Aus der Vendée

I.

Es war ein duftiger Frühlingsabend in der grünen, buschigen Vendée; die Sonne tauchte hinter die Waldhügel, die, den Ausblick nach dem Kanal von England hemmend, die Loire begleiten, bis sie in den Ocean mündet. Der Clairon, ein silberhelles Flüßchen, durchschneidet hier das enge Thal, das von den Ausläufern des Küstengebirges umschlossen wird.

Der Tag war feucht, zum Teil regnicht gewesen und die erst im Erlöschen siegende Abendsonne weckte aus tausend Waldblumen jenen jungfräulichen süßen Duft, der nur der Maienabende flüchtige Gabe ist. –

Da stiegen von den südöstlichen Gebirgen auf den Pässen, die aus dem innern Frankreich führen, die Vortruppen des siegreichen republikanischen Heeres herab, das zwei Tage zuvor eine Abteilung der kühnen Chouans geschlagen und zerstreut hatte, die von George Cadoudal, dem begabtesten und mächtigsten Parteigänger des Königtums in dieser Landschaft, zum Schutz der Eingänge in die Vendée aufgestellt war. Es war ein wilder, unregelmäßiger Zug, einem einheitlichen, zuchtstrengen Heer ebenso unähnlich als die aus Edelleuten, Priestern, Bauern und Jägern gemischten Haufen der Chouans, die ihre waldgrüne Heimat und ihre altererbten Gesinnungen gegen die gleichmachenden Dekrete der Einen und unteilbaren Republik verteidigten.

Der Zug, etwa 400 Mann stark, wurde eröffnet durch eine aus Schützen bestehende Vorhut, die, der Hauptmacht vorausrückend, rechts und links die verwachsenen Waldhöhen rings um den schmalen Pfad beobachtete, jeden Hinterhalt der listigen Feinde zu erspähen, ehe die Hauptmacht, die sich auf dem engen Wegraum nicht ausbreiten konnte, in das Bereich der Gefahr geriete.

Ohne Widerstand erreichte die Schar den Gipfel der Hügel und stieg ohne Hindernis in das grüne Thal des Clairon hernieder, das im Abendlichte vor ihnen lag. Die Hauptmacht folgte; den Schluß bildete ein Haufe von Sansculotten und Marodeurs, deren kriegerische Haltung der Fahne der Republik wenig Ehre machte.

Drei Offiziere ritten langsam vor der Hauptmacht. Der älteste und höchste unter ihnen, ein Oberst, trug den damals gewöhnlichen schwarzen Civilanzug des mittleren Bürgerstandes und eine Jagdkappe von schwarzem Tuch. Nur der Degen an der breiten dreifarbigen Binde bezeichnete den Soldaten, den Offizier. Seine Züge, in denen mehr Betrachtung und Gedanke als Leidenschaft lag, stimmten zu dem Eindruck seiner Kleidung. Haar und Bart hatte er, nach Sitte der damaligen Freiheitsmänner, kurz geschoren, gleich den Republikanern Roms; aber sein blaues Auge ließ nicht auf romanische Abkunft schließen.

Der Offizier zu seiner Linken war ein Mann nur mittleren Wuchses, doch von nervigem, straffem Bau. Er trug eine verschossene blaue Soldatenjacke, lederne Hosen bis ans Knie, indes die Beine unbeschuht und unbestrumpft an den Weichen des Pferdes baumelten, dessen ganzes Reitzeug in einer über den Rücken geworfenen Wolldecke und einem Stricke statt des Zügels bestand. Über die Brust hatte er eine zerfetzte dreifarbige Schärpe geschlungen, die ihm ein langes Messer ohne Scheide trug. Den Kopf und einen Teil des Gesichts bedeckte eine rote Feldmütze, aber doch nicht tief genug, eine frischgeschlagene Schramme zu bergen, welche sich vom linken Auge über die Nase nach der rechten Wange zog. Es lag etwas Theatralisches in der absichtlichen Wüstheit, in der Vernachlässigung seines Anzugs und seines Gebahrens.

Der dritte Reiter stach bedeutend von seinen Kameraden ab. Er ritt einen edlen Araber mit jenen schlanken Fesseln und dem feingebogenen Hals, durch welche die Rasse als die Aristokratie unter den Pferden erscheint. Er trug die volle Uniform der Revolutionstruppen; doch hatte er an dem dreieckigen Hut die Federnverbrämung des ancien régime beibehalten und der seine Kavalierdegen mit dem goldenen Griff mochte sich wundern, daß die Farben einer seidenen Trikolore freundnachbarlich ihn berührten; mehr noch als diese äußeren Zeichen verrieten das vornehm geschnittene Profil und die weiße Hautfarbe die adelige Abkunft. Das Stutzbärtchen, das gewiß früher diese schmalen Lippen bedeckte, war als ein Opfer der Sitte der Republik gefallen, aber das schöne kurzlockige dunkelbraune Haar schmückte noch immer sein edel gebildetes Haupt.

Die Sauberkeit der ganzen Erscheinung mochte besonders der Sorgfalt des alten Dieners zu danken sein, der dicht hinter ihm schritt und dessen Auge oft wie mit väterlicher Liebe und mit einem gewissen Stolz auf der feinen, höfischen Gestalt ruhte. Jetzt, als der Weg beim Herabsteigen von den Höhen besonders steil und schwierig ward, trat er vor, schob das Pferd des Sansculotten ziemlich rücksichtslos auf die Seite, ergriff den Zaum des Arabers und leitete so seinen jungen Herrn auf die gangbarste Fährte des Reitpfades. »Laß, Gertraud; du weißt, Oriel geht sicher wie eine Gemse und du bist dem Bürger Froissard im Wege.« – »Ah, Monsieur le Vicomte – Monsieur Hektor, wollte ich sagen« – verbesserte der Diener rasch mit einem verlegenen Blick auf den Oberst. »Thu' dir keinen Zwang an, Bertrand,« lächelte dieser. »Du kannst es nicht über das Herz bringen, das ›Bürger Chatillon‹, also bring' es auch nicht über die Lippen.« – »Du mußt ihn entschuldigen, Gracchus, er ist zu alt geworden in der alten Form, um sich so leicht der neuen zu gewöhnen. Treue ist seine Haupteigenschaft: – Treue gegen die Menschen und gegen die Dinge.« »Ja, die Treue,« rief Froissard mit spöttischem Ton, »ist ein gut Ding, Bürger Papillon. Bewahrt sie nur der Republik fester als dem Königtum.« »Froissard!« fuhr Hektor auf. »Euresgleichen könnte mir diese Treue schwer machen, wenn Ihr etwas anderes in mir erwecken könntet als Verachtung.« »Hoho, junger Kavalier, das forderte Blut, wär' ich eine Adelspuppe wie Ihr. Aber wartet nur! Die Canaille hat auch ihre Waffen: wir sind Euch wie die Guillotine: Ihr verachtet uns, aber wir bringen Euch um.« »Friede, Kameraden!« sprach der Oberst. »Zwist unter den Offizieren wäre unser sicheres Verderben in diesem Lande, wo nur wachsames Ineinandergreifen uns schützen kann vor einem allgegenwärtigen Feinde. Ihr wißt, wie schwierig unsere Aufgabe. Nach unserem Sieg an der Charente hat sich der Rest der Chouans, etwa dreitausend Mann, unter Charette und andern bedeutenden Führern geflüchtet und zwar vermutlich in das Thal des Clairon, auf Schloß Sombreuil. Wir wissen noch nicht, ob sie sich von da ins Gebirge werfen und mit George Cadoudal vereinen oder ob sie nach der Küste sich wenden wollen, nach England zu fliehen. Beides muß verhindert werden. Denn nur durch ausnahmlose Zerstörung jedes kleinen Schößlings läßt sich der verderbliche Stamm brechen, der seine zähen Wurzeln nach allen Provinzen Frankreichs ausbreitet. General Hoche mit der Hauptmacht wird die Flüchtlinge von der Verbindung mit Cadoudal abdrängen und gegen das linke Ufer des Clairon, wo Schloß Sombreuil liegt, vorrücken, indes wir sie umgangen und das rechte Ufer gewonnen haben, ihnen den Weg nach der Küste zu verlegen. Wir müssen sie verhindern, auf das rechte Ufer des Flusses überzusetzen und sie auf dem linken so lange festhalten, bis General Hoche sie erreichen und vernichten kann.«

»Freilich schwer genug,« rief Froissard, »den Fuchs im eigenen Bau zu fangen. Sie kennen jeden Busch dieser Wälder, jeden Fels dieser Berge. Aber mich sollt' es freuen, den Grafen Alfons de Sombreuil auf den Zinnen seines eigenen Schlosses zu hängen.«

»Ihr könnt ihm die Schmarre von der Charente nicht verzeihen,« lachte der alte Bertrand. »Aber es geschah Euch recht. Ihr habt seinen schönen Rappen erstochen, das machte ihn wütend. Das edle Tier that mir leid.« »Weiß Gott – oder vielmehr wüßte Gott, wenn's einen gäbe – die Rosse dieser Aristokraten sind so stolz wie ihre Reiter. Es ist mir immer, als ob solche Bestie mich verachtet. Als ich den Rappen mit der hochmütigen Fußbewegung einhergaloppieren sah, hätte ich das Roß wie den Reiter zur Guillotine schicken mögen. Da sprang ich hin und stieß der Märe die Pike in den Bauch und der Schurke hieb mir den Degen übers Gesicht. – Aber wir sind am Ziel!«

Der Zug war im Flußthal angekommen; die sechs oder sieben Hütten, sonst von Bauern und Fischern bewohnt, waren verlassen. Jenseit des Flusses, eine viertel Stunde etwa entfernt, auf einem Hügel lag Schloß Sombreuil. Die Brücke war abgebrochen, die Kähne, die sonst den Übergang vermittelten, verschwunden und ebenso die Stangen, die dazu dienten, die Furten des kleinen, aber tiefen und reißenden Flusses zu bezeichnen. Die Mannschaft verteilte sich längs dem Ufer und in dem verlassenen Dörflein. Froissard traf die Wache; der Oberst und Hektor quartierten sich in dem wohnlichsten der Häuser ein, das von einem Blumengärtchen umgeben war und überall die Spuren eines fleißigen Wirts zeigte, ja die unverkennbaren Spuren einer Frauenhand trug.

Hektor überließ es der Sorge Bertrands, der überall im Hause umherwirtschaftete, Quartier zu machen, und legte sich, in seinen Mantel gewickelt, auf die schlichten Bretterstufen, die von dem Garten an die Hausthür emporführten und von wo er das kleine Thal überschauen konnte. Es war nun dunkel geworden: die ersten Sterne gingen auf: die Stimmen der Tiere in Baum und Wiese verstummten und über der Landschaft lag tiefe Stille, die nur selten von einem Ruf der Wachen am Fluß, von dem fernen Klirren einer Waffe unterbrochen wurde. Hektor versank in sinnende Betrachtung, die seinem Gesicht einen wehmütigen Ausdruck lieh. Eine Hand legte sich traulich auf seine Schulter. »Du träumst, Hektor,« sprach eine milde Stimme, »wovon träumst du?« Er sah auf; der Oberst stand bei ihm. »O Guillaume, wovon als von ihr!« – »Von der Freiheit?« – »Nein, von Hortense, der weißen Rose von Vaucluse. Du glaubst nicht, wie mächtig diese grünen Waldhügel, diese Thäler und Schluchten mich mahnen an die Auen meiner Jugend, wo das Schloß meiner Väter stand, in der blühenden Provence, und an sie, welche die Rose jenes Gartens, die Blüte meines Lebens war.« – »Das sind gefährliche Erinnerungen, Hektor. – Überhaupt ist dein Sinn nicht mehr derselbe, seit wir Paris verlassen und diese Vendée betreten haben. Ich fürchte, dein bewegliches Herz ist nicht tief genug vom Golde der Freiheit befrachtet: es treibt auf den Wellen neuer Eindrücke.«

»
Neuer Eindrücke? nein, Guillaume. Die Empfindungen, welche diese Wälder in mir wecken, sind die ältesten meiner Seele. Wie jetzt dort das alte Schloß, so habe ich alle Abende meiner Knabenzeit das graue Chatillon im Sternenschimmer liegen sehen, wann ich heimkehrte von der Jagd, aus den Wein- und Olivenhügeln von Carcassonne. Dann ritt Bertrand neben mir und sang mir die alten Lieder der Provence und erzählte mir von meinen Ahnen, den ritterlichen Chatillons, die den weißen Falken im blauen Schild den Schlachten der Capets schon und der Valois getragen. Diese schilfigen Ufer mahnen mich an die Niederungen der Durance, wo ich mit Hortense de Bellaflor den scheuen Reiher beizte. Wie zierlich trug sie den Sperber auf der kleinen Hand! – Es war ein Maiabend wie heute – sie war schöner und freundlicher als je – ich hatte ihr nie von Liebe gesprochen, ich scheute mich, – sie war ja ein Jahr älter als ich –; sie hatte eine spanische Romanze gesungen vom Cid Campeador – da fiel ich ihr zu Füßen und bat sie, mir eine Gefahr, eine Heldenthat für sie aufzugeben, ich könne nicht unverdient ihre Schönheit schauen, ihre süße Stimme hören. Da lächelte sie und löste mit spielender Hand eine weiße Schleife von meinem Mantel und sprach: ›Wohlan, ich nehme Ihren Ritterdienst an, Hektor! Von nun an vollbringt, was die Dame von der weißen Schleife von Euch begehrt.‹«

»Schwärmende Kinder!« lächelte der Oberst.

»Das sind nun fünf Jahre. Mein Vater schickte mich in die Pagerie nach Paris. Da lernte ich dich kennen, du lehrtest Philosophie und Geschichte: mein Lehrer ward bald mein Freund. Du legtest den Schatz deiner großen Gedanken, deiner Freiheitsbegeisterung in meine Brust und erwecktest mir eine neue Welt in Rousseau, in den großen Philosophen. Du wecktest in mir die Liebe zur Menschheit, den Drang, Glück und Freiheit von Frankreich aus über alle Länder zu verbreiten, das natürliche Recht der Gleichheit allen Menschen wiederzugeben. In dem Weltmeere dieser Ideen versank alles, was mir früher teuer gewesen, mein Stand, das Schloß meiner Väter, selbst meine Liebe. Als ich aus der Pagerie trat, war der Kampf mit der Tyrannei begonnen; mein Vater war tot. Ich sah die Genossen in Scharen dem wankenden Thron zu Hilfe eilen: aber ich war dein Schüler geworden und das Schwert von Chatillon ward gegen die Bourbons gezückt. Man zerbrach mir mein altes Wappen, man nahm mir alles, bis auf dies Schwert: – aber ich wankte nicht, ich folgte dir und der Freiheit blind durch alle Gefahren, ja durch Ströme von Blut. Deine starke Logik baute mir Brücken über alle Abgründe; ich begriff, daß nur das Blut der Tyrannen die Schuld der Tyrannei sühnen, die Wurzeln der Freiheit tränken könne. Und in Paris, wo jeder Tag neue Gefahr, neue Aufregung brachte, wo die Republik stündlich ihr junges Leben gegen Gewalt und Verrat schützen mußte, – da ertrug ich alles, selbst die Roheit unserer eigenen Partei, selbst die dumpfe Bestialität eines Froissard. Aber hier in diesen Wäldern ist alles anders. Hier ruht der langgequälte Verstand, die Seele tritt wieder in ihre Rechte, das Gemüt wird beredt; die Vergangenheit, meine Vergangenheit redet zu mir aus diesen grünen Bergen. Die Begeisterung dieser Jäger und Fischer für ihr Recht macht mich irre an unserm Recht und ich muß oft denken: die Chouans sind Helden und wir sind Henker.«

Der Oberst faßte bewegt die Hand des jungen Mannes, »Nein, Hektor, werde nicht irre, wanke nicht! Es wäre mein Unglück, es wäre mehr: es wäre der Sturz meiner Idee. Du weißt nicht, was du mir bist; dein Haupt trägt mir die Weihe des Symbols. Ja, denn ich ringe um deine Seele mit dem Geist der Vergangenheit und der Ausgang des Kampfes ist mir ein Gottesurteil. Du weißt, wie ich geworden, was ich bin. Mein Vater war Kaufmann in Straßburg, ich sollte die Firma fortführen: – ich fügte mich. Des Tages habe ich Conti gezogen und in den Büchern gerechnet, aber nachts habe ich studiert. Und als mein Vater Bankerott machte und sich erschoß, habe ich mit vierundzwanzig Jahren die Mutter, die Schwester erhalten als Professor an der Pagerie. Ich habe nie eine Jugend gehabt, nie eine Liebe: die Logik Rousseaus war mein Genuß, die Freiheit meine Verlobte; ich hatte entdeckt, daß die Menschheit geirrt hatte, daß sie alle Wurzeln des Geschichtlichen ausrotten, daß sie neu beginnen muß, soll sie nicht verfaulen in Laster und Tyrannei. Ich habe an mir erfahren, was der Wille kann: er muß es in allen können. Mit Grundsätzen kann man eine Welt in Gedanken, warum nicht auch eine Welt in Wirklichkeit bauen? Die Vergangenheit oder der Wahn, die Heilighaltung der Vergangenheit ist ein gefährlicherer Feind unserer Republik als der feindliche Bund aller Könige Europas. Aber jeder Mensch kann seine Vergangenheit Lügen strafen, wenn er nur will. Meine Gegner in Philosophie und Geschichte, die Engländer, die Deutschen bestreiten dies: – aber es ist die Frage nicht meines Lebens nur, es ist die Lebensfrage Frankreichs. Da fand ich dich: dein aufopfernder edler Geist, dein freier Sinn hat mich entzückt; in dir will ich den Verehrern der toten Vergangenheit einen lebendigen Gegenbeweis aufstellen; du, der geborene Edelmann, sollst durch die verwandelnde Kraft deines bloßen Willens, deines kühlen Verstandes der glühendste Republikaner werden. Ich selbst habe ein kleineres Beispiel davon geliefert, meine Natur neigt zu theoretischer Arbeit, zur Wissenschaft: – aber ich sah, das Vaterland hat Überfluß an Philosophen und Mangel an Soldaten: wohlan, ich bezwang die Natur und ward, meiner Vergangenheit zum Trotz, Soldat, Offizier.«

»Und ein tüchtiger Offizier.«

»Den größern, glänzenderen Beweis sollst du liefern, Hektor; laß mich nicht zu Schanden werden.«

»Nein, Guillaume, gewiß nicht. Führe mich gegen meine ausgewanderten Genossen, die Vaterlandsverräter, die sich von preußischen Bajonetten wollen zurückführen lassen: – meines Vetters, meines Bruders Blut will ich vergießen in solchem Krieg. Aber es geht mir gegen das Herz, diese Bauern und Jäger hier mit überlegener Macht zu fangen und zu erschießen, die in ihren Bergen und Wäldern für ihren alten Gott, für ihren König und ihre Grundherren mit rührender Treue kämpfen und sterben.«

»Glaubst du, Hektor, mir wird es leicht? Ich bin kein Froissard! Aber dem Heil der Menschheit muß auch dies Opfer fallen. Diese Thäler haben jahrhundertelang das Glück gehabt, unter einer milden und tüchtigen Adelsherrschaft zu stehen: kein Steuerpächter hat sie ausgesaugt, kein verdorbener Hof vergiftet. Sie haben den Fluch der Tyrannei nicht hassen gelernt, wie sollten sie die Freiheit lieben? Sie kämpfen für ein patriarchalisches Glück, das einzige, das sie kennen. Wir aber bringen ihnen ein höheres, ein politisches Glück: Geist, Bildung, Freiheit und zwar, wenn es sein muß, mit Gewalt. Denn wie wir alle Menschen sind, Ein Begriff, so soll auch die ganze Menschheit nur Ein Glück haben: die Freiheit!«

»Brav, Oberst!« schrie Froissard, der unbemerkt herangetreten war. »Ja, wir bringen die Freiheit! Wir wollen es ihnen austreiben, Unterschiede zu machen, die die Natur nicht kennt. Wird der eine als Bauer geboren aus seiner Mutter Leib, der andere als Edelmann, der reich, jener arm? Nein, beim Teufel, als Mensch wird jeder geboren, und Menschen sollen wir alle sein, nichts weiter. Die Natur hat Eine gerade Linie gezogen, gleich für alle: was um einen Kopf darüber hinausragen will, muß um eben diesen Kopf kürzer gemacht werden. Übrigens ist meine Nachtzeit um, an Euch ist die Reihe, Bürger Chatillon. Denn Bürger Gracchus ist Oberst und hält nicht mit im Dienste, dieser Unterschied muß sein. Merkt die Parole: France und fraternité.«

Hector stand schweigend auf und ging mit Bertrand auf seinen Posten an dem Ufer, wo die Wachtfeuer brannten.

*

II.

Schloß Sombreuil lag einige hundert Schritte weit von dem linken Ufer des Clairon auf einem buschigen Hügel. Es war in der frühen Gotik des XII. Jahrhunderts gebaut mit der einfachen, wenig belebten Schönheit dieses Stiles; der Spitzbogen wiederholte sich an allen Fenstern und Thüren und zwar in der älteren, dem Romanischen noch näheren Form mit der mehr runden als keilförmigen Spitze: ebenso kehrte das Achteck wieder bei allen Türmen, Erkern und Zinnen. Nur die oberen Gemächer des östlichen Turmes waren, weil zum Wohnraum der Grafenfamilie bestimmt, in wohnlichem Stand erhalten und daher auch mit einzelnen Neuerungen versehen worden. Die unteren Geschosse aber, für das Gesinde und weiland für die reisige Besatzung bestimmt, mochten jahrhundertelang keine große Änderung erfahren haben.

