Der Muttersohn – Band I

Erster Teil: Einfahrt.

Erster Abschnitt: Das weiße Kreuz.

Das große nordschleswigsche Dorf mit den stattlichen stolzen Bauernhöfen und den niedrig sauberen Häuslerwohnungen erwachte. Hüben und drüben ging eine knarrende Haustür auf, Holzschuhe klapperten, ein Köter kläffte.

Die Kühe in den Ställen begrüßten mit behaglichem Gebrüll den Knecht, der den ersten Arm voll Heu vom Boden herunterwarf. Eine alte Frau sammelte hinter der Scheune kurz gespaltenes Reisigholz in die Schürze, um auf dem Herde ein schnell flackerndes Feuer anzufachen.

Aus einigen Schornsteinen quirlte schon bläulicher Rauch, der nach kurzen, krausen Schwenkungen kerzengerade emporstieg und in der reglosen Luft sich langsam verlor. Träumend und verschlafen lag der Dorfteich unter einem dünnen Nebellaken in seiner runden Bettstatt von hellgrünen Hängeweiden. Eine große, gravitätische Ente watschelte mit ihren sechs flaumgelben Küchlein herbei, um das schlummernde Wasser zu wecken.

Um alle Strohdächer wob ein spinnewebfeiner, weißlicher Schimmer, der in den leuchtenden Strahlen der aufsteigenden Sonne zerschmolz und zerging.

Die stille und leere Dorfgasse entlang wanderte ein Mann, dessen Alter man auf etwa vierzig Jahre schätzte. Aber es war nicht möglich, aus Gestalt und Kleidung, aus Gang und Gebahren des Mannes auf seinen Stand einen Schluß oder eine nur ungefähre Schätzung zu machen, denn in seiner äußeren Erscheinung war ein Widerspruch [später entfallen: ,
der sich nicht zusammenreimen wollte] . Seine Züge zeigten das feine, vergeistigte Gepräge, welches die viel denkenden, scharfsinnigen Männer der geistigen Arbeit auszeichnet und adelt; aber er hatte von Regen und Wind und Wetter gebräunte Wangen und sehr rauhe, derbschwielige Hände, wie sie nur bei Leuten, die täglich im Freien arbeiten und Pflugsterz, Schaufel und Karst und Sense fest und hart anfassen, gefunden werden.

In dem linken Arme trug er mit liebevoller Behutsamkeit ein Kreuz, das er oft mit einem tiefsinnigen und tiefinnigen Blicke betrachtete. Das Kreuz war nicht von Holz noch Marmor noch Eisen, sondern von Stechpalmen und Epheu gebunden und mit den Erstlingsblumen des Lenzes, mit Blauveilchen, weißen Windröschen und gelben Schlüsselblumen reich geschmückt.

Auf der Höhe hinter dem Dorfe stand die ansehnliche, schmuck getünchte, behäbige Kirche mit ihrem großen, goldnen Turmhahn, die eines reichen Zehnten sich erfreute, in einem doppelten Gehege von mächtigen Linden, die jetzt zum mehr als hundertsten Male dicke, schwellende Knospen trieben. Rings um das Haus Gottes hatten die Toten ihre engen Kammern, und über einer jeden stand der Name des Schläfers auf Holz oder Stein in schwarz verwischter oder prunkender Goldfarbe. Ein breiter Erdwall, auf dem die grünende Syringenhecke kecklich den ersten Blütenansatz machte, umzäunte den ganzen Friedhof.

Neben dem Toreingange auf dem Walle reckte sich ein kleiner, barhäuptiger, noch ungewaschener und ungekämmter Knabe in Hemd und Höslein auf den kurzen Beinchen und hielt beide Hände wie ein Schutzdächlein über die Augen, die starr nach Osten und in die Feuerkugel der Sonne hineinlugten.

»Chrischan, was machst du vor Tag und Tau da oben?«

Der Knabe antwortete, ohne den Kopf zu kehren: »Ich will die Sonne tanzen sehen.«

Das gebräunte Gesicht lächelte: »Mir wollte es als Junge nie gelingen, das Schauspiel zu sehen, aber du bist ja wohl ein Sonntagskind … Glück zu, wenn es dir glückt!«

Christian, der Totengräbersohn, der durch seine vielen Fragen Vater und Mutter und sogar den allwissenden Lehrer in mannigfache Verlegenheit setzte, blieb sehr ernsthaft und beharrlich auf dem Walle stehen. Vor Taganbruch war er von selbst erwacht, flugsweg aus dem Bette hierher gelaufen und guckte jetzt so lange in die grelle Sonne hinein, bis alles vor seinen Äuglein flackerte und flimmerte – und die Ostersonne wirklich und wahrhaftig tanzte. Dann eilte er nach Hause und verkündete jubelnd der Mutter, was er gesehen.

Der Mann, der langsam über den Friedhof wanderte, gedachte seiner Kindheit und seiner Mutter, und daß auch in einem Totengräberhäuschen seine Wiege gestanden. Eine stille, weihevolle, heilige Wehmut zitterte über alle Saiten seiner Seele in der Ostermorgenfrühe.

Das Fest, das nach dem wandelnden Mond sich richtet, hatte zwar in diesem Jahre spät sich eingestellt; aber dennoch war der grüne, warme, volle Frühling heuer viel zu früh gekommen. Der April hatte mit fremden Federn und mit Maienschöne sich dreist geschmückt.

Unter den Kastanien, die große Blätter hatten, schritt der Wanderer, und im Laubdache über ihm flogen die flinken Meisen und Finken hin und her, und die vorlauten Stare beschwatzten lebhaft, wie weit der Bau ihrer Nester gediehen. Alle Grabeschen, die beim Frühlingsfeste nicht zu spät kommen wollten, streckten vorsichtig die Blattspitzen aus der Knospenhülle hervor, wie Fühlhörner, ob die Luft lau und frostfrei bleibe. Die große, unberührte Rasenfläche, unter der noch keiner ruhte, war ein weiß gestickter Blumenteppich, und auf den mit Buchsbaum eingezäunten Grabhügelchen blühten Stiefmütterchen und Veilchen, Krokus und Narzissen.

Hoch, hoch oben über dem in der Sonne blitzenden Kirchturmhahn schwebte eine Lerche, die ihr Osterlied schmetternd sang. Welch prangender Morgen, welch Auferstehen in aller Welt, wie viel Lenzwunder, wohin das Auge fiel!

Der einsame Friedhofsgänger, der mit offnem Blick für die Osterschöne die sauber gerechten Gänge durchquerte, erblickte von fern den gesuchten Ort. Über alle Holzkreuzlein und Steindenkmäler ragte ein hohes, weißes, hell leuchtendes Marmorkreuz empor, das auf einem glatt behauenen, grauen Steingeviert ruhte. Vor dem weißen Kreuze, auf dem der Name Monika Marie Junker stand, beugte sich sein Haupt [später entfallen: , und zwei Tränen fielen aus den Wimpern auf das zuckende Antlitz].

Heilig, heilig war ihm die Stätte. Im Grabkämmerlein unter dem weißen Kreuze schlief seit manchem Jahre seine Mutter den langen, sanften Todesschlummer. Die, deren ganzes Leben Arbeit und Mühe gewesen, schlief jetzt, und in kalter Erde ruhte das warme Mutterherz, das fast vierzig Jahre lang für ihn, für ihn in heißer, reinster und rastloser Liebe geschlagen.

Ein Mann, der, im Kampf des Lebens gestählt und gehärtet, weichliche Tränen nicht dulden darf, soll weinen am Grabe der Mutter und den Zähren des Danks und der Sehnsucht und des Heimwehs den lindernden Lauf nicht hemmen.

Junker lehnte sein Blumenkreuz gegen das Steinfundament und barg das Gesicht in den Händen. Ihr Bild, wie sie leibte und lebte in den lächelnden, kurzen Stunden und den leidvoll langen Tagen, stand vor ihm – als sie noch eine stattliche, rasche und rege Frau war, die ihn als Kind hegte und zu allem Guten und Edlen anhielt – wie sie mählich alterte, ohne müde zu werden – wie sie noch im Schmuck der grauen, ja der schneeweißen Haare ihn, den Mann, getragen und geleitet, gestärkt und getröstet und allzeit [später entfallen: und immer] getan hatte, was sie konnte.

Langsam die Ruhestätte umscheitend, blieb er vor der Rückseite des weißen Kreuzes stehen und ließ den Blick auf der Inschrift haften, die er in der Nacht nach ihrem Tode mit trocknen Augen gesucht.

Damals hatten die Dorfleute befremdet den Kopf geschüttelt, weil sie solche Grabschrift noch auf keinem nordschleswigschen Friedhof gelesen haben wollten; aber Junker hatte der Verstorbenen keinen besseren [später entfallen: Geleitsspruch noch] Nachruf zu geben gewußt.

Die Inschrift lautete: »Diese sind es, welche gekommen sind aus großer Trübsal.«

Sie hatte viel geliebt und viel gelitten und war eine Kreuzträgerin gewesen. Darum legte er ihr nicht Kränze, deren das Leben kaum einen ihr gereicht, sondern ein Kreuz aufs Grab.

[Später entfallen: Weh zuckte jeder Zug seines Angesichts.] Die befremdliche Inschrift war auch ein demütiges Selbstbekenntnis. Der Sohn war ihre Freude, aber auch ihr Schmerz und nicht schuldlos gewesen am Leid und Streit der Mutter.

Der Tod aber tröstete mit seiner Endlichkeitsweise: Warte nur … balde …

Neben ihrem Hügel war Raum gelassen; hier wollte er einst, wenn seine Erdenzeit und Irrfahrt zu Ende war, neben der Mutter ruhen. Die im Leben einander über alles geliebt haben, wollen auch im Staube bei einander sein und Seite an Seite dem großen Weltostertage entgegenschlummern.

[Später entfallen: Der durch nichts begründete Gedanke ängstigte.] Ihm war's [später: Ihm war], als wenn er neben seiner Mutter ruhen müsse, um ungestörten Grabfrieden zu haben. Dort, wo das Blumenkreuz lehnte, unten am Fundamente [später entfallen: , zu ihren Füßen] sollte sein Name stehen.

Ihm war's, als wenn er neben seiner Mutter ruhen müsse, um ungestörten Grabfrieden zu haben. Dort, wo das Blumenkreuz lehnte, unten am Fundamente sollte sein Name stehen.

Ein Einfall, eine Eingebung, ein jäher Entschluß bemächtigte sich seiner. Jetzt schon wollte er seinen Namen hineinmeißeln lassen, um sich die Stätte zu sichern und seiner einstigen Ruhe gewiß zu werden.

Junker, der nicht mehr die eingefallene Wange und das weiße Haar streicheln konnte, ließ die Hand leise und liebkosend über das weiße, leuchtende Kreuz hingleiten, sprach in seinem Herzen lieb und lange mit der Toten und riß sich los von der Stätte, die ihm geweiht und heilig war auf Erden.

Der Grübler schaute zu den Schallöchern des Turms empor, aus denen ein leiser Glockenhall mit zitternden Schwingungen an sein Ohr schlug und zum vollen, laut tönenden Ostergeläut anschwoll.

Auferstehen, auferstehen! riefen die Glockenstimmen ihm zu; er hob das [später entfallen: von Betrübnis umdüsterte] Haupt, und eine große Ostergewißheit überwältigte seine [später entfallen: bangende] Seele.

Der Ewige wird am Ende der Zeit sein Werde sprechen, und ein Wiedersehen derer, die auf Erden eins gewesen sind, wird und soll und muß sein, so gewiß ein wahrhaftiger Gott ist, so wahr die edelste und herrlichste Hoffnung des Menschen nicht Trug noch leere Täuschung sein kann.

Die Zeit ist Traum und Gleichnis, davon die Wirklichkeit und das Erwachen die Ewigkeit ist.

Ich werde mein liebes, gutes und getreues Mütterchen wiedersehen!

In diesem Glauben, der den Tod überwunden hat, ging der Wandrer osterfröhlich heimwärts.

Am Tage nach dem Feste holte er aus der Stadt einen Steinmetz, welcher eine neue Inschrift in den Fuß des weißen Kreuzes einmeißelte. Sie lautete: »Adam Amatus Friedrich Junker, geboren den 10. August 1861« und ließ darunter freien Raum für das »gestorben«.

Beim nächsten Kirchgange standen die verständigen Dorfleute in einem dichten Haufen vor dem weißen Kreuze betrachteten die neue Inschrift und schüttelten bedenklich die Köpfe. Obgleich sie Junker nach allem, was sie bisher gesehen hatten, für einen klugen und auch praktisch tüchtigen Mann halten mußten, wurden sie doch jetzt der Meinung, daß es bei ihm nicht ganz richtig stünde und er im mindesten und mildesten Falle ein sonderbarer Kauz sei.

Der Mann, der, noch in der Mitte der Jahre und auf der Höhe des Lebens stehend, seine eigne Grabinschrift bis zum »gestorben« sich setzen ließ, wurde am 10. August 1861 geboren.

Wo stand seine Wiege? Nur wenige Schritte von einem Friedhofe! War darum in seinem Wesen von frühester Kindheit an neben dem lustigen und oft ausgelassenen Lachen ein sinnender und schwermütiger Zug?

Wir werfen die Blätter zurück, die zwischen dem Grabe der Mutter und der Wiege des Sohnes liegen.

Zweiter Abschnitt: Hans Totengräber.

Durch das grüne Wiesental fließt breit und träge die nicht sehr tiefe Au. Drüben stehen die rotweißen und hüben die schwarzweißen Grenzpfähle, und die letzteren werden alle Jahr neu angestrichen und immer wieder von schmierenden Fingermalen verunglimpft. Wie den Stier das rote Tuch, so reizt die schwarz-weiße Farbe den dänischen Ackerknecht – insonderheit, wenn er aus der Schenke kommt – zu grimmigem Unmut, und er läßt gern seinen lächerlichen Zorn an dem aus.

Im Jahre 1861 standen an der Au keine Pfähle und war keine Grenze, sondern bis zur Eider erstreckte sich Dänemarks Herrschaft und Gewalt.

Eine halbe Wegstunde von eines großen und eines kleines Reiches Landscheide, die meistens unsichtbar ist und Äcker und Wälder und Wege und sogar Gehöft mitten durchschneidet, lag und liegt noch immer das große Dorf Arup, von guten Feldern umringt, deren dichte Hecken den Singvögeln ein verstecktes Laubheim bieten. Noch immer schlagen die Schwarzdrosseln und die Graunachtigallen wie vor vierzig Jahren.

Die damals neue Kirche ist vier Jahrzehnte älter geworden und hat bereits zwei große Risse in der Mauer. Die Baumgärten bei den Gehöften sind zu Wäldchen herangewachsen und die jungen Hofbesitzer von dazumal ziehen jetzt mählich ins Altenstübchen hinein oder sitzen schon darin – oder liegen droben hinter dem Kirchhofswalle.

Zwischen die bräunlichen Strohdächer und grauen Fachwerksmauern haben sich etliche brandrote Häuser mit schwarzen Pappdächern hineingedrängt. Freund Adebar meidet diese neumodischen Dächer und baut sonst überall, und oft hausen friedlich auf einem Hofe zwei Storchfamilien, so daß jede ein Giebelende bewohnt. Die Königsauwiesen nämlich sind die besten Froschjagdgründe weit und breit.

Dazulande hat man ein Sprichwort: Du stehst mitten im Wege wie die Aruper Kirche.

Ja, sie liegt mitten im Wege, mit ihrem Friedhof auf einem runden Hügel, um den die Landstraße nach beiden Seiten in einem Bogen herumgeht. Zur Rechten lugt unter Ulmen und Linden der Pfarrhof mit seinen zwei Scheunen hervor, zur Linken versteckt und verkriecht sich hinter der hohen Haselnußhecke und unter drei alten Kastanien ein niedriges Häuschen, das nach vorne vier Fenster hat, von denen aber nur das eine die Straße sehen kann.

In vierzig Jahren ist die Mauer getüncht und das Strohdach erneuert worden; sonst ist alles, wie es war, denn ganz alten Häusern setzt der Zahn der Zeit nicht so schnell noch schlimm zu, wie den neuen und modernen. Auch der offne Brunnen mit dem acht Fuß langen Baumstamm als Ziehschwengel ist geblieben und der Wassertümpel in der Hofecke, den sie stolz ihren Teich nannten, auch die Fliedersträuche, Pflaumen- und Apfelbäume, die den Garten hinter dem Hause umhegen und statt einer Hegung oft den Dorfbüblein eine böse Lockung sind und waren.

Anno 1861 wohnten in dem Hause zwei Familien, auf der rechten Seite Malehn mit ihrem Manne, welcher tagelöhnerte, auf der linken Hans Totengräber mit Frau und zwei Töchtern. Jede Wohnung hatte eine Stube und ein Schlafstübchen, außerdem auf dem Boden ein Kämmerlein, in dem zur Not ein kurzes Bett und daneben zwei nicht allzu lange Menschenkinder aufrecht stehen konnten.

Die Küche war beiden Familien gemeinsam, so zwar, daß von der Tür über den Steinestrich und mitten durch den offnen, fünf Fuß breiten Herd – gleichwie zwischen Dänemarks und Deutschlands Reichen – eine unsichtbare Luftlinie als Grenze ging. Doch war sonst keinerlei Gemeinsamkeit, wie bei den ersten Christen, sondern jede Hausfrau hatte ihre Herdhälfte, eignen Schrank und eigne Vorräte.

An einem Augustmorgen des Jahres 1861 war die Luft schwer, und der Himmel machte ein verdrießlich bewölktes Gesicht, als wenn er mit sich selbst im Zweifel wäre: Soll ich regnen, oder soll ich's nicht?

Die Bauern, die ihr Korn einfahren wollten, standen nachdenklich vor dem Wetterglase, wenn sie eins hatten, oder vor dem Laubfrosche – beide hatten eine Neigung, nach unten zu steigen. Neben dem Häuschen scharrten die Hühner eifrig im Dunghaufen, als wenn sie mit dem Futtersammeln vor dem Regen sich beeilen wollten. Nur eine Gluckhenne lief am Teiche glucksend und klagend auf und ab – ihre gelben Entenküchlein schwammen, unbekümmert um der Mutter Geschrei, auf dem Tümpel und tauchten die Köpfe tief in die lehmige Flut hinein.

Plötzlich aber strich die Schar dem Ufer zu und watschelte den Abhang hinauf. Ein siebenjähriges Mägdlein, das einen Futternapf hielt, kam mit eigentümlich vorsichtig tastenden Schritten über den Hof, obgleich es in dem Napfe keine Flüssigkeit balanzierte. [Später entfallen: Über und über lächelte das liebliche, in seiner süßen Unschuld schöne Kindergesicht, während das Mündchen ein lockendes Gluck–gluck rief.] Die blauen Augen sahen weder auf den Weg noch zur Seite, sondern immer geradeaus in einer sonderbar starren und unbeweglichen Weise.

Während die Enten gierig im Troge schnabelten [später: schnabulierten], horchte sie [später: das Kind], ob ein Huhn hinterrücks nahte und pickend naschte, und huschte es hinweg. [Später entfallen: Dann hob sie das Gesicht, in das ein Regentropfen gefallen war, und trug den Futtertrog, dem die Küchlein folgten, in den Holzschuppen, weil die kleinen Enten, deren Element das Wasser ist, keinen Regenguß von oben vertragen.]


Durch die Haustür steckte sich ein flachshaariger Mädchenkopf und rief erschreckt: »Friedline, Friedline, komm … komm … die Mutter ist mit einem Male krank geworden und schreit …«

Friedlinchen schloß die Enten im Schuppen ein und griff mit der Hand vor sich, während sie ins Haus eilte.

Oben auf dem Kirchhof ging der Pastor Hartwig, ein kleiner, stark ergrauter Mann mit sehr scharfen Zügen und einem »vergnitzten« Munde, trotz der Schwüle den schwarzen Gehrock, über den die Zipfel des weißen Halstuches hingen, bis oben zugeknöpft, dreimal um die Kirche, welches sein ständiger Morgenspaziergang war. Unten auf dem Hügel wurde ein frisches Grab aufgeworfen, in dem Hans Totengräber stand und mit vergrößerter Hast schaufelte, nachdem er tief die Mütze gezogen. Der Pastor, der zum Inspizieren eine angeborene Gabe hatte, sah sich nach allen Seiten scharfäugig und hochnasig um.

Hans Totengräber hatte ein gutes Gewissen und dachte: Guck du nur! Auf den Kieswegen war kein Grashalm, und die Gräber waren sauber gepflegt – jedoch nur diejenigen, deren Besitzer einen halben Taler jährlich für Instandhaltung zahlten. Auf einigen wuchs Gras und Nessel nach Belieben – das waren die zahlungsunfähigen oder zahlungsunwilligen Gräber, um die der Totengräber nach seiner Bestallung sich nicht zu kümmern brauchte. Die unter den Brennesseln schliefen, hatten eben keinen Freund mehr auf Erden – oder auch lachende Erben hinterlassen.

Sobald der erste Regentropfen fiel, verzog sich der Pastor, zu dessen vielseitigen Eigenschaften auch die gehörte, daß er vor Erkältung eine lächerliche Furcht hatte. Hans nahm die Hacke, um den Widerstand des harten Erdreichs zu brechen. Ah, das war ein Sargrest, der unter den wuchtigen Schlägen zertrümmert wurde!

Im Takt schaufelte er und pfiff dabei die fröhliche Weise, die seit Jahrhunderten in den Spinnstuben überliefert wurde: »Königin Dagmar tanzte im Rispenschloß«. Er war froh, daß der schwarze Spion sich verzogen hatte.

Aus der Grube flogen Holzstücke und Beinknochen. Der Totengräber pfiff am fünften Verse, als ein Schrei ertönte: »Va–ter …«

Friedline war unten aus dem Häuschen gekommen, zuerst mit tastendem Schnellschritt, aber in ihrer Hast immer mehr ins Laufen geraten und jetzt, zu kurz um die Ecke biegend, über einen Grabhügel der Länge nach hingeschlagen.

»Va–ter!« Hans, der die hilflos wimmernde Stimme hörte, kletterte aus der Grube und hob das Kind auf, das unverletzt war. Darum polterte er: »Weißt du nicht, daß du fein langsam gehen mußt, weil du nicht sehen kannst?«

Friedlinchen war blind!

Aus den großen, blauen Augen, die nichts sahen, floß das Wasser, und er trocknete ihr das Gesicht mit der Schürze. »Wo tut es dir weh?«

Das Mädchen schluchzte: »Vater … komm schnell … Mutter ist krank.«

»Krank?« Hans machte ein leises Hm–hm. »Es sollte doch nicht … mit der Zeit könnte es stimmen.« Laut aber meinte er: »So schlimm wird es wohl nicht sein … ich habe nur noch ein paar Schaufel voll Erde herauszuwerfen.«

Friedline weinte. »Nein, du mußt gleich kommen … die Mutter schreit … und Erna ist gerannt …«

»Wohin denn?«

»Malehn hat sie zur alten Dorte geschickt.«

Ein etwa zwölfjähriges Mädchen, dem die langen, dünnen Flechten wie Peitschenschnüre über den Nacken flatterten, sprang die Dorfgasse hinab.

Nun wußte der Vater Bescheid, zog ohne besondere Aufregung den Rock an und strebte dem Häuschen zu. Trotzdem er viel über das Grabscheit gebückt stand und nebenher auf dem Pfarrhofe tagelöhnerte, war sein Gang leicht und aufrecht, und zu dem traurig schwermütigen Gewerbe bildete sein hübsches, heiteres, von einem kleinen Bartkranze umrahmtes und von keiner Wolke getrübtes Gesicht einen eigentümlichen, aber erfreuenden Gegensatz.

Er klinkte die Tür auf und horchte. Im Schlafstübchen klapperten zwei Holzpantoffeln hin und her, dazwischen klang ein unterdrücktes, aber durch die verbissenen Zähne sich zwängendes Gestöhn. Hans, der in Notfällen stets ratlos war, fuhr sich ins Haar und machte ein verzweifeltes Gesicht.

Da flog durch die Luft ein dünner Schrei, zart und schwach wie ein Spinnwebfädchen. Hans hörte, wie Malehn mit den zahnlosen Gaumen murmelte: »Frau Junker, es ist ein Junge.«

Der Totengräber flötete die ersten Takte aus »Königin Dagmar tanzte auf Rispenschloß« und machte mit Friedline [später entfallen: im Arm] ein paar kurze Tanzsprünge.

Schnaufend stand die alte Dorte, von der die jüngste Dorfjugend felsenfest glaubte, daß sie aus dem fließenden Brunnensoot am Schulhause die kleinen im Dorf Arup urplötzlich auftauchenden Kindlein hole, hinter ihm und betrachtete völlig frappiert den tanzenden Totengräber, der ihr zurief: »Storchmutter, du kommst zu spät … Herr Adebar hat nicht auf dich gewartet.«

Friedline lauschte scharfhörig auf das dünne, wimmernde Stimmchen und steckte den Finger in den Mund. Hinter den bauschigen Röcken der Hebamme gaffte Erna, wie aus den Wolken auf die Erde gefallen, hervor.

Der Vater schob beide zur Tür. »Dirns! Der Storch hat euch ein Brüderchen gebracht … nun aber heraus! Heute könnt ihr spielen, wo, und tun, was ihr wollt.«

Beide aber spielten nicht auf Kommando, sondern standen unter den Fenstern und horchten auf jeden Laut.

Das Knäblein Junker hatte ohne Schwierigkeit und Mühe sein Erscheinen in dieser mühevollen und schwierigen Welt gemacht.

Die Mutter des neuen Weltbürgers, die sich in einem recht kraftlosen Zustande befand, konnte sich auch in dieser mißlichen Lage getrost sehen lassen. Sehr blaß und zart, sehr fein und lieblich war das Weib des Totengräbers. Von den lichtbraunen Augen ging ein Leuchten aus, und über die schmerzhaften Züge
/n ergoß sich der volle Glanz des größten Menschenglücks.

»Monika, meine liebe Mona!« sagte der Mann bewegt und streichelte ihre Wange.

Sie lächelte. »Hans, wir haben einen Sohn bekommen … sieben Jahre nach Friedline … ist das nicht ein Wunder?«

Ja, es war ein Wunder, wie jedes Neugeborene, wenn auch kein übernatürliches.

Mißtrauisch folgten Monikas Augen der Hebamme, die, um ihre Gebühr auch wirklich zu verdienen, den Säugling noch einmal wusch und wickelte. Das Knäblein nämlich protestierte mit lautem Greinen gegen das ungebührliche, zweimalige Bad. Nachdem die Prozedur beendet, entfernte sich die alte Dorte und schlug den Rock wie einen Regenschirm über den Kopf.

Draußen rieselte der Regen in der stillen Luft senkrecht herab, und vom Strohdache floß schluchzend das Wasser. Dicht an der Mauer und unterhalb der Dachtraufe standen die beiden Mädchen. »Nun könnt ihr zur Mutter gehen!« Der Vater, der auf Malehns Befehl einem Huhn den Hals abschneiden wollte, rief sie herein. Schüchtern kamen sie in die Kammer, als wäre es ein Ort, den ihr Fuß kaum zu betreten wagte. Erna gaffte blöd verlegen und mit einem bedenklichen Stirnrunzeln, als sei sie sich nicht klar, ob dieser Zuwachs der Familie etwas Gutes oder Böses bedeute. Die Blinde horchte, und die Mutter nahm ihre Hände und legte sie um die Wangen des rotgesichtigen Bübleins.

»Ei, ei … wie heißt er, Mutter?«

»Er hat noch keinen Namen.«

Friedline beugte sich herab und küßte den Bruder so stürmisch – auf die Nase, daß er weinte. Malehn, die in der Küche hantierte, steckte den Kopf durch die Tür und kommandierte: »Setzt euch still hin, die Mutter muß schlafen!«

Sie gingen auf den Zehenspitzen zu den Stühlen am Fenster, auf dessen Brett die blühenden Levkojen dufteten. Nachdem das kopflose Huhn in der Küche abgeliefert war, eilte Hans zum Kirchhofe, um das Grab zu vollenden.

Monika schlief nicht, sondern träumte mit offnen Augen, an denen ihr vergangenes Leben vorüberzog. Die Hoffnungen ihrer Jugend hatten sich nicht erfüllt. Als Tochter eines deutschen Hofbesitzers, der zuerst auf der Gelehrtenlaufbahn einen Anlauf gemacht, dann Fabrikant geworden und als Landwirt geendet hatte, besaß sie eine vortreffliche Schulbildung. Ihr Vater, Adam Friedrich Berg, war ein kluger und ideal veranlagter Mann gewesen, aber hatte sein Leben lang nur Anläufe gemacht und war als Landwirt gescheitert. Ein schlecht bewirtschaftetes Bauerngut zehrt sich von selbst auf; und die kleine, beim Verkaufe übrig gebliebene Restsumme hatte, gottlob, just so lange gereicht, bis er die lebhaften Augen, in denen viele Pläne und Projekte gegrübelt hatten, für immer schloß. Die letzten Speziestaler gewährten ihm ein anständiges Begräbnis. Ach, Monikas Jugendweg war, solange sie erinnern konnte, der abschüssige Bergunterweg von Vermögensverfall zu Schuldenmacherei und Armut gewesen.

Sie liebte ihren Mann, aber sie kannte ihn auch bis auf den innersten Grund seiner Seele. Er war ebenfalls nie über die Anläufe hinausgekommen und machte die jetzt auch nicht mehr. Ihm fehlte es nicht an Fleiß noch Klugheit, aber an Initiative und beharrlicher Energie. Überängstlich, irgend etwas Neues zu unternehmen, aber recht heiter und zufrieden in seinem geringen Stande – so war er gewesen und geblieben. Diese Genügsamkeit war ihr seine schlimmste Untugend. Ihre Bitten, ihr Wille, ihre Tatkraft hatten nichts dawider ausgerichtet. Nachdem er jahrelang getagelöhnert, hatten sie mit beiden Händen nach dem Totengräberamt gegriffen, das nur zur Hälfte die Familie ernährte.

Monika fragte nie, warum sie, das gebildete und viel umworbene Mädchen, den schlichten, ganz ungelehrten, aber schmucken Kleinbauernsohn genommen habe; sie wußte und hielt es unwandelbar fest, daß sie ihn geliebt und lieb hatte. Die Liebe, die keine Gründe noch Erklärung hat, war der Grund der Heirat, welche die Leute sich nicht erklären konnten.

Die Schatten der Vergangenheit, welche über das weißschöne Antlitz flogen, wurden vom glückseligen Mutterlächeln verdrängt. Dicht an ihrem Busen lag ja die Zukunft, in winziger Menschengestalt die neue, große, herrliche Zukunft. Nun war alles gut, nun mußte alles von Jahr zu Jahr besser und lichter werden. Der Ersehnte war wider alle Voraussicht nach sieben Jahren als ein Spätling gekommen, und das Knäblein, das jetzt eine Stunde lebte, sollte ihr Neuleben und Trost sein und alle ihre Träume erfüllen.

Malehn brachte in einer braunen Tonschale die Hühnersuppe und einen Holzlöffel.

»Nein, bring mir den Silberlöffel aus der Schatulle, Erna, mit dem hölzernen kann ich nicht essen«, sagte die Wöchnerin.

Die Alte brummte: »Immer groß heraus gewöhnt sich schlecht an ein kleines Haus.«

Monika aß ein wenig von der Suppe. Um der Bequemlichkeit willen speiste Hans mit den beiden Mädchen, die je an einem Hühnerflügel knabberten, am Küchentisch, und ihm mundete das üppige Festgericht. Nachdem er das rechte Hühnerbein verzehrt hatte, stocherte er solange mit dem Messer an dem linken herum, bis auch davon nur ein nackter Knochen am Huhne hing.

Aber sich zum Troste und den Kindern als Mahnung zur Genügsamkeit sagte er: »Das Beste bleibt für Mutter.«

Draußen rann der Regen gleichmäßig und schnurgerade.

Hans saß am Bette seiner Frau, und sie faßte nach seiner Hand. »Freust du dich?«

»Ja … natürlich … freue ich mich … wenn wir auch bald einen Esser mehr am Tische haben … ich kann nicht ausrechnen, wie wir auskommen sollen … Erna muß bald konfirmiert werden.«

»Nein, sie muß noch Kind bleiben … Hans, wie soll unser Sohn heißen?«

Er machte eine säuerliche Schelmenmiene. »Mutter, dafür wirst du, wie für alles andre, raten.«

Monika summte und sann. Ihre Erholung war, in den karg bemessenen Feierstunden historische oder belletristische Bücher, die sie überall entlieh, zu lesen. Vorgestern hatte eine kleine Geschichte ihr es angetan, in welcher eine Frau nach vierzehnjähriger Ehe mit einem Knaben beschenkt wurde, der von ihr Desideratus Amatus, der Ersehnte und Geliebte, genannt worden war. Jener Desideratus hatte die entfremdeten Herzen der Gatten von neuem verbunden.

Monika sagte zu ihrem Manne: »Unser Knabe soll Adam Amatus Friedrich heißen … bist du einverstanden?«

»Amatus?« Hans neigte den Kopf schief, als höre er nicht gut. »Den Namen habe ich mein Lebtag nicht gehört … aber meinetwegen … du willst es …«

»Amatus ist ein schöner Name und heißt der Geliebte.«

»Ja, ja!« Der Totengräber guckte mehrmals aus dem Fenster und gähnte. »Was soll ich heute nur anfangen? Der Regen hat um ein Uhr nicht aufgehört.«

»Nein, draußen kannst du nicht arbeiten.«

Er sprach vorsichtig und verlegen die Worte: »Mutter, brauchst du mich nötig? Die Mädchen und Malehn sind ja immer bei der Hand … ich meine nur … wenn ich nach Tarup ginge und deinem Bruder es meldete … hinüber muß doch jemand, um es der Verwandtschaft anzuzeigen … und morgen oder übermorgen versäume ich einen halben Arbeitstag … aber ganz wie du willst!«

Die blasse Frau holte Atem wie einen Seufzer aus der Brust. »Geh in Gottes Namen … aber du wirst durchnaß.«

Munter und keck sprang ihr Mann auf die Füße. »Dagegen habe ich ja die wasserdichte Haut und ziehe die langen Stiefeln an.« Er war stets seelenfroh, wenn er nur herauskommen und irgendwo einen Besuch machen konnte. Nachdem er sein Sonntagsgewand angezogen hatte, küßte er flüchtig sein Weib und ging.

Der gießende Regen hinderte Hans Junker nicht, einen Weg von anderthalb Meilen hin und zurück zu machen. Rüstig und wohlgemut marschierte er durch das schlechte Wetter; nur wenn die Pfützen knöcheltief waren und das Schlammwasser an den Schäften hinaufspritzte, blickte er in Betrübnis auf seine Beine hinab [später entfallen: , als wenn er nasse Füße hätte. Die hatte er aber nicht, sondern…] Hans, der mit allen seinen Sachen spar- und schonsam umging, trug Sorge um die neuen Schmierstiefel, die er für drei Speziestaler gekauft hatte.

Der, welcher auf Schusters Rappen ritt, schwenkte unterwegs in eine weit offene, an der Landstraße winkende Einfahrt hinein, trat in die Gaststube und ließ sich einen Kaffeepunsch – das ist ein Gebräu von gesüßtem Kaffee und beißendem Branntwein und des Grenzlandes Getränk – geben. Eine ganze Weile wurde mit dem Wirte geschwatzt, der keine leeren Gefäße zu sehen vertrug und die Tasse von frischem füllte.

Der Gast trank den zweiten Kaffeepunsch [später entfallen: , erklärte dem Wirt, warum er ausschließlich eingekehrt sei,] und bat um einen Stiefelknecht. Die neuen Langschäftigen wurden mit Anstrengung ausgezogen, die Strümpfe hineingesteckt und die Hosen aufgekrempelt. Der Gastwirt lachte. »Die Fockbecker wollten den Storch aus dem Getreidefeld verjagen; damit aber der Knecht, der mit dem Stock es tun sollte, den schönen Roggen nicht vertrete, trugen sie ihn mit vier Mann durch das Getreide.«

Nachdem die Kaffeepünsche mit acht Schillingen berichtigt waren, trabte Hans von dannen, und die Stiefel baumelten am Knotenstocke. An Stiefelverschleiß mindestens vier Schillinge erspart – aber für zwei Pünsche acht – hm, wie stimmte das? Und das Fazit der Sparrechnung stand vor ihm, nämlich die Frage: Bin ich auch ein Fockbecker?

Eine ziemliche Strecke hinter Tarup dehnte sich ein Forstgehege aus, das einem Grafen Wedelsborg auf Seeland gehörte, in dem Karl Berg, Monikas Bruder, vom Grafen als Waldreiter angestellt worden war, obwohl er von der Waldwirtschaft nicht viel mehr verstand, als Hans Totengräber vom Orgelspiel. Doch gleichwie der letztere die Bälge treten und den nötigen Wind geben mußte, so wußte Onkel Karl auch von Forstsachen viel Worte, Wesen und Wind zu machen.

Er hatte in Kiel Juristerei getrieben und das Examen schlecht und recht bestanden, aber von der dänischen Regierung keine Anstellung bekommen. Der Graf, den er als Student durch sein kluges, freundschaftlich ehrerbietiges Benehmen zum Freunde sich gemacht, hatte ihm als Notbehelf, damit er heiraten könne, die kleine Waldreiterstelle gegeben.

Im Buchenwalde hinter einer grünen Wiese lag das weißgetünchte Forsthaus. Hans trat zuerst rechts in den Stall, setzte sich auf die Kuhkrippe und fuhr in die Stiefel hinein.

Onkel Karl, ein bärtiger Mann mit einem mähnenbehaarten, mächtigen Kopfe, in dem die kleinen Augen unter dichten Brauen wie verborgen saßen und alles beobachteten, hatte hinter dem Fenster den Barfüßler bemerkt und lachte dem Eintretenden entgegen. »Guten Tag, Schwager! Hast du dir eine Sohle abgelaufen?«

[Später entfallen: »Nein, ich will sie mir eben in dem Schmutz nicht ablaufen.« Stolz zeigte Hans die Langschäftigen und Dicksohligen.]

Als die rundgesichtige und gutmütige Schwägerin sich sehr schwerfällig vom Stuhle erhob, um ihm die Hand zu reichen, machte er eine pfiffige Miene. »Na, hier kann man auch bald gratulieren … In Arup ist etwas Neues passiert … [später entfallen: nun] ratet mal!«

»Bei euch ist etwas Kleines angekommen?«

»Ja, ein Junge, kerngesund und ein Zwölfpfünder!«

Frau Berg stand horchend hinter den Männern und hielt den Atem an. »Hans, wie ist es abgelaufen?«

»Gut und geschwind, im Handumdrehen, ehe ich vom Kirchhof nach Hause laufen konnte, hatte der Storch die Geschichte abgemacht.«

»Gott sei Preis und Dank!« Das runde Gesicht der Schwägerin strahlte, und sie selbst fühlte sich merkwürdig getröstet, während sie in die Küche ging, um einen Imbiß zu holen.

Schwager Karl sah schmunzelnd über den Tisch, auf dem der trockne Vesperimbiß stand. »Ja, nun müssen wir auch etwas Feuchtes haben, um auf das Wohl des neuen Weltbürgers anzustoßen … etwas extra Feines, was du noch nicht getrunken hast.«

Der Gast streckte die Langschäftigen von sich und verkniff im Vorgenusse das linke Auge.

Sechs Flaschen des bairischen Bieres, das dazumal noch ein gänzlicher Neuling in Nordschleswig war, wurden auf den Tisch gestellt.

»Mutter, sieh mal aus dem Fenster!« spaßte der joviale Waldreiter, »während wir die Kümmelflasche aus dem Wandschranke schmuggeln… vorher ein Tropfen Aqua vitae, um den Magen zu wärmen.«

Hans, der nur das Bauern-Dünnbier gewohnt war und weder den edlen Stoff noch seine oft unedle Wirkung kannte, kniff beide Augen halb zu und schnalzte mit der Zunge.

Berg schnitt ein seltsam ernstes Gesicht, nur die kleinen Augen lächelten. »Ihr habt wohl schon beschlossen, was der Junge werden soll, d.h. Monika hat es bestimmt und du hast es genehmigt?«

Der mit dem Pantoffel Geneckte nahm einen tüchtigen Verdrußschluck. »Ein Bauernschlepp und -sklave soll er nicht werden … das weiß ich.«

»Was das Totengräberamt?«

»Ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben … wenn er einmal zum Schulmeister es bringen könnte.«

Berg lachte. »Ich wette, daß meine Schwester einen Pastor aus ihm machen will.«

»Einen Pastor?« Der Totengräber gaffte, von dem Gedanken überwältigt und wie versteinert.

Der »Preester« war ihm die allervornehmste Respektsperson und der erste Repräsentant der Dorfwürde und des Dorfwohlstandes.

Berg beobachtete über das Glas hinweg und holte aus tiefer Brust den pathetischen Ton. »Schwager! Wenn du dereinst für deinen leiblichen Sohn die Sonntagskirchglocken läutest und er dann auf der Kanzel die Leute zur Hölle verdonnert …«

»Auf der Kanzel! Der kleine Knirps? Herrgott, Herrgott …« Der Totengräber schluckte vor Rührung.

Der amüsante Schwager aber schlug eine Lache auf und füllte frisch ein von dem flüssigen, süffigen Bier. »Laßt uns anstoßen auf das Wohl … des neuen Hardesvogtes in Norderhafen!«

»Was geht mich der neue Armeleuteplacker an? Aber meinetwegen!« Hans, der einen roten Kopf hatte, war zu jedweder Humanität bereit. »Auf dein und mein und aller Menschen Wohl … der Hardesvogt und Pastor, der Propst und Amtmann und alle Kreaturen des Königs sollen leben, möglichst lange, von Brot und Braten, von Bier und Branntewein!«

Der juristische Waldeiter warf sich ein wenig in die Brust. »Ich mache keine dummen Witze … du wirst den neuen Hardesvogt noch kennen lernen.«

»Lieber nicht!«

Jener wies mit dem Zeigefinger auf die eigne Brust. »Hier sitzt er.«

»Du … Hardesvogt?«

»Ja, aber vertraulich und verschwiegen! Mein Gönner, der Graf Wedelsborg, hat es in Kopenhagen durchgesetzt … es ist so gut wie gewiß und soll noch nicht unter die Leute.«

Das Gesicht des Totengräbers wurde sehr höflich und feierlich. »Ich bin tief und still wie die Gräber, die ich schaufle.« Das Feierliche spielte ins pfiffig Politische hinüber. »Nun nehme ich zweimal die Mütze ab … wenn es auf den Pastor gießt und auf den Küster regnet, träufelt es auf den Kulengräber. Bei einem so fetten Bissen fällt ein Happen ab … Darauf – nicht auf den Happen – auf den neuen Hardesvogt muß ich noch einen kleinen Kümmel trinken.«

Frau Mathilde Berg kam schweren Ganges aus der Küche, schaute über den Tisch und rümpfte die Nase. »Na, soll noch mehr getoastet und getrunken werden? Ist Mona allein mit den Kindern?«

Hans verabschiedete sich, indem er die Verwandtschaft zur Kindtaufe einlud. [später entfallen: Auf dem ersten Prellstein am Wege wurden die Langschäftigen ausgezogen und über den Stock gehängt.] Gegen Abend hatte der Regen aufgehört. Dem einsamen Wanderer, der mit den Beinen tüchtig auslangte und lustig trällerte, wurde die Zeit nicht lang, denn er war eifrig mit dem Bauen von Luftschlössern beschäftigt. Könnte nicht für den Schwager ein Amt als Hardesvogteibote abfallen? In Norderhafen war eine lateinische Schule und der großmächtige Hardesvogt konnte ja zahlen. Und Monika setzte durch, was sie wollte. Der Luftbau stieg zu schwindelnder Höhe. Himmel und Herrgott! Da stand schon der rotgesichtige Säugling auf der Kanzel, und der Vater trat die Orgel, daß alle Pfeifen schmetterten.

Nachdem der Träumer über eine Wasserlache einen Luftsprung gemacht, tauchte das Wirtshaus mit der breit einladenden Einfahrt auf. Er schwankte aber und zählte an den Knöpfen seiner Weste, um Gewißheit zu erlangen. »Soll ich nicht – soll ich!« Er wollte auch gern, was er sollte, welches sonst nicht immer bei ihm Hand in Hand ging.

Der Wirt nickte leutselig und setzte, ohne die Bestellung abzuwarten, einen Kaffeepunsch auf den Tisch. »Was Neues gibt's?«

»Nichts, als daß wir einen neuen Hardesvogt bekommen …«

»Ja, der alte Racker, der mich dreimal gebrücht hat, weil ich nach elf Uhr Gäste sitzen hatte, ist gestorben … und muß wohl für die Sporteln, die er zu viel genommen hat, in der Hölle brüchen und brühen.«

Junker schlürfte und schaute überlegen drein. »Der neue ist ein ehrenwerter Mann.«

»Sie sind alle Beutelscherer … ist schon einer ernannt?«

»Er wird nächstens ernannt werden …«

»Was? Stehst du mit dem Amtmann auf du und du, daß du weißt, wen er zum Hardesvogt macht?«

Hans klappte geheimnisvoll die Lippen zu.

[später entfallen: »Nein, nicht mit dem Amtmann.«] Hans klappte geheimnisvoll die Lippen zu.

Der Wirt spielte verführerisch mit dem Würfelbecher.

In einer plötzlichen Anwandlung von Willensenergie [später entfallen: stülpte Hans die Tasse um,] zählte [Hans] vier Schillinge auf den Tisch und schulterte die Stiefeln. [Später entfallen: »Adjüs und schönen Dank!«]
Draußen glitt ein pfiffiges Schmunzeln über sein Gesicht. »Nun sollte ich gerupft werden.« Froh, so viel Vorsicht und Willensstärke bewiesen zu haben, wanderte er fürbaß.

Abenddüster war die Totengräberwohnung. Frau Monika erwachte aus leichtem Schlummer und merkte, daß ihr Mann in den bloßen Füßen über die Diele patsche.

»So spät kommst du …?«

»Mona, ich habe eine große und gute Neuigkeit zu berichten …«

»Warum küßt du mich nicht, Hans?«

Flüchtig berührte er ihre Lippen und kniff den Mund zu.

»Du hast unterwegs Pünsche getrunken …« Leise und klagend war ihre Stimme.

Er wand den Oberkörper. »Nicht Pünsche, liebe Mutter, sondern unterwegs einen Punsch … was du für eine scharfe Nase hast!«

»Warum hast du das heute getan?«

Verstimmt zog er den Rock aus. »Willst du mit mir spektakulieren … oder willst du hören, was ich zu melden habe? Dein Bruder wird Hardesvogt in Norderhafen!«

»Was? Ist das gewiß? Und will Karl, der im Kriege für Schleswig-Holstein gekämpft hat, dem dänischen Könige den Treueid leisten?«

»Er wäre ein Narr, wenn er es nicht täte.«

»Nein, er wäre ein Mann«, sagte Monika.

Hans schwieg, weil er einschläferte, sobald er sich hingelegt hatte.

Seine Frau aber wachte lange und sann und sorgte. Selbst über das sogenannte Glück des Bruders konnte sie sich nicht recht freuen – – –

Erna hatte die lange Küchenschürze der Mutter, über die sie mehrmals stolperte, umgebunden und kochte das häufigste Gericht des Hauses. Die Buchweizengrütze war so zäh und dick und deftig geraten, daß der kleine namenlose Junker mit seinem zwölfpfündigen Gewicht darauf hätte stehen können. Hans, dem das magenfüllende Essen gemundet hatte, trat liebevoll lächelnd an das Bett seiner Frau.

»Mona, schön und warm ist das Wetter, und die Sonne scheint … willst du nicht probieren aufzustehen?«

»Morgen will ich den Versuch machen.«

»Versuch es heute!« sagte er mit einer kecken Handschwenkung, die Entschlossenheit erwecken wollte, »an deiner Stelle würde ich mit Erna einen Spaziergang nach dem Kirchhof machen.«

»Ach, ich fühle mich noch recht matt.«

»Ja, hm … bei Pastors fahren wir Korn ein, der Hafer muß unter Dach … es wird dunkel, ehe wir fertig sind. Zum Abendläuten kann ich nicht abkommen … was meinst du? Ich muß wohl den lahmen Christian nehmen … der tut es nicht unter sechs Schilling.«

Monika verstand ihn jetzt und richtete sich auf. »Ich will Erna mitnehmen und es versuchen.«

»Streng dich aber ja nicht an!« ermahnte der besorgte Gatte und eilte nach dem Pfarrhofe.

Gegen Abend, als der Sonnenball zum Niedergange sich neigte, klomm Frau Junker, auf Ernas Schulter sich stützend, den Kirchberg hinan. Wohl zehnmal ruhte sie sich auf den Stufen der steilen Turmstiege, die das härteste Stück war.

Mutter und Tochter zogen mit vereinten Kräften am Strange. Schwächer als sonst, aber lieblich abgetönt klang das Geläut von der Aruper Kirche. Da schlossen alle Kirchhofsblumen ihre Kelche und wollten schlafen. Die Menschen rückten die Mütze von der schwitzigen Stirn und freuten sich des Feierabends. Sogar die Gäule vor dem Kornwagen spitzten bei dem Glockenschall die Ohren und wußten, daß es bald heim in den Stall und vor die volle Krippe gehe.

Drunten lag wunderherrlich die stille Abendwelt. Trotz Armut und täglichen Kampfes mit dem Kleinlichen wollte Monika nicht schlafen bei den Friedhofsschläfern, wie früher zuweilen ein Wunsch ihr gekommen; nein, sie wollte arbeiten und hoffen und in dem Sohne ein neues und herrliches Neuleben leben. Der sollte groß und stark an Leib und Seele, an Willenskraft und [später entfallen: innerem] Wesenswert werden.

Wenn auch der Abstieg leichter war, sank Monika dennoch in einen Stuhl. »Gottlob, daß ich es überstanden … aber wie konnte Hans mir das zumuten? Hat er mich wirklich lieb?«

Die Kinder hatten die Entenküchlein eingeschlossen und saßen auf dem Steintritt, auf den Vater und das Abendessen sehnsüchtig wartend.

In der Stube schummerte es. Groß war die Stille, und der Säugling schlief in der Wiege. Die Mutter hielt reglos die Hände im Schoße.

Da hörte sie ein Klirren, als wenn ein Finger an die Fensterscheibe klopfe, und eine Stimme, wie die Stimme ihres Bruders, die gedämpft, aus geisterhafter Ferne die verzweifelten Jammerworte rief: »Meine Mathilde stirbt …«

Trotz ihres kraftlosen Zustands schnellte Monika empor und riß die Haustür auf. Die Mädchen, die auf dem Steintritt altklug schwatzten, schauten empor.

»Wer hat ans Fenster geklopft? War Onkel Karl hier?«

Verständnislos gafften die Kinder zur Mutter empor, bis Erna stotterte: »Kein … Mensch … war hier.«

Als Hans endlich heimkam, fand er sein Weib weinend und fragte kurz und stutzig: »Was ist hier los?«

Die blasse Frau antwortete: »Ich habe etwas gehört … meine Schwägerin übersteht nicht ihr Wochenbett.«

»O, o, Mutter«, wehrte er erschrocken ab, »wenn du Ahnungen und Gesichte hast, wird mir angst und bange …« Schnell, als wolle er sich und sein Häuschen gegen eine ihm unheimliche Geisterwelt sichern, zündete er die Öllampe an, auf deren dünnem Docht ein winzig schmales Flämmchen flackerte.

Monika, die grüblerischen Gedanken nachhing, rückte in den ärmlichen Lichtschein, fädelte mit unsäglicher Geduld den Zwirn in die Nadel und nähte Puppenwäsche für ihr Söhnchen.

In der Morgenfrühe, als Hans Totengräber vom Läuten kam, jagte der Knecht vom Waldreiterhof im leichten Korbwagen um den Kirchhof herum, so rasend schnell und kurz umbiegend, daß ein Hinterrad den Prellstein streifte.

»Hoi, wohin?« schrie Hans.

»Nach dem Doktor!« –

Der Arzt kam nach Tarup und nahm im Nebenzimmer die Zangen und Messer, die grell schimmernden und furchtbar scharfen, aus dem Besteck.

Zu spät!

Die Mutter seufzte zum letzten Mal, als ihr Kindlein, das Licht der Welt erblickend, seinen ersten Schrei tat.

Auf der Bahre lag eine wachsbleiche Frau, und im Zimmer daneben sog ein dralles, gesundes Mägdlein kräftig an der Milchflasche, welche Großmutter Lina ihm reichte.

Während Karl Berg fassungslos in die leere Luft starrte, trippelte seine bewegliche Mutter hin und her, und das Gesinde wunderte sich, daß ihr so wenig Trauer und Schmerz anzumerken sei.

Sie hatte die Schwiegertochter, die das Herz des Sohnes ganz eingenommen hatte, nie recht leiden mögen, geschweige denn geliebt – – – – – – – – – – – –

Auf den Gräbern blühten die Astern, die letzten Blumen des Jahres. Eschen und Linden des Kirchhofs zogen ihr schillerndes Herbstgewand an und schmückten sich mit aller Farbenschöne vor dem Wintersterben. In der klaren Luft schlug kein Singvogel mehr. Die im einsam versteckten Neste traulich gekost und ihren Nachwuchs gewissenhaft erzogen hatten, versammelten sich in großen Scharen und wurden gesellig und geschwätzig.

Pastor Hartwig von Arup, der dreimal um seine Kirche spazierte, verfing sich in den Altweiberfäden, die kreuz und quer gesponnen waren, und sinnierte über die Herbstpredigt, die er am morgigen Sonntag halten wollte.

Die Bauern, die gern zwischen seinem Vorgänger und ihm Vergleiche zogen, sagten: »Es ist nicht zu leugnen, er posaunt tüchtig auf der Kanzel, aber immer über die Natur, von Bächen und Blumen und Bäumen, von Korn und Gras, von Meer und Mühlen, während der alte Pastor Hansen schlecht und recht über die Bibel predigte.« Hansen war ein einfacher Dogmatikus gewesen und hatte in der herkömmlichen Postillenweise geredet.

Die Aruper, denen Feld und Flur etwas Alltägliches war, ließen sich die Naturpredigten, bei denen sie sich nichts zu denken brauchten, über die Köpfe hinweggehen.

Pastor Hartwig saß, die Pfeife angezündet, in seiner Studierstube und schrieb die in seinem Haupte entsprungenen Herbstgedanken nieder. Wenn der bläuliche Rauch des billigen Pastorentabaks seine spitze Nase umkräuselte, ward sein Geist von Dichterschwingen gehoben.

Er schrieb: Auf allen Gräbern steht ein Gewesen – auf vielen aber auch ein Genesen, ein Genesen von Leid und Streit.

Ein bescheidenes Klopfen störte ihn in seinem Fluge.

Hans Totengräber drehte die Mütze in den Fingern. »Entschuldigen Sie, Herr Pastor! Wenn es morgen passen würde, möchten wir gern unsern kleinen Sohn getauft haben.«

Jener, dem ein guter Gedanke entflog, räusperte sich verdrossen. »Hm … ja, das muß sein.«

Hans glaubte seinen Mann zu kennen. »Ich möchte gleich die Taufe bezahlen.«

»Nichts da! Clerus non clerum decimat!« Vom Totengräber konnte keine Gebühr genommen werden.

Das schweinslederne Taufregister wurde aufgeschlagen und die Feder eingetaucht.

»Wie soll der Täufling heißen?«

»Adam Amatus Friedrich Junker.«

»Adam Amatus Frederik Junker!« wiederholte der Dänenpastor mit einem bissig einschüchternden Blick.

»Herr Pastor! Adam Friedrich, nicht Frederik … nach dem Großvater …« stotterte Hans.

Hartwig hob die spitze, stechende Nase. »Sagen Sie mal! Sind Sie ein Deutscher? Oder ein sehr subalterner Kirchenbeamter Seiner Majestät des dänischen Königs?«

Hans wand sich und wich aus: »Gott bewahre mich … ich bin nur ein armer Totengräber.«

»In Dänemark oder in Deutschland?«

»In Dänemark, in Dänemark!« bestätigte Junker zweimal.

»Gut, so schreiben wir Adam Amatus Frederik Junker.«

Und es wurde in großer und fester Handschrift ins Aruper Kirchenbuch eingetragen. Der erschreckte Hans wagte nicht, seinem Vorgesetzten zu widersprechen.

Sehr kleinlaut kam er nach Hause und kraute sich mit beiden Händen im Haar.

»Nahm der Pastor die Gebühr, weil du so aufgeregt bist?« fragte Monika.

»Nein, der grobe, unverschämte Kerl! Ist die Gemeinde um seinetwillen da, oder er um der Gemeinde willen?« Hans machte in Schimpfen sich Luft und erzählte dann mit verhagelter Miene, daß der Täufling vor seiner Taufe von dem Dänenpastor umgetauft worden sei.

Monika schnellte empor. »Mein Sohn soll nicht Frederik heißen … der Pastor ist verpflichtet, den Wunsch der Eltern zu respektieren … du mußt sogleich hinaufgehen, daß er es ummacht.«

Hans raufte sich verzweifelt im Haar. »Mutter, quäle nicht meine arme Seele! Ich gehe nicht zu dem Grobian … ich kann nicht.«

»Nein, ich will selber gehen«, sagte die resolute Frau und eilte hinaus.

Ihr Mann rang die Hände und rief ihr nach: »O, o … er wird mich um Amt und Brot bringen.« –

»Frau Junker! Was verschafft mir die Ehre?« Der Pastor stieß eine so dicke Rauchwolke aus, daß die davon eingehüllte Frau heftig hustete.

»Hö, hö, hö! Mein Sohn soll Adam Amatus Friedrich heißen.«

»Was ich geschrieben, habe ich geschrieben, und Ihr Mann hat es genehmigt.«

Sie blieb beharrlich. »Er darf nicht Frederik getauft werden, Herr Pastor!«

»Kirchenbücher sind keine Schmierkladde, in der man durchstreichen kann, sondern Urkunden.«

»Es muß aber umgemacht werden, Herr Pastor!«

»Und wenn ich es nicht tue?« Das schmale Gesicht lachte bissig und die Zähne zeigend.

»So wird mein Kind nicht getauft … noch nicht getauft, ehe ich den Propsten befragt habe.«

Pastor Hartwig verschluckte vor Verblüffung den Rauch und schleuderte mitten im Hustenanfall die Pfeife in die Ecke. »Sie … Sie wollen mich verklagen?«

»Nein, nur einfach um mein Elternrecht bitten.«

Er lief ein paarmal auf und ab, klappte in der Erkenntnis, daß er sich verrannt habe, zornig das Taufregister auf und schrieb mit kratzender Feder einen Nachtrag in einer Fußnote unter die letzte Eintragung.

»Ich danke Ihnen, Herr Pastor.«

»Wofür? Sie können gehen!« Er zeigte mit der Feder nach der Tür.

Monika, die mit dem Taschentuch über die Stirn sich fuhr, kehrte nach Hause zurück und holte ihr Brautkleid hervor. Nachdem sie es lange betrachtet, trennte sie die Nähte auf und zerschnitt die größten Stücke. Aus dem Brautkleid nähte sie das Taufkleid für ihren Sohn Adam Amatus Friedrich, ihren nachgeborenen und von Gott ihr gegebenen Sohn.

Am Sonntagvormittag in der Kirche, als die Männer vom Verstummen der Kanzelposaune erwachten und sich zurecht rückten, streckten die Bauerfrauen nach dem Gange die Hälse und raunten leise: »Die Junkersche hat nicht vergessen, daß sie aus einer feinen, verarmten Familie stammt, und will noch immer hoch hinaus.« Das Taufkleid, das in die Augen stach, war ihnen ein für Totengräberleute höchst unpassender Staat.

Adam schrie unbändig, als der Pastor ihm das kalte Wasser mit drei großen Güssen über den Kopf goß und ihn Adam Amatus Friederik taufte. Bei dem Friederik verzog sich der Mund ins Schiefe und Scharfe.

Monika nahm ihren Adam Amatus und legte ihn zu Hause an die Brust, um ihn von dem Taufschreck zu beruhigen. Dort lag er still und legte ihr das linke Händchen liebkosend auf den Busen, während sein Mündchen in eifriger Arbeit war. Eia, eia! Das rötliche Gesicht hatte sich verschönert und war ein kleines, liebliches Menschenantlitz mit langen und ungewöhnlich dichten Blondhärchen. Wo war ein so feines Kindelein wie ihr Adam Amatus? –

Am Nachmittage kam Onkel Berg mit Großmutter Lina.

[Später entfallen als ursprünglicher Anschluss an Großmutter Lina: und dem zweijährigen Rasmus, der wie ein unförmlich rundes Kleiderbündel zwischen beiden lag, angefahren. Rasmus wurde aus einem Umschlagtuche, zwei Shawls und zwei Überröcken herausgeschält, stapfte über die Diele nach dem gedeckten Tische und grapste einen Kuchen vom Teller. Der Vater lachte über die Dreistigkeit seines Sprößlings, dem Tante Monika die Hand klopfte.

»Laß den Schlauberger doch! Im Leben kommt am weitesten, wer am raschesten zulangt.«]

Frau Junker sah den Bruder an. [später entfallen: »Was ist das Leben?] so plötzlich, so jung und lebensfreudig mußte Mathilde die Ihren verlassen.«

Frau Junker sah den Bruder an. So plötzlich, so jung und lebensfreudig mußte Mathilde die Ihren verlassen.«

Bergs Lachen war erstorben. Die Liebe zu der Toten war der selbstlose und darum beste Teil seines Lebens gewesen.

Großmutter Lina, eine schmucke, alte Frau, band die Schleife der gepufften und gekrausten Trauerhaube. »Wir sind ja zu einer Kindtaufe gekommen und wollen die Toten ruhen lassen.« Behaglich aß sie von dem frischen Kuchen und schlürfte das duftende Getränk. »Ah, das ist nicht Bliemchen-, sondern Bohnenkaffee … Monika, es freut mich, daß ihr euer bescheidenes, gutes Auskommen habt.«

»Gott bessere die Auskömmlichkeit und stehe uns bei in unserer Armut!« Hans hüpfte im Stuhle und fächelte mit den gespreizten Händen vor den Ohren. »Für gewöhnlich sind geröstete Eicheln unser Brasilkaffee. Eier, Milch und Butter haben wir ja im Hause.«

»Davon kann einer lange leben, ohne Hunger zu leiden«, meinte sarkastisch der Schwager, »auch gräst euch der Pastor die Kuh.«

»Der tut nichts umsonst … dafür werden mir zwölf Taler abgezogen.«

Monika unterbrach den Lamentierenden. »Du übertreibst … wir sind noch nie hungrig oder nackt oder notleidend gewesen.«

Junker spitzte pfiffig den Mund. »Ja, Mutter, nun sind wir fein heraus, da dein lieber Bruder eine so große Glücksnummer gezogen hat. Wenn's auf den Hardesvogt Gold regnet, träufelt auf den Totengräber Kupfer.«

Sowohl Großmutter Lina als auch ihr Sohn sahen verdrießlich-verständnislos in die Luft.

Monika aber trat ihren Mann recht verständlich auf den Fuß [später entfallen: und sagte zum Ablenken: »Rasmus ist schläfrig.«

Der Bursche, der sich mit Kuchen vollgestopft und das letzte Stück zerkrümelt hatte, blinzelte mit dösigen Augen.

Berg nahm ihn in die zärtlichen Vaterarme. »Er ist müde vom vielen Fahren …«

»Und Essen«, schmunzelte Hans.

»Wir wollen ihn ins Bett legen, darin schon mein Adam schläft … dann schließen die beiden Vettern Freundschaft mit einander.« Frau Monika schlug das Pfühl zurück.

Am Kaffeetische nickte die schwarze Tüllhaube, und Großmutter Lina redete eifrig: »Karl hat noch Schulden zu bezahlen … und die Wohnung, die wir in Norderhafen gemietet haben, kostet 160 Taler.«

Hans Junker hüpfte wie ein Gummiball in die Höhe. »Himmel! 160 Taler! Für eine Hausseite! Mehr als unsre ganze Familie das ganze Jahr zum Leben hat!«

Die Alte wurde gemessen. »Unsere Wohnung hat sieben Zimmer und liegt an der schönen Norderstraße.«
[Später entfallen: Aus der Schlafstube klang ein jämmerlicher Aufschrei und dann ein dumpfer, plumpsender Fall.

Monika stürzte durch die Tür und schrie laut: »Mein Adam, mein Adam!«

Die Vettern hatte böse Freundschaft geschlossen. Das eine eingedrückte Pfühl war leer. Rasmus saß halb aufrecht, die Fäustchen geballt, und stammelte: »Baba … smeiß ihn … slag ihn!«

Der Säugling, der von dem lieben Vetter aus dem Bette gestoßen war, wurde von der Mutter emporgerissen, geherzt und am ganzen Körperchen untersucht. Er war unverletzt.

»Höre, Karl!« rief die erboste Monika, »der Bengel müßte Schläge haben … das kann ein Kraut werden.«

Karl brummte entschuldigend: »Er ist ja noch ein unvernünftiges Kind«, und setzte hinzu: »Der will schon mit den Ellbogen sich Platz machen … ja der …«

Langes Schweigen wurde, und kein Engel ging durchs Zimmer.

Zuletzt brach Frau Junker die Stille:]
»Wann macht ihr euren Umzug?«

»Wir sind schon beim Packen.«

Sie drückte schwer an den Worten: »Karl … und du wirst … dem dänischen König den Eid leisten?«

»Ich hab' ihn bereits geleistet.«

»Du hast schon geschworen? Karl, das hätt' ich nicht getan.«

Der Bruder vergaß die Selbstbeherrschung. »Ja, du bist die Tochter unsres Vaters, der es im Leben zu nichts gebracht hat.«

»Unser Vater war ein guter Mensch und ein guter Deutscher … Gott hab' ihn selig!«

»Ja, aber ein Idealist und Phantast … müssen wir nicht alle noch darunter leiden?«

Scharf sah die Schwester dem Bruder in die Augen: »Was würde der Vater dazu sagen, wenn er sähe, daß du dem Dänen den Treueid geleistet?«

Ein peinliches Schweigen entstand.

Nachdem die weitere Tauffeier ohne Trübung verlaufen, kehrten die Taruper Verwandten heim. Aber der Hardesvogt erwog die Eidespredigt, die seine Schwester ihm gehalten hatte. – – –

Die Sonne des Montagmorgens zerschmolz den Rauhreif, der wie ein Korallenschmuck auf Buchsbaum, Astern und Epheukränzen lag. Hans Totengräber, bis zu den Knien in der Grube stehend, ließ den Spaten ruhen und schaute um sich. »Sehr schön … wie ein Geschmeide glitzert der ganze Kirchhof.« Er hatte Augen für die Schönheit des Tages; aber seine Gedanken fielen von ihrem poetischen Geflatter in die sanddürre Prosa. »Torf hätten wir genug, doch mit dem Holz wird es hapern, wenn der Winter bös wird und beißt.«

Er spatete weiter. Pastor Hartwig, der seinen Morgenspaziergang machen wollte, bog durch die Seitengänge mit geräuschlosem Schritt und tupfte plötzlich den Totengräber auf die Schulter. »Was ich sagen wollte, Hans …«

»Herr Pastor!« Die Mütze flog vom Kopfe.

»Ich habe Jens Dragoner in Taglohn genommen … Ihr Dienstverhältnis soll heute mit dem Wochenanfang aufhören … adieu … vergessen Sie nicht, die Frau zu grüßen!« Die spitze Nase zog sich kraus und schien zu kichern.

Hans stand eine Zeitlang starr mit der Mütze in der Hand und rannte dann, ohne den Rock anzuziehen, bestürzt nach Hause.

Die Beine schlotterten unter ihm, und er focht mit den Armen. »Mutter … Mutter … wir sind brotlos … das hast du mit deinem Eigensinn angerichtet … was nun, was nun?« Sein ganzer Körper krümmte sich.

Aber sie zog trotzig die Brauen zusammen. »Mein Sohn soll nicht Frederik heißen … du kannst auch bei den Bauern Arbeit finden.«

Hans hüpfte und hob die gespreizten Hände: »Bei den Bauern! Sieh meine Knöchel an! Sind die für harte Sklavenarbeit geschaffen? Mona! Bei dem Pastor hatte ich es so gut, so gut. Und er hat schon Jens Dragoner in seinen Dienst genommen.«

»Den Taugenichts, der zehn Jahre lang für reiche Bauernsöhne stellvertretend Soldat gespielt hat? Der wird nicht lange im Pastorat bleiben.«

Das war ein kleines Licht in dicker Finsternis. »Nein, er wird ihnen den Roggen von der Tenne stehlen … aber das gönne ich dem Großmogul von Arup.« Junker stützte den spekulierenden Kopf. »Mutter, wenn ich der Pastorin ein gutes Wort gäbe … ob das nicht eine Hintertür wäre, durch die ich wieder in den Pfarrhof käme.«

»Ich liebe nicht die Hintertüren, aber meinetwegen kannst du es versuchen.« –

Hans stand in der Pastoratsküche und umschwänzelte die behäbige Frau Hartwig. »Für uns sieht es schrecklich aus … wir haben das blinde Mädchen und den kleinen Wurm … und der Winter steht vor der Tür … Frau Pastrin, legen Sie ein Wort für mich ein!«

Die Pastorin machte drinnen die Präliminarien und winkte dem draußen Harrenden.

Hartwig saß in der bläulichen Weihrauchwolke des billigen Pastorentabaks. »So … Sie wollen im Dienst bleiben? Zuvörderst muß ich wissen, wer an der Ungehörigkeit die Schuld trägt.«

Junker machte ein dummes Gesicht. »Dem kleinen Adam Amatus Frederik kann es nicht angerechnet werden.« Er betonte das Frederik.

Aber der Pastor donnerte. »Nein, der Vater, der Herr des Hauses sein soll, trägt die volle Verantwortung.«

Hans duckte sich. »Ich bin an dem Unglück nicht schuld, Herr Pastor … könnte der arme Junge, der Frederik, nicht umgetauft werden?«

»Blödsinn! Wir sind keine Baptisten … wer trägt die Schuld?«

»Wenn ich nicht unschuldig bin, mag Gott mich verd–… Gott vergebe mir, daß ich beinahe geflucht hätte!«

Der Pastor verzog die schmalen Lippen, »Warum frage ich? Die gnädige Madame Junker hat befohlen, und Hans mußte gehorchen … Ihre Frau führt das Regiment, wie die Leute sagen … aber die Bibel sagt: Der Mann soll des Weibes Haupt sein!«

»Das kann die Bibel leicht sagen …« Hans drehte die Mütze und verschluckte den Rest.

Der Seelsorger von Arup vermahnte: »Fernerhin müssen Sie zeigen, daß Sie der Mann sind … wenn Sie das versprechen, will ich ein Einsehen haben, und Sie bleiben im Dienst … aber der Winterlohn ist zwanzig Schilling täglich und die Kost.«

Das war ein böses Aber. Darum kam der Totengräber ärgerlich heim. »Ich bleibe, aber auf Kost und zwanzig Schilling Taglohn.«

Monika erschrak heftig. »Außer dem Hause auf Kost ist nicht gut für das Haus.«

»Kann ich gegen den Großschnauzigen den Mund auftun? Wenn du es ummachen willst, mußt du die Hosen anziehen und zum Pastor laufen.«

Die feinfühlende Frau sah ihn an und schwieg. Etwas beschämt machte er sich davon und an die Kirchhofsarbeit.

Die blinde Friedline, die ein unendlich zartes Gefühl für jede Seelenstimmung der Mutter hatte, schmiegte den Kopf in ihre Röcke. »Bist du nun nicht froh?«

»Ja, mein Kind, ich hoffe, alles ist gut.«

»Und hast du mich lieb, Mütterchen, oder den kleinen Bruder noch mehr?«

Monika herzte das Mädchen. »Friedlinchen, kann ich nicht beide lieben, und hast du nicht mich und den kleinen Adam Amatus gleich lieb?«

»Ja, aber dich noch mehr, Mutter.«

Friedline, die zuweilen von Eifersucht angewandelt wurde, saß stundenlang treulich an der Wiege und wachte über dem Schlaf des Brüderchens. Bei der leisesten Bewegung setzte sie sogleich das schaukelnde Schifflein in Gang. – –

Schon im November lag tiefer Schnee. Die Krähen kamen aus dem Walde und kratzten auf der Dungstätte mit den Hühnern um die Wette. Hungrige Häslein stahlen sich zur Nachtzeit in den Totengräbergarten und fraßen den grünen Kohl. Hans stellte eine Schlinge in die Hecke und versprach seiner Frau einen Sonntagsbraten; aber Monika nahm stillschweigend die Schlinge weg, weil der Hasenfang verboten war und die zappelnden Tiere ihr leid taten.

Der Totengräber schwang im Takt den Dreschflegel vom Morgen- bis zum Abenddunkel. Freilich, wenn das ausgedroschene Stroh in Bündel gebunden wurde, ließ er sich gute Zeit. Auch die Mittagspause in der Pastoratküche wurde nicht zu kurz gemacht. Unter dem Krummstab ist gut essen und trinken. Bei der kräftigen Kost gedieh sein Wohlbehagen und Wohlbefinden.

[Später entfallen: Als am Nachmittage die Schläge des Dreschflegels klangen, kam der Pastor zum Kontrollieren, rupfte hier und da eine Ähre aus dem gedroschenen Roggen und zerrieb sie in der Handfläche. Ja, das sei fein gedroschen, meinte er kurz.]

Der Drescher [später entfallen: aber] warf den gefräßigen Spatzen, die vor der offenen Tenne schrieen und zankten, zwei Handvoll Korn hinaus. Er war gutmütig, besonders wenn es nicht aus seiner eignen Tasche ging.
Abends lächelte ihm der Sohn entgegen, und er hob seinen Adam Amatus hoch über den Kopf empor und ließ ihn in der Luft auf- und niederschweben zum Gaudium des Kindleins, das nach jeder Auf- und Niederfahrt eine förmliche Lachsalve von sich gab.

»Mutter, wie drall und schwer der Bursche geworden ist!«

»Ja, er ist Gott sei Dank ein gedeihliches Kind.« Sie betrachtete den hellblonden Haarschopf und die Augen, die so blank und verständig um sich schauten.

»Aber, Mutter, mir dünkt, du wirst mager.«

»Ja, ich fühle mich schwach … Hans, hast du nie bedacht, daß ich zwei ernähren muß?« Scheu und vorwurfsvoll sah sie ihren Mann an.

»Gibt nicht die Braune im Stalle noch viel Milch?«

»Ja, Milch und Grütze und Speck, Speck und Grütze haben wir alle Tage … ich kann nicht mehr dagegen an … hast du nie bedacht, daß wir … daß die Kinder auch mal frisches Fleisch haben müssen?«

Hans spreizte die Finger. »Oh, o, wo soll es herkommen? Wir müssen sparen, sparen.« In ärgerlicher Laune hob er Ernas Schuhe, die am Ofen standen, empor und untersuchte sie. »Du glitscherst wohl auf dem Eise … wenn ich das einmal sehen, bekommst du Holzschuhe an die unnützen Füße.«

Erna, welche halblaut Gesangverse auswendig lernte, duckte den Kopf ins Buch und murmelte: »Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich.« –

Am Samstagabend war der Wochenlohn ausgezahlt worden, und der Totengräber, der nach alter Gewohnheit einen Trunk in der Schenke sich gönnte, bestellte in witziger Laune: »Einen kleinen Kaffeepunsch … aber einen möglichst großen!«

Im Wirtshause war öffentliche Versteigerung. Der Bauer Töge hatte drei alte, ausrangierte Kühe schlachten lassen, deren Viertel er verauktionieren ließ. Gleich vielen anderen Leuten, konnte Hans bei einer Auktion das Bieten nicht lassen und rief wagemutig: »Und einen halben!«

»Sechs und einen halben Reichsbanktaler zum zweiten … zum dritten!« Ein Hammerschlag dröhnte.

Als der kecke Bieter mit seiner schweren Bürde von hinten in die Küche trat, schlug Monika die Hände zusammen; aber er zwang sich zu einer heiteren Miene. »Ja, nun hast du frisches Fleisch und kannst braten.«

Sie war nicht froh über den Sonntagsbraten. »Aber, Hans, das bleibt nur ein paar Tage frisch und muß gepökelt und geräuchert werden … wie konntest du so unbedachtsam kaufen?«

»Ob ich es noch so gut meine, mache ich es dennoch dumm.« Gekränkt setzte er sich an den Ofen, und sein Knäblein erheiterte ihn. – – –

Hart und lang war der Winter, der Armeleutedrücker, und währte von November bis April.

Hart und lang währte auch das zähe Kuhfleischviertel. Frau und Kinder aßen sich daran über und konnten es kaum herunterzwingen. Darum kam das Wechselgericht von Grütze und Speck, von Speck und Grütze wieder zu Ehren und wurde die Sonntagsspeise.

Dritter Abschnitt: Die blinde Friedline.

Die schmucke Schneewehe hinter der Kirchhofshecke war vom draufgewehten Staube ein kläglicher Schmutzstreifen geworden, aus dem das Wasser in kleinen Rinnsalen sickerte.

[Später entfallen: Der philosophische Totengräber von Arup zeigte darauf hin: »Alles auf Erden wird zu Erde, sogar der Schnee.«]

Mit seiner Frau und Erna, die am Palmsonntage eingesegnet worden war, ging er zur Osterpredigt.

In einem der hintersten Stühle saß Monika, vornüber gebeugt und nicht sehr aufmerksam, denn die Naturpredigten gaben ihr nicht viel. Aber im Herzen hielt sie ihren eignen Gottesdienst. Für ein Kleines und für ein Großes hatte sie zu danken. Die sparende Frau hatte es ermöglicht, den Kindern einen Festkuchen zu backen – das war die kleine, aber vielleicht unmittelbarste Freude.

Und die große war gestern völlig überraschend gekommen. Zwei deutsche Hofbesitzer der Gemeinde hatten bei ihr vorgefragt, ob sie nicht ihren Kindern, drei Knaben und zwei Mädchen, den Fibelunterricht erteilen und das Lesen beibringen wolle. Welch ein Ostergeschenk war das! Zwölf bare Taler konnte sie vierteljährlich verdienen und für den Haushalt und etwas bessere Kleidung der Kinder verwenden.

Die Lenzauferstehung der Natur war mit dem üblichen Pathos von der Kanzel verkündet worden. Monika fragte auf dem Heimwege lächelnd ihren Mann: »Hast du während der Predigt gut zugehört?«

»Pah! Das habe ich viel eher gewußt als er, daß die Weiden Kätzchen haben … so eine Predigt könnte ich auch machen.«

Zur Linken war das Kinderviertel mit schmalen, kurzen Grabhügeln, über welche Frauen, zum Teil noch schwarz gekleidet, sich beugten.

Monika nickte: »Wie müssen wir danken, daß wir alle unsre Kinder behalten haben.«

Hans machte gedehnt: »Ja–a … aber die arme, blinde Friedline … das ist ein Kreuz.«

»Was sagst du? Das liebe, gute Kind …«

»Ja … ich weiß nicht, was einmal aus Friedline werden soll.«

»Das weiß der Herr, der wie eine Mutter seine ärmsten Kinder am liebsten hat … und sie ist treu … ruhig habe ich den Kleinen in ihrer Obhut gelassen.«

Adam Amatus lachte aus vollem Halse, daß die Mutter draußen stehen blieb, gleich wie eine, der den Schlägen einer Drossel lauscht.

Auf der sandbestreuten Stubendiele lagen zwei platt auf dem Bauche, und Friedline hielt eine reich vergoldete Tasse als Lockvogel weit von sich. »Komm, Liebi, und nimm die schöne Tasse!« Adam lag ihr gegenüber, auf die eine Hand gestützt und die andre gierig nach dem Geblinke ausgestreckt. Aber dennoch – weil er die Dimensionen des Raums noch nicht erfaßt hatte – kroch er beharrlich wie ein Krebs rückwärts. Die blinde Lehrmeisterin wollte ihm das Vorwärtskriechen beibringen.

»Himmel und Herrgott! Sie hat die Herzogstasse aus dem Eckschrank genommen«, schrie Hans und setzte mit einem langen Schritt über seinen Sohn hinweg, ihr das Prunkstück entreißend. Die Tasse, aus welcher der Herzog von Schleswig-Holstein-Augustenburg einmal bei einer Durchreise auf dem nahen Gute getrunken hatte, war durch Schenkung in Monikas Besitz gekommen.

Der Kleine macht Miene zum Greinen und große Augen – dann einen plötzlichen Ruck – und der runde, dralle Körper schnellte vorwärts. Vor Schreck oder Ärger hatte Adam die Vorwärtsbewegung gelernt. Von nun an kroch er durch Stube und Küche, und kein Ding, das er mit den Händen erreichen konnte, war vor seiner Habsucht sicher.

Aber Friedline überwachte mit ihrem Ohr den Unternehmungslustigen, damit er vor Sach- und Leibesbeschädigung bewahrt bleibe, und wußte immer, was er trieb oder treiben wollte.

Am zweiten Feiertage war Knochengilde, wie sie es nannten, d.h. das Gerippe des Osterhuhns wurde abgenagt.

Hans fand keine Faser mehr und umfaßte väterlich Ernas Kinn. »Ja, das hat geschmeckt … aber ich weiß einen Tisch, wo du täglich noch besseres Herrenessen bekommst … Der Hofbesitzer Falkenberg sprach heute mit mir … alle Tage nichts tun als spazieren gehen und spielen, mit einem kleinen, süßen Kinde spielen … gelt, das möchtest du, Erna?«

»Ja, Vater.«

»Obendrein kriegst du noch zwölf Taler jährlich … das möchtest du?«

»Ja.«

Er strich ihr das Kinn und schmunzelte väterlich. »Du bist eine verständige Tochter …«

»Und du ein sehr unverständiger Vater«, sagte die Mutter ruhig.

»W–a–as?« Er hüpfte im Stuhle.

»Fängt Erna auf dem Hofe als Kinderhüterin an, kommt sie nie wieder aus der Dienstmädchensphäre heraus. Sie soll in einem guten Hause etwas Tüchtiges lernen und zur Familie gehören.«

»Und wer wird sie kleiden? Ich frage nur bescheiden.«

Hans ging hinaus und brummte. »Immer hoch hinaus! sagte der lange Peter Töffel – da rannte er mit dem Kopf gegen den Deckbalken seiner Hütte.«

Am Nachmittage hielt eine Kalesche, von der neugierigen Dorfjugend umringt, vor dem Totengräberhäuschen. Großmutter Lina war zu einem kurzen Besuch gekommen.

»Warum hast du Karl [später entfallen: und die Kinder] nicht mitgebracht?«

»Für den ganzen Tag beim Bürgermeister in Norderhafen eingeladen … wir haben schon einen grossen Verkehr, natürlich mit den ersten Familien der Stadt.« Die alte Frau rückte die mit teuren Spitzen besetzte Tüllhaube zurecht. »Monika, wie schön, daß du die kleine Schule bekommst … nun habt ihr es nicht mehr so knapp.«

Hans machte ein liebliches Gesicht und legte die Ohren zurück. »Nein, wir schwelgen und schlemmen wie der Amtmann in Norderhafen und haben auch ein Fräulein im Hause.«

Monika aber trat ihren Mann recht verständlich auf den Fuß [später entfallen: und sagte zum Ablenken: »Rasmus ist schläfrig.«

Der Bursche, der sich mit Kuchen vollgestopft und das letzte Stück zerkrümelt hatte, blinzelte mit dösigen Augen.

Berg nahm ihn in die zärtlichen Vaterarme. »Er ist müde vom vielen Fahren …«

»Und Essen«, schmunzelte Hans.

»Wir wollen ihn ins Bett legen, darin schon mein Adam schläft … dann schließen die beiden Vettern Freundschaft mit einander.« Frau Monika schlug das Pfühl zurück.

Am Kaffeetische]

»Ja«, sagte Frau Berg, »Erna ist jetzt konfirmiert … habt ihr schon eine passende Stellung?«

»Nein, nur eine höchst unpassende … aber weißt du nicht einen guten Platz, wo sie Fräulein spielen kann, möglichst viel Lohn bekommt und möglichst wenig zu tun hat« meinte Hans und legte die Ohren noch weiter zurück.

Frau Junker sah ihn streng an. »Unsinn! Erna soll tüchtig arbeiten und keinen Lohn im ersten Jahr haben … Mutter, könntest du sie nicht in der Stadt unterbringen?«

Die Großmutter wiegte wichtig das Haupt. »Vielleicht … vielleicht könnten wir sie nehmen … wir haben zwei Dienstmädchen … und das eine, das tagsüber innerlich schläft und nur abends munter wird, wenn es bei den Soldaten auf der Straße stehen kann, muß entlassen werden.«

»Das ist nichts!« Hans knipste mit den Fingern. »Erna soll nicht in die Dienstmädchen-Atmungsswere, wie Mona sich ausdrückt, hinein.«

»Sie würde doch zu uns gehören und am Tische essen …«

»Ja, so … nimmst du sie gleich in der Kalesche mit?« fragte Junker hastig.

»Nein, vor November kann Erna nicht antreten … so lange müßt ihr sie behalten … aber was die da? Die müßte doch endlich einmal aus dem Hause und in die Anstalt … das arme Ding!« Der Großmutter Blick zeigte auf Friedline.

Aber die Mutter flüsterte erregt und leise: »Still … sie hört und versteht alles.«

Die Blinde hielt auf dem Schoße das Brüderchen, das den Schuh ausgezogen hatte und in den Mund steckte, und horchte dem Gespräch, das zu andern Dingen übersprang. Durch ihr Köpfchen schossen dunkle, erschreckende Fragen und Folgerungen: In die Anstalt? Was ist das? Und von der Mutter weg? Ihre kleine Seele zitterte. –

In der großen Bettstatt schlief Friedlinchens »Liebi«. Sie trat mit ihrem tastenden, geräuschlosen Schritt aus dem Hause und hockte sich unter den Fliederstrauch, wohin die warmen Sonnenstrahlen fielen. Vergrübelt war das Kinderantlitz, und die Augen blickten in die Sonne.

Hinter der Hecke führte ein Fußsteig vorbei und übers Feld. Auf dem Richtwege kam die Großmutter, die Bekannte im Dorfe besucht hatte, mit der Mutter. So laut und lebhaft sprachen die Frauen, daß das Kind nicht zu horchen brauchte.

»Das Kirchspiel muß das Kostgeld in der Blindenanstalt bezahlen.« Das war der Großmutter Stimme.

»Ach, für Friedlinchen wird Gott uns immer ein Stück Brot geben.«

»Aber soll sie wie die Wilden aufwachsen und nichts lernen? Bedenke das, Mona!«

»Sie ist so lernleicht … kann einen Vers, wenn man ihr ihn dreimal vorsagt, auswendig … ich kann mich noch nicht von dem Kinde trennen.«

»Du mußt es um ihretwillen … und damit ihr besser euer Auskommen habt.«

Keine Silbe des Gesprächs war verloren gegangen. Das Mägdlein hatte alles behalten und suchte den Sinn zu verstehen. Sie sollte von der Mutter fort und in ein fremdes, großes Haus! Aber das blinde Kind, das nachdenklich und tiefsinnig war vor andern seines Alters, ließ keinen grübelnden Kummer sich merken. Nur abends lag es in seinem Bettchen lange wach und dachte viel. – – –

»Freude über Freude!« rief Frau Junker frühmorgens, als ihr Mann, der zuerst aufstand, von draußen an die Fensterscheibe klopfte und meldete: »Die Braune hat ein Kalb bekommen, ein schönes Tier mit weißer Stirnbleß.«

Monika sprang halb bekleidet in den Stall und hockte nieder, um das strotzende Euter zu erleichtern. Während die Braune behaglich den Kopf kehrte und den Ärmel der Melkerin leckte, torkelte das Kälbchen auf den unbeholfenen Beinen und glotzte erstaunt die zweibeinigen Menschenwesen an. Bis zum Rande des Eimers schäumte die Milch.

Erna und Friedline, die in ihrer Dachkammer Ungewöhnliches merkten, standen unvermutet in ihren Hemdlein hinter den Eltern und schrien: »Ein Kalb, ein Kalb!«

Hans strich über den Rücken der Kuh. »Dreimal täglich einen Eimer voll macht sieben Kannen … und das gibt mindestens acht Pfund Butter die Woche … wenn wir nur zwanzig Schilling fürs Pfund setzen … Erna, nun zeige, daß du rechnen kannst! Wie viel macht das die Woche?«

Sie preßte das Hemdchen um den frierenden Leib und murmelte eifrig. »Vater, ich hab's … zehn Reichsbankmark!«

Der Vater, erfreut über das Rechenresultat, knipste mit den Fingern und redete die Kuh an: »Zehn Reichsbankmark! Wenn du auf das frische Maigras kommst, gibst du noch mehr in den Eimer … Liebe Mutter, nun können wir einmal recht sparen.«

»Ach, überall fehlt's, und viel muß angeschafft werden«, antwortete Monika und wandte sich an Erna: »Hol' die Zinnschale!«

Hans aber brummte leise das Sprichwort: »Der Hamster, der im Sommer nicht sammelt, muß im Winter schmachten.« –

[Später entfallen: Tüchtig saugte das Kälbchen an den hingehaltenen Fingern, steckte aber beharrlich und töricht die Schnauze aufrecht in die leere Luft, statt in die volle Milchschale hinein. Nachdem viel Milch verschüttet, und nach vielen geduldigen Versuchen erlernte es endlich die schwere Kunst des Trinkens und wurde sogleich zum rechten Söffel, der sein Maß nicht kennt.

Hans Totengräber war zur Arbeit im Pfarrhofe gegangen. Während er des Pastors Kühe fütterte, dachte er stolz, daß er auch seine zwei Haupt Rindvieh im Stalle stehen habe. –

Gegen neun Uhr vormittags wurde die Kleinkinderschule im Totengräberhäuschen eröffnet, ohne Eröffnungsfeier und ohne Ansprache des Pastors. Aber Monika sagte ein freies und herzliches Gebet, in dem sie dasselbe für sich und die Kleinen, nämlich Gottes Segen und willigen Gehorsam, erflehte. Weil sie eine demütige Lehrerin war, gelang ihr die ungelernte Kunst recht wohl.

Drei Knaben und zwei Mädchen saßen in recht zweifelhafter Erwartung der Dinge um den Tisch herum. Mit dem ABC der Fibel, dem Ur- und Anfangsgrunde aller Wissenschaft, wurde begonnen.

Friedline hörte aufmerksam im Winkel zu und wollte mitlernen. Der unruhige Adam Amatus aber kroch über die Diele hin und her und lallte vergnüglich: »A–a–a!«

Von ihm erlernten die Schüler das A und konnten am Schluß der Stunde vier Buchstaben unterscheiden. Dann nahmen sie die Griffel in die tapsigen Finger, um auf der Tafel gerade Striche zu malen, die aber auf ein Haar dem Zick-zackwege zwischen Arup und Tarup ähnelten.

Täglich ging der Unterricht vorwärts, weil Monika treu und nicht ungeschickt war. Nach jeder Stunde hatten die Kleinen, um nicht zu ermüden, eine lange Spielpause und tollten sich vor dem Hause.

Plötzlich eines Morgens wurden die tobenden Kinder mäuschenstill. Der Küster und Schulmeister von Arup, der eine Leiche auszusingen hatte und vorbeikam, hatte grimmig die Augen und die Hakennase auf sie gerichtet. Vor seiner furchterregenden Nase krochen sie dicht an der Hecke zusammen.

Steil, gerade und gallig ging er weiter und dachte: Allen Menschen, dem Nähr- und Lehrstand, Hinz und Kunz, ja sogar Königen und Dichtern von und ohne Gottes Gnaden, muß die leidige Konkurrenz das Leben verleiden.

Bisher war der Aruper Schulmeister völlig konkurrenzlos gewesen – und nun die neue, infame Schule!

Nach der Leichenpredigt stand der überlange Küster in der Sakristei vor dem schmächtigen Pastor, wie eine vornübergewehte Bohnenstange. »Ew Wohlehrwürden, jetzt hätten wir im dänischen Dorfe Arup eine deutsche, eine deutsche Schule … wollen Ew. Wohlehrwürden das dulden?«

Hartwig zuckte die Achseln. »Nach unserm freien dänischen Grundgesetz können Privatschulen nicht verboten werden.«

Über die Hakennase hinweg glitt ein lauernder Blick. »Ist nicht Hans Totengräber dänischer Kirchenbeamter … und seine Frau erfrecht sich …«

»Ja, die Junker ist eine hochmütige Person, aber er ein bescheidener Mensch … Ich kann ihr die Schule nicht schließen …« Im Weggehen summte der Pastor »
Aber vielleicht den Brotkorb etwas höher hängen.«

Vor dem Totengräber, der das Grab zuschaufelte, blieb der Küster stehen und krähte: »Ha, ha! Viel zu harte Arbeit, Hans! Wollen Sie nicht lieber Schule halten und die Kleinen die Schönschrift lehren?«

»Nein«, gab jener lachend zurück, »ich kann am besten mit der Dreizinkigen schreiben.« Hinter dem Küster aber murmelte er eine leise Verwünschung: »Wenn die Preußen einmal kommen, sollen sie dich zuerst holen, du langes Laster.« –

Der April war ein wirklicher, warmer Frühlingsmonat gewesen. Am letzten Tage desselben schirrte Hans die Pferde ab und ließ sie mit einem freundlichen Klaps in den Stall laufen. Beinahe hätte der Schimmel den Pastor umgerannt, der vor der Krippe stand und den Häckselhafer untersuchte.

Von dem Kopfe, der in der Stalltür auftauchte, flog die Mütze, und Hans wollte seinen Brotherrn in gute Laune bringen. »Morgen ist Maitag, Herr Pastor, und morgen müssen die Kühe heraus … der Klee ist so lang, daß eine Gans sich darin verstecken kann.«

Hartwig hörte die Botschaft und antwortete eifrig: »Ja, meine Kühe können ausgetrieben werden … aber Ihre Kuh kann ich diesen Sommer nicht gräsen.«

»Wa–a–as? Herr Pastor … um Gottes Willen…« Hans, dem die Mütze in die Streu fiel, war dem Weinen oder einer Ohnmacht nahe.

»Ich will die zwei frisch kalbenden Färsen zusetzen und habe knapp Futter für mein eignes Vieh.«

»Herr Pastor, das kann nicht Ihr Ernst sein … ziehen Sie mir einen oder zwei Taler mehr vom Sommerlohn ab!«

»Nein, gräst die Kuh anderswo, aber nicht auf meinem Klee!«

»Kein Bauer nimmt sie auf die Weide … o, Herr Pastor!« Hans bog und krümmte den Körper. »Keine Kuh … das bedeutet für uns die bitterste Not.«

Herr Hartwig kehrte sich kurz auf den Hacken und warf die Worte hinter sich: »Was lamentieren Sie? Ihre Frau kann ja mit Schulehalten leicht die ganze Familie ernähren …die großen deutschen Hofbesitzer haben einen großen Geldbeutel.«

Der Totengräber, dem die Beine schlotterten, lief zum Kirchspielvogt – und wurde barsch abgefertigt. »Laut Gemeindebeschluß dürfen nur Schafe, aber nicht Kühe auf den Wegen gegräst werden, weil sie die Gräben und Knicks ruinieren.«

Aufgeregt riß Hans die Tür seiner Wohnung auf und sank in einen Stuhl.

»Ach Gott, mein lieber Mann, bist du krank geworden, und merkst du das Wechselfieber wieder?«

Er lispelte mit matter Stimme: »Mutter … wir sind verloren … der Pastor will die Kuh nicht mehr gräsen.«

Monika fing an zu weinen. Auch sie hatte der unerwartete und schwere Schlag tief getroffen. »Daß ich die kleine Schule habe, ist ihm ein Dorn im Auge … und das des Dänen kleinliche Rache.«

Der verzweifelte Hans sprang empor, und die erloschene Stimme polterte jetzt laut: »Mona, du bist daran schuld, du! Warum liefest du hin und ließest den kleinen Adam umtaufen? Aus purem Eigensinn! Das hat der Pastor nun bezahlt.«

Sie kniff die Lippen zusammen. »Ich mußte nach meinem Gewissen handeln.«

Hans riß sich im Haar: »Nun müssen wir alle Hunger leiden.«

Weinend klammerte sich Friedline an die Röcke der Mutter. Die große Erna steckte fassungslos den Finger in den Mund. Der kleine Adam erwachte und schrie aus Leibeskräften.

Zur Nacht lag Friedline oben in ihrem Bette und betete: »Lieber Gott, wenn du auch das Kälbchen nimmst, laß uns die Braune behalten!«

Ihr opferwilliges Gebet wurde nicht erhört.

Wehe Trauer war im Totengräberhäuschen eingekehrt. Die eine Kuh im Stalle, die Milch und Butter und Bargeld gab, war der armen Familie Reichtum und Schatz, Freude und Stolz gewesen.

Am Morgen ging Hans in Ärger und Überstürzung hin und verkaufte die Braune mitsamt dem Kalbe an den Bauer Töge, allerdings für einen hohen Preis, was ihn ein klein wenig in seinem Herzeleid tröstete.

Als der Knecht sie holte und die Kuh den kleinen, klugen Kopf gegen das Fenster erhob und laut brüllte, schrie Friedline auf und schlug hin zu den Füßen der Mutter, die brennende Tränen vergoß.

»Muß Gott nicht hören, wenn wir beten?« fragte das Kind.

Wortlos waren alle im Hause, sogar die Nachbarin Malehn war verkümmert, denn sie hatte manchen Tropfen Milch abbekommen.

Nur Adam Amatus lachte und lallte: »Pah, pah!« als wenn er alle Not der Welt verachte.

Auch Hans Totengräber brachte es am Abend zu einem halben Schmunzeln, nämlich, als er die großen Speziestaler in langer Reihe auf den Tisch legte und viermal zählte. –

Die langschäftigen Stiefel waren mit Tran geschmiert worden. In denselben marschierte Hans nach Norderhafen und kehrte bei dem neuen Hardesvogt ein. Zehn Taler, die der Schwager vor zwei Jahren ihnen als Hypothek auf die Kuh geliehen hatte, wurden hingezählt. Junkers Augen standen starr darauf gerichtet. Ob er sie wohl nehmen wird? Schnell und ruhig strich Berg die Summe in die Tasche.

Hans ging danach auf den Markt und kaufte für den Rest zwei Schafe, die in Wolle waren und je zwei Lämmer hatten.

Mit der Herde zog er heimwärts. Weil er vor der Marktfahrt seiner Frau versprochen hatte, in kein Wirtshaus einzukehren, hielt er Wort. Da aber der Maientag warm war und der Durst sich einstellte, ging er in die Gehöfte an der Landstraße und machte ein pfiffig freundliches Gesicht. »Guten Tag, wenn Ihr einen Tropfen Wasser oder irgend etwas Feuchtes hättet …«

Bewahre, trockenes Wasser geben die gastfreien Leute dieser Grenzgegend nicht. In seinen Holzschuhen klapperte der Bauer über die Diele und holte aus dem Wandschrank die durchsichtige Flasche mit der klaren Flüssigkeit und dazu ein Glas trübes Dünnbier.

Zum Danke erzählte der Aruper vom Markte und den Marktpreisen. Diese Unterhaltungen wiederholten sich, und die Heimreise nahm Zeit.

Das Abendgeläut in Arup war verklungen. Auf dem Kirchhofshügel stand Monika mit allen Kindern und strengte die Augen an und sah über das Dorf und den Landweg hinweg, der zwischen grünen Knicks wie ein lehmgrauer Fluß sich schlängelte. »Wo bleibt er doch?«

Erst als das Öllämpchen lange gebrannt hatte, klang ein mehrstimmiges Blöken vor dem Hause.

»Was meinst du nun, Mona? Eine ganze Schäferei!« Hans war aufgeräumt und hungrig.

Die weißen Lämmer schmälten müde. Wohl klang das Mäh–mäh wie ein traulicher Trost und war doch nicht das kluge, vielsinnige Muh der Bleß-Braunen.

Überall fehlte die Kuh. Täglich trat es deutlicher zutage, daß sie eine Haupternährerin der Familie gewesen. Die gekaufte Magermilch gab dünne Süpplein, auch der Grützbrei, der so weiß und süß gewesen, hatte einen bläulichen Schimmer.

Frau Junker, die das Butterfaß nicht zu sehen vertrug, hatte es auf dem Boden versteckt. Als Hans es eines Tages fand, schrie er: »Himmel, hier vertrocknet's ja, und die Dauben fallen auseinander.« Darum füllte er es am Brunnen mit Wasser und verkaufte es bei nächster Gelegenheit.

Das Abholen des Butterfasses war auch ein Abschied, der Tränen in die Augen preßte.

Monika kratzte auf die dicken Brotschnitten immer dünnere Butter, und Sonntags wurde ein wenig Syrup darüber gepinselt, und die Kinder leckten sich die Finger.

Eines Abends zog Hans den Rock aus und erzählte, daß im Pastorate Gesellschaft gewesen und er vom Herrenessen eine tüchtige Portion bekommen, Fisch und Kapaunenbraten, sogar ein paar Austern, aber das eklige Rotzzeug habe er weggeworfen.

Monika seufzte: »Wir können nicht trockenes Brot essen …«

»Was?« Er tat, als wenn er schwerhörig wäre.

»Wir haben keine Butter mehr, Hans, du mußt mir etwas Geld geben.«

Ja, er gab es ihr, aber sagte: »Schmalz ist die Butter der armen Leute … wir müssen sparen.«

Ach, es wurde gekargt und gespart. Der Hunger wohnte nicht in dem sauberen Häuschen, aber die verschämte Dürftigkeit, die hinter weiß gewaschenen und gestopften Gardinen und in proprer, wenn auch geflickter Kleidung sich verbirgt.

Die Butter des armen Mannes wurde aufs Brot gestrichen, und die Kinder, die sich ihr Sonntagsrecht nicht nehmen lassen wollten, aßen mit Behagen die Schmalz-Syrup-Schnitte.

Adam Amatus verlangte jetzt dreimal täglich nach fester Löffelspeise. Die Atzung des Knäbleins war des Hauses Freude, und die friedsame Friedline stritt sich sogar mit der Schwester, weil auch sie den Löffel führen wollte. In salomonischer Weisheit schlichtete die Mutter den Streit, indem beide einen Löffel bekamen und abwechselnd päppelten.

Lang waren die sonnenhellen Tage. Lang war auch Frau Junkers Arbeitstag und währte siebzehn Stunden. Wenn der Tag die Strahlenwimpern seines Sonnenauges eben aufschlug, ging sie hinaus nach dem grünen Wege und pflöckte die Schafe auf einen frischen Grasfleck. Ein zutunliches Lamm, das sich gerne krauen ließ, folgte ihr oft bis zum Kirchhofshügel.

Dort klomm sie in den Turm hinauf, um das Morgengeläut zu besorgen. Während ihre Hand den Glocken mächtige Töne entlockte, zog ein leises, inniges Morgengebet durch ihre Seele. Sie lobte den Herrn, den treuen Hüter, den Menschenvater, der ihre Kinder schirmte, sie bat nie viel und nur um das tägliche Brot. Nach einem Blick auf die leuchtende Erde, die als ein immer neues Wunder dort unten in Hag und Hecke, in Wald und Wiese lag, stieg sie hinab, und die Glöcknerin wurde zur Lehrerin der deutschen Schule in Arup.

Die Schüler buchstabierten am liebsten im Chor, welches ihnen ein Gaudium [später entfallen: und Genuß] war, weil dabei ein gewisses, einander überbietendes Brüllen erlaubt wurde. Dieweil hütete Friedline den Bruder, den unruhigen Hospitanten, und hatte ihre liebe Not, daß er nicht den Buben unter die baumelnden Beine kroch. Wenn die Schüler mit kleinen, ihrer Körperlänge entsprechenden Zahlen rechneten, plapperte er dreist dazwischen: »Aa–aa–ma–ma–mam–mam.«

Dann machte die Wärterin ihr »Ham, ham«, hob ihn auf und setzte sich draussen im Schatten, ins offene Fenster hineinhorchend. Dort saß das sinnende Kind, das mit den sehlosen Augen nach innen zu schauen und eine eigene Gedankenwelt sich zu bilden schien, während es mit dem Brüderchen spielte.

Wenn das ganze Dorf Arup seinen Mittagsschlaf hielt, mußte Monika hinaus zu den Schafen, die umgetüdert werden wollten. Friedline bat mitzugehen, um einmal Matz – so hieß das Lämmchen – zu streicheln.

Die Mutter schritt langsamer als sonst und hielt das Kind an der Hand, das einen breiten, versonnenen Mund machte.

Schüchtern klang ein Stimmlein. »Mutti, warum nimmst du die fremden Kinder und mich nicht in die Schule … ich möchte gern …«

»Ach, mein Liebling, du kannst ja nicht sehen, was im Buche steht.«

»Ich kann aber doch buchstabieren, noch besser als Friedrich Vogel … willst du hören? K–a–t–kat–z–e–ze–Katze.«

»Was? Du hast die Buchstaben vom Zuhören gelernt?«

Über Friedlines Gesicht ging ein stolzes Lächeln, und sie schnurrte das ganze A-B-C herunter, wie ein Katholik seinen Rosenkranz.

Monika erstaunte. »Das hast du vom Zuhören behalten?«

»Mutter, ich kann noch mehr, auch rechnen … 4 und 5 sind 9 … 10 weniger 8 sind 2 … alles, was die andern können, weiß ich auch.« Monika streichelte ihr kluges Mägdlein, das kühner bat: »Warum darf ich nicht in deine Schule?«

»Die Blinden, die nicht sehen können, haben ihre eigene Schule und ihre eigenen Bücher, woraus sie mit den Fingern lesen.«

»Warum komme ich nicht in die Schule?«

»Die ist weit, weit von hier in der großen Stadt.«

Friedline schwieg und grübelte, die Mutter nickte und hatte traurige Augen.

Endlich zuckte der Kindermund: »Wenn du mich einmal wiederholst, möchte ich wohl in die Blindenschule.«

Die traurigen Mutteraugen wurden feucht. »Ja, ja, es muß sein … bald wirst du neun Jahre alt … es muß sein … aber du kommst alle zwei Jahre auf vier Wochen nach Hause, mein liebes, gutes, herziges Friedlinchen! Möchtest du fort?«

»Ja, ich will lesen und rechnen und schreiben, wie die anderen Mädchen … und … für euch …«

Friedline stotterte und schwieg. Aus dem Gespräch der Großmutter wußte sie, daß es für die Eltern leichter würde, wenn ein Esser das Haus verließ.

Abends im Bette hatten die Totengräberleute eine lange Unterredung. Zuletzt polterte Hans: »Du versündigst dich gegen dein leibliches Kind, wenn du es unwissend aufwachsen läßt … wie habe ich es meinem Vater vorgeworfen, daß er mich nichts lernen ließ … hätt' ich nicht um des Verstandes willen so gut wie dein Bruder Hardesvogt werden können?«

Monika wollte sich nicht versündigen und entschloß sich schweren Herzens dazu, durch ihren Bruder Friedlines Aufnahme in der Blindenanstalt beantragen zu lassen.

In diesen Julitagen hatte es den Anschein, als wenn Adam Amatus Nummer zwei geworden sei, weil die Mutter Friedlinchen so oft auf den Schoß nahm und ans Herz schloß. – – –

Der Tagwagen, ein viereckig unförmlicher Kasten, der auf Federn ruhte, die nicht federn wollten, holperte und stolperte auf der Landstraße, die von Norderhafen südwärts führte. In dem engen Gehäus war stickend heiße Hundstagsluft. Monika achtete nicht auf das Geschwätz der Mitreisenden, sondern saß wie lauschend auf die Gespräche, die ihre eignen Gedanken hielten.

Großmütig und ganz von selbst hatte ihr der Bruder sechs Taler zur Reise gegeben – aber ihre eigne leibliche Mutter! Die hatte sie nicht getröstet, als sie ihren Kampf um das tägliche Brot nicht verschwieg, sondern kalt ihr den Vorwurf gemacht: »Wie der Mensch sich bettet, so wird er liegen – warum hast du einen Bauernknecht geheiratet?« Macht der Wohlstand die Herzen hart?

Da hatte sie die Mutter hart angesehen, und es war ihr entfahren: »Warum? So frägst du? Ich mußte, und nicht um meinetwillen, aus dem Hause.« Wie vom Schlage getroffen, war darauf die Großmutter im Lehnstuhl zusammengesunken. Bitter bereute jetzt Monika die grausame Antwort. Härten auch die Sorgen das Herz?

Am Mittag hörte das Geschüttle und Gerädre auf, im Kruge zu Immervad wurde Rast gehalten. Bescheiden erkundigte sich die blasse Frau, ob sie ein bißchen zu essen bekommen könne. Nein, viel und was Gutes, sie hätten heut einen Hasen! Die Bestellerin erschrak, um die Rechnung besorgt.

Es gab ein Gericht, davon Monika nie gehört, geschweige denn gekostet hatte, nämlich eine Hasensuppe, die kräftig mundete, und dazu das gekochte Häslein, eine rötlich schwammige Masse, an die nur der Hunger sich wagte. Doch auch die Rechnung war bescheiden.

Am Nachmittage saß vorne beim Kutscher ein junger, auf die erste Wanderschaft ausziehender Handwerksgesell und sang und johlte:

»Nun aber raus, raus in die Welt
Auf leicht beschwingter Socke,
Frei von des Meisters Meisterei
Und frei vom Mutterrocke!«

Der Singsang schnitt in die betrübte Seele, und Monika wischte sich mit dem Taschentuch leise über die Augen.

Friedline horchte und flüsterte: »Mutti, warum weinst du? Ich habe dort Essen und Kleider … nun können Adam und Erna meinen Teil bei Tische teilen und mehr bekommen.«

»Mein liebes Kind, wie kommst du darauf?«

»Ich weiß, für mich bezahlt der Kirchspielvogt.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Die Großmutter sagte es zu dir, und auch, daß wir zu arm seien, um so viele Esser im Hause zu behalten.«

Monika preßte Friedline an ihre Brust: »Du liebes, tapferes, treues Kind!«

Der Wunsch des Kindes, in die Blindenanstalt zu kommen, war nicht so sehr Lernbegier als opferfreudige Entsagung gewesen. Die kleine Seele hatte gekämpft und gesiegt, und Friedline lächelte, wie große Menschen, die ihr Selbst überwunden haben.

Von der Stadt F. an sollte die neue Eisenbahn benutzt werden. Die Blinde, die von Menschenlärm und das Prusten der Maschine hörte, schmiegte sich an die Mutter: »Ich fürchte mich.« Auch Frau Junker, die zum erstenmal eine Eisenbahn sah, betrachtete beklommen das rauchspeiende Ungeheuer.

Endlos, entsetzlich rasselten die Räder.

Eine müde, völlig abgespannte Frau schleppte sich und das Kind durch die Straßen der großen Stadt und sank im Sprechzimmer der Blindenanstalt auf einen Stuhl. Ihr Blick irrte unstät und flimmernd, ihre Lippen sprachen mechanisch: »Ja, Friederike Karoline Junker.« Alles, was vorging, vollzog sich im Halbtraume.

Eine schwarzgekleidete Dame sagte: »Mein Kind, küsse deine Mutter!« und führte Friedline bei der Hand hinweg.

Schritte verhallten – eine Tür schlug zu – hinter der zugeschlagenen Tür klang ein Aufschrei, eines Kindes erschütternder Schrei.

Monika wankte durch die Gassen und hörte immer den letzten Wehlaut der vom Mutterherzen Hinweggerissenen.

Auf dem Bahnhofe irrte und eilte sie, um den Zug nicht zu versäumen – ein Beamter riß sie vom Geleise zurück. »Zum Donnerwetter! Sind Sie blind?« Der heiße Atem des fauchenden Ungeheuers streifte ihre Wange.

Der Mann brummte: »Danken Sie Gott, daß ich hier stand!«

Sie vermochte weder zu danken noch zu denken.

Als der Tagwagen rüttelte, erwachte Monika aus der Erstarrung. Und sie hörte Friedlines Schrei. Habe ich mein Kind von mir getan, da mir der ersehnte Sohn geboren wurde, damit für ihn mehr Raum und reichlicher im Hause werde?

Nein, sie hatte es nie auch nur gedacht und peinigte sich dennoch mit Selbstvorwürfen. Warum werden einige bresthaft oder blöde oder blind geboren? Warum muß das Schauerliche, das der schaffenden Vernunft widerspricht, sein, und woher kommt das? Von Gott? Nein, denn er ist Weisheit und Güte. Also vom Menschen! Aber nicht vom unschuldigen Kinde, mithin von Vater und Mutter! Mein Gott, habe ich gesündigt, daß diese blind geboren wurde? Monika suchte in ihrem Leben und fand keine entsetzlich verdammliche Schuld, so harter Strafe würdig. –

Frau Junker kam zu Fuß von Norderhafen und sah ihr Häuschen wieder.

Hans Totengräber sprang in Hemdsärmeln vom Kirchhof und Erna, das Knäblein vor sich herschleifend, aus der Haustür. Sie riefen »Mutter, er geht!« »Der Jung kann laufen!« Jeder von beiden wollte zuerst das große Ereignis verkünden.

Adam Amatus lief zwar nicht, aber stapfte breitspurig, die dicken Arme wie Balanzierstangen vom Leibe haltend, eine kleine Strecke und fiel in die Hände der Mutter, welche wieder lächelte und um ihre Tochter sich trösten lassen wollte.

Adams braune Augen blickten klug in die Welt, in die er nicht mehr als Vierfüßler, sondern als Mensch mit aufrechtem Gange hineintrat. Immer weiter dehnte er seine Ausflüge aus, und das Ententeichlein war ihm der liebste, weil verbotene Ort.

Er hatte zwar viele Wünsche, die er in kurzen Silben ausdrückte, aber er weinte nie ohne Grund, und nur dann, wenn er seinen Willen nicht bekam.

In einer Augustnacht vernahm Monika im Träume Friedrichs Schrei und weckte ihren Mann: »Hans, hörst du nichts?«

»O, Mona, wenn du etwas hörst, dann krieg' ich es mit der Angst und kann nicht schlafen.«

Ihr war unruhig, wie von einer bösen Vorbedeutung. Ihr Mann atmete aber kräftig durch die Nase und schlief weiter.

Der August hatte die Felder abgeerntet, und die Kühe gingen los und genossen der freien Gräsung.

Monika machte sich mittags fertig, um die Schafe zu besorgen. Der Knabe hing an ihren Röcken und rief immerzu: »Mat–mat–mat!« Er meinte Matz, das zahme Lamm, zu dem er mitgenommen werden wollte.

Der beharrliche Bittsteller bekam seinen Willen, und es wurde ein Schneckenmarsch nach dem grünen Wege.

Matz sprang ihnen blökend entgegen und fraß Brot aus der Hand. Als er aber gefressen hatte, machte er einen übermütigen Bocksprung, bog den Kopf und stieß den Burschen um, der auf dem Rücken lag.

Der greinte nicht, sondern krabbelte auf die Beine und streckte vorsichtig die Hand aus, um das flegelhafte Lamm zu begütigen.

Hinter der Hecke gingen an dreißig Kühe, die dem Bauer Töge gehörten, und rupften das Gras. Wie glücklich würde sie sein, wenn sie nur eine einzige Bleßbraune ihr eigen nennen könnte.

Da raschelten die Brombeerranken, die Zweige der Nußsträucher knackten, ein gehörnter Kopf, ein dumpf brüllendes Maul kam zum Vorschein, eine weiße Kuh brach durch den Knick.

Monika riß den Knaben an sich und sprang entsetzt zurück vor den spitzig langen Hörnern. Aber die Kuh folgte ihr, den Schweif hebend und die Stößer senkend.

Die Mutter stellte den Knaben hinter sich, mit ihrem Leibe ihn deckend, und schrie in ihrer Angst nicht nach Menschen, sondern zum Himmel empor: »Gott Vater!«

Ihre Hände streckten zu ohnmächtiger Abwehr sich aus und faßten die Hörner. »Adam, lauf, lauf! Gott Vater!«

Ein knatternder Knall, einer Kugel Gezisch!

Das Tier brach zusammen, wie vom Blitz des Himmels erschlagen.

Aus der Rauchwolke drüben auf dem Stoppelfelde lief ein Mann. »Es mußte gewagt werden und ist gut gegangen, Frau Junker.«

Sie war bei klarem Bewußtsein und dankte dem Hofbesitzer Falkenberg, der, von der Jagd heimkehrend, auf fünfzig Schritt den gewagten, aber sicher gezielten Schuß abgegeben hatte. 

Falkenberg [später entfallen: , der vor einem Jahr das Zeitliche segnete,] rühmte sich bis zu seinem Ende dieses Tellschusses, wenn die deutschen Hofbesitzer von der Hasenjagd kamen und im Wirtshaus ihr Jägerlatein trieben. »Keine halbe Handbreit war zwischen dem Körper der Frau und dem Auge der Bestie, das ich treffen mußte.« Er log nicht, obgleich die Jäger lächelten. 

Monika preßte ihren Adam ans pochende Herz und trug ihn nach Hause. »Du kleiner mutiger Mann hast keine Miene zum Weinen gemacht.«

Sogleich erhob er ein Geheul, um das Versäumte nachzuholen.

»Still, mein Liebi, du bist auch Gottes Liebi und Liebling [später entfallen: , welcher den Jägersmann als seinen Engel sandte].«

Von neuem war ihr der Sohn von Gott gegeben, der ihr nach dieser wunderbaren Errettung ein kleiner Auserwählter des Himmels dünkte. – – – –

Der Herbstwind rannte über die Stoppeln und schlug mit peitschenden Schauern die Rücken der Rinder [später entfallen: , die mit dem Schweifende dem niedersausenden Naß die Stirn boten].
In dem Unwetter mußte Monika zweimal täglich hinaus, um die Schafe umzupflöcken. Von dem modrigen Laube am Walle stieg's wie Leichengeruch der Natur, und das Herbstabsterben betrübte das Auge. Eine Schwermütigkeit befiel die Frau auf ihren einsamen Feldgängen. Was und wozu ist das alles mit seinem Werden und Welken? Und warum die Mühe? Nach dreißig Jahren bin ich tot, und nach achtzig Jahren ist auch mein Adam Amatus nicht mehr.

Auf Augenblicke brach die Sonne durch die Wolken, und die Frau blickte empor. Zwei Regenbogen, in allen Farben leuchtend, überspannten das Himmelsgewölbe. Die waren ihr wie eine Lichtbrücke zwischen dem Endlichen und Ewigen, auf der ihr Geist sich emporschwang zu dem Einen, bei dem kein Wandel noch Wechsel ist. –

An einem Tage liefen die Schafmütter unruhig in ihrem Tüder, denn sie hatten am Morgen zwei von ihren Kindern verloren, die der Fleischer geholt. Matz aber war guter Dinge und sprang der Herrin entgegen, mit dem Kopfe nach der Kleidertasche stoßend, aus welcher sie die Brotbissen holte.

Monika nahm die zusammengeschmolzene Herde mit nach Hause und streichelte gerührt das Lamm, das sich dicht an sie schmiegte. Ach, morgen sollte es geschlachtet werden.

Vom Kirchhofe kam Hans herunter, die fetten Tiere betrachtend, und sie bat ihren Mann, ob Matz nicht am Leben bleiben und als Überjähriger bis zum nächsten Sommer sich bezahlt machen könne.

»Das beste von allen und ein Bocklamm! Mutter, brauch deine Vernunft! – Mutter, sieh! Ist das nicht der Teufelsjunge?«

Ja, das war sein leiblicher Sohn, der heimlich der Schwester entwischt war und jetzt in der tiefsten Wasserpfütze strampelte und juchzte.

Der Vater entriß seinen Sprößling dem schmutzigen Element und meinte: »Mutter, nun muß er die ersten Schläge haben.«

»Ja, gib du sie ihm!«

»Nein, das ist deine Pflicht.«

»Ich denke, der Vater soll sein Kind strafen.«

»Es wirkt besser, wenn du es tust.«

Weil die Gatten sich über die Züchtigungspflicht nicht einigen konnten, unterblieb die Strafe. Und Erna wurde vom Vater angebrummt: »Weil du nicht aufgepaßt hast, hättest du die Prügel verdient.«

Adam war ein frühreifer und frühredseliger [später entfallen: , dessen Plappermund immer verständlicher »pohlte«]. Frühmorgens im Bette streckte er die Arme aus und krähte: »Buder … auf–er–ste–en, auf–er–ste–en.« Weil die Schwester ihn Bruder nannte, legte er sich auch selbst den Namen bei.

Mittags bei Tische lallte er: »Buder Feisch haben!« Er war ein tüchtiger Essen und zum Vegetarianismus nicht veranlagt.

Um Fleischvorrat für den Winter zu haben, sollten die beiden Lämmer ihr Leben lassen. Als der Oktobertag sich erhellte, war im Hofe große Geschäftigkeit. Adam krähte immer lauter: »Auf–er–ste–en!«

Darum nahm Erna den Schreier im Hemde heraus und trug ihn ans Fenster, denn sie wollte sich das blutige Schauspiel des Schlachtens ansehen. In allen Menschen steckt die Lust sich zu gruseln.

Matz, dessen letztes Stündlein schlug, rupfte in Unbewußtsein seines bevorstehenden Endes das Gras am Brunnen. Schon lag sein Stiefbruder geduldig auf der Schlachtbank, und das Messer stach zu.

Adam, der die Nase platt an die Scheibe drückte, blickte zu, neugierig, großäugig, bedenklich, erschrocken, zuletzt fassungslos und das Gesicht verzerrend, als der dicke Blutstrahl aus der Kehle schoß. Dann stieß das Kind einen Schrei aus, der zum Schreikrampf wurde.

Beide Eltern stürzten ins Haus, und Hans riß den Knaben an sich. »Was? Du große, unvernünftige Dirne läßt ihn das ansehen?« Erna erhielt ihren letzten Puff im Vaterhause.

Adam wand sich im Arme des Vaters und brüllte immerzu: »Mat, mat, mat!«

Gerührt nickte die Mutter: »Ach, er bittet für das Lamm, daß es am Leben bleiben soll.«

Hans wurde überrumpelt. »Mein süßer, kleiner Adam, sei nur still … du sollst deinen Willen haben.«

In derselben Sekunde hörten die Schreikrämpfe auf.

Zu dem Schlachter ging der Totengräber hinaus und sagte mit handelsmännischer Miene: »Ich habe mich wegen des Bocklamms anders besonnen … das kann als Überjähriger sich besser bezahlt machen und vielleicht als Zuchtbock verkauft werden.«

Weil Matz am Leben blieb, mußten allerdings die Fleischrationen des Winters eingeschränkt werden.

Zum November trat Erna ihre Stellung im Hause des Onkels an. Am Tage vor ihrer Abreise wollte sie von den Freundinnen des Dorfes Abschied nehmen. Seitdem sie ihr bestes Kleid angezogen, quälte Adam: »Buder mit, mit!« und beobachtete jeden ihrer Schritte.

Während die Mutter im Stuhle nickte, stahl sich Erna hinten aus der Küche. Aber Adam, der aufgepaßt hatte, stolperte ihr nach und warf die kurzen Struvelbeine so überstürzt, daß er im Garten längelang hinschlug. Darum machte sich die Schwester ruhig aus dem Staube. Aber Monika erwachte von dem Schrei und lief in den Garten.

Da lag ihr Liebling völlig regungslos, platt auf Nase und Bauche im Sande – und der Sand war von Blut gerötet.

»Mein Gott!« jammerte die Mutter und warf sich nieder. »Liebi, Liebi, was fehlt dir?« Sie hob ihn empor und fand keine andre Verletzung, als daß die gestoßene Nase blutete. »Liebi, sag doch etwas!«

Der Bursche lag schlaff mit geschlossenen Augen und wisperte ersterbend: »Buder geslachtet!«

Wollte sich der Schelm verstellen? Nein, er wähnte mausetot zu sein, weil ihm noch vom Anblick des geschlachteten Lammes ein Grauen in den Gliedern lag und sein Kindskopf von Blutfließen auf Sterben und Totsein einen logischen Schluß machte.

Vierter Abschnitt: Die ersten Hosen und die ersten Holzschuhe.

Die Strahlenfinger der Frühsonne betupften die Nasenspitze und huschten über die Lider hin, bis diese dem Licht verwundert sich öffneten.

Ein rundes Knäblein erwachte und kletterte von der hohen Bettstatt herunter. Auf den nackten Beinchen über die Diele strampelnd, legte es altklug die Hände auf den Rücken, und der kleine Hahn krähte: »Fadde, aufersteen!«

Hans Totengräber zog seinen letzten Schnarcher und rieb sich die Augen.

»Hallo! Frau Junker! Die Sonne steht schon hoch. Wir müssen uns vor unserm eignen Kinde schämen … jaja, der Jung wird ein Morgenmann wie sein Vater.«

»Das macht der Geburtstag«, sagt Monika und herzte ihren Knaben. »Adamchen, heute sollst du etwas ganz Neues und Schönes haben, wenn du mir sagen kannst, wie alt du bist.«

»Swei Jahre, swei Jahre!« sang er mit Beingestrampel-Begleitung.

Der Frühaufsteher und Frühredner, der die schwersten Laute ein wenig abschliff, beherrschte gewissermaßen zwei Sprachen, denn mit der alten Nachbarin Malehn plapperte er dänisch, mit der Mutter durfte er nur in seiner deutschen Muttersprache sich unterhalten, mit dem Vater aber konnte er es nach Belieben machen und wählte bald aus dem Deutschen, bald aus dem Dänischen die Worte, wo er sie am leichtesten fand, und wie sie seiner Zunge am bequemsten lagen. Die Mutter freilich verbot es dem Sprachvermenger, der redlich bemüht war, eine gemischte Grenzsprache auszubilden.

Adam Amatus erinnerte an die Erfüllung des geschlossenen Abkommens. »Mutti, mein Gejenk!«

Monika öffnete still lächelnd die Kommodenschublade und holte ein funkelneues Kleidungsstück hervor – die ersten Hosen! Das waren dazumal rechte Beinkleider, die nicht nur bis zu den Knieen, sondern über die Knöchel reichten.

Adam war stumm und starr.

»Du sollst die Beine nicht so steif, sondern schlaff und geschmeidig machen.« Hans mußte von unten nachhelfen und zog die Füße durch die langen Kleiderrohre.

Nun stand er da in seinen ersten Hosen, auf einem Fleck, hilflos, als habe er das Gehen verlernt, und alle lachten – nur er nicht.

Die Beine in den engen Beinschienen weit auseinander spreizend, watschelte er ernst und unbeholfen über die Diele.

»Bist du nicht froh, Liebi? Jetzt bist du ein großer Mann.«

»Ja, groser Mann!« Er war der Sache noch nicht ganz froh. Doch die Hosen hatten weite Taschen, in die er die Hände tief hineingrub. Das half.

»Adam ist ein großer Mann und hat lange Hosen an«, reimte die glückselig lachende Mutter.

Bald sang er den Vers nach, und lange vor Mittag hatte er die Kunst gelernt, in den neuen Hosen zu laufen und zu springen, zu klettern und auf den Knieen zu rutschen. Als er mittags eintrat, saßen vorn und hinten Staub- und Schmutzflecke von der Erdarbeit, und die mütterlichen Ermahnungen, wie neue Hosen zu behandeln seien, begannen. 

Während Monika unterrichtete, hielt er sich zum Vater auf dem Friedhofe. Fleißig warf er mit dem kleinen Holzspaten Erde in das Grab zurück, bis der Vater meinte: »Alles hilft – sagte die Mücke und spuckte in die Elbe … Adam, was willst du werden?«

»Totengräber.«

»O, Gott behüte dich vor dem sauren Brot … aber Jung, probier doch mal, ein kleines Grab zu machen!«

Adam mühte sich, daß ihm der Haarschopf schweißfeucht wurde. Sie schafften und schaufelten um die Wette, und der Totengräber stand tief in der Grube.

Das Kindergrab war fertig und ein längliches Vieleck geworden. Der große Totengräber schlug dröhnend mit der Hacke, der kleine ging stillschweigend durch die Gänge und raufte Rosen, Nelken und Levkojen, die er als Blumenstöcke auf sein Grab pflanzte. Dann rief er stolz und freudig: »Fadde, Fadde!« um das Vaterherz zu überraschen.

Die Überraschung war so groß, daß Hans den Namen Gottes unnützlich anrief: »Herrgott! Was hat der Schlingel gemacht! Willst du deinen Vater unglücklich machen? Wenn jetzt der Pastor käme, könnte ich mein Brot verlieren.«

Gewandt aus der Tiefe herausturnend, riß er sämtliche Blumenstöcke mit roher Hand aus und machte auf dem Nachbargrab zwei Spatenstiche. In der Gruft wurden die Blumen still und geschwind beigesetzt.

Adam war etwas duchsig geworden und schien darüber nachzudenken, wie man die Folgen einer unvorsichtigen Handlung am besten verwischt.

[Später entfallen: Die neuen Hosen waren, wie schon gesagt, recht schmutzig, als der kleine Totengräber nach Hause kam.

Das Geburtstagsessen stand auf dem Tisch, rote Grütze mit weißer Milch und dünne Pfannkuchen mit dickem Pflaumenmus. Seitdem zwei Esser das Haus verlassen hatten, war keine verschämte Armut mehr, und die Bauerfrauen hielten sich darüber auf, daß die Madame Junker für ihren Stand zu fein sich kleide und ihren Sohn in Lederschuhen gehen ließ.]

Beim Sonnenuntergang, als Hans das Abendläuten besorgen wollte, hängte sich der Junge an seine Rockschöße und kletterte voraus auf allen Vieren die Turmstiege hinan. Droben war schon düstere Dämmernis, und vom Balken glotzten zwei feurig funkelnde Augen herunter.

Der Knabe wies keck hinauf: »Fadde, ein – spenst!«

»Nein, da ist kein Gespenst, sondern eine Eule.«

Der Vater stieß die Schallöcher auf, durch welche das Abendlicht hineinflutete, und zog am Strange, beide Glocken in Bewegung setzend. Die brausende, bellende Stimme des Erzes unmittelbar über dem Haupte erschreckt unwillkürlich den daran nicht Gewöhnten.

Die riesigen, wie haltlos gewordenen, hin und her baumelnden Eisenhüte hatten etwas Herabstürzendes, Erdrückendes, Entsetzendes. Und Adam der Kühne, der mit den Händen nach dem Gespenst gegriffen hatte, stieß einen furchtbaren Schrei aus: »Fadder, sie fallen!«

Einen Augenblick verstummten die Glocken. Hans trug nämlich seinen Sohn zwei Stufen hinab. »Bleib hier sitzen und sieh dich nicht um! Was ist das mit dir? Ein Jung, der Büxen an hat, darf kein Bangbüx sein.«

Das Wort wurmte tief. Als der Totengräber das Geläut beendigte und die Betschläge machte, stand sein Söhnchen hinter ihm, die Augen stamm und tapfer nach oben gerichtet. »Fadde, Adam ist kein Bangbüx.«

Diese Heldentat war der würdige Abschluß des zweiten Geburtstages. Mit den ersten Hosen hatte sich auch der erste Mannesmut und -ehrgeiz eingestellt. – –

Ein Jahr rann dahin – ähnlich der Königsau in Sommertagen – friedlich flüsternd und des ungestörten Stillaufs und -lebens froh genügsam, ohne daß Glücksfluten plötzlich daherrauschten oder gefährliche Sturzgefälle Unruhe brachten. Monikas fein ausgeprägten Züge waren von einem steten, unmerklichen Mutterlächeln verklärt.

»Hans, sind wir je so glücklich wie jetzt gewesen?« sagte sie oft zu ihrem Manne. Nein, es war ein Glücksjahr in dem Totengräberhause und Hans Junker ein häuslicher Mann, der am Feierabend und den ganzen, lieben, langen Sonntag mit dem Kinde sang und spielte, tummelte und turnte, ritt und raste.

Während des Gottesdienstes, wenn der Pastor seine Wind- und Wetterpredigten hielt und der Vater der Orgel den nötigen Wind gab, hockte Adam hinter der Brüstung der Orgelempore.

Täglich tüderten Mutter und Sohn die Schafe um, und neue Lämmer machten ihre Hopser auf dem grünen Wege. Matz war nicht mehr und hatte nicht als Zuchtbock zur Veredelung des Schafgeschlechts das Seine beigetragen, sondern in Norderhafen, als der Fleischbank Zier, sein Leben geendet. Alles Irdische ist endlich, und der Tote, von dem neuen, schwarzen Lamm aus dem Gedächtnis verdrängt, war verspeist und vergessen.

Das Jahr glitt sonnbeschienen dahin. Die hochbeladenen Erntewagen schaukelten die Gasse entlang. Adam, der sich zu einem nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft von selbst entwickelte, las die verstreuten Halme auf, rieb die Ähren zwischen den Händen und streute den so gewonnenen Erdrusch den Hühnern und Enten hin.

Die ewigen Herbstregen dieses wasserumspülten Landes troffen, und kein Strahl stahl sich durch die Wolken. Adam kramte im Stübchen herum und war die Sonne. Wenn er aber für den Ernst der Schule allzu laut und witzig wurde, ward er zur Verbannung in die Küche hinausgeschoben. Doch dies Exil war keine Strafe, denn bei der alten Malehn konnte er tun und lassen, was er wollte, Reisig in das Feuer werfen, den Tonbecher auf dem Wasser schwimmen lassen und das Gesicht sich mit Ruß tätowieren.

Draußen tanzten die Flocken. Im Fenster des Stubenkäfigs lag der Kleine, in dessen Hosen zwei große Hinterfenster eingesetzt waren, und sah dem Schneespiele zu. Doch sein Tätigkeitstrieb ließ ihn nicht lange in der Beschaulichkeit beharren. Er legte einen Stuhl, der den Schlitten vorstellen sollte, auf die Vorderbeine. Der Vater, der auf einen Augenblick eingetreten war, um sich aufzuwärmen, sah ihm zu.

Durch die Tür guckte die Predigermagd, die den Kleiderrock als Kapuze über den Kopf geworfen hatte. »Die Frau Pastorin läßt sagen, er soll sogleich kommen, die rote Kuh will kalben.«

Hans machte einen Satz und schrie die Antwort: »Zu Befehl! In einer Viertelminute!«

Als aber die Tür zugeschlagen war, lächelte er überlegen. »Immer geduldig! Das Kalb läuft nicht weg.« Hans ließ sich gute Weile, ehe er gehorchte.

Die Mutter sah nicht, daß ihr Sohn aus der Hintertür und um das Haus herum schlich und bis zur Brust in der Schneewehe trampelte. Aber die Schüler, die überall, nur nicht im Buche ihre Augen hatten, denunzierten ihn.

Monika stand auf der Schwelle und befahl: »Sofort herein!«

Adam aber wühlte sich bis zum Halse hinein und machte überlegen »Immer geduldig … das Kalb läuft nicht weg.«

Das Kalb lief nicht, jedoch die Mutter tat es und packte den Balg, und bedenklich klatschten die Hinterfenster der ersten Hosen.

Er hatte wegen Gehorsamsverweigerung vor versammelter Schule seine erste Züchtigung erhalten und war zerknirscht. Den ganzen Tag über blieb das kleine Herz gedemütigt.

In der Schummerstunde nahm Monika ihn auf den Schoß und erzählte Märchen. Offen stand die Ofentür, und das glühende Torffeuer warf seinen traulichen Schein über Wand und Diele. Der kleine Mann mit dem lebhaften Tätigkeitstriebe saß eine Stunde lang mäuschenstill mit ruhigen Händen und großen, horchenden Augen.

Das war täglich nach saurer Doppelarbeit in Haus und Schule Monikas Erholungsstunde, wenn die graue Ruhe der Dämmerung an die Fenster heranschlich und jedes Geräusch dämpfte, wenn ihr Söhnchen die Ofentür öffnete und den Stuhl, schleppendscharrend, zurechtrückte.

Sie liebte nicht die Dänen, aber sie liebte einen Dänen, der Hans Christian Andersen heißt, und wußte das Buch, das er für große und kleine Kinder geschrieben hat, in- und auswendig. Wunderhaft strömte der Märchenquell vom »Zinnsoldaten«, vom »großen und kleinen Klaus«.

Die Mutter lächelte und erzählte aus ihrem einen Herzensvorrat. »Es war einmal eine arme Frau, die wenig Freude und viele Jahre lang keinen Sohn hatte, wie andre Mütter. Da bat sie Gott so lange, bis er ihr den Sohn gab …«

»Nicht den Storch?« kam erstaunte Zwischenfrage.

»Nein, Gott! Und die arme Frau war schwerreich geworden … wer war wohl die Frau?«

»Mutti, du!«

»Der Sohn aber wuchs und wurde groß, sehr groß und war immer gut und gehorsam und lernte viel und wurde schließlich … was meinst du, daß er wurde?«

»Totengräber!«

»Nein, das nicht.« Monika rümpfte herb die Lippen. »Besinn dich besser!«

Klein Adam steckte den Finger in den Mund und platzte mit dem Wort heraus: »Pa–ster!«

Da küßte die Mutter den Knaben, glutrot im Gesicht, und nicht vom Widerschein des Feuers.

Glaubte sie in dieser Dämmerstunde an Ahnungen, und daß der Mund der Unmündigen weissagen kann?

Der praktische Vater war dem poesievollen Treiben nicht abhold und lobte die langen Schummerstunden, die viel teures Lampenöl ersparten. –

Zerschmolzen war aller Schnee und alle Schneeglöckchen verwelkt. Jeder Tag war um einen Zoll länger als sein Vorgänger. Neue, scheue Graskeime piepten aus der Erde am sonnigen Hag, auf allen Feldern zog der Pflug seine Furchen.

Hinter den fetten Pastorgäulen, die nicht abstrapaziert wurden, trottete der Totengräber, und sein Sohn, der in der deutschen Schule ein unnützer Gehilfe war, kam öfters zu ihm aufs Feld hinüber. Der Wißbegierige, welcher die müßigsten und unmöglichsten Fragen stellte, durfte noch nichts lernen.

Über den Sturzacker kam der Knirps herangewatschelt.

»Was willst du?«

»Reiten, reiten!«

»Auf der Stute oder auf dem Pferde?«

Adam Amatus saß auf dem Rücken der Schimmelstute und beguckte abwechselnd die Gäule, wie ein Roßkamm etwa, bis die Frage kam: »Warum das eine Stute … und das ein Pferd?«

Der Vater war nicht verlegen um Antwort. »Die Stute kriegt ein Füllen, aber das Pferd nicht … siehst du den Unterschied?«

»Ja, Fadde!« Die Erklärung leuchtete dem Kinde ein.

Hans ging eines Tages mit dem Saatsacke über den Acker und streute die Gerste.

»Warum gibst du es nicht den Kickricki … warum wirfst du es weg?« fragte der Kleine verwundert.

»Ich säe es, dann wächst daraus Gras, und das Gras wird zum Halm, und der Halm trägt viele Körner … verstehst du?«

Ein Kopfschütteln. »Machst du das Gras und das Korn?«

»Nein, das tut der Herrgott.«

»Wo ist der Herrgott … hier unten in der schwarzen Erd'?«

»Nein, oben im blauen Himmel.«

»Wie kann er denn das Korn machen?«

Hans kraute sich. Trotz der vielen Naturpredigten, die er gehört, mußte er sagen: »Ja, das weiß ich nicht.«

»Auch nicht Mutti?«

»Ich glaube kaum.«

»Auch nicht der Paster?«

»Nein, obgleich das ein Klugpeter ist, der das Gras wachsen hören kann.«

Adam hockte am Walle und pflückte Windröschen und horchte auf die langen Gräser, die dort wuchsen. Eine Grille zirpte.

Da lief der kleine Philosoph zum Säemann. »Fadde, ich habe das Gras wachsen hören … fififi machte es … Fadde, ich bin auch ein Klugpeter.« – –

Der nordschleswigsche Gau glühte trotz seiner nördlichen Lage im heißen Hochsommer. Das hellrosige Knabengesicht wurde sonnengebräunt und beinahe mulattengelb, denn Adam war vom Auf- bis zum Niedergange der Sonne im Freien und wurde demzufolge ein Vielwisser, dem die ganze Dorfwelt bekannt und vertraut war. Jedes Pferd und Füllen, sogar die einzelnen Kühe kannte er. Von Klee und Hafer, Gerste und Roggen wußte er den Unterschied, von jedem Gerät und Ding, das in seinen Gesichtskreis trat, von Sense und Rechen, Heugabel und Hungerharke, kannte er den Zweck.

»Was willst du werden?« fragte der Vater, als sie zusammen vom Mähen kamen.

»Bauer!« lautete die prompte Antwort.

Hans Totengräber machte einen Hüpfer und wedelte mit den Händen vor den Ohren. »Gott bewahre dich, mein Sohn! Wer nicht mit einem Geldsack auf dem Rücken geboren ist, bleibt ein Bauernsklave und Bauernesel sein Leben lang.«

Der bucklige Dorfschneider kam just des Weges. Adam flüsterte leise zum Vater empor: »Ist der mit einem Geldsack auf dem Rücken geboren?«

»Nein, der ganz gewiß nicht.« –

In den Hundstagen quälte das Junkerlein die Seinen, hängte sich an die Röcke der Mutter und an die Rockzipfel des Vaters, und es war stets ein Wort, das er mit klagendem Gemurmel wiederholte: »Einen Hund … Hund … Hund.«

»Jung, sind dir die Hundstage zu Kopf gestiegen, und bist du verrückt geworden?«

Nein, das war er nicht, sondern nur zäh und ausdauernd in seinen Wünschen.

Die Eltern hatten ihn gefragt: »Was willst du zu deinem Geburtstag haben?« Da war der Hundstagsruf zuerst erschollen und seither nicht verstummt.

Adams Beharrlichkeit wurde belohnt, er bekam seinen Hund, einen gelbhaarigen, tapsig watschelnden, wimsig wedelnden Welp, der dick zum Zerplatzen war. Nun hatte er einen Freund und Spielkameraden und fand in manchem lieben Jahr einen besseren nicht. Dieses Geburtstagsgeschenk war das größte und glücklichste Ereignis seiner Kindheit.

An dem Geburtstagsabend beugte sich Monika im Bette über ihren Mann. »Hans, dieses letzte Jahr ist das glücklichste meines Lebens gewesen … du hast dich nie aus dem Hause gesehnt und sich so fröhlich gefühlt.«

»Ja, ja.«

»Wir wollen uns sehr lieb haben und für den Knaben sorgen und schaffen und beten.«

»Ja, ja … aber wollen wir nun lange schnacken, liebe Mutter, oder schlafen?«

Sie fiel zurück in ihre Kissen.

Wenig Sterblichen wird ein jahrelanges, ungetrübtes Glück zuteil. – – –

Auf den Stoppeln weideten die schnatternden Gänse.

Gestern, als am Sonnabend, war in den meisten Aruper Höfen das Erntedankfest gefeiert worden. Berge von Reisbrei und Rippespeer verschwanden, und Seen von Kaffeepunsch wurden trocken gelegt. Pastor Hartwig, der ein dänischer Patriot, aber ein abgesagter Feind des Nationalgetränks war, fragte Hans und die andern in der Leutestube: »Was wollt ihr nun am liebsten … den Ernteschmaus, oder einen Reichsbanktaler pro Mann?«

»Beides, Herr Pastor, wäre wohl [später entfallen: das beste] und liebste …« Hans hatte flink und vorlaut geantwortet.

Hartwig lachte nicht, sondern legte jedem ein Geldstück in die Hand, um sich von der Erntevöllerei loszukaufen.

Nach allzu großer Feuchtigkeit tritt meistens eine entsprechende Dürre ein. Der Sonntag wurde dem Ausschlafen und dem Nachdurste gewidmet.

