedrigkeit seiner Gesinnung heimlich erschüttert, wehrte den Seesoldaten, die in Masse auf sie hereinstürzen wollten, ärgerlich ab.

Flüsternd wandte er sich zu dem blonden, riesenhaften Gesellen, der ihm zunächst stand: »Gelo, gib ihr den Rest! Aber fehle sie nicht!«

Der Soldat zückte sein Schwert.

Inzwischen hatte die bleiche, zitternde Hasdra sich unbemerkt in die Säulenhalle geschlichen, um Agrippina von rückwärts zu packen. Wie eine rasende Wölfin sprang sie an der Unglücklichen empor und schlug ihr die spitzigen Zähne tief ins Genick, während die zuckenden Hände sich wie giftige Krallen in Agrippinas blühende Kehle vergruben.

»Nimm das für deinen Verrat,« hatte die tolle Phönicierin aufgezischt, als sie ihr Opfer anfiel. »Ich bin Hasdra; die Verlobte des Pharax.«

Eine Sekunde lang hatte die Fürstin bei diesem Anprall gestrauchelt. Dann faßte sie mit der Rechten, während die Linke noch immer den Busen entblößt hielt, die Finger der Wutentbrannten und drückte sie, daß sie zerbrachen.

In dem nämlichen Augenblick stürzte die Hünengestalt des Kelten auf die Kaiserin zu und führte den Todesstoß.

So furchtbar war die Gewalt, mit der sich der scharfgeschliffene Stahl in die Brust bohrte, daß er am Rücken wieder herausdrang, und dem kleinen menschlichen Ungeheuer, das sich trotz der Qual, die es litt, nach wie vor mit den geifernden Zähnen im Genick der Kaiserin festhielt, tief in die Seite fuhr.

Agrippina brach lautlos zusammen.

Von Ekel erfüllt, packte der Riese die mordlustschäumende Hasdra beim Schopf und schleuderte sie vier Ellen weit von sich weg in den Säulengang.

»Hörst du mich noch, hündische Agrippina?« schrie die Phönicierin, wieder hervorkriechend. »Das war die Strafe für deine Buhlschaft mit Pharax! Weshalb stahlst du mir ihn? Hattest du nicht genug an den Maultiertreibern und Leichenträgern, die du ans Herz gedrückt? Du Straßendirne! Du schandbesudelte Bestie!«

Hasdra verlor die Besinnung. Ihr Arm war gebrochen, ihre Hände zerquetscht. Aus der breitklaffenden Schwertwunde quoll in Strömen das Blut hervor.

»Schafft sie hinweg!« befahl Anicetus.

Zwei seiner Leute hoben sie vorsichtig auf.

»Verwünscht!« raunte er durch die Zähne. »Poppäa Sabina wird uns aufsässig werden. Sie war vernarrt in dies Frauenzimmer . . .«

Die zwei Soldaten hatten die ohnmächtige Phönicierin im benachbarten Bibliothekzimmer auf eine Bank gelegt.

Gleich danach traten sie wieder ins Atrium.

»Sie ist tot, Herr!« sagten sie gleichgültig.

»Und hier?« fragte Anicetus mit einem Blick auf die Kaiserin.

Gelo, der Hüne, beugte sich über sein Opfer.

»Alles zu Ende!« sprach er nach einer Weile.

Dann, sich aufrichtend und die hehre Gestalt betrachtend, deren Antlitz im Tode noch zu gebieten schien, sagte er halblaut: »Ein üppiges Weib, hol' mich der Henker, und eine wirkliche Herrscherin! Wäre sie blond, sie gliche der Chattenfürstin Gudbara!«

Anicetus ließ die Hälfte seiner Leute zurück und beauftragte sie, die beiden Leichname heut noch in aller Stille dem Holzstoß zu übergeben.

Die wenigen Sklaven des kleinen Landhauses waren beim Eintritt der Seesoldaten entflohen, so daß die Mär von der Selbstentleibung der Kaiserin kaum widerlegt werden konnte. Hasdra sollte für ihre maßlosen Schimpfreden von Agrippina erdolcht worden sein.

Froh des gelungenen Verbrechens zog Anicetus wieder nach Bajä.

Schon am folgenden Morgen hatte die Lüge des Mörders den Weg gemacht über das weite Campanien bis in die lärmenden Straßen von Cajeta und die schweigsamen Rosengehege von Pästum.

Ob sie geglaubt wurde?

Drittes Kapitel.

Die unglückliche Octavia hatte den Sommeraufenthalt in der antianischen Villa länger ausgedehnt als dies üblich war. – Die Ulmen verstreuten bereits ihre welken Blätter; man war im November.

Vom Schimmer der Abendsonne bestrahlt, lehnte die junge Fürstin zwischen den Lorbeerhecken des Parks auf einem polsterbelegten Steinsessel und blickte hinaus über das flammrot leuchtende Meer. Ihr sonst so marmorbleiches Gesicht schien hier im Glanz des ersterbenden Tags aufzublühen: aber die halbverschleierten Augen, die von unsäglicher Qual und bangster Ermüdung redeten, ließen deutlich erkennen, daß der wahre Grund für die Verlängerung der Villeggiatur nicht in der auffallend milden Witterung, nicht in dem Zauber dieser leuchtenden Sonnenuntergänge zu suchen war, sondern in der heimlichen Furcht, die erneute Begegnung mit der siegesfrohen Poppäa nicht mehr ertragen zu können.

Zu den Füßen Octavias, dankbar und voll heiliger Scheu zu ihr emporsehend, lag die Freigelassene Acte, jetzt Ismene geheißen, von keinem der Insassen – Abyssus und die getreue Rabonia allein abgerechnet – als die frühere Geliebte des Imperators erkannt oder auch nur vermutet.

»Wenn du recht hättest!« seufzte Octavia nach langer Pause. »Geduldig wollte ich harren, und sollte es Jahre währen. Aber ich kann's nicht glauben. Ich kann nicht.«

»Herrin . . .«

»Mühe dich nicht!« wehrte sie kopfschüttelnd. »Nach und nach bin ich klug geworden. Ich begreife jetzt, daß es ein Wahnsinn ist, die Treue zur Pflicht zu machen. Treue ist Gunst; Treue ist Gnade. Mühelos und ohne jeglichen Kampf übt sie der Liebende. Alle Gesetze der Welt jedoch und alle Göttergebote werden den Flüchtling nicht fesseln, den nicht die Neigung hält; – geschweige denn ihn zurückführen.«

»Aber die Neigung erwacht, wenn die Verblendung dahinsinkt. Laß ihn doch erst erfahren, was für ein Herz du im Busen trägst, wie edel und ohne Falsch du bist, und wie heiß du ihn anbetest! Ach, ich möchte ja wie im Sturm zu ihm hineilen, seine Kniee umfassen, und jubelnd ihm zurufen: ›Siehe, Octavia allein von allen Frauen der Erde ist würdig, dein Los zu teilen!‹ Aber das geht ja nicht; das hieße die Göttliche, Reine schmählich entweihen: denn ich selbst ja bin eine Frevlerin am Glücke Octavias – nicht minder, als jene Poppäa, die nur den Haß und die Herrschbegierde vor mir voraus hat.«

»Schweig! Du hast ja ehrlich bereut!« sagte Octavia. »Was auch hätte ich dir zu verzeihen? Daß du ihn hinnahmst, als er sich liebeglühend dir darbot? Oder willst du behaupten, du hättest ihm Netze gestellt, wie Poppäa Sabina?«

Die junge Fürstin stützte den Kopf in die Hand.

»Blondes Mädchen,« begann sie nach einer Weile, »es ist ein schweres Bekenntnis – aber ich muß es aussprechen. Ich beneide dich, Acte!«

»Du zermalmst, du vernichtest mich! Sünde war's und Verrat, – kein Glück! Ach, das wahre Glück beruht in der Tugend, die ich so schmählich mit Füßen getreten! Du, die Heilige, solltest den Wunsch nähren, mit der Verworfenen zu tauschen? Welch ein Wahnsinn!«

»Ich beneide dich!« wiederholte Octavia.

»Also liebst du ihn noch!« rief die Freigelassene triumphierend. »Noch vor zehn Minuten erklärtest du ›Nein!‹ Aber ich seh's nun, du liebst ihn noch, trotz seiner Treulosigkeit, trotz der entsetzlichen Undinge, die das Gerücht uns zu Ohren trägt . . .«

»Schone mich! Das alles stößt mir das Herz ab. Ich vergehe vor Scham. Dennoch – es scheint, daß die Liebe unsterblich ist.«

Nach langem Sinnen hub die Freigelassene wiederum an: »Herrin, gestattest du eine Frage, die ich jetzt Tag für Tag mit Gewalt unterdrücke?«

»Sprich!«

»Was hast du dieser Poppäa auf ihre schmachvolle Zuschrift geantwortet?«

»Nichts.«

»Also gedenkst du . . .«

»Ruhig festzuhalten an meinem Rechte. Sieh, Mädchen, so bleibt mir doch immer noch eins! Wenn er sich ausgetobt, wenn er der sinnlosen Orgien im Kreis dieser widerlichen Gesellschaft müde ist, so überkommt's ihn vielleicht urplötzlich wie grausende Einsamkeit; er sehnt sich nach einem ehrlichen Herzen, an dem er ausruhen kann. Dann, gute Ismene, will ich befugt sein, ihm eine stille, freundliche Zuflucht zu bieten. Folg' ich dagegen aus Feigheit oder Erschöpfung dem Vorschlag seiner Geliebten, willige ich in die Scheidung, so ist alles verloren, alles! Poppäa wird vor den Menschen und Göttern seine Gemahlin, und wenn er nun aus dem thörichten Traume erwacht, so bleibt ihm nur die Verzweiflung.«

Acte erhob sich. Die Thränen standen ihr in den Augen.

»Wie glühend,« sprach sie, »wie sehnsuchtsvoll will ich beten, daß sich dir alles zum Heil wende!«

»Gutes Geschöpf!« sagte Octavia lächelnd. »Ach, und ich weiß doch, daß du . . . nicht ganz ohne Kampf betest.«

Acte errötete.

»Herrin, du irrst,« hauchte sie schamhaft. »Glaube mir doch: freudlos denk' ich an jene Tage zurück, wie Paulus, unser teurer Apostel, an die Thorheit des Saulus.«

»Weshalb weinst du dann aber? Setz' dich nur wieder hierher und erzähl' mir ein weiteres von diesem göttlichen Manne . . . Schon gestern erwähntest du, daß er in Rom sei.«

Acte trocknete ihre Augen und Wangen. Auf dem süßen, rosigen Antlitz brannte die helle Glut der Begeisterung.

»Von Abyssus hab' ich's gehört,« sagte sie, auf die Rasenböschung sich niederlassend. »Um die Kalenden etwa ist Paulus dort eingetroffen. Im Lande Judäa hatten die Priester und Schriftgelehrten ihn angeklagt. Felix, der Prokurator, wollte ihn vor Gericht stellen. Paulus jedoch legte Verwahrung ein. ›Ich bin römischer Bürger,‹ sprach er, ›und verlange mein Recht vor dem Kaiser.‹ Da hat ihn Felix unter Bedeckung nach Rom geschickt. Eh' es jedoch zum Prozeß kam, ward er in Freiheit gesetzt. Tigellinus, der die jüdischen Priester um deswillen haßt, weil Poppäa sie eifrig begünstigt, soll den Kaiser dazu bestimmt haben. Eher noch glaub' ich, daß man dem großen Apostel nichts vorwerfen konnte. Nun weilt er im Herzen des Weltreichs, verkündet die Lehre des Nazareners und spendet den Mühseligen und Beladenen den Gottesfrieden, der da höher ist, als alle Vernunft.«

»Ich möchte den Mann wohl hören,« sagte Octavia. »Unbegreiflich zwar erschien mir so vieles, was du von dem gekreuzigten Jesus berichtet hast. Seine Liebe aber und seine Kraft im Erdulden hat mich ergriffen. Er ist mir ein Beispiel geworden, wenn ich vermeinte, dies Elend sei nicht länger zu tragen, und oft überkam's mich bei deiner sanften Art zu erzählen, wie eine überirdische Ruhe. Ich fragte mich dann: Wie? Wenn das alles nicht eine fromme Fabel, sondern das endlich gefundene Heil wäre?«

»Herrin, es ist kein Märchen,« flüsterte Acte, »sondern die einzige Wahrheit von Gott dem Allmächtigen. Ohne die Gnade dieses himmlischen Vaters und die versöhnende Fürbitte Jesu Christi – ach, wie hätte ich wohl dies alles in meiner Seele verwinden können . . .!«

Sie unterbrach sich und sah in unbeschreiblicher Seelenverwirrung zu Boden. Octavia sollte ja doch überzeugt bleiben, der sündige Traum von ehedem sei vergessen! Ach, und nun zeigte die Büßerin mit ergreifender Klarheit, wie tief und fest ihr diese Vergangenheit noch im Herzen wurzelte!

Octavia blickte, unmerklich seufzend, auf das schimmernde Haar, das dem schweigenden Mädchen wie gesponnenes Gold über die Stirn wallte.

Da ertönten Schritte aus der Richtung des Peristyls. Eine vornehme, hochgewachsene Männergestalt ward sichtbar, die auf der Schwelle des Posticums stehen blieb und den forschenden Blick über den Park schweifen ließ.

Octavia erkannte sofort den Agrigentiner.

Noch hatte er sie und die Freigelassene nicht wahrgenommen.

»Verbirg dich, Mädchen!« sagte Octavia erschreckt. »Wenn er dich findet, bist du verloren. Seine Freundin Poppäa würde nicht rasten, bist du beseitigt wärest.«

Acte trat ins Gebüsch.

Fast in der gleichen Sekunde hatte der Agrigentiner die junge Fürstin bemerkt, die sich den Anschein gab, als schaue sie, in Gedanken versunken, auf die purpurglühende Meerflut. Bedächtigen Schrittes kam er zu ihr heran. Er grüßte sie höflicher als er gewollt hatte.

»Herrin,« sprach er, »ich habe dir mitzuteilen, daß du entlarvt bist.«

Octavia erhob sich. Mit unverhohlener Geringschätzung heftete sie den Blick auf den Mann, den sie seit lange als den verderblichsten Dämon des Imperators hassen und fürchten gelernt.

»Was soll das?« fragte sie kalt.

»Jede Verstellung ist nutzlos,« sprach Tigellinus. »Du bist – um kurz und bündig zu sein – des Ehebruchs angeklagt, begangen mit deinem Sklaven Abyssus.«

Siedende Schamröte floß der Fürstin über das Antlitz.

»Du rasest. Ich angeklagt?«

»Du, Octavia, die Gemahlin des Imperators.«

»Und von wem?« fragte sie zornbebend.

»Selbstverständlich vom Kaiser.«

»Du lügst. So tief ist Nero im Schlamm der Gemeinheit noch nicht versunken. Du und Poppäa, ihr beide habt diese lächerliche Verleumdung ausgebrütet.«

Sophonius Tigellinus zuckte die Achseln.

»Ich wiederhole dir, daß alles entdeckt ist. Längst schon hat man euch stark im Verdacht gehabt, – damals bereits, im Beginn deiner Krankheit, wie dich Abyssus so lüstern betastete und so . . . bräutlich umschlungen hielt.«

»O, ihr Elenden!« ächzte die junge Kaiserin außer sich. Die plumpe Schamlosigkeit dieser Mißdeutung überwältigte sie. Die Hände vors Antlitz pressend, stöhnte sie nochmals: »Ihr Elenden! Ihr Verruchten!«

»Beim Herkules, mach keine Umstände! Wenn du klug bist, legst du sofort ein offenes Geständnis ab. So ersparst du dir und dem Kaiser den grauenvollen Skandal, und deinen Freigelassenen die Folter.«

»Die Folter!« rief Octavia erschüttert. »Habt ihr diesen schändlichen Wahnwitz noch immer nicht aufgegeben?«

»Das Gesetz ist uns heilig,« sagte der Sicilianer bedeutsam.

Die junge Kaiserin kämpfte einen erschütternden Kampf. Sie wußte nun, daß sie ohne Rettung verloren war. Der grausigen Qual der Tortur widerstanden nur wenige. Auch die unwahrscheinlichste Aussage ließ sich erpressen, wenn sich die Gliedmaßen der Belastungszeugen unter den furchtbaren Instrumenten der Folterknechte zerrenkten. Der Senat würde die Angeklagte demgemäß schuldig sprechen: das schien ihr unzweifelhaft. Sollte sie nun – ganz ohne Zweck – so viel Jammer verhängen über die Hausgenossen, die ihr fast ausnahmslos in dankbarster Liebe zugethan waren?

Dennoch, sie konnte nicht Ja sagen. Sie durfte, selbst aus dem edelsten Drange ihres Gemütes heraus, nun und nimmer durch ein falsches Geständnis ihre weibliche Ehre beflecken.

»Ich glaube dir nicht!« rief sie nach langem Zögern. »Und sprächst du die Wahrheit, und kämst du wirklich von Claudius Nero: er würde in letzter Stunde noch Reue fühlen. Es ist ja unmöglich, daß er im Ernste an meiner Treue zweifelt. Unmöglich! Geh und sage ihm das!«

»Du hast nicht weise gewählt. Hättest du ruhig bekannt, was nun der öffentliche Prozeß dir schmachvoll beweisen wird – beim Herkules, du wärest besser gefahren! Die hohe Körperschaft hätte die Scheidung verfügt: du selber jedoch wärest vom Kaiser begnadigt worden. So aber . . . Nun, du wirst sehen . . .«

»Ich sehe nur eins: daß die Schurkerei vielleicht mächtiger ist als die Tugend.«

»Redensarten! Ich befehle dir jetzt im Namen des Imperators: rufe mir sämtliche freigeborene oder befreite Insassen deiner Villa ins Peristylium. Die Sklaven können, dem Gesetze zufolge, nicht wider dich Zeugnis ablegen.«

»Du befiehlst mir?«

»Kraft meines Auftrags.«

»Und ich weigere dir den Gehorsam.«

»Meinetwegen!« lachte der Agrigentiner. »So gehe ich selbst. Ich habe so manchen Schritt in dieser unsauberen Sache gethan: es soll mir auf einen mehr oder minder nicht ankommen.«

Er wandte sich nach dem Hause.

Plötzlich zurückschauend, machte er wieder kehrt.

»Noch ein Mittel gibt's, dich zu retten,« sagte er leise.

»Mich zu retten!« lachte sie mit unsäglicher Bitternis.

»Ich rede im Ernste. Wie die Sache jetzt steht, bist du verloren. Also lass' diesen Ton der beleidigten Seelengroße und höre mich an!«

Octavia besann sich. Was konnte ihr Gutes von diesem Verräter kommen? Dennoch: das Unheil schlug ihr fast schon über dem Haupte zusammen . . . Vielleicht, vielleicht . . .

»Nun,« fragte sie zaghaft, »was wäre das für ein Mittel?«

»Gönne mir, was du deinem Sklaven Abyssus gegönnt hast,« hauchte er durch die Zähne.

»Ich? . . . gegönnt . . .? Ha, ich verstehe dich . . .!«

»Um so besser! Willst du . . . vernünftig sein, und wär' es nur diesen einzigen Tag, so – hab' ich mich überzeugt, daß du betreffs des Abyssus vollständig unschuldig bist.«

»Bube!« rief sie erbleichend.

»Du sträubst dich?« raunte er liebegirrend und legte ihr mit brutaler Vertraulichkeit die Hand auf die Schulter.

»Rühr' mich nicht an, du Auswurf der Menschheit! Lieber sterb' ich von Henkershand . . .«

»Das Sterben von Henkershand ist bei weitem nicht so bequem, als ein wonniger Liebesrausch.«

»Fort!« rief Octavia gebieterisch. »O, wenn Claudius Nero das ahnte . . .!«

»Er wird nie was davon erfahren. Und wenn selbst: fragt er denn eine Sekunde nach dir und nach dem, was du treibst? Laß mich offen sein, edle Octavia! Du siehst so lieblich aus und so herzbewegend in deinem Leid, daß ich Erbarmen fühle, Erbarmen mit dir und mir. Ja, das alles ist Lüge. Du bist rein wie der Schnee. Poppäa Sabina hat diese fürchterliche Beschuldigung ausgebrütet, weil sie dich haßt, weil sie entschlossen ist, dich um jeden Preis aus dem Wege zu räumen. Ich, in meiner verzehrenden Rachsucht, bot ihr die Hand, weil du mich damals von hinnen scheuchtest, wie einen Bettler. Höre nun, was ich dir sage! Die Geliebte des Kaisers soll schmählich enttäuscht, sie soll aus ihrer glänzenden Höhe für immer gestürzt werden, falls du die Herbheit jener schnöden Zurückweisung wieder gut machst. Erwäg in Ruhe, was ich dir biete, – und was ich verlange. Ich liebe dich, süße Octavia! – Ich bin vernarrt in diese träumenden Augen! Laß uns Freunde sein! Laß uns genießen, was uns keiner verwehren kann! So erlösest du dich und mich! Suche doch klar zu werden und rechne mit dem Gegebenen! Damals hofftest du noch: heute aber ist alles vorüber. Du bist seit lange nicht mehr die Gattin des Imperators. Nein, Octavia! Nur das hilflos-elende Opfer seiner Geliebten! Wem also, du Verblendete, hältst du die Treue? Dem Gespenst der Erinnerung? Der frechen Poppäa? Den Marmorsäulen eures Cubiculums?«

»Mir selbst!« sagte Octavia hoheitsvoll.

Der Agrigentiner war einen Augenblick wie erstarrt. So ernsthaft hatte er's nie im Leben gemeint, so klangvoll war ihm nie der Wohllaut seiner Beredsamkeit von den Lippen geflossen. Und nun warf ihn dieses mädchenhafte Geschöpf mit zwei Worten platt auf den Boden!

Er stammelte noch einige Redensarten, bald schmeichelnd, bald drohend, bis er sich endlich in siedender Wut von ihr abwandte. Octavia hatte ihm nichts mehr erwidert.

»Dir soll's noch leid werden!« knirschte er im Dahinschreiten. »Ganz wie du willst! Dein Schicksal erfülle sich!«

Achselzuckend schritt er durchs Posticum in den Säulenhof, wo die fünfzehn Bewaffneten, die ihn begleiteten, mit den Dienerinnen ein harmloses Plaudern begonnen hatten. Keiner von diesen Soldaten wußte, um was es sich bei der unerwarteten Expedition handelte.

»Flieh!« wandte die schluchzende Kaiserin sich zu Acte.

Das junge Mädchen trat zitternd und totenbleich aus dem Strauchwerk. »Fliehen? Das wäre feiger als feig! Aussagen will ich zu deinen Gunsten.«

»Wem sollte das frommen? Denkst du, irgend jemand werde an meine Schuld glauben? Aber verurteilen werden sie mich, ob du nun sprichst oder schweigst, denn der Senat kriecht ja vor Tigellinus. Flieh, ich beschwöre dich!«

»Herrin . . .«

»Willst du dich foltern lassen, thörichte Schwärmerin?«

»Um dir beizustehn, ja!«

»Aber ich, Octavia, verbiete dir's. Acte, Acte, erspar mir doch die maßlose Demütigung! Begreifst du denn nicht? Du, seine – frühere Geliebte, solltest vor mir und ihm . . .?«

Die Freigelassene erbleichte. »Ja, du hast recht,« sagte sie kummervoll. »Verzeih meinem Ungestüm, daß ich's gewagt habe . . . Acte, die Sünderin, muß sich verborgen halten. Aber wenn alles vorüber ist, wenn du gesiegt hast – o, dann gestatte mir, daß ich zurückkehre! Siehe, ich habe ja keine Heimat auf Erden als hier die Stelle zu deinen Füßen.«

»Was auch geschehen mag: glaube an meine Freundschaft! Da aber niemand weiß, wie die Götter es fügen werden, so versieh dich mit einigem Geld! Ich eile ins Peristyl, wo der elende Agrigentiner die Hausgenossen zusammentreibt. Ich will ihn schon hinhalten. Schleiche dich dort um die Pinien und schlüpfe durchs Fenster. In meinem Cubiculum steht eine Truhe. Hier ist der Schlüssel.

Nimm dir, was du begehrst! Flink, flink! Ich würde verzweifeln, wenn sie dich festnähmen . . .«

Acte schmiegte sich wieder ins Lorbeergebüsch.

»Fahr wohl!« seufzte Octavia. »Mir liegt's todschwer auf dem Herzen. Ich ahne das Schrecklichste.«

»Bete!« flüsterte Acte; »nicht zu Jupiter, sondern zum Gott Jesu Christi!«

»Ich will's versuchen.«

»Ach, und noch einmal reich mir die Hand! Sprich, vielteure Gebieterin, hast du mir wirklich und von ganzem Herzen verziehen?«

»Von ganzem Herzen.«

»So bin ich getrost. Unser Vater im Himmel kann so viel Güte nicht unbelohnt lassen.«

Viertes Kapitel.

Zwei Tage später begann jener schauderhafte Skandalprozeß, wie ihn die Weltgeschichte kaum zum zweitenmale verzeichnet hat.

Sophonius Tigellinus führte namens des Imperators die Anklage. Seine halbstündige, kunstvoll emporgebaute, mit den schmutzigsten Einzelheiten übersättigte Rede wies den Freigelassenen Octavias deutlich die Wege vor, die sie mit ihrer Aussage würden beschreiten müssen, wenn sie die ›Aufmunterungen‹ der Folterknechte vermeiden wollten.

Nachdem er mit einer heuchlerischen Phrase des Schmerzes geendet hatte, forderte Tigellinus die marmorbleiche Octavia noch einmal auf, rückhaltslos zu bekennen.

»Du siehst hier,« sprach er, »welterfahrene Männer und Greise, denen die offenkundige Schimpflichkeit deines Wandels die Röte der Scham in die Stirne treibt. Sie haben vieles erlebt, aber nichts von so niedriger, durch und durch besudelter Frechheit. Dennoch wird dich die hohe Körperschaft der Gnade des Imperators empfehlen, aus Rücksicht auf deine erlauchte Herkunft –: wenn du gestehst.«

»Ich bin schuldlos,« versetzte Octavia, wider Erwarten ruhig. »Alles, was hier vorgebracht wird, ist ein Werk der Verleumdung, ein schnödes Lügengewebe, das die versammelten Väter nicht täuschen kann.«

»Gewiß nicht!« rief eine mächtige Stimme.

Es war Soranus, der würdige Stoiker.

»Nein, beim Jupiter!« fügte Thrasea Pätus hinzu. »Und deß zum Beweis erkläre ich, eh' noch ein weiteres verhandelt ist, daß ich mich glücklich schätze, wenn die erlauchte Kaiserin mir die Gnade erweist, meine vierzehnjährige Tochter zur Gesellschafterin zu wählen.«

Ein Murmeln der Ueberraschung ging durch die Sitzungshalle. Man kannte die sittliche Strenge dieses Senators, die geradezu peinliche Sorgfalt, mit der er seine durch Schönheit ausgezeichneten Kinder erzogen hatte.

»Reize ihn nicht!« flüsterte Flavius Scevinus, der ihm zur Rechten saß. »Ein einziger Blick in diese angstbeklommenen Gesichter muß dich belehren, daß wir dem Schicksal nicht in den Arm fallen können. Das Unglaubliche wird sich vollziehen: die reinste, züchtigste Frau, die je das Palatium betreten, wird von der feigen, ewig duckenden Mehrheit verurteilt werden.«

»Aber soll ich zu dieser Missethat schweigen?«

»Nein, Barea! Bei der Abstimmung werden wir laut und allem Volke vernehmlich unser ›Nichtschuldig‹ sprechen. Nur die offenkundige Feindseligkeit ist verfrüht. Willst du, daß er die wenigen Träger der Freiheitsidee meuchlings ermordet? Ich dächte, wir hätten eine höhere Mission zu erfüllen. Glaube doch, mir kocht's in den Adern – stürmisch wie dir! Aber ich zähme mich. Die Stunde der Abrechnung wird schon herankommen.«

»Du hast recht. Still, mein Flavius! Unser Geflüster scheint den Glatzkopf dort an der Ecke zu interessieren.«

»Den Verwandten des Agrigentiners?«

»Jawohl, den widerwärtigen Cossuthianus. Seit jener Streitsache mit den Kilikiern ist er uns aufsässig wie ein Dämon.«

Sophonius Tigellinus hatte die Demonstration des Thrasea Pätus mit einem spöttischen Achselzucken beantwortet. Ohne sich weiter um die Bewegung in den Reihen der Senatoren zu kümmern, schritt er zum Verhöre der Zeugen.

Die Freigelassenen Octavias wurden einzeln vorgeführt.

An erster Stelle ein bildschöner Jüngling mit Namen Alkinous, dessen aschfahle Blässe die unsäglichste Angst verriet . . .

Er hatte sich durch die Güte der jungen Kaiserin Geldes genug erspart, um demnächst im Sabinerlande ein Gütchen zu kaufen und seine heißgeliebte dreizehnjährige Lalage heiraten zu können.

Nun sollte er – unmittelbar vor der Schwelle des Glücks – seinen Körper zerbrechen lassen, um Zeugnis abzulegen für die Unschuld Octavias, ein Zeugnis, das vielleicht fruchtlos gemacht wurde durch das abgefolterte ›Schuldig!‹ der andern.

Ein sichtbarer Schauer überrieselte seinen Leib, da ihm nun Tigellinus die Frage zurief: »Freigelassener, was ist dir von dem ehebrecherischen Verhältnis zwischen der Gattin des Imperators und jenem schmutzigen Hund von Aegypter bekannt geworden?«

»Herr –,« sagte der Jüngling mit einem prüfenden Blick auf die bereitstehenden Folterknechte, ». . . ich . . . es mag ja wohl sein . . . ich hörte . . .«

Dann aber ergriff's ihn wie heilige Scham.

»Zerreißt mich in Stücke!« rief er, die Fäuste ballend. »Meine Herrin ist rein wie das Sonnenlicht! Versammelte Väter, die ihr doch Frauen besitzt und Töchter, könnt ihr denn zweifeln, wenn ihr nur einen einzigen Blick in dieses hehre, unschuldsvolle Gesicht werft? Der Aegypter Abyssus war ihr allezeit ein getreuer Knecht, wie jeder, der sich in ihrem Dienste befand: aber wie hätte er wagen sollen . . .? Der Gedanke ist ja nicht auszudenken!«

»Laßt uns prüfen, ob der Freigelassene Alkinous bei dieser Behauptung verharrt!« sagte der Agrigentiner mit einer Gebärde gegen die Folterknechte.

Die handfesten Sklaven traten herzu, packten ihr Opfer mit wunderbarer Geräuschlosigkeit und spannten es auf eine längliche Maschine aus Stahl, die ›das Ruhebett des Prokrustes‹ genannt wurde.

»Sie ist schuldlos!« beteuerte Alkinous unablässig.

Die Schraube ward angezogen.

»Stärker!« befahl Tigellinus.

Jetzt, da ihm die gräßliche Qual fast die Besinnung raubte, rief der Jüngling verzweiflungsvoll: »Gnade! Gnade! Ich will alles bekennen!«

»Gebt's ihm gelinder!«

Die Schraube ging um eine Drehung zurück.

»Laß mich frei!« schrillte es immer noch herzzerreißend von seinen Lippen.

Ein Wink; die Folterknechte ließen ihn los.

»Du bekennst also?« fragte der Agrigentiner.

»Ja.«

»Du hast die Frevlerin überrascht?«

»Ja.«

»Sie suchte dich zu bestechen?«

»Ja.«

»Sie gab dir Geld?«

»Ja.«

»Wieviel?«

»Ich weiß nicht. Hunderttausend Denare.«

»Gut! Das sind schätzbare Aufschlüsse. Du kannst dich entfernen.«

Gesenkten Hauptes schritt der Jüngling von dannen.

Plötzlich sah er sich um. Feierlich hob er die Rechte, die von der ausgestandenen Marter noch zitterte.

