Die goldene Schmiede

Es war die einzige Schmiede in der Sendlingergasse zu jener Zeit, der goldenen Zeit der Spitzeder'schen Bankherrschaft. Die Werkstatt befand sich im Eckhaus der Sendlinger- und Paradiesgasse, ein paar hundert Schritte rechts vom Sendlingertor herein. Der Name Paradiesgasse war jedoch nicht der offizielle, sondern stammte aus dem Volksmund, der ein ironisches Vergnügen daran fand, diesen engen, schmutzigen, von übelberufenen Frauen und Mädchen häufig als Stelldichein benutzten, in das Gäßchenlabyrinth des alten Heumarktes verlaufenden Winkel mit dieser hellen, reinlichen, an selige Phantasien erinnernden Bezeichnung aufzuputzen.

Gegen die Paradiesgasse hatte die Werkstatt einen erhöhten, mit einem besonderen, fast platten Dach versehenen Vorraum; hier standen Räder, Karren, Kutschen und andere Gegenstände, alte und neue, in malerischer Unordnung über-, unter- und nebeneinander, bis die Reihe an jedes einzelne Stück kam, von dem emsigen Schmied und seinen Gesellen in Arbeit genommen zu werden. Da waren über neue Räder eiserne Reifen zu ziehen, dort war eine Deichsel mit derben Ringen zu versehen, hier der lahme Vorderteil einer Landkutsche mit tüchtigen Klammern und Schrauben zu kurieren, dort eine gebrochene Achse zusammenzuschweißen.

Kurz, es fehlte nie an Arbeit. Und ließen die Aufträge der gewöhnlichen, meist kleinbürgerlichen und ländlichen Kundschaft einmal ein wenig nach, so nahm Meister Florian mit seinen Gesellen Bestellungen von Eisenwarenhändlern entgegen. Dann wurde altes Material umgeschmiedet, allerlei Hacken, Ketten und sonstige Gerätschaften wurden hergestellt, und die Hämmer tanzten früh und spät auf dem Amboß und die Funken stoben und die Blasbälge ächzten, daß es eine Lust war.

Von dem Vordach gaukelten die Ranken des wilden Weines nieder und umkränzten mit grünem Blattwerk in gar freundlicher Weise die schwarzen, rußigen Wände, die seit Menschengedenken keine anderen Farben gezeigt, als diejenigen, welche der Rauch und der Eisen- und Roststaub und der anfliegende Schmutz von der Straße in Sonnenschein und Regen selbst aufgetragen hatten.

Das Vordach, das auf blechbeschlagenen Holzpfeilern ruhte und fast die ganze Breite der Paradiesgasse einnahm, war mit einem einfachen schmiedeeisernen Gitter umgeben und diente der Familie, die über der Werkstatt wohnte, zugleich als Veranda und Lustgarten. Hier standen in großen Kübeln die wilden Weinstöcke, die so lustig auf- und abwärts rankten, und dazwischen in braunen Tontöpfen allerlei bunte Blumen, Nelken und Goldlack, Kapuziner und Fuchsien und Stiefmütterchen. All' diese Herrlichkeit war das Werk der frommen Frau Anastasia, die nicht eher geruht hatte, bis Florian ein schmales Fenster auf das Vordach zur Tür erweitern und das Gitter anbringen ließ. Sie wollte immer viel höher hinaus als der Gatte, der fast ganz in seiner harten Arbeit und im Horizonte der Werkstatt aufging, aber sie verstand auch die Kunst, ihren Kopf bei dem Meister Florian durchzusetzen.

Zuweilen kostete das freilich nicht wenig Mühe; der Schmied hatte seine eigene Art, das Hauswesen und die Dinge und Menschen zu betrachten. Wenn er auch nicht viele Worte machte, und dem ehelichen Frieden gern ein Opfer brachte, so konnte er unter Umständen doch durch seinen wortkargen, passiven Widerstand die hagere, fromme Gattin aufs äußerste reizen. Zuletzt fügte er sich, wenn's nun einmal nicht anders ging, und dachte: »Es is so weit nit aus.« Schließlich war ja seither doch alles gut geraten.

Wie hatte er sich nicht gewehrt, seinen zweiten Sohn Joseph in die geistliche Laufbahn eintreten zu lassen!

Von dem Leben der Priester hat er in seinem Herzen nie große Stücke gehalten, wie überhaupt von den gelehrten Leuten, die nur in Gedanken und Formeln und Büchern kramen. Er, der Mann der harten Arbeit, schätzte vor allen diejenigen, die durch körperliche Anstrengung und wahrnehmbaren Fleiß etwas vor sich brachten und praktische Ergebnisse aufzeigen konnten. Er begriff, daß die andern in Gemeinde und Staat auch notwendig seien, leider Gottes; aber im Grunde hielt er sie doch für schlaue Müßiggänger, die sich für ihre geringen Dienste von der Gesamtheit übermäßig gut ernähren ließen. Handwerkerei war ihm der ehrsamste Stand.

Seinen ältesten Sohn, einen strammen, muskulösen Burschen, ganz sein Ebenbild, nahm er, dem Widerspruch seiner Frau zum Trotz, frühzeitig in die Werkstatt, um ihn unter seinen Augen zu einem tüchtigen Schmied auszubilden und dann einige Jahre auf die Wanderschaft zu schicken, damit er als ein gereister Meister später das väterliche Geschäft zu übernehmen würdig wäre.

Der zweite Sohn, schwächlicher als der erste, aber wie Frau Anastasia früh herausgefunden hatte, geistig begabter und reger und verschlagener und daher vom lieben Gott sichtlich zu einem vornehmeren Dasein bestimmt, hatte alle Pläne des Vaters mit Hilfe der Mutter durchkreuzt.

Die Absicht Meister Florians war gewesen, den zarten und intelligenten Knaben, der sich nicht für die grobe Schmiedarbeit eignen wollte, zu einem technischen Beruf erziehen zu lassen. Ingenieur, Mechaniker oder so etwas. Darum sollte Joseph die Realschule absolvieren, dann ein paar Jahre auf dem Polytechnikum studieren und schließlich in einer großen Fabrik oder einer Maschinenwerkstätte sich zu einem selbstgemachten Mann hinaufarbeiten. Im Grunde also ein höherer, veredelter und sehr viel Geld verdienender Schmied: das war des Vaters Ideal.

Wenn Anastasia dem Meister Florian zuhörte, wie er am Feierabend oder über Tisch oder vor dem Einschlafen in der Nacht in kurzer, unbeholfener Rede die Zukunft des zweiten Kindes sich zurecht hämmerte, da kniff sie die Augen ein, zog die Lippen zusammen und schwor sich: daraus wird nichts. Dann machte die fromme Frau, die um jeden Preis etwas Geistliches und Hochehrwürdiges und Einflußreiches in der Familie haben wollte, sich hinter den Beichtvater, der ihr wegen ihrer eifrigen Kirchenbesuche und Spenden überaus gewogen war, und machte gemeinschaftliche Sache mit ihm, um den braven Joseph, den verhätschelten Liebling, dem Eigensinn und der Weltlichkeit des Schmiedes zu entreißen.

Und so geschah es wirklich, daß der feine Knabe nicht in die Realschule, sondern in die Lateinschule, nicht in das Polytechnikum, sondern in das Priesterseminar kam und dort zu einem helleuchtenden Kirchenlicht präpariert und geweiht wurde.

Wenn der alte Florian grollte, und sie fand es für angemessen, ihm ein begütigendes Wort zu sagen, war es gewöhnlich dies: »Du hast dein Ebenbild, den Max, nach deinem Kopf geformt, ich forme den Joseph, mein Ebenbild, nach meinem Kopf; so hat jedes sein Kind nach seinem Willen und jeder ist seines Glückes Schmied.«

Darauf wußte der gerechte Sinn des Meisters nichts zu erwidern.

Sagte ihm aber Frau Anastasia gar: »Schau, lieber Florian, eigentlich wird auch aus unserem Joseph ein Schmied; er schmiedet die Herzen der Menschen für das Reich Gottes!«, so klang ihm das zwar überspannt, aber er lächelte doch und setzte nach seiner kurzen Art hinzu: »Es is so weit nit aus.«

Und so war, als die Zeit erfüllet war, aus dem Muttersöhnchen mit Gottes und der Heiligen Hilfe ein recht kluger, artiger und beliebter Kirchenmann geworden. Das Glück der Mutter schien ein vollständiges zu sein, als der geistliche Herr Sohn in der Vaterstadt München selbst in die kirchliche Laufbahn einrückte, und alle Aussichten dafür sprachen, daß er hier von Stufe zu Stufe auf der hierarchischen Leiter zu immer höherem Glanz und Einfluß emporsteigen werde.

Inzwischen war auch Max von der Wanderschaft zurückgekehrt. Das Auffallendste, was er sich in dieser Zeit angeeignet, war für das Auge des Vaters ein mächtiger Vollbart und ein ungemein geläufiges Mundwerk. Die Gedanken aber, die in schneidiger Rede aus dem Munde des gereisten Sohnes hervorbrachen, wollten dem alten Meister Florian nicht übermäßig einleuchten. Dafür gefielen sie der Frau Anastasia um so besser.

Joseph wollte jetzt seinen Weg allein machen, und der mütterlichen Geschäftigkeit war nach dieser Seite hin wenig Spielraum mehr geboten. Sie wandte sich daher mit um so stärkerem Interesse der Nutzbarmachung der Anregungen zu, welche von dem welterfahrenen Max kamen. Es war ganz eigentümlich, wie der Erstgeborene, der früher nicht von der Seite des Vaters gewichen war, sich jetzt der Mutter zuneigte. In den lauen Sommerabendstunden konnte man die beiden stundenlang auf der Veranda über dem Vordach im eifrigsten Gespräche sitzen sehen, während unten in der Werkstatt Meister Florian mit seinen Gesellen glühende Eisenbarren auf dem Amboß bearbeitete und mit den schwersten Hämmern darauf losschlug, daß das Haus bebte.

»Eine glückliche, beneidenswert glückliche Familie!« meinten die Nachbarsleute; »Söhne, die außerordentlich geraten sind, Arbeit, Wohlstand, Eintracht im Hause – wahrhaftig die goldene Schmiede des Glücks am Paradiesgassen-Eck!«

Der Schmied war trotz seiner Fünfziger noch eine ungebeugte, riesenhafte Gestalt. Nur das Gehör fing an nachzulassen. Dadurch wurde seine gewöhnliche Schweigsamkeit noch mehr befördert. An Stärke und Arbeitslust vermochte es keiner seiner jüngeren Arbeiter mit ihm aufzunehmen. Er hantierte immer noch seine zwölf bis fünfzehn Stunden am Tage. Und er hätte es des Erwerbs wegen in der Tat nicht nötig gehabt, sich so scharf einzuspannen. Er wußte zwar nicht genau, wieviel das Geschäft abwarf, denn die Buchführung und alle Geldangelegenheiten wurden von Frau Anastasia und Max besorgt, aber das wußte er, daß seit der Versorgung des geistlichen Sohnes das Vermögen in der erfreulichsten Zunahme begriffen war und jährlich eine stattliche Summe auf Zinsen angelegt werden konnte. Ja, die Frömmigkeit und geistliche Eitelkeit hatte Frau Anastasia nie gehindert, im Hause nach dem Rechten zu sehen und ein strenges, knappes Regiment zu führen. Nächst Gott und seiner kirchlichen Verehrung lag ihr nichts so sehr am Herzen, als die Zusammenhaltung und Vermehrung des Gutes, das Florian und Max im Schweiße des Angesichts erarbeiteten. Und Max hatte nicht nur die Bedürfnislosigkeit des Vaters, er hatte auch den Sparsinn der Mutter. Mehr noch: auf seiner Wanderschaft hatte er gelernt, wie man mit den modernen Mitteln der Spekulation und der Ausnutzung günstiger Verhältnisse das Geld auf eine mächtige Weise vermehren könne. Dem Verstand des Vaters gebrach es an Feinheit, diese Ideen zu begreifen und zu würdigen, aber die Mutter erfaßte sie mit der Inbrunst einer rastlos strebenden Seele. Stundenlange Unterredungen zwischen Mutter und Sohn drehten sich um diesen Punkt, und der weiße Rand des »Münchner Fremdenblattes«, das die Geschäfte Gottes und der Kaufleute mit der nämlichen unermüdlichen Hingabe treibt und immer auf dem Tische lag, war stets mit langen Zahlenreihen, mit Multiplikations- und Divisionsexempeln vollgekritzelt, wenn sich die fromme Anastasia und ihr spekulationslüsterner Max in die Geheimnisse des Börsenspiels vertieft hatten.