Nach dem Mittagsschlafe ging der Totengräber in Hemdsärmeln unbefriedigt auf und ab. Der Reichsbanktaler nämlich brannte in seine Tasche.

Der Kleine griff nach seiner Hand. »Fadde, ausgehen!«

»Nein, mein Jung, ich kann dich nicht mitnehmen.«

Monika hob den Kopf. »Wohin willst du denn?«

Hans zog die Uhr aus der Tasche, einen sogenannten Tombak-Zwieback, ein unförmliches Großvatererbstück. »Siehst du, liebe Mutter …«

»Ja, die Uhr ist halb drei … wie lange willst du fortbleiben?«

Darüber hatte er durchaus nicht reden wollen. »Die Uhr bleibt oft stehen, und will nicht mehr … ich muß sie verhandeln, und heute sind die Leute in tauschlustiger Stimmung.«

Seine höchst pfiffige Miene wurde höchst ärgerlich, als sie erwiderte: »Ich habe noch nie gesehen, daß bei solcher Handelei etwas Gutes herauskommt.«

Er zog den Rock an, und der Knabe hängte sich an die Schöße. »Mein lieber Jung, ich gehe nur in den Schuppen, um Holz klein zu machen.«

Monika saß mit der Handarbeit und horchte auf die kurzen Beilschläge, die durch die Mauer drangen. Als sie verstummten, setzte sie ihrem Sohn die Mütze auf, öffnete die Hintertür und sagte: »Ob du Fadde wohl finden kannst?« Auch Monika konnte verschmitzt sein, wenn es sein mußte.

Kinder haben ihre Engel – und werden zuweilen auch als Schutzengel von Ehefrauen ausgesandt.

Adam Amatus schoß wie ein Schießhund rings um das Haus, pürschte im Garten und schlüpfte durch die Hecke. Auf dem Richtsteige über das Feld marschierte mit langen Schritten der Vater, der halb ärgerlich und halb gerührt den Kleinen mitnahm.

Sein Ziel war der grüne Dreiecksplatz vor dem Wirtshaus. Bauernknechte wetteten und warfen Münzen; wo des Königs Bild nach oben fiel, war gewonnen. Hans, der ein Tagwähler war, warf versuchsweise ein paar Sechslinge und hatte Glück.

Der bucklige Schneider, der am feinsten und modernsten von allen gekleidet war, fragte nach der Zeit.

»Peter Schneider, will deine Kartoffel nicht mehr?« Der Totengräber kniff das Auge zu.

[Später entfallen: »Ja, aber gestern abend war ich zum Erntefest bei Töges und weiß nicht, wie die Uhr an die Wand und ich ins Bett gekommen bin.« Bedächtig zog er den blanken Chronometer mit dem Schlüssel auf.

Der Schlauberger wollte auch handeln und war durchschaut.

»Darf ich mal sehen?« Hans öffnete das Gehäuse mit dem Messer und musterte das Werk, dem nichts fehlte, als daß es völlig verschmutzt war. Weil die tombakene seine zwölfte war, verstand er sich auf Uhren.

»Hm, das Werk taugt nichts … aber was willst du zugeben?«

»Zugeben? Zuhaben meinst du wohl?«]

Sie handelten und feilschten, und die ehrlichen Makler legten sich ins Mittel. Peter Schneider zahlte zwei Reichsbankmark im Tausch, und der Totengräber gab den Weinkauf, der in dem neuen bairischen Bier getrunken wurde, das trotz seines deutschen Ursprungs den Aruper Bauern sehr gefiel.

Danach schlug man den Holzball über den Rasen, und die Kegel fielen. [Später entfallen: Hans war unverschämt im Glück, und sie nannten ihn einen Neuntöter.]

Die harte Kegelarbeit machte natürlich Durst, der gelöscht werden mußte. Als der Vater einmal von der Bierquelle zurückkam, zupfte ihn sein Sohn, der sich langweilte, an den Hosen. »Fadde … nach Hause zu Mutti!«

»Jung, komm her und hilf Kegel aufsetzen, dann verdienst du einen Sechsling zu Lakritzen und Syrupsschlick.«

Nun arbeiteten Vater und Sohn, alle beide im Schweiße ihres Angesichts.

Weil die Luft gegen Abend kühler wurde, schenkte der fleißige Wirt, der keinen Sonntag hatte, Kaffeepünsche. Draußen machte das launische Glücksspiel einen Purzelbaum. Junker verlor plötzlich und setzte immer höher, um den Schaden wett zu machen und zu seinem erhandelten Gelde zu kommen.

Im Eifer hörte er kaum das Abendgeläut, das Monika besorgte.

Aber der kleine Schutzengel zupfte: »Fadde, ich bin hungenig.«

Der Vater nahm den hungrigen Engel bei der Hand und führte ihn in die Schenke, wo die leutselige Wirtin ihn mit Kringeln und Kuchenstücken fütterte.

Das Spiel ging weiter. Hans Totengräber merkte nicht, daß er des Glückes Hanswurst geworden. Seine Wangen brannten – aber der Pastortaler brannte nicht mehr in seiner Tasche.

Dieweil saß Monika am Fenster und ließ den Strickstrumpf in den Schoß fallen und starrte in die Schatten des sinkenden Abends. Nun war alles mit einem Mal so dunkel, so dunkel nach dem langen, lieben, sonnenlichten Jahr. Wenn nur das Kind zu Hause wäre, das unschuldige Kind!

Endlich klang der bekannte Gang. Hinauseilend riß sie ihren Adam Amatus an sich. Ihr Mann hatte einen allzu festen, fast kühn dem Schicksal entgegen gehenden Schritt, aber einen hochroten Kopf. Monika preßte das Kind an sich. »Davor, davor behüte dich Gott in Gnaden!«

»Wovor? Wovor?« wurde zweimal gefragt. »Willst du mit mir spektakulieren?«

»Ich sage heute abend kein Sterbenswort.«

»Nein, aber morgen früh.«

Sie kniff beharrlich die Lippen zusammen und schwieg. Darum ging er zu Bett und schnarchte bald. Frau Junker aber schlief nicht. Wieder war die Macht da, die sie durch den Spätgeborenen gebannt glaubte, wieder das leichtsinnige Sichgehenlassen, das sie als eine schwere Herzlast schleppen mußte. Und der süße, unschuldige Knabe … was … wer der einmal – der bloße Gedanke war Gespenstergrausen.

Als sie am Morgen die Augen [später entfallen: verklebten] aufschlug, war ihr Mann nicht mehr an ihrer Seite, sondern vor Taghelle aufgestanden und an die Arbeit gegangen.

Er wollte über seines Weibes Unmut erst die Sonne aufgehen lassen. – – –

Adam Amatus hatte seine erste Schiefertafel bekommen und kritzelte mit dem Griffel und malte Kühe, Pferde, Schafe und Störche, welche Tiere sich wenig unterschieden. Die Vogelschen und die Falkenbergschen Buben aber, die inzwischen an Länge, Weisheit und Jugendeselei zugenommen hatten, neckten ihn und gaben dem Storch ein ungeschicktes Affengesicht, schrieben mit täppischer Schrift »adam« darunter und kicherten: »Fifi, das bist du.«

Obgleich er sich ärgerte, ließ er sich in der Freiviertelstunde zu losen Streichen verführen. Im Garten war ein Baum, an dem Äpfel hingen. Die Buben wollten alles mit ihm wetten, daß er keinen Apfel herunterholen könne, liehen ihm aber bereitwillig ihren Rücken als Stiege und halfen ihm hinauf. Ehe er den Abstieg gemacht, hatten sie mit ehrlichem, abwechselndem Hineinbeißen den Apfel geteilt und verzehrt.

Monika beobachtete im Fenster den Vorgang. Zur Strafe mußte er während der biblischen Geschichtsstunde ganz still sitzen und die Hände gefaltet halten.

Die Lehrerin der deutschen Schule erzählte von der Erschaffung der ersten Menschen und von der bösen Rippenoperation, welcher Adam gleich nach seiner Geburt sich unterziehen mußte. Dabei plierten die Burschen nach dem andächtigen Adam hinüber, ein infames Lächeln unterdrückend. Auch vom Apfelraub und Sündenfall hörte die Schule.

In der Freiviertelstunde tummelten die Knaben sich draußen, stießen Adam mit dem spitzen Finger in die Seite und schrieen: »Adam ohne Rippe, Adam ohne Rippe.« [Später entfallen: Noch erfinderischer war ein anderer Schlingel und sagte: »Adam Apfeldieb, Adam Apfelesser.«

Das waren zu viele Spitznamen für ein redliches Kindergemüt. Der Kleine ging weinerlich hin und klagte und verklagte. Georg Falkenberg, der größte Schüler und der schlimmste Schreier, erhielt fünf Fingerklapse, ihm zur Züchtigung und andern zur Abschreckung.]

Aber Hans Totengräbers Söhnchen behielt [später entfallen: dennoch] den Necknamen. Wenn er am stillvergnügtesten stand, tuschelte einer ihm boshaft ins Ohr: »Adam Apfeldieb und ohne Rippe.«

Das wurde zum Kummer des Kindes. Eines Tages legte es die Arme auf den Schoß der Mutter und das denkschwere Köpfchen in die Hände: »Mutti, fühle hier, ob ich keine Rippe habe!«

»Du hast alle Rippen.«

»Ich will aber nicht mehr Adam heißen.«

»Was denn?«

»Amatus.«

»Das geht wohl nicht, mein Kind.«

Der Vater lachte: »So müssen wir zum Pastor, daß der dich noch einmal umtauft.«

Aber die Mutter herzte ihr Knäblein und sagte: »Mein Geliebter … mein Amatus!« – –

Das Nachweihnachtenwetter war grau und gräßlich. Schneefall und Schmelze, Nachtfrost und Tagtau wechselten miteinander, und das Aruper Gefilde glich einer großen Pfütze.

Grau und grämlich war das spitze Gesicht des Pastors, des guten Patrioten. In der Versammlung der Kirchenältesten schlug er auf den Tisch: »Es ist blindeste Verblendung, den ungleichen Kampf zu provozieren.«

Töge aber sagte bibelgläubig: »Herr Pastor, hat nicht David den großen Goliath besiegt?«

Hartwig eiferte: »Zehn gegen eine … das ist der reine Wahnsinn.«

Klüger war der kleine Pastor als der Kopenhagener König.

Aber die Kirchenjuraten gingen heim und fingen an, seiner Gesinnungstreue zu mißtrauen.

Endlich biß sich der Frost gehörig fest und ließ die rinnenden Gewässer nicht mehr aus den Fängen. [Später entfallen: Aber] trotz der Januarkälte wetterleuchtete es immer stärker im Süden. Wintergewitter sind die allerschwersten.

Falkenberg, der deutsche Hofbesitzer, hielt hoch zu Roß vor dem Totengräberhäuschen und klopfte mit dem Peitschenstiel ans Fenster. Drinnen brach der Psalmvers »Nun danket alle Gott« plötzlich ab. Monika lief durch den Schnee.

Der Reiter beugte sich über die Kruppe und lachte: »Frau Junker, nun müssen Sie mit den Kindern ›Deutschland, Deutschland über alles‹ einüben.«

»Sie scherzen, oder wissen Sie etwas?«

»Die Preußen und Österreicher sind über die Elbe gegangen.« Weiter sprengte er mit seiner Botschaft zu den andern Deutschgesinnten.

Monika aber schlug die Hände ineinander und sagte leise: »Gelobt sei Gott!« Danach sang sie mit den Kindern lauter als je: »Nun danket alle Gott!«

Krieg im Lande! Das ist sonst ein furchtbarer Schreckensruf, vor dem Lust und Lachen fliehen. Aber durch ganz Schleswig-Holstein und alle deutschen Herzen ging ein. Gelobt sei Gott. Mitten im Frost und Schnee, als der Februar begann und die Freiheitsstunde schlug, klang's wie Ostergeläut vom Süden.

Als Hans Totengräber von seiner Frau die Botschaft hörte, knipste er mit den Fingern und pfiff: »Püh, püh, nun verstehe ich das vergnitzte Gesicht des Hochwürdigen … das Wetterglas im Pastorat steht auf Regen.« Eine lächerliche Grimasse schneidend, bedrohte er seine Frau: »Willst du … willst du wohl eine betrübte Miene machen … sieh, wie ich die Unterlippe hängen lasse vor den Leuten!«

In der gemeinsamen Küche, durch deren Mitte die unsichtbare Luftlinie der Grenze, welche die freundschaftlich gesinnten Nachbarn bisher nie respektiert hatten, sich zog, wirbelte hüben wie drüben, wie bei Vorpostengefechten, schwärzlicher Rauch.

Frau Junker legte zwei sehr große Schinkenstücke in die Schmorpfanne, und Malehn, die im Grütztopfe rührte, lugte hinüber und murmelte: »Ist wohl Sonntag heute oder sonst ein Festtag bei Ihnen ins Haus gefallen?«

Monika konnte nicht verbergen, wes ihr Herz voll war. »Habt Ihr das Neueste gehört? Die Österreicher haben die Eider überschritten …«

Malehn schleuderte einen wütenden Blick. »So … das Neueste … das Niederträchtige macht Ihnen Freude … aber sie haben noch nicht das Dannevirke, und alle Großmächte zusammen werden's auch nie kriegen … darauf will der Küster seine Seligkeit verschwören.«

»Der hat vielleicht nichts derartiges zu verschwören … wir werden dennoch deutsch, Malehn.«

»Deutsch, deutsch! Pfui Teufel!« Die alte, sonst gutmütige Frau wurde zur boshaften Megäre und stieß Monika mit den Fäusten über die unsichtbare Grenze. »Bis hierher, hierher geht mein Recht … Sie setzen mir keinen Topf auf meine Herdseite … nun sind wir fertig.«

Frau Junker blieb gelassen. »Ich werde Ihnen so viel Platz lassen, als Sie wünschen. Auch dürfen Sie ruhig Ihre Wassereimer in meinem Küchenanteil lassen und zum Feueranmachen Kohlen von meinem Herde nehmen.«

Malehn riß die Eimer hastig über die Grenze. Beide schwiegen, die eine aus Bissigkeit, die andere, weil sie nicht zanken wollte.

In der gemeinsamen Küche des Totengräberhäuschens waren die Feindseligkeiten des Jahres 64 eröffnet worden.

Kein Kanonendonner hallte nach Arup hinüber, niemand wußte etwas Bestimmtes. Monika schaute oft aus dem Fenster, und was sah sie in der späten Nachmittagsstunde?

Adam Amatus, in Fausthandschuhen und die Ohrenklappen der Mütze niedergeschlagen, arbeitete mit der Feuerschaufel auf der Straße. Der Hofbesitzer Falkenberg kam um den Kirchhofshügel, und ihm begegnete der Pastor, welcher geduckten Kopfes auf den Weg zu achten schien. Falkenberg grüßte den Ehrwürdigen, übermäßig tief den Hut ziehend, und machte eine förmliche Verbeugung, aber auch ein malitiöses Lächeln.

Aus dem Gruße zog sie den Schluß, daß es um die Sache der Deutschen gut stünde.

Es stand sehr gut.

Adam stürzte mit der Schaufel ins Haus. »Mutti! Falkenberg sagt, ich soll jetzt Soldat sein und ein Gewehr haben.«

Bald marschierte er auf und ab, und der vom Ginsterbesen gelöste Stiel war sein Gewehr. »Eins–zwei, eins–zwei! Die Preußen kommen, die Preußen kommen.«

Hans, der von der Dreschtenne kam, riß ihm entsetzt den Besen fort. »Still! Willst du deinen Vater unglücklich machen?«

Obgleich Hans nicht weit vom Ofen sich setzte und auftauen wollte, zog er dennoch den Rock aus, um die schüchterne Mahnung von sich zu geben. »Wir haben keinen Klafter Holz mehr … es ist so heiß hier, daß ich in Hemdsärmeln schwitzen muß.«

Auf dem Richtsteige, durch den Garten, durch die Küche polterte heftiges Holzschuhgeklapper. Der Bauer Töge stand bleich in der Tür. »Die Unsern haben bei Nacht und Nebel das Dannevirke geräumt … aa, es ist zum Weinen … alle meine Knechte laufen nach Fühnen … alle werden von den Preußen in Uniform gesteckt … lauf Hans, lauf mit den andern!«

Der Totengräber erblaßte und stammelte: »Ich werde ja bald fünfzig … und habe mich bei der Aushebung freigelost.«

»Was unter fünfzig ist, kommt unter die Pickelhaube und wird Kanonenfutter … lauf, Hans, lauf, wenn du dein Leben und deine Familie lieb hast!«

Töge stürmte durch die Vordertür, um im nächsten Hause seinen Alarmruf erschallen zu lassen.

Hans aber sprang in die Schlafstube und holte hinter dem Schranke die Langschäftigen hervor. »Mutter, nimm meinen dicken Rock aus der Kiste!«

Monika nahm ihm einfach die Stiefel weg und lachte: »Weil die Dänen verrückt sind, willst du doch nicht den Verstand verlieren.«

»Wenn ich auf ein paar Tage zu meinem Vetter nach Fridericia ginge …«

»Könntest du mich und den Knaben allein lassen?«

»Nein, um Gottes willen, das hab' ich nicht bedacht.« Sein Pflichtgefühl erwachte und er blieb.

Bei jedem Abend- und Morgenläuten schaute die Frau des Totengräbers durch die tautrübe Luft. Keine blitzenden Bajonette, noch Pickelhauben tauchten im Gesichtskreise auf. Wo blieben die Preußen?

Adam Amatus exerzierte fleißig und hatte zweimal täglich nasse Füße.

Am Ofen standen seine Schuhe zum Trocknen. Der Vater nahm sie in die Hand, von allen Seiten sie betrachtend, und seufzte schwer. Wieder waren die Sohlen durch! O, das unerschwingliche, immer verschlissene Schuhzeug!

Heroisch sein Leidwesen für sich behaltend, ging er in den Schuppen, um Holz klein zu machen. Selbstverständlich folgte ihm der Sohn und stapelte die kurzgeschlagenen Stücke.

Hans ging diplomatisch zu Werk. »Jung, was willst du werden? Holzhauer?«

»Nein, Bauer, Bauer!«

Betrübt schüttelte der Vater den Kopf. »Nein, mein lieber Adam, du bist kein Bauer und wirst auch nie ein rechter.«

»Ja, ja!« Eigensinnig und weinerlich klang das Stimmlein. »Warum nicht, Fadde?«

Fadde wiegte das Haupt. »Ein richtiger Bauer trägt alltags Holzschuhe, ein paar starke, schmucke Holzschuhe.«

»Ich will Holzschuhe haben«, schrie der Knabe.

»Willst du? Ja, du bist ein ganzer Kerl, der einen Willen hat … das mußt du deiner Mutter sagen – verstehst du, Adam? – und so lange bitten und plagen, bis sie Ja sagt.«

Der Bursche verstand das Quälen allzu gut und ließ nicht locker. »Mutti, ich will Holzschuhe haben, H–o–lz–schu–he haben.«

»Bah, bah!« machte Monika verächtlich, »Hannemann, Hannemann mit de Holtpantüffeln an! Bist du ein Hannemann oder ein feines deutsches Büblein? Nur die schmutzigen Taglöhnerkinder laufen in den scheußlichen Holzkähnen.«

Umsonst war der Appell an seinen Patriotismus und sein Ehrgefühl.

»Ich will H–o–lz–schu–he haben!« Einen Tag lang verstummte das Gequäle nicht.

Am zweiten gab sie nach. »Du dummer Junge! Lauf dir meinetwegen in den Holzschuhen die Füße wund!«

Des Vaters Diplomatie und des Sohnes Willensstärke waren von Erfolg gekrönt. Beide gingen vergnügt zum Krämer. »Diese kleinen, süßen wollen wir mal anprobieren«. Sie paßten nicht ganz, aber einigermaßen, und Adam hatte seine Holzschuhe bekommen.

Er watete, wo der Dreck am dicksten, wie ein rechter Bauer sich dünkend. Unbeholfen, aber stolz spankasierte er auf der Dorfgasse. Zwar das drückte arg, Spann und Hacke schmerzten niederträchtig; aber er litt geduldig und ohne die allerleiseste Klage.

Eines schönen Nachmittages spielte Adam unter dem hohen Walle, wo der Weg um den Kirchhofshügel eine plötzliche Biegung machte, und erweiterte mit den Holzschuhen eine Wagenspur zum Teiche. Eifrig auf die Arbeit achtend, sah er nicht nach vorne.

Ein Schnauben und Gestampf! Die ersten Preußen kamen! Dicht vor ihm tauchten Pferdeköpfe, fliegende Mähnen, Männer in blauen Röcken mit blanken Knöpfen auf.

Entsetzt wollte er ausweichen und den Wall erklimmen – aber in den unförmlichen Holzschuhen auf dem glitschrigen Grund abstürzend, purzelte er längelang in seinen eignen Teich.

Die Dragoner vermochten nicht ihre galoppierenden Rosse so kurz anzuhalten – zehn Pferde – vierzig Hufe gingen über das Knäblein hinweg.

Monika, die just aus dem Fenster schaute, stieß einen furchtbaren Schrei aus. Der Unteroffizier, der Führer der Patrouille, war sofort aus dem Sattel gesprungen und hatte den Knaben aufgehoben. Die Mutter riß ihren Adam an sich und trug ihn ins Haus. Drei preußische Dragoner standen um sie herum, als sie den Knaben entkleidete und überall betastete. Er war völlig unverletzt, die braven Dragonerpferde waren über ihn hinweggesprungen, ohne ihn auch nur mit dem Huf zu berühren. Fröhlich lachte der Unteroffizier: »Wie Sie auch drücken, Madame, er kann mit dem besten Willen nicht Au sagen.« Und die Patrouille sprengte weiter.

Monika, in der noch lange der Schreck nachzitterte, dankte beim Abendläuten unter Tränen dem Herrgott für die Errettung ihres einzigen Sohnes.

Als ihr Mann heimkehrte, kam erst der Zorn zu seinem Rechte. »Der arme Junge sollte die verruchten Holzschuhe zu seinem Unglück haben.«

Vor den Augen des Mannes öffnete sie die Ofentür und schleuderte die Holzschuhe in die Glut. Hans war so zerknirscht, daß er nur zweimal, beim ersten und zweiten Wurf, aufseufzte und einen Zoll vom Sitz emporhüpfte.

Am nächsten Morgen hielt er nicht mit seinem Vorwurf zurück. »Mutter, das war teure Feuerung.«

»Du willst ihm wohl ein neues Paar kaufen?« fragte sie energisch. »Nein, das waren die ersten und die letzten Holzschuhe meines Kindes.« – – – – –

Fremde Heermassen wälzten sich die gewundenen Heerstraßen entlang, und auch in Nordschleswig begrüßten viele den Feind im Lande als Freund und Befreier. Mit bänglichem Behagen und einem angenehmen Gruseln betrachtete Adam Amatus das bunte Durcheinander der marschierenden Truppen.

Die Trommeln rasselten, und die Pfeifen gellten. Endlose, buntscheckige Reihen, oben blitzblank und unten grausig beschmutzt und mit einer grauen Lehmkruste überzogen, marschierten singend vorüber. Schwere Eisenrohre auf mächtigen Rädern machten die Fenster zittern und das Totengräberhäuschen schüttern. Zuletzt klapperte ein Leiterwagen vorüber, auf dem bleichgesichtige Krieger mit verbundenen Köpfen hockten – im feuchten Stroh lag einer lang ausgestreckt, und aus dem Stroh tröpfelte Blut.

Adam stieß beim Anblick der roten Tropfen einen Schrei aus. Er hatte dem Kriegsgreuel ins furchtbare Medusenantlitz gesehen. »Mutti, er war geschlachtet!«

»Nein, der Ärmste ist schwer verwundet«, sprach sie.

Neue Bilder verdrängten einander. Über Tag hatte Arups Bevölkerung sich verfünffacht. Es ist unglaublich, mit wie wenig Raum ein Mensch sich begnügen kann, und wie viel lebende, breitrückige, langbeinige Wesen ein Haus zu fassen vermag, wenn es sein muß. Das Totengräberhäuschen beherbergte 25 Soldaten. Um die Grenze zwischen den Herdstellen stritten Monika und Malehn sich nicht mehr, denn die ganze Küche war von Habsburg annektiert worden. Nur das Schlafstübchen hatten Junkers behalten. Im Wohnzimmer lagen österreichische Soldaten auf der Streu, gleichwie Heringe in der Tonne, und wenn einer sich wenden wollte, mußten alle kehrt machen.

Die lustig lachenden, leichtlebig liebenswürdigen Söhne von der blauen Donau waren liebe Feind, die den armen Totengräber nicht brandschatzten, sondern ihm von ihrem schmackhaften Brote und dem säuerlichen Soldatenwein abgaben. Gern nahmen sie den Knaben aufs Knie, ließen ihn mit der Säbeltroddel spielen und sagten: »Wenn ich mal die Montur auszieh, kriegst du sie an.«

Adam hatte für eine Weile die Lust zum Bauerwerden verloren und wollte Soldat sein. Heimlich holte er die Langschäftigen des Vaters hervor, schlüpfte mit den kurzen Beinen hinein und marschierte unter schallendem Gelächter der Krieger. Eins–zwei, eins–zwei!

Das Gaudium nahm ein jähes Ende. Hans, der sich von hinten in sein Haus drückte und duckte, sprach mit ersterbender Stimme; »Mutter, nun seh' ich meine Stiefel nicht wieder … die Mausfallenkerls haben ihr Auge darauf geworfen … Mutter, das kannst du ruhig ansehen?«

»Ja, das sind doch keine Diebe.« Sie holte nicht ihr gestiefeltes Söhnlein.

Hans krümmte den gelenklosen Körper, machte einen mutigen Sprung, schnappte seinen Sohn mitsamt den Langschäftigen und schlug hinter sich und seiner Beute die Tür zu.

Eins–zwei, eins–zwei! Auf Adams Hinterfenster klatschten vier kräftige Takte. Eins–zwei waren die Stiefel abgestreift und tief unten im Bettstroh neben einem dünnleibigen Beutel mit vier Silberlöffeln versteckt.

Die freundlichen Österreicher blieben länger als eine Woche, und die jungen Herren taten gern schön und lieblich mit der schmucken Frau Junker, ihr Holz aus dem Schuppen und Wasser vom Brunnen holend. Hans sah es mit einem bissigen Blick und schwieg; aber nach Feierabend schleppte er einen Holzvorrat in die Schlafstube und füllte alle verfügbaren Gefäße mit frischem Wasser. Monika gab abends ihrem Manne, der so ungewöhnlich galant geworden war, einen langen Gutenachtkuß und lächelte.

Eines Morgens unvermutet schlug die Marschtrommel. Arup war wieder ein friedlich stilles Dorf. Die grundlosen Wege trockneten aus, die Stuben wurden gescheuert, die Lerche kündete den Lenz. Da kam es zur Schlacht, zum blutigen Menschengemetzel auf der allerschönsten Höhe des schleswigschen Landes, und die Totengräber hatten große Arbeit und machten das Gefilde, das wie ein Garten gewesen war, zum Gottesacker.

Die Botschaft lief von Haus zu Haus. Monika konnte sich in ihrer Freude nicht enthalten, über die Grenze der Küche zu rufen: »Malehn, Düppel ist gefallen.«

Aus Malehns Händen fiel der Teller mit der Milchsuppe und zertrümmerte. »Das … das ist eine Lüge … übrigens sprechen wir nicht miteinander.«

Hans kam und blickte seine Frau mit dem verschmitzten Auge an. »Die dicke Frau Pastrin weint das dritte Taschentuch voll … ich machte natürlich ein Gesicht, wie beim Herunterhissen eines Sarges.«

Aber Frau Junker barg ihre Fröhlichkeit nur schlecht vor den Leuten.

Um Mitternacht lag das ganze Dorf in tiefem Schlaf, denn weder Gram noch Freude stören einem rechten nordschleswigschen Bauern die Nachtruhe.

Nur im Pfarrhause waren zwei Fenster erleuchtet.

Adam erwachte zuerst und weckte: »Mutti, die Soldaten!«

Die Preußen waren gekommen.

Hans Totengräber bebte im Bette. »Mutter … wenn sie mich sehen, nehmen sie mich durch Nacht und Nebel ein paar Meilen mit, um den Weg zu zeigen.«

An das Stubenfenster wurde stärker geklopft, und Stimmen riefen: »He! Heraus, heraus!«

»O, Gott helf mir und uns allen … liebe Mutter, wenn du mit ihnen sprächest … du weißt besser die Worte zu belegen … mich nehmen sie mit, sobald ich mich zeige.«

»Fadde, Fadde!« jammerte das ob solcher Aussichten entsetzte Kind.

Monika hatte ein Gewandstück umgeworfen und öffnete ein klein wenig das Fenster, beide Haken festhaltend.

Die Preußen fluchten: »Wie lange sollen wir hier stehen?«

»Solange Sie mögen, meine lieben Landsleute … übrigens einen schönen guten Abend!«

Als die Soldaten ihre Muttersprache hörten, lachten sie, und folgendes Zwiegespräch entwickelte sich:

»Liebe Madame, haben Sie Bier oder Schnaps?«

»Keinen Tropfen!«

»Haben Sie Eier?«

»Nein!«

»Schinken oder Wurst?«

»Nein!«

»Was haben Sie denn?«

»Gar nichts habe ich.«

»Aber nun sagen Sie mal, liebe Madam, wie ist Ihnen eigentlich zu Mute, wenn Sie rein gar nichts haben?«

»Sehr gut, wie Sie sehen, nur recht schläfrig.«

Die Preußen sagten kurz: »Ihr Mann soll herauskommen und uns auf den Weg nach Tarup bringen.« – Hans zitterte und zog die Bettdecke über den Kopf. – »Oder haben Sie auch keinen Mann?«

»Einen Mann?« Sie betonte das Mann. »Nein!« Monika drückte an dem Wort und sagte lachend: »Dort, wo noch Licht im Fenster ist, wohnt der dänische Pastor, der allen Menschen den rechten Weg weist.«

»Ja, ins Himmelreich«, sprachen die Preußen, »aber dahin wollen wir noch lange nicht und wären beinahe bei Düppel hineingekommen.«

Das Fenster schlug zu. Der Totengräber steckte die Nasenspitze hervor und gab seiner kouragierten Frau einen gerührten Kuß.

Der Pastor wurde herausgetrommelt, reckte sich gravitätisch und redete in fließendem Deutsch: »Was wollen Sie? Ich bin der Ortspastor.«

»Dann kennen Sie auch die Örtlichkeit.« Die Preußenschelme trällerten: »Der Pastor mit dem Bibel und der Küster mit der Fibel muß auch mit, muß auch mit.«

Der Hochwürdige wurde gepreßt und ging mit Grauen zwischen preußischen Zündnadelgewehren und spitzen Bajonetten durch die finstre Nacht.

Am Morgen lugte Adam in die Küche und lief sogleich mit allen Zeichen des Schrecks zurück in die Röcke der Mutter. »Mutti … ich glaube … sie ist eine Hexe.«

»Wer?«

»Malehn!« Die alte Nachbarin hatte ihn mit ihren vom Weinen geröteten Augen unheimlich angeblickt – daher sein Hexenglaube.

Malehn schniefte und schneuzte die Nase, weil Düppel gefallen und Dänemark besiegt war.

In ihrer Trübsal ging sie zum Seelsorger. »Herr Pastor, es kann nicht wahr sein, ich kann nicht glauben, daß sie Düppel genommen haben.«

Er faßte ihre Hand mit drei Fingerspitzen und nannte sie bei ihrem Nachnamen. »Meine liebe Frau Petersen, wir müssen es leider glauben … Sie sind eine von den Treuen im Lande … ach, nicht von allen Seelen in Arup, die mit anvertraut sind, darf ich das sagen.«

Malehn schniefte. »Nein, einige grinsen sich in die Faust und ärgern mich durch ihr Gesicht.«

»Wehe denen, durch welche Ärgernis kommt, denn sie sollen geärgert werden … wer sind die Grinser? Natürlich des Totengräbers Frau.«

»Ja … sie hat heute Nacht die Preußen nach dem Pastorat gezeigt.«

»So–o–o!«

In der alten Frau erwachte das Gewissen. »Ich will nichts gesagt haben und keinen Menschen verraten.«

»Meine Liebe, andre in diesem Dorfe sind des Vaterlandes Verräter.«

Bis zum Abend wartete der Pastor. Als beim Sonnenuntergang die Glocken friedsam klangen, spazierte er vor der Kirche auf und ab, und das Geläut goß keinen Frieden in sein Gemüt. Vor der Turmpforte stand er aufgepflanzt und strammte die Lippen. »Guten Abend!« sagte Monika. Er erwiderte den Gruß nicht und hielt den Blick starr auf sie gerichtet. Sie wollte seitwärts um die Schildwache herumbiegen.

»Halt! Frau Junker! Trauern Sie mit uns um Dänemarks Fall?«

»Ein Ja würde eine Lüge sein.«

»Sie freuen sich also?«

»Wozu die Frage, Herr Pastor? Ich habe meine deutsche Gesinnung nie verleugnet.«

»So–o–o! Sie können gehen … und Hans Totengräber kann auch gehen.«

Monika antwortete hart: »Es wird auch manch andrer, wenn dieses Land deutsch wird, plötzlich Marschordre bekommen.«

Ehe die Marschordre kam, solange er noch Macht und Amtsbefugnis hatte, wollte Hartwig sie üben.

Hans rieb eben die Pferde ab, als die Stalltür sich verdunkelte und eine dumpfe Stimme rief: »Feierabend!«

»Schönen Dank, Herr Pastor!«

»Nichts zu danken! Sie haben heute im Pastorat und auf dem Kirchhof für immer Feierabend gemacht und können Ihren fälligen Lohn sofort in meiner Studierstube abholen … adieu!«

In seinem Hause sank Hans gelenklos und geknickt, wort- und fassungslos in einen Stuhl. Die wehen, vorwurfsvollen Augen auf seine Frau gerichtet, holte er den Seufzer hervor: »Mut–ter!«

»Was ist dir?«

»Mut–ter!«

»Bist du krank?«

»Mut–ter!«

»So sprich doch!«

»Ich bin brotlos, brotlos!«

Adam heulte: »Fadde, Fadde!«

Der Vater nahm ihn auf den Schoß. »Mein armes, armes Kind, nun können wir alle verhungern.«

Das arme Kind brüllte, als würde es geschlachtet.

Monika aber behielt den Kopf oben und setzte dem kopflosen Kleinmut eine starke Zuversicht entgegen. »Gott wird uns nicht verlassen, und im deutschen Nordschleswig wird sich ein Unterkommen finden.«

Dem Knaben strich sie ein Butterbrot und streute dick Zucker darauf. Da wich sein Grauen vor dem gräßlichen Tode des Verhungerns.

Für den seines Amtes entsetzten Totengräber stand es recht schlimm. Die vom Pastor aufgewiegelten Bauern wollten ihm keine Arbeit geben.

Der Fanatismus ging noch weiter. In einer Sonnabendnacht fuhren die drei Schläfer im Totengräberhause empor. Eine Fensterscheibe war durch einen von außen eingeworfenen Gegenstand zertrümmert. Hans schrie schlaftrunken. Monika zündete die Lampe an und riß das Knäblein an sich – auf dem Pfühl, eine Handbreit von seinem Kopfe lag ein faustgroßer Stein. Sie herzte ihr Büblein, das behütet worden.

Erst nach einer langen, langen Weile erholte sich Junker von seinem Schreck soweit, daß er sich in den Schuppen hinauswagte und das ganze Schlafstubenfenster von innen mit Brettern vernagelte.

Das war die erste Nacht in seinem Leben, die er bis zum Morgen durchwachte.

In der Tagfrühe sagte seine Frau resolut: »Wir müssen fort von hier!« Sie zog ihr schwarzes, bestes Kleid an, zupfte die Hutfeder zurecht und ging zu Fuß nach Norderhafen.

Währenddessen hütete Hans Haus und Kind. Sobald die Abenddämmerung hereinbrach, sagte er: »Komm, Adam, wir wollen in der Schlafstube spielen.«

Hinter dem verbarrikadierten Fenster fühlte er sich sicherer und das Kind geschützter.

Fünfter Abschnitt: Der Brotlose wird beeidigter Beamter.

Erna Junker war nicht mehr bei dem Onkel, sondern draußen im Westen bei einem Hofbesitzer Fräulein für alles geworden.

Hoch, behaglich und mit Teppichen belegt war das gute Zimmer des Hardesvogts. Im Lehnstuhl saß Großmutter Lina, welche die guten Tage nicht zu vertragen schien; denn ihre Gesundheit hatte abgenommen und sie war im Glück gealtert. [Später entfallen: Auf ihrem Schoße lungerte ein dicker, rundbackiger Knabe, und maulte mürrisch.

»Der kleine Asmus ist krank, Karl hat den Doktor rufen lassen.«

»Er wird sich den Magen ein bißchen verdorben haben«, meine Monika, »heißt du nicht Rasmus? Kann er das R nicht aussprechen?«

»Ja, aber wir nennen ihn Asmus … das ist hübscher.«

Die Lust zum Umtaufen schien in der Familie zu liegen. Gleichzeitig mit dem Einzug der deutschen Truppen war der Name umgeändert worden.

Der Hardesvogt [später entfallen: , der einen Augenblick abgerufen war,] fuhr in dem [später entfallen: unterbrochenen] Gespräch fort und focht mit den Armen. »Kannst du nicht begreifen, Mona, alles hängt noch in der Schwebe, in einem provisorischen Zustand. Preußen hat Schleswig in Verwaltung, und Manteuffel ist interimistischer Regierungskommissar. Weder ich noch irgend ein Mensch ist fest angestellt. Wie kann ich deinem Manne eine Anstellung verschaffen? Es ist eben unmöglich.«

»Ich hoffe, daß wir durch deine Fürsprache ein ganz kleines Amt als Bote oder Briefträger oder dergleichen bekommen könnten.«

»Weil ihr in Not seid und vorausgesetzt, daß ihr in Arup bleibt, will ich euch gern mit zwanzig Talern unter die Arme greifen.«

»Nein, kein Almosen, sondern ein kleines, festes Amt und Brot!«

Onkel Karl besann sich. »Bei dem Grafen Wedelsborg könnte ich vielleicht die Waldhüterstelle bei Tarup für euch bekommen … freies Holz und Futter für zwei Kühe … nicht schlecht.«

»Nein, wir möchten um unsres Sohnes willen in die Stadt.«

»Was soll der in der Stadt?«

»Eine bessere Schule besuchen.«

»Hm, darum will Hans königlich preußischer Beamter werden …«

»Willst du nicht wenigstens einen Schritt versuchen? Sprich einmal mit Manteuffel!«

Er lachte. »Haha, um des Himmels willen! Der schmisse mich vierkantig hinaus … die Preußen sind oft barsch und herrisch … bei ihnen gilt nicht Geld noch Gunst, wie bei dem Dänen.«

»Du willst also nichts tun?« seufzte Monika.

»Ich kann nichts tun.«

Es klopfte. »Guten Morgen, guten Morgen, Herr Doktor!« Die schlechte Stimmung des Hardesvogts war in lächelnde Liebenswürdigkeit verwandelt.

Scheinbar anders verhielt sich der Sohn. Asmus glitt vom Schoße herunter, stand mitten auf der Diele, streckte die Hände nach hinten und nach dem Arzte die Zunge aus, so weit er sie aus Hals und Mund zu recken vermochte.

»Nein, der Jung, der Jung!« Die Großmutter lachte über den gräßlichen Witz.

Doch war es keine entsetzende Ungezogenheit, sondern weil Asmus die ärztlichen Besuche und die stereotype Anrede: »Laß mal die Zunge sehen!« zu sehr gewohnt war, ein höfliches Entgegenkommen, das dem Arzt die Untersuchung erleichtern sollte.

Der Hardesvogt ließ Wein bringen, und Großmutter Lina wisperte ihm zu: »Es wäre genierlich, wenn sie nach Norderhafen kämen.«

Frau Junker aber wanderte durch die Straßen der Stadt. Von vielen Dächern hingen deutsche Fahnen. Die Bewohner freuten sich der Befreiung vom Joche, das dreizehn Jahre lang gedrückt hatte. Und die Frau war tieftraurig. War hier kein Heim und kein Plätzchen für sie und die Ihren?

Vor dem Amthause (d.i. dem Landratsamte) blieb sie stehen, und ein plötzlicher, heller, wie vom Himmel gefallener Gedanke kam ihr; Gott wird mir die rechten Worte geben.

Resolut ließ sie sich melden und stand vor dem Amtmann. »Ich bin die Schwester des Hardesvogts Berg.«

»Kommen Sie auf seine Empfehlung hin?«

»Nein, nur im Vertrauen auf Gotteshilfe und Menschengüte.« Sie erzählte, warum sie ihren Erwerb verloren, und trug ihre Bitte vor.

Dieser höchste preußische Beamte der Stadt war weder barsch noch herrisch, sondern sehr wohlwollend. Auch gefiel ihm die bündige, verständige und bescheidene Art und Weise der Frau.

»Warum verschafft Ihr Bruder Ihnen nicht eine Stelle?«

»Er behauptet, daß er es nicht vermag.«

»Was? Wird doch augenblicklich ein Gerichtsdiener gesucht. Genügt der Posten?«

»O, mit tausend Dank würden wir ihn nehmen.«

»Meine liebe Frau, das hoffe ich auswirken zu können und werde mit Ihrem Bruder sprechen.« 

Monika schwieg von dem kecken und erfolgreichen Gange, den sie gemacht. –

In Arup traf ein schwerer, allerdings auch mit sechzehn Kourantschilling Porto beschwerter Brief ein. Er wurde unter atemloser Stille geöffnet und gelesen und enthielt die Bestallung des Hans Christian Junker zum Gerichtsdiener in Norderhafen.

»Fadde, will auch sehen«, quälte Adam. Als ihm das Kleinod hingehalten wurde, griff er zu und setzte drei Butterbrotsfinger unter das große Siegel.

»Aah«, schrie der Vater und klapste die Finger derb, »a–ah, Mutter, nun hat der Schlingel die Bestallung ruiniert, und sie ist ungültig.«

Da sang auch der Sohn das hohle, heulende Jammerlied Uh–uh, aah–ah. Monika beruhigte beide und verschloß das Schriftstück in der Schatulle.

Als die Feierabendglocken – Malehns Mann, der um seiner Treue willen neu ernannte Totengräber, zog sie ungeschickt – lange nicht so harmonisch wie früher läuteten, klang dennoch in Monikas Seele ein Lobhymnus:

Sei hochgelobt in Ewigkeit,
Mein Gott, für deine Güte,
Die mich in Trübsal angeblickt,
Mein Leben tausendfach erquickt
Und wunderbar erhalten!

Hans aber streifte die Holzschuhe von den Füßen und schleuderte die langgedienten zum alten Gerümpel. »Sie passen nicht mehr zum Beamten.« Würdevoll zog er die Langschäftigen an und stolzierte durch das Dorf, jedem, der es hören wollte, erzählend, daß er königlich preußischer Beamter geworden sei.

Im Wirtshaus befinden sich immer die willigsten Zuhörer, und er gab natürlich ein paar Runden aus. Zum Lohne nannte sie ihn »Hans Deutscher«. Der bucklige, boshafte Dorfschneider aber stieß mit ihm an und sagte: »Prosit Hans Monika!« Da bestellte der Beamte nichts mehr.

Frau Junker witterte mit der Nase und fragte vorwurfsvoll: »Wollen wir so das Gottesglück einweihen?«

Hans war schon etwas geduckt und schwieg demütig. –

Hoch bepackt stand der Leiterwagen mit Hausgerät und Habseligkeiten. Oben auf dem Babelturme, von dessen Höhe er des Hauses First übersehen konnte, saß Adam Amatus, auf einer Matratze festgebunden, und hielt den Hund »Nalde«, der ein großer Köter geworden war, im Arm.

Schniefend kam die alte Malehn aus ihrer Tür und wischte sich die roten Augen. »Frau Junker, Sie dürfen nicht glauben, daß wir so schlecht sind und andre aus ihrem Brot verdrängen wollten.«

»Nein, wir danken Gott, daß wir Arup verlassen dürfen.« Monika reichte der Reumütigen die Hand zur Versöhnung.

Die Scheidende warf einen letzten Blick nach dem Friedhofe und der Kirche und den Glocken im Turme. Wie oft hatten diese mit ihrer ehernen Stimme lust- und leidvoll gesungen, und die Glocken waren ihre besten Freunde gewesen, die mit ihr gesprochen und jede Seelenstimmung verstanden hatten. Lebewohl, Lebewohl! Ein langes Stück ihres Lebens war beendet und hier begraben auf dem Aruper Kirchhof.

Hans störte ihre Abschiedsrührung. »Mutter, wir haben doch im Frühstückskorbe einen kleinen Klaren in der Flasche – für den Kutscher? Wer gut schmiert, fährt gut.«

Auf dem Aussichtsturme fuhr Adam in eine neue Welt hinaus. Solange er die Gegend kannte, belehrte er Nalde und erklärte alles. »Das ist der Hof Vogelsang … hier gehen Peter Jensens Kühe … siehst du die Pastorpferde? Der Schimmel ist eine Stute und kann ein Füllen kriegen.«

Als es über die Aruper Gemarkung und seinen bisherigen Gesichtskreis hinausging, rief er immerzu herunter: »Fadde, was ist das?« Von jedem Wegfahrenden wollte er wissen, wer er sei und wie er heiße, und faßte gar nicht, daß der allwissende Vater seine Unkenntnis zugestehen mußte. Zuletzt machte der warme Maientag ihn still und schläfrig. Adam schlief, und des Hundes Schnauze lag auf seinem Halse.

Das Gerüttel des Wagens auf dem Steinpflaster weckte ihn. Diese hohen, dichtgedrängten Häuser, die vielen Menschen und die ungeheuren Ladenfenster! Sein durch immer neue Eindrücke in Atem gehaltenes Erstaunen war so sprach- und grenzenlos, daß er keine Frage herausbrachte.

Außerhalb Norderhafens stand eine Häuserzeile unter hohen Pappeln, das sogenannte Pappeltal mit sehr billigen Mietswohnungen. Eine Dach- und Giebelwohnung daselbst, die aus einem Kochraum, einer viereckigen Stube, einem schräg abgedachten Schlafzimmer und einem noch schrägeren und noch kleineren Kämmerlein bestand, hatte Hans als Heim gemietet.

Von den Fenstern ging der Blick ins Grüne, auf die Wiesenfläche und das Schilf und über das Wasser der Föhrde. Freilich, sehr heiß war es dort oben unter den Ziegelpfannen, und der Vater, der alles zum Guten kehrte, schmunzelte, daß viel Feuerung erspart werden könne.

Junker – bei seinem Vornamen ließ er sich nicht mehr nennen – trug die Uniform mit weißblanken Knöpfen und die blaue Mütze und statt des Schwertes an der Linken einen Knotenstock in seiner Rechten.

Ein großer Morgen brach an, wo die blanken Knöpfe noch blanker gerieben wurden. Im Amtshause wurden die neuen preußischen Beamten vereidigt. Der Hardesvogt Berg, der sehr ernst und blaß aussah, war unter den ersten, die ins Zimmer traten und vor dem königlichen Kommissar die Schwurfinger hoben. Hans gehörte zu den allerletzten, die vorgelassen wurden, aber leistete keck und zuversichtlich wie kein andrer den Treueid.

Stolz und stramm trug er sich, als er seine Familie begrüßte: »So, nun bin ich beeidigter Beamter.«

Monika antwortete gedämpft und dämpfend: »Hast du auch an Gott gedacht während der heiligen Handlung?«

Er warf die Brust heraus. »Ich kann mit gutem Gewissen den Eid leisten, mit besserem, als dein großer Bruder, der heute recht klein war … von den zwei Eiden, die er sich geleistet hat, muß nach meinem Verstande der eine falsch sein.«

»O, rede nicht! In einem Grenzlande wird Gott mit einem andern Maßstabe als anderswo messen.«

»Jaja, das mag wohl sein.« Die Moral, die einen doppelten Maßstab hat, mißhagte ihm nicht. –

Für Adam Amatus fing in Norderhafen der neue Lebensabschnitt der Arbeit an. Die Mutter unterrichtete ihn. Solches Lehren ist eine Lust und solches Lernen unter Mutteraugen ein Spiel, vorausgesetzt, daß der Lernende einen hellen Adamskopf hat und die Lehrende eine erfahrene, deutsche Schulmeisterin wie Monika ist. Trotz der Treibhaushitze in der Dachstube war es kein Treibhausunterricht, der unnatürlich frühe Erfolge und Früchte züchten und zeitigen wollte, sondern die meisten Tagstunden gehörten dem Spiel in frischer, wangenbräunender Luft.

Die Wasserspiele waren natürlich die liebsten. Drüben auf der Föhrde segelten die Jachten und Galeassen, und der Raddampfer Marie schaufelte zweimal täglich vorüber. Am Garten entlang floß ein Bach, auf dem der Knabe seine Schiffe, zwei ausgehöhlte Kürbisschalen, die eine Blumenstange als Mast und einen Leinenlappen als Segel hatten, am Bindfaden schwimmen ließ.

Ein alter, weißhaariger Herr, der immer einen schwarzen Tuchrock, hohe Vatermörder und eine weiße Halsbinde trug und alle Nachmittage durch das Pappeltal marschierte, stemmte sich auf den silberbeschlagenen Stock und schaute lächelnd über das Brückengeländer. Der emeritierte Pastor Jensen, der zuweilen den Onkel Hardesvogt besuchte, kannte den Burschen.

»Junkerlein, sag mal, was willst du werden?«

Prompt kam die Antwort: »Ich heiße Junker und nicht Junkerlein und will Seemann werden.«

Das Bauerwerdenwollen war durch die neuen Wassereindrücke verdrängt. –

Jeden zweiten Sonntag besuchte die Familie Junker den Onkel Berg. Eines guten Sonntags aber veranstaltete Großmutter Lina ein Wettlesen ihrer beiden Enkelsöhne. Adam las fließend die Geschichte von dem sprechenden Starmatz [später entfallen: , aber Asmus sammelte mühsam die Silben. Darum wurden die Bücher sehr bald zugeklappt und das Wettlesen nicht wiederholt].

Der Onkel blickte seitwärts nach dem Leser und lobte: »Jung, du kannst ja wie ein Priester plappern.«

Monika sagte geradezu: »Ja, Adam ist begabt und lernbegierig, und er müßte von Rechts wegen in die lateinische Schule.«

Darob starres Schweigen und Staunen! Ungeheuerlich war allen, auch dem Vater, der Gedanke.

Karl schob beide Hände in die Taschen und sprach gewiegt und überzeugend: »Mona, es ist begreiflich, daß der Gedanke bei dir entsteht, ich könnte deinen Sohn ins Gymnasium bringen … gewiß, ich könnte einige Jahr das Schulgeld bezahlen, aber [später entfallen: wenn meine Kinder herangewachsen sind, nicht mehr.] D/dein Sohn würde es nur zu einer Halbbildung mit ihren minderwertigen Leistungen und ihrem Übermaß an Ansprüchen und Überschätzung bringen. Das wäre ein Unglück, vielleicht der Untergang.«

Adam Amatus lauschte mit großen, grübelnden Augen.

Auf dem Heimwege nahm Monika den Arm ihres Mannes. »Hans, wir müssen sehr sparen.«

Er knipste fröhlich mit dem Finger. »Hab' ich es nicht immer gepredigt, und nun hast du es endlich eingesehen, liebe Mutter? Ja, sparen, sparen!«

»Ja … wir müssen die 24 Taler Schulgeld im Jahr ersparen.«

Ihr Mann stand still und stierte. »Ein volles Monatsgehalt von 24 Talern! Dann müßten wir drei Menschen einen Monat im Jahr hungern und nichts essen. Gott bewahre deinen Verstand, liebe Mutter!«

Adam Amatus, der zwischen beiden ging, hielt je eine Hand der Eltern und wußte nicht, mit wem er's halten sollte.

Partout wollte er in die lateinische Schule, aber noch partouter keinen vollen Monat fasten. 

Die Kürbisschiffe waren längst verfault. Der Papierdrache, der auf den Wiesen wie ein Vogel geflogen, lag zerlöchert auf dem Boden. Der Schneemann, der mit seinen Steinkohlenaugen im Garten gestanden und gespenstisch durch die Mondnacht geleuchtet hatte, zerschmolz.

Als die Krokus blühten und die Kinder Ball schlugen auf der Straße, kam Adam Amatus aus der Schule. Er war in die Bürgerschule Norderhafens aufgenommen worden und hatte die zwei untersten Klassen überschlagen, Neidlos sah er die Lateinschüler, die in geschlossenen Trupps gingen und sich von den andern fernhielten. Sein Traum von der braunen, goldbordierten Mütze war verflogen. War es doch abgemacht, daß er Seemann werden wollte, und ein Schiffer braucht nicht zu studieren.

Der Hafen blieb sein liebster Ort und die dicke Dorte, die immer so fürchterlich schwitzte und ihrem Manne, der Ballasterde in die leeren Jachten karrte, schaufeln half, seine feste Freundin. Treulich mit ihr um die Wette schwitzend, half er die Schubkarre füllen, trank mit ihr aus einem Legel und erhielt zum Lohne einen Schiffszwieback, der in Schweden drüben vor sechs Wochen den Backofen verlassen hatte.

Derselbe wurde zu Hause verzehrt, und die Mutter meinte: »Magst du das Steinbrot?«

Ja, er kaute mit den weißen, weit von einander stehenden Zähnen, daß es knackte. Weil es das erste selbst und sauer verdiente Brot war, mundete es ihm und schmeckte fast besser als das warme Abendessen, welches nur jeden zweiten Sonntag beim Onkel vorgesetzt wurde.

Dann flüsterte der Vater dem Sohne zu. »Iß nur tüchtig … hier wird doch nicht gespart.« Und sie schmausten beide um die Wette.

Gegen vier Uhr nachmittags, wenn die ehrbaren Bürger mit ihren Ehehälften, die in steifen Krinolinentrichtern staken, durch die grünen Alleen spazierten, pilgerten Junkers zu vieren, und Nalde war der vierte.

Als das große Haus der Norderstraße in Sicht kam, schmiegte Adam sich an die Mutter. »Weißt du, was ich glaube … ich glaube, daß Großmutter mich nicht so lieb hat wie Asmus, denn sie nimmt ihn oft auf den Schoß und mich nie.«

Monika blickte bedeutungsvoll nach ihrem Manne und antwortete verständig: »
Der arme Asmus hat ja keine Mutter, aber du hast eine … Darum muß die Großmutter seine Mutter sein und ihn sehr lieb haben.«

»Ja, darum.« Er begriff's.

Der alte Pastor Jensen war zu Besuch bei Hardesvogts und ließ das kühle Bier sich schmecken. Junker setzte sich zu den Herren, wußte sich komplaisant und höflich zu benehmen und wurde nie vorlaut.

Silly, die gleichaltrige Kousine, ein rundrotbackiger, blauäugiger Flachskopf, lief dem Vetter entgegen. Sie hatten sich noch nicht einmal gestritten. [Später entfallen: »Komm mit!« wisperte sie, und Asmus schlenkerte hinterdrein.

Hinter dem großen Hause war ein großer Garten und zwischen hohen Linden eine Schaukel. Der sonst langsame Asmus lief voran und warf sich hinein. »Nun setzt mich so hoch in die Luft, als ihr könnt!«

Adam stieß kräftig und lief unter der Schaukel durch.

Als Silly hineinstieg, zog er das Kamisol aus, um mit neuer Kraft zu arbeiten.

»Adam, nun kommst du endlich an die Reihe«, sagte die Kousine abspringend.

Aber der Bruder Asmus saß schon im Sitze und machte sich breit.

Adam wußte, was dem Gast gezieme, und ließ sich's gefallen, trieb aber zum Schabernack die Schaukel so hoch, daß jener mit dem Kopfe gegen die Lindenzweige stieß und die Mütze verlor.

Silly hob sie auf und setzte sie dem Vetter auf den heißen Schädel. »O, wie fein die Septimanermütze dir steht.«

Er warf kokett den Nacken zurück und stolzierte mit der Goldbordierten, bis Asmus sie von hinten von seinem Haupte riß und grob grunzte: »Gib her! Die Klassenmütze darf kein andrer tragen … so ist's abgemacht. Wenn die andern sähen, daß ich sie dir liehe, käme ich in Verschiß.« Protzig stülpte er das Insignium der Septimanerwürde auf die Haare.

Den Vetter verblüffte das Wort Verschiß, davon er sich keinen Begriff machen konnte. Als sie Versteckens in den Büschen spielten, befragte er leise die Kousine, die auch nichts Bestimmtes wußte, aber die Nase rümpfte. »Verschiß? Das hört man gleich, daß das etwas Häßliches ist.«

Asmus, statt die Versteckten zu suchen, warf sich faul auf den Rasen und dachte lachend: Mögen sie irgendwo hocken, bis sie schwarz werden! Zum Zeitvertreib lockte er den Hund herbei, blies ihm in die Ohren und streichelte ihn zur Beruhigung, kramte in den Taschen, die mit Marmelsteinen, Kupfermünzen, blanken Knöpfen, Bindfaden und andern Septimanerschätzen vollgestopft waren. Eine Blechbüchse, die ihm früher als Grabscheit gedient hatte, lag auf dem Rasen. Er befestigte sie am Bindfaden, lockte Nalde in den Arm, kraute den gestutzten Schwanz, und knotete leise und arglistig, bis die Büchse an dem Schwanze baumelte.

Das war ein Gaudium, wie der Hund hineinbiß und gleich einem Kreisel um sich selber schurrte. Immer ungebärdiger tanzte das geängstigte Tier, nach der eignen Rute schnappend und laut um Hilfe heulend.

Die Versteckten, die geharrt hatten und genasführt waren, sprangen aus den Büschen.

Asmus schüttelte sich vor Lachen. Adam wollte seinen Liebling befreien. »Du … das ist Sünde und Tierquälerei.«

Asmus riß ihn zurück. »Nein, das ist ein Höllenspaß.«

Der kleine Vetter wurde zornig und stieß den größeren kräftig in ie Rippen.

»Was Du Bürgerknote willst hauen?« Wups! Da hatte Adam einen Hieb, welcher saß.

Doch der Schlag wurde zurückgegeben. »Du Lateinbrocken, was bildest du dir ein?«

Währenddessen befreite Silly schnell den Hund. Und die Kampfhähne boxten mit geballten Fäusten und schimpften wie die Helden des Homer.

»Du bangbüxiger Gerichtsbote!«

»Du dicker Hardesvogt!«

Der wohlbeleibte Hardesvogt schnaufte herbei. »He, was ist hier los?«]

Nachdem er eine Zeit lang Silly geschaukelt hatte, stand plötzlich ein schmächtiger, mit Sommersprossen bedeckter Knabe, der unbemerkt durch den Zaun gekrochen war, hinter ihm. Es war Fritz Hahn, der Sohn des Senators, der im Nachbarhause wohnte. Der Bursche hatte von dem hohen Stande seines Vaters und von der eignen Septimanerwürde ein starkes Bewußtsein, denn wie etwas Selbstverständliches erteilte er die bündige Weisung: »Jetzt setzest du mich in die Luft, so hoch du kannst!«

»Nein, Adam kommt jetzt an die Reihe«, sagte die Kousine abspringend.

Aber der Sohn des Herrn Senators saß schon in der Schaukel und machte sich breit.

Der gutmütige Adam ließ es sich gefallen und arbeitete von neuem im Schweiße seines Angesichts, trieb aber zum Schabernack die Schaukel so hoch, daß Fritz mit dem Kopfe gegen die Lindenzweige stieß und die Mütze verlor.

Silly hob sie auf und setzte sie dem Vetter auf den heißen Schädel. »Wie fein, wie fein die Septimanermütze dir steht!«

Adam warf kokett den Kopf zurück und stolzierte mit der Goldbordierten hin und her – bis der Senatorsohn wütend heruntersprang und sie von hinten von seinem Kopfe riß, unter grobem Geschimpfe: »Du Lauser, gib her! Die Klassenmütze darf kein Bürgerschüler entehren!« – Protzig stülpte er das Insignium der Septimanerwürde auf die rötlichen Haare.

Das ließ der Gutmütige sich nicht gefallen; der Kleinere wurde böse und stieß den Größeren kräftig in die Rippen.

»Was, du rotzige Bürgerknote willst hauen?«

Wups! Da hatte Adam einen Hieb, welcher saß.

Doch für einen Schlag gab er zweie zurück und für ein Scheltwort dreie. »Du Lateinbrocken, was bildest du dir ein, weil dein Vater mit einem Geldsack auf dem Buckel zur Welt kam?«

Die jungen Kampfhähne fochten mit geballten Fäusten und schimpften wie die Helden des Homer.

»Du lausiger Gerichtsbote!«

»Du rothaariger Senator! Du Lateiner-Affe!«

Fritz Hahn verlor die Mütze in der Hitze des Gefechts, und Junker setzte den Fuß auf das Insignium der Septimanerehre.

Da schnaufte der Herr Hardesvogt herbei. »He, ihr Bengels, was ist hier los? Dein Sohn, Monika, ist ein Raufbold erster Güte und hat den armen Fritz grün und blau verhauen.«

Hintendrein kamen die andern, und der alte Pastor lächelte belustigt. »Sieh mal den kleinen Schlingel! Am Ende möchtest du selber gern ein Lateinbrocken werden?«

»Das kann ich nicht, weil es 24 Taler Schulgeld kostet.«

»Hm hm!« Der Pastor und der Hardesvogt und Frau Junker räusperten sich gleichzeitig. Das war ein lautes und dreistimmiges Geräusper von grundverschiedener Klangfarbe.

Gegen zehn Uhr dankte Hans Junker für alles Gute, das sie genossen hätten. Silly steckte auf dem Flure dem Vetter ein Kästlein in die Hand. »Das darfst du behalten!« In dem Kasten waren viele Holzstücke, aus denen nach dem beigelegten Bauplan eine Windmühle gebaut werden konnte.

Die Großmutter sagte auf dem Flure nichts, aber nachher drinnen in der Stube: »Warum hast du ihm das schöne Mühlenspiel gegeben, Silly?«

»Adam hat sonst kein Spielzeug, und Vater kann mir eine neue Mühle kaufen.«

Der Bruder gähnte breit: »Du bist aber schön dumm!«

Droben in den Dachstuben war's fürchterlich in den afrikanischen Hundstagen. Träge saßen die Fliegen an der Wand und nickten, und alle Blätter des Pappeltals waren eingeschlafen.

Frau Monika schwang schwitzend das Plätteisen und sagte mit apodiktischem Ärger: »Nein, zum dritten und letzten Male nein, du Quälgeist!«

Adam, der Geliebte, war der Quälgeist, welcher durchaus barfuß gehen wollte, wie die andern Knaben.

Mürrisch schlenderte er in Schuhen und Strümpfen in die brennende Sonnenhitze hinaus, schlug sich seitwärts am Bache entlang und strebte über die Wiesen. Er war sehr unglücklich, weil er seinen Willen nicht gekriegt, und wurde über Erwarten schnell getröstet.

Zwei sommerweiße Gestalten gingen an der kühlenden Föhrde, und die eine winkte. Adam lief den Schmetterlingen entgegen und betrachtete den einen von oben bis unten, und der Schmetterling betrachtete ihn.

Klarissa, die Tochter des Zollinspektors, war um gut zwei Jahre älter, aber Sillys Busenfreundin. Die Gegensätze hatten sich angezogen. Neben der rotbackigen und drallen Berg war die andre lang und hager, spitz und sommersprossig und in Adams Augen dennoch eine Schönheit, denn sie hatte einen schweren, braunen Haarzopf und ein ernstes, erwachsenes Wesen, das ihm mächtig imponierte.

Die Mädchen pflückten Blumen auf der Wiese, und der ritterliche Adam raufte sie handvollweise. Auf einem glitzernden Tümpel schwamm eine einsame Seerose. Klarissa sah die Königin der Wasserblumen und prüfte mit dem Fuß die Tragfähigkeit des Sumpfbodens.

Er hatte schon die Schuhe und Strümpfe abgestreift und pflückte die Seerose – und reichte sie Klarissa. Die gute Kousine, die das Mühlenspiel ihm geschenkt hatte, machte einen breiten, bedenklichen Mund.

Der Knabe fühlte sich sehr wohl in den bloßen Füßen, so daß er, des ritterlichen Anstands vergessend, Schuhe und Strümpfe in der Hand behielt und zum Versucher wurde. »Ihr solltet mal probieren, wie schön das ist!«

Die Mädchen kicherten einander zu, blieben ein wenig zurück und saßen, den Rücken ihm zukehrend, im Grase, während er lächelnd in die Luft sah.

Weißbeinig bis zu den kurzen Röcken kam die Erwachsene gravitätisch angewatet. Silly aber hüpfte wie ein übermütiges Kälblein durch das weiche Gras.

Barfußgehen – o, welche Lust für die Kinder der Reichen, und wie werden die Buben der Enterbten um dieses Vorrecht beneidet!

Friedlich beieinander standen drei Paar Schuhe, aus denen die Stümpfe langhalsig hervorguckten. Über dem Bach, wo er in breiter Mündung in die Föhrde sich ergießt, lagen zwei schmale, handbreite Hölzer, die beiden Ufer verbindend. Jedes Wagnis lockt ein tapfres Kindesgemüt.

Keck fragte Klarissa: »Wer folgt mir?« und balancierte wie eine geschickte Seiltänzerin auf der schmalen Planke über den breiten Bach. Junker wollte sich nicht beschämen lassen und brachte einmal das Kunststück fertig; nur die kleine Silly getraute sich nicht.

Aber die Freundin, vom Erfolg ermutigt, rannte immer kühner von Ufer zu Ufer.

Der Knabe lag bewundernd im Grase, die weißfüßige Artistin gefiel ihm immer mehr. Als sein Emporschauen zu ihr den Höhepunkt erreicht hatte, sah er sie plötzlich gar nicht mehr, sondern hörte einen Plumps und ein Platschen, als ob ein Frosch ins Wasser springt. Schmählich war die Seiltänzerin abgestürzt, die aus dem schlammigen Wasser krabbelte.

Silly schrie und heulte vor Schreck und Mitleid, Klarissa aber weinte nicht, tapfer ihren Schmerz und ihre Schmach verbeißend. Adam dachte, daß sie groß im Unglück sei, obwohl sie greulich aussah. Die schneeigen Füße und alles bis zum Gürtel hinauf war eine schwärzliche, stinkende Schlammasse.

»O, uh, was wird deine Mutter sagen, Klarissa?«

»Sie … die lange Stine wird mich schlagen.« Die Reder sprach durch die verkniffenen Lippen.

Adam erholte sich und meinte: »Du mußt es abwaschen … komm, hier weit oben ist der Bach klar … dann merkt eure Mamsell, die lange Stine, nichts …«

Silly puffte ihn. »Du … die lange Stine ist ja ihre Mutter, ihre Stiefmutter.«

Er kannte die lange Frau des Zollinspektors und schwieg verlegen. Aber Klarissa hatte seinen Gedanken aufgegriffen und eilte bachaufwärts, bis wo am Ufer hohes Röhricht wuchs. Er folgte mit dem gesamten Schuh- und Strumpfgepäck und wurde von der Erwachsenen bedeutet: »Bleib, wo du bist, kleiner Adam, und paß gut auf, ob jemand kommt, und sieh nach allen Seiten, aber nicht hierher!«

Trotzdem das »kleiner« ihm nicht gefallen hatte, hielt er treulich Wache. Die beiden Mädchen standen im Wasser und hielten große Wäsche, rieben und wrangen und spülten das Röckchen, und was darunter gewesen, und breiteten alles zum Trocknen auf den Rasen.

Klarissa saß in der Hucke hinter dem Schilfe und schlang die Arme als ein Notgewand um die Beine, die wieder schneeweiß waren. Volle anderthalb Stunden blieb sie in dieser unbequemen Stellung im Schilfe hocken. Zwischen ihr und dem Vetter lief Silly hin und her, ihn ermahnend, gut aufzupassen, und die Freundin tröstend, daß die Wäsche gut geraten sei.

Als die Erwachsene zum Vorschein kam, hing das einst gesteifte Röckchen schlaff und kraus und umschlotterte den hageren Körper. Vorbei war alle Lust der Barfüßler, die in Strümpfen und Schuhen heimgingen.

Adam Amatus mußte an die lange Stine und die arme Klarissa denken. Schon auf der Treppe empfing ihn die Mutter, welches kein günstiges Anzeichen war. »Wo bist du Schlingel drei geschlagene Stunden gewesen? Sag die Wahrheit … du hast im Wasser gepatscht?«

»J–a!«

Ehe es zum Strafvollzuge kam, klang von unten eine lachende Stimme: »Ja, der Schlingel, der Undög!«

Frau Junker neigte sich vor, und die Unmutswolke ihres Antlitzes wurde zum liebenswürdigen Lächeln, denn der alte Pastor Jensen grüßte in seiner freundlichen Art und der Besuch war ihr und ihrem Hause eine Ehre.

Pastor Jensen scherzte: »Der faulenzt in den Hundstagsferien den ganzen Tag und lebt wie Adam im Paradiese.«

Monika antwortete schnell: »Nein, er ist sehr fleißig und der zweiterste in der Klasse, obwohl er der jüngste ist.«

»Jung, hol' die Bücher her! Ich will mal hören, was du kannst!«

Adam las fließend und mit guter Betonung, und der Pastor nickte ihm ein paar Mal zu. Adam rechnete im Kopfe die schwierigsten Exempel.

Der alte Herr verwunderte sich und sagte: »Die Prüfung hast du gut bestanden. Frau Junker … der müßte ins Gymnasium.«

»Ach Gott«, seufzte sie erschrocken, unsre Einnahme ist sehr gering, wir dürfen uns so überschwängliche Hoffnungen nicht in den Kopf setzen.«

»Hat der Hardesvogt nie mit Ihnen darüber gesprochen?«

Sie entschuldigte, vielleicht aus Klugheit: »Mein Bruder hat selbst Kinder und viele Ausgaben.«

Der Pastor blickte aus dem Fenster und besann sich. Er gedachte, daß er selbst armer Leute Kind gewesen und auf der Universität kümmerlich sich durchgeschlagen.

Dann erhob er sich schnell und sagte in der Tür halbleise: »Wenn Sie gestatten, will ich das Schulgeld für ihn bezahlen, solange ich lebe … die Begabung ist da und darf nicht brach liegen.«

Ehe Frau Junker zu sich selber kam und danken konnte, war der alte Jensen fort.

Ein völlig unvermutetes und allzu großes Glück erschreckt. Der Knabe stand baff und benaut mitten in der Stube, während Monika in einen Stuhl sich setzte. Schließlich legte er die Hände und Arme auf ihren Schoß und sagte scheu: »Mutti, warum weinst du?«

»Ich weine vor Freude, ich glaube, ich hab's in meinem Leben noch nie getan.« Sie nahm den großen Knaben auf den Schoß und herzte ihn. »Wir wollen Gott aus tiefstem Herzen danken und demütig sein.«

Ihm war so feierlich, so freudig-weinerlich zu Mute, daß er von selbst die Hände faltete und laut ein Vaterunser betete. Da küßte sie ihn.

In der Nacht vermochte Frau Junker nicht zu schlafen. Sonst hatten oft die Sorgen, die ihr Lager umstanden, den Schlummer fortgeängstigt. Jetzt verscheuchten ihn die allzu grellen Glücksträume, welche die Nacht taghell machten. Die Träume hoben sich auf Lichtschwingen empor, daß sie die ganze Zukunft ihres Sohnes durchflog. Sie sah auf seiner blonden Haarfülle die rote Primanermütze; sie erblickte auf der Kanzel seinen Kopf mit den weißen, ehrwürdigen Beffchen. Alle Kränze, die das Leben ihr nicht gegeben, lagen auf seinem Haupte.

Adam Amatus lief nach der Norderstraße und durch Torweg des Onkels und berichtete außer Atem das große Ereignis. Die Kousine freute sich, aber der Vetter machte ein unsagbar ungläubiges Gesicht. »Du kommst ins Gymnasium? Wer's glaubt, zahlt einen Taler.«

»Gib gleich den Taler her! Hihi!« Der kleine Junker schlug eine Lache auf und schabte den Finger. »Fifi! Pastor Jensen zahlt für mich das Schulgeld, und bald will ich so weit sein wie du.«

Er schien bereits das Demütigsein vergessen zu haben. –

Zum Michaelistermin fand die Aufnahme neuer Schüler statt. Adam Junker hatte eine kurze mündliche und schriftliche Prüfung hinter sich und saß in strammer Haltung und erwartungsvoller Zuversicht auf der Bank. Die gestellten Fragen waren ihm zu leicht gewesen. Zwei Lehrer lehnten am Pulte und sahen das Schriftstück durch, das er mit seinen großen Buchstaben geschrieben hatte. Sein Ohr fing jedes Wort ihrer gedämpften Rede auf.

»Wahrhaftig … kein Fehler im Diktat! Der ist mehr als reif für die Sexta.«

»Ja, aber« – der zweite Lehrer nahm den Taufschein und blickte flüchtig hinein – »aber es geht doch nicht … der Bursche ist nur acht Jahre alt.«

Der erstere, ein dicker Herr, erkletterte den Hochsitz der Klasse und betrachtete, nachdem er eine Zeile ins Protokoll geschrieben, den Schüler mit gutmütig lächelnden Äuglein. »Junkerlein, du bist in die Septima aufgenommen worden.«

Weder das kosende Diminutiv noch die Septima-Aufnahme schien eine sonderliche Freude zu erwecken.

»Nun sag mir noch, Adam Amatus Friedrich, welches ist dein Rufname?«

Der Knabe schwieg einen Augenblick. Geschah es in Verblüffung oder aus Überlegung, um zwischen dreien die Wahl zu treffen?

»Jung, weißt du nicht, wie du heißt?«

»A–ma–tus!« Langsam und deutlich platzte es aus dem Knaben heraus.

»Jetzt kannst du laufen und dir eine Mütze kaufen.«

Während der Prüfung betete Monika erst für den Sohn und dann für den alten Pastor Jensen, den Wohltäter ihres Hauses, daß es ihm wohl gehe, und daß der mehr als Siebzigjährige noch lange, möglichst lange, sehr lange lebe auf Erden. Solange er lebte, wollte er ja das Schulgeld bezahlen.

In roter Erregung stürzte Amatus in die Dachstube und rief: »Mutter, Mutter! Nun bin ich umgetauft und heiße Amatus … der Lehrer hat es ins Protokoll geschrieben.«

Als Monika den Sachverhalt erfuhr, wurde sie ernst und böse, und zauste ihm das Haar. »Du hast gelogen! Pfui! Das Allergemeinste und Allerhäßlichste ist die Lüge.« – Ihre Hand schlug ihn.

Seine Freude verkehrte sich in Weinen, und er schluchzte. »Ich habe nicht lügen wollen … es kam so aus mir heraus…«

»Warum verachtest du deinen ehrlichen Namen?«

»Die andern hänseln mich immer damit, wenn wir die Geschichte von Adam und Eva haben.«

An seinem Ehrentage erhielt der kleine Sünder Stubenarrest, und zur Verschärfung der Strafe wurde die neue Septimanermütze erst nach Tagen gekauft.

Der Vater schüttelte zwar über den Streich seines Sohnes den Kopf, aber unterdrückte auch nicht ein Lächeln und nannte ihn zuerst neckend und dann für ernst und immer Amatus.

Nach einer Woche hat auch die Mutter ihm den neuen Rufnamen gegeben.

Sechster Abschnitt: Ein tüchtiger Taugenichts.

Die Nachbarinnen im Pappeltal hielten sich oft darüber auf, daß »die Gerichtsdienersche« hoch hinaus wolle und jetzt sogar Latein lerne. Frau Junker nämlich überhörte, im Sommer bei offnem Fenster, ihrem Sohn die Vokabeln und wußte die gelernten aus dem Kopfe. Freilich, die Verknüpfung der Worte zu Sätzen blieb ihr ein verschlossenes Gebiet, in dem Amatus flink und bewandert war.

Immer höher stieg die Sonne ihres Glücks in diesen Tagen. Wenn niemand im Zimmer war, öffnete sie zuweilen das kleinste, aber wichtigste Schubfach der Schatulle, in dem der geringe Geldvorrat, die bedeutsamen Papiere und die Bestallung ihres Mannes verwahrt wurden, und zog ein Schriftstück hervor, das sie mit sinnigen Mutteraugen betrachtete.

Es war von ihrem Sohn verfaßt – und das erste lateinische Extemporale, das er geschrieben. Unter der schwarzen Schrift stand mit roter Tinte: »Sehr gut! Bisher Nummer 24 ist Nummer 2 in der Klasse geworden.«

Der Sextaner Junker machte den Lehrern keine Mühe und bereitete dem alten Pastor Jensen keine Enttäuschung.

Am Sonnabendvormittage vor Palmarum wanderte der Gerichtsdiener, der in der Gegend zu tun gehabt hatte, vor der Lateinschule auf und ab, bis in dem völlig stillen Hause ein fürchterliches Treppengepolter und Gestampf entstand und der Schülerschwarm viel- und buntköpfig aus dem Portale sich ergoß.

»Amatus, Amatus!« winkte der Vater, »wie ist es dir ergangen?«

»Sehr gut!«

Im Haufen der Quintaner näherte sich der Vetter Berg mit einem dick mürrischen Gesicht.

»
Asmus, bist du nach Quarta versetzt worden?«

»Nein«, brummte dieser, »ich wußte es vorher … Doktor Hiebe hat es nicht gut auf mich … ich könnte den Kerl umbringen.«

Doktor Hiebe war der Spitzname von Doktor Liebe, der bei trägen Schülern fleißig den Rohrstock gebrauchte.

[Später entfallen: »Vater«, sagte Amatus triumphierend, »nun bin ich ebenso weit wie Asmus.«

»Sssst! Jung, nichts merken lassen, wenn wir uns auch darüber ›höchen‹ … Der große Onkel, der nichts für dich tun wollte, hat's verdient … aber wir sind kleine und abhängige Leute.«]

Der Sohn reckte sich in den immer schief getretenen Schuhen, und der Vater kaufte ihm im Kürschnerladen die neue Quintanermütze.

Der übliche Besuchssonntag beim Onkel fiel auf Palmarum. Großmutter Lina machte zwar einen kurzen, spitzen Aufblick nach der blitzblauen, silberbordierten Mütze, aber sagte nichts.

Und der Hardesvogt sprach laut und lobend: »Du bist ein Musterschüler [später entfallen: , und der Schlingel Asmus soll sich an dir ein Beispiel nehmen] … es versteht sich von selbst, Monika, daß ich bei jeder Neuversetzung die Bücher bezahle … ihr könnt sie beim Buchhändler auf meinen Namen anschreiben lassen.«

Amatus hörte noch in der Tür, daß der Onkel sagte: »Der Junge scheint ein phänomenales Gedächtnis zu haben.«

Was war phänomenal?

Im Garten befand sich bereits Besuch. Die erwachsene Klarissa, die aus dem kurzen Kleide bedenklich herauswuchs, und ihr Bruder Wilhelm, ein schmächtiger Knabe mit großen Traumaugen in dem etwas gelblichen Gesicht, der durch die Erziehung der Stiefmutter an wortlosen Gehorsam gewöhnt, wenig gesprächig und eingeschüchtert war, hatten Erlaubnis bekommen, zu Hardesvogts zu gehen.

[Später entfallen: Asmus begrüßte freundlich den Vetter und Quintanerkollegen. »Wir haben schon auf dich gewartet … uns fehlt beim Spiel der fünfte Mann.«]

Hinter den knospenden Büschen des Gartens wurde Versteckens gespielt.

»Komm, Klarissa, ich weiß einen Ort, wo keiner uns findet«, winkte Amatus. Durch die Tannenhecke kroch er voran auf allen Vieren, und sie folgte flink und unzimperlich in gleicher Weise. Drinnen zwischen den dichten, grünen Wänden wat ein freier Raum, ein winziges, oben und überall geschlossenes Stübchen, in dem sie sich zusammenhockten und um die hochgezogenen Beine die Arme schlangen. Der Schonung halber wurde die neue Quintanermütze abgenommen und aufs Knie gelegt.

»Weißt du noch, Klarissa, als du in der Hucke hinter dem Schilf saßest?«

»O, laß uns davon schweigen … das war schrecklich.«

»Hat deine Mutter etwas gemerkt und dich …?« Aus Taktgefühl blieb der Satz unvollendet.

»Nein, unser Mädchen Karoline hat alles nachgewaschen und heimlich geplättet … die ist gut und hat oft gesagt, daß sie den Dienst längst verlassen hätte, wenn sie uns nicht so lieb hätte.«

»Hat die Magd euch lieber als eure Mutter?«

»Die … die ist gar nicht unsre Mutter … unsre rechte Mutter ist im Himmel.«

Das Geplauder verstummte, bis der Schritt des Suchenden vorübergegangen.

Klarissa sah ihn an. »Setz mal die Mütze auf!«

Er kehrte sich ihr zu, beugte das Knie, um den Kopf aufrecht tragen zu können, und stülpte die Mütze männlich aufs Ohr. »Magst du sie leiden?« fragte er.

»Ja, die blaue steht dir gut.«

»Magst du … mich auch leiden?« Der kecke Knabe wurde nach der Frage feuerrot.

Die Erwachsene aber errötete nicht, sondern sagte ruhig: »Ja, ich mag dich leiden, Amatus, wenn du immer gegen meinen Bruder nett bist.«

Worauf er nach kurzer Überlegung erwiderte: »Weißt du … ich glaube, daß Wilhelm mein bester Freund ist.«

Bisher war der schüchterne Wilhelm das kaum gewesen.

Klarissa blickte sich in dem lauschigen Verstecke um. »Das könnte eine schöne Puppenlaube sein.«

»Ja«, sagte er, »wenn du deine Puppe hier hättest, könnten wir Mann und Frau spielen.«

Sie machte ein wenig von oben herab. »
Es würde sich nicht schicken … ich bin ja viel größer und älter als du.«

Da wurden sie in ihrem Versteck von Silly gefunden, welche gedehnt fragte: »Hier sitzt ihr … alle beide?«

Später holten die Mädchen Sillys Puppen und spielten in der neu entdeckten Puppenlaube. Die Knaben aber erforschten die Geheimnisse der alten Scheune, auf dem verstaubten Boden beginnend und unten im Hühnerstalle endend. Im Strohkorbe lagen drei frisch gelegte Eier, von denen Asmus das größte aussuchte und in der Hand hielt.

»
Versteht ihr ein Ei auszustechen, ohne einen Tropfen zu verschütten?«

Nein, keiner verstand die edle und unerlaubte Kunst.[Später entfallen: »Paßt auf! So wird's gemacht.« Er zog eine spitze Stopfnadel, die wie ein Dolchlein unter seinem Wamse stak, hervor, bohrte ein kleines Loch in die Schale und legte die Lippen daran, saugend und schlürfend.

»Wer will nun? Hier ist die Nadel!«

»Wilhelm der Schüchterne wagte es nicht.

»Man zu! Es schmeckt schön!«, ermunterte der Versucher und schmatzte.

Amatus griff nach der Nadel, und das Kunststück gelang. Verbotene Früchte hängen meistens nicht hoch.

»Wie schmeckt's?«

»Wappelig«, sprach Amatus und spuckte aus.]



Auf dem Nachhauseweg hängte er sich an die Hand der Mutter. »Was ist phänomenal?« Das Wort hatte er behalten.

»Das ist etwas großartiges …«

»O, Mutti, dann habe ich ein großartiges Gedächtnis.«

»Ach, das hast du aufgeschnappt … aber ein bloßes Gedächtnis ist noch nicht viel, mein Sohn … und das wollte der Onkel sagen. Aber ich hoffe, du hast mehr.« –

[Später entfallen: Nach vielen Tagen wurde der Eierdieb im Hühnerstalle ertappt und von der Magd vor das Höchstengericht des Hardesvogts geschleppt. Der Vater, an seinem juristischen Ehrgefühl getroffen, riß den Sünder kräftig an den Haaren, und der riß den Mund heulend auf. »Ich will es nie mehr tun … nie mehr … Amatus hat es auch getan.«

»Hat der es dir vorgemacht?«

»Ja, er zeigte es mir.«

Die Züchtigung ließ nach. Berg sah die Großmutter an und lächelte grimmig. »Die Pflanze kann zu einem netten Unkraut sich entwickeln … aber meinetwegen.« Er meinte nicht seinen Sohn. – – –]

Doktor Liebe, der Ordinarius der Quinta, war ein sehr kleiner Herr mit einem roten, gesunden Gesicht, das immer zu lächeln schien. Aber, der einen so wohlwollenden und gutmütigen Eindruck machte, trug den Namen Doktor Hiebe nicht mit Unrecht; denn das erste, das er aufs Pult legte und als letztes verschloß, war der Rohrstock.

Mit dem Abfragen der Lektion begann die lateinische Stunde, und der Stock lag still. Wer ein unregelmäßiges Verbum nicht wußte, blieb stehen; wer zwei oder drei nicht konnte, erhob die rechte resp. Beide Hände. Wer es im Nichtwissen auf vier oder fünf oder sechs brachte, mußte aus der Bank und in die betreffende Zimmerecke sich stellen.

Bunt sah es nach beendigtem Abfragen in der Quinta aus. In den Winkeln, in den Bänken standen sie, einige mit einer, andre mit zweien, wie flehend gen Himmel erhobenen Händen.

Aber da gab's keine Gnade, und ein jeder erhielt nach der Zahl der nicht gewußten Verba mit dem Rohrstock seine Fingerschläge. Und die Quintaner behaupteten, daß Liebe bei der Exekution am breitesten und teuflischsten lächle. Wenn das Jammergeheul verstummt war, wurde in dem unsterblichen Ostermann übersetzt.

Gegen die Sitzengebliebenen, die bemoosten Häupter, wie er sie nannte, ging der Lehrer am schärfsten vor. An einem heißen Sommertage hatte Asmus Berg es bis auf sieben Fingerschläge gebracht und kam – obgleich er drei Stunden lang stillgeschwiegen hatte – heulend nach Hause und hielt der Großmutter die geschwollenen Finger hin. Das war dem Hardesvogt zu viel, und er besuchte den Direktor des Gymnasiums, um in der allervorsichtigsten Weise Klage zu führen.

Die Quintaner meinten ein gelinderes Regiment zu verspüren. Aber nach den Ferien setzte Doktor Hiebe trotz der Beschwerde seine pädagogische Methode fort.

Amatus gehörte zu den wenigen Glücklichen, die noch keinen Schlag erhalten hatten, und die Mitschüler schalten ihn den Liebling des Lehrers. 

[Später entfallen: Das störte nicht das Verhältnis der beiden Vettern, obschon der eine haßte, wo der andre verehrte. Sie blieben gute Freunde, weil jeder seinen Vorteil dabei hatte. Asmus ließ die Mängel seines Wissens, die bei den schriftlichen Arbeiten besonders hervortraten, durch den andern ergänzen, und Amatus fand im Garten des Onkels stets einen lustigen Spielplatz und frohe Kameraden. – –]

Täglich tat der Gerichtsdiener Junker seine Pflicht als beeidigter Beamter, kam durch alle Gassen und kannte alle Menschen in Norderhafen, hoch und niedrig, deutsch und dänisch, fein und unfein. Der immer gut gelaunte und gentile Mann hatte viele Freunde, die ihn auf der Straße, an den Wirtshaustüren zu einem Freiglase einluden, wie es bei kleinen Beamten Sitte oder Unsitte ist.

Wenn Hans abends in die Stube trat, nahm Monika mit der scharfen Nase die Witterung und warf beiläufig die Bemerkung hin: »Du hast nicht Kaffeepünsche, aber Bier getrunken … ja, ich rieche gut.«

Er machte eine Lache davon. »Hast du nicht Durst bei dieser Hitze? Und es kostet mich keinen Pfennig.«

Monika wollte sich nicht um Kleinigkeiten grämen, sondern Gott danken, jetzt, wo jeder Morgen, wenn Amatus gleich nach dem Buche griff, um das Erlernte durchzulesen, jetzt, wo jeder Abend, wenn sie mit ihm lernte, immer neue Freuden brachte. Sie wandelte im Mittsommerlicht des Mutterglücks unter einem stetig blauen Hoffnungshimmel. Wer merkt an einem solchen Tag die Wölkchen, die auf einen Augenblick die Sonne verhüllen und vorüberfliegen?

Auch gelang es ihr nach vielfachen, vergeblichen Bemühungen, ihrer ältesten Tochter, die als »Stütze« knapp und kümmerlich sich durchgeschlagen hatte, eine einträgliche Stellung auf einem Hofe in der Nähe Norderhafens zu verschaffen.

Wenn Erna zum Besuch nach Hause kam, hatte Amatus seine helle Freude an der großen Schwester. Aber das Glück war am hellsten, wenn er je und dann, von Nalde, dem Hund, begleitet, hinüberspazieren und die Mamsell auf dem Hofe besuchen durfte.

Ach, unvermutet und wenn's am allerhellsten, kommt oft das Unglück. Über Amatus' Glückssonne zog eine schwarze, tränenschwangere Wolke. Nalde hatte sich in seinen gesetzten Jahren nicht zum guten entwickelt, sondern war ein arger Kläffer geworfen, der durch Peitschenknall und harmlos geschwungene Stöcke schwer gereizt wurde.

Kaum hatte Amatus seinen Spaziergang angetreten und noch nicht das Pappeltal verlassen, als ein Herr des Weges kam, der mit dem Stocke tapfer die Schierlingsköpfe abschlug und sich nichts Böses dabei dachte. Aber Nalde nahm's übel und umsprang bissig bellend den friedlichen Wanderer, der naturgemäß in Vereidigungsstellung sich setzte und mit dem Stocke um sich fuchtelte. Um so rasender wurde der Hund, welcher des Knaben Ruf nicht hörte, sondern zähnefletschend zusprang und dem Herrn die Hose zerriß.

Da wurde der friedliche Spaziergänger furios, ging in Junkers Wohnung, wurde grob und schimpfte noch auf der Treppe, obgleich er zehn bare Reichsmark durch Drohungen erpreßt hatte.

Nalde, von der Mutter geprügelt, heulte, Amatus stand im Winkel und weinte, der Vater war in einen Stuhl gesunken und seufzte ersterbend: »Zehn Mark, zehn Mark!«

Plötzlich schnellte er wie ein Gummimännchen empor und schrie dröhnend: »Nun ist es aus! Mein lieber, lieber Hund, für dich will ich sorgen.«

Er sagte nicht, worin die Umsorge bestehen solle, sondern holte einen dicken Strick, mit dem er das Tier an der Schatulle festband. »Weine nicht, mein Jung, sondern geh hinaus und besuche Erna! Der soll zur Strafe hier bleiben … ja, zerr nur, du Racker, du sollst am Stricke bleiben.«

Amatus machte sich traurig von dannen und kehrte abends zurück. Seine Augen gingen unter Tisch und Stühle, und seine erste Frage war: »Wo ist Nalde?«

Die Mutter machte sich schnell in der Küche zu schaffen, aber der Vater knipste mit den Fingern: »Ja, der hat's gut, ein Bauer hat ihn gekauft …«

Amatus schluchzte: »Welcher … welcher Bauer?«

Ja, das war der große Unbekannte, der vorbeigekommen sei, aber auf dem Lande hätten die Hunde es gut und bekämen Grütze und Milch alle Tage.

»Und wir kriegen Nalde nicht wieder?«

»Nein.«

Der Knabe war unglücklich wie noch nie.

Nalde war bei keinem Bauer, sondern hatte ein böses Ende genommen. Er lag noch immer am Stricke – an dessen Ende ein Stein befestigt war – unten in der Föhrde.

Am Sonntagmorgen hockte Amatus trübselig hinter der geleerten Tasse.

»Willst du noch ein Brötchen?«

Er schüttelte den Kopf und schien keine Wünsche und keine Hoffnung mehr zu haben. Der Gerichtsdiener machte sich amtsfertig, strich mit der Bürste über die Uniform und nahm den Stock aus der Ecke.

»Warum hast du am Sonntagvormittag Dienst, während alle andern frei sind?« fragte seine neugierige Frau.

»Ich muß zwei Herren dienen … wenn der Amtsrichter nichts für mich zu tun auftreibt, hat die Amtsrichterin ein paar Besorgungen.«

Monika war etwas mißtrauisch und meinte: »Der Jung sitzt hier und wird wegen des Hundes ganz schwermütig … nimm ihn mit!«

Hans krümmte sich. »Liebe, liebe Mutter …«

»Wenn du erst liebe Mutter sagst …«

Hans richtete sich auf. »Marsch, mach' dich fertig und komm mit!«

Sie wanderten zusammen. Im Bureau lagen allerdings ein paar Briefe, die bald ausgetragen waren. Als die Glocken läuteten, war der Sonntagsdienst beendet.

»Vater, wollen wir jetzt zur Kirche gehen?«

»Nein, Mutter wartet auf uns.«

Hans machte sich mit seinem Sohne auf den Heimweg, allerdings auf einem Umwege über den Lindensteig, an den die langen Gärten der Schloßstraße stießen. Und er verlangsamte den Schritt und reckte den Hals über die Hecke.

Aus dem Garten, der merkwürdig viele Bänke und Tische hatte, brüllte eine rauhe Stimme: »Junker, Junker!«

Der Vater rief ganz erstaunt: »Was ist da los?« Und auch Amatus folgte in großer Spannung.

Nichts weiter war los, als daß ein Mann, der in dem einsam leeren Garten sich gruselte oder ödete, Junker zum Frei- und Frühschoppen einlud.

Stets geht ein Glas mit dem nächsten schwanger, auch war der Würfelbecher bei der Hand.

Im Turme schlug die Betglocke – die Würfel rasselten.

Die Kirchgänger strebten auf dem Lindensteige nach Hause – frisch füllte der Wirt die Seidel, die Junker verspielt hatte.

Amatus zupfte am Rockärmel. »Die Mutter wartet auf uns.«

»Ja, noch einen Gnadenwurf!«

Junker, dem der Spaß eine Mark kostete, nahm den Knaben bei der Hand und eilte aus der Gartentür. Fröhlich kommandierte er: »Marsch–marsch!«

Dann wies er mit dem Daumen zurück und neigte sich vertraulich. »Daß wir da drinnen gewesen sind, brauchst du der Mutter nicht zu erzählen … ja, du bist ein Kluger und kennst dich aus.«

Der kluge Amatus gab keine Antwort. In Eilmärschen gelangten sie nach Hause und verzehrten das Mittagessen. Die Mutter erkundigte sich, ob der Sonntagsdienst so lange gedauert habe, und der Vater kaute eifrig und knurrte, ob er sich am Essen verschlucken solle.

Während er seinen Mittagsschlaf hielt, stellte sie mehr als eine Frage, und der Knabe, der das phänomenale Gedächtnis hatte, berichtete alle Vorgänge des Vormittags haarklein. »Ja, wenn sie drei Einse warfen, drehten sie sie um, und das nannten sie höchste Hausnummer mit allen Chikanen … und Vater fiel zuletzt herein und mußte eine Mark berappen.«

»Genug … geh jetzt spielen im Garten!«

Ihren Mann, der gähnend aus der Schafstube trat, sah sie fest an. »Hans, ich habe mit dir zu reden.«

»Liebe Mutter, ich habe gar nichts zu sagen … ich setze mich still auf diesen Stuhl und schweige.« Ducksig saß er in der Ecke, die Hände zwischen den Knieen gefaltet und den Kopf gesenkt, damit das Unwetter darüber gehe.

»Das arme, unschuldige Kind nimmst du ins Wirtshause mit, damit es frühzeitig Geschmack an der Sünde bekommt.«

»Hast du ihn mir nicht aufgehalst?« fragte er demütig.

Sie wurde schärfer. »Am Sonntagvormittag hältst du einen Trinkgottesdienst und zechst mit dem Schreiber Petersen, dem verrufenen Saufsubjekt …«

Hans riß die gefalteten Hände auseinander und hüpfte empor: »So, ein Saufsubjekt und Scheusal bin ich … adieu!«

Er rannte in den Garten hinunter und ließ seinen Unmut an dem Unkraut aus, das er mit rabiaten Griffen ausraufte.

Monika vergoß nach langer Zeit Bitternistränen. Über ihren lichten Glückshimmel zog eine schwere Wolke. Da stand wieder das Gespenst mit dem Zerrgesicht, das Amatus gebannt hatte, und das alte Elend warf seine dräuenden Schatten über ihre Sonne, die so lang und lieb geleuchtet hatte.

Am Abend im Bette sagte sie zu ihrem Manne: »Hans, du mußt mir einen Schwur leisten.«

»Jaja … wohl, daß ich nichts mehr trinke?«

»Nein, ich will dich nicht meineidig machen … daß du den Knaben nie, nie mehr mit ins Wirtshaus nimmst!«

Das gelobte er teuer und heilig.

Am Morgen küßte sie ihren Sohn sehr heiß. »Amatus, willst du nimmer in ein Wirtshaus gehen und niemals mir Sorge bereiten?«

»Nein, Mutti, nie … und ich will immer fleißig sein und regelmäßig versetzt werden.«

Das letzte Wort hat er gehalten. – – –

Junker war nach Quarta versetzt worden.

Die Mutter las das Zeugnis und lachte hell: »Unter ›gut' tust du es in keinem Fach, außer im letzten, im Zeichnen.«

Amatus, Wilhelm Reder und Asmus Berg, die drei Freunde, saßen in dieser Reihenfolge nach- und nebeneinander in der Klasse. [Später entfallen: Asmus, der ein träges Fleisch, aber eine recht tüchtige Auffassungsgabe hatte und Nachhilfestunden bei dem Primaner Ehlers bekam, hielt jetzt auf der Gelehrtenlaufbahn ziemlich Schritt mit dem Vetter.]

Eines schönen Sonntages schlenderte er, beide Hände in den vollgestopften Hosentaschen, ins Pappeltal und bat: »Tante, darf Amatus mit?«

»Ja, aber nicht aufs und nicht ins Wasser.«

Sie hörten es und hatten schon die Mütze auf dem Kopfe.

[Später entfallen: »Hast du heute keine Stunde, Asmus?«

»Ja, es ist mir zu heiß zum Arbeiten … ich will mal schwänzen und sehen, ob Ehlers schweigt und die Stunde auf Rechnung schreibt.«]

Der Zollinspektor Reder wohnte in der Nähe des Hafens, und der Pastor Jensen war sein Hausnachbar. Weil keiner wagte, der langen Stine unter die stechenden Augen zu treten, wußte Amatus Rat. »Ich will ihn herunterflöten.« Im Hofe steckte er zwei Finger in den Mund und stieß einen Pfiff aus. Oben ging das Fenster der Hinterstube, die hinter der Küche lag und gleichzeitig als Kinder- und Mädchenstube diente, auf, Wilhelm steckte den Kopf hervor und nickte, schlich sich auf Zehenspitzen hinunter und schloß sich den Freunden an.

Das Wasser der Föhrde übte seine Anziehungskraft aus.

Im Sandberge schwitzte die dicke Dorte und schaufelte Ballasterde in die Schiebkarre.

»Dorte, dürfen wir nicht Ihr Boot nehmen und ein bißchen rudern?«

»Mein Boot?« prustete das zigeunerbraune Weib, »ja, wenn ihr sechs Karren mir vollgeschaufelt habt.«

Sie nahmen die Akkordarbeit sofort in Angriff. Der dünne Peter, Dortes Mann, entkorkte die Bierflasche, spuckte erst den braunen Saft durch die Zähne und trank.

»Peter, Sie können wie ein rechter Seemann spucken«, sagte Amatus in aufrichtiger Bewunderung.

»Ja, alles hat seine Wissenschaft«, sprach Peter und spie noch weiter.

Als die sechste Karre gefüllt war, gingen die Knaben zum Bollwerk und stiegen ins Boot, das vor einem guten Westwinde die Föhrde hinaus trieb.

»Wer von euch kann so wie Peter spucken?« meinte Amatus.

Sie übten sich eine Zeitlang in der edlen Seemannswissenschaft, aber das deutliche Zischen der Zähne gelang ihnen nicht.

Zuletzt merkten sie, daß sie umkehren müßten, und legten sich aus aller Kraft in die Ruder.

»Ich hab' schon eine Blase unter dem Finger.«

»Und ich hab' drei«, klagte Wilhelm.

Alle wollten steuern und keiner rudern.

Als Asmus, der eine unförmliche, vom Großvater geerbte Uhr besaß, verkündete, daß es sieben Uhr sei, sprang Amatus empor. »Ich muß nach Hause … laßt uns das Boot an der Badehausbrücke festmachen … Peter kann sich seine Schute holen.«

Der schlimme Vorsatz wurde ausgeführt. Auf dem festen Lande liefen die Knaben von dannen.

Nach Feierabend fluchte Dorte auf die Bengels, und Peter holte sein Boot ans Bollwerk. Bei den Junkers war nichts zu holen, aber für reiche Eltern wollte er nicht umsonst arbeiten, zog Rock und Stiefel an und ging zum Hardesvogt. Das Unglück wollte, daß der alte Pastor anwesend war, als Peter seine Beschwerde vorbrachte. Berg griff sofort in die Tasche und holte ein Zweimarkstück hervor, welches die Beschwerde in Danksagung verwandelte.

Asmus wurde geholt und schaute drein wie das redliche Gewissen. »Amatus hat das Boot geliehen und auch beim Badehause festgelegt«, sagte er fest.

»Ah, der ist der Verführer … du kannst gehen … es täte mir furchtbar leid, wenn Ihr Schützling die auf ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen würde.«

Der Pastor lächelte. »Das sind dumme Jungensstücke, aber keine schlechten Streiche … Füllen müssen sich ausspringen.«

Die Quartaner-Füllen sprangen wild und gebärdeten sich unbändig, insonderheit, wenn der Konrektor, ein greiser, gekrümmter und kurzsichtiger Herr, die deutsche Stunde gab.

Arge Dinge wurden gemacht, und den ärgsten Streich verübten die beiden Vettern gegen ihren besten Freund, der zwischen ihnen saß und ins Buch schielte, um den Vers des »Erlkönigs«, der ihm zufallen würde, durchzulesen. Unbemerkt kramte Asmus in der Tasche und schob dem Vetter ein Tauende zu.

Amatus raspelte die Reime ab und setzte sich; und in demselben Moment wurde das Seil von hüben nach drüben straff gezogen.

»Reder!« rief der Konrektor.

Mit allen Mienen des Entsetzens rückte Wilhelm auf seinem Sitze, um sich loszureißen, aber straffer wurde das Seil geschnürt.

»Er will nicht aufstehen«, kicherten die hinteren Schüler.

»Reder!« donnerte der Lehrer, und Wilhelm warf einen Blick völliger Hilflosigkeit den treulosen Freunden zu.

»Ich will dich aufstehen machen!«

Worauf ein Gestöhn: »Ich kann nicht!«

Mit taschenspielerischer Geschwindigkeit wurde der Strick eingeholt und weitergegeben.

»Du Ausbund von Frechheit!« Bevor Wilhelm, der jetzt zitternd stand, sich verteidigen konnte, wurde er beim Kragen gepackt und für die Dauer dieser Stunde auf den Flur hinausgeworfen.

Das war ein böser Streich, der nicht ohne Folgen blieb.

Zwar schonte der Zollinspektor aus Taktgefühl die Vatergefühle des Hardesvogts, mit dem er gesellschaftlich verkehrte, aber seinem Nachbar, dem Pastor Jensen, erzählte er über die Gartenhecke hinüber den Vorfall und schloß sehr ernst: »Nehmen Sie Ihren Junker ins Gebet … sonst wird ein großer Schlingel aus dem kleinen Schlingel.«

Als Amatus laut flötend in der Nußhecke des Pappeltals nach unreifen Nüssen suchte, rief eine dumpfe Stimme: »Adam Amatus Junker, komm mal her!«

Pastor Jensen stand unter der Hecke und stemmte sich auf den Stock.

Der Knabe wollte zuvorkommen. »Ich habe von Nielsen Erlaubnis zu pflücken.«

»Hattest du auch Erlaubnis, Wilhelm Reder auf der Bank festzuhalten?«

Der Quartaner stotterte: »As–mus Berg ga–b mir das En–de des Stricks …«

»Ja, lieber Adam, so haben alle Adams von jeher gesagt … weißt du nicht, daß es eine Schlechtigkeit ist, den Lehrer zu hintergehen und einen Schulfreund perfide ins Unglück zu bringen?«

»J–a!«

»Willst du vielleicht zum Taugenichts dich entwickeln?«

»Nein, nein!« Amatus schluckte.

»Tue dergleichen nie wieder, mein Sohn! Schlechte Streiche lasse ich nicht durchgehen.«

Der Pastor spazierte weiter, und nicht zu Frau Junker hinauf. Sein Zartgefühl vermochte nicht, ein Mutterherz zu verwunden.

Amatus fühlt eine beißende Reue, die noch bitterer wurde.

Klarissa Reder begegnete ihm. Er gewahrte, daß ihr Kleid bedeutend länger geworden war, und sie warf kalt den Kopf zur Seite, als wenn sie ihn nicht kenne.

Schüchtern grüßte er: »Guten Tag, Klarissa!«

Ein vernichtender Blick traf ihn. »Du, du hast meinen Bruder auf der Bank festgebunden … ich hätte dich verprügelt, du Knirps!«

Er schleppte sich von dannen mit völlig gebrochenem Selbstbewußtsein.

Daß er kein Knirps und Dreikäsehoch sei, stand ja fest, und um sich davon zu überzeugen, stellte er sich zu Hause gegen den Türpfosten, wo die eingekratzte Kerbe bewies, daß er im letzten Halbjahr um zwei Zoll in die Höhe geschossen sei.

Die Mutter beobachtete ihn. »Du scheinst mir so benaut.«

Nein, ihm fehle gar nichts, und er zwang sich, laut die Wacht am Rhein zu pfeifen.

In diesen Tagen suchte Amatus die Einsamkeit und wanderte am liebsten in Schwer- und Reumütigkeit auf dem abgelegenen Königswege, der hügelig und eng durch dichte Hecken sich schlängelte. Die sonntäglich geputzten Spaziergänger suchten andre Wege. Hier war kein Mensch und die rechte Stille zum Sinnieren.

Seine Gedanken hafteten an der schwarzen Tat, die ihn zum Taugenichts gemacht. Von dem leibhaftig Bösen, dem Luther das Tintenfaß an den frechen Kopf warf, hatte er sich nie einen klaren Begriff machen können – aber nun war es ihm klar wie die Sonne Gottes am Himmel, es müsse damals rein der Teufel in ihn gefahren sein.

Die Jelängerjelieber der Hecke erfüllten den Königsweg mit ihrem Duft. Er dachte an den scheußlichen Teufel und die süße Klarissa, die ihn so sauer angesehen. Alles schien ihm fade und freudlos. Freilich, eine kleine Freude werde der Abend bringen, wenn Erna käme. Früher war sie präzise nachmittags drei Uhr eingetroffen, aber seit längerer Zeit erst gegen Abend erhitzt angekommen, weil sie, durch ihre Mamsellenpflichten aufgehalten
, sehr gerannt war.

Der träumende Knabe legte die Hände auf den Rücken, wie's zum Grübeln gehört, und starrte in die Himmelsbläue.

Eine Elle über seiner Nase hingen vier braune Nüsse in einem Klunker. Der Anblick riß ihn aus dem spekulativen ins tätige Leben zurück. Durch die Brombeerranken raschelnd, kletterte er in die schwanke Staude hinauf, rupfte und knackte und fand immer mehr der Nüsse.

Stimmen klangen gedämpft, und Leute kamen. Vorsichtshalber hielt er sich mäuschenstill.

»O, Karl, wenn jemand uns sähe.« Das Geflüster wehte in den Baum hinauf.

Potztausend, das war ja Ernas Stimme! Die Eichkatze äugte durch das Gezweig und mußte sich mit beiden Händen festhalten, um nicht vor Erstaunen herunterzufallen. Im weißen Kleid mit roten Seidenschleifen stand die Schwester keine drei Schritt von ihm, und ein Mann im schwarzen, eleganten Gehrock hatte den Arm um ihre Schulter gelegt.

War sie überfallen worden und in Gefahr? Nein, es schien nicht, denn sie bog den roten Kopf zur Seite, und der Wildfremde küßte sie mitten auf den Mund. »O, o!« machte sie dabei.

Das O, o! klang in Amatus' Seele in andrem Tone wieder, O, o! Die Erna!

Der Wildfremde war bei näherem Zusehen ein Bekannter und niemand anders als der Gerichtsaktuar Karl Quistrup.

Als das Paar hinter der nächsten Ecke verschwunden war, kletterte der Knabe langsam und wie gelähmt hinunter. Sein Mund spitzte sich tiefsinnig zum Schnabel, denn dies war ein ganz außerordentliches Ereignis. Wenn die Männer und die Mädchen sich küssen, dann lieben sie sich – so hatte er in den Zeitungsgeschichten gelesen, so hatte er auf den Bänken der Pappelallee im Abenddunkel gesehen.

Aber dieser Quistrup durfte die Schwester nicht küssen – das war unschicklich. Der Knabe, in dem Eifersucht und sittliche Entrüstung sich regten, setzte sich in Laufschritt und stürzte brennend heiß in die Stube, um brühwarm zu berichten.

»Mutter, darf Erna auf dem Königswege mit dem Aktuar spazieren gehen?«

»Bist du unklug?«

»Nein … und er hat sie geküßt.«

Monika war erst sprachlos und stellte dann ins Endlose dieselben Fragen, die er mit Ausdauer beantwortete.

Nach der Zeugenvernehmung gab er sein Urteil ab. »Mutti, ich glaube … sie lieben sich …«

»Was weißt du dummer Junge vom Lieben!«

Sie setzte sich ans Fenster und dachte nach. Quistrup war ja ein ordentlicher und tüchtiger Mensch, den seine Vorgesetzten lobten … aber, daß Erna, die sittsam erzogene und vor allen Verwaltern und Volontären oft genug gewarnte, hinter dem Rücken der Eltern ein Verhältnis hatte – das war haarsträubend.

Gegen halb acht Uhr kam die Sünderin die steile Treppe hinauf. Der Denunziant hockte auf einem Stuhle, harmlos die Hände gefaltet, und schaute von unten herauf mit schadenfröhlicher Miene ihr in das heiße Gesicht, wurde aber sofort von der Mutter herausgewiesen – und horchte draußen. Zuerst ging die Strafrede der einen im Weinen und Schluchzen der andern verloren.

»Warum kommt er nicht zu uns und macht seinen Antrag, wenn er dich aufrichtig liebt?«

»Darf er das, Mutter? Er schämt sich, es zu sagen …«

»Er war doch weder zu bange noch zu blöde, um dich nach dem einsamen Königswege zu schleppen.«

»Er hat mich nicht geschleppt«, heulte Erna, »ich bin freiwillig mitgegangen … darf ich ihn am nächsten Sonntag hierher bringen? Dann wird es ihm leichter.«

Zu dieser Erleichterung gab Monika ohne Bedenken ihre Erlaubnis. –

In die Woche fiel der zweite September und das Sedanfest, das in dem nordschleswigschen Norderhafen mit größerem Gepränge gefeiert wurde als in den meisten Städten des deutschen Reichs. Alle Schulen und die halbe, die deutsche Bevölkerung zog in den Wald hinaus, wo die Kinder an Scheibenschießen und Topfschlagen sich ergötzten, die Erwachsenen aber an Kaffee und Bier, an patriotischen Reden und Gesängen sich labten.

Amatus half der Kousine, die durstig war, Wasser aus dem Brunnen schöpfen und klagte: »Wilhelm ist mir böse, und Klarissa mopst noch immer.«

Silly, die eine Friedensstifterin war, holte die Getrennten von allen Seiten zusammen und hielt eine kleine Rede, die nicht frei von Geschichtsfälschung war. »Heute ist ein großer und heiliger Tag des Vaterlandes, an dem Napoleon eingelocht und der Friede von Sedan geschlossen wurde … Darum wollen wir fröhlich sein und zur Erinnerung an die Gefangennahme Napoleons einen ewigen Frieden schließen.«

Alle riefen Hurra und reichten sich gerührt die Hände.

Aus dem Brunnen wurde Wasser geholt und aus der mitgebrachten Flasche Johannisbeersaft dazu gegossen. In dem Rotweingetränk ist die Freundschaft erneuert worden.

»Wollen wir uns nicht einen Versöhnungskuß geben?« meinte Amatus schelmisch.

Aber schnippisch erwiderte Klarissa: »So weit ist es noch lange nicht, mein Jung.«

»Bin ich dein Jung?«

»Nein, du bist deiner Mutter Jung und ein Muttersöhnchen.«

Es ärgerte ihn, und er antwortete: »Das sagst du, weil du eine Stiefmuttertochter bist.« –

Am Sonntage nach dem Sedanfeste saß Amatus am Fenster und rührte sich nicht.

»Willst du nicht zu Onkels?« fragte die Mutter.

»Nein, lieber nicht.«

»Willst du nicht in die frische Luft hinaus und spielen?«

»Nein, ich bin so müde.«

Er war nicht müde, sondern wartete der großen Dinge, die heute Nachmittag geschehen sollten.

Als vier Schritte auf der Treppe hallten, spitzte er vergnüglich  neugierig die Ohren; aber seine Hoffnung wurde schwer getäuscht.

Die Mutter nämlich befahl: »Geh in den Garten, bis ich rufe!«

Der fürchterliche Spaß entging ihm, und er haderte mit der Mutter, bis sie ihn endlich rief.

Erna und der Aktuar saßen im Sofa. In seiner Verlegenheit fächelte Karl Quistrup sich Kühlung mit dem Taschentuche zu. Dreist stellte sich der Knabe mitten in die Stube und musterte die beiden – der konnte ihm keinen Schreck einjagen.

»Gib dem neuen Schwager die Hand!« sagte die Mutter lustiglistig, »der Jung hat ja gewissermaßen die Verlobung gemacht … wenn er nicht in der Nußhecke gesessen hätte, würdet ihr vielleicht noch jahrelang auf dem Königswege herumirren.«

Quistrup wurde krebsrot und hielt das Taschentuch vor den Mund.

Erst nach Wochen hat er die Bräutigamsblödigkeit überwunden. – – –

Der Winter war eingekehrt, nicht als schneeweißer und schöner Greis, sondern alt und häßlich, ein tränender, trübseliger und keifender Griesgram.

Tapp, tapp! troffen die Dächer des Pappeltals. Patsch, patsch! quietschten die Steige bei jedem Tritt. Das schlechte Wetter war sehr beständig und beharrlich. Immer Regen und Wind, Wind und Regen!

Das Wetter bereitete allen Menschen Verdruß – jeder dritte Norderhafener hatte Schnupfen – und dem Quartaner Junker wirklichen Herzkummer. Der Kummer nämlich war der Überrock, den er tragen mußte, der an sich schon eine Last war und zum Kreuz wurde, das er täglich auf sich nehmen mußte. Das lange und warme Gewandstück war aus einem Lodenrock des Vaters zurechtgeschnitten und geschneidert worden. Die liebevollen Kameraden hoben verwundert die Schöße empor und fragten, ob das seines Großvaters Bräutigamsrock sei, hänselten ihn täglich und hatten ihre Höllenfreude an dem Rocke. Nicht mit Geduld, sondern mit zurückgepreßten Tränen trug er sein Kreuz und lief, um sich baldmöglichst des Monstrums zu entledigen, zweimal täglich zu und von der Schule.

Abends aber Punkt sieben Uhr wanderte er in dem Bräutigamsrock zu dem Emeritus Jensen und ließ sich unterwegs gute Zeit. Der Pastor, für dessen Wohlergehen und langes Leben Monika betete, erfreute sich einer rüstigen Gesundheit; nur die alten Augen liebten nicht die lichtlose Zeit und vertrugen das Lampenlicht schlecht. Darum wurde dem Knaben Gelegenheit gegeben, einen geringen Teil seiner Dankbarkeitsschuld abzutragen. Alle Abende las er dem Pastor die Zeitung, die Flensburger Norddeutsche, vor, und zwar von Anfang bis Ende. Auch die wichtigsten Annoncen, insbesondere die Todesanzeigen, Ver- und Entlobungen, mußten vorgetragen werden.

Der Pastor rauchte seine Pfeife dabei, sah es gern, wenn der aufgeweckte Knabe Fragen stellte, und gab Aufschlüsse über die Parteien und politischen Fragen der Zeit. Amatus, der bald eine politische Überzeugung sich bildete, war sehr kulturkämpferisch gesonnen, und das Zentrum von allen Parteien seiner Seele verdrießlich und zuwider.

Zuweilen erlaubte ihm die Mutter, nach beendeter Vorlesung Wilhelm Reder, der im Nachbarhause wohnte, zu besuchen. Dann prickelte und spornte ihn die Unruhe, so daß seine Zunge immer überstürzter galoppierte, bis der Pastor die Pfeife aus dem Munde nahm: »Nicht ableiern, sondern mit Betonung lesen!«

Sehr lang und gediegen war die Flensburger Norddeutsche.

Des Knaben behende Augen flogen voraus und die Spalte herunter. Kleine, bald auch größere Stücke, die gar nicht des Vorlesens wert und würdig ihm dünkten, wurden überschlagen. Eine Zeitlang ging es glatt und gut.

Einmal aber ärgerte sich Amatus, wie so mancher Deutsche, an der endlosen Reichstagsverhandlung und ließ zwei ganze Spalten aus. Pastor Jensen ging täglich von 5 – 6 Uhr zur Bierstunde, wo die Honoratioren-Herren der Stadt mäßig Bier tranken und maßlos kannegießerten. Während die hochbedeutsame und fulminante Rede des kleinen Abgeordneten von Meppen, der ein großer Redner vor dem Herrn und Seiner Heiligkeit dem Papste war, besprochen wurde, konnte der Pastor seinen Mund nicht auftun, sondern mußte schweigen, weil er von dem oratorischen Meisterstück keine blasse Ahnung hatte.

Ohne blasse Ahnung des Verhängnisses zog Amatus Junker um sieben Uhr den Bräutigamsrock aus und verbeugte sich.

Sehr unhöflich war der Gegengruß: »Komm her, du Schlingel! Du bist ja ein Taugenichts und hast die ganze Rede des Windthorst unterschlagen … das ist Betrug und Mißbrauch des Vertrauens, das ich dir geschenkt habe … von nun an werd' ich dich kontrollieren.«

Der Lektor ließ den Kopf hängen und las jeden Satz und jede Annonce, auch die Ankündigung des Pferdeschlachters: »Gutes, fettes, junges Roßfleisch …«

»Dummer Jung, das nicht!«

Die Pastorin gab ihm zwei gebratene Äpfel als Pflaster auf die Wunde.

Im Torwege erholte er sich und trat in den Hof, wo er dreimal durch die Finger pfiff. Auf dieses Zeichen öffnete sich das erhellte Fenster der Kinderstube.

»Ist die Luft rein?«

»Ja, der Vater und die lange Stine sind fort.«

Wenn Zollinspektors in Gesellschaft gingen, empfingen die Kinder ihre Besuche.

Klarissa, die das Puppenkleid, an dem sie nähte, schnell unter der Bettdecke versteckt hatte, lächelte dem Besucher entgegen: »Du riechst nach Gebratenem.«

Die Äpfel wurden in vier ehrliche Teile zerlegt, und Karoline, das Dienstmädchen, nahm das erste Stück. Wilhelm wollte mit dem Freunde Damm spielen, aber die Schwester fand das Spiel langweilig und bat das Mädchen: »Tanze mit uns den schönen Schunkelwalzer, bis wir ihn können!«

Die dicke Karoline brauchte nicht genötigt zu werden, sondern stimmte mit klingender, kreischender Stimme an: »Denn so wie du, so lieblich und so schön – «

Klarissa riß Amatus mit sich herum, während die Magd den schmächtigen Wilhelm wie einen Federball wirbelte. Wenn einem Paar Pust und Odem ausgingen, machte es die Musika und sang »so lieblich und so schön« und das andre walzte zwischen Tisch und Betten.

»Können wir nun den schweren Tanz?«

»Ja«, sagte Karoline stolz, »ihr könntet im Bürgerverein auf dem sogenannten Honorarienball euch sehen lassen.«

Der gelehrte Gymnasiast kicherte: »Es heißt Honoratiorenball.«

Sogleich faßte er die Hand der beleidigten Karoline: »Wollen wir nun einen Galopp machen?«

Ja, sie galoppierten durch das schmale Zimmer, daß die Lampenflamme, in dem Glase auf und nieder flackernd, mitzutanzen schien. Karolines Röcke fegten und flogen immer wagerechter und erregten einen kleinen Sturmwind in der Kinderstube. Ein starker Windstoß – und mit einem Paff erlosch die Lampe.

Plötzlich standen sie in Finsternis. Karoline barst in eine schallende Lache aus.

Im Dunkeln ist gut munkeln. Amatus ließ die Hand nicht von der Hüfte seiner Tänzerin und hatten einen von den Augenblicken – wie bei der Wiedertaufe in der Septima –, wo Gefühl und Zunge mit ihm durchgingen.

Ein sehr sehr leises Lispeln! »Klarissa, hast du mich lieb?«

»Ach Jung«, anwortete die Erwachsene, »was quatschst du? Du müßtest doch wie ein richtiger Herr sagen: Ich liebe dich über alles in der Welt … aber einen Kuß sollst du haben … da!« Sie drückte einen kräftigen Schmatz auf seine Lippen.

»Was war das?« fragte Wilhelm, der einen eigentümlichen Laut vernahm.

»Himmel! Was ist das?« schrie Karoline, »die Pforte ging … und die Flurtür knirscht … Frau Reder kommt!«

Eilig rieb sie ein Streichholz und zündete die Lampe an.

Amatus war noch verwirrt und betäubt, beseligt von dem Kusse.

Aber Klarissa packte ihn. »Die lange Stine kommt … versteck dich, versteck dich, damit sie dich nicht sieht, unter dem Tische!«

Er kroch unter den Tisch, um den die drei andern äußerst still und anständig sich setzten.

Zuerst kam eine nadelspitze Nase zum Vorschein, dann eine überlange, mit Spitzen behangene Gestalt, welche gravitätisch über die Schwelle trat.

»Was ist hier für ein Heidenlärm, den man auf der Straße hören kann? Und die Stube dick voll Staub, daß ich keine Hand vor Augen sehe?«

Ihre Augen aber sahen sehr gut und liefen in alle Winkel.

Keiner gab Antwort.

»Mir deuchte, daß ich mehr als drei Stimmen und ein ganzes Regiment hier oben brüllen hörte.«

Die lange Stine lüpfte den Gardinenvorhang, lugte unter das Bett und näherte sich dem Tische, unter dem Amatus im nassen Tanz- und Angstschweiß zitterte.

Frau Reder sah etwas, lachte hämisch und streckte den dünnen Gespensterarm aus. Sie hatte einen Schopf gepackt, aus dem sie einen Büschel Haare riß.

»Au–au!« stöhnte einer, wie ein grausam geschorner Pudel.

»Was? Ein Mensch liegt da? Heraus – oder ich hol' die Polizei!« Die lange Stine schlug in erkünsteltem Entsetzen die knochigen Hände zusammen, daß es klapperte.

Er kroch auf allen Vieren der rettenden Tür zu.

Und sie rief mit aller Verachtung, deren ihre Stimme fähig war: »Aha; der hat sich wie ein Dieb versteckt … Mosjö Junker, merke dir, daß wir Gäste unter unserm Tische nicht gebrauchen können.«

Amatus erschnappte seine Mütze und den Bräutigamsrock und war, wie im Nu und Nichts, verschwunden.

Die Stiefmutter befahl zu lüften. »Wilhelm, warum suchst du mit Vorliebe die allergewöhnlichste Gesellschaft … weißt du keinen passenderen Freund zu finden als den Sohn des Gerichtsdieners? Und Sie, Karoline, der ich die Kinder anvertraue, dulden Sie solchen Unfug?«

Karoline nahm sofort ihre letzte Verteidigungswaffe zur Hand und wurde patzig. »Wollen Sie mir kündigen, gnädige Frau? Man zu, Madame!«

Frau Reder holte stillschweigend den vergessenen Pompadour und entfernte sich.

Es war eine kuriose Tatsache, daß sie durch Unverschämtheit am ehesten beruhigt wurde und von ihrem Dienstmädchen am meisten sich meistern ließ.

Für Amatus war es ein Unheilsabend gewesen, und er ging tief bekümmert, weil er von dem Schicksal unverdiente Schläge bekommen hatte.

Aber noch ärgere Prügel waren ihm bestimmt. Als er am nächsten Tage aus der Nachmittagsschule kam, war Pastor Jensen bei der Mutter, und er hörte draussen die harten Worte: »Der Jung wird zum Taugenichts … bei Zollinspektors hat er sich höchst ungezogen betragen … Frau Junker, wir müssen die Zügel straffer halten und eventuell die Kandare anlegen.«

Als der Sünder sich zaghaft über die Schwelle getraute, weinte die Mutter Tränen des Leides um ihn und sah ihn bitterböse an. »O, du Schlingel machst mir nichts als Schande … fremde Leute müssen sich über dich bei deinem Wohltäter beklagen … eine ganze Reichstagsrede unterschlägst du heimlich … der Herr Pastor wird nicht mehr das Schulgeld für einen Taugenichts bezahlen.«

Amatus begriff das Entsetzliche und weinte in aufstoßenden Heullauten.

Der alte, gutmütige Herr beschwichtigte: »Es sind ja arge Streiche, aber keine Schlechtigkeiten … mein Sohn, weil du so viele Allotria zu besorgen hast, entwickelst du dich vielleicht zum Faulpelz … darum hole mal dein Buch her!«

Der Quartaner trocknete die Tränen und nahm seinen Kornelius Nepos zur Hand, las die vom Pastor aufgeschlagene Seite und übersetzte so fließend, als wenn er deutsch vom Blatte läse.

Monikas Tränen versiegten, und der Greis kneipte ihm das Ohr. »Das hast du gut gemacht.«

Auf der Treppe reichte er Frau Junker die Hand und blinzelte: »Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen … der Jung ist ein Taugenichts, aber ein tüchtiger.«

So war das Wort vom tüchtigen Taugenichts geprägt und wurde vom Pastor, der seinen eignen Witz lieb gewann, in der Bierstunde, wenn auf seinen Schützling die Rede kam, oft angewendet.

Die Mutter legte ihrem Sohne die Kandare an und kontrollierte alle seine Schritte. Für den Nachhauseweg von der Schule durften zwanzig Minuten nicht überschritten werden; sofort nach beendigter Vorlesung mußte er auf dem kürzesten Wege heim ins Pappeltal stürzen, wofern er einem scharfen Verhör ausweichen wollte.

Das Haus des Zollinspektors blieb ihm verschlossen. Wenn er Klarissa auf der Straße begegnete, ging sie mit Schulfreundinnen und nickte nur.

Er zog sich in sich selber zurück, wie die Schnecke in ihr Häuschen, aber machte seine Schularbeiten so gründlich, daß er der Primus der Klasse wurde.

Weil Amatus sich an den sogenannten Jugenderzählungen der Schülerbibliothek übersättigt hatte und sie ihm oft kindlich vorkamen, las er an den langen Winterabenden im Schiller, die Räuber zuerst, und in Kabale und Liebe, welches seinem Gemüt besonders zusagte, am liebsten. Das Buch wurde ihm nicht aus der Hand genommen, weil es ein Klassiker war, vor dem die Eltern Respekt hatten.

In dieser Epoche bewegten sich seine Aufsätze in Kraftausdrücken.

Bald nach Weihnachten wurde er krank. Die Mutter konnte sich nicht erklären, daß der Junge, der nur für die notwendigen Gänge in die kalte Luft hinauskam, sich erkältet habe, und ließ ihn Kamillenthee trinken.

Aber in der Nacht fieberte er heftig und fing an zu phantasieren. »Mutter … hilf mir … die lange Stine reißt mich an den Haaren.« Immer war die Zollinspektorin der Spuk, der ihn verfolgte.

Am Morgen wurde der Arzt gerufen und stellte eine Lungenentzündung fest.

Die Mutter streichelte den brennenden Kopf des Knaben und lächelte ihm beruhigend zu; aber in der Küche draußen schlug sie nieder und betete, jeden weinenden Laut gewaltsam unterdrückend. »Mein Herr und Gott, du hast mir in allem Jammer des Lebens diese einzige Freude gegeben … du kannst nicht grausam sein, o Gott, und mein Glück mir nehmen.«

Nach acht Tagen verschwand das Fieber, aber der Auswurf nahm zu, und die Lunge blieb angegriffen. Ohne Schmerz, still, liebevoll und zärtlich saß er bei der Mutter, die für ihn ein Hemdlein nähte.

Plötzlich sah er empor: »Mutti, nähst du mein Leichenhemd?«

Sie entsetzte sich und eilte hinaus, um den hervorstürzenden Tränenstrom zu verbergen. Mit gerungenen Händen rief sie zu Gott. »Heile und erhalte mir den Knaben! Es ist unmöglich, weil du die Liebe bist, es ist unmöglich, daß du das Kind mir nimmst … du mußt das Schreien meines Mutterherzens hören.«

Amatus genas, und die Lunge verheilte, so daß der Arzt seine große Kunst selbst nicht begreifen konnte.

Obgleich Monika im Neubesitz ihres Kindes überglücklich war, schlug ihr zartes Gewissen. Hatte sie nicht Gott durch ihr Gebet förmlich gezwungen? War eine so ungestüme und bedingungslose Bitte nicht sündig? Wenn nur das Kind lebte, wollte sie willig ihre Züchtigung leiden.

Nachdem der Unterricht volle fünf Wochen versäumt war, ging Amatus wieder zur Schule und kam weinend nach Hause. »Mutter, nun kann ich nicht zu Ostern versetzt werden.«

Sie wollte den kleinen Kummer als Strafe für ihr ungehöriges Gebet hinnehmen und tröstete den Untröstlichen, daß er unverschuldet sitzen bleibe.

Doch der Quartaner Junker blieb nicht sitzen, sondern wurde zu Ostern versetzt. Der gute Emeritus nämlich hatte ihm täglich eine Unterrichtsstunde gegeben und die versäumten Abschnitte nachgeholt. Von da an hielten die Gerichtsdieners ihren Sprößling für ein Wunderkind.

In der Dachwohnung des Pappeltals wurde ein fröhliches Osterfest gefeiert. Friedline war aus der Blindenanstalt entlassen worden und sollte fortan bei den Eltern bleiben. Der Bruder führte sie an der Hand vom Bahnhofe und nahm sie täglich mit hinaus in den überall leise webenden Frühling. Sie war ein schlankes Mädchen mit einem fein geschnittenen, durchsichtig weißen und schönen Gesicht, in dem die blauen Augen reg- und leblos standen. Ihr Blick war tot, aber ihr Lächeln sonniger und vielsagender als irgend eines sehenden Menschenantlitzes.

Nie müßig, fand sie sich vermöge ihres erstaunlichen Tastgefühls im Hause zurecht und ging der Mutter zur Hand. Auch hatte sie gelernt, in Blindenbüchern zu lesen und die saubersten Handarbeiten anzufertigen.

»Nun wirst du immer bei uns bleiben«, sagte Amatus einmal bei Tische.

»Ja, ja«, nickte der Vater und warf der geleerten Schüssel einen verkümmerten Blick zu.

»Mutter, Mutter«, sagte Hans zweimal tonlos in der Küche, »wir sind jetzt vier erwachsene Personen … ich fasse nicht, wie wir durchkommen … der Herrgott mag's wissen.«

»Ja, eben er wird's wissen und machen.«

Hans hatte [später entfallen: aber] ein übles Gewissen, weil er ohne Wissen seiner Frau zwölf Taler zur Hausmiete vom Schwager Berg geliehen hatte.

In der Dachwohnung wurde eingeteilt und gerechnet und jeder Groschen in der Hand gewogen, ehe er ausgegeben wurde. Monika brachte das fabelhafte Kunststück fertig und beköstigte mit sechzehn Talern im Monat vier erwachsene Personen.

Am Tage nach Pfingsten zogen Friedline und Amatus Hand in Hand hinaus in den vollerblühten Lenz, [später entfallen: und] ihr Ziel war der Hof, auf dem Erna in Stellung war. So gut unterhielten sie sich, so oft standen sie still, daß der Marsch von einer halben Meile zwei Stunden währte.

»Im Garten drüben sind Maiglöckchen … ich rieche es am Duft«, sagte Friedline.

»Und hier an der Hecke?« fragte er.

»Das sind ja Syringen … und die Kastanien über uns blühen … sie hauchen einen feinen Odem aus, den du gar nicht merkst … ich rieche besser als du … aber, wie sehen die Kastanienbäume aus?«

»Das sind die Weihnachtsbäume des Frühlings, die mit tausend weißen Lichtkerzen besteckt sind … weißt du, wo die Sonne steht, Friedline?«

Sie sah mit den weit offnen Augen in den grellen, glühenden Sonnenball hinein, ohne zu blinzeln. »Dort brennt sie! Wie der Ofen im Winter die Stube traulich erwärmt, ist die Sonne der Feuerofen Gottes, welcher die ganze, große Erde heizt.«

»O, sie wärmt nicht bloß, sie leuchtet und gibt Licht …«

»Was ist Licht?« fragte die Blinde, »kannst du es mir nicht sagen und schildern?«

»Nein, das ist eine wunderbare Helle, die ich ebensowenig wie die Luft beschreiben kann … in der Nacht bin ich auch blind und muß mich vorwärts tasten … allmählich bricht der Morgen herein, erst grau, dann weißlich und dann purpurn schimmernd, bis alles hell und herrlich wird … erst das Sonnenlicht macht, daß ich sehen kann.«

»Warum macht es mich nicht auch sehend?« sagte sie.

»Das … das weiß nur Gott.«

Sie schwiegen und erstiegen die Höhe des Weges, von wo aus die blinkende Föhrde, die zwischen Buchenhäuptern und langgezogenen Heckenfeldern wie ein verträumter Landsee lag, überschaut wurde.

»Weshalb stehst du still, Amatus?«

»Hier ist prächtig … weil die Sonne scheint, ist es, als wenn alles lache … sogar das lichtgrüne Roggenfeld lacht, und das glänzende Wasser lächelt mit seinen kleinen, krausen, kindlichen Wellen.«

»Ach, das möchte ich nur ein einziges Mal sehen«, seufzte Friedline.

»Weißt du, was ich möchte? Jeden Tag eine Stunde lang – aber nicht mehr – dir meine Augen leihen, so daß ich blind wäre und du an meiner Stelle sehen könntest … ja, das würde ich machen, Friedline, wenn ich allmächtig wie der Herrgott wäre.« Großmächtig und großmütig warf er die Hand aus.

Sie drückte seine Finger. »Du bist mein lieber, guter Bruder.«

Dann lauschte sie. »Da fliegt eine Libelle.«

»Am leisen Knirschen der langen Schwingen hörst du es?«

Ihre Finger zeigten nach der Hecke. »Und dort muß ein Schmetterling flattern.«

»Ja, ein großer Trauermantel wiegt sich über der Syringenblüte … das hast du geraten.«

»Nein, du kannst es nicht vernehmen, aber ich höre den Flügelschlag des Schmetterlings«, lachte die Blinde in kindlichem Stolz.

Die Landstraße führte mitten durch einen Laubwald. Viele Vogelstimmen piepsten und pfiffen und schlugen kurze Trillertöne an, als wenn sie die Kehlen zum abendlichen Gesangvortrage stimmten.

Friedlines Ohr horchte hin und her. »Was ist das für ein Vöglein, das jetzt schlägt?«

»Ein Stieglitz!« sagte er dreist.

»Nein, ein Rotkehlchen singt seine kurze Weise.«

»Du hast recht … eine rote Brust geht auf und nieder.«

»Horch, kennst du den Schlag, Amatus?«

Nun gab er seine Unwissenheit zu.

»Fifi, so flötet die Schwarzdrossel«, lachte Friedlinchen.

»Ei, du bist aber klug und kennst alle Vogellieder … ich glaube, du siehst mit den Ohren und den Fingern und der Nase.«

Friedline lächelte. »Ja, ich gebrauche meine vier Sinne.«

Nachdem sie auf dem Hofe reichlich geatzt waren, trieb sich der Tertianer in den Ställen und auf dem Felde umher. Für alles Landwirtschaftliche, für Pferde, Kühe und Ferkel, hatte er eine Vorliebe, als wenn ein starker Rest des Bauernbluts von seinen Vorfahren her in ihm nachwirke.

Gegen neun Uhr abends kehrten die Ausflügler Hand in Hand und fröhlich trällernd heim. Aber streng blickte die Mutter ihm entgegen. »Komm her, du Schlingel!«

Der Vater spottete: »Weil er so lang ins Kraut schießt, muß ich ihm wohl ein Mille vom besten Zigarrenkraut kaufen.«

Amatus wußte jetzt, was ihm bevorstand.

Die Mutter schalt: »Großmutter erzählt mir, daß du geraucht hast! Aus ihrer Hofpforte bist du mit dem Zigarrenstummel im Munde gekommen und hast frech den Rauch zum Fenster hinaufgeblasen, obgleich du sie sahest.«

»Nein, ich habe sie gewiß nicht gesehen.«

Frau Junker sprach eine böse Hoffnung aus: »Ich will wünschen, daß du jedesmal, wenn du es tust, sterbenskrank davon wirst.«

Mit gekränkter Würde erwiderte er: »Ich werde doch nicht mehr krank vom Rauchen.«

»So? So weit hast du es schon in dem Laster gebracht.« Eine lange Buß- und Ermahnungspredigt wurde ihm gehalten. –

Die Großmutter hat ihren Enkel nie mehr verklagt. Bald darauf wurde sie in der Nacht von einem Schlagfluß betroffen. Monika, die vom Schreiber geholt wurde, fand sie noch lebend, aber in den letzten Zügen.

Die Greisin lallte eine letzte Bitte: »Vergib … daß ich deine Kinder … nicht so lieb … wie ich sollte … dein Amatus … soll den Golddukaten haben.«

Hans hatte eben den Kaffee gekocht, als Monika verweint die Trauernachricht brachte. Die Tränen des Enkels flossen, aber versiegten, je mehr er sich in die Betrachtung der ungeheuer großen Goldmünze versenkte, und er war bald getröstet um den Verlust der Großmutter, die erst durch das Vermächtnis ihre Liebe ihm bewiesen.

Siebenter Abschnitt: Das Buch der Lieder und der Liebe.

Die Vettern Berg und Junker waren Sekundaner geworden.

[Später entfallen: Trotz der Versetzungs- und Vaterfreude äußerte der Hardesvogt: »Von Rechts wegen müßtest du ihn weit überflügeln … deine Nachhilfestunden kosten mich mehr als das dreifache Schulgeld.«

Asmus dachte groß: »Ich bin kein Streber und fühle keine Spur von Neid, der pöbelhaft ist.«

Dennoch hatte er seinen Ehrgeiz und schon als Sekundaner sich für einen Lebensberuf entschieden. Jedem Menschen, der zu fragen beliebte, dem Schreiber im Bureau und dem Dienstmädchen in der Küche, die ihn jetzt »siezten«, erklärte er vertraulich, daß er Jurist werden wolle, welches in Deutschland der alleinige Weg zu Ruhm und Ehre sei.]

Am ersten Schultage wurden die Sekundanerfüchse zwar nicht nach ihrer Berufswahl gefragt, sondern der Ordinarius schrieb diejenigen auf, welche an den zwei hebräischen Stunden, die fakultativ waren, sich beteiligen wollten.

Backfischrot und blöde meldete sich Amatus Junker. Trotz seiner Bitten hatte die Mutter es ihm befohlen.

In der Pause zupften die Kameraden seine Rockschöße und titulierten ihn sehr höflich mit »Hochwürden« und »Herr Pastor«; andere drückten sich platter aus und gaben ihm den Spitznamen »Prester«, der dem mehrfach umgetauften Sohn der Monika ein Greuel und Ärgernis geworden ist.

Die sogenannten Hebräer, die langen und schmalbrüstigen Zukunftstheologen der Sekunda, hatten viel Spott und Neckerei zu leiden und mußten früh und freiwillig die Schmach Christi erdulden.

Vergebens flehte Amatus die standhafte Mutter an, ihn von diesem Kreuz zu befreien. Umsonst beteuerte er den Kameraden auf Ehre und mit Entrüstung, daß er nicht Pastor, sondern Seemann werden wolle.

Aha! Ob er vielleicht an der arabischen Küste Schiffahrt treiben und hebräisch lernen wolle, um sich besser mit den Beduinen verständigen zu können?

Erst als er von den Waffen der Fäuste Gebrauch machte, verstummten die kleinen Kläffer, und nur die großen und berühmten Raufbolde der Sekunda bedienten sich des Spitznamens »Prester« wie zuvor.

Das Boxen und Balgen hatte er von den Matrosen am Hafen erlernt. Die meisten Galeassen und Schoner, die nach Norderhafen mit Stückgut oder nordischen Hölzern kamen, kannte er, und ging nach Feierabend an Bord. Auf Reling und Ankerwinde lungerten die Matrosen, bliesen Rauchwolken in die Luft und spuckten in das Wasser, während der Koch der Ziehharmonika schwedische und schwermütige Weisen entlockte.

Mam Hedin, der zwanzig Jahre fuhr, zerkaute seinen Priem und seine Sätze und erzählte fabelhafte Dinge von seinen Fahrten. Sein größtes Abenteuer hatte er an Islands Küste erlebt, wo er eines guten Tages im kühlen Wasser tauchte, als ihm eine ahnungslose Robbe so nahe schwamm, daß er sich auf ihren Rücken schwingen konnte. Und er behauptete hoch und heilig, das arme Seeroß so lange zu Wasser geritten zu haben, bis es sich schnaufend und völlig verkeucht auf den Strand geworfen, wo es von ihm zum Lohne erschlagen worden.

Der Decksgast, den die Schweden Student titulierten, rauchte seine Tonpfeife und fühlte sich als Mann unter Männern. –

In der Dachwohnung des Pappeltals war der zehnte August der große Tag, an dem des Hauses Hoffnung geboren war.

Als Amatus Mütze und Bücher auf den Ecktisch warf, scherzte und neckte der Vater: »Was möchtest du zum Geburtstag haben, mein Sohn? Ein Stammseidel? Oder eine lange Pfeife?«

»Ja, Vater … möchtest du einen kleinen Kaffeepunsch haben?«

Monika strafte die despektierliche Antwort und sah ihren Mann an. »Da hast du es, Hans! Setze dem Jungen keine Dummheiten in den Kopf!«

»Er raucht ja doch diskret.«

»Aber offiziell soll er es nicht tun, ehe er Primaner wird.«

In der Küche ging Hans Junker seiner Frau zur Hand. »Liebe Mutter, ich bin ja daran gewöhnt und sage es nicht, um größere Freiheiten zu erlangen … ohne die tägliche Vermahnung würde mir etwas fehlen … aber der Junge hat nach meiner Meinung zu wenig Freiheit und kriegt selten einen Groschen … er lernt nie selbständig zu werden.«

»Erst muß er verständig werden.«

»Ja, du hast die Erziehung in der Hand … aber sie ist zu strenge.«

Monika rührte tiefsinnig im Topfe.

Als ihr Sohn am Nachmittag um die Erlaubnis bat, mit seinen Freunden einen Ausflug zu machen, gab sie ihm dieselbe, ohne zu fragen, und noch dazu ein Fünfgroschenstück.

Von dem Kapitän des schwedischen Schoners erhielt Amatus das Beiboot und beide Segel. Der Vetter und der Freund Wilhelm Reder warteten bereits am Bollwerk. Auch zwei Freundinnen sollten an der Seefahrt teilnehmen und spazierten vornehm unter den Kastanien auf und ab, Silly unter einem ungeheuren Strohhut und Klarissa mit dem ausrangierten Sonnenschirm der langen Stine. Als alles klar war, stiegen sie schnell und unauffällig ins Boot.