In der weiten Halle des Erdgeschosses waren am Abend unserer Erzählung einige der flüchtigen Royalisten versammelt. Man brannte kein Licht, um nicht die Aufmerksamkeit der Feinde zu wecken. Auf einer Erhöhung im Hintergrunde der Halle – dem sogenannten »dais«, von welchem herab dereinst der Burgherr die Wahrzeichen der Lehen an seine Vasallen vergeben hatte – saß auf einem Armstuhle mit hohem, gotisch geschnitztem Rücken ein stattlicher Greis, dessen graue Locken bis auf die Schultern seines Wamses von veilchenfarbenem Sammet herunterflossen. Die Linke hing matt von der Seitenlehne des Stuhles, indes seine Rechte auf dem Haupt eines schönen, in Trauer gekleideten, jungen Weibes ruhte, das zu seinen Füßen kniete und mit unendlich wehevollem Ausdruck ihre großen dunklen Augen zu ihm aufschlug; zu seiner Rechten stand ein Mann, den Tonsur und Cingulum als katholischen Priester bezeichneten. Ein Mann von etwa dreißig Jahren in der Offiziersuniform der bourbonischen Edelgarde, der den linken Arm in der Binde trug, maß mit ungeduldigen Schritten den Saal. Auf dem Boden lagen Büchsen, Pistolen, Säbel, Pulverhörner und Waffen aller Art zerstreut. In der Nische des großen Bogenfensters standen mehrere Männer in der grünen Jägertracht der Chouans. Alle waren – leichter oder schwerer – verwundet und blickten schweigend nach dem fernen Ufer, wo die roten Wachtfeuer der Feinde glühten.

Der Greis unterbrach die Stille: »Was ist beschlossen?« fragte er den Offizier. »Sprich, Alfons; dieses Schweigen ist schrecklicher als das ausgesprochene Verderben.« – »Wir können nichts beschließen, Graf Bellaflor, bis Martinet zurück ist. Ist es General Hoche selbst, der dort am Flusse lagert, so müssen wir zu Cadoudal in die Sümpfe fliehen. Ist es nur ein zufälliger Streifzug, so müssen wir seine Entfernung abwarten und dann über den Fluß und nach England eilen.«

Er verschwieg die dritte gefährlichste Möglichkeit, die er besorgte, daß jener Streifzug kein zufälliger, sondern absichtlich ausgeschickt sei, um ihre Flucht nach England abzuschneiden, bis General Hoche sie auf dem linken Ufer des Clairon erreichen und vernichten würde. Nur eine Erwägung bewog ihn, dies Schlimmste noch nicht anzunehmen, nämlich die, daß ein absichtlich gegen sie gerichteter Streifzug doch wohl geradeswegs das Schloß überfallen haben würde. Er setzte seine unruhigen Gänge fort, bis rasche Schritte auf der Außenflur die Spannung aller erregten. Da eilte zur Saalthür herein, die gewichtigen Eichenflügel offen lassend, eine hübsche Bäuerin in der schmucken Tracht der Vendée. »O gnädige Herrschaft,« rief sie in lauter Freude, »er ist da! Er ist gesund wieder da, mein lieber kleiner Mann, mein Martinet.« Und ihr auf dem Fuße folgte der lang erwartete Späher, das Wasser aus seinen triefenden Kleidern schüttelnd. Es war eines jener köstlichen Bauerngesichter, die mit größter Treuherzigkeit einen Zug schalkhafter Schlauheit vereinen.

»Ah Monseigneur, ah Comtesse, ah meine kleine Frau! Das war der beste, aber der gefährlichste Spaß meines Lebens. Jeannetton, gieb mir einen Schluck Wein und eine trockene Jacke, – ich bin halbtot vor Kälte und Hunger, – wenn es die gnädige Herrschaft erlaubt. Wisset vor allem: es ist nicht General Hoche, sondern Oberst le Gray, den sie Gracchus nennen, Mit etwa vierhundert Mann.« »Also zu Cadoudal können wir nicht mehr!« riefen einige der Chouans. »Nein,« fuhr Martinet fort, »denn zwischen ihm und uns steht General Hoche und rückt in Eilmärschen gegen uns. Sie glauben nämlich, alles, was nach dem Tage an der Charente von uns übrig gewesen, habe sich hierher geworfen. Sie wissen nicht, daß sich, was noch rüstig war, unter Charette über die Berge zu Cadoudal gewendet hat. Das ist auch der Grund, weshalb sie nicht sofort das Schloß anzugreifen wagten.« »Und unsertwegen«, rief der Greis, »seid ihr mit uns ins Verderben gegangen, anstatt mit den anderen in Sicherheit.« – »Ah, Monseigneur, wir durften Euch doch nicht allein lassen mit der Comtesse und dem verwundeten Herrn. Aber mit dem Verderben hat's noch gute Wege. Wenn Charette zu Cadoudal entrinnt und ihn von unserer bösen Lage unterrichtet, so werden sie gewiß das Äußerste wagen, uns herauszuhauen.« »Unmöglich!« sagte der alte Graf. »Hoche ist ihnen dreifach überlegen.« »So müssen wir nach England!« rief der Kaplan. »Freilich, freilich,« meinte Martinet mit einem verlegenen Lächeln. »Hat Oberst Gray fest Quartier gemacht längs dem Fluß?« fragte Alfons rasch. »Ja, allerdings ziemlich fest!« erwiderte Martinet verhalten. – Alfons biß auf die Lippen; er sah geschehen, was er fürchtete: jener Streifzug galt ausdrücklich dem Schloß Sombreuil: – sie waren im Netz. Niemand bemerkte seine Miene als Martinet, der allein außer ihm die Situation ganz überschaute. »Doch deshalb,« rief er mit verstellter Munterkeit, »den Mut nicht verlieren! Ich habe einen köstlichen Plan, ich schaffe die gnädige Herrschaft doch noch über den Fluß und nach der Küste.« »Laß hören,« sagte Alfons hoffnungslos. »Nämlich so. Die Sansculotten glauben, wir sind ein Haufe von ein paar Hundert. Nun haben wir noch zwei alte Böller auf dem Schloß, die bei Todesfällen und anderen Freudenfesten losgebrannt werden. Diese schleppen wir Chouans an die untere Furt, unterhalb des Dorfes, und feuern sie gegen die dortigen Posten am Engpaß ab, als ob wir dort mit Macht und Kraft den Übergang erzwingen wollten; der ganze Streifzug wird sich auf diesen Punkt werfen und die Wachen vom oberen Teile des Flusses abziehen; aber oberhalb des Dorfes, am Brombeerhügel, ist die seichteste Furt, und indes wir unten am Engpaß die Feinde beschäftigen, watet die Herrschaft oben gemächlich über den Fluß und hat einen Vorsprung von ein paar Stunden gewonnen.« »Indes am Engpaß soviel treue Herzen für uns verbluten!« rief der alte Graf. »Pfui über uns, wenn wir das duldeten.« »Nun, was ist's denn weiter?« rief Martinet, fast ärgerlich, das Aufopfernde in seinem Plan entdeckt zu sehen. »Hat nicht die Herrschaft und die frühere Herrschaft von jeher für und mit uns gelebt, und sollen wir nicht einmal ein wenig sterben dürfen für die Herrschaft? Sie sind nicht nach Paris gezogen, Sie nicht und ihre Väter nicht, und haben nicht am Hof das Blutgeld unserer Grundzinse verbraust, wie Sie's wohl gekonnt hätten, gleich den anderen, sondern hier, im grünen Land, im alten Pays, sind Sie geblieben, haben sich mit uns gefreut über ein gutes Jahr und uns fortgeholfen über ein schlechtes: – wir gehören zusammen, die Herrschaft und wir, wenn's erlaubt ist, sozusagen, und darum … –«

»Darum gehören wir auch im Tode zusammen, treuer Martinet,« rief der alte Graf Bellaflor und erhob sich vom Stuhl. Hortense sah mit Bewunderung an ihrem greisen Vater empor: – sein langes weißes Haar wallte auf seine Schultern und sein sonst mildes Auge sprühte kriegerisches Feuer. Er trat vorwärts und ergriff ein zerfetztes Banner, das in einer Eisenröhre an dem Pfeiler steckte: »Ich sehe, Alfons, an deinem finstern Blicke, daß jenes Streifkorps unsertwegen gekommen ist. Wohlan, wir wollen sie erwarten. Noch einmal soll das Panier von Sombreuil im Kampfe wehen und der Heldengeist deines Gatten, Hortense, deines Bruders, Alfons, wird uns umrauschen. Wir wollen dieses Schloß verteidigen bis auf den letzten Herzschlag.« »Und die beiden Frauen?« mahnte der Kaplan. Da faßte Hortense, fortgerissen von der Begeisterung ihres Vaters, seine Hand. »Sorge nicht um uns, Vater: es liegt ein Centner Pulver im Keller.« »Heldenmütige Tochter!« rief der Greis. »Ja, ein Donnerschlag soll von Schloß Sombreuil her erdröhnen in allen Bergen der Vendée und Rache, Rache wird das Echo sein.« »Ich weihe eure Waffen mit dem Segen der Kirche,« sprach der Kaplan. »Seid ihr bereit, Freunde, mit uns zu sterben?« rief Alfons, indem er die Fahne aus der Hand des Greises nahm und entfaltete.

»Ja, wir wollen sterben mit Euch!« riefen die Chouans einstimmig.

Martinet aber brummte: »Ja! Meinetwegen! – Aber zuvor soll mir noch mancher der Vernunftanbeter von unserm Schloßberg herunterpurzeln. Zwar, zu halten ist es nicht lange, das gute alte Haus: denn die Eisenbeschläge des Burgthores habe ich für die Stallthüre verwenden müssen, im Schloßgraben stehen, statt des Wassers, die Nelkenbeete der Frau Comtesse und in den Ringmauern sind Löcher, daß Mond und Sonne durchscheinen und die Dorfkinder darin Verstecken spielen. Aber François und Collin und ich, wir haben noch selten gefehlt mit der Büchse: die ersten, die heraufkommen, sollen nicht wieder hinunter.«

Und er begann, die Gewehre zu laden, die auf dem Estrich lagen, indes die Chouans im Vordergrund und die Grafenfamilie auf der Erhöhung der Halle zu einem kurzen Mahle, dem letzten, das sie zu halten gedachten, sich niederließen und dann, nachdem sie Wachen ausgestellt, Schlaf zu gewinnen suchten.

Jeannetton brachte, nachdem sie die Herrschaft bedient, auch ihrem Manne zu essen: »Aber sage, Herzens-Martinet, wie hast du denn all die schönen Neuigkeiten erfahren, die du uns gebracht, und bist doch mit heiler Haut davongekommen?«

»Das will ich dir sagen, Schatz. Als wir neulich von der bösen Schlappe an der Charente zu Euch Frauen zurückgekommen waren, eilte ich gleich wieder in die Berge, um zu sehen, in welcher Richtung uns der Feind bedrohe. Bald bemerkte ich von weitem den Streifzug und erfuhr von den Nachzüglern, denen ich Tabak und Branntwein verkaufte, allerhand; unter andern: auch, daß sie das rechte Ufer des Clairon besetzen wollten. ›Da bekommen wir Gäste!‹ dachte ich, und als aufmerksamer Wirt eilte ich voraus in unser Dorf, in unser kleines Haus: – denn, dachte ich, Jeannetton ist eine gar saubere Hausfrau und gewiß gefällt es den Herren am besten bei uns. Ich versteckte mich also im Keller zwischen den Fensterbalken, weißt du, die unter der Hausthürtreppe münden. Richtig! Bald kam ein junger Offizier mit einem alten Diener – du, der rumorte weiter nicht im Hause umher! Er erwischte glücklich unser letztes Huhn und drehte ihm den Hals um – dann kam gar Oberst Oray selbst und sie redeten auf der Treppe eine Masse Zeug, was ich teils nicht verstand, teils aber gut brauchen konnte. Aber hör' –: Eins ist schnurrig – der junge Offizier kennt Madame la Comtesse und ist sterblich in sie verliebt.« »Was, der Sansculotte?« rief Jeanneton entrüstet. »Nein, beruhige dich, Schatz! Er hat Hosen an: und ganz feine; er ist so ein abtrünniger Graf: sie trauen ihm darum nicht recht drüben.« – »Ein Graf? Wie heißt er? Nannte er denn die Frau Gräfin beim Namen?« – »Ja freilich nannte er sie: aber nicht bei ihrem Witwennamen, sondern er nannte sie, wie sie als Fräulein hieß, in der Zeit, da du ihre Zofe warst in der Vaucluse: – er nannte sie Hortense, die weiße Rose von Bellaflor.« »Und er?« rief Jeannetton hastig, »hieß er nicht Hektor, Vicomte de Chatillon?« »Ja, Hektor heißt er: – aber sieh, kleine Frau, du kennst ihn ja auch, den schmucken Offizier? Muß ich auch noch die letzten sechs Stunden meines Lebens eifersüchtig sein?« »Ach, sei still, du dummer kleiner Mann, das muß die Comtesse wissen.« Und sie eilte zu Hortense, die an der Seite ihres Vaters ruhte. Sie schlief nicht und war im Augenblick bei Martinet, der ihr alles noch einmal ausführlich erzählen und beschreiben mußte.

»Es ist kein Zweifel,« rief sie zuletzt, und drückte die Hand aufs pochende Herz, »es ist Hektor! Was sagte er weiter? Sprich!« – »Weiter hörte ich nichts. Ein dritter Offizier kam dazu, da schwiegen sie. Aber es war sehr gut, daß der kam: sonst hätte ich aus meinem Versteck nicht herausgekonnt, wie die Maus nicht aus dem Loch, solang die Katze davorsitzt.« »Wieso?« fragte Jeanneton. »Ei nun, ich wußte das Losungswort nicht für die Nacht, ohne das sie niemand passieren lassen. Monsieur Froissard hatte die Güte, es mir, d. h. eigentlich dem Vicomte zu sagen. Da schlich ich zur Hinterthür aus unserm Haus und kam unangefochten an die Furt am Brombeerhügel oberhalb des Dorfes. Dort hatte der alte Bertrand Wache, weißt du, der Ceremonienmeister in unserm Hause; er ließ mich auf die Parole hin passieren und als er sich umwandte, tauchte ich ins Wasser, schwamm still wie eine Otter herüber et me voilà.« »Freunde,« flüsterte Hortense, von einem Gedanken ergriffen, der ihre bleichen Wangen erglühen machte, – »ich sehe eine Hoffnung, die uns alle retten kann. – Ihr müßt mir beistehen, aber schweigt vor meinem Vater, vor meinem Schwager, bis alles gelungen: sie würden nie einwilligen.« »Auf uns könnt Ihr zählen,« antworteten beide.

*

III.

Die Mitternacht fand Hektor nicht mehr auf dem rechten Ufer des Clairon, bei dem Lager der Republikaner, sondern auf dem linken. Oriel war an einen Baum des Brombeerhügels gebunden, Hektor ging in seinen Mantel gehüllt, den bloßen Degen in der Faust, vorsichtig spähend, um den buschigen Hügel; der Mond brach manchmal durch die ziehenden Wolken.

»Noch niemand da? War es ein Traum? Aber nein, ich wache: ich halte die weiße Schleife in der Hand, sie zerfließt nicht bei meinem Kuß! Hätte ich nur Bertrand hier, ihn noch einmal zu befragen. Wie war es doch? Er stand auf Posten, als plötzlich ein Bauer, aus dem Wasser auftauchend, auf ihn zuschritt; er wußte die Parole, winkte ihm, zu schweigen und flüsterte: ›Sage deinem Herrn, dem Vicomte Hektor de Chatillon, die weiße Rose von Vaucluse erwarte ihn um Mitternacht jenseit des Flusses am Brombeerhügel, es gelte Tod und Leben‹; und er reichte ihm die weiße Schleife und war wieder im Wasser verschwunden. – Und Bertrand brachte mir Botschaft und Pfand: – ich kann nicht zweifeln, es ist Hortense, nur Hortense kann es sein! Aber wie käme sie hierher aus der fernen Provence? Ist es eine Falle der Chouans? Sie sollen ihren Mann finden. Aber Verrat und Hortense kommen nicht zusammen, wie die Hölle nicht zum Himmel. Doch horch, ein Geräusch! Wer da?«

Eine dunkle Gestalt tauchte aus dem Gebüsch am Wege: – es war eine Frau, ein schwarzer Seidenmantel mit Kapuze und Schleier bedeckte die Erscheinung: – sie schlug den Schleier auf und Hektor erkannte im bleichen Mondlicht Hortense.

»Hortense – Sie hier – welch ein Wiedersehen!« – »Ja, Vicomte, ein unselig Wiedersehen! Wir sind verwandelt, beide verwandelt seit den Tagen von Carcassonne!« – »Verwandelt? Sie vielleicht, Hortense: – nicht ich, mein Herz schlägt für Sie jetzt, wie damals, wie immer! Ich frage nicht, wie, warum Sie mir hier erscheinen: ich weiß, die Engel sind allgegenwärtig und ich liebe dich, Hortense, wie ich dich stets …« – »Schweigen Sie, Vicomte, ich darf diese Sprache von Ihnen nicht hören.« – »Nicht hören, weil Sie Gräfin geblieben und ich Offizier der Republik geworden? O, Hortense, Sie thun mir unrecht mit Ihrer Verachtung. Es war nicht Zwang, nicht Todesfurcht, was mich zu dieser Fahne führte: es war der freie Wille meiner Begeisterung; ich bin edler als da ich von Adel war, ich bin deiner würdiger als damals, Hortense. Ich beschwöre dich, höre mich an.« – »Ich darf nicht, Hektor, ich bin Gattin, ach nein, ich bin Witwe, und der Geist meines gemordeten Gemahls schwebt zürnend in dieser Stunde über unserm Haupte.« – »Vermählt? Verwitwet? Wie konnten Sie …? – – Doch ich habe kein Recht zu dieser Frage: – Sie haben mich nie geliebt! – Ich konnte Ihr Herz nicht verlieren, ich habe es nie besessen!« – »Halt ein, Hektor! Vermehren Sie nicht grausam die Qual dieser Stunde. Glauben Sie, Hortense hätte damals ohne Zürnen das Geständnis Ihrer Liebe angehört, wenn sie nicht leise sie erwidert? Sie hätte jetzt Zuflucht bei ihrem Feinde gesucht, wenn sie ihn nicht einst geliebt hätte?« – »Sie machen mich selig, Hortense, und elend in einem Augenblick! Sie liebten mich und Sie haben einem andern angehört und Sie sind meine Feindin?« – »Gott, die köstlichen Minuten verrinnen, an denen so viele Leben hangen! Hören Sie denn: ja, ich habe Sie geliebt in dem Thal unserer Jugend. – Sie gingen nach Paris – die Revolution brach los: wir hörten bald, daß Vicomte de Chatillon bei den Feinden des Thrones stand – oh, Hektor, wie konnten Sie so sich, und ach! wie konnten Sie meiner so ganz vergessen! Sie kennen die Grundsätze meines Vaters: – nie hätte er sein Kind dem Republikaner gegeben. Da kam der Graf Castor de Sombreuil aus der Vendée: – er war einer der ersten Helden des Königtums: – er warb um mich – er war zwanzig Jahre älter als ich, aber mein Vater wünschte die Verbindung – und Sie, Hektor, hatten mich vergessen, mich aufgegeben, – ich ward die Seine. – Im ersten Jahre unserer Ehe wurde er gefangen: die Guillotine war sein Los!« »Unselige!« rief Hektor. »Ich war ihm mit meinem Vater hierher gefolgt. – Mein Schwager führte den thränenvollen Krieg mutig fort: – da wurden sie kürzlich an der Charente geschlagen, wir sind umzingelt auf Schloß Sombreuil und uns alle erwartet der Tod. Da entdeckte ich Sie durch einen Zufall im feindlichen Lager: – und hier flehe ich Ihre Großmut an: – retten Sie mich.« – »Hortense, Geliebte! Du bist schon gerettet. Folge mir ins Lager und ich schütze meine Braut gegen die Welt.« – »Nicht so, Hektor! Nie kann ich die Ihre werden, nie mein Schicksal von meinem Vater trennen und den Meinen.« »So sprechen Sie!« rief er gereizt: »Was verlangt die Gesandtin der Chouans?« »Lassen Sie morgen Mitternacht den Posten an dieser Furt unbesetzt, lassen Sie uns den Fluß passieren und nach England fliehen!« – »Unmöglich! Hortense, was verlangen Sie von mir? Ich habe der Republik geschworen: soll ich ihr meinen Eid brechen, soll ich, als Offizier ausgeschickt gegen die Chouans, deren Flucht unterstützen?« – »O Männerherz, das sich rühmt, ein Weib zu lieben und aus gereizter Eifersucht dies Weib sterben, verzweifeln läßt! Hektor, geben Sie mir die Schleife zurück! Sie sind nicht der Ritter, dem sie gebührt; muß ich Sie mahnen an Ihr Versprechen, alles zu thun und zu opfern für Ihre Dame?« – »Alles thun, Hortense, außer: das Verbrechen, alles opfern, ausgenommen: die Ehre. Ich kann nicht das Heer der Feinde der Republik entrinnen lassen: ich kann nicht retten, was ich verderben soll.« – »Das Heer der Feinde der Republik! Schnöde Ausflucht Ihres Hasses! Sind Sie wirklich ausgesandt, zwei Frauen, einen Greis, einen Priester und ein paar zu Krüppeln geschossene Helden zu vernichten, so vollenden Sie Ihr Werk und halten Sie Ihren Schwur der Guillotine.« Sie wandte sich zum Gehen. »Bleiben Sie, Hortense, bleiben Sie! Es ist also nicht der Heerhaufe des Charette, der mit dreitausend Mann von der Charente entfloh, was dort in Schloß Sombreuil liegt und dessen Rettung Sie von mir verlangen?« – »Charette hat sich längst zu Cadoudal gewandt; wir sind vier wehrlose Menschen mit wenigen Dienern.« – »Und Sie wollen nicht die Meine werden, Hortense?« – »Niemals, Hektor! Ich kaufe mein Leben, selbst das meines Vaters nicht um eine Lüge. Die Witwe Castors, der auf der Guillotine fiel, wird nie das Weib eines Republikaners.« – »Ist das Ihr letztes Wort, Hortense?« – »Mein letztes.« – Hektor preßte beide Hände auf das Gesicht; seine Brust hob sich in gewaltigem Kampf. Endlich rief er: »Wohlan, Gräfin Sombreuil: wer morgen um Mitternacht die Furt passiert, findet keinen Posten, aber einen Beschützer.« »Dank, Hektor,« rief sie, »Dank und Segen.« Sie schieden ohne Abschied. Hektor stieg aufs Pferd und hatte bald das andere Ufer erreicht. Die Gräfin wandte sich, um nach dem Schloß zu eilen; da rief ihr aus dem Gebüsch eine Stimme zu: »Halt, Frau Gräfin, nicht so rasch! Nehmen Sie mich mit!« Erschrocken wandte sie sich um: doch es war Martinet mit seiner treuen Büchse. »Du hier, Martinet? Ich verbot dir, mir zu folgen.« – »Ja, Frau Gräfin, ich bin Ihnen auch eigentlich nicht gefolgt: – ich bin Ihnen vorausgeeilt und war vor Ihnen hier, um zu sehen, ob alles sauber sei. Verzeihen Sie meine Indiskretion, aber ich hätte Monsieur le Vicomte totgeschossen auf dem Fleck, wenn er nicht so galant gewesen wäre, schließlich nachzugeben.« Und er geleitete sie nach dem Schloß, das alte Liedchen summend:

»Vergeblich all das Droh'n und Müh'n,
Ihr zwingt und fangt uns nie:
Solang im Land ein Busch noch grün,
Lebt die Chouanerie.«

*

IV.

Am andern Morgen wurde von ausgeschickten Streifwachen dem Oberst Gracchus gemeldet, was wir schon wissen, daß nämlich Charette mit den Seinen die Aufstellung des General Hoche umgangen und sich zu Cadoudal gewandt habe und daß nur Frauen und wenige Verwundete, die den höchst gefährlichen und erschöpfenden Eilmarsch über die unwegsamen Bergspitzen nicht hätten mitmachen können, im Schloß Sombreuil verweilen könnten.

Sofort entspann sich unter den Offizieren lebhafter Streit, indem Froissard darauf drang, über den Fluß zu gehen und die Bewohner des Schlosses abzufangen, während Hektor dem Obersten vorstellte, wie ihre Aufgabe gewesen sei, das Entwischen eines großen Chouanhaufens zu verhindern, nicht ein paar Wehrlose zu verderben, und daß es daher jetzt viel wichtiger sei, Charette mit aller Macht zu verfolgen und vor seiner Vereinigung mit Cadoudal zu vernichten, als hier kostbare Zeit zu verlieren mit einer ruhm- und nutzlosen Unternehmung. Als sie allein waren, erinnerte er ihn auch, daß die Gefangenen unfehlbar der Guillotine verfallen seien und daß man nicht auch noch dies Blut unnötigerweise auf das junge Haupt der Republik laden dürfe, das genug zu tragen habe an den notwendigen Todesurteilen.

Guillaume schwankte. Aber einerseits der Eifer, die Scharen des Charette aufzureiben, und andererseits die Einsicht, daß er ohne Gegenbefehl die Stellung am Clairon nicht aufgeben dürfe, die er auf Weisung seines Feldherrn eingenommen, bestimmten ihn endlich, einen dritten Plan zu verfolgen, wodurch er beide Zwecke zu erreichen hoffte. Er selbst mit etwa dreihundert Mann brach auf, den flüchtigen Charette zu verfolgen, und ließ den Rest unter den beiden Kapitäns am Clairon zurück mit dem Auftrag, ruhig in der alten Stellung zu bleiben, bis er ihnen von General Hoche Ordre senden werde, Schloß Sombreuil liegen zu lassen oder zu nehmen. Beim Abschied bat sich Hektor den oberen Teil des Flusses als sein Wachgebiet aus, Froissard erhielt den unteren Teil nebst dem Dorfe. – Kaum aber war der Oberst abgezogen und Hektor auf sein Gebiet gegangen, wo er, die Soldaten nach seinem Plane verteilend, den Posten bei der Furt am Brombeerhügel an Bertrand übertrug, als Froissard sowohl seine eigenen Leute als, unter der Hand, die Abteilung Hektors für seine Absichten zu bearbeiten begann, was ihm um so leichter gelang, als der beste Kern der Truppen mit dem Oberst abgezogen, nur die sansculottische Hefe zurückgeblieben und Hektor viel zu sehr mit eigenen Gedanken beschäftigt war, um auf die Katzenschritte Froissards zu achten. Dieser beschied alle Soldaten, die nicht auf Posten standen, auf den Abend zu sich in das Haus, das die Offiziere bewohnten, zu einem Gelage: – Hektor und Bertrand fehlten. Froissard, der sich ohnehin bei den Zurückgebliebenen großer Beliebtheit erfreute, weil er ihre Gesinnung teilte und ihre Sprache meisterlich zu reden verstand, bewirtete sie mit Branntwein bis tief in die Nacht, und als sie endlich alle und er selbst zur Hälfte berauscht waren, stellte er sich auf das leergetrunkene Faß und hob an: »Kameraden, ihr wißt, wie ich dazu gekommen, euer Offizier zu sein: – nicht, weil ich mehr wüßte und könnte als ihr, bewahre! – Sondern weil ich vor andern Gelegenheit gehabt, meine Liebe zur Republik zu bewähren. Ihr wißt, ich bin der Sohn von armen Handwerkern aus der Nähe von Marseille. – Eines Abends kam ich nach Hause von der Arbeit: da jammerte meine alte Mutter, meine Schwester Fleurette sei von dem Diener des Gerichtsherrn verhaftet worden, ohne Grund, ohne Angabe eines Grundes! Kameraden, ich hatte nicht viel gelernt: aber ich wußte, daß alle großen Herren Schurken sind – und meine Schwester war achtzehn Jahre und hübsch. Kameraden, ich lief auf das Schloß des Gerichtsherrn – ich fragte nach meiner Schwester – die Bedienten lachten und sagten, sie sei eine Diebin: – sie habe das Herz des Präfekten gestohlen. – Da rannte ich zum Oberpräfekten und verklagte den Präfekten: – aber der Oberpräfekt war der Onkel des Präfekten und der Oberpräfekt ließ mich einsperren – acht Monate lang! – Da, im Kerker, hab' ich die glühende Liebe zur Freiheit gelernt. – Plötzlich ging der Teufel los in Marseille: – das Volk erschoß die Großen, die Reichen, und half den Kleinen, den Armen. – Mein Kerker flog auf, ich wußte nicht wie: – Ich eilte heraus, durch die brennenden Straßen, einen Brand in der Linken, in der Rechten ein Messer, da: dies Messer, – es ist dasselbe – ich führte das Volk, weil ich den Präfekten am wütendsten haßte. – Kameraden, sein Schloß lag auf einem Hügel: wie dort Schloß Sombreuil– wir überfielen, wir erstürmten das Schloß – ich warf den Brand in die seidenen Vorhänge – meine Schwester fand ich nicht mehr, aber den Präfekten fand ich und schnitt ihm den Hals ab: – und wir fanden seine schönen Töchter und den süßen Wein von Burgund in seinem Keller und Gold und Schätze und Freude die Fülle – und das Volk von Marseille machte mich zum Offizier auf den rauchenden Trümmern des Schlosses.« »
Vive Kapitän Froissard!« brüllten hundert Stimmen. – »So hätten wir's auch gemacht, wären wir dabei gewesen! – So ein Schloß möcht' ich auch verbrennen.« – »Nun seht, Kameraden, wie ich's gut meine mit euch: – heut früh im Kriegsrat hab' ich euch dasselbe Pläsir verschaffen wollen.« »Wie so, wie das?« schrieen die Trunkenen. – »Nun, das alte Grafenschloß da drüben, das reiche Sombreuil hätte ich euch gegönnt! – Der aristokratische Raub von Jahrhunderten ist darin aufgehäuft und Wein und Weiber von der Provence sind dort versteckt und diese elenden Chouans, die uns an der Charente entkommen sind. Ich riet dem Obersten, euch zum Plündern hinüberzuführen: – aber der verkappte Vicomte verhinderte es und nun will der Oberst erst noch einmal anfragen beim General, ob er auch thun dürfe, was ihm längst befohlen ist. Das verdankt ihr dem Herrn Vicomte!« »Nieder mit Chatillon, nieder mit dem Verräter!« rief der Haufe. – »Ich sehe alles, wie es kommen wird. Der General wird befehlen, die paar Flüchtlinge laufen zu lassen und dem Cadoudal, diesem Teufel, wieder nachzusetzen durch alle seine Berge und Sümpfe und die tapfere Armee hat nicht einmal eine kleine Erholung. Schloß Sombreuil mit seinen Schätzen wird im Namen der Republik von den Financeschreibern versiegelt und ihr geht leer aus.« – »Nein! – Das wollen wir nicht! – Wir warten die Rückkunft des Obersten nicht ab! – Führe du uns, Froissard! – Führe uns gleich gegen das Schloß! – Wir wollen's plündern: – vive Froissard!« – »Nun, ihr zwingt mich, Kameraden? Drauf denn in Teufels Namen!«

Und der wilde Schwarm stürzte wütend gegen den Fluß unterhalb des Dorfes; Froissards Pferd entdeckte die Furt, bald stürmten sie eilig, aber in aller Stille, um ihre Opfer nicht zu warnen und zu verscheuchen, auf dem untern Wege nach dem alten Schloß. –

Hektor aber hatte einen schweren Tag verbracht. Er führte einen harten Kampf in sich; das Angeborene und das Angenommene befehdeten sich auf Tod und Leben in seinem Herzen. Und er sah wie die Republik und Guillaume Schritt für Schritt den Boden verloren, wie die Vergangenheit und Hortense immer siegreicher in den Vordergrund drängten. Was war die kalte Logik Guillaumes gegenüber der süßen Sprache der Geliebten, was der Enthusiasmus für die Menschheit, zu dem ihn des Freundes überlegener Geist fortgerissen, gegenüber den wiedererwachten Erinnerungen seiner Jugend! Und doch wollte er sich durch süße Selbstsucht nicht einen Augenblick von seiner herben Pflicht abbringen lassen. »Ich will nicht der Fahne meiner Wahl treulos werden, wie der Fahne meiner Geburt: ich falle, wo ich stehe.« – Nach diesem Sieg über sich selbst konnte er um so leichter die Rettung der Geliebten und ihrer Freunde vor seinem Gewissen entschuldigen: er erwartete nun die Stunde der Gefahr mit jenem begeisterten Mut, den aufopfernde Selbstüberwindung gewährt.

Bertrand, von allem unterrichtet, zeigte den höchsten Eifer, das schöne Fräulein von Vaucluse, wie er sie noch immer nannte, zu retten. Er machte seinen Herrn auf die Umtriebe Froissards und die böse Stimmung der Soldaten merksam, aber der Aristokrat verachtete den dumpfen Gegner viel zu sehr, um ihn zu fürchten. Es war ihm sogar lieb, daß jene Einladung die Soldaten nach dem Dorfe gelockt und von der obern Furt entfernt hatte. Es fiel ihm nicht ein, daß Froissard im Sinne des Hasses die Grenze des Gehorsams ebensowohl überschreiten könne, wie er selbst das im Sinne der Liebe thun wollte.

Endlich kam die ersehnte Stunde heran; die Nacht war dunkel, aber heiter und windstill: das Schilf am Ufer stand regungslos, wie in banger Erwartung. Gegen Mitternacht setzte Hektor zu Pferd durch die Furt, um die Flüchtigen am jenseitigen Ufer zu empfangen; Bertrand sollte das rechte Ufer beobachten. Hektors Herz schlug hoch in Schmerz und Spannung. Endlich entdeckte er einen Zug von schwarzen Gestalten, die sich leise auf dem buschigen Wege dem Brombeerhügel näherten. »Eure Losung?« fragte er leise, »Hortense und Hektor«, erwiderte Martinet, der den Zug führte. Ihm folgten Alfons und ein Chouan: der alte Graf, die beiden Frauen und der Kaplan bildeten die Mitte: drei Chouans schlossen den Zug; alle Männer waren wohl bewaffnet.

»Monsieur Hektor,« flüsterte Alfons, »wir danken Ihnen das Leben: aber ich wüßte keinen Menschen, dem ich es weniger gern dankte.« Hektor fuhr auf, die Faust am Degen. – Da fühlte er den Druck einer weichen Hand auf der seinen: – »Hektor, – bezwingen Sie sich – Ruhe! – Ich fordere auch das noch! – Sie aber, mein Schwager, – halten Sie ein: – Sie wissen nicht, wie hohen Edelsinn Sie beleidigen.« Alfons schwieg, Hektor neigte sich und küßte ihre Hand. »Hektor,« sprach der Greis, »Ihr Wappen hat man zerbrochen, aber Ihr Herz blieb unversehrt. Sie sühnen Ihre Schuld am Adel Frankreichs, indem Sie seine Perle retten: – meine Tochter.« »Eilen wir!« unterbrach Martinet. »Zeit verloren – Leben verloren!« »In Gottes Namen denn!« mahnte der Kaplan. Hektor hob die Gräfin auf den Rücken des treuen Oriel und führte diesen am Zügel sicher durch die Furt: – die anderen folgten schweigend; – kaum aber hatten sie, von Bertrand empfangen, das Ufer betreten, als Alfons, rückwärts zeigend, rief: »Ha, was ist das?« Eine rote Feuersäule stieg glühend in den nächtigen Himmel. »Das ist Schloß Sombreuil!« rief Martinet, »es steht in hellen Flammen.« »Unvorsichtige,« fragte Hektor, »habt ihr es angezündet, ehe ihr es verlassen? Das weckt die Aufmerksamkeit.« »Nein, wir nicht!« antworteten die Flüchtlinge einstimmig. »Dann ist es Froissard mit den Sansculotten!« rief Bertrand. »O, Monseigneur, ich habe Sie gewarnt!«

»Still!« rief Martinet und warf sich lauschend mit dem Ohr auf die Erde. – »Sie eilen vom Schlosse hierher: – es sind wohl hundert: – ein Pferd galoppiert voran.« »Flieht,« rief Hektor, »ehe es zu spät ist. Wir decken euch den Rücken.« »Weh dir, Frankreich,« rief Alfons grimmig, den wunden Arm erhebend, »wenn wir wieder kommen!« »Leb wohl, Vendée, wir kehren wieder,« rief Martinet. »Dank, Hektor!« rief Hortense, die auf Oriels Rücken davonsprengte. »Leb' wohl, Hortense, auf Nimmerwiedersehen!« rief Hektor; und die Chouans waren verschwunden.

Hektor und Bertrand stellten sich nebeneinander, so daß sie den ganzen Raum des schmalen Weges ausfüllten. »Bertrand – jetzt gilt's!« rief Hektor und drückte die Hand aufs Herz: auf dem Herzen aber trug er die weiße Schleife. »Soll gelten, junger Herr!« antwortete Bertrand, »hoch der weiße Falke von Chatillon!« Da bogen Fackeln um den Brombeerhügel: – Froissard, zu Pferd, voraus, die Sansculotten hinter, ihm setzten durch den Fluß und eilten gegen die Straße. »Halt!« – rief ihnen Hektor entgegen: – »das ist mein Posten: – was wollt ihr?« »Hier sind sie, die Verräter!« brüllte die Schar und es fielen gegen die beiden einige schlecht gezielte Schüsse, die nicht trafen. Da ritt Froissard dicht heran, die Pistole in der Hand. »Zurück! – Was sucht Ihr?« fragte Hektor. »Die Chouans suchen wir, Monsieur le Vicomte!« schrie Froissard. – »Das Nest haben wir verbrannt, die Vögel waren zwar ausgeflogen, doch die frische Spur im feuchten Grase führt deutlich bis hierher: – wißt Ihr, wo sie sind?« – »Hoffentlich in Sicherheit!« »Gebt sie heraus! Laßt uns durch! Ihr habt keine Ordre, sie zu schützen.« »Und Ihr keine, sie zu morden.« »Verdammter Aristokrat!« schrie Froissard und schoß: – Hektor wankte und fiel. Aber auch Bertrands Büchse blitzte und Froissard stürzte tot vom Pferde: – im nächsten Augenblick fielen zehn Schüsse zugleich und Bertrand sank sterbend über seinen Herrn.

Mit gellendem Geschrei stürmten die Sansculotten vorwärts, die Flüchtigen zu verfolgen: – da plötzlich hörten sie von der rechten Flanke her Trommeln und Hornsignale: – Fackeln zeigten sich auf den Hügeln und gleich darauf sprengte Oberst Gracchus unter sie: »Halt,« rief er, »halt ein! Die Chouans von Sombreuil sind frei: – General Hoche giebt sie frei. – Doch was seh' ich – Froissard? Und du Hektor, du stirbst!« Hektor richtete sich auf den linken Arm: »Sie sind frei, sagst du, frei?« »Ja! General Hoche ward am Tag, ehe ich bei seinem Heer eintraf, von Cadoudal und Charette, die sich vereinigt hatten, überfallen und geschlagen: – er selbst ist gefangen: – Cadoudal giebt ihn nur frei, wenn die Chouans von Sombreuil sicher den Boden von England erreicht haben: – niemand wage, sie zu verfolgen! Aber du, Hektor, du stirbst, – und stirbst für das Königtum!« »Still,« – rief Hektor – »still – siehst du nicht, wie meine Seele gen Himmel stiegt? Der weiße Falke im blauen Feld! Hortense!« Und er war tot und Oberst Gracchus weinte über seiner Leiche.

Ernst und Frank.

(1836)

I.

Die Ankunft.

Thüringen ist ein liebliches deutsches Land. Freundliche Gärten, lachende Felder füllen die Thäler, die von sanften Hügelwellen in anmutigen Linien umfriedet und von heiteren Wiesbächen durchschlängelt werden: und nur eine Fortsetzung dieser Gärten scheinen die Buchenwälder, die häufig die Höhenzüge krönen. Da ist kein schäumender Wildbach, der Verheerung drohte, keine düstere Schlucht, kein zackiger Fels mit scharfen, Kampf bedeutenden Formen: die Natur hat hier Friede geschlossen mit dem Menschen; gern gewährt sie seiner mäßigen Mühe das Nützliche und schenkt ihm das Schöne als freundlichen Schmuck obenein; nirgends sind die Saatfelder in so reichem und doch noch unschädlichem Maße von der blauen Kornblume geschmückt zu sehen. Und wie das Land, – so die Menschen: der Grundzug ihres Wesens ist ein heiterer sinniger Friede: weder heftige Leidenschaftlichkeit der Sinne, noch quälerische Schärfe des Verstandes stört das Gleichmaß der Volksanlagen.

In einem solchen thüringischen Thal lag Goldenau, das Landgut der Brüder Ernst und Frank Reichhart. In der Mitte der dazu gehörigen Wirtschaftsgebäude erhob sich das einstöckige Wohnhaus, nicht zu stattlich gebaut, um des Eindrucks der Ländlichkeit, nicht zu ländlich, um der Stattlichkeit zu entbehren. –

In seinem Arbeitszimmer im ersten Stock des Hauses stand Ernst, der ältere der beiden Brüder; die nachgelassenen Papiere des Vaters lagen, auf das sorgfältigste geordnet, auf dem Schreibtisch. Die untergehende Septembersonne beleuchtete freundlich das Brustbild des ehrwürdigen Verstorbenen, auf dessen milden Zügen das Auge des Sohnes mit Rührung ruhte; er nahm eines der Papiere auf, welches die Überschrift trug:

»Von meinem lieben Sohn Ernst ein Jahr nach meinem Tode zu öffnen.«

Er drückte die Schrift mit feuchten Augen an die Lippen.

»Guter, guter Vater!« sprach er dann leise, – »diese Worte –, immer wieder muß ich sie lesen: sie sind der grüßte Beweis deiner innigen Liebe: hier redet dein edles Herz seine eigenste Sprache!« Und er las: »Mein edler Sohn! Als ich in meinem Testament mein Vermögen und vor allem unser Goldenau unter Euch, meine guten lieben Söhne, gleich verteilte und den Wunsch aussprach, daß Frank die Verwaltung fremder Güter nach meinem Tod aufgeben und seinen Beruf in der Verwaltung unseres Eigentums vollständig erlernen sollte. Du aber auf dem Gute wohnen bleiben und hier Deine Studien fortsetzen mögest, bin ich in dieser Eurer Gleichstellung nur meiner Euch gleichmäßig umfangenden Liebe gefolgt. Ich habe gewünscht, daß Ihr zusammenlebet: denn, wie die Schrift sagt, es ist gar sein und lieblich, wo zwei Brüder einträchtiglich beisammenwohnen: und dann schien mir dadurch auch sonst am besten für Euer Wohl gesorgt. Möchte auch Frank in der Verwaltung fremder Güter mehr Kenntnisse und vielleicht mehr Vermögen erworben haben: – seine Natur verlangt nicht nach Theorie, ihn wird die völlige Unabhängigkeit am meisten glücklich machen: zudem wird ja wohl unser Gut immer ausreichen, Euere bescheidenen Bedürfnisse zu befriedigen. Du aber, mein Ernst, sollst hier auf dem Lande wohnen bleiben: ungern sähe ich Deine innerliche, stille Art in den verzehrenden Geisteskampf hineingezogen, der heutzutage in den großen Städten ausgefochten wird. Du bist viel zu bescheiden und allzu gewissenhaft, um in diesen Schranken einen Preis zu erringen: Du würdest nur ritterliche Waffen führen, und sie würden Dich mit Keulen erschlagen, mit Dolchen erstechen. Ich selbst bin doch von derberer Art, als Du: und doch, Du weißt es, als ich im Jahre achtundvierzig meinen Lehrstuhl verließ, um an den Ministertisch zu treten, nicht ein halbes Jahr konnte ich mich behaupten. Der ›Doktrinär‹ wurde gestürzt, und schwer enttäuscht suchte und fand ich den Frieden nur in völliger Zurückgezogenheit hier in Goldenau. Ich fühle es: die Wunden, die meinem Herzen damals geschlagen wurden, heilten nie mehr ganz. Dir, mein Ernst, dem Philosophen, würden die Verhältnisse noch widerstrebender sein, als mir, dem Historiker; ich möchte Dir diese sieglosen Kämpfe ersparen. Auch hat der nagende Gedanke, der das behagliche Gedeihen des Menschen nicht aufkommen läßt, in Dein Gemüt und auf Deine Stirn früh so tiefe Furchen gezeichnet, daß gewiß nur das Leben in der friedlichen und verjüngenden Luft des Landes Dich vor raschem Altern schützen kann. Laß mich mit der Hoffnung scheiden, daß Du Goldenau und Frank nur aus zwingenden Gründen verlassen wirst; er ist zwanzig, Du bist über dreißig Jahre alt: Deine Reife kann ihm den Vater ersetzen.