Ganz München, ganz Altbayern war damals vom Dämon des Gewinnes erfaßt, seit die fromme Adele Spitzeder dem Gott der Spekulation den phantastischen Tempel erbaut und wahre Orgien der unsinnigsten Profitmacherei mit dem Glanze und der Weihe wunderbarer Kultushandlungen zu umgeben gewußt hatte. Allen war das Millionenfieber in die Glieder gefahren. Auch Anastasia und Max waren der Seuche der gehirnvernebelnden Spitzeder-Schwindelei zum Opfer gefallen. Wie weit sie mit den sauer erworbenen Kapitalien schon gekommen waren, verheimlichten sie natürlich dem Meister Florian. Sie lebten noch in den goldigsten Hoffnungen und wollten den Alten und auch den geistlichen Herrn erst in die Unternehmungen einweihen, wenn der Segen so überströmend geworden, daß er alle Beutel und Kästen sprengte.

Und der nichtsahnende Schmied stand Tag für Tag nach alter Gewohnheit am Amboß und schwang seine schweren Hämmer. Sein Gesicht und seine Arme waren schwarz von der Asche des Feuerherdes und dem Eisenstaub der Metalle. Seine guten Augen lachten aus dem mächtigen, harten Kopf mit den wirren, leicht ergrauten Haaren, die tief in die Stirn und in den Nacken hinabgewachsen waren. Aus seiner breiten Brust zog der Atem mit dem kräftigen Geräusch des Blasbalgs. Und wenn die roten und blauen Flammen auflohten, die Werkstatt mit ihrer heißen Helle erfüllten und einen Feuerschein bis hinaus in die dunkle Paradiesgasse warfen; wenn die rotglühenden Eisenbarren unter der Wucht der in großem Bogen niedersausenden Hämmer sich streckten, und die Funken wie ein Sternschnuppenfall nach allen Seiten versprühten; wenn im Wettkampf der Gesellen die krachenden Schläge auf dem Amboß wie Donner rollten, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und neugierig erstaunte Blicke durch die offene Tür in die grandiose Bewegung, in den Höllenlärm und die lohenden Flammen der Werkstatt warfen: da fühlte sich Meister Florian stolz wie ein König der Arbeit in seinem Reich. Das Hemd stand weit auf und zeigte die behaarte, von den Rinnsalen des Schweißes durchfurchte Brust, und der Schattenriß der energischen Gestalt war umleuchtet von dem roten Schein der Flammen. Er stemmte die knotige Faust in die Hüfte, um einen Augenblick zu verschnaufen.

*

So nahe gerückt sie sich auch waren, Mutter und Sohn, so eng verbunden durch das Geheimnis einer Spekulation, wodurch fast das gesamte Barvermögen der Familie in ihre, weder vom Vater noch vom Bruder kontrollierten Hände gelangt war, in einem Punkte waren sie sich doch so fremd geblieben, als wären ihre Herzen durch einen unüberbrückbaren Abgrund geschieden.

Max hatte einen Fehltritt auf dem Gewissen; das drückte ihn oft fürchterlich. Er hatte sich's fest vorgenommen, sofort nach der Rückkehr von der Wanderschaft der Mutter alles zu beichten. Es ließ sich ja doch nicht ewig verheimlichen; über kurz oder lang mußte er sich vor die Frage gestellt sehen: wen erwähle ich mir zur Gefährtin und Hausfrau? – und die Frage mußte vor den Ohren und Augen der Eltern beantwortet werden. In welcher unangenehmen Lage würde er sich befinden, wenn er dann ohne jeden Übergang mit dem Geständnis herausrücken müßte: »Vater und Mutter verzeiht, ich habe, wenn ich ein rechtschaffner Kerl sein will, keine Wahl mehr!«

Und wie beschämend, wenn er auf die Frage der peinlich überraschten Eltern nach dem Warum und Wieso gestehen müßte: »Weil ich vor drei Jahren einem bis dahin unbescholtenen Mädchen ein Kind angehängt habe und…«

Die fromme Frau Anastasia würde bei diesen Worten vielleicht der Schlag treffen, und der Vater würde, wer weiß, die Hand gegen ihn erheben, und es gäbe ein blutiges Unglück.

Oder den besseren Fall angenommen: Die Eltern nehmen den ersten Teil des Geständnisses gelassen auf in der Hoffnung, es werde wenigstens das betreffende Mädchen vermögender Eltern Kind und aus einem respektablen Hause sein; der Vater fragte: »Na, es wird so weit nit aus sein, wie heißt sie denn?«

»Ursula Deixlhofer…«

»Ursula Deixlhofer? Jessesmaria und Joseph! Die Tochter von dem weitläufigen Vetter in Giesing, den die fromme Mutter stets verleugnet hat, weil er ein Habenichts war und ein Ungläubiger und ein Phantast und im Rausch in der Isar ertrunken ist? Dem seine Tochter?«

»Ja, dem seine Tochter, leider Gottes…«

»Und du fürchtest dich nicht der Sünd' und schämst dich nicht der Schand'?«

»Es ist nun einmal so, ich kann's nicht ändern…«

»Und so etwas kannst du, Max, deiner Familie und deinem geistlichen Herrn Bruder antun?«

Nun findet er keine Worte mehr. Was wird weiter geschehen? Hier erlahmt seine Phantasie, oder vielmehr sie getraut sich nicht, sich die böse Geschichte weiter vorzustellen und auszumalen.

Nein, es ging wirklich nicht. Jetzt am allerwenigsten, wo er mit seiner Mutter so große Finanzpläne hatte und kolossaler Reichtum winkte, der das Haus immer höher trug. Der älteste Sohn der goldenen Schmiede am Paradiesgassen-Eck sollte eine Habenichtsin aus Giesing mit einem Kind heimführen? Das reimt sich heute nicht. Da hätte er ja ebensogut ein Mädchen aus der Paradiesgasse nehmen können! Nein, nein, die Dinge mögen ihren Lauf haben; das gefährliche Geheimnis muß noch Geheimnis bleiben. So etwas konnte er den Eltern wahrhaftig nicht antun… Malefiz, wenn das Kind nur zu verheimlichen wär'; mit dem Mädchen allein wär' eher ein Fertigwerden… Ein Prachtweibsbild die Ursula… Da darf man schon lang suchen, bis man wieder so etwas von Gesundheit und Schönheit und Humor beieinander findet… Und der Körperbau! Zwei Brüste hat sie, die wie zwei feurige Fohlen aus dem Mieder herausspringen, und zwei Augen, warm und hell wie die Sonne, und eine Gestalt und ein Ebenmaß wie die Bavaria auf der Theresienwiese… Aber da geh' einer hin und mach' das den Alten klar in ihrer vertrackten Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit! O du benedeite Jungfrau! Da ist alles Schandfleck: die Dirn' und das Kind und die Armut und der tote Vater und die ganze Verwandtschaft… Nein, es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht.

Niemals bis auf den heutigen Tag wurde in Meister Florians Haus mit den beiden Söhnen ein Wort von der Liebe oder von der Geschlechtlichkeit gesprochen. So etwas schickt sich nicht für anständige Christenleute. Erst im äußersten Notfall nimmt man den Kindern gegenüber diese Dinge in den Mund. Freilich, im englischen Gruß betet man den Tag dutzendmal mit den Kindern zur himmlischen Jungfrau und preist die unbefleckte Empfängnis und segnet die Frucht des Leibes. Allein das läuft gewohnheitsmäßig über die Zunge, und man denkt sich nichts dabei und malt sich nichts aus. Sonst müßte ja eine fromme Frau wie die Mutter Anastasia gleich in den Erdboden versinken vor Scham. Man behält die Buben scharf im Auge und warnt sie ganz allgemein vor der Verführung, vor schlechter Gesellschaft und vor den bösen Beispielen. Das muß genügen. Für das übrige muß der Schutzengel und der Schutzpatron und die Heerschar der Heiligen sorgen, die man ja in unablässigem Gebet anruft.

Wie der Max und Joseph noch halbwüchsige Buben waren, da standen sie wohl manchmal in der Abenddämmerung auf der Veranda und lugten mit brennenden Blicken in das Dunkel der Paradiesgasse hinab, wo die Mädchen hin- und herliefen und mit vorübergehenden Mannsleuten Scherz trieben. Eine eigentümlich wogende Nervenstimmung bemächtigte sich der beiden Schlingel, wenn sie sahen, wie ein Männlein und ein Weiblein sich um die Hüfte oder um den Hals faßten und sich küßten oder im Lichtschein einer halbgeöffneten Haustür verschwanden. Sie wußten nicht, was das zu bedeuten hatte, aber es entflammte doch ihr Interesse, und sie stellten sich auf die Zehenspitzen, um besser zu sehen, und vor lauter Sehen wurde ihnen ganz trocken im Halse, und es verging ihnen das Hören, so daß sie gar nicht merkten, daß die Mutter herausgetreten war und hinter ihnen stand. Wie nun die Hand der Mutter sie plötzlich bei der Schulter packte, da fuhren sie zusammen wie Bösewichter, die man auf schwerer Untat ertappt – und doch hatten sie gar nichts getan, ja nicht einmal ein Wort gesprochen, nicht einmal etwas Bestimmtes gedacht. Was war das nur, was sie so ängstlich machte?

Nach der Firmung schlich Max doch einmal, von einer unwiderstehlichen Neugierde getrieben, durch das dunkle, feuchte Gäßchen mit der stinkigen Luft. Diese stinkige Luft hatte etwas Berauschendes. Er wollte sich diese Mädchen der Nacht doch auch einmal in der Nähe ansehen; das konnte keine so große Sünde sein. Sein Blut kam in Wallung, sein Herz klopfte hörbar, seine Knie schwankten. Wenn jetzt jemand dazu käme? Wenn ihn der Vater oder die Mutter erwischte? Zögernd kehrte er um; es war ihm doch gar nicht wohl bei der Sache.

Richtig hatte es der Vater gesehen und, ohne ein Wort zu sagen, ihm ein paar Ohrfeigen versetzt, daß ihm grün und blau vor den Augen wurde. Das war die einzige Erziehungshandlung, die ihm den väterlichen Standpunkt in dieser heiklen Sache fürs ganze Leben klar machte. Er kam in die Schmiede, Joseph in die Schule und ins Seminar – und von keiner Seite wurde dieses Abenteuers mehr mit einem Worte gedacht.

Frau Anastasia aber hatte damals nicht versäumt, die wilden Weinranken und die Blumenstöcke auf der Veranda so zu ordnen, daß jeder Ausblick in die Paradiesgasse unmöglich war.

So vergingen die Jahre des reiferen Knabenalters in strenger Arbeit und Ehrbarkeit unter den Augen des fleißigen, einsilbigen Vaters und der frommen, sorgsamen Mutter. Max schien keinem Weibsgesicht mehr zu trauen, und was Joseph von diesen Kreaturen halte, das vermochte er auch nicht zu ergründen, denn die Brüder sahen sich nur selten allein, und der junge Kleriker wurde ohnedies mit der fortschreitenden Bildung immer verschlossener gegen die Eltern und den Bruder. Sicherlich war er der keuscheste aller Josephe geblieben und machte seinem heiligen Namen alle Ehre. Max wollte hinter dem jüngeren Bruder nicht zurückbleiben und befleißigte sich eines exemplarischen Lebenswandels.

Da kamen die Jahre der Vollreife heran, der entschiedenen Mannbarkeit, und das Unabwendbare mußte sich ereignen.

Bei einem frommen Vereinsfest im Walde zu Planegg, veranstaltet von einer kirchlichen Bruderschaft, sah der stramme, markige und durch die Schmiedearbeit prachtvoll gestählte Bursch die schöne, blühende Ursula zum erstenmal. Die Begegnung mit dem fast gleichaltrigen und fast in gleicher Klausur herangereiften Mädchen wirkte auf sein Gemüt und seine Sinne wie ein Blitzstrahl.