»Und sie ist dennoch schuldlos!« rief er mit Donnerstimme.

»Du widerrufst?« lächelte Tigellinus. »Nun, wir erörtern das noch. Nehmt ihn fest, Leute! Zuvor aber hören wir wohl die übrigen.«

Der nächstfolgende war ein stattlicher vierzigjähriger Mann, der Weib und Kind hatte.

»Spart euch die Mühe,« sagte er gleichmütig zu den Tortursklaven. »Meine Herrin ist unschuldig. Ob ihr mich nun auseinander zerrt oder nicht: ich verharre dabei. Das wär' eine schöne Treue, die sich um einiger Schmerzen willen in Lüge verkehrte. Da, nehmt mich hin! Athenäus fürchtet sich nicht vor denen, die nur den Leib töten.«

Auf die Folter gebracht, zuckte er nicht mit der Wimper.

»Sie ist unschuldig,« war das einzige, was man aus ihm herausbrachte.

Tigellinus, durch die Tapferkeit des begeisterten Nazareners gereizt, wollte die Folter verschärfen, und ihm die qualvoll gezerrten Glieder, beim Fuße anfangend, mit dem eisernen Klöppel zerschlagen lassen.

Thrasea Pätus aber widersetzte sich dem.

»Wie?« sprach er mit herzbewegender Leidenschaft, »ihr bewundert den Regulus, weil er den Glutstrahlen der afrikanischen Sonne getrotzt hat, und den liederverherrlichten Mucius, der lächelnd die Hand im Feuer verkohlen ließ: hier aber wollt ihr so viel Standhaftigkeit mit dem Tode bestrafen? Seid ihr noch Römer, oder wird uns Judäa seine Lehrmeister schicken müssen, um uns begreiflich zu machen, was Ehrgefühl ist und göttlicher Mannesmut?«

Das alte Zauberwort von der römischen Heldengröße that seine Wirkung. Drei Senatoren aus den Reihen der sonst so gefügigen Majorität ersuchten in aller Ehrerbietung den ›einsichtsvollen, gütigen‹ Tigellinus, von einer weiteren Vernehmung des ehemaligen Sklaven absehen zu wollen.

So ward der unerschütterte Athenäus denn losgegeben.

Mit ähnlicher Hartnäckigkeit wiesen zwei Drittel der Zeugen die schamlose Anklage als Verleumdung zurück; – heldenmütig wie Mucius Scävola, treu wie Regulus. Es schien, als sei der altrömische Heroismus, der im Senate nur noch ein halbes Dutzend echter Vertreter hatte, in die Herzen dieser Geringen und Glanzlosen eingekehrt, um die entartete Menschheit nicht an sich selbst verzweifeln zu lassen. Die wenigen Hausgenossen Octavias, die den Schmerzen erlagen, und sich dem Ankläger willig erzeigten, kamen hier kaum in Betracht.

Tigellinus kochte vor Wut, obwohl er dem Senat gegenüber sich völlig den Anschein gab, als ob er die Angeklagte für zweifellos überführt erachte.

Die letzte, die man zur Folter schleppte, war die strenge Rabonia; denn auch die Frauen und Mädchen wurden von dieser schauderhaften Justizgepflogenheit nicht verschont.

Da Rabonia für Octavias nächste Vertraute galt, und ihr Zeugnis so am entscheidendsten ins Gewicht fiel, hatte der Agrigentiner sie für den Schluß aufgespart, und den Knechten bedeutet, sie möchten ihr gleich von vornherein tüchtig zusetzen.

Aber auch die getreue Rabonia war sich über die große Verantwortlichkeit, die auf ihr lastete, klar, und so beschloß sie, lieber zu sterben, ehe sie ihrer Gebieterin auch nur den leisesten Makel anhaften ließe. Alle Fragen des Tigellinus beantwortete sie mit einem trotzigen ›Nein, du Schurke!‹

Immer heftiger spannten die Folterer das entsetzliche Marterbett. Der rechte Arm der Unglücklichen zerriß. Ohnmächtig sank ihr das leichenfarbige Haupt auf die Seite. Als ihr jedoch das Bewußtsein zurückkehrte, und Tigellinus ihr zitternden Mundes die Worte zurief: »Wirst du nun endlich bekennen?« – da versetzte sie ihr unerbittliches ›Nein, du Schurke!‹ ganz mit der gleichen Furchtlosigkeit wie zuvor.

»Hinweg mit der Kupplerin!« zischte der Agrigentiner, uneingedenk seiner sonst so hocharistokratischen Haltung.

»In meine Wohnung, falls es gestattet ist!« rief der Stoiker Thrasea. »Meine Aerzte sollen mir die Zermarterte pflegen, denn ich bewundere diese heldenhafte Person. Ja, ich bewundere sie, ihr versammelten Väter, wenn ich auch zugebe, daß sie gegen den hochwürdigen Adjutanten des Imperators nicht gerade sehr höflich gewesen.«

Der Agrigentiner widersetzte sich nicht.

Nachdem die Schreckensscenen dieser ekelerregenden Untersuchung beendigt waren, erhoben sich die Verteidiger.

Zuerst Barea Soranus, dann Thrasea Pätus.

Beide beschränkten sich auf die Betonung der Thatsache, daß niemand, absolut niemand in der erlauchten Versammlung an die Schuld der Octavia glaube.

»Bei allen Göttern!« – so schloß die kurze Rede des Thrasea – »der Prozeß hat die unantastbare Tugend der Kaiserin nicht erst beweisen müssen. Sollte jedoch, aller Vernunft zum Trotz, irgend jemand Zweifel gehegt haben an der Hoheit ihrer Gesinnung, an der Unsträflichkeit ihres Wandels, an der unbefleckten Reinheit ihres Gemüts, so hat die Zeugenvernehmung erhärtet, daß dieser Zweifel eine Lästerung war. Tigellinus, im löblichen Eifer, seinem Herrn und Kaiser zu dienen, ist augenscheinlich zu weit gegangen. Er hat auf die Zuträgereien schnöder Spione und giftsprühender Angeber ein größeres Gewicht gelegt, als er gedurft hätte. Er wird sich nun überzeugt haben, daß man ihn schmählich belogen hat. Glorreicher ist niemals ein Angeklagter aus einer Gerichtsverhandlung hervorgegangen, als Octavia, die Schwester des edlen Britannicus. Neuer, erhöhter Glanz leuchtet um ihr ambrosisches Haupt. Bis dahin ist sie die holdeste Fürstin, das beste, vollendetste Weib gewesen: jetzt steht sie vor uns wie eine Unsterbliche. Versammelte Väter, bittet um ihre Gnade!«

In der That, nicht einer unter den Senatoren glaubte an ihre Schuld, aber ein jeder wußte, was die Komödie bedeuten sollte. Der Kaiser, oder zum wenigsten Poppäa Sabina und der allmächtige Tigellinus wünschten das Band der Ehe zwischen Octavia und Nero gelöst zu sehen. Diese Erkenntnis genügte für eine Körperschaft, die seit Jahrzehnten bereits mehr an die Sicherung ihrer persönlichen Vorteile als an die Wahrung des Rechts und der öffentlichen Moral dachte.

So wurde denn, aller vernünftigen Einsicht zum Trotz, mit erdrückender Mehrheit der Ehebruch für erwiesen erklärt, die Scheidung ausgesprochen, der Aegypter Abyssus zum Tode, und die Kaiserin zur Verbannung verurteilt. Das Landhaus zu Antium sollte ihr Kerker werden auf Lebenszeit. Damit sie jedoch ihre schändlichen Ausschweifungen nicht fortsetze, würden ihr die Censoren eine besondere sittenpolizeiliche Wache bestellen, deren Anordnungen sie unweigerlich zu gehorchen habe.

Im tiefsten Innern gebrochen hörte die unglückliche Fürstin diesen entsetzlichen Richterspruch an, – leblos, unfähig, nur eine Thräne zu weinen.

Da schritt Thrasea Pätus feierlich auf sie zu, neigte sein Haupt und küßte voll Ehrerbietung den Saum ihrer Palla.

»Nochmals,« sprach er mit schmerzlich bewegter Stimme, »ich bitte um deine Erlaubnis, dir meine Tochter zu senden. Möchte sie einst dir ähnlich werden, – und sollte sie diese Aehnlichkeit mit noch größerem Elend bezahlen müssen, als du erduldest!«

Octavia konnte nicht sprechen. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu, der ihm tief in die Seele drang.

Gleich darauf wurde sie von den Prätorianern hinweggeführt. Der Wagen, der sie nach Antium bringen sollte, stand schon bereit.

»Sei nicht allzu verwegen!« raunte eine haßbebende Stimme dicht hinter Thrasea Pätus.

Der Stoiker blickte sich um. Es war Cossuthianus, den er vor Jahren im Auftrage der Kilikier der Unterschlagung bezichtigt hatte.

»Ich verstehe dich,« lächelte Thrasea, »aber ich fürchte dich nicht; weder dich noch deine Verwandten, die damals für dein Verbrechen die Gnade des Imperators erwirkten. Es gibt Frevelthaten, die aus jeglichem Straßenstein wutsprühende Fechter für das mißhandelte Recht erwecken. Ihr seid ja schlau wie die Geier: diese Verurteilung aber war ein thörichter Knabenstreich. Denkt an mich, dafern er euch etwa übel bekommen sollte!«

Fünftes Kapitel.

Die Ahnung des Thrasea schien sich an dem nämlichen Tage noch zu bewahrheiten. Der schmähliche Ausgang dieses unerhörten Prozesses wirkte auf die Bevölkerung wie ein Faustschlag, der jedem einzelnen breit im Gesicht brannte.

Octavia verurteilt!

Das war zu viel! Das römische Volk, das allen übrigen Ausschreitungen des Hofes stillschweigend zugeschaut, raffte sich wie in plötzlicher Verabredung auf, um seiner Entrüstung Ausdruck zu leihen über die ehrlos-feige Verunglimpfung dieser lieblichen, hochgemuteten Dulderin.

Für Augenblicke konnte man glauben, das seien die Zeitgenossen der unglücklichen Virginia, die sich jetzt allenthalben zusammenrotteten, Flüche ausstießen, Klagen und Drohungen, und schließlich mit der zermalmenden Einmütigkeit längst vorbereiteter Insurrektionen die Losung erschallen ließen: »Es lebe Octavia! Nieder mit Poppäa Sabina, der Buhlerin!«

Insbesondere war es das weibliche Rom, das für diese ungeplante stürmische Rebellion die treibende Ursache abgab.

Von den letzten Schifferhütten am Hange des Aventin bis hinaus nach den Villen des Gartenbergs und der milvischen Brücke – überall gewahrte man Frauen als Mittelpunkte bewegter Gruppen, Frauen im Gewande der Kleinbürger, leidenschaftlich und herb in ihrer wilden Beredsamkeit, aber auch vornehme Damen in schneeig flutender Palla, das grellrote Flammeum über den kunstvoll geschürzten Haaren, würdevoll, anmutig in jeder Bewegung. Die Gemahlin des jämmerlichen Senators legte Protest ein wider das lügenhafte Verdikt ihres Gatten; das Weib des verachteten Henkersklaven wider die Missethaten der Folterer. – Und so gestachelt von all den hunderttausend Stimme der Frauen, die sich im heiligsten ihrer Gefühle tödlich verwundet sahen, zogen die Kühnsten unter den Männern zuletzt in tosender Schar vor das Palatium und verlangten mit Donnerstimme die Rückberufung Octavias.

Immer neue Volksmassen drängten nach. Eine Abteilung Stadtsoldaten, die Treppe des kapitolinischen Hügels herabsteigend, warf sich den Ungestümen entgegen.

»Halt!« schrie der Befehlshaber. »Keinen Schritt weiter, oder ich lasse euch niederstoßen!«

»Schäme dich!« rief ein schlanker, dunkeläugiger Jüngling, die Faust erhebend.

Es war der Freigelassene Artemidorus.

»Schäme dich!« wiederholte er tieftönig. »Willst du die Ehrlosigkeit verteidigen wider die Tugend? Bist du ein Römer, oder ein Kuppler aus Memphis?«

»Gebt Raum!« klang es verdrießlich von den Lippen des Anführers. »Horch! Da heult's ja schon wie germanischer Kriegsgesang! Vorwärts, Leute! Ich muß meine Pflicht thun! Legt mir die Speere ein!«

»Pah!« rief einer der Stadtsoldaten. »Wahr bleibt wahr! Die Fürstin ist schuldlos, und Poppäa hat sie mit Schlamm besudelt.«

»Ich bin römischer Bürger,« sagte ein zweiter. »Ich fechte nicht für die liederliche Sabina.«

»Es lebe Octavia!« scholl es vom Mund eines dritten.

»Recht so!« jubelte Artemidorus. »Ein Hoch für die Stadtkohorte!«

»Die Stadtkohorte!« jauchzte das Volk. »Hoch die Beschirmer Octavias!«

Der Befehlshaber schaute sich ratlos um. Sämtliche hundert Mann weigerten ihm den Gehorsam. Der Lärm auf dem Forum Romanum wuchs mit jeder Sekunde.

Artemidorus faßte ihn plötzlich am Oberarm.

»Zögerst du noch?« rief er im Tone eines begeisterten Sehers. »Die ehrvergessene Schmach und die Schande müssen gezüchtigt werden, oder das Weltall geht aus den Fugen.«

Mit einem gewaltigen Griff hatte er dem jäh Ueberraschten das Breitschwert aus den Fingern gerissen.

»Auf nach der Hofburg!« schrie er, den Stahl hoch über dem Haupte schwingend. »Kommt, ihr Speerträger! Euer Erscheinen wird, so hoff' ich, den Ausschlag geben.«

»Die Stadtsoldaten erklären sich für Octavia!« ging es brausend von Mund zu Mund. »Platz da! Hier kömmt ihr Vortrab, um das Palatium zu stürmen. Cäsar, tritt vor das Ostium! Schwöre bei allen Göttern, daß du Octavia in ihr fürstliches Recht wieder einsetzen willst! Nieder mit dem verruchten Schandmensch Poppäa! Sie hat Rom in den Kot getreten!«

»Nieder mit Claudius Nero, wenn er mißhorcht!« scholl es, all den Lärm übertäubend, mit posaunenartiger Allgewalt aus dem Getümmel.

Alles wandte sich um.

Nicodemus jedoch, der rachebrütende Nazarener, der den erschütternden Drohruf ausgestoßen, hatte sich augenblicklich gedeckt. Er schien in die Erde gesunken, – spurlos, wie ein Gespenst.

Im Palatium herrschte die größte Ratlosigkeit.

Einige fünfzig Prätorianer, die Sophonins Tigellinus auf den Wunsch der Poppäa hinausgesandt hatte, um das Volk zu zerstreuen, waren nach kurzem Gemetzel von der entrüsteten Menge teils entwaffnet, teils zu Tode geprügelt worden. Jetzt, da die Stadtsoldaten ihre drohenden Lanzen erhoben, tappte man vollends im Dunkeln. Tigellinus schickte Boten auf Boten nach der großen Kaserne: noch immer kam keine Antwort. In fliegender Eile entwarf er Angriffs- und Verteidigungspläne, ohne ein Resultat zu erzielen; denn alles hing davon ab, wie bald die Truppen der Prätorianerkaserne eintreffen, ja, ob sie sich überhaupt bereit finden würden, gegen das ganze erbitterte Rom den Kampf zu versuchen.

Er äußerte seine Bedenken dem Kaiser.

Alsbald ergriff den Erregten ein Angstgefühl, das ihm die Kehle verdorrte. Nicht die zitternde Unrast der Feigheit durchwühlte ihn, sondern das böse Gewissen.

Ja, das Volk hatte recht! Es war eine Missethat, all diesen Scheinbeweisen zu glauben, so überzeugend sie auch von den pfiffigen Delatoren zusammengestellt waren.

Tigellinus hatte sich täuschen lassen: das mochte noch angehen. Poppäa hatte sich täuschen lassen: das war schon herber; denn gerade sie, von der die bemitleidenswerte Octavia so Schweres erduldet hatte, mußte bemüht sein, die Schwächen der Anklage thunlichst hervorzukehren.

Daß aber er geglaubt hatte, Octavia sei schuldig, das war ein unverzeihlicher Frevel, eine Verblendung, die er nicht sühnen konnte!

Weshalb wußte denn Rom, wie makellos die Erlauchte dastand? Er, der Cäsar, kannte seine Octavia doch besser!

O, er durchschaute nun alles! Die schurkischen Delatoren hatten gehofft, der Poppäa Sabina einen Dienst zu erweisen, den sie mit persischer Freigebigkeit lohnen würde! – Vielleicht auch hatte sie selber geäußert, daß ihr Octavia im Wege stehe.

Und um deswillen diese grausenhafte Mißhandlung, diese Entweihung der Schuldlosen . . .? War er denn blind gewesen? Oder traf ihn jetzt das entsetzliche Schicksal, das einst Agrippina ihm angekündigt: solange sie ihn beschütze, werde er mächtig sein: ohne sie jedoch müsse er früh oder spät in die Tiefe sinken . . .?

Ja, das war es! Sein Glanz, seine göttliche Herrschergewalt sollte in Trümmer stürzen! Die Stadtsoldaten waren schon abgefallen: die Prätorianer, die ja auch etwas wie Ehrgefühl und Empfindung hatten für die maßlose Unbill, ausgeübt an der sanften, wehrlosen Dulderin, würden sich den Rebellen anschließen . . . Schon vernahm er im Geiste den Schritt ihrer Marschkolonnen . . . Das Lavapflaster erdröhnte . . . . ›Nieder mit Claudius Nero!‹ Man stürmte das Ostium . . . Burrus und Julius Vindex drangen hier ins Gemach . . . Die Schwerter blitzten in ihren Fäusten: . . . ›Nimm dies für Agrippina!‹ . . . ›Und dies für die niedergetretene Octavia!‹

Er stieß einen gräßlichen Schrei aus, als fühle er in der zuckenden Brust schon die Racheklingen.

»Was tötet ihr mich, da ich selbst sie doch retten wollte?« ächzte er in Verfolgung seiner schauerlichen Vision.

Er sank mit dem Antlitz über den Tisch.

Da trat Poppäa herein und legte ihm ihre Hand auf die Schulter.

»Sei getrost!« sagte sie schmeichlerisch. »Endlich haben wir Nachricht aus dem Prätorium. Burrus ist plötzlich erkrankt. Aber ein zuverlässiger jüngerer Tribun kommt mit zweitausend Mann durch die Subura.«

»Schweig!« fuhr er sie drohend an. »Ruf mir den Tigellinus!«

»Was soll das?« fragte sie staunend.

»Das wirst du hören! Ruf mir den Tigellinus!«

»Schick deinen Sklaven!«

»Nein! Du gehst!« rief er aufspringend. Er packte sie bei der Kehle.

»Bist du von Sinnen?«

Sie hatte sich losgemacht und stand nun vor ihm wie eine Bellona, doppelt schön durch das flammende Rot, das ihr bebendes Angesicht heiß überströmte.

»Verzeih!« murmelte Nero . . . »Ich weiß nicht, was mir das Hirn verwirrte . . . Cassius!«

Der Sklave trat zu dem Vorhang.

»Zum Henker, ruf mir den Tigellinus!« sagte der Kaiser in einem Tone, als sei es Cassius gewesen, dem er schon zweimal fruchtlos diesen Auftrag erteilt hatte.

»Was befiehlt mein Freund und Gebieter?« fragte der Agrigentiner, über die Schwelle tretend.

»Nimm einen Herold, begib dich sofort ans Vestibulum und verkünde den Römern, daß der Senat sich geirrt hat!«

»Wie?«

»Daß der Senat aus lauter hirnverbrannten Tröpfen besteht, wenn du das lieber hörst. Octavia ist unschuldig. Claudius Nero Cäsar läßt den geliebten Römern danken, daß sie die Wahrheit erkannt haben, während die versammelten Ochsen des Kapitols ihr ›Schuldig‹ brüllten. Begreifst du noch immer nicht?«

»Ja, aber . . .«

»Hier gibt's kein Aber. Du wirst ferner die Güte haben, meiner erlauchten Gemahlin ein Dutzend prätorianischer Reiter nachzusenden, die sie mit aller gebührenden Ehrerbietung nach dem Palatium zurückführen . . .«

»Willst du im Ernste . . .?« fragte Poppäa erbleichend. »Cäsar, handle nicht unbedacht! Die hohe Körperschaft hat gesprochen. Ihr Urteil ist unanfechtbar.«

»Ich vernichte dies Urteil, kraft meiner Herrschergewalt! Der ganze Prozeß hat nicht stattgefunden. Octavia ist nach wie vor meine kaiserliche Gemahlin. Du aber . . .«

»Nun? Ich? Ich?«

»Du aber wirst, da die Billigkeit und das öffentliche Rechtsgefühl dies erheischt, das Palatium verlassen . . . Geh, Tigellinus! Dein Kopf bürgt mir dafür, daß meine Befehle augenblicklich erfüllt werden. Sage dem Volk, Poppäa Sabina stehe just im Begriff, ihre Villa am Esquilin zu beziehen! Was zögerst du noch?«

Der Agrigentiner verneigte sich.

»Meinetwegen!« sagte er zu sich selbst. »Eine plötzliche Laune – oder die Angst vor den Schreiern da draußen! Wie lange wird's währen? Und schließlich, wenn selbst Octavia sich dauernd behaupten sollte – ich sitze zu fest im Sattel, als daß ich sie fürchten müßte!«

Poppäa Sabina war außer sich. So schien denn alles, was sie seit Jahren mit so fiebernder Sehnsucht erstrebt hatte, durch einen einzigen schwachen Moment des Kaisers zu Grunde gerichtet! Ihre Barke schlug um, da sie eben schon landen wollte! Weshalb auch mußte der Agrigentiner mit so ausgesuchter Brutalität vorgehen? Weniger hätte hier mehr geleistet.

»Nero,« schrie sie, dem Kaiser zu Füßen stürzend, »ich lasse dich nicht! Ich sterbe lieber, eh' ich wie eine Verstoßene von dannen ziehe. Hast du vergessen, du Undankbarer, was mir bevorsteht? Ist nicht Poppäa die Mutter des Kindes, das du so oft schon im Geiste geschaut hast, wie es dein Knie umschmeichelte, wie es mit lallender Lippe dich Vater nannte?«

Sie zerraufte ihr Haar und schlug die Stirne wider den Fußboden.

»Halt ein!« wehrte der Imperator.

Hingerissen vom Anblick ihrer wilden Erregtheit, hob er sie auf.

»Klage nicht so,« fuhr er fort, »und bringe mein zwiespältiges Herz nicht ganz und gar zur Verzweiflung! Nein, Poppäa, ich habe dich nicht vergessen. Ich gedenke noch unserer Träume . . . Ich liebe nur dich, Poppäa, deinen himmlischen Leib, deine glühenden Küsse . . .«

Er zog sie tröstend zu sich heran. Sie umklammerte seinen Hals und preßte ihr heißes Antlitz wider das seine.

Draußen ertönte das laute Trompetensignal des Herolds. Der entsetzliche Lärm, der das Forum Romanum bis hinab zu den Hängen des Cälius wild überbraust hatte, wich einer bänglichen Schweigsamkeit. Man hörte die schallende Stimme des Agrigentiners, der in knappen, abgerissenen Sätzen zum Volke sprach. Die Worte waren hier im Gemache des Imperators nicht zu verstehen: aber die Wirkung der kurzen Rede ließ die Hofburg beinahe in ihren Grundfesten beben. Das Jubelgeschrei des Volkes übertraf an stürmischer Allgewalt die kaum verklungenen Zornesrufe ums Hundertfache. Immer und immer wieder klang es durch die erregten Scharen: »Es lebe Octavia! Es lebe der Kaiser!« Einige riefen sogar: »Es lebe der Agrigentiner!«

Inzwischen preßte Poppäa ihre zuckenden Lippen auf Neros Mund und bebte vor Wut und Erbitterung am ganzen Leibe. Sie küßte ihn liebevoller und süßer als je, denn sie hatte nun wahrgenommen, daß sie noch immer die alte Gewalt über ihn hatte.

»Leb wohl!« schluchzte sie herzzerreißend. »Ich hätte gedacht, mein Name sei tiefer in deine Brust gegraben. Ich gehe, Cäsar! sei glücklich mit deiner Octavia!«

Er umfing sie mit beiden Armen.

»Wir sehen uns wieder,« sagte er, ganz verzaubert von ihrer Weise. »Sei verständig, Poppäa! Hörst du nicht, wie sie jubeln und jauchzen? Wenn das Volk es verlangt . . .! Sprich, Poppäa: was ist der Kaiser ohne das Volk?«

»Das Volk!« wiederholte Poppäa verächtlich. »Nicht vom Volke hast du die Herrschergewalt, sondern vom Schicksal, – und die Wälle, die den Anprall des Pöbels zu nichte machen, sind die Soldaten. Hörst du die langgezogenen Klänge der Tuben? Das sind die Leute des Burrus, die uns zu Hilfe kommen. Jetzt freilich, nachdem der Agrigentiner bekannt gegeben, was du beschlossen, ist es zu spät. O, ich durchschaue dich. Deine Gerechtigkeitsliebe ist nur die Maske der Uebersättigung. Auch Octavia ist schön, und den lebensdurstigen Imperator gelüstet's nach Abwechslung.«

»Weib, du rasest.«

»Ja, ich rase. Hör nicht darauf! Mir schwindelt. Feuerbrände lodern mir im Gehirn. Ich möchte dich gleich mit diesen Händen erdrosseln, so maßlos bin ich für dich entflammt, so wenig gönn' ich dich einer andern –, selbst nicht der reinen, unbefleckten Octavia!«

Die Komödie dieser Verliebtheit war mustergültig gespielt. Sie faßte den Cäsar bei den Schultern und blickte mit aller Kunst der Koketterie zu ihm auf, so berückend, so verführerisch, daß er vollends erlag. Er meinte, wie Alexandros in der berühmten Stelle der Ilias, so begehrenswert sei ihm Helena, die kühn geraubte Gattin des elenden Menelaos, niemals erschienen – und wie Alexandros, der Hochbeglückte, umfing er sie . . .

Anderthalb Stunden später rollte der Wagen, der die verurteilte Fürstin nach ihrem Landhause hatte bringen sollen, wiederum über das Pflaster der Via Sacra.

Endlose Jubelrufe umringten ihn.

»Es lebe Octavia!« schrie und jauchzte das ganze lebendige Rom, und wie ein unheilverkündendes Echo klang es dazwischen: »Nieder mit Poppäa, der Buhlerin!«

Unsichtbare Hände bekränzten Octavias Standbilder, die noch zu Zeiten der Kaiserin-Mutter am Argiletum, vor dem Saturnustempel, auf der Höhe des Kapitols und an mehreren Punkten des Marsfeldes aufgestellt worden waren. Die Bildsäulen der Poppäa Sabina dagegen, die Nero errichtet hatte, wurden vom Sockel gestoßen, zerbrochen, verstümmelt, mit Staub und Schmutz besudelt, oder, wie die Leichname der Verbrecher, nach den gemonischen Stufen geschleift.

Von Claudius Nero bewillkommt, schritt die marmorbleiche Octavia durch die Vorhalle des Palatiums.

»Heil dem Kaiser! Heil der Kaiserin!« lärmte das Volk bei dieser Begrüßung, die doch so seltsam war, so bang und so wortlos.

Die Menge strömte in ungezählten Scharen nach den öffentlichen Altären, um den Göttern zu danken, daß die Mißhelligkeiten im Herrscherhause nun endlich beseitigt, daß Octavia voll und ganz in ihr unveräußerliches Recht wieder eingesetzt worden sei.

Fast in dem gleichen Augenblick, als Octavia die Hofburg betrat, schlich Poppäa Sabina tief verschleiert durch die palatinischen Gärten nach dem Ausgang, der zum Circus Maximus führte. Hier stand ihre Sänfte. Einen letzten zornigen Blick warf sie auf die prunkende Hofburg, wo sie bis dahin als souveräne Fürstin geschaltet hatte. Dann schloß sie fest und energisch die Lippen, drückte die Hand aufs Herz und stieg in ihre Lectica.

Eine sofort vom Kaiser berufene Senatsversammlung erklärte die Scheidung, die erst kaum von der nämlichen Körperschaft mit überwältigender Mehrheit verfügt worden war, auf Grund eines angeblich untergelaufenen Formfehlers für null und nichtig.

Thrasea Pätus und Barea Soranus sprachen den versammelten Vätern in höhnischer Weise ihre Erkenntlichkeit aus und schlossen jeder in seiner Weise mit der Bemerkung, daß sie fürderhin auf die Ehre verzichten müßten, einer Körperschaft anzugehören, die in so wichtigen Dingen Formfehler zu begehen wage. Jedermann fühlte den blutigen Hohn und die wilde Verachtung, die sich hier ins Gewand einer beißenden Ironie kleidete. Cossuthianus, der alte Gegner des Thrasea, schäumte vor Wut, denn ihm besonders war von dem tapfern Stoiker ein vernichtender Hieb erteilt worden. Dennoch wagte keiner ein Wort der Erwiderung. Die Scham, die ja zuweilen auch in der käuflichsten Straßendirne erwacht, lähmte ihnen die heuchlerisch-verlogenen Zungen.

Sechstes Kapitel.

Während der ersten Stunden nach dem Wiedersehen mit Octavia zeigte sich Nero von ernster und wahrhaftiger Reue erfüllt. Die Leiden seiner jungen Gemahlin rührten ihn tief. Er machte sich leidenschaftliche Vorwürfe, daß er dem Scheine so über Gebühr Glauben geschenkt. Es jammerte ihn dieses verfehlten, hundertfältig gebeugten Daseins . . .

»Octavia,« sprach er, da sie erschöpft auf den Polstern ihres Gemachs ruhte, »du sollst nun sehen, wie sich alles zum Guten fügt. Ich ahnte ja nicht, was für ein süßes, holdes Geschöpf du bist! Weine nicht, arme Octavia! Doch, du weinst! Ganz wie von selber rinnt's dir in leisen Tropfen hier an der Wange herab. Du leidest, Octavia! Sieh', bei allen Göttern schwöre ich dir: Diese Hand hier wollt' ich vom Henker zerschmettern lassen, wenn ich das Elend, das ich dir zugefügt, wieder gut machen könnte. Soweit dies irgend noch möglich ist, soll es geschehen. Tigellinus hat bereits vier jener schmählichen Delatoren in Haft genommen. Sie werden am Kreuze verbluten. Octavia, vergib mir! Ich kann ja nicht leben, wenn du mir gram bist.«

Sie verzieh ihm von Herzen. Aber noch wühlte das Vorgefallene zu furchtbar in ihrer Brust, als daß sie ganz ohne weiteres diese Jahre der Trauer mit dem entsetzlichen Gipfelpunkt der Gerichtsverhandlung hätte verwinden können.

»Laß uns abwarten,« sagte sie, »ob dein Gemüt sich nicht täuscht! Das Opfer, das du zu bringen gedenkst, übersteigt vielleicht deine Kräfte. Nicht als lastende Pflicht sollst du empfinden, was für mich eine Gnade der Gottheit wäre. Prüfe dich, ob du noch fähig bist, einem Glück zu entsagen, das trotz alledem . . . doch dein Glück war!«

Claudius Nero erging sich in heißen Beteuerungen. Die Selbstlosigkeit dieses jungen Weibes, der Gram, der aus ihrem holden Gesichte so tief zur Seele sprach, erschütterte ihn bis in das Mark. Zaghaft wie ein Verbrecher, der solche Gunst nicht verdient, ergriff er die schlanken Finger und küßte sie. Dann versank er in dumpfes Brüten, bis der Tricliniarch ihm vermeldete, daß die Coena bereit stehe.

Der Kaiser erhob sich und wandte den Blick auf Octavia. Sie war entschlummert. Ihre Wangen hatten sich leise gerötet. An den Wimpern glänzte die letzte Spur einer Thräne.

Er weckte sie auf und sah ihr brünstig ins Auge, als flehe er nochmals ihre Verzeihung an. Sie lächelte. Dann schob sie das Haar zurecht, drapierte sich mit wenigen Griffen die Palla, und folgte ihrem Gemahl nach einem der abgelegenen kleinen Eßzimmer. Auch er, der sonst doch mindestens dreimal täglich seine verschwenderischen Kostüme wechselte, vergaß heute das Umkleiden.

Nero speiste mit ihr ganz allein, nur von wenigen Sklaven bedient, wie ein Kleinbürger. Weder er noch Octavia sprachen mehr als das Nötigste: sie vor tiefster Ermattung, er aus schmerzlich-beklommener Scheu vor dem Weibe, an der er – die Götter mochten es wissen, warum! – so maßlos gesündigt hatte. Octavia genoß nur wenige Bissen. – Auch dem Cäsar, dem die Freuden der Tafel sonst ebenso lockend erschienen, wie irgend ein andrer Lebensgenuß, wollten die köstlichen Perlhühner und die duftigen Früchte von Capua nicht munden.

Frühzeitig trennte man sich. Octavia begab sich sofort in ihr Schlafgemach. Trotz der unleugbaren Wandlung, die im Verhalten des Kaisers zu Tage trat, war's ihr so schwer ums Herz, daß sie gleich hätte sterben mögen. Ja, sie meinte, als sie unter dem Druck jenes schmachvollen Rechtsspruches in der Carruca nach Antium gefahren, sei ihre Seele ruhiger gewesen, gefaßter und klarer. Sie ahnte nichts Gutes von dieser unverhofften Versöhnung; sie fühlte, daß die Entschlüsse Neros nicht frei gewesen, mochte nun Furcht vor den lärmenden Volksmassen, oder Gewissensangst, oder selbst Mitleid ihn zum Handeln bestimmt haben. Liebe, Liebe, das einzige, was ihr das Herz hätte heilen können, war es gewiß nicht. Dennoch: der nazarenische Weise, von dem ihr Acte geredet, hatte den schönen Wahlspruch: ›Harret aus bis zuletzt!‹ Sie wollte ausharren, sie wollte nichts unversucht lassen, was in ihrer Gewalt lag. Mochte dann alles sich fügen, wie es der Gottheit gefiel.

Nero, sich selbst überlassen, spürte sofort ein ungewisses Gefühl der Oede, das nach kurzer Frist eine bestimmte Gestalt annahm. Ihn beschlich die Sehnsucht nach Poppäa Sabina.

Alle Unbeständigkeit, alle Ausschweifungen, die er in Scene gesetzt, konnten die eine Thatsache nicht verdunkeln: daß er in diese reizende Gauklerin bis zur Tollheit verliebt war.

Der leise Zug um Augen und Lippen, den Poppäa mit der unvergeßlichen Acte gemein hatte, war der unbewußte Grund dieser dämonischen Leidenschaft.

Der Gedanke, Poppäa verlieren zu sollen – und darüber war er sich klar, daß ein Weib wie Octavia nicht teilen würde – dieser Gedanke regte ihn wahnwitzig auf. Nachdem er sich kaum erst Octavias Verzeihung erfleht hatte, bebte er schon bis ins innerste Mark vor den logischen Folgen. Alle Vernunft, alle Gerechtigkeit, die er aufbot, löste ihn nicht vom Banne dieser Empfindungen.

Seine Gemahlin war schön, jung, edel, das Urbild einer hochgemuteten Frau: aber für ihn blieben all diese zauberischen Reize tot – im Vergleich mit jenem einen unbeschreiblichen Zug, den Acte in ihrer kindlichen Unschuld mit der abgefeimten Poppäa gemein hatte, und der in dem Antlitz Octavias fehlte.

Dieser Zug war für ihn die Verkörperung süßer, schmiegsamer, liebeglühender Weiblichkeit: alles andre bedünkte ihm Starrheit, kalte, sang- und klanglose Monotonie, – und so kam es ihm vor, als stehe er jetzt, nach seiner Wiedervereinigung mit Octavia, an dem Trennungspunkte zwischen Jugend und Alter.

Vier Tage lang kämpfte der Kaiser diesen verzweifelten Kampf zwischen Liebe und Pflicht. Er schien zu jeder Thätigkeit unfähig. Keiner der Freunde ward vorgelassen. Tigellinus sogar und Phaon, der über die neue campanische Villa berichten wollte, mußten sich unverrichteter Sache wieder zurückziehen. Der ganze Verkehr des Kaisers beschränkte sich auf Octavia. Es war, als wolle er thunlichst rasch sich ins Unvermeidliche einleben und dies lichtlose Dasein ohne Poppäa ertragen lernen.

Octavia durchschaute ihn. Am fünften Tage trat sie zu ihm heran, blickte thränenlos zu ihm auf und sagte mit fester Stimme: »Ich weiß nun, daß du mir ewig verloren bist. Ich zürne dir nicht: die Gottheit hat es gewollt. Laß mich – das ist mein einziger Wunsch – ruhig nach meiner antianischen Villa zurückkehren und dort meine Tage beschließen, so gut es gehen will. Möchte Poppäa dich lieben, wie ich dich geliebt habe!«

Sie wollte hinzufügen: »Traue ihr nicht zu sehr! Sie liebt nur die Macht, und die Herrlichkeit des Palatiums!« Aber sie schwieg.

Trotz der Rührung, die ihn ergriff, und trotz der Bewunderung vor der heroischen Größe dieser trauernden Dulderin konnte der Cäsar bei dem unerwarteten Vorschlag Octavias kaum seine Freude verbergen. Sie sprach ja aus, was er längst schon als wahr erkannt. Sie begriff, daß die Liebe sich nicht erzwingen läßt.

Der Form wegen sträubte er sich.

Er rief Seneca und seinen Vertrauten Phaon herzu, auf daß sie ihm bitten hülfen.

Aber Octavia blieb fest.

Ihrer letzten schüchternen Hoffnung, die kaum noch Hoffnung genannt werden konnte, beraubt, kehrte sie noch desselbigen Tages geräuschlos und ohne Aufsehen nach Antium zurück.

Es war nun alles vorbei, und für immer; – das sagte ihr wortloser Scheidegruß, ihr schmerzliches Lächeln, das keinen Vorwurf enthielt, nur unsägliche Traurigkeit.

Langsam, als ob er eine Tote beherberge, rollte ihr Wagen über die abendbetaute Heerstraße. Verdorrtes Weinlaub raschelte von den Terrassen der Landhäuser auf die Böschung herab; der kühle Dezemberwind stöhnte in langgezogenen Klagelauten durch die vereinsamten Vorhallen. Einmal noch schaute sie um. Hinter ihr, eine schwarzverdämmernde Masse, lag Rom, das Grab ihrer einst so rosig geträumten Glückseligkeit. Dunkles Gewölk ballte sich drohend am Gehänge des Mons Janiculus. Ein Seufzer noch, ein heimliches Aechzen, und dann die Blicke vorwärts gerichtet in die öde Zukunft. Wider das Schicksal und seine zerschmetternden Fügungen ließ sich nicht ankämpfen. So war's ihr von Urbeginne bestimmt gewesen: sie mußte ihr Los ertragen, stumm, ohne Haß und Groll, wie es den Göttern gefiel.

Die Fackeln ihrer Begleiter brannten heller und heller. Ein Funkenregen umsprühte blendend ihre Carruca. Es ward ihr zu Mute, als sei dies rollende Fuhrwerk ihr Holzstoß, dessen Flammen ihr den ermatteten Leib verzehrten. Ach, wenn es so mild sich stürbe, so ruhevoll . . .! Da plötzlich, als sie des Sterbens gedachte, ergriff sie ein jähes Schauern, eine wühlende Angst. Es war wie ein Nachklang jener furchtbaren Ueberreizung, die ihr damals mit so grausenhaften Visionen den Geist umnachtet. Sie schloß die Augen. Sie zwang sich mit übermenschlicher Anstrengung zur Gleichmütigkeit. Endlich ebbte der unheimlich-drohende Anfall. Unter dem einförmigen Rollen der Räder war sie entschlummert.

Ebenso ohne Aufsehen nahm Poppäa Sabina wieder den alten Platz im Palatium ein, voll überströmender Wonne von dem begrüßt, der noch vor wenigen Tagen beim Anblick der totenbleichen Octavia geschworen hatte, er würde mit tausend Freuden sich blutig verstümmeln lassen, wenn er dadurch die Schuld seiner Vergangenheit wieder gut machen könnte.

Octavia selber hatte die Nachricht verbreitet, sie verlasse die Hauptstadt aus eigener Entschließung.

Zudem wußte jetzt Tigellinus die Leibwache durch erneute Millionenspenden dergestalt an sich zu fesseln, daß die Soldaten und die Mehrzahl der Offiziere ihn stürmisch zum Kommandanten begehrten, nachdem der jüngsthin erkrankte Burrus plötzlich verstorben war.

Somit wäre denn alles wieder im ruhigen Geleise gewesen.

Die Besatzung des Kaiserpalastes wurde verstärkt. Der neu ernannte Befehlshaber Tigellinus erklärte es für eine Kleinigkeit, den Pöbel, und brülle er noch so übermütig, zu Paaren zu treiben, falls er sich wieder erdreisten sollte, dem Imperator Gesetze zu geben. Neue Manipeln, zum größten Teil aus germanischen Söldlingen zusammengesetzt, waren bereits in der Bildung begriffen.

Nero, der sich jetzt sagen durfte, der Wegzug Octavias aus den Räumen der Hofburg sei ja ihr freier Wille, hatte sich mit den letzten Regungen seines Gewissens vollständig abgefunden.

Auch das Volk schien beruhigter. Denn die Hauptsache, die es erstrebt hatte: die Sühne für die unerhörte Verurteilung war ja dem übermütigen Tigellinus abgetrotzt worden.

Was schließlich Poppäa betraf, so durfte sie, der Meinung kaltblütiger Beurteiler zufolge, mit dem Gang der Ereignisse vollauf zufrieden sein. Daß sie, nach Vernichtung jenes Verdiktes, welches die Ehescheidung zwischen Octavia und Nero aussprach, nicht tatsächlich Kaiserin ward, fiel ja nicht so schwer ins Gewicht. Den Cäsar, der nach ihrer schmeichelnden Liebe fast verhungert war, beherrschte sie unumschränkter als je. Später konnte man schon die Angelegenheit wieder einmal in die Hand nehmen. Vielleicht war die gänzlich gebrochene Octavia auf gütlichem Weg zu veranlassen, völlig und in gesetzlicher Form auf die Seite zu treten . . .

Die Leute indessen, die so gleichmütig-praktische Erwägungen bei Poppäa unterstellten, irrten sich gründlich. Poppäa erwog nicht, sie fühlte nur. Jeder Nerv an ihr schnaubte nach Rache. Sie hatte niemals geglaubt, daß diese armselige Schein-Kaiserin im stande sei, ihr gefährlich zu werden.

Nun war das Unerhörte geschehen. Octavia hatte, wenn auch für Tage nur, über das schönste Weib der Siebenhügelstadt triumphiert.

Hiermit war das Schicksal der Unglücklichen besiegelt. Sie mußte sterben, und wenn ihr Poppäa selber den Dolch in die Brust bohren sollte.

Zunächst suchte Poppäa sich vor dem Volke wieder in Ansehen zu bringen.

Die Trabanten des Tigellinus rissen die Kränze von den Standbildern der geflüchteten Kaiserin fort, während sie die gestürzten Statuen Poppäas wiederum aufrichteten, über und über mit Blumen bestreuten oder durch Opferbrände verehrten. Alle Künstler der Weltstadt erhielten Aufträge, neue Büsten in Marmor und Erz zu fertigen – eine trotzige Antwort auf die Beleidigungen des Pöbels. Starke Abteilungen von Prätorianern durchzogen die Stadt; ihnen zur Seite schritten je drei Dutzend stämmige Sklaven des Imperators, die außer dem Kurzschwert festgeknotete Peitschen trugen. So wurden neue Ansammlungen und neue Injurien im Keime erstickt.

Der Senat, dem der Cäsar drei Tage später von dem Entschlusse der jungen Kaiserin Mitteilung machen ließ, setzte sofort eine klägliche Miene auf, als bedaure er jetzt ebenso sklavisch die Vernichtung seines Erkenntnisses, wie er vor kurzem jenes Erkenntnis selber bedauert hatte.

Diese unglaubliche Haltung der hohen Körperschaft flößte der zornerfüllten Poppäa für kurze Zeit den Gedanken ein, sich nochmals des Senats zu bedienen, um ihre tödlich gehaßte Gegnerin endgültig aus dem Wege zu räumen. Wenn sie es klug begann, würden die Knechte vom Kapitol abermals umsatteln und ein drittes Verdikt fällen, wonach die Kaiserin dennoch und trotz alledem jeder beliebigen Niedertracht schuldig sei.

Aber nein, dieses Gesindel ehrte man doch zu hoch, wenn man bei so gewichtigen Fragen überhaupt seine Mitwirkung heischte. Sie verwarf ihren Einfall. Sie selber wollte nun handeln, sie ganz allein. Und diesmal sollte ihr Tigellinus nicht wieder mit seiner albernen Weisheit die Pfade kreuzen.

Sie hatte ihm gleich zu Anfang bedeutet, seine Erfindung mit dem Verhältnis der Kaiserin zu Abyssus sei eine Thorheit, – einmal, weil dieser Erfindung kein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit innewohne, dann aber auch, weil nach römischem Recht ein Sklave im Prozeß gegen Freigeborene kein Zeugnis ablegen konnte.

Tigellinus stellte ihr freilich vor, sie zermalme die Feindin durch die ihr aufgebürdete Liebschaft mit einem Sklaven gründlicher, als wenn der Verführer dem Ritterstand oder den stolzen Adelsfamilien des Senats angehöre.

Ja, diese Thatsache war nicht zu bestreiten: aber der Agrigentiner hatte durch die Wahl eines Sklaven, dessen Eingeständnis juridisch ohne Belang blieb, die Notwendigkeit der Tortur veranlaßt, und das Ergebnis dieses abgeschmackten Verfahrens war für die Schuldlosigkeit Octavias glänzend gewesen.

Der Mißgriff hatte sie, die sieggewohnte Poppäa, fast ins Verderben gestürzt. Sie dankte für solche Ratgeber.

Der Streich, den sie jetzt plante, würde zertrümmern, zu Staub zermalmen, wie ein Strahl aus dem jovischen Donnerkeil.

Siebentes Kapitel.

Es war ein trüber Dezembertag. Aus dem einförmigen grauen Gewölk troff ein melancholischer Regen.

Nero lag in seinem Arbeitsgemach auf der löwenfüßigen Bank. Ein Sklave hatte ihm ein schöngezeichnetes Antilopenfell über die Füße gebreitet, während ein andrer die glühenden Kohlen in dem Erzbecken, das inmitten des Zimmers auf dem silbergetriebenen Dreifuß stand, mit einem Wedel aus Straußen und Pfauenfedern vorsichtig anfachte.

Der Cäsar hatte in aller Frühe die übliche Aufwartung des Senats entgegengenommen, dann einige geschäftliche Worte mit Seneca und dem Agrigentiner gewechselt und schließlich mit Phaon gearbeitet, dessen architektonische Pläne ihm näher am Herzen lagen, als der Bericht über die Unterdrückung politischer Unruhen im narbonensischen Gallien oder die Vorschläge wegen des großen Reiterstandbildes, das die ›dankbaren. Prätorianer ihrem unvergeßlichen Burrus‹ errichten wollten.

Jetzt, nach der Stunde des Prandiums, fühlte sich Nero ein wenig abgespannt, zumal das gestrige Trinkgelage bei Cossuthianus über Gebühr lange gewährt hatte. Das Rieseln der Dachtraufen und der bleigrundige Himmel stimmte ihn wehmütig. Unheimlich zog ihm ein Frösteln durch die verwöhnten Glieder. Er mochte nicht reden. Cassius aber kannte die Gepflogenheiten seines Gebieters hinlänglich, um jede Silbe zu unterdrücken, wenn der Cäsar mit sich selbst so zerfallen war.

»Ihr alle habt mich belogen,« dachte der Imperator und schaute durch die halb geöffnete Thür in den regentriefenden Säulenhof. »›Einen Gott‹ nannte mich die schöne Poppäa; ›den Willen des Weltalls‹ der schmeichelnde Agrigentiner. Ich selber glaubte Kräfte in mir zu spüren, deren Anspannung ausreichen würde, um die Menschheit zum Himmel zu heben, oder sie gänzlich zu Grunde zu richten. Nun muß ich's ertragen, daß Jupiter Pluvius den verdrießlichen Schleier vorzieht, – nicht nur über das leuchtende Firmament, sondern über mein eigenes jammervolles Gemüt. Nero der Allmächtige friert – nicht an den Gliedern allein, sondern im Herzen.«

Plötzlich die Hand über die Augen legend:

»Schaff mir die Kohlen hinaus, Cassius! Mir umnebelt's die Sinne; mein Kopf schmerzt; und du weißt doch, Cassius, wenn dem Kaiser der Kopf schmerzt, zuckt das weiter bis in die fernsten Regionen des großen Imperiums.«

Cassius gehorchte.

»So dachte ich einst,« fuhr Nero in stiller Verbitterung fort; »aber nun weiß ich, diese verwünschte Menschheit fragt keine Sekunde danach, ob mir's weh ist oder vergnüglich. Um so schlimmer für sie. Ich will ihr Gleiches mit Gleichem vergelten. Mein Behagen soll wachsen, je tiefer der Schmerz ihr das zuckende Mark zerfrißt. Gejauchzt und gejubelt hat diese Bande von Leichenträgern, als ich Poppäa verstoßen hatte, Poppäa, das einzige Glück meines Lebens. Mir krampfte die Brust, aber die Bestie da draußen hat vor Wonne gebrüllt – gerade deshalb vielleicht, weil sie fühlte, wie sehr ich litt. Poppäa Sabina! Wie das wohlig in meine Seele tönt! Ihr verdank' ich mein Dasein. Wäre sie nicht gewesen, der Verlust der andern hätte mir den Verstand geraubt. Da es denn Acte nicht sein konnte, wohl, so war's eine Gnade des Fatums, daß Poppäa mir leben durfte. Manchmal, wenn sie mir so den Arm um den Nacken legt, und ich schließe die Augen – dann meine ich Acte zu fühlen an jenem ersten Abend im Park des Scevinus . . .«

»Herr,« unterbrach Cassius diese Betrachtung, vom Peristyl wieder eintretend, »die erlauchte Poppäa bittet um Vorlassung.«

»Endlich!« sagte Nero, sich aufrichtend. »Nun wird's sonnig werden hier im Gemach. Sage ihr, daß ich sie längst schon erwartet habe.«

Dann zu dem andern Sklaven, der in der Ecke am Boden saß: »Zünde die Lampen an! Immer dichter ballt sich das Regengewölk. Diese leichenfarbige Dämmerung ist schauderhaft.«

Der Knabe rannte hinaus und kehrte mit einer brennenden Handlampe zurück. Im Augenblick ergossen die Dochte der marmornen Standleuchter ihr goldklares Licht.

Gleich danach trat Poppäa Sabina über die Schwelle.

»Hast du Muße, mich anzuhören, mein Liebling?« fragte sie auf griechisch.

»Ich verschmachte nach dir. Komm, setz dich hier auf die Polster! Du scheinst so ernst, süße Poppäa. Was gibt's?«

»Unerhörtes,« sagte Poppäa ruhig. »Wie ich dir jetzt in die Augen schaue, halt' ich es dennoch für besser, zu schweigen, und lieber mit Seneca oder mit Tigellinus . . .«

»Was?« fiel Nero ihr in die Rede. »Dinge gibt's, die du lieber mit Seneca oder mit Tigellinus verhandelst?«

Poppäa starrte sinnend zu Boden.

»Einmal hab' ich's erleben müssen, daß meine ehrliche Absicht dir für Augenblicke verdächtig schien. Zum zweitenmal verkannt zu werden – bei allen Göttern, das ertrüge ich nicht!«

»Redest du von Octavia?« fragte der Kaiser stirnrunzelnd.

Sie zögerte.

»Auch von ihr,« sagte sie endlich mit scheinbarer Selbstüberwindung. »Zunächst aber von einem dreisten Verbrecher, der glücklich in meiner Gewalt ist. Vergib mir, Cäsar, wenn ich mit unermüdlicher Treue gewacht habe, daß du nicht Schaden nehmest.«

Claudius Nero ergriff ihre Hand. »Ohne Umschweife!« sprach er und zog ihre blühenden Finger an seine Lippen. »Welche Missethat hast du entlarvt?«

»Den Aufruhr, die blutige Rebellion, – und leider, leider . . . Aber bleiben wir bei der Hauptsache! Anicetus, der seit lange schon mit Octavia in – freundschaftlichen Beziehungen steht . . .«

»Du sagst das in einem Tone . . .«

»Ich fürchte deine Erbitterung; denn du teilst ja doch mit dem römischen Volk die Ansicht, deine Octavia sei makellos wie frischgefallener Schnee. Weil ihre Freigelassenen nichts wußten, glaubtet ihr – ein Schluß von ganz erstaunlicher Logik! – es sei in der That nichts vorhanden, und die wenigen Stimmen, die gegen sie sprachen, schobt ihr auf die Wirkung der Folter. Als ob man nicht jahrelang sündigen könnte, ohne entdeckt zu werden!«

»Willst du behaupten, jener unglückliche Abyssus, der noch sterbend ihre Unschuld beschwor, sei ein Lügner gewesen?«

Poppäa zuckte die Achseln.

»Was den Aegypter anlangt, so behaupte ich gar nichts. Möglich, daß die Späher des Agrigentiners getäuscht wurden – in der Richtung nämlich, wo sie zu suchen hatten. Wenn du bei Nacht in rebenumrankter Laube ein Paar ertappst, so ist's ja denkbar, daß man den Lucius für den Sempronius hält, oder umgekehrt. Diesmal aber sind solche Irrtümer ausgeschlossen. Anicetus hat sich bei einem der Seeoffiziere gerühmt, Octavias Geliebter zu sein, und zwei Soldaten, Freigeborene wie du und ich, haben's mit angehört. Niederschmettert durch dieses Zeugnis, leugnet er gar nicht. Ich selber habe ihn gestern verhört, und als ich ihm zusagte, daß sein erbärmliches Leben geschont werden sollte, dafern er ein offenes Geständnis ablege – Aber ich sehe, du regst dich auf, Nero; dein Antlitz wird fahl; du zitterst. Kannst du's ihr gar so übelnehmen, daß sie dir heimzahlt –«

»Heimzahlt?« rief der Kaiser mit Donnerstimme. »Rechnest auch du in der Weise der liederlichen Personen, die man das weibliche Rom nennt? Ich bin der Cäsar, und vor allem: ich bin der Mann. Ich kränke sie wohl, wenn ich die Gunst, die der Gattin gebührt, einer Unberechtigten zuwende; ich kränke sie, aber, beim Herkules, ich entehre sie nicht! Niemand wird ihrer spotten, niemand sie lächerlich finden. Mitleid nur und leidenschaftliche Sympathie wendet sich der Verlassenen zu, selbst heute noch, da sie doch selbst diese Trennung gewollt hat. Ich jedoch, wenn es wahr ist, wenn Anicetus . . .! Aber du lügst, Poppäa! Es ist einfach undenkbar!«

»Ich verzeihe dir,« sagte sie ruhig, »denn ich begreife dich. Der Gedanke, von dem Pöbel verhöhnt zu werden, raubt dem Besonnensten die Vernunft. Ein betrogener Gemahl, ein Cäsar, dessen Ehegattin trotz aller Scheinheiligkeit mit den Vertrauensmännern des Imperators in Minne schwelgt und zum Ueberfluß Pläne schmiedet, ihren Gatten zu stürzen, um dem liebenswürdigen Buhlen auf den Thron zu verhelfen – wahrlich, die Rolle ist nicht eben beneidenswert.«

»Und das alles hätte Octavia gethan?« fragte der Kaiser.

»Ueberzeuge dich selbst! Ohne irgend wen zu benachrichtigen, hab' ich den Anicetus und drei seiner Spießgesellen ans Land gelockt, sie in Haft genommen und die Geständnisse, die sie mir abgelegt, wortgetreu durch einen der Centurionen aufschreiben lassen. Hier hast du das Resultat der gesamten Verhandlung. Lies, und versuche dann fürder zu zweifeln. Zum Glück hatte die bubenhafte Verschwörung kaum noch um sich gegriffen. Fast sämtliche Offiziere sind treu. Ein Brief der Octavia, deren Schrift du erkennen wirst, liegt den Blättern hier bei.«

Sie überreichte ihm die verhängnisvollen Papierstreifen.

Nero las. Mit jeder Zeile blickte er hohler, gespenstischer, leichenhafter.

»Die Natter! knirschte er durch die Zähne. »Also doch! Die Flotte wollte sie aufwiegeln und die campanische Landbevölkerung! Vom Cap Misenum her sollte ihr Streich fallen, der den Cäsar vernichten und den feilen Schuft Anicetus aus dem Sumpfe seiner Gemeinheit empor schleudern sollte! Schrecklich! Entsetzlich! Ist's denn zu glauben, diese keusche Octavia, die sich scheute, auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen, das sie nicht ruhig am Altare der Vesta hätte aussprechen können? Aber so sind sie, die Heuchlerinnen, die Buhldirnen! Je unschuldsvoller das Antlitz, um so verworfener die Seele! Die Rhodierin Chloris erscheint ja neben dieser Verworfenheit wie die leuchtende Artemis. Und der Bube hat es gewagt, sich zu brüsten . . . zu brüsten mit der Schande des Imperators? So sind sie beide des Todes schuldig!«

»Ich hab' dem Verruchten als Preis für die Unbeschränktheit seiner Geständnisse angelobt, seine Begnadigung zu erwirken,« sagte Poppäa. »Schick ihn auf Lebenszeit in die Verbannung, nach Sardinien. Weißt du nicht, daß die Römer Sardinien mehr fürchten als den Tod?«

»Laß, laß! Wir reden darüber!« sagte der Kaiser, noch immer in die Aufzeichnungen seines Centurio vertieft. Er kannte den Mann; es war einer seiner getreueren. Der Name allein hätte dem Cäsar dafür gebürgt, daß kein Wort in diesen Aufzeichnungen gefälscht war. Zudem brauchte er ja nur selber, wie Poppäa hervorhob, die Verhafteten zu befragen, um die leiseste Abweichung ihrer Aussagen von der Niederschrift sofort zu entdecken.

In der That, gefälscht war nur der kurze Brief der Octavia, aber so meisterhaft, daß der Kaiser sein Haupt für die Echtheit des Aktenstückes verpfändet hätte.

»Sie muß sterben!« rief er, die knisternden Blätter mit der Rechten zusammendrückend.

Dann tief Atem holend: »Sprich: wo hältst du die Schandgesellen verwahrt?«

»Drüben am vierten Hofe in einer der Sklavenkammern.«

»So führe mich hin! Horch, da erhebt sich der Wind! Das rechte Wetter für so grauenhafte Erlebnisse! Wie das jammert und heult! Mich dünkt, ich höre das Todesröcheln der Agrippina.«

Diesmal siegte Poppäa vollständig. Anicetus, den sie mit ungezählten Millionen erkauft hatte, nahm in demutsvoller Zerknirschung den Faustschlag des Imperators entgegen, schluckte die drei zerschmetterten Zähne ruhig hinunter und ließ sich, Dank stammelnd, nach der kaiserlichen Trireme bringen, die ihn trotz der stürmischen Witterung noch desselbigen Tages von dannen führte. Seine Spießgesellen begleiteten ihn. Poppäa hatte dem Imperator bedeutet, er könne, wenn er gerecht sein wolle, die Werkzeuge des Anicetus nicht härter bestrafen, als diesen selbst. Da er sich weigerte, raunte sie ihm ins Ohr, wenn er sie liebe und fürder Verlangen trage, sie in die Arme zu schließen, so werde er diesem Grundgesetz aller Billigkeit Rechnung tragen. Für Octavia jedoch erwirkte die wutbeseelte Rivalin ein Todesurteil. Halb gewährend und halb versagend, hatte ihre schamlose Koketterie ihn so lange umschmeichelt, bis er, von ihrem Zauber entflammt und durch den ätzenden Spott über das Zögern des ›zweiten Otho‹ in tiefster Seele verwundet, das längst bereit gehaltene Dokument unterzeichnete.

Achtes Kapitel.

Octavia saß mit einer Sklavin im Oecus und lauschte der Vorlesung eines Briefes, den der geheimnisvolle Apostel Paulus schon vor Jahren aus Philippi in Thracien an die Nazarenergemeinde zu Korinthus gerichtet.

Das ehrwürdige Dokument, um seiner schlichten, herzbewegenden Innigkeit willen höher geschätzt, als viele andre Episteln des unermüdlichen Christusverkünders, war in zahlreichen Exemplaren vervielfältigt worden und befand sich in den Händen fast sämtlicher Nazarener, die lesen konnten.

Die Sklavin, vor dritthalb Jahren getauft, ein zwanzigjähriges Mädchen aus Argolis, legte in die ergreifenden Worte, die sie der Kaiserin vortrug, allen Wohlklang ihrer melodischen Tiefstimme, alle Glut ihres Glaubens.

Octavia, die bis dahin stets nur mit einer staunenden Neubegier, und noch halb widerstrebend, den Thaten und Worten des großen Apostels gefolgt war, und, aller Teilnahme für die Lehren des Nazarenertums ungeachtet, im Innern festhielt an der stillen, altrömischen Ehrfurcht vor dem gewaltigen Jupiter, fühlte zum erstenmal das Wehen eines allbesiegenden Geistes, da die Sklavin nach kurzer Pause jetzt fortfuhr:

»Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen rede, und habe die Liebe nicht, so bin ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.

Und wenn ich weissagen kann und alle Geheimnisse weiß, und jede Erkenntnis habe und allen Glauben, so daß ich Berge versetze, und habe die Liebe nicht, so bin ich ein Nichts.

Und wenn ich all mein Besitztum den Armen schenke, und meinen Leib dahingebe, auf daß er verbrenne, und habe die Liebe nicht, so kann mir's nicht frommen.

Die Liebe ist langmütig und freundlich; die Liebe eifert nicht. Die Liebe treibt nicht Mutwillen; sie ist nicht hoffärtig.

Sie ist nicht ungebärdig; sie suchet nicht das Ihre; sie läßt sich nicht erbittern; sie trachtet nicht nach Verderblichem.

Sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit; sie freuet sich aber der Wahrheit.

Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe endet nicht . . .«

»Phöbe,« unterbrach hier Octavia die Sklavin, »ich bitte dich! Eine Sekunde nur laß mir Zeit.«

Die junge Fürstin hatte die Hand fest auf die Augen gepreßt.

»Die Liebe endet nicht . . .« wiederholte sie langsam. »Sie sucht nicht das Ihre; sie trägt alles . . . Noch einmal, Phöbe! Diese Stelle noch einmal . . .!«

Phöbe gehorchte. Die Augen starr auf das mildverklärte Antlitz des Mädchens geheftet, hörte Octavia ihr zu.

Und wieder klang es ihr wie Musik aus einer überirdischen Welt entgegen: »Die Liebe endet nicht . . .«

Da plötzlich – welch ein gespenstisches Hin und Her! Hastige Schritte im Atrium, angstvolles Murmeln, und gleich danach ein leises Geklirre, wie von Gewappneten, die vorsichtig auf den Zehen schleichen . . .

Octavia sprang auf. In die Thüre tretend, prallte sie wider die zwei prätorianischen Hauptleute, die von Poppäa mit der Vollstreckung des Todesurteils betraut waren.

»Herrin,« sagte der eine, »wir kommen im Auftrag des Imperators. Erspar uns die Worte, die uns nur mühsam über die Lippen wollen! Hier, lies!«

Er zeigte der bebenden Fürstin das Dokument.

