Adam Mensch

I.

Es gab gerade die Zeit um die vierte und
fünfte Nachmittagsstunde an einem Märztage. Der
Wirth vom Café Caesar stand hinter dem Buffet
und zählte Geld. Das Klimpern und Klirren der
Metallstücke klang deutlich zu dem Tische herüber,
an dem Herr Dr. Adam Mensch und Herr Referendar
Clemens von Bodenburg saßen. Bodenburg zog sich jetzt
hinter den Figaro zurück. Nur ein paar Gäste noch
lebten da und dort im Lokal herum. Der Verkehr
war im Ganzen geringfügig um diese Stunde.

Adam Mensch trank den letzten Schluck seines
cognacgemischten Kaffees aus und rückte seiner Börse
auf den Leib.

„Kellner!“

„Herr Doctor!“

„Bitte zahlen!“

„Jawohl!“

Der Kellner kam herangelaufen.

„Ein Kaffee — schwarz — und einen Cognac —“

„Vierzig Pfennige!“

Adam gab einen Fünfziger hin: „Bitte!“

„Danke sehr!“

Der Kellner raffte die Zeitungen zusammen, die
auf dem Tische und den nächsten Stühlen herumlagen, bückte sich nach einem Journal, das ihm
entglitten war, und schleppte die papierne Bürde
von dannen. Adam Mensch stand auf, fuhr sich
mit der linken, etwas fieberfrostrothen Hand über
Stirn und Haar und griff mit einer Bewegung,
die nicht ganz frei von Pose war, nach seinem
Ueberzieher.

Der Kellner, der sich seiner Zeitungen entledigt
hatte und eben um das Buffet bog, stürzte wieder
auf Adam zu, um ihm beim Anlegen behülflich
zu sein.

„Danke!“

„Bitte!“

Da that sich die Thür des Café's auf und eine
Dame trat herein, machte ein paar Schritte, blieb
sodann stehen, wurde etwas verlegen, etwas roth,
sah sich fragend um, ging noch einen Schritt
weiter — und blieb wiederum stehen.

Das Buffet war jetzt leer, der Wirth zufällig
abwesend.

Nun tauchte vom hinteren Raume des Café's
der Zeitungskellner, ein kleiner, beweglicher Gesell
mit einem angenehm verkniffenen Gesicht, auf. Er
trug eine Zeitung in der Hand, die er der Dame
übergab. Diese drehte sich, ohne ein Wort zu sagen,
um und verließ mit nicht ganz sicherem Schritt das
Lokal. Adam bemerkte, wie sie von den Blicken der
meisten Gäste zuvorkommend hinausbegleitet wurde.
Auch Herr von Bodenburg hatte seinen breitblättrigen
Figaro sinken lassen. „Ganz niedliches Kind!“ urtheilte er schmunzelnd.

„Wer ist die Dame eigentlich —?“ fragte Adam
den Kellner, der noch immer in seiner Nähe stand
und natürlich an der allgemeinen Aeugelei theilgenommen hatte. „Ich habe sie schon mehrere
Male um diese Zeit hier gesehen“, fuhr der Herr
Doctor fort.

„Ich glaube, Fräulein Irmer heißt sie — sie
holt immer die Volkszeitung für ihren Vater —
der hat nachabonnirt“, berichtete der Kellner.

„So! Danke schön! Adieu, Herr von Bodenburg!“

„Adieu, Herr Doctor!“

Adam Mensch ging langsam hinaus, Herr von
Bodenburg sah ihm nach und schüttelte den Kopf.
„Sonderbarer Kerl!“ murmelte er. „Kellner, nehmen
Sie das Schachbrett weg und bringen Sie mir
noch — ach ja! ich wollte ja einmal Ihren Absynth probiren — also bitte! …“ rief der wackere
Herr Referendar sodann laut.

„Ja wohl —!“ —

Adam hatte vor dem Café nach rechts und
links ausgeschaut, um die Spur von Fräulein
Irmer — „ja ja! so hieß sie doch —? hatte der
Kellner nicht diesen Namen genannt?“ — wiederzufinden. Richtig! Da drüben ging sie. Und jetzt
bog sie um die Ecke. Sollte er ihr folgen? Aber
warum? Hatte er einen Grund dazu —? Ließ er
sich, indem er diesem spontanen Bedürfnisse nachgab und dasselbe in einen bewußten Willensakt
umsetzte, nur von einer zufälligen Stimmung, einer
ersten besten Laune leiten? Wollte er sich zerstreuen,
auf andere Gedanken kommen, sich den stechenden
Schmerz in den Schläfen vergessen machen? Oder
reizte ihn irgend Etwas an diesem Weibe, das er
schon öfter im Café Caesar gesehen … dessen
aufgereckte Gestalt mit ihrer reservirten Halbfülle
seinem Auge wohlgethan? War ihm dieses bleiche
Gesicht mit der sonderbaren Kreuzung im Ausdruck,
wenn seine ursprüngliche Herbheit und abweisende
Strenge sich mit der momentanen Verlegenheit,
Scheu und Unsicherheit paarten — war es ihm „anziehend“? Adam war noch nicht zu einem transparenten Ergebnisse gelangt, als er sich schon über den
Fahrdamm schreiten und die Richtung nach jener
einmündenden Straße nehmen sah, um deren Ecke
Fräulein Irmer soeben verschwunden war.

Einige Minuten später hatte der grübelnde Herr
Doctor die Dame dicht vor sich.

Fräulein Irmer ging langsam, einförmig, beinahe schwerfällig. Sie wandte sich nicht nach rechts
noch nach links, gerade aufgerichtet trug sie den
Kopf und mußte, wie Adam aus ihrer Haltung
schloß, stets in der Richtung ihres Weges vor sich
hinstarren — und doch über all' die Menschen, die vor
ihr hergingen oder ihr begegneten, hinwegsehen, unberührt von den lärmenden, zuckenden Schatten,
mit denen das unstäte Leben sie umgab. Adam
Mensch imponirte diese Theilnahmlosigkeit immerhin
ein Wenig. Und sie imponirte ihm vor allem darum,
weil seine eigene, sehr nervöse und unruhige Natur
sich von Jedwedem in Anspruch nehmen ließ, was auf
sie eindrängte, auf Alles eingehen mußte, was um
sie herum athmete, lebte und sprach.

Nun fiel es ihm gerade ein, sich der Dame einmal
bemerklich zu machen. Er ging hart an ihr vorüber,
sah sie scharf von der Seite an und schritt ihr
dann voraus. Jetzt blieb er vor dem Schaufenster
eines großen Delicatessengeschäftes stehen und wandte
sich auffällig um, als er annehmen konnte, daß
Fräulein Irmer in seiner Nähe war. Er fixirte
sie scharf und suchte ihr Auge festzuhalten. Die
Dame streifte ihn mit einem kurzen Blicke und sah
dann über ihn hinweg. Das ärgerte den Herrn
Doctor ein Wenig. Er hielt sich jetzt in ihrer
intimen Nähe und folgte ihr dicht auf den Sohlen.
Fräulein Irmer wurde augenscheinlich unruhig.
Der Kopf senkte sich und drehte sich in kurzen,
harten Bewegungen, bald nach links, bald nach
rechts. Sie hatte begonnen, von ihrem Begleiter
Notiz zu nehmen.

Die Dämmerung wuchs. Die Schatten der
auseinanderquellenden Nacht fielen dichter und dunkler. Jetzt flammten die ersten Laternen auf.

Eine Buchhandlung lag am Wege. Fräulein
Irmer trat in den Laden, Adam Mensch folgte ihr nach
einigen Secunden. Er hörte, wie sich die Dame mit
etwas belegt- ausgefranster Stimme Eugen Dühring's
„Werth des Lebens“ ausbat. Ihr Gesicht trug
wieder denselben Doppelausdruck, den es im Café
Caesar anzunehmen pflegte.

Adam bestellte flugs ein Exemplar desselben
Werkes. Das mußte doch auffallen. Und es schien
auch Fräulein Irmer aufzufallen. Sie wandte sich
zu ihrem Nachbar um, schlug die braunen ernsten
Augen groß auf … und fragte mit ihnen eine stumme,
tiefe Frage, auf die Adam nur eine gleiche, stumme
Antwort wußte, die für ihn plötzlich nicht minder
tiefen Inhalts war.

Das Werk fand sich natürlich nicht auf Lager.
Der Gehilfe erbat sich die Adressen und versprach die
Exemplare in spätestens acht Tagen besorgt zu haben.

„Hedwig Irmer — oder senden sie das Buch
bitte direct an meinen Vater: Dr. Leonhard Irmer,
Herderstraße 7 III. …“

„Danke verbindlichst, mein gnädiges Fräulein —
soll geschehen! Und Sie, mein Herr —?“

„Dr. Adam Mensch, Gartenstraße 14 II. …“

Der Herr Doctor erhielt jetzt zwei verwunderte
Blicke. Dem Gehilfen schien ein Mensch, der Adam
Mensch heißen könnte, bisher unmöglich gewesen
zu sein.

Auch Fräulein Irmer war betroffen. Adam gab
ihren Blick mit einem diskret-ironischen Lächeln
zurück. Die Dame wurde vorwiegend verlegen.

Nun wandten sich die beiden zum Gehen. Adam
öffnete die Thür und ließ das gnädige Fräulein
zuerst hinaustreten. Dann folgte er schnell.

Er konstatirte, daß seine Nervenschmerzen nachgelassen hatten. „Man muß nur einmal in einer
fremden Atmosphäre herumvagabundiren und dem
ehrenwerten Corpus ein wenig Abwechslung gönnen:
dann machts sich schon —“ monologisirte er still vor
sich hin. Instinctiv hatte er Fräulein Irmers
Spur wieder aufgenommen. Aber er war doch
zweifelhaft. Sollte er noch weiter hinter der Dame
hertrollen, wie ein zitternder Gymnasiast hinter
seiner in sich hineinkichernden Poussade, hinter seiner
„Flamme“ — oder sollte er ihr seine „Begleitung
anbieten“ — oder sollte er wieder umkehren und ruhig
nach Hause stapfen —? Was hatte dieses närrische
Nachlaufen für Sinn! Uebrigens — die Adresse
wußte er ja, wenn er also — — „Herderstraße
7 III.“ — — ja! ja! — ach was! — „wenn
er“ — Unsinn! —

Aber Adam ging noch immer dicht hinter der
Dame. Man war allmählich in einen stilleren
Stadttheil gekommen.

Plötzlich fand sich Adam an der Seite Fräulein
Irmers vor! Er stutzte einen Moment, verstand sich
nicht und … fragte schließlich, indem er etwas linkisch
und rathlos den Hut zog: „Erlauben Sie, mein
gnädiges Fräulein, daß ich Sie —“

Keine Antwort.

„Verzeihen Sie, mein Fräulein — aber Sie
werden unschwer — —“

„Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Was wollen
Sie? — Verlassen Sie mich! —“

„Mein Fräulein —!“

„Noch einmal — verlassen Sie mich — ich
ersuche Sie dringend — oder …“

Adam war plötzlich sehr selbstbewußt und trotzig geworden. Er betippte nachlässig seinen Hut, wandte sich
ab, ging einige Schritte zurück, stampfte einmal recht
erbittert aufs Pflaster und lachte sehr indignirt.
Was nun? Er drehte sich noch einmal um. Und es
dünkte ihn, als ob Fräulein Irmer recht langsam ginge
— zudem — zudem noch gar nicht so besonders
weit entfernt von ihm wäre — sollte sie doch — sollte
er — — aber nein! — nichts da! — Unsinn!
— — — Adam schob sich entschlossen wieder um
und wanderte nach Hause. Nach einer halben Stunde
stieg er die Treppen zu seiner Wohnung empor. Die
Glieder waren ihm schwer und die Schläfen schmerzten
wieder heftiger. Und es fiel ihm ein, daß man
doch im Grunde kaum Herr seiner Handlungen ist.
Plötzlich, im wahren Sinne „unvorbereitet,“ hatte er
vor einer kleinen Weile vor Fräulein Irmer gestanden.
Wie war er an ihre Seite gekommen? Urtheil —
Vorstellung — Willensimpuls — Coordinationscentren — Muskelcontraction — — — Alles
Blech! Adam wußte nur, daß man einmal ebenso
„unvorbereitet“ eine … Waffe in der Hand haben
könnte — — und daß man unter Umständen schon
nicht mehr sein könnte, ehe man es überhaupt
bewußt gewollt hätte. Aber … aber aus dem
ohne! — ja! was denn: „ohne?“ — ohne —
ohne! … Diese beleidigte Schöne! Sie einmal küssen —?
„Küssen“? Pah! Zu geschmacklos! Aber ah! eigentlich
stand er doch noch sehr fest im Leben, noch so
mitten darin! Und wie sicher er mit beiden Füßen
noch auftrat! Wie ihm aus der engen Zone seiner
Augenblicksphantasieen heraus das Leben doch
noch so … so … lebenswerth erschien! Herr
Gott! Und nur, weil er heute dieses Weib —
dummes Zeug! Er hatte wahrhaftig Ernsteres zu
thun, als immer wieder auf derartige U.-S.-W.-Weiblichkeiten 'reinzufallen. —

Grauschwarze Dämmerungsflocken lagen im
Zimmer. Es pochte. Die Wirthin erschien, die
flammende Lampe in der Hand. Nach einer kleinen
Frist: — „Sie sehen recht blaß aus, Herr Doctor —“

„Hm!“ —

II.

Wie einer seiner Vorfahren eigentlich dazu gekommen war, sich schlechtweg „Mensch“ zu nennen oder
zu einem derartigen Besonderheitsmenschen sich ernennen zu lassen, hatte Adam wirklich nicht ergraben
und ergründen können. Ja! Er hatte sich alle Mühe
gegeben, sotanes Geheimniß zu entlarven, und manche
Stunde war darüber vergrübelt worden. Uebrigens gefiel ihm sein Familienname, dieser Name, der das
Moment des Typischen und des Individuellen so intim
vereinigte, der ebenso originell und tiefsinnig, wie gewöhnlich, oberflächlich und trivial war, gar nicht
übel. Und nicht übel paßte objectiv und behagte
seinem Besitzer auch subjectiv der Vorname Adam —
„Adam Mensch“: eine originelle Idee seines Vaters
war es doch gewesen, die Familienüberlieferung,
nach welcher jeder Erstgeborene den Vornamen Gottfried erhalten sollte, zu durchbrechen und seinen
Erstling „Adam“ zu taufen! Manchmal war der Name
seinem Träger allerdings mehr eine Last, denn eine
Luft gewesen: zu den Zeiten, da er die Volksschule
seiner kleinen Vaterstadt besucht und mit Kameraden
auf einer Bank hatte sitzen müssen, die an sich wohl
auch so etwas Aehnliches, wie … wie Menschen eben gewesen waren, sonst aber nur Richter, Schneider, Gernegroß, Potschappel — und zuweilen selbst Müller und
Schulze geheißen hatten. Da hatte denn sein Name
den Fisch abgegeben, nach dem die wühlende Bubensippschaft die Angeln ihres tölpelnden Nörgelns
ausgeworfen. Das hakt sich fest in der Seele
dessen, der früh von der großen, breiten Durchschnittsstraße abzubiegen beginnt … oder, wenn in
jungen Jahren auch noch nicht wirklich abbiegt, so
sich doch schon mehr und mehr an die Ränder
der Straße schlängelt, auf daß er dem Nebendickicht
näher sei und besser und deutlicher einen schmalen
Einzelpfad durch die wuchernde Wildniß für sich
erspähe.

Adam war in engen, drückenden, rohen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater, Gottfried Mensch,
hatte einen Bäckermeister vorgestellt. Ein Mann,
verschwommen an Leib und Geist, eigenwillig, aufbrausend, unstät in Stimmungs- und Willensgegensätzen lebend, von schnurrigen Einfällen behaftet,
nicht ohne eine gewisse Eigenart und Kraft, aber
ohne die Sicherheit, ohne die Lebensgarantie der
Beschränktheit. Er hatte sich in seiner Natur ausgelebt — das heißt: er hatte nach Welt und Menschen nicht viel gefragt und nur dem bunten Bündel
seiner Neigungsströme gefröhnt. Dabei war das
Geschäft natürlich heruntergekommen — und unbewußt, naturgemäßig-nothwendig, im Besitze des
Muthes, Alles gehen zu lassen, wie es geht, und
dem ökonomischen Verderbensmoloch ruhig seine Giftzähne zu lassen, hatte sich Meister Gottfried Mensch
immermehr an den Alkohol angeschlossen, welcher ihm
allerdings weniger Tröster war, als ein guter Kamerad,
der Feuer in die Seele goß und wirbelnde Phantasie'n
gebar.Und eines Tages war dann das Delirium
gekommen. Die Krämpfe und Wuthausbrüche wuchsen an Oftheit und Stärke, aber es trat auch
nicht allzuspät der Gehirnschlag ein, der den Rasenden eines Abends ausblies. Adams Mutter hatte
sich die Kehlkopfschwindsucht anschaffen müssen. Vier
Kinder waren da: zwei Knaben und zwei Mädchen.
Die Brut war nicht gesund. Adam mußte sich in
späteren Jahren noch öfter sattsam wundern, daß
er alle die Plackereien und Quälereien, die er hatte
auf sich nehmen müssen, ausgehalten, wenigstens
einigermaßen ausgehalten. Nun ja doch! Brüchig
und in sich mannigfach auseinandergekeilt war er
schon längst. Das Leben hatte ihm kein Stück gesunder Krafterde hingeschoben, auf daß er fest in sie
hineinwurzele und aus ihr heraus drangvoll und
säftereich treibe. Das war sein ganzes Leben lang
nur ein loses Wurzelhängen gewesen. Von seinem
achten, neunten, zehnten Jahre bis zu dem neunundzwanzigsten, in dem er nun stand … und das
vielleicht noch nicht das letzte war, dessen Ring er
sich eingrub.

Nach dem Tode des Vaters hatte der Bäckergeselle Karl Salge den Kopf ordentlich in die Höhe
gereckt und sich an's Meisterspielen gemacht. Das
Geschäft versuchte wieder einen kleinen Lebensaufschwung. Dafür war denn die Meisterin dankbar
gewesen … und hatte in einer Stunde der Freude,
Hoffnung und Seelenschwäche dem drängenden Gesellen ihre Hand zugesagt. Die Hochzeit war auch
eines Tages still, glanzlos, verschämt gefeiert —
und Herr Salge somit Meister und Besitzer einer
Bäckerei geworden, die ihm, dem bisher armen Burschen, doch immerhin eine gewisse Würde
gab und ein bewußteres Auftreten gestattete. Ueberdies war ja die Meisterin todtkrank … ihr Lichtlein
brenzelte, zuckte und knarrte schon leise … lange
konnte es nicht mehr brennen … Eines Tages erlosch es denn auch, und Herr Salge, der wacker gearbeitet hatte und dem es auch gelungen war, seine
Waare wieder mehr zu Ehre und Ansehen zu bringen, heirathete seine Dienstmagd, mit der er sich
schon vorher eingelassen hatte, und die sich eine nicht
ganz kümmrige Summe aus ihren früheren Dienstschaften zusammengespart. Die Stiefkinder kamen
natürlich früh aus dem Hause. Die Mädchen mußten
sich mach ihrer Einsegnung bald nach auswärts verdingen, Gustav wurde zum Nachbar Schlächter in
die Lehre gethan: er konnte ja vielleicht dasselbe
Glück haben, wie sein Stiefvater. Adams nahm sich
als die Zeit dazu gekommen war, einer seiner Lehrer
an und verschaffte ihm einen Platz im Gymnasial-Alumnat der nächsten größeren Provinzialstadt: in
dem Jungen schien etwas Mehr zu stecken, als in seinen
Geschwistern … und des Experiments, das nothwendig war, um seine etwaigen Fähigkeiten an's
helle Licht der Sonne zu befördern, war er ja immerhin werth! Hieß er doch nicht nur Mensch, noch
dazu Adam Mensch — war er doch schließlich auch
ein Mensch und bot als solcher fürtreffliche Gelegenheit, christliche Nächstenliebe getreu nach dem Evangelium zu üben.

Und nun kam die lange, drückende, ausmergelnde
Leidenszeit Adams. Wie engten ihn die Schulwände
ein! Wie gaben sie ihm so blutwendig Luft und Licht
und Freiheit und Wind! Wie langsam schleppten
sich die Jahre hin — und wie viel Fleisch von
todten, crepirten Fischen wurde ihm als Geistesspeise
zum Hinunterschlingen vorgesetzt! Wie oft mußte
er sich verleugnen, sich demüthigen, zu Kreuze kriechen,
um die Brosamen nicht zu verlieren, die man ihm
bewilligt hatte — und die man ihm Jahre lang so
gern und so freudig gab!

Aber die Stunde, da dieses Zusammenleben mit
dem Buchstabendogma der Kirchenlehrer, dieses Erkaltenmüssen in den todten Schnee- und Eis- und
Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und
Vergils aufhörte, sie kam doch. Und nun sprang das
Thor auf — und der Mulus lief wie wahnsinnig
vor Freude im ostwindverkühlten Sonnenschein der
jungen Märztage herum … und dachte nicht daran,
daß er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht besäße, ein rechtschaffenes Burschenleben auf der Universität führen zu dürfen. Der Glückliche, der mit
Patent entlassene Sträfling, dachte nicht daran, daß
in naher Zukunft ein neuer Wermuthskelch wieder
einmal — nicht an ihm vorübergehen würde —
daß er noch Jahre … noch drei, vier Jahre lang
ärmlich und erbärmlich wie die bewußte Kirchenmaus würde leben müssen — und die ganze Fülle
der Kräfte, die in ihm rang und stritt und nach
Ausbruch und Bethätigung lechzte, würde entweder
verleugnen, eindämmen, einsargen, „kaltstellen“, ersticken oder — in ein Strombett lenken müssen, das
seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute gewiß
reicheren Meere des „praktischen“ Lebens nimmt …

Und die Stunden, Wochen, Monate und Jahre
kamen und gingen — und Adam Mensch durchlebte
sie: ein Sclave seiner Armuth und ein Freier zugleich. Die große Fluth des Lebens umbrandete ihn.
Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel dieses
Lebens. Durch Ertheilen von Privatunterricht verdiente er sich nothdürftig die paar Kreuzer, die dazu
gehörten, um ihn überhaupt über Wasser zu erhalten.
Manchmal, wenn es ihm gar zu heiß in der Brust
wurde, sprang er mitten ins Leben hinein und
spielte trotzig va banque. Dann staunte er wohl
auch dieses so bunte, so verwickelte Leben an, und
ihm zu fassen und auf all das tausendfältig Kleine
und Besondere, das sich nun plötzlich vor ihm aufrollte, liebevoll einzugehen. In Stunden des
Taumels riß er ein verlorenes Weib an seine
Menschenbrust und lachte und schwelgte und weinte
mit der Armuth und mit der Schmach. Sein
philologisches Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer: war es doch, beim Styx! der einzige
Weg, der ihn hinaufführen konnte in die Bergsiedeleien der geistig und leiblich „Vornehmen“, der
„Bildungsidealisten“! Mitunter machte er Schulden,
und die Docentenhonorare ließ er sich mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit stunden. Er versuchte wohl
auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente:
er schrieb Leitartikel für Zeitungen, machte Gelegenheitsgedichte, die ihm manchmal einige Mark eintrugen, verbrach Recensionen philosophischer Werke
für akademische „Organe“ und hielt in studentischen
Vereinen Vorträge über culturgeschichtliche Themata,
dann und wann mit einem vagen Saumstreifen
moderner politischer Verhältnisse … Einmal war
es ihm auch geglückt, ein Theaterreferat über eine
Sommertheaterbühne für eine untergeordnete Zeitung
zu erlangen: da ließ er sich denn die Gelegenheit
zu allerlei Coulissenstudien nicht entgehen … und
ob es wohl nicht vorgekommen war, daß er sich mit
dem … Kusse einer Soubrette bestechen oder belohnen ließ …? Auch im Strudel der studentischen
Kameradschaften trieb und wirbelte er eine Zeit
lang herum — und so floß dieses Stück Leben hin
voll Wirrwarr, Zerissenheit und Zerstücktheit …
Eines Tages stand Adam vor dem Staatsexamen. Er
genügte gerade noch den Prüfungen — und kroch eine
kleine Frist später in das Joch einer Hauslehrerstellung
bei einer adligen Gutsbesitzersfamilie. Seine beiden
Zöglinge erfreuten sich zwar einer ganz braven
Leibesgesundheit — mit der Kraft und Gesundheit
ihres Geistes jedoch war es ein Bissel schwächer bestellt — und so redliche Mühe sich Adam zuweilen
auch gab, dem edlen Blaublut die Geheimnisse des
„Accusativi cum infinitivo“ zu erschließen: im
Grunde erreichte er nur verdammt Wenig mit seiner
Abquälerei. Nach zwei Jahren hing er den Präceptorrock an den Nagel und zog von dannen. Er
hatte sich wenigstens einige hundert Mark erspart
und war somit in der Lage, sich den Doctorhut,
welchen zu tragen doch nun einmal unter Anderem
„auch“ in das corpulente Pflichtenregister eines „akademisch gebildeten“ Menschen gehört, zu kaufen.
Fortan durfte er sich also mit Fug und Recht die
sehr gewöhnliche Anrede „Herr Mensch“ verbitten
und die jedenfalls wohllautendere „Herr Doctor“
verlangen. —

An dem Progymnasium einer kleineren Provinzialstadt absolvirte er sein Probejahr. Hier
wurde das Maß voll. Adam konnte durchaus nicht
begreifen, warum er seinen Schülern außer den
interessanten Anfangsgründen der lateinischen Syntax auch noch die Schönheiten alttestamentlicher
Mythen, Märchen und mindestens sonderbarer Opfergeschichten zu Gemüthe führen sollte. Zudem ekelten
ihn die kleinen und engen Verhältnisse dieser lobesamen Spießerwelt unbeschreiblich an. Und so schnitt
er das Tafeltuch zwischen sich und einer soliden, gesicherten Zukunft entzwei — einer Zukunft, welche
so gern eine der reizenden Honoratiorentöchter des
Städtels, allwo er ihren Brüdern ein in mancherlei Hinsicht doch etwas merkwürdiger Lehrer gewesen war, mit
ihm getheilt hätte — sotanes Tafeltuch schnitt er also
mitten durch — und ließ sich auf den curiosen Einfall
kommen, ein … „moderner“ Mensch zu werden. —

Hm! So war er denn wirklich ein „moderner“
Mensch geworden. Und so saß er zu dieser Stunde
dort auf dem Sopha, zog seine Virginia-Cigarette
mechanisch durch die Lippen, gab den Qualm
mechanisch von sich, preßte ab und zu Zeige- und
Mittelfinger der linken Hand gegen die linke Seite
seiner Schläfen und dachte manchmal an Hedwig
Irmer. Wie dumm ihm jetzt die Geschichte vorkam,
die er vor kaum einer Stunde mit dieser Dame
in Scene gesetzt! Nein! Er wußte es: er besaß
kein … wenigstens noch kein tieferes Interesse für
dieses Weib … Ob er wohl jemals in den Besitz
dieses „tieferen Interesses“ für Fräulein Irmer gelangen würde? Kaum … Er konnte sich allerdings
nicht trauen. Zuweilen überraschte ihn sein sonderbar complicirtes Ich mit Thatsachen, die ihn in
Erstaunen setzten. Er hätte eigentlich immer en
vedette sich gegenüber sein müssen. Doch vorausbestimmen konnte er absolut Nichts. So mußte er
sich denn eben überraschen lassen. Besaß er Ellenbogen? O ja! Aber er gebrauchte sie nicht, sich
Platz auf der Welt zu verschaffen. Wollte er sie
nicht dazu gebrauchen? Hm! War er blasirt?
Gâté? Nein! Nein! Er kannte ja das Leben noch
kaum. Es war ja eigentlich noch gar nicht so lange
her , daß er aus dem Ei gekrochen. Ein paar
Eierschaalenrestchen hafteten ihm sicher noch an.
Was verschlugs! Das Eine stand jedenfalls fest:
frei, ganz frei, keiner Machtsphäre unterthan,
keinem Urtheilstribunal unterworfen mußte er sein,
wenn er wenigstens die Absicht gebären sollte,
sich — irgend einem Joche zu fügen. Er
spielte wohl zuweilen mit dem Gedanken, aus
diesem allmählichen Zerfallen, Verwittern und Vermorschen seiner „Persönlichkeit“ an Kraft und Talent
und Muth noch zu retten, was zu retten wäre, und
mit den Resten und Stümpfen, die trotz ihrer relativsubjektiven Kärglichkeit vielleicht noch zehntausend
Mal bedeutender und werthvoller waren, denn die zur
Einheit gesammelt gebliebenen Fähigkeiten manches unzersplitterten Durchschnittlers — mit ihnen also in eine
normale und genau abgesteckte Laufbahn einzubiegen.
Ach! Adam wußte so manches Mal sehr genau, daß er
mit diesem Gedanken nur spielte. Konnte er sich
zu dieser That der Umkehr wirklich noch aufraffen?
Hm! Hielt er die Umkehr denn überhaupt noch der
Mühe für werth? Sein psychologisches Feingefühl
sagte ihm doch wahrhaftig genau, daß man schließlich
Alles gehen lassen muß, wie es geht. O ja! Man
faßt Entschlüsse. Aber man kehrt doch bald wieder
in die Bahn zurück, der man eben verfallen ist.
Adam gehörte zur Sippe jener „unglücklichen“ Naturen,
bei denen Willenskraft, Phantasie und nüchterner
Verstand gleiche Stärke- oder gleiche Schwächegrade
besitzen. Wohl löst zeitweilig gleichsam das eine
Persönlichkeitsmoment das andere in der Herrschaft
ab. Jedoch sind diese Menschen sehr oft nachdrücklichster Hochgefühle fähig, dabei alle Kräfte sich zu einheitlicher Stärke zusammenschließen — und darum
müssen sie so oft auch die Gegenwirkung auf diesen
Aufschwung: eine allgemeine Gleichgültigkeit, eine
schwere, blutleere Herabgestimmtheit, über sich ergehen lassen. Ist das nicht eigentlich ihr — was
man so nennt: ihr „Normalzustand“? Adam Mensch
war sich soweit klar über sich, daß er diese Wesenheit seiner Natur erkannt hatte und sie zuweilen
berücksichtigte, das heißt: sich mit ihr tröstete. Die
klare Einsicht in eine Thatsache hat ja immer etwas
Tröstendes — nicht wahr? Aber bestätigte er mit
diesem Troste nicht sein Leben — seine Neigung
zum Leben? War da nicht sein „Wille zum Leben“
thätig? Wohl doch. Und dann: hatte er das Leben
eigentlich schon „genossen“? Oefter packte ihn —
oh! er erinnerte sich dessen! — ein wahrer Heißhunger auf das gewissenhafte, feierliche Genießen
der buntesten, tollsten, seltensten, süßesten Lebensreize. Allein dieser Heißhunger war im Grunde doch
sehr gegenstandslos. Wissenschaftlichen Ehrgeiz besaß Adam nicht. Zur Liebe hatte er nicht Geduld,
nicht Ausdauer mehr. Erkenntnißresultate befriedigten ihn nicht, da er wußte, daß es ihm doch nicht
gegeben war, dem mystisch-metaphysischen Drange
seiner Seele ganz zu genügen. Ja! Unberechenbar
in seinen Stimmungen, in seinen Neigungen und
Launen; zersplittert in seinen Kräften; unbeständig,
flackernd in „erotischen Fragen,“ in der „Leidenschaft“
satt und unbefriedigt zugleich; müde, todtmüde —
und begeisterungsfähig wie ein Jüngling, der soeben
mannbar geworden ist; angefressen von dem Skepticismus seiner Zeit; unklar und wechselnd in seinen Bestrebungen; radical in seinen Anschauungen; und wieder
über Alles bornirt, einseitig, engherzig, intolerant,
besonders hinsichtlich mancher gesellschaftlichen Formen
und Gewohnheiten; — der Volksseele mitunter in
Allem so nahe und dem dargestellten Volke selber
zumeist in Allem so fern, so fremd; auf sich neugierig, über sich erstaunt und seiner selbst überdrüssig;
nicht wissend: Warum das Alles? Wozu? Wohin
mit dem Allen? Wo hinaus? Oder wo hinein? —
Oft deklamatorisch, pathetisch, agitatorisch; oft ironisch,
cynisch, gezwungen geistreich, selten „normal,“ selten
schlicht, einfach, gewöhnlich, mittelmäßig, mittelhoch
oder mitteltief —: also war es im Allgemeinen bestellt um Adam Mensch — um diesen „Menschensohn,“ der noch immer in seiner Sophaecke sitzt, das
letzte Stümpfchen seiner Cigarette an die Lippen
geklebt hält — und an sich … und manchmal auch an
Hedwig Irmer denkt, an diese Dame, die ihm vorhin eigentlich einen rechtschaffenen Korb gegeben hat,
— die ihm auch skandalös gleichgültig ist — und
in die er sich doch eigentlich so etwas wie … wie
„verlieben“ möchte, bloß um Gelegenheit … bloß um
einen inneren Grund zu besitzen, ihr dann und wann
noch ein Wenig zu schaffen zu machen. —

III.

Hedwig Irmer war die drei Treppen zu ihrer
Wohnung langsam emporgestiegen. Sie hatte beim
Hinaufgehen öfter inne halten, öfter stehen bleiben
und Athem schöpfen müssen. Was war ihr nur?
Es lag ein Druck auf ihr, den sie sich nicht erklären
konnte. Schreckte sie auf einmal zurück vor der Enge,
Einförmigkeit und Kärglichkeit der Existenz, die sie
mit ihrem halb gelähmten, halb blinden, schwerhörigen
Vater führte? Nun schon seit Jahr und Tag führte?
Sie kam wieder einmal draußen aus der Welt. Wohl
war sie im Grunde sehr gleichgültig durch diese
sie umflirrende Welt gegangen. Sie besaß nicht das
Talent, sich in die Herzen der Menschen hineinzudenken. Sie hatte nicht das Bedürfniß, hinter jeder
Gesichtsmaske ein Schicksal zu suchen. Sie dachte
an die Menschen eigentlich kaum, sie dachte kaum
an sich, sie lebte nur auf, bestätigte sich nur, wenn
sie mit ihrem Vater in intim-wissenschaftlichen,
zumeist philosophischen Verkehr trat. Eine tiefere
Tendenz ihrer Natur stellte dieses ernste Studium
allerdings auch nicht dar. Sie mußte sich oft zwingen, zu den Büchern zu greifen, wenn nicht eine
unmittelbare Anregung dazu von ihrem Vater vorausgegangen war. Alle diese Weisheiten der modernen
Philosophie waren ihr ja so gleichgültig. Die Stürme
ihrer Seele waren vorüber. Ihr Blut war todt.
Grenzenlos nüchtern und kahl lag das Leben vor
ihr … eine große, öde, handflache Ebene … lag
es vor ihr … würde es vor ihr liegen, weiter und
weiter — wenn sie es nicht eines Tages freiwillig
ausblies … lag es vor ihr mit seinem kleinlichen
Kampf ums Dasein, seinen erbärmlichen Mühen und
Sorgen, seinem reizlosen, einförmigen, so unendlich
überflüssigen Wellenschlage … Immer dieselbe Mechanik, immer dasselbe einschläfernde Surren der Spindel … Hatte ihr die Philosophie ihres Vaters diese
Ruhe und Kälte und Theilnahmlosigkeit gebracht?
Damals, als sich die Wasser der Katastrophe verlaufen, hatte er sie eingeführt in seine Gedankenwelt,
in seine philosophischen Glaubenssätze … hatte er
ihr Stille und Trost durch die Erkenntniß bringen wollen. Nun — und? Darüber waren fast
fünf Jahre hingegangen. Die Stürme ihrer Seele
waren vorüber, ihr Blut war todt, ihre Natur eingefroren. Manchmal wohl … manchmal raschelte
plötzlich ein heißer, schwüler Sehnsuchtshauch durch
die dürren Blätter der Resignationsphilosophie, in
der ihr Vater lebte und deren Resultate auch ihr
einleuchten mußten. Aber sie konstatirte eigentlich diese
Resultate nur vernunftsmäßig, sie besaß nicht Grund
und Bedürfniß, sich dieselben verinnerlicht zuzueignen.

Hedwig hatte auf dem schmalen, engen, von
einer blakenden Küchenlampe mit angebrochenem Cylinder nothdürftig erhellten Corridor Hut und Mantel
abgelegt, war eine Sekunde vor einem kleinen, schmucklosen, halb erblindeten Wandspiegel stehen geblieben,
hatte flüchtig an ihrem Haar geordnet … und war sodann durch die nächste Thür in ein Zimmer eingetreten,
welches sich als Wohnzimmer zugleich und Arbeitsgemach ihres Vaters benahm. Der Raum, mittelgroß,
einigermaßen behaglich eingerichtet, augenblicklich von
einer milden Wärme durchfüllt. Rechts hinten in
der Ecke, neben dem jetzt rouleaux- und teppichverhangenen Fenster, stand der Schreibtisch ihres Vaters,
ein ansehnliches, massiveichenes Gestell, nach Einrichtung und Ausstattung mit dem ganzen Wirrwarr
behaftet, den eine starke geistige Thätigkeit, welche
für die kleinliche Krämerordnung der Dinge keine
Zeit hat, herausfordert und bestehen läßt. Rechts
vom Schreibtisch drückte sich ein hohes Bücherregal
an die Wand, in dessen Fächern es auch recht bunt
aussah. Fräulein Hedwig besaß entschieden wenig
Sinn für häusliche Ordnung.

In seinem Sessel vor dem Schreibtisch sitzt Doctor
Leonhard Irmer. Er hat sich zurückgelehnt, der
Kopf hängt ein Wenig der Brust zu, die Arme liegen auf den Lehnen des Sessels. Die Augen zumeist halb geschlossen, blinzelnd, öfter ganz überlidert. Das gedämpfte Licht der mit einem grünen
Schirm bedeckten Lampe fällt auf sein Gesicht. Dieses
Gesicht hat einen großen, fesselnden Zug, einen außergewöhnlichen Stil. Leidend, sehr leidend erscheint
es mit seiner mehr krankhaft weißen, denn verschossen angeröthelten Farbe. Stirn gefurcht, um Nase und Mund
pointirte Schmerzensfalten. Hinter dieser hohen Stirn
ist viel gedacht worden, diese Unterpartie des Gesichts hat sich wohl oft genug für ein bitteres, ironisches
Lächeln hergeben müssen. Ein gestutzter, weißgrauer
Bart liegt um Kinn und Wangen. Das spärliche
Kopfhaar vertheilt sich in einigen dünnen, sprödfasrigen
Strähnen über die Platte.

„Guten Abend, lieber Papa!“ Hedwig begrüßt
ihren Vater mit angenommener Munterkeit.

„Guten Abend, mein Kind! Du bist recht lange
heute …“ Herr Doctor Irmer spricht langsam, schleppend, halblaut, undeutlich. Mehr mit den Lippen,
denn mit dem inneren Munde.

„Findest Du, Papa? Ich bin etwas langsam
gegangen — mag sein! Hier ist die Volkszeitung.
Soll ich Dir jetzt vorlesen oder nach Tisch? Das
Buch von Dühring war nicht vorräthig. Ich habe
es bestellt. In acht Tagen werden wir's haben.
Brauchst Du's zu irgend einer Arbeit? …“

Der Vater schüttelt den Kopf.

„Na! dann schadet's ja nichts! Dann können
wir ja warten. Emma holt wohl ein zum Abendbrot? Schmerzt der Kopf noch so, Papa? Wenn
Du Dich nur entschließen könntest, wieder einmal
eine Straße zu gehen — die ewige Stubenluft
thut Dir nicht gut —“

„Morgen vielleicht … morgen, Hedwig … Ich
möchte Dir eigentlich noch vor Tisch … vor Tisch
einige Zeilen dictieren — willst Du … ja? …
Du weißt: zu dem Aufsatze „Poesie und Philosophie
in ihrem gegenseitigen Verhältniß“ — aber nachher
— nachher stört uns doch das Essen wieder — —
was steht denn heute in der Volkszeitung …?“

Hedwig rückt sich einen Stuhl neben den Sessel
ihres Vaters, faltet die Zeitung auseinander und
liest zuerst die Telegramme.

Vater und Tochter haben mit der Zeit ein eigenthümliches Verhältniß zu einander gefunden.

Irmer ist ein hoher Fünfziger, Hedwig dreiundzwanzig Jahre alt. Sie hat sich, allerdings mit
einer gewissen Aeußerlichkeit, in die Anschauungen
ihres Vaters eingelebt, sie hat es gelernt, sich seinen
Gewohnheiten zu fügen. Sie ist seine Gehilfin,
seine Schülerin, seine einzige, zuverlässige Lebensstütze geworden. Die Stürme ihrer Seele sind
vorüber, ihr Blut ist todt, sie braucht sich nicht mehr
zu bezwingen, sie kann alles mechanisch, alles hübsch
automatenhaft bewältigen. Ihr Vater fragt nicht
viel darnach, ob sie sich zur gläubigen, wirklich
überzeugten Anhängerin entwickelt. Er besitzt den
Egoismus des Kranken, des Leidenden, des Hülflosen.
Er lebt ganz in der Welt seiner Gedanken. Die
andere Welt, der Mutterboden der geistigen, dünkt
ihn so ziemlich verschollen. Die Sphäre der Idee
hat für ihn fast etwas Körperliches, formell Reales
angenommen. Er sinnt über die Räthsel der Dinge
nach. Er sieht, denkt, träumt, visionirt, combinirt,
gewinnt. Nichts ist ihm das Individuum mehr.
Nicht reizt es ihn mehr, individuelle Entdeckungen
zu machen. Damit hat er abgeschlossen. Ob er
auch schon über die Tendenz der Selbsterkenntniß
hinausgekommen? Kaum. Er wird auch noch nicht
wissen, wer er ist.

Hedwig hat keine Neigung, sich über ihren Vater
zu wundern. Sie hat eben überhaupt keine Neigungen mehr. Liebt sie ihren Vater? Er erhält
sie, sie darf bei ihm wohnen, zusammenwohnen mit
ihm in den wenigen, engen Räumen, für die er den
Miethszins nothdürftig zusammenarbeitet. Ein paar
Heller sind ihnen noch aus früheren, volleren, runderen
Zeiten geblieben. Die beiden Leute kommen einigermaßen aus. Hedwig kann sich sogar noch ein
„Dienstmädchen“ halten.

Es ist ein farbloses, eintöniges Leben, das sie lebt.
Wird es ihr öfter nicht doch zu Sinn, als müßte sie
aufspringen, einmal laut … laut aufschreien —
aufschreien, wie Jesus, ehe er am Kreuze verreckte —
und dann hinausstürzen aus dieser lähmenden Enge —
irgendwohin — irgend Etwas, von dem sie sich beängstigend-unklar bezwungen fühlt, befriedigen —?
In dieser dämonischen Oscillation sich ausleben? …
Wird es ihr also nicht öfter doch zu Sinn? Nein!
Sie kann sich nicht erinnern, von solchen elementaren Erschütterungen heimgesucht zu sein. Vielleicht
dann und wann einmal ein jähes Aufzucken —
mehr war's nicht — nein! mehr nicht. Manchmal sagt
mehr war's nicht — nein! mehr nicht. Manchmal sagt
sie sich ganz klar und vernunftsmäßig: dies und das
im Leben müßte doch eigentlich auch für mich noch
einen Reiz besitzen, da es doch Millionen Andere
auch reizt — in irgend einem Stärkegrade reizt —?
Hm! Das Theater! Die Musik! Geht nicht durch
die Träume ihrer Nächte manchmal ein Schatten,
der ihr in die Seele prickelt? Ist die Luft nur
voll von Stecknadeln? Da sitzt ein Stück comprimirten Lebens vor ihr — ihr Vater. Ein
Menschenalter liegt hinter ihm. Von allen Seiten
ist das Leben zu ihm herangekommen. Der
nun Einsame besaß einmal tausend Beziehungen.
So viel verrauscht, so viel vergilbt, vergessen,
verschleppt und verloren! Freut sie sich nicht
doch darüber, wenn ihr manchmal unter ihres
Vaters Anleitung und Führung ein Gedanke tiefer
Eigenthum wird, eine Erkenntniß ihr in schärferen
Linien aufgeht? So sonderbar ist ihr dann und
wann. Etwas in klarer Grenzbestimmung erfassen,
macht ihr zeitweilig doch eine Art Spaß, so etwas
wie Vergnügen. Sie weiß: darüber vergißt man
sich am Besten und Leichtesten. Aber sie weiß auch:
Stimmungen sind Blasen, die aufsteigen, sich eine
Sekunde lang irisfarben brüsten und zerplatzen. Unhemmbar rollt der Grundstrom weiter. Zu der und
der Grundcombination haben sich die Moleküle ihres
Wesens zusammengeschlossen. Sie bleibt, diese Combination; sie bestimmt ihr Leben. Von ihr wird
sie in Gedanken, Wort und That geleitet. Eine „Bekehrung“, eine entscheidende Beeinflussung ist nicht mehr
möglich. Das Schicksal vollzieht sich. Hedwig weiß,
daß ihr einmal eine überschäumende Leidenschaft aus
der Brust gebrochen. Vor Jahren. Sind neue
Ausbrüche möglich? Aber Nichts stört ja ihre Kreise.
Sie war einmal ein sehr sinnliches Weib. Wie
nüchtern sie bleibt, wenn sie jetzt an ihre „Schmach“
denkt, wenn sie sich ihres Kindes erinnert! Wie
kalt sie bleibt, wenn es ihr einfällt, daß dieses Kind
ihr entrissen worden ist! Sie hat es nicht geliebt.
Nein! Sie hat es nicht geliebt. Sie haßt auch
den Vater des Kindes nicht. Es ist ihr wirklich
Alles gleichgültig, sehr gleichgültig. Die Stürme ihrer
Seele sind vorüber und ihr Blut ist todt.

Hedwig ist bei dem Verzehren ihrer Sardellenleberwurst und bei dem Hinunternippen ihres Glases
Dresdener Tafelbiers sehr schweigsam gewesen. Sie
hat ihrem Vater die Bissen zurechtgeschnitten und
selbst sehr mechanisch die Speisen zu sich genommen.
Nun streicht sie sich mit der Serviette über den
kleinen, feinlippigen Mund und schellt. Emma tritt
ein und deckt ab. Herrn Doctor Irmer ist es nicht
aufgefallen, daß seine Tochter während des Essens
so verschlossen gewesen. Ihm ist es sehr gleichgültig , was für Selbstbetrachtungen sie anstellt.
Er ist, ohne daß er es eigentlich weiß, so verbissen
in seine Art, geistig abgelöst, hinweggesondert, zu
existiren, daß er kaum mehr im Stande, die leichteste
Spur eines subjektiven Zwiespalts zu vermuthen.
Wenn es ihm gerade einfällt, bestätigt er sich, daß er
durch seine Philosophie seiner Tochter das innere Gleichgewicht, das sie einmal verloren hatte, wiedergegeben.
Und er fügt wohl unwillkürlich noch als Ergebniß
hinzu, daß Hedwig schon in ihrer Jugend durch ein
gewaltiges Wetter gehen mußte, um früh zu Erkenntnissen kommen zu können, die er sich erst in späteren
Jahren zueignen durfte. So läßt sich denn aus
All' und Jedem etwas Zweckmäßiges und individuell
Verwendbares herausdenken.

In den nächsten Stunden liest Hedwig ihrem
Vater einige Kapitel aus Hartmanns „Phaenomenologie des sittlichen Bewußtseins“ vor. —

IV.

Gestern um die Mittagsstunde, als Adam eben
zum Speisen gehen wollte, war er mitten auf dem
Marktplatze Herrn Traugott Quöck in die Arme gelaufen. Sapristi! hatte sich dieser Mensch doch gefreut! Adam hätte es gar nicht für möglich gehalten.
Er war beinahe ganz entsetzt gewesen über diese
Freudensprünge und Hühnerhundscapriolen. Hatte
er dem Manne denn jemals Gelegenheit gegeben,
ihn für einen approbirten „Freund“ von sich, wenigstens für einen „Freund seines Hauses,“ zu halten —?
Ih bewahre! Keine Spur! Es giebt Leute, die
aus ehrbarer menschlicher Lebenslangeweile immer
guter Dinge, immer in der besten, weltfreundlichsten
Laune sind. Traugott Quöck gehörte nicht ganz
zu diesen Stoikern des Optimismus, aber doch sehr
theilweise. Er war halb und halb mit der Couponscheere auf die Welt gekommen. Das giebt gewiß
ein ganz nettes und bequemes Rundreisebillet durch's
„menschliche Leben“ ab. Traugott Quöck sen. war in einer
sächsischen Provinzialstadt Tuchmacher gewesen, hatte es
aber in den letzten Jahren seines gesegneten Erdenwallens fertig gekriegt, sich zum „Fabrikanten“ umzuzüchten und in die Höhe zu schwingen. Man muß
mit seiner Zeit „fortschreiten.“ Also hat man eines
Tages die Pflicht, „Fabrikant“ zu werden. Das ist einfach.

Traugott Quöck sen. besaß einen Sohn, an den
er „viel drangewandt“ hatte, das heißt: Viel Geld,
viel Mühe, Geduld, Lebensspesen, Nachsicht — und
schließlich war es ihm auch nicht darauf angekommen, ein kleines Bündel unerfüllt gebliebener
Hoffnungen an seinen eingeborenen Filius noch
extra „dranzuwenden“. —

Nach dem Tode seines Vaters hatte es Traugott Quöck jun. für nützlich befunden, sich schon in
jüngeren Läuften seines angenehm gesicherten Lebens
zum jovialen Menschen herauszufexen. Er hatte
die „Fabrik“ seines Vaters, deren Mitinhaber er ein
paar Jahre hindurch formell gewesen, nach dem
Tode ihres Begründers schleunigst verkauft,
war in die nächste größere Stadt versiedelt —
und „verwaltete“ nun sein Vermögen, „spekulirte“ ein Wenig zum Zeitvertreib, war Mitglied
einer bierbräulichen Aktiengesellschaft — er saß sogar in ihrem „Verwaltungsrathe“! — und genoß im
Uebrigen sein Leben harmlos, einfach, bescheiden, gemüthlich, höchstens mit einem nur ganz kleinen, nur
ganz spröden Stich in's Raffinirte, befriedigte zeitweilig, wie es gerade kam, auch seine „geistigen Bedürfnisse“, ging 'mal in's Theater, 'mal in's Concert,
unterstützte mit Vorliebe einen Verein, der es sich
angelegen sein ließ, für Vermehrung der öffentlichen
Aborte und Retiraden Sorge zu tragen, trug einen
großen, monströs-breitspurigen Siegelring mit
schmutzig grünem Stein auf dem Zeigefinger der
rechten Hand — und führte gelegentlich 'mal ein paar
mehr oder weniger „geistreiche“ Leute, zu deren Bekanntschaft er zumeist gekommen war, wie die bewußte Magd
zu ihrem Kinde, in sein Haus ein, „schmiß“ diesen Auserwählten ein kleines Frühstück oder ein delikates
Souper, setzte ihnen, aus der menschenfreundlichsten
Stimmung von der Welt heraus, einen trinkbaren
Wein und ein rauchbares Kraut vor … und
arrangirte schließlich eine Scatpartie … in höheren,
weiteren Abendstunden … eine Scatpartie, bei
der man gewöhnlich „ganz zwanglos,“ „ganz unter
sich“ war … und für welche sich Adam Mensch mit
der Zeit beinahe so etwaswie ein kleines „Fäbel“
angezüchtet hatte. Es waren wirklich immer sehr
nette, sehr amüsante Abende gewesen … diese
späteren Scatnächte Mister Traugott Quöck …

Allerdings! in den letzten sechs Wochen war
Adam Mensch nicht dazu gekommen, in die gastfreundliche Burg seines „jovialen Freundes“ einzukehren, dieses Mannes, der schon seit erklecklicher
Zeit gerade in seinen „besten Jahren“ stand und
vermuthlich noch in Zukunft eine beträchtliche Weile
also weiterstehen würde.

Hatte Adam irgend ein ersteres Etwas von
dieser „Einkehr“ zurückgehalten? Nein. Er erinnerte sich nicht. Aber das Leben reißt so hin
und her, verzettelt, verkrümelt und zerkrümelt so,ist
so bei der Hand mit dem Entwegen, Verschieben,
Aufschieben, mit dem Ueberschatten und Vergrauen.
Oder — ja doch! richtig! — so war's —: irgendwo, irgendwann hatte er 'mal gehört, im Café oder
in der Kneipe oder sonstwo, daß Frau Möbius, die
alte Verwandte Herrn Quöck's, welche dieser als
weibliche Repräsentationsfigur in sein Haus aufgenommen hatte, seit längerer Zeit leidend sei — na!
und da war es ja sowieso ausgeschlossen, daß — hm!
— aber ein Beileidsbesuch, ein Erkundigungsbesuch
wäre dann wohl erst recht geboten gewesen …
Nun! Der Herr Doctor war denn auch gestern nett
'reingeplumpst — das heißt: nur vor sich selber. —
Herr Quöck schien die Geschichte nämlich gar nicht
ernsthaft capirt zu haben — war hübsch 'reingefallen also, als er sich nach dem Befinden der Frau
Möbius — es ginge ihr doch hoffentlich wieder
besser? — erkundigt und damit verrathen hatte, daß
er ziemlich sauber orientirt war —: „Ach Gott!
die alte Schachtel! Die hat auch immer 'was!
heute das, morgen das! Na! sie hat wenigstens
Zeit, ihre Krankheiten poussiren zu können. So
hängt Jedem sein kleines Privatvergnügen an. Momentan ist sie übrigens wieder auf dem Damm …“
Somit könnte denn morgen Abend, das war also
heute Samstag, endlich 'mal wieder ein kleines
Souper vor sich gehen, hatte Herr Quöck nunmehr
gemeint. Lydia käme natürlich auch. Lydia —?
„Wer ist denn das —?“ — „Ach so! Sie kennen
meine — sie will nämlich eine Cousine von mir
sein, wenigstens hat's meine Tante Wort — na!
thun wir ihr den Gefallen! — mir kann's ja egal
sein — Cousine hin, Cousine her — aber ich sage
Ihnen, Doctor — : so 'n Weib haben Sie überhaupt
noch nicht gesehen — —“ — „Na! na! Herr
Quöck — Sie! — —“ „— Ruhig! ruhig, mein
Lieber! Feudal, capital, pikant, Sie wissen ja, kennen ja
die Litanei — ei—genartig, emanci—pirt, capri—ciös
— was Sie wollen! Mit einem Wort —: 'n janz jöttliches Frauenzimmer! — Wird Ihnen gefallen. Spielt
nämlich ooch so 'n Bischen mit der Feder — verstehen schon! … hätte 's ja gar nich nöthig, nicht
im Geringsten — ist ihr ooch nicht Ernst damit —
bewahre! — bloß — na! Federwisch und Flederwisch und so weiter — junge Wittwe — lebt erst
seit Kurzem hier — hat wenig Umgang noch —
will sich 'n Bissel zerstreuen — 's Leben genießen —
ganz hübsch vermögend — laß ich mir gefallen —
Alles solid bei ihr, Doctor: — Geld, Fleisch, Lebensanschauung — und so weiter … Warum also
nicht —? 'n Narr, der's menschliche Leben nicht
so nimmt, wie's ist. — Habe übrigens schon mit
ihr von Ihnen gesprochen — sie sagt: sie interessirte sich — —“

„Um Gottes Willen —“

„Was erschrecken Sie denn so —? Werden mir
noch dankbar sein. Das heißt, lieber Doctor —:
Sie sind in gewissen Dingen 'n kleener Schwerenöther, ich weiß wohl — aber hier — —“

„Sie haben die Vorhand, Herr Quöck — versteht sich! — versteht sich! — wir mogeln grundsätzlich nicht —“ hatte Adam laut lachend eingeräumt, zugestanden, ganz und gar ohne inneren
Rückhalt — und doch ein klein Wenig gnädig, einen
Fingerhut voll Souveränität in der Seele, eine Idee
„von oben 'runter“ … Aber er kannte ja diese
Dame, dieses „janz jöttliche Frauenzimmer“ überhaupt nach gar nicht. Also! War er etwa neugierig —? Quatsch. Seitdem er sich selber so oft
als pointenloser, interessant dekadirter Schlingel vorkam, hatte Adam ein wahres und auch ganz aufrichtiges, ehrliches Entsetzen vor allem Neuen, Außergewöhnlichen, allem„Ei—genartigen.“ Manchmal wenigstens pilzte sich das Abwehrgefühl prall auf und
energisch entgegen —: „Alles! — nur das nicht!“
Dieser verfluchte Exotismus! Das „gewöhnliche“
Leben ist ernst, schwer, traurig, elend, verworren,
monströs, angenehm, lieblich, beseligend, berauschend
genug. Ha! das „gewöhnliche,“ das gewöhnlichste
Leben. Aber Adam hatte die Einladung Herrn
Quöcks doch angenommen. „Selbst—verständlich!“
Sich so Etwas auch entgehen lassen sollen! Ein patenter
Abend: Wein, Cigarren, Scat, Souper, Weiber —
da bleibe der Teufel zu Hause! Lydia —? Nein!
Sie reizte ihn nicht. Dieser dämliche Köder. Vielleicht eine ganz angenehme Zugabe … eine pikante
Würze — warum denn nicht —? Also abwarten.
Nur nichts erwarten. Hinterher ist man auch nicht
enttäuscht. Enttäuschungen verstimmen so. Und
wenn man die Karten nachher doch wieder in die
Hand nimmt, in die Hand nehmen muß, sind sie mit
eineem Male so klebrig, so schmutzig, so … so …
so — abgespielt eben — man weiß gar nicht —
mann gewöhne sich bitte! daran, allenthalben als das
Sellbstverständlichste von der Welt nur Dreck, Moder,
Schweiß, Staub, Koth, Schleim und andere Parfums …
zu erwarten. Handschuhe. Hm! Handschuhe? Handschuhe sind doch eigentlich sehr merkwürdige Dinger.

Adam erinnerte sich wirklich nicht mehr, bei
welcher Gelegenheit er Herrn Quöcks Bekanntschaft
gemacht hatte. Ein ganz nettes Zeitweilchen war's
immerhin doch schon her. Aber das war ja jetzt
sehr schnuppe. Der „Zufall“ ist ein so gediegener,
ein so zuverlässiger Improvisator. —

V.

Es war also heute Samstag Abend um die
achte Stunde. Adam Mensch hatte sich natürlich
ein Paar neuer Glacés erstanden, die er mit großem
Behagen, mit großer Selbstgefälligkeit über seine
weißen Hände zog, als er die Treppe hinunterschritt, um gen Quöck-Heim zu wallfahrten. Der
Herr Doctor trug leidenschaftlich gern Glacéhandschuhe. —

Es gab viel Unrast und Bewegung in den
Lüften. Die Zeit lief wieder einmal dem Kalenderfrühling in die Arme — und dabei war einiger
Windrumor, verschiedentliches Stürmen und Blasen
und Pfeifen unumgänglich nothwendig. Aber die
Temperatur war noch kaum angelenzt. Der Wind
kalt, schneidend, stechend, als wirbelte er kleine,
spitze Eiskristalle durch die Luft. Es hatte am
Nachmittage geregnet, und große Pfützen standen
auf den Straßen. Das Pflaster hatte ein sehr
schmieriges, breiiges, klebriges Gesicht aufgesteckt.
Die Gasflammen zuckten nervös in ihren Glaskäfigen hin und her und spiegelten sich unruhig in
den Pfützen wieder. Am Himmel war schläfrigdämmernde Mondhelle. Die Wolken zogen in großen,
unförmigen Schwämmen und Schwärmen hin. Ab
und zu ließ sich die eine oder andere herbei, den
Mond gleichsam zu verschlingen. Und gleichsam
von ihrem Magen her floß ein weißgelbes Feuer in
alle ihre Glieder und durchleuchtete sie blendend
von innen heraus.

Adam sagte sich, daß dieser Aufruhr in der
Natur ein köstliches Frühlingssymbol sei. Und
doch dünkte ihn dieser stechende Stecknadelwind impertinent. Er klappte den Kragen in die Höhe und
schob die frierenden Hände resignirt in die Rocktaschen. Ja! Es gehörte ein sehr biegsamer und
an's Pariren gewöhnter „Wille“ dazu, um an dieses
Frühlingssymbol glauben zu können.

Adam schlug den Rockkragen wieder nieder und
drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel. Das Gaslicht lag dick auf dem gelben, funkelnden Metallschild,
das den Namen „Traugott Quöck“ eingravirt trug.

Ein Diener öffnete. Er complementirte den
Ankömmling in den Vorsaal hinein und war ihm
beim Ablegen des Überziehers behülflich. Dann
stieß er die Thür zum Salon auf.

Adam trat ein. Herr Quöck schnellte von einem
Fauteuil auf und eilte seinem Gaste entgegen.

„Willkommen, Herr Doctor —“

„Guten Abend, Herr Quöck —“

„Darf ich Ihnen meine — ich sagte ja Ihnen
gestern schon — Sie werden sich erinnern — also meine
Cousine — Frau Lydia Lange — vorstellen —?“

Herr Quöck deutete auf eine Dame, die im
Hintergrunde des Zimmers an einem kleinen Ecktische stand und sich soeben umwandte. Ein aufgeschlagenes Album wurde jetzt sichtbar.

„Herr Doctor Mensch —“

Adam verneigte sich sehr ceremoniell. Die Dame
nickte kurz.

„Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Doctor? —“

„Wenn sie gestatten —“

Adam warf sich in einen Fauteuil. Er knöpfte
seine Glacé's auf und sah zu der Frau hinüber,
die näher getreten war und jetzt am Sophatisch stand.

Hm! Frau Lange besaß allerdings Etwas, das
— gewiß! das „eigenthümlich“ war, das interessiren, das unter Umständen sogar — hm! —
sogar —

„Na! nur nicht gleich so hitzig!“ bremste Adam seine
schmunzelnde Zufriedenheit fest … und gestand sich nun
eine volle, die durchschnittliche Mittelgröße ein Wenig
überragende Gestalt; einen, wie die Dame so dastand,
durch kleine, runde, gelenke Bewegungen mit den
Armen, mit dem Kopfe, Elasticität und Geschmeidigkeit verrathenden Körperbau; eine prachtvoll durch
das Corset zu eleganter Wölbung herausgecurbte
Brust; volle, warme Arme, die durch das glatt
und eng anliegende Kleid entzückend bestimmt hervortraten — einen breit und gebärtüchtig sich ausladenden Unterkörper — „allerdings! derartige Frauen sind
sehr oft unfruchtbar“ — — und schließlich ein, wenn
auch nicht gerade „durchgeistigtes,“ so doch sehr regelmäßiges Gesicht: feine, zierliche Nase, kleiner, üppiger
Mund, niedrige, weiße, von einigen zwanglos herabfallenden Ringeln des rothblonden Haars coquett
überschattete Stirn — und ein Paar grauer, merkwürdig unruhiger, verzettelt sich ausgebender Augen,
die einen Moment groß aufgeschlagen sind, um im
nächsten wiederum halb überlidert zu werden.

„Das ist also unser berühmter ‚Proletarier des
Geistes‘ — sagtest Du nicht, liebe Lydia, daß Du
Dich für den Ul—k — — pardon, Herr Doktor! —
interessirtest? Ich erzählte Dir doch neulich davon …
nicht wahr — der Herr Doctor sieht gar nicht so
proletarierhaft aus gar nicht so …? —“

Frau Lydia Lange und Adam Mensch sahen
sich scharf in die Augen. Dann rümpfte die Dame
ein Wenig das feine Näschen und meinte leichthin:

„Es kommt so oft vor, daß man in Wirklichkeit
doch das ist, was man sich — einbildet —“

„Aber Lydia —“ wehrte Herr Quöck mit poussirlicher Erschrockenheit ab.

Adam war einen kleinen Augenblick verblüfft.
Auf eine derartige … hm! immerhin paradoxe Conversation war er kaum gefaßt gewesen. Dann verzog er den Mund zu einem nachsichtig-ironischen
Lächeln und parirte ab:

„Sie haben so Unrecht nicht, gnädige Frau.
Aber ich möchte mir eine Lanze, sogar eine „warme“
Lanze, wie man zu sagen pflegt, für die andere Seite
Ihrer Behauptungsmedaille — „wie geschmacklos!“
dachte er bei sich, als ihm diese nette „Metapher“
entfahren war — zu brechen erlauben. — Es giebt
nämlich in der That auch Fälle, wo … wo …
nun sagen wir: wo „man“ sich das nicht einbildet,
was „man“ im Grunde — auch … nicht ist —“

Herr Quöck that sehr verwundert über diese Art
von Unterhaltung. Die Beiden schienen ja sogleich
beim ersten Sichbegegnen sehr energisch Notiz von
einander nehmen zu wollen. Er blickte erst zu Adam
hinüber, dann wandte er sich, eine stumme Frage in
den Augen, zu seiner Cousine hin.

Diese mußte auch ein wenig erstaunt sein. Wagte
… wollte … dieser — nun ja! der Herr hieß
ja curios genug thatsächlich „Mensch“ — — also
wagte … wollte dieser — Mensch ihr eine …
Impertinenz sagen? Das wäre doch unerhört gewesen —

„Sie meinen damit, Herr Doctor —?“ kam es
darum sehr indignirt von ihren Lippen.

„Nun … ich meine damit, gnädige Frau, um mich
Ihrer Urtheilsart an—zu—schließen — — noch
einmal, wenn Sie gütigst gestatten, anzuschließen —
— ich meine damit, daß es Individuen giebt, die
zu viel … und zumeist zu viel innerlich erlebt
haben, als daß sie nicht so weit … also so weit
unklar über sich sein sollten, um das zu behaupten.
wofür sie keine direkten Beweise besitzen …“ redete
sich Herr Doctor Adam Mensch sehr dunkel aus und
zwar, indem er sehr langsam, sehr gedehnt sprach …

Frau Lydia lange war wie verwandelt. Sie
lachte hell auf, zupfte unruhig an ihrer Uhrkette
und rief lustig: „Das ist mir zu hoch oder zu tief
Herr Doctor! Das verstehe ich nicht —“

„Ich eigentlich auch nicht, gnädige Frau —“ versicherte Adam treuherzig. Er mußte nicht minder lachen.

Traugott Quöck sah ziemlich verdutzt aus. Da
öffnete sich die Thüre zum Nebenzimmer und Frau
Möbius trat über die Schwelle. Adam begrüßte die
Dame und erkundigte sich sehr theilnehmend nach
ihrem Befinden. Die „alte Schachtel“ war enorm gerührt.

„Es ist Alles so weit fertig, Traugott —“ bemerkte
sie nun zu ihrem Neffen — „wir könnten anfangen —“

„Schön, liebe Tante! Aber Du vergißt ganz —
wir haben ja noch Fräulein Irmer und Herrn Referendar Oettinger geladen — — so müssen wir
denn wohl noch einen Augenblick warten — ich denke:
die Beiden kommen noch. Oder haben sie in letzter
Stunde absagen lassen —?“

„Nein! — aber es ist schon so spät — und
der Braten —“

„Die Geschichte wird ja immer famöser,“ plauderte sich Adam zu und wollte sich einreden, daß er
nicht im Mindesten verwundert wäre. Also kannte
Herr Quöck auch Hedwig — das heißt —: jedenfalls
ihren Vater —? Aber seit wann denn eigentlich —?
Na! dös war nun halt 'mal so! da ließ sich Nix gegen
machen — also 'mal zu, Kutscher, bis zur Pechhütte!

Die Klingel schlug an. Die Thür ging auf und
ein … Herr trat in den Salon. Herr Referendar
Oettinger wurde den Anwesenden, soweit er ihnen
unbekannt war, vorgestellt.

Adam musterte den Ankömmling mit scharfen
Blicken. Er bemerkte, wie dessen Augen sich sehr
intim mit dem Erfassen von Frau Lydias menschlicher Ausgedrücktheit beschäftigten. Die streifte ihn
mit einem kurzen Blicke, wandte sich sodann wieder
Adam zu und kehrte nochmals zum Gesicht Herrn
Oettingers zurück. Adam konnte sich eines verkappten Lächelns nicht enthalten. Aha! Sie vergleicht!
constatirte er stillvergnügt. Wie doch die Weiber
sofort an das Aeußere, an die zufällige Erscheinung
anknüpfen! Plötzlich verspürte er den Blick Lydias
anhaltend auf sich. Er reagirte naiv-brüsk auf diese
augenscheinliche Zurechtweisung. Die Beiden verstanden sich. Und Adam mußte sich mit einer heiteren
Befriedigung einräumen, daß Frau Lange seine Gedanken durchschaut hatte.

Herr Referendar Oettinger besaß im Ganzen
sehr nichtssagende, sehr nichtsthuende Züge. Ein mattrothes, ziemlich volles, prahlerisch gesundes Gesicht.
Das Haar mit zudringlicher, beleidigender Sauberkeit in der Mitte gescheitelt. Ein süßliches Gesellschaftslächeln um den unschönen, langweilig breiten
Mund. In Kleidung und Haltung natürlich tadellos, natürlich „patent.“ Ein discreter Moschusduft
quoll von ihm aus durch den Raum.

„Fräulein Irmer bleibt aber wirklich etwas
lange —“ urtheilte Herr Quöck, der ziemlich hungrig
sein mochte.

„Warten wir doch noch 'ne Sekunde! Wir
werden doch nicht 'gleich verhungern —“ schlug
Frau Lydia sorglos vor. Sie erhielt einen etwas
mißbilligenden Blick von ihrem Herrn Vetter.

„Sie kommen eben aus Italien, Herr Referendar —?“ fragte Herr Quöck seinen Gast, weniger
aus Theilnahme oder objectivem Interesse, als aus dem
Bedürfniß heraus, sich über die peinliche Zwischenaktsfrist nach Kräften hinwegzutäuschen. Er hatte
wirklich redlichen Hunger.

„Ja —! Das heißt — ich bin schon vier
Wochen wieder in Deutschland … Es war ja
ganz nett jenseits der Alpen — natürlich! Aber
es gab doch 'n Bissel zu viel — Schmutz … Die
Damen verzeihen, allein die Wahrheit über Alles —“

„Bravo, Herr Referendar!“ rief Adam ungenirt.
Ihm kam das Geständniß und zumal die Entschuldigungsphrase Herrn Oettingers überaus drollig vor.

Der platzte dem Bravorufer mit einem ungnädigen
Blicke entgegen, in welchem Blicke allerdings zugleich ein verhaltenes Erschrockensein lag. Frau
Lydia trug ein moquantes Lächeln um die Mundwinkel. Sie sah Adam an, der erwiderte ihren
Blick. Und Herr Oettinger, welcher dieses Herüber
und Hinüber der Augen bemerkt, schaute wirklich
einen Moment lang rechtschaffen unzufrieden aus.

Der Märzwind schnob die Straße entlang. Das
war ein wüthiges Brausen, als stünde das Herz des
körperlosen Athemgottes in hellen Zornesflammen,
als suchte er etwas Verlorenes, das ihm entwischt
wäre … und das er durchaus nicht wieder finden
könnte … durchaus nicht …

Das Gespräch war plötzlich verstummt. Es schien,
als hätten die Menschen da drinnen im Salon das
Gefühl, den Unhold unbehelligt vorüberrasen lassen
zu müssen.

„Das ist aber windig —“ unterbrach Frau
Möbius die Stille. Die alte Dame besaß entschieden
das Talent, zur rechten Zeit sehr richtige Bemerkungen
zu machen.

„Frühlingssymbol, gnädige Frau —!“ erläuterte
Adam scherzend.

Frau Lange verzog den Mund zu einem gegenstandslosen Lächeln.

„Es symbolt sich 'was, Herr Doktor —!“ urtheilte
Herr Quöck mit gezwungenem Gesichtsausdruck. Sein
Hunger schien entschieden wieder ein tüchtiges Stück
gewachsen zu sein.

„In Palermo hatten wir einmal — —“ begann
Herr Oettinger — da klang ein spitzes, scharfes
Läuten auf.

„Das wird doch endlich Fräulein Irmer sein —“
hoffte der Wirth des Hauses brummig.

Die Dame war es denn auch.

„Ich bitte um Entschuldigung, daß ich so spät
komme — mein Vater — —“ begann Hedwig,
als sie in den Salon getreten war und die Anwesenden
kurz begrüßt hatte. Ihre Stimme gab einen hastigen Stoß, im Ausdruck tief, monoton, etwas verschleiert, etwas heiser. Frau Möbius stellte ihr die
beiden Herren vor, die zum Souper mitgeladen
waren. Fräulein Irmer wurde ein Wenig verlegen,
als sie sich unvermuthet Adam gegenübersah. Der
hatte sich erhoben und verneigte sich unendlich passiv.
Er freute sich im Stillen 'n Bein aus, daß er sich
vollkommen beherrscht hatte.

„Nun darfst Du Deinen Willen haben, liebe
Tante —“ wandte sich Herr Quöck großmüthig zu
Frau Möbius, die sich auch sofort nach dem Speisezimmer kehrte.

„Darf ich bitten —?“ lud der Wirth seine Gäste ein.

Adam saß zur Rechten Herrn Quöcks, diesem
zur Linken Herr Referendar Oettinger. Neben letzterem Frau Lydia, also Adam schräg gegenüber.
Seine rechte Nachbarin war Fräulein Irmer. Frau
Möbius, die kleine, purzlige Frau mit dem harmlosen Gesicht — der goldene Kneifer, den sie bald
aufsetzte, bald wieder von dem Rücken der scharfgefalteten Nase herunterholte, nahm diesem Gesicht
nichts von seiner blasigen Teigheit — Frau Möbius rundete die kleine Gesellschaft liebenswürdig ab.

Adam war vollständig ein Opfer der Situation
geworden. Die Atmosphäre berührte ihn außerordentlich sympathisch, stimmte ihn überaus einheitlich. Die Gegenwart Fräulein Irmers dünkte ihn
ausnehmend pikant, kam ihm wie das Vorspiel eines
interessanten Abenteuers vor — eines Abenteuers,
das ihm ein tüchtiges Maß bunter Reize zuwerfen
mußte. Da stand etwas bevor, das ihn mit einer
köstlichen Unruhe erfüllte. Und Frau Lydia? Sie
coquettirte doch ein klein Wenig mit ihm. Auch
das schmeichelte ihm. Seine Beziehungen zu ihr
mußten nicht minder Form und Farbe, bestimmte
Contouren annehmen: das ahnte, wußte, hoffte er.
Seine Phantasie tändelte gern. Sie war augenscheinlich heute Abend in der besten Laune. Zudem diese
reichbesetzte Tafel, diese Fülle von Eleganz, dieses
geschmackvoll zusammengeordnete Leben, diese behagliche Zwanglosigkeit — die verhalten-gesummte
Musik der Lüstreflammen: das Alles prickelte sich
ihm berauschend in die Seele, schob und hob ihn
ohne jede Absichtlichkeit über sich hinaus, ließ ihn
vergessen, was hinter ihm lag, was vor ihm lag,
was er sich selbst eigentlich war — nahm ihn ganz
hin — zehrte ihn ganz auf …

Herr Quöck aß sehr tapfer drauf los. Der
saftige Rehbraten mundete ihm vortrefflich. Die
Ouvertüre: delicate grüne Erbsen mit Beilage, hatte
er ziemlich unbehelligt vorübergehen lassen. Er schien
sich an das Körperlichere halten zu wollen.

„Nehmen Sie Rum oder Rothwein zum Thee,
Herr Doctor —?“ fragte Frau Möbius Adam.

„Danke sehr, gnädige Frau! Ich habe mich
schon mit Rum bedient —“

„Ich gieße mir immer Rothwein hinzu —“
gestand Quöck.

„Und Sie, Herr Referendar —?“

„Auch ich, gnädige Frau, habe mir schon erlaubt,
Rum vorzuziehen —“

„Wie geht es Ihrem Herrn Vater, Fräulein
Irmer —?“ fragte der Wirth des Hauses und schob
ein ansehnliches Stück Rehrücken zwischen die Zähne.

Fräulein Irmer, die soeben nach ihrem Theeglase
gegriffen, setzte es wieder nieder und antwortete:
„— Papa war gerade in den letzten Tagen recht
leidend — hatte viel nervösen Kopfschmerz … Er läßt
sich Ihnen übrigens bestens empfehlen, Herr Quöck —“

„Danke, liebes Fräulein, danke —! Ich glaube,
Ihr Herr Papa arbeitet zu viel … er sollte sich mehr
Ruhe gönnen … das viele Denken strengt so an —“

„Mag sein, Herr Quöck — aber das ist nun
einmal sein Leben — und ich glaube, man kann
die Gesetze, nach denen sich ein individuelles Leben
regelt, nicht ungestraft verletzen —“

Herr Quöck kaute gerade an einem etwas heißen
Stück Bratkartoffel herum und konnte darum nicht
sogleich zu Wort kommen. Adam wandte sich zu
seiner Nachbarin hin —:

„— Wenn ich mich nicht irre, mein gnädiges
Fräulein, hörte ich neulich — ich erinnere mich
freilich nicht gleich, wo? —, daß Ihr Herr Vater
auch — hm! auch Bücher zu schreiben pflegt —? —
Ich huldige zeitweilig leider auch dieser tristen
Praxis — es wäre mir darum ganz interessant und
zudem eine hohe Ehre, Ihren Herrn Vater gelegentlich
persönlich kennen lernen zu dürfen — „Collegialität“
ist zwar sonst nicht gerade —“

„Papa ist, wie gesagt, sehr leidend … wir leben
sehr zurückgezogen … empfangen selten Besuche …
Papa ist so ungesellschaftlich geworden … das ist ja
natürlich … Aber wenn Ihnen daran liegt, Herr
Doctor — — ich werde Papa vorbereiten — —“

Hedwig hatte sehr kalt, sehr zurückhaltend, beinahe abweisend, gesprochen. Es schien ihr persönlich
gar nichts daran zu liegen, eine Beziehung zwischen
ihrem Vater und Herrn Doctor Mensch herzustellen
oder hergestellt zu sehen.

„Sehr liebenswürdig, mein Fräulein!“ dankte
Adam reservirt und wollte sodann fortfahren: „Der
Werth des Lebens —“

Da fiel Frau Lange ein: „Pardon, Herr Doctor,
wenn ich Sie unterbreche — ich — ich —“

Frau Lange wußte entschieden nicht recht, was
sie eigentlich von Adam wollte in diesem Augenblick.
Es schien ihr nur unbequem zu sein, ihn und Fräulein Irmer in ein ernsthafteres, längeres Gespräch
kommen zu sehen.

Als Adam die Worte „— Werth des Lebens —“
über die Lippen gebracht, war Hedwig zusammengefahren. Er wird doch nicht — — —

„Ja!“ fuhr Frau Lydia fort, „Sie haben, Herr
Doctor —“

„Darf ich Ihnen noch einmal Thee eingießen,
Herr Referendar —?“ fragte Frau Möbius an …

„Wenn ich bitten darf, gnädige Frau — —.“

„Mir auch noch 'n Schluck, liebe Tante, ja —?“
bat Herr Quöck.

„Recht gern, Traugott —“

„Ich mache Ihnen mein Compliment, gnädige
Frau,“ hub Herr Oettinger an, „— Ihre Küche
ist vorzüglich! Ich habe selten ein so delikates
Stück Fleisch — —“

„Ach, bitte, bitte! … “ wehrte Frau Möbius
bescheiden ab.

„Uebrigens,“ wandte sich Lydia an Adam —
„sagen Sie, Herr Doctor: — sind Sie denn immer
so … so steif … so ceremoniell —? Ich hörte zufällig
vorhin, als Sie zu Fräulein Irmer — Sie geben
ja in der That keinen einzigen … wie soll ich
sagen —? keinen … keinen einzigen Naturlaut von
sich —.“

Adam war ein Wenig verblüfft. Er reichte
gerade die Schüssel mit Bratkartoffeln seiner Nachbarin hin.

„Immer so —?“ wiederholte er befangen-mechanisch. Er wußte nicht sogleich, was er antworten sollte.

Lydia lachte hell auf: „— Aber, Herr Doctor —“

„Aber, Lydia —!“ monirte verlegen-unwillig
ihr Vetter.

Herr Oettinger schmunzelte. Um diese süße
Freude über Adams kleine Abfuhr ein Wenig zu
verhüllen, griff er schnell nach seiner compote mêlée …

Adam hatte sich gefaßt. Er schlug die Augen
groß auf und sah scharf zu Lydia hinüber. Dann
kniff er den Blick etwas zusammen — und während
ihm ein wegwerfendes Lächeln Mund und Nase
umkräuselte, fragte er seine schöne Gegnerin:
„Wollen Sie es dem Schornsteinfeger verdenken,
gnädige Frau, daß er sich zuweilen … wäscht —?“

Fräulein Irmer blickte ihren Nachbar erstaunterwartungsvoll von der Seite an. Was meinte er
damit —?

Auch Frau Lange wußte nicht recht, was sie
von dieser Antwort denken sollte.

Der Herr Referendar hielt das Gesicht gebeugt
und stocherte mit dem kleinen Löffel in seinem
steifschleimigen Fruchtbrei herum. Seine rosigen,
wohlgepflegten Fingernägel glänzten.

Adam legte Messer und Gabel über seinen Teller
und lehnte sich zurück. Er sah Frau Lydia herausfordernd an.

Herr Quöck blickte bei seinen Tischgästen fragend
herum und machte sich dann an das Geschäft, seinen
goldgelben Rüdesheimer zu verschenken.

„Pythius —!“ warf Lydia provokant hin.

„Pythius' —?“ — Adam lachte. „Nein!
gnädige Frau scherzen … Ich weiß ganz genau,
was ich will … was ich gesagt habe … Uebrigens
gestehe ich recht gern zu, daß Ihnen meine Worte
weniger dunkel —“

„Heraklitisch dunkel —“ warf Herr Oettinger
ein.

„Ganz Recht, Herr Referendar! … also „heraklitisch“ dunkel und räthselhaft erscheinen würden,
wenn ich die Ehre genösse, von Ihnen näher gekannt
zu werden —“

„Na! Dazu kann ja eventuell noch Rath
werden —“ äußerte Lydia offen und sah Adam
groß und coquett-versprechend an. —

Hedwig machte ein ziemlich müdes und gelangweiltes Gesicht. Was wollten eigentlich diese Leute
von ihr —? Was gingen sie diese Menschen an —?
Was hatte sie in dieser leichtsinnig phosphorescirenden
Welt zu suchen —? Nichts! Rein gar Nichts!
Vertrug sich überhaupt dieser Aufenthalt in einer
Sphäre, die ihr im Grunde absolut gleichgültig …
ja! ja! … ganz bestimmt! … ganz bestimmt absolut gleichgültig war — vertrug er sich überhaupt
mit ihrer ‚Weltanschauung‘ —? Nein! Sie that es
nur ihrem Vater zu Gefallen, wenn sie zeitweilig in
diesen Kreisen verkehrte. Ihr Vater zwang sie
allerdings nicht dazu, diesen lächerlich leeren Formencultus mitzumachen. Aber er sah es im Grunde
doch ganz gern. — gewiß! ‚ideell‘, ‚theoretisch‘ verwarf er den Humbug … aber so „lebensklug“
war er immerhin doch noch — schien er immerhin
doch noch zu sein, daß er sich und seiner Resignation
Nichts zu vergeben glaubte, wenn er seine Tochter
den Firlefanz bisweilen mitmachen ließ. Hedwig sagte
sich sehr klar, daß ihr Vater sich nur als Denker bethätigen konnte, wenn er lebte — wollte er aber
‚leben‘, mußte er mit gewissen Verhältnissen klug und
praktisch rechnen — sonst konnte er eben einpacken.
Oder — oder war sie heute Abend bloß so übellaunig, so verstimmt, wenigstens so gleichgültig,
weil ihr Lydia unsympathisch? Weil ihr Nachbar
sie störte, dieser suffisante Doctor Mensch, der sich
ihr neulich so impertinent frech aufgedrängt hatte —?
Aber nein! Diese Welt war nicht ihre Welt — und
sie durfte sich mit dem Bewußtsein trösten, daß sie
dieselbe nur zuweilen besuchte, um ihre eigene Welt —
selbstverständlicher zu finden.

„Prosit, meine Herrschaften —!“ lud Herr Quöck
ein und erhob sein Glas zum Anstoßen.

Die Gläser klangen zusammen.

Frau Lydia hatte ihren ‚Kelch‘ zuerst an den
Adams klingen lassen. Der lächelte ironisch. Dann
wandte er sich auffallend seiner Nachbarin zu. Er
begegnete ihrem müden, theilnahmslosen Blicke. Und
er bemühte sich, diesen Blick festzuhalten und ihm damit ein eigenes Feuer, einen besonderen, selbständigen
Werth zu geben. Plötzlich stieg ein leises, diskretwolkiges Roth in Hedwigs Gesicht.

Lydia, welche diese kleine, überflüssige Scene
beobachtet hatte, war etwas pikirt und kehrte sich
mit nervöser Plötzlichkeit zu ihrem Nachbar: „— Wie
lange waren Sie in Italien, Herr Referendar —?“

Herr Oettinger, der soeben von seinem Weine getrunken, schluckte den köstlichen Tropfen hinunter,
jedenfalls zu hastig für sein Gefühl, und antwortete:
„Fünf Monate, gnädige Frau! Gerade genug, um
die Schönheiten und, wie gesagt, auch — den Schmutz
dieser Dorados der guten Nordländer kennen lernen
zu können —“

„Fünf Monate —“ wiederholte Lydia mechanisch
und sah zu Adam hinüber, der zerstreut-gedankenvoll
an seiner Serviette herumspielte.

„Wollen Sie nicht einmal von diesem Apfelsinencompot kosten —?“ wandte sich Frau Möbius
an Hedwig. Diese nahm dankend an, schöpfte ein
paar Löffel des Nachtisches auf ihr Tellerchen und gab
die kleine Terrine weiter an Adam.

Herr Quöck hatte wieder einmal an seinem
Glase genippt und schnalzte befriedigt mit der Zunge.

„Wissen Sie übrigens schon, lieber Doctor —“
hub er jetzt zu Adam Mensch zu sprechen an, „— daß
meine verehrliche Frau Base auch — auch — schriftstellert — das heißt —“

„Bester Traugott —“

„Ich bin erstaunt, gnädige Frau —,“ heuchelte
Adam —: er wunderte sich doch ein Wenig, daß
Herr Quöck manchmal so merkwürdig taktfest im gesellschaftlichen Lügenspiel sein konnte.

„Na! So schlimm ist das nicht —“ gab Lydia
lachend zu — „schwache Versuche, die —“

„Nette ‚schwache Versuche‘, wenn man gleich 'ne
‚moderne Bibel‘ schreiben will —“ flüsterte Herr
Quöck mit drolligem Geheimnißvollthun über den
Tisch —

„Das ist ja außerordentlich interessant —“ versicherte der Herr Referendar —: „eine ‚moderne
Bibel‘ —“

„Ja —? finden Sie?“ fragte Lydia neckischboshaft.

„Auf Ehre, gnädige Frau —!“

„Ich habe einen Gedanken, liebe Cousine —“
nahm Herr Quöck wiederum das Wort —

„Und das wäre —? Du hast, wenigstens so weit
ich es vorläufig beurtheilen kann, so selten Gedanken,
bester Herr Vetter — daß ich wirklich gespannt bin —“

„Sei doch nicht so … so eigenthümlich liebenswürdig, Lydia — höre mich doch erst an — vielleicht genüge ich Deinen hohen Ansprüchen ausnahmsweise doch einmal —“ ließ Herr Quöck beleidigtzurechtweisend verlauten …

„Na! — nur nicht böse sein, Vetter! Ich widerrufe ja gern, wenn — —“

„Also … Ja! … Wie wäre es, wenn Du
im Verein mit … Herrn Doctor Mensch Deine ebenso schöne wie tiefe Idee ausführtest —? Der Herr
Doctor ist wohl, wenigstens soweit ich urtheilen darf
— ich habe ja die Ehre, ihn schon seit mehreren
Jahren zu kennen — also der Herr Doctor möchte
Dir ein ganz famoser — verzeihen Sie gütigst, Herr
Doctor, dieses etwas burschikose Beiwort — aber
mein Jugendfreund Saldern gebrauchte das Wort
öfter — und da habe ich es mir denn auch
un poco — —“

„Ah! ‚un poco‘! Süßer Laut der schönen
Fremde —“ fiel Herr Oettinger affektirt-pathetisch
ein. Der Wein schien ihm die Zunge etwas schwippig
gemacht zu haben.

„Also auch etwas angewöhnt — — ja! …
um den Satz endlich fertig zu bringen —“ fuhr
Herr Quöck fort — „ein ganz prächtiger Mitarbeiter
sein … Ich glaube nämlich ehrlich, daß das Buch
Aufsehen machen — unter Umständen sogar einen
sensationellen Erfolg haben würde, wenn es nur
erst … erst fertig wäre —“

Frau Lange sah zu Adam hinüber. Der war
immerhin etwas betreten. Diese Wendung des
Gesprächs kam ihm zu unerwartet. Sollte das den
Weg bedeuten, auf welchem sich seine Beziehungen zu
diesem schönen Weibe, das ihn ausnehmend reizte,
anknüpften … enger zusammenfädelten —? Und …
und Hedwig? … Er sah sich zu ihr um. Fräulein
Irmer machte ein etwas maliciöses Gesicht. Die
Schmerzensfalten um die Nase waren schärfer hervorgetreten. Und doch lag in diesem Gesicht zugleich ein
Zug des Gespanntseins, der Neugier, der Theilname.

„Hm! … hm! —“ begann Lydia. Sie wunderte
sich ein Wenig, daß Adam nicht sogleich freudig und
hingerissen auf den Vorschlag einging. Das ärgerte sie.

„Ja! Ja! Der Gedanke ist … ausnahmsweise
wirklich nicht so übel … Ich danke Dir, lieber Vetter …
nur fragt es sich, ob … ob der Herr Doctor —
ich — ich — gewiß! — mir behagt die Idee sehr …
sehr … ich finde sie ganz ausgezeichnet, aber eben —“

„Na! Mir gefällt sie natürlich auch —“ versicherte Adam brüsk.

Lydia stutzte. Der Ton, in welchem diese Worte
gesprochen waren, mußte ihr auffallen. Sie wollte
eben eine spitze Bemerkung loslassen — sie hatte
allerdings vorläufig bloß das Gefühl, das thun
zu müssen, ohne im Augenblick schon zu wissen, wie
sie die Unart dieses … unverschämten Menschen
rügen sollte — als dieser, ein Wenig moquantlächelnd, seine Worte wieder mit den alten Farben
der steif-gespreizt-ironischen Höflichkeit zu bemalen
begann —: „Vorausgesetzt natürlich, gnädige Frau,
daß Sie es der Mühe für werth halten, mich intimer
in Stoff und Motiv einzuführen —“

Lydia war wieder versöhnt. — „Also Sie spielen
mit —?“ fuhr sie lebhaft auf, „— das enchantirt
mich aufrichtig, Herr Doctor! Sie sollen sehen —:
wir kriegen ein ganz prächtiges Gesch — — also —
nicht wahr —? auf gute Kameradschaft! Wahrhaftig
der Stoff fängt wieder an, mich stärker zu
interessiren —“

Sie reichte ihre kleine, fleischige, ringblitzende
Hand über den Tisch zu Adam hinüber. Der brachte
seine Finger mit der Sammthaut Lydias in eine
vornehm-zurückhaltende Berührung. Frau Lange's
Augen strahlten. Adam fragte scherzend —: „Theilen
wir nun, gnädige Frau, die Arbeit systematisch —?
Dann möchte ich mir das moderne neue Testament
zur Bewältigung ausbitten —“

„Wie wir's anstellen — nun! das werden wir
ja noch finden, Herr Doctor! Sie trinken vielleicht
in den nächsten Tagen, wenn Sie über sich verfügen können, eine Tasse Thee bei mir —? Dann
können wir ja das Problem in aller Ruhe einmal
näher anschauen. Aber warum erbaten Sie sich
vorhin das ‚neue‘ Testament zur Bearbeitung —?
Ist Ihnen das alte —“

„Das alte — hm! — das alte Testament, gnädige
Frau, ist mir, wenn ich offen sein soll, ist mir ein Wenig
zu … zu semitisch … Gewiß! es hat gewaltige,
von der bewußten „elementaren“ Poesie strotzende
Capitel — aber —“

„Ah! das freut mich, Herr Doctor! Sie scheinen
auch Antisemit zu sein?“ — fragte Herr Oettinger
lebhaft — „das einzig Vernünftige heute —
versteht sich …“

„Ob ich gerade regelrechter ‚Antisemit‘ bin —
‚Antisemit‘ mit allen Chikanen — — das — das
weiß ich eigentlich nicht recht, Herr Referendar …
Aber ich glaube kaum … Die Frage, die gewiß
eine „moderne“ und zudem gewiß auch eine sehr
„brennende“ ist, bedeutet bei mir weniger eine
neutrale Angelegenheit des Intellekts mit dem
Stempel der Selbstverständlichkeit — selbstverständlich
aus wirthschaftlichen, politischen, socialen, philosophischen und tausend anderen ‚Vernunfts‘-Gründen —
als vielmehr eine Art von Herzensbedürfniß … Meine
Weltanschauung ist, den Haupttendenzen, der Polarität
meiner Natur gemäß, eine vorwiegend ästhetische …
Sogenannte „Principien“ habe ich nicht, höchstens nur
in sehr schwachen Ansätzen — sie „liegen“ meiner Natur
nicht … und ich halte sie darum für geschmacklos und
langweilig … u. s. w. — aber verzeihen Sie! — ich bin
ganz abgeschweift — —“

„‚Abgeschwiffen‘ — pflegte Otto von Galdern
immer zu sagen“ — warf Herr Quöck lachend ein.