Die Tochter des Zollinspektors war konfirmiert und ganz erwachsen. Trotz der vielen Sommersprossen fand Amatus ihr Antlitz hold und lieblich und die Augen schön. Trotz der vielen Ecken an Schultern und Ellenbogen war ihr Körper schlank und geschmeidig.

Asmus, als der wohlbeleibteste von allen , nahm von der Kapitänswürde und dem Steuerruder Besitz. Amatus paßte die Segel und spielte den Matrosen.

Auf der hohen Küste lag das grüne Buchenhaupt, das der Seefahrt Ziel war. Weil die Weiblichkeit etwas von Creamschnitten wisperte, lief Junker ins Wirtshaus und legte sein ganzes Vermögen in Kuchen an.

Asmus aber zählte unter dem Tisch seine Nickelstücke, setzte sich dann breit in den Stuhl und winkte dem Kellner.
»Drei Bier und zwei Zigarren!«

Leutselig nickte er den Kameraden zu. »Die eine könnt Ihr je zur Hälfte rauchen.« 

Oben im Walde, hinter dichtem Unterholz versteckt, lag ein freier, fest getretener Spiel- und Turnplatz. Während die jungen Herren unten am Strande ein Bad nahmen, gingen hier die Mädchen zärtlich umschlungen auf und ab, wie Backfische tun, die sich Geständnisse machen oder Geständnisse entlocken wollen.

»Rissa, findest du nicht, daß mein Vetter nett ist?«

»Ja, er hat sehr kavaliermäßig uns mit Kuchen traktiert.«

»Meinst du nicht, daß er hübsch ist?«

»O ja … warum nicht?«

[Später entfallen: Aber Amatus überließ großmütig seinem Freunde Willhelm den ganzen Genuß.]

Oben im Walde, hinter dichtem Unterholz versteckt, lag ein freier, fest getretener Spiel- und Turnplatz. Während die jungen Herren unten am Strande ein Bad nahmen, gingen hier die Mädchen zärtlich umschlungen auf und ab, wie Backfische tun, die sich Geständnisse machen oder Geständnisse entlocken wollen.

»Rissa, findest du nicht, daß mein Vetter nett ist?«

»Ja, er hat sehr kavaliermäßig uns mit Kuchen traktiert.«

»Meinst du nicht, daß er hübsch ist?«

»O ja … warum nicht?«

[Später entfallen: »Wie gefällt dir mein Bruder?«

»Gut! Er hat ja auf das Wohl der Damen kräftig angestoßen und getrunken.«]

Plötzlich legte Klarissa die Hand auf Sillys linke Brustseite. »Laß mich fühlen, ob es klopft, und sieh mir fest in die Augen! Magst du Wilhelm gern leiden?«

Das rundliche Gesicht wurde nicht rot, wie erwartet worden. »Er ist ein braver Mensch.«

»Liebst du ihn nicht Silly?«

»Er … er liebt ja euer Dienstmädchen …«

»Himmlischer Herrgott! Wie kommst du darauf? Sie ist fünfundzwanzig Jahre alt.« Klarissa lachte über den gräßlichen Einfall.

Keins der beiden Mädchen wußte, was es hätte wissen wollen.

»Komm, wir wollen einmal, wie in jungen Jahren, unsinnig sein!« Die Erwachsene raffte ihr Kleid zusammen, netzte die Fingerspitzen mit der Zunge und umfaßte die Stange des Turnrecks. »Hier kommt niemand.«

Sich emporziehend, schwang sie die Füße senkrecht in die Höhe und sich selbst um die Stange. Mehrmals machte sie geschickt den Aufzug und kopfüber den Niederschwung.

Plötzlich klatschte es im Gebüsch: »Bravo, bravo!«

[Später entfallen: ergriff Fräulein Reder nicht die Flucht, sondern stürzte dahin, wo die Zweige sich regten.

Asmus sah ihr ins Gesicht und sein Grinsen erstarb. »Ich … ich habe nichts gesehen …«

»Nein, aber du Lurenbock wolltest …da! Nimm das!«

Watsch, hatte der Bravoschreier eine Maulschelle erhalten.

Er wischte die Backe und zog den Mund in einen schrägen Winkel. »Du … das will ich dir gedenken.«

Die andern kamen vom Bade und fragten ihn: »Hast du Zahnweh?«

Er schüttelte knurrend den Kopf. Eine Zeitlang war die Harmonie gestört; aber schnell verfliegen die Wolken der Jugend.]
 
Auf der Heimfahrt, welche lang währte, da sie gegen den Wind ankreuzen mußten, überließ Amatus dem Vetter das Steuerruder und saß Klarissa gegenüber. Sie sangen Burschenlieder, meistens nur anderthalb oder drittehalb Verse, und trällerten den Schluß als Lied ohne Worte.

[Später entfallen: Oft warf der Steuermann über Sillys Schulter beobachtende Blicke. Wie jener die Zollinspektor-Tochter anguckte!]

Klarissa sang übermütig mit und stimmte zuletzt ein Lied an, das wunderbar schwermütig über das wogende Wasser schwoll.

»Mein Liebchen, wir saßen zusammen
Traulich im leichten Kahn,
Die Nacht war still, und wir schwammen
Auf weiter Wasserbahn.«

Amatus lauschte verzückt zur Sängerin empor. »Von wem ist das Lied?«

»Ich glaube, Heinrich Heine steht im Notenbuch darunter.«

»O, noch einen Vers!«

Sie ließ sich nicht nötigen.

»Die Geisterinsel, die schöne,
Lag dämm'rig im Mondesglanz;
Dort klangen liebe Töne,
Und wogte der Nebeltanz.«

Der Sekundaner Junker hauchte: »Das ist ergreifend schön!«

»Sela!« sagte hinter ihm eine ironische Stimme, und der Steuermann blickte in die Luft, »Ach, unser roter Wimpel hat sich im Tau festgewickelt … wer wagt in den Mast hinaufzuklettern?«

Amatus wollte sich in seiner Seemannsgröße zeigen und sprang auf die Bank.

»Tu es nicht!« flehte die Kousine vergebens.

Er kletterte schon an dem dünnen, schwanken Maste empor.

»Halt dich gut fest!«

Obgleich das Boot [später entfallen: noch] fünf Faden vom Röhricht des Ufers war, stieß der Steuermann das Ruder [später entfallen: weit] über Backbord [später entfallen: – und glitt nicht ein boshaftes Lächeln über sein breites Gesicht?]

Das Boot drehte sich wie ein Kreisel und ging, weil das Steuer zu weit geworfen war, über »Stag«. Die Segel klatschten. Plötzlich schlugen sie über!

Ein Schrei! Amatus verlor Halt und Hände und wurde in weitem Bogen ins Wasser geschleudert.

Silly kreischte: »Er kann nicht schwimmen!«

Asmus ließ vor Schreck das Steuer fahren, und das Boot trieb.

Wilhelm starrte wie ein Blödsinniger nach der Stelle, wo der über Bord Gefallene bis zur Brust knetend in der Flut stand, als wenn er Wasser trete.

»Er kann nicht schwimmen!« Es klang wie ein Geheul.

»Du Schafskopf, steure doch auf ihn zu!« Das klang wie ein Gedonner. Klarissa rief es, streifte den Kleiderrock herunter und sprang in das plumpsende, platschende Wasser.

Ach, ihre Heldentat wäre nicht nötig gewesen, denn hier war's nicht tief genug zum Ertrinken, aber der Grund sehr schlammig.

Nun sie einmal drin war, reichte sie Amatus die Hand, beide kneteten und wateten, bis sie das Boot erreichten.

In großen Augenblicken sind die Menschen ungeniert. Sie stülpte schnell den Rock über den Kopf und sagte: »Himmel, und wie sehen wir aus! Alles klebt und klatscht an mir.«

Bald versuchte Klarissa über das Abenteuer zu lachen [später entfallen: , aber sandte dem jungen Berg einen spöttischen Blick zu. »Du mußt dich auf der Schiffahrtsausstellung in Flensburg als Steuermann prämiieren lassen.«]

Asmus wurde witzig: »Gott o Gott, Amatus, wenn du ertrunken wärest – wie würde deine Mutter dich verhauen haben!«

Junker war bis in die Knochen abgekühlt und wünschte beim Badehause ans Land gesetzt zu werden.

Beim Aussteigen neigte er sich über Klarissa und flüsterte: »Das werde ich dir nie vergessen.«

Silly fing die Worte auf und betrachtete eifrig die Ballaststeine im Boote.

Monika sah den durchnäßten Sohn und rief: »Mein Gott! Du hast mit Segeln gesegelt, und ihr seid gekentert.«

Er erzählte kleinmütig den Hergang und sollte zur Strafe ins Bett und drei grosse Tassen Kamillenthee trinken.

Als er die erste geschluckt hatte, sagte Friedline: »Darf ich ihm nicht sein Abendbrot bringen? Mein Bruder ist gut.«

»Meinst du?«

»Ja, ich weiß es, Mutter, ich kann an der Stimme hören, was in dem Menschen ist … sind die Guten nicht auch das, was die Sehenden schön nennen?«

»Nicht immer, mein Kind.«

»Ich glaube, daß mein Bruder der hübscheste von allen Sekundanern ist.«

Die Mutter lächelte. »Ja, er ist recht schmuck, aber auch ein bißchen lang und lapsig geworden … doch das verwächst sich.«

Die zwei letzten Straftassen wurden dem schmucken Sekundaner in Gnaden erlassen. – – –

In der Kastanienallee am Hafen wanderten Klarissa und Silly im Schnellschritt hin und zurück, und die Kleine mußte oft Trab–trab machen, um Tritt zu halten. Einerseits wollte der Durchnäßte sich warm laufen, anderseits, um nicht von den Leuten gesehen zu werden, die Dunkelheit des Augustabends abwarten.

»Fühlst du dich warm?«

Klarissa lachte. »Ja, mollig wie in einer nassen Einpackung … ich will der langen Stine keinen unnötigen Schreck bereiten, sondern mich in meine Kammer schleichen … morgen früh um vier Uhr wird gewaschen und gebügelt.«

Die löschenden Arbeiter gingen müde von Bord. In der Allee tauchte das erste Liebespärchen auf und setzte sich auf eine Bank.

Die beiden Mädchen gingen mit einem verstohlenen Seitenblick vorüber, und die Erwachsene raunte: »Ob die sich wohl hinter unserm Rücken küssen werden?«

Silly sah tiefernst empor. »Rissa, sag mir die Wahrheit … möchtest du einen Mann küssen?«

»Warum nicht? Einen mit einem langen Leutnantsschnurrbart«, lautete die leichtfertige Antwort.

»Du flunkerst … Rissa … warum sprangst du ins Wasser?«

»Weil ich doch schwimmen kann und glaubte, daß Junker in Gefahr sei.«

Sie sah errötend hinweg.

Sillys Augen waren leicht verschleiert. »Sag mir die Wahrheit … du … du liebst Amatus …«

Ein Seufzer klang. »Ach, er ist ja zwei Jahre jünger als ich.« Noch ein Seufzer! »Silly, sieh mich an … und sag du es erst … du liebst deinen Vetter …«

»Ja … ich glaube, ich liebe ihn … und du, Rissa?«

»Ich mag ihn sehr gern leiden.«

Was taten die beiden Mädchen nun? Sie fielen sich um den Hals und küßten sich sehr und weinten ein wenig.

»Silly, ist das nicht entsetzlich, daß wir beide ihn lieben?«

Die kleine Berg machte einen Schluchzer. »Jetzt haben wir einander unser Herzensgeheimnis anvertraut … das darf kein Mensch erfahren, und er am wenigsten.«

»Nein, um Gottes willen! Wir müssen einander schwören, daß wir es nie verraten … auch nicht, wenn wir uns erzürnen sollten.«

Silly ging noch weiter: »Auch nicht, wenn wir Feindinnen würden.«

Sie leisteten mit einem Händedruck den Eidschwur und verstummten im feierlichen Gefühl der Stunde, bis Silly nachdenklich den Finger an die Lippen legte.

»Aber du! Wenn wir beide ihn lieben, müssen wir ja eigentlich Feindinnen werden und uns hassen.«

Klarissa ließ zwei dicke Tränen fallen. »Wir müssen noch einmal schwören, daß wir einander immer lieben wollen.«

Kaum war dieser Schwur bekräftigt, als die Kleine schnell sagte: »Dann darf aber auch keine von uns ihn heiraten.«

»Nein, eben nicht! Wir müssen uns gegenseitig ein heiliges Gelübde ablegen – und dabei an Gott denken – und geloben, daß wir ihn heimlich lieben, aber nie heiraten dürfen.«

»Niemals!«

Sie reichten sich zum Gelübde die Hände, sahen ergriffen zu dem Stern empor, der durch die Baumwipfel schimmerte, und küßten sich mit blassen Lippen.

Fräulein Reder gelangte, ungesehen von den Argusaugen der Stiefmutter, in die Kammer und das Bett, in dem sie lange wach lag und weinte. – – – – –

Es längten sich die Abende, und Hans Junker ermahnte: »Mutter, könntet ihr nicht etwas länger die schöne Schummerstunde halten?«

»Nein, Nichtstun ist eine falsche Sparsamkeit.«

Auf dem Tische brannte die neue Rundbrennerlampe, die Monika auf einer Auktion erstanden hatte.

Der Sohn kam nach Hause und antwortete auf die inquisitorische Frage, wo er so lange gewesen sei, daß er dem Sohne des Rittmeisters beim Aufsatz geholfen habe.

»Warum hilfst du ihm?«

»Aus Freundschaft.«

Es geschah wohl mehr, um ein Taschengeld zu verdienen; und die Nachhilfe bestand darin, daß er dem Sohne des Rittmeisters und dem des Gutsbesitzers die Aufsätze diktierte. Alle drei Wochen, wenn der böse Aufsatz kam, war Amatus ein willkommener Gast in den vornehmen Häusern, in der Zwischenzeit aber wurde der Verkehr suspendiert. Er merkte es wohl, lachte bissig und ließ sich die Nachhilfestunden bezahlen.

Das war ein vom Vater ererbter Zug.

Unter der Rundbrennerlampe hatte er sich in ein aus der Gymnasialbibliotek entliehenes Buch vertieft. Monika teilte mit dem Sohne die Unterhaltungslektüre, so daß sie abends nach Bettzeit aufsaß.

Amatus rief indigniert: »Was soll das heißen?«

Unvermutet hatte die Mutter ihm das Buch vor der Nase zugeklappt. »Das ist halt nichts für dich und viel Häßliches darin.«

»So–o! Heinrich Heine gehört zu den Klassikern, so gut wie Schiller und Goethe … frage den Lehrer, der mir das Werk gegeben! Übrigens lese ich nur das Schöne und nicht das Schlimme.«

Die Klassizität des ungöttlichen Heine schlug Monika so, daß sie die Finger zurückzog.

Mit heißhungrigem Herzen und verschlingenden Augen genoß er die Gesänge des lieblich lockeren Lyrikers und wußte viele Vers auswendig.

An einem Mittwoche vergoldete matter Herbstsonnenschein die grau verschrumpften Blätter des Pappeltals. Just zum Schwermütigsein das geeignete Wetter!

»Komm, Friedline, wir wollen spazieren«, sagte der Bruder.

Der Blinden war die geringe Freude groß und beglückend.

»Nun blühen keine Blumen mehr«, sagte sie.

»Ja, doch!« Er brach eine Spätaster ab, die durch das Gitter des Nachbargartens guckte.

Die Schwester hatte für seine Stimmungen einen feinen Instinkt. »Woran denkst du?«

»Ich dachte eigentlich daran, daß ich unglücklich bin.«

»Unglücklich?«

In seinem Lieblingsdichter webend und lebend, deklamierte er:

»Mir träumte einst von wildem Liebesglühn,
Von hübschen Locken, Myrten und Resede,
Von süßen Lippen und von bittrer Rede,
Von düstrer Lieder düstren Melodien.«

»Versteht du das?«

»Nein, das scheint mir Quatsch … wie können süße Lippen bittre Rede führen?«

»Ach, seitdem Klarissa für mich ins Wasser sprang, redet sie mit ihren süßen Lippen wenig mit mir und weicht mir aus … aber warum? Vielleicht hat sie zu Hause Schelte bekommen … daran bin ich doch nur indirekt schuld.«

Die Blinde zog in einer unbewußten Eifersuchtsanwallung, zu welcher Untugend sie einzig neigte, die Augenbrauen zusammen. »Magst du die Reder?«

Er antwortete nicht, sondern fragte: »Weißt du, was heiße, leidenschaftliche Liebe ist? Wie könntest du …«

»Ja, ich verliebe mich in die Stimme.«

Vor Erstaunen stand er still. »Was? Du bist verliebt gewesen?«

»Ich bin es noch« erwiderte sie unerschütterlich.

»Friedline!« schrie er.

Sie lachte schelmisch. »Ich bin in dich und deine Stimme verliebt und will nie einen andre lieben.«

Ein Lächeln der vollsten und reinsten Befriedigung umspielte seine Lippen. »Aber mich kannst du nicht heiraten.«

»Heiraten ist etwas Häßliches …«

»Etwas Häßliches?« Er wäre am liebsten als Untersekundaner zum Standesamt gefahren.

»Wer mag mit einem fremden Menschen … zusammenwohnen? Ich liebe nur meinen Bruder.«

Amatus wurde großmütig. »Nach acht oder neun Jahren bin ich so weit, daß ich heiraten kann.«

»Dann bist du Pastor …«

»Um Gottes willen … nach acht Jahren bin ich Doktor oder dergleichen und nehme mir natürlich eine Frau, aber stelle gleich die Bedingung, daß meine blinde Schwester bei mir bleibt … du bekommst ein feines Stübchen, ißt mit uns am Tische und … spielst mit den Kleinen.«

»Mit den Kleinen?«

Erst als Friedline kicherte, verzog auch er die ernsten Mienen.

Die Blinde, die alle traurigen Gedanken in der Brust versteckte, aber nichts Fröhliches bei sich behalten konnte, erzählte der Mutter von des Bruders Edelmut und verschwieg das übrige.

Monika blickte gerührt auf die Straße hinab, wo der Gute und Gepriesene stand und mit einer drallen, weißschürzigen Person sich unterhielt. »Warum steht er nun da und quatscht mit Reders Dienstmädchen? Das ist unpassend.«

Karoline fragte: »Weshalb kommen Sie nicht abends, wenn die Herrschaften aus sind?«

Der Sekundaner sprach sehr gedämpft: »Nein, ich wage mich nicht in die Höhle der langen Stine … sie soll mich nicht wieder bei den Haaren herausschmeißen … aber es ist ein merkwürdiger Zufall, daß Klarissa niemals abends um acht Uhr, wenn ich vom Pastor komme, den Torweg passiert … verstehen Sie mich, Karoline?«

Sie zeigte die Zähne und lachte breit. »Ich verstehe doch deutsch durch die Blume … Sie meinen ein richtiges Rendeswuz… ja ich will schon das Fräulein anticken.«

Frau Junker öffnete das Fenster und rief ihren Sohn, und die mütterliche Magd ging heim, um Klarissa anzuticken. – – –

Der gute Sohn und Bruder kam eines Mittags in schlechter Stimmung zu Tisch.

»Hast du eine Dummheit gemacht in der Schule?«

»Nein, eine niederträchtige Dummheit hat der Doktor Konrad begangen … im deutschen Aufsatz haben die beiden Esel, denen ich Einleitung, Disposition und Ausführung diktiert habe, »gut« bekommen und ich selber nur »fast gut«, obgleich ich ihnen doch natürlich nur einen verdünnten und verschlechterten Aufguß meiner Gedanken gegeben habe … ist das nicht unerhört?« Der Zorn des Sekundaners war mit seiner Klugheit durchgegangen.

Die Mutter schalt den Sohn, welches ihre Pflicht war, obgleich das »fast gut« auch sie nicht wenig wurmte. »Du Schlingel weißt wohl, daß andern die Aufsätze zu machen verboten ist.«

»Ich werde nie mehr so dumm sein, Mutter.«

»Ich glaube nicht, daß Doktor Konrad ungerecht ist.«

»Ich glaub' es für uns beide und weiß warum … Onkel Karl hat ihn bearbeitet.«

»Was sagst du?« rief sie.

[Später entfallen: »Asmus sitzt weit hinter mir … das hat das Kalb ins Auge geschlagen …] Doktor Konrad verkehrt beim Onkel und wird mit Niersteiner traktiert … man fühlt es instinktiv, wenn ein Lehrer beeinflußt wird.«

»Geh mir mit deinen Instinkten!« Die Mutter wies ihn ab und widersprach nicht weiter.

Hatte nicht der Emeritus sie vor einigen Tagen auf der Straße angeredet und geäußert: »Er wird doch nicht etwas bequem, weil er spielend lernt … die Lehrer meinen, daß er noch mehr leisten könne … halten Sie dem Leichtfuß, der jetzt in die Flegeljahre kommt, die Leine recht stramm!« Da hatte sie ihren Sohn dem Wohltäter gegenüber verteidigt – und da war ihr ein leiser Verdacht aufgestiegen, den Amatus jetzt laut in Worten ausgesprochen.

Der Sekundaner war trotzdem so dumm, andern die Aufsätze zu machen. Das Taschengeld, das er von den Eltern nicht erhielt, verschaffte er sich auf diese Weise und vertat nicht seinen sauren Verdienst, weder in süßem Kuchen, noch in bairisch bittrem Bier. Nein, er hatte ein Vermögen von vier Mark erspart und im Zeichenbesteck, welches seine heimliche Sparbüchse war, verwahrt. Diese Summe war für einen großen Zweck bestimmt, von dem er nicht einmal Friedline etwas anvertraute.

Mitten in dem häßlich-gräßlichen Nebelmonat sprang die Knospe jener feuerroten Wunderblume der ersten Liebe in seinem Herzen. Während die Wildgänse schreiend durch die Lüfte zogen und die kahlen Haselhecken dicke Nebeltränen tropften, ging er in Sehnen und Schwermütigkeit auf dem menschenleeren Königswege. Wenn das süße Leid am ärgsten brannte, brach aus seinem Auge eine Zähre, die aber – wie ein kleiner, auf Feuer geschütteter Wasserguß – den hellen Minnebrand nicht löschte, sondern schürte.

In der Schummerstunde schnitt die Mutter Butterbröte. Er saß dicht am Fenster, und über den Pappeln war der Abendstern der Venus aufgegangen.

Leise las er:

Und wüßten sie meine Wehe,
Die goldenen Sternelein,
Sie kämen aus ihrer Höhe
Und sprächen Trost mir ein.

So tief ergriffen ihn die Worte, daß zwei nasse Fäden über seine Wange flossen. Was riß ihn rauh und roh aus Tränen und Träumen? Die Mutter, die von hinten kam, zerrte am Haarschopf sein Haupt empor.

»Der dumme Bengel heult wahrhaftig! Nun ist es genug der Jugendeselei … sonst schnappst du mir noch über von Heinescher Verrücktheit. Ich nehm' das Buch, das du in die Bibliothek zurückträgst, an mich. Jetzt aber mach dich fertig und marsch! Du sollst dem Pastor, der sich nicht wohl fühlt, die Zeitung zwischen fünf und sechs vorlesen … Gott behüte den alten Mann!«

Der Pastor lag auf dem Sofa und sagte mehr als einmal: »Das kannst du überschlagen.«

Die Mutter fragte bei der Rückkehr gespannt ihren Sohn, und dieser berichtete: »Es steht nicht gut, denn er konnte nicht die ganze Zeitung verdauen und ließ mitten in den Verwickelungen der Balkanhalbinsel abbrechen.«

Monika betete am Abend brünstig für den Greis, daß der Herr zehn Jahre zur Länge seines Lebens legen möge. –

Karoline hatte mehrmals die Tochter des Rederschen Hauses angetickt, ohne daß die mütterliche Dienstmagd verstanden worden wäre. Zuletzt redete sie deutsch und deutlich: »Der Junker ist ein netter Mensch … ich würde ihn nicht laufen lassen, sondern für alle Fälle an der Hand behalten … als Reserve.«

»Pfui!« sagte Klarissa, die an der Reserve-Moral Anstoß nahm.

»So? Sie müssen vielleicht einmal den Kohl essen, in den Sie jetzt pfuien und spucken … dann werd' ich Sie daran erinnern, Fräulein.«

Das Fräulein machte einen schiefen Mund und sah träumerisch, tief und entsagungsvoll in die Luft.

Sie vermied ängstlich, zwischen acht und neun Uhr den Torweg zu betreten. Ihr war unbekannt geblieben, daß die Vorlesung verlegt worden war; und als sie einmal ahnungslos aus dem Hofe kam, stellte Amatus Junker sich mitten in ihren Weg. Männlich finster war sein Antlitz, männlich fest seine Lippen.

Sie redete ihn mit Sie an und der trivialen Frage: »Wie geht es Ihnen?«

Das war zu viel für sein Gemüt, und seine vorbedachte Rede wurde zum unbedachtsamen Gestammel: »Klarissa … weißt du noch … weißt du noch?«

»Was soll ich wissen?«

»Als das Licht ausgeblasen wurde und ich dich fragte: Liebst du mich?«

Sie erhob abwehrend die Hände. »O, man will doch nicht, wenn man erwachsen ist, an seine dummen Kinderstreiche erinnert werden.«

»Kin–kin–kinderstreiche? Ich kam … um vor dir zu knieen.«

Ihr Mund stand zwischen Greinen und Weinen. »Quäle mich nicht! Ich habe einen Eid geleistet, daß ich nie heirate …«

»Deiner Stiefmutter?«

»Nein, daß ich nie heirate.«

Er schleppte die schlaffen Arme empor. »Klarissa, laßt uns unglücklich lieben!«

Der natürliche Menschenverstand der Erwachsenen kam zu sich selber: »Unsinn … die lange Stine kommt!«

Das nur an die Wand gemalte Schreckgespenst scheuchte ihn nicht von hinnen. »Ich gehe nicht, bis in deinem Auge ein Schimmer der Hoffnung mir leuchtet …«

Da machte sie sich böse. »Was bildest du dir ein … ich bin zwei Jahre älter, und du … noch nicht einmal konfirmiert, sondern …«

»Was bin ich?« fragte er.

»Ein … ein dummer Junge …«

Das grauenhafte Wort »Dummerjunge« war ihrer Zunge entsprungen. Die dem Schüler und Studenten allerschlimmste Verbalinjurie zerschmetterte seine Seele, die aus allen Wolken in die Tiefen des Weltschmerzes stürzte. »Die Teufel, die nennen es Höllenleid, die Menschen, die nennen es Liebe.« So sagte er sich vor auf dem Nachhausewege.

Klarissa lief in die kalte Kammer hinauf und legte das weinende Haupt ins Kissen. Sie hatte sich hart machen müssen, aber warum nicht das Harte in schonende, sanftmütige Worte gekleidet? Darum klagte sie, darum quälte sie sich.

Frau Junker bemerkte die Blässe ihres Sohnes und deutete sie falsch. »Nimm's dir nicht zu Herzen, mein guter Amatus! Ich bete täglich für den Pastor, und Gott wird ihn noch ein paar Jahre erhalten.«

Der blasse Jüngling antwortete verbissen: »Mutter, ich muß zu Ostern konfirmiert werden … ich werde zu lang und von allen ausgelacht.«

»Nein, das hat noch gute Zeit.« –

Am nächsten Abend saß Amatus an dem Bette des Greises, und die Pfeife mußte auf den Wunsch desselben mehrmals angezündet werden, aber erlosch dem kraftlos saugenden Lippen. Der an Altersschwäche Erkrankte schläferte viel und hörte wenig von dem letzten Weltberichte und der Balkanhalbinsel.

Der Schlaf hat ihn allmählich bezwungen, bis er nicht mehr erwachte.

Amatus vergoß die reinsten Zähren, die Menschenaugen weinen können, die der Dankbarkeit. Alles, was er geworden war, erreicht und gewonnen hatte, war er durch diesen Mann, der als ein Werkzeug in der Hand der Vorsehung sein Leben in neue Bahnen geleitet.

Die Frage, was nun werden würde, warf der Vater zuerst auf, welcher ein langes Gesicht machte. »Ließ die Witwe nichts davon verlauten, daß sie in Zukunft das Schulgeld bezahlen werde?«

»Nein, sie sagte, daß sie sich einschränken müsse, weil die Pension wegfalle, aber der Hardesvogt werde es natürlich für eine Ehrenpflicht halten.«

Hans sprach bündig: »Monika, du mußt zu deinem Bruder gehen und ihn an die Ehrenpflicht erinnern.«

Sie erwiderte noch bündiger und bestimmter: »Ich gehe nicht zu meinem Bruder … lieber kargen wir uns die 24 Taler vom Munde ab.«

Hans hopste. »Schmachten und hungern sollen wir … Eher gebe ich Amatus in die Apothekerlehre.«

Außerhalb des Hauses redete er vertraulich auf seinen Sohn ein. »Weißt du, daß die Apotheker 300 Prozent in die Tasche stecken? Ja, du machst dich schon ganz nett und kannst dich sehen lassen. Dir wird es nicht schwer fallen, eine gute Partie einmal zu machen … du heiratest eine reiche Frau und kaufst die Bärenapotheke für 100 000 Mark.«

»Nein Vater, ich heirate nie und will kein Pillendreher werden … noch lieber Seemann!«

»Soso! Jaja! In deiner Mutter steckt der große Bergsche Geist, aber du hast von mir den gesunden Menschenverstand, der auf dem Boden der realen Tatsachen bleibt, wie der Amtsrichter sich ausdrückt. Geh, ohne der Mutter etwas zu sagen, einfach zum Onkel und bitte ihn, das Schulgeld zu bezahlen!«

»Wenn er aber nein sagt?«

Hans kicherte schlau. »Er kann nicht nein sagen, weil er eben auch den Bergschen Größengeist besitzt, der sich als den Großmütigen aufspielen muß.«

Amatus entschloß sich zu dem Bittgang und stand vor dem Spiegel. Sah er wirklich gut aus, wie der Vater – allerdings in berechnender Absicht – angedeutet hatte? Eingehend und von allen Seiten betrachtete er sein Konterfei und kam zu der betrübsamen Selbsterkenntnis, daß in diese dünne, eckig schmale, überall zu lange Mannsfigur, an der nur die Röcke und Hosen zu kurz geraten waren, weder Klarissa noch irgend ein Weib sich verlieben konnte. Das sagte er sich mit einem unsagbar kläglichen und klein machenden Gefühl.

Als er mittags aus der Klasse eilte, stand der Gymnasialdirektor auf dem Flure und winkte ihm. Immer hat ein Schüler irgend eine Kleinigkeit auf dem Gewissen und wird bei solchem Anruf erröten.

Aber trocken verkündete der Direktor: »Das Lehrerkollegium hat beschlossen, dir von Ostern ab einen Freiplatz zu gewähren.«

O, das Glück, das immer wenig Worte macht! Der Sekundaner setzte sich in einen Schnellauf, bei dem die langen, ungeliebten Beine ihm zu statten kamen, und nahm in Sprüngen die Treppe der niedrigen Dachwohnung, in die er große Freude hineintrug. Nur er allein durfte nicht von Herzen froh sein, weil er unglücklich liebte und schwermütig sein mußte.

Nicht als Bittsteller, als Triumphator begab er sich nachmittags in die Hardesvogtei, um sein Glück zu melden. Der Oheim war abwesend [später entfallen: , und Vetter Asmus hantierte auf dem Flur mit einer Salonbüchse.

»Ich muß im Garten Krähen schießen und kann dich dabei nicht gebrauchen«].

»Wo ist Silly?« 

»Sie liegt oben festgebunden.«

Eine verblüffte Frage: »Festgebunden?«

Ein gleichmütiges Nicken. »Ja, das dumme Ding will bucklig werden … darum muß sie in einer Art von Hängematte gerade ausgestreckt und immer fest mit dem Rücken liegen [später entfallen: … wollen wir hinauf und sie ulken?«].

Sillys Gesicht war noch rundlich, aber nicht rotglühend wie ein Apfel, sondern von der Bleichsucht, dieser bösen Backfischkrankheit, angegilbt wie eine Quitte. Schnell und sittsam zog sie die Bettdecke bis ans Kinn und freute sich über den Besuch des Vetters, den sie errötend grüßte. Unerträglich war die steife Lage in den Gurten, darin sie mit möglichst geringer Bewegung beharren sollte, [später entfallen: und] unleidlich die fürchterliche Langeweile. Weil ihre rechte Schulter zu hoch nach hinten hinaus wollte, hatte der Hausarzt diese Tortur verordnet, die er eine von ihm neu entdeckte, orthopädische Kur benannte.

[Später entfallen: Der Bruder fragte: »Silly, weißt du, was du bekommst?«

»Von Amatus oder von dir?«

»Nein, vom lieben Gott … bekommst du einen Höcker.«

»Pfui!« sprach Amatus entrüstet.

Zu den Füßen der Schwester lag ihre schwarze Lieblingskatze als Gesellschafterin.

»Was? Das Biest liegt im Bett?« Asmus hob die fauchende Katze an dem Schwanze empor.

Silly schrie und schalt: »Asmus Tierquäler! Asmus Katzenmörder!« Sie weinte laut: »Amatus, hilf mir!«

Kalt lächelnd ließ der böse Bruder die Katze fallen und kehrte sich ab mit dem Wort: »Mich hat das unglückselige Weib vergiftet mit seinen Tränen.«

Auch er gehörte der Heinrich Heineschen Schule an, die sich am Gymnasium in Norderhafen gebildet zu haben schien.

Rachevoll rief die Schwester ihm nach: »Warte! Ich sag's … der dumme Schlingel darf die Büchse nicht anrühren, wenn der Vater nicht dabei ist.«]

Amatus setzte sich dicht ans Bett und fragte: »Warum liegst du in dieser ledernen Hängekoje … bist du krank?«

»Nein, ich kann tüchtig essen, und mir fehlt eigentlich nichts … höchstens ein paar Eisbonbons … die holst du mir nachher!«

Die holte er aber sofort, geschwind über die Straße laufend, und nahm seinen Platz wieder ein. Silly, welche die Arme auf die Bettdecke gelegt hatte, lag still und lutschte.

Leicht strich er mit der Hand über ihre runde, graublasse Backe.

Die blauen Augen sahen groß zu ihm empor. »Warum streichelst du mich?«

»Kleine Silly, weil ich Mitleid mit dir habe.«

»Mitleid … ja Mitleid haben alle mit mir … tagaus und tagein muß ich in dieser greulichen Stellung liegen.«

»Darfst du gar nicht aufstehen und dich ein bißchen bewegen?« Die Frage war eine Versuchung.

Energisch stemmte sie sich in den Gurten empor. »O, ich möchte es zu gern und würde jede halbe Stunde, die ich auf und ab gehen könnte, einen Monat – nein, das ist zu viel – eine Woche meines Lebens hingeben.«

»Tu es doch! Jetzt ist niemand hier«, raunte der Versucher.

Sie lutschte nachdenklich. »Du bist hier … und sie haben mir die Kleider weggenommen.«

»Was macht das, Silly? Wir sind ja nahe Verwandte.«

Silly sah hinweg und sagte leise: »Ja, freilich, Vetter und Kousine sind wie Bruder und Schwester und können sich nicht heiraten.«

Der Gesetzeskundige anwortete mit wichtiger Miene: »Heiraten können sie sich doch.«

»Meinst du?« fragte sie unsicher.

»Ja, denn die Pröpstin ist eine Base des Propsten. Wenn du aber Bange hast vor mir, ist das Allereinfachste, daß ich verschwinde.«

»Nein, nein, lieber Amatus, dann bin ich wieder ganz allein … stell dich an die Tür und guck durch das Schlüsselloch und horch, ob jemand die Treppe hinauf kommt, und sieh nicht ein einziges Mal zurück … das mußt du mir versprechen.«

Er sagte nur: »Auf Ehrenwort!« und zog mit sechs langen Schritten auf Posten.

Die Kousine kämpfte mit der Schämigkeit einen letzten Kampf und siegte. Im weißen Nachtgewande, das vom Halse bis zu den Fußspitzen reichte, stand sie auf dem Teppich und machte unsichere Schritte. »O, mir ist so schwindelig …«

Er wagte eine halbe Schwenkung. »Soll ich zu Hilfe kommen?«

»Nein, um Gottes willen … brech nicht dein Ehrenwort! Nun wird mir schon besser … wie schön! Die Glieder zu recken, die festgefroren sind!«

Während er horchte und sie auf und ab wanderte, unterhielten sie sich.

Unvermittelt und unvermutet warf Silly die Frage hin: »Hast du kürzlich Klarissa gesehen?«

»Kla–ris–sa?« Steil richtete sich der Körper vom Schlüsselloche empor.

»Sobald du sie siehst, sage ihr, daß sie mich besuchen soll!«

»Eine solche Dame redet man nicht auf der Straße an.«

Durchforschend betrachtete sie seinen Rücken. »Du … du bist so sonderbar … seid ihr böse auf einander?«

Ein hohles Haha klang durch das Schlüsselloch. »Haha, ich bin sonderbar? Nein, ich bin sehr vergnügt.«

Das unnatürliche Lachen hatte ihn verraten.

Silly machte ein kluges, tiefsinniges Gesicht und grübelte. Ach, er liebt sie, und wenn mein Rücken sich verkrümmt, bin ich so, daß niemand mich mag.

Der Schmerz stärkte sie in ihrem Ringen mit einem heldenhaften Entschluß. »Amatus, ich glaube …« Da stockte ihre Stimme in der erschrockenen Erkenntnis, daß sie im Begriff sei, das gegebene Wort und Gelübde zu brechen.

»Was glaubst du?«

»Daß Klarissa gut und gar nicht hochmütig ist …«

Das schrille Geläut der Türglocke klang durch das Haus.

»Mein Vater kommt zurück!« Schnell kehrte Silly dem Posten an der Tür die Hinterfront zu. »Du! Ein einziges Mal darfst du dich umsehen.«

Er tat es mit unglaublicher Geschwindigkeit.

»Betrachte mich genau von oben bis unten, ob du – auf meinem Rücken – einen Höcker sehen kannst!«

»Liebe Silly, ich kann gar nichts sehen … dein Rücken ist so flach und senkrecht, wie der Schenkel eines Winkels von neunzig Grad.«

Diese mathematisch genaue Antwort erfüllte sie mit einer solchen Glückseligkeit, daß sie, übermütig und flüchtig die Vorderfront ihres Körpers zeigend, einen Bonbon in den Mund ihm steckte und, ins Bett hüpfend, die Decke bis zum Halse emporzog.

Der Vetter entfernte sich. Die Kousine lag getröstet und lutschte am letzten Bonbon.

In Träumen bog Amatus Junker in die Gänsegase hinein – und wäre am liebsten Luft und Duft geworden. Dort kam Klarissa Reder ihm entgegen! Doch mit einer übernatürlichen Willensenergie faßte und festigte er sich ein Herz, quer über die Straße schießend. »Silly läßt Sie um einen Besuch bitten … das … das wollte ich nur bestellen.«

Fräulein Reder blickte scheu von der Seite und nickte. Aber in ihren Augen war ein unerklärlicher, unsichrer Schimmer.

Den Schimmer suchte er sich zu erklären, hin und her sinnend, ob das Schmerz oder Spott, Haß oder Liebe sei. Da hatte er es und bei seinem Lieblingsdichter die rechten Worte gefunden. Zu Hause deklamierte er Friedline vor:

»Wohl seh ich Spott, der deinen Mund umschwebt,
Und seh' dein Auge blitzen trotziglich,
Und seh' den Stolz, der deinen Busen hebt, –
Und elend bist du doch, elend wie ich.«

Dieweil saßen die zwei Freundinnen bei einander und sprachen von ihm und erneuerten unter Küssen und Tränen das Gelübde der ewigen Freundschaft, Jungfräulichkeit und heimlichen Liebe.

***

In der letzten Konfirmationsstunde wandte sich der Propst von Norderhafen an die vordersten Bänke [später entfallen: , trotzdem er über die erwachsenen Schülergestalten hinwegsah].

»Die Gymnasiasten haben sich vor den Bürgerschülern hervorgetan, – nämlich durch ihr bescheidenes Schweigen und ihre geistige Armut.«

Ja, die Lateinschüler waren in der Religion recht unwissend gewesen.

Am Morgen des Sonntags Palmarum nahm Monika ihren Sohn allein mit sich in die Kammer und kniete nieder und ließ ihn knieen. Sie ermahnte nicht, sondern betete laut: »Mein Gott, erhalte den Knaben fromm und gut, rein und recht! Behüte ihn, meinen Augapfel, wie deinen Apfel im Auge! Der Herr bewahre dich vor allen Versuchungen, errette dich in allen Nöten und verleihe dir Sieg in allen deinen Kämpfen! Siehe, seine Engel und Mauern sind um dich her.«

Dieses schlichte Muttergebet machte auf den Sohn einen nachhaltigeren Eindruck, als die ganze Konfirmationsvorbereitung, und er nahm den [später entfallen: schluchzenden] Segen in der Seele mit.

Zu Palmarum trug Amatus Junker zum erstenmal die funkelneue, grellrote Primanermütze. Sehr dankbar-demütig, aber auch ein wenig stolz schlug das Mutterherz, als sie zusammen zur Kirche gingen.

Die Schüler faßten die heilige Handlung nicht so sehr als einen kirchlichen Akt und innerlichen Vorgang auf, durch welchen ein neuer Herzensmensch angezogen werde, sondern betrachteten die Sache mehr als einen bürgerlichen Staatsakt, kraft dessen endgültig die unliebsamen Kinderschuhe abgestreift und der lange, schwarze Gehrock des erwachsenen Menschen angetan werde.

Die rote Mütze, der schwarze Gehrock und das »Sie« der Lehrer hoben Amatus' Selbstbewußtsein, so daß die Heinesche Schwermut verflog und der Weltschmerz sich in diesen Tagen zu einem kecken Lächeln erhellte.

Hatte er nicht ein gutes Recht, ein Menschen-, ein Jünglings- und Mannesrecht, zu lieben und geliebt zu werden?

An einem Sonntagnachmittage nach beendetem Mittagsschlafe ging der Gerichtsdiener in Hemdsärmeln und gähnend auf und ab.

Sanft begann er: »Kann ich vielleicht eine kleine Stunde zu Petersen gehen?«

Eine scharfe Stimme durchschnitt die sanfte: »Zu dem Schreiber Petersen, dem Saufaus?«

Hans sagte engelsmilde: »Liebe Mutter, nicht zu dem Saufaus, sondern zu Peter Petersen.«

Monika wurde mißtrauisch. »Du hast doch dem Kaufmann Petersen den Konfirmationsanzug bezahlt?«

Seine Miene wurde noch ergebungsvoller. »Der Kaufmann heißt Hans, Hans Petersen … Peter Petersen ist der Trödler in der Schlachterstraße, der ein Paar schöne, kaum gebrauchte Stiefel hat, lange, breitschnauzige, mit zwei Zoll dicken Sohlen … die kann ich spottbillig abhandeln.«

In Norderhafen hörte jeder vierte Mensch auf den Namen Petersen.

»Hans, kannst du es an dem einen freien Nachmittag nicht bei deiner Familie aushalten? Ich dachte, wir wollten alle zusammen ausgehen.«

Er krümmte in qualvollen Windungen den geschmeidigen Körper. »Liebe, liebe Mutter, die Beine sich ablaufen, um etwas Wasser zu begucken, soll das ein Vergnügen sein?«

»Nein, nach Wasser gehst du nicht.«

Schläfrig nahm Amatus das Wort: »Mutter, ich bin heute etwas abgespannt und möchte dich bitten, mich hier zu lassen.«

»Ja, du kannst meinetwegen hier bleiben und hübsch das Haus hüten, aber Väterchen geht mit Friedline und mir.«

»So!« Väterchen sank in einen Stuhl und zog eine in Papier gewickelte Rolle aus der Tasche. »Erlaubst du, Mutter?« fragte er sanft.

»Was soll ich erlauben?«

Noch sanftmütiger fuhr er fort: »Daß ich einen Priem von meinem eigenen Kautabak nehme?«

»Das kannst du halten, wie du willst.«

»Danke!« sagte er demutsvoll und steckte ein dickes Stück zur Stärkung hinter die Backe.

Der Gerichtsdiener ist mit Frau und Tochter spazieren gegangen und hat das Wasser der Föhrde beschaut.

Amatus hatte das ungestörte Alleinsein erreicht und hütete das Haus. Einen reiflich erwogenen Plan hatte er ausgeführt und für die Ersparnisse, die aus dem Zeichenbesteck verschwunden waren, Heines Buch der Lieder in feuerroter Leinewand mit Goldschnitt gekauft. Einen zweiten, nach langen, bangen Zweifeln gefaßten Entschluß wollte er heute in männliche Tat umsetzen, d.h. er setzte ihn zunächst in Kladde auf Papier, den Halter zerkauend und die Haare zerwühlend, und schrieb ihn dann auf einen blaßroten Briefbogen. Der, welcher im deutschen Aufsatz eine gewandte Feder führte, war mit keiner stilistischen Leistung zufrieden und malte kalligraphisch auf den Umschlag: An Fräulein Klarissa Reder.

Das Brieflein sollte sein Schicksal entscheiden, und der Würfel war gefallen.

Als die Spaziergänger frühzeitig heimkehrten, qualmte der Primaner aus der nun erlaubten Pfeife, und die Mutter meinte: »Ich sehe, jetzt geht es dir besser, Amatus.«

»Ja, ich fühle mich sehr erleichtert.«

Am Abend suchte und fand er Gelegenheit, der treuen, mütterlichen Dienstmagd Karoline das Päckchen zur Weiterbeförderung zu übergeben.

Der sonst blinde und oft blödsinnige Zufall zeigt zuweilen eine raffiniert satanische Tücke.

Heimlich blinzelnd steckte Karoline das Paket dem Fräulein zu, das in der Kinderstube, wo es sich meistens aufhielt, mit zitternder Schere den Bindfaden zerschnitt. In maßloser Aufregung wickelte Klarissa das Buch heraus und blätterte heißrot, ohne für irgend etwas anderes Auge und Ohr zu haben, darin.

»Ah! Ein Brief! Ihr Herz hämmerte. Aber die Redliche zögerte, weil sie an das bindende Gelübde dachte.

Sie langte endlich nach der Schere – da langte ein riesenlanger Arm über ihre Schulter hinweg und riß Brief und Buch an sich.

»Du … du erhältst schon Liebesbriefe und fängst frühzeitig an, die Bahn des Lasters zu betreten … jetzt kommst du ganz gewiß aufs Gras, wie ich lange gedroht, und zu einer energischen Frau Pastorin, die dich unter die Fuchtel nehmen wird.«

Die Stiefmutter, die auf weichen Filzschuhen im Hause umherschlich, war geräuschlos gekommen und mit rauschendem Geräusch verschwunden.

Die Stieftochter aber kam in derselben Woche aufs Gras zu der energischen Frau Pastorin, welche junge Mädchen zur weiteren Erziehung und zur Ausbildung im Hauswesen bei sich aufnahm. Klarissa, die den Abschied von Norderhafen mit schwerem, aber die Verbannung vom Angesicht der Mutter mit leichtem Herzen ertrug, und die anderen jungen Mädchen sprachen oft darüber, und keins von ihnen konnte sich den inneren Widerspruch reimen oder lösen: Daß sie alle zu tüchtigen Hausfrauen sich ausbilden und doch keinem Manne die allerkleinste Annäherung gestatten sollten!

War nicht die Ehe die logisch notwendige Voraussetzung der Hausfrau? Ja, voll von ungelösten Widersprüchen ist das Menschenleben!

Ahnungslos und zuversichtlich saß Amatus am Dienstage zu Beginn der deutschen Stunde, denn er war im Fache wohl beschlagen und fürchtete nicht die Rückgabe der Aufsätze. Der Direktor legte den Stapel blauer Hefte aufs Pult und fixierte ihn. Ah, so dachte der Schüler, ich hab' die erste Zensur, und mein Aufsatz soll als der beste vorgelesen werden.

Ja, es sollte vorgelesen werden.

Der Direktor verzog schräg und spöttisch den Mund. »Einer meiner jüngsten Primaner hat sich einen horazischen Extra-Aufsatz geleistet, den ich im Auszuge zum Besten geben will.«

Junkers Haupt fiel in hellem Entsetzen. Das, was der Lehrer hielt, war ja sein blaßrötliches Brieflein. Über die Brille schoß ein Blick aller Bosheit, ehe die harte Stimme mit lächerlichem Pathos las.

»Liebe, heiß und einzig geliebte Klarissa!«

Die gesamte Prima zog die Taschentücher, um das breite Grinsen zu verbergen.

»Wenn ich dich auch nicht lieben darf, so kann ich doch nicht anders, ich muß dich entsagend und unglücklich lieben. Daß du mich einmal »dummer Junge« genannt hast, habe ich aus meinem Gedächtnis gelöscht und gestrichen; meine Liebe ist so groß und echt und unendlich, daß sie alles erträgt und erduldet, vergibt und vergißt.«

Die Schüler kicherten laut. »Hoho, hihi!« Junkers Nebenmänner stießen ihn kräftig in die Rippen.

Der Direktor las weiter: »Was sind zwei Jahre Altersunterschied? Die rechte Liebe teilt alles mit dem Geliebten – ich nehme eins von deinen Jahren, und wir stehen auf gleich, Klarissa. Du hältst Großes in deiner kleinen Hand – mein ganzes Schicksal …«

Der Lehrer blinzelte boshaft über die Brille und ließ den Brief sinken. »Ich halte die Quintessenz alles Blödsinns in der Hand. Meine jungen Herren! Nun lachen Sie aus vollem Halse, so laut Sie können!«

Hahaha! Hahaha! Dazwischen klang ein brummendes Bravo.

Amatus war halb bewußtlos vor Schmerz, Scham und Wut und gefühllos für die freundschaftlichen Belebungspüffe, die ihn trafen.

»Stille!« Der Direktor wurde zum strengen, energischen Schulchef. »Junker, Sie sind ein dummer Jung, den ich in dieser Weise durch Bloßstellung vor der ganzen Klasse bestraft habe, weil das am besten wirken wird. Im Wiederholungsfalle reden wir anders miteinander. Herr und Frau Zollinspektor nehmen Geschenke von Ihrer Hand nicht an … ich übergebe Ihnen das Buch … den Brief werde ich bei den Schulakten aufbewahren.«

Die Bloßstellung ist ein Züchtigungsmittel, das stets einen Stachel hinterläßt.

Junger war verbittert und vernichtet. Hatte Klarissa abscheulichen Verrat begangen? Seine Liebe, die in den letzten krankhaften Zuckungen lag, klammerte sich an die Möglichkeit, daß sie nur unvorsichtig gewesen und den Brief nicht tief genug am Busen versteckt habe.

Schmutzige Schalen des Hohns wurden über ihn ausgegossen. Er merkte, daß die Mitschüler an seinen hinteren Rockknöpfen einen Zettel befestigt hatten, riß ihn los und las zornblaß den neu geprägten Spitznamen: Amatus Ewiglieb!

Erst mit seinen Fäusten verschaffte er sich eine einigermaßen erträgliche Existenz.

Zu Hause sah ihn die Mutter an und sagte: »Du bist so benaut … hast du im deutschen Aufsatz eine schlechte Zensur bekommen?«

»Nein, gut, wie immer.«

Aus seinen Zügen ein Lächeln herauspressend, aß er tüchtig bei Tische. Einzig und allein von allem hatte der Hunger ihn nicht in Stich gelassen.

Achter Abschnitt: Adams erster Sündenfall.

Vor dem Beginn der Turnstunde tollten und tobten die Primaner wie die jüngsten Schulbuben in einer dicken Staubwolke und einem Chaos von brüllenden Lauten. Amatus, der im freundschaftlichen Ringen Wilhelm Reder längelang auf die Sprungmatratze hinwarf, vernahm einen lauten Ton, der ihn wie eine Nadel stach. »Amatus Ewiglieb!« Es wäre zwischen ihm und seinem Freunde zum Faustduell gekommen, wenn nicht der Turnlehrer bereits in der Tür gestanden hätte.

Auch wenn Amatus auf der Straße die Professoren und Doktoren grüßte, meinte er einen zwinkernden Zug zu bemerken und war bei jedem Lachen hinter sich überzeugt, der Gegenstand desselben gewesen zu sein.

In diesen Tagen begann der Primaner Junker die Brauen zusammenzuziehen und die Lippen fester zu schließen. Ein unverlöschlicher Stempel der Lächerlichkeit war ihm aufgedrückt! Wo war Schild und Trost dawider? Das feuerrot gebundene Buch der Lieder [später entfallen: , das hinter den alten Schmökern des Bortes verstäubte,] erweckte wehmütige Erinnerungen und riß nur die Wunden auf.

Von ungefähr, und zwar befremdlicherweise in der Gedichtesammlung der Prima, fand er den packendsten Ausdruck für seine Stimmung und die neue Lebenslosung. Es war Lenaus Lied von den drei Zigeunern auf der Heide.

»Die drei, die haben mir gezeigt.
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie man's verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet – «

Aus der langen Pfeife dampfte er gewaltig und verrauchte sein Leid. Gleich manchen Rittern des Geistes, wollte er mit Weltverachtung sein Gemüt panzern. Weil sein Mißtrauen wahrzunehmen meinte, daß die Mitschüler den höheren Stand ihrer Eltern herauskehrten und den Gerichtsdienersohn ihn fühlen ließen, zog er sich in sich selbst zurück und las in seinen freien Stunden sehr viel, allzu viel und ohne Auswahl. Mit dem ganzen Goethe war er fertig, in zwiefachem Sinne fertig, sofern er an dem Dichterkönig der Deutschen dreiste Kritik übte und der vornehm feine, kühle Hofpoet ihm nicht mehr wie früher zusagte. In der Bibliothek machte er einen Fund und stieß auf Byrons Werke, die er mit heißem Lesehunger verschlang. Die Gesellschaft der Menschen und Mitschüler meidend, weidete er in der düstren Wildheit und Gedankenwildnis dieses Dichters seine Seele.

Die Schwester Friedline nahm er stets auf seine täglichen Spaziergänge mit.

Einmal faßte sie fester seine führende Hand. »Amatus, deine Stimme klingt nicht mehr so weich wie früher und hat zuweilen einen harten Ton …«

»Du Klugschnackerin!« brummte er, »was verstehst du von Stimmungen und Stimmen?«

»O, ich höre fein heraus, was in dem Menschen ist … manche, die lieblich reden, gefallen mir doch nicht und sind falsch … andre haben einen charmanten, höfischen Klang, aber einen schrillen Unterton … zum Beispiel …«

»Wer zum Beispiel? Ich etwa?«

Zögernd sagte Friedline: »Nein, Onkel Berg … ich glaube nicht, daß er alles so meint…«

»Da magst du Klughorcherin nicht unrichtig gehört haben … aber genug von den Stimmen!«

Amatus wollte nicht die Schwester zur Vertrauten machen. Was verstand die Blinde von seinem Leid?

Alle blödgesichtigen Menschen sind heiter und glücklich, weil sie nicht in die Tiefe sehen können; die scharfblickenden aber durchschauen den Weltjammer und haben von der Erdenmisere einen faden Abgeschmack.

Nur eins, nur die drei Mahlzeiten täglich, mundeten dem mächtig ins Kaut Schießenden vortrefflich, und auch das Trinken schmeckte gut – da, das Trinken –.

[Später entfallen: Junker, der das Haus des Hardesvogtes mied, weil der Onkel ekelhafte Witze machte und ihn seinen »ewiglieben« Neffen genannt hatte, traf auf der Straße den Vetter, welcher protzig ein goldnes Zwanzigmarkstück zeigte. »Das hat die gute Großmutter vom Lande mir für meine Sparbüchse geschenkt … ich besitze aber leider kein Sparschwein, und der Wirt im Tivoli will leben … komm mit! Ich gebe ein Glas Bier aus.« In der Sommerwirtschaft stießen sie mit dem zweiten Seidel an.

Vetter Asmus blickte vorsichtig durch die Büsche. »Wir haben eine Schülerverbindung gegründet, mit Band, blau–weiß–rot, mit langen Pfeifen und großen Stammkrügen … willst du dich nicht aufnehmen lassen?«

»Nein, den Luxus kann der Sohn des Gerichtsdieners sich nicht erlauben.«

»Du könntest zunächst als Konkneipant dich beteiligen.«

»Ja … das vielleicht.«

Amatus, dessen Brauenfalte sich geglättet hatte, merkte, wie das Bier die düsterste Weltanschauung erhellt und erheitert. Als sie den schäbigen Rest austranken, dünkte mancherlei in der Welt ihm nicht mehr so ganz schlecht noch schäbig. – –]

Der Aktuar Quistrup hatte auf der steilen Leiter der langsam steigenden Gehaltsskala 120 Mark monatlich erreicht. Für Erna Junker, die 26 Sommer zählte und 200 Mark sich erspart hatte, war das Gehalt ein Vermögen zum Heiraten.

In der engen Dachwohnung des Pappeltals wurde eine kleine, eine sehr kleine Hochzeit gefeiert – mit Braut und Bräutigam zehn Personen, die mit eingedrückten Ellenbogen saßen, an einer Suppe, einem Braten und fünf Flaschen Wein sich gütlich taten, welche Junker bei dem Krämer Christian Petersen, der zum Unterschiede von den vielen Petersens Christian Billig genannt wurde, auf Kredit genommen hatte.

Monika blickte heute heiter, denn Tochter und Schwiegersohn waren ein Paar kreuzbrave, schlicht verständige Leute, die von der von Gott gewiesenen und von Menschen geschlagenen Straßen nicht abwichen und darum ihren Weg durchs Leben machen würden.

Die zwei Primaner saßen zusammen und ermunterten sich gegenseitig mit fleißigem Anstoßen. Onkel Berg lachte: »Hans, sieh mal die Jungens ab, wie die picheln! Wir Alten müssen besser dran, wenn wir uns nicht [später entfallen: von unsern Söhnen] ausstechen lassen wollen.«

Seine Schwester warf [später entfallen: zwei von ihren bedeutsamen Blicken. Der eine, stumm und vielsagend, traf den Sohn, der andre galt dem Bruder und war von den Worten begleitet: »Wer zuerst über die hübschen Untugenden seiner Kinder lacht, muß zuletzt darüber weinen.«] 

Gegen Ende des Mahles ergriff Amatus das Glas, roch die Blume des säuerlichen Medoc und trank von dem stark machenden Weine, der selbst dem Schüchternen den Redemut erzeugt. Kühn mit dem Messer klingend, hielt er die erste Rede seines Lebens, die immer schwungvoller wurde und nicht die Schwester, welcher sie doch galt, sondern die Mutter am meisten rührte.

Recht geschickt führte er aus, wie er als ganz kleiner Knabe, als Erna aus dem Elternhause ging, ihr nachgeschrieen und nachgeweint habe: »Meine Schwester soll bleiben!« wie er jetzt seine Erna, die nicht mehr seine, sondern eines andern geworden sei, mit wehmütiger Freude ziehen lasse.

Die Mutter hing an seinen Lippen und sagte sich, daß er ein klang- und kraftvolles Organ habe. Da sah sie im Traume die Erfüllung ihres herrlichsten Traums, ihren Amatus als Kanzelredner auf der stockhohen Kanzel von St. Marien, wie er gewaltig predigte und die guten, aber selbstgerechten Leute von Norderhafen erschütterte.

Auch der Onkel horchte mit einem schrägen Blick [später entfallen: Asmus aber flüsterte am Schluß der Rede ein satirisch stilles Sela.].

Am Morgen hatten sich alle in der Dachwohnung verschlafen, und der Primaner eilte die Pappelstraße hinab, in eine Semmel beißend, deren Bissen im Munde quollen. Er stellte uralte, aschgraue und unlustige Betrachtungen an, wie schon Noah, da er den Saft des Rebstocks gegoren und genossen hatte; er sah nach der Uhr, setzte sich in Trab und schmälte: »Das ist der Dank … dem großen Herrn fällt es nicht ein, mir mein Heft zu bringen … wenn er nun heute, wie so häufig, den Kranken spielt und fehlt? Ich muß es holen und den Umweg machen.«

Der Sohn des Rittmeisters, dem er die deutschen Nachhilfestunden gab, hatte sein mathematisches Heft »Vergleichens halber« geliehen und nicht zurückgebracht.

Darum betrat Amatus das herrschaftliche Haus und ging bescheiden in die Küche: »Ich muß Karl von Schmieder sprechen.«

Bevor die Köchin Antwort geben konnte, rauschte aus dem anstoßenden Raume die Gnädige und sagte majestätisch: »Mein Herr Sohn ist schon fort und nicht zu sprechen … auch möchten wir uns so frühzeitige Küchenbesuche verbitten.«

Amatus, von dem Vorfall verbittert, zog sich von dem jungen Herrn von Schmieder völlig zurück, bei dem der Lehrer einen plötzlichen und unerklärlichen Rückschritt im deutschen Aufsatz konstatierte. – – –

Amatus Junkers Geburtstag fiel immer in die Hundstage und heuer auf einen Sonntag. Der Vater beschenkte ihn mit einer meterlangen Pfeife, die Mutter hatte eine edlere Geburtstagsüberraschung. Am Nachmittage wurde ein Ausflug nach dem Meere gemacht. Der hochbetagte Raddampfer »Marie« dampfte schwer keuchend, als wenn er an asthmatischer Atemnot leide, die Föhrde hinab, die flußschmal durch Wiesen und Wald sich wand.

Friedline sah nichts von dem Liebreiz und der Sonnenherrlichkeit des Tages, aber genoß dennoch die Meerfahrt, weil der Bruder ihr die Augen lieh und die vorüberziehenden Bilder deutete.

»Was plumpst da im Wasser?« fragte sie, »ein Fisch?«

»Nein, zwei bärtige Meermänner waten bis zur Brust … der eine schleppt die Reuse, die wie ein riesiger Kaffeetrichter gestaltet ist, durchs Wasser, der Voranschreitende aber stößt mit einer Stange in den morastigen Grund, um die Aale aufzuscheuchen und in das Netz zu treiben.«

Weit tat sich das Wassertor der Föhrde auf, und dahinter lag das offene, ewige Meer, das der Sohn der Küste mit ewiggleicher Sehnsucht begrüßt und mit ewig neuer Verwunderung verehrt.

In den rasend teuren Strandwirtshäusern durften die Gerichtsdienerleute nicht einkehren. In einer abgelegenen Dünenschlucht wurde der Eßkorb geleert und die durchgeschmolzenen Butterbröte verzehrt. Hans legte sich bald hin, um den versäumten Mittagsschlummer nachzuholen.

Hand in Hand gingen die Geschwister am Strande, und der Bruder zog Friedline auf einen hohen Steinblock, den die Flut umspielte. Sie horchte auf das klucksende Geplätscher; »Amatus, wie ist das Meer?«

»Es kichert und lacht.«

»Wie kann es lachen?«

»Wenn die Sonne darüber flimmert, lacht es, und die kleinen, gekräuselten Wellen kichern, wie ein schelmisch süßes Mädchenlächeln.«

»Warum just wie ein Mädchenlächeln?«

»Nun … ist nicht die blaugrüne und doch tiefblaue See eine Nixe?«

Von seiner Hand gehalten, hüpfte Friedline herunter.

Plötzlich zuckte es in seiner Hand. Von einer Bank erhoben sich vier Personen und kamen ihnen in gravitätischem Gänsemarsch entgegen, vorne die lange Stine, dann der dicke Zollinspektor, hinter ihm der dünne Wilhelm und zuletzt die schlanke Klarissa. Die letztere war auf kurze Ferien von der einsam grünen Grasweide bei der energischen Pastorin nach Hause gekommen. Der Primaner zog viermal mechanisch die Mütze und sah ins Nichts. Darum entging ihm der Aufblick des Fräuleins, der unsicher und unglücklich war.

Mürrisch kehrte er ins Strandlager zurück und fing an mit alten Wünschen herauszurücken.

»Quäle nicht!« sagte Monika scharf, »ich lasse dich nicht in die Schülerkneipe gehen.«

Seine Lippen bliesen: »J–a–a, wenn ich mit meinen Mitschülern gar nichts mitmachen darf, ziehen sie sich natürlich von mir zurück … ich stehe allein und muß mich ›heilig‹, und ›Hebräer‹ und ›Pastor Junker‹ schimpfen lassen.«

Hans machte einen vorwurfsvollen Blick. »Mutter, wollen wir aus dem armen Jungen einen Duckmäuser machen?«

»Mutter!« bat Friedline mild, »Amatus hat so wenig, und [später entfallen: der Vetter und] die Söhne der Reichen so viel …«

Den drei Verbündeten widerstand Monika nicht länger, sondern sagte mit gekniffenen Lippen: »Meinetwegen mag er einmal hingehen.«

Heiß und dunstig war die Luft. Friedline lauschte. »Überall ein sich Regen und Reigen … das zirpt und schwirrt, das wimmelt und wühlt, das kreucht und krabbelt.«

»Ja, heute ist der schwülste Tag des Jahres, und die allerkleinsten Tiere, die Mücken, Grillen, Käfer und Fliegen, halten ihr Sommerfest.«

»Ach, gib ja acht auf meine Füße, Amatus, daß ich kein Würmchen oder Käferlein zertrete!«

Der Vater betrachtete schläfrig blinzelnd den Himmel und sagte: »Ich wollte, wir wären zu Hause.«

»Du langweilst dich wohl auf dem Familienfeste?« antwortete seine Frau.

»Nein, liebe Mutter, aber wir bekommen ein schweres Gewitter, und dann möchte ich ungern auf dem Wasser sein.«

Als die stark belastete und langsame »Marie« auf der Föhrde schwamm, wurde eine beängstigende Stille in der Natur, und Blauschwärze bedeckte den Himmel. Das fürchterlichste Unwetter jenes Jahrzehnts brach los mit Blitz und Donnergeknatter und Sturzregen. Sekunde um Sekunde wechselten Rabenfinsternis und grellste Helle. In Angst schrieen die Frauen und Kinder an Bord, und die, welche jene Nacht auf dem Wasser erlebten, sind jahrelang gewitterbang geblieben.

Junkers, obgleich bis auf die Haut durchnäßt, dankten Gott, als sie zu Hause waren. Um die zuckenden Feuerlohen nicht zu sehen, zündeten sie die Lampe an, um den Tisch herum hockend und kein Auge schließend. Es war, als wenn alle Gewitter des Himmels auf diese Gegend losgelassen würden. Hans hielt die Hände gefaltet und sprach bei den schwersten Schlägen: »Gott behüte uns!«

Gegen Morgen schien das Wetter sich zu sänftigen, und Amatus schläferte auf dem Stuhle. Plötzlich riß er die Augen auf und lag in demselben Augenblick, von einem Druck niedergeschmettert, wie tot auf dem Fußboden. Monika behielt ein halbes Bewußtsein und riß tappend, stolpernd das Fenster auf. Von stinkendem Schwefeldunst war die Stube erfüllt. In die Dachwohnung hatte der Blitz eingeschlagen, ein sogenannter kalter Schlag war durch den Schornstein gegangen und an der Wand entlang zum Fenster hinausgefahren.

Alle erholten sich allmählich von der Betäubung. Stumm erblickten sie den Weg des Wetterstrahls und das große Gotteswunder. Hinter ihnen an der Tapete war ein schnurgerader, schwarzer Strich, wie mit Kohlenstift nach dem Lineal gezogen. Einige Handbreit von ihnen war der tötende Blitz vorübergegangen. Monika sank auf die Kniee und sprach ein Gebet, ein stammelndes, von Tränen ersticktes, aber starkes Dankgebet.

In den Tagen nach dieser Errettung kam der Sohn frühzeitiger als sonst nach Hause.

Und die Mutter hielt oft religiöse Gespräche mit ihm: »Amatus, haben wir nicht Gottes Hand gesehen?«

»Ja … aber …«

»Was hast du für ein Aber?«

Der von der Weltwissenschaft angehauchte Primaner wischte sich das flaumlose Kinn. »Wenn kein Zufall, d.i. kein Gesetz oder richtiger Ungesetz des blinden Unsinns, in die Weltordnung eingreift, muß doch Gott zuerst den Blitz gesandt und dann von uns ferngehalten haben.«

Monika anwortete darauf nicht, sondern fragte: »Hast du nicht den dummen Gedanken aufgegeben, an der häßlichen Schulkneiperei dich zu beteiligen?«

»Ich, ich habe schon zugesagt … und sein Wort muß man halten.«

Die Mutter wünschte, daß der Abend überstanden sei.

An dem gefürchteten Sonnabend versammelten sich die Primaner im Hinterzimmer der Tivoli-Wirtschaft und machten so viel sinnlosen Lärm, wie drei polnische Judenschulen.

Hans Junker blieb wider Gewohnheit munter, während seine Frau schon im Bette lag, aber nicht einschlief. Weil er wußte, daß er die meiste Suppe ausessen müsse, wenn die Sache schief ablaufe, war er in Spannung und wollte aufsitzen, um den heimkehrenden Sohn zu erwarten.

Um Mitternacht wurde im Pappeltal eine Burschenweise gepfiffen. Hans horchte ängstlich – und über sein Gesicht glitt ein pfiffiges Grinsen, denn ein leicht beschwingter Tritt hüpfte die Treppe hinauf.

Das eine Auge verkneifend, ernst und sachverständig beguckte er seinen Sohn von oben bis unten und klopfte dann vaterstolz ihm beide Schultern. »Wie ging's?«

»Famos! Als ich verschwand, war Vetter Asmus vom Stuhl gefallen, und sie setzten zum Ulk ein Glas Bier neben ihn auf die Diele.«

Hans kicherte: »Hihi! Du bist ein ganzer Kerl! Der Mensch muß trinken, aber sich nie betrinken … das eine ist schön und wird besungen, das andre ist schweinisch und wird verlacht.«

In die Schlafstube hineinhopsend, beugte er sich über das Bett. »Mutter, er hat gezeigt, daß er ein Mann ist … gar nichts ist ihm anzumerken, nicht einmal angesäuselt, geschweige denn angeschmort!«

Monika schien auf ihren männlichen Sohn nicht sehr stolz zu sein, sondern sagte: »Wer mit Feuer spielt, verbrennt sich die Finger.« –

[Später entfallen: In derselben Nacht um zweie wurde nach der Hardesvogtei der Hausarzt geholt.

Asmus war von mitleidigen Kameraden bis in den Flur gebracht und wie eine Stehleiter gegen die Wand gestellt worden. Aber als die andren vorsichtig sich entfernt hatten, verlor die Stehleiter den Halt und stürzte mit fürchterlichem Gepolter. Halb bekleidete Mägde trugen des Hauses Sohn ins Bett. Der erschrockene Vater rannte nach dem Hausarzt, welcher ein Lächeln bezwang, die Krankheit sofort als akute Intoxikation diagnosierte und die Magenpumpe mit Erfolg ansetzte.

Am Morgen lag Asmus kleinlaut und todkrank auf seinem Schmerzenslager, und in seinem Munde stak, wie der Lutschpfropfen eines Säuglings, eine saure Gurke, welche die mitleidige Silly hineingeschoben hatte.

Dieser Krankheitsfall wurde von dem Hardesvogt und seinem Sohne wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Aber Silly machte den Vetter zum Vertrauten. – – –]

Die vom Pedellen ewig gleich gestellte Uhr der Schule ging – nur in den Ferien stille stehend und selbst Feiertage haltend – ein volles Jahr ihren regulierten Gang. Die Horazischen Oden und noch manches andre wurde im zweiten Jahre wiedergekäut. Nichts Neues war unter der nördlichen Sonne Norderhafens geschehen, nur da unten in Septima und Sexta saß eine gänzlich neue Generation.

Amatus Junker und Viggo Evers waren in die Oberprima hinaufgerückt. Der Herrnhuter war einer von den befähigsten, aber auch einer von den faulsten Schülern. Seine sämtlichen Schularbeiten und häuslichen Exerzitien machte er während der Schulpausen. Dann saß er, in Geistesarbeit vertieft und hastig an der Semmel kauend, über dem Xenophon oder Cicero. Das war seine ganze Präparation und genügte ihm, um Genügendes zu leisten. Seine nonchalante, burschikose, blasierte Art imponierte allen, er galt als Autorität in allen Allotriis.

Amatus konnte sich dem Eindruck und Einfluß des Menschen nicht entziehen, obgleich an dem Wesen und den Worten des Gnadenfelders vieles ihm antipathisch war. An einem Samstagnachmittag, gegen Schluß der Physikstunde, wo der Lehrer seine Experimente und die Schüler ihre Konversation machten, reckte Viggo gähnend die Glieder. »Nach der sauren Woche muß man seinen Geist ausspannen und den dicken Staub der Gelehrsamkeit von Lunge und Leber sich spülen. Gehst du mit zur Schwemme heute Nachmittag, Amatus?«

»Willst du baden gehen?« fragte der Harmlose.

»Nein, ich will eine kleine Bierreise machen.«

Junker, der über die Grenzsteine des Kreises Norderhafen nicht hinausgekommen war, hatte bitterwenig Reisen und noch nie eine Bierreise gemacht. Das ihm fremde Wort hatte etwas Mysteriöses, Verlockendes – ein neues, unbekanntes Gebiet sollte er betreten.

Monika gab zögernd ihre Einwilligung zu dem Spaziergang und sagte: »Der junge Mensch weiß alle für sich einzunehmen, aber der Mensch gefällt mir nicht. Trau ihm nie ganz! Seine dunklen Augen haben den Blick des Verführers.«

Amatus hörte nur mit halbem Ohr, denn er hatte das Reisefieber, das Bierreisefieber.

Evers erschien pünktlich auf dem Markte, wo der Start der Bierfahrt sein sollte, erzählte, daß die Tante Jensen eine Reichsmark vom blutenden Herzen losgerissen habe, und machte zum obersten Grundgesetz der Reise, daß jedes honette Wirtshaus am Wege besucht werden müsse.

Junker, der nur fünfzig Pfennige besaß, murmelte hoffnungslos: »Mit anderthalb Mark soll das gemacht werden?«

Viggo zupfte sorglos an dem Schatten der Oberlippe. »Ja, und die Mark hat die Tante mir unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich endlich die Schönheiten der Marienkirche von innen besichtige, gegeben … von jeder Inschrift, von den Pfeifen der Orgel, sogar von den Mumien der Gruft, wie viele Nasen und Finger noch erhalten sind, soll ich ihr berichten. Ich setze voraus, daß du als Norderhafener über die Katakomben-Geheimnisse von St. Marien mich instruieren kannst … eine Gräfin Ranzau von Anno 15 oder 1600 soll in einem Sarkophage liegen und einen kostbaren Ring mit Saphiren und Smaragden am Knochenfinger tragen. So behauptet die Alte … darüber orientierst du mich.«

Kleinlaut erwiderte Junker, daß er noch nie die Gruft von St. Marien, die der Totengräber für fünfzig Pfennige öffne, betreten habe.

»Das sind curae posteriores … zu einer Bierreise gehört Geld, Geld, Geld. Sollen wir den Juden Markus totschlagen oder den Laden des Goldschmieds ausrauben?«

»Pfui Teufel!« brummte Amatus. Der Kamerad war ihm antipathisch in diesem Augenblick.

Evers betrat einen Laden, aber nicht einen Goldschmied-, sondern einen Zigarrenladen, wo er, wählerisch wie ein Grandseigneur, vieles sich vorlegen ließ, an allen Sorten mäkelte und schließlich zwei Kisten nahm, die er auf Rechnung zu schreiben und in seine Wohnung zu senden befahl, dann aber, andern Sinnes geworden, selbst mitzunehmen geruhte. Der Händler ließ sich durch das noble Auftreten überrumpeln.

Im nächsten Wirtshause, wo der Primaner offenbar heimisch war, bot er dem Wirte die zwei Kisten zum Kaufe an. Der Wirt war ein Schlauer, der alle Ge- und Verlegenheiten zu benutzen verstand und aus Gefälligkeit sich bewegen ließ, das gute Kraut zu nehmen – für die Hälfte der Kaufsumme. Das Geld zur Bierreise, die hier mit einigen Schoppen begonnen wurde, war beschafft.

Junker merkte bald, wie das Bier die düsterste Weltanschauung erhellt und erheitert. Als sie den schäbigen Rest austranken, bemerkte er mit einem tiefsinnigen Lächeln, daß doch mancherlei in dieser schlimmen Welt nicht so ganz schlecht noch schäbig sei.

Streng verfuhr der Gnadenfelder nach dem Grundsatz, daß der Bierreisende an keinem Wirtshaus vorübergehen darf. Da jedes dritte Haus in der gesegneten Straße eine Schenke war, ist es begreiflich, daß die Jünglinge nach einer Weile sehr redselig geworden waren. Der Gnadenfelder mußte mit Würde des Bieres Wirkung zu ertragen; seine spöttischen Blicke beobachteten vergnüglich, wie Monikas langer Sohn immer lauter schwatzte, rötere Wangen und bierselig blödere Augen bekam. Diese stille Beobachtung schien für Viggo das Hauptvergnügen, der Hauptspaß der Bierreise zu sein.

Er trieb weiter. Da lag kein Wirtshaus, sondern das Haus des Herrn, der imposante Dom von St. Marien streckte seine mächtigen Chorfenster höher, als das höchste Häuserdach, empor. Viggo wollte in der Kirche Einkehr halten, denn er sollte ja der Tante Bericht erstatten. Amatus holte aus dem alten, schiefen Häuschen, das neben dem Kirchengebäude lag, um die ungeheure Größe des letzteren ins Licht zu rücken, den Totengräber und Glöckner, der ein Original sein wollte und zum Teil auch war. Peter Totengräber, ein lächerlich kurzbeiniges, kurzarmiges, kurzhalsiges Kerlchen, kam mit dem riesigen Schlüssel angeschnauft und angewatschelt und kassierte sofort vor dem Eintritt die Gebühr von 50 Pfennigen ein, indem er hinzufügte: »Nach der Besichtigung kannst du ein Trinkgeld nach Belieben geben, mein junger Herr.«

Viggo prallte vor dem Du einen Schritt zurück und zupfte vornehm am Schatten der Oberlippe.

Der Kurze liebte auch die Kürze der Rede. »Ich habe zu Sr. Majestät dem König Friedrich VII. du gesagt … ja du! Das hab' ich!«

Amatus gab eine Aufklärung über diese menschliche Sehenswürdigkeit von St. Marien. »Ja, Peter Totengräber hat zum dänischen König, der einmal hier war und die Kirche in Augenschein nahm, du gesagt … er redet sogar den Landrat, der doch König von Norderhafen ist, auch den Bürgermeister und Propst permanent mit du an.«

»Und das lassen sich die Herren von dem alten, närrischen Kümmeltürken gefallen?« flüsterte Viggo, die Nase rümpfend.

»Erzählen Sie doch mal, wie der König hier war!« sagte Junker.

Peter blieb stehen und brummelte: »Es war Friedrich VII., der ein herrlicher König war und jetzt hochselig ist, dem ich die Mumie der Gräfin und ihren Ring zeigte; und ich sagte zu ihm: ›Ja, Herr König, so wirst du auch einmal aussehen, wenn sie dich in Roeskilde einbalsamieren und beisetzen.‹ – Se. Majestät lachte huldvoll: ›Ja, mein armer Kadaver wird hübsch aufgehoben, damit nach 4 oder 5 Jahrhunderten ein dicker, versoffener Totengräber, wie du, ihn für 50 Pfennige pro Person allen Leuten und Lumpen vorzeigen kann, und deinen Kadaver kriegen die Würmer, d.h. wenn sie ihn mögen. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Könige und einem Totengräber nach dem Tode. Und du sagst du zu deinem Könige, alter Hausnarr?‹ – Darauf antwortete ich mit einem Kratzfuß: ›Ich sage du zu allen Menschen, zu hoch und niedrig, denn als Totengräber sehe ich alle Tage, daß wir alle Moder und Mist werden.‹ – Der König Friedrich fand Gefallen an meinem geraden Wesen und klopfte mich auf die Schulter. ›Was möchtest du am liebsten haben, alter Dickkopf, das Danebrogskreuz oder 20 Taler?‹ – ›Beides möchte ich am liebsten haben, beides könntest du mir geben, Herr König‹ – Und Se. Majestät gab mir beides, das Kreuz und die Taler, und versetzte mir zuletzt einen allergnädigsten Tritt im Hintern und sagte: ›Hiermit erteile ich dir das allerhöchste Privileg, zu allen Menschen, zu König, Propst und Kaiser du zu sagen.‹ – Ich habe mithin ein königliches Privileg, zu jedem du zu sagen.«

Peter versuchte stolz, den kurzen Hals zu recken und schlurfte weiter.

Die erhabene Höhe der Säulen, die schönen Epitaphs, das herrliche Schnitzwerk interessierte Viggo nicht. Der bierselige Junker war feierlich und stumm geworden.

Man stieg in die düstere Gruft hinab, wo schwerer Modergeruch den Atem beengte; Peter zündete den Leuchter an und streckte einen frischen Priem hinter die Zähne.

Hier ruhte ein ganzes Grafengeschlecht, Ritter, Frauen und Fräuleins, Mägdlein, Knaben und Säuglinge sogar. Der Totengräber kaute eifrig und öffnete ein Eichensärglein, daraus er ein Dreimonatskind, in weiße Seide gekleidet, mit den schmutzigsten Fäusten nahm und als Sehenswürdigkeit zeigte. Die Kindesmumie hatte ein gelbliches, greinendes, greisenhaftes Gesicht. Nachdem die kleine Leiche begafft war, warf er sie roh, wie ein Stück Plunder, in den Sarg zurück, und die Seide raschelte. Mit wie viel Mutter- und Vatertränen war vor Jahrhunderten dieses Kindlein beweint, diese Totentruhe begossen worden. Amatus fühlte einen heiligen Schauer an dieser Stätte der Vergänglichkeit, wo ein ganzes, großes Adelsgeschlecht zu Staub wurde. Das stumpfe und rohe Gebaren des Totengräbers ekelte ihn an.

Zum Glück waren die meisten Sarkophage geschlossen und nicht zu öffnen; aber der Sarg der Gräfin Ranzau, die große, viel besuchte Sehenswürdigkeit von St. Marien, stand offen. Auf dem verschrumpften, regelmäßigen, länglich schmalen Gesicht der Mumie, die langes, blondes, wohl erhaltenes Haar hatte, sah man noch einen Schimmer der einstigen Schönheit. Die Tote war sehr dürftig, nur mit einem Hemde bekleidet, aber an dem Zeigefinger der Hand glänzte ein Goldreif mit blitzenden Saphiren und Smaragden.

Jetzt war Viggo, den die Geschichte bisher gelangweilt hatte, eitel Aufmerksamkeit und Auge: mit langen, gierigen Blicken betrachtete, verschlang er die kostbaren Steine.

Peter hatte den Leuchter auf einen Sarkophag gestellt. Man ging schauend und die Inschriften entziffernd hin und her.

Plötzlich erlosch das Licht, man stand in unheimlicher Stockfinsternis, und Peter schalt: »Warum bläst du das Licht aus, du Dummkopf?«

»Ein Windstoß pustete es aus«, brummte Viggo und tastete sich bis zur Treppe, wo er ein Streichholz anzündete und hochhielt. »Komm, Amatus, mach' flink, Peter Totengräber, ich leuchte, bis du die Treppe hast!«

Nun standen alle im Tageslichte, und Peter, der das Anzünden des Leuchters sich erspart hatte, schloß die Tür zu und schaute den Gnadenfelder grimmig an. »Du! Du sagtest du zu mir, du grüner Junge! Das kostet eine Mark Strafe, du Laps!« – Der das Duz-Privileg vom dänischen Könige erhalten hatte, duldete durchaus nicht, daß man ihn duze.

Viggo gab eine halbe Mark als Sühngeld und verließ sehr eilig das Gotteshaus und den Totengräber, den er einen alten und groben Esel nannte.

Im Gotteshause war Junkers Rausch ziemlich verflogen, was Viggo mit einem Seitenblicke ärgerlich konstatierte. Es mußte also von neuem angeheizt werden; und die Bierreise wurde fortgesetzt. Nach einer Weile schlug die Stimme des Gnadenfelders den sanften Herrnhuter Ton ab und fragte, ob man nicht statt des magenfüllenden Bieres ein paar Kaffeepünsche probieren wolle.

Der Kaffeepunsch aus Schnaps respektive Rum, Zucker und Kaffee gebraut, ist das für Neulinge gefährliche Nationalgetränk Nordschleswigs, sofern der Kaffeepunsch sehr schwach, aber auch sehr stark gemischt werden, aber auch der Grad der Stärke durch viel Zuckerzusatz täuschend verdeckt werden kann. Darum schwärmen alle Leute, die ihre Freude daran haben, andre Leute betrunken zu machen, für den Kaffeepunsch.

Amatus trank arglos das Zeug, das ihm nicht recht mundete, und Viggo mischte das Getränk mit kundiger, aber auch betrügerischer Hand, denn so oft der andre auf einen Moment das Zimmer verließ, goß er lachend einen Schuß Rum, nicht in seine, sondern in des Kameraden Tasse.

So schloß die Bierreise mit Kaffeepünschen, und ihr Ende war, daß Amatus der Arglose sein erstes Räuschlein heim zu seiner Mutter trug. Vor seinem Blicke taumelte alles, seine Ausgelassenheit war in heimliche Angst umgeschlagen, doch seine Füße gehorchten ihm und hielten sich schnurgerade auf dem Bürgersteige. Viggo gab ihm das Geleit ins Pappeltal und stieß ab und an eine hustende Lache heraus. Kurz vor der Junkerschen Wohnung nahm er mit den höhnischen Worten Abschied: »O, uh, uh, deine Mutter steht schon mit dem Rohrstock am Fenster … Gott sei dir und dem Teil deines Rückens, der seinen respektablen Namen verloren hat, gnädig … behüt' dich Gott!«

Monika stand nicht mit dem Stocke, wohl aber mit einer Träne im Auge am Fenster; denn sie hatte lange ausgeschaut und jetzt den seltsamen Schritt ihres Sohnes bemerkt. Eine angstvolle Ahnung, als wenn ein tiefer, tückischer Abgrund sich vor ihr auftue, wogte in ihrem Mutterherzen. Aber sie bezwang ihre Erregung und sprach mit ruhig traurigem Tonfall eindringliche Worte der angstvollen Liebe. Von vornherein verteidigte und entschuldigte sie ihren unerfahrenen Amatus, der in böse Gesellschaft geraten und häßlicher Verführung unterlegen sei. Monika schalt nicht, aber sie bewahrte doch die traurige, tragische Miene, während ihr Mann mit Mühe ein belustigtes Lächeln verbiß; und sie stellte ihrem Sohne umständlich mit vielen Gründen vor, wie verderblich und sündhaft das Trinken sei. Unermüdlich variierte sie das Thema von dem Elend, das ein Trinker sich und andern anrichte, ohne Aufhör redete sie auf ihren Amatus bis Mitternacht ein, bis Hans Junker im Bette nach der Uhr sah und die sanfte Bemerkung machte: »Nun hast du genau 4 Stunden und 18 Minuten lang gepredigt, besser als der beste Good-Templar-Redner, liebe Mutter … willst du dem armen Jungen bis morgen früh eine Rede halten?«

Monika verstummte sofort und küßte den armen Jungen zärtlich, freundlich und voll Vergebung. Er sei ja verführt worden, und einmal sei keinmal.

Jede Mutter wird das erste Räuschlein ihres Sohnes zu den verzeihlichen Sünden zählen. – – –

Ein altes und immer neues Fest wurde von den Trommlern und Pfeifern der Schule mit ohrenbetäubenden Übungen vorbereitet. Der zweite September war und ist das große Volksfest in dem nordschleswigschen Norderhafen, d.h. für den deutschen Teil der Bevölkerung; von der dänisch gesonnenen Minderheit wird er als Buß- und Verbitterungstag gefeiert. Bei dem Schreiber Petersen und vielen andern galt keiner als ein gesinnungstüchtiger Patriot, der sich nicht an diesem Tage ein Räuschlein kaufte.

Schon am Vormittage war im Stadtwalde das Scheibenschießen der Schüler. Asmus, der [später entfallen: durch seine Krähenjagden ein geübter Schütze geworden war und] zweimal mitten in das schwarze Zentrum traf, schoß zum dritten Male in die blaue Luft und fluchte: »Verdammt! Ich hätte die drei Frühschoppen nicht trinken sollen.«

[Später entfallen: In der Norderstraße sagte er zum Vetter: »Holst du mich um halb zwei Uhr ab? Ich bin nämlich abgebrannt und muß Geld machen, wobei du mir kleine Handreichung tun kannst.«

Amatus erwog den pythisch dunklen Sinn und kam, begierig, in die Goldmacherkunst einen Blick zu tun.

Dieweil alle Geheimkünste das Geräuschlose lieben, und damit der Mittagsschlaf des Hardesvogtes nicht gestört werde, bat Asmus, keinen Lärm zu machen, und öffnete leise die Schranktür. »Ich muß einen alten Anzug verkaufen … unter meinem Rock zieh ich die Joppe an … willst du die Hose und die Weste dir um den Oberkörper wickeln und darüber dicht zuknöpfen, um alles Auffallen zu vermeiden?«

Die Goldmacherkunst war noch einfacher als das einfache Ei des Kolumbus. Junker stutzte. »Der graue Anzug ist ja sehr gut…«

»Mir aber nicht! Mein Vater will, daß ich mich standesgemäß kleide … darum lasse ich mir beim Manufakturisten einen neuen grauen Anzug machen und auf Rechnung schreiben.«

Der standesgemäße Primaner hielt es nicht nur unter seiner Würde, in der schmutzig dumpfen Trödlerbude sich zu entkleiden und in Hemdsärmeln mit der schlauen Jüdin zu handeln und zu feilschen.

Sie rannten nach dem Festplatze hinaus. Asmus Berg, der nie knauserig war, sondern] eine angeborene Gabe zum Grandseigneur besaß, war der »Wohltäter« [später entfallen: Wo das Freibier fließt, sammeln sich] Freunde. Um ihn bildete sich eine Tafelrunde der guten Kameraden. Weil auch der Rittmeistersohn, der in diesem deutschen Fache stark war, sich nicht lumpen lassen wollte, wurde es bald zu einer kleinen Kneiperei mit Salamanderreiben, Schreien und Gesang. An dem großen Sedantage drückten die Herren Lehrer beide Augen zu und tranken selbst mehr, als zur Stillung des Durstes vonnöten.

Als Monika ihren Mann fragte, ob er auch hinausgehen wolle, machte Hans einen Indignationshopser. »Ich als beeidigter Beamter sollte mich nicht am Sedanfeste beteiligen und mein Brot verlieren?«

»Friedline und ich werden nachkommen«, nickte sie vielsagend.

Spät am Nachmittage wanderte sie mit der Tochter am Arme durch das Menschengewühl, und ihr Blick glitt durch die offen stehenden Schankzelte.

Ihre Ahnung hatte recht geraten. Neben dem Schreiber Petersen und andern gleichgesinnten Seelen saß ihr Mann hinter dampfenden Kaffeepünschen und ließ im dänischen Nationalgetränk das große deutsche Vaterland hochleben. Wenn er nur nicht mit diesem Gelichter sich gemein gemacht hätte!

Sie ging weiter und hatte unruhige Augen. Da! Unter den Rotbemützten saß ihr Sohn und rieb den Salamander. Trotzdem der unter seinesgleichen saß, gab es ihr einen Stich ins Herz.

Vater und Sohn! 

»Friedline, hier in dem greulichen Lärm ist es nicht schön.«

Sie gingen in den stillen Wald hinein, und die Mutter war so stille.

»Warum sagst du gar nichts, Mutti?«

»Wir wollen sehen, ob die Nüsse schon sich bräunen, Friedline.«

Beide brachen durch das Buschdickicht, und die Mutter pflückte Haselnüsse, welche Friedline enthülste und mit den gesunden Zähnen knackte.

Frau Junker stand still und stutzte. »Was ist doch das für ein weißes Waldtier, das unter dem Wacholderstrauche hockt?«

Die Blinde erkannte noch eher als die Sehende mit feinem Ohr das Tier an seinen Lauten. »Eine Katze ist es.«

Ja, ein kleines, schneeweißes Kätzchen miaute kläglich und ließ sich zutraulich greifen.

»Ach, unsinnige Menschen haben das arme Tier im Walde ausgesetzt, um sich seiner zu entledigen … das ist noch grausamer als töten.«

»Mutter, laßt uns das Kätzchen mitnehmen … ich verstecke es unter meinem Überwurf.«

Sie erbarmten sich des Findlings, und ein lang gehegter Herzenswunsch der Blinden war erfüllt.

»Mit dem Katzenbaby müssen wir machen, daß wir nach Hause kommen.«

Weil auf dem Platze durch dreimaligen Tusch die Festrede eingeblasen wurde und alle Leute herbeiströmten, blieb Frau Junker stehen, um den Gymnasialdirektor, welcher Norderhafens Demosthenes war, anzuhören. Von ihr ungesehen, zogen drüben Hans Gerichtsdiener und die Schreiber Arm in Arm herbei und sangen: Wir halten fest und treu zusammen, hipp, hipp, hurra.

Über den tausend rot begeisterten Köpfen stand der Direktor und redete. Frau Junkers Blick haftete immer starrer auf einem weit drüben sich vorwärts drängenden Kopfe, der mit selig schwimmenden Augen und verzückt verzerrten Lippen zu dem Redner verständnisvoll emporhimmelte und doch nichts verstand. Es war ihr Hans – und wie war er!

Sie riß die Tochter mit sich hinweg. Hinter ihnen gellte im Walde das brausende Hoch.

Beide vergaßen, das Abendbrot zu bereiten, und horchten. Die Katze, die nicht vergessen war, leckte behaglich ihre warme Milch.

Immer wieder klang wie ein Seufzer die Frage: »Wo bleibt Amatus?«

Als es dunkel geworden war und in der Stadt die zischenden Raketen den Himmel erleuchteten, kam ein stark polternder Schritt die steile Treppe hinauf, und eine fremd veränderte Stimme trällerte: »Wanke nicht, mein Vaterland!«

Hans stolperte über die Schwelle und glotzte das weiße Tier an. »Was? Ein fremdes Katzenbiest? Heraus!«

Zu einem Fußtritt ausholend, hätte er um eines Haares Breite des beschwerten Körpers Gleichgewicht verloren.

»Vater, das ist meine Katze«, schrie Friedlinchen.

Die Mutter stand steil und streng. »Vater, du bist betrunken.«

Er hatte einen kapitalen, patriotischen Rausch und wußte es natürlich nicht, »Was? Betrunken? Der Amtsrichter hat sogar ein Glas Bier für mich ausgegeben.«

»Sind das die Grundsätze, die du deinen Sohn gelehrt hast? Der Mensch muß trinken, aber sich nie betrinken …«

Er strammte sich empor und sagte kühn: »Ich kann mein bißchen mit Anstand tragen … soll ich deinen Sohn hüten?«

Sie schienen sich den Sohn gegenseitig zuzuschieben.

»Mutter, willst du mit mir spektakulieren?« fragte Hans kriegerisch.

»Nein, ich will, daß du sofort zu Bett gehst.«

Friedline saß mit der Katze auf dem Schoße und weinte.

Der Vater sah nach der Weinenden hin und begab sich merkwürdig gehorsam in die Schlafstube, wo er nach drei Minuten fest schlief.

Mutter und Tochter saßen beisammen und ließen zuweilen leise das Wort fallen: »Wo bleibt Amatus?«

Der ging soeben Arm in Arm mit dem Vetter und zwei anderen dauerhaften Freunden in ein etwas versteckt liegendes Wirtshaus in der Gerberstraße, über dessen Innentür in altdeutschen Worten die beruhigende Inschrift prangte:

Wo gesungen wird, da laß dich ruhig nieder!
Böse Menschen haben keine Lieder.

Durch einen lustig flimmernden Nebel blickte er und war, wie die andern, mehr als angesäuselt.

Während Junker an diesem sirenenhaften Orte noch nie gewesen war, nickte Vetter Asmus den vier Damen zu, welche in die Harfen griffen und lächelnde Pfeile schossen. Der Neuling in dem Tempel der Aftermusen wurde von einem trunkenen Geist der Romantik ergriffen und träumte sich zurück in die lauteschlagende Minnezeit.

Die immer gut geschmierte Saaltür ging hinter ihm geräuschlos auf. Verzückt hing er mit Augen, Ohren und allen Sinnen am Podium.

Die zwei zuletzt eingetretenen Herren hielten vorsichtige Umschau im Saale, und der kleinste sprach das ermutigende Zitat: »Nitimur in vetitum!« Zum Verbotenen haben wir ein angebornes Gelüst.

Es waren lateinkundige Leute – und die zwei jüngsten Gymnasiallehrer.

Amatus hing an den geschminkten Rubin-Lippen der etwas heiseren Primadonna-Nachtigall, welche schmetterte:

»Des Nachts um halb zwei,
Da sitzt ein Jüngling im Saale
Und Hulda, die sitzet dabei –
Zehn Flaschen Champagner!
Hundert Mark sind nicht alle Welt,
Und doch fragen die Väter:
Wo, ja, wo bleibt da unser Geld?

Der aufmerksame Zuhörer fiel lachend in den Stuhl zurück, als von hinten eine Hand hart seine Schulter tupfte.

Rück- und aufwärts schauend, glotzte er den Doktor Käsebier an, dessen Schnurrbartborsten grimmig standen, und der ihn anschnarrte: »Äh … Junker, das ist kein Ort für Sie!«

Frech erwiderte der Primaner dem Ordinarius der Sexta: »Etwa für Sie, Herr Doktor?«

In schweigender Indignation setzten sich die Lehrer in die entgegengesetzte Ecke des Saales.

Asmus Berg schielte dort hinüber und meinte, etwas lallend und unsicher sich erhebend: »Die Gesellschaft wird mir zu gemischt.«

Nachts um halb zwei kam der Primaner Junker nach Hause. Ja, er kam allein und ohne Stütze.

Das Leben ist ein Januskopf, vorne lustsprühende Augen und heißglühende Wangen – die Kehrseite aber hat graue, gramentstellte Züge.

Monika stieß einen Schrei, einen klagenden Mutterschrei aus.

Er stotterte blaß: »I–ch bin – nicht betrunken.«

»Du bist es! Wenn du dich im Spiegel sehen könntest, würdest du vor dir selber erschaudern.«

In der Nacht nach dem Sedanfeste schlossen sich vier Augen in der Dachwohnung nicht. Die Mutter murmelte drei Worte müde und mechanisch: »Vater und Sohn!«

Gegen Morgen schüttete sie ihr Herz vor der blinden Tochter und dem allsehenden Gott aus. »Mein Gott, es ist zu viel, zu viel, was du mir auferlegst. Mit und für einen will ich ringen und streiten, aber der Kampf mit zweien ist mir zu groß und grauenhaft für meine Kraft. Ich kann das Doppelkreuz nicht tragen, das mich erdrückt.«

»Mutti, ich trage alles mit dir«, rief Friedlinchen.

»Ja, du bist mein Kind.«

»Er ist es auch, er soll es noch mehr sein, weil er unsrer Liebe mehr bedarf.«

»Amatus hat auf eine furchtbare Bahn den Fuß gesetzt … ist das ein Flucherbe?«

»Mutter, mein Bruder ist gut.«

»Ja … aber der Leichtsinn ist in ihm, der trotz seiner Scheinschwingen eine in der Staub ziehende Schwerkraft hat.«

»Nie kann mein Bruder schlecht werden!«

Der Glaube der Schwester stärkte den Glauben der Mutter.

Nachdem sie alle Türen hinter sich zugemacht, weckte sie ihren Sohn dadurch, daß sie seine Hände faßte und zusammenfaltete. Sein Gehirn arbeitete sich aus einem wüsten Traume, seine Augen wurden voll Angst.

»Amatus, willst du deine Mutter, dich selbst, deine Zukunft, deinen Gott verlieren? Das Trinken ist ein Grab dafür…«

Er schluckte und schluchzte: »Ich will es nie wieder tun.«

»O, das kindisch leere Wort, das leichthin gegeben und in den Wind geschlagen wird … bekenne alles!«

Wenn er auch das Schwärzeste schönfärbte, war er doch wahrhaftig.

»Im Tingeltangel bist du gewesen?«

»Zwei Lehrer waren auch da …« Was er zur Beruhigung anführen wollte, machte sein Haar, welches Nerven zu haben schien, vor Graus zu Berge stehen. Wie hatte er dem Doktor Käsebier geantwortet!

»Wenn du noch einmal das Haus in der Gerberstraße betrittst, bist du mein Sohn nicht mehr.«

Energisch schnellte er empor. »Mutti, das schwöre ich dir.«

Den Schwur konnte er halten und hat ihn gehalten. Aber das Wort vom nie wieder Tun?

Frau Junker ging aus der schrägen Dachkammer in die Schlafstube hinein. Ah, das Bett war leer. Der kurz vorher noch schnarchte, hatte sich auf Strumpfsocken angekleidet, draußen auf dem Flur die Stiefel angezogen und war ohne Frühstück an seine Berufsarbeit gegangen. Hans wollte die Sonne aufgehen lassen über seines Weibes Zorn. Die Bußpredigt aber sollte ihm nicht geschenkt, noch um eine Silbe gekürzt werden.

In aschgrauer Stimmung betrat der Primaner Junker die Klasse, und die aschgraue wurde gelb und gallig. Schadenfröhlich grinsten sie ihm in das Gesicht. »Hast du mit dem Doktor Käsebier getingelt und Schmollis getrunken?«

Der jüngste Fuchs der Prima wurde frech. »Du! Hat deine Mutter dich verhauen?«

Amatus nahm eine Boxerstellung ein. Sein ursprünglicher Name Adam Amatus war trotz der Wiedertaufe die vielen Jahre hindurch wie eine [später entfallen: alte] Tradition in der Schule bewahrt worden.

Viele Kläffer schrieen um ihn her: »Sagte deine Mutter nicht: O, mein Adam, du hast deinen ersten Sündenfall getan?«

Scheußlich wurde er gehänselt mit dem Sedantage, den sie als Adams ersten Sündenfall bezeichneten.

Am Mittage aber lief das Maß seines Verhängnisses über. Durch den Pedellen wurde er in die Privatwohnung des Direktors gerufen und der jüngste Fuchs raunte ihm tröstend ins Ohr: »Paß auf! Du sollst relegiert werden!«

Der rote Kopf des Schulchefs galt als ein böses Omen. Die zwei Lehrer hatten sich zu sehr erbost und in umschreibender Weise Meldung erstattet.

»Junker! Sie haben sich unanständig betragen. Herr Doktor Käsebier, der gestern abend ein den Schülern verbotenes Wirtshaus revidierte, hat Sie dort betroffen. Junker! In Berücksichtigung Ihrer Lage haben Sie von mir einen Freiplatz erhalten … wenn Sie sich solchen Lapsus noch einmal zu Schulden kommen lassen, wird Ihnen das Benefizium als einem Unwürdigen entzogen. Marsch!«

In barscher Weise, ohne einen väterlichen Ton abgefertigt, fühlte Amatus bittere Reue, aber auch eine Verbitterung. Warum wurden die Mitschüler und Mitmissetäter nicht vom Pedellen gerufen und nicht vom Direktor verwarnt? Hatten sie nicht alle von der verbotenen Frucht genascht? Oder hatten jene, weil ihre Eltern wohlgestellt waren, ihre Stellung nicht vergessen?

Die Mutter sah mit Genugtuung das verkümmerte Gesicht ihres Sohnes, welches sie der innerlichen Zerknirschung zuschrieb.

Sie hatte ihrem Manne sich zu widmen, der ihr am Mittage nicht entschlüpfte. Hans saß in der Schlafstube, die Hände zwischen den Knien gefaltet. Jeder lebensheitere und pfiffige Zug war verschwunden. Etwas Neues, Ernstes und Feierliches war in seinem Wesen.

Flehend sah er empor. »Mutter, ich bin ein Lump.«

»Unser einziger Sohn hat deine Bahn betreten … das hast du auf dem Gewissen«, sagte Monika hart.

»Ja … schlag mich mit deinen Worten tot!« Sein Körper wand sich. »Mutter, höre mich! Heute haben wir den dritten September … merke dir den Tag! Von heute an soll es anders werden. Ich gelobe dir vor Gott, daß ich in meinem Leben nichts mehr trinke.«

»Das hast du oft versprochen … und gebrochen.«

»Nein, hier drinnen ist es fest geworden.« Er bohrte den Finger in die Brust. »Ich schwöre … keinen Tropfen …«

»Keinen Schwur!«

»Glaube mir, Mutter!«

»Nach drei Monaten will ich sehen, ob du dich gehalten hast, und es glauben.«

»Du wirst es sehen … auch die Kasse sollst du von heute an haben und führen … ich will nichts … nur einen Groschen für Kautabak und Kleinigkeiten.«

Ihr Antlitz wurde von einer neuen Hoffnung erhellt. »Das ganze Gehalt willst du mir abliefern? Ich würde es gut verwalten.«

»Ja, das ganze …« Sein Mund kaute verlegen, und seine Hand kramte den Beutel aus der Tasche und zählte zitternd die Stücke auf den Tisch.

»O Hans, nun fange ich wieder an, an deine Vorsätze zu glauben.«

Aus dem umgestülpten Beutel fiel nichts mehr heraus; 7 Taler und 22 Silbergroschen lagen auf dem Tische.

Monika, deren guter Glaube in der Geburt getötet wurde, starrte darauf hin und schrie: »Das ist alles, was du von dem vorgestern empfangenen Gehalt noch hast … alles andre hast du gestern verjubelt?«

Hans preßte eine Träne aus den trocknen Augen. »Nein … ich habe … Schulden abbezahlt.«

»Barmherziger Gott! Wir haben Schulden …«

»Ja, etwas steht beim Krämer und bei Hans und Christian Petersen auch ein bißchen.«

Als alles zusammengerechnet war, sah sie ihn mit leblosen Augen an. »Die unerschwingliche Summe können wir nicht in einem Jahr abtragen.«

»Mutter, von jetzt an darfst du für alles raten.«

»Ja, ich darf raten, wo du am Ende bist und dir nicht mehr zu raten weißt.«

Aber nachdem sie den kleinen Restbestand der Kasse in Verwahrung genommen, küßte sie ihren Mann.

Am vierten September ging Monika zu allen Gläubigern und war am Abend müde, kampfmüde geworden. Doch bald ermannte sich die Frau zu der alten, mutigen Standhaftigkeit, die nicht müde wurde.

Auf das Lot wurde berechnet, um den Pfennig wurde gefeilscht, aufs äußerste wurde gespart und das eine der zwei Mittagsgerichte abgeschafft. Das Fleisch wurde in genaue und gleiche Rationen geteilt. Die gerechte Kassenverwalterin ließ sich nur eine Bevorzugung zuweilen zu schulden kommen, wenn sie dem schmächtig dünnen, aber mächtig aufschießenden Sohne ein fleischbelegtes Butterbrot mitgab.

Sie redete aber ernster und zurückhaltender mit ihm, und er mußte von jeder Stunde, die er außerhalb des Hauses verbrachte, Rechenschaft ablegen.

Hans wagte eine schüchterne Einwendung: »Soll der junge Mensch ein Muttersöhnchen und nie selbständig werden?«

»Willst du ihm vielleicht die Selbständigkeit und die Kunst, mit Geld umzugehen, beibringen?«

Hans verstummte in der Erkenntnis, daß er die Herrschaft abgegeben und nichts mehr zu sagen habe.

[Später entfallen: Nach ein paar Wochen brach die Sonne der Mutterliebe immer heller durch die Wolken des Unmuts.]

Da war in der niedrig engen Dachwohnung kaum Raum für die grenzenlose Freude, die Einzug hielt. Hans knipste mit den Fingern und machte einen Hopser mit den geschmeidigen Beinen. Friedlinchens blinde Augen vergossen süße Zähren. Monika aber sagte: »Mein Amatus, wir müssen danken und sehr demütig sein.«

Von allen Tugenden gerät die Demut einem bestandenen Abiturienten am schlechtesten.

Jene Jünglinge, welche die rote Mütze verächtlich in den Schrankwinkel schleudern und das kecke Interims-Hütchen aufs Ohr schieben, sind die selbstbewußtesten von allen Menschen, die sich auf der weiten Gotteserde spreizen. Welch ein Sprung aus dem Schulzwang in die Freiheit! Das ist ein plötzlicher Riesenschritt und -erfolg, der auch dem Bescheidenen in die Krone steigen muß.

Amatus war nicht anders und versuchte, wenn auch vergeblich, aus der Oberlippe den ersten Schnurrbartflaum herauszuzerren. Ein Taumel packte ihn in diesem Stadium der größten Menschenmauserung, wo er von dem Esel aufs Pferd kam und darum von den Studenten Norderhafens ein mulus, ein Maulesel, das Mittelstück zwischen beiden genannt wurde.

Aber auch die Dankbarkeit kam zu ihrem Rechte. Alle Sonntage ging er mit der Mutter in die Kirche. Der Propst von Norderhafen hatte ein großes Stipendium von 240 Mark jährlich zu vergeben – doch wird diese Tatsache ohne Einfluß auf den Kirchenbesuch gewesen sein.

Monika sagte auf dem Heimwege: »Du wirst ja Theologie studieren, und, so Gott will, nach ein paar Jahren auf der Kanzel stehen.«

Alle Menschen, beide Eltern, beide Schwestern und der Schwager und alle Nachbarn des Pappeltals hatten sich wider ihn verschworen und hielten es für etwas Selbstverständliches, daß er zum Theologen prädestiniert sei. Er wehrte sich und wollte durchaus nicht Pastor werden.

In dem schwarzen Anzug, dem ersten völlig modischen, den sein langer Leib getragen hatte, machte Junker dem Propsten seine Aufwartung, um das große Stipendium zu erbitten. Der Herr war freundlich und fragte: »Ja, was wollen Sie studieren?«

Entschlossen und entschieden kam die Antwort: »Deutsch und Geschichte!« Die zwei Wissenschaften waren seine Lieblinge.

»Haha, mein Lieber!« Er wurde von dem Propsten ausgelacht. »Das ist eine unmögliche Fakultät … nach den Bestimmungen der Stiftung sollen Theologen bevorzugt werden … Sie müssen natürlich Theologie studieren.«

Da war wiederum das Natürliche, das ihm so wider die Natur ging. Seine geärgerte Seele sprach das Stoßgebet der Schüler: Samuel hilf! Und Samuel half.

»Herr Propst, ich will Theologie und Philologie studieren.«

»Das möchte gehen … reichen Sie Ihr Gesuch ein!«

Amatus saß zu Hause vor einem weißen Bogen, aber das mit Klecksen und Strichen bemalte Papier blieb unbeschrieben. Zuletzt schleuderte er die Feder fort. »Mutter, ich weiß keine Anrede, keine Formel und Phrase und bring' es nicht fertig.«

Der Abiturient, der im Deutschen »gut« hatte und über den Charakter der keuschen Emilia Galotti und der blutfingrigen Lady Macbeth die feinsten psychologischen Studien schrieb, vermochte tatsächlich nicht eine einfaches Bewerbungsgesuch aufzusetzen. Wie unendlich viele, im Leben durchaus notwendige Dinge gibt es, die auf Gymnasien nicht gelehrt werden!

»Geh zum Onkel und bitte ihn, es dir zu zeigen!« sagte die Mutter.

Zum erstenmal nach bestandenem Examen betrat er die Hardesvogtei.

Er ging ins Bureau. Der Hardesvogt legte mit einem kleinen, malitiösen Lächeln Papier und Feder hin und sagte: »Da? Da meinst du wohl, daß ich dir das Gesuch machen soll? Nein, mein Sohn, nun setz dich hin und zeige, was du gelernt hat … dann will ich es durchsehen.«

Amatus kaute lange ärgerlich an der Feder, und seine Gedanken kreisten und konnten nichts Gescheites gebären. Zuletzt wurde er ingrimmig und schrieb nieder, was ihm in die Quere kam. Es war allerdings eine Mißgeburt von Bewerbungsgesuch, die er dem Onkel kleinmütig reichte.

Der las laut und lachte höhnisch: »Haha! ›Weil ich nach reiflicher Überlegung mich entschlossen habe, Theologie und Philologie zu studieren, bewerbe ich mich hiermit um das Handelmannsche Stipendium und bitte, da ich sehr bedürftig bin, mir dasselbe zu geben. Hochachtungsvoll –.‹ Haha! An deiner Hochachtung werden die Herren ihre helle Freude haben, auch an der Bündigkeit deines lapidarischen Stils sich erbauen. Hat deine Mutter vielleicht die deutschen Aufsätze für dich gemacht? Mein lieber Abiturient, laß dir dein Schulgeld wiedergeben!«

»Das kann ich leider nicht, da ich eine Freistelle gehabt habe.« Amatus war zu grimmigen Witzen aufgelegt.

Nachdem der Onkel das Mütchen des Unmuts gekühlt hatte, sagte er: »Setz dich! Ich werde diktieren und die schwersten Worte buchstabieren.«

In den devotesten Ausdrücken sich bewegend, sprach er die Sätze vor bis zum Submissionsstrich, der ihm nicht lang genug wurde.

Der angehende Student dankte trocken und begab sich nicht in bester Stimmung in das Wohnzimmer.

Dort saß Klarissa Reder im Sofa, groß und vollgereift in dem vom Besatze aufgebauschten Kleide. Ihre braunen Haare glänzten, und – wohl infolge der guten Landluft und der grünen Weide – rosenrot blühte ihr Antlitz; nur die Krümmung der Nase schien das Schönheitsideal zu stören.

Obschon Amatus das Interimshütchen verlegen drehte, bewahrte er eine künstlich kalte Miene und wandte sich Silly zu. »Ja, jetzt reise ich bald.«

»Du wirst doch in der Universitätsstadt die Verwandten besuchen? Soll mein Vater dir ein Empfehlungsschreiben mitgeben?«

Er wurde in seiner Befangenheit burschikos. »Ich wage auch ohne das, auf mein ehrliches Gesicht hin, mich vorzustellen. Meine Maxime ist: Mehr als herausgeschmissen kann der Mensch nicht werden.«

»Ein guter jüdischer Grundsatz«, sagte Klarissa mit glasklarer Stimme.

[Später entfallen: Der Vetter Asmus kam, die Brauen ein wenig runzelnd und sogleich fragend:] »Was willst du studieren?«

Leise, als wenn er sich schäme, antwortete Amatus: »Philologie und Theologie.«

[Später entfallen: Worauf Asmus unverschämt rief: »Gott, du Gerechter! Theologie willst du treiben, das ist definiert, einen täglichen Selbstmord der Vernunft begehen.«

Junker versuchte schlau zu lächeln. »Siehst du] … eigentlich studiere ich Philologie … und zum Scheine Theologie, um das Stipendium zu erhalten.«

»Ist das ehrlich und wahrhaftig?« Die glasklare Stimme hatte gesprochen.

Die Erwachsene wollte ihn schulmeistern, und er erwiderte scharf: »Fräulein Reder, haben Sie nie einer konventionellen Unwahrheit bedurft … nie in irgend einem beliebigen Menschen falsche Vorstellungen erweckt?«

Sie richtete auf ihn einen Blick, groß und unentratbar.

Weil ihm ungemütlich wurde, empfahl er sich mit einer linkischen Verbeugung.

Die zwei Freundinnen hatten die Einsamkeit des Gartens aufgesucht und schmiegten sich aneinander.

»Rissa, wie gefällt er dir?«

»Hm, äußerlich hat er sich nett herausgewachsen … aber er soll ja ein fürchterlicher Leichtfuß geworden sein.«

Die Kousine nahm den Vetter in Schutz. »Sie kneipen alle gern, und er ist nicht der schlimmste.«

Das Gespräch wurde zum Getuschel. »Rissa … glaubst du … daß er … eine von uns beiden liebt?«

Leise, aber glashart klang die Stimme: »Es macht allerdings nicht den Eindruck … in seinem studentischen Übermut sieht er über seine Jugendgespielinnen hinweg.«

»Ach, Rissa, sag mir die Wahrheit … liebst du ihn noch?«

Fräulein Reder kehrte die Frage um. »I–ich? Ich? Liebst du ihn noch, Silly?«

Auch diese gab keine Antwort, sondern fragte weiter: »Weißt du, da wir als kleine Mädchen in der Kastanienallee uns das heilige Versprechen gaben, ihn zu lieben, aber nie zu heiraten?«

»Ach, das waren wohl Kindertorheiten …«

»Kindertorheiten nennst du das? Rissa, ich wenigstens werde mein Wort halten.«

Die Größere umschlang die Kleine. »Ich auch, so lange ich lebe … wie kannst du anders von mir denken, Silly?«

Sie küßten sich und erneuerten mit Händedruck das Kindheitsgelübde der jungfräulichen Liebe, die ehelos bleiben und zur alten Jungfer werden wollte.

Plötzlich brach die kleine Silly das Schweigen. »Stell dich mal hinter mich und betrachte meinen Rücken!«

Jene gehorchte und sah traurig, was sie nicht sehen wollte, daß nämlich die rechte Schulter sich verwuchs.

Die Freundin versuchte zu lachen. »Soll das heißen: Du kannst mir von hinten begegnen?«

»Um Gottes willen, sag es mir! Wird mein Rücken krumm?«

»Nei–ein!« Klarissa, die nicht log, mußte die Unwahrheit sagen; aber sie milderte die Notlüge: »Du mußt dich hübsch grade halten … so! Brust heraus, Schultern zurück!«

Von da an machte Silly oft gymnastische Übungen im Garten. – – –

Amatus Junker hatte das Handelmannsche Stipendium erhalten und mithin einen Wechsel von 240 Mark jährlich, auf den hin er studieren wollte.

Monikas große Lebenshoffnung machte in diesem Frühling den Blütenansatz der Erfüllung. Ihr war der Predigerberuf der ruhigste, schönste und herrlichste von allen. Auch meinte sie, daß ihr lieber Sohn vor allen Versuchungen der Studentenzeit am besten in der Gottesgelehrsamkeit geborgen sei.

Zweiter Teil: Irrfahrt.

Erster Abschnitt: O du fröhliche Studentenzeit.

Der Sonntagsbesuch war für Amatus Abschiedsbesuch.

Frau Junker wandte sich an den Bruder. »Karl! Willst du nicht meinem Sohne ein Empfehlungsschreiben an die Verwandten mitgeben?«

Er schien schwerhörig, weshalb sie die Frage lauter wiederholte.

»Mona, seit zwanzig und mehr Jahren habe ich die Verwandten nicht gesehen … der Lüdemann war von jeher ein hölzerner, hochmütiger Mensch … auch soll er mit einer viel jüngeren Frau in eigentümlicher Ehe leben … in das Haus möchte ich deinen Sohn nicht hineinempfehlen.«

Frau Junker sagte auf dem Heimwege zu Amatus: »Geh du nur in meinem Namen zu den Verwandten hin und stell dich vor! Mein Vetter Lüdemann ist Amtsrichter und ein angesehener Mann.«

Viele Vermahnungen und Verhaltensmaßregeln gab sie dem abreisenden Sohne. »Mutter«, meinte Hans Gerichtsdiener, »Mutter, ich kenne meine Instruktion genau, aber schreib' es dem armen jungen Menschen lieber auf … sonst kann er unmöglich alles behalten!«

Da hörten die Abschiedsermahnungen auf, und die Abschiedsliebkosungen begannen.

Die Fahrt nach der Universität war eine Reise in eine völlig neue und doch von tausend Träumen schon gebildete Wunderwelt hinein.

Wilhelm Reder, ein schmächtiger, trockner, im Gesicht etwas bräunlich gelber Jüngling – die Kameraden behaupteten, das rühre vom Überlaufen der Leber her – war auch im Zuge und wollte Naturwissenschaft studieren.

Nach dem Frühstück auf der großen Haltestelle wagte Amatus eine ihm mehrfach aufgestoßene Frage zu stellen. »Wo ist deine Schwester?«

»Im Pastorat … wir haben uns verabredet, nicht nach Hause zu gehen, solange die Alte lebt.«

»Hm … hat sie mich nicht grüßen lassen?«

»Meine Stiefmutter?« Wilhelm kaute trocken.

»Nein, Klarissa!«

»Ich glaube, sie ist dir böse … habt ihr etwas miteinander gehabt?«

Junker versicherte, daß sie weniger als nichts miteinander gehabt hätten.

Wilhelm hockte behaglich-brummig am Fenster und fragte unvermittelt: »Weißt du, wie viel Gehalt mein Vater hat?«

»Etwa 3600 Mark.«

»Nein, 4500 … und ahnst du, einen wie hohen Wechsel er mir gegeben hat?«

»Ich will auf 1200 Mark ahnen.«

»Nein, 300 Mark pro Jahr … die lange Stine wollte mich ins Zollfach haben, weil ich als Supernumerar im Hause bleiben könnte … o horror horrorum! Mein Vater aber erklärte mir, wenn ich durchaus studieren wolle, möge ich es auf eigne Rechnung und Gefahr hin versuchen … mehr als die genannte Summe könne er mir nicht geben noch garantieren … dreiundachtzig Pfennige pro Tag!«

Amatus nickte: »Dir ist der Abschied von Hause nicht schwer gefallen?«

»Nein, nur die gute Karoline weinte wirklich … aber denke dir, das dumme Ding will, daß ich ihr einen Platz in der Universitätsstadt verschaffen soll.«

»Hm, dabei kann man sich allerlei denken.«

Wilhelm der Schüchterne versank in mürrisches Schweigen, bis der Zug in der Universitätsstadt hielt.

Als sie auf den Bahnsteig sprangen, fiel ihr Auge ehrfurchtsvoll auf mehrere Verbindungsstudenten, die in steilem Selbstbewußtsein auf und ab promenierten und frisch angekommene Musensöhne instinktiv erkannten. Jener mit der dick verbundenen Backe sah nicht sehr burschikos, sondern mehr wie ein Zahnweh-Patient aus. Ein zweiter hatte ein Antlitz, als wenn ein Riesenkater seine Krallen kreuz und quer dadurch gezogen hätte.

Nach dem langen und schmucken Junker warfen die Verbindungsstudenten bedeutungsvolle Blicke. Sie waren ausgesandt, um für die dünn gelichteten Reihen der Verbindung neue Mitglieder zu werben und Füchse zu keilen.

Im Wartesaale kamen drei »Goten« auf ihn zu, hoben die Mützen und fragten höflich, ob er nicht der Herr Fröhlich sei, der bei ihrer Burschenschaft angemeldet worden. Als er verneinte, meinten sie lächelnd, jedenfalls sei er ein fröhlicher Musensohn, ob sie ihn nicht einladen dürften, an ihrer Kneipe im »Schwarzen Walfisch« teilzunehmen.

Die Goten gingen wieder auf den Perron hinaus, um auf den großen Unbekannten Fröhlich zu warten, der schon sehr lang bei jedem Zuge Dienst tat und die erste Anknüpfung vermittelte.

Weit draußen in der Teichstraße, wo es von kleinen und großen Straßenkindern wimmelte, mietete Junker sich ein Stübchen bei einer Obermaatswitwe. Bevor der mündliche Mietsvertrag abgeschlossen worden, hatte die schnellzüngige Frau ihm umständlich erzählt, daß ihr Mann in Gibraltar nach beendetem Urlaub aus dem Boot gefallen und ertrunken sei, daß ihr aber die Pension, um die sie zwei Jahre lang sich bewerbe, abgeschlagen worden, weil ihr Seliger nach dem Urlaub etwas unsicher gewesen und nicht ganz unverschuldet ins Wasser gekommen sei.

Bei der unpensionierten Maatin erhielt er morgens eine Tasse braun gefärbten Kaffees und des Abends heißes, ungefärbtes Wasser, davon er nach seiner Mutter Anweisung sich selbst den Thee bereitete. Mittags aß er in dem billigen Speisehause zum »Blutigen Knochen«.

Die Immatrikulation, die Ernennung zum akademischen Bürger, war beendet. Auf dem Flure erneuerten die drei Goten, die noch immer nicht den angemeldeten Herrn Fröhlich gefunden hatten, ihre Einladung.

Das war die erste, echte Studentenkneipe! Schläger schlugen, Salamander rasselten, ein Cantus nach dem andern stieg zur rauchgeschwärzten Decke empor. Nur mit Halben oder Ganzen tranken die Gotem ihrem Gaste zu. Als über den Tisch und unter die Füße der Kommers
bücher eine Bierflut sich ergoß, hatte er fünf Dreiviertel Sinne beisammen. Auf dem etwas schwierigen Heimwege behielt Junker eine schwere Erinnerung, als ob er der Gegenstand einer umständlichen Zeremonie gewesen sei.

Obgleich am Morgen immer noch das Gaudeamus ihm in die Ohren klang, freute er sich des Lebens nicht sehr. Die Obermaatin, die mit allen Menschen, die durch unverschuldete Unsicherheit ins Unglück geraten sind, ein Erbarmen hatte, braute ihm einen starken Mokka, den sie »Dreiweiberkaffee« nannte.

Da – als er die Weste knöpfte – klopften schon drei Studenten an seine Tür, um ihn zum Frühschoppen abzuholen.

Die leutseligen Goten, die im »Schwarzen Walfisch« saßen, duzten ihn insgesamt. Darum gab er dreist du um du und erhielt den Ehrenplatz neben dem ältesten Haupt der Verbindung, jenem Mediziner, dessen Antlitz von dem Riesenkater zerkratzt war, und der mit Muße einen Matjeshering verzehrte.

Nachdem dieser sich den Mund gewischt, legte er die Hand auf Junkers Arm. »Kommilitone! Jetzt müssen wir Band und Mütze kaufen.«

»Was? Band und Mütze?«

»Ja, du hast doch gestern abend dich in die Verbindung aufnehmen lassen und bist gleich eingefuchst worden.«

Eine laute Beifallslache aller Goten war die Bestätigung.

Nur der Fuchs lachte nicht, sondern stammelte: »Das kann ich gar nicht … denn ich bin unbemittelt.«

Das bemooste Haupt kniff an den kleinen Bieraugen und klopfte ihm jovial auf die Brusttasche. »Bruder! Du wirst doch einen Wechsel haben … wenn auch keinen großen … zeig mal her!«

In seinen bedrängtesten Augenblicken war Junker schlagfertig und holte mit verblüffender Offenheit seinen Wechsel – sein Dürftigkeitszeugnis aus der Tasche.

Der Bemooste warf einen Blick hinein, räusperte sich und rückte immer weiter mit dem Stuhle ab.

Die Goten wurden mit einem Male sehr respektvoll und redeten den Gast wiederum mit dem höflichen Sie an. Zuletzt hatten sie sich in ihrer Höflichkeit so weit zurückgezogen, daß er mutterseelenallein im »Schwarzen Walfisch« saß.

Ein paar Tage später grüßten die gastfreien Goten ihn kühl auf der Straße, am dritten kehrten sie sich nach der andern Seite und kannten ihn nicht mehr. – –

Der Studiosus der Philologie und Theologie zog seinen besten Rock an, um den Verwandten seiner Mutter seine Aufwartung zu machen.

Dicht hinter dem etwas angestaubten Türvorhange stand der Amtsrichter, in einer Positur, als wenn er sich bereit gemacht habe, einen unliebsamen Besucher sofort herauszukehren, so daß Amatus' erster und ängstlicher Eindruck war: Ob ich wohl in diesem Hause herausgeschmissen werde?

Eine eingerostete Stimme klang: »Äh … Junker … der Name ist mir unbekannt.«

»Ich bin der Sohn der Monika Berg, verehelichten Junker.«

»Äh … jä … der Sohn meiner Kousine Monika, die eine Art von Mesalliance machte … verzeihen Sie! Ich begrüße Sie als entfernten, aber willkommenen Anverwandten meines Hauses.«

Der Amtsrichter, der auf dem Sofa gelegen, geraucht, gelesen und Bier getrunken hatte, bot Zigarren an, holte zwei Flaschen vom Seitentische und ein frisches Glas, das nicht ganz sauber schien. Auf den Akten, Stühlen, Ständern lag Staub – und hinter der Sofalehne ein förmlicher Hügel von Zigarrenasche, der sich dort tagelang angehäuft, und den der liegende Leser der Bequemlichkeit halber hinter sich geworfen hatte.

Der Amtsrichter erkundigte sich nach allen Verwandten. Wenn er lächelte, tat er es nur mit der einen schief gezogenen Gesichtshälfte.

»Das sind jetzt mehr als dreißig Jahre her … ich war auf Besuch beim Onkel Berg, Ihrem Großvater, zwei Tage lang und verliebte mich zwei Tage lang in die schöne Monika … jäjä, die Zeiten … tempora mutantur … sie wurde viel umworben, aber Amor ging mir ihr durch.«

Dem Sohn der schönen Monika wurde unbehaglich.

»Hä … Ihr Vater ist Beamter in Norderhafen?«

»Ja, Gerichtsdiener.«

»So, so!« Der schief lächelnde Mund wurde sehr spitz und grade. »Ich darf vermuten, daß Sie finanziell nicht sehr gut gestellt sind?«

Junker, der sich vor dem Respekt fürchtete, den sein Wechsel erregte, erwiderte, daß er nicht ganz mittellos sei.

»Sie sind natürlich Theologe und suchen selbstverständlich Stipendien … ich werde etwas für Sie tun … der Universitätsrektor ist mein Studiengenosse.« Der Amtsrichter machte eine vielsagende Miene. »Nun gehen Sie da hinein zu meiner lieben Frau und meiner lieben Tochter und stellen Sie sich selbst vor! Jä … jä … Sie werden ihre Freude aneinander haben.«

Lüdemann streckte die knöcherne Hand aus und zog die Schultern hoch, als wenn ihn fröstle.

Junker trat ins Boudoir und verbeugte sich vor einer schönen, schwarzhaarigen und dunkelhäutigen Dame.

»Ich habe die Ehre … Fräulein Lüdemann…?«

»Nein, ich bin Frau Lüdemann.« Die Dame zeigte kleine, weiße, regelmäßige Zähne.

Durch das ungewollte Kompliment hatte er das Herz der Frau gewonnen, die über Nichtigkeiten ein Langes und Breites sprach, während er ein Kurzes und Schmales dazwischen warf.

»Sie müssen meine Tochter kennen lernen … Sylvia, Sylvia!«

Sylvia kräuselte das Stirnhaar und rückte den Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zurecht, ehe sie eintrat. Sylvia hatte wunderbare und wunderbraune Augen, und der dicke Haarzopf hing, wie die Schlange eines Paradieses, augenfällig über ihren Arm herunter. Sie war ein Backfisch, aber ohne eine blasse Spur der Blödigkeit, die diesen Menschenwesen vielfach eigen ist.

Ihre Stimme klang lieblich und lispelte ein wenig. »Herr Junker, haben Sie Familiensinn?«

Die Frage des Backfisches frappierte ihn. »Familiensinn …? Ja … natürlich … sehr viel Familiensinn.«

»Mein Vater hat ihn leider nicht und verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, wie in einer Burg … ich muß um Audienz bitten, ehe ich vorgelassen werde.«

»Und ich komme überhaupt nicht hinein«, lachte die Frau Amtsrichter, ihre schönen Zähne zeigend.

»Ja, Mama … du kommst meistens um Geld.«

»Still, du kleine, indiskrete Plaudertasche! … Herr Junker, Sie werden nach dem furchtbaren Eindruck, den das Zimmer meines Mannes macht, sich ein vernichtendes Vorurteil über mich als Hausfrau gebildet haben.«

Ehe er eine Antwort fand, berührte Sylvia flüchtig seinen Arm. »Haben Sie den Vesuv von Asche hinter dem Sofa gesehen? Und die Lava von Staub auf dem Bücherborte? Und den Kehrichtwinkel, der als Papierkorb dient?«

Die Mutter setzte den Bericht fort. »Das Frauenzimmer, wie er unser Dienstmädchen benennt, darf nur einmal alle Woche das Gröbste auskehren … nichts darf angerührt werden.«

Wiederum wurde Sylva witzig. »Hast du vielleicht auf und in dem Schreibtische gekramt?«

Frau Lüdemann aber wurde sehr ernst. »Still, du indiskrete Plaudertasche!«

Durch die Tür guckte das hagere Gesicht des Amtsrichters. »Äh, Sie unterhalten sich gut … jä, ich will Ihnen Adieu sagen.«

Die Frau rief: »
Lüdemann [später: Lindemann], tritt doch näher!«

»Nein, meine Stunde ist da.« Er schlurfte über den Flur.

Und sie seufzte. »Ja, meines Mannes Bierstunde ist da … die hat er in den achtzehn Jahren unsrer Ehe, auch [später entfallen: nicht] in den Flitterwochen, kein einziges Mal versäumt … ich war damals ein junges, dummes Ding und mein Gemahl ein gesetzter Herr von 43 Jahren.«

Sylvia hatte sich aufgerichtet. »Mama!«

»Jäh, mein Kind … äh?« Leicht ironisch äffte Frau Lüdemann ihres Gemahls Sprechweise nach.

»Mama, ich heirate nie einen Mann, der zur Bierstunde geht.«

»Du! Dich wird überhaupt keiner heiraten.«

Junker bezweifelte höflich, daß diese mütterliche Prophezeihung sich erfüllen werde.

Nachdem er sich verbeugt, kreuzte er ohne Unfall zwischen Vasen, Ständern, Tischlein und Truhlein hindurch; und die wunderbaren Augen sandten ihm einen Blick nach, bevor die Portiere vor das Paradies fiel, in dem er gewesen.

Auf der Straße mußte er lachend sich räuspern. »Jä … äh … eine eigenartige Ehe!«

Aber eigenartig war auch die dieser Ehe entsprossene Tochter. Heißt Sylvia nicht die Waldfee? Welcher Schönklang, welche Welt von Poesie schon in dem Namen! – – –

Zwei Herren, zwei Fakultäten wollte der Studiosus Junker dienen, der Philologie, welche er für die vornehmere Wissenschaft hielt, anhangen und die Theologie als Stipendium- und Brotstudium nebenher treiben. Treu und ausdauernd saß er im Hörsaale des Professors der Beredsamkeit, der eine Komödie von Plautus behandelte. Eine lustig scharf gewürzte Wissenschaft hatte der Zuhörer erwartet; aber die rauhbeinigen Witze des Römers gingen in der greulichen Gründlichkeit verloren, die oft zwei Stunden lang an einer Zeile herumstocherte und sezierte. O, die Lesarten, welche Legion waren und bandwurmartig abgetrieben und getötet wurden, bis endlich der Kopf der Weisheit als die einzig richtige Erklärung ans Tageslicht gebracht war!

Junker machte die Erfahrung, die manchem nicht erspart bleibt, daß es in vornehmer Gesellschaft oft zum Gähnen langweilig hergeht.

Die bescheidene Gottesgelehrsamkeit kam darum mehr zu Ehren. Er hörte besonders gern die Kirchengeschichte. Auch an der Dogmatik, wie an einem gewaltigen, ehrwürdig alten Burgbau des mittelalterlichen Geistes, der mit seinem festen Glaubensmörtel den Stürmen der Neuzeit widerstanden hatte, fand er Gefallen. Aber er naschte und kostete von allen Speisen der Alma mater und wurde sogar in einer agrarischen Vorlesung gesehen, die den landwirtschaftlichen Fruchtwechsel behandelte. Die Bauernlust glomm noch in seiner Brust. –

Mehr aus Kuriosität besuchte er in einer müßigen Stunde die Kousine seiner Mutter, die alte Jungfer, die in der Stadt »die Wohltätige« genannt wurde und in der Mittelgasse 34 wohnte. Sie hatte an einer langen Liste von verschämten Armen geschrieben und schob die Brille auf die Nasenspitze. Gründlich betrachtete sie den neuen Neffen und sagte gerührt, daß er seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sei.

Hm, das gab ihm zu denken und regte zu Schlüssen an. Nach den übereinstimmenden Aussprüchen der Leute war seine Mutter schön gewesen.

Am Nähtisch saßen sie einander gegenüber. Ja, die Theologie sei sein Hauptstudium.

Ob es auch ein Herzensstudium sei? Er schwieg und durfte schweigen, weil Fräulein Lüdemann ihm eine Vorlesung darüber hielt, wie ein rechter Theologe sein müsse. Die Vorbedingung sei die völlige Ertötung des alten Adam.

Ja, sein Adam sei abgetan und in Amatus umgewandelt – das dachte er nur und sagte es nicht.

Sie tupfte mit dem Zeigefinger seiner Brust immer näher. »Die Liebe macht den Theologen, und der Geist! Predigen und Phrasen fügen können viele. Aber St. Jakobus sei Ihr Schutzpatron! Der rechte Theologe hat keine Ruhe und reibt sich im Dienst der Liebe auf. Er muß, nachdem er das letzte Scherflein aus seiner eignen Tasche geleert, gaßauf und -ab laufen, um Gaben zu sammeln, er muß die Witwen und Waisen in ihrer Trübsal besuchen, bis ihm die müden Kniee brechen.«

Sie schlug die Hände auf ihre eignen, im Dienst der Liebe abgelaufenen Kniee. »Aber wehe den Söldlingen, die nur nach Geld und großen Pfründen trachten und ewig um bessere Stellen sich bewerben! Junker, sagen Sie mir, daß Sie kein Söldling werden wollen, sondern den Mammon für Schaden achten.«

Etwas dumm dreinschauend, sagte er drastisch: »Ja, für Schaden und Kot.«

»Sehr richtig, junger Mann!«

Der junge Mann fuhr fort: »Aber … Kot ist eben Dung, und Geld, wenn ich mich so ausdrücken darf … der notwendige Dung des menschlichen Daseins.«

Des Fräuleins Gesicht und Sprache wurde gedehnt. »Sind Sie unbemittelt, Junker?«

»Ja, ich bin so arm, wie etwa ein Acker der siebenten Klasse, der sehr der Düngung bedarf.«

»Haben Sie nicht Freitische?«

»Nein.«

»Keine Freitische?« kreischte die Wohltätige und sprang empor. »Nun müssen Sie gehen!«

Amatus war verdutzt und wußte sich nicht aus. Wurde ihm mit einem Male die Tür gezeigt? Hatte der drastische Ausdruck sie beleidigt?

Nein, die Erklärung kam. »Hier sitze ich und schwatze! Und Sie haben keine Freitische! Ein Werk, das einem so unmittelbar auf die Seele geworfen wird, muß sofort ausgeführt werden.« Das Fräulein flatterte von dannen und rief aus dem Schlafzimmer: »Kommen Sie morgen wieder!« –

Am Vormittage stellte Junker sich pünktlich ein, und die Wohltätige begann feierlich: »Beugen Sie Ihr Haupt in stillem Dank!«

Er beugte sein Haupt.

»Sieben Freitische habe ich für Sie erhalten, einen an jedem Tag der Woche.« Freudestrahlend holte sie eine sauber geschriebene Liste, auf der die Herrschaften die Hausnummern und die Mittagszeiten verzeichnet standen.

Sein Blick überflog den Zettel – um 12 Uhr, um 1 ½ Uhr, um 3, 3 ½ und zweimal um 4 Uhr – sein Mittagshunger mußte sich auf die verschiedensten Zeiten einrichten. Auch lagen die Wohnungen in allen Richtungen der Windrose, so daß er zur Beförderung des Appetits und nachher zur besseren Verdauung tüchtige Märsche machen mußte.

Vielleicht bemerkte Fräulein Lüdemann die Mischung seiner Gefühle. »Wundern und entsetzen Sie sich nicht über all dem Guten, was Ihnen widerfahren ist?«

Ja, er freute sich mit Entsetzen. Sie war selbst nicht auf der Liste und hatte auch ihren Bruder überschlagen. Darum warf er die Bemerkung hin: »Bei dem Herrn Amtsrichter und seiner Frau Gemahlin wurde ich sehr freundlich empfangen.«

Da schlug das Fräulein die Hände zusammen. »Himmel! Meinen Bruder habe ich auf der Liste rein vergessen. Bei dem Amtsrichter sollen Sie ja Freitags um vier essen …«

»Ja, das muß ich!« Amatus erkannte es wie eine Pflicht.

»Nun haben wir aber acht Freitische, und die Woche hat nur sieben Tage … was machen wir jetzt? Absagen können wir nicht …«

»Nein, beim Amtsrichter können wir nicht absagen.«

Sie betrachtete die Liste. »Gott sei Dank! Bei der Doktorin ist es Freitags um 12 Uhr … Sie müssen sich so einrichten, daß Sie am Freitag zweimal zu Mittag essen.«

»Ja, das kann ich!« Junker hatte zu seinem gesunden Magen das Vertrauen, daß derselbe dieses Arrangement treffen und ausführen könne.

Der Studiosus hat achtmal in der Woche zu Mittag gegessen und ist dennoch nicht immer satt geworden. Nämlich an den Tagen, wo er bis vier Uhr warten mußte, war sein Hunger oft so groß, daß er sich schämte, ihn ganz zu stillen.

Weil seine Finanzen durch die Freitische sich gebessert hatten, sah er sich nach den Genüssen der Geselligkeit um. In den Wandelgängen der Universität erfuhr er, daß die Norderhafener Studenten alle Samstagabend zwanglos zusammenkämen. Die Zusammenkünfte wurden im »Blutigen Knochen« abgehalten, und die Norderhafener Studenten bildeten eine sogenannte »Blase«, die nicht als Verbindung sich auftat, sondern nur einen Bierzipfel als bescheidenes Erkennungszeichen trug. Leer und durstig begann die Blase ihre Sitzungen, die immer zwangloser wurden, und meistens recht spät und voll verließ die Norderhafener Blase den »Blutigen Knochen«.

Sonntagmorgens brachte die Obermaatin ihrem Zimmerherrn regelmäßig den Dreiweiberkaffee.

Die etwas mittelalterliche Person blieb stehen, rückte näher und setzte sich zuletzt auf den Stuhl neben seinem Bette und oben auf seine Strümpfe. In Josephgedanken zog er die Arme unter die Bettdecke und dachte mit Willenskraft an Sylvia.

»Sie müssen sich nichts dabei denken, Herr Junker, ich könnte ja Ihre Mutter sein.« Nun dachte er sich gar nichts mehr.

»Das Gesucheschreiben hat mich ein Heidengeld gekostet … erst suchte ich um die Pension … jetzt petitioniere ich seit zwei Jahren um eine laufende Unterstützung … wenn im Himmel und auf Erden Gerechtigkeit ist, muß mir die laufende werden.«

«Ich fürchte, die laufende läuft so lange, bis sie ganz fortläuft.« Er lachte, und die Witwe weinte. Darum schrieb er das Gesuch, mit den schwärzesten Farben ihre Lage schildernd.

Als er abschlägig beschieden wurde, legte er seiner Wirtin zwei Mark zur Zimmermiete. –

Der Studiosus, der acht feste Mittagsmahlzeiten in der Woche genoß und auch mit Flüssigkeiten die lang aufgeschossene Pflanze seines Lebens begoß, nahm zu an schmucker Behäbigkeit. Über dem Leiblichen wurde die Pflege des Geistigen nicht versäumt, und er trug in dieser Epoche seiner Entwickelung Mirza Schaffys Lieder in einer Taschenausgabe als Vademecum bei sich.

Schnell geht die Zeit, am schnellsten von aller Zeit das erste Universitätssemester. Keiner kann der Sonne am Tage noch dem guten Mond in der lustigen Nacht ein Halt gebieten. Auch im »Blutigen Knochen« wurde Feierabend geboten.

In einer Mondscheinnacht schlich sich Amatus früh und heimlich aus der Hofpforte des Wirtshauses. Es war nicht der Mondschein – er wollte solide sein, weil er für den Sonntagsnachmittag zu einem Ausflug eingeladen war.

An demselben beteiligten sich die drei Lüdemannschen Damen.