Sie warf einen Blick darauf, scheu, ungläubig, ach, und dennoch gebannt, wie das Vöglein, das in den Rachen der Schlange starrt.

Dann endlich begriff sie. Laut aufjammernd, brach sie in ihre Kniee. Unter glühenden Thränen flehte sie um ihr Leben, sie, die Unglückliche, die Enterbte, für die Leben und Leiden doch eins war.

Glomm vielleicht immer noch eine Hoffnung unter der Asche ihres zerstörten Daseins?

Oder hatte der furchtbare Widerstreit der Gefühle die Kraft ihrer Jugend vollständig aufgesaugt, damit ihr das Schicksal auch den letzten Trost der Verzweiflung nähme: die Hoheit eines würdigen, mutvollen Todes?

»Erbarmen!« rief sie, die zitternden Hände ringend. »Ich bin noch so jung und habe nur Gram erfahren auf dieser Welt! Laßt mich entrinnen, weit hinaus bis zu den Säulen des Herkules! Nur die Sonne will ich noch schauen, und die himmlische Luft noch atmen, ach, die süße, himmlische Luft!«

Schon schwankten die Centurionen, denn es war eine harte Arbeit für ehrliche Kriegsleute, an diesem lieblich-zarten Geschöpf, das doch von Rechts wegen aller Ehren des Thrones teilhaftig war, Henkersdienst zu verrichten.

Bald aber siegte die Furcht vor Poppäa und die Besorgnis um die eigene Sicherheit.

»Herrin, es geht nicht!« sagte der Aelteste. »Der Kaiser befiehlt: die Centurionen müssen gehorchen.«

Er zückte das Schwert, aber die Waffe entsank seiner Hand beim Anblick dieser herzzerreißenden Todesangst. –

»Tritt her!« sagte er zu dem Jüngeren.

Da auch der nicht den Stoß führen wollte, so winkte der erste seinen Begleitern und gab den Befehl, die Fürstin mit aller Schonung zu fesseln.

»Vergib mir!« sagte er feuchten Auges, während die Prätorianer ihr mit weichen Wolltüchern Hände und Füße banden. »Ich frevle, aber ich muß. Wenn's eine Gottheit gibt und ein zukünftiges Leben, und du erschaust sie in ihrer Herrlichkeit, so bitte für mich, daß sie mir diese Unthat verzeihe!«

Nun ward die halb Ohnmächtige in ein lauwarmes Bad gebracht, wo man mit einem haarscharfen Dolch ihr die Adern öffnete.

»Herrin, es thut nicht weh,« sagte der ältere Centurio. »Du wirst leise dahinschwinden – gerade, als wenn du einschliefst.«

Aber dies Leben sträubte sich mit verzweifelter Hartnäckigkeit gegen die ewige Nacht, in der es, dem Lauf der Natur zuwider, so früh schon erlöschen sollte. Langsam nur, und allmählich versagend, quoll das Blut aus der Wunde. Schreckliche Zuckungen stellten sich ein; den halbgeöffneten Lippen entrang sich ein Aechzen der unbeschreiblichsten Qual.

Da überkam den alten Kriegsmann ein Schauer. Aufstöhnend griff er mit nerviger Faust in ihr volles, lichtbraunes Haar und drückte ihr den Kopf unter das Wasser.

Nach kurzer Zeit war alles vorüber. Der Centurio aber, der sie ertränkt hatte, stieß einen schrecklichen Fluch aus wider den Kaiser und die Metze der Hofburg, zog sein Schwert und durchbohrte sich selbst.

Sein jüngerer Genosse hieß den Leib der gemordeten Kaiserin und den des unglücklichen Kameraden im Atrium aufbahren und mit Tüchern bedecken, damit späterhin die Verbrennung stattfände.

Das Haupt aber der Octavia brachte er, den Befehlen Poppäas gemäß, nach Rom und überreichte es seiner erlauchten Auftraggeberin.

Diesmal hatte Poppäa ihr Lügengewebe so gut gesponnen, daß es ehrliche Leute gab, die ihr halbwegs zu glauben schienen. Die Aktenstücke mitsamt dem gefälschten Briefe Octavias gelangten im Senat zur Verlesung. Die einzigen Stimmen, die sich erfolgreich für die Ehre der ruchlos Dahingeschlachteten hätten erheben können, waren verstummt. Flavius Scevinus weilte in Mediolanum; Thrasea Pätus und Barea Soranus, des Hochverrats und des Verbrechens wider die kaiserliche Majestät beschuldigt, saßen hinter den festen Mauern des Staatsgefängnisses. Wer sonst noch einen Funken von Ehrgefühl sich bewahrt hatte, wie Piso, der vornehm lächelnde Epikuräer, blieb neuerdings den Verhandlungen grundsätzlich fern, um nicht entweder feig und niederträchtig erscheinen, oder den eigenen Kopf zwecklos aufs Spiel setzen zu müssen. So geschah's denn, daß die kapitolinische Körperschaft den an Octavia begangenen Mord als eine politische Großthat feierte und den Beschluß faßte, in sämtlichen Heiligtümern der Hauptstadt Dankesopfer zu bringen, zum Preise für die Errettung des Kaisers und des römischen Reichs vor den Ränken Octavias.

»Elendes Hundegesindel, diese Herren im Purpur!« lachte Poppäa, da sie von diesem Beschluß Kunde bekam. »Die Spül-Sklaven des Küchenmeisters sind Heroen gegen die Speichellecker vom Kapitol! Sie sollen künftig danach behandelt werden!«

Vier Wochen später feierten Claudius Nero und Poppäa Sabina ihre Vermählung.

Die leichtlebige, jedem neuen Eindruck zugängliche Bevölkerung hatte sich inzwischen beruhigt.

Die Gegner Poppäas, die hier und da im Palatium selber gegen die eheliche Verbindung mit Nero heimlich gewirkt hatten, schienen verstummt.

Durch persönliche Liebenswürdigkeit und reichliche Geldspenden wußte die neue Kaiserin bald das nämliche Volk zu erobern, das einst ihre Bildnisse umgestürzt und in den Staub geworfen.

Ihr Ansehen erreichte den Gipfelpunkt, als sie im Februar des folgenden Jahres ihrem Gatten eine Tochter gebar.

Der Festjubel, der die Zweimillionenstadt mehrere Tage lang vom Janiculus bis zur Labicanischen Straße durchbrauste, war ebenso unbeschreiblich als der Wonnetaumel des Imperators.

Wie leidenschaftlich aber der Kaiser die schöne Poppäa liebte, das zeigte sich deutlicher fast in dem Schmerz, der dem stürmischen Freudenrausch unmittelbar folgte.

Noch hatte die junge Mutter sich nicht vom Lager erhoben, als das Kind, dem ganz Italien wie einer welterlösenden Göttin zugejauchzt hatte, plötzlich starb, – vermutlich infolge der großen Gemütsbewegungen, die Poppäa während der letzten Monate vor der Geburt durchgemacht hatte.

Man suchte ihr das Mißgeschick zu verheimlichen. Aber da sie nun immer energischer nach der Tochter verlangte, die ihr vor wenigen Stunden noch in den Armen gelegen, und Nero zaghaft zu ihr herantrat und flüsterte: »Fasse dich, süße Poppäa: unsre Blume ist tot!«: da sank sie mit einem verzweifelten Aufschrei in die Kissen zurück und verlor die Besinnung.

Drei Tage lang delirierte sie. Einmal war sie nahe daran, sich die Stirn zu zerschmettern. Zur rechten Zeit noch fing der Kaiser sie auf.

»Octavia,« schrie sie, »die kinderlose Octavia! Seht, dort steigt sie empor aus dem Totenreiche! Sie rächt sich! Sie trinkt mit ihren blassen Lippen mein Herzblut!«

Nero hegte und pflegte sie unermüdlich. Alles versäumend saß er an ihrer Lagerstatt, – tagelang, wochenlang.

Ende März trat sie zum erstenmal, auf den Arm ihres Gatten gestützt, über die Schwelle des Krankenraums. Rings im Säulenhof glänzte die Frühlingssonne; warm und wohlig spielte die Luft um das Haupt der Genesenen. Ueber ihr schönes Antlitz bebte ein Lächeln, so fein, so schimmernd wie die Wasser des Springquells. Dieses Lächeln besagte: ›Ich litt, – aber als Kaiserin!‹

Poppäa Sabina stand nun am Ziele. Der Verlust ihres Kindes erschien ihr nachgerade wie ein Tribut gegen die Götter, den sie willig bezahlen mußte, wenn sie vor dem Neid der Unsterblichen sicher sein wollte.

Sie strengte jetzt alles an, um sich auf der einmal errungenen Höhe fest zu behaupten. Das Beispiel Octavias hatte sie gründlich belehrt, wie wenig die Stellung der Kaiserin zu besagen hat, wenn die Neigung des Imperators nicht dauernd beherrscht wird.

Sie erwies sich als Meisterin in der Kunst, die Sehnsucht und Liebe ihres Ehegemahls nicht einschlummern zu lassen, ihn bald in die tollsten Zerstreuungen zu stürzen und dann wieder zärtlich an ihre Brust zu ziehen, damit er empfinde, daß hier allein, in der Umschlingung ihrer wonnigen Arme, seine wirkliche Heimat sei.

Jeder Laune zeigte sie sich gefügig – ohne Bedenken, ohne Furcht, ohne Gewissensbisse.

So gab sie ihm zwar, was er dankerfüllt das wahrhaftige Glück nannte, aber sie trug auch mehr als irgend wer sonst dazu bei, die ungezügelte Tollheit, die hohnerfüllte Mißachtung jeder Gerechtigkeit, kurz, den Cäsarenwahnsinn ihres Gemahls völlig zur Blüte zu bringen und jenen furchtbaren Dämon zu zeitigen, der noch jetzt wie ein rätselhaftes Gespenst zu uns herüber funkelt aus den gähnenden Tiefen der Weltgeschichte.

Neuntes Kapitel.

Es war im Hochsommer. Die Reichen und Vornehmen hatten sich längst in die Bergschluchten oder ans Meer geflüchtet.

Der Imperator weilte mit seinem Hofstaat zu Antium, wo Tigellinus auf Rechnung seines kaiserlichen Gebieters ein neues, wunderprächtiges Landhaus erstanden hatte.

Rom war des Tages über wie ausgestorben. Erst eine Stunde nach Sonnenuntergang füllten sich die Tabernen mit halbnackten Zechern, und die Rasenplätze des Campus Martius, wo in der kühleren Jahreszeit der Schlauchball gespielt und der Diskus geschleudert wurde, belebten sich mit Erquickungsbedürftigen, die sich ins halbvertrocknete Gras kauerten, Brot und Früchte verzehrten oder begierig die öffentlichen Brunnen umlagerten.

Bald danach waren die Treppen aller öffentlichen Gebäude, die Marmorplatten vor dem Saturnustempel, der weltberühmte Aufstieg zum Kapitol, der Säulengang des Agrippa – kurz, jeder denkbare Ruheplatz von tiefatmenden Schläfern besetzt, denen es in der drückenden Enge der Mietwohnungen unmöglich war, selbst nur minutenlang Rast zu finden. Auch viele Kranke lagen umher: denn die römische Fieberluft, dieses uralte Erbteil der Siebenhügelstadt, forderte wie alljährlich zahlreiche Opfer.

Tausende von verlechzenden Menschenleibern, die zum Schlaf zu erregt waren, suchten Erfrischung in den spärlichen Wassern des Tiberstroms. Von der älischen Brücke bis stromabwärts zum Landungsplatze des Mons Aventinus drängte sich Kopf an Kopf, Männer, Weiber und Kinder, während die Schiffsleute, trotz der Erschlaffung, die auch ihnen schwer in den Gliedern lag, alles aufboten, ihre Ladung am Ufer zu bergen, um Ostia, die gesündere Hafenstadt Roms, wieder erreichen zu können, ehe es Tag würde.

Hier, unmittelbar am Gestade, parallel mit dem Circus Maximus, befanden sich mächtige Warenlager und Stapelräume, namentlich Oelmagazine und Kornspeicher.

Die Sonne des vierundzwanzigsten Juli war in blutfarbigen Dünsten langsam hinabgeschmolzen. Eine unheilverkündende Schwüle, dumpfer als je zuvor, brütete hauchlos über der Weltstadt. Die Luft war dick, wie süditalische Grobwolle. Ueber den Höhen des Quirinals flimmerte ab und zu der fahle Glanz eines ohnmächtigen Wetterleuchtens.

Da, in der zweiten Stunde vor Mitternacht, sah die verblüffte Bevölkerung, wie an dem leichtgezimmerten Dach eines der aventinischen Kornspeicher ein blendender Lichtschein emporzuckte.

»Feuer!« ging es wie Angstgeheul durch die erschreckten Massen. Ein Brand, in dieser Gegend, bei so entsetzlicher Dürre, – da war keiner, der die furchtbare Größe dieser Gefahr nicht begriffen hätte.

Ehe der Ruf noch über die nächste Umgebung hinausgedrungen, wirbelten schon die Flammen haushoch zum Himmel auf. Die Stadtkohorte, die neben dem Sicherheitsdienste auch dem Beruf einer Löschmannschaft oblag, kam später, als wünschenswert. Mit rasender Schnelligkeit hatte die Lohe um sich gegriffen. Von der Bevölkerung unterstützt, mühten sich die Soldaten, alles, was von Baracken und Häusern demnächst bedroht erschien, abzutragen, um so den Herd des Unglücks zu isolieren. Schon waren die Niederlagen der Oelhändler mit ergriffen. Die brennende Flüssigkeit rann, den Lavaströmen des Aetna vergleichbar, verderbensprühend südostwärts. Funken und glühende Späne wurden in unablässigen Garben rings über die ganze Region verbreitet . . . Jetzt zischte es hier, jetzt dort in heller Vernichtungswut zu den schweigsamen Sternen auf, die da schauen sollten, was sie noch nie geschaut, seitdem es auf Erden eine Geschichte der Menschheit gab: den Brand einer Zweimillionenstadt.

Man arbeitete wie von Sinnen: aber die Kräfte hielten nicht lange vor. Nach Verlauf einiger Stunden drängte sich allen die fürchterliche Gewißheit auf, daß der Kampf mit dem tosenden Element auf Grund des bisherigen Operationsplanes vergeblich sein würde. Man hatte nicht Hände genug, den Schutt der niedergerissenen Häuser auch nur zum zwanzigsten Teile hinwegzuschaffen, und dieser Schutt bestand vorzugsweise aus Balken, Dachsparren, Brettern und leicht gezimmerten Möbeln. – Es half nichts: wenn man das übrige Rom retten wollte, so mußte man nicht nur diese Region, sondern auch die zwei nächstbelegenen rückhaltslos preisgeben und die Linie der Isolierung durch solche Stadtviertel ziehen, die vermöge ihrer massiven Bauart dem Funkenregen erfolgreicher widerstehen konnten.

Gegen Ende der dritten Vigilie sandte der Stadtpräfekt einen reitenden Boten nach Antium.

»Gewaltiger Cäsar,« schrieb der Beamte verzweiflungsvoll, »ich verwünsche das Fatum, das mich diesen Tag hat erleben lassen. Rom brennt. Wir haben uns dem wütenden Flammengezüngel entgegengeworfen, wie der Löwe den Hunden: aber die Uebermacht wird uns zu Grunde richten. Komm, Cäsar! Hilf uns kämpfen! Gönne den Römern deine kraftverleihende Gegenwart! Dir allein kann es gelingen, dem Verhängnis noch in den Arm zu fallen.«

Nero, von Poppäa Sabina und einem großen Gefolge begleitet, machte sich sofort auf den Weg.

Das Unglück, das er in Rom vorfand, übertraf alles, was seine bängste Befürchtung sich ausgemalt. Bei seiner Ankunft brannte bereits ein Achtel der Stadt. Er war sichtlich erschüttert.

Tiefer noch bewegte das unerhoffte Ereignis die staats- und weltkluge Poppäa Sabina. Sie wußte, daß sie im Widerstreit gegen die heimlich gärende Feindschaft der Aristokratie und der Mittelklasse keinen besseren Verbündeten hatte, als den Pöbel, der Brot und Spiele verlangte und ›Ave Cäsar!‹ schrie, sobald die Cirkuspferde gut ausgriffen. Nun waren die Wohnsitze just dieser Mindestbegüterten vorzugsweise ein Raub der Flammen geworden. Das schien der Kaiserin mehr als bedenklich. Der so dynastisch gesinnte Pöbel war unberechenbar. Er hatte die Eigenart, pathetisch zu jubeln, wenn er satt und vergnügt war, aber sofort zu murren oder Soldaten zu prügeln, wenn durch Zufall einmal die ägyptischen Kornschiffe ausblieben. Der allmächtige Kaiser, dem diese Leute ihr Wohl verdankten, war ihnen auch verantwortlich für ihr Wehe. Sie suchten in seiner mystisch erhabenen Person die letzte Ursache aller Erscheinungen. Wie leicht konnte nun die halb schon rasend gewordene Menge auf den Einfall geraten, die gleiche unvernünftige Haltung bei diesem furchtbaren Elementarunglück einzunehmen, das so ungezählte Tausende ihres Obdachs beraubte?

Poppäa teilte ihre Gedanken dem Cäsar mit.

»Ebendeshalb bin ich hierhergekommen,« versetzte Nero. »Sie sollen gewahren, daß ich wirklich ihr Gott und Erlöser bin.«

Er wandte sich ernsten Blicks zu seiner Gefolgschaft.

»Es ist keine Zeit zu verlieren. Nicht einmal die Gewänder dürfen wir wechseln. Wir teilen uns in zwei Gruppen. Ich, der Cäsar, führe die eine; du, Tigellinus, die andre. Jeder von euch wird ohne Widerspruch leisten, was ihm befohlen wird, sei er nun Konsular oder Pferdelenker. Wo einer sich auszeichnet durch Tapferkeit oder Besonnenheit, da lohn' ich's ihm fürstlich; ist er ein Sklave, so erhält er die Freiheit und ein Rittervermögen. Tigellinus, bleibe du hier in der Südstadt; ich mit den Meinen wende mich nach der Subura! Vorwärts! Heute noch soll die ewige Roma gerettet sein: denn der Kaiser befiehlt's.«

Die beiden Abteilungen trennten sich, um die Löscharbeiten zu organisieren.

»Der Imperator im Funkenregen!« klang es durch die erstaunte Bevölkerung. »Poppäa vor den zerberstenden Trümmern! Heil! Heil! Nun muß die Tollwut der Flammen zurückweichen! Nun hat Roma gesiegt!«

Und die ewige Stadt hätte gesiegt, wäre nicht jener Auswurf gewesen, der überall aus dem Unglück der Allgemeinheit ruchlosen Vorteil zieht.

In der schauerlichen Verwirrung, die noch dadurch erhöht wurde, daß die meisten Regionen des Nord- und Ostviertels ohne jede polizeiliche Aufsicht blieben, quoll urplötzlich ein vielhundertköpfiges Raubgesindel ans Tageslicht.

Unter dem Vorgeben, die Habseligkeiten bedrohter Häuser in Sicherheit bringen zu wollen, plünderten diese Hyänen mit unerhörter Schamlosigkeit, übten Gewalttaten jeder Art aus und fanden zuletzt die ganze grausenhafte Komödie so lohnend, daß sie, trunken von dem glänzenden Resultat ihrer Raubzüge, das verderbende Feuer auch in solche Stadtteile trugen, die bis dahin verschont geblieben.

Als Claudius Nero am Abend desselbigen Tages in dem hochgelegenen Haus des Mäcenas todmüde aufs Lager sank, brannte die Stadt bereits an vier verschiedenen Punkten.

Das Palatium selber war in Schutt und Asche gestürzt, nachdem die Soldaten der Leibwache eine Reihe der wertvollsten Kunstschätze glücklich gerettet hatten.

Zu der schmachvollen Niedertracht dieser Raub- und Mordbrenner gesellte sich nun, als letzter entscheidender Faktor, die Ungunst der Witterung.

In der Frühe des folgenden Tages erhob sich ein Sturm, der nun binnen wenigen Stunden dem Brand eine Ausdehnung gab, die alle bisherigen Operationen nutzlos erscheinen ließ. Wie ein Heer fackelschwingender Furien raste das Unheil über Theater und Tempel, über die Prachtgebäude der Via Lata und die niederklirrenden Kaufhallen des Argiletums. Die fieberdumpfe Subura schwelte in gleicher Lohe wie die gärtenumringten Lusthäuser der regierenden Konsuln und der vornehm-ernste Palast des Pontifex Maximus.

So weit das Auge reichte: nichts als tiefrote Gluten, weißleckende Flammen, schaurig bestrahlte Rauchwirbel, die, von der Windsbraut gepeitscht, in östlicher Richtung zum Firmament sausten. Unerschöpflich blitzte und zischte und qualmte es aus den hunderttausend Vulkanen hervor, die ehedem Rom geheißen. Die Luft dröhnte und zitterte, wie von unterirdischen Donnerschlägen; die versengende Hitze warf alles Leben, das von dem Hauch des gigantischen Hochofens überströmt wurde, augenblicklich zu Boden.

Die Verzweiflung des gepeinigten Volkes hatte nunmehr den äußersten Grad erreicht. Wild-gelles Geschrei, wie von plötzlich Verrücktgewordenen, durchtobte die noch unzerstörten Regionen. Drohendes Wutgebrüll mischte sich unter die kreischenden Angstrufe.

Die Opfer an Menschenleben zählten nach Tausenden.

Furchtbare Einzelheiten gingen von Mund zu Mund.

Ein ganzes Häuserquadrat war so jählings von den Flammen umzingelt worden, daß sämtliche Insassen – Kinder, Kranke und Greise – bei lebendigem Leibe verbrannten.

In der Subura stürzten viele der schlechtkonstruierten Mietsgebäude schon ein, wenn das benachbarte Haus zu weichen anhub. Dutzende der ärmlichen Inquilinen, die sich abmühten, ihre Habe zu retten, wurden so von den Balken und Wandfüllungen erschlagen, oder, was gräßlicher war, unter den furchtbarsten Qualen festgeklemmt, bis der glühende Schwalch sie erstickte oder das Glimmen des Schuttes langsam ihre halbzerschmetterten Glieder verzehrte.

Die Ungeheuerlichkeit der Gefahr, die sinnlose Angst vor der entsetzlichsten aller Todesarten hatte Scenen herbeigeführt, deren Scheußlichkeit alles in Schatten stellte, was die blutbeträufte Verbrecherin Roma jemals erlebt hatte.

Söhne zertraten ihre wimmernden Väter, um sich empor zu der rauchumzitterten Luke zu schwingen, die allein noch die Möglichkeit des Entrinnens bot.

Mütter warfen ihre schreienden Kinder, die sie am Busen hielten, aufheulend in die Flammen, um so die Arme für die Zertrümmerung einer brennenden Wand frei zu bekommen.

Kurz, alle Bande des Herzens, der Natur, des Gesetzes erwiesen sich als gelöst vor der wahnsinnig-erregenden Uebermacht der tosenden Elemente.

Das Ende der Welt schien nahe zu sein.

Viele Bürger stürzten sich freiwillig in die Glut, entweder hingerissen von jener dämonischen Zauberkraft, die den schauder-erfüllten Wanderer in die Tiefe des Abgrunds reißt, oder in zielbewußtem Todesverlangen, um nicht Zeuge zu sein des Untergangs der, ach, so unsäglich geliebten Roma.

Zehntes Kapitel.

Wer, wer hatte die Stadt aller Städte so heimgesucht? War dies alles ein Zufall? Schien es denkbar, daß die Verwüstung so kunstgerecht vorschritt? Erst der Hauptbrand drüben am Aventinus, dann an drei verschiedenen Punkten die Hilfsbrände, die dem Hauptbrand die Hände reichten, bis alles ein einziges himmelanloderndes Chaos war: – schien ein so systematischer Untergang der göttlichen ›Arestochter‹ begreiflich, wenn man nicht annahm, ein klarbewußter leitender Wille habe das Ganze ins Werk gesetzt?

Aber wo fand man den Urheber, um ihn zerreißen, zerbrechen, zermalmen zu können? Wo seine giftgeschwollenen, tückischen Mitverbrecher?

Einer mußte es wissen, einer, der allenthalben die tausend und abertausend Augen und Ohren seiner Beamten, seiner Sicherheitswachen, seiner Soldaten und Späher hatte: der Kaiser!

In der That sammelte sich das Volk, da eben die Nacht hereinsank, immer zahlreicher, immer dichter um das mäcenatische Haus, dessen gesicherte Lage ohnehin Schutz bot gegen die unerträgliche Brandhitze. Die Prätorianer hatten die größte Mühe, die verzweifelten Frager zurückzudrängen.

»Claudius Nero soll antworten!« brüllte ein Spendenempfänger. »Er ist der Herr und Gebieter: er muß uns beschützen. Hört man nichts von Verhaftungen? Ist niemand gestäupt, geblendet, gekreuzigt worden? Wir verlangen Gerechtigkeit! Die Buben und Mordbrenner sollen nicht länger straflos umherlaufen! Wo sind die Rutenbündel? Die Beile? Die Henkersknechte?«

»Narr!« flüsterte ein junger Aristokrat, und legte dem volksrednerisch veranlagten Proletarier die Hand auf die Schulter.

»Was soll's?«

»Nun, ich meine, du schwatzest Unsinn. Oder sagtest du nicht: ›Catilina, straf uns den Catilina!‹«

Der Spendenempfänger schaute dem Unbekannten starr ins Gesicht.

»Wer bist du?« fragte er lauernd.

»Einer von denen, die sich nicht täuschen lassen. Zum wenigsten habe ich vortreffliche Augen. Ich sah's mit an, wie die Stadtsoldaten die Wohnung des Dichters Lucanus eigenhändig in Brand setzten . . .«

»Ich auch,« bemerkte ein Ritter mit breitem Goldring. »Alle Bürger sind sich ja vollständig klar darüber: der Kaiser selbst . . .«

»Was? Was?« erklang es im Chore.

»Nun, das alles war doch Komödie –: die Bestürzung bei seiner Ankunft, die Belohnungen, die er aussetzte . . . Er selber und er allein . . .«

»Still! Du redest dich ins Verderben!«

»Besser tot,« sagte der vornehme Jüngling, »als hilflos weiterleben unter der Herrschaft des Bluthunds. Wie haben seine elenden Kreaturen gehaust! Ganze Regionen sind von der prätorianischen Leibwache ausgeraubt worden. Ohne den Brand wäre der Spaß nicht möglich gewesen . . . Ihr sucht den Mordbrenner, um ihn ans Kreuz zu schlagen? Dort hinter den Spießen der Garde, hinter den Mauern dieses verruchten Hauses schwelgt er im Cäcuber, während die herrliche Roma sterbend in Asche sinkt!«

»Nero,« ging es heimlich von Mund zu Mund, »Nero ist der Urheber dieses Verderbens . . .«

»Aber weshalb . . .? Was bezweckte er . . .?«

»Nur die Missethat. Nichts von allem, was er bis jetzt gefrevelt, war ihm riesig genug. Könnte der Erdboden Feuer fangen, er hätte ganz Europa in Brand gesteckt.«

»Und bedenkt seine Eitelkeit! Herostrat zerstörte den Tempel zu Ephesus. Nero warf achthundert Jahre weltgeschichtlichen Ruhms in den Staub. So viel größer ist er als Herostrat.«

»Wißt ihr nicht, daß er im vorigen Herbst schon zu Poppäa gesagt hat: ›Wenn du erst Kaiserin bist, will ich die alte Urbs dir hinwegfegen und eine neue erbauen, stolzer, prächtiger und deiner wonnevollen Umarmungen würdiger!‹«

»Jawohl! Und Neronia sollte sie heißen, die neu zu gründende Stadt, damit der Affe des Romulus auf die Nachwelt käme . . .«

»Ist's jemals erhört worden?« riefen zehn, zwanzig, dreißig Stimmen zugleich. »Ein Mordbrenner auf dem Throne? Fluch dem Weltverderber! Nieder mit dem Verruchten! Er hat den Tod verdient!«

Der jugendliche Aristokrat und der Eques waren bereits im Getümmel wieder verschwunden, um anderwärts das unheilvolle Gerücht von der Urheberschaft Neros im Volke weiter zu tragen. Beide gehörten jener Verschwörung an, die von der Kaiserin Agrippina beinah entdeckt worden wäre, als sie damals durch ihren Vertrauten Pallas das Haus des Sachwalters Lucius Menenius besetzen ließ. Auf jenem Punkt verzweifelter Bitternis angelangt, wo man jedes Mittel der Agitation für erlaubt hält, griffen die Mitglieder jenes Geheimbundes überall die Gelegenheit auf, den Tyrannen und seine Werkzeuge zu verdächtigen. Wirksamer aber als jetzt konnte der Hebel nicht angesetzt werden. In der That hatten die Prätorianer und Stadtsoldaten sich hier und da einer Ausschreitung schuldig gemacht; auch mochte es wahr sein, daß Nero in seiner tollen Verliebtheit geäußert hatte, das Rom des Augustus sei einer Kaiserin wie Poppäa nicht würdig. Alles dies bauschte man auf, gruppierte die Einzelheiten, erfand und erlog, was immer dem Ziel, das man anstrebte, dienlich erschien – und so lief denn allgemach das Gerücht, das ungeachtet seiner greifbaren Absurdität noch jahrhundertelang von der Menschheit geglaubt wurde: der Zerstörer der Weltstadt sei Nero, der da die Absicht gehabt, sich und seiner Poppäa ein riesenhaftes, ein grausig-glänzendes Schauspiel zu leisten.

Nichts ahnend von diesem Gerücht, stand Nero mit Poppäa Sabina auf der Plattform des Turmes und starrte hinaus in das rauschende, rollende, rasende Flammenmeer. Goldrotes Feuer ringsum, – Millionen himmelan zuckender Glutgebilde, endlose Schlangen, die sich in tausendfältigen Windungen prasselnd dahinwälzten, unterweltliche Drachen mit schwellenden Riesenleibern, vulkanische Ausbrüche aus zahllosen unerschöpflichen Kratern.

Die furchtbare Schönheit dieses niemals erlebten Anblicks überwältigte ihn. Heilige Schauer der Inspiration durchrieselten sein bewegtes Gemüt. Er vergaß die bange Beklommenheit, die ihm bis dahin so bleiern das Herz bedrückt. Er vergaß das niedergebrannte Palatium und die trostlose Wüste, die ihn demnächst von allen Hügeln her angrinsen würde. Er vergaß selbst die Nähe seiner Poppäa Sabina, die sich zärtlich an seine Schulter schmiegte.

Sich umkehrend winkte er einem der Leibsklaven und forderte seine Kithara, die ihn auf allen Reisezügen begleitete.

Angesichts des brennenden Rom hing er das scharlachfarbene Band über die Schulter, stimmte, und schlug dann mit kraftvoll gehobenem Plectrum in die Metallsaiten, während sein jugend-blühender Mund ein heroisches Lied begann.

Es waren Strophen im Versmaß der Dichterin Sappho; als vierte Zeile, von machtvoll schwellenden Tönen begleitet, kehrten die Worte wieder: »Lodernde Flammen!«

»Du singst wie ein Gott!« jauchzte Poppäa, als er geendet hatte.

Mit der Koketterie eines Kindes klatschte sie in die Hände.

Er aber hörte nicht. Vor seinen Augen schwebte mit greifbarer Klarheit eine Mädchengestalt, die sich geheimnisvoll aus dem Brandgewühle emporrang, wie die Göttin der Liebe, da sie den Fluten des Meeres entstieg, – Acte, die Süße, die Blonde, die Unvergeßliche.

Ihre tiefblauen Augen, fest auf sein Antlitz gerichtet, schienen zu fragen: ›Hat sie mich völlig verdrängt? Oder fühlst du noch etwas im Grund deines Herzens, was auf mich hinweist, ein dunkles Sehnen, das keine zweite dir je zu stillen vermochte?‹

»Acte!« stöhnte der Kaiser aus tiefster Brust. Die Kithara entsank seinen Händen und glitt langsam über die Falten der Toga zu Boden.

Wo war sie, die goldene, die selige Zeit, da er einst ihr diese Strophen gesungen hatte, zur Abendzeit, wenn die Höhen des fernen Albanergebirges im letzten Sonnenrote entbrannten? Dahin, – für ewig ins Nichts gesunken, wie hier die allgebietende Stadt, die jetzt so qualvoll ihre keuchende Seele aushauchte.

»Ja, brich zusammen!« rief er, beide Hände erhebend. »Stirb, du fürstlich prangende Roma! Versprühe, verhauche! Dich kann ich neu aus deiner Asche erstehen lassen, prunkvoller als zuvor: aber die eine, die Unersetzliche gibt mir kein Gott zurück. Ist Acte gestorben: was hattest du für ein Recht an dieses flüchtige Dasein? Lodernde Flammen! Ja lodert! Und glühtet ihr tausendmal herrlicher, ihr schienet mir dennoch zu gering als ihr Totenopfer. Sie hätte ein größeres verdient. Die uranfängliche Nacht hätte hereinbrechen müssen mit dem Augenblick, da ihr dreifach gebenedeites Leben entfloh!«

Seine Stimme schwoll wie in feierlichem Gebet. Ein Teil seiner ekstatischen Worte drang hinab in die Scharen des Volks, das auch den rätselhaften Gesang und die Klänge der Leier vernommen.

»Hört ihr, wie er sich rühmt?« schrie ein ligurischer Schiffsknecht. »Die Stadt mag brennen: ihn freut's, – und die neun Regionen, die jetzt in Flammen stehen, sind ihm noch nicht genug!«

»Er singt und jauchzt,« brüllte ein Händler vom Argiletum, »während rings die Verzweiflung wütet!«

»Der Fürst soll uns Rede stehen! Platz da, ihr Prätorianer! Das römische Volk will zum Kaiser. Das römische Volk heischt Auskunft, was die Komödie da droben bedeuten soll. Heraus mit den Brandstiftern! Der Imperator muß wissen, wer die heilige Roma in Asche gelegt.«

Ruhig und gelassen stemmten die Prätorianer dem Volkshaufen ihre Lanzen entgegen.

Noch wich man zurück. Die ganze Bewegung indes, einmal in Fluß gebracht, ward immer bedenklicher. Der Militärtribun, der die Krieger befehligte, sandte einen Soldaten hinauf nach dem Turmdach, um den Kaiser von der Schwierigkeit der Situation zu benachrichtigen.

»Die Narren!« lachte der Imperator.

»Nimm sie nicht allzu leicht, diese Narren!« raunte Poppäa. »Sie sind toll geworden, wie Hunde, wenn sich die Sonne dem Zeichen des Löwen nähert.«

Ein furchtbares Wutgeheul nahm dem Cäsar die Erwiderung vom Munde. Fünf oder sechs der Verwegensten waren als erste Opfer der Prätorianer gefallen. Die übrigen drängten mit verdoppeltem Ungestüm nach. Im nächsten Augenblick konnte ein förmlicher Kampf entbrennen.

»Hörst du?« mahnte Poppäa. »Das Volk verlangt um jeden Preis einen Schuldigen. Willst du es selber sein? Was da herauf klingt, scheint mir deutlich genug.«

»Das Werk meiner Todfeinde,« sagte der Cäsar bitter. »Ich kenne sie nicht, denn sie schleichen unter der Maske der Freundschaft. Aber ich weiß eine Schar, die mich schwerer verletzt hat und wildere Qual mir ins Herz geträuft, als die senatorischen Jünglinge, die mich zu stürzen trachten: die Nazarener!«

»Beim Zeus,« rief Poppäa, seine Rechte ergreifend, »dieser Gedanke ist groß! Seit den Edikten, die man dir abgepreßt, hat sich die Sippschaft der Nazarener gründlich verhaßt gemacht. Je mehr ich's erwäge, um so glücklicher und genialer bedünkt mich der Einfall. Ja, ich spüre fast Lust, ihn für wahr zu halten. Du hast das Rätsel gelöst, Imperator. Die Nazarener sind die Verbrecher. Sie haben vollenden wollen, was sie uns längst prophezeit haben.«

»Meinst du?« lächelte Nero ungläubig.

»Ich bin klar davon überzeugt. Hast du niemals gehört, daß einer der Hauptverkünder des Nazarenertums, Paulus mit Namen, dem Pöbel vorschwatzt, der Gott der Christen werde in kurzem die Welt in Asche verwandeln und dann Gericht halten über alle menschlichen Kreaturen? Das ›ewige Feuer‹ ist ein Schlagwort des Christentums: Paulus hat es den Reichen und Mächtigen dieser Erde vielhundertmal prophezeit. Ueberrascht es dich da, wenn die ungeduldige Rotte, die schon längst den Göttern Roms nicht mehr opfert, nun endlich die That begehrt und selber Hand anlegt, sie zu verwirklichen?«

»Weiß man im Volke von diesem Trachten der Nazarener?«

»Unzweifelhaft. Ihre Phrasen, anfangs belacht, dann bekrittelt und als dreiste Ungeheuerlichkeiten verdammt, gehen von Mund zu Mund. Wirf das Wort nur hinaus: die Menge wird's aufgreifen, wie etwas lange Erwartetes!«

»Wohlan denn –« sagte der Kaiser gedankenvoll.

Poppäa schritt ihm voraus, der Treppe zu. Er aber starrte noch immer ins tobende Glutgewoge.

Die Nazarener! Einst war ihm dieser Name vertraut gewesen. Er hatte Ideen damit verknüpft, hochfliegende, weltbewegende Pläne, bis er die Jünger des Zimmermannssohnes hassen gelernt, – nicht nur, weil er erkannte, daß er durch sie und den fanatischen Nicodemus zum Sklaven der Staatsräson und zum Verächter der eigenen Natur geworden, sondern mehr noch, weil Nicodemus in der Verfolgung tollkühner Ziele ihm das Glück seines Lebens geraubt hatte. Acte wäre niemals entwichen, hätte der Wahnwitz des Nicodemus sie nicht zum Werkzeug unerhörter Projekte entwürdigt. Wie anders jedoch würde sich das Leben des Kaisers gestaltet haben ohne die scheue Flucht jenes Mädchens, dessen Angedenken noch jetzt eine so unwiderstehliche Macht über ihn ausübte! Er wäre niemals der Gatte Octavias und somit niemals jener zwiespältige, im tiefsten Innern zerrüttete Mensch geworden! Ja, er haßte die Nazarener! Ihr Urbild war für seine abgemarterte Phantasie der hagere, ewig-unruhige, augenrollende Nicodemus. Diesem einen glichen sie alle, alle, und so litten sie nach Verdienst, wenn er sie jetzt dem Volke preisgab als die Zerstörer der ›großen Königin‹.

Er eilte die Treppe hinab. Die Toga majestätisch um die Schultern geschlagen, trat er in das Vestibulum.

»Was wollt ihr?« fragte er trotzig, da die Menge bei seinem Erscheinen verstummte.

»Rache! Rache an den bübischen Mordbrennern!«

»Kennt ihr sie?« fragte der Kaiser.

»Du sollst sie uns nennen!«

»Wohl, ich nenne sie euch. Sie sollen büßen, wie niemals ein Verbrecher gebüßt hat, seit unser Ahnherr Aeneas die Scholle von Latium betrat. Die Christen sind die Urheber unsres Verderbens. Geht und verhaftet die Christen!«

»Die Christen!« brüllte es tausendstimmig um die brennenden Hügel. »Holt sie aus ihren Winkeln hervor! Dringt in die Steinbrüche, wo sie die Götter und den Thron der Cäsaren lästern! Im dichten Gewimmel sucht sie – hier – da – dort! Das ist Phlegon, der Blumenhändler! Saht ihr nicht in dieser Minute noch Epenätus, den Liebling des kilikischen Paulus, den sie Apostel nennen? Dort der Schlanke ist Artemidorus, der Freigelassene des Flavius Scevinus! Dies Tryphena und ihre Schwester! Schlagt sie zu Boden! Werft sie ins Feuer, blindlings und ohne Wahl, Männer, Weiber und Kinder!«

»Halt!« gebot der Kaiser, die Rechte erhebend. »Keiner thue den Ueberführten ein Leids an! Laßt diesen Brand erst bewältigt sein: dann will ich drüben in meinen Gärten, wo ich jetzt für die Obdachlosen Baracken und Zelte errichten lasse, den Römern ein Fest geben, und Geldes genug verteilen, daß ihr das Niedergestürzte neu wieder aufbauen könnt. Bei diesem Fest nun sollen die Missethäter gezüchtigt werden. Ihr sollt Dinge erleben, wie sie bis jetzt kein Fürst euch geboten hat. Die blutigsten Tierhetzen, die rasendsten Kämpfe der Gladiatoren sind Knabenspiele im Vergleich mit dem, was ich plane. Jetzt verliert nicht den Mut! Hört nicht auf die Stimmen der Schleicher, die den Princeps und sein geliebtes Römervolk ruchlos entzweien möchten! Ringt und schafft, und betet zu Jupiter, daß er endlich den Flammen Stillstand gebiete!«

»Ave Cäsar!« rief die tosende Menge. »Heil dem Göttlichen, der da Segen spendet und Schutz, – und seine Quiriten freundlich zu Gaste lädt!«

Elftes Kapitel.

Der Brand war vorüber. Zehn Tage lang hatte er wie ein rasendes Tier durch die Zweimillionenstadt hingewütet und zwei Drittel davon erwürgt.

Jetzt endlich glomm es nur noch insgeheim unter den Schutthaufen. Aschfahle Rauchsäulen stiegen lotrecht zum glühenden Sommerhimmel empor – die letzten Verkünder einer sterbenden Elementargewalt.

Beim Morgengrauen des elften Tages trat Nero, wie er dies während des Brandes so oft gethan, wieder hinaus auf die Plattform des mäcenatischen Turmes.

Er gedachte der Abendstunde, da er beim Anblick der brennenden Urbs die Kithara geschlagen. Das Feuer in seiner wildverzehrenden Kraft, vom Sturme gepeitscht, prunkvoll dahinwogend über das endlose Häusermeer, hatte ihn damals berauscht. Er wähnte sich in der Rolle des Zeus, der, den Donnerkeil in der Rechten, mit zerschmetternden Blitzen die lebendige Erde bis hinauf zu den Höhen des Olympos in Lohe setzt. Diese Stadt flammte für ihn; sie zeigte, daß Rom stürzen konnte, und daß dennoch der Welt nichts verloren ging, wenn nur er, der Gewaltige, feststand auf dem Piedestal seiner cäsarischen Gottheit.

Jetzt aber, da er, die Schwüle des Lagers fliehend, hoch an der Brüstung lehnte und nahezu alles, was noch vor kurzem der Schauplatz sorgloser, vergnügungssüchtiger Menschen gewesen, in rauchendem Schutt erblickte: da ergriff ihn etwas wie Groll gegen die Götter, die er nicht glaubte, etwas wie Haß gegen das unbesiegbare Fatum. Diese starre Notwendigkeit glich in ihrer entsetzlichen Willkür einem frevelnden Knaben, der boshaft ein blühendes Beet zertritt, ein Gemälde besudelt, eine kunstvolle Statue zerschlägt. Das Fatum, die Anangke, die Moira, war der einzig echte Herrscher des Universums, mächtiger nicht nur als der geträumte Jupiter, sondern sogar als er, Claudius Nero, der bis dahin vermeint hatte, alles, vom Steingefilde Arabiens bis zu den Säulen des Herkules, unter sein Joch zu beugen. Er hatte mit diesem Fatum gerungen; das Ergebnis des ungleichen Kampfes lag vor ihm: ein unermeßliches Chaos, schwarzgraue, qualmende Trümmer, – ein Anblick, schauderhafter als der eines leichenbesäten Schlachtfeldes.

Wenn das Fatum sich anmaßte, so ins Blaue hinein zu toben wie ein bezechter Schurke, wenn es ihm tausend Hemmnisse da in den Weg legte, wo er das Gute wollte: weshalb sollte der Cäsar, im Besitze der obersten Herrschergewalt, an Kühnheit und Großartigkeit seiner Willkürpläne hinter dem Fatum zurückstehen? Unschuldige und Schuldige hat das große Verderben hinweggerafft. Auch Nero wollte jetzt ein Verderben sein für die Menschheit, nur mit dem Unterschied, daß er noch edler fühlte als jene Schickung, die ihm Seneca einst mit dem unbegreiflichen Namen ›Vorsehung‹ zu bezeichnen gewagt hatte.

Die Opfer des Nero sollten nicht blindlings fallen, wie die des Fatums, sondern nach wohlerwogenen Grundsätzen. Er schlachtete sie zunächst seinem Hasse, dann aber auch, wie er zögernd sich eingestand, seiner Sicherheit.

Das Volk, so sehr sich der Imperator bemüht hatte, das öffentliche Unglück zu lindern, insbesondere auch durch eine trefflich organisierte Zufuhr der nötigen Lebensmittel, tobte dennoch vor nicht zu stillender Wut über die furchtbare Katastrophe, und heischte mit Ungestüm ein Sühnopfer, das dem Mißgeschicke der Siebenhügelstadt an Großartigkeit gleichkäme.

Geizte Nero mit der Befriedigung dieser Rachlust, so lief er Gefahr, daß der Unwille der entfesselten Menge bis zu ihm selber heraufzischte.

Auch dieser Unwille wäre das Fatum gewesen, – eine veränderte Form nur der nämlichen, Göttern und Menschen verhaßten Anangke, die Rom in Asche gelegt.

Mit der Anangke jedoch war nicht zu ringen. Er konnte sie nur verhöhnen, ihr durch listige Kunstgriffe ausweichen oder vielleicht – und das war eines Weltbeherrschers am würdigsten – ihre schwindelerregende Brutalität übertrumpfen.

Die Christen, die heute abend, dem Volk zum ergötzlichen Schauspiel, in den cäsarischen Gärten am Mons Vaticanus zu Tode gequält werden sollten: sie mochten, wenn ihre Marter den Gipfel erreicht hatte, dem waltenden Kaiser bezeugen, ob er der Aufgabe, die er sich vorgesetzt hatte, gewachsen war.

Ja, er haßte die Christen! Ihre Lehre schien ihm jetzt ebenso thöricht, so zweck- und sinnlos, wie die stoischen Philosopheme des Seneca. Diese erbärmliche Welt, die ihm hier aus den schaurigen Trümmern der ›Arestochter‹ ein so lautes Verdikt ihrer eigenen Unvernünftigkeit zurief, lohnte weder den Ernst noch die Selbstbeherrschung. Greifbar und echt war lediglich der Genuß: philosophisch-mystische Spekulationen, die ja doch dem entsetzlichen Rätsel nie auf den Grund drangen, konnten die Echtheit und Greifbarkeit nur beeinträchtigen. Nicodemus und Seneca flossen dem Imperator gleichsam in eine einzige unheilbringende, hagere Gestalt zusammen. Wie unablässig hatte ihm Seneca in den Ohren gelegen mit seinen volltönigen Phrasen von der sittlich-freien Entwickelung der Menschheit, von der abstrakten Pflicht, von dem Hochgefühl der Entsagung! Es war geradezu unerträglich!

»Die Wahnwitzigen!« murmelte Nero, nach Osten starrend, wo ein gelblicher Lichtstreif das Erwachen des Tages verkündete. »Was ist Tugend! Einen duftigen Becher unberührt stehen zu lassen, obgleich die Seele danach verschmachtet! Tantalus nach eigener, freier Entschließung! Wer dankt mir's denn, ihr hirnverbrannten Heuchler und Narren? Wenn ich nun wirklich eurer Lehre gehorchte, stünde ich deshalb weniger unter dem Banne des Daseins? Hätte ich minder die Krankheit zu fürchten und den alles zerbrechenden Tod?«

Er seufzte.

»Wahrlich, der Tod ist noch nicht einmal das Entsetzlichste! Hassenswerter scheint mir der Fluch, altern zu müssen! Das gierige Greisentum, das sich boshaft an unserm Blut mästet, bis wir selber zum spotterregenden Schatten dahinschwinden, – welch ein Dämon hat es ersonnen? Was da schön ist und blühend auf dieser Erde, was da jubelt und jauchzt –: die Zeit wird ihm die Frische und Kraft aus den Adern saugen, und der erbärmliche Rest gleicht diesen Trümmern hier! Alt zu werden! Heimlich zu fühlen, wie der schwellende Arm, der deinen Nacken umwindet, nicht mehr so wonnevoll und so selig erbebt wie der deine! Zu merken, daß die schmelzende Zärtlichkeit Heuchelei, daß der Kuß, die Verzückung der schmachtenden Augen Komödie ist! Nicht du, Claudius Nero, wirst dann mehr geliebt werden, sondern der mächtige Kaiser, dein fürstliches Prunkgewand, dein Scepter, deine unermeßlichen Reichtümer! Wie dort drüben das ehedem so stolze Palatium, wirst du einst nur noch die fahle Ruine sein von dem, was du warst, – hohläugig, welk, das Antlitz gefurcht, ein Abscheu selbst für die Dirnen vom Walle des Tullius!«

Er legte die Hände über die Augen, als habe er das Bild seiner Zukunft schon leibhaftig erblickt.

»Und das ahnen sie alle voraus!« dachte er ingrimmig. »Seneca erlebt es schon an sich selbst. Er fühlt, wie der Brand seiner Lebensglut Funke um Funke verlischt, – und dennoch ging er mit Nicodemus ans Werk, mich blind zu machen gegen die einfache, unverkennbare Wahrheit! Ich sollte die flüchtigen Stunden der Jugendkraft mit asketischer Philosophie vertrödeln, statt mich der Gegenwart hinzugeben, und das Licht zu genießen, solange es Tag ist! Ich sollte ein Cäsar werden für die Anhänger des Gekreuzigten!«

Er beugte sich über die marmorgedeckte Brüstung und stützte das Haupt in die Hand. Ein wehmütiges Zucken spielte um seinen Mund. Weitgeöffneten Auges sah er hinaus in das beginnende Morgenrot.

»Ja, auch ich erblicke in eurem Propheten ein wahrheitsvolles Symbol: seine dornenbekränzte Gestalt verkörpert mir das traurige Los alles Irdischen. Wir alle sind vom Fluch des Schicksals an jenes furchtbare Kreuz genagelt, das Erde heißt. Wir alle werden, früh oder spät, an diesem Marterholze verbluten, und zuckenden Angesichts wie der sterbende Galiläer zum Himmel rufen: ›Hoffnung, du, Trügerin alles dessen was atmet, und du, unsterblicher Mut, warum hast du mich nun verlassen?‹ Jesus mit seinem trostlosen Ausgang ist der duldende Mensch. Weil dieser Ausgang aber gewiß ist, soll ich mir deshalb die Qual meiner Wanderschaft noch vergrößern? Soll ich trauern, wo ich vergessen, soll ich entsagen, wo ich erobern kann? Nein, ihr Asketiker! Dann lieber gleich in den Tod! Ein Sprung hier über die Brüstung schiene mir logischer, als der Irrwahn eurer trostlosen Selbstverleugnung.«

Zur Tiefe schauend, gewahrte er einen langen Zug seiner Sklaven, die mit schweren Ladungen aller Art nach den vatikanischen Gärten hinauszogen.

Im Auge des Imperators flammte es auf wie von plötzlicher Wildheit. Er sah ihnen nach, bis sie hinter den ragenden Mauern eines ausgebrannten Theaters verschwunden waren.

»Ja, so ist's,« hauchte er durch die Zähne. »Wenn nicht jeder Tag, der über die Berge steigt, uns neue Wonnen verkündet, neue Erregungen, dann ist's eine Qual zu leben. Genießen will ich, bis mir der letzte Blutstropfen in den Adern erstarrt; Auge und Ohr ergötzen; im berauschenden Cäcuber den letzten Verstand lassen, und am Busen verliebter Weiber und knospender Mädchen Verzückungen schlürfen wie der hellenische Donnergott. Ich wäre nicht Nero, wenn Poppäa allein mir genügen könnte. Nein, ihr alle genügt mir nicht, und wäre ich turmhoch unter dem Blütenglanz eurer schimmernden Leiber begraben! Die rasendste Lust ist nur eine Täuschung für Augenblicke. Sie stillt nicht, was da drinnen so maßlos wütet und tobt. Nazarener, ihr sollt mir die Antwort geben, ob's noch ein Mittel gibt, den Lebensdurst des Imperators zu löschen! Ich fühle es, wie's mich stürmisch hinaustreibt zum Anblick eurer grausigen Todesqualen. Vielleicht bedarf ich eurer unsäglichen Marter als Hintergrund für das Glück, dem ich nachjage. Wenn jeglicher Nerv eures gefolterten Leibes vor Schmerz zusammenzuckt wie eine zertretene Schlange, so muß die Wonne sich zwiefach als Wonne fühlen. Unsre Altvordern bauten ihre Triclinien mit dem Ausblick auf Gräber und Leichensteine: das erhöhte ihnen die Freuden am Festgelage. Ich will das noch überbieten. Körper will ich erblicken, die langsam dahinsterben, die toll werden bei dieser entsetzlichen Langsamkeit, während mich zitternde Wollust zum Gotte macht. Ich muß jetzt nachholen, was ich früher versäumt habe.«

Die Arme über der Brust verschränkt, umwandelte er einigemal die Plattform. Ein seltsames Lächeln zog ihm die Lippen kraus.

»Die guten Quiriten! Wenn sie ahnten, daß ihr Kaiser nahe daran war, den elenden Nicodemus Bruder zu nennen! Wäre er minder bübisch gewesen, – beim Styx, wer möchte dann sagen, wie's heute um Rom stünde . . .?«

Er seufzte.

Dann zog er die Achseln hoch.

»Schwerlich besser!« sagte er zu sich selbst. »Deutlich in jeder Linie erblick' ich es vor mir, das harte, starre Gesicht mit den tiefliegenden Augen. Seine lauernde, demütig-stolze Art schien zu sagen: ›Steige herab vom Thron der Imperatoren: ich, Nicodemus, hoffe hier Platz zu nehmen!‹ Wenn das geschehen wäre, wenn die Ehrsucht des Nicodemus jede Selbständigkeit in der Seele des Herrschers vernichtet und die eigene, siegverlangende Unduldsamkeit an die Stelle gesetzt hätte: wahrlich, die furchtbare Katastrophe, die jetzt eben zu Ende ging, wäre ein Scherz gewesen im Vergleich mit den blutigen Umwälzungen im weiten Weltreich! Er hätte die Feinde des Nazarenertums mit Feuer und Schwert verfolgt, und Scheiterhaufen errichtet, in ihrer Gesamtheit größer und qualmender, als die lodernde Roma!«

Er sah zu Boden.

»Wunderbar!« klang es halblaut von seinen Lippen. »So verschiedenartige Früchte zeitigt ein und derselbe Glaube. Nicodemus und Acte! Welch ein Gegensatz zwischen den beiden! Welch ein klaffender Abgrund!«

Höher und höher flammte das Morgenrot über dem Kamm des Sabinergebirges. Zartes Purpurgewölk schwamm flockengleich im Zenith. Der erste Strahl zuckte über die niedergebrannte Stadt und verkündete einen Tag, der unvergeßlich sein sollte in den Annalen der römischen Kaisergeschichte.

Zwei Stunden später empfing der Cäsar den Agrigentiner, der ihm zu melden kam, wie weit sich die Vorbereitungen zu dem für heute abend geplanten Riesenfeste entwickelt hatten.

Alles ging hier nach Wunsch.

»Ich bürge dafür,« lächelte Tigellinus, »du selber, dessen Auge doch wahrlich von Schaustellungen und kunstvoll ausgedachtem Gepränge schier übersättigt ist, du selbst, o Cäsar, wirst überrascht sein und mir bekennen, mein Werk sei musterhaft.«

»Also wie lautet dieses musterhafte Programm?«

»Laß mich die Einzelheiten verschweigen, ich bitte dich! Du bist Künstler genug, um zu begreifen, daß man lieber zu wenig verrät als zu viel. Die Bewirtung des Volkes leitet mir der vortreffliche Phaon, dessen Talente ich Tag für Tag mehr bewundere. Halb Capua hat seine Magazine geleert für die Beleuchtung, den Blumenschmuck, die Flaggen, die Teppiche. Alles übrige fügt sich harmonisch in das Gesamtbild. Wenn ich hinzusetze, daß ich die Festmusik eigens zu diesem Zwecke durch unsre beliebtesten Tondichter habe verfertigen lassen, so hab' ich genug gesagt. Mit einem Worte: das Ganze wird glorreich.«

»Nun, und das Volk? Was sagt es zu der glänzenden Gastfreundschaft seines Kaisers?«

»Es jubelt.«

»Das sagtest du gestern bereits. Gibt es noch Leute, die bezüglich der Nazarener im Zweifel sind? Ich meine . . . die sie für schuldlos halten?«

»Kaum. Die Verhafteten leugnen zwar; aber einer von ihnen, Paulus mit Namen, hat seinen Richtern mit Donnerstimme entgegengerufen, in diesem Brande erblicke er das Strafgericht des allmächtigen Gottes und die Erfüllung der alten Wahrsagung, die da lautet: ›Ich will ihren Namen auslöschen, und ihr Land will ich zu einer Wüste machen.‹«

»Paulus . . .? Der Name ist mir zu Ohren gekommen.«

»Ich selber sprach dir von ihm,« sagte der Agrigentiner. »Eine Persönlichkeit von unwiderstehlicher Kraft. Die dämonische Wucht seiner Rede riß – für Momente wenigstens – alles dahin, was irgend jemals in ihr Bereich kam. Deshalb nahm ich auch Anstand, diesen höchst gefährlichen Menschen mit ins Programm zu nehmen. Sein bloßer Anblick vielleicht hätte ihm Schüler geworben – und vollends, wenn er in letzter Stunde den Mund geöffnet und gezeugt hätte für die Lehre des Nazareners . . .«

Claudius Nero nickte still vor sich hin. Dann richtete er aus den Agrigentiner einen fragenden Blick.

Zwölftes Kapitel.

»In aller Stille hab' ich ihn kreuzigen lassen,« erwiderte Tigellinus.

Es entstand eine lange Pause. Nero blickte stumm auf den farbigen Mosaikboden, wo ein schön gezeichneter Tierkämpfer einem Löwen das Schwert in die Gurgel bohrte.

»Schade,« sagte er endlich, tief Atem holend. »Ich hätte erleben mögen, was dieser Schwärmer, der sogar dich mit heimlicher Furcht erfüllte, mir geantwortet hätte auf den Zuruf: ›Du fabelst!‹

In der sechsten Nachmittagsstunde begab sich der Kaiser mit Poppäa Sabina und dem ganzen Gefolge nach den vatikanischen Gärten, deren vielhundertjährige Ulmen und Pinien selbst jetzt, im Hochsommer, einen behaglichen Aufenthalt boten. Zahlreiche Springbrunnen sandten hier aus alabasternen Becken ihre silbernen Strahlen empor. Künstliche Bäche, durch die Claudische Leitung gespeist, rauschten durch die Grotten und Moosgründe, oder zerstäubten an farnumwucherten Felshängen. Ringsumher mannshohes Gesträuch, Buchsbaumpflanzungen, farbige Blumenbeete, – kurz, in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein Stück Campanierlandschaft.

In der prächtigen Pan-Allee, die den Park von Norden nach Süden schnurgerade durchschnitt, hatte der Freigelassene Phaon im Auftrag des Agrigentiners drei endlose Tafeln gedeckt. So weit das Auge reichte, blinkten die Mischkrüge, die Becher, die Blumengewinde, die Platten und Schaugerichte. Speisesofas hatten sich in genügender Zahl nicht beschaffen lassen: aber die niedere Bevölkerung Roms war ja gewöhnt, bei Tische zu sitzen, – nicht, wie die höheren Gesellschaftsklassen, zu liegen. Die glattgezimmerten Bänke, über die man galäsische Teppiche ausgebreitet, schienen für diese Gesellschaft immer noch üppig genug.

Es waren nahezu achtzigtausend Personen, die Claudius Nero so zu Gaste geladen.

Ein nicht zu schildernder Anblick.

Achttausend Sklaven waren anderthalb Stunden fortwährend beschäftigt, die unabsehbare Menschenmenge mit Speise und Trank zu versehen.

Das Kaiserpaar, Tigellinus, die Militärtribunen, einige zwanzig altadlige Senatoren und der gesamte Hof – mit Ausnahme Senecas, der eine plötzliche Krankheit vorschützte – nahmen teil an dieser gigantischen Coena. In der nächsten Umgebung des Kaisers bemerkte man insbesondere den jüngsten seiner Vertrauten, den Günstling Helius. Dieser Mensch, von unfreier Geburt, verstand es, wie kaum Tigellinus, den Launen des Imperators zu schmeicheln, und jede Schwäche als eine Heldenthat, jeden Frevel als das selbstverständliche Recht des Thrones zu preisen. Die grausam-wollüstigen Gesichtszüge des Freigelassenen Helius hatten etwas vom Schwein, ohne doch durch ungebührliche Häßlichkeit geradezu abzustoßen.

Die Prätorianer waren in unauffälliger Weise nach allen Richtungen hin verteilt worden. Zahlreiche Späher überwachten die Unterredungen; man fahndete auf die Verbreiter jenes Gerüchtes, das den Cäsar zum Urheber der Katastrophe gestempelt. Ein Ritter aus Nola und zwei Menenier – Vettern jenes Lucius und jenes Didius Menenius, die als Opfer ihrer kaiserfeindlichen Umtriebe damals gefallen waren – hatte man kurz vor Beginn des Mahles verhaftet.

Um das Volk nicht zu sehr zu erhitzen, hatte der Kaiser Sorge getragen, daß nur ganz leichter Vesuvwein, zur Hälfte mit Wasser gemischt, verabreicht wurde. Dennoch erklomm die jubelnde Ausgelassenheit dieser schmausenden Menge einen bedenklichen Grad, so daß Phaon seine Sklavenkolonnen immer und immer wieder zur Beschleunigung antrieb.

Endlich waren die sogenannten Bellaria verzehrt. Ein letzter Trunk, eine Libation, ein ›Hoch!‹ auf den Imperator und die reizend geschmückte Poppäa . . .

Nun schmetterte eine Riesenfanfare, das Echo sämtlicher Hügel weckend, über die Häupter der achtzigtausend hinweg. Mit staunenerregender Schnelligkeit wurden die Tafelreihen verlassen. Das Volk strömte durch die zahlreichen Seitengänge schaulusterfüllt nach dem Festplatz, wo es in weitem Kreise amphitheatralisch sich lagerte.

Dieser prächtige Festplatz mit den rings ansteigenden Erdstufen und der glänzenden Hoftribüne unten im Mittelpunkt war ein improvisiertes Meisterstück des großen Vergnügungskünstlers Sophonins Tigellinus. Nichts verriet mehr die Eile der Herstellung. Die himmelansteigenden Pappeln und Ahornbäume, die noch vor wenigen Tagen den Raum bedeckt hatten, waren ebenso spurlos hinweggemäht, wie der marmorne Tempel und die blumenbewachsene Bodenerhöhung, auf der er gestanden. Frischer, etwas besprengter Sand überdeckte das Grab dieser Herrlichkeiten, – so reinlich, so mathematisch glatt, als hätte hier nie die phantastische Unordnung einer üppigen Wildnis geherrscht.

Eiserne Fackelträger, haushohe Leuchter mit riesigen Pechpfannen, silberne Prunklaternen mit Scheiben von papierdünnen Hornplatten oder von Glimmerglas waren in so unerschöpflicher Anzahl aufgestellt, daß sie demnächst die ganze Arena taghell erleuchten mußten.

Dicht vor der Kaisertribüne, auf der langhingestreckten Linie, die von dem einen Ende des Zuschauerhalbkreises zum andern lief, sah man im Boden, je zwei Fuß von einander entfernt, eine regelmäßig geordnete Reihe von Löchern, wohl dreihundert und mehr. Dahinter aber lag noch die Erdmasse, die man herausgeschaufelt.