„Also! . ja! . — sehen Sie“ — nahm Adam
das Gespräch wieder auf, halb zu Lydia, halb zu
Oettinger hingewendet — „der große Marx z. B.
war auch ein Jude — dann Lassalle — und nehmen
wir Heine, Börne — —“

„Marx? — Marx? — Ist das nicht — nicht
der … der —“

„Ganz recht, Herr Referendar, der … der —
der große Werthanalytiker nämlich — Sie werden
gewiß seine Werke kennen, wenigstens seine Sätze,
seine Resultate, seine Definitionen —“

„Nein! — Gott sei Dank! nicht —“

„Aber — pardon! — Sie sind doch Jurist —“

„Allerdings! Und ich muß zu meinem allergrößten Bedauern bemerken, daß ich sehr — sehr
viel jüdische Collegen habe … Diese Herren mögen
die Thesen ihres Heros besser kennen, als ich —
ich bin streng — ich bin à tout prix monarchisch,
Herr Doctor — stockconservativ, wenn Sie wollen —
mein Kaiser braucht bloß zu winken, so lege ich
mit tausend Freuden mein Haupt auf den Block
für ihn — dulce et decorum, pro imperatore
mori, Herr Doctor! Heilig — heilig ist mir die
Regierung — unantastbar — —“

„Unfehlbar —“ warf Lydia ein, die sich zurückgelehnt hatte und amüsirt, ein verhaltenes, halb
spöttisches, halb gutmüthiges Lächeln im Gesicht, den
Versicherungen ihres Nachbars zuhörte.

„Jawohl, gnädige Frau! In gewissem Sinne sogar
‚unfehlbar‘ ist mir die Regierung! Und ich wäre
glücklich, sollte es mir vergönnt sein, dereinst einmal
ein guter Hüter und Wahrer und Pfleger des Gesetzes
zu werden — des Gesetzes, das für mich vorläufig
nur einen Fehler hat — nämlich den, daß es in
mancher Beziehung zu mild, zu tolerant ist. So
sollte z. B. Jeder — ich wähle das Beispiel, weil
mir gerade kein anderes einfällt — so sollte also
Jeder, der im öffentlichen Besitze einer Waffe gefunden wird, quasi als Mörder behandelt werden,
denn er hat, respective hatte es ja jeden Augenblick in der Hand, einem seiner Mitmenschen das
Leben, dieses höchste, kostbarste Gut, wie Sie mir
zugestehen werden, zu nehmen —“

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Herr
Referendar —?“ fragte Adam belustigt.

„Wollen Sie nicht auch einmal den Käse kosten,
Herr Doctor?“ bot Frau Möbius, die aufmerksame
Wirthin, an. Sie benutzte den Moment, wo das
Gespräch sich wieder gabeln zu wollen schien.

Auch Hedwigs Gesicht hatte einige Ausdrucksgrade seines Ernstes verloren. Auch ihr mußten
die Geständnisse Herrn Oettingers etwas drollig
und schattentöterig-bizarr vorkommen.

„Zweifeln Sie daran, Herr Doctor? — Ich
bitte doch sehr … Allerdings — Sie scheinen
mir in dieser Beziehung etwas laxere Ansichten zu
haben —“ entgegnete der Herr Referendar ein
Wenig indignirt. Er führte sein Weinglas an die
Lippen und sah furchtbar moralisch entrüstet aus.

„‚Laxere‘ … hm! — ich weiß nicht, Herr Referendar, ob gerade ‚laxere‘ — — jedenfalls … hm!
nun! jedenfalls modernere …“ warf Adam mit einem
kleinen Anflug von Spott hin.

„Was verstehen Sie eigentlich unter ‚modern‘,
Herr Doctor? — Man hört das Wort heute so oft.
Man kann sich gar nicht mehr retten vor ihm —“
fragte Lydia dazwischen. Sie schien momentan ganz
vergessen zu haben, daß sie ja selbst eine —
‚moderne‘ Bibel schreiben wollte.

„Ja! das ist schwer zu sagen mit einem Worte,
gnädige Frau …“ begann Adam. Auch ihm fiel
der Umstand, daß gerade Lydia ihn um eine Art
von Begriffsbestimmung gebeten, weiter nicht auf.
„‚Modern‘ sein heißt, heißt, gnädige Frau — ja!
also sagen wir — heißt: sich auf Etwas vorbereiten,
was Einen im Grunde gar nichts angeht — —
ich meine: auf Etwas, dessen Eintreten in die Welt
man sicher nicht erleben wird, das sich vielleicht
erst in einer sehr fernen Zukunft erfüllt — ‚modern‘
sein heißt aber zugleich: — bei dem Vorbereiten
auf dieses problematische Etwas ganz gefälligst …
zu Grunde gehen —“ fuhr Adam sodann mit
einem spröden Stich ins Paradoxe und Bittere fort.

Hedwig sah ihren Nachbar erstaunt-theilnehmend
an. Herr Oettinger machte ein verblüfft-ungläubiges
Gesicht. Von Lydia erhielt Adam einen sehr eigenthümlichen Blick. Und nun erkundigte sie sich etwas
leichthin —: „Gehört das ‚Zu-Grunde-Gehen‘, wie
Sie sich ausdrückten, Herr Doctor, absolut dazu —?“

„Allerdings, gnädige Frau,“ erwiderte Adam ernst,
„das gehört dazu, wenn man treu sein will … und
sich, wenigstens in der Hauptsache, in den Grundzügen, in den Kernlinien seiner Natur, erkannt
hat — das heißt: wenn man weiß, daß man nicht
treu sein kann … Der incarnirte Widerspruch ist
immer Subtrahent —“

„Herr Gott! Wieder einmal Pythius! Wenn Sie
im Alterthum, zu Zeiten Frau oder Fräulein Pythia's
gelebt hätten, Herr Doctor, — ich bin fest überzeugt: aus Ihnen und jener ehrenwerthen Dame
wäre ein Paar geworden …“ scherzte Lydia
lachend.

„Meinen Sie, gnädige Frau? — Ob aber die
Concordanz immer addirt —?“

„Himmlischer Vater! Nun fehlt bloß noch das
Multipliciren und Dividiren … Die armen vier
Spezies! —“

Hedwig konnte sich nicht mehr verbergen, daß
Adam sie jetzt interessirte. Und sie mußte sich gestehen,
daß sie in ihrem Denken und Fühlen diesem merkwürdigen Causeur unter den Anwesenden jedenfalls
am Nächsten stände. Das machte sie immerhin
eine Idee stolz und befriedigte sie. Tiefer in Anspruch
genommen wurde sie allerdings auch kaum, es war
ihr nur lieb, daß in das Gespräch einmal ein paar
kühnere, neuere Töne hineinklangen.

„Sie scheinen nicht gerade religiös zu sein,
Herr Doctor —?“ interpellirte jetzt Oettinger Adam.

„‚Religiös‘? Sie etwa, Herr Referendar —?“
fragte Adam barsch entgegen.

„Ich — ich schmeichle mir allerdings, mein
Herr, in gewissem Sinne religiös zu sein — ja!
Gott sei Dank! noch religiös zu sein —“ gab
Oettinger etwas von oben herab zur Antwort.

„Na! das ist kennzeichnend —: ‚in gewissem
Sinne‘ — hm!“ —

Herr Quöck wurde unruhig: „Prosit, meine
Herrschaften!“ Die Gläser klangen wieder einmal
zusammen. Und wieder ließ Lydia das ihrige
zuerst an das Adams tönen.

Dieser hatte plötzlich die ganze Situation, zumal
sein Verhältniß zu Frau Lange, klar erfaßt und
wandte sich jetzt mit einer auffälligen Wendung zu
Hedwig hin … und zwar so beklemmend nahe, als
wollte er dieser Dame Etwas ins Ohr flüstern.
Hedwig sah verwundert auf. Ihre Brauen zogen
sich zusammen. Verstand sie das Manöver —?

„Ich muß doch bitten, Herr Doctor —“ nahm
Oettinger das Gespräch wieder auf.

„Um was —?“ flegelte Adam.

„Ja! . Aber … Gewiß bin ich religiös …
wenn auch — — wie ich mir schon einmal zu
bemerken erlaubte —: in erster Linie bin ich conservativ — und dieser Standpunkt schließt ja ein
mehr oder weniger intimes Verhältniß zu den
Satzungen der Landeskirche ganz von selber ein — —
ich klebe durchaus nicht am Dogma — gehe sogar
so weit, in gewissem Sinne — verzeihen Sie!
— nun! wie soll ich sagen? — ja! — frei —
vielleicht ‚modern‘ zu sein — es ist wahr: ich besuche
selten die Kirche — vertrete aber als Jurist, als
Gesetzeshüter, ganz entschieden die Ansicht, daß
die Masse der Religion bedarf — und sollte das —
Sie sehen, ich bin ganz aufrichtig — und sollte
das auch nur nothwendig sein, damit sie, die Plebs,
der Mob, kurz: das Volk — damit dieses also stets in
der Gewalt, in den Händen der ‚oberen Zehntausend‘
bleibt … Ich bitte, in meinen freimüthigen Worten
weiter keinen Cynismus zu suchen —“

Adam lächelte sehr ironisch.

Er spielte mit den Fingern der rechten Hand an
dem Griffe seines Weinglases herum und warf nun
mit gutmüthig-boshaftem Gesichtsausdruck die Frage
über den Tisch zu seinem Gegner hinüber: „Dann
gehören Sie also, Herr Referendar, so ungefähr
zu den Leuten, die im Grunde als erste Autorität
über sich ihren — Cylinder anerkennen —?“

Frau Möbius sah recht erschrocken aus. Lydia
lächelte wie zustimmend, lenkte dann aber mit seinem
Takte ab: „Und die Cigaretten, Herr Vetter —?“

Traugott Quöck verstand. Er erhob sich, warf
dabei Adam einen nicht gerade „gnädigen,“ kaum
freundlichen und aufmunternden Blick zu und
wünschte seinen Gästen „Gesegnete Mahlzeit!“ —

„Sie rauchen doch, Herr Referendar —?“

Oettinger starrte noch immer auf Adam hin. Es
schien ihm unbegreiflich zu sein, daß dieser Mensch
gerade ihm mit seinen Impertinenzen zu kommen
wagte. Sollte er die Beleidigung auf sich sitzen
lassen —? Sollte er einen Skandal provociren —?
Er war unschlüssig. Adam machte ein unschuldigheiteres Gesicht. Er wandte sich jetzt zu Fräulein
Irmer, die hinter ihrem Stuhle stand und theilnahmslos vor sich hinsah, mit der Frage: „Rauchen
Sie auch, mein gnädiges Fräulein?“

„Nein!“ kam es kurz und schroff von Hedwigs
Lippen.

„Wollen die Herren in mein Zimmer treten —?“
forderte Herr Quöck auf.

Man verbeugte sich ziemlich steif gegen einander.

Lydia sah nach ihrer kleinen, goldnen Uhr. „Schon
Zehn durch! Um Elf kommt mein Wagen —“

„Um Elf schon —?“ fragte Frau Möbius,
wohl nur, um überhaupt Etwas zu sagen.

„Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Irmer,
fahren Sie mit mir —? Wir wohnen ja nicht weit
auseinander. Ich werde Friedrich sagen, daß er
durch Ihre Straße den Weg nimmt —“

„Sehr liebenswürdig, Frau Lange, ich nehme
mit Dank an —“

„Aber was fangen wir nun an —?“ überlegte
Lydia. „Die Herren spielen natürlich den unvermeidlichen Scat … Ach! Wir armen Frauen —!“

„Traugott spielt eigentlich selten Scat —“ bemerkte Frau Möbius schüchtern.

„Ich werde mir wahrhaftig noch die Geheimnisse dieses verteufelten Scatspiels beibringen lassen —
man ist ja sonst rein verloren heute … Ob der
Doctor Mensch auch spielt —? Er sieht gar nicht
so aus … Was meinen Sie, Hedwig —?“

„Warum sollte er nicht —?“ antwortete die
Gefragte kurz, etwas geringschätzig. Die beiden
Frauen sahen sich an. Eine jede wußte, was die
andere im Stillen dachte, was sie wissen wollte, zu
hören verlangte, und was doch keine von ihnen
aussprach … keine aussprechen mochte.

„Bitte, Cousine —!“ Herr Quöck war aus dem
Nebenzimmer getreten und hatte eine Schachtel
amerikanischer Cigaretten auf den Tisch gestellt.

„Versuchen Sie es doch auch einmal, Fräulein
Irmer —!“ forderte er halb im Scherz, halb im
Ernste auf. „Die Damen rauchen heute alle …
Es ist so fashionable …“

„Ich danke, Herr Quöck —“

Lydia saß im Fauteuil und spie ganz respectable,
weißgelbe Rauchwolken durch die Lippen. Sie
hüstelte ein Wenig.

„Wir spielen natürlich Scat, Lydia. Der Doctor
ist nämlich auch ein leidenschaftlicher Scatverehrer,
wie er neulich versichert hat —“

„So —?“

Lydias und Hedwigs Augen fanden sich wieder
einmal.

Aus dem Nebenzimmer klang gedämpftes Sprechen.
So leise die Unterhaltung geführt wurde — man
hörte doch immer den gereizt-markirten Ton heraus.

Hedwig hatte in einem Album geblättert. Jetzt
sah sie auf und horchte gespannt hinüber.

Lydia erschien sehr gleichgültig. Sie blies eine
dicke, weißgelbe Dampfwolke nach der anderen vor
sich hin. Im Zimmer machte sich schon das Cigaretten-Parfüm deutlich riechbar. Es war Frau Lange
entschieden sehr behaglich zu Muthe.

Herr Quöck war nach dem Salon hinübergegangen. Er arrangirte den Scattisch. Frau Möbius
hatte sich nach der Küche begeben. Oettinger und
Adam waren natürlich gegen einander gerathen.
Der Herr Referendar hatte den Herrn Doctor bezüglich
dessen Bemerkung bei Tisch noch einmal interpellirt.
Das hätte kaum unterbleiben dürfen. „Ich habe weiter
nichts gethan, als gleichsam die Quadratwurzel aus
Ihren Aeußerungen gezogen, Herr Referendar. Ihr
conservativer Standpunkt mag ehrliche Ueberzeugung
sein — das gebe ich sehr gern zu. Warum auch
nicht —? In Puncto der Religion gestanden Sie
selbst ein, daß Ihnen dieselbe nur noch als ein
Mittel in den Händen der „oberen Zehntausend“
erschiene, das den Zweck hat, die Plebs geduckt
und unterwürfig zu erhalten — Herrenmoral und
Sclavenmoral — Punktum —“

„Aber bitte — das ist doch heute die Anschauung jedes gebildeten Menschen —“

„Das weiß ich recht gut. Der Standpunkt ist
auch ein dieser gebildeten Menschheit vollkommeu
würdiger. Ich erlaube mir nämlich die Ansicht zu
haben, Herr Referendar, daß diese famose ‚Bildung‘
und der bodenlose Indifferentismus in religiösen,
philosophischen, künstlerischen Dingen heutzutage so
ziemlich identisch sind mit einander —“

„Hm! . Mag sein! … Aber bitte, Herr Doktor
— wir kommen ganz von dem Punkte ab, dessen
Erörterung mir momentan zumeist am Herzen liegt
— Sie gebrauchten bei Tisch ein Bild — einen
Vergleich — ein — ei—n—e — nun! — es
bleibt Ihnen ja unbenommen, auch mich unter
diese Indifferenten zn rechnen — —“

„Pardon, Herr Referendar! Wenn mir das
unbenommen bleibt, nun! so ist doch die einfache
Folge davon die, daß ich Ihnen einen großen
Respect vor dem — Cylinder als dem Symbole
der auf das Aeußerliche gestellten Bildung vindiciren
darf — die einfache Consequenz, nichts weiter —“

„Ich glaube aber kaum, Herr Doctor, daß es
erlaubt ist, derartige etwas — verzeihen Sie! —
immerhin — immerhin etwas boshaft-gesuchte Consequenzen öffentlich auszusprechen … Ich kann — ja!
ich muß das geradezu als eine persönliche Beleidigung
auffassen — und ich sähe mich genöthigt, wenn Sie
nicht revociren — —“

Adam lachte: „‚Beleidigung‘! — — ‚revociren‘
— — Sie scherzen, Herr Referendar! Sie scherzen
jetzt, wie ich vorhin — gescherzt habe — wir sind
also quitt — nicht —?“

„Das ist eine sonderbare Auffassung, Herr
Doctor —“

Herr Quöck trat wieder ein.

„Wie schmeckt Ihnen das Kraut, Doctor —?“

„Vorzüglich, Herr Quöck … etwas schwer zwar —“

„Ach! Nee! schwer —? Finden Sie auch, Herr
Referendar —? Aber bitte, meine Herren — —
es ist Alles bereit — kommet und gehet ein in den
Freudenhimmel, allwo duftende Blumen in Fülle
wachsen — wo es Könige giebt und Fürsten — —“

„Auf Kartenblättern — famos, Herr Quöck!
Die Herren dieser Welt sind doch eigentlich furchtbar
witzige Kerle, daß sie ihre Bilder auf Münze und
Karte malen lassen … immer noch malen lassen …
Wollen sie damit etwa sagen, — symbolisch andeuten, daß — daß — — na! manchmal wirft
man eben das Geld weg —“ scherzte Adam.

„Still, Doctor, — das klingt ja ganz gefährlich
— Sie sind des Teufels —“ wehrte Herr Quöck
erschrocken ab.

„Pflegen Sie das … Geld auch so … wegwerfend
zu behandeln, Herr Doctor —?“ fragte Oettinger.

Man trat gerade in den Salon ein. Lydia hatte
ihren Fauteuil im Speisezimmer verlassen und stand
jetzt am Spieltisch. Sie hielt die rändervergoldete Scatkarte zwischen Daumen und Mittelfinger ihrer kleinen,
weißen, rechten Hand, ungefähr in Schritthöhe über
dem Tisch, und ließ nachlässig, träumerisch, gedankenabseits ein Blatt nach dem anderen auf die Fläche
niedertaumeln.

„Leider!“ erwiderte Adam, einen komisch-drolligen
Ton des Bedauerns in der Stimme.

Lydia wandte sich um. Sie sah die Herren
fragend an.

„Wo steckt denn Tante Möbius —?“ ärgerte sich
Herr Quöck laut. Er schien irgend ein Anliegen zu haben.

„Die wird wohl noch in der Küche sein —“
vermuthete Lydia.

„Es ist doch genug Wein da —? … Nein! Wo die
alte — ich hätte beinah' was gesagt — nur steckt —?“

Hedwig erschien im Rahmen der Thür. Sie
sah sehr verschlossen und gelangweilt aus.

„Die Damen werden entschuldigen — aber der
Scat — dieses jöttlichste aller Spiele — — bitte,
placiren Sie sich, meine Herren! Sie führen Buch,
Doctor, nicht —? … Also um die Ganzen — nicht
wahr —? Sie geben, Herr Referendar — bitte!
Jüngstes Semester — ich denke wenigstens — jenöthigt
wird nicht — übrigens so ein Scätchen — Teufel —!
es geht doch Nichts drüber! Ich bitte nochmals die
Damen um Entschuldigung —!“ Herr Quöck war
ganz Feuer und Flamme. „Und ein guter Tropfen
dabei“ — fuhr er befriedigt fort …

„Und schöne Frauen!“ complimentirte Oettinger,
indem er den Scat auslöste —

Lydia brannte sich eben eine neue Cigarette an.
Hedwig hatte sich wieder ins Nebenzimmer zurückgezogen. Das knisternde Umschlagen von großen
Buchseiten drang ab und zu herüber.

„Sie reizen, Herr Doctor —“

„Ich passe —“

„Tournée —?“

„Carreau! Carreau-Solo aus der la main! …“

Die Karten flogen auf den Tisch. Man spielte
sehr flott. Herr Quöck beschrieb beim Ausspielen
immer erst einen Halbkreis mit seinem Blatte.
Adam warf seine Karten mit einem gewissen pathetischen Bogenschwung von oben herunter, Oettinger
ließ sie nachlässig-graziös fallen.

„Einundsechzig! … Teufel! … Das Spiel war
überhaupt gewagt. Ohne Renonce in Pique —“
begann Herr Oettinger frohlockend …

„Das fängt ja jut an —“ brummte Herr
Quöck, ein klein Wenig erbost. —

Adam schrieb an, dann mischte er die Karten.
„Sie langweilen sich gewiß recht, gnädige Frau —“
fragte er zu Lydia hinüber. Frau Lange hatte
sich einen Fauteuil in die Nähe des Ofens gerückt.

„Langweilen — warum, Herr Doctor —?
Eine Cigarette ist eine vorzügliche Gesellschafterin.
Uebrigens — Scat mußt Du mir doch noch beibringen, lieber Cousin! Wenn Ihr Männer so versessen darauf sein könnt, muß das Spiel doch etwas …
Anziehendes, etwas Pikantes haben …“

„Gewiß hat es das!“ versicherte Herr Oettinger
eilfertig. „Vielleicht dürfen wir Sie, gnädige Frau,
schon heute Abend in unsere köstlichen Geheimnisse
einweihen —?“

„Na! na!“ wehrte Herr Quöck erschreckt ab.
Der Herr Referendar war doch etwas zu galant!
Sie hatten kaum angefangen zu spielen — und nun
womöglich erst wieder das umständliche Dociren —
die langwierige Erklärung — und nachher dann noch
die ersten stümperhaften Spielversuche Lydias mitaushalten müssen — nein! nein! — ganz undenkbar —!

Aber Lydia war schon aufgesprungen. „In der
That — eine ganz prächtige Idee, Herr Referendar
— ich danke Ihnen! Ich muß Ihnen nämlich gestehen, Herr Doctor, daß Sie nicht so ganz Unrecht
hatten mit Ihrer Vermuthung, daß ich mich …
langweilte … Wir Frauen sind ja alle so …
so gedankenarm …“

Adam erhielt einen herausfordernden Blick. Lydia
war zu ihm hingetreten.

„Auch die Verfasserin der ‚modernen Bibel‘ —
wenigstens die bessere Hälfte der Firma —?“ fragte
die schlechtere Hälfte boshaft-galant.

„Man braucht doch nicht immer Gedanken zu
haben!“ schmollte Lydia neckisch.

„Aber, liebe Cousine —“ versuchte Herr Quöck
das drohende Scatverderben noch einmal zu beschwören, einen zärtlich abrathenden Ton in der
Stimme —

„Die Grundgesetze des Scats, gnädige Frau —“
hub Oettinger an.

Adam klappte mit pathetischer Resignation sein
zierliches, goldschnittgeziertes Rechnungsbüchlein zu.

Frau Möbius trat über die Schwelle. „Wo
steckst Du nur in aller Welt, Tante —?“ mußte sie
sich von ihrem Herrn Neffen etwas barsch anfahren
lassen.

„In der Küche, lieber Traugott — Du weißt
ja: auf Marien ist kein Verlaß … Und die Herren
wollten ja auch spielen — —“

Herr Quöck leerte sein Glas. „Ist denn noch
genug Wein oben —?“ fragte er ärgerlich.

„Ich denke —“ antwortete Frau Möbius mit
sanfter Gelassenheit.

Man sprach nun viel und trank im Ganzen recht
tapfer. Herr Quöck hatte sich einigermaßen gefügt.
Er wanderte im Zimmer auf und ab, die Hände
auf dem Rücken, stellte sich gelegentlich an den Ofen,
blies dicke, blauschwarze Rauchwolken aus Nase und
Mund. Ab und zu warf er eine humoristischkaustische Bemerkung in den Spielunterricht, welchen
Frau Lydia zu ertheilen, der Herr Referendar Oettinger
auf sich genommen. Frau Möbius lachte mit ängstlicher Aufrichtigkeit zu den Bemerkungen ihres Neffen.
Oettinger führte seine Schülerin sehr geschickt in die
schwierigen Scatprobleme ein. Und Lydia war eine
gelehrige Schülerin. Es ärgerte sie nur ein Wenig,
daß Adam jetzt im Ganzen so zurückhaltend gegen
sie war. Wollte er demonstrativ merken lassen, daß
dieser erste beste Herr Referendar gerade gut genug
war für die Rolle des Scatpräceptors —? Plötzlich hatte sich Adam erhoben und war in das Nebenzimmer verschwunden. Man plauderte im Salon
gerade sehr eifrig durcheinander. Herr Quöck
schien der genossene Wein schon recht tüchtig angefranst zu haben. Auch Oettinger sprach schärfer
und lauter als gewöhnlich, betonte unregelmäßig
und falsch. Lydia war nicht minder unruhig. Ihre
Gedanken waren zerstückt, ihr Blut kochte auf. Alkohol und Nicotin hatten sie aus den Geleisen der
normalen Selbstbeherrschung geschleudert.

Adam war zu Hedwig getreten.

Diese hatte ihren rechten Oberarm weit, nachlässig, unkritisch, über den aufgeschlagenen Band, in
dem sie geblättert, gelegt und den Kopf in die
Handhöhlung gestützt. Der linke Arm hing schlaff
herunter. Der Blick gedankengebannt oder phantasieverloren. Da fiel der Schatten einer fremden
Gestalt in ihren Kreis. Sie schrak zusammen.

Adam trat ganz dicht an sie heran. Er athmete
schwerer. Hedwig zog den zurückgeglittenen Aermel
bis zum Gelenk herunter und sah zu Adam empor,
erschreckt und doch zugleich fragend, erwartend —
abweisend und doch zugleich normal verwundert, unwillkürlich aufreizend.

Aus dem Salon klang buntes, sich gegenseitig verhakendes Stimmengewirr. Aber wie ferne, dumpfe,
monotone Brandung dünkte es Adam. Die Situation
nahm ihn ganz hin. Jetzt allerdings schnellte die Stimme
Oettingers scharf, zackig, hart in der Höhe. Dann
sprach Lydia auch lauter, auch artikulirter.

Adam hatte nach der rechten Hand Hedwigs gehascht, sie hatte sie ihm mit zufahrender Heftigkeit
entzogen. Und doch neigte sie jetzt den Kopf ein
Wenig. Ein schmales Stück des weißen, glänzenden
Halses wurde sichtbar.

Da packte es Adam. Es rüttelte und schüttelte an
ihm, schlug ihm die Zähne in die Nerven. Er wußte
nicht, wie es so jäh, so bezwingend über ihn kam. Der
Wein hatte sein Blut aufgejagt, hatte zuckende, von
unten herauf bohrende Flammen hineingeschmissen.
Er war seiner nicht mehr mächtig. Es flimmerte
ihm roth vor den Augen. Er beugte sich nieder,
sog sich eine Sekunde lang fest an diesem weißen,
glänzenden Halse und lallte Fräulein Irmer im
nächsten Augenblicke ein heißes, leidenschaftliches
„— Hedwig!“ in's Ohr.

Jetzt fuhr die Dame auf. Ihr Gesicht war
weiß, die Augen starr, groß aufgerissen, ohne Pol.

Durch den Salon kugelte sich gerade ein lautes
Lachen. Herr Quöck schien so etwas wie eine
Anekdote, wie einen guten Witz erzählt zu haben.

„Hedwig —!“ wiederholte Adam dringend,
bebend vor Erregung. „Weib! ich liebe Dich ja —!“
fuhr er wie im Taumel fort.

Hedwig schoß mit einem jähen Rucke in die
Höhe.

„Ich muß Dich sprechen, Hedwig — laß
mich Dich nach Hause be—gleiten —“ bat Adam
mit mühsam geduckter Leidenschaft. Seine Stimme
rasselte heiser, die Finger zuckten.

„Ich danke, Herr Doctor —“ erwiderte Hedwig
auffallend laut — „ich fahre mit Frau Lange —“
Und zugleich ging sie an ihm vorüber, der Thür
nach dem Salon zu.

„Verflucht! —“ knurrte Adam wüthend vor
sich hin, zugleich bedeutend ernüchtert. Dann begann er mit gemachter Hast in dem großen Bande
zu blättern, über welchen Hedwig vorhin ihre
Träumereien … oder die Nachtfalter ihrer schwarzen
Schwermuth hatte hinflirren lassen.

In dem Augenblicke, da Hedwig über die Schwelle
in den Salon trat, war dort das Gespräch jäh
verstummt. Unwillkürlich, wie auf Verabredung,
richteten sich aller Augen auf sie. Was wollten
diese Augen nur von ihr —? Was zwang die
Leute da, so plötzlich ihre vorher doch recht laute,
auffallend laute Unterhaltung abzubrechen —? Hatte
man Hedwigs letzte, mit unwillkürlich gesteigerter
Stimme gesprochenen Worte verstanden — diese
Worte, die sie allerdings halb bewußt, halb unbewußt, in der Absicht, daß sie gehört würden, so
laut hinausgestoßen —? Lydia machte ein fast
spöttisches, beinahe beleidigendes Gesicht. Hedwig
fühlte, wie sie verwirrt, immer verwirrter wurde,
wie ein unzurückdrängbar in die Höhe siedendes
Roth ihr über Stirn und Wangen schoß. Hülflos,
haltlos irrten ihre Blicke von Einem zum Anderen.

Herr Quöck, der sich schon vorhin bei Tische im
Besitze des glücklichen Talentes gezeigt hatte, einem
Gespräche, das eine unwillkommene Wendung genommen, ungezwungen eine andere zu geben, verstand es auch jetzt vorzüglich, durch eine an sich
recht banale Bemerkung über die peinliche Situation
hinwegzuhelfen.

„Aber! Fräulein Hedwig — wir haben Sie ja ganz
vergessen — ich glaube entschieden, Sie sind zu kurz gekommen in Puncto des Weins — Sie müssen nachholen
— — und nun wollen wir wieder einmal anstoßen,
meine Herrschaften — wo steckt denn nur wieder
der Doctor —? — — Doctor! — Kommen Sie!
— Prost! — Prost! — Auf daß meine innig
verehrte Frau Base den auch in weiteren Kreisen
mit Recht so beliebten Scat, wie mein Busenfreund
Saldern immer zu sagen pflegte, recht bald capirt
habe — auf daß sie eine würdige Partnerin werde,
die ihrem würdigen Scatmentor Ehre mache — die
— die — aber Prost! — Prost — meine Herren
und Damen — wollte sagen: meine Damen und
Herren — und trinken Sie aus, Fräulein Hedwig
— denn der Wein erfreut des Menschen Herz, sagt
schon der alte Homer — oder irgend ein anderer
Zechkumpan hat also geweissagt — bravo, Doctor!
— das war ein Männerschluck — kommen Sie
her: — Sie sollen 'gleich neue Füllung haben —“

Adam hatte sein Glas auf einen Zug geleert.
Er sah düster, geärgert aus. Lydia coquettirte mit
dem Referendar. Sie blickte ihn schwärmerisch,
dankbar, beinahe herausfordernd an. Adam's und
Hedwig's Augen waren noch einmal kurz aneinander
vorbeigegangen. Beide wußten, daß es nun ein
Etwas für sie gab, das einer dem ander'n nicht
restlos vergessen konnte.

Da tönte das eckige Rasseln eines mit fast beleidigender Exaktheit angefahren kommenden Coupés
von der stillen Straße her in's Gemach.

„Mein Wagen!“ fuhr Lydia auf.

„Nanu! Schon so spät?“ fragte Herr Quöck
verwundert. Er zog seine große, schwere, goldene
Uhr.

„Gnädige Frau —!“ bat Oettinger geschmeidigvorwurfsvoll. Er war ganz selig. Er glaubte an
seine Zukunft. Er war überzeugt von seiner Unwiderstehlichkeit.

Lydia blickte zu Adam hinüber, der mit forcirter
Ruhe seine Cigarre wieder in Brand setzte. Adam
sah nicht auf, obwohl er den Blick Lydia's deutlich
auf sich fühlte. Es war ihm, als ob ihm die Netzhaut plötzlich brennend heiß würde.

„Wenn Sie nun noch mit mir fahren wollen,
liebes Fräulein —?“ fragte Frau Lange Hedwig,
mit scharfer Betonung des „noch“ —

„Wenn Sie gestatten —“

Die Damen verabschiedeten sich. Oettinger küßte
hingerissen Lydias Hand. Dann wandte sich Frau
Lange zu Adam … und ohne ihm die Hand zu reichen,
meinte sie leichthin, gleichgültig: „—Also, vergessen
Sie unsere Verabredung nicht, Herr Doctor —!
Kommen Sie in den nächsten Tagen einmal zu einer
Tasse Thee — — wie wäre es, wenn Sie mir
schon etwas … Fertiges mitbrächten — — vielleicht
— vielleicht eine Art von — — von … nun! —
vielleicht ein modernes … „hohes Lied“ oder etwas
Aehnliches — ja? — — Aber, pardon! — ich
vergaß ganz — Sie baten sich ja das neue Testament aus — nun! — ich überlasse Ihnen die Auswahl — es wäre zu nett, könnten wir 'gleich
mit einem kleinen fait accompli an die Arbeit
gehen —“

Lydia hatte die Worte langsam, zögernd herausgestoßen, als fiele es ihr schwer, sie zu sprechen —
und doch zugleich in einem Tone, mit einem Accente,
der deutlich verrieth, daß sie ärgern, spotten, sich
rächen, aber auch stimulieren wollte.

Adam verneigte sich stumm. Er behielt Hedwig
im Auge, er verfolgte jede ihrer Bewegungen.
Diese verabschiedete sich mit einem oberflächlichen
Gruße von ihm. Sie hatte den Kopf zurückgeworfen
und sah sehr hochmüthig aus.

Frau Möbius zog sich bald zurück.

Die Herren waren wieder allein. Der Scat
konnte fortgesetzt werden. Und man fühlte sich bald
ganz unter sich. Die Unterhaltung wurde freier, die
Worte wurden nicht mehr abgewogen, nicht mehr
peinlich bedacht, gewählt, gesetzt. Adam verhielt sich
allerdings im Ganzen ziemlich schweigsam. Herr
Quöck sprudelte verschiedene pikant gewürzte Anekdoten
heraus und mußte oft so herzlich über seinen eigenen
Ulk lachen, daß ihm die Brille überschweißt wurde.
Dann kramte er sein großes, gelbseidenes Taschentuch heraus und putzte mit zwinkernden Weinaugen
über die Gläser hinweg. Die Hände waren roth,
etwas aufgeschwollen, und ganz sicher gehorchten sie
auch nicht mehr.

Herr Oettinger erzählte allerhand italienische
Reiseabenteuer. Die Ueberzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit, die er heute Abend aus dem Benehmen Lydias ihm gegenüber folgern zu müssen
geglaubt, verleitete ihn, seine an sich recht harmlosen
Geschichten mit kühneren erotischen Pointen auszuschmücken. Der Herr Referendar bekundete in seiner
Weinlaune eine ganz respectable Phantasie.

Man spielte sehr unregelmäßig … und man erlaubte sich schon allerlei kleine Freiheiten. Man
guckte sich gegenseitig in die Karten und ignorirte
kühn die Unantastbarkeit des Scats. Dabei wurde
dem Weine wacker zugesprochen. Und die Stunden
schienen etwas Besonderes darin zu suchen, sich überschnell aus dem Staube zu machen.

Mit der Zeit wurde Adam matt, abgespannt.
Er unterdrückte nur mühsam das Gähnen, und Wein
und Cigarren verloren immermehr ihre Reize für
ihn. Er trank öfter, nippte aber immer nur kleine
Schlucke und kaute mechanisch den Nicotinsaft aus
seiner Cigarre heraus. Ab und zu warf er ein gleichgültiges Wort in das Gespräch, welches Oettinger
jetzt fast allein führte. Denn auch Herr Quöck kämpfte
mit der überhandnehmenden Müdigkeit.

Nach drei Uhr trennte man sich. Der Herr
Referendar wankte und schwankte ein Wenig. Adam
nahm sich des armen Kerls an und schob seinen
Arm unter den Oettingers.

Die Straßen lagen in tiefer Stille. Ab und
zu begegnete den einsamen Nachtwandrern ein langsam heranspazierender Wächter. Manch' einer dieser
edlen Herren blieb breitspurig auf dem Trottoir
stehen und beäugelte kritisch die vorüberstapfenden
Spätlinge. Der Herr Referendar konnte einige
herzhafte Redensarten über diese „zu—dringliche,
ganz ver—fluchte O—cu—cular-Inspektion“ nicht
unterdrücken. Er sprach überhaupt etwas laut, der
ehrenwerthe Cylinderenthusiast. Die „Angströhre“
saß ihm allerdings schief und verrätherisch nach
hinten geschoben auf dem jugendlichen Haupte, das
der erste, zarte Flaum einer discreten … Platte
zierte, wie Adam heute Abend mit dem banalen
Genugthuungsgefühl eines berechtigten Sarkasmus
wahrgenommen.

„Feudales Weib, diese Lydia, nicht, Doctor —?“
phantasirte Herr Oettinger, „Göttergestalt — fescher
Corpus — und dieser Busen — möchte wohl
'mal — nur 'mal küssen diese L … l … ippen
— — Ah! … ah! … ent—zückend! … Uebrigens,
Doctor — — sind doch 'n famoser Kerl — —
gehen so ein—ein—trächtig Arm in Arm — wollen
uns nur wieder ver—vertragen — ha … ha …
Wollen nächstens 'mal Sect kneipen zusammen —
ja —? gloriose Idee — — bringen kleine Hedwig
mit — na? … na? … Verhältniß anbändeln
— — auch nicht übel — — auf Ehre! werde
das reizende Scheusal gelegentlich 'mal pou—pou—ssiren — — —“

Adam ließ die Rede Oettingers Monolog bleiben.
Er begnügte sich, die kargen Ueberreste seiner geistigen
Wachbarkeitskräfte vor Allem zur Steuer ihrer nicht
mehr ganz seetüchtigen Leibesfahrzeuge zu verwenden.
Er hatte seine liebe Noth, den Herrn Referendar
von allzu intimen Berührungen mit verschiedenen
Häuserwänden zurückzuhalten.

Plötzlich fühlte Adam das brennende Bedürfniß,
allein zu sein. Ein Gedanke war in ihm aufgezischt, ein Wunsch war in ihm emporgesprungen,
dessen Erfüllung der merkwürdigen, halb träumerischmüden, halb bewegt-reizsuchenden Stimmung, die
ihn gekapert hatte, entsprach. Er wollte noch einmal durch die Straße gehen, in welcher Hedwig
wohnte, wollte noch einmal vor ihrem Hause stehen,
noch einmal zu ihrem Fenster hinaufschauen.
Vielleicht … vielleicht gab es hinter den Gardinen,
hinter den Vorhängen noch ein spätes, heimliches
Leben, das ihm zarte Zeichen, eine geheimnißvolle,
süße Kunde brächte. Doch er mußte allein sein.
Und ganz Egoist, suchte er dem schwer athmenden,
prustenden, oft ausspuckenden Oettinger begreiflich zu
machen, daß es das Beste wäre, wenn er nun allein
nach Hause wanderte. Der Herr Referendar war
schon viel zu acut über sich hinausgekommen, um
eines kräftigeren Widerstandes noch fähig zu sein.
An der nächsten Ecke machte sich Adam von ihm
los und überließ ihn seinem Schicksal. Man verabschiedete sich sehr kurz und abgerissen.

Adam trottete eine Weile hin, ganz im Zwange
seiner hüpfenden Gedankenschemen. Da merkte er,
daß er sich in der Richtung geirrt. Er mußte umkehren. Und am Besten wäre es, wenn er die
Straße, in die vor einer kleinen Weile Oettinger
hineingeschwankt, kreuzte. Wahrhaftig! Da drüben
auf der anderen Seite — da stapfte sein wackerer
Zechgesell immer noch redlich fürbaß. Adam konnte
sich nicht enthalten, mit verstellter, dumpf gurgelnder
Stimme ein diabolisch-mysteriöses „Oettinger!“
über den Straßendamm hinüberzuknurren. Der geheimnißvoll Angerufene wandte sich jäh um und
blieb stehen. Adam setzte seinen Weg mit großen
Schritten fort und kicherte leise in sich hinein.

So! … Nun war der Herr Referendar in
den Schatten der Nacht hinter ihm verschwunden.
Adam schluckte mit Behagen den kühlen Wind ein
und setzte seine Füße emphatisch auf die Asphaltflächen. Grell, in scharf abgekantetem Rhythmus,
hallte sein Gang wider. Einförmig und unförmlich
lagen die Häusermassen da. Selten klebte sich in
der Gegend der oberen Stockwerke ein magerer
Lichtschein an die Riesentafeln. Die Gasflammen
hüpften nervös in ihren Glaskäfigen hin und her.
Es hatte geregnet: Ueber das Pflaster hin lagen
hier und dort dunkelgelbe Reflexe gestreut. Oefter
leuchtete verschwommen-schmutzig ein Stück einer angebrochen-verkümmerten Iris auf.

Adam traf auf eine Brücke. Er lehnte sich eine
kleine Frist hindurch über das Geländer und sah
auf das träge, gleichgültig hinschleichende Wasser
hinab. Ein nörgelnder, zupfender Wind pustete jetzt
über die Fluth hinweg. Und es nahm sich aus,
als wäre der Spiegel mit einer Legion von kleinen,
braungrünen Schildkrötenrücken gepolstert.

Nun stand Adam vor dem Hause, da Hedwig
mit ihrem Vater wohnte. Aber oben war Alles
dunkel. Allenthalben tiefe, nur von den verhaltenen
Athemzügen des feuchten Nachtwindes monoton duchsummte, zaghaft durchmunkelte Stille.

Und der einsame Wanderer setzte sein Wandern
fort, das ihn endlich nach seiner Klause führen sollte.
Verworrener Gedanken, einer dunklen Sehnsucht war
seine Seele voll. —

VI.

„Ah, lieber Doktor! Das ist ja famos von
Ihnen, daß Sie sich wieder 'mal sehen lassen! Nun
— wie gehts Ihnen? Viel gearbeitet? Aber Sie
schauen immer noch sehr angegriffen aus. Wie wäre
es heute mit der Revanchepartie? Hätte Lust —
Sie auch — ja …?“

Herr von Bodenburg hatte den „Figaro“ aus
der Hand gelegt und stocherte mit dem Löffel auf ein
Stück Zucker los, das er soeben in seinen Kaffee
geworfen. Er sah erwartungsvoll zu Adam Mensch auf.

„Verdammt windig heute. Bei einem Haar
wäre mir mein Hut in irgend 'n Weltmeer oder
in 'ne Pfütze geflogen … Macht der Krakehler
von Frühlingswind Aufhebens! … Impertinenter
Stachelbursche!…“

Herr von Bodenburg lächelte.

Adam warf ein Zigarrenetui auf den Tisch und
rückte sich einen Stuhl zurecht.

„Viel Zeit habe ich gerade nicht — wollte auch
ein paar Zeitungen durchfliegen — bringt der „Figaro“ etwas Interessantes? Ach! die leidige Gewohnheit! Man büßt wahrhaftig nichts ein, wenn
man das Zeug 'mal 'n paar Wochen nicht ansieht.
Alles Einbildung und Gewohnheit! So schleppt man
eben die Tage hin. Man läßt sich immer wieder
von seinen tristen Bedürfnissen überrumpeln. Es
ist geradezu tragisch, daß der Mensch so im Zwange
des Trägheitsgesetzes steht. Ja! wenn dieses retardirende Moment nicht wäre — die Menschheit — Sie
wissen, wen ich meine — müßte entschieden ein kleines
Stück weiter sein. Daß es zum Beispiel noch sogenannte
„Fürsten“ giebt! Unsereiner faßt sich an die Stirn —
müssen denn einzelne Individuen so unheimlich weit
voraus sein? Diese Differenz! Oder nehmen Sie die
Pyramide von Cheops. Sie kennen doch die Saga von
Cheops' Töchterlein? Nicht? Werde sie Ihnen gelegentlich 'mal erzählen. Pikant! sage ich Ihnen. Also dieser
krystallisirte Despotismus — — so und so viel Tausende von Jahren alt — und heute? Denken Sie
an Rußland. Ja! ja! der Hunger und die Peitsche.
Man möchte sich vor tragikomischem Weltvergnügen
manchmal in einen Böcklin'schen Meergreis verwandeln —“

„Die Gallensteinablösung war nicht übel, Herr
Doctor — aber ich möchte doch vorschlagen, daß
wir — pardon! — nun — wenn auch gerade
nichts „Vernünftigeres“, so doch … na! so doch etwas
Amu—santeres vornähmen — also wie wäre es
mit der Revanche? Wollen Sie? Kommen Sie! Ja?“

„Meinetwegen denn, Herr Referendar, warum
auch nicht? Wenn Sie durchaus wollen! … Aber
— — jetzt ist es dreizehn Minuten nach Drei
— ich möchte so gegen Vier wieder auf meiner Bude
sein! Möglich, daß ich Besuch kriege — wenn nicht
— ich muß mal wieder ein paar Stunden concentrirt arbeiten … In den letzten Tage viel freiwillig und unfreiwillig gebummelt …“

„Kellner! Das Schachbrett …“

„Jawohl!“

„Was trinken Sie, Herr Doctor?“

„Was? Ja — — ach! Kaffee? — Nee! Bringen
Sie mir 'n Absynth!“

„Sehr wohl!“

Die beiden Herren vertieften sich in ihr Spiel.
Es wurde nicht viel gesprochen. Abam spielte auch
heute mit sehr getheilter Stimmung. Er wußte die
Schwächen des Gegners nicht zu gebrauchen, er übersah seine eigenen Vortheile. Mit großem Behagen
dagegen schlürfte er seinen kupfergrünen Absynth.

„Kennen Sie einen Referendar Oettinger, Herr
von Bodenburg?“

„Oettinger? Oettinger? Ja wohl! Sehr patentes
Individuum — nicht? Elegant — Cavalier —
Lieutenantsscheitel — langweilige Visage — ja! ja!
— bin ihm gelegentlich 'mal vorgestellt — scheint
mir nicht besonders viel los zu sein mit dem Herrn.
Kann mich allerdings auch irren. Was ist mit ihm?
Haben Sie 'n Rencontre mit ihm gehabt? Kartell
schleifen? Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr
Doctor!“

„Sehr liebenswürdig, Herr Referendar!“ Adam
lächelte discret. Dabei goß er seinem Absynth einen
neuen Wurf Wasser zu. Das Getränk schaute jetzt
asbestgrün aus. „Bis zur Forderung direct kam es
nicht. Ah pah! Komödianterei! Wäre noch besser!
Wir begegneten uns nur neulich in einer Abendgesellschaft — waren beide zum Souper geladen. Ich
war wieder einmal nolens volens etwas bissig —
Gott! die Affäre verlief sehr drollig. Auf dem
Nachhausewege erklärte mich der Biedermann für
einen famosen Menschen — sprach den Wunsch aus,
demnächst 'mal Sekt mit mir zu kneipen — der
Knabe war allerdings schon stark angebohrt. Er
schwankte sehr hingebend und gab eine merkwürdige
Vorliebe für Häuserwände und Laternenpfähle zum
Besten …“

So! …“

Ich dachte, Sie kennten den Herrn zufällig
näher. Es wäre ja möglich gewesen. Der gute
Mann entwickelte bei Tisch seltsam praehistorische
Ideen … ich war zuerst ganz verblüfft. Und sein
Standpunkt zur Religion — — es ist eine Schmach,
daß dieses Gesindel, das geistig noch auf der primitivsten Entwicklungsstufe steht — daß diese ordinäre
Sippschaft — diese Larven und Marionetten, diese
Hohlhänse überhaupt Gelegenheiten haben, öffentlich
Proben ihrer approbirten Bornirtheit abzugeben!
Und eines Tages gehört dieser Lumpenbagage womöglich noch höchst persönlich den sogenannten „leitenden
Kreisen“ an! Ich verstehe den schreienden Unsinn
— diese sociale Barbarei nicht!“

Ereifern Sie sich nicht so furchtbar, Doctor!
Lassen Sie doch die guten Leute! Lieber Himmel! Ich
habe auch noch 'n ganzes Rudel derartiger vieilleries
auf Lager … Das spart man sich so zusammen mit
den Jahren … Und wenn Sie ehrlich gegen sich sein
wollen —: Sie haben nicht minder Ihre Zöpfe und
Vorurtheile! … Uebrigens gardez!“

„Gott sei's geklagt — ja! ich weiß — ja doch!
— meinetwegen! — also gardez! haben sie mir
— aber was zu stark ist, ist zu stark! Man darf
schlechterdings nicht zu sehr in Schimmel und Grünspan verliebt sein …“

Da öffnete sich die Thür, und Fräulein Irmer
trat in's Café. Der Zeitungskellner lief nach
dem Schränkchen in der hinteren Ecke des Lokals,
in welchem die ausgespannten Nummern vom Tage
vorher aufbewahrt wurden. Nun überreichte er der
Dame das Blatt.

Adam hatte Hedwig scharf fixirt. Als sie sich
umwandte, hinauszugehen, nachdem sie diesmal mit
einem kurzen, leise hingeworfenen Dankeswort die
Zeitung in Empfang genommen, streifte sie Adam
mit einem jähen, vorüberschießenden Blicke. Sie
schrak ein Wenig zurück. Adam lächelte befriedigt.
Hedwig hatte die Thür zugeschlagen.

Der Herr Doctor sprang auf, zog hastig seine
Börse und warf das Geld für den Absynth auf
den Tisch.

„Nanu!?“

„Verzeihen Sie, Herr Referendar! Dispensiren
Sie mich, bitte, heute — ja? Diese Dame —
Kellner! — ich traf sie neulich Abend dito bei dem
bewußten Souper — wo bleibt nur der Mensch? —
Kellner! — sie spielt in die Geschichte hinein, die
ich Ihnen vorhin — — —“

„Danke sehr, Herr Doctor!“ Fritz strich das
Geld ein und schickte sich an, beim Anlegen des
Ueberziehers behülflich zu sein.

„— Die ich Ihnen vorhin von Herrn Oettinger
erzählte — muß sehen, daß ich das Weib abfange
— lauter kleine Historien — ich bitte noch einmal
um Verzeihung — vielleicht morgen, wenn Sie —
um dieselbe Zeit — ja? — aber ich muß mich beeilen
— auf Wiedersehen, Herr Referendar —“

Adam stürmte hinaus.

„Das ist verdächtig, Herr Doctor —“ rief
Bodenburg indignirt-belustigt dem Flüchtling nach.

„Na! bringen Sie mir auch noch 'ne Karaffe
Absynth —“ wandte er sich sodann an den Kellner,
der noch immer in der Nähe des Tisches stand und
sich jedenfalls alle Mühe gab, die Situation zu begreifen. Er hatte ein blödsinnig-schläuliches Gesicht
aufgesteckt.

„Noch ein Absynth —? Sehr wohl!“ — —

Adam hatte sich in die unmittelbare Nähe
Fräulein Irmers zu machen gewußt. Er war erregt, sein Gang nicht ganz sicher, mechanisch sprach
er immer wieder allerlei Phrasen in sich hinein,
mit denen er Hedwig auf den Leib rücken wollte.
Als er bemerkte, daß die Dame durch verschiedene,
an sich kaum auffällige, aber doch unwillkürlich für
Adam deutlich wahrnehmbare Zeichen der Unruhe
auf seine Gegenwart reagirte, wurde er ruhiger,
ärgerte er sich über die kindische Unsicherheit, erinnerte er sich der Stunden, wo er sich in seiner
Gleichgültigkeit so stark, so ruhig und unverwirrbar
gefühlt hatte … und freute sich über den Strom von
psychischer Elektricität, der zu dieser Frist von ihm
zu Hedwig … und von ihr zu ihm zurück fluthete.

Nun bog Fräulein Irmer in eine Nebenstraße
ein, die viel Vornehmes, Stilles, Reservirtes, Selbstgenügsames besaß. In den kleinen Gärten vor den
Häusern, die zumeist Villenanstrich hatten, sah es
peinlich sauber, regelmäßig, sehr leer aus. Man
hatte das Gefühl, als müßten es die Bewohner
dieser Straße unter ihrer Würde halten, der Außenwelt die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Man
war einander fremd und nahm mit sich allein fürlieb. Es mochte in Wirklichkeit kaum so sein. Aber
diese menschenlosen Fenster mit den eleganten, kalten
Vorhängen; diese großen, schweren, massiven, mit
stolzer Selbstverständlichkeit geschlossenen Thüren;
diese aufdringlichen und doch zugleich unsäglich discreten Namenschilder; die natürliche Leblosigkeit der
Vor- und Zwischengärten: das Alles gab der Situation den Ausdruck innerer Leere und Theilnahmslosigkeit.

Adam war an die linke Seite Hedwigs getreten. Fräulein Irmer vollzog unwillkürlich einen
kleinen Schritt nach rechts und sah ihren Verfolger
finster, zurückweisend an. Die über der Nasenwurzel
zusammengewachsenen Brauen waren dicht an die
Augenlider herangezogen.

„Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, daß ich
so kühn bin, mich zum zweiten Male auf offener
Straße Ihnen zu nähern. Nehmen Sie, bitte, heute
meine Begleitung an. Ich möchte Sie — ich fühle
das Bedürfniß — Sie erinnern sich der kleinen …
der kleinen Scene, die sich neulich Abend zwischen
uns abspielte — — vergeben Sie mir meine
eigentlich unverzeihliche Dreistigkeit — ja? …“

Die ersten Worte dieser Ansprache an das Opfer
seiner neulich bei Herrn Traugott Quöck improvisirten Liebeserklärung waren Adam sehr glatt
und sicher abgeflossen. Dann hatte sich die Stimme
doch ein Wenig eingeklemmt, war ein Wenig leiser,
stockender geworden, war gleichsam gestolpert und
hatte erst am Schluß wieder mühelose Beweglichkeit
und die intime Färbung der Aufrichtigkeit gewonnen.

Hedwig schwieg. Die beiden gingen eine kleine
Weile schweigend neben einander. Oefter sah Adam
Hedwig von der Seite an, fragend, bittend, doch
zugleich auch merkwürdig amüsirt — und dadurch
ganz tüchtig ironisch gestimmt.

„Fräulein Hedwig — haben Sie kein Wort
für mich —?“

„Mein Herr —!“

„Hedwig —!“

Das klang bestimmt, dringend, entrüstet, aber
auch flehend, ein ehrliches Betrübtsein verrathend.

„Ich verstehe Sie nicht —“

Adam fuhr auf. Er stampfte mit dem rechten
Fuße indignirt auf den Boden und gab sich sehr
ungesammelt. Mit nervöser Hast knöpfte er an
seinen Handschuhen herum.

„Sie wollen mich nicht verstehen, mein Fräulein!
Heiliger Nepomuk! Giebt es denn heute auf Gottes Erdboden keinen Menschen mehr, dem man zwanglos, dem
man unmittelbar begegnen darf — dem man so gegenübertreten kann, wie es Einem gerade ums Herz ist —
wie man gerade Stimmung hat? — Ist denn heute
das kleinste Bißchen Unmittelbarkeit verpönt? Soll
man Nichts — gar Nichts improvisiren dürfen? —
Soll man immer wieder erst die chinesische Mauer
der dummen, urdummen conventionellen Redensarten
zwischen sich und seinen Nächsten schieben — soll
man auf Niemanden mehr stracks losgehen? Fräulein Hedwig —“

„Mein Name ist Irmer —“

Adam lachte aufgeräumt. „Bon! Irmer!
Sehr liebenswürdig, mein gnädiges … Fräulein …
Irmer …“

„Mein Herr!“

„Lassen Sie doch endlich einmal einen anderen
Ton zwischen uns aufkommen!“ bat Adam, einen
neckisch-vorwurfsvollen Accent in der Stimme. „Aufrichtig, ich ertrage das nicht länger! Sie kennen
mich noch nicht. Sie wissen noch nicht, daß ich ein
sonderbares Gemisch von … von Naivetät und …
und Raffinement bin. Vielleicht coquettire ich auch
schon zu sehr mit dem Bewußtsein, daß ich coquettire
— vielleicht bin ich in natura … meerschendeehls —
pardon! — also sehr oft viel ehrlicher und wahrer,
als ich mir einbilde. Ich interessire mich nun einmal für Sie. Sehr sogar! Sehr! Vielleicht bin
ich auch schon ehrlich verliebt in Sie — weiß der
Teufel! — liebe Sie womöglich schon hagebüchen
leidenschaftlich — — aber, Hedwig — ein Geständniß
— verzeihen Sie! — aber ich kann nicht anders —
ich muß es Ihnen doch zum Besten geben — also:
ich bin so grenzenlos egoistisch, daß ich vollständig
zufrieden bin, wenn ich durch ein tieferes Interesse,
durch eine heftigere Neigung für ein weibliches Wesen,
vielleicht sogar durch eine stürmische Leidenschaft, an
mir selbst eine Steigerung meines Ichs erfahre —
auf Erwiderung meiner Gefühle rechne ich eigentlich
gar nicht — ich bedarf ihrer gar nicht — — ich
will nur Gelegenheit und Möglichkeit haben, mich
auch nach dieser Richtung hin auszuströmen, so wie
ich mich auch in jeder anderen Beziehung, als
fanatisch auf Unabhängigkeit und Selbständigkeit Versessener, vollkommen zwanglos, ungehemmt, rücksichtslos ausleben will … Verstehen Sie mich, Fräulein
Hedwig —?“

„Ich denke! Aber was soll das mir —?
Warum sagen Sie das mir —? Darin verstehe ich
Sie allerdings nicht —“

„Warum ich Ihnen das sage, Hedwig? Nun,
ich denke: das ist doch einfach genug. Ich gestand
Ihnen schon: Sie interessiren mich. Aber Sie sprechen
nicht allein zu meinem Blute … nicht allein — offen
heraus: zu meiner … meiner Sinnlichkeit. Ich bin,
wie gesagt, ganz offen, Fräulein Irmer. Ich weiß
absolut nicht, warum man das nicht sein dürfte.
Wenn zwei Menschen, die sich bis dato fremd waren,
zusammentreffen, so sollten sie immer sogleich Wesensfragen stellen. Und um so eher, wenn sie merken, daß
sie nicht ganz alltägliche Waare sind. Ich liebe die
Ueberraschungen über Alles. Und da ich Sie
leider nicht damit überraschen kann, daß ich Ihnen
irgend ein außergewöhnliches Geschenk machte, Ihnen
z. B. einen ausgestopften Hummer verehrte, oder
etwas Aehnliches, so lassen Sie mich Sie doch damit
überraschen, daß ich Ihnen allerlei curiose Geständnisse mache, welche das Fundament meiner Persönlichkeit angehen … daß ich Ihnen allerlei Intimes
aus meinem Seelenleben erzähle. … Ich muß allerdings bemerken, daß ich jenem Motive der Wesensfragen gegenüber zumeist leider auch nur Theoretiker bin — in Wirklichkeit bin ich schon viel zu
gleichgültig und zu verschlossen und zu selbstgenügsam,
um sotane „Wesensfragen“ noch zu stellen … Manchmal
fahre ich wohl den Ersten Besten unverhofft damit
an und verblüffe ihn. Mein Gott! Warum soll
man zuweilen seinem „Nächsten“ nicht ein Fläschchen
Salmiakgeist unter die Nase halten? Aber Ihnen
gegenüber, Fräulein Hedwig hatte und habe ich jetzt
noch das Gefühl, daß ich Ihnen mit Fug und Recht
sogleich in der ersten Zeit unserer — Sie gestatten
mir den Ausdruck! — also unserer Bekanntschaft Dies
und Das erzählen darf, was Wesenhaftes meiner
Natur ausmacht. Ich sagte Ihnen schon: ich bin
ein monströser Egoist. Aber ich glaube beinahe,
daß ich doch so intensiv für Sie aufflammen könnte
— vielleicht schon aufgeflammt bin — daß ich mich
selber vergäße und mir in Folge dessen mit Grazie
und Würde einbildete, daß ich mich ganz von Ihnen
hätte auffress — pardon! das fährt Einem immer
so 'raus! — Na ja! Und so weiter — Sie wissen
schon. … Dabei — hm! also dabei würde es mir,
vermuthe ich wenigstens, schließe ich wenigstens aus
erlebten, praktisch erfahr'nen Analogie'n, immer noch
sehr gleichgültig sein, ob Sie mein Feuer, meine
Leidenschaft erwiderten, oder nicht. Ich glaube in
Ihnen einen in manchen Punkten wesensverwandten
Menschen gefunden zu haben. Lassen Sie uns ein
Stück unseres Weges zusammengehen! Behalten
wir uns wenigstens im Auge! Lassen Sie uns
natürlich mit einander verkehren — sprechen
und denken und fühlen wir nach Kräften unmittelbar! Mein Gott! Ich weiß gar nicht, was uns
daran hindern sollte, wenn wir erkannt haben, daß
diese köstliche Zwanglosigkeit und Natürlichkeit allein
unserer würdig ist, weil sie uns congenial … weil sie
uns in jeder Beziehung entspricht …“

Hedwig schwieg zu dieser prachtvollen Auseinandersetzung. Sie verstand sie, wenigstens im
Großen und Ganzen, und mußte Manchem darin zustimmen. Sie constatirte auch mit einer gewissen
inneren Befriedigung eine starke Geistesverwandtschaft
zwischen diesem kühnen Herrn Doctor und sich.
Und doch sträubte sie sich, laut zu äußern, wie
sympathisch sie sich ganz unten auf dem Boden ihres
Ichs berührt fühlte. Vielleicht war sie durch die
Einsamkeit, in der sie mit ihrem Vater jahrelang
gelebt, innerlich auch schon zu versteift und verhärtet,
um für Dialektik noch die gehörige Geschmeidigkeit
des Geistes zu besitzen.

So fügte Adam nach einer Weile, während welcher
sie schweigend neben einander hergeschritten waren, hinzu: „— Darauf kommt es ja auch gar nicht an, was
man ist, sondern darauf: wie man das ist, was
man ist. …“

„Wollten Sie nicht einmal meinen Vater besuchen,
Herr Doctor?“

Die Frage klang liebenswürdig, einladend. Unwillkürlich münzte sie Adam zur zustimmenden, Verständniß und verwandte Anschauung verrathenden
Antwort auf seine Auseinandersetzung um. Er
freute sich darüber, aber, merkwürdig und erklärlich
zugleich, veranlaßte ihn diese Frage zu einer gespreizthöflichen Erwiderung: „Gewiß, mein gnädiges
Fräulein! Ich werde mir mit Ihrer Erlaubniß demnächst die Ehre geben —“

Hedwig sah ihren Begleiter wegwerfend von der
Seite an.

Adam fing den Blick auf und erklärte ihn sich.
Er lächelte.

„Hedwig!“

„Herr Dcotor —?“

„Geben Sie mir den Arm — ja —?“

„Ich danke! Ich gehe so freier —“

„Gefühl … Verständniß für Freiheit — das
Bedürfniß derselben sind gewiß große, schöne, bedeutende Dinge … Aber man darf eine Passion
nicht in äußerliche, kleinliche Pedanterie'n und Willkürlichkeiten zersplittern —“

„Ich bin übrigens sogleich zu Hause —“

„Hedwig! Wollen wir uns denn immer so
fremd bleiben? Ich habe Geduld, unter Umständen viel Geduld — aber ich bemerkte Ihnen
schon —: ich muß zeitweilig sehr despotisch sein —“

„Ich bitte, Herr Doctor —“

„Sind Sie mir noch böse von neulich? — Ich
handle immer nur aus dem Rahmen meiner Stimmung
heraus —“

„Darüber brauche ich wohl nicht zu reden. —
Aber hier sind wir … Adieu!“

„Sie malträtiren mich geradezu, mein Fräulein!
Aber wie Sie … wie Sie wollen. . Also adieu!
Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater!
Ich habe die Ehre. .“ Adam lüftete den Hut und
verneigte sich sehr ceremoniell. Dann blieb er noch
einen Augenblick vor der geöffneten Thür stehen.
Auch Hedwig war stehen geblieben. Beide sahen
sich fest in die Augen. Um Adams Lippen kräuselte
es sich wie ein verhaltenes Lächeln der Befriedigung.

Als Hedwig Irmer die Treppen zu ihrer Wohnung
hinaufschritt, war es ihr plötzlich zu Sinn, als verstünde sie diesen Adam Mensch besser, als er sich
selbst verstünde. Und doch war ihre Welt eine so
ganz andere, denn seine Welt. —

Adam ging langsam nach Hause. Es war
zwischen fünf und sechs Uhr. Die eben aufkeimende
Abenddämmerung des jungen Frühlingstages ließ ihre
ersten, leisen, so wundervoll discreten, so entzückend
verschämten Schatten spielen. —

VII.

Adam Mensch waren einige Tage in ziemlich
blödem Einerlei hingegangen. Er hatte die physiologischen Nachwirkungen jener durchgenossenen Wein- und Spielnacht über sich ergehen lassen müssen.
Eine unleidliche Gemüthsdepression war jetzt über
ihn gekommen. Eine peinliche Schwere hatte sich
seiner bemächtigt, die wie ein unaufrührbarer Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele lag. Eine Fülle
von Gedanken und Gefühlen stieg in ihm empor,
aber jede Einheitlichkeit fehlte und jede Neigung,
die Anläufe und Fragmente zu packen, zu vertiefen,
zu erschöpfen, zu vollenden. Unheimlich scharf schaute
er zeitweilig in Welt und Leben hinein, und die
Nachtseiten des Daseins erschlossen sich ihm in zermalmender Klarheit. Er fühlte, wie ungeheuer
weit er davon entfernt war, ein Kind der Stunde
sein zu können, ein von der mechanisch-regelmäßigen
Erfüllung einfacher Pflichten befriedigter Mensch.
Er sehnte sich nach einer neuen Umgebung, nach
neuen Verhältnissen, die ihn ganz herausforderten,
die im Stande wären, ihn ganz hinzureißen. Er
sehnte sich nach einem großen Schicksal, nach vollen,
starken, runden Gefühlen, nach einer gewaltigen
Freude, einem erschütternden, entscheidenden Schmerze.
Alles in ihm war weit und verworren, Nichts eng,
klar umrissen. Und doch bebte er instinctiv vor
einem großen Erlebniß zurück. Er wußte nicht, in
welcher Gestalt er es sich vorstellen, erwarten sollte.
Aber er wußte auch zugleich, daß er bei dieser
nervösen Ueberreizung, bei dieser pathologischen Abhängigkeit von seinem Organismus einem bedeutenden Schicksale kaum gewachsen sein würde. Rathlos
stand er vor sich, hülflos tastete er an sich herum,
und schneidend äußerte sich ihm die marternde Hoffnungslosigkeit seiner Generation. Seiner Generation —? Adam sagte sich sehr klar, daß es unter
seinen Altersgenossen verhältnißmäßig nur Wenige
gab, die seiner Art verwandt waren. Aber diese
Wenigen bedeuteten die ursprünglich geistig Bevorzugten. Ihre Kräfte fanden nur keine Sphäre, in
der sie sich zwanglos bethätigen konnten. Das
Sichabfinden, Sichanpassen, Sichhineinpressen oder
Sichhinaufschrauben ekelte ihn an, weil es ihn unnatürlich dünkte. Ja! Er fühlte unheimlich deutlich, daß er krank, unglücklich war … wie so
Mancher, mit dem ihn das Leben in seinen Studienjahren zusammengeführt hatte. Verschiedene
Mitglieder des Kreises, in welchem er damals eine Zeit
lang verkehrte, hatten sich abgewandt, wie er
nachher gehört, waren ein Stück zurückgegangen,
waren zu Kreuze gekrochen, arbeiteten in enger
Umgrenzung, mit müden Herzen. Die Schlechtesten
waren sie gewiß nicht, aber den Zwang, ihren
Naturen bis ins Kleinste hinein treu sein zu müssen,
hatten sie in einem geringerem Grade besitzen dürfen.
Immerhin noch so viel Drang, so viel Bethätigungsbegehren lebte in ihnen, daß sie sich wenigstens
einigermaßen mit dem begnügen konnten, was ihnen
zu eigen geworden, wenn es ihnen nur gestattet
war, ein klein Wenig ihrem Geiste und Wesen gemäß zu bilden und zu formen. In stillen Stunden der Sammlung … in Augenblicken, wo Stimmung und Neigung vorhanden waren: zurückzuschauen, der gewesenen großen geistigen Tapferkeit, der
stolzen Kampfgewärtigkeit und bewußten Wehrhaftigkeit
zu gedenken, befiel wohl auch sie das Bewußtsein,
wie vergeblich, wie formlos ihr jetziges Thun, wie
schmachvoll ihre Capitulation sei … Nun! Sie
nutzten ihre Kraft ab … und das war genug. Die
Masse regiert, sagte sich Adam, und die große
Schlacht wird geschlagen werden. Wir sind auf
neuen Wegen zu neuen Zielen. Und doch! Wird
Etwas bleiben, wenn das … also das „Volk“
losbricht? Die herrschende Generation der Zukunft
entwächst dem vierten Stande. Das werden Alles
sehr bornirte Leute sein, aber sie werden dafür oder
darum sehr gesund, sie werden sehr nüchtern sein.
Ueberreizung, unnatürliche Ueberheizung werden ihnen
im Ganzen fremd sein. Blut von unserem Blut —?
Geist von unserem Geist —? Dieses Blut ist faul
und schwer und dick, und dieser Geist ist morsch und
krank und brüchig. Verzichten wir! Leben wir
uns aus! Auch so wirken wir, wenn es denn einmal „gewirkt“ sein muß — wirken nach natürlichen
Gesetzen … und wenn wir bloß unsere Kleider abtragen und unsere Sohlen ablaufen … Der Schlag
bedingt den Gegenschlag. Aber das soll uns kein
Trost sein, soll unser etwa mahnendes „Gewissen“
nicht beruhigen. Vielleicht müssen wir uns für das
große Zukunftsereigniß aufsparen, unter dem die
Erde in Krämpfen erbeben, in fanatischen Zuckungen
sich schütteln wird. Wir sind so gut wie ausgehöhlt. Durch Leidenschaften gebrochen, denen wir
uns ergeben haben, weil wir nicht wußten, wie wir
besser unsere Zeit todtschlagen sollten. Wir waren
rathlos geworden, weil wir erkannt, daß unsere
Ideale Illusionen gewesen. Eine jede Brust hatte
den Kampf gegen die Convenienz, gegen die Tradition gekämpft … wir hatten nicht gesiegt, aber
haben auch nicht verloren. Nun unterliegen wir,
weil wir uns haben zu alt werden lassen, um den
physiologischen Einflüssen des Alten noch entrinnen
zu können. Wir prunken wohl auch ein Wenig
mit unseren Schmerzen und noch mehr mit unserer
Kraft: brechen, stürzen zu können, energisch sein zu
können. Auch jetzt spielen wir noch Komödie. Aber
wir wissen doch jetzt zugleich sehr gut, daß wir
darauf verzichten mußten, unsere besten Kräfte intakt erhalten zu können, unsere intensivsten Ausstrahlungen wirken zu lassen. Wir trugen den
Himmel, das ganze All in der Brust, aber wir bedürfen einer Generation, der sich die Sterne verhüllen, damit sie auf Erden nicht stolpere. Wir
werden von der abkühlenden Zeit früher oder später
gezwungen, unseren Frieden mit der Welt zu schließen.
Aber wir sind doch unterlegen. Wir haben wirken
müssen, und Pflichten haben wir erfüllt, obwohl es
einmal eine Zeit gegeben hat, wo wir keine Pflicht
anerkennen zu dürfen geglaubt. Wir haben scheinbar gehandelt und doch immer nur gelitten.
Wir waren Genies im Denken, Fühlen, Entwerfen,
Träumen, Dulden. Nun werden die Talente der
That kommen, weil sie kommen müssen. Eigentlich
bedauern wir sie. Denn wir verstehen sie auch, sie,
die für uns kein Verständniß mehr besitzen werden.
Vielleicht beneiden wir sie doch ein Wenig. Denn
sie athmen in einer reineren Luft, und ein gesünderes Blut rollt durch ihren Leib.

Diese Gedanken und Betrachtungen, diese mehr
oder weniger gültigen und richtigen Bruchstücksresultate waren zu dieser Frist auf- und niedergestiegen
in Adam. Ungeläufig konnten sie ihm allerdings
kaum sein. Er hatte sie zumeist schon in seiner
kleinen Schrtft „Das Proletariat des Geistes,“ an
der er ab und zu einige Seiten schrieb, ausgesprochen.

Merkwürdig, wie wenig er sich eigentlich mit
Lydia und Hedwig beschäftigte. Er warf sich diese
Gleichgültigkeit, diese Kälte selbst vor. Aber es gelang ihm doch nicht, über sie hinauszukommen.
Oefter fiel ihm wohl dieses oder jenes Moment ein,
das sich neulich bei dem Souper zwischen Lydia und
ihm abgespielt, das sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Hedwig ereignet — aber er mußte im
Grunde mehr souverän darüber lächeln, als daß
ihm diese Erinnerung ein gewisses Behagen bereitete. Unmittelbar mit den Weibern in Berührung
gebracht; durch eine zugespitzte, überdies vielleicht
noch etwas außergewöhnliche Situation angeregt,
konnte er leicht aufflammen, leicht aus sich herausgehen, seine Natur in ihrer eigenwilligen Art sich
äußern lassen. Aber für sich haften, für sich garantiren konnte er nicht. Sobald er aus dem
Zwange der besonderen Stunde wieder herausgetretreten, und sobald die nächsten Nachwirkungen vorüber, kehrte er unwillkürlich wieder sehr intim zu
sich zurück, lebte er sich sehr nachdrücklich wieder in
seine eigene Welt hinein. Er dachte und sprach ja
schon in einem Jargon, der ganz schließlich nur
ihm selber verständlich war, er gebrauchte Ausdrücke,
Bilder, Gedankenverbindungen, operirte mit Anschauungen, die an innerer Bedeutung und selbständigem
Curswerth entschieden verlieren mußten, wenn sie zu
der glatten, abgetragenen, abgeschabten Sprache der
Außenwelt in Beziehung gebracht würden.

Eines Abends hatte sich Adam von einer stilleren,
flüssigeren Stimmung in Beschlag nehmen lassen.
Stunden eines klaren, kräftigen Denkens waren vorhergegangen. Eine gewisse, nicht gerade ganz triviale Zukunftshoffnung war in seiner Seele emporgewachsen. Und wenn es wahr ist, hatte sich Adam
schließlich gesagt, daß es ein Wesensmoment des
„Modernen“ ist, sich zuerst in gewaltigen, äußeren
Fortschritten, in Errungenschaften mehr technischer
Natur, darzustellen, so wird zweifellos dieser Zeit
wieder einmal eine Zeit der Verinnerlichung folgen.
Das Pathologische und Psychopathische unserer Tage
wird sich in der Zukunft zum normal Psychischen
umwachsen. Man wird eine große Fülle von Vorurtheilen und veralteten Anschauungen zusammenschlagen, wenn die Erkenntnisse der Psychophysik erst
Gemeingut größerer Massen geworden sind. Die
„Mystik“ ist eines Tages vielleicht eine ganz gerechtfertigte Wissenschaft. Denken und Thun, Urtheil und
Handlung werden im Geiste einer humaneren Auffassung der Dinge, einer toleranteren Anschauung der
Welt und ihrer Verhältnisse ausgeübt werden. Nüchterner vielleicht wird diese Menschheit der Zukunft sein,
aber wohl auch maßvoller, aber wohl auch — „gerechter“. Der blutige „Kampf ums Dasein“, dieses
Ringen um Leben und Tod unserer Tage, wird gemildert und gesänftigt werden. Erkennen, Ergründen psychischer Gesetze: das ist die Hauptaufgabe der
modernen Forschung. Das Neue ist dabei, sich seine
Formen zu schaffen, sich sein Nest zu bauen. Wüthende, satanische Stürme werden an diesem Neste
noch herumzausen. Aber alle Stürme wird es überdauern. Und einmal wird die Zeit gekommen sein,
wo sich das Neue heimisch fühlt in seiner Umgebung.
Nicht mehr nach „Wahrheit,“ nur noch nach Wahrheiten wird die Menschheit ihre Columbusfahrten
unternehmen.

Adam kannte sich viel zu gut, als daß er nicht
hätte wissen sollen, daß diese Stimmung sehr bald
wieder abgeflossen sein würde. Er spintisirte da
vom Allgemeinen aus ins Allgemeine hinein und
dachte kaum daran, sich der Theilnahme an jener
wissenschaftlichen Pionirarbeit noch fähig zu erachten.
Aber es war seine Art, derartige leichtere, lebhaftere Stimmungen zu irgend einer kleinen, spontanen
„That“ zu benutzen. Und so kam ihm jetzt der Gedanke, durch einen gleichsam improvisirten, kühn hingeworfenen Brief einmal unmittelbar an Lydia heranzutreten. Wollte er damit das Gedeihen seiner …
Zukunftsernte fördern? War es ihm Bedürfniß,
irgendwelche Hoffnungen und Erwartungen auf
seine Beziehungen zu Lydia zu setzen? Wollte er
bewußt diese Beziehungen pflegen, um eines Tages
Vortheile, die sie brächten … etwa brächten, einheimsen zu können? Diese psychologische Selbstinquisition belästigte ihn schon wieder ein Wenig
und fädelte seinen verknoteten Drang auseinander.
Und doch fand er sich plötzlich vor seinem Schreibtische sitzen und sich einen mit discretem Moschusparfum getränkten Briefbogen zurechtlegen. Und
Adam faselte in seiner, in kühn-coupirtem Stil sich
ausgerenkt vergliedernden Epistel so viel zerfahrenes
Zeug zusammen, daß es ihn nachher, als er es noch
einmal überflog, viel zu geschmacklos dünkte, als daß
noch ein Witz dabei herauskäme, wenn es nicht an
seine Adresse abgeschickt würde. —

VIII.

Adam wartete zwei Tage. Von Lydia kam keine
Antwort. Hatte ihr die spontane Auslassung mißfallen? Jedenfalls doch! Aber was that das?
Das war im Grunde so nebensächlich, so belanglos.
Ein Wenig allerdings war Adams Eitelkeit verletzt.
Und der Herr Doctor bedauerte wirklich aufrichtig,
seinen bunten Augenblickskram abgeschickt zu haben.
Zudem war er heute wieder in einer ganz anderen
Stimmung. Seine normale Apathie hatte von Neuem
Gewalt über ihn genommen. Die Welt rempelte
ihn zu wenig an. Er mußte Waffen klirren hören.
Dann konnte er noch aufflammen.

Mittags beim Speisen fiel Adam ein, heute bei
Doctor Irmer den beabsichtigten Besuch zu machen.
Mit Hedwig zusammenzutreffen — es hatte immerhin Etwas für sich. Und doch reizte es ihn auch
eigentlich nicht. So beschloß er denn zu der Stunde,
wo Hedwig in Café Caesar die Zeitung abzuholen
pflegte, also von Hause abwesend war, ihren Vater
heimzusuchen. —

„Ist Herr Doctor Irmer zu sprechen —?“

„Ich weiß nicht … der Herr Doctor — wen
darf ich melden?“

Adam suchte seine Karte hervor und hielt sie
dem Mädchen hin. Dabei warf er einen kurzen,
scharfen Blick auf das Dirndl. Das wurde ein
Bissel verlegen und erröthete. Das Ding war nicht
übel. Eine kleine, untersetzte, volle Gestalt. Allerdings etwas lotterig und unsauber, von Spuren
grober häuslicher Arbeit übersäet. Das Mägdlein
wischte sich die rothen, unfeinen, unappetitlichen
Hände an der dreckigen Schürze ab, ehe sie Adam
die elegante, elfenbeingelbe Visitenkarte zaghafttäppisch abnahm.

„Der Herr Doctor läßt bitten …“

Das Mädchen ging auf dem schmalen, schattendurchdunkelten Corridor vor Adam her. Der konnte
sich nicht enthalten, einen Augenblick die Finger
seiner glacégantirten Rechten um den vollen, linken
Oberarm der kleinen ancilla amandissima zu spannen.

Ein leises, Entrüstung, Ueberraschung und heimliches, verhaltenes Vergnügen zugleich verrathendes
„Na!“ ließ sich hören. Der Arm entschlüpfte.

Adam ging auf Herrn Doctor Irmer zu, der
im Sessel vor seinem Schreibtische saß und den
Kopf halb zu dem Eintretenden hingewandt hielt.

„Verzeihen Sie, Herr Doctor, daß ich mir die
Freiheit nehme, Sie aufzusuchen. Aber — nun —
offen gesagt: Sie interessiren mich. Ich hatte neulich die Ehre, Ihr Fräulein Tochter gelegentlich eines
Soupers bei Herrn Quöck kennen zu lernen. Und
da erfuhr ich —“ (Adam improvisirte eben wieder
einmal) — „daß wir so etwas wie … wie — verzeihen Sie! — das Wort ist eigentlich häßlich, aber
man hat es nun einmal so an der Hand — da erfuhr
ich also, daß wir „Collegen“ wären. Sie haben auch
schon verschiedene philosophische Schriften veröffentlicht — ich allerdings … noch nicht — aber die
Philosophie ist doch das Einzige geblieben, was mir
noch ein gewisses Interesse einflößt. Im Uebrigen
… mein Gott! Man wird alt und müde, nicht
wahr? — „blasirt“ … nicht wahr? — gâté …
râté …“

„So … so! … Aber bitte … nehmen Sie doch
Platz, Herr Doctor … Ich habe leider keine Gewalt mehr über mich … kann mich nur wenig bewegen … Sie müssen mir schon erlauben, hier sitzen
zu bleiben …“

Die Worte waren leise, mühsam, fast ohne jede
Tonfärbung gesprochen. Auf dem bleichen Gesicht
Herrn Irmers lag ein Ausdruck, der halb Hülflosigkeit, halb Verlegenheit verrieth. Irmer war nicht
gewöhnt, Besuche zu empfangen. Zudem befremdete
ihn wohl auch die etwas burschikose Art, die abgebrochene Geständnißhaftigkeit Adams.

Adam schob seinen großen Schlapphut nachlässig
ungenirt in ein Fach des Bücherrücks und warf
sich in die Sophaecke.

Eine Pause entstand. Doctor Irmer blickte
fragend, erwartend, verlegen zu seinem Gaste hinüber.

„Sie schriftstellern also auch?“ fragte er endlich.

„Schriftstellern? Mein Gott! Nun ja, wenn
man's so nennen will… Aber weit ist's damit Gott
sei Dank! nicht her — ich bin durchaus kein sogenannter „Schriftsteller von Beruf“ — um Himmelswillen — nein! … nein! … Ich habe Dies und
Das gemacht — einige Artikel philosophisch-kritischen,
nationalökonomischen, literarhistorischen Charakters
für Zeitungen zusammengestoppelt — ein paar
längere Aufsätze über psychophysische Materien für
wissenschaftliche Fachblätter geliefert — na! das ist
aber auch Alles… Allerdings … nicht zu vergessen die ulkigen Brochüren, die mich momentan
beschäftigen. …“

Das war leichthin, nachlässig gesprochen, ohne
weitere innere Theilnahme, mit dem Accente halb
ehrlicher, halb affectirter Selbstironie.

Herr Doctor Irmer nickte mit dem Kopfe.
Wiederum trat eine Pause ein. Was wollten die
beiden Menschen nur von einander?

Adam musterte seine Umgebung. Zur Noth
konnte man diese Einrichtung ja behaglich nennen!
Und doch athmete das Zimmer einen Geruch der
Aermlichkeit aus, der kaum verschleierten, kaum zu
verkennenden Nüchternheit, der Adam etwas beklemmte. Er liebte den mit feinem, ästhetisch
durchgebildetem Geschmacke angewandten Luxus. Er
bewohnte selbst zwei sehr comfortabel ausgestattete
Zimmer, die ihn eigentlich mehr kosteten, als er
nach seinen Verhältnissen an Miethszins dafür hätte
ausgeben dürfen. Aber es war ihm Bedürfniß, in
einer vornehmen, eleganten, weichen, mit künstlerischem
Verständniß arrangirten Umgebung, die soviel als
möglich alle trivialen, hyperboreischen Reibungen
überflüssig machte, zu leben. In dieser Hinsicht besaß Adam also auch sehr epicureische Gelüste.

„Was enthalten denn die Brochüren, die Sie
jetzt geschrieben haben, Herr Doctor?“ fragte Irmer
endlich.

„Ach Gott! das sind mehr feuilletonistische Stilübungen. Ich lege weiter keinen Werth auf sie.
Moderne, zeitgemäße Themata übrigens. Hoffentlich
bringen sie mir ein paar Dreier ein. In dem
einen Hefte habe ich allerlei Pikanterie'n über das
specifische Wesen des deutschen Gymnasiallehrers ausgekramt — — ich hatte nämlich selbst einmal die
Ehre, einem Präceptorencollegium anzugehören, Herr
Doctor — na! und da lernt man ja diese famose,
menschliche pêle-mêle-Speise kennen — in dem ander'n
Hefte, das aber noch nicht ganz fertig ist, plaudere ich
über — — oder sagen wir meinetwegen: liefere
ich eine psychologische Analyse des geistigen Proletariats von heute — „modern,“ wie gesagt, „zeitgemäß“ sind die Motive jedenfalls…“

„Ja! … Ja! … versicherte Doctor Irmer zustimmend. Er sah vor sich hin. Sein Gesicht nahm sich
sehr nachdenklich aus. Zugleich etwas schmerzhaft
verzogen. Adam konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sein Gegenüber bedauerte, auf den Gedanken, derartige „brennende Fragen“ zu behandeln,
nicht selbst gekommen zu sein.

„Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft, Herr
Doctor —?“ fragte Irmer drauflostolpatschend.

„Ich interessire mich aufrichtig für die Dame,“ gestand Adam lachend. „Sie kennen die orientalische
Methode, Herr Doctor, zwei Wesen zu copuliren, die
sich nie gesehen haben: so kommt es mir immer vor,
wenn ich an mich und meine Zukunft denke. . Schließlich ergeht es ja jedem Individuum also … aber Unsereiner — hm! nun! ich wiederhole: ich interessire
mich sehr … sehr … für meine … Zukünftige…“

„Ihr Fräulein Tochter ist nicht zu Hause —?“
fragte Adam nach einer Weile. Er hatte vergeblich
einer Erwiderung Irmers auf seinen spaßigen Vergleich geharrt.

„Nein!. die macht sich um diese Zeit immer
etwas Bewegung. Das arme Mädchen kommt ja
sonst nicht viel heraus. Hedwig ist mein Ein und
Alles, ohne sie wäre ich vollständig hülflos, sie liest
mir vor — ich dictire ihr — ich habe sie ganz
in meine philosophische Weltanschauung eingeführt.
Ich glaube, sie hat überwunden und die große
Lebensillusion erkannt … “

„Prost!“ wäre es Adam beinahe über die Lippen
gefahren. Im letzten Augenblicke hakte er das
fatale Wörtchen noch zurück. „Sie sind Schopenhauerianer, Herr Doctor?“ vermochte er nun zu
fragen.

„Nicht eigentlich… Ich bin überhaupt kein
Anhänger eines bestimmten Systems — eben aus
Philosophie… Sie erinnern sich des Schiller'schen
Distichons … Ich denke und forsche. Nur die Erkenntniß ist real …“

„Gewiß! Aber um erkennen zu können, bedarf
man, abgesehen von der psychischen Grunddisposition,
einer gewissen inneren, durchgesiebten Fülle, die indentisch mit Stille und feiner, leise vibrirender,
seelischer Gespanntheit ist … Und der Besitz dieser
Gespanntheit hängt doch vielfach von den äußeren
Verhältnissen ab — von Verhältnissen, die man in
der Erkenntniß als werthlose Illusionen verwerfen
muß … und die trotzdem die Bedingungen sind, sine
quibus intelligi non possit, nicht wahr? Das Reale
ist vom Abstrakten abhängig, nicht das Abstrakte vom
Realen …“

„Hm … hm …“ Irmer fuhr sich mit den
weißen, schmalen, knochigen Fingern seiner rechten
Hand über die hohe, durchfurchte, krankhaft ausgebleichte Stirn. „Und schließlich wissen wir doch
Nichts —“ fügte er mit leiser, müder, umflorter
Stimme hinzu.

„Haben Sie's fertig gebracht, ganz zu verzichten, Herr Doctor?“ fragte Adam, weniger, um
das Gespräch zu vertiefen, als um es weiterzuspinnen. Es war ihm plötzlich eine bezwingende Sehnsucht nach Hedwig in die Seele getreten. Er hätte
heute zu gern noch einmal ihr trotzig-gleichgültiges
Gesicht vor sich gehabt, zu gern noch einmal den
Blick ihres schweren, dunklen Auges herausgefordert.
Also durfte er die Unterhaltung um keinen Preis
an der galoppirenden Schwindsucht crepiren lassen.

„Ganz zu verzichten — das ist wohl aus
psychologischen Gründen unmöglich … Einige Nabelschnüre dürfen wohl nicht reißen …“

„Aber warum denn überhaupt verzichten, Herr
Doctor? Ich finde zeitweilig das Leben dämonisch
schön … dämonisch berauschend … ich glaube fast: sogar
auch in diesem Augenblicke … Ja! Gewiß! Es kann
Einem jede Sekunde eine Dachziegel auf den Kopf
fallen … und man läuft immer Gefahr, irgend einen
Fuß oder irgend ein Genick zu brechen … Aber warum
soll man der menschlichen Natur immanenten
Leichtsinn — und nur er exportirt ja das Oel,
welches die schaurig-groben Reibungen des Lebens
verringert — „tragisch“ nennen, wie so viele alte
und junge Unglückstanten thun? Leben wir doch drauf
los! Mag's doch kommen, wie's will! Eine geradezu
fanatische Lebenssehnsucht krampft sich manchmal in
meinem Herzen zusammen. Es giebt ja namenlos
viel Unglück und Elend auf der Welt … ja! …
ja!. ich weiß es recht gut … Was die Armuth
leidet, die nackte und die versteckte, — es ist unsagbar … Der Mensch liebt das Vergleichungsverfahren.
Das ist sein Grundelend. Ich wohnte einmal bei
einer Familie, wo die Frau Tag ein, Tag aus, vom
frühen Morgen bis zum späten Abend, weiter Nichts
zu thun hatte, als Magd und Mutter zu spielen …
Unsereiner kann die Enge, die Monotonie, die
Schmucklosigkeit, das grenzenlos Mechanisch-Marionettenhafte einer solchen Existenz gar nicht fassen.
Und dabei diese Bedürfnißlosigkeit!. Es ist unglaublich, wie beschränkt der Anschauungskreis ist, in
dem eine solche Kleinbürgerfamilie lebt! Immer
dieselben Pflichten, dieselben Arbeiten, dieselbe Beurtheilung des Lebens, dieselben Sorgen, dieselben
Gedanken, dieselben Worte, dieselben Eindrücke, dieselben Gedanken- und Vorstellungsverbindungen! …
Und täglich die gleichen Lebensbedingungen! …
Ich machte mir öfter das, meinetwegen: das etwas
wohlfeile Vergnügen, ganz meiner Natur gemäß,
in meiner Art, in meinem Jargon mit der Frau zu
verkehren: sie verstand mich einfach nicht. Die
Kluft, welche individuelle Civilisation, eigene Geistescultur hier geschaffen, ist unüberbrückbar. Und doch
kann ich nicht umhin, selbst von meinem Standpunkte aus, der vielleicht ein Kirchthurmstandpunkt ist
gegenüber dem — halten Sie mir, bitte! den Vergleich
zu Gute, — also gegenüber dem Düngerhaufenstandpunkte jener Kleinweltsleute — vielleicht aber
auch nicht! giebt es denn etwa einen einzigen, wirklich competenten Maßstab? — selbst also
bei diesem Sehverhältniß muß ich etwas Heroisches
in dem stillen Aufsichnehmen, in dem beinahe kritiklosen
Ertragen aller jener erbärmlichen Lebensumstände
sehen. Eine solche „Frau aus dem Volke“ bleibt
mit ihren kleinen und ihr doch so wichtigen Sorgen
um Wirthschaft und Kinder fast immer hinter den
Coulissen, kommt äußerst selten auf die Bühne des
Lebens. Sie sorgt sich und quält sich den ganzen
lieben Tag ab und opfert schließlich auch den größten
Theil der Nacht ihren Kindern … jammert wohl auch
öfter 'mal und stöhnt auf — und arbeitet, trägt, erträgt morgen doch wieder so geduldig, wie sie gestern
gearbeitet, getragen und ertragen hat … Aber ich
bin ganz von dem abgekommen, was ich eigentlich
sagen wollte. Jenes Vergleichungsverfahren, das ich
vorhin das Grundunglück der Menschheit nannte,
begiebt sich übrigens auch bei den Märthyrern der
Beschränktheit nicht ganz seines Einflusses … Aber
hier, wo Alles noch einigermaßen niet- und nagelfest, wenn auch ungeheuer eng und klein ist; wo die
Reifen nicht vom Fasse springen, höchstens einmal
aufknarren — hier ist zum Gebrauch der Comparation
verhältnißmäßig wenig Zeit übrig … und wo sie
unwillkürlich geübt wird — und das geschieht allerdings ziemlich oft — macht sie bei der Lage der
Dinge höchstens eine böse Stunde, kaum einen bösen
Tag … Die entfesselte Noth, die grollende, aussichtslose Armuth bietet der Phantasie einen viel
fruchtbareren, viel günstiger präparirten Mutterboden.
Doch ich bin immer noch nicht bei dem angelangt,
auf das anfangs hinauswollte. Also … ja! …
warum durchaus — warum partout, wie man im
Deutschen sagt, „verzichten“, Herr Doctor? Ich möchte
das Leben noch einmal entfesseln … noch einmal
inbrünstig, leidenschaftlich an die Brust reißen …
wie ein weiches, saftiges, halb durchgebratenes Stück
Filetfleisch zwischen die Zähne schieben und tüchtig
draufloskauen … Das muß doch ganz köstlich sein!.
Reisen … abenteuern, sich neuen Eindrücken überlassen … von neuen Erlebnissen ganz hingenommen,
ganz eingepökelt werden … in eine neue Umgebung …
in neue Verhältnisse kommen … gegen den Strom
jedweder Gewohnheit schwimmen … natürlich
„schwimmen“ … der Nüchternheit durch feinstes,
epicureisches Lebensraffinement den Kopf zertreten …
Talent und Glück besitzen, um große, tiefe, volle
Stimmungen provociren, genießen, festhalten zu
können —: ich denke mir, wenn man das so könnte,
wie man das so wollte, es müßte diesem sogenannten
Dasein doch Reiz, Gestalt, Werth verleihen … Ich
glaube: so blasirt — oder wenn nicht im Weltmannssinne des Wortes blasirt, so doch: so gleichgültig ich gegen das Alles auch bin, was ich jetzt
besitzen, genießen … oder mit forcirter Resignation
verschmähen darf — ich glaube: käme ich in eine
Sphäre hinein, wo ich allen meinen Launen und
Bedürfnissen fröhnen, wo ich mir Natur- und Kunstgenüsse … wo ich mir Frauen, Wein, Spiel
Sport, Luxus, kurz ein im großen Stile gehaltenes,
im großen Stile ausgegebenes, ästhetisch feingeistig
bestimmtes, reich nuancirtes Leben gestatten dürfte —
ich würde mit beiden Händen zugreifen und mit
liebenswürdiger Bereitwilligkeit vergessen, daß ich
einmal in Schopenhauer'schem Panillusionismus
gemacht habe — das Märchen von den Trauben,
die man sauer findet, weil sie zu hoch hängen,
Herr Doctor — nicht? Und mir scheint zudem
auch: die individuelle Seelendisposition läßt sich in
jungen Jahren noch ganz gehörig von den Verhältnissen, also auch von eventuell neuen Einflüssen,
die wirkend werden, durchcorrigiren … Man verbeißt
sich nun so oft in sich, weil — nun, weil es Einem
unbequem — ja! eben unbequem ist, mit der größten
Freundin der Menschheit, mit der dreimal heiligen,
dreimal gebenedeiten Gewohnheit zu rechnen,
die Alles ebnet, Alles siebt, Alles schlichtet, Alles
glättet und versöhnt … Das ist gewißlich wahr!.“

Irmer lächelte, halb gutmüthig-belustigt, halb
ironisch. „Ich habe das Gefühl, Herr Doctor,“
begann er sodann, nachdem er eine kleine Pause
nach der buntscheckigen Rede Adams hatte verstreichen
lassen, — „daß das Alles gar nicht Ihr Ernst
ist … Ich höre nicht gut … und Sie sprechen auch
nicht sehr laut, aber mir kommt es vor, als ob
Ihre Stimme etwas spöttisch geklungen hätte vorhin. Nun … ich habe eine andere Art … wenn
ich damit auch nicht gesagt haben will, daß ich nicht
auch einmal so wie Sie gedacht, gewollt und gewünscht hätte … das ist aber schon ein Weilchen
her … so ein paar Jahrzehnte. Gehen Sie hinaus
in die Welt, lieber Doctor! Sie sind noch jung …
Und wenn Sie älter … alt — älter ist manchmal
weniger, als alt — geworden sind, auf ganz gewöhnliche, hergebrachte Weise alt … physiologisch
kühler und enger … dann kommen Sie wieder …
und Sie sind wieder „Pessimist“, wie es Kant,
Schopenhauer, Goethe, Humboldt und die ganze
Gesellschaft von Kerlen, die Etwas bedeutet haben,
gewesen sind … On revient toujours … Sie verstehen — das ist auch in der philosophischen Weltanschauung nicht anders. Der Pessimismus des
Alters unterscheidet sich von dem der Jugend nur
dadurch … oder wenigstens in der Hauptsache nur
dadurch, daß ihm auch starke ethische Elemente
legirt sind …“

„Hm! Ich muß allerdings gestehen, daß es mit
meinen ethischen Principien ziemlich schlecht bestellt
ist … Aber … verzeihen Sie, Herr Doctor … da kommt
mir eine Frage — ich will im Himmelswillen nicht
indiscret sein — nun — also: finden Sie es mit Ihren
ethischen Normen vereinbar, daß Sie Ihr Fräulein
Tochter, die jung ist, wie ich, und gewiß Stimmungen,
Bedürfnisse, Wünsche hat, wie ich — ich schließe
einzig und allein per Analogie — daß Sie Ihr
Fräulein Tochter also ganz in die Hände Ihrer
Entsagungsphilosophie liefern? — Halten Sie diese
Praxis für absolut richtig —?“

Adam sah bei diesen, nicht ganz sicher und unbefangen gesprochenen Worten auf die Fingernägel
seiner rechten, nach innen gekrümmten, in Schrittweite
dem Gesicht genäherten Hand — er hatte die Glacés,
die ihm nicht besonders zu der schlichten Umgebung zu
passen schienen, schon vorher abgezogen — er sah auf
die Fingernägel seiner rechten Hand, als wollte
er sich in den kleinen, glänzenden Flächen spiegeln.