»Die und keine andere!« schrie die Stimme seines Blutes. »Ich muß sie haben!«

Und wie sie sich an den Händen faßten und sich in die Augen schauten, da stotterte der Jüngling und redete einfältiges Zeug und die Jungfrau errötete bis über die Ohren, und das Mieder wurde ihr zu enge. Aber der Schmied kam bald über Verlegenheit und Blödigkeit hinaus. Mit der Gier eines im Käfig halb verhungerten Raubtiers hätte er sich auf seine Beute stürzen mögen, hätten Ursulas flammende Blicke nicht gebeten: »Gedulde dich, ich gehöre dir ja!«

Um vor den frommen Vereinsbrüdern nicht aufzufallen, mußten sie sich heute trennen. Eine Begegnung an der nämlichen Stelle wurde für den nächsten Sonntag verabredet.

»Komm' allein!« flehte Max und seine Augen leuchteten elektrisch.

»Das geht unter keinen Umständen… Ich werde meinen kleinen Bruder Hans mitbringen… Meine Mutter ist schrecklich strenge und läßt mich nie eine Stunde allein fort… Aber ich komme ganz bestimmt.«

Das war eine schwere Woche für den jungen Schmied. Und eine Ewigkeit lang! Zuerst glaubte er das Ende gar nicht mehr zu erleben. Er tobte in der Werkstatt wie ein Wilder und schlug auf das Eisen los, als wollte er den Amboß in den Boden wettern. Kein Hammer war ihm schwer, keine Zange wuchtig, keine Glut heiß genug. Er arbeitete für zwei und räumte mit den Bestellungen auf, als wär's Kinderspiel. Das flog nur so von der Hand weg. Haufen alten Eisens, die bestäubt und vergessen in den Ecken lagen, wurden von ihm hervorgezogen und zu allerlei Phantasiesachen verarbeitet, wenn gerade keine andere Arbeit wartete. Ein künstlerischer Geist kam über ihn und trieb ihn an, ein Gitter zu schmieden mit Verzierungen, die einem verschnörkelten U ähnlich sahen. Max war in der Frühe der erste, am Abend der letzte in der Werkstatt.

Der Schmied betrachtete seinen Sohn von der Seite und sagte vergnügt in sich hinein: »Es is so weit nit aus, der wird mit jedem Tag besser.«

Der Sonntag kam. Die Ungeduld hatte Max früher, als zur verabredeten Stunde, in den Wald getrieben. Es wurde ihm ganz eigen zumut, als er unter dem Geflüster der breitästigen Buchen über das weiche Moos dahinschritt. Die Wildheit des Blutes schwieg in der großen Einsamkeit. Sanfte, zärtliche Regungen, weihevoll wie fromme Andacht, erfüllten seine Seele. Der hohe, grüne Wald erschien ihm wie ein Tempel. Wie vor dem geheimnisvoll leuchtenden Hochaltar der Frauenkirche, glaubte er sich hier der Gottheit näher. Es fiel ihm das Lied ein, das sie neulich auf dem Vereinsfest gesungen: »Der liebe Gott geht durch den Wald.«

Dann dachte er wieder gar nichts und schaute zu, wie rote Eichhörnchen von Ast zu Ast huschten, wie ein Hase hinter einer Buche auftauchte, bei dem Geräusch sich aufrecht setzte, die langen Ohren spitzte und dann plötzlich in großen Sätzen davonjagte…

Endlich bedrückte ihn das lange Warten, und die Schwüle des Junitages brach auch in den Wald ein. Er zog die große silberne Taschenuhr aus der Westentasche: »Noch eine gute halbe Stunde.«

Nun verspürte er Hunger und Durst. Er schritt über die Lichtung dem Waldwirtshaus zu, ließ sich auf der Bank unter der großen Fichte nieder und bestellte sich eine Maß Bier und eine Knackwurst. Auch das ging vorüber. Nun kaufte er sich noch zwei Knackwürste, wickelte sie in Zeitungspapier: »Für sie! Sie wird gewiß auch Hunger haben und sich freuen, wenn sie sieht, daß ich ordentlich an sie gedacht.«

Jetzt ertönt der schrille Pfiff der Lokomotive durch den Wald. Er eilt klopfenden Herzens an die verabredete, abseits von den besuchtesten Wegen und Plätzen gelegene Stelle… Zahlreiche Menschen steigen aus, er kann sie von seinem Versteck aus sehen. Sie schwärmen aus dem kleinen, frei gelegenen Bahnhof wie Bienen aus dem Korb nach allen Richtungen, dahin, dorthin, wo eine Trinkbude, ein Wirtshaus, ein schattiger Platz lockte. Ein fröhlicher Lärm erfüllt die Gegend.

Der Zug saust wieder davon auf dem einspurigen Geleise und verschwindet zwischen hohen, bewaldeten Böschungen in der Richtung nach Starnberg.

Ursula war nicht gekommen. Sie hatte offenbar den Zug verfehlt. Ärgerlich wickelt Max das Zeitungspapier auf und, sich die Wartezeit zu vertreiben, verspeist er eine Wurst nach der andern.

Nach einer Stunde ein neuer Zug. Das nämliche Schauspiel. Ursula kam nicht. Jetzt fluchte der Schmied aus Leibeskräften und ging, durch das Menschengewühl wie ein Nichtsehender und Unsichtbarer schreitend, auf das nächste Wirtshaus zu und kaufte sich eine zweite Maß, um den Ärger hinabzuspülen, und dann noch eine dritte Maß für den Extradurst.

»Sie wird ja heute überhaupt nicht mehr kommen. Ich bin ein Narr. Sie hat mich zum Besten…«

Inzwischen rollte ein Zug von Starnberg herauf. Sollte er mit heimfahren? Es kommt noch ein später Nachmittagszug von München heraus. Vielleicht! Es wäre ja doch möglich, die strenge Mutter…

Max blieb und bestellte sich eine vierte Maß. Fremde Leute setzten sich zu ihm, erst bleibt er einsilbig auf ihre Fragen, dann redet er sich in die Hitze hinein, plötzlich springt er auf. Der schrille, durchdringende Pfiff des entscheidenden Zuges hatte ihm alles Blut zu Kopf getrieben. In größter Aufregung eilt er auf die alte, verborgene Stelle zu und späht mit brennenden Augen durch die grünen Zweige.

Alle Heiligen! Diesmal gilt's: sie ist's, Ursula! Unbeweglich steht er da, wie ein Jäger auf dem Anstand, aber in seinen Adern rollt das Blut gleich Feuerströmen, und eine wilde Kraft spannt alle seine Muskeln. Er hätte die dickste Eiche entwurzeln und wie ein Streichholz knicken mögen, eine so fabelhafte Machtempfindung jauchzte in ihm. Sein Gefühl war eine wundersame Mischung von Liebe und Zorn, von Stolz und Anbetung, von Seligkeit und bestialischem Trieb. Jetzt mußte etwas Außerordentliches, Unerhörtes geschehen…

Auch Ursula schien in großer Aufregung zu sein. In ihrer Begleitung waren zwei Knaben im Alter von zehn bis zwölf Jahren.

»Ich denke, Hans,« sprach sie jetzt zu dem einen, »du willst dich doch mit Korbinian allein unterhalten. Da habt ihr etwas Taschengeld, falls ihr Hunger oder Durst verspürt. Geht mir nicht zu tief in den Wald hinein. In einer Stunde müssen wir wieder nach München zurückfahren. Wenn das erste Zeichen gegeben wird, seid ihr in der Nähe des Bahnhofs, nicht wahr? Ich verlaß' mich drauf. Ich habe jetzt allein zu gehen, um etwas zu suchen, was ich vorigen Sonntag hier verloren habe.« Bei diesen Worten nahmen ihre Augen unwillkürlich die Richtung nach dem Dickicht, wo Max versteckt stand.

»Sollen wir dir nicht suchen helfen, Ursula?« fragte Hans gutmütig.

»Nein, ich muß allein suchen und finden.«

Sie ließ die Knaben stehen und ging mit der Miene der Suchenden auf gewundenen Wegen der verabredeten Stelle zu.

»Wird er noch da sein, wird er fort sein? Ach, die strenge Mutter!… Wird er mir zürnen oder so lieb mit mir sprechen wie das erstemal?« Es schwindelte ihr im Gehirn; sie hielt einen Augenblick die irrenden Schritte an und schaute zurück… Dann marschierte sie geradeaus auf das Ziel los.

Wie der junge Schmied in dem durchsonnten Dickicht die so heiß Ersehnte zwischen den goldbraun leuchtenden Föhrenstämmen dahinschreiten sah, erst langsam, auf Umwegen, dann geradeaus und immer schneller und schneller, da vermochte er nicht mehr an sich zu halten. Er stöhnte und schluchzte und stammelte vor Sehnsucht und Liebesbrunst. Er glaubte, seine breite, mächtig gewölbte Brust müsse zerspringen. Er schleuderte den Hut weg, riß sich den Rock vom Leibe, dann die Weste – und nun stand er da wie in der heißen Werkstatt am Amboß, die Brust frei, nur mit dem Hemd bekleidet, die Muskeln bis zum Krachen angespannt…Er streckte die Arme weitaus, die Zweige gingen auseinander, es war ihm, als ob sich der Himmel öffnete – und mit einem Schrei stürzte sich Ursula, die Herrliche, Stolze, Geliebte, an seine weiße Brust.

Und in den Wipfeln rauschte es wie Hochzeitsmusik.

Und die Sonne lachte hin durch den Himmel und durch den Wald.

Und das Leben brauste wie ein Ozean und wälzte schäumend seine Wogen gegen die bebenden Ufer.

Und die ganze Natur schien sich auf den Kopf zu stellen vor unendlichem Glücksgefühl und Beifall zu klatschen, daß sich zwei Menschen in Liebe gefunden.

*

Die fromme Anastasia hatte mit dem Scharfsinn des Mutterherzens, der weit feiner ist, als der des Kopfes, das Richtige getroffen: Joseph war der prädestinierte Priester. Seine äußere und innere Natur war darauf angelegt. Der moderne Priester der streitbaren Kirche im komplizierten Großstadtleben konnte nicht besser und interessanter dargestellt werden, als durch diesen Schmiedssohn aus der Sendlingergasse.

»Wo er das nur her haben mag? Von mir nicht«, brummte wohlgefällig der alte Meister Florian in den Bart, wenn ihm Frau Anastasia eine neue Heldentat des geistlichen Mustermenschen in preisender Rede schilderte.

Ehrwürden Joseph Florian Schropper war von feiner, schlanker Gestalt. Seine Physiognomie hatte etwas Sanftes, Nachdenkliches, Wohlwollendes; der leicht verschleierte Blick des samtartigen braunen Auges war schmeichelnd, karessierend, aber nicht ohne Malice, die Stirn von schöner Form ohne prahlerisch übertriebenen Umfang, die Nase leicht gebogen, der Mund sinnlich, liebenswürdig, lächelnd, das Kinn entschieden, aber doch weich in den Linien.

In dem Kopfe lag eine eigentümliche Mischung des Philosophischen mit dem Gläubigen, des Gefühlvollen mit dem Herrschenden, des Verzichtenden mit dem Unbefriedigten und Suchenden. Die Nasenflügel verrieten ebensoviel Lüsternheit nach dem süßen Geruch des Weihrauchs, als Behagen an den gemischten und stärkeren Parfüms des Salons und Alkovens. Und sprachen die Lippen: »Gnade und Friede und Freude!« so akkompagnierten die Augen: »Ich will, daß meine Liebe euch binde, daß meine Leutseligkeit das Joch eures Willens, meine Demut eure Fessel sei!« Es lag etwas genial Raffiniertes und berechnend Egoistisches in diesem salbungsvollen Doppelspiel der Lippen und Augen. Dazu kam eine modulationsfähige Stimme von vibrierendem Baritonklang als Organ einer Beredsamkeit, die ebenso geschickt war im verführerischen, subtilen Umgarnen und Einfangen des Hörers, wie im dialektischen Abweisen des Gegners und im entrüsteten Zermalmen des unbequemen Sünders.