Und nun, mein Sohn, empfange den Lohn, den einzigen und höchsten, den ich Dir dafür geben kann, daß Du mir nie im Leben eine Stunde des Kummers bereitet, daß Du meine Freude, mein Stolz gewesen bist von Jugend auf, daß Du mich in den sieben Jahren seit meinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben geheilt und verjüngt hast durch Dein geistiges Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit mir. Dieser Lohn, – er ist nur ein Wunsch: ich wünsche, daß unsere liebe Anna Dein Weib werde.

Ihr Vater, mein armer, frühverstorbener Bruder, hatte sie, eine hilflose Waise, meiner Sorge überlassen; bis in ihr sechzehntes Jahr habe ich die Verlassene hier mit Euch erzogen, wie Eure Schwester; ich habe gefühlt, was Dir vielleicht selbst kaum bewußt war, wie eine stille, tiefe Neigung zu dem lieblichen Kinde in Dir erwuchs; ich weiß, daß sie, die ja fünfzehn Jahre jünger ist als Du, mit begeisterter Verehrung an Dir hängt, der ihr als das Muster eines Mannes von Kindheit an gepriesen wurde und sich selbst bewährte. Ich werde, fürcht' ich, nicht mehr erleben, daß sich diese Verehrung in dem holden Mädchen zur Liebe entfalten wird; doch wird es geschehen, ich ahne es, und es ist der höchste, der letzte Wunsch meines Herzens; Ihr allein seid einander wert, Ihr seid füreinander geboren.

Niemals habe ich sie angesehen, ohne Dich als ihren Gatten zu denken; sie war mir darum immer wie eine Tochter. Und nur darum und unter dieser Voraussetzung nur habe ich in meinem Testamente ihre Erziehung, ja ihre ganze Lebensversorgung auf unser Vermögen übernommen und zwar ausschließlich Deinem Erbteil überbürdet. In dem beiliegenden Brief: ›an meine liebe Tochter Anna‹ habe ich ihr die Erfüllung dieses Wunsches als den einzigen Dank ausgesprochen, den ich von ihr fordere. Gieb ihr diesen Brief, mein Sohn, sobald Du es für gut hältst: sobald wie möglich, denn das Leben ist kurz und ich möchte Euch recht lange glücklich wissen. Vielleicht ist der Tag der geeignetste, an dem sie von der Pension in der Stadt, wo Du sie nach meinem Tode noch ein Jahr lang lassen sollst, um dort ihre Bildung zu vollenden, auf unser Gut zu Dir zurückkehrt. Ich weiß, Ihr werdet gerne diesen meinen Wunsch erfüllen, denn so erfüllt Ihr Euer eigenes Glück; lebewohl, mein Ernst, und mögest Du in Annas Liebe das Glück finden, das Du verdienst, Du allein unter allen Menschen.

Dein Vater.«

»So hast du noch über das Grab hinaus für mein Glück gesorgt, du lieber Vater! Und hast das Geheimnis in meiner Brust entdeckt, das ich so tief verborgen glaubte! Ja, dein schöner Wunsch soll erfüllt werden und im Angesicht der sinkenden Sonne, die so friedevoll die Landschaft beleuchtet, verspreche ich dir, Friede und mildes Glück, soviel meine Seele dessen zu spenden vermag, will ich auf das teure Haupt Annas häufen. Ihr Glück war dein letzter Wunsch; er soll mir heilig sein. Aber diesen Brief an sie, – vergieb mir, Vater, daß ich ihn nicht, nicht jetzt schon ihr übergebe. Weiß ich denn, ob sie mich liebt? Und soll ich etwa später immer fürchten müssen, nur der Wunsch ihres Wohlthäters habe ihre Liebe geweckt? Nein, frei von allem noch so leisen Zwang soll sie ihr Herz walten lassen: und hat sich mir dies Herz freiwillig geschenkt, dann mag sie hinterher erfahren, daß sie damit auch den Lieblingswunsch unseres Vaters erfüllt. Bis dahin schweiget, ihr Freiwerber des Vaters für den Sohn!« – Und er legte die Papiere zusammen, und schloß sie ein. – »Nun aber wird es bald Zeit sein, ihr entgegenzugehen; wenn sie, wie ich ihr geschrieben, mit dem letzten Zug von der Stadt abgegangen, muß sie bald in der Station Lichtenfeld eintreffen, wo wir sie abholen wollen. Ich will Meister Bernhard sagen, daß er anspannt.«

Und er ging gegen die Thüre, welche zur Haustreppe führte.

Doch ehe er sie noch erreicht, vernahm er Schritte und frische, helle Stimmen, die ihn riefen: »Ernst, Ernst, wo steckst du? Im Zimmer! Bei dem herrlichen Abend!« Und die Thüre flog auf und vor ihm standen Hand in Hand ein stattlicher Jüngling und ein holdes Mädchen; das waren sein Bruder Frank und Anna.

Frank, obwohl jünger, war viel höher und kräftiger gewachsen als sein Bruder: sein offenes, wohlgebildetes Gesicht leuchtete in blühender Jugend, aus seinen großen blauen Augen sprach mutige Lebensfreude. Lieblich lehnte die schlanke Gestalt Annas an ihrem kräftigen Begleiter: sie hatte den Reisestrohhut abgenommen und anmutig umschloß das goldblonde Haar in reichen Flechten das ovale Antlitz, indes die langen Zöpfe frei über ihren Nacken hingen; das Paar, den Ausdruck der Freude, die immer verschönt, auf dem Antlitz, und vom roten Abendschimmer, der voll aus dem offenen Fenster auf sie fiel, beleuchtet, war ein überraschend schöner Anblick und Ernst stand eine Weile im Anschauen der beiden versunken, eh' sein Erstaunen die Worte fand: »Ja, Anna und Frank, wo kommt ihr denn her? Wie kommt ihr zusammen?«

»Frank ist mir entgegengeritten! Schon bei der vorletzten Station! Ich sah zum Fenster des Wagens hinaus: schon begann der Zug sich in Bewegung zu setzen, als ein Herr vom Pferde sprang und fast mit Gewalt den Führer zwang, den Wagen, darin ich saß, nochmals zu öffnen: und ehe ich nur wußte, wie mir geschah, hatte mich der Herr aus dem Wagen herausgerissen; ich erkannte Frank gar nicht gleich: er hat ja einen fürchterlichen Bart und sieht viel stärker aus, als sonst.« – »Aber wie kommst du dazu, Frank, schon so früh? – Wir wollten ja später zusammen … –« – »Sei nicht böse, lieber Ernst! Sieh, meine Unruhe war zu groß, ich konnte es nicht erwarten! Ich war hinausgeritten zu unserem Wasserbau an der großen Straße: aber es litt mich dort nicht: ich war den Arbeitsleuten ordentlich im Wege mit meiner Ungeduld. Immer dachte ich: am Ende kommt sie doch schon mit dem Mittagszug und plötzlich galoppierte ich nach der Station und von da zu der nächsten. Ich dachte: besser Ernst fährt allein, als daß Anna früher ankommt und niemand findet, der sie in Empfang nimmt. Und sieh, ich habe ganz wohl daran gethan: sonst hätten wir sie wirklich unbewillkommt eintreffen lassen.« »– Ja, weil eben Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in keinem Frauenzimmerlein steckt,« sagte Ernst, auf die Uhr sehend, »es ist jetzt … –« – »Du wirst mich doch nicht schelten wollen, daß ich zu früh gekommen, gestrenger Vetter? Ich wurde früher als ich gedacht mit Packen und Abschiednehmen fertig und wollte keine Stunde langer als nötig in der Stadt und ferne von euch bleiben: – o ich habe mich so sehr gefreut, hierher zu euch zu kommen!« Und sie streckte Ernst die offene Hand entgegen: wie hold, wie frisch, wie gut sah sie aus! »Willkommen auf Goldenau!« sprach Ernst mit leise zitternder Stimme und faßte die gebotene Hand. »Willkommen: – für immer.«

*

II.

Winterleben.

Das war nun anmutig zu sehen für die Brüder, namentlich für den seiner beobachtenden Ernst, wie leicht und geschickt sich Anna in das Wirtschaften und Haushalten zu Goldenau gewöhnte. Man fühlte, daß ihre gesunde Natur froh aufatmete, des Zwanges und der Schuläußerlichkeiten, die in dem Pensionat herrschten, entbunden und dem Hause wiedergegeben zu sein. Bald hatte sie der Wirtschafterin, der alten Gertraud, der Frau des Hausverwalters Bernhard, die bisher den kleinen Junggesellenhaushalt geführt, alle Regeln und Gewohnheiten des Goldenauer Lebens abgelernt und dadurch das Regiment des Hauses spielend in die eigene Hand genommen. Es war eine Lust, die blühende Kleine mit ihren helltönenden Liedern durch Gänge, Treppen, Keller und Speicher des weitläufig, etwas altmodisch, aber breitbehaglich gebauten Hauses mit klirrendem Schlüsselbund hin und wieder gleiten zu sehen: hell und heiter wurden die ernsthaften dunkelbraunen Wände des alten Hauses, in allen Kammern und Verschlägen, die ihr leichter Fuß betrat, ward es licht, und der frische Mädchenkopf mit seinen reichen, blonden Zöpfen, die frei und mutwillig auf ihrem Rücken spielten, wirkte wie Sonnenschein, wohin er kam.

Mit stiller Freude empfand Ernst diese Segnungen einer reinen und gesunden Mädchennatur; oft sah er mit inniger, fast väterlicher Rührung der lieblichen Gestalt nach, wann sie mit jugendlichem Schwunge dahinschwebte und die Anmut, wie ein leuchtender Streif, jeder ihrer Bewegungen zu folgen schien.

Auch Ernst machte bedeutenden tiefwirkenden Eindruck auf das empfängliche Geschöpf. Da Frank, der nur in dieser Jahreszeit, nach Einbringung der Ernte, auf längere Zeit von der Wirtschaft und ihrer Arbeit sich entfernen konnte, den Spätherbst und den Winter zu Geschäftsreisen in der Umgegend benutzte, um Verkäufe und Käufe abzuschließen, sahen sich Anna und Ernst völlig und ungestört aufeinander angewiesen. Und es erwuchs daraus ein inniges und fruchtreiches Zusammenleben der beiden, eine geistige Wechselwirkung, wodurch Ernst erfrischt, Anna aber in ihrer Entwickelung mächtig gefördert wurde. Mit stillem Staunen nahm sie die Fülle geistigen Stoffes, neuer und, wie sie augenblicklich empfand, fruchtbarer Anschauungen in sich auf, welche die reiche Bildung und der hohe Geist des verehrten Freundes ihr darboten. Die erhabensten und edelsten Dinge, die Herz und Geist des Menschen zu erwärmen und zu fesseln vermögen, fesselten und erwärmten jetzt ihre Gemüter, die nie ausgesonnenen Fragen von Glauben und Wissen, die Gedanken von Welt und Gott, von Zeit und Ewigkeit.

Den gewöhnlichen Anknüpfungspunkt für solche Gespräche bildete die gemeinsame Lesung der besten deutschen und fremden Dichter; und oft gerieten die beiden tiefen und reinen Seelen über den Akt eines Shakespeareschen Dramas oder über einen Gesang der Odyssee oder der Nibelungen oder über eines jener Goetheschen Lieder, die den Herzschlägen der Menschheit abgelauscht scheinen, in so warme Begeisterung, daß Ernst täglich erwartete, die Liebe, die er selbst empfand, plötzlich auch in Annas Herzen in flammender Lohe aufsteigen zu sehen.

Allein dies geschah nicht; es geschah nicht, obwohl sie halbe Tage lang ungestört beisammen waren, obwohl Ernst die herzliche Empfindung Annas für seinen Wert nicht verkennen konnte, obwohl eine gehobene, warme Stimmung, die sonst das schlummernde Gefühl so leicht zur Selbsterkenntnis bringt, fast jedes ihrer Gespräche begleitete. Wochen und Monate vergingen und noch immer ruhte Annas klarer Blick mit einer Sicherheit und Unbefangenheit auf den edlen Zügen des von ihr so innig verehrten Mannes, wie sie nur ruhiger Freundschaft eigen ist; vergebens harrte Ernst auf jenen scheuen Funken in ihrem Auge, der die schüchternen Blicke erwachender Liebe begleitet. Offenbar hatten die Gefühle der Ehrfurcht und Dankbarkeit, die Ernst durch seinen Einfluß auf Annas geistige Entwicklung erweckt hatte, alle anderen Empfindungen ihm gegenüber, die etwa keimend in ihr gelegen, in den Hintergrund gedrängt und sein Bild in eine kalte Höhe emporgehoben und mit einer Glorie umgeben, die für die Förderung der Liebe nicht eben günstig war. Dazu kam, daß Ernst in übergroßer Gewissenhaftigkeit sich völlig abwartend verhielt, nicht das mindeste that, ihr seine Liebe zu entdecken und so in ihr selbst gleiche Empfindung zu wecken. Er hielt es für unedel und unfein, auf solche Weise gleichsam mit Gewalt auf das junge Geschöpf einzudringen, das äußerlich wie innerlich vollständig in seine Macht gegeben war. »Kommt das Gefühl in ihr nicht ohne mein Zuthun, so ist es nicht das echte und soll gar nicht kommen,« dachte er. – Dabei waren sich jedoch die beiden so unentbehrlich, der geistige Austausch war ihnen solches Bedürfnis geworden, daß sie möglichst rasch ihre anderen Geschäfte abzufertigen und die Stunden ihres Zusammenseins vor fremder Störung zu schirmen suchten. So waren sie über die oft wochenlange Abwesenheit des jüngeren Bruders nicht böse, ja nur mit halber Freude begrüßten sie manchmal seine Rückkehr als eine Art Zwang, der ihren Lieblingsgesprächen auferlegt wurde.

Denn Frank in seiner kräftigen und bestimmten Art duldete schlechterdings nicht, daß, wann er zu Hause war, die beiden Scholastiker, wie er Ernst und Anna spottend nannte, sich in jenen Gesprächen ergingen. »Ihr habt Zeit genug, zu eurer Gelehrsamkeit, während ich meine Ochsen und Schweine verkaufe: – wann ich daheim bin, wird nicht philosophiert. Es kommt doch nichts dabei heraus« – pflegte er lachend zu sagen.

Und hatten sie dann anfangs nur mit Unlust ein ernstes Gespräch, das sich aus ihren Büchern ergeben, unterbrochen, so war doch auf die Länge der fröhlichen Treuherzigkeit, der fortreißenden immer heitern Laune Franks nicht zu widerstehen. Oft, wann er spät am kalten Winterabend von der Jagd oder von der Schlittenfahrt, von einem Besuch bei den Grundbesitzern der Umgegend heimkehrte, das Haar und den Bart mit Eis und Schneeflocken bedeckt, und alle Züge seines offenen männlichen Gesichtes wie seine blitzenden Augen die Freude seines Herzens über das Wiedersehen, über die Heimat ausdrückten, dann durchflog es Anna wie ein Vorwurf, daß sie seinem Kommen wie einer Störung entgegengesehen hatte. Dann sprang sie wohl lachenden Mundes ihm entgegen, nahm ihm Pelzkappe und Mantel ab, und ließ es sich nicht nehmen, noch spät abends ihm aus dem kalten Keller selbst einen Krug Wein von seinem Lieblingsfäßlein zu holen. Da machte er sich's dann bequem, gab kurzen Bescheid auf die Fragen der beiden nach seiner Jagd oder seinen Geschäften, die, wie er meinte, die zwei Weltweisen doch nicht verständen: dagegen besprach er ausführlich mit Anna deren Hauptfreude und Hauptsorge: – das Gedeihen der Blumen, die sie mit eifriger Liebe und mit wunderbar glücklichem Erfolge pflegte. Gar ernsthaft wurden da die Kinderkrankheiten einer Erika oder das betrübliche Aussehen einer Myrte beraten: und überall wußte der geübte Gärtner mit klugem Rat die natürliche Begabung Annas zu unterstützen. Frank verlängerte diese Gespräche oft mit arger List, indem er Todesgefahr für irgend eine Lieblingsblume zu fürchten vorgab, während er an ihrer glücklichen Genesung im Innern nicht entfernt mehr zweifelte: es freute ihn, Anna dadurch ihre regelmäßige Abendbeschäftigung vergessen zu machen, die dem Wackern ein Gegenstand des Greuels war. Sie hatte sich nämlich freiwillig Ernst als eine Art von Schreiberin oder Gehilfin angeboten, indem sie ihm Stellen aus zahlreichen Büchern, die er zum Zweck eines größeren philosophischen Werkes über die Sittenlehre vereinzelt und zerstreut aufgezeichnet hatte, nach seiner Anweisung in die gehörigen Stellen seiner Hefte zusammenschrieb.

Anna hatte bemerkt, wie innig es Ernst erfreute, sie dergestalt zur Mitarbeiterin zu haben und ihre zierliche Handschrift in seiner gelehrten Arbeit zu sehen. Weil sie ihm nun diese Freude nicht nehmen wollte, fuhr sie unermüdlich in der Mühsal fort, zu der er sie nicht ohne Pedanterie anhielt; die Arbeit war ihr insgeheim bald recht herzlich verleidet, da sie den größten Teil dessen, was sie schreiben mußte, nicht verstand. Und wenn sie viel fragte, ward er ungeduldig. –

Dem guten Frank war nun dieser Mißbrauch der schönsten blauen Augen, wie er es nannte, höchst ärgerlich und er suchte ihn nach Kräften zu hintertreiben. Wenn er aber häufig das Mädchen aus ihrer Schreiberei zu einem Abendspaziergang durch das Dorf abrufen wollte, so erwiderte Ernst nicht ohne Gereiztheit: »Es steht Anna jeden Augenblick frei, ein Amt, zu dem sie sich selbst erboten, aufzugeben. Allein solange sie dies nicht gethan, muß sie es regelmäßig und pünktlich erfüllen.« Dann wurde die Kleine wohl blutrot und begann mit einem bittenden Blick auf Frank doppelt eifrig ihre kleinen Buchstaben zu malen, so sauber und regelmäßig, als wäre Schreiben ein Stück von feiner Stickerei. Und Frank ging dann, mächtige Rauchwolken aus seiner kurzen Pfeife stoßend, unwillig zur Thüre hinaus.

Neben der Gärtnerei vereinte Anna und Frank die gemeinsame Liebe zur Musik: und am raschesten ließ sich Anna von ihrem Schreibtisch und den Philosophen hinweglocken, wann Frank das Klavier aufschlug, und sie bat, mit ihm zu singen; in der That klang der glockenhelle Sopran des jungen Mädchens nie lieblicher, als wenn er begleitet ward von dem volltönenden Basse, mit welchem Frank sie, wie ein kühner Recke mit starken Armen, über die flutenden Accorde zu tragen schien. Da tönten denn all die alten Volkslieder wieder, welche seit Jahrhunderten die deutschen Herzen erfreut und gerührt haben: und lieblich klangen oft die reinen Klänge hinaus in die sternenhelle Winternacht.

Durch fleißige Übung, erleichtert von der gleichen Geschmacksrichtung, die meistens dieselben Lieder zu Lieblingen beider machte, brachten es Anna und Frank bald so weit im Vortrage dieser Volkslieder, daß nicht nur die Hausbewohner, die alte Gertraud und Bernhard, ihr Mann, ihre Freude daran hatten, sondern zumal auch die Leute im Dorfe, wann sie an dem im Erdgeschosse gelegenen Wohnzimmer vorübergingen und aus den erleuchteten Fenstern »die Zwiegesängeln«, wie sie's nannten, der jungen Herrschaft vernahmen, stehen blieben und gar andächtig zuhörten.

Ernst blieb diesen Freuden fern. Begabung und Lust für Musik waren ihm versagt wie der Sinn für die Blumen, die nicht in seinem Zimmer gedeihen wollten, trotz Annas glücklicher Hand. Denn Blumen bedürfen der Liebe, Gleichgültigkeit läßt sie nicht aufkommen. Anna gab es nach einigen Versuchen, die er kaum beachtet hatte, auf, sein Fenster zu schmücken. Vergnügt richteten Hyacinthen und Aurikeln ihre Köpflein wieder auf, als sie Anna aus der Bücherstube forttrug. Musik aber, sagte Ernst, quäle ihn: er müsse immer grübeln, welches der Gedanke sei, der in jedem Accorde liege, und warum diese Folge der Töne gefalle, eine andere nicht, worauf Frank ihn einmal lachend fragte, ob ihn ein schönes Mädchen nicht entzücken könne, ehe er die Proportion ihrer Züge berechnet habe? Eines Abends nun hatten die beiden bereits wieder längere Zeit gesungen, als Frank mit kräftigem Anschlag die Melodie begann:

»Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt.«

Lieblich und innig stimmte Anna ein und mit besonderer Begeisterung sangen die beiden ihr schönes Lieblingslied zu Ende. Da mit dem letzten Ton erschreckte sie ein klirrendes Geräusch, eine Fensterscheibe fiel, wie von Stoß oder Wurf zerschmettert, in das Zimmer: ein entsetzter Blick zeigte Anna den einen Fensterladen aufgerissen und ein häßliches Gesicht, von feuerroten Haaren umstarrt, durch die Öffnung hereingrinsen. Frank sprang sofort zu und war im Begriff, dem Rotkopf einen Faustschlag zu versetzen, als ihn Ernst, der, ein Buch auf dem Schos, am nämlichen Fenster gesessen hatte, abhielt: »Laß sein, Frank! Ich habe es kommen sehen: es ist der rote Fritz.« – »Der Narr? Du hast es kommen sehen und nicht verhindert?« »Wer ist das, der rote Fritz?« fiel die erschrockene Anna ein. »Gleich sollt ihr es erfahren,« erwiderte Ernst; und mit einer für die anderen beiden unbegreiflichen Sanftmut, die fast wohlgefällige Freundlichkeit war, wandte er sich zu dem Eindringling, der noch immer sein Gesicht, das vor Aufregung um Mund und Nasenflügel zuckte, in das zerbrochene Fenster hereinstreckte und den unheimlich stieren Blick auf Anna heftete. »Fritz,« sagte er freundlich zu dem Blödsinnigen, »was hast du dir gedacht, als du die Musik hörtest und das Fenster zerschlugst?«

»Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein …,« antwortete der Gefragte mit den Worten des Liedes, auf Anna blickend, »Sieh mich an! … Was ging in dir vor, Fritz? Gieb Antwort!« unterbrach ihn Ernst forschend. »Verzeiht,« sagte dieser mit einem schmerzlichen Zucken der Lippen, »ich habe es nicht gethan – ich mußte es – Er hat's gethan.« »Wer?« fragte Ernst rasch. »Ach, Ihr wißt es ja, Herr! Der rote Wurm, der mir im Kopfe liegt und mir das Gehirn frißt – o, das thut so weh! Wißt Ihr's denn nicht?« fuhr er in jämmerlich klagendem Tone fort, als er Annas Auge mit Scheu und Staunen auf sich ruhen sah. »Sie sagen, ich sei bös und arm und dumm: – glaubt es nicht, schöne Königstochter! Ich bin nicht dumm: ich verstehe, was das Holz sagt, wann es im Feuer knistert, ich weiß es genau, was sich die schwarzen Binsen da unten am Mühlbach erzählen – hei, die sprechen schottisch untereinander! Und arm bin ich auch nicht: – ich habe sieben Schlösser und zwölf Burgen.« »Wo liegen sie denn, Fritz?« forschte Ernst. »In Schottland?« – »Nein, Herr, drei liegen im Feenland, Und eins im Mond, Und fünfzehn liegen im Windland. Denn wisset: ich bin des Königs von Windland Sohn. Mein Vater, der hat einmal eine rote Schlange erschlagen, die im Winter vor dem Erfrieren Schutz suchte an seinem Herdfeuer. Das war wohl schwer Unrecht: – aber was kann ich dafür? Ich war damals noch nicht geboren. Da hat mich der Schlangenkönig verflucht im Mutterleibe, seine Nichte zu rächen. Denn die rote Natter war die Tochter gewesen seiner Schwester – und ach, meine arme, arme Mutter, der haben die Schlangen ins Herz gestochen, bis sie starb. Und mir hat sich eine ums Hirn gewunden siebenmal-siebenmal und die nagt und frißt Tag und Nacht mit ihren scharfen Zähnen … das brennt …! und ich muß thun sieben Jahre lang was sie will. Aber eine wunderschöne Königstochter, die kann mich erlösen.« »– Wer ist die? Was muß sie thun?« fragte Ernst. – »– Die muß geboren sein zur Hahnenkraht in der Walpurgisnacht. Und muß ihre Wiege gewesen sein aus Eibenholz vom alten Baum, gewachsen auf der Kirchhofsmauer, wohin ein Hänfling den Samen getragen. Und den Baum muß der Blitz getroffen haben zu Sankt Johannis. Und das Königskind muß haben zwei lange, blonde Zöpfe, die reichen vom Kopf bis zum Knöchel: und muß haben die Stimme wie drei Feldlerchen und silberne Augen wie der Morgenstern,« – »Woher kennst du sie so genau?« – … »Meine Mutter, die tote, hat sie mir dreimal im Schlaf gezeigt: o, sie ist sehr schön.« – »Und was muß sie thun, dich zu erlösen?« – … »Sie darf noch nie einen Mann geküßt haben. Und zu Johannis, wann ein Gewitter und das wilde Heer kommen von Norden, da muß sie mich dreimal küssen auf meinen Mund bei dreier Blitze Strahl. Dann werd' ich schön, wie ich sein soll: der Wurm in meinem Hirn stirbt am eigenen Gift: und mir wachsen zwei wunderschöne, feuerrote Flügel und ich fahre gen Windheim mit meiner Braut, und meine Braut ist die Windsbraut …« – »Was hast du aber hier vor dem Fenster gethan?«

»Ich ging in die Felder und wollte einen Gruß bestellen, den mir mein Vetter, der Nordwind, aufgegeben hat an die alte Heideneiche: – er sagt, sie müsse sterben vor der Sonnenwende! Da hört' ich sie, die Stimme, wie von drei Feldlerchen, aus dem Hause klingen: und ich machte leise den Laden auf und sah die Windsbraut mit den silbernen Augen: und der rote Wurm zuckte und wand sich bei dem Ton ihrer Stimme und konnte mich nicht beißen, solange sie sang …«

»– Aber warum wurdest du – ich sah es wohl – plötzlich zornig und zerschlugst die Scheibe?« – »Ja, Herr, wie der Wurm meinte, er müsse sterben, – da wollte er mich verführen mit Arglist. Er riet mir, ich solle durchs Fenster springen und sie jetzt schon küssen … vor der Zeit … und da wäre doch alles verloren und ich würde nimmermehr erlöset, nimmermehr …« – »Höre,« fuhr ihn Frank an, da er fühlte, daß Anna vor Furcht und Grauen bebte, »packe dich nach Hause, du dummer Narr, und lege dich aufs Ohr, und wenn du dich noch einmal hier von uns treffen läßt, so bring' ich dir die Vernunft mit Stockprügeln bei.« – »Ich gehe schon, noch ist's nicht Zeit – noch nicht! – Ade, du schöne Königstochter!« So sprechend zog der Blödsinnige, den die feste Kraft des jüngeren Bruders einschüchterte, den Kopf zurück. Schon war er im Dunkel verschwunden.

»Schade, daß du ihn verjagt hast!« sprach Ernst bedauernd: »Ich hätte ihn gerne weiter gefragt.« »Wozu das?« rief Frank, indem er den Laden sorgfältig verriegelte. »Der Narr hat Schrecken genug erregt. Ich muß dir meinen oft ausgesprochenen Wunsch aufs eindringlichste wiederholen, – jetzt mehr denn je: laß den armen Jungen in sicheren Gewahrsam, laß ihn in die Stadt bringen, ehe er sich und anderen Schaden thut.« »Was ist's denn mit dem gräßlichen Menschen?« fragte Anna, noch immer zitternd. »Seine ganze Geschichte ist seine Geburt,« antwortete Frank. »Du hast bisher nichts davon erfahren, weil unser guter Vater eifrig besorgt war, dies wirre und unheimliche Bild deiner jungen Seele fernzuhalten. Seine Mutter war das Kohlenkäthchen, des Kohlenbrenners Hannes im Osterwalde Tochter. Das schönste Mädchen über alles Land soll sie gewesen sein: – sein Vater aber war ein reicher Laird aus Schottland, der einmal der Jagd wegen ein Jahr hier lebte und dann plötzlich verschwunden war. Als sich Käthchen von ihrem Verführer verlassen sah, verfiel sie in Trübsinn, in Irrsinn, und in einem ihrer Anfälle sprang sie mit gellendem Lachen mitten in den flammenden Meiler ihres Vaters. Furchtbar verbrannt zog man sie heraus. Sterbend genas sie des Knaben, den der alte Köhler aufzog. Bald wurde indessen offenbar, daß das Seelenleiden und vielleicht das Ende der Mutter auch des Kindes Geist zerstört hatte: er war halb blödsinnig und blieb es, trotz den Bemühungen unseres guten Vaters, ihn zu entwickeln. So ging er denn nie in die Schule, saß all sein Lebtag draußen im Walde bei den Kohlen, und sein Großvater trug redlich dazu bei, ihn vollends verrückt zu machen. Der alte Hannes bei seinen Kohlen ist nämlich ein lebendes Sagenbuch gewesen: all die alten Märchen und Geschichten, die, oft aus der Heidenzeit stammend, noch zahlreich bei uns im Munde des Volkes leben, kannte und bewahrte der greise Köhler, dessen Alter bis an hundert Jahre reichte. Der erzählte nun alle diese tolle Weisheit seinem tollen Enkel, der hierfür, und hierfür allein, das lebhafteste Interesse hatte. Der Junge hat, glaub' ich, in seinem Leben viel mehr vom wilden Jäger gehört als vom lieben Gott. Als nun der Alte gestorben war, wurde unser Vater, der eine monatliche Summe für den Verwaisten aussetzte, dessen Vormund. Nach des Vaters Tode übernahm Ernst die Pflege: man beschäftigte den roten Fritz als Hirtenbuben für die Ziegen der Gemeinde: als er aber einmal ein Zicklein an allen vier Füßen packte und in den Mühlbach schleuderte, der Mühlnixe zum Geschenk, wie er sagte, und auch sonst zahlreiche Beweise seiner Bosheit oder doch Gefährlichkeit gegeben hatte, da mußte man ihm das Amt abnehmen. Der Schulmeister beaufsichtigt ihn jetzt, aber wie schlecht er ihn beaufsichtigt, das haben wir eben gesehen: er läßt ihn nachts allein im Dorfe herumstreifen! Es ist unverantwortlich!«

»Aber warum verwahrt man den Armen nicht besser?« meinte Anna. »Daran ist sein Vormund, unser gelehrter Herr Bruder, schuld! Das ganze Dorf hat schon öfters beantragt, ihn anderswo, auf Gemeindekosten, sicher unterzubringen, Ernst hat es bisher immer zu verhindern gewußt!« – »Warum thust du das, Ernst?« – »Weil ich nicht will, daß man einen unglücklichen, harmlosen Schwärmer in die Qualen, in die Zwangsjacke eines Irrenhauses steckt. Dieser Mensch ist das Kind des Waldes: er stirbt, wenn ihr ihm die Natur, die Landschaft nehmt! Und er ist ja nur blödsinnig, nicht gefährlich: was man von seiner Bosheit und Gefährlichkeit spricht, ist von der Feigheit ersonnen,« »Das ist eben einfach nicht wahr« – entgegnete Frank. »Du überredest dich, er sei ungefährlich, du redest dich selbst in ein falsches Mitleid hinein und warum? Lediglich, weil es dich anzieht, Studien und Beobachtungen an dieser armen Seele zu machen.« »Du magst recht haben,« lächelte Ernst. »Ich gestehe, daß ich soeben mit dem größten Eifer den Eindruck der Musik auf den Blödsinnigen beobachtete: ich sah ihn den Fensterladen öffnen und beobachtete lange das Spiel seiner Züge, das euren Gesang begleitete. Zuletzt bemächtigte sich seiner ein unwiderstehlicher Antrieb: ich sah aus der Empfindung den Willen werden …« »Und hast ihn das Fenster zerschlagen und Anna erschrecken lassen?« schalt Frank sehr ärgerlich. »Anna hat offenbar einen merkwürdigen Eindruck auf ihn gemacht,« fuhr Ernst nachsinnend fort. »Wie war' es, ginge sie auf seine Wahnvorstellung ein –?« Das junge Mädchen zuckte zusammen. »Nein,« fiel Frank ein, »das wäre ein verderbliches häßliches Spiel! Vielmehr muß ich jetzt ganz entschieden auf seine Entfernung dringen. Einen gefährlichen Narren kann man nicht frei umhergehen lassen.« – »Er ist nicht gefährlich. Fürchtest du dich vor ihm, Frank?« »Du weißt, Ernst,« fuhr dieser heftig auf, »daß ich niemand fürchte: mit der roten Wildkatze würde ich auch noch fertig. Daß er aber gefährlich ist, kann ich dir durch einen Vorfall beweisen, den ich bisher verschwiegen, um euch nicht unnötigerweise zu beunruhigen. Du weißt, daß voriges Jahr unsere Holzhütte auf dem Goldacker plötzlich aufflammte und verbrannte …–« – »Jawohl – nun?« – »Wir konnten uns niemals die Entstehung erklären: – ich weiß jetzt, daß Fritz das Feuer angelegt hat.« – »Woher weißt du das?« – »Als ich neulich spät abends von der Stadt nach Hause ging, bemerkte ich plötzlich an ungewohnter Stelle ein rotes Licht, das sich flüchtig hin und her bewegte. Leise eilte ich näher und sah den Narren, der mit einem langen, brennenden Kienspan wie besessen um unsere Aufhütte am Erlenwalde herumtanzte: endlich schleuderte er den Brand auf das Dach, wo er augenblicklich auf der dichten Schneelage erlosch. Ich sprang hinzu und packte ihn beim Arm: er erkannte mich nicht: ›Laß los,‹ schrie er, ›Feuerkönig, laß los: ich kann's nicht helfen, daß es diesmal nicht brennt: hast du nicht genug an dem letzten Opfer auf dem Goldacker?‹ Da wußte ich genug und führte ihn heim: der Schulmeister, dem ich harte Vorwürfe über seine Nachlässigkeit machte, erklärte, es sei ihm unmöglich, den schlauen Narren immer zu hüten. Ich aber kann nicht länger eine lebendige Brandfackel um unsere Scheunen und Häuser herumstreifen lassen, und bitte dich herzlich, gieb deine Einwilligung zu seiner Entfernung.« »Ich werde mich hüten,« lächelte Ernst. »Ich arbeite gerade jetzt in der Seelenlehre: und da ist mir mein Pflegling unentbehrlich; macht ihr keine Musik mehr, so werden uns keine Fenster mehr zerschlagen. Fritz bleibt frei und im Dorfe.« Ernst bemerkte den ängstlich-flehenden Blick Annas nicht: »Ist es dein letztes Wort?« frug Frank kurz, – »Mein letztes.« – »Gut, wenn du es gegenüber Anna verantworten kannst, namentlich aber gegenüber deinem Pflegling selbst, so soll er bleiben. Du, Anna, versprichst mir aber, nie mehr allein aus dem Hause zu gehen und dir, Ernst, sage ich voraus, daß ich bei dem nächsten Angriff auf ihre Sicherheit deinen Pflegling zusammenschießen werde wie einen tollen Hund. Dann mag sich der Philosoph wundern und der Vormund beklagen, soviel er will. Gut' Nacht, Anna.«

Mit diesen Worten ging Frank zürnend aus dem Zimmer. Ernst sah ihm schweigend nach. »Der Hitzkopf!« sprach er dann ruhig – »aber er meint es gut: sei ihm nicht böse, Anna! gute Nacht.« Und er nahm sein Licht und ging.

Anna fühlte sich verstimmt. Es war das erste Mal gewesen, daß ihr herzliches Zusammenleben unschön gestört worden war. Sie wunderte sich, wie Ernst glauben konnte, sie zürne auf Frank, da sie doch diesem vollständig recht gab und mit warmem Dankgefühl seine treue Sorge für sie erkannte; sie konnte nicht umhin, Ernst einer gewissen Selbstsucht anzuklagen und ging betrübt zu Bett.

Bald jedoch war unter den drei guten liebevollen Menschen die Spannung verschwunden. Franks treue Seele kannte nachtragenden Ärger nicht und rasch hatte er in seinem mühevollen; kräftigen Leben die Erinnerung an jenen Abend verloren. –

Nicht aber hatte die dunkle Seele des Narren des lichten Schimmers vergessen, der sie damals gestreift; er umkreiste allnächtlich in scheuer und doch unwiderstehlicher Sehnsucht das Haus, das für den Unseligen eine phantastische, thörichte Hoffnung der Erlösung enthielt; er hatte die Fenster von Annas Schlafzimmer im ersten Stock erkundet oder erraten; und oft saß er in kalter Sturmnacht im Dunkel unter einem der Ulmenbäume an der Gartenmauer oder auf dem Zaun des Feldwegs und starrte mit geduldiger Erwartung in die Richtung jener Fenster, bis sie plötzlich auf kurze Zeit erleuchtet wurden, wann Anna aus der Wohnstube in ihr Schlafzimmer ging; und das reine Kind ahnte nicht, daß, während sie ihre blonden Zöpfe aufflocht und ihr Nachtgebet sprach, zwei brennende Augen mit wahnsinniger Leidenschaft jede Bewegung ihres Schattens an den Vorhängen verfolgten. Wann die Fenster wieder dunkel geworden, sprang der Narr auf, warf eine Kußhand in die Nachtluft und sprach im Heimgehen: »Schlaft wohl, ihr silbernen Augen; leb wohl, du Königstöchterlein, wann die Zeit gekommen, wirst du mich erlösen.«

*

III.

Frühlingsfreuden.

Und allmählich zog nun der Frühling in das Land. Schon waren die Felder vom Eise befreit: nur an wenigen von der Sonne abgelegenen Stellen lag noch hier und da ein Restchen veralteten Schnees: – die Äcker zeigten die braunen Schollen wieder, aus denen feuchter Brodem aufstieg, wann die Sonne darauf schien; schon waren die Tage merklich gewachsen und die Dorfkirchglocke läutete wieder zu späterer Stunde zum Abendgebet. Die Primeln und Schlüsselblumen begannen zu blühen, bald schossen die ersten Schwalben zwitschernd über das Dorf, mancher frühe Schmetterling, manch' eifriges Bienchen flog im Mittagssonnenschein über die ergrünenden Wiesen, jubelnd begrüßt von den Kindern, die nun wieder gar lustig den Weg zur Schule in frohen Seitenwanderungen verlängerten und nach der Schule stundenlang vor den Häusern spielten, wo die Leute auf den Bänken saßen in der Dämmerung und ihnen zusahen; vollständig galt aber der Sieg des Frühlings für entschieden, als ein gravitätisches Storchenpaar über das Dorf hingestrichen kam und nach kurzer Auswahl auf dem Wohnhaus der Brüder Reichhart sein Nest zu bauen begann, was, wie männiglich weiß, eine Hochzeit im Hause bedeutet.

Die veränderte Jahreszeit führte notwendig auch Veränderungen in der Lebensweise unserer Freunde herbei. Frank, dessen Arbeit nun erst recht begann, war jetzt immer zu Hause, d.h. auf den Feldern in der Nähe des Gutes beschäftigt: und er arbeitete diesmal mit einem Eifer und Geschick, daß es eine Lust war, seiner Thätigkeit zuzuschauen. Diese Lust empfand und genoß Anna in hohem Grade. Frank hatte recht gehabt, als er Ernst an dem ersten schönen Märzentag, da er Anna die Winterfenster abnehmen half und die warme Frühlingsluft durch alle Zimmer streichen ließ, scherzend zurief: »Herr Bruder, – nun ist dein und des Winters Reich zu Ende. Der Frühling und ich regieren jetzt: nun wollen wir die kleine Philosophin vom Geist zu der Natur zurückbekehren.« In der That wurde es so, Anna war nur wenig mehr im Hause und mit Ernst zusammen: der Garten und die Felder waren jetzt ihre Welt: jubelnd trug sie ihre geliebten Blumen aus dem Treibhaus ins Freie und mühte sich stundenlang mit der Umpflanzung in die Beete, wobei ihr der alte Bernhard getreulich half. War das Gartentagwerk bestellt, so eilte sie, Frank aufzusuchen, der irgendwo in den Feldern oder im Walde oder an dem Mühlbach die Arbeiten leitete und rüstig selbst mit Hand anlegte. Ernst konnte diese ihre Freuden und Gänge nicht teilen. Er kränkelte: er hatte sich im Winter übermäßig angestrengt und im Eifer, sein philosophisches Werk rascher zu fördern, seinem Körper zu viel zugemutet; nur selten konnte er im wärmsten Mittag sein Zimmer auf eine Stunde verlassen.

Lange hielt Anna getreulich bei ihm aus, lesend oder schreibend in der dumpfen Luft seiner Bibliothek, deren Fenster er nicht öffnen ließ. Es war ihr aber ein hartes Opfer und mancher sehnsüchtige Seufzer mußte erstickt werden, wann sie die helle Sonne draußen auf den Bäumen glitzern sah und der fröhliche Fink auf dem Kirschbaum vor dem Fenster seine schmetternden Schläge wirbelte. Dazu kam noch, daß Ernst, durch seine Kränklichkeit verstimmt, ihr nicht mehr ganz wie sonst ein anregender und erfreulicher Gesellschafter war. Zuweilen fand sie ihn durch Kleinigkeiten über Gebühr gereizt: das machte ihr Beisammensein nicht mehr so rückhaltlos und vertraulich wie früher und oft sehnte sie sich mit Seufzen hinaus ins Freie.

