Schuß in der Nacht

Zu Mitternacht war ein Schuß gefallen. Ein schrecklicher Schrei war ihm gefolgt. Das ganze Haus, dies alte, dumpfe Haus mit ausgetretenen Stufen, mit rundlaufenden Gängen, die in der Luft schwebten, auf denen eines dem anderen so bequem in die Küche gucken konnte, hatte er aufgeschreckt. Denn jenes Hin- und Widerlaufen begann alsbald, das jeder von uns kennt und das mindestens in einem bösen Traume jeden schon einmal verstört hat. Das Schloß tat sich auf, Stimmen wirrten durcheinander; aus der Wohnung, die mit eins überfüllt war, drang Gezeter, Kreischen, Stöhnen, gelles Aufschreien. Bänglich horchten die Nachbarinnen, die nicht mehr Raum gefunden, darauf, auf das Schieben und Heben von etwas Schwerem, sehr Unbeholfenem im Zimmer. Endlich kam der Arzt; desto mehr drängten sie sich, verstärkt durch die Fortgewiesenen auf dem schmalen Gang. Da der junge Mann wieder schied, ruhig, und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, wußten alle, daß alles vorüber war. Es war so recht still in der Wohnung geworden – der Mann, der den Schuß in der Nacht, den Schuß gegen sich abgefeuert, war tot. Zu Morgen aber trippelten behende Kinderfüßchen um jene Türe, spähten neugierige Augen, noch größer als sonst, ob sich der Rumpler Karl nicht angucken, ob sich durch das grünverhangene Gangfensterchen, durch das unheimliche Dunkel des Vorzimmerchens, das ihnen jetzt so gespenstig erschien, nicht ein Einblick in die Stube gewinnen ließe, in welcher der tote Franz Rumpler lag.

In aller Frühe war eine Waschfrau gekommen. Die Leiche ward sorgfältig mit einem guten Gewande angetan; der Raum, in dem immer noch ein leiser Pulvergeruch schwelte, wurde in Ordnung gebracht und gründlich gesäubert. Damit und mit den notwendigsten Bestellungen ging der erste Tag hin. Dann brachte man den Sarg; der tote Mann wurde so hineingebettet, daß man die kleine Wunde an der Schläfe nicht gewahren konnte, durch die ihm das Leben entflohen war. Die Witwe half mit und ging dann fort, zu besorgen, was nach den üblichen Anzeigen noch zu tun war. Als sie heimkam, war alles bereitet; sie brachte für sich und den Buben gleich die Trauerkleider mit. Sie zog sich selber um und steckte den Jungen in den schwarzen Anzug. Er sah vergreint, jämmerlich, unbeholfen darin aus. Die Vorhänge wurden niedergelassen, ein silberner Armleuchter zu Füßen und zu Häupten, sechs silberne Leuchter zu beiden Seiten des Sarges besteckt und entzündet. Das sah nun feierlich und vornehm aus. Das Kind – es war gerade in dem Alter, wo sie in die Schule zu gehen beginnen, stumpfnäsig und mit einem ganz platten und ausdruckslosen Gesichte – stierte in die schönen und weißen Flammen und grübelte, ohne zu wissen, worüber? Es langweilte sich ohne seine Kameraden und ohne Gassenspiele. Dabei fühlte es sich durch das neue Gewand beklemmt, das so schrecklich groß war und auf das man sicherlich furchtbar Acht geben mußte. Und dennoch hatte der Karl eine unwiderstehliche Lust, von der einen Kerze, die so schief brannte, einige Tropfen auf den Ärmel fallen zu lassen. Das hätte hübsch sein müssen. Eine Art freudiger Erwartung war in ihm. Denn er war noch niemals im Fiaker gefahren. Bei Leuten aber, die Geld hatten – und sie hatten dessen viel, er wußte es – gehörten zu einem ordentlichen Begräbnis Fiaker, und sobald er erst wieder in die Schule ging, wollt' er schon gehörig damit prahlen: »Ich bin im Fiaker gefahren. Nicht auf dem Schoß, ganz wie ein Großer. Du nöt – etsch!…« Inzwischen saß die Mutter in einer Ecke, betete unablässig und mit zuckenden Lippen aus dem schönen Gebetbuch und wischte sich die roten und heißen Augen mit der Schürze, die sie über das dunkle Kleid gezogen. Manchmal schluchzte sie auf; das aber klang so unvermittelt und so laut, daß sie selbst davor erschrak und innehielt im Schluchzen. Auch sahen sie, wie ihr vorkam, Waschfrau und Junge dabei so eigentümlich an, daß ihr eine kleine Verlegenheit kam, um über eine Weile neuem Trotz und desto heftigerem Schluchzen zu weichen. Was gingen sie diese beiden an?

Aus der Küche heraus drang ein kräftiger Geruch von Kaffee und allerhand Gebackenem. Man hatte sich zu Mittag nun schon den zweiten Tag notdürftig aus dem Gasthause beholfen und erwartete nun die übliche ausgiebige Jause. Angehörige hatten die Rumplerischen keine in Wien: zwei einzige Kinder, in benachbarten Wohnungen groß gewachsen, das Spielen auf dem gleichen Hofraum gewohnt, hatten sie zusammengeheiratet. Aber Nachbarinnenbesuch mußte kommen. Konnten sich die beiden Leute sonst noch so zurückgezogen gehalten haben – heute mußte die Witwe Trost und Zuspruch empfangen. Ohnehin galten sie für stolz und hochmütig genug. Eine dumpfe Sehnsucht nach dem Augenblick, in dem alles vorüber sein würde, war in Frau Katharina Rumpler. »Die Fragerei!« seufzte sie, während sie im Speisezimmer den Tisch sauber und sogar mit einem gewissen Aufwand deckte. Dann, vor dem Spiegel, richtete sie sich selber her; sie war noch jung, mit einer gewissen Neigung zur Fülle. Ihr gesundes, rotes Gesicht, das verlangend und lebensfroh dreinsah, stritt mit dem Trauergewande. Ihre Bewegungen waren weich und sinnlich. Sie konnte immer noch einem Manne gefallen, dachte sie, während sie sich so zu schaffen machte, das braune Haar tiefer in die Stirne strich, hier ordnete, dort glättete. Nur ihre Stimme hatte etwas Schrilles, wie sie danach: »Wärterin, Karl, kommt's!« rief. Es war das Gelle, selbst Gemeine darin, das einem feineren Ohre so leicht wehtut. Die beiden kamen. Der Bube schnüffelte gierig und erwartend herum, obzwar man ihn in der Küche schon reichlich abgefüttert; die Wärterin saß breit und sicher auf ihrem Stuhle – solange man sie brauchte, bis die Totenwachen einmal vorüber waren, war sie sicher, und hernach mußte sie ohnedies gehen. Wozu also bescheiden tun? Die Witwe machte ihr leidenvollstes Gesicht. Die Hängelampe wurde entzündet und gab ein freundliches und kräftiges Licht. Es war ganz gemütlich. Nur mußte man allerdings vergessen können, was sich nebenan begeben und wer nebenan verstummt lag. »Der arme Herr!« seufzte die Wartefrau in geschäftsmäßiger Trauer. Frau Katharina Rumpler fuhr aus ihren Gedanken auf und sah sie böse an, ehe sie, sich besinnend, die Hände vors Gesicht schlug. Der Kaffee kam: sie schenkte ein, trank selber rasch und aß ziemlich gierig, ehe sie sich wieder eine saubere Tasse auf ihren Platz stellte. Das war sonst ihre Sitte nicht, und Karl, der nun einmal einen nachdenklichen Tag hatte und vor der Frau Mutter in beständiger, heimlicher Angst lebte, sann darüber nach, was das wohl zu bedeuten habe. »Etwas will sie alleweil und mit allem. Ich kenn's«, dachte er. Denn er war beobachtend, wie die meisten einzigen Kinder, besonders aber aus einer Ehe, wo man sich allerhand zu verbergen bemüht.

Der erste Besuch kam. Es war ein dürftiges Weiblein, eine weitschichtige Verwandte, die von dem toten Manne monatlich eine kleine Unterstützung genossen hatte. Man hörte, wie sie schon auf dem Gange, bevor sie noch schüchtern die Glocke zog, eifrig und nachdrücklich mit den Füßen scharrte; denn es war ein feuchtes und schmutziges Wetter. Zögernd trat sie ein; an der Leiche kniete sie nieder, langte den Rosenkranz vor und betete geraume Zeit und sehr andächtig. Dann, mit blinzelnden Augen und unbewillkommt, trat sie in das Speisezimmer; denn ihretwillen erhob sich die Witwe Rumpler nicht. Karl schlich sich mißmutig an das Fenster und sah auf die Gasse, die immer noch nicht danach ausschaute, als könnte man sich so bald in einem neuen Anzuge auf sie wagen. Frau Rumpler füllte eine Tasse; das alte Weiblein saß demütig auf einem Stuhleckchen, trank schüchtern und brockte ebenso ängstlich ein Stückchen vom Backwerk ums andere in den Kaffee. Sie fürchtete offenbar, sie könnte verraten, wie hungrig sie sei.

»Wie gut daß er nur ist«, seufzte sie endlich andächtig.

Frau Rumpler goß nach: »So trinken S' noch eins, Regerltant.«

»Wer sich's auch so vergönnen könnte«, seufzte die Alte noch einmal, »und wie schön daß sie ihn aufgebahrt haben! Kein Graf kann's schöner haben, wie der arme Franz. Wenn ich mich nur erinnern tu', wie arm meiner dagelegen ist! Und sein Großvater und meine Großmutter waren doch leibliche Geschwisterkinder. Das schöne Kreuzerl zwischen die Händ'! Man sieht halt, wie sehr sie ihn ästimiert haben.«

»Ist sein bester Anzug. Noch kein Monat vom Schneider gekommen. Und das Kreuzel ist geweiht vom heiligen Vater; kost' Geld genug. Man tut halt, was man kann, und wenn man's sogar nöt so könnt'«, wehrte die Witwe ab.

»Nöt so könnt'?« verwundene sich die Alte. »Gehn S'!«

»No ja! Ein Geschäft haben wir. No ja! Aber weiß ich, wie's jetzt gehen wird und ob man's verkaufen kann, darnach es wert ist? Ich hab mich mein Lebtag nöt d'rum gekümmert. Und der Karl ist noch gar zu jung. Wenn ich den nicht hätt'! Karltschi, komm her!« und sie küßte den so verdutzten Jungen, daß er sich nicht einmal sträubte, heftig ab.

»Nöt so könnt'!« Das Weiblein konnte von dem Gedanken nicht los. »Und das große Haus am Neubau wo der Franz immer gemeint hat, es sei ihm zu schad', drin zu wohnen, so teuer sind die Wohnungen und so reißen sich die Leut' drum?«

»Ihnen sag' ich's, weil Sie eine Verwandte sind. Gehört eigentlich der Sparkassen. Und was meinen S', was die Leich' wieder kosten wird? Weil man sich doch nicht ausspotten lassen will.«

»Nöt' möglich, und das viele Silber drinnen!«

Die Frau wurde ungeduldig: »Sind halt Resterln. Und was denken S', was man dafür in die guten Zeiten gegeben hat, und, wenn man's heut', Gott behüt', müßte verkaufen, was möchte man dafür kriegen, wo's Silber gar nix mehr wert ist? Behalt man's lieber.«

»Wissen S' – sein S' nöt bös, wenn ich dumm daherred'. Aber: was ist's mit die paar Gulden, was mir der Franz alle Monat geben hat?«

»Ich kann nix versprechen. Testament hat sich keins gefunden. Und ich weiß nix Gewisses, nöt einmal, was uns bleibt.«

Die Alte schlug die Hände zusammen. »Und was soll ich anfangen? Soll ich vielleicht in die Versorgung? Eine Rumplerische! Die Schand'!«

»Sind schon andere Leut' in die Versorgung gegangen. Ist keine Schand'«, tröstete die Witwe.

Die Greisin schrumpfte förmlich zusammen, und ihr kummervolles Gesicht ward kleiner und kleiner. Ihre Unterkiefer bewegten sich rasch und kauend, als nagten sie an irgend einer heftigen Antwort. Sie bezwang sich aber, Demütigungen gewöhnt. Und dann bimmelte wieder die Glocke; entschieden, kräftig. »Na ja, halt. Na ja, halt«, wisperte sie, trank aus, wischte sich rasch mit der Hand den Mund und empfahl sich hastig. Frau Kathi Rumpler erhob sich; nicht aber, um ihr das Geleite zu geben. Den neuen Gast bewillkommnete sie. Auch er bewunderte die Aufbahrung, und er forschte: »Es kommen wohl viel Leut'?«

»Na«, entgegnete die Rumpler, indem sie vorlegte. »Sie wissen ja, Frau Nachbarin, wir haben niemals nicht viel Bekanntschaft gemacht in dem Haus. Mit wem denn? Sind ja meistenteils lauter arme Leut'. Und auswärts? Man hat halt gar nie eine Zeit gehabt dafür.«

»Und wer ist denn da grad' fortgangen?« fragte Frau Leni Mayerhofer.

»Auch so ein Stückel Erbschaft vom Seligen. Eine weitschichtige Verwandte. Das Gnadenbrot hat er ihr geben, damit sie nöt in die Pfründnerei muß. Und jetzt war sie da, ob ich ihr das Sündgeld weiter laß', was er ihr monatlich geben hat. Fallt mir nöt ein! Wo so alles von mir ist und von meine Eltern.«

»Sooo!«… verwunderte sich der Gast gedehnt und lauernd. »Ich hab' alleweil gemeint, das Haus und das Geschäft ist von die Rumplerischen, und das bare Geld hat der Selige erwirtschaftet. So hat's geheißen unter die Leut'.«

»Is nöt wahr. Bares hab' ich ihm mitgebracht, weil's da im Geschäft immer gefehlt hat an dem«, aber etwas verlegen war die Witwe doch. Um das zu verbergen, suchte sie in der Kredenz und stellte dann allerhand Liköre auf den Tisch. »Auch so eine Erbschaft«, meinte sie. »Das hat niemals ausgehen dürfen in dem Haus. So viel gern getrunken hat er: immer noch ein Bier und noch ein Wein und auf die letzt ein Pünscherl im Kaffeehaus. Und seine Tarockpartie war ihm lieber wie Weib und Kind. Man könnt' sich versündigen, wenn man sich nicht denken tät', es gehört sich nicht, wo er's grad jetzt so schwer gebüßt hat und nicht einmal eine ordentliche Einsegnung kriegt, wie sich's gehören tut für einen Christen.«