Seine Seele empfand unbegrenzten Durst nach Popularität und Herrschaft, aber der kluge Geist schwebte zügelnd darüber und sorgte, daß die Befriedigung nicht überstürzt, sondern in kleinen Zügen, in weisen Schlucken geschehe. Damit hing zusammen das hoch entwickelte Talent, sich scheinbar ganz hinzugeben, das Herz weit zu öffnen, sich allen auszuliefern, während in der Tat Gedanken und Gefühle in geschlossener Reserve verharrten.

Diese mit den starken Instinkten des Volkskindes ausgestattete Natur war kostbares Material für die klerikalen Erziehungskünstler. In der Stille des Seminars und des Klosters wurde der Jüngling nach bester römischer Methode sorgfältig für die priesterliche Rolle präpariert, die er in der Welt, und hauptsächlich bei der für kirchliche Interessenpolitik so unschätzbaren weiblichen Hälfte, zu spielen hatte. Nachdem er in den Besitz der akademischen Grade und der kirchlichen Weihen gelangt war, wurde er von den hochwürdigsten Obern zuerst an einer kleinen Kirche probiert und dann seine Laufbahn festgestellt. Das Experiment hatte seine ganz spezielle Begabung für die Seelsorge der Frauen bestätigt; die Art und Bedeutung seiner Mission im Weinberge des Herrn war über jeden Zweifel erhaben.

Die unübersehbare Ausdehnung der modernen Arbeit in den Wissenschaften, in der Technik, in der Industrie, im Handel, in den Börsengeschäften, in der Politik, im Militärdienst, in der internationalen Verkehrswirtschaft, im kolonisatorischen Eroberungswesen hat bei sämtlichen Kulturvölkern den Mann derartig in Anspruch genommen und seine Kraft in Fesseln gelegt, daß er für die zarteren Seiten des Lebens, für die feinere Geselligkeit, für die Liebe, für die Galanterie, mit einem Worte für das entwickelte Ewigweibliche des Daseins nach seinen verschiedenen Ausstrahlungen nur noch einen winzigen Bruchteil an Zeit und Talent erübrigt. Der Kultus des Frauentums, wie ihn frühere Kulturperioden gekannt und geübt, ist beinahe bis auf die historische Erinnerung verschwunden. Ist damit auch der Schatz der Gefühle und Illusionen und phantastischen Bedürfnisse, der von der weiblichen Hälfte des Menschengeschlechts gehütet wird seit Anbeginn, plötzlich zerstreut worden, weil die männliche Hälfte nichts mehr damit anzufangen weiß? Keineswegs. Er hat nur einen anderen Schätzer und Ausbeuter gefunden: die Geistlichkeit. Und mit Hilfe dieses Schatzes wird dereinst die Kirche die glaubenslos und unkirchlich gewordene Männerwelt wieder in ihre dogmatische Gewalt zwingen.

Inzwischen haben die Kleriker sich in den Sympathien der liebes- und trostbedürftigen Frauenwelt, die ewig nach dem Idealen, dem Undefinierbaren und Unendlichen schmachten wird, als regelrechte Besitzer häuslich eingerichtet…

In diesem Ideenkreis bewegten sich heute die Gedanken des frühreifen Studiosus der Philosophie Ernst Gurlinger, als er auf die Wohnung des ehrwürdigen Herrn Joseph Florian Schropper, seines lieben und interessanten geistlichen Freundes, zuschritt. Trotz eines beträchtlichen Altersunterschieds waren sie auf der Lateinschule gute Freunde geworden, und obschon Joseph jetzt in Amt und Würden stand und Ernst noch eine vorläufig unbestimmte Zahl von Semestern auf einheimischen und fremden Universitäten als unersättlicher Säugling an den Brüsten der Weisheit liegen wollte, hatten sie doch die trauliche Intimität der ersten Bekanntschaft bewahrt und gepflegt.

Priester und Student verband eine schier zärtliche Neigung. Dem Priester war es Bedürfnis geworden, an dem zarten, feinsinnigen Philosophen von so ausgebreitetem Wissen und so ruhiger, diskreter Weisheit ein reines, ungefährliches Gefäß zu haben, in welches er die verborgensten Gedanken- und Gefühlsströme seiner kirchlich eingedämmten Zölibatär-Seele ergießen konnte. Denn es gibt einen Empfindungsüberschuß und ein Mitteilungsbedürfnis, womit selbst die Kirche und ihre Diener zuweilen nichts anzufangen wissen. Der Philosoph empfand dieses Vertrauen des Priesters nicht nur mit freundschaftlichem Stolz, sondern er würdigte es auch von dem Standpunkt des Wissenden, der sich nicht genug tun kann in der Aufstöberung und Sammlung humaner Probleme und philosophischer Rätsel.

Für heute hatte ihm Joseph ganz besonders intime und interessante Aufschlüsse versprochen. Jetzt trat er in das altertümliche, aber gar reinliche und anheimelnde Rochusgäßchen; hier lag die Priesterwohnung zwischen stillen, ganz urgroßväterlich gemahnenden Häuschen mit hohen, steilen Ziegeldächern, auf denen die Juninachmittagssonne spielte.

Er stieg eine schmale, blendend weiß gescheuerte Stiege hinan, klopfte an die Tür links und trat auf ein sonores »Herein!« über die Schwelle.

Joseph saß im gepolsterten Lehnstuhl, ein Pastellbild, sein eigenes Porträt, betrachtend. Ohne sich zu erheben, streckte er dem Freunde beide Hände zum Gruß entgegen. Bei der Bewegung streifte er mit dem Ellbogen ein mürbes Milchbrötchen vom Tisch.

»Sei willkommen, mein Sohn!«

Ernst Gurlinger bückte sich, hob das Brötchen auf und betrachtete es lächelnd.

»Einfaches Gebäck, lieber Ernst, mein gewöhnlicher Nachmittagsimbiß mit einem Gläschen Bordeaux, wie du weißt. Was findest du Merkwürdiges daran, mein Philosoph?«

»Am Brötchen?«

»Ja.«

»Am Brötchen an sich wenig, aber einiges an seiner Geschichte.«

»Du machst mich neugierig; laß' hören, mein Sohn!«

Indem Ernst das Brötchen vorsichtig auf den Tisch legte: »Es berührt eigentümlich, daran zu denken, daß gegen dieses unschuldige Gebäck von den Kanzeln herabgeeifert wurde, daß die Geistlichkeit die ersten Milchbrötchen als eine teuflische Neuerung verdammte und behauptete, das sei eine dem Leib und Seele gleich schädliche Speise, erwecke unreine Gedanken und sündhaften Appetit.«

»Wann geschah das?« fragte Joseph sanft.

»Nach der Einführung des neuen Brotes, vor etwas über zweihundert Jahren, unter der allerchristlichsten Königin Maria de Medici von Frankreich.«

»Das ist etwas lange her. Und wie erklärt deine Philosophie die geistliche Abneigung gegen dieses wohlschmeckende Gebäck?«

»Im allgemeinen aus der fatalen Lust der Geistlichkeit, sich in die unbedeutendsten Dinge zu mischen und sich sogar zu Vormündern der Bäcker und Köche aufzuwerfen, wenn Aussicht besteht, durch diese Einmischung ein Titelchen der kirchlichen Autorität beizufügen und die große Herrschaft der Kirche selbst durch ein Nichts zu befestigen.«

»Fehlgeschossen, mein Sohn!« erwiderte Joseph sich erhebend und seinem Freunde zärtlich die Wange streichelnd. Deine Philosophie ist im Irrtum.«

»Wieso?«

Joseph trat an seine Bücherei und zog einen schweren Folianten heraus. Nach einigem Blättern »Da, lies! Oder gestatte, daß ich dir vorlese, wenn es dem Theologen wohlansteht, dem Philosophen das Leben so bequem als möglich zu machen: Da es Mode geworden war, den Namen der geliebten Person auf ein noch warmes, eben erst aus dem Ofen gekommenes Milchbrötchen zu schreiben, weil der Aberglaube einem solchen, wenn es von der bezeichneten Person verspeist wurde, die Kraft andichtete, Gegenliebe zu erwecken, so verordneten die kirchlichen Obern von Paris usw. Du siehst, wir sind gegen jede Anklage gewappnet!«

»Habe ich auch gewußt, lieber Joseph; ich wollte dich nur ein wenig necken, weil ich dich so gedankenschwer brütend im Großvaterstuhl fand.«

»Ich habe in der Tat heute keinen guten Tag.«

»Darf ich so indiskret sein, zu erraten warum?«

»Setz' dich an meiner Stelle in den Großvaterstuhl und sei so indiskret wie möglich! Doch laß dich zuvor umarmen, braver, trauter Junge!«

»Du hast darüber nachgesonnen, welchen Namen du im gegebenen Fall auf das warme Milchbrötchen schreiben würdest…«

»Sündhafter Schelm!« drohte Joseph, sich auf die Armlehne setzend und seinen Arm um den Nacken des philosophischen Freundes schlingend. »Hast du mein neuestes Bild schon gesehen?«

»Das wievielte in der Reihe?«

»Das Dutzend ist jetzt voll. Dies ist aber in der Tat ein Kunstwerk von entschiedenem Wert und keine wohlgemeinte Stümperei, die man nur um des Spenders willen nicht ablehnen mag.«

Ernst Gurlinger griff nach dem Bilde: »Sag' um der Spenderin willen. Wahrhaftig, sehr feine Leistung und sprechend ähnlich. Wieviele Sitzungen hast du daran gewendet?«

»Keine einzige. Das Bild ist offenbar nach meiner neuesten Photographie bei Stuffler gemacht. Künstler und Spender sind mir gleich unbekannt…«

»Ich muß dich wieder korrigieren. Man sagt: Künstlerin und Spenderin!«

»Wie du befiehlst. Ich habe das Werk heute früh anonym zugestellt erhalten.«

»Du hast keine Ahnung?«

»Was sollen Ahnungen besagen, wenn man nach Gewißheit verlangt?«

»Ahnungen weisen oft auf den Weg, der zur Gewißheit leitet.«

»Offen gestanden, die ganze Bildermanie fängt an, mir unerträglich zu werden. Das Dutzend ist, wie gesagt, jetzt voll. Meine Beichtkinder haben wie auf Verabredung mir mein Porträt nun in allen möglichen und unmöglichen Saucen serviert, in Kreide, in Pastell, in Öl, auf Leinwand, auf Glas, auf Pappendeckel. Es ist lächerlich. Es ist auch unwürdig.«

»München ist Kunststadt, darin muß sich auch der Geistliche, der beliebteste Prediger und Beichtvater der Damenwelt zumal, in christlicher Geduld fügen.«

»Spotte nicht! Es wird wirklich zu bunt. Das nächste Bild wird unbarmherzig zurückgewiesen. Da sieh her: drei Briefe allein in der heutigen Post, wovon zwei mich mit der ewigen Bettelei um eine Sitzung oder wenigstens um Überlassung einer speziell aufgenommenen Photographie in einer bestimmt bezeichneten Pose quälen.«

»Und der dritte Brief?« fragte Ernst mit Betonung.

»Interessiert nur den Gewissensrat und Seelenarzt.«

Joseph und Ernst hatten sich erhoben.

»Dann interessiert er auch als menschliches Dokument, wie die französischen Naturalisten sagen, den Psychologen in hohem Grade.«

Joseph betrachtete seinen Freund lange mit einem forschenden Blick.

»Ein neuer Beweis meiner großen Freundschaft für dich: hier, lies den Brief!«

Es waren zwei engbeschriebene Seiten. Ernst begann halblaut zu lesen:

»Hochwürdiger Herr! Geliebter Seelsorger! Hoffnung und Trost meiner Seele! Ich leide unaussprechlich. Die Brutalität des Lebens erdrückt mich. Die Wirklichkeit des lieblosen Seins ruht wie ein Zentnergewicht auf meinem Gemüte. Ich ersticke. Wie der totmatte Hirsch schreit nach einem frischen Wasserquell, so schreit meine Seele zu Gott; Gott aber hat mich an Ihre Liebe und Barmherzigkeit gewiesen. Sie sind mein Ideal. Im Traum schwebe ich in Ihr Herz wie in eine selige Unendlichkeit. Verstoßen Sie mich nicht länger. Sie sind mein einziger Rettungsanker. Gewähren Sie mir ein letztes mündliches Wort, nicht in der Kirche, nicht im Beichtstuhl, an einem dritten Ort…« Von hier ab überflog der Leser stumm das Blatt. Unterschrift »Sine.« Soll das »ohne« bedeuten oder Abkürzung eines Namens sein? fragte sich Ernst nachdenklich.

«Und du hast wieder keine Ahnung, wer die Briefschreiberin ist?«

»Keine. Du siehst ja, sie wünscht in der Nachschrift die Antwort postlagernd unter ›Sine‹. Die Handschrift sehe ich zum erstenmal. Gänzlich unbekannt.«

»Du wirst antworten?«

»Ich habe geantwortet; das gebietet mein Gewissen.«

»Wie?«

»Nach der gewöhnlichen Schablone. Du kannst die Antwort übrigens in meinem Konzeptbuch gleichfalls lesen.«

Ernst las: »Meine Tochter! Deine Seele hungert und dürstet nach dem Ideal. Wo ist das Ideal? Das Ideal ist in Gott, nur in ihm allein, in keiner staubgebornen Kreatur. Wenn wir ganz in Gott aufgehen, mit Leib und Seele uns seinem Dienste, seiner Betrachtung, seiner Anbetung weihen, dann genießen wir schon hienieden die selige Unendlichkeit, und alles Endliche und Schmerzliche der alltäglichen Wirklichkeit hat keine Macht mehr über unsere unsterbliche Seele. Darum, meine Tochter, lasse nicht ab, Dich dem Herrn Himmels und der Erde zu opfern usw., usw.«

Der Philosoph schüttelte den Kopf.

»Was hast du gegen die Antwort, sprich?« fragte der Priester gelassen und sein Erstaunen verbergend.

»Ich halte die Antwort nicht für glücklich.«

»Da seh einer her! Sie ist dir zu feurig, zu…?«

»Im Gegenteil. Zu abstrakt, zu unpersönlich, zu…«

»Zu unpersönlich, halt! Wie schlecht du doch noch immer die Stellung eines Priesters meiner Art kennst, liebster Ernst! Zu unpersönlich – das ist kostbar naiv, erlaube mir! Wie viele Beispiele habe ich dir nicht schon erzählt von der Leidenschaft, mit welcher unsereiner von den unverstandenen Jungfrauen und Frauen verfolgt wird, wie sie im Beichtstuhl, in der Sakristei, in der Amtswohnung, auf Spaziergängen, bei Besuchen, kurz, wo sich nur die geringste Möglichkeit persönlicher Annäherung bietet, auf uns eindringen, auf uns einstürmen. Und es ist nicht immer der Geistliche, nicht immer der Gewissensrat, den sie in uns suchen – es ist der Mann, zu dem sie gelangen wollen, und jener soll nur die Hand zur Vermittlung bieten; es ist nicht immer die Sündenlast, die sie vor uns auf die Knie fallen und unsere Soutane küssen läßt, es ist die Sündenlust, der dämonische Reiz, den Mann des heiligen Amtes zum unheiligen Genossen mystisch-sinnlicher Ausschweifung zu haben; es ist andächtig schwärmende Sinnenbrunst, die an der Brust des Priesters nach Befriedigung lechzt… Das, mein Freund, ist der letzte geheime Grund der Bilder, welche fromme Damen für mich malen, der Hunderte von Briefen und Gedichten, welche sie mir schreiben, der unbelauschten Unterredungen an profanen Orten, welche sie flehentlich von mir heischen…«

»Gut, das räume ich alles ein. Wenn ich sagte, die Antwort erscheine mir zu unpersönlich, so meinte ich nur, daß sie zu wenig auf die Person der Briefschreiberin eingehe, ihre besondere geistige Individualität nicht stark genug ins Auge fasse.«

»Nehmen wir doch lieber gleich, statt aller weitschweifigen Erklärungen, ein konkretes Beispiel! Wie würdest du, Ernst, den vorliegenden Brief beantwortet haben?«

Der Philosoph besann sich einen Augenblick, dann sagte er langsam und bestimmt: »Ich hätte die Briefschreiberin, wenn sie nun doch einmal nur mit Luft bedient sein kann, nicht mit theologischer, sondern mit poetischer Luft angeblasen. Das hätte sie zunächst vielleicht noch etwas mehr erhitzt, zuletzt aber sicher um so gründlicher abgekühlt. Zu einer doppelten Dosis Mitleid noch eine Dosis feiner Ironie könnte die Wirkung nur erhöhen. Eine Briefschreiberin, die sich phantastisch mit ›Sine‹ unterzeichnet, müßte sich zunächst auch eine phantastische Anrede gefallen lassen. Meine Antwort würde ungefähr so lauten: Geliebte Illusion Sine! Du leidest wie eine Märtyrerin, Du seufzest wie eine Heilige. In schmerzlicher Sehnsucht erwartest Du einen Tag voll Licht und Befriedigung, der in diesem Tal der Tränen nie anbrechen wird, für Dich so wenig wie für andere. Es ist eine schöne Täuschung in einem Menschen, in einem Weggenossen auf der Wüstenreise dieses Lebens sein Ideal erblicken zu wollen, aber doch nur Täuschung, der neue Bitternis folgen muß. Glaube mir, bei richtiger Schätzung der Dinge wird Deine Seele auf den Wogen des Schmerzes, auf welchen Deine Leidenschaft hilferufend umhertreibt, ganz gewiß eine größere und reinere Lust empfinden lernen, als sie Dir jemals eine sinnliche Befriedigung Deiner Begierden gewähren könnte. Habe Geduld und Mitleid mit dem Weltgenossen, dessen Barmherzigkeit Du so stürmisch forderst. Er ist vielleicht nicht weniger elend als Du. Und wenn er sein Elend mit dem Deinigen vereinen wollte, wer bürgt Dir dafür, daß Ihr das Doppelelend als Glück empfinden müßtet? Von ihm weiß ich, daß er's niemals als solches empfände. Also laß ab von Deinem Verlangen! Schwinge Dich auf zu Gott und seinen Heiligen, meine geliebte Illusion, aber hüte Dich, immer wieder auf Deinen Mitmenschen zurückzufallen, und durch diesen Fall sein Leid und das Deinige zu vermehren usw.«

»O Freund«, erwiderte der Priester, »Wie wenig du die Weiber kennst! Deine Antwort hältst du für eine wirksame Abfertigung? Die meinige mag es nicht sein, aber die deinige ist es ebensowenig. Ich könnte dir Beispiele erzählen von der Unermüdlichkeit des weiblichen Angriffs, die dich von deinem poetischen Wahn rasch kurieren würden.«

»Kuriere mich! Du hast mir ja ohnehin für heute eine Überraschung versprochen, die darfst du mir nicht schuldig bleiben, und in diesem Falle wäre es sogar eine gegenseitige, denn eine gelungene Kur pflegt den aufrichtigen Arzt nicht weniger zu überraschen, als den skeptischen Kranken selbst.«

»Ich habe heute wirklich keinen guten Tag, mein Sohn.«

»Das merke ich. Darum tut dir Zerstreuung um so mehr not. Erzähle mir von den phänomenalen menschlichen Dummheiten und Lasterhaftigkeiten; ihre Tragik reicht immer noch zu einer sanften Aufheiterung der Weisen und Entsagenden aus.«

»Jetzt quälst auch du mich. Das fehlte noch!«

»Je mehr ich dich quäle, desto leichter wirst du die Quälerei der andern vergessen.«

»Das ist doppelsinnig.-

»Wie jede gute Bemerkung eines Philosophen, der sich an dem Theologen reibt. Die Schwärze färbt ab! Geh', Joseph, erzähle mir die versprochene Geschichte aus dem Martyrologium der Liebe! Irgendeinen Totentanz…«

»Gut. Der Dulder fügt sich. Nun sollst du aber auch einmal alles hören. Machen wir's uns jedoch erst wenigstens körperlich bequem. Was sagst du zu dem neuen Kanapee? Raffiniert, nicht wahr?«

»Ich bemerke überhaupt jetzt erst eine Menge neuer Einrichtungsgegenstände von einer bei dir ungewöhnlichen Solidität und Pracht…«

»Wieder doppelsinnig.«

»Nein, wahrhaftig… Kanapee, orientalische Teppichvorhänge an den Türen, ich verstehe ja von diesem Zeug nichts, aber es scheint sehr hübsch; eine verhüllte Psyche in der Ecke, na, na… Christus sogar ist im Werte gestiegen, denn dieses prächtige Elfenbeinkruzifix, welches jetzt das hölzerne von ehemals ersetzt, hat gewiß mehr als dreißig Silberlinge gekostet… Zinnkannen, Majolikakrüge… Lauter fromme Stiftungen, oder hast du einen verborgenen Schatz entdeckt?«

»Wieder ironischer Doppelsinn, lieber schlechter Mensch! Man schreitet eben mit seiner Zeit vorwärts, was auch die Welt von den reaktionären Pfaffen sagen mag. Wir essen Milchbrötchen, gegen die einst unsere französischen Kollegen geeifert, wir bedienen uns der Eisenbahnen und Telegraphen und andrer Errungenschaften der verteufelten Naturwissenschaft; warum sollen wir nicht auch in stilvoll eingerichteten Zimmern wohnen und als Römlinge, die wir nun doch einmal sein müssen, für altdeutsche Behaglichkeit schwärmen?«

»Alles zur größeren Ehre Gottes. Ich liege hier wirklich ganz köstlich. So, jetzt schließe ich die Augen, lieber Joseph, und Euer Hochwürden mögen ganz ungeniert die errötendsten Geschichten erzählen. Aber wo du all' das Heidengeld zu diesen schönen Sachen her hast, mußt du mir gelegentlich auch noch verraten… Du spekulierst doch nicht mit der Spitzeder zusammen?…«

»Du ahnungsvoller Engel, du«, murmelte der Priester.

»Hast du etwas gesagt?«

»Nein. Bestehst du noch darauf, die Geschichte zu hören?«

»Wie auf meiner Seligkeit. Vorzügliches Kanapee! Wenn ich einschlafe, soll die Schuld nicht deiner Geschichte beigemessen werden. Erzähle! Ich bin ganz Ohr und Behaglichkeit und, wenn man so göttlich gelagert ist, auch ganz Milde und Nachsicht.«

Ein schöner, sonniger Nachmittagsfriede webte in dem priesterlichen Heim. Wie die sanften Atemzüge eines glücklich Schlummernden gingen die Pendelschwingungen der großen alten Wanduhr in dem dunkelbraunen Gehäus. Nirgends störte ein zu lauter Ton, eine zu helle Farbe. Alles war milde, abgedämpfte Harmonie in der traulichen Stube, wie von selig in sich selbst versunkener Andacht überhaucht.

Der Priester lehnte sich in den Großvaterstuhl zurück, das Gesicht seinem Freunde zugekehrt, als wollte er in dessen Zügen die Wirkung der Erzählung verfolgen. Gurlinger ruhte mit geschlossenen Augen ausgestreckt auf dem Kanapee, wie eine schlummernde Statue auf dem Sarkophage, ein Bild edelster Ruhe. Das Profil des bartlosen Gesichtes zeigte die reinsten Linien, der schlanke Gliederbau elastische Jugendlichkeit.

Joseph begann mit halblauter Stimme wie einer, der ohne persönliche Teilnahme und deshalb auch ohne jede Erregung in Betonung und Modulation aus einem Buche vorliest.