Ernst bemerkte dies nicht, wohl aber Frank: und von dem Augenblick an, da er erkannt hatte, daß das gelehrte Stubenleben der Kleinen allmählich zur Last geworden, begann er, jedoch mit seinem Takt ganz sacht, um weder dem Bruder noch Anna seine Absicht fühlen zu lassen, die letztere immer mehr und mehr für sich in Anspruch zu nehmen und ihr Leben ins Freie, in die Natur zu verpflanzen. Er erklärte, die alte Gertraud reiche nicht aus, die große Anzahl von Mägden und Tagelöhnerinnen, die er wegen der beginnenden Feldarbeiten mieten mußte, zu überwachen und zu versorgen; er richtete eine zweite Küche auf einem zum Gute gehörenden Vorwerk ein und stellte der Kleinen die Notwendigkeit vor, dort vormittags mit Hand anzulegen, eine Pflicht, die Anna mit Freuden, Geschick und Lieblichkeit erfüllte. Eifrig wanderte sie nun schon frühmorgens mit einem Korbe voll Küchengerätes hinüber nach dem Vorwerk, verteilte und ordnete die Arbeiten des weiblichen Gesindes, machte die Auszahlungen, hatte für jeden Knecht und jede Magd ein passendes Wort des Wohlwollens, zeigte für jede Verrichtung freundliche Teilnahme und gewann in kurzem die Liebe der Leute in dem Grade, daß diese selbst erklärten, unter Annas Augen noch einmal so leicht zu arbeiten, wie denn Frank behauptete, daß alles gedeihe, wo sie Hand anlege. Sie mußte ihn daher fast immer begleiten, und alles, was er vornahm, einweihen, wie er sagte. Wurde ein Feld neu besät, so mußte Anna die erste Scholle wenden und die ersten Körner streuen; wurde eine Wiese umgestochen oder ein Damm gegraben, so mußte sie die ersten Spatenstiche thun; wurde eine Scheune gebaut, so mußte Anna die ersten Hammerschläge führen. Das that sie denn immer mit ebensoviel Anmut als Wohlgefallen. So kamen die beiden oft den ganzen Tag nicht nach Hause, die Leute waren sehr erfreut, wenn sie das bescheidene Feldmahl mit ihnen teilten; dann, gegen Abend, pflegte Anna den Freund auf seinem Rundgang durch alle Arbeitstätten zu begleiten, wo er überall mit den Leuten kurz und treffend das Nötige besprach. Mit Freuden entnahm sie aus den Reden und Thaten der Arbeiter, wie hoch sie alle Frank in Ehren hielten, als den tüchtigsten Landwirt und den trefflichsten Mann in der Gegend: dankbar wußte sie zu schätzen, mit welch unerschöpflichem Verständnis er alle ihre kleinen Fragen über die tausend Rätsel, die das Naturleben ihrer regen Phantasie aufgab und die sie dann an ihn richtete, immer reich belehrend – und doch nie pedantisch! – zu beantworten wußte. Auf diesen einsamen Feldwegen, wann sie den Sonnenuntergang von einem Hügel aus beobachtet hatten und nun in der Dämmerung durch die Wiesen nach Hause gingen, lernte sie das reiche Gemüt, die verhaltene, aber desto tiefere Innigkeit seiner Empfindung, die sich stets nur in kurzen Worten äußerte, immer mehr kennen und lieben. Und dies Zusammenleben mit Frank und der Natur brachte eine glückliche Stimmung harmloser Heiterkeit über sie: ihre Seele, während des Winters etwas strenge geschult, erging sich wieder in fröhlicher Freiheit. Auch äußerlich war dies sichtbar: ihre Augen blitzten in Munterkeit, ihre Wangen, die der Winter und das Schreiben gebleicht hatten, überflog ein gesundes Rot, ihre Formen füllten sich: geflügelt wurde ihr Gang, kräftiger ihre Stimme und ihr liebliches Lachen tönte häufiger und lauter.

Dies Aufblühen Annas war so sichtlich, daß auch Ernst die Veränderung und deren Grund: ein gesunderes Leben, wahrnehmen mußte. Er war darüber so erfreut, daß er gegen die umgewandelten Beschäftigungen Annas nichts einwenden mochte und sie stillschweigend ihres Amtes als Schreiberin, das sie in letzter Zeit ohnehin gar kläglich versäumt hatte, gänzlich enthob. Nicht ohne einen Seufzer schob er ihren Stuhl von der Stelle an seinem Schreibtisch, die er den Winter über eingenommen und fuhr fort, da weiter zu schreiben, wo sie mitten im Satz aufgehört hatte, von Frank abgerufen, um die erste Kleesaat bestellen zu helfen.

Übrigens empfand Ernst nicht, daß eine Entfremdung oder Erkältung zwischen ihm und Anna stattgehabt hätte. Es fiel ihm nicht ein, eifersüchtig auf Frank zu werden: er selbst hielt Anna mit immer gleichmäßiger ruhiger Neigung, der einzigen und höchsten, deren er fähig war, umschlossen und betrachtete sie, da er stets mit Rührung des Testamentes seines Vaters gedachte, als ihm durch Vermächtnis zugewendet und zugehörig. Und wenn er auch noch immer in Annas Herzen keine Liebe für sich sah, so beunruhigte ihn dies nicht im mindesten: er hatte sich so ganz an den Gedanken gewöhnt, ihre Freundschaft allmählich in Liebe übergehen zu sehen, daß er nie daran dachte, dieser Übergang könnte ausbleiben. – Es wurde ihm nicht schwer, seine stille, ideale Neigung ganz in sich zu verschließen und weder Anna noch sein Bruder ahnten deren Bestehen.

So war der Mai herangekommen: ein wunderschöner erster Mai. Hell blühten bereits die Frührosen, die Anna in den Gartenbeeten gepflanzt, und lieblich drangen die Düfte der blühenden Spalierbäume, lieblich klang der fröhliche Vogelgesang in Ernsts Bibliothekzimmer, dessen Fenster offen standen. Er selbst lehnte, vom Vorhang verborgen, an der Fensterbrüstung, den Phädros des Platon in der Hand, und blickte sinnend über das Buch hinweg in den blühenden Garten.

Da kam Anna, ein Liedchen trällernd, mit einem großen Rosenstrauß in einer Vase, herein, stellte ihr duftiges Geschenk auf Ernstens Schreibtisch, warf das Köpflein zurück, um zu sehen, wie sich unter all den Folianten die Blumen ausnahmen und wollte, ohne Ernst gesehen zu haben, wieder hinaus, indem sie leise vor sich hin sang:

»Himmelhochjauchzend, zum Tode betrübt,
Glücklich allein ist die Seele, die liebt.«

Da rief sie Ernst beim Namen und trat aus den Vorhängen.

»Schönen Dank, liebe Anna! für deine Blumen.«

»Sie sind von meinen schönsten! – Du sollst doch auch wissen, daß heute der erste Mai ist, du Einsiedler! Wie siehst du wieder so traurig und bleich aus!«

»Bleich? Das mag sein. Aber nicht traurig, nur ernst. Weißt du, woran ich eben dachte, als du kamst?«

– »Nun?« – »Ich dachte, als ich vom Fenster aus die vielen Blumen im Garten sah, wie viele heute, am Ehrentag des Frühlings, schon wieder verwelkt sind, und wie thöricht die Menschen sind, die das Glück so eifrig suchen, das so bald verwelkt.« – »Daran hab' ich noch nie gedacht, wann ich meine Blumen ansah. Was sollen die Menschen sonst suchen, wenn nicht das Glück? Doch nicht bloß das Wissen?«

»Nein,« sprach Ernst feierlich: »den Frieden!«

»Den Frieden? Was ist Friede?«

»Jener Standpunkt der Weltanschauung oder richtiger – jene immer gleichmäßige Stimmung der Seele, in welcher dem Menschen zur lebendigen Überzeugung geworden ist, daß es auf Freude und Trauer, diese flüchtigen Feuerfunken, nicht ankömmt, sondern auf jene milde und ernste Klarheit, welche, wie die Sterne, ein segenvolles, sanftes, niemals verderbliches Licht verbreitet. Es gilt, im Innern die gleichmäßige Ruhe eines glatten Wasserspiegels zu gewinnen, der die Welt rein wiederstrahlt, auch nach einem Steinwurf von außen bald die zitternde Bewegung verliert und die frühere klare Stille wiedergewinnt: – das ist Friede.« »Das ist das Glück eines Gottes, nicht eines Menschen,« meinte Anna. »Es bleibt uns ja immer,« fuhr Ernst fort, indem sein dunkelbraunes Auge sinnend auf dem schönen Mädchen vor ihm ruhte – »die Sehnsucht nach jenen ewig gleichen immer leuchtenden Anschauungen, wie mein Platon sagt. Und die Seele, die einmal liebend in das Reich des ewigen Gedankens, in diesen Sternenhimmel hinübergeblickt hat, kann nimmermehr volle ungetrübte Freude finden an den Rosen dieses Erdenglückes, wären sie auch noch so schön. Ja, man kömmt dazu, diese Rosen als verführende Irrlichter, die vom Pfade des Friedens ablocken, zu betrachten.«

»O ihr armen Rosen!« lächelte Anna, die heute nicht Lust zu haben schien, zu philosophieren. »Jetzt glaub' ich wohl, daß meine Blumen nicht in deiner Nähe gedeihen konnten: – du betrachtest sie mit Argwohn und Verachtung.« – »Nicht meine Schuld: – warum welken sie so bald!« – »Ach was! Darum pflückt man die Rosen, daß sie uns schmücken und erfreuen, und wann sie dahin sind, pflückt man neue. Deine stolzen Sterne kann man doch nicht vom Himmel nehmen – und wenn man die Blumen ins Wasser stellt und hübsch sorglich pflegt, kann man sie lange, lange erhalten: das thust du aber nicht und darum verdienst du auch gar keine Rosen.« – »Und was hat man davon, wenn man wirklich immer einen Wechsel von freudigen Momenten sich erhält?« – »Dann ist das Leben ein Rosenkranz, und das ist auch nicht übel.«

Ernst wollte erwidern, – da trat Frank eilig ins Zimmer. »Wo steckst du, Anna? Ich suche dich im ganzen Garten! Hier? Bei den Büchern? Ich wollte dir sagen, daß sie drüben in Rosenau das Maifest halten; sie haben einen prächtigen Maibaum aufgerichtet und heute Abend wird getanzt. Unsere Knechte und Mägde fahren alle hinüber, drei Leiterwagen voll: – und da wollt' ich die ehrsame Jungfrau Anna Reichhart gebeten haben, auch mit hinüberzugehen und meine Maikönigin zu werden nach altem Thüringer Brauch,« – und er machte einen fröhlichen Kratzfuß und schwenkte seinen grünen Hut. »Maifest? Tanzen? Ja, da bin ich dabei!« rief Anna. »Gleich will ich mich anziehen.« »Nichts anziehen,« sagte Frank. »Du bleibst, wie du bist:– dein rosa Sommerkleid steht dir am besten – die Zöpfe kannst du etwas höher binden: – derweilen sorge ich dir für einen Blumenkranz ins Haar.«

Rasch war Anna zur Thüre hinaus; – Frank wollte ihr folgen; an der Schwelle wandte er sich um und fragte den Bruder, der mit dem Rücken an den Bücherschrank gelehnt, die Arme verschränkt, zugesehen hatte: »Kommst du nicht mit, Ernst?« – »Danke! Du weißt, ich kann die vielen Menschen und den Lärm nicht vertragen; und auch die Nachtluft nicht: – denn ihr kommt wohl spät zurück?«

»Vor Mitternacht nicht! Nun leb' wohl!« und fort war er. Jetzt wurde es lebendig auf dem Vorplatz vor dem Hause. Ernst trat an ein anderes Fenster, das auf die Straße ging und sah hinunter: drei Leiterwagen, mit Kränzen und Bändern geschmückt, fuhren vor; auch die Pferde, die sie zogen, waren mit Blumen geziert. Die Knechte und Mägde, im Sonntagsstaat, sprangen mit Scherzen und Lachen hinauf und stellten und setzten sich in dem leichten Fuhrwerk zurecht. In dem einen Wagen fingen sie an zu singen:

»Heraus aus den Stuben
Ihr Mädels, ihr Buben,
Juchheisatrara!

Der Schnee ist verschwommen,
Der Frühling ist gekommen,
Der Maien ist da!«

Da trat Anna aus der Hausthür, einen Kranz von Blauglocken und roten Rosen im Haar. Wunderhold sah sie aus mit den vor Freude geröteten Wangen: als sie Frank mit kräftigen Armen auf den Wagen schwang, dann selbst hinaufsprang und einem Knecht Zügel und Peitsche abnahm, jubelte das Gesinde vor stolzer Freude, daß die junge Herrschaft ihr Fest teilen würde. Noch einmal winkte sie grüßend zu Ernst hinauf: dann knallte die Peitsche und vorwärts flogen die drei Gespanne, Frank und Anna vorauf, mit fliegenden Bändern und Kränzen. Ernst sah ihnen nach bis zur Krümmung der Straße, dann schloß er das Fenster und setzte sich zu seinem Platon an den Schreibtisch, nicht ohne einen Seufzer und einen Blick auf die Rosen in der Vase. –

In Rosenau angekommen, fanden die Goldenauer schon eine fröhliche Menge versammelt. Die Gutsbesitzer, Pächter, Bauern und das Gesinde der ganzen Gegend hatten sich eingefunden und einstimmig wurde Anna zur Maienkönigin, Frank zum Maienritter gewählt. Dann wurde vorerst ein großer Ringeltanz um den stattlich geputzten Maibaum aufgeführt: Frank mußte eine Flasche Weines am Stamm des Maibaums zerschlagen und den Rasen damit besprengen, damit »der gute Maien wachse«, wie es in dem alten Liede hieß, das dazu gesungen ward: aber Anna mußte einen Blumenstrauß, eine Schale Milch und eine Handvoll Klee »für den Maien stiften«. Dann strömte der Zug in den Wirtsgarten, die Musikanten spielten auf und der Tanz hob an! Anna mußte mit Frank den Reigen beginnen: auch den zweiten Tanz gab sie ihm gern und den dritten; – als er aber auch den vierten und alle andern begehrte, bedeutete sie ihm mit schelmischer Ernsthaftigkeit, daß sich das nicht schicke: zudem müsse sie doch auch mit den Bauern tanzen, die meinten sonst gar, sie wäre stolz Frank sah das denn auch ein und gab nach: und er hatte es nicht zu bereuen; denn so oft er ihr Auge suchte, fand er darin eine strahlende Antwort und oft nickte sie ihm gar holdselig zu, wenn sie sich im Tanze begegneten: und als zuletzt ein Mädelstanz gemacht wurde, zu dem sich die Mädchen ihre Tänzer wählten, kam sie mit strahlendem Angesicht auf ihn zugehüpft, machte einen feierlichen Knix und sagte lächelnd: »Ich muß mich eilen, den Herrn Vetter zu holen, sonst schnappen mir ihn die andern weg.« Als sie nun aber im raschen Takte dahinbrausten, sagte sie mit inniger Stimme leise zu dem Glücklichen: »Höre, du guter, lieber Frank, wie kann ich dir danken für den heutigen Tag! Du hast mir eine große, große Freude gemacht.« Da konnte sich Frank vor Liebe und Wonne nicht mehr fassen; mitten im Tanz schwang er mit einem lauten Jauchzer das erschrockene Mädchen ein paar Fuß vom Boden in die Höhe, fing sie mit sicheren Armen wieder an seiner Brust auf und tanzte im Takte mit ihr weiter unter dem Jubel und Gelächter aller, die es gesehen. Das war aber der Kleinen allzuviel; bestürzt und beschämt sah sie vor sich nieder und als er sie im Fortgehen vom Tanzboden zu ihrem Wagen fragte: »Hast mich denn lieb?« antwortete sie, ohne ihn anzusehen, nur kurz: »Das weißt du ja längst, daß ich dich lieb habe;« und als er ihre Hand drückte und dringender forschte: »Ja, aber so recht, so besonders lieb?« da antwortete sie gar nicht mehr und sprach mit den Mädchen, die neben ihr standen. –

Frank war verdutzt; aber noch im Nachhausefahren merkte er, daß sie ihm nicht böse war; sie ließ sich in den Mantel wickeln, den er für sie mitgebracht und schmiegte vertraulich das müde Köpfchen an seine linke Schulter, indes er mit sicherer Hand die Pferde lenkte.

Wunderschön war die Maiennacht; ihr Weg ging durch blühende Felder und Gärten; der Flieder duftete berauschend süß und der leise Nachtwind führte ihnen oft ganze Wolken von plötzlichem Wohlgeruch zu. Als sie Goldenau nahe kamen, sang im Hagedorn eine Nachtigall: Frank, der des Mädchens ruhigen gleichmäßigen Atem an seiner Wange fühlte, dachte, sie habe geschlafen; als er genauer zusah, sie zu wecken, sah er aber zwei liebevolle Augen mit aller Innigkeit auf die seinen gerichtet. Ohne zu sprechen, wies er mit der Peitsche nach der Richtung, wo der holde Vogel sang: und Anna, ohne die Augen von ihm zu wenden, nickte ihm schweigend zu.

Es war Gesinde mit im Wagen und Frank mußte sich begnügen, unter dem Mantel ihre Hand zu fassen, sie drückte die seine und zog die Hand wieder zurück; aber Frank war nicht besorgt darüber.

Und nun hielten sie in Goldenau und stiegen vom Wagen. Es war lange nach Mitternacht; Frank winkte dem Gesinde, so still als möglich auszuspannen und auseinanderzugehen, um den schlafenden Ernst nicht zu wecken. Als er sich nach Anna umsah, ihr gute Nacht zu sagen, war sie schon verschwunden. »Sie wollte den Abschied vermeiden,« dachte er, »nun gut, morgen, morgen sehe ich dich ja wieder.«

*

IV.

Ein Gewitter.

Wohl sahen sich die beiden am anderen Morgen wieder, aber umsonst suchte Frank nach dem Blicke, nach dem Tone von gestern. Ein tiefes Mädchenherz ist ein gar seltsam scheu Ding: solang es sich seines Gefühls nicht ganz bewußt geworden, fürchtet es sich vor der gewaltigen, fremden Macht, die es dunkel in sich anwachsen sieht. Anna war erschreckt durch den stürmischen Ausbruch, den sie gestern an Frank erfahren: noch war ihre Empfindung nicht gereift genug, eine gewisse schämige Bangigkeit zu überwinden; sie wußte nichts und wollte nichts davon wissen, daß sie Frank anders als bisher liebe; sie wehrte sich gegen die drohende Umwandlung, die sie ahnte. Sie vermied es daher möglichst, mit ihm allein zu sein oder doch auf den zärtlichen Ton jener Nacht wieder einzugehen; dies gelang ihr um so leichter, als sie nun wieder längere Zeit bei Ernst zubrachte, dessen Kränklichkeit zugenommen und ihn sogar eine Woche auf das Lager geworfen hatte. Sie pflegte ihn mit liebevollster Sorgfalt und wurde dadurch von Frank ferngehalten, der jetzt den ganzen Tag in den Feldern zubrachte. Nach einigen deutlichen Versuchen, jenen Faden wieder anzuknüpfen, denen Anna mit einer ihm unbegreiflichen Erschrockenheit auswich, vergrub er seine Enttäuschung mit Schmerz und Schweigen in sich. »Gespielt kann sie nicht mit dir haben, dazu ist sie viel zu gut,« dachte er, »und zu rein. Also hast du dir etwas eingebildet, was nicht wahr ist. Sie hat mir auch im Grunde kein Recht gegeben, was anderes zu hoffen. Was hat sie denn gethan? Zum Tanze hat sie mich gewählt – nun, ich war ihr einziger Freund in Rosenau – und hat mir für den lustigen Tag gedankt: und daß ich sie in die Höhe schutzte, konnte sie nicht verhindern: und gesagt hat sie nichts auf meine Frage, als daß sie mich lieb habe, wie ich längst wisse. Und was weiß ich denn längst? Nichts, als daß sie uns beide gern leiden mag: und mich vielleicht nicht einmal so wie den Bruder, der's freilich auch mehr verdient … Aber angesehen hat sie mich doch mit einem … – ach! was sind Blicke? Ich war eben ein Thor und es geschieht mir recht, daß ich bestraft werde für meine Einbildung.« So suchte sich die bescheidene, treue Seele zu beschwichtigen: es gelang ihm aber schlecht, und immer fiel ihm die Nachtigall ein, die also umsonst gesungen haben sollte! – Er schaffte mit doppelter Thätigkeit im Felde, um den Schmerz loszuwerden und es war ihm ganz recht, daß eine große Dammarbeit am Teich, wo der Mühlbach mündete, gerade jetzt alle seine Kraft und Geschicklichkeit in Anspruch nahm.

Ernst aber, der in seiner Krankheit die schöne Weiblichkeit Annas wieder von ihrer gewinnendsten Seite kennen gelernt hatte, beschloß, nach seiner Wiederherstellung bei nächster Gelegenheit sich zu erklären und dadurch Annas unbewußte Neigung, die er sicher voraussetzte, ihr selbst zum Bewußtsein zu bringen. Mit freudig-bedächtiger Wahl hatte er den Geburtstag Annas, den ersten Juli, zum Tage seiner Erklärung bestimmt; und nicht ohne Wohlgefallen berechnete er, daß bis dahin der erste Band seines gelehrten Werkes, das Ergebnis jahrelangen Fleißes, die Presse würde verlassen haben. Das giebt so, dachte er, einen recht schönen Abschnitt in meinem Leben, die vollendete Arbeit findet gleich ihren Lohn.

Mit solchen Gedanken war es, daß er am Johannistage die Geliebte zu einem Nachmittagsspaziergang um den Teich aufforderte. Es war ein drückend heißer Tag gewesen; lange war kein Regen gefallen und dort am tiefen Teiche war die Luft immer am frischesten. Anna sagte gern zu, warf ihren Strohhut mit dem breiten Rande auf den Rücken, daß sie aussah wie eine Pilgerin, und sie schritten zum Gartenthor hinaus, durch die Felder auf den Teich zu.

»Es ist furchtbar schwül,« sagte Anna stehenbleibend – »und sieh, da über den Hügeln im Norden steigt ein Wetter auf.« »Ich bin den ganzen Tag gesessen und möchte noch ein wenig Luft schöpfen,« erwiderte Ernst, »wenn du aber meinst, das Wetter überrascht uns und dich fürchtest, so gehe ich allein.« »O meinetwegen!« lachte Anna. »Du weißt, ich habe die Gewitter lieb. Wenn du nicht das Naßwerden scheuest, laß uns nur weitergehen.« Und so gingen die beiden etwa zehn Minuten, und hatten ein Sommerhäuschen auf einem der Hügel, die den Teich umgaben, erreicht: da sahen sie schon die roten Blitze häufiger aus dem schwergeballten Gewölke zucken, das der Wetterwind mit rasender Eile herantrieb. Und immer heller und knatternder folgte der Donner in immer kürzeren Zwischenpausen dem Strahl; schon fielen einzelne große Tropfen auf Annas Stirn und schon erhob sich zu ihren Füßen jener kreiselnde Staubwirbel, welcher der unmittelbare Vorbote des angekommenen Gewitters ist. »Das wird wirklich ein schweres Wetter,« meinte Ernst – »wenn es nur nicht hagelt.« »Komm,« rief Anna mit lauter Stimme, um sich durch all das Geheul des Sturmes vernehmlich zu machen. »Laß uns unterstehen im Sommerhaus.« – Und sie liefen rasch in das offene Häuschen, um von dessen Schwelle aus dem prächtigen Gewitter zuzusehen, das nun schon gewaltig über ihre Häupter dahinrollte. In Strömen schoß der Regen hernieder: bald flutete das lang entbehrte Wasser von allen Seiten den ziemlich steilen Hügel, auf dem sie standen, herunter nach dem großen Teich, der vom Sturme gepeitscht und vom Wolkenbruch geschwellt hohe, schäumende Wellen warf, indessen ihnen gegenüber der düstere Osterwald im Sturme die Wipfel seiner Tannen und Buchen heulend bog; Dunkelheit umhüllte sie, nur von den Blitzen manchmal grell unterbrochen.