„Ah … Hedwig! … Nun … Nun … ich …
ich — meine Tochter hat schon viel durchgemacht,
Herr Doctor … sehr viel. Ich glaube, es
ist Zeit, daß sie zum Frieden kommt. Und
dann … warum soll ich's nicht gestehen? …
etwas Egoismus ist meinerseits dabei wohl auch im
Spiele. Ich bin, wie schon bemerkt, gänzlich abhängig
von meiner Tochter … Wir arbeiten zusammen, sie
liest mir vor … ich dictire ihr … wenn sie mich
verließe — ich könnte nicht weiterleben … Wenn
sie der Welt noch einmal zum Opfer fiele — sie
müßte erst mich … erst meinen Sarg bei Seite schieben …
er würde ihr den Weg versperren …“ Das war
noch leiser, noch unverständlicher, undeutlicher gesprochen, als gewöhnlich. Irmer hatte das Haupt
schwer, tiefgebeugt auf die Brust fallen lassen …
als würde es von den Henkersknechten des Schicksals
niedergedrückt. Der Mann schaute starr vor sich hin.

Adam erhob sich und griff nach seinem Hute.

„Ich danke Ihnen, Herr Doctor, für die Anregung, die Sie mir gegeben … Und hoffentlich …
hoffentlich ist es nicht das letzte Mal, das wir
zusammengeplaudert. Die Welt ist gemein … ganz
Recht! … und die Menschen sind Bestien … sie
schwatzen und klatschen und kritisiren und … keifen
und … zucken die Achseln und treten einander
todt …

„Hülfreich ist der Mensch,
Edel und gut —
Doch zuweilen, wenn er gerade Durscht hat,
Säuft er seines ‚Nächsten‘ Blut …“

Eh bien! . Das ist eine bekannte Geschichte …
Doch das ist der Pessimismus der Jugend, der
zwanziger Jahre … Man findet Alles gemein,
weil man Alles noch zu allgemein findet … finden
muß … Qu 'importe? Wenn ich nicht zu sehr
Ihre Kreise störe, Herr Doctor — —“

„Bitte!.“

„Also auf Wiedersehen! … Wollen Sie mich
gütigst Ihrem Fräulein Tochter empfehlen … Ich
habe die Ehre! …“

„Adieu! …“

Adam verließ das Zimmer. Auf dem Corridor
athmete er einmal tief auf und schaute unwillkürlich
nach der feschen Dienstmaid aus. Er hätte zu gern
eine kleine Abwechslung gehabt. Aber das Mädel
blieb unsichtbar.

Als Adam die letzten Treppenstufen hinunter
schritt, betrat Hedwig den Hausflur. Der Herr
Doctor ging langsam an ihr vorüber und grüßte
sehr förmlich. Die Dame nickte kurz.

An der Thür wandte sich Adam noch einmal um.
Fräulein Irmer stieg ruhig die Treppe hinauf.

Adam gab einen kurzen, grellen, scharfen Pfiff
von sich. Dann schlug er die große, schwere, ungefüge Thür hinter sich zu. —

Endlich war Nachricht von Lydia gekommen.
Frau Lange schrieb mit kleiner, schräger, nicht besonders geübter, kaum charakteristischer Schrift:

„Werther Herr Doctor!

Wollen Sie morgen
Abend die bewußte Tasse Thee bei mir trinken —?
Gegen acht Uhr — ja? Bitte, bringen Sie doch
die Stimmung wieder mit, in der Sie den Brief
geschrieben! Er hat mir viel Vergnügen gemacht,
trotzdem ich ihn wohl noch nicht ganz verstanden
habe. Wir wollen ihn noch einmal gemeinschaftlich durchstudiren. Haben Sie Ihr Bibelcapitel
fertig? Ich habe leider wieder sehr viel Abhaltung gehabt. Mit bestem Gruße

Lydia Lange.“

„[…]“ meinte Adam schmunzelnd, befriedigt. Und er las das Billet ein zweites Mal. —

IX.

Am nächsten Tage schwankte Adam unaufhörlich
in seinen Stimmungen hin und her. Er wußte wieder
einmal nicht ein noch aus. Es war ihm wieder einmal
das Talent ganz abhanden gekommen, sich von der
Widerspenstigkeit der Objecte anziehen, belustigen zu
lassen. Das kann doch zuweilen wirklich sehr amüsant
sein. Zweifelte er an sich, an seinen Kräften und
Fähigkeiten? Er besaß ein sehr schlechtes Gedächtniß
für sich. Eine erneute Stimmung nahm ihn immer
so ganz hin. Und war das gerade eine Stimmung
marternder Geisteszerrissenheit, so mußte er ganz
vergessen, daß ihm einmal klarer, einfacher, unmittelbarer, praktischer zu Sinn gewesen. Es lastete
ein unerklärlicher Druck auf ihm, eine gerechtfertigtungerechtfertigte Trauer … eine peinigende, gegenstandslose Betrübniß … kein schneidender Gethsemaneschmerz … eine lähmende, zusammenzwingende
Schwere. Er hatte keine Freude daran, die kleinen
Arbeiten des Lebens auf sich zu nehmen. Nichts
Großes erschütterte ihn, das kleine Gewürm halber,
angedeuteter Gefühle verleidete ihm das Leben,
welches ihm doch manchmal mit seinem bunten
Wirrwarr, seinem unermüdlichen Farben- und Formenspiel so unendliche Reize bieten konnte. Warum
sollte er heute Abend zu Lydia gehen? Es war
doch eigentlich nicht der geringste Grund dazu vorhanden. Gewiß! Er wollte ihr im letzten Augenblick noch abschreiben — das war das Gescheiteste.
Er konnte nicht für sich gutsagen. Er hatte die
Empfindung, als müßte er heute Frau Lange gegenüber zu bizarr in seinem Betragen, zu willkürlich
sein. Oder würde ihn die fremde, gewiß vornehme,
in eigener Ordnung ausgebaute Umgebung doch einengen? Würde seine zwar nicht besonders große,
aber noch immerhin genügende Fähigkeit: Cavalier,
Gesellschafter zu sein, hervortreten, sobald er Lydia
gegenüber stand? Er hatte ja schon, wie er sich
äußerlich erinnerte, eine ganze Reihe derartiger
Jongleurkunststücke fertig gebracht. Aber Hedwig?
Hedwig? Wie stand er zu ihr? Liebte er sie? Er
hatte sich allerdings sehr oft eingebildet, ein Weib
zu lieben — und er hatte sich für dasselbe schließlich nur interessirt, ganz beiläufig „interessirt“. Er
hatte Gefallen an ihm gefunden, irgend Etwas hatte
ihn gereizt: schönes Haar; schöne Augen; graciöse
Beweglichkeit des Oberkörpers; Halbfülle der Gestalt; ein kurzer, entschiedener Tritt; oder Naivetät
des Herzens; das Parfum geistiger Selbständigkeit;
Unbeholfenheit oder Schlagfertigkeit … Vorurtheilslosigkeit … Coquetterie … ehrliche oder gemachte
Verschämtheit … oder so etwas Aehnliches … Und
Hedwig? Ja! Ja! Es wurde ihm mit bezwingender
Deutlichkeit klar: er liebte sie — liebte sie mit all'
der Glut und Leidenschaft, deren er noch fähig
war … die er noch für sie aus allen seinen früheren,
engeren oder loseren Beziehungen und „Verhältnissen“
hatte retten müssen. Der Gedanke an sie hatte doch unwillkürlich — jetzt wurde er sich dessen bewußt — in den
letzten zwei Tagen die stete Unterströmung seines
Seelenlebens gebildet. Immer wieder war ihr Bild
vor ihm aufgetaucht, manchmal schärfer, deutlicher,
manchmal unklarer, schwächer, linienmatter. Er hatte
der einzelnen Gelegenheiten gedenken müssen, die ihn
mit ihr zusammengeführt. Er hatte sich die Worte …
das Herüber und Hinüber … das bewegte Widerspiel
der Gefühle und Gedanken wiederholen müssen, die
ihn in ihrer Gegenwart besessen, die sie ihm zu verstehen gegeben, die sie ihn hatte ahnen lassen, oder
die er ihr anvermuthet. Er hatte viel an sie gedacht,
viel über sie nachgedacht … hatte sich gefragt: wo sie
wohl in dieser Stunde wäre … was sie thäte … wie
sie jetzt ihr Verhältniß zu ihrem Vater auffaßte …
ertrüge … ob er selbst vielleicht schon eine kleine
Rolle in ihrer Welt spielte? … Aber was zog ihn
nur zu ihr hin? Reizte sie seine Sinnlichkeit?
Eigentlich nicht. Seit jenem Abend bei Herrn
Quöck, wo der Wein sein Blut aufgejagt, wo ihm
Lydia's Raffinement und Coquetterie brennendes
Begehren in die Brust getropft … mit berechnender
Grausamkeit langsam getropft hatte; wo er sich wohl
nur aus Trotz gegen das schöne, verführerische
Weib — wenigstens wie er sich heute einbildete —
Hedwig genähert — seit jenem Abend hatte deren
Gegenwart oder die Erinnerung an sie eine immer
nur mit geringen Sinnlichkeitsaffecten verbundene
Sympathie in ihm ausgelöst. Nun denn! — so
mußte es eben ihr Schicksal sein, was ihn reizte.
Oder etwa ihre Sprödigkeit? Ihre Art, kalt und
bestimmt abzuweisen … ihre wie selbstverständlich
dargestellte … Selbständigkeit? Es war doch merkwürdig! Und da! … da schäumte es auch in
ihm auf … da begehrte er plötzlich, diese Ungeberdigkeit zu zähmen, diesen Trotz zu brechen, diese
Kälte zu bezwingen … Da mußte er, wie süß
und berauschend es sein müßte … es wahr und
wahrhaftig sein würde, diese herben Lippen zu
küssen … diesen verschlossenen Mund zu köstlichen
Geständnissen zu bewegen … Ein fanatischer Sehnsuchtsrausch war jäh über ihn gekommen. Ein
starkes Leben durchpulste ihn … ein einziges
Wollen erfüllte ihn ganz. Seine Phantasie umhing
die Geliebte mit Reizen, die sie kaum besaß. Aus
allen Poren strömte Adam der Drang … quoll
ihm das glühende Begehren der entfesselten Leidenschaft heraus … Aber da verflüchtigte sich auch
die heiße Sehnsucht des Blutes schon wieder. Eben
war Adam noch der Gedanke gekommen, daß es
doch eigentlich ganz praktisch sei, in dieser sinnlichempfänglichen Stimmung zu Lydia zu gehen.
Hedwig … oh! Die Erinnerung an sie konnte seine
Phantasie wohl mit tausend verführerisch-reizvollen
Bildern speisen. Aber die Wirklichkeit? Die Dame
war doch eigentlich schon zu eingefroren, zu steif, zu
erkaltet. Und Adam liebte das Spontane, das Tumultuarische am Weibe … das plötzlich Hervorbrechende, elementar Hinreißende. Und doch reizte
ihn im Grunde ein Weib … jedes Weib nur so
lange, als es sich ihm entzog, als es seine Selbstständigkeit mit starkem Nachdruck aufrechterhielt.
Die geringste Nachgiebigkeit kühlte ihn ab … kühlte
ihn besonders dann sofort ab, wenn sie mit
einer gewissen Apathie und gleichgültigen Nachlässigkeit in Scene gesetzt wurde. Adam liebte es,
Quellen aus Felsen zu schlagen. Die erste stürmische Glut, mit der das junge Wasser an's Licht
trat, reitze ihn. Nachher … nachher wurde ihm das
Wasser in der Regel bald … bald sehr, sehr langweilig. Er beobachtete es höchstens noch mit dem
Interesse des objectiven Wissenschaftlers. Nein! nein!
Das war Unsinn — er liebte Hedwig nicht …
nicht im Mindesten. Wie war er nur in aller
Welt darauf gekommen, sich das einzubilden, sich
das vorzudeclamiren! Es dünkte ihn nur pikant …
weiter nichts als pikant, auf sie zu wirken, sie zu
beeinflussen, sie zu beunruhigen … in den zähen, träge
geronnenen Lauf ihres verstockten und verkümmerten
Lebens allerlei neues, eckiges, strudelerweckendes
Zeug hineinzuwerfen. Er wußte, daß er das Weib
eines Tages einmal küssen würde. Vielleicht war
er auch im Stande, im Aufruhr der Stunde noch
intimere Leidenschaftsbeweise zu erzwingen. Und
dann? Dann mußte er die angebissene Frucht nach
den Gesetzen seines Organismus eben wegwerfen.
Eine grausame Unzuverlässigkeit gehörte ihm an
Oh! Er wußte: einmal hatte er mit dieser grenzenlosen Gleichgültigkeit nur gespielt. Es war ihm
pikant gewesen, sich ihren Besitz anzudichten, vorzulügen. Und nun? Nun besaß er sie wirklich — und
die Brutalität dazu, sie halb bewußt, halb unbewußt vor sich und Anderen verleugnen zu können …
oder er prunkte mit ihr. Und da gefiel es ihm öfter,
sie für harmlose Coquetterie auszugeben, wo sie
doch wohl nur traurige Thatsache war. Nein! Fräulein Irmer war Adam in diesem Augenblicke nichts
… absolut nichts. Warum sollte er heute Abend
also nicht zu Lydia gehen? In seinem Spiegelschränkchen trieb sich eine Anzahl verbrauchter Glacéhandschuhe … eine sehr niedliche Sammlung abgetragener Shlipse und Schleifen herum. Die Sippschaft fiel Adam in die Augen, als er nach seiner
Eau de Cologne-Flasche suchte. Er nahm einen
Handschuh zwischen die Finger und betrachtete ihn
sehr gedankenvoll. Das Leder war mürb, brüchig,
rauh, hier schlaffer, dort härter, steifer geworden …
wie gedörrt, runzelig zusammengetrocknet. Die Farbe
unreinlich, verschossen, stark verschmutzt. Allenthalben
geplatzte Nähte … ein Knopf war abgesprungen,
ein anderer ließ seinen schmutzig-gelben Messingscheitel todestraurig herabhängen. Warum schmeißt
man das Gesindel nicht in die Lumpen? philosophirte Adam sehr tiefsinnig. Und er dachte an sein
Individuum. Ob … hm! … ob man seine „Seele“
nicht einmal … nicht einmal — rasiren lassen
könnte? — —

X.

In tadellosem, schwarzem Gesellschaftanzuge; mit
einem Gesicht, das halb müde Gleichgültigkeit, halb
obligate, gegenstandslose Neugier und Gespanntheit
ausdrückte, trat Adam Mensch einige Stunden später
in das Cabinet Lydias.

„Sie haben mich gerufen, gnädige Frau — ich
bin gekommen …“

„Ich danke Ihnen, Herr Doctor!“

Lydia hatte bei dem Eintreten Adams vor ihrem
zartgliedrigen Luxusschreibtische, der so gar nicht
für ehrliche, schwere Arbeit auf der Welt zu sein
schien, gesessen und war nun aufgestanden. Ein
leiser Moschusduft lag im Gemach. Auf dem
Schreibtische brannte inmitten einer Fülle eleganter
Nippes, inmitten einer zwanglos und doch geschmackvoll arrangirten Kleinwelt von Statuetten,
Photogrammen, Portraits, Goldschnittbändchen, lose
durcheinandergezetteltem Pergamentpapier, Muscheln
und Steinen, eine grünverhangene Broncelampe.
Das mittelgroße Zimmer war von den Schatten
anheimelnder Dämmerung durchdunkelt. Die Umrisse
der Möbel verschwammen, die Farben und Muster
der Teppiche und Decken hatten einen ernsten, schwarzbraunen Ton angenommen.

Lydia hatte die Lampe auf den kleinen, runden
Tisch gestellt, der, umgeben von einer Fauteuils-Corona, vor dem Sopha an der gegenüberliegenden
Breitseite des Zimmers stand.

„Ich muß doch wohl für etwas mehr Licht
sorgen —“

„Wenn ich bitten darf, gnädige Frau … diese
Lichtstimmung … es ist so poetisch, dieses Zusammenfließen von Hell und Dunkel —“

„Ja? Nun … dann … Ich habe diese Beleuchtung auch sehr gern … gerade dieses clairobscur … Aber modern … „modern“ ist es doch
eigentlich kaum, Herr Doctor … So mittelalterlich … so romantisch … Nun suchen Sie sich
bitte einen Fauteuil aus … und dann will ich
den Thee bestellen … oder … oder — Emma wird
ihn allerdings schon bereitet haben … aber das
thut ja nichts … sie mag ihn 'mal selbst probiren —
ich schlage vor, Herr Doctor, daß wir unsere erste
Sitzung mit einem Glase Steinberger Cabinet einweihen — ja …?“

„Gnädige Frau — ich … meinetwegen —“

„Jetzt ist er schon so weit, daß er ‚meinetwegen‘ sagt!“ fiel Frau Lange neckisch ein. „Diese
Gnade, lieber Doctor! … Ich danke Ihnen! …“

„Ich bitte … Sie haben mich mißverstanden,
gnädige Frau …“

Lydia schellte. Ein Diener trat ein.

„Also einige Flaschen Steinberger, August, und
sagen Sie Emma, sie möchte auftragen.“

„Denken Sie, Doctor, dieser junge Mann, dieser
Weinapostel, heißt August — schrecklicher Name …
nicht? Aber er läßt ihn sich nicht abgewöhnen …
diese Leute haben auch ihren Stolz … Was will
ich machen? So sehr ich mich empöre — ich muß
mich schließlich fügen. Es bleibt mir nichts Anderes
übrig. Und der Mensch ist doch sonst ganz tüchtig
und zuverlässig …“

Adam antwortete nicht. Eine spitze, bittere
Bemerkung lag ihm auf der Zunge. Aber er unterdrückte sie. Da klagte ihm eine schöne, vornehme
Dame ihr Leid … ein Leid, das im Grunde
wirklich außerordentlich schwer und herb war. Und
sie fand es der Mühe werth, an ein Nichts eine ganze
Reihe von Worten zu verschwenden. Wußte sie
wirklich nicht, daß man sich manchmal noch in ganz …
andere Dinge fügen muß?

„So schweigsam, Herr Doctor? Warum?
Nein! … heute Abend … heute Abend lieber nicht!
… Melancholisch? Nun … vielleicht löst Ihnen
der Wein die Zunge … Lassen Sie doch die
alten, odiosen Gespenster! Bei meinem Vetter
… neulich … fiel es mir schon auf, daß …
doch … hören Sie! Draußen tobt der April!
Wir wollen uns recht gemüthlich fühlen … die
letzte, karge Wintergemüthlichkeit … es wird leider
so bald auch außerhalb des Kalenders Frühling …
und dann …“

„Und dann werden wir auf Ihrem Balkon sitzen,
gnädige Frau, und … und — und werden — —“

„Und werden? Was Sie sich einbilden, Doctor!
Doch … pardon! … Ja … ich hoffe auch —
Mai … Juni — nun! Wir wollen uns vornehmen, einen recht intimen Frühling zu verleben … einverstanden? …“

„Lydia! …“ Adam war der Vorname Frau
Lange's entfahren — er wußte nicht, wie …

„Dummheit, Herr Doctor! Was fällt Ihnen
ein! Wir sind doch zwei ganz vernünftige Menschen!
Nicht wahr? … Was macht übrigens Ihr Bibel-Capitel? … Nein! Wie mich Ihr hübscher Brief
amusirt hat! — Aber was hat die Emma nur?“

Frau Lange schellte zum zweiten Male. In
demselben Augenblicke trat das Mädchen ins Zimmer,
eine ziemlich umfangreiche Tablette nur mit Mühe
vor sich her balancirend.

„Was soll das nur heißen, Emma! Du hast Dir
wohl den Thee erst 'mal näher besehen? … Dazu war
doch nachher auch noch Zeit! Und auch der … der August
bleibt mit dem Weine — ich glaube gar, Ihr …
Emma! … ich will nicht hoffen — — Ihr fliegt alle
Beide an die Luft — das kann ich Euch sagen …“

Emma war roth geworden. „Gnädige Frau …“
stotterte sie —

Adams Auge weilte wohlgefällig auf der vollen,
ebenmäßig abgerundeten Gestalt des Mädchens. Das
war nicht zu viel und nicht zu wenig. Diese Arme
unter dem straffen, enganliegenden Kleide … diese Brust
unter dem wie geschient geschnürten Corset … dieses
frische, volle, nur etwas zu gleichmäßige, zu runde Gesicht … die Gelenkigkeit der Bewegungen … der nicht
unangenehme Geruch frischgewaschenen, frischgestärkten
Leinens, der von ihrer Kleidung ausging —: mit
dem Allen war Adam sehr einverstanden. Lydia
bemerkte, wie aufmerksam und augenscheinlich wie
befriedigt der Herr Doctor das Mädchen musterte.

„Sie sind ein Epicureer, Herr Doctor!“ sagte
Frau Lange spöttisch.

„Wieso, gnädige Frau? Weil ich für Ihre
reiche Tafel kein Auge … kein Verständniß zu
haben scheine? Verzeihen Sie! …“

„Sie gestehen also? …“

Emma schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.
An der Thür wußte sie sich noch einmal so zu drehen,
daß sie einen vollen Blick auf Adam werfen konnte:

„Emma!“ rief Lydia laut nach. Das Mädchen
trat in den Thürrahmen zurück.

„August mag sich ein Wenig beeilen — und
dann bring' die große Lampe aus dem blauen
Salon herüber … Sie sollen Ihre Augen nicht
zu sehr anstrengen, Herr Doctor!“ fügte Frau Lange,
zu Adam gewendet, ironisch hinzu.

Adam und Lydia sahen sich fest an. Sie verstanden sich. —

„Aber … Sie sind doch noch nicht fertig, Herr
Doctor? Ich bitte Sie! Wollen Sie nicht noch 'n Stück
Fleisch nehmen? Bitte … ja! Es ist delicat, wie ich,
ohne meine Küche rühmen zu wollen, sagen darf …
Ein Scheibchen Pökelrippe — ja? Oder ein
Wenig Dessert? Lassen Sie sich nicht nöthigen!
Schlimm genug, daß man selbst Ihnen gegenüber
die alten, abgestandenen Redensarten gebrauchen
muß! Aber Sie sind gar nicht originell! Sie
bilden sich gar nichts auf sich ein! Und — was
das Schlimmste ist — Sie vergessen ganz, daß Sie
mich beleidigen, wenn Sie mich zwingen, Sie nach
der Art des ersten besten Durchschnittsmenschen zu
behandeln …“

„Ich bitte, gnädige Frau! … Ich habe gar
kein Recht, etwas Besonderes scheinen zu wollen,
sintemalen ich gar nichts Besonderes bin … Wenigstens
momentan … In den letzten Wochen, wenn nicht
Monaten, bin ich meinem ganzen Denken und
Fühlen nach ein verzweifelt alltäglicher Mensch gewesen … Ich finde nichts Neues mehr … ich
erkenne Nichts mehr … ich habe keine Interessen
mehr … ich bin gegen Alles grenzenlos gleichgültig … Alles ist todt, verschüttet, ausgestorben
in mir. Ein Druck liegt auf mir — ich sage
Ihnen: furchtbar! Ganz furchtbar! Und Nichts …
Nichts reißt mich aus dieser Verstumpfung heraus …
Ich glaube … ich fürchte: meine beste Zeit … die
Zeit, wo ich geistig aktiv sein durfte … wo ich
für tausend Reize empfänglich war … wo ich nach
allen Seiten hin Anregung gab und Anregung
empfing, ist vorüber … Und … und gewöhnlich vermisse ich absolut Nichts … das
ist das Entsetzlichste. Nur manchmal, wie eben
jetzt, werde ich mir dieser hagebüchenen Leere und
Nüchternheit bewußt — und dann krampft's sich in
mir zusammen — ach! … Varus! Varus! Gieb
mir meine Legionen wieder! …“

Lydia sah den ihr gegenübersitzenden Adam gespannt an. Sie hielt sein Gesicht auch mit dem
Auge fest, als August eintrat und den Wein brachte.
Frau Lange verstand den Herrn Doctor im Grunde
wohl kaum. Aber mit dem feinen Instinkt des
Weibes fühlte sie, daß ihr Gast da etwas aus seinem
Seelenleben preisgab, was für ihn schmerzliche Wahrheit und Gültigkeit besaß.

„Nun … nun, Herr Doctor … in diesem
Sinne — — ich wollte durchaus keine Beichte
herausfordern … verzeihen Sie, wenn ich Ihnen
Gelegenheit zu einem Mißverständniß gab … Bei
meinem Vetter übrigens … neulich Abends … erschienen Sie mir durchaus nicht so pessimistisch …
haben Sie inzwischen — doch pardon! … Und …
und damals empfing ich auch den Eindruck von Ihnen,
daß man Sie durchaus nicht mit dem ersten besten
Strohmann — bewundern Sie nur meine Scatkenntnisse! — mir schien es also, als ob man Sie durchaus nicht für einen Strohmann des Lebens halten
dürfte … Und darum meinte ich vorhin — —
ach! … Wissen Sie übrigens, Herr Doctor, daß
ich Ihnen eigentlich … eigentlich ein Wenig böse
sein sollte? Sie —“

Lydia hatte sich erhoben und füllte die Gläser.
Dabei sah sie, am Tische diskret eingewinkelt nach
vornüber gebeugt stehend, ihren Gast mit einem
reizenden Lächeln von der Seite an.

„Böse? Sie erschrecken mich, gnädige Frau!
Warum böse, wenn ich fragen darf?“

„Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen
ganz genau, was ich … was ich … meine —
oder sollten Sie … sollten Sie? Das wäre doch
zu naiv! . Nicht wahr —?“

„Ich bin immer noch rathlos —“

„Vergessen wir den Wein nicht! … Und nun
lassen Sie Ihre Reserve ein Wenig fahren, Herr
Doctor — ja? Sie geben sich in der Unterhaltung
so ohne Pathos … so — ich weiß gar nicht …
ich liebe die Force, das Spontane … das Unberechenbare … und Sie scheinen doch sonst das
Zeug zu haben, ein eigenes Gesicht zu machen …
einen eigenen Menschen vorzustellen — heute sind
Sie so conventionell — wie ich schon vorhin sagte …
so … so … nun! … man erwartet gar Nichts
von Ihnen … kurz: heute sind Sie ganz schrecklich,
Herr Doktor! … Was fehlt Ihnen nur —?“

„Mir? … Nichts … gar Nichts, gnädige Frau! …
Im Gegentheil: ich fühle mich sehr wohl … sehr
behaglich …“

„Nun! dann wollen wir 'mal anstoßen —
bitte!“

Die Gläser trafen sich, aber auch die Augen.
Schlumernde Flammen wurden da geweckt, brachen heraus und züngelten heftig in einander.

„Also … Sie wissen noch nicht —?“

„Nein! Noch nicht, gnädige Frau —!“

Lydia wandte sich ab. Sie nestelte an ihrer
Uhrkette und sah nach dem Schreibtische hinüber.

„Wie geht es eigentlich Fräulein Irmer, Herr
Doctor“? fragte sie nach einer kleinen Pause leichthin,
ohne Adam anzusehen.

Jetzt hatte der Herr Doctor allerdings verstanden. In seinem Gesicht zuckte es. Und da wandte
sich ihm Frau Lange auch wieder voll zu. Sie bemerkte den ironischen Zug um Adams Mund und
Nase, bemerkte die etwas zusammengekniffenen Augen.
Ein sehr verzweigter, im Ganzen aber doch mehr
angedeuteter, als erschöpfend ausgeführter Gefühlscomplex: momentane Wuth … Haß … Zorn … Neid
… drängte sich ihr auf. Dieser Mensch konnte
doch zu impertinent, zu moquant sein. —

„Nun?“ fragte Frau Lange indignirt.

„Hedwig Irmer, gnädige Frau …“ — Adam
setzte absichtlich, mit einer kleinen, unscheinbaren und
doch, wie er wußte, nicht wirkungslosen Betonung
den Rufnamen voran — „Hedwig Irmer — ja!
… habe ich die Dame denn seitdem — — seitdem? — richtig! ich machte ihrem Vater neulich
einen Besuch — und da —“

„Gefällt Ihnen Hedwig, Herr Doctor —?“
Frau Lange hatte sich zurückgelehnt und streckte die
Hand nach ihrem Weinglase aus. Die wundervolle
Plastik des Armes trat berückend hervor. Der
Aermel straffte sich zurück, und das volle, runde
Handgelenk schimmerte verführerisch auf in seiner
frischen, gelbweißen Waizenfarbe. Nun hatte Lydia
das Glas zum Munde geführt und blinzelte Adam
über den Rand hin an.

„Warum sollte mir Fräulein Irmer nicht gefallen —?“ erwiderte Adam spöttisch-nachlässig. „Die
Dame hat entschieden etwas sehr Eigenthümliches.
Sie scheint auch intellektuell nicht unbedeutend zu
sein. — Allerdings! ein Bissel zu viel triste,
dürre Abstractions-Philosophie hat sie unter der
Anleitung ihres Herrn Vaters wohl doch schon geschluckt. Unmittelbares … Ursprüngliches geht ihr
vollkommen ab. Ich glaube, man muß sich … man
müßte sich erst durch einen dicken Wall von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten hindurcharbeiten
— ganz abgesehen von der seelischen Schwerfälligkeit,
die gar nicht zu brechen sein wird —“

„Hm! …“

Adam sah Frau Lange an. Sie verstanden sich
wieder einmal.

„ … Die gar nicht zu überwinden sein wird …
sein würde — — wenn … wenn also ein seelisch einigermaßen intimer Verkehr ermöglicht werden sollte. Interessant ist die Dame aber zweifellos. Nun … es
wird nachgerade Zeit, auf Urwüchsigkeit überhaupt
zu verzichten. Man hat sie ja selbst längst … längst
eingebüßt — es ist rabbiater Unsinn, sie immer
wieder mit Pathos zu fordern und zu erwarten.
Wenn man bedenkt, wie bescheiden man eigentlich schon
geworden ist! Es ist mitunter rein zum Todtlachen!
Das heißt: man wird … man ist unkritisch geworden.
Von welchen kargen, geradezu dämonisch kargen Reizen
läßt man sich nur immer wieder ködern und bewältigen!
Man studirt und liest und schreibt und plaudert und verkehrt mit Menschen … man besucht Gesellschaften, treibt
sich in Localen herum … wie gesagt: fast ohne jede Kritik
mehr … ohne sich noch darüber klar zu werden, daß man
sich mit dem Allen doch eigentlich furchtbar vor sich
selber compromittirt! Gott sei Dank, daß ich kein
sogenannter „Dichter“ bin! Diesen Leuten sollen ja
alle Creaturen auf Gottes Erdboden … ob sie nun
vierbeinig oder zweibeinig oder x-beinig, wie der
liebe Hummer, herumlaufen, interessant sein … Das
schwatzt nämlich immer einer von diesen Herren
„Dichtern“ dem ander'n vor: Du! Höre' mal! Du
mußt für Alles Sympathie haben! Du mußt hinter
Allem das „rein Menschliche“ suchen, wie hinter dem
Spiegel das Quecksilber. Stöbere nur — du wirst's
schon finden, lieber Freund! Als ob der sogenannte
„Dichter“ nicht auch geistige Selektionstendenzen besäße! Nein! Es ist oft zum Verzweifeln, wenn man
sieht, was für Phrasen heutzutage colportirt werden auf
der Welt! — — Schätzen Sie sich glücklich, gnädige
Frau, daß Sie von all' dem elenden Wirrwarr, von
der colossalen Begriffsverwirrung, die sich allenthalben
breit macht, hier in Ihrem schönen buen retiro so
wenig, so blutwenig hören! …“

„Aber Sie wollten ja von Fräulein Irmer sprechen,
Herr Doctor … Sie begannen doch wenigstens in der
Tonart — und nun sind Sie wieder einmal …
wieder einmal bei mir angelangt — das ist doch —“

„Wundern Sie sich darüber, Lydia —?“ Das
hatte Adam halb absichtlich, zweckbewußt, halb unabsichtlich, von seiner Stimmung, seiner momentan
auffahrenden Leidenschaft hingerissen, mit leiser,
vibrirender Stimme gesprochen.

Die Beiden sahen sich an. Und Adam versuchte,
Frau Lange's linke Hand — Lydia saß rechts von
ihm auf dem Sopha — zu erhaschen. Es gelang
ihm. Lydia hatte sich abgewandt. Sie athmete
erregter. Einen Augenblick fühlte Adam die kleine,
warme, weiche Hand der schönen Fran zwischen
seinen bebenden Fingern. Ein heftiges Begehren
durchschüttelte ihn. Er bezwang sich. Und elegant
zog er Lydias Hand an seine Lippen. Frau Lange
seufzte leise auf und erhob sich.

„Da haben Sie's, Herr Doctor: das Mädchen
läßt sich nicht wieder blicken. Es ist unerhört. Nun,
ihre längste Zeit ist sie hier gewesen, die Dame.
Ich muß doch 'mal selber nachschauen, wo sie eigentlich steckt. Verzeihen Sie — ich bin sogleich zurück —“

„Bitte sehr, gnädige Frau …“

Lydia verließ das Zimmer. Im nächsten Augenblick öffnete sie noch einmal die Thür von außen
und rief ins Cabinet zurück: „Ich hatte ganz vergessen … die Cigaretten … wollen Sie sich bedienen, Herr Doctor! — auf meinem Schreibtisch
— rechts … neben dem Couverts-Carton …
steht die Schachtel … fangen … fangen Sie nur
Feuer —!“

Lydia lächelte berückend zu Adam hinüber.
Nur ein kleiner Raum lag zwischen den beiden.
Die Beleuchtung war allerdings zu schwach, um
die Formen der schönen Frau scharf und deutlich
hervortreten zu lassen. Und doch floß ein verführerischer Athem von dieser in der Thüröffnung
etwas nach vorn gebeugt stehenden Gestalt zu
Adam hin.

„Sehr liebenswürdig, gnädige Frau …“

Lydia verschwand wieder. Der Herr Doctor
hatte sich erhoben. Er fühlte sich sehr behaglich.
Er stand einen Augenblick mitten im Zimmer still
und dehnte und reckte sich. Ein kleiner Drang zum
Gähnen befiel ihn. Aber er unterdrückte ihn tapfer.
Das dünkte ihn denn doch zu undankbar. Mit
großer Genugthuung sog er die Atmosphäre des
elegant-gemüthlichen Cabinets ein. Diese von der
matten Beleuchtung mehr durchdunkelte als erhellte
Umgebung entsprach sehr intim seinen Bedürfnissen
und Neigungen, gebar ihm eine eigenthümlich reizvolle Stimmung. Und das Begehren ward in ihm
lebendig, dauernd unter solchen, in sich gesicherten
Bedingungen zu leben. Und Lydia? Adam sagte
sich, daß er ihrer pikanten, vollen, reifen Frauenschönheit heute Abend zum Opfer gefallen war.
Starken Eindrücken war er ja so zugänglich …
wenigstens konnte er sich für eine kurze Zeitspanne
ganz von ihnen aufzehren lassen. Nun! Er wollte
den Genuß der Stunde auskosten. Wer weiß, was
ihm noch bevorstand! Oder sollte er selbst versuchen,
mit starker Hand in die Speichen seines kleinen
Privatschicksalsrades zu fallen? Sollte er versuchen,
mit schnellem, kühnem Griff das an sich zu reißen,
was ihm da aus dem Dämmerungsschooße einer,
wie es schien, nicht ungnädigen Zukunft blendend
entgegengaukelte? Adam war unschlüssig. Er konnte
auch nicht anders, als unschlüssig sein. Noch zu
amorph, noch zu unklar und verschwommen lag
Alles vor ihm. Und gerade die Ungewißheit war
es ja, die ihn reizte, die ihm eine pikante Berechtigung gab, Alles zu erwarten, Alles zu erhoffen.
Nachher … nachher, wenn er seinen Sieg oder
seine Niederlage erlebt hatte, war er ja wieder in
die kalte, schneidende Winterluft seiner radicaleu
Resignation, seiner brutalen Gleichgültigkeit zurückgestoßen. Doch auf die Dauer war ihm das Klima
dieser Eiszone unerträglich. So hatte sich mit der
Zeit bei Adam das Bedürfniß herausgebildet, sich
allerlei Möglichkeiten zu verschaffen, die seinen Hoffnungen, seinen Erwartungen einen möglichst großen
Spielraum gewährten, … die bei einer günstigen
Combination zu Thatsachen werden konnten, welche
für sein Leben entscheidend waren … entscheidend
nach der zukunftsichernden, emporführenden, Alles
versprechenden Seite hin. Vor der unmittelbaren
Prüfung jener Möglichkeiten schrak Adam zurück.
Er war nicht kleinlich, nicht feige. Aber nach dem
süßen Morphiumgift eines gewissen, nicht besonders merkwürdigen, aber auch nicht gerade alltäglichen, im Uebrigen eigentlich sehr unschädlichen
Epicureismus hatte auch schon sein Blut — und
war das auffallend? — heißes Verlangen tragen
gelernt.

Adam trank sein Glas leer und ging zu Lydias
Schreibtisch hinüber. Er betrachtete einige Augenblicke sinnend das kleine, feine, entschieden distinguirte,
jetzt nur zu undeutlich beleuchtete Möbel. Nein! Das
war Alles viel zu zierlich, das war Alles viel zu
geschmackvoll arrangirt, zu feingeistig zusammengeordnet, um mehr, denn eine schöne Dekoration zu
sein. Diese engen, flachen Schubkästen waren nur
dazu bestimmt, schmale, dünne, discret parfümirte
Briefchen, die wohl eine roth- oder blauseidene
Schlinge einschnürt, aufzunehmen. Diese kleine,
dünne, feuchtbraun glänzende Platte ertrug höchstens
den reservirten Druck eines zärtlich-vorsichtigen
Frauenarms, duldete wohl gerade nur die Gegenwart eines Briefblattes, auf welches eine schöne,
ringblitzende Damenhand allerlei Koseworte, ein
schillerndes Wortgetändel, krause Gedankenarabesken
niedertropfen läßt … oder die Gegenwart eines
graciösen Goldschnittbändchens, in dem man blättert,
um hier einen elegant geformten Satz, dort einen
geschmeidigen Reim aufzupicken, oder eine perlende,
schillernde Strophe, die leise eine Saite der Erinnerung anschlägt … eine Saite, die nun verhalten aufklingt … und in zarten Schwingungen
Bilder um Bilder empordämmern läßt …

An diesem Tische muß eine schöne Frau wunderbar
träumen und sinnen und plaudern können … plaudern
mit den Gestalten ihrer Träume, ihrer Phantasie'n …

Adam verspürte wirklich Appetit auf eine gute
Cigarette. Er bemächtigte sich der Schachtel, die
er leicht fand, und ging zum Sophatisch zurück. In
demselben Augenblick, wo er den braungelben, krausgeflockten Tabak über der Lampe anzündete, trat
Lydia wieder ins Zimmer.

„Mit Ihrer Erlaubniß, gnädige Frau, habe ich
also soeben … soeben Feuer gefangen …“

„Bravo, Herr Doctor!“ Lydia lächelte, aber
etwas gezwungen. Unmuth und Aerger lagen auf
ihrem Gesicht.

„Wie glücklich sind doch diese Menschen!“ ließ
Frau Lange jetzt verlauten — „Sitzen die beiden,
August und Emma, seelenvergnügt in der Küche
zusammen und schwatzen sich tausend Dummheiten
vor … Alles Andere wird ganz gemüthlich vergessen — die Leutchen scheinen rechtschaffen verliebt
ineinander zu sein … Geschmacklos — finden Sie
nicht auch, Herr Doctor? Diese dumme Plebejerliebe! …“

„Geschmacklos — warum, gnädige Frau? Warum
nennen Sie das Natürliche ‚geschmacklos‘? Und Sie
finden doch auch, daß die Menschen glücklich sind!
Ja! Ich glaube es beinahe auch: glücklicher sind
sie, als Unsereiner … Sie dürfen so viel ungenirter, so viel zwangloser, unmittelbarer, derber,
ehrlicher sein! Allerdings … für uns ist unter
Umständen ja gerade das Unnatürliche … glücklicherweise das Natürliche … das Pikante, das Reizende, Anreizende, Schaffende. Ich wenigstens liebe
offene Thüren nicht besonders … Es ist so langweilig, eins zwei drei sein Ziel zu erreichen …“

Lydia hatte sich Adam gegenüber auf einen Fauteuil
niedergelassen und zündete sich jetzt eine Cigarette an.

Es klopfte.

„Herein!“

Emma brachte zwei Flaschen Wein und schickte
sich an, das Geschirr abzuräumen. Das Mädchen
sah sehr kleinmüthig aus. Adam erhielt einige
scheue, unbeholfene Blicke. Lydia schien ganz von
ihrer Cigarette engagirt zu sein. Eine peinliche
Stille lag im Zimmer. Emma hantirte unsicher,
ihre Hände zitterten. Einige Male ließ sie sehr
unsanft das Geschirr zusammenklappern.

„Nun schmollt die Dame auch noch —“ begann
Frau Lange, als das Mädchen das Zimmer wieder
verlassen hatte.

„Wie haben Sie eigentlich das Rauchen gelernt,
gnädige Frau?“ fragte Adam in der Absicht, dem
Gespräche eine andere Wendung zu geben.

„Wie? Komische Frage, Doctor! So viel ich
mich erinnere, habe ich mich diesem abscheulichen
Laster schon sehr früh ergeben. Das heißt —: geboren bin ich mit einer Cigarette im Munde gerade
nicht … aber später … einige Jahre darauf …
in der schönen, schönen Backfischzeit — da rauchten wir Selektanerinnen eben alle … Ueberhaupt, Doctor, Sie können sich keinen Begriff
davon machen, wie … gescheit so eine „höhere
Tochter“ schon ist! … Sie weiß … sie weiß so
Manches, das … nun! das … ich will nicht sagen:
das sie eigentlich noch nicht wissen sollte — —
mein Gott! warum so heucheln, so prüde thun,
so vorurtheilsvoll sein! … aber … sie weiß
doch offengestanden so Manches, was man durchaus
nicht erwarten sollte von einer solchen wohlerzogenen
jungen Dame … Wir hatten damals einen kleinen,
interessanten „Amazonenclub“ gestiftet — sous main!
lieber Doctor! … aber bitte! — schenken Sie
meinem Wein ein klein Wenig mehr Ihre Gunst —
er ist doch nicht gerade schlecht — Prosit! …“

Die beiden thaten einen tüchtigen Zug. Unerwartet war durch den offenen, burschikosen Ton, den
Lydia angeschlagen, eine frischere, intimere Bewegung
in die Unterhaltung geflossen.

„Also Ihr Amazonenclub, gnädige Frau —?“

„Nein! … Von dem will ich doch lieber stille
sein … Wir haben tolle Geschichten gemacht — weiß
Gott! — aber bedienen wir uns nur wieder einmal
des bekannten Schleiers der christlichen Liebe —“

„Gnädige Frau! …“ bat Adam sehr eindringlich.
Das Thema interessirte ihn aufrichtig. Er hätte
zu gern noch einige harmlose Einzelheiten aus
sotanem Capitel erfahren.

„Ih! Wie werd' ich denn, Herr Doctor! Und
warum Ihre Neugier? Wir sind allzumal Sünder!
Also … später — später verheirathete ich mich.
Mein seliger Mann rauchte leidenschaftlich. Er
konnte es nicht lassen, obwohl es ihm seiner defekten
Lunge wegen der Arzt streng untersagt hatte. Mein
Mann sah es gern, wenn Damen rauchten. Er
hatte eine große, freie, starke Seele, die anders
fühlte, als der Troß der beschränkten Krämer- und
Lakaienseelen. Er sah nichts Beleidigendes, nichts
Compromittirendes darin, wenn eine Dame ein
Wenig selbständig im Denken und Handeln war …
ein wenig ‚emancipirt‘, wie man zu sagen pflegt.
Schade, daß er so früh gehen mußte … Nun kommt
er nie wieder zurück …“

Lydia hatte die letzten Worte mit leiser, stockender,
zitternder Stimme gesprochen. Sie war sehr nachdenklich geworden, beinahe weich, vielleicht so etwas
wie sentimental. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck ehrlicher Trauer, eines beinahe zärtlichen
Schmerzes. Adam stutzte. Nun wurde er doch
verwirrt. Das hatte er nicht erwartet. Er hatte
sich so ganz daran gewöhnt, Frau Lange als …
nun! … eben gleichsam als jungfräuliche Wittwe
zu betrachten … losgelöst von allen Beziehungen,
die ihm etwa peinlich, unbequem hätten sein, die
ihm hemmend hätten werden können. Und jetzt
bewies diese schöne, verführerische Frau plötzlich die
innigste Theilnahme für ihren verstorbenen Gatten.
War ihre Trauer echt, ihr Schmerz wahr? Oder
coquettirte sie nur? Wollte sie ihn durch diesen
schluchzenden Schmerz nur reizen? Oder hatte sie
ihren Mann wirklich … geliebt?

Adam sog noch einmal an seiner Cigarette und
legte den mürben, runzligen Rest dann weg.

Lydia fuhr auf. Sie strich sich mit den kleinen,
schmalen Fingern der linken Hand über Stirn und
Augen, preßte die Hand einen Augenblick gegen die
Brust und griff nach ihrem Glase.

„Prost, Doctor! Nun wollen wir wieder vernünftig sein! Was kann das schlechte Leben helfen!
Es ist so dumm, ewig mit der Vergangenheit zu …
zu … nun … Ihnen kann ich's ja sagen — Sie
werden es wohl auch selbst gemerkt haben —: ich habe
nur coquettirt! Wahrhaftig! ich habe nur coquettirt!
Verlassen sie sich d'rauf! Ich wollte Sie 'n Bissel —
was? — Sie glauben mir nicht? Sie unschuldsvoller Engel Sie! Jawohl! Glauben Sie's nur!
Ich bin eine ganz herzlose Coquette! Ich bin ein sehr
schlaues, listiges, berechnendes Weib! … Nun thun
Sie mir aber den Gefallen — und sehen Sie nicht
so — ich hätte beinahe gesagt: nicht so — dumm
aus! Pardon! So Etwas ist Ihnen noch nicht vorgekommen? Ja! Ihr Männer! Ihr glaubt immer,
Ihr hättet die Originalität allein gepachtet! So'n
armes, dummes Weib kann auch 'mal ‚genial‘
sein — warum denn nicht? Ihr seid durch die
Bank eben so eitel, wie wir! Es ist ja alles ganz
gleich: der eine ist 'n Trefle-Bube, der andere 'ne
Carreau-Sieben — zu Kartenkunststücken müssen
wir alle herhalten … Lassen wir die Todten ihre
Todten begraben! Da haben sie wenigstens Etwas
zu thun! O über dieses tiefsinnige Leben! Leben!
Leben! Ich lebe! Ich will leben! Ich vergehe vor
Appetit auf das Leben! Mein lieber, guter Männe!
Nicht wahr — Du bist Deinem kleinen Weibchen nicht
böse, wenn es sich noch 'n Bissel amusiren will auf
dieser schönen Welt? Nein! nicht wahr? — Du
schläfst ruhig weiter und läßt Dich gar nicht stören?
Recht so, mein liebes Kerlchen! Wir haben uns
ja immer so gut vertragen! Doctor! Wollen wir
morgen früh beide nach Italien reisen? Ich halte es
unter diesen Philistern hier nicht mehr aus. Aber …
mein Gott! Was sehen Sie mich denn so erschrocken
an? Ja, ja! mein Herr! So … so aufgeräumt …
so offen und burschikos kann Fräulein Irmer nicht
sein — wie? oder doch? Das gute, kleine Fräulein!
Nächstens muß ich es doch wieder 'mal einladen!
Die Dame macht sich nur immer so rar —
kommt eigentlich nie … aber wenn Sie auch hier
sind — —“

„Gnädige Frau! … “

„Na ja, Doctor! … Was — der Wein ist gut?
Ja, ja! Mein Mann hatte eine feine Zunge. Mir
ist ganz merkwürdig zu Muthe. Ich sehe plötzlich
Alles so unheimlich scharf — das Bedeutende löst
sich kräftig heraus — ich komme so unheimlich nahe
an die Dinge heran … weiß gar nicht … gar
nicht — — — haben Sie, Doctor … wollen
wir nicht in dieser Stimmung — — — ganz
sonderbar! — haben Sie Nichts — Nichts —
kein Gedicht oder so Etwas bei sich? … Irgend
einen Dithyrambus der Freude — ich bin ja jetzt
alles Kleine und Enge los — doch richtig! Sie sind
ja kein Dichter! Vorlesen? Nein! Nein! Das ist
zu abgeschmackt! Musik! Musik! Sie spielen auch
nicht? Sie Barbar! Jetzt Beethoven — oder noch
besser Wagner — das Vorspiel zum dritten Akt vom
‚Siegfried‘ — die Welt ist ja gewöhnlich so eng
und schwarz und schwer … so karg und kümmerlich —
aber Doctor —!“

Auch über Adam war es plötzlich mit berauschender Gewalt gekommen. Die tolle, ekstatische
Stimmung Lydias hatte ihn angesteckt, entzündet,
hatte ihn mitfortgerissen, träge, unbeholfen zuerst,
nachdem sie ihn anfangs beinahe angewidert, zurückgeschreckt hatte, nachdem sie ihn sehr ironisch und
spottlustig gestimmt — nachher aber unwiderstehlich …
Nun jagte er hin, und der Taumel war in ihm.
Der Wein ebnete den Weg, minderte die Reibung,
glättete die Geleise.

Da hatte sich Adam von einem elementaren
Zwange packen lassen müssen. Es stieß ihn wie
mit einer übergewaltigen Faust von seinem Fauteuil
herunter und warf ihn vor die Füße Lydias. In
diesem Augenblicke liebte er das Weib fanatisch.
Sein Denken war ausgelöscht, sein ganzes Ich ein
einziges großes, dämonisches Gefühl … ein einziges
aufdampfendes Begehren. Adam hatte den Kopf
in Lydias Schooß gelegt und schluchzte, seine Arme
hingen schlaff herab.

„Aber Doctor —!“ hatte Lydia mit unnatürlich
leiser, halberstickter Stimme hervorgestoßen und mit
jähem Rucke aufspringen wollen.

Adam richtete seinen Kopf empor … langsam,
fast feierlich, beschwörend. In seinen verthränten
Augen lag die heiße Bitte, ihn nicht hinwegzustoßen.
Lydia löste jetzt sanft ihren rechten Arm frei und
strich leicht, lind, mit liebkosenden Fingern über
Adams Haar. Der aber erbebte mächtig unter
dieser weichen, zärtlichen Berührung.

Im Zimmer war es still. Nur das Licht der
Lampe surrte leise … und ungleich, heftig hastete der
Athem der beiden Menschen, die, ganz hingenommen,
ganz berauscht von ihren verworrenen Gefühlen,
eine kleine Weile in eng zusammengeschmiegter Gemeinschaft beieinander waren. Zu dieser Zeit waren
beide gut, besser, denn sie je gewesen. Alles, was
das Leben in ihnen verzerrt hatte, war ausgeglichen.
Fülle und Kraft lebte in ihnen, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung und eine mächtige Gespanntheit
aller Sinne und Gefühle.

Nun richtete Lydia das Gesicht Adams mit
discretem Nachdruck zu sich empor.

„Steh auf, Adam! Wir waren einen Augenblick
zwei dumme, thörichte Kinder — jetzt wollen wir
wieder vernünftig sein — ja? Komm! —“

„Lydia! …“

„Na, was denn, Herr Doctor? Ich weiß gar
nicht — — lassen Sie mich! Bitte — na? …“
Die Worte waren mit zweideutiger Betonung gesprochen. Es schien Frau Lange halb und halb
mit ihrem Abwehren ernst zu sein … und doch
war ihr vielleicht eine drängende, stürmische, beharrliche Zärtlichkeit Adams noch mehr willkommen.

„Lydia!“ bat Adam noch einmal, dringend,
inständig … vielleicht besaß seine Stimme auch
einen Stich ins Drohende. Und doch hatte der
Gefühlstumult in seiner Brust schon bedeutend an
Stärke und Energie eingebüßt. Die gemacht naiven, zudem, wie es ihn dünkte, nicht spottlosen Worte der
schönen Frau hatten Adam etwas ernüchtert. Zugleich
aber war ihm, wenn auch kaum in scharfen Bewußtseinslinien, der kluge Gedanke gekommen, die Situation,
die sich ja nun einmal in Scene gesetzt hatte, nach
Kräften auszunützen … natürlich soweit er das
unbeschadet seiner Mannesehre thun durfte.

„Stoß' mich nicht von Dir, Lydia! Ich gehöre
ja ganz Dir — nur Dir allein! Ich habe keinen
Vater und keine Mutter mehr und habe keine
Heimath mehr … Lydia! Ich liebe Dich grenzenlos —“

Unwillkürlich war Adam doch wieder wärmer,
ehrlicher, natürlicher geworden. Da lag er in einem
eleganten Cabinet zu den Füßen einer schönen
Frau … und er durfte die Kleider dieser schönen
Frau berühren … ihre Hände, ihre Arme … er
fühlte ihren wärmeren Athem, er fühlte ihre heftig
auf und nieder gehende Brust — ja! ja! er liebte
dieses Weib … er begehrte es … er lechzte nach
seinen Küssen — es riß ihn unaufhaltsam in die
Arme dieser Frau — dieser — dieser — —

„Lydia!“ schrie er noch einmal auf — —

Frau Lange schien nachgeben zu wollen. Sie
lehnte sich einen Augenblick wie gebändigt, wie
besiegt, gegen die Rücklehne des Fauteuils —
Adam sprang auf — — nun schnellte auch Lydia
empor — — die beiden standen sich hart, eng
gegenüber.

„Herr Doctor —!“

Aber noch gab Adam die Partie nicht verloren.
Diese Frau trotzte ihm. Seine ganze, widerspenstige,
zu despotischem Imperium geneigte Natur brach
nun durch. Und doch ließ er sich nicht völlig von
seinem Zorne, seiner Wuth hinreißen. Ein unklares
Gefühl sagte ihm, daß eine gewisse sentimentalnachgiebige Zurückhaltung sehr wirksam sein müßte.

„Glaubst Du mir nicht, Lydia? — Habe ich
das verdient —?“

Frau Lange schwieg, sie war einige Schritte
nach rechts, mehr nach dem Innern des Zimmers
zu, getreten.

„Sie sind ein großer Phantast, Herr Doctor!“
nahm sie nun das Wort. „Sie bilden sich ein, daß
Sie mich … mich … ‚lieben‘, wie Sie sagen — weiter
Nichts als Einbildung, mein Herr! Wir haben beide
unser'n Stimmungen nachgegeben — wir haben uns
überrumpeln lassen — wir haben einen Augenblick
geträumt — vielleicht auch … ganz schön geträumt —
nun lassen Sie uns aber wieder wach sein — wir
wollen ein fettes Punctum hinter diese Scene machen —
und wir wollen sie alle beide so schnell als möglich
vergessen —“

Adam wandte sich ab. „Herzlos! .“ knurrte er
in ehrlicher Entrüstung, im Zwange eines ernsten,
redlichen Schmerzes, durch die Zähne.

„Adam!“ fuhr Lydia auf. Der schnellte jählings
um. Sollte doch noch Hoffnung sein? … Sollte er
heute Abend doch noch zu einem … hm! … zu
jenem — Ziele kommen … zu jenem unklaren
Ziele, das er zu erreichen ersehnte … das ihn
lockte … und vor dem er doch zurückschrak? —
Leidenschaft und Berechnung stritten in seiner Brust.
Aber er beherrschte sich. Er nahm eine nachlässige,
ironische Haltung an. Die Hände lehnte er hinter
dem Rücken gegen die Tischplatte und kreuzte die
Beine.

„Gnädige Frau —?“

„Es ist genug —“

Lydia ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. Dort
stand sie, Adam abgekehrt, eine Weile starr, bewegungslos, wie in einen tiefen Strudel tumultuarisch
ringender Gedanken und Gefühle hinabgezogen.

„Sie erlauben mir noch eine Ihrer köstlichen
Cigaretten, gnädige Frau —?“

Lydia wandte sich langsam wieder um. Sie
war sehr bleich. Von der Nase zum Munde
herunter zog sich eine scharfgeschnittene Falte, wie
ein Signal bodenloser Verachtung.

„Bitte sehr, Herr Doctor!“ Die Stimme klang
müde und höhnisch zugleich.

„Sie sehen, gnädige Frau … das Feuerfangen
ist gefährlich … und … und … undankbar …“ stichelte
Adam — „aber es wird Zeit, daß ich mich aufmache …“ fuhr er fort und zog seine Uhr —
„Sie sind müde von den … den Anstrengungen des
Abends — und es geht stark auf Mitternacht …
Gestatten Sie darum, daß ich mich empfehle. Und
verzeihen Sie in Gnaden dem reumüthigen Sünder!
Ich danke Ihnen für die schönste Stunde meines
Lebens, verehrte Frau — sie wird mir unvergeßlich
bleiben. Ich habe nicht umsonst gelebt, da ich
einmal — doch pardon! Und nun geben Sie mir
Ihre kleine, süße Hand zum Abschied — ja? Ich
bitte —“

Lydia stand einen Augenblick unbeweglich. Dann
streckte sie Adam langsam ihre rechte Hand entgegen.
Der zog diese entzückende, nur jetzt etwas schweißfeuchte Hand galant an seine Lippen und küßte sie.

„Und nun gute Nacht, liebe, gnädige Frau …
doch … ach ja! was wird … was wird nun aus
unserer modernen Bibel —? Soll sie für immer —
ungeschrieben bleiben … oder …?“

„Nun … wir haben ja heute Abend … wir haben
ja ein Capitel aus ihr — erlebt … renken Sie's ein,
Herr Doctor, und … und bringen Sie's mir gelegentlich … ich bitte darum … für die Zukunft dürfte
es sich allerdings kaum empfehlen — — “

Lydia versuchte ihre Worte in einem leichten,
harmlos-liebenswürdigen Tone vorzubringen. Aber
es wollte ihr nicht so recht gelingen. Ihre Stimme
klang unsicher, hart, etwas heiser, verwalzt.

„— dürfte es sich kaum empfehlen, daß wir wieder
so … so plastisch verfahren, wie es … leider heute
der Fall gewesen,“ ergänzte Adam — „seien Sie
unbesorgt, gnädige Frau! . Aber … wenn Sie
die Gelegenheit dazu ganz aus der Welt geschafft wissen
wollen — so überlassen Sie doch bitte das Motiv
mir allein — ich werde mir wahrhaftig alle Mühe geben,
ein wahnsinnig schönes Buch zu Stande zu bringen —
und dieses wahnsinnig schöne Buch, gnädige Frau —
nicht wahr? — ich darf es Ihnen nachher widmen —?“

„Sie tragen immer Siebenmeilenstiefel, Herr
Doctor … gewöhnlich geht doch Alles viel langsamer auf der Welt — warum denn nur immer
so stürmisch —?“

Frau Lange hatte das „immer“ auffällig betont.
Adam stutzte.

Ah! Nun verstand er! „Ja! …“ erwiderte er
mit suffisant-melancholischem Tonfall, „der Eine
klappert schwerfällig mit Pantoffeln durch's Leben …
der Andere durchsaust das reizende Dasein auf einem
Bicycle. Da hat nun ein Jeder so seine Art, so
seine kleine Methode … Verzeihen Sie noch einmal mein … mein … nun! mein Bedürfniß, zuweilen
sehr offen … sehr wahr zu sein, Lydia … unpraktisch offen … unangenehm wahr. Aber vielleicht
haben Sie auch darin Recht: dieses Bedürfniß
ist wohl auch weiter nichts, als — Einbildung.
Und nun — gute Nacht —!“

„Gute Nacht —!“

Adam verließ schnell das Zimmer. Als er den
Corridor betrat, kam August, der schon gewartet zu
haben schien, langsam auf ihn zugestapft. Ein Zug
des Unwillens, des Verdrusses, stand auf seinem
Gesicht. Mit Mühe unterdrückte er das Gähnen.
Der Herr Doctor fühlte sich von der plumpen
Geschmacklosigkeit dieser rüden Lakaienpflanze sehr
peinlich berührt.

Der Diener geleitete ihn durch das Vorhaus
zur Thür. Adam fröstelte es. Er schlug den Rockkragen in die Höhe.

„Gute Nacht, Herr Doctor!“

„Gute Nacht!“ Eine Sekunde vorher noch das
obligate Verdrücken eines Silberlings. Nun donnerte
dumpf krachend die schwere Thür hinter ihm zu. —

„Hallali! Jetzt seid Ihr wieder einmal aus
einem Paradiese vertrieben, Monsieur!“ — sprach zu
sich selber der einsame Mensch, der da durch die
kühle, windige Frühlingsnacht hinschritt. —

XI.

Und wie der einsame Mensch durch die kühle,
windige Frühlingsnacht weiterschritt, fand er Zeit,
Gelegenheit und allmählich auch immermehr wachsende
Stimmung, noch Näheres wie Ferneres mit sich und zu
sich zu sprechen. Zunächst ging der Herr Doctor allerdings eine kleine Weile sehr gedankenlos fürbaß. Er beschäftigte sich, unter dem Drucke einer einförmigen Müdigkeit leidend, unwillkürlich mit allerhand sehr äußerlichen Dingen. Er betrachtete ohne Theilnahme den
leicht überwölkten Himmel; sein Auge nahm gleichgültig von den paar Sternen Notiz, die da und dort
schläfrig, mattblinzelnd auf die Erde herunterguckten;
der Menschen, die ab und zu, bald schneller, bald
langsamer, an ihm vorüberstapften, achtete er nur
mechanisch, er sann ihnen nichts nach, spann ihnen nichts
zu, vermuthete und verglich, verknüpfte nicht, wie es wohl
sonst seine Gewohnheit war; die unklare, verworrene
Welt der nächtigen Schatten, die sich durch spärliches Gaslicht compromittiren lassen mußten, reizte
ihn nicht — es war zunächst eine große Leere,
Stumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Dann
fiel ihm Dieses und Jenes ein, was er vorhin …
was er vor einer … vor zwei Stunden mit Lydia
erlebt hatte: einer Gesprächswendung erinnerte
er sich … einer Frage ihrerseits, einer Antwort
seinerseits — plötzlich sah er sich wieder zu den
Füßen der schönen Frau liegen — er spürte den
weichen Druck ihrer Hand, er ließ sich noch einmal
von ihrer zarten Liebkosung durchbeben — er
athmete das Parfüm ihrer Kleider ein — er sah
wieder die erregt auf- und niedergehende Brust vor
sich — — dann stand er Lydia noch einmal
gegenüber, nachlässig-herausfordernd an den Tisch
gelehnt — hm! der Schlußtrumpf mit seinen
kleinen, niedlichen Anhängseln: der Bibeldedication,
dem eleganten Handkuß — er war wirklich nicht übel!
Aber was sollte er nun mit der Dame seines
Herzens anfangen? Wie verhielten sie sich zu einander?
Hatte er noch Etwas zu erwarten — oder war Alles
vorbei — sollte er das Spiel verloren geben?
Welches Spiel? Aber — beim Zeus! — war ihm
das Weib denn jetzt schon wieder gleichgültig?
War seine Liebe, seine Leidenschaft wirklich weiter
nichts, denn schemenhafte Augenblicksphantasie …
überflüssige Einbildung gewesen? Waren seine
Stimmungen in derbster Thatsächlichkeit weiter
nichts — als eben die lösbarsten Stimmungen von
der Welt? Durfte er sich gar nicht mehr auf sich
verlassen? Haftete Nichts mehr in ihm? Hatte der
Impuls seiner Kräfte so bedeutend eingebüßt —
war er in jeder Hinsicht so entscheidend herabgedrückt worden? Und Adam dachte eine Sekunde
daran, sich einmal den Proceß zu zergliedern,
unter dem die Menschen … andere Menschen, einfachere Individuen, die Durchschnittsmasse … zu
handeln pflegen. Der Motiv entfiel ihm wieder,
entwischte ihm. Es war wohl auch zu complicirt und
bedurfte einer ruhigen, objectiven, kritischen Secirstimmung, welche Adam jetzt kaum vorräthig bei
sich fand. Das Bewußtsein seiner Unzuverlässigkeit
in erotischen Angelegenheiten zerrte doch gewaltig
an ihm. Es machte ihn zuerst unruhig, es empörte
ihn gegen sich, dann legte es sich als ein schwerer,
massiver Druck, lähmend und zusammenschnürend, auf
ihn. Adam athmete einige Male heftiger, er schüttelte
an sich herum — er wollte um jeden Preis das
Blei dieser trostlosen Starrheit aus seiner Seele
los sein. Andere Gedanken kamen nun. Ja! Ja!
Und nochmals Ja! —: er mußte sich andere, neue
Verhältnisse schaffen, unter denen er in Zukunft
leben durfte. Ah! da erwartete er also doch noch
eine Erneuerung seiner „Persönlichkeit“ — er hielt
sie für möglich — er rechnete sogar schon mit ihr —?
Oder that er das Letztere etwa nicht? Gewiß that
er's! Er hatte noch längst nicht à la Doctor Irmer
auf das Leben „verzichtet“. Nein, keine Spur
davon! Er wollte leben: reich, unabhängig … in
einer Lage leben, wo er nicht jeden Groschen
dreimal umdrehen und besehen mußte, ehe er ihn
ausgab — was er allerdings sonst auch nie that,
was er aber eigentlich den ökonomischen Privatgesetzen,
unter denen er jetzt existierte, schuldig gewesen wäre —
in einer Lage, wo er seinen Neigungen, seinen
Passionen, seinen Stimmungen zwanglos nachgeben
durfte … Eine reiche Heirath —: es war schließlich
das Einzige, was ihn aus dem Dreck der Enge,
in welcher er stak, herausretten konnte. Und … und
lag es nun nicht blos noch an ihm, in den
Hafen seiner sehr praktischen Wünsche einzulaufen?
Lydia schien doch ein tieferes Interesse für ihn zu
haben — das war aus ihrem ganzen Benehmen
heute Abend zu erkennen gewesen. Wirkten auch
eine Portion Coquetterie … und ein gut Theil
jener suffisant-gutmüthigen Launenhaftigkeit, die sich
eine junge, schöne, reiche, unabhängige Frau immer
gestattet, mit — vielleicht ließ sich die Geschichte …
hm! … die Geschichte … ließ sich dieses dumme
Interesse'-Gefühl doch vertiefen — vielleicht vertiefte es
sich durch einen starken Appell, den es erführe, unwillkürlich! Adam sagte sich, daß es vom praktischen
Standpunkte aus wahrhaftig unverzeihlich thöricht
wäre, die Fäden wieder aus der Hand zu geben …
vom dürren Sande des Lebens wieder verschleppen
zu lassen. Das war ja Unsinn, wenn er sich einbildete,
Lydia zu lieben. Oh! Er würde gewiß noch im
Stande sein: angeregte, reizvolle, intime, vielleicht
auch leidenschaftliche, den ganzen Menschen erfüllende und aufwühlende, wahnsinnig schöne
Stunden mit ihr zu erleben … ein Sclave
ihrer Reize, ein dämonisch Begehrender — ein —
ein — ein — nun was denn —? pah! nur
eine einzige, große, dürstende Sinnlichkeit — hm! …
wenn … wenn er eben in der entsprechenden
Stimmung war … wenn ihn eine übermächtige
Kraft in den Strudel, in die Kreißende Gefühlsfülle
hineingeworfen … Gewiß! Er war noch fähig, sich
das gefallen zu lassen. Aber dauernd mit einem
Weibe zusammenzuleben? Da lag der Hase im
Pfeffer. Nein! das konnte er von seiner Natur
nicht verlangen. Warum sollte er treu sein wollen,
wo er wußte, daß er nicht treu sein konnte?
Seine Natur war schon viel zu differenzirt, schon
viel zu sehr auf die verworrene, verwirrende Masse
der Lebensreize gestimmt. Er hatte es schon seit
Jahren nicht mehr der Mühe für werth gehalten,
kleinen Versuchungen gegenüber unzugänglich zu sein.
In große Versuchungen war er leider im Grunde noch
gar nicht geführt worden. Aber hat man überhaupt
ein Recht, zwischen ‚kleinen‘ und ‚großen‘ Versuchungen
zu unterscheiden? Adam sagte sich, daß sein Verhältniß zu der Ehe … seine persönliche Auffassung
der Ehe im landläufigen Sinne, im Mund- und
Buchstabensinne, eine bodenlos „unmoralische“ sei.
Aber was that das? Er wollte — hm! nun ja! —
er wollte also ‚Privatdocent‘ werden — irgendwo … in
Van Diemensland, Tokio oder Angra Pequena, das war
egal … Dazu bedurfte er reicher Mittel. Broschüren
weiterschmieren … Leitartikel für conservative Zeitungen
zusammenlügen, das hatte nicht viel Werth. Das
brachte nicht viel ein — und konnte ihn zudem
noch in Verhältnisse stoßen, die Opfer von ihm
forderten … Opfer, die er bei seiner ziemlich anspruchsvollen Natur kaum auf sich nehmen konnte.
Den ‚Märtyrer‘ spielen — nein! Vielleicht hatte er
es einmal vermocht. Vor Jahren, vor vielen Jahren
— heute vermochte er es sicher nicht mehr. Und
sich sonst zum Träger einer ‚Rolle‘ aufwerfen —?
Es hatte nicht viel Zweck. Mag es den Friseuren
überlassen bleiben, auf vorüberflatternde lange Haare
lüstern zu sein. In sich sein — bei sich sein, in
sich hineinleben, aus sich herausleben — darauf kam
es an. Ein paar kleine Zugeständnisse mußten gemacht werden. Darauf kam es ja aber auch
nicht an. Doch … sich ausleben … in der Fülle
und Kraft, wie er es sich einmal erträumt, vor
Jahren für spätere Zeiten der Freiheit erträumt
hatte — davon konnte wohl kaum mehr die Rede
sein. Er fühlte oft eine so furchtbare Leere in der
Brust … wie Einer, der an heftigem Schleimhusten
leidet, meint, seine Brust sei leer, ganz leer, ganz
hohl. Und doch! Er mußte sich dieses Weib zu
eigen machen, tausend Gründe zwangen ihn dazu.
Er liebte eigentlich die Menschen … aber mit gewissen Vertretern sotaner ‚Menschheit‘ kam er zeitweilig sehr ungern in Berührung. Und dann um
Gotteswillen keine Enge, keine Beschränkung, keine
Noth! Die Noth stimmt Alles so herab … entnervt … entseelt Alles … höhlt aus … zerfrißt …
Nur nicht mechanisch vegetiren, wo man das natürliche Recht besitzt, organisch zu leben. Was hätte
er davon, fragte sich Adam, daß er mußte, wie
Peter seine Wurst ißt und Paul seinen Furz läßt?
Totalement Nix! Das ist ja Alles so gleichgültig.
Aber das Volk — hm! das Volk — das ‚Volk‘! …
Man könnte mit seiner Hülfe unter Umständen
eine vorzügliche Carrière machen! Socialdemokratischer Reichstagsabgeordneter! Donnerwetter! das
wäre 'was? Nicht? Hm! Nur die Glacéhandschuhe
müßte man sich abgewöhnen … und … und sich
nicht mehr darüber wundern, daß es die Menschen
für eminent überflüssig halten, ihren geliebten Mitmenschen eine Lüge nachzurechnen und demonstrativ
vorzuwerfen! … Doch … die Zukunftsidee des
Proletariats — sie wird und wächst — und
sie siegt auch zweifellos einmal — aber ich —
declamirte sich Adam mit sonorem Pathos vor — ich
ruhe mich doch von den Strapazen, Dummheiten und
Narrenspossen des Lebens wahrhaftig viel lieber à la
Hamlet zwischen den Beinen eines Weibes aus, als
innerhalb der vier Wände einer monströsen Gefängnißzelle … Und so kommt man denn allmählich dahinter, daß man zu Allem und noch Verschiedenem
außerdem verflucht untauglich ist! …

Aber — hielt sich Adam plötzlich selber auf —
wie oft schon habe ich dieses dumme, triste, oberfaule
Zeug durchgewürgt! Es ist ja leider Alles so
scandalös richtig, doch sollte man sich das Blech
nicht zu oft vorkauen. Lassen wir wieder einmal
die Zukunft eben — Zukunft und die Gegenwart
eben — Gegenwart sein! Das Andere ‚findet sich‘
schon von ‚janz alleene‘ … Trinken wir lieber
noch 'n Glas Absynth! Den ersten Schluck auf
Lydias Wohl! Es lebe der Leichtsinn und seine
ehrenwerthe Amme —: die Allerweltsgleichgültigkeit! …

Adam sah nach der Uhr. Es war kurz nach
Eins. So hatte er sich doch fast eine Stunde in
der Stadt herumgetrieben. Und was hatte er von
der endlosen Conversation mit seinem höchsteigenen
Ich profitirt? Er hatte sich eine Reihe tödtlich langweiliger Thatsachen vorerzählt und war schließlich
zu keinem Resultate gekommen. Nun! das war
ihm schon öfter passirt. Darüber brauchte er sich
nicht mehr zu ärgern. Schließlich würde er ja
schon handeln, wir er mußte — wie er gezwungen
sein würde. Und das ließ sich abwarten … bequem
abwarten.

Adam orientirte sich. Er bemerkte, daß er aus
der stillen, vornehmen Gegend, in der Frau Lange
wohnte, unwillkürlich in die Mitte der Stadt seinen
Weg genommen. Da konnte es ja bis zum Wiener
Café nicht mehr weit sein. Nach einigen Minuten
hatte Adam sein Ziel erreicht. Er trat ein. Es
war sehr schwül, dunstig in dem großen, hellerleuchteten, vollbesetzten Raume. Die Gerüche von Kuchen,
Kaffee, Cigaretten, Billardkreide, Menschenschweiß
schwammen in der dicken, schweren, von schwarzblauen
Rauchschwaden und Dunstpolstern durchlagerten Luft.
Dazu ein wirres, gesetzloses, unregelmäßiges Gesumme
und Gebrause von Menschenstimmen … die Musik aneinandergeschlagener Tassen … das schrille Klappern
der Löffel … das kalkige Rollen der Billardbälle …
Adam suchte nach einem unbesetzten Tische. Er
suchte vergebens. Da kam der Zahlkellner auf ihn
zugelaufen, nahm ihm Hut und Ueberzieher ab und
machte ihn in seiner souverän-zudringlichen, gleichgültig-interessirten Art auf einige leere Stühle
aufmerksam. Schließlich ließ sich Adam an einem
kleinen, runden, so ziemlich in der Mitte des Cafés
stehenden Tische nieder, an dem schon ein Herr und
eine Dame saßen. Die Dame hatte Adam nun links
neben sich, den Herrn sich gegenüber. Er betrachtete
seine Nachbarn.

Aber jetzt tauchte vorerst ein Kellner auf.

„Was darf ich bringen? …“

„Einen Absynth und 'n paar Cigaretten —“

So gut wie Deine Sorte, geliebte Lydia, monologisirte Adam leise, werden sie wohl nicht sein …
aber Feuer zu fangen … hm! … dazu wird man
sie wohl auch noch bewegen können —

Das kleine Weib hat ein verdammt hübsches
Profil, constatirte der Herr Doctor jetzt mit großer
Befriedigung. Und Er dagegen! Stutzerhaft elegant,
sehr patent, sehr rasirt und tadellos frisirt. Aber
wie dumm, wie ausgefahren war dieses Gesicht!
Der liebe Gott mußte schlechterdings gerade am
Asthma gelitten haben, als er diesem Menschen da
seinen Odem in die Nase blies. Aber was so'n
Fatzke für Glück hat! Das Mädel war wirklich sehr
appetitlich. Die zollschmale, im Gaslicht discret
mattroth aufschimmernde, entzückend abgerundete
Fleischspanne am rechten Unterarm zwischen dem
Aermel und dem bräunlich gelben Glacéhandschuh —
Donnerwetter! war sie nicht zum Küssen —? Das
schwarze, wellige Haar, am Hinterkopfe zu einem
vollen, schweren Knoten zusammengeflochten, unter
dem Hute noch deutlich sichtbar, mit selbständiger
Plastik hingestellt, ergänzte prachtvoll die scharfen
und doch feinen Züge des Profils.

Die beiden schienen sich nicht viel zu sagen zu
haben. Das kleine Weib sog öfter durch die zarten,
sauberen Strohröhrchen an seinem Eiskaffee und
schaute sich sonst fleißig im Saale um. Adam bemerkte, wie der Dame von einigen Herren, die
hinten in der einen Ecke des Zimmers saßen, zugenickt wurde. Die Cumpane grinsten geärgertamüsirt. Nun ja doch! Was wunderte er sich denn?
Immer wieder das alte Erstaunen und der alte
Unmuth … das alte Bedauern? Nun erhielt auch
Adam einmal das volle Gesicht seiner Nachbarin und
einen kurzen, scharfen Blick dazu. Jetzt wurde er
von dem Herrn, dem Ritter und Liebhaber der
reizenden Donna, nachdrücklich fixirt. Der Her Doctor
ließ sich nicht aus der „Contenance“ bringen. Er
bereitete sich sehr ruhig seinen Absynth, der unterweilen vor ihm hingeschoben war, that einen vollen
Zug und brannte sich nachlässig-herausfordernd eine
Cigarette an. Die erste Ladung Rauch blies er
seinem Gegenüber etwas unhöflich in's Gesicht. Der
hustete ein Wenig, wurde etwas roth, ließ es auch
an einem ziemlich wüthigen Blicke nicht fehlen,
begnügte sich sodann aber sehr praktisch damit, nach
seinem Bierglase zu greifen und ebenfalls einen
derben Schluck zu thun, welcher Aktus sich fast so
ausnahm, als käme der fremde, zurückhaltende Herr
Adam ein vorgekommenes ‚Stück‘ pflichtschuldigst nach.
Adam mußte lächeln. ‚Ich werde dir schon in
anderer Weise ein ‚Stück‘ vor- oder nachkommen,
mein Lieber — warte nur noch ein Weilchen —
bald ist meine Kammer voll Sonne! … Wahrhaftig!
ich möchte dem göttlichen Paul Heyse eigentlich eine
Bierkarte schreiben!‘ Adam mußte sich ja doch
vorläufig noch mit seiner eigenen Wenigkeit unterhalten.

Und wie er so behaglich dasaß, jetzt einen Schluck
Absynth zu sich nahm, jetzt an seiner Cigarette zog,
an seiner reizenden Nachbarin in aller Ehrbarkeit
herumschnüffelte und ihren Liebhaber mit mitleidigimpertinenten Blicken spickte, fiel es ihm plötzlich
ein, daß ihm vorhin bei seinem Selbstgespräche zu
mitternächtigster Stunde Hedwig gar nicht in den
Sinn gekommen war. Das frappirte ihn und doch
wunderte es ihn eigentlich nicht. Was war ihm
Hedwig, wenn er vor Lydia auf den Knieen lag?
Und was war ihm Lydia, wenn er Hoffnung hatte,
mit seiner schönen Nachbarin hier eine süße, köstliche Nacht … eine Nacht berauschenden Minnespiels,
genießen zu dürfen? Und was würde ihm dieses
Weib sein, wenn er morgen ein anderes fände, das
ihm noch größere, feinere, heftiger lockende Reize
entgegenbrächte —? Er suchte ja längst nicht mehr
im Weibe ein Weib … ein besonderes, individuelles,
ihm congeniales Weib — er suchte nur noch das
Weib, welches sich von jenem einem Weibe gerade
soviel geborgt hatte, daß es ihm für eine mehr oder
weniger große Spanne Zeit genügen konnte. Und
doch … jenes eine Weib — waren die Tage
schon vorüber, da er geträumt hatte, daß er es
finden würde? Waren sie wirklich schon vorüber
oder … oder träumte er jetzt noch zuweilen denselben
dummen, einfältigen Traum? Das wäre doch zu
geschmacklos. Die Jugend mit dem geschmeidigen
Gehirn im Schädel und dem frischen, unausgefahrenen
Pumpwerk des Herzens — ja! die besitzt wohl das
Recht und die Kraft, zu abstrahiren … Idealschemen
zusammenzukneten: fehlt ihr doch noch die ganze
massive Fülle des Lebens, der Erfahrung an den
Objekten. — Aber wie im spätgewordenen Menschen
noch so Mancherlei rudimentär bleibt … liebliche
Erinnerungen aus den Kindheitstagen animalischen
Erdenlebens — so nimmt der ältergewordene Einzelmensch nicht minder … ganz unwillkürlich …
noch dieses und jenes Moment aus seiner Kindheit
in die späteren Tage mit hinüber: ein ‚Ideal‘,
eine harmlose Abstraktion … einen Traum, der einmal so frisch und so voll und so saftig gewesen …
und der sich nun — o! alle Farben und Formen des
Lebens allmählich hat abstehlen lassen müssen …

Adam beugte sich vor und legte den Rest seiner
Cigarette auf den Aschenteller. Der Herr ihm
gegenüber erhob sich jetzt plötzlich mit einem halblaut zu seiner Dame geknurrten „Verzeih!“ und
ging nachlässig-langsamen Schrittes hinaus. Adam
mußte die Situation benutzen.

„Sie haben einen ganz vorzüglichen Geschmack,
mein gnädiges Fräulein —“ begann er mit unwillkürlich ein Wenig stockender, undeutlich verschleierter
Stimme.

Die Dame schien Adams Anrede vollständig
überhört zu haben. Sie klopfte mit dem Löffel
sehr energisch an ihr Kaffeeglas und bestellte bei
dem Kellner, der herangestürzt kam, noch einen
Eiskaffee. „Mein Kind! Ich bitte Dich! Thu' doch
nicht so! Du hast Dich eben 'mal versehen! … Dieser
Fatzke! Dieses anlackirte Rhinoceros — — kannst
Du Dich denn nicht losmachen? Komm! Es ist viel
gescheiter, wenn wir beide heute zusammenschlafen —“
Adam hatte schon etwas lauter und zudringlicher
gesprochen. Die Apathie der Dame ärgerte ihn.
Aber das kleine Weib rührte und regte sich nicht.
Es saß sehr steif, sehr abgewandt, sehr unnahbar da.

Jetzt kam das Getränk. „Noch ein Eiskaffee!“
Die schöne Sünderin beugte sich graziös über die
beiden zarten, sauberen Strohröhrchen und zog sie
zwischen die schmalen, dünnen, blaßrothen Lippenlinien.
Gerade dabei erhielt Adam einen kurzen, äußerst
liebenswürdigen und aufmunternden Seitenblick.

Der Herr Doctor hatte die Belagerung schon
abbrechen wollen. Aber seine Sache schien doch gar
nicht so ungünstig zu stehen. Wenn nur der Mensch
… der unbequeme Bursche noch ein paar Sekunden bleiben wollte, wo er war.

„Ihr Weiber scheint doch manchmal recht dumme
Kerls zu sein! Auf den Ersten Besten fallt Ihr
'rein! … Also! … Du gehst mit mir — nicht
wahr —?“

„Wie soll ich ihn denn los werden —? Heute
muß ich schon … morgen — wir können uns ja
irgendwo treffen —“

„Ach was morgen! Heute! Es ist übrigens
schon längst ‚heute‘, mein Kind — und wir thun
sehr gut, wenn wir dieses ominöse ‚heute‘ recht
früh anfangen … mir wäre es recht, wenn wir
es auch — —“

Adam hielt plötzlich inne. Er hatte zufällig nach
dem nächsten Billard hinübergesehen und bemerkt, daß
dort der Ritter der Dame stand, anscheinend dem
Spiele zusah, in Wahrheit aber seine Auserwählte
und ihren neuen Galan scharf beobachtete.

„Der Würfel ist gefallen, Kind — Dein Herr
und König hat schon Lunte gerochen — die Sache
wird sich sofort entscheiden —“

„Um Gottes Willen —!“

Jetzt kam der gute Mann affektirt-nachlässig, die
Hände in den Hosentaschen, im Gesicht einen Ausdruck furchtsamer Verbissenheit, nach seinem Stuhle
zurückgeschlendert. Er setzte sich langsam, nachdrücklich nieder, griff nach seinem Glase und würdigte
die Dame seines Herzens keines Blickes.

Adam aber hub an, also zu ihm zu sprechen:
„Gestatten Sie, mein Herr, daß ich mich vorstelle!
Mein Name ist Doctor Mensch. Ich sehe, daß Sie
geradeso ein Anhänger der sogenannten „freien
Liebe“ sind — wie ich. Das heißt: wohl ebenfalls
nur in der … Praxis — denn theoretisch werden
Sie aus gewichtigen, socialen Gründen die ‚freie
Liebe‘ ebenso sehr verwerfen — wie ich es thue. Nun
ist aber einer der Hauptparagraphen dieser praktisch angewandten ‚freien Liebe‘, daß das Weib den
Mann verlassen darf, sobald es seiner überdrüssig geworden ist. Nun ist aber die hier momentan zwischen
uns sitzende junge Dame Ihrer so ziemlich überdrüssig
geworden, wie sie mir soeben gestanden hat, und
hätte Lust, mir ihre Gunst zuzuwenden. Ergo
werden Sie nur consequent sein, mein Herr, wenn
Sie die Dame sofort freigeben und — mir überlassen. — Nicht wahr? — Sie begreifen —? “

Auf diesen feierlichen Appell schien der Herr allerdings nicht besonders vorbereitet gewesen zu sein. Er
machte ein mehr verblüfftes, denn verwundertes Gesicht
und fuhr mit den Augen rathlos zwischen Adam und
seinem ungetreuen kleinen Weibe hin und her. Endlich
knirschte er ein gepreßtes „Mein Herr —!“ heraus,
dem gleich darauf ein ebenso heiseres „Emmy —!“ folgte.

Die Dame ließ ihre beiden Kämpen sich balgen.
Sie saß wieder sehr steif, sehr reservirt, sehr unnahbar da. An den Nachbartischen war es auffallend
ruhiger geworden.

„Unverschämte Frechheit —!“

„Aber … mein Gott! Wünschen Sie denn
noch etwas?“ wandte sich Adam mit gemachtem
Erstaunen an sein Gegenüber. „Die Sache muß
Ihnen doch klar sein. Uebrigens … wenn sie wirklich
noch Wünsche haben sollten — hier ist meine Karte —“

Adam warf eine Visitenkarte auf den Tisch, die
sein Gegner sehr schnell zu sich steckte und dafür die
seine hinschleuderte.

„Ah … mein Herr … nun! … wie ich sehe,
sind Sie … mein Gott! Sie sind ja wirklich
Kaufmann … Vertreter der Firma … Firma Dietz
& Sperling … Seidenmanufactur … Freiberg …
hm! … Alle Hochachtung — doch … nun —
das wird sich ja finden — also … vorläufig —
ich wäre für Sie ausnahmsweise zu Hause … doch
— pardon! — noch eine Frage — sind Sie …
vielleicht sind sie Reserve-Officier? Es könnte ja
doch sein, obwohl auf ihrer Karte —“

„Nein!“

„Ich danke!“

„Kellner! Zahlen!“

„Sehr wohl!“

„Ein Bier …“

„Fünfundzwanzig Pfennige — und zwei Eiskaffees —“

„Die bezahle ich natürlich!“ erklärte Adam mit
vorspringendem Pathos.

„Ah! Sehr wohl! Danke sehr!“ begriff der Kellner.

„Also — wir sprechen uns noch —“

„Wird mir natürlich eine Ehre sein —“

Der geschlagene Held — „ein patenter Jammerkerl!“ urtheilte ihm Adam halblaut nach — verließ
die Wahlstatt.

„Siehst Du, Kind — nun sind wir auf einmal
entre nous! … Die Geschichte war doch sehr schnell
arrangirt — nicht? Uebrigens — jetzt fehlte nur
noch, daß ein Dritter anspaziert käme und Dich
wiederum mir abspenstig machte! Das heißt: so
leicht sollte es ihm nicht werden — beileibe nicht! …
Aber … laß uns bald aufbrechen — ja? Wir
sind den Göttern eine Hekatombe schuldig … Ich
habe Sehnsucht nach … Dir, Kind! Mache! …
Komm! … Trink Deinen Kaffee aus, bitte! — wir
gehen zu mir — da wird's gut sein … und da werden wir Hütten bauen …“

Eine kleine Frist darauf verließ Adam mit seiner
köstlichen Kriegsbeute das Lokal. Die beiden schritten
Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt, durch die
stillen Straßen dahin und plauderten miteinander
und neckten sich und kosten, als stellten sie vor ein
bräutlich liebend Paar. Und der Nachtwind strich
um sie herum und zauste zaghaft an ihnen und blies
sie sanft an und lauschte auf die Ouvertüre der
Liebesnacht, welche zwei Menschenkinder feiern wollten,
die sich vorher noch nie begegnet waren … die der
Gott der Stunde heute zusammengethan … Es
war zwischen zwei und drei Uhr. Der Himmel
ließ soeben sein starres, gebundenes Schwarz in die
erste hellere, mehr dunkelblaue Farbenwellung hinüberschlüpfen. Der Schlummer des Lichts begann unmerklich leiser und leiser zu werden. Bald mußte
es aufwachen und den ganzen Horizont überflammen.

Adam aber vergaß in den weißen Armen seiner
Emmy Frau Lydia Lange, vergaß die Betheuerungen
und Schwüre, die er ihr — waren denn unterweilen erst vier, fünf Stunden vergangen? —
schluchzend zugestammelt. Und er vergaß Fräulein
Hedwig Irmer, dieses blasse, ernste Weib mit den
schweren, dunklen Augen und dem herben, langweiligen
Schicksal. Der Stern einer unheimlich ungenirten
Liebe stand leuchtend zu Häupten seines Lagers …
seines Lagers, auf dem er so oft allein, so oft verwaist geruht — stand, bis die rothe, ehrliche Morgensonne kam und Emmys schwarzes Haar bläulich
aufschimmern ließ. Die Schläfer aber erwachten,
blinzelten in den goldenen Glanz hinein, küßten sich
und kosten miteinander in seltsamer Kurzweil. Das
Licht wuchs und wuchs. —

XII

In immerhin ziemlich prägnantem Einsiedlerstyle
durchlebte Adam die nächsten Tage und Wochen. Der
zeitweilige Verkehr mit Emmy, die ihn öfter besuchte, und
mit welcher er ab und zu kleinere Spaziergänge machte,
hatte für ihn kaum etwas Anschraubendes, Bestimmendes, Ablenkendes, Hinauszwingendes. Emmy war
doch ganz feinfühlig und zurückhaltend.