»Ja«, meinte Frau Mayerhofer sehr nachdenklich, »und just davon hat man nie was gehört. Der Hausmeister hat mir grad vorlamentiert, was für ein solider Herr der Herr Franz Rumpler gewesen ist. Immer vor der Sperr zu Haus – vorgestern, das war bald's erste Sperrsechserl, was er durch ihn verdient hat – sagt er. Und so viel sparsam! Wissen S' er hat ihn schon anders geheißen. Aber bös hat er's nöt gemeint. Und grad jetzt, wo der arme Herr so ein End' genommen hat – sollt' man da nöt ein Übriges tun und das bisserl Gutes, was er an arme Leut gewendet hat, lassen, wie's ist? Könnt leicht der armen Seel' früher helfen aus der brennenden Pein.«

»Es sind schon Seelmessen bestellt. Bei Sankt Ulrich. Überhaupt: was sein muß, das wird alles geschehen. Aber auch nur nix mehr. Dazu hat man keinen Grund. Wenn man nur reden wollt' – aber das tut man nicht, weil man einen Charakter in sich hat und was auf sich halten tut. Aber, glauben Sie, er hat sich um meine Leut', was ich gern bei mir gesehen hätt', umgeschaut? Gar niemals hat er's: mein einem Vetter, mit dem ich mich gefreut hab', wenn er gekommen ist, dem hat er's Haus verboten. Warum soll ich's anders machen mit die Seinigen, jetzt, wo's Reden an mir allein ist? Und seine Freunderln! Einen großmächtigen Kranz haben s' hergeschickt – drinnen liegt er. Aber was meinen S' – einer war schon da, mich trösten, wie sich's gehört? Nöt einer! So hergestellt hat er mich sicher vor die Leut' wie die ärgste Beißzangen, daß ein jeder einen Umweg macht vor meiner.« Sie hielt inne und trank hastig hintereinander zwei Gläschen Schnaps.

»Kann Ihnen unmöglich guttun, der Likör, wann S' so gar nix essen dazu«, meinte Frau Mayerhofer und stärkte sich gleichfalls.

»Essen! Wo man grad erst so was erlebt hat!« – sie schauderte wirklich. »Und man hat einander doch gern gehabt, hat Jahre in der geheim auf einander gewartet und sich gefreut, wie man zusammengekommen ist. Meine Mutter, Gott hab' sie selig, hat niemals nix davon und von ihm wissen wollen. Er aber hat gemeint, er kann keine andere brauchen, nur eine Resche, nur eine wie mich, und wir haben beide gedacht: an einander gewöhnt sind wir von Kind auf – erspart man sich's Gewöhnen und tut sich's leichter hernach. Das Meinige hat man ganz gut brauchen können, und so haben's uns endlich zusammengetan. Und jetzt – so ein End'! Und der Schaden! – wissen S', versichert war er auch, und auf ein hohes Geld. Und das schmeißt er hin, um nix. Um rein nix. Denn wenn er sagt, ich hab' ihm sein Lebtag was getan, so lugt er wie ein schlechter Kerl und in seine Seel' hinein«, und sie schlug beteuernd auf den Tisch.

»Der sagt nix mehr«, und Frau Mayerhofer sah ihr Gegenüber so eigen an, daß die Witwe den Kopf auf die Arme sinken ließ und schluchzte. Karl, als Teilnehmender, schluchzte mit, und es war betrüblich zu hören, bis Frau Rumpler den Kopf erhob und hastig und stockend sagte:

»Ich bitt' Ihnen, Frau Mayerhofer, lassen S' mich allein. Ich bitt' Ihnen: Ich muß mich einmal ausweinen. 's reißt in mir…«

Im Hofe begann eine Drehorgel ihre Musik. Quäkend, schrillend, schnarrend stiegen die Töne zu Höhe. Karl schlich sich wieder zum Fenster, während seine Mutter immer noch unbeweglich in ihrer Stellung verharrte. Sie war ganz hingegossen, ganz Trauer, während doch nichts in ihr sprach, nur der Zorn über die Aufdringlichkeit der Leute, die sich an sie drängten, sie ausfragen wollten, die sich ihr Lehren zu geben unterfingen. Aber auch das war seine Schuld, des Toten, der sich so jämmerlich aus dem Staube gemacht, der niemals Sinn für etwas Besseres gehabt. Wie lange und wie drängend hatte sie von ihm gefordert, er möchte fortziehen aus diesem Hause, wo einer dem anderen den Bissen nachzählte, den er in den Mund schob, den Kreuzer nachrechnete, den er ausgab oder erübrigte. Er war dazu nicht zu bewegen gewesen. »Der Letsch, der justament seinen eigenen Willen hat haben wollen«, dachte sie verächtlich, wie sie seiner im Leben schon seit manchem Jahre gedacht. Denn sie hatte niemals viel Sinn für Pietät gehabt. Und dabei zuckten ihre Schultern heftig und häufig, wie vor großem Schmerz, und man sah, wie sich ihr Oberkörper hob und senkte.