»Was ist das?« rief Anna plötzlich und wies nach dem Saume des Osterwaldes. Ernst blickte in der Richtung. »Ich sehe nichts,« sagte er ruhig, – »Ich hab' es deutlich bei dem letzten Blitz gesehen: – eine Gestalt, ein Mensch! Ha, siehst du: – da ist es wieder: – es kommt näher! Es scheint zu fliegen! Um Gottes willen: es ist der Narr!« »Ja, es ist der rote Fritz,« sagte Ernst rasch und nicht ohne Unruhe. »Er läuft hierher: – fasse dich.« Es war der Narr. In rasender Eile, mit tollen Sprüngen, rannte er, von dem Saume des Waldes her, über die Hügelplatte, auf das Sommerhaus zu. Er mußte eingesperrt gewesen sein und sich an dem langen weißen Leintuch herabgelassen haben, das er nun phantastisch um die Schultern geschlungen hatte; es wehte und flatterte wie zwei lange Flügel im Winde. In der Rechten trug er einen zweigabeligen Stock und so, den Kopf vorwärts gebeugt, die beiden Arme emporstreckend und hinter sich das weiße Tuch im Winde wallen lassend, jagte er immer näher heran. »O Gott, o Gott!« rief Anna. »Er kömmt: – schließ' die Thür'.« Ernst versuchte, die beiden Flügelthüren des Häusleins, die mit kleinen Ketten an der Wand befestigt waren, loszumachen; es gelang, er legte die Thüre zu, aber bevor er noch den Riegel vorschieben konnte, fühlte er einen starken Ruck von außen; auf sprang die Thür und vor der Schwelle stand, grell vom Blitz beleuchtet, der Narr; sein gellendes Lachen übertönte den Donnerschlag, der sein Erscheinen begleitete. Mit Entsetzen klammerte sich das Mädchen an Ernst und suchte sich zu verbergen.

»Was willst du hier, Fritz? Zurück!« rief ihm Ernst mit Strenge zu. »Was ich suche, was ich will?« schrie der Narr und strich mit beiden Händen das rote starrende Haar aus den Schläfen. »Die schöne Königstochter will ich, meine Braut, meine Erlöserin! Heut' ist der Tag und dies ist die Stunde und ein Wetter ist kommen von Norden. Sie haben mich eingesperrt, auf daß ich die Stunde vergäße: – aber der Donner hat mich gerufen und der Blitz hat mir gewinkt und mein Vater hat mir den treuen Nordwind geschickt: der hat mich hierher getragen auf seinen Flügeln. O, ich sehe dich! – Verbirg dich nicht, schönste Prinzessin mit den goldenen Zöpfen! Der Wurm ist glühend, glühendheiß geworden in meinem Hirn: – er brennt und beißt wie nie zuvor; er weiß, heut' muß er sterben! Er thut zuletzt noch sein Ärgstes, aber bald bin ich erlöset durch deinen Kuß auf meinen Mund.« Er streckte den Arm nach ihr aus, Ernst stieß ihn zurück, – Anna schauderte. Da rollte ein krachender Donner über sie hin. »Hörst du, mein Lieb,« jauchzte der Narr, »wie sie jubeln oben in Windheim? Sie rufen uns, die Hochzeitsgäste sind da, alle da. Siehst du sie?« fuhr er fort, nach den schwarzen Wolken zeigend. »Den wilden Jäger und die Hexe vom Osterwald … und dort den Feuerriesen? Und unten am Teich steht mein geflügelter Wolf, auf dem wir einreiten in Windland: – siehst du, wie die Tannen ungeduldig ihre Köpfe schütteln? Geduld, wir kommen – wir kommen auf Flügeln! Die Windsbraut kommt.«

Und er stürzte auf Anna. Ernst trat ihm einen Schritt entgegen: aber er war der wütenden Kraft des Wahnsinnigen nicht gewachsen; Fritz gab ihm einen Stoß auf die Brust, daß er taumelnd zu Boden stürzte. Anna schrie laut auf: – aber schon hatte der Narr ihre beiden Hände, in seiner Rechten zusammendrückend, gefaßt und mit gellendem Jauchzen rannte er mit ihr, sie halb schleifend, halb zerrend, in schwindelnder Eile den steilen Hügel hinunter gerade gegen den brausenden, tiefen Teich.

Schon bespülten die ausgetretenen Wellen ihre Knöchel, schon gab sich die halbbewußtlose Anna verloren, als aus der Schiffshütte, an der sie vorbei rannten, ein donnerndes Halt! an ihr Ohr schlug. Der Tolle stutzte und wandte sich, ohne jedoch Annas Hände fahren zu lassen; im nächsten Augenblick stand Frank, der, bei der Dammarbeit vom Gewitter überrascht, in der Hütte sich geborgen hatte, an ihrer Seite. Es war ein furchtbarer Augenblick. Frank konnte es nicht wagen, sofort den Narren anzugreifen, der Anna noch völlig in der Gewalt hatte. Er trat hart an ihn heran und vorsichtig jeder seiner Bewegungen folgend, herrschte er ihm zu: »Laß das Mädchen los! Augenblicklich!« »Nein! Sie ist meine Braut!« sagte Fritz, aber seine Stimme bebte, sein Auge blinzelte scheu und seitwärts nach Frank, einen Vorteil erspähend: – offenbar fühlte er sich gegenüber diesem Gegner nicht in der früheren Überlegenheit; er vermied Franks Auge. Dieser bemerkte das und rief: »Anna, sieh mich an!« Mit unwillkürlicher Regung folgte auch der Narr diesem Gebot. Das hatte Frank gewollt: klar, ruhig und fest schaute er jetzt, ohne eine Miene zu verziehen in das unstet zuckende Auge des Wahnsinnigen, der zu zittern begann. Er fühlte, er habe seinen Meister gefunden; er war gebändigt von dem Ausdruck ruhiger Kraft, der in Franks festem Blicke lag. Sein Griff, mit dem er Annas Handgelenke umspannt hielt, wurde lockerer und er fragte mit dem Ton eines ertappten Schulknaben: »Aber, Herr, was hab' ich Euch denn gethan? Seht mich nur nicht so streng an!« – »Laß das Mädchen los und … –« Da fiel ein greller Blitzstrahl blendend in Franks Augen: er mußte sie einen Moment blinzend schließen. In diesem Einen Moment gewann der Tolle den tierischen Mut des Wahnsinns wieder.

Mit einem gellenden Schrei ließ er Annas Hände fahren, raffte ein kurzes Handbeil, das die Arbeiter hatten liegen lassen, vom Boden auf, sprang auf Frank los und schlug diesem eine tiefe Wunde in die linke Schulter gegen den Hals zu. Aber ehe er zum zweitenmal ausholen konnte, hatte ihm Frank die Waffe aus der Hand gerissen und sie sausend in alle Lüfte geschleudert. »Wart', du rote Katze, ich will dich lehren,« rief er und faßte den Tollen mit beiden Armen um den Leib. »Lauf', Anna,« rief er, »lauf' was du kannst, und rufe die Leute.« Doch Anna lief nicht; furchtbares Entsetzen lähmte ihre Glieder: laut aufschreiend rief sie um Hilfe.

Zwischen den beiden hatte ein furchtbares Ringen begonnen. Frank, obwohl dem roten Fritz an Kraft überlegen, war durch seine Wunde bedeutend geschwächt und andrerseits gab dem Narren die Wut doppelte Stärke; eine Zeitlang schien Fritz die Oberhand zu behalten. Da gelang es Frank, seine rechte Hand loszuwinden: rasch fuhr er seinem Gegner an die Kehle und preßte sie so zusammen, daß Fritz ihn mit beiden Fäusten losließ und gleich darauf rücklings niederstürzte; Frank warf sich auf ihn und rief, indem er auf seine Brust kniete, Anna zu: »Jetzt schaff' aber Hilfe: – ich kann nicht mehr!«

Und zu rechter Zeit in der That kamen einige Arbeiter, die Annas Hilfeschrei herbeigeholt: kaum hatten sie den armen Fritz, der vor ohnmächtiger Wut schäumte, biß und kratzte, an Händen und Füßen gebunden, als Frank, von dem Blutverlust und dem Schmerz übermannt, zusammenbrach mit einem letzten Blick auf Anna.

Dieser Blick traf Annas tiefste Seele, »Frank, mein Lieber, mein Frank!« wehklagte sie – »er stirbt! – Ach, mein Frank!« Mit diesen Worten fiel sie ohnmächtig über ihn; Ernst, der, bleich und verstört, nun auch herbeigeeilt war, mußte Anna ebenso wie seinen Bruder ohne Bewußtsein nach Hause zurücktragen lassen.

Das Gewitter war indessen vorübergebraust; würziger Odem stieg aus der Erde, die Vögel sangen freudig ihr Abendlied und über den lachenden Himmel war ein Regenbogen gespannt.

*

V.

Krisen

Der eiligst aus der Stadt herbeigeholte Arzt erklärte Franks Wunde, namentlich bei der großen, durch den starken Blutverlust eingetretenen Schwäche für nicht unbedenklich. »Doch hoffe ich, wir reißen ihn durch,« sagte er zu Anna, »wenn er gute Pflege hat.«

»Die wird er haben,« sprach Anna ruhig. Sowie sie wieder zu sich gekommen, schien ihr Wesen wie verwandelt; alle Aufregung, alles Entsetzen war verbannt, ihr ganzes Leben schien nur von dem einen Gedanken beherrscht: – Frank und seine Heilung. Sie war nur auf dies Ziel gerichtet; für alles andere schien sie abgestorben: auf Franks bleichen Zügen allein ruhten ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck.

Franks erste Frage an den Arzt, der ihn bald aus seiner Betäubung gebracht hatte, war: »Wie geht es dem armen Fritz? Ist er in guten Händen? Er muß sehr leiden: sorgen Sie, daß er alles Nötige hat! Daß ich nicht sterben werde, weiß ich gewiß,« setzte er mit eigentümlichem Ausdruck hinzu, – er hatte den letzten Blick und Ton Annas, ehe sein Bewußtsein schwand, noch erfaßt und in der langen Betäubung nicht vergessen. »Ich muß und werde jetzt leben: aber sorgen Sie für den armen Tollen.« Der Arzt beruhigte ihn.

Man durfte ihm, um die Aufregung zu vermeiden, erst nach einigen Tagen mitteilen, daß Fritz vom Augenblick seiner Überwältigung an in Krämpfe verfallen und nach einigen Stunden beim Dorfbader, zu dem man ihn gebracht hatte, gestorben war. Seine letzten Worte waren gewesen: »Nun fahr' ich gen Windheim und bin erlöst.« Er hatte Recht gehabt, daß an jenem Tage der rote Wurm sterben und ihn nicht mehr quälen werde. –

Auf Ernst hatte das Ereignis furchtbaren Eindruck gemacht; seine geschwächten Nerven hielten den Stoß nicht ungeschädigt aus; er mußte einige Tage das Bett hüten. Die alte Gertraud pflegte ihn: denn Anna wich weder Nacht noch Tag von Franks Seite und widerlegte alle Ermahnungen des Arztes und der Freunde, sich zu schonen, mit einem eigentümlichen Lächeln, wogegen es keine Einrede gab. Sie pflegte ihn mit jener Sorgfalt, die nur ein Weib, ein liebendes Weib kennt: mehr noch als mit ihren hilfreichen Händen durch den Blick ihres Auges, durch den Ton ihrer Stimme, durch ihre Seele. –

Und wenn er oft gar zu dankbar ihre Hand drücken, wenn er sprechen wollte, wenn seine Züge eine gewisse Aufregung zeigten, dann legte sie lächelnd und sanft einen Zeigefinger auf seine Lippen, strich ihm das Haar aus der Stirne und sagte nur das eine Wort: »Warten!« – Dann kamen ihm wohl die Thränen in die Augen, aber er schmiegte sich selig in die Kissen und flüsterte für sich: »Warten.« –

Und so gedieh er denn und genas unter ihren Händen so glücklich und leicht wie ihre Blumen: an ihrem Geburtstag schon erklärte ihn der Arzt außer aller Gefahr, dank der guten Pflege, wie er sagte. Am Tage darauf durfte Frank aufstehen und sich ans Fenster setzen, wo die helle Nachmittagssonne freundlich durch den grünen Vorhang auf das Gesimse schien. Anna saß ihm gegenüber und las ihm vor: und als er ihr sagte, es sei ihm lieber, sie lese nicht und sehe ihn nur so stille an, da that sie ihm den Willen und sah ihn nur so stille an. –

Ein paar Tage später durfte er schon an ihrem Arme durch den Garten gehen im warmen Sonnenschein und bald auch weiter in die Felder, nach den Arbeiten zu sehen, die er auch jetzt nicht aus den Gedanken verlor; aber immer an ihrem Arm schritt er: das – sagte er, – habe der Arzt als besonders heilsam verordnet.

Wenn auch unter den dreien die Veranlassung jenes Vorfalls nie besprochen wurde, vielmehr mit dem Leichnam des armen Fritz für immer begraben schien, wenn auch kein Wort des Vorwurfs einerseits, der Entschuldigung anderseits gewechselt wurde, so blieben doch die Wirkungen des Ereignisses dieselben.

Ernst fühlte sich gegen den Verstorbenen wie gegen die Lebenden im schweren Unrecht, das dadurch, daß es ihm niemand vorhielt, nicht leichter wurde. Diese nicht ausgesprochene Verzeihungsbedürftigkeit peinigte ihn sehr. Mit Schmerzen hatte er Annas Geburtstag vorübergehen sehen; – wie anders war alles geworden, wie unmöglich sein für jenen Tag bestimmtes Vorhaben! Und nun diese Genesung, diese einsamen Spaziergange der beiden, die von jenem Schrecken her nur die schöne Nachwirkung innigster Dankbarkeit empfanden! Er fühlte sich durch eine unwillkürliche Scheu von den beiden Glücklichen fern gehalten und verbrachte seine Tage freudlos über seinen Büchern. Ja, es stieg ihm zum erstenmal die Besorgnis auf, daß ihm Anna doch nicht so sicher und verbrieft sei, wie das Testament des Vaters: er fürchtete jetzt die Möglichkeit, Anna zu verlieren, an die glücklichere Natur seines Bruders zu verlieren. Ein bitteres Gefühl der Eifersucht, das einen Augenblick in ihm aufstieg, war zwar ebenso rasch von seinem edlen und starken Willen unterdrückt: allein erst jetzt, da er Anna einzubüßen fürchten mußte, erkannte er, wie so lieb sie seiner Seele geworden war. Nicht mit glühender Leidenschaft, aber mit all der innigen Idealität, deren er fähig war, hatte er das reine Geschöpf umschlossen gehalten: sie war die weiche poetische Erquickung seines mühevollen Gedankenstrebens, sie war das einzige Band gewesen, das ihn an das rosige Leben, an die menschliche Freude geknüpft hatte: – war sie verloren, so stand er allein und tot unter seinen toten Begriffen, unter seiner blutlosen Gelehrsamkeit, Er bereute es nun mit bitteren Qualen, durch seine lange Saumsal ein Glück, das er nur hätte fassen dürfen, vielleicht für immer verscherzt zu haben; er dachte an jene Winterabende, da diese junge Seele noch so ganz, so ungeteilt an ihm gehangen hatte, da er vielleicht mit einem Wort zu rechter Zeit sie hätte gewinnen mögen – und wenn er dies dachte, dann wurde ihm sehr, sehr wehe! Er beklagte seine lehrhafte Bedächtigkeit, er beklagte, daß ihm die gelehrte Gewöhnung jenes natürliche Leben, jene unmittelbaren Antriebe entzogen habe, vermöge deren er sein Los so viel freudiger hätte gestalten können. Aber er konnte niemand beschuldigen als sich selbst: – nicht jene beiden helleren Naturen, die sich unwillkürlich gefunden.

»Aber haben sie sich denn gefunden?« dachte er weiter. »Ist sie denn wirklich schon mir verloren? Verdiene ich sie nicht so gut, nicht mehr vielleicht als jener fröhliche Junge? war es nicht der Wille des Vaters? Habe ich nicht Verdienste um ihren Geist, Rechte an ihre Seele? Ich will doch noch nichts aufgeben, ehe ich es verloren sehe. Ich will mich erklären: vielleicht ist es noch Zeit und diese Annäherung der beiden beruht doch nur auf Dankbarkeit.«

Jedoch nur selten dachte er so mutig; seine Natur scheute einen harten, entscheidenden Entschluß: er liebte es, wenn ihm die Dinge von selbst zuwuchsen, ohne daß er sie handelnd zu zwingen brauchte. Und zudem sagte ihm ein banges Vorgefühl, so oft er Anna betrachtete, leise, daß sie für ihn verloren sei: was sollte er sich seinen Verlust selbst schmerzlich, unwiderleglich zur Erfahrung bringen? Und doch besorgte er dann wieder, daß jeder Tag der Zögerung, wenn ihm heute noch etwa Hoffnung bliebe, diese morgen rauben könne. Es war eine qualvolle Zeit für den armen Philosophen! –

Da erhielt er eines Tages einen Brief aus der Residenz von seinem Freund, dem Professor Konrad, dermaligem Rektor der Universität daselbst, der ihm in den ehrenvollsten Worten die allgemeine Bewunderung aussprach, die der erste Band seines »Systems der Sittenlehre« in der gelehrten Welt sich erwerbe, und ihm eröffnete, daß es nur bei ihm stehe, die erledigte Professur der Philosophie an ihrer Hochschule zu gewinnen: doch müsse er sich in drei Tagen erklären, da die Zeit dränge.

Auch dieser Brief brachte Ernst viel Zweifel und Sorge. Einerseits gedachte er getreu des letzten Wunsches seines Vaters, daß die Brüder beisammen in Goldenau wohnen sollten, Ernst insbesondere dem Treiben in der Hauptstadt fern bleiben möge: konnte er diesem geheiligten Willen entgegenhandeln? Aber andererseits war ja dieser Wunsch mit dem anderen, den der Vater bezüglich Annas gehegt, in Zusammenhang gestanden: und niemals würde dieser, hätte er gewußt, wie die Dinge geworden, ihn verurteilt haben, der Zuschauer des Liebesglückes dieses Paares zu werden. Dieser Gedankengang führte ihn zu folgendem Ergebnis: »wird Anna mein, so bleibe ich mit ihr nach des Vaters Willen in Goldenau und schlage die Professur aus: – wird Anna nicht die Meine, so ist gerade die Professur der ehrenvollste Ausweg aus einer unseligen Stellung. Aber in drei Tagen soll ich mich über die Professur entscheiden: – in drei Tagen also muß auch Anna entschieden haben!« Und er beschloß, den nächsten Tag sich dem Mädchen zu erklären.

Als er an diesem Tag erwachte, fiel es ihm schwer aufs Herz, wie ein Vorgefühl seines Unglücks. Er verschob den Schritt von Stunde zu Stunde bis in den Abend: er wartete den Jupiter am Himmel ab, der ihm stets ein lieber Stern gewesen war. – Es ist lange Tag im sonnigen Juli. – Endlich wurde der Himmel dunkel, der Jupiter ging auf.

Ernst sah zum Himmel hinauf, schritt langsam aus seiner Thür und suchte Anna in ihrem Zimmer. Das Zimmer war leer; leise ging er hinunter, sie im Garten zu suchen.

Es war eine laue, warme Sommernacht: das Jahr stand in seiner Fülle; in schweigender Üppigkeit strotzten alle Pflanzen. Er wandte sich nach Annas Lieblingsplatz im Garten, einer Geißblattlaube unter einem großen, alten Apfelbaum, dessen mächtiger Stamm die eine Wand bildete. Als er näher trat, vernahm er flüsternde Stimmen aus der Laube: es waren Franks und Annas Stimmen. Sein Herz klopfte laut: er mußte sich an das Geländer des Springbrunnens lehnen. – Er blieb stehen und lauschte.