Wohl gestand sich der Herr Doctor mit leisem
Bedauern ein, daß ihm in dieser Zeit der Stille
und Ebbe alles geistig Größere, Bedeutendere,
Imposantere fern und versagt blieb. Aber dieses
Bedauern war doch schließlich nur ein sehr nüchternes
und oberflächliches. Adam verspürte zuweilen einen
Mangel, den er sich halb unwillkürlich, halb künstlich,
aus Erinnerungen und zufälligen Vergleichen zwischen
früheren, bewegteren Tagen und dem gleichmäßigeren
Jetzt zusammenbuk. Das war aber mehr eine correkte,
etwas wehmüthig angesprenkelte Abstraktion, denn ein
redlicher Vollschmerz.

Adam hatte sich zwar vorgenommen, die Beziehungsfäden zu Lydia nicht leichtsinnig zu verschleppen … aber wie er so von Tag zu Tag
in seinem Gefühls- und Gedankenleben vereinsamte …
selbstinniger und intimer wurde; wie er die Kreise
immer enger zog; wie sich ihm die äußere Welt
mehr und mehr zum Accidenz vereinfachte, das verhältnißmäßig nur selten von Emmy wieder zum gleich- oder mehrwerthigen, unmittelbaren Object zurückgemünzt und ausgeglichen wurde; wie er sich stets
eingehender und reicheren Gewinn schöpfend in das
Motiv der bewußten „modernen Bibel“ versenkte: da
trat unwillkürlich das persönliche Gefühl, das Verständniß, das Interesse für die Frau bedeutend zurück,
verlor an Kraft und verblaßte — für die Frau,
die ihm jenes Motiv in einer loseren Stunde
überantwortet — wie eine für sie reizlose Frucht
in den Schooß geworfen hatte. Ideen, nicht zu
alltägliche, nicht zu wohlfeile, dämmerten ihm auf,
gewannen Ausdruck und Umriß … und in dem
specifisch modernen Momente des wiedergefundenen Germanenthums glaubte er sich des
bewegenden und entscheidenden Gegensatzes der neuen
Bibel zu dem semitischen Grundelemente der alten
bemächtigt zu haben. Eine bedeutende Reihe neuer,
interessanter Perspektiven ergab sich nun … eine überreiche Fülle von Gedankenkeimen schoß auf — eine Ernte
von originellen, neuen Anschauungen, Auffassungen,
zeitweilig recht merkwürdigen Ahnungen, welche aber
Adam mehr mit der diskreten Zurückhaltung eines
raffinirten Gourmand behandelte — eines Gourmand, der im unklaren Bewußtsein seines Reichthums schwelgt — und die er deshalb nur lässig,
fast gegen seinen Willen, weiterentwickelte und fortbildete … Zugleich verstand er es aber auch, eben
als vorzüglich geschulter Gourmand, jene Scheu vor
dem klaren Wissen um seinen Besitz als ein neues,
pikantes Reizmoment in den Kreis seiner geistigen
Lust zu ziehen. —

Eines Tages war Adam wieder einmal von
Emmy um die Mittagsstunde abgeholt worden. Sie
pflegten dann zusammen zu speisen … aus Pietät und
Anhänglichkeit in jenem Café, in dem sie sich kennen
gelernt, eine Tasse Melange zu trinken … und
nachher eine Weile zu promeniren. Sie tändelten
und plauderten mit einander … sie erzählten sich
Dies und Das … sie langweilten sich fast … und
waren doch eigenthümlich angeregt, wenn auch sanft
nur und verhalten. Ab und zu ließ Adam, mehr zufällig denn absichtlich, ein ernsteres Wort fallen, das
Emmy mit drolliger Gewichtigkeit aufnahm und
manchmal zum selbständigen Gesprächsmotiv zu machen
versuchte. Adam verstand das kleine Weib und
mußte lächeln. O! Emmy wußte die Ehre zu
schätzen … die Ehre, mit Herrn Doctor Mensch
verkehren zu dürfen. Sie war nicht unbeanlagt
und gewiß geistig nicht ganz bedürfnißlos. Oefter
schon hatte sie Adam, halb im Ernste, halb im
willkommenen Spaße, den Vorwurf gemacht, daß er
sie zu geringschätzig behandelte … zu sehr die
Geliebte … zu wenig den Menschen in ihr sähe.
Aber war sie denn im Stande, den Untergrund
seines Gedankenlebens aufzuwühlen? Wenn sie zu
ihm komme, sehe er immer so ernst aus und sei so
wortkarg, hatte sie sich beklagt, und studire immer
in so vielen Büchern oder kritzele auf einem großen
Blatte Papier herum — mit ihr aber plaudere
er stets nur loses, leichtes Zeug — warum lese er ihr
denn nicht einmal aus einem seiner Bücher vor —?
Emmy war wirklich zeitweilig ein zu spaßiges Ding.
Einmal hatte Adam sie auf jenen Vorwurf hin
in die Sophaecke gedrückt … hatte sehr sonderbar
gelächelt … ihre dünnen, schmalen Lippenbänkchen
unzweideutig versessen geküßt … und dann begonnen, an den Brustknöpfen ihres Jaquets zu
nesteln —: das war seine ganze Antwort gewesen.
O! Emmy hatte verstanden — — ja! ja! Sie wußte
wohl, daß sie ihm gefiel … und das freute sie auch
tüchtig, denn ihr gefiel dieser Herr Doctor nicht
minder — aber ein klein Wenig hatte sie es doch
geärgert, daß er öfter so gar nicht auf sie eingehen
wollte … Nun! es war immerhin schon viel,
daß er sie mit feinstem Zartgefühl behandelte …
nicht … gar nicht, als wäre sie auch … auch „so
Eine“ — „so Eine“, wie sie es … im Grunde ja
doch war.

Nun ja! Kellnerin war sie gewesen — und jetzt
„privatisirte“ sie. Aber jeden Augenblick konnte sie
wieder irgendwo Stellung nehmen — schließlich wieder
in ein Geschäft als Verkäuferin eintreten … oder als
Putzmacherin, Maschinennähterin, „kalte Mamsell“ oder
so etwas Aehnliches „gehen“ — jedoch … war dazu
nicht immer noch Zeit? Warum denn nicht? Jetzt lebte
sie „so“ entschieden freier … und Noth litt sie nicht.
Sie hatte sich als Kellnerin einige Batzen erspart — und
ganz verdienstlos war das „Privatisiren“ schließlich
doch auch nicht. Adam allerdings … Adam war nicht
besonders freigebig gegen sie. Er bezahlte ja sehr
oft für sie … er machte ihr kleine Geschenke —
aber der arme Kerl schien selbst nicht Allzuviel in
die Milch brocken zu können. Und dann hatte er
selbst starke Bedürfnisse, brauchte einen ganz netten
Haufen … und … und verstand es überdies keine
Idee, ein Bischen haushälterisch zu sein. Wie? wenn
— sie — ihm die — hm! — also die … die Kasse —
führte? Dann müßten sie aber zusammenwohnen —
und das — ob das Adam wollte —? O! Emmy
hatte schon öfter daran gedacht. Ihr wäre es
gewiß recht gewesen. Sie hatte den Punkt auch
schon einige Male zur Sprache bringen wollen —
und es war ihr doch schließlich immer wieder nicht
über die Lippen gegangen. Warum nur nicht?
Und er, Adam, schien mit keinem Gedanken daran
zu denken. Er machte sich wohl überhaupt nicht
besonders viel aus ihr — sonst hätte er doch darauf
wahrhaftig schon kommen müssen! Er konnte sich
doch an fünf Fingern abzählen, daß er nicht
der Einzige war, mit dem sie verkehrte … Aber
das schien ihm Alles furchtbar gleichgültig zu sein.
Emmy that es sehr weh, daß sie für Adam keine
größere Bedeutung besaß. Und unwillkürlich hing
sie sich in ihrem Innern um so fester an ihn,
beschäftigte sich um so intimer mit ihm — rupfte
zeitweilig mit großer, naiver Gewissenlosigkeit andere
Männer um so nachdrücklicher, da ihr der, welcher ihr
der liebste war, nichts Entscheidendes, nichts Entschiedenes „bieten“ kannte. O! Eine starke, zärtliche Neigung für Adam war allmählich in der Brust
Emmys emporgewachsen.

Und nun promenirten sie heute in dem kleinen
Stadtpark. Nach dem Walde waren sie lieber nicht
hinausgegangen. Es sah aus, als ob es jeden
Augenblick regnen wollte. Die Luft ging kühl …
ganz gewiß zu kühl für die letzten Maitage. Die
Natur machte ein halb bekümmertes, halb gleichgültiges Gesicht. Adam erschien sie wie verwittwet,
wie verwaist. Da hatten alle Quellen eines ehelichen Sonnenlebens zu sprudeln aufgehört — ernst
und zurückhaltend, wie in windstillen Oktobertagen,
stand Baum und Strauch da … nur die prahlerischen Farbensymphonie'n des Herbstes fehlten — aber
Adam war es zu Sinn, als ob dieses schwere, stumpfe,
glanzlose Grün nicht echt — als ob es von den
Cypressen der ganzen Welt zusammengeborgt wäre …

Der Herr Doctor war heute wieder einmal
sehr schweigsam Die Sprödigkeit und Neutralität
der Natur zwangen ihn noch mehr in sich zurück.
Es lastete kaum ein besonderer Druck auf ihm. Und
doch konnte er es nicht über sich gewinnen, sich in
ein längeres, zusammenhängendes Gespräch mit Emmy
einzulassen. Ab und zu fiel ein Wort, welches aber
mehr aus dem Bedürfniß heraus, das Peinliche und
Drückende dieser Stille zu vermindern, gesprochen
wurde, als weil es an sich bedeutend und berechtigt
gewesen wäre. Nicht im Banne irgend eines tieferen
Gedanken- oder Gefühlsmotivs befand sich Adam
Allerlei krauses Zeug, an dem er herumspann, war
ihm nahe … er kaute geistig an diesem und jenem
Einfall … eine heiße Sehnsucht packte ihn jetzt nach
einer großen, gesammelten Stimmung … nach einem
intimen seelichen Erlebniß … Erinnerungen keimten
auf … er konnte nicht begreifen, wie er plötzlich
hierher käme … er wußte nicht, was er mit diesem
Weibe an seiner Seite eigentlich zu schaffen hätte …
er hatte doch ganz andere Pflichten zu erfüllen …
eine ganz andere Mission war ihm doch geworden —
ha! aber welcher Art waren denn diese „Pflichten“ —?
Und welcher Art war denn diese merkwürdige
„Mission“ —?

„Adam! Du bist heute unausstehlich! …“ Emmy
hatte nicht länger an sich halten können.

„Hm! . Unausstehlich … warum, Kind? Ich
träumte nur wieder einmal allerlei dummes Zeug
zusammen … Du kennst ja meine Schwäche … Aber
wir wollen bald umkehren — ja? Ich möchte, solange es Tag ist … so …-lange es … Tag ist —
hm! … Emmy, weißt Du: die Sonne ist eigentlich
ein furchtbar überflüssiges Möbel — —“

„Aber Adam! …“

„Was denn? . Sieh mal, wenn — also wenn
— — denke Dir zunächst 'mal einen Laubfrosch — —“

„Einen Laubfrosch? … Das wird ja immer
hübscher —“ Emmy lachte sehr aufgeräumt.

„Und dann denke Dir eine Perrücke — —“

„Eine Perrücke? Adam!Ich glaube, Du bist — —“

„Und denke Dir drittens eine Schale Spargelsalat — —“

„Aber nein! — sei still! … das ist ja zum Verrücktwerden! …“

„Ja! — also — aber Du hast mich ganz aus
dem Konzept gebracht — nun hör' zu: wir setzen
den jrasjrünen Laubfrosch in den Spargelsalat und
decken die Perrücke darüber — jetzt rathe 'mal, was
das ist? .“

„Ich halte mir die Ohren zu … sei still …
sei still! …“ Emmy drückte die Finger gegen ihre
allerliebsten Ohrmuscheln und trippelte mit komischer
Eile einige Schritte voraus. Nun mündete der schmale
Spazierpfad, auf dem die beiden bis jetzt hingeschritten
waren, in den breiten Hauptweg des Parkes aus.

Quer über den Alleedamm kam ein Herr auf das
Paar zu.

„Ah! Herr Doctor! . Habe ich endlich einmal wieder das Vergnügen — ich dachte, Sie
wären längst nach unseren Kolonie'n als kaiserlich
deutscher Dolmetscher oder mit sonst 'nem Ulke chargiert
ausgewandert … Und nun … hier … auf altem Boden
noch — dazu in reizender Damenbegleitung —“

Herr von Bodenburg hatte den Hut gezogen,
mit eleganter Verbeugung seine rechte Hand Adam
entgegengestreckt und zugleich, ein Lächeln des Erstaunens und der Genugthuung im Gesicht, einen
kurzen, prüfenden Blick auf Emmy geworfen.

„Ich begrüße Sie, Herr von Bodenburg —
meine kleine, reizende Frau — Herr Referendar
von Bodenburg —“ stellte Adam jetzt mit drolliger
Ernsthaftigkeit vor.

„Helfen Sie mir, Herr Referendar — ich suchte
meine Frau soeben über die inneren Beziehungen,
in welchen ein Laubfrosch zu einer Schüssel Perrückensalat steht, aufzuklären — aber sie will mich durchaus nicht verstehen —“

„Hm! hm! …“ lächelte Herr von Bodenburg
wohlwollend, herablassend, als hätte er recht gut
verstanden, daß es sich um einen barocken Spaß
handelte — ‚Perrückensalat‘ — nicht übel, Herr
Doctor —!“

„Nicht war — Sie wissen, was ich meine? …
Natürlich wissen Sie's — dann können Sie's mir
vielleicht sagen, Herr Referendar? Ja? Ich bin
mir nämlich in diesem Augenblick selbst ein riesiges
Räthsel … Ich weiß absolut nicht, was ich mir
unter ‚Perrückensalat‘ vorstellen soll — Goethe
sagt zwar, die Welt sei ein Sardellensalat, aber
— aha! Lassen Sie uns nachdenken, meine Freunde! .
Wir finden sie — ich sage Ihnen: wir finden sie,
die Lösung nämlich dieses Räthsels … wir finden
sie — ich wette um einen Korb Röderer, Herr
Referendar, daß wir sie finden, die verdammte
Hexe —!“

Adam lachte aus vollem Halse, unangenehm
energisch, dröhnend. Er schüttelte sich und lachte,
daß ihm die Thränen über die Backen liefen. Ein
nervöser Lustigkeitskrampf war jäh über ihn gekommen. Emmy blickte erschrocken zu ihm hinüber.
Herr von Bodenburg machte ein ehrlich verblüfftes
Gesicht, in welches zugleich ein paar Unmuths- und
Aergerslinien hineingeritzt waren. „Eine merkwürdige Unterhaltung —“ murmelte er.

„Also, meine Freunde — es wird Zeit, daß
die Götterdämmerung endlich losgeht! —Ich ersticke an diesem tristen Zuschauerjargon, den man
immer radebrechen muß … Emmy! Sehen Sie,
Herr Referendar — das ist nun auch „so Eine“ …
ich habe das kleine, entzückende Weib neulich Abend
einem überflüssigen Laffen abgejagt — aber glauben
Sie wohl, daß es bisher zum geringsten tragischen
Konflikte zwischen uns gekommen wäre? . Keene
Spur, Verehrtester! Es ist so blutig langweilig
auf der Welt — die Leidenschaft ist todt — und
die großen Gefühle sind pensionirt … Lassen wir
wir uns dito pensioniren, lieber Mitmensch — —“

„Sie sind heute in einer eigenartigen Stimmung,
Herr Doctor!“

„Was hast Du nur, Adam —?“

„Ich? Nichts, Kind! Gar Nichts! Aber wollen
wir nicht heimwärts ziehen, wie die … nun! …
wie die bewußten Schwalben im Herbst? … Meine
Stunde wenigstens ist gekommen … Sie begleiten
uns vielleicht, Herr Referendar —?“

„Wenn Sie gütigst gestatten —“

„Bitte sehr —“

Die drei kehrten um. Da kam ihnen ein offener,
zweispänniger Wagen in ziemlich scharfem Trabe
entgegengefahren. Adam schnäuzte sich gerade mit
ostentativer Umständlichkeit. Er wischte sich eben
zum letzten Male unter der Nase weg, als der Wagen
an ihm vorüberfuhr. Unwillkürlich blickte er zu ihm
hin. Ah! Teufel! Das war ja Lydia!

Mit verlegener Hast grüßte Adam. Er hatte
im Augenblicke keine Zeit, über die Frage nachzugrübeln: Warum er denn jetzt nicht dort neben
dieser schönen Frau säße … neben dieser schönen Frau,
die — die — hm! … na ja! — und so weiter …

Er fühlte das Auge Emmys auf sich liegen, nun
lasten. Doch da setzte das Pferdegetrappel plötzlich aus.
Adam sah sich um, ungewollt und halb unbewußt
erfreut, daß er eine Gelegenheit erhielt, die unvermeidliche Frage Emmys noch hinauszuschieben. Aber
er war ihr doch eigentlich gar keine Rechenschaft
schuldig. Der Wagen hielt in einiger Entfernung …
und der Herr Doctor bemerkte, wie sich Frau Lange
über den Schlag lehnte und ihn zu sich heranwinkte. Er war unschlüssig. Er wurde aufs Neue
verlegen. Er warf scheue Blicke auf Emmy und
Herrn von Bodenburg, die ihn fragend, erstaunt
ansahen.

„Erlaube, Emmy! .“ stieß er endlich heraus —
„Pardon, Herr Referendar — ich — ich … bin
sogleich zurück —“

„Sind Sie frei, Herr Doctor? …“ redete ihn
Frau Lange an und streckte ihm ihre kleine, volle,
schwarzbehandschuhte Rechte entgegen. „Dann steigen
Sie bitte ein — ich muß Ihnen einen Capitalspaß
erzählen —“ Lydia machte ein sehr vergnügtes
Gesicht, ihre Augen blitzten, ihr ganzes Wesen athmete
Füllung, Angeregtheit, den Drang: sich ausströmen,
sich mittheilen zu dürfen.

Adam war in peinlichster Verlegenheit. Er konnte
doch Emmy unmöglich stehen lassen. Aber — nein!
— das ging auch nicht! — zugeben durfte er doch
auch nicht, daß er … er der Ritter … der Liebhaber dieser Dame wäre — — er zögerte, er wurde
immer befangener — „gnädige Frau —“ stammelte
er — —

„Ach so, Herr Doctor — nun … wenn Sie
engagirt sind — natürlich — dann verzichte ich
— — Ihre Dame — —“

„Pardon! . Davon kann wohl keine Rede sein
— ich begegnete vorhin dem Herrn in Begleitung
der Dame — ein Bekannter von mir, Referendar
von Bodenburg — aber ich … ich … ich müßte
mich doch erst entschuldigen und verabschieden, ehe
ich Ihrer liebenswürdigen Aufforderung folgen dürfte
— gestatten Sie also, gnädige Frau —“

„Bitte! …“ Das klang sehr gleichmüthig …
es war eben nur mit den Achseln gezuckt, kaum
mit dem Munde gesprochen. Lydias frische, volle
Stimmung schien einen herzhaften Sprung erhalten
zu haben.

Als Adam vom Wagen Frau Langes zu Emmy
und Herrn von Bodenburg, die, vielleicht absichtlich
mit seiner Diskretion, vielleicht unabsichtlich, in entgegengesetzter Richtung weitergegangen waren, zurückschritt, freute er sich im Stillen gar sehr, daß er Lydia
gegenüber immerhin doch so schnell seine Verlegenheit
überwunden hatte … und daß es ihm allem Anschein
nach vorzüglich geglückt war, sich durch eine kräftige
Lüge aus der Klemme zu ziehen. Ein zart nuancirtes Lächeln umkräuselte seinen Mund. Hm! Wenn
das Emmy wüßte! Nun! am Ende verstand sie
ihn vielleicht … begriff sie vielleicht sehr gut, daß
man eine … eine „Freundin“ … „une bonne camerade unter Umständen einmal verleugnen muß …
verleugnen muß einer Dame „von Welt“ … einer
Dame „aus der feineren Gesllschaft“ … einer
Dame „aus den höheren Ständen“ gegenüber. …
Adam hatte Luft, vor Emmy jetzt sogleich die Karten
aufzudecken. Der dumme, kleinliche Gedanke verursachte ihm ein köstliches Behagen. Aber nun
fürchtete er doch hemmende Weitläufigkeiten — und
so entschuldigte er sich sehr kurz: er müßte leider
aus Höflichkeit einer Einladung der Dame, — die
er übrigens sehr gut kenne — einer Einladung, in
ihren Wagen zu steigen, Folge leisten — nun! …
Herr von Bodenburg würde wohl die Güte haben,
Emmy nach der Stadt zurückzubegleiten —

Emmy sah mit einem halb ironischen, halb
traurigen Blicke Adam an. Natürlich! Sie hatte
ihn verstanden. Der Herr Referendar war entzückt.
Ihm gefiel das kleine Weib ausnehmend. Ha! .
„So Eine“ — Schwerebret! — „so Eine“ war
schließlich auch einmal für ihn zu Hause. —

„Haben Sie dem armen Mädchen den Lauf
paß gegeben? Sie Grausamer! …“ Lydia lächelte
wirklich beleidigend spöttisch und sah ihrem Nachbar
fest ins Gesicht.

„Gnädige Frau! —“

„Lügen Sie mir doch nichts vor, Herr Doctor! .
Ich erkannte Sie längst, bevor Sie mich sahen …
Sie gingen auf der linken Seite der Dame — das
sagt doch genug — nicht wahr?“

„Wenn Sie eine Zufälligkeit — eine pure
Zufälligkeit — nun ja doch! … so besonders schwer
ist es ja nicht, einen Menschen zu verdächtigen —“
Adam hielt es für praktisch, den Beleidigten zu
spielen. Mit verschränkteu Armen so dastehen …
sich nicht vertheidigen, obwohl man alles Recht auf
seiner Seite hat … sich ruhig abschlachten lassen
im süßen Vollgefühl, daß der Gegner ein schreiendes
Unrecht begeht, indem er sotanes Abschlachten eben
vollbringt: oh! . auch das kann Wollust … beißende,
betäubende Wollust sein …

„Herr Doctor — ich bitte Sie! … Aber lassen
wir das! . Was … was gehen mich Ihre Neigungen — Ihre … Ihre Gewohnheiten — Ihre
sonstigen … Beziehungen an! … Ich wollte Ihnen
einen famosen Spaß erzählen, den ich heute früh
erlebt habe — nun … um es gerade heraus zu
sagen: ich — ich habe mich — heute früh verlobt … Was? das ist doch göttlich — nicht?
Und Sie sehen, wie glücklich ich bin! … Ich sage
Ihnen: wie neugeboren! da weiß man doch wenigstens
wieder, wozu man auf der Welt ist! Da hat man
doch wieder einen vollen Lebenszweck — und nun
gratuliren Sie mir, lieber Freund —“

Adam war doch zusammengefahren. Das hatte
er nicht erwartet. Einen Augenblick dachte und
fühlte er nichts. Wie gelähmt war er. — Dann
zischte das Leben wieder gewaltig in ihm auf.
Eine scharfe Blässe bedeckte sein Gesicht, an welchem
jetzt alles Ungleichmäßige, was es besaß, in greller
Klarheit hervortrat. Nun wurde er glühend roth,
er zitterte an allen Gliedern, die Sprache versagte
ihm, er athmete gepreßt, der Blick seines Auges
wurde unsicher … es war ihm, als ob in seiner
Brust eine Faust in die Höhe wachse und sich mit
aller Wucht in den Kehlkpf presse — und doch sagte
er sich, daß er sich beherrschen … gewaltsam zur
Ruhe zwingen müßte, wenn er sich nicht vor Lydia
unsterblich blamiren wollte — er ärgerte sich wüthend
über sich … er verachtete sich … er bemerkte
entsetzt, daß sich all' seine Willenskraft plötzlich vollkommen machtlos erwies — endlich knirschte er ein
heiseres, kaum verständliches „Lydia —!“ hervor.

Frau Lange hatte den Eindruck, den ihr Geständniß auf den Herrn Doctor gemacht, sehr genau
beobachtet. Sie freute sich zunächst außerordentlich
über diese erschütternde Wirkung. Dann wurde sie
sehr ernst. Wenn Adam von der Nachricht, daß
sie sich verlobt habe, so furchtbar angefaßt wurde
dann — — nun dann mußte sie für ihn …
mußte sie in seinem Leben doch eine größere Bedeutung besitzen, als sie bisher geglaubt hatte.
Diese Folgerung erfüllte sie mit einem gewissen
Stolze. Sie wuchs vor sich … und zugleich wuchs,
vertiefte und veredelte sich ihre Theilnahme für
Adam. Sie dachte an jene bewegte Stunde zurück,
da er vor ihr auf den Knieen gelegen und um
ihre Liebe geworben … Sie konnte jetzt nicht begreifen, daß sie ihn damals so spöttisch abgewiesen …
so souverän-mütterlich behandelt … daß sie selbst
in jener Scene so oberflächlich und äußerlich gefühlt
hatte. Sie hätte ihn jetzt am Liebsten an die
Brust gezogen und geküßt. Da war kein Zweifel
mehr: er liebte sie — und sie? — Nun! sie
liebte ihn auch, diesen wunderlichen Menschen —
sie liebte ihn, trotzdem er ein ziemlich loser und
unzuverlässiger Gesell zu sein schien. Plötzlich war
es ihr klar geworden … und von dem ungestümen
Drange ihrer Gefühle ließen sich alle Zweifel
und Bedenken bequem in eitel Dunst zerblasen.
Die ganze Lebhaftigkeit ihrer Natur machte sich
geltend und war im Begriff, entscheidend zu wirken.
Allein! sie war doch zu feinfühlend … und zu rücksichtsvoll gegen die „gute Sitte“ … war zu sehr Weltdame, um sich hier auf offener Landstraße, in
Gegenwart ihres Kutschers, zwanglos gehen lassen
zu können. Der Druck der Situation engagirte sie und
löste beinahe wieder eine ironische Stimmung in ihr
aus. Sie wußte nicht, daß Adam zumeist deshalb
von ihrem Geständniß so betroffen war, weil ihm
damit im selben Augenblick eine ganze Zukunftswelt
verkrachte. Er hatte sich mit jäher Ueberstürzung
daran erinnern müssen, daß er unendlich Viel einbüßte, wenn ihm Lydia verloren ging. Nun ja
doch! Er hatte durchaus nicht mit zäher Energie
sein Ziel verfolgt. Er hatte, gewiß seiner Natur
gemäß, mehr mit dem Gedanken gespielt, daß
Lydia eines Tages sein Weib werden könnte. Sie
hatte ihm ein heimliches, volles Behagen verursacht,
diese unklare, lienienverschwommene Zukunftsreserve … Er war viel zu gleichgültig gegen seine
Zukunft, als daß er unmittelbar für sie einzutreten,
für sie zu arbeiten vermocht hätte. Sein Gedanken- und Gemüthsleben war viel zu differenzirt, als daß
er nicht eng an die Gegenwart hätte anknüpfen müssen.
Und doch war es ihm jetzt zu Sinn, als hätte er Etwas
verloren, was schon ganz sein eigen gewesen …

„— Herr Doctor —!“ Lydia wußte nicht recht … sie
war erschrocken, verlegen, fast bekümmert — aber Alles
nicht ganz rein, es zweifelte etwas Unklares in ihr —

Adam hatte sich gefaßt. Seine Stimme klang
noch gepreßt und stockend, aber äußerlich nahm er
sich doch bedeutend kühler und ruhiger aus.

„Sie haben Recht, gnädige Frau — da bleibt
mir wirklich nichts weiter übrig, als Ihnen meine
herzlichsten Glückwünsche auszusprechen —“

„Ich danke Ihnen verbindlichst, Herr Doctor!.“
Lydia lächelte schelmisch-ironisch.

Dann schwiegen beide eine kleine Weile. Nun
begann Lydia wieder, einen schmollend-vorwurfsvollen
Ausdruck in der Stimme: „Aber Sie fragen ja gar
nicht, wer mein Auserwählter ist?! Nehmen Sie in
der That so wenig Antheil an mir? …“

„Ich bitte Sie, gnädige Frau! Einem armen
Burschen, der todeswund am Boden liegt, ist es so
ziemlich gleichgültig, wer ihm die Kugel in die
Brust gejagt hat — er weiß nur, daß man ihm
das Aufstehen verleidet hat —“ antwortete Adam
mit affektirter Trauer und Resignation.

„Na — nehmen Sie's nur nicht zu tragisch,
Herr Doctor!. Sie thun ja gerade so, als ob …
nun! — jedenfalls sind Sie wieder einmal auf dem
besten Wege, Ihnen und mir Etwas vorzulügen —“

„Sie sind doch eine unverbesserliche Zweiflerin,
Lydia!.“ Das hatte Adam in ehrlichstem Ernste,
wirklich bekümmert, gesprochen.

„Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, lieber
Freund! Die Geschichte von der Verlobung war
natürlich nur ein Scherz … Ich habe heute früh
allerdings einen Heirathsantrag erhalten — von —
aber das ist Ihnen ja gleichgültig … Ein Major
außer Dienst — nebenbei Weinhändler und Agent
einer Lebensversicherungsgesellschaft — natürlich von
Adel — übrigens 'n ganz passabler Mensch — nur
'n Bissel zu alt … 'n Bissel zu unbedeutend und …
und 'n Bissel zu verschuldet — hat mich schon seit
Jahr und Tag mit seinen Aufmerksamkeiten verfolgt
— ist mir nachgereist — u. s. w. — u. s. w. —
aber — pardon! — das interessirt Sie ja nicht —
also … nun! — ich habe für die Ehre gedankt,
Frau von … von X oder Y zu werden … Mein
Name gefällt mir zu gut … und meine Freiheit
gefällt mir noch besser … Sie werden mich verstehen, Herr Doctor —“

„So? — Glauben Sie, gnädige Frau? —“

Adam hatte sehr kalt und gleichmüthig geantwortet. Er vermied es, Lydia anzusehen. Er wandte
sich ab und schien die ihm gegenüber liegende Front
des Parkes mit außerordentlicher Aufmerksamkeit zu
betrachten. Seine Finger trommelten mit nervös
schwirrendem Nachdruck auf dem Wagenschlage herum.

Der Wagen hatte das ganze Gehölz durchfahren
und näherte sich jetzt — auf einer anderen Seite —
der Stadt. Die ersten Tropfen eines leichten Regens
rieselten nieder.

Lydia war empört. Eine verworrene Fülle
von Gedanken und Gefühlen durchgährte sie. Sie
wußte nicht, wie sie ihrem Aerger, ihrer Erbitterung
auf eine besonders maliziöse Weise Luft machen sollte.

Man kam der Stadt immer näher.

„Gestatten Sie, daß ich hier aussteige, gnädige
Frau —“ begann Adam jetzt und sah Lydia von
der Seite an …

„Ah! — Fräulein Irmer … gewiß mit ihrem
Vater!. Der Mann sieht sehr leidend aus — er
scheint doch recht hinfällig zu sein —“

Adam wandte sich schnell um … und bemerkte,
wie Herr Doctor Irmer, von Hedwig geführt, langsam … sehr langsam, zusammengebückt, mit dem Stocke
in der linken Hand unsicher vor sich hintastend,
herankam. Adam grüßte mit zufahrend pathetischer
Höflichkeit … und wurde dabei doch wieder ein
Wenig verlegen. Aber zugleich machte ihm der
harmlos-einfältige Gedanke wollüstiges Vergnügen,
daß für Hedwig die Thatsache, ihn in einem offenen
Wagen an der Seite Frau Lange's gesehen zu haben,
zu einem neuen Grunde, sich mit ihm zu beschäftigen,
werden mußte — und daß andrerseits sein auffallend
höflicher Gruß gegen Irmers nicht ohne Eindruck
auf Lydia bleiben konnte.

„Gestatten Sie, daß ich hier aussteige, gnädige
Frau! …“ wiederholte Adam, als der Wagen kaum
noch hundert Schritt von dem Ausgang des Parkes
entfernt war — „und“ — fügte er leiser hinzu —
„wann werden Sie einmal für mich zu Hause sein,
Lydia? Das geht so nicht weiter — das ertrage ich
nicht länger — die Sache muß zur Entscheidung
kommen — — oder — ja! — das ist besser —
ich schreibe Ihnen —“

„Wie Sie wollen, Herr Doctor. Ich weiß übrigens nicht, was Sie mir — doch — nebenbei bemerkt — ich verreise demnächst auf einige Wochen —“

Frau Lange ließ halten. Adam stieg aus und
zog den Hut.

„Adieu! …“ Das klang entsetzlich kurz und
schroff.

Der Wagen rollte davon. Es regnete stärker.

Adam schlug die Richtung nach seiner Wohnung
ein. Das leise Prickeln und verhaltene Stechen
der Regentropfen that ihm fast wohl. Bei einer
solchen Naturstimmung fliegen keine großen Gedanken
auf. Da kann man, in sich zusammengezogen, still
vor sich hindenken, behaglich vor sich hinbrummeln.
Und Adam bemühte sich, eine reine, köstliche Heiterkeit
im Gemüth, über das soziale Verhältniß nachzugrübeln, in dem ein Laubfrosch zu einer Perrücke
und einer Schale Spargelsalat steht. Ein Schwarm
drolliger und putziger Gedankenbilder umgaukelte
ihn. Der Schlapphut hatte zwar eine tüchtige
Portion Nässe geschluckt … nichtsdestoweniger kam
der Herr Doctor sehr angeregt und aufgeräumt
nach Hause. Lydia war ihm schauderhaft gleichgültig. —

Er fand einen Brief von seinem Bruder vor,
welcher schrieb, daß er sich verlobt hätte. Adam
las die nichtssagende, umständlich-unbeholfene Epistel
flüchtig durch und warf sie in den Papierkorb.
Was … wer war ihm sein Bruder? Er hatte ihn
seit Jahren nicht gesehen. Adam besaß so gar kein
Talent, verwandtschaftliche Instinkte bei sich zu
pflegen.

Aber noch ein Brief war angekommen: eine
sehr liebenswürdige Einladung von Irmers für
übermorgen Abend: „Zu einer Tasse Thee“. „Ah!
So kommst Du also wieder einmal an die Reihe,
geliebte Hedwig —“ versetzte halblaut vor sich hin
dieser Mensch, um den sich … andere Menschen zu
„reißen“ schienen, „sieh da! das ist hübsch von Dir! …
Ihr wechselt Euch fürwahr sehr nett ab, Kinder!
„Lydia — Hedwig — Emmy — Emmy — Hedwig — Lydia — Hedwig — Lydia — Emmy —:
ganz annehmbar! Uebrigens — Emmy! Hm! Ich
traue diesem Herrn von Bodenburg doch nicht
recht — er wird doch … wird doch keinen …
Unsinn machen mit meiner „kleinen reizenden
Frau“ —? Zu dumm, daß Emmy ein so emancipatives Wesen ist — zu dumm!“ Zum ersten
Male war Adam so etwas wie eifersüchtig …
wie eifersüchtig auf die unvermeidlichen, anderen
Liebhaber seiner „kleinen, reizenden Frau“ …

In der folgenden Nacht schlief er sehr unruhig.
Er wachte öfter auf — und so oft er aufwachte,
mußte er daran denken, daß dieser dumme Kerl von
Referendar und seine Emmy jetzt wohl in süßem
Minnespiel beieinander wären. Es war zum
Rasendwerden.

„Wahrhaftig! Nächstens werde ich mich auch
noch in die Hure verliebt haben …“ knurrte er
einmal erbost vor sich hin. —

XIII

Und nun war die Stunde gekommen, da Adam
sich aufmachen durfte, der Irmer'schen Einladung
Folge zu leisten.

Um die Zeit, da der Nachmittag Miene zu
machen begann, sich zum Abend auszuwölben, war
der Herr Doctor natürlich mit sich einig gewesen,
nicht zu Irmers zu gehen, sich noch entschuldigen zu
lassen.

Er war soeben erst nach Hause gekommen.

Am Vormittage hatte er sich, von einer unerträglich zerfaserten und zerkrümelten Stimmung
gequält, fast aus seiner Wohnung geflüchtet …
hatte er sich geflüchtet vor sich selber … vor einem
Gespenst … vor der furchtbaren Entdeckung, daß
er in dieser Stimmung Welt und Leben gegenüber
vollständig waffenlos wäre. Die stille, köstliche Heiterkeit des Herzens, mit welcher er gestern heimgekehrt
war, hatte sich ihm bis auf den letzten, mageren
Nachglanz entzogen … er verstand sie nicht mehr …
er konnte nicht begreifen, daß er sie besessen …
er verachtete sich, weil er das nicht begreifen, weil
er keinen Zusammenhang finden konnte … und
verachtete sich zugleich, weil er nach einem Zusammenhange suchte … weil er jener Stille des
Gemüths instinctiv Wert und Bedeutung beilegte …
und er verachtete sich zum Dritten, weil er gestern
im Stande gewesen war, die unermeßliche Schwere
des Lebens zu vergessen … und sie heute fast mit
dem Gefühle eines Menschen trug, der nach neuen
Mitteln und Wegen suchte, sich über sie hinwegzutäuschen … eines Menschen, der am Liebsten vor
ihr geflohen wäre …

Und so war er denn auch vor seiner Stimmung
geflohen … hatte sich mit eintöniger Nachdrücklichkeit
eingeredet, daß er einige Besorgungen, die er schon
längst hatte machen wollen, nicht länger aufschieben
könnte … war, von den Eindrückeu der Außenwelt
bestürmt, überhäuft, zerstreut, endlich auch etwas
ruhiger geworden … hatte dann mit auffälligem
Appetit zu Mittag gespeist … und schließlich den
größten Theil des Nachmittags im Café Caesar
verstumpftsinnt. Einmal war hier Herr von Bodenburg vor ihm aufgetaucht, hatte sich aber mit merkwürdiger Eile sehr bald wieder empfohlen. Adam
hatte lächeln müssen: der Herr Referendar schien
wahrhaftig ein böses Gewissen zu haben! Er sollte
die Emmy, die eben doch weiter nichts als auch
„so Eine“ war, nur ruhig zu seinem Privatgebrauche
engagiren — er, Adam Mensch, würde nicht das
Geringste dagegen einzuwenden haben! Was war
ihm denn diese schöne Sünderin mit dem verzettelten
Herzensleben und dem beschränkten Intellekt?
Dummheit, wenn Herr von Bodenburg sich genirte —
capitale Dummheit! Solch' ein kleines Weib ist
doch gleichsam nur eine lebendige Münze … es
geht von einer Hand in die andere — was
weiter? — Und doch war er zusammengezuckt, als
er sich Emmys Untreue, die er selbst erst herausgefordert hatte, vorgestellt. Adam hatte sich an
Emmys Leidenschaftlichkeit … an ihre Liebkosungen,
an ihre Küsse erinnert … an ihre Umarmungen, die
ihn fast erstickt … Und wie süß war es gewesen, als sie
ihm in jener Nacht im ersten Paarungstumult rührend
einfach zugestammelt: „Ich habe Dich gern, Adam!“ Und
da war es wirklich heiß in ihm emporgestiegen … eine
unheimliche Exstase hatte ihn bis in seine kleinsten
Organe hinein durchspült … eine dampfende, lähmende
Sehnsucht nach Emmys schönem Leibe … nach ihren
Küssen … ihrem weichen, molligen Liebesgeplauder …
ihrer köstlichen Routinirtheit im aufsaugenden Minnespiel, war jäh zu ihm gekommen — verflucht! Er
hatte seine köstliche Lagergenossin verloren, weil er
einem Weibe nachgelaufen war, das ihm eine dumme
Komödie vorgespielt! Er hatte sich auf die Seite der Konvenienz, der Lüge … allerdings auch der „Tugend“ geschlagen — und hatte darüber die Freiheit und die Ungebundenheit der vorurtheilslosen „Sünde“ eingebüßt …
Er war doch ein Schaafskopf ersten Ranges gewesen …

Aber der Groll gegen sich selbst … der Aerger
über seinen taktischen Schnitzer hatte doch nicht
entscheidend bei Adam nachgewirkt. Nun er zu
Hause war und sich mechanisch auf den Besuch bei
Irmers vorbereitete, obwohl er eigentlich entschlossen
war, diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen,
hatte sich seiner das Gefühl einer entkräftenden
inneren Leere und Nüchternheit bemächtigt. Alles
widerte ihn an. Was sollte er in aller Welt heute
Abend bei Irmers! Wieder zu Hedwig die Fäden
hinüberspinnen? Zur Abwechslung sich wieder einmal
von dieser Dame anregen oder aufregen lassen?
Es war so überflüssig … so unsäglich überflüssig.

Apathisch lag Adam auf dem Sopha. Es dünkte
ihn erschütternd komisch, daß er sich soeben einen
frischen Kragen umgeknöpft. Aber im nächsten
Augenblicke ertappte er sich schon dabei, wie er
nach einem besonders drastischen und impertinenten
Motive suchte, mit dem er heute Abend Fräulein
Irmer traktiren wollte. Adam wurde sich klar
darüber, daß er das unnatürliche Verhältniß, in
welchem heute das männliche und weibliche Geschlecht
zu einander stehen, einmal mit rücksichtsloser und,
wenn nothwendig, mit cynischer Offenheit einer
Dame gegenüber zur Sprache bringen mußte.
Und diese Dame abzugeben … nun! — dazu schien
Fräulein Irmer, dieses blasse, spröde, in einem
engen Leben hinkümmernde Weib, vorzüglich geeignet
zu sein. Es war jedenfalls so etwas wie eine
„That“, einmal mit der Brandfackel zu hantiren …
ein verlöschendes Dasein noch einmal den Traum
von einem vollen, glühenden, ungehemmt vorwärtsstürmenden Leben träumen zu lassen …

Aber auch dieser Vorsatz erschien dem Herrn
Doctor sehr bald geschmacklos. Wozu in aller Welt
dieses doktrinäre Geschwafele! Er erhob sich langsam, nachlässig … zog die Augenbrauen dicht über
der Nasenwurzel zusammen … machte ein sehr verächtliches Gesicht … und suchte nach dem Messerchen,
mit welchem er seine Fingernägel pflegte.

Wenn er gehen wollte, mußte er übrigens bald
aufbrechen. Aber warum sollte er denn gehen? Und
doch … mein Gott! — warum sollte er denn
nicht gehen? Warum nicht? Man thut so Vieles
in dieser Welt, weil man absolut nicht weiß, warum
man es nicht thun sollte … Und zudem: es war
ja auch schon zu spät, sich noch entschuldigen zu
lassen. Getröstet von dem Gedanken, daß er ohne
Verletzung des „gesellschaftlichen Anstandes“ jetzt
nicht mehr ausbleiben konnte, machte sich Adam auf
den Weg zu Irmers. Er pfiff das unsterblich
schöne „Komm herab, o Madonna Theresa —“
leise vor sich hin, löste es einige Male mit Motiven
aus Wagners „Fliegendem Holländer“ und „Siegfried“ ab … und schluckte mit verhaltener Wollust die
schweren, schwülen Lüfte des zusammendämmernden,
letzten Maiabends ein. Adam dachte nicht mehr an sich
und vergaß, daß er nicht wußte, wer er war …
was er von der Welt … und was diese Welt von
ihm wollte. —

XIV.

Ja! Es war doch recht heiß bei Irmers …
in dem doch recht engen und niedrigen Wohnzimmer,
in welchem die Drei, Vater, Tochter und Adam
Mensch, um den runden Sophatisch beisammensaßen
und einen „Imbiß“ zu sich nahmen … also einen
kleinen Imbiß, den Adam wirklich etwas „frugal“
finden mußte. Der Herr Doctor dachte unwillkürlich
an den vornehmen Stil, an die Eleganz von Lydia's
Wohnräumen zurück … an die anheimelnde Lichtstimmung … die behagliche, geschmackvolle Fülle, die
sich im Arbeitscabinet Frau Lange's so wohlthuend
dem empfänglichen Geiste mittheilte … an das
diskrete Werben des taktvoll arrangirten Reichthums
um verständnißvolle Anerkennung — und ihn fror
ein Wenig in dieser Umgebung, die nur von dem
wehmüthigen Parfum der notdürftig verhangenen,
mühsam verschleierten Armut durchzittert wurde …

Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang
kommen. Hedwig schien verstimmt zu sein. Ihr
Gesicht war fast noch blässer und ernster, ihr Blut
fast noch schwerer, als sonst. Bläulich schwarze
Halbringe unter den Augen deuteten auf schlaflos
verbrachte Nächte hin. Die Pflichten der Wirthin
erfüllte sie mit nervöser Aufmerksamkeit. Adam
fühlte sich sehr peinlich berührt. Er sagte sich,
daß Hedwig unter der reizlosen, kargen Unfruchtbarkeit, unter dem Druck und der Enge ihrer Lage
litt. Sie gab sich alle Mühe, es nicht merken zu
lassen … besaß aber eine viel zu spröde und ungeschmeidige Natur, um sich zwanglos hinter das
Pseudonym einer geraden, reinen, zugänglicheu
Stimmung verstecken zu können.

Herr Doctor Irmer hustete viel … einen
kurzen, trockenen, heiseren Stoßhusten. Er sah sehr
zusammengedrückt und entwaffnet aus … sehr muthlos und ängstlich. Oefter preßte er die langen,
mageren, wachsgelben Finger der rechten Hand
gespreizt gegen die Brust … und athmete fast
stöhnend.

„Papa hat sich vorgestern erkältet …“ erklärte
Hedwig mit einem kurzen, nicht ganz beziehungslosen
Seitenblick auf Adam. Der Herr Doctor verstand.
Das gnädige Fräulein hielt es also für überflüssig,
auf Grund und Gelegenheit dieser Erkältung näher
einzugehen. Hm!. Sie waren sich ja begegnet.
Adam mußte sich das Uebrige selbst sagen können.
Das that er denn auch. Zugleich ärgerte er sich
aber, daß es Hedwig augenscheinlich vermeiden
wollte, jene Begegnung selbst zu berühren. Sie war
so harmlos. Und doch war Adam nicht im Stande,
das gewiß nicht heikle, höchstens etwas pikante
und widerhakige Motiv zur Sprache zu bringen.
Vielleicht hinderte ihn die Rücksicht auf seinen
leidenden Wirth daran. Oder wollte er Hedwig
nicht wehe thun? Schließlich entschuldigte er
seine Feigheit mit dem lähmenden Einflusse, den
diese dunstige Krankheitsatmosphäre auf ihn ausübte.
Gewiß! Er hätte viel gescheiter gethan, wenn er
seiner Apathie nachgegeben und sich in letzter Stunde
noch entschuldigt hätte. Das wäre wohl auch den
beiden Menschen lieber gewesen, die da neben ihm
saßen und sich redlich bemühten, das Unglück ihres
Lebens zu verhüllen … und doch nicht Komödianten
genug waren, um das scheinen zu können, was sie
nicht sein konnten …

Die Fenster standen offen. Auf der Straße
war es still. Nur ab und zu stolperte ein Wagen
über das Pflaster. Nun strich ein Luftzug herein,
raschelte in den Papieren auf dem Schreibtische,
zupfte an der grünen Gardine vor dem Bücherregal und gab der Lampenflamme ein kurzes,
stechendes Zusammenzucken. Adam fühlte sich mit
einem Male sehr angeheimelt von dieser einfachen,
mit verhalten geschwätzigem Schweigen erfüllten
Umgebung. Eine gewisse Stimmung … ein zartes
Fluidum rührender Poesie ließ sich schließlich auch
aus dieser Gruppirung der Atome herausfühlen …
Der Herr Doctor wurde wärmer … er erinnerte
sich einiger Träumereien seiner Jugend … einiger
Träumereien, die ihm als Ideal ein schlichtes,
bücherüberfülltes Arbeitszimmer vorgegaukelt …
und er saß unter seinen Schätzen, weltentrückt,
weltentfremdet, unversuchbar … aber viel Drang zu
suchen und forschen war in ihm … und viel
tiefe Herzensstille — und Adam beneidete einen
Augenblick seinen Wirth um die Enge und Weltabgekehrtheit seiner Klause … und um eine Natur,
die sich in ihren besten Stunden durch ernste,
neutrale Betrachtung alles Seins und Werdens und
gesammeltes Versenktsein in die Räthsel des Kosmos
erlösen durfte vom Staube und der beklemmenden
Enge des Daseins … Oh! Er genoß dieser großen
Stunden manche nicht minder. Aber immer wieder
ließ er sich in das Leben … in dieses fade, ermüdende, abflachende und wurzelausrodende Werkeltagsleben hinausverführen … Und darum denn
so oft dieser Ekel … und darum so oft diese namenlose, zermarternde Angst vor einem Verhängnisse,
das über ihm schwebte — und dem zu trotzen
er doch keine Waffen besaß … keine Waffen mehr
besaß … Nein! Er hatte nicht mehr die Kraft,
mit souveräner Ironie auf das Leben zu verzichten —
auf seine kargen Reize und Freuden, welche er aufsuchte, um sie einfach hinzunehmen … kaum, um sie mit
vollem, starkem, innerem Dabeisein zu genießen —
und die er trotzdem so oft auch mit wahnsinniger Wuth
und Gier aufsuchte, um sich zu vergessen — um
sich zu betäuben … um seine harte Seelennoth …
das bohrende Grübeln über die Fruchtlosigkeit seines
Arbeitens … die Unzuverlässigkeit seines Temperaments
… die sociale Lüge und Aussichtslosigkeit seiner Lage
durch physische Ausschweifungen abzustumpfen …

„Wollen Sie nicht etwas Caviar nehmen, Herr
Doctor —?“

„Ich danke recht sehr —“

Eigentlich aß Adam Caviar sehr gern. Aber
der ihm von Fräulein Hedwig angebotene sah nicht
besonders appetitlich aus … schien doch schon ein
Wenig alt, trocken, zähe, salzig geworden zu sein.

„Aber etwas Wurst oder Käse oder etwas Beef
nehmen Sie doch noch — ja? . Bitte! .“

„Wenn Sie gütigst gestatten —“ Adam bediente sich.

„Papa, Du vergißt Dein Bier ganz … willst
du nicht 'mal trinken? . Es ist zwar etwas warm …
unser Keller taugt nicht viel —“

„Mir ist gar nicht recht, Kind … Du weißt
ja … und Bier — ich glaube, es ist besser, wenn
ich's stehen lasse — es könnte mich noch mehr reizen —
gieb mir bitte lieber noch einen Schluck Thee — obwohl
Thee meinen Nerven — aber verzeihen Sie nur, Herr
Doctor! Wir haben's diesmal schlecht getroffen … Sie
hätten uns übrigens schon längst wieder einmal
aufsuchen sollen … Hedwig sprach öfter von Ihnen —
ich bin heute leider sehr unpäßlich — vorgestern
fühlte ich mich so wohl und frisch, wie lange nicht —
und nun —“

Ein neuer Hustenanfall unterbrach die mühsam,
schleppend, unter stoßendem Athmen hingelispelten
Worte Irmers.

Adam sah zu Hedwig hinüber. Sie hatte sich
zu ihrem Vater gekehrt und wischte diesem mit
einem frischen, leinenen Tuche den Schweiß von der in
krankhafter Blässe glänzenden, dick überperlten Stirn.
Jetzt fühlte sie den unangenehm scharfen Blick
Adams. Sie wurde unruhig … in ihr Gesicht trat
ein seltsamer Ausdruck, der zugleich Scheu, Aengstlichkeit, Verlegenheit … einen leisen Aerger über
die Ungeschicklichkeit ihres Vaters … und doch auch
eine gewisse Freude — aber worüber? — verrieth.

„Was arbeiten Sie jetzt, Herr Doctor?“ fragte
Irmer nach einer kleinen Weile und sah mit müdem,
erloschenem Blick zu seinem Nachbar hin.

„Ach Gott! Dies und Das! Es ist nicht der
Mühe werth. Ich mache jetzt anthropologische
Studien — die sind werthvoller und … nothwendiger —“ bemerkte Adam kurz.

Hedwig sah mit unsäglich wehmüthigem Blicke
zu ihrem Vater hin.

Eine längere Pause entstand. Adam betrachtete
mit sehr gemischten Empfindungen die beiden
Menschen, die da vor ihm saßen. Er fühlte sich
nicht wohl bei ihnen — nein! Ihre Hülflosigkeit
machte ihn nervös … peinigte, beklemmte ihn.
Und doch appellirten sie, gewiß ganz, ohne daß sie
es wollten, an sein Mitleid. Sie erwählten ihn
unwillkürlich zum Vertrauten ihrer Schmerzen …
und sie wandten sich, gewiß nicht minder unbewußt,
an ihn um Hülfe … um Linderung … Rettung …
Nun fiel es Adam schwer aufs Herz … nun that
es ihm sehr weh, daß er nicht helfen konnte … Das
„Schicksal“ mußte wieder einmal seinen üblichen Lauf
nehmen. Eines Tages würde Irmer sterben und
seine Tochter mittellos … aussichtlos … zukunftslos zurücklassen. Und doch war es vielleicht das
Beste, wenn der Vater bald starb … und Hedwig
bald in neue Verhältnisse, in eine neue Umgebung eintreten mußte. Hier verwelkte und verkümmerte sie
ganz … an der Seite eines Sterbenden … unter
dem steten Einflusse seiner Krankheit und seiner
weltabgewandten Schattenphilosophie. Aber wie
würde es dieser spröden, schweren Natur draußen
in der Welt ergehen … unter den Menschen, denen
sie dienen sollte? Die Leute, die sichs gestatten
können, „dienstbare Geister“ zu halten, verlangen
offene, empfängliche Charaktere … Temperamente,
die gleichsam mit großen, blanken Fensterscheiben
ausgestattet sind, durch welche das volle Licht der
Sonne in breiten Massen hereinfallen kann …
Adam sagte sich, daß Hedwig sehr wenig Glück und
Erfolg unter den Menschen finden würde. Sollte er
aber darum sein Schicksal mit dem dieses armen, hülflosen, verlassenen Weibes verknüpfen? Er, der selbst
schwer genug an seinem eigenen Leben trug? Daran
war doch nicht zu denken. Gesetzt selbst, daß er
seinen ästhetischen und metaphysischen Widerwillen
überwand — daß er es für eine „ethische“ Forderung
erkannte, der Verlassenen Stütze und Zuflucht zu
werden: schon aus materiellen Gründen war es
ihm unmöglich, diese Forderung zu erfüllen. Und
dann —: schließlich das Opfer eines moraliischen —
Hirngespinnstes werden? Da wurde ja alle Natürlichkeit über den Haufen geworfen. Daß er Hedwig
liebte — davon konnte ja nicht die Rede sein —
ebensowenig, wie davon, daß er sich intimer an
Lydia oder an Emmy gefesselt fühlte. Je nachdem
die Stunde die Stimmung brachte, dünkte er sich
zu der einen oder anderen der Damen hingezogen.
Die Stimmung lief ab — und über die Theilnahme
triumphirte wieder die alte, müde, einfältige, unfruchtbare und doch so praktische Gleichgültigkeit …
Woher das nur kam? Das hatte wohl seinen Grund
zumeist darin, daß seine feine, ästhetische Natur zu
hohe Anforderungen stellte … daß sie zusammenzuckte, zurückfuhr, sich unbefriedigt … oft verwundet und beleidigt fühlte, wenn einem, ob auch an
sich noch so geringfügigen Bedürfnisse nicht genügt
wurde … Oh! Er hatte es ja so oft in älteren
und jüngeren Tagen mit Freunden und Bekannten
durchgekaut, das ehrenwerthe Motiv von dem
„hehren“ Frauen-Ideale, das sich ein Jeder zusammenträumt und zusammendichtet in der großen
Zeit seines geistigen und sinnlichen Aufwachens und
Umsichgreifens … in der großen Zeit seiner ersten
gewaltigen Jugendschauer! Und das beschworene
Bildniß läßt nicht von dir. Es folgt dir zur
Seite überallhin … es zwingt dir Maß und Urtheil
auf … es beeinflußt alle deine „Beziehungen“ und
„Verhältnisse“ zu den wirklichen, fleischgewordenen
Töchtern der Erde —: das dein Glück dereinst gewesen, ist dir zum Fluche geworden. Es rächt
seine Schattenexistenz, seine vage Unkörperlichkeit an
dir … es flößt dir eine brennende, namenlose
Sehnsucht nach seiner Verkörperlichung in die
Seele — die reifsten, saftigsten Früchte giebst du
aus der Hand, weil dein Auge auf der Schaale
einen leisen, winzigen Makel entdeckt, der dich
beleidigt … Aber warum bauest du dir überhaupt,
weltseliger, menschengläubiger Jüngling, ein solches
despotisches „hehres Frauen-Ideal“ auf —? Ja!
Warum —?

Doch nein! Das ging zu weit. Das war überflüssig. Was sollten diese tragikomischen Betrachtungen
hier? Adam sagte sich nicht mehr klar, fühlte aber
instinktiv, daß er auf diesem Wege wieder einmal
zu jenem Gebiete gelangen würde, mit dem er sich
so oft in lautem Wort und leisem Gedanken beschäftigt: eben zu dem leidigen Verhältnisse, in das
die beiden Geschlechter zu einander von Jugend auf
durch Herkommen und Erziehung gestellt werden.
Ach ja! Er hatte dieses Thema heute Abend Fräulein
Irmer gegenüber auf's Tapet bringen wollen! Nun!
Vielleicht kam die Gelegenheit dazu noch …

Adam fühlte Hedwigs fragenden Blick auf sich.
Das hülflose, verlassene Weib hatte plötzlich alle
Konvenienz bei Seite geschoben. Nichts mehr lag
zwischen ihm und dem Manne, der ihm in ernstem,
bewußtem Schweigen gegenübersaß. Nichts mehr sollte
nach diesem Blicke, der zugleich unendlich trostlos und
unendlich begehrend, zwischen ihnen liegen. Adam
fühlte sich gewaltig ergriffen. Es wäre ein Frevel
gewesen, ein Verbrechen an dem „heiligen Geiste der
Menschheit“ — an den Adam allerdings in seinen
besseren und größeren Stunden doch noch glaubte —
ließ er thatlos untergehen, was dem Untergange —
trotz alledem unabänderlich verfallen war … Ja!
Er wollte … was wollte er? … er wollte wenigstens
sein „Gewissen“ salviren. Er wollte sich sagen können,
daß er Alles gethan hätte, was er zu thun vermocht habe. Er wollte der Selbstvorwürfe überhoben sein. Oder … wenn er jetzt beschloß, in das
Schicksal Hedwigs einzugreifen — bestimmte ihn
dazu sein Egoismus … seine geschmeichelte Eitelkeit … die heiße Bitte, die in Hedwigs Blick gelegen … das Versprechen, welches ihm dieser brusterschütternde Blick nicht minder gegeben? Es stieg
glühend auf in Adam … er hätte das Weib, das
ihm bisher immer so spröde, so zurückhaltend begegnet war … und das sich jetzt in seiner Noth
und Verzweiflung ihm ergeben wollte … gewiß! sich
ihm zu eigen geben wollte — er hätte es an sich
reißen mögen — und mit ihm zu Füßen des armen
Mannes stürzen: dem Sterbenden zu schwören, daß
sein Kind nicht verlassen wäre, daß er über sein Kind
liebend wachen werde in allen kommenden Tagen …

Die Kuckucksuhr über dem Sopha vermeldete
glucksenden, mürrisch-verrosteten Tones die neunte
Stunde.

Hedwig erhob sich leise seufzend und wünschte
mit müder, klangloser Stimme „Gesegnete Mahlzeit!“

Adam war unschlüssig. Sollte er noch bleiben
oder sollte er lieber gehen? Diesem Gefängniß …
diesem Lazareth entfliehen? Sich draußen rein- und freiathmen von den hier eingeschluckten Miasmen?
Es war sicher das Gescheiteste. Und doch gewann er
es nicht über sich, so hart abzubrechen … so auffällig,
so indiscret zu zeigen, daß sich ihm der Eindruck
von Hedwigs stummer Augenbitte schon wieder stark
verwischt hatte.

Adam verspürte einen bezwingenden Appetit nach
einer guten Cigarre. Doch … hier im Krankenzimmer wurde nicht geraucht. Er mußte sich den
Appetit schon verkneifen. Das ärgerte ihn ein
Wenig. Und nun knurrte er sich im Geiste schon
wieder an, daß ihn eine solche Bagatelle überhaupt
ärgern konnte. Allein er kam nicht über das peinigende Gefühl des Mangels hinweg. Was kümmerte ihn jetzt das Schicksal Hedwigs? Und der
Anblick dieses leidenden, zusammengedrückten Mannes
war ihm jetzt über Alles lästig.

Um die unbequeme Stimmungsscene zu wechseln,
wandte sich Adam eine Andeutung nach rechts und
streifte mit müder, zögernder Hand die grüne Gardine
vom Bücherregal zurück. Langsam drehte ihm
Doctor Irmer sein bleiches, weißes Gesicht zu.

Jäh ließ Adam die Gardine fahren. Er mußte
seinem Impulse folgen. Er konnte nicht widerstehen.
Er fühlte sich plötzlich auf's Tiefste durch die Geduld beleidigt, mit der Irmer sein elendes Leben
trug, weitertrug, weiterschleppte. Nichts von Mitleid
mehr und Verständniß war in ihm. Ein kochender
Groll über dieses reizlose, werthlose Ertragen und
Aushalten siedete plötzlich in seiner Seele empor.
Er konnte nicht an sich halten.

Hedwig hatte mit dem Mädchen, welches die
zusammengestellten Teller abgeholt, das Zimmer verlassen. Sie trat in dem Augenblick wieder ein,
als Adam ihren Vater, ohne jede äußere Vermittlung, barsch anfuhr: „— Aber ich bitte Sie, Herr
Doctor — warum haben Sie diesem Hundeleben
nicht schon längst ein Ende gemacht —?“

Hedwig blickte halb erschreckt, halb erstaunt zu Adam
hinüber, der, von seiner Offenheit selbst ein Wenig
betroffen, wieder an der grünen Gardine zupfte.
Ein leichtes Verlegenheitsroth stand doch auf seinem
Gesicht.

Irmer schien den psychologischen Proceß, der
sich in Adams Brust abspielte, zu begreifen, zu durchschauen. Ein verhaltenes, nur markirtes, aber doch
unverkennbar souveränes Lächeln legte sich auf eine
kleine Weile über seine scharfen Dulderzüge.

„Sie täuschen sich, Herr Doctor“, antwortete
er nun mit seiner müden, schleppenden, heiseren
Stimme, „— wenn Sie glauben, daß Ihr Leben etwa
weniger elend sei, als das meine … Ich leide nur
sichtbarer, als Sie … erkennbarer für jedes Laienauge — Sie — —“

„Pardon! Ich fühle mich sehr wohl auf der
Welt … Aber verzeihen Sie mir meine brutale
Geradheit — es fuhr mir so heraus —“

„— Als Sie mich wie ein Häufchen Unglück vor
sich sitzen sahen — ich begreife, Herr Doctor —“

„Oh!“ stotterte Adam.

„Was ist's denn, daß Sie noch an diesem Hundeleben festhält, wie Sie sagen —? Was denn —?“

„Eigentlich nichts … uneigentlich sehr viel —“
erwiderte Adam gleichmüthig. Er hatte seine volle
Selbstbeherrschung wiedergewonnen.

„Mit dem ‚uneigentlich‘ — das ist so 'ne
Sache! Nun — Sie werden sich wohl ebenso
täuschen, wie ich mich getäuscht habe, als ich in Ihren
Jahren war … Damals waren mir einzelne pessimistische Ahnungen und Stimmungen gleichsam
Surrogate, wenn's mit dem Leben selber einmal
nicht recht klappen wollte … So wird's bei Ihnen
auch sein. Aber Sie werden so sicher wie ich zu
der Erkenntniß kommen, daß Sie sich belogen —
allerdings Ihrer psychischen Combination gemäß belügen mußten … Das ist ja eben das sogenannte
„Glück“ der Jugend, daß sie sich an jedem Daseinsmomente zu sättigen vermag … nach der Kette
der Entwicklung aber, dem logischen Zwange der
Fortbildung, nichts fragt. Es giebt natürlich noch
Millionen andere Spielarten von Seelenanlage. Aber
ich ging jetzt von der meinen aus und von der
Ihrigen, die, wenn ich mich nicht sehr täusche, der
meinen doch immerhin ziemlich verwandt ist …
Und darum werden Sie, Herr Doctor, mit der Zeit,
früher oder später, zu denselben Resultaten kommen,
zu denen ich gelangt bin. Ihr Selbstbetrug besteht
nur darin, daß Sie Ihre Weiterentwickelung jetzt
noch nicht voraussehen können. Jawohl: können!
Sie sind für Ihre Verblendung nicht verantwortlich
— sie liegt in der Natur der Sache —“

Adam dünkte diese Ausführung Doctor Irmers
gar seicht und oberflächlich. Was sollte er darauf
erwidern? Hatte denn Irmer gar nicht herausgefühlt, daß er jene barsch herausgeschleuderte Vorwurfsfrage in tiefstem Grunde nur an sich selber gerichtet? Oh! Er war trotz seinen jungen Jahren in
der „Erkenntniß“ schon weiter vorgeschritten, als dieser
arme, eingekapselte Entsagungsfanatiker und Kartoffelsuppenmeergreis glaubte. Ihre Seelenanlagen waren
doch wohl unter sich ausnehmend verschieden. Allein
— es tickte ihn, den Unmündigen und Kurzsichtigen
zu spielen — sich so zu geberden, als coquettire er
eigentlich nur mit seiner Blasirtheit … als sei er noch
voll von flammendem Jugendfeuer … als halte er es
wirklich noch der Mühe für werth, für ein Dutzend
„bedeutender Ideale“ einzutreten.

Hedwig hatte sich einen Stuhl an den Tisch gerückt
und eine Häkelarbeit vorgenommen. Sie hielt den
Kopf über die Arbeit gebeugt … sah nur zuweilen
zu ihrem Vater auf … und in ihrem Blick lag dann
die ganze Sorge um den Leidenden, zugleich aber
auch, wie es Adam schien, ein Wenig Ungeduld, ein
Wenig Zorn. Selten schielte sie einmal zu Adam
hinüber. Blendend hob sich das weiße Garn von
der kirschbraunen Tischdecke ab. Mit diesem dunklen
Untergrunde, den weißen Fingern, dem blaßgelben
Teint und dem schwarzen Haar Hedwigs bildete es
eine Farbengruppe voll einfach-bizarrer Plastik.

Adam aber begann also zu sprechen — allerdings nicht ohne vorher noch einmal im Stillen bedauert zu haben, daß ihm keine gute Cigarre die
Rede begleiten und würzen sollte —:

„Sie beurtheilen mich vielleicht doch etwas zu
sehr nach sich, Herr Doctor — verzeihen Sie, daß
ich sogleich mit einer deductio ad personam beginne.
Es klingt ein Wenig paradox, enthält jedoch sehr
viel Richtiges, wenn ich behaupte, daß wir, das
heißt: ich und verschiedene Andere meiner Generation
— wir sind übrigens so frech, uns immerhin zu
den Besten des jungen Nachwuchses zu zählen! —
also daß wir mit dem Momente — ich möchte beinahe sagen: angefangen haben, mit dem Sie und
mit Ihnen gewiß Unzählige Ihrer Generation aufhören. Ihre Entwicklung hat sich den individuellen
Verhältnissen gemäß, von denen Sie ausgingen,
ganz organisch, ganz normal vollzogen. Aber die
unsere nicht minder. Zu Ihren Resultaten sind wir
in unserem Gedanken- und Gefühlsleben schon vor
Jahr und Tag gelangt. In einem Punkte mögen
Sie allerdings Recht haben: die Jugend, das heißt:
unsere allerdings vielfach lädirte, durchbrochene, beeinträchtigte Kräftegruppe, läßt sich nicht verleugnen
— sie muß sich nach den natürlichen Gesetzen alles
Geschehenen auslösen und in Handlungen umsetzen.
So arbeiten wir trotz all' unserer Müdigkeit … und
„Blasirtheit“ — arbeiten … einmal zielbewußt … zumeist aber nur im Zwange jenes sogenannten metaphysischen Stadiums, wo das Individuum über sich
hinausgeht … wo sein Wille waltet und wirkt, ohne
jedoch eine klare Tendenz zu besitzen. So sind wir
denn vorwiegend auch in der Arbeit Aesthetiker —
den ethischen Effekt bedingen ja so wie so die Gesetze,
nach denen der sociale Zellenverband funktionirt!.
Aber wir arbeiten eben … wenn auch stets der Gefahr ausgesetzt, das uns eine schwere, dunkle Stunde
der Verzweiflung … des erneuten Durchschauens …
der gespanntesten Sammlung und klarsten Umsicht
in alle Horizonte — daß uns eine solche Stunde,
sage ich, die Waffe zur letzten, realsten und … reellsten
Abfuhrthat in die Hand preßt … die Waffe, die wir
als Sclaven kleinlicher Umstände und Verhältnisse
so oft schon bei Seite werfen mußten … Es ist
eben nicht nur sehr gut möglich — es ist sogar
beinahe selbstverständlich, daß eine Erkenntniß einmal
so intensiv und überzeugend wirkt, daß unter ihrem
heißen Athem auch die letzte Rücksicht und Beanstandung dahinschmilzt … Dann ist's eben aus —
dann heißt es nur noch: „tirez le rideau! La farce
est jouée!“ — wir empfehlen uns auf gut Rabelais'sch … Aber vor der Hand ist ja dieser letzte
Knalleffekt noch unvollbracht. Und wir müssen mit
den Thatsachen rechnen … so, wie sie liegen. Wir
‚sättigen‘ uns durchaus nicht ‚an jedem Daseinsmomente‘ in dem Sinne, wie Sie es vorhin meinten,
Herr Doctor. Wir können uns eigentlich gar nicht
mehr begeistern. Wohl sind wir noch großer, starker
Gefühle fähig … eben weil wir noch eine Fülle gesammelter, großer, unverbrauchter Kräfte besitzen.
Aber wir stellen diese Gefühle zumeist in den Dienst
des Intellekts, wenn ich mich so ausdrücken darf.
Wir haben die historische Entwicklung der Philosophie
vom Dogmatismus über den Skeptizismus zum Kritizismus in unserem individuellen Sonderleben in
schneidender Schärfe und Betonung durchgemacht. So
sind wir — und mag das noch so widerspruchsvoll
klingen — hagebüchene Individualisten — geblieben
… und doch zugleich auch Positivisten und Phaenomenalisten geworden. Sie haben sich gerade umgekehrt
entwickelt, Herr Doctor. Und … offen herausgesagt:
von der social-ethischen Bedeutung Ihres Resignationsstandpunktes verspreche ich mir nicht viel — mögen
Sie Ihre Anschauungen nun im Sinne Schopenhauers, Hartmanns oder Mainländers krönen …
Kann sein, daß das sogenannte „Volk“ für die Ethik
eines Hartmanns eines Tages „reif“ geworden ist —
ich wüßte nicht, ob ich mich darüber freuen, oder
ob ich es bedauern sollte … Sie sind Aristokrat,
Herr Doctor — wir sind auch Aristokraten. Aber
wir sind Aristokraten der Zukunft … vielleicht der
nächsten — Sie dürfen höchstens erst am jüngsten
Tage in die Urne greifen und das große Loos der
geistigen Weltherrschaft ziehen … Nun ja! Sie
können uns bemitleiden … Sie können über unsere Bescheidenheit … über unseren „praktischen“, „realistischen“
Sinn mit souveräner Erhabenheit lächeln … Wir
verstehen Sie verhältnißmäßig sehr gut, Herr Doctor.
Denn wir haben einmal mutatis mutandis Ihnen
sehr ähnlich gedacht und gefühlt. Mein Gott!
Die Entwicklung eines modernen Menschen, der
einigermaßen außergewöhnlich … einigermaßen über
den Durchschnitt hinausragt, vollzieht sich ja verhältnißmäßig sehr einfach. Das mit reichen Kräften
ausgestattete Individium entfaltet sich gewöhnlich in
der ersten Zeit unter relativ guten Bedingungen. Dadurch wird ein ebenso hochgradiger, wie einseitiger
Idealismus provocirt — ein Idealismus, der sich über
Alles gern in Thaten setzen möchte … dem aber Gott
sei Dank! vorläufig noch alle Thaten allergnädigst
geschenkt bleiben. Allmählich kommt das arme-reiche
Individuum mit der Welt in Berührung … mehr
und mehr. Natürlich stößt es an allen Ecken und
Enden an … findet allorts Widerspruch … und zieht
sich, in der Regel noch dazu sehr zart, sehr fein, sehr
sensitiv von Natur, wieder scheu zurück … Aber der
heißen Schwüre, die es sich und Seinesgleichen in den
großen Schwärmertagen seiner Jugend gegeben hat,
kann es nicht vergessen. So stürzt es sich in die
Welt zurück … und tritt jetzt gewöhnlich sehr kühn
und selbstbewußt auf — was dann natürlich die Sippschaft der guten Freunde, getreuen Nachbarn und
ähnlicher Consorten, die sich auch „Menschen“ tituliren,
„brutal“, „anmaßend“ und weiß der Teufel! wie
noch nennen. So ein armes, wirklich ganz messianisch
veranlagtes; mit dem wüthendsten Drange zu helfen,
zu erhöhen, zu versöhnen, ausgerüstetes — von allen
Welträthselngequältes … von tausend Ahnungen, Stimmungen, Erwartungen, Hoffnungen, Entsagungen …
von tausend Tendenzen … von einer Unzahl von
Gefühlen, Gedanken und Problemen hin-und hergeschütteltes Individuum wird dann gewöhnlich nebenbei
auch noch für „verrückt“, „unzurechnungsfähig', „unnormal“, „überspannt“, „pathologisch“ u. s. w. erklärt.
Doch schiert es das im Ganzen wenig — es hat eben
genug mit sich selber und seinem Skeptizismus zu thun.
Manchmal wohl … manchmal fährt es auf in seinem
Grimme und zertritt einer zu unverschämt gewordenen
Natter den Kopf. Natürlich wird es dabei stets höchsteigenkörperlich in die bewußte Ferse gestochen. Das
Gift ist nicht gerade tödtlich … aber es macht doch
müde, blasirt, welk … ‚blasirt‘ vor der Zeit … es entkräftet, zehrt auf vor der Zeit … Indessen — das arme,
gemißhandelte, unverstandene Individuum wird dadurch zugleich auch so etwas wie „weltklug“ … Es
fällt in allerlei Schrullen und Grillen seiner Jugend
zurück, kramt seinen alten, verstaubten „Idealismus“
wieder aus … stutzt ihn ein Wenig „modern“ auf:
vertieft, erweitert ihn hier … verflacht ihn dort …
schlägt „für vorkommende Fälle“ eine Brücke nach
Walhall — und paßt sich doch im Großen und
Ganzen in einer stattlichen Reihe von Punkten der
„positiven““ Welt an … versucht mannigfache „realpolitische“ Experimente, Kunststücke und Sperrenzchen
—: jetzt ist es glücklich in sein phaenomenalistischkritisches Zeitalter eingelaufen — daß heißt: die
Welt ist ihm furchtbar gleichgültig, aber es rechnet
doch mit ihr … es analysirt sie … es findet sie sehr
oft sehr abscheulich … mitunter aber auch wiederum
„zu den schönsten Hoffnungen berechtigend“ — es
glaubt dabei immer noch, daß sich einige seiner neuaufgefärbten „Ideale“ einmal erfüllen werden …
es lebt sehr ästhetisch-epicureisch — zugleich in gewisser Hinsicht sehr moralisch … interessirt sich stark
für alle möglichen nationalen und … internationalen
Fragen, die jedenfalls immer sehr „brennende“ sein
müssen — — kurz: das Individuum lebt … erlebt … trägt … erträgt … leidet — arbeitet …“

Adam unterbrach sich. Er wischte sich mit dem
Taschentuche über die schweißfeucht überlaufene Stirn
und nippte an dem Bierglase, das Hedwig vorhin wieder frisch gefüllt hatte. Im Allgemeinen
war er mit sich ganz zufrieden. Er fühlte zwar
sehr gut heraus, daß er hier und da den Nagel durchaus nicht auf den sogenannten Kopf getroffen hatte …
daß mancher Wurf fehl gegangen … daß mancher Hieb
abgerutscht war … Vieles hatte er, ein Opfer seiner
augenblicklichen, durchaus nicht so unbequemen, immerhin ganz „gemüthlichen“ Situation, nur logisch aus
der Erinnerung nachkonstruirt — Schwere, Tiefe
und Ernst seines Motivs keineswegs erschöpft. Halb
bewußt, halb unbewußt hatte er hier ein Zuviel,
dort ein Zuwenig gegeben … manchen Accent falsch
aufgesetzt … Lichter und Farben öfter etwas willkürlich vertheilt … Aber das ist ja schließlich unvermeidlich, tröstete sich Adam. Im Monolog wie im
Dialog ist die Anknüpfung und Fortführung der
Gedankenreihe eine mehr oder weniger zufällige …
von der Associationsgewohnheit des Individuums
abhängige … Nicht die innere Geschlossenheit und
logische Unantastbarkeit des Gefüges — vielmehr nur
die auftretende Masse und Fülle wirkt … das Pathos bedingt den Eindruck. Und wußte Adam auch,
daß er im Ganzen ohne Glanz und Schwung gesprochen
— so ohne all' und jeden Eindruck auf die beiden
Menschen, die, eine besondere, fremde, ihm mehr unsympathische, als sympathische Welt darstellend, ihm
da gegenübersaßen, — ohne all' und jeden Eindruck
auf sie glaubte er wohl doch nicht geblieben zu sein.

Aber welchen Eindruck hatte er denn eigentlich
erzielen … was hatte er bekämpfen … wofür hatte
er eintreten wollen? Adam mußte lächeln. Er
kam sich einen Augenblick fast wie ein Beamter einer
hochwohllöblichen Missionsgesellschaft vor. Doch …
zu Ruinen von der Zukunft predigen? Aber das
war ja eben das Komische. Und nun stieg es also
wieder wie Mittleid in ihm auf … wie Mittleid vor
Allem mit Hedwig, die verwelkte und verkümmerte …
und es so gar nicht verdiente. Und eine Art von
sentimental-cynischem Erlöserdrang kam über ihn …
und er beschloß, um dieses Leben, dieses arme,
verblühende Leben, für eine kleine Weile einen breiten,
goldenen Sonnengürtel zu legen … einen Sonnengürtel erheuchelter Liebe … Dann konnte die Kerze
ja langsam ausflackern, langsam verknisternd erlöschen. …

„ — Der Unterschied zwischen Ihnen und mir,“
begann jetzt Irmer, nachdem er sich ein Wenig
emporgerichtet und einmal tief aufgeathmet hatte,
„ist nur der, daß mein Resignationsstandpunkt mehr ein
intellektualer ist, der Ihrige dagegen nur einer des
Herzens, des Gefühls, des Willens —“

„— Das ist doch aber natürlich genug“, bemerkte
Adam entgegen — „Sie scheinen ganz zu vergessen,
Herr Doctor, daß die Entwicklung des Individuums
doch eine ausgemacht psychophysiologische ist! Das
Alter ist eben etwas total Anderes, als die Jugend
— sein specifisches Organ ist der Intellekt — Alter
und Jugend, deren specifisches Organ meinetwegen
das Herz ist, um mich der herkömmlichen Terminologie zu bedienen, verstehen sich im Grunde überhaupt nicht … kommen sich nur durch gewisse logische Schlüsse in Diesem und Jenem näher —
ebensowenig wie zum Beispiel der Kulturmensch
unserer Tage seinen Urururahn, ich meine die Sippschaft der sogenannten „ersten Menschen“, versteht
… der ersten Menschen, bei denen das Gefühl
jedenfalls auch das Primäre gewesen ist — das
Gefühl, welches, in den ersten sprachlichen Tastversuchen objectivirt, zur Ausbildung des Denkververmögens als eines Organes, wenn ich so sagen
darf, führte — was dann wiederum zurückwirkte
und in seinem Reagens zur Differenzirung der
Sprache Anlaß gab … Wenn es möglich wäre —
aus gesellschaftlichen und socialen Gründen ist es
eben unmöglich —: dann sollten Alter und Jugend
höchstens eine Partie Scat miteinander spielen, sich
aber um Gotteswillen nicht auf irgendwelche „tieferen“ Gespräche, auf „wesentliche“ Debatten, kurz!
auf einen intimeren Verkehr miteinander einlassen
— das ist ganz unfruchtbar und macht zumeist nur
böses Blut … wenn ich auch nicht verkenne, daß
sich Alles nur per Reibung entwickelt — und somit
das Alter ein ganz brauchbares — Feuerzeug für
die Jugend abgiebt … Aber mit dem Kultus des
Alters … mit dem Respect, der Ehrfurcht vor ihm
… mit der Rücksicht auf dasselbe — damit sollte doch
im Namen einer vernünftigen, keimkräftigen Zukunftsethik einmal gründlich aufgeräumt werden. Ruinen
studirt man nur — betet sie aber nicht an — —“

„Nun begreife ich allerdings Ihre erste Frage,
Herr Doctor, erst vollständig — die Seite, die Sie
eben berührten, hatte ich bisher ganz außer Acht gelassen —“

Adam fühlte sich von diesem Vorwurfe seines
Wirthes — denn als etwas Anderes konnten die
Worte kaum aufgefaßt werden — sehr unangenehm
berührt. Nun blickten ihn auch die ernsten, schweren
Augen Hedwigs fragend und zugleich bittend an.
War er zu weit gegangen —? Eine Reihe vererbter, sogenannter „Anstandsgefühle“ nahm von
ihm Beschlag. Aber er war einmal im Zuge. Und
er spürte, wie er lebendiger, wärmer, leidenschaftlicher geworden. Uebrigens — was wissen Herbst und
Winter eigentlich vom Frühling? Aber er — verkörperte er in seiner Natur nicht alle vier Jahreszeiten
zugleich? Und doch! Gab dieses Moment, wenn
es thatsächlich existirte, nicht einen Widerspruch zu
der von ihm Doctor Irmer gegenüber ausgesprochenen
Anschauung ab? Es nahm sich fast so aus. Nein!
Nein! Die Jugend war noch voll in ihm — und
was bedeutete denn seine phänomenalistische Betrachtungsweise, wenn sie hier nicht Stich hielt?

In einem Zuge trank Adam sein Bier aus.
Gedankenverloren spielte er mit den Fingern noch
an dem Henkel des Glaskruges herum. Hedwig
erhob sich, eine neue Füllung zu besorgen. Zufällig … wie zufällig berührten sich beider Hände.
Sie sahen sich an. Grüßte die Jugend die Jugend?
Sie wollten wenigstens beide jung sein. Das lag
in diesem tiefen, sich einbohrenden Blick, mit dem
sie umeinander warben. Ein diskreter Luftzug strich
zu den offenen Fenstern herein. Die Lampe flackerte
ein Wenig. Irmer lag wieder ganz zusammengesunken im Lehnstuhl und hatte die Augen geschlossen.
Adam fühlte sich von einem Schwarme heftiger, unklarer Gefühle bestürmt. Es ging auf zehn Uhr.

Langsam schlug Irmer seine Augen wieder auf
und blickte ausdruckslos vor sich hin.

„Willst Du Dich nicht lieber zurückziehen, Papa —?
Du bist schläfrig —“ fragte Hedwig.

Adam erhob sich und bekundete damit, daß er
sich empfehlen wollte.

„Na! der Wink mit dem Zaunpfahl war eigentlich überflüssig,“ knurrte er in sich hinein, natürlich
verstimmt von der Taktlosigkeit Hedwigs.

„Aber bitte, Herr Doctor —“ begann jetzt diese …
und brach dann jäh ab. Sie konnte Adam doch
unmöglich zum Bleiben auffordern. Der wußte nicht
recht, was er machen sollte —

„Ja! bitte, Herr Doctor — leisten Sie meiner
Tochter noch etwas Gesellschaft! Wenn Sie gestatten
— ich möchte allerdings doch lieber zu Bett gehen
— das ist so meine gewohnte Stunde — ich kann
ja nicht viel schlafen — der Husten — die Gedanken und manches … manches Fremde haben
Sie meinem alten Kopfe heute doch aufgegeben,
Herr Doctor … Es ist mir Vieles aus meiner
Jugend wieder eingefallen … ich hätte Ihnen auch
Dies und Das erwidern können — es ist zu spät …
zu spät für heute Abend … und wohl auch zu
spät — für immer … Ich muß der Jugend die
Arbeit überlassen … zu früh vom Leben gebrochen.
Auch Sie werden sich müde arbeiten … müde …
müde … Sie sind es ja jetzt schon, wie Sie sagen.
Aber arbeiten Sie sich Ihre Jugend erst tüchtig
herunter von Seele und Leib … und Sie kommen
schließlich zu mir zurück — vielleicht von einem
anderen Punkte aus — vielleicht auf einem anderen
Wege — aber gewiß zu demselben Ziele, zu dem
die Weisen aller Zeiten noch zurückgekommen sind.
Und nun leben Sie für heute wohl, Herr Doctor,
und schenken Sie mir recht bald wieder einmal die
Freude Ihres Besuches. Ich denke, wir haben noch
Mancherlei miteinander auszumachen …“

Hedwig führte ihren Vater, der mit Mühe einen
Hustenausbruch unterdrückte, hinaus. Adam war
allein. Er trat an's Fenster und legte sich weit
über die Brüstung. Die Nacht war schwül. Am
Himmel ein einförmiges Wolkengewirr … schwere,
blauschwarze Massen. Es schlug zehn Uhr. Mechanisch zählte Adam die sonor widerhallenden Schläge.
Und er wußte, daß er die Entscheidung über ein
Frauenschicksal in der Hand hielt. Das schmeichelte
ihm … das machte ihn ein Wenig eitel … ein
Wenig stolz — und doch zugleich merkwürdig ängstlich und beklommen. Er brütete eine Weile vor
sich hin, in die schwarze, schweigende Nacht hinein.
Da fühlte er einen leisen Luftzug seinen Hals bestreichen. Hedwig war wieder eingetreten. Er
wandte sich um. — Mochten die Würfel denn
fallen. —

„Ich habe Ihrem Herrn Vater doch nicht weh gethan vorhin, mein gnädiges Fräulein? Ich war einige
Male allerdings ziemlich offen und geradezu — —“

„Ach bitte, Herr Doctor! Uebrigens … sagten
Sie nicht selbst, daß es keine Brücke zwischen dem
Alter und der Jugend gebe — da mußten Sie
doch offen und geradezu sein — nicht …?“

„Sie zürnen mir doch, mein Fräulein … Ich
höre es aus Ihren Worten heraus — ich bedauere sehr — aber Geschichten, die Einem am
Herzen liegen … und die Einem so sonnenklar sind
— und die doch — — aber — — und dann
nimmt man ja immer nur ein winziges Moment
aus der ungeheuren Fülle der Gegensatzmotive
heraus — gerade das Moment, auf welches man
durch eine, allerdings nur scheinbar zufällige Ideenassociation trifft — so macht sich dem überall eine
gewisse Willkür breit — eine Willkür, die aber
andrerseits auch wiederum das Leben in allen
seinen Aeußerungen bunter und reizvoller stimmt.
Leider giebt es Naturen, welche das Bewußtsein,
daß Alles in der Welt nur successiv und Nichts
simultan geschieht, einfach wahnsinnig machen kann.
Vielleicht gehöre ich zu diesen Naturen. Man hat
sich für ein Moment entscheiden müssen — man
nimmt es heraus — tausend andere drängen nach
— die nächsten hat man schon in's Auge gefaßt —
das erste ist bewältigt — man will zum zweiten,
das Einem schon entgegenblitzt, greifen — und trifft
auf ein ganz fremdes —: die Kombination ist unterweilen eben eine völlig andere geworden. Das ist
Tragik. Es läßt sich nichts in der Welt ganz
erfassen — nichts erschöpfen …“

Eine kleine Pause entstand. Hedwig lehnte am
Tische und nestelte gedankenversponnen an ihrem
Garnknäuel herum. Auch Adam war an den Tisch
getreten. Er sah dem Spiel ihrer weißen Finger
zu. Bunte Gedanken flogen durch seine Brust.

Und ein bezwingendes Träumen kam über ihn …
ein bezwingendes Träumen, das doch zugleich ein
helles und klares Wachen war. Und es ergriff
ihn, zu diesem Weibe zwanglos von dem zu reden,
was ihn erfüllte … zwanglos, so wie es in ihm
aufstieg und von ihm sich löste. Närrisch dünkten
ihn die Schranken, die sich die Menschen zwischen
einander aufbauen. Mit einem leisen Fingerdruck
stieß er sie nieder. Und er sprach zu dem Weibe,
das neben ihm stand —:

„Nicht, Hedwig, so sind wir zwei Kinder derselben Generation. Und wir müßten uns doch eigentlich recht gut verstehen. Eine Fülle gleichartiger
Zeitkeime hat Dich und mich befruchtet. Und doch
sind wir so sehr entfernt von einander. Ich
stehe ja viel mehr im fließenden Leben, als
Du. Deine Heimath ist enger — ich habe im
Grunde keine Heimath mehr. So sollte ich keine
Schranken spüren … und spüre und finde allenthalben doch nur — Schranken. Das ist ein Widerspruch, an dem ich noch zu Grunde gehe. Das
Leben ist so wahnsinnig komplicirt. Und doch hat
Jeder, der sich nur ein Bissel in's allgemeine Daseinsgetriebe hineindenkt, das Gefühl, als müßte
Alles ungeheuer einfach sein. Und — ja! — ja!
— es wäre in Wirklichkeit auch Alles ungeheuer
einfach — wenn es nur Menschen auf der Welt
gäbe … und nicht Zweibeinler, die ihr Menschenthum in die Zwangsjacke einschnürender Formen und
Vorurtheile versteckten … Du bist am Morgen vom
langen Schlafe aufgewacht und sinnst nach, welche
Träume Dir in der Nacht erschienen waren. Die
Erinnerung ist schroff und widerspenstig — und Du
findest keine Anknüpfung. Der Tag nimmt von Dir
Beschlag … und er zwingt Dich ganz in seinen
engen und doch so weiten Kreis hinein. Da plötzlich
löst ein zufälliges Bild, das sich Dir vor's Auge
schiebt im hellen Spiele der Tagesdinge, die Erinnerung an eine Traumscene aus … und sie fliegt
an Dir vorüber … langsam und doch zu schnell.
Bald ist sie wieder aufgeschluckt von dem fließenden
Wirrwarrwandel der Tagesdinge. Auch die Seele
hat einmal von der Einfachheit und der Freiheit
des Lebens geträumt. Aber dann kam das Leben
selbst und löschte mit seinem bunten Zuviel alle
diese vagen Träume aus. Nur manchmal flattert
noch ein verlorener Traumfetzen durch Deine Welt
der wirklichen Dinge und mahnt Dich an einstige
Sehnsuchten, Hoffnungen, Erwartungen, an einstige
Gewißheiten. Merkwürdig verstören diese Erinnerungen und stärken doch zugleich. Schmerzlich gebären sie Ideale … oder erneuern, vervollkommnen
verblichene wieder und verkümmerte. Wie ein metaphysisches Erzittern feinsten, sublimsten Nervenlebens ist es in Dir … wie ein Erzittern, das
aber immer weitere Kreise schlägt und immermehr
hinein in den Fluthspiegel der realen Welt. So
wird man wieder zum bewußten Kämpfer,
wo man vorher nur unfreiwilliger Arbeiter gewesen war. Der, den sich die Welt unterworfen
hatte, hat nun die Welt sich unterworfen. Und die
Zeit ist wahrhaftig dazu angethan, daß man ein
Kämpfer in ihr ist! Wie oft habe ich sie schon
packen wollen in ihrem innersten Nerv — diese
merkwürdige Zeit — unsere Zeit! Es gelingt
mir nicht. Indizienkrumen sammeln … Brocken
… Steinchen … Steinchen auf Steinchen kleben —
das kann ich nicht. Von ihren großen Strömungen
lasse ich mich gar gern ergreifen. Vieles … zu
Vieles darf … muß hier an uns rühren. Es
gilt Mancherlei gutzumachen und noch Mehr auszugleichen. Die moderne Wissenschaft ist für einen
ästhetisch … für einen künstlerisch veranlagten Geist
ein Ungeheuer. Sie fordert stille, dauernde Arbeit
… ein stetes Bemühtsein … ein Wachbleiben durch
viele einsame Nächte hindurch und immer erfrischte
Geduld. Wo sollen wir da hin mit unserem bis
in's Feinste nüancirten Stimmungsleben … mit
unseren stürmischen Affekten … mit den großen und
kleinen — mit den ganzen und halben Wünschen
unseres Blutes? Und unser Auge liebt noch viel
zu sehr das Sehen nach innen … und ist noch so
ungeschickt im scharfen Erfassen der Außendinge, die
doch jetzt so sehr alle Welt beschäftigen und so diktatorisch Respekt verlangen. Wir müssen die klare
Linienwelt der Antike und die verschwommene
Flächenwelt der Romantik mit ihren kosmischen
Verallgemeinerungen und ihren radicalen Principien
schon hinter uns lassen … und müssen uns schon
bemühen, mit der nüchternen Korrektheit des Psychologen den Objecten auf den Leib zu rücken. Das
wird uns vorwiegend ästhetisch angelegten Naturen
recht … recht schwer werden — aber das einzige
Heil für uns wird es doch wohl sein. In diesem
Sinne müssen wir uns unsere Zeit analytisch zu
unterwerfen suchen. In diesem Sinne müssen wir
an ihre großen Probleme herantreten. Gewaltiges
bereitet sich vor … eine neue Zeit liegt in den
Geburtswehen. Wo sind die unglücklichen Opfer,
die jede Uebergangsepoche fordert? Wir sind es,
hier sind sie. All' unser Wünschen und Wollen gehört der Zukunft — wenigstens in unseren besten
und größten Stunden — aber unserem Können
giebt Richtung und Ziel so oft nur die ererbte
Vergangenheit. In diesem Zwiespalt werden wir
an uns irre, zweifeln … verzweifeln wir hundert
und tausend Mal … und kommen schließlich dazu,
einen schrankenlosen Individualismus zu kultiviren,
einen Individualismus, der im Grunde doch nur ein
verunglückter, versetzter Sozialismus ist … der aber
zugleich die dumme Angewohnheit hat, daß er uns
zerfleischt, aushöhlt, entnervt … Aber wir fühlen
so tief und sehen so scharf gerade in den Stunden,
wo wir spüren, daß Alles in uns auseinanderreißt
und aufbricht — und alle Irrthümer, Widersprüche
und Vorurtheile der Welt erkennen wir nie klarer
und bedauern wir nie aufrichtiger, als gerade in
diesen Stunden, wo die innere Zerklüftung am heftigsten brennt. Da sind wir zugleich Besiegte und
Kämpfer — Kämpfer mit Siegeshoffnungen und Anwartschaften auf Zukunftstriumphe. Nun ja! Wir
werden unter unsäglichen Schmerzen zwischen dem
Alten und dem Neuen hin- und hergezerrt … aber
wir denken in diesen schweren Stunden doch darüber
nach, wie wir das Kommende am Schärfsten erfassen
… wie wir das „Moderne“ erschöpfend definiren
— und wir erstaunen freudig über die Fülle der
uns zuströmenden Begriffe, die im Wörterbuche der
Zukunft einen anderen Werth, einen anderen Inhalt,
eine andere Erklärung besitzen werden. Und sind
uns auch nur Mosesblicke vorbehalten — wir
glauben an das Germanenthum, das seine höchste
Mission: die Ueberwindung und Knechtung des
semitischen Geistes, erfüllen wird — mag dann
nachher der Konflikt zwischen germanischem Nationalismus und europäischem Internationalismus gelöst
werden … Allerdings! ein Bedenken dürfen wir
nicht verschweigen: vielleicht kann der semitische Geist
in seinen Wurzeln nur durch die gewaltsamen Expropriationsakte der Zukunftsdemokratie ausgerodet
und ausgerottet werden. Ohne jene Gewaltakte wird
es aber überhaupt nicht abgehen, wenn einmal der
Versuch gemacht wird, einige allzu hagebüchene Unterschiede auszugleichen, einige allzu freche Ungerechtigkeiten zu sühnen. Und dieser Versuch wird
allem Anschein nach gemacht werden müssen. Am
Ende dieses Jahrhunderts — wie wird es da in
Europa aussehen? Eins ist jedenfalls gewiß: eine
ganz ansehnliche, gar nicht so minorenne Menge irriger
Anschauungen und eingewurzelter Vorurtheile wird
dann beseitigt sein. Z. B. die von gewissen Zöpfen
und Perrücken heute noch mit sperrangelweit aufklaffenden Mäulern beanstandeten „materialistischen“
Auffassungen in puncto der Beurtheilung von sogenannten „Verbrechern“ — überhaupt von allen „Gesetzesübertretern“ — sie werden natürliches Gemeingut Aller geworden sein. Die Aera der seelischen Vertiefung und Erkenntniß — des psychologischen
Verständnisses wird gekommen sein. Die
Märchen vom „freien Willen,“ von „persönlicher
Schuld“, von „persönlicher Verantwortung“ — sie hat
ein freier und klarer und gegenständlicher denkendes
Geschlecht in die Rumpelkammer der Vergangenheit
geworfen. Oh! Es könnte immerhin eine Lust
sein, in dieser neuen Epoche zu leben! … in dieser
Zeit, wo auch die Schranken zwischen den beiden
Geschlechtern gefallen sein werden — diese dummen,
einfältigen, nichtswürdigen Schranken, die jeden natürlichen, naiven Verkehr zwischen Mann und Weib
unmöglich machen … Das wiedergeborene germanische Grundgefühl wird das barbarisch unappetitliche, über Alles ekelhafte Verhüllen und Verschweigen,
das in der christlich-semitischen Auffassung der Sinnlichkeit die Hauptrolle spielt, als brutal unsittlich
erkannt und zurückgewiesen haben. Es wird —
verzeihen Sie, liebe Hedwig, meine Offenheit …
und lächeln Sie zugleich — — nein! wenden Sie
sich nicht ab und erröthen Sie nicht! — beschämen
Sie mich vielmehr und lächeln Sie darüber, daß
ich Sie um Entschuldigung bitte … als hätte ich
das Gefühl … das Bewußtsein — was ich leider,
offen gesagt, auch habe — daß ich hier ein „unanständiges,“ „heikles“ Thema berühre, wo ich doch
nur von den natürlichsten Dingen der Welt spreche!
— also — aber was wollte ich sagen —? ja —!
es wird — es wird — nein! es wird dann keine
„verbotenen Genüsse“ — keine heimlich großgezogene, versteckte Lüsternheit — keine — also …
ich darf ganz offen sein —? keine künstlich gezüchtete
Selbstbefriedigung mehr geben … Unendlich Viele
Ihres Geschlechts werden von den scheußlichsten, unerträglichsten Qualen befreit sein — und unendlich
Vielen meines Geschlechts wird der Gang durch die
… die … also durch die Bordelle erspart bleiben —
durch diese zweifelhaften „Rosenhage“, welche bis dato
Generation auf Generation absolviren mußte. Von
dem furchtbaren Drucke, den uns die so grausam unnatürlichen Verhältnisse unserer Zeit auf die Brust
gewälzt, haben diese Menschen der Zukunft aufathmen
dürfen. In dem klaren Erkennen der Natur, welche
die Geschlechter zueinander zwingt, werden sie die
Gesetze ihres Lebens natürlich einrichten und gestalten …“

Adam brach ab. Hedwig hatte ihren Platz am
Tische, den sie bis dahin unverändert innebehalten,
bei der letzten Wendung, die Adam's buntförmige
Rede genommen, verlassen und war an das offene
Fenster getreten. Sie stützte die rechte Hand auf
den Schreibtisch ihres Vaters.

Adam fühlte sich doch ein Bissel beklemmt. Er
bereute fast seine Offenheit … er konnte jetzt seine
Kühnheit kaum begreifen … er ärgerte sich über
sich und zugleich über Hedwigs Prüderie. Sie verstand ihn also doch nicht. Aber er — verstand er
sich denn noch in diesem Augenblick? Und doch hätte
er noch so Manches auf dem Herzen gehabt und sehr
gern noch eine kleine Weile weiterdozirt, wie er sein
breitspuriges, allerdings sehr doktrinäres Schwatzen
und Salbadern im Stillen titulirte. Und nun wurde
es ihm wieder zu Sinn, als wäre Hedwig weniger
prüde gewesen, als wäre sie vielmehr von einem
halb ehrlichen, halb sentimentalen Mitleid mit sich
selber ergriffen worden. Das stimmte ihn weich,
zärtlich, hingebend und verlangend — und er trat zu
dem Weibe, dem er einen Augenblick früher wiederum
fast fremd gegenübergestanden hatte, ans Fenster —
ein dunkles Wollen und Müssen in der Brust. Adam
trat dicht an Hedwig heran und flüsterte ihr leise zu,
den Nachdruck der Innigkeit und Ergriffenheit in der
Stimme: „Habe ich Dir wehgethan, Hedwig? Sei
mir nicht böse —“

Hedwig hatte die linke Hand über die Augen
gelegt. Den Kopf hielt sie gebeugt. Ein leises,
verhaltenes Schluchzen ging jetzt von ihr aus. Adam
athmete schwer auf.

Draußen lag die Nacht … die letzte Mainacht … ruhig, schwarz. Nur ein nervöses Erzittern der Schwüle prickelte zuweilen durch die
Luft.

Adam Mensch verspürte sich wieder einmal ganz
im Zwange seiner Stimmung. Wie ein unendliches Mitleid mit sich selber ergriff es auch ihn.
Unklare, halbfertige Sinnlichkeitsaffekte lösten sich
in ihm aus. Diese nächtige Schwüle bedrückte ihn.
Dieses schluchzende Weib quälte ihn … und beglückte ihn doch zugleich unsäglich. Eine schicksalsmächtige, fanatische Nothwendigkeit bändigte ihn jetzt
zu Hedwig hin. Aber nein! Er durfte sich nicht
überwältigen lassen. Er dachte an Lydia, er dachte
an Emmy. Ach! es ekelte ihn vor sich. Das war
ein wüstes, wahnwitziges Hin- und Herirren von
Einer zur Anderen … ein verzehrendes Suchen
ohne eigentliche Absicht zu finden — zu finden, um
dann fest- … festzuhalten. Und doch: hatte er nicht
schon tausend Mal die Sünden bereut, die er nicht
gethan? Er hatte Gewalt über dieses Weib. Es war
in seiner Hand. Und er lechzte nach — wonach?
Nach den sogenannten „Freuden“, den „Amusements“
der Liebe? Das nun weniger. Jedoch! Er unterlag. Er mußte nachgeben. Er mußte das an sich
reißen, was ihm den Weg kreuzte und sich ihm zuwandte. Er konnte ja auch gar nichts Gescheiteres thun.
Und er nahm dem weinenden Weibe die Hand von
den Augen und raunte ihm zu: „Ich habe Dich
sehr lieb, Hedwig … weine nicht! … Wir gehören doch zusammen! Komm!“

„Adam!“ sträubte sich Hedwig.

„Hast Du mich denn nicht ein Wenig lieb —?“

Die Worte waren leise, langsam, flehend gesprochen,
eine große Traurigkeit und Bekümmerniß verrathend
… und wie eine schwere Enttäuschung zugleich.

Hedwig stand da, den Kopf gesenkt, ihre Hände
lagen auf dem Fensterbrett.

Und Adam nahm diese kleinen, mageren, blaßgelben Hände und zog an ihnen das Weib, das er
liebte, an seine Brust. Und er berauschte es mit
glühenden, stechenden Küssen. Die Lippen wollten
nicht von einander lassen, und es war, als wollten
sich die Beiden gegenseitig das Leben aussaugen
und auftrinken.

Adam war es sehr mild und weich zu Sinn.
Er hatte eine gute That vollbracht. Er hatte diesem
armen, eintönigen, farblosen Dasein ein großes Erlebniß, eine große seelische Erschütterung gegeben.

Hedwigs Arme umschlangen seinen Hals. Eine
unendliche Hingebung und Zärtlichkeit sprach und
bat aus ihren verthränten Augen.

„Nun haben wir uns doch gefunden —“ flüsterte
sie und legte den Kopf an Adams Brust, als schämte
sie sich ihrer Worte … als wollte sie sich vor sich
selber verstecken.

„Jawohl!“ antwortete Adam sehr laut und
lächelte eine Stecknadel lang spöttisch. Das kleine
Weib war doch eigentlich etwas zu sentimental.

Langsam lockerten sich Hedwigs Arme. Der Herr
Doctor verstand. Hm! So leicht zu verletzen? Aber
da packte ihn auch wieder die Leidenschaft — und
von Neuem riß er das Liebste, was er zu dieser
Frist auf der Welt besaß, an sich und erstickte es
fast mit seinen Küssen und Umarmungen.

„Mein Weib! Mein süßes, einziges Weib!“
stieß er gepreßt hervor und zwang Hedwig mit
Ueberkraft zu sich heran … bis ihnen der Athem
abriß und sie langsam von einander lassen mußten.

Nun standen sie neben einander und sahen in
die Nacht hinaus, die ruhig, schwarz, schwül zwischen
Himmel und Erde hing.

„Was soll mit uns werden, Adam —?“ kam
es nach einer kleinen Weile leise von Hedwigs
Lippen.

Adam antwortete nicht sogleich. Wußte er denn
etwa selbst, was mit ihnen werden sollte?

„Du antwortest nicht —“ begann Hedwig wieder.
Mühsam unterdrücktes Aufschluchzen gab ihrer Stimme
etwas Hartes, Rauhes, Gezacktes.

„Was mit uns werden soll, mein Lieb? Aber
wir wissen doch, daß wir zu einander gehören! Ist
das vorläufig nicht genug? Wollen wir uns die
Schönheit und Größe dieser Stunde durch kleinliche,
philiströse und trivial-prosaische Erwägungen stören
lassen? Zwei Lebensläufte sind nun zusammengeflossen
und haben eine Richtung erhalten … und ein
Ziel … Und … nun ja! — aber wirklich, meine
Liebe — laß das jetzt — ja? Wir sehen und sprechen
… und … küssen uns ja nun alle Tage … und da
werden wir wohl gelegentlich schon 'mal eine Stunde
finden, wo wir so einfältig und nüchtern und … und
so kalt und trocken sind, daß wir auch einige unvermeidliche praktische Fragen erledigen können. Komm,
mein Lieb — gieb mir jetzt lieber noch einen recht
herzigen Kuß —!“

Hedwig trat einen Schritt zurück und wehrte
sanft ab. „Das ist es nicht, Adam, was ich meine
— das nicht. Wir müssen tiefer gehen. Ich weiß:
Du fühlst den Zwiespalt ebenso gut, wie ich …
und willst ihn Dir wohl jetzt nur nicht eingestehen.
Du weißt ebenso gut, wie ich, was uns trennt …
was uns immer trennen wird. Deine jähe Leidenschaftlichkeit hat mich besiegt — ich habe Dir nachgegeben. Es war ja auch nicht so schwer, mich zu
besiegen. Denn ich habe Dich nicht minder liebgewonnen, Adam. Zuerst — ja! — da hast Du
mich abgestoßen … Du hast doch öfter mein Feingefühl sehr beleidigt. Trotzdem habe ich mich seit
jenem Abend bei Quöck stärker und tiefer für Dich
interessiren müssen. Ich ahnte zuerst … und
nachher wurde es mir immer klarer, daß wir
manches Gemeinsame besäßen. Eine unglückliche
Natur bist Du … wie ich es bin. Ich kann Dir
in Vielem sehr gut und sehr fein nachfühlen, Adam.
Ich verstehe Dich vielleicht besser, als Du Dich selbst
verstehst — jedenfalls ebenso gut. Nur hätte ich
tapferer Dir gegenüber sein sollen. Ich hätte Dich
um jeden Preis abweisen müssen, Dein Werben und
Betheuern nur für das nehmen sollen, was es in Wirklichkeit allein ist: ein Produkt Deiner Stimmung,
die morgen wieder eine ganz andere sein kann —
ja! — sicher eine ganz andere ist, als sie es
heute gewesen. Nein! Bitte, lieber Adam! unterbrich mich jetzt nicht — laß mich einmal ausreden.
Aber ich habe doch nicht widerstehen können. Das
Jahrelang verleugnete Weib in mir konnte sich
nicht länger verleugnen. Ich fühlte noch zu heftige
Jugendbedürfnisse in mir … und fühle sie noch.
Du kannst jetzt mit mir machen, was Du willst,
Adam. Ich sage Dir das ganz offen. Und nicht
etwa, um Dich um Schonung zu bitten. Mein
Schicksal liegt in Deiner Hand. Ach! Das unnatürlich Niedergezwungene sprengt ja mit einem
Rucke seine Ketten, wenn man sie ihm nur ein
Wenig lockert. Alle philosophischen Erziehungsversuche
meines Vaters sind vergeblich gewesen. Das Blut
meiner Mutter — das sagt Alles. Ich bin nicht zu
dem Frieden gekommen, den mir mein Vater gegeben
zu haben glaubt. Ich verbarg und versteckte die
letzten Funken meiner Jugend vor ihm — die letzten
Funken, die Du angefacht hast, Adam. Es war
ja nicht schwer, sie vor dem alten Manne zu verheimlichen. Er lebt ja nur in seiner Welt — und
unsere engen, kargen, farblosen Verhältnisse brachten
es mit sich, daß ich äußerlich ruhig und ernst und
zufrieden erscheinen konnte. Und doch — und doch
— Adam — trotz alledem habe ich das Gefühl,
daß ich zu welk und zu alt bin für Dich. Laß die
letzten Flammen erstorben sein — und ich falle ganz
zusammen. Das traurige, eintönige Leben, das ich
seit Jahren habe führen müssen und das …
wenigstens anfangs … dem innersten Grundzuge
meiner Natur ganz entgegengesetzt war — mit der
Zeit paßt man sich eben mehr und mehr an —
dieses Leben konnte nicht ohne abtödtende Einflüsse
auf mich bleiben. Ich bin nur ein Schatten noch von
dem, was ich einst war. Ich gehe durch die Welt …
durch die reale Welt der Sinne wie im Traume …
wie eine Nachtwandlerin … ich habe kaum Fühlung
mit dem, was die Zeit bewegt. Nur ein dunkles Ahnen
… ein gewisser Instinkt sagt mir noch Manches. Ich
bin vielleicht keine verlorene Seele, aber sicher eine
verlegene … eine verwelkende und verkümmernde.
Das ist Alles, Alles so traurig — so unsäglich
traurig. Nun ich mich an Dir messen kann, fühle
ich meine Kraftlosigkeit doppelt. Aber auch Du,
Adam — auch Du bist nicht gesund — ich meine:
bist nicht so, wie die Anderen — wie die Mehrzahl
— die Masse. Robustes und Dickhäutiges — nein!
das hast Du gar nicht. Du bist viel zu fein
und zart organisirt, um Dich in dieser rauhen
Zeit so behaupten zu können, wie Du es wohl verdientest. Wenn Du wirken … noch wirken willst —
wenn Du noch mit Deinen Kräften für jene Ideale
eintreten willst, die Du vorhin erwähntest, muß Dir
die Sonne scheinen … mußt Du in die volle, warme
Mittagssonne gehen. Bei mir findest Du nur Schatten.
Wir beide zusammen — wir empfänden die Schwere
und Reizbarkeit unserer Naturen nur doppelt scharf
— wir wären nur doppelt unglücklich. An einer
endlosen Kette unerträglichen Elends würden wir
zu schleppen haben. Mit mir kannst Du Deine Kräfte
nicht flüssig machen. Ich stehe dem Leben zu skeptisch
gegenüber, obwohl ich es fast gar nicht kenne. Meine
Zweifel würden auf Dich fallen … würden Dich
hemmen, wenn Du einmal Deine eigenen glücklich
vergessen hättest. Um für Deine Ideale eintreten zu
können, mußt Du mit neuen Illusionen rechnen
dürfen. Das ist mir sehr klar. Und um Dir diese
Illusionen zu schaffen, bedarfst Du der Fülle, des
Glanzes, des Reichthums, der Dich aller kleinlichen
Alltagssorgen überhebt und Dir die gröbsten Reibungen des Lebens beseitigt. Wenn Du nicht in
den Besitz von Gold, von Mitteln kommst, gehst Du
unter. Ohne diese stärkste Waffe im Leben verblutest Du vor der Zeit. Nun sieh: wir beide —
Du und ich — und ich mittellos, wie Du — wir
beide mit unseren müden Herzen und müden Sinnen
… mit unseren feineren, aristokratischen, differenzirten Naturen — wir sollten uns nun ordinär
wie zwei gewöhnliche Arbeiter ums tägliche Brot
abplagen, damit wir überhaupt nur leben könnten?
Es ist zu viel Schatten um mich, Adam — zu viel.
Gar keine Sonne — gar keine. Der Kampf würde
uns aufreiben … würde uns mit seinen Faustschlägen
und Nadelstichen zu Tode martern. Und dann: ich
kann meinen armen, hülflosen Vater auch nicht verlassen. Ich bin gebunden. Verkehren — ja! vielleicht
können wir in Zukunft öfter … und intimer mit
einander verkehren — und es ergiebt sich vielleicht
auch manches Gute aus diesem zeitweiligen Verkehr.
Und das Letzte, Adam — der letzte und schwerste
und triftigste — wenigstens vor der Welt triftigste
Grund, warum ich Dir nicht angehören kann: ich
bin nicht die mehr, für die Du mich wohl bisher
gehalten hast — ich habe — o Gott! — ich habe
auch schon eine — Vergangenheit …“

Adam hatte die Auseinandersetzung Hedwigs
schweigend angehört. Er hatte sie einige Male
unterbrechen wollen, auf ihre Bitten aber immer
wieder an sich gehalten. Ja! Gewiß! Sie hatte
in Vielem … wohl schließlich in Allem Recht — er
mußte ihr beistimmen, wenn er ehrlich gegen sie und
gegen sich selber sein wollte. Nur — nur mit der
Erwähnung ihrer „Vergangenheit“ — was hatte sie
denn damit sagen wollen? Ihre Schlußworte hatten
ihn doch frappirt. Eh bien — eine „Vergangenheit“ — eine „Vergangenheit“ hat schließlich Jeder
… und es ist immerhin besser, eine hinter sich, als
eine vor sich zu haben … Aber … aber es ist doch …
doch immerhin mißlich für einen Mann, wenn eine
Frau, mit welcher er verkehrt — und die er … die er
also liebt — wenn eine solche Frau eine „Vergangenheit“ hat. Das kann unter Umständen sehr weh thun.
Aber es ist eigentlich zu dumm … zu dumm … Sitzen
denn diese verfluchten Vorurtheile so fest — sind sie so
eingewurzelt — so die ganze Natur durchtränkend und
überklettend vererbt? Entsetzlich ist dieser Zwang des
Gewesenen — und lächerlich — über alle Begriffe
lächerlich dazu! Und doch — — und doch — — ach!
Wer hat schon gegen das „ewig Gestrige,“ das allem
Geborenen eingeimpft wird, mit Erfolg gekämpft —?

Adam athmete schwer. Er wollte einen leichten,
lustigen, burschikosen Ton anschlagen, aber es gelang
ihm nicht.

„Eine Vergangenheit —?“ fragte er ebenso leise,
wie Hedwig ihre letzten Worte geflüstert hatte.

„Ja! —“

„Aber zum Teufel —“ nun brach der Grimm
über seine altehrwürdige Auffassung bei Adam
doch durch — „aber zum Teufel, mein Lieb, —
was geht mich denn Deine sogenannte ‚Vergangenheit‘ an? Oder glaubst Du etwa, ich hätte keine ‚Vergangenheit‘? Da irrtest Du Dich doch gewaltig —“

„Du bist auch ein Mann, Adam — aber
ich —“

„Ach so? Na! das ist wieder einmal die bewußte alte, aber Gott sei's geklagt! ewig neue Geschichte! Dir ist verwehrt, was mir erlaubt ist? —
Hm! das kann vielleicht eine Formel aus dem
‚Guten Tone‘ — oder ein lobesamer Passus in
dem Moralexercitium eines philosophasternden Theologen sein — aber vernünftig ist dieser ekelhafte
Gemeinplatz — diese abgedroschene Trivialität beileibe
nicht — und zwei Menschen wie Du und ich sollten
sich am Allerwenigsten von dieser capitalen Dummheit
irre machen lassen. Habe ich nicht Recht —?“

„Vielleicht, Adam — aber — —“

„Aber? Ihr Weiber seid doch Alle über einen
Leisten! Und meine Hedwig ist um kein Haar
klüger … denkt um kein Haar freier, als die ganze
andere Gesellschaft! Nur so weiter, mein Lieb!
Da wirst Du schon ganz ‚vernünftig‘ werden mit
der Zeit — paß 'mal auf —“

„Adam! —“

„Nun ja! . Oder hätte ich Unrecht? Ich wüßte
nicht … Wenn das am grünen Holz geschieht — —“

„Adam! …“

„Pardon! ‚Grünes Holz‘ — — ich werde
unangenehm — ich werde boshaft — verzeih, mein
Lieb! Aber im Unrecht bist Du doch. Ich hätte …
wahrhaftig! ich hätte Lust, Dir 'mal einige pikante
Geständnisse zu machen — weißt Du: ‚pikant‘ hinsichtlich — — —“

„Nein! — Nein, Adam! —“

„Nicht? Aber warum denn nicht? Nun erst
recht! … Ich sehe: man muß auch Dich noch erziehen, Hedwig — Dein Vater — —“

„Ich ertrage es nicht, Adam — sei still! .
bitte! … Ja? …“

„Nun — wenn Du absolut willst — — aber
sage mir nur — —“

„Ich habe Dich so unendlich lieb, Adam —
und — und — —“

„Nun — und? Und, Hedwig —?“

„Wenn — wenn — — ach, Adam — laß
mich doch! … laß mich! —“

„Ich verstehe Dich nicht —“

„Nun denn: Wenn Deine Vergangenheit in die
— Gegenwart eingriffe — — Adam! — ich ertrüge es nicht! . Nein! ich ertrüge es nicht. Ich bin
nur ein Weib — nur ein Weib, was Dich — —“

„Aha! . Daher weht der Wind? Verzeih',
daß ich brutal bin, mein Kind! . Da scheint doch
eine Radicalcur sehr nothwendig zu sein — also —“

„Adam! —“

„Nun? .“

„Du liebst mich nicht! —“

„Sei ohne Sorge, Hedwig! Ich habe immer
schöne Formen … und … und eigenartige Charaktere
… und … und seltsame Schicksale geliebt — immer,
Hedwig! —“

„Du bist furchtbar, Adam! —“

„Furchtbar? Warum? —“

„Du bist jetzt so ganz anders, als vorher —“

„Oder Du … aber —“

Adam unterbrach sich und wandte sich ab. Er
legte sich weit über die Fensterbrüstung, sah auf die
stille Straße hinab — nur ein welliges Wipfelrauschen summte von den Linden, die da unten
standen, herauf — und blickte empor zum Himmel.
Im Nordosten hatten sich die Wolken zu schwarzen, gewaltigen Polstern zusammengeknäuelt. Die Luft war
fast noch heißer und schwüler geworden. Adam
athmete tief auf. Ein Reichthum verhalten brennender
Gefühle stand in seiner Seele. Er hätte so gern an
harmloseren Fäden seiner Vergangenheit angeknüpft.
Die Gegenwart zerschnürte ihn fast mit ihren Unklarheiten, mit ihren verschwommen, zerrissen aufgurgelnden Geräuschen. Nein! Nein! Das drängte sich
Alles zu dicht an ihn heran! Er sah sich um. Er sah
diesen engen, frugalen Raum, der eng und frugal
blieb, ob ihn auch das gedämpfte Licht der Lampe
anheimelnder stimmte — — er sah dieses Weib an
seiner Seite — dieses schluchzende Weib, das ihn
mit seiner thörichten Liebe quälte — — es war
unerträglich! Ein Gedanke befiel ihn.

„Hedwig! —“

Und nun noch einmal, aber in leiserem, ernsterem,
bittendem Tone:

„Hedwig! —“

Die Angerufene richtete langsam den Kopf in
die Höhe.

„Ich will Dir einen Vorschlag machen. Es ist
so heiß und so eng hier. Komm! Laß uns noch
ein Wenig hinausgehen! Draußen … draußen wird
uns freier werden — ich ersticke hier fast … und
wir haben wohl noch so Manches miteinander zu
reden, mein Lieb! … Komm! Ja —?“

„Aber, Adam —!“ Hedwig wischte sich mit ihrem
Taschentuche die Thränen aus den Augen und trocknete sich die Stirn. Nun nestelte sie mit den Händen
an ihrem Haar herum und sah Adam erschrocken an.

„Nun ja! … Erscheint Dir mein Vorschlag so
ungeheuerlich? Mein Gott! Es ist doch weiter
nichts dabei! Wir gehen nachher noch in 'n Café
— ich muß noch andere Menschen sehen … muß
auf andere Gedanken kommen — 'n bissel fremdes
Leben um mich spüren — 'n Glas Absynth trinken
— 'ne gute Cigarre rauchen — — und ich dächte:
auch Dir thäte eine Abwechslung wohl … Also
komm! Ja —?“

„Um diese Stunde, Adam —!“

„Es ist eben erst Zwölf. Und dann — — ich
weiß nicht — Du bist doch in meiner Gesellschaft!
Da kann Dir doch weiter Nichts passiren … In
ein Nachtcafé zu gehen — nun ja! es mag für
eine Dame, wie für Dich, liebe Hedwig, vielleicht
nicht gerade, wie man sagt: ‚anständig‘ sein — aber
ich sollte doch meinen: diese dummen Philisterflausen
hätten für Dich weiter keine Geltung! Ich würde
es wenigstens sehr bedauern, wenn Du noch in All'
und Jedem mit den verbohrten Anschauungen der
alten Generation rechnetest. Also bitte —!“

„Ich kann doch meinen Vater nicht allein
lassen — —“

„Der wird jedenfalls schlafen — und wenn er
irgend welcher Hülfe bedarf — er kann ja das
Mädchen rufen —“

„Aber was würde Papa sagen —“

„Immer neue Bedenken! Ihr Weiber habt das
Talent, am allererbärmlichsten Sandkorn festzurennen,
wenn es Euch gerade 'mal in den Kram paßt!
Bist Du denn um gar nichts anders, als die Andern, Hedwig —?“

„Nein, Adam —“

„Nicht? Das ist allerdings sehr schlimm —!“

„Ich meine — Du mißverstehst mich —“

„Na! Wohl kaum —“

„Und wie lange — wie lange würden wir
bleiben —?“

„Gott! Das läßt sich doch wahrhaftig auf die
Secunde nicht bestimmen vorher —“

Hedwig war unschlüssig. Adams Vorschlag reizte
sie immerhin. Diese schwüle Atmosphäre lag auch
auf ihr schwer und drückend genug. Die starke seelische
Aufregung … der brennende, stechende Sinnlichkeitsaffekt, welcher sie vorhin durchkrampft, hatte sie müde,
abgespannt gemacht, wie zerschlagen, zerfasert, zerrupft.
Zu Bett gehen konnte sie in dieser fiebernden Stimmung
kaum. Sie athmete langgezogen auf. Aber ihr Vater
— und weiter: wenn es zufällig Jemand von den
Hausgenossen bemerkte, daß sie so spät noch wegginge — mit einem fremden Herrn — und dann
womöglich erst mitten in der Nacht nach Hause
käme — nein! nein! — es war doch nicht möglich —

„Nun? Also —?“

„Adam! Bitte — laß mich hier! Thue es
mir zur Liebe — ja? Ich wollte ja gern — aber
es geht wirklich nicht! Ich riskire zu viel —“

„So? Du riskirst zu viel? Hm! Und das
sagt ein Weib, das eine … das eine — ‚Ver‘ —
na! ich hätte beinah' was gesagt — verzeih' meine
Derbheit, Hedwig! Aber mir liegt eben viel daran
— sehr viel sogar, daß ich noch eine kleine Weile mit
Dir zusammen sein darf, mein Lieb! Wir haben
uns eben erst gefunden — und sollen nun schon
wieder auseinandergehen! Das ist doch hart —
nicht wahr —? sehr hart! Laß Dich doch endlich
erweichen, Kind! Soll ich Dich fußfällig bitten?
Mein Stolz verböte es mir eigentlich — doch —
wenn Du es durchaus willst — —“

„Laß die Komödie, Adam! … Aber sage mir
noch Eins: wenn ich nicht mitginge — was thätest
Du dann —?“

„Aha! … die Frage ist nicht übel … Schon
der conditionale Conjunctiv Imperfecti! … ‚Wenn
ich nicht mitginge —‘ Na! das ist ja quasi gewonnen Spiel! … Uebrigens — wenn Du nicht
mitgingst, Kind — ja! … dann müßte ich wohl
allein gehen. Eins plus Null bleibt Eins, nach
Adam Riese. Aber Du könntest Dich doch wirklich 'mal dazu bequemen, Hedwig, mehr als eine —
Null zu sein … Willst Du —?“

Hedwig lächelte doch ein Wenig. „Du bist drollig,
Adam —“ antwortete sie.

„Das ist eine ganz neue Eigenschaft bei mir,
mein Lieb! Du scheinst Talent dafür zu haben,
Entdeckungen zu machen. Vielleicht tüftelst Du auch
noch alles mögliche Andere bei mir aus. Vielleicht
manches ganz Löbliche und Brauchbare. Das wäre
ja sehr nett. Ich bliebe sonst auch ein verzweifelt
einseitiger Bursche! Wahrhaftig! ich wäre Dir sehr
dankbar, wenn ich mich unter Deinem … Regimente noch ein Bissel vervollkommnete. Das könnte
mir gar nichts schaden. Kleine, weiße Frauenhände
besitzen eine entzückende Fertigkeit darin, selbst aus
den reservirtesten, versteinertsten Felsenwänden noch
neue Quellen zu schlagen …“

„Spotte doch nicht so, Adam —“

„Ich spotte gar nicht —“

„Also … Du würdest auch ohne mich noch in
ein Café gehen — nach dem heutigen Abend noch
Abwechslung … Unterhaltung suchen —?“

„Was bliebe mir denn weiter übrig, Kind?
‚Abwechslung‘ — meinetwegen! … ‚Unterhaltung‘
— hm! — warum wählst Du nicht lieber gleich das
wunderschöne Wort ‚Vergnügen‘? Ich liebe dieses
Wort nämlich leidenschaftlich … Man hört es nur
so selten heute … die Leute nehmen es so ungern
in den Mund … Also — Du kommst mit —?“

„Adam —!“

„Dann leb' wohl, mein Lieb! Und nun gehören wir zusammen, Hedwig — nicht wahr? Und
die Dame meines Herzens ist in Zukunft nicht
mehr so spröde, wie sie es einmal gewesen! … Aber
— in Diesem und Jenem — in Diesem und Jenem —
exempla sind wieder einmal odiosa —: da lernst Du
noch ein Wenig freier und selbstständiger denken —
gelt, Kind? Du thust mir den Gefallen — ja?
Grüß Deinen Vater herzlich von mir! Und laß
mich nur machen! Ich werde schon einen einigermaßen annehmbaren modus vivendi für uns finden.
Es geht Alles, wenn man nur ernstlich will. Sind
wir erst einmal … einmal ver — —“

„Ach! belüge Dich doch nicht so absichtlich,
Adam — das kann ja nicht sein —“

„‚Belügen‘ — der Ausdruck ist etwas … etwas
stark, Hedwig —“

„Verzeih', Adam! Aber ich habe Dich ja so
unsäglich lieb! Du bist ja in all' diesem Elend —
in all' dieser entsetzlichen Noth mein einziger Halt
— meine einzige Hoffnung! Ich ertrage es nicht,
Dich zu verlieren — ich ertrage es nicht! Wenn
Du mich verließest, Adam — mich verließest — —
ich — ich — — o Gott! — und doch ganz klar
voraussehen müssen, daß Du es thun wirst — —
daß Du es thun wirst, Adam — daß es doch so
kommen wird — das ist zu viel — das geht über
meine Kraft! Adam! Adam! oh! wie das in mir
wühlt und zerrt und sticht! — — Ich — ich ersticke — Adam! — Und wenn es mein Unglück
ist — —: ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen — ich will dieses Leben nicht mehr ertragen — ich — ich — — hier hast Du mich —
ich kann Dich jetzt noch nicht lassen — noch nicht
— Alles empört sich in mir gegen diesen Zwang
— die Jahre der Entsagung, der Erstarrung —:
eine einzige Viertelstunde des Glücks soll sie vergessen machen — eine einzige, winz'ge Viertelstunde — — ich bin von Sinnen, Adam — —
komm! — komm! — oder — — nein! — nein! —
das nicht — das doch nicht — doch nicht — — aber
— aber — warte! ich gehe mit Dir — ich komme mit
— ich muß — ich muß — mag werden was will — —“

Adam war von diesem elementaren Leidenschaftsausbruche der „Dame seines Herzens“ … von
diesem Ausbruche, in dem sich eine tolle Hingebungswuth, trunkenes Entzücken und eine fanatische Verzweiflung zugleich durchrangen … mehr betroffen,
als erfreut. Er hatte sich mit dem Gedanken, allein
zu gehen, schon halb und halb vertraut gemacht.
Ja! Er hatte sich seiner Freiheit eigentlich schon
gefreut … und allerhand Erwartungen daran geknüpft. Gewiß! Der Abend war ja noch ganz
interessant geworden. Aber die letzten Scenen, die
er soeben durchlebt, legten Adam doch allerlei Verpflichtungen für die Zukunft auf — Verpflichtungen,
die anzuerkennen, er sich im Grunde schon sträubte
— und die erfüllen zu wollen, es ihn doch merkwürdig reizte.

Hedwig war nach dem Flurraume gestürzt. Nun
stand sie im Rahmen der offenen Thür, knöpfte ihr
Jaquet zu und setzte ihren Hut auf.

Adam trat auf seine Braut zu. „So gefällst
Du mir, Kind! Das ist doch Leidenschaft, Verve,
Temperament! Das ist doch Muth —!“

„Wo habe ich nur meine Handschuh' —?“

„Ach was — Handschuhe! Heute Abend, Hedwig — ich bitte Dich!“

„Willst Du die Lampe ausdrehen —?“

„Wenn Du fertig bist —“

„Und recht leise, Adam — ja —? Tritt recht
leise auf, damit Papa Nichts hört! Es wäre entsetzlich, wenn er — —“ Hedwigs Stimme ging
doch wieder etwas heiser und stockend, stolpernd, sie
fieberte gleichsam.

Adam ließ einen halbfertigen Seufzer fahren.
Es war ihm gar nicht behaglich zu Sinn. Seine
arme, unvorsichtig hingeopferte Freiheit! Das kleine
Wesen that ihm sehr leid. —

Die Treppenstufen knarrten und knackten recht
impertinent. Adam tappte und tastete sich unbeholfen vorwärts. Er wurde ärgerlich. Nun blieb
er stehen, suchte nach seinem Feuerzeuge und ließ
ein Streichholz aufflammen.

„Um Gotteswillen! — lösch aus — schnell!“
fiel Hedwig … wie zum Tode erschrocken … ein.

„Na aber — das ist doch —“ knurrte der gemaßregelte Herr Doctor. Und neues Dunkel war
um die Beiden zusammengeronnen. Sie standen auf
einem Treppenabsatze.

„Nimm Dich in Acht, Adam — falle nicht! —
es ist hier etwas steil —“

Der siegreiche Entführer hatte indessen ganz andere
Gedanken. Er suchte recht intime Fühlung mit seiner
Herzallerliebsten zu gewinnen. Er legte seinen Arm
um ihre schlanke, vielleicht ein Wenig zu schlanke
Taille und preßte das Weiblein in wüthender Glut
an sich.

„Laß mich —! nicht hier —“ sträubte sich Hedwig. „Adam —!“

Endlich standen sie auf der Straße. Es war
so still. Der Hausschlüssel ging schwer und kreischte
mit belegter Stimme. Schlaftrunken blätterte
der Nachtwind im schwarzgrünen Laube der Linden. —

„Gieb mir den Arm, mein Lieb!“

„Wo gehen wir hin, Adam —?“

„Nun — ich denke: wir athmen uns erst 'mal
recht tüchtig aus — die Luft ist zwar schauderhaft
dick und heiß, aber doch nicht ganz so drückend, wie bei
Euch oben. Und nachher — nachher können wir ja in
ein Café spazieren — vielleicht ist auch noch 'ne
Weinstube auf — —“

„Du bist überall bekannt —?“

„Hier und da —“

„Du verkehrst wohl viel in den Cafés —?“

„Das macht sich so … mein Gott! Dann und
wann … Man geht 'mal mit Ander'n hin, 'mal allein
— es ist ja überall nicht viel zu holen … Man
langweilt sich … spielt eine Partie Billard — liest
'ne Zeitung — am Angenehmsten ist es noch, wenn
man eine oder … oder auch … mehrere Damen
bei sich hat — die gehören nun einmal zum Besuchsinventar derartiger Lokäler …“

Nach einer kleinen Pause ließ sich Hedwig leise
vernehmen, und ihre Stimme hatte den Tonfall des
Vorwurfes, der Anklage: „Und da willst Du jetzt
mich hinführen, Adam, wo Du wohl schon öfter
mit — mancher anderen Dame gewesen bist —?“

„Aber Hedwig! Du bekommst Rückfälle! Die
Sache ist doch einfach die — wir geben doch weiß
Gott! kein ganz gewöhnliches, kein ganz communes
Verhältniß zusammen ab! Du weißt ja: ich habe
die ehrlichsten Absichten von der Welt Dir gegenüber! Ob da nun aber so 'n paar Menschen angetanzt kommen und uns mit demselben niedrigen
Maß messen, das sie bei sich selber anzulegen gewohnt sind — mein Gott, das kann uns doch
furchtbar gleichgültig sein! Daß Du an innerem
Werth verlörest, wenn Du Dich an einen Tisch mit
Menschen setz'st, welche so etwas wie — meinetwegen!
wie: ‚stigmatisirt‘, ‚gebrandmarkt‘, die ausgestoßen
sind von der „Gesellschaft“ — das glaubst Du doch
selber nicht, Hedwig! Ich hätte übrigens nicht gedacht, daß in der Praxis das Nachwirken von Anschauungen, die Du intellektuell, theoretisch, längst
zum alten Eisen geworfen hast — nicht wahr das
hast Du doch gethan? — daß dieses Nachwirken
noch so intensiv bei Dir wäre! Es geht ja mir zum
Theil auch noch so — gewiß! Aber darum gerade ärgert
mich diese Inconsequenz, ärgert mich dieser Zwiespalt
doppelt — bei mir — und leider auch bei Anderen …“

„Leider? —“

„Nun ja! Man hätte genug mit sich selber zu
thun, wenn man's ernst und gewissenhaft nähme!
Aber da bindet man sich auch noch Peter und Paul,
Hinz und Kunz vor — drechselt sie hübsch unter's
Mikroskop —“

„Du ging'st doch jetzt von mir aus — und
ich — —“

„Verzeih! Hedwig! Was über meine engste
persönliche Sphäre hinausgeht, wird mir immer
'gleich zum prinzipiellen Motiv —“

„Das verstehe ich nicht recht —“

„Das verstehst Du nicht? Du — meine kleine
Philosophin —? Und es ist doch so dämonisch
einfach! Allein jetzt — nein! — die Geschichte
würde zu gelehrt. Lassen wir den Unsinn! Wir
wollen lieber ein Wenig plaudern … une petite causerie anspinnen … uns ein Wenig amüsiren
— wir wollen uns lieber recht von Herzen freuen,
daß wir beisammen sind, Hedwig … so recht ungestört
beisammen sind — in Liebe und Eintracht … eng aneinandergeschmiegt … einherwandeln dürfen — daß
wir zärtlich sein dürfen … sehr zärtlich sogar, mein
Lieb — und kein neidisches Männlein und kein
neidisches Weiblein gelbgeärgert uns zuschauen kann
— wir wollen lieber — — übrigens, Hedwig —
hast Du denn noch gar keine Gewissensbisse — hm?“

„Gewissensbisse —?“

„Nun ja! Wenn Dein armer Papa nun doch
etwas merkte! — nun doch Lunte röche, daß sein
braves Töchterlein bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen ist — —“

„Aber Adam! —“

„Verzeih', mein Lieb! Teuflisch, daß ich Dir
damit komme — ich, der — — aber ach! es ist mein
Verhängniß, das zu martern und zu quälen, was
ich liebe! Und je mehr ich so ein menschliches
Wesen liebe, desto mehr muß ich es peinigen. Schrecklich, aber wahr? Diese schöne Eigenschaft haben mir
alle Weiber —“

„‚Weiber‘! Adam! — ‚Weiber‘! —“

„Nun ja! ‚Weiber‘! Oder beleidigt Dich das
Wort —?“

„Es klingt so häßlich —“

„Häßlich? Finde ich nicht im Geringsten! Mir
klingt es sehr voll, dick, rund, massiv — zudem
recht deutsch —“

„Was wolltest Du vorhin sagen —?“

„Nun ja! . also: meinen Hang, mich zeitweilig
ein Wenig à la monsieur diable aufzuspielen, haben
wir bis jetzt alle … meinetwegen also … wie Du
willst: alle Damen, mit denen ich in den Läuften
der Zeit enger … intimer verkehrt habe, zum Vorwurf
gemacht — und doch hat sich die ganze Gesellschaft
mit der größten Bereitwilligkeit von mir ärgern
lassen — ich sage Dir: Stunden- — Tage- —
Wochenlang ärgern lassen —“

„Du hast wohl schon viel Damenverkehr gehabt?“

„Aha! Köstlich, Hedwig, daß Du Dir die Frage
doch nicht verkneifen kannst! Ich habe sie längst
erwartet. Viel Damenverkehr? Na! Es geht
immer noch. Soll ich ausführlicher sein? Wenn
es Dir daran liegt — von Herzen gern! Die
Sache macht mir selber Spaß! Riesigen Spaß
sogar —“

Die beiden Nachtwandrer waren in den engeren
Lichtkreis einer Laterne getreten. Adam prüfte den
Gesichtsausdruck seiner Dame. Aber er konnte beim
besten Willen die Wirkung seiner Worte auf Hedwigs
Zügen nicht deutlich erkennen. Sie hielt den Kopf gebückt und einen knappen Winkel nach rechts gewandt.
Diese Abkehrung mußte Adam für eine stumme Abweisung halten. So ärgerte ihn die Abweisung. Und der
Aerger löste wiederum eine größere Fülle des Dranges
in ihm aus — des teuflichen Dranges, vor seiner
Herzallerliebsten einmal alle … oder wenn nicht
alle, so doch immerhin eine schwere Menge interessanter … pikanter Trümpfe auszuspielen. Sein
fahriges Vagantenleben … diese überflüssige, gottlose
Irrfahrt des Leibes und der Seele, hatte ihm sotane
Trümpfe ja in verschwenderischem Reichthum zugeloost.

„So still, Hedwig? Woran knabbert denn wieder
'mal Dein kleiner Querkopf —?“

„Ach laß mich! —“

„Ueber diese Töne verfügst Du also auch, Kind?
Ich hätte sie bei Dir kaum gesucht. Wenn meine
schöne Freundin, Frau Lydia Lange — diese ‚Dame
von Welt‘ … diese ‚vornehme Frau‘ … dieses
‚edle Weib‘ — oder wenn … wenn meine kleine
Emmy also schmollt — dann — —“

„Deine Emmy? — Was? — —“

„Nun ja!. Das ist nämlich ein wunderhübsches
und dazu ein äußerst vorurtheilsloses Kind — ein
‚Weltkind‘ — ein ‚Kind der Sünde‘ — wie Du
willst, Hedwig, — aber entzückend, sage ich Dir,
entzückend — leider von Natur ebenso zur Untreue
und Unbeständigkeit angelegt, wie ich — ich habe
wirklich sehr pikante Stunden mit dem emancipirten
Fräulein verlebt, kann ich Dir sagen —“

„Aber Adam! Nein! Ich gehe keinen Schritt
weiter mit Dir! — Das sagst Du mir?! Waren
denn alle Deine Worte vorhin Lügen —?“

„Lügen? Warum Lügen? Ich habe Dir doch
soeben nur ein harmloses historisches Faktum mitgetheilt — daß auch ich so etwas wie eine ‚Vergangenheit‘ besitze — nun! — ich habe mir schon erlaubt,
Dir vorhin davon Andeutungen zu machen, dächte
ich. Oder hast Du's überhört? Das wäre schlimm —“

„Die Vergangenheit scheint aber noch stark genug
Gegenwart bei Dir zu sein …“ erwiderte Hedwig,
sehr entrüstet und sehr erbittert, wie es schien.

„Vergangenheit und Gegenwart lassen sich bekanntlich nicht haarscharf trennen von einander —
ja! im Grunde überhaupt nicht trennen — seien
wir nicht so hagebüchen unlogisch, mein Lieb! Alles
Gewesene wirkt nach. Wie sollten wir sonst Rassenfeindschaften, Krebsgeschwüre, Knochenverkalkungen
und allerlei seelische Blutvergiftungen erklären? Wir
schleppen die Bagnokugel unserer speziellen Vergangenheit Alle mit herum. Das Ding wächst sogar
noch … wächst mit jeder Stunde, jeder Minute …
Was ist denn Gegenwart schließlich Anderes, als
aufgesummte Vergangenheit —?“

„Dann ist es ein Verbrechen, Adam, das ein
Jeder von uns an sich und dem Andern begeht, wenn wir noch länger mit einander verkehren —“

„Nimm doch die Sache nicht so tragisch, Hedwig!
Du kommst aus Deiner Sphäre — ich aus meiner.
Die Lauflinien unseres Lebens haben sich gekreuzt …
haben sich für uns durch einen Zufall gekreuzt. An
sich war es ja durch die Voraussetzungen — und
die Vergangenheit ist auch in der Welt der neutralen
Objekte immer Voraussetzung der Gegenwart — an
sich war es also bedingt, daß wir uns begegneten. Gewisse Neigungen und Tendenzen zogen den Einen
zum Andern hin. Es ist ja Alles nur nothdürftigste
Anpassung in der Welt! Und weil das so ist —
nun, darum mußten wohl jene Neigungen und
Tendenzen schon einmal vorher durch andere Erscheinungen, die ihnen einigermaßen Wurzelbedingungen
boten, provocirt und ausgelöst werden. Ich nun
für meine Person — ‒ aber ich habe Dir ja
schon gesagt, Hedwig, daß ich immer schöne Formen,
merkwürdige Schicksale und eigenartige Charactere
geliebt habe … Ich konnte nicht anders — und
ich werde nie anders können. Und wirklich — Du
darfst es glauben, Hedwig —: meine kleine Emmy
hat einen wundervollen Leib … ist auch sonst nicht
übel — nur eben viel geistiges, tieferes, verinnerlichtes Verständniß darf man nicht von ihr erwarten — das — —“

„O Gott! machst Du mich unglücklich, Adam!
Das kann Dir überhaupt nie verziehen werden. Wenn
ich mich nicht so an Dich klammern müßte — —
habe doch nur ein wenig Mitleid mit mir —!“

Hedwig schluchzte laut auf. Adam schüttelte
ärgerlich den Kopf. Das Weib ist überreizt, sagte
er sich. Es muß 'mal ordentlich befriedigt werden. Und doch schmeichelte es seiner Eitelkeit, daß
er so leidenschaftlich geliebt … so brennend begehrt
wurde. Jene Doppelstimmung des abweisenden
Aergers und des unwiderstehlichen Dranges, entgegenkommend, liebevoll, zärtlich zu sein, befiel ihn.

„Wir wollen einen Strich durch unser Vergangenheitsconto machen, Hedwig — wenigstens für heute
Abend respektive heute Nacht … Ich werde mir alle
Mühe geben, in Zukunft nicht mehr an die schöne
Frau Lydia zu denken … und meine reizende Emmy
soll auch den Laufpaß bekommen. Das kleine
Ding hängt zwar sehr an mir. Aber ich hoffe, sie
wird sich schon mit dem Prachtkerl von Bodenburg,
meinem eminenten Freunde, trösten. Die beiden
scheinen sich übrigens bereits gefunden zu haben.
Verteufelt! Wenn ich mir denke, daß dieser Bursche
— dieser … dieser — ich finde gar keine Worte
vor Wuth … ach! sie konnte so lieb, so zärtlich sein
— so … na! Schwamm drüber! … Hin ist
hin — und nobel muß die Welt zu Grunde gehen!
Ich habe Dich ja jetzt, Hedwig — lassen wir also
die schöne Sünderin schwimmen und halten wir's
mit der Tugend! … Und weiter noch in die Vergangenheit zurück: die Soubrette … die Chansonettensängerin … die Choristin … die zweite Liebhaberin — die kleine Katze war nur etwas zu
eifersüchtig — Ida, die Kellnerin — Pauline, die
Conservatoristin — Donnerwetter! das Kind konnte
verblüffend offen und geradezu sein! — Auguste,
die Kindergärtnerin — Helene, die Confektioneuse —
die schwarzzöpfige Maxel, die so etwas wie eine Collegin
von Emmy war — Ottilie, die pralle Jüdin mit den
polirten Sammetaugen und dem Teint, der wie gekochtes Hühnerfleisch aussah — Toni, das fürwitzige, verliebte Töchterlein des Herrn Polizeicommissars — —
mein Gott! die Proskriptionsliste will gar kein Ende
nehmen … Wie viel vergeudete und verschwendete Zeit!
Wie viel verzettelte, verpuffte Kraft! Wie viel zerquirlte
Stimmung! Wie viel überflüssig verlottertes Geld!
Und doch —: man hat wenigstens Etwas erlebt!
Etwas erlebt, von dem tausend andere Pomadenheilige
keenen blauen Dunst haben! War's auch im Grunde
immer wieder dasselbe —: man hat seinen psychologischen Blick doch bedeutend geschärft — man hat die
Weiber — verzeih', mein Lieb! — einigermaßen kennen
gelernt — man ist hinter unendlich viele Schliche und
Coulissengeheimnisse des Lebens gekommen — summa
summarum: ich bereue mein fahriges Zigeunerleben
keineswegs. Ich habe manche unvergeßliche Stunde
durchlebt … manches volle, große, ganze Gefühl genossen — ich habe manchen brennenden Schmerz durchkosten müssen … ich habe manche wahre Thräne fließen
sehen … und manche wohl auch selbst geweint — meine
Erinnerungen werden einmal … in späteren Tagen …
sie werden dann kaum nüchtern, kaum glanzlos und kalt
sein — der Einkaufspreis, um den ich sie erstanden,
thut mir nicht leid. Es trocknet übrigens nichts schneller
auf der Welt, als so eine kleine, heiße, salzige
Thräne. Und doch thut jede Trennung weh —
man begegnet sich so selten noch einmal im Leben,
wenn man's mit dem Auseinandergehen wirklich
ernst genommen hat … Und das ist auch sehr
gut. Aber jede Trennung reißt doch zugleich ein
Partikelchen Herz mit fort. Nun! wir Mischlinge
der Romantik und des modernen ‚Realismus‘ haben ja
Vorrath in dieser Beziehung — wir leiden ja Alle
an einem gewissen trop de coeur … Oder würden
wir uns sonst so furchtbar interessant vorkommen,
wie es thatsächlich der Fall ist? Würden wir sonst
so eifrig an uns herumspintisiren und herumtüfteln,
herumschnüffeln und uns von hinten und von vorn
begucken und behorchen? Wären wir sonst solche
capitalen Narren und machten durch eine ewige Analysirungswuth aller Worte, die wir sprechen, aller
Handlungen, die wir in Scene setzen — machten
wir dadurch unsere Beziehungen zu einander …
unter einander … zu den denkbar unerquicklichsten
von der Welt —? Ach! Was sind wir doch
für unsagbar dumme Kerls! Indessen! welche
Wollust, so ein interessanter Narr sein zu dürfen!
Uebrigens, Hedwig — damit ich nicht allzu sehr in
Deiner Achtung sinke —: ich habe nämlich auch mit
sogenannten ‚edlen Frauen‘ verkehrt! Diese ‚edlen
Frauen‘ — nein! das sind wirklich zu putzige
Wesen! Das Märchen von ihnen hat mich immer
sehr amüsirt. Doch das ist 'n Capitel, das sich auch zu
einem ganzen Buche … einem corpulenten Foliobande erweitern ließe. Und der ganze Band würde
schließlich nichts weiter enthalten, als einen einzigen
… allerdings sehr respektablen Beitrag zur Dummheit und psychischen Kurzsichtigkeit des Menschen.
Merkwürdig! Ich habe immer mehr Kraft, mehr
Natur, mehr echte Wahrheitssucht und aufrichtige
Lebensbezeugung — mehr naives, ungebrochenes
Aussichherausleben in jenen Frauenkreisen gezwungen,
die durch allerlei Verhältnisse … persönliche Sonderbedingungen, äußere Einflüsse u. s. w., dahin geführt
waren, sich zu freieren Anschauungen, zu freieren
Sitten und Gewohnheiten bekennen zu müssen. Das
ist aber doch auch ganz natürlich. Je größer die
Bewegungssphäre, desto größer damit der Spielraum
der Kräfte. Nichts herrlicher, als eine Kraft, die
sich tüchtig nach allen Seiten hin ausleben darf.
Da liegt doch „Musike drin“, wie die braven Leute
vom dritten, vierten und … fünften Stande zu
sagen pflegen. Aber da kommen andere Leute …
eine nicht minder üble Sippschaft … brechen die
Kraft … und sind nun heidenfroh, daß sie sich
einbilden können, sie hätten diese arme, schimpfirte
Kraft in den Dienst der ‚Anständigkeit‘ und wie
die Larifaritugenden dieser Hundeseelen sonst alle
noch heißen mögen, gezwungen — und sie haben sie
doch nur gemißbraucht und verstümmelt … Unbeschnitten kommt ja Keiner durch's Leben. Aber man
sollte uns doch nicht zu enge Zellen … nicht zu
enge Käfige anweisen. Indessen — schließen wir
diesen Speech, mein Lieb! Riechst Du nicht die
Klaue des Weltverbesserers? Du darfst stolz sein
auf Deinen Herzallerliebsten, Kind! Wenn ich erst
'mal den bewußten Punkt gefunden habe, hebe ich den
ganzen Krimskrams von Kosmos … das ganze Mehltöpfchen … die ganze Würmerschüssel von Weltall
aus den Angeln. Verlaß Dich drauf! Vorläufig allerdings wird nur mein Appetit auf eine gute Cigarre
immer barbarischer. Wenn Du ein Nachtcafé absolut nicht goutiren kannst, gehen wir meinetwegen
in eine Weinkneipe! Laß 'mal sehen! Es ist jetzt
zehn Minuten nach Eins. Bis Zwei sind ja die
meisten Lokale dieses Genres auf. Das nächste —
ja —! komm —! Gehen wir zu Engler! Man trinkt
dort eine wenigstens einigermaßen annehmbare Marke
Liebfrauenmilch. Damenbedienung mußt Du allerdings mit in den Kauf nehmen. Es scheint doch
noch loszugehen heute Nacht. Eben blitzte es —
hast Du gesehen? Aha! Der obligate Wind! Nur
nicht so eilig, ihr Herren und Damen da oben!
Bitte — rechts! Und nun sei mir nicht böse, Hedwig! Sei mein kleines, herziges, lustiges Weib!
Kommt Zeit, kommt Rath! Vielleicht auch Heirath,
wie der Kalauer tröstet. Und gieb mir noch einen
Kuß, Kind — bitte —!“

Adam küßte sein Weib und drückte es fest an
sich. Die edelsten, redlichsten Vorsätze, Absichten,
Gewißheiten und Hoffnungen erfüllten zu dieser Frist
seine Brust. —

Es blitzte wieder. Nach einer kleinen Weile
rollte ein schwacher Donner nach. Heftiger kam der
Wind angeblasen. Die ersten Tropfen fielen. Die
beiden Wandrer beschleunigten ihre Wanderung.

„Und wenn der Wirth nun schon zu hat —?“
fragte Hedwig ängstlich.

„Das wäre eine feudale Frechheit von dem
Menschen —“ diktirte Adam ärgerlich — „aber ich
glaube nicht — — wir sind übrigens gleich da.
Triumph! Es ist noch Licht — dort! kurz vor
der nächsten Ecke die große, weiße Lichttraube —
siehst Du: die Welt ist noch gar nicht so heruntergekommen, wie es oft den Anschein hat! Auch mit
den Objekten läßt sich noch reden! Es wäre wahrhaftig fatal gewesen, nach einem Café zurückrennen
zu müssen — denn von einem Droschkengaul ist natürlich wieder 'mal kein Ohrzipfel zu vernehmen. —“

„Ach Gott! Wenn das Wetter nur nicht zu
arg würde — Papa wird schon längst aufgewacht
sein und nach mir rufen. Adam — bitte, lieber
Adam, bring' mich wieder nach Hause! Wenn
Papa — ich habe ihn schon einmal — ich kann ihm
nie wieder vor die Augen kommen — — o Gott!
es ist zu entsetzlich! Mein armer, alter Vater —!“

„Ich verstehe Dich, Hedwig —“ erwiderte Adam
ernst — „aber — zur Umkehr ist es jetzt wirklich zu
spät! Du mußt Dich schon zu fassen suchen. Und weine
doch nicht so — Du hast ja mich! Vertraue mir
doch ein Wenig, mein Lieb! Man darf wirklich
nicht zu sentimental sein im Leben! Wir können
das Neue so oft — so unendlich oft nur durch
Aufopferung des Alten erkaufen — es ist nun einmal so — Du mußt Dich an den Gedanken gewöhnen, so herb und hart er auch sein mag —“

Der Regen ging eben in den hergebrachten Gewitterrhythmus über, als die beiden das Lokal erreicht hatten.

„Guten Abend, Herr Doctor —“ begrüßte der
Wirth, Herr Engler, sich höflich verneigend die Eintretenden — „das war aber die allerhöchste Zeit!
Noch ein paar Minuten später — und — — nicht
wahr? man sollte es gar nicht glauben: wir haben doch
eigentlich noch gar keine besonders heißen Tage gehabt
— und nun knallerts schon los — es scheint 'n ganz
hübsches Gewitterchen werden zu wollen —“

In hartem, scharfem Blauweiß prallte jetzt der
Wiederschein eines Blitzes gegen die schwarzen Fensterscheiben. Aber im Innern des Raumes konnte er
bei der runden Lichtfülle, die sich hier ausgab, nicht
recht zur Geltung kommen. Ein dröhnender Donner
rollte unmittelbar hinterher.

„Mein Gott —!“ schrak die Kellnerin zusammen,
die mit der Weinkarte zu Adam hingetreten war.

„Das hat eingeschlagen!“ versicherte Herr Engler
sehr bestimmt. Er schien sich auf derartige Prophezeihungen zu verstehen.

Adam wischte mit dem Taschentuche die Sternchenzeichnungen von seinen Kneifergläsern, die der Regen
dort aufgemalt hatte.

„Wo wollen Sie Platz nehmen, Herr Doctor —?
Vielleicht hier auf dem Sopha, mein Fräulein —?“

„Ja! Bitte, Hedwig! Uebrigens mein Lieblingsplatz — nicht wahr, Herr Engler? Haben so
manches Glas hier geschluckt … in angenehmster Gesellschaft … tempi passati! Nun müssen wir halt
vernünftig werden. — Aber schöne Stunden waren's
doch —!“

Der Wirth schmunzelte. Er warf einen kurzen,
scharfen Blick auf Hedwig. Und er sah sehr nachdenklich aus — als zählte er im Geiste alle die
Damen zusammen, mit denen sein lieber Stammgast,
der Herr Doctor Mensch, schon bei ihm eingekehrt
war und hier in dieser traulichen Ecke gesessen …
getrunken … geplaudert … gekost … und wohl auch
einmal geküßt hatte. Aber diese Dame da —
die sah doch gar nicht danach aus, daß sie —
hm! … Nee! so'n blasses, ernstes, mageres Frauenzimmer — ohne Feuer und Leben — Herr Engler
konnte sich keinen Vers darauf machen … Der Herr
Doctor hatte doch sonst einen besseren Geschmack bewiesen! Was ihm nur heute eingefallen war? Ja!
Als er noch mit der Dame da drüben … mit der
Dame, die heute Abend am ander'n Ende des Zimmers
an dem runden Marmortischchen mit dem eleganten
Herrn zusammensaß — — ja! als der Herr Doctor
Mensch noch mit diesem amusanten Dämchen verkehrte — die beiden schienen ja jetzt nichts mehr
von einander wissen zu wollen — wie das nur
gekommen war? — — da — ja da — — aber
Herr Engler hütete sich gar sehr, auch nur den
kleinsten und harmlosesten seiner Ketzergedanken auszusprechen

„Also eine Liebfrauenmilch —!“ bestellte Adam
und sah sich im Lokale um.

„Eine Liebfrauenmilch!“ bestellte die Kellnerin
weiter an den Wirth, der darauf in ein Nebenzimmer verschwand.

Adam drückte die Gläser seines Kneifers dicht an
die Augen heran. Irrte er sich denn — oder? Aber
das war ja nicht möglich! Das konnte ja nicht
sein! Der Herr da drüben — und die … die Dame
an seiner Seite — das waren doch nicht — waren
doch nicht — — und jetzt sah der Herr zu ihm
herüber — und nickte er ihm nicht zu? Teufel! Wahrhaftig! Nein! Aber doch! Gütiger Heiland von Plundersweilen! Das war wirklich Herr von Bodenburg
— und die Dame an seiner Seite war — die
Dame war wirklich Emmy! Na! Eine köstliche
Bescheerung! Vorzüglich! Ganz vorzüglich! …

Adam schnitt sein ernstestes Gesicht und grüßte
wieder. Er fühlte, daß er Emmy seine sie ironisirende
Verachtung zeigen müßte und sich zugleich vor Hedwig nicht verrathen dürfte.

Hm! das war aber so'ne Sache mit dem ‚sich nicht
verrathen dürfen‘! Warum denn nicht? Und da
kam auch schon sein Dämon angekrochen und kitzelte
ihn. Er hatte seine kleine Braut heute Abend ja
schon sattsam geärgert. Und mehr als geärgert:
er hatte sie gepeinigt, gemartert, gequält — er hatte
sie eigentlich scandalös behandelt. Das that ihm
leid — gewiß! Aber was sollte er jetzt mit ihr
reden? Sie hatten sich heute ja schon gegenseitig
die längsten und tiefsten und ernsthaftesten Vorträge von
der Welt gehalten! Ein pikanter Nachtisch war kaum
zu verachten. Und jetzt tuschelten die Beiden drüben
so impertinent auffällig. Es ging gewiß über Hedwig her — man kritisirte gewiß die „neue Dame seines
Herzens“ … diese Dame, die mit ihrem herben,
verschlossenen Wesen, ihrer spröden Zurückhaltung,
so gar nicht in diese Umgebung paßte … in diese
Umgebung, die nur gewohnt war, ein helles, lustiges
Lachen zu hören … und blitzende Augen zu sehen …
und die köstliche Melancholie des verschwiegenen
Minnespiels zu studiren, welches in immer wieder
neuer Gestalt zu erfinden und zu bethätigen, das geheime Einverständniß zweier Liebenden so unermüdlich
ist und so unübertrefflich …

Die Kellnerin brachte den Wein und schenkte ein.
Ein paar gelbweiße Tropfen fielen auf die weiße
Tischdecke. Das kleine Fräulein war ein Bissel
unaufmerksam gewesen. Sie hatte nicht auf den
Wein geachtet, sie hatte Hedwig inspizirt. Sie schien
sich ein Urtheil bilden … sich über Etwas klar
werden zu wollen. Adam verspürte den Zusammenhang. Er mußte lächeln. Wie die Hunde, dachte
er. Aber cosi fan tutte. Sie müssen sich erst
beschnüffeln, beschnuppern — obgleich sie ganz genau
wissen, welch' Geistes Kinder sie sind …

Adam war unschlüssig. Sollte er einmal zu
den beiden hinüber schlendern … das Pikante der
Situation noch um einige Grade steigern … und
dann mit größtem Gleichmuth das verführerische Gebräu hinabschlürfen? …

„Wie heißen Sie, mein Fräulein?“ fragte er vorerst die Kellnerin. So thut man so oft etwas Ueberflüssiges, so lange man nicht weiß, ob man das
weniger Ueberflüssige nicht für das noch mehr Ueberflüssige halten soll.

„Melitta!“ antwortete die Dame.

„Donnerwetter! Melitta! Die Kellnerinnen
werden immer vornehmer, Sie gefallen mir übrigens,
Melitta — wollen Sie nicht 'n Glas mittrinken? —“

Das Mädchen blickte fragend auf Hedwig, die
sich zurückgelehnt hatte und finster, beinah drohend
zu Adam hinübersah. Der fühlte sich sehr unbehaglich. Konnte denn die Dame nicht einmal aus sich
herausgehen, nicht einmal in einen lustigeren, leichteren
Ton miteinstimmen? Das Leben etwas zwangloser, etwas kritikloser nehmen? Immer dasselbe
gleichsam festgefrorene Abweisungs- und Entsagungspathos — es wird etwas langweilig auf die Dauer.
Jawohl! Es kann sogar sehr langweilig werden.
Wie? Wenn er jetzt neben Emmy säße … und sein
leckeres Weiblein an diesem köstlichen Goldwein nippte
und ihm dabei über den Rand des Glases hin zublinzelte mit seinen lustigen, lockenden Augen … so
verführerisch-verheißungsvoll zublinzelte — wie?
wäre daß nicht ein süßer, berauschender Genuß …
eine beseligende Traumstimmung … ein solider Augenblick des Glücks, der Illusion … zwischen Gliedern
an der Lebenskette, die entwaffnet haben und entwaffnen werden, weil sie in nüchterner, durchschauender Erkenntniß beschlossen sind? In Gesellschaft von
Naturen à la Hedwig warf selbst der goldenste, göttlichste Wein keine bunten, sammtenen Lichter über
das dumme, rohe, rauhbeinige Leben.

Der Regen prasselte mit derselben trockenen Dreistigkeit immer noch nieder … und mit den rothgelben
Lüstreflammen des Saales coquettirten noch immer die
weißblauen Blitze. Aber der Donner nahm sich
schon mehr Zeit … schien schon vorwiegend müde geworden zu sein. Er humpelte langsamer hinter den
schießenden Flammen her … und sein Poltern klang
bedeutend gemüthlicher.

„Na! das scheint ja noch 'mal gnädig ablaufen
zu wollen —“ meinte Herr Engler und trat an den
Tisch heran, hinter dem Adam und Hedwig saßen.
Melitta entfernte sich, ernstlich gekränkt, wie es schien,
einen bösen Blick auf Hedwig werfend.

„Ja! .“ erwiederte Adam zerstreut … und schwang
sich dann zu der Frage auf: „Wie lange haben Sie
noch auf, Herr Wirth?“

„Bis halb Drei … Drei — so genau läßt sich
das nicht nehmen. Je nachdem das Local besetzt
ist. Wie Viele kommen nicht erst kurz vor Thoresschluß —!“

„Gewiß! Na! da dürfen wir ja noch 'ne
Weile sitzen! Wie spät haben wir's denn jetzt?“

„Es geht auf Zwei! Nehmen Sie sich nur Zeit,
Herr Doctor! Noch 'n Stündchen — dann müssen
wir aber Schicht machen —“

„Bitte, Hedwig, trink doch! Ich glaube, Du bist
noch beim ersten Glase! Nimm Dir an mir ein
Beispiel! Nicht wahr, Herr Wirth — bei einer
Flasche Liebfrauenmilch habe ich es noch nie bewenden lassen —?“

„Ja! Ja! Es sind wohl meistentheils … mehrere
… Flaschen geworden … Aber da waren Sie auch
— wie soll ich sagen? — da gings flotter — lustiger
her — da —“

„Pst!“ drohte Adam, halb im Ernste, halb im
Spaße. „Nix ausplaudern, mein Lieber —!“

„Du brauchst Dir gar keinen Zwang aufzulegen,
Adam! Du weißt doch — wir haben uns ja über
diesen Punkt ausgesprochen —“ warf Hedwig ein,
Aerger und Verbitterung in der Stimme.

„Sie sehen, Herr Engler: so ein Pantoffelheld ist man nun glücklich geworden! Ja! Die
Liebe! Die Liebe! Die kriegt Alles fertig und
krümmt selbst den trotzigsten Nacken —“ scherzte
Adam gezwungen … „— aber ganz hast Du mich noch
nicht gebändigt, liebe Hedwig — ganz noch nicht —“

„Bitte, laß das! —“

Herr Engler entfernte sich. Er konnte den Doctor
nicht begreifen. Wollte der's denn wirklich nur noch
mit den Philistern halten? Und der würdige Weinwirth glaubte Grund genug zu der Befürchtung zu besitzen,
über kurz oder lang einen seiner besten Stammgäste zu
verlieren — und das würde doch sehr fatal sein. — —

Adam fühlte sich immer ungemüthlicher. Hedwig
war so wortkarg … starrte in Einem fort vor sich
hin — und schien mehr an ihren verlassenen Vater
zu denken, als an den Geliebten, der ihr zur Seite
saß — eine lebendige, begehrende und gabenbereite
Gegenwart … der mit köstlichem Weine den Bund
ihrer Herzen feiern wollte heute Nacht … der die
Stimmung für orgiastisches Draufgehn wachsen und
wachsen spürte in sich … wachsen mit dem genossenen Weine und der vorenthaltenen Genugthuung
des Leibes, die immer heißer und brünstiger um
ihr Recht warb … Adam verbiß sich rein in seinen
Aerger über Hedwigs Sprödigkeit. Er trank immer
hastiger, wurde immer nervöser, suchte die Müdigkeit, die manchmal mit eingeriemter Schlinge an seinen
Gelenken zerrte, durch krampfhafte seelische Sprünge
und Erschütterungen zu verscheuchen. Nun schnappte
ein leichter, discreter Rausch nach ihm: verhangene
Fernsichten schlossen sich auf … und tagsüber verschüttet gebliebene Gedanken, Stimmungen, Erinnerungen kamen zu ihm, flink, geschwind, behend wie
Eidechsen, aus Rissen und Spaltungen, darin sie
geschlummert hatten …

Adam fühlte den Blick Emmys anhaltend auf
sich. Er konnte nicht widerstehen. Das Ungewöhnliche der Situation reizte ihn zu sehr. „Verzeih,
Hedwig! Ich muß erst 'mal zu meiner Emmy
hinüber —“ entschuldigte er sich leise, verlegenhastig, und erhob sich.

Zu seiner Emmy? Hedwig fuhr zusammen und
schaute Adam nach, wie er, ein klein Wenig unsicher,
durch das Zimmer schritt und an den Tisch trat,
an welchem, ihnen gegenüber, allerdings in beträchtlicher Entfernung, ein Herr und eine Dame saßen.
Sie hatte die beiden Menschen dort bisher kaum
beachtet. Und nun entpuppte sich die Dame als
„seine Emmy“! Nein! das war zu viel! Am Liebsten
wäre sie aufgesprungen und zum Lokale hinausgeflohen. Unwillkürlich horchte sie darauf, ob der
Regen nachgelassen. Es schien so. Aber die Dachrinnen plätscherten das Wasser immer noch mit heftigem Affekt auf das Pflaster … es tropfte und
quirlte noch allenthalben. Und jetzt blitzte es auch
noch, wenn auch schwächer, wie müde und gelangweilt. Das Gewitter gähnte schon. Das grauweiße Morgenlicht machte sich immer breiter und
spielte immer zudringlicher durch die Vorhänge ins
Zimmer, welches dadurch einen Stich ins sündhaft
Uebernächtigte, ins klebrig Unreinliche erhielt.

Hedwig versuchte es, die Scene, die sich jetzt
am Tische da drüben abspielte, weiter nicht zu
beobachten. Sie verspürte auf einmal das brennende
Bedürfniß, sich zu betäuben. Vielleicht wusch ihr
der Wein das Bewußtsein der Schmach, die ihr
widerfahren war, aus der Seele. Und sie spülte hastig
einige Gläser furchtsam gelber Liebfrauenmilch hinab. —

Adam streckte die Hand Herrn von Bodenburg
entgegen. „Guten Abend, Herr Referendar! Guten
Abend, Emmy! Ich freue mich, daß ich Sie einmal
wiedersehe. Und noch dazu unter diesen pikanten Verhältnissen … in diesem süßen Nebeneinander …
Darf ich einen Augenblick Platz nehmen —?“

„Bitte!“

Adam fühlte sich plötzlich sehr souverän und spottlustig aufgelegt. Ihn dünkte, er hätte die beiden
Menschen da vollständig in der Hand — und ein
klein Wenig mit ihnen zu spielen, müßte ein Kapitalvergnügen sein, das er sich nach den Zeiten der
Dürre, die er soeben mit Hedwig durchlebt, wohl
leisten dürfte. Der genossene Wein, der ihm schon
eine vage Andeutung von Rausch angeheftet, machte
nicht minder seinen stachelnden Einfluß gelten.

„Nun, mein gnädiges Fräulein, wie gefällt Ihnen
eigentlich mein neuer Nachfolger im Amte —
oder darf ich ihn nur für meinen Stellvertreter
halten —?“

Adam sog nachlässig an seiner Virginia. Sie
war wieder einmal ausgegangen. „Die Dinger sind
wie die Weiber: man muß sie in Einemfort poussiren …
sonst gehen sie aus … das heißt: sie gehen in ein
anderes Lager über. Ich will übrigens damit beileibe nicht gesagt haben, Herr Referendar, daß bei
Ihnen Nordpoltemperatur herrschte —“ witzelte
Adam und hielt sich ein brennendes Streichholz vor
die Cigarre.

„Ich verstehe Sie nicht, Herr Doctor —“ erklärte Herr von Bodenburg pikirt.

„Prost, Clemens!“ versuchte Emmy sehr diplomatisch zu trösten und abzulenken, dabei warf sie
einen Blick auf Adam, als wollte sie sagen: „Siehst
Du, so intim sind wir schon! Etsch!“

„Prost, Emmy!“ kam Herr von Bodenburg nach
und fuhr, als er das Glas wieder niedergesetzt,
fort: „Ich muß Sie wirklich bitten, Herr Doctor —“

„Mein Gott, Herr Referendar — Sie werden
mir doch gestatten, Sie ein wenig zu bewundern!
Und das thu' ich mit dem redlichsten Gemüthe von
der Welt! Vorgestern — es war doch vorgestern?
— ja! — vorgestern also — na! da noch durch
die Brust geschossen — ich meine: ohne weiter'n
weiblichen Anhang — und heute schon auf stolzen
Rossen — ich gratulire herzlichst —“

Emmy wurde unruhig und sah Adam an, wie
drohend und zugleich gütlich abrathend, in diesem
Stile fortzufahren.

Der Herr Doctor lächelte.

„Verzeihen Sie, mein Herr — so viel ich sehe,
befinden Sie sich doch selbst in Damengesellschaft
— wenn ich nicht irre, ist Ihre Begleiterin die
Dame, die wir öfter im Café Caesar —“

„Sie haben ganz richtig gesehen, Herr Referendar.
aber das hindert doch nicht — ich meine: wenn ich
auch momentan versehen bin — Sie werden doch
nicht glauben, daß ich so verzweifelt einseitig sei,
um — nun! — nun! — ich versichere Sie, mein
Herr: ich halte es für meine Pflicht, mich auch noch
für … wie soll ich sagen? — für verflossene Liebschaften ein Wenig zu interessiren … Die armen
Mädels! Wenn ihnen eine kleine, harmlose Enttäuschung in der Brust herumrumort, laufen sie
dem Ersten Besten in die Arme … wie der verzweifelte Skorpion ins Feuer …“

„Dem Ersten Besten — mein Herr —!“

„Clemens —! Ich bitte Dich! Prost!“

„Laß mich! — Dem Ersten Besten — was
soll das heißen —?“

„Nun wird der auch noch katholisch! Adam! …
pardon! … Herr Doctor —!“

„Sie wünschen, mein gnädiges Fräulein —?“

„Das gnädige Fräulein wünscht gar nichts, aber
ich wünsche —“

„Was denn?“ fragte Adam jovial, mit größter
Seelenruhe.

„Daß Sie sich menagiren — sonst —“

„Sonst —?“

„Ich sähe mich gezwungen —“

Herr Engler war hinzugetreten. „Ich bitte Sie,
meine Herren — Sie werden doch nicht — — es
ist übrigens Feierabend, meine Herren!“

„Darf ich bitten? — ich möchte Kasse machen —“
bemerkte Melitta. Dabei sah sie Emmy an und
schielte dann zu Hedwig hinüber. Das arme, verlassene Weib schien ihr jetzt sehr leid zu thun.

„So eilig, Herr Wirth?“ fragte Adam und
erhob sich.

„Es ist halb Drei durch — sehen Sie doch:
es ist schon ganz hell draußen —“

„So? Gute Nacht, Emmy! Und im Uebrigen,
Herr Referendar — thun Sie, was Sie nicht lassen
können! Ich stehe Ihnen zur Verfügung —“

„Nun! Das Weitere wird sich morgen finden —“

„Adieu —“

Emmy konnte sich doch nicht enthalten, ein zaghaft geflüstertes „Adieu!“ zu antworten.

„Mein Herr! Pardon! —“ Herr von Bodenburg eilte Adam nach. Der wandte sich um.

„Darf ich Sie um Angabe Ihrer Wohnung
bitten? — ich weiß nicht mehr genau —“

„Hier ist meine Karte — meine Wohnung steht
dabei — bitte! .“

„Danke verbindlichst —!“

Die Herren verneigten sich und gingen auseinander.

„Verzeih, mein Lieb — eine kleine, humoristische
Scene! Hat natürlich weiter nichts auf sich …“

Hedwig war durch die Spannung, mit welcher
sie trotz alledem unwillkürlich den Vorgang beobachtet,
der sich soeben zwischen Adam und dem fremden
Herrn abgespielt — und durch den mit nervöser
Hastigkeit genossenen Wein bedeutend aufgelockert.
Das Paradoxe, Bizarre ihrer Lage war ihr erst
eigentlich jetzt zum Bewußtsein gekommen. Und
fast reizte sie schon das Abenteuerliche daran und
dünkte sie ausnehmend pikant. Sie gewann dem,
was so neu, so außerordentlich war, schon Geschmack ab.
Es fiel zu sehr aus dem Zusammenhange ihres bisherigen Lebens heraus. Und zugleich wuchs in ihr
das Bewußtsein der inneren Fülle … der Fülle von
Erlebnissen, die ihr in wenigen, zusammengedrängten
Stunden zugeflossen waren. Ihr Leben stand an
einem Wendepunkte … war vielleicht nur durch
die frivole Laune eines Vabanque-Spielers dahingeführt worden — aber sie liebte nun einmal diesen
Vabanque-Spieler, sie hatte sich ihm ergeben und
sie mußte ihm weiterfolgen. Gleichgültig, wohin.
Große Stunden schieben enge Sphären auseinander
und verrücken die Maßstäbe. Ein schnaubendes
Wühlen und Bohren in der Enge ists und zugleich
eine weltenzusammenraffende Gipfelschau. Fast war
Hedwig auf ihre Zukunft neugierig, naiv neugierig.
Das Bild ihres verlassenen Vaters trat zurück und
verblaßte jählings in die Vergangenheit hinein. Sie
freute sich darüber und gedachte seiner wie eines
Todten, dessen man sich nicht mehr deutlich zu erinnern vermag … und auch nicht mehr deutlich
zu erinnern die Pflicht hat …

„Ihr werdet Euch doch nicht —? — —“

„Gott! wir kitzeln uns vielleicht 'n Bissel! Solche
‚kleinen Scherze‘, wie mein verflossener Busenfreund,
Herr Kakatus Maximilian Ritter von Stämpellstrunk,
zu sagen flegte, das Stereotypen-Männchen, wie wir
den Knaben seiner festgefror'nen Redensarten wegen
immer nannten — solche „kleinen Scherze“ also erhalten die Gesundheit und befördern die Verdauung.
Es ist übrigens ziemlich tiefsinnig, sich wegen einer
… einer femme pour tous eine Rippe zu zerbrechen respektive sich eine zerbrechen zu lassen …“

„Also der Dame … Deiner … Deiner Emmy
wegen, Adam —?“

„Die Damen, mein Lieb, für die oder deren
wegen sich Helden, wie wir, schlagen — diese Damen
— — nun! glaubst Du etwa, Hedwig, daß ich
für Dich eintreten würde — das heißt — ich
meiue — —“

„Wenn mich nun Jemand beleidigte —?“

„Ich würde den Kerl niederschlagu — aber
wahrhaftig nicht auf den Unsinn des patentirten
Mords 'reinfallen! Bei Damen dagegen à la Emmy,
die Alles darauf ankommen lassen, läßt man eben
auch Alles darauf ankommen — genau so zweideutig, wie der Charakter dieser Frauenzimmer
ist das Duell — genau so! — ein Capitel aus
den Demimondiana des Lebens, mein Lieb —
weiter nichts! Dort Alternativen — hier auch!
Aber nun laß uns gehen! Die theure Donna Melitta
wartet schon. Trink' aus, bitte! Sieh, wie hell es
schon geworden ist! Wir gehen der Frühe entgegen,
dem Morgen — der Sonne! Wenn sich nur der
Staub der Nacht nicht so in meine Poren eingefressen hätte! Komm! Und nun wollen wir allen
Unrath aus der Seele spülen … und weiter nichts
sein, als zwei harmlose Wesen, die sich zu Tode
wundern möchten, daß sie hier auf dem dummen,
hökrigen Erdrücken Stehauf! und Duckdichnieder!
spielen müssen … die baß erstaunt sind, daß sie
nicht gelegentlich herunterrutschen von dem Kugelwürmchen — und die manchmal, wie zum Beispiel
jetzt, mit dem ganzen Hokuspokus doch von Herzen einverstanden sind! Nicht wahr? mein Lieb — das Leben
ist doch schön! doch! doch! doch! — Allerdings!
dieses ‚doch!‘ ist sehr verdächtig —!“

Adam hatte an Fräulein Melitta den Wein bezahlt und war nun Hedwig beim Anziehen des
Jaquets behülflich.

Herr von Bodenburg und Emmy gingen in
diesem Augenblicke vorüber.

Emmy warf einen kurzen, vorwurfsvollen Seitenblick auf Adam, der, hinter Hedwig stehend, nickte
ihr zärtlich-ironisch zu. Er wußte ja: Herr von
Bodenburg war nur ein „Interims-Verhältniß“.

Die Luft hatte sich kaum abgekühlt. Der Morgen
war dick und schwer, der Himmel mit aufgebauscht
massigen, gelbgrauen Wolkenlagern überzogen. Der
Tag schien recht mürrisch und einsilbig werden zu
wollen. Es war kaum Stimmung in diesem Wetter.
Das junge, wachsende Licht drückte sich nur in
breiten, verschwommenen Massen auseinander. Oefter
kam ein warmer Wind angeblasen und furchte die
Pfützen, die auf den Fahrdämmen standen. Er
klopfte sanft auf die Büsche und Bäume und
schüttelte einen kleinen, kitzelnden Regen hängen- und sitzengebliebener Tropfen herunter.

Adam fühlte sich doch etwas übernächtigt. Eine
große Spannung wohnte kaum noch in seiner Seele.
Er mußte öfter gähnen, so Vieles war ihm sehr
gleichgültig, er sehnte sich nach einigen Stunden
tiefen Schlafes. Er wäre jetzt so gern allein gewesen. Wenn sich noch die Sonne gemeldet hätte!
Oft schon war er in seinem Leben heimgegangen,
wenn sie in der Frühe gekommen war. Dann
waren ihm ihre ersten Scheinversuche immer so lieb
gewesen, so anheimelnd. Junges, erstes Licht hat
so etwas putzig Stolperndes, naiv Drauflosgehendes,
es ist noch so viel Reinheit und Schmelz und Kritiklosigkeit in ihm. Und wenn sich das junge, erste
Licht mit seinen blitzenden Silbergliedern gegen die
Scheiben oberer Häuserfronten legte, hatte Adam
oft über dieses Kecke, Backfischige dabei redlichen
Ernstes lächeln müssen. Heute war Alles trüb und
zusammengeronnen, wenn auch unendlich hingebend
und weich … muntere, begehrende Menschen zum
Lager lockend und ladend, zum gemeinsamen Lager.
Aber Adam fühlte sich eben ermattet, wie steif verholzt und zusammengedrückt, klebrig verfilzt, hier
und da in seinen Gelenken überflüssig unterbunden,
und dazu aufgelegt, so viel als möglich kraftverwaisten Herzens zu vernachlässigen. Auch das
Weib an seiner Seite zu vernachlässigen, das er
aber doch nicht gut um diese frühe Stunde allein
nach Hause gehen lassen konnte. Eine Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater war unvermeidlich. Auch
er mußte dabei sein. Ja! diese Auseinandersetzung
wohl eigentlich selbst einleiten. Das fiel ihm jetzt
erst ein. Fatal und unbequem war's doch. Nun!
— da er das auf sich nehmen mußte, konnte er
die paar Schritte, die ihm noch bis zu einem gewissen, an sich selbstverständlichen Ziele zu gehen
blieben — dann konnte er sie nur getrost gehen.
Hedwig würde wohl nicht minder im Sinne haben,
die letzte Hand an ihr gemeinsames Werk mitanzulegen. Dann stimmte dieses Capitel wenigstens
einigermaßen und erlebte eine Art Ende und Abschluß. Also vorwärts!

„Ich bin doch etwas müde!“ begann Adam
stockend und gähnte dazu ein Gähnen, das nicht
recht aus sich herauskommen wollte.

„Bring mich nach Hause, Adam!“ bat Hedwig
leise. Sie wußte selbst nicht recht Bescheid in sich
in diesem Augenblicke. Auch sie war abgespannt,
und nach dem Hochschwung des kleinen Weinrausches,
den ihr die goldene Liebfrauenmilch und die miterlebte Plänkelei zwischen den beiden Herren eingeflößt, litt sie jetzt nur um so mehr unter der wiederkehrenden Müdigkeit. Aber zu ihrem Vater zurück?
Um diese Stunde? Doch wohin sonst? Etwa mit
Adam herumspazieren, bis der Tag sich ganz breit
gemacht hatte und die Menschen glaubten, es mit
ihm wagen zu können? Oh! sie gingen beide schon
so langsam und sehnten sich beide nach Ruhe und
Rast!

Adam lachte mit forzirter Heftigkeit. „Hedwig!
Ich soll Dich nach Hause bringen —? Das ist mehr
als naiv, mein Kind! Hörst Du die Nachtigallen
schlagen? Nun! die schlagen uns etwas Anderes
und Vernünftigeres vor. Wir promeniren erst noch
ein Weilchen — siehst Du: hier sind wir ja gleich
am Parke — die Wege werden allerdings verdammt
matschig und breiig sein — na! wir wollens nur
'mal versuchen — also wir schlucken noch ein Wenig
die Morgenluft ein — machen uns 'n bissel frischer
und dehniger, sehniger, beweglicher — nicht wahr,
Kind? — plaudern noch über Dies und Das — und
nachher — nachher kommst Du mit zu mir, mein Lieb —
und schläfst Dich bei mir tüchtig aus — und morgen
respective heute früh gehe ich zu Deinem Papa und sage
ihm ganz vergnügt, daß uns übermüthigen Menschenkindern der kleine Extra-Streich urfamos bekommen wäre!
Dein Papa wird doch auch in praxi Philosoph genug
sein, um unsere That, in der sich die Natur einmal
so recht ausgelebt hat, nicht mit der Krämerelle zu
messen. Meinst Du nicht auch —?“

„Mit zu Dir gehen — nein, Adam, das thue
ich auf keinen Fall!“ erklärte Hedwig sehr bestimmt
und umschritt, zu Boden blickend, eine braungraue
Wegpfütze, die sich in der Mitte des schmalen,
glitschrigen Parksteges über Gebühr breit hingegossen
hatte.

„Das thust Du nicht —? Nun! was denken
das gnädige Fräulein dann zu thun —?“ fragte
Adam, höhnisch-verdrießlich. Er war doch im Grunde
nur berechtigt, seiner Sache gewiß zu sein. Warum
also überflüssige Weitläufigkeiten? Unglaublich! Aber
die Weiber!

„Du hast doch gehört — ich will nach Hause
gehen —“

„Um diese Stunde? Früh genug ist es allerdings. Aber wir sind schon von heute, mein Fräulein, und nicht mehr von gestern. Es ist 'n viertel
Vier. Sonderbar! Plötzlich genirst Du Dich nicht
mehr! Und gester Abend —“

„Aber Du mußt doch begreifen, Adam, daß ich
nicht mitgehen kann! Und selbst — wenn auch —
nein! nein! — —“

„Ah! ‚Wenn auch‘! Was denn nun noch,
Hedwig —?“

„Nein! nein — —!“

Hedwig hatte sich von Adam losgemacht und
war stehen geblieben. Sie ließ den Kopf auf die
Brust herabhängen und streckte mit zusammengeschobenen Fingern die Hände vor sich hin.

„Ich kann nicht —!“ stieß sie gepreßt hervor.

„Gieb mir nur einen einzigen, vernünftigen
Grund an —“

„Adam! Von Einem zum Ander'n reißt Du
mich —“

„Ist Dir das Tempo zu schnell? Mit Schnecken
um die Wette zu laufen — das ist allerdings reizlos
für mich … Ueberdies mußte es so kommen!
Warum sollen wir die Reise nicht an einem Tage
machen? Das Leben ist so kurz. Man darf sich
nicht zu viel Zeit nehmen. Nicht auf jeder Zwischenstation aussteigen. Nun komm! Hake Dich wieder
ein! Bitte! Und sei meine kleine, vernünftige Hedwig!
Ja —?“

„Lieber Adam —!“

„Aber, Kind — warum sträubst Du Dich denn
immer noch? Unerklärlich! Du kannst doch beim
besten Willen jetzt nicht nach Hause gehen — siehst Du
denn das gar nicht ein? Was sollen wir noch ewig
debattiren darüber! Laß Dich doch überzeugen! Du
verdirbst mir den letzten Rest von Stimmung! Mir
war etwas viel Schöneres eingefallen. Na! Nicht
gerade eingefallen. Ueber Manches hätten wir wohl
noch zu sprechen, Hedwig — über manches Wichtige,
Tiefe, Intime. Und wenn wir uns jetzt recht zusammennähmen — und uns so recht jung und rein,
kräftig und ungebrochen zu fühlen versuchten —
und so recht allein und auf uns nur angewiesen
— mir schwebt noch Dies und Das vor … dämmert
zu mir herüber — ich möchte Dir aus meinem
Leben erzählen … Erinnerungen auffärben — Erinnerungen anderer Art, als vorhin, wo ich Dir von
Deinen … Deinen — Vorläuferinnen — pardon!
— also — — aber bitte! — Komm zunächst!
Hedwig! Komm! Komm! Komm! Komm! Mach' doch!
Und thu' mir den Gefallen und weine nicht wieder!
Ein furchtbar schwerer Güterzug bist Du! Donnerwetter! Die Locomotive muß eine Puste haben —“

Adam versuchte zu scherzen und machte ein gezwungen heiteres Gesicht. Warm blies ihn der
feuchte Frühlingswind an. Adam nahm den Hut
ab und lockerte das zusammengedrückte Haar auf.
Nun gähnte er laut. Zögernd, verdrossen führte
er die Hand zum Munde. Er blinzelte müden,
verschwommenen Blickes zu Hedwig hinüber, die ein
paar Schritte vorwärtsgegangen und dann wieder
wie rathlos, zweifelnd, suchend, unentschlossen und
doch zugleich auch direkt abweisend stehen geblieben
war. Der Tag war schon tüchtig gewachsen. Das
Licht differenzirte Bäume, Büsche, Sträucher schon um
Vieles zwanglos-nachdrücklicher. Das Einzelne gewann mehr und mehr seine Grenzen, ließ seine
Farben spielen, schuf sich seine Umgebung. So objektivirt das Licht. Nacht, Schatten, Dämmerung
sind immer subjektiv. Am Meisten aber die
Dämmerung. —

Nein! Der Druck in den Augenwinkeln war
unerträglich. Und die Glieder wurden dem Herrn
Doctor immer steifer, zäher, widerspenstiger. Es
war schon viel Selbstverständliches in ihm. Er hatte
gründlich abgewirthschaftet. Sollte er das Weib
lieber doch nach Hause bringen … zu seinem verlassenen Vater … und seinem Schicksale überantworten? Es war ja schließlich Alles so egal.
Aber — besonders ehrenhaft und muthig wäre es
doch wohl nicht gewesen. Allerdings — wie überreden, überzeugen, daß —? Ach! die Geschichte war
verdammt langweilig und hausbacken geworden.
Selbst wenn er das kleine Weib wirklich noch mit
nach Hause schleppte und diese lobesam-labsälige
Tragikomödie in einer gewissen Mausefalle ihren
süßen Abschluß fand — besonderen Reiz hatte der
Gedanke kaum noch für ihn, seine Sinnlichkeit ließ
den Kopf hängen und welkte — er war nicht mehr
im Stande, Etwas zu finden, das er tief durchfühlen
konnte. Nur ungeduldig konnte er noch sein. Er
hatte ein starkes, fein ausgebildetes Verständniß- und
Bedürfnißorgan für alles Weibliche — aber schließlich
wird jedes sotane Weibliche doch blutig langweilig …

„Na — wie denken das gnädige Fräulein —?“

„Adam —!“

„Wir wollen nicht wieder in krampfhafte Dialoge
verfallen, Hedwig! Das ist auch so'n weltläufiger
Irrthum, als ob man mit Gesprächen und Verhandlungen irgend Etwas ausrichtete! Wir monologisiren
ja Alle nur — reflektiren über unsere höchst eigenhirnigen Triebe, Neigungen, Kräfte, Tendenzen —
und so weiter. Das versteht sich Alles ganz von
selber. Oder auch nicht. Das ist aber ganz Dasselbe.
Widersprüche giebts nämlich gar nicht. Im Grunde
durchaus nicht. Bloß auf der Oberfläche. Die
Oberflächen drängen, stoßen, reiben, balgen sich.
Das nennen wir denn begriffenes Leben. Das
wesentliche Leben ist natürlich das Unbegreiflich-Unbegriffene. Das sind nämlich die verdammten Dinger
an sich. Daraus folgt, mein Lieb, daß es nämlich
ganz schnuppe ist, ab Du hier stehen bleibst, oder
ob Du mitgehst — ob Du nach Hause fürbaß
wandelst oder bei mir campirst, meine reizende
Kameradin — ob Du — — na! ich will nur
ruhig sein — ich hätte nämlich beinahe wieder 'mal
'was Knalliges losgelassen … Gott verdamm mich!
— bin ich zusammengehauen von den Strapazen
des Abends und dieser glorreichen Nacht! Ja!
Ja! —:
‚So'n klenet bisken Liebe —
Ach! det macht viel Pläsir —
Een Leben ohne Liebe —
Det wäre nischt for mir …‘ —
was ich mir allerdings unterthänigst zu bezweifeln
erlaube. ‚Een Leben ohne Liebe‘ dürfte viel empfehlenswerther … jedenfalls viel gesünder sein.
Aber was soll die ganze Schwatzerei! Wir gehen
direkt zu meiner Wohnung — nicht, Hedwig? Das
ist am Gescheitesten —“

Seit einigen Minuten waren die beiden wieder
neben einander vorwärtsgeschritten. Hedwig sah
Adam von der Seite an.

„Adam —!“

„Nun —?“

„Ach! es ist schrecklich!“

„Immer noch? Du bist poussirlich, Kind!“

„Du weißt nicht —“

„Ich weiß nicht —? Was denn —?“

„Nicht wahr: Du läßt mich aber allein bei
Dir — ich meine: allein — ja — ich — ich
ruhe mich nur ein Wenig aus auf deinem Sopha
— dann —“

„Selbstverständlich — wenn Du es durchaus
wünsch'st — ich dachte allerdings, daß wir —“

„Oh mein Gott —!“

„Was ist denn nur so furchtbar —?“

„Meine — Ver — — ich bin ja schon — Adam!
ich habe ja nichts mehr … zu — ver … l — —“
Das war leise … wie mit unsäglicher Ueberwindung herausgestöhnt.

Adam war doch zusammengezuckt. Hm! Er
hätte ein derartiges Geständniß nach Allem, was
vorausgegangen war, allerdings erwarten müssen.
Und nun berührte es ihn — ja! wie denn eigentlich?
peinlich? schmerzlich? Fühlte er sich genirt — oder
machte ihn die an sich kaum bedeutsame Thatsache
nur schulbubenhaft verlegen? Schließlich schwang er
sich zu folgender hervorragender Antwort auf:

„Das kann Dir nur zur Ehre gereichen, Hedwig!
— Und Dein … hast Du — Dein … Kind? —“

„Starb kurz nach der Geburt —“

„Nun … da hats Dir der liebe Gott doch bequem genug gemacht —“

„Adam!“

„Verzeih! Aber ich — sieh 'mal: ist nicht
jedes Wesen beneidenswerth, das bald nach seinem
Kommen wieder weggeht … weggehen darf?. Es
ist so süß, mitten in der Nacht … nach stundenlangem
Schlafen … einmal aufzuwachen … Man horcht gespannt in die surrende, athmende Finsterniß hinein
— fühlt sich unsäglich angenehm müde — und
dämmert langsam wieder ein … Es verlohnt sich schon,
die Augen einmal aufzuschlagen, wenn man so entzückend schnell und süß wieder einschlafen darf … Aber
nun hoffe ich, ist der letzte Weigerungsgrund hinfällig
geworden, Hedwig — ich weiß sehr wohl, was Du mir
hast andeuten wollen — komm! gieb mir den Arm
endlich wieder — wir wollen uns etwas beeilen —“

Hedwig sah Adam an … und fügte sich langsam
zögernd. Vielleicht doch nicht zu ungern. — — —
— — — — — — — — — — — — —

„Endlich!“ rief Adam, tief aufathmend, aus
und warf die Schlüssel auf den Tisch. „Nun mach'
Dir's bequem, mein Lieb! Deine Kleider wirst Du
schon irgendwo unterbringen. Aber zunächst wollen
wir erst 'mal die Fenster hübsch zumachen … und
der neugierigen Welt ein Schnippchen schlagen …“

Die Vorhänge waren zusammengezogen. Das
Morgenlicht, das schon recht deutlich und grenzenreißend im Zimmer gestanden, war wieder zu anheimelnder, welliger Dämmerung graugeronnen. Adam
warf einen Blick in den Spiegel. Seine Augen
waren glanzlos, sein Gesicht verquollen und unnatürlich geröthet.

„Ja! Ja! das kommt von so 'was!.“ spöttelte
er halblaut vor sich hin. Nun schloß er sein Cylinder-Bureau auf und warf dabei einen Blick seitwärts
auf Hedwig.

„Aber, Kind! Willst Du denn da an der Thür
stehen bleiben? Gefällts Dir so wenig bei mir?
Es ist doch gar nicht so übel hier! Leg Deinen
Hut ab, bitte — Du hast nun einmal A und B gesagt
— jetzt mußt Du das ABC auch ganz hersagen —
davon hilft Dir weder Gott noch Teufel los!
Sieh' mich 'mal an, Hedwig! Na? Willst nicht?
Immer noch so ernst und traurig? — Mein Lieb!“

Das hatte Adam in fast innigem Tone gesprochen. Er war zu Hedwig hingetreten und begann jetzt sehr discret, bescheiden und nicht ungewandt, der Dame seines Herzens allerlei kleine Zofendienste zu liefern. Er nahm ihr den Hut ab, knöpfte ihr
Jaquet auf, zog es ihr aus und zupfte und nestelte
an den engansitzenden Handschuhen herum, bis er
zuerst den einen, dann den ander'n entfernt hatte.
Hedwig ließ Alles ruhig mit sich geschehen. Sie
war sehr blaß, die Lippen hatte sie fest zusammengepreßt, die Augen waren über die Hälfte von den
Lidern belegt. Adam hing ihr Jaquet an seinem Kleiderhalter auf. Diese Apathie verdroß ihn. Er hatte nun
sein kleines Weib im Fangeisen — aber die Geschichte
kam so gar nicht in Fluß … schien im Gegentheil
pyramidal langweilig und langwierig werden zu wollen.

Hedwig kauerte sich auf ein Streifchen Sopharand hin. Adam zwang sich zu einem helleren, anregendem Tone.

„Bitte, Hedwig, sei nicht so stumm und zurückhaltend! Nicht so furchtbar starr und bewegungslos!
Du bist doch die Herrin hier! Siehe! Dein Ritter und
Knecht wird es sich auf dieser schreiend rothen Damastcauseuse bequem machen! Aber Dir, seiner Königin,
hat er ein fürstliches Lager aufgeschlagen! Komm
und staune!.“

Adam theilte die Portière auseinander und erwartete, daß Hedwig zu ihm hin und mit ihm in
sein Schlafcabinet treten würde. Aber die Dame
rührte sich noch immer nicht. Unwillig ließ Adam
die Vorhangfalten fahren. Er setzte sich neben Hedwig auf das Sopha, zog sie ein Wenig tiefer auf
den Sitz zurück, legte seinen linken Arm um ihre
Hüfte und bog sanften Nachdrucks mit der rechten
Hand ihr Gesicht zu sich heran.

„Hedwig —!“

Sie suchte sich langsam von ihm loszumachen.
„Laß mich, Adam —!“

„Fällt mir gar nicht ein! Und folgst Du nicht
willig, so brauch' ich Gewalt — —“

— — — — — — — — — — — — —

Nun Adam auf dem Sopha lag und sich nach
Belieben recken und dehnen konnte; nun die Eindrücke der Außenwelt auf eine geringe Anzahl, die
sich wohl noch bewältigen ließ, zusammengeschmolzen
waren … nun er das Weib, welches er liebte, in so
enger, intimer Nähe bei sich fühlte; nun er es mit
seinen Armen umschlingen und küssen durfte, siedete
das Blut, dessen Leidenschaft schon erstorben war,
noch einmal zischend in die Höhe — und alle geschlechtlichen Instinkte des Mannes lechzten danach,
durch das Weibe erfüllt und befriedigt zu werden. — —

Endlich legten sich ihre Arme wie ein zerschnürender Ring um seinen Hals.

„Adam —! —“

„Hedwig —! —“

Die „Natur“ läßt ihrer nicht spotten. —

— — — — — — — — — — — — —

Das Licht wuchs und wuchs. Die Beiden aber lagen
beieinander und genossen die Süßigkeit verdienten
Schlafes. Wohl war ihr Schlaf nur flach und
dünn, wie eine Linnendecke, die jeder Windhauch
aufscheucht und bläht … dünn wie ein Lindenblatt,
das der junge, übermüthige Morgenwind ansäuselt …
Sie begegneten sich so oft in den Bewegungen ihrer
Glieder und erweckten sich zu neuem Liebesleben.
Dann wieder ein mähliges Ablassen von einander …
ein neues Müdewerden und Eindämmern … und
ein Neuerwachen. Sie sahen sich in die Augen,
trugen keimende Küsse auf die Lippen und pflückten
die süßen, berauschenden Früchte. „Aber nun wollen
wir schlafen, Geliebter — —“ „Ja, Hedwig! Aber
erst — — —“ „Nein! Laß, Bester! Mich friert
so! … —“ „Mir ist erstickend heiß! ich dampfe —“
und Adam küßte diskret die Brust seiner Geliebten …
diese Brust, die so weiß und so elastisch war, wie
ein weichgekochtes, nervös vibrirendes Ei …

Unerschöpflich ist die Phantasie genießender Liebe …
unermüdlich weiß sie neue Reize aufzuspüren und
auszukosten.

So schliefen sie in den wachsenden Tag hinein. Es
wurde lebendig auf dem Vorsaal, man lief hin und her
und sprach jetzt lauter, jetzt leiser. Die bunte Welt der
Geräusche durchstach so oft die zarte Schaale ihres
Schlafes. Manches nahmen sie wohl mit hinüber in
die gaukelnden Traumfetzen, die sie gebären mußten.
Auch von der Straße herauf sprach das Leben, das die
vernünftigen Menschen wieder in Angriff genommen
hatten, so oft in ihre zusammenknospende Rast hinein.
Fliegen surrten um sie herum und schreckten sie auf. Und
immer heißer wurde es auf dem gemeinsamen Lager.

Hedwig schlummerte. Leise und langsam gingen
ihre Athemzüge. Adam stützte den Kopf auf seine
rechte Hand und betrachtete die Schlafende. Ihre
Haut war nicht rein … und jetzt merkwürdig durchfaltet und angerunzelt. Das Haar hatte sich verschoben und sich zu häßlicher Unordnung zusammengeknäult. Unangenehm scharf traten die Backenknochen
hervor, die Wangeneinfaltungen leicht überschattend.
Auf der Oberlippe erglänzten im klaren Lichte der
wahren Sonne einige bläulich schwarze, indiskrete
Härchen. Doch schön war der Leib dieser widerspenstigen
Sünderin, etwas mager wohl, aber sehnig und zusammensaugender Kräfte reich. Und dabei gedachte
Adam der Huldinnen, die alle schon hier neben ihm
gelegen … das Haupt in dieses … in dieses selbe Kissen
geschmiegt … und er verglich ihre Reize, so gut er sich
ihrer erinnerte, und durchkostete noch einmal in nachlässigem Aufstöbern und Zusammenschüren alle die
Freuden und Entzückungen, die er hier schon genossen,
so oft schon genossen … Dieselben Verführungsfaktoren … dieselbe dampfende Entzündung … derselbe
Genuß … dasselbe Resultat … derselbe Ekel … ach!
ein so dummes, so wahnsinnig dummes und einfältiges
Genarrtwerden! Die Natur macht nicht viele Worte,
ihre Sprache ist so blutarm. Sie wiederholt sich immer
und plagiirt sich selber mit denselben Wendungen. Und
immer wieder muß man auf den armselig geistlosen
Köder 'reinfallen. Aber es ist, als ob sie, die domina
natura, stets den Intellekt so lange knebelte und vergewaltigte, bis sie mit der Brandung des entzündeten
Blutes ihr erhabenes Ziel erreicht hat. Und dann?
Dann läßt sie stillvergnügt die genasführte Kreatur
räsoniren. Das letzte Wort behält sie doch …
behält sie immer und überall. —

Adam schlich sich leise von Hedwigs Seite, fuhr
in die Hosen und schlürfte in sein Arbeitszimmer hinüber. Er trank ein paar Schlucke abstoßend lauwarm
gewordenen Wassers, riß die Fenster auf und schaute
… bei seiner sehr primitiven Morgentoilette mit
affektirter Ungenirtheit … auf die Straße hinab,
zum Junihimmel hinauf, der in sattem Stahlblau
flimmerte. Es war um die neunte Stunde … drunten
hatte sich das Leben schon ganz hübsch eingerichtet.
Schwerfällige Lastwagen schoben sich langsam mit
widerlichem Geknarr vorüber. Da lief sein Barbier
vorbei — wenn es dem Kerl nur nicht etwa einfiel,
jetzt schon anzutanzen! Viel Staub und Dunst gab's …
und Menschen, die ihre Hüte in der Hand trugen
und sich mit großen, massigen Taschentüchern die
Stirnen wischten. Ach! Adam fühlte sich sehr
miserabel. Er schauderte vor dem zurück, was ihm
der Tag noch bringen würde, bringen mußte. Da
im Nebenzimmer schlief das Weib, das er … nun!
das er liebte, und das er genossen hatte. Süße,
selige Stunden waren es doch gewesen. Einsame
Stunden, da sie sich wie herausgelöst dünken durften
aus dem Zusammenhange der Menschen und der Dinge.
Nun forderte die geistlose soziale Seite des Lebens
wieder ihr Recht. Sich einzurenken, sich wieder auf
seinen bestimmten Platz in Reih und Glied zu stellen,
das galt es nun wieder. Nach rechts und links vertreten und verantworten, was man in kühner Absonderung gewagt und gethan hat. Ach! Die Scene
mit Hedwigs Vater, die dem Herrn Doctor bevorstand! Das war allerdings sehr peinlich. Und
wenn er sich noch wohler und freier gefühlt hätte!
Aber holprig und langsam war sein Denken, mühsam
vorwärtskriechend und nur ganz obenhin die Dinge
des Lebens betastend. Immer beschäftigte ihn nur das
Nächste. Alle seine Bewegungen waren schwerfällig,
träge, vollzogen sich widerwillig. Eine filzige Zähigkeit und zugleich eine nervöse, unregelmäßige Bewegungssucht, eine zitternde Unruhe spukten in seinen
Gliedern, die wie dicker Brei gern in ihren Lagen verharren wollten und diese doch stetig zu wechseln
strebten. Seine Hände waren schwammig und aufgequollen, seine Gesichtslinien an einzelnen Stellen, um
Augen und Nase herum, schärfer markirt und zugleich
widerlich verwischt. Die Lippen trocken, spröde, auf der
Zunge stand ein fader, dürrer, kiesig prickelnder Sandgeschmack, die Stirn brannte von einem pressenden
Drucke. Oefter mußte Adam gähnen, aber seine Kiefer
schienen alle Biegsamkeit und Spannung verloren zu
haben. Die Kopfhaut schmerzte, als wäre sie von einem
Heere engzusammenstehender Stecknadeln durchlöchert.
Zu jeder Handlung mußte sich Adam besonders
zwingen. Alle Reibungen des geistigen und des
thatsächlichen, praktischen Kleinlebens reizten ihn mit
gesteigerter Intensität. Dabei besaß Nichts ein
tieferes Interesse mehr für ihn … und Alles, was
ihn sonst zum Denken, Bedenken, Betrachten herausforderte, hatte Wert, Inhalt, Form und Farbe
verloren.

Adam wusch sich Gesicht und Hände und schellte.

Im Nebenzimmer raschelte es. Ein langer
Seufzer zitterte herüber.

Dann rief eine müde, heisere Stimme, wie gebrochen, „Adam —!“

„Gleich, mein Lieb! Einen Augenblick!“

Es klopfte. „Herein!“ Das Mädchen kam und
brachte den Kaffee.

„Morgen, Herr Doctor!“

„Morgen! Und bringen Sie bitte noch 'ne
Tasse, Ida!“

„Noch 'ne Tasse?“

„Ja! Ist das so merkwürdig? Ich habe
Besuch —“

Das Mädchen sah sehr verblüfft aus. Es starrte
Adam einen Augenblick an.

„Aber ist denn das noch nicht vorgekommen, so
lange Sie hier sind —?“ fragte Adam unwirschungeduldig.

„Nee! In den acht Tagen, wo ich —“

„Na, also bitte —!“

Jetzt schien dem kleinen, frisch vom Lande importirten „Besen“ doch ein Licht aufzugehen. Er
verzog den Mund und grinste tolpatschig-schnippisch.

„Rindvieh!“ knurrte ihm Adam nach und trat
in's Nebenzimmer.

Hedwig saß im Bett, hatte die Arme gegen die
unter der Decke heraufgezogenen Kniee gestemmt und
die Hände vor das Gesicht gedrückt.

Adam rückte sich einen Stuhl an das Bett heran
und streichelte seinem Weibe liebkosend Haar und Hals.

„Nun — wie fühlt sich die gnädige Frau?
Mir ist nicht so besonders — ich weiß nicht, aber —“

Hedwig nahm die Hände von den Augen. Langsam wandte sie ihr Gesicht mit den bleichen, übernächtigten Zügen und dem schweren, verthränten
Blick Adam zu. Das arme Weib schien ganz muthlos, ganz „hin“ zu sein. Sich im Bette eines
fremden Mannes zu finden — ihm mußte doch auch
die Scham in der Seele brennen —

„Mein Lieb —!“

„Das überlebe ich nicht, Adam! Mein armer —
armer Vater —!“

„Nur Muth, Hedwig! Es wird schon schief gehen
— pardon! wollte sagen: es wird sich Alles schon
machen. Schlimmsten Fall's — also — Du hast
ja immer — hast ja immer an mir Halt und
Stütze! Wir werden's schon überstehen. Es wird
noch Alles gut werden — laß nur jetzt den Kopf
nicht zu tief hängen, Kind!. Und komm! steh' auf!
Du kannst hier ganz ungenirt Toilette machen. Alles
Nöthige wirst Du finden. Es wäre ja nicht das
erste Mal, daß eine Da — — — man ist für solche
Fälle eben vorbereitet, wie es sich geziemt …“ Der angefügte Nachsatz sollte wie ein harmloser Scherz klingen
und war doch eine unwillkürlich beabsichtigte Bosheit. Der Herr Doctor mußte sich in dieser Richtung
leider nur zu oft gehen lassen. Es war beinahe,
als ob nur die vasamotorischen Nerven diesen Reflex
auslösten, und der Wille nicht einmal die Freiheit
mehr besaß, unfrei zu sei.

„Soll ich Dir den Kaffee herüberbringen, mein
Lieb?“

Hedwig antwortete nicht. Adam benutzte ihr
Schweigen und ging auf kleinen, wohlberechneten
Umwegen in sein Arbeitszimmer zurück. Es war
ihm zwar zu Sinn, als ob er sich so etwas wie
„gedrückt“ hätte. Aber da drinnen bei dem unglücklichen Weibe hatte er sich doch zu unbehaglich gefühlt. Und er war schon so nervös heute.

Er goß sich eine Tasse Kaffee ein und trank
das Gebräu, das nur noch lauwarm war, in hastigen
Zügen hinter. Ein merkwürdiger Durst quälte den
Herrn Doctor schon zu dieser frühen Morgenstunde.
Und Adam vergegenwärtigte sich mit stiller Resignation, in der er doch aber immerhin ein Wenig
zungenschnalzend schwelgte, welche Last er auf sich
genommen … und er erinnerte sich, wie so ganz anders
er mit Emmy diese morgendliche Nachfeier genossen
hatte — wie dieses schöne „Kind der Sünde“ an den
letzten verklingenden Melodien einer dithyrambischen
Liebesnacht zu schlecken verstanden. Köstliche, unvergeßliche Stunden! Und heute —?

Adam lag in der Sophaecke und kaute an einer
Virginia-Cigarette, die gar nicht schmecken wollte. Im
Schlafzimmer ging man auf und ab. Schritte schlürften,
Kleider raschelten, das Waschwasser plätscherte. Aber
Alles so langsam und eintönig, so störrisch-verglast,
so leblos-mechanisch. Adam besaß ein sehr feines Gehör.
Das war die Nuance der Trauer, der muthlosen Gleichgültigkeit. Ach! Und das wirkt so ansteckend …

Es wurde an die Stubenthür geklopft.

„Herein!“

„Herr Doctor, 'ne Dame ist draußen, die Sie
sprechen will —“

„'Ne Dame —?“

„Ja!“

„Hat sie denn ihren Namen nicht genannt —?“

„Nee! Sie sagte man bloß, sie müßte Sie
sofort sprechen —“

„Nun — ich lasse bitten —“

Emmy stand auf der Schwelle.

„Emmy —!“

„Verzeih', Adam, daß ich so früh — ich komme
— Ihr wollt Euch — —“

Sie war sehr verwirrt und verlegen, die schöne
Sünderin — eine Erscheinung, die Adam noch gar
nicht bei ihr beobachtet hatte.

Sie stand noch immer an der Thür und irrte
unsicheren Blickes im Zimmer herum, schlug nun die
Augen nieder und vermied es, Adam anzusehen.
Jetzt entdeckte sie zufällig Hedwigs Hut, der auf
einem Stuhl neben dem Sopha lag.

Adam entging es nicht, wie sie erschreckend zusammenfuhr. Er lächelte.

„Du hast, Adam —“

„Was denn, Emmy? Aber bitte — willst Du
Dich nicht setzen? Und willst Du mir nicht den
Grund Deines Kommens nennen? Es muß doch …
muß doch etwas Besonderes vorliegen — nicht? —
oder sollte ich mich irren —?“

„Du hast Besuch —?“

„Besuch? Das ist der Hut meiner Frau, Emmy —“

„Deiner Frau —?“

„Nun ja natürlich! Was weiter? Soll ich sie Dir
vorstellen? Warte eine Secunde — sie macht noch
Toilette … Wir sind etwas spät nach Hause gekommen
und … und haben etwas lange geschlafen … Uebrigens!
wie geht es denn dem Herrn von und zu Bodenburg?
Du kommst doch gewiß von ihm —?“

„Adam —!“

Emmy war dicht an Adam herangetreten und
sah ihn mit großen, blitzenden Augen fest an. Zorn
und Entrüstung brannten in diesem Blick. So spricht
die Leidenschaft, die eine erlittene Schmach rächen
oder die etwas Verlorenes wiedergewinnen will.

Adam konnte sich dem berauschenden Parfüm dieser
Leidenschaft nicht entziehen. Da quoll ihm Blut und
Leben in ungestümem Rhythmus entgegen. Da athmete
ein Weib vor ihm, dessen Leib seine Reize und Schönheiten wunderbar diskret und bestimmt zugleich durch
das knappansitzende Kleid zu verrathen wußte.

Er trat einen Schritt zurück. Und nun mußte
er doch wieder lächeln. Fade! Wollte ihn die Dame
etwa überrumpeln —?

„Nun? —“ fragte er ungeduldig-pikirt.

„Du hast mich in die Arme dieses Menschen
getrieben — —“

„Ich? — Aber Kind, da muß ich doch —“

„Oder etwa nicht —?“

„Liebe Emmy! Das ist doch — ich — ich
denke, es ist Dein Metier, heute mit dem und
morgen mit dem zu … zu — verkehren — —?“

„Und das sagst Du mir —?“

Emmy hatte sich abgewandt. Sie war glühend
roth geworden. Vielleicht aus Scham und Entrüstung
zugleich. Nun empfand Adam doch wieder so Etwas
wie Mitleid mit ihr. Aber er wußte auch nicht sofort, was er antworten sollte

„Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten, mein
Fräulein —?“

Emmy richtete langsam den Kopf in die Höhe.
Ein sehr trauriger, vorwurfsvoller Blick stand in
ihren schönen Augen.

„Sie haben ganz Recht, Herr Doctor — es ist
allerdings mein ‚Metier‘ — —“

„Aber bitte! lassen wir doch das! Ich möchte
heute früh … so am ersten Morgen quasi nach
meiner … nach meiner Hochzeit also … ich möchte
mich da nicht gleich wieder auf alle möglichen Scenen
einlassen — Sie verstehen, mein Fräulein —“

„‚Auf alle möglichen Scenen‘ — so? ‚Scenen‘ —
ganz recht! … Nun, Herr Doctor —“

„Ja —?“

„Sie wollen sich mit Herrn von Bodenburg —
schlagen? …“

„Schlagen? Hui! Mir wird janz jruselig.
Uebrigens — 'mal sehen … kann wohl sein! Warum
schließlich auch nicht? Ich erwarte vorläufig erst
seinen Zeugen — und dann — —“

„Sie werden das Duell ablehnen, Herr Doctor—!“

„Ablehnen? Wie kommst Du mir denn vor,
Emmy? Diese Sprache — ich — ich verstehe Sie
nicht, mein Fräulein —“

„Adam —!“ Das war sehr innig, sehr rührend,
sehr flehend herausgestoßen.

Im Nebenzimmer wurde heftig ein Stuhl gerückt. So hat sich eine Hand krampfhaft auf eine
Lehne gelegt. Die Finger krallen sich fest, pressen sich
immer fester. Jetzt schleudern sie den Stuhl im Affekte,
der seinen Siedepunkt erreicht hat, von sich Die
nervöse Spannung läßt nach …

Die Beiden sahen sich an.

„Denken Sie an … an Ihre — Frau —“ bat
Emmy leise, mit zitternder, stockender Stimme —

„Hm!“

„Das hatte ich Ihnen sagen wollen —“

„Ich danke Ihnen, mein Fräulein —“

„Adieu —!“

„Adieu —!“

Emmy wandte sich nach der Thür um, in deren Nähe
sich die ganze Scene abgespielt hatte. Einen letzten
Augenblick noch zögerte sie jetzt. Und nun kehrte sie Adam
noch einmal ihr volles Gesicht zu. Thränen standen
in ihren Augen, um den Mund zuckte es schmerzlich.

Und da kam es über Adam. Es gebar sich
ihm plötzlich das Gefühl, als verlöre er Unersetzliches, wenn er Emmy jetzt gehen ließe. Und doch
— er durfte sie nicht zurückhalten. Er war ja gebunden. Er hatte ja eine bestimmte Pflicht zu erfüllen. Dieses ‚Verhältniß‘ mußte also endgütlig
abgebrochen werden. Es liegt eine so große Wollust
in diesem Abbrechen und Entsagen … eine so berauschende Wollust, eine so nahrhafte Trauer, eine
so merkwürdig fruchtbare Wehmuth … Aber noch
einen Kuß! Einen letzten Kuß! Und dann Abschied nehmen — Abschied nehmen für immer von
diesen schönen, schönen Reizen! Nun mag die Erinnerung kommen — und genossene Wonnen in
stillen Stunden ausschmückend noch einmal durchkosten … all' das Liebesgeplauder wiederholen und
all' die tändelnden, losen, neckischen … halb ernsten,
halb spaßigen Gespräche, die zwei Menschen zu
einander gesprochen, die sich einen Augenblick liebgehabt …

Adam küßte Emmy auf die Stirn.

„Verlaß mich nicht, Adam!“ — hörte er sich mit
bebender, gleichsam in höchster Angst sich anklammernder Stimme zuflüstern.

Es raschelte in den Falten der Portière. Adam
trat zurück. Emmy verließ schnell das Zimmer. —

Der Herr Doctor stand vor seinem Sophatische,
auf dem es trostlos verworren aussah, und suchte
Etwas, irgend Etwas, er wußte wirklich nicht, was.
Seine Finger tappten zwischen den Büchern, Manuscripten, Zeitungen hin und her, griffen nach einem
losen Blatt, nach einem Schlüssel, einer Cigarrenspitze, einem Bleistifte … jetzt nach der kleinen Morphiumflasche, die sich in intimer Nachbarschaft bei
Meynerts Lehrbuch der Psychiatrie niedergelassen …
und stellten Alles wieder hübsch gewissenhaft an seinen
Platz zurück. Nun fiel Adam die Cigarettenschachtel
in's Auge. Er nahm sich eine frische Virginia heraus
und pendelte sie gedankenbeklommen zwischen den
Fingern hin und her. Jetzt mochte Emmy unten
sein. Ob er ihr noch einmal nachblicken sollte?
Ein letztes Zunicken? Ein letzter Gruß? … Sie
würde jedenfalls zu seinen Fenstern heraufsehen —
vielleicht, daß er — — nein! nein! Nicht coquettiren mit der Vergangenheit, die ein für alle
Mal abgethan sein sollte! Es mußte ja sein. Da
nebenan … die Dame da in seinem Schlafzimmer —
zum Teufel! Es war gegen alle Vernunft und
Ordnung, aber es war einzig und allein „anständig“,
wenn er ihr treu blieb … Auch das mußte eben sein.
Es ist höchst empfehlenswerth, im Prinzip keine
„Pflichten“ anzuerkennen … und in der Praxis
möglichst viele zu erfüllen …

„Hedwig! Bist Du fertig? Dann komm bitte!
Der Kaffee wird in der That ganz kalt —“

Keine Antwort. Adam gab der Cigarette Feuer
und trat in's Nachbargemach. „Himmeldonnerwetter
— da soll denn doch — —“

Die Luft war heiß und dunstig hier. Eine
wüste Unordnung, von dem brutalen Sonnenlicht bis
in's Kleinste hinein entwirrt und umrissen, machte sich
allenthalben breit. Hedwig saß an dem einen Fenster,
hatte den linken Arm auf das Brett gestützt und
das Kinn in die Handhöhlung gelegt. Sie starrte,
wie von einem einzigen dumpfen, massiven Schmerze
zusammengezwungen, ausdruckslos durch die Scheiben.
Das schwarze, schmucklose Kleid gab der ganzen Gestalt etwas unendlich Trauriges, unsäglich Herbes
und Abgewelktes.

„Willst Du nicht?“ bat Adam leise, innig. Er
war hinter den Stuhl Hedwigs getreten und hatte
ihr Gesicht sanft zu sich emporgezogen. „Komm,
meine kleine Frau!“

Hedwig seufzte laut auf.

„Und verzeih' diese dumme Störung vorhin!
Das war recht geschmacklos. Siehst Du: da hattest
Du gleich so'n Stückchen rabbiater Vergangenheit!
Aber es ist vorbei. Ich habe es definitiv ad acta
gelegt. Du kannst wirklich ganz ruhig sein —“

„Was wird mein Vater sagen?“ kam es darauf langsam und unheimlich abgewickelt deutlich von ihren Lippen.

Adam fuhr auf. Er hatte im Stillen wohl auf
einen neuen, pikant-harmlosen Disput gerechnet …
der gewiß nicht ohne reizvolle Pointen geblieben
wäre! Und nun wieder die alte Geschichte mit
ihrem Vater, an die er am Liebsten gar nicht erinnert sein wollte. „Nimm mir's nicht übel, Hedwig — aber immer und ewig nur Dein Vater!
Ich hab's Dir ja schon gesagt: ich gehe nachher
zu ihm hin und setze ihm die ganze Sachlage ruhig
und denkbar correkt auseinander. Dann werden
wir ja sehen … Vor Elf kann ich allerdings nicht.
Bis dahin muß ich schon warten … muß eben erst
sehen, ob sich Herr von Bodenburg mit seiner kindischen
Geschichte meldet. Ist das glatt, wird sich das Andere auch finden. Dein Papa ist doch kein Unmensch.
Ich begreife nicht, warum Du Dich darum so furchtbar absorgst und abgrämst … Die Situation ist ein
Wenig außergewöhnlich — ich gestehe es zu — das
ist aber auch Alles. Sie mag nicht alle Tage vorkommen — nun ja! Aber ich danke auch dafür,
alle Tage Sauerkohl und Bratwürstel essen zu müssen.
Es sind schon ganz andere Geschichten auf dieser Welt
passirt — sei doch nicht zu klein, Hedwig! Wir
wollen nicht jeden Kram mit dem Pathos der geschichtlichen Mundvöllerei-Tragödie ausstaffiren — immer und
immer wieder dieselben Phrasen, dasselbe nauséabonde,
urtriste Gequatsche! Seien wir klar und nüchtern,
wie es unsere Zeit verlangt — ich hasse diese banausische Sentimentalität, diese schleimige Gefühlsduselei … Komm! Ich kann Dir zwar momentan
nicht Beef und weiche Eier vorsetzen, wohl aber miserablen Kaffee und ein Brödchen mit Sardellenbutter. Das
ist auch Poesie, Kind! Nun — das wird hoffentlich Alles anders und besser werden, wenn Du erst
'mal meine kleine Hausfrau bist — nicht wahr —?“

Hedwig war aufgestanden. Sie legte ihre Hände
auf Adams Schultern, barg das Gesicht an seiner
Brust und weinte leise in sich hinein.

„Ich habe ja nur Dich noch auf der ganzen
weiten Welt, Adam — habe Mitleid mit mir!“ bat
sie mit thränenerstickter Stimme.

Adam drückte sein Weib zärtlich an sich.

Und nun saßen sie wieder beisammen auf der
schreiend rothen Damast-Causeuse.

Adam nippte an seiner Cigarette, Hedwig trank
ab und zu einen Schluck kalten Kaffees und führte
ein butterbestrichenes Semmeleckchen zum Munde. Sie
sprachen wenig zu einander. Das war keine besonders
behagliche Frühstücksstimmung. Ob Hedwig wohl
viel Talent dafür besaß, die sehende, sorgende Hausfrau zu spielen? Sie schien nur immer noch über
das Eine, das Schicksal ihres Vaters, nachzugrübeln.
Daß Adam vor einer etwaigen Pistolenmensur stand,
durch welche, wenn sie vor sich ging, ihr Verhältniß
zu ihm eine andere, unter Umständen ihr keineswegs
günstige Wendung erhalten konnte, — das hatte sie
augenscheinlich ganz vergessen. Oder erachtete sie es
unter ihrer Würde, auch in dieser Beziehung eine
Bitte für sich bei Adam einzulegen, nachdem schon …
Emmy für sie gebeten hatte? …

Es lag ein überaus discreter, nur scheu angedeuteter Moschusduft im Zimmer … eine liebe Hinterlassenschaft Emmys. Dazu das brenzlichte Parfüm
der Cigarette. Adam hatte allerlei kleine, dumme,
träge, saugrüsslige … überflüssige Gedanken …

Es war schon über elf Uhr.

„Nun könnte sich der edle Trovatore eigentlich melden!“ bemerkte Adam verdrießlich. Er hatte sich eben das
Gespräch, das er mit Herrn Doctor Irmer zu führen gedachte, in den Hauptpunkten zurechtgelegt … und hätte es
am Liebsten sofort vom Stapel gelassen. Das Memoriren und Rekapituliren war so beunruhigend und peinlich. Nur neue Bedenken und Möglichkeiten gebar es, welche das Motiv immer wieder beeinflußten und verschoben.

Da schlug die elektrische Klingel an.

„Ist Herr Doctor Mensch zu sprechen —?“
hörte Adam eine rauhe, belegt-fettige, wie verbogene
Stimme fragen.

Das Mädchen gab Bescheid. Es klopfte an die
Stubenthür.

Hedwig zuckte zusammen. Vielleicht eine Nachricht
von ihrem Vater —? … eine Anfrage von ihm bei
Adam, ob — —? …

„Herein —!“

Ein Herr trat in's Zimmer. „Herr Doctor
Mensch —?“

„Ja! Und darf ich fragen — —“ Adam
hatte sich erhoben.

„Mein Name ist von Schnauzl. Habe die
Ehre, von Herrn von Bodenburg — —“ Herr von
Schnauzl stockte. Er warf einen fragenden Blick
auf Hedwig, die ihn mit ängstlicher Spannung, zugleich äußerst verlegen und genirt, ansah.

Adam fand den Zusammenhang.

„Sei so gut, mein Lieb, und laß uns einen Augenblick allein —“

Hedwig entfernte sich.

„Nun —?“ fragte Adam, einen Ton beleidigender Abweisung und Ungeduld in der Stimme.

„Herr von Bodenburg —“

„Wollen Sie sich nicht setzen, Herr von … von —“

„Von Schnauzl! Danke verbindlichst!“

Herr von Schnauzl geruhte, mit steifer Nachlässigkeit ein Fleckchen Causeuse für seine dreidimensionale Leiblichkeit in Anspruch zu nehmen.

„Also fühlt sich Herr von Bodenburg wirklich beleidigt? Aber mein Gott! — wodurch denn nur —?“

„Herr von Bodenburg, mein verehrter, langjähriger
Freund — wir waren Kompennäler und später zusammen aktiv in Göttingen —“

„So —?“

„Ja!“ versicherte Herr von Schnauzl mit unwillkürlicher Treuherzigkeit … und fuhr dann fort:
„Herr von Bodenburg war also vorhin bei mir und
ersuchte mich, Ihnen eine Pistolenforderung … für
den Fall, daß Sie nicht revociren und depreciren —
natürlich in Gegenwart der bei der betreffenden
Scene betheiligt gewesenen Personen — also vor Allem
in Gegenwart der Dame, mit welcher mein Freund —“

„Ah! In Gegenwart meiner Emmy —?“

Adam war doch unverbesserlich. War das nun
Absicht gewesen — oder hatte er wirklich ganz vergessen,
daß sich Hedwig im Nebenzimmer befand und sicher
auf jedes Wort, das hier gesprochen wurde, aufmerksam hörte? Aber … schlimmsten Falls …
wenn es sich — vor ihr — nicht anders drehen und
wenden ließ: schlimmsten Falls konnte er den faux
pas als eine kleine, harmlose Rache hinstellen — ganz
bewußt beabsichtigt — das war doch noch etwas
pikant — warum hatte sie sich denn heute so ganz
und gar nur von der Sorge um ihren Vater erfüllen
lassen? — und ihn so gut wie gar nicht berücksichtigt?.

„Verzeihung! Ihrer Emmy, sagen Sie …
hm! —“ fragte Herr von Schnauzl verblüfft und
pikirt zugleich.

„Ja! Natürlich! Die Mätresse des Herrn Referendars war vorher — meine Mätresse — ist es quasi
eigentlich noch! Die Dame war vor einer Stunde
bei mir … Aber darf ich bitten, fortzufahren —“

Herr von Schnauzl war ein paar Finger breit aus
dem Geleise gekommen. Da warfen sich ihm einige
Momente mir nichts dir nichts zwischen die Beine, auf
die er schlechterdings nicht im Geringsten gerechnet
hatte, als er sich zur Erfüllung der ehrenvollen Mission,
die ihm von Seiten seines verehrten Freundes aufgeschultert war, vorbereitet. Aber schließlich — das
war ja seine Sache nicht. Mochte die Dame doch
— — er hatte nur die Forderung zu überbringen
… respektive den Sühneversuch einzuleiten.

„Doch … das hat mit dem, was mir hier zunächst obliegt, direkt nichts zu thun. Ich bin nur
beauftragt, Ihnen, Herr Doctor —“

„Von Revociren und Depreciren kann natürlich
keine Rede sein —“ fiel Adam barsch ein. Die
ganze Geschichte langweilte ihn schon ganz gehörig.
Was wollten denn nur in aller Welt diese Idioten
von ihm —?

„Ja — dann —“

„Verzeihen Sie, Herr … Herr von Schnäuzl —
pardon! — Schnauzl — durch welches Wort — hm!
— welchen Ausdruck, welche Gesprächswendung fühlt
sich denn eigentlich Ihr Herr Mandant beleidigt —?“

„Sie haben, wie mir Herr von Bodenburg mittheilte —“

„Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten —?“

„Danke verbindlichst! Aber verzeihen Sie —
ich muß doch bemerken, Herr Doctor —“

„Ja —?“

„Daß Sie den Ernst der Stunde ein Wenig zu
unterschätzen scheinen —“

„Meinen Sie? — Ach nee! Doch — offengesagt —:
ich finde die ganze Geschichte dämonisch kleinlich, albern,
überflüssig, trivial … und vor Allem empörend langweilig … Gestatten Sie übrigens, daß ich mir ein
Exemplar meiner Virginia zu Gemüthe ziehe. Hoffentlich finden Sie nicht, daß unser ehrenwerther, blutrother Pistolenspeech durch ein paar blaue Rauchwolken entweiht wird — ich meine im Gegentheil:
derartige Akte dürfen des Weihrauchs nicht entbehren — sie möchten sonst zu nüchtern und zu
schamlos nackt sein —“

Herr von Schnauzl war etwas unruhig geworden.
Er wußte nicht recht, wie er diesen Herrn Doctor nehmen
sollte … Sollte er sich durch diese Art der Gesprächsführung auch beleidigt fühlen und … und die ganze
Verhandlung abbrechen? Grund genug dazu hatte
er schließlich erhalten durch die höhnisch-moquante
Art, mit welcher der Gegner seines Freundes sich
aufspielte. Aber er hatte ja noch nicht einmal die
Forderung selbst normirt — und darum — —

Adam hatte sich in den Sessel geworfen, der vor
seinem Cylinder-Bureau stand, und betrachtete sein
schräges Gegenüber.

Herr von Schnauzl machte ihm durchaus keinen
sympathischen Eindruck. Das ganze Wesen dieses
würdigen Jünglings athmete eine gewisse Freude
darüber, daß er auf der Welt war … und daß diese
Welt nun gezwungen wurde, ihn ernst zu nehmen …
Von der Wichtigkeit seiner momentanen Mission schien
der mittelgroße, wie durch eine unnatürliche Gliederverkürzung corpulent gewordene Herr ganz außerordentlich durchdrungen zu sein. Sein volles, möhrenrothes
Gesicht hatte etwas Verschobenes, Zusammengedrücktes,
gleichsam versetzt Asthmatisches, zugleich etwas unbeholfen Böckisches, schnaufend Einhackendes, das eminent komisch wirkte. Auf beiden Seiten der prachtvoll
gewölbten Nasenkuppel zogen sich abwärts zu dem gewöhnlich breiten Munde zwei markante Falten, wie
Pfützenrinnsale in Miniatur-Ausgabe. Das Kinn war
ungefüg und schwulstig, die Stirn schmal und niedrig,
hökrig, mit Hitzblüthen betupft, die Ohren auffallend
klein, das kurze, röthlich blonde Haar so elegant und
peinlich correkt frisirt, wie es bei seiner verschüchterten
Spärlichkeit nur irgend möglich war. Hm! Idealisirter Bierhuhn-Stil. —

„Herr von Bodenburg fühlt sich durch eine Aeußerung Ihrerseits, die Sie zwar nicht direkt an ihn
gerichtet haben, die er aber dem ganzen Zusammenhange nach auf sich beziehen mußte — also dadurch,
daß Sie von dem ‚Ersten Besten‘, sprachen, ‚in dessen
Arme‘ — ich glaube, so drückten Sie sich aus — —“

„Ach ja! Ich erinnere mich … Nun, — ich weiß
schon — also wie gesagt —: auf eine weitere, revocirende Erklärung lasse ich mich nicht ein. Des Kuriosums
halber: Herrn von Bodenburgs Forderung —?“

Adam war ungeduldig geworden und aufgesprungen. Er hatte die Komödie mit diesem dummen
Jungen satt. Lächerlich! Im Nebenzimmer hörte
er Hedwig hastig, aufgeregt hin- und hergehen. Die
Erwartung der Entscheidung ihres Schicksals schien
sie mit immer wachsender nervöser Unruhe zu erfüllen, je länger sich diese Entscheidung hinausschob.
In der nächsten halben Stunde stand er vor ihrem
Vater und hatte mit diesem eine ungleich ernstere
und wichtigere Auseinandersetzung zu bestehen. Was
gingen ihn da diese Krautjunker an, die nichts Anderes zu thun zu haben schienen, als sich in das erbärmlichste Zeug von der Welt, in den conventionellsten
Phrasenschnickschnack festzubeißen? Eine Unverschämtheit, ihr lächerliches Nichts hier vor ihm zu
einer Haupt- und Staatsaktion aufzublähen!

„Die Forderung Herrn von Bodenburgs: also
auf Pistolen — fünfzehn Schritt Distance — zweimaliger Kugelwechsel — mit Zielen —“

„So? Danke sehr! Im Uebrigen also theilen
Sie Herrn von Bodenburg nur gefälligst mit, daß
ich seine Forderung nicht annehme —“

„Nicht —?“

„Nein —!“

„Und darf ich fragen, aus welchem Grunde —?“

„Aus welchem Grunde? Hören Sie 'mal, lieber
Herr —: ich wäre wohl kaum verpflichtet, Ihnen meine
Gründe auseinanderzusetzen. Es würde uns auch zu
lange aufhalten, bin pressirt. Ich sage Ihnen nur,
daß ich durchaus kein prinzipieller Gegner des Duells,
speciell der Pistolenmensur, bin — durchaus nicht! Aber
ich halte zunächst Herrn von Bodenburg in keiner Weise
für den Menschen, der würdig wäre, daß ich ihm
mit der Waffe in der Hand gegenüberträte —“

„Ich muß doch bitten Herr Doctor! Ich bin
hier sein Vertreter … gleichsam in dieser Angelegenheit mit ihm identisch — und ich würde nun doch
endlich gezwungen sein mich selber als beleidigt zu
betrachten, wenn — —“

„Das sollte mir leid thun, Herr von … Schnauzl
— ich würde es aber nicht ändern können. Uebrigens
wenn Sie mit Ihrem Mandanten identisch sind —
warum kommt er denn da nicht selber zu mir?
Wäre er vorhin anstatt zu Ihnen zu mir gegangen,
hätte er — na! da hätte er eben unsere liebe Emmy,
den kleinen, reizenden Zankapfel, bei mir antreffen
können. Wir hätten dann jedenfalls sehr bald Frieden
geschlossen. Frauen entzweien zwar leicht und wohl
in gewissen Fällen auch nicht gerade ungern — haben
aber doch auch wieder einen riesigen Versöhnungstic …
Die Emmy war ganz außer sich vor Aufregung …
Nun — und dann —“

„Ja! Ihre weiteren Gründe —?“

„Ich lasse mich nur mit — verzeihen Sie! —
nur mit Meinesgleichen ein — Herrn von
Bodenburg aber für Einen Meinesgleichen zu
halten — ja! — es sträubt sich Etwas in mir dagegen — ich glaube übrigens wirklich — ich kann's
mir wenigstens nicht anders erklären — Sie werden
wohl besser orientirt sein — kennen ihn ja näher
— nicht? Ihr Herr Mandant kränkelt auch 'n Bissel
am modernen Größenwahn —? Sich mit mir —
na! — hören wir damit auf — nix für ungut,
Herr von Schnauzl — ja! — also — und dann
… dann schlage ich mich noch, wenn ich die Ueberzeugung habe, daß ich für etwas Prinzipielles
eintrete … eintreten muß. Kindische Lappalien
indessen —“

„Sie lehnen die Forderung also definitiv ab —?“

„Ja! — Außerdem giebt es noch einen Fall —“

„So wollen Sie mir wenigstens bestätigen, daß
ich Ihnen die Forderung Herrn von Bodenburgs
überbracht habe —“

„Mit Vergnügen! Wünschen Sie eine schriftliche
Erklärung —?“

„Nein! Ich danke. Die mündliche Décharge
genügt mir … Ich empfehle mich! Adieu!“

„Ich habe die Ehre! Adieu! —“

Adam trat zu Hedwig in's Schlafzimmer.

„Und nun will ich mich fertig machen und
zu Deinem Vater gehen, mein Lieb. Verzeih die
Verzögerung — die dumme Geschichte ließ sich aber
nicht fixer abwickeln. Mein Gott! Was habe ich
seit gestern Abend bis heute Mittag nicht schon für
Scenen erlebt! Das geht auf keine Bärenhaut. Und
eine immer schöner als die andere! Na! Nächstens
werde ich meine Memoiren schreiben. 'S wird Zeit.
Aber der Hauptcoup kommt noch. Hm! Doch
auch dieser Kelch wird sich wohl noch austrinken
lassen. Himmel, hast du keine Flinte! Mir ist doch
immer noch nicht wohler. Diese dummen, stechenden
Hitzeschauer! Die Luders springen an Einem auf
und ab, als wäre man 'ne Kletterstange. Wie gefiel Dir übrigens der Herr von Schnauzl? Eine
unglaubliche Leineweberseele! Nee! So'n Trauerweiderich! Eh bien! Unser'm Herrgott darf als Generallandwirth auch der zweibeinige Viehbestand nicht
fehlen … Es wird Einem manchmal wirklich zu
schwer gemacht, nach Buddha's Recept „Mitleid mit
allem Erschaffenen“ zu haben —“

„Und habe Nachsicht mit meinem armen, alten
Vater, Adam! Er wird sehr unglücklich sein … Ach!
Das hätte ich ihm doch nicht anthun sollen … Wenn
Du ihn nur noch — wenn er nur noch — o Gott!
der Gedanke könnte mich wahnsinnig machen, daß
— — und diese Angst — diese furchtbare Angst —!
Und bitte für mich bei ihm, Adam —!“

„Für Dich? Für uns, Hedwig! Am Meisten
aber für mich. Denn ich habe ihm sein Kind genommen. Und nun leb' wohl, mein Lieb! Wo
hab' ich nur meine Handschuhe? Du kannst unterdessen ganz ruhig hier bleiben — Du bist ganz
ungenirt. Nimm Dir 'n Buch vor und ließ 'n
Bissel! Da Daudets Tartarin! Der drollige Kerl
wird Dich aufheitern. Ich komme sofort zu Dir zurück. Es wird sich schon Alles ordnen lassen.
Adieu —!“

„Adieu, Adam! — Und — und — —“

Die Beiden küßten sich. Hedwig wandte sich
laut aufschluchzend ab. —

Adam ging langsam die Treppen hinunter. Das
Gehen wurde ihm schwer. Er fühlte sich doch noch
recht unbehaglich, so unruhig, schwül, wie charpiezerzupft. Wie ein Träumender ging er langsam
durch das Leben der Straße. Er konnte sich nicht
in das Treiben der Dinge um ihn herum hineinfühlen. Alles gurgelte hohl und dumpf an ihm
vorüber, huschte und flirrte wie Schatten an
ihm vorbei. Eine dicke, unerklärliche, nur matt
transparente Schicht trennte ihn von Allem, was
ihn umgab … eine Schicht, die er fast physiologisch als eine schwankende, gallertartige, milchweiße
Substanz wahrnahm. Er war ganz auf sich angewiesen, auf sich zurückgedrängt, in sich hineingeschoben.
Das Alles, was da vor ihm, neben ihm, hinter ihm
geschah, hatte keine Beziehungen zu ihm, ging ihn
nichts an, das Alles verstand er nicht. Und nach
einer halben Stunde ging er wiederum sehr lang
sam die Treppe zu Irmers Wohnung hinauf. In
seinen Schläfen stach und zerrte es heftig. Nun
stand er schwer athmend oben und hatte das blanke,
messinggelbe Namensschild vor sich und daneben den
kleinen, weißen, flachausgehöhlten Porzellanknopf der
elektrischen Klingel. Pfui! Wie der Kerl mit seiner eingedrückten Glatze grinste! Adam stand vor der Entscheidung. Er horchte einen Augenblick gespannt, ob er hinter dieser Thür verdächtige, auffällige Geräuschzeichen
wahrnähme. Es war Alles todtenstill. Das stimmte
ihn noch ernster, schwerer, machte ihn noch muthloser,
erfüllte ihn mit bangen Ahnungen, Erwartungen,
quälenden Vermuthungen, steigerte seine Unruhe und
Aufregung. Endlich raffte er sich auf und drückte mit
forzirter Heftigkeit auf diesen ekelhaften, kleinen, weißen,
flachausgehöhlten Porzellanknopf. Scharf und schneidend, wie unerbittlich, schlug die Glocke an. Adam zuckte
zusammen. Dort die Treppenstufen, welche er noch,
indem er sich die peinliche Rechtfertigung ersparte,
vor einer halben Minute hätte unbehelligt zurückgehen dürfen — diese dummen, lächerlich selbstverständlichen und neutralen Treppenstufen waren ihm
jetzt ein verbotenes Reich, das verboten blieb, so
heiß er es auch ersehnte … Er dachte daran, wie
er sich heute Nacht an der Seite Hedwigs an diesem
Geländer hinuntergetastet. Da waren sie dem Leben,
der Freiheit, dem Genuß entgegengegangen. Und
nun stand er hier und stellte sich zur Abrechnung
mit dem Vater, dem er sein Kind genommen. Aber
jetzt wurde eine Thür zugeschlagen — Schritte schlürften heran — die innere Thürklinke ging nieder —

XV.

— Und die Thür that sich auf. —

„Herr Doctor Irmer zu sprechen?“ fragte Adam
das Mädchen mit halblauter, stolpernder Stimme.

Das Gefühl beherrschte ihn ganz, daß er im
nächsten Augenblicke vor seinem Richter stehen würde.
Es war so altfränkisch, dieses anklagende, beängstigende
Gefühl, Adam empörte sich auch ganz gewaltig gegen
das Rudiment aus seinen Kindertagen, wie er es
affektirt geringschätzig nannte, aber es war doch da,
war doch in ihm, es ließ sich weder durch einen brutalen
Gewaltakt des Willens noch durch ein logisches Raisonnement hinwegdisputiren. Adam hatte alles
Selbstbewußtsein, alle Ueberlegenheit verloren. Er
abstrahirte allerdings aus der Erinnerung, daß er
seine ganze Sicherheit wiedergewinnen würde, sobald
er erst mitten im Feuer stände und es zu starken Individualitätsreibungen gekommen wäre — er hatte
diese seelische Erscheinung so oft schon an sich erlebt. Nur das Unklare, Ungewisse erregte ihn, wühlte
ihn so auf, machte ihn so ängstlich und furchtsam.
Seine Phantasie trieb Alles auf, zog sogleich die
letzten Schlußfolgerungen, zeigte Alles von der unerträglichsten Seite, malte Schwarz in Schwarz. Adam
hatte auf dem Boden seiner Natur sehr bedeutende
Neigungen für ein beschauliches Künstlerleben. Aber
früh war er in allerlei Mißverhältnisse gerathen,
die seinen anfangs ziemlich schwachen, nachher immermehr gewachsenen Widerspruch herausgefordert. Wenn
es irgend anging, lebte er mit der Welt am Liebsten
in Frieden, das heißt: hielt er sich diese feudale
Welt zehn Schritt vom Leibe —: um damit den erforderlichen, günstigen Beobachtungsstandpunkt zu gewinnen, wie er sich mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit vorlog. Aber zugleich war doch in seine Natur
ein heftiger, fahriger, unruhiger, widerspruchssüchtiger,
bekehrungswüthiger Zug gekommen, der ihn immer
wieder mitten in die Dinge hineinriß … und mit
der Zeit seiner ganzen Persönlichkeit immermehr etwas Herausforderndes, abweisend Kritisches, Aetzendes gegeben hatte. Ein gewisser Leichtsinn, dessen
Keim Adam jedenfalls von seinem Vater ererbt;
eine behende Sorglosigkeit ermöglichten es ihm dann
öfter, eine Weile seelenvergnügt in Verhältnissen auszuhalten, die sehr unerquicklich und peinlich werden
mußten, wenn sie sich zuspitzten. Adam war sich
dieses unangenehmen Endes auch klar bewußt. Seine
Phantasie war ja sehr werklustig und übertreibungskundig, sehr ausmalungsbeflissen. Aber er hielt es
nicht der Mühe für werth, Versuche zu machen, um
jenes unangenehme Ende abzuwenden oder, war das
nicht möglich, wenigstens abzuschwächen. Er war
nicht einmal im Stande, sich auf widerwärtige fünfte
Akte vorzubereiten, wenn sie durchaus unvermeidlich
waren. Er ließ sie, öfter beinahe etwas wie Neugier und Gespanntheit in der Seele, getrost an sich
herankommen. Dann fiel er ihnen zunächst zum Opfer,
indem er, unmittelbar vor ihnen stehend, heftig zurückschrak. Schließlich wurde er mitten in einen
solchen fünften Akt hineingeschoben … und machte
sich's mit der Zeit ganz bequem darin. Alle Widerstandskräfte wurden in ihm ausgelöst, er hatte sich
allenthalben zu verantworten, zu vertheidigen, er
mußte erklären und aufklären — und that das im
vollen Bewußtsein seiner geistigen Fülle, Kraft und
Ueberlegenheit. Er sah ja immer tiefer und schärfer,
fühlte stärker und klarer, als alle die Kreaturen,
die es für ihre Pflicht hielten, sich mit breitspuriger
Wichtigthuerei an ihm abzuwursteln. Er lachte auf
die Zwerge herab, mußte sich aber ihren läppischen
Resultaten fügen … so oft fügen … wenn er eben
auch die äußere Möglichkeit behalten wollte, ab und
zu den Riesen zu spielen.

Nun stand Adam wieder einmal, in gewisser
Hinsicht ein „unsicherer Kantonist“, vor einer Entscheidung. Sie war ihm überaus lästig und unbequem. Er bebte vor ihr zurück. Wer konnte wissen,
welche Folgen diese Auseinandersetzung mit Hedwigs
Vater für ihn haben würde! Wenn Alles sehr
mißlich für ihn ablief — zu verwundern war's nicht.
Gar nicht. Wenn er nur vorher wüßte, ob Irmer
ihm recht aufgebracht entgegentreten würde! Geschähe das — nun! dann würde er schon zu antworten wissen. Explosionen liebte Adam. Sie erleichtern so … und bleiben in der Regel so hübsch
in der ungefährlicheren Peripherie … machen so oft
den Kern einer Sache — einer „Schuld“, die gesühnt;
einer „Sünde“, die gerächt werden soll — ganz vergessen. Explosionen sind sehr praktisch. —

„Ich weiß nicht, ob der Herr Doctor —“ begann
das Mädchen zögernd, beklommen. — Adam bemerkte
unwillkürlich, daß sein Gegenüber recht bekümmert,
wie starkverweint um die Augen herum, aussah. Es
hatte so gar keine deutlicheren Farben im Gesicht.

„Ist er sehr leidend —? Dann könnte ich ja —
wenn auch — — es wäre mir doch wichtig — —“

„Ja! Der Herr Doctor ist sehr leidend — er
liegt zu Bett — er hat sich wieder hinlegen müssen
— aber Sie kommen gewiß von wegen unseres
Freileins — —“

„Ja! Ja! Nun machen Sie doch! Führen
Sie mich an sein Bett — oder — Hedwig wartet — —“

„Hed … Mein Gott! Dann kommen Sie
nur! Aber ich wills doch lieber dem Herrn Doctor
erst sagen — bitte treten Sie so lange ein —“

Und nun stand Adam wieder in dem Zimmer,
in welchem er gestern Abend so Vieles erlebt
hatte, was für ihn bedeutsam und entscheidend geworden war.

Dort an dem Fenster — nein! es war doch eigentlich zu närrisch! — dort hatte er sich seine …
seine Braut erobert. Es hatte ihn Mühe genug
gekostet. Nun! Er hatte ja seinen Lohn dahin.
Er hatte erreicht, was er halb bewußt, halb unbewußt gewollt hatte.

Aber nein! Das konnte sich ja unmöglich Alles
so ereignet haben, wie er da glaubte — das wäre
ja der pure, blanke Wahnsinn gewesen —!

Quatsch! Seine Phantasie war wieder einmal
mit ihm durchgegangen. Sie hatte doch sonderbare
Passionen, diese merkwürdige Phantasie! Manchmal
wurde sie ganz unheimlich. Diese Vexierspiele
streiften schon an … an — natürlich an Verrücktheit …

Adam strich sich mit der Hand über Augen und
Stirn. Und doch — aber nein! nein! Und noch
zehntausendmal nein! Er wartete ja auf das
gnädige Fräulein, dem er einen conventionellen
Besuch … eine ganz formelle, gleichgültige Visite
machen wollte — na! die Prinzessin ließ ein Wenig
lange auf sich — auf sich … „warten“ — nun
könnte sie doch eigentlich … nun könnte sie doch
eigentlich kommen! Was dachte sie sich denn? Er
stahl doch wahrhaftig seine Zeit nicht —

Adam fühlte sich arg beleidigt. Er wollte es
ihr schon zu verstehen geben, dieser — —

Da öffnete sich die Thür und Doctor Irmer
trat ins Zimmer, langsam, ganz langsam. Es
machte ihm sichtbar Mühe, die Thür hinter sich
nachzuziehen.

Adam starrte den Eintretenden wie eine räthselhafte, ganz unerklärliche Erscheinung an. Was war
denn das? Nun sollte er sich auf einmal zwischen
Traum und Leben entscheiden. Was sollte er denn
für Leben, was für Traum halten?

Unwillkürlich paßte Adam Auge und Intellekt
mehr und mehr dem Phänomen, das er da vor
sich sah, an. Ob es nun Täuschung, ob es Wahrheit war — er kam schließlich doch so weit, daß
er so ziemlich unverworren mit der Thatsache, die
sich ihm grell aufdrängte, die er sich aber doch noch
nicht ganz zu eigen machen konnte, rechnete

Irmer hielt sich den um ihn herumschlotternden
Schlafrock in der Bauchgegend mit der linken Hand
zusammen. Die ganze Gestalt war geknickt, gebrochen,
überaus hülflos. Der Kopf hing auf die Brust
herab, wie von der Klammer eines unwiderstehlichen
Zwanges heruntergepreßt. Das Gesicht war bleich
und welk, seine Furchen und Falten traten erschreckend scharf hervor. Das spärliche, mehr wasserfarbene als graublonde Haar stand in ungeordneten
Büscheln auf dem Scheitel herum. Dazu müde, todte
Augen und rothentzündete Lider.

„Herr Doctor“ — — begann Adam leise,
stockend, ganz rathlos … und trat einen Schritt zur
Seite.

Irmer nickte nur schwer mit dem Kopfe, ein
Nicken wie das eines Blödsinnigen, der nicht wußte,
was man von ihm wollte. Der schwerleidende
Mann schlich quer durch das Zimmer nach der Ecke
hin, wo sein Schreibtisch stand. Langsam ließ er
sich in seinen breiten, wackeligen Sessel fallen.

„Sie kommen —“ knüpfte er mit seiner müden,
amorphen, hökrig-verschleierten Windstimme an, nachdem er einige Male schwer, pfeifend geathmet hatte —

„Ich komme, Herr Doctor, um Ihnen Nachricht von
Ihrer Tochter zu bringen — Hedwig ist bei mir — —“

„Ist — bei — Ihnen — so! So —!“

„Ja! Und nun verzeihen Sie uns, Herr
Doctor — mir und meiner Braut —“

„Ihrer — Braut! Hm! Ja! — Ja! — Mein
armes Kind —“

„Herr Doctor —!“

Adam athmete wie von einem schweren Drucke
befreit auf. Gott sei Dank! Nun schien es doch
zum offenen Kampfe kommen zu wollen. Da erhielt er ja unter Umständen Gelegenheit, seine ganze
Dialektik zu entfalten. Nur sich nicht so wehrlos
von halb verschwiegenen, halb angedeuteten Vorwürfen,
von Anklagen, die tropfenweise durchsickern, martern lassen müssen — —

„Mein armes Kind! Sie haben es mir genommen — —“

„Ja! Ich weiß es. Und ich nehme auch alle
Schuld auf mich. Ich werde zu sühnen versuchen,
was ich verbrochen habe — wenn das, was ich
gethan, wirklich ein Verbrechen war —“

Adam war trotzig geworden. Das schleppte sich
so langsam hin. Die Flamme fraß sich so widerstrebenden Zahnes, wie störrisch-gelangweilt, unter der
Oberfläche fort. Das war alles so neblig, so schleimig.
Er mußte seinen Gegner durch eine Kühnheit, ja!
durch eine — Unverschämtheit herausfordern, wenn
Schwung und Stil in diese vage Abrechnung kommen
sollte.

Irmer hob seine linke Hand, die schielend und unbestimmt auf dem Schreibtische gelegen, schwerfällig in die
Höhe und ließ sie schnell wieder niederfallen, als
besäße er keine Macht mehr über Muskel und
Gelenk. Dazu schüttelte er ein Wenig den Kopf,
sagte aber weiter Nichts.

„— 's scheint Ihnen nichts daran zu liegen, Herr
Doctor, daß wir uns näher aussprechen —“ nahm
Adam wieder das Wort, einen hochfahrenden Ton
in der Stimme. „Ich hatte allerdings erwartet,
daß — nun! vielleicht ist es besser, wenn wir einfach mit der vorliegenden Thatsache rechnen. Ich bin
auch damit zufrieden. Die Frage ist jetzt also die,
ob Sie gestatten, daß Hedwig so lange zu Ihnen
zurückkehrt, bis ich in der Lage bin, sie als mein
eheliches Weib … — also … meinetwegen —: heimzuführen … Das kann noch eine Weile dauern —
darüber können noch einige Monate hingehen —
ich muß mir erst eine Situation schaffen, die mir
erlaubt — —“

„Mein Kind! Mein Kind! Meine einzige
Hoffnung — meinen einzigen Halt nehmen Sie
mir, Herr Doctor … haben Sie mir genommen …
was soll ich nun noch hier? Es ist ja Alles für
mich vorbei — Alles werthlos geworden. Blut und
Jugend sind stärker gewesen, als alle meine Einflüsse … als alle Erfahrungen und Erkenntnisse,
die ich Hedwig einzuflößen gesucht, durch die ich sie
mit der Zeit immermehr gefeit glaubte. Ich habe
ja doppelt … Doppeltes verloren. Ich mache Ihnen
keinen Vorwurf. In dieser langen, schlaflosen
Leidensnacht, die ich hinter mir habe — möge
Ihnen das Schicksal solche Nächte ersparen, Herr
Doctor! — in dieser Nacht ist mir auch wieder
so Manches eingefallen, was Sie gestern Abend in
unserem Gespräche geäußert … da ist mir erst klar
geworden, wie Sie Verschiedenes eigentlich gemeint
haben. Vieles wird so verständlicher. Was zwischen
Ihnen und meinem armen Kinde sonst noch vorgefallen ist — das mögen Sie vor sich selber verantworten … beide … gegenseitig. Ich will wenigstens
versuchen, Herr Doctor, Ihnen zu vertrauen. Man
urtheilt ja immer nur aus der Enge bestimmter,
vorliegender Verhältnisse heraus. Wenn Hedwig
von mir gehen will — und sie hats ja bewiesen,
daß sie 's kann — — ich muß mein Kind ziehen
lassen — ich habe nicht das Recht zu verlangen,
daß es bei einer Ruine, die man nur studiren,
aber nicht anbeten soll, wie Sie gestern Abend
sagten, Herr Doctor — daß es da noch mehr verkümmern soll, als es vielleicht schon ist. Ich bin
heute Nacht, als ich … beim Ausbruch des Gewitters … nach meiner Tochter rief — und sie
nicht kam — und ich dann entdecken mußte, daß
sie mich verlassen hatte — — — nachher dann —
da habe ich — da kamen dann Stunden, wo ich
um Vieles wieder menschlicher geworden bin, wenn
ich so sagen darf … Auch mein Trost in der
Philosophie — meine Gewißheit, durch philosophisches
Denken und Anschauen erlöst zu sein, die Phänomene
des Lebens überwunden zu haben, war wohl ein
schwerer Irrthum, eine furchtbare Illusion, eine grausame Selbsttäuschung … Es ist ja Alles nur Nervenanlage. Bion — Seneka — Spinoza — sie forderten
nichts Unnatürliches von ihrem Organismus, wenn
sie entsagen wollten … sie waren darauf gestimmt.
Wir Modernen sind Stümper, Materialisten,
Epikureer … und wir bleiben es, mögen wir uns
nun drehen und wenden, wie wir wollen. Wenn
wir in späterem Alter auf Dieses und Jenes verzichten, so sind wir eben zu stumpf geworden, um
es noch begehren zu können. Das hat Alles seine
natürlichen, psychophysiologischen Gründe. Nun ich
mein Kind verloren habe, bin ich ganz wehrlos geworden für's Leben. Und wenn Hedwig auch wieder
zu mir zurückkehrte — ich habe doch das Gefühl
eines ungeheueren Risses, der durch unser Verhältniß
gegangen ist und der nicht zu heilen wäre. Um
gegen Sie aufstehen zu können, Herr Doctor … um
Ihnen leidenschaftlich zürnen — mit Ihnen um
mein verlorenes Kind kämpfen zu können — dazu
bin ich zu müde und schwach geworden. Es ist
nichts mehr mit mir. Ich habe keine Kraft mehr
in Leib und Seele — — höchstens noch so viel,
um diesem Jammer ein schnelles Ende machen zu
können. Und so weit bin ich heruntergekommen,
daß ich es nicht einmal mehr aus Liebe zum Tode,
sondern nur aus Furcht vor dem Leben thun würde.
Das schmerzt auch. Noch ein anderer Grund kommt
hinzu. Da ein Brief — ich soll — — aber das
verliert ja dann auch seine Berechtigung, wenn — —
es ist ganz gut, Herr Doctor, daß Sie sich Hedwigs
annehmen … Sie mögen sehen, wie Sie beide
zusammen mit dem Leben fertig werden …“

Irmer brach ab. Er hatte die letzten Sätze mit fast
ganz unverständlich gewordener Stimme gesprochen,
nur noch mühsam aus sich heraussickern lassen. Adam
hatte mit aller Macht aufmerken müssen, um seinen …
Schwiegervater auch nur einigermaßen zu verstehen.
Er war uun doch so etwas wie erschüttert und ergriffen.
Zugleich aber auch skandalös verstimmt. Hm! Hatte
er denn nicht, allerdings nur ganz im Stillen
gehofft, daß es zu einem regelrechten Kampfe um
Hedwig zwischen diesem Manne da und ihm kommen
würde? — Und hatte er nicht die … die teuflische
Absicht gehabt, in diesem Kampfe — freiwillig zu
unterliegen? Ja! Gewiß! Diese Absicht wäre teuflisch
gewesen und ruchlos — warum auch nicht? — wenn er
sie verwirklicht hätte. Aber er hätte sich in seiner sehr
gefährlichen Situation kaum anders helfen können.
„Liebte“ er denn Hedwig? War ihr Besitz denn eine
„Lebensfrage“ für ihn? Scheibenschießen! Und nun
war von einer ehrlichen Auseinandersetzung keine Rede.
Der Herr da verzichtete, er begnügte sich mit einer Reihe
sentimentaler Lamentationen und wehmüthiger Betrachtungen — und Adam sah sich durch die Zusammenknotung der Verhältnisse mit einem Male gezwungen,
das Leben von einer Seite ernst zu nehmen, mit
der seine sublim vibrende Natur bis dahin nur gespielt;
über die sie nur gespöttelt; die sie nur sehr aus der Entfernung herausgefordert hatte. Das war recht fatal.
Aber andrerseits war es doch unmöglich, daß er jetzt
plötzlich zurückhakte, andere Saiten aufzog und seinem
liebenswürdigen, willfährigen Schwiegerpapa in ausführlicher Rede zu Gemüthe führte, daß es für beide
Parteien wahrlich am Besten wäre, wenn er auf die
Ehre, eben sein Schwiegerpapa zu werden, verzichtete — nicht? das war doch ganz unmöglich! Adam
wurde dem alten, hülflosen, gebrochenen Manne ernstlich gram. Er schalt ihn den ärgsten Egoisten von
der Welt. Denn wenn er nicht immer nur an sich und
seine eigenen Schmerzen dachte, mußte er doch einsehen,
daß eine Ehe … und selbst nur eine auf längere Dauer
gemünzte „wilde Ehe“ … zwischen seiner Tochter
und diesem unzuverlässigen Weltkinde nach Allem,
was dieses Weltkind mit naiver Offenheit über sich
ausgeplaudert und verrathen hatte — wenn nicht eine
direkte Unmöglichkeit, so doch mindestens eine Verrücktheit erster Güte sein würde … ein Stückchen
unglaublich geschickt inscenirter Unnatur! Aber das
begriff der Mann nicht … und Adam besaß nicht
den Muth, es ihm klarzumachen. So blieb ihm
vorläufig nichts weiter übrig, als in den sauern
Hering zu beißen, der ja eine ganz vortreffliche
Katerspeise abgeben soll. Aber vielleicht wollte und
wußte das „Schicksal“ doch noch eine andere Lösung
dieses pikanten Problems. Es galt sich in Geduld
zu fassen … und zunächst in der Maske des beschränkten Biedermanns weiterzutragiren. Aber zugleich verspürte Adam trotzdem ein gewisses Mitleid
mit diesem Manne, dem er sein Kind genommen
hatte … ein Mitleid, das ihm allerdings sehr unbequem war. Denn ob es ihm auch nur mit
leichtem, losem Geschnür die Gelenke umhing —
es hemmte ihn doch, es destillirte ihm eine peinliche
Unsicherheit ab, es nöthigte ihm eine tolpatschige Arroganz auf und machte sein Auftreten halb frei und hochfahrend-zwanglos, halb eckig, verlegen und beklommen.

„So gestatten Sie denn, Herr Doctor, daß
Hedwig — —“

„Ja! Ja! Ich will mein Kind doch noch
einmal wiedersehen, ehe — —“

„Es wird noch Alles gut werden —“ versuchte
Adam lauen Herzens zu trösten … und fuhr dann
lauter, bestimmter fort: „Und nun geben Sie mir
die Hand — und lassen Sie mich die Ueberzeugung
mitnehmen, daß Sie uns verziehen haben, Herr
Doctor … Und nehmen Sie in diesem Sinne Ihr
Kind, meine Braut … unsere Hedwig auf — Sie
werden sehen: wenn ich erst der Dritte in Ihrem
Bunde bin — das wird ein neues, sonniges Leben
geben! . Und wenn Sie dann noch durchaus weitermachen wollen in Ihrer Entsagungsphilosophie
— nun! dann helfe ich Ihnen dabei nach bestem
Wissen und Gewissen, Herr Doctor —“

Adam lächelte. Er war zu Irmer hingetreten
und streckte ihm, von heiß aufquellender Sympathie
übermannt, seine beiden Hände zum Abschiedsgruße
entgegen. Langsam kam dieser mit den mageren,
knochigen Fingern seiner rechten Hand herbei: einen
Augenblick lagen die Hände ineinander. Ein zahmer,
fleischloser Druck. Ueber Irmers dürre, furchige,
rechte Backe lief flink wie ein Mäuslein eine kleine
kugelrunde Thräne. — —

Adam sagte sich, daß er sich nach diesem
unerquicklichen Speech wohl einen kleinen „Abschwiff“
zur Aufbesserung seiner Stimmung gönnen dürfte.
Hedwig erwartete ihn zwar. Aber was verschlug's!
Ob ihr eine Viertelstunde früher oder später das bittersaure Chinin des Resultats eingelöffelt wurde — das
war schließlich egal. Nein! Jetzt gleich die ganze Geschichte noch einmal von vorn bis hinten durchzukauen
— das konnte kein Mensch von ihm verlangen … das
war entschieden grausamer, als neben einem Lastwagen
hergehen müssen, der mit schmunzelnder Behaglichkeit
über holpriges Pflaster durch eine stille Straße knarrt …

Adam suchte absichtlich die prallbrütende Mittagssonne auf. Ach! Diese Glut war so wohlthuend!
So ganz, so massiv, so angenehm prickelnd und discret
durchbratend dabei! Der Herr Doctor hatte sein
nervöses Frösteln immer noch nicht ganz überwunden.

Schließlich lief er in Café Cäsar ein. Er
ließ sich eine Flasche Sodawasser und einen kleinen
Cognac bringen und vertiefte sich in das leckere
Literaturgetändel des Gil Blas. —

Und nun saß Adam wiederum auf der schreiend
rothen Damastcauseuse neben seiner Hedwig und spielte
mit den schlanken, weißen Fingern ihrer linken Hand.

„Aber lange, Adam!“ — hatte ihm Hedwig stockend
und mit ängstlich-vorwurfsvollem Blicke entgegengerufen, als er endlich zur Thür hereingetreten war.

„Lange? — Ach nee! Ich komme direkt von
Papa —“

„Und —?“ Ein gepreßtes Athmen. Sodann
leise, beklommen: „Und verzeiht er mir, Adam —?“

Der warf seinen Hut auf den nächsten Stuhl
und setzte sich zu seiner Braut.

„Natürlich, Kind! Und warum sollte er auch
nicht? Papa ist vernünftig. Ich habe ihm erklärt,
wie Alles gekommen ist. Gott! Mir erscheint die
ganze Geschichte heute immens harmlos. Was haben
wir denn weiter verbrochen! Ein paar kleine …
nun! meinetwegen ein paar pikante Fakta, die man
sonst erst nach der Hochzeit zu erledigen pflegt —
die haben wir schon in die Ouvertüre verlegt. —
c'est tout! Dein Papa ist Sprachphilosoph genug,
um das Wesen einer Prolepsis zu verstehen —“

„Ja! . Aber — —“ meinte Hedwig ängstlich —

„Komm!“ forderte Adam auf. „Ich will Dich
hinbegleiten, Kind — Du bleibst noch eine kleine
Weile bei Papa — wir haben schon Alles geordnet
— nachher gründen wir uns ein eigenes Nest —
nicht wahr? Ich werde schon einen tüchtigen Baumeister
abgeben — paß auf —!“

Hedwig senkte den Kopf. Adam starrte gedankenabseits vor sich hin. Nun hob das Weib
das Gesicht zu seinem Geliebten auf … und viel
Hingebung, Sanftmuth, natürliche Unterordnung,
guter Wille und viel zärtliches Flehen lag jetzt in
den Zügen dieses bleichen, schmalen Gesichts.

Adam küßte sein Weib. —

Und er geleitete Hedwig zu ihrer Wohnung.
Sie standen vor der Hausthür. Hedwig zögerte.
Sie fürchtete sich jetzt am hellen, leuchtenden Tage
vor den Räumen, die sie zum letzten Male in später,
nächtiger Stunde betreten hatte. Und nachher oben
ihr Vater — das erste Sich-Gegenüberstehen — die
ersten Worte — —

Adam wurde ungeduldig. Er wußte ganz genau, was in Hedwig vorging. Aber Alles drängte
in ihm danach, endlich einmal frei aufzuathmen.
Immer und ewig Schleim und Leim und Angst,
Kopfhängerei, Unsicherheit — zum Kuckuck — er
hatte genug! So wurde er mitleidslos, fast brutal.

„Also adieu, mein Lieb! Und nun sei recht
sanft zu Papa! Ich komme, wie gesagt, heute
Abend … spätestens morgen früh. Wir wollen
uns jetzt recht oft sehen — nicht wahr —?“

„Ja! .“ Hedwig seufzte tief auf. Die beiden
trennten sich endlich. —

Als Adam die Straße hinunterschritt, warf
er, unbekümmert um die verwunderten Gesichter der
vorüberwandelnden Mittagsmenschen, seine Arme
von sich und prüfte seine Muskeln. Er reckte und
dehnte sich nach allen Seiten, knirschte sich gleichsam
mit starkem körperlichem Wohlbehagen um seine eigene
Axe herum. Hei! das war eine Lust! Und dieses
Freiherausschnaufendürfen aus voller, tiefer Brust!
Hei! das that wohl! Noch einmal so nachdrücklich
setzte Adam seine Füße auf das Pflaster. Unwillkürlich horchte er an sich hernieder. Nein! Nein!
Es klirrten da unten noch keine Ketten um seine
Knöchel. Noch war er frei. Und er wollte frei
bleiben. —

Er stand über Allen, die da an ihm vorübergingen. Er war nicht verpflichtet, ein Opfer ihrer
lächerlichen Subalternmoral zu werden … Nein!
Bei Gott nicht! Er stand über Allen. Und
darum, glaubte er, hätte er ein Recht
zu seiner Freiheit. —

XVI.

Den Nachmittag über hielt sich Adam zu Hause. Es
war ihm zu Sinn, als müßte er einmal wieder
recht tüchtig bei sich einkehren, auf sich zurückgehen,
in sich hineingehen, Vieles lichten und sichten, was
in der Hochfluth der letzten Tage sich verdunkelt,
verschoben und verwirrt hatte. Er klopfte nach Diesem
und Jenem bei sich an. Schmerzlich ergriff es ihn
und erfüllte ihn zugleich mit einem stillen Zorn,
der sich gleichsam lautlos nach innen verblutete,
als er so oft keine Antwort erhielt. Da war er
wieder, der ästhetisch-metaphysische Schmerz seines
Lebens. Und doch geschah ihm eigentlich nur, was
er verdiente. Alle einfachen, großen, stillen Trost- und Beruhigungsnadeln waren ihm abhanden gekommen. Es war ihm unverständlich, wie es noch
Kräfte geben sollte, welche über die Alltagsmisère
mit ihren kleinen, aber raffinirten Stacheln hinwegtrösten konnten. Und er war ihr mit Haut und
Haaren, mit Leib und Seele verfallen, dieser dummen,
tristen Alltagsmisère. Kleinlich und eng war sein
Denken und Thun geworden, von der Stunde bestimmt, für die Stunde gemünzt. Er beschäftigte
sich allerdings zuweilen mit Motiven, die ihrem inneren
Werthe und Wesen nach hinausgingen über die einfälttigen Grenzen des Augenblicks. Aber er that das eigentlich nur noch ganz mechanisch und ohne sich der
weiteren Geisteszonen bewußt zu werden, in welchen
er dann ja athmete. Er zog eben die Karre fort,
die ihm einmal die Kombination der Verhältnisse
und die Tendenzen seiner Natur anvertraut oder aufgehalst hatten. Es war so viel rauchig graue Abenddämmerung, so viel wasserfarbene Verstummheit
in ihm.

Sein Erlebniß mit Hedwig Irmer dünkte ihn
ein abgeschmackter, insipider Traum. Es zerrann
ihm Alles so unter den Fingern. Das konnte ja
nicht sein, das war ja pure Einbildung. Und doch
war er sich zugleich klar darüber, daß die Komödie
noch nicht ihr Ende erreicht hatte. Und er erwartete
dieses Ende mit einem gewissen kaltblütigen Trotz,
während er jetzt mit einem merkwürdigen Epikureismus in der Zwischenaktspause schwelgte. Das war
auch so ein Zug seiner Natur, der sich mit der Zeit
herausgebildet. Unangenehme Lebenspillen verschluckte
Adam gern in Unterbrechungen. Schon die Thatsache einer solchen Unterbrechung, schon die Möglichkeit, sie zu constatiren, hatte für ihn einen gewissen Reiz.

Er kramte Dies und Das aus sich heraus. Aber
das lag Alles so todt vor ihm. Da gab es nur
noch mit dickem, gelbem Rost bedeckte, unfahrbar
gewordene Geleise zwischen den einzelnen Resultaten
des inneren Lebens. In seiner Beziehung zur
Außenwelt kam sich Adam ganz sonderbar verrenkt
und verbogen vor. Unmögliche Formenspiele, auffallende Farbenmischungen, bizarre Phantasie'n glühten
langsam in seinem Gehirne auf. Dabei fühlte er
zugleich eine träge, zähe innere Leere und eine tiefverstimmende Unfruchtbarkeit Eine leise, prickelnde
Unruhe zittere durch seine Brust, eine nervöse Ungeduld, eine Unzufriedenheit, die zugleich aufgehoben
und vermehrt, genährt, gepflegt sein wollte. An Hedwig
dachte Adam mit immer wachsendem Widerwillen.
Er stellte sich die Enge eines kleinen Haushalts
vor. Er schauderte zurück. Schließlich, wenn es
nicht anders ging, wollte er doch lieber an ihrer
Vergangenheit Anstoß nehmen. Es blieb ihm wohl
kein anderes Mittel übrig, sich dieser verhaßten Kette
zu entledigen. Schmachvoll war's, aber er mußte
sich eben der Waffen bedienen, die er in Händen
hatte.

Seine Beziehung zu Lydia war ihm eine exakte
Thatsache, die er nüchtern und kalt, höchstens mit
einem kleinen Aufwand von Selbstironie, kritisirte.
Ganz gewiß! Er würde es unter Umständen fertig
kriegen, Lydia frischweg zu heirathen. Das würde
überhaupt wohl das Ende … und das gewiß sehr
vernünftige und wünschenswerthe Ende von dem
ganzen Liede sein. Dabei brauchte er ja Emmy
nicht zu verlieren. Hm! Auf längere, intimere
Gedanken an Emmy ertappte sich Adam öfter. Da
mußte doch eine tiefe, nachhaltige Sympathie vorhanden sein, eine geheimnißvolle Strömung elektrischen
Seelenfluidums. Ihre Anhänglichkeit rührte ihn
und schmeichelte ihm. Er hätte sich übrigens ihretwegen schon einmal mit dem ehrenwerthen Ritter
von Bodenburg schießen können. Warum nicht?
Na! Die Chose war abgethan. Die größere Bewegungsfähigkeit, die im Umgange mit Emmy gewahrt
blieb, sie war es wohl, die ihn vor Allem zu ihr
hinzog. Und dann hatte sie sich in der auszehrenden
Luft, in der sie lebte … in dieser Luft, die ihre
Opfer und Kreaturen mit der Zeit doch so grenzenlos
berechnend stimmt, da hatte sie sich im Großen und
Ganzen eine gewisse immerhin delikate Unabgegriffenheit, Unmittelbarkeit, Schmelz und natürliche Gefühlsrhythmen zu erhalten gewußt. Ueberdies war sie
ein prächtig gebautes Weib, die köstliche Mitte zwischen
Lydia und Hedwig — und das war doch wahrhaftig
nicht ihr geringster Vorzug. —

Adam blätterte in einem Bündel von Papieren
und Manuscripten, die er mechanisch einem Schubfache seines Schreibtisches entnommen hatte. Er
zerrte einige lose Blätter heraus und begann, ohne
besondere Absicht, gleichsam nur ein Opfer seiner Augen,
die zufällig keine andere Blickfläche fanden, zu lesen:

„Ich bin bewegt, in tiefster Seele bewegt. Noch
am späten Abend, da ich schon frohlockt, daß sich
das Auge dieses Tages schließen will — dieses
Tages, der so inhaltslos, so todt, fahl und verkommen
vor mir liegt; an dem ich fast nur ‚gewesen‘ bin
— am Ende dieser verlorenen Stunden erbebt
und erzittert noch einmal der Fluthspiegel meiner
Seele … Und sie nimmt willig die Bilder auf,
meine Seele, und gestaltet sie aus, die sich über
ihren Spiegel gebeugt …

Ich war in der lärmenden Welt draußen und
habe gelebt, wie die Anderen … Ich war so gleichgültig, wie sie — oder auch so hingenommen, so
beschäftigt, ging so auf, wie sie, in den kleinen
Tagesinteressen … Ich habe wohl allenthalben über
das Geschaute mancherlei Eigenes und unbestochen
Identisches mir zusammengedacht — aber ich irrte
doch planlos und haltlos durch das Labyrinth der
Zeitlichkeit, und wenig Spannung und Berührung fühlte
ich mit den Wesenskräften, mit dem Grundgranite
des Daseins … Ich hatte mich nicht gehen lassen
wollen — ich war nur noch unfest, schwankend gewesen, und die Stoßkraft der Versuchung hatte leichten
Kauf mit mir gehabt. Ich war hineingewirbelt
worden ins Treiben. Ich war nicht mehr sehend
und selbständig geblieben. Der psychologische Vorgang
ist ja durchsichtig genug. Aus physischen Bedingungen
war ich nachlässig oder unfähig — und so erfolgte
auf die vereinheitlichende Anspannung die Reaktion mit
ihrer zerfasernden Zerstreuung. Das ist's eben, was mich
oft so namenlos traurig stimmt: gegen eingewurzelte
Gewohnheiten und Eigenheiten sind wir im Ganzen
machtlos — wir stehen so gut wie waffenlos dem Hochdrucke ihres Einflusses gegenüber. Und der Wechsel
von Hoch und Nieder, von Auf und Ab, ist so naturbedingt! Auch hier triumphirt das Fragment. —

Aelter werden und mit den Jahren an Kraft
und Ruhe und Maß wachsen, heißt weiter nichts, als
verzichten, sich beschränken, halb bewußt — halb gewohnheitsmäßig, physiologisch-bedingt unbewußt.
Prahle Keiner mit seiner Ruhe und Sicherheit. Ob
nicht in den Tagen einer ungestümen Gährung der
Blick doch weiter trägt? Im Spiegel der Ewigkeit
schrumpfen die Bilder der Zeitlichkeit bedenklich zusammen. Das Genie der Jugend bedeutet ein
längeres Senkblei, deun das Talent des Alters.

In dem psycho-physiologischen Gesetze von
Wirkung und Gegenwirkung und in dem fortdauernden Einflusse unausrottbarer Wesenswurzeln, von
denen Jeder ein Rudel besitzt, liegen die Grenzen
und Hemmnisse, vor denen alles Größere und
Bedeutendere des Lebens zerbröckelt. Zu den unausrottbaren Wesenswurzeln aber zähle ich den Zug
zum Leichtsinn, von dem sich auch in das
schwerste Gemüth eine Unze hineingemischt hat. —

Es ist nicht allzuschwer, alle Aeußerungen des
Lebens auf bestimmte einfache Formeln zurückzuführen. Aber es gehört ein leichter, glücklicher Sinn
dazu, sich von der Fülle der Erscheinungen nicht
immer wieder verblüffen, nicht immer wieder entmuthigen und entwaffnen zu lassen.