Als eben der Imperator mit Poppäa Sabina auf dem baldachinüberdachten Pulvinar Platz genommen, – der Hofstaat hatte sich längst schon gelagert – da trugen die palatinischen Sklaven, je zu vieren gleichzeitig anfassend, seltsame, hoch in die Lüfte ragende Pfähle herzu, deren spitziges Ende lotrecht in die Gruben gesenkt, mit der aufgeworfenen Erde umschüttet und dann sorgfältig festgerammt wurde.

Am oberen breiten Ende befand sich ein menschliches Wesen, bis an die Schultern von filzartig-zähem Werg umhüllt. Dicke Eisendrähte schnürten den Leib und die Gliedmaßen fest wider den Balken. Das Ganze war mit flüssig gemachtem Wachs und Pech, mit Teer und mit Oel reichlich getränkt.

Diese dreihundert Menschen sollten nach Eintritt der Dunkelheit – gleichsam als erster Beleuchtungseffekt – von den Sklaven des Imperators angezündet werden wie Fackeln.

Das Volk hatte gestern bereits Kunde von dem, was sich hier abspielen sollte. Dennoch war es vom Anblick des abenteuerlich-grausigen Zuges derart überrascht, daß es vor wilder Freude gell aufheulte. Die alte, mitleidslose, blutverlangende Schaulust der Amphitheaterbesucher, denen die Gladiatoren niemals furchtbar genug zerhackt und verstümmelt wurden, regte sich doppelt stark in diesen wohlgesättigten, weindurchdüfteten Massen.

»Die Nazarener!« scholl es von allen Seiten. »Die Nazarener im Pechgewande! Ob diese Tunica nach ihrem Geschmack ist? Fluch den Mordbrennern! Fluch euch Abergläubischen, die sich an Rom vergriffen! Auf! Erprobt's nun am eigenen Leibe, welch ein liebliches Element die verzehrende Flamme ist!«

Nach fünf Minuten waren sämtliche Marterpfähle im Boden befestigt. Die Träger zogen sich eilig zurück. Eine wimmelnde Schar üppiger Tänzerinnen brach wie eine lustig flatternde Wolke aus dem benachbarten Strauchwerk hervor und bestreute den Erdgrund rings um die Pfähle mit Rosen und Veilchen, damit, wie Tigellinus sich ausdrückte, im gesegneten Reiche des Nero auch die Todesqual einen festlichen Beigeschmack habe.

Nun standen sie alle, die Christusgläubigen, in unabsehbarer Kette gereiht, wie Maulbeerbäume, denen der Gärtner im Frühjahr die Zweige beschnitten hatte.

Einige jammerten laut auf; andre starrten glasigen Blicks vor sich hin; drei oder vier hatte die Angst schon entseelt. Die meisten jedoch, darunter nicht nur trotzige Männer und Jünglinge, sondern auch liebliche Mädchen in erster Jugendblüte, schauten todesfreudig zum Himmel auf und murmelten mit kaum vernehmbarer Stimme fromme Gebete.

Rechts vom Pulvinar des Imperators, nur etwas niedriger, stand ein üppiges, breites, kunstvoll geschmiedetes Ruhelager mit schwellenden Polsterkissen, gleichfalls von einem Baldachin überragt, – der Platz des unverwüstlichen Agrigentiners. Er strahlte von Selbstgefühl; das vornehme, leicht vom Wein gerötete Antlitz sah jünger aus als gewöhnlich.

Neben ihm, das perlengeschmückte Köpfchen sanft anschmiegend, lehnte die reizende Rhodierin Chloris, im Florgewande der Insel Kos, hold und zauberisch trotz ihrer Schamlosigkeit, ganz erfüllt vom Kultus des vermeintlichen Helden, der ihr, wie im Ueberschwange der Sehnsucht, den Arm fest und fester um den blühenden Leib schlang.

Poppäa Sabina, im Gefühl ihrer Würde als Gattin des Imperators, hatte zwar anfangs gegen die dreiste Oeffentlichkeit dieses Verhältnisses angekämpft: aber was konnte sie auf die kühne Bemerkung des Agrigentiners erwidern, daß sie ja selber, obgleich nicht eine Hellenin, sondern eine vornehme Römerin, sich in der nämlichen Weise mit ihrem kaiserlichen Geliebten gezeigt hatte, wiewohl die Gemahlin desselben damals noch lebte?

Chloris hing vielleicht um so zärtlicher an den Augen des Tigellinus, als sie durchaus keine Freundin solcher grausamen Schauspiele war, wie sie den Römern zum täglichen Brot gehörten. Als Griechin und Künstlerin besaß sie ein reich entwickeltes Schönheitsgefühl, – und schon aus diesem Gesichtspunkte widerstrebte ihr Herz dem Anblick leidender Mitmenschen. Nur dem Wunsche ihres vergötterten Tigellinus gehorchend, teilte sie hier sein purpurnes Lager, schloß jedoch beim Herannahen der menschenbefrachteten Pflöcke unwillkürlich die Wimpern und wandte sich dann ausschließlich ihrem verliebten Eroberer zu.

Jetzt plötzlich, da alles in atemloser Erwartung schwieg, und selbst das Wimmern der klagenden Nazarener zu ebben schien, drang ein Schrei durch die beginnende Dämmerung, gell und schaurig wie der Todesruf eines Wahnsinnigen, der sich von schwindelnder Felsenwand hinab in den Abgrund stürzt.

Entsetzt schaute Chloris empor.

Aus der Werghülle eines der beiden Pfähle, die nur wenige Schritte vom Fußende ihres Lagers entfernt standen, blickte in grauenhafter Verzerrung ein wohlbekanntes Antlitz herüber, – das Antlitz des Artemidorus.

Ruhig und standhaft hatte der gläubige Nazarener bis dahin sein Schicksal ertragen. Sein heroischer Mut hatte obgesiegt über jede schwächliche Anwandlung. Jetzt aber, wie er so von der furchtbaren Höhe des Marterpfahls das Mädchen erblickte, das ihn einstens geliebt und dann so schnöde vergessen hatte, jetzt verlor er die Fassung.

Noch einmal packte ihn das vergängliche Erdenglück, das er längst, längst überwunden glaubte, mit all den selig-schmerzlichen Schauern von ehedem.

Das also war die letzte Erfüllung des Traumes, den er Jahre hindurch im tiefsten Grund seiner Seele gehegt und genährt hatte! Er gedachte jenes unvergeßlichen Abends im Hause des Flavius, da er knieend ihr den Kranz überreicht hatte. Chloris war sein Gedanke bei Tag und bei Nacht gewesen. Er glaubte an sie wie an Jesus den Galiläer. Beim ersten Gerüchte, daß sie empfänglich sei für die Huldigungen der Großen, war er gramerfüllt zu ihr geeilt. Sie hatte ihn zärtlich geküßt, seiner Sorge gelacht und ihm heilig beteuert, er, nur er solle dereinst sie besitzen. Dann aber entschwand sie ihm völlig. Mehr und mehr gehörte sie zur Gesellschaft des Hofes. Artemidorus litt über alle Beschreibung. Er ahnte, er wußte, was da geschehen war, lange bevor er mit eigenen Augen sich davon überzeugt hatte. Nun riß er mit aller Gewalt sich los. Er kämpfte verzweiflungsvoll, bis ihm die Lehre des Heilandes, der da gesprochen hatte: ›Nehmet euer Kreuz auf euch und folgt mir nach –‹ endlich den Frieden gab.

Er hatte gehofft, die göttliche Kraft dieses Friedens werde ihm vorhalten bis zum letzten Moment.

Da mußte er, fast in derselben Minute, da schon die Henker mit ihren Bränden herankamen, die Treulose wiedersehen, ach, ach, und so wiedersehen – als müßige Zuschauerin seiner Qualen, halbnackt an der Brust eines andern! Das war des Jammers zu viel.

›Fern von ihr!‹ hatte er damals gewehklagt, als er, zum Tode verurteilt, durch die cyprische Gasse geschleppt wurde. ›Fern von ihr!‹ – Der Gedanke war ihm das schwerste gewesen bei jenem furchtbaren Gang. Wie ein Hohn über sein maßloses Elend zuckte ihm jetzt dieses ›Fern von ihr!‹ durch die Seele, da ihn das Schicksal dazu verurteilt hatte, ungeliebt vor ihren Augen dahinzusterben, in ihrer Nähe. fast erreichbar durch den Hauch ihres Atems.

Noch einmal schrie er auf, – gräßlicher, furchtbarer, herzzerreißender, als zuerst. Er litt unmenschlich. Er fühlte schon jetzt, bevor sie entfacht war, die mordende Lohe, die ihn langsam aufzehren sollte.

Die Rhodierin Chloris bebte am ganzen Leibe.

»Was hast du?« fragte Tigellinus.

Sie war unfähig, ihm zu antworten.

Er zog sie dichter zu sich heran und küßte sie auf die weißschimmernde Kehle.

»Hat der Feigling da mit seinem Todesgeheul dich erschreckt?« forschte er weiter.

»Vielleicht,« flüsterte Chloris.

Es zuckte ihr krampfhaft über das ganze Gesicht. Ihre Augen blickten wie leblos.

»Ihr Griechen seid ein allzuweiches Geschlecht,« tröstete Tigellinus. »Ihr müßt euch, wie die Enkel des Romulus, mit dem Anblick des Todes und seiner Schrecken vertraut machen. Das gibt Lebensfrische und Mut. Das stählt die Genußfreudigkeit und die Spannkraft. Aber seh' ich denn recht? Ich erkenne den Burschen. Es ist Artemidorus, der Freigelassene des Flavius Scevinus. Sprich, mein Seelchen, beschleicht dich eine wehmutsvolle Erinnerung? Damals warst du noch die unnahbare Kitharödin – und jetzt . . .! Aber hast du etwas bei diesem Tausche verloren? Sophonius Tigellinus ist der Erste im Reich nach dem Kaiser. Fannius Rufus, der den Oberbefehl mit mir teilt, ist nur dem Namen nach mein Kollege, in Wahrheit mein Untergebener. Der Cäsar liebt mich; Poppäa thut keinen Atemzug, ohne sich Rats zu holen bei dem weltklugen Agrigentiner. Artemidorus aber – nun, du siehst's ja, wie weit er's mit seiner Schwärmerei für die Märchen des Galiläers gebracht hat!«

»Er ist so jung,« seufzte die zitternde Chloris, »ach, und so gut!«

»So gut,« versetzte der Agrigentiner, »daß er die erste rasende Sehnsucht des Imperators enttäuschen half. Du weißt doch von Acte . . .? Einmal nur hatte der Kaiser ihr von Liebe gesprochen: da entschwand sie ihm plötzlich, und so emsig er forschte, nirgends fand sich die leiseste Spur von ihr. Auch Artemidorus wurde gefragt, und er gab zur Antwort: ›Ich weiß von nichts!‹ Das war eine Lüge. Er kannte den Ort, wo sich Acte verborgen hatte. Und daß er dem Kaiser die Wahrheit so vorenthielt, das büßt er jetzt zugleich mit den andern Verbrechen, die ihm zur Last fallen. Deshalb hat man auch Sorge getragen, den Schandbuben in der Nähe des kaiserlichen Pulvinars einzurammen. Sein qualvoller Tod soll in die immer noch blutende Wunde des Imperators Balsam gießen. Ich verrate da mehr, als ich sagen sollte. Poppäa Sabina darf um keinen Preis davon wissen. Hörst du, wonnige Chloris?«

»Ich höre,« hauchte sie tonlos.

Nach dieser Eröffnung war nichts für Artemidorus zu hoffen.

Gnade für den zu erflehen, den Claudius Nero persönlich haßte, das schien der Rhodierin gleichbedeutend mit der Gefährdung der eigenen Existenz.

So rief sie denn die unversiegbare Kraft ihres Leichtsinns zu Hilfe und entschloß sich, alles geschehen zu lassen, wie es der Wille des Agrigentiners verhängt hatte. Nur ein stilles Gebet zu dem Totengott ihrer hellenischen Heimat, dem Hermes Psychopompos, wollte sie aufwenden, damit er die Seele des Abgeschiedenen freundlich hinübergeleite in die Gefilde des nachtumflatterten Hades.

Inzwischen hob Artemidorus die weitgeöffneten Augen thränenlos zum Himmel empor, wo die ersten Sterne bleich im Azur glänzten.

»Gott, mein Gott,« flehte er brünstig, »steh mir bei in dieser unermeßlichen Qual! Erbarmender Vater, laß mich einmal noch deine Gnade erfahren, auf daß nur du mir die Seele erfüllen mögest, du und der Heiland, der da gestorben ist zur Erlösung der Welt! Ach, wie zauberisch flutet ihr Haar! Wie strahlt ihr Auge! Wie blüht ihr blumenduftiger Mund! Wehe, sie rührt sich nicht! Sie springt nicht auf, mir zum letzten, grausigen Abschied ein linderndes Wort zu sagen! Gelassen und gleichmütig kann sie mit ansehen, wie Artemidorus zu Grunde geht! Ich habe sie heiß geliebt; sie wäre mein Glück gewesen; ich liebe sie noch, trotz all ihrer Schande! Cäsar, weshalb hast du mich damals begnadigt, da ich doch sterben konnte im Vollbesitz ihrer Liebe? Vater im Himmel, errette mich vor diesen Gedanken! In deine Hände befehle ich meinen Geist; nimm mich auf in die Schar der Erwählten, um Jesu willen, und tilge mir die Erinnerung an diese Stunde hinweg, sonst kann meine Seele nicht Rast gewinnen durch alle Jahrtausende!«

Er neigte das Haupt und schloß die Augen, um nicht noch einmal dem Blicke der Rhodierin zu begegnen, die ihren Schauder jetzt abgeschüttelt und sich von neuem in die Begeisterung für den verlebten Agrigentiner versenkt hatte.

Neben dem Freigelassenen des Flavius Scevinus hatte man den ehrsüchtigen Nicodemus aufgepflanzt. Er war bewußtlos gewesen, als die Sklaven ihn herschleppten. Sein Pfahl trug am oberen Ende einen mächtigen Querbalken, an welchem die ausgestreckten Arme des Delinquenten vermittelst zweier durch die Handflächen gehender Eisenstifte befestigt waren. Tigellinus wollte den tollkühnen Wortführer des Nazarenertums, der dem Kaiser so gründlich verhaßt war, auf diese Art vor den übrigen auszeichnen.

Bei dem Aufschrei des Artemidorus war der Unglückliche aus seiner Betäubung erwacht. Von wahnwitzigem Grausen erfüllt, überblickte er den Jammer zu seiner Rechten und Linken, – und die prunkende Orgie zu seinen Füßen: den Cäsar am Busen der siegestrunkenen Poppäa; Tigellinus mit der schmachtenden Chloris; den Günstling Helius mit der frechen Septimia; und ringsumher auf der kaiserlichen Tribüne zehn, zwölf andre Paare, die sich, jeglicher Scheu vergessend, herzten und küßten, als decke statt der gelblich schimmernden Dämmerung tiefschwarze Nacht ihre Zärtlichkeiten . . .

Er sah, wie Dutzende von jugendblühenden Sklavinnen, nur ein Flortuch um die Lenden geschlungen, zwischen den Freunden des Imperators einherhuschten, in der Rechten die kunstvoll getriebene Weinkanne, in der Linken die Schale . . .

Er schaute die Kränze auf den salbentriefenden Häuptern, die schwellenden Rebengewinde, die Purpurrosen.

Er gewahrte die üppigen Pardelfelle auf den leuchtenden Schultern halbwüchsiger Knaben, die ihre Thyrsusstäbe hoch über dem Kopfe schwangen; er gewahrte die unverschleierte Frechheit ihrer Gesinnung, die widerlichen Gebärden, die zuchtlosen Neckereien, das wüste, frevelhafte Gelächter.

Entsetzt atmete er den ganzen unsagbaren Hauch von Wollust und Grausamkeit, der aus diesem Gewirr emporstieg, wie der betäubende Qualm aus dem Sündenpfuhle Gomorrhas.

Und siehe, mit einemmal überkam ihn die volle Größe und Wucht seines einst so eifrig gepflegten Irrtums.

Nein, diese widerspruchsvolle, gräßliche, durch und durch entartete Welt mußte erst ganz versinken, ehe der Boden sattsam gedüngt war für die Saatkörner Jesu Christi. Einstweilen konnte das Nazarenertum nur eine Stätte finden unter den Dächern der Armen und Elenden, in den Winkeln der Leichenträger, bei den Schiffsknechten jenseits des Tiberis, in den Arbeitshäusern und Sklavenzwingern.

Von unten herauf mußte die Menschheit wiedergeboren, umgestaltet, und für das Wort Gottes empfänglich gemacht werden, nicht von der Höhe des Thrones herab, der nur den schaurigen Gipfel bildete einer herz- und hirnlosen, öden Gesellschaft.

Und wie dies klar vor ihm aufstieg, da unterschied Nicodemus auch mit ergreifender Deutlichkeit, was da Echtes und Edles in seiner Bestrebung gelegen, und was ihm die Selbstsucht und Herrschbegier zugeraunt.

»Es war Satanas, der mich versucht hat,« murmelte er durch die knirschenden Zähne. »Ihm, dem Weltverderber, hab' ich die Ruhe geopfert, den Frieden und die Einigkeit mit mir selbst. Weh mir: auch dich hab' ich mit hingeschlachtet, du liebliche Acte, die von dem Schöpfer mir anvertraut war, wie dem Hirten das Lamm. Allgütiger Vater, dafern es möglich ist, so vergib mir! Ich habe gesündigt an dir und deinem Gesetz! Ich bin nicht wert, mit den glaubensfreudigen Brüdern und Schwestern hier gemeinsam den Tod zu leiden!«

Heiße Thränen überströmten sein Angesicht.

Dann plötzlich krauste sich ihm die Stirne.

»Hab' ich denn auch mein Leben umsonst gelebt, – so will ich sterbend noch Zeugnis ablegen für die göttliche Wahrheit! Vielleicht, vielleicht, daß ich dann Gnade finde vor Gott dem Allgütigen!«

Trotzig hob er das Haupt.

»Claudius Nero Cäsar,« rief er mit Donnerstimme, »hast du den Mut, ein letztes Wort von den halb schon erstorbenen Lippen des Nicodemus zu hören?«

Dem dröhnenden Anruf des Märtyrers folgte eine etwas beklommene Stille. Die Prätorianer blickten auf ihren Gebieter, als ob sie der Weisung gewärtigten: ›Stoßt ihm das Schwert in die Brust!‹

Nero jedoch, sich aufrichtend, sagte höhnisch: »Rede, mein Freund, aber beeile dich!«

»Nero,« hub Nicodemus wiederum an, »ich weiß, von dir und den feilen Gesellen, die dich umwedeln wie Hunde, ist kein Erbarmen zu hoffen. Nicht Gott, sondern sein uranfänglicher Widersacher hat eure Seelen aus Schlamm und Blut viehisch zusammengeknetet. Diese Welt ruht noch immer im Schoße des Satans: deshalb bist du Imperator, denn du kömmst ihm an teuflischer Niedertracht und bestialischer Arglist am nächsten. Aber ich warne dich. Gott läßt sich nicht spotten. Er, der Allmächtige, der uns den Mut verleiht, furchtlos zu sterben zur Augenweide für deine Dirnen und Schandknaben, er wird dies jammervolle Geschlecht, das sich noch heute in Gold und Purpur brüstet, spurlos hinwegfegen. Wahrlich, euer Ende ist nahe! Schon höre ich das ferne Gewitter; schon seh' ich die Blitze, die euch zerschmettern sollen. All eure Macht ist wie die Spreu vor dem Winde. Die neue Sündflut öffnet gar bald ihre Schleusen; das einzige, was da siegreich emporragen wird über den Schutt eurer Herrlichkeit, ist das Kreuz Jesu Christi! Du bist bleich geworden, Claudius Nero, und jetzt ergreift dich die Ungeduld. Wir aber, dem Vorbild unsres Heilands getreu, bitten Gott um Gnade sogar für dich, unsern Feind. Todesgenossen! Bezwingt euren gerechten Haß! Hebt eure Blicke zum Himmel empor und sprecht mit dem Unwürdigsten eurer Gemeinde: ›Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!‹«

Ein leises Gemurmel klang durch die Reihen der Nazarener.

Gleich danach gab der langgezogene Ton einer Tuba das Zeichen. Mehrere hundert Sklaven, mit zierlichen Handfackeln versehen, stürzten sich auf die Opfer.

Im nächsten Augenblick standen die teer- und wachsüberträuften Werghüllen von einem Ende der Pfahlreihe bis zum andern in heller Lohe. Gelles, rasendes Jammergeheul scholl durch die hereinbrechende Nacht. Lauter aber noch dröhnte das wüste Gebrüll der Volksmassen, die wie im Cirkus toll in die Hände klatschten und ihrem Entzücken durch Zurufe aller Art Ausdruck verliehen.

»Ave Cäsar! Welch ein olympisches Fest! Welch ein flutendes Lichtmeer! Zollt Beifall, Quiriten! Beifall den flammenprächtigen Fackeln des Nero!«

Tigellinus hob die gefüllte Schale. Das Schlagwort der Bevölkerung aufgreifend, rief er mit eisigem Hohne: »Fackeln des Nero, das bringt euch Tigellinus, der Fluchbeladene!«

»Und dies hier Nero selbst, der den Irrwahn des Galiläers vertilgen wird, wie die Glut eure Leiber vertilgt!«

Der Kaiser sprach's und schwang den rosenbekränzten Becher wie ein jugendstrahlender Dionysos. Zur Hälfte trank er ihn leer: nun reichte er ihn der ›göttlich schönen‹ Poppäa. Sie bog ihren schneeigen Hals zurück, bis ihr der letzte Tropfen des purpurroten Falerners hinabgerollt war. Dann schleuderte sie das wuchtige Trinkgefäß mit einem jauchzenden Aufschrei nach dem flammenumloderten Haupte des Nicodemus.

Sie traf ihn mitten ins Antlitz.

»Recht so!« meinte der Agrigentiner. »Das war die passendste Antwort auf sein Gefasel!«

Poppäa, als ob sie den Eindruck ihrer mänadenhaften Brutalität verwischen wollte, neigte sich mit verdoppelter Anmut zum Cäsar, lachte ihn verführerisch an und raunte zärtlich: »Nero, Nero, wie ich dich liebe! Wahrlich, mir ist zu Sinne, als wären die lodernden Pfähle da unsre Hochzeitsfackeln!«

Nero umschlang sie, wie einst die Genossen des Romulus ihre Sabinerinnen, wild, rücksichtslos, als wenn er zum erstenmal von ihr Besitz ergriffe.

Auch Tigellinus schien durch das Todesgeheul des Christen zu doppelter Liebessehnsucht entflammt zu werden. Er drückte die schwer atmende Chloris heißer ans Herz und verschlang sie fast mit seinen fiebernden Küssen.

Eine rauschende Festmusik stimmte weitab im Hintergrund ihre lüsternen Weisen an. Die brennenden Leiber der Märtyrer sandten weißgraue Wolken zum Himmel auf. Dort und da ward das gräßliche Wehgeschrei zum Wimmern und Winseln, – und verstummte dann völlig. Anderwärts hörte man aus der schwelenden Glut die ekstatischen Stimmen derer, die, ihres Glaubens erfüllt, alle irdische Qual überwanden und freudig den Welterlöser und Gottes unendliche Gnade priesen.

»Rasende Flammen, verzehrt meinen gebrechlichen Leib,« klang es vom Munde eines fünfzehnjährigen Mädchens; – »meine Seele wird aus der Asche emporsteigen in die Höhen des Lichts! Hallelujah!«

Auch Nicodemus, den der Wurf mit dem schweren Metallbecher halb schon betäubt hatte, raffte sich noch einmal empor: »Hört's, ihr Verblendeten!« rief er mit weithin schallender Stimme. »Hier, in der Glut, die mir das Mark zerfrißt, bekenne ich's als ein geringer Zeuge seiner unendlichen Herrlichkeit: der Gott Jesu Christi ist der einzige wahre Gott, und alles Heil kömmt von ihm! Vater im Himmel, o erbarme dich meiner! Ich bereue von ganzem Herzen und von ganzem Gemüt! Amen!«

Ein leichter Windstoß trieb die Flammen zur Seite. Artemidorus schaute zum letztenmal die Rhodierin Chloris, wie ihr der halbberauschte Agrigentiner den Nacken liebkoste und die blühende Kehle . . .

»Chloris!« schrie er, den Kopf wie in epileptischen Krämpfen zurückwerfend, – »Chloris!«

Sein Angstruf gellte so laut, daß er, allen Lärm übertönend, bis hinaus zu den fernsten Sitzen des jauchzenden Pöbels drang.

»Chloris!« scholl es noch einmal aus der kräuselnden Lohe, die jetzt wieder senkrecht zum Himmel stieg. »Weh mir, ich sterbe!«

»Gelobt sei Jesus, der Sieger über Hölle und Tod!« murmelte Nicodemus. Dann verstummte auch er.

Ringsum brannten die Pflöcke langsam herab. Große Blutlachen sickerten allgemach in den Boden; denn die Werghülle hatte nicht ausgereicht, dieses Blut zu verdampfen. Den angebrannten Adern reichlich entströmend, hatte es mit den prasselnden Flammen gekämpft und die untere Hälfte des ›Qualgewandes‹ vielfach gelöscht. Hier und da knickte ein Pfahl zusammen und riß einen halbverstümmelten Menschenleib mit herab. Ein Brandgeruch erfüllte die Luft, schal, widerlich, als hätten die Priester an hundert Altären dem Pluto geopfert.

Da, beim Klang der allbeliebten gaditanischen Melodie ›Schwellet, ihr Rosen . . .‹ entflammten sich, wie durch Zauberhand, die übrigen Leuchten des Festplatzes, – und nun hub in den Gärten des Nero ein Treiben an, das selbst in den Lasterannalen des cäsarischen Rom nicht seinesgleichen hatte.

Claudius Nero und seine ganze Gefolgschaft wälzten sich, sinnlos vor Trunkenheit, im Pfuhl der unerhörtesten Ausschweifung. Das Fest am See des Agrippa war eine harmlose Kinderei gewesen im Vergleich mit diesem bübisch-frechen Astartekultus. Frauen und Mädchen aus den edelsten Häusern waren auf Befehl des Agrigentiners gewaltsam herbeigeschleppt worden. Ihrem Willen zum Trotz, mußten sie sich an jeder Zuchtlosigkeit beteiligen. Knirschend in öder Ohnmacht standen die Väter, Gatten und Brüder der Mißhandelten abseits, und verliehen durch ihre Gegenwart dem bestialischen Taumel des Pöbels die Würze eines hohnerfüllten Triumphs. Denn nicht einer von diesen entehrten Römern wagte es, den übermütigen Festordner bei der Gurgel zu packen. Die Schwerter der Prätorianer klirrten zu drohend und zu verständlich. Auch hatte der Agrigentiner solche Familien, deren Oberhäupter einer männlich-verzweifelten That fähig gewesen wären, klüglich vermieden. Viele der edlen Römerinnen, die so vergeblich auf ihre Rächer harrten, gaben sich selbst den Tod; andre verfielen in Wahnsinn; gar manche jedoch wurden aus scheinbaren Opfern zu ekelerregenden Teilnehmerinnen, die jauchzend den Becher schwangen und so das Werk des Cäsars, die mörderische Vertilgung der Sitte und der letzten heiligen Scheu, ruchlos vollenden halfen.

Rom – erst eben durch die Wut des rasenden Elementes vernichtet – war, so schien es, hier zum zweitenmal, und fürchterlicher, zerstört worden.

Dreizehntes Kapitel.

Ein Jahr verstrich, und wieder kam die tropische Glut des Hochsommers und der schreckliche Tag, an welchem die Einäscherung der Weltstadt begonnen hatte.

Ganze Regionen waren inzwischen schöner und glänzender als zuvor aus den Trümmern entstanden.

Breite, regelmäßige Straßen, rechts und links mit Kolonnaden versehen, hatten die Gassen und Gäßchen vieler winkliger und übelberufener Quartiere von einst ersetzt.

Der Brandschutt war auf riesigen Lastschiffen stromabwärts bis nach Ostia geführt worden, um die sumpfigen Niederungen in der Nähe der Hafenstadt ausfüllen zu helfen.

Dank den Prämien, die der Cäsar für die bis zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgte Fertigstellung der Neubauten ausgeworfen hatte, übertraf die Thätigkeit der Privaten jede Erwartung. Man schaffte bei Tag und bei Nacht; selbst die furchtbare Julihitze unterbrach diese Arbeiten nicht vollständig.

Ein neuer, lebendiger Geist hatte sich der Römer bemächtigt, so daß der Jahrestag der furchtbaren Katastrophe zwar mit ernsten, aber durchaus nicht trübseligen und niedergeschlagenen Gefühlen begrüßt wurde.

Die Provinzen, besonders Kleinasien und Griechenland, hatten herhalten müssen, um die Schatzkammern des Imperators zu füllen, der das also erbeutete Gold mit vollen Händen über die Hauptstadt ausgoß.

Eine Art von Privatministerium – Helius, der ›Mann mit den Schweinsaugen‹, an der Spitze – war dazu eingesetzt worden, um zu beratschlagen, wie man der kaiserlichen Schatulle immer neue Geldquellen aufschließen möchte; und die Methode, die man bei dieser Erschließung befolgte, sprach jeder Gerechtigkeit Hohn.

Gegen Mitte September nahm die Bauthätigkeit einen erneuten Aufschwung. Gallische und hispanische Werkleute waren zu vielen Tausenden eingetroffen. Wenn das so fortging, durfte man gegen Ende des Jahres die Vollendung auch des letzten Hauses erwarten, – abgesehen von einigen Rückständen betreffs der inneren Einrichtung, namentlich im Punkte der Malerei; denn die Herren vom Senatoren und Ritterstand erhoben hier große Ansprüche.

Der Hof hatte den ganzen Sommer wieder in Bajä verbracht, und zwar in der prachtvollen neuen Villa, deren Kosten der Freigelassene Phaon damals auf neunhundert Millionen veranschlagt hatte, während sie in der That mit all ihren Kunstschätzen und Luxuseinrichtungen noch drittehalbhundert Millionen mehr verschlungen hatte. Auf dem Dach dieser Villa befanden sich Baumanlagen, Pflanzungen, Springbrunnen und ein zierlicher Teich von einigen dreißig Ellen im Geviert, ganz in Onyx gefaßt. Eine Barke aus Zedernholz, für zwei Personen und einen Ruderer berechnet, lag hier am Stamm einer Fächerpalme. ›Meine hängenden Gärten‹ nannte Poppäa Sabina dies wunderbare Solarium.

Dennoch war Nero durch dieses Meisterstück unerhörter Verschwendung nicht völlig zufriedengestellt. Er träumte Gewaltigeres, – und dieses Gewaltigere hatte sich unterdessen am Esquilinischen Hügel zu Rom verwirklicht: der orientalische Märchenpalast, der im staunenden Volke den Namen des ›Goldenen Hauses‹ erhalten sollte.

Gegen Ende Oktober lehnte das Herrscherpaar unter den Wipfeln des Dachgartens und blickte hinaus in den Bajanischen Golf, wo eben, von Ostia kommend, die kaiserliche Trireme Ichthys am Kap Misenum vorüber in stolzem Bogen hereinschwenkte. Neben dem Kaiser stand Tigellinus. Auf einem gepolsterten Rundstuhl, einige Schritte entfernt, saß Phaon, der Freigelassene, der vor kaum einer Viertelstunde von Rom angelangt war. Ganz im Hintergrund kauerte der Leibsklave Cassius mit einigen Dienerinnen Poppäas.