»Meine süße, liebe Anna! Mein süßes Lieb! Ist es denn wahr? Ist es denn möglich? Ich begreife es noch nicht!« – »Und ich würd' es nicht mehr begreifen, wie es anders sein konnte!« – »Du liebst mich und bist mein? Ach, wie verdien' ich das? Aber sag' nur, wie das kommen ist? Wußtest du denn, wie lieb ich dich habe?« – »Ja, seit dem Maifest wußte ich es wohl. Weißt du noch –, die Nachtigall? Sie hat doch recht gehabt. Oh, ich habe dich schon viel früher lieb gehabt und hab's nicht gewußt! Und dann hab ich dich gequält, nicht wahr? Und bin dir ausgewichen? Aber sieh, ich konnte nicht anders: mir war so scheu ums Herz und ich schämte mich vor den Leuten. Aber als ich dein Blut stießen sah, da drüben am Teich: da war es aus mit der Scheu, da konnt' ich mich nicht mehr halten.« – »Du liebes Mädle! Oh, wenn du dort im Krankenzimmer so herzig gesagt hast, ›Warten‹, da hab' ich die Stunde im voraus empfunden, die jetzt kommen ist. Du bist ein süßes, liebes Ding! Aber was werden die Leut' sagen und Ernst? Wie wird der es aufnehmen?« – »Ernst? O, der Oute, der wird sich freuen!« – »So? Meinst du nicht, er wird eifersüchtig? Es ist mir doch manchmal vorgekommen, als ob … –« – »Der? Eifersüchtig? Oh, da irrst du dich: der weiß nichts von Lieb' und Liebesschmerzen. Hat er mir doch selber gesagt, daß er nichts hält auf die Rosen des Herzens, – der sucht nur die Sterne des Wissens.« – »Horch: – was war das?« – »Nichts: – nur der Springbrunnen dort hat gerauscht.«

Es war aber Ernst gewesen; der hatte schwer geseufzt und sich vor die Stirn geschlagen. – »Ich weiß genug,« sprach er leise vor sich hin. »Sie ahnt nichts: auch er nicht: und sie sollen auch nichts ahnen, – niemals.« Und leise ging er aus dem Garten hinauf in sein Zimmer; und eine dunkle Wolke zog über den Jupiter. In dieser Nacht rang ein starker Geist gewaltig mit einem reichen Herzen: und der Geist blieb Sieger. Es kam dem Philosophen nun zu statten, daß er seine Gedanken gestählt und zu geistigem Ringen geübt hatte: nach manchem unruhigen Gang durchs Zimmer verbrannte er unter Thränen die Nachschrift zum väterlichen Testamente samt dem Brief »an meine liebe Tochter Anna«, dessen Siegel also nur die Gluten lösen sollten, welche die Schrift verzehrten. Er blickte zu dem Bilde des Verstorbenen empor, als die Flamme die geliebte Schrift zerstörte: »Du hast es schön gemeint, Vater,« sprach er zu dem Bilde hinauf – »aber es sollte nicht sein!«

Und noch ein paar Gänge durchs Zimmer und dann las er sich selbst die schönsten Stellen aus der Schrift des Boëthius: »über die Tröstungen der Philosophie« laut vor. Da schlug die Dorfuhr Mitternacht; er hörte die beiden aus dem Garten in das Haus kommen, er hörte sie scheiden und in ihre Schlafzimmer gehen. – Auch Ernst warf sich aufs Bett, aber kein Schlaf senkte sich diese Nacht auf alle drei: sie wachten in Wonnen und er in bitteren Schmerzen, –

Am andern Morgen ließ Ernst den alten Bernhard anspannen und seinen gepackten Koffer auf den Wagen tragen. Dann trat er in das Wohnzimmer, wo Frank und Anna Hand in Hand saßen, ihn zum Frühstück erwartend: – er ging lächelnd auf sie zu und reichte Anna einen Strauß von Rosen. Aber er hatte ihn ungeschickt gebunden und sie fielen alle auseinander.

»Verzeiht, Jungfrau Braut« … Anna errötete und Frank sprang auf – »Verzeiht, ich verstehe mich schlecht auf Blumen: ich – ich wünsche euch beiden herzlich Glück.« »Bruder,« rief Frank, – »woher weißt du?« »Ich suchte euch gestern Abend, weil ich – euch etwas mitzuteilen hatte und da hab' ich euer Laubhüttenfest belauscht. Übrigens hab' ich es längst geahnt; noch einmal Glück und Segen, ihr Guten!« Seine Stimme zitterte nicht; sein Ton war heiter und da seine Augen Morgens nicht selten gerötet waren, so merkten die beiden nicht, daß er die Nacht geweint hatte; – auch waren sie viel zu sehr mit der eigenen Freude beschäftigt, um fremde Schmerzen zu entdecken.

Und nun teilte er ihnen rasch den Brief des Rektors mit und seinen darauf gefaßten Entschluß, die Professur anzunehmen, widerlegte ihre liebevollen Bitten, die ihn zurückhalten wollten, mit triftigen Gründen und nach kurzem, innigem Abschied rollte sein Wagen davon. – Er sah Annas weißes Tuch ihm Lebewohl winken, er warf noch einen Blick auf Haus und Garten, dann legte er sich zurück in die Kissen des Wagens und zerdrückte die letzten, die bittersten Thränen. –

Niemand merkte und erfuhr jemals den Kampf und die Schmerzen, die er bestanden, und lächelnd sagte Anna zu ihrem Geliebten, indem sie die Rosen Ernsts sorgfältig ins Wasser stellte: »Siehst du, daß ich gestern recht hatte? Der gute Ernst! Schön, daß mein erstes Brautgeschenk aus seiner Hand kommt!« »Ja, du hast immer recht und bist so klug als du schön bist,« sagte Frank und küßte sie und selig gingen die Brautleute hinab, ihr Glück dem Gesinde zu verkünden.

*

VI.

Ausklang.

Zehn Jahre später schrieb Ernst von Goldenau aus an seinen Freund und Kollegen Konrad in der Stadt: »So sitze ich denn wieder in Goldenau, wo ich alle Freizeiten zubringe. Es ist mir noch immer eine Heimat und unlösbar ans Herz gewachsen: rührend ist mir der Rückblick auf die Vergangenheit, aber nicht mehr schmerzlich. Es liegt ein wunderbarer Segen in der Zeit; sie macht nicht nur ruhiger, sie macht auch unparteiischer und läßt uns die Dinge klarer würdigen.

Du weißt es – du allein, nur dir hab' ich mich vertraut – mit welch' blutendem Herzen ich damals in der Stadt ankam. Du weißt, wieviel ich gelitten. Und doch, wenn ich jetzt alles erwäge, sehe ich ein, es ist besser so, wie es gekommen. Denn wenn ich hier umherschaue, sehe ich eine solche Fülle von Glück um mich her aus allen Gesichtern, aus allen Zuständen mich anlachen, sehe ich eine so gedeihliche, gesund fröhliche Welt, wie ich sie mit Anna nimmermehr gleich ergiebig zuwegegebracht hätte; und es wäre Schade, wenn auf der freudenarmen Erde nicht dieses Stück von eitel lachender Glückseligkeit läge, das Frank und Anna auf Goldenau geschaffen.

Frank ist ein gar hoch ansehnlicher Herr geworden. Er hat unser Besitztum durch Geschick, Fleiß und Glück fast auf das doppelte gebracht; er ist Landrat, Vorstand unzähliger landwirtschaftlicher Vereine, Inhaber von ein paar Dutzend Preismedaillen für Bodenverbesserung, Wiesenkultur und Viehzucht und dabei in allen seinen Würden noch immer der alte, ewig junge, fröhliche Gesell. – –

Hier hat mich der junge Erbprinz von Goldenau unterbrochen, der neunjährige Ernst, mein Pate. Er muß mit mir zu seinem herzlichen Leidwesen den Cornelius Nepos lesen. Denn der arme Junge soll durchaus studieren nach Frau Annas Wunsch. Zur Belohnung, wenn er ein Kapitel ohne Fehler analysiert hat, darf er mit seinem Vater ausreiten in die Felder. Meine heimliche Überzeugung ist, daß der Junge viel zu gescheit ist, um ein Gelehrter zu werden. Das bleibt aber unter uns, Herr Collega!

Mein Liebling jedoch ist die kleine sechsjährige Anna, die letztgeborne, die mit ihren blonden Zöpfen und blauen Augen, mit Stimme und Bewegung so ganz das Jugendbild ihrer Mutter ist, daß ich manchmal mein Herz aus dem entfernten Versuch ertappe, sich in das Kind zu verlieben. Da sie mit mir nicht Cornelius Nepos lesen muß, sondern ich ihrem Vater nach Kräften helfe, sie zu verziehen, so hat sie mich ganz unbeschreiblich lieb.

Anna ist als Frau noch schöner, denn sie als Mädchen war. Sie ist gar voll und stattlich geworden: und doch liegt die alte Lieblichkeit auf ihren wohlwollenden Zügen; sie sieht aus wie eine jugendliche Demeter, wie sie Apelles gemalt haben soll. Sie Hand in Hand mit ihren Kindern Frank durch die Kornfelder entgegenwandeln sehen, das ist ein herzerquicklicher Anblick. Kurz – alles ist hier im Gedeihen und sonnig zu sehen. Ich habe vor, nach ein paar Jahren mich wieder ganz hierher zurückzuziehen – denn hic mihi angulus terrarum praeter omnes ridet! Die Luft und die Ruhe und das ganze Wesen hier thun mir gar zu wohl. Nun noch einige Aufträge. Du weißt, daß ich, seit Frau Gertraud gestorben ist, den alten Bernhard zu mir in Dienst genommen habe. Wir hausen still und gut zusammen: nur ist er mir nicht ordentlich genug, besonders mit den Büchern! Thu' mir nur den Gefallen in meine Wohnung zu gehen und dem Alten einzuschärfen, – nochmals: es war freilich mein letztes Wort an ihn gewesen! – daß er alle Morgen die Bücher an den Wänden sorgfältig säubere. Wenn die Zimmer auch nicht bewohnt sind, Staub sammelt sich doch immer; und mich beunruhigt es hier in der Ferne, weiß ich zu Hause nicht alles reinlich bestellt. Endlich, nimm, bitte bei der Gelegenheit gleich die jüngsten Werke über Sittenlehre aus meiner Bibliothek – sie stehen im kleinen Wandschrank rechts beisammen – und schicke sie mir heraus. Denn ich werde wohl noch ein paar Monate hier bleiben und den fünften und letzten Band hier zu Ende schreiben, dabei muß ich aber nun gegen einige Ultra-Idealisten, unter andern auch gegen Kant, gewaltig zu Felde ziehen. Sie scheinen mir nämlich bisher fast alle in der Lehre vom Sittlichen zu viel Gewicht auf das Bewußte gelegt, den unwillkürlichen, unbewußten Antrieben der natürlichen Menschenanlage zu wenig Recht eingeräumt zu haben; mir ist klar geworden, daß für ein gedeihliches Leben auf die angeborene, gesunde Natur mehr ankommt, als wir Herren vom Katheder bisher meist anerkannt haben. –

Ich muß schließen; die kleine Anna ruft mir zu, die Mutter werde sehr böse, wenn ich die Suppe kalt werden lasse, und da muß ich wohl folgen … Du siehst, man kann unter dem Pantoffel stehen, und dabei nicht einmal das Vergnügen haben, zu empfinden, daß es der Pantoffel der eigenen Frau ist.

So leb denn wohl!
Dein getreuer Ernst.«

»Bhüat Gott auf die längere Zeit.«

(1870)

I.

Der Herr Lieutenant von Baumhart im königlichen ersten bayerischen Lagerbataillon zu München und sein Bursche, der Gürtler-Franz von der Fraueninsel im Chiemsee, waren – sozusagen – gute Freunde. Das will heißen: als der Herr Lieutenant noch ein Bub' war wie ein andrer auch, hatten seine Eltern Jahr um Jahr viele Wochen der herbstlichen Freizeit aus jenem poesievollen Lindeneiland verbracht und der junge Herr hatte beim Fischen – mit der Grundangel auf der »Hachel« – und bei nicht immer ganz jagdpolizeilichem Jagen auf Stockenten am »Ganszipfel« jeden Herbst den Gürtler-Franzl als besten Gehilfen, Genossen, Mitschuldigen und so denn als Freund gewonnen und erprobt.

Wie lustig war's, nach erfolgreichem Fischfang mit dem Senknetz, sich vom Ostwind Heimtreiben zu lassen an das Ufer beim Gürtlerhäusel, das, von Kletterrosen und anderm Gerank anmutig umhegt, von den aus dem See gefischten steinernen Bildsäulen des heiligen Petrus und Paulus bewacht wird: – wie es Freund Scheffel so reizvoll beschrieben hat.

Aber auch ernstere Erlebnisse verbanden die beiden Heranwachsenden. Als der Franzi sich beim Besteigen des Hochfelln beinahe »derfalln« hätte, sprang der junge Theodor rasch bei, warf sich auf die Erde, reichte beide Arme hinab und zog ihn heraus mit äußerster Gefahr, von dem Schwereren hinabgerissen zu werden. Und als im nächsten Jahr der rasende Südwest den Einbaum der beiden Knaben in das Geklipp von Chieming trieb und der Herr Theodor, da sein Ruder brach, kopfüber in den weißgrün schäumenden Gischt hinausstürzte, da warf sich der Franzi ohne Besinnen nach in die tobende Flut, haschte den Versinkenden und half ihm wieder in den Kahn. So waren sie quitt, vorläufig.

Allmählich waren nun aus den Buben junge Leute geworden: aber die alte Freundschaft blieb unverändert und auch als der Franzl in die Kompagnie des Herrn Lieutenants eintrat, seine drei Jahre abzudienen, dauerte unter den nun durch Stellung wie durch Bildung so scharf Getrennten doch eine Art von Kameradschaft fort: – wenigstens unter vier Augen; mußte auch der Offizier, wahrlich nicht aus Hochmut, nur um der Disziplin willen, streng darauf sehen, daß in Gegenwart Dritter jedes Zeichen solcher Vertraulichkeit unterblieb.

Dem guten Franzl ward es freilich nie ganz klar, weshalb der »Thedi«, der, wann sie allein waren, selbstverständlich ihn duzte und sich duzen ließ, so zornig ward, falls sein Bursche dies auch in Gegenwart anderer Offiziere oder Soldaten fortsetzte; und noch ärger war ihm, daß der Thedi dann auch ihn mit »Sie« anredete; oft drehte er sich hierbei um und sah, wer denn eigentlich damit gemeint sei, Auch das »Zu Befehl, Herr Lieutenant« statt des altgewohnten »Ja, ja, da feit si nix« Da fehlt sich nichts. ging ihm schwer ein, dem Franzl. Und noch manch andere chiemgauische Redewendung kam ihm nicht aus der Übung.

Eines Abends hatte der Herr Lieutenant seine beste Uniform angezogen und sich sorgfältig vor dem Spiegel das braune Haar gescheitelt. Der Franzl stand dabei, machte ein verschmitztes Gesicht und reichte ihm nun den Säbel zum Umschnallen.

»Bhüt dich Gott, Franzl. Und wenn jemand nach mir fragt, so sag nur, ich sei bei …«

»Dem Herrn General von Hanberg und Familie.«

»Woher weißt du das?« fragte der Offizier verwundert.

»U mei, Thedi! Dumm bin i scho. Aber so dumm, daß i dös nit mirk, so dumm san mer do nit auf der Insel.«

»Wieso? Was moanst? … was willst du damit sagen?« verbesserte sich der Lieutenant, ein wenig rot im Gesicht.

»Geh, g'stell di do nit so, Herr Leitnampt. Schau, alleweil, bal's di gar so schö scheitelst, nacher gehst zu den saubern Generalstöchterl mit de schena blau'n Augn und die gelben Haar. Is a schön's Dirndl. G'wiß is wahr. Und bal's zu der gehst, nacha bhüat di Gott auf die längere Zeit!«

Jetzt sehr erhitzt im Gesicht, fuhr der Herr den Burschen an: »Franz, du saktischer Kerl, i sag dir, ich rate Ihnen, daß Sie sich wie viele andre unpassende Reden auch dies verfluchte ›bhüat Gott auf die längere Zeit‹ abgewöhnen. Es ist das höchst unpassend für Sie und mir gegenüber.«

»A mei, Herr Thedi. Das d'jetzt a so sagst! Es hört's ja koa Mensch da! Und auf der Hachel hamm mer …«

»Wir sind nicht auf der Hachel! Und schau, Franzl,« schloß er gutherzig, »wenn du dir's nicht abgewöhnst, wann wir allein sind, kannst du's auch vor andern nicht lassen. Und das geht doch nicht. Sixt es denn gar nit ein?«

»Ja, ja, dös sich i scho. Da feit si nix …«

»›Zu Befehl‹, mußt du sagen. Erst neulich hat's der Herr Hauptmann gehört, wie du du zu mir gesagt hast, und hat mich gescholten, daß ich's leide, und dir Arrest gedroht. Also nimm dich zusammen!«

»Ja, ja, is ja recht. Feit si … Zu Befehl, Herr Leitnampt.«

*

II.

Lange waren die drei Dienstjahre des Franzl um. Er hatte geraume Zeit auf der Insel dem Vater geholfen beim Fischen, ja zuletzt dem alten Mann, dem die Gicht in den Beinen und in den Händen stak, die Arbeit ganz abgenommen: die im See und die zu Land in der Feldwies, wo das Gürtlerhaus ein paar saure Wiesen besaß.

Aber soviel Zeit ließ Fischen und Mähen dem Franzl doch, daß er gar oft am Abend in das Metzgerhäusl in Hoamgarten ging und dort am Herdfeuer seine alten Netze stickte, während die nußbraune Metzger-Nanni neben der alten Basen am Spinnrocken saß.

Und wenn die Waben Walpurga. manchmal in die Kuchl ging, nach der magern Brennsuppen für das Nachtmahl zu sehen, und wieder hereinkam, dann war es sonderbar, daß weder der Flachswocken am Spinnrad kleiner, noch das Loch im Senknetz schmaler geworden war: wohl aber hatte die Nanndl einen Kopf so rot wie die Nelke hinter ihrem Ohr.

Aber einmal an einem schwülen Julinachmittag kam der Franzl zu ganz ungewohnter Stunde an das Metzger-Haus gelaufen und schrie laut – gegen seine sonstige Weise:– »Nanndl! Waben! Metzger! Gschwind geht's außi. Gschwind!«

Und als die drei Gerufenen hastig und erschrocken auf der Steintreppe, die zur Hausthür hinanführt, erschienen, sprang der Bub', seinen Stock und sein Packl, das er zusammengeschnürt hatte, fallen lassend, die Stufen alle mit Einem Satz hinan, packte die Nanndl mit beiden Händen an beiden Wangen und küßte sie dreimal rasch nacheinander auf den Mund: – zum sprachlosen Erstaunen ihres Vaters, und allerdings zu geringerem der Waben.

»Ja, Franzi, hat di der Teifi?« Hat dich der Teufel? grollte der Alte.

»Wird scho so sein, Metzger. Krieg is, der Napoleon, der Sakraschwanz, hat angfangt. Eingrufn sam mer alle samm. Alls muaß fort, aus Mincka. München. Das Dampfschiff … hörst es? Da pfeift's scho. Woaß Gott, i muaß lafn. Aber – i hab's do der Nanndl sagen müassen. Und dir a, Metzger, bal i g'sund hoam kimm, na wirt glei gheirat. Jetzt, Nanndl, bhüat di Gott auf die längere Zeit!«

*

III.

.

Auf dem Bahnhof zu München war alles voll von Soldaten; auch Civilisten drängten heran, soweit es die rings aufgestellten Posten verstatteten, die Einschiffung des Regiments mit anzusehen, scheidenden Freunden noch einmal die Hand zu drücken: – manchem wohl zum letztenmal.

Mit frohem Mut, mit lautem Hurra sprangen die letzten Schützen in die Wagen, die sich nach grellem langen Pfiff der Lokomotive schon langfam in Bewegung setzten: die Zurückbleibenden schwenkten die Tücher: die Soldaten winkten mit den Händen aus den offenen Wagenfenstern: endlich rollte der gewaltige Zug davon.

»No,« rief da ziemlich wehmütig der Franzi, »jetzt, Minckaner Stadt, – jetzt bhüat di Gott auf die längere …«

»Wollen Sie wohl das dumme Gerede lassen, Gefreiter,« grollte die barsche Stimme des Hauptmanns. »Sie machen ja die Leute abergläubisch. Maul halten!«

»Siehst du, Franzi,« mahnte der Lieutenant. »Ich hab' dir's immer gesagt. Jetzt versprich mir, daß du das Wort nicht mehr brauchst. Versprich's. Gieb mer d' Hand drauf!«

»No, meintwegen, da feit si … zu Befehl, Herr Leitnampt.«

*

IV.

Sechs Wochen später war's – am 1. September. Heiß tobte der Hauserkampf in Bazeilles.

Zum drittenmal besetzten die Ersten Jäger das Eckhaus gegenüber der Kirche: zweimal hatten sie's schon genommen, zweimal wieder räumen müssen, um nicht von der mit Übermacht vorstoßenden Infanterie des Generals von Wimpfen, der hier seinen letzten Durchbruchsversuch machte und die Bayern in die Maas werfen wollte, abgeschnitten und gefangen zu werden.

Jetzt – es war mittags 11 Uhr – brachen die stark gelichteten blauen Scharen wieder von dem Garten der Villa Beurmann vor, auf den offenen Platz vor der Kirche: sie stürzten in das blitzende und donnernde Verderben hinein: der dunkle Qualm des brennenden Hauses, der hellweiße des Pulvers wogten durcheinander, man sah oft nicht zwei Schritt weit.

Krachend schlugen der Franzl und ein anderer Jäger die Thür des Eckhauses mit den Kolben ein, an ihnen vorüber sprang der Lieutenant mit geschwungenem Säbel als der erste über die Schwelle: kein französischer Soldat war in dem Hausgang sichtbar; nur zwei Civilisten, der eine im schwarzen Rock, der andere in der blauen Bluse standen links und rechts in den Thüren der beiden Vorderzimmer des Erdgeschosses.

»Pardon, Herr Offizier,« riefen beide in ihrer Landessprache. »Harmlose Bürger und ohne Waffen. Es ist nicht ein französischer Soldat in dem Hause.«

Aber im selben Augenblick fiel von oben, von der Treppenbiegung her, ein Schuß: die blaue Uniform eines Marinesoldaten ward sichtbar da oben.

Der Lieutenant wandte den Civilisten den Rücken und sprang eine Stufe hinan. »Ergebt euch da oben!« rief er, »Das Haus ist genommen.«

Er beugte sich vor, die unverständliche Antwort, die herunter scholl, deutlicher zu vernehmen.

Da holte der Blusenmann leise aus der Brustfalte eine Pistole und hielt sie dicht hinter den Kopf des Offiziers.

»Schaug auf, Thedi!« schrie der Franzl, sprang vor und stieß dem Blaukittel das Bajonett in die Brust.

Aber im selben Augenblick schoß der andere Civilist aus einem verborgen gehaltenen Revolver dem Franzl in die Schläfe … Der Lieutenant stach den Meuchler nieder; dann kniete er neben Franzl, während die Jäger die Treppe hinaufstürmten und dort die Soldaten gefangen nahmen.

»Franzl,« rief der Offizier, »Franzl! Wo – wo bist du verwundet?«

»Da,« – sprach der Sterbende – auf den Kopf deutend. »Es is aus! – Bals d' hoam kimmst, grüß die Nanndl – im – Metzgerhaus – und jetzt – bhüat Gott auf die längere Zeit!«