»Ich sehe einen bleichen Knaben mit dem Bücherpäckchen unter dem Arm durch die Sendlingergasse schreiten. Gleichgültig, ob er von der Schule kommt oder zur Schule geht, der Ausdruck seines Gesichtes ist wie der seiner Bewegungen stets der gleiche; auch das Straßenbild scheint stets im wesentlichen das nämliche zu sein. Große und kleine Kaufläden mit farbigen Ladenschildern und Inschriften, abwechselnd mit Bäckereien und Wirtshäusern, wo man durch die großen, tiefen Fenster die Gäste auf den Holzbänken und die Reihen der steinernen Maßkrüge auf den langen, dunklen Tischen erblickt und ein dumpfes Gewirr von Stimmen vernimmt, dazwischen zuweilen den spitzigen Ton einer Geige oder das elegische Gezirpe einer Zither; dann wieder schmale Haustüren, die durch einen engen, düstern Gang in den Hof oder über eine schmale Treppe in die oberen Gemächer leiten; auf der anderen Seite eine Zeitungsexpedition in einem weitläufigen Gebäude mit einer kasernenähnlichen, geschäftsmäßig langweiligen Fassade; in der Straße ein häßliches, prosaisches Gewoge von Menschen und Fuhrwerken; Land- und Stadtleute, Vornehmere und Geringere schieben aneinander vorüber; selten daß ein liebes Wort fällt, oder ein Mund zum Gruß sich öffnet; alles scheint sich fremd zu sein, von einem Wind in diese lange, krumme, unschöne Straße zusammengekehrt und in Bewegung erhalten. Auch der bleiche Knabe mit dem Bücherpäckchen unter dem Arm schreitet fremd unter den Fremden dahin und achtet ihrer nicht. Er liest in niemandes Seele und niemand liest in seiner Seele, wo die Helden Griechenlands und Roms wieder lebendig geworden und sich ruhmvolle Treffen liefern im Wettkampf um die Palme des Siegs und herrlicher Unsterblichkeit. Denn der Knabe ist Zögling einer gelehrten Schule, und die Alltagsprosa der modernen Welt ringsum spricht nicht zu seinem ideal gestimmten Geiste. Nur wenn er sich der Ecke nähert, wo die Rosentalgasse in rascher Senkung abbiegt, dort wo das stattliche Haus steht mit dem vornehmen Erker und der darüber gemeißelten Rose aus rotem Sandstein, da kehren seine Gedanken aus Hellas und Rom zurück, ein seltsamer Zauber erfaßt sein Gemüt, seine Schritte verlieren den gewohnten Rhythmus, zögernd und sich umwendend geht er vorüber und seine leuchtenden Augen spähen nach einem Fenster empor, wo hinter roten Nelken und gelben Levkojen eine Mädchenblume blüht, schöner als alle Blumen der Welt, poetischer als alle Dichter und Helden des klassischen Altertums. Und wie oft er auch des Weges kommen mochte, eine geheime Gewalt zog sein Auge nach jenem Fenster, und eine heiße selige Empfindung nahm er mit fort, wenn er des holden Mädchens ansichtig geworden, und ein dunkeltrauriger Tag war es für ihn, wenn er ohne diesen Blick davon mußte.

Monate gingen vorüber. Es kam der Herbst in die Welt und dann der Winter, und die Sendlingergasse war im eisigen Schneegestöber des Winters nicht erfreulicher, als in den heißen Staub- und Wetterwolken des Sommers. Und doch wußte sich das bleiche Studentlein in ganz München keine liebere Gasse mehr. Ihr war fortan nichts mehr vergleichbar. Je sehnsüchtiger er nach jenem Mädchen ausschaute, und je freundlicher es seinen Blick erwiderte – o unvergeßlichster aller Neujahrstage, da war's das erstemal und lila Hyazinthen blühten am Fenster, und vom Weihnachtsfest grünte und leuchtete noch das Reisig des Christbaums – desto schöner erschien ihm auch die Sendlingergasse, desto imposanter und heldenhafter ihr Leben und Verkehr. Und als er dann noch in der Schule von dem heroischen Kampf der Bauern am Sendlingertor hörte, da erblaßte selbst der Glanz der Thermopylen, und die bayrischen Helden waren ihm bewunderungswürdiger, als die tapferen Mannen des Leonidas. So revolutionierte das Auge eines Kindes die ganze Welthistorie. Und hatten schon die Augen vom Fenster aus so viel vermocht, so geschah noch Ungeheuerlicheres, als gegen den Ausgang des Winters das Studentlein zum erstenmal dem wundermächtig herrlichen Mädchen in ganzer Lebensgröße auf der Straße begegnete. Er hätte niederknien mögen in den Straßenkot und es anbeten wie eine Madonna. Es war ihm als höbe ihn ein Zauber vom Boden, als ginge er nicht mehr auf den Füßen, sondern schwebe mit unsichtbaren Fittichen in der Luft. Dann wieder schritt er wie ein todesmutiger Held einher, wünschend, eine unerhörte Riesentat vollbringen zu können, um dem Mädchen seine unendliche Liebe zu bezeugen. Ja, jetzt war's klar, er verhehlte sich's selbst nicht mehr, der arme Junge – er war bis über die Ohren verliebt.

Als er aber in demselbigen Frühjahr aus der lateinischen Schule in die geistliche Anstalt übertreten mußte, da war's mit aller Herrlichkeit des Sehens auf lange vorbei. Doch das Bild der Holdseligen hatte sein treugehütetes Plätzchen im Herzen des Jünglings; das vermochte ihm keine klösterliche Zucht zu entreißen. Die Jubelzeit der Ferien rückte heran. Da kam, was so heiligend und beseligend gewirkt und kalte, dunkle Jahre durchglänzt und durchsonnt hatte, von selbst zu Fall. Der Jüngling im schwarzen Gewande des Klerikers war hinfort jeder Versuchung überhoben: er hatte auf seinem letzten Feriengang seine erste und einzige Mädchenliebe am Arme eines anderen Mannes, des Bräutigams, gesehen, und als sie aneinander vorübergeschritten waren und der fremde Mensch zu seiner Braut eine boshafte Bemerkung über den ›komischen Schwarzrock‹ gemacht, und jene mit einem beifälligen Kichern darauf geantwortet hatte, da war der Liebestraum der Sendlingergasse zerronnen für immer. Der Kleriker klomm Stufe um Stufe den Kalvarienberg seines gottgeweihten Berufs hinan. Jenes Mädchen, das inzwischen Braut und Frau geworden, war für ihn bis auf die Erinnerung verschollen. Wohl erschien ihm noch zuweilen im Traum die feine, schmächtige Gestalt mit dem lieblichen Kindergesicht und dem versengenden Blick der großen, glühenden Augen, aber ihre Haare waren zischendes Schlangengeringel, aus ihrem kichernden Munde kroch ekelhaftes Gewürm – und der höllische Spuk hatte keine Gewalt über die fromme Stimmung des Geweihten.

Da ereignet sich Unerwartetes. Verschlungen und unerforschlich sind die Pfade des Schicksals. Eine zerknirschte Sünderin naht sich dem Beichtstuhl des Priesters und entrollt eine tränenreiche Jammergeschichte von häuslichem Elend, von Verrat und unsäglicher Pein, die sie vom Manne erduldet. Nach kurzer Zeit betritt sie wiederum die gnadenreiche Stätte im Witwenschleier und legt ihr verödetes, zerrissenes Herz bloß, das nur noch Raum habe für eine einzige Liebe – eine frevelhafte, aber seliger, denn alle Seligkeit. Der Diener Gottes leidet mit der Leidenden, aber er sündigt nicht mit der Sünderin und wäre sie hundertmal der erhabenste Liebestraum, der Abgott seiner Jugend gewesen. Und diese ist es gewesen. Er spricht sie in unerschöpflicher Barmherzigkeit aller Schuld ledig und glaubt, die Unglückliche entsühnt entlassen zu haben, als sie plötzlich umkehrt und in wahnsinnig leidenschaftlicher Sprache, die wie glühende Lava aus dem Krater ihrer Seele eruptiert, dem Priester ihre Liebe erklärt. Sie reißt mit konvulsivischer Hand am Gitter des Beichtstuhls. Der Priester entflieht und läßt sie ohnmächtig liegen. Mit Hilfe des Kirchendieners entfernt sie sich schließlich. Kein anderes sterbliches Auge hat zum Glück die schreckliche Szene gesehen. Seit jener Stunde verfolgt sie den Priester, gebärdet sich wie eine Irrsinnige, schmeichelt, droht, dichtet sich die fabelhaftesten Laster an. Noch einen Versuch hat die Güte des Priesters letzthin gewagt. Anfangs schien sie gefaßt, dann kam der Dämon wieder über sie. Sie ist keine Rettung mehr… keine…«

Die letzten Worte des Priesters waren in kaum vernehmlichem Flüsterton gesprochen.

Ernst Gurlinger hatte sich vom Kanapee erhoben und saß aufgerichtet dem Freunde gegenüber. Die Abenddämmerung war hereingebrochen. Die hohen Dächer vermehrten die Dunkelheit des Gemachs. Aus der Nachbarschaft tönte ein auf dem Klavier geschundener Walzer herüber, und ein Kanarienvogel zwitscherte sein Abendlied dazwischen. Der Priester trat ans Fenster und schloß die offnen Flügel. Lange Minuten vergingen und es fiel kein Wort.

Gurlinger wandelte nachdenklich durchs Zimmer, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt. Dann brach er das Schweigen, indem er in eigentümlich kühlem, wissenschaftlich nüchternem Ton sagte: »Im zweiten Teile der Erzählung hat besonders ein Punkt mein Interesse gereizt. Hierüber wünschte ich näheren Aufschluß.«

»Über welchen Punkt?« fragte der Priester leise, der sich wieder im Großvaterstuhl niedergelassen hatte.

»Wo der Erzähler meldete, sie dichte sich fabelhafte Laster an. Welcher Art sind diese Laster? Ist die Erfindung derselben eine bewußte oder unbewußte? Hat sie ihre Wurzel in irrsinniger Phantasie oder berechnender, die Lasterhaftigkeit des Hörers voraussetzender Absichtlichkeit?«

»Ich kann nur auf die erste Frage eine kurze Mitteilung machen. An die Beantwortung der anderen wage ich mich heute nicht heran; soviele Fragen, soviele Probleme. Vor nicht langer Zeit bildete in München ein skandalöser Ball das Stadtgespräch. Mehrere Lebemänner und Lebefrauen, natürlich den sogenannten besseren Ständen angehörig, hatten eine nackte Tanzorgie veranstaltet. Trotz der größten Vorsicht war die Sache ruchbar geworden. Es wurden Namen genannt. Die Polizei stellte Nachforschungen an. Positive Resultate kamen nicht ans Licht. Der Skandal ist unaufgeklärt geblieben. Jene Sünderin nun verschwor sich, dabei beteiligt gewesen zu sein; sie berichtete die schamlosesten Einzelheiten, beschrieb die Gestalten, die Bewegungen, die gehabten Empfindungen – und das alles im Ton ekstatischer Reue. Es konnte aber festgestellt werden, daß ihre Teilnahme an jener Orgie zeitlich und räumlich die pure Unmöglickeit gewesen wäre.«

»Noch eine Frage: wie erklärt sich's, daß jenes Abenteuer des Studentleins in der Sendlingergasse selbst vor seinem intimsten Freunde geheimgehalten wurde bis auf den heutigen Tag?«

»Der Erzähler nimmt sich die Freiheit, in diesem Augenblick sich für überfragt zu erklären.«

»Ist auch der Name, wenigstens der Vorname jenes Mädchens nicht zu erfahren?«

»Seraphine.«

»Also Sine, da haben wir's!« rief der Philosoph schlagfertig.

»Herr des Himmels, wenn du Recht hättest!« fuhr der Priester auf.

Doch faßte er sich schnell wieder und sprach im Tone erzwungener Gelassenheit: »Laß' uns gehen, Freund; es ist spät, und ich habe noch einen notwendigen Besuch zu machen. Wenn dir's beliebt, können wir eine Strecke zusammen gehen.«

»Noch eine Bitte, Joseph, die letzte für heute und vielleicht für lange, denn ich muß morgen eine Gebirgsreise antreten.«

»Sprich!«

»Gestatte mir, deine sämtlichen Porträtbilder zu mustern.«

»Wozu?«

»Ich vermute, daß sich auf mehreren ein Zusammenhang mit Sine entdecken ließe…«

»Heute nicht mehr. Es ist zu dunkel. Wenn du wiederkehrst.«

Die Freunde verließen schweigend das Gemach. Der Vorraum und die Treppe waren noch unbeleuchtet. Es dunkelte stark. Sie tasteten sich hinaus und die Treppe hinab. An den untersten Stufen lag eine unkenntliche Gestalt und versperrte den Weg. Sie richtete sich halb empor und umklammerte das Knie des voransteigenden Priesters.

»Wer da?« schrie er halb erschreckt, halb drohend.

»Sine läßt um eine andere Antwort bitten… Sie stirbt… Die Wasser gehen ihr bis an die Seele…« klang die Antwort erschütternd dumpf wie aus Grabestiefe.

»Hebe dich von dannen, Weib! Was habe ich mit dir zu schaffen?«

Der Priester griff nach dem Arm seines Freundes, faßte ihn fest und schritt an dem Weib vorüber.

*

Wie gewöhnlich war Max auch heute der Erste in der Schmiede gewesen. Diesmal allerdings nicht aus bloßem Arbeitstrieb. Er hatte die Kohlen aufgeschüttet, die Werkzeuge untersucht, die Arbeiten für den Tag vorbereitet, sogar die Werkstatt mit dem Besen gereinigt. Wenn jetzt Vater und Gesellen kamen, war alles am rechten Platz, und sie durften nur Hand anlegen und die Arbeiten in der Reihe ausführen, wie sie Max angeordnet.

Die Gesellen traten sonst mit dem Glockenschlag herein; heute hatten sie sich alle verspätet. Sie sahen übernächtigt und duselig drein; ihre Mienen waren schlaff, ihre Augen trüb. Erklärlich! Den Abend vorher und die ganze Nacht hatten sie scharf gezecht. Einer der Kameraden hatte bei der Spitzeder sein Glück gemacht. Obzwar er nicht die geringsten Finanzkenntnisse besaß und kaum des Rechnens und Schreibens mächtig war, bekam er doch durch geistliche Protektion eine Stelle als Aushilfs-Buchhalter in der Spitzederschen Volksbank.

Der über Nacht zum Finanzmann avancierte Schmiedsgesell hatte fast nichts zu tun, bezog dafür aber ein Gehalt, dessen Tagesbetrag höher war, als früher sein ganzer Wochenlohn. Nun wollte sein gutes Herz sich nicht lumpen lassen; die alten Kameraden sollten von seinem Glück und Wohlleben auch ihr Teilchen haben. So kam die lustige Nacht zustande mit Geigen und Flöten und Dideldumdei, mit den auserlesensten Speisen, dem kräftigsten Bier, den schönsten Weinen – und »Schampus« in ungezählten Flaschen. Einmal die Schmiedsgurgel in Champagner baden dürfen, ohne einen Pfennig aus der eigenen Tasche zu ziehen, Donnerwetter, da heißt's zugreifen und seine Stärke zeigen! Herrgott, der Zaubertrunk!

Und da bekanntlich nach urältester Erfahrung »ohne Damen kein Vergnügen«, so hatte der Schmiedsgesell-Bankbuchhalter in weiser Vorsicht dafür Sorge getragen, daß auch diese Nummer des Festprogramms nicht zu schwach besetzt war.

Wie Braten und Wein, so gab's »Damen« von allen Sorten, kälberne, schweinerne, fette, magere, moussierende, stille, süße, herbe… Ja, das war ein unvergeßlicher, kreuzfideler Abend!

Der Woserl vergriff sich und nahm statt des Hammers eine lange Zange und schlug auf den Amboß – und daneben.

Hiesl zog sein großes Maul schief und schrie: »O der Halunk'!« und wollte sich schier ausschütten vor Lachen.

Woserl wurde wild. Wenn er benebelt war, verstand er keinen Spaß mehr. Ein Kollege von der Zentralwerkstätte hatte ihn ohnehin auf dem Fest beleidigt. Dreimal hatte ihm der infame Mensch die Tänzerin, eine fesche Haidhauser Dirn, auf die er den ganzen Abend ein verliebtes Auge geworfen – er hatte nur noch ein einziges – weggeschnappt. Hätte ihn nicht der Respekt vor dem generösen Festgeber zurückgehalten, er wäre imstand gewesen, dem Nebenbuhler fünf Zoll Eisen in die Rippen zu stoßen. Daß er's nicht getan, wurmt ihn jetzt noch. Vielleicht erwischt er ihn doch noch einmal, den Lackl…

»Hiesl, reiz' mich nicht! Heut' bin ich kein Guter, verstehst mich?« knurrte er und schmiß die Zange in die Ecke, daß es klirrte.

Der Sepp stieß begütigend den Hiesl mit dem Ellbogen an und summte das gemütliche Lied:

Mer san ja die lustig'n Hammerschmiedsg'sell'n,
Könna fortgehn, könna dableib'n,
könne tun was mer woll'n.

»Ja«, sagte jetzt Max, »das beste ist, Leut', ihr geht heim und schlaft euch ordentlich aus. Nach einer solchen Nacht schmeckt freilich die Arbeit nicht. Das ist begreiflich. Also macht in Gottes Namen heut einen Blauen. Ich hoff' aber, einmal ist keinmal! Die Arbeit kann ich mit dem Meister schon allein zwingen. Geht nur, geht!«

Und die Gesellen, von soviel Güte und Nachsicht überrascht, trollten, verlegen dankend, einer nach dem andern davon.

Max blieb mit dem Vater allein in der Werkstatt zurück. Der Alte machte verwunderte Augen. Der Sohn schrie ihm eine kurze Erklärung des Vorgangs in die Ohren. Meister Florian nickte mit dem struppigen Kopf: »Is so weit nit aus; bin a amal jung g'wes'n.« Dann lächelte er vor sich hin und hämmerte munter drauf los. Heute waren es gerade dreißig Jahre, daß er auf die Schmiede kam und die Tochter des vorigen Besitzers heimführte. Kein Mensch schien daran zu denken. Tut nichts. Der Alte wird sie heute Abend alle überraschen, wenn er die Gedenktafel mit dem Wahrzeichen am Hause anbringen läßt. Dreißig Jahre! Als armer Handwerksbursch war er von Tölz nach München gekommen. Nun steht er noch in Gesundheit und Kraft am eigenen Amboß; oben in der schmucken Stube hantiert sein frommes, auch noch leidlich gesundes Weib und hütet die Ehre des Hauses und die in treuer, emsiger Arbeit erworbenen Schätze; der Jüngste ist wohlbestallter Pfarrherr, der Älteste Erbe der »goldenen Schmiede«…

Meister Florian konnte nicht recht zum Entschluß kommen, ob er heute doch nicht den Max sondieren sollte und ihm nahelegen, an die Gründung des eignen Hausstandes und Übernahme des Geschäftes zu denken. Es wär' ja so natürlich, und doch kommt's ihm kurios schwer an. Der Max ist in dem Punkt aber auch ein so sonderbar verschlossener Mensch… Na, heute Abend ist auch noch Zeit. Joseph ist eingeladen, ein paar gute alte Freunde, da gibt ein Wort das andere, und es macht sich auch viel feierlicher. Freilich, wenn man auch die Gertrude Alzinger, die reiche Tölzer Witwe, die jetzt beim Schlosser Morasi auf Besuch ist, bei ihrem Onkel, mit diesem zugleich hätte einladen können… Die Mutter sieht sie sehr gern… und wenn Max an dem saubern Weibsbild… so eine wie diese Tölzerin gibt's ja doch in ganz München nicht… Das wär' ein Festtag!

Meister Florian schnalzte bei diesem Gedanken mit der Zunge und schlug mit der rotglühenden Eisenbarre in den Wasserbehälter, daß es nur so zischte und dampfte, und das Wasser wie Sprühregen umherspritzte.

Durch den Dampf hindurch schielte er zu seinem Sohn hinüber, der sich eben Hände und Gesicht reinigte und zum Ausgehen anschickte. Jetzt wär' die Gelegenheit gut… sie sind ganz allein in der Schmiede…

»Vater, ich hab' einen notwendigen Gang.«

»Ich hab' dir g'rad auch was Notwendig's sag'n woll'n.«

Der Schmied schluckte, als hätte er etwas in der Kehle stecken. Bevor er das Wort herausbrachte, war Max bereits zur Tür hinaus.

Eine Zeitlang starrte ihm der Alte nach, dann ging er in ein dunkles Gelaß neben der Werkstatt und holte ein sorgfältig verhülltes Ding hervor, das die Form eines altmodischen Dorfwirtshausschildes hatte. Er nahm die Hülle ab: es war das Wahrzeichen der Schmiede, das mit der Gedenktafel heute Abend hoch oben am Hause, genau an der weithin sichtbaren Ecke der Sendlinger- und Paradiesgasse angebracht werden sollte. Die ganze Straße hinauf und hinab, vom Sendlingertor bis zum Rosentaleck, sollte hinfort das Haus Meister Florian Schroppers durch dieses schmiedeeiserne Kunstwerk mit dem vergoldeten Zierat kenntlich gemacht werden nach gut münchnerischer Sitte…

Der Alte betrachtete und betastete das schöne Werk mit hellem Vergnügen. Als Modell hatte das alte Wahrzeichen der Tölzer Schmiede gedient, wo er einst das Handwerk erlernt; nur war die Nachahmung in größerem Umfang und mit reicherem Schmuck ausgeführt.

Nun wollte der Alte auch noch eigenhändig ein paar Schläge daran tun und die Klammern etwas länger ziehen. Nicht gestört zu werden, trat er auf die Schwelle des Vorraums, um das Flügeltor halb zu schließen. Da sah er seinen Sohn, den Priester, eilig über die Straße auf die Schmiede zuschreiten.

»Der kommt zu früh; heut' Abend ist noch Zeit genug, den Segen darüber zu sprechen.«

Schnell zog er den Kopf in das Halbdunkel der Werkstatt zurück, mit den harten, geschwärzten Händen die Torflügel übereinander haltend.

Doch im nächsten Augenblick hatte sich Joseph schon durch das Tor gezwängt.

»Nix da!« rief der Schmied, der sich die Überraschung nicht verderben lassen wollte.

»Vater, mit der Spitzeder geht's zu End'. Ihr habt doch nicht…?« schrie der Sohn dem halbtauben Alten in die Ohren, daß es in der stillen Werkstatt unheimlich widergellte. Eine bläuliche Flamme züngelte am Herde auf, um sofort in der Asche wieder zu verlöschen.

»Mit der Spitzeder geht's zu End'?« wiederholte Meister Florian wie einer, der nicht weiß, was er mit der Neuigkeit anfangen soll… »Is so weit nit aus. Die Spitzeder gehört nit zu unsrer Kundschaft…«

*

Max wurde seit einigen Tagen von einer seltsamen Unruhe gefoltert. Über die Geschäfte der Volksbank waren die widersprechendsten Gerüchte in Umlauf. Man munkelte von einem baldigen Zusammenbruch, vom Einschreiten der Polizei, Einmischung der Gerichte und ähnlichen unheilvollen Sachen, welche die Spitzeder'sche Unternehmung plötzlich im gefährlichsten Lichte erscheinen ließen. Der Mutter, die ohnehin in der letzten Zeit etwas kränkelte, mochte Max noch nichts davon mitteilen, solange die Hauszeitung über die Angelegenheit schwieg. Aber es wäre entsetzlich, wenn die bösen Zungen Recht behielten. Das ganze Schropper'sche Vermögen wäre verloren. Die Mutter müßte der Schlag treffen. Der Vater würde wahnsinnig werden…

Um sich Klarheit und Beruhigung zu verschaffen, war Max gestern Abend noch zu seinem geistlichen Bruder in die Rochusgasse geeilt. Er hatte sich schwer dazu entschlossen. Die Brüder sahen sich seit einem Jahre höchst selten und über finanzielle Sachen hatten sie noch nie mehr miteinander gesprochen, als das Gelegentlichste und Gleichgültigste. Setzten sie doch beide stillschweigend voraus, daß die eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse in schönster Ordnung und bester Sicherheit. Keinem von ihnen wär's im Traum eingefallen, von dem andern anzunehmen, daß er die Torheit begehen und die ungeübten Hände in Spekulationen mischen würde. Sie hatten's ja nicht nötig, gottlob!