Der vollgestopfte Dampfer schwamm auf der Föhrde, dem schönsten Meerbusen dieser Küste, und wand sich durch die schmale Wasserrinne des Kanals. Amatus saß dichtgedrückt neben Sylvia, und die braune Schlange ihres Zopfes ringelte sich herab und streifte oft seinen Arm. Ihr fortwährendes, aber nicht immer vielsagendes Geplauder war ihm der Inbegriff alles Wohlklangs und aller Weisheit.

Auf dem Rennsteige ging ein mühsames Menschengespann, weit vornüber gebeugt und die Tauschlinge wie ein Sielengeschirr um die Brust gelegt. Ein Everführer schleppte mit seinem Weibe das Schifflein kanalabwärts.

»Wie sauer die arme Frau arbeiten muß!« äußerte Amatus.

»Oh!« hauchte Sylvia, »süß wird ihr die Last, weil sie es aus Liebe tut und ihren Mann vergöttert.«

Er warf einen tiefen Blick auf Sylvia und lachte nicht.

Die ihren Mann vergötternde Everschifferin aber schob mürrisch das Kopftuch zurück und schimpfte, wie ein Fuhrknecht fluchend, auf die Sonnenhitze.

Man lustwandelte nach dem Kaffee in dem Gutsparke, der durch herrliche Baumgruppen und heimliche Laubengänge sehenswert war.

Amatus Junker sah nur Sylvia.

Er schwärmte nicht für die Natur,
Für Weiher, Wiesen, Wald und Flur;
Er schwärmte für Geschöpfe,
Zweibeinig und mit Zöpfen.

Voran schritt die schöne Frau Bertha mit ihrer unschönen Schwägerin, und die Schritte des zweiten Paares verlangsamten sich.

Sylvia lachte hell und hoch, als er mit ihrem Zopfe schüchtern tändelte.

Argusäugig kehrte sich die Tante. »Warum bleibt ihr so zurück, und was treibt ihr?«

Die schöne Bertha beruhigte: »Laß doch die Kinder unschuldig scherzen und spielen!«

Als der unschuldig lange Student das Haschespiel nach Sylvias Händen fortsetzte, wisperte diese: »Wir müssen vorsichtig sein!«

Aber schlagfertig gab er aus seinem Vademecum Antwort:

»Wer nie verließ der Vorsicht enge Kreise,
Und selbst aus seiner Jugend Tagen
Nichts zu bereu'n hat, zu beklagen:
Der war nie töricht – auch nie weise.«

Sie wollte weise sein und ließ ihm zwei Finger ihrer Hand.

Fräulein Lüdemann senior horchte mißtrauisch nach hinten. »Bertha, mir deucht, sie deklamieren … wenn er nur nicht dem Kinde Liebesgeschichten in den Kopf setzt!«

Frau Bertha blieb ruhig. »Sie werden ein Frühlingsliedchen oder die Loreley singen wollen und sich die Verse vorsagen.«

Aber die Jungen sangen nicht »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin«, welches die deutsche Jugend immer singt, wenn sie am allerlustigsten ist.

Amatus schaute bedeutungsvoll nach der Hecke und zwitscherte:

»Und wirft die Knospe einer Rose
Die Jungfrau mir als Zeichen hin,
So heißt das: Günstig stehn die Lose,
Nur harre aus mit treuem Sinn!«

Sylvia hob den Arm, um eine von den Wildrosen zu brechen, die in der Hecke blühten.

»A–au!« klang ein Aufschrei von hinten.

»Bertha, sie tun sich was!« kreischte die Tante, auf den Hacken wie ein Kreisel sich kehrend.

Ihre Nicht leckte den blutig gerissenen Finger.

Aber die alte Jungfer flog gleich einer gackernden Henne den Gang hinunter und hängte sich wie eine Klette an Sylvia.

So konnten die Jungen sich nichts mehr tun.

Als der Studiosus abends im Bette lag, stak die dornige Erhörungsrose in seinem Bierglase, und er schlief mit der Überzeugung ein, daß Sylvia ihn liebte.

Wo das Glück der Liebe groß ist, fehlen nicht die Liebesleiden. Die Waldfee, neben der er an jenem Freitag saß, hatte auch feenhafte Launen. Meistens hob sie ihn durch ihr Lächeln in den siebenten Himmel empor, zuweilen aber gefiel es ihr, ihn durch kühle Unart, ohne Grund oder Übergang, in die siebente Hölle hinabzustoßen.

Trotz der vielfachen Unruhe seines Herzens warf er sich auf das Brotstudium. Wollte er doch baldmöglichst ein heiratsfähiges Ziel erreichen und ein Weib sich nehmen.

Um der notwendigen Erholung willen blieb er ein treues Mitglied der Blase im »Blutigen Knochen«. Nach § 3 der drakonischen Satzung wurde das Ausbleiben mit einer Brüche von zwei Mark bestraft, und nichts, als nur der eigne Tod, galt als Entschuldigungsgrund. – –

Obgleich das Semester mit langen Schritten seinem Ende zueilte, hatte Amatus nicht Gelegenheit gefunden, seine Gefühle auszusprechen. Darum ging er an einem Sonnabend in das Lüdemannsche Haus, als er mit Gewißheit annehmen konnte, daß der Amtsrichter seinen Nachmittagstermin in der Bierstunde habe.

Das Fräulein war allein zu Hause; aber sein Frohlocken war verfrüht. Sie lag im Schaukelstuhle, die vollen Lippen spitz und säuerlich.

»Sind Sie krank?« Vorsichtig faßte er ihre Hand.

Sylvia riß dieselbe zurück und sagte impertinent: »Soll das interessant sein? Erzählen Sie mir etwas, das mich erheitert!«

Er zerrieb sein Gehirn, um einen alten Witz herauszupressen, der einen übel gelaunten Backfisch zum Lachen bringen könnte. Gleich vielen jungen Herren, die interessant sein müssen, nahm er seine Zuflucht zu den »Fliegenden Blättern« und erzählte: »Mein Fräulein, soll ich Ihnen einen für junge Mädchen passenden Stammbuchvers sagen?«

»Los!« nickte sie.

»Ein Seehund lag am Meeresstrande,
Und putzte sich die Schnauz mit Dünensande –
O, möchte stets dein Herz so rein
Wie diese Seehundsschauze sein!«

Sylvia zog die Nase kraus, als wenn dieselbe mit einem Strohhalm gekitzelt würde. »Herr Junker, Sie sind heute himmlisch – himmlisch langweilig.«

Da riß ihm die Lamms- und Liebesgeduld. »Und Sie sind höllisch unausstehlich … warum wollen Sie das sein?«

»Weil ich will, was ich will.«

Auf der Straße zermarterte er sich den Kopf, wodurch er ihre Liebe verscherzt habe, und fand keinen Grund.

Grund und Ursache lagen anderswo. Das Schaufenster einer Damenkollektion trug die Schuld. In demselben war ein neues, modernes Kostüm ausgestellt, das Sylvia durchaus haben wollte und nicht haben sollte. Der Vater, der seit achtzehn Jahren allmonatlich Schulden abzutragen hatte, lehnte höhnisch die Bitte ab. Sylvia, welche wollte, was sie wollte, konnte nicht, was sie gewollt. Infolge dieser moralischen Zwietracht zwischen Wille und Vermögen war sie launenhaft und leidend.

Der Studiosus Junker hatte ein schales Gefühl. In seinem ersten Ingrimm hätte er ins Wasser gehen mögen, in seinem zweiten aber besann er sich und ging zu Biere, um bei den Brüdern seiner Blase Trost und Erheiterung zu suchen. An dem Sonnabend war er der schlimmste Bruder und der beste Zecher.

Die Glocke hatte zwei geschlagen. Lärmend kamen die Norderhafener Kneipanten die Schloßstraße hinunter und blieben plötzlich still und sinnend vor einem Türschilde stehen, das die Inschrift trug. »Frau Müller, Hebamme.«

Der, welcher mit seinem studentischen Spitznamen Nüte hieß, sagte: »Ich habe eine großen Gedanken geboren … wir wollen das Schild ablösen und dem Professor Hegelein an die Tür schrauben … ist er doch ein sokratischer Geburtshelfer, der die im dumpfen Geiste der Studenten schlummernden Idee ans Licht der Welt befördert … aber still!«

Ein andrer, der mehr für das Geräuschvolle war, sprach: »Nein, tretet in den Hof hinter dem Hause … ich will läuten.«

Erwartungsvoll gehorchten alle. Aus Leibeskräften zog er an dem Glockenstrange neben dem Türschilde. In dem aufgestoßenen Fenster des Oberstocks kam eine Nachtmütze und eine Nachtjacke zum Vorschein.

Höflich zog der Student den Hut. »Werte Frau Müller, Sie möchten sich sofort nach der Mittelgasse 34 bemühen, aber bitte sehr schnell!«

»Sofort, sofort!« Das Fenster schlug zu.

Amatus Junker sträubte und streckte seine zehn Finger von sich. »Bei allen Göttern … Mensch, was hast du gemacht? Ich fall' in Ohnmacht … in der Mittelgasse 34 wohnt ja meine Halb- und Holztante.«

»Haha, hihi, pst, sttt«, so klang's im Hofe. Dann ging die Haustür, und Schritte klapperten auf dem Bürgersteige. Frau Müller eilte amtseifrig nach der angegebenen Straßennummer.

Was zwischen ihr und dem ehrsamen Fräulein in dunkler Nacht verhandelt wurde, ist niemals ruchbar geworden, noch ans Licht des Tages gekommen. Aber gellend schlug die alte Jungfer die Hände über ihrem Haupte zusammen, das in Ehren grau geworden, und Frau Müller fluchte wie ein Matrose und brachte auf der nahen Polizeistation einen unbekannten Mann wegen groben Unfugs zur Anzeige. Zu seinem Signalement wußte sie nur anzugeben, daß er Hut und Stiefeln getragen, und daß Augen, Nase, Mund und Ohren »gewöhnlich« gewesen seien.

Währenddessen tat Nüte sein Werk und schraubte mit Hilfe des Messers das Türschild los, das er am Hause des Philosophie-Professors Hegelein befestigte.

Es ist am Morgen schnell entfernt, an seinen Ort zurückgebracht und nirgends Meldung gemacht worden.

Die beiden großen Untaten dieser Nacht blieben unentdeckt, aber ein viel kleineres Vergehen wurde einem der Norderhafener Kneipanten zum Verderben. Die, welche bisher still gearbeitet hatten, machten jetzt in schallenden Gesängen ihren Gefühlen Luft. Doch ein Wächter der Nacht, dessen Gesetzesauge hinter dem Denkmal des Schloßplatzes lauerte, trat hervor und schnaubte, daß nächtliches Singen öffentliche Ruhestörung sei.

Die meisten Studenten zerstreuten sich ruhig. Aber Amatus Junker, der ein großer Sänger war, und Nüte konnten dem Drange der Brust nicht gebieten und ließen, Arm in Arm ihr Jahrhundert in die Schranken fordernd, ihre Stimme laut erschallen: O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum.

Der Wächter jedoch zog die Pfeife und flötete Ersatz herbei. Zwei Uniformierte sprangen aus den Nebenstraßen und machen auf dem Schloßplatz ein Kesseltreiben. Nüte gab Fersengeld und entkam, Amatus jedoch wurde in die Enge getrieben und sah nur einen Ausweg – eine schlanke Akazie, in die er, wie eine von Hunden gehetzte Katze, hinaufkletterte.

»Kommen Sie herunter!« brüllten die Wächter.

»Kommen Sie, bitte, herauf!« bat er, höflich den Hut abnehmend, und sang in Übermut: Nachtigall, Nachtigall, o wie sangst du so schön.

Die Schutzleute versuchten es mit gütlichem Zureden: »Es geschieht Ihnen nichts, Sie legitimieren sich nur und können laufen.«

»O, ich habe Zeit, bis Sie abgelöst werden, meine Herren.« Er sang das Nachtigallenlied weiter.

Da brummte der Bärbeißigste: »Töv, du Nachtigall, ich hör dich laufen!« und holte von der Feuerwehr einen Schlauch, den sie an das Wasserrohr schraubten.

Jetzt verstummte der Gesang, und die zwei Säbelbewaffneten hielten sich den Bauch vor Lachen, während der dritte den dicken Strahl nach oben richtete.

Amatus, im Augenblick durchnäßt, rutschte schleunigst herunter und gab sich gefangen. Das Wasser troff noch von ihm, als er auf der Wache stand und seine Legitimationskarte abgab. Ernüchtert, pudelnaß und fröstelnd trabte er nach Hause.

Das war am Morgen ein entsetzliches Erwachen. Konnte nicht auch die grauenhafteste Tat der Nacht indirekt auf sein Konto kommen? Aber das Universitätsgericht verurteilte ihn nur wegen des Nachtigallenunfugs zu fünf Tagen Karzer.

Der Zerknirschte dachte an seine arme Mutter und faßte in großer Reumütigkeit den Vorsatz, seinen Lebenswandel zu bessern. Es war weder sein erster noch sein letzter Vorsatz.

Er raufte sich den Haarschopf. Und die Freitische! In sechs Häusern mußte er sich entschuldigen, daß er wegen vorübergehender Abwesenheit gehindert sei, zum Essen zu kommen. Der sauerste Gang war zu Lüdemanns.

Sonderbar lächelte die Frau Amtsrichter, und Sylvia spitzte sarkastisch den Mund: »Sie wollen eine kleine Erholungsreise machen? Nach dem Aglei?«

»Nein, eine unangenehme Geschäftsreise …«

»Vielleicht für Möhler und Cie?«

Möhler hieß der Polizeimeister der Stadt. Die kleine Teufelin war witzig und wußte etwas.

Zum Glück guckte der Amtsrichter durch den Türspalt und rief ihn in sein Zimmer. Es war aber ein Unglück, denn auch der wußte alles.

Gestern abend in der Bierstunde, als der Universitätssyndikus den köstlichen Studentenspaß von der Akaziennachtigall erzählte, hatte Lüdemann sich vor Lachen ausgeschüttet und über das Taschentuch gesprudelt: »Ah, mein Freitischler … sehr gut.«

Heute aber war er ernst und eisig und kanzelte seinen Halbneffen ab: »Jä, mein Lieber, andre können sich solche Exzesse erlauben … Sie aber nicht! Sie sind auf die Hilfe wohltätiger Leute angewiesen und haben Ihre Stellung völlig verkannt. Nun gehen Sie mit Gott … in den Karzer, um über Ihre Stellung nachzudenken und Ihr moralisches Pflichtgefühl zu stärken!«

Sylvia, die gelauscht hatte, drückte dem Abgekanzelten auf dem Flure die Hand. O, sie hatte dennoch Herz und hielt zu ihm in seiner Erniedrigung und Not. – – – – –

Das erste Semester der fröhlichen Studentenzeit war zu Ende. Amatus Junker ging mit seiner Schiffskiste – so nannte er seinen hölzernen Reisekoffer oder -kasten – die von Weisheit beschwert und halb voll von Bibliotheksbüchern war, in die Ferien.

Hans Gerichtsdiener meldete den Leuten des Pappeltals tagelang vorher die Ankunft des Sohnes, der Student sei und Pastor werde. Man hielt ihn für etwas großprahlerisch, und die alte Mutter Jensen, welche Rose besprach und Karten legte, nickte mit dem Schüttelkopfe und murmelte: »Hans, die letzten Karten sind noch nicht gefallen.«

In der Dachwohnung, die sehr still gewesen war, wurde Lachen und laute Freude. Amatus mußte von der Universität erzählen, und als er die vielen Bücher auspackte, rissen alle die Augen auf und schwiegen ehrfürchtig.

Der Student hatte nicht mehr, wie bei seiner Abreise, die tiefe Ehrfurcht vor der Alma Mater, sondern äußerte: »Ja, mit denen könnte man auch als Autodidakt das Ziel erreichen. Wozu die Vorlesungen, da doch die theologische Wissenschaft längst in zahllosen, gedruckten Büchern niedergelegt ist? Wer sein Studium am eifrigsten betreibt, arbeitet in seinem Stübchen und hockt in den Hörsälen, nur soweit es erforderlich ist.«

Friedline fand Gefallen an dem Gedanken. »Ach, wenn du hier bei uns bleiben und studieren könntest!«

»Dummes Ding!« schalt der Vater, »soll er etwa vom Propsten das Predigen lernen? Das können nur Professoren einem Menschen beibringen.«

Hans Gerichtsdiener, als Vater eines angehenden Pastoren, gehörte zu den kirchlichen Leuten Norderhafens und hielt einen regelmäßigen Kirchenbesuch für eine selbstverständliche Christenpflicht.

Die Familie wanderte nach St. Marien und hörte des Propsten lange und gediegene Predigt. [Später entfallen: Hinten auf der Empore saß der Hardesvogt, nicht aus Bescheidenheit, sondern weil er zu spät gekommen war.

Am Ausgange stieß Amatus den Vater an. »Was, ist Saul unter die Propheten gegangen?«

»Ja, seit einigen Sonntagen ist der Onkel fromm geworden.«

»Vater … ich glaube, er betet, daß Asmus das Examen bestehen möge.«

Hans grinste. »Ja, wenn der Teufel Fliegen frißt, lernt auch der Hardesvogt beten.«

Vorausgesetzt, daß Berg gebetet hat, so ist sein Gebet erhört worden. Mit Müh und Not bestand Asmus die Abiturientenprüfung.

In Anlaß des freudigen Ereignisses eilte Vetter Junker nach der Norderstraße und wurde mit Wein traktiert.

Asmus hatte bereits neue, vornehme Allüren angelegt. »Natürlich, ich studiere Jurisprudenz … das ist die einzige Leiter, um des Lebens höchste Staffel zu erreichen. Juristen sind die Elite, der Adel aller Gelehrten und die Vorgesetzten in allen Fakultäten … freilich, mit mir wird es lange dauern … nach vier Jahren kannst du schon den löblichen Lebenszweck eines Pastoren erfüllen … kannst ein Weib dir nehmen und an vielen Pfeifen und vielen Kindern dich erfreuen.«

»Pfui, Asmus, du bist unartig!« schalt Silly und gab dem Vetter ein Zeichen, ihr zu folgen.]

Im Garten faßte sie seine Hand und sagte, daß er ihr viel berichten solle, und erkundigte sich nach den Verwandten eingehend. Wie alt das wohltätige Fräulein Lüdemann sei?

»Das sagt sie nicht einmal ihrem Beichtvater«, lachte er, »aber so zwischen vierzig und achtzig wird sie sein.«

Silly inquirierte weiter. Ob der Amtsrichter nicht Töchter habe? Ja, eine namens Sylvia. Was das für ein heidnischer Name sei! Und wie sie aussehe?

Er beschrieb die Waldfee mit glänzenden Farben.

Unruhig trippelte die Kousine, hing oft an seinem Antlitz und hauchte zuletzt: »Sag mir die Wahrheit … magst du die mit dem heidnischen Namen … gern leiden?«

Der Wahrhaftige beugte das Haupt und lispelte: »Ja, ich glaube beinahe … daß ich sie ganz gern mag … aber, wo willst du hin, Silly?«

Silly war durch den Garten gegangen und verschwunden.

In ihrem Zimmer saß sie stundenlang und dachte an ihre Kindheit und die Kastanienallee am Hafen.

Kurz vor dem Abendessen erhob sich Silly, nahm einen Handspiegel und stellte sich vor den großen Toilettenspiegel, hin und her sich wendend, bis sie den Rücken ihres Kleides genau betrachten konnte.

Als sie den Handspiegel fortlegte, war das Glas getrübt und eine Träne darauf gefallen.

Zweiter Abschnitt: Unfrei ist der Bursch.

[Später entfallen: Die Norderhafener Vettern reisten zusammen zur Universität – zusammen, obgleich der Hardesvogt seinem Sohn die väterliche Mahnung eingeschärft hatte, nur standesgemäßen Umgang zu suchen, obgleich Monika ihren Amatus gewarnt hatte, sich nicht vom Vetter ins Schlepptau nehmen zu lassen.]

Auf dem großen Kreuzungspunkt der Eisenbahn trafen sie im Wartesaal Willhelm Reder, der von der Universität kam.

»Du bist in den Ferien nicht in Norderhafen gewesen?«

Nein, er hatte seine Eltern nicht besucht. Das sagte viel.

»Und wohin willst du jetzt?«

»Ich will nicht … ich muß … drüben in der Marsch eine Stelle als Hauslehrer annehmen, um mir so viel zu verdienen, daß ich meine Studien fortsetzen kann.«

Berg lachte. »Lange Aussichten, mein Lieber … sagte Johann Mantros – da warf er den Anker in hundert Faden Wasser aus … du, lebt deine Schwester Klarissa noch in der Verbannung?«

»Nein, sie ist leider zu Hause.« Das Wort »leider« sagte mehr als viel.

Amatus dachte nach langer Zeit an Klarissa und fragte weiter: »Wilhelm! Deine Karoline ist ja aus Norderhafen verschwunden … hast du sie in der Universitätsstadt untergebracht?«

Reder wurde von Röte übergossen und ging mit langen Schritten aus dem Wartesaale, unwillig hinter sich rufend: »Sie hat sich selbst eine Stellung in der Mittelgasse bei einem Fräulein Lüdemann verschafft.«

Junker fuhr empor. »Was? Bei meiner Holztante?« 

[Später entfallen: Die Vettern stiegen in ihren Zug. Berg zündete eine Zigarre an, blies den Rauch von sich und blickte von der Seite empor. »So weit wirst du auch noch kommen, daß du hauslehrern mußt … warum läßt du dich nicht von den Verwandten z.B. von dem Fräulein Lüdemann ins Haus aufnehmen? Die ersparten Gelder könnten in Lustbarkeitsaktien angelegt werden.«

»Nein, frei ist der Bursch … ich will nicht unter Aufsicht stehen.«

»Ach so, du fürchtest, die Hausschlüsselfreiheit könnte dir beschnitten werden.« – – –

Amatus Junker führte seinen Vetter bei der Verwandtschaft ein, obwohl an der Schwelle der amtsrichterlichen Wohnung ein instinktives Gefühl in ihm sich dagegen sträubte. Berg trug den Gehrock und Glacés, auf dem Haupte einen Zylinder und an den Füßen Gummigaloschen, weil es geregnet hatte.

Die Familie Lüdemann kam dem Sohne des Hardesvogts mit ungemeiner Zuvorkommenheit entgegen; sogar der Amtsrichter hatte nicht die krause, gleichsam gekitzelte Nase der gemachten Liebenswürdigkeit, sondern lächelte wirklich. Er gab dem jungen Juristen gewiegte Ratschläge für sein Studium und lud ihn nach Verlauf von fünf Minuten zum Mittagessen am Sonntag ein.

Der Vetter Berg war nicht Freitischler, sondern geladener Gast!

Als die Besucher sich entfernt hatten und auf der Straße standen, vermißte Asmus seine Handschuhe und ging wieder die Treppe hinauf, um sie zu holen. Die Korridortür war nicht ins Schloß gefallen. Auf den unhörbaren Galoschen trat er in den Flur, nahm vom Toilettentisch die Handschuhe und blieb eine Minute lang horchend stehen: Im Boudoir, dessen Tür anlehnte, unterhielten sich Mutter und Tochter.

»Sylvia, wie gefällt dir der neue Vetter? Er hat etwas weltmännisch Gewandtes, das der Junker nicht besitzt.«

»Ja, Mutter … aber das runde rotgelbe Reinettenapfelgesicht … der andre ist viel hübscher, Mama, und zum Verlieben.«

»Du dumme Gans, die Männer sind nicht zum Verlieben, sondern zum Heiraten da.«

Lautlos entfernten sich die Galoschen. Das Reinettengesicht war noch gelblicher geworden.

Als die Studenten eine Strecke gewandert waren, meinte Amatus: »Du sagst ja nichts … hat Sylvia es dir angetan?«

»Ich bitte dich, der eckig magere Backfisch!«

Amatus lächelte vor sich hin und schien es dem Vetter nicht übel zu nehmen, daß dieser die Angebetete seines Herzens verkleinerte und verlästerte.

Dennoch hatte Asmus Berg an dem eckig mageren Backfisch Wohlgefallen gefunden. Bei dem Sonntagsessen, das dem Gast zu Ehren ein förmliches Diner war, saß er neben Sylvia, und seine Lust an ihr wuchs zur Leidenschaft. Wenn das Phlegma erst Feuer fängt! Seine Affekte brennen verborgen und tiefgründig unter äußerlicher Ruhe. – – –]

Klarissa Reder war »leider« zu Hause bei dem Vater und der Mutter, die in ganz Norderhafen nicht Frau Zollinspektor, sondern nur die lange Stine hieß.

Wenig Freuden hatte Klarissa, aber sogenannte Vergnügungen wurden ihr in Überzahl und zum Überdruß geboten. Sie mochte gerne tanzen, nur nicht auf den Bällen und Soireen des Bürgervereins, wo sie es mußte. Klarissa liebte Musik und Menschen und sehnte sich, wie ein Blümlein im Märzschnee, nach heitrer Luft und hellem Sonnenschein, aber wenn sie zu den musikalischen Gesellschaften ging, hatte sie ein Gefühl, als wenn sie geschleppt würde. Allen besser gestellten Herren Norderhafens, die ein heiratsfähiges Einkommen hatten, war sie vorgestellt worden.

Auf den Heimwegen wiegte die Mutter den Kopf. »Rissa! Du bist zu spröde und kriegst nie einen Mann.«

»Ich will auch keinen kriegen«, lautete die Antwort.

Frau Reder hatte nämlich einen Mann in Aussicht. Der Weinhändler Erichsen, ein wohlgestellter und wohlbeleibter Herr, der sich Witwer nannte, obgleich sein Weib nicht gestorben war, wurde oft von Zollinspektors zum Abendessen eingeladen und machte nach zwei Tagen seine Dankvisite, um von neuem invitiert zu werden.

Erichsen, der zwei Knaben hatte und von seiner Frau, die in der Irrenanstalt unheilbar dahinsiechte, durch richterlichen Spruch geschieden worden, war ein jovialer, phlegmatischer und tüchtiger Mann, der sein Geschäft besorgte, nichts Böses tat, keinem das Wasser trübte und nur den allzu starken Wein verschnitt und wässerte, damit er nicht gesundheitsschädlich werde.

Klarissa hegte gegen den Harmlosen und allgemein Beliebten einen Groll im Herzen. Nach ihren Grundsätzen nämlich war die Ehe nur durch den Tod und nicht durch Krankheit lösbar.

Galant glänzte sein fettig rötliches Gesicht. »Mein Fräulein, wissen Sie, wann ich zum ersten Male Sie recht angesehen habe? Bei Ihrer Konfirmation, als Sie im langen Kleide zart und schmuck den Gang hinaustraten … ja ich habe Sie schon lange beobachtet …«

»So!« machte Fräulein Reder, »ich erinnere mich deutlich des Tages … Sie gingen mit Ihrer Frau zum Abendmahl … o, die war damals noch so rasch und jung und schön.«

Das breite Gesicht des Weinhändlers wurde sehr lang, während die Stiefmutter spitzig blickte und das enfant terrible mit den Augen spießte.

Trotzdem erschien der Witwer am nächsten Vormittage in hohem Zylinder und mit einer dicken Mappe unter dem Arm und begann nach längerem Geräusper geschäftsmäßig: »Ich habe meine beiden Hauptbücher mitgebracht … möchten Sie durch Einsichtnahme sich von dem Stand meiner Aktiva und Passiva überzeugen?«

Der Zollinspektor schob die Bücher fort. »Tut nicht nötig, mein lieber Herr Erichsen, ich weiß, daß Ihre Firma gut fundiert ist und gewissenhaft verzollt.«

Aber seine Frau meinte: »Du könntest doch dem Herrn, der die Bücher mitgebracht hat, die Freude machen und einen Blick hineinwerfen.«

Reder blätterte, fand bald die Bilanz und nickte befriedigt.

Seine Frau, die das Nicken sah, wollte dem schwerfälligen Werber, der die Backen blies, als wenn er den Mund übervoll habe, die Sache nicht erschweren und seufzte: »Ach, ein Hausstand ohne Hausfrau und zwei Kinder ohne Mutter!«

Das war der Zünder, vom dem die voll geladenen Backen platzten. »Jawohl, eine liebevolle Frau und Mutter … Sie verstehen … ich meine Ihre Tochter.«

»Ja, wir verstehen und sind einverstanden.« Über den Tisch reckte sie den langen Arm und schüttelte dem Weinhändler die Hand, holte aus dem Buffet die Weinflasche, stutzte aber auf dem halben Wege, kehrte um und groß vier Gläser voll, in kluger Geistesgegenwart die Etikette, welche nicht Erichsens Firmenstempel trug, mit der Hand verdeckend.

Um auf das Brautpaar anzustoßen, mußte die Tochter geholt werden, welche für die weitere Handlung unentbehrlich war.

Klarissa, die in der Küche stand, sagte rundweg nein.

»Du Ungeratene!«

Ja, sie stampfte mit dem Fuße und retirierte auf den Flur. »Und wenn man mich mit Wagen und Gewalt in die Kirche bringt, schreie ich noch vor dem Altare nein.«

Frau Reder schnappte die Hutnadel und lief damit, wie mit einem Dolchlein, der Fliehenden nach. »Du bleibst hier!«

Aber die Tochter war flink und stürzte auf die Straße, den Hut schief auf dem Kopfe, weil ihr die Nadel fehlte.

Von da an wurde ihr das Elternhaus zur Hölle.

Obgleich sie die geringste Dienstmädchenarbeit tat, mäkelte und schmälte die Stiefmutter ohne Ursache und ohne Aufhör. »Du Närrin meinst wohl, daß wir doch versorgen und zuletzt im Stift einkaufen können?«

Nein, das war nicht Klarissas Meinung, die ohne Wissen der Eltern in der großen Zeitung, die in der Universitätsstadt erschien, unter den Stellengesuchen eine Annonce einrücken ließ. Sie hatte ohne Sillys Rat gehandelt und sich darüber keine Rechenschaft abgelegt, warum sie unter sehr vielen diese Zeitung gewählt.

In allem Unglück war es ein Glück, daß die erste Annonce Erfolg hatte.

Am Tage vor ihrer Abreise machte Klarissa einen Spaziergang, um von allen Stätten Abschied zu nehmen. Gedrückt kehrte sie durch das Pappeltal zurück. Dort erging sich Friedline nach täglicher Gewohnheit auf dem genau bekannten Wege, ohne einer führenden Hand zu bedürfen. Aber der Platzregen der Nacht hatte die Böschung unterwaschen, die Blinde trat in das Loch und stürzte mit einem Aufschrei der Länge nach hin.

Klarissa lief sofort herbei, hob Friedline auf und bürstete den Schmutz vom Kleide. Auch Monika, die den Schrei vernommen hatte, war schon auf der Straße.

Sie sah Fräulein Reder ins Gesicht. »Sind Sie krank, Fräulein?«

»Nein, mir fehlt nichts … ich verlasse morgen Norderhafen … und … und kann Ihnen Lebewohl sagen, Frau Junker, und Ihnen, Friedline.«

»Wohin geht die Reise?«

Klarissa nannte die Stadt.

»Dort studiert ja mein Sohn … wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn von seiner Mutter!«

»Und von seiner Schwester«, fügte die Blinde hinzu.

Ja, Fräulein Reder wollte den Gruß bestellen, wenn sie den Sohn träfe, und schritt tiefsinnig durch das Pappeltal. Am Ende desselben kehrte sie sich um und blickte lange nach der Wohnung des Gerichtsdieners, deren Fenster von der schräg darauf fallenden Abendsonne goldig glänzten. Ihre braunen, trüben Augen bekamen einen blanken Schein, denn ein seltsames Traumgefühl trug sie in ferne Zukunftstage, und ein leises Glücksgefühl beschlich sie, als wenn alles Böse gut geworden und das Elend ihres Lebens von einer leuchtenden Spätsonne vergoldet sei. – – –

Fräulein Lüdemann, die in ihren Kreisen »die Wohltätige« genannt wurde, verdiente den Ehrennamen. Trotzdem sie einen Anfall von Migräne gehabt und ihn nur durch fortgesetztes Medizinieren, durch den innerlichen Gebrauch von Zuckerstücken, auf die dreißig Tropfen Rum gegossen waren, gemildet hatte, nähte sie schon am Morgen für die äußere Mission. Ein Ballen Ramschwatte türmte sich auf ihrem Tische, und sie steppte eine dicke, warme Decke für die armen Eskimos, die als neu gewonnene Mitglieder der Brüdergemeinde mit Seehundsspeck ihre Liebesmahle und mit scheußlichem Tran ihre Teeabende feiern.

Aber die Wohltätige wurde in ihrer Missionsarbeit gestört und von Bittstellern überlaufen. Ein neunjähriger, zerlumpter Knabe, der eine eigentümliche Schädelbildung hatte und den Blick nicht aufrichtete, sagte in heulendem Ton seinen auswendig gelernten Singsang her: »Min Mutter hett en lütt Swester kregen und is so krank, so krank … und so hungrig.«

Fräulein Lüdemann reichte ihm mitleidig ein Fünfgroschenstück. Dabei fiel ihr Blick auf die auffallende Schädelform des Knaben, den sie erkannte. »Jung … vor drei Monaten hast du von mir eine Reichsmark erbettelt, weil deine Mutter ein Schwesterlein bekommen … und jetzt wieder?«

»Ja–a, bi uns kummt de Storch alle dre Monate wedder.«

Ein Griff nach den kurz geschornen Haaren des Verbrecherschädels mißlang. Der kleine Gauner schlüpfte unter den Fingern hinweg und grinste auf der Straße, sein Fünfgroschenstück betrachtend.

Nachdem Fräulein Lüdemann zur Beruhigung des berechtigten Zorns eine Dosis ihrer Migränemedizin eingenommen hatte, stach sie emsig mit der langen Nadel weiter. Und wieder klang die störende Klingel. Einer von jenen Gelegenheitsarbeitern, welche am Hafen lungern und Bollwerksbrüder heißen, bat um eine kleine Gabe und versicherte weinerlich, daß er krank sei und nicht mehr trinke.

Sie kannte ihn und wies auf seine Brust, die von den verschütteten Getränken ein glänzender Fettfleck war. »Woher rührt denn das?«

»Das … das ist nicht, was ich getrunken, sondern was ich verschüttet habe.« Er schielte darauf nieder, als wenn das Umgekommene ihm leid täte. »Gnädiges Fräulein, ich möchte zu den Wasserleuten gehören und die Verpflichtung unterschreiben.«

Das Gesicht der alten Jungfer erhellte sich. »Wollen Sie auf einen Monat sich verpflichten?«

»Nein, auf drei Monate.«

Sie holte sogleich ihre gedruckten Enthaltsamkeitsformulare herbei und ließ ihn unterschreiben. Weil sie eine genaue Statistik der Geretteten führte, wurde der neue Name als Nummer 43 ins Buch eingetragen. Mit einer langen Ermahnung und einer kleinen Gabe schloß Fräulein Lüdemann die feierliche Aufnahme.

[Später entfallen: Gegen Mittag kam Asmus Berg und kneipte auf dem Flure in der Freude des Wiedersehens Karolines Hängebacke. Er wurde von Fräulein Lüdemann überaus herzlich empfangen, die, gleich den meisten alten und auch jungen Jungfern, einen regen Forschungstrieb besaß und ihn auszufragen begann. Ob sein Vetter ein fleißiger Mensch sei? Ob er sich an studentischen Kneipereien beteilige?

Asmus lobte den Abwesenden und machte der Anwesenden sein Kompliment. »Ihre Güte verschaffte ihm Freitische, sonst könnte mein Vetter, der nur ein Stipendium von 240 Mark bezieht, überhaupt nicht existieren … für Zimmermiete allein muß er 144 Mark bezahlen … Sie wissen nicht irgendwo eine Kammer, die ihm billig überlassen werden könnte?«

Die Tante wiegte sinnend den Kopf. »Nein … ja … ja, ich habe ein Gastzimmer, ein sehr kleines …«

»O, er ist äußerst bescheiden und anspruchslos …«

»Hm, wer zween Röcke hat, gebe dem, der keinen hat«, murmelte sie und erhob sich in einem plötzlichen, heroischen Entschluß. »Ich will dem armen Menschen das Zimmerchen überlassen, auch morgens Kaffee und Brötchen ihm geben.«

Nachdem Asmus Berg dieses gute Werk ausgerichtet hatte, drückte er der Tante die magere Hand und draußen im Vorbeigehen dem Dienstmädchen Karoline den runden Arm. –]

Es war der Freitag, an dem Junker zweimal zu Mittag aß. Bei Amtsrichters fand er einen neuen Freitischgast vor, der ihm als Herr Evers und als Mediziner in höheren Semestern vorgestellt wurde. [später entfallen: Derselbe] war [später entfallen: von rundlicher Gestalt und sehr] modisch gekleidet und machte einen [später entfallen: eigentümlich] geleckten Eindruck, weil er das Blondhaar mit Pomade geklebt hatte und ihm der Scheitel sauber und schnurgerade von vorn nach hinten lief. Von dem Anblick des Pomadisierten in seinen burschikosen Gefühlen verletzt, strich Amatus seine starken Haare steil in die Höhe. Der Mensch war ihm mehr als unsympathisch.

Und der saß neben Sylvia und reichte ihr verbindlich mit den schön gepflegten Händen, die krallenlange Nägel hatten, die Schüsseln. Sie warf Junker einen lächelnden Trostblick zu und sagte: »Sie essen ja nichts.«

Nein, er hatte wenig Eßlust und mußte an das Wort eines Kommilitonen denken, der die Hände erhoben und ausgerufen hatte: »Himmel! Acht Freitische hast du Unglücksseliger … acht Freitische sind acht Heiratsvermittler.«

Gegen Schluß des Mahles sah der Amtsrichter über sein Glas, als wenn er Amatus aufs Korn nehme, und der Schuß fiel. »Äh, mein lieber Junker, in Erwägung Ihrer Lage hat meine Schwester beschlossen, Ihnen ein kleines Freizimmer in ihrem Hause zu geben.«

Junker war ärgerlich, daß hier vor dem protzenhaften Mediziner seine Armut, um die es nicht so schlimm stand, ausposaunt wurde. Aber sein verlegenes Gestammel wurde als dankbare Rührung aufgefaßt.

So hielt Amatus mit der schwarz angestrichenen Schiffskiste seinen Einzug in die Mittelgasse 34. Kurz und enge war die Kammer, und der Gang, der sich hindurch zog, war so schmal, daß Karoline nicht mit der vollen Breitseite ihres Körpers sich darin bewegen konnte. Schräg hindurch sich luvend, half sie ihm beim Auspacken und legte eine Decke auf die Schiffskiste, damit sie etwaigen Besuchern als Sofa diene.

Als er der treuen Magd dankte, holte sie aus der Brust einen tiefen Seufzer: »Ach, undankbar sind die Menschen.«

Er mißverstand das Seufzen und griff in die Tasche. »Ja, viel Gold und Silber habe ich nicht.«

Sie wehrte ab. »Nein, Wilhelm Reder ist undankbar … seit einem Monat hat er mir nicht geschrieben.«

»Ah, Sie korrespondieren mit ihm?«

»Ich hatte dem armen Menschen halbjährlich zehn Taler von meinem Lohn angeboten, zum Weiterstudieren … das hat er patzig abgelehnt und antwortet mir auf meinen letzten Brief nicht mehr.«

Karoline weinte ihren Kummer in die weiße Schürze aus, während Amatus in die blaue Luft blickte. –

Zwei Wochen lang verhandelte der neue Bewohner der Mittelgasse 34 mit dem Fräulein Lüdemann hin und her, bis er ihr begreiflich machen konnte, daß ein Hausschlüssel zu den Bürgerrechten eines akademischen Bürgers gehört.

Alle Samstagabend wanderte er nach dem »Blutigen Knochen« und war ein treues Mitglied seiner »Blase«. Weil sein Budget sich um die ersparte Zimmermiete erhöht hatte, nahm er auch an dem sonntäglichen Frühschoppen teil, aber erst nach dem Gottesdienste, denn die Kirche durfte er nicht versäumen, weil die Tante sein Erscheinen beobachtete. So wurde er beides, ein regelmäßiger Kirchgänger, aber auch ein regelmäßiger Frühschoppenbesucher.

Trotzdem die gute Karoline ihm oft den Hausschlüssel mit Öl einschmierte und er möglichst leise sein Lager aufsuchte, hatte die Tante einen noch leiseren Schlaf.

Einmal, als er beim Morgenkaffee die Semmelbissen im Munde drehte, fragte sie malitiös: »Schmeckt's?« Und dann: »Wann kamen Sie nach Hause?«

»Es war gewiß nach zehn …«

»Ja, ganz gewiß … junger Mann, wollen Sie ein christlicher Theologe sein?« Sie sagte nichts weiter, sondern gab ihm einige Hefte, von dem Pfarrer Blumhardt in Bad Boll herausgegeben, die sie höher als irgend eines Theologen Schriften schätzte.

Die reumütige Anwandlung hinderte ihn nicht, auch in Zukunft sich an der Kneipe und dem Katerfrühstück der Norderhafener zu beteiligen.

Weniger regelmäßig war sein Besuch der Vorlesungen. Fern hielt er sich von dem Kolleg jenes Professors Hegelein, der über Logik las und einmal mit verblüffender Ruhe den Satz aussprach: »Von allen Philosophen der Welt ist Aristoteles der größte, der zweite ist Hegel der Große, den dritten verbietet mir meine Bescheidenheit zu nennen.« Die Zuhörer hatten einen stupiden Gesichtsausdruck, als sie den Ausspruch hörten, welcher einzig von allen Philosophemen des Mannes eine heitere Unsterblichkeit erlangt hat.

An der Universität stand ein alttestamentlicher Professor, der in seinem Anschlag über die ersten vierzig Kapitel des Jesaias zu lesen versprochen hatte, aber gegen Schluß des Semesters noch am zwölften Kapitel herumdeutelte und -distelte und mit Überstürzung zwei Verse in einer Stunde erklärte. Nicht viel anders machten es die andern Professoren. Kaum einer brachte das in Aussicht gestellte Pensum zum Abschluß.

Mithin kam der Studiosus Junker bald zu der Erkenntnis, daß alle seine Kollegienhefte schwanzlose Fragmente bleiben würden, wurde lässiger im Besuche und ließ auch hier und da ein Mittelstück fehlen.

Aber weil er keine phlegmatisch träge Natur war, studierte er fleißig in seinem Vademecum. In den schönen, sehnsuchtsvollen Dämmerstunden, wenn die gute Tante in irgend einem Frauenverein tagte und mit Worten tatete, suchte sein Gemüt sich mitzuteilen. Nachdem er Karoline aus der Küche geholt und ins Sofa genötigt hatte, schritt er in der besten Stube des Fräuleins deklamierend auf und ab. Das Dienstmädchen war sehr aufmerksam, und ihr rund-rotes Gesicht leuchtete wie ein Bühnenmond durch die Dämmerung.

Mit Schauer sprach er die Worte: »O, ewig möcht' ich trunken sein und ewig ganz versunken sein in deinen weißen Armen …«

»Sie kicherte: »Meinen Sie mir?«

»Nein, bei meiner Zuleikha!« antwortete er, die Hand erhebend.

Karoline fing an zu grunzen: »Öh … ich weiß wohl, Sie meinen die Lüdemannsche… das impertinente Ding!«

Er spießte zornig nach ihrem Gesicht. »Was unterstehen Sie sich zu sagen?«

»Ich wage zu sagen, daß sie eine ausverschämte Person ist … neulich kommt sie angetrippelt und streckt den Fuß aus: Ziehen Sie mir die Gummischuhe aus! … das verlangt nicht einmal mein Fräulein von mir.« Karoline rauschte in die Küche hinaus.

Weil aber die Vorlesungen aus Mirza Schaffy ihrem poetischen Gemüt zusagten, bat sie ihn in der nächsten Schummerstunde, mit dem schönen Buch ins Wohnzimmer zu kommen.

Als der Bühnenmond am hellsten leuchtete, blieb er mitten in der Dichterpose stehen, aus dem Fenster starrend und verstummend. Sylvia trippelte mit kleinen, künstlichen Schritten über die Straße und auf die Mittelgasse 34 zu! Wie Erleuchtung schlug es ihn, daß jetzt sein Schicksal sich entscheiden müsse. Darum grapste er Karolines Arm und zerrte sie vom Sofa empor. »Um alles in der Welt! Gehen Sie hinaus! Meines Herzens Sein oder Nichtsein hängt von dieser Stunde ab.«

Das diskrete Dienstmädchen verschwand lächelnd, ging aber aus der Küche in die Schlafstube, um an der Tür zu lauschen. Ihr lang gehegter Wunsch, eine wirkliche Liebeserklärung, nicht eine von den künstlich gemachten der Theaterstücke, mit eignen Ohren anzuhören, sollte sich erfüllen.

Sylvia schlug die Lider wie einen Schleier über die Augen. »Wenn meine Tante nicht zu Hause ist, darf ich nicht bleiben.«

Dennoch blieb sie, und er zog sie an den Händen, nicht ins Sofa, welches noch von Karolines Körperwärme warm war, sondern in den Ohrsessel, welcher der Tante Leibstuhl war. Zu ihren Füßen niedergerissen, lag er auf dem reinen, unentweihten Schemel und stammelte: »Sylvia, können Sie mich ein wenig lieben?«

Der Backfisch zupfte an dem kurzen Rocke und dem langen Zopfe und wurde rot und schelmisch. »Ja, ich liebe Sie … ein wenig … sehr viel … gar nicht …«

Aber sie ließ es geschehen, daß er sie in die Arme nahm und vernahm mit Wohlgefallen den neuen Namen Waldfee, und wie er ihre Schönheit und Unschuld pries.

Karoline hatte gehört, wie ihr Zukünftiger es machen müsse.

Immer stürmischer preßte der Student das Mägdlein an die Brust. »Sylvia, du bist meine Braut … ich möchte mein Glück in alle Welt hinausschreien.«

»Um Gottes willen!« Ein Schreck befiel sie. »Kein Mensch und am allerwenigsten meine Eltern dürfen etwas merken.«

»O, ich will arbeiten und streben und ringen, um dich heimzuführen.«

»Ach, Amatus … Heiraten ist so gewöhnlich … meine Mutter hat meinen Vater genommen, und sie lieben und küssen sich doch gar nicht mehr … wir wollen uns nur lieben.«

Er machte ein bedenklich verliebtes Gesicht und küßte sie.

Karoline, der die kosenden Laute zuletzt langweilig wurden, klopfte plötzlich an die Zimmertür. Darüber erschrak Sylvia so heftig, daß sie schnellen Abschied nahm. Obgleich Amatus ihr nachlief, trippelte mit den kleinen, künstlichen Schritten von dannen.

Amatus' Augen waren groß, als er Karoline fragte: »Haben Sie gehört?«

Die Magd verschluckte ein Gekicher. »Ja … das soll man wohl hören … die hat ein gehörig großes Küßzeug.«

»Pfui!« sprach er. Die Anspielung auf Sylvias zu volle Lippen war ihm Blasphemie in dieser Stunde. – – – –

Der Studiosus Junker hatte seinen ersten Freitagstisch bei einer Doktorwitwe, die nicht weniger als sieben Theologiestudierende mittags »abfütterte«, wie es in der akademischen Sprache hieß. Doch erhoben sich nur die Schweigsamen gesättigt vom Tische. Die Doktorin nämlich unterhielt ihre Gäste mit einer solchen Lebhaftigkeit, daß diejenigen, welche sich ins Gespräch ziehen ließen, wenig zum Essen kamen. Wenn aber alle Gabeln und Messer fortgelegt und stille wurde, fiel es ihr plötzlich ein, daß sie noch nichts genossen habe, und sie füllte sich den Teller bis zum Rande.

Junker konnte sich an seinem zweiten Tische satt essen und fand Gelegenheit, Sylvia die Bitte um ein Stelldichein zuzuraunen, das ihm auch ohne Zimpern und Zögern am Sonntagnachmittage um fünf Uhr im Kronsberger Gehölz gewährt wurde.

Sonntags um dreieinhalb hatte er seinen Tisch weit draußen bei einer verwitweten Frau Hauptmann Reinhard, einer alten, allzu wohlwollenden Dame, die ihn fortwährend nötigte und nach der süßen Speise nicht gehen ließ, sondern oft stundenlang durch Konversation festhielt. Die Hauptmännin war nämlich eine große Politikerin, die vier Tageszeitungen las.

An dem betroffenen Sonntage zog er oft die Uhr und rückte unruhig und unglücklich auf dem Stuhle. »Verzeihen Sie, gnädige Frau …«

»Nein, Sie stören mich durchaus nicht.« Sanft drückte sie ihn in den Sessel zurück und rollte lang und breit die türkische Frage auf.

Wieder zitterte die Uhr in seiner Hand, und er hob den Oberkörper. Zehn Minuten vor fünf!

Doch die gütige Dame hielt ihn am Rockknopfe fest. »Was halten Sie von der Zukunft Bulgariens?«

Er hielt es nicht länger aus, sondern riß sich los und schnappte nach seinem Hute. »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich muß gehen.«

Die Hauptmännin blickte ihm bestürzt nach und sagte mit einem bedauernden, von einem gewissen Lächeln begleiteten Gesichtsausdruck zu ihrem Fräulein: »Der arme Mensch … weiß vielleicht gar nicht … wo er hier hingehen soll.«

Amatus Junker wußte sehr wohl, wohin er seine Schritte lenkte, und rannte wie ein Dauerläufer durch die ganze Länge der Stadt und nach dem Kronsberger Gehölz, das er außer Atem ein Viertel nach fünf erreichte.

Fräulein Lüdemann kam ihm keinen Schritt entgegen, sondern grüßte schnippisch: »Eine Dame läßt man nicht warten.«

Er erschrak vor dem neuen, nie gesehenen, essigsauren Ausdruck ihres Gesichts, und der erste Zweifel flog wie ein kühler Luftzug gegen sein Gemüt. »Sylvia, keine Viertelstunde kannst du warten … wirst du vier oder fünf Jahre in Treue ausharren können?«

»O, du prosaischer Rechenmeister! Ich habe nie rechnen können.« Sie streichelte begütigend sein Kinn. »Laßt uns leben und lieben, singen und selig sein!«

Das Pärchen aber sang wohlweislich nicht, sondern wanderte auf den verstecktesten Waldpfaden und trieb mäuschenstill und menschenscheu die törichten Dinge der Jugend.

Der Studiosus Junker war nur in seinen Freistunden ein verliebter Träumer, aber tagsüber ein äußerst fleißiger Arbeiter. Mit der Feder in der Hand in die theologischen Bücher vertieft, füllte er die Lücken der fragmentarischen Kollegienhefte aus und brachte so alle unvollendeten Vorlesungen seiner Professoren zu einem bündigen und befriedigenden Abschluß.

Auch seinem Lieblingsstudium, der Geschichte der Philosophie, widmete er täglich eine Stunde. Alle Systeme von Heraklit dem Dunklen bis zu Hegel dem Allerdunkelsten durchforschend, suchte er in den Werken der Weltweisen nach dem letzten Grund des Seins. Sie alle wollten ihn gefunden haben, aber in den grundverschiedensten Dingen, in Feuer und Wasser, in Molekülen, Materie und Geist und sogar in der toten Zahl. Je weiter er in die mit schweren, undenkbaren Begriffen verbarrikadierte Wissenschaft und ihre labyrinthischen Gedankengänge hineindrang, desto enttäuschter merkte sein gewöhnlicher, aber gesunder Menschenverstand, daß diese Klugen und Ausklügler sämtlich zu einem letzten Urgrund kamen, daß eben dieser Urgrund aber von ihnen selbst gesetzt und sozusagen durch menschlichen Machtanspruch geschaffen worden war und darum eine unbewiesene Voraussetzung blieb.

Über solche Fragen grübelte der Philosoph Junker, als der Vetter ihn besuchte und ausrief: »Was? Du ochst? Mensch, Mensch!« Er wollte den Ochsenden an sein Menschentum erinnern.

Amatus klappte sein Buch zu. »Ja, mir wird oft ochsdumm bei dieser Philosophie, die ewig neue Ausgeburten ihrer Vernunft erzeugt und gleichwie Kronos ihre eignen Kinder auffrißt. Sobald ein neues System geboren ist, stürzt es sich mit einem kannibalischen Haß auf seine älteren Brüder und sucht sie alle zu verschlingen.«

Asmus lächelte überlegen. »Natürlich … die Philosophie hat immer die Welt nach ihrem Bilde, d.h. nach ihrer Einbildung geschaffen, und ihre Geschichte ist nichts als eine Reihe widerlegter Systeme … hast du auch die Glocken der neuen Erkenntnis läuten hören?«

»Nein, bei mir kommt die alte Theologie zu neuen Ehren, und ich gründe eine Philosophie, deren Grund einfach heißt: Gott ist! Warum so viel der Arbeit und des Aufhebens und des gelehrten Geschreis? Wenn doch der Gelehrteste nicht weiter kommt, als daß er einen festen und ewigen Punkt ins Universum hineinpflanzt und dieses unbekannte riesengroße X als Idee oder Monade oder mit allen möglichen Namen benennt. Warum nicht lieber, da doch das Ende aller Menschenweisheit eine unbeweisbare Voraussetzung bleibt, mit der Gottesgelehrtheit einfach und einfältig den Grund aller Dinge mit den zwei Worten setzen: Gott ist? Aus den schlichten Satz entwickelt sich eine Welt und Weltordnung, leichter, logischer und lieblicher als aus den begrifflichen Deduktionen der Denker, die irgendwie und -wo ein Luftfundament bilden und darauf ihren schwerfälligen und spitzfindigen Gedankenbau aufrichten. Hegel der Allerdunkelste aber baute das allerhöchste Wolkenkuckucksheim, auf welches Professor Hegelein noch einen Turm mit blinden Fenstern im Schweiße seines Geistes zu setzen sich bemüht.«

Vetter Berg roch mit der gerümpften Nase über den Tisch. »Hier ist theologische Stiftsluft … Leichengeruch der Vernunft, die sich selbst gemordet …«

Der andre fuhr auf. »Gibst du nicht selber zu, daß die Weltweisheit nur ein fortwährender Brudermord ihrer eigenen Geistesgeburten ist? Olet … das muß erst recht stinken.«

Asmus kniff das eine Auge zu. »Ich habe das System aller Systeme, welches eben kein System ist. Mein lieber und gelehrter Theologus, nun tue deine Ohren auf und höre und ärgere dich an mir! Das Christentum ist die Religion der Menschenschwächung, denn seine Liebkinder sind die geistig Armen und die großen Sünder, und es hat immer die Jämmerlichsten der Menschengattung als die Seinen auserwählt. Welche vernunftwidrige Zuchtwahl ist das! Durch seine schonende Fürsorge für den leidenden Typus Mensch hat das Christentum die Schwächlinge der Gattung gehätschelt und erhalten. O, über die törichte Mitleidsmoral, die Jahrhunderte lang Geisteskrüppel und Sklavenmenschen künstlich gezüchtet und die kleinlichen, kränklichen und mittelmäßigen Christenmenschen unsrer Zeit hervorgebracht hat!«

Amatus fiel ihm entsetzt in die Rede: »Du! Kein Mitleid ist der Mord aller Moral.«

Der Vetter Berg lachte laut. »Haha, es ist eben eine Umwertung aller Werte. Das Ego, das Ich, das dir nach deinem Katechismus zu kreuzigen und zu töten befohlen ist, soll auf den Thron gehoben werden und herrschen. Das Ich, das sich nach allen Seiten ausleben und seine Ziele erzwingen muß, das Ego mit seinem ewigen Willen zur Macht war und ist und wird das Prinzip der Welt sein. Dreist und gottlos singe ich dem Egoismus einen Lobpsalm, denn nur der Egoismus hat die herrlichsten Dinge und Ereignisse der Erde ausgerichtet, und alle großen Männer der Geschichte waren gewaltige, hinreißende, rücksichtslose Herrenmenschen, die jenen krassen, egoistischen Willen zur Macht besaßen und durchzusetzen verstanden. Wenige an Zahl, kaum einer in jedem Jahrhundert, stürmen sie über die Erde und machen alles sich untertan. Aber alle, von Alexander bis Fridericus Rex, vom gigantischen Korsen bis zum größten Staatsmann unsrer Tage, sind solche egoistische Herrenmenschen gewesen, die ohne Gnade zertraten, was und wer ihnen und ihren Zielen in die Quere kam.«


[Später entfallen: Junker fing an satirisch zu schmunzeln. »Ah … du willst zum Staatsmann des nächsten, des zwanzigsten Jahrhunderts dich entwickeln?«

»Für uns gewöhnliche Herdenmenschen, die wir zu einer etwas höheren Gattung uns erheben möchten, ist die Moral von der Geschicht, ist die Moral der Weltgeschichte: Nur die selbstischen, selbstbewußten und willensstarken Menschen leben ihr Leben und erreichen ihre Ziele.«

Amatus erhob energisch Einspruch: »Das sieht der Unmoral verteufelt ähnlich, die schwarz zu weiß und böse zu gut macht.«

Asmus Berg blies den Rauch der Zigarre von sich. »Pah … wenn gut und böse Ammenbegriffe wären! – Ich sehe … mir und meinem Zarathustra sind noch nicht Ohren gewachsen.« Von der Höhe der philosophischen Betrachtung machte er einen plötzlichen Sprung in die triviale Tiefe des Lebens. »Du! Ich bin abgebrannt und muß mir Geld verschaffen.«

Der Vetter Amatus, der einen Wink heraushörte, kraute sich. »Schlag doch mit deiner Herrenmoral einen reichen Juden tot … ich darf ja nach deiner Lehre kein Mitleid haben und könnte dir nur sechs Mark borgen.«

»Sechzig müßten es mindestens sein, die ich irgend einer Krämerseele mit Gewalt und List abnehmen will … hm, deine Wohltätige könnte auch einmal mir zur Wohltäterin werden.«

Berg ging dreist in Fräulein Lüdemanns Wohnung und sagte höflich zu der alten Dame, die einen großen Haufen kleiner Münzen sortierte, daß sie sich im Dienste ihrer Mitmenschen aufreibe. Ja, sie habe in diesen Tagen eigenhändig eine Hauskollekte für das Waisenhaus gesammelt.

»Fällt es Ihnen nicht schwer, die Leute um Geld und Gaben anzusprechen?« Die Frage war ein Fühler.

»Nein, für andre zu bitten, macht der Herr unendlich leicht.«

Bei diesen Worten wurde dem abgebrannten Studenten leicht und keck ums Herz. »Mein Vetter, von dem ich komme, war in großer Verlegenheit und hatte nur sechs Mark … leider konnte ich ihm nicht unter die Arme greifen, da ich selbst gegen Schluß des Semesters …«

Sie verstand, was er verschluckte, und lächelte. »Sagen Sie nur, wie viel! Eine Fürbitte für andre wird immer erhört.«

Das Fräulein trippelte in die Schlafstube, holte unter dem Bett einen eisenbeschlagenen Kasten hervor und kniete vor der Mammonskiste.

Die Hand, die ihm drei Goldstücke hinlegte, küßte der Dankbare und flüsterte vertraulich und vorsichtshalber: »Ich möchte nicht, um das Zartgefühl meines Vetters zu schonen, daß er etwas von dieser Sache erführe.«

Nein, die Wohltätige ließ ihre linke Hand nicht wissen, was die rechte tat, und schaute dem Hinausschreitenden mit dem Blick der Überzeugung nach, daß ihr Halbneffe Berg ein guter Mensch sei.

Der gute Mensch ging in die schmale Freikammer seines Vetters und sagte großmütig: »Komm, heute wollen wir uns fix amüsieren, und ich halte dich frei.«

Durch mancherlei Wirtschaft wanderten sie selbander und wurden immer lustiger. Es war eine von Junkers Eigentümlichkeiten, die der Vetter kannte, nämlich daß er nach dem dritten Glase nicht mehr gut nein sagen konnte, wenn er mit der nötigen Freundlichkeit genötigt wurde.

Sehr spät standen die Studenten vor dem hell erleuchteten Lokal, das die Lotosblume hieß, und aus dem kreischender Singsang auf die Straße hinaus scholl. Der Verführer sagte ermunternd: »Schöne Heben kredenzen die schäumenden Gläser.«

»Schäumend? Ja gewiß, denn fünf Zehntel sind Schaum … aber zehn Pferde ziehen mich da nicht hinein.« Hier vermochte Amatus, eingedenk des Worts, das er vor langer Zeit der Mutter gegeben, energisch nein zu sagen.

Vor der Lotosblume trennten sich die Wege der Vettern in der fix veramüsierten Nacht. – – – – –]

Hans Gerichtsdiener trottete in den großen, geschmierten Stiefeln auf dem holprigen Pflaster Norderhafens seine Beamtengänge ab und schwatzte gern mit den Leuten. Weil die stereotype Redewendung »Mein Sohn, Sie wissen ja, der Student« in seinen Gesprächen oft wiederkehrte, gaben die boshaften Schreiber, mit denen er kein Glas mehr trank, dem alternden Gerichtsboten den Spitznamen »Hans Student«.

Es war in diesem Sommer, wo die neuen Enthaltsamkeitsapostel, die sogenannten Goodtemplars, die dänische Grenze überschritten und in Nordschleswig einen Kreuzzug wider den Alkohol predigten. Sie warben viele Anhänger und erregten großes Aufsehen in der Stadt, weil sie manchen Trunkenbold aus der Gasse hoben und zum nüchternen Menschen machten.

Aber Hans ging nicht zu den Goodtemplars, sondern warf sich etwas prahlerisch in die Brust und erklärte jedem, der es hören wollte, daß er mit sich selbst den ersten Enthaltsamkeitsorden in Nordschleswig gegründet habe und der allererste Temperenzler Norderhafens gewesen sei.

Zu seines Weibes herzlicher Freude blieb er strikt enthaltsam. Sogar der Hardesvogt mußte einmal sagen: »Alle Achtung, Schwager! Du bist ein Fester!« Da hatte er, beim Sonntagbesuche, im Nebenzimmer zwei Gläser Wein eingeschenkt und das eine stillschweigend vor Hans Junker hingeschoben. Es war ebenso stillschweigend denselben Weg zurückgeschoben worden.

»Was? Darfst du auch keinen Wein trinken, Hans? Dabei habe ich mir wirklich nichts gedacht.«

Auf dem Heimwege gab der Gerichtsdiener seiner Ehehälfte einen vertraulichen Puff und plierte pfiffig. »Dein Bruder legt Fallen, in die nur eine dumme Maus hineingeht.«

Monika flüsterte, seinen Arm ergreifend: »Hans, es ist wie vor fünfundzwanzig Jahren und unsre Ehe wieder friedsam und gut und glücklich geworden.«

Worauf er jugendleicht die Beine warf. »Mutter, wenn man einen Sohn hat, der Pastor wird, paßt sich das nicht mehr … ich trinke keinen Spiritus … außer beim Abendmahl, versteht sich.« –

Eines Morgens hatten Mutter und Tochter eine rechte Weile still beieinander gesessen, und jene fragte: »Woran hast du gedacht, Friedline?«

»Ich habe für den Bruder gebetet … und du, Muttchen?«

»Ich habe auch für ihn gebetet, denn eine Ahnung unruht mich, als wenn er in Widerwärtigkeiten wäre … es sollte doch nicht das Geld ihm ausgegangen sein?«

»Nimm zwanzig Mark von meinem Gelde und sende es ihm!« Friedline, die vor kurzem ein Blindenlegat von sechzig Mark jährlich bekommen hatte, lief zum Schränkchen, das ihr gehörte.

Lange hat Frau Junker sich und ihren Gott und ihr Gewissen gefragt, ob es recht sein würde, und ist schließlich doch zur Post gegangen.

Amatus war nicht in finanzieller Bedrängnis, aber in Herzensunruhe und Seelennot. Die wetterwendische Waldfee, die zuweilen durch ihr Zuspätkommen ihn gequält hatte, war zum letzten Stelldichein im Kronsberger Walde nicht gekommen. Zwei Stunden ging er harrend auf und ab, bis die ersten Lichter in der Stadt angezündet wurden und die letzte Hoffnung erlosch.

An dem Freitischfreitag, den er seinen Foltertag nannte, hatte er seinen Kummer und seine Vorwürfe in einem Brieflein ausgesprochen, das er, um es schnell bei der Hand zu haben, in der Westentasche barg. Auf dem dämmrigen Flure meinte Junker das Parfüm des pomadisierten Evers, für das er eine scharfe Witterung hatte, zu riechen, und schaute sich stutzend um. Dort stand das untersetzte Herrlein breit vor dem Spiegel, bürstete sich die Haare glatt und zwirbelte den allzu kurzen Schnurrbart.

Vor der Tür des Eßzimmers verbeugte sich der Theologe vor dem Mediziner in höheren Semestern, aber mit einem malitiösen Lächeln. »Bitte, Herr Evers, Sie sind der Ältere!«

Selbstverständlich nahm Evers die Ehre des Vortritts an, klopfte und drückte die Klinke auf. In dem Augenblick fuhr der Teufel der Bosheit in Amatus, und hinterrücks die Hand über dem Haupte des Ahnungslosen erhebend, strich er mit allen fünf gespreizten Fingern durch das geklebte Haar, so daß die fettigen Strähnen hoch und wirr und wild nach allen Seiten standen.

Der übel Frisierte konnte nicht mehr zurück und stand mitten im Zimmer, ungelenk sich verbeugend und mit den nervösen Händen das gesträubte Haar herunterstriegelnd.

»Ich muß an den Struvelpeter auf meinem alten Bilderbogen denken.« Kindlich kicherte Sylvia und lachte den Mediziner aus.

Das Lachen der Waldfee machte dem Theologen einen guten Mut, so daß er trotz seiner Übeltat unverzagt ein- und auftrat. Doch seine Keckheit bekam einen Dämpfer. Nachdem ein paar geräusperte Ansätze, die er machte, um sich an dem lauten Tischgespräch der andren zu beteiligen, verloren gegangen waren, schwieg er in der stillen Einsicht, daß er hier nicht als Gast sitze, mit der Pflicht zu konversieren, sondern als Freitischler, um sich tüchtig satt zu essen. Solches tat er darum mit einer grimmigen Gründlichkeit, und er aß mechanisch und fast unmäßig von der guten, gebratenen Leber, ohne recht zu wissen, was und wie viel er aß.

Nach Tisch, als Sylvia den Kaffee reichte, griff Amatus in die Westentasche und schob ihr geschwind das Brieflein zu. Ihre Finger, die flink zum Greifen und zum Begreifen waren, hielten es fest; und die Hebe ging harmlos und ohne Erröten weiter.


Gleichzeitig empfahlen sich die drei Studenten. Auf der Straße trat der Mediziner dicht an den Theologen heran und schrie mit näselndem Geschnaube: »Herrrr! Sie … Sie sind ein Unverschämter.«

[Später entfallen: Sofort trat Asmus Berg für seinen Vetter in die Bresche. »Herr Evers, das ist eine Insultation!«

Worauf der Mediziner in kläglich hohen Tönen krähte: »Er hat mich insultiert und lächerlich gemacht … ich werde … ich würde ihn auf Pistolen fordern … wenn ich nicht ins Examen ginge.«

Berg sagte ruhig-energisch: »Mein Vetter wird die Beleidigung nicht einstecken.«

Aber Evers begann zu stottern: »Jetzt … jetzt kann ich nicht, des Examens wegen … aber später … später können Sie Satisfaktion bekommen.« Er sprach's und war mit einer höflichen Schwenkung des Hutes verschwunden.

Zwischen den beiden Freitischlern des amtsrichterlichen Hauses ist es trotz der redlichen Bemühung des Sekundanten zu keinem Duell gekommen.

Der Kandidat der Medizin haßte Kugeln und Geknalle und liebte das Leben. Und der Theologe Junker hatte so viel Ehrbegriff und Selbsterkenntnis, daß er das Scheltwort auf seinem Schilde sitzen ließ, weil er sich bewußt war, unverschämt gehandelt zu haben. – – –

Sylvia eilte zu dem Waldstelldichein und in die weit ausgestreckten Arme ihres langen und schmucken Liebhabers. Doch lugte sie scheu durch alle Büsche und schien zu Gewissensbedenken und dem Bewußtsein gekommen zu sein, daß sie auf verbotenen Wegen wandle.

»Weißt du, was ich dir opfre? Amatus, versprich mir, daß du vorsichtig sein und auch nicht deinem besten Freunde etwas von unsrer Liebe anvertrauen willst!«

Mit einem kurzen Ja gab er das Versprechen, das er mit langen Küssen besiegelte.

Der braunäugige Backfisch, der immer üppiger reifte und nur den Zopf der kindlichen Unschuld behalten hatte, war der Reichtum und das Glück des armen Freitischstudenten. Doch es war ein unruhiges und oft aufgeregtes Glück, dem der eigentliche Inbegriff alles Wohlbefindens, der Friede, fehlte. –

Seit jenem Freitage, wo Junkers Brief von Sylvias Fingern festgehalten wurde, war Asmus Berg noch viel liebenswürdiger gegen seinen Vetter geworden und lud ihn zu einem Ausfluge nach dem waldreichen und wunderlichen Seengebiet des Landes ein. »Ich halte dich natürlich frei, und es wird am Essen nicht mangeln, noch auch am Trinken.«

Die Einladung war mit Dank angenommen worden.

Sie betraten ein sonnenschimmerndes Land, in dem allüberall klare Seen wie Blauaugen durch Waldesgrün blicken. Über den Strohdächern stand der Rauchstreif in der windlosen Luft. Durch die Sonntagsstille und den tiefen Morgenfrieden klang plötzlich das Geläut der nahen Dorfkirche.

Amatus hemmte den Schritt und horchte: »Wie friedsam und feierlich!«

Der andre aber lachte blasiert und rief blasphemisch: »Wenn wir an einem Sonntagmorgen die alten Glocken brummen hören, da fragen wir uns: Ist es nur möglich! Dies gilt einem vor zweitausend Jahren gekreuzigten Juden!«

Amatus trat entrüstet zurück. »Du! Das ist abscheulich gesprochen und roh!«

»Nicht ich habe es gesprochen, sondern so sagt mein Zarathustra, welcher als Sohn eines Predigers das Christentum aus erster Hand kannte.«

Auf der Landstraße, während die Kirchenglocken klangen, wurde Junker heftig. »Ich lasse mir nicht Christum zum gekreuzigten Juden und bloßen Menschenmärtyrer erniedrigen. Auch wird kein Philosophist mir die Gewißheit nehmen, daß Gott über aller Welt waltet.«

Wider die Hitze setzte Asmus kühlen Gleichmut. »Du liebst, wie die große Menge, das Unbegreifliche statt des Begriffenen. Was über unsre Welt hinaus ist, können und werden wir nie und nimmer wissen. Das eben ist die Torheit der Wolkensegler, daß sie es wissen wollten und über Anfang und Ende der Dinge, über Jenseits und Ewigkeit phantasiert haben. Solches ist alles vages, eitles, inhaltloses Menschenmutmaßen und geht über die Denkbarkeit hinaus. Die neue Lehre aber schreitet stolz und ruhig an dem Undenkbaren, als an einem ewig unergründlichen Abgrunde, vorüber und will innerhalb der Grenzen der Denkbarkeit und auf der Erde bleiben, deren Entwicklung wir begreifen können.«

Junker war stiller geworden und blickte nachdenklich. »Freilich, das Undenkbare hat mir viel Not gemacht … wenn ich in schlaflosen Nachtstunden über den Begriff ›ewig‹, über das, was keinen Anfang und kein Ende und keine Dimensionen hat, nachdachte, schwindelte meinem Geiste, denn es war hüben und drüben eine entsetzliche und ungeheure Tiefe, in der er versank.«

Asmus Berg lachte: »Nur die Dummheit tut nutzlose Sisyphusarbeit und sucht Undenkbares zu denken, die Weisheit geht mit einem kalten Lächeln daran vorüber … was ich nicht kann fassen, das muß ich lassen.«

Amatus antwortete ernst: »Mit einem Lächeln komme ich an diesem Abgrund des grübelnden Geistes nicht vorüber … ich suche nach einem Halt und Ruheort im kreisenden Wechsel und Wirbel.«

»Hast du den festen Punkt im Universum entdeckt?« fragte der andere, und seine Lippen waren spöttisch.

»Ja, der Glaube ist es … wissen können wir nicht, was über unsere enge Welt hinaus ist … aber kann nicht Gott es einem Menschen gesagt und dieser Gottmensch es verkündet haben? Wo die Denkbarkeit aufhört, ist der Glaube mir und den vielen ein Halt über der Tiefe des unerforschlichen Seins, vor der doch deine kluge Weisheit nur furchtsam-feige die Augen verschließen will.«

Asmus blies den Rauch der Zigarre von sich. »Dein Glaube ist nichts weiter, als der zweitausendjährige Greis des alten und abgelegten Christentums, an den du dich klammerst. Semper idem, immer dasselbe muß ich predigen! Sieh doch um dich mit deinen Sinnen! Während in der Natur das Schwache dem Starken geopfert und so ausgemerzt wird, sucht das Christentum das Große dem Schwächlichen zu opfern. Gleicht es darum nicht dem unsinnigen Gärtner, der die absterbenden Zweige künstlich erhält, ja, um ihnen Luft und Licht zu verschaffen, die gesunden rücksichtslos beschneidet?«

»Nein, es ist gleich dem guten Gärtner, der das kränkelnde Blümlein aus dem Schatten nimmt und ihm Wasser und Sonnenschein gibt, damit es zum starken Gewächs werde und blühe und Frucht trage. Asmus! Wir werden uns niemals einigen, aber noch eins will ich sagen. Dein Zarathustra, der ein schlechthin Neues predigen will, ist alles andre als ein neuer Denker … er hat mit englischen Kälbern gepflügt und Darwins Naturlehre von der Selbstvervollkommnung der Arten, die im Kampf des Daseins durch Ausscheidung des Minderwertigen geschieht, auf das sittliche Gebiet übertragen.«

Der Vetter schmunzelte satirisch. »Lieber! Laß mir das letzte Wort! Du liebst die reine Selbstlosigkeit der gesunden Pflanze, die der kranken und kümmerlichen Platz und Sonne läßt, ich aber predige die krasse Selbstsucht und den Mord des Mitleids, nicht wahr? Aber nun höre und siehe, wenn du sehen kannst! Der, welcher Mitleid fordert, will von andern gefüttert und geschont und gehätschelt werden … ist das nicht die schmutzigste Schmarotzerselbstsucht? Ergo, wer ein Freund des Mitleids, ist ein Förderer des unsaubersten Egoismus. Du Selbstloser! Gehe hin und durchdenke diese Immoralität in deinen schlaflosen Nächten!«

Amatus Junker mußte dem Vetter das letzte Wort lassen, weil sie gerade Einkehr hielten, um ihren hungrigen und durstigen Leib zu stärken.

Die philosophischen Peripatetiker wurden praktische Epikuräer, welche die Genüsse der Tafel, die Schönheit des Tages und die Lust der Jugend mit vollen Zügen genossen.

In der lieblich wasserreichen Landschaft standen viele Wirtshäuser mit weit offenen, schattigen Veranden. Oft ließen sich die Wanderer zu kurzer Rast einladen, und es wurde sehr viel Bier getrunken in der schönen, wasserreichen Gegend. Der gute Vetter schien um so mehr Freude an der Sonntagsfahrt zu haben, je aufgeräumter Amatus scherzte.

Gegen Westen sank die Sonne, deren Strahlen durch das Laub sich zwängten und auf dem blanken, völlig unbewegten Spiegel des Sees zauberhaft spielten. Zwischen hohen, dunkelgrünen Buchenhügeln tief, rätselhaft schön und sagenumwoben liegt der See.

Man machte eine Bootfahrt, wie die vielen andern. Vom Ruderschlage gestört, regte sich das schlafende Gewässer und gurgelte, gleich dem müdeleisen Seufzer eines Schlummernden. Langsam trieb der Kahn. Silbertropfen stäubten von den Rudern. Schwärzliche Wildenten tauchten, ein armes Fischlein jagend, während schwarzköpfig weiße Möwen die Böte umkreisten, um die geworfenen Brosamen zu erhaschen, denn im Schilfneste lagen ihre ewig hungrigen Jungen mit offnen, schreienden, unersättlichen Schnäbeln.

Schon neigte sich der Tag zu seiner Ruh und seinem Frieden.]

In einem Boote drüben sang ein Weib, eine helle und hohe Stimme, und man unterschied die Töne.

»Mein Liebchen, wir saßen beisammen
Traulich im leichten Kahn,
Die Nacht war still, und wir schwammen
Auf weiter Wasserbahn.«

Amatus Junker starrte hinüber und horchte. Ergreifend ist schöner Gesang über den Wassern zur Zeit des Abends, wenn der Tag schon zur Erinnerung wird. Aber auch ein andres strich mächtig über sein Gemüt, und gedämpfte Worte entglitten seinen Lippen: »Das ist Klarissa Reders Stimme, ich würde unter vielen, vielen sie erkennen.«

»Ja, ein hübscher Alt!« antwortete Asmus, »und sie mag es sein, denn ich hörte, daß Fräulein Reder in der Universitätsstadt eine Stellung als höheres Haus- und Küchenwesen inne hat.«

Junker lauschte den letzten, lang erklingenden Tönen des Liedes, und ihm war, als wenn dort über den Wassern seine erste Jugend mit ihrem Licht und ihrer Liebe emporstiege und ihm winke. Obgleich Klarissa Reders Züge durch neue Eindrücke verwischt und ihm fremd geworden waren, träumte noch ihre trauliche Stimme in seiner Seele, ihm unbewußt, wie alles Traumhafte.

[Später entfallen: Der phlegmatisch unpoetische Vetter steuerte pfeifend dem Lande zu. »Wir müssen uns beeilen, wenn wir den Zug noch erreichen und vorher noch den ewig letzten Schoppen trinken wollen.«

Die Heimkehr in die Universitätsstadt war sehr heiter, und sie tranken viele von den letzten und allerletzten. Asmus konnte infolge der täglichen Übung ein Fäßlein trinken und vertragen; zuweilen streifte sein Blick den überlustigen Theologen und leuchtete fröhlich auf. Er schien den Feind zu kennen, der den Vetter zu fällen vermochte.]

Nach einer neuen Runde hob er das Glas: »Vivat Klarissa Reder, deine erste und deine letzte Liebe!«

»Meine letzte?« Die Frage sagte viel.

Bergs biederes Gesicht wurde noch biederer. »Nun … die Sylvia ist ein spröder Racker, bei dem niemand sich einer Gunst rühmen kann.«

»Meinst du?« Amatus warf sich in die Brust.

[Später entfallen: Die biedere Miene des Vetters wurde Vertrauen erweckend.] »Wie weit bist du mir ihr gekommen?«

»Haha! Weiter als der geölte Mediziner!«

In vino veritas! Im Wein und auch im Biere ist die Wahrheit.

Berg sah eine Weile stumm in den Nebel des Zigarrenrauchs, der die Schenkstube durchwogte, und sein Gesicht wechselte die Farbe. Doch war er bald wieder der lustige Gesell, der des Zutrinkens kein Ende und vor zwei Uhr keinen Schluß des frohen Tages finden konnte.

Arm in Arm zogen die Vettern, und Amatus summte: »Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch.« Er ließ aber keinen lauten Gesang erschallen und wollte Nachtigallenunfug nicht treiben.

Vor der Nummer 34 der Mittelgasse blieb er stehen. »Psttt! Möglichst still, damit die Alte nicht aufwacht!« Nachdem er mit dem Schlüssel vergebens gezielt hatte, öffnete Asmus und führte ihn durch den Flur und in sein Zimmer. »Pstttt!« Amatus hielt sich stramm und ging wie auf Socken; aber der Führer stolperte fürchterlich auf der Treppe, so daß es im ganzen Hause widerhallte. [Später entfallen: Sobald der Heimgelotste im Bette lag, wünschte Asmus ihm mit einem unangenehmen Lachen eine angenehme Ruhe.]

Fräulein Lüdemann war durch den nächtlichen Lärm geweckt und erschreckt worden. In der Angst, daß Diebe am Einbrechen wären, riß sie den alten Säbel, der nachts neben ihrem Bette stand, aus der Scheide und sprang empor. Hinter der Glasscheibe des Korridors stand sie in Nachtjacke und Nachtmütze mit dem Lichte in der Hand [später entfallen: und klopfte tapfer an die Scheibe, als sie den heraustretenden Berg erkannte.

Er verbeugte sich vor der weißen Nachtfee, welche die Tür halb öffnete und vor ihm stand, mit dem Säbel in der Rechten und dem Lichte in der Linken.

»Was machen Sie für einen Höllenlärm? Soll ich aus dem Fenster nach dem Nachtwächter schreien?«

Er erkannte, daß er sich und seinen Ruf rücksichtslos retten müsse. »Entschuldigen Sie gütigst! Ich fand meinen Vetter in einem etwas animierten Zustande und begleitete ihn nach Hause.«

»Mein Gott!« Wie kann der Mensch, der völlig unbemittelt und auf Freitische angewiesen ist, in einen solchen Zustand geraten?«

»Ich vermute … durch reichlichen Biergenuß. Verzeihen Sie ihm und mir die Störung!«

Nachdem sie den Säbel gegen die Wand gestellt, schlug sie energisch mit der Hand aus. »Ich kann in meinem Hause keinen Trinker dulden! Bin ich doch im Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke und auch im Vorstand der Kaffeeschenke am Hafen … ich darf es nicht dulden!«

Berg verneigte sich. »Verehrtestes Fräulein, Sie wissen besser als ich, wie oft ein Mensch sich gedulden und vergeben muß …«

Voll Liebe schaute Fräulein Lüdemann ihm in das übernächtigte Gesicht. »Ja, ich habe mich vom Jähzorn hinreißen lassen und danke Ihnen, mein lieber Herr Neffe, daß Sie mich an meine Pflicht als Christin erinnert haben … ich werde vergeben … gute Nacht!« – – –]

Spät morgens kroch Amatus aus dem Bette. Sein Körper war schlaff, sein Kopf ein hämmerndes Pochwerk, sein Gemüt Ekel und sein Gewissen Angst. Vor seinen Ohren summte die unerträgliche Melodie, die er nicht los werden konnte und zur Hölle verfluchte: »Frei ist der Bursch«.

Unfrei, unfrei war der Bursch! Diese Trinkerei war nicht mehr frohe, hohe Burschenlust, sondern tiefer Fall und häßliches Laster. Wie oft hatte er sich gelobt, nie mehr als drei oder vier Glas zu trinken – und ebenso oft das Aufhören im rechten Augenblick vergessen.

Tat er, was er nicht wollte? War er nicht Herr und Herrscher seines Tuns?

Oder handelte er nach den Instinkten und Trieben eine unheimlichen Macht, der sein Wille unterlag? Gibt es denn in der Menschenbrust noch ärgere Abgründe als die, welche der Verstand und die Dankbarkeit der sogenannten Philosophen nicht überbrücken?

Bald raffte er sich entschlossen auf, um Fräulein Lüdemann unter die Augen zu treten. Ein böses Omen war es, daß die Brille auf der Nasenspitze saß. Etwas kleinlaut drückte er sich in die Fensterecke, als die rotgeränderten Augen ihn ansahen. Sie folgten aber und standen fest durchbohrend vor ihm.

Endlich öffnete das graue Medusenhaupt den Mund: »Sie haben, Gott sei Dank, noch Scham und senken den Blick … darum will ich diesmal verzeihen.« Die Brille rückte von der Nasenspitze auf die Nasenwurzel. »Nehmen Sie dort Platz und hören Sie aufmerksam zu! Die Betrachtung; die im gestrigen Blatte stand, ist für Sie geschrieben.«

Fräulein Lüdemann las ihm eine acht Seiten lange Predigt des Pfarrers Blumhardt in Bad Boll vor. Er vernahm, daß das Gebet als das einzige Heilmittel der Seele und als Hauptwaffe wider die Anfechtung des Bösen gepriesen wurde. Während des Lesens dachte er an seine Mutter, die eine Beterin war, und faßte den Entschluß, mit dem Gebet es zu versuchen.

Tante Lüdemann schob die Brille nach unten und schaute ihn an. »Wollen Sie die Verpflichtung der völligen Enthaltsamkeit für einen Monat unterschreiben?«

Weil seine Reue echt war, sprang er empor und holte selbst die Feder.

Sie nahm lächelnd das Formular und klopfte versöhnt ihm die Schulter. »Mein lieber Amatus, um Ihrer Schwachheit beizustehen, haben Sie den Hausschlüssel abzuliefern und werden keinen wieder bekommen … er ist Ihnen ein Fallstrick gewesen. Wenn Sie einmal in Zukunft nach zehn Uhr sich verspäten, was ich nicht hoffen will, so müssen Sie das Dienstmädchen herausklingeln.«

Junker trennte sich ohne Abschiedsschmerz von dem Hausschlüssel. Seine Reue war aufrichtig, und die guten Vorsätze überdauerten den bösen Jammer. Einen vollen Monat hielt er sein Gelübde und lebte nach dem Spruche: »Ora et labora«.

Aber den Vorsätzen des Theologen ging es wie seinen Gebeten. Sie hörten nicht mit einem Male auf, sondern wurden von der gleichmäßigen Gewöhnung der Tage in Schlummer gewiegt und schläferten allmählich ein.

Sobald die Zeit seiner Enthaltsamkeit um war, hörte er auf das Verlachen und Verlocken der Kommilitonen und betrat wieder den »Blutigen Knochen«.

An einem Sonnabend kam er spät heim und ohne Hausschlüssel in das Haus, und die Tante hörte kein nächtliches Klingeln. Mit der guten Karoline auf einem vertrauten Fuße stehend, kletterte er über den Zaun des Hofes und klopfte leise an ihr Fenster.

Sie huschte auf geräuschlosen Strümpfen hinunter und öffnete die Hintertür, und er ging dankbaren Herzens und mit einem sittsamen Gruß an der notdürftig bekleideten Küchenfee vorüber.

Dritter Abschnitt: Jenseits von gut und böse

Der Freitisch- und Freizimmer-Student.

Das ist im akademischen Leben lieblich eingerichtet, daß die Arbeitsstunde, nach Abzug des akademischen Viertels, nur dreiviertel Stunden dauert, und daß nicht weniger als fünf Monate des Jahres Ferien sind.

Am Anfang der großen Ferien [später entfallen: verabredeten sich die Vettern wegen der gemeinsamen Heimreise. Der Jurist schien nicht viel Heimweh zu haben, sondern meinte, müde die Augen reibend, daß nun die schönen Zeiten der Häuslichkeit und des Familiensinns, der Sparsamkeit und des Stubenfleißes begännen. Aber der anhängliche Amatus wollte durchaus nicht ohne den Vetter reisen.

Trotzdem hat Amatus, der seine Schiffskiste nach dem Bahnhof geschickt und die Fahrkarte gelöst hatte, allein die Fahrt machen müssen. Er wartete in gesteigerter Unruhe, je weiter der Zeiger vorrückte, aber umsonst, und sprang im letzten Augenblick in den Zug.]

Auf dem Norderhafener Bahnhof [später entfallen: waren die Familien Berg und] Junker [später entfallen: vollständig] erschienen. Der rotbemützte Vertreter des Vorstehers stieß Hans Gerichtsdiener an. »Hier ist wohl großer Empfang heute?«

»Ja, wissen Sie, mein Sohn, der Student, kommt in die Ferien.«

Der Studentensohn entsprang dem haltenden Zuge und küßte die Seinen der Reihe nach.

[Später entfallen: Durch die Tür des Wagenabteils steckte der Hardesvogt den Kopf. »Wo ist Asmus?«

»Trotz der bestimmtesten Verabredung ist er zum Zuge nicht gekommen.«

»Mein Gott! Es wird ihm etwas zugestoßen sein«, lamentierte der Vater, »ich will sofort telegraphisch vorfragen.«

Vergebens erhob Silly ihre sanfte Stimme: »Vater, du kennst doch seine Bummelei!«

Die Depesche ist aber abgesandt worden.]

Amatus nahm Friedlines Arm und ging zwischen der Schwester und der Mutter nach dem Pappeltale. Hinterdrein schritt der Vater, stramm und kräftig den Stock ins Pflaster stoßend. Weil sein Gehör etwas abnahm, rief er nach vorne: »Sprich doch lauter, damit wir alles hören können!«

Alle lauschten verliebt der lieben Stimme des Sohnes.

»Ja, wer in der Welt vorwärts will, muß sich bücken, mein Sohn«, äußerte der weltkluge Hans, »verstehst du auch, den Lüdemanns recht unter die Augen zu gehen, so daß du von der feinen Verwandtschaft Vorteil hast?«

Amatus beschrieb die feine Verwandtschaft, den dürren Amtsrichter und die »Wohltätige« und die lang bezopfte Waldnymphe des Kronsberger Gehölzes.

Friedline, trotz ihrer blinden Augen hellsehend, lächelte vor sich hin und lispelte: »Ich glaube, du magst die Sylvia gern leiden.«

Monika aber schnitt den Scherz kurz ab: »Amatus hat seine Arbeit und sein Studium und wird sich keine Dummheiten in den Kopf setzen.«

[Später entfallen: Am Abend des nächstfolgenden Tages ist der Sohn des Hardesvogts wohlbehalten und von Barmitteln entblößt in Norderhafen angekommen. Obgleich ihn eine Trauernachricht empfing und Silly einen Flor an seinem linken Arm befestigte, wurde er nicht trübe gestimmt. Seine Großmutter mütterlicherseits hatte nämlich das Zeitliche gesegnet und ihm und seiner Schwester ein paar tausend Taler als Erbteil hinterlassen. Der Enkel suchte auch dem Schlimmen gute Seiten abzugewinnen. –]

In der Dachwohnung des Pappeltals war steter Sonnenschein. Mutter und Schwester hätschelten Amatus um die Wette. Seitdem Hans Gerichtsdiener der erste Temperenzler Norderhafens geworden war, hatten sich die Vermögensumstände des Hauses gebessert, und in den fünf fetten Ferienmonaten wurde besonders gut gekocht und gegessen, in den sieben mageren Monaten allerdings um so haushälterischer gewirtschaftet.

Neugierig beugte sich Friedline über den eifrig studierenden Bruder. »Was treibst du?«

Er antworte burschikos: »Ich käue wieder! … Du lachst, Friedlinchen, aber es gibt in der Schultheologie viel leeres Stroh, das verarbeitet werden muß, doch auch genug der Goldkörner, die ich mit heller Freude genieße.«

Die nachgeschriebenen Vorlesungen ging er durch und hatte überdies von dem, was er auf dem weiten Gebiete seiner Wissenschaft nicht gehört hatte, aus Büchern sich Excerpte gemacht und schwarz auf weiß einen nicht geringen Wissensvorrat aufgespeichert. Seine Ferienarbeit war gewissermaßen eine geistige Güterspedition und bestand darin, daß er das auf dem Papier Lagernde in seinen Kopf beförderte und vermittelst des Gedächtnisses ordnete und aufstapelte.

In den schwerbesohlten Langschäftigen schlich sich der Vater still durch die Stube, um den eifrig studierenden Sohn nicht zu stören. In der Küche, wo die kräftige Fleischsuppe brodelte, flüsterte die Blinde: »Mutter, ich lebe, wenn Amatus hier ist.« Und Monika nickte lächelnd. Ja, denn lebten sie alle.

Täglich machte der Bruder mit Friedline einen Spaziergang. Ihr war es nicht mehr das liebste, wenn er ihr die Augen lieh, um das lustige Vogelvolksfest der schwatzenden Stare zu sehen; sie hatte jetzt für die Wissenschaft eine brennende Vorliebe gefaßt und begehrte, von dem reich besetzten Tische seiner Theologie Brosamen aufzulesen. Besonders in der Kirchengeschichte wohl bewandert, verwarf sie mit Entrüstung die bösen Arianer, die den guten Herrn Christum nur wesensähnlich sein ließen. Doch er nahm den Pelagius und manchen andern Schelm in seinen Schutz, weil der Disput mit der Schwester ihn belustigte.

Einmal erschreckte er sie. »Friedline, von wem ist der heilige Geist ausgegangen?«

»Von Gott, der uns den heiligen Geist gibt«, antwortete sie schnell.

»Oh, o!« machte er, »dieser ketzerischen Ansicht ist auf Konzilien die Seligkeit abgesprochen worden.«

Darauf verzog die kleine Theologin den Mund ins Weinerliche, denn ihr wurde ängstlich um ihrer Seele Heil, bis er laut auflachte: »Willst du rechtgläubig sein, so mußt du glauben, daß er von Vater und Sohn ausgegangen ist.« –

Nachdem ein paar Wochen in Stille und Studien verlebt waren, sah Amatus öfters über die eng beschriebenen Excerpte hinweg. Es war aber kein angenehmes Inträumeversinken, sondern ein unlustiger Blick. Statt eines sehnlich erwarteten Briefes, der nicht anlangte, war ein höchst unerwarteter und unerwünschter gekommen, der an eine in der Universitätsstadt hinterlassene Schuld mahnte.

Wenn Junker schüchtern nach einem Postlagernden sich erkundigte, lächelten die Postbeamten malitiös. Warum schrieb Sylvia nicht? Gewiß war nur, daß der glatte Mediziner zur Zeit sein Examen machte und in dem Lüdemannschen Hause ein- und ausging. Oder war nicht eine schwache Möglichkeit vorhanden, daß jener die Prüfung nicht bestand? An dieses dünne Hoffnungsfädchen sich klammernd, war Amatus oft dem Fluchen nahe und dem Beten – der fürchterlichen Fürbitte: Laß ihn durchfallen, Herr!

Von seiner Arbeit emporgetrieben, schlenderte er durch die Stadt und nach dem Hause des Onkels. Weil kurz vor ihm jener Gymnasiallehrer, gegen den er eine Antipathie bewahrt hatte, die Wohnung des Hardesvogts betrat, ging er durch den Hof in den Garten. Dort stand Silly, das Asternbeet begießend, und kehrte dem Kommenden den Rücken zu.

Ach, ihre rechte Schulter! Die gute Kousine war und blieb verwachsen.

Auf seinen Zuruf kehrte sie sich errötend und reichte ihm die Hand. »Amatus! Wir sehen dich so selten.«

»Jetzt hast du mich hier!«

»Bist du, um mich zu begrüßen, in den Garten gekommen?«

»Ja, Silly!« Er sagte die Unwahrheit, um ihr die kleine Freude nicht zu verderben.

Die Kousine fragte plötzlich: »Hast du Klarissa in der Universitätsstadt getroffen?« Bei seiner Verneinung blickte sie ihn an. »Sie ist schon lange bei dem Professor Berger und hat dich vom Fenster aus auf der Straße gehen sehen.«

»So, so.«

Silly dachte: Er liebt sie! und richtete die blauen, ehrlichen Augen auf den Vetter: »Dir fehlt etwas … sag es mir, Amatus! Ich glaube, ich kann dir helfen.«

Amatus machte eine Lache. »Nein, du kannst gewiß nicht wissen, wo mich der Schuh drückt.«

Silly betrachtete einen Regenwurm im Beete. »Du wirst … irgendeine lieb haben … ja!«

»Nein, es ist keine poetische Not, sondern die ordinärste von allen Herzbeklemmungen … ich habe Schulden, 50 Mark!«

Die Kousine lächelte triumphierend und stellte sich in eine protzige Positur. »Gerade der Not kann ich abhelfen … ich bin doch Kapitalistin und habe Mark, von denen ich die Zinsen als mein Nadelgeld zur freien Verfügung habe … warte hier eine Minute!«

»Nein, von dir kann ich nichts annehmen.« Seine Mannesehre sträubte sich gelinde.

Doch sie zeigte große Frauenenergie. »Du mußt Amatus … sonst sag' ich deiner Mutter, daß du Schulden hast … ja, ich setze dir die Pistole auf die Brust!«

Die angenehme Drohung bewirkte, daß er seinen Ehrbegriff überwand und wartete. Die herzensgute Kousine, die schon als Kind ihm ihre Spielsachen geschenkt hatte, wollte er innig und brüderlich lieb haben. War sie nicht die schlagendste Widerlegung jener eiskalten Philosophie, welche die Menschen ihres göttlichsten Schmucks, des Mitleids, entkleiden und zu nackten Egoisten machen will? Ja, sie war der Gegenbeweis jener Afterweisheit, daß in aller Liebe ein selbstischer Selbstzweck ist. Die gute Base hatte ihn lieb, nicht um einen Besitz zu erlangen, sondern um zu geben und Gutes zu erweisen.

Heute war ein Glückstag. Er machte den Umweg über das Postamt, um den Schuldenbetrag einzuzahlen, und der grinsende Beamte reichte ihm ungefragt ein Brieflein. Sylvia schrieb flüchtig und nicht völlig nach den Gesetzen der Orthographie, mit keiner Zeile ihr langes Schweigen entschuldigend und ausführlich und unbefangen meldend, wo und wie und wie gut sie sich amüsiere, und daß der neue Hut ihr ausgezeichnet stehe.

Der arme Freitischtheologe zerriß den ersehnten Brief und konnte doch im Herzen von der süßen Waldnixe nicht lassen. –

Es war ein bewölkter Herbsttag mit dunstig schwüler Luft.

[Später entfallen: Hans Gerichtsdiener hielt streng darauf, daß der Besuchssonntag bei dem Onkel Hardesvogt inne gehalten werde, und brachte bei diesen sonntäglichen Ausflügen, die er mit Vergnügen machte, einen guten Appetit mit.

Als die Besucher zu vieren in die große Stube des Hardesvogts traten, merkten sie sofort, daß im Hause eine beklommene Stimmung war. Asmus stand ernst und geärgert am Ofen, Silly schien geweint zu haben, und der weltmännische Hardesvogt zwang sich zu einer freundlichen Begrüßung. Bald forderte der Sohn des Hauses Amatus auf, mit ihm in sein Zimmer zu gehen, und die Vettern entfernten sich still.

In der Stube riß die Unterhaltung immer wieder ab. Das wurde peinlich, und Monika, welche alle Umschweife verachtete, fragte geradezu: »Was ist der Grund der allgemeinen Verlegenheit? Habt ihr etwas gegen uns, so redet offen! Ist es eine Angelegenheit, die euch allein angeht, so bejaht es nur, denn aus Neugierde habe ich nicht gefragt.«

»Mona«, antwortete der Bruder, »ihr seid ganz unbeteiligt bei der Sache, die recht schlimm ist. Gern darfst du es wissen, wenn ihr Stillschweigen bewahren wollt. Meine Amtskasse pflege ich jeden Sonnabend aufzumachen … gestern abend um sieben herum zog ich die Bilanz und zählte den Barbestand … die Wirtschafterin rief mich ab … ich ließ die Schranktür offen stehen und entfernte mich keine zwei Minuten … als ich nachher die Arbeit beendet und die Kasse aufgemacht habe, fehlten 300 Mark! Sie müssen während des Augenblicks meiner Abwesenheit gestohlen worden sein, weil ich sonst nie den Schlüssel von mir lasse.«

»Karl, das ist zu unheimlich!« rief die Schwester, »es muß ein Hausdieb gewesen sein … willst du es nicht anzeigen und untersuchen lassen?«

»Ja, unheimlich …« Der Hardesvogt sah mit einem eigentümlich starren und scheuen Blick aus dem Fenster. »Neben meinem Bureau arbeiten vier Schreiber, wir haben zwei Dienstmädchen, der Bote geht aus und ein … wen darf ich verdächtigen? Darum will ich die Sache geheim halten, um den Hausdieb auf neuer Tat abzufangen … wo der Marder einmal gewesen ist, pflegt er wieder zu kommen.«

Silly horchte auf den Flur hinaus, wo sie einen leisen Schritt zu vernehmen meinte, und stieß mit Hast die Tür auf. Überall argwöhnte sie das Rumoren des Hausdiebes.

Doch sah sie nur ihren Bruder, der in sein Zimmer ging.

Unbemerkt war er in dem Keller gewesen und trug eine Flasche Rheinwein unter dem Rocke, die er aber frei und hoch in der Hand hielt, als er sein Zimmer betrat, in dem Amatus vor dem aufgeschlagenen Zarathustra saß. Amatus lächelte mit Behagen dem Vetter und der Weinflasche entgegen.

Nach dem zweiten Glase ging ein erfrischend-belebendes Gefühl durch alle seine Nerven, und er redete lebhaft, die Hand auf dem Buche, dessen Titel lautete: Jenseits von gut und böse!

»Wenn wir mit irgend einer Denkarbeit, einer Abhandlung oder einem Aufsatz beschäftigt sind, stützen wir wohl das Haupt in die Hände oder kauen die Feder und sagen, wichtig und alle Störung abwehrend: Ich denke! Aber denke ›ich‹ oder denkt etwas andres in mir? ›Ich‹ kann mir das Gehirn zermartern und den Kopf zerschlagen – der Gedanke kommt nicht, wenn ›ich‹, sondern wenn ›er‹ will. Unbewußt und blitzgleich wird das Gedachte in meinem Gehirn erzeugt, und mein Ich, welches Schöpfer sein möchte, ist nur Empfänger.«

»Sehr richtig!« nickte Asmus, »du fängst an von deinen Augen die theologische Brille zu nehmen.«

Der Theologe sprach langsam und tief sinnend weiter: »Ähnlich ist es mit dem Willen. ›Ich‹ will. Ja, gut gebrüllt, du willensstarker Löwe! ›Es‹ will, ein andres will meistens in mir, dem ›ich‹ gehorche.«

Asmus lächelte überlegen. »Der stärkste Trieb, der Tyrann in uns, unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.«

Amatus schaute angstvoll über sein Glas. »Was sagst du? Und was sind die grauenhaften Folgen dieser Unfreiheit?«

»Das sind die herrlichen Konsequenzen dieser Erkenntnis, daß es keine Verantwortlichkeit des Menschen gibt, welcher nicht handelt, wie er will, sondern wie er muß. Um es frech zu sagen, Unrecht und Schuld sind eingebildete Gespenster, mit denen uns das Christentum jahrhundertelang erschreckt und die Nachtruhe geraubt hat. Wenn kein Mensch verantwortlich ist, dann ist auch dem lästigen Unmut der sogenannten Gewissensbisse die Spitze abgebrochen.«

»Aber in welche Abgründe führt das?« rief Amatus. »Wo bleibt da gut und böse?«

»Es führt auf neue Höhen … wer da hinauf will, darf keinen Schwindel haben und vor Ungeheurem nicht erschrecken. Wir sind darüber hinaus – jenseits von gut und böse. Statt dessen sagen wir groß und gemein, vornehm und verächtlich. Diejenigen, in welche der stärkste Wille zur Macht war, wurden die Großen der Geschichte. Darum lautet unsre Moral: Derjenige ist tugendhaft, der seine natürlichen Anlagen ausbildet und entfaltet, der über jeden Widerstand kühn hinwegschreitet und einen Herrenmenschen aus sich macht. Auch dieser vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen stets, aber nicht aus eklem Mitleid, sondern aus der überströmenden Fülle seiner Kraft … ja, reichere Gaben wirft er dem Bettler hin, als der beste Christ, der im allgemeinen seinen Mammon sehr fest hält. Wer Verstand hat, es zu fassen, der verstehe mich! Prosit! Laßt uns trinken, mein Lieber!«

Amatus saß strack im Stuhle und sagte: »Mein Verstand entsetzt sich. Wenn wir nicht verantwortlich sind für unser Tun, warum bin ich und ist alle Welt voll Schuldgefühl und Schuldunruhe? Gedankenungeheuer scheint mir dein Zarathustra zu gebären.«

Asmus Berg beobachtete den Vetter mit einem grell schillernden Blick. »Nur keinen Höhenschwindel darf man haben! Das ist der Riesensprung unsrer Bekehrung!«

Nachdem die Rheinweinflasche geleert und Amatus wie neu belebt war, nahmen die Vettern ihre Hüte, um draußen in der dunstig schweren Atmosphäre frische Luft zu schöpfen. Auch in andrer Weise erfrischten sie sich.

In der Stube des Hardesvogts stockte das Gespräch oft, und obgleich Hans Junker sich redlich bemühte, eine gemütliche Plauderei in Gang zu bringen, blieb die Stimmung gedrückt, so daß die Besucher gern sich verabschiedet hätten, wenn nur Amatus zurückgekehrt wäre. Monika schaute immer schweigsamer aus dem Fenster, von Ahnungen gequält.

Plötzlich entlud sich ein heftiger Platzregen und ging über die Stadt nieder, so daß sich vor der verstopften Gosse ein breiter See bildete und der Hardesvogt über die Straßenkommission einige Witze machte.

Als das Unwetter vorübergezogen, kam Asmus allein. Ein Schreck durchzuckte Frau Junker. »Um Gottes willen! Wo hast du Amatus gelassen?«

»Nimm's mit Ruhe, Tante! Es ist nichts!« Der Neffe, der an der Tür stehen blieb, stieß mit der Zunge an.

»Wo ist mein Sohn?« fragte Monika streng und hart.

»Er wurde bis auf die Haut durchweicht, wie ich, und ging nach Hause.«

Der Vater trat auf Asmus zu, beobachtend und böse. »Geh auf dein Zimmer und zieh die nassen Kleider aus und kriech ins Bett!« befahl er.

Asmus verschwand. Der Hardesvogt lächelte ingrimmig in sich hinein und dann hämisch zur Schwester hinüber. »Ich glaube, die beiden Schlingels haben sich nicht nur von außen, sondern auch von innen durchnäßt.«

Sofort erhob sich die Familie Junker und zog von dannen. Hans, der Friedline führte, vermochte kaum Schritt mit seiner Frau zu halten und meinte; »Renn nicht so! Bei dem Hausdiebstahl denkt man sich sein Teil.«

»Wer sich etwas denkt, verdächtigt … o Hans, wenn wir nur nicht an etwas andres zu denken bekommen!«

[Später ergänzt: Dem Studiosus Junker lag es wie Blei in allen Gliedern und sein Herz, das an Sylvia mit Unruhe dachte, war noch bleischwerer in seiner Brust. Um sein Gemüt ein wenig zu erleichtern, betrat er zum ersten Male während der Ferien ein Wirtshaus. Nach dem zweiten Glase ging das angenehme, erfrischende, belebende Gefühl durch alle seine Nerven, und nach dem dritten sah er wieder eine rosige Zukunft an Sylvias Seite.

Da war er im Banne des Magiers Alkohol, der ihn am Tische festhielt. Andre Zecher setzten sich zu dem einsamen Trinker, und die Würfel, die dienstbaren Geister des bösen Magiers, rollten und rasselten.

Gegen neun Uhr zog der Sohn des Gerichtsdieners mit einem Räuschlein, das niemand durch Verführung ihm angehängt hatte, ins Pappeltal. Weil er seinen Zustand verbergen wollte, schlich er sich in seine Dachkammer hinauf, kroch er möglichst geräuschlos in die Federn hinein.

Amatus schlief so fest, daß die Anrede der Mutter ihn nicht weckte. Sie atmete die Luft des Zimmers ein und seufzte und ließ ihn schlafen. Nachdem sie einen Spalt des Fensters geöffnet hatte, rückte sie das Kopfkissen zurecht und ging, die Hände schlaff hinabgefallen, hinaus.

Die Nacht wurde von ihr durchwacht, durchweint und durchbetet.

Am Morgen blieb der Sohn krank im Bette liegen, wollte keine Speise nehmen und nur sehr viel Wasser trinken.

In der Küche bat Friedline leise: »Mutter, sei milde!«

Weil der Sünder zerknirscht die Hand der Mutter faßte, ging sie glimpflich mit ihm ins Gericht. »Amatus, du bist alt genug, um alles zu wissen. Jahrelang habe ich mit deinem Vater gegen seine Schwäche ringen müssen … soll ich nun den furchtbaren Streit mit dem Erbfeind unsers Hauses noch einmal durchkämpfen?«

Tränen brachen ihm ins Auge, und er schrie: »Nein, nein!«

»O, ich möchte, wie die Temperenzler, einen Kreuzzug wider den Alkohol predigen …weißt du nicht, daß das Trinken dein Todfeind ist?«

»Ja, es reißt mich hin, daß ich nicht rechzeitig aufhöre.«

»Was einen Menschen bezwingt, beherrscht und vergewaltigt, ist sein Tyrann … du hast die ganze Bibel studiert und kennst nicht die Waffen, um dich aus den Banden des Tyrannen zu befreien?«

Er hielt sich den Kopf. »Ich weiß, was jetzt kommen wird … durch das Gebet soll ich überwinden! Aber, Mutter, ich habe gebetet … zuweilen half es, ich bezwang die Lust und eilte vorüber … aber nicht immer … es überrumpelte mich wie diesmal, und dann konnte ich nicht aufhören.«

Monika nickte. »Du mußt in solchen schwachen Stunden all deine Willenskraft zusammen nehmen.«

Er wand sich auf dem Lager und rief verzweifelt: »Mutter! Woher soll ich die Willenskraft nehmen, die ich zusammen nehmen soll? Woher? Das sag' mir!«

Seine Frage, die wie ein Hilfeschrei klang, machte sie stutzig, so daß ihre Stimme unsicher klang. »Woher? Ja, woher hat dein Vater die Kraft genommen? Du mußt es machen wie er und den festen Entschluß fassen … das erste Glas kannst du zurückweisen, das zweite vielleicht nicht mehr. Willst du mir das geloben?«

Weichmütig schlang er die Arme um den Hals der Mutter und versprach ihr, mit sich selber ein Temperenzlergelübde zu schließen.

Seine Krankheit verlief normal. Am Nachmittage war er maroder Rekonvaleszent und am nächsten Morgen völlig geheilt. Ja, er fühlte bei der Arbeit eine neue Spann und Denkkraft und Ausdauer, wie er sie in den geistmüden Tagen der letzten Wochen zu seinem Schmerze vermißt. Dafür fand er keine Erklärung.

Unmöglich, daß das Übermaß des Alkohols wie ein Erneuerungsbad gewirkt habe! Aber die unheimliche Tatsache, vor der er nicht die Augen schließen konnte, blieb bestehen: Seit jenem Exzesse merkte er keine Erschlaffung mehr, sondern eine neue Anspannung der Kräfte.

[Später entfallen: Um die Mitte des Septembers brachte Hans Gerichtsdiener, der häufig nach der Hardesvogtei Briefe besorgte, eine Neuigkeit nach Hause, die er pfiffig blinzelnd verkündete: »Bei deinem Bruder, Monika, steht das Barometer sehr niedrig … Asmus ist nach der Universität abgereist, angeblich, weil ihm die Bibliothek fehlt.«

»Nach der Universität?« Amatus schlug dröhnend das Buch zu.

Der Vater lachte. »Jaja, du hast eine feine Nase und riechst etwas … ich denke nämlich an den Hausdieb – und schweige.«

Der Sohn jedoch dachte an die schlimmen Diebe, die seinen süßen Schatz ihm stehlen könnten. – – –

Asmus Berg, der sein bisheriges Quartier in der Universitätsstadt bewohnte, war mit Geldmitteln reichlich versehen und bezahlte ehrlich alle Schulden.

In der Mittagsstunde eines Sonntags ließ er sich bei der Wohltätigen melden, die ihn vorließ, obgleich sie nach besuchtem Gottesdienst, wie immer, ihre Blumhardtsche Predigt las, denn die Pastoren der Stadt gaben ihr nicht genug Erbauung.

»Darf ich erst meine Lektüre beenden?«

Berg sprach die schüchterne Bitte aus, ob sie nicht den Schluß laut lesen wolle; worauf er sofort das Haupt duckte und die Hände kreuzte.

Aus ihren Augen glitt ein Blick der Liebe über die Brille hinweg, und ihre Stimme las pastoral inbrünstig. Nach der Vorlesung legte Berg unter reichlichen Dankbezeugungen die vor langer Zeit entliehene Summe auf den Tisch.

Sehr gerührt betrachtete sie den jungen Mann und weigerte sich das Geld anzunehmen. »Mein Lieber, schon manche studentische Anleihe ist bei mir gemacht worden, aber ich habe alle solchen Summe à fonds perdu d.i. zu deutsch auf Nimmerwiedersehen gegeben … behalten Sie es als Lohn Ihrer Gewissenhaftigkeit!«

Zögernd ließ er sich das Geld in die Hand legen, nahm langsam, wie in einem innern Kampfe, ein Zwanzigmarkstück und hielt es ihr entgegen. »Verehrtes Fräulein, das müssen Sie für die Zwecke Ihrer Arbeit und der innern Mission anwenden.«

O, da schaute die alte Jungfer ihren Halbneffen mit verliebten Augen an. In ihren Gesichtskreis war noch kein Student getreten, der zwanzig Mark für die innere oder äußere Mission gegeben hätte. Als ihr Blick den Hinausschreitenden begleitete, kam ihr wie eine plötzliche Erleuchtung der Gedanke: Das wäre, wenn Gott es will, der rechte Mann für meine liebe Nichte!

Der Besucher machte hinter sich die Tür fest zu und kneipte leutselig Karoline in die runde, rot glühende Wange. »Meine Süßeste! Darf ich Sie heute abend zu einem Tänzchen einladen? Auf dem Kuhberg in den goldenen Trichter?«

Karlone knixte. »Welche Ehre! Aber werden Sie mich auch nach Hause begleiten, Herr Berg? Ich halte nämlich sehr auf meine Person und meinen Ruf und gehe nachts nie allein.«

Er versprach ihr freien Tanz und frei Geleite.

Auf dem »Kuhschwoof«, wie die Studenten den Dienstmädchenball nannten, stellte sich Asmus Berg recht spät ein, und Karoline fing schon an ihn für einen wortbrüchigen Menschen zu halten. Doch er kam, tanzte zwar sehr mäßig, aber traktierte um so flotter seine Dame.

Als vom St. Nikolaiturme zwölf Schläge schlugen, klang der letzte Walzer: ›Stiefel, du mußt sterben, bist noch so jung, jung, jung‹. Karoline glühte wie eine Klatschrose.

Auf dem Heimwege gab er ihr den Arm und beugte sich unter ihren kolossalen Hut.]

»Wo steckt Wilhelm Reder?«

»Was weiß ich?

»Ist er Ihnen untreu geworden?«

»Der dumme Junge!« In die drei Worte legte sie ihre ganze Verachtung.

»Das ist nichts, Karoline! Mit vierzig Jahren wird er noch Hauslehrer sein … aber Sie sind doch eine schmucke Person und könnten anderweitig Ihr Glück machen.«

[Später entfallen: Gefallsüchtig lugten unter dem großen Hut ihre Äuglein zu dem Begleiter empor. »Was meinen Sie damit, Herr Berg? So sagen alle Herren und meinen doch nichts.«

»Ich meine nur, daß Sie in ein paar Jahren, wenn Sie wollen, Frau Pastor werden können … ja, sehen Sie mich nicht so verdutzt an! Mein Vetter Junker hat Sie lieb.«

»Der liebt doch Fräulein Lüdemann.«

»Nein, mit der Liebe ist es längst aus … täglich sieht er Sie, wie hübsch und drall Sie sind … können Sie nicht begreifen, daß ein junger Mann unter diesen Umständen sich verlieben muß?«

Das vermochte Karoline wohl einzusehen und erhob doch vorsichtshalber den Einwand: »Davon habe ich nichts gemerkt.«

»Nein, eben nicht, weil er zu blöde ist … Sie müssen ihm entgegen kommen und ihm Gelegenheit geben, sich zu erklären. Mein Wort, daß Sie Frau Pastor werden können!«

Auf der Treppe der Mittelgasse 34 umschlang er das Dienstmädchen und bekräftigte mit einem kräftigen Kusse die Wahrheit seiner vertraulichen Mitteilung.

In ihren Kreisen war ein Kuß zum Abschied der übliche Geleitslohn, und darum ließ sie ihn gewähren.

Das Frau Pastorwerden ging durch Karolines Kopf. Als ihr Freizimmerherr aus Norderhafen zurückkehrte, half sie ihm beim Auspacken bereitwillig wie nie zuvor.]

Amatus räusperte sich oft, wenn sie schwatzend in seinem Zimmer stehen blieb. Einmal, als Fräulein Lüdemann nicht zu Hause war und Karoline durch ihr Verweilen ihm lästig fiel, sagte er mit grober Deutlichkeit: »Sie werden sich noch die Beine in den Leib stehen! Nehmen Sie doch Platz und ein Buch! Dann studieren wir beide.« Lachend reichte er ihr das Buch des Zarathustra »Menschliches und Allzumenschliches«.

Karoline rauschte heraus. Obgleich sie es ihn deutlich merken ließ, merkte der dumme Mensch gar nichts. – – –

Wie in alten Zeiten die Mobilmachung eines Kontingents der Reichsarmee, so dauert's ein paar Wochen, ehe die Musensöhne einer Universität sich zusammen finden und der Bänke Reih' und Glieder füllen. Die akademischen Ferien haben eben auch ihr akademisches Viertel, allerdings kein Verkürzungs-, sondern ein Zusatzviertel, so daß sie, wie nach stillschweigender Übereinkunft, um ein paar Wochen länger hingeschleppt werden.

Die meisten Vorlesungen des Winterhalbjahres, das offiziell am 15. Oktober begann, wurden eröffnet, als der Monat zur Rüste ging.

Am letzten Freitag des Oktober war bei dem Amtsrichter Lüdemann der Freitisch wieder versammelt. Dieselben Gesichter und dieselben Gerichte! Nur der Mediziner Evers trug jetzt eine weiße Weste, daran ein Monokle baumelte, und ein Stethoskop, das bedeutsam aus der Brusttasche guckte. Vater, Mutter und Tochter wetteiferten förmlich, ihn mit Herr Doktor anzureden, welcher Eifer einem Gast zum Ekel wurde.

Gespräche wurden abgedroschen, aus denen kaum ein Körnlein Witz oder Weisheit flog. Junker mußte an die Drehorgel denken, die an einem Markttage von morgens sechs bis Mitternacht achtzehn Stunden lang dieselben drei Gassenhauer unter seinem Fenster abgeleiert hatte. Der Doktor war die reine Drehorgel, welche die abgeleierte Potpourri-Melodie von musikalischen Aufführungen und modernen Stücken, von Bällen und Belletristik vortrefflich spielte. Doch es gibt Leute, die Automatenmusik gern mögen.

Zum Schluß des Mahles ereignete sich etwas schlechthin Neues.

Frau Lüdemann sprach nach zwei Seiten über den Tisch hin. »Nächsten Freitag ist meines Mannes Geburtstag … wir geben nur ein kleines Diner und möchten Sie, Herr Doktor [später entfallen: , und Sie, mein lieber Neffe Berg,] bitten, daran teilzunehmen.«

Der Dank der Herren drückte sich in einer schnellenden Bewegung des Oberkörpers aus.

Die Frau Amtsrichter kehrte sich halb der dritten Tischseite zu und sagte: »Da es Ihr Tag ist, Junker, kommen Sie selbstverständlich auch … aber, statt um vier, nachmittags fünf Uhr!«

Langsam neigte Junker den Kopf über den geleerten Teller, den die Güte dieser Leute wöchentlich einmal ihm füllte. Die Verneigung wurde von Frau Lüdemann als eine ungeschickte Dankverbeugung aufgefaßt.

Als Junker fröstelnd nach Hause kam, war die treue Karoline beschäftigt, seinen kleinen Kanonenofen mit Kohlen aufzufüllen. »Gott! Wie blaß Sie aussehen! Nun sollen Sie es wenigstens warm haben.«

Er setzte sich aufs Sofa und knöpfte den Rock fest zu. »Nein, warm wird mir nicht … ich habe mich innerlich erkältet.«

»Soll ich Ihnen ein heißes Glas Grog bereiten?« flüsterte die Hilfbereite und lächelte pfiffig.

»Ich habe doch keinen Rum, Karoline«, seufzte er.

»O, unser Fräulein hat immer Rum im Hause.«

»Was? Wozu hat die Freundin der Enthaltsamkeit das Teufelszeug?«

»Morgens, wenn Sie greinerlich ist und den schwachen Magen und die Duselei im Kopfe hat, die sie ihre ›Migreine‹ nennt, nimmt sie zwanzig Tropfen Rum auf ein Stück Zucker, so oft, bis es hilft.«

Er lachte: »Ja, steter Tropf höhlt den Stein … aber wird sie es nicht bemerken, da sie von ihrem Jamaika nur tropfenweise nippt?«

»Ich könnte nachher etwas Wasser zugießen …« Als das Mädchen sah, wie der Ehrenmann die Brauen runzelte, setzte es hinzu: »Das tut aber gar nicht nötig … wir brauchen doch eine Flasche in der Woche.«

Junker erhielt und trank sein Glas Grog, um die innerliche Verkühlung zu vertreiben. Natürlich blieb Karoline stehen, um zu sehen, wie das Getränk ihm munde, rückte allmählich näher und setzte sich auf die Sofalehne. »Sagen Sie mir doch einmal etwas Nettes!«

»Der Grog schmeckt vortrefflich, und Sie sind eine gute Seele, Karoline.«

Die gute Seele streichelte mit der rauhen Hand über seine Stirn, wie mit einer scharfen Bürste, als wenn sie durch gelinde Massage seine eingefrorenen Gedanken in Fluß bringen wolle. Dann tippte sie entschlossen mit dem roten Zeigefinger nach seiner Brust. »Nun heraus damit! Sie lieben … Sie lieben …«

Er nickte unglücklich. »Karoline, ich kann es Ihnen noch nicht sagen … ehe es so weit ist … wenn es überhaupt so weit kommt.«

Schämig und schief wurde ihr Blick. »Es wird so weit kommen … gestern abend legte ich für Sie die Karten in meiner Kammer, und es kam heraus!«

Hierauf leerte er in einem Zuge sein Glas und sagte: »Wir müssen die Erfüllung abwarten, Karoline!«

Sie nahm das leere Glas unter die Schürze und ging. »Ich kann warten, Herr Junker!« Ihre Äuglein verdrehten sich verliebt.

Wie verdummt von dem sinnlosen Schluß ihrer Rede, gaffte er ihr nach.

Der Migrainen-Rum tat ihm wohl, so daß seine Stimmung zukunftsfreudiger wurde. Überall und ungesucht, auf der Straße, wo die Kameraden ihn mitnahmen, sogar in seiner engen Freikammer trat der Tröster an ihn heran, flüssig klar und friedlich freundlich.

In der folgenden Woche hatte er in dem Kronsberger Gehölz sich einen wirklichen Schnupfen zugezogen, und Karoline kredenzte ihm ein paar Glas Grog. Kein Liebespärchen erging sich unter den kahlen Bäumen, durch die der Regen goß. Treu und trotzdem watete er hinaus und blieb wie eine Schildwache eine volle Stunde lang stehen, obgleich er sich sechzigmal – so oft sah er nach der Uhr – sagte, daß Sylvia in dem Unwetter nicht kommen würde und nicht kommen könne.

Am Freitagmorgen erwachte er mit einem dumpf drückenden Gefühl, als wenn ihm Böses bevorstünde, und dachte an die Ahnungen, an denen seine Mutter litt. Ob dieser Druck ein Vorspuk sei?

Mittags zwölf Uhr war Gratulationskur bei dem Amtsrichter Lüdemann, der bei allen Menschen – seine eigene Gemahlin vielleicht ausgenommen – in Achtung und hohen Ehren stand.

Durch das Gedränge scholl eine Stimme: »Äh, verehrtester Herr, sehr verbunden! Jä, man kommt in die Jahre.«

Nach dem Äh und Jä steuerte Junker seinen Kurs, die Ärmel, die ihm jetzt zu kurz schienen, herunterzupfend und mit dem unangenehmen Gefühl, daß sein Rock schlecht sitze, und fand nur Gelegenheit, über den Fingerspitzen des Amtsrichters, an dessen Frackaufschlag ein kleines Kreuz hing, eine Verbeugung zu machen.

Lüdemann war nämlich Ritter pp. geworden.

Der unwissende Amatus, der die Kreuzbaumelei an der Brust sah, fragte den Vetter: »Er hat einen Orden bekommen?«

Dieser lachte leise: »Ja, den roten Adlerorden vierter Klasse mit Eichenlaub und Schwertern.«

Amtsgerichtsrat Lüdemann, der von Glück und königlicher Gnade strahlte, lächelte während der ganzen Kur mit krauser Nase, als wenn er fortwährend mit einem Strohhalm gekitzelt würde.

[Später entfallen: Asmus Berg stand abseits, still vergnügt und sich mokierend, bis er plötzlich den Kopf duckte. Sylvia war an seinen Vetter herangetreten und flüsterte ihm etwas zu.

Asmus blieb äußerlich ruhig, aber in ihm fluchte es. Nach Zarathustras Weisheit ist das Weib ein minderwertiges Wesen – und dennoch scheitert am Weibe alle Philosophie, es bleibt begehrenswert und behält trotz seines Minderwerts einen Wert, der sich nicht umwerten läßt.

Junker schien noch in Träumen, als er an dem etwas kurzen Rockärmel gezupft wurde. »Amatus, laß uns gehen und frische Luft schöpfen!«

In dem nächsten Bierlokale schöpften sie die frische Luft.

Nachdem Asmus mit dem ersten Glase etwas herunter gespült hatte, stieß er mit dem zweiten an und sagte im pastoralen Pathos: »Auf dein Liebesglück, daß es zur gottgewollten Frucht der Ehe werde!«

Der andere trank trübsinnig. »Ich habe oft ein Gefühl, daß es nichts wird.«

»Warum, mein Lieber?«

»Hm … daß ich armer Leute Kind bin, klebt mir von meiner Kindheit bis auf diesen Tag an … es ist kein Makel, aber ein Manko, ein Minus, das meiner Person wie eine kleine Klette anhaftet, welche die Menschen sofort sehen, und die ich mit einem gewissen Unbehagen fühle … ich glaube gar nicht, daß ich unfein, taktlos oder täppisch bin … aber die Klette werde ich nicht los.«]

Der Vetter verzog spöttisch die Mundwinkel.

»Ja, du, Asmus, kannst als Sohn eines juristischen Beamten leicht lachen … du bist mit keiner Klette, sondern mit einem Empfehlungsbrief auf die Welt gekommen und darum stets im Vorteil … alle Türen, an denen ich erst mit Demut und Devotion klingeln muß, stehen dir bereits offen.«

Asmus vergaß sich und brauste die Worte hervor: »Du Tor hast einen Vorzug vor vielen, nämlich eine schmucke Larve, welche der beste Empfehlungsbrief ist. Wollen wir vielleicht unsere Empfehlungsbriefe tauschen?«

»Ja, wenn du meine Klette mit in den Kauf nimmst!« Junkers Laune schlug zum Guten um.]

Der Frühschoppen währte bis gegen fünf Uhr, wo das Geburtstagsdiner beginnen sollte.

Junker strich sich vor dem Korridorspiegel mutig das wellige Haar in die Höhe und fühlte nicht mehr die unangenehme Klette des schlecht sitzenden, schwarzen Abiturientenrocks.

Zu unterst am Tische erhielt er seinen Platz, und als Tischdame war ihm eine Pastorentochter zugewiesen worden, ein zu Ostern konfirmiertes, kleines, spitzes, schüchternes Ding, das noch nichts, weder Fleisch noch Backfisch war. Getreulich und geduldig kam er seiner Pflicht nach und suchte seine Dame zu unterhalten, weil er in recht redseliger Stimmung sich befand. Aber sie, zum erstenmal in die Geistes- und Gesellschaftswelt eingeführt, gehörte zu den braven, blöden, geistig armen, guten Seelen, deren Rede ja und nein ist.

Von dem schlechter Wetter draußen, von dem schönen Mokturtle, das sie aßen, schwatzte er. Als er den Zirkus auf dem Exerzierplatz streifte, wurde seine Tischdame rot. Darum ging sein Gespräch auf die letzte Predigerwahl über, welches Thema ihr als einer Pastorentochter nahe stehen mußte, und sie lispelte ihr leises Ja.

Der neue Pastor solle ja ein verkappter Ritschlianer sein.

Wo sie weder zu bejahen noch zu verneinen wagte, machte sie ein langes So–o–o!

Junker nahm noch einen Anlauf und lobpries die landschaftlichen Schönheiten des östlichen Holsteins. »Ist nicht der Uglei die Perle der langgestreckten Seenplatte?«

»Ja.«

»Tief zwischen den hohen Buchenufern liegt er und träumt.«

»Ja–a.«

»Bei Mondschein aber ist er ein Märchen, das seinesgleichen nicht hat … nicht wahr?«

»Ja–a–a.«

»Wann waren Sie am Uglei, mein Fräulein?«

Endlich brachte sie einen ganzen Satz zustande und antwortete: »Ich bin noch nicht da gewesen.«

Nun machte der Studiosus ein langes So–o–o und wandte sich der linken Dame zu, welche keine andere als Sylvia war, die den Doktor Evers als Tischherrn hatte.

Sie trug ein langes Kleid mit langer Schleppe. Oben freilich war es, viel, viel zu kurz geraten, als wenn sie an und unter dem Halse daraus herausgewachsen wäre. Doch das Herausgewachsene und blendend Weiße entzückte ihn – bis er bemerkte, daß auch Evers seine Augen daran weidete.

Da ärgerte es ihn, und er nahm sittlichen Anstoß daran.

Der Rot- und Weißwein stellte seine Laune wieder her. Kühn nahm er mit seiner Unterhaltung Sylvia in Anspruch. Sie lachte nach rechts und links und kam kaum zum Essen, weil sie von zwei Seiten mit Geistreichtümelei überschüttet wurde.

Als Junker einmal laut über den Tisch redete, ließ das ältere Fräulein Lüdemann von dem oberen Tafelende einen spitzen Blick warnend auf ihm ruhen. Er aber sah nur Sylvia und je und dann nach der Flasche, um die Gläser frisch zu füllen.

Man toastete und trank viel guten Wein.

Junker hatte ganz vergessen, daß er nicht als geladener Gast, sondern als geduldeter Freitischler hier saß und aß, und war bereits in der Stimmung, an sein Glas zu schlagen und die Waldfee des Hauses zu feiern. Zum Glück scharrte in dem Momente ein Stuhl, dem alle Stühle, wie auf Kommando, nachscharrten. Alle standen auf und drückten sich die Hände, als wenn sie einander von Herzen lieb hätten.

Während der Kaffee gereicht wurde, unterhielt sich Junker [später entfallen: ,der keine Klette fühlte,] dreist und weltmännisch mit den würdevollsten Herren und Damen.

Sylvia trat in das Zimmer, das sonst als Boudoir diente und jetzt mit Blattpflanzen angefüllt war. Im Bann der Sehnsucht und im Mut des Weines schlüpfte er durch die Vorhänge ihr nach, ohne Vorsicht. Er sah nicht, daß die Wohltätige dem Türeingange auf drei Schritt nahe stand.

Hinter den Palmen, aber durch den Blätterfächer deutlich gesehen, legte Amatus den Mund an Sylvias Ohr und den Arm um das Herausgewachsene des Halses. Er bestellte sie zum Stelldichein in die Konditorei von Süßmilch. Eine Sekunde lang lehnte sie sich an ihn und hob die langen Wimpern.

Aber Berg hob etwas mit der Hand, nämlich den Vorhang, und prallte zurück [später entfallen: und unsanft gegen die Wohltätige, die einen neugierigen Blick hineinwarf]. Ihre Augen zwar schienen sich beim Anblick des lebenden Bildes zu versteinern; aber ohne Schrei oder Ohnmacht, in männlicher Geistesgegenwart raffte sie die Vorhänge fest zusammen und steckte den grauen Kopf hindurch, gedämpft knirschend: »Sie niederträchtiger Mensch! Und du, Sylvia!«

Die unartigen Kinder stoben aus ihrer intimen Stellung auseinander.

Fräulein Lüdemann fegte mitten durch die Gäste und entführte ihren Bruder in sein Zimmer. Bald kehrte sie zurück, tippte mit dem Zeigefinger vorsichtig-verächtlich Junkers Arm und lispelte leise, aber giftig: »Gehen Sie sofort zum Herrn Amtsgerichtsrat, der Sie sprechen will!«

Heftig schritt der Rat auf und ab, so daß die Frackschwänze gesträubt nach hinten standen und der rote Adlerorden auf der Brust vibrierte. Bei Junkers Eintritt aber stand Lüdemann strack und steif und legte den Zeigefinger zwischen zwei Westenknöpfe.

»Junger Mann, Sie haben zu viel getrunken, gehen Sie heim und schlafen Sie Ihren Rausch aus … äh … morgen reden wir weiter!«

Der Studioses war blaß und ernüchtert. »Ich habe nicht mehr getrunken, Herr Rat, als daß ich es heute hören könnte.«

»Gut, wenn Sie trotz des Vorgefallenen sich für zurechnungsfähig halten, will ich kurz und deutlich sprechen … als einen entfernten und unbemittelten Verwandten habe ich Sie in mein Haus und an meinen Tisch genommen … Sie aber, Sie haben Ihre Stellung völlig verkannt und sich ungezogene Vertraulichkeiten erlaubt, darum … äh …«

Junker hatte besonnene Ruhe genug, um den Satz aufzugreifen: »Darum werde ich mir erlauben, von Ihrem Hause und Tische fern zu bleiben.«

»Junger Mann, einen ehrenvollen Rückzug sollen Sie nicht haben … jä, ich verbiete, ich verbiete Ihnen mein Haus.«

Wie in allen Klemmen, kam ein kalter Hohn dem Freitischler zu Hilfe, der Lüdemanns Sprechweise nachäffte und sich verbeugte: »Äh, Herr Rat, äh, es bleibt derselbe Schuh, ob ich gehe oder gegangen werde … jä, ich empfehle mich für immer.«

Der Studiosus sprang die Treppe hinab. Sein Gehirn klopfte, kreiste und konnte nur eins denken: Sylvia und alles ist verloren – das ist das Ende! Willenlos, ziellos ging er hin und her, als wenn er seinen Füßen gehorche. Plötzlich sah er die Wirtschaft, in der er vor dem Diner gewesen, trat hinein und trank kaltes Bier, um seine Gedanken auf Eis zu legen. Seine Sinne wurden in der Tat ruhiger.

Erstaunt über diese Wahrnehmung fing er an zu fragen: Welche vielfache, allerdings vorübergehende Kraft wohnt dem Getränk inne? Dem Traurigen ist es ein Tröster, dem Müden ein Beleber, die Erschlaffung spornt es zu neuer Anstrengung, sogar die wirren und widersprechenden Gedanken klärt es.

Er dachte klarer. War nicht schon mancher als Student verworfen und als Kandidat erwählt worden? Wenn nur Sylvia ihm treu blieb – das Wenn gab ihm einen Stich, darum, daß er nicht zu sprechen wagte: Weil sie mir treu bleibt, stehe ich, wohl gestoßen, aber ungestürzt.

Als der Vetter draußen vorbei kam, klopfte er ans Fenster. Auf seine hastige Frage: »Was sagte man, als ich ohne Abschied verschwand? antwortete der Eintretende: »Deine Abwesenheit wurde kaum bemerkt.«

»Und Sylvia?«

»Sie lächelte und schwatzte weiter.« Asmus machte eine sarkastische Beileidsmiene. »Was gedenkst du Pechvogel jetzt zu machen?«

»Ich will mein Schicksal gehen lassen, wie es geht, und alles mit Stoicismus oder Stumpfsinn ertragen.«

[Später entfallen: »O, die elende, von der Pastorentheologie schon dem Kinde eingeimpfte Sklavenmoral des demütigen Kreuztragens … der Herrenmensch erträgt und entsagt nicht, sondern erkämpft und erzwingt.«

»Du Herrenmensch! So sage mir doch, was du in meinem Falle tun würdest!«

Asmus hatte einen lauernden Mephisto-Blick. »Vorausgesetzt, daß du Sylvias gewiß bist …«

»Laß die verruchten Voraussetzungen!«

»Sagen wir also: Weil du ihrer gewiß bist, hast du sie in der Gewalt … ein Weib, das einem Manne wirklich gehört, muß sich ihm hingeben … wem aber die Tochter gehört, der hat auch den Vater in der Hand … sehr einfach ist der Schluß und Syllogismus.«

»Pfui, nimm deinen Pferdefuß zu dir!« sprudelte Amatus hervor, »Herrenmoral nennst du das und ähnelt auf ein Haar der gemeinen Moral der gemeinsten Knechte und Mägde.«

Asmus, statt dem Aufgeregten die Antwort übel zu nehmen, bestellte volle Gläser.]

Spät nachts steuerte Junker nach der Mittelgasse 34. Vermöge seiner langen Beine überstieg er ohne Unfall den Gartenzaun.

Weil Karoline sehr fest schlief, pochte er lauter als angebracht an ihr Fenster. »Süße Cerberussin, machen Sie des Hofes Tür mir auf!«

Das Dienstmädchen schlüpfte in die notwendigsten Kleidungsstücke und lächelte in sich hinein, denn es hielt die lateinische Titulation für den Namen einer Gratie oder Muse. Schnell ein Licht anzündend, öffnete sie die Hoftür, deren Angeln wie ein auf den Schwanz getretenes Hündlein quietschten.

Die Wohltätige, welche verdächtige Nachtgeräusche hörte, überwand durch ein Stoßgebet ihre Bangigkeit und trippelte unbekleidet bis an die Korridortür, die sie der Sicherheit halber von innen abschloß.

Amatus grüßte das Mädchen: »Freundlicher Nachtgeist, leuchte mir bis in mein Zimmer!«

Karoline merkte, daß er ein Räuschlein habe, und dachte: Bier überwindet die Blödigkeit – heute abend wird er Mut haben, sich zu erklären.

Hilfreich kam sie ihm entgegen. »Pst, damit die Alte nicht aufwacht! Legen Sie nur feste Ihren Arm um meine Schulter!«

Kräftig schlang Karoline den rechten Arm um seinen Körper, in der Linken ihren Leuchter haltend. In dieser Stellung gingen sie über den Flur, während im Dunkel hinter dem Glas der Korridortür Fräulein Lüdemann, unsichtbar und alles sehend, stand.

Karoline hauchte: »Junker, Sie sind so ein netter, netter Mensch … Sie werden mir doch nicht verbummeln?«

»Nein, das werde ich nicht – sintemal ich schon verbummelt bin.«

»O, Ihnen fehlt nichts, als der Halt.«

»Sehr richtig, Karoline, die Haltung läßt heute manches zu wünschen übrig.«

»Sie müssen bei einem Menschen, der Sie wirklich liebt, Anhalt suchen!« Karoline schmiegte ein wenig den Kopf an seine Schulter. »Bedenken Sie doch, wie bald Sie das Ziel erreicht haben!«

In seinem bierig-blöden Gesicht ging es wie ein grinsendes Licht auf, und er erwiderte der Moralistin: »Wenn Sie mit meinem Schlüssel zielen wollen, hätte ich für heute nacht mein Ziel erreicht … morgen kriegen Sie einen Kuß, Karoline – aber nicht von mir!«

Wütend schloß die treue Magd auf und schob ihn mit einem derben Rückenstoß in seine Freikammer hinein. Mit dem Menschen war weder nüchtern noch angeheitert etwas zu machen.

Das alte Fräulein Lüdemann legte sich schnell, still und boshaft ins Bett und wartete.

Karoline fand zu ihrem Entsetzen die Korridortür von innen verschlossen. Was und wohin nun? Der ungalante Junker mochte ihretwegen ins Unglück geraten. Darum schellte sie aus Leibeskräften. Aber nichts regte sich im nächtlichen Hause.

Immer wieder riß sie am Glockenstrange in zornigen Zügen – doch umsonst! Die Herrin blieb ruhig auf dem Rücken liegen und rührte nur zwei Finger, um spöttisch zu knipsen: »Die soll in ihren Sünden gestraft und abgekühlt werden.«

Karoline, die auf der Treppe eine klägliche Hucke machte, fror fürchterlich in der Nachtjacke und dem einen Rocke. Als sie frühmorgens endlich eingelassen wurde, war sie bis zur Herzwurzel abgekühlt und ihre Liebe erfroren.

Dem erwachenden Studenten brachte die mütterliche Magd kein Glas Migraine-Grog zur Stärkung, sondern sie setzte das Kaffeebrett hart auf den Tisch und sagte noch härter: »Sie sollen gleich zum Fräulein kommen und Ihren Segen sich holen.«

Amatus schlug sich vor die Stirn und dachte: Nun kommt's!

Und es kam.

Über die Brille hinweg, die auf der Nasenspitze balanzierte, spießten ihn die rotgeränderten Augen. »Sie sind ein ganz verdorbener Mensch und in allen Lastern ein Meister … sogar mit meinem Dienstmädchen haben Sie eine Liebschaft.«

»Das habe ich nicht.«

»Nehmen Sie nicht zur erbärmlichen Lüge Ihre Zuflucht! Meine eigenen Augen sahen es. Junker … ich bin eine alte, alleinstehende Person, aber … ich fühle mich nicht mehr sicher auf meinem Lager … ich fürchte mich wahrhaftig.«

In allen ärgsten Augenblicken kam der kühle Sarkasmus wie ein guter Koboldsgeist ihm zu Hilfe. »Damit Sie in Ihrem Bette ruhig und furchtlos schlafen können, will ich noch heute Ihr Haus verlassen.«

Fräulein Lüdemann kehrte die Christin heraus und gab ihm ihren Abschiedssegen: »Es tut mir sehr weh, daß ich Ihnen sozusagen die Tür zeigen muß … aber tun Sie aufrichtige Buße und vergessen Sie nicht, daß der Herr keinen, der zu ihm kommt, herauswirft! In diesem Semester werde ich das neue Zimmer – doch mieten Sie ein bescheidenes, Ihren Verhältnissen entsprechendes! – für Sie bezahlen.«

Amatus Junker hat die letzte Wohltat, welche das wohltätige Fräulein ihm erweisen wollte, nicht angenommen. Aber in der neuen Wohnung tat er bittere Buße, und die treuen Augen seiner Mutter waren oft auf ihn gerichtet.

Wochen der Reue und der Unruhe verstrichen. Allwöchentlich einmal hatte er vergebens auf Sylvia gewartet und wußte keinen Weg zu ihr. Wenn er schrieb, würde der Brief in unrechte Hände fallen. Dennoch schrieb er zuletzt, um Gewißheit zu erlangen. Weil er keinen andern Boten hatte, ging er in der Not zum Vetter und bat ihn, das Billet Sylvia unbemerkt zuzustecken. 

Asmus übernahm sofort den heiklen Auftrag, zog sein Taschentuch und lächelte abseits. Er hat den anvertrauten Brief Fräulein Lüdemann gegeben.

Sie nahm ihn mit behenden Fingern und einem scheulächelnden Augenaufschlag [später entfallen: , vielleicht in diesem Halbvetter den Schreiber vermutend]. Doch als sie das erbrochene Billet durchflogen hatte, flüsterte sie entrüstet: »Sagen Sie Ihrem Vetter, daß er mir nichts zu schreiben hat!«

»Das glaubt er mir nicht, wenn Sie es mir nicht schriftlich geben.«

Und Sylvia Lüdemann gab es schriftlich auf einem rosen-roten Brieflein.

Amatus wog in der zitternden Hand den Brief, den federleichten und inhaltsschweren, und riß ihn auf.

Sie sagte und schrieb ihm alles in einer einzigen Zeile, welche lautete: »Ich kann einen Menschen, den mein Vater als potator bezeichnet, nicht achten, geschweige denn lieben.«

Haha! Sie drückte das schreckliche Wort fein lateinisch aus! Er lachte gellend und zerriß den Brief in winzige Fetzen. So war das Traum- und Trugspiel seiner Jugend zerfetzt.

Haha! Ganz recht, mein gnädiges Fräulein, ich bin ein potator, ein Trinker, der den lockenden Armen des Alkohols nicht widerstehen kann.

In seiner sinnlosen Erregung wollte er ein Trinker sein und führte seinen traurigen Vorsatz aus. Tagelang trieb er sich herum.

Weil aber die öden Wirtshausgesichter, die begehrlich über die rasselnden Würfelbecher sich beugten oder mit stumpfsinnigem Tiefsinn über Skatkarten brüteten, ihn mehr und mehr anwiderten, hielt er sich das Getränk im Hause und blieb in seinem Zimmer. So meinte er zwei Fliegen mit einem Schlage zu schlagen, sparte einerseits Geld und gab dem Wirte keine Apothekerprozente, und redete andrerseits seinem Gewissen beschwichtigend vor, daß er die Zeit nicht vergeude, sondern arbeite und sein Brotstudium treibe.

Junkers gesunder Menschenverstand merkte bald die Gefahr der abschüssigen Bahn, die er betreten, daß er den Trunk als eine narkotische Arznei nahm, welche das niedergedrückte Gemüt von seiner Beschwernis erleichterte. Aber die künstlich erleichterten Tage hatten auch sehr schwere Stunden der Erniedrigung und des Übelbefindens und des moralischen Mißmuts.

[Später entfallen: Eines Tages besuchte ihn der Vetter nach langer Zeit.

»Willst du ein Glas Bier trinken?« fragte Junker.

»Was? Du hast das Zeug im Hause und sumpfst hier?« fragte Asmus belustigt.

»Ja, ich versumpfe …«

»Mein Gott! Geht dir die alte Geschichte, die ewig neu bleibt, so nahe?« Ein frivoles Lachen! »Haha! Du hättest es erzwingen sollen … und machen wie deine Mutter.«

»Meine Mutter … wie hat die es …?«

»Nun, du weißt doch, daß sie deinen Vater, der zwar ein Bauernsohn war, aber als Bauernknecht im Nachbarhofe unseres Großvaters diente, durchaus nicht haben durfte.«

Amatus stierte und stotterte: »Und da–a …«

»Da machte sie es so, daß sie ihn haben mußte.«

»Du lügst, Schurke! Du lügst!« Amatus, lehmgrau im verzerrten Gesicht, sprang wie ein Rasender dem andern an den Hals und würgte ihn.

Asmus wehrte sich in schlotternder Angst. »Laß mich … ich nehm's zurück …«

Als er sich befreit hatte, stürzte er nach der Tür und schrie hinter sich: »Du bist von der dummen Liebesgeschichte übergeschnappt und verrückt geworden.«

Von dem Abend an trennten sich die Wege der Vettern.

Junker war voll Abscheu und Ekel. Er hätte sein Leben darauf gewettet, daß es eine niederträchtige Lüge sei, die das Bild der Mutter ihm nicht besudelte noch trübte.]

Am Morgen irrte er matt und elend durch die Straßen und betrat ein Lokal, welches keins der feinsten war. In dem Augenblicke, als er dasselbe wieder verließ, bog eine einfache, tadellos gekleidete Dame um die Ecke. Sofort erkannte er sie, obwohl er sie seit Jahren nicht gesehen hatte, und zog grüßend den Hut, aber mit scheuem Blick den Grund suchend – es war Klarissa Reder!

Fräulein Reder stand still. »Herr Junker! Ich habe einen Gruß von Ihrer Mutter zu bestellen … es ist freilich sehr lange her, seitdem er mir aufgetragen wurde … aber ich glaube, es ist gut, daß ich ihn jetzt bestelle … Ihre Mutter läßt Sie innigst grüßen!«

Wie sie das Wort Mutter betonte! Weil er völlig stumm blieb und zu keiner Antwort sich zu fassen vermochte, neigte sie leicht den Kopf, und ging weiter. Aber noch ein merkwürdiger Blick, mildmitleidig und wehwarnend, traf ihn.

Dieser Blick und besonders der Gruß der Mutter begleiteten ihn; er konnte beide nicht mehr los werden.

Nach Hause zur Mutter zieht es den Menschen im Leide. Zur Mutter zog es ihn mit hundert Armen. In einem plötzlichen Entschlusse, der wie eine Eingebung kam, begab er sich zum Universitätsrektor und erbat sich Urlaub vor Ende des Semesters, weil er sich krank fühle. Der alte Magnifikus warf einen zweifelhaften Blick auf den jungen Studiosus, aber schrieb die Urlaubsbewilligung ins Buch.

Nachdem Junker seine Vorlesungen hatte bescheinigen lassen, packte er seine Schiffskiste und reiste nach Norderhafen.

*

Zweiter Teil: Irrfahrt.

Vierter Abschnitt: Das Muttersöhnchen.

Es war ein unverhofftes Wiedersehen mit bangen Fragen und bittren Tränen gewesen; aber die heilende Zeit, die durch das langsam wirkende Medikament der Gewöhnung jeden Schmerz lindert, hatte die Mutterkämpfe zur ergebungsvollen Wehmut gedämpft.

Im Eisenofen knisterte das Torffeuer, und aus dem Zugloche zuckte ein rotleuchtender Streif über die ausgetretene Diele. Wie eine sanfte Ruhebringerin, die alles Laute stillt und jede Sorge bricht, schlich sich von draußen die Dämmerung, die weißgraue Elbin, ans Fenster und in die Dielenstube hinein. Auf die drei Menschen, die einander so lieb hatten, fiel eine große Stille.

Friedlines Stimme flüsterte: »Mutter, mir ist etwas eingefallen … wenn wir nicht in Norderhafen, sondern in der Universitätsstadt wohnten, könnte Amatus immer bei uns sein.«

»Ja, dann hätte ich stets an der Heimat einen Halt … aber leider hat Gott es nicht so gemacht.«

»Könnte Gott es nicht einrichten?« murmelte die Blinde und blickte nach oben, als wenn sie dort etwas sehen könne und weiter suche.

Amatus klappte sein Buch zu. »Nicht mehr von fremden Menschen abhängig zu sein, wäre geradezu eine Erlösung. Es ist ein Kreuz und eine kuriose Sache … alles, was die Vorsilbe ›Frei‹ hat, wie Freiplatz, Freitisch, Freizimmer, bringt eine unerträgliche Unfreiheit mit sich.«

Die Mutter verwies ihm die Rede: »Ein geringes Übel ist die äußerliche Rücksichtnahme, aber das schlimmste aller Übel ist die innerliche Unfreiheit.«

»Mutter!« rief er bittend, »habe ich dir nicht alles, auch meine Gebundenheit bekannt? Dagegen wäre die Heimat und die Nähe deiner Hand eine starke Hilfe mir.«

»Eine starke Hilfe«, wiederholte Friedline wie geistesabwesend und doch gedankenvoll, und Monika seufzte: »Es kann nicht sein, mein Sohn, daß wir zusammen sind.«

»Liebe Mutter, es kann dennoch sein!« rief die Blinde, und ihr Lächeln war ein plötzlich aufleuchtendes Licht.

»Was kann sein, Friedlinchen?«

»Daß Amatus auf der Universität eine Heimat hat und der Freitische nicht mehr bedarf.«

»Das ist unmöglich.«

»Nein, nein, einfach ist es wie alles, was von Gott kommt … ich bleibe beim Vater und führe ihm den Haushalt … hier kenne ich ja jeden Winkel und finde mich zurecht, auch die Gasse bis zum Krämer hinauf. Du aber, Mutter, ziehst mit Amatus und mietest ein Stübchen, das du ihm zur Heimat machst.«

»Kind, Kind!« rief Monika fassungslos und freudig erschrocken.

Friedline aber fuhr verständig fort: »Das Wirtschaftsgeld wird geteilt, und es gilt eine Wette, daß ich mit meiner Hälfte auskomme … nur sieben Monate seid ihr fort und fünfe bei uns.«

Amatus hatte die Mutter umschlungen. »Wenn es möglich wäre …«

»Es ist möglich, und ich glaube, daß Friedlinchen den Gedanken nicht aus sich hat.«

Der kluge und kühne Plan der Blinden wurde hin und her erwogen, und da der Vater sofort seine Zustimmung gab, nach reiflicher Vorbereitung ausgeführt.

Außer der Schiffskiste wurde ein Schloßkorb gepackt und nach der Bahn befördert. Hans schniefte beim Abschied, aber ertrug die Tatsache mit männlicher Würde. Dann ärgerten ihn die Schreiber, welche fragten, ob es wahr sei, daß die Gerichtsdienersche ihrem Manne davon und mit dem eigenen Sohne durchgegangen sei. Zu Hause ging ihm an seinem Essen und seinem Schlaf nichts ab, denn die Tochter führte mit Lust und Geschick den kleinen Hausstand.

Friedline war nicht anzumerken, daß sie die schwerste Last trug, und es war nicht die Arbeit, sondern die Einsamkeit und Sehnsucht. Zehn Tagstunden war sie allein, und abends, wenn der Vater sein Nachtmahl verzehrt hatte, begab er sich am liebsten um acht oder halb neun zur Ruhe. Beim trägen Ticken der Uhr beschlich ein krampfendes Weh ihr Herz, das sie aber tapfer verbiß und nicht zum Weinen kommen ließ. Ihre Gedanken eilten in die Ferne zu den Ihrigen, und am liebsten philosophierte ihr Köpfchen über die Kürze der Zeit im allgemeinen und der deutschen Universitätssemester im besonderen. – – –

An einem leuchtenden Lenztage hatte Frau Junker ihren Einzug in der Universitätsstadt gehalten und des Tages vor vielen Jahren gedacht, da sie ihr Töchterchen hierher in die Blindenanstalt brachte und der Schrei der vom Mutterherzen Hinweggerissenen sie gellend verfolgte.

Böse Menschen sollen mir meinen einzigen Sohn nicht nehmen, ich will und darf als ein schwacher Schutz bei ihm bleiben.

Amatus führte die Mutter nach der Teichstraße, in der Hoffnung, daß sein altes Quartier leer stehen möge. Die Frau Obermaatin, die statt der staatlichen Unterstützung viele graue Sorgenhaare bekommen hatte, war mit Freuden bereit, beide Norderhafener aufzunehmen. Aber sie hatte nur eine Bettstelle!

»Was nun? Wir müssen eine mieten!« Als aber mit dem Schürzenbande als Meßschnur gemessen wurde, zeigte sich, daß in dem Stübchen kein Raum für ein zweites Bett sei, wenn nicht das Sofa entfernt würde.

Alle machten bedauerliche Gesichter, bis Amatus den Knoten löste. »Ich schlage alle Abende meine Bett auf dem Kanapee auf.«

Und so ist es gemacht worden. Die gefällige Obermaatin half beim Auspacken und beim Einrichten der Wohnung und erzählte traurig, daß die laufende Unterstützung sich jetzt totgelaufen habe, daß sie keine teuren Gesuche mehr schreiben lasse, sondern mit einer Strickmaschine recht und schlecht sich ernähre.

Die Stube lag hoch oben im vierten Stockwerk und war gleichzeitig Wohn- und Schlafgemach und Küche. In dem Ofenwinkel stand der Kochherd, nämlich ein zweiflammiger Petroleumkocher. Die Kommodenplatte diente als Bücherständer, und der Klapptisch, dessen natürliche Halbierung die Grenze ergab, wurde hüben als Eß- und drüben nach dem Fenster zu als Schreibtisch gebraucht.

Während der Studiosus die Vormittagsvorlesungen besuchte, bereitete die Mutter das Mittagessen, sehr erfinderisch im Wechseln des einen Gerichtes, das es gab. Wenn ihr Sohn heimkam und hungrig zulangte und nach dem Essen sie küßte und sagte: »Das hat besser geschmeckt als der beste Freitischleckerbissen!« dann war sie sehr froh, obgleich ein Kochproblem ihr durch den Kopf ging. »Wie bringe ich es fertig, zwei Gerichte zu bereiten? Ein zweiter Petroleumherd würde zu teuer werden.«

Die Obermaatin, welche sie befragte, gab ihr lachend statt eines guten Rats eine mit Heu gefüllte Kiste. »Hier ist ein billiger Ofen, der niemals raucht und kein Holz braucht.«

Und es war ein vorzüglicher Sparofen, dahinein Monika die ins Kochen gebrachte Vorspeise stellte, welche dann still und unbeachtet weiter brodelte und ohne Feuer gar sich kochte.

Mittags auf dem Flure machte Amatus eine Wahrnehmung, die er seiner Mutter meldete: »Ich glaube, sie hat seit drei Tagen kein warmes Essen bekommen … man riecht nie, daß sie etwas kocht.«

»Die Armste, die auf den kärglichen Strickverdienst angewiesen ist, verheimlicht ihre Not und lebt tagelang von Kaffee und Brot.«

Der Sohn schien weniger Appetit als sonst zu haben, und ein mäßiger Rest des Mahls blieb übrig. »Mutter, könntest du das nicht der Obermaatin stillschweigend in die Küche stellen, so lange es warm ist?«

Monika, die einen kurzen, leuchtenden Blick über ihn hingleiten ließ, trug den gefüllten Teller in die Küche hinüber, pochte an die Zwischentür und verschwand ungesehen.

Die Studentenfamilie, wie sie in der vierstöckigen Mietskaserne genannt wurde, hatte vom wenigen noch übrig, weil die Einnahmequellen reichlicher zu fließen begannen. Amatus, der sich auf eine Annonce hin gemeldet und vor der gnädigen Frau Gnade gefunden hatte, gab nämlich dem Sohne des Kontreadmirals gut bezahlte Nachhülfestunden.

Mit eisernem Eifer sein Studium treibend, mied er allen Verkehr als Zeitvergeudung und genoß die Berufsmärsche als Erholungsspaziergänge. Jeweilig traf er in den Wandelgängen der Universität mit einem Bruder der Norderhafener Blase zusammen und beantwortete unbehaglich die ständigen Fragen, warum er sich ausgemeldet habe, und wo er jetzt wohne. Er nannte die Teichstraße, aber die Nummer nicht.

Eines Tages vernahm er deutlich vor der Tür seines Auditoriums, wie ein Student zu einem andern, der sich setzen wollte, sagte: »Du, nicht da! Das ist der Platz des langen Muttersöhnchens.« Hinterrücks war ihm der Spitzname »Muttersöhnchen« angehängt worden.

Junker gehörte zu jenen empfindsamen und leicht verletzbaren Naturen, die für das Mienenspiel ihrer Mitmenschen ein viel zu offenes Auge haben, und die jenen zart besaiteten Blumen gleichen, die bei jeder Fingerberührung sich schließen. Gekränkt zog er sich in selbst und in seine Heimat zurück. Im trauten Stübchen hauste er mit seinen ureigensten Schätzen, mit dem Reichtum seiner Gedanken und dem großen Schatze seiner treuen Mutter. Da war sein Genüge und sein Glück.

Zwölf Arbeitsstunden hatte sein Tag, und schneller als irgend einer wollte er sein Studium absolvieren, nicht vom Sporn des Ehrgeizes vorwärts gestachelt, sondern von dem Drange der Befreiung von allem Druck getragen und getrieben. Wollte er Sonntags nach den Büchern greifen, nahm die Mutter sie ihm sanft aus der Hand und sagte: »Nein, was der Sonntag erwirbt, der Montag verdirbt.«

Er lehnte den Kopf an ihre Schulter. »Wenn ich nicht lesen darf, was soll ich in meiner Mußestunde tun? Mütterchen muß wohl mit mir spielen.«

»Bist du wieder mein kleiner Adam?« sagte sie.

»Ja, erzähle mir, wie in meiner Kindheit, ein schönes Märchen!«

»Was könnte ich meinem klugen Sohn erzählen?«

»Aus deinem Leben, deiner Jugend etwas … wie du den Vater kennen lerntest!« Von der Seite streifte er ihr Antlitz, dessen Heiterkeit zu tiefem Ernst geworden war.

Monika sah vor sich hin und in weite Vergangenheitsfernen. Zögernd kamen ihre Worte. »Dein Großvater Junker war ein fleißiger Mann. Im Meißeln und Schneiden ein Meister, der die schönsten Schränke und Schnitzsachen verfertigte … ach, ach, bei der Versteigerung ist alles um ein Spottgeld verschleudert worden … aber den Pflug nahm er nicht in die Hand und wurde auf seinen Feldern kaum gesehen … drüben in der ›Klüterkammer‹ saß er, wenn der Exekutor kam, der ihn zu finden wußte … im Frühling mußte der alte Junker das Stroh von seinem Scheinen herunterreißen, um das Vieh vor dem Hungertode zu schützen … zu Mittsommer wohnte er in der kleinen Kate, die er von Hab und Hof behalten hatte. Dein Vater zog mit einem Stabe aus und diente als Vorknecht auf der Andersenschen Hufe in Hellebäck, die unser Nachbarhof war. Das war die dritte Landstelle, die schlechteste und sandigste und auch die letzte, die mein Vater hatte, der von Landwirtschaft nichts verstand … die Pferde waren blank und die Kühe mager, der Rahm wurde gegessen statt gebuttert und für den Nachfolger wurde mit schweren Unkosten Mergel gegraben.«

»O, Mutter, Verfall und Verarmung ist mein böses Ahnenerbe … wie würde ich gearbeitet und gewirtschaftet haben, wenn ich meine eigne Ackerscholle besessen hätte! Um ein Bauerngütlein gäbe ich meine ganze Theologie hin.«

»Amatus versündige dich nicht … freilich, es sind alte und traurige Märchen, die am besten begraben bleiben.«

»Muttchen, erzähle mir … wie du den Vater lieb gewannst!«

Monika spitzte sinnend den Mund und sprach stockend: »Nun … dein … Vater kam Sonntags oft hinüber … damals war noch keine so große Kluft zwischen Hofbesitzern und Hofleuten.«

Sie gab kurzen oder keinen Aufschluß.

Der Sohn blickte etwas unruhig, aber ohne Argwohn sie an und schwieg. – – –

Blaue Syringen blühten an allen Wegen. Bis über die Mietskasernen der Vorstadt hatte eine neugierige Lerche sich verirrt, und der schwanzlose Kanarienvogel der Obermaatin, der wahrscheinlich ein Weibchen war und sonst nicht sang, mühte sich, das Geschmetter durch sein Gepiepse zu begleiten.

Piep, piep, Mittsommer ist da! Piep, piep, Mittsommer ist da!

Von dem Gesinge und von den Sonnenstrahlen, die ihm ins Gesicht guckten, erwachte Amatus und reckte sich munter: »Heute ist Sonntag … nur der Arbeitsame kennt die Sabbatsfreude … aber meine Sonntagsruhe ist Wandern, Wandern. Mutter, es ist ein Mittsommermirakel! Der Himmel Schleswig-Holsteins hat keine Wolken. Heute wollen wir weit in die Welt hinaus marschieren! Schneide dir die Hühneraugen und ziehe die großen, bequemen Kähne an!«

Monika tat, wie ihr geheißen wurde, und meinte: »Wir nehmen die Hauswirtin, die von früh bis spät mit der Strickmaschine klappert, mit.«

Nachdem ein Eßkörblein gefüllt war, zogen sie hinaus in die Frühmorgen- und Frühsommerschöne. Die Mutter, jedes Vögleins Schlag kennend, lugte vorsichtig durch die Zweige, um den Sänger nicht zu stören. Der Studiosus der Theologie aber stand vor jedem Hecktor still, mit seinem Kennerauge an den schweren, rotbunten Kühen sich ergötzend, und träumte verstohlen davon, wenn die sein eigen wären.

Im blinkenden Sonnenschein vergaßen alle des Lebens Druck und düstere Schatten, und sogar die Obermaatin scherzte kurzweilig und sagte zu der vor ihr schreitenden, schnellfüßigen Monika: »Frau Junker, wie alt sind Sie?«

»Ich sage es … fünfundfünfzig!«

»Ja, Sie können es sagen … und ich mit meinen grauen Haaren bin zehn Jahre jünger … Sie sind noch eine schöne Frau.«

»Nicht einmal gewesen, gewesen, meine Liebe.«

»Ja, Mütterchen, das bist du!« protestierte der Sohn, »selbst der stockfischtrockene Amtsrichter hat mir gesagt, daß er sich in jungen Jahren ein paar Tage lang in dich verliebt hat.«

»Sie haben gewiß viele Anbeter gehabt?« Die Wirtin bestrebte sich, ihrer Mieterin etwas Angenehmes zu sagen.

Der Sohn nahm das Wort: »Sehr viele! Und sie nahm meinen Vater, obgleich er nichts hatte … hättest du doch einen reichen Hofbesitzer geheiratet! Dann säße ich jetzt im vollen Bauernglück.«

Frau Junker wehrte dem Gespräch: »Laß das! Ich heiratete deinen Vater, weil ich ihn liebte.«

Ihre Wirre verwirrte ihn, so daß er sprach: »Warum hat Vater nicht den heruntergewirtschafteten Hof übernommen?«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß er versteigert wurde? Auch war dein Vater nicht der nächste Erbe, sondern sein älterer Bruder.«

Amatus blieb stutzend stehen. »Aber von einem älteren Bruder meines Vaters weiß ich gar nichts … warum sind die Familienhistorien mir verheimlicht worden?«

»Dein Oheim war ein hübscher Mensch und diente auch in Hellebäck … er war so sparsam, daß man ihm Geiz nachsagte … der Ärmste ist wohl längst tot und vermodert.«

»Wohl? Wie soll ich das verstehen?« Amatus betrachtete seine Mutter in grosser Spannung.

»Als Tycho – so hieß er – hundert Speziestaler sich erspart hatte, brach der schleswig-holsteinische Krieg aus. Weil er sich nicht freigelost hatte, wurde er von den Dänen eingezogen … wie hat er beim Abschiede geweint, als wenn er den bösen Ausgang ahne! In der Osterschlacht bei Schleswig blieb er … so müssen wir glauben, weil keine andere Möglichkeit ist. Als die Dänen bei dem Dorfe Busdorf flohen, bemerkte sein Nebenmann, daß er hinter einem Knick in die Kniee sank und zurückblieb. Seitdem hat keiner seiner Kameraden etwas von ihm gesehen … auf den Verlustlisten war Tycho Junker als ›vermißt‹ verzeichnet. Damals wurde die Kontrolle höchst nachlässig geführt … doch wird er gefallen und irgendwo auf der Heide eingescharrt sein.«

Amatus wiegte den Kopf. »Das ist ein tragisches Los … mein Onkel Tycho mußte als guter Deutscher für Dänemark sterben … ist er später für tot erklärt worden?«

»Nein, es hatte keinen Zweck und hätte nur Kosten verursacht … bei seiner ängstlichen Sparsamkeit hatte er seine Ersparnisse keinem anvertraut, sondern sie im Tornister mitgenommen.«

»Mutter, könnte das nicht das Dunkel aufklären? Wenn Hyänen des Schlachtfeldes den Gefallenen ausgeplündert und verscharrt haben, um ihr Verbrechen zu verdecken … oder vielleicht war er nur verwundet …?«

»Mach das Grausige nicht noch grausiger! … Der Allsehende weiß es.«

Bald verscheuchte der helle Sonnenschein die Schatten, welche die alten Familiengeschichten aus ihrer längst geschlossenen Gruft geworfen hatten. Man stieg in ein großes Dorf hinab, das in einem lieblichen Tale in stiller, satter Ruhe lag. An allen Hängen zogen die grünen Knicks hin und bildeten unregelmäßige Vielecks von wogenden Getreidefeldern und blühenden Kleeäckern. Hier war einer jener vielen Gärten, die Gott im östlichen Holsteinland geschaffen hat, und dem Theologen dünkte jeder Bauernhof mit seinen breiten Scheunen, dem Baumgärtlein und dem Entenweiher ein Erdenparadies, daraus Adam Amatus durch seiner Ahnen Schuld und Leichtsinn vertrieben worden. Die Kirchenglocken läuteten.

Monika meinte: »Wir könnten den Gottesdienst besuchen, wenn wir nicht den Eßkorb hätten, aber wo lassen wir den?«

»Es wäre keine Kirchenschändung, ihn unter die Bank zu stellen«, sagte er.

Nach ihrer Meinung aber ging das nicht, und sie versteckten den Korb an der Kirchhofsecke, wo er unter hohen Nesseln kühl und ungesehen stand.

Während der Predigt hatten nicht bloß ihre Seelen, sondern auch ihre müden Beine Sabbatsruh gehalten, und nach derselben setzten sie sich unter die uralten Linden des Friedhofshügels, von wo ein feiner und weiter Ausblick war. Alles Grün glänzte, der schimmernde Brennspiegel des Sees funkelte in seinem Schilfrahmen, leise murmelte der Bach, und laut klapperte der Storch auf dem Dache.

Die Obermaatin, die zu sinnieren schien, wurde von Amatus geneckt: »Trauern Sie noch immer um die Laufende?«

»Jaja, der Pastor predigte von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt … ich kenne die, welche in der Welt und bei der Obrigkeit gilt … daß die Witwen der Maate, die mit dem ›Großen Kurfürsten‹ untergingen, große Pensionen bekommen und ich keinen Pfennig.«

Monika suchte die Verbitterte zu trösten, während ihr Sohn nach dem Eßkorbe lief. Er kam zur rechten und zur letzten Stunde, um ihn zu retten. Eine schnüffelnde Sau, die sich an den Nesseln atzen wollte, hatte ihn aufgestöbert und umgeworfen und stieß ein höchst verblüfftes Uf–uf aus, als ihr der Fund vor dem Rüssel weggenommen wurde.

Nachdem das trockne Mittagsmahl verzehrt war, nickten die Frauen ein wenig, und Amatus, in die Wipfel blickend, träumte einen Traum. Wenn er in einem solchen Dorfe Pastor wäre und die Mutter und der Vater und Friedline bei hm wohnten …

Zwei dröhnende Schläge der Turmuhr weckten den Träumer und die Schläferinnen. »Auf, auf, Frau Obermaatin!« rief er, »der Hahn auf dem Turme hat gekräht.«

Die frohen Ausflügler wanderten durch das Dorf und standen vor dem lieblichsten von allen Höfen in beschaulicher Betrachtung still. An den flüsternden Bach schmiegte sich ein smaragdener Wiesenstreif, auf dem weiße Enten sich sonnten und flaumgelbe »Göffel« schwerfällig watschelnd die Grashalme gierig rupften. Über den grünen Grund hingen die baumhohen Syringen des Gartens, der ein Tausendschön von allen Farben, von Dornrot, Goldregen und schneeweißen Blüten war. Vom dichten Blatt- und Blütenhag auf drei Seiten umhegt, lugte ein hellgetünchtes, strohgedecktes Haus mit seinen zwei Scheunen hervor.

In dem Hofe stand ein alter, ganz schwarz gekleideter Herr, das Samtkäppchen auf dem kahlen Kopfe und die lange Pfeife im Munde, und neben ihm eine mildblickende, matronenhafte Frau, die eine volle Schale hielt, aus der sie wie ein Säemann die Gerste streute. Husch, husch! Das gackernde Hühnerheer von weißen Italienern flog herbei und pickte und pickte. Von dem Geräusch erwachten die Enten, schrieen ihr Rab-rab und schossen flügelschlagend über den Grund, um den nimmersatten Hunger zu stillen. Die kleinen, watschelnden Göffel waren die letzten zur Stelle.

Der Herr im Hofe schien schriftbewandert und lachte: »Die letzten sollen die ersten sein«, und abseits von dem großen und gierigen Geflügel warf er den Gänslein ihr Futter.

In Wohlbehagen schritt das würdige Ehepaar durch den Garten, und die gelben Göffel liefen ihnen nach.

»Ist das nicht ein Erdenparadies?« sagte Monika.

»Ja, Mutter, es ist die Pfarre des Dorfes«, antwortete er sinnend.

»Woran denkst du, mein Sohn?«

»Ich träume einen Traum … wenn ich das Glück erreicht hätte und in einem solchen Stilleben säße … du und Vater und Friedline wäret bei mir … die Äcker und Wiesen würde ich natürlich alle behalten und Pferde und Kühe und Kälber haben … o … den lieben, langen Tag über die Felder streifen und Gras und Korn wachsen sehen, welch ein Glück!«

»Aber, Amatus, du wärest doch zunächst Prediger und Seelsorger, müßtest auf der hohen Kanzel reden und in den niedrigen Hütten trösten.«

»Selbstverständlich … das müßte ich auch besorgen.«

Das Lächeln der Mutter verlor sich: »Wäre dir das nicht die Hauptsache und die Hauptarbeit des Lebens?«

»Ich glaube, daß mir der Hof das liebste wäre«, antwortete er ehrlich.

»Mein Sohn, mein Sohn! Du willst Pastor werden – um Bauer werden zu können?«

»Kann ich nicht beides sein? Ja, das Bauernblut, das bleibt … die trauteste Musika ist mir das Dengeln der Sensen und das Dröhnen der Dreschflegel … kein Röslein ist meiner Nase so lieb als der Duft des Heus und der Milchgeruch der Kühe.«

Seine Begeisterung machte die Mutter bedenklich. »Wenn kein Mensch zwei Herren dienen kann, wie viel weniger ein Diener Gottes!«

»O«, erwiderte er, »es sind ja nur törichte Träume.« –

Am Montagnachmittag machte Junker seinen gewöhnlichen Spaziergang nach dem Villenviertel hinaus, um seine Stunde zu erteilen. Da war ihm sein Ärger schon bereitet, und der Quartaner hatte in der Schule eine niederträchtige Zensur bekommen. Als der Kontreadmiral durch den Diener ihn zu sich bitten ließ, räusperte er sich tief. Es kam aber anders, als dem Abergläubischen ahnte.

Der hohe Offizier war ein sehr verständiger Vater und sagte sehr schneidig: »Wenn der Stift faul wird, hauen Sie ihm rechts und links ein paar herunter, die er fühlt … dazu will ich Ihnen Vollmacht geben.«

Der Studiosus, dem eine Zigarre geboten wurde, lenkte das Gespräch auf den Untergang des Großen Kurfürsten, an welcher traurigen Affäre der Offizier, aktiv, aber unverschuldet teilgenommen hatte, und dann auf die Obermaatin, die bei Gibraltar ihren Mann verloren, und wußte geschickt die große Not seiner Wirtin zu erwähnen. Der Admiral versprach nichts, aber notierte sich den Namen der Obermaatswitwe. –

Amatus hatte lange die Sache vergessen. Das Jahr ging bergab, und die langen Sommertage kürzten sich. Der Studiosus saß über die Bücher gebeugt, bis die Dämmerung die Schrift verwischte und die Mutter bat: »Mach Feierabend, mein Sohn!«

Er lehnte sich zurück und strich mit den Fingern über die müden Augenlider, und vom Fenster kam leise Frage: »Was sinnst du? Umschwirrt dich noch der Schmetterling?«

»Nein, Mutter, ich habe ihn verscheucht.«

Frau Junker holte von der Wirtin das neueste Zeitungsblatt, das sie bereits gelesen hatte, und legte es ihm hin, den Zeigefinger auf eine Bekanntmachung haltend: »Fasse dich, Amatus, der lockre Falter hat sein bißchen Glimmerstaub verloren.«

Er las die Anzeige, in welcher der Amtsgerichtsrat die Verlobung seiner Tochter mit dem Doktor Evers kundgab, und hielt die Hand über die Augen. Nach einer Weile sprang er empor. »Mutter, nun bin ich geheilt, von einem grauenhaften Blödsinn der Einbildung gründlich geheilt.«

Aber in den nächsten Tagen war Amatus nicht wie ein fröhlich Genesender, sondern oft verdrossen, besonders wenn das Durchdenken des dogmatisch-dickflüssigen Stoffes ihm nicht gelang. Monika gab Obacht auf ihn, und nachdem ein häßlicher Nachttraum sie gequält hatte, graute ihr vor einem Anfall und Angriff des alten Feindes. Trotzdem es ein Werkeltag war, sprach sie: »Du mußt dich ausspannen, wir wollen durch eine Wasserfahrt uns erholen.«

Er willigte ein: »Ja, die wehende See ist ein frischer Himmelsbesen, der den dumpfen und alten Staub aus Kopf und Herz herauskehrt.«

Nachdem sie am Kanale gelandet waren, wandte sich Monika durch den Gutspark mit seinen hundertjährigen Rüstern und Rieseneichen. Sie ging voran durch den Laubengang, in dem er einst mit Mirzy Schaffys Liedern den langzöpfigen Backfisch angesungen hatte. Davon wußte die Mutter nichts, und er wurde versonnen, weil ringsum ihn im Sonnenschein die toten und törichten Träume wiedergingen.

»Amatus, woran denkst du?«

»An Sylvia …«

»Sie ist keines Gedankens wert.«

»Nein … aber denke ich, oder denkt ein anderes in mir? Gute Gedanken kann man nicht herbeizwingen und widrige nicht vertreiben … sie kommen, und wer wüßte, von wannen? Eber hier wanderte ich einmal mit ihr.«

Die Mutter nahm hastig seinen Arm und riß ihn hinweg von dem Ort, der ihr nicht mehr geheuer war. Am Kanale, der zwischen Schilfufern wie ein Flüßchen sich schlängelte, und dem zur Seite der Rennsteig lief, gingen sie. Hinter ihnen kam ein zweisitziges Gefährt in schnellem Trabe die Straße hinauf.

Ein Aufblick nur! Und Amatus sah, daß sein Vetter die Zügel hielt und die Wohltätige den Bock mit ihm teilte. Ein zweiter, noch schnellerer Blick! Das dahinter, das war Sylvias Hut, der wie eine schmachtende Riesenblume sich zu dem glattschimmernden Gesicht des neugebackenen Doktors hinüberlehnte.

Amatus zog die Mutter, die ein Zucken seines Arms spürte, auf den Rennsteig hinüber. Der Wagen aber fuhr zum Gute hinauf.

»Was hast du?«

»Sie … sie war es.«

Monika fragte nicht mehr, sondern ging eilig den Rennsteig hinauf, dessen sandiger Boden brannte.

Amatus warf sich in den Schatten einer Weide und sagte: »Wollen wir hier nicht ruhen?«

Seine Gedanken jedoch ruhten nicht, sondern beschäftigten sich unablässig mit dem Gefährt, etwas sauer-sarkastisch. Der Vetter hatte einmal als Knabe ein Ziegengespann besessen, aber seitdem nie Gelegenheit gehabt, einen Zügel in die Hand zu nehmen. Nun kutschierte der die Lüdemannschen und den geölten Doktor als kühner Rosselenker. Ja, der fand sich mit weltmännischer Würde in das Unvermeidliche. Dreimal selig sind die Dickhäutigen und die Dummdreisten, denn sie werden vorwärts kommen auf Erden!

[Später entfallen: Nach Bekanntgabe der Verlobung war Asmus Berg der erste Gratulant und sein Glückwunsch herzlicher als irgend eines Hausfreundes gewesen. Nur ein sehr scharfer Mienenkenner hätte sehen können, daß unter seinem Lächeln etwas auf der Lauer zu liegen schien.

Nachdem seine Einladung zur Ausfahrt angenommen war, ging Berg in den Leihstall, um ein Fuhrwerk zu mieten. Der Besitzer, der ihn für einen Sonntagskutschierer hielt, wollte zwei geduldige Droschkenmähren anschirren lassen.

»Nein, nein, die zwei raschesten Gäule, die Sie haben, ich kann fahren.«

»Sehr wohl, mein Herr, ich habe hier ein Gespann, ein schneidiges …«

»Ausrangierte von der Truppe?«

»Ja, es sind Dragonerpferde gewesen, aber junge, feurige Tiere …«

»Her mit den Feurigen!« kommandierte Berg.

»Hm, hm … Herr … wir sind ja haftbar.« Der Fuhrmann kraute sich und kaute an etwas.

»Hat's einen Haken mit den Rennern? Durchgänger? He?«

»Das nicht! Nur der rechte hat eine kleine Unart … kriegt er den Schwanz über die Leine, wird er fuchswild und will davon … wenn Sie bloß dafür aufpassen, ist er militärfromm.«

»So, so!« machte Berg, und unter dem Blick, mit dem er den militärfrommen Fuchs betrachtete, lag etwas auf der Lauer. »Pah, ich habe keine Bange und werde den Durchbrenner schon meistern.«

Als er auf den Bock hüpfte und davonfuhr, schrie der Fuhrherr ihm nach: »Immer stramm die Leine, daß er nicht den Schweif darüberschlägt!« –]

Monika und ihr Sohn mochten eine halbe Stunde unter der Weide gelegen haben, als Rädergerassel sich näherte. Unwillkürlich drückte Amatus sich weiter ins Gebüsch hinein. Aber der Vetter erkannte ihn und die Tante und grüßte mit einer eleganten Peitschenbewegung [später entfallen: , welche die Gäule zum Hüpfen brachte]. Hinter das Gefährt wirbelte gräulicher Staub und der schallende Klang eines spöttischen Gelächters.

Monikas Sohn hatte bitterböse Lippen. »Sie machen sich über die Zaungäste lustig.«

»Warte nur, mein Sohn! Wenn du einmal Pastor bist, kannst du vielleicht auch vom Bocke fahren.« Kaum hatte die Mutter das tröstende Wort gesprochen, als sie einen Schreckensruf ausstieß: »Da … da … Himmel … ein Unglück … entsetzlich …«

Blitzähnlich, wie jede Katastrophe, brach es herein. Asmus Berg war langsamer gefahren und ließ die Zügel schlaffer hängen [später entfallen: und beugte sich scherzend nach hinten].

Die Fliegen schwirrten und stachen, die Pferde wehrten sich gegen die Quälgeister und schnauften.

Eine Stechbremse surrte. Da spitzte der Fuchs die Ohren, schlug mit dem Schweif über die hängende Leine, wieherte zornig und hüpfte mit dem Hinterbein über den Strang.

Im Nu warf [später entfallen: Asmus Berg dem alten Fräulein die Zügel hin und sprang] aus dem Wagen. [Später entfallen: Das, was in seinen Augen auf der Lauer gelegen hatte, brach in einem glühenden Blicke durch. Er hatte die versengenden Augen und den furchtbaren Willen des verbrecherischen Übermenschen, der alles in den Weg Tretende zertritt.

Welcher Gedanke stürmte in dieser Sekunde durch seine Seele? Ein kaltblütiger Mordwunsch, der dem Zufall die Meuchelwaffe in die Hand drückt! Was war ihm Evers? Ein verhaßter Todfeind! Und das alte, ausgelebte Wesen? Ein unnützer, seine Zinsen verzehrender Schmarotzer! Und Sylvia? Lieber mochte sie tot, als eines anderen Eigentum sein!]

Während er nach vorne lief, um die Pferde zu beruhigen, rief der dem laut kreischenden Fräulein Lüdemann zu: »Halten Sie fest, fest!«

Der Fuchs, vom Zerren an der Leine ganz rasend geworden, riß den zahmen Genossen mit sich.

Berg sprang geschickt und gesichert zur Seite.

Auf dem schmalen Rennsteige schwankte ein zügellos sausendes Gefährt hin und her, wie eine rasselnde, schreiende Staubwolke dahinschwebend.

Dann ein totenstiller Augenblick!

Über die Böschung war der Wagen mit Menschen und Pferden ins Wasser gerollt. Den ersten Laut gaben die Möwen von sich, die erschreckt aufschrillten.

Asmus rührte kein Glied und starrte auf das aufgewühlte Wasser. Die Räder nach oben trieb der Wagen. Seine Stränge waren zerrissen, denn die freigewordenen Pferde stampften und strebten der Böschung zu.

Ein Mensch keuchte den Rennsteig hinauf – es war Amatus Junker, der dem Vetter einen Stoß gab. »Hinein! Wir müssen sie retten!«

Asmus bewegte nichts als nur die Lippen: »Ich kann nicht schwimmen.«

Dem Doktor  Evers war es gelungen, die Mähne des linken Pferdes zu ergreifen, daran er sich in der Todesnot klammerte.

Amatus, ein sehr mäßiger Schwimmer, hatte den Rock von sich geschleudert und glitt ins Wasser. Hinter ihm griffen zwei Hände in die leere Luft, und eine atemlose, heisere Mutterstimme schrie: »Du kannst nicht … laß es … eine Barkasse kommt schon.«

Er stieß aber vom Ufergrunde ab und sah über die sich glättende Fläche. Drüben schwamm ein unförmlicher Frauenhut, den er kannte, und nicht weit davon ein Kopf mit glänzendem Braunhaar, das er oft geküßt.

Doch ihm und dem Schilfe am nächsten trieb das alte Fräulein, das auf den geblähten Röcken wie eine breite, schwarze, oben zugespitzte Wasserboje schaukelnd schwamm und gellend kreischte: »Mein Gott! Hilfe! Retten Sie mich zuerst! Ich bin die Älteste.«

Nach der Boje steuerte Amatus – nun war er da – und die Unvernünftige griff in die stoßenden, schwer arbeitenden Arme des Retters.

Der ungeübte Schwimmer erkannte die große Gefahr und keuchte: »Lassen Sie den Arm los!«

Aber in ihrer Todesangst krallte sie die Finger noch fester in ihn.

Er hatte bereits viel Wasser geschluckt, hörte ein Sausen und Fauchen und sank. Sein letzter Gedanke war: Gott!

Dann merkte er in dunkel wiederkehrendem Bewußtsein, daß sein Körper schwebte und unsanft über einen harten Gegenstand gerollt wurde.

Die Männer der Barkasse hatten ihn und das Fräulein mit zwei Bootshaken herausgefischt und konnten trotz des Unglücks kaum ein Schmunzeln unterdrücken, weil die beiden ein einziges, großes, nasses Bündel bildeten.

Schnell befreite sich Amatus aus der Umarmung und ging nach vorne. Sylvia, die zuerst geborgen war und neben dem Kessel hockte, sah wie ein Häuflein Elend zu ihm empor und schlug die Hände vors Gesicht, um über sich selbst zu weinen.

Das Schiff legte ans Ufer und brachte, nachdem der Doktor und Frau Junker an Bord genommen waren, die verunglückte Gesellschaft zur Stadt. 

Die Wohltätige, die wie eine Boje geschwommen, glich jetzt einem hölzernen, mit triefenden Kleidern behangenen Kleiderständer und sagte, mit den Zähnen klappernd: »Lieber Doktor, gehen Sie hin und danken Sie dem Junker für seinen Beistand … ich würde es ihm nicht vergessen.«

[Später entfallen: Doktor] Evers, dessen geöltes Haar von Wasserperlen funkelte, glänzte förmlich in der Sonne und war glätter als je; nur die Stimme holperte, als er seinen Auftrag ausrichtete.

Ihm wurde ohne Anstoßen eine schnelle und anstößige Antwort: »Es war nicht Fräulein Lüdemanns Schuld, daß wir beide gerettet wurden … ihr Dank kommt an die unrechte Adresse und gebührt dem Schiffer und dem Herrgott.«

Amatus und seine Mutter blieben auf dem Vorderdeck und kehrten der übrigen Gesellschaft den Rücken zu.

Am Morgen nach dem Bade hatte er einen benommenen Kopf. Trotzdem die Mutter, die alles beobachtete, seine gedrückte Stimmung bemerkte und ihn bat, zu Hause zu bleiben, nahm er seine Mappe, um die Vorlesung zu besuchen. Das Wiedersehen mit Sylvia hatte keinen Schmerz und keine alten Gefühle in ihm erweckt, aber mit einem dumpfen Unbehagen ihn erfüllt. Sein Gemüt war zum Zerspringen mit etwas Schwerem, Stickigem und Explosivem überladen, das Ausbruch und Entladung suchte.

Monika hatte mittags die Karbonade gebraten, die Kartoffeln in der Heukiste warm gestellt und die eine Tischhälfte gedeckt. Als es ein Viertel nach zwölf schlug, stand sie horchend neben dem Petroleumherdlein. Auf die Minute pflegte sie sonst mit einem stillen Lächeln die langen Schritte des sehr pünktlichen und sehr hungrigen Sohnes zu hören, der zwei Stufen auf einmal nahm.

Der Zeiger der Uhr rückte immer weiter. Die Wartende schraubte die Flamme herunter und murmelte: »Er wird sich vielleicht festgeschwatzt haben.«

Tick-tick, tick-tick! Die Uhr schlug einen Schlag.

Monika preßte am Fenster den Kopf an die Scheibe, um auf die tiefliegende Straße hinunter zu sehen. »Wo bleibt er, wo bleibt er? Er sollte sich doch nicht festge–?« Den Gedanken vermochte sie nicht zu vollenden, aber ihre Finger legten sich ineinander, als wenn sie bete.

Tick-tick! Die Uhr ging ruhelos. Bei den zwei hart dröhnenden Schlägen schrak Monika zusammen, stand schleppenden Schrittes auf und stellte das Essen, von dem sie keinen Bissen berührt hatte, fort. Bei jedem Stück, das sie hinwegräumte, fühlte sie einen wehen Stich.

In der Dachstube der Teichstraße hockte eine starre Frau am Fenster, hörte die halben und die vollen Stunden schlagen, und immer die Straße hinunter ging ihr suchender und banger Blick.

Es dämmerte. Die Laternen flammten auf. Sie blieb unbeweglich in ihrer Stellung, weit offen die Augen und die Hände gefaltet.

Als gegen 10 Uhr laute Nachtschwärmer unten auf der Gasse lärmten, öffnete sie einen Fensterspalt und steckte den Kopf hinaus. Doch nein!

Nach Mitternacht war die ganze Vorstadt still und schlief.

Plötzlich hörte Monika ein Klappern auf dem Pflaster und einen Schritt, den sie zu kennen meinte, obgleich er etwas Hartes und Fremdes hatte. Mit dem Hausschlüssel die Treppen hinabeilend, schloß sie von innen auf.

»Amatus, wie siehst du aus!«

»Mut–ter!« sprach er unsicher und ging vor ihr, recht fest und sicher tretend; nur die Züge waren blaß und verändert.

Die Mutter schloß kein Auge in der Nacht und hörte ihn atmen und schlafen. In einförmigem Takt gingen die Atemzüge des Schläfers [später entfallen: und klangen ihr] in der nächtigen Stille wie die schaurig blasende Melodie einer ewig wiederkehrenden Sorge.

Der sonst ein Frühaufsteher war, erwachte spät. Die Mutter saß an seinem Bette, reichte ihm den frisch gekochten Kaffee und hielt seine Hand.

»Warum schiltst du mich nicht, Mutter? Ich könnte besser deinen Zorn als deine große Liebe ertragen.«

»Ich glaube, daß du des Trostes bedarfst.«

»Ja, tröste mich, denn ich bin tief, tief elend!«

»Amatus, wenn ich zähle … mehr als vier Monate hast du in Stille [später ergänzt: und in Frieden] gelebt.«

»Gerade darum ist es so entsetzlich«, stöhnte er.

»Ja und auch nein … der böse Feind hat dich gefällt … wir müssen es dulden, daß er seine Anfälle macht und vielleicht kann er nicht mit einem Mal für immer überwunden werden … aber wir müssen weiter kämpfen und siegen, mein Sohn.«

Ihre Milde ermutigte ihn, neue und starke Vorsätze zu fassen.

Am Vormittage trat der Postbote ins Zimmer und begann einen Geldbetrag von 30 Mark hinzuzählen, welchen die Wohltätige sandte, um ihr Wort, daß sie des Dankes nicht vergessen werde, in angemessener Weise einzulösen. Ohne Überlegung schoben Mutter und Sohn das Geld zurück, und kopfschüttelnd schrieb der Briefträger sein »Annahme verweigert«, welches in seiner Praxis bei Postanweisungen selten oder nie vorkam.

Ebenderselbe Postbote hatte der Obermaatswitwe ein portofreies Schreiben überbracht. Freudeschreiend stürzte sie zu ihren Mietern ins Zimmer: »Ich hab's, ich hab's!«

»Was denn? Einen kleinen Raptus?« lachte Amatus.

»Meine laufende, meine laufende Unterstützung von 90 Mark jährlich, die mir aus Gnaden bewilligt worden ist.«

Nichts, gar nichts hatte Junker getan, nur ein geringes, gutes Wort zu gelegener Stunde gesprochen, und das hatte die Wunderwirkung gehabt, daß ein armes, gedrücktes Menschenherz von neuem auflebte.

Wie viele kleine, freundliche, empfehlende Worte bleiben auf Erden ungesprochen – sei es aus Trägheit oder aus falschem Stolz – und könnten doch mühelos Früchte der hellsten Menschenfreude tragen.

Die frohe Botschaft der Witwe hat auch die Betrübnis der Familie Junker erhellt.

Der Studiosus arbeitete wieder mit neuer Lust und Kraft; sogar das Repetieren, das eintönige Wiederkäuen des Gedächtnisses, war ihm keine langweilige Beschäftigung. Zuweilen verfiel er in kurzes Grübeln, ohne die Mutter zur Vertrauten seiner Gedanken zu machen.

Dann suchte er, von der jetzigen Leichtigkeit des Denkens und der Frische seines Geistes in Verwunderung gesetzt, über seinen leiblichen und seelischen Zustand zur Klarheit zu kommen. Sein Selbst befremdete ihn. Abgespannt und reizbar war er gewesen und jetzt nach kurzer Krankheit wie von neuem geboren! War nicht die angesammelte Depression seines Gemüts durch die zufällige Begegnung mit der Lüdemannschen Sippe in Gärung und zur Explosion gebracht worden? Hatten nicht die dumpfen Stickstoffe seines Nervenlebens sich in dem Exzesse entladen und ausgetobt? War das Unbegreifliche nicht wie eine notwendige Krisis, die er durchmachen mußte, um unreine, hemmende Affekte auszuscheiden und sich an Leib und Seele wieder frei zu fühlen? Ja, die Wirkung – die Genesung und Geistesfrische – schien eine Erfahrungstatsache. Aber sein Verstand faßte es nicht und fand keine Lösung des furchtbaren Seelenrätsels.

Junker war ein Schnellarbeiter, der beharrlich dem Ziele seines Brotstudiums, welches Examen hieß, zustrebte. Je mehr das Semester seinem Ende sich näherte, desto unruhiger zählte Monika die Tage. Als Schiffskiste und Schloßkorb gepackt wurden, war ihr ganzes Antlitz ein stilles Lachen.

Die Obermaatin aber wischte sich die Augen. »Was wollen Sie mit dem Petroleumkocher sich schleppen? Lassen Sie den doch hier!«

»Als Pfand? Sind wir etwas schuldig geblieben?« scherzte Amatus.

»Nein, als Bürgschaft, daß Sie wiederkommen … jetzt hab' ich ja meine Laufende und will das Zimmer für Sie offen halten.« – – –

Frau Monika war wieder in der Heimat und in ihrem Hause. Ihr sinnender Blick schweifte über das Pappeltal und die Föhrde und den Kirchturm von St. Marien und die roten Ziegeldächer, entdeckte neue Reize an Norderhafen und fand sogar die Gasanstalt, die heute keine Gerüche verbreitete, nicht häßlich. Wie konnten die preußischen Beamten, die von auswärts kamen, den lieblichen Ort ein langweiliges Nest schelten?

Ehe Friedline am Morgen ihr Hausmutteramt abtrat und die Schlüssel ablieferte, kramten ihre Finger in der Schatulle und zählten triumphierend acht blanke Talerstücke auf den Tisch. So viel hatte sie von dem ihr zugewiesenen Wirtschaftsgeld erspart, ohne daß der Vater eine Ahnung davon hatte.

Darum wurde Hans Gerichtsdiener dermaßen ergriffen, daß er die Blinde umschlang und vor Rührung schluchzte; »Ja, du bist meine eigene Tochter … liebe Mutter, das hat sie von mir … das Sparen, das Sparen!«

Am Sonntage wurde von der ganzen Familie ein gemeinsamer Dankgottesdienst gehalten. Lang und breit und erbaulich redete der Propst über das Wort: »Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig.«

[Später entfallen: Hans, der die nach dem Zerwürfnis der Vettern eingestellten Sonntagsbesuche und das gute, warme Abendessen bei dem Onkel Hardesvogt nicht verschmerzen konnte, machte auf dem Heimwege ein sehr christliches Gesicht und predigte seinem Sohne, daß er mit dem Vetter sich versöhnen müsse. »Mußt du nicht als angehender Pastor ihm zuerst die Hand bieten?«

Aber die fromme Frau Monika unterbrach ihres Mannes Predigt und sagte scharf und unchristlich: »Es ist besser für Amatus, daß die beiden Feinde bleiben … wir wollen statt des Besuches heute Nachmittag einen gemeinsamen Ausflug machen.«]

»Jaja, und im Walde Kaffee kochen!« Friedlinchen klatschte wie ein Kind in die Hände.

Hans machte bei diesen Worten mit den alternden, ungeschmeidigen Beinen einen hüpfenden Satz wie in früheren Tagen. Die Familienausflüge und das Begucken von Wald und Wasser war nicht sein Geschmack.

[Später entfallen: Der Verkehr zwischen dem Hause des Hardesvogts und der Dachwohnung hatte aufgehört, und Silly trug Kümmernis darum.] Als die Ferien angefangen hatten, ging sie an drei Tagen nach einander durch das Pappeltal spazieren. Am dritten stand Amatus oben am Fenster und grüßte und winkte. Langsam stieg sie die Treppe hinauf, und der Vetter zog sie mit den ausgestreckten Händen die zwei letzten Stufen empor.

»Liebe Base, bist du mir böse?«

[Später entfallen: »Nein, wir haben uns nicht erzürnt und werden uns nie erzürnen. Was hast du mit meinem Bruder gehabt, der freilich ein Schlingel ist und die Hauptschuld tragen wird? Tante Mona, warum kommt ihr nicht mehr zu uns?«

Amatus antwortete nicht, sondern runzelte die Stirn.

»Ja, das ist eine kuriose Sache«, sprach die Tante, »ich kann es aus dem Jungen nicht herausbekommen, warum sie sich überworfen haben.«

»Auch mein Bruder will den Grund nicht sagen … Amatus, rede du doch die Wahrheit, damit wir nicht Ärgeres glauben!«

»Nein, Silly, ich habe mir das Wort gegeben zu schweigen.«

»O Gott«, rief die Mutter, »diese Geheimtuerei! Ich fürchte, da wird ein dunkler Fleck sein, den du verdecken mußt.«

»Nein, Mutter!« sagte der Sohn fest, »ich gebe dir mein Wort … ich … wir sind unbefleckt.«]

Silly erzählte traurig: »Ach, mein armer Vater kränkelt … in der Nacht hat er die fürchterliche Atemnot und steht am offenen Fenster … der Sanitätsrat sagt, daß es Herzschwäche sei … liebe Tante, [später entfallen: wenn auch die zwei Trotzköpfe sich entzweit haben, darf doch kein Streit in der Familie sein …] weil ihr nicht kommen wollt, bringe ich meinen Vater hierher.«

Die kleine, sanftmütige Friedenstifterin setzte ihren Willen durch. Da der Hardesvogt langsame Spaziergänge machen sollte, führte die Tochter ihn geflissentlich durch das Pappeltal. Die gelben Blätter rieselten herab, die letzten Rosen hingen welk, von Würmern angefressen. Eine Herbstschwermut und Todesahnung beschlich den Sechzigjährigen, der tief atmend stille stand und nach der Herzgegend griff.

»Alles, was im Frühling blühte und im Sommer duftete, wird jetzt stinkende Fäulnis. Silly, riechst du nicht die Verwesung überall?«

»Nein, Vater, was ist heller als ein wolkenloser Herbsttag, der wie des Jahres abgeklärter Feierabend still mich anheimelt?«

Er lächelte hart. »Ja, wenn nicht die schwarze Wolke dahinter aufstiege … der Tod und sein entsetzliches Rätsel. Auch wir sind Moder … pfui, pfui, wie scheußlich ist der Schluß des traurigen Stückes, das wir Leben nennen. Und wohin geht dieser Menschen-Kehricht? Ist er nur der Dung, aus dem neue Geschöpfe und Geschlechter werden und wachsen?«

»Was kümmert mich der Leib!« sagte sie kindisch, »unsere Seele geht ja zu Gott … aber du wirst noch lange bei uns bleiben, mein lieber Vater.«

Er sah in die Ferne, als wenn er unruhig nach der Wolke ausspähe, und murmelte: »Der Tod ist ein unerbittlicher Gläubiger, dem wir mit Sorgen und Plagen und Krankheit alljährlich hohe Zinsen zahlen, und dem auch ich meine Schuld mit dem Leben bezahlen muß. [Später entfallen: Was aus deinem Bruder werden soll, weiß ich nicht, er hat sein bißchen Vermögen verbraucht … aber dein Erbteil, Silly, ist sichergestellt.«]

Leicht ließ sich der nachgiebige Vater bewegen, seine Schwester zu besuchen. Monika wandte sich ab, um ihr Erschrecken zu verbergen. Der Bruder schien in den fünf Monaten um fünf Jahre gealtert.

Er war herzlicher als je. »Mona, wie ist denn das? Du mußt die Deinen verlassen, damit dein Sohn auf der Universität leben kann? Das geht zu weit und ist anstößig vor den Leuten. Wenn ich auch selbst meine liebe Not habe, will ich doch für ihn gutsagen, so daß die Bank eine größere Summe ihm vorstreckt … Amatus, wie viel Semester brauchst du noch?«

»Zwei!«

»Zwei?« Der Hardesvogt, in dem die alte Natur erwachte, lächelte sarkastisch, »in sechs Semestern willst du dein Studium machen? Dann wärest du ja der ideale Wunderstudent des Trienniums.«

»Gilt es eine Wette, Onkel, daß es mir gelingt?« sagte der Neffe keck.

Der Onkel antwortete ihm nicht, sondern fragte die Schwester: »Was meinst du, Mona? Ich bin bereit, meine Bürgschaft zu geben.«

Sie lehnte das Anerbieten bestimmt ab. »Nein, Leihen und Borgen macht Not und Sorgen. Von unsern Eltern her sitzt mir davor noch ein Grauen in den Gliedern … besten Dank! Wir kommen so durch.«

Hegte sie irgend welche Zweifel an der Unabsichtlichkeit seines Anerbietens? Oder wollte sie bei ihrem Sohne bleiben, um mit ihm weiter zu studieren und weiter zu kämpfen?

Als die Besucher sich entfernt hatten, hob Friedline den lauschenden Kopf und sagte: »Welch eine klare und süße Stimme hat die Kousine! Ist Silly nicht schön, Amatus?«

Er antwortete: »Nein, aber sie hat das beste und schönste Herz, das ich kenne.«

Sinnig kehrte die Blinde das kluge Köpfchen, als wenn sie ihn fest ansehen möchte. »Hast du sie nicht lieb?«

»Gewiß, ich liebe die gute Silly von Kind an als meine beste Freundin.«

Ein lustig-lichtes Lächeln flog über Friedlines Gesicht. »O, Amatus, nun weiß ich etwas … Silly wird einmal deine Frau.«

Er lachte gewaltsam. »Haha, haha! Meine Frau? Nein, Friedline! Mit dem Verlieben und Freien und eine Frau sich nehmen bin ich für immer fertig.«

Die Lippen der Mutter krausten sich. »Fertig? Ja, so hat manch Männlein und Weiblein mit dreiundzwanzig Jahren gemeint … aber, Gott sei Dank, eine törichte Jugendenttäuschung macht ein rechtes Menschenherz nicht fertig noch gefroren.« – – –

Die Professoren hielten ihre alten Vorlesungen, mit Hinzufügung der neu gemachten Forschungen und Entdeckungen, und kamen darum noch weniger zum Ende damit.

Die alten [später entfallen: und] bemoosten Häupter legten mit gutem Gewissen Band und Mütze fort und griffen mit einem [später entfallen: sauer-] schlechten Gewissen nach den Büchern. Die akademische Ehre, auf die sie nichts hatten kommen lassen, war ja in guten Händen. Neue Füchse ließen sich die bartlosen Gesichter auf den Mensuren zerhacken.

Die Universitätsuhr ging mit etlichen kurzen, unvorhergesehenen Stillständen – welche der Pedell ihre Mucken benannte – ein volles Jahr.

Ebenso regelmäßig war Amatus Junkers Leben in rastloser Arbeit verlaufen, nur mit einigen kurzen, kritischen Unterbrechungen, die ihm und der Mutter gleich großen Herzkummer bereiteten. Aber Monika ließ die Hoffnung nicht fahren, daß ihr Sohn mit dem zunehmenden Alter und Verstand der schwachen Unart des Willens und den studentischen Mucken entwachsen werde.

Sehr erfreut und ein wenig eitel drehte Amatus sich vor dem Spiegel hin und her, als der Schneider ihm den ersten Frack mit Schwalbenschwänzen anprobierte. Er gefiel sich selbst darin, der Mutter aber noch mehr und der Obermaatin am meisten, welche die Hände in die Hüften stemmte und ihr Urteil abgab: »Ganz wie der Geheimrat, wenn der zum Diner beim Exzellenz-Grafen geht.«

»Oder wie der Kellner, der mit Bier und Grog die Gäste bedient«, antwortete der Theologe in ärgerlichem Humor, »ja, im Kellnerfrack muß ich vor dem hochwürdigen Konsistorium meine Probepredigt halten.«

Das älteste Mitglied der Norderhafener Blase, das sich keines Präzedenzfalles erinnern konnte, schüttelte das Haupt und sagte: »Eben nur ein Muttersöhnchen kann mit sechs Semestern das Examen machen.«

Junker hatte ohne Mühe die Prüfung bestanden; und auf das Zeugnis, in dem die Prädikate »gut« sich an einander reihten, tropfte aus den Mutteraugen eine Dankesträne.

Fünfter Abschnitt: Der Kandidat des ehrwürdigen Amts.

Goldig glänzend war die Sonne des Oktobertages untergegangen. Wie ihr Widerschein lag auf allen Gesichtern der Glanz des ersten, unendlichen Glücks, das diesem Hause geworden. Im dämmernden Zwielicht saß die Familie Junker beisammen, und alle spannen lichte Hoffnungsfäden zu fest gefügten Zukunftsträumen.

Am praktischsten träumte Hans: »Ja, meine alten Beine werden schon ein bißchen pflastermüde … wenn du uns, wie du meinst, einmal mit auf die Pfarre nähmest, ließe ich mich gleich pensionieren … am Ende werde ich wieder, wie in Arup, der alte Pastorhans, der die Landwirtschaft betreibt … du würdest ja doch keine Zeit haben, dich mit Pferden, Kühen und Knechten abzugeben.«

»O, da bist du in einem großen Irrtum, gerade das würde meine Lust und Lieblingsbeschäftigung sein.«

»Hm, hm«, meinte Hans, »soll nicht der Schuster beim Leisten und der Pastor bei der Bibel bleiben?«

Ein die steile Treppe hinabhuschender Schritt unterbrach das Gespräch, eine verhüllte Gestalt trat ins Zimmer und kicherte: »Kennt ihr mich nicht?«

»Silly, Silly!«

»Ja, ich will dir von Herzen Glück wünschen, Herr Soundso. Wie soll man dich titulieren, und was bist du jetzt?«

»Weder Fisch noch Fleisch, weder freier Bursch noch unfreier Beamter … trotzdem nenne ich mich nicht ohne Stolz candidatus ministerii reverendi.«

»Ja, was heißt die lange Lateinerei?«

»Kandidat des ehrwürdigen Amts.«

»O, du Ehrwürdiger, laß dir den Schnurrbart scheren, der eine zweifelhafte Kandidatenzierde ist!«

Friedline hatte einen tollen Einfall und sagte plötzlich: »Silly, gib ihm einen Gratulationskuß … auf den Schnurrbart!«

Die lustige Kousine wurde rot und redete schnell nach der andern Seite: »Tante, wir freuen uns mit euch … mein Vater bittet euch, uns morgen zu besuchen.«

[später entfallen: »Und dein Bruder?« fragte Amatus scharf.

»Ist nicht zu Hause, sondern bei einem Studiengenossen, dem Baron Witte auf Schönhorst, zur Jagd.«

»Bei einem Baron? Himmel! Ich nehme den Hut ab … und mit der alten Salon- und Krähenbüchse?«

Die Kousine sah ihn bittend an. »Amatus, an den Spöttern hat Gott kein Wohlgefallen, weil der Spott weh tut … ich weiß es.«]

Im Gehen nickte sie ihm zu. »Du wirst morgen vielleicht eine alte Bekanntschaft erneuern«, und raffte den Kapuzenmantel fest zusammen, so daß das Gebrest des Rückens hervortrat. [Später entfallen: Kannte sie darum den wehe tuenden Spott?] –

Hans Gerichtsdiener bog am Sonntagnachmittag nach links, statt wie sonst den Weg durch die Allee zu wählen. Seine Frau [später entfallen: aber] blieb stehen: »Warum sollen wir den Umweg durch die Stadt machen?«

»Liebe Mutter, ich garantiere für nichts und glaube, daß die Fußsteige sehr schmutzig sind.«

So bekam er seinen Willen und marschierte stolz und stramm zwischen seiner Frau und seinem Sohne durch die Gassen Norderhafens und flüsterte bald fröhlich-pfiffig: »Merkst du nicht, Mutter, wie wir angeguckt werden, weil es in der Zeitung gestanden hat, daß er Kandidat geworden ist?«

Darum hatte er den Stadtweg gewählt.

Bei Hardesvogts wurde die alte Bekanntschaft erneuert; und Amatus, der unerwartet vor Klarissa stand, wurde sichtlich verlegen, weil er der wenig vorteilhaften Situation gedachte, als sie vor dem Wirtshause auf der Straße ihm mütterlichen Gruß bestellte.

Nachdem er die Befangenheit abgestreift hatte, redete er lebhaft mit ihr und beobachtete ihr Gesicht. Ihre Augen hatten trotz der unbestimmbaren Farbe, die zwischen grau und braun schillerte, eine eigentümliche, ruhige Klarheit, wie er sie noch nicht gesehen. Wenn auch die Züge alles andre als regelmäßig waren und die Nase am wenigsten irgend einem Ideal, weder dem römischen oder griechischen oder auch nur nordschleswigschen, entsprach, war ihre Gestalt groß, schlank und geschmeidig. Ihr Wesen und Gebaren hatte, wie ihr Körper, etwas Abgerundetes, Abgeschlossenes und Geordnetes, wie man es bei selbständigen Charakteren findet, die frühe im Strom der Welt mit eignen Händen haben schwimmen müssen.

Auf seine Frage nach dem Freunde Wilhelm erzählte sie freudig-ausführlich: Ihr Bruder, der jetzt in Berlin studiere, werde in diesem Herbst sein Examen als Chemiker machen; ein schlichter Bauer in Dithmarschen, bei dem er Hauslehrer gewesen, habe ihm ohne Schuldschein, bloß auf sein ehrliches Gesicht hin eine bedeutende Summe geliehen.

»Hat der edle Bauer vielleicht eine Tochter?« Junker konnte die Frage nicht unterdrücken.

In demselben Ton gab sie zurück: »Ja, eine Tochter … fünfjährig und im Flügelkleide.«

Die Jungen, die eine Neigung zum Untersichsein haben, gingen in den Garten. In einem Bäumchen hing ein vergessener Apfel, den Amatus als der längste herunterholen mußte. Als er ihn gepflückt hatte, stellte sich Silly ihm zur Linken und sagte: »Siehe, Paris mit dem Apfel in der Hand! Wem von uns beiden wirst du ihn wohl reichen?«

Ergötzlich schaute er von der einen zur andern, zog langsam sein Taschenmesser und teilte mit salomonischer Weisheit den Apfel in zwei Hälften.

Die erwachsene Klarissa biß sogleich mit kräftigen Zähnen in ihren Anteil hinein.

Diese kindliche Art machte ihn kecker, so daß er, als sie fragte: »Herr Junker, geht es nun ins geistliche Amt?« recht burschikose Antwort gab: »Bewahre! Ich werde noch, kürzere oder längere Zeit, draußen im Vorhof des Heiligen warten müssen, in dessen Allerheiligstem die Ge–ne–ral–supe–rin–ten–denten – ich muß immer einen Anlauf machen, um das hohe und lange Hinderniswort ohne Anstoß zu nehmen – und die Konsistorialräte sitzen und über ein armes Kandidatenschicksal entscheiden. Wohin meine Kandidatenfahrt geht, ahne ich nicht einmal … Hauslehrer? Brrr! Lieber doch eine Prädikantenstelle als das kleinere Übel!!

»Ein Übel?« Fräulein Reder sah ihn groß und verwundert an.

»Na, ein Kandidat, der bei uns in Frack und Schwalbenschwänzen auf der Kanzel steht und über die Köpfe nordschleswigscher Bauern hinwegpredigt, ist ein ziemlich undefinierbares Geschöpf.«

Eine glasklare Stimme sprach: »Wie kann ein Mann einen Beruf wählen, an dem er geringschätzend so viele Mängel findet? Wo keine ganze Überzeugung, ist keine volle Hingabe … sondern eine Halbheit.«

Dem kecken Kandidaten wurde kleinmütig, als wenn ihm über den losen Mund ein leichter Streich hingewischt worden sei. Ohne Freude an der kindlichen Klarissa stotterte er: »Ich meine nur, daß ein Prädikantenamt eine Halbheit und kein Beruf ist … ordinieren wird man mich nicht – weil ich noch zu jung bin. Nach einer weisen Konsistorialordnung darf einer nicht zu früh Kandidat werden, sondern muß bis zu den vernünftig betagten Jahren – sie nennen's das kanonische Alter – die Universitätsbänke absitzen und seine 9–10 Semester verstudieren muß, wofern er gleich nach dem Examen ordiniert werden will. Meine Mitprüflinge bekommen jetzt sämtlich die Ordination, weil sie ein paar Jahre älter sind und ein schlechteres Zeugnis haben als ich.«

»Ich verstehe Ihren Ärger«, antwortete Klarissa, »aber Ihre große Jugend ist doch keine Schande, sondern vielmehr eine Ehre.«

»Und ein schwerer Nachteil … allerdings nur bei geistlichen Behörden«, sagte er und schwieg. Obgleich sie ihm seine Ehre ließ, war ihm unbehaglich, von der Erwachsenen an seine große Jugend erinnert zu werden. Auch wirkte der Mundstreich nach, so daß er über ihr Wort nachdachte – war er ohne Überzeugung Theologe geworden? Er hielt doch alle Lehrsätze für wahr und fest fundiert und hängte sich nicht einmal des Anstands halber ein modern freisinniges Mäntelchen um, wie andre es taten, um nicht der schwarzen Finsterlings-Orthodoxie verschrien zu werden.

Silly allein blieb lustig. »Amatus, wenn ich mir vorstelle, daß du auf der Kanzel stehst und ich unten in der Kirche sitze.«

»Die Vorstellung kann am nächsten Sonntag in St. Marien zur Wirklichkeit werden … ich werde predigen.«

Klarissa kneipte mit zwei Fingern den Ellenbogen der Freundin, welches das alte Schulzeichen war, daß sie ihr etwas unter vier Augen zu sagen habe. Auf dem Flure entledigten sich die Mädchen des Geleitsmannes und gingen in das obere Zimmer.

Silly machte eine schaudernde Bewegung und lächelte. »O, Rissa, hier war meine Folterkammer, wo ich in Steckriemen lag … und es hat nichts genützt.«

»Nichts genützt? Doch!«

»Lassen wir, was ich leider weiß! Du wolltest mir etwas im Vertrauen sagen? Magst du ihn noch leiden?

Die gesetzte Reder antwortete nur auf die erste Frage mit unsicherer Stimme: »Mir ist eingefallen … ich wüßte vielleicht eine gute Prädikantenstelle für Junker … nämlich bei unserm Pastor …«

»Hier in Norderhafen? Wie schön!«

»Nein, in Alstrup … Pastor Webers sind vortreffliche Leute, die ihn wie ihr Kind halten würden.«

»Sag ihm das doch, Klarissa!«

»Nein, ich kann es nicht sagen … weil ich in der Gemeinde auf dem Hofe Egeberg konditioniere …« Die Erwachsene stockte wie ein befangenes Schulmädchen.

Und die Freundin betrachtete sie forschend. »Wie findest du ihn?«

»Ich weiß nicht … haben wir uns nicht einmal das Versprechen gegeben, davon nicht zu sprechen?«

»Rissa, denkst du noch an das Gelübde in der Kastanienallee … und lachst du nicht darüber?«

»Ja, Silly, ich denke daran und lache nicht darüber.«

Die Kousine übernahm es, ihrem Vetter nahe zu legen, daß er sich um die Prädikantenstelle bemühe.

Junker ging auf den Vorschlag ein, in dem seine Mutter einen Fingerzeig von oben erblickte. Als er beim Abschied Fräulein Reder dankte, war er in seinem Herzen mit ihrem fertig forschen Wesen versöhnt.

Die Marienkirche, die sonst nur am ersten Weihnachtstag ganz voll wurde, war es auch am zwanzigsten Sonntag nach Trinitatis. Alle Norderhafener wollten den Gerichtsdienersohn hören, manche der Kuriosität halber, und einige meinten: Ob er wohl stecken bleiben wird, wie der letzte Kandidat? Monika, die im Stuhle ihr stilles Gebet sprach, bat zu Gott, daß solch gräßliches Unheil ihm und ihr nicht widerfahren möge.

Der dort oben stand und den Schnurrbart zurückstrich, blieb nicht stecken, sondern hielt einen gewandten, geistlichen und nicht geistlosen Vortrag. Hans Gerichtsdiener starrte begeistert zur Kanzel empor, während die Mutter, aus Furcht, den Redner zu verwirren, den Kopf tief senkte, und Friedlines blinde Augen tropften ein paarmal.

Oben auf der Empore hatte der Hardesvogt mit seiner Tochter gesessen und faßte draußen sein Urteil in die Worte zusammen: »Der Bursche hat eine kräftige Suade … kommt er einmal zur Wahl, wird er gewählt, besonders wenn er so gescheit ist, sich vorher nicht zu verloben, jaja!«

Fräulein Reder war von Junkers nicht gesehen worden, aber sie hatte hinter einem Pfeiler gesessen und jedem Wort gelauscht.

Vor der Kirchtür traten die Norderhafener an den jungen Prädikanten heran, um ihm die Hand zu drücken. Der Kaufmann Petersen, genannt Christian Billig, welcher Kirchenältester war, sagte laut: »Sie haben meine volle Achtung, Sie können besser predigen als mancher Propst.«

Hans Gerichtsdiener nahm den Arm seiner Frau, und seine Stimme hatte etwas Schluchzendes: »Mutter, das war ein großer Tag.«

»Ja, ein großer Gnadentag Gottes.« – – –

Pastor Weber in Alstrup hatte seiner Frau, ohne deren Zustimmung er nichts unternahm, die Zeugnisse vorgelesen, und das alte Ehepaar war sehr befriedigt und sich bald einig, den Kandidaten, der als Sohn eines Gerichtsdieners gewiß keine Ansprüche mache, anzunehmen.

Daß Junker Prädikant in Alstrup wurde, verdankte er nächst Gott und dem Generalsuperintendenten, der seine Zustimmung erteilte, am meisten von Menschen dem Fräulein Reder; und je einheimischer er in seinem neuen Lebenskreise wurde, desto mehr Dank wußte er ihr.

Alstrup, ein bürgerlicher Flecken mit rein dänischer Kirchensprache, lag nicht weit von der Ostsee in einer fruchtbaren, von hohen Hecken kreuz und quer durchschnittenen Gegend.

Pastor Weber, ein zweiundsiebzigjähriger Greis, der sich strack hielt und einen gravitätischen Storchschritt hatte, mit welcher Haltung das freundliche Gesicht nicht in Einklang stand, empfing den Kandidaten im Schlafrock und führte ihn seiner Gattin zu, der er ins Ohr rief: »Bene, hier ist unser neuer Hausgenosse.« Leise setzte er hinzu: »Wollen Sie recht laut und deutlich sprechen, da meine Frau etwas schwerhörig ist?«

Die alte Dame, deren breites Gesicht voll Behagen war und Behaglichkeit ausströmte, nickte mit der gepufften Tüllhaube und reichte dem Fremdling wie einem guten Bekannten die Hand. »Wir wollen statt Hausgenosse sagen: Unser Sohn, denn wir haben keinen.«

Altmodisch und traulich war die Stube. Weit- und breitläufig erzählte die Pastorin von ihrer einzigen Tochter, die mit dem Pastor Ernst in der Marsch verheiratet sei, der 700 Taler Einnahme und sieben Kinder habe. »Sie werden einsehen, daß wir dort Zuschüsse machen müssen und darum nicht das höchste Prädikantengehalt zahlen können.«

»Bene, jetzt überlaß ich Herrn Junker dir … ich muß studieren.« Majestätischen Ganges entschwand der Schlafrock.

Gebrauchte der Pastor die Redensart Bene – d.i. zu deutsch gut – als ein unnötiges Flickwort? Nein, es war der Kosename, den er vor mehr als vierzig Jahren seiner Braut Benediktine gegeben und seither beibehalten hatte. In den vier Dezennien seiner Ehe hatte er alles, was sie tat und sagte, bene gefunden, gut geheißen und gebilligt. Die gute Pastorin hatte aber nie etwas Schlimmes getan und ihren Mund immer aufrichtig reden lassen. Weil in ihrem Gemüt kein Fünklein Falsch war, sprach sie bisweilen ihre Gedanken, Ansichten und Urteile mit verblüffender Offenheit aus.

Aus der Küche kam die dritte Person, die schnell vor dem Spiegel der Mädchenkammer sich besichtigt und die Stirnhaare gezwirbelt hatte, und die etwas nachlässig und beiläufig als Fräulein Eveline Nissen vorgestellt wurde und des Haushalts Stütze war – ein schmächtiges, stark geschnürtes Figürchen, darauf ein niedlicher, nicht viel sagender Puppenkopf saß. Sie spielte eine recht stumme Rolle und sollte es.

Die Pastorin erzählte gern, aber fragte noch viel lieber, und mehr, als fünf Kandidaten beantworten können. Stundenlang und unverdrossen rief Amatus der alten Dame seine Antworten ins Ohr und gewann dadurch ihre Gunst.

»Mein lieber Mann sitzt den ganzen Tag und Abend in seinem Zimmer und studiert unablässig und kommt nur zu den Mahlzeiten herüber … so hat er's gemacht, seit wir verheiratet sind … ich muß ihm noch die Untugend abgewöhnen.«

»Dann wird's Zeit, Frau Pastor.«

Sie lachte. »Jaja … warum nimmt er nicht mitunter eine von seinen alten, schönen Predigten? Ich behalte keine vom einen Jahr zum andern im Kopfe, und die Alstruper Bauern noch weniger.«

Während des Abendessens wagte Fräulein Eveline ein paarmal nach dem neuen Hausbewohner hinüber zu äugeln, um von seinem Äußern ein Bild zu gewinnen. Gleich nach Tisch, als die Stütze in der Küche schaltete und der Pastor weiter studierte, erhielt Amatus einen Beweis sowohl von der scharfen Beobachtungsgabe als auch von der großen, geraden Offenheit seiner Pastorin, die ihm zuflüsterte: »Wenn auch meine Ohren nichts taugen, sind meine Augen um so besser … haben Sie gesehen, wie die Ihnen Blicke machte und mit den Augenlidern klapperte? Gehen Sie nur nicht auf den Leim!«

Er wußte keine Antwort und schwieg. –

Jeden Abend von acht bis zehn Uhr saßen sie zu dreien um den Eichentisch, auf dem ständig eine mit duftendem Edelobst gefüllte Schale stand.

»Herr Junker, hier kann jeder nach Belieben zugreifen, wenn er einmal tagsüber Apfelappetit bekommt.«

Bei diesen freundlichen, nicht an sie gerichteten Worten lächelte Eveline, von der Lampe gedeckt, eigentümlich in sich hinein. Sie durfte es nämlich nicht, obgleich sie im Hause den stärksten Obsthunger hatte und auch Wege wußte, ihn zu stillen.

Frau Bene nahm die Brille ab und schwatzte behaglich, fast ein halbes Jahrhundert zurückgreifend, wie sie ihren Mann als bartlosen Kandidaten kennen gelernt und er dann bei einem lustigen Waldpicknick, aber natürlich abseits von den Leuten, in einem dichten Tannensteige plötzlich zu ihren Füßen auf die weißen, geräuschlosen Nadeln niedergesunken sei.

Amatus versuchte, sich den gravitätischen, storchbeinigen Greis in knieender Stellung vorzustellen, und verzog den Mund.

»Lachen Sie nicht! Das war eine selige Zeit. Wir genossen das Glück der Verlobung und kosteten es gründlich aus, denn wir mußten sieben Jahre warten … doch wenn wir alle Halbjahr uns sahen und jeden Monat einen langen Brief erhielten, war das eine unbeschreibliche und unendliche Freude. Die neuen Menschen, die flugsweg heiraten müssen, kennen das Glück gar nicht, das innige Sichfreuen auf eine zukünftige Freude, welches die reinste und längste Freude ist.«

Die alten, in die Jugend zurückblickenden Augen leuchteten hell.

Dem Fräulein entschlüpfte das Gemurmel: »Ja, eine lange Freude!«

Infolge einer nahe liegenden Gedankenverbindung fragte die Pastorin ohne Umschreibung: »Herr Junker, sind Sie verlobt?«

Sofort stand drüben die Häkelnadel still, und das Puppengesicht lugte unter dem Lampenschirm hinüber.

Amatus hob seine beiden ringlosen Hände hoch empor.

Frau Bene schmunzelte: »Wo ist ein Kandidat der Theologie, der nicht heimlich verlobt wäre? Sie werden's auch sein.«

»Gott sei Dank nicht! Ich bin eine rühmliche Ausnahme.«

Eveline bewegte lächelnd den Mund, als wenn ein leises Gott sei Dank auch auf ihre Lippen träte.

»Es wäre mir lieber, wenn Sie schon verlobt wären«, fuhr die Pastorin fort, »hier in Alstrup müssen Sie auf der Hut sein.«

»Auf der Hut? Wovor?«

»Vor den jungen, heiratslustigen Mädchen … ja, das kann nett werden … besonders vor den Däninnen müssen Sie sich in acht nehmen.«

»O, ich habe einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß sie nicht sehen auf eine Jungfrau.« Bei den Worten guckte er um den Schirm herum und warf dem Fräulein einen Blick zu.

Die Pastorin sah gut ohne Brille und hob den Finger. »Sie fangen wohl schon an den Bund zu halten … ich erzählte ja … wie weit war ich gekommen?«

»Bis zur reinen Freude der langen Verlobungen«, sagte er.

»Im Jahre 1845 bekamen wir eine Stelle in Sundewitt und verheirateten uns … bescheiden, aber groß war das Glück … und kurz, sehr kurz. Nach drei Jahren brach der Krieg aus, mein Mann bekannte offen seine schleswig-holsteinische Gesinnung und wurde aus Amt und Heim von den Dänen verjagt. Auf Geratewohl wandten wir uns nach Hamburg, wo wir in bittere Not gerieten und von den Amtsbrüdern unterstützt werden mußten. Zuletzt gab Gott uns in der Pfalz ein Amt mit 400 Talern Gehalt … o, in den dreizehn bösen, landflüchtigen Jahren haben wir gelernt, uns lassen genügen. Anno 64 kam endlich die Erlösung. Sie werden nun verstehen, daß mein Mann ein guter Deutscher ist und die Dänen nicht liebt … mit den fanatischen Wühlern, davon wir nicht wenige in Astrup haben, verkehrt er nur amtlich. Herr Junker, wie stehen Sie in politischer Beziehung?«

»Ich bin gut deutsch«, lachte er.

Sie drückte seine Hand, erkundigte sich nach seiner Verwandtschaft und fühlte ihm hinsichtlich seines theologischen Standpunktes auf den Zahn. »Wenn Sie einer von den modernen Theologen sind, die mein Mann nicht leiden mag, müssen Sie mir wenigstens versprechen, nie mit ihm zu disputieren … mein lieber Fidde« – das war der Kosename, den sie für ihren Friedrich bis ins Greisenalter beibehalten hatte – »mein Fidde wird beim Disputieren gleich hitzig, und das ist ihm nicht gesund.«

Der Kandidat erklärte, daß er ein Unmoderner sei.

»Um so besser! Also keine Dispute und kein Liebäugeln mit den Dänen und Däninnen! Unterlassen Sie die zwei Dinge, werden Sie es gut bei uns haben.«

Je weiter die Uhr vorrückte, um so längere Gesprächspausen machte die Schwatzhafte, und um so kleiner wurden ihre Augen. Das Fräulein wagte leise zu wispern: »Spielen Sie mal Domino mit ihr, dann nickt sie völlig ein.«

Die schwerhörige Frau hob den Kopf: »Was sagte die Nissen zu Ihnen?«

»Daß Sie – eine vortreffliche Dominospielerin sind.«

»Ja, wollen wir eine Partie machen, um uns munter zu halten?«

Die Steine wurden gesetzt und klapperten einschläfernd. Bald sank der ergraute Kopf der Pastorin auf die Brust, und ihre Nase machte einen melodischen Schnarcher.

Auf den Moment hatte Eveline gewartet, kam mit lachendem Gesicht hinter der Lampe hervor und ließ die Blicke lustig spielen. Im Flüsterton wurde eine lebhafte Unterhaltung geführt.

»Geben Sie mir einige gute Verhaltensmaßregeln in diesem Hause!« bat der kluge Kandidat.

Worauf Eveline schlau lispelte: »Sie sind schon auf dem rechten Wege. Wenn Sie die Prinzipalin sich warm halten, können Sie mit dem Pastor machen, was Sie wollen … bleiben Sie nur in Gottes Namen in dem Geleise!«

»Hat sie so großen Einfluß auf ihren Mann?« flüsterte er.

Statt einer Antwort kam Pastor Weber aus seiner Studierstube mit den Andachtsbüchern unter dem Arm. Im Erwachen ergriff Frau Bene mechanisch nach einem Stein und setzte ihn.

»Sie spielen Domino? Ich danke Ihnen, Herr Junker, daß Sie meine Frau unterhalten … bleiben Sie, bitte, jeden Abend im Familienkreise!« Der Pastor selbst blieb in seinem Studierzimmer und war mit seinem Kandidaten sehr zufrieden.

Eveline legte sich in ihr Bett und holte unter dem Kopfkissen drei Äpfel von der allerfeinsten Sorte hervor, die sie langsam verzehrte. Während des Kauens erwog sie, daß der neue Kandidat ihr immer besser gefalle und jedenfalls kein Mucker sei. –

Die Prädikantentätigkeit hatte begonnen. Pastor Weber erklärte, daß er noch nicht alt genug sei, um gänzlich aufs Altenteil gesetzt zu werden; an dem einen Sonntag wolle er die Predigt behalten und jeden zweiten seinem Prädikanten überlassen. »Außerdem mögen Sie die Schulversäumnislisten führen und die meisten Leichenpredigten halten und in Ihrer freien Zeit Seelsorge in der Gemeinde treiben … die habe ich bei meiner Arbeitsüberhäufung wenig üben können.«

An dem Kandidaten-Sonntag war die Männerseite halb voll von Zuhörern und die Frauenbänke waren dicht besetzt.

Der alte Pastor drückte dem jungen Kanzelredner anerkennend die Hand. Aber bei Tisch gab Frau Bene ihrem Kandidaten andere und offenherzige Aufschlüsse: »Ich glaube kaum, daß eins von den jungen Mädchen in Alstrup und den dazugehörigen Dörfern gefehlt hat. Die sind mit einem Mal fleißige Kirchgänger geworden … aber darum dürfen Sie sich nur nichts einbilden, Herr Junker! Das hat vielleicht seine Nebenabsichten.«

Amatus erwiderte: »Alles Neue findet immer Zuspruch, aber solcher Zulauf verläuft sich bald.«

»Jaja!« Lebhaft pflichtete der Pastor dieser klugen Antwort bei.

Eveline wagte zu sagen: »Marie Petersen und Bodil Hansen und Christine Nielsen und die Martha Monrad, die ich sonst nie in der Kirche gesehen habe, kommen jetzt alle zwei Wochen …«

Ihr wurde das Wort von der Prinzipalin abgeschnitten. »Schauen Sie in der Kirche nicht so viel nach rechts und links, nach oben und allen Seiten! Sehen Sie lieber zu, ob auf dem Tische nichts fehlt! Wo ist die Senfgurke?«

Senfsauer lief das Fräulein Nissen in die Küche. –

Am Sonntagnachmittage hielt die altmodische Kalesche vor der Pfarre, um alle zum Amtsnachbar hinüberzufahren. Pastor Reibeisen in Fischbäck pflegte zu sagen, daß seine völlige Kahlschöpfigkeit vom vielen Denken herrühre, und war ein grundgelehrter Herr, der ein riesiges, antikdogmatisches Wissen, wie die Schätze eines Altertum-Museums, in sich aufgespeichert hatte.

Sofort nahm er seinen Kollegen mit sich ins Studierzimmer und las ihm aus seinem Manuskripte vor, das er seit zehn Jahren unverdrossen überarbeitete, alle Jahre zweimal an einen neuen Verleger sandte und ebenso oft unfrankiert und mit verbindlichem Dank zurück erhielt.

Amatus blieb bei den Frauen und saß neben Marie Reibeisen, die ein sanftes, stilles Mädchen von zwanzig Jahren war, welches mit dem Munde nicht viel sagte und mehr mit den großen, von langen Wimpern beschatteten Augen sprach. Der Kandidat, der kurzweilig sein konnte, brachte sie oft zum Lachen, und seine Pastorin nickte ihm zu, als wenn sie ihn in seiner löblichen Liebenswürdigkeit ermuntern wolle. Darum kehrte er sich noch ausschließlicher den sprechenden Augen zu, und Eveline nickte auch, aber nachdenklich vor sich hin.

Nach einer Weile klang durch die Wand lautes Stimmengepolter. »Nun sind sie im Studierzimmer an einander geraten«, rief Frau Bene und watschelte hinaus, »ich muß auf den Disput einen Dämpfer setzen.« Ihre Beruhigung bestand darin, daß sie ihren Mann am Arme nahm und lachend ins Wohnzimmer führte.

Die beiden jungen Mädchen waren in Maries Kammer hinaufgegangen, um sich unter vier Augen auszusprechen.

»Wie ist er?«

»O, ganz nett«, antwortete Eveline.

Weil sie unter sich waren, fragte Marie dreist und direkt: »Ob er schon eine hat?«

»Ja, ich glaube, daß er heimlich verlobt ist … mit einer Person in Norderhafen.«

»Heimlich verlobt? Greulich!« Die sanfte Stimme bekam eine gewisse sittliche Schärfe. »Sind nicht die heimlichen Verlobungen das wissentliche Verschweigen einer Tatsache und eine innere Unwahrheit? Aber woraus schließen Sie es, Fräulein Nissen?«

»Nun, aus den häufigen Briefen mit dem Poststempel Norderhafen.«

Ein tief vertrauliches Gewisper! »Haben Sie schon mal einen über den dampfenden Kessel gehalten?«

»Gott bewahre, Fräulein Reibeisen, was denken Sie von mir! Aber die Adresse ist von zierlicher Frauenhand geschrieben.« Eveline lächelte vielsagend und log nicht. – – –

Der Prädikant hatte eine glänzend Predigt gehalten, und zwar über das sonderliche Joch, das der Herr auf Evas Töchter gelegt hat. Erbaulich redete er vom Kreuz der Frauen und ergreifend vom Leid der Mutter. In der Kirche flossen viele Tränen und der Kandidat, dem der Eindruck seiner oratorischen Leistung nicht entging, mußte alle seine Demut herbeirufen, um das Schwellen des Kamms zu unterdrücken.

Der Kirchenälteste Monrad, der neben ihm über den Kirchhof ging, meinte kaustisch: »Es ist ein Glück, daß die Alstruper Kirche hoch liegt … wenn Sie so predigen, setzen Sie ja die ganze Weiberseite unter Wasser.«

Eveline deckte drinnen in der Stube den Tisch und rief der Pastorin zu: »Was sagen Sie nun! Fräulein Reibeisen war in der Kirche und ist eine halbe Meile gelaufen, um Junker zu hören.«

Frau Bene verbesserte: »Um Herr Junker zu hören … was regen Sie sich auf! Es ist begreiflich, daß sie, die immer ihren Vater hört, einmal nach einer Abwechslung und andern Predigt sich sehnt.«

Als am Nachmittag eine Halbchaise vors Pastoral fuhr, murmelte Eveline, welche die Pferde kannte, vor sich hin: »Die haben's eilig.« Sie meinte nicht die alten Gäule.

Reibeisens machten ihren Gegenbesuch, und der Pastor, der sein Manuskript mitbrachte, ließ den Kandidaten nicht eher los, als bis er es ihm zum Durchlesen aufgeladen hatte.

Fräulein Marie bemühte sich heute, die schwerhörige Pastorin zu unterhalten. Sie zeigte für alle Interessen der alten Frau das größte Interesse, und als Frau Bene von ihren neuen, goldgesprenkelten Hühnern viel Rühmens machte, wollte sie dieselben durchaus besichtigen.

Vor dem Hühnergitter standen sie, und Fräulein Reibeisen sprach nicht von den Goldgesprenkelten, sondern plötzlich von der Vormittagspredigt. »Aus allen seinen Worten geht hervor, daß er eine gute Mutter hat, die er sehr liebt … aber er könnte auch nicht für die Frauenseele und ihre Empfindungen so tiefes Verständnis haben, wenn er nicht eine Frau liebte.«

Frau Weber antwortete laut und lebhaft: »Unsinn, liebes Fräulein! Seine Kenntnisse darüber hat er nur aus Büchern geschöpft, denn ich kann Sie versichern, daß er weder verlobt noch verliebt ist.«

Marie lächelte und schien es nicht zu übel zu nehmen, daß sie Unsinn geredet habe. Sie kehrte den Hühnern den Rücken und überließ es fortan ihrer Mutter, die schwerhörige Frau zu unterhalten. – – –

Am Montagmorgen brachte der Postbote dem Kandidaten ein Brieflein, das von Frauenhand geschrieben und ohne Unterschrift war. Es enthielt in dänischer Sprache einen blumenreichen Wortstrauß der Verehrung und war der Dankerguß einer Frauenseele für die zu Herzen gehende Predigt über das auf Evas Töchter gelegte Joch.

Die schwulstige Lobhudelei mißfiel seinem schlichten Sinn, und mit einem ärgerlichen Lachen zeigte er seiner Vertrauten, der Pastorin, das Schriftstück, das sie las und zornig hinwarf: »Solch ein Blödsinn! Das hat ein übergeschnapptes dänisches Frauenzimmer geschrieben … vielleicht die Martha Monrad.«

»Nein, die ist zu klug, um das zu schreiben.«

»Herr Junker, ich hoffe, Sie werden vernünftig genug sein, durch derartige Schmierereien sich keine Grillen in den Kopf setzen zu lassen.«

Als er das energisch bejahte, bat Eveline, ob sie einen Blick hineintun und die Handschrift sehen dürfe. Sie hatte einen bestimmten Verdacht.

Doch die Pastorin ergriff schnell das Schriftstück und sah den Kandidaten fest an. »Darf ich das Geschreibsel in den Ofen werfen?«

Junker bestand die Probe, und der anonyme Dankhymnus einer ästhetisch-frommen Frauenseele ging in Rauch und Flammen auf.

Die Schreiberin hat den Schleier der Anonymität nie gelüftet. Gegen Fräulein Reibeisen sprach der Umstand, daß sie dänisch sehr unorthographisch schrieb. – –

Amatus hatte auf dem Hofe Egeberg einen Antrittsbesuch gemacht und Klarissa gesprochen. Nur kurze Zeit war sie in der Stube geblieben, weil sie in die Küche abgerufen wurde, hatte ihm aber freudig mitgeteilt, daß Wilhelm sein Examen mit Glanz gemacht und eine einträgliche, wenn auch leider überseeische Stellung in sichrer Aussicht habe. Mehr erfuhr er von der Eiligen nicht.

Auf seinen Wunsch führte ihn der Hofbesitzer Schmidt durch die Stallungen und Scheunen. Jeder gute Bauer ist immer willig, seine Schätze in den Ställen und seinen Stolz, den Düngerhaufen aufzuweisen. Siebzig rotbunte Kühe von der großen Breitenburger Zucht leckten das Schrot- und Palmkuchengemenge aus den Krippen. Amatus ließ einen bewundernden Blick über die blanken Rücken hinschweifen und atmete aus voller Brust die Stalluft. In ihm erwachte das Bauernblut, und die Sehnsucht, solche Schätze zu besitzen, schaute ihm aus beiden Augen.

Noch erfreuter als der Besitzer betrachtete er die echten Yorkshire-Schweine, die kurze Schnauzen und Kräuselschwänze hatten, und verlangte noch einmal nach dem Kuhstall zurück. Der Kandidat prüfte den Spiegel der Kühe, trat hier und da in die Reihen, um die weiche Haut und die straffen Milchadern zu befühlen.

Schmidt bürstete ihm den beschmutzten Rock ab und lachte: »An Ihnen ist ein Agrarier verloren gegangen!

»Ja, aber ein notleidender, denn meine Väter haben die Scholle verloren.« Junker lachte nicht.

Vor dem Verlassen des Hofes schien er etwas zu suchen und trat keck entschlossen an das offne Küchenfenster, aus dem der Dampf quoll. Dort stand Klarissa, die Kleiderärmel aufgestreift, weiß- und rundarmig, in einer großen, weißen Schürze und hantierte am Herde, ihm den Rücken zukehrend. Er blieb still in Betrachtung versunken, bis sie des Zuschauers gewahr wurde und leicht errötete.

»Verzeihen Sie! Wo hat Wilhelm seine Stellung bekommen.«

»Als Chemiker in einer Fabrik in Argentinien.«

»Er wird doch vorher Ihnen und mir Lebewohl sagen?«

»Ja, Herr Schmidt hat ihn eingeladen … die paar Erholungsmonate, die ihm bis zur Abreise bleiben, wird er bei mir in Egeberg verleben.« Klarissa nickte ihm zu, und er ging. Es war sehr bezeichnend, daß Wilhelm die letzten Monate nicht bei den Eltern blieb.

Auf dem ganzen Heimwege hatte Junker abwesende Augen, vor denen, wie Fatamorganas, leuchtende Luftbilder auftauchten. Die siebzig Breitenburger Kühe und die hunderte von Morgen schweren Bodens! Wenn diese Herrlichkeit sein eigen wäre, ja dann fort mit dem schwalbenbeschwänzten Prädikantenrock und den Agrarierstock unter den Arm! Klarissas Bild, wie sie am Herde schaltete, wob sich hinein. Wenn die auf seinem Gütlein als Hausfrau wirtschaftete …

Hier erwachte der Kandidat und verscheuchte die dummen Träume. Der Hof Egeberg war unter Brüdern mindestens hunderttausend Taler wert – und Klarissas Bild entschwebte ebenso unerreichbar und unnahbar. – –

Heuer gab's weiße Weihnachten, welches in diesem Nordlande eine Ausnahme ist. Jedes Geräusch der Erde vom weichen Teppich gedämpft, kein Laut in der Luft, und das weite Land ein prangendes Wintermärchen! Schöner als im Sommer waren die hohen Hecken, deren schneekristallene Zweige in der Sonne blitzten.

In der glatten, knirschenden Räderspur wanderte Amatus frohgemut hinaus, um Seelsorge zu treiben. Dieses Stück des pastoralen Amts war ihm allein und nach freiem Ermessen überlassen worden.

Ein vierundzwanzigjähriger Kandidat, dem der Himmel voller Geigen hängt, in den Hütten der Sorge, an den Betten der Sterbenden als Trostbringer und Todvorbereiter! – das ist ein Unding; aber seine Schultern fühlten nicht die ganze Schwere der Last, sondern er machte, seinem Genius und Gemütsinstinkte folgend, die Sache, so gut er's verstand.

Das Weinen einer armen Mutter, deren zwei Kinder die grausame Diphtheritis erwürgt hatte, vermochte er mit allen möglichen Bibelsprüchen freilich nicht zu stillen. Als aber sein pastoraler Mund ins Schalkhafte spielte und sagte: »Warten Sie ein Weilchen! Wenn der Frühling und der Storch wiederkommt … wer weiß, ob nicht der Herrgott in Gestalt eines kleinen Meierleins Ihnen Ersatz gibt«, – da mußte die leis errötende Frau Meier lächeln und ward bestärkt in ihrer Hoffnung.

Neben dem dampfenden Düngerhaufen eines Bauern stand eine strohgedeckte, verfallene Hütte, in die der lange Kandidat mit gekrümmten Rücken hineinkroch. In einem Raume zusammen mit dem Hund, zwei Katzen und drei Hühnern hausten hier der alte Klaus Katzenschlachter und sein noch älteres Weiblein.

Der Greis wischte ein Huhn vom Strohstuhl herunter und nötigte zum Sitzen. Junker hob die Rockschöße hoch und ließ sich auf der äußersten Kante nieder.

»O, Herr Pastor, bei armen Leuten ist der Winter ein böser Gast.«

Der Kandidat wies den Titel zurück. »Ich bin nicht Pastor.«

Drüben murmelte ein Echo: »Nichts zu brennen und nichts zu beißen.«

Klaus winkte seinem Weibe Schweigen. »So schlimm ist es nicht, Herr Pa–, Herr –, daß wir Katzen schlachten und braten … die Alstruper sind verleumderische Menschen und sagen mir das nach, weil ich einmal einer kohlschwarzen, die an Gift eines natürlichen Todes starb, das Fell abzog und dem Kürschner verkaufte.« Zum Beweise seiner Katzenliebe streichelte er die Graue. »Es ist aber ein hungerleidiges Leben für unsereinen, Herr Pa–; alte und arme Leute, die zu nichts mehr nütze sind auf der Welt, müßten von Staats wegen umgebracht werden.«

»Sie haben doch von Staats wegen eine Altersrente«, antwortete der Kandidat.

»Ja–a, Mutter, wie viel ist es? Mein Kopf behält nichts mehr.«

Frau Klaus, die keine Zähne mehr im Munde, aber noch einige von den darauf gewachsenen Haaren behalten hatte, zischelte: »Der alte Pastor Weber mag uns nicht leiden, weil man Mann im Jahre 48 unter den Dänen gedient hat …«

»Mutter, das wissen wir nicht und können wir nicht beweisen.«

»Wir wissen aber, daß wir von den Fangelschen Legaten nie einen Pfennig gekriegt haben … unsre Nachbarin Bodil bekommt sechzig Mark jährlich, und ihr Sohn, der in Amerika ist, sendet ihr alle Quatember zehn Taler … ja, die kann wohl lachen und starken Kaffee sich kochen.«

»Bodil?« Junker besann sich. »Ist das nicht die fleißige Kirchgängerin?«

Frau Klaus grinste. »Ja, Bodil betet viel, mitunter auch zur Buddel.«

Der Seelsorger wiegte sehr bedenklich den Kopf und sagte plötzlich: »Liebe Frau, lassen Sie doch mal Ihren Speiseschrank sehen!«

Klaus humpelte über die löchrige Diele. »Haben Sie die Güte, Herr … das hat uns die Bäuerin geschenkt.«

Im Schrank lag ein unappetitliches Gekröse, davon der Kandidat hurtig die Nase zurückzog. Nachdem er drei Mark auf den Tisch gelegt hatte, reichte er beiden die Hand. »Ich will sehen, ob ich Ihnen eine kleine Unterstützung verschaffen kann.«

»Herr Pastor, Herr Pastor!« Hinter ihm erhoben die Alten ein Freudengewimmer.

Welch ein armseliges Alter voll Not und – voll Neid!

Der Bauer Christensen hatte eine blutjunge, schwindsüchtige Tochter. Als Junker sich ans Bett setzte, blickte sie in ängstlicher Scheu empor. Sie wußte, daß der Prädikant eine Art von Pastor sei, und betrachtete, wie die Landbevölkerung, des Geistlichen schwarze Erscheinung als einen Todesspuk. Auch den Seelsorger befiel eine Angst. Wie sollte er hier trösten? Mit langen, stummen Pausen erkundigte er sich nach dem Befinden und stotterte hin und her. Endlich ließ er seinen menschlich mitleidigen Gefühlen freien Lauf und erzählte von der Kochschen Lymphe, die damals großes Aufsehen machte, und weckte eine Lebenshoffnung in dem Mägdlein, das ihn herzlich bat, bald wiederzukommen.

Blaßrötlich leuchtete der Schnee auf allen Hecken im Sonnenuntergange. Auf ihren Schlitten sausten die Knaben den Hügel hinab. Einer, der beim Anblick des Kandidaten ausbiegen wollte und herunterkollerte, zog, noch platt auf dem Rücken liegend, ehrerbietig die Mütze.

In der Ferne klang das Schellengeläut und hier an der Straße lustiger Dreschflegelklang. Hei, wie wacker klopfte noch der Kätner Krästen Aarö die Roggengarben auf der Tenne! Amatus trat heran, grüßte und brach in ein Gelächter aus.

»Was ist das, Krästen? Sie sind ja am Fuße festgebunden, wie ein getüdertes Huhn.«

»Ja, eine Gluckhenne bin ich auch und habe sechs Kinder, und das älteste ist acht Jahre alt und die Mutter im Himmel … das hier ist von wegen des kleinsten Küchleins. Die Leine, die ich um den Knöchel geknotet habe, läuft in den Pesel hinein und ist an der Wiege befestigt … sobald nun die Kleine sich rührt, zieh ich mit dem Fuße und setze die Wiege in Bewegung. Sehen Sie! So wird's gemacht. Gleichzeitig führe ich den Flegel mit den Fäusten. So!«

»Ja, nun ist die Maschine in Gang«, lachte Amatus, »das heißt zwei Fliegen mit einem Schlage.«

Krästen schmunzelte: »Mitunter sind's noch mehr … treten Sie näher! Hier krabbeln die Würmer herum.«

Das zweitjüngste, ein pausbackiges, auf den krummen Beinen watschelndes Jahrkind, trug eine Panzerkappe auf Kopf und Schultern, nämlich einen unförmlichen, mit dicker Watte gefütterten Fallhut.

»Der da«, sprach Aarö, auf den dritten Sprößling zeigend, »ist ein kleiner Taugenichts und will immer ausrücken und Nichtswürdigkeiten machen … darum ist er festgetüdert.«

Wie ein lustiges Äfflein hockte der kleine Hans auf dem Stuhle und schnitt Gesichter. Von seinem Gürtel lief ein Ledergurt, der am Tischbein kunstgerecht verknotet, von seinen unnützen Fingern nicht gelöst werden konnte. Alle Kinder waren wohlgenährt und guter Dinge, und Hänschen griff dreist nach der blinkenden Uhrkette des Fremdlings. Darum wurde er aufs Knie genommen und durfte mit der Talmikette spielen.

»Krästen, haben Sie kein Haushälterin?«

»Nein, ich muß alles allein machen … es ist zu viel für einen Witmann mit drei Kühen und sechs Kindern.«

»Warum nehmen Sie sich nicht eine tüchtige Person ins Haus?«

»Hm, wenn das Nehmen so leicht wäre, Herr Kaplan … von den hiesigen will keine einen Kätner mit sechs unmündigen Kindern haben … die alte Langmari, die derlei besorgt, ist überall herumgewesen.«

»Ah, so! Eine Frau suchen Sie?«

»Ja, die verlangt keinen Lohn, und wie könnte ich den aufbringen? Neulich kam mir der Gedanke, der Pastor, der die Ehe einsegnet, könnte mir ein bißchen behilflich sein. Ich bat ihn nur, eine Annonce für die Flensburger Zeitung mir aufzusetzen, natürlich kurz und klar, etwa: Eine Haushälterin mit später nicht ausgeschlossener Heirat wird gesucht. Aber Prost, Herr Pastor! Da kam ich schön an, das sei sündhaft und eine Entwürdigung der Ehe, schrie der Alte.«

Das herzhafte Lachen des Kandidaten machte Krästen Mut. »Lieber Herr Kaplan, Sie haben ja den Zustand hier gesehen … wenn Sie mal eine passende Person ausfindig machen, denken Sie an mich und meine Kinder! Auf Schönheit mache ich keinen Anspruch, aber auf gesetzte Jahre, und ein kräftiges, sparsames und vernünftiges Frauenzimmer muß es sein.«

Junker nickte und lachte: »Ich will sehen, was ich tun kann.« Dieses halbe Versprechen war der Beschluß seines Seelsorgeramts an dem Tage. Vielfachen und grundverschiedenen Trost begehrten die Astruper von ihrem Seelsorger-Prädikanten.

Der Winterabend dunkelte, als Amatus über den hellen Schnee des Kirchhofs ging. Ein schmächtiger Mann kam bergunter getrabt und packte plötzlich den Überraschten an beiden Armen.

»Sie! Was wollen Sie?« Der Schmächtige wurde abgeschüttelt und lag im Schnee und fragte: »Amatus, kennst du mich nicht?«

»Wilhelm, Wilhelm!«

Oben in der Kandidatenstube, auf dem ungepolsterten Sofa der guten, alten, abgehärteten Zeit, saßen die Freunde in warmer Wohligkeit und traulichen Erinnerungen. Nur der Stiefmutter, der langen Stine, wurde nicht gedacht.

»Was willst du drüben auf den weiten Grasebenen der Pampas? Büffel weiden?«

»Nein, Büffel schlachten und einen neu erfundenen, flüssigen Fleischextrakt, ›Bos‹ genannt, massenweis bereiten … ›Bos‹ wird Liebig aus dem Felde schlagen.«

»Gehst du zum Weihnachtsfest nach Norderhafen?«

»Eben nicht, vor meiner Abreise will ich noch einmal ein rechtes, inniges Weihnachtsfest zusammen mit meiner Schwester feiern.«

Lange währte das Wiedersehen der Freunde. Spät abends stampfte Wilhelm Reder auf dem Flure von Egeberg den Schnee ab. Klarissa hängte seinen Mantel fort und sagte: »Mir hat's vor dem Ohr gesungen … ist von mir in Alstrup gesprochen worden?«

»Nein, mit keiner Silbe!«

»So!« sagte sie kurz.

Der Bruder, der einen Einfall hatte, küßte sie: »Rissa! Willst du nicht mit mir nach Argentinien und mir den Hausstand führen?«

Sie sann einen Augenblick. »Nein … in der Fremde wäre ich verloren … auch wirst du bald eine Frau finden, die mich überflüssig machen würde.«

Er schüttelte sich. »Drüben in der spanischen Barbarei sind nur Mulatten- und Mestizenweiber … du weißt, die Kouleur ist mir verleidet, weil man mich schon als Knaben den bräunlichen Wilhelm genannt hat.«

»Was, wenn du eine Frau dir mitnähmest, Wilhelm?« sagte sie.

»Woher nehmen und nicht stehlen … oder etwa auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege?«

»Denkst du nie an Silly Berg? Eine treuere und bessere wird kein Mann finden.«

Er sagte nichts, aber lächelte vielsagend.

Klarissa wurde eifriger. »Silly würde dich sehr glücklich machen.«

Nun platzte er heraus. »Du bestehst ja darauf, als wenn das besprochen wäre …«

»Nein! Pfui, Wilhelm! Nein!« Sie ließ entrüstet das Thema fallen und hatte – ohne wohl an das Backfischgelübde zu denken und ohne Nebenabsichten – zwei Menschen, die sie liebte, glücklich machen wollen. –

Der Kandidat verlebte seine Abende im Familienkreise. Die gemütliche Frau Bene amüsierte sich köstlich über den Bericht seiner seelsorgerischen Erlebnisse. Nachdem er Klaus Katzenschlachters Armut mit grellen Farben geschildert, sagte er: »Wollen Sie nicht bei Herr Pastor ein gutes Wort einlegen, damit die alten Leute eine Kleinigkeit aus dem Fangelschen Legat bekommen?«

Sie nickte gönnerhaft und geschmeichelt. Auf diesem Umwege, durch Vermittlung der guten Prinzipalin, setzte er sehr oft bei seinem Vorgesetzten nicht nur seine eignen, sondern auch andrer Leute Wünsche durch.

Eveline, die sich ungefragt nicht ins Gespräch mischen durfte, häkelte wie eine Maschine. Nach neun Uhr regte sich in der zur Stummheit Verurteilten das Verlangen, den Mund einmal aufzutun, und hinter der Lampe zeigte sie mit den Augen nach dem Dominokasten hinüber. Amatus nahm das Spiel als Einschläferungsmittel zur Hand, und der erste Schnarcher war das Signal zum flüsternden Gewisper.

Fräulein Nissen schüttete ihr Herz aus. »Ja, Sie können machen, was Sie wollen … aber ich darf mich nicht mucksen.«

Auch an diesem gedrückten Gemüt übte er sein Seelsorgeramt und tröstete: »Sie sind hier völlig unentbehrlich.«

»
Wie so?« Ein voller, freudiger, fragender Blick traf ihn.

»Durch ihre kulinarische Kochkunst.«

Ärgerlich antwortete sie: »Ja, die werden Sie morgen am Weihnachtsabend bewundern … wir konnten keine Karpfen bekommen … nun raten Sie, was es statt dessen zum Festessen gibt! Gekochten Dorsch mit Senfsauce!«

Am Morgen zerlegte Eveline den Weihnachtsdorsch, während die Pastorin im Studierzimmer mit ihrem Manne sprach.

Am Vormittag des Weihnachtsabends aber trug Amatus eine Portion des Fangelschen Legats in Klaus Katzenschlachters elende Hütte. Auch andern Bedürftigen der Gemeinde brachte er eine gleiche Gabe, und ihm, der leise ein Weihnachtsliedchen summte, war zu Mute, als wenn er schon am Vormittage das Schönste des Festes gefeiert und vorweggenommen hätte. – –

Auf Egeberg brannte der Tannenbaum zum drittenmal. Der Kandidat hatte dem Fräulein geholfen, die Lichter anzuzünden, und Klarissa hatte heute Zeit, die Hände ruhen zu lassen, und saß neben ihm. Ihre Blicke waren lieb und leuchtend, aber selten auf ihn und meist auf die Lichter des Baums gerichtet.

Jene uralte und wenig anders beantwortete Frage, was Glück sei, wurde aufgeworfen. Die Stieftochter der langen Stine rühmte seine Mutter Monika und meinte, daß er in ihr schon das größte Menschenglück gefunden habe.

Amatus sah sie von der Seite an. »Wenn aber ein Mensch Vater und Mutter verlassen muß, soll das ein noch größeres Glück sein.«

Auf das Thema ging sie nicht ein, sondern holte einen andern Gegenstand herbei. »Heute war die Kirche sehr voll.«

»Ja, ich sah Sie und würde Sie unter Hunderten sehen.«

Klarissa blickte schelmisch. »Sie sehen mich aber nicht immer, sondern verhältnismäßig selten in Ihrer Predigt.«

»Ja leider, so muß ich wohl sagen.«

Hinter dem Tannenbaum flüsterte sie, damit Webers, die auch auf Egeberg waren, nichts hörten: »Nein, ich besuche ebenso oft den Gottesdienst des alten Pastors, der in einer schlichten und treuen Weise jahrelang gut genug gepredigt hat.«

»Das ist sehr richtig, Fräulein Reder«, pflichtete er bei.

»Ja, mein Rechtlichkeitsgefühl sträubt sich, und ein Arger sogar regt sich in mir, wenn ich gewahren muß, wie sie den Alten verlassen und seine Rednergabe verkleinern und dem Jungen nachlaufen, der eine bessere Stimme und eine … eine gewisse poetische Ader hat.«

Junker verneigte sich, obgleich ihr Rechtlichkeitsgefühl ihm fast zu groß erschien.

Wieder ein schelmischer Seitenblick! »Danken Sie nicht zu früh! Der junge Prädikant sollte nur nicht den Oberkörper so viel und so gewaltsam bewegen – das geht über das Maß hinaus – und auch mit Kraftworten sich etwas mäßigen.«

Dieses Mädchen war der einzige Mensch in Alstrup, der seine Predigt bekrittelt hatte. Doch nahm er die gut gemeinte Kritik gern an und sagte: »Ich will versuchen, mir das Maßlose abzugewöhnen … von seinen wahren Freuden soll man die Wahrheit erfahren.«

Sie verschwieg, daß die vielen jungen Mädchen, die plötzlich so gottesfürchtig und kirchfleißig geworden waren, auch ihrem Rechtlichkeitssinn ein verdrießliches Lachen bereiteten.

Er aber fing an von der gemeinsamen Kindheit zu reden und erinnerte an die Bootfahrt und den Froschsprung ins Wasser und das Versteckspiel im Garten des Onkels. Eine leichte Röte glitt über ihre Wangen und eine weiche, warme Welle über sein Herz.

Man ging zu Tisch. Mit Wilhelm, der seine freie, frohe Zeit auskosten wollte, verabredete Junker einen Besuch bei Pastors Reibeisens, woselbst er den neugebackenen Doktor bereits zur großen Freude des Hauses eingeführt hatte, und blinzelte ihm zu: »Cave puellam!«

»Was heißt das?« fragte Klarissa.

Amatus übersetzte frei: »Heiratsfähiger Jüngling, hüte dich vor den Mägdlein!«

Etwas unverschämt gab sie zurück: »Sie brauchen sich noch nicht zu hüten …«

»Von mir war nicht die Rede.« Der Prädikant verstummte im Bewußtsein seiner Halbheit und Heiratsunfähigkeit.

Während der Heimfahrt in der schüttelnden Kalesche sagte Pastor Weber zu seinem Gehilfen: »Seit fünfzehn Jahren ist meine Kirche nie so voll gewesen, wie heute … Dreihundertvierundzwanzig Zuhörer waren da.« Es klang ein wenig bitter.

»Haben Sie denn zählen lassen, Herr Pastor, daß Sie die Zahl so genau wissen?«

Ich habe meine eigene Zählmethode, um den Kirchenbesuch statistisch festzustellen … wenn ich den Klingenbeutel ausleere, zähle ich die Ein- und Zweipfennige und die sparsam eingestreuten Nickelmünzen … die Zahl der Stücke ergibt ziemlich zuverlässig die Zahl der Besucher.« –

An dem Epiphaniassonntag, welches ein sogenannter Pastorsonntag war, trieb Weber auch seine Statistik und zählte dreiundzwanzig Münzen.

Bei Tisch sagte Frau Bene besorgt: »Mein Fidde, fehlt dir etwas?«

Er biß sie kurz ab: »Du fragst immer zuviel, nichts fehlt mir.«

Die üble Laune verschwand am Montag und kehrte nach vierzehn Tagen genau zur selben Stunde wieder. Während der alte Herr sein Mittagsschläfchen hielt, sprach sich die Frau ihrem Günstling gegenüber offenherzig aus: »Meinem Manne fällt es schwer auf die Seele, daß die Gemeinde, der er fünfundzwanzig Jahre gedient hat, sich von ihm abwendet und der Kirchenbesuch bei ihm immer schlechter wird.«

Der Prädikant, der den periodisch wiederkehrenden Mißmut seines Brotherrn längst gemerkt und gedeutet hatte, machte ein sehr betrübtes Gesicht, weil das gute Verhältnis bedroht schien. Lange summte und sann er über die Klingelbeutelstatistik hin und her, bis er still in sich hineinlächelte.

Über zwei Wochen saß Amatus als passiver Zuhörer in der Kirche und warf statt des üblichen Groschens zehn Zweipfennigstücke in den Beutel. So zahlte und zählte er für zehn Kirchenbesucher und hatte nicht umsonst von seinem Vater Hans ein Gränchen Pfiffigkeit geerbt.

Pastor Weber, der vierzig Kirchenbesucher gezählt und gebucht hatte, war mittags wohlgelaunt und hat nichts von dem heimlichen Geber und der gut gemeinten Täuschung gemerkt, die bei schlechtem Kirchenbesuch regelmäßig geübt wurde.

Eines Tages stürzte Wilhelm in das Kandidatenzimmer [später entfallen: und war] in Aufregung.

»Was ist dir begegnet?«

»Ein dummer Brief aus Norderhafen, den mir der Postbote draußen vor dem Dorfe gab …«

»Haben deine Eltern dich zurückberufen?«

»Nein … unser früheres Dienstmädchen Karoline hat zum zweitenmal an mich geschrieben und hängt sich wie eine Klette an mich.«

»Darf ich den Brief lesen, Wilhelm?«

»Nein, dann lachst du mich aus, aber ich will dir den Inhalt sagen. Sie schmiert einen entsetzlich rührseligen Brei zusammen und schreibt, daß sie zwei Monate lang ›Ichias‹ , womit sie wohl das böse Hüftweh meint, gehabt und noch immer krank und außer Stellung sei … sie erinnert mich an die treue mütterliche Liebe, die mir als Kind von ihr allerdings zuteil geworden ist. Was soll ich machen?« Wilhelm fuhr sich in die Haare.

Junker machte ein drollig ernstes Gesicht. »Aus Dankbarkeit mußt du sie heiraten.«

»Adieu, wenn du mich in meiner Not verhöhnen willst … du kennst die Klette nicht.«

In den Kandidaten fuhr ein Schalksgedanke. »Du! Ich will versuchen, Karoline hier unter und vielleicht sogar unter die Haube zu bringen … aber meinen Plan verrate ich nicht.«

»Wenn du es könntest, Amatus … die arme Person tut mir sehr leid und hat mich oft als Kind gedeckt und vor Prügel behütet … aber ich kann sie doch nicht zu mir nehmen, wie sie mir zumutet.«

»Nun, abgesehen von Karoline, mein lieber Wilhelm … du mußt heiraten und eine Frau mit nach Argentinien nehmen.«

»Kommst du mir auch mit deiner Kousine Silly?«

»Auch?«

»Ja, meine Schwester preist ihre Freundin in hohen Tönen an … aber Silly ist mir doch zu ungerade.«

»O, ein mehr gerades Gemüt und Herz wirst du nirgends finden, aber ich gönne sie dir kaum, und sie wird dich gar nicht nehmen … was unsre Eveline Nissen?«

»Zu billig ist nicht begehrenswert … eine andre gefällt mir.«

»Ihr Name?«

Der noch immer angebräunte Wilhelm wurde kupferrot und lispelte: »Marie Reibeisen!«

»Haha! Die du zweimal gesehen hat, hat es dir angetan?«

»Ich habe Reibeisens mehrfach allein besucht.«

»Ah, hinter deinen trocknen Ohren sitzt ein Schelm … nimm dir ein Mannesherz und deinen Stab in die Hand und mache dich fürbaß nach Fischbäck hinüber … sie wird dich nehmen, so wahr …«

»So wahr?«

»So wahr ich sie nicht nehmen möchte.«

Der Doktor Reder wanderte von Alstrup nach Fischbäck, welches Reibeisens Pfarrdorf war.

Junker schrieb allwöchentlich nach seiner Heimat, so daß die Mutter drei Seiten, Friedline die vierte und der Vater viele Grüße bekam. Die Ankunft des Briefes brachte mitten in der Woche einen zweiten Sonntag in die Dachwohnung hinein.

Heute gingen zwei Episteln nach Norderhafen. Er hatte auch an Karoline geschrieben: Der Kätner Aarö sei ein Mann in den besten Jahren mit wenig Schulden und sechs Kindern, die aber vom Vater am Bande gehalten würden und sehr artig wären. Er sei gegen seine erste Frau ein trefflicher Ehegatte gewesen und suche jetzt eine Haushälterin. Sie dürfe zwar nur auf geringes Gehalt rechnen, aber könne sich einen Gotteslohn verdienen.

Noch bevor Monika ihr Antwortschreiben abgefaßt hatte, kam Karolines Brief in Alstrup an. Sobald ihr »Ichias« sich so weit gebessert habe, daß sie ohne Stock gehen könne, werde sie eintreffen. Doch müsse der Mann ihr sogleich den Gottespfenning schicken, damit das Verhältnis – worunter sie das Dienstverhältnis verstand – ganz fest gemacht werde. Eine Mark in Freimarken würde genügen.

Amatus ging mit dem Brief nach Alstrupfeld. Krästen Aarö riß vor Aufregung mit seinem Fußtüder drei Kinder um, als er aus dem Bettstroh seinen Beutel holte. »Herr Kaplan, wollen Sie ihr zwei Mark als Gottesgeld senden?«

Als der Kandidat diese heikle Aufgabe seines Seelsorgeramts einer glücklichen Lösung so nahe gebracht hatte, führte ihn sein Weg an dem Hofe des Hufners und Kirchenältesten Monrad vorüber. Schon hatte er zögernden Schritts die Pforte passiert, kehrte jedoch um und ging ins Haus, wo er selten kam, aber sich gut unterhielt und herzlich empfangen wurde. Sein Pastor hatte nämlich, nicht in Worten, sondern in der leicht verfinsterten Miene eine Mißbilligung dieser Besuche ausgesprochen und die offenherzige Prinzipalin kein Hehl daraus gemacht, daß sie die Monrads nicht möge.

Monrad war Mitglied aller dänischen Vereine und ein eifriger Agitator für Südjütlands verlorene Sache. Seine Tochter besuchte regelmäßig die Kandidatenpredigt, während sie an dem Pastorensonntag fehlte.

Das Dänenfräulein, für ein Bauernkind höchst zierlich und beweglich, hatte einen kleinen, klugen Kopf und große, lebhafte Augen und war ein ansprechendes und gewandtes Persönchen, das nicht viel, aber vielerlei wußte und über alles zu reden verstand, auch recht gutes Deutsch sprechen konnte, aber nicht sprechen wollte. Jenseits der Grenze in aller Weisheit, Litteratur und allen Lebensformen der Dänen ausgebildet, besaß Martha Schick und Schliff.

Monrad bat mit einer Handbewegung den Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen, über dem zwei kleine Danebrogsbanner hingen, und kniff kurios die Augen. »Wofern Sie unter den rotweißen Fahnen Platz zu nehmen wagen … der alte Pastor tut es beileibe nicht, sondern setzt sich ängstlich ans Fenster.«

Junker riskierte lachend, sich auf das dekorierte Kanapee niederzulassen.

Martha, die eine vollständige Bibliothek der neuen, nordischen Dichter besaß, sprach von Henrik Ibsens »Nora«, die damals auf allen Bühnen ihren Fandango tanzte und Furore machte. Amatus sprach ihr das Frauenrecht ab, ihren Mann und ihr Pappenheim zu verlassen, und übte bescheidene Kritik.

Und mitten im schöngeistigen Disput machte der Kandidat einen plötzlichen Sprung aus dem Ästhetischen in das Agrarische hinein und wandte sich an den Vater: »Herr Monrad, ich höre, Sie haben 24 Jütochsen gekauft … wollen Sie die mästen?«

»Ja, das ist meine Absicht, wenn die Ochsen wollen, wie ich will.«

»Mit Bohnenschrot und Sonnenblumenkuchen? Haben Sie auch Steckrüben genug?«

Monrad nickte belustigt: »Ei, was ein Pastor nicht alles weiß! Stammen Sie aus Bauerngeschlecht?«

»Ja, meine Vorfahren waren Bauern.«

»Hm, nun verstehe ich … weil Sie ein echter, unverwässerter Nordschleswiger sind, predigen Sie anders als die deutschen Schriftgelehrten, mit denen man uns beglückt.«

Junker runzelte die Stirn und verleugnete seine Gesinnung nicht. »Sie irren sich, ich bin ein guter Preuße.«

Sarkastisch blinzelte der Bauer: »Kein meerumschlungener Sleswigholsteiner?«

»Auch das! Aber nur im Anschluß an Preußen können und wollen wir Schleswigholsteiner Deutsche sein.«

Martha lenkte geschwind das gefährliche Gespräch ab und lächelte: »Sie wären auch ein trefflicher Bauer geworden.«

Er lächelte zurück: »Auch? Ja, wenn ich mit einem Geldsack von 50 000 Mark geboren wäre, würde ich es wahrscheinlich geworden sein.«

»O, Herr Junker, Ihre Predigtgabe ist noch größer … schade, wenn die Gabe brach geblieben wäre!«

Sie ging seine letzte Kanzelrede durch und hob einzelne Schönheiten derselben hervor, und er machte die für einen Prädikanten höchst angenehme Entdeckung, daß das Dänenfräulein seine ganze Predigt im Kopfe habe. –

Die abendliche Familienunterhaltung im Pastorat, die an Einförmigkeit litt, war ein Opfer, welches der Kandidat seiner guten Gönnerin brachte. Während er sonst seine Erlebnisse kurzweilig berichtete, schwieg er von dem Besuche bei Monrads.

Eveline blieb hinter dem Lampenschirm und fand keine Gelegenheit mehr zu kleinen Flüsterreden mit dem Kandidaten. Unter dem Weihnachtsbaum nämlich hatte ein neues Spiel, »Halma« genannt, gelegen, welches Frau Bene mit derartigem Eifer betrieb, daß keine Schlafsucht in ihre Augen kam. Heißroten Kopfes saß sie über das Brett gebeugt und konnte erregt werden, wenn sie verlor. Darum ließ er ihre unbesonnenen Züge unbenutzt und nahm zu an Gunst und Gnade bei der alten Dame.

Eveline Nissen aber haßte das Halma und liebte den Kandidaten – so meinte sie wenigstens, oben hinter ihrer Kammertür stehend, wenn er nach zehn Uhr die Treppe hinaufschritt. Nur drei Schritte von einander, in den Giebelstuben einander gegenüber, wohnten sie. Und sie hörte, wie er auf und ab ging, die Stiefel auszog, in das Bett sich warf, und wie alles stille wurde.

Dann schlüpfte sie ins kalte Bett und schüttelte sich, knusperte keine Äpfel mehr, sondern biß die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Ihre Mädchenträume waren bisher nichts als Enttäuschung gewesen. Schon in manche schöne und versorgte Situation hatte sie sich hineingeträumt, als Doktor-, Assessor- und Lehrerfrau und jetzt als fromme Pastorin, und keine der vier Fakultäten war ihr fremd – aber alle, alle Situationen waren Illusionen geblieben. – –

Wie das Osterfest nach dem Monde sich richtet, so wandelbar und regelmäßig wurde am ersten Montag nach eingetretenem Vollmond die Predigerkonferenz, die im Turnus rund ging, abgehalten, und diesmal bei Reibeisens.

Amatus wunderte sich, daß Wilhelm Reder eingeladen war, und sprach ihn an: »Quid Saulus inter prophetas? Was will Saul unter den Propheten?«

Der Doktor der Naturwissenschaften fühlte sich aber anscheinend sehr wohl in der geistlichen Atmosphäre. Weil er sich nicht an der wissenschaftlichen Konferenz im Studierzimmer beteiligte, erbat und erhielt auch der Kandidat die Erlaubnis, bei der Jugend zu bleiben. Hätte er es nicht getan!

Drüben saßen die älteren Damen und tranken starken Kaffee und unterhielten sich lebhaft von der Dienstmädchennot der neuen und bösen Zeit.

Hüben schwatzten und kicherten die jungen Leute, und ein sehr kleiner Witz rief schon ein helles und herzhaftes Lachen hervor. Ein alter Kalauer! Ein komischer Blick! Ein verlegenes Sichversprechen! Ein törichter Einfall! Eine drollige Gebärde! Das genügte schon! Und das ist das glückselige Vorrecht der Jugend, daß sie zur ausgelassenen Heiterkeit so geringen Anlasses bedarf.

Nur Wilhelm, der die Schüchternheit nicht ganz abgestreift hatte, rückte bisweilen auf dem Stuhle, wenn Marie Reibeisen mit den sprechenden Blauaugen den furchtbar redseligen Kandidaten anzureden schien.

Die Pastoren konferierten im Studierzimmer und rauchten eifrig Zigarren. Von der Exegese schweiften sie auf das Gebiet der Predigtkunst hinüber. Reibeisen, der seinen Bauern zu gelehrt redete, warf die Frage auf: »Wie sollen wir predigen, um ein volles Gotteshaus zu haben?«

Pastor Weber räusperte sich. »Ein alter, erfahrener Theologe hat einmal gesagt: Man muß die Leute erst herauspredigen und dann wieder in die Kirche hineinpredigen.«

»Ja«, rief Reibeisen, »das Herauspredigen hätten wir besorgt, aber das Hineinpredigen … hic Rhodus!«

Pastor Hahn ein kahlköpfiges Männchen, blitzte listig durch die Brille, und seine Stimme erinnerte an ein gedämpftes Gekrähe. »Lieber Amtsbruder, wir müssen von dem Kandidaten Junker in Alstrup lernen, wie wir volle Häuser – ich meine natürlich Gotteshäuser – erzielen.«

Reibeisen verteidigte den Abwesenden. »Er ist übrigens ein sehr angenehmer junger Mann … und dem Neuen laufen die Menschen nach.«

Pastor Hahn wurde hitziger: »Es ist aber doch arg, sogar Leute aus meiner Gemeinde sind nach Alstrup zur Kirche gerannt.«

Pastor Weber räusperte sich: »So, aus Ihrer Gemeinde? Junker hat eine gewisse, nicht wegzuleugnende Gabe zum Predigen.«

Hahn schlug leicht auf den Tisch. »Wir Alten müssen eben bei dem Kandidaten in die Schule gehen … aber, lieber Bruder Weber, was die Seelsorge betrifft, wollen wir ihn doch lieber nicht zum Vorbild nehmen … da soll Ihr Junker ja, wie verlautet, tolle Sachen machen.«

»Tolle Sachen? Wieso?«

Hahn legte sich langsam zurück und berichtete breit: »Kommt er neulich zu einer Frau, die an Schwermut leidet … er tröstet hin und her und rät ihr zuletzt, morgens, wenn die Anfälle am ärgsten, ein Glas Grog zur Erheiterung des Gemüts zu nehmen. Ja, solche Theologie gefällt unsern Bauern.«

Mehrere Stimmen riefen: »Ist es möglich!«

»Dann die blutjunge Tochter des Bauern Bög …«

»Die sich das Leben nehmen wollte?« warf Weber dazwischen.

»Ja, die, weil sie den Vorknecht ihres Vaters nicht haben sollte, in den Teich sprang, der zum Glück nicht tief genug war … und was tut Ihr Junker? Mit seiner Beredsamkeit nimmt er nicht die Tochter ins Gebet, sondern bearbeitet so lange den Bauern, bis der mürbe wird und seine Einwilligung gibt. Ja, solche Seelsorger mögen unsre jungen Mädchen.«

Junkers Pastor schüttelte den Kopf, und Hahn schloß seine Rede: »Ich kann natürlich nicht alles Gerede der Leute verbürgen … aber sehen Sie Ihrem jungen Seelsorger etwas auf die Finger, Bruder Weber!«

Die pastorale Konferenz tagte weiter.

Drüben im Zimmer saß einer zwischen den jungen Mädchen und hielt mitten im Lachen inne. »O, es saust vor meinem Ohr, man redet von mir.«

»Gewiß nur Gutes!« wisperte die sanfte Marie.

»Nein, vor dem schlechten Ohre singt es schrill«, sagte der Kandidat Junker. –

In der Dienstagfrühe begrüßte Frau Bene ihren Schützling förmlicher als sonst, und der Pastor ließ einen ernsten Blick über seinen Prädikanten hingleiten. Aber gesagt wurde nichts, und Amatus war zu stolz, um zu fragen.

Das Barometer sank tief, und draußen goß der Regen nieder und gurgelte in den Traufen.

Nachmittags kam Reder in der peitschenden Nässe, wider das Unwetter mit dem Egeberger Wagenschirm bewaffnet. Tiefsinnig rauchend, kauerte er im Kandidatensofa, das den Körper nicht verweichlichte, und taute trotz der Nässe nicht auf.

»Du bist so feierlich, Wilhelm.«

»Nach vier Wochen muß ich reisen.«

»Fällt dir der Abschied so schwer?«

»Ja, sehr!«

»Von mir?«

»O ja–a–a!«

»Das war ein lang gedehntes Ja«, lachte Amatus, »aber von Klarissa?«

»Ja, auch von ihr.«

»Sonst noch von jemand? Von der blauäugigen Pastorentochter?«

Die zusammengedrückte Gestalt schnellte empor. »Sei ehrlich, Amatus, und sag es mir! Hast du ein Einverständnis …?«

»Mit wem?«

»Mit der kleinen Marie …?«

»Haha! Nein und dreimal nein! Wilhelm, liebst du sie wirklich?«

»Ja, ich liebe sie, o …«

»Mensch, habe ich es dir nicht schon gesagt? Sei getrost und freudig, tue dein bestes Gewand an, salbe dein Haar und setze einen hohen Zylinderhut darauf, gehe nach Fischbäck und mache deinen Antrag … sie wird dich nehmen.«

Trotz der Verheißung fiel Wilhelm von neuem in die geknickte Stellung zurück. »Ach, ich finde keine Gelegenheit, sie allein zu sprechen, und wenn ich sie fände, fände ich nicht Worte, es ihr zu gestehen.«

»Mache dir doch vorher einen Vers, den du im geeigneten Augenblick mutig hersagst!«

»Nein, ich bin zu blöde geboren und durch meine Erziehung verschüchtert.«

Der Prädikant, der sonst seiner Herde die Demut predigte und pries, paßte seine Seelsorge dem einzelnen Fall an und suchte in dem schüchternen Gemüt des Freundes das Selbstbewußtsein zu wecken. »Du bist normal gestaltet und ein solider Mensch, du bist mit einem heiratsfähigen Einkommen dotierter Doktor der Chemie … Mensch, was willst du mehr?«

Wilhelm war von diesen Gründen völlig überzeugt, aber seine Blödigkeit blieb unüberwunden.

In schwierigen Fragen und Lagen kam der Genius der schnellen Ratschlüssigkeit dem Kandidaten zur Hilfe, und er löste einfach den vertrackten Kasus. »Ich setze den hohen Hut auf und mache für dich den Antrag.«

Wilhelm der Schüchterne machte erst mißtrauische, dann aber fröhlich-dankbare Augen, als er die Überzeugung gewann, daß der scherzhaft klingende Vorschlag ernst und redlich gemeint sei. –

In Fischbäck wunderte man sich, daß der Kandidat schon heute zu Besuch kam, aber die Verwunderung war eine sehr angenehme Überraschung. Zwischen Mutter und Tochter saß der Freiwerber und suchte seinen heiklen Auftrag möglichst schnell auszurichten. »Fräulein Reibeisen, wofür interessieren Sie sich am meisten? Für die Musik?«

»Nein!« antwortete die Pastorin statt der Tochter, »für die Wirtschaft und das Hauswesen.«

»Da ist die löblichste Frauentugend.«

»Und die prosaischste«, flüsterte Marie.

»Doch die, welche alle andern Tugenden überdauert … aber eine Liebhaberei werden Sie haben, Fräulein Reibeisen?«

Bei diesen Worten fand ein sanfter Aufschlag der blauen Augen statt. »Sie nehmen mich ja ins Verhör … wenn Sie es wissen wollen, meine Lieblinge sind meine Pekingenten, hihi!«

Das war ein kindliches Lachen, und er sagte lebhaft: »Sie sind tierlieb! Das Muhen der Kühe im Stall, das Schnattern der Enten, sogar das Quieken der Ferkel ist mir eine trauliche Musik. Darf ich mal Ihre Enten sehen?«

Fräulein Marie ging mit ihm zum Teiche hinaus.

Die Mutter stand am Fenster und sah ihnen mit einer fragenden Miene nach, die allmählich ins Pfiffige hinüberspielte.

Amatus achtete nicht auf die Enten, sondern ging ohne Einleitung, unverblümt und unverblüfft auf sein Ziel los. »Ich habe Gelegenheit gesucht, mit Ihnen über eine sehr wichtige Angelegenheit zu reden.« Der Schelm sah sie fest an.

Ein leichtes, zaghaftes Zittern lief über ihre Gestalt, weil sie dachte: Nun kommt's. Scheu senkte sie die Lider und suchte verstohlen durch die Wimpern zu lugen.

Und es kam. »Ich kenne einen ehrenwerten Mann in einträglicher Lebensstellung …« Er hielt inne.

Das Fräulein stotterte: »In einträglicher Stellung …« Das verstand sie nicht.

»Der Sie lieb gewonnen hat und in Ihrem Besitze unendlich glücklich sein würde … mein Freund Doktor Reder liebt Sie … in seinem Auftrage biete ich Ihnen sein Herz und seine Hand an.«

»O Himmel, o Himmel!« Fräulein Reibeisen stand einen Augenblick, wie aus den Wolken gefallen, und lief dann bestürzt ins Haus. Aber sie hatte Besinnung genug, hinter sich zu rufen: »Warten Sie, bitte, hier ein paar Minuten!«

Junker betrachtete die weißen Enten und zog oft die Uhr. Marie saß bei der eifrig redenden Mutter und hatte den Kopf in den Händen begraben.

Als sie zum Teich zurückkehrte, war sie nicht blutrot, sondern er meinte, auf den etwas blassen Wangen dunklere Spuren zu sehen.

Sie hatte wohl Freudentränen geweint und sagte mit einem der ernsten Stunde entsprechenden Ernst: »Ich nehme Doktor Reders Antrag an.«

Junker wünschte ihr Glück und rühmte den Freund: »Wilhelm ist ein herzensguter Mensch, der bisher im Leben wenig Liebe gefunden hat und darum sehr viel Liebe gebraucht, aber auch voll und ganz verdient.«

Marie dankte, ohne die Augen aufzuschlagen.

In Regen und Sturmschritt ist Doktor Reder nach Fischbäck gelaufen, und dem Schüchternen wurde der schwere Anfang dadurch erleichtert, daß Herr und Frau Reibeisen ihn auf dem Flure als Schwiegersohn begrüßten und umarmten.

Nach zwei Tagen aber kehrte Wilhelm der Fröhliche seiner Verlobten das Notenblatt um, und sie sang lächelnd zu ihm empor:

In Sturm und Regen
Bist du gekommen,
Mein Herz beklommen
Schlug dir entgegen.

Sie waren des Alleinseins froh. Der Pastor mendierte an seinem ewigen Manuskripte, und Frau Reibeisen war in der Kalesche ausgefahren, um alle Nähterinnen der fünf umliegenden Kirchspiele zu dingen.

Nach der gelungenen Werbung – gelungen im doppelten Sinne – lachte Amatus in sich hinein, mit seinem Erfolge zufrieden. Jedoch am Morgen rumorten Gewissensbedenken in ihm. Wird die Ehe ihm und ihr zum Heile gereichen? Oder habe ich mutwillig auf einem morschen Grunde Menschenglück gründen wollen?

Sein Pastor, der die frühere Herzlichkeit nicht wiedergefunden hatte, fragte beim Kaffee mit einem Anflug von Spott: »Haben Sie auch gestern nachmittag Seelsorge getrieben?«

Die Frage wurde kurz verneint.

Kaum hatte der Kandidat in seinem Giebelzimmer die Klappe der hundertjährigen Schatulle, die auch als Pult diente, niedergeschlagen, als unten auf dem Flur polternd gerufen wurde: »Herr Junker, ich muß Sie sprechen.«

Pastor Weber warf das blaue Heft der Schullisten zornig auf den Tisch. »Was haben Sie hier gemacht? Wissen Sie nicht so gut wie ich, daß der Schulinspektor jedes Kind nicht mehr als zwölf Tage im Jahre dispensieren darf? Und der Anne Klühn, die längst ihre Tage weg hat, haben Sie trotzdem drei Tage frei gegeben. Ich bin es, der in Ungelegenheiten kommt und, wenn der Kreisschulinspektor es merkt, sich schulmeistern lassen muß. Die Lehrer, die heutzutage an gelindem Größenwahn leiden, ergreifen jeden Anlaß, um einen Pastor zu kompromittieren.« In seiner Hitze vergaß der alte Herr die übliche Reserve.

Junker erwiderte ruhig: »Ja, peccavi, ich habe wider den Buchstaben der Vorschrift gesündigt. Aber Frau Klühn liegt mit einem Neugeborenen im Bett, der Vater muß auf Arbeit gehen, und bei der Mutter und den vier jüngeren Geschwistern war niemand im Hause als Anne … als ich das mit eigenen Augen sah, erlaubte ich ihr, die Schule zu versäumen.«

»So, so!« Dem Greis stieg die Röte ins Gesicht. »Ich habe Ihnen mein Vertrauen geschenkt und werde fortan die Schullisten selber führen.«

Der Prädikant nahm niedergeschlagen seinen ersten Verweis hin und war doch herzensfroh, des leidigen Schulamts enthoben zu sein. Den Bitten der armen Tagelöhnerkinder und -mütter vermochte er kein hartes Nein entgegenzusetzen.

Trotzdem kamen die Mütter zu dem Kandidaten und quälten ihn, bei dem Pastor ein gutes Wort einzulegen, damit sie nicht gemeldet und bestraft würden. Und Junker ging mehr als einmal zu den Lehrern von Alstrup, bei denen er keinen Größenwahn bemerkte, als Bittsteller und Armenanwalt. Er erfuhr nicht, ob die Lehrer ein Auge zudrückten, so daß sie den Buchstaben des Gesetzes übersahen; aber die ärmsten Familien wurden in Alstrup äußerst selten gedrückt.

Eines Morgens flossen dem Kandidaten die schönsten und erbaulichsten Gedanken in die Feder, und sein Geist schwebte auf den Höhen der Pastoralpoesie. Da rissen ihm Flug und Faden ab, ein Klecks troff auf das Papier. So urkräftig klopfte es an die Tür und kam sogleich herein, mit der gebauschten Mantille und dem hochstehenden Hute den Türrahmen ausfüllend.

»Karoline!«

Ja, sie humpelte, auf den Regenschirm gestützt, ins Zimmer und fiel mit ihrer ganzen Körperschwere ins Sofa und sagte: »Au – au! Herr Junker, hierin versinkt man nicht.« Ihre Augen musterten die Einrichtung. »Na, für einen Pastor könnte es auch ein bißchen feiner sein … bei der Wohltätigen war die Schiffskiste mit der Decke darüber ebenso weich gepolstert.«

Unten auf dem Flure stand die schwerhörige Frau Bene und horchte nach oben und lief in die Stube zum Fräulein: »Eveline, wer war die Person wohl?«

Das Puppengesicht lächelte schlüpfrig: »Ja, das möchte ich auch gern wissen … aber der Herr Kandidat hat ja viele Bekanntschaften und verkehrt bei Monrads täglich.«

»Was will er bei dem Stockdänen?«

»Vielleicht sich mit Fräulein Martha unterhalten … aber ich weiß nichts.«

Frau Bene kraute das Haar zurück und begab sich beunruhigt zu ihrem Manne.

Amatus mußte der schwatzhaften Karoline eine volle Stunde opfern. Obgleich er ihr zweimal den Weg zu dem Kätner Aarö erklärte, verstand sie seinen Wink erst, als er ihr auf einem Blatt Papier eine deutliche Wegskizze machte und das Haus durch einen viereckigen Klecks bezeichnete. »Hier, Karoline, ist Ihr zukünftiges Heim.«

»Gott gebe, daß es ein Heim würde!« seufzte sie und humpelte von dannen.

Bei Tisch wurde der Kandidat fragend angesehen, aber er schwieg.

Frau Bene ertrug die Folter der Neugier nicht länger und fragte: »Wer war die Dame, die Sie besuchte?«

»Eine Dame? Haha! Ein Dienstmädchen aus Norderhafen war es, dem ich bei dem Kätner Aarö einen Platz als Haushälterin vermittelt habe.«

»So, so?« Pastor Weber klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. »Aarö ist einmal auch bei mir gewesen … Sie haben, mit anderen Worten, nicht den Stellen-, sondern den Heiratsvermittler gespielt. Herr Junker, in was für Dinge stecken Sie die Finger! Ich muß Sie dringend ersuchen, mit mir in jedem Falle Rücksprache zu nehmen, bevor Sie in meiner Gemeinde Seelsorge treiben.«

Der Kandidat verneigte sich stumm und hatte seinen zweiten Verweis erhalten.

Als er aber mit der guten Pastorin allein war, schüttete er ihr sein Herz aus. »Es ist anders als im Anfang geworden … was haben Sie gegen mich?«

Die Offenherzige antwortete: »Sie gehen uns zu viel zu Monrads.«

»Sind Monrads nicht ehrenwerte Leute?«

»Nein, der Vater ist ein Fanatiker, und der Tochter hängt auch eine Anrüchigkeit an.«

Amatus horchte auf. »Mir gegenüber hat noch kein Mensch ihren guten Ruf angezweifelt … was hat sie denn gemacht?«

Frau Benes Mienen bekamen einen Ausdruck sittlicher Entrüstung. »Martha Monrad ist vor zwei Jahren politisch sehr lästig geworden … sie ist eine von den sogenannten südjütschen Mädchen!«

»Ach, sie gehört zu den tausend nordschleswigschen Jungferlein, die eine gemeinsame Reise durch Dänemark machten«, lächelte Amatus.

»Ja, die Monrad hat den Plan der Demonstrationstour ausgeheckt und war die Leiterin der mit rotweißen Bändern geschmückten Schäflein, die überall im kleinen Vaterlande von den Dänen angeredet, angesungen und angeulkt wurden.«

Junker erklärte lachend, daß er ein guter Deutscher sei und darum ungefährdet mit Dänen und südjütschen Mädchen verkehren könne.

Nachmittags trat er seinen gewöhnlichen Spaziergang in verdrießlicher Stimmung an. Seelsorge durfte und wollte er nicht mehr treiben, aber Besuche abzustatten, ließ er sich nicht verbieten und kehrte darum bei einem Hofbesitzer ein, der froh und ohne Sorgen lebte und einer robusten Gesundheit sich erfreute. Seine Lippen zuckten spöttisch: »Meinem Pastor gegenüber ist hier sogar der böse Schein, als wenn ich auf Seelsorge ausginge, gemieden.«

Zwei Nachbarn saßen in der Stube und tranken mit dem Hausherrn Rumgrog. Der Kandidat nahm auch ein Glas und ließ sich zum zweiten nötigen.

Mit dem Essen – und noch mehr mit dem Trinken kommt der Appetit. An der Landstraße lag ein Wirtshaus, in das er auf dem Heimwege nach kurzem Zögern einbog. Die Bauern sprangen empor und räumten ihm den Platz im Sofa ein und fragten höflich, ob er ihnen die Ehre antun wolle. Er tat's und trank.

»Ja, das ist nett von Ihnen, Herr Kandidat, daß Sie Mensch mit Menschen sind … Sie sind bei allen äußerst beliebt und einen solchen Prädikanten haben wir Alstrup noch nicht auf der Kanzel gehabt … wenn wir einmal den Alten verschlissen haben, wer weiß …«

»Still davon, wenn ich nicht aufstehen soll!« sagte er energisch.

Aber seine Energie reichte nicht aus, als sie noch zweimal ihn baten, ihnen die Ehre zu erweisen.

Abends im Familienkreise war Amatus, der seinerseits keine Verstimmung mehr fühlte, sehr heiter und lebhaft, so daß Eveline hinter dem Schirm sein Gesicht beobachtete und mit dem Näschen nach ihm hinüber roch. Die Kluge witterte etwas.

Frau Bene lachte über seine Witze. »Heute sind Sie aber aufgeräumt.«

»Ja, bei klarem Frostwetter werde ich springlebendig, wie ein Frosch in seinem Liebesfrühling … überdies habe ich etwas erlebt.«

»Erzählen Sie!«

»Draußen traf ich den Greve, den Holsteiner, der sich vor zehn Jahren in die Landstelle hineingeheiratet und die achtzigjährige Schwiegermutter auf dem Altenteil hat; und folgendes Zwiegespräch fand statt. In seinem geliebten Plattdeutsch fing er an: ›Herr Pastr!‹ – ›Ich bin nicht Pastor‹ . – ›Herr Kaplan‹ . – ›Ich bin nicht Kaplan.‹ – ›Herr Kandidaat, ik heff en Doden int Hus‹ – ›Was für einen Toten?‹ – ›De ole Minsch is dod.‹ – ›Was für ein alter Mensch?‹ – ›Min Swigermoder, Herr Pa–, Herr Kandidaat.‹ – Bitte sagen Sie es ihrem Manne aber nicht, daß ich trotz des Verbots gewissermaßen Seelsorge getrieben habe … ich konnte nämlich nicht unterlassen, dem Schlingel so lange ins Gewissen zu reden, bis er um seine Schwiegermutter ein paar Tränen vergoß.«

Eveline warf dem lustigen Kandidaten einen langen Blick zu und sagte bald Gutenacht und verschwand.

Als Amatus leise trällernd die Treppe hinaufkam, regte sich etwas auf dem engen und dunklen Flur.

»Ist hier jemand?« sprach er ohne Gespensterfurcht.

Eine flüsternde, zitternde Stimme: »Rufen Sie nicht so laut! Ich habe meine Streichhölzer verlegt und kann mich nicht zurecht finden.«

Sofort rieb er ein Streichholz an, mit dem er die Finsternis und sonderbare Situation beleuchtete. Eveline sah mit verschleierten Augen, die einen feuchten Schimmer hatten, unverwandt zu ihm empor und sagte kein Wort. Wenn er nur einen Finger ausgestreckt hätte, wäre sie weich und willenlos in seinen Arm gesunken.

Doch er ließ die Arme schlaff hängen und rieb ein frisches Zündholz an und hob die kleine Leuchte empor, weil ihm gespensterfurchtsam zu Mute wurde. »Reden Sie doch, Fräulein Nissen!«

Sie stammelte; »O, Sie kamen heute so heiß … so heiß …«

»Nein, Fräulein, hier ist hundekalt, und wenn Sie noch lange stehen bleiben, werden Sie sich einen fürchterlichen Schnupfen holen.«

Eveline schrie nicht, sondern stürzte abgekühlt und durcheisigt in ihre Kammer, ohne seine Streichhölzer zu nehmen. In ihrer Gedankenlosigkeit hatte sie vergessen, daß sie auf der Treppe ihre Schachtel in die eigne Tasche gesteckt hatte.

Am Morgen fühlte sich Amatus wehleidig und mißmutig, wie seit Monaten nicht. Nicht nur war als natürliche Rückwirkung des gestern genossenen Getränks eine seelische Depression eingetreten, sondern das zwitterhafte Prädikantenamt schien ihm verleidet, und sein getrübtes Urteil erblickte alles grau in grau. Als der Versuch zu arbeiten völlig mißlang, steigerte sich das erdrückende Unbehagen zu einem Anfall des alten Feindes.

Aber seinem benommenen Kopfe blieb eine klare Besinnung und die vorsichtige Überlegung, daß er sich um jeden Preis nicht bloßstellen dürfe. Auch kannte er die Bauern, die ins Gesicht schmeicheln, aber über die Popularität eines grogtrinkenden Geistlichen hinter dem Rücken ihre Glossen machen. Darum ging er in kein Wirtshaus, sondern bestellte beim Kaufmann eine Kiste Portwein, die ihm ins Haus gebracht wurde.

Amatus wurde zum heimlichen Trinker.

Obgleich er auf der Hut war und jede Gesprächigkeit vermied, machten doch Evelines forschende Blicke und witternde Nase gewisse Beobachtungen. Als er einmal sein Zimmer verließ, schlich sie sich hinein, zog leise die Schubläden auf und guckte in alle Winkel. Ah, unter der Garderobe stand eine halbvolle Flasche.

Fräulein Nissens schnell gefaßte Zuneigung war in eine noch augenblicklicher entstandene Antipathie umgeschlagen.

Ihrer Herrin flüsterte sie in die schwerhörigen Ohren: »Was hat Herr Junker gestern und heute? Haben Sie nichts gemerkt?«

»Was sollte er haben?«

»Er ist anders als sonst … ich glaube, er trinkt.«

Frau Bene, statt, wie erwartet, neugierig zu werden, fertigte das Fräulein grob ab: »Was scheren Sie sich um unsern Kandidaten? Stecken Sie die Nase in die Küchentöpfe, daß nichts ansengt und versalzen wird!«

Die kleine Denunziantin hielt fortan in der Stube den unnützen Mund, aber schwatzte und klatschte um so mehr in der Küche mit der Brotfrau und dem Gartenarbeiter und den Bettelweibern.

Am dritten Tage stand Amatus neben seinem Waschtisch und schüttete in einer plötzlichen, heiligen Zornwallung den Rest der Flasche in das Schmutzwasser. Wie war die furchtbare und zur Umkehr entschlossene Reue über ihn gekommen? In der andern Hand hielt er einen eben erbrochenen Brief seiner Mutter, die innig und in ihrem Zartgefühle nur andeutend schrieb: »Mein Amatus, jetzt sind es fünf volle Monate, daß du glücklich bist – wir wollen Gott loben und preisen.«

Er stöhnte, und die Scham schrie in ihm, daß er ein heimlicher Trinker geworden. Nach fünfmonatlichem siegreichen Kampfe war er in den Staub gesunken und durch seine Seele ging der tiefe Seufzer: Das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Aber sein jugendlicher Sinn hat nach einigen Tagen die Betrübnis überwunden. Gleich einem Genesenden, der nicht über die vergangenen Schmerzen grübelt, sondern ins Sonnenlicht schaut, wandte Amatus den Blick von der rätselhaften Sphinx seiner Seele und seines Willens hinweg, um nicht die neu erwachende Lebens- und Arbeitslust zu lähmen. Rückwärts lag der Schleier eines Dunkels, den sein heller Verstand doch nicht lüften noch durchleuchten konnte, und vorwärts strebten und stürmten seine regen Kräfte. – – –

Pastor Reibeisens machten die Hochzeit ihrer einzigen Tochter. Amatus, der auch eingeladen war, begrüßte die Schreckgestalt seiner Kindheit, die lange Stine, die ihn einmal bei den Haaren unter dem Tisch hervorgezaust hatte, und kannte die Frau kaum wieder. So groß war ihre Liebenswürdigkeit, und ihr längliches Gesicht verzog sich zu einem stereotypen Lächeln, während sie nach seinem Ergehen, seinen Zukunftsplänen und Aussichten eingehend sich erkundigte. Sie war darüber schon orientiert, daß an Kandidaten gegenwärtig kein Überfluß sei, und hörte mit Teilnahme, daß er bald das kanonische Alter erreiche und, wenn es Gott und dem Konsistorium gefiele, ordiniert werden könne.

Klarissa Reder war ihm als Tischdame zugewiesen worden – daß dieses auf einen Wink der Stiefmutter hin von Frau Reibeisen arrangiert worden [später entfallen: war], blieb beiden verborgen – und Junker war während der Tafel ein vergnüglicher Plauderer und ein sehr mäßiger Trinker. Zuweilen, wenn er am lebhaftesten sich unterhielt, meinte er zu bemerken, daß Frau Reders Auge gnädig auf ihm ruhte, und daß [später: wie] sie ihrer Tochter mütterlich zunickte. Dann aber blickte Klarissa tief in den Teller hinein.

Amatus beugte sich leicht über den Arm seiner Dame und flüsterte: »Ihr Bruder ist für die übrige Gesellschaft abwesend und ganz in den Anblick seiner Gattin versunken. Sehen Sie, wie das Glück seine Züge verklärt hat, wie seine Frau strahlend zu ihm emporschaut! Das muß doch eine schöne Stunde sein«, setzte er leiser hinzu.

Klarissa sah ihn voll und fest an: »Die Franzosen haben ein Wort: Corriger la fortune. Herr Junker! Ihre Finger haben Korrektur getrieben und bei diesem Glück nicht wenig nachgeholfen.«

»Ich habe nur dem Schüchternen als Sprachrohr gedient.«

Worauf sie erwiderte: »Ja, ich hoffe und glaube, daß es zum Guten geschehen ist und gelingen wird … aber mir wäre die Verantwortung zu groß gewesen.«

Er schwieg betroffen.

Klarissa aber wurde schelmisch. »Wenn ich nun versuchen wollte, Ihr Glück zu machen?«

»Zu große, zu große Verantwortung, Fräulein Reder! Wollen wir eine Wette machen, daß ich weiß, was jetzt kommt?«

»Was denn?«

»Silly! Ja, meine Kousine ist ein liebes, hochherziges Mädchen – aber meine Kousine!«

Bei diesen Worten ging ein gespanntes Aufmerken, nicht wie eine Wolke, sondern wie ein flüchtig verschwindender Glanz, über Klarissas Antlitz.

Der Zollinspektor, den seine Frau bedeutungsvoll angesehen hatte, stand auf und hob in schlecht gefügten und wohl gemeinten Sätzen sein Glas auf das Wohl des Kandidaten, des Jugendfreundes seines Sohnes, indem er seine Rede mit einem Vivat sequens schloß. Um mit Junker anzustoßen, langte die lange Stine über die ganze Breite des Tisches. Fräulein Reder aber hielt ihr Glas so ungeschickt, daß es mit dem seinen kaum zusammenklirrte.

Am folgenden Tage spürte Amatus nur angenehme Folgen des frohen Hochzeitsmahles und wanderte frischgemut nach Alstrupfeld hinaus, wo Krästen Aarös Kate sein Ziel war. Hänschen stand ungetüdert im Hofe und zog, mit den Holzschuhen im Schlamme wühlend, Abzugsgräben für das Dungwasser. Sobald er den Ankömmling gewahrte, lief er hin und umschlang des Kandidaten lange Beine. Der gut angelernte Bursche streifte auf dem Flure nicht bloß die Holzschuhe ab, sondern zeigte auch auf die Matte und ermahnte in seiner Sprechweise: »Stiefel reine machen … sonst Tante böse.«

Aus der Küche kam Karoline hereingehumpelt und stemmte stolz die Hände in die Hüften, als Junker mit seinem Lobe nicht zurückhielt. [Später entfallen: Trotz des Verbots konnte er die Seelsorge nicht ganz unterlassen. Karoline nämlich fing an sich die Augen zu wischen und zu wehklagen, daß sie ein lahmer Krüppel bleiben werde; welche Tränen er mit seinem zuversichtlichen Troste stillte.]

Draußen im Stalle, wo Krästen sein Vieh fütterte, besichtigte er zunächst die drei Kühe und erkundigte sich dann, die Stimme dämpfend: »Na, wie können Sie mir ihr auskommen?«

»Ist eine stramme, propre und zuverlässige Person … aber in meinem eignen Hause habe ich nicht viel mehr zu sagen.«

»Sie sind nicht ganz zufrieden?«

»Herr Kaplan, ich bin sehr zufrieden mit ihr als Haushälterin, aber …« Krästen kraute sich. »Aber die Sache hat einen Haken … eine lahme Person kann doch nicht heiraten, eine Bauerfrau muß vor allem gesunde Hände und gesunde Beine haben.«

Amatus, der das eine Auge zukniff, war seinem pfiffigen Vater zum Sprechen ähnlich. »Wenn ich nun ein Sympathiemittel weiß und die Beine bespreche, so daß Karoline nach sechs Wochen stramm wie ein Musketier marschieren kann, was dann, Krästen?«

»Dann marschiere ich sofort zum Pastor, daß er uns von der Kanzel wirft … sonst ist sie ja ein sauberes und schönes, ein rasches und rassiges Frauenzimmer.«

Das Sympathiemittel des Kandidaten war die alles, auch das Hüftweh allmählich heilende Zeit.

Junker ging an der Monradschen Hofstelle nicht vorbei, sondern betrat, Frau Benes Warnung zum Trotz, das Haus, weil er sich seinen Verkehr nicht vorschreiben lassen wollte. Die Wohnstube war leer. Draußen in der Küche redete Marthas laute Stimme in einem fort. Sie schien den Mädchen eine donnernde Standrede zu halten, und er räusperte sich vergebens.

Das Auge des Wartenden fiel auf die Sofawand, [später entfallen: und] ein Schalk und Schelm fuhr plötzlich in ihn. Er löste die Danebrogsfähnlein aus der Schleife und versteckte sie in der Hausbibel, auf der Seite, wo zu lesen stand: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist!

Die Philippika in der Küche riß nicht ab. Darum klinkte er leise die Tür auf und blieb verwundert und angewurzelt auf der Schwelle stehen. Martha stand vor dem Herde, rührte mit dem Löffel im Topfe und hielt in der linken Hand ein dramatisches Büchlein, aus dem sie laut deklamierte. Die bewegliche, bachstelzenhafte Person hatte trotz der komischen Situation etwas unendlich Graziöses und Anmutiges, besonders da sie auf den Zehenspitzen wie eine Ballettänzerin sich drehte und herzhaft auflachte, als der ungesehene Zuhörer in die Hände klatschte.

»Ich lerne meine große Rolle … wir wollen hier in Alstrup eine Dilettantenvorstellung geben und ›Die Welt, in der man sich langweilt‹ aufführen.«

Amatus wandte nicht die Augen von ihrer Gestalt. »Fräulein Monrad, ich möchte Sie auf der Bühne sehen.«

»Dazu bietet sich ja sehr bald Gelegenheit. Werden Sie wirklich hingehen, um meine schauspielerische Kunst zu bewundern oder zu bekritteln?«

»Ja, ich werde kommen.«

»Ein Wort?« fragte sie, um die Zusage fest zu machen.

»Mein Wort darauf!«

Nun hatte er sich gebunden, in unbedachter Eile, und zu spät, als er schon zu Hause auf dem Kandidatensofa saß, stellten sich einige Bedenken ein. Was würden sein Präpositus und seine Präposita dazu sagen?

Sobald sich Gelegenheit bot, Frau Bene unter vier Augen zu sprechen, schlug er selbst das Theaterthema an, um seine etwas beklommene Brust zu erleichtern.

»Ich werde mir Spaßes halber die Bauernkomödie ansehen.«

Sie zog das breite, gutmütige Gesicht in die Länge. »Das wird meinem Mann durchaus nicht passen.«

»Aus pastoralen Gründen, weil der Theaterbesuch sich für den Prädikanten nicht schickt?«

»Nein, weil es eine ausgesprochen dänische Geschichte wird.«

»Das Stück ist eine harmlose, französische Übersetzung und unpolitisch.«

»Gehen Sie nicht hin, Herr Junker!«

»Ich muß hingehen, denn ich habe es versprochen und schon mein Wort gegeben.«

Frau Bene schüttelte den Kopf. »So, Sie haben Ihr Wort gegeben und der Monrad sich versprochen?«

»Nein, das nicht!« lachte er gezwungen.

Im Pastorat lag eine Verstimmung in der Luft, und Eveline fand bei der schwerhörigen Herrin mehr Gnade und ein williges Gehör. – – –

Alstrup hatte zwei Wirts- und Tanzlokale. In dem einen, dessen Besitzer Hans Petersen hieß und am liebsten dänisch sprach, aber dem deutschen Reichstagskandidaten seine Stimme gab, verkehrte der nationale und der neutrale Teil der Bevölkerung. In dem andern, Hotel Danmark genannt, dessen dicker Wirt – Peter Petersen mit Namen – zum dänischen Wahlverein einen beträchtlichen Beitrag zahlte, sollte am Abend des ersten April Komödie gespielt werden.

Frühmorgens fand der Kandidat, der zum Kaffeetische kam, auf seinem Teller ein Brieflein.

»Ist für Sie abgegeben worden«, sagte Fräulein Eveline mit einer hinweisenden und wegwerfenden Handbewegung.

Seine Finger rissen den Brief auf, der ohne Unterschrift war, und er las mit Hast die zwei Zeilen:

Wen Anonymes hoch beglückt,
Wird meistens in April geschickt.

»Hihi, fifi!« Das Fräulein schlug eine kreischende Lache auf, und die Frau Pastor, die hinter dem Ofenschirm gestanden hatte, fiel mit ihrem Basse ein: »Hoho, hoho, April, April!«

Pfui Spinne! dachte Junker und tat das Klügste, was ein in den April Gesandter tun kann, er lachte überlaut mit.

Der Tag, der mit einer lächerlichen Nasführung begonnen hatte, endete mit einer lustigen Theateraufführung. Auf dem plüschroten, nummerierten Sitz zu zwei Mark saß der Kandidat und zog die Lippen krumm, wenn die Bauernmädchen unhörbar lispelten und lichtfiebrig den Souffleur anstarrten, die Bauernjünglinge aber hinter den Kulissen gleich preußischen Rekruten hervorstrampelten, steif und stramm vor ihren Damen standen und wie Schulbuben ihren Sermon herleierten.

In den Szenen, wo die Hauptheldin, Martha Monrad, auftrat, beugte er sich weit vor, von ihrem Spiel gebannt. Jede Replik fiel, wie vom Augenblicke eingegeben, von ihren Lippen. Ihr Mienenspiel, ihr Lächeln, jedes Zucken der Brauen war so natürlich und anmutig, daß er kein Auge von der Bretterhöhe, welche die Bühne vorstellte, wandte. Nach jeder Szene schlug er zuerst die Hände zusammen.

Die zierliche Monrad war die geborene Schauspielerin. Erstaunt und immer entzückter lauschte er ihrem Spiel und hatte am Schluß einen kleinen Anfall jener Begeisterung, welche die Theaterfexe befällt. Sein rechter Handschuh platzte – so starken Beifall klatschte er und riß die bedächtigen Bauern dermaßen mit sich, daß »Danmarks« alte Fachwände vom Applaus erzitterten.

In der Garderobe half er Fräulein Martha den Mantel umwerfen. Immer neue Worte der Bewunderung entströmten seinem Munde.

Sie sah den Eindruck, den sie gemacht, und schaute ihm voll ins Gesicht. »Draußen ist Aprilschnee gefallen … wollen Sie mich nach Hause geleiten? Sie wundern sich vielleicht … so würde wohl keine von Ihren deutschen Damen sprechen.«

Er wunderte sich über nichts mehr und war bezaubert. Dicht neben einander gingen sie, und hinter ihnen im weichen, weißen Schnee standen vier tiefe Fußspuren.

Martha fragte schalkhaft: »Sie haben meine Danebrogfähnchen mitgenommen, um Ihr Zimmer damit zu schmücken? Ja, Blut ist dicker als Wasser … Sie sind und bleiben eben Nordschleswiger, Herr Junker.«

»Um Himmels willen, die Fahnen stecken in Ihrer Bibel«, stammelte er.

»Ich weiß, ich weiß … aber kennen Sie meine Hoffnung? Durch die Nacht blitzten ihre Augen zu ihm empor.

»Ihre Hoffnung wird wohl die südjütische sein«, erwiderte er ärgerlich.

»Ja … und die, daß Sie noch Ihrer selbst sich besinnen und erkennen werden, wie Ihre Väter auf diesem Boden gewohnt und dänisch gesprochen haben.«

»Lassen wir die Politik, die den Charakter – und die Freundschaft verdirbt! Fräulein Monrad wird mich nimmermehr zum Proselyten machen.«

Martha stieß mit dem Fuße den stiebenden Schnee. Seine Begeisterung war abgekühlt zu einem unbehaglichen Gefühl, als wenn er auch heute abend in den April gegangen sei.

Die vier Fußspuren wurden sogleich von zahlreichen Tritten vertreten. Aus dem Saale strömte die Menge, und die Ellenbogen der Frauen und Mädchen gerieten in heftig stoßende Bewegung. »Sieh, sieh, unser Kandidat geht mit der Monrad … das gibt zu denken.« Frauen, die sich etwas denken, machen aus ihren Gedanken kein Geheimnis.

Als der zweite April graute, trat die Brotfrau in die Pastoratsküche und zählte die Semmel auf den Tisch. »Ja, Fräulein Nissen, Sie wären eine passendere Partie für ihn gewesen.«

»Für den da oben? Ich danke!«

Die Frau erzählte und sagte: »Ein Pastor kann doch keine Schauspielerin heiraten.«

»Ein Kandidat kann überhaupt nicht heiraten«, lachte Eveline, sich zum Troste, und tischte der Pastorin die Neuigkeit auf.

Amatus kam und gab sich unbefangen und berichtete drastisch von der Bauernschauspielerei im Hotel Danmark. Doch sein Präpositus verzog keine Miene, und die mütterliche Frau Bene nickte malitiös: »Lassen Sie sich von den Dänen nur nicht in den April schicken! Die tun's bei einem Deutschen zu gern.«

Nicht nur in der Pfarre wußte man alles und noch ein wenig mehr, in Alstrup und umliegenden Dörfern wurden alle Neuigkeiten in ein paar Stunden herumgetragen und selbst den taubsten Leuten im Armenhause ins Ohr geschrieen. Überall schloß das Gespräch mit der Andeutung, daß sich der Kandidat demnächst verloben werde. Obgleich auf dem Hofe Egeberg der Schlachter den ersten Bericht erstattet, der Milchfuhrmann ihn bestätigt und die Eierkäuferin ihn durch Einzelheiten ergänzt hatte, war Klarissa die einzige Person, die Geklatsch haßte und dem Gerücht nicht glaubte.

Pastor Weber aber, der seit seiner dreizehnjährigen Landflüchtigkeit dem Dänentum abhold war, hörte auf das Gerede. Der Prädikant schrieb die Verstimmung auch einer andern Ursache zu. Als nämlich der warme Lenz kam und auf allen Feldern die Saat bestellt wurde, verschlechterte sich der Kirchenbesuch, nicht an seinem, sondern am Pastorensonntag, trotzdem er mit dreister Freigebigkeit zwölf Kupferstücke in den Klingelbeutel steckte.

An einem Maientage, als die Frösche in allen Tümpeln und Viehtränken quakten, schlenderte Junker nach Alstrupfeld hinaus. Karoline kam vom Acker mit den vollen Milcheimern, gleichmäßig auf den kräftig-gesunden Beinen marschierend und die Hände in die Hüften gestemmt.

Er lachte: »Krästen, meine Besprechung hat schnell gewirkt.«

Der Kätner grinste zurück. »Ja, wir sind uns schon einig … wollen Sie beim Pastor das Aufgebot bestellen?«

Karoline kicherte vergnügt: »Hihi, Herr Junker, nun kommen Sie dran … wann soll Ihre Verlobung sein?«

»Wenn der Papst in Rom auf Freite geht«, antwortete er.

»Von der Monrad und Ihnen munkelt man allerlei.«

»Ja«, sagte Krästen, »wer die kriegt, zieht das große Los … einzige Tochter … und achtzig Tonnen Land hat der Alte und Hypotheken, aber nicht auf seinem Hofe, sondern auf andern Landstellen.«

Die ärgerlichen, ewigen Anspielungen verdrossen Amatus, so daß er beschloß, seinen Verkehr bei Monrads noch mehr einzuschränken.

Bald aber lächelte er vor sich hin und sah im Traume Krästens und Karolines Lebensroman zur Zufriedenheit sich entwickeln, wie die Familie um drei flachsblonde Köpfchen wuchs, wie aber auch Land zugekauft wurde und drei neue Kühe im Stalle muhten und gemolken wurden.

Sein Traum hat sich im Lauf der Jahre erfüllt. –

Im Alltagsgeleise gingen eintönige Wochen. Je länger die Tage wurden, desto mehr lösten die Familienabende sich auf. Die Pastorin, der ihr Kandidat im Garten schneiden und begießen half, blieb freundlich und der Pastor gemessen. Es war nicht mehr das alte Vertrauensverhältnis, obschon ohne Erlaubnis keine Seelsorge getrieben wurde.

Ein Gefühl der Einsamkeit und des Alleinstehens beschlich Amatus und eine große Sehnsucht nach seiner Mutter. Er hegte den heißen Wunsch, daß sie ihn einmal besuche, und gab seiner Gönnerin einen deutlichen Wink. Aber Frau Bene wollte ihn nicht verstehen und sagte im Studierzimmer zu ihrem Manne: »Fidde, wir können doch nicht die Frau des Gerichtsdieners als Gast in unser Haus laden.« Monika blieb uneingeladen und ihre Sehnsucht nach dem Sohne ungestillt. – –

Es war der längste, hellste und herrlichste Tag des Jahres, der zu Rüste ging. Die nordschleswigschen Bauern ließen, trotz des Alstruper Gensdarms, es sich nicht nehmen, nach alter Vätersitte auf den Hügeln von dürrem, mit Petroleum getränktem Reisig ein lohendes St. Hansfeuer zu zünden.

Junker saß mitten in einer Herrengesellschaft auf der Gartenterrasse von Egeberg, und die deutschen Hofbesitzer feierten das Fest, welches auch Herr Schmidts Geburtstag war, und tranken weidlich und trinkfest die Minne des guten St. Johannes und das Wohl des Geburtstagskindes. Nachdem viel kalter Punsch vertilgt war, knallten die Champagnerpfropfen.

Zwei Herren stießen besonders fleißig mit dem Kandidaten an, der seit Monaten wenig Spirituosen genossen hatte, des Getränks ungewohnt war und darum immer auf- und angeheiterter wurde. Er war ja eine Art von Geistlichkeit, und einem Pastor hängen manche mit Vorliebe ein Räuschlein an.

Den beiden behäbigen, dickbäuchigen Agrariern machte es Spaß, ihn zu animieren und zu einem überschäumenden Born von lustigen Anekdötchen zu machen.

Die Fenster des Hauses standen offen, und er erzählte: »Hier in Alstrup lebte vor vielen Jahren ein Pastor, der ein alter Trotzkopf war und ein Gläschen nicht verschmähte. Nun war im Dorfe eine Frau Hansen, die ihm üblen Leumund gemacht hatte. Es traf sich, daß sie eines Kindleins genas und danach ihren üblichen Kirchgang hielt. Nach der Weise der Wöchnerinnen setzte sie sich in die Sakristei, wo der Pastor ein paar passende Worte zu sprechen pflegt, auf die Bank. Er tritt herein, betrachtet sie von oben bis unten und sagt barsch: ›Geh du nur!‹ Nach dem Gottesdienst haben ja die Wöchnerinnen die Gepflogenheit, dem Pastor zu opfern. Auch Frau Hansen geht um den Altar herum, vor dem der Pastor steht, und macht Halt, legt aber kein Opferstück hin, sondern sieht ihn starr an und sagt. ›Steh du nur!‹ «

Allgemeines, schallendes Gelächter! Nur Klarissa, die drinnen hinter der Gardine saß und die laute Stimme des Erzählers hörte, kniff die Lippen zusammen und hatte keine Freude an dem Gelage.

Bald brachte sie einen Nachtimbiß von belegten Butterbröten den Herren hinaus. Sahen Amatus umnebelte Augen recht? Ja, sie blinzelte ihm, zwar mit gerunzelten Brauen, zweimal verstohlen zu, und er mußte den Wink als eine Aufforderung zu einem kleinen Gespräch unter vier Augen verstehen.

Berauscht vom Schaumwein und einer plötzlichen Verliebtheit sprang er auf, um abseits zu gehen, was nicht auffiel, und betrat auf leisen Sohlen den Hausflur.

Ja, wahrhaftig, sie wartete auf ihn. Mit klopfendem Herzen und ausgestreckten Armen stürzte er vor. »Klarissa!«

Sie aber trat weit zurück. »Ich heiße Fräulein Reder.« Und sie schmälte und schulmeisterte: »Herr Junker, was sind das für Eulenspiegeleien für einen Kandidaten, der auf der Kanzel predigt?«

Sein eroberungskühnes Herz entfiel, er stand, wie von einem kalten Wasserstrahl begossen, und bekam einen, der noch nässer war.

Rasch und resolut faßte Klarissa seinen Arm und führte ihn in ihr Zimmer. »Schämen Sie sich! Sie haben zu viel getrunken … nun waschen Sie sich hier tüchtig, damit der Kopf klar und rein wird!« Das sagte sie auf der Schwelle, machte die Tür hinter ihm zu und wartete draußen, auf das Plätschern horchend.

Gewaschen und begossen kam er heraus.

Sie betrachtete und musterte sein Gesicht: »So! Nun geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie, ohne irgend etwas zu trinken, in beherrschter und bestimmter Weise von den Herren Abschied nehmen und sofort nach Hause sich begeben.«

Das gelobte er mit einem klein- und demütigen Ja. Aber in schüchterner Dankbarkeit wagte er nach ihrer Hand zu greifen, die sie jedoch nicht fassen ließ. »O, Fräulein Reder, was tun Sie für mich, Sie treue Warnerin!«

»Um – um – Ihrer braven Mutter willen habe ich es getan«, stammelte sie.

Dann lief sie fort, schlich sich aber durch die Küche in den Garten, schob den Kopf durch die Hecke und überzeugte sich davon, daß er aus dem Torweg trat und nach Hause ging.

Amatus war ernüchtert und von Scham und Reue erfüllt. Vor diesem klaren, klaren Blick hätte er sich am wenigsten in seiner Schwäche bloßstellen mögen. Aber auch Klarissas Resolutheit war jetzt verflogen. Sie lag in ihrem Bette und schämte sich schamrot und weinte beinahe über ihre rasche, törichte Tat. »Was wird und muß er von mir denken! O Gott, o Gott!« Sie betete und tröstete sich, daß wenigstens Gott nichts Böses sich dabei denken werde. –

Nach einigen Tagen begab sich der Kandidat nach Egeberg und fand nur eine flüchtige Minute, mit dem Hausfräulein allein zu sein.

»Entschuldigen Sie, daß ich an jenem Abend so schwach mich zeigte!«

»Ja, sehr schwach«, lautete ihre kurze Antwort, »aber sprechen wir nicht davon!« Die Zartfühlende, welche meinte, sich etwas vergeben zu haben, das sie wett machen müsse, begegnete ihm ernst und kühl.

Er aber sah nur ihres Wesens schroffe Schale und verließ Egeberg mit der erdrückenden Überzeugung, daß sie ihn als einen Trinker und charakterlosen Menschen verachte.

Zwischen den beiden, die als Kinder zusammen gespielt hatten und gute Freunde gewesen waren, baute das Mißverständnis seine Mauer. –

Der Alstruper Prädikant fand an seinen Amtspflichten nicht mehr die unvergleichliche Freude der ersten Liebe. Wurden die Leute, denen er predigte, irgendwie besser? Ober blieben sie ganz, was sie immer gewesen waren, nordschleswigsche Bauern, vernünftig im Wandel, verschmitzt im Handel, bedächtig im Fleiß und oft unbewußt katholisch in ihrer Kirchfrömmigkeit? Weder mit dem Pastor, der noch auf dem Schragen sie ausschänden, aber auch durch einen guten Leichensermon ihnen nützlich sein konnte, viel weniger mit Gott, dem Herrn und Besitzer des Himmels, wollten sie es verderben. Vor Proprietären und großen Leuten hatten sie überhaupt eine angeborne Hochachtung. Ja, so waren und blieben sie – ein wenig geizig und sehr gastfrei und immer gutmütig, so lange der Geldbeutel unbehelligt blieb, und trotz ihrer dänischen Gesinnung gehorsame und steuerwillige Untertanen.

Wenn er von der Kanzel herunterstieg und die tief befriedigten Gesichter der Zuhörer sah, plagte ihn der Gedanke, daß seine wohl gesetzte und wohl gehaltene Rede ihnen eine angenehme Unterhaltung gewesen sei und sie in eine behagliche Sonntagsvormittagsstimmung versetzt habe. Ein Prediger müsse anders wirken und die Menschen umwandeln, aber wie, wie? Was richtete er aus? Wenig oder nichts! Und vor der ungeheuren Verantwortung des geistlichen Amts entsetzte er sich.

Das Gefühl der tiefen Vereinsamung inmitten der vielen, der 1500 Seelen, welche die Gemeinde zählte, beschlich ihn; in schwermütigen Stunden pochte die Sehnsucht nach der Mutter laut und stark an sein Herz,

Auf seinen Spaziergängen kam er dem Hofe Egeberg oft so nahe, daß er durch die Linden die roten Ziegel des Hauses schimmern sah und die Enten schnattern hörte; aber im Bogen umging er das Gut und warf sich unter eine hohe, schattende Buche hin, die auf der Lichtung einsam stand und aus kleinem Eichengestrüpp und Birkengelichter emporragte.

Wenn einmal das Sturmgewitter durch die Lüfte braust, werden die Birken und Bäumlein ihre Wipfel ducken, aber die hohe Buche wird brechen, weil sie nicht unter ihresgleichen steht. Ach, alles Edle ist und war und wird einsam sein auf Erden, und näher und jäher ist dem Großen der Fall, als dem Kleinen und Gemeinen, das im Staube der Alltäglichkeit kreucht. Ihn umwob mitten am hellichten Sommertage ein düstrer Schatten, von einem unbestimmten und doch grauenhaft handgreiflichen Etwas vorausgeworfen, eine finstre Ahnung, daß er vor einer Gefahr und einem Absturz stände. Waren diese ängstigenden Traumbilder nicht ein Erbteil seiner Mutter, die von solchem Vorspuk viel gelitten?

Fern war sie und fern Friedline und er allein und nirgends ein Freund, den er in seiner Unruh fragen konnte. Klarissa, die er wert achten gelernt, schätzte ihn als einen minderwertigen Charakter [später entfallen: gering].

Unter dem tiefblauen Himmel und über der staubgrauen Erde glühte die Hundstagshitze. Nun war auch in seinem Leben Hochsommer geworden und er dem Glück und der Ernte seiner langen, mühevollen Arbeit am nächsten gekommen. Aber ihm schwante, daß seine ganze Ernte durch ein Unwetter verloren gehen könne.

Welche Unrast trieb ihn von der Arbeit? Nicht bloß Klarissas Verachtung! Nein, eine Verstimmung war in seinem Körper und seiner Seele. Was hängte sich an seinen Geist mit Bleischwere des Denkens und zog ihn herunter? Was war das für ein finstrer Schatten, der näher schlich?

Er fragte und fragte und fand die Antwort: Es ist die Unfreiheit, der alte Tyrann, der um meinen Willen die eherne Kette werfen will. Aber ich will kämpfen und meinen Feind dämpfen.

Amatus eilte von dannen, als wenn er dem Schatten und Gespenst seines Lebens entfliehen wolle.

Die Pastorin Weber war damit beschäftigt, ihr Fuchsienbeet im Garten zu begießen, und er ging ihr bereitwillig zur Hand. Sie mochte auf seinen Gesichtszügen Schattenreste sehen und sagte mütterlich: »Herr Junker, Sie sind nicht mehr so fröhlich wie früher … lassen Sie die Torheit fahren!«

»Welche Torheit?«

»Die Leute erzählen sich, daß der junge Christensen bei Martha Monrad angehalten und einen Korb sich geholt hat … ich hätte mich sehr gefreut, wenn sie ihn genommen hätte … die kleine, gebildete, vielleicht nur eingebildete Dänin ist nichts für Sie.«

Junker erwiderte: »Frau Pastor, Sie sind in einem großen Irrtum, wenn Sie wähnen, daß Fräulein Monrad mehr Raum in meinen Gedanken einnimmt, als einem guten Nächsten und angenehmen Mitmenschen zukommt.«

Die Schwerhörige wollte nicht hören und ihm einmal reinen Wein einschenken. »Es gibt ja Pastoren in Nordschleswig, die mit den Dänen sehr freundlich tun, vielleicht um Liebe oder Beliebtheit zu gewinnen, vielleicht aus andern Gründen. Gesetzt, Sie würden sich mit der Monrad verloben, würden Sie von dem Dänentum auf den Schild gehoben und ungeheuer populär werden.«

Er schrie ihr die Versicherung ins Ohr, daß er an eine derartige Verlobung und Volkstümelei nicht denke.

Frau Bene jedoch blieb unbeirrt und unbelehrt in ihrem Texte. »Eine solche Volksgunst würde die Ungnade Ihrer vorgesetzten Behörde nach sich ziehen, und Sie möchten lange auf Ordination und Beförderung warten … das Konsistorium könnte Ihnen beim besten Willen nicht helfen, denn es muß immer erst nach dem Regierungssitz hinsehen, ehe es sich entscheiden und seine Überzeugung aussprechen kann. Das bedenken Sie! Ich bin eine Frau, die es gut mit Ihnen meint.«

Stolz wurde seine Haltung. »Ich werde meine deutsche Überzeugung stets offen bekennen … ich würde aber auch nie, im Falle daß ich Martha Monrad liebte, um eignen Vorteils oder andrer Menschen Vorurteile willen meine Liebe verleugnen.«

»Jaja, wenn … wofern … im Falle daß …« brummte Frau Bene und begab sich ins Haus. Ihr Mißtrauen war nicht beseitigt, sondern bestärkt.

Und Eveline blies ihr mancherlei Berichte ins Ohr und schürte so des Argwohns glimmende Kohlen.

Um Zerstreuung zu haben, besuchte Junker Pastor Reibeisens. O Unheil, das ihn verfolgte! Das theologische Manuskript war zum elftenmal zu einem Verleger gewandert und gestern zurückgekommen. Aus Höflichkeit mußte er drei Stunden lang sich vorlesen und um seine Meinung sich befragen lassen. In seinem Ärger faßte er den Entschluß, fortan dem handschriftlichen, vierhundert Seiten umfassenden Werk eine Wegmeile aus dem Wege zu gehen.

Hintennach aber kam die Freude, als Frau Reibeisen ihm den letzten argentinischen Brief, der von beiden Gatten geschrieben und sechzehn Seiten lang war, zum Lesen reichte. Wilhelm der Wortkarge sang einen Lobhymnus der Eheliebe, und die junge Frau hatte für ihren Gatten nicht weniger als fünf verschiedene, für den Uneingeweihten ziemlich unverständliche Kosenamen. Ganz Argentinien war eitel Wonne, die nur ein kleiner Stoßseufzer unterbrach, wegen der Wohnung, die von Holz war, und wegen der Wanzen, die trotz aller Gifte unsterblich schienen.

Amatus las und hatte nun ein gutes, beruhigtes und behagliches Gewissen.

Nur über zwei an den Rand geschriebene Zeilen der Tochter hielt die Mutter den Finger. Und er, der reich an Ahnungen war, legte ahnungsvoll lächelnd den Finger an die Nase. –

In den Wochen, welche die Pastoren die magere Trinitatiszeit nennen, gab es wenig zu tun, alle vierzehn Tage eine Predigt, sonst nichts. Die Alstruper hatten während der Ernte keine Zeit zum Freien, zum Taufen und Sterben. Dennoch befiel den Kandidaten die alte Geistesmüdigkeit. Beim Arbeiten mußte er oft die Gedanken erzwingen, aber das Herausgezwungene mißfiel seinem ästhetischen Sinn, und sein Mißmut warf mitten im Satze die Feder hin.

Matt war seine Seele, und in seinem Munde ein fader Geschmack. Der stetig wühlende Wurm einer unerklärlichen Unlust quälte und unruhte ihn; aber er stritt und stampfte wider den Stachel.

Nachdem die Ernte unter Dach und Fach gebracht worden, gab Holger Monrad, ein Neffe des Hofbesitzers, große Hochzeit. Halb Alstrup, auch das gesamte Pastorat war eingeladen, sogar das Pfarrmädchen hatte eine Invitation für den dritten Hochzeitstag erhalten, welcher das Knochenfest hieß, weil an ihm die Reste verspeist wurden.

Weber sah seinen Prädikanten mit einer Miene an, aus der man nicht klug werden konnte, und sagte: »Wir bleiben zu Hause, aber Sie werden selbstverständlich hingehen und mögen mich vertreten. Doch einen Rat gebe ich Ihnen. Wenn die Bauern so viel des sauren Weins genossen haben, daß sie anfangen, verbotene dänische Lieder zu singen, entfernen Sie sich!«

Der Pastor hatte das Paar in der Kirche getraut und ein sehr reichliches Opfer erhalten. Der Kandidat begab sich auf das Hochzeitsmahl, das in einem Riesenzelt abgehalten wurde.

Man führte ihn auf den Ehrenplatz, wo er die Gesundheit der Neuvermählten in geschickten Worten ausbrachte. Amatus' Augen wurden glänzend und seine Unterhaltung lebhaft. Der Wein dünkte ihm schmackhaft, so daß er ihn mit Behagen trank und zu fühlen meinte, wie die dickflüssigen Säfte seines Körpers in schnelle und heitere Bewegung gerieten.

Ja, die Hochzeitsgäste und der Kandidat wurden immer fröhlicher. Das Barometer der Feststimmung stieg, die Bauern hielten Dauerreden. Der Witzbold von Alstrup brachte auf sich selber einen Toast aus, und Hans mit der Hasenscharte brummelte in den Bart hinein und ließ irgend etwas hoch leben, und alle brachten dem unverständlichen irgend Etwas ein dreimal donnerndes Hurra.

Ein Bruder des Bräutigams, namens Rolf Krake Monrad, war anwesend, und zwar, weil er zur Zeit seiner Soldatenpflicht genügte, auf Urlaub und in Musketier-Uniform. Sein Oheim, der Kirchenälteste, nahm das Wort, nachdem Hans mit der Hasenscharte sich gesetzt hatte, und redete gewiegt und wohl bedacht.

»Wer im Fett sitzt, den soll man nicht mit Schmalz begießen. Mein lieber Rolf Krake, es ist schwer, dir noch etwas Gutes zu wünschen, was ich doch gern möchte, weil du, die Brust nach vorn und den Steiß nach hinten geworfen« – er äffte die Haltung nach – »im vollen, fetten Soldatenglück sitzest und die Ehre, bei den Preußen zu dienen, dir aus Augen und Nase leuchtet.«

Der Redner räusperte sich, spuckte aus und ließ die pfiffig plierenden Augen den Tisch hinauf- und herunterlaufen. Auf allen Gesichtern lag der unterdrückte Anfang eines Gelächters, nur Junker blickte finster und stemmte die Hände, wie zum Aufsprunge, auf den Tisch.

Monrad nahm seinen Faden auf. »Ja, Rolf Krake, man meint zu sehen, wie der Kamm deiner kurz geschornen Haare geschwollen ist … du bist fein heraus, wie der Jude sagt, ja, feinfein! Die alte, schlechte, nordschleswigsche Bauernjacke hast du in den Schrank geworfen und dafür die schöne, bunte Uniform mit den blanken Knöpfen angezogen und die Pickelhaube mit dem Blitzableiter und dem goldenen Kuckuck …«

Da machte der Kandidat seinen Aufsprung und schoß zu seiner vollen Länge empor. »Herr Monrad, wenn Sie hier in hämischer Weise den Rock des Königs verhöhnen wollen, werde ich sofort die Hochzeit verlassen.«

Martha warf ihm einen vorwurfsvollen, flehenden Blick zu.

Monrad aber verneigte sich vor ihm. »Entschuldigen Sie! Allen Respekt vor König und Obrigkeit! Dir aber, mein lieber Rolf Krake, wollen wir ein ganz stilles Glas bringen … du und wir alle wissen, was ich meine … also ein stilles Glas ohne Hohn und Hurra!«

Junker ließ sein Glas stehen. Martha warf ihm einen bittenden, besänftigenden Blick zu. Darum beteiligte er sich weiter an dem Hochzeitsgelage, welches jetzt unpolitisch verlief. Oder konnte er nicht fort, weil der Wein ihn fest hielt und die Willensfreiheit ihn bestrickte?

Man begegnete ihm mit doppelter Liebenswürdigkeit und titulierte ihn von allen Seiten. Nicht weniger als dreimal wurde auf ihn getoastet, und Monrad feierte ihn als einen Pastor, an dem ein Bauer verloren gegangen sei.

Nur der junge Christensen, der von Martha einen Korb bekommen hatte, streifte den Gefeierten, der gewissenhaft sein Glas leerte, mit einem bösen, feindseligen Blick.

Die meisten Frauen waren noch nüchtern, sonst aber niemand.

Zwei Bauern, die seit einem Jahre um eine tuberkulöse Kuh prozessiert hatten, schlossen sich ans Herz.

Weil etliche Kehlen Singlaute machten, stimmte Martha schnell ein harmloses Volkslied an. Als aber die Melodie zu Ende war, sang der junge Christensen plötzlich mit lauter Stimme:

Wir wollen heim, heim
Zur rot und weißen Fahne.

Die südjütsche Sehnsuchtsweise entzündete einen Brand der Begeisterung, und die ganze Tafelrunde brüllte den Kehrreim mit.

In dem Kandidaten aber erregte die Protestkundgebung einen patriotischen Zorn. Er schnellte empor, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte, schlug auf den Tisch und fand nach dem ersten Vers so viel Ruhe, daß er in die Versammlung hineinrufen konnte: »Ich könnte mich still und vorsichtig aus dem Staube machen, aber sage meine Überzeugung frei heraus und darf als Deutscher nicht dulden, daß verbotene dänische Lieder gesungen werden. Darum hebe ich hiermit die Tafel auf.«

Alle waren wie auf den Mund geschlagen und gehorchten. Nur Christensen flüsterte: »Was bildet der sich ein? Der schwarze Gensdarm!«

Im Hofe ergingen sich die Hochzeitsgäste, während das Zelt für den Tanz ausgeräumt wurde.

Christensen trat ins Haus und in das Zimmer, wo in einem Blumenscherben zwei Danebrogsfähnchen, die er von draußen gesehen hatte, als Fensterschmuck prangten. Nachdem er die Kreuzbanner lange betrachtet hatte, zuckten seine Finger in patriotischem Diebsgelüst und steckten beide in die Tasche.

Die Frauen im Hofe stießen sich mit den Ellenbogen an. Junker nämlich hatte sich an Fräulein Monrad herangemacht und ging neben ihr. Zu stramm war sein Schritt und zu unsicher sein Blick.

Um so bestimmter war ihr Blick, als sie ihn ansah und also sprach: »Ich will Ihre Komplimente nicht erwidern, sondern offen und unliebsam Ihnen sagen, daß Sie genug getrunken haben … trinken Sie nicht mehr! Wir wollen ein wenig auf und ab spazieren und uns unterhalten.«

Dem treuen, vorsorglichen Mägdlein schlug sein Herz in plötzlicher Rührung entgegen, und sie gingen neben einander. Als sie am Garteneingange durch die Menge sich schoben, drängte sich Christensenvon hinten heran und machte sich, grinsend und fingergewandt, an den hinteren Rockknöpfen des Kandidaten zu schaffen.

Fräulein Monrad und Herr Junker waren in ihr Gespräch vertieft.

Der Musketier zeigte mit dem Finger ihnen nach und kicherte: »Hihi.«

Bauernmädchen pufften sich in die Rippen und hielten das Taschentuch vor den Mund, um ein Hoho zu unterdrücken.

Ein Bauernbursche krümmte sich und hielt sich den Bauch, als wenn er von den vielen Gerichten Leibbeschwerden bekommen hätte. Andren jungen Männern entplatzte eine laute Lache.

Immer mehr Volks schritt grinsend und fingerzeigend in den Fußstapfen der beiden.

»Was haben die dummen Menschen?« sprach Martha schnippisch.

»Man lacht vielleicht über uns, weil wir zusammen gehen«, sagte er. Sie verließen darum den Garten, wo die Jugend ihre Possen trieb; aber viele Trabanten setzten sich in Trab, um dem Paare zu folgen.

Im Hofe wurde es noch ärger. Die ganze Menge brach in ein Gekicher aus, das zum Gekreisch und Gewieher anschwoll. Der beliebte Kandidat wurde trotz seiner Beliebtheit allgemein ausgelacht.

»Bin ich so betrunken?« fragte Junker seine Begleiterin entsetzt.

»Nein«, erwiderte Martha und blickte zornig um sich und schrie: »Pfui! Abscheulich! Pfui! Man hat Ihnen zwei Danebrogsfahnen an die Rockknöpfe gehängt.«

Sie riß die Banner ab und schleuderte sie auf die Erde und stampfte mit dem Fuße.

Drüben im Hause fragte Christensen: »Ist der Kandidat mit dem Danebrogsorden dekoriert worden?«

Junker, dessen rötlich strahlendes Gesicht fahl wurde, knirschte: »Das ist eine Niedertracht und eines Lumpen Heldentat.« Er stürmte durch die Menge und stürzte hinweg.

Fräulein Monrad hob die Fähnchen aus dem Staub und trug sie ins Haus, woselbst sie ihren Hut nahm, um die Hochzeit zu verlassen.

Amatus lag lang ausgestreckt auf seinem harten Sofa in Ernüchterung und unsagbarem Elend. Die furchtbare Ahnung, daß er vor einem Absturz stände, hatte sich erfüllt und war zum erstarrenden Gefühl der Gewißheit geworden, daß seine Stellung vernichtet und sein Leuchter von seiner Stätte gestoßen sei.

Wehe mir, ich bin bloßgestellt und in Alstrup unmöglich geworden. Ich habe die größte und unverzeihlichste Dummheit meines Lebens begangen, welches die Sünde ist, die von Menschen nicht vergeben wird.

Unter seinen über die Augen gepreßten Händen quollen die Tränen der Zornscham, die bitterbösen, die den Schmerz nicht lindern.

Der Vorfall, den zweihundert Augenzeugen gesehen hatten, wurde nicht bloß in Alstrup, sondern in der ganzen Umgegend besprochen und belacht. Die Lacher dachten nicht daran, daß die Zukunft eines jungen Menschen in Frage gestellt sei.

Der Verlachte aber drängte die unmännlichen Tränen in die Brust zurück. Was einer tut, das muß er tragen! Der Genius der Geistesgegenwart und Fassung kam auch in diesem jäh hereinbrechenden Ungemach als sein guter Geist ihm zu Hilfe. Alles beichtete er seiner guten Gönnerin, und sie war im Studierzimmer des Pastors eine warme Fürsprecherin.

»Fidde, er ist der beste und bescheidenste von allen Kandidaten, die wir gehabt haben … wir müssen ein Auge zudrücken und die dumme Geschichte vertuschen.«

Der Pastor aber wand sich ängstlich im Stuhle. »Bene, der Skandal ist nicht bloß in der Gemeinde bekannt, sondern kommt meinen Amtsbrüdern zu Ohren und wird weiter getragen. Ich möchte herzensgern Junker helfen, aber du weißt, daß ich die Altersgrenze erreicht habe und wacklig stehe. Ein kleiner Anstoß kann mich aus dem Amt und in den ehrenvollen Ruhestand stoßen.«

Dies eine Mal tat er nicht nach Wunsch und Willen seines Weibes, sondern erstattete dem Konsistorium Bericht und fragte vor, was er zu tun oder zu lassen habe.

Umgehend traf die kurze und kanzleimäßige Antwort ein: Der Kandidat des ehrwürdigen Amtes habe sich als des Amts unwürdig gezeigt und sei als Prädikant zu entlassen. Auch sei demselben zu eröffnen, daß er bis auf weiteres im Kirchendienst keine Verwendung finden werde.

Der Pastor wunderte sich, wie gefaßt und ruhig Junker diese Eröffnung hinnahm, durch die der Kandidat brotlos geworden war, noch ehe er Amt und Brot erhalten hatte. Mitleidig ergriff er die Hand seines bisherigen Gehilfen. »Bleiben Sie vier Wochen, bleiben Sie zwei Monate … solange Sie wollen, als Gast in meinem Hause! Sie sind meiner Frau und mir ein lieber Hausgenosse gewesen.«

»Nein, ich gehe nach Hause zu meiner Mutter.«

Als er seinen Reisekorb packte, wurde ihm ein Brief gebracht, der den Poststempel Alstrup trug. Martha Monrad hatte ihn geschrieben und mutig mit ihrem vollen Namen unterzeichnet.

»Lieber Herr Junker! Ich war der mittelbare Anlaß, daß Sie kompromittiert wurden und vielleicht Ihrer Stellung verlustig gehen. Das bedrückt mich wie eine unverschuldete Schuld und wird mein Schreiben erklären und entschuldigen.

»In herzlicher Teilnahme möchte ich trösten, möchte ich raten. Mir erscheint es als kein Glück, wenn ein Mann im dänischen Nordschleswig deutscher Pastor sein muß. Wäre ich Sie, würde ich getrost in Gottes Namen den Predigerrock an den Nagel hängen. In der Not darf man einem Menschen seine Tüchtigkeit als einen Stab vorhalten, damit er daran sich wieder aufrichte. Viele Wege liegen noch offen vor Ihnen, denn Sie haben viele Fähigkeiten. Wollen Sie die poetische Ader, die oft in Ihren Predigten strömte, weiter entwickeln, so werden Sie nach langem Ringen auch auf diesem Gebiet Erfolge erreichen. Sie selbst haben mir gesagt, daß ein starker Rest des Bauernbluts sich in Ihnen regt – und darum sage und frage ich: Wer ist freier als der Bauer, der allein vom Himmel und Herrgott abhängig ist? Fassen Sie einen unentwegten Mut und einen festen Entschluß! Dies schreibt in Freundschaft Ihre Martha Monrad.«

Amatus hielt lange den Brief in der Hand und starrte aus dem Fenster und in den blauen Himmel hinein. War das ein Wegweiser der Vorsehung, der durch die Not und Nacht eines hoffnungslosen Menschen ohne klar leserliche Schrift schimmerte? Lag nicht in den unverfänglichen Worten der Wink eines aufrichtigen Mädchenherzens, das ohne Prüderie einer unmittelbaren Eingebung gehorchte?

Als einer Verehrerin seiner Predigten, als einer guten Freundin war er der kleinen Dänin zugetan, und sie hatte ihm sehr gefallen, weil – weil er ihr zu gefallen glaubte.

Aber er liebte sie nicht.

Martha war das einzige Kind ihres wohlhabenden Vaters und die Erbin des Hofes. Die alte Sehnsucht, die bis auf diesen Tag durch seine Träume wob, ein freier und unabhängiger Bauer auf eigner Scholle zu sein, umspann ihn.

Aber sein Gewissen zersetzte das Ränkegespinst der klug rechnenden Vernunft, und seine Lippen sprachen ein lautes Pfui. Ich darf nicht unfrei werden und mehr als meine Stellung und meine Zukunft – mich selbst verlieren.

Amatus Junker, der die größte Demütigung seines Lebens hinter sich hatte, richtete sich gerade und groß auf und beschloß, von Norderhafen aus Fräulein Monrad mit herzlichen Worten zu danken.

Beim Abschiede drückte er am innigsten die Hand der guten Frau Bene, die aufrichtige Kummertränen vergoß, und sagte: »Ich werde Ihnen ein dankbares Herz bewahren, denn Sie haben getan, was Sie konnten.«

An dem Abend, als der Kandidat Alstrup verlassen hatte, lag Klarissa Reder mit geschlossenen Augen in ihrem Bette, und ihr Finger wischte zuweilen über die Wimpern hin. Sie wollte es nicht wissen noch wahrhaben, daß sie Tränen des Mitleids weinte und nicht um ihn, nicht um ihn. Nein, brennend leid tat ihr die alte, arme und brave Mutter eines jungen und nichtsnutzigen Menschen.

Amatus Junker und Martha Monrad sahen sich nie wieder.

Das kleine Dänenfräulein hat dennoch jenen Bauernsohn, der um seiner Heldentat willen den langen Beinamen Danebrogs-Christensen er- und behielt, zuguterletzt zum Ehemann genommen.

Da waren aber drei fruchtbare Sommer ins Land gegangen und über die alte Geschichte viel Gras gewachsen.

Sechster Abschnitt: Des Arztes Todesurteil.

In der Dachwohnung des Pappeltals war seit Tagen so tiefe Stille, als sein ein Gestorbenes im Hause. Aber das Tote lag im starren Herzen, und die große, gestorbene Hoffnung wurde in trostlosem Schmerz immer wieder von neuem begraben. Kein Weinen ward laut, weil die allertiefste Not keine Tränen hat.

Plötzliche Düsternis warf der Abend in die Stube, ein Regenschauer rasselte am Fenster, die Hände lagen reglos, und Monika schaute in die steigende Nacht hinaus. In ihrem sonnenarmen Leben nächtete es jetzt am schlimmsten und schwärzesten, und es konnte nicht mehr licht werden, und der weiße, frostharte und freudlose Winter des Alters kam.

Durch die Stille klang ein leises, unterdrücktes Schluchzen. Aus den Augen der Blinden fielen endlich die ersten Tropfen.

Nicht ohne Neid hörte Monika hinüber und sagte: »O Friedlinchen, du kannst weinen.«

»Mein Bruder ist dennoch gut … wir müssen ihn noch heißer lieben als bisher.«

»Ja … aber wo bleibt er? Seit Mittag treibt er sich draußen herum … wenn er aus Verzweiflung der Versuchung unterläge …«

»Nein, Mutter, Gott wird ihn nicht verlassen.«

Friedline und die Mutter warteten. Als der Regenguß aufhörte, blickte durch zerfetzte Wolkenreste die Mondsichel zu ihnen herein.

Hans Gerichtsdiener kam die Treppe hinauf, in den großen, geschmierten Stiefeln schwerfällig müde tretend. Aber in der Stube strammte er sich auf und erzählte: »Die höhnischen Schreiber fragten mich, ob der Kandidat jetzt große Ferien habe, aber sie kamen an den Rechten, und ich antwortete keck: Mein Sohn wird Hauslehrer und hat beschlossen, den höheren Lehrerberuf zu ergreifen.«

»O, wenn er eine Hauslehrerstelle hätte … aber wer wird seine Kinder einem entlassenen Kandidaten anvertrauen?«

Zu dreien saßen sie im fahlen, kalten Licht des Mondes und spürten keinen Hunger und keinen Trieb zu irgendwelcher Tätigkeit. Ein Totes war ja im Hause.

Seit Mittag lief Amatus, von der Unruhe aus dem Hause getrieben und planlos weiter gespornt, ein paar Meilen übers Land auf wenig begangenen Wegen. Hier konnte er unbesehen und unbeschrieen gehen, während er in den Straßen der Stadt überall schadenfröhliche Blicke zu sehen meinte.

Als er um acht Uhr heimkam, trat die Mutter mit den weit offnen Augen der Besorgnis dicht an ihn heran, aber sie merkte nichts und atmete tief auf: »Gott sei Dank! Ich fürchtete schon, weil du so lange ausbliebst.«

»Nein, liebe Mutter, du brauchst nichts zu fürchten, jetzt ist keine Neigung zum Trinken … und nicht die Zeit.«

»Nicht die Zeit! Amatus, daß du Monate lang stark und treu und du selber bist, und dann ein andrer, fremder Mensch … ich faß es nicht, mein Sohn.«

Er schrie auf: »Ängstige mich nicht! Ich stehe entsetzt vor der dunklen Sphinx meiner Seele und sehe den unlösbaren Widerspruch meines Selbst, als wären zwei Wesen in mir.«

Ermüdet vom Lauf, hatte er sich ins Bett gelegt, und die Mutter saß bei ihm und hielt seine Hand, während er ihr unter Tränen seine Not und seine Sünde klagte. »Wer wird mich erlösen von dem Pfahl in meinem Fleische und dem Stachel in meiner Seele?«

»Mein Amatus, ist dieses Elend, das dich zuweilen überfällt und niederwirft, nicht ein Stachel, mit dem Gott um einer andren Sünde willen dich straft und schlägt? Hast du nicht in Hoffahrt dein Haupt erhoben?«

»Ja, der Zulauf der Leute wird mir geschmeichelt haben … aber ich weiß, wenn ich hochfahren will, was mich hinterrücks [später entfallen: stäupt und] niederstößt in den Staub … o, ich elender Mensch schleppe die eine, eiserne Kette der Unfreiheit.«

Die arme Mutter erhob Klagen und Anklagen. »Was nun? Was nun? Wir haben auf der Schule und der Universität umsonst gearbeitet.«

»Ja, mein Leben war eine lange, mühevolle Saat, die ein Hagelwetter erschlug, als sie zur Ernte reifte.«

»Woher kommt das, das Messen mit ungleichem Maße?« fragte sie bitter. »Hier in Norderhafen sind Mediziner und auch Theologen gewesen, die viel schlimmere Ausschreitungen begangen haben und vor Gott schmutziger sind als du; aber sie sind dennoch zu Amt und Brot gekommen.«

Er zuckte die Achseln. »Ja, einige können Ungehöriges machen, und kein Hahn kräht danach, während bei mir sofort alle Eulen krächzen.«

»Du bist eben armer und einflußloser Leute Kind«, sprach Monika hart.

Aber der Sohn antwortete maßvoll: »Es mag ja richtig sein, daß über einen Gerichtsdienersohn ohne weitgehende Barmherzigkeit und mit größerer Leichtigkeit ein Strich gemacht wird … doch das Messen mit zweierlei Maß wird sein, so lange Menschen menschlich sind. Liebe Mutter, weil andre nicht ganz gerecht gewesen, dürfen wir nicht unbillig werden … ich suche in mir die Ursache meines Falls. Habe ich mich nicht gegen das Amt, von dem die Behörde eine tadellose, wenn auch rein äußerliche Ehrbarkeit fordert, offenkundig vergangen? Ja, ich leide nicht unschuldig. Heute habe ich alle Tiefen meiner Seele durchforscht und meine Schuld gefunden. Ursprünglich wollte ich nicht Theologe werden und hätte es nicht werden dürfen … ohne zwingende, hinreißende Überzeugung habe ich nach dem geistlichen Beruf die Hände ausgestreckt … das ist meine Schuld.«

»Barmherziger Heiland! Du glaubst nicht, was du gepredigt hast?«

»Ja, ich glaube an Gott, welcher Gnade ist, und an Christum, der diesen Gott rein und lauter verkündet und gelebt hat … ich nehme in kindlichem Glauben die tröstliche Wahrheit, weil ich in der undenkbaren Ungewißheit der Welt keinen andern Weg noch Ruheort weiß. Auf dieser Wahrheit will ich leben und stehen und sterben. Aber die Kirche, die das rein Vernunftmäßige verwirft und trotzdem mit oft törichter Weisheiterei das Wie Gottes und seiner Wege bis ins einzelne hat ergründen, erklären und in feste Dogmen pressen wollen – die Dogmatik läßt mich sehr kalt. Ihre Beweise konnten mich nie überzeugen, weil das Ewige nun und nimmer verstanden, geschweige denn bewiesen wird … und dennoch wollte ich ein Diener dieser Kirche und ihrer Dogmatik werden … das ist meine Schuld und meines Scheiterns Ursach.«

Die Mutter küßte ihn innig. »Was wollen wir nun, mein armer Amatus?«

»Wenn ich nur ein wenig Vermögen hätte, würde ich Bauer … eine unmögliche Utopie! Darum will ich ruhig und verständig überlegen, welchen Beruf ich ergreifen, und wie viel ich aus dem Schiffbruch retten kann.«

In der Nacht konnte Frau Junker nicht einschlafen, und ihr Mann schlug nach kurzem Schlummer die Augen auf und lag wach neben ihr.

Plötzlich klang ein Schniefen und Schluchzen. »Mutter, das hat er von mir … die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern … Gott sei mir armen, alten Manne gnädig!«

Sie beugte sich weit hinüber und streichelte die grauen, dünn gelichteten Haare. »Ist Gott nicht in deiner Schwachheit sehr stark geworden und dir ein gnädiger Gott gewesen?«

»Ja, ja!« Hans richtete sich jählings auf und redete mutig: »Mutter, er wird es einmal gleich wie ich überwinden … in diesem Augenblick hat Gott es mir gesagt!« – –

Amatus kannte den Schritt auf der Treppe und schlüpfte eilig in die schräge Kammer hinein, weil er sich vor Silly schämte. Aber die Kousine öffnete die Tür und zog ihn an der Hand in die Stube.

Obgleich ihr Antlitz tief bekümmert war, schaute sie ihm mild und freundlich in die Augen. »Du brauchst dich nicht zu verbergen und hast keinen schlechten Streich begangen, der auf dem Charakter des Menschen ein unauslöschliches Mal hinterläßt. Was du getan, ist wie ein Schatten, der augenblicklich dein Gemüt verdunkelt, aber bald verschwinden und von Menschen vergessen wird.«

»Wie geht es deinem Vater?« fragte er.

»Sehr schlecht! Ich bin hierher gelaufen, weil ich mit meiner Angst allein zu sein nicht länger ertrug. O, Tante Mona, komm heute zu uns! Mein Vater ist viel kränker, als der Arzt mir sagen will.«

Frau Junker war sofort bereit, zu ihrem Bruder zu gehen, und nahm Amatus mit.

Der Hardesvogt saß, von Kissen gestützt, fast aufrecht im Bette, um der Atemnot willen, die ihn peinigte. Das grau-fahle, gerunzelte Gesicht, der gemarterte Blick und das blasende Luftholen machte den Eindruck eines gebrochenen Menschen und wirkte erschütternd auf die Schwester, die seine Hände faßte. Wie eisig sich die Finger anfühlten!

»Mein Bruder!«

»Ja, nun ist das Lied und Leid bald zu Ende.« Er preßte die Hand auf die Brust. »Hier sitzt mein Tod … plötzlich wird mir, als wenn das Herz ausquelle und alles Blut ins Gehirn mir schieße … der Atem steht still, eine grausige Angst packt mich, daß ich ersticken und nicht mehr erwachen werde, bis dann die Bewußtlosigkeit mich umfängt … ach, Monika, ich erwache wieder und sterbe täglich, mehr als einmal täglich.«

»Was mußt du leiden! Wenn ich doch einen Teil der Schmerzen dir abnehmen könnte!«

Er starrte sie ungläubig an. »Das … tätest du für mich? Einen Teil meiner Qual wolltest du tragen?«

»Ja, denn ich trüg' es mit Gott, der seine starken Hände meiner Last unterlegen würde.«

»Mit Gott?« murmelte der Kranke, »für mich zu spät. Es ist unehrenhaft und feige, in Krankheit oder Todesnot zu Gottes Füßen winselnd hinzukriechen, wenn einer in gesunden Tagen nicht zu ihm gegangen ist.«

»Du Allerallerärmster! Laß die falschen Ehrbegriffe fahren, die deines Lebens Verhängnis waren und jetzt zum Fluch dir werden! Bei Gott ist kein Unmöglich und kein Zuspät.«

Berg rückte unruhig in den Kissen und unterbrach sie. »Mona, du hast mir manches, du hast mir sehr viel zu vergeben … ich bin dir kein guter Bruder gewesen.«

Die Schwester hielt seine Hände, die nervös an der Decke zupften, fest und still. »Wenn ich dir sage, daß ich jedes unbrüderliche und lieblose Wort vergessen habe …«

»Nicht, was ich tat oder sagte, sondern was ich im Leben unterließ, ist meine schlimmste Schuld«, sprach er dumpf.

»Ja, die unterlassene Liebe! Die müßte auch mich und jeden Menschen verdammen, wenn Gott nicht die Liebe und Vergebung wäre. Karl, glaubst du meiner Versicherung, daß ich dich jetzt in deiner Not mehr liebe als je?«

»Ja, in dir war immer guter Grund.«

»Mir, einem schwachen und selbst verzagten Menschenkinde, glaubst du aufs Wort … wie viel mehr mußt du dem ewigen Gott vertrauen, der eitel Geduld und Güte ist! [Später entfallen: Siehe!] So viel höher der Himmel ist über der Erde, so unendlich viel größer ist Gottesgnade als Menschenverzeihung.«

Der Bruder sah sie mit dem gemarterten, bang bittenden Blicke an. »Laß das Unendliche und Undenkbare, vor dem mir schwindelt!«

[Später entfallen: Amatus trat hastig ins Zimmer und legte eine Depesche, die der Postbote eben gebracht hatte, auf die Bettdecke. Kaum hatte der Hardesvogt die Blauschrift erblickt, als er heftig zusammenschrak und beide Hände zum Herzen emporhob. Die betäubende Blutwelle schoß in die Schläfen, und sein Atem ging röchelnd. Aber der Anfall, durch die Aufregung verursacht, verlief leichter als sonst und ohne Ohnmacht.

Er erbrach das Telegramm, welche keine Unglücksbotschaft war, sondern meldete, daß Asmus Berg die juristische Prüfung bestanden habe.

Monika lächelte. »Das ist eine große Freude, die dich aufrichten und wieder gesund machen wird.«

Sein grübelnder Blick starrte über die Blauschrift hinweg. »Nein, ich werde nicht mehr gesund … auch kann ich mich der Freude nicht recht freuen. Amatus, willst du auf einen Augenblick hinausgehen? Ich möchte mit deiner Mutter etwas besprechen.«

Amatus brachte der Kousine, die in der Küche beschäftigt war, die Depesche, und der Hardesvogt sprach unter vier Augen mit seiner Schwester.

»Mona, ich muß es mir von der Seele herunterschreien, was mich betrübt und mich nicht ruhig sterben läßt. Asmus ist kein guter Sohn, kein guter Mensch. Vor Jahren, als sich das Manko in meiner Kasse fand, habe ich nichts untersuchen wollen, weil mir – vor dem Ergebnis graute. Er lebt auf großem Fuß, um seinetwillen hab' ich mich in Schulden stürzen müssen … wie soll das enden, wenn ich meine Augen schließe? Darum kann ich nicht sterben.«

»Ja, das Elternleid! Auch ich trage das schwere Kreuz … was soll aus meinem armen Amatus werden?« Die Tränen brachen ihr hervor.]

Des Bruders Stimme klang weich. »Ich habe im Leben viele gute Zeiten gesehen und bis jetzt keine Nahrungssorgen gekannt. Ist das ein billiges Geschick? Du, die bessere von uns beiden, hattest alle Tag nur Mühe und Plage.«

»Nein, nicht alle, bei weitem nicht alle … als Amatus die Schule besuchte und jeden Ostern versetzt wurde, als mein Mann völlig enthaltsam wurde, bin ich sehr glücklich gewesen.«

Das Gespräch unterbrach der Arzt, der ins Zimmer trat und sich sogleich über den Kranken beugte, um mit dem Stethoskop die Herztätigkeit zu untersuchen. Doktor Haltermann war ein weißhaariger und warmherziger Mann, der möglichst wenig mit Mixturen seinen Patienten den Magen verdarb, insonderheit Stimulantien und Opiate verabscheute und statt derselben mit Humor und guter Hoffnung die Verzagten belebte. Wasser und warme Breiumschläge, frische Luft und streng geregelte Lebensweise waren seine vier großen Heilmittel; und seine viel gerühmte Kunst bestand im letzten Grunde in seiner großen Menschenkenntnis, die ihn befähigte, jeden Charakter in seiner Eigenart zu erkennen und demgemäß zu behandeln. Der alte Herr, welcher geduldig Klagen anhörte und dabei lieb und liebenswürdig blieb, konnte auch böse, bitterböse, ja jähzornig werden, nämlich wenn seine Vorschriften nicht befolgt wurden. Dann – so erzählte man sich in Norderhafen – schrak er vor drastischen Kuren nicht zurück. Ungehorsamen und unmäßigen Patienten malte er mit erschrockenen Mienen den Tod an die Wand und verordnete ihnen zur Strafe eine dreitägige Hungerdiät. Ein nicht mehr junges Fräulein, das an Hysterie litt, sollte der Verabfolgung einer kräftigen Ohrfeige von einem besonders heftigen Anfalle geschwind und gründlich geheilt haben.

Lange horchte der Arzt auf den schwachen und unregelmäßigen Herzstoß und steckte endlich das Hörrohr in die Tasche. Nach einer leisen Frage des Kranken räusperte er sich, und Monika meinte zu bemerken, daß sein Blick unsicher über die Wände des Zimmers ging, als ob er nach einer geeigneten Antwort sich umsehe.

Noch leiser wurde gefragt: »Wie steht es, Herr Doktor?«

»Durchaus nicht schlechter als gestern.«

»Wie lange kann ich noch leben?«

»Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie nicht den alten Doktor Haltermann aus Norderhafen, sondern den allwissenden Herrgott im Himmel konsultieren … vorausgesetzt, daß Ihnen bekannt ist, wann er Sprechstunde hat.«

Frau Junker konnte nicht unterlassen, das Wort dazwischen zu werfen: »Die Sprechstunde Gottes ist das Gebet.«

Der alte Praktikus hatte sich den Weg geebnet, um sein Heilmittel Humor hervorzuholen und eine lustige Schnurre zu erzählen, die der Kranke aus purer Höflichkeit mit müden, schmalen Lippen belächelte.

Draußen in der Küche bereitete Silly das Abendessen, während der Vetter neben ihr am Herde stand, und alle beide schienen von dem Leide, das auf ihnen lastete, aufzuleben, denn sie schwatzten viel.

Das schnelle Leidvergessen und das helle Lachenkönnen ist das große und glückliche Vorrecht der Jugend.

»Was gibt's zum Abend, Silly?«

Ein gut nordschleswigsches Gericht: Buchweizengrütze, Speck und Brot. [Später entfallen: Wenn mein Bruder jetzt Referendar wird, werden wir dafür büßen und es uns am Munde abkargen müssen.« Bei den letzten Worten verlor sich ihr Lächeln.] 

»Ihr habt euch bereits eingeschränkt und das eine Mädchen abgeschafft?«

»Ja, eben darum könntest du dich nützlich machen und den Tisch für mich decken.«

»Das kann ich«, sagte er und machte sich sogleich ans Werk.

Als er das Tischtuch glatt ausgebreitet hatte, warf er in Selbstsatire eine Serviette über den Arm und lachte bitter: Wie mancher entgleiste Kandidat vor mir ist über das große Wasser gegangen und Kellner geworden.

Sein Geist versank in Grübeln. Durch eine naheliegende Ideenverbindung war Amerika, die letzte Zufluchtsstätte des gescheiterten Europäers, mit einem und zum ersten Male in seinen Gedankenkreis hineingetreten.

Amatus holte die Teller und legte die Messerbänkchen [später ergänzt: hin] – der Amerika-Gedanke war nicht los zu werden.

Doktor Haltermann, der sich vom Patienten verabschiedet hatte, betrat die große Stube, und Frau Junker, die ihm das Geleit gab, machte die Tür des Krankenzimmers fest hinter sich zu. Aber die ins Eßzimmer führende Flügeltür war nur angelehnt und durch Vorhänge verdeckt.

Amatus behielt den Löffel in der Hand und blieb reglos auf dem Flecke stehen, wo er stand. Ungewollt wurde er zum Ohrenzeugen des folgenden Gesprächs.

Monika fragte traurig: »Wird mein Bruder die Krankheit durchmachen? Vorenthalten Sie mir die Wahrheit nicht … was nach menschlicher Voraussicht geschehen wird! Ich darf meinen Bruder nicht unvorbereitet in die Ewigkeit hineingehen lassen.«

Der gute, alte Doktor, der die Armen umsonst behandelte und Junkers noch nie eine Rechnung geschickt hatte, wiegte den weißhaarigen Kopf. »Es ist die Herzfunktion so schwach, daß wir wenig Hoffnung haben … doch kann und darf ich kein Todesurteil fällen.«

Monika seufzte tief: »Das ist das Todesurteil meines armen Bruders.«

An der Tür hielt sie krampfhaft die Hand des Arztes fest. »Herr Doktor, darf eine tief betrübte Mutter ihres Sohnes wegen Sie um Rat fragen?«

»Ja, wir wollen uns setzen, meine liebe Frau Junker. Ihr Sohn verlor infolge einer Ausscheitung seine Stellung.«

»Alles hat er verloren, und ich, die Mutter, muß sehen, wie er trotz guter Anlagen, trotz der besten Vorsätze, trotz monatelangen, erfolgreichen Kampfes immer wieder in das alte Elend fällt und langsam zu Grunde geht.«

Der alte Doktor legte die Hand auf ihren Arm. »Frau Junker, wo ist nun Ihr Gott und Ihr Gottvertrauen? Ein Sohn, für den die Mutter so viel gebetet und gearbeitet hat, kann nicht zu Grunde gehen.«

»Ach, ich bin müde geworden und fast am Verzweifeln … jahrzehntelang mußte ich mit meinem Manne ringen, bis er plötzlich und wie durch ein Wunder völlig enthaltsam wurde … und als ich anfing aufzuatmen, stand der grause Erbfeind meines Hauses von neuem wider mich auf. Ist Amatus ein sündiger, leichtsinniger und lasterhafter Mensch? Nein, nein, denn ich kenne jede Regung seiner Seele.«

»Nein, Frau Junker, er ist ein zeitweilig kranker Mensch, der krankhaft handelt. Sie brauchen mit Recht das Wort Erbfeind, denn es ist ein zum Teil ererbtes Leiden, dem wir Ärzte den Namen Neurasthenie geben. Ich habe ihn aus der Ferne beobachtet und glaube über seinen Zustand im Klaren zu sein. Periodisch, in langen Zwischenräumen tritt plötzlich eine geistige Abspannung, ein Mangel an Appetit, weil die Magenschleimhäute angegriffen sind, eine nervöse Ermüdung und allgemeine körperliche Verstimmung bei ihm ein. Gegen diese Depression gebraucht er den Alkohol im Übermaße, und nachdem die natürliche Folge, der Katzenjammer, überwunden ist, fühlt er sich frisch und frei und neu belebt.«

»Genau so verläuft es, wie ein entsetzlich unbegreifliches Verhängnis.«

»Sagen wir richtiger, wie eine böse, böse Krankheit, denn das ist es. O, meine liebe Frau, Sie tun mir in Ihrem Kummer unendlich leid, und Ihr Sohn nicht minder. Sonst ist er durchaus kein Schwächling?«

»Nein, im Gegenteil, was er will, das will er. Schnell entschlossen setzt er sich ein Ziel und erreicht es durch zäh beharrliche Ausdauer. Wie oft habe ich ihm gesagt: Amatus, du mußt wollen, du mußt den energischen, eisernen Willen haben, gar nichts zu trinken und das erste Glas nicht zu nehmen … aber in dem einzigen Stücke versagt seine Kraft, und seine Vorsätze fallen wie ohnmächtig hin.«

Doktor Haltermann schüttelte den Kopf. »Mit dem Muß der Moral kommt man hier nicht weit, und ich achte wenig den kategorischen Imperativ: Du mußt wollen! solange mir der Imperativ nicht das Interrogativ beantwortet: Woher nehme ich eben diesen unbeugsamen Willen? Schlimm genug ist der Fall Ihres Sohnes, aber er gehört nicht als Trunksucht in die Sündenkategorie des moralisch-ethischen Gebiets, sondern ist als krankhafte Erscheinung medizinisch-pathologisch zu verstehen.«

Angstvoll hing die Mutter an den Lippen des Arztes. »Wenn es Krankheit, Herr Doktor … wo ist die Hilfe und Heilung für meinen unglücklichen Sohn?«

Der greise Herr bewegte den weißen Kopf hin und her. »Die Neurasthenie kann medizinisch nicht behandelt werden … ein Arzneimittel haben wir nicht dafür.«

»So ist mein Sohn unheilbar, unheilbar« Monikas gequälte Seele schrie die Worte.

Im Nebenzimmer war Totenstille.

Doktor Haltermanns Blick ruhte voll tiefster Teilnahme auf dem betrübten Antlitz, aber seine Stimme wurde polternd: »Unheilbar? Unsinn! Alle chronischen Leiden sind langwierig, aber durch vernünftige Lebensweise wohl zu kurieren. Ich kann Ihrem Sohne kein Gegengift verschreiben, das Sie ihm einfüllen, wenn die Anfälle kommen; doch ich will Ihnen einen Weg zeigen, der freilich nicht kurz ist, aber zur Heilung führen kann. Die niederträchtigen Nerven müssen gekräftigt werden, dann wird auch der Wille stark, denn alle Willensschwachheit ist im letzten Grunde Nervenschwäche. Zwei Mixturen wären anzuwenden: Viel Wasser und noch mehr frische Luft! Bei Ihrem Sohne müßte ein Luftwechsel, so daß er mindestens fünfzig Meilen zwischen sich und Norderhafen ließe, und eine völlige Änderung seiner bisherigen Lebensweise eintreten … statt geistiger Anstrengung harte, körperliche Arbeit, am liebsten auf dem einsamen Lande und weit von allen Städten und ihren schlechten Alkohol-Ausdünstungen. Dieser Weg, mit Selbstüberwindung eingeschlagen und mit Ausdauer innegehalten, kann zum Ziele und zur Heilung führen. Gott sei mit Ihnen und mit Ihrem Sohne, meine liebe Frau Junker!«

Ehe Monika zu dem Kranken zurückging, hob sie die gefalteten Hände und rang sie über ihrem Haupte. Es war ein stummer Aufschrei, wohl das kürzeste, aber auch das tiefste und gewaltigste Gebet ihres Lebens.

Hinter der Eßzimmertür stand Amatus noch auf demselben Fleck, starren Blicks, mit weißen Lippen, vom Scheitel bis zur Sohle erstarrt und wie gefühllos. Mechanisch legte er den Löffel hin, den er noch in der Hand hielt, und ging ohne Kopfbedeckung in den Hof und den Garten hinaus. Der kalte Wind umfächelte ihm die Stirn, und sein Gehirn, das gleichsam stille gestanden hatte, vermochte wieder zu denken.

Das war mein Todesurteil, das Todesurteil meines Ich, das tun muß, davor ihm graut, das Todesurteil meiner Zukunft. Ich bin unheilbar krank und elend und ärmer als der Armesünder, der, um die Schuld vor Menschen zu sühnen, sein Haupt hinlegt und einmal stirbt. Der Pfahl in meinem Fleische wird mich stoßen und der Satansengel mich stäupen, daß ich jahre-, vielleicht jahrzehntelang zu Grunde gehe und langsam viele Tode sterbe. O Jammer, Jammer, Jammer! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Und wohin soll ich fliehen vor dem Angesicht und bösen Blick der Menschen und meine Schmach verbergen?

Silly rief durch den Garten: »Amatus, Amatus!« Sie fand ihn, bleich das Antlitz und wirr das Haar, und schob die Hand unter seinen Arm. »Du bist betrübt um meines Vaters willen … ja, dein Herz ist gut … wenn viele an dir irre werden und einen Stein auf dich werfen, ich werde nie, nie meinen Glauben an dich lassen.«

Spät abends auf dem Heimwege sagte der Sohn, den sein Genius der schnell gefaßten Geistesgegenwart beruhigt und gefestigt hatte, zu der Mutter: »Hier ist meine Lebensarbeit geschlossen und mir abgeschnitten … darum will ich auswandern und über das Meer in jenes neue Land gehen, wo auch der Gebildete mit den Händen arbeiten darf, ohne daß körperliche Arbeit ihn schändet und entehrt.«

»Den Schritt wirst du dir noch zehnmal überlegen«, erwiderte Monika.

Aber er redete mit unbeugsamer Ruhe: »Du weißt, in dem Einen bin ich willenlos, sonst aber will ich, was ich will, und werde es mit Beharrlichkeit durchsetzen.«

Sie hob den Kopf und horchte. Das waren ihre eigenen Worte, die sie dem Arzte gegenüber gebraucht: »Hast du etwas gehört?«

»Ich habe alles gehört, und ich muß anderswo die Heilung suchen, die ich hier in Norderhafen und Nordschleswig nicht finden kann.«

[Später entfallen: Amatus hat sich durch nichts von seinem Entschlusse abbringen lassen, weder durch Bedenken und Bitten der Mutter, noch durch die bittren Tränen der Blinden.]

[Später ergänzt: Wie die Mutter durch Bitten und der Vater durch vernünftige Bedenken, so versuchte die blinde Schwester mit bittren Tränen, Amatus von seinem plötzlichen Entschluß abzubringen.

Doch er ließ sich nicht beirren, sondern, je mehr man in ihn drang, desto starrköpfiger blieb er dabei: Ich gehe nach Amerika!

Monikas Mutterliebe kämpfte einen furchtbaren Kampf, den sie auf ihren Knieen nächtelang durchfocht. Durfte sie ihren einzigen und noch dazu krankhaften Sohn hinüber ziehen lassen in jenes ferne, fremde Land des rücksichtslosesten Daseinskampfes, durfte sie ihn, sozusagen, hinausstoßen in den reißenden Strom des Lebens, um mit eigener Kraft zu schwimmen und eine feste Klippe zu erreichen, oder aber um zu ertrinken und zu zerschellen? Wie viele Muttersöhne waren dort drüben untergegangen, verschollen, gestorben und verdorben! Das arme Mutterherz, von dem zweischneidigen Schwerte des Zweifels zerfleischt, blutete und wollte brechen. Die gequälte Frau rang mit den unsichtbaren Mächten des Himmels: Gib mir einen Wink, eine Antwort, eine Gewißheit, ob ich mein Kind von meinem Herzen reißen und über das weite Meer fahren lassen darf!

Einige Tage später geschah etwas ganz Wunderbares, das man für ein Mirakel oder für eine Mär halten würde, wenn es nicht reale Wirklichkeit und schwarz auf weiß beglaubigte Tatsache wäre.

Aus Kansas in Nordamerika war ein Brief angekommen, ein unscheinbarer, unsauberer, halb unleserlicher Brief, der die ganze Familie in wilde Aufregung brachte und dem alten Hans Junker beinahe den Kopf verdrehte.

Der Gerichtsdiener hüpfte im Zimmer herum und heulte förmlich vor Echauffement. »Mein Bruder Tycho lebt und ist nicht bei Schleswig erschossen worden! Tycho ist heimlich desertiert, nach Amerika gegangen und hat seit 38 Jahren kein Lebenszeichen uns gegeben … der schlechte Mensch! Er hat es recht gut und wohnt in Kansas … wo liegt die Stadt, Amatus?«

»Vater, schnapp' nicht über!« bat Monika, »das ist dein herzloser Bruder, der nichts von sich hören ließ, weiß Gott nicht wert.«

Doch Hans hörte nicht auf zu hüpfen und zu heulen.

Amatus versuchte den Brief, der unorthographisch, mit fürchterlichen Krähenfüßen und noch dazu in einem amerikanisch deutschen Kauderwelsch geschrieben war, zu entziffern. Wenn auch manches hieroglyphenhaft blieb, gelang es ihm doch, den wesentlichen Inhalt sich und den Seinen zu deuten.

»Onkel Tycho hat under homestead-law d.h. wohl unter dem Heimstättengesetz Land in Kansas genommen … er hat dazu gekauft und besitzt vier Sektionen Land – was ist eine Sektion? Hm, weiter – er hat viel Vieh, viele Schweine und 43 Pferde, ja 43 … Donnerwetter!«

Hans Junker machte einen Sprung: »43 Pferde hat er! Mein Bruder muß ein reicher Mann sein!«

»Nein, er fügt sofort hinzu, daß man money, daß man Geld nicht bei ihm suchen solle, denn er sei ein poor farmer, ein armer Bauer.«

»So!« meinte Hans, »das kann auch unwahr sein, denn ein großer Geizkragen ist er immer gewesen … und wo wohnt er? In einer Stadt Kansas als Bauer?«

»Nein, Kansas ist ein Staat, und der Ort, wo er wohnt … ja, das verfluchte Geschreibsel … just der Name ist nicht zu lesen … der erste Buchstabe kann ein A oder O oder X sein. Verflucht und zugenäht! Den Namen kann ich nicht entziffern! Ist es Olga oder Balta oder Xicha? Zu dumm, daß er seine Adresse nicht leserlich geschrieben hat.«

Hans Gerichtsdiener machte ein pfiffiges Gesicht. »Der Brief kam im rechten Moment, just wo du nach Amerika gehen wolltest, Amatus. Jetzt reist du natürlich zu meinem Bruder Tycho … geh' ihm nur klug um den Bart! Der alte Knicker wird Geld haben. In Kansas mußt du nach einem Farmer Junker fragen, bis du ihn findest!«

Amatus klärte seinen Vater nicht darüber auf, wie schwierig es ist, eine Stecknadel auf dem Tempelhofer Felde und einen verschollenen Onkel in einem Staate von der Größe Süddeutschlands zu suchen und zu finden.

Monika aber erblickte in dem Briefe aus Amerika einen Wink und eine Weisung der Vorsehung, der sie nicht zu widersprechen wagte; mit heißen Tränen gab sie ihrem Sohne, der aus seiner Heimat, seinem Vaterlande und seiner Freundschaft ziehen wollte, ihren Muttersegen.]

Die in Alstrup gemachten Ersparnisse waren zu gering, um die Reisekosten ganz zu bestreiten. Es fehlten noch hundert Mark, und das war des armen Exkandidaten Sorge bei Tag und Nacht, der auf keinen Fall wollte, daß seine Eltern sich um seinetwillen in Schulden stürzten.

Da ereignete sich etwas Wunderbares, das aller Verlegenheit ein Ende bereitete. In einem an Amatus adressierten gewöhnlichen Schreibebriefe lag ein weißer, unbeschriebener Bogen und in demselben ein zusammengefalteter Hundertmarkschein. Silly, der er es auf den Kopf sagte, daß sie die Senderin sei, bestritt es mit so verblüfften Mienen und so bestimmten Worten, daß er ihr glauben mußte. Wer der geheime Geber gewesen, blieb ein ungelöstes Rätsel. Friedline glaubte kindlich an einen unmittelbaren Eingriff des Himmels und an Engelsbriefe mit Hundertmarkscheinen darin.

Der Hardesvogt, der auf seinem Krankenlager sich Gewissensbisse machte, daß er nichts für seine Schwester getan, hatte heimlich und ohne Wissen seiner Tochter die Rolle des guten Engels gespielt. –

Hinter jener nordschleswigschen Stadt steigt das Land zu einer Höhe empor, welche die Norderhafener mit gewissem Stolze ihren Berg nennen. Dort stand Amatus und nahm Abschied von der Heimat und von allen Stätten seiner Kindheit und Jugend. Zur Linken das Pappeltal, zur Rechten die Schule, dort das rötliche Ziegeldach des Rederschen Hauses und hier des Onkels Garten, in dem er als unschuldiger Knabe gespielt, und über allen Häusern das mächtige Gemäuer von St. Marien, darin er einmal gepredigt!

Vergangen wie ein lichter Tagtraum und verklungen wie eine fröhlich stille Weise! Seine Jugend war abgeschlossen und abgetan, und seine Heimat blieb dahinten. Mit einem langen, tieftraurigen Blick, der von Höhe zu Höhe über das traute Tal schweifte, fing er die Heimat auf und verschloß sie im Herzen.

Das Bild verschwamm in seinem feuchten Auge, das nicht mehr an dem Erdenfleck, den er über alles liebte, sondern an dem Himmel hing, wo die Menschen den Ewigen suchen. »Mein Gott, mit dir will ich es noch einmal wagen und ein Mann werden. Ich muß die eiserne Kette der Unfreiheit zerbrechen, oder ich werde zerbrochen von ihr. Gib mir den Glauben, zu hoffen wider Hoffnung!« –

Hans Gerichtsdiener trat aus Vater Nixens Herberge – so hieß im Volke das alte, düstere Haus, das als Gefängnis und dem Aufseher Nixen als Wohnung diente – und stapfte in den Geschmierten die Gasse hinauf, auffallend gekrümmt und in Gedanken vertieft. Seine Hand fuhr nach der Mütze, aber zu spät, und ein Schreck in ihm – er hatte den Bürgermeister, der auf der andern Straßenseite ging, nicht rechzeitig gesehen und nicht gegrüßt. Nach dieser unabsichtlichen Verfehlung, die er sich als Insubordination anrechnete und in ihren möglichen Folgen möglichst schwarz ausmalte, ging Hans noch unglücklicher und geduckter.

In der Dachwohnung lag die blinde Friedline angekleidet auf dem Bette und wälzte sich in schluchzenden Weinkrämpfen.

Frau Junker hatte heute ihren Sohn nach Hamburg begleitet. Zum dritten Male schnitt der scheußlich schrille Pfiff des kleinen Dampfers, auf dem die Auswandrerherde sich staute, durch Mark und Bein.

Zum dritten und letzten Male hatte Amatus sich vom Halse der Mutter losgerissen. Er winkte, über die Reling gebeugt, und verschwand in der Rauchwolke.

Das Bild der Mutter, das wehevolle mit den angstvollen Augen und der starren Verzweiflung um die Lippen, blieb stehen in seinem Herzen.

Todmüde wankte Monika am Hafen hin und sank unterhalb der Steuermannsschule auf eine Bank nieder. Ihr Herz, das von Leid und Schmerz übervolle, schien auszuquellen, als wenn es bersten wolle. Aber es brach nicht, sondern eine heiße Blutwelle schoß ihr in Körper und Kopf empor, daß ihre Sinne in kurzer Ohnmacht entschwanden.

Monika erwachte bald, und da wußte sie mit ruhig klarer Gewißheit: In dieser Stunde hat mein Sterben begonnen. – – – – – – – – – – – –

Der deutsche Pastor in New-York, der von Einwanderern viel überlaufen wurde, musterte nicht ohne Mißtrauen den Fremdling, obgleich derselbe gut gekleidet war und nichts als einen guten Rat begehrte.

»Sie wünschen Arbeit, wie Sie sagen?«

»Ja, durch schwere körperliche Arbeit möchte ich mir mein Brot verdienen.«

»Mit den feinen, weißen Händen und dem feinen, schwarzen Gehrock? God bless you! Gott segne Ihren guten Vorsatz! Aber ich glaube, kein Mensch wird Sie dingen. Was sind Sie denn in Deutschland gewesen?«

»Kandidat des Predigtamts.«

Der Reverend schnellte empor und beglotzte den Besucher wie ein Wunder der alten Welt und hüstelte und schnarrte unhöflich: »Haben Sie dafür Ausweise und Papiere?«

Nachdem er auf- und abgehend die ihm überreichten Zeugnisse durchgelesen hatte, lachte er laut auf. »Haha, mit Ihrem vortrefflichen Testimonium hätten Sie bleiben sollen, wo Sie waren, und der aufrichtigste Rat, den ich Ihnen geben kann, ist: »Packen Sie Ihren Koffer und reisen Sie mit dem nächsten Schiffe nach Deutschland zurück! Hier in Amerika geht ein deutscher Kandidat den bittersten Enttäuschungen entgegen.«

Junker antwortete verblüffend offenherzig: »In der Heimat ist mir der Eintritt ins Amt bis auf weiteres verschlossen, weil ich bei einer Hochzeit zu viel trank und mich ungebührlich benahm.«

Der Pastor machte einen breiten Mund und betrachtete ihn. »Hm! Sie sind aufrichtig, junger Freund, und das gefällt mir sehr. Schon mancher vor Ihnen hat im neuen Lande den neuen Menschen angezogen. Aber Farmarbeit ist nichts für Sie. Als ausgebildeter Theologe müssen Sie natürlich Pastor werden, denn für Prediger haben wir immer Gebrauch. Setzen Sie den Wanderstab weiter und machen Sie sich nach dem Westen auf! Was Kansas? Ist freilich ein arges Temperenzland, in dem der Verkauf von geistigen Getränken gänzlich verboten ist, und das mir und manchen guten Deutschen nicht zusagen würde … aber just Ihnen möchte es dienlich sein.«

Die Augen des jungen und guten Deutschen leuchteten auf. »Ich gehe nach Kansas.«

»Warten Sie!« Der Reverend holte ein Blatt vom Tische. »Die sich neu bildende, deutsche Kansassynode versammelt sich in diesen Tagen in Alma in Sherman County … reisen Sie in Gottes Namen dahin! Ich kann Ihnen im voraus versprechen, daß man irgend eine Stelle für Sie hat … wie groß sie sein wird, werden Sie mit eigenen Augen sehen.« Ein eigentümliches Lächeln und ein herzlicher Händedruck beschloß die Rede.

Drei Tage und drei Nächte raste der rasselnde Zug durch die wellenförmige Prärie.

Amatus, dessen Kasse bedenklich zusammenschmolz, hatte der Ersparnis halber sich für die Reise verproviantiert. In seinem Abteil befand sich eine sehr arme und sehr kinderreiche Familie aus Oberschlesien; und er sah, wie sie alle trockenes Brot aßen und kaltes Wasser dazu tranken. Wenn er seinen Korb öffnete und einen Imbiß verzehrte, standen sieben Kinderköpfe großäugig um ihn herum und beneideten jeden Bissen, den er in den Mund steckte. Mitleidig teilte er von seinen Vorräten aus und hatte seine Freude daran, die gierig-hungrigen Mäuler zu atzen.

In Wohlbefinden, aber etwas ausgehungert kam der Kandidat in Alma an. Ein tüchtiges Mahl war das erste und eine gründliche Waschung das zweite. Dann warf er sich in den feinen, schwarzen Rock, zog die Handschuhe an, setzte den Zylinderhut auf das Haupt und ließ sich den Weg nach der deutschen Kirche zeigen.

Drei schmutzige Kinder gafften stumm vor Staunen die ungewöhnlich elegante Männererscheinung an, und der größte, zigeunerbraune Bursche raunte geheimnis- und ehrfurchtsvoll: »The president of the United States, I suppose.« Die Buben hielten den armen, deutschen Kandidaten für den Präsidenten aus dem Weißen Hause.

Mannshohes, welkes Unkraut umwucherte die Kirche, die mehr einer weiß getünchten Scheune als einem Gotteshause glich. Im Vorflur stand ein hoher, stark ergrauter Mann, dessen Stirn von einem knollenartigen Auswuchs, welches wie ein Hörnlein an der rechte Schläfe saß, entstellt war. Junker stellte sich mit einer Verbeugung vor und gab kurzen Aufschluß über seine Person und Wünsche.

»Well, ich bin Pastor Bock von Redsprings, bin ein Jahrzehnt Pfarrer im alten Deutschland drüben gewesen, jetzt seit zweiundzwanzig Jahren hier in Kansas, allerdings an sieben verschiedenen Stellen, denn die Prediger an amerikanischen Gemeinden erfahren das Wort, daß wir hienieden keine bleibende Statt haben, haha!«

»Meinen Sie, daß für mich Aussichten sind, eine Stelle zu bekommen?« fragte Junker besorgt.

»Aussichten mehr als genug! Sie können in Redsprings mein Nachfolger werden, wenn ich das Amt – 500 Dollars in bar – erhalte, um das ich mich jetzt bemühe.« Bock lächelte eigentümlich. »Die neu konstituierte Kansassynode ist hier drinnen versammelt … Sie mögen als Zuhörer an der Schlußsitzung teilnehmen, und dann schlage ich gleich Ihre Aufnahme vor.«

Unter Herzklopfen betrat Amatus das schlichte Holzkirchlein. Einige zwanzig Männer saßen auf den vordersten Bänken. Die in den kurzen Jacken mußten die Farmer und Laienmitglieder sein; die in den langen Röcken von jedem möglichen und meist unmodernen Schnitt waren die geistlichen Herren, und das Ganze war die ganze Kansassynode.

Hinter einem Tische, an das Altargitter gelehnt, stand Pastor Meßner und harkte in seinem Vollbarte, offenbar nach Worten suchend. »Meine Brüder! Wir haben uns mit Schmerzen von unsrer Muttersynode getrennt, in der wir Deutsche als Stiefkinder behandelt wurden, und unter Gebet eine eigne kleine Synode gegründet … aber der Herr ist mächtig in den Schwachen. Meiner Schwachheit hat man das Amt des Präses anvertraut … es ist ein Ehrenamt, dessen Arbeit ich gern übernehme … doch, hm, hm, es erfordert, hm, hm, auch einen gewissen Geldaufwand … ein Siegel muß angeschafft werden, um gültige Urkunden auszufertigen, Papier und Tinte für die Schreibereien muß sein, auch Amtsreisen, um die Einigkeit der Gemeinden wiederherzustellen, werden nicht ausbleiben … hm, hm, die Synode versteht mich wohl … ah, Bruder Diek hat's Wort.«

Pastor Diek erhob sich. »Ich beantrage, daß wir dem Präses für die notwendigen Ausgaben eine Pauschalsumme – sagen wir hundert Dollars jährlich – bewilligen.«

Der Farmer Christlieb, ein ausgedörrtes, aber sehniges und lebhaftes Männchen, hüpfte empor. »Excuse me, daß ich, ohne das Wort zu erbitten, von meiner Bank ›jumpe‹ . Aber wir dürfen den Gemeinden nicht gleich mit schweren expanses kommen, sie könnten abtrünnig werden … alle Ausgaben sind zu vermeiden.«

Von drüben unterbrach ihn eine Zwischenfrage: »Soll die Kansassynode vielleicht kein Siegel führen?«

Christlieb, nicht aus der Fassung gebracht, fuhr fort: »Of course, ein Siegel muß sein, aber was kann das kosten? Die Schreibereien sind einzuschränken, und die sogenannten Amtsreisen können ganz unterbleiben … jede Gemeinde hat ihre Ältesten und weiß, was sie zu tun und zu lassen hat. Ich beantrage, daß wir dem hohen Präses zehn Dollars jährlich für business-Unkosten bewilligen.«

Die Prediger und ihr Präses schwiegen kleinlaut, und die Summe wurde einstimmig genehmigt.

Pastor Bock stand auf und tat kund, daß ein soeben von Deutschland frisch angekommener Kandidat Aufnahme in der Synode begehre. Junker reichte mit einer Verbeugung dem Präses seine Zeugnisse und begab sich nach draußen, wo er zwischen dem Unkraut lustwandelte, während die Synode in geheimer Beratung über sein Schicksal entschied. Die Beratung dauerte vier volle Minuten.

Aus der Kirche strömten die Männer und schüttelten ihm kräftig die Hand. Das hob wieder seine stark gesunkene Stimmung.

Meßner sprach salbungsvoll: »Sie sind im Namen des Herrn aufgenommen, auch haben wir schon in Bellavista, nicht weit von hier, etwas für Sie in Aussicht … die Stelle ist ein Jahr vakant, und die Verhältnisse sind ein wenig schwierig, aber ein junger, geschickter Mann wird's machen.«

Farmer Christlieb reckte seine Zwerggestalt und klopfte dem langen Kandidaten jovial die Schulter. »In diesem Country darf ein Geistlicher nicht so sehr auf das Geld, als auf die gute Behandlung von seiten der Gemeinde sehen.«

Alle begaben sich in die Wohnung des Pastoren Diek, der in Alma fungierte, um das Abendessen zu verzehren, welches gut und reichlich war.

Die meisten Prediger waren etwas salopp gekleidet, trugen recht fadenscheinig glänzende Röcke und altmodische Kalabreserhüte. Ihr Blick schien häufig und heimlich Junkers tadellosen Anzug zu streifen; und der Tischnachbar betastete seinen Ärmel und meinte offen: »Ein feines Tuch und splendid gemacht! Solch ein Rock kostet hier schweres Geld, und ein armer Prärie-Pastor kann sich das nicht leisten.«

Nach Tisch zog ihn ein schnurrbärtiger, von einer Brüderanstalt hinübergeschickter Reverend abseits und ins Gespräch. Amatus fragte aus, um sich zu orientieren.

»Auf Kündigung sind Sie angestellt?«

»Ja wohl, auf halbjährliche Kündigung stehen wir alle … das ist einmal nicht anders in Amerika.«

»Und wie viel Gehalt bekommt ein Pastor?«

Wieder das eigentümliche Lächeln! »Der Präses hat nicht mehr als vierhundert Dollars.«

»Das sind in deutschem Gelde sechzehnhundert Mark … und Pastor Bock hat in zweiundzwanzig Jahren siebenmal gewechselt.«

»Ja, der hatte in Deutschland ein Amt, das ihm fünftausend Mark brachte.«

»Und es aufgegeben, um den armen Gemeinden in Amerika zu dienen?« Junkers Blick wollte voll Bewunderung nach Pastor Bock hinübergleiten.

Aber der Schnurrbärtige flüsterte rechtzeitig: »Seine Frau ist ihm mit einem Offizier durchgegangen … um des Skandals willen wanderte er aus, und deshalb nennen wir ihn den gehörnten Bock.« –

Am nächsten Morgen reiste der von der Synode für Bellavista ausersehene Kandidat ab, um sich von der Gemeinde berufen zu lassen. Als alter Praktikus gab Bock ihm einen guten Rat mit auf den Weg. »Bestehen Sie auf einem Minimum von dreihundert Dollars und lassen Sie sich nicht von den guten Leuten übers Ohr hauen, die gern einen Grünen nehmen, aber es sich auch zu nutze machen.«

In der deutschen Kirche zu Bellavista hatte die oratorische Leistung des neuen Probepriesters – des vierten in diesem Jahre – allen Männern und noch mehr allen Frauen gefallen. Die Kirchenältesten, der dicke Ladmann, der hagere Jönker, der behäbige Kaufmann Krumpeter und der kurz- und obeinige Hans Kiek, machten keinen Hehl daraus, sondern stellten dem Kandidaten die Berufung in Aussicht. Um die Vokation zum Abschluß zu bringen, möge er sich in das Grandhotel von Bellavista begeben, allwo der Kirchenvorstand seine Sitzungen abhalte.

Das Grandhotel war ein nicht sehr sauberes Speisehaus, dessen schwärzlicher Fußboden kein Wasser – es sei denn verschüttetes – gesehen zu haben schien. Die vier Ältesten hockten in einem Halbkreise mit übereinander geschlagenen Beinen und zeigten stillschweigend auf einen leeren Stuhl. Ihre Kinnladen waren in steter, langsam kauender Bewegung, als wenn sie Wiederkäuer wären, und sie sagten nichts, sondern grübelten weiter. Zuweilen stand einer auf und beugte sich über den unförmlich großen Spucknapf.

Das lange Schweigen machte den Kandidaten stutzig. »Haben Sie sich noch nicht entschlossen, meine Herren?«

Hinrik Ladmann entleerte sich des Kautabaksaftes und gab dann Antwort: »Ja, nach einem stillen Gebete haben wir Sie zu unserm Seelsorger berufen und die Bedingungen festgestellt.«

»Wie lauten die?«

»In the first place … auf dreimonatliche Kündigung.«

»Meinetwegen, ich gehe darauf ein … und das Gehalt?«

»Der Lohn beträgt zweihundert Dollars jährlich und wird in cash bezahlt.«

Bei diesen Worten ließen die Kirchenältesten die kauenden Kinnbacken stille stehen und sahen lauernd empor.

Der Kandidat zwang sich zu einem verunglückten Lächeln. »Meine Herren! Für Kost und Wohnung muß ich 3 ½ Dollars pro Woche bezahlen, macht 182 im Jahr, also würden mir ganze 18 Dollars für meine übrigen Bedürfnisse verbleiben … es ist eine unerhörte Zumutung!«

Er schlug mit den Händen weit aus, und Krumpeter tupfte beruhigend seinen Arm. »Sir, Sie müssen sich eben verheiraten.«

»Eine Frau und Familie kann ich noch viel weniger davon ernähren.«

»Hihi, viel leichter! Wir Farmer tragen Ihnen alle Lebensmittel, die hier ja doch nichts kosten, ins Haus.«

Junker erwiderte ärgerlich: »Von milden Gaben will ich nicht existieren, sondern von einem festen und anständigen Gehalt. Unter dreihundert Dollars nehme ich den Dienst nicht an.«

Wie aus einem Munde riefen alle vier Ältesten: »We cannot, wir können nicht mehr als zweihundert geben.«

»In dem Falle würde ich noch lieber Farmknecht werden, den die Deutschen hierzulande besser besolden als ihren Pastor.«

Der hagere Jönker kniff das rechte Auge zu, wie die Stillschlauen tun, und nickte: »Das war praktisch und amerikanisch gesprochen! Predigen ist ja ein bequemer job und bringt darum nicht viel. Wenn Sie wirklich arbeiten wollen, können Sie gleich bei mir eintreten. Ich gebe meinem Manne hundertachtzig Dollars und die volle Kost.«

Amatus knöpfte den Rock zu. »Ich frage noch einmal: Wollen Sie mir das geforderte, geringe Gehalt bewilligen?«

Die Ältesten schüttelten hartnäckig den Kopf und kauten mit dem Munde.

In dem Moment vollzog sich in Amatus eine plötzliche und ungeheure Wandlung, kraft deren er sich, wie im Handumdrehen, amerikanisierte. Entschlossen und energisch rief er: »Wählen Sie zu Ihrem Pastor, wen Sie wollen! Ich gehe mit Jönker und verdinge mich für 180 Dollars und die Kost.«

So war der kühne und gewagte Stegreifsprung des deutschen Kandidaten gemacht, der in die ausgestreckte, schwielige Hand des Farmers hineinschlug.

Und der Hagere blinzelte zufrieden: »Abgemacht! Boys, Ihr habt's gehört, auf ein Jahr ist der junge Mann von mir gemietet … ja, Sie sind ein großer und starker Kerl und zu etwas Besserem, als zum Predigen und Trösten und Tränenmachen, geschaffen.«

Mit Sachkenntnis und Wohlgefallen maß und musterte er die kräftige Gestalt und führte Junker aus dem Grandhotel. Die drei Ältesten glotzten nach der Tür und kauten mechanisch weiter.

Auf der Straße beäugte der Farmer den hohen Zylinderhut und den feinen, schwarzen Rock. »Hm, der Langschwänzige und die hohe Angströhre, das paßt für einen Bauer, wie die Faust aufs Auge. Bleiben Sie bis morgen hier und kaufen Sie sich eine Nankingjacke, einen Cowboy-Hut und lange Stiefel mit zweizölligen Sohlen!«

Amatus blieb die Nacht in Bellavista und erkundigte sich bei dem Hotelwirt, was Jönker für ein Mann und ob der Platz gut sei.

Die lachende Antwort lautete: »Gut? Ja, der alte Grasper und Geizhals steckt bis oben voll von Geld und Güte, weil keins von beidem je aus ihm herausgekommen ist.«

[Später entfallen: Ein andrer hätte vielleicht den überstürzten Stegreifsprung bereut.] Aber Amatus, in dem das starke Bauernblut sich regte, trat unverzagt seine neue Stellung an, und der deutsche Kandidat wurde Farmknecht bei dem großen Viehfarmer Jönker, der vierzehn Meilen von Bellavista an den Ufern eines lehmgelben Flüßchens wohnte.

Dritter Teil. Heimfahrt.

Erster Abschnitt: Der arme Goldonkel.

Die Hähne plusterten schläfrig die Federn und blinzelten mit den Augen, als wenn sie sich besännen, ob es nicht noch zu früh zum Krähen sei.

Aber der Farmer Jönker schnellte im Bette empor und krähte von unten nach dem Boden hinauf: »Get up, get up! Heraus, heraus!« In beiden Sprachen ließ er seinen Weckruf erschallen, damit er auf jeden Fall verstanden werde.

Das Lager von trockenen Maisblättern raschelte. Amatus, der neue Farmgehilfe, erhob sich und zündete ein Talglicht an, weil noch kein Tagschimmer durch das Moskitogitter des winzigen Bodenfensters sich zwängte. Mit dem Lichte in der Linken kletterte er die Stiege hinunter und erblickte eine hagere Gestalt, die im Halbdunkel mit Eulenaugen ihn anstarrte und dann krächzte: »Blasen Sie aus! Das ist Verschwendung, Herr! Blasen Sie aus und wecken Sie Tom, der in der Küche schläft! Wenn er nicht wach werden will, spritzen Sie ihm kaltes Wasser ins Gesicht, aber einen tüchtigen Guß! So ist er auch gleich gewaschen, was er aus Faulheit manchen Morgen unterläßt.«

Grau weißlich wallte der Himmel im Osten. Über die stille Prärie zog ein lispelnder Luftzug, wie das erste Aufatmen der schlafenden Erde. Sobald der Menschenschritt erklang, krähte der Hahn, und hinter dem Stachelzaun der Weide wieherte ein Pferd. Weit drüben verlor sich das heisere Bellen eines Präriehundes.

Amatus, der Frühaufsteher, begrüßte fröhlich den anbrechenden Morgen, der fast ohne Zwielicht zum hellen Tage wurde. Das weiße Gewölk rötete sich – und da war schon die strahlende Sonne, die in diesem Lande – gleich den Menschen – hastig aus dem Bette stieg.

Tom Lincoln, der Farbige, reckte und rollte sich gähnend von der Küchenbank, die ihm als Bett diente, und auf die unförmlich großen und platten Füße. Es war Verleumdung, daß er sich nicht wasche. Er wischte sich mit einer Hand voll Wasser und dann mit einem schmutzigen Handtuch über das schwarze Gesicht, während der Deutsche fragte: »Wie lange sind Sie hier im Dienst?«

Nach Beendigung der Katzenwäsche zog Tom den gähnenden Mund unglaublich in die Breite und zeigte die weißen Zähne. »Sehr lang … volle vierzehn Tage.«

»Ist das lang?«

»Ja, fünf Tage länger als ein Vorgänger.«

Amatus rieb sich die Nase und sagte: »Und was sind Sie auf der Farm?«

»Everything! Mann und Mädchen für alles! Ich melke die Kühe, koche die Mahlzeiten, kehre das Haus und tue in der Zwischenzeit eines vollen Mannes Farmarbeit.«

»Damn–«, murmelte der Deutsche. Das Fluchen erlernt sich in allen fremden Sprachen am leichtesten. »Sie müssen ein ganzer Kerl sein … was gibt's zum Frühstück heute?«

Der Neger lachte: »Pork, pork von Anfang bis in Ewigkeit! Zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen Schweinefleisch, Schweinefleisch, Schweinefleisch, gekocht, gebraten, geräuchert, und möglichst fetter, zehnfingerdicker Speck, von dem man am wenigsten essen kann. Sir! Darum gehe ich mit der ernstlichen Absicht um, mich zur jüdischen Religion, die bekanntlich alles Schweinefleisch verbietet, bekehren zu lassen.«

»Zu welcher Religion bekennen Sie sich jetzt?«

»Well, ich bin Presbyterianer, Baptist und Methodist gewesen und halte es jetzt strikt und streng mit der Heilsarmee.« Tom begann im Leierkastenton zu singen: Am Kreuz, am Kreuz, wo ich das Heil gefunden.

Der Farmer kam schleichenden Schrittes und fragte: »Bist du bald fertig mit deinem Morgengebet? Mach schnell!« und winkte seinem weißen Gehilfen, der erstaunt den Herrn im täglichen Arbeitsanzuge von hinten betrachtete. In dem ausgefranzten, scheinbar an einem Weggraben gefundenen Hute, in der überall geflickten Kleidung, die nicht einmal überall geflickt war, glich Jönker mehr einem Landstreicher als einem Landbesitzer, der 2000 Äcker, 700 Haupt Rindvieh und 24 Pferde sein eigen nannte. Nur die groben Schuhe waren noch heil, aber mit Hanfbändern, wie sie zum Binden des Getreides gebraucht werden, geschnürt.

Amatus verstand das Striegeln von damals her, da er den Fuhrknechten als Knabe zur Hand ging, und bürstete geschickt und wacker; aber er wurde trotzdem nicht gelobt, sondern getadelt, weil er es zu gut und sauber und zeitraubend mache; und eine Stimme von draußen fragte und sagte: »Putzen Sie die Vollblutrenner eines Grafen? Fixer, fixer!«

Der Farmer hatte mit der Forke den Dung aus der Stalltür geworfen, vor welcher sich im Laufe der Zeit ein förmlicher Düngerberg getürmt hatte. Seine Miene spielte ins Betrübte. »Hä–äm, heute haben wir leider nur leichte Arbeit, die sich ganz und gar nicht bezahlt … aber wir müssen hier etwas wegfahren, sonst können die Pferde nicht mehr aus dem Stall heraus.«

Das war des deutschen Exkandidaten erste Bauernarbeit: Auf einem tiefen, großen Kastenwagen, der unausfüllbar wie das Faß der Danaiden schien, den lieben, langen Tag Dung zu laden, den der Farmer auf den nächsten Acker fuhr und ausstreute. Auf den Fingern schwollen acht blühende Blasen und sprangen auf. Amatus verbiß tapfer das Schmerzgefühl – die Wasserblasen sollten ihm die Bauernlust nicht verleiden.

Aber die Hitze – uha – die ungewohnte Höllenhitze, über 100 Grad Fahrenheit im Schatten!

Er zog allmählich alles bis auf Hut, Hosen, Hemd und Schuhe aus, trotzdem ein Meer von Schweiß vergießend und einen Teich von Wasser trinkend. Aber er tat seine Pflicht und hatte, obgleich der Bauer die Pferde antrieb, immer rechtzeitig das Danaidenfaß des Düngerwagens gefüllt.

Am Abend freilich waren seine meisten Glieder ihm wie erstorben. Und als die Sonne, die ihn gestochen und gequält, endlich unterging, fühlte er erst den schlimmsten Schmerz. Wie weh das tat, wohin sein Finger tastete! Sein ganzer Nacken stand in dick geschwollenen Beulen.

»Was fehlt mir?« fragte er ängstlich.

Jönker lachte ihn aus. »Als Grüner kennen Sie nicht den Brand der amerikanischen Sonne … aber weinen Sie nicht! In drei Tagen wird ihre Beulenkrankheit kurieren.«

Tom war mitleidiger und legte eine kühlende Talgsalbe auf den brennenden Nacken.

Amatus setzte sich hin und schrieb eine neue Seite des Briefes an die Mutter, der allmählich entstand und die neue Heimat beschrieb.

»Am wohnlichsten haben es die Pferde, einen von Feldsteinen aufgemauerten Stall. Überall im Hofe, wo nicht die schwärzlichen Schweine den Grund aufwühlen, wuchert mannshohes Unkraut, das hier üppiger gedeiht, als irgendwo in der Welt. Die Farm umfaßt rund und reichlich 800 Hektar und hat mithin die Größe eines sehr großen Ritterguts. Aber das Herrenhaus! Besteht aus zwei Gebäuden, die zusammen nicht so geräumig sind, wie unsere Dachwohnung im Pappeltale. Eine viereckige Bretterbude mit einem einzigen Fenster gleich Noahs Arche – ist die Küche. Und das Wohnhaus ist ein Blockhaus aus rohen Stämmen mit einer Tür und drei Fensterlein, die Innenwände allerdings mit Zementbewurf gedichtet, aber höckeriger als die Aruper Kirchhofsmauer. Unten nur ein Raum, in der Decke ein Loch, zu dem eine Hühnerstiege emporführt. Die klettere ich hinauf, krieche gebückt durch das Halbdunkel des dachschrägen Bodens, bis ich mein Bett finde, welches ein Lager von ewig raschelndem Maisstroh ist, als wären zwei Dutzend Mäuse an der Arbeit. Doch nicht die Mäuse, sondern die Moskitos sind meine Quälgeister. Bei der Backofenhitze gebrauche ich ein Laken als Bettdecke.«

»Wir täten besser daran, uns zur Ruhe zu begeben, damit wir morgen rüstig sind«, meinte der Farmer.

Amatus warf sich todmüde auf sein Lager. Also das war die leichte Farmarbeit, wie sein Brotherr gesagt hatte. Wie würde die schwere sein? Und würde er den Anstrengungen gewachsen sein? Alle seine Glieder surrten, und sein Nacken brannte. Aber er wollte nicht feige die Flinte d.h. die Forke wegwerfen, und die Blasen an Hals und Händen sollten seiner Bauernlust kein schnelles und lächerliches Ende bereiten. Mutig den Schmerz verbeißend, sprach er sein Gebet, sein Gelübde: »Ja, ich will ausharren und meinen Körper härten zum Kampf wider den Feind meines Lebens. In einem gesunden und starken Körper muß auch die Seele genesen.«

Als die Gäule aus dem Stall heraus konnten, ohne erst einen Dungberg zu überklettern, war Amatus' Nacken rostbraun wie einer Rothaut geworden.

Obgleich der Brotherr die Schweigsamkeit liebte und jedes Schwatzen als zeitraubend streng vermied, nahm er sich doch zehnmal täglich die Zeit, seinem neuen Gehilfen zu sagen, daß er bei der Bibel hätte bleiben müssen und billigerweise nicht mehr als die Kost verdiene.

Jönker benutzte die Augenblicke, wo er selbst sich verschnaufen wollte, zu derartigen Bemerkungen, die dem Gehilfen ein Sporn sein sollten. Aber sie hörten mit einem Male auf – als nämlich Amatus sofort stille hielt und ehrerbietig den Worten des Herrn lauschte.

»Was … was gucken Sie mich an?«

»Ich muß doch genau hören, was Sie mir zu sagen haben.«

Jönker kniff das linke Auge zu und richtete das rechte groß und verwundert auf seinen grünen Gehilfen.

Fortan unterblieben die Invektiven, seitdem sie nicht mehr als Sporn dienten, sondern wie ein Stillgestanden aufgefaßt wurden.

Nach der leichten Arbeit kam die schwere – die Heuernte, die schon manchem frisch Eingewanderten auf einer Viehfarm des südlichen Kansas den Sonnenstich und den Tod gebracht hat.

Amatus rechte, auf der Pferdeharke sitzend, das Gras zusammen, das in zwei Stunden gedörrt war. Aber er stieg oft herunter, um aus dem Wasserkruge zu trinken und seinen Durst zu löschen.

Der Farmer, der von der Mähmaschine aus den fleißigen Wassertrinker beobachtete, ermahnte väterlich: »Junger Mann, trinken Sie nicht so viel Wasser! Das ist sehr ungesund.«

»Ja, wir müssen kalten Kaffee, der den Durst am besten löscht, mit aufs Feld nehmen«, erwiderte der junge Mann.

Worauf Jönker rief: »Mißverstehen Sie mich nicht! O, ich liebe das Wasser und gehöre zu den wenigen Leuten hierzulande, die das Temperenzgesetz halten. Kaffee ist ein schädliches Reizmittel, aber klares Wasser ist gut und gesund, wenn es mit Maß, mit Maß genossen wird.«

»Jawohl, Herr!« bestätigte der Neger und stapfte bedächtigen Schritts zum Wasserkruge.

»He, du gehst, als wenn du einer Leiche zu Grabe folgst«, schrie der Herr ihm nach.

»Ja, mit mir und diesem jungen Manne wird es bald aus sein … puh, eine Hitze zum Stürzen!«

»Tom, wenn du den Sonnenstich kriegst, zahle ich dir tausend Dollars in bar nach deinem Tode.«

Tom sagte gemessen: »Es könnte sein, daß ich Sie bitten müßte, mir heute, als am Sonnabend, meinen Wochenlohn auszubezahlen.«

Des Farmers Züge zuckten schreck- und schmerzbewegt. »Du willst mich doch nicht in der Heuernte verlassen? Nein, wenn du ein Christenmensch bist …«

»
Frenzen und die andern Farmer geben Sonnabends um fünf Uhr ihren Leuten frei, damit sie nach Bellavista reiten und einen guten Abend sich machen können.«

»Sagen wir um sechs!« seufzte Jönker.

»Nein, um fünf!« Tom hob die gespreizten Finger der Hand hervor, als wenn er einem Schwerhörigen sich verständlich machen müsse.

Die Verdeutlichung und die halbe Drohung half, so daß früh Feierabend gemacht wurde.

Amatus saß auf dem Rücken eines Mustangpferdes und sprengte nach Bellavista. Sein erster Gang war nach dem Posthause, wo er einen Brief seiner Mutter und einen schwarzgeränderten vorfand. In dem letzteren teilte Silly ihm mit, daß ihr Vater eines plötzlichen, aber stillen Todes gestorben sei und zuletzt, von seiner Schwester Monika getröstet, einen festen Glauben an Gott gewonnen habe.

Um ungesehen eine Träne zu vergießen, ging Amatus in die Hintergasse, wo der Kehricht und die alten Konservenbüchsen lagen; aber er weinte vielleicht weniger um den Oheim als um die arme Kousine, die den Vater verloren hatte.

Als er heimgekehrt in seinem Bette lag, hatte er, um den Brief seiner Mutter zu holen, nach der sauren Tagesarbeit einen Ritt von 28 englischen Meilen gemacht. Kein Wunder, daß nicht nur die Arme und Beine schmerzten, sondern auch ein andrer Teil des Körpers ihm sehr wund und wehleidig war.

Am Sonntagmorgen versuchte das hagere Gesicht des Farmers leutselig zu lächeln, und er stellte seinem Gehilfen eine kleine, angenehme Sonntagserholung in Aussicht. »Sie sollen mal meine ganze Viehherde sehen, die wir im Korral zusammentreiben wollen … das wird Ihnen Spaß und Freude machen. Satteln Sie mir die Stute Susy, obgleich sie ein bockiger Racker ist!«

Amatus nahm eilig und freudig seinen Hut. Aber der Schwarze wisperte ihm zu: »Wollen Sie Sonntagsarbeit tun? Ich sage Ihnen, es ist ein höllisches Stück Arbeit, 700 Kopf halbwildes Kansasvieh zusammenzujagen.«

Der Deutsche aber hatte eine leidenschaftliche Lust, so viele Rinder auf einem Haufen zu sehen und sattelte Susy. Als er den Gurt straff spannte, legte das Pferd die Ohren zurück und machte ein bissiges Gewieher.

Jönker setzte steifbeinig den Fuß in den Bügel – da stob Susy zur Seite und riß ihn zu Boden. Zornig sprang er empor und schlug mit der ledernen Kuhpeitsche, wohin er traf.

Das Pferd bäumte sich steil. Er zerrte an der scharfen Doppelkandare, daß aus dem Maule blutiger Geifer troff, und schlug und fluchte.

Nun stieß die gequälte Stute einen kreischenden Laut aus, zeigte die Zähne und wollte nach ihrem Herren beißen.

Darüber geriet Jönker in rasende Wut und brüllte: »Tom! Meinen Revolver! Ich will das Biest, das den Hafer nicht wert ist, erschießen.«

Amatus legte sich ins Mittel und bat für die unvernünftige und unverständig behandelte Kreatur: »Lassen Sie, lassen Sie mir das Tier!«

Weil Jönker ganz außer Atem war, ließ er ihm den Zügel und schnaufte nach Luft. »Goddam! Ich will den Racker für seine Haut, für fünf Dollars verkaufen … wollen Sie ihn?«

Rasch; um den Handels rechtskräftig zu machen, rief Amatus: »Ziehen Sie es mir vom Lohne ab! Ich nehme Susy für fünf Dollars.«

»All right!« Jönker schmunzelte in den Bart; aber auch der andere tat es, und alle beide meinten einen guten Handel gemacht zu haben.

Der Käufer führte das keuchende Pferd abseits und redete ihm sanft und verständig zu, es streichelnd und klopfend. Die Sprache des Mitleids schien Susy sofort zu verstehen, denn sie spitzte die Ohren und wurde bald so vernünftig und beruhigt, daß sie sich von Amatus besteigen ließ.

Während des Ritts betrachtete er mit freudvollen Augen den bockigen Racker, der ein tüchtiger Renner war. Jetzt war er glücklicher Pferdebesitzer geworden und damit der erste und kleine Anfang des selbständigen Bauerntums gemacht. Er hätte jubeln mögen: A horse, a horse! A kingdom is a horse. Ein Königreich ist ein Pferd, wenn es auch keinen Hafer und kaum die Haut wert geachtet worden.

Auf einer unübersehbaren, welligen, grüngelben Grasfläche, die mit hoher Stacheldrahtfenz umzäunt war, weidete die bunte und langgehörnte Herde. Beim Anblick der Reiter pflanzte sich ein kurzes, dumpfes Gebrüll von Maul zu Maul, ähnlich einem unwirsch warnenden Zuruf, als wenn die ferner stehenden Tiere in der Rindersprache von der bevorstehenden Störung verständigt würden.

Die alten, schon angelernten Kühe waren klug genug, sich in eiligen Schritt zu setzen und dem Korral zuzustreben. Den Müttern sprangen die großen, blanken Saugkälber nach. Aber dumme Ochsen wollten aus purer Widerspenstigkeit durchaus die entgegengesetzte Richtung einschlagen, und übermütige Färsen hoben steil den Schweif und brachen seitwärts.

»Mehr nach links treiben!« schrie Jönker, »dort, wo Sie niedriges Gebüsch sehen, ist die Höllenschlucht … die infame Kuhfalle, die mir manches schöne Stück Vieh gekostet hat.«

In dem sanft welligen Gelände war die von Buschwerk verdeckte Schlucht, die mit steil abstürzenden Rändern wie ein tiefer Krater sich auftat, eine merkwürdige Naturerscheinung.

Amatus, der dicht an dem Abgrund vorbeiritt und einen Blick in die unheimlich gähnende Tiefe hinunterwarf, riß unwillkürlich Susy zur Seite. Ein Schwindelgefühl umfing ihn, ein ihn plötzlich durchzuckendes, ahnendes Angstgefühl, als wenn dieser Abgrund ihn bedrohe und er vor der Höllenschlucht sich hüten müsse.

Die Herde wurde zu einer dicken, sich vorwärts wälzenden Staubwolke, aus der Gestampf und Geschrei, Gebrüll und Peitschengeklatsch über die Prärie klang. Jeder Ausbrecher mußte umritten und zurückgetrieben werden.

Susy und ihr Reiter dampften von Schweiß. Amatus hatte die Kehle voll Staub und sagte heiser, daß es ein hartes und heißes Sonntagsvergnügen sei.

Jönker lachte lustig. »Wie viele Menschen tanzen sich zum Amüsement noch teufelsmäßiger in Schweiß und Asthma.«

Als der letzte Kuhschwanz im Korral verschwand, kam nach der Arbeit das Vergnügen, für den Besitzer, der seine Herde zählte und in Gedanken den Geldwert schätzte, und vielleicht noch mehr für den Gehilfen, der zum erstenmal so viel Vieh in einem Haufen sah und mit den hell leuchtenden Augen der Bauernlust an dem Anblick sich weidete.

Freilich, die geweihlangen Hörner gefielen ihm nicht.

»Psja«, brummte Jönker, »das ist die Texasrasse, die sich nicht herauszüchten läßt. Ich habe mir die teuersten Bullen verschrieben … die direkten Nachkommen waren ja besser gebaut, aber schon im dritten Gliede ist das akkurat so langgehörnt und hochbeinig wie zuvor.«

Amatus betrachtete unverwandt das bunte Gewoge. »Siebenhundert Stück.«

»Hm, einmal hat ein guter Nachbar uns das Texasfieber ins Country hereingeschleppt … reichlich vierhundert fielen wie die Fliegen hin und krepierten mir in einer Woche … das war ein Jammer … überall die stinkenden Kadaver.«

Trotz der lieben Not, die ein Viehfarmer des Westens hat, kam der Deutsche nicht aus dem Staunen und sagte ergriffen: »Welche Herde, welche Herde!«

»Ja, wenn man sie in Deutschland hätte, wäre man ein reicher Mann. Sehen Sie diesen tüchtigen Ochsen hier, der seine 1100 Pfund wiegt! Und was meinen Sie, daß er wert ist? In Kansas City bringt er nicht mehr als 25 Dollars.«

»Die Masse macht's … und die schweren Kühe!«

»Kühe sind kaum los zu werden und Pferde gar nicht, gar nicht zu verkaufen.«

Amatus runzelte die Stirn. »So! Sie sind doch heute ein Pferd los geworden und haben wir Susy verkauft.«

»Das war ein Gelegenheitshandel, mein Lieber.« Jönker kaute behaglich, als wenn auch er sein kleines Sonntagspläsier habe.

Während der Abwesenheit der beiden hatte Tom das Schweinerne geschmort und als Sonntagsgericht zwei Apfelpasteten gebacken, von denen die eine, die er unter kühlendem Geblase verschlang, längst in seinem Magen ruhte.

Der Farmer schielte über den Tisch und knurrte: »Das süße Zeug ist nicht gut für die Zähne.«

»Wenn Sie nicht mögen, Herr, werden wir zwei, so Gott will, allein damit fertig«, sagte der Neger salbungsvoll.

Statt einer Antwort schnitt Jönker hastig die Pastete in drei Teile und gabelte den größten auf seinen Teller.

Nach dem Essen legte alles sich nieder. Der Sonntag ist in Amerika ein streng gehaltener Sabbat und für die meisten Menschen ein Tag des Schlafes.

Amatus, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, streckte sich zur Siesta in den Schatten des Ahorns. Durch die glühend schwere Luft klang Menschengeschnarche, ein surrendes Summen der Mücken und Insekten-Myriaden, mit denen dieses Land vom Zorn des Schöpfers gesegnet ist. Aber der beißende Rauch stand wie eine Schutzmauer rings um den Ruhenden, der des Nichtstuns Süße auskostete und von wogenden Rinderrücken, die ihm gehörten, träumte.

Wohl war das Tagwerk hart und alle Glieder des Morgens ihm wie eingerostet, bis er durch neue Arbeit sie geschmeidig gemacht. Aber der kühne Stegreifsprung von der Kanzel auf den Düngerhaufen und hinter den Pflug gereute ihn nicht, weil er fühlte, wie unter der körperlichen Arbeit und in der frischen Luft Kräfte in ihm wuchsen und der Geist zu einer gesetzten Ruhe kam. Waren das die Nerven, welche genasen und wie neu wurden?

Ein Falter flog träge, setzte sich auf die Sonnenblume und schien einzuschlummern. In allem Unkraut zirpten die kleinsten und unnützesten Lebewesen. Hinter dem Steinwalle standen die Pferde, die hängenden Köpfe zusammengesteckt, und wehrten sich gegen die Feinde – die Fliegen. O, die kitzelnden Kansasfliegen bei Tage und die beißenden Kansasmücken in der Nacht! So große, feiste und unverschämte Fliegen hatte der Deutsche noch nicht gesehen. In Ägypten zur Zeit der Plagen konnte das kaum ärger gewesen sein.

Amatus sah immer verschwommener bunte Rinderrücken und schlummerte, je und dann gestochen und gestört. Er erwachte von Toms Singsang, der eine schwermütige Melodie jöhlte. »Down, down in Arkansas in the deep deep grave – Dort unten in Arkansas im tief tiefen Grab.«

Gegen Abend, als die Hitze sich mäßigte, schlenderte der Deutsche an dem Flusse entlang, dessen Ufer ein gelichteter und zur Weide mißbrauchter Wald umkränzte. Bob, der Schäferhund, durfte ihn begleiten und erhob ein Freudengebell.

Lauschend dem Gemurmel des Wassers, das über die Steine seicht und schläfrig rollte, mit dem qualmenden Rauch in die Mückenschwärme blasend, folgte Amatus einem Pfad, den die grasenden Pferde getreten.

Schneller Hufschlag näherte sich – er trat von dem schmalen Steige hinter eine Eiche und sah durch das Gebüsch einen rötlichen Schimmer. Es war das feuerrote Kleid einer Reiterin, deren Gesicht der riesige Strohhut völlig verdeckte. Bob fuhr bellend hinter dem Baume hervor.

Das im kurzen Cowboy-Galopp gehende Pferd machte einen plötzlichen Hoch- und Seitensprung. Doch die Reiterin rückte kaum im Sattel. Aber ein Zweig riß ihr den Sonnenhut vom Kopfe und hielt ihn fest, ihre Haarflechte löste sich und flatterte lang und schwer herab.

Es war ein Mädchen von nicht mehr als fünfzehn Jahren, das mit blitzenden Augen ihn ansah und das Roß parierte. Trotz der gerunzelten Stirn, trotz der Röte vom raschen Ritt, trotz der auffallenden Sonnenbräune hatte ihr Gesicht etwas sehr Lichtes – nämlich jene Helle der unberührten Kindesunschuld.

Amatus rief ihr höflich und hilfsbereit zu, daß er in den Baum klettern und den Hut herunterholen werde.

Halb zornig und halb lächelnd blickte sie in der Waldeinsamkeit den fremden Mann an. »Nein, lassen Sie! Help yourself!«

Und sie half sich selber und zwängte das Pferd unter den Zweig. Husch-husch knisterte das Kleid, husch-husch hüpfte sie aus dem Bügel auf den Sattel hinauf, auf dem sie kerzengerade wie eine Kunstreiterin stand und ihren Hut sich holte. Mit einem graziösen Hops saß sie wieder unten und hielt eine lange Hopfenranke, die sie vom Zweige losgerissen hatte.

Dem Deutschen blieben die Augen sperrweit offen stehen.

»Was stehen Sie hier auf der Lauer? Wenn ich wie Absalom mit meinen Haaren in der Eiche hängen geblieben wäre?« sagte sie keck und bibelkundig.

Ihm war die Rede noch wie verschlagen, und er zog ungeschickt den Hut, mühsam ein Excuse me aus dem Halse herausholend.

Übermütig warf sie dem Verdutzten die Hopfenranke wie einen Lasso über den Kopf, wandte sich im Sattel und kicherte im Weiterreiten: »Gefangen, gefangen! Mein Herr, bleiben Sie hier still und wie in Stärke gefallen stehen, bis ich mit unsrer Brandmarke komme und Sie als unser Eigentum brenne.«

Jeder Farmer hat für seine Herde eine eigene, amtlich geschützte Brandmarke.

Das Mägdlein hatte wohl von dem grünen und an Körperlänge großen Deutschen gehört. Amatus aber ahnte nichts von dem Dasein dieses jungen und schönen Weibes und wähnte, daß er auf der Prärie einer Zirkusdame begegnet sei; und seine Eitelkeit seufzte, daß er sich dumm wie ein gebranntes Öchslein benommen habe. Lange noch, nachdem jeder Hufschlag verklungen war, sah er das rote Kleid und das sonnenbraune Gesicht, und wie die zierliche Gestalt hoch oben auf dem Sattel in der Schwebe stand. Es war ein eben so lebendes wie liebliches Bild gewesen.

Zu Hause befragte er Tom Lincoln, welcher sofort erklärte, daß die rote Reiterin niemand anders als Bertie Frenzen, des Nachbarfarmers Tochter, gewesen sein könne. »Ist ein Wildfang, aber auch ein verdammt kouragiertes Frauenzimmer, das über jede Fenz hinwegsetzt und beim Zusammentreiben einer Herde besser als ein Cowboy zu gebrauchen ist. Sie wird, so Gott will, dabei einmal den Hals brechen.«

Als Anhänger der Heilsarmee führte Tom das fromme »So Gott will« viel im Munde, es an gelegener und ungelegener Stelle seiner Rede einflickend.

Der alte Farmer plierte mit dem rechten, dem pfiffigen Auge. »Häm, mögen Sie die Dirn leiden? So gehen Sie doch heute abend hinüber und besuchen Sie Frenzen!«

»Was würde der für Augen machen, wenn der Farm– Farmknecht seines Nachbars ihm einen Besuch machen wollte?«

»Junger Mann, Sie sind in Amerika, wo es keine Standesunterschiede gibt«, sprach Jönker mit Pathos.

»Was die farbigen Bürger?« fragte der Neger streitsüchtig.

Sein Herr zitierte ein Spott-Sprichwort der Südstaaten: »Der Knüppel regiert den Hund und der Strick die farbigen Herren. Amatus, es ist besser, Sie bleiben hier! Wer die Nacht vertändelt, taugt am Tage nichts. Weibergunst war nie umsonst. Prinzipiell dulde ich keine Frauenzimmer auf meiner Farm, seitdem ich vor Jahren eine Haushälterin hatte, die vor Gericht ging … jaja …«

»Und wegen gebrochenen Eheversprechens Sie verklagte.« Der grinsende Neger gab's dem Herrn zurück und war gut unterrichtet.

Worauf Jönker einen langen und gotteslästerlichen Fluch sprach. »Seitdem dulde ich nichts Weibliches in meiner Nähe und esse noch lieber das Brot, das ein männlicher Koch mit seinen schwarzen Fingern knetet.«

»Herr!« sagte Tom gekränkt, »der schwarze Koch mit den schmutzigen Händen möchte, so Gott will, zum Sonnabend kündigen!«

Nun lamentierte Jönker: »Mach mich nicht unglücklich in der Heuernte! Ich sage nichts von deinen Händen und nehme vor allen farbigen Herren den Hut ab.« – – –

Das Heueinfahren war, wie der Neger sich ausdrückte, eine unmenschliche und mörderische Mauleselarbeit. Bauernlust und -mut waren bei dem deutschen Kandidaten zuweilen am Ausgehen. Einmal hatte er die Flinte ins Korn d.h. dem Herrn die Forke vor die Füße geworfen, als dieser ihn anschrie: »Goddam! Sie tragen wie eine Krähe zu Nest!«

Das Ausforken auf dem Felde, wo mitunter ein kleiner Luftzug fächelte, war noch erträglich. Aber das Abladen in dem dunstig schwülen Schuppen, das Auseinanderreißen der geschichteten, gestampften und verfilzten Masse – das war oft unmenschlich und zum Umfallen.

Jedoch nach zwei Wochen war auch diese schwerste Arbeit des amerikanischen Bauers gelernt, so daß der Farmer, der selbst lud und die hinaufgeworfenen Heuberge kaum bewältigen konnte, wohlwollend schmunzelte: »Mein Sohn, nun sind Sie gesalzen.«

Nach Feierabend reckte Amatus die sehnigen Glieder, die nirgendswo schmerzten. Alle seine Muskeln waren gestählt, und das Bewußtsein der strotzenden Körperkraft und des völligen Gesundseins war ein unendlich angenehmes und auch stolzes Gefühl.

Jönker rauchte bedächtig seinen billigen Tabak und sagte wenig. Aber, wie schon früher, warf er kurze Fragen hin und hörte gern seinem Gehilfen zu, wenn dieser von dem alten Vaterlande und seiner schleswigschen Heimat erzählte. Mit den Verhältnissen und Örtlichkeiten des meerumschlungenen Ländchens schien er recht vertraut und zeigte für alles, was diese neue Provinz Preußens betraf, am meisten Interesse.

»Drei Jahre die Pickelhaube tragen müssen, ist zum Davonlaufen … die dänischen Nordschleswiger desertieren natürlich viel?«

»Nein, es kommt äußerst selten vor«, antwortete Amatus, »meine Landsleute haben zu viel Ehrgefühl, um zur erbärmlichen Fahnenflucht zu greifen.«

Jönker biß in die Pfeifenspitze und brummte: »Was wissen Sie von Ehrgefühl und erbärmlicher Fahnenflucht!«

»Will ein Nordschleswiger nicht dienen, so entzieht er sich vorher durch Auswandern der Militärpflicht …«

»Und geht in Nacht und Nebel bei Foldingbro über die Grenze, nicht wahr?«

Amatus [später entfallen: blickte in das spöttisch verzogene Gesicht des alten Mannes – hatte es nicht in diesem Augenblick etwas Spitzbübisches? Ein Befremden kam ihm, und er] stellte plötzlich die Frage: »Was wissen Sie von Foldingbro? Sind Sie Schleswigholsteiner?«

»Häm, so halb und halb«, lautete die herausgepaffte und halbe Antwort.

[Später entfallen: Jönker zog an der schmutzig singenden Pfeife und schwieg.

Der Deutsche betrachtete ihn von der Seite mit einem ungewissen Argwohn. Hatte dieser Mann in seiner Vergangenheit irgend etwas zu verbergen, da er über seine deutsche Herkunft und Heimat nur ausweichende Antworten gab? –]

Oberhalb der breiten Waldschlucht des Flusses lag die grüngraue Prärie, so weit sie zum Grasschnitt benutzt wurde, zaunlos und ohne Grenzscheide. Über der Bellavistaer Gegend ballten sich dunkle Wolken. Jönker, der geflissentlich an Gehörschwäche, aber auch, wenn es angebracht war, an Gehörtäuschungen litt, behauptete bei Gott, ein Grollen zu hören, und trieb zur Eile an. Er lud wie toll, während der Deutsche und der Neger von beiden Seiten auf den Wagen forkten.

Mit einem Male stob ein mächtiger Stier, und hinter ihm sprengte, die Lederpeitsche schwingend, jene junge Sonntagsreiterin, aber nicht im feuerroten, sondern im grauen, allzu kurzen Werkeltagskleide.

Mit der Forke bewaffnet, sprang Amatus mutig dem Stiere entgegen, welcher bös und brummend die Hörner senkte, aber seitwärts schwenkte.

Bertie Frenzen wiegte sich im kurzen Galopp und rief: »Wenn Sie mir helfen würden, ihn in Ihre Hürde hinein zu treiben!«

Der hilfsbereite Deutsche rannte mit der hoch geschwungenen Forke übers Feld, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade anzusehen. Einsam, groß und glotzend stand Jönker auf dem Wagen und fluchte feierlich und sprach ein immer längeres und lauteres Goddam nach dem andern. Tom, der zwischen die Hinterräder gekrochen war und wie ein Gorilla grinste, unterdrückte das Gelächter dadurch, daß er sich den Mund mit Kautabak füllte.

Als der Bulle glücklich in der Hürde war, zupfte die Reiterin ihr kurzes Kleid um zwei Zoll länger und lachte Amatus mit den dunklen Augen und den weißen Zähnen an. »Warum haben Sie sich noch nie bei uns sehen lassen? Fürchten Sie sich vor mir?«

Lächelnd gab er zurück: »Ja, wo solche Augen unter dem Sonnenhut hervorsehen, schaut die Gefahr um die Ecke.«

Da brüllte der Farmer durch die vorgehaltenen Hände. »He! Wer bezahlt mir mein Heu, wenn es verdirbt? Das Mädchen ist Manns genug, um selbst ihren Bullen zu bändigen. Tom, Tom!«

Unter den Hinterrädern kam der Neger hervor und sagte salbungsvoll: »Über ein Kleines werdet ihr mich sehen … Herr, fluchet und sündiget nicht so schrecklich!«

Nach Verlauf von zehn Minuten ritt Bertie über die Prärie und führte den Stier, wie eine Milchkuh, am Lassoseile mit sich. –

Das letzte Fuder Heu war eingefahren. Als Tom verlauten ließ, ob nicht die Beendigung der Ernte durch eine kleine Festlichkeit zu feiern sei, litt der Farmer an großer Gehörschwäche.

In der Frühe des Sonntags bestieg Amatus seine Stute, die durch verständige und milde Behandlung ein brauchbares Tier geworden war, um nach Bellavista zu reiten. Wo der Weg durch den Fluß über eine von hineingeworfenen Steinen gebildete Furt führte, erwachte in Susy die alte, bockige Natur, und sie wollte durchaus den festen Grund und Boden nicht verlassen. Darum stieg der Reiter ab und streichelte das Pferd, bis es sich bewegen ließ, seine Schuldigkeit zu tun.

Noch hatte die deutsche Kirche in Bellavista keinen Prediger gefunden, der geneigt gewesen wäre, für ein Gehalt von zweihundert Dollars das Wort zu verkünden und die Sakramente zu verwalten. Deshalb band der Deutsche sein Pferd vor dem Gotteshause der Presbyterianer an.

Ohne daß der er ihr Kommen bemerkt, stand Bertie Frenzen in dem feuerroten Kleide vor ihm. »Guten Morgen, Herr Schüchtern! Mein Vater ist auch ein Deutscher, und wir sind Landsleute, wenn ich auch hier geboren bin und lieber amerikanisch spreche.«

»Sprechen Sie nur amerikanisch!« lächelte Amatus.

»Well, weil Sie von selbst nicht kommen … holen Sie mich heute Nachmittag zu einer kleinen Wagenfahrt ab! Das ist amerikanisch, nicht wahr?«

Ja, das war von einem fünfzehnjährigen Mägdlein sehr amerikanisch gesprochen; und er zupfte nachdenklich am Schnurrbart, doch nicht darum, weil er an ihrer Aufforderung moralischen Anstoß nahm, sondern aus einem andern Grunde.

»Gern und mit großer Freude täte ich es, Fräulein Frenzen, wenn – wenn ich nur eine Chaise hätte.«

Sie wußte sofort Rat. »Reiten Sie doch zu uns hinüber, dann nehmen wir unsern Wagen.«

Während der Predigt war der Kandidat ein recht unaufmerksamer Zuhörer, denn auf der Bank vor ihm saß das feuerrote Kleid, und das störte seine Andacht, obgleich er sich christlich bemühte, das kaum der Schulbank entwachsene Mädchen für frühreif zu halten. Nach dem Amen aber entschuldigte er Bertie mit ihrer kindlichen Naivität und den freieren Sitten des Landes. –

Mit stolzem, hohem Gang trabte Susy, vor die Frenzensche Chaise gespannt, und das Pärchen fuhr von dannen, zwar ohne Segenswunsch, aber doch mit Wissen der Eltern, die ihren Mittagsschlaf hielten.

Viele törichte Fragen stellte Bertie. Ob es wahr sei, daß jeder zweite Mensch in Deutschland eine Pickelhaube trage? Ob die preußischen Prinzen, die mit zehn Jahren Leutnant würden, schon in der Wiege Uniform an hätten? Warum man bei den vielen Denkmälern, den Stand-, Steh- und Sitzbildern, die in Deutschland errichtet würden, nicht auf den schlauen Gedanken gekommen sei, eine Denkmalsfabrik in Berlin oder Blasewitz zu errichten? Natürlich alle Größen der Nation in verschiedenen Größen und zu festen Preisen!

Er lachte laut. »Jawohl, die großen Generalfeldmarschälle vier Meter hoch in Bronze, die kleinen Generalsuperintendenten in Sandstein bedeutend billiger.«

»Generalsuper–?« Bertie war baß verwundert, was das für ein Geschöpf sei? Und ob das auch Uniform trage? Eine Viertelstunde lang hatte sie ihren Spaß daran, das komisch lange Wort zu radebrechen, bis sie es ohne Stottern aussprechen konnte: »Ge–ne–ral–su–per–in–ten–dent.« Die kleine Amerikanerin hatte einen tollen Wissensdurst, den der akademisch gebildete Deutsche nicht immer zu befriedigen vermochte.

In Bellavista angekommen, bat sie äußerst schnell und plötzlich ihren Begleiter, Halt zu machen und das Pferd am Pfosten anzubinden. Etwas baff und fragend sah er sie an.

Bertie nickte ungeniert: »Ich will auf einen kleinen Augenblick aussteigen.«

Er nickte ein langgedehntes »All right« und blieb in eignen Gedanken ruhig sitzen, ohne ihr mit den Augen zu folgen.

Fräulein Frenzen stand auf dem Holztrottoir und brach in ein helles Gelächter aus. »Ja, hier ist eine Konditorei … weil Sie so freundlich gegen mich gewesen sind, will ich Schokolade und Kuchen für Sie ausgeben.«

Amatus, der so an seine Gentlemanspflicht sich erinnern lassen mußte, wurde feuerröter als ihr Kleid und machte einen Luftsprung aus dem Wagen auf den Bürgersteig hinüber.

Alles, was des Mägdleins Herz begehrte, hat er bestellt und bezahlt. Und Fräulein Frenzen brachte es fertig, für einen Dollar Schokolade, Kuchen und Konfekt zu verzehren.

Sittsam wie die Ausfahrt war die Rückkehr, obgleich der flüsternde Abend, der verschwiegene Versucher aller jungen Herzen, niedersank. Der junge Mann strich, vielleicht nicht zufällig, über etwas Handschuhloses und Hellbraunes – und erhielt in demselben Augenblick einen festen Schlag auf die Finger.

Da hielt der Wagen, und Susy stand, die Füße in den Grund gestemmt, in ihrer bockigen Stellung. Es war genau der Fleck, wo die Wege nach der Frenzenschen und der Jönkerschen Farm sich trennten. Susy wollte um keinen Preis nach links.

Darum sprang Bertie von ihrem Sitz und lief rücklings, geschickt und graziös, immer grüßend und lachend, ihrer Farm zu.

Amatus kam mit seiner eignen Stute und einem fremden Wagen heim. Obgleich Susy ihn schwer geärgert hatte, züchtigte er sie nicht. 

Der Montag hellte sich. Tom Lincoln schnarchte auf der Küchenbank und reagierte weder auf Rütteln noch Nasengekitzle. So nahm der Deutsche zu einem Wassergusse seine letzte und erfolgreiche Zuflucht.

Der Neger reckte sich und flüsterte: »Haben Sie vielleicht einen Tropfen Whisky in ihrem Koffer? So Gott will, haben Sie es … ich habe mir gestern einen guten Tag gemacht.«

»Bei der Heilsarmee?«

»Mensch, was meinen Sie!«

»Mensch!« gab Amatus erschrocken zurück, »wissen Sie nicht mehr, wo Sie sind? Woher in Kansas Whisky nehmen?«

Tom seufzte kopfschwer: »Die es bezahlen wollen und können, kriegen auch im Temperenzlande alles für schweres Geld.«

Das war dem Deutschen etwas Neues, worauf seine Gedanken oft und unwillkürlich zurückkamen. Doch fragte er den Neger nicht näher aus. Und als er sein Abendgebet sprach, fluchte er, ja, er fluchte, von einem heiligen Zorn ergriffen: »Der Teufel soll es holen! Hier glaubte ich mich sicher vor der verruchten Alkoholseuche der Menschheit.« Er zwang seine Gedanken, nicht daran zu denken, daß es Whisky in Kansas gäbe, und erneuerte den Entschluß, das Temperenzgesetz des Landes nicht zu übertreten.

Unter diesem Abendgebet faßte ihn auch eine Reue, daß er gestern für Bertie Frenzens Schleckereien einen ganzen Dollar vergeudet. Vier Mark! Wenn er die seiner Mutter nach Norderhafen gesandt hätte, wie würde die sich gefreut und das Geld nützlich angewandt haben! Teure Wagenfahrten und dergleichen törichte Dinge wollte er in Zukunft meiden. Das war sein zweiter Entschluß. –

Das Barometer sank. In möglichster Eile sollte der gemähte Weizen in Diemen gefahren werden. Amatus hatte sich am Brote satt gegessen, schluckte hastig den letzten Bissen und ließ das Schweinerne unberührt stehen. Auch er hegte jetzt den Wunsch, die jüdischen Speisegesetze in die christliche Religion aufzunehmen.

Über die Ackerfläche des tiefschwarzen und furchtbaren Flußbodens fuhr der Wagen die Hockenreihen auf und ab. Hochoben stand Tom und legte die Garben, und der Neger hielt inne und die Hand über die Augen.

»Zum Donnerwetter, was guckst du? Mach zu!«

»Herr, ich sehe einen Mann, der sich drüben beim Hause zu schaffen macht.«

»Hast du alle Türen verschlossen?«

»Yes, Sir … nun hat er uns gesehen und kommt übers Feld.«

»Laß ihn in Gottes Namen kommen und mach' in des Teufels Namen nur zu, nur zu!«

Der Mensch, der näher schlenderte und zum Hute griff, ohne ihn abzunehmen, war [später entfallen: sehr] zerlumpt.

Jönker brummte leise: »Ein Tramp! Ich gebe Landstreichern keinen Cent!« Und laut und barsch fuhr er den Fremdling an: »He! Was wollen Sie? Arbeit? He?«

Der Zerlumpte, der das Englische gebrochen sprach, zeigte auf sein umbundenes Handgelenk, das er sich beim Heumachen verstaucht haben wollte, und hat um eine Kleinigkeit.

Es ist nicht schwer, aus der Eigentümlichkeit der Aussprache die Herkunft eines Eingewanderten herauszuhören. Jönker stutzte und fragte: »Sind Sie ein Däne?«

»Nein, Nordschleswiger.«

Nun hörte auch Amatus auf zu arbeiten und horchte.

»Woher denn da?«

»Aus Apenrade.«

»Soso! Und warum sind Sie aus Nordschleswig fortgegangen?«

»Ich wollte nicht bei den Preußen drei Jahre dienen.«

Jönker sah ihn an und summte und griff großmütig in die Tasche und gab, nachdem er ein paar Mal das Geldstück gedreht, ehe er sich davon trennen konnte, dem Landstreicher die Münze.

Amatus gewahrte, daß es ein Vierteldollar war, und war starr vor Staunen.

Eilig machte sich der Tramp von dannen, als ob er fürchte, [später entfallen: daß] der Geber sich versehen und vergriffen haben [später hier entfallen: könne].

Dieser Vorgang und die unerklärliche Großmut des Geizhalses ging dem deutschen Nordschleswiger während des ganzen Vormittages durch den Kopf.

[Später entfallen: Nach beendetem Mittagsmahle sagte der Farmgehilfe plötzlich und unvermittelt:] »Herr Jönker, Sie sind Nordschleswiger.«

Unter den grauen Brauen schoß ein schräger, mißtrauischer Blick zu ihm hinüber. »Darf ich das nicht sein?«

»O, dann sind wir ja Landsleute … ich stamme von Arup oben an der Grenze.«

Das hagere Gesicht zog sich in die Länge und blieb so mit halb offnem Munde stehen. »Von Arup? [Später entfallen: Kennen Sie auch das Dorf Hellebäck?«

»Gewiß, dort hatte mein Großvater Berg einen Bauernhof.«

Der Farmer schnellte empor. »Ihr Groß–va–ter? Good heavens! Himmel! Himmel! Wie wunderbar! Kommen Sie mit ins Haus hinüber!«

Eilig voraus rennend, bis er außer Hörweite des Negers war, blieb er auf der Veranda stehen und sah Amatus ins Angesicht und legte beide Hände auf seine Arme. »Ist das möglich? Ich habe Sie immer bei Ihrem Vornamen Amatus genannt, aber weiß doch von der Predigerwahl her, daß Sie Junker heißen, nicht wahr? Und Ihres Vaters Vorname?«

»Mein Vater heißt Hans Junker und war Totengräber in Arup.«

Der Farmer ließ die Arme schlaff herabfallen und schnappte nach Worten. »Du … du bist mein Brudersohn … und ich bin Tycho Junker … hast du von dem gehört?«

Amatus zitterte so, daß er sich an die Verandasäule lehnen mußte, und war dermaßen kopflos, daß er die sinnlose Frage stellte: »Der Onkel Tycho … der … in der Schlacht bei Schleswig fiel?«

»Nein, wenn ich erschossen wäre, stünde ich nicht lebendig hier … ich bin damals von den Dänen, für die ich nicht mein Leben riskieren wolle, desertiert.«

»A–ber«, stotterte Amatus, noch immer fassungslos, »Sie – Sie heißen doch Jönker …«

»Das ist ja nur die amerikanisierte Aussprache des deutschen Junker.« Tycho strich sich das Kinn, versuchte zu lächeln und wiegte den Kopf. »Eine ganz unglaubliche Geschichte, wenn sie nicht wahr wäre! Mein leiblicher Brudersohn will hier Pastor werden und wird farmhand bei mir. Und meinem Bruder geht es gut? Und Monika?«

»Ja, mein Vater ist Gerichtsdiener in Norderhafen.«

»Geschwister hast du?«

»Zwei Schwestern.« Amatus wurde immer gerührter. »Onkel, wie werden sie erstaunen, wenn ich das nach Hause schreibe.«]

[Später ergänzt im Anschluß an die Frage »Von Arup?«: Wie heißt du denn?« Er hatte seinen Gehilfen stets nur Amatus genannt, wie das auf der Farm üblich ist, und auf den Zunamen nicht geachtet.

Jetzt kam der Effekt: »Wir sind sogar sehr nahe Verwandte … mein Vater heißt Hans Junker und war Totengräber in Arup und ist Ihr Bruder.«

Der Alte streckte nicht die offenen Arme aus, sondern prallte zurück mit einem unsagbar argwöhnischen Blick und pfiff durch die Zähne. »Sieh, das Grünhorn scheint ein ganz smarter Kerl zu sein … du hast doch wohl in meine Farm verliebt, mein Sohn? Da kann jeder kommen und sagen: Mister Jönker, ich bin Ihr Neffe aus Nordschleswig und verspüre große verwandtschaftliche Zuneigung d.h. Neigung, die Farm und das Vieh einmal zu erben. Mein Brudersohn willst du sein? Junker heißen viele. Hast du darüber Ausweispapiere?«

»Ja, Gott sei Dank, ich habe Ausweispapiere, von Ihrer eignen Hand geschrieben.« Amatus holte den Brief, den Tycho an seinen Bruder gesandt hatte, aus der Tasche. Das war eine zweifellose Legitimation des neuen Neffen, aber der Farmer öffnete noch nicht seine Arme, sondern brummte: »All right, er ist mein Brudersohn … aber warum hat der Schlingel einige Wochen lang herumspioniert und Komödie mit mir gespielt?«

»Lieber Onkel, warum hast du 38 Jahre lang den Toten gespielt und dem leiblichen Bruder keine Zeile geschrieben?«

»Es hatte seine Gründe!« Jönker zupfte den Neffen am Ohrläppchen. Das wollte eine Liebkosung sein und war das einzig Gefühlvolle an dieser Erkennungsszene. »Well, ich habe gesehen, daß du kein Faulpelz bist, sondern die Fäuste gebrauchen kannst. Du wirst natürlich bei mir bleiben und wie mein Sohn gehalten werden, aber arbeiten mußt du wie bisher.«

»Jawohl, und bezahlt wird meine Arbeit auch wie bisher.«

»Was? Du bist doch nicht mehr mein Farmknecht, sondern mein Sohn und Erbe … wir stehen nicht in einem Dienst- und Lohnverhältnis, sondern ich bestreite alle deine Bedürfnisse!«

Der Oheim suchte aus dem neuen Verwandtschaftsverhältnis seinen Vorteil zu ziehen und fing schnell ein anderes Thema an. »Was hast du denn von deinem Onkel Tycho zu Hause gehört? Wohl nicht viel Gutes?«

»Ich hörte, daß Onkel Tycho in der Schlacht bei Schleswig gefallen sei.«

»Nein, Gott sei Dank nicht … wenn ich erschossen wäre, stünde ich nicht lebendig hier … sie glaubten alle, daß ich gefallen wäre, und sie sollten es glauben … ich bin damals von den Dänen, für die ich nicht mein Leben riskieren wollte, desertiert.«

Tycho [später entfallen: aber] hatte die Erregung und Überraschung verwunden und die Ruhe des Gemüts wiedergewonnen. »Ja, bis die Gäule gefressen haben, kannst du mir erzählen, aber ein bißchen schnell!« Nach alten Bekannten erkundigte er sich, von denen die meisten schon tot waren.

Zuletzt stellte der Neffe die Frage: »Du wurdest von allen tot geglaubt … wie ist das zugegangen in der Osterschlacht, daß man dich für gefallen hielt?«

»Ja, das ist eine eigene und kuriose Sache.« Tycho schmunzelte und sah nach der Uhr. »Aber jetzt haben wir dazu keine Zeit. Heute abend nach Feierabend will ich es dir umständlich erzählen, jaja, hihi … wie ich in der Schleswiger Schlacht fiel und nicht tot, nicht einmal verwundet war und den Dänen entwischte.«

Des Neffen Geduld wurde bis zum Abend auf eine lange Probe gestellt.

Endlich dunkelte die Julinacht, die Leuchtkäfer zogen wie Glühfäden durch die Luft, und die Mücken surrten. Tycho zündete sich die Pfeife an, paffte bedächtig und erzählte zwischen den langsamen Zügen in abgerissenen Sätzen.

»Ich war [später entfallen: ja] in die Uniform gesteckt worden und mußte mit … aber wollte doch nicht für die Dänen, die ich haßte, mein Leben zusetzen … der Mensch hat ja nur eins zu verlieren. Zu gefährlich geht's im Kriege her … lange hatte ich darüber spintisiert und spekuliert … als die Kanonen krachten und die Kugeln pfiffen, faßte ich mir ein tapferes Herz und den festen Entschluß, es zu versuchen. Bei dem Dorfe Busdorf flohen wir vor den Preußen … ich war der erste …«

»Auf der Retirade?« flickte Amatus ein, während der Erzähler paffte.

»Ja, natürlich auf der Flucht … ich sprang tief gebückt, um den Kugeln möglichst wenig Zielscheibe zu bieten, über das Feld … beim Überklettern eines hohen Knicks kam ich von ungefähr und mit Absicht zu Fall und schlug längelang hinter demselben hin, so geschickt und glücklich, daß ich im Graben zu liegen kam, der mich gegen Kugeln schützte … ein, zehn, zwölf Dänen oder Preußen traten und trampelten auf mich … ich gab keinen Auwehlaut und kaum einen Atemzug von mir, sondern lag mäuschenstill und wie mausetot … das Getümmel und Geknalle verzog sich in der Ferne nach Schleswig hinüber … und ich blieb immer, ohne mich zu rühren, liegen …«

Der Neffe bezwang das Lachen nicht, »Haha, und du warst nicht einmal verwundet.«

»Nein, Gott sei Dank nicht! Meinst wohl, ich sei ein schlechter Held gewesen … für die verdammten Dänen wollte ich nicht Kanonenfutter sein … und acht Stunden lang in einem nassen Grabe auf dem Bauche liegen, ist auch ein Heldenstück, das ich tapfer ausgehalten habe.« Der Onkel schmunzelte verschmitzt und schmauchte.

»Wurden denn die Verwundeten nicht in die Lazarette geschafft?« fragte Amatus.

»Ja, ein paar preußische Ambulanzen gingen an mir vorüber und sagten: ›Der da ist schon fertig‹ , und gaben dem toten Hannemann, der keinen Ton von sich gab, einen Stoß mit dem Fuße. Als es ganz dunkel und still geworden, steckte ich mein bißchen Geld, das ich zum Glück in meinem Tornister trug, zu mir …«

»Haha! Und wir schüttelten uns vor Grauen bei dem Gedanken, daß Hyänen des Schlachtfeldes den schwer verwundeten Onkel Tycho ausgeplündert hätten.«

»Es war nicht zum Lachen, mir klapperten die Zähne … Gewehr und alles ließ ich liegen und kroch auf Händen und Füßen zwischen Toten und Halbtoten hindurch, bis ich das grausige Schlachtfeld hinter mir hatte. Denn lief ich, so rasch ich laufen konnte, an drei Meilen, bis ich beim Taggrauen einen Heidehof traf. Der Bauer gab mir für gutes Geld einen Lodenrock und ein Paar Linnenhosen … ohne angehalten zu werden, entkam ich nach Hamburg und von da nach Amerika.«

»Aber, Onkel, warum hast du niemals deinen Geschwistern geschrieben?«

»Ja, es unterblieb …« Der alte Mann stopfte verlegen die Pfeifenasche. »Das … das erzähle ich dir vielleicht ein andres Mal … du bist übrigens deiner Mutter Sohn dem Gesicht nach … wie sieht Monika jetzt aus? Ist wohl eine alte Frau?«

»O, meine Mutter sieht noch immer sehr gut [später entfallen: aus] für ihre Jahre.«

»Hm, hm, sie war als junges Mädchen sehr schmuck.« Jönker schien in Jugenderinnerungen zu versinken und schwieg.

Amatus weckte ihn. »Wie erging es dir in Amerika?«

»Hier war noch die volle Wildnis, die Wichita-Indianer hausten ringsum und hatten das Land … ich war in dieser Gegend bis Bellavista, wo eine Haltestelle der Arizona-Post sich befand, der dritte weiße Ansiedler. Mein bißchen Geld genügte, um ein paar tausend Äcker Land zu kaufen … ja, Grund und Boden war damals billig. Das beste Land an der Creek habe ich von einem Indianer-Häuptling für zwei Flaschen Whisky erstanden … zum Glück konnte der Kerl noch eben auf den Beinen stehen, als der Kauf im Landamt eingetragen und gültig gemacht wurde. Der Beamte allerdings war vorher mit einem Zwanziger geschmiert worden. Die 640 Äcker drüben bei der Höllenschlucht bekam ich auch für einen Spottpreis, nämlich für eine silberbeschlagene Pfeife, von einer andern Rothaut. Ja, das waren noch gesegnete Zeiten für den Einwanderer … jetzt wird für das Land 5 – 10 Dollar pro Acker bezahlt.«

Amatus hatte das pfiffig fröhliche Gesicht seines Vaters. »Lieber Onkel, dann bist du ja ein wohlhabender Mann und ein Goldonkel im wahren Sinne des Worts.«

Aber da traf er eine empfindliche Stelle des alten Mannes, der den Rauch von sich blies und unbehaglich brummte: »Bilde dir nichts ein! Meine Kleidung und meine Blockhütte zeigen, wie vermögend ich bin … zu viel Vieh ist mir krepiert, und die Ausgaben sind so ungeheuerlich, daß man auf keinen grünen Zweig kommt.«

Der Neffe unterdrückte ein stilles Lächeln und kam nicht mehr auf den Punkt zurück, der bei Leuten, die als geldlieb und geizig verschrieen sind, ein Rührmichnichtan ist. – – –

Der Weizen war gedroschen und nach Bellavista gefahren. Amatus sah, wie der Onkel eine Handvoll Banknoten in die Tasche steckte, und benutzte die günstige Gelegenheit, seinen bisher verdienten Lohn zu erbitten.

Völlig verwundert sah Tycho ihn an und sagte: »Lohn? Davon kann doch zwischen dir und mir, zwischen Onkel und Neffe nicht die Rede sein.«

Der junge Mann wurde eindringlicher: »Ich muß aber Geld haben und habe noch keinen Pfennig bekommen.«

Der Alte wurde liebevoll und offenherzig: »Siehst du, das bißchen, was ich habe, wird dir einmal als Erbe zufallen … jaja, das ist ein Wort … meine Hand darauf!«

»So Gott will, wie Tom sagt, sind das noch sehr, sehr lange Aussichten, davon ich nicht leben d.h. mich kleiden kann. Ich brauche notwendig Geld.«

Der Onkel griff in die Tasche. »Einen Fünfer?«

»Nein, was wir abgemacht haben.«

»Sagen wir einen Zehner?«

Noch energischer klang das Nein.

»Na, dann fünfzehn Dollars … das andre ersparst du dir mit vier Prozent Zinsen, die ich zahle.«

Der niedrigste Zinsfuß in Bellavista war fünf vom Hundert.

»Nein, fünfundzwanzig muß ich mindestens haben.«

Tycho machte einen Hopser und wand den Oberkörper – in dieser Geste war eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Bruder Hans Gerichtsdiener in die Augen [später entfallen: fallend].

Amatus erhielt nach langem Dingen und Dringen endlich die gewünschte Summe, die der Onkel ihm mit den spöttischen Worten reichte: »Hier ist das viele Geld … nun kannst du dich wie ein Gentleman kleiden und Bertie Frenzen ein Geschenk machen.«

Tycho Junkers Neffe eilte nach dem Posthause, wo er einen Brief abgab und gleichzeitig sechzig Mark nach Norderhafen sandte. Ein Geschenk für Bertie wurde nicht gekauft, sondern nur einige notwendige Kleidungsstücke.

Im Laden traf er Berties Vater, der außergewöhnlich freundlich ihn begrüßte und bald mit jovialer Herzlichkeit seinen Arm unter den des jungen Mannes schob.

Bei den Bauern der neuen sowie der alten Welt werden erst die Wetteraussichten, die Korn- und Schweinepreise besprochen.

Als das erledigt war, kitzelte Frenzen den Farmgehilfen seines Nachbars mit dem Zeigefinger und kicherte. »Hihi! Sie Glückspilz! Ich gratuliere von Herzen … wie man hört, haben Sie Ihren Onkel hier ganz unvermutet gefunden … das ist besser als ein Goldfund in Kalifornien … der olle Knick–, excuse me, der alte Herr ist unter Brüdern seine 15 000 wert … ja, ein Goldfund, Sie Glückspilz!«

Als Amatus darauf nichts antwortete, wurde die dicke Stimme gedämpft und vertraulich. »Hat er es noch nicht schriftlich fest gemacht, daß Sie ihn beerben sollen?«

Der Deutsche gab mit Gleichmut die amerikanische Erwiderung: »I guess not, ich denke, nicht.«

»Nein? Wie alt mag der alte Knicker–bocker sein? Hoch in den sechzigern gewiß … er könnte sterben, ohne daß Sie etwas schwarz auf weiß in der Hand haben. Das geht nicht, mein Freund. Ich will's schon schlau anfangen und es ihm fein und von hinten herum beibringen, daß er ein Testament machen muß.«

»Ich bitte Sie um alles in der Welt, das nicht zu tun.«

Frenzen schlug sich auf den Schenkel und grunzte: »Well, well, wie Sie wollen.« Nach einer Weile sagte er: »Ich habe Durst, junger Freund … wollen wir gehen und eins trinken?«

Amatus war zu höflich, um die Einladung abzuschlagen, aber auch entschlossen, Berties Vater in dem Kaffeehause seinerseits nicht zu traktieren.

Der jedoch führte ihn an der Konditorei vorbei.

»Ja, was wollen wir denn trinken, Wasser am Brunnen?«

Der Farmer lächelte schlau und schmatzte: »Nein, etwas Besseres und mehr Belebendes … ein Täßchen Kansasthee!«

»
Kansasthee? Was ist das?«

»Sie werden sehen, ob er Ihnen schmeckt.« Frenzen zog das Taschentuch – die wenigsten Kansasfarmer haben eins – steckte das ganze Gesicht hinein und putzte geräuschvoll die Nase.

Er führte den grünen Neuling über einen schmutzigen Hof und in ein abgelegenes Hinterhaus, das keinerlei Firmenschild noch Inschrift trug und sehr wenig appetitlich aussah.

Drinnen im kahlen, mit Sägespänen bestreuten Zimmer war eine Tonbank mit Selters- und Limonadenflaschen darauf, hinter denen ein dicker, rotgesichtiger Mann in schmutzig-weißer Schürze stand und stumpfsinnig glotzte.

»Hallo, Pit, ich führe diesen jungen Mann, Mister Jönker, bei Ihnen ein.«

Ein heiseres Grunzen. »Sehr willkommen! Womit kann ich dienen?«

»Zwei Kansasthees!«

Der Theewirt holte aus einem verschlossenen Verschlage einen Theetopf hervor und goß zwei weiße Täßchen voll von einer braunen Flüssigkeit.

Amatus wunderte sich, daß Frenzen mit ihm anstieß, hielt es aber für einen Scherz, der unter den deutschen Temperenzgegnern üblich sei. Dann nahm er einen Schluck – pfui Teufel! Seine Lippen sprudelten und spieen das Getränk weit von sich, und seine Zunge sprützte, um keinen Tropfen zu verschlucken.

Der Kansasthee war brauner, beißender, schlechter, scheußlicher Whisky, und das Haus eine heimliche Alkoholspelunke.

Frenzen setzte erschrocken das klirrende Täßchen hin und erging sich in Entschuldigungen. »Was habe ich gemacht! Ich wußte nicht, daß Sie strenger Wassermann sind. Ist auch ein fürchterlicher Fusel!« Um seinen Zorn zu zeigen, goß er seinen Whiskyrest auf die Sägespäne und fluchte.

Amatus eilte aus der Schenke, und der Wirt lief ihm watschelnd nach.

»Herr, lieber, bester, edelmütiger Herr, Sie werden mich nicht ewig unglücklich machen und mich anzeigen … ich bin Familienversorger und Vater von sieben Kindern.«

»Pit, du lügst, es sind nur fünf, die zwei sind nicht dein, sondern uneheliche Kostkinder.« Frenzen machte seinem Ärger Luft und ließ ihn an dem Wirte aus.

Amatus Junker hatte sein Enthaltsamkeitsgelübde gehalten und fuhr mit seinem Oheim nach Hause. Auf dem Wagen saß er frohgemut und pfiff eine lustige Weise.

Tycho kniff das schlaue Auge zu. »Du bist wohl in Bellavista Bertie begegnet?«

Nein, darum jubelte nicht das Herz des jungen Mannes, sondern das starke Trutzlied des Seelenkampfes und -sieges sang und klang in ihm.

Als er aber auf sein Maislager sich hinstreckte, legten sich die hohen und stolzen Töne zu einer fein demütigen Stille, und die Hände faltend, dankte er innig und inbrünstig seinem Gott, der allein ihm eine neue und große Kraft zum Überwinden gegeben.

Zweiter Abschnitt: Ein inhaltsschwerer Brief.

Das Gras der Prärie war grau und wieder grün geworden.

Auf der Farm am gelben Flüßchen war ein Jahr hingegangen in viel Arbeit und Schweiß, in fester, vierzehnstündiger Tätigkeit bei Tag, in noch festerem, achtstündigen Schlafe bei Nacht.

Aus dem Stalle, wo die Pferde gefüttert worden und Susy nicht die kleinsten Maiskolben bekommen hatte, trat ein Mann und ging über den Hof dem Hause zu. Rasch, aber etwas schwer war sein Gang, wie bei Leuten, die viel im weichen Pflugacker wandern und waten.

Das Gesicht, obgleich von Sonnenbrand und Winddörrnis rotgebräunt, hatte trotz der reckenhaft langen und überaus breitschultrigen Gestalt etwas zu Feines und Helles für einen Kansasfarmer. In die Breite waren die Schultern gewachsen, und die harten Hände schienen größer geworden, obschon sie für einen richtigen Bauer noch zu unbedeutend waren und blieben.

Der starke und stattliche Mann war Amatus, welcher jetzt keine Zerschlagenheit der Glieder, sondern eine überschüssige Kraft spürte, so daß er sich freiwillig an das härteste Ende stellte und überall die schwerste Last hob, die der Oheim nicht meistern konnte, und an welche der Neger seine robuste Kraft, mit der er sparsam umging, nicht verschwenden wollte.

Tycho schmunzelte in den grauen Bart, wenn sein Neffe eine Kraftprobe ablegte, einen ganzen Heuhaufen auf die Forke spießte und auf den Boden schleuderte. »Ziemlich gut, mein Sohn! Du trägst nicht mehr wie eine Krähe zu Nest.«

Der einstige Kandidat war ein vollkommener Farmer, konnte forken und pflügen, mähen und schneiden und tagelang hinter der Egge im weichen Erdreich storchen, ohne knieschwach zu werden. Er konnte sogar, wenn Tom durch keinen Wasserguß sich wecken ließ, die beiden Kühe melken und das Frühstücks-Schweinerne braten.

Ja, das ewige, amerikanische Schweinefleisch!

Bei dem Geruch stieg ihm ein Ekel in die Nase, und er sagte: »Onkel, wir streiken.«

Der lachte: »Bei Tisch dürft ihr in Gottes Namen streiken … das spart, das spart.«

»Nein, Herr, wir legen die Arbeit nieder«, murmelte der Neger, sein Maisbrot kauend.

Tycho kraute sich hinter dem Ohr. »Beef, beef begehrt ihr? Woher kommt es, daß die Amerikaner so viel am Magen leiden und für Patent- d.h. Schwindelmedizinen Millionen ausgeben, und daß die meisten von ihnen an Magenkrankheiten und -krebs zu Grunde gehen? Vom übermäßigen Rindfleischgenuß!«

Die Furcht vor Magenkrebs war geringer als der Abscheu vor dem Schweinefleisch. »Onkel, wir halten es nicht länger aus.«

Nun kramte der Alte im Beutel, bis er ein nicht zu großes Geldstück fand, das er für den Einkauf von Rindfleisch, von Suppenfleisch bestimmte.

»Ja, das ist am billigsten«, sagte der Schwarze. – –

Sie brachen das Weizenfeld um, und jeder ging hinter seinem Pfluge. Der Neger jodelte Alabama-Weisen und heulte ab und an ein Heilsarmeelied dazwischen. »Am Kreuz, am Kreuz, wo ich das Heil gefunden.«

Die böse Hitzzeit war vorüber. Herbstwarm herrlich leuchtete die Sonne, die schönsten Tage des Kansaslandes hatten begonnen, der Altweibersommer, den die Amerikaner Indianersommer nennen. Ein aufgescheuchtes Völkchen Präriehühner flog kreischend und flügelklatschend empor.

Amatus pfiff vor sich hin und ihm deuchte, daß die Gäule nach der Musik, die er machte, munterer gingen. Ein freudiger Gedanke ging durch seinen Kopf, denn er rechnete und berechnete, nicht wie viel die Farm des Onkels mit ihren Äckern und Weiden und ihren 700 Stück Vieh wert sei, sondern wie lange er gänzlich enthaltsam gewesen. Seit 21 Monaten war keinerlei berauschendes Getränk über seine Lippen gekommen – ja, einmal hatte er einen Schluck in den Mund genommen und sogleich weit von sich geschleudert. Allen Alkohol, in dem mehr Menschen ertrinken als im Meer, hätte er ausspeien und vom Erdboden vertilgen mögen.

Am Ende der Runde, wo die Pferde verschnauften, wölbte sich seine Brust, und er reckte die sehnigen Arme im Bewußtsein seiner Kraft. War er nicht ein Riese, der seinen Tyrannen zertreten hatte? Nein, nein, ein andrer war der Held und Hüne, der den grausigen Vergewaltiger seiner Seele überwältigt – der Held und Hüne war der Herr Zebaoth.

Er lächelte und lachte zum Himmel empor. Ich bin genesen von dem Pfahl in meinem Fleische, und der Feind meines Lebens ist überwunden. Habe ich ihn gebunden und die Kette gebrochen? Nein, mein Gott, dein ist das Werk und das Wunder, daß ich im neuen Lande und in neuer Luft ein neuer Mensch geworden. Was half und nützte mein jahrelanges Ringen? Dein ist der Ruhm und die Ehre und Anbetung allein.

Durch seine Seele zog ein Lobgesang der Genesung. Die allerlichteste Freude der Dankbarkeit schimmerte auf allen seinen Zügen. Um ihn war ein Leuchten, wie vom Himmel über sein Gemüt gegossen, und jeder Schatten der Vergangenheit verschwunden. Keine Ahnung eines Unheils unruhte seine Seele, die ihr Loblied sang.

Und da, im hellsten Sonnenschein, sprengte das Unglück über das Gefild.

Bertie Frenzen war die Reiterin, die vor dem Pflüger ihr Roß geschickt und plötzlich parierte. Sie war kein Kind mehr, sondern ein Weib, dessen Körper vom raschen Ritte wogte, und, insonderheit wenn sie im Sattel saß, eine rechte, bräunliche Prärieschönheit mit blitzenden Augen. Nicht ohne jene geheime Befriedigung, die jeder Mann fühlen wird, hatte Amatus bemerkt, daß sie keine Gelegenheit unbenutzt ließ, ihm eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen.

Bertie redete den jungen Deutschen an. »Ich war in Bellavista und habe gleich Ihre Post für Sie mitgebracht, die Zeitungen und einen Brief … der ist mal schwer, so daß ich Strafporto bezahlen mußte.«

Er nahm den dicken Brief. »Von meiner Mutter …« Seine Hand riß den Umschlag auf.

»Ja, nun haben Sie keine Zeit, kein Ohr und keine Auge mehr für mich … aber besuchen Sie uns bald!«

Sie ritt von dannen, und er rief ihr nach: »Miß Frenzen, das Porto …«

Ein Cowboy-Kunststück machend, warf sie sich mitten im kurzen Galopp auf dem Sattel herum, so daß sie rücklings ritt und ihm das Gesicht zukehrte. Ohne die Zügel zu halten, winkte sie neckisch mit beiden Händen und sprengte über die Prärie. Ihr kurzer Rock flatterte im Winde.

Nun aber warf sie die gelenkigen Beine und etwas ärgerlich in die richtige Reiterstellung zurück, denn sie bemerkte enttäuscht, daß er ihre Fertigkeit nicht mehr bewunderte.

Nein, die Augen, die ihr einen Augenblick gefolgt waren, richtete er starr und immer starrer auf den erbrochenen Brief, auf die ersten Zeilen. Der schwere Brief entfiel seinen Händen, die er vor das Gesicht schlug. Ein tiefer, seufzender Schluchzer brach aus einer Brust, und er weinte.

Der Farmer brüllte über das Feld: »Was ist los? Mach zu, daß Toms Gespann dir nicht auf die Fersen kommt!«

Der Weinende schrie mit schneidender Stimme zurück: »Onkel, Onkel!« und setzte sich auf den Pflug.

Lang schreitend storchte Tycho hinüber. »Ist ein Unglück passiert … was ist mit dir …? Du bist doch nicht vom Rindfleisch krank geworden?«

Amatus hob den entfallenen Brief aus der Furche und das traurige, wehe Angesicht empor. »Mein guter, guter ist Vater ge–stor–ben.« Seine Stimme brach.

Tychos vornüber geneigter Körper schnellte hüpfend empor. »Das … das geht mich auch an … ich habe ihn seit vierzig Jahren ja nicht gesehen … aber mein Bruder ist tot … es geht mir sehr nahe … wie bald kann der elende Knochenmann einen arglosen Menschen überfallen! Es … es schickt sich wohl nicht, daß wir weiter arbeiten … ich werde deine Pferde abspannen … geh nach Hause! Hallo, Tom, pflüge du nur weiter und faulenze nicht! Ich zähle nachher die Runden, du Racker kannst mich nicht betrügen.«

Amatus aß und trank nicht, saß unter dem Ahorn und trauerte um seinen Vater und war nicht imstande, den Brief weiter zu lesen, weil die Buchstaben verschwammen. Erst am Abend las er das Schreiben ganz durch, das nicht weniger als vierundzwanzig eng geschriebene Seiten umfaßte. Sogleich nach der Beerdigung hatte Monika sich hingesetzt und unter den Tränen ihres frischen Schmerzes dem Sohne geschrieben.

Der einstige Totengräber war in das enge Bett gelegt worden, das er so vielen Menschen mit sauberem Fleiße bereitet hatte.

Oft zog der Leser das Taschentuch und fuhr über die feuchten Augen. Der Tote war ihm ein guter Vater gewesen, der ihm stets nur Liebe, Güte und Nachsicht erwiesen und niemals, trotz seiner Verfehlungen, ihm ein Wort des Vorwurfs gemacht.

Wenn er, Amatus, auch von den Leuten ein Muttersohn genannt worden war mit spöttischem Beigeschmack, wenn er auch in stolzer Liebe sich sagte, daß er in erster Linie seiner Mutter Sohn und der geistige Erbe ihrer mannigfachen Gaben sei, so legte er sich doch in dieser Stunde eine klare Rechenschaft davon ab, wie viel er dem Toten verdankte. Abgesehen von dem klugen Anpassungsvermögen und der weltläufigen Gewandtheit, die ihm manchen Dienst geleistet, hatte er nicht wenig treffliche Eigenschaften vom Vater geerbt: Den hellen, unverzagten Sinn, der selbst im tiefen Dunkel neue Hoffnungssterne sah, dazu den rührigen Arbeitseifer, der erwerben und nichts vergeuden wollte. Und wenn er auch manche kleine unliebsame Eigentümlichkeit als Erbe hatte mit in den Kauf nehmen müssen, war nicht der feste Entschluß, den Erbfeind zu überwinden, und die starke Durchführung desselben, die jetzt mit Gottes Beistand gelungen schien, ein Erbteil des Vaters, der ein leuchtendes und mutmachendes Beispiel ihm gegeben, als er plötzlich seine Kette zerbrach? Ja, das dankte er mit Tränen der Rührung dem Toten in seinem Grabe, und im treuen Sohnesgedächtnis wollte er das Andenken seines guten Vaters bewahren.

Onkel Tycho fragte voll Teilnahme: »Wie ist das mit meinem Bruder so unerwartet schnell zu Ende gegangen?«

Amatus erzählte aus dem Inhalt des Briefes: »Das widerliche Weibsbild, die Brummerhanne, die ihm jahrelang Verdruß und Ärger bereitet hat, ist indirekt schuld an seinem Tode.«

»Ein Weibsbild? Hä–äm!« Tycho machte ein langes Gesicht und einen mißtrauisch gespitzten Mund. »Die Brummerhanne?«

»Ja, so wird sie in Norderhafen genannt, weil sie die Hälfte ihres Lebens im Gefängnis hat brummen müssen. Schon als Kind stahl sie … damals war die körperliche Züchtigung noch nicht abgeschafft. Sie wurde vom Gericht abgeurteilt und im Gefängnisse gepeitscht, welcher fürchterlichen Prozedur mein Vater beiwohnen mußte, um die Zahl der Schläge zu kontrollieren. Ich weiß mich zu erinnern, wie er krank von dem Anblick nach Hause kam und keinen Bissen essen konnte. Sehr bald hatte die Brummerhanne wieder lange Finger gemacht. Auf dem Transport entwischte sie meinem Vater, woraus ihm viel Verdrießlichkeit entstand. Seitdem war er sehr vorsichtig und fesselte sie stets, und zwar so, daß er eine Kette an ihrem Handgelenk befestigte und zweimal um die Hand sich schlug. Wenn er so mit der Gefangenen durch die Gassen ging, war er in schlimmster Laune, denn seine Bekannten blieben stehen und machten schlechte Witze: ›Ja, Hans, du und die Brummerhanne macht ein hübsches Gespann.‹ Diese bösen Transporte waren meines Vaters Kummertage. Und nun hat die unverbesserliche Diebin sein Ende herbeigeführt.«

»Was? Wieso? Sie hat ihn niedergeschlagen?«

»Nein, indirekt … als er sie in der üblichen Weise transportierte, machte Brummerhanne beim Krankenhause einen plötzlichen und so gewaltsamen Ruck, daß mein Vater aufs Pflaster hinstürzte und die Kette fahren ließ. Sie warf ihre Holzpantinen von sich und sprang durch den Krankenhausgarten und hinten über den Zaun. Als er sich aufraffte und ihr nachschrie und nachrannte, hatte sie einen großen Vorsprung und niemand war in der Nähe. Aber er lief mit Anspannung all seiner Kräfte bis zur völligen Erschöpfung ihr nach, bis sie über das freie Feld entkam. Mein armer Vater kam verkeucht und triefend naß nach Hause und konnte infolge der Überanstrengung und Aufregung nur einzelne abgerissene Worte sprechen. Am ganzen Leibe zitternd, saß er auf einem Stuhl und glitt plötzlich auf den Fußboden hinunter, wo er wie leblos lag. Der Schlag hatte ihn gerührt.«

Tycho summte. »Hm hm, mein Bruder ist gewissermaßen in Ausübung seines Berufs gestorben und sein Tod eine Folge seiner Pflichterfüllung … da muß die Obrigkeit doch seiner Witwe eine gute Pension geben.«

»Mein Vater ist nicht gleich gestorben, sondern hat noch drei Wochen krank im Bette gelegen, die rechte Seite vom Schlagflusse gelähmt.« Amatus schwieg und teile dem Oheim den folgenden Passus des Briefes nicht mit. Es hätte auf den Toten einen kleinen Schatten werfen können.

Der Gerichtsdiener Hans Junker, der in den dicksohligen, geschmierten Stiefeln ein volles Vierteljahrhundert als allbekannte und -beliebte Persönlichkeit durch die Gassen Norderhafens stapfte, hatte für immer ausgelaufen. Sein letztes Rennen hatte ihm den Todesstoß gegeben.

Die Stelle des Briefes, die Amatus für sich behielt, lautete: »Drei Wochen lag er im Bette, in dem er seit den ersten Zeiten unsrer Ehe, wo er am Wechselfieber litt, bei Tage nicht gelegen hatte. Ach, oft wurde er unwirsch, weil er doch wieder essen könne und darum gesund sein und wieder aufstehen wolle. In seiner Sprechweise, die stammelnd geworden war und mir draußen in der Küche die Tränen in die Augen trieb, schalt er ungehalten: ›Mutter, du hast wohl deine rechte Wonne daran, mich im Bett zu halten.‹ Ich konnte ihm nicht sagen, daß er infolge der rechtsseitigen Lähmung gar nicht aufstehen, geschweige denn gehen könne.

Er war kein geduldiger Kranker. Bitter weh tat es mir, als ich einmal in bester Absicht zum Frühstück ihm zwei weich gekochte Eier brachte. Aber vorwurfsvoll sah er mich an und stotterte: ›Mutter, du bist wohl unter dem Vollmond geboren? Wie sollen wir Doktor und Apotheker bezahlen, wenn wir so verschwenden?‹

»Ich wurde verzagt. Friedlines blinde Augen brachen in Tränen aus. Unwillig fuhr der Vater sie an: ›Was heulst du? Meinetwegen, Mona, gib mir das eine Ei und das andre morgen!‹ Ich trug das ungegessene Ei in die Küche hinaus, und Friedlinchen setzte sich ans Bett und faßte des Vaters Hand. Durch die angelehnte Tür horchte ich in die Stube hinein. Wie eine kleine, kindliche Predigerin des Herrgotts saß sie bei ihm und redete dem Vater ins Gewissen. – ›Du darfst die arme Mutti nicht betrüben, die es gut mit dir meint und dich pflegen will.‹ – ›Aber wo soll es herkommen, Friedline?‹ – ›Wir werfen alle unsre Sorge auf ihn, den Vater und Versorger aller Menschen.‹ – Sie streichelte und küßte ihn. ›Wenn du nun stürbest, ich glaube es nicht, aber wenn du scheiden müßtest, hättest du nicht manches zu bereuen?‹ – ›Ja, es geht zu Ende mit mir, mein Kind, ich habe abgelaufen … ich habe oft böse geredet und übel gehandelt und viel zu bereuen … bete mit mir, Friedline, denn mir wird angst und ich muß sterben!‹ – Friedline faltete die Hände und sprach ein kindliches Gebet, innig und ergreifend.

»Der Vater weinte laut und wurde von Stund an stiller, sanftmütig und liebevoll gegen uns beide, als habe das Gebet ihn umgewandelt. Morgens und abends verlangte er von selbst, daß ich ihm eine Andacht vorlese, und betete leise mit. Das ist der große Trost in meinem tiefen Schmerze: Friedline und ich haben gesehen, wie er bei Abnahme seiner Kräfte innerlich wuchs, und wir haben die gewisse Zuversicht, daß dein Vater im Glauben an seinen Herrn von uns geschieden ist. In den letzten Zeiten war er ein sehr geduldiger und gottergebener Kranker.

»Dann, am Tage vor seinem Tode, kam dein Brief, mein einziger Amatus, und das Geld, das er enthielt. O, das war vor dem Sterben für deinen seligen Vater eine überschwängliche Freude. Er war ja immer sehr aufs Sparen bedacht, und das Geld, das sein Sohn verdient hatte und seinen alten Eltern sandte, rührte ihn zu Tränen. Amatus, du bist ein treuer Sohn.

»Nachdem er mit einem Lächeln die Goldstücke durch die Finger hatte gleiten lassen, sagte er zu mir: ›Mutter, das ist ein große Hilfe für Doktor und Apotheker … nun kann ich ruhig sterben. Mein Bruder Tycho wird ihm das meiste von seinem Vermögen hinterlassen, ich erlebe es nicht mehr, aber du wirst noch sehen, daß unser Amatus, wenn auch kein Pastor, so doch in Amerika ein gemachter und wohlhabender Mann wird … jetzt kann ich ruhig meine Augen schließen, mein Sohn wird für seine Mutter und seine blinde Schwester nach meinem Tode sorgen.‹

»Am letzten Morgen bemerkte ich, daß er schwach war und das Sprechen ihm sehr schwer fiel. Noch eine letzte Erdensorge trat an ihn heran und machte ihm Unruhe. Er stammelte die Worte hervor: ›Mona, der Tischler Sörensen – schuldet mir – für Sägebock und Säge, die ich ihm verkauft habe, noch 2 ½ Taler … wenn – wenn ich sterbe, laß ihn den Sarg machen – und ziehe das Geld ab!‹

Ja, in seiner Fürsorge blieb er sich treu bis zum Tode. Gegen Mittag wurden seine Augen plötzlich stier, und er starrte mich angstvoll an und schrie mit brechender Stimme: ›Mutter, Mutter, ich sterbe … in Gottes Namen.‹ Das war sein letztes Wort. In Gottes Namen und im Glauben hat er seinen letzten kurzen und kampflosen Seufzer getan. Nun ruhe er nach seinem Lauf in Frieden! Amen.«

Nach dem Amen kam die Briefschreiberin auf einen andern, etwas unchristlichen Gegenstand. Ob der Onkel noch immer so knickerig und geldlieb sei, daß er schwer den sauer verdienten Lohn herausgäbe? Der Geiz sei doch eine Wurzel alles Übels.

Diesen Passus las Amatus für sich, und Tycho fragte: »Was meldet deine Mutter sonst?«

»Sie schreibt, daß der Geiz die Wurzel alles Übels … mein seliger Vater litt auch an dieser Untugend und hat durch sein unangebrachtes Knausern nicht selten meine Mutter betrübt … ob das Übel in der Familie liegt? Was meinst du, Onkel?«

Der Onkel meinte und hörte nichts und sah wie taub aus dem Schiebefenster. Doch kehrte er sich wieder um, als der Neffe allerlei andres aus dem Inhalt des Briefes, von alten Bekannten und von der Familie Berg, ihm mitteilte.

[Später entfallen: »Der Sohn von Karl Berg ist Amtsrichter in Breitenföhrde geworden? Himmel! Dann ist er ja eine große Kreatur und verdient ein Heidengeld und wird seiner Tante Mona helfen.«

Amatus nickte, und seine Stimme hatte einen bittern und beißenden Klang. »Mein Vetter Asmus ist Amtsrichter geworden … ja, selig sind die dreisten und rücksichtslosen Herrenmenschen, denn sie werden das Erdreich besitzen – und den Himmel verlieren.« So setzte er unwillkürlich hinzu. »Meiner Mutter helfen, meinst du? Ja, beim Bart des Propheten Zarathustra! Höre, wie er ihr geholfen! Zur Beerdigung kam der Amtsrichter, vielleicht um sich in seiner neuen Würde zu zeigen, mit seiner Schwester Silly, die für ihn den Haushalt führt, nach Norderhafen hinüber.«

Er hob den Brief ans Licht des Fensters und las die Worte der Mutter. »Nach dem schweren Gang zum Kirchhofe, wo Asmus einen prachtvollen Kranz – das muß ich ihm lassen – niedergelegt hatte, kamen er und Silly mit mir nach Hause, wo Friedline inzwischen eine Tasse heißen Kaffee gekocht hatte. Dein Vetter hat bereits eine würdevolle Korpulenz und ein Amtsrichterbäuchlein, aber sein Gesicht ist aufgedunsen und ungesund und gefällt mir nicht. Beim Ablegen in der Schlafstube sagte ich zu Silly: ›Ja, jetzt seid ihr im Glücke.‹ Sie verneinte es nicht und wollte offenbar nichts sagen, aber sie machte kein glückliches Gesicht, und das Wort entfuhr ihr: ›Tante, nicht alles, was glänzt, ist rechtes und reines Gold.‹

Beim Kaffeetisch schwatzte Asmus etwas prahlerisch von ihrem gesellschaftlichen Verkehr mit den ersten Familien Breitenföhrdes, und daß er ein großes Haus machen müsse. Dabei blickte ihn die Schwester einmal scharf und so besonders an, daß mir der Argwohn aufstieg: Ob er nicht auch mit andern und nicht den besten Menschen Umgang pflegt?

»Plötzlich fragte Asmus mich, wie hoch wohl die Begräbniskosten sich belaufen würden, und als ich erwiderte: ›Mindestens siebzig Mark‹ , sah er seine Schwester an und zog seinen Geldbeutel, aus dem er, wie mir schien, drei Zwanzigmarkstücke nahm, die er spielend durch die Finger gleiten ließ. Ich dachte natürlich, daß er mir dieselben als Beihilfe zum Begräbnis geben wolle, doch er klimperte weiter mit dem Gelde, als wenn er darauf warte, daß ich meine Not klagen und bitten werde. Aber betteln habe ich nie gekonnt, sein Gebahren verdroß mich, und nicht ohne Stolz erzählte ich, daß es dir in Amerika gut gehe. ›Na, das freut mich‹ , lachte er unangenehm, ›daß Amatus anfängt, sich zu einem nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu entwickeln … er ist in die Jahre gekommen, wo die Schwabenstreiche aufhören müssen.‹

»Der spöttische Ton verletzte mich, so daß ich dich in noch höheren Tönen rühmte, daß du ein braver und starker Mann geworden, und daß du als Farmverwalter – die kleine Übertreibung kam mir auf die Zunge, Gott verzeihe mir die Sünde! – als Farmverwalter beim Onkel nicht wenig verdienest und als guter Sohn uns sechzig Mark geschickt habest. Was sagte der Schlingel darauf? ›Das freut mich, Tante, freut mich ganz ungemein, daß Amatus sich seiner Pflichten bewußt wird und für dich und Friedline sorgen kann und sorgen will.‹ Mit einem cynischen Lächeln steckte er ruhig seine Goldstücke in den Beutel zurück, obgleich Silly ihn erschrocken und zornig ansah. Nun bin ich froh, daß ich sein Geld nicht bekommen habe, es hätte mich gebrannt. Wir brauchen seine Hilfe nicht und werden unser tägliches Brot haben.«]

In der Blockhausstube war Dämmerung und gedämpfte Stille. Das Zwielicht wurde ausgenutzt, um Licht zu sparen. Der alte Mann sog in kleinen, sparsamen Zügen den Rauch aus der leise singenden Pfeife. Der junge träumte von Norderhafen und der Heimat, und alle Menschen, die im Briefe erwähnt waren, zogen an ihm vorüber, die gute Kousine und – Klarissa, deren Gestalt im Dunkel vor dem geistigen Auge seines Gedächtnisses deutlich stehen blieb. Merkwürdig, wie greifbar und gegenwärtig er sie sah, die durch Weltmeere und tausend Meilen von ihm getrennt war! Seltsam, daß er die Stelle des Briefes, die von Klarissa handelte, nach zweimaligem Lesen auswendig wußte!

In Kürze schrieb Monika: »Nach dem Tode des Zollinspektors ist sie bei der Stiefmutter geblieben, und sie wird nicht leichte Tage haben. Oft sehe ich sie zusammen durch das Pappeltal spazieren, die lange Stine schleicht dahin, auf den Arm der Tochter gestützt, und ist furchtbar mager und ganz quittengelb im Gesicht geworden – böse Zungen behaupten, von Bosheit und Neid – aber die Ärmste ist krank und soll Brustkrebs haben, der um sich greift, trotzdem sie einmal operiert worden. Mit grenzenloser Geduld pflegt Klarissa die Stiefmutter, die unleidlich sie behandelt. Ja, das ist ein gutes und edles Mädchen. Sie redete mich neulich auf der Straße an und hörte mit heller und herzlicher Freude, daß es dir wohl geht, und bat mich scherzhaft, dich von der ›Erwachsenen‹ , die sich jetzt zur alten Jungfer auswachse, bestens zu grüßen und dir zu melden, daß bei ihrem Bruder Wilhelm, sintemal es in Argentinien keine Störche gäbe, der Pelikan oder irgend ein andrer Vogel zum zweitenmal Besuch gemacht habe.«

Es war stockfinster in der Stube geworden. Endlich machte Jönker Licht und zündete die kleine, kuppellose Lampe an, die kümmerlich brannte.

Der Neffe schlug die vierzehnte Briefseite um und las: »Mein einzig und innig geliebter Amatus, wir haben große Sehnsucht nach dir. Wärest du doch auf einen Monat, einen Tag, ein Stündchen bei uns! Du mußt nach einem Jahres es möglich machen, uns zu besuchen. Darum sende mir kein Geld mehr, sondern spare für die Reise …«

»Was meinst du davon, Onkel?«

Ein schwerhöriger Aufblick und dann ein beifälliges Nicken! »Ja, spare, mein Sohn, spare!«

Amatus lächelte und las weiter: »In der Dämmerung, wenn wir unsern Gedanken still nachhängen, spricht Friedline zuweilen laut mit sich selber und sagt: ›Ach, wären wir bei ihm!‹ Sie würde auswandern, um bei dir zu sein. Sie stellt oft Fragen, wie viele Meilen lang das Meer sei, und wie viel die Reise koste, und ob alle Menschen, gleichwie die Kinder die Masern, die Seekrankheit bekämen. Ja, das sind die Luftschlösser, die Friedlinchen im träumerischen Zwielicht baut.

»Ich bin zu alt für Amerika. Aber meine Träume bauen auch bei Tag und Nacht und schauen die Stunde, wo du, ein großer, sonnenbrauner Mann, an der Hamburger Landungsbrücke von Bord springst und an meinem Halse hängst. Dann will ich gern sterben, wenn ich dich wieder gesehen habe und weiß, daß es dir wohl geht auf Erden …

»Bei jener Landungsbrücke, als du dich von mir losgerissen, bekam ich zum erstenmal meinen Herzkrampf. Da hat mein Herz etwas wegbekommen und wird mir manchmal wund und übervoll, als wenn es aus der Brust mir quellen wolle. Doch sei ohne Sorge! Ich bin im übrigen rasch und rüstig und kann noch meine 12–14 Stunden arbeiten. Das Können ist allerdings auch ein Muß …«

Onkel Tycho, der des Zimmers Länge auf- und abschritt, wollte vorbeugen und sagte: »Gott sei Dank, daß deine Mutter gesund ist! Hier im wilden Westen würde sie sich höchst unheimisch und unglücklich fühlen.«

Der Leser fuhr fort: »Das Können ist auch ein Muß. Ich bekomme allerdings eine Pension von 288 Mark jährlich. [Später entfallen: Als ich es Asmus Berg erzählte, begann er aufzulachen: ›Tante, zu wenig zum Leben und zu viel zum Verhungern! So viel gebe ich im Jahr für Zigarren aus.‹ –] Friedline und ich könnten allerdings von 288 Mark unsern Unterhalt nicht bestreiten; aber in diesen Trauertagen ist mir ein Wunder widerfahren, eine neue Tür, mein tägliches Brot zu verdienen, mir von Gott aufgetan worden.

»Du erinnerst doch des Schreibers Petersen, der immer mehr dem Trunke sich ergab. Zuletzt hatte er im Bureau die Flasche immer bei sich. Eines Tages brach das Delirium plötzlich bei ihm aus; er raste und tobte, warf einem Assessor, der ihn zur Rede stellte, erst die Branntweinflasche und dann das Tintenfaß an den Kopf. Man mußte ihn binden und nach der Zelle im Armenhause schaffen, wo er starb. So endete der unglückliche Mensch, der ein Verführer zum Trinken war und als Versucher deines Vaters mir vor Jahren viel Kummer bereitet hat. Die bedauernswerte Frau Petersen ging in ihrer bittern Not zu mir, und ich gab ihr drei Taler von dem Gelde, das du uns eben geschickt.

»Die geringe Wohltat ist mir vielfältig vergolten worden. Am Tage nach dem Tode deines Vaters kam Frau Petersen, um mich zu trösten, und erzählte mir, daß sie durch Handschuhnähen sich einen kleinen Verdienst mache. Wenn ich auch nähen wolle, würde sie es mir unentgeltlich zeigen und mir bei dem Handschuhmacher Wiedemann Arbeit genug verschaffen. Die Frau schien mir ein Engel, von Gott gesandt.

»Viel bringt es nicht ein, aber doch etwas. In ein paar Tagen war die leichte Kunst erlernt, und ich nähe jetzt von früh bis spät meine vier bis fünf Paar Handschuhe, für die ich bei Ablieferung 60–75 Pfennige bar bekomme. Welche Aushilfe ist uns dieser Arbeitslohn! Nun sind Friedline und ich geborgen. Immer schneller geht's von der Hand, je länger ich mich hineinarbeite. Wenn ich 12–14 Stunden fleißig am Fenster sitze und mit der Nadel steche, werde ich es auf 80 Pfennige pro Tag bringen können, welches, wie Friedlinchen, die große Kopfrechnerin, schon kalkuliert hat, 240 Mark jährlich macht. Bei einer Einname von 540 Mark werden wir unser gutes Auskommen haben.

»Während ich nähe, besorgt Friedline den ganzen Haushalt. Sie bereitet die Mahlzeiten. Ich prickle am Fenster. Mit ihrem feinen Taktgefühl hält sie alles sauber, kehrt und feudelt die Stuben. Ich nähe immerzu am Fenster. Sehe ich einmal ein vergessenes Stäubchen, stehe ich in ihrer Abwesenheit leise auf und fahre mit dem Tuche darüber. Gott sei gepriesen für Arbeit und tägliches Brot!«

Amatus legte den Brief fort. »Meine Mutter muß vierzehn Stunden täglich prickeln und die armen, alten, müden Augen überanstrengen … Onkel!«

»W–a–s?« Der Onkel Tycho war taub.

»Onkel, ich muß sechzig Mark von meinem Lohne haben, ja, ich muß.«

Der Alte krümmte, wie gequält, den Körper, aber sah unter diesen Umständen das Muß doch schließlich ein.

Beim Morgentauen und -tagen sprengte Monikas Sohn auf Susys Rücken im sausenden Galopp nach Bellavista und sandte auf Postanweisung sechzig Mark nach Norderhafen. So große Eile hatte er, daß der Begleitbrief erst später geschrieben wurde.

Dritter Abschnitt: Kleopatra

Dick und träge zogen die Novembernebel und blieben wie festgeballter Rauch auf den Wiesen stehen und auf dem Wasser der Föhrde. Draußen war kalte, klamme Nebelnässe, und drinnen in der Stube knisterte behaglich der Ofen.

»Bis heute nachmittag dürfen wir nicht mehr einlegen, Friedlinchen … wir müssen's so einteilen, daß die eingekaufte Feuerung ausreicht.« Frau Monika schien von ihrem Seligen den Sparsinn als einzige Hinterlassenschaft geerbt zu haben.

Auf der Straße klangen kräftige Beilhiebe, und dann zwei Sekunden lang ein dumpfschwerer Fall, von einem krachenden Bersten begleitet, worauf es wieder stille wurde. Frau Junker ließ den weißgelben Randerschen Handschuh in den Schoß sinken und sah hinaus. Die große Pappel lag quer über dem Fahrdamm. Alle, alle Pappeln, weil sie altersschwach und morsch geworden, sollten ihr Leben lassen – so hatten die hochweisen Stadtväter beschlossen, und das Pappeltal würde fortan seinen Namen mit Unrecht führen. Obwohl die etwas langweiligen Pappeln sonst nicht ihre Lieblingsbäume waren, sondern vielmehr die lustigen Linden, schnitt ihr der Anblick der toten Baumriesen doch in die Seele. Die ruhlosen Pappelblätter dort draußen hatten in vielen guten und bösen Tagen ihr einförmiges Lied gesäuselt.

Monika seufzte. »Ach, nun hauen sie uns alle Bäume fort. So fallen wir Menschen auch, wenn der Tod seine Sichel an uns legt … o, wie wird mir plötzlich!«

Die Blutwelle schoß ihr durch die Brust und bis in die Schläfen. Während der Herzaffektion schloß sie die Augen und atmete tief.

Friedlinchen hatte die Mutter umschlungen und den Kopf auf die weißen Haare gelegt. »Mutti, du arbeitest viel zu viel und mußt abends früher aufhören.«

»Mein Kind … es ist nicht die Arbeit … damals in Hamburg begann mein Sterben … und das schreitet nun langsam fort, wie die schneidende Säge, bis ich plötzlich falle.«

Die Blinde drückte einen Kuß auf die Haare. »Mütterchen, du darfst nicht sterben, nicht vor mir sterben. Wie könnte ich hier im Hause, hier auf der Erde allein und ohne dich sein?«

»Das ist meine Angst, daß du allein zurückbleibst …«

»Mutter, ich bleibe nicht zurück, ich weiß, daß ich vorangehe und ein warmes, stilles Stübchen dir bereite, wo du nicht mehr Handschuhe zu nähen und dir die Augen aus dem Kopf zu sehen brauchst, wo du immer ruhen kannst und von Amatus reden … ich bleibe nicht zurück, ich gehe voran.«

»Woher … weißt du das?«

»Oft fühle ich mich schwach, wenn ich die Diele aufwische und mich bücke … meiner Brust fehlt etwas, hier oben links sticht es bisweilen … Mutter, ich sterbe vor dir.« Mit einem froh leuchtenden Antlitz sprach die Blinde diese Worte.

Friedlinchens Brustschwäche machte Monika Sorge.

»Weißt du, was heute für ein Tag ist, Friedlinchen?«

»Ja, der Tag, an dem Amatus vor drei Jahren nach Amerika ging … ich habe jedes Datum behalten … als er das Amtsexamen machte, das war der zweite Oktober, der große Freudentag … am achtzehnten predigte er in St. Marien … und als er aus Alstrup kam, schrieben wir den dreizehnten September, den bösen dreizehnten …«

»Drei Jahre, drei volle Jahre! Ob ich ihn wiedersehen werde, ehe …?«

Friedline richtete die klaren, sehlosen Augen empor und sagte mit einer eindringlichen Stimme, die prophetisch war und erschütternd wirkte: »Mutter, ich [später entfallen: habe gebetet und] weiß von Gott, daß du und ich ihn wiedersehen werden … ich weiß es von Gott.«

Von diesem gewissen Kindesglauben ging eine Kraft auf Monika über, daß ihre Hoffnung erstarkte.

Der Postbote brachte zwei Briefe auf einmal. Ernas Mann, Karl Quistrup, der nach Kiel versetzt und noch immer Aktuar war, schieb, daß der sechste Sprößling glatt und glücklich angelangt sei. Wie er heißen solle? Man sei etwas verlegen, weil man alle männlichen Namen der näheren Verwandtschaft schon verwendet habe. Ob Monikus beanstandet werden würde?

Quistrups Eheglück war nicht ohne Galgenhumor.

[Später entfallen: Das andere elegante Brieflein hatte Silly geschrieben, welche Tante und Kousine einlud, das Weihnachtsfest in Breitenföhrde zu feiern. Und die Herzensgute hatte in den Brief einen Zwanzigmarkschein hineingefaltet, ohne in ihrem Taktgefühl ein Wort davon zu erwähnen.

Das war für die Reisekosten, und die Einladung wurde mit Dank angenommen. –

Friedline tat einen Monat lang mit still jubelndem Herzen ihr Hauswerk. Wenn das Husten sie anwandelte, unterdrückte sie es tapfer, damit der kalten Fahrt wegen keine Besorgnisse entstünden. Wenig Freuden bot ihr das Leben, aber die winzigsten wurden ihr zu großen.

Nicht die Größe der Freude – trete sie nun in Gestalt eines Geschenks oder Glücksfalls, einer Erholung oder eines Erfolges an den Menschen heran – sondern das Wie des Genießens ist allein entscheidend und erzeugt die rechte Herzfreude. Wie keiner verstand sich Friedline auf den Genuß und Vorgenuß. Das ist die Klugheit des kindlichen Gemüts, daß es die Kunst zu leben, d.h. der kleinen Freuden sich zu freuen, versteht. –

Der Bummelzug, der billig war, klapperte stundenlang über die Heide. Obgleich Friedline nichts sah und nur die Sonne fühlte, war ihr Antlitz mit einem stillen, steten Lächeln auf das Fenster gerichtet. Sie fragte: »Wie ist das Land, an dem wir vorbei sausen?«

»Flach, flach! Nur Schnee, Schnee, blendend weiß und blitzend, und die Sonne wirft ihren hellgelblichen Schein darüber. Eia, ein rechtes Weihnachtswetter!«

In Breitenföhrde bewohnte der Amtsrichter Berg eine große, vornehm ausgestattete Etage. Silly hatte dem Bruder ihr kleines mütterliches Erbteil von 6000 Mark geliehen, um die Einrichtung zu bestreiten.

Berg war auffallend dick und aufgedunsen und zündete sich eine frische Zigarre an, ein feines Kraut, von dem er seine zwanzig Stück täglich rauchte. Ohne Zigarre sah man den Amtsrichter nicht, der in der Stadt beliebt und eine Vertrauensperson war und mehreren wohlhabenden Damen das Vermögen verwaltete. Insonderheit die Witwen suchten gern Rat bei ihm. Berg war ja unvermählt und unverlobt, und die Breitenföhrdener Altjungfern und Jungwitwen waren nicht prüde genug, um an einem kleinen Klatschgerücht, das in der kleinen Klatschstadt ging, moralischen Anstoß zu nehmen…

Hm, es hieß, er solle eine Liaison und Liebschaft haben – mit einer nicht ganz einwandfreien Frau. Aber das werde natürlich aufhören, wenn er nur erst mannhaft sich entschlösse, eine wirkliche Liebesehe einzugehen.

Asmus setzte den Hut auf und sagte zu seiner Schwester: »Es ist Zeit, der Zug kommt bald. Ich will auch mitgehen und Tante am Bahnhof abholen,« Er paffte ein paar Mal. »Puh … wenn sie sich nur nicht verplappert …«

»Wer?«

»… Die Tante … und damit herausplumpst, daß ihr Mann Gerichtsdiener war … dann wären wir schön blamiert … kannst du es ihr nicht sub rosa beibringen, daß sie von ihrem Manne usw. nicht in Breitenföhrde spricht?«

»Betraue dich selber mit der diplomatischen Mission!« antwortete Silly und lachte auf. Er hatte nämlich den Überrock angezogen und mit großer Mühe zugeknöpft. »Haha, in dem Rocke siehst du aus wie …«

»Wie denn?«

»Wie eine ausgestopfte Wurst.«

Beleidigt kehrte er sich ab und beschloß, einen neuen Überzieher zu kaufen.

Auf dem Wege zum Bahnhofe bemerkte Asmus: »Ja, ich werde es ihr zu verstehen geben, daß sie von dem seligen Hans Junker den Mund hält. Tante Mona, vorausgesetzt, daß sie sich ein bißchen nett gekleidet hat, ist eine präsentable Frau, die man vorstellen kann … sie ist eben eine Berg.«

Er fixierte die Schwester mit einem boshaft malitiösen Seitenblick. »Dem Amatus soll es in Amerika ja gut gehen, pah, wer's glaubt! Den Suff hat er ja von seinem Vater; aber nach wem der Schlingel in allen andern Dingen degeneriert und entartet ist? Seine Mutter hat einen tadellosen und energischen Charakter.«

Silly schluckte eine Weile an dem Ärger, bis sie die zusammengebissenen Lippen öffnete. »Amatus trinkt nicht mehr und ist ein tüchtiger Mensch geworden … das ist so, sonst würde er es nicht schreiben, denn er lügt nicht, lügt nie.« Sie betonte stark und sah den Bruder bedeutungsvoll an. »In Amatus steckt guter Grund … ein aufrichtiges Gemüt und Herz, Herz, hat er.«

»Herz? Herz! Haha!« Asmus lachte und höhnte. »Mein liebes Herz! Alte Liebe rostet nicht.«

Sie wurde rot und blieb bis zum Bahnhof schweigsam und wie auf den Mund geschlagen.

Der Bummelzug fuhr in die Halle. Silly küßte herzlich die Verwandten und führte die blinde Base. Asmus, der Hut und Mantel der Tante mit einem kurzen Blick gemustert hatte, bot ihr kavaliermäßig den Arm.

Nachdem er eine höfliche Frage nach ihrem Befinden – aber nicht nach ihrem Auskommen – gestellt und eine freundliche Phrase, wie gut sie noch aussehe, gemacht hatte, räusperte er sich heftig, als wenn ihm etwas im Halse fest säße.

Monika äußerte, daß sie die Weihnachtserholung in Breitenföhrde recht genießen werde. »Acht volle Tage ruhen und gar nichts tun! Das Handschuhnähen, das peinlich saubere Prickeln, morgens bei Licht und abends bei Licht, greift die Nerven doch sehr an …«

Was in seinem Halse drückte, fuhr jetzt heraus. »Tante, ich bitte dich … wir haben in Breitenföhrde viele vornehme Bekannte … laß nichts davon verlauten, daß du Handschuhe nähst! Es … es gibt Leute, die sich daran stoßen … darum sagen wir auf Befragen gewöhnlich, mein verstorbener Onkel sei Gerichtsbeamter in Norderhafen gewesen, und die Neugier ist befriedigt.«

Frau Junker erwiderte nichts, aber Silly kehrte den Kopf nach hinten und sagte mit spöttisch gespitzten Lippen: »Du kennst deine Breitenföhrdener schlecht, die alles, alles wissen, wo der Amtsrichter den gestrigen Abend verbracht hat, wie viel er vorgestern im vingt et un verlor, daß sein Onkel Hans nur Gerichtsdiener gewesen … einem rechten Breitenföhrdener bleibt kein Punkt in der Gegenwart und Vergangenheit seines lieben Mitmenschen verborgen.«

Der Hieb saß. Asmus schleuderte ihr einen bösen und bissigen Blick zu.

Aber in demselben Moment wechselte sein Gesicht den Ausdruck und wurde lieblich-lächelnd. Gravitätischen, ja majestätischen Ganges bewegte sich eine auffallend gekleidete Dame die Straße herunter. Sehr stark und stattlích und sehr geschnürt war die Figur. Unter der eng anliegenden Jacke schien die fleischig üppige Körperfülle zu wogen, als wenn sie ihre Fischbeinfesseln sprengen wolle. Auch das Gesicht mit den dunklen, dreisten Augen, die unter dem Straußfederhut wie schwarze Similisteine blitzten, war zu voll und fast schwammig.

Tief zog der Amtsrichter den Hut vor ihr. Leicht den Kopf zum Gruße neigend, warf sie ihn in den Nacken zurück, ein süß kokettes und künstliches Lächeln auf den Lippen und mit den Simili-Augen zwei feurig funkelnde Pfeile schießend. Jede ihrer Bewegungen schien berechnet, und sie schritt majestätisch weiter.

Zwei junge Mädchen, die ihr begegneten, stießen sich mit den Ellbogen an, sahen nach dem Amtsrichter und kicherten laut.

Monika fragte verwundert: »Ist das eine Standesperson der Stadt? Sie hatte, wenn ich so sagen darf, so eine … eine Kleopatra-Haltung und -Attitüde.«

Silly kehrte sich und brach in ein ihr wohltuendes Gelächter aus. »Kleopatra-Haltung! Seht gut, Tante! Die Person heißt nämlich in ganz Breitenföhrde Kleopatra.«

Der Bruder machte noch bissigere Augen und brummte: »Ich verbitte es mir, daß du Damen der Stadt Spottnamen anhängst … ja, als richterlicher Beamter darf ich es nicht dulden, daß meine Schwester vor meinen Ohren Verbalinjurien begeht. Ich verbiete es dir. Weißt du nicht, was der einfache Anstand fordert? Silly, warum hast du Frau Butenblanks höflichen Gruß nicht erwidert?«

Scharf und schnippisch lautete die Antwort: »Eine solche Person kenne und grüße ich nicht.«

Asmus schwieg, aber sein grollender Blick, der gehässig über die Schwester hinglitt, sagte: Das werde ich dir gedenken. – – –

Die Handschuhnäherin und ihre Tochter wähnten ein wahres Schlaraffenleben zu führen und fragten sich manchmal, ob sie das alles nur träumten. Nein, morgens lagen sie, so lange sie mochten, im wohlig warmen Bette. Und dann das Schlemmen! Schon zum Frühstück wurde warm gegessen.

Sehr modern und dennoch antik und altdeutsch war die Wohnung. Silly hatte ihr eignes kleines Boudoir. Aber es war nicht ein mit Nippes und Nichtigkeiten überladenes Damenzimmer, sondern der einfachste Raum im ganzen Hause, in dem sie die alten Möbel vom Vater her, die aus dem Verkauf gerettet waren, die Mahagoni-Kommode, den Ohrsessel, das kattunbezogene Sofa, aufgestellt hatte.

In dem altmodischen Boudoir hielt Silly sich am liebsten auf. Die Tante saß bei ihr auf dem Kattunbezogenen.

»Hier ist doch am traulichsten, Silly, trotz des Luxus in den andern Zimmern. Was für ein Haus ihr macht! Ihr müßt ja reich sein, oder dein Bruder muß ein riesiges Gehalt haben.«

»Er hat nur reichlich 3000 Mark und von der Universität her noch Schulden.«

»Aber, wie könnt Ihr dann so leben?«

Silly ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte: »Eben das fasse ich auch nicht. O, Tante, nicht alles, was glänzt, ist reines und rechtes Glück.« Ihr Auge schimmerte feucht, und ihre Stimme seufzte: »Woher kommen die Mittel?« Er sagt, daß er im Klub kürzlich eine große Summe gewonnen hat … aber auch das ist schrecklich.«

»Allerdings kein ehrenvoller Erwerb, aber es wird sich so verhalten, wie Asmus behauptet.«

»Tante Mona, ich weiß es nicht, was es ist … aber ich gehe alle Tage wie unter einem geheimen Herzdruck … hier, hier, besonders des Morgens.«

»Ach, bei mir sind das die Ahnungen … aber sei ruhig, Kind, es können auch die überreizten Nerven schwarze Stimmungen erzeugen. Sei still und hoffe auf Gott!«

»Mein Bruder hat keinen Gott.«

»Er hat doch den Abgott der Ehre. Der strengen Ehrenhaftigkeit, der ihn vor allem, was ehrlos und vor Menschen makelhaft ist, bewahren wird.«

Ja, das war Sillys Hoffnung und Halt in ihren Ahnungen und Ängsten.

Schon um vier Uhr begann der graue Mittwintertag zu dämmern. Die Nichte forderte den Besuch zu einem Gange durch die Straßen auf, um die beleuchteten Weihnachtsschaufenster zu besichtigen. Ihre zweite und eigentliche Absicht verschwieg sie zunächst.

In der Marktquergasse begegneten sie einem hochgewachsenen, hageren Fräulein in höheren Semestern, welches ein unförmlich fettes, mit Schabracke und Schellenhalsband behangenes und jeden Baum beriechendes Möpslein an der Leine führte und mit einem minutenlangen, gezierten Lächeln grüßte.

Silly lächelte zurück und sagte in angemessener Entfernung: »Fräulein Weinhold, eine sehr reiche Dame und eine sehr unverhohlene Anbeterin des Amtsrichters. Die alte Jungfer würde ihn zu gerne heiraten und hat einmal in ihrer wunderlich-weinerlichen Weise zu mir gesagt: ›Fräulein Berg, Sie lieben doch Ihren Bruder … ach, wenn er nur eine gute Frau bekäme, würde er ein guter Mensch.‹ «

»Das war allerdings deutlich … und was sagtest du dazu?«

»Ich wußte nichts zu sagen … und gleich hinterdrein erzählte sie mir unter Schluchzen die greulichsten Klatschgeschichten über ihn. Fräulein Weinhold hat ihm förmlich die Verwaltung ihres Vermögens aufgedrängt. Er kauft und bewahrt die Wertpapiere für sie.«

»So? Alleinstehende Frauen haben ihm ihr Vermögen anvertraut?« fragte Monika gedehnt.

»Ja–a, e–ben.« Das klang noch viel gedehnter, wie ein unangenehmer, insgeheim lang und breit ausgesponnener Gedanke.

Die Lichter in den Schaufenstern flammten auf. Welche Pracht, die wohl Augenlust machen konnte! Friedline schaute nichts von der Herrlichkeit, aber sie sog auf dem Markte den Duft der Tannen ein und hörte das Schellengeläut der Schlitten, sie blieb lauschend und lächelnd vor einem Hause, in dem Kindlein mit feinen Stimmen das »Stille Nacht« übten, stehen.

Monikas Auge glitt ziemlich gleichgültig über die Schmuck- und Goldsachen des Juweliers, aber vor dem Fenster eines Hausstandsgeschäftes war sie wie festgewurzelt. »Ei, das ist ein schöner Petroleumkocher zu acht Mark … mein alter, den ich kaufte, als ich mit Amatus nach der Universitätsstadt zog, hat bald ausgedient … wie ich.«

Silly tat, als wenn sie nichts höre, aber merkte sich den Wunsch der Tante und ließ am nächsten Morgen den Petroleumkocher kaufen. Der eine Zweck des Weihnachtsganges war erreicht, der andre machte wenig Schwierigkeiten.

Friedline, die nicht sehen konnte, wo sie sich befand, wurde vor einem Pelzgeschäft gebeten, fünf Minuten auf der Straße zu warten.

Auf dem Flure wisperte Silly: »Pstt, ich will ihr einen Muff zu Weihnachten schenken … der alte, den sie hat, ist schon so abgetragen. Ob es ihr recht ist?«

»Unendlich wird es sie erfreuen, denn sie genießt jede Freude mehr als andre Menschen, doppelt und dreifach.«

Ein guter Muff war bald gekauft.

In Läden erwacht die liebe Augenlust der Frauen. Silly, die sich einfach, aber sorgfältig kleidete, wünschte eine nicht zu teure, für ihre Person passende Pelzgarnitur zu besehen. Der Kürschner, der ein gewisses Lächeln verkniff, legte Skunks-, Bisam- und Nerz-Kolliers vor.

Sie sah eine Steinmarder-Pelzgarnitur abseits liegen, die ihr sofort gefiel. »Wie teuer, Herr Meyer?«

»Hundertachtzig Mark!«

»O, o! Das kann ich mir nicht leisten … über achtzig Mark darf ich nicht ausgeben … ich muß wohl beim billigen Skunks bleiben.«

Der Verkäufer vermochte nicht länger das verkniffen Lächeln zu unterdrücken.

»Was lachen Sie, Herr Meier?«

»Mögen Sie die Steinmarder-Garnitur leiden?«

»Ja, sie ist ganz prächtig … aber was haben Sie doch?

»Hm, gnädiges Fräulein, verzeihen Sie, wenn ich vielleicht indiskret werde … aber, obwohl ich Geschäftsmann bin und gern verdiene, möchte ich Ihnen raten, keine Pelzgarnitur zu kaufen …«

»Warum nicht? Sind Motten darin?«

»Nein, um Gottes willen, streng reelle Ware! Aber, sehen Sie … häm, hüm … der Herr Amtsrichter hat schon die Steinmardergeschichte für Sie … entschuldigen Sie gütigst! Ich habe natürlich nichts gesagt …«

Silly verließ mit einem glücklichen Lächeln den Laden. Die rechtlich Denkende bereute, daß sie einen Schatten auf den Bruder geworfen. »Tante, Asmus ist dennoch gutmütig … wie feinsinnig er daran gedacht, daß ich Muff und Kragen notwendig gebrauche … aber so rasend teuer! Hundertachtzig Mark!«

Da rauschte Frau Butenblank vorüber, ohne zu grüßen. Doch die schwarzen Simili-Augen sahen Silly frech an und loderten förmlich.

»Wie die Person mich impertinent ansieht!«

»Warum verachtest du sie? Und was ist sie?«

»Frau Kleontine Butenblank ist Wirtin im »Goldenen Löwen«. Viele Honoratioren-Herren der Stadt nennen es ein feines Restaurant, aber die Frauen sind wohl entgegengesetzter Ansicht. Trotzdem halten die Männer ihren Klub dort ab. Frau Kleo, die im Volksmunde Kleopatra heißt, weiß sie durch ihre Koketterie zu bestricken.«

»Ihr Ruf ist kein guter? Und ihr Mann?«

»Ihr Mann, der in seiner unglücklichen Ehe sich schnell ausgelebt hat, leidet an Rückenmarkschwindsucht. Den hat sie zu seinem Bruder aufs Land gebracht und so aus dem Wege geschafft.«

»Pfui, ihren kranken Mann … die abscheuliche Person!« Monika war in heller Entrüstung.

»Ja, sie ist ein Polyp, der mit seinen Armen alles an sich zieht und dann erdrückt, ein Vampyr, der durch teuflische Sirenenkünste den Männern alle guten Regungen aus Herz und Gewissen saugt.«

»Und Asmus verkehrt in dem Wirtshaus?«

»Ja, leider, leider, täglich kommt er dort in der Klubstunde … und auch sonst.« Silly schwieg und wollte ihren guten und freigebigen Bruder nicht mit Schmutz bewerfen. –

Alles war standesgemäß und nobel. Der Tannenbaum mit seinen hundert Lichtern reichte bis zur Decke. Hinter den Zweigen stand Silly versteckt und machte sich zu schaffen und schluckte schwer an irgend etwas.

Friedlinchen tänzelte auf dem Teppiche vor Freude und streichelte das weiche Muffell, daß es knisterte. Monika stand sinnig und bedächtig und schraubte an dem Petroleumkocher, sorgfältig prüfend, ob alles in Ordnung sei. Trotz der Zimmerwärme hatte sie dabei noch immer den Mantel um, den der Neffe ihr großmütig geschenkt, damit seine Tante in Breitenföhrde sich sehen lassen könne.

Silly blieb mit länglichem Gesicht und die Lippen beißend hinter dem Baum stehen, um die erste Benautheit ihrer schweren Enttäuschung vorüber gehen zu lassen. Mit einer recht billigen Broche war sie beschenkt worden. Mechanisch, mißmutig schlug sie das Buch auf, das als zweite Gabe daneben gelegen. »Es war einmal« von Sudermann! Sie schluckte an dem aufsteigenden, erstickenden Ärger. Sollte das für sie eine Weihnachtsfreude sein? Ihr Bruder wußte sehr gut, daß sie Sudermann nicht mochte und an dem »Katzensteg« sich geekelt hatte. Und dennoch schenkte er ihr das Buch.

Asmus trat heran und tupfte ihre Schulter, sarkastisch blinzelnd. »Ja, ich sehe, du bist nicht zufrieden. Aber es ist nun einmal so, daß du die modernen Autoren kennen lernen mußt, um in Gesellschaften mitsprechen zu können.«

»Gibt es nicht genug gute Bücher, die du mir hättest schenken können, z. B. Storms Schimmelreiter?« antwortete sie kurz angebunden.

Wegen des Steinmarderkragens zerbrach sie sich den Kopf. Rätselhaft!

Monikas neuer Petroleumkocher wurde eingeweiht und ein Weihnachtspunsch darauf gebraut. Der Glühwein schäumte und schmeckte.

Da sagte Friedline plötzlich als das mahnende Gewissen: »Aber wir haben am heiligen Abend gar nichts aus Gottes Wort gelesen und gar nicht gesungen.«

Die weißhaarige Tante las den Abschnitt der Schrift, und man sang die lieben, alten, ewig jungen, wunderbaren Lieder.

Der Amtsrichter rauchte, mächtig qualmend, mit einem überlegenen Blasen der Lippen, und tat nicht mit. Zuletzt sagte er spöttisch leise zu Silly, die am Klavier begleitete: »Genug des grausen Spiels!«

Vor freudiger Erregung konnte Friedline in der heiligen Nacht nicht einschlafen. Am liebsten hätte sie ihren Muff mit ins Bett genommen. Sie lag in Weihnachtsträumen und hörte die leise blasenden Atemzüge der Mutter.

Dann hob sie ihren Kopf aus dem Kissen und lauschte mit dem scharfen Gehör. Vorsichtig und fast unhörbar ging eine Tür auf – drüben die Schlafkammertür des Vetters war es gewesen – die Diele knarrte – einmal stolperte ein Fuß auf der Treppe. Ihr Ohr fing ein von unten kommendes, gedämpftes Knirschen auf – die Haustür wurde auf- und zugeschlossen.

Wer entfernte sich heimlich aus dem Hause? Ihr Vetter Asmus! Und warum? Das ging ihr durch den neugierig grübelnden Kopf. Wohin begab er sich so spät nach Mitternacht? Pfui, wie häßlich, wenn er noch im Wirtshause eine Nachweihnachtsfeier halten wollte.

Der Schlaf der Blinden war noch leiser als sonst. Als sie erwachte, war es stockfinster, und sie wußte nicht, wie lange sie geschlummert hatte. Ein Türschloß kreischte durch die tiefe Stille. Über den Flur ging ein Schritt, der schwer auftrat. Asmus kehrte zurück. In dem Augenblick schlug drüben im Eßzimmer die Stutzuhr fünf laute Schläge. Friedline hatte genau und richtig gezählt und zerbrach sich den Kopf. Wo war der Vetter in der allerheiligsten Nacht von Mitternacht bis fünf Uhr morgens gewesen? Weshalb schlich er sich aus seinem Hause, wie einer, der auf bösen Wegen geht?

Friedline fand keinen Schlaf mehr und teilte in der Frühe, im Bette liegend, der Mutter ihre Wahrnehmung mit. »Wie abscheulich, wenn er die Weihnachtsnacht in der Schenke, der Kirche des Teufels, gefeiert hat.«

Monika wurde bedenklich und sehr betrübt. Einen noch abscheulicheren Verdacht konnte sie nicht los werden und sagte mit einem Seufzer: »Mein Kind, wir können nichts tun und wollen nichts davon zu Silly sagen, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen.«

Friedlinchen faltete die Hände. »Ja, wir können für Asmus nichts tun als beten, daß Gott ihn vor dem Bösen bewahre.«

Die beiden sprachen ihr Morgengebet und schlossen Silly mit herzlicher Fürbitte darin ein. –

An dem zweiten Festtage, der frostklar und sonnig war, fuhr der Amtsrichter über Land zu einer Herrengesellschaft.

Silly Berg ging mit ihren Verwandten an dem schönen Wintertage spazieren und führte Friedline. Wenn die Frauen unter sich waren, war stundenlang von dem in Amerika weilenden Amatus gesprochen worden. Die Kousine brachte wieder das Gespräch auf ihn und lauschte mit derselben Aufmerksamkeit den zum viertenmal wiederholten Berichten.

Die Menschen strömten zur Stadt hinaus, dort, wo weithin eine blanke Eisfläche in der Sonne blitzte. Auf den Salzwiesen der Föhrde, wo das Schlittschuhlaufen absolut sicher war und man beim Einbrechen schlimmstenfalls nasse Füße sich holen konnte, tummelte sich ein Gewühl von Männlein und Weiblein, die bei acht Grad Kälte heiße Herzen hatten, von lustig kläffenden Hunden und täppisch purzelnden Kindern, von graziös gleitenden Damen und elegant hinsausenden, im Kreise herumschnurrenden Herren, die ihren Namenszug aufs Eis hinschrieben.

»Kleopatra!« wisperte Silly und schoß einen giftigen Blick der Erbosung nach der üppigen, gravitätischen Frauengestalt, an deren Seite ein ältlicher Herr, kurmachend und kavaliermäßig ihr die Schlittschuhe tragend, mit einem verliebten Grinsen ging. »Unser Herr Apotheker! Der dumme, alte glatzköpfige Geck« raunte Silly spitz.

Frau Butenblank wurde Fräulein Berg gewahr und schwenkte plötzlich und geflissentlich nach links, um ihr zu begegnen. Sie wollte über die verhaßte Gegnerin, die aus ihrer Geringschätzung kein Hehl machte, einen Triumph feiern.

Sillys Augen, die dem frechen Blick der Goldenen Löwenwirtin durch Verachtung Trotz bieten wollte, schlugen jählings nieder, sanken auf den schmutzig weißen Grund. O, o! Als wenn ihr taumelig werde, tastete Silly um sich und faßte mit beiden Händen den Arm der Tante. Aschgrau war ihr Gesicht geworden, und ihre Zähne bissen sich zusammen.

Höher sich emporreckend, langsam, langsam, den Kopf in den Nacken zurückwerfend, schritt Kleopatra vorüber und betrachtete von oben, von ihrer Höhe herab Fräulein Berg mit den teuflisch schwarzen, höhnisch triumphierenden Simili-Augen, und ihre Finger hoben spielend den langen Pelzkragen von Steinmarder. Sie, sie trug die Garnitur, die der Amtsrichter bei dem Kürschner Meier gekauft hatte, aber nicht für seine Schwester, sondern für dieses Weib.

O, o! Außer Hörweite stöhnte Silly laut und war vor Scham und Zorn keines Wortes und kaum ihrer Füße mächtig. Monika und Friedline mußten sie nach Hause geleiten.

Hier schüttete sie ihr bekümmertes Herz aus und machte kein Hehl aus ihrem Argwohn, der jetzt zur Gewißheit geworden. »Man sagt, daß jedes Haus sein Gespenst habe … diese Demimonde … diese Dirne ist der böse Geist meines Bruders, unsres Hauses. Zuerst haben mir die Dienstmädchen es grinsend hinterbracht, daß er dort nachts gewesen. Fräulein Weinhold hat weinerlich mir das Stadtklatsch von dem sonst so lieben und guten und prächtigen Herrn Amtsrichter vorgewimmert. Fräulein Petersen, die alte Pastortochter, die durchaus keine Klatschliese ist, hat mich in wohlmeinender Absicht auf das Gerede aufmerksam gemacht, damit ich meinen Bruder warne.«

»Was ist die freche Person ihm?«

»Sie ist seine … Geliebte … er vergeudet Unsummen an dem widerlichen Weibsbild. Woher schafft er das Geld? Woher, Tante? Ich verzage, ich verzweifle.«

Monika schüttelte den Kopf. »Wie kann ein Mann diesen unförmlichen dicken, unschönen Fleischwanst gern mögen?«

»Es ist unbegreiflich, aber sie lockt nicht bloß ihn, sondern manchen andern Simpel in ihr Garn … die schlechten, die scheußlichen Frauen haben eine Gewalt …«

»Ja, eine Gewalt vom Bösen«, nickte die Tante und forderte Friedline auf, hinauszugehen und vom Tannenbaum zu naschen. Aber die Blinde horchte im Eßzimmer mit ihrem feinen Gehör. Das, was sie bis jetzt vernommen, war zu traurig, aber auch zu interessant.

Tante und Nichte sprachen miteinander im Flüsterton. Nur einzelne Worte wurden im Eifer lauter gesprochen.

»Hundertachtzig Mark … den dritten Teil unserer ganzen Einnahme!«

»Noch viel größere Geschenke … Tante, woher nimmt er das Geld? Er müßte das doppelte, das dreifache Gehalt haben, um so verschwenderisch leben zu können. Tante Mona, Angst, furchtbare Angst quält mich … und Träume des Nachts, schauderhafte Träume.«

»Meine Silly, was können wir tun, als für ihn beten … wie ich für meinen Sohn getan …«

»Ach, Amatus war immer gut …« Dicke Tränen tropften aus den Augen der Nichte. »Mich fertigt mein Bruder durch Spott, und wenn das nicht wirkt, durch Grobheit kurz ab. Aber du bist die Schwester seines toten Vaters und noch die einzige Autorität. Auch bist du klug und wortgewandt. Sprich du mit ihm! Stelle ihm eindringlich das Ende und den Untergang vor, wie schmählich und ehrlos er handelt! Halte ihm die Schande vor und faß ihn an der Ehre! Wenn er auch Gott und das Gewissen nicht fürchtet, vor der Schande graut ihm am meisten.«

Frau Junker überlegte lange, ehe sie zusagte. Aber nachdem sie sich entschlossen, schwankte sie nicht in dem, was sie als ihre Pflicht erkannt.

Der Amtsrichter kam sehr spät vom Termin. Er hatte nach der Amtsanstrengung im »Goldenen Löwen« gut gefrühschoppt.

Bei Tisch trank er eine halbe Flasche Rotwein, wurde wohlgelaunt und erzählte ein scherzhaftes Erlebnis aus seiner amtsrichterlichen Praxis. »Gottlieb Hansen, der Kramwarenhändler, der originelle Kerl, der mit der Kiste auf dem Rücken das Land durchzieht, tritt herein und sagt: ›Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Amtsrichter, ich wollte mich von meiner Frau Trine gern scheiden lassen.‹ – ›Auf welche gesetzlichen Gründe hin!‹ frage ich. ›Wegen Untreue?‹ – ›Jawohl, ich bin ihr mehrfach auf meinen Reisen nicht treu geblieben … das kann ich beweisen und beschwören.‹ – Ich sage: ›Der schuldige Teil kann nicht auf Scheidung klagen.‹ – ›Hm, es gibt doch im Gesetz genug andre Scheidungsgründe.‹ – ›Ja, z. B. böswilliges Verlassen.‹ – Er kraut sich im ergrauten Haar. ›Häm, das ist gewiß wie das Amen in der Kirche, daß meine Alte mich nicht verläßt … aber ich könnte sie böswillig verlassen … geht das, Herr Amtsrichter?‹ – Ja, nun ging es, insofern ich den Kerl herausschmiß.«

Die Zuhörerinnen saßen gezwungen und lächelten kaum.

Nach dem Mahle bat Monika den Neffen um eine Unterredung. Es überraschte ihn sichtlich, weil er sie kannte und wußte, daß ihr Anliegen nicht auf eine kleine Anleihe hinauslaufen werde; doch öffnete er höflich die Tür seines Zimmers.

Frau Junker ging stets die geradesten Wege und sagte ohne Einleitung. »Könnte der Mann der Goldenen Löwenwirtin, ja der Goldenen, sich nicht wegen Untreue scheiden lassen?« Der Neffe erbleichte, und sie blickte ihm fest in die kleinen, wie auf der Lauer liegenden Augen. »Asmus, wo bist du in der heiligen Weihnachtsnacht gewesen?«

Er fuhr so heftig im Stuhle zurück, daß er die hell brennende Zigarre gegen die Lehne stieß und Feuerstücke auf den Teppich flogen. Jeden Funken mit dem Fuße zertretend, gewann er Zeit zur Überlegung und erwiderte: »Der Junggesellenklub hielt im »Goldenen Löwen« eine Herrengesellschaft ab, an der ich teilnahm.«

»Und die Frau Kleo – ?«

»Frau Kleontine Butenblank … was soll die?«

»War bei der Herrengesellschaft zugegen?«

»Natürlich war sie als Wirtin mitsamt dem Kellner da … was soll das Verhör?«

Monika erhob sich. »Asmus! Sohn meines verstorbenen Bruders, der ein Ehrenmann war, warum machst du der Frau kostbare Geschenke, eine Pelzgarnitur zum Preise von hundertachtzig Mark?«

Der Amtsrichter wechselte die Farbe. Er ergilbte und stotterte in verhaltenem Grimm: »Silly hat ausspioniert …«

Monika erzählte den Vorfall beim Kürschner und sagte scharf: »Was ist diese Kleopatra, das eheliche Weib eines andern Mannes, dir? Ich frage dich an deines Vaters Statt.«

»Die Honoratioren Breitenföhrdes verkehren da … warum nicht ich?«

»Aber sie machen ihr keine Geschenke … oder doch? Hat die Person mehr solcher freigebigen Freunde? Höchstwahrscheinlich, ja gewiß …«

Asmus geriet in Wut und schnob: »Ich verbitte mir das, Tante, ich verbiete dir und jedem, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.« Vor ihr warf er die Tür auf.

»Du … du zeigst mir die Tür?«

»Verletze nicht mein Ehrgefühl!«

Hoch aufgerichtet stand Monika an der Tür und rief: »Du bist jedes Ehrgefühls bar, sonst würdest du dich nicht von eines andern Weib umgarnen lassen. Ich rufe den Geist deines ehrenhaften Vaters … er, nicht ich, schreit dir zu: Kehre um von deiner Schande, vor deinem Untergange!«

Asmus biß die Lippen, auf die eine kleine Schaumblase trat, und knirschte: »Jetzt muß ich dich bitten, mein Haus zu verlassen.«

Stolz schritt Monika hinaus. Aber mit gebeugtem Nacken packte sie in ihrem Zimmer den Schloßkorb. Silly saß schlaff auf einem Stuhle und weinte strömende Tränen.

»Er ist fortgerannt und wird außer dem Hause … bei ihr bleiben, bis du dort bist. Die Menschen sagen, wir sind glücklich, und beneiden uns. Wenn sie die Wahrheit wüßten! O grausiges Glück! O glänzendes Elend!«

Wind und Wetter waren umgeschlagen. Graue Wolkenschwaden wälzten sich von der Westsee über das feuchtwarme Land. Himmel und Erde weinten leise Staubtropfen, die Dachtraufen und Gossen schluchzten. Überall war Tau und triefende Nässe, von oben kein Sonnenstrahl und unten schmutzig schmelzender Schnee.

Im Zuge saßen Mutter und Tochter mit feuchten Füßen und fröstelten. Das war die traurige Heimfahrt der fröhlich begonnenen Weihnachtsreise.

Friedline richtete die blauen Augen auf die Mutter, als wenn sie sehen könne, und sagte flüsternd: »Ich weiß alles … Asmus … E–he–bre–cher!«

»Still, still!« dämpfte Monika.

Worauf die Blinde wie eine Hellseherin langsam sagte: »Asmus ist böse und wird böse enden.«

[Später ergänzt/anders im Abschluß an den Brief von Quistrup: Unter dem Briefe, den der Schwiegersohn im Bureau geschrieben und in ein gelbes, grobes Gerichtskouvert gesteckt hatte, lag ein elegantes, parfümiertes Brieflein, welches Monika jetzt erst bemerkte.

»Es ist von Silly! Ach, wie selbst die besten Menschen unwillkürlich von ihrer Umgebung beeinflußt werden! Das einfache Mädchen, das früher so schlicht und solide sich gab, schreibt jetzt auf dem allerfeinsten Luxuspapier. Ich bin vielleicht kleinlich … das ist nur eine Kleinigkeit, aber ein Symptom. Silly macht uns Vorwürfe, weil wir sie nicht besuchen. Ich mag das Haus des Doktors nicht betreten, all der Prunk, der auf Kosten des törichten Mädchens angeschafft ist, beleidigt mein Auge; ich mag den Menschen nicht leiden, denn ich werde das vielleicht lieblose Gefühl, daß ich es mit einem Charlatan und Hochstapler zu tun habe, nicht los. Auch muß der Evers unsrem Amatus, der sehr abfällig ihn beurteilt, irgend eine schwere Kränkung zugefügt haben, Friedlinchen. Ich kann nun einmal nicht den Menschen, die mir zuwider sind, ein höfliches, freundliches Gesicht machen.«

Kein Fünkchen Falsch war in der Frau, die keine einzige Miene verstellen konnte. Sie wußte nur, was Friedline nicht wissen sollte, daß dieser Evers einmal ihrem Sohne schweres Weh bereitet und seine Sylvia ihm genommen hatte. Die Tatsache freilich bedauerte sie nicht, aber ihre Antipathie bewahrte sie, und das Haus betrat sie nicht.

Weil die Tante Junker ihre Nichte nicht besuchte, kam die Nichte zur Tante, freundlich und ohne Vorwürfe, und ihre erste Frage war, ob und was der Amerikaner Amatus geschrieben habe.

Monika streifte mit verstohlenen, bedenklichen Blicken von vorne und noch mehr von hinten ihre Nichte, die gegen ihre schlichte Gewohnheit ein elegantes, mit Besatz beinahe überladenes Kleid, welches hinten von der Schneiderin geschickt ausgepolstert war und die hohe Wölbung der Schulter verdecken sollte, trug.

Monika antwortete nur mit einem kurzen und schmalen Häm-häm, während Silly lebhafter als je, ein langes und breites von dem Doktor, der von Patienten überlaufen und von den ersten Damen der Stadt konsultiert werde, redete und rühmte. Er hat wunderbare Erfolge, alle seine Kuren reüssieren. Jeder Kranke, zu dem er gerufen wird, spürt sofort eine Besserung, die Schmerzen versteht er wegzuzaubern.«

»Häm«, machte Monika, »es gibt ja heutzutage in Hülle und Fülle schmerzstillende Opiate, welche sofort die Schmerzen wegtäuschen.«

»Mit seiner guten Laune, seiner unendlichen Liebenswürdigkeit erheitert und heilt er die Kranken.«

»Häm, er läßt sich seine Liebenswürdigkeit auch gut bezahlen, denn er soll gehörige Rechnungen ausschreiben.« Monika wurde sarkastisch.

Silly blieb sanft, »Evers ist ein guter Mensch. Wie aufmerksam ist er bemüht, andern eine kleine Freude zu machen. Fast alle Tage bringt er mir ein kleines, sinniges Geschenk, ein Paket reinsten Briefpapiers, ein Paar Handschuhe, einen Strauß Blumen mit.«

»Häm, er weiß, daß er dein Schuldner ist, und will seinen Gläubiger bei guter Laune halten … sei doch ein bißchen weltklüger, du gutes Kind! Häm, zahlt er dir auch pünktlich die Zinsen deines Kapitals?«

»Er ist ja noch ein Anfänger und hat auch einige Schulden von der Universität her.« – Silly konnte nicht lügen, wurde rot und schweigsam.

Frau Junker wußte genug und schüttelte den Kopf. »Kind, Kind, laß dir für dein Kapital Sicherheit und Bürgschaft geben! Du bist zu gut, zu leichtgläubig.«

Silly ging der unerquicklichen Auseinandersetzung aus dem Wege und in das Schlafzimmer hinein. Friedline nämlich war bettlägerig und hatte arge Stiche in der kranken Brust.

»Tante! Sie hat ja hohes Fieber! Und du hast keinen Arzt gerufen!«

»Sie weigert sich mit Händen und Füßen, einen Arzt zu nehmen … das arme Kind befürchtet wohl die hohen Kosten und sorgt sich nur um mich.«

»Es wäre unverantwortlich, nur eine Stunde zu warten. Ich gehe nach Hause und sende sofort Dr. Evers.«

»Nein, den nicht …« Monika sträubte sich. »Der Modearzt ist zu teuer für unsre Verhältnisse.«

»Ich bürge dafür, daß er keinen Heller nehmen wird … unbemittelte Leute behandelt er umsonst.«

Monika murmelte noch einige schwache Einwendungen, aber Silly wollte nichts hören und hegte wohl die stille Hoffnung, daß Evers, wenn er nur erst Eingang fände, auch diese beiden Frauen gewinnen und bezaubern werde.

Sehr bald erschien der Arzt, der so rücksichtsvoll, so fein und höflich sich benahm und so gewissenhaft die Kranke mit dem Hörrohr untersuchte, der so wahrhaft menschliche Teilnahme für das blinde Kind äußerte, daß Frau Junker an ihrer vorgefaßten Meinung irre werden wollte und mit sich selber zu moralisieren anfing. Wen das Leben hart angefaßt, der wird leicht hart in seinem Urteil … die glückliche Silly, die stets an jedem Menschen nur das Gute sieht und sucht … als Christin müßte ich wissen, daß selbst der böse Mensch sich bekehren und der unmoralische sich bessern kann und soll.

Doktor Evers machte ein bedenkliches Gesicht, wenn er nach der Mutter hinübersah, ein freundliches, so oft er die Hand Friedlines, die einsilbige Antwort gab, ergriff. »Zunächst müssen wir die Schmerzen, die den Heilungsprozeß hindern, vertreiben«, sagte er, leise den Ärmel des Nachtkleides hinaufstreifend.

Die Blinde, die das mißverstand, wurde von keuscher Glut übergossen und riß einfach den Ärmel zurück.

Aber die Mutter befahl: »Du mußt stille halten, wenn der Herr Doktor dich untersucht.«

Evers hatte in den paar Sekunden mit einer behenden Fingerfertigkeit, der man die Routine ansah, ein Fläschchen, das eine wasserklare, unschuldig aussehende Flüssigkeit enthielt, hervorgeholt und eine Glasspritze vollgesogen. Im Nu war die Nadel befestigt, die Spritze blitzte im Sonnenlicht und schoß blitzschnell in den entblößten Arm nieder. Da stieß Friedline einen kleinen Schrei aus und zuckte mit dem Arme. Ehe Monika recht gewahr wurde, was dort vor sich ging, hatte der gewandte Doktor seine Injektion gemacht. Die unschuldige, wässerige Flüssigkeit war ein starkes Gift, war zweiprozentige Morphiumlösung.

Bei dem Aufschrei der Kranken lachte Evers breit, behaglich und belustigt. »Haha! So sind alle Patienten! Vor der ersten Einspritzung haben sie einen wahren Horror, mit beiden Händen sträuben sie sich gegen die liebe Spritze … aber bei der zweiten schon reißen sie das Kleid zurück, strecken sie womöglich beide Arme nach der lieben Spritze aus.«

Friedline horchte hoch auf. Frau Junker hörte das mokante Lachen, das ihren Ohren roh und häßlich klang; sie wurde wieder irre und hatte den Eindruck, daß Evers aus seiner Rolle gefallen sei.

Als der Arzt gegangen war, gab Friedline ihr Urteil ab: »Ich mag den Doktor nicht leiden, nein, nein! – Die Blinde hatte eine instinktive Antipathie.

Sobald die Wirkung des Morphiums eintrat, verfiel sie in einen halbwachen, traumhaften Zustand, wo kein Schmerz mehr stach, keine Sorge und keine Sehnsucht nach dem Bruder mehr sie quälte. Eine selige Ruhe umfing ihr Gemüt, nur die Phantasie arbeitete rege und wob sonnige Träume von der Wiederkehr ihres Amatus und von einem wunderherrlichen Wiedersehen.

Gegen Abend des nächsten Tages erschien der gewissenhafte Arzt. Da der quälende Husten und die Bruststiche sich wieder eingestellt hatten, hatte er im Nu die Spritze bei der Hand.

Die Blinde sah keinen Schimmer von dem Instrument, aber sie fühlte instinktiv die Nähe; und sie streifte nicht den Ärmel hoch, noch streckte sie begierig den Arm nach der Injektion aus, wie Evers lachend prophezeiht hatte. Nein, das kranke Kind weigerte sich energisch und sprach erstaunliche Worte, die er noch nie aus dem Munde eines Patienten vernommen hatte. »Nein, Herr Doktor, nein! Ich will bei klaren Sinnen bleiben und leiden, was ich leiden muß. Ich will mich nicht mit dem scheußlichen Zeug betäuben und berauschen.« – Friedline steckte beide Arme unter die Bettdecke.

Der Doktor Evers zuckte die Achseln, blickte verlegen in die Luft und ging bald, wie einer, der abgeblitzt und abgetrumpft ist, und seine Routine und Redekunst hatte einen Augenblick ihn verlassen.

»Das dumme Ding!« brummte der Modearzt. Bald aber wurde er den häßlichen Eindruck wieder los. Ein älteres Fräulein, das an den Nerven litt, begrüßte ihn begeistert: »Sie kommen als mein Erlöser!« – Und sie zog den Spitzenärmel so rasch zurück, daß die Spitze zerriß.

Immer trug Evers die Flasche mit der wasserhellen, harmlosen Flüssigkeit in der Tasche, immer hatte er zwei Spritzen bei sich. Immer war er bereit, eine kleine Injektion zu machen, und die Damen Norderhafens priesen ihn als ihren Befreier von allen Schmerzen. Auch die andern, die einfältigen Patienten, die vom Morphium nichts wußten, rühmten, daß der Doktor alle Pein weghexe und ein Wunderdoktor sei. –

Vierter Abschnitt: Weihnachten auf der Prärie

Der deutsche Kandidat hatte vier Jahre lang »gefarmt« und war kein Neuling mehr in seinem Beruf und kein Grüner im Lande, sondern ein gebräunter, gewiegter und gesetzter Kansasbauer, überall sicher und sattelfest, mit festen Entschlüssen und harten Händen zugreifend und unter allen Umständen eine starke Seelenruhe bewahrend.

Lustig leuchtete die Sonne von sieben bis sechs, trotzdem es seit einer Woche Wintermonat war. Jack Frost, wie die Amerikaner den unwillkommenen Kanada-Gast nannten, wagte sich nur heimlich des Nachts nach Kansas herunter und blies über das Wasser der Tränke, daß man am Morgen eisen mußte. Die Pferde und Rinder hatten in geschützten Vertiefungen gut geschlafen und fanden ihr Futter auf der grauen Prärie. Der weise Schöpfer und Schirmer jedweder Kreatur hatte ihnen zwei Zoll lange Haare als Winterpelz gegeben, die über Nacht gewachsen schienen.

Der Bauer hatte seine bequemsten Tage. Oheim und Neffe lungerten nach dem Mittagessen auf der Veranda und ließen sich behaglich von den warmen Sonnenstrahlen belecken. 

Das stille Behagen der Daseinsfreude wurde dem Alten gestört, denn Amatus sagte unvermutet und schroff: »Onkel, ich muß meinen rückständigen Lohn haben.«

Tycho hüpfte aus der liegenden Stellung empor. »Was?« Bist du etwa mein Knecht? Oder mein leiblicher Neffe? Alles, was ich habe und besitze, bekommst du einmal, wenn ich tot bin … freilich hoffe ich, noch sehr lange zu leben.«

»Ich hoffe es noch mehr.«

»So? Wirklich?«

»Ja, aber Geld muß ich haben und meiner Mutter etwas schicken … bis Weihnachten sind nur achtzehn Tage.«

»Hm, du hast deine Mutter sehr lieb … ich habe Monika auch einmal gern gemocht … hihi … nun wirst du neugierig.« Um den Neffen von der unbequemen Lohnforderung abzulenken, erzählte Jönker alte Geschichten. »In Hellebäck verliebte ich mich in die hübsche Mona Berg, und mein Bruder Hans tat es auch und war der Glückliche, der die Braut heimführte. Dir will ich es jetzt verraten. Auch aus Ärger darüber desertierte ich von den Dänen und ging nach Amerika und ließ von hier aus absichtlich nichts von mir hören … es machte mir Freude, meinen Bruder und meine Schwägerin wähnen zu lassen, daß ich tot sei. Ob sie um mich geweint hat? Aber dich hab ich gern, Amatus, wie meinen leiblichen Sohn, der mich beerben soll … jaja.«

Wer hätte dem alten, vertrockneten und vergeizten Manne ein so starkes und anhaltendes Gefühl zugetraut? In Amatus erwachte eine andre, jahrelang schlummernde Frage [später entfallen: › nicht der unzarten Neugier, sondern der seelischen und Sohnesnot, die der verleumderische Vetter ihm einst bereitet].

»Warum hat sie meinen Vater genommen, der ihr doch nicht ebenbürtig war?«

»Nun, sie liebte ihn eben, denn Hans war ein schmucker Kerl … und … und sie wollte und mußte wohl das Haus ihrer Eltern verlassen …«

»Sie – mußte – heiraten?« Ohne daß Amatus wollte, entfuhr ihm das Wort [später entfallen: , das der Vetter gesprochen].

»Gott bewahre, Mona war ein blitzsauberes Mädchen, blank und rein … aber deine Großmutter war nichts wert.« Jönker kraute sich mit der Pfeifenspitze und paffte und prustete die Worte heraus: »Kurz und gut, nein schlecht! Der Nachbar im Dorfe hieß Johnsen, ein süßer Schleicher, der sich im Hause bei dem alten Berg und noch mehr bei deiner Großmutter einschmeichelte. Er war Hahn im Korbe, und in Hellebäck nannte man ihn allgemein den Hausfreund. Gesehen habe ich nichts. Aber das konnte deine Mutter nicht mit ansehen, das trieb sie aus dem Elternhause, so daß sie Knall und Fall den armen Hans Junker heiratete.«

In heftiger Bewegung erhob sich Amatus und atmete tief und immer tiefer aus voller Brust auf, als sei eine jahrelang unbewußte [später entfallen: , unheimlich drückende] Last von seinem Sohnesherzen hinweggenommen. Hoch und hell und hehr stand jetzt das Bild der teuren Mutter, des Liebsten, was er auf Erden hatte, vor seinen Augen. [Später entfallen: Hatte nicht je und dann ein angstvolles Mißtrauen ihn umflattert? Darum tat seine Seele Buße und bitter brünstige Abbitte ihr, der besten und reinsten und edelsten von allen Menschen. Fluch dem Vetter, dem verlogenen Verleumder!]

Die Geschichte des Onkels hatte seine Gedanken nicht abgelenkt, sondern sein Vorhaben bestärkt, und mit noch größerer Eindringlichkeit bestand er auf der Lohnzahlung.

Tycho krümmte sich und grunzte schwerhörig. Als das nichts fruchtete, griff er zu seinem letzten Trumpf und Beschwichtigungsmittel. »Von Lohn darf zwischen dir und mir nicht die Rede sein … alles, was mein ist, wird dein.« Unter seinem Bett hob er eine Dielenplanke auf, nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Neger nicht in der Nähe sei, und aus dem Loch brachte er ein Eisenkästchen zu Tage, dem er ein Schriftstück entnahm und dem Neffen überreichte. »Lies das! Es ist eine Abschrift des Testaments, das ich vorsichtshalber bei dem Rechtsanwalt der deutschen Gesellschaft in Kansas City deponiert habe.«

Amatus war zum Universalerben eingesetzt und wurde von echter Rührung ergriffen. Und nun geschah es hinwiederum und wirklich, daß er das verknöcherte Herz des alten Mannes rührte.

»Meine arme Mutter hat meine blinde Schwester zu ernähren und muß die müden Augen abquälen und durch angestrengtes Handschuhnähen ihr Brot sauer verdienen. Du hast sie einmal auch geliebt … o, ich wäre ein schlechter, schlechter Sohn, wenn ich ihr zu Weihnachten nichts schicken würde.«

Der Alte kaute kleinlaut und kramte noch einmal den Kasten hervor. Unter der Testamentsabschrift lagen die Banknoten. Zögernd, zitternd zählte er dreißig Dollars auf den Tisch, schob mit der Hand die sechs fast neuen Fünfer hinüber und riß sich mit tapferem Entschlusse, aber auch mit einem Seufzer davon los.

Von dem empfangenen Geld sandte Amatus zwei Drittel nach Norderhafen, ein Drittel behielt er für sich, um deutsche Bücher dafür zu kaufen. Meistens hatte er sich an den trocknen Trebern der Zeitungslektüre sättigen müssen, und die Feuilletons- und Frauenromane unter dem Strich sein Lesefutter gewesen. Darum quälte ihn ein förmlicher Heißhunger nach guter Geistesnahrung, der jetzt gestillt wurde.

Auf dem Posthause in Bellavista erbrach er das angekommene Paket, hastig und hochrot vor Erwartung. Da war Storm, sein Landsmann, und Macauly, der große Historiker des größten Preußenkönigs; Scheffel und Freytag fehlten nicht, und Heinrich Heine, der lieblich-lockere Sänger, schloß den Reigen. Ach, weiter hatten die dreißig Mark nicht gereicht.

»Bücher?« brummte der Oheim, »was soll der Unsinn für einen Bauer?«

Sorgfältig, mit liebkosenden Fingern legte Amatus die Werke seiner Lieblingsschriftsteller ins Paket. »Diese Bücher sind das Weihnachtsgeschenk, das ich mir selber mache … oder willst du sie mir verehren?«

»Nein, ich werfe, Gott sei Dank, mein Geld nicht weg.«

Dem deutschen Kandidaten, der argen Geisteshunger hatte, sollten die teuer erworbenen schätze das Weihnachtsfest verschönern. Wie ein Kind freute er sich darauf. Und nach der Weise der Kinder, die nach versteckten Weihnachtsgaben stöbern, konnte er nicht lassen, sein Geschenk hervorzuholen und in den Büchern zu blättern, aus denen der frische Duft der Poesie dem Verschmachtenden entgegenwehte, der ein Feinschmecker war und, um voll und langsam zu genießen, jeden Satz mit Entzücken zweimal las. –

An den steilen Rändern der Höllenschlucht wuchsen verkrüppelte Nadelhölzer. Behutsam kletterte Amatus herunter und holte sich von dort für den heiligen Abend eine kleine, kümmerliche Tanne.

In den Zweigen befestigte er sechs brennende Lichtstümpfchen und begann die traulichen Lieder der Kinderzeit zu singen. Nun war in dem düstern Blockhaus ein Stück weihnachtliche und deutsche Heimat. Onkel Tycho wischte sich den grauen Bart und wurde von sehr weicher Stimmung angewandelt, so daß er in die Tasche griff und dem Neger zwei Dollars schenkte – den dritten, den er schon in den Fingern hielt, ließ er wieder zurückgleiten.

Tom gaffte zuerst, baß erstaunt über diese Großmut, und grinste dann von einem Ohr zum andern. »Sie leben nicht mehr lange, Mister Jönker … aber ich will für Sie beten, daß Gott Sie noch zwanzig Jahre segne und erhalte.«

»Wer weiß, wer weiß, wie nahe mir mein Ende ist.« Die im Scherz gesprochenen Worte des Negers hatten eine sonderbare Wirkung – tiefster Ernst lagerte sich auf dem gefurchten Antlitz des alten Mannes, und plötzliche Todesgedanken flogen ihn an. »Hm, manchmal kommt der Sensenmann geschwind und hinterrücks … wenn ich sterbe, wird niemand um mich weinen. Du, Amatus? Nein, lüge dir nichts vor, denn du bist kein Heuchler! Mein Tod wird dir Vorteil bringen … keinen Menschen habe ich im Leben geliebt und keinem genützt.«

Unruhig erhob sich Tycho und horchte zum Fenster hinaus. Der gleichmäßig rauschende Wind hatte sich gänzlich gelegt. Unheimlich war die plötzlich eingetretene Stille, die Stille vor dem wilden, wütenden Wahnsinnsausbruch der Elemente.

»Dort draußen braut sich etwas Böses zusammen!« Mit diesen Worten stampfte er auf die Veranda hinaus. Finster war die Nacht und der Himmel mit dunklen Wolkentüchern tief verhangen. Nichts sah das Auge, nichts hörte das Ohr – kein dürrer Grashalm regte sich raschelnd – dumpfe, bängliche Totenstille brütete auf der weiten Prärie. Aber eisig und beißend war die bewegungslose Luft, wie auf dem Meere, wenn in ein paar Kabellängen ein Eisberg vorübertaumelt. Kein Laut, kein Laut! Nur ein bänglich ahnendes, beklommenes Angstgefühl schien geräuschlos gespenstisch, ungreifbarungeheuerlich über die Erde zu schweben. Tycho erkannte die Anzeichen der Natur und stürzte schreiend ins Haus. »O Gott, o Gott! Wir bekommen einen Schneesturm … einen Blizzard, sobald der Wind vom Norden losbricht.«

Der Schwarze sprang elektrisiert empor, während Amatus in seiner grünen Unwissenheit ruhig sitzen blieb. »Einen Blizzard? God gracious! Gnädiger Gott behüte uns!« Wie zum Beten schlug Tom die Finger in einander.

»Jungens, auf, auf und die Pferde gesattelt, damit wir die Herde vorher im Korral zusammenbringen!« rief der Farmer und brüllte den betenden Neger an: »Zum Donnerwetter! Jetzt heißt es nicht die Hände gefaltet, sondern flink gerührt! Auf, auf!«

Tom schob den Kautabak hinter den andern Kinnbacken und kaute gelassen. »Das Vieh ist klug genug, um das Unwetter zu wittern, und wird rechtzeitig einen geschützten Ort suchen.«

»Du fauler Kerl willst nicht vom warmen Ofen fort.«

»Massa, ich sage Ihnen, Sie riskieren im Blizzard Ihr und unser Leben …«

»Goddam! Was ist dein Leben wert? Warum zahle ich dir sechzehn Dollar im Monat und zwei zu Weihnachten? Heraus und die Pferde gesattelt!«

Alle drei stülpten die Mützen auf und zogen die Fausthandschuhe an und rannten über den Hof. Tom murmelte, wie ein leises Stoßgebet, etwas in den Bart. Es waren die Worte: »So Gott will, werden Sie den Hals brechen … aber Tom Lincoln nicht! Saviour, save him! O Heiland, helf ihm!«

Die ganze Natur hatte noch immer etwas unheimlich Lauerndes, wie ein still hingekauertes, mordsüchtiges Raubtier.

Die Pferde waren gesattelt. Der Farmer sah sich um im Stalle und schrie; »Wo ist der Schwarze? Der feige, verfluchte Hund hat sich irgendwo versteckt.«

Ja, Tom hatte sich selber geholfen und war spurlos verschwunden. Sie mußten zu zweien reiten und sprengten durch die Finsternis, um den kleineren Teil der Herde, der in der Nähe der Farm weidete, in die Hürde zu treiben.

Da brach das Unwetter los mit der Plötzlichkeit des Blitzes. Gleich einer heulenden Windhose fuhr vom Norden ein furchtbarer Sturmstoß daher. Das war wie ein Kommandoruf. Die schwarzen, lauernden Wolken stürmten wie wilde Geschwader daher und schleuderten nicht Schnee-, sondern harte, scharfe Eisflocken herunter und den Menschen wie Geschosse ins Gesicht. Der furchtbare Kampf der Natur, der Blizzard hatte begonnen.

Das gezähmte Tier sucht unwillkürlich Schutz bei dem starken Menschen. Brüllend stauten sich die Kühe und Kälber in der Nähe der Tränke, und als wären sie verständig der großen Gefahr sich bewußt, ließen sie sich willig in den Hof und hinter den Stall treiben, wo die Mauerwand ihnen etwas Schutz bot. Die Köpfe zusammen, dicht gedrängt standen sie in einem Haufen, um sich warm zu halten.

Amatus glitt aus dem Sattel und schlug die totsteifen Hände und Arme, in denen das Blut erstarrt war. Aber sein Gesicht, von den Eisschloßen getroffen, brannte wie Feuer. »Ich kann nicht mehr … und sehe nichts.«

»Ich kann auch nicht«, keuchte der Alte.

Beide taumelten geblendet und tasteten sich ins Haus, während die Pferde von selbst in den Stall liefen. Von dem kurzen Ritt in dem unbeschreiblichen Unwetter waren die abgehärteten Männer schon völlig erschöpft und tauten sich am warmen Ofen auf.

Bald kam Tycho zu sich selber und lamentierte mit kläglich schniefender Stimme: »Ach, all mein schönes Vieh drüben bei der Höllenschlucht, 600 Stück, und davon 240 Ochsen, geht elend zu Grunde. Um Gottes willen, Amatus, wir müssen es retten … es ist auch dein Vieh, mein Sohn. Helf mir!«

»Onkel, wenn ich nur könnte! Aber einen so grausigen Schneesturm habe ich nicht erlebt!«

»Wir wollen uns mit einem Schluck stärken und innerlich aufwärmen … dann muß es gehen.« Pfiffig den Mund spitzend, hob er die Dielenplanke auf und holte eine Flasche hervor, die neben den Schätzen des Eisenkastens ihren Versteck hatte. »Für den Notfall habe ich ein wenig Whisky, und jetzt ist Not am Mann.« Schmunzelnd nahm er einen tüchtigen Schluck und noch einen und bot dem Neffen die Flasche. »Ah, das belebt!«

Der aber wehrte ab. »Du weißt, ich trinke keinen Whisky.«

»Unsinn! Nimm es als Arznei, als Belebungsmedizin … sonst hältst du den Ritt nicht aus. Not bricht jedes Gebot und Gelübde. Soll ich darum meine ganze Herde verlieren? Trink, trink! Du bist es mir schuldig.«

Amatus, von einem starren Frostschauer geschüttelt, griff zögernd nach der Flasche und trank. Der kräftige Schluck tat Wunder und belebte das Blut und den Mut. Aus Not hatte er sein Gelübde gebrochen und die Alkohol-Arznei genommen. Zum Nachdenken, zur Reue war keine Zeit. Schnell in den Sattel!

Sie sprengten gegen den Sturm und konnten sich nicht sehen, aber hielten durch Zuruf sich bei einander. Susy senkte den Kopf und tat ohne Sporn ihre Schuldigkeit. Noch wilder und wahnsinniger tobte der Blizzard, und sein prasselnder Regen von schneidenden Eisstücken machte Menschen und Tiere blind.

Die Reiter hatten die große, unabsehbare Weide erreicht und horchten durch den heulenden Sturm. Wo war die Herde? Noch zerstreut? Nein, in der Angst hatten die Tiere sich zusammengefunden. Ein Bulle brüllte auf und brach voran. Eine kompakte, lebende Masse von Viehleibern wälzte sich ihm nach. Der Wahnsinn der Elemente hatte die Tiere angesteckt. Sinnlos, betäubt, geblendet, trieben sie vor dem Sturme, über die Prärie stampfend. Weithin donnerte der Erdboden.

»Da sind sie!« gellte des Farmers sich überschreiende Stimme. »Bei Gott! Die Stampede hat schon begonnen … nun geht's auf Tod und Leben. Ich glaube, gerade im Westen muß der Korral sein … immer drauf mit der Peitsche! Du links und ich rechts! So! Halte die Richtung und hüte dich vor der Höllenschlucht! In Gottes Namen!«

Verzweifeltes Gebrüll ertönte. Ein schwärzliches Gewoge stürzte vorüber. Amatus hielt sich links und spornte Susy. Aber wie die westliche Richtung halten in dem beißenden, blind machenden Schnee- und Eisregen? Undeutlich sah er hüpfende Rinder vor sich und folgte ihnen, nicht treibend, sondern getrieben.

Sogar die Tiere verließ der Instinkt in dem höllisch tobenden Unwetter, das vom Himmel niedersauste. Instinktlos und blindlings ließen sie sich vom Sturm über die Prärie fegen.

Der Reiter umklammerte mit den Schenkeln krampfhaft den Sattel und lag weit vornüber gebeugt, um das Gesicht zu schützen. Seine vor Schmerz geschlossenen, geblendeten Augen sahen nichts mehr. Durch das Brausen des Orkans vernahm sein halb betäubtes Ohr ein Donnern und Krachen.

Da – mit einem Male bockte Susy und stemmte stutzig und trotzig die Vorderbeine in den Grund, so urplötzlich, daß der Reiter über den Hals hinweg und durch die Luft flog.

Er fiel unsanft auf die harte Erde, griff unwillkürlich um sich und faßte einen Gegenstand, an dem seine völlig verkrampften Fäuste mit ihrer letzten Kraft sich festhielten. Es war ein schmächtiges, schwankes Bäumchen, an dem er hing. Er fühlte mit der Wange noch einmal – beim Aufschlagen schien ihm, als wenn sein Gesicht auf spitze Fichtennadeln gestoßen [später entfallen: sei].

Weit und breit wuchsen ein paar Zwergtannen nur dort, wo er sein Weihnachtsbäumchen sich geholt – am steilen Rande der Höllenschlucht!

Nun wußte Amatus, wo er war. Über dem schauerlich tiefen Abgrunde hing er wie an einem dünnen Faden – wenn der Zweig brach, war ihm sein letztes Stündlein gewiß.

O, von unten aus der Tiefe heraus klang dumpfes Gebrüll und Sterbegestöhn der abgestürzten Tiere. Wenn er fiel, würde er zerquetscht von den sich wälzenden Leibern. Das Haar sträubte sich ihm, das helle Grausen lief ihm über Rücken und Nacken.

Dem kraftlos keuchenden Mann gelang es endlich, das rechte Bein über den Stamm zu schlagen. Aber wie lange vermochte er mit seinen erstarrten Gliedmaßen sich hier zu halten?

Frosteisig war ihm; nur seine Seele brannte in ihm in bitterer Reue. Wehe! Warum hatte er sein sich selbst gegebenes Wort gebrochen und den elenden Whisky getrunken? Vom Leben, von seiner lieben Mutter nahm er unter Tränen Abschied und flehte brünstig: »Mein Gott, verschone meiner und gib mir aus Gnaden die ewige Seligkeit! Wenn es aber dein Wille ist, errette mich vom Tode! Es soll kein Tropfen von dem bösen Gift mehr, solange ich lebe, über meine Lippen kommen. Ich will treu sein, mein Herr und Gott!«

Unter dem Abhange etwas gegen die Eisgeschosse des Blizzards geschützt, holte der Erschöpfte tief Atem und neue Kraft. Warm und mutig durchrieselte ihn ein starker Wille zum Leben. Unter ihm, zwischen den im Todeskampfe sich wälzenden, zerschmetterten Rindern drohte der Tod sicher und schauderhaft. In Gottes Namen wollte er das Wagnis versuchen, nach oben zu klettern. Unter einem Stoßgebet klomm er empor, die Hände wie Krallen in den Grund schlagend.

Es gelang in Gottes Namen. Halb bewußtlos lag er langausgestreckt mit den Füßen über dem Abgrunde. Ein warmer, schnaufender Atem weckte und wärmte ihn. Die treue Susy, noch immer die Vorderfüße trotzig in den Grund gestemmt und den Kopf über die Schlucht gestreckt, als wenn sie nach ihrem abgestürzten Herrn ausspähe, wieherte leise.

Ihr rechzeitiges Bocken hatte ihn vor dem Ende bewahrt.

Noch jetzt wäre er ohne das Pferd verloren gewesen; denn er hätte im blendenden Schneesturm die Farm nicht gefunden.

Amatus kroch steif und mühsam in den Sattel und schrie dreimal in kurzen Zwischenräumen: »Onkel Tycho!« – Kein Laut, nur das Prasseln und Sausen des Blizzards! In dem Umkreis von wenig Schritten, den er übersehen konnte, kein Horn, kein Rind noch Roß noch lebendes Wesen! »Onkel Tycho!« Der Sturm verschlang die Stimme.

Der Reiter lag vornüber auf dem Sattel und überließ sich der Stute, deren kluger Instinkt Weg wußte, und die im sausenden Galopp der Farm und dem warmen Stalle zustrebte.

Halb bewußtlos taumelte er über den Hof nach dem Blockhaus, dessen Licht ihn leitete. Hier sank er vor dem heißen Ofen nieder und erholte sich bald. Qualmiger, harziger Rauch erfüllte das Zimmer – sein Weihnachtsbäumchen, von den niedergebrannten Lichtern schwelende Glut geworden, rauchte noch.

Das war die stille, heilige Nacht auf Erden! Hier auf der Prärie des Wetters wilder Wahnsinn entfesselt und alle furchtbaren Furienmächte der Wolken und Winde losgelassen in der heiligen, geweihten Gottesnacht. O, welch ein Weihnachten!

Als wieder das Blut durch die steifen, erstarrten Arme und Beine kreiste, raffte Amatus sich auf und rief durch das Haus und über den Hof den Namen des Oheims, den Namen des Negers. Keine Menschenstimme gab Antwort. War er im Untergange allein übriggeblieben? Entweder lag der Onkel mit zerschmetterten Gliedmaßen in der Höllenschlucht oder erfroren auf der Prärie. Er mußte dem Verunglückten Hilfe bringen – aber wie? In der finstern Nacht, in dem furchtbaren Eissturm vermochte er allein nichts auszurichten. Bei andern Menschen, bei dem Nachbar Frenzen wollte er Beistand suchen.

Die müde Susy bockte nicht, sondern ließ sich willig den Zaum anlegen. Er saß im Sattel und hoffte, die nordöstliche Richtung inne halten und Frenzens Farm finden zu können.

Was war das für ein Schein, der durch die dunkle Nacht und den dichten Schneeschleier des Blizzards deutlich schimmerte? Genau in der von ihm einzuschlagenden Himmelsrichtung war das Leuchten, das immer heller lohte. Wer hatte in der Schreckensnacht ein Feuer angezündet auf der Prärie? Und warum? Sollte es ein Warnungszeichen oder ein Sammlungssignal sei? Ihm diente das gelbliche Geleucht als Wegweiser in dem wilden, weglosen Eissturm.

Susy galoppierte, den Hals lang nach unten gestreckt und vorsichtig spähend und schnobernd. Jetzt hörte der Reiter das Knistern des großen und grellen Feuers. Frenzens Farm stand in Flammen!

Er band den Mustang ans Hecktor des Hofes. Ringsum das brennende Gebäude laufend, schrie er mit lauter, gellender Stimme durch den Sturm, der ein wenig nachzulassen schien. Aber ausgestorben war die Brandstätte und keine lebende Seele außerhalb des Hauses!

Doch wenn ein Mensch noch drinnen in der Feuersbrunst wäre? Wo war die Familie Frenzen? Und der kleine vierjährige Sohn? Der konnte doch nicht auf dem Felde beim Retten der Herde helfen. Amatus hatte eine angstvolle Ahnung und folgte ihrem unmittelbaren Antriebe.

Die gierige Lohe griff bereits über das ganze Holzdach. Der Raum rechts, dessen Fenster der Sturm eingestoßen hatte, war ein Feuermeer. Trotzdem riß er die Tür auf und drang durch den qualmenden Rauch in das links liegende Zimmer. Und hier wimmerte ein schluchzendes Stimmlein: »Bertie, Bertie!«

Amatus riß den Knaben mitsamt seiner Bettdecke an sich und fand hinter dem brennenden Hause etwas Schutz gegen das Unwetter und Wärme genug. Da barsten krachend die Dachbalken.

Pferde wieherten, und Susy erwiderte den Gruß.

Frenzen samt Frau und Tochter, die ihr Vieh im Korral zusammengetrieben und den Feuerschein gesehen hatten, standen fassungslos vor der Brandstätte, und Bertie schrie verzweifelt: »Samuel, Samuel! Wo ist mein Sam?« Sie war wie sinnlos und wollte in die Glut hineinstürzen und den kleinen Bruder suchen, als Amatus hervortrat und ihr den Knaben reichte.

Lange herzte sie den Liebling, bis die Mutter ihr ihn wegnahm und fest in eine Decke hüllte.

Weinend vor Freude, sah Bertie sich um und legte in einem unmittelbaren und unbezwingbaren Gefühlsausbruch die Hände auf die Schultern des langen Deutschen und drückte einen heißen, heftigen Kuß auf seine Lippen. »Ich danke, ich danke Ihnen.«

Dem Deutschen wurde bei diesem fühlbaren Dank etwas wunderlich, ein wenig konsterniert und kopfscheu und herzbefangen zu Mute.

Aber bald erlangte er seine männliche Fassung wieder und drang darauf, daß man ihm helfe, den verunglückten Oheim zu suchen.

Bertie erklärte sich bereit. Aber Frenzen fragte, ob man den Verstand verloren habe, und erklärte unter kläglichem Gejammer, daß es platt unmöglich sei, vor Tagesanbruch irgend etwas zu tun. Das wolle er mit heiligen Eiden beschwören. Man verliere nur sein Leben und rette doch nichts. Er kenne die Örtlichkeit genau und die verdammte Höllenschlucht, in die man nur mit Hilfe eines Seiles bei Tage heruntergelangen könne. Bei Nacht und bei diesem Blizzard, welcher der böseste sei, den er in Kansas erlebt habe, sei es völlig unmöglich.

Der Unmöglichkeit gegenüber ist des Menschen Wille machtlos. Allein konnte Amatus nichts ausrichten und nur nutzlos sein Leben opfern. Leise flüsternd bot Bertie ihm an, mitzureiten. Aber das Opfer durfte er nicht annehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach weilte auch der Oheim nicht mehr unter den Lebenden.

Die Familie Frenzen stieg zu Pferde und ritt mit nach der Jönkerschen Farm, um dort ein vorläufiges Obdach zu haben.

»Siehe da!« Amatus mußte lächeln. Da stand Tom Lincoln, wie vom Himmel gefallen, im Blockhaus, hatte frisches Holz in den Ofen gelegt und wärmte sich den zitternden Körper. »Wo bist du gewesen?«

»Ich bin nicht gedungen, für sechzehn Dollars monatlich mein Leben zu verlieren, und habe mich im Heu verkrochen. Aber jetzt will ich flink den Topf auf den Herd setzen und Kaffee kochen.« Der Neger zeigte die Zähne und wisperte: »I bet, the old man is done! Ich wette, mit dem alten Manne ist es aus … so Gott will, sind Sie jetzt Herr auf der Farm …«

»Tom, halte deinen unchristlichen und gottlosen Mund!«

Frenzen sagte in sehr bedauerlichem Ton und die Augen traurig verdrehend: »Das meiste von Ihrem Vieh ist wohl draufgegangen.«

»Wahrscheinlich hat mein Onkel wenig gerettet.«

»O, der Verlust in einer Nacht, der furchtbare Verlust auch für mich! Mein Haus und mein Habe ist verbrannt. Freilich habe ich ziemlich gut versichert, und die Polize liegt sicher aufbewahrt in der Bank in Bellavista. Verloren hab ich viel … aber von meinem Vieh wird sich kaum mehr als ein Dutzend verstreut haben … das danke ich der Bertie … die Dirne reitet wie der Teufel.« Über das unglückliche Gesicht des Farmers glitt ein heller uns schlauer Trostschimmer.

Der heiße Kaffee erfrischte die Ermüdeten, die des Morgens harrten und an Schlaf nicht dachten. Oft und unruhig trat Amatus aus der Tür. Der Neger schnarchte am Ofen, und Samuel schlummerte in dem großen Bett.

Bertie, die den Stößen des Windes lauschte, lief hinaus und lugte zum Himmel empor. Ein gräulicher Morgenschein lichtete die Stockfinsternis. Statt der Eisstücke flogen feine, frostige Schneeflocken. Der brausende und erstarrende Blizzard legte sich zum gewöhnlichen, wehenden Schneesturm.

Das junge Mädchen rief die Männer ans Werk: »Hallo! Schon hellt es sich … wir müssen reiten und Jönker suchen.«

Amatus sagte, daß das Männersache sei und sie im Hause bleiben müsse.

Bertie stand vor ihm und blickte in seine Augen hinein. »Dennoch gehe ich mit Ihnen. So besorgt Sie um mich sind, so viel Sorge trage ich um Sie.«

Sie nahmen eine Leiter, Seile und Geräte mit und zogen zu vieren nach der Schlucht. Tom verschwor sich: »I will do my duty as a man.« Wie ein Mann werde er seine Pflicht tun.

Neben dem Deutschen ritt Bertie durch den Schnee. In ihrem Herzen klang tief und selig das Lenzlied: He loves me, er liebt mich.

Der Tag war angebrochen. Vier Gesichter beugten sich über die Höllenschlucht. Der Blick erstarrte, und das Blut stockte bei dem schauerlichen Anblick, der sich ihnen dort unten darbot. Mehrere hundert Stück Vieh, stöhnend, geifernd, mit zerbrochenen Beinen, mit den Hörnern um sich schlagend oder halbtot zuckend lagen über und durch einander in einem Grausen und Ekel erregenden Knäuel. Aber kein menschlicher Körper war zu erblicken. Lag Tycho unter den Tierbeinen begraben?

Frenzen und der Neger hielten das um ein Eichengestrüpp geschlungene Seil. Amatus kletterte hinunter und spähte um sich. Den Revolver ziehend, schoß er die nächsten, noch lebenden Rinder durch den Kopf und blickte nach oben.

Behende rutsche Bertie an dem Seile herab. Mit dem Revolver ihres Vaters in der sicheren Hand half sie ihm mitleidig, die Qual der verreckenden Tiere schnell zu enden. Über die noch zuckenden Leiber schreitend, traf sie geschickt mit der gut gezielten Kugel das wild rollende Auge, so daß in derselben Sekunde kein Glied mehr sich regte.

Weiter kletterte sie, und er ihr nach, schießend und durch den Pulverrauch suchend. Bewundern mußte er das männlich mutige Mädchen, das, ohne mit der Wimper zu zucken, bei dem mörderischen Mitleidswerk ihm half. Aber er erschrak auch vor dem Starken und Unweiblichen in ihrem Wesen und fühlte in diesem Augenblick einen innerlichen Stoß, der ihn von ihr zurückstieß.

Bertie sah einen Stiefel hervorragen und rief: »Hier liegt er!« Ein verendeter Stier, dem die Zunge aus dem geifernden Maule hing, lag auf dem Zerquetschten. Tom mußte herunter und Hilfe leisten, ehe es gelang, den mächtigen Tierleib fortzuwälzen und den zerschmetterten Körper zu befreien. Tycho war sogleich getötet worden und hatte nicht viel gelitten.

Dumpfe Schüsse endeten die Qual der seufzenden und elend umgekommenen Kreatur. In der Höllenschlucht regte sich nichts Lebendes mehr. Die Reiter ritten heim, und der Tote lag auf der Leiter, die zwischen zwei Sattelknöpfen festgebunden war.

Nach Wochen stieg von der Höllenschlucht ein pestilenzialischer Geruch auf, so daß kein Mensch auf Schußweite sich nähern konnte. Nun liegen dort bleichende Gebeine, und die Schlucht ist als Spukort verschrieen im Country. – –

Tycho Junker war auf dem kahlen Prärie-Friedhof hinter Bellavista beigesetzt worden, und der Presbyterianer-Prediger, der für die Leichenrede fünf Dollars bekam – für welche er seinen Kindern die neuen, höchst nötigen Schuhe kaufte –, hatte den Toten über seinem Grabe als einen guten Bürger, Menschen und Christen gerühmt. Der Beweis des Christentums war seine große Nächstenliebe für den Neffen.

Ja, er hatte seine Liebe durch die Tat und das Testament bewiesen.

Amatus war Erbe und Besitzer der Farm. Vierhundert Haupt Rindvieh waren ihm immerhin noch geblieben. Und die riesige Landfläche! Oft ritt er, ohne bestimmtes Ziel, nur zur fröhlichen Besichtigung, mit dem stolzen Blick und dem ganzen Behagen des Bauers über seinen eignen, weit ausgedehnten Grund und Boden. In der Bellavistaer Gegend galt er für einen wohlhabenden Mann, und die Krämer und Banken boten ihm unbeschränkten Kredit an.

Die wunderbare Wendung, die sein Schicksal genommen, war gleichzeitig mit einer Geldsendung nach Norderhafen gemeldet worden.

Seine liebe, alte Mutter schrieb einen Brief, der voll Lob und Freude, aber auch in und zwischen den Zeilen voll schmerzhafter Sehnsucht war. Jetzt sei er schon mehr als vier Jahre fort von ihrem Herzen, das nach ihm kranke; auch habe er beim Scheiden ihr versprochen, bald einmal die Heimat zu besuchen, und nun besäße er doch die Mittel, um sein Versprechen einzulösen. »Mein Amatus, ich muß dich sehen vor dem Sterben, um meine Augen in Frieden schließen zu können.« Das war der Schluß ihres Briefes, aus den stummen Schriftzügen der Mutter klang wie ein Schrei der Sehnsucht ihm entgegen.

Für eine mehrmonatliche Reise konnte er seine Farm nicht verlassen und fremder Obhut anvertrauen. Darum müsse er wohl trachten, sie gut zu verkaufen, obwohl er an der weiten Landfläche seine Lust hatte. So schwankte sein Sinn und konnte sich nicht entschließen. Aber als gesetzter und gereifter Mann wollte er nichts übereilen und auf jeden Fall mit Vorsicht und nach reiflicher Überlegung handeln.

Bis das Haus wieder aufgebaut war, blieb die Familie Frenzen auf seiner Farm. Aber der Winter und der Bau hatten gute Weile; der letztere, aus Feldsteinen dauerhaft ausgeführt, wurde vielleicht geflissentlich in die Länge gezogen, denn alle Frenzens fühlten sich ungemein wohl und heimisch in ihrem vorläufigen Heim, obgleich die sechs Personen wie die Passagiere eines überfüllten Zwischendecks verstaut waren.

Der Neger redete nicht mehr von seinem Übertritt zum Judentum und hatte sein Amt als Koch weißeren, zarteren und geschickteren Händen übergeben. Bertie wirtschaftete wie eine tüchtige Hausfrau, hielt das Haus sauber und kochte schmackhaft. Statt des ewig Schweinernen gab es jetzt vielerlei amerikanische Gerichte mit Gelees und Süßigkeiten. Das bekam dem langen und eßfrohen Leibe des Deutschen sehr gut und erfüllte seine Seele mit dem satten Behagen einer angenehmen Häuslichkeit.

Doch kein Erdenglück ist ungetrübt. Andres weckte sein Mißbehagen in recht hohem Maße. Daß sie, ohne ihn zu fragen, nach Gutdünken in seinem Hause schaltete, daß sie ihm befahl, sich die Füße zu reinigen, und die kleine Nase rümpfte, wenn er in seinem Zimmer dicke Rauchwolken von sich blies – das duldete er als ein amerikanischen Frauenvorrecht. Aber als Bertie ohne sein Wissen in Bellavista für sein Haus einen Teppich, einen teuren Schaukelstuhl und andren Komfort kaufte und dreist lächelnd ihm die unbezahlte Rechnung präsentierte, war seine Geduld am Ausgehen, und er biß sich die Lippen, um ein grobes Wort zu unterdrücken.

Der Neger blies lustig die Backen auf und sagte leise zu seinem nunmehrigen Herrn: »I guess, ich denke!«

»Was denkst du?«

»Ich denke, Mister Jönker, daß Sie, so Gott will, sehr bald auf der Jönkerschen Farm nichts mehr zu sagen haben.«

Die Gedanken des Schwarzen mehrten seine ärgerliche Ungeduld. Fräulein Bertie geberdete sich auf seiner rechtlich und redlich ererbten Farm als Herrin fast – so Gott will, sollte es nicht dahin kommen und wollte er der Herr bleiben. Das gelobte er sich in seinem Mißmut über ihre eigenmächtigen Einkäufe. Nichtsdestoweniger bezahlte er ohne Murren die unbezahlten Rechnungen.

Ein leckeres Lieblingsgericht versöhnte ihn ganz. Einmal im Zwielicht ruhte sein Auge mit großem Wohlbehagen auf der flinken Hausmutter, die mit feinen und doch festen Händen rasch und rastlos zufaßte. Ihre frische, voll gereifte Gestalt schwebte an ihm vorüber und streifte ihn mit dem Gewande. Eine Augen- und Sinnenlust wandelte ihn an, sie in seine Arme zu nehmen, und er dachte an den Kuß, den sie in jener Schreckensnacht auf seine Lippen gedrückt.

Zum Glück war der Knabe gegenwärtig und kletterte in diesem verhängnisvollen Moment auf Amatus' Knie, um zu reiten. Samuel plapperte, natürlich englisch, wie immer: »You! Are you going to be my brother – in – law?« – Willst du mein Schwager werden?

»Wer – sagt – das – ?«

»Pa – .« Bertie riß das vorlaute enfant terrible an sich und hielt ihm den Mund zu. Aber ihr Auge senkte sich nicht in Scham, sondern richtete sich furchtlos und wie fragend auf den großen brother-in-law des kleinen Bruders.

Der kecke, kokette Blick gefiel dem Deutschen gar nicht, der in blöder Benautheit schwieg und dicke Rauchwolken qualmte. –

Der heurige Winter hielt ungewöhnlich lange an mit rauhen Winden und harten Nachtfrösten. Sonst war um diese Zeit die Prärie hellgrün, und der Farmer pflegte anfangs März seinen Hafer zu säen. Infolgedessen gingen die Heuvorräte auf die Neige, [später entfallen: und] das arme Vieh mußte die trocknen Grasbüschel nagen und grimmigen Hunger leiden. Amatus Junker fuhr sein letztes Fuder hinaus und füllte die langen Raufen der Hürde.

Die erste, schwere Bauernsorge lastete auf seinem Gemüt. Woher Futter nehmen, um 420 gierige Mäuler zu füllen? Es würde noch Wochen währen, ehe frisches Gras da wäre. In seiner Not fragte er Frenzen, der in gleicher Lage war und die Achseln zuckte: »Wir müssen sterben lassen, was nicht leben will … die alten, schwachen Kühe gehen drauf und krepieren, aber sie sind auch zum Glück nicht viel wert.«

So machten es die Farmer alle mit einem gewissen phlegmatischen Gleichmut und ließen verhungern, was gegen Winternot und Nahrungsmangel nicht Widerstandskraft besaß.

Amatus ritt einmal übers Feld und sah empört ein grausig-grausames, ins Herz ihm schneidendes Bild. Mehr als ein Dutzend alte, ausgemergelte Kühe eines Nachbars lagen in einer Schlucht, kraftlos und unfähig sich aufzurichten. Tief ausgehöhlte, gequälte, flehende Augen der vor Hunger verreckenden Kreatur sahen ihn an. Drei eben geborene Kälber standen neben den sterbenden Müttern und blökten kläglich.

Weh tat ihm das entsetzliche Seufzen der hilflosen Kreatur, und sein Herz krampfte sich vor Mitleid. Welche Schmach, welche Sünde des Menschen!

Der edle Tierschutzverein in Kansas City kam nicht hier heraus auf die Prärie, um diese scheußliche, langsam marternde Tierquälerei zu sehen und zur Anzeige zu bringen. Was es auch koste, er wollte der Unmenschlichkeit sich nicht schuldig machen, sondern sein Vieh vor dem Hungertode schützen.

Aber wo Futter kaufen, da meilenweit und -breit der letzte Halm verfüttert war? Jeden Frühmorgen spähte er angstvoll nach dem Tümpel, sah die in der Nacht gefrorene Eiskruste und bat: »Barmherziger Herrgott, laß um der elenden, geplagten Geschöpfe willen Frühling werden im Lande!«

Seine große, halbwilde Herde wurde zahm und wich nicht vom Hofe.

Er durfte es keinen Tag länger ansehen und erklärte Frenzen, daß er in Kansas City Heu und Stroh einkaufen wolle.

Der beschwor ihn, zuerst unter Fluchen, dann unter Anrufung des Namens Gottes: »Heiliger Gott! Sind Sie bei Trost? Was schadet's, wenn einige alte, abgelebte Tiere eingehen … und wenn es hundert wären, würde es höchstens tausend Dollars machen. Never mind!«

Amatus schüttelte den Kopf. »Ich reise noch heute.«

Frenzen beschwor ihn unter Schluchzen. »Mein teurer, junger Freund! Die Ochsen und Färsen werden sich durchbeißen und das Leben fristen. Für Futtervorräte werden jetzt in Kansas City undenkbare Preise gefordert. Sie dürfen sich nicht ruinieren, ich darf es nicht dulden, daß mein Freund aus Dummheit und Humanitätsdusel finanziellen Selbstmord begeht.«

Junker ließ sich in seinem Entschluß nicht erschüttern und reiste an demselben Tage nach Kansas City ab. Geschwind hatten die Händler mit Heu und Stroh, um die Notlage der Bauern auszunutzen, einen Ring geschlossen, den sie, gleichwie eine Erdrosselungsschlinge, dem sich krümmenden Farmer um den Hals warfen. Entweder – oder!

Auch unserm Amatus ging der Atem aus, als er den geforderten, wahnsinnig klingenden Preis hörte. Stroh dreißig Dollars pro Ton und Heu vierzig! Der Deutsche rechnete in deutschem Gelde: Hundertzwanzig Mark für zweitausend Pfund Stroh! Und entsetzte sich noch mehr. Aber die Händler mochten und konnten es tun.

Junker kaufte, damit sein Vieh nicht Hungers sterbe, für diesen unerhörten Preis Heu und Stroh in gepreßten Ballen. Um die sehr große Summe – auch für Fracht, denn die Eisenbahngesellschaft hatte schleunigst, um ihr Schäfchen zu scheren, die Frachtsätze für Futtervorräte verdoppelt – um die Summe zu bezahlen, mußte er einen Schuldbrief auf seine Farm aufnehmen, nach einer Woche einen zweiten und dann noch einen dritten und letzten.

Im Handumdrehen hatte der glückliche Besitzer der großen Farm 16 000 Mark Hypotheken. Doch kein Kälbchen und keine Kuh seiner Herde war vor Hunger gestorben.

Gegen Ende März wurde der Winter vertrieben – aber nicht, wie man meinen könnte, vom milden und linden Lenz – nein, mit einem Male und ohne Übergang wurde warmer, heißer Sommer. Wie die Leute des Landes nur aufs Sparen bedacht waren, so sparte sich die Natur des Landes eine volle Jahreszeit. In zwei Tagen war die Prärie saftig grün und alle Not der noch lebenden Kreatur zu Ende.

Die Farmer suchten durch Aufzucht den Verlust wett zu machen und fügten sich in das Unabänderliche. Aber der böse Blizzard und die Heueinkäufe und die Hypothekenschulden hatten dem Agrarier Amatus die Lust am amerikanischen Bauerntum verleidet. Er schwankte nicht mehr, sondern wollte verkaufen.

Der Frenzensche Neubau war vollendet. Stichhaltige Gründe ließen sich nicht finden, um den Umzug länger hinauszuschieben. Also mußte geschieden sein.

Am letzten Abend blieben die Eltern drüben in ihrem Hause mit Einräumen beschäftigt und behielten den allzu redseligen Knaben Samuel bei sich, der allerdings nichts mehr sagte, sondern im Schaukelstuhl schläferte.

Amatus und Bertie, die ihr Supper verzehrt hatten, waren allein. Auf der Küchenbank schnarchte der Neger. Es schlug acht Uhr und war völlig dunkel. Er rieb ein Streichholz, und sie hauchte: »Wie schön und traulich ist das schummernde Zwielicht!« Aber er zündete dennoch die Lampe an, und sie waren allein.

Nach einer langen, verlegenen Weile nahm er eins seiner Bücher vom Schranke herunter. Mit feucht schimmernden, schmachtenden Augen sah sie zu ihm auf. »Sie … Sie wollen lesen und nicht mit mir reden.«

»Ja, was soll ich reden?«

»Ge–gefalle ich Ihnen so wenig?«

»O, o ja–a–a …« Der Deutsche, der rot wie ein Backfisch wurde, war zu blöde.

Darum steckte sie wie ein Kind den Finger in den Mund, schlug die dunklen, schmachtenden Augen voll zu ihm empor und lispelte: »Mister Amatus, Sie ge–gefallen mir …«

Das dreiste, unkindliche Wort warf ihn aus allen seinen Einbildungen und Träumen. Das amerikanische, undeutsche, unweibliche Wesen des Mädchens versetzte ihm einen Stoß, so daß zwischen ihr und ihm ein breiter, unüberschreitbarer Raum wurde.

Ohne zu antworten, stand er hastig und unhöflich auf und nahm sein Schreibzeug, um seiner Mutter zu schreiben. Unwillkürlich mußte er denken: Würde Silly, würde Klarissa so gehandelt und so gesprochen haben? Nein, nie und nimmer! Und seine Gedanken blieben bei Klarissa hängen, so daß er im Briefe nach Fräulein Reders Ergehen sich erkundigte. Der Mutter teilte er seinen endgültigen Entschluß mit, die Farm zu verkaufen und nach der Heimat zu gehen, um bei ihr und Friedline zu bleiben.

Bertie Frenzen argwöhnte, daß er drüben in Deutschland eine betagte Braut zurückgelassen habe. Über den Tisch lugend, suchte sie die Überschrift des Briefes zu entziffern. Aber es gelang ihr nicht, denn die Amerikanerin hatte nicht genug gelernt, um über Kopf deutsche Schrift lesen zu können. – – –

In Ermangelung der Glocken rief das unmelodische Gebelle eines Gong die deutsche Gemeinde zusammen. Die Kirche, die vier Jahre verschlossen gewesen, stand weit offen.

Ein armes deutsches Kandidatlein, das ein unvorteilhaftes Äußere besaß und sonst nicht verbrochen hatte, war nach Amerika verschlagen worden und hatte sich nach Bellavista verirrt. Der schüchterne Mann, dessen Kopf die Kanzel eben überragte, hielt seine Probepredigt, eine sehr leise und demütige Predigt. Trotzdem war die verwaiste Gemeinde gewillt, ihn zu wählen und ihm ein Gehalt von zweihundert Dollars zu gewähren. Der Kandidat, der keine Subsistenzmittel mehr besaß, hätte für jeden Lohn sich dingen lassen und dem Herrn gedient.

Aber Junker, der jetzt im Kirchenvorstand Wort und Stimme hatte, gedachte seiner eigenen Kandidatenschaft und trat für den Kollegen in die Schranken. Schließlich, nachdem die Ältesten im Grandhotel zwei volle Stunden um den großen Spucknapf herum getagt hatten, setzte er es, nicht ohne ein persönliches und beträchtliches Opfer, durch, daß ein Gehalt von dreihundert Dollars bewilligt wurde.

Amatus hauste allein mit dem Neger in seinem Blockhause, das so kahl und ungemütlich ihm dünkte. Dagegen war das Dachstübchen des Pappeltals wie ein trauliches Paradies, und nur wo Frauenhände walteten, war wirkliches Behagen. In den stillen Abendstunden sah er die Stube mit den duftenden Blumen im Fenster und hell durchsonnt von den leuchtenden Strahlen. Ob die Mutter noch immer nähte trotz seiner Verbote? Er sah die Weißhaarige am Fenster, wie sie leibte und lebte, und drüben die blanke Föhrde. Lebendig vor seinem Geiste stand das liebliche Städtchen, rund um die turmlose Marienkirche gelagert, als wenn er auf der Höhe hinter Norderhafen Auslug halte. Obgleich seine Lippen traumhaft lächelten, strich ein leise ziehender, schneidender Schmerz über die Saiten seiner Seele, als ob er weinen möchte, weinen müßte. Es war das Heimatweh und die brennende Sehnsucht nach der Mutter und nach Friedline.

Deshalb suchte er den Verkauf zu beschleunigen und nahm einen Makler als Vermittler. Das wurde in Bellavista ruchbar, und in der Kansasthee-Schenke besprach man, daß Jönker verkaufen wolle.

Frenzen eilte nach Hause und meldete erschrocken, was er gehört. Der sonst zungenschnellen Frau wurde die Rede völlig verschlagen. Samuel, der kleine brother-in-law, begriff nur, daß es etwas Trauriges sei, welches die ganze Familie betreffe, und begann zu heulen.

»Der brüllt … und die Dirn wird ganz wunderlich«, brummte der Vater. Ja, Bertie lag auf der Tischplatte, um den Weinkrampf zu verbergen, den sie bekommen.

So ging das nicht. Nach einer kurzen Unterredung mit der Mutter steckte Frenzen sich die Pfeife an und schlenderte zum Nachbar hinüber. Auf dem Wege ließ er die Nase hängen, wie er beim schlauen Sinnieren tat.

Junker hatte die Kälber getränkt und setzte die Eimer hin. Vom Wetter, vom Graswuchs, von den Viehpreisen schwatzte der Besucher ein Langes und Breites; der andre warf ein Kurzes und Schmales dazwischen.

»He, Sie interessieren sich wohl nicht mehr dafür … wollen uns verlassen, wie man hört. Der Blizzard soll Sie nicht bange machen … und hat Ihnen – hum – doch dies alles eingebracht. Aber, ich bitte Sie bei allem, was Ihnen lieb und heilig ist, Sie dürfen die schöne Farm nicht verschleudern, nicht unter 25 000 Dollars verkaufen … geben Sie mir die Hand darauf, mein Freund!«

»Ich tue es viel billiger.« Amatus ließ die Hände schlaff hängen.

Frenzen paffte und plierte verschmitzt mit den Augen. »Sie müßten nur heiraten und ein Heim haben.«

»Zum Heiraten gehören zwei …«

Frenzen paffte ein paarmal und wurde verständlicher.

»Eine zweite ließe sich finden, die ihre 640 Äcker mitbrächte … hum, was denken Sie?«

»Ich denke gar nichts.« Amatus nahm die Eimer in die Hände.

Berties Vater paffte dreimal und wurde unverblümt. »Meine Tochter ist ein braves Kind … sie und uns alle wird es sehr kränken, wenn Sie uns verlassen.«

Junker dachte jetzo viel und sagte nichts und storchte mit seinen Eimern über den Hof. Der Freiwerber folgte ihm nicht, sondern paffte und paffte groß- und glotzäugig. Endlich schob er sich langsam von hinnen mit einem langen, englischen Fluch. »Goddam greenhorn!« Verfluchtes Grünhorn!

Und wer war der Grüne?

Bertie weinte nicht mehr, sondern jagte auf ihrem Rappen wie toll über Stock und Stein, über Holzzäune und Stacheldrahtfenzen, um das verliebte Blut auszutoben und sich Herzensruhe zu erreiten. –

Die gütige Vorsehung führte einen guten und zahlungsfähigen Käufer nach Bellavista. Obgleich die Hälfte der Herde in der Höllenschlucht lag, erzielte Amatus beim Verkaufe nach Abzug der Schulden und Unkosten einen Überschuß von 40 000 Mark. Mit einem solchen Vermögen konnte er auch in der deutschen Heimat auf eigner Scholle sein Korn und seinen Kohl bauen und ein freier Bauer sein.

Im Handel war alles tote und lebende Inventar mit eingeschlossen; nur das Pferd Susy behielt sich der Verkäufer vor.

Tom der Neger erklärte feierlich, daß er nicht zum lebenden Inventar gehöre, und bat seinen Herrn, für ihn die Fahrt bis nach Hamburg zu bezahlen, damit er in seinen alten Tagen ein bequemes Leben haben könne; er gedenke nämlich, so Gott will, als wilder Mann auf den Jahrmärkten Deutschlands sich sehen zu lassen. Statt diese Bitte zu gewähren, gab Junker ihm einen Dreimonatslohn. Für das Geld nahm Tom ein billiges Logis bei einem schwarzen Heilsarmee-Bruder, tat zehn Wochen lang nichts, sondern lag faulenzend in der Sonne, kaute Tabak und sang geistliche Lieder. Als er sein Vermögen verzehrt, warf sein Heilsarmee-Bruder ihn auf die Straße und Tom, der die Rolle des reichen Mannes ausgespielt hatte, ging gelassen hin und verdang sich dem neuen Besitzer der Jönkerschen Farm.

Amatus mußte seinen ursprünglichen Gedanken, Susy mit nach Deutschland zu nehmen, als unausführbar aufgeben. Schweren Herzens trennte er sich von dem Pferd und sann, wie er es in gute und tierliebe Hände gäbe.

Zum letzten Male ritt Amatus nach Bellavista und schenkte die treue Stute dem neuen Pastor, bei dem sie bis in ihr Alter die beste Pflege haben werde.

Bis heute trägt Susy den menschenfreundlichen Mann zu den Kranken und Trostbedürftigen der weit verstreuten Gemeinde.

Fünfter Abschnitt: Friedlines letztes Lächeln.

Es war die ewig nasse, windig rauhe Zeit der Herbstäquinoktien, wo die Hals-shawls, Pulswärmer und Nastücher in fleißigem Gebrauch kamen und eine Lungenentzündung wohlfeil zu haben war. Eine bösartige, ansteckende Erkältung ging von Haus zu Haus, und von allen Menschen, die in der nördlichen, nordschleswigschen Stadt wohnten, war die Hälfte krank, wenn auch die meisten auf den Beinen blieben und es nur für einen Schnupfen in höchster Potenz hielten und keinen Arzt holten. Welcher Norderhafener wird bei Erkältung einen Doktor konsultieren und bezahlen?

Nachdem aber die Ärzte mit sehr bedenklichen Mienen und Gebärden die Krankheit als kontagiöse Grippe bezeichnet hatten, wurde den Leuten angst um ihr Leben, und die Doktores liefen mit pfiffigem Augurenblick durch die Gassen und in die Häuser. Der Löwenapotheker verschrieb sich einen halben Zentner Antipyrin, von welcher Arznei eine Unmenge vertilgt wurde. Obschon er ein paar Ärzten von jedem Rezept gewisse Prozente abgab, machte er ein gutes Geschäft.

Leider hatte die lästige, schleichende Schnupfenseuche vielfach schlimme Folgen, und nicht wenige von denen, deren Gesundheit schon geschwächt war, Brustleidende, Greisen- und Gebrestkranke, unterlagen ihr.

Außer dem Apotheker rieb ein andrer sich die Hände. Der Norderhafener Totengräber verdiente im Novembermonat mehr Grabgeld als im ganzen Sommer. Auch die Pastoren konnten mit den Parentationsgebühren des Monats zufrieden sein.

Heiß war es im Dachstübchen, denn die Frauen litten am Frösteln. Monika sprach mit heiserer Stimme und nieste und hielt das Taschentuch vor, damit der Randersche Handschuh keinen Fleck bekäme. Trotzdem sie sich kalt und krank fühlte und einen benommenen Kopf hatte, stachen ihre Finger eifrig mit der Nadel. Trotz Friedlines Bitten blieb sie bei der Arbeit, um ihren Taglohn von 75 Pfennigen zu verdienen. Heute freilich wurden es nur sechzig. Gegen Abend vom Fieber geschüttelt, mußte sie sich hinlegen und trank drei Tassen Kamillenthee nach einander, um möglichst schnell gesund zu werden und morgen wieder arbeitsfähig zu sein.

Aber Monika, von der Tochter, treu und sorgsam gepflegt, blieb tagelang bettlägerig und duldete doch nicht, daß der Doktor [später entfallen: , der halbjährlich seine Rechnungen aussandte,] geholt werde. Draußen vor dem schrägen Dachfenster nebelte der November grau und grämlich, jedes Menschengemüt verdüsternd. Die Kranke hielt die Hände gefaltet – jetzt hatte sie ja Zeit genug zum langen Beten – und blieb dennoch traurig, ungetröstet, und ein Seufzer entfuhr ihr. »Ach, überübermorgen! Meinen Amatus sehe ich nicht wieder.« Unter der Nachthaube quollen die weißen Haare hervor, und die Greisin weinte laut wie ein Kind. »Ich werde sein Angesicht nicht wiedersehen.«

»Mutter, ich weiß es gewiß und von Gott, daß du es wirst. Überübermorgen ist der Tag, an dem Amatus abreiste … nun ist er fünf Jahre fort.«

»Ja, fünf Jahre! Zuerst in der Kindheit schleichen die Jahre – törichterweise möchte man ihren Schritt beschleunigen – in der Jugend gehen sie viel rascher, und man freut sich des Ganges der Zeit; in den Dreißigern fangen sie das Traben an und laufen immer schneller – und dann im Greisenalter rennen sie, rennen dem Grabe, ja dem Grabe zu.«

»Nein, mein liebes, liebes Mütterchen, ich muß nach Gottes Vorherbestimmung zuerst sterben.« Die Blinde sprach's, als wenn ihr Kindesglaube Gottes Ratschluß kenne.

Es wurde morgen und übermorgen. Frau Junker hatte die böse Grippe überstanden und fieberte nicht mehr. Um die Patientin zu erfreuen, ging die Pflegerin heimlich zur Nachbarin und lieh die Norderhafener Zeitung.

»Hier! Lies die Neuigkeiten, um dich zu zerstreuen!« Friedline, die zu schnell gegangen war, sank in einen Stuhl und unterdrückte ein Stöhnen. Im letzten Jahre war sie sehr abgemagert, was der Mutter, welche sie täglich sah, nicht so auffiel, wie andern Leuten.

»Was fehlt dir, mein Kind? Du hast dich überanstrengt.«

»Es ist nichts … nur der Stich! Jetzt ist es schon vorüber.«

O, das Stechen in der rechten Brustseite machte der Mutter große Bekümmernis.

Friedlinchen lächelte, um zu beruhigen. »Was steht in der Zeitung? In unsrer Einsamkeit haben wir lange nichts von der Außenwelt gehört.«

Monikas Blick fiel auf die letzte Seite des Blattes. »Todesanzeigen, anderthalb ganze Spalten! Der Sensenmann hält reiche Ernte in Norderhafen. Die Frau Sörensen kenne ich, sie ist in meinem Alter … und was steht hier? Frau Zollinspektor Reder, geb. Ehrlich, ist gestorben!«

»Die lange Stine! Nun ist Klarissa Waise … ob sie wohl um ihre Mutter weinen wird?«

»Ja, denn treu hat sie die Stiefmutter gepflegt und Böses mit Gutem vergolten.«

Es war überübermorgen geworden und der Jahrestag der Abreise nach Amerika. Noch lag tiefes Nachtdunkel im Schlafzimmer, als Monika sich regte.

»Wie geht es dir heute?« fragte sogleich ein leises Stimmlein vom Bette drüben.

»Gut, ich bin hungrig und sehne mich nach dem warmen Kaffee.«

Sogleich hüpfte Friedline aus dem Bette, aber in der Küche blieb sie stehen und hielt die Hand gegen die Brust. Ihr war, als wenn durch die hastige Bewegung dort drinnen eine wunde Stelle aufgerissen wäre.

Frau Junker fühlte sich genesen, stand am Vormittage auf und setzte sich ans Fenster. Die Tochter hob den Finger: »Aber nicht nähen!«

Dennoch konnte sie nicht unterlassen, einen Handschuhdaumen einzunähen.

Besuch unterbrach die Arbeit. Es kam eilig die Treppe hinauf, klopfte an und war vor dem Herein im Zimmer. Silly [später entfallen: , noch im Reisemantel,] warf sich in die Arme der Tante und konnte lange vor Schluchzen kein Wort hervorbringen.

[Später entfallen: Monika ahnte alles. »Du hast deinen Bruder verlassen?«

»Ja, verlassen müssen … meine Kraft konnte nicht mehr. Ich schämte mich vor Gott, vor Menschen, vor mir selber, die Schmach anzusehen.«

Nachdem sie etwas Warmes getrunken, erzählte Silly: »Asmus erkrankte an der Grippe und lag drei Tage lang im Bette. So gut ich konnte, pflegte ich ihn, obgleich er ungebärdig war und oft grob wurde. Am dritten Tage klingelte es, ich öffne selbst, und die – die schamlose Person rauscht durch die Korridortür hinein und drängt sich an mir vorbei. ›Was wollen Sie?‹ – ›Ich wünsche dem Herrn Amtsrichter melden zu lassen, daß ich hier bin, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen … dann wird er ohne Frage mich zu sich bitten.‹

»In meiner Erbitterung über diese maßlose Frechheit war ich zuerst sprachlos. Dann aber, die Korridortür weit aufwerfend, rief ich: ›Heraus, heraus!‹ – Ihre schwarzen Simili-Augen schossen giftige Flammen, aber sie ging.

»Im Bette schellte mein Bruder immer heftiger, und ich lief hinüber. ›Wer war da, wen hast du hinausgeworfen?‹ Er hatte offenbar ihre Stimme gehört, denn sein Gesicht war verzerrt vor verhaltener Wut. – ›Der Kleopatra, dem frechen Weibe, habe ich die Tür gezeigt … sie soll sich nicht erdreisten, dieses Haus zu beschmutzen.‹ – Da sprang er aus dem Bette, seine Augen schienen hervorzuquellen, in seiner Raserei bedrohte er mich mit der geballten Faust und befahl mir, das Haus zu verlassen. Es sei sein Haus.«

Silly weinte. »So bin ich aus Breitenföhrde geflohen und habe meinen Bruder seinem Schicksal überlassen müssen … ich kann nicht sagen – der elende, nein, der unglückliche, der unglückliche, von einem Teufel in Weibesgestalt umgarnte Mensch!«

Friedline murmelte vor sich hin. »Asmus ist böse und E-he–brecher.«

Und Monika sagte: »Wie kann ein sonst gescheiter Mann, der sich auf seine Klugheit etwas zu gute tut, so blind, so töricht, so wahnsinnig sein, in das Netz einer Sirene zu gehen, die ihn ausnutzt, rupft und ruiniert und dann wegwirft? Wie ist es möglich?«

Silly nickte traurig. »Groß und schwer ist meines Bruders Sünde und Schuld … sie wird nicht ungerächt bleiben, auch nicht auf Erden. O, das sind die Früchte der sogenannten philosophischen Weltanschauung, die er mir cynisch lächelnd gepredigt, und mit der er mich oft gequält hat. In teuflischer Lust wollte er mir meinen Glauben zerstören, was ihm nicht gelang, weil ich die Früchte seiner Philosophie täglich vor Augen sah. Was ist das für ein Herrenmensch, der über Pflicht und Sitte mit Scheinstärke hinwegschreitet und in dem Garne einer unsauberen Kourtisane zappelt?«

Friedline sagte: »Du bleibst bei uns, Silly.«

»Nein, ihr habt keinen Platz, ich gehe zu Klarissa Reder.«

»Wir haben Platz. Amatus Bett steht immer bereit und mit reinen Bettüchern belegt … darin kannst du schlafen.« Die Blinde machte ein schlaues Gesicht. »Willst du das nicht?«

Silly errötete leicht. »Ja … er weilt hunderte von Meilen im Westen … warum habt ihr immer sein Bett bereit gehalten?«

Die Tante antwortete: »Es macht uns die Vorstellung, daß er einmal plötzlich heimkehre, Freude … darum hatten wir die Kammer immer fertig.«

In Amatus Kammer und Bett hat Silly die Nacht unruhig geschlafen. Vor dem Einschlafen träumte sie von dem fernen Vetter, und in der lichten Morgenfrühe träumte ihr wirklich, daß er unten am Hafen bei der Kastanienallee von Bord springe und sie umarme und küsse. Davon erwachte sie und lachte: Schwerlich wird der Amerikafahrer mit der alten »Marie« in Norderhafen ankommen.

Klarissa Reder wollte die Freundin bei sich behalten, und Silly nahm das vorläufige Unterkommen in dem Rederschen Hause an. – – –]

Spät hellte sich der Wintermorgen. Monika löschte sparsam die Lampe aus, legte im Ofen Torf nach und wusch die Hände, um nicht auf die Handschuhe ein Fleckchen zu setzen. Ihre alten Augen, die nicht mehr wie früher wollten, waren durch Brillengläser geschärft.

Friedlinchen kam langsam aus der Küche und sagte zögernd, als wenn sie sich schäme: »Ich glaube, daß ich ein wenig krank bin und mich hinlegen muß … hier tut's so weh.« Die arme Blinde, deren eingefallene Wangen brannten, hatte seit gestern tapfer geschwiegen und legte sich jetzt auf das Krankenlager, das die Mutter eben verlassen.

Wo die böse Grippe einzog, verschonte sie keinen Hausgenossen. Aber Friedlines Anfall war besonders schwer, das Fieber steigerte sich gegen Abend so daß der Arzt – [später entfallen: der, welcher von allen Patienten Honorar nahm] – geholt werden mußte. Er klopfte und horchte und konstatierte eine Brustfellentzündung.

Die Mutter pflegte ihr krankes Kind, trat halbstündlich ans Bett mit der Arznei oder einem Löffel Fleischbrühe, erhob sich in der Nacht mehrmals, um mit einem Trunk die brennenden Lippen zu netzen, und drückte jedes Mal einen Kuß auf die heiße Stirn des Mägdleins, das mit unsagbar stiller Sanftmut lag und Schmerzen litt. Wenig Ruhe und Schlaf bekam die treu sorgende Mutter, die jeden freien Augenblick benutzte, um sich ans Fenster zu setzen und an dem Handschuh einige Stiche zu nähen.

»Mutter!« rief es aus der Kammer, »ich höre die Nadel … ach, schlummere ein wenig zu Mittag und ruhe die Augen … sonst muß ich aufstehen und wieder meine Arbeit tun. Wir haben es doch nicht nötig, da Amatus uns Geld geschickt hat.«

Monika gehorchte und nickte ein wenig, die Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und in den Stuhl zurückgelehnt, bis das Schlummern zum festen Schlaf wurde. Die Kranke bezwang gewaltsam jedes Hüsteln und bewegte kaum den Finger, um die Schlafende nicht zu stören. Silly und Klarissa aber kamen und weckten die Übermüdete.

»Tante, so geht es nicht weiter, wir nehmen die Handschuhe mit und nähen dir sechs Paar täglich.«

»Alles hat seine Wissenschaft, das könnt ihr gar nicht, auch die Kunst des Handschuhnähens will gelernt sein.«

»Gut, Frau Junker!« sprach Fräulein Reder energisch, »
wir zwei pflegen abwechselnd Friedline und besorgen den Haushalt, und Sie nähen Ihre Handschuhe, aber nicht mehr als vier Paar.«

Dieser Vertrag wurde geschlossen, und Friedline wurde darüber so glücklich, daß sie sich aufrichtete und bestimmt erklärte, in drei Tagen gesund zu sein. Aber kraftlos fiel sie zurück.

In der Dachwohnung des Pappeltals lösten Silly und Klarissa in der Pflege sich ab und schmuggelten manche kleine Erquickung ins Haus, um die Kranke zu laben. Monika merkte es wohl und sah dankbar die Mädchen an, die drüben am Bette saßen und laut vorlasen. Auch sie machte sich ja eines ähnlichen frommen Betruges schuldig und brach das Abkommen, insofern sie in den Handschuhen sich mitunter verzählte und ein fünftes Paar nähte.

Nach Tagen war Friedline ohne Fieber und in der Besserung und hatte wieder rechte Eßlust und das alte sonnige Lächeln. Aber sie genas nicht, fühlte sich viel zu schwach, um aufzustehen, und blieb blaß und still und stets zufrieden im Bette liegen, von ihren Freundinnen gepflegt und gehätschelt. So gingen Wochen ohne irgendwelche sichtbare Veränderung.

Nach Neujahr, als die Näherin deutlich zu bemerken meinte, die die Tage länger wurden, kam der Doktor und untersuchte Friedline. Nach langem Klopfen und Horchen zog er die Tür des Krankenzimmers hinter sich zu und sagte zur Mutter: »Die akute Entzündung scheint in ein chronisches Leiden überzugehen, besonders der rechte Lungenflügel gefällt mir nicht.«

Die erschreckte Mutter faßte diese Worte als des Arztes schonende Vorbereitung auf eine noch schlimmere Mitteilung auf.

Silly versuchte zu trösten, daß Friedline alle Tage größere Eßlust zeige und gerötete Bäckchen habe.

Frau Junker schüttelte das weiße Haupt und schauderte, denn sie ließ sich nicht täuschen, sie kannte die tückisch-trügerische Gesundheitsröte, die kleinen roten Wangenflecken, welche die untrüglichen Vorboten der Schwindsucht sind.

Mit fester Stimme fragte sie den Arzt unter vier Augen auf sein Gewissen, und er verhehlte nicht, daß es die schnelle zehrende Sucht sei, die schon den einen Lungenflügel fast zerstört habe. Friedlinchens Todesurteil war gefällt.

Das liebe, gute, herzige Kind, das der Trost ihrer Einsamkeit gewesen und ihr auch nie den kleinsten Kummer bereitet hatte, war unrettbar dem Tode verfallen. Vom Leide niedergestreckt, schlug Monika hin und lag vor dem Arbeitsstuhle auf den Knieen, gewaltsam das Schluchzen erstickend, das wie ein Schrei aus ihrer Seele brechen wollte, damit die Kranke keinen Schmerzenslaut höre.

So fand Klarissa, unhörbar eintretend, die verzweifelte Mutter. Einen Augenblick stand die Eingetretene wie fassungslos, aber dann gab sie ihrem unmittelbaren Gefühle nach und umschlang die knieende Frau. »Trösten Sie sich! Friedlinchen wird gesund.«

Angstvoll flüsterte Monika ihr ins Ohr. »Nein, vergeblich ringe ich mit Gott … Friedline muß sterben.«

Fräulein Reder küßte die gefurchte Stirn und das weiße Haar der Greisin. »Unten auf der Straße bat mich der Postbote, diesen Brief für Sie mitzunehmen … er ist von Ihrem Sohne in Amerika, und es wird ein Trost darin sein.«

Monika riß die Hülle auf und las mit großen Augen und gespannten Zügen, die immer heller wurden. »Es ist eine herrliche Freudenbotschaft, die Gott uns sendet.« Sie lief erregt ins Schlafzimmer und rief: »Kommen Sie, Fräulein Reder! Sie gehören zu uns und sollen alles hören.«

»Friedlinchen, Amatus hat die Farm verkauft und wird ungefähr 40 000 Mark übrig behalten. Mein Gott! Er ist mit einem Male ein wohlhabender Mann geworden. Und sobald er seine Angelegenheiten geordnet, kehrt er jetzt im Frühling zu uns zurück. Ja, es ist gewißlich wahr, mein Kind, so schreibt er am Schlusse: »Dann fahre ich mit dem schnellsten Zuge und dem flinksten Schiffe und fliege in eure Arme, meine liebste Mutter. Gleichzeitig sende ich auf Postanweisung 160 Mark, darum spare nicht! Spare nur deine Kräfte und sonst in keiner Weise!‹ Friedlinchen! Wie wird … mir …«

Monikas Herz quoll aus. Aber der durch die freudige Erregung hervorgerufene Anfall ging schnell und leicht vorüber.

Die blinden Augen weinten weiche, warme, wohltuende Tränen des Dankes und der Freude, die alles Leid vom Herzen lösen. Und Friedline lag den Tag lang mit einem Lächeln auf dem Antlitz. Die Gedanken gingen ihr durcheinander, so daß sie bald betete und lobte, bald redete und rechnete. »Vierzigtausend Mark machen 13333 1/3 Taler … Mutti, hat der Senator Petersen wohl so viel Geld? O, wie groß ist Gottes Güte! – Aber, Mutti, die Bertie Frenzen, von der er einmal schrieb, die wird ihn doch nicht in Amerika festhalten?«

Recht kunterbunt ging es der Blinden durch das kluge Köpfchen. – – –

Silly machte es sich bequem und schob alle Kissen unter die runde Wölbung ihres Rückens. Das wuchs unmerklich von Jahr zu Jahr, und sie merkte es dennoch. Die beiden Freundinnen, die über die erste Jugend hinaus waren, saßen bei einander auf dem Sofa und fielen in Schweigen, versonnen und gedankenvertieft. Was sollten sie noch reden? Das wunderbare Ereignis, daß Amatus Junker als wohlgestellter Mann zurückkehre, war nach allen Seiten durchgesprochen worden.

Sehr plötzlich wandte Silly sich zur Seite und stieß die Freundin an. »Rissa, woran denkst du?«

»An – an – nichts, wie der Kürbis, der den großen Kopf hat.«

»Freust du dich sehr, daß er zurückkommt?«

»Ja–a–a, ich freue mich … um seinet- und … seiner Mutter willen.«

»Rissa, ich weiß, daß du viel an ihn denkst.« Klarissa senkte den Kopf und sagte keinen Ton. Die andre fuhr fort: »Ich freue mich auch um meinetwillen, denn ich habe meinen Vetter gern … und mir kann er nicht gefährlich werden [später entfallen: , weil ich ungestalt und gar nicht zum Heiraten bin].«

Jetzo sprach Fräulein Reder mit schmalen Lippen kurz und energisch: »Weißt du nicht, daß ich morgen meinen dreißigsten Geburtstag feiere? Ich bin alt und verständig geworden und über derlei Dinge hinausgewachsen.«

»Alt bist du? Haha! Nun muß ich lachen.«

»Ja, man ist so alt, wie man sich fühlt, und ich fühle mich, so zu sagen, fertig und recht altjüngferlich und überverständig, daß kein Mann mir gefährlich werden könnte und ich noch viel weniger einem Manne.«

[Später entfallen: Ob die Freundinnen es einander aufs Wort glaubten?] Ob die zwei Aufrichtigen in diesem Augenblick völlig wahr und offenherzig waren? Das Kindesgelübde in der Kastanienallee wurde nicht erwähnt und schien von den erwachsenen und alternden Mädchen vergessen zu sein.

Treu und täglich gingen sie nach dem Pappeltal, das keine Pappeln hatte, und pflegten das brustkranke Friedlinchen. Die braven Mädchen hoben sie behutsam aus dem Bette und schichteten die Pfühle; sie fegten und feudelten, kochten in der Küche und lasen der Kranken stundenlang vor.

Monika, der die Hausarbeit abgenommen war, fädelte eifrig am Fenster und verstach die Fingerspitzen. Nun war wieder ein Paar fertig, und das ein so angenehmes Gefühl. Freilich rief die Tochter von drinnen ihr oft dazwischen, daß sie sich nicht anstrengen dürfe, und rechnete ihr vor, wie großen Reichtum sie haben würden, wenn Amatus mit seinen Schätzen käme. Aber der Mutter war der kleine, selbst erworbene Verdienst das liebste Geld, und sie konnte die Arbeit nicht lassen.

Die Jahreszeit, die zusehends heller wird, weckte leise Lenz- und Lebenshoffnungen. Friedline hatte keine Schmerzen und sagte in den Februartagen oft: »Sobald Amatus kommt, werde ich gesund.«

Aber sie genas nicht, sondern siechte Woche um Woche langsam hin, immer magerer und matter, immer still und schmerzlos, geduldig und ergeben und bei jedem kleinsten Liebeserweis dankbar lächelnd.

An dem Morgen des ersten März, als die Frühsonne durch das Dachfenster schien, erwachte sie mit einem überaus verklärten Gesichtsausdruck, als wenn sie in der Nacht eine Vision gehabt hätte, und nahm die Hände der Mutter: »Nun weiß ich, daß ich sterben werde, und ich will vor dir gehen, um dir, mein Mütterchen, ein traulich kleines Stübchen im Vaterhause zu bereiten … doch weiß ich auch, daß meine Augen sich nicht schließen, bevor sie meinen Bruder gesehen haben. Bald kommt Amatus, balde.«

Das Balde währte noch Woche um Woche. Die Kranke wurde schwächer und fiel unter dem Vorlesen oft in Schlummer. Draußen tobte der April mit Sturm und naßkalten Regenschauern. Es war ein böses Wetter, wo der Tod billig zu holen war, wo nicht bloß die greisen Leute, sondern auch manches junge Leben geknickt wurde und der Pastor täglich seine Arbeit auf dem rauhen, zugigen Kirchhof hatte.

In der Maiennacht sprang der Wind nach Süden, und das Wetter schlug in milden Frühling um. Beim ersten bleichen Tagschimmer erwachte Friedline und bat mit mühsam flüsternder Stimme: »Trinken, Mutti!« Aus der hingehaltenen Tasse tat sie ihren letzten Trunk. Die blinden Augen, als wenn sie sehen könnten, waren überklar auf die Mutter gerichtet. Das Licht der Ewigkeitswelt leuchtete schon darin, und die Stimme hauchte: »Amatus kommt bald.«

Heller tagte der Maientag. Ein sehr hoch gewachsener Mann im Regenrock stürmte mit riesig langen Schritten vom Norderhafener Bahnhof durch die Straßen und das Pappeltal. Er war spät abends vom Schiff gestiegen und gleich die Nacht von Hamburg durchgefahren. Eine innere Unruhe spornte ihn zu seiner großen Hast.

Die Treppe in Sprüngen nehmend, riß er die Tür auf und die Mutter in seine Arme. Der Augenblick war groß und heilig und wortlos, wie noch keiner im Leben des Mannes.

Von der ungeheuren Überraschung und der inbrünstigen Überschwänglichkeit der Stunde quoll Monikas Herz über. Selig und ohne Sinne sank sie eine Minute an die Brust des Sohnes. Aber die maßlose Mutterfreude tötet nicht.

Friedline hörte den Schritt und die Stimme und war zu schwach, um die Lippen zu bewegen.

Amatus trat ans Bett und beugte sich über das schneeweiße Gesicht. »Mein einzig liebes Friedlinchen!« In dem Laut lag all seine Liebe.

Die Sonne brach hinter dem Nebelschleier hervor. Ihr leuchtender Morgenstrahl fiel durch das schräge Fenster und verklärte das Antlitz der Blinden.

Da ging beim Klang der Stimme ihres Bruders ein wunderbar leuchtendes, engelhaft seliges Lächeln über die Züge der sterbenden Friedline.

Mit diesem letzten Lächeln verschied sie kampflos und seufzte leise.

Als sie friedlich im Tode schlummerte, blieb das wunderbare Lächeln um ihre Lippen liegen.

Amatus drückte schluchzend die Lider der sehlosen Augen zu, die jetzt aufgetan waren und staunend eine neue Welt erblickten.

Weinend vor Schmerz und weinend vor Freude umhalste Monika ihren Sohn. »Das eine Kind hat Gott mir heute genommen und das andere als Ersatz mir wiedergegeben. Laß dich sehen und küssen! Wie stark und stattlich, wie braun und breitschultrig du bist!«

»Ja, ein andrer war stark in mir, der den Feind meines Lebens gebunden.

»O, selig ist die Tote, und selig bin ich in meinen Tränen … nun will auch ich gern abscheiden, nachdem ich dich gesehen.«

»Nein, meine Mutter, jahre-, jahrzehntelang sollst du bei mir bleiben und in Frieden altern und Ruhe und gute Tage haben. – – –

Mit sehr starkem Kaffee wurde die Leichenfrau bewirtet und bekam ihre Gebühr, obgleich sie eigentlich gar nichts getan hatte. Silly und Klarissa ließen es sich nicht nehmen, mit eignen Händen die liebe Tote für ihr letztes Bettlein schmuck und schlicht einzukleiden. Die Leute des Pappeltals kamen, die Leiche zu sehen, und sagten, daß Friedline im Tode schön, überirdisch schön sei.

Während die Fräuleins Berg und Reder Kaffee tranken, saß der Amerikaner ihnen gegenüber und erzählte.

Auf dem Heimwege hob Silly an: »Was sagst du von ihm?«

»Er hat im Gesicht etwas Ernstes und Festes, das er früher nicht hatte.«

»Ja, Rissa … ich glaube, er hat in Amerika viel an dich gedacht, denn er hat dich heute immer angesehen.«

»Wie du schwätzest, Silly! An dich hat er sich am meisten gewandt … aber das ist doch natürlich, weil du ihm als Kousine nahe stehst.«

»Nein, ein paar Mal hat er dich angeschaut … wie … wie …«

»Wie denn?« Etwas schnippisch kam die Frage.

»Wie wenn er in deine Seele hineinsehen wollte.«

Fräulein Reder errötete und machte schmale Lippen. »Beste Silly! Es ist lächerlich … wir wollen nicht darüber streiten, wen er am meisten angesehen hat.«

Nein, die zwei alten und aufrichtigen Freundinnen wollten nie und nimmer streiten, am wenigsten um so lächerliche Dinge. Herr Amatus Junker mochte hinsehen, wohin es seinen Augen gefiel. –

Auf dem Friedhofe neben ihrem Vater ruhte Friedline. Die welken Blumen der Kränze verstreute der Wind, aber mit einem frischen Efeukreuze war das Grab geschmückt worden. Der Bruder, der täglich die Ruhestätte der geliebten Schwester besuchte, hatte es gewunden.

Vom Kirchhof zurückkehrend, fand er die Mutter auf dem Arbeitsstuhl am Fenster und am Handschuh nähend. »Die Biene kann das Sammeln und die Mutter das Nähen nicht lassen, obgleich ihr Sohn ein wohlhabender Mann ist.«

»Darf ich nicht ein paar Groschen mühelos nebenher verdienen … für Kleidung und Taschengeld?«

»Nein, von nun an sollst du ruhen und nichts tun als meinem Haushalt vorstehen. Du hast ein langes Leben, mehr als sechzig Jahre treu gearbeitet, du hast mit mir gekämpft und den Sieg gewonnen, meine treue und tapfre, meine gute und in Wahrheit große Mutter! Nun wollen wir den Schluß deiner mühsamen Arbeit und das fröhliche Richtfest machen!« Lächelnd glättete er das letzte Paar Handschuhe und preßte es mit dem beschwerenden Stein. Das Richtfest war gut gelungen.

Stolz betrachtete Monika den von Kraftfülle und Gesundheit Strotzenden. »Was sind deine Zukunftspläne, mein Sohn?«

»Ich werde mir hier in der Norderhafener Heimat einen Bauernhof kaufen, einen guten und nicht zu großen, für dessen Ankauf ohne Überschuldung meine Mittel ausreichen. Und du wirst immer bei mir wohnen …«

»Im Altenstübchen!«

»Nein, als des Hofes Herrin! Jetzt sind meine kühnsten Träume am frohen Sicherfüllen. Ein freier Bauer auf eigner Scholle werde ich sein – das ist der Traum, der durch mein ganzes Leben sich zieht. Dazu noch darf ich in der Heimat, der engen und doch einzig lieben, bleiben … sein und bleiben bei dir und du bei mir.«

»Ja, solange bis du eine liebe und junge Gefährtin gefunden … dann ziehe ich mit Freuden ins Altenteil.«

»Wer das wohl sein oder werden sollte?« lachte er laut, fast zu laut.

Die Mutter sah ihn zweimal nickend an und nannte keinen Namen.

Aber der Lächelnde nahm ein Buch und fiel, die Buchstaben anstarrend, in Sinnen. Aus dem Zimmer, darin Friedline gestorben, kam's, wie die hoch und gerade gewachsene Gestalt eines Mädchens, und schwebte an ihm vorüber. Und es war nur ein Traumgesicht und niemand außer den beiden in der Dachwohnung. Amatus' Blick ruhte lange auf den Buchstaben, ehe er im Buche wirklich las.

Sechster Abschnitt: Also starb Zarathustra

Junker hatte einen Teil des Kreises bereist und sich unter den Höfen des Landes umgesehen. Er war ein Vorsichtiger, der sich nicht verhandeln wollte.

Die Mutter lachte ihn an. »Jetzt bist du deinem seligen Vater zum Sprechen ähnlich.«

Er machte nämlich das pfiffige Gesicht. »Siehst du! Es muß ein günstiger und billiger Gelegenheitskauf sein, wo eine Landstelle verkauft werden muß, entweder erbteilungshalber, oder weil der Besitzer wegen seiner dänisch-politischen Agitation lästig gefallen und ausgewiesen ist. Alles hat seine Zeit, wie die Schrift sagt …«

»Auch das Freien, mein Sohn!«

»Daran denke ich nicht.« Der Agrarier-Kandidat, der schriftgeläufig war und einen kleinen theologischen Anstrich nicht verleugnete, fuhr fort. »Der Juni ist die Zeit, wo man Land besehen und unbetrogen kaufen soll, wo der Boden am deutlichsten zeigt, was er zu leisten vermag. Auch kaufe ich nicht über meine Leistungsfähigkeit hinaus – nein besser ein kleiner Bauer als ein überschuldeter Gutsbesitzer! – höchstens die Hälfte der Kaufsumme als Hypothekenschuld!«

Er trat die zweitägige Reise an und küßte sein liebes, weißhaariges Mütterchen, das in diesem Wunderlenze jung geworden war und ein neues Leben lebte. Den kräftigen Agrarierstock in der Hand, den er von allen landwirtschaftlichen Utensilien zuerst sich angeschafft hatte, wanderte Junker in die Norderhafener Landschaft hinaus. An dem Friedhof konnte sein Fuß nicht vorüber, ohne einzutreten und über das Grab sich zu beugen. Schnell begoß er die durstigen, blühenden Rosen und dachte lange an die Toten.

Wenn mein Vater, der immer sparte und nie aus der Armut herauskam, diese Stunde erlebt hätte! Wie stramm und freudig wäre er in den großen Geschmierten mit mir hinausmarschiert, einen Bauernhof zu kaufen, wie hätte er mir geholfen, zu dingen und den Preis zu drücken! Und mein liebes Friedlinchen! Warum durfte sie nicht ein paar glückliche Jahre des Wohlstandes bei mir noch leben und, wie in Arup, das Federvieh füttern? Die Wege Gottes verlieren sich im Nebel der Zeitlichkeit, den erst die Ewigkeitssonne lüften und durchleuchten wird.

Eine Träne schimmerte in seinem Auge, aber sein Angesicht lächelte zum Himmel empor. Wie überhell mein Weg geworden ist! Nun ist der Junius, der Mittsommer meines Lebens gekommen. Gerissen ist der Pfahl aus meinem Fleische und mein Feind gestürzt. Nichts Großes mehr will ich ertrachten, aber im kleinen Kreise Tüchtiges leisten und meinen Platz ausfüllen.

Straff wurde seine Haltung und rasch sein Schritt; die gewölbte Brust herauswerfend, reckte er die sehnigen Arme. Mit der Lerche um die Wette sang seine Seele ein Loblied dem Geber alles Guten, dem Gott, der im fremden Lande ihm in Wahrheit Kraft und Wunder gewesen.

Die demütige Dankbarkeit, welche der notwendige Hemmschuh der ebenso eitlen als dummen Hoffahrt ist, und das tief innere, aber unaufdringliche Vollbewußtsein von seiner eigenen Kraft und seinem eigenen Können, als der unentbehrlichen Triebfeder jeder Tätigkeit – das sind die zwei zuverlässigen Kennzeichen des Edelmenschen.

Junker marschierte zu Fuß und mit dem Agrarierstock in der Hand durch das ostwärts gelegene Aufland Norderhafens, welche die herrlichste Korn- und Grasgegend des nordschleswigschen Ländchens ist, darauf ein Bauernauge ruhen kann. Hoch ragten die Haselhecken mit Weißdorn dazwischen, der grüne Weizen schoß in Ähren, im blühenden Klee standen die roten Kühe bis zu den Knieen. Er verstand nicht, wie er es fünf Jahre lang in der Fremde ertragen. Wo in der alten und neuen Welt war es so schön wie hier in der Heimat? Nimmermehr wollte er sie verlassen, sondern hier in Nordschleswig, in Norderhafens Nähe an der Erfüllung seiner Träume und an treuer, schlichter Pflichterfüllung seine Lust haben, hier leben und, wenn es sein mußte, sein Stück Widrigkeit leiden, hier einmal sterben und begraben sein.

Drei zum Kauf angebotene Höfe wurden besichtigt. Auf allen war der Boden fruchtbar und stand das Getreide schwer und dicht infolge der günstigen Witterung.

Als Kundiger wußte er, daß der Juniregen über die Ernte entscheidet hierzulande, und vor einer Woche hatten reichliche, sanft rieselnde Niederschläge stattgefunden.

Am besten gefiel ihm die dritte Landstelle, die in dem stattlichen Dorfe Kirkeby lag. Ihr Besitzer Ebbesen, der im Jahre 66 für Dänemark optiert hatte und dänischer Untertan geblieben war, hatte vom Landratsamt Befehl erhalten, innerhalb drei Wochen das Land zu verlassen.

»Was ist der Anlaß Ihrer Ausweisung?« fragte Junker. »Die vielen Kaffeepünsche«, erwiderte Ebbesen aufrichtig, »ich bin sonst ein friedfertiger Mann, der keine Politik treibt und keinem das Wasser trübt … aber auf der dänischen Tierschau in Norderhafen hatte ich ein bißchen in Kopf und Krone bekommen und hielt eine dumme dänische Rede, die natürlich mit donnerndem Applaus aufgenommen wurde. Drei Tage später bekam ich den Ausweisungsbescheid. Das verfluchte Trinken, das mit dem Verstande davon geht!«

Amatus, der davon auch ein Klagelied singen konnte, fluchte mit und fühlte Sympathie für Ebbesen, welcher offen zugab: »Ich muß verkaufen und bin gezwungen, meinen guten Hof loszuschlagen … darum will ich gleich den allergeringsten Preis fordern, 75 000 Mark … spottbillig ist es, und Sie, Herr Junker, sehen mir nicht danach aus, daß Sie meine Zwangslage benutzen und ein unzureichendes Angebot mir machen werden.«

In dem Augenblick sah Amatus seinem pfiffigen seligen Vater nicht ähnlich und versuchte nichts zu dingen, weil die Forderung eine bescheidene war. Auch hatte er die Folgen der nordschleswigschen Politikerei an seinem eigenen Leibe erfahren. Nachdem er alles noch einmal eingehend in Augenschein genommen, erbat er sich drei Tage Bedenkzeit und kehrte nach der Stadt zurück.

Der Bauernhof, der mit seinem Wohnhause und den drei strohgedeckten Scheunen ein Viereck bildete und eine kleine eingeschlossene Burg war, erfüllte ihn so, daß er von der Gegend nichts mehr sah. In Gedanken ging er über die Felder, [später entfallen: betrachtete] die 24 Milchkühe im Klee und [später entfallen: musterte] die fünf starken Gäule [später entfallen: und die guten Gebäude]. Welch ein Glück war ihm geworden! Der Hof konnte mit Leichtigkeit 35 000 Mark Hypotheken tragen.

Amatus beschrieb der Mutter alles und war entschlossen, den Kauf abzuschließen. »Ich mag den Preis nicht drücken, der für 50 Hektar des besten Weizen- und Kleebodens niedrig ist … oben ein Fuß Humus, darunter zwei Fuß tiefer Lehm. Es ist ein Priesterhandel, wie die Bauern sagen, den der gewesene Kandidat macht.«

Monika sah ihn freudig an. »Nein, gerecht und billig handeln, so wird's gelingen … du bist deiner Mutter Sohn.«

Während Amatus in der Dachstube lag und breit und behaglich erzählte, trat [später entfallen: der Postbote mit einem Telegramm in das Redersche Haus. Silly, an die es gerichtet war, erbrach es schrie und die Worte: »Ihr Bruder schwerkrank – kommen Sie sofort – Rechtsanwalt Brodersen. O, Klarissa, es schwante mir … und nun weiß ich gewiß, daß … das Grausige geschehen ist. Brodersen, mit dem mein Bruder sich nicht vertrug, hat depeschiert. Ich muß reisen.«

»Er ist schwerkrank geworden«, beruhigte die Freundin, »hat vielleicht, weil er so dick war, einen kleinen Schlaganfall bekommen … das liegt in eurer Familie. Soll ich mit dir fahren? Oder wenn wir einen Mann wüßten, der dir beistehen könnte …«

»Vielleicht mein Vetter.«

»Ja, ich will nach dem Pappeltal laufen und ihn bitten.«

Unruhe im Blick, kurzatmig vom Laufe, trat Klarissa in die Dachstube und schreckte die beiden Glücklichen aus ihrem stillvergnügten Bauen von Luftschlössern, d.h. von strohgedeckten Bauernhäusern empor. Das Plötzliche wirkte bestürzend, so daß Monika einen Anfall des alten Herzleidens bekam. Amatus nahm die Mutter in seine Arme, bis sie sich erholte, und rief geängstet: »Was ist das? Wir müssen einen Arzt fragen.«

Monikas Gedanken waren: Das ist der Todesvorbote, der bei mir anklopft. Aber sie flüsterte mit bleichen Lippen: »Der Schwindel ist vorüber … es ist nichts.« Und sie drängte ihren Sohn, mit Silly nach Breitenföhrde zu reisen.

Neben Klarissa schreitend, vermochte er kaum Schritt mit ihr zu halten. Also rannte sie, und ihr Herz klopfte. Seitdem sie Kinder gewesen, waren sie nie zu zweien und zusammen gegangen. Der sonst redegewandte Junker bewegte ein paarmal die Lippen, als suche er nach Worten. Für fade Nichtigkeiten war die Stunde zu ernst, aber auch das Schweigen bedrückte.]

Mit Mut und mit einem Male brach er [später entfallen: es]. »Als ich Alstrup verließ … verlassen mußte, nahm ich französischen Abschied von Ihnen, weil ich mich mancher Dinge schämte, die ich begangen, der ärgerlichen Dummheiten.« Von der Seite streifte er ihr Gesicht, doch sie hörte ruhig seine Selbstanklage, ohne zu entschuldigen, ohne zu mildern. Darum richtete er sich wie in Selbstverteidigungsstellung empor, und seine Stimme traf unwillkürlich einen bissigen, selbstbewußten Ton: »Aber ich bin jetzt ein andrer … ein Mann und durch Schaden klüger geworden …«

»Und reicher, was man durch Schaden selten wird«, lispelte Klarissa verlegen lächelnd.

Damit stockte das kaum begonnene Gespräch. Er hatte das scheußliche Gefühl, als wenn er eine neue Dummheit gesagt und begangen. Und sie spürte dasselbe Unbehagen, als ob sie genau das Gegenteil von dem Gewollten gesagt habe. Ihr war ja bekannt, daß der einstige Kandidat von Alstrup sich aus der Scheiterung tapfer und trefflich emporgearbeitet habe, und ein kleines, freundliches Lob hätte Monikas guter Sohn und Sillys stattlich langer Vetter wohl verdient.

Reumütig [später entfallen: , aber stumm ging sie neben ihm her. – –].

[Später entfallen: Der Zug schnaufte und schütterte, klapperte und keuchte von Norderhafen nach Breitenföhrde. Die niedrig engen Wagenabteils, in denen die Passagiere eingezwängt saßen, glichen den »Kaaks«, den kleinen Stockkäfigen des Mittelalters. Schon bei Tage war die Tour eine folternde Tortur der neuen und humanen Zeit. Und nun bei Nacht im schläfrigen Halbdunkel des dösig trüben Lichts, das von den Tranlampen seine Helligkeit entlehnt hatte! Das war eine furchtbare, durch ihre endlose Länge und Langweiligkeit furchtbare Fahrt.

Junker, der an den bequemen Komfort der amerikanischen Bahnen gewöhnt war, brach das Schweigen und schimpfte auf etliche Einrichtungen des geliebten Vaterlandes. Wieder war trotz des geräuschvollen Rädergeklappers tiefe Stille. Silly brütete vor sich hin, voll Ahnung und Entsetzen, und ihre grübelnde Phantasie schuf grauenvolle Gebilde.

Er versuchte die arme Base zu beruhigen. »Fürchte nicht das Ärgste! Asmus ist nicht tot. Wie du dir einbildest, sondern eben schwerkrank.«

»Der Tod ist nicht das Ärgste, davor mir graut«, murmelte Silly und ließ den Kopf auf die Brust sinken, als wenn sie schlummern möchte.

Während der bösen und endlosen Fahrt war tiefes und schlafloses Schweigen.

Der Bahnbeamte in Breitenföhrde betrachtete das ihm bekannte Fräulein Berg mit einem eigentümlichen Blick, der ein Gemisch von Schadenfreude, Bedauern und Neugier war.

Der Kofferträger grüßte und sagte, über die Mütze hinwegschielend: »Jaa, ik kondoleer ook to dat grote Unglück.«

»I–st m–mein Bru–der tot?« Sillys Stimme lallte.

Der Mann wollte möglichst gewählt und gebildet sich ausdrücken und sprach hochdeutsch: »Das wär ja ein gräsiges Malör … eine Stunde danach starb der Amtsrichter.«

Sie vermochte nicht zu sprechen, noch den Mann nach dem Malheur zu fragen und rannte nach der Wohnung, aus der ihr Bruder sie gewiesen, ja geworfen hatte. Amatus nahm ihren Arm, um sie zu stützen, und führte sie die Treppe hinauf.

Im Schlafzimmer stand ein leerer Sarg – und auf dem Bette lag der Tote aufgebahrt im vollen Anzuge, wachsbleich, den Mund halb offen, und den Kopf mit einem weißen Tuch umbunden, das einen talerrunden, blutroten Fleck hatte.

Das Tuch verdeckte das tiefe Schußloch in der Schläfe.

Silly stieß einen gurgelnden Laut aus und fiel ohnmächtig in Amatus Arme. Er trug sie in das Studierzimmer des Amtsrichters hinüber, legte sie aufs Sofa und rief das Mädchen, Wasser und Äther zu bringen.

Sein Auge sah sich um, und sein Haar wollte zu Berge stehen. Da – dort auf dem Tische lag der Zarathustra aufgeschlagen – er warf einen Blick in das Buch – es war die Seite, wo geschrieben stand:

»Hören wir noch nichts vom Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir nichts von der göttlichen Verwesung? Auch Götter verwesen! Gott ist und bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!«

Auf der andern Seite lag ein loses Blatt, aus dem »Antichristen« herausgerissen, und darauf war zu lesen:

»Erster Satz unserer Menschenliebe: Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehen. Und man soll ihnen noch dazu helfen.«

Auf dem Tische neben dem Buche – von irgend jemand aufgehoben und hingeschleudert – lag noch die Pistole, mit der Asmus den selbstmörderischen Schuß auf sich abgegeben hatte.

Amatus erschauerte vom Scheitel bis zur Sohle und stöhnte: »Also starb Zarathustra.«

Sein Blick stierte auf die gotteslästerlichen Worte des antichristlichen Propheten. Der ewige Gott war nicht tot. Sondern lebte und lohnte nach gut oder böse. Freiwillig, da die Schande über ihm zusammenbrach, als ein Schwacher und Mißratener war der unglückliche Vetter in den Tod und die ewige Verwesung gegangen, und die Totengräber lärmten schon, um seinen Leichnam zu holen. Aber der Ewige lebte in heiliger Größe und großer Gerechtigkeit.

Schnell verschloß Amatus das Buch und die Selbstmordwaffe im Schreibtisch, denn Silly regte sich und kehrte zum Bewußtsein zurück.

Brodersen, der Rechtsanwalt, erschien mit einem Aktenbündel und erklärte höflich kalt, daß er vom Gericht mit dieser traurigen Affäre betraut sei.

»Warum hat mein Bruder sich das Leben genommen? Verheimlichen Sie mir nichts … nichts!«

Brodersen berichtete: »Er hat die Depositen zweier seiner Klientinnen angegriffen und eine bedeutende Summe, so weit ich bis jetzt feststellen kann, mehr als 50 000 Mark unterschlagen. Vor dem Gefängnis, vor der Schande floh er aus dem Leben.«

»Feige, feige«, murmelte Silly. Sie konnte um den Toten nicht recht trauern und jetzt alles hören und tragen.

Der Rechtsanwalt fuhr fort: »Ihr sel–, ihr verblichener Bruder hat ein rechtsgültiges Testament hinterlassen, welches in seinem Hauptpunkte besagt: ›Ich habe mein Leben mit 30 000 Mark versichert, welche Summe auch in dem Falle, daß ich freiwillig mein Leben ende, von der Gesellschaft ausgezahlt wird und meiner einzigen Schwester als meiner alleinigen Erbin zufallen soll.‹ Ich glaube, daß Sie die Versicherungssumme für sich retten können, doch muß das Gericht darüber entscheiden, Fräulein Berg.«

»Nein, Herr Rechtsanwalt, ich entscheide … jeder Pfennig soll den zwei Frauen, die durch seine Veruntreuungen geschädigt sind, gehören. Nichts, gar nichts will ich haben, nicht einmal die Mobilien, die für mein mütterliches Erbteil gekauft sind, aber zur Masse gehen.«

Der Rechtsanwalt lachte sarkastisch. »Diese Aufopferung geht doch zu weit; auf Ihr Eigentum müssen Sie Anspruch erheben.«

»Nein, nein und noch einmal nein! Fräulein Weinhold, die Ärmste, hat wahrscheinlich kaum Zinsen genug, um zu leben …« Sillys hochherzige Rede erstarb auf den Lippen.

Da war sie selbst, die alte Jungfer, da stürmte sie, auf dem Flure das Dienstmädchen anschreiend, ins Zimmer mit flatternder Mantille. Und sie faßte Silly an und fauchte: »Der schamlose, elende Betrüger … ich will mein Geld, mein bißchen Geld.«

Amatus beschwichtigte: »Fräulein Weinhold, Sie werden das meiste retten und aus der Masse mindestens zwei Drittel Ihres Vermögens bekommen.«

Aber sie fuhr auf Silly los und schrie: »So eine Verbrecher-Familie! Ich will all mein Geld, mein Geld …«

Der starke Vetter riß das alte Fräulein, das sich wie eine Furie gebärdete, hinweg und führte es hinaus mit Gewalt. Aber in der Tür bog Fräulein Weinhold das Haupt zurück und sprützte mit den Lippen: »Verbrecherbande! Ich spucke noch auf sein Grab.«

Amatus ordnete alles für eine möglichst schnelle Beerdigung.

Nur sechs Menschen folgten dem Sarge des Amtsrichters, der in Breitenföhrde in den besten Familien verkehrt hatte, nach dem Friedhofe hinaus.

Als der Zug in die Süderstraße einbog, fuhr eine elegante Dogcart, in der ein schmächtiger Herr und eine korpulente Dame saßen, an demselben vorüber. Die Frau betrachtete mit den stechenden Simili-Augen den schwarzen Schrein und sagte lachend zu ihrem Kavalier: »Wenn Sie erst so liegen, Herr Doktor.«

Doktor Wieding schüttelte sich: »Puh, ich bin Arzt und weiß mein Leben zu erhalten. Merkwürdig, daß so viele Leute des neuen Philosophen Lumpen sind. Aber es ist eine Tatsache, daß die rabiatesten Zarathustra-Anhänger an Gehirnerweichung, Gift oder, wie dieser da, an einer Kugel vielfach enden.«

Silly schleuderte der davonfahrenden Kleopatra einen Haßblick nach und fluchte dem teuflischen Weibe.

Frau Kleontine Butenblank fuhr mit dem neuen Doktor übers Land. Als der schmucke, junge Neuling in Breitenföhrde nicht mehr ihren Lockungen widerstand, ließ sie den dicken Amtsrichter, den sie wie ein Vampyr ausgesaugt und ausgeplündert hatte, mit einem höhnischen Lachen laufen.

O, über die widerliche Macht der eklen Afterminne!

Asmus Berg, von seiner schmutzigen Leidenschaft verzehrt, konnte ohne das Weib nicht sein und geriet in eifersüchtigen Grimm. Der Herrenmensch fühlte sich als der Minderwertige und der Schwächere in dem Kampf um die Dirne und faßte den Entschluß, sein Leben zu enden. Freilich schwankte bereits der Boden unter seinen Füßen, da eine Witwe ihr Deposit zurückverlangt hatte.

Silly und die fünf Männer standen über dem offenen Grabe. Kein Pastor geleitete den Selbstmörder zu seiner letzten Ruhe. Darum zog Amatus seinen Hut und übte seine allerletzte pastorale Tätigkeit. Nachdem er drei Handvoll Erde in die Grube geworfen, sprach er ein lautes Gebet, in dem er Gottes Trost für die Lebende und das Erbarmen der ewigen Gnade für den Toten herabflehte. – – –

Die Mobilien kamen unter den Hammer, und Fräulein Bergs kleines Erbteil ging verloren.

Auf der Heimfahrt, als all das Grauenhafte wie ein vorübergezogenes Unwetter, dahinten lag, wurde ihr immer leichter ums Herz und Amatus hielt die Hand der guten Kousine. »Du bist durch eine edle Handlungsweise arm geworden, Silly, aber ich bin es nicht mehr. Darum sollst du immer wissen, daß mein Haus dir offen steht, und wo du stets ein bescheidenes Heim hast.

Ein langer inniger Blick ihrer blauen Augen dankte ihm, aber sie erklärte, daß sie noch jung und rüstig sei und leicht ihr Brot verdienen könne.

Frau Junker und Klarissa waren benachrichtigt und erwarteten die von der Beerdigung Zurückkehrenden auf dem Norderhafener Bahnhof. Amatus bot seiner Mutter den einen Arm und nahm Silly, die von den Anstrengungen der letzten Tage schwach und engbrüstig war, einfach und ohne zu fragen, unter den andern Arm und führte beide durch die Straßen.

Hinterdrein schritt Fräulein Reder allein und hatte Zeit und ungestörte Ruhe, ihren Gedanken nachzuhängen. Dabei entging ihrem Ohr kein Wort des Gesprochenen, aber ins Gespräch wurde sie nicht gezogen. Ihre Gedanken waren: Wie hoch und stattlich er ist – und wie klein neben ihm Silly erscheint, die in ihrer Trübsal noch mehr in sich zusammengesunken ist. Dennoch gehören sie zu einander, denn er liebt seine Kousine – wie könnte er anders? – und sie hat ihn und keinen andern von Kind an im Herzen getragen.

Erst seine zum Abschied ihr entgegengestreckte Hand störte die Sinnende aus ihren stillen Betrachtungen empor. Darum war das Gesicht, in das Amatus hell hineinschaute, noch etwas düster vom Denken und voll von unbeweglichem Ernst.

Er aber deutete es anders und hing auf dem Wege nach dem Pappeltale seinen tiefsinnigen Erwägungen nach, daß Fräulein Reder ihm unfreundlich, ja mürrisch begegne, woraus er den nahe liegenden Schluß zog, daß sie ihn nicht möge.

»Was machst du für eine Leichenbittermiene!« sagte die Mutter, die jeden leisesten Zug seines Angesichts kannte, »allerdings kommst du von einer Beerdigung, aber so arg wirst du um den Vetter nicht trauern. Hat etwas Unangenehmes dich betroffen?«

»Nein, nichts, nichts!« beteuerte er mit einer gewissen Heftigkeit.

[Später ergänzt/anders: Während Amatus Junker in der sichren Ruhe eines erreichten Ziels fröhlich sich reckte und freudig die Baupläne eines neuen und schönen Heims zu entwerfen begann, befand sich der viel beneidete Arzt Norderhafens, der freilich viele Patienten verloren hatte, in einer unerträglichen Nervenanspannung und seelischen Aufregung. Er fühlte, wie die schwachen Fundamente seines Ansehens, seiner Existenz und Ehre, wie der Boden unter seinen Füßen schwankte, und in schlaflosen Nächten hörte sein Ohr das Krachen der Katastrophe, die ihn und seine Zukunft zermalmte. In seinen Nöten ging Viggo, der als hochangesehener Bürger von der Loge »Ernstes Wollen« mit offnen Armen aufgenommen worden war, zu seinen Freimaurerbrüdern, damit sie dem Untersuchungsrichter, welcher zufällig Meister vom Stuhl war, einige brüderliche Winke und Fraumaurerzeichen gäben. Jedoch der Richter war ein ehrenhafter Mann, der sich von brüderlicher Liebe nicht beeinflussen, nicht mit sich sprechen noch spaßen ließ, sondern durch den Besuch der Sendboten mehr gegen als für Evers eingenommen wurde. Man hatte nur erfahren, was man schon wußte, daß die Sache für den Doktor sehr bedenklich stünde.

Als die Brüder ihren negativen Bescheid gebracht hatten, ging Evers in Erregung auf und ab, schlug im Strafgesetzbuche nach, wie hoch die Strafe für fahrlässige Tötung sei, und biß sich auf die Lippen. Mit einem halb höhnischen, halb finster trotzigen Gesichtsausdruck nahm er aus einer Schublade eine Browning-Pistole, die er starr betrachtete und dann mit einem Schauder in die Lade zurückfallen ließ. War er auf das Äußerste gefaßt und die Kugel seine ultima ratio? Er fühlte sich wie ein gehetztes, demnächst eingekreistes, umstelltes Tier, auf allen Seiten von dunklen Schicksalsmächten in die Enge getrieben.

Evers wußte, daß er schuldig sei und in jener niederträchtigen Nacht, nachdem er allzu reichlich dem Bacchus geopfert, den unbegreiflichen, satanischen Mißgriff gemacht und eine Null zu wenig geschrieben habe. Das Opium-Rezept, von seiner Hand geschrieben, lag als verhängnisvolles Corpus delicti bei den Akten. Ein wahnsinniger Gedanke schoß ihm durch das überhitzte Gehirn: Könnte es nicht aus dem Gerichtsgebäude entwendet und vernichtet werden?

Viggo lag Tag und Nacht wie auf einer Folter und litt Marterqualen, aber anzumerken war ihm nichts und seine Wangen nur um eine Nüance bleicher geworden. Er hatte seine Mienen unglaublich in der Gewalt und gab sich zuversichtlich, ja keck und frech vor den Leuten und besonders vor den lieben Kollegen, die mit einer heuchlerischen Kondolenzmiene ihn bedauern wollten.

In Norderhafen war ein Mann, ein harmloser, gutmütiger, geschwätziger Mann, vor dem der Doktor einen förmlichen Horror hatte, dessen plötzliches Auftauchen ihm Beklemmung und Übelkeit bereitete und alles Blut aus seinen Wangen trieb. Das war ein unbedeutender, subalterner Mensch, der Nachfolger des alten Hans Junker, der Gerichtsdiener Sörensen, der dem Doktor die gerichtlichen Zustellungen überbrachte. Selbst ein Evers verlor dem gegenüber die Contenance und künstliche Ruhe, und seine Hände zuckten nervös.

Sörensen überreichte mit einer linkischen Verbeugung eine Ladung zum Termin in Sachen der unverehelichten Gastwirtstochter Anne Hansen contra den praktischen Arzt Viggo Evers.

Das Gericht, das sich gegen den angesehenen Mitbürger rücksichtsvoll benahm, verhandelte hinter verschlossenen Türen und schloß die Öffentlichkeit aus. Aber die Öffentlichkeit erfuhr alles, was sich hinter den Türen zugetragen.

Anne Hansen hatte in ihrer Einfalt geglaubt, daß sie durch die Klage den Doktor zur Ehe zwingen werde. Doch Evers hatte mit sittlicher Indignation jede intime Bekanntschaft mit der Klägerin energisch bestritten. Darauf schob das Gericht dem Beklagten den Eid zu.

Eine lautlose Stille trat ein, alle Augen waren starr auf den Einen, der seinen Handschuh mit Eleganz herunterstreifte, gerichtet, die Klägerin knickte zusammen und schien in Ohmacht zu fallen. Erhobenen Hauptes und mit hoch erhobenen Fingern beschwor der Doktor, daß er in der fraglichen Zeit vom 3. bis 6. Oktober nach 10 Uhr nicht außer dem Hause gewesen sei, sondern alle diese Nächte in seiner Wohnung zugebracht habe.

Der Schluß des feierlichen Schwurs war ein kreischender Schrei, der gräßlich klang und durch Mark und Bein ging. Die unverehelichte Anne Hansen gebärdete sich wie eine wütende Megäre, spreizte die Finger wie Krallen und brüllte wie wahnsinnig: »Der Satan! Der meineidige Mensch! Der meineidige Mensch! Ins Zuchthaus, ins Zuchthaus!«

Gerichtsdiener Sörensen versuchte durch gütliches Zureden das verrückte Frauenzimmer zu beschwichtigen. »Still, Anne, still! Sie kommen nicht ins Zuchthaus, aber ins Irrenhaus, wenn Sie sich so unverständig betragen. Still, Anne! Das ist nun einmal Gesetz: Wenn einer schwört, gewinnt er seine Sache.«

Mitten in die Gesetzesbelehrung hinein rief Evers: »Unerhörte Beleidigungen! Doch die Person ist nicht zurechnungsfähig … schon diese unsinnige Klage ist ein Ausfluß ihrer Krankheit gewesen.« – Offenbar bestrebt, der fürchterlichen Situation zu entkommen, verließ er hoch erhobenen Hauptes den Gerichtssaal.

Zu Hause in seinem Zimmer brach er zusammen, sank er hin, wie von einer Schuld niedergeschlagen. Das finstre Fatum verfolge ihn, ein verdammtes Mißgeschick hänge sich an seine Fersen und hetze ihn zu Tode. Verdammt, verdammt! Gegen den satanischen Zufall mit seinen infamen Fußangeln kämpfe der Klügste vergebens. Die flüchtige Hand verschreibt sich um eine nichtige Null – und diese lumpige, lausige Null macht der glänzenden Laufbahn eines gewandten, geriebenen Kopfes ein schnelles, schmähliches Ende. Pfui Teufel! Ein höherer Hohn, eine ewige Ironie regiert die Welt. Hier in Norderhafen ist es aus mit meiner Herrlichkeit. Nicht das Zuchthaus, aber das Gefängnis öffnet mir seine Pforten. Bis nach den Gerichtsferien habe ich eine kurze Galgenfrist. Zum Satan! Ich muß die Frist nutzen und einfach Vabanque spielen. Jedes Mittel, selbst das waghalsigste, muß mir gut und heilig sein. Heilige, ewige Ironie! Hilf mir! Das Rezept muß verschwinden; wenn es fehlt, so fehlt der Beweis, der mich erdrosselt! Va banque! Und müßte ich einen Menschen umbringen, um meinen Hals aus der Schlinge zu ziehen – ich erwürge ihn, um nicht erwürgt zu werden. Aber Ruhe des Bluts, Ruhe der Nerven ist die erste Pflicht.

Um seinen Kopf, der am Zerspringen, um seine Nerven, die am Zerreißen waren, zu beruhigen, nahm Evers von seinen Morphium-Pulvern. Es wirkte und gab Schlaf für einige Stunden. Aber bald nach Mitternacht aufschreckend, wanderte er stundenlang auf Socken hin und her. Sein übernächtigtes, gespenstisches Gesicht beugte sich in den Arzneischrank hinein, er kramte unter den Kruken und nahm zwei große, mit schneeweißem Pulver gefüllte Dosen. Nach langer Überlegung wog er davon drei Gramm genau ab, die er sorgfältig in Papier verpackte und in sein Portemonnaie steckte, Das schneeweiße unschuldige Mehlpulver war Morphium pur., und die abgewogene Dosis genügte, um einen Elefanten umzubringen. Wer Va banque spielt, muß auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Das schneeweiße Pulver war die ultima ratio. Wenn das Spiel aus ist, geht der Mensch schlafen – was macht's, ob ich etwas früher schlafen gehen muß!

Als Evers am Morgen seine Visiten machte, begegnete er dem Gerichtsdiener, der ihm sonst verhaßt gewesen war. Aber heute sprach er sehr leutselig und sehr lange mit dem geringen, subalternen Manne, der die hohe Ehre zu schätzen wußte. Der Doktor scherzte mit Galgenhumor: »Sie bringen mir so viele liebe Briefe, mein lieber Sörensen, wenn Sie wieder zu mir kommen, sollen Sie ein Glas Wein und eine feine Havana haben.« – Sörensen dienerte linkisch und wußte nicht, was ihm geschah. Evers wußte aber wohl, was er wollte, und hoffte durch Bestechung des Gerichtsdieners das verzweifelte Spiel zu gewinnen.

Kaum war der Doktor zehn Schritte weiter gegangen, als er plötzlich auf drei Personen stieß, die ihm ein Entsetzen einflößten, so daß vor Horror das Haar unter seinem Hute sich bewegte. Anne Hansen kam mit ihrem Vater und mit einem jungen Frauenzimmer, das wie ein Dienstmädchen aussah, des Weges. Die Tochter des Wirts richtete einen trotzigen, triumphierenden Blick auf den Doktor, Hansen spuckte im Vorbeigehen kräftig aus und machte eine beleidigende Handgebärde, sofern er drei Finger hob und absichtlich lange hochhielt. Evers hatte in dem Augenblick ein instinktives Angstgefühl, als wenn das Spiel verloren gehen könne.

Es war schon verloren.

Die drei Personen gingen zum Staatsanwalt, um gegen Evers wegen wissentlichen Meineids Anzeige zu erstatten. Das Dienstmädchen, das seit Jahr und Tag bei dem Gastwirt konditionierte, erklärte sich bestimmt, und ohne durch das Kreuzverhör unsicher zu werden, dazu bereit, unter ihrem Eide zu bezeugen und zu beschwören, daß sie in der fraglichen Nacht des dritten und auch des fünften Oktober den Doktor zusammen mit Anne Hansen im Flure des Oberstocks des Hauses gesehen habe.

Woran sie in der Dunkelheit der Nacht den Doktor identifiziert d.h. erkannt habe? Daran, daß der Doktor sich die Zigarre angezündet und sein Gesicht hell beleuchtet habe, war die prompte Antwort. Wie es möglich sei, daß sie nach Jahr und Tag noch genau die Stunde wisse, wo Doktor Evers im Hausflur gestanden habe? Ob ihrem haarscharfen Gedächtnis nicht von Hansen nachgeholfen worden sei? Der Umstand, daß sie just am fünften Oktober ihren Geburtstag habe, der Umstand habe ihrem Gedächtnis geholfen, genau die betreffende Nacht zu behalten und nicht zu vergessen. Sie wolle beeiden, daß Evers am dritten und fünften Oktober im Hause oben gewesen sei und mithin unter seinem Eide etwas Unwahres ausgesagt habe.

Der Staatsanwalt entließ die Leute und überlegte, ob er sofort gegen den Doktor einen Haftbefehl ausstellen müsse.

Die Haft wurde nicht verhängt, aber das Verfahren wurde eingeleitet. Die erdrosselnde Schlinge zog sich immer fester um den Hals des Elenden. Das Spiel schien verloren, nur eine letzte Karte hielt er noch in der Hinterhand. Evers war in seiner Eitelkeit überzeugt, daß die arme, kleine, verwachsene Person mit einer närrischen, abgöttischen, zu jedem Opfer fähigen Liebe ihm zugetan sei, und daß ein verliebtes Weib in der Hand des vergötterten Mannes wie Wachs sei, womit er machen könne, was er wolle.

Evers stürzte in das Zimmer, wo seine Hausdame am Nähtische nachdenklich grüblerisch saß, legte effektvoll die Hand auf die Brust und sich auf den Teppich zu ihren Füßen. Zu der armen, kleinen, verwachsenen Silly sprach er heiße, leidenschaftliche Worte. – – –

In der Abendstunde plauderte Amatus mit seinem Mütterchen, das lachend ein paar Züge aus seiner langen Pfeife tat – das war nämlich ein neues gegen Asthma von einer klugen Frau empfohlenes Hausmittel. Ungeschickt den Rauch verschluckend, bekam Monika einen kleinen Erstickungsanfall. »Pfui Spinne! Das nimmt einem ja das letzte bißchen Luft.«

Da sah Monika empor, und Luft und Atem ging ihr bei dem Anblick aus. Silly, ohne Handschuhe, ohne Hut, nur im Hauskleide und in Hausschuhen taumelte ins Zimmer, im Gesicht weiß wie eine Leiche, und sinnlos vor Angst war der Blick der guten Augen.

Amatus zog sie sanft aufs Sofa nieder und hatte sofort eine instinktive Ahnung. »Evers hat sich an dir vergangen … hat ein Ver … brechen begangen … du bist außer dir … beruhige dich erst!« Er legte schützend den Arm um ihre zitternde Gestalt und fühlte dabei unwillkürlich, wie hoch und spitz der Rücken sei, und wie ein Schluchzen durch ihren Körper stieß. Erst als sie weinen konnte, wurde sie der Sprache mächtig.

»Der Mensch warf sich zu meinen Füßen, um mir mit Ungestüm zu gestehen, daß er mich lange heftig geliebt habe.«

»Das lügt er!« rief Amatus zornig dazwischen, »das lügt er!«

»Ja, es war Lüge, Verstellung, Heuchelei. Als ich wie betäubt saß und nur nein – nein zu stammeln vermochte, hielt er meine Hände fest … und da zeigte der Elende den Pferdekuß, frech und unverhüllt kam er mit seiner teuflischen Zumutung heraus. Ich müsse ihn retten vor dem Untergange, ich müsse ihm beistehen gegen seine Feinde, ich müsse mich darauf besinnen, daß er am 3., 4., 5., 6. Oktober vorigen Jahres am Abend bei mir gewesen und nicht das Haus verlassen habe, ich müsse das bezeugen; beschwören, damit er nicht meineidig werde, damit er nicht dem Zuchthaus, dem Selbstmord verfalle. O der Elende! Er wollte mich mit seinen falschen, erlogenen Liebesbeteuerungen dazu bewegen, einen Meineid zu schwören, um ihn vor den Folgen des Meineids zu beschützen. Wie kann ich wissen, wo er am 3. Oktober vor einem Jahre sich aufhielt! O, o, o! Mir grauset noch … mir war in dem Moment, als wenn der Satan selber, der Lügner von Anfang an, vor mir auf den Knieen läge, meine Hände umklammere und mich festhalte. Ich riß mich los aus den Krallen des Bösen und rannte hierher. Helft mir gegen den Menschen!«

Amatus hielt die Arme um seine Kousine. »Arme Silly! Dein gutes, treues Herz ist am Brechen … der Schurke hat es gebrochen … du hast ihn lieb gehabt.«

Sie nahm die Hände vom verweinten Gesicht und sah ihm groß und offen in die Augen. »Nein, nein, ich liebte ihn nicht, aber ich vertraute ihm ganz, ich glaubte an ihn und an die Lauterkeit seiner Gesinnung. Wie könnte ich leugnen, was ich nicht erklären kann! Er hatte eine magische Macht über mich gewonnen, so daß ich ihn für wahr hielt, wo er heuchelte, für gut, wo er nur aus Berechnung mit Güte sich verkleidete und verstellte … aber nein, ich liebte ihn nicht … das glaube mir, Amatus!«

Ihr Vetter nickte ihr herzlich zu, denn er wußte, daß Silly wahr und aufrichtig bis in den innersten Winkel ihrer Seele war. »Gott sei Dank! Du liebst den Unhold nicht … dann wird dein wackres Herz bald genesen von der bittren Enttäuschung.«

Auch die vorsorgliche Tante nickte, aber traurig vor sich hin. »Dein kleines Vermögen, Silly, deine kleine Versorgung …«

»Das habe ich ihm geliehen in meiner Vertrauensseligkeit. Wie dumm ich bin, wie dumm!«

Amatus lächelte sie an. »Darum, weil du zu gut, zu gläubig bist, kommst du unter meine Kuratel … was ich noch für dich retten und aus der Höhle des Löwen herausholen kann, das kommt in meine Verwaltung.«

Junker handelte sofort, nahm Hut und Stock – es war der dicke Agrarierstock, den er kampflustig in der Faust schwang – und eilte nach der Wohnung des Doktors.

Das Haus war bis auf die Straße hinaus voll von Menschen, besonders von Frauen, welche die neueste, entsetzliche Sensation von Norderhafen herbeigelockt hatte. Einige Spittlerinnen raunten und murmelten gedämpft, der Doktor sei gar nicht zu wecken und habe die Schlafkrankheit bekommen, andre, er habe sich vergiftet.

Viggo Evers lag lang, starr und steif auf der Chaiselongue, auf dem Tische daneben lag eine weiße Papierhülle und stand ein leeres Glas, das von dem herbeigeholten Polizeimeister dicht an die Gurkennase gehalten wurde und beißend-bitter roch.

Ein Kollege des Doktors, der die neugierigen Gaffer grob anschnauzte und dennoch umdrängt wurde, untersuchte Herz und Puls des Schläfers – aber wie lange er auch horchte, da war kein Herzstoß und kein Pulsschlag mehr zu hören.

Gegen diese Schlafkrankheit gab es kein Heilmittel, aus diesem tiefen Schlummer gab es kein Erwachen.

Der Selbstmörder hatte drei Gramm Morphium, eine ungeheure Dosis, genommen, nachdem er klar erkannt, daß sein Vabanque-Spiel, seine Ehre und seine Existenz verloren sei.

Das war das schmähliche Ende des berühmten Modedoktors von Norderhafen. Er war an dem Morphium, das er so gern und so reichlich gab, und dem er seine beneideten Scheinerfolge verdankte, zu Grunde gegangen.

Kaum war die Leiche nach dem Armenhause, wo die anatomische Untersuchung stattfand, geschafft worden, als eine Schar von fluchenden, schreienden, lamentierenden Gläubigern mit dem Gerichtsvollzieher ins Haus und auf das feine Hausgerät sich stürzte, um an sich zu reißen, was nicht niet- und nagelfest war.

Aber Junker war ihnen zuvorgekommen und hatte schon auf das teure Mobiliar, das von Silly Bergs Geld angeschafft war, gerichtlich Beschlag gelegt, um für seine Kousine zu retten, was aus dem Zusammenbruche noch zu retten war.

Jedoch mehr als die Hälfte ihres kleinen Kapitals ging verloren. Und trotzdem sagte Silly: »Das Grauenhafte liegt, wie ein vorüberziehendes gräßliches Gewitter weit dahinten, und jetzt ist mir viel besser und leichter ums Herz, als vor einer Woche.«

Amatus drückte die Hand der guten Kousine, die so groß im Unglück war. »Du bist durch deine Großmut …«

»Durch meine Leichtgläubigkeit und Dummheit.«

»… durch deine vornehme Herzensgüte arm geworden, aber ich bin es nicht mehr. Darum sollst du immer wissen, daß mein Haus dir offen steht, und wo du stets ein bescheidenes Heim hast.«

Ein langer inniger Aufblick ihrer blauen Augen dankte ihm, sie erklärte aber, daß sie noch jung und rüstig sei und leicht ihr Brot verdienen könne.]

Infolge der erschütternden Ereignisse der letzten Tage [später entfallen: und der unvorhergesehenen Reise] war der Hofkauf in Vergessenheit geraten. Die drei Tage Bedenkzeit waren vorgestern verstrichen, ohne daß der Kaufliebhaber, wie er versprochen, etwas von sich hatte hören lasen. Darum war Ebbesen in Kirkeby unruhig geworden und hatte einen Brief geschrieben, der in der Dachwohnung lag.

Wenn der niedrige Preis noch zu hoch erscheine, wolle er, sofern der Verkauf gleich abgemacht und die Anzahlung geleistet werde, bis auf 72 000 Mark heruntergehen. Eine ungewollte Verzögerung, des Zufalls Fügung war Amatus günstig. Der Verkäufer hatte sich selbst herabgedungen.

In dem Norderhafener Amtsgericht, vor dem die Auflassung stattfand, wurde Junker als Besitzer des Hofes eingetragen. Weil es ein guter Handel war, machte er sich die Not des ausgewiesenen Dänen nicht zu Nutze. Zwar an dem geforderten Preise von 72 000 Mark hielt er fest, aber übernahm allein die Zahlung sämtlicher Auflassungskosten.

Diese Großmut rührte Frau Ebbesen so sehr, daß sie unter Tränen erklärte, nun habe sie ihren verlorenen Glauben wiedergewonnen, nämlich den Glauben, daß es auch unter den Deutschen gute Menschen gäbe.

Siebenter Abschnitt: Der lateinische Bauer.

Auf dem Weizenstoppelfelde von Kirkeby neben dem haushohen, geschickt gebauten Diemen summte die Dampfdreschmaschine den ganzen Tag – es war der dritte schon – von frühmorgens an; und die goldgelben Körner füllten Sack um Sack. Eia, das Brummen und Summen war dem Bauer und Besitzer des Feldes eine behaglich-behäbige Musika. Da die letzten Garben ausgedroschen waren und als leeres, wirr geknicktes Stroh ausgespieen wurden, schlug sich der neue Hofbesitzer Junker auf den Schenkel und lachte: »Haha, vierzig Doppelzentner Weizen vom Hektar, das geht, und mehr gibt die Marsch kaum.« Sein Lachen klang gleich wie ein froher Lobgesang der Landwirtschaft, die er immer lieber gewann.

Der Himmel war ihm günstig, mit einem äußerst fruchtbaren Sommer begann er sein Bauerntum, eine sehr reiche Ernte war eingeheimst und unter Dach und Fach gebracht worden.

In diesem Herbste kaufte er zwölf Jütochsen, um sie zu mästen. Mehr Vieh, mehr Dünger, mehr Dung mehr Bodenkraft, mehr Kraft mehr Korn! war sein agrarischer Hauptgrundsatz. Schon Mitte Oktober stallte er seine Kühe auf; denn die kalte Witterung minderte den Milchertrag, den er täglich maß.

Wenn er durch den vollen Stall auf- und abging und die 42 Stück blank glänzendes Rindvieh, die täglich gestriegelt wurden, mit leuchtenden Augen überblickte, fühlte er ein tiefes, stilles Vergnügtsein und holte oft die Mutter herbei, daß sie die Freude mit ihm teile. Alle Tiere waren seine Pfleglinge und einige, wie das selbstgezüchtete Stierkalb und die Goldfuchsstute seine besonderen Lieblinge.

Lächelnd rechnete und zählte er der Mutter vor: »Mit den Wochenferkeln, mit den Hühnern und dem Hahne, die Enten und den Erpel eingeschlossen und den Hund Grips nicht vergessen, besitze ich nicht weniger als 105 Tiere, hundertfünf.«

Das machte den tierfreundlichen Mann überglücklich, der nur die langschwänzigen Ratten gründlich haßte. Darum beugte er sich nieder und streichelte den Hund, der oft an einem Tage einem halben Dutzend den Garaus machte; denn Grips war ein großer Rattentöter in seinem Geschlecht und ein natürlicher Sohn des berühmten Rattenbeißers Bulldog.

Mit Hilfe zweier Mägde und einer zu Ostern konfirmierten Jungdirn führte Monika die Wirtschaft. Der Bauer, der frühmorgens der erste auf den Beinen war, griff selbst mit an und fütterte das Kraftfutter und führte noch beim Schein der Lampe seine Bücher. Alles auf dem Hofe gedieh, als wäre es gesegnet. Darum glaubte Junker, der als ein freier Mann auf eigner Scholle sich fühlte, nicht an die Notlage der Landwirtschaft, die damals ihr notleidendes Klagelied leise anzustimmen begann. –

Der Weihnachtsabend wurde auf dem Hofe mit großer Festlichkeit gefeiert und das Gesinde reich beschenkt. Der gewesene Kandidat, welcher der Theologie den Abschied gegeben hatte oder von ihr verabschiedet worden war, hatte seinen Glauben, wenn auch nicht an die verweltlichte und verstaatlichte Kirche, so doch an das Christentum bewahrt und war ein frommer Mann geblieben, der heute eine ergreifende Weihnachtsandacht mit den Seinen hielt. War doch ihm die stille, heilige Nacht ein sonderliches Dankfest für große Gotteserrettung und die neue, herrliche Wende seines Lebens.

Nachdem das Gesinde entlassen war, zündete er die lange deutsche Pfeife an, die ihm lieber war als der kurze amerikanische Nasenwärmer, und zwischen den Rauchwolken warf er die Worte hin: »Warum kommt Fräulein Reder nicht einmal nach Kirkeby? Du hast sie doch eingeladen, uns zu besuchen.«

»Soll ich sie noch einmal schriftlich bitten?«

»Nein, nein! Die hat ihren eignen Kopf, und eingeladen ist sie genug … wenn sie nicht will, muß sie es unterlassen und ihren Eigenwillen haben.«

Ach, Fräulein Reder saß in eben dieser Stunde so ganz einsam am heiligen Abend. In der Christnacht ist das Alleinsein dem Menschen am schwersten, und er sehnt sich nach freundlichen Menschenlauten und nach ein wenig Menschenliebe. Sie, die sonst hinsichtlich dessen, was sie wollte, nie im Unklaren war, wollte auf einen halben Tag nach Kirkeby und wollte es wieder nicht, und die oft und lang erwogene Absicht, einen Wagen zu nehmen, kam nicht zur Ausführung. Was machte ihren Entschluß schwankend und hemmte ihr Vorhaben, wenn sie schon auf dem Wege war, den Fuhrmann zu bestellen?

Klarissa stand vor dem Spiegel und suchte nach einem grauen Haar. Sie mußte lange suchen, aber sie wollte es finden. Beim ersten grauen Haar kommen die Altersberechnungen dem Menschen in den Sinn. Er war neunundzwanzig gewesen, und sie ging in ihr einunddreißigstes Lebensjahr. Schmallippig lächelte sie: »Ich bin nicht mehr von solchen Gefahren bedräut und noch viel weniger gefahrbringend.« Scheu sah sie sich unwillkürlich um, ob niemand ihr Selbstgespräch höre, obgleich keine Menschenseele außer ihr in der einsamen Wohnung war.

Am Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr kam Silly Berg, die bei dem verwitweten Pastor in Kragerup Hausdame war, nach Norderhafen. Es war bereits drei Uhr nachmittags, als sie Klarissas schmuckes Stübchen betrat.

Ehe sie noch abgelegt, fragte die Freundin hastig: »Wollen wir heute nach Kirkeby fahren und sehen, wie deine Tante wohnt?«

»So spät am Tage? Ja, wir müssen es bald einmal …«

»Aus einmal wird schließlich keinmal, wenn wir es nicht übers Knie brechen … denn … denn … allein fahre ich nie nach Kirkeby, nur mit dir!«

Sie fuhr mit den Armen in die Winterjacke, und Silly war schon reisebereit.

Monika vergaß den beiden lieben Mädchen nicht, daß sie während Fiedlines langer Krankheit ihr in treuer Liebe geholfen hatten, und bewirtete sie mit dem Allerbesten, was Küche und Keller vermochte.

Silly, die vornüber und nach unten wuchs, saß eingesunken im Sofa und lauschte der lebhaften Unterhaltung und beobachtete unbemerkt und von unten herauf. Klarissa, nachdem sie aufgetaut war und sich frei und natürlich gab, sah Junker beim Sprechen an, und dann hatten ihre braunen Augen einen Glanz wie bei keinem andern Gespräch … jaja! Und auch er, der viel redete und lächelte, hatte andre und blankere Augen. Jaja! Die Augen sind der Seele Spiegel und der Seele Verräter.

Als der Vetter sie fragte: »Warum sagst du nichts?« nickte Silly: »Ich hab am Zuhören meine Freude … du bist mit Leib und Leben Landmann.«

Er kramte nicht seine agrarische Weisheit aus, sondern bewies mit einem gewissen Stolze, daß alles – bis auf Zucker, Salz und Thee – Selbsterzeugnis seines Grund und Bodens sei. Obwohl es neun Uhr war, nahm er den Stalleuchter, und die Damen mußten mit und seine Schätze besichtigen. Er beleuchtete die Tiere von allen Seiten und fragte Klarissa, welche ihr am besten gefielen. Ohne Zögern zeigte sie auf diejenigen, die auch seine Lieblinge waren, welche Harmonie des Geschmacks ihm helle Freude machte.

Als des Neumonds schmale Sichel aufging, fuhren die beiden Freundinnen durch die schlafende Nacht und waren still, bis die eine das Schweigen brach: »Woran denkst du, Rissa?«

Die Gefragte kehrte nach ihrer Gepflogenheit die Frage um: »Woran dachtest du?«

»Das will ich dir nicht … noch nicht sagen, meine Liebe.«

Worauf beide wiederum schwiegen und weiter dachten. Aber Sillys Gedanke war mehr als ein flüchtiges Ideenbild und verdichtete sich zum festen Vorsatze – und ihr Gedanke wurde schließlich zu einer guten und großen Tat.

Während diese durch die dämmernde Mondnacht fuhren und beim Aussteigen in Norderhafen ohne ersichtlichen Anlaß sich stürmisch umarmten und küßten, saß Amatus neben seiner Mutter.

Es sollte ein Scherzen sein, was sie sagte, und war doch weit mehr. »Mein Sohn, welche von den zwei lieben Mädchen wird's?«

»Wohl keine von beiden … Silly ist meine Kousine, und die andre …« Lachend erzählte er, wie die Erwachsene ihm als Sekundaner schon ein Körbchen gegeben und ihm als Kandidat in Alstrup einmal tüchtig den Kopf gewaschen. »Ich glaube, sie mag mich nicht und hat mich immer – als die ältere behandelt.«

»Ich werde alt, mein Amatus, und es wird Zeit, daß du dich umsiehst unter den Töchtern des Landes …«

Da! Da war wieder das Verhängnis. Monika fiel leichenblaß ins Sofa zurück, verzerrte den Mund und atmete stöhnend. Mitten im scherzenden Gespräch – früher doch nur bei heftigen Gemütsbewegungen – wurde sie von ihrem Leiden befallen, und die aus dem Herzen quellende Blutwelle schoß betäubend empor. Nach kurzer Besinnungslosigkeit erholte sie sich und blieb in Amatus Armen liegen, der ihren greisen Kopf an seine Schuler lehnte.

Mit tiefem Ernst und weicher Innigkeit flüsterte sie: »Früher oder später muß ich von dir zu Friedline und deinem Vater gehen. Ja, mit dem Gedanken an das Grab muß man sich beizeiten vertraut machen, und er ängstigt mich nicht, denn ich weiß, an wen ich glaube, mich unruht nur, daß ich dich allein zurücklasse … bedenke, auf dem Bauernhofe allein! Wenn ich vor meinem Abschiede eine Stellvertreterin an deiner Seite sähe, eine Frau, die dich liebte, die jünger, klüger, kräftiger und natürlich auch geliebter wäre und mit Recht sein müßte, dann, nur dann könnte ich in Frieden meine Augen schließen.«

Langsam sagte er: »Mein Mütterchen, bei deinen Lebzeiten kann ich keinen Menschen mehr als dich lieben.« – –

Die Kirkebyer Bauern gaben Obacht auf Junker, wie der Agrarier-Kandidat es in allen Dingen angreife und treibe, guckten in seine Ställe hinein und inspizierten, wenn er abwesend war, seine Felder. Fast alle schüttelten zweifelhaft den Kopf und sagten platt: »Dat sind woll nije Moden … jaaa he is'n latinischer Bur.« Wie ihre Väter, Groß- und Urgroßeltern gewirtschaftet hatten, so arbeiteten und ackerten sie weiter auf sechs Ackerschlägen, dem Herkommen und auch vielfach dem ererbten Schlendrian getreu.

Nach ihrer Ansicht hatte Junker alles umkalfatert und vieles auf den Kopf gestellt. Bei der Herbst- und Frühjahrsbestellung hatte er sein Land in nicht weniger als zwölf Schläge eingeteilt, und die Vollbrache wollte er möglichst beschränken und durch Hackfrüchte ersetzen.

Klaus Klümp, der größte Bauer in Kirkeby, lachte, daß ihm der Schmerbauch schütterte: »Haha! Keine Brache! Im nächsten Jahr werden Sie Hederich statt Hafer ernten.«

Dieser Nachbar besuchte Junker oft – aus Neugierde – und sah die Scheunentennen voll von Säcken stehen. Er öffnete einen, steckte die lange Nase hinein und zog sie schnell zurück.

»Puh, wie das Zeug stinkt! Was ist das für Dreck?«

»Ja, das ist eben Dreck und Dünger, das weißliche Superphosphat, das dunklere Chilisalpeter.«

»Aha, Sie machen die Moden mit dem künstlichen Dünger mit? Das bißchen Staub soll wirken? Ja, der Gestank muß es tun. Haha, mit Ihrem Stallduft, der in den Garten hinauszieht, düngen Sie wohl Ihre Obstbäume? Wer's glaubt, zahlt einen Taler.«

»Wollen wir zweie wetten, daß der Staub wirkt?«

Als Junker seinem Weizenschlage die Chili-Kopfdüngung gab, nahm er seinen Nachbar mit aufs Feld hinaus und zeigte und sagte: »Die ganze Koppel ist gleichmäßig bestreut, nur in der Mitte hier lasse ich einen schmalen Ackerstreifen ungedüngt … im August zur Ernte kommen wir wieder und sehen.«

Aber schon in Juni sah Klaus, wie das Getreide auf dem schmalen Streifen hinter dem andern sichtbarlich zurückblieb. Doch er schwieg mäuschenstill, ärgerte sich innerlich und ging ins Wirtshaus, wo er den Bauern eine Mär aufband. »Dröge Tid! En Köhm und Beer dagegen!« Der Verwalter vom Gute war zugegen, darum fuhr er auf hoch fort. »Habt ihr gehört? Der Junker hat 50 Taglöhner und 50 Gießkannen bestellt und will sein ganzes Weizenfeld begießen, jaja!«

»Haha!« lachte man im Chorus und begoß die Kehlen mit Kümmel und Bier gegen die Dürre. –

Dem lateinischen Bauer blieb der Agrarier-Verdruß allerdings nicht erspart. Der Juni war durchaus kein Mustermonat, wie der des Vorjahrs, und tat nicht seine Regenpflicht, sondern hatte einen tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Das stete Lächeln des Himmels um Mittsommer hält der Landmann bald für ein höhnisches. Aber was hilft's? Man muß das Wetter nehmen, wie es will.

Die anhaltende Dürre war nicht nur der Saat schädlich. Sauber geeggt lag Junkers Koppel, die mit Steck- und Runkelrüben bestellt werden sollte. Aber das blaue Firmament lachte immerzu, und die Kirkebyer Bauern lachten mit, obgleich ihnen sonst nicht zum Lachen war. Sie lachten nämlich Junker aus: »Nun müssen Sie Brache machen, ob Sie wollen oder nicht.«

Amatus wartete bis zum 22. Juni. Dann ließ er zwei Dutzend Hände kommen, fuhr Tonnen mit Wasser aufs Feld und pflanzte die Rübenpflanzen – mehrere hunderttausend Stück – in die mit Wasser gefüllten Löcher. Eine mühsame und nicht billige Arbeit!

Klaus Klümp stand auf dem Knick als Zaungast und Zuschauer und rief: »Ein Kind kann's ausrechnen … jede Steckrübe wird Ihnen an Taglohn und Ausgaben mindestens fünf Pfennige kosten … jaaa, teures Futter! Klaus tat sich im Wirtshause gütlich und nicht wenig darauf zugute, daß seine Gießkannen-Mär in Erfüllung gegangen sei.

Um den Verdruß des lateinischen Bauern voll zu machen, fiel ein starker Gewitterregen eine Stunde, nachdem er mit Pflanzen fertig geworden. Mit dem Himmel ist nicht zu rechnen, noch zu richten.

Doch auch die Freude kam bald, als die Rüben so kräftig und schnell emporschossen, daß er morgens ihr Wachsen während der letzten Nacht sehen zu können meinte.

In einer Frühe, als die Sonne eben aufgegangen, trat Amatus heftig in das Schlafzimmer der Mutter und harkte sich mit allen zehn Fingern in den Haaren herum. Monika lag wach und richtete sich auf. »Warum bist du so unwirsch? Hat eine Kuh verkalbt?«

»Malheur, Malheur!« rief er und wand sich wie sein Vater selig. »So sag's doch!« drängte sie. Ja, die englische Sau, die beste von allen, hatte ihre eben zur Welt gebrachten acht Jungen mit Haut und Haaren aufgefressen. Nun sollte die Rabenmutter zur Strafe gemästet und dann erstochen werden.

Die Sensen wurden gedengelt und die Halme fielen. Da kam ein Hagelwetter und schlug einen Teil des mähreifen Hafers nieder. Die Mutter tröstete, daß das strichweise ziehende Wetter nur eine Ecke seiner Felder gestreift habe.

Und er trug es mit Fassung und sagte: »Ja, wenn die unvorhergesehenen und unberechenbaren Unglücksfälle nicht wären, könnte der Landmann wohl lachen und seinen Beruf als den besten loben und von seiner Kapitalsanlage einen sehr guten Gewinn erzielen.« Durch Erfahrung gewitzigt, dachte er jetzt doch etwas anders über die Notlage der Landwirtschaft, die ihre Mißhelligkeiten hatte, und stimmte gedämpft in das agrarische Klagelied mit ein.

Sonst aller Politikerei abhold, äußerte er zu seinem Nachbar Klaus: »Die Grenzeinfuhr hier oben muß erschwert werden, damit wir anständige Preise bekommen. Die Landwirtschaft darf nicht das Stiefkind des Staates, des großen Gesetzmachers sein, der endlich einmal Gesetze zu ihren Gunsten fabrizieren soll. Allerdings die Hauptsache, Regen und Sonnenschein, Fleiß und Tüchtigkeit des einzelnen, kann nicht durch Reichstags- und Regierungsbeschlüsse geregelt werden. Darum vor allem aus dem alten Schlendrian heraus!« – – –

Die Ernte war geborgen und noch mittelgut geraten. Die Steckrüben, die ihre Knollen ansetzen, wenn die Nächte dunkeln, versprachen reichen Ertrag. Der Bauer hatte die härteste Arbeit des Jahres hinter sich und reckte sich behaglich auf dem Sofa und rechnete seiner Mutter die Ernteeinnahmen vor. »Mit sieben bis acht Prozent verzinst sich mein Kapital in diesem Mitteljahr … wir können zufrieden und dankbar sein. Darum werden zwei vom hundert unsrer Reineinnahme für die Armen und die Anstalten in B. und K. hingelegt. Das sollen die feststehenden Gottesprozente sein.«

Ein leuchtendes Mutterantlitz beugte sich nieder und küßte die Lippen, die diese Worte sprachen. »Nun gönne dir auch selber, mein Sohn, einige Erholung und Ausspannung … wenn du zum geselligen Verkehr ein paar gleichgesinnte Freunde hättest …«

»Schopenhauer sagt: Nur die Lumpen sind gesellig.«

»Aber die vom Menschenverkehr sich abschließen, werden Sonderlinge. Möchtest du nicht eine Reise machen, Amatus?«

Er richtete sich auf. Etwas war ihm plötzlich wie eine Eingebung des Augenblicks eingefallen. »Ja, eine sehr kleine Reise will ich heute am Sonntagnachmittag machen, nämlich nach Wasserlust. Vor den Wirtshäusern brauchst du mich nicht mehr zu warnen, mein Mütterchen.«

»Nein, der Herr sei gepriesen, dem ich täglich danke!«

Wasserlust war ein kleines Seebad am Belt, wo an diesem letzten Augustsonntage ein Volks- und Erntefest mit Schießerei und Sacklaufen auf dem Lande, mit Wettsegeln und Wettschwimmen auf dem Wasser gefeiert wurde.

Junker schnallte sich die Sporen an und ritt auf dem Goldfuchs hinüber. Als er das Dorf Kragerup, das eine halbe Stunde von dem Badeorte entfernt lag, passierte, fiel er in Schritt und lugte nach dem alten, efeuumsponnenen Pfarrhaus hin. Es lag wie ausgestorben, niemand auf der Lindenbank vor der Tür, kein Menschengesicht hinter den Fenstern.

Und doch regte sich die Gardine, wie von einem Lüftchen bewegt.

Klarissa, die just zum Besuch im Krageruper Pastorat war, meinte den Goldfuchs zu kennen und hatte dem Reiter nachgesehen. Die Aufrichtige, die sonst nichts vor Silly verheimlichte, behielt die Fensterbeobachtung für sich. Aber nach einer Weile fragte sie etwas zag und zögernd ihre Freundin, ob sie keine Lust verspüre, für ein Stündchen sich das Getümmel am Strande anzusehen. Aus purer, selbstloser Willfährigkeit zeigte Silly einiges Interesse für das Volksfest, welches sie durchaus nicht hatte.

Am Bollwerk von Wasserlust stand Amatus und betrachtete die schläfrigen Böte, die bei der Windstille die Segel schlaff hängen ließen und unter keinen Umständen wettsegeln wollten,

Da berührte die Kousine seinen Arm und kicherte: »Welch ein zufälliges und schönes Zusammentreffen! Aber wie vermochtest du auf einen halben Tag von deinen Bauernpflichten dich frei zu machen? Konntest du von der Sau weggehen, die wie Kronos ihre eignen Kinder verschlingt?«

Sie beobachtete ihn genau, weil er bei Fräulein Reders Anblick zuckte, und wie er ihr beim Händedruck in die Augen sah. Gar nichts entging Silly, die auch bemerkte, daß Rissa sehr rot wurde, sehr backfischrot für ein einunddreißigjähriges Mädchen. Das schöne Zusammentreffen war kein zufälliges gewesen!

Silly war hellsehend geworden und wurde still. Der Gedanke, den sie zur grossen Tat werden lassen wollte, mußte heute Wirklichkeit werden. Aber das Wie überlegte sich ihr Köpfchen.

Nachdem sie ein Stündchen hin und her geschlendert waren, über die grell geputzten Bauernmädchen und die sacklaufenden Knaben gelacht und viel Staub geschluckt hatten, sagte Silly zu ihrem Vetter, daß er als gewesener Cowboy ihnen seine große Schießkunst zeigen müsse. Sobald er die Büchse in die Hand genommen und bedächtig zielte, um sich nicht zu blamieren, zog sie flink und hinterlistig die Freundin mit sich, schlüpfte durch das Gedränge und machte erst drüben im schattigen Wäldchen Halt, wo sie engbrüstig und etwas stockend begann.

»Rissa … auf die Bank hier … wollen wir uns setzen … und vernünftig reden … wir haben als törichte Kinder uns einmal ein Gelübde gegeben … fühlst du dich noch daran gebunden?

»Ja, Silly, ich will es halten.« Das sagten leise bebende Lippen, die bestimmt und energisch schmal wurden.

Die kleine Berg richtete sich auf, und ihre Stimme klang tief und feierlich. »Rissa, ich löse dich vor Gott und deinem Gewissen von dem Gelübde.«

Die andre griff vor Wirre um sich. »Wie … warum, warum? Das … kannst du vielleicht nicht …«

»Ja, ich kann und will es, denn ich weiß jetzt, daß mein Vetter dich lieb hat, und daß du ihn seit zehn und mehr Jahren nie vergessen hast … still, Klarissa, du bist frei … und darfst dich freien lassen … ja, du sollst es, denn, um glücklich zu sein, muß ich dich und ihn glücklich sehen.«

»Silly, Silly, was sagst du, was tust du! Er mag mich ja gar nicht …«

»Ja, er hat dich sehr gern.« Es war zu viel für Silly, die in Tränen barst. Die Freundin umhalste sie und weinte mit ihr.

Wer will lachen über die Zähren, unter denen ein treu gehaltenes Kindergelübde zerging und sich zerlöste? –

Über das rieselnde Waldbächlein, das wie mit dünner Stimme sang, beugten sich zwei erwachsene Mädchen, tauchten die Taschentücher hinein, tupften und wuschen die Gesichter.

Schon war die Sonne am Untergehen, als Amatus, der wie ein verlassenes, seinen Herrn suchendes Hündchen durch die Menschenmenge pürschte, endlich die Verlorenen fand. Sein Erstaunen hatte einen Ton von Ärger: »Meine Damen, wo haben Sie sich vor mir versteckt?« Sein mißtrauischer Blick gewahrte Klarissas nasses Taschentuch, das sie unvorsichtigerweise halb hervorzog und mit heißer Hast in die tiefste Tiefe zurückstopfte; und er fragte nicht ohne einen Anflug von Ironie: »Haben Sie sich unter vier Augen ausgeweint?«

Die impertinente Frage war zum Umfallen, zum Ohnmächtigwerden.

Aber Silly gewann zuerst die Fassung, und sie, die sonst nie log, sagte die Lüge: »Wenn du es wissen willst … wir haben uns am Bache den Staub abgewaschen.«

Höflich lud er beide zum Abendessen ein. Die zwei Restaurants jedoch, die Wasserlust hatte, waren bis auf den letzten Platz belegt und überfüllt. Nicht verlegen führte er die Damen an Bord des Dampfers und ließ in der ersten Kajüte kalte Küche und Wein auftragen. Aber er trank keinen Tropfen, sondern stieß mit seinem Seltersglase an.

Die Kousine zwinkerte schelmisch. »Wein? Willst du irgend ein Fest heute feiern?«

Man aß und trank, man lachte und schwatzte so lebhaft, daß der erste und der zweite Pfiff des Dampfers überhört wurde. Amatus war in witzigster Laune und erzählte drastisch, wie er in Bellavista zur Predigerwahl gestanden und seinen Stegreifsprung von der Kanzel auf den Düngerhaufen gemacht habe.

An Bord des Dampfers, der von Menschen voll sich stopfte, war ein ohrbetäubender Lärm und in der Kajüte lautes Gelächter. Auch hatte die schrille Dampfpfeife infolge ihrer Überanstrengung heute eine belegte und dumpfe Stimme. Der dritte und letzte Pfiff wurde überhört. Nur Silly vernahm ihn und sagte nichts und blinzelte schlau. Plötzlich stampfte die Maschine und stieß das strudelnde Wasser von sich.

»Himmel, das Schiff bewegt sich und geht ab!« Junker, gefolgt von Klarissa, stürzte die enge Kajütentreppe hinauf – dicht gestaute Menschen vertraten ihm den Weg. Schon war das Gangbrett eingezogen und ein Sprung an Land nicht mehr möglich.

Die kleine verwachsene Berg ließ sich ruhig und gelassen gute Zeit und lächelte wie ein gutmütiges, die Menschenkinder foppendes Heinzelweibchen in sich hinein. Ihr großer Gedanke mußte heute zur Tat werden. Nun war der Zufall, der mitunter ein netter, aber meistens ein schlechter und höchst unzuverlässiger Handlanger Gottes ist, ihr zu Hilfe gekommen.

Die drei unfreiwilligen Passagiere fügten sich in das Unvermeidliche und waren genötigt, ganz bis Norderhafen mitzufahren.

Die Leute an Bord befanden sich in angesäuselter Stimmung und sangen immerzu, und wem der Herr nicht Stimme gegeben hatte, der schrie mit. Um den wilden Disharmonien der Volkslust zu entweichen, begab sich die kleine Gesellschaft in die Kajüte hinunter. Junker sah Fräulein Reder an und bat sie, ein Liedchen zu singen. Sie ließ sich nicht lange bitten und stimmte unbefangen trotz der verfänglichen Liederworte – als breche instinktiv ein schon in ihrer Brust klingender Ton hervor – die Weise an, die sie vor vielen, vielen Jahren auf den Wassern neben dieser Föhrde gesungen hatte.

»Mein Liebchen, wir saßen beisammen
Traulich im leichten Kahn,
Die Nacht war still, und wir schwammen
Auf weiter Wasserbahn.«

Ihm wurde, als käme mit winkender Hand seine selige Jugend über die Wellen und kehre zu ihm wieder wie Traumerfüllung, ernst und groß und ohne ihre törichten Gebärden.

Da erwachte etwas in ihm, was auf diesen Gewässern vor vielen Jahren keimend sproßte und ungestüm aufsprang, was all die ewige Zeit, im weiten Raum der alten und der neuen Welt, oft still und unbewußt, aber immer unwandelbar in seinem Herzen geruht und stark und groß sich gewachsen hatte.

Da war Amatus Junker sich seiner einen und einzigen Liebe klar und gewiß, und es war ihm wie ein Erwachen seiner selbst und seiner Seele.

Sobald der Dampfer am Norderhafener Bollwerk anlegte, stieß und drängte sich die Menge über das Gangbrett. »Wir müssen aufpassen, daß wir nicht von einander kommen«, mahnte Fräulein Reder.

Soeben standen sie noch zu dreien hinter einander und hielten sich an den Armen fest. Und mit einem Male war Silly nicht mehr da und spurlos verschwunden.

Auf der Freundin Befehl suchte Amatus, aber mit geringem Eifer, und fand die Vermißte nicht an Bord. Die kleine verschmitzte Person hatte mit der Frau des Stewards alte und oberflächliche Bekanntschaft erneuert und saß in der Kabine derselben hinter der zugezogenen Tür. Ein feines Versteck, dessen er sich nicht vermuten konnte!

»Meine Kousine wird schon an Land sein und drüben in der Allee auf uns warten.«

Klarissa Reder ging neben ihm, etwas zu gemessen, wie er meinte, so daß er ihr nicht den Arm zu bieten wagte. Sie schritten die Allee hinunter und wieder zurück bis ans andere Ende, als wenn sie Silly suchten. Aber die beiden suchten wohl etwas anderes, sie suchten einander und haben sich endlich gefunden.

Rissas Herz pochte, und jeder Fiber fieberte in ihr. Es war ja dieselbe Kastanienallee, die vor vielen Jahren das kindliche Gelübde gehört hatte. Und nun vernahmen die wispernden Baumkronen ein Liebesgeständnis.

Nicht war Junker der Mann, um in die Kniee zu knicken und schwärmerisch überschwängliche Worte zu machen. Innig in ihre Augen sich versenkend, sagte er leise und lang: »Kla–ris–sa!« als wenn er jede Silbe des Worts liebkose.

Die Erwachsene zitterte sprachlos und verschüchtert wie ein Backfisch.

Sein Schnurrbart bewegte sich unmerklich von einem lächelnden, zuversichtlichen Zucken des Mundes. »Sie sagen nicht: Ich heiße Fräulein Reder! Sie verachten mich nicht mehr, nein, Sie dürfen mich ein wenig achten, ich habe meinen Feind überwunden, und wer seine Hand in meine Hand legt, braucht nichts zu fürchten.«

Auch unter sotanen Umständen, in einer so sprachraubenden Situation leiht der Widerspruch dem schwächsten Weibe Worte, und die, der die Rede völlig verschlagen war, rief jetzt laut: »Nein, ich habe Sie nie, nie verachtet, sondern immer … immer …«

»Geliebt? Ja, geliebt!« So vollendete er kecklich ihren Satz, und seine Stimme klang sicher, selig und sieghaft. »Ja, du! Nun darf ich du zu dir und es dir sagen, was lange Zeiten tief gewurzelt, aber wortlos in meiner Brust gewesen und gewachsen ist. Du bist schön und schlicht und ohne allen Schein, du, Klarissa, bist die eine und einzige, die rechte und reine, die ich liebe und immer geliebt.« Er nahm sie sanft in seine Arme. Sie lehnte weich und willenlos den Kopf an seine Schulter, und ihr Blick lag in seinem Auge. So hätte sie ruhen mögen ohne Ende und lauschen seiner Stimme, welche sang: »Klarissa! Heißt das nicht – die ganz Klare? Ja, das ist dein Wesen, du bist klar wie keine – licht und hell und hoch, stark und gut.«

»Aber ich bin – fast zwei Jahre – älter als Sie – als du …« Durch ihr stammelndes Geflüster ging ein Ton, wie das unterdrückte Schluchzen eines unschuldigen Kindes.

Da lächelte er sie an mit dem sonnigsten und schönsten Lächeln seines Lebens. »Darauf tu dir nur nichts mehr zu gute! Ich bin jetzt auch erwachsen geworden, meine Liebste, und, obgleich Schleswigholsteiner, mit dreißig Jahren zum Schwabenverstand und zur Raison gekommen. Darum wollen wir vernünftig miteinander reden! Als selbständiger Bauer bin ich in der Lage, eine Frau und« – er räusperte sich schalkhaft – »und Familie zu ernähren.«

Um den Gedanken, daß sie um des Ernährtwerdens willen heirate, nicht aufkommen zu lassen, sagte Klarissa : »Mein Amatus, ich komme auch nicht mit ganz leeren Händen. Erinnerst du doch noch des Abends, wo du nach deiner ersten Liebeserklärung unter dem Tische hocktest? Meiner Stiefmutter, die sich an deinen und manchmal auch an meinen Haaren tätlich vergriffen hat, müssen wir dennoch ein dankbares Andenken bewahren. Sie hat bei Lebzeiten eifrig gespart und gekargt und mir reichlich 25 000 Mark hinterlassen.«

Nachdem die Vermögensverhältnisse vernünftig besprochen waren, setzten sie sich zusammen auf die Bank und wurden unverständig; denn sie küßten sich mit großer Innigkeit und Ausdauer, wie zwei blutjunge Menschenkinder, die zum ersten Male lieben und sich küssen.

Silly kam vom Schiffe und ging auf leisen Sohlen an den Kastanienstämmen entlang. Plötzlich trat sie hervor und wünschte Glück, Glück und lachte unter Tränen. In ihrer Rührung küßte sie Klarissa und dann – zum ersten und zum letzten Male – den Vetter mitten auf den Schnurrbart statt auf den Mund, weil sie im Männerküssen ungeschickt und unerfahren war und blieb.

Im Glück der beiden wollte sie glücklich sein und ist es nach Jahren auch geworden. – – – – –

Der Traum, den Amatus Junker als Kandidat einmal auf dem Heimwege vom Hofe Egeberg geträumt hatte, war in herrliche Erfüllung gegangen.

Er saß als freier Bauer auf eignem Hofe, und in seinem Hause und an seinem Herde schaltete und waltete sein Weib Klarissa, oft hochgeschürzt, mit den bloßen, runden, starken Armen zugreifend.

Es war gekommen, wie es kommen muß, solang ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen wird. Er hat dennoch bei Monikas Lebzeiten eine andre mehr als seine Mutter lieb gewonnen.

Aber Frau Junker, die Gereifte, in Gottseligkeit Geläuterte, war ohne eifersüchtigen Neid und hatte die rechte Liebe, die gibt und hingibt, auch zur Schwiegertochter. Sie wußte in ihrer Demut, daß sie so viel und vielleicht noch ein wenig mehr Raum im Herzen des Sohnes besitze, als ihr gebühre.

Über den Kirkebyer Bauernhof, der im milden Sonnenschein des arbeitsamen und zufriedenen Stillebens lag, zog eine schwere, schwarze Gotteswolke. Eine erschütternde Heimsuchung, die jeden Muttersohn früher oder später treffen muß, wühlte Amatu Seele in ihren Tiefen auf.

Am Tische, mitten in der Morgensonne saß Monika und las wie immer die Morgenandacht, nämlich die Worte: »Leben wir, so leben wir dem Herrn, und sterben wir, so sterben wir dem Herrn.«

Da fiel sie in ihrem letzten Leidensanfalle zurück und fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Kampflos, schmerzlos, seufzerlos ging ihre Seele, die zu jeder Stunde zum Sterben bereit war, in das Jenseits hinüber.

Ein schönes, seliges Ende!

Und ihre zuckenden Züge glätteten sich zu einer großen, friedseligen Ruhe.

Amatus küßte die erkaltenden Lippen und sah unter Tränen zum unerforschlichen Himmel empor.

Die greise Frau mit den weißen Haaren hatte ein Menschenleben lang getan, was sie konnte, hatte an des Vaters, an seiner Seite gekämpft und endlich den Sieg gewonnen.

Ja, vor vielen Jahren war sie fromm und edel, starkmütig und herzensgut gewesen, und ihre Mutterliebe war ihre Menschengröße.

Ihm hatte der Himmel rechtzeitig für die tote Mutter Ersatz gegeben in Klarissas Liebe.

Bei der Beerdigung fragte er die Kousine: »Silly, willst du nicht zu uns aufs Altenteil und in das Stübchen der Seligen ziehen? Es steht immer für dich fertig und bereit.«

»Nein, jetzt noch nicht, aber vielleicht später als alte Tante will ich bei euch wohnen – und die Kleinen verhätscheln.«

Die Jahre gingen, die Störche zogen her und flogen weg, und die Kleinen kamen noch immer nicht. – – –

Über Monikas Grab leuchtet ein weißes Kreuz, darauf zu lesen ist: Diese sind es, welche gekommen sind aus großer Trübsal.

Der ein lateinischer Bauer gescholten wurde, hat sich als tüchtiger Landmann bewährt. Junker hat gemischten Betrieb, Milchwirtschaft und Mast, Kornbau und Aufzucht und sagt wohl, wenn bei schlechtem Wetter und bei schlechten Preisen die andern jammern, gelassen lächelnd: »Mir kann die Agrariernot zuweilen wohl an den Leib, aber nicht bis an den Hals kommen; denn, wenn das eine fehlschlägt, hält das andre mich über Wasser … will die Ernte nicht, trägt die Molkerei und Mast es mir ein.«

Die Bauern von Kirkeby, die ihn zuerst lauernd beobachtet und ausgelacht hatten, eifern ihm jetzt nach und haben längst statt der Dreifelderwirtschaft neun und mehr Schläge.

Klaus Klümp tut im Wirtshaus, als wenn er die Neuerungen eingeführt habe, und verschwört sich: »Nee ohne de künstliche Düngergeschichte kamen wi nich mehr ut … und lichter as de Steckröben kunn ick min leibliche Svigermutter entbehren.«

Den lateinischen Bauern hält man in Kirkeby für einen eigenartigen Menschen, aber er ist doch hoch geachtet in der Gemeinde.

Nach Jahren der ungetrübten Bauernlust und der ersten Liebe zu seiner eignen Scholle wollte die ausschließliche Bauerntätigkeit seinem regen Geiste nicht allein genügen. Amatus hat eine Liebhaberei, die er in seinen Frei- und Mußestunden treibt. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Haufen Bücher, die er aus der Universitäts-Bibliothek sich hat kommen lassen, und die er sorgfältig mit der Feder in der Hand durcharbeitet. Ganz alte Scharteken mit wunderlichen Buchstaben sind darunter, die er aber mit pietätvollen Fingern anfaßt und am andächtigsten durchliest.

Er treibt die Historie Schleswigholsteins und ist allmählich ein großer Kenner seiner Heimatgeschichte geworden, über die er einmal ein Buch schreiben wird, sobald die Funde und Forschungen, die er gemacht hat, druck- und buchreif geworden sind.

Seine Klarissa, die ihn zum Abendessen ruft, legt den Arm um seine Schulter und küßt ihn auf die Denkerstirn. »Komm, mein Liebli! Du wirst in dem Buche noch so Hervorragendes leisten, daß sie dich zum Doktor der Philosophie machen – und mich nebenbei zur Doktorin.«

Er lacht. »Ja, so weit wird der lateinische Bauer es hoffentlich bringen – um deiner Doktorwürde willen möchte er es – und wenn es ganz gewißlich nicht geschieht, ich habe im Leben gefunden, was ich suchte, einen Beruf, der mich befriedigt, ein Weib, das mich beseligt, einen treuen Gott, an den ich glaube. Wer die drei Dinge hat, Klarissa, der ist ein in Wahrheit glückseliger Mann.«