»Du siehst, Herr,« sagte der Freigelassene mit einer Handbewegung nach der Trireme, »wie pünktlich der Obersteuermann seine Fahrten berechnet. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang wollte er drüben beim Herkulestempel vor Anker gehen.«

»Ich danke euch,« gab ihm der Imperator zurück. »Heute abend noch brechen wir auf. Nach allem, was du erzählt und berichtet hast, darf ich voraussetzen, daß ich nun endlich ein wirklich menschenwürdiges Heim erhalte.«

»Ein Heim aus lauterem Golde, mit Edelsteinen geschmückt, von denen mancher den Wert dieser Villa erreicht.«

»Du hörst's, Poppäa. Spiegelnde Goldplatten überdecken die Wände. Aus dem königlichen Metall wird dein blühendes Bildnis dir tausendfältig entgegenstrahlen. Dein Fuß wandelt über akanthusfarbigen Malachit. Rubine, Smaragde und Diamanten wetteifern mit dem Glanze des Tages, der durch Scheiben aus phönicischem Glas in die funkelnden Säle bricht. Alles was Kunst und Reichtum, lodernde Schöpferkraft und keuchender Sklavendienst irgend zu leisten vermögen –: dort, in dem goldenen Hause hat's Leben gewonnen. Nun soll eine Aera des Taumels beginnen, des todverachtenden Schwelgens, der wonnigsten Raserei, wie sie nicht dagewesen seit Ninus und Sardanapal!«

»Herr, du bist glücklich,« sagte der Agrigentiner, eine tiefe Gemütsbewegung erheuchelnd. »Heil dir, Liebling des Schicksals! Heil auch dir, Poppäa Sabina, Herrin des Reichs, Schönste und Beneidenswerteste unter den Fürstinnen! Jegliches habt ihr besiegt: die Verleumdung, den Haß, die Scheelsucht, das Toben der Elemente. Ringsumher atmet und lebt nur alles für euch: ihr steht auf dem Gipfel des Daseins, und die Erde ist euer Schemel!«

»Wendet es ab, ihr Götter!« murmelte Phaon.

»Was sagst du da?« fragte der Kaiser, flüchtig die Stirne krausend.

»Ich meine . . . wenn die Worte des Tigellinus den Uranionen Verdruß bereiten . . .«

»Wieso?«

»Herr, du weißt, bei allem Volk herrscht der Glaube, daß eine Glückpreisung, wie die des erlauchten Sophonius, nichts Gutes bedeutet. So sprach ich denn, die Götter möchten es abwenden.«

»Thorheit!« versetzte der Kaiser pathetisch. »Die Götter sind wir. So lange ich selbst noch die Blitze schleudere, wie Jupiter-Zeus, so lange fürchte ich weder die sogenannten Olympier noch das blinde, blöde, alberne Fatum. Hab' ich nicht hundertfältig erlebt, daß ich den frechsten Angriffen dieses Fatums gewachsen bin? Laß sie heranstürmen, die tosende Brandung, die sich Anangke nennt: an dieser Brust wird sie sich teilen und brechen, wie die Meerflut an den Quadern des Steindamms. Rom ist in Asche gesunken: ich habe es herrlicher wieder und glorreicher aufgebaut. Das Volk raste über dies Unheil; es warf seinen Geifer empor bis zur Höhe des Thrones: ich habe es zahm gemacht. Die Aristokraten, die sich von Anfang wider mein Glück verschworen, weil es für sie die Ohnmacht bedeutete, haben sich unter der Führung der abgefeimtesten Buben zusammengeschart und die furchtbarste Revolution geplant: ich reckte die Hand aus – und Piso, mitsamt den Tausenden, die er befehligte, lag zerschmettert am Boden.«

»Dennoch . . .« murmelte Phaon.

Er unterbrach sich und blickte scheu in das Antlitz des Imperators.

Nero indes war so ganz erfüllt von der Unantastbarkeit seiner Größe, daß er dem Freigelassenen nicht zürnte.

»Rede nur, wenn du etwas auf dem Herzen hast,« sagte er lachend.

»Ich fürchte unehrerbietig und dreist zu erscheinen.«

»Unmöglich. Sieh, Phaon, wenn irgend ein Mensch mein volles Vertrauen besitzt, so bist du es. Ich weiß selbst nicht, warum. Du hast mir Dienste erwiesen – aber das nämliche gilt auch von andern. Nur mein trefflicher Tigellinus ist mir in gleicher Treue ergeben wie du: sonst niemand. Das seh' ich an deinem Blick. In deinen frischen, fröhlichen Augen blitzt etwas wie heimliche Sympathie. Ja, auf die Gefahr hin, dich, Sophonius Tigellinus, eifersüchtig zu machen, muß ich's bekennen: Phaon würde meinem Herzen vielleicht nahe gekommen sein, auch wenn ich ein Bettler wäre, indes für dich nur die Freundschaft mit dem Princeps vorherbestimmt war!«

»Mein Kaiser . . .!« sagte der Agrigentiner, die Rechte aufs Herz drückend.

»Laß nur!« wehrte ihm Nero. »Es war eine flüchtige Laune, die mir just durch den Kopf ging. Also, was wolltest du sagen, Phaon?«

»Ich wollte den Cäsar anflehen, sich nicht allzusehr in Sicherheit wiegen zu lassen. Die Verschwörung des Piso zittert mir noch in der Seele nach, und ich staune, wie rasch mein Herr und Gebieter den Schmerz überwunden hat. War nicht Piso dein Freund?«

»Er nannte sich so, aber er war es nicht. Unter dem Deckmantel seiner geheuchelten Liebenswürdigkeit barg er die Tücke.«

»Dennoch: er war dir unverdächtig, wie so viele der Mitverschworenen, – Fannius Rufus zum Beispiel, der in Gemeinschaft mit Tigellinus die Prätorianer befehligte, und Flavius Scevinus, der dich einst seinen Sohn genannt, und nun von seinen Genossen das Recht erbat, zuerst die Waffe zu zücken.«

»Wie?«

»Ja, Herr! Man hat dir's verschwiegen, aber es ist so, und die übrigen haben's bezeugt. ›Ich fordere von euch als eine besondere Auszeichnung, daß ich den ersten Stoß führe!‹ Das waren die Worte, die er in jener letzten Versammlung gebrauchte.«

»Er hat's gebüßt,« versetzte der Kaiser.

»Und der Dichter Lucanus . . .« hub Phaon wiederum an.

»Pah! Ihn quälte der Neid! Seine Verse waren nicht halb so gut, wie die meinen.«

»Aber die höfliche Epicharis! Hättest du dieser Aegypterin angesehen, was sie plante? Mit Piso war sie die Seele der Rebellion! Und Seneca, dein alter, bewährter Lehrer! Auch er hat sich von den Verschwörern umgarnen lassen! Wahrlich, sie müssen ganz unglaubliche Künstler in der Verführung gewesen sein, wenn selbst er ihren Lockungen unterlag.«

»Er war altersschwach,« sagte der Cäsar.

Phaon schüttelte ernst und bedächtig das Haupt.

»Sein Sterben bewies uns das Gegenteil,« versetzte er nachdenklich. »Wie Sokrates trank er den Giftbecher ruhig und gleichmütig, als sei der Tod nur das Aufstehen von einem fröhlichen Gastmahl. Ich bekenne dir, Seneca hat mich besorgt gemacht.«

»Ich begreife dich nicht,« meinte Poppäa. »Wenn er noch lebte, – wohl, so hättest du Ursache, ihn zu fürchten. Jetzt aber, da er den Lohn geerntet für seinen Treubruch, kann die Erinnerung unsern Stolz nur erhöhen, ebenso wie der Tod des herrischen Thrasea und des heuchlerischen Soranus.«

»Auch Thrasea starb wie ein Held. Oft genug hörte ich die gefährlichen Worte nachsprechen, die er ausrief, als er die Hand mit den aufgeschnittenen Adern zum Himmel hob: ›Dir Zeus, Befreier, spende ich dieses Blut!‹ – Es klang heroisch, bei allen Göttern, peinvoll heroisch! Zehn Jahre gäb' ich darum, wäre er feig gewesen. Aber ich schweife hier ab. Was ich betonen wollte, liegt ja wo anders. Gestattest du, Herr, daß ich weiterrede?«

»Immerhin,« lächelte Nero.

»Die Verschwörung des Piso ist glücklich vereitelt worden. Du hast hier das Fatum besiegt. Aber wie kam das? Hätte sich Flavius Scevinus ruhiger verhalten, sich weniger theatralisch gebärdet – wer weiß, wer weiß . . . Milichus, der pfiffige Freigelassene, dem er den Dolch übergab, damit er ihn schleife, Milichus, dem er zurief: ›Diese Waffe ist heilig!‹, Milichus, mit dem er sein Testament aufsetzte – sieh, Herr, das war doch streng genommen die Quelle, aus der uns die Rettung entsprang. Hätte Milichus die Sache nicht in der zwölften Stunde noch angezeigt . . .«

»Das ist's ja eben,« unterbrach ihn der Kaiser. »Mein Genius, der da mächtiger ist als das Schicksal, erweckte mir solche Bundesgenossen. Nein, Phaon, du bist ein Schwarzseher. Aber ich danke dir. Zweierlei hast du erreicht. Ich fühle jetzt doppelt, wie sehr mein Wohl dir am Herzen liegt – und doppelt, wie hoch ich stehe über dem Wechsel der Dinge.«

So sprechend erhob er sich und trat an die Brüstung. Poppäa folgte ihm, während der Agrigentiner mit Phaon zurückblieb und ihm heimlich Vorwürfe machte über den unerquicklichen Ton, den er angeschlagen.

»Herr,« sagte Phaon mit einem verzweifelten Blick in die Augen des Tadlers, »seit lange schon trug ich's hier auf der Seele, und nun endlich mußt' es herunter. Ich liebe ihn, denn von jeher hat er mir Gutes gethan; und überdies – wie er selbst ja gesagt hat – es ist, als ob ein verborgenes Band mich an ihn gekettet hielte. Mir scheint, ein offenherziger Warner ist nützlicher, als der liebenswürdige Schwärmer, der alles lichtblau und rosig malt.«

»Du zielst auf mich. Aber ich male nicht, sondern ich lass' ihn die Wahrheit schauen. Das Reich des Nero strahlt wirklich in ambrosischer Himmelsfarbe; ersteht wirklich auf dem Piedestal uranionischer Größe. Ich glaube an die Unfehlbarkeit seines Glücks, das auch das meine ist. Geh! Du warst doch sonst kein thörichter Kopfhänger! Laß dir ein Mahl vorsetzen und berausch' dich in Cyprier! Dein Blut wird zu dick; du bedarfst einer Auffrischung. Im übrigen: alles ist vorbereitet. Mit Sonnenuntergang reisen wir.«

Aehnlich wie Tigellinus zu Phaon, sprach Poppäa zum Kaiser. Auch sie war mit fortgerissen von dem Größenwahn, der da meint, er könne dem Schicksal Gesetze auflegen. In ihren sonst so weltklugen Augen blitzte etwas von der phantastischen Aufregung einer Prophetin.

»Ja,« flüsterte sie, das erglühende Antlitz auf Neros Schulter geneigt, »wir sind und bleiben die Bezwinger der Moira. Kein Fürst der Erde hat solche Gefahren bestanden wie du, und keiner mit so olympischem Gleichmut auf sie herabgelächelt. Dein Glück ist beispiellos. Die Zukunft gehört dir und deinem Geschlecht.«

Mit erkünstelter Schamhaftigkeit schlug sie die Augen nieder.

»Poppäa . . .« flüsterte Nero zärtlich.

»Ja,« fuhr sie fort, »ich fühle es mit unmittelbarem Gewißheit: das Kind, das ich unter dem Herzen trage, wird ein Knabe sein und das Ebenbild seines Vaters. Dereinstens, wenn wir längst unter den Schatten weilen, wird das Haus der Neronier weit und weiter über den Erdkreis herrschen. Die Parther und Inder werden sich seinem Scepter beugen, und die trotzigen Enkelsöhne des Giso. Ich seh' sie im Geiste, die künftigen Riesenheere, die sich nach Norden und Osten wälzen und Germanien erobern bis zum Strande der Vistula, und das Land der Sarmaten, und Rugia, und das eisige Scandia. Ueberall jedoch, wo die Neronier ihre Standarte aufpflanzen, wird das lorbeergeschmückte Apollohaupt ihres Ahnherrn prangen, in Tempeln aus Marmor und Gold, als der einzige und wahrhaftige Gott, zu welchem alle Völker sich in dem gleichen Gebet erheben, den sie anrufen: ›Nero, allmächtiger Vater über den Wolken, erbarm dich unser‹!«

»So sei es!« rief der Kaiser leuchtenden Auges.

Er umarmte sie, küßte sie auf die Stirne und sprach dann feierlich: »Heil dir, Gesegnete unter den Weibern, die du im Schoße das Heil und die Zukunft der ganzen Welt trägst!«

Vierzehntes Kapitel.

Bei beginnender Dunkelheit steuerte Nero mit Poppäa und einem Teile seiner Gefolgschaft ins Meer hinaus.

Die Fahrt ging glücklich von statten. Am Morgen des dritten Tages ankerte man in Ostia, wo eine lange Kolonne von Reisewagen die Ankömmlinge empfing und binnen wenigen Stunden nach Rom brachte.

Nero, dem nichts zu glänzend und nichts zu groß erschien, war gleichwohl beim Anblick dieser neuerstandenen Riesenstadt innerlich überrascht, sowenig er's an den Tag legte.

Das Gefühl überkam ihn, als seien die Hütten des Romulus nun durch Paläste ersetzt: so sehr übertraf dieses neue Rom das Rom des Augustus, der sich doch auch schon gerühmt hatte, ein Rom aus Ziegeln ererbt und eins aus Marmor hinterlassen zu haben.

Gewisse vornehme Straßen waren in ihrer üppigen Ausstattung mit den prachtvollen Säulengängen zu beiden Seiten nicht wiederzuerkennen. Ja, selbst die Viertel der Armen zeichneten sich im Vergleich mit früher durch eine löbliche Regelmäßigkeit aus, wenn schon die zahlreichen holzgezimmerten Stockwerke den Beweis lieferten, daß auch jetzt die Spekulation habsüchtiger Bauunternehmer wie ehedem sich stärker bethätigt hatte, als im Interesse des Volks und der Sicherheit gegen erneute Brände erwünscht war.

Endlich hielten die Wagen vor dem zauberhaften Vestibulum des neuen Palastes. Hofbeamte und Sklaven, sowie eine Abteilung der Leibwache mit ihren Feldzeichen, harrten hier in festlicher Aufstellung.

Nachdem die feierliche Begrüßung seitens der Höflinge und der Prätorianer vorüber war, stieg Nero mit Poppäa in seine persische Sänfte und ließ sich von Raum zu Raum tragen, um seiner Gemahlin die Einzelheiten zu zeigen, die ihm längst schon aus den Baurissen und den Beschreibungen Phaons geläufig waren. Der Freigelassene machte den Führer.

Der gigantische Bau erstreckte sich weit hinaus über den Esquilinischen Hügel. Der Haupteingang mit den turmhohen korinthischen Säulen lag südwärts. Eine dreifache Kolonnade von viertausend Fuß Länge umgab den eigentlichen Palast. Phaon hatte nicht übertrieben, wenn er behauptete, niemals habe ein fürstliches Heim dieses »Goldene Haus« an Herrlichkeit übertroffen. Ueberall prunkte die tollste Verschwendung, der wahnwitzigste Luxus, leider vielfach zum Nachteil eines wirklich künstlerischen Geschmacks.

Sämtliche Decken waren aus Elfenbein, von kostbarster Kassettierung, mit Edelsteinen durchsetzt; manche so eingerichtet, daß sie durch die Arbeit eines einzigen Sklaven in der Mitte auseinander geschoben werden konnten, um bei günstiger Witterung den blauen Himmel hereinschauen zu lassen.

Das Mobiliar, meist in Alexandria, zum Teil auch in Mediolanum gefertigt, wies in jedem Gemach einen besonderen scharf ausgeprägten Charakter aus. Hier ahmte es die meerumbrandeten Klippen am Strande Capräas, dort den Eindruck blumiger, lichtüberglänzter Wiesengründe und dort die marmorne Hoheit eines pästischen Tempels nach. Als Material hatte man lediglich Edelmetalle, Seide und Purpur, hier und da auch duftige Hölzer vom entlegenen Taprobana oder vom Südgestade Arabiens verwandt.

Die Mosaikböden, nach Zeichnungen und Gemälden der berühmtesten Künstler, stellten welthistorische Scenen, wie die Schlacht bei Arbela und den Tod der dreihundert Fabier, oder üppige Schaustücke und Idyllen aus der Mythologie vor. Hier streckte die liebebrünstige Aphrodite ihre blendenden Arme sehnsuchtsvoll nach dem schönen Adonis aus; dort lag Danae, die Augen halb geschlossen, auf dem schimmernden Ruhebett. Und dies alles war mit so feinen, kunstvoll gereihten Stiften gebildet, daß man das Werk sorgsamster Pinselstriche, nicht die Arbeit musivischer Künstler vor sich zu sehen glaubte.

Ein Gemach befand sich in dem Riesenpalast, das sich vermöge einer sinnreichen Maschinerie um seine Achse bewegte und so die Drehung des Himmelsgewölbes nachahmte, dergestalt, daß von hier aus betrachtet die Sonne nicht zu wandeln, sondern nur senkrecht auf- und abwärts zu steigen schien.

»Sieh, Poppäa,« sagte der Kaiser, als er seiner Gemahlin die Eigentümlichkeit dieses Raumes erörterte, »hier werde ich thronen, wenn ich über das Schicksal des Reiches nachsinne. Ich bin dann losgelöst von dem Bann alles Irdischen. Ich schwebe – mein himmlisches Gegenbild, das Tagesgestirn, stets in der nämlichen Richtung gewahrend – frei über der Erdscheibe, und kreise so um die Welt, die mein Scepter zur Sklavin macht.«

An das Hauptgebäude schlossen sich zahlreiche Säulenhöfe, umfriedigte Gärten, Wiesengründe, kleine Wälder, künstlich aufgeschichtete Hügel mit Aussichtspunkten, – alles durch Gänge, Bogenreihen und Brücken miteinander verbunden, so daß man stets das Gefühl hatte, noch innerhalb eines einzigen architektonischen Ganzen zu weilen. Selbst mehrere Teiche enthielt der Palast mit Ruder- und Segelbooten.

»Beim Zeus,« rief Poppäa, »hier läßt sich zwischen den glänzenden Marmorufern eine förmliche Lustfahrt in Scene setzen, nicht ein bloßes Geschaukel, wie auf dem Onyxbecken des neuen bajanischen Landhauses!«

»Hier läßt sich alles leisten, was du begehrst,« sagte der Kaiser. »Endlich, endlich sind wir am Ziele! Wie es dem Cäsar geziemt, bewohnt er nun eine Stadt für sich.

Diese Stadt soll Roma heißen, bis sie dereinst im Laufe der Jahrtausende untergeht. Hiermit ist der Erinnerung an Romulus, den Begründer des Staates, Genüge geschehen. Sein Geviert-Rom war ja nicht halb so groß als dies Haus. Das Rom da draußen jedoch, das ich aus der Asche des Brandes neu erstehen ließ, sei fürder Neronia benannt, denn es ist mein Werk, nicht das des Romulus. Du staunst, daß ich einen Gedanken hier aufgreife, den mir die Gegner einst untergeschoben, eh' ich ihn hegen konnte? Ebendeshalb! Ich will auch hier den Beweis liefern, daß alles Ueble, was die Bosheit mir ansinnt, wie von selbst sich in Lorbeer und Rosen verwandelt. An dem Tage, da wir dem Sohne, den du mir schenken wirst, den glorreichen Namen Claudius Nero Sabinus geben, soll auch die Stadt die neue Benennung erhalten durch einen Senatsbeschluß, den ich feierlich vor dem gesamten Quiritenvolk anerkenne.«

»Es lebe Claudius Nero Sabinus!« hauchte Poppäa verzückt. »Es lebe Neronia!«

In diesem Augenblick strauchelte einer der Sänftenträger über die Malachitschwelle, die in das größte der fünf Cavädien führte.

Er sank in die Kniee und riß im Fallen den Tragebalken so heftig mit, daß auch sein Hintermann ins Wanken geriet.

Zwar gelang es der Anstrengung der beiden übrigen Träger, den völligen Umsturz der Sänfte zu hintertreiben. Poppäa Sabina jedoch hatte so dicht am Rande gelehnt, daß sie mit großer Gewalt wider eine der Säulen geschleudert wurde.

Laut aufschreiend stürzte man von allen Seiten herzu. Nero, der sich noch rechtzeitig festgehalten, sprang elastisch zu Boden und beugte sich über sie, die totenbleich, die Augen geschlossen, von dem Freigelassenen Phaon sorgsam aufgerichtet und von einer der Sklavinnen mit Essenzen besprengt wurde, während der Agrigentiner den unglückseligen Träger sofort abführen ließ.

»Poppäa!« rief Nero verzweiflungsvoll.

Da schlug sie die Wimpern auf. Sie versuchte zu lächeln, aber ein banger, gequälter Ausdruck um Stirne und Brauen verriet, daß sie heftige Schmerzen empfand.

»Es ist nichts,« seufzte sie, noch einmal die Augen schließend. »Der entsetzliche Schreck . . . Laßt den Schurken in Stücke hauen! Phaon, ich danke dir. Nicht doch, ihr hebt mich zu stark! Laßt mich ausgestreckt . . . so . . . so!«

»Ruft mir die Aerzte!« schrie der Kaiser verstört. »Auf! Bringt die Fürstin nach dem Cubiculum! Fluch diesem Unheilstage! Wahrlich, ein schöner Einzug und ein erquicklicher Willkommen! Vorsicht, wenn euer Leben euch lieb ist! Fasse dich, süße Poppäa! Da kommen sie schon, Aristodemus und der kluge Eurotas.«

Man brachte Poppäa mit Aufbietung aller erdenklichen Sorgfalt in das luxusstrotzende Schlafgemach und entkleidete sie. Eurotas und Aristodemus untersuchten sie aufs genauste. Da sich nirgendwo eine äußere Verletzung fand, hielten es beide für ausgemacht, daß die plötzliche Ohnmacht und die heftigen Schmerzen lediglich mit dem besonderen Zustand der hohen Patientin zusammenhingen; daher denn schlimmstenfalls . . .

Aristodemus flüsterte seine Vermutung dem Imperator ins Ohr.

»Das wäre dein Tod, Schurke!« rief Nero außer sich. »Soll ich zum zweitenmal um diese Hoffnung betrogen werden? Gerade jetzt, da sie gewiß war, mir einen Knaben zu schenken?«

»Herr,« stammelte Aristodemus, »wie kann die Erlauchte dessen gewiß sein . . .«

»Elender Sklave! Dem Cäsar und seiner Gemahlin ist das gewiß, was sie begehren! Und so befehle ich dir: thue dem Unheil rechtzeitig Einhalt, oder du stirbst!«

Eine seltsame Zuckung Poppäas nahm dem Arzte jeglichen Zweifel.

»So töte mich gleich!« sprach er, das Haupt senkend. »Gegen die Macht des Schicksals und der Natur kann ich nicht ankämpfen.«

»Wie? Du wagst es?«

»Ich wage es, dich auf den Ratschluß der Götter und die Allmacht des Verhängnisses hinzuweisen, dem wir alle unterthan sind –, du, Herr, der Gewaltige, so gut wie ein verurteilter Sklave. Schlag mir das Haupt vom Rumpfe, mir, dem Sterblichen, da du den Göttern und dem Fatum nichts anhaben kannst!«

Nero erwiderte nichts. Er war starr vor Entsetzen.

Endlich, den Sklaven bei der Rechten ergreifend, sprach er fast flehentlich: »So versuche es doch! Ich will dich belohnen! Ich nehme alles zurück, was ich dir angedroht. So bedenke doch: es gilt die Zukunft der Welt, den Claudius Nero Sabinus, den Herrscher über den Erdkreis bis zur Vistula und zur Insel der Rugier!«

»Der Jammer hat ihn verwirrt,« murmelte Aristodemus, wieder ans Lager tretend. »Herrin, wie fühlst du dich?«

»Unerträglich,« stöhnte Poppäa leise. »Es will mir das Herz auseinanderzerren. O, dieser Schurke! Ich glaube, er that es mit Absicht. Er zählte . . . zu . . . den heimlichen Anhängern . . . der . . . toten Octavia! . . .«

»Wahrlich nein,« versetzte Aristodemus. »Es war ein Mißgeschick, Herrin! Alle, die es beobachtet, stimmen darin überein.«

»Still! Ich weiß das besser . . . Es war . . . es war . . . Octavia. Fort! Fort! Laßt mich allein! O, wie das wühlt! Als trüg' ich . . . die ölgetränkte Werghülle der Nazarener! Flammen ringsum! Ich vergehe vor Qual!«

Nero mußte fast mit Gewalt aus dem Zimmer entfernt werden. Von Tigellinus, Phaon und einigen Sklaven begleitet, begab er sich in jenes wunderbare Gemach, das die Drehung des Himmelsgewölbes nachahmte. Die kunstvolle Maschinerie war bei der Ankunft des Kaiserpaares in Thätigkeit gesetzt worden.

Hier thronte er nun, der Beherrscher des Weltalls, und hielt gleichen Schritt mit der allerleuchtenden Sonne, während da drüben, nur wenige hundert Schritte von ihm entfernt, der Traum der neronischen Dynastie kläglich in Trümmer sank.

Cassius bot seinem Gebieter schweren Samier und einige Früchte dar. Nero trank voll Begier; einen Bissen zu essen, selbst von den saftstrotzenden Feigen, war ihm unmöglich. Er bebte an allen Gliedern.

Nach zwei Stunden ward ihm die Meldung, Poppäa habe ein totes Kind geboren, – in der That einen Knaben, wie sie es immer vorausgesagt.

Der Sklave, der ihm dies mitteilte, schaute ängstlich zu Boden, als fürchte er einen Dolchwurf. Dann regten sich seine Lippen. Aber er brachte kein Wort hervor.

»Weiter!« schrie Nero, zu ihm herantretend.

»Herr, ich getraue mir's nicht . . .«

Thränen stürzten ihm über das Antlitz.

»Sprich!« bat nun der Kaiser, von plötzlicher Rührung ergriffen. »Siehst du denn nicht, wie dein thörichtes Schweigen mein Herz zerfoltert? Rede, und wär' es das Schlimmste!«

»Herr, deine erlauchte Gemahlin – eine innere Verletzung – Aristodemus gibt ihr kaum eine Stunde noch.«

»So wollte ich, daß ihr alle in Wahnsinn dahinführet, wo der Cocythus durch die uranfängliche Nacht heult! Laß mich los, Tigellinus! – Fort, Phaon, oder ich würge dich! Einen Tyrannen hat mich die Bosheit genannt, einen Volksverderber und Mordbrenner? Ihr Götter da droben, wenn ihr denn mehr seid als nichtige Hirngespinste – ich will euch nun zeigen, wie Nero, der Gott auf Erden, an eurer Tücke sich rächt! Ihr und eure fluchbeladene Fügung, ihr habt's darauf abgesehen, mich zum Rasen zu bringen. Nun soll euch selber ein Grausen anwandeln bei der Unmenschlichkeit meines Tobens.«

Er sank erschöpft in den Sessel.

Dann plötzlich emporfahrend: »Ich muß zu ihr! Ich muß sie sehen! Noch einmal muß ich die süßen, schmeichelnden Hände halten, die mir die Stirne geglättet, wenn aller Jammer der Erde auf mich hereinstürzte. Phaon, begleite mich! So! Deinen Arm! Phaon, Phaon, ich glaube, auch du bist ein Schurke!«

»Ich bin dir treu, Herr, bis in den Tod. Siehe, auch mir entströmen die Thränen, denn, so wahr ich die Gottheit glaube, ich kann's nicht ertragen, wenn dein Gemüt leidet.«

Nero war unfähig, ihm zu danken. Nur ein leiser Druck seiner Finger bewies dem Freigelassenen, daß sein Gebieter von der Aufrichtigkeit dieser Thränen durchdrungen war.

Als Nero den Raum betrat, wo Poppäa trost- und hilflos ausgestreckt lag, überkam ihn ein konvulsivisches Zittern. Sie regte sich nicht. Nur zuweilen ging ein Schauer durch ihren Körper, ein wilder, heftiger Krampf.

»Poppäa!« schrie er, die Hände ringend.

Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen, eine Verzerrung, die etwas Höhnisches hatte. Dann lag sie wieder unbeweglich und ausdruckslos. Ihr Bewußtsein schien im Entschwinden.

Mit einemmal fuhr sie im Bette empor. Jach, wie der Schrei einer Irrsinnigen, klang es von ihren Lippen: »Octavia! Hast du dich satt getrunken an meinem Blute?«

Die Augen quollen ihr weit hervor. Mit geierartig gekrallten Fingern schlug sie drei oder viermal ins Weite. Dann sank sie zurück. Ihr Haupt fiel schlaff über die rechte Schulter. Noch einmal knirschten die Zähne wie vor qualvollem Ingrimm über das Scheitern all ihrer Hoffnungen. Poppäa Sabina war tot.

Fünfzehntes Kapitel.

Ein Jahr später . . .

In den Straßen der Siebenhügelstadt – welch ein Getümmel! Welch ein Jubel und Jauchzen, mit gellem Spott und lauten Verwünschungen untermengt! Allenthalben, vom Grabmal der Scipionen bis zur milvischen Brücke, bewegte Gruppen, ein stürmisches Hin und Her, – Fragen und Antworten, – und ein brausendes ›Heil dem Befreier‹ bei jeder neuen Botschaft von draußen.

Endlich, endlich hat die Revolution gesiegt. Der brot- und spiel-verlangende Pöbel, auf den der fürchterliche Despot sich stützte, sieht müßig und gleichgültig dem Zusammenbruch der Gewaltherrschaft zu. Der Oberst der Leibwache, Tigellinus, feig und treulos, wie ihn Phaon vorausgeahnt, ist übergegangen zu den Rebellen. Aber sein Schicksal ist schon besiegelt. Galba, der zukünftige Kaiser, der mit seinen Soldaten nur noch wenige Meilen von Rom steht, wird ihn unverzüglich in die Verbannung schicken; denn die Beteiligung des verhaßten Agrigentiners ist der einzige dunkle Punkt im Glanzgemälde dieses ehrlichen Aufstandes wider die tollgewordene Frechheit des Absolutismus.

Julius Vindex, der heldenhafte Verfechter altrömischer Freiheit und Manneswürde, hat Pisos Werk, das durch den schnöden Verrat des Milichus in der zwölften Stunde noch scheiterte, wiederum aufgenommen, und diesmal für die eiserne Selbstbeherrschung, die ihn das Joch des Tyrannen bis zum entscheidenden Augenblick fügsam ertragen ließ, einen Lorbeer errungen, herrlicher als die Kränze des göttlichen Africanus. Freilich, einen umflorten Todeslorbeer: denn er selber sollte den Sieg der guten Sache nicht mehr erleben. Nero, der in Vindex nur den pflichtgetreuen Soldaten, nicht den zornglühenden Patrioten vermutete, hatte den fürstlichen Aquitanier zum Proprätor des nördlichen Galliens gemacht – und dort am Gestade der Sequana reifte der Plan, der dem rasenden Treiben des Imperators ein Ende machte. Nicht für sich selbst begehrte Julius Vindex die Herrschaft. Ein Charakter wie Cincinnatus, wollte er nur dem Vaterland dienen, das unter den Griffen des cäsarischen Löwen langsam verblutete. Der alte, würdige Galba, der mit strengster Gerechtigkeit Nordhispanien und andre Provinzen verwaltet hatte, und stets, soweit es in seiner Macht stand, die wilden Eingriffe des kaiserlichen Gewalthabers abzumildern und auszugleichen bestrebt war, schien dem begeisterten Vindex als der geeignete Mann, den zerrütteten Staat wieder aufzurichten, des Prinzipat zu erneutem Ansehen zu bringen und dem Volke die Segnungen des inneren Friedens zu sichern. So rief er denn Galba zum Kaiser aus. Die streitlustigen Gallier scharten sich in hellen Haufen um Vindex' Fahne. Ehe ein Mond verstrich, hatte er eine wohlbewaffnete, kampfesfrohe Armee beisammen. Inzwischen war auch der Statthalter von Römisch-Germanien, Virginius Rufus, für Galba gewonnen worden. Das Heer des Vindex sollte sich mit den Truppen des Rufus vereinigen. Da geschah, was dem Schöpfer der großartigen Revolution das Leben kostete. Als die beiden Armeen just aufeinander stießen, gab es ein Mißverständnis. Die Soldaten des Rufus glaubten, Julius Vindex wolle sie angreifen. In den vordersten Reihen kam es zum Handgemenge. Julius Vindex, fieberisch erregt, wähnte sich seitens der Mitverschworenen verraten. Am Gelingen des mühsam geplanten Werkes verzweifelnd, stürzte er sich in sein Schwert, eh' noch Virginius Rufus ihn aufklären konnte.