Eine Hand legte sich ihr tröstend auf den Arm: »Sie müssen Ihnen nöt gar so das Herz abstößen lassen, Frau Rumpler«, sagte eine Stimme.

Sie richtete sich mühsam auf, denn sie war erschrocken. Niemanden hatte sie kommen gehört, und ihr war plötzlich, als könnte man einen Abglanz der Gedanken, die in ihr geschrieen, nun auf ihrem Gesichte lesen. Es war eine wohlwollend schauende ältere Frau, die neben ihr leise vorgeneigt stand: »Sie sein's… Ich hab' gemeint, ich hab' kein Tropfen Blut mehr in mir, wie Sie da in mich hineingewispert haben. Ja, Frau Geyregger – das ist wohl eine Heimsuchung, und eine schwere vom lieben Gott ist's.«

»Da haben S' recht. Aber tragen muß man's. Und nachher – eine junge Wittib, mit nur ein Kind, viel Geld und wer weiß noch was allem; ich bitt' Ihnen, wo man's ganze Leben vor sich hat und wo die Männer Ihnen nachlaufen werden, wie die Hund' einem Fleischerbuben. Ein Offizier können S' noch haben, jede Stund'. Da muß man sich nöt versündigen und nöt aso tun.«

Frau Kathi setzte sich in Positur und faltete dabei die Hände. Danach erwiderte sie spitzig: »Ich tu' nöt aso. Ich tu' nöt anders, als wie mir ums Herz ist. Merken S' Ihnen das, Frau Geyregger, ich nöt. Da könnt man eher von andere reden, die früher den Mann so in der Heimlichkeit bedauert haben, wo's nix zu bedauern geben hat, und ihm gesteckt haben, was ihm sein Lebtag nix angangen und was er sein Lebtag nit gehört hätt', und jetzt mit einem Gesicht daherkommen wie lauter Mitleid und heilige Erbarmnis, glauben, man traut ihnen jetzt und wird ihnen alles stecken, damit daß sie's herumtragen können in der Welt. Na…«

Die Frau Geyregger hüstelte verlegen hinter ihrer Tasse. »Ich weiß nöt, auf wen die Frau Rumplerin paßt. Ich weiß von nix.«

»Natürlich!« entgegnete die Trauernde, »nachher weiß niemand von nix. Und meinen S', man hat mir nöt auch zugetragen, was da in dem Haus zusammengeredt worden ist, über mich und über mein Geschwisterkind, was jetzt in Amerika ist? Oder ich weiß nöt, warum S' von einem Offizier angefangen haben? Weil's der war und fort müssen hat, weil der Franz gar kein Einsehen gehabt hat, daß so einer mehr braucht und brauchen muß, wie ein Geschäftsmann. Was man da dem Seligen alles eingeredet hat, daß ich ihm zugehalten hätte und Geld zugesteckt! Als ob man's so dick hätt'! Als ob ich so eine wär', die sich einen kaufen muß!« Man sah, wie sie der Gedanke vielleicht am meisten empörte.

»Mein Jurament – das ist's erste, was ich hör'…«

»Überhaupt«, fuhr Frau Rumpler immer erregter fort, »und an dem ganzen Unglück ist nix schuld, nur das verfluchte Haus. Wo ein jedes kennt, und jedes hat seine Butten voller Klugheit und kramt's aus vor einem, weil man sich einmal, wie man klein war, von ihm was hat sagen lassen müssen. Und Gottlob, daß ich jetzt endlich raus kann. Das alleinig könnt' mich getrösten über das, was geschehn ist.«

»Na also, dann sein S' ja leicht tröstet«, meinte die Geyregger gedehnt.

»Ich bitt' Ihnen – spötteln S' mir nicht«, brauste die Witwe auf. »Mir ist jetzt grad danach, daß ich jedes Wort abwiegen sollt', wie der Jud' ein' Dukaten. War überhaupt niemals meine Gewohnheit. Das Rechte getan hab' ich alleweil, und die Leut' hab' ich sich die Mäuler zerreißen lassen. Na – und die haben's auch rechtschaffen getan. Und kein Mensch hat sich drum gekümmert, wie gut wir zwei die erste Zeit miteinander gelebt haben, – meiner Seel' und Seligkeit, kein Mensch auf der ganzen Welt.«

»Ich wohn' noch nicht gar so lang da«, entschuldigte sich die Geyregger sehr demütig.