»Handwerk hat einen goldenen Boden«, sagte Joseph. »Die Alten sind wohlhabend und vorsichtig, da ist nichts zu besorgen.«

»Joseph ist versorgt, die Kirche ernährt ihren Mann«, sagte Max. »Ein Geistlicher hat geringe Bedürfnisse und hängt sein Herz nicht an den Mammon.«

Max hatte in der Rochusgasse einen schlimmen Eindruck empfangen. Als er in der Dunkelheit in das Haus seines geistlichen Bruders trat, stieß er auf eine junge Frauensperson, die sich weinend und stöhnend vor der Treppe auf dem Boden wälzte. Er prallte zurück.

»Eine Epileptische!« Er eilte die Treppe hinauf, um vereint mit dem Priester der Unglücklichen Hilfe zu bringen. Er pochte, rief aus Leibeskräften – umsonst. Die Wohnung blieb verschlossen. Der Bruder war abwesend. Zögernd wandte er sich zur Umkehr. Als er wieder die Treppe hinabstieg, war das Weib verschwunden. Auch in der engen stillen Gasse war niemand zu sehen. Er fragte sich, ob es nicht eine Sinnestäuschung gewesen, irgend ein eingebildeter Spuk… Gleichviel, er war sehr verstimmt. Die Erscheinung konnte nur von übler Vorbedeutung sein.

Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Immer sah und hörte er das winselnde Weib, das sich vor der Treppe der Pfarrerswohnung wälzte. Daß Joseph auch gerade an diesem Abend abwesend sein mußte!

Gegen die Frühe wollten ihm die Augen doch noch zusinken. Aber mit dem Schlummer stellten sich schreckhafte Träume ein. Das Weib an der Treppe nahm Ursulas Gestalt und Züge an. Ein Bild haarsträubender Trostlosigkeit.

Entsetzt sprang er aus dem Bett, kleidete sich an und fand, daß es Zeit sei, in die Werkstatt zu gehen. Dann kam der Auftritt mit den bezechten Gesellen. Der Gedanke an Ursula peinigte ihn so, daß er's nicht bei der Arbeit aushielt. Er mußte nach der Geliebten sehen. Seit Monaten hatte er weder Zeit noch Lust erübrigt zu einem Besuch in dem einsam gelegenen Häuschen der Deixlhofer weit draußen in der Vorstadt Giesing. Es gab so viel anderes zu denken…

Jetzt war er unterwegs. Zu dieser Tageszeit hatte er nie diesen Weg gemacht. Die Gegend in der Frühbeleuchtung nach dem Regen kam ihm ganz fremd vor. Aber in einer halben Stunde wird er Ursula sehen und ihr Kind, sein Kind! Wie bei diesem Gedanken die Brust sich stolzer hob! Sein Kind, sein Ebenbild!

*

Gestern war Ursula im Walde von Planegg gewesen. Der Tag war zu verlockend. Und wenn ihr trübe Gedanken kamen, tauchte immer das Bild des ersten und ach, so folgenschweren Liebesrausches im Walde auf. Im Walde stand ihr Heiligtum. Dorthin wallfahrtete sie, so oft sie konnte. Wie oft hat sie dort sich recht von Herzen ausgeweint in diesen drei schweren Jahren!

Jedesmal nahm sie ihr Kind mit und führte es an die unvergeßliche Stelle im Dickicht. Da… da…!

Efeu schlängelte sich auf dem Boden. Sie hatte ein Pflänzlein ausgegraben. Es grünte fröhlich daheim an ihrem Kammerfenster. Wie oft hat sie es mit ihren Tränen genetzt und dabei geseufzt: »O Liebe, wie bist du bitter, o Liebe, wie bist du süß!«

Gestern also war sie wieder im Walde gewesen mit ihrem Kinde, dem herzigen Franzl. Auch Hans und Korbinian waren dabei. Die Knaben scherzten mit dem Kinde, pflückten mit ihm Blumen und Beeren, fingen Käferchen, stellten den Eidechsen nach. Wie drollig Franzl war und wie vergnügt!

Ursula saß mit dem Strickzeug im Moos. Wenn jetzt Max auch da sein könnte! Der gute Schatz gönnt sich kein Vergnügen mehr, er arbeitet sich noch zu tot. Aber sie darf ihm nicht zürnen. Was er tut, ist ja um ihretwillen, um des Kindes willen. Die Trennung kann nicht lang mehr währen und das bedrückende Heimlichtun…

»Kinder, entfernt euch nicht zu weit! Ich fürchte, es kommt ein Gewitter. Wir müssen bald heim. Es ist so heiß. Dort kommen schon schwarze Wolken!« Dann versank sie wieder in Zukunftsgedanken.

Die Knaben hatten sich in einen schattigen Schlag verloren. Doch waren sie noch in Rufweite. Sie nickten Ursula zu. »Wir kommen gleich!«

»Nein, diese Menge Beeren!« sagte Hans.

»Trau nicht!« antwortete Korbinian. »Es gibt hier viel Giftiges, Tollkirschen und anderes Teufelskraut.«

»Kennst du alle Pflanzen?«

»Nein, aber ich weiß es und trau' nun einmal nicht.«

»Zum Beispiel diese hier!«

Es waren große buschige Pflanzen, auf je einem besonderen Stengelchen glockenförmige Blumen von violettblauer, innen rötlicher Farbe. Auch kugelförmige Früchte hatten schon einige gezeitigt, hübsche Beerchen, die meisten noch grün, andere schimmerten schon blauschwarz.

Hans pflückte davon, zerdrückte sie mit dem Finger und probierte mit der Zungenspitze den Saft. Er schmeckte säuerlich, aber gar nicht giftig. Korbinians Mahnung hatte ihn dennoch mißtrauisch gemacht. Er warf die Beeren fort. Der kleine Franz lief hintendrein, machte ein vorwitziges Gesichtchen, hob mehrere der weggeworfenen bläulichen Dinger auf, zerdrückte sie gleichfalls und schob sie in den Mund. Es schmeckte wirklich nicht schlecht und löschte den Durst.

»Kinder, kommt jetzt! Aufbruch! Wir gehen!«

Auf dem Heimweg klagte Franzl wieder über großen Durst. Das war nichts Auffallendes.

»Mama, ich bin so trocken im Mund…«

»Gedulde dich, Liebling, wir sind bald daheim, dann gibt's zu trinken. Heute bekommst du dein ganzes Gläschen Bier, du kleiner Trunkenbold!«

»Ja, liebe Mama.«

Zu Hause angelangt, greift das Kind gierig nach dem Bierglas. Merkwürdigerweise schmeckt ihm der Trunk nicht; die Flüssigkeit will nicht hinunter, das Schlingen wird so schwer.

»Mama, anderes trinken!« stößt des Kind mühsam heraus.

»Du hast Schlaf, Liebling. Die Zunge geht ja gar nicht mehr, und die Augen sind matt und müde. Komm, ich bring dich zu Bett. Du bist heute zu viel gegangen, armer Schelm. Der Schlaf wird dir gut tun, da vergeht auch der Durst. Bist du brav? Hast Mama lieb?«

Franzl schlang seine Ärmchen um Mamas Hals und ließ sich folgsam ins Bett legen.

»Das Gebetchen, Franzl! Geht's nicht mehr? Nein, du bist zu schläfrig. Ich bete für dich, Liebling. Schlaf ruhig ein! Jetzt muß ich noch etwas arbeiten, dann komm' ich wieder und schau nach meinem Franzl.«

Ein schweres Gewitter hatte sich zusammengezogen. Gegen Mitternacht entlud sich's unter fürchterlichem Donnern und Blitzen. Der Regen fiel wolkenbruchartig.

Das Kind litt schwer, aber es muckste nicht aus Angst vor dem schrecklichen Wetter. Bläulicher Blitzschein erhellte geisterhaft die kleine Kammer.

Ursula, nichts Schlimmes ahnend, war in festen Schlaf versunken. Erst gegen Morgen – der Regen viel schwächer in einer schlummerbefördernden monotonen Weise – wurde sie durch die gesteigerte Unruhe des Kindes geweckt.

»Was ist dir, Kind? Warum schließen sich deine Augen nicht?«

»Funken, Mama, Funken…« lallte das Kind mit äußerster Anstrengung.

»Funken? Es blitzt ja nicht mehr.«

Jetzt verzog sich das gerötete Gesicht des Kindes zu einem matten, nichtssagenden Lächeln, wie das eines Betrunkenen. Dann hoben sich die Ärmchen wie Flügel und wollten Anlauf nehmen zum Aufschweben. Allmählich ging die Bewegung in ein Zittern des ganzen Körpers über. Die Augäpfel quollen hervor; die Pupille wurde unbeweglich und dehnte sich so stark aus, daß der blaue Augenstern oft ganz verschwand…

»Jesusmaria, mein Kind ist krank, es fiebert, es phantasiert!« schrie Ursula in höchster Bestürzung, sprang aus dem Bette und eilte im Hemd und in bloßen Füßen die Treppe hinauf, um die Mutter zu wecken.

Der Regen hatte nachgelassen; in strahlender Pracht war die Sonne heraufgekommen und ihre heißen Strahlen tranken die Feuchtigkeit der Erde.

»Zum Doktor, schnell zum Doktor!«

Todesbange Stunden vergingen. Der Arzt war nicht aufzufinden. Endlich!

Der Doktor kam und hinter ihm drein – Max.

Ursula schrie auf, als sie des Geliebten ansichtig wurde. »Ist er's wirklich? Er ist so bleich, so verstört! Gehen Gespenster um in dieser grauenvollen Morgenstunde?«

»Wie kommt er jetzt hierher? Hat ihn eine Ahnung herausgetrieben?« rief die Mutter.

»Max, dein Kind ist vergiftet, dein Kind ist…!« und Ursula brach ohnmächtig in den Armen des Geliebten zusammen.

Inzwischen hatte der Arzt den kleinen Patienten, der wie gelähmt im Todesschlaf auf seinem Bettchen lag, eingehend untersucht… »Ein schwerer Vergiftungsfall«, murmelte er; »ich fürchte, menschliche Hilfe kommt zu spät…«

*

Einen schwereren Gang hatte Max in seinem Leben noch nicht getan, als den von Giesing heimwärts in die Sendlingergasse. Es war Abend geworden.

Vor der Schmiede traf er Hiesl, den Obergesellen.

»Es steht schlimm«, flüsterte dieser dem jungen Meister zu. »Seit Mittag liegt die Frau Mutter bewußtlos, der geistliche Herr ist bei ihr und der Arzt.«

Den traurigen Zusammenhang erratend, fragte er. »Die Spitzeder hat also Bankrott g'macht?«

»Ja«, bestätigte Hiesl, »die ganze Stadt ist voll davon.«

»Unglück auf der ganzen Linie, Tod und Verderben…« murmelte Max. »Was meint der Arzt?«

»Sie möcht' die Nacht kaum überleben.«

»Weiß es mein Vater.«

»Alles. Er sitzt in der Werkstatt und läßt niemanden hinein.«

»Mein Bruder Joseph ist bei der Mutter?«

»Ja, schon den ganzen Tag.«

»Kannst im Haus bleiben, Hiesl?«

Der Gesell nickte.

»Wenn was passiert oder wer nach mir fragt, sagst: der Max ist bei seiner Braut Ursula Deixlhofer und bei sei'm toten Kind in Giesing. Verstand'n?«

»Ja«, sagte der Gesell, aber er brachte den Mund nicht mehr zu.

Max war bereits verschwunden, und Hiesl starrte noch immer mit offenem Mund vor sich hin.

Im Laufe des Nachmittags war Ernst Gurlinger zweimal vergebens in der Rochusgasse gewesen, um mit seinem hochwürdigen Freund Joseph Schropper die erschütternden Ereignisse des Tages zu besprechen: den Bankrott der Spitzeder und Seraphinens Tod in den Wellen der Isar. Wo der Freund heute wohl stecken mochte?

Rätselhaftes Verhalten!

Sollte alle Moral nur Notlüge sein?

Der Philosoph hätte gern den schönen Moralitätsfall an dem frischen Eindrucke studiert, den die tragischen Tatsachen auf den Priester machen mußten. Schade, daß ihm die Unauffindbarkeit Schroppers die Gelegenheit dazu verdarb, und Gurlinger selbst die geplante Gebirgsreise nicht länger hinausschieben konnte.