Ich besiege ein Objekt, indem ich es fein säuberlich durchschaue, erkenne. Erkennen ist nur Anerkennen
— und umgekehrt. Es besiegt mich, dieses Objekt,
indem es auch auf mich weiter wirkt, nachdem ich
es mir geistig unterworfen habe. So bin ich Herr
und Sklave zugleich. Das darf mich wurmen und
freuen, denn ich habe doch immer gesiegt, wenn auch
gleichsam nur negativ. Aber vielleicht sind darum
die Schmerzen darüber, daß ich den Einfluß nicht
nach meinem Ermessen tilgen kann, nur um so
heftigere …

Organismus … System …: Alles gesetzmäßig Entwickelte, Zusammengeschlossene, Abgerundete
hat größere Lebenskräfte in sich, als das Verzettelte,
Aphoristische. Aber systematische Ordnung und
innere Harmonie, Schönheit organischen Zwanges
und natürlicher Einheit sind nicht immer dasselbe.
Lücken werden stets aus dem Wesen aller Dinge
heraus nothwendige, gleichsam wiederum negative
Verknüpfungsglieder sein. Und ist nicht das erste
Wesensmoment der Harmonie auch gegeben in dem
Zusammenströmen aller Tendenzen nach einem
Mittelpunkte? —

Und wieder einmal bin ich tief bewegt. Heiße,
jähe Schmerzen schießen durch meine Seele, und die
Stacheln einer zähen Reue drücken sich tief, tief ein.
Soll ich das Leben anklagen? Soll ich mich
schwankendes Rohr anklagen? Am Kleinen, Kleinlichen und Gemeinen hafteten meine Augen, und ich
ließ in stiller Ergebenheit unaufhörlich Tage um Tage
jenen dünnen, feinen, grauen Staub auf mich niederrieseln, den das blöde, monotone, im Banne des
Augenblicks befangene Alltagsleben aufscheucht, in
gewaltigen Wogen durch die Lüfte bläst und schiebt
und über Alles sich ausstreuen läßt … Wenige
wehren sich dieses einschläfernden Staubregens. Ganz
läßt er sich überhaupt nicht fernhalten. Aber in
manchen Naturen lebt doch der Drang, einmal mit
imposanter Zusammenraffung aller Leidenschaften
und Kräfte die Kruste von sich zu schütteln, um
wieder eine Weile in einer Sphäre verjüngter Seelenfreiheit, verjüngten Menschenthums athmen zu können.
Wieder wird dieser Staub fallen … da giebts kein
Entrinnen — und unangetastet bleibt Keiner der Sterblichen. Wieder wird er fallen, leise wird er sich
über die üppig wuchernde, strotzend blühende, mit
satter Kraft empordrängende Willens- und Sehnsuchtslandschaft deiner zürnenden, rebellirenden Brust
breiten — leise wird er sich dichten und häufen
und ganz gemach wirst du wieder eingereiht, lieber
Spießgesell und unfreiwilliger Spaßgesell, in die
Riesenlegion der Alltagskinder, die da sich bücken
und schicken und der Sterne vergessen und aller
gewaltigen Wunder im Himmel und auf Erden,
deren inbrünstige Beachtung und zärtliche Betrachtung
sie emporrisse aus der Kleinheit und Enge und
inneren Gelähmtheit ihrer Existenz … Aber auch
ich — auch ich lag im harten Banne des Staubes,
und matt schlug mein Herz, langsam kroch mein
Blut — — — — —“

„— — langsam kroch mein Blut“ sprach Adam
leise nach und legte die Blätter apathisch aus der
Hand. „Das scheint doch öfter vorzukommen“, fuhr
er fort — „auch heute kriecht sotanes Blut wieder
verflucht langsam. Es liegt so viel Staub und
Moder in allen Ecken und Winkeln herum … und zugleich ist mir doch, als wäre meine Bude 'mal
ordentlich „reine gemacht“ … und keine Spur einer
stimmungsvollen Unordnung zurückgeblieben … Teufel!
Warum ist man auch ein so unleidlicher Individualitätsfex geworden! Ich weiß ganz genau: ich leide an
versetztem Thatendrang. Ich finde die Sphäre nicht,
in der allein ich wirken könnte. Das ist mein
„tragisches“ Schicksal. Nun ja! — warum auch
nicht? Meine Augen sind zu sehr auf das Lesen nach
innen gestimmt. Sie sind zu wenig zur Entwickelung
der Fähigkeit gekommen, sich der vorüberfließenden
Erscheinungswelt in allen Lagen und Graden anzupassen. Mein kleines irdisches Unglück ist, daß ich
mich nicht in Beziehung zum „Nicht-Ich“, zur
Außenwelt fasse, sondern dieses ominöse „Nicht-Ich“
immer in Beziehung zu mir. Im Uebrigen bin ich
'n Mensch, der zwar im Großen und Ganzen weiß,
was er will, aber es sehr oft sehr langweilig findet,
das zu wollen, was er weiß. Zu viel nebelhafte
Zukünftelei rumort in meiner Brust herum. Das
macht mich der Gegenwart gegenüber müde, apathisch,
blasirt. Uebrigens … wer bürgt mir denn dafür,
daß die Atmosphäre, die ich mir geschaffen, und in
der ich mit einer gewissen souverän-aristokratischen
Wollust athme, nicht in letzter Hinsicht einer tiefeingewurzelten, durch Naturanlage bedingten Scheu
vor dem Leben ihr Dasein verdankt? Woher
sonst die öfter ausbrechende, krampfhafte Sucht, sich
auf das Leben zu stürzen, es vampyrwüthig auszusaugen, auszukosten, zu brutalisiren? Und im Genuß,
der allerdings merkwürdig genug zuweilen ein sehr
behaglicher, zu vollständigem Selbstvergessen einlullender sein kann — im Genuß doch wiederum so oft auch
dieser Ekel und Abscheu … oder diese bittere, tiefschmerzliche Freude, daß man eben auch zu „genießen“
versteht, verstehen gelernt hat, wo alle Selbsterfüllung
nur in neutraler Entsagung bestehen sollte! Ach!
Ewig karambolirt die individual-ästhetische Seite
meiner Natur mit der sozial-ethischen. Oder wäre
es nicht sozial-ethisch im weitesten, tiefsten Zukunftssinne: ein Bekenner der „absoluten Philosophie“, der „Philosophie der Erlösung“ zu sein —?
Und als solcher, ein Glied in der socialen Verbandskette, nach rechts und links ein lobesames
Beispiel zu geben? Anderer Willenspotenzen zu
glorreicher Nacheiferung zu entzünden? Und doch!
Gerade die Aeußerungen meiner ästhetischen Natur
sind im Grunde nicht minder sozial. Ich hatte
einmal einen Reformatorentic in mir. Der ist todt.
Wenigstens meerschendheels todt. Nun möchte ich
mich gern auf den naiven „Künstler“ hinausspielen.
Ich wäre ganz vergnügt, wenn das so ginge. Allerdings … den „Dichter“ in mir habe ich gründlich
erwürgt. Donnerwetter! Da fällt mir ein: habe
ich nicht 'mal über dieses ulkige Motiv Etwas zusammengeschmiert? Ich erinnere mich: damals war's
mir bitter ernst um die Sache. Heute — ich möchte das
Geschreibsel doch 'mal wieder lesen — hm! — Stimmung — „Stimmung“ is zwar nich — aber eben:

„Ich träufle gern des Wein's goldgelbe Tropfen
In rothe Rosen, die auf Gräbern blüh'n —“

Holla! Ja! den Wein wird später Frau Lydia
nachliefern — — wo stecken nur die ominösen
confessions d'un pauvre enfant … enfant … enfant
… d'un pauvre enfant de la „future“ —?“

Endlich hatte Adam sie gefunden, diese „confessions“ — und er las —:

Selbsttod des Dichters.

„— Diese Stunde, da ich ausathmen will; da
ich Alles von mir werfen will, was mich an eine unzulängliche Welt bindet, an eine Welt voller Gemeinheit und engster Bedingung — diese große Stunde
schwillt an und wächst und dehnt sich zu einer Ewigkeit. Noch einmal steigt Alles vor mir auf, was
ich gethan und was ich nicht gethan. Was ich
nicht gethan! das ist's! das ist's! Warum habe
ich so Vieles, so unzählbar Vieles nicht gethan?
Warum hatte ich es thun wollen? Es drängt
mich, einen Punkt zu finden, von dem aus ich hellstes, unverfälschtes Licht empfange — der die verworrenen Zickzackwege, die ich im Suchen und Schaffen
gegangen bin, überflammt und harmonisch in sich
gliedert. Oh! könnte ich doch Alles in ein
Wort zusammenfassen! Aber dieses eine Wort
erinnerte mich, selbst wenn ich es gefunden hätte, nur
an eine unendliche Anzahl anderer Worte — und so
würde es mir als bedingtes Glied in der Kette keinen
einzigen, letzten, großen, absoluten Trost
geben. Die Harpyen der nackten Wirklichkeit, der
lebendigen Lebensverlockung, sitzen mir immer noch
auf den Fersen. Ja! Und hier finde ich den Muth
und vor Allem, denke ich, das Wort, das mich erklärt und mich erlöst!. Zu Vieles und zu Großes
— zu Gewaltiges und schrankenlos Ueberirdisches,
Uebermenschliches hab' ich gewollt und in
tausend glorreichen Visionen und Stimmungen geahnt und gedacht … Aber daß mir die gemeine Welt
mein Fühlen und Nachfühlen und feinstes Hineinfühlen in das Getriebe der Ideen plump verleiden
mußte, indem sie mich zu dem Drange des Handwerkers erzog: das Uebermenschliche, Unsagbare
mit den kargen Elementen, mit den lächerlich nothdürftigen Werkzeugen, die wir besitzen, festhalten und
bannen zu wollen! Oh! Wie noch in dieser meiner
letzten, meiner heiligsten Stunde der Stachel der
Weltreize in meine zusammenschauernde Seele sticht!
Fassen das Unfaßbare! Oh! Ich hatte eine
Furcht vor der Uebermittelung meiner reinsten
Seelenkräfte an die Strömungen freier, urgeborener
Ideen! Ich hatte eine Furcht — denn die Sclavenkette umschlotterte meine Füße, wenn ich in die Bezirke trat, wo die Freiheit athmete und mit kosmischen Reizen um mich warb. Durchschaut — so
bis auf Kern und Axe hatte ich alles Irdische, alles
irdisch Lockende und Blendende, Betäubende und
Werbende durchschaut — und doch warf mich immer
und immer wieder der Drang — die Selbsttäuschung in die Arme einer brutalen Selbstentfremdung. Wie habe ich — nun, da ich am Ende
stehe, sehe ich Alles doppelt scharf und doppelt deutlich! — wie habe ich von der ersten Stunde an,
da ich die Flügel meines Geistes zu lüften versuchte,
mich einengen und umdrängen lassen müssen von
dem gemeinen, landläufigen, kalten, nüchternen Regelwerke der Welt! Nun da ich frei wurde, schiebt
die Vergangenheit ihre langen, tastenden Finger nach
in die Gegenwart — in die Zukunft, die ich mir
darum vorenthalten will. Ja! Ich sterbe an der
Fülle der „Sünden“, zu denen mich die Vergangenheit gezwungen hat. — Und diese „Sünden“ verdunkeln und verqualmen mir die Gegenwart, und ihr
schwarzes Nachtgewölk zieht mir nach in die Bezirke
meiner Zukunft — zöge mir nach — ich verspüre
es an der Schwere meines Athems! — wollte ich
mich eben sclavisch an eine neue Zukunft verkaufen.
Aber ich habe es satt, gründlich satt, dieses Sichhinschleppen an dürren, nackten, morschen Spalieren.
Ich habe es satt, immer weiter den Hymnus mitzugröhlen, der das Fragment der bedingten Zeitlichkeit apotheosirt! Den großen, allmächtigen Ring
schließen! Schließen! Soll meine Seele weiter
Nichts sein, denn ein Heerd, darauf die Flammen
der durchschauten Unzulänglichkeit tanzen? Soll
das der höchste Triumph des bohrenden Menschengeistes sein, daß er in letzter Instanz seine Unzurechnungsfähigkeit, seine Unzusammenfassungsfähigkeit constatirt? Soll ich immer
und immer wieder auf dem dürren, ausgedienten
Droschkengaule einer nüchternen, verrosteten Logik an
das Räthselwesen der letzten Dinge heranstolpern?
Aber erkenne ich denn mehr, wenn mich das schneeweiße Araberroß der Intuition an die Schranken
heranträgt? Ist Intuition mehr, als der gleichsam
enthymematische Carrièreritt einer überwundenen und
darum zwanglos-reflectorisch sich bethätigenden, also
in gewissem Sinne einer wiedergeborenen Logik —?
Oh! Müde bin ich der steten Selbstverblendung und
Selbstentfremdung! Ein Tropfen reiner Aethererkenntniß — und ein Ozean gemeiner, bedingter
und bedingender Werkeltagsträumereien! Ich erkenne,
daß dieses Verhältniß ein unwürdiges ist. Und
nicht duftet dieser Wahrheitstropfen fein und süß,
wie köstliches Rosenöl und befeuchtet die Zunge
meines Geistes wie Honigbalsam —: bitter vielmehr
mundet er wie Chinin: denn selbst zu den Gipfeln
hinauf tönt das verworrene Geräusch des Marktgetriebes in den Thälern … Ich bin ein Wesen, das
im Werden tiefste, bitterste Qual — das nur im
Sein Stille und Andacht und Sabbathsgenugthuung
findet. Denkend betasten darf ich wohl die Bundeslade des Seins. Aber nimmer soll ich sie schauen
mit den Augen meiner befriedigten, in sich wahrheitsgesättigten Seele … Ich habe nicht Lust, länger
den irdischen Proceßhansl abzugeben. Das
„Spiel der Kräfte“ ist wohl ein fürtreffliches Ding
— aber manch' Einer findet es abgeschmackt, langweilig, dieweil es nur seine Arme und seine Beine
wünscht, die Himmelsflügel aber seines Geistes zusammenschrumpfen und sich thatlos entfedern läßt.
Kleinsein mit dem Gewürm — und sich behagen am
Farbenspiel des Regenbogens mit einem kleinen Aufblick einer verschüchterten, verkümmerten Menschen
seele: das ist der „Lauf der Welt“. Ich aber habe
den Drang und die stolze Sehnsucht, auf den Brückenstufen dieses Regenbogens zu dem Reiche des ewiglich Unbedingten emporzuklimmen. Dahin
stürmen die Wünsche meiner Seele. Und ich ging
auf den Markt, und auf meine Freiheit war ich bedacht, indem ich mit dämonischer Zärtlichkeit das
Bewußtsein meines Gegensatzes großsäugte.
Oh! Ich Culturbursche! Ich pflückte die Orangen
der Sünde, wie die Anderen; ich spann die feinen
und groben Fäden der Lüge wie die Anderen; —
und heimisch wurde ich im Alphabet der Hinterlist
und Gemeinheit, wie kein Zweiter. Und es ekelte
mich vor mir und ich ging in die Einsamkeit. Aber
nachwirken spürte ich den Giftathem der Welt —
ich war gemünzt — und ich besudelte die keusche
Majestät der Einsamkeit. Ich ward ein tragischer
Zwerg. Ich wollte mich über mich erheben, indem
ich mich vor mir erniedrigte. Aber der Markt der
verbogenen, verlogenen und befangenen Zeitlichkeit
hatte schon das Brandmal in meine Schächerseele
gedrückt, das Brandmal, das da verrieth: auch ich
habe schon in seinem Solde gesündigt. Und
ein Zweites offenbarte mir die Einsamkeit mit zermalmender Deutlichkeit: die grenzenlose Unzulänglichkeit meiner Kunst! Sprechen wollte ich mit feurigen Zungen — und ich stammelte wie ein unmündiges Kind. Erheben wollte ich mich auf den Flügeln
der Morgenröthe — und ich watschelte dahin, wie
eine fluglahme Ente. Selige Ahnungen, Offenbarungsträume schossen durch mein Hirn — ein taumelnder
Drang fluthete empor — und ich krümmte mich
ohnmächtig unter der Befangenheit meiner Aeußerungskräfte. Zu groß für den Markt und zu klein für
die Einsamkeit — und doch auch wieder zu groß
selbst für die Einsamkeit, deren letzte Resultate ich
intuitiv vorwegnehme — sie könnte mir schließlich
nur eine Schaale kleinerer Mittelerkenntnisse zusammenhäufen! — dort verachtend, hier verzweifelnd
— dort sehend, hier blind — und doch zugleich
auch sehend — nüchtern und trunken in Einem: so
schließe ich ab, da sich in mir Alles vollendet und
beschlossen hat, was innerhalb dieser engen Bedingnisse sich vollenden und beschließen kann. Mit übermenschlichen Ahnungen ausgerüstet — im letzten
Lebensmomente noch einmal durchschüttelt von den
Cyclonen einer Himmel und Erde durchstürmenden
Leidenschaft — — nun stiller schon und klarer —
nun ganz geläutert — gehe ich dahin, wo ich sein
werde, wenn ich nicht mehr bin … Noch einmal
locken mich die Reize der Natur — aber ich erinnere mich, daß ich schon verlernt habe, mich von
ihrer nackten Keuschheit naiv rühren zu lassen —
ich dachte schon zu viel. Noch einmal locken mich
Liebe und Schönheit … Aber ich erinnere mich,
daß ich alle Liebeswonne gekostet habe und sie doch
— vergessen konnte — und Weibesschönheit dünkt
mich nun so unwerth, so niedrig, so reizlos. Noch
einmal lockt mich des Lebens ganzer Wirrwarr
— aber ich erinnere mich, daß mir das Auf und
Nieder als solches niemals genügt hat — daß ich
je und je nach dem Endsinn gesucht — und da
ich ihn nimmer gefunden, fortsuchen würde — ein
armer räthselgepeinigter Frager und Rufer und Taster.
Nein! Nein! Das Schwimmen hat keinen Sinn,
wenn Einer sein Ziel, seine Landungsschwelle nicht
weiß, nicht kennt. Ich überlasse es lieber den Klüglingen, dieses Schwimmen — den Klüglingen, die
das Denken verlernt, und den Dümmlingen, die keines
Zieles bedürfen in ihrer geistigen Armuth. Und nun
reden sie noch vom Stolze und dem Freimuth und
der Heiterkeit der „Weisen“, die Alles erkannt und
durchschaut haben und dennoch leben, weiterleben und
weiterschreiten, der Stunde heiter entgegenharrend,
die sie von hinnen ruft. Ich frage Euch, ihr Weisen,
was wartet ihr auf diese Stunde? Wollt ihr dem
großen Enteignungsprocesse der Natur nicht zuvorkommen? Ihr Kleingeister! Wer hat denn die Wahrheit dieses Enteignungsprocesses gefunden? Eure Erkenntniß, welche die Natur überwunden hat.
Und Ihr habt den Zusammenhang erkannt — und
wollt Euch dennoch dem klaren Resultate entziehen? Soll ich das Feigheit nennen oder Selbstverblendung? Oh! Ihr habt nichts Großes erkannt,
wenn Ihr behauptet: Nur im Werden erhelle sich
das Sein. Ich habe eine satte Angst und Bangniß um Euch: wenn das Stündlein ruft, werdet Ihr
noch nicht zu Ende sein mit Eurer kleinen Leidenschaft für das Werden und Wachsen mit der Natur
— sie wird Euch mit der Keule der […] aufs
Haupt schlagen, diese letzte, nothwendige Stunde —
Ihr aber werdet verdutzt und verblüfft, Ihr werdet
unfertig sein — und das Evangelium von der
Naturüberwindung durch das Naturbegreifen wird Euch nicht ganz erfüllen. Geht!
Ihr seid nicht vom Geschlechte der Starken und
Freien — vom Geschlechte der Gott- und Weltverächter! Ihr seid Schwächlinge, Ihr seid
Memmen und Lügner. —

Ich aber bin stark und frei, weil ich erkannt
habe, daß ein Jeglicher sein eigener Richter sein soll
— und daß ein Jeglicher die große Pflicht hat,
sich das Todesurtheil zu sprechen, wenn er die Erkenntniß empfangen hat! Ich habe überwunden.
Nicht schmerzlos. Aber ich ward wunschlos. —“

Adam lehnte sich zurück. Er fühlte sich doch
merkwürdig ergriffen. Er athmete tief auf. Mit
herber, schneidender Wucht warf sich der Gegensatz
zwischen dem Einst und dem Jetzt auf ihn. Und nun
schoß es durch seine Brust wie ein brennender Strom
von Wuth und Scham vor sich. Ja! das waren
Lebensquintessenzen, an sich erfahrene, unwiderlegliche,
in tiefstem Grunde alle Werdenskräfte berücksichtigende
Wahrheiten. Und es war ihm einmal so ernst
gewesen um diese Wahrheiten. Sie hatten ihn so
ganz erfüllt. So ganz. In einer großen Stunde
hatte er sie herausgeschüttelt und aufs Papier gesetzt
mit dem glühenden Enthusiasmus des Triumphators,
der überwunden hat, der wunschlos geworden
ist. Wunschlos! Wunschlos? Oh nein! Nicht wunschlos. Denn er hatte ja weitergelebt. Er hatte es
ja nach dieser gewaltigen Vereinheitlichung der Erkenntniß doch vermocht, weiterzuleben. Und was
heißt „weiterleben“ anderes, als Zeit, Luft, Gelegenheit finden, tausend neue Wünsche zu gebären und nach
ihrer Erfüllung zu trachten? Das hatte er gethan.
Und es war ihm auch gar nicht so schwer geworden, das zu thun. Als die Begeisterung der Stunde
vorüber, als das Seherauge sich geschlossen, hatte ihn
die klammernde Nesselwelt der kleinen Alltagspflichten
wieder eng und compromißlüstern gestimmt. Das
„Verrath“ an sich zu nennen — nun! ein Schwärmer
konnte sich diesen tauben, unfruchtbaren Luxus wohl
gestatten. War er aber ein Schwärmer? War er's
geblieben? Kaum. Er war doch in Vielem recht
praktisch, recht positiv geworden. Er hatte doch
wieder Gefallen daran gefunden, tiefinnerste Genugthuung, von rothen Frauenlippen reife Küsse zu
pflücken, Frauenreize mit vollendeter Virtuosität,
mit feinster ästhetischer Differenzirtheit zu genießen.
Nein! die Psalmen und Dithyramben, die der große
Lyriker, der Frühling, zu singen wußte, sie tönten
nicht wirkungslos an ihm vorüber. Er verstand die
einfach-üppige, massive Epik des Sommers … und
schwelgte in den Elegie'n des Herbstes, deren transparente Faschingsbuntheit ihn entzückte. Mit der Sonne,
der vollen, goldenen Sonne, war er nach und nach in
ein ganz leidliches Verhältniß gekommen. Er liebte ein
gutes Glas Wein, eine gute, mittelschwere Felix-Brasil-Cigarre, eine gute Virginia-Cigarette. Und ob auch die
brutale Welt der Objecte seiner Epidermis und dem, was
dahinterstak, manchmal recht impertinent mitspielte und
zusetzte — Adam hatte sich fast so Etwas wie Humor
und kaustisches Behagen angeschafft. Er studirte
sich mit coquetter Selbstironie und kümmerte sich doch
um das Elend der „Masse“, das sein weiches Herz
zeitweilig mächtig ergriff. Er klügelte pädagogische
Weltbeglückungssysteme aus, träumte von einem europäischen Staatenbunde, studirte tapfer Sociologie,
und hielt es der Mühe für werth, Broschüren über
den deutschen Gymnasiallehrer, dem er herzlich gram
war … er hatte den Kerl eben gar sehr in der Nähe
kennen gelernt … und über das Proletariat des Geistes
zu schreiben. Er hielt es der Mühe für werth, sich
immer leidenschaftlicher als Germanen zu fühlen, die
Poesie und historische Gewaltigkeit des deutschen Kaiserthums zu begreifen … und den Juden glühender, immer
glühender, wilder, fanatischer zu hassen … mit unschönem
fressendem, persönlichem Hasse. Das war's: Adam
hatte sich eben weiterentwickelt, er war ein natürliches Opfer seiner Fortentwicklung geworden. Einmal hatte er sich auf den Sternenpolstern und in
den Hängematten des Kosmos herumgeräkelt und
ausgeflegelt. Einmal war sein Seelenleben ein breiter, ungetheilter Strom gewesen, in dem sich das ganze
Universum gespiegelt. Da hatte er es leicht gehabt,
zu erkennen und zu durchschauen. Nun hatte sich
nach dem natürlichen Gesetze der geistigen Organspaltung sein Seelenleben differenzirt, und der große,
breite, ungetheilte Strom seines Inneren hatte sich
in unzählige Flüsse und Flüßlein, Bäche und Rinnsale zersplittert und aufgelöst, darin sich nur noch
zerbrochene Theile und Theilchen des Universums
spiegeln und wiederfinden konnten. Wo einmal ein
einziges, großes, gesammeltes Interesse geherrscht, das
den Tod bedingen mußte, wenn es im rechten Augenblicke verstanden, ausgelöst und in die That umgesetzt wurde, da herrschten jetzt tausend kleinere Sonderinteressen, die das Leben in sich schlossen. Ja!
Er mußte leben. Er hatte den Tod versäumt. Er
war zum Leben verurtheilt.

Adam erhob sich. Das Bewußtsein, daß er nun
leben mußte, erfüllte ihn mit schneidender Bitterkeit. Oder —? Aber nein! Jetzt war der Selbstmord,
der „Selbsttod“, kein Resultat mehr, kein entscheidender
Gewinn — nur noch ein Zufall, vielleicht gelegentlich die Folge einer zufälligen Nervenüberreizung. Das
war recht hausbacken und hatte so gar nichts Imposantes.

Adam trat ans Fenster, öffnete weit die Flügel
und lehnte sich über die Brüstung. Weich und
geschmeidig, einschmeichelnd strich die Frühlingsluft.
Leise begann es zu dämmern. Da unten auf der
Straße warf das Leben … dieses Leben, das es
so unübertrefflich versteht, sich bei den Creaturen
der Erde als intimster Hausfreund einzuquartiren …
noch große, breite, prunkende Blasen.

Und Adam beschloß, sich von diesem Leben da
unten auf der Straße, zu welchem er „verurtheilt“ war … ja nun einmal unwiderruflich
„verurtheilt“ war, auf andere, gescheitere Gedanken bringen zu lassen.

„Lost paradise“ knurrte er vor sich hin, als er
die Treppen hinunterschritt. Er wollte auch Abendbrot essen. Und nachher natürlich — nicht zu
Hedwig gehen. —

XVII.

Am anderen Morgen erhielt Adam einen Brief
von Hedwig. Irmers Mädchen hatte ihn schon
sehr früh in seiner Wohnung abgegeben. Hedwig
schrieb:

„Lieber Adam! Warum bist Du heute Abend
nicht gekommen, wie Du versprochen hattest? Ich
habe Dich so sehnsüchtig erwartet. Bis gegen Zehn.
Nun ist es fast Elf. Ich bin ganz allein, Papa ist schon
zu Bett — ich kann nicht anders: ich muß Dir
noch schreiben. Es ist mir so schwer, so schwer
ums Herz. Bitte komme morgen früh bestimmt.
Ach Adam! Ich habe ja nur Dich noch — und
wenn Du mich verläßt, wäre es mein Tod. Aber
nein! — nicht wahr? — Du bleibst Deiner Hedwig
gut? Papa ist sehr unglücklich. Das hätten wir
doch nicht thun sollen. Er hat mich freundlich aufgenommen, er weinte, als ich kam, und hat mir
gar keine Vorwürfe gemacht. Er hat aber den ganzen
Nachmittag fast kein Wort weiter gesprochen. Nur
einen Brief hat er mir gezeigt, der heute früh angekommen war. Es ist zu schrecklich. Mir will das
Herz brechen, wenn ich daran denke, was für Schreckliches uns bevorsteht. Ich bin immer noch zu aufgeregt, um Dir Alles in klarem Zusammenhange
mittheilen zu können. Vor Papa habe ich alle meine
innere Angst verbergen müssen, um ihn nicht noch
trauriger zu machen. Papa hat nämlich einmal —
es ist schon mehrere Jahre her — für einen guten
Bekannten, einen Ingenieur, der kränklich war und
auf den Rath seines Arztes ein Bad besuchen sollte,
aber keine eigenen Mittel dazu besaß, für den hat
Papa eine Bürgschaft von 1000 Mark geleistet, die
sich Ferdinand, so hieß der Ingenieur, von einem
ihm bekannten Bankier geliehen hatte. Papa war
damals noch Universitätslehrer in der Schweiz und
uns ging es ganz gut. Ferdinand — ach! Adam —
es wird mir so schwer, Dir das zu schreiben, aber
Du mußt es doch einmal erfahren, war mein Verlobter und ist der Vater meines Kindes, das bald
nach seiner Geburt starb. Verdamme mich nicht,
Geliebter. Ich habe gefehlt, aber ich habe hart
büßen müssen dafür. Ich kann Dir jetzt nicht die
ganze Tragödie schreiben. Ich bin zu aufgeregt
dazu. Ferdinand war damals im Bade. Dann kam
der Bruch, der unvermeidlich war. Ich will Dir
das Alles mündlich noch mittheilen, wenn Du
es wissen willst. Später, bald nach meiner Niederkunft, sind wir hierher übergesiedelt. Die Verhältnisse zwangen uns dazu. Papa war nicht beliebt
bei seinen Collegen, hatte keine Protektion und
wurde nicht befördert. Und dann kam mein Fehltritt
hinzu. Nun erhielt Papa heute Morgen einen Brief
von jenem Bankier, der schrieb, daß Herr Pfeiffer,
eben mein damaliger Bräutigam, nach langem Siechthum kürzlich am Lungenschlage gestorben wäre,
aber ohne daß er in den vier Jahren, die seitdem
verflossen wären, seine Schuld zurückgezahlt hätte.
Er hätte immer Geduld und Nachsicht mit dem
Kranken gehabt, nun müßte er sich aber an den
Bürgen halten, was ihm wohl Keiner verdenken
könnte. Aber wo soll Papa das Geld hernehmen?
Wir leben hauptsächlich nur von dem, was er und ich
verdienen. Unsere Verhältnisse sind, wie Du weißt, sehr
beschränkt. Ich mußte Dir das mittheilen, damit Du
weißt, woran Du bist. Es bleibt uns nichts weiter
übrig, wenn der Herr auf sein Recht besteht, als
unsere paar Sachen zu verkaufen. Es ist zu schrecklich. Was soll dann aus uns werden? Auch Du
kannst uns wohl nicht helfen, lieber Adam. Ich bin
zu unglücklich und weiß nicht, wie das drohende
neue Unglück abgewendet werden soll. Aber nun gute
Nacht, Geliebter. Behalte lieb Deine arme Hedwig.

Nachschrift. Papa ist auch sehr unglücklich, ganz
gebrochen, er spricht fast gar nicht und brütet nur
immer vor sich hin. Wenn er sich nur kein Leid
anthut. Das ertrüge ich nicht. Bitte komm morgen
bestimmt, lieber Adam.“

Adam faltete den Brief, der ihn kaum aufgeregt
hatte, zusammen, steckte ihn ruhig wieder in sein
Couvert zurück und warf ihn in einen halboffenstehenden
Kasten seines Schreibschrankes Dann ging er nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab.

Das war ja klar: Das Geld mußte geschafft
werden. Diese lumpigen tausend Mark! So'n
dummer, windiger Fetzen! Was? Wie mancher blaublütige Jüngling mochte wohl seiner Mätresse ein
monatliches — — Unsinn! — „monatliches“ —
ein halbmonatliches, womöglich wöchentliches „Nadelgeld“ von tausend Mark leisten! Und an dieser
pauvren Summe, an dieser tristen Bagatelle sollte die
Existenz einer Familie zerschellen — eben daran, daß
sie nicht aufzubringen war? Nee! So 'was Lächerliches lebte nicht noch 'nmal! Uebrigens — das
war also die … die sogenannte „Vergangenheit“ dieser
Dame? Wie harmlos! Sie hatte sich mit einem
Ingenieur eingelassen — und die Sache hatte sich
auf dem seit Adam, dem Paradiesler, nicht mehr
ungewöhnlichen Wege zu der üblichen Fortsetzung
verstiegen — det war Allens. Jroßartig!

Wo lag da nur die Pointe? Das war so
grenzenlos alltäglich, eine langweilige, hebeammenhafte
Spukgeschichte ohne weiteren Spiritus. Um Gotteswillen! Einzelheiten — um keinen Preis der Welt!
damit sollte sie ihn nur verschonen! Nachher hatte
sie sich dann ihm hingegeben — und er war auf
sie auch regelrecht „reingefallen“ — d. h. hatte sich
regelrecht mit ihr „verlobt“ — hatte ihr regelrecht die
sogenannte „Ehe“ versprochen — und — und — — —
aber war denn diese kleine, unscheinbare Hedwig wirklich etwas Anderes, als die fürtreffliche Emmy, die aus
der Sache allerdings so etwas wie ein „Geschäft“
machte, aber doch immerhin Liebe und Lust zu ihrem
„Berufe“ besaß? Doch — das war ja vorläufig
alles Nebensache. Es kam zunächst nur darauf an,
die paar Groschen in die Bude zu schaffen. Aber
wie? An wen sollte er sich wenden? fragte sich Adam.
Bekannte, die eines solchen „Opfers“ fähig gewesen
wären, besaß er nicht. Zu seinen Verwandten engerer
und weiterer Kategorie hatte er auch so gut wie
gar keine Beziehungen mehr. Ha! Etwa Lydia?
Nun! dieser Dame war es ja schließlich ein Leichtes,
war es ja ein Kinderspiel, das Geld aufzubringen.
Aber —: sich bei Frau Lange darum bemühen —
sie schriftlich oder womöglich gar mündlich darum zu
bitten — ging das an? Er hätte doch die ganze
Situation correct auseinandersetzen müssen und konnte
unmöglich seine Beziehungen zu Hedwig verschweigen
dabei — diese Beziehungen eben, die er ja um
jeden Preis abbrechen wollte. Das war des Pudels
Kern. Eine merkwürdige Wandlung ging zugleich
in Adam vor. Er bekam plötzlich einen ganz gehörigen Respect vor dem Gelde und seiner Macht.
Und als Gemahl Lydias — ei! da hatte er ja
Wünschelruthe und Waffe zugleich in der Hand.
Hm! In seinem sentimentalen, idealistischen Dusel
hätte er es schließlich gar noch fertig gebracht, sich
mit Hedwig auf einen gemeinsamen Guerrillakrieg
um die Brocken und Brosamen des klebrigen
Kleinlebens einzulassen. Es war ganz gut —
und in gewissem Sinne zugleich auch sehr tiefsinnig
und symbolisch — daß durch sie selbst ein Moment
in die Affäre eingeführt wurde, das ihn stutzig
machte, das im Stande war, ihn auf seine
wahren Vortheile hinzuweisen. Die lagen aber
wahrhaftig nicht in einer Ehe mit … eben mit
einer Dame „von Vergangenheit“. Für diesen Adel
mußte er sich bedanken, wenn er sein Glück im Auge
haben und seine Zukunft bedenken wollte. Uebrigens
— die Idee war gar nicht so übel, war im Gegentheile ganz famos: er verschaffte Irmers das Geld
und — kaufte sich damit los. Natürlich! So ließ
sich die Geschichte dengeln — und Jeder machte
seinen Profit dabei. Zudem waren ja auch noch
tiefere psychische Gründe vorhanden, aus welchen
eine Ehe mit Hedwig ein Experiment sehr problematischen Charakters war. Ergo! Warum sollten
denn diese „tieferen psychischen Gründe“ nicht auch
mitzusprechen haben? Man hatte sie einmal ein Bissel
ignorirt — eh bien! einmal darf man sich das
schon erlauben. Aber um so deutlicher nur fühlt
und begreift man hinterher, daß jene Gründe berechtigt
sind und berücksichtigt werden müssen, wenn man keine
unfreiwilligen Karrikaturen in die Welt setzen will.

Also er — Adam — besorgte die Loskaufungssilberlinge. So viel stand fest. Es war nur die
Frage: wie? Ja! Wie —?

Aber eigentlich war es ja doch am Bequemsten, sich
an Frau Lange zu wenden. Am Bequemsten? Das
allerdings gerade nicht. Allein was blieb ihm denn
weiter übrig, als dieses Experiment zu machen, wenn
er von der Leimruthe, auf der er vorläufig wirklich
verflucht festsaß, überhaupt herunterwollte —? Doch
nein! Das war doch Unsinn. Hatte er Frau Lange
gegenüber denn nur ein Fünkchen von Recht zu
dieser Bitte? Und dann —: wollte er seine
Beziehungen zu Hedwig nicht aufdecken, mußte er
es sich gefallen lassen, daß Lydia annahm, selbst
wenn er äußerlich noch so glaubwürdige Ausflüchte
versuchte —: er selber sei der eigentlich Bedürftige
— und in diesem Lichte durfte er unter keiner
Bedingung vor ihr stehen, am Allerwenigsten, wenn
er an seinen Hoffnungen, sie noch einmal als seine —
nun! eben als seine „Gattin“ zu sehen, festhielt — was
ja in seiner Absicht lag. Wie also aus der schweinemäßig impertinenten Zwickmühle herauskommen?
Es war wieder 'nmal rein zum Verzweifeln. Donner
und Doria! Jetzt ging Adam ein Talglicht auf.
Er wollte doch — jawohl! und jetzt stand's unwiderruflich fest — er wollte doch die gnädige Frau um die
Lumperei anrempeln. Er wollte ein Märchen von
einer Arbeiterfamilie, die am „Abgrunde ihres socialen
Verderbens stände“ — die „ein Opfer unglücklichster
Verhältnisse geworden wäre“ — und zweifellos „zu
Grunde ginge“, wenn sich im letzten Augenblicke nicht
noch ein „Menschenfreund“ ihrer annähme — also
ein derartiges pikantes Märchen wollte er erfinden —
er konnte von seinem Talente zum Komödianten die
exakte Durchführung der Rolle ruhig erwarten — und
vor Lydia als freiwilliger Advokat der Armuth
auftreten —: erstens würde, calculirte der Herr
Doctor, die Thatsache der Noth als solche ihr weiches
Herz rühren und sie zum Herausrücken der Summe
bewegen — und tausend Mark waren wirklich
nicht zu viel: es galt ja die Existenz einer ganzen
Familie neu zu begründen! — und dann mußte er
doch, wenn er sich so als Anwalt des socialen
Elends vor ihr gerirte, damit entschieden Eindruck
auf sie machen — das war klar. Ergo — los
denn! 'rin ins Verjniegen! —

Einen Augenblick dachte Adam noch an Herrn
Quöck. Aber nein! Dieser Mensch, der also mit
der Couponscheere auf die Welt gekommen war, besaß
kein Verständniß für das Unglück Anderer. Wohl
möglich, daß Herr Quöck ihm, Adam, aus persönlicher
Gewogenheit die Summe lieh — aber der brave
Mann blieb trotzdem der Herr Vetter von der Frau
Lydia — und wer weiß! — — es ist jedenfalls
immer besser, immer praktischer und in der Regel
auch bequemer, mit dem Egoismus und den ordinärsten
Lebensinstinkten seiner „Nächsten“ lieber etwas zu
viel, als zu wenig zu rechnen. Ohne Andeutungen Frau Lange gegenüber würde es bei Herrn
Quöck doch nicht abgehen. Andeutungen jedoch —
na! was da unter Umständen für ein edler Brei
herauskommen kann, wenn man sotane „Andeutungen“
sich selber überläßt —: Adam hatte das etzliche
Male auf sehr kitzliche Art erfahren müssen in seinem
Leben und an seiner höchsteigenen Person dazu. Also
Vorsicht! Eines Tages, darauf mußte er sich gefaßt
machen, fand er sonst seinen Weg zu Lydia in einen
rechtschaffenen Nesselacker verwandelt — und für die
Posaunenengel seiner Hoffnungen und Erwartungen
konnte er dann nur getrost ein halbes Dutzend tüchtiger,
dauerhafter Särge bestellen, die auf den Läute-Apparat für den Fall eines Scheintodes aus bestem
Wissen und Gewissen verzichten durften … Das
Märchen vom kaltgewordenen Ofen, vom zerbrochenen
Uhrweiser, von den abgespielten Skatkarten … Die
Pointe blieb halt überall dieselbe.

Nun — dann also auf zum Tournier mit Lydia!
Noch einmal schrak Adam auf das Heftigste zurück.
Er glaubte sein zähes Festhalten an dem Gedanken,
daß gerade er das Geld für Irmers zu beschaffen
hätte, schon als idée fixe ansehen zu müssen. Eigentlich
ging ihn das Alles ja gar Nichts an. Was mischte
er sich da in fremder Leute Angelegenheiten —?
Warum war er nur so erpicht darauf, sich die Finger
zu verbrennen —? Und doch! Es rumorte wirklich schon zu toll in ihm herum — es wucherte in
ihm und wuchtete sich auf ihn, es fraß sich immer
fester bei ihm ein —: er mußte vor Lydia —
und eben gerade vor Lydia — ein so delikates
Motiv wie das vorliegende es war, — Geldgeschichten sind ja immer „delikat“! — endlich einmal
aufs Tapet bringen —: das ging ohnedem gar nicht
mehr ab, das war nun schon zur innersten Nothwendigkeit geworden. Im erotischen und im
pekuniären Problem —: in beiden hanget ja
das ganze Gesetz, und die p. p. ehrenwerthen
Herren Propheten „hangen“ dazu in diesem erhabenen Dualismus … Und schließlich: kam bei
seinem Dukatenspeech mit Donna Lydia etwas
„Positives“ wirklich nicht heraus —: zu einer
psychologischen Studie pikantester Natur würde die
Scene am Ende doch auswachsen … und an
„psychologischen Studien“ kann ein junger Mann,
der's Leben erst noch kennen lernen will, gar
nicht genug machen. „Psychologische Studien“ sind
bekanntlich furchtbar lehrreich. Und so'n feudaler Kerl,
wie Adam Mensch also einer war — na! in dieser
Beziehung gab es auch für ihn noch Manches zu
probieren. Adam Mensch war in der Wurzel seines
Wesens sehr bescheiden. Er hielt ziemlich Wenig
von sich, zuckte oft in ehrbarster Geringschätzung die
Achseln über sich. Aber darum dachte er zeitweilig
eben nur um so geringer von den Anderen. Hatte
er etwa kein Recht dazu? —

XVIII.

Kurz nach drei Uhr, also nicht zu der üblichen
Besuchsstunde, ließ sich Adam bei Frau Lange
melden. —

Es war ihm während des Essens und besonders
während einer kurzen Promenade durch den Stadtpark, den er von seinen Spaziergängen mit Emmy
her sehr lieb gewonnen hatte, unerträglich klar
geworden, daß das Verlobungsproject mit Lydia
eine wahnsinnig groteske Ungeheuerlichkeit bedeutete —
eine Ungeheuerlichkeit, die sich vielleicht heraufbeschwören,
vielleicht sogar unmittelbar in Scene setzen ließ,
die aber herauszufordern er heute nicht die mindeste Stimmung und nicht den mindesten Muth
besaß. Dagegen fühlte er den Muth in sich,
wenigstens momentan, dagegen reizte es ihn wirklich
immer mehr, Frau Lange direkt zu bitten, ihm die
lumpigen tausend Mark zu leihen. Das war doch
in der That — Adam sagte es sich immer wieder —
so etwas wie eine social-psychologische Studie, so
etwas wie ein social-ethisches Experiment. Er trat
eben als „Anwalt der Armuth“ auf und klopfte an
die Pforten des Reichthums mit der Bitte um
Hülfe — mit dieser Bitte, zu welchen die bedrängte
Armuth eine heilige Berechtigung, eine heilige Verpflichtung besitzt. Auf eine mehr oder weniger
interessante, jedenfalls nicht ganz alltägliche und
nicht ganz pointenlose Scene durfte sich Adam
überdies gefaßt machen. Ah! Lydia würde zuerst
verblüfft sein. Und dann? Das war eben die
Frage. Doch diese Frage mußte ja sofort ihre
Beantwortung finden.

Adam wurde in das Cabinet Frau Lange's
geführt. Er möchte einen Augenblick verzeihen, die
gnädige Frau käme sogleich, bedeutete ihm das
Mädchen und verschwand wieder.

Adam sah sich um. Da stand er also wieder
einmal auf der Wahlstatt, auf der er neulich so
bedeutungsvolle Stunden durchlebt hatte. Aber
heute — wie war heute Alles so glanzlos und
nüchtern! Dabei überall ein Ton der Unordnung,
ein Accent der Verkramtheit. Jene einschmeichelnde,
anheimelnde Demi-jour-Stimmung, die ihn neulich
so unwiderstehlich bestrickt hatte, und die er noch
so klar in der Erinnerung bewahrte, war nicht mehr
mit dem dünnsten Haarstrichlein angedeutet. Und
doch stiegen ihm wie leichte Schaumbläschen allerlei
Erinnerungen auf. Er dachte daran, daß damals
in dem Fauteuil dort Lydia gesessen … daß er,
ganz im Joche seiner emporgeschäumten Stimmung,
vor ihr gekniet, ihr schluchzend seine Liebe zugestammelt — daß er — — aber das war ja Alles
glücklich vorüber, die Augenblicksextase dünkte ihn
jetzt unbegreiflich und über alle Begriffe abgeschmackt —
die gnädige Frau wollte ja auch abreisen — er würde
also vorläufig keine Gelegenheit wieder bekommen,
diese Räume zu betreten … und allen sentimentalen
Erinnerungsanwandlungen wurde damit Gott sei
Dank! jedwede neue Nahrung entzogen.

Endlich trat Lydia ein. Sie sah ein ganz
klein Wenig derangirt aus, ihr Gesicht war ungleich
geröthet, wie das eines Menschen, der sich öfter und
andauernd gebückt hat. Ihre freundlichen Züge
schienen Adam etwas gemacht und gezwungen.

„Verzeihen Sie, Herr Doctor, daß ich Sie so
lange warten ließ — aber ich bin eben dabei zu
packen — morgen früh will ich endlich auffliegen —
meine Abreise hat sich schon um einige Tage verzögert — aber bitte, nehmen Sie wieder Platz —
ich freue mich doch, Sie noch einmal bei mir zu
sehen … Wie geht es Ihnen —?“

„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau, daß
ich zu so ungelegener Stunde — aber ich wußte
auch nicht, daß — — ich will mich auch nicht lange
aufhalten — nur — —“

„Bitte, bitte, Herr Doctor! . Sie wissen ja,
Sie sind mir immer willkommen … Uebrigens, wenn
Sie das tröstet: ich — ich erwartete eigentlich Ihren
Besuch — ich nahm ihn als selbstverständlich an, nachdem Sie mir das letzte Mal, wo wir uns sahen — —“

„Ja! Ich versprach Ihnen zu kommen, gnädige
Frau — Sie sehen: ich habe mein Wort gehalten,
wenn auch — —“

„Wenn auch —?“

Adam schwieg eine kleine Weile und fuhr sich
mit der Hand über die Stirn. Er war da in ein
zweideutiges Fahrwasser gerathen. So ging das
Spiel nicht weiter. Er trieb einem Ziele zu, das
ihn jetzt nicht im Geringsten reizte. Oder doch?
Dünkte ihn diese Frau noch immer begehrenswerth?
Sie schien auf etwas anzuspielen, das zwischen
ihnen einmal mehr oder weniger deutlich zur Sprache
gekommen war. Vielleicht legte sie der ganzen Geschichte doch mehr Werth und Bedeutung bei.
Vielleicht war sie doch tiefer engagirt. Nun! das
konnte ihm ja nur schmeichelhaft sein. Und augenblicklich war es ihm gewiß auch nur günstig, wenn
diese Dame, die ihm einen Dienst leisten sollte,
stärkere Sympathien für ihn hegte.

Adam wurde ganz ruhig und sicher. Mit
klarer Stimme begann er: „Ich bin gekommen,
gnädige Frau, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten —“

„Und die wäre —?“ fragte Lydia, neugierig
und erstaunt zugleich. So redet doch kein Mann,
der um eine Frau … um eine Frau, die er …
die er — liebt — — —

Nun wollten die Worte dem Herrn Doctor
doch nicht so glatt über die Lippen schlüpfen. Er
zauderte, er hustete verlegen, er athmete kurz, gepreßt,
eine Reihe von Wendungen und Fassungen schwirrte
ihm durch den Kopf, er prüfte sie mechanisch, indem
er sie sich leise objectivirte, er konnte sich nicht
entscheiden, er war nicht im Stande, die prägnanteste
Fassung herauszufinden. Schließlich stotterte er
halblaut, nur einige Silben durch eine unnatürliche
Betonung scharf heraushebend: „Es ist mir doch
peinlich, gnädige Frau — ich weiß nicht, wie Sie
meine Bitte auffassen werden — —“

„Schießen Sie doch nur los, Herr Doctor —
wir werden ja sehen — wenn ich irgend im
Stande bin — —“

Adam erinnerte sich plötzlich, daß er im Namen
der Armuth um die Hülfe des Reichthums werben
sollte, daß er dazu eine heilige Berechtigung besäße —
er wußte, daß nur das tiefeingewurzelte Bewußtsein
von dem Egoismus, der Engherzigkeit und Kleinlichkeit der Menschen, mit denen er allenthalben, sein
ganzes Leben hindurch, hatte rechnen müssen, ihn
auch hier muthlos und verlegen gemacht — aber
es kam ja schließlich nur auf den Versuch an, es
handelte sich ja schließlich nur um ein „social-ethisches
Experiment“, um eine „psychologische Studie“, um
Nichts, um gar Nichts weiter — und er gewann bei
nahe den kühlen Ernst, die souveräne Sicherheit des
Forschers wieder.

„Sie ermuthigen mich, gnädige Frau — also
denn ohne Umschweife herausgesagt —: ich brauche
tausend Mark — können Sie — können Sie mir
die Kleinigkeit leihen —?“

Auf diese sehr materielle Wendung des Gesprächs
war Lydia allerdings nicht gefaßt gewesen. Feinere
Naturen fühlen sich durch eine brutale, noch dazu
unvorbereitete Berührung von Geldfragen immer
compromittirt. Daß aus einer etwaigen Verbindung
zwischen ihr und Adam, der, wie sie wußte, so etwas
wie ein „armer Teufel“ war, letzterem allerlei sehr
reale, sehr realistische Vortheile erwachsen würden:
daran hatte sie natürlich schon gedacht — und der Gedanke hatte sie auch nicht weiter genirt, er hatte ihr
im Gegentheil eine gewisse Befriedigung und einen
gewissen Stolz eingeflößt. Im Uebrigen war sie
zu eitel, um nicht zu glauben, daß sie selbst ihres
Besitzes und ihrer Stellung in der Gesellschaft entkleidet, Werth und starke Anziehungskraft genug für
Adam besäße. Das waren Prämissen, über welche man
getrost schweigen, die man getrost unerörtert lassen
konnte, denn sie waren eben allzu selbstverständlich.

Und nun rückte Adam plötzlich unvermuthet
mit einem Motive heraus, das an greller Betonung
des Materiellen nichts zu wünschen übrig ließ.

Lydia war sehr betroffen. Was sollte sie erwidern? Mechanisch schloß sie, daß Adam sich jedenfalls
in einer sehr prekären Situation befand. Er hatte
gewiß Schulden contrahirt, die bezahlt sein wollten,
er hatte Verpflichtungen übernommen, die er einlösen
mußte. Und er wandte sich an sie, weil er anderweitig
— — ja! — mein Gott! — standen ihm denn
keine anderen Wege offen, besaß er keine anderen
Mittel — oder waren alle Quellen schon erschöpft —?
War sie seine letzte Hoffnung —?

Mitleid, starkes, verstehendes Mitleid quoll in
ihr auf. Und doch hatte sie zugleich das Gefühl,
als wäre sie von etwas unangenehm Klebrigem,
Schmutzigem berührt worden. Die Lage des Herrn
Doctor war sicher überaus prosaisch. Und Lydia
verspürte einen kleinen Hang zur Romantik in sich.
Das paßte so gar nicht zusammen, ihr Hang und
nackte Bedürfnißhaftigkeit Adams.

„Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Doctor —“
sagte sie endlich, unsicher und stockend — „ich hatte
nicht erwartet, daß — —“

„Das war allerdings vorauszusetzen, gnädige
Frau — verzeihen Sie, bitte noch einmal, meine
Kühnheit, doch die Noth — —“

„Geht es Ihnen so schlecht —?“ unterbrach
Lydia, jetzt von ehrlichster, schnell ausbrechender,
aufs Helfen gestimmter Theilnahme ergriffen.

„Mir —? Mir —? Ah so! . Hm! Verstehe
schon“ bemerkte Adam mit seinem, ironischem
Lächeln — „Sie haben mich nicht ausreden lassen,
gnädige Frau — Ihr gutes Herz ging mit Ihnen
durch — also ich wollte … wollte nicht von
meiner Noth, sondern von der Nothwendigkeit sprechen,
die mich zwingt — —“

„Ist das nicht dasselbe?“ fragte Lydia, ein
Wenig pikirt …

„Pardon! Ich glaube kaum … die Sache ist
nämlich außerdem noch die, daß ich das Geld nicht
für mich brauche, sondern — —“

„Ah! … Aber für wen dann, wenn ich fragen
darf —?“

„Lassen Sie das, bitte, mein Geheimniß bleiben,
gnädige Frau —“

„Wie Sie wollen, Herr Doctor … doch muß ich
Ihnen nun bemerken, daß damit die Sache auch aufgehört hat, mich zu interessiren. Ihnen — Ihnen
persönlich hätte ich vielleicht — ja! sicher geholfen,
denn Sie sind — sind mir — — doch das — das
gehört nicht hierher — — für Menschen dagegen, die
mir vollkommen fremd und unbekannt sind, habe ich
kein so starkes Interesse, daß ich für sie Opfer bringen
könnte … Meine ehrliche Meinung, Herr Doctor —!“

Lydia hatte sich von dem Stuhle, auf dem sie
seit dem Beginn des Gesprächs gesessen, erhoben und
war an ihren Schreibtisch getreten. Sie stand da,
den Kopf ein Wenig geneigt, die volle, elegante Büste
prachtvoll zum Ausdruck gebracht. Sie hatte ein
kleines, gläsernes Lineal ergriffen, mit welchem sie
auf einem Briefbeschwerer herumtrommelte.

„So —!“ sagte Adam kalt und herb und erhob
sich ebenfalls. „Gnädige Frau scheinen allerdings sehr
merkwürdige moralische Prinzipien zu haben —“

„Wieso —?“ Lydia schnellte herum und hielt
Adam mit großen, funkelnden Augen fest.

„Wieso —? Na! mein Gott, das ist doch
einleuchtend! Wenn Sie so subjektiv, so willkürlich
sind in der Ausübung Ihrer Menschenpflicht, so
möchte ich beinahe glauben — verzeihen Sie gütigst
meine Keckheit! — daß Sie überhaupt gar nicht
wissen, was eigentlich — —“

„Herr Doctor —!“

„Gnädige Frau —?“

„Sie scheinen gewisse … unartige Gewohnheiten
nicht loswerden zu können … Schon damals — Sie
werden sich erinnern — —“

In Adam schoß es in die Höhe. Es kreißte und
gährte und quoll in ihm, er wußte, daß sie heranzog, daß sie kam, vor der er sich nicht retten, der
er nicht entrinnen konnte, wenn sie die Arme nach
ihm ausstreckte, sie zerrte immer heftiger an ihm,
die heiße, erstickende Wuth, sie zog das Blut aus
seinem Gesicht, er wurde bleich, seine Glieder flogen,
er zitterte am ganzen Leibe, er mußte sich an den Tisch
klammern, um sich aufrecht zu erhalten, er klammerte
sich immer fester, er wußte: — wenn er losließ — wenn
er losließ, würde ihn der Katarakt seiner Wuth auf
dieses Weib peitschen, würde er sich auf dieses Weib,
das ihn beleidigt, das ihn mit seiner vagen, erbärmlichen Andeutung, seinem kleinlichen Vorwurf zu Tode
gekränkt hatte — er würde sich auf diese Creatur
— was war sie denn ihm gegenüber? was denn? —
stürzen müssen, um sie zu — ja! zu erwürgen —
und davor — o Gott! davor bebte er instinktiv
doch zurück — nein! nein! nicht nachgeben! nicht
nachgeben — nicht das letzte Restchen halbklarer Besinnung fahren lassen — —

Lydia hatte die Veränderung, die mit Adam vorgegangen war, unter heftigem Erschrecken wahrgenommen. Sie war zusammengezuckt, war vom Schreibtisch näher ans Fenster getreten, sie fürchtete sich,
sie überlegte, ob sie nicht schellen, ob sie nicht Hülfe
herbeirufen sollte — hatte sie denn noch einen Zurechnungsfähigen vor sich —? Einen Menschen, der
bei Besinnung war —? War das nicht das Delirium
der Wuth, des Jähzorns, der sein Opfer packt und
zerfleischt —? Und sie war eine wehrlose Frau —
— aber der Scandal — —

„— Sind Sie unwohl geworden, Herr Doctor —?“ sickerte es jetzt mühsam über ihre Lippen —

Adam faßte sich. Er ließ sich langsam vom Tisch
los, dämpfte seinen keuchenden Athem, trat näher an
Lydia heran, die unwillkürlich immer weiter nach
dem Fenster zu zurückwich, legte die wie festgeschraubte Schienen aneinandergekrampften Arme über
die Brust — —

„— Unwohl wäre ich, glaubst Du, Weib?“
stieß er heiser heraus — „ei! Und wie unwohl!
Aber ich sage Dir: — das ist eine ganz verdammte
Lüge, die nur ein Schurke zusammenkneten kann!
Mir ist so wohl, so dämonisch sauwohl, sage ich
Dir, Weib, wie mir in meinem ganzen Leben noch
nicht gewesen ist! Aber Du — Du — Du sollst
zittern! Warte nur! Ha! Es ist zum Andiedeckespringen! Zum Todtlachen! Zum — zum — —
Du wagst es, mich zu beleidigen — Du spielst Deine
kleine, egoistische Seele gegen mich aus — Du wagst
es, mir mit Deinen abgestandenen Phrasen von „Anstand“ und „Gutem Ton“ zu kommen, wo ich Dich
um Erfüllung Deiner allerordinärsten Menschenpflicht
angehe — wo ich als Anwalt der Armuth vor Dir
stehe, der Du mit Deinem verfluchten Mammon helfen sollst — ha! da kehrst Du die feine Dame
'raus — und verbittest Dir ein Benehmen — ein
Benehmen — — zum Teufel! Warte nur! Es
werden schon eines Tages Andere kommen, die anders mit Dir reden, die eine andere Sprache im
Munde führen — warte nur, Weib! Und sie werden Dich nicht so sanft anfassen, mein Täubchen —
Du wirst Deine zarten Ohren schon an die dröhnende
Musik gewöhnen müssen, die ihre ungeschlachten Stimmen und ihre zerschmetternden, groben Fäuste machen!
Warte nur! Sie werden sich schon mit Deinem Prunk
ihre Blößen decken, sie werden Deinen Plunder schon
zerschlagen, ihre Frostgeschwüre und ihren Hungertyphus damit auszucuriren — warten Sie nur,
meine Gnädige! Das wird ein netter Hexensabbath
werden, sage ich Ihnen — ein Hexensabbath, daß
es eine Art hat! — und alle Ihre egoistische Willkür
— Ihre ästhetischen Geschmacksfexereien werden zum
Teufel gehen — — und ich werde bei dem Rummel
mit beisein, ich, gnädige Frau, ich — verlassen Sie
sich drauf! — ich werde die Lumpen und Vagabunden — die ganze losgelassene Volksfurie in
Ihren Lügentempel hetzen — warten Sie nur —!
es wird sich Alles schon machen — das soll ein
Gaudium werden — na! wir werden Euch Eure
brutale Selbstsucht schon aus den Gedärmen 'rausklopfen — Ihr sollt Anderes zu denken bekommen,
Ihr verwahrlostes Champagnergesindel! Eure ruchlosen Lebensspielereien werden wir Euch gründlich abgewöhnen — aber ganz gründlich! — Und ich danke
Ihnen, gnädige Frau, für diese Stunde — ich danke
Ihnen — ich weiß jetzt ganz genau, sage ich Ihnen
— jetzt endlich ganz genau, wo meine Pflicht
liegt und wo mein Platz ist! Leben Sie wohl!
Wir haben uns noch nicht das letzte Mal gesehen — —“

Immer näher war Adam an Lydia herangerückt,
bis sich die beiden dicht gegenüberstanden. Nun kehrte
er sich mit einem harten Rucke ab und ging nach
der Tiefe des Zimmers zu, der Thüre entgegen.

Lydia fuhr auf, fuhr auf wie aus einem schweren,
schwülen Traum gestoßen. Sie strich sich mit der
linken Hand über Augen und Stirn — ja! hatte
sie denn wirklich geträumt? War das ein Spuk gewesen, oder doch nackte, klare Wirklichkeit? War
denn das ihr Zimmer? Doch wohl. Aber — nein!
das konnte ja nicht sein. Das Alles war nur eine
wüste Phantasie — dieser Mensch sollte es gewagt
haben — —?

Widerstandslos hatte sie die Fluth der Drohungen
und Anklagen, die aus dem Munde des zürnenden
Mannes da vor ihr herausschoß, über sich hingehen
lassen. Wie gelähmt, gebändigt war sie gewesen,
fest in sich verhakt und zusammengezwungen. Er
hatte sie überwältigt. Jetzt fühlte sie eine schneidende
Zwiespältigkeit in sich, es zerrte krampfhaft an ihr
herum. Aber wer war denn dieser Mensch? Derselbe, der sich vor ihr immer nur als interessanter,
blasirter Schwächling aufgespielt? Und nun diese
jäh ausgebrochene Leidenschaft! Oder war das um
Verzweiflung — blutende Verzweiflung an sich, an
der Welt gewesen? Sie wußte nicht ein noch aus
Sie empörte sich gegen die Vergewaltigung, die ihr
widerfahren war, — und doch schauerte sie wie in
brennender Wollust zusammen, denn sie hatte den,
den sie liebte, zum ersten Male hoch über sich gefühlt, sie sah nun zu ihm auf — nein —! sie
konnte ihn nicht gehen lassen — und doch! Ach!
Es war eine zu große Zwiespältigkeit in ihr. Und
jetzt — — jetzt —

Adam hatte die Thür aufgerissen —

„Herr Doctor —!“ schrie ihm Lydia nach, einige
Schritte vortretend —

Der Angerufene blieb doch unwillkürlich stehen
und drehte sich langsam in halber Wendung um.

„Gestatten Sie, bitte, noch einen Augenblick —
nur ein Wort noch —“ begann Lydia tief aufathmend. Sie reckte sich in die Höhe, die ganze Figur
straffte sich, wohl war sie ein Wenig bleich, sie
wollte jetzt erst recht bewußte Weltdame sein.

„Was soll's?“ polterte Adam erbost. „Ich dächte,
ich wäre fertig mit Ihnen —“

„Aber ich noch nicht mit Ihnen, Herr Doctor!
Ich habe Ihre — nun! Ihre — Declamation hingenommen, ohne ein Wort der Erwiderung —“

„Declamation —? ohne Erwiderung? — ich sage
Ihnen, gnädige Frau: das war auch das Gescheiteste,
was Sie thun konnten —“ unterbrach Adam mit
grobem, ungeschlachtem Sarkasmus —

„Nun — darüber ließe sich am Ende noch streiten —“

„Wäre verdammt überflüssig! Aber ich mag
nicht mehr —“

„Bitte! Nur noch einen Augenblick! Und werden Sie nicht von Neuem beleidigend, mein Herr!
Sie werden zugeben, daß ich im Rechte gewesen wäre,
wenn ich Ihnen schon nach Ihren ersten Worten
vorhin die Thüre gewiesen hätte —“

„Warum haben Sie's nicht gethan —? Dann
hätte ich mir meine Lungenstrapaze eben erspart —“

„Es ist gut, daß Sie die Geschichte jetzt auch
etwas weniger pathetisch — schon etwas nüchterner
auffassen — Lungengymnastik — —“

„Gnädige Frau —!“

„Na ja! Thatsache ist jedenfalls, daß ich mit
riesiger Geduld — —“

„Wenn Sie mir nichts Wichtigeres zu sagen
haben — um das Zeug anzuhören — —“

„Herr Doctor —! Nun dann gleich meine Frage!
Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß —
— Sie werden doch selbst so viel Psychologe sein,
um sich sagen zu können: ich müßte ja ein Geschöpf
von einer Beschränktheit ohne Gleichen sein, wenn —“

„Aber nun kommen Sie doch endlich mit der
Pointe — ich weiß absolut nicht, worauf das Alles
hinauslaufen soll — ich habe keine Zeit, um — —“

„Sie sind“ — Lydia war sehr ruhig und kühl
geworden — „hier als Armenanwalt vor mir aufgetreten — bitte, sagen Sie mir: welche direkten
Gründe haben Sie dazu veranlaßt —?“

„Welche direkten Gründe? Nun, ich denke,
ich hätte Ihnen das sattsam vorgerechnet —: meine
moralischen Anschauungen — meine ethischen Principien — —“

„Hm! . Und Sie täuschen sich wirklich nicht selbst,
Herr Doctor —? Was hat Sie auf einmal so in
den Harnisch gebracht, wo Sie doch, so viel ich mich
wenigstens erinnern kann, früher — —“

„Jawohl! Früher! — Kommen Sie nur so!
Das sieht Ihnen ähnlich! 'N Weib! Nun ja!
Aber ich bin eben Gott sei Dank! ein And'rer geworden — ich — ich bin — —“ Adam war doch
etwas unsicher, kleinlaut, betreten geworden. Lydia
merkte diese zarte Nuance sehr fein heraus. Sie
wurde kühner. Und jetzt zuckte eine Vermuthung
in ihr auf, kurz, jäh, schießend und so unmittelbar,
daß sie fast unverknüpft, selbständig erschien, aber
darum nur um so nachdrücklicher zwang, um so mehr
und um so schneller überzeugte.

„Ich werde Ihnen sagen, Herr Doctor, wem
Sie mit dem Gelde helfen wollen — und damit
sind dann auch die bewußten direkten Gründe
bloßgelegt — —“

„Nun —?“ fragte Adam, halb ehrlich-neugierig,
halb verlegen, jedenfalls sehr peinlich berührt, so
etwas wie geheimes Schuldbewußtsein in der Brust.

„Sie wollen das Geld für — für — Irmers
haben —?“

„Nun —? Und wenn das der Fall wäre — —“
antwortete Adam überlaut, mit affektirtem Trotz —

„Sie — Sie lieben Hedwig Irmer —?“ Lydia
hatte doch sehr leise gesprochen.

„Aha! Jetzt spielen Sie das Gespräch auf ein
Gebiet hinüber, gnädige Frau, das Ihnen allerdings
angenehmer sein möchte, als die Distel- und Nesselfelder, die ich Ihnen — na! — — ich sage ja — nee!
zu köstlich! zu köstlich —! Uebrigens 'n bekannter
Weiberkniff — —“

„Bitte! Beantworten Sie meine Frage —“

„Liegt Ihnen wirklich so viel daran, gnädige
Frau —? Nun denn: Wenn das auch der Fall wäre
— wenn ich Hedwig Irmer — liebte — was wäre
dann? Was hat das damit zu thun, daß — —“

„Was dann wäre, Herr Doctor —? Hm —!
Dann wären Sie nicht nur mit mir fertig, wie Sie
sich vorhin auszudrücken beliebten — dann wäre ich
allerdings auch mit Ihnen fertig — —“

Lydia stand hinter der Lehne eines Fauteuils, an
welcher sie sich jetzt mit ihren kleinen, vollen Händen
fest anhielt. Die ganze Gestalt war in sich zusammengesunken, wie von einem tiefen, seelischen Schmerze
überwältigt.

„Sie auch mit mir —“ sprach Adam leise nach
und fuhr sich mit der linken Hand über die Stirn.

Und eine jähe, gewaltige Wandlung erfaßte ihn.
Wie ein Riß klaffte es durch die Dünste und Nebel,
in die er sich hineinphantasirt hatte. Dieses Weib
da liebte ihn — und er — er liebte in diesem
Augenblicke auch das Weib, er liebte es heiß, leidenschaftlich, bis zum Wahnsinn, bis zur Verzweiflung.
Das Andere, was er da vorhin zu ihr gesprochen
hatte — das war ja Alles nur Einbildung, Humbug,
elender Mumpitz gewesen, tristes Phrasengequatsche,
fadenscheiniges Blendwerk. Er ein socialer Vergeltungsfanatiker? Es war zum Lachen, zum Todtlachen. Er liebte die Schönheit und den Glanz,
die heitere Vornehmheit und die geschmackvolle Pracht,
den verständnißvoll arrangirten Luxus, die bestechende
Form und den zwanglos, elegant gesammelten Inhalt. Und jetzt bot sich ihm zum letzten Male dieses
Glück an, dieses Glück, das seinem Wesen und seiner
Gestalt nach ihm einzig congenial war. Er sollte
die Hand, die sich ihm lockend entgegenstreckte, zurückweisen, weil es eine Armuth gab, die darbte, ein
Elend, das litt, eine Noth, die nach Rache schrie?
Was ging ihn diese Armuth an? Was dieses Elend?
Was diese Noth, die nach Rache schrie? Was diese
problematische Rache? Nichts, Nichts, Nichts. Hier
ein Weib, das ihn liebte, hier Schönheit und
Fülle, Unabhängigkeit und Sorglosigkeit, hier alle
Instrumente zur Erzeugung seiner Stimmungen,
alle Waffen für Erwerbung großer Genüsse und Erlebnisse — dort ein Haufen Lumpen, Schmutz, Unrath
in brutaler, nackter Nüchternheit, stinkende Fäulniß,
Dunst, Moder, Schweiß, Staub, Dreck — — und
er zweifelte noch, was er wählen sollte? Er zauderte
noch? Und alle Wunden, die ihm das kleine, enge,
allenthalben hemmende Leben, dem er sich je und
je hatte unterwerfen müssen, geschlagen und die nur
ein galgenhumoristischer Leichtsinn nothdürftig hatte
vernarben lassen … sie brachen wieder auf und bluteten in erneuter Frische. Aller Demüthigungen,
Zugeständnisse und Kapitulationen, die er hatte auf
sich nehmen müssen, und die er weiter und weiter
würde auf sich nehmen müssen, wenn er die äußere
Niedrigkeit seines Lebens nicht abschüttelte und von
sich warf, gedachte er, und es ergriff ihn ein ungestümes Grauen vor ihnen und ein zehrendes, bohrendes Mitleid mit sich selber. Die „Bataillone der
Zukunft“ — mochten sie ruhig weitermarschiren,
näher und näher heran — noch war ihre Stunde
nicht gekommen, noch standen sie nicht auf dem
Kampfplatze, bereit zu vergelten, zu stürzen und neu
zu gründen — und unterweilen ließ sich noch eine
Spanne Zeit gewinnen, da man glücklich sein durfte
im Schooße der Schönheit und Leidenschaft — und
einen Traum träumen durfte in irdischer Trunkenheit, wohl einen flüchtigen und vergänglichen, aber
auch hinreißend schönen und unvergeßlichen Traum.
Nachher das Erwachen — was ging ihn das jetzt
an? Jetzt? Nichts, nichts, nichts — —

Adam schritt langsam auf Lydia zu … und als
er dicht hinter ihr stand, sprach er mit leiser, gepreßter, heiser vibrierender Stimme: „Verzeih' mir,
Lydia — ich — ich war von Sinnen vorhin —
ich wußte nicht — — ach! Du weißt nicht, wie
unglücklich ich bin — —“

Und Lydia sah zu ihm auf, feucht schimmerte
es in ihren Augen — „Ja! Du mußt sehr unglücklich sein, Adam —“ sagte sie ebenso leise … Dann
wischte sie sich mit ihrem zarten, weißen Battisttaschentuch die Thränen aus den Augen, legte ihre
kleinen, vollen Hände auf Adams Schultern und sah
ihm fest, klar ins Gesicht und sprach: „Ich will
Dich gesund und glücklich machen, Adam. Du sollst
nicht mehr suchen, Du sollst gefunden haben. Ich
weiß, Du liebst Hedwig Irmer nicht. Das hast Du
vorhin nur so gesagt, um — — ich aber liebe
Dich, Adam — bleibe bei mir. Willst Du — ja?
— willst Du —?“

„Lydia —!“

Sie küßte ihn auf den Mund, sehr scheu, verschämt und hastig. „Aber jetzt geh' —“ sprach sie
nun — „ich reise morgen früh gegen Elf ab —
komm nach dem Bahnhof, wenn Du kannst — ja?
Wir sehen uns bald wieder —“

Adam wandte sich langsam ab. Seine Glieder
waren ihm sehr schwer, er wollte gehen.

„Ach ja! Das Geld!“ rief ihn Lydia noch einmal zurück. Er hatte die delikate Angelegenheit
allerdings ganz vergessen müssen. „Es steht Dir
natürlich zur Verfügung — sofort, wenn Du willst.
Geh bitte zu meinem Banquier, Behrendt & Comp.,
Adalbertstr. 12 — warte! ich schreibe ihm gleich 'n
paar Worte —“

Wie gebrochen schwankte Adam eine kleine Frist
später zum Zimmer hinaus. — Hatte er das bessere
Theil erwählet? — — —

Endlich bog er in die Straße ein, wo das
Comptoir von Behrendt & Comp. lag. Langsam
war er aus seinem Taumel, seiner einschnürenden
Hingenommenheit und Befangenheit wieder zu sich
zurückgekommen, war er wieder nüchterner und einfacher, klarer geworden. Die Kritik erwachte und
die kritische Entscheidungsfähigkeit, aber nur erst in
eckigen, unbeholfenen Sprüngen, in vagen, unsicheren
Andeutungen. Adam stapfte mit verbogenen Schritten
vorwärts, er nickte öfter vor sich hin, warf den Kopf
mit nervösem Accent nach rechts, nach links, und
malte mit den Händen allerlei geheimnißvoll-unverständliche Figuren in die Luft. Er wußte: es hatte
sich ihm da etwas Unerwartetes ereignet, sein Leben
war scharfen Ruckes um eine Ecke geschossen und in
eine andere, ganz andere Richtung eingelaufen. Aber
er trug Scheu, sich in das Neue, das ihm zugefallen
war, zu vertiefen, er constatirte es nur, halb widerwillig, halb erfreut darüber und auf seine Fortsetzung gespannt. Zumeist trieb es ihn, den nächsten,
zunächstliegenden Vortheil aus dem ihm widerfahrenen
Glücke zu ziehen. Er hatte ja Irmers helfen wollen.
Dieser Gedanke hatte die tiefste Furche in seinem
Gehirn gegraben. Es zog und zerrte an ihm, wie
aus einer unergründlichen Tiefe seiner Seele zu ihm
sprechend und ihn lenkend. Also erst 'mal bei dem
Esel von Banquier anschwirren und das Geld erheben.
Das ging sehr glatt, beinahe zu glatt für Adams
Gefühl. Dem Herrn Doctor wäre eine kleine, reelle
Abwechslung sehr willkommen gewesen.

Adam rannte sporenstreichs nach dem nächsten Postamte, schrieb vier Anweisungen und zahlte die tausend
Mark an die Adresse Hedwig Irmers ein. Er konnte
das Geld gar nicht schnell genug loswerden. Nun
athmete er auf. Das war der Kaufpreis. Da lag er.
Der Postbeamte strich die dreißig Silberlinge gleichgültig ein. Er war frei. Tausend Mark — das
war auch immerhin eine ganz anständige Summe als
Abschlagszahlung auf — nun! eben auf gewisse
etwaige Alimente …

Adam stand wieder auf der Straße. Er wußte
nicht, was er mit sich anfangen sollte. Nach Hause
gehen mochte er nicht. Ein heftiger Ekel vor seiner
Wohnung ergriff ihn. In dieser hin- und hervibrirenden, zerklüfteten Stimmung konnte er ja doch
nicht arbeiten. Er war nicht fähig, sich zu sammeln.
Er wußte, wenn er zu Hause säße, in der Einsamkeit seines Zimmers, würde seine Unrast noch wachsen
und wachsen. Die Enge, die Stille würden ihn erdrücken. Immer nur würde an ihm zerren, würde
in ihm wühlen, was er tagüber erlebt … zerren,
wühlen in schneidender Eintönigkeit, mit symmetrischem, unerträglichem, schauderhaft correctem Despotismus. Aber wie sollte er seine Unrast auslösen?
Eine leise Sehnsucht nach etwas Neuem, Unerlebtem,
Abenteuerlichem durchzitterte seine Brust. Er hätte sich
so gern vergessen machen lassen, er suchte Betäubung,
und war's auch gemeine, geschmacklose Betäubung.

Es war zwischen sieben und acht Uhr. In den
Straßen lag dunstige Wärme, beklemmende Stickluft,
heiße, brasige Stimmung. Der Himmel war unrein,
unreinlich, abstoßend zerquirlt und verzettelt, hier ein
Ballen schmutziggrauer Wolken mit matter oder dunkler
gefärbten Rändern, die von tödtlicher Langweile zu
triefen schienen, dort eine Spanne Wolkenlosigkeit
von der blaugrünen Bleifarbe des Nelkenkrautes.
Allenthalben breite, auf- und niederfluthende Menschenströme, behagliches Schlendern und gleichsam geöltes
Hinschießen. Hunderte von entlassenen Arbeitssclaven,
die aus ihren Sälen und Höhlen kamen und eine
karge Stunde der Freiheit genießen wollten. Aus
dem Innern steinerner Thorwege und Hausfluren,
aus geöffneten Kellerfenstern quoll feuchte, kalte Luft.

Adam ließ sich von der Masse mit forttreiben.
Es war ihm gleichgültig wohin. Es war ihm schon
recht so. Er hatte kein Ziel: das Schwimmen mit
dem Strome kam ihm heute außerordentlich gelegen.
Es dünkte ihn auch so passend zu der gesammten
Verfassung seiner Verhältnisse, der schnurrigen Beschaffenheit seiner Lebenssituation, so, wie sie heute
von einer schönen Frau eingerenkt und bestimmt war.
Es galt, sich bei Zeiten daran zu gewöhnen, daß
man einen festen Punkt gewonnen hatte, von dem
aus man sich dem realen, lebendigen Leben einfügen
und einordnen sollte.

Jetzt verspürte Adam einen zaghaft zupfenden
Hunger in sich. Und auch die Neigung zu einem guten,
schweren Glase Bier streckte verstohlen ihre kleinen,
warmen, mahnenden, bittenden Fingerchen aus. Aber
wohin sollte er gehen? Die Lokale, die er gewöhnlich
besuchte, waren ihm momentan über Alles verhaßt. Er
konnte es nicht über sich gewinnen, eins oder das andere
aufzusuchen. Jetzt nur keine bekannten Räume, die,
gegenständliche Erinnerungskeime, von irgend welchen
Erlebnissen zu erzählen wußten! Und jetzt nur keine
bekannten Gesichter! Es aber mit einer Bierwirthschaft aufzunehmen, die ihm noch fremd war, davon
hielt ihn eine starke, unerklärliche Scheu zurück,
vielleicht ein Mißtrauen gegen neue Objecte, denen
er sich bei seiner nervösen Zerfahrenheit und geistigen
Ungleichmäßigkeit zur Zeit nicht gewachsen fühlte.
Er mußte über sich lächeln, konnte sich aber nicht
zwingen, aus seiner lächerlichen Unentschlossenheit herauszugehen. So trollte er weiter. Und jetzt bog
er plötzlich in eine Thür ein, die zu einem Lokale
führte, in dem er früher öfter verkehrt hatte. Er
wußte nicht, wie er so jäh und unvermittelt dazu
kam, hier einzutreten. Er schüttelte den Kopf und
öffnete mechanisch die Thür. Nun stand er im Zimmer
und suchte nach einem Platze.

Es war ein Restaurant ziemlich untergeordneten
Ranges. Im Winter gab es Tingeltangel hier, und
Adam war einige Male mit Bekannten hier 'reingefallen, um sich den geschmacklosen, stumpfsinnigen Ulk
anzusehen.

Im vorderen Theile des Raumes lag noch
Abendhelle, spinnendes, merkwürdig keusches Zwielicht.
Hinten in der Nähe des Buffets brannte schon eine
trübe, gelangweilte Gasflamme. Sie schien sich ziemlich anachronistisch vorzukommen.

An den rohen, mit beleidigender Bestimmtheit
aneinandergestellten Tischen saßen ein paar Gäste.
Gesprochen wurde nicht viel. Ab und zu klapperte
ein Bierseidel. Die Athmosphäre war warm, schweißdunstig, dazu der impertinent scharfe Gestank von
schlechten Cigarren.

Adam setzte sich an den ersten besten Tisch in
der Mitte des Zimmers. Aus dem Hintergrunde,
aus der Nachbarschaft des Buffets, kam eine Kellnerin
auf ihn zu.

„Sie wünschen —?“ fragte sie mürrisch, abstoßend.

„Ein Bairisch und 'was zu essen —“

„Ein belegtes Brötchen, Frankfurter Würstchen,
Aal in Gelée oder —? —“

„Bringen Sie mir 'n belegtes Brötchen —“

„Mit Wurst, Schinken, Käse —?“

„Ach Gott, das ist gleichgültig … also meinetwegen mit Käse, Schweizerkäse — es ist ja ganz
egal — — nur 'n Bissel hurtig, mein Fräulein — —“

Die Kellnerin begnügte sich, eine verächtliche
Kopfbewegung zu machen und ging ab. Jetzt stellte
sie das Bier vor Adam hin und zündete eine zweite
Gasflamme an.

Adam schräg gegenüber, am Nebentische, saß
ein junger Kerl, der darauf zu brennen schien, sich
mit dem neuen Ankömmling in ein Gespräch einzulassen. Er war augenscheinlich nicht mehr ganz
nüchtern. Seine Hände zitterten, wenn er nach dem
Glase griff, er fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin
und her und tolpatschte unbeholfen an seinem Cigarrenstummel herum, den er schon ganz zerkaut und
zerdrückt hatte.

„Ick bin Sie man nämlich heute nur in absentia hier …“ lallte er jetzt zu Adam hinüber —
„eigentlich bin ick sozusagen von Hause aus, wissen
Se, gelernter Klempner, aber Sie müssen doch zugeben, wenn Unsereener mit Bismarcken oben …
na! wie heeßt nur das Nest … ja! in Stralsund
Theolojie studirt hat — —“

„Greifswald wollen Sie wohl sagen —“ bemerkte Adam lächelnd und nahm sein Käsebrötchen
in Empfang, das ihm eben die Kellnerin mit brutaler Nachlässigkeit hinschob.

„Ein klein Wenig höflicher dürftest Du auch
sein, mein Kind — das könnte wahrhaftig nichts
schaden — —“

Das zur Ordnung gerufene Fräulein warf ihrem
Kritiker nur einen finsteren, drohenden Blick zu und
setzte sich an den Nebentisch. Sie sagte kein Wort.

„Wat meenen Se? . Greifs … Greifswald?
Mir solls Recht sin … hähähä … ick bin ja heute,
müssen Se wissen, nur in absentia hier — und wenn
Eener mit Bismarcken Theolojie studirt hat, kann
er ooch wohl een kleenet Wörtchen mitreden in de
Weltgeschichte, verstehen Se mich! … Habe ich etwa
nicht Recht —? …“

„Na! und wie haben Sie Recht, mein Bester!
Ich bin nämlich auch bloß in absentia hier —
wir sind ja Alle nur in absentia auf der
Welt — —“

„Na! Ick habe doch also Recht!. Sage ick
denn det nich —? .“

„Meinetwegen! Aber jetzt lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Quatsch zufrieden, lieber Mitmensch — ja —?“

Der brave Klempnergeselle war sehr verschüchtert.
Er sah Adam groß, erschrocken an, setzte dann ein
blödes Verlegenheitslächeln, das ironisch und pfiffig
sein sollte, auf seine häßlichen, scharfen Züge, die
gelblichgrau und runzlig waren wie rauhe Elephantenhaut, und tastete unsicher nach seinem Glase.

„Und ick bin man doch bloß in absentia hier …
det sage ick und dabei bleibe ick —“ murmelte er
in seinem Kauderwälsch von reinem Schriftdeutsch
und Berliner Dialect vor sich hin …

„Bringen Sie mir noch 'n Glas! .“ commandirte Adam nach einer Weile, während der er sein
frugales Brötchen und den ersten Krug des ziemlich
warmen und abgestandenen Bieres bewältigt hatte.

Jetzt setzte sich die Kellnerin mit an seinen
Tisch. Sie sah ihn mit ihren kalten, dunklen Augen
fest an.

„Was habe ich Ihnen nur gethan, mein Fräulein —?“ fragte Adam, dem diese energische Musterung unangenehm, unbequem war.

Das Mädchen schüttelte ein ganz klein Wenig
den Kopf und fixirte Adam ruhig weiter.

„Wollen Sie die Blume trinken —?“

„Ich danke —“

Jetzt spielte Adam den Beleidigten. Er sah
das kleine, knurrige Weib herausfordernd an. Dabei
bemerkte er, daß die Donna kein uninteressantes
Gesicht hatte. Die Züge waren nur etwas scharf,
herb, zu nuancirt gefaltet, die Haut zerrissen und
porös, als ob sie früher stark geschminkt worden
wäre.

Neue Gäste kamen. Handwerker mit den breitspurigen Gerüchen ihrer Werkstätten, Arbeiter: gebückt, gekrümmt, nachlässig, schleppend und schwerfällig
im Gang, unreinlich, abgeschunden, zerrissen, rußig,
allenthalben mit Fabriksspuren und Arbeitsnarben
besät, in den Gesichtern Gleichgültigkeit, Stumpfsinn,
oft auch zehrenden Gram, der sich in den Physiognomie'n seinen bestimmten Ausdruck geschaffen, hier
und da Spuren einstiger Intelligenz, aber stark verwischt und verkümmert. Ab und zu erschien wohl
auch Einer, der nach Kleidung und Benehmen einer
„besseren“ Gesellschaftsklasse angehörte. Das Sprechen
wurde lauter, schriller, die Stimmen vermischten und
verwirrten sich. Jetzt brannten alle Gasflammen,
das letzte Streifchen, das letzte Pünktchen müden,
graublauen Abendlichts war aufgezehrt. Man hatte
in den Eingeweiden der Häuser keine Zeit, auf das
völlige Hinsterben des Tages zu warten. Der konnte
sich draußen auf der Straße, wo die breiten, schwarzen
Schatten lagen, auf dem Felde, im Walde mit der
siegenden Finsterniß abfinden. Hier lechzte das Leben
nach neuen Krystallen. Verblutende läßt man allein.
Auch das Licht, das verblutet. Und so bleibt es
keusch und makellos. —

Hinter dem Buffet war der Wirth erschienen.
Die Kellnerin lief auf und ab. Sie behandelte die
Gäste schroff, herb. Das gefiel Adam. Er ließ sie
nicht aus den Augen. Sie mußte das fühlen.
Oefter, mit jähem, unvermitteltem Rucke, sah sie sich
nach ihm um. Er fing ihren Blick lächelnd, ironisch,
wie in halber, kopfnickender Genugthuung lächelnd, auf.
Sie zuckte zurück … und sah doch wieder zu ihm
hinüber. Wohl streng und finster … und doch dünkte
es Adam zuweilen, als läge ein heißes, namenlos
heißes und brünstiges Flehen in diesem Blick —
eine erschütternde Bitte um Hülfe … Rettung …
Erlösung … So blieb er sitzen … und trank —
ihr zu Gefallen. Sie interessirte ihn jetzt. Wieder Eine … wieder Eine … wieder Eine …
Aber es war nun einmal so. Und er konnte sich
des geheimnißvoll zwingenden, immer wachsenden
Eindruckes nicht erwehren. Und er trank weiter —
ihr zu Gefallen. Sie sah ihn so eigenthümlich an,
wenn sie ein frisches Glas Bier vor ihm hinstellte.
Und jetzt waren gerade alle Gäste versorgt, und sie
hatte einen freien Augenblick. Sie wandte sich langsam nach Adam um. Der winkte ihr mit den Augen.
Sie trat zu ihm hin und beugte sich zu ihm nieder.
Gesicht lag neben Gesicht, Adam hörte ihr heftiges,
hastiges Athmen. „Wie heißt Du —?“ raunte er
ihr leise zu.

„Leni. Bleib' noch 'n Bißchen hier — ich
muß Dir nachher 'was sagen — —“

Und er blieb und blieb und trank und trank
weiter — ihr zu Gefallen. Er fühlte, wie das
schaale, abgestandene Zeug Gewalt über ihn gewann,
wie seine Gedanken kürzer, eckiger, springender wurden,
seine Bewegungen schwerer, ungelenker … er starrte
öfter vor sich hin, secunden-, minutenlang, das
Sprechen und Schreien und Klappern um ihn herum
rann zusammen zu einem schweren, dumpfen, summenden Geräusch, jetzt war es ihm plötzlich einmal,
als ob er sich einen Augenblick vorher ganz vergessen
hatte, er hatte eine Secunde lang nicht existirt, er
hatte stumpf vor sich hingebrütet und war doch zugleich ganz ausgelöscht gewesen, nun rollte er sich
wieder auf und gliederte sich, straffte sich … und
da züngelte Leni's Blick wieder zu ihm herüber …
und bat ihn … und fragte ihn … und flehte ihn
an … und sie kam zu ihm, berührte leise sein
Haar, liebkoste ihn … und bog seinen Kopf zu
sich in die Höhe und schaute in seine Augen
mit ihren kalten, dunklen, menschenanklagenden
Augen. Und er blieb und blieb und trank
und trank weiter: dieses warme, abgestandene,
zähschleimige Gesöff weiter — ihr zu Gefallen,
ihr zu Liebe —

Nun lief das Lokal mit all' dem zechenden,
schreienden Menschengesindel, was sich da zufällig in
ihm zusammengefunden hatte, um Adam im Kreise
herum. Das war fatal. Er hatte die bewußte
„Contenance“ verloren. Nur eine Prise frischer Luft
konnte hier mildern.

Der Angezechte hatte eine gewisse Furcht vor
dem Aufstehen. Immer wieder sank er in sich zusammen und blieb sitzen. Endlich, ohne daß er es
noch einmal bewußt gewollt hatte, schnellte er mit
einem verbogenen Rucke in die Höhe und tastete
schwerfällig-ungelenk nach seinem Hute. Die Kellnerin
kam auf ihn zugelaufen.

„Was habe ich —?“ fragte Adam mit schwerer,
unsicherer Zunge.

„Du willst schon gehen —? Warum denn —?“

„Mir ist nicht wohl … Das ist auch 'n Dunst
— 'ne Luft — 'n Gestank — hier — nicht zum
Aushalten! . Also wie viel Bier? . Und … und …
das … das Bröt — chen —?“

Leni rechnete mürrisch zusammen. Sie hatte
wieder ihr erstes, abweisendes, verächtlich achselzuckendes Benehmen angenommen. Adam warf das Geld
auf den Tisch. Das Weib war ihm jetzt verflucht
gleichgültig. Nur 'raus aus dieser entsetzlichen Bude!
Er hatte keine Zeit, den Beichtvater zu spielen …
oder verpflichtende Zärtlichkeiten sich abschmeicheln
zu lassen.

„Adieu! Ich komm morgen wieder —“

„Ach Du! Geh' nur! Du bist ooch nicht anders —“

„Du wirst ja sehen, daß ich Wort halte — —“

„Meinetwegen brauchst Du nich zu kommen —“

„Nu denn nich, meine Theure! Adieu!“

An der Thür sah sich Adam noch einmal um.
Das war ein graues, widerlich verqualmtes, schwerfällig hin- und herschaukelndes Bild, was er da vor
sich hatte. Leni war verschwunden, wie hinweggenommen, verschluckt. Nein! doch nicht. Da hinten
am Buffet flirrte ihre rothe Taille in falbem, verhangenem Scheine. Und jetzt kam das matte
Flämmchen wieder näher und wurde größer, körperlicher. Adam stieß die Thür auf.

Die Luft auf der Gasse war nicht viel frischer.
Oefter lief ein kleiner, kühlerer, sanft athmender
Wind vorüber, der Adam wohl that. Er wurde
bald ruhiger, sicherer, klarer. In den Lüften schwamm
noch die letzte, die allerletzte, fast farblose Erinnerung
an das weiße Licht des Tages. Bald kam der
Mond herauf. Mit einer leisen, discreten Helle
überhäufte er zaghaft den Himmel. Einige Tropfen
fielen, bald hörte der Regen wieder auf. Adam
stapfte weiter und ließ sich alle Stimmungserscheinungen der anbrechenden, schwülen Sommernacht
gefallen.

Die Straßen waren leerer geworden, das Leben
stiller, heimlicher, verhaltener. Adam ward es ganz
sonderbar zu Sinn. Er kam sich so grenzenlos allein,
vereinsamt vor, wie ausgesetzt, wie ausgestoßen. Er
empfand Mitleid mit sich in dieser großen Einsamkeit. Sein Weg ging durch kleine, enge Straßen
und Gassen. Selten begegnete ihm ein Mensch, ein
unbekannter, aus den Schatten des Abends auftauchender Mensch, ein Einzelner, vielleicht auch ein
Vereinzelter, oder Zwei oder Drei. Vor einer
Thür, unter einem Fenster, stand wohl auch hier und
da ein Pärchen und flüsterte. Adam zog vorüber.
Manchmal wunderte er sich im Stillen über das,
an dem er vorüberzog, wunderte sich über die warme,
geschmeidige Sommernacht, über dies und das aus
der Welt und dem Menschenleben, was ihm gerade
als schärferer Gedanke, in schärferem Bilde zufiel
und aufging, wunderte sich langsam über die bunten
Erlebnisse seiner letzten Tage. Er wunderte sich
mit der intimen und tolpatschigen Naivetät des
Kindes. Er lächelte verstohlen vor sich hin und
that sehr geheimnißvoll. Er war sehr glücklich.

Nun trieb er durch eine breitere, hellere, belebtere Straße. Und wieder kam das Gefühl grenzenloser Vereinsamtheit über ihn, jetzt noch stärker,
bezwingender, noch mehr niederwuchtend und einschnürend. Oefter war es ihm, als müßte er einen
Schrei ausstoßen, einen kurzen, harten Schrei …
einen dunklen, verlorenen Ruf durch die Nacht, einen
Ruf der Sehnsucht … einen Schrei brennender
Herzensverzweiflung. Unter den Menschen, die da
ihm entgegenkamen, die da an ihm vorübergingen,
mußte doch so Mancher sein, der ihn verstehen
würde, wenn er ihm seine Brust öffnete, der sich zu
ihm gesellen, der mit ihm weitergehen würde, wenn
er seine Sehnsucht und sein heimliches Weh erfahren.
Oh! Wenn er riefe — gewiß! sie würden kommen,
froh, daß sie Einen und Andere gefunden, die ihresgleichen wären. Aber er ging weiter, in sich versunken, der Ruf erstickte und erstarb in seinem
Munde, er schrie nicht, er hatte nicht den Muth dazu.

Der Mond war durchgebrochen. Mit seiner
goldgelben, massiven, durch ihre scharfe Plastik und
Umrissenheit geradezu aufdringlichen Fülle stand er in
einem See flimmernden, stahlblauen Aethers. Ihm
zu Häupten und zu Füßen, an seinen Flanken hatten
sich vielgestaltige, ungefüge Wolkengruppen hingelagert, mächtige Wülste und Kämme, Schichten, mit
sich emporsträubendem oder herabfaserndem, braungelb beleuchtetem Gestreif. Stetig wechselte das Bild,
die Formen verschwammen in einander und schoben
sich zusammen, gewaltige Thierleiber wuchsen heraus,
Drachengestalten und Krokodile mit klaffenden Rachen,
Wälle mit Burgen quaderten sich empor … und in
gigantischen Umrissen quollen nicht zu verschwollene
Profile von ungeheueren Menschengesichtern auf …

Aber solange Adam mit den Augen der großen
Himmelsscene entgegenging, stand der Mond unangetastet, wie in selbstverständlicher Souveränetät, inmitten seines flimmernden, stahlblauen Aethersees.
Und um ihn herum, von seinem gelbweißem Lichte
übergossen, das imposante Spiel der Phaenomene,
die wurden, waren, gewesen waren und wiederum
wurden. —

Adam sah nach der Uhr. Es ging auf die
elfte Stunde. Nun dachte er daran, sich heimwärts
zu schlagen. Er war eigentlich recht abgespannt, er
hatte gar nicht mehr Alles beisammen, worüber er
sonst verfügte. Und doch faßte ihn ein unklares
Gefühl an und hielt ihn zurück. Mechanisch trollte
er sich weiter. Es war ihm, als ob er vor sich
selber immer mehr erlösche, als ob sich alles Geistige
in ihm verstofflichte und zur Epidermis hinaustriebe,
hinauseiterte. Er mußte über diese Wahrnehmung
lachen, der Vorgang dünkte ihn zu dumm.