Noch hielt Frau Rumpler an sich. Aber sie fühlte schon, wie's ihr langsam aufstieg, und wußte nicht, woher es sie anhauchte mit heißem und zornigem Atem. Und immer erregter und sich steigernd sprach sie: »Sie sollten nöt so frozzeln. Sie nöt. Zu allerletzt Sie! Oder halten S' mich für gar so dumm? Keine in dem Haus, keine in Ihren Jahren, was nit gewußt hat, warum sie hetzen tut. Nöt wahr? Da glauben S', ich weiß nöt warum? Weil mir keine den reichen Mann gegönnt hat. Sie hätten ihm ihre Tochter gern angehängt. Na, Gottlob, so ein' schlechten Gusto hat er doch nöt gehabt!«

Jede Spur von Wohlwollen war aus dem Gesicht der Frau Geyregger verschwunden. »Ich hab's Ihnen schon gesagt, – ich wohn' noch nöt so lang in dem Haus. Wir haben ihn erst als Verheirateten gekannt. Jetzt aber will's mir selber so sein, es wär' ihm besser gewesen, er hätt' die meinige bekommen«, erwiderte sie kampfbereit.

»Und ihr auch – gelten S'? Und ihr habt glaubt, ihr kriegt uns auseinander, und was hernach wird, das weiß der liebe Gott. Vielleicht nimmt er's nachher, wenn auch ohne Kirchgang. Und weil er ein armer Narr war, der alles glaubt hat, was man ihm zugetragen hat oder gar ins Ohr geblasen, na, so habt ihr gezündelt. Und nachher, wie so ein Feuer ausgekommen ist, da steht's da und wundert euch. Den Letsch aufhetzen! Gegen mich hussen wollen! Das war schon gar ein Einfall! Der hat sich just gegen meiner getraut! Was! Kenn ich euch? Und jetzt gehn S' – gehn S', oder ich könnt' mich vergessen…«

Sie war wieder allein. Die Erregung verflog und eine müdere, mildere Stimmung wollte über sie kommen. Eines Fernen dachte sie, und ob der nun, wo sie frei war, wohl wiederkäme und an ihre Türe pochte. Freilich nur für Augenblicke lang. Einmal tat sie einen Blick nach dem Toten werfen. Immer noch waren Kränze gekommen, das stete Öffnen und Schließen der Türen, und wenn es auch noch so geräuschlos sich begab, daß sie's mehr fühlte als vernahm, steigerte ihre Reizbarkeit. Nun stiegen die schwarzen und farbigen Schleifen überquellend vom Sarge nieder, ringelten sich auf dem Boden, schimmerten in ihrer milden Seidigkeit; das Gold der Inschriften glomm heimlich auf im Kerzenlichte, und nur der wachsbleiche Kopf und die gefalteten Hände ragten noch vor aus der leuchtenden, farbigen Blumenflut. Es war schwül und eine zuckende Luft in dem Gemache. Die Kerzen gossen ihren Dunst aus, wie sie niederer und niederer brannten und das Wachs zu schmelzen begann und abwärts troff. Die vielen, vielen Blumen dufteten so schwer, daß sich ein Kopfschmerz bei Frau Kathi Rumpler zu melden begann; schon schlug der welke Geruch leise hindurch. Das ging ihr auf die Nerven, stachelte sie, machte sie unbesonnen. Sie kannte sich; und als wieder ein Gast kam, deutete sie nur: »Dort liegt er«, sagte sie harttönig.

»Ich hab' schon für ihn gebetet«, meinte die Frau. »Haben S' mich denn nicht gesehn? Ganz vor meiner sind S' doch gestanden.«

»Sein S' nöt bös. Ich seh' heut' nix mehr. Der Kopf tut mir so weh. Sie sein die Einzige, die mich zu sehn gefreut. Was sonst da war – pfui«, und sie spie nachdrücklich aus, »das war grauslich. Das möcht' wissen, was kein' was angeht. Aber Sie haben alleweil zu mir gehalten. Soll a Ihr Schaden nöt sein!«

»War's denn bei Ihnen überhaupt nötig, zu einem zu halten? Der arme Herr! Und so viele Blumen, als nur gekommen sein!«

»Ja; aber man merkt's doch alleweil, wo sie gekauft sein. Ist halt ein Unterschied, ob man einen Kranz am Naschmarkt kauft oder beim Blumenhändler am Ring. Ich mein', meinen Kranz müßt' ein Blinder herausschmecken aus dem Grünzeug da drinnen.«

»Ja, weil die Frau Rumplerin immer ein Schick in sich gehabt hat. Das weiß so das ganze Haus und nöt erst von gestern.«

»Darf's a wissen. Ich bin Besseres gewohnt gewesen, als wie da hocken. Und…« Sie brach ab.

So neugierig Frau Barbara Riegler auf die Ergänzung war, sie hielt an sich und fragte nicht. Ihr schien's, als käme die Witwe von selber ins Reden und man konnte dann mehr und Wichtigeres erfahren, als sonst. Und die nervöse Spannung, erzeugt durch die Vorgänge der letzten Tage und zumal Stunden, war zu groß in der Witwe, als daß sie ihrer länger Meisterin hätte bleiben können. Sie mußte sich dessen entladen, was in ihr war und jählings fuhr sie die Frau Riegler an: »Haben S' die zwei Palmenzweig' drinnen gesehn? Die, was ich in die Ecken vom Zimmer gestellt hab', nur damit sie da sein und damit ich sie nöt herausschmeiß', weil sich das nöt gehören tät' und eine Versündigung wär' am Toten?«

»Ich weiß nix von die Palmzweig«, stotterte die Frau Riegler einigermaßen erschrocken.

»Aber ich weiß davon. In aller Früh sein sie gekommen, zu allererst waren sie da. So gar nöt erwarten hat sie's können. Ich mein', ich seh' sie vor meiner, wie sie sich erst ausgeweint hat und davon gerennt ist, zaundürr, das Kopftüchel ums Schmerzenschristi-Gesicht, wo's noch grad genieselt hat, um die letzten paar Kreuzer, die sie noch gehabt hat und beim Zins hätt' nötiger brauchen können, kaufen die Palmzweig' und ihm den ewigen Frieden wünschen. Ohne ein' Stich geht's bei derer nöt ab – na ja, wofür wär's denn a Nähterin?«

»Ja, aber wen meint denn die Frau Rumpler eigentlich?«

»Die Nähterin vom drübern Gang. Natürlich. Sie arbeitet für den Wäschehändler, der sein Geschäft neben dem unsrigen hat. Und wenn sie nach Haus gangen ist, so ist halt der Franz immer akkurat um dieselbe Zeit heimgegangen. Ich weiß alles, wie wenn ich immer dabei gewesen wär'. Und weil man im Haus niemals was besseres gewußt hat, als uns bereden und wie wir mitsammen leben, so hat sie ihn trösten wollen, und das hat er gar so viel gern gehabt. Wer ihn bedauert hat, der hat ihn verkaufen können, um was er ihm gestanden ist. Und so haben s' immer zusammengesteckt: er hat Trübsal geblasen, und sie hat Elend gesungen. Ein ganz ein feines Duett – wer's grad gern hört. Da war was, und nöt zwischen mir und meinem Vetter, wo man so viel hat wissen wollen.«

»Aber ich schwör's Ihnen noch einmal: Kein Mensch hat was gewußt. Und wenn sich der Selige hätt' ausklagen wollen, so hätt' er's doch bei mir. Ich hab' ihn und die Frau Rumpler doch am längsten gekannt. Aber niemals hat er nur ein Wörterl von so was gesagt – niemals in all die Jahr.«

»War er auch halt in dem ein Duckmauser. Und 's ist nöt einmal wahr. Gewußt hat freilich keiner was, weil's nix zum wissen gegeben hat. Aber heruntergeraten habt's ihr. Aber just dorten, wo's wirklich gebrandelt hat, dort hat keiner hindeutet. Und ich hab' gesehn, wenn sie einander die Händ' gaben beim Haustor, da haben s' einander förmlich geküßt, die beiden Händ'. Einmal haben s' gar ein Landpartie gemacht miteinander. Da hat er Kopfweh bekommen und hat den Tag müssen an die freie Luft, und die andere Früh steht bei ihr draußen ein großmächtiger Buschen mit so Unkraut, was unser eines nöt einmal abreißt, weil's ihm zu ordinär ist und einem nöt steht fürs Bücken, und sie bückt sich alleweil drüber und tut ganz närrisch damit. Und wie ich sie mir scharf anschau', da wird sie brennrot im Gesicht. War das einzigemal, daß ich gesehen hab', daß sie doch ein Tropfen Blut in sich hat. Und ich soll das Gift und die Gall' in mir fressen lassen und nix dergleichen tun und mich nöt einmal wehren! Soll zuschaun, wie man mir's Leben abwünscht – und Sie wissen's a: man hat seine Exempel, daß einer abgestorben ist, nur weil man ihm's Leben weggebetet hat – und sie hat's getan, und ihm war's ganz recht – und vielleicht selber noch die Händ' falten dazu? Und gar bei einem Mann, wie's meiner war. Ich hab' ihn gekannt, und sonst keiner. Nach außen, da hat's keinen Aufrechteren auf der Welt gegeben, aber zu Haus, da hat er geduckt, und wenn ich ihm's Rechte gepredigt hab', so hat er geschwiegen und Gesichter geschnitten. Und da soll man ein Respekt haben? Ist halt schwer gangen. Und wenn ich schon ein bissel resch bin – die Reschen sind die Besten, gelten S'?«

»Man hört's allgemein«, pflichtete die Frau Riegler bei.