Mit Julius Vindex starb jedoch keineswegs die hunderttausendköpfige Revolution. Im Gegenteil: sie hat aus dem Heldenblute ihres vergötterten Führers unüberwindliche Kräfte gesogen.

Näher und näher wälzen sich die begeisterten Scharen der Hauptstadt zu. Der streitbare Galba schickt bereits seine Eilboten an den Senat.

In der Begleitschaft des neuverkündeten Kaisers befindet sich eine hohe, schlanke Gestalt, das bleiche Antlitz von dunklen Locken umwallt, den Mund, der einst wonnetrunken zu lächeln oder zärtlich zu schmollen gewohnt war, fest geschlossen: Otho, der Statthalter von Lusitanien.

Er kömmt, um Nero für die unsägliche Schmach, die stumme Entsagung, den wühlenden Kummer so vieler Jahre grausam zu züchtigen.

Das ganze gequälte Land will Rache nehmen an dem weltverachtenden Staatsverderber, der seit dem Tode Poppäas auch die letzte Schranke der Selbstbeherrschung in Trümmer gelegt, der das geworden ist, was ihm die Anhänger Pisos früher schon vorgeworfen: ein Fluch des Menschengeschlechts.

Die Träger dieses zermalmenden Aufstandes fragen nicht, wie es im Hirn und Herzen des Mannes aussieht, der so maßlos gewütet hat. Sie rechnen nur mit der That, nicht mit der öden, lichtlos-verzweifelten Stimmung, aus der sie geboren wurde.

Und wahrlich, sie haben ein Recht dazu.

Fort mit dem Frevler, der nur das eigene Ich mit seinem unendlichen Wollen und Weh kennt, und zur Stillung der Qual, die ihn durchglüht, das ganze Weltall zerreiben möchte wie ein linderndes Heilkraut!

Fort mit dem götterverhaßten Dämon, der die Menschheit zertreten hat!

Rom ist in hellem Aufruhr. Die Prätorianer haben sich längst vom Goldenen Hause zurückgezogen. In zahlreichen Abteilungen streifen sie durch die Stadt, wo die Bildsäulen des Imperators unter Hohngelächter und Flüchen niedergerissen, beschimpft und besudelt werden. Selbst die sonst so getreuen Germanen sind lautlos hinweggeschlichen. Niemand will mit dem sinkenden Kaiser zu Grunde gehen. Der ungeheure Palast steht verödet. Nero, leichenblaß, weilt in dem drehbaren Göttergemach, dessen Maschinerie heute nicht arbeitet. Er hält das Schwert in der Hand, unschlüssig, ob er den Stahl wider die eigne Brust kehren, oder ob er hinabstürmen soll, um seinem wütenden Groll ein letztes Opfer zu schlachten.

Alles hat ihn verlassen. Nur Cassius, der Leibsklave, und Phaon, der Freigelassene, harren noch aus in der schrecklichen Einsamkeit. Der gewaltige Prachtbau, der noch vor kurzem die Stätte blutiger Gladiatorenkämpfe, brausender Zechgelage und schamloser, wildjauchzender Orgien gewesen, gleicht einer Grabkammer. Die Pforten, die hinaus in das Freie führen, sind abgeschlossen.

Phaon sinnt und sinnt. Er will den Gebieter retten. Er schmiedet Pläne um Pläne. Er rennt von einem Säulenhof in den andern. Umsonst. Wie soll Phaon es wagen, er, den jedermann kennt, mit Claudius Nero durch die wimmelnden Volksmassen hindurch zu flüchten? Wie gebrochen sinkt er auf eine Marmorbank und faltet die Hände im Schoß.

Der Haupteingang an der Südseite ist geöffnet. Glasigen Auges steht hier der wackere Cassius, einen Speer in der Faust, bereit, den ersten niederzustoßen, der sich da zeigen sollte.

Seltsam genug: keiner der Aufrührer wagt es, durch das Vestibulum einzudringen. In seiner Erstarrung hat Cassius gar nicht versucht, die Riegel in die eisernen Halter zu schieben. Er weiß nicht, daß die enteilenden Prätorianer, gleichsam beschämt über ihren geräuschlosen Abzug, die Thüre zertrümmert haben. Dennoch, es naht sich niemand. Der Name Nero wirkt immer noch lähmend auf die zwei Millionen erregter Menschen da draußen. Die tiefgewurzelte Scheu vor dem Cäsar scheint selbst durch die Nachricht von dem Abfall sämtlicher Truppen nicht ausgetilgt.

Plötzlich fährt Cassius empor. Einer von dieser zürnenden Schar macht eine Ausnahme. Seine bedächtigen Schritte hallen dröhnend im Ostium.

»Was willst du?« fragt ihn Cassius, die Lanze einlegend.

»Den Kaiser,« lautet die Antwort. Jetzt erkennt ihn der Sklave. Es ist Pallas, ehedem der Vertraute der Agrippina. Er hat heimlich mitgearbeitet am Sturze des Imperators. Fern in stiller Verborgenheit, in Lusitanien ist er gewesen, um Gift in die Wunde des verzweifelten Otho zu träufeln. Er hat dem ehrlichen Galba vom Tode der Kaiserin-Mutter erzählt, und Nero, den Sohn der Gemordeten, als den Thäter bezeichnet. Auch in Gallien hat er sich aufgehalten, um den Brand zu schüren gegen den Mann, den er am tödlichsten haßt von allen Geschöpfen der Erde, nicht um der hingeschlachteten Agrippina willen, sondern im heißen Erinnern an jene duftige Mädchengestalt, die er, Pallas, mit unauslöschlicher Sehnsucht geliebt – und verloren hatte, um einer Laune des Imperators willen. So glaubte er, denn Agrippina hatte ihm das Verhältnis Neros zu Acte so ausgemalt.

»Laß mich vorüber, Cassius! Ich sinne dem Thronberaubten nichts Uebles. Ich will ihn retten.«

»Du?« fragte Cassius zweifelnd.

Er hatte die Lanze gesenkt.

»Ja, ich,« wiederholte der andre. »Schon steigen die Senatoren die Stufen zum Kapitol hinan, um über den Staatsverbrecher Gericht zu halten. Die Zeit drängt.«

So sprechend wandte er sich nach dem Schlundgang, der in den zweiten Hof führte. Cassius folgte ihm.

»Rede, wie willst du's anfangen?« fragte der Kammersklave.

»Das sollst du erleben. Laß mich nur wissen, wo der Erlauchte sich aufhält. Du selber kannst hier zurückbleiben.«

In diesem Augenblick machte Cassius die Wahrnehmung, daß Pallas unter den Falten der Toga ein blankes Schwert trug.

»Halt!« rief er, den Dolch aus dem Gürtel ziehend. »Was soll's mit der Klinge da?«

Er hatte den Eindringling bei der Schulter gepackt.

Pallas versuchte ihn abzuschütteln. Da's nicht gelang, zückte er, plötzlich die Maske der Heuchelei abwerfend, die verborgen gehaltene Waffe. Er durchbohrte dem Kammersklaven die Brust, während Cassius ihm den Dolch bis ans Heft in die Schulter grub. Dumpf ächzend stürzten die beiden übereinander.

»Feiger Hund!« röchelte Cassius. »Nicht eher getraust du dich an den Löwen, bis ihm die Bosheit hinterrücks alle Sehnen durchschnitten hat. Da, nimm noch dies, eh' du hinabfährst in die Schauer der Unterwelt!«

Er hatte im Niederbrechen den Dolch aus der Wunde gerissen und bohrte dem Feind seines Herrn die blutige Klinge nun von unten herauf in die Weiche. Pallas umkrallte mit letzter verzweifelter Kraft ihm die Gurgel; aber Cassius stieß zu bis ans Heft, als könne er nicht genug thun in der Züchtigung dieses Ueberfalles.

Gleich danach lösten sich die Glieder der beiden Sterbenden. Pallas wälzte sich in gräßlichen Zuckungen; dann erstarrte er, lang und steif wie ein Erzbild. Cassius glitt vom Leibe des Toten herab, schlug noch einmal die Augen auf, und lag dann, mit dem Haupte wider den Sockel der korinthischen Säule gelehnt, ruhig und würdevoll wie ein Krieger, der den rühmlichen Tod in der männermordenden Schlacht gestorben.

Inzwischen lauschte der Cäsar dem Gebrand des Straßenlärms, der unheimlich durch die Oeffnung im Deckengewölbe zu ihm herüberscholl.

Klang das nicht da draußen wie Kampf?

Gewiß, Tigellinus würde doch wenigstens eine Kohorte zusammenraffen und für ihn einstehen, – Tigellinus, der altbewährte, getreue Freund!

Nero ahnte noch nicht, daß Tigellinus der erste gewesen, der das sinkende Schiff der cäsarischen Herrlichkeit schleunigst verlassen hatte.

Aber wenn der Princeps denn wirklich noch Freunde besaß, wenn irgend wer noch das Schwert für ihn zog, weshalb war es dann rings im Palast so tot und so schweigsam?

Die entwichenen Sklaven – hatten sie jegliche Furcht verlernt vor dem Zorn des Gebieters, der sie zermalmen würde für ihren Ungehorsam? Die zahllosen Hofbediensteten, die Atrienses in ihren goldgestickten Gewändern, die Stundenanzeiger, die Kammersklaven, die Verwalter, die Aerzte, – wo waren sie nun, diese Elenden, die bis jetzt seinen Glanz und seine Größe geteilt hatten?

Und die sigambrischen Leibwächter, die er mit Tausenden überhäuft, die ihm Treue gelobt bei dem rabenumkrächzten Gott ihrer Heimat?

Das Schwert erhebend, trat er zur Thüre. Eine weite Flucht von Gemächern lag stumm vor seinem ängstlich-forschenden Blicke.

»Cassius!« rief er hinaus – und »Cassius!« klang es wie höhnend zurück von den goldgetäfelten Mauern.

Alles leer, alles verödet wie eine Totenstadt. Er schritt vorwärts. Die Kniee wankten ihm. Rechts und links in dem spiegelhellen Metall gewahrte er verhundertfältigt sein eigenes blasses Gesicht. Er trat zu der nächsten Wand und blickte sich wie ein Irrsinniger starr in die Augen, die ihm so groß erschienen, so angsterfüllt und so ziellos. Von plötzlichem Grausen ergriffen, eilte er weiter. Der Hall seiner eigenen Schritte entsetzte ihn.

»Cassius!« rief er noch einmal. Dann horchte er.

Alles still. Eine Verzweiflung ergriff ihn, wie er sie nie zuvor im Leben gekannt hatte. Und da er nun wieder im Spiegelglanze der Goldplatten sein hohlverzerrtes Antlitz gewahrte, da stürzte er mit dem Schwert darauf los, und hieb wie ein Rasender in das blanke Metall ein, bis die Klinge zersprang und der Schwertstumpf aus seiner erschöpften Hand klirrend zu Boden fiel. Horch, wer war das? Deutlich vernahm er den helldröhnenden Mahnruf, der ihm den letzten Schimmer von Hoffnung nahm.

»Holt ihn heraus!« klang es voll dämonischer Tücke. »Schleppt den Buben vor den Senat! Oder wollt ihr ihm Zeit lassen, Gift zu trinken?

Es überlief den Verratenen eiskalt vom Wirbel bis zu der Sohle. Das war die Stimme des Tigellinus. Eine Sekunde lang war dem Kaiser zu Mute, als ob sich ein dunkler Flor über sein Haupt lege. Er taumelte. Stöhnend sank er auf's nächste Ruhebett.

Schritte – Schritte in unmittelbarster Nähe. Hastig fuhr er empor. Die bebenden Finger suchten nach einer Waffe. Da . . . im Gürtel der Tunica steckte ein syrischer Dolch. Blitzschnell fuhr die Hand nach dem Griffe – – um gleich danach wie gelähmt wieder herabzugleiten.

Zwischen den teppichumwallten Thürpfosten stand eine Mädchengestalt, ein Traumbild, eine zauberhafte Vision.

Claudius Nero fiel in die Kniee.

»Acte!« rief er, sein blutloses Antlitz verhüllend. »Die Toten stehen aus ihren Gräbern auf! Das Ende aller Dinge ist da, und mit dem Cäsar stirbt auch die Welt!«

»Nero,« sagte das Mädchen, »ich bin's leibhaftig, die glücklich-unglückselige Acte, die einst an deinem Herzen geruht hat. Ich bin tot gewesen . . . für dich. Im Verborgenen aber, von keinem geahnt, hab' ich dein Leben verfolgt wie mein eigenes, und Thränen um dich geweint, Thränen . . .«

Nero hatte sich langsam emporgerichtet. Scheuen Blicks schaute er in das himmlische Antlitz, an dem die Jahre der Einsamkeit, der Entsagung, des Jammers über den grausenhaften Verfall ihres Idols spurlos vorübergegangen waren. Nur bleicher war sie als sonst, und die süßen, tiefblauen Augen erschienen jetzt größer. Ja, sie hatte geweint und gebetet, wie eine Mutter um ihr verlorenes Kind betet. Jede Botschaft von den Missethaten des Cäsars hatte ihr Herz zerrissen, und das Mahnwort ihr in die Seele geschleudert: ›Du mußt ihn hassen, der so schmachvoll entarten konnte.‹ Dennoch: sie strahlte im vollen Zauberschein ihrer Jugend. Sie war noch ganz die berückende, blonde Acte von einst, die gleich bei jener ersten Begegnung so viel Duft und Licht in die Seele des makellosen Jünglings gegossen.

»Acte!« rief Claudius Nero, zurückprallend vor dem Anblick seines wonnigen Jugendtraumes. »Was suchst du? Wehe, du kommst zu spät! Rase ich denn? Also das Meer hat dich nicht behalten? Alles dies war ein Märchen, eine verwerfliche Lüge? Und du konntest jahrelang einsam dahinleben und meine Seele verschmachten lassen?«

»Ich mußte wohl. Das Gesetz Gottes hat es gewollt. Ach, und später – Nero, Nero, mir grauste, wenn ich von fern deinen Namen hörte.«

»So willst du mich schmähen? Jetzt in diesem schrecklichen Augenblick? Ach, wärst du emporgetaucht aus deiner Verborgenheit, wahrlich, Acte, dies alles wäre anders gekommen! Ich bin ein Frevler geworden, ein Feind des Menschengeschlechts, weil hier in der Brust mir ein Abgrund gähnte, den nichts, nichts auf dieser Erde mehr ausfüllen konnte.«

»Der Glaube an Gott hätte ihn ausgefüllt. Schau mich nicht so verzweiflungsvoll an! Ich komme, um dich zu retten.«

»Du? Die Hohe, die Herrliche? Du willst den Tyrannen retten, der alles zertreten hat, der am Lebensmarke des Reichs gesogen, den Bluthund, den Hunderttausende mit ihren Flüchen verfolgen?«

»Ja!« versetzte sie, seine Rechte ergreifend. »Du hast mich, da du noch glücklich warst, dein Alles genannt: ich will es nun sein, da sich die ganze Welt wider dich auflehnt. Nein, nein, rede nicht länger! Ich frage nicht, was du begangen hast, und ob dir Gott in seiner unendlichen Gnade jemals vergeben kann! Ich weiß nur das eine: daß ich dich liebe!«

»So muß es dennoch eine göttliche Kraft sein, die deine Seele gestählt hat!« rief der Cäsar erschüttert. »Acte, Acte, mein ewig beweintes Glück!«

»Komm!« sagte sie schluchzend. »Eine lederne Pänula, wie sie die Arbeiter tragen, wird dich unkenntlich machen. Mich aber hat man in Rom längst vergessen. Wandle gebeugt und stütze dich auf den Stab! Deine Hand lege mir fest in den Arm! So! Ich habe den richtigen Augenblick abgepaßt. Wo ist Phaon? Hat auch Phaon dich treulos im Stiche gelassen?«

»Hier, hier!« sagte der Freigelassene, starr vor Erstaunen. Er war just in die Thüre getreten. »Was planst du? Sprich, Acte! Ich gehorche dir blindlings.«

»Hörst du den Lärm im Vestibulum?« versetzte das Mädchen. »Die letzte Scheu vor der Unantastbarkeit dieser Räume bricht jetzt zusammen. Das Volk stürmt vom Vicus Cyprius her in den Vorhof. Jenseits aber, wo sich das Myrtengehölz an den Teich lehnt, fand ich die Gasse verwaist.

Zwei Freunde von mir, Nazarener, – hörst du, Cäsar? – harren dort mit der nötigen Gewandung und einer Strickleiter. Wir überklettern die Mauer. Meine Genossen sind stark. Sollte der Zufall jemanden da vorbeiführen, wohl, so geben sie ihm zu schaffen, bis wir entronnen sind. Du, Phaon, eilst dann voraus. Ich denke, dein Landhaus wird uns zunächst ein Versteck bieten. Hat sich Rom erst beruhigt, so wird es ein leichtes sein, bis ans Meer zu entkommen, wo uns ein Schiff nach Hispanien trägt und von dort hinauf an die fernen Gestade Germaniens.«

So sprechend, schritt sie, von Nero und Phaon gefolgt, schon hastig von Raum zu Raum.

»Und dann?« fragte der Cäsar.

»Dann will ich dir beten helfen, daß Gott dir verzeihen möge, wie er einst mir verziehen.«

Sechzehntes Kapitel.

Eine schimmernde Mondnacht breitet ihren mattglänzenden Schleier über die römische Ebene. Schwarzblau ragt das Sabinergebirge gegen den Himmel auf. Drüben in langer, gespenstischer Linie dunkeln die riesigen Aquädukte.

Die Straße liegt einsam. Alles, was Leben fühlt und Bewegung, ist ja nach Rom geströmt, wo morgen in aller Frühe der Einzug des Galba erwartet wird.

Nur zwei Gestalten, dicht aneinander gedrängt, schreiten über die Lavaplatten des Heerwegs: Nero und seine bebende Retterin. Phaon ist mit dem kaiserlichen Geheimschreiber Epaphroditus, der als einziger unter der zahlreichen Höflingsschar gleichfalls an die Rettung des Cäsars gedacht hat, zu Pferde vorausgeeilt, um alles vorzubereiten. Für Claudius Nero hat Acte es sicherer gehalten, zu Fuße zu gehen, wie ein wandernder Künstler. Wer ihm begegne, werde sich sagen: ›Unmöglich . . . So flieht kein Herrscher, dem ein tosendes Volk auf den Fersen ist!‹ Jeder Verdacht müsse dann schwinden.

Was mag in der Seele des flüchtenden Imperators vorgehen? In der Linken hält er das Tuch, mit dem er sich bis zur Erreichung der Stadtgrenze das Gesicht verdeckt hat; mit der Rechten umklammert er krampfhaft die schlanken Finger seiner Begleiterin.

Wie jetzt die Straße sich wendet und der Mond voll in das Antlitz des jungen Mädchens scheint, blickt Nero ihr zum erstenmal, seit sie dahinschreiten, voll in die Augen.

Das sind noch dieselben treuen, hingebungsvollen Augen, die ihn einst im Zelt des Aegypters so glückverheißend, so mild, so beseligend angestrahlt.

Welch ein klaffender Abgrund zwischen damals und jetzt! Ein Strom von Blut gurgelt in diesem Abgrund; wildes Hohngelächter hallt in vieltausendfältigem Echo über dem dampfenden Strudel.

Ach, und dennoch: diese Augen lächeln wie einst, holder noch, himmlischer, denn sie lächeln durch Thränen.

Gibt es doch vielleicht einen Trost für den Trostlosen, – Gnade für den, der nicht Gnade gekannt hat, weder mit sich noch der Menschheit?

Erschöpft von den Aufregungen des Tages, voll Haß, Zorn, Reue, Verzweiflung, bleibt er stehen und stützt sich auf den Arm der Geliebten, – der Zeus von einst auf den Arm der ehemaligen Sklavin. Dann sinkt er auf die Trümmer eines vergessenen Grabmals.

›Sei mir gegrüßt, fromme Seele‹ – liest er auf dem dunklen Basaltstück, das dem Gemäuer entbröckelt ist.

Er fährt empor. Hier darf er nicht rasten! Die Stätte hier ist geweiht, – und er ein Geächteter, ein Verbrecher, von dem die grauenhaftesten Missethäter des Orkus die Augen hinwegwenden, um nicht zu erstarren, wie Menschen und Götter beim Anblick des natternumzischten Medusenhauptes.

Acte zieht ihn sanft wieder herab.

»Ruhe du nur!« flüstert sie und legt ihm beschwichtigend ihre freundliche Hand auf die Stirne. »Mir sagt's mein Herz: es droht uns keine Gefahr. Komm! Beug dich hernieder! Leg mir dein Haupt in den Schoß! Schlummre! Ich wache für dich.«

Beim Klang dieser Stimme ergreift es den Unglücklichen wie unendliches Weh. Er birgt sein Antlitz an ihrer Brust; er umschlingt sie mit beiden Armen und bricht, laut aufschluchzend, in einen Strom glühender Thränen aus.

»Acte, Acte!« ruft er mit einer Stimme, die ihr das Herz fast in Stücke zerreißt. Dann schluchzt er weiter, bis sein Haupt herniedergleitet zu ihren Knieen. Liebkosend streicht sie ihm über das wellige Haar. Er ist eingeschlafen, – eingeschlafen auf der Flucht vor dem Aufstand, der ihm Tod und Verderben sinnt.

Sie betrachtet sein mondbestrahltes Gesicht, das so bleich erscheint, so geisterhaft, wie das eines Toten. An den Wimpern glänzt noch die letzte Thräne. Sein Mund, ach, der süßberedte, liebeglühende Mund von einst, hat sich leise geöffnet. Ein flüchtiges Lächeln huscht darüber hinweg, ganz unmerklich, aber so zauberisch verklärend . . .

»Ich weiß nur eins: daß ich dich liebe!« flüstert sie, das Wort wiederholend, das sie im Goldenen Hause ihm zugerufen. »Jetzt, da du elend bist und allein, jetzt darf ich's! Niemand, und Gott der Allmächtige selbst nicht, kann mich darob verdammen. Ja, ich liebe dich, trotz allem, was du gesündigt hast. ›Die Liebe ist mächtiger als der Tod!‹ sagt der Apostel. Aber noch mehr: sie ist auch mächtiger als die Schmach und die Missethat.«

Sie beugt sich nieder und drückt ihm einen leisen Kuß auf die Stirn. Und abermals gleitet ihm ein Lächeln über den Mund, so mild und friedlich, als sei die wüste, blutbeträufte Vergangenheit ausgelöscht und nur das sehnsuchtsglühende Jünglingsherz zurückgeblieben mit seinen Träumen von einst.

Nun stützte sie, von einer sonderbaren Empfindung bewegt, den Kopf in die Hand. Sie entsann sich plötzlich der Worte, die sie dem grollenden Pallas entgegengerufen in jener entsetzlichen Nacht, da der Vertraute der Agrippina sie wegschleppte. Jede Silbe war ihr noch gegenwärtig. ›Die Strafe des allmächtigen Gottes soll mich entsühnen . . .‹ Und dann: ›Meine Lippen werden ihm noch zärtlich die Stirne küssen, wenn die arme Octavia längst von hinnen gegangen ist, und Agrippina, und du, ihr schnödes, erbärmliches Werkzeug! Eine untrügliche Ahnung sagt mir's voraus!‹ – War diese Ahnung jetzt in Erfüllung gegangen? Sie meinte: ganz und erschöpfend, so daß es nun aus wäre . . . gleich für immer? Wie? Oder gab es noch eine Zukunft . . .?

»Jesus, Heiland der Welt,« murmelte sie und blickte nach oben, »gib ihm die heilige Kraft, die zur Buße führt! Er ist nicht schlecht gewesen von Anbeginn; auch das Schicksal hat schuld an ihm; – ach, und deine Liebe ist ja unendlich! Hilf mir, daß ich ihn rette –: so soll er glauben lernen, daß du am Kreuze gestorben bist auch zur Erlösung für ihn!«

Schritte erschollen aus der Richtung des Albanergebirges.

Nero erwachte.

»Halte dich ruhig, Geliebter!« hauchte sie tonlos.

Er aber war schon emporgesprungen. Unter dem Mantel ergriff er den Dolch.

»Nein,« sprach er, »laß uns den Männern entgegengehn!«

Es waren Landleute, die, dem Drang der Ereignisse folgend, noch in die Stadt wollten.

»Ihr kommt aus Rom?« fragte einer der beiden Kolonen. »Was gibt's dort Neues? Hat man den Kaiser in Haft genommen?«

»Man sprach davon,« erwiderte Acte. »Genaues wissen wir nicht.«

Das Herz schlug ihr bis in die Kehle hinauf.

Die Landleute schritten vorüber.

»Es lebe Galba!« sagte der eine, der eben gefragt hatte. »Ans Kreuz mit Nero dem Volksverwüster! Ich zahle dir zwei Septunzen des besten Cypriers, wenn ich's erlebe, daß man den Schuft nach den Gemonischen Stufen schleift.«

»Man wird ihn zu Tode prügeln,« sagte der zweite. »Das ist die uralte Strafe für den Landesverrat.«

Nero schauderte. Fester umklammerte seine Faust den Griff des Stiletts. So eilte er vorwärts.

Acte ging schweigend neben ihm. Sie hatte so tausenderlei auf der duldenden Seele. Es drängte sie, ihn zu fragen, ihn auszuforschen . . .; kaum widerstand sie noch. Dann spürte sie wieder ein heißes Verlangen, ihm dies oder das zu erklären; mit einem Worte: Licht zu schaffen für ihn und für sie. Doch sie bezwang sich. Das alles war jetzt unmöglich. Er mußte geschont, er mußte getröstet werden.

Abermals tönten Schritte. Ein Soldat kam vorüber. Er mochte auf Urlaub gewesen sein.

Nero blickte ihm frei ins Gesicht.

Der Krieger erkannte ihn.

»Ave Cäsar!« erklang es von seinen Lippen.

»Ich danke dir,« sagte der Kaiser. Bitterer Hohn sprühte ihm aus den Augen. Dann fühlte er Actes Hand, die sich sanft in die seine schob, und die Herbheit dieser qualvollen Stimmung verflog.

Nach Verlauf einer Stunde hatte man glücklich den Punkt erreicht, wo man links von der Heerstraße abbiegen und sich durch Strauchwerk und Dornengestrüpp einen Weg bahnen mußte, um die Villa des Phaon nicht vom Vestibulum her, sondern von ihrer Langseite zu erreichen. In dem verwickelten Dickicht kamen die beiden Flüchtlinge nur mit äußerster Mühe vorwärts. Endlich war man zur Stelle. Phaon und der Geheimschreiber Epaphroditus standen hier zum Empfange bereit. Sie hatten mit großer Anstrengung eine Oeffnung in die Mauer gebrochen, damit der Cäsar, unbemerkt von den Sklaven, ins Innere des Hauses gelangen könne.

Am Stamm einer Pinie glänzte im Mondenlicht eine Lache, denn es war tags vorher Regen gefallen.

Nero, von den Dornen blutig gerissen, ermattet und schier verdurstend, beugte sich nieder, schöpfte sich mit der hohlen Hand Wasser und schlürfte es gierig hinunter.

»Das ist jetzt mein Erquickungstrank!« seufzte er gramerfüllt.

Dann plötzlich zu Phaon gewandt: »Horch! Was ist das? Klang das nicht von der Straße herüber wie Hufgeschmetter?«

Epaphroditus eilte nach dem Vestibulum. Gleich danach kam er zurück.

»Herr,« sagte er, kaum noch der Sprache mächtig, »du bist verraten. Es sind die Reiter des Tigellinus, die dich verhaften sollen. Die Senatsversammlung hat dich auf den Antrag des Freigelassenen Icelus für einen Feind des Vaterlandes erklärt – und das Urteil gefällt, du seist zu bestrafen nach dem Brauche der Vorfahren.«

»Was heißt das: nach dem Brauche der Vorfahren?«

»Herr, es ist grausenhaft,« sagte Epaphroditus. »Der Verurteilte wird entkleidet, an den Pranger gestellt und zu Tode gegeißelt.«

»So sag dem Icelus, den ich nicht kenne, daß ich ihm seine Bosheit verzeihe. Wer immer durch mich gelitten: dieser Freigelassene hat ihn tausendfältig gerächt. Dem Senat aber melde meine Verachtung. Ich halte die Buben, die mir, da ich noch Herrscher war, voll elenden Sklavensinnes die Sandalen geleckt, nicht für wert, mir im letzten Augenblicke des Daseins das Blut nach der Stirne zu treiben. Phaon, ich danke dir! Und auch dir, Epaphroditus! Wacht über meinen Leichnam! Bittet den neuen Cäsar, daß er nicht ganz vergesse, wie alle menschlichen Dinge dem Wandel unterthan sind, und wie's dem Beherrscher Roms nicht geziemt, seinen besiegten Feind im Tode noch zu beschimpfen!«

Er zückte den Dolch wider sein Herz.

»Acte, du mein erstes und letztes Glück, mein Alles, leb wohl!«

Mit einem verzweifelten Aufschrei der Liebe, der Sehnsucht, der Todesangst stürzte sie auf ihn zu, um den Stoß zu verhindern. Leise seufzend glitt sie an dem Geliebten herab. Das scharfe Stilett war ihr tief in die Brust gedrungen.

Ein unbeschreiblicher Ausdruck des Schmerzes flog über Neros Angesicht.

»Acte! Acte! Was hast du gethan?« hauchte er, neben der Sterbenden niederknieend. »Bin ich vom Schicksal dazu verdammt, in der letzten Minute noch Unheil auszustreuen und Mord?«

»Es schmerzt nicht,« hauchte sie selig lächelnd. »Was wäre noch diese Welt ohne dich? Zu lange schon . . . hab' ich einsam dahin gelebt . . . trostlos einsam. Nun bin ich . . . bei dir . . . ewig . . . ewig . . .«

Er warf sich über sie her und küßte noch einmal den süßen Mund. Mit der Linken ergriff er ihre zuckende Hand; mit der Rechten drückte er sich unvermerkt den Stahl mitten ins Herz.

Jetzt klirrten hinter der Pinienhecke die Schwerter der Prätorianer. Der Centurio, der sich herniederbeugte und den Cäsar bei der Schulter berührte, hörte, daß er noch atmete.

»Schafft Verbandzeug herbei!« rief er seinen Soldaten zu.

Der sterbende Imperator hob noch einmal das Haupt.

»Zu spät!« klang es von seinen Lippen.

Zusammenbrechend sank er über die treue Brust, die bis zum letzten Augenblicke für ihn geschlagen. Er fühlte den leisen Druck einer zärtlichen Hand. Noch einmal klang es flüsternd an seinem Ohre wie einst, wonnig in allem Weh –, ein Hauch der unendlichsten Liebe, und, kaum noch hörbar, die brünstig flehenden Worte: »Gott sei uns gnädig!«

Dann war alles vorüber.

Phaon nahm seinen Mantel und legte ihn sanft über die Toten.