Nun war er mit einem Male in die Nähe des
bewußten Parkes gekommen. Es zog ihn hinein,
da drinnen mochte es noch mehr Leben geben, als
hier auf den schmalen Gassen der Vorstadt. Und
plötzlich sehnte er sich nach dem Leben, wie es sich
im zärtlichen Widerspiel zweier Menschen, die auf
einander gestimmt worden, erfüllt. Das war wohl
ein kleinliches, schwächliches Gefühl. Er warf es von
sich und suchte nach neuer Speise des Geistes. Er
dachte an Lydia, die ja seine Braut sein sollte. Er
blieb mitten auf dem Wege stehen, blinzelte zum
Monde hinauf, der eben die Finsterniß einer breitleibigen Wolke überwunden hatte und wieder in
seinen flimmernden, stahlblauen Aethersee schoß. Adam
gab sich alle Mühe, Lydias Gesicht im Geiste deutlich vor sich zu schauen. Es gelang ihm nicht, manchmal blitzte es vor ihm auf, jetzt glaubte er sie deutlich zu fassen, wie sie zu ihm sagte: „Ja! Du mußt
sehr unglücklich sein, Adam —“, aber nur eine Sekunde war's, Alles verschwamm wieder, die Linien
der Züge wollten sich in der Erinnerung nicht zurückgewinnen lassen, und auch der Ton ihrer Stimme,
auf den Adam horchte, ganz still, mit verhaltenem
Athem horchte, flirrte nur in undeutlichem Surren
an ihm vorüber. Wie weit war sie ihm, wie wenig
intim und unverlierbar gehörte sie ihm, wie nachlässig hatte er im Geiste ihren Besitz gehütet!

Hier und da, von den Bänken her in den Waldnischen, an den Wegen, an den breiten und schmalen
Pfaden, gab es leise flüsternde Stimmen. Menschen
zu Zweien und Mehreren, schritten still an Adam
vorüber, manchmal war's dem, als träumte er, als
wäre er emporgehoben und schwebte dahin, so leicht
erschien ihm auf kurze Spannen das Gehen im
dünnen, feinen Staubmehle des Weges. Es war doch
Alles sehr merkwürdig auf der Welt, man konnte
darüber still vergnügt lächeln, alles Vielfältige, Zerrissene und Vertheilte stand jenseits dieses verschollenen Reiches, in dem man so ganz vergessen durfte,
daß es sehr rauhe Reibungen gab und so viele
Ecken, Kanten und Spitzen, an denen man sich verwunden sollte.

Nun setzte sich Adam auf eine Bank, die gerade
leer war. Er dehnte behaglich die Beine weit vor
sich hin, steckte die Hände in die Hosentaschen und
brütete, nur die leisesten Wirbel in der Seele, vor
sich hin, das kleine Stück Ringsum mehr von unten
herauf anblinzelnd. Vor ihm lag eine große Wiese,
hoch, dicht, üppig standen die Gräser und Kräuter,
darüber plänkelte ein dünner, zartwolkiger, grauweißer
Nebel, dazu das blasse, verschämt tastende Aschenlicht des Mondes. Von jenseits der Wiese, aus
einem Garten wohl hinter der dortigen Waldwand,
kam verhaltene Musik, der Wind schob verzettelte
Töne vernehmbarer dem Lauschenden heran, der Ruf
eines Nachtvogels stieg aus den Lufthöhen nieder.
Nun schwieg die Musik. Ein zusammengeschmiegtes
Pärchen, das sich in brünstiger Hingegebenheit mehr
trug als führte, schleifte sich, laut athmend und
erregt tuschelnd, vorbei, es verschwand im Walde.
Durch die Gräser und Kräuter der Wiese strich ein
murmelnd aufblätternder und raschelnd niedersegnender Nachtwind. Adam war ganz allein, überantwortet den sanften Gewalten der schwülen Sommernacht. Er wurde müde, sprach in bunter Willkür
Allerlei vor sich hin, fuhr wieder empor, betastete
mit halblauten Worten seine verworrenen Gedanken,
schüttelte den Kopf und ließ sich vom Schlafe wiederum übermannen … Unterweilen wuchs die Sommernacht, Adam Mensch schlief, im Walde, auf einer
Bank am Wege, als hätte er, wie Unzählige seiner
Brüder und Schwestern, keine andere Stätte, da er
sein Haupt niederlegen könne. Und er war doch
heute erst im Schooße der Schönheit und des Reichthums eingekehrt. —

Eine Stunde wohl saß so Adam in sich zusammengekrümmt da und schlief. Nun mochte ein
kühlerer Athemzug des Nachtwindes an ihm gezupft
und ihn geweckt haben. Er schlug die Augen langsam auf, starrte verblüfft seine Umgebung an und
richtete sich aus seiner halbliegenden Stellung immermehr in die Höhe. Allmählich kam ihm das Bewußtsein seiner Situation. Er lächelte ein klein
Wenig, war aber doch sehr mürrisch und suchte nach
einer beißenden Glosse auf sich. Er fand keine kräftige,
pointirte Wendung, die geistige Münzkraft schien,
sich ihm ganz entzogen zu haben. Seine Glieder
waren schwer und steif, ein prickelndes Frösteln durchzitterte ihn, seine Augen brannten, seine Stirn war
heiß, dicht über den Augen lag ein harter Druck
mit trockenem, mechanischem Schmerze. Nun zog er
den Hut, der sich arg verschoben hatte, in seine gewöhnliche Lage zurück, knöpfte seinen Rock zu und
stand auf. Das Gehen wurde ihm schwer, er konnte
den Kopf nicht bewegen, wie er wollte, der Hals
war ganz gesteift. Adam sah nach der Uhr, es war
nach Mitternacht. Er suchte nach einer Cigarre,
gleichsam um außer sich etwas Fremdes, etwas Anderes zu haben, Etwas, das ihn begleitete, das diese
Einsamkeit, diese grenzenlose Einsamkeit, die ihn zu
erdrücken drohte, zerstreute, unterbrach, verscheuchte,
wenigstens mit ihm theilte. Er hatte keinen Genuß
an der Cigarre, aber das rothe, runde Auge ihrer
Brandstätte tröstete ihn. Mit großen, eiligen
Schritten suchte er aus dem Bereiche des Waldes
zu entkommen. Die große, monotone, aber ergreifende
Poesie der Sommernacht bewegte ihn nicht mehr. Die
leidende Creatur konnte nicht über sich hinausgehen.

Nun war er wieder in der Stadt, er hatte das
Pflaster wieder unter den Füßen, die flankirenden
Häuser schienen, wie ein geheimnißvoller Schutz,
eine innige Beruhigung auszuathmen. Die lähmende
Dumpfheit, die auf ihm gelegen hatte, wich zurück,
das Nervenleben erhöhte sich wieder, die Sinne
wachten auf, das Leben pulste von Neuem, wenn
auch immer matt noch und stockend. Das heftige
Laufen hatte ihn angestrengt, eine schwüle, schweißige
Schwere lag in seinen Gliedern. Jetzt wollte Adam
endlich nach Hause gehen. Es war Zeit dazu.
Allerdings, ob er würde schlafen können, bezweifelte
er. Er fieberte immer noch stark, stechende Hitzeschauer liefen an seinem Leibe auf und nieder. Wie
mechanisch aufgezogen stapfte er vorwärts. Die
Cigarre war ausgegangen, er konnte sich nicht dazu
bequemen, sie wieder in Brand zu setzen, er bedurfte ihrer schließlich auch nicht mehr. Jetzt ging
er eine breite Straße hinunter, die am Tage, besonders
in den späteren Nachmittagsstunden, die belebteste
der Stadt war. Am Himmel gab es immer noch
sanfte, discrete Mondhelle, die Laternen brannten
eine um die andere, still, kleinlaut, verträumt
standen die gelbroten Flammen in ihren weißen
Glasbauern. Da und dort tauchte noch ein Mensch
auf, ein später Zecher, eine satte oder suchende
Vagantin, zuweilen auch ein kleiner Schwarm behaglich plaudernder Nachtwandler. Allerlei leises,
verworrenes Geräusch summte um Adam herum,
ein kleiner Bursche mit einem Korbe verwelkter
Blumen, verwelkter Veilchen und Rosen, lief ihm
in den Weg, beinahe wäre er über das Kind gestolpert, das ihn mit seinen großen, blöden Augen
im blassen, häßlichen, früh entwickelten und zerfalteten Gesicht erschrocken ansah. Adam mußte
einem jähen Einfalle folgen, er kaufte sich ein verwelktes, nur noch ein schmutziges Parfüm ausathmendes Veilchensträußchen und warf ein Markstück
in den Korb. Die blauschwarzen Blumen zog er
mit unendlicher Genugthuung ins Knopfloch und
lief weiter. Eine große, bohrende Leere war in
ihm, nur manchmal schoß ein Ballen verworrener
Vorstellungen und Gedanken empor, dann dünkte ihn
das Leben unerträglich schaal und überflüssig, es erschien ihm als ein Dämon, als ein Ungeheuer, und
der Ekel vor ihm stellte sich in einem zusammenschnürenden, inneren Krampfe dar. Wieder überfiel
ihn das Gefühl seiner Einsamkeit, Alles hatte sich
von ihm losgesagt, er war allein, ganz allein. Er
wußte, daß er vor einem großen Unglück stände, er
biß sich fest hinein in die Furcht vor diesem geheimnißvollen Unglück, er glaubte an dieses Unglück, er
schauderte zurück, der Dämon wurde immer gewaltiger in ihm. Alles war ihm reizlos, er verzweifelte. Die Leidenschaften seiner Seele verachtete er, die Lüge seiner Existenz ging ihm in
schneidender Schärfe auf, vor seiner Verlobungskomödie mit Lydia spuckte er aus, er fühlte sich
herabgewürdigt, er hatte ein dumpfes, unklares Gefühl, als wäre er bis auf den Tod beleidigt, als
könnte er nach der Schmach, die ihn getroffen, die
er sich hatte gefallen lassen, nicht mehr leben. So
kam er auf den Tod. Er dachte an den Tod, er
haschte nach klaren, scharfen Eindrücken vom Tode,
er wollte sein Bild zwischen die Zähne des Geistes
ziehen und knirschend zermalmen. Sie sollte ihm
nichts mehr anhaben, die fahle, zerlöcherte Larve.
Aber er konnte das stachlige Gefühl wurmender
Todesfurcht nicht los werden, all' sein Anstemmen,
sein Empören war vergeblich, schließlich summte er
mit verhalten gellender Wut vor sich hin: „O
Thanatos, o Thanatos, wie schwarz sind deine
Blätter —“ Er fürchtete den Tod, er liebte das
Leben, die Bewegung, das beflügelte Blut. Plötzlich
erschien ihm das Leben sehr werthvoll, er fand mit
auffallender Geschicklichkeit tausende seiner Reize,
seiner feineren, geistvolleren Freuden. Er beschloß,
sich das Leben um jeden Preis zu wahren, selbst wenn
er ein Lump, ein Ehrloser, ein Verbrecher darüber
werden sollte. Zuweilen hatte er wohl in trister Entsagungsphilosophie gemacht. Er mußte jetzt über diese
Bubenstreiche lachen. Er lachte laut, unheimlich laut.
Wünsche, Begierden, Hoffnungen, kühne, bedeutende
Hoffnungen sproßten auf in seiner Brust. Er wollte
leben, wollte leben um jeden Preis. Was? Entsagen, ohne genossen zu haben? Da wäre der Tod
ein schlechter Witz ohne Pointe. Ah! das verachtete Leben rächt sich. Adam war damit einverstanden. Er wollte sich an sich selber rächen.
Und doch durchschaute er den ganzen, brutalen
Egoismus des Weltapparats: die Reize und Freuden
des Lebens schoben sich wieder zurück vor ihm, weit,
weit in einen dämmerungsverschwommenen Hintergrund zurück. Vor sich sah er jetzt nur steinichte
Wege, ziellose Bahnen. Das Andere lag ja Alles
nur in der bestechenden Nähe, war Augenblicksgenuß
aus geschwollener Börse, mit vollen, kauenden Backen.
So dumm! Und doch gabs große, unabhängige, gebundene Kräfte hier und da in besonderen Menschenherzen, die nach kosmischer Ungebundenheit lechzten.
Dabei lebten sie sich aus und entfalteten seltene
Schauspiele. War's nicht der Mühe werth, da Zuschauer zu sein? Auch nicht, schließlich auch nicht.
Auch nicht der Mühe wert. Und dem Adam eben
noch in instinctivem Daseinsgefühl zugejauchzt, das
ihn werthvoll gedünkt und begehrenswerth, verwarf er
jetzt und verachtete er. Eine große, trübe Leere
war in ihm … und sein Interesse am Weibe,
das immer so groß und so stark gewesen, und sein
Interesse an der Kunst und an der Natur mit ihren
magischen Trostreizen zerstäubte, zerfiel und erstarb
in dieser Stimmung, wo er nur noch lebte, weil
zufällig über seinen Organismus noch keine andere, fremde, äußere Macht Herr geworden.

Adam ging an einem Nachtcafé vorüber. Sollte
er eintreten? Er hatte oft dort gesessen, hatte
manchen Scat mit Kameraden und Kumpanen dort
gedroschen, manchen faulen Witz gerissen und eine
schwere Menge Unflätereien angehört. Sollte er
eintreten? Es hatte keinen Zweck. Diese Talmireize
des Lebens sind wirklich zu blöde und zu geschmacklos. Er ging weiter. Eine hellerleuchtete Bahnhofsuhr kam in Sicht. Es war Eins durch. Adam
blieb stehen. Eine gewaltige Sehnsucht packte ihn,
eine fanatische Sehnsucht in die Ferne hinein. Wenn
er sich jetzt in den ersten besten Zug warf und
hinausfuhr, war er all' den dummen, rüden Krempel
los, hatte er alle diese abgeschmackten Lügen hinter
sich, verschwamm Alles, schlug Alles zusammen hinter
ihm. Da war die Thür. Eine Pforte zu auch
einer Zukunft. Er schüttelte wehmütig den Kopf.
Ach! Er stak zu tief, zu tief im Schlamme dieses
verworrenen Lebens. Nun wollte er nach Hause
gehen, endlich nach Hause, auf dem kürzesten Wege.
Er bog in eine schmale Gasse ein, die an ihrem
Ende breiter wurde. Da links war eine Lücke,
wenigstens eine Art von Lücke, eine auffällige
Unterbrechung. Ein Haus wurde abgerissen. Einen
wüsten Schutthaufen gab's, grauschwarz nahm sich's
in der falben Monddämmerung aus, Balkenköpfe
ragten aus dem massiven Wirrwarr mit den stumpfen
Grenzen ihrer plumpen Formen heraus, verschiedene
wie geschundene Mauerreste standen herum, herabfaserndes Rohrwerk lugte aus einer verwinkelten
Hausecke. Und da war auch noch eine Tapete
sichtbar, eine grünschwarze Tapete. Adam war
über die Barrière, in deren Mitte eine trübe,
verschlafene Oelfunzel blinzelte, geklettert und
versuchte, sich so weit als möglich der Wand zu
nähern. Es war ihm ein ungestümes Zucken, ein
nervöses Prickeln in den Fingern, es trieb und
zwang ihn unwiderstehlich, die Tapete zu betasten.
Aber der Schutt war zu hoch und zu rissig, zu klüftig,
er mußte umkehren. Und da kam ihm der Gedanke: wie sieht die Tapete in deinem Arbeitszimmer aus —? Er besann sich, besann sich, er
konnte sich der Farbe nicht erinnern. Der Gedanke,
die dumme, einfältige Frage hatte ihn gepackt und
ließ ihn nicht wieder los. Sie keilte sich fest in
seinem Gehirne. Er dachte nichts anderes mehr, er
fragte sich nur immer und immer wieder nach der
Tapete in seinem Arbeitszimmer … wie sie aussähe … wie sie aussähe … wie sie aussähe — diese
Tapete … diese Tapete … diese Tapete …?

So lief er weiter, seiner Wohnung zu, je näher
er ihr kam, um so mehr eilte er, die Schwere seiner
Glieder war noch gewachsen, sie war fast unerträglich
geworden, seinen Kopf fühlte Adam wie eine schwere,
amorph verquollene Masse, er glaubte, ein dumpfes,
knurrendes Kreisen in seinem Schädel zu verspüren,
Alles war in ihm erstorben, todt, wie aufgesogen
von dem Einen, das er wie eine materielle Last in
seinem Gehirn empfand … wie aufgesogen von der
Frage, die immer wiederkam und ihn ganz ausfüllte —
von der Frage nach der Farbe seiner Tapete …
Und er lief weiter in die Nacht hinein und keuchte
halblaut vor sich hin: Tapete … Tapete …
Tapete …

Nun stand er vor dem Hause, in dem er wohnte.
Er sah unwillkürlich zu seinen Fenstern hinauf.
Oben war Licht.

Adam schrak zusammen. Wer war da oben?
Wer war in seinem Zimmer? Wer erwartete ihn
da? Wer? Wer? Wer? Wer lauerte auf ihn? Ah!
Das Unglück! Jawohl, das Unglück, das er schon
den ganzen Abend über geahnt hatte! Oder der
Tod? Oder der Wahnsinn? Wer saß da hinter
diesen blaßerleuchteten Scheiben … auf einem
Fauteuil … auf dem Sopha … irgendwo in
seinem Zimmer —? Wer kauerte unter dem Tische,
auf dem Teppich? Wer? Wer? Wer —?

Aber es konnte ja nicht sein. Es war eine
Täuschung. Er schlich sich über den Fahrdamm,
leise, ganz leise, als ob ihn Keiner hören sollte …
auch jener Unbekannte nicht, der da oben hinter den
blaßerleuchteten Scheiben saß, auch jener unbekannte
Gast nicht … und schaute noch einmal empor.
Aber der matte falbe Lichtschein blieb, er blieb, in
derselben discreten Stärke, in derselben monotonen
Gleichmäßigkeit, er blieb und blieb … und blieb …
und kein Schatten lief dort oben hinter den Scheiben
vorbei …

Adam athmete tief auf. Er fürchtete sich wohl
noch? War er denn ein Mann oder ein schlottriger
Bube? Mochte ihn doch dort oben erwarten, wer
wollte, wer Lust dazu hatte — ha! er fürchtete sich
nicht, gewiß nicht … er würde jetzt hinaufgehen
und sich mit eigenen Augen überzeugen … und
dem Eindringling entgegentreten … und sich ihm
zum Kampfe stellen, wenn's sein mußte — ja! —
wenn's sein mußte —

Adams Hände zitterten doch stark, als er das
Schlüsselloch suchte. Nun ging er die Treppen in
die Höhe, langsam, schwer athmend, immer langsamer,
er schleppte sich hinauf, es lag eine dumpfe, schwere,
unabwälzbare Furcht auf ihm. Die Heimchen zirpten,
auf den Stufen winselten blauschwarze, schwindsüchtige
Mondscheinschatten.

Nun stand er auf dem Corridor, dicht vor seiner
Thür. Er horchte. Es war Alles still, Alles todtenstill hinter dieser Thür. Nichts regte sich, bewegte
sich. Adam athmete schwer. Ein eingekrallter Druck
würgte an seiner Kehle. Ha! Fürchtete er sich denn
immer noch? Nein! Nein! Er brauchte ja bloß diese
Thür aufzureißen … und er wußte, wer ihn erwartete … er sah Den, der die Hände nach ihm
ausstreckte … Es war zum Todtlachen! Er fürchtete sich! Und jetzt plötzlich kam ihm der Gedanke
an die Tapete wieder, an die Farbe seiner Tapete.
Ha! Was ging ihn der an, der da hinter dieser
Thür saß und ihn erwartete? Nichts! Nichts! Er
wollte ja nur wissen, wie die Tapete in seinem
Zimmer aussähe — es war das Einzige, was ihn
noch auf der weiten, weiten Welt interessirte —
Alles andere war ihm so gleichgültig, so furchtbar
gleichgültig — — und wenn der Tod … und
wenn der Wahnsinn … und wenn irgend ein Unglück mit fletschenden Zähnen hinter dieser Thür
saß und auf ihn lauerte — was verschlug's? Ha!
War denn das nicht schon der Wahnsinn, diese Wuth,
die in ihm brannte und biß und fraß, diese Wuth,
die Farbe seiner Tapete, auf die er sich nun einmal nicht besinnen konnte, zu erfassen? War denn
das nicht schon der pure, blanke Wahnsinn? Also
denn los! Bebend legte Adam die Hand auf die
Klinke und riß die Thür auf.

Das Zimmer lag in stillem Frieden. Auf dem
Tische brannte ruhig die Lampe. Auf dem Sopha
saß Emmy. Sie war gegen die Lehne zurückgesunken
und schlief. Langsam und ruhig, tief, sicher, gesund
ging ihr Athem. Auf dem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch.

Adam zog die Thür mechanisch hinter sich zu
und blieb dicht an der Schwelle stehen. Mit großen,
starren Augen schaute er auf die friedliche Idylle
hin, die in klaren Linien, in scharfer Plastik vor
ihm lag. Ein Fenster war offen, ein warmer
Nachthauch säuselte flüsternd herein, leise knisterte
das Licht der Lampe.

Adam athmete tief auf. Er nahm den Hut ab
und fuhr sich mit der linken Hand über Augen und
Stirn. Es war ihm, als glitte Etwas von ihm
nieder, fiele von ihm ab, er glaubte, eine wirkliche,
gegenständliche Erleichterung zu verspüren, er war
physisch entlastet, er fühlte sich plötzlich freier und
beweglicher, seine Glieder waren flüssiger geworden.
Der Spuk, vor dem er sich wie ein unmündiger
Knabe gefürchtet, vor dem er gezittert, war zerronnen,
er war gerettet. Ein unendlich wohlthuendes Gefühl
der Geborgenheit kam über den Gefolterten und
Abgehetzten.

Adam stand immer noch dicht an der Schwelle.
Unwillkürlich scheute er sich, durch das Zimmer zu
gehen, er wollte Emmy, die tief und fest zu schlafen
schien, nicht aufwecken, er sog sich fest an dem Bilde,
das sein Auge schaute, sog sich fest mit der heißen,
intimen, ungestümen Dankesinbrunst des Geretteten.
Er fürchtete, durch einen lauten, zu lauten Schritt
die holde Phantasie zu verscheuchen — und dann,
das wußte er, war er ja wieder ihr verfallen, der
zerschnürenden Furcht — und ihm, dem zerwühlenden Wahnsinn. Nun wurde Emmy unruhig.
Das in ihre Umgebung neu eingetretene Moment
lockerte wohl die Decke ihres Schlafes. Ihr Kopf rutschte
einige Male, wie suchend, wie in der Absicht, sich
zu entwirren und sich einem anderen, dem wirklichen Leben wieder anzupassen, hin und her, der
Mund, der vorher ein klein Wenig geöffnet gewesen,
schloß sich, nun schlug sie die Augen auf, noch einmal fielen die Lider nieder, jetzt wurden sie abermals
mit jähem Rucke emporgezogen, die weit geöffneten
Augen starrten Adam wie eine fremde, unheimliche
Erscheinung an. Das Weib schnellte empor, sank
wieder zurück —: „Adam! — Mein Gott! Ich
habe wohl geschlafen —? Aber Du bist lange geblieben —! — Wo bin ich denn nur —? —“

„Bei mir, Emmy — und ich danke Dir, daß
Du hier bist —“ Das hatte Adam in fast feierlichem Tone gesprochen. Er war mit steifen, correcten Schritten durch das Zimmer geschritten, als
wäre er zum Automaten eingedrillt. Emmys Blicke
waren erstaunt seiner Curve gefolgt. Es lag ein
stummer Schrecken, der sich nur noch nicht ordentlich
hervorwagte, in ihren Augen.

„Ich habe lange auf Dich gewartet —“ begann
sie leise, zaghaft — „sei mir nicht böse, Adam —
nachher bin ich wohl eingeschlafen — ich hatte erst
gelesen — aber ich hatte keine Ruhe mehr — Du
hättest doch 'mal zu mir kommen können, Du
Böser —“

Adam stieß ein rauhes, gezacktes, blechernes
Lachen aus: „Ah! zur Mätresse dieses — dieses
— na! wie heißt denn der Bengel —? — also
na ja! — Was? hä! das wäre famos gewesen! …
Da mußt Du Dir aber andere Liebhaber aussuchen,
Zerlinchen! … Ich bin zu gut für so 'ne verfluchte Hurenbagage, wie Ihr alle zusammen — —“

„Adam! Mein Gott! was ist Dir denn —?
Ist Dir was passirt —? Und was starrst Du
denn die Tapete so an? Mein Gott! Das ist ja
furchtbar — Du bist ja — — Adam —!“

Emmy war aufgesprungen und stand jetzt zwischen
der einen Sophalehne und dem Tische. Sie war
blaß geworden, zitterte und mußte sich rechts und
links mit den Händen festhalten.

Aus der Tiefe des Zimmers schlich Adam auf
den Zehen der Wand zu. Der Leib war vornübergebeugt, der Kopf zwischen die Schultern gezogen, die ganze Gestalt trug die krampfhafte Gespanntheit eines Irrsinnigen. Zufällig war sein
Blick vorhin auf die Tapete über dem Sopha gefallen, war einen Moment dort haften geblieben.
Und da war die Erinnerung aufgezuckt und hatte
ihm den Gedanken zurückgebracht, der ihn auf seiner
Irrfahrt so müde gehetzt. Ha! das war's ja!
Das hatte er ja wissen wollen — alles Andere —
die Furcht vor dem dunklen Etwas, das da oben
auf ihn lauerte, war ja nichts gewesen — nichts —
nichts — gar nichts — gegenüber dieser fürchterlichen Neugier auf die Farbe seiner Tapete …
Und nun hatte er die Tapete vor sich. Ha! Die Bestie
konnte ihm nun nicht mehr entschlüpfen, er würde
sie schon kriegen — ha! jetzt mußte sie Farbe bekennen — jetzt war sie geliefert! — Nichts half ihr
mehr — nichts —! —

Emmy wollte sich Adam entgegen werfen. Er
schleuderte sie auf die Seite und stürzte sich auf die
Wand. Mit geballten Fäusten trommelte er wie ein
Verrückter auf der Tapete herum, daß es verschlucktdumpf von der Steinmauer widertönte, er krallte die
Fingernägel ein und kratzte gerippte Fetzen herunter.
Seine Hände schmerzten ihm nicht, seine Augen waren
weit aufgerissen und brannten in unstäter Flamme.
„Ha! Also diese dummen, lehmgelben Fratzen hast
du, Bestie — und drunter ein so blödes, schauderhaftes Grau — ha! wie diese schönen gelben Blätter
und Ranken — und — und die kleinen niedlichen
Figürchen — — na ja! — na ja! — — hahaha
— ach! — diese Mätzchen — hähähä — diese
Mätzchen — und — und …d — d — d —
da — b … b … bildet sich — bildet sich …
hähähä … es ist zum Todtschreien — Todtschreien
— Todtschreien — Todtschreien — zum Todtschreien! — na ja! na ja! — denke du — du
Weib! — Weib! — Weib! nun denke 'mal: da
bilden — bilden sich diese bezechten Ara — arab …
b … b … b … besken noch was druf in —
zu dumm! — zu dumm! — und das ist also das
Ganze — ach! ach — mir ist grenzenlos elend
ums Herz — das … das Denken hat sie mir verbrannt — die verfluchte Bestie — und nun ist's
wieder 'mal nischt — nischt — gar nischt — —
— ab — so — lut nischt! Ach! Ist das langweilig — —“

Adam sickerte sich aus, verstummte nun, schob
stöhnend die Arme über einander, preßte sie taumelnd
gegen die Wand und legte den Kopf darauf, als
wäre er müde, todtmüde, als wollte er von all dem
elenden, verwirrenden Lebenskram nichts mehr hören
und sehen —

Emmy hatte sich gefaßt. Zuerst war sie von
einer lähmenden Furcht befallen worden. Die Worte
waren ihr im Munde stecken geblieben, sie hatte diese
Scene eines unzweifelhaften Irrsinns nicht unterbrechen können. Nun raffte sie sich auf — wie gut
war es doch, daß sie hier war, daß sie ihrem Drange,
Adam zu sehen und zu sprechen, ob er sie gestern
auch impertinent genug behandelt hatte, doch noch
nachgegeben! Sie zuckte zusammen bei dem Gedanken, wie furchtbar es gewesen wäre, würde Adam
heute allein, sich selbst überlassen geblieben sein.
Leise trat sie zu ihm hin: „— Komm, Adam! Sei
wieder gut! Du bist krank — Du hast Fieber —
was geht Dich die dumme Tapete an! Komm! Setz'
Dich hierher aufs Sopha — komm! —neben
mich … Du bist so heiß — soll ich Dir kalte
Umschläge machen —? Du wirst sehen: es wird
bald besser werden, wenn Du Dich nur ruhig hältst …
Und siehst Du: ich bleibe bei Dir — ja —? Willst
Du —?“

Sie hatte den Kranken sanft bei den Armen gefaßt und aufs Sopha gezogen. Müde, ganz entkräftet und haltlos lehnte Adam das Haupt zurück.
Er schloß die Augen. Er fühlte sich unsäglich elend,
er hätte weinen mögen, nun schluchzte er leise auf.
Und doch war es ihm ein liebes, stilles Trostgefühl,
daß Emmy in seiner Nähe war.

Die hatte das Fenster geschlossen und die Vorhänge zusammengezogen. Nun ging sie nach dem
Schlafzimmer hinüber und suchte nach Leinen für die
kalten Umschläge. Sie kam mit dem Waschbecken
zurück, rückte einen Stuhl neben das Sopha und
begann ihr Liebeswerk. Die „Sünderin“ war zur
Samariterin geworden.

Allmählich wurde Adam ruhiger, das unendlich
wohlthuende Gefühl der Geborgenheit kam wieder
über ihn. Er träumte leise vor sich hin, schlief
wohl öfter auch einmal eine kleine Weile, dann
sickerte er wieder zum Leben, zum annähernden Begreifen seiner momentanen Lage zurück. Einmal
flüsterte er „Leni“ vor sich hin. Emmy hatte sich
neben ihn gesetzt, sie sah ihn mit ihren großen,
dunklen Augen traurig an, manchmal strich sie leise,
liebkosend mit ihrer kleinen, glatten, kühlen Hand
über seine Stirn oder ließ diese kleine, feste,
kühle Hand seiner Hand, die immer wieder
nach ihr suchte … Die liebe Trösterin hatte das
Buch wieder vorgenommen und las ab und zu ein
paar Zeilen. Oefter blinzelte sie Adam von seiner
verdämmerten Sophaecke aus an und genoß mit
leisem Behagen die hellen, klaren Linien ihres schönen
Profils. Da sie ihn alle verlassen hatten, war ihm
die „Sünderin“ treu geblieben. Nun tickte es ihn
aber doch nieder, verhalten war ihm der arge Gedanke gekommen, er konnte ihn nicht unterdrücken,
nicht hinunterschlucken, mit einem matten, ironischen
Lächeln begann er: „Du bist wohl eigentlich gekommen, Emmy — — Du hast wohl gedacht — —
ja! siehst Du — dazu bin ich heute nun doch zu
schwach — haha — ich — ich — na! warte nur
— wir holen's nach, mein Liebchen —“

„Aber Adam —! Was fällt Dir ein —!“

„Nu ja! Gestern habe ich Dich doch so quasi
'rausgeschmissen — und heute kommst Du — aber
es ist doch brav von Dir, Du armes, verrathenes
Kind — brav — na warte! — morgen —
morgen — —“

„Sei still, Adam! Thu' mir den Gefallen! Wir
reden morgen davon … Aber willst Du nicht lieber
zu Bett gehen —? Hier kannst Du doch nicht
bleiben … Ja? — Komm! Ich führe Dich hinüber … Nachher rücke ich mir 'n Sessel neben
Dein Bett und wache bei Dir … Das ist das
Beste — komm!“

Adam gab nach. Es war ihm auch so gleichgültig, was mit ihm geschah. Emmy brachte ihn
zu Bett. Sie war um ihn herum, wie eine Mutter,
die ihr krankes Kind wartet und pflegt und besorgt
in sichere Hut birgt. Mit seiner Discretion, mit
tactvollster Gewandheit brachte sie den Erschöpften
auf sein Lager zur Ruhe. Dann zog sie einen
Fauteuil neben sein Bett und setzte sich zu ihm. Leise
küßte sie ihn auf die Stirn und gab seinen heißen,
schweißigen, teigigen Fingern ihre kleine, glatte, kühle, feste
Hand zurück. „Nun schlaf' süß, Geliebter, und
träume von mir —“ flüsterte sie ihm leise zu und
fühlte, wie sie erröthete. Wie gut war es, daß er
sie nicht sah und nicht dieses Erröthen bemerkte!
Adam lächelte matt. Schon zogen die letzten verworrenen Tagesgedanken von ihm. Bald war er
eingeschlafen. Leise entzog sie ihm ihre Hand und
lehnte sich zurück. Allerlei buntes Zeug schwirrte
und flog noch durch ihren Kopf, sie starrte noch eine
Weile vor sich hin in die dämmrige Nacht. Dann
fielen auch ihr die Augen zu. —

Draußen huschten die ersten, scheuen Frühlichter
über den Horizont. —

XIX.

Als Adam erwachte, lag die Sonne in breiten
Licht- und Wärmemassen im Zimmer. Die Luft
war schwül, schweißdurchdünstet. Adam hob den
Kopf aus den Kissen und sah sich um. Allmählich
kehrte ihm die Erinnerung zurück, er entsann sich,
wie es gekommen war, daß Emmy da im Sessel,
kaum einen Schritt von ihm entfernt, saß und schlief.
Ach ja! Das war gestern ein böser Tag gewesen und ein wüster Abend. Aber nun war der
Spuk verflogen, das kleine Weib da hatte seine
letzten schwarzen Schatten zu verscheuchen gewußt.
Adam fühlte sich heute wohler, im Ganzen gestärkt
und gekräftigt, wenn er auch noch eine träge Schwere
und Mattigkeit in den Gliedern verspürte und einen
heftigen Schmerz im Hinterkopf. Auch das Genick
war steif geworden, jede Bewegung zuckte stechend
in den Schläfen nach. Adam beschloß, leise aufzustehen. Die Zeit lief auf Neun, es war also schon
spät genug. Aber Emmy konnte noch ruhig weiter
schlafen. Ihr Athem ging tief und langsam. Der
Kopf ruhte in halber Wendung nach links zwanglos
an der Lehne, auf der Stirn standen ein paar kleine
Schweißtropfen. Die Decke war ihr von den Knieen
auf den Teppich hinabgeglitten, die obersten Knöpfe
des Kleides waren ihren Oeffnungen entschlüpft,
discret schimmerte das Weiß vom Spitzenbesatze des
Hemdes durch den schmalen Spalt.

Adam erhob sich, kleidete sich nothdürftig an
und schlich nach seinem Arbeitszimmer hinüber. Er
öffnete das Fenster, unten auf der Straße trieb
rüstig das Leben. Da drüben auf der anderen
Seite hatte er gestern Abend … hatte er heute
Nacht gestanden, und nach hier hinaufgestarrt. Und
jetzt lag der helle Tag da unten, und allerlei buntes
Menschenvolk zog an der Stätte vorüber, da er noch vor
ein paar Stunden — denn länger war's doch nicht
her — gestanden, mutterseelenallein gestanden, mutterseelenallein in der schweigenden Nacht. Und doch
dünkte es ihn, es wäre das schon lange, lange her,
viele, viele Jahre. Er war heute ein so ganz Anderer, wohl war kaum das Bewußtsein intimer
Fülle in ihm, aber doch durchzitterte es ihn wie
eine Ahnung, daß es in ein anderes Geleise eingelenkt. Dies und das kam noch zu ihm in seiner
stillen Morgenschau an losen Erinnerungen, die Erlebnisse der jüngsten Tage mitbrachten. Hui! Er
war ja auch Bräutigam, glücklicher Bräutigam …
und das war jedenfalls das Curioseste von Allem,
worauf er sich in dieser Stunde besinnen mußte.

Nun bestellte er sich seinen Kaffee und machte
Toilette. So viel Zeit war gar nicht mehr übrig.
Um elf Uhr fuhr der Zug, mit dem Lydia abreisen
wollte — und — nein! … es ging wohl doch
nicht an, daß er die Abschiedsscene versäumte. Er
mußte sich schon bei Zeiten an den obligaten Biß in
den bewußten saueren Apfel gewöhnen.

Da schlug die Glocke der elektrischen Klingel
heftig an. Adam horchte erstaunt auf. Das mußte
etwas Besonderes zu bedeuten haben. Im nächsten
Augenblick wurde auch schon die Thür seines Zimmers
aufgerissen und Hedwig stürzte herein.

Adam war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. Er starrte das Weib an, das todtenblaß,
keuchend, mit fliegenden Gliedern, verstörten Mienen,
unstet umherirrenden Augen vor ihm stand. Er sprang
nicht hinzu, als Hedwig jetzt schwankte, zusammenbrechen zu müssen schien und sich nur noch im
letzten Augenblick am nächsten Thürpfosten festklammerte.

„Adam —!“ stieß sie aufstöhnend heraus —
„mein Gott —! ich kann nicht mehr — daß ist zu
viel — mein Vater — o Gott! — mein armer
Vater ist — ist — todt … oh — —“

Das Aufkreischen der Stimme bei dem Worte
„todt“ riß Adam aus seiner Erstarrung. Zuerst
wußte er nicht, was dieser kurze, schneidende Laut
ihm sagen sollte, jetzt wurde ihm sein Inhalt plötzlich klar — nein! das war ja nicht möglich —
nicht möglich —

„Hedwig —! Besinne Dich —! O Gott! Das
kann ja nicht sein — kann ja nicht sein —“

„Todt —“ wiederholte das Weib nur, leise,
dumpf, der Kopf war haltlos auf die Brust herabgesunken, die groß aufgerissenen Augen stierten vor
sich hin —

Adam war zu Hedwig hingetreten — „komm —!“
sagte er leise — „besinne Dich, Hedwig —! Das
ist ja nicht möglich — komm zu Dir — hier setz'
Dich nieder — soll ich Dir 'n Schluck Wasser
bringen — es ist nur so warum — oder etwas
Rum — ich habe auch Portwein — warte —“

„Nein —! nein —! Laß doch, Adam, laß
doch —!“ wehrte Hedwig mit merkwürdig hastiger,
eindringlicher, im Ton ganz veränderter Stimme
ab —

Adam rollte den Sessel in ihre Nähe. Dabei
bemerkte er, daß Emmy's Hut auf dem Plüschsitze
lag. Das war doch recht fatal. Aber schon hatte
er den Hut, ohne daß er es gewollt hätte,
ergriffen und auf den Tisch gelegt. Hedwig war
mechanisch seinen Bewegungen gefolgt.

„Was hast Du da —?“ fragte sie mit rauher,
zerissener Stimme.

In diesem Augenblick schlug Emmy die Portière
auseinander und trat ein. Adam sah sich halb unwillig, halb erfreut nach ihr um.

„Ah! Auch das noch —?“ schrie Hedwig auf
und schlug die Hände vor die Augen. Sie schwankte.
Adam und Emmy stürzten hinzu, hielten sie auf
und legten sie langsam, behutsam in den Sessel.

Das arme Weib schluchzte einmal tief auf, dann
sank es zusammen.

„Schnell Eau de Cologne her —!“ rief Emmy
und rieb der Ohnmächtigen Schläfen und Stirn ein,
als Adam das Wasser gebracht hatte.

Nach einer Weile kam Hedwig wieder zu sich
und schlug die Augen auf. Mit jähem Schrecken
erkannte sie ihre Umgebung, erkannte sie Emmy
neben sich — sie wollte sich emporraffen, sie hastete
mit den Händen an den Lehnen hin und her —
„gehen Sie —! lassen Sie mich —!“ stöhnte sie —
„rühren Sie mich nicht an —“

„Na! hab' Dich nur nicht so —!“fuhr es
Adam barsch heraus, dem die ganze Scene schon
sehr unbequem geworden war. Er drehte sich ein
Wenig ab und setzte das Glas Portwein, das er in
der Hand gehalten, unwillig auf den Tisch.

Emmy war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Sie sah Adam traurig-fragend an, sie wußte nicht,
ob sie bleiben oder gehen, ob sie die beiden allein
lassen sollte, oder — oder —? — sie war ganz rathlos.
Das arme, gefolterte Weib da vor ihr im Sessel that
ihr sehr leid, sie erkannte es aus der Engler'schen Weinkneipe wieder, sie fühlte sich zu ihm hingezogen, sie sagte
sich, daß Adam Beziehungen, jedenfalls sehr intime
Beziehungen zu ihm hätte — und wie ein Gefühl von
Haß … von Haß — wie ein heißes, wüthendes
Erpichtsein auf Rache und Vergeltung an dem Herzlosen schoß es ihr brennend auf in der Brust.

Wieder versuchte Hedwig aufzustehen, sie stützte
sich krampfhaft auf die niedrigen Seitenwände des
Fauteuils, aber sie war zu schwach, sie sank wieder zurück.

„Beruhigen Sie sich doch, liebes Fräulein —“
bat Emmy leise, zaghaft — „mein armer Vater —“
stöhnte Hedwig —

Adam stand daneben, es war ihm sehr unbehaglich zu Muthe, er mußte es wohl doch glauben,
daß Irmer nicht mehr lebte, aber er konnte das
hülflose Wesen da doch jetzt unmöglich ersuchen,
ihm nähere Auskunft zu geben — und er schrak
auch davor zurück, jetzt Einzelheiten zu erfahren, er
fühlte, daß sie ihn quälen, aufregen würden …
und er hatte nicht den Muth, er war zu feige, um
sich die Kraft zuzutrauen, die engeren Umstände von
Irmers Tode einigermaßen ruhig hinzunehmen.
Aber Etwas mußte doch geschehen, die Situation
stockte peinlich, er mußte doch auch ein Wort zu finden wissen, auszusprechen wissen, er mußte doch
Hedwig zeigen, daß er mit ihr litte, daß ihr Schmerz
auch der seine wäre, daß sie auf sein vollstes Verständniß zu rechnen hätte … Und da erinnerte er
sich, daß er ihr gestern die tausend Mark geschickt,
sie hatte sie wohl noch nicht erhalten, aber es mußte
doch beruhigend auf sie wirken, wenn sie die Thatsache erführe, damit war doch wenigstens eine Sorge
ihr von der Seele genommen. Und doch zögerte
er, es nahm sich so auffällig aus, jetzt mit dem
Gelde zu kommen, aber die Frage glitt ihm schon
wider Willen über die Lippen: „Hast Du das Geld
bekommen, Hedwig —?“

Die Gefragte schlug langsam die Augen zu ihm
auf, starrte ihn erst eine Weile verständnißlos an,
dann fragte sie mechanisch, mit dumpfer, verschleierter
Stimme, als wüßte sie nicht, was sie sich unter
seiner Frage denken sollte: „— Geld —? — was
für Geld —?“

„Nun, die tausend Mark, von denen Du mir
schriebst — ich habe sie gestern an Dich abgehen
lassen —“ erwiderte Adam, einen gewissen Ton des
Stolzes und der Befriedigung in der Stimme. Auch
Emmy mußte er damit imponiren.

Hedwig starrte immer noch zu ihm in die Höhe,
sie wußte nicht, was er meinte, sie verstand ihn
nicht — „tausend Mark —?“ wiederholte sie ebenso
mechanisch, sie schüttelte ein Wenig den Kopf — was
wollte er nur von ihr —?

„Na ja!“ fuhr Adam ärgerlich auf — „Du
hast mir doch des Langen und Breiten davon geschrieben — erinnerst Du Dich denn nur gar
nicht —?“

„Tausend Mark —?“ Hedwig schüttelte wieder
den Kopf. Plötzlich fragte sie, aber eigentlich nur
ganz gleichgültig: „— wo hast Du denn das Geld
her —?“ Sie schien durchaus keine Antwort darauf zu erwarten.

Adam zuckte zusammen. Zuerst verblüffte ihn
diese Frage. Er war nicht gefaßt gewesen auf sie.
Nun schoß ihm ein teuflischer Gedanke durch den
Kopf. Wär's nicht am Besten, jetzt sofort — und
auch vor Emmy sogleich! — zwei Fliegen mit der bewußten einen Klappe zu schlagen? Mit der Wahrheit
herauszurücken? Den Zusammenhang aufzudecken?
Diesem Weibe, das da hülflos und gebrochen, entstellt, baar aller Reize der Jugend und der Kraft,
vor ihm im Sessel lag — diesem Weibe, das er
nicht liebte, mit dem er kaum Mitleid empfand, das
er jetzt fast so etwas — so etwas wie — verabscheute
— war's nicht am Besten, diesem Weibe ruhig zu
gestehen, wie … woher er die tausend Mark sich
verschafft —? Wer sie ihm gegeben hatte —? Ah!
Oder war es doch eine Grausamkeit, eine brutale
Grausamkeit, der Wahrheit jetzt, unter diesen Verhältnissen, in dieser Stunde, die Ehre zu geben —?
Nein! Er brachte es doch nicht über's Herz. Nein!
doch nicht! Aber — einmal mußte es ja doch sein
Einmal ja doch! Und wenn nicht heute, so morgen! Dieses verfluchte Aufschieben! Immer und
ewig diese überflüssige Rücksicht! Die brutale Rücksichtslosigkeit gegen Andere und gegen das eigene
feige, zimperliche und noch dazu erzegoistische
Schonungsgefühl ist das einzige Fortschritts- und
Entwicklungsprincip im Leben. So? Wirklich?
Also — also drückte Adam alle zarteren Gedanken
die ihm aufstiegen, gewaltsam nieder und fragte noch
einmal mit affektirter Ruhe, im Grunde aber nur,
um innerlich mit dem letzten Reste seiner Rücksicht
und Scheu, auf welche seine Natur ursprünglich allein
gestimmt war, fertig zu werden —:

„Woher ich das Geld habe —? Hm!“ — jetzt
erfolgte eine letzte, kurze Pause, dann stieß er tonlos, stockend, doch zugleich mit sehr forcirter Bestimmtheit heraus: „Nun! von meiner — Braut —“
Aber wie um eine unmittelbare Antwort Hedwigs
zu verhindern oder doch in irgend einer Weise abzuschwächen, erläuterte er hastig: „— das heißt —
das heißt — vorher — ehe — das kam natürlich
so — —“

„Von wem —?“ fragte Emmy unwillkürlich
und sah Adam erschrocken an. Der war froh, daß
er durch Emmys Zwischenfrage wenigstens äußerlich
einen anderen Partner, zu dem er sprechen konnte,
bekommen hatte — war froh, daß die Auseinandersetzung nicht unmittelbar zwischen ihm und Hedwig
stattzufinden brauchte. Eine gewisse Rücksicht, zu der
er sich Hedwig gegenüber immerhin unwillkürlich
hätte bequemen müssen, durfte er nun fallen lassen.
Und das war ihm sehr lieb. Denn der barsche,
ungeschlachte, rauhbeinig-rücksichtslose Ton, den er
anschlagen wollte, verdeckte viel besser sein inneres
Widerstreben, seine innere Zaghaftigkeit, die er trotz
aller Anstrengung nicht loszuwerden vermochte.

„Von meiner Braut, wenn Sie nichts dagegen
haben, mein Fräulein —!“ wiederholte also Adam
laut, trotzig. Er sah dabei Emmy herausfordernd
an und stellte sich, als bemerkte und fühlte er den Blick
trostlosen Entsetzens nicht, mit dem Hedwig ihn anstarrte.

Ein schwüles, beklemmendes Schweigen war eingetreten. Adam wollte schon die Gelegenheit benutzen, sich von dem unmittelbaren Kriegsschauplatze
unauffällig ein Wenig in den Hintergrund … vielleicht in's Nebenzimmer … zu schwindeln —
als Hedwig plötzlich mit einem jähen, krampfhaften
Sprunge in die Höhe fuhr, auf Adam losstürzte
und aufkreischte: „— was hast Du da gesagt —?
Sag's noch 'nmal! Mein Gott! Bin ich denn
verrückt —? Bin ich denn wahnsinnig —?“ Und
dann ein heiserer, erschütternder Nothschrei, der bewies, daß sie den Zusammenhang so ziemlich errieth —: „Adam —!“

Der wich einen Schritt zurück, „Hedwig —!“
stotterte er, Emmy sprang hinzu, faßte die Taumelnde und versuchte, sie wieder auf den Sessel hinabzuziehen.

Aber es war, als ob plötzlich eine fremde Kraft
über das arme, unglückliche, in seinem tiefsten Elende
aufschreiende Weib gekommen wäre: es schleuderte
Emmy bei Seite, klammerte sich mit seinen dünnen,
mageren Fingern am linken Arme Adams fest
und kreischte ihm entgegen: „Ah! Ich weiß — ich
weiß — Canaille! Ich verstehe Dich, Du Schuft!
Loskaufen hast Du Dich wollen — hast mir mein
Sündengeld hinschmeißen wollen, weil Dir eine
andere besser gefällt — weil Du mich satt hattest
— weil — weil — — o Gott! Und Alles habe
ich Dir gegeben — habe Dir geglaubt — und nun
behandelst Du mich wie — wie — — nun giebst
Du mir 'n Fußtritt — was hab' ich Dir gethan,
daß Du mich so wegwirfst — so zertrittst —? —
Meinen Vater hast Du ermordet, meinen armen,
alten, unglücklichen Vater — nichts war Dir heilig
— nichts — nichts — Alles hast Du mit Füßen
getreten — meine — meine Ehre — meine — ach!
Aber ich war ja schon so Eine, nicht wahr —? schon so
Eine, wie die da, wie die Dirne da, die man mit
Geld abfindet, wenn man sie los sein will — allmächtiger Gott! nur 'n Wahnsinniger kann Deine
Verruchtheit begreifen — und ich schleppe mich her
zu Dir — von der Leiche meines Vaters weg —
an Allem verzweifelte ich — ich hatte Dich nur
noch — nur noch Dich — ja —! — und — und
nun verleugnest Du mich — und jagst mich hinaus
— nun sagst Du Dich von mir los — Alles verläßt mich — Alles — Alles — — Canaille! —
Auch mich hast Du auf'm Gewissen — hier! das letzte
Wort meines todten Vaters an Dich — todt ist er
— ja! — todt — todt — todt — todt — hörst
Du — — ich möchte mich zerreißen, um das
Furchtbare nur zu begreifen — und ich — o Gott!
— ich kann's nicht fassen — kann's nicht — kann's
nicht — ach! ich muß wohl schon wahnsinnig sein,
daß ich nicht ersticke an meiner Verzweiflung — —“

Adam hatte einen Augenblick geglaubt, unter der
Anklage des verzweifelten und verrathenen Weibes
zusammenbrechen zu müssen. Er wußte, daß er die
schweren Vorwürfe, die ihm da entgegengeschleudert
wurden, verdiente. Sie waren alle so gerecht. Ja!
er hatte das Weib überredet, ihm zu Willen zu sein.
Er hatte wohl auch allerlei Verpflichtungen übernommen, hatte verschiedene Versprechungen gemacht —
aber das Alles doch eigentlich nur, ohne sich desselben
besonders bewußt zu werden, beinahe nur aus einer
communen Laune, aus einer durch besondere Umstände
geschaffenen Stimmung heraus, vielleicht in frivolem
Leichtsinn, aber doch ganz den Gesetzen und Methoden
seiner Natur gemäß, die derartige Weibergeschichten mit
einer ihr organischen Oberflächlichkeit, Nebensächlichkeit,
Gleichgültigkeit behandelte; die sich „moralisch“ dadurch
nicht im Geringsten tiefer verpflichtet fühlte; die das
Alles nur als unvermeidliches Lebensaccidenz auffaßte.
Er konnte nicht anders, es war ihm ganz selbstverständlich, daß er hier die Treue brach, um dort
von Neuem Treue zu versprechen, er besaß im Grunde
gar kein Talent zur hausbackenen Treue, das spielte
sich alles viel zu weit draußen auf der Peripherie seiner
Persönlichkeit ab, als daß er es vermocht hätte, sich
für irgend eine begangene Untreue besonders verantworlich zu fühlen. Er gab sich eben so, wie es
gerade seiner Stimmung entsprach. Reagirte ein
Anderer darauf, so mochte der das hübsch selber verantworten. Er war viel zu wenig bornirt, um sich
in eine Leidenschaft festbeißen zu können. Hedwig
war also gar nicht berechtigt zu ihrer Anklage. Und
dieses Bewußtsein löste ein starkes Gefühl des Aergers
und der Entrüstung in Adam aus, er riß mit einem
brutalen Rucke ihre eingekrallten Finger von seinem
Arme los, schleuderte den Arm von sich, packte ein
zerknittertes Papier, das Hedwig ihm immer noch
mit der anderen Hand starr entgegenhielt, und warf
es auf den Tisch, trat einige Schritte zurück und
machte ein sehr wüthendes Gesicht. Was wollte
denn das Weib von ihm —? Lächerlich, sich auch
nur einen Augenblick von seinen blödsinnigen Vorwürfen verblüffen zu lassen! Glaubte es etwa, ihn
auf diese Weise wieder zu gewinnen? Da konnte
sich die Dame doch gewaltig schneiden! Oh! Sie
hatte ja längst alle Reize für ihn verloren.

Und doch konnte sich Adam nicht ganz dem Eindrucke ihrer in furchtbarster Seelenangst herausgeschrieenen Anklagen entziehen. Er hatte ihr nun
einmal sein Wort gebrochen, so gut wie sein Wort
gebrochen, sie zieh ihn mit Recht der Absicht, sich
mit dem Golde von ihr loszukaufen, sie hatte ihn,
darin durchschaut, obwohl er doch eigentlich schon
vorher entschlossen gewesen war, Irmers die tausend
Mark auf irgend eine Weise zu verschaffen, ehe ihm,
zumeist wohl nur in dem Bestreben, einen Namen
für die Sache zu finden, der Gedanke gekommen
war, sein Thun im Sinne eines Rückkaufes seiner
Freiheit aufzufassen. Es war schließlich im tiefsten
Grunde blutige Selbstironie gewesen — und dafür
sollte er sich jetzt abkanzeln lassen, als wäre er ein
Hallunke ersten Ranges? Und dennoch kam er von
einem unklaren Schuldgefühl nicht los. Die Wuth,
die er in sich aufkochen spürte, brach nicht aus, seine
Entrüstung zersplitterte sich, sein Aerger verzettelte sich,
schließlich knirschte er nur ein paar banale Redensarten,
wie „verrückte Faselei —“ „— thut mir leid, aber es
ist nun einmal so —“ — „wer kann wider seine Natur?“
— heraus, zuckte die Achseln, lächelte spöttisch, steckte mit
forcirter Gleichgültigkeit den zerknitterten Brief Irmers
in seine Rocktasche und wandte sich ab — — — —

Hedwig war wieder in den Sessel zurückgetaumelt,
ihre Finger waren ineinandergekrampft, sie schluchzte
leise. Emmy stand neben ihr, sie hielt den Kopf
ein Wenig gebeugt, ihr Gesicht war ungleich geröthet, sie sah aus, als wäre sie in tiefe, starre Gedanken versunken, ihre Augen lagen in Thränen.

Adam sah sich noch einmal nach den Beiden um,
es schien, als wollte er Etwas zu ihnen sagen, aber
er zuckte wieder nur in willkommener Resignation
die Achseln, knurrte verächtlich „— hysterische
Weiber —“ vor sich hin und ging auffallend langsam ins Nebenzimmer.

Plötzlich fuhr Hedwig wieder auf. „— ich muß
fort — ich ersticke hier — fort zu meinem Vater —
der wartet auf mich — der will mich mitnehmen — —“
heiserte sie zischelnd vor sich hin, jetzt stand sie, sie
schwankte haltlos hin und her, Emmy wollte sie
umfassen. „Bleiben Sie noch, liebes Fräulein —“
bat sie leise, da fuhr Hedwig herum, sie starrte
Emmy mit großen, verglasten Augen an, nun
lachte sie gellend auf, warf ihre mageren Arme
mit krampfiger Wuth um Emmys Hals, riß die
an sich heran, stürzte rücklings mit ihr in den Sessel
und lallte ihr mit erstickter, gebrochen gellender
Stimme zu: „— Du —! Du —! Weißt Du: ich
bin nämlich auch so Eine, wie Du — auch so Eine,
weißt Du — Dein Liebster hat's mir gezeigt —
ei! — ei! — hat's mir gezeigt, wie man's macht —
siehst Du: nun mußt Du mich mitnehmen — ja?
willst Du —? Nun bringst Du mir schöne Herren —
ja! — ja! — ei! — ich kann's auch — Dein
Liebster hat mirs gezeigt — ja! — das war schön
— — und ich soll Dir auch'n Gruß bestellen
von meinem todten Väterchen — der hat gesagt:
ich sollt's nur so machen, wie Du — da käm' ich
anständig durch die Welt, weißt Du — ja! ja! ja!
ja! — und hätte alle Tage gut zu essen, weißt
Du, hat mein todtes Väterchen gesagt — und
das wäre 'n Wonne, hat er gesagt — wenn
der Mond scheint — und die weißen Gardinen
werden roth, blutroth — und die Katzen schreien —
und die Musik spielt — spielt — und wir tanzen dazu,
mein Liebster und ich — wir tanzen — tanzen —
tanzen — immer toller und toller und toller —
bis — bis — und dann geht die Sonne auf —
und der Tag — und der Tag — —“

Emmy war es endlich gelungen, sich aus der
Haft der Arme, die sie einschnürend umklammert
hatten, loszumachen. Sie war brandroth im Gesicht,
sie athmete gepreßt, sie wollte Adam rufen, denn
sie hatte ja eine Wahnsinnige vor sich, aber kein
Laut löste sich aus der Kehle, es war alles wie zugequollen in ihr, wie verschüttet, Hedwig kicherte
leise vor sich hin, nun trällerte sie: „tam — tam —
taramtam — tam — tam — taramtam — —“
plötzlich sprang sie auf, ihre Augen brannten, die
ganze Gestalt war krampfhaft gespreizt —: „ich bin
wahnsinnig —“ schrie sie — „ich muß fort —“ sie
packte ihren Hut, den ihr Emmy vorhin abgenommen
hatte, und stürzte zur Thür hinaus — —

Adam hatte gehört, wie die Thür zugeschlagen
wurde. Er war aus seinem herumtastenden Brüten
aufgefahren und erschien jetzt unter der auseinandergeteilten Portière.

„Sie ist fort —?“ fragte er „— allein —?“

Emmy antwortete nicht. Sie stand, noch immer
aufs Tiefste erschüttert, neben dem Fauteuil und
starrte vor sich nieder. Sie hatte die Hände übereinander auf die Fauteuillehne gelegt und nickte wie
in tiefem Traume vor sich hin. „Warum bist Du
nicht mitgegangen —?“ fragte Adam von Neuem,
unwillkürlich besorgt um Hedwig, zugleich unwillig
über Emmys überflüßiges Versteinertsein.

Die drehte ihm langsam ihr Gesicht zu. Sie
sah ihn fragend, verwundert an, als müßte sie sich
erst auf die Bedeutung seiner Worte besinnen. Nun
hatte sie wohl begriffen — „ich gehe 'gleich — Du
wirst mich 'gleich los sein — —“ sagte sie leise
und sah sich im Zimmer um, als suchte sie etwas,
ihr Jaquet oder ihren Hut.

„So hab' ichs nicht gemeint — das weißt Du —“
erwiderte Adam ärgerlich — „aber es könnte ihr
'was passiren — und da wäre es besser, sie hätte
Jemanden in ihrer Nähe, der — —“

„Ihr ist schon genug passirt —“ sagte Emmy
laut, bestimmt und sah Adam mit großen, herausfordernden Augen an —

„Meinst Du —?“ fragte der sarkastisch — „Du
mußt's ja wissen — ja! Ihr Weiber! — Eine
wie die Andere —“ Nun fing die auch noch an —
sogar die — na! da hörte denn doch Verschiedenes
auf —

Jetzt stand Emmy vor Adam. Sie machte ein
sehr feierliches Gesicht, es sah aus, als wollte sie
Abschied für immer von ihm nehmen, ihm ein letztes
Lebewohl sagen.

Adam wurde es unbehaglich. „Hab' Dich nur
nicht so —!“ wehrte er eifrig ab — „bitte, Emmy,
keine neuen Sentimentalitäten — keine neuen
Scenen —! Ich habe schon an der einen genug —
verschone mich — ja? Uebrigens — wie spät
haben wir's denn? Zehn durch. Ich habe meiner
Braut versprochen, gegen Elf am Bahnhofe zu sein —
sie verreist — und da kann ich doch nicht gut —
also — wenn Du noch einen Augenblick warten
willst, komm' ich 'gleich mit —“

„Wie heißt denn Deine Braut —?“ fragte
Emmy leise, befangen, sie konnte die Frage doch
nicht unterdrücken.

„Lydia natürlich —! Wie sonst —? Lydia Lange!
Jene Dame — Du wirst Dich erinnern — der wir
'mal begegneten, weißt Du — es ist ja noch gar
nicht so lange her — im Park, an dem Tage, wo
Du — jetzt wirst Du Dich sicher daran erinnern —
wo Du die Bekanntschaft des Herrn von Bodenburg
machtest, die so wichtig für Dich werden sollte —
also die Dame ist's — nun weißt Du's — was
macht denn übrigens der kleine Pistolenschäker —?
Gehts ihm gut? Natürlich! Diesem Gesindel gehts
immer gut. Hast Du Deinen Trovatore gestern nicht
gesehen? Warst nicht mit ihm zusammen —?“
fragte Adam mit bissigem Lachen.

Emmy wandte sich ab und erwiderte kein Wort.
Sie hatte erst einen Augenblick Luft, sich nach dem
Verlaufe der Duellgeschichte zu erkundigen. Aber sie
unterdrückte die Frage. Sie hätte nach tieferer Theilnahme ausgesehen, und obwohl sie diese Theilnahme
immer noch für Adam empfand, jetzt vielleicht unwillkürlich stärker als je — denn ein mit ihr
rivalisirendes Moment war ja aus seinem Leben
gestrichen — sie wollte sie doch nicht zeigen, in
diesem Augenblick erst recht nicht, um keinen Preis
der Welt. Uebrigens ging ja auch schon daraus,
daß Adam kein Wort von dem Duell wieder erwähnt
hatte, hervor, daß die Geschichte in irgend einer
Weise erledigt sein mußte. Und es erbitterte sie,
daß sie in den letzten Tagen so oft so überflüssig
um Einen gebangt hatte, der es nicht verdiente —
um einen Blasirten, einen Unzuverlässigen, einen
Herzlosen — —

Nun gingen die Beiden unten auf der Straße
neben einander her. Eine längere Weile schwiegen
sie. Hatten sie sich nichts mehr zu sagen? Oder
scheuten sie sich, auf ein Thema zurückzukommen, das
ebenso unerquicklich war, wie undankbar? Und doch
lastete nicht minder peinlich auf Jedem der Druck,
den das Schweigen des Anderen ihm auferlegte.
Vielleicht aus diesem Grunde, vielleicht auch, weil
es ihn doch drängte, Emmy noch dies und das zu
sagen, begann Adam endlich, leise, langsam, sprungweise, zugleich absichtlich einen Accent der Bitte und
Abbitte in der Stimme, als redete er, wie von einem
tiefen Traume besessen, nur zu sich —: „Sei mir
nicht böse, Emmy! Siehst Du: das mußte ja
Alles so kommen. Das hat ja Alles seine tiefen,
tiefen Gründe. Kennst Du mich? Weißt Du, wer
ich bin —? Nein! Ich kenne mich zwar selber
ebenso wenig. Oft bin ich ganz erstaunt über mich.
Ich weißt nicht, wer ich bin. Ich ahne mich nur.
Ja! Aber ich ahne mich eben wenigstens doch.
Nicht immer, doch manchmal mit brennender Schärfe
und Annäherung. Dann ist Alles so voll in mir,
so weit, so groß, so gewaltig, dann bin ich nicht
mehr, dann hat mich etwas Unerklärliches, Geheimnißvolles in sich aufgenommen, mein Leben strömt
in stolzem Drange, ein sanftes, unendlich wohlthuendes
Fieber durchprickelt mir Leib und Seele, Alles in
mir ist Dank, Inbrunst, Hingenommenheit, Fülle,
Begeisterung, Größe … Aber diesem unendlich
Süßen, dem ich dann gehöre, das mich dann ganz
aufgezehrt hat —: ihm einen Namen geben — diesem
verklärten Sein, da Sehnsucht und Erfüllung
zugleich in mir ist, eine Formel, ein Schema, eine
Rubrik für den Tagescurs auf den Leib schreiben —
nein! das kann ich nicht. Wenn ich mit Euch, Ihr
anderen Menschen, Ihr Außenmenschen, mit einem
sogenannten „Bekannten“, einem „Kameraden“, mit
irgend einem Weibe zusammen bin — mein Gott!
dann bin ich Gesellschaftsthier, meinem tieferen Ich
entfremdet, dann rede und denke und scherze und
lache und ärgere ich mich und raisonnire, schimpfe,
schwadronire, debattire, diskutire, spreche ich ganz
wie Ihr, nach dem berühmten Muster socialer
Individuen, im Jargon des Alltags, der Straße,
der Kneipe, des Gesellschaftszimmers … Was wollt
Ihr! Mich kennt Ihr nicht. Das heißt: jenes
Wesen eben, in welchem ich zuweilen sein darf. Aber
nun sieh: gerade das Bewußtsein, daß ich zuweilen
ein Anderer sein darf, das giebt meinem ganzen
Leben doch eine große Zwiespältigkeit, eine ewige
Unruhe, das macht mich so oft mürrisch, melancholisch,
unzuverlässig, unberechenbar, ungeduldig, ungenießbar,
das wirft mich aus einer Stimmung in die andere.
Ich stürze mich in Genüsse, die für mich keine
Genüsse sind, aber ich muß sie immer wieder aufsuchen, weil ich mich loswerden will, weil ich mich
betäuben will — ich suche sie auf, diese faden Genüsse,
obwohl ich mich vor ihnen ekele, obwohl ich sie
verachte … Ich habe eben überhaupt kein Organ
für alle diese gerühmten plebejischen Freuden. Aber
ich mache mit … und ich bin zuweilen nicht der
schlechteste und zurückhaltendste Cumpan — das
wirst Du aus Erfahrung wissen … Mein Pech ist
nur, daß Ihr Alle mit mir wie mit einer gewöhnlichen Werkeltagsmünze rechnet — und ich bin,
Gott sei's geklagt! oft zu feige oder oft auch zu
gleichgültig, um gegen diese Unverschämheit, zu der
ich Euch übrigens ein gewisses Recht gar nicht abspreche, zu protestiren. Ich lache Euch oft im Stillen
aus, verachte Euch bodenlos, mache aber doch ganz
gemüthlich mit, gehe auf Euch und Euere abgestandenen Lebensspäße und Interimsmätzchen ein —
um nachher mich selber desto mehr auszulachen …
Ja! Ja! Diese einsamen Stunden der Sammlung,
der Rückschau, der Reue, des Beisichseins! Da erlebt man 'was! Manchmal allerdings auch Nichts.
Und dann geht man wieder hinaus, die Menschen
kommen zu Einem oder man sucht sie auf, man
plaudert mit ihnen, man langweilt sich mit ihnen,
man rempelt sie an, man klappert mit ihnen zusammen, die Zungen balgen sich, zuweilen wohl auch
die gesammten ehrenwerthen Leiblichkeiten — und
so gehts fort, einen Tag wie alle Tage … Man
wird älter, enger, die Ausschweifungen, die doch nur
die Folgen von großen, elementaren Jugendleidenschaften der Seele waren, rächen sich, die Nerven
rebelliren, man merkt: es geht mit dem ganzen
Kerl bergab … Na! Und man läßt's halt gehen …
Was bleibt Einem auch übrig! Nur manchmal, erst
seltener, dann häufiger, tauchen so allerhand verflucht
faule, weil arg philiströse Gefühle und Wünsche auf,
die großen Stunden werden immer seltener, man
schmilzt sich unwillkürlich immer natürlicher und
zwangloser der Masse ein, in so vielen Punkten
geht das Sonderbewußtsein ganz flöten, man sehnt
sich nach einem engeren Kreise, einer festeren Scholle,
einer gesicherteren Stätte, allwo man in Frieden
leben, vielleicht auch noch 'n Bissel schaffen und
wirken und nachher in Frieden sterben darf, nachdem
man noch Dies und Das von der Welt und ihren
Reizen genossen hat und einigermaßen soweit zufrieden ist, um nicht allzuviel von einem problematischen anderen Leben noch erwarten zu müssen …
Das ist so ein Resultat, zu dem man kommt, eine
der schönen und holden Erfahrungen, die man an
sich macht. Eine andere Erfahrung, die bei solchen
verwickelten und zerdröselten „Persönlichkeiten“, wie
Unsereiner nun einmal eine ist, auftritt — und noch
dazu mit jener ersten oft in intimster, örtlicher und
zeitlicher Nachbarschaft, ist die, daß man die individuelle Differenz mit der Gesellschaft, der Menge,
der Masse festhält, ja erweitert, steigert … Man
sagt sich von einer Anschauung nach der anderen,
an welcher die Gesellschaft ihrer lumpichten Fortexistenz halber festhalten zu müssen glaubt, los —
kritisirt Alles und man verwirft Alles, Formen,
Ideen, Einrichtungen, Anschauungen, Gewohnheiten …
Ist man sich in Diesem und Jenem noch nicht klar
darüber, ob man Ja! oder Nein! dazu sagen soll —
weiß der Teufel! — man hat doch eine instinktive
Abneigung dagegen … Oft begnügt man sich mit
dieser instinktiven Abneigung, man verwirft, weil
man einmal im Zuge ist, zu verwerfen — und
kommt so zu einer Paralyse des Seelenlebens, die
entsetzlich ist und auf die Dauer unerträglich. Mit
der Zeit wird man aber auch hierin stumpfer und
gleichgültiger. Man wird überhaupt müde und
lethargisch. — Das ist schon kein „Pessimismus“
mehr, das ist regelrechte Décadence und Auflösung
des ganzen Menschen. Vielleicht befinde ich mich
schon in diesem verheißungsvollen Stadium des
inneren Lebens. Und so bin ich denn, eben in
Folge dieser köstlichen „Reife“ meiner Natur, im
Stande, „vernünftig“ zu werden — ich komme auf
einem zweiten Wege zu demselbem Resultate — das
heißt: ich versuche mir die Mittel zu schaffen, jenes
„vernünftige“ Leben führen zu können — in meinem
Falle: ich verheirathe mich reich. Das ist der bequemste
Modus. Nicht wahr —? Das wirst Du zugeben
müssen, Emmy. Und dann könnte ja auch die
Möglichkeit eintreten, daß sich jene bewußten, theoretischen Erkenntnisse und radikalen Anschauungen bei
mir so festsetzten, daß sie unwillkürlich zur reflektorischen
Auslösung von ihnen entsprechenden Handlungen
führten — und zu solchen „abnormen“ Handlungen,
die Einen sofort in den allerdirektesten Bruch mit
der Gesellschaft bringen würden, kann sich nur der
versteigen, der es aus äußeren, also aus materiellen
Gründen nicht nöthig hat, nach der Sanktionirung
seiner Handlungen von Seiten der Gesellschaft zu
fragen. Sonst — müßte er auf diese Sanktionirung
sehen, müßte er mit diesem Moment rechnen — du
lieber Himmel! — wenn er seinem Jammer nicht
selbst ein redliches Ende setze — er würde in der
That sehr bald zerrieben und zermalmt, zerrissen,
zerquetscht werden … Also heirathe ich meine Lydia —
nicht wahr? — nun begreifst Du … Ob ich das Weib
„liebe“ — ich weiß es nicht. Vielleicht, vielleichter
auch nicht. Es ist ja Alles Stimmung bei mir,
Emmy, Alles … Und Hedwig —? Ja wohl! Sie
dauert mich, sie thut mir leid, sogar sehr leid —
aber was will ich machen —? Im Grunde ist sie
selbst schuld an ihrem Unglück. Ich habe ihren
Vater und sie sattsam über meine Anschauungen,
Gewohnheiten, über die Art meines Handelns aufgeklärt. Es ist ja wahr, daß ich sie sozusagen „in
Versuchung geführt“ habe. Warum hat sie mir
aber nicht widerstanden? Sie konnte nicht, sie
mußte aus Gründen, die bei ihr gültig waren und
sie zwangen, unterliegen. Sie ist eben auch nicht
verantwortlich zu machen, nur muß sie eben als
Object, in dem und an dem sich Etwas ereignete,
auch die Folgen dieser Ereignisse tragen. Das
müssen wir eben Alle. Was kann ein Getreideacker
dafür, daß ein Gewitter über ihn niedergeht? Er
muß die Folgen hinnehmen, muß sich zerstampfen
lassen, muß seine Aehren opfern … So springt die
Natur mit uns Allen um — und uns bleibt bloß
die statistische Recapitulation, die sauersüße Resignation — nichts weiter. — C'est tout. Das ist Alles,
aber auch andrerseits — gerade genug. Siehst Du,
Emmy, Du bist doch vielleicht das einzige Weib
von allen Weibern, mit denen ich in der letzten Zeit
verkehrt habe, dem ich tiefer zugethan gewesen. An
Dir hänge ich vielleicht sogar jetzt noch am Meisten.
Ich habe neulich eine schlaflose Nacht Deinetwegen
gehabt. So 'was ist immer verdächtig. Und wenn ich
nun also hingehe und mich mit einer anderen … einer
anderen Dame verbinde, die — verzeih'! — die keine
„so Eine“ ist — wenn ich ins andere Lager desertire —
— nun, so thue ich das eben und eigne mir damit
eine ganze Reihe von Vortheilen zu — aber warum
ich es thue, siehst Du — das weiß ich eigentlich trotz
aller kritischen Analysen im Grunde doch nicht …
ich bin mir ja schon viel zu gleichgültig. Das
Leben reizt mich nicht mehr. Es ist mir ganz klar:
schließlich bin ich dasselbe, was Du bist, nur ins
Männliche übersetzt, seelisch ganz dasselbe … Ich
bin psychisch ebenso vielseitig und ebenso … einseitig,
wie Du, eben so wenig bornirt, wie Du — nur
bin ich verhältnißmäßig freier, als Du, uneingeschränkter in meinen Gedanken und Handlungen.
Mich respectirt die Gesellschaft, mich erkennt sie an —
Dich nicht. Ich darf mir Alles oder doch sehr
Vieles gestatten, Du nicht. Mir erlaubt sie, eines
Tages ihr selber gegenüber womöglich eine Herrscherrolle
zu spielen … Aber — und das ist die sehr ernste und
traurige Kehrseite der Medaille — aber ich bin,
eben weil ich so wenig Schranken zu respectiren
hatte, tausend Mal ärger zerfetzt und zerfasert als
Du … Du bist noch wärmerer, beständigerer Gefühle
fähig — ich kaum … Bei mir flackerts, flammts
wohl noch jäh, leidenschaftlich, auf — aber es verfliegt auch wieder — und es verfliegt halt ebenso
schnell, wie es gekommen war. Ich weiß, daß Du
mich liebgehabt hast, Emmy — vielleicht hast Du
mich auch noch 'n Bissel lieb, trotzdem mir Hedwig
so schwere und harte Anklagen in's Gesicht geschleudert hat … Du hast für die Arme unwillkürlich Partei genommen — ich begreife das Alles
sehr gut. Und doch — ich weiß es — ich ersehe
es aus Deinem ganzen Betragen mir gegenüber —
Du wirst mir wohl den psychologischen Blick dafür
zutrauen — und doch, sage ich, schmerzt es Dich
auch Deinetwegen — und vielleicht am Meisten
Deinetwegen — daß ich Lydia heirathen will. Aber
zwischen uns liegt die Sache doch anders und einfacher, dächt' ich. Wir können ja unser Verhältniß
nach wie vor aufrecht erhalten. Ich weiß zwar
nicht, ob wir hierbleiben werden nach unserer Verheirathung, Lydia und ich. Aber wäre das der
Fall —: was hindert uns beide, Emmy, unseren
Verkehr ruhig fortzusetzen —? Nichts. Du bist
doch nun einmal „so Eine“ — verzeih'! ich wollte
Dich nicht kränken — aber die äußere Thatsache
bleibt doch bestehen. Und ich bin froh genug, daß
ich Dich damals dem Freiberger Seidenfritzen, der
sich übrigens nie wieder gemeldet hat, abgejagt habe.
Also bitte — wenn Du mich nur ein Wenig gern
hast, wirst Du schon einwilligen. Und dann, wenn
die Tage gekommen sind — na! Du weißt schon:
dann erinnerst Du mich an die Zeit, da ich jung
und frei war … da ich Dich liebte … und mich
manchmal in meinem Elend unsäglich reich und stolz
gefühlt habe … Aber nun muß ich wirklich machen,
daß ich zum Bahnhof komme … Sonst provocire ich
'gleich den ersten Sturm — und dazu — ist's später auch
noch Zeit … Also Adieu, Emmy! Ich schreibe Dir —“

Adam stürmte hinweg, Emmy blieb unwillkürlich
stehen, verblüfft über die jähe Verabschiedung. Dann
ging sie mechanisch weiter. Ihm ist's ja doch nicht
Ernst, meinte sie im Stillen und wurde sehr traurig.
Sie dachte noch an dies und das, was sie von
Adams langer Erklärung behalten hatte. Manches
glaubte sie zu verstehen, aber auch so Vieles nicht.
Er war ein merkwürdiger Mensch, so ganz anders,
als die Anderen, mit denen sie sonst verkehren
mußte. Er behandelte sie eigentlich recht wegwerfend,
man konnte nie klug aus ihm werden, er war heute
so und morgen so. Manchmal mußte sie ihn bewundern, wenn sie ihn auch nicht verstand, sie fühlte,
daß etwas Neues und Großes aus ihm spräche, sie
fühlte, wie er innerlich hoch über ihr stand. Oefter
stieß sie das gerade wieder von ihm ab, sie sehnte
sich nach Ihresgleichen, sie war dann froh, auch einmal mit einem einfacheren, oberflächlicheren Menschen
verkehren zu dürfen — und doch trieb es sie immer
wieder zu ihm hin, seine Räthselhaftigkeit, seine Unberechenbarkeit, seine Blasirtheit reizten sie, sie fühlte
sich oft nicht wohl in seiner Nähe — und doch war
sie leidenschaftlich gern mit ihm zusammen, er hatte
eine merkwürdige Macht über sie, eine Gewalt, der
sie sich manchmal zu entziehen suchte und wohl auch
mit schwerer Mühe einmal entzog — und der sie
doch immer wieder verfiel. Emmy sah sehr beklommen der Zukunft entgegen. —

Adam hatte seine Uhr befragt, es war wirklich
höchste Zeit. Er trabte nach dem nächsten Droschkenhalteplatz, warf sich in das erste beste klapprige Ungethüm und rasselte davon. —

Am Portal der Vorhalle stand ein Weib, das
Rosen feil hielt. Adam riß eine gelbe Rose aus
seinem Korbe, warf der runzligen, abschreckend häßlichen Hexe einen Fünfziger in die dreckige, verkrümmte, wie von einem Erdhufe überwachsene
Hand und stürzte nach dem Perron.

Es hatte schon zum zweiten Male geläutet. Die
Wagenthüren waren schon zugeschlagen, hie und da
den Zug entlang gab es hastig-laut plaudernde,
unter lebhaftem Gestenspiel sich ausgebende — oder
leicht stockend, beklommen sprechende Gruppen, auf- und niederrennende Schaffner, in der Ferne, gerade
unter der großen Uhr, die rothe Mütze des dienstthuenden Beamten, an den Wagenfenstern da und
dort ein Gesicht, gleichgültig oder ernst, weil es
vielleicht einen Abschied, einen schmerzlichen Abschied,
gilt … Adam spähte herum, jetzt entdeckte er seine
Braut, die sich aus dem Fenster eines Wagens zweiter
Klasse lehnte und ihm zuwinkte. Der Wagen stand
ziemlich weit vorn, nahe an der Lokomotive.

Ein helles Freudenlächeln huschte über Lydias
Gesicht, als sie Adam im letzten Augenblick doch
noch vor sich sah. Sie hatte schon alle Hoffnung
aufgegeben. Sie war ganz traurig geworden, sein
Wegbleiben hatte sie verstimmt, am liebsten wäre
sie wieder ausgestiegen. Nun war er doch noch gekommen. Das war so gut von ihm. Sie sah ihn
zärtlich an, als er vor ihr stand, vor Aufregung
kein Wort über die Lippen bringen konnte und ihr
nur stumm die Rose reichte.

„Du siehst recht blaß aus, Adam —“ bemerkte
Lydia besorgt und führte die Rose mit den kleinen,
glattbehandschuhten Fingern der rechten Hand an
ihre zarte, weiße Nase. Sie sah fragend auf ihren
Verlobten nieder.

„So —? Mir war heute früh auch nicht ganz
wohl —“ antwortete Adam hastig — „ und wie
geht es Dir, Lydia —?“ fuhr er dann fort, nachdem er einmal tief Athem geholt —

„Ich danke —“

„Und wie lange willst Du mich allein
lassen —?“

„Ich komme bald zurück — vielleicht eher, als
es Dir lieb ist — —“

„Lydia —!“

„Meine Adresse schreibe ich Dir — also Friedrichroda — ich muß erst sehen, ob ich Privatlogis
nehme, oder —“

„Und schreib' mir, bitte, recht bald und recht
viel — ja? Zu schade, daß Du jetzt gerade —
— bleib' nicht zu lange, Lydia —?“ bat Adam
leise —

Es war ihm plötzlich sehr weich ums Herz geworden. Nun seine Braut in der Fülle und Reife
ihrer Kraft und Schönheit vor ihm stand, loderte
die Leidenschaft zu dieser Frau wieder in ihm auf.
Ja! Er liebte sie doch — und sie allein. —

Es läutete zum dritten Male. Die Lokomotive
pfiff, langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

Die Hände der beiden hatten zum letzten Male
in einander gelegen, fest, zärtlich. Dabei hatten sie
sich voll in die Augen gesehen. Sie gehörten nun
zusammen und sie mußten sich schon treu sein. — —

Das weiße Taschentuch Lydias flatterte immer
noch, Adam schwenkte den Hut. Der weiße, hin- und
herzitternde Punkt verschwamm nun und verblaßte
mehr und mehr, jetzt war er ganz und gar von der
Entfernung aufgeschluckt. Der Perron war leer geworden. Adam blieb noch einen Augenblick stehen,
blickte vor sich hin, freute sich, daß Lydia diskret
die Geldgeschichte auch nicht mit der kleinsten Andeutung wieder berührt hatte, dann wandte er sich
um, ging langsam durch die Vorhalle dem Ausgang
zu und stieg langsam die Steintreppe hinunter, die
vom Bahnhofsportal auf die Straße führte. Er
befand sich in einem seelisch sehr merkwürdigen Zustande. Lydias Abreise stimmte ihn beinahe sentimental, that ihm beinahe weh. Er wunderte sich
darüber und schüttelte den Kopf. —

XX.

Nun kamen stillere Tage für Adam. Er ging
nicht viel aus, er saß oft stundenlang auf seinem
Zimmer, er spann seine losen, verzettelten Gedanken
in der Sophaecke, er las dies und das ohne inneren
Zwang, ohne besondere geistige Genugthuung. Der
Juni war sehr heiß, trotzdem überlief Adam oft ein
leises, stachliges Frösteln, besonders gegen Abend
stellte sich gewöhnlich ein heftigeres Fieber ein, sein
Schlaf war dünn, unruhig, von schwülen, bizarren
Träumen erfüllt. Früh fühlte er sich oft matter
und hinfälliger, als er den Abend vorher gewesen
war. Endlich nahm er Chinin ein, da wurde es
besser, das Fieber trat weniger akut auf, schließlich
blieb es ganz weg.

Lydia hatte Adam bald nach ihrer Ankunft in
Friedrichroda geschrieben. Er hatte den lieben, zärtlichen Brief mit seiner zartstrichigen Schrift, seinen
pikanten stilistischen Inkorrektheiten, seinen versteckten
Liebkosungen oft genug gelesen, wieder und wieder.
Lydias Hingebung schmeichelte seiner Eitelkeit, er
vergaß, welchen Umständen er schließlich ihren Besitz
verdankte, es kam so weit, daß er sich unwillkürlich
einredete, er hätte sie sich errungen, und er war
stolz auf diesen Erfolg. Aber dennoch verschob er
es von Tag zu Tag, Lydia zu antworten. Dieses
Hinausschieben machte ihm ein pikantes Vergnügen,
gewährte ihm einen angenehm prickelnden Reiz. Hatte
er erst geschrieben, so war damit auch die momentane Situation erschöpft — und der Genuß, der in
dem Bewußtsein lag, daß sich Lydia um so mehr
und um so intimer mit ihm beschäftigen würde, je
länger seine von ihr ersehnte Erwiderung ausblieb,
hörte dann auf. Vielleicht wirkte bei seinem Zögern
auch mit, daß ihm das Bild seiner Braut schon ein
Wenig verblaßt, daß er schon etwas in den Hintergrund getreten war, daß der Einfluß ihrer reifen
Frauenschönheit unter der Trennung doch schon gelitten hatte. Er mußte sich das eingestehen und
ärgerte sich darüber. Aber er konnte nichts dagegen
machen. Er gab sich oft alle Mühe, Lydias Bild
in Klarheit und Frische vor sein geistiges Auge zu
rufen, aber es wollte ihm nicht gelingen, nur Schemen kamen und vage Andeutungen. Dann konnte
er nicht begreifen, daß nun in Zukunft er ihr und
sie ihm angehören sollte, daß sie Beide hingehen
sollten, um sich ihren lieben Mitmenschen als ein
zusammengehöriges Paar vorzustellen. Das war
Alles so drollig, so wunderbar, das konnte nicht sein,
das widersprach doch so ganz den Gesetzen, unter
denen zu leben er sich gewöhnt hatte. Er ertappte
sich auf dem Gedanken, auf dem leisen, geheimen
Wunsch, daß seine Braut so lange als möglich in
Thüringen bleiben möchte. Er wollte sich jetzt nicht
von ihr stören lassen, er gewann seine Einsamkeit
täglich lieber, und doch hatte er in diesen Tagen
eigentlich gar Nichts vor sich, er vegetirte mehr mechanisch dahin, als daß er bewußt lebte, als daß
er jetzt eine Individualität sein durfte, die sich in
ihrer reichen Subjektivität selbst genug ist.

Manchmal beunruhigte ihn das Schicksal Hedwigs doch sehr. Zuerst zuckte er bei jedem Anschlagen
der Glocke zusammen, er fürchtete, der Postbote
würde in sein Zimmer treten und ihm die tausend
Mark zurückbringen, deren Annahme die Adressatin
verweigert hätte. Aber der sonst so Willkommene
blieb aus, blieb aus einen Tag nach dem anderen
— und Adam war das in diesem Falle ganz recht,
er beruhigte sich wieder. Hedwig hatte das Geld
also angenommen, ihre Lage hatte sie wohl dazu
gezwungen, aber warum sollte er Bedenken tragen,
sein Thun als eine Art von Sühne aufzufassen?
Es ist ja nun einmal so auf der Welt, daß seelische
Verletzungen durch materielle Bußacte wieder
ausgeglichen werden können. Und doch kam ihm der
Gedanke an den Tod Irmers immer wieder, er vermied es mit ängstlicher Scheu, eine Zeitung zur
Hand zu nehmen, in der er etwa eine Notiz darüber
finden konnte. Irmers Brief, den er in einer besonders nervösen Stunde aufgebrochen und in zitternder Hast flüchtig überflogen hatte, nachdem er
ihn schon unzählige Male in Händen gehabt, aber
stets wieder bei Seite gelegt, hatte er sofort verbrannt. Er hatte ihn los sein wollen … und triumphirend hatte er vor dem Häufchen Asche gestanden,
die von ihm noch übrig geblieben war. In einer
stillen Sommernachtsstunde hatte er sich weit zum
Fenster hinausgelehnt … und die Asche in alle Winde
verstreut … Und doch blieb eine Stelle des letzten
Vermächtnisses Irmers haften in seinem Gedächtniß,
sie tauchte immer wieder auf, mochte er sie auch
mit aller Gewalt niederdrücken und zurückdrängen,
sie kamen wieder, immer wieder, jene ernsten, schweren,
beschwörenden Worte: „— Ich lasse mein Kind in Ihren
Händen zurück, Herr Doctor — und ich weiß, Sie
werden niemals vergessen, was sie ihm schuldig sind.
Ich vertraue Ihnen und sterbe ruhig — —“ Adam
sagte sich ganz klar, daß er Hedwig gegenüber eine
Schurkerei begangen, wenigstens eine Schurkerei im
Sinne der gültigen Moral der Masse, er fand schließlich auch „höhere“ ethische Gesichtspunkte, die ihn
trösteten und freisprachen, aber es fruchtete wenig,
das Neue war noch zu dunkel in ihm, noch zu
theoretisch, zu vergeistigt, die alten thörichten Katechismusgefühle waren doch noch zu stark. Und sie
klagten ihn Tag für Tag aufs Neue an. Nein!
wenn Hedwig noch einmal in sein Leben träte, wollte
er nicht zurückweichen vor ihr. Sie aber aufzusuchen
— dazu hatte er nicht die Kraft und nicht den
Muth. Und dann auch: sie verachtete ihn gewiß
schon so sehr, daß sie seine Nähe gar nicht ertragen
würde. Was sollte er also sie und sich quälen —?
Es war überflüssig. —

Einmal dachte Adam auch an den Selbstmord.
Das war zu komisch. Hatte er denn ganz vergessen,
daß er zum Leben „verurtheilt“ war? Hatte er das
nur einen Augenblick vergessen können —? Ja! Es
war doch möglich gewesen. Merkwürdig! Merkwürdig!
Oh! Und er besaß ja nicht einmal mehr die Größe
und die Gewalt der Seele, die schmerzlich süßen
Wollustschauer eines Galaselbstmords genießen zu
können. Das kritische Delirium hatte Alles zermalmt,
Alles, Alles. Ja! Ja! das war das curiose Märchen
von der Analyse und von der Synthese, die sich so
gut zu vertragen wissen … Adam lächelte. Das
Leben hatte ihn wieder. —

Eines Morgens fühlte er sich besonders behaglich. Er hatte gut, besser wenigstens, denn gewöhnlich, geschlafen, schleimige Träume hatten ihn verschont, er fühlte sich stärker, freier, flüssiger, auf das
Spiel der Menschen und Dinge … und auf das Mitspielen gestimmter. Er trank seinen Kaffee und rauchte
mit großem Genuß seine Morgencigarette. Er lehnte
sich zurück und dachte an Lydia. Er nahm sich vor,
ihr heute zu schreiben, ganz bestimmt zu schreiben,
sie könnte sonst leicht auf allerlei Gedanken kommen
— und das hatte sicher seine Schattenseiten und
Nachtheile für ihn. Er verdankte ihr doch eigentlich
recht Viel, es wäre barbarisch dumm gewesen, leichtsinnig wieder fahren zu lassen, was sie ihm aus Liebe
entgegengebracht. Ja! Nun er sich zum ersten Male
wieder werkthätiger aufgelegt fühlte, fand er seine
Bräutigamsschaft äußerst famos und praktisch. Es
ist gut, wenn der Mensch eine „reiche Partie“ macht.
Adam wurde mit der Partie, die er gemacht hatte,
immer einverstandener. Er nahm sich vor, unter
der Hand bei einem kaufmännischen Auskunftsbureau
einmal genauer nach den Vermögensverhältnissen
Lydias zu recherchiren — das war doch sehr von
Belang für ihn. In den letzten Tagen war ihm
überdies öfter ein Gedanke zurückgekehrt, mit dem er
schon vor Jahren gespielt, der sich aber wieder verflüchtigt hatte, weil damals zu seiner Verwirklichung
blutwenig Aussicht, weil blutwenig Material vorhanden gewesen war. Nun stand die Sache schon anders. Jetzt durfte er schon mit größerem Rechte an
sein geliebtes „Paedagogium der Zukunft“
denken. Und Adam beschloß, sich demnächst einmal
ernstlich daran zu machen, die Grundprincipien dieses
seines „Paedagogiums der Zukunft“ zu entwerfen. —

Auf die Tage der äußeren und inneren Stürme
und Katastrophen sollten die Tage ernster, gesammelter, „sühnender“ Arbeit folgen. Ja! Er wollte arbeiten, besaß er doch noch Ideale! Vielleicht noch
zwei, vielleicht sogar noch drei, vielleicht auch nur
noch eins. Er vermied es, sich zu fragen, wie dieses
eine, dieses letzte „Ideal“ hieße, wie es beschaffen wäre,
in welcher Richtung es läge —? Er wußte, daß
er diese Frage vermied, und das beunruhigte ihn.
Und doch freute es ihn zugleich, daß er sich überhaupt noch entschließen konnte, im Dienste eines
„Ideals“ zu arbeiten. Ja! Er wolle arbeiten.
Und war das im tiefsten Grunde auch nur eine
Resignation — schließlich bedeutete dieser Entschluß
doch auch eine Hoffnung auf die Zukunft und eine
Bürgschaft für die Zukunft. Adam zweifelte daran
wenigstens nur dann und wann.

Im Uebrigen wurde er von Tag zu Tag mehr
und mehr guter Dinge. Er kostete die kargen, letzten
Zeitläufte seiner „Freiheit“ in sanfter Behaglichkeit
aus. Der Sommer war so schön, die Rosen blühten, bald mußte es auch Levkojen und Reseda geben.
Und sonst — „na! Ick bin ja man ooch bloß in
absentia uff der Welt“ — tröstete sich Adam —
der brave Klempnergeselle behielt doch Recht.

„ Auf welcher Welt werden wir einmal nicht ‚in
absentia‘ dasein —?“

Adam hatte gut fragen. Die Antwort war ihm
ja doch furchtbar schnuppe. —

Ende.