»Na also. Und das hat bald genug zwischen uns angefangen. Bald nach'm Karl. Und ich hab' mir eine redliche Mühe gegeben, um damit ich ihn ein bisserl auffrisch'. Denn gehabt haben wir von unserem Geld sein Lebtag nix. Ich hab' wollen was von der Welt noch haben, damit man bessere Bekanntschaften kriegt, wo man nie weiß, wann's einem nutzen, und wo der Bub', wenn er einmal groß ist, auch was davon haben kann. Da war nix zu machen. Und wenn er mir ein' Schmuck geschenkt hat, wie nach'm Karl, da hab' ich nix davon gehabt, denn ihn für solche Leut' tragen, wie wir's alle Tag' bei uns haben? Oder mit die besten Kleider im Zimmer hocken? Ich dank' schön – na! Man will sich doch herzeigen – und da war mit ihm nichts zu richten. Kein Theater, nöt einmal zu die Volkssänger, daß man doch lacht und einmal seine Unterhaltung hat. Geduckmausert hat er mir zu Haus, und bei seine Freund' war er's helle Leben, und bei seine Leut' der Herr – wenn's ihn nur kommen sehen haben, so sein's schon erschrocken und haben's eilig gehabt mit der Arbeit. Nur bei mir war's Rest mit dem Reden. Und das soll mich nit kränken und nagerln? Gar erst, wie sich die G'schicht' mit der von drüben zusammengebandelt hat. Ich hab' schon meine Spitzel gehabt, ich hab' sie nicht erst müssen zahlen. Da war gleich mein Dienstmädel, die Wetti – gar eine treue und anhängliche Person und nöt so, daß man nöt mit ihr reden dürft'.«

»Die Wetti? Schau, schau!« verwunderte sich die Riegler.

»Ja, die Wetti. Und ich weiß – genommen hat die Nähterin nix von ihm. Ich weiß, er hat ihr geben wollen und Präsenter machen – denn er hat sonst eine leichte Hand gehabt, nur bei sich zu Haus nöt, da war alles zu viel. Und das hat ihn gerührt – natürlich, wo sie auf alles gespitzt hat, da hat s' leicht gehabt, die Großartige spielen. Und sie liest so gern Romane, und da wird s' schon Redensarten gelernt haben und die Gebildete gemacht – das hat ihm halt imponiert. Und mir soll das nöt weh tun in meinem weiblichen Gefühl, wenn er seine fesche, brave, wirtschaftliche Frau – denn das darf ich schon von mir sagen, weil's mir niemand abstreiten kann – zu Haus sitzen hat und hängt sich und sein Herz an so ein' Zaunstecken? Ich hab' nix dulden müssen, Gottlob, wie's Weiber gibt, die müssen sich alles gefallen lassen, damit nur nöt der Mann anfangt. Und da bin ich hingegangen und… und hab' ihm halt einmal meine Meinung gesagt. Und das war grad' an dem Tag, und g'sagt hab' ich ihm, daß ich zur Polizei lauf' und keine Ruh mehr geb', wenn nicht die Person abgeschafft wird aus Wien für immer. ›Du wirst nicht‹, sagt er, und ist spät heimkommen den Tag, und er war sehr nervös und hat in einemfort gezittert, und ich kann mir's nöt anders denken, nur er hat wieder einmal zu viel getrunken gehabt, und schaut mich an – und wissen S', er ist nöt leicht in Zorn gekommen, aber dann hat man niemals gewußt, wohin er ihn führen tut, der Zorn – und schreit: ›A Ruh gib – sonst nix, sonst will ich nix auf der Welt‹, wird immer zorniger und springt auf: ›Erschießen tu' ich mich, erschießen, wenn du noch ein Wort redst‹, und packt sein' Revolver. ›Wirst nöt‹, ruf ich, spring' auf ihn zu – und da hat's schon gekracht und… Jesus!«

Ein Stich im Herzen. Frau Rumpler hielt erschöpft inne, sah sich verstört um. War sie totenfahl? Flammte sie? Sie wußt' es nicht. Denn die Rieglerin war aufgesprungen, starrte sie an, und ihr war, als sähe sie die sechs Augen in der Stube auf sich gerichtet: ungläubig; argwöhnisch frech und hohnvoll, die des kleinen Karl. Und mit eins entstand in ihr die ganze Szene aus jener Nacht der Greuel. Und sie meinte, alle Welt müsse das fortab so sehen, wie bisher sie allein, und sie selbst hätte aufgedeckt, was verborgen bleiben müßte. Sie wankte beinahe: »Beten will ich für die arme Seele, beten«, lispelte sie und torkelte vorwärts zum Sarge; davor brach sie in die Knie. Die Hände schlug sie vor die Ohren, als müßte sie irgend einen schrecklichen Ton von sich abhalten, stützte die Ellbogen auf den Sarg und stierte mit bleichem und verzerrtem Gesicht nach dem Toten: »Jesus, Maria und Josef – was hab' ich getan! Was hab' ich gered't!«…

Klang es in ihr? Hatte sie's wirklich hingestöhnt vor sich?

In seinem Sarge aber lag der tote Mann. Und wie die Kerzen vor ihren ungestümen Bewegungen noch einmal aufflackerten, so war's als lächelte er. Sie schloß die Augen…