Lydia

1

Die große Glocke im Freihofe zu Heiden hatte schon vor einer Weile zur Table d'hote gerufen, und in dichten Scharen kamen die Gäste in den großen Speisesaal geströmt, dessen hohe Bogenfenster auf der Westseite gegen die grelle Mittagsbeleuchtung leicht geblendet waren.

Manche leidensvolle, gebeugte Gestalt hatte ihren gewohnten Platz an den langen Tischen gesucht, mancher, den der grüne Augenschirm als einen der Patienten des großen Spezialisten bezeichnete, der hier seinen Sommersitz alljährlich für einige Wochen aufzuschlagen pflegte, tastete unsicher und schamhaft beflissen, die traurige Schwäche möglichst zu verbergen, nach dem Gedecke, manches bleiche, müde Gesichtchen, auf das Bergluft und Molken die verlorenen Rosen noch nicht zurückgezaubert hatten, neigte sich mit einem bald wieder erlöschenden Lächeln zu den Nachbarn; aber es gab unter den vielen kranken, sachte dahinschleichenden Erscheinungen doch auch eine ganz erhebliche Anzahl von Gesunden. Recht behäbig gerundete und stattliche Matronen, zum Teil mit goldenen Ketten, Armbändern und sonstigem Schmuck reich behangen, wie es Emporkömmlinge zumal lieben, die ohne eine alljährliche Badekur kein vergnügliches Leben führen zu können vermeinen; lebhafte alte Herren, viel redseliger als die trotz der Sommerhitze in schwerem von handgroßen Kameen geschlossenen Seidenkleidern gleich Hohepriesterinnen um einen Opfertisch herumsitzenden Damen; fröhliche, hungrige Kindergesichter; hier und da ein vornehm tuender und den blasierten Touristen herauskehrender junger Herr, und zwischen all dem strotzenden oder halbwelken Blattwerk, wie Blumen zur Augenweide eingestreut, die jugendfrischen Gestalten schlanker Jungfrauen und mädchenhafter Mütter, die in ihren hellen, heiteren Sommergewändern dem schweren Ernst des so feierlich beginnenden Versammlungsmahles glücklicherweise erheblich Eintrag taten.

Das Stühlerücken, das Grüßen nach rechts und links und all die sonstigen Vorbereitungen waren so ziemlich beendigt, die Reihen bis auf wenige Lücken geschlossen, und jene feierliche Stille war eingetreten, die den Beginn des Festspiels bezeichnet, währenddessen nur flinke Kellner und die zur Aushilfe herbeigezogenen Stubenmädchen mit dampfenden Suppentellern die Tische umschweben und der Oberkellner mit seiner Tablette gemessen die Runde macht, die auf das Getränk bezüglichen Wünsche der Gäste herablassend entgegenzunehmen. Nur wenige Nachzügler suchten noch möglichst rasch ihre Plätze zu gewinnen, und unter diesen auch ein offenbar erst neuangekommenes Paar, wie sich aus der Unsicherheit schließen ließ, mit welcher der große, ernstblickende Mann, die alte Frau an seinem Arm, nach dem Eintritt einen Moment lang zurückhielt, während sein Auge den Saal durchflog, bevor sich beide weiter nach dem leeren Ende der nur zur Hälfte besetzten dritten Tafel bewegten.

Auf halbem Wege jedoch kam ihnen schon einer der Kellner entgegen und geleitete sie eilfertig in ganz andrer Richtung zu zwei in der vollen Reihe leer gebliebenen Plätzen. Die Matrone, deren blasses Antlitz unter dem leichten Schatten eines grünen Augenschirms recht krankhaft erschien, aber doch noch immer die Spuren großer Schönheit erkennen ließ, hatte eben mit schüchterner Hand die Lehne des Sessels ergriffen, als sich ihr die junge Dame, deren Nachbarin sie werden sollte, ein wenig barsch zuwendete und mit kühlem Hochmut erklärte, der Platz sei nicht mehr frei.

»Warum führen Sie uns also hierher?« fragte der Begleiter der erschrocken Zurücktretenden mit ruhiger Stimme, deren voller Brustklang sich aber nicht zum Flüstern dämpfen ließ, den Kellner. »Sie hätten uns am unteren Ende anschließen sollen, wie ich es wollte.«

»Bitte, es ist Platz hier,« entgegnete der dienstfertige Jüngling und wandte sich dann gegen den erhobenen Einwurf: »Der Herr Baron haben für heute mittag ausdrücklich abgesagt und der Herr Justizrat sind bereits abgereist.«

»Ich weiß,« lautete die Antwort in demselben kühlen, beinahe verletzenden Tone wie die zuvor gemachte Einwendung, »das hat aber gar nichts zu sagen.«

Dem Verlegenen erschien Rettung von seiten des Oberkellners, der den kritischen Augenblick für gekommen hielt, wo er mit seinem ganzen Aplomb zur Aufrechterhaltung der Ordnung des Hauses einzutreten hatte. Er tat das mit der höflichsten Verbeugung gegen die schöne, stolze Meuterin.

»Entschuldigen, gnädiges Fräulein,« sagte er leise und mit einem sachten Versuch ehrerbietigen Lächelns, »es ist strenge Regel, keine Lücken zu lassen, des Servierens wegen – und zum Zurücken wäre es für heute doch schon zu spät; die Herrschaften wollen zudem ihre Nachbarn behalten.«

»Auch ich will mir keine neuen aufzwingen lassen.«

Unschlüssig wiegte der Oberkellner das Haupt. Bei aller Unparteilichkeit war er nahe daran, der schönen Eigensinnigen den Willen zu tun, doch der neue Gast schien nicht gerade der Mann zu sein, der sich geduldig von einem Ende der Tafel zum andern hin und her schieben ließ. Fest legte er die Hand auf den bestrittenen Stuhl.

»Für diesmal werden wir dableiben,« sagte er mit einer Bestimmtheit, die keinem weiteren Einwurf zugänglich schien und alles Parlamentären kurz abschnitt; »Mutter, komm hier auf diese Seite,« setzte er freundlicher hinzu. Seine Hand geleitete die alte Dame, er schob ihr den Sessel zu, und der kleine Zwischenfall war vorüber, doch nicht ohne von der nächsten Umgebung wenigstens bemerkt worden zu sein. Man konnte sogar ein leises spöttisches Kichern hören, das eine dunklere Welle in die rosigen Wangen der energischen Verteidigerin ihrer Unnahbarkeit trieb.

Nicht wenig schien sich das alte Männchen gegenüber, dessen ungeheure rote Nase schwer über dem zahnlosen Munde hing, an dem kleinen Vorgange ergötzt zu haben.

»Ja, ja, man setzt sich halt, wo's grad kommt,« murmelte er lächelnd und nickte dabei dem jungen Manne beifällig zu, was mit einer kurzen freundlichen Kopfneigung, die aber zu einem Gespräche eben nicht ermunterte, erwidert wurde. Die behäbige Gefährtin des Alten, die mit sichtlichem Vergnügen ihre Suppe verzehrt hatte und sogar auf der Rückseite ihres Löffels keinen schmackhaften Rest zurücklassen zu wollen schien, seufzte zuerst tief, daß sich die Riesenbrosche auf ihrem Busen wiegte wie eine Schildkröte auf einer mächtigen Brandungswelle des Schwarzen Meeres, und beschränkte dann die ihr etwas zu allgemein erscheinende Äußerung des Freundes der Gleichheit mit vorsichtiger Mahnung.

»Weißt, Männle, zusehe sollte man doch. Man könnte am Ende wo ins Unrechte hineinsitze, wie der eiserne Jungfernstuhl, wo wir auf der Kyburg g'sehe habe, weißt?«

»Just deswegen. Selbiges hab' ich auch gemeint.«

Den alten Herrn freute das Kichern, das hauptsächlich von den beiden Damen gegenüber, neben der Matrone, ausging, die ja eben zuvor an einen solchen gefährlichen Sitz gerührt zu haben schien. Der ihn jetzt einnahm, konnte sich selbst eines leichten Lächelns nicht erwehren; er vermied es aber gerade deshalb, dem verständnisvollen Blicke des schlau schmunzelnden alten Herrn zu begegnen.

»Sind Sie auch dagewesen? Ach nee! Nicht wahr, es ist da ganz ungemein interessant,« wurde die friedfertige Warnerin, die keine Ahnung von der boshaften Spitze ihrer Bemerkung hatte, von ihrem Nachbar zur Rechten, einem freundlichen, glattrasierten Herrn, der auf den ersten Blick für einen Landpastor genommen werden durfte und in seiner vergnügten Gemütlichkeit den Sachsen so wenig als in der Sprache verleugnete, ins Gespräch verwickelt. Auch er hatte keinen Doppelsinn in ihren harmlosen Worten gefunden, wie ihn andre herausgehört.

Zunächst diejenige selbst, welche von der unbeabsichtigten Anzüglichkeit betroffen wurde. Eine Wolke jagte über ihre Stirne, und verdrossen kehrte sie sich ab. Ihre großen braunen Augen begegneten finster dem scherzhaften Blicke aus dem blühenden Antlitz voll sonnigen Lachens, das ihr von der andern Seite des blassen, kränklichen Mannes, der ihr zur Rechten saß, herübernickte. Ein wenig rückte sie mit dem Kopfe, zog gelassen ihre langen rehfarbenen Handschuhe von den schöngeformten, aber großen und kräftigen weißen Händen und lehnte sich dann, die Suppe verschmähend, mit der Hoheit einer verletzten Herrscherin auf ihrem Throne zurück.

»Willst du mit mir den Platz wechseln?« fragte der Bleiche leise, doch immerhin verständlich genug, daß es dem Zuletztgekommenen nicht entging.

»Nein,« entgegnete sie. »Aber es ist rücksichtslos von Gero, auszubleiben, ohne uns zuvor zu benachrichtigen.«

»Er wird wieder trainieren,« erhob sich eine Stimme von der andern Seite des Tisches, die in ihrem lauten und festen Klange der ganzen Erscheinung des Lebemanns entsprach. Man hätte sich zur Not diese wohlgerundete Weste mit der dicken Goldkette, die leuchtende Glatze, das Grübchen im Kinn zwischen den braunen Bartwülsten, den Nasenzwicker und die lebhaft gestikulierenden, beringten runden Hände auch im Finstern dazu denken können. »Er wollte mich anfangs auch zu seinem Crew pressen; ich dankte aber dafür, ich habe das Ding einmal mitgemacht vor ein paar Jahren am Traunsee, da ruderte ich täglich vierzehn Stunden, auf Ehre! Nach vier Wochen war ich zweiunddreißig Pfund leichter geworden, aber ich hatte eine Hornhaut an den Händen, ein einziges großes Hühnerauge, das eigentlich aus fünfen bestand, einen Hühneraugenkönig. Es war so, daß ich ein Glas zerdrücken konnte, ohne mich zu schneiden, und meine Frau wollte mir gar nicht mehr die Hand geben, weil ich sie wund rieb; zuletzt war es mir aber doch zu unbequem, ich scheuerte jeden Handschuh durch, und mein Vorstehhund verlor alle Haare an der Stelle, wo ich ihn gewöhnlich streichelte; da mußte ich die Alligatorenhaut operieren lassen. Das nützte aber gar nichts, bis ich endlich selbst auf die Idee kam, die Hände täglich eine halbe Stunde lang in den Sprudel zu halten – wir waren von Gmunden nach Karlsbad gegangen –, da versteinerte das Gebilde allmählich, und man konnte es dann förmlich mit der Laubsäge wegschneiden.«

»Aber die Haut an der Oberseite, Graf!« wandte die junge Frau mit demselben Lachen wie früher ein.

»Die Haut an der Oberseite?«

»Nun ja, beim Eintauchen in den kochenden Sprudel.«

»Die war durch ein chemisches Präparat geschützt, meine gnädige Baronin. Haben Sie nie von den Ordalien des Mittelalters gehört, von den Bädern in siedendem Öl, den glühenden Pflugscharen?«

»Wie die, über welche Königin Emma dahinschreiten mußte?«

»Ganz recht, lieber Sarnberg,« nickte der Sprecher seinem bleichen Gegenüber zu. »Ihr Beichtvater hatte ihr ein ganz kleines Hausmittelchen an die Hand gegeben, oder vielmehr an die Füßchen, da ließ sich der Spaziergang schon wagen. Ich habe die Tugendprobe ebenso siegreich bestanden. Dank den enormen Fortschritten der modernen Wissenschaft ist das keine Hexerei mehr, man muß nur eben darauf vorbereitet sein. Es muß das ein sehr barbarisches Zeitalter gewesen sein, wo man zarte Damen zwang, über glühendes Eisen zu wandeln, und ich finde es ganz gerechtfertigt, wenn den einfältigen Ehemännern, welche ihr Mißtrauen so weit trieben, dafür eine Nase gedreht wurde.«

»Oh, uirklich?«

Die Baronin war ein wenig verlegen geworden bei dem dreisten Scherze, mußte aber über die naive Frage ihrer Nachbarin zur Rechten doch unwillkürlich lachen. Sie gab sich Mühe, beides so gut als möglich zu verbergen, indem sie einen Ausfall gegen den etwas schrankenlosen Redeeifer des Erzählers machte.

»Sie müssen ihm nicht alles aufs Wort glauben, Miß Mary. Zum Glück für Graf Marchegg gibt es keine Wahrheitsprobe heutzutage, es würde ihm sonst übel genug ergehen, wenn er uns so in das volle, von ihm geschmähte Mittelalter versetzt und selber trotz seiner famosen Sprudelkur als hörnerner Siegfried uns die saftigsten Schnitten irgendeines von ihm erlegten Lindwurms auftischt.«

»Mit Remoladensauce würden sie gewiß ganz exquisit schmecken,« nahm der Angegriffene den Spott ohne alle Empfindlichkeit auf. »Allenfalls wie der Lachs hier, nur etwas fester, denke ich mir, etwas mehr nach Hummer; was meinen Sie. Fräulein Lydia? – Sie sind noch immer mit dem Deserteur unzufrieden? Lassen Sie ihn nur Ihre Ungnade recht fühlen, er verdient sie. Wenn er noch darauf ausgegangen wäre, uns ein paar solcher Prachtexemplare einzufangen! Der Bodensee soll einzelne bis zu vierzig Pfund als zeitweilige Passagiere beherbergen. Nicht wahr, kolossal, unglaublich! Ja, wir hätten ein Fischessen arrangiert – ganz wie an der untern Donau, Hechte bis zu einem Zentner – wahre Riesen – Zigeunerlager – große Feuer, Kessel darüber – süperb, was, meine Damen? – Ich hatte mich ihm dazu als Begleiter nach Rorschach hinab angetragen. Er sagte aber, Fischen tauge ihm nicht, nur das nicht, zu jedem andern Sport sei er bereit – Fischen mache Spleen.«

»Und es ist doch so aufregend!« meinte verwundert Miß Mary. Sie gehörte zu einer größern Familie mit langen, nichtssagenden Gesichtern voll Sommersprossen und glatten, rötlichblonden Haaren – alle von derselben Künstlerhand stümperhaft aus demselben Stück Teig geknetet. Dort zog sich das Gespräch hinüber.

Es schien eine abgeschlossene Clique der Gesellschaft, die sich an diesem Ende des Tisches ständig zusammenfand und welcher die Neuhinzugekommenen durch einen Zufall oder vielmehr durch die Laune des Kellners nicht nur absichtslos, sondern sogar wider Willen angehängt worden waren. Das Mißvergnügen über die aufgedrungene Nachbarschaft konnte bei der jungen Dame, die zu seiner Rechten saß, kaum größer sein, als bei ihm selbst. Und doch hätte sich so mancher andre an seiner Stelle glücklich geschätzt, denn das Mädchen, welches von Graf Marchegg »Lydia« genannt worden war, durfte in jeder Hinsicht zu den ungewöhnlichen Erscheinungen gezählt werden. Groß und von kräftigem Bau, hatte sie doch die biegsame Schlankheit einer Tanne, der stolz getragene Kopf zeigte die anmutigste Rundung, das volle dunkelbraune Haar legte sich in kunstloser Anordnung, ja sogar in rebellischen Bauschungen um die breite, ernste Stirne und um die Schläfen, und die dunkle Schattierung des Antlitzes erhielt durch das lebhafte Inkarnat der Wangen und die feingeschwungenen, obwohl ein wenig zu fest zusammengepreßten Lippen, wie durch die starken schwarzen Brauen und Wimpern einen Schmelz, der auf keinem der mitunter recht hübschen Gesichtchen im Saale weiter zu finden war. Der Gesamteindruck wirkte nicht eben gewinnend, dazu sprach sich zu viel männlicher Wille in Blick, Haltung und dem ganzen Wesen aus, aber er fesselte.

Der unwillkommene Nachbar mochte das wider Willen empfinden, denn sein Blick streifte wiederholt das kühne Profil, wiewohl es keineswegs den Anschein hatte, als schenke er der neben ihm Sitzenden besondere Beachtung. Er widmete sich seiner Mutter und sprach nur zuweilen mit dieser ein paar leise Worte. Nach der andern Seite wandte er sich bloß, wenn ihn eine der bei solchen gemeinsamen Mahlzeiten unvermeidlichen Handreichungen dazu nötigte.

Er stieß sich im Anfange nicht an dem passiven Widerstande, der ihm auch selbst hierin entgegentrat. Die Fischsauce ging von einem zum andern, aber sie stockte plötzlich, nachdem sich Fräulein Lydia bedient; er mußte, nachdem er eine Weile gewartet, den Kellner zitieren, das hinderte ihn jedoch nicht, schon die Beigaben zum Roastbeef mit aller kühlen Höflichkeit, die er einer Dame gegenüber zu beobachten hatte, an dieselbe weiterzugeben. Ihr schien selbst das leise Neigen des Hauptes zu viel. Sie wollte nicht danken und griff daher lieber erst nach den Platten, wenn er sich längst wieder abgewandt hatte. Bei dem nächsten Gange, der wieder die umgekehrte Richtung nahm, wiederholte sie ihr Manöver. Ihr Nachbar war gezwungen, abermals den Kellner zu Hilfe zu rufen, da er sie nicht mahnen mochte, aber es kam auch für ihn die Gelegenheit zur Revanche, und er war ungroßmütig genug, sich dieselbe nicht entgehen zu lassen.

Die gleich anfänglich rasch geleerten Schalen mit Eis machten jetzt um die Mitte des Mahles, frischgefüllt, von neuem die Runde, und diesmal reichte er die an ihn gelangte nicht weiter, sondern stellte sie in die Mitte des Tisches, nachdem er gelassen das größte Stück ausgewählt und in sein eignes Glas geworfen. Nun hatte er die sehnsüchtigen Blicke seiner Nachbarin, als das Eis zuvor schon auf der andern Seite vorüberging, vielleicht nicht bemerkt, vielleicht auch nicht, daß sie sich von dem Baron das Glas schon in Erwartung halb voll hatte schenken lassen, doch unmöglich konnte ihm jetzt die Bewegung der Ungeduld entgehen, die sie veranlaßte, sogar die Hand ein wenig nach der aus ihrem Bereich gerückten Kristallschale auszustrecken. Nichtsdestoweniger tat er gar nichts, den leicht zu erratenden Wunsch der nach einem frischen Trunke Schmachtenden zu befriedigen. Er mußte auch wahrnehmen, wie sie sich vergeblich nach einem der dienstbaren Geister umsah, von denen aber keiner um die Wege war. Doch auch das bewog ihn nicht, von seiner Grausamkeit abzulassen. Der Lechzenden blieb das Labsal vorenthalten, und er selbst schien ganz vertieft in die Mitteilungen seines Gegenüber.

Der Herr zwinkerte so freundlich über seine Nase hinweg, als freue er sich ungemein ihrer herrlichen Entwicklung, und es hätte ein Felsenherz dazu gehört, seine unermüdlich wiederholten Anschmiegungsversuche auf die Dauer zurückzuweisen.

»Wir sind aus Tuttlingen daheim,« erzählte er eben, »und sind noch gar nie an dem Bodensee gewesen. Meine Frau fährt nicht gern auf der Eisenbahn.«

»Es geschehen aber auch gar so viel Unglücksfälle, und ausgeraubt kann man auch noch werden, weißt, wie der Engländer, wo aus dem Coupé hinausgeworfen worden ist.«

»Da setzt man sich drum auch hin, wo's recht viel Leut hat; schon wegen der Ansprach. Sie sind gewiß auch zum erstenmal am Bodensee, nicht wahr? Ist das eine Pracht, und die Menge Wasser! 's ist unsre goldene Hochzeit gewesen – man sollt's meiner Frau nicht ansehen, so gut konserviert ist sie noch, nicht wahr? Hab mer aber auch Müh gebe; hahaha! Na, laß dir's nur schmecken, Alte, so schönes Geflügel haben wir zu Haus doch nie. Also, daß ich sag, zur goldenen Hochzeit sind wir herg'fahre. Einmal in die fünfzig Jahre kann man sich wohl so was antun, und schön ist unser Schwabenmeer – schon eine wahre Pracht, und Schiff drauf, ganz Württemberg könnte man drauf verlade.«

»Ja, und nachher ist so eine Thomasuhr am End drunter, weißt, wie in Bremen. Ich muß sage, ich hab alleweil gezittert und bei jedem Stoß von der Maschine hab ich gemeint, jetzt geht's los und wir fliege alle in die Luft. Ich bin voller Angst.«

Was sie aber durchaus nicht hinderte, dem Rate ihres Gatten zu folgen und die allzu zierlichen Entenflügel bis auf die Knochen säuberlichst abzukratzen.

»Ja, unheimlich ist's schon ein bißle, aber bei uns ist's mit der Gefahr nicht wichtig. Erlauben Sie, Sie sind wohl nicht aus der Gegend?« So begann ihr Mann wieder, doch unterbrach er sich selbst in seinem Examen. »Ach ja, das Eis – die Dame wünscht – bitte, wollten Sie nicht –« machte er nun den Säumigen aufmerksam.

Dieser gab sich die Miene, von der Unruhe, welcher sogar ein Anruf des Grafen gefolgt war, nichts bemerkt zu haben. Er sah überrascht auf, und sich der Schale versichernd, wandte er sich langsam zu seiner Nachbarin.

»Wie? Noch mehr Eis?« sagte er verwundert. »Ich glaubte bereits einen ausreichenden Vorrat zwischen uns aufgestapelt – sonst hätte ich gewiß nicht die allergewöhnlichste Pflicht der Höflichkeit vernachlässigt.«

Um den frischen, vom dunkelblonden Bart nicht ganz verhüllten Mund zuckte ein Lächeln kaum bemerkbarer und im Grunde auch nicht boshafter Ironie. Die Worte waren nur ganz leicht pointiert, nicht mit der verwundenden Schärfe der Rachsucht, sondern eigentlich recht unbefangen gesprochen; es lag im Grunde ebensowenig etwas Verletzendes in ihnen, als sie um Beifall warben, wie es des Witzes und selbst eines geistreichen Ausfalls Absicht schönen jungen Damen gegenüber zumeist ist, auch wenn er sich noch so bärbeißig anstellt.

Hier aber klang nichts davon an, das war keine verkappte Huldigung und darum vielleicht die Wirkung nur noch größer, denn etwas dergleichen war, den finster und abweisend zusammengezogenen Brauen nach, von der Schönen beim Erklingen der ersten Worte augenscheinlich erwartet worden. Sie mochte einen Angriff ganz andrer Art abzuschlagen bereit sein; nun zeigte sich die gewaltige Rüstung unzulänglich und sogar der hochmütig vernichtende Blick, der jegliches Wagnis in die allertiefsten Herzkammern zurückscheuchen sollte, ging wie ein verfehlter Schuß vorbei. Und einen zweiten hatten diese dunkeln, leidenschaftlichen Augen diesmal nicht zu versenden. Sie senkten sich rasch auf die dargebotene Schale, und hinter der Hast, mit der die Hand nach dem Löffel griff, verbarg sich wohl etwas Verwirrung.

Wer im Menschenantlitz zu lesen versteht, konnte auch leicht die Zeichen der Beschämung und eines daraus entspringenden Zorns entziffern. Derjenige aber, der beide hervorgerufen, hatte diese kleine Genugtuung, wenn er sie überhaupt gesucht, nicht mehr, er sah ebensowenig das Lachen der sich vorneigenden Baronin wie das beifällige Schmunzeln, mit dem ihm Graf Marchegg von drüben her zunickte, sein Blick war auf die weiße Hand gefallen, die jetzt so eifrig beschäftigt schien, das schlüpfrige Eis zu fangen, und an der ein ziemlich großer Amethyst blitzte. Mit einer plötzlichen unwillkürlichen Bewegung neigte er sich ein wenig herab, und sein Auge, das sich scharf auf den Siegelring gerichtet hatte, erlitt sofort eine Trübung.

Sein Kopf richtete sich mit einem Rucke ebenso rasch wieder auf, und von diesem Momente an schien er wie durch eine unsichtbare Mauer von seiner Nachbarin getrennt. Er nahm nicht einmal Notiz von der Wirkung der scherzhaften kleinen Lehre, die er ihr zuvor erteilt, unberührt blieb der Teller mit Backwerk, das zum Cremepudding herumgereicht und diesmal pünktlich an ihn weitergegeben wurde, neben ihm stehen, bis er durch Winke des wohlmeinenden Tuttlingers daran erinnert wurde. Und desgleichen achtete er, da er sich schließlich erhob und die Zunächstsitzenden begrüßte, nicht der Nachbarin zur Rechten, die doch diesmal zu keinem andern Zwecke ihm das Angesicht zugewandt haben mochte, als um ihm, wenn auch kalt, doch höflich für den Gruß zu danken, der – wider alles Erwarten zuletzt ausblieb.

Das hieß nun wohl seinerseits die allergewöhnlichste Pflicht gar arg vernachlässigen. – Geschah es absichtlich, um so schlimmer, vielleicht unterblieb es auch nur in der Sorge um die Mutter, der er den Stuhl rückte und den Arm bot.

Auch die andern brachen auf.

»Ischt's schon gar?« fragte mit einer Mischung von Bedauern und Verwunderung die Dame mit der Schildkröte.

»Ja, mer meint, mer müßt grad wieder anfange,« pflichtete der Gatte ihrer Auffassung bei.

»Wie in einem Hungerturm ischt es, weißt, wo wir vom Ugolino g'lese habe.«

Der Graf hatte gleichfalls seine letzte Mandel geknackt und sein Glas geleert.

Vergnügt mischte er sich in die scherzenden Vorwürfe der Baronin.

»Diesmal hat Fräulein Brunhilde ihren Meister gefunden,« erklärte er, sich die dicken Hände reibend. »Soll ich ihn fordern? Es wäre mein siebenunddreißigstes Duell. Wie Sie befehlen, hohe Dame, denn unartig war er am Schlusse doch.«

»Wie man es von Leuten, die es nicht besser verstehen, nicht anders erwarten kann. Das sind eben die unangenehmen Seiten der Table d'hote.«

Die Worte waren weit lauter gesprochen worden, als es für den kleinen Kreis der Bekannten nötig gewesen wäre, auch der Ton war ein auffällig scharfer, verletzender. Verwundert blickte der Graf zuerst die Sprecherin an, und dann kehrte er sich rasch um. Er nickte mit dem Kopf und pfiff leise durch die Zähne.

Da stand richtig noch wenige Schritte entfernt der, dem es galt – er mußte jedes Wort gehört haben.

Lachend wandte sich Graf Marchegg wieder der stolzen Dame zu.

»Ich sehe, Sie wollen die Sache persönlich abmachen, wie es einem Kavalier geziemt,« sagte er. »Falls Sie einen Sekundanten brauchen, stehe ich zu Diensten. Hoffentlich geht's nicht auf Leben und Tod.«

2

»Mein Sohn Werner!« sagte die Matrone. »Die Damen sind so freundlich, zu erlauben, daß ich dich ihnen vorstelle. Frau Theresia Schneppe und Fräulein Wilma Schneppe – wenn ich recht verstanden habe.«

»Ganz recht, Frau Rodek. Freue mich unendlich, Herr Baumeister – habe schon von dem schönen neuen Theater gehört, das Sie entworfen haben und jetzt ausführen. Die Pläne natürlich. Habe auch schon Abbildungen gesehen. Sehr schöne Gotik.«

»Renaissance, wollen die gnädige Frau sagen.«

»Renaissance, natürlich, Renaissance. Ich verspreche mich immer; zum Glück habe ich Wilma, die mich jedesmal korrigiert. Meine Tochter interessiert sich sehr für alle schönen Künste, besonders für Architektur. Sie hat auch das Buch – wie heißt doch das Buch, Wilma?«

»Lübke – aber du merkst dir auch gar nichts, Mama!«

»Richtig, Lübke, Lübke – den hat sie gelesen. Und sie zeichnet selbst auch. Heutzutage müssen die Mädchen ja alles mögliche können. Hast du deine Zeichnungen nicht da, Wilma? Du solltest sie doch Herrn Rodek zeigen, er würde dir gewiß an die Hand gehen, wenigstens was die Bauwerke betrifft. Ich sage, man muß sich immerwährend beschäftigen; meinen Sie nicht auch, Frau Rodek? Das Leben, wie es gewisse Damen hier im Bade führen, ist in der Tat unbegreiflich. Es heißt wirklich dem lieben Herrgott den Tag abstehlen. Ich will keine Namen nennen.«

Die Matrone, welche von ihrer Tischnachbarin, als sie sich von der Tafel erhoben, so ganz in Beschlag genommen worden war, suchte auch diese Ungenannten milde zu entschuldigen und fand mit der Bemerkung, daß ein Bad ja doch eigentlich zur Erholung und zeitweiligen Unterbrechung der gewöhnlichen Beschäftigung dienen solle, die lebhafteste Zustimmung. Daß dieselbe nicht ganz im Einklang mit ihrer früheren Äußerung stand, beirrte Frau Schneppe nicht im geringsten. Sie sprach gern und viel, da blieb von einem Satz zum andern nicht sonderlich Zeit zur Überlegung. Der bedurfte sie aber auch nicht, da es ihr weniger darauf ankam, die eigne Meinung als vielmehr die ihrer jedesmaligen Zuhörer zu äußern, mit denen sie sich in Harmonie zu wissen liebte.

Ihr Äußeres verriet dazu keineswegs etwas von dieser anschmiegsamen Natur, wenn man von der Toilette absah, welche in ihrer etwas barocken Zusammenstellung Konzessionen an alle Extravaganzen der Mode zeigte. In dem von nicht gerade wunderwirkender Hand zusammengekünstelten Flitterstaate bewegte sich eine hagere und eckige Gestalt mit nichts weniger als einnehmenden Zügen, die sich – durch die Jugend kaum gemildert – auch auf die Tochter vererbt hatten. Ebenso mager, ebenso seltsam kostümiert, unterschied sich diese von der Mutter nur durch das in offenen Wellen getragene strohgelbe Haar, das für das krankhaft blasse, mit Sommersprossen übersäte Gesicht den möglichst ungünstigsten Hintergrund abgab. In der Redefertigkeit blieb sie, wie in allem andern, nicht hinter ihrer Mutter zurück. Das Zünglein war wohl noch um eine Nuance schärfer geschliffen, wenn man nach der momentanen Paralleläußerung schließen durfte.

Unzweifelhaft nämlich hatte Wilma dieselben gewissen Damen wie ihre Mutter im Auge, als sie sich zu dem ihr eben erst Vorgestellten neigte und mit einem lächelnden Zwinkern, das unverzüglich ein vertrauliches Einverständnis herstellen sollte, ihm zuflüsterte:

»Wie hat Ihnen das Beispiel von exklusivem Koteriewesen gefallen, das sich hier breitmacht? – Ach, es war wirklich zu nett, wie Sie es ihnen gegeben haben! Ich habe mich so gefreut und das Lachen kaum verbeißen können. Am liebsten hätte ich in die Hände klatschen mögen. Gerade dieser Prinzessin Rührmichnichtan habe ich es so sehr gegönnt.«

Werner Rodek hörte aber in diesem Augenblicke nicht auf den gespendeten Beifall, sondern auf die an sein Ohr schlagende Bemerkung, die auf ihn selbst gemünzt war. Er hatte in der Tat kein Wort verloren, hielt es aber unter seiner Würde, darauf Rücksicht zu nehmen. Ein Schatten glitt über seine Stirn, und sein ernstes, klares Auge blickte eine Sekunde lang so hart und drohend, daß Fräulein Wilma, die im Eifer ihrer Mitteilung von dem Ausfall hinter dem Rücken des abziehenden Siegers nichts vernommen hatte, beinahe erschrak. Doch dünkte ihr der feindselige Ausdruck dieser wohlgebildeten, intelligenten Züge keineswegs abstoßend, schon im nächsten Moment glaubte sie darin sogar ein Zeichen der Übereinstimmung mit ihren eignen Gefühlen erblicken zu dürfen, wiewohl der bisher festgeschlossene Mund das Schweigen nur brach, um an sie die Frage zu richten, ob es nicht angenehmer wäre, den heißen Saal zu verlassen.

»Wenn Sie vielleicht auch in das Kurhaus gehen? Ich glaube, Mama hat die Führung schon übernommen. Wir trinken dort immer Kaffee,« entgegnete sie und beeilte sich, den ihr auf diese Andeutung dargebotenen Arm anzunehmen.

Es war doch hübsch, einen so stattlichen Begleiter zu haben, und vergnügt ließ sie ihre Blicke rechts und links schweifen, um den dadurch hervorgerufenen Eindruck zu beobachten, während sie so, zwischen den Gruppen der Aufbrechenden hindurchschreitend, den Vorangegangenen folgten.

Der Kursaal war bald erreicht. Kaum einige hundert Schritte vom Freihofe entfernt, erhebt sich auf der nördlich das Tal abschließenden Anhöhe der luftige Kiosk, der den Badegästen zum Vereinigungspunkt dienen soll. Junge Gartenanlagen dehnen sich vor demselben aus, in denen zu gewissen Tageszeiten die Kurkapelle spielt. Zwischen niedrigen Bosketten hindurch blickt das Auge frei in das grüne Hochtal hinab, über die Dächer zierlicher Häuser auf saftige Wiesen, die sich von der gestreckten Sohle zwischen dunkeln Nadelwäldern an den sanften Hängen hinanziehen. Ein Bach schlängelt sich durch den Grund, weiße Straßen durchschneiden ihn, helle Häuschen sind überall ausgestreut, da und dort kleine Weiler bildend, fast bis zu den Kuppen der sanften Hügel hinan, die das anmutige Idyll rings einschließen. Nur im Südwesten ragt aus ihnen der Kayen höher empor. Im Glanze der Nachmittagssonne kann es kein friedlicheres Bild geben.

Knapp neben dem Eingange in den Saal, im Schatten eines Vorsprungs, hatte die kleine Gesellschaft noch ein Plätzchen gefunden. Bald stand das blinkende Geschirr auf dem Tische, und während sich ihr Begleiter auf ein wenig zurück und aus dem Wind gerücktem Sessel, damit der Rauch nicht gegen die kranken Augen getrieben werde, seine Zigarre anbrannte, gaben sich die Damen einer eingehenden Würdigung des füglich kaum zu den Genüssen dieses Kurortes zu rechnenden Getränkes hin, das von Mokka auf das unbefugteste den Namen führte. Urteil und Begründung nahmen übrigens nicht viel mehr Zeit weg, als dazu gehörte, die Methode der Kaffeebereitung gründlich auseinanderzusetzen, welche Frau Schneppe als geborene Wienerin und daher gleichfalls geborene Kennerin für die unübertrefflichste erklärte – wobei sie nebenher auch einen kleinen Seufzer über die Provinzstadt, in der sie durch die Anstellung ihres verstorbenen Gatten zu leben gezwungen war, und auch dessen Titel und Rang mit einflocht.

Die verwitwete Frau Obersteuerinspektor blieb aber nach dieser wichtigen Mitteilung nicht lange bei der Beschäftigung mit dem lieben eignen Ich, sondern ging bald wieder zu der ihr geläufigeren mit dem Tun und Treiben und der Persönlichkeit ihrer teuren Nebenmenschen über, wobei ihrem zuweilen lückenhaften Gedächtnisse eifrig durch das Töchterchen nachgeholfen wurde, welches sein Talent für die edle Malerkunst hauptsächlich im Aufsetzen der wirksamsten Schlaglichter bekundete.

Die vorgeführten Genrebilder gaben Zeugnis von der sorgfältigsten Zeitverwendung der beiden Damen, welchen es gelungen war, binnen einer verhältnismäßig kurzen Frist schon die erstaunlichste Lokalkenntnis zu erwerben. Eine Reihe artiger Anekdoten und geheimnisvoller Andeutungen schmückten die eingehenden Berichte über das bunte Badepublikum aus, und diese beschränkten sich keineswegs allein auf die Gäste des Freihofes. Es waren schon allerlei Einzeln- und Gruppenbilder aufgenommen worden, als Frau Schneppe wieder auf die Schilderung der schon einmal erwähnten und ihr sichtlich als schwerster Alp auf der flachen Brust liegenden Koterie zurückkam.

»Am ärgsten treiben es aber doch die Oxles und Boxles,« erklärte sie.

»Aber Mama,« fiel hier Wilma überlegen lächelnd ein, »sie heißen ja gar nicht so. Die eine Familie ist die des Reverends Mr. Huxley –«

»Nun ja, ich sage ja Oxle.«

»Huxley, Mama, mit einem H.«

»Ach was! – Oxles und Boxles. Ich sage einmal so, und es paßt auch ganz ausgezeichnet, und man weiß doch auch gleich, wen man damit meint. Da gehören die Sarnbergs auch dazu und Graf Marchegg und die ganze exzentrische Gesellschaft, die tut, als ob sie von Gottes Gnaden Pension erster Klasse genösse, obwohl sie nur ganz dieselben Preise bezahlen wie wir andern auch. Die leibhaftige chinesische Mauer möchten sie um sich herum aufrichten, sie bilden das reine himmlische Reich der Mitte.«

»Bis auf die Damen, die wahrhaftig nicht auf den berühmten kleinen Füßen der Chinesinnen wandeln,« bemerkte Wilma dazu und hatte sich dabei so gedreht, daß der junge Architekt ihren schmalen Schuh und den dünnen Knöchel beachten mußte, wenn er nicht ein kaltherziger Barbar war.

Über seine Anschauung jedoch ließ die verhüllende Rauchwolke, die seinem Munde eben entqualmte, nicht recht zur Klarheit kommen. Die Mutter nickte dem witzigen Töchterchen beifällig lächelnd zu, ehe sie fortfuhr: »Ich versichere Sie, Frau Wegbauinspektor« . . . auch diesen Titel hatte sie schon in Erfahrung gebracht und bediente sich seiner gewissenhaft, um desto sicherer auf Reziprozität zählen zu dürfen . . . »ich versichere Sie, ich sage nicht zuviel. Sie haben den Oberkellner bestochen, daß immer wenigstens eine spanische Wand zwischen ihnen und den andern eingeschoben bleibt. Wir hätten schon früher zu ihnen hinaufrücken sollen, da setzte man aber den Herrn Justizrat dazwischen, nun ist der auch fort, dazu kam aber, daß der zweite Platz heute ebenfalls frei wurde, und so kamen Sie dazu. Haben Sie denn nicht bemerkt, in welcher Verlegenheit der Oberkellner war, er konnte sich doch nicht vor uns auf seinen Auftrag berufen. Und ich möchte nur wissen, was sie eigentlich Besonderes vorstellen wollen! Die Oxles tun so, als ob ihr Vater der Papst selber wäre, und ich glaube nicht einmal, daß er ein Bischof ist.«

»Hast du denn nicht gesehen, Mama, daß Miß Mary den Bischofsstab an ihrem Sonnenschirm trägt und den Klingelbeutel am Gürtel?«

»Ja, wahrhaftig, die Plüschtasche sieht ganz so aus. Es ist überhaupt merkwürdig, wie sie sich kleiden, wie Verrückte. Und die Boxles sind noch ärger, die wohnen aber nicht im Freihofe, sondern oben bei der Kirche in einem Privathause. Es heißt, Graf Marchegg soll der Ältesten die Kur machen. Von ihm läßt sich das schon glauben. Seine kranke Frau sitzt bei den Kindern zu Hause – ich bin einmal an ihrem Schlosse, unweit von Wien, vorübergefahren – und er kutschiert in den Bädern herum.«

»Vielleicht ist das die beste Kur für sie.«

»Das kann schon sein, denn das ganze Jahr sein Gefasel anhören, müßte ja den Gesundesten krank machen.«

Nun ließ sich der schweigsame Raucher endlich doch auch vernehmen:

»Nach all dem müssen Sie ja aber dem Oberkellner sehr dankbar sein für die liebevolle Vorsicht, mit der er Sie vor jeder allzu nahen Berührung jenes abgeschlossenen Kreises behütet.«

Frau Schneppe sah ihn etwas verdutzt an; sie wußte im ersten Moment nicht recht, wie das zu verstehen sei; an Ironie dachte sie jedoch nicht.

»Ja – ja – das sind wir auch – natürlich! Wir wären unglücklich, müßten wir – durch die Umstände gezwungen – in irgendein Verhältnis – in einen Verkehr treten. So sind wir ganz unabhängig.«

»Und die Unabhängigkeit ist allerdings das Beste, was sich der Mensch bewahren kann.«

»Man muß es nur nicht zu weit treiben,« warf sie auf diesen von ihm mit dem vollen Ernste tiefer Überzeugung getanen Ausspruch ein. »Besonders Frauen und nun gar Mädchen dürfen sie nicht so absichtlich zur Schau tragen, wie dies nur zu häufig geschieht. Wir haben davon ein leuchtendes Beispiel hier, das genug auffällt.«

»Aber das ist ja gerade der Zweck, Mama.«

»Da magst du freilich recht haben. Aber es erscheint uns nur so unverständlich. Wenn man an Bescheidenheit gewöhnt ist, so versteht man nicht, wie jemand den Mut in sich finden kann, sich so vorzudrängen und zum Zielpunkt aller Augen zu machen.«

»Dazu gehört nicht Mut, nur Unverschämtheit.«

»Da hast du auch wieder recht, mein Kind. Es fehlt der feine Takt und die wahre Noblesse der Gesinnung, die man doch beim Adel voraussetzen sollte.«

»Man wird diesen Mangel wohl nirgends verbreiteter finden als gerade in den aristokratischen Kreisen,« sagte Werner, und zwar in einer so scharfen und nachdrücklichen Weise, daß sich darin deutlich ein Gefühl verriet, das mehr dem Haß als der Verachtung glich, die sie kundgeben sollte.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Baumeister,« stimmte Frau Schleppe sofort ein. Sie tat das jedoch auch, als Frau Rodek dem strengen Urteil ihres Sohnes vermittelnd entgegentrat und ihm zu bedenken gab, daß ein so allgemeiner Ausspruch doch wohl vielen unrecht tue.

»O gewiß,« bestätigte Frau Schneppe mit der Miene wohlwollendster Unparteilichkeit. »Es sind nicht alle so. Da ist zum Beispiel gleich Baron Sarnberg, das ist ein so stiller und feiner Mann; gegen den könnte man gewiß nichts einwenden.«

»Als daß er gegen Impertinenzen und Extravaganzen, die gewissermaßen unter seinem Schutze ausgeführt werden, selbst nichts einwendet.«

»Das ist freilich wahr, aber du vergißt, liebe Wilma, daß er ein kranker Mann ist.«

»Oh, ich vergess' es nicht.«

»Aber seine Frau, meinst du. Ja, es ist merkwürdig – na, die Herrschaften werden es ja sehen – wie wenig Rücksicht sie auf seinen Zustand nimmt. Er sollte immer gehen, rudern, bergsteigen, wie die andern, die doch gesund sind. Sie möchte eben auch überall mit dabei sein, denn etwas von dem tollen Blut ihrer Schwester rinnt auch in ihren Adern. Der arme Mann ist auf dem Rollwägelchen hierhergekommen und nun dürfte sie doch zufrieden sein, daß er nur wieder auf eignen Füßen geht, aber er hat keine Ruhe, und ein Rückenmarksleiden ist doch eine so gefährliche Sache. Zuletzt waren sie in Wildbad und vordem schon einen Winter am Genfersee. Der Arme soll bei einem der wilden Ritte, die seine Schwägerin zu arrangieren liebte, unglücklich gestürzt sein und sich dabei die Krankheit zugezogen haben. Ein junger Kaufmann aus Breslau hat uns das alles erzählt, er kennt die Familie genau, die dort in der Nähe begütert ist.«

»Bei Breslau?« fragte Frau Rodek mit gesteigerter Aufmerksamkeit.

»Glaubst du nicht, Mütterchen, daß du dir für den ersten Tag etwas zu viel zumutest? Willst du nicht auf deinem Zimmer ausruhen?« sagte ihr Sohn, in dessen Zügen sich ein wenig Unruhe verriet.

Die alte Dame jedoch beschwichtigte seine Besorgnis. Die Luft tat ihr ja so gut, und von Mattigkeit verspürte sie gar nichts. Es hatte fast den Anschein gehabt, als versuche er die unermüdliche Erzählerin von ihrem Gesprächsstoff abzulenken; wenn das aber sein Zweck wirklich war, so hatte er ihn verfehlt, denn in der Gefahr, ihre Zuhörer zu früh zu verlieren, fuhr sie nur um so lebhafter fort:

»Waren Sie vielleicht einmal in Breslau, und erinnern Sie sich, von der Familie schon gehört zu haben? Der alte Sarnberg soll unmenschlich reich gewesen sein, aber unter dem jetzigen soll es ziemlich mit dem Vermögen abgenommen haben. Nichts als Gesellschaften, Reiten, Jagen, Herumfahren, wie das so geht. Seine Frau ist's eben nicht anders gewohnt von Haus aus. Schlimmer aber noch ist ihre Schwester, die treibt es am ärgsten. Na, Sie haben ja bei Tische das Vergnügen gehabt, Fräulein Lydia kennen zu lernen.«

»Von ihrer liebenswürdigsten Seite.«

»Ja, ja,« lachte Frau Schneppe zur Randglosse ihres Töchterchens, »denn da spielte sie sich doch nur auf die große Dame hinaus.«

»Während sie sich sonst auf den Mann spielt,« warf Fräulein Wilma hier abermals ein und erhöhte dadurch die Heiterkeit ihrer Frau Mama in gleichem Maße, als sie deren Eifer schürte, sich den abspulenden Faden nicht entwinden zu lassen, was sie durch eine fast ans Wunderbare grenzende Beschleunigung ihres Sprechapparats zu verhindern suchte.

Es entwickelte sich dadurch ein ganz merkwürdiges Duett zwischen Mutter und Tochter, die sich gegenseitig die Worte vom Munde wegfingen, so daß es bei der Ähnlichkeit der Stimmen für jeden, der nicht hinsah, weniger wie ein Wechselgesang als wie das ununterbrochene Abklappern einer telegraphischen Depesche klang.

»Es fehlte nur, daß sie sich den Schnurrbart wachsen ließe.«

»Der Anfang wäre schon da. Ich glaube entschieden, sie rasiert sich.«

»In ihrer ganzen Toilette affektiert sie Einfachheit und Herrenschnitt.«

»Sie trägt nur Männerhüte, das ist ja besonders pikant.«

»Und schwimmt und turnt, es ist wirklich ein Skandal.«

»Und geniert sich gar nicht, mit den Herren zu sprechen, wenn sie in ihren Ruderanzügen sind. Sie ist ganz emanzipiert.«

»Überall will sie den Ton angeben und von allen hofiert sein.«

»Und doch tut sie, als ob für sie niemand auf der Welt wäre.«

»Sie soll – denken Sie nur – in der Jugend Knabenkleider getragen haben.«

»Sie könnte es jetzt noch tun. Ich weiß nicht, was die Herren alle an ihr finden.«

»Man würde sie wirklich für einen Mann halten.«

»Groß und breitschultrig genug ist sie dazu.«

»Und ihr Teint wie ein Mulatte.«

»Und diese Wülste von Augenbrauen.«

»Und die Hand eines Holzknechts!«

Mama Schneppe konnte nicht umhin, über das ihr ungemein komisch erscheinende Porträt in ein entzücktes Lachen auszubrechen, und Wilma benutzte die kleine Pause dazu, nachdem sie zuvor ihre anämischen Wangen nicht selbst hatte bespiegeln können, doch wenigstens ihre dünnen, aber recht unschönen Fingerchen gehörig vor die Augen zu rücken. Dann schloß sie das so liebevoll gemalte Bildnis noch mit einem hübschen Schnörkel ab.

»Sie soll das ganze Ebenbild ihres Vaters sein.«

»Auch in Geist und Charakter,« setzte Frau Schneppe hinzu; »derselbe junge Kaufmann, der uns über die Sarnbergs orientierte, kannte auch die Familie Wingerode und hat uns über den verstorbenen Landrat gar hübsche Stückchen erzählt.«

»Wingerode,« kam es zitternd über die Lippen der alten Dame, und als dieselben den Namen fast mechanisch wiederholten, ließ sich in den bleichen und ein wenig abgehärmten Zügen eine auffällige Veränderung wahrnehmen, die nur durch den Umstand einigermaßen der Aufmerksamkeit von Mutter und Tochter Schneppe entging, daß im selben Augenblicke der brave Tuttlinger mit höflichem Anstand grüßte und ein »gutes Nachmittägle« wünschte.

Mit seiner Gattin am Arme war er, gemächlich einherwandelnd, endlich auch am Kiosk angelangt, im Begriff, in denselben einzutreten, aber von ihr zurückgehalten worden.

»Weißt, mer kann doch nicht wisse,« meinte sie, »das Luschthäusle ist so gar leicht baut und könnt grad z'sammefalle, wo mer drunter sitzt.«

»Landrat von Wingerode, sagen Sie?« stammelte die Matrone, mit ihrer Hand nervös an dem Schirme nestelnd.

»Ja freilich. Die Schwestern sind Töchter von ihm. Es ist noch ein andrer Herr von Wingerode hier, Vetter Gero nennen sie ihn, das ist aber eine andre – – Mein Gott, was ist Ihnen denn, Frau Wegbauinspektor?«

»Kennen Sie vielleicht die Familie?« sprang Wilma, als sich ihre Mutter unterbrach, schnell ein, aber Werner kam jeder weitern Frage zuvor.

Er hatte den Blick fest auf seine Mutter gerichtet gehabt und war beim ersten Zeichen der eintretenden Störung aufgesprungen. Nun legte er sachte den Arm um die Schultern der alten Frau, und in weichen Tönen, die man seinem etwas tiefen und barschen Organe gar nicht zugetraut hätte, forderte er zur Rückkehr in den Gasthof auf.

»Siehst du, Mutter, ich wußte es wohl, daß du dir zu viel zutrautest. An einem Reisetage muß man sich Ruhe gönnen. – Oh, ich danke, mein Fräulein,« lehnte er dann das dargebotene Glas Wasser und darauf auch die übrigen dienstfertigen Bemühungen und Ratschläge von Mutter und Tochter ab. »Ein klein wenig Bewegung und etwas frische Luft – hier ist sie doch zu gesperrt – das ist das Beste, und dann Ruhe – Ruhe!«

Bei diesen Worten, die fast wie eine Mahnung klangen, war es ihm schon gelungen, der Mutter aufzuhelfen. Sie sorgsam stützend, führte er sie erst ein paar Schritte vom Tische fort und dann, sobald er den Kaffee bezahlt hatte, weiter dem Ausgange des Gartens zu.

»Seltsam!« sagte Frau Schneppe.

»Ob da nicht etwas dahintersteckt?« versetzte die Tochter, und beide sahen sich gespannt an.

»Das müssen wir herausbringen!« erklärten dann beide zugleich mit der Entschlossenheit eines edeln Vorsatzes.

»Ist's erlaubt?« fragte in diesem Momente der gute Tuttlinger, sichtlich willens, Beschlag auf die beiden freigewordenen Sitze zu legen. »Da ist ja ein prächtiges Plätzle. Siehst, Alte, da haben wir auch Schatten, ein gemütlich's Gesellschäftle dazu. Den Damen wird's auch ein G'falle sein!«

Wie sehr er ihre Gedanken erraten, hätte er an ihren entsetzten und indignierten Blicken absehen können. Einem rettenden Engel gleich erschien ihnen in diesem kritischen Augenblicke Graf Marchegg. Er keuchte und wischte sich die dicken Tropfen von der Stirne und deren ausgiebiger Verlängerung.

»Ah, meine Damen, Sie müssen mich entschädigen,« sagte er in seiner jovial vertraulichen Art. »Ich glaubte noch zurechtzukommen, da erhebt sich Ihr interessanter Nachbar. Hätte gern seine Bekanntschaft gemacht. Baumeister Rodek – könnte schon Baurat sein, will aber nicht. Unabhängigkeit über alles! Genialer Mann – auf dem besten Wege zur Berühmtheit, – weiß alles, – weiß bereits alles. Möchte aber noch mehr wissen, und wende mich daher an Sie, meine Damen.«

Er schien die Quellen zu kennen. Der eben erst noch so wegwerfend Beurteilte wurde mit Entzücken empfangen. Nicht dem geschlagenen Feinde, sondern dem Überläufer wurden hier goldene Brücken gebaut. Es war doch etwas Unwiderstehliches um dieses liebenswürdige, natürliche Sichgehenlassen, das man nur in aristokratischen Kreisen finden konnte, und sicherlich war es nicht allein das Bestreben, sich den gemütlichen Anknüpfungsversuchen des höchst kompromittierenden Tuttlinger Ehepaares zu entziehen, was die beiden gesprächigen Damen veranlaßte, sich von diesem so schnöde ab und dem »lieben Grafen« so hingebend zuzuwenden. Das war doch wenigstens ein Blick über die chinesische Mauer, und wer weiß, vielleicht blieb dieselbe mit einem so vollwichtigen Bundesgenossen doch nicht für alle Zeit unübersteigbar.

3

Indessen geleitete Werner Rodek die Mutter langsam den Weg entlang, der am Kamme der Anhöhe hin gegen die Kirche führt. Hier strich ein erquickendes Lüftchen, von welchem unten in dem nach allen Seiten geschützten Kessel kaum etwas zu merken war, und ein herrlicher Ausblick über den Nordabhang der Berge bis zum blauen See hinunter tat sich dem Auge auf. Ruhig, wie ein sanft schlummerndes Kind lag der leichtgereizte, jähzornige Bodan in seinem grünen Bette. Des Riesen Haupt und Füße waren in leichte, duftige Schleier gehüllt, und über denselben ragten sonnbeschienen die mächtigen Eckpfosten, welche vom Pfänder bis zum Hohentwiel die azurne Decke gespannt trugen, an der, wie aufgenommene Vorhänge des Himmelbetts, schneeigweiße, im Rokokostil gebauschte Wölkchen hingen. Und jenseits lag, wie ein weicher, moosiger Teppich, das hügelige Vorland unabsehbar ausgebreitet.

Die geschwächten Augen der Matrone vermochten sich zwar nicht an der ganzen Schönheit zu laben, doch zeigte sich alsbald die günstige Einwirkung von Luft und Sonne in dem sicheren Schritte, der kräftigerem Haltung. Sie atmete ein paarmal tief auf, und jetzt erst sprach ihr der Sohn, der ihr absichtlich so lange Zeit gelassen, mit gedämpfter Stimme herzlich zu.

»Ruhe, Ruhe, liebes Mutterchen. Du weißt ja, was Doktor Gräfe dir heute gesagt hat. Du sollst dir keine Sorgen machen und jegliche Aufregung vermeiden, nur wenn du ganz unbekümmerten und friedlichen Gemütes bist, kann die Operation vorgenommen werden, die dein linkes Auge davor behütet, in weitere Mitleidenschaft gezogen zu werden. Also beherrsche die Bewegung und verscheuche jede Unruhe.«

»Ihr habt gut reden,« entgegnete sie leise nickend, »der Kummer wächst innerlich, und den kann man allenfalls zur Ergebung in Gottes Willen verwandeln. Die Freude und der Gedanke an das Glück, das uns geblieben, trinkt ihn ja auch hinweg, wie die Sonne den Nebel, und ich müßte undankbar sein, wenn ich mich dessen nicht erinnern wollte, was ich an dir habe, mein lieber Sohn. Gegen dies wiegt es wohl nichts, ob ich ganz erblinde oder nicht. Du läßt es mich ja nicht fühlen, daß ich die alten, müden Augen nicht mehr brauchen kann, und so will ich denn gerne sorglos hinnehmen, was mir der Himmel beschert. Aber mit der Aufregung ist es ein andres; die kommt von außen her, und wie kann ich die abwehren? Es ist nun schon so lange her – aber wenn der Name genannt wird – und so unversehens –«

»Ja, das war freilich ein Fehler von mir, und ich hätte vorbeugen sollen, solange es noch Zeit war, später, als ich dich fortführen wollte, da kam die Vorsicht schon zu spät.«

»Wußtest du denn überhaupt –«

»Bei Tisch erst hab' ich es erfahren. Ich konnte mir es wenigstens denken, als ich das Wappen auf dem Siegelringe der Nachbarin erkannte. Mich überraschte es selbst, als ich das springende Pferd der Wingerode erblickte. Aber der Ring konnte ja am Ende auch in andrer Weise in ihren Besitz gekommen sein – geradeso wie der, den wir zu Hause haben, in den unsrigen. Sie mußte darum noch nicht zur Familie gehören; am wenigsten war ich aber darauf gefaßt, eine Tochter jenes Wingerode – freilich, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten Miniaturbilde ist da – in dieser Hinsicht haben die beiden Klatschbasen nicht übertrieben.«

»Und nun sollen wir im selben Hause miteinander wohnen. O Werner, ich möchte am liebsten abreisen!«

»Und das Feld räumen, wie jemand, der ein böses Gewissen hat? Nein, Mutter, daraus wird nichts. Wär alles offen und klar in der Welt, nicht wir hätten die Augen zu senken. Und nun sollen wir vor der eignen Erinnerung an erlittenes Unrecht das Haupt beugen? Diejenigen, vor denen wir flüchten würden, wissen wohl gar nichts von der Vergangenheit, und wär's dennoch der Fall und brächten sie's in Zusammenhang mit unsrer Abreise, sie triumphierten zuletzt gar noch, uns verjagt zu haben. Das war von jeher Pflicht und Schuldigkeit des gemeinen, gedrückten Volkes, wenn es unbequem wurde, sich aus dem Wege zu machen. Nein, dazu erhältst du meine Zustimmung nicht.«

»Aber wir könnten doch wenigstens in einen andern Gasthof – –«

Der Sohn, dessen Miene und Stimme den verhaltenen Ingrimm nicht verbergen konnten, fiel ihr, eingedenk des eignen Rats, der sie vor jeder Aufregung gewarnt, Ton und Ausdruck mäßigend, ins Wort.

»Darüber können wir ja noch beraten, obwohl es am Ende auf eins hinausläuft. Daß wir einander nicht wieder allzusehr in die Nähe geraten, dafür brauchen wir gar nicht Sorge zu tragen; das richten sie schon selber so ein, glaube mir. Zudem ist ja der Landrat tot, und die Töchter haben kein Teil an der Schuld des Vaters, insofern ist auch eine Begegnung, jetzt, nachdem die erste vorüber ist, vollkommen gleichgültig. Ganz ließe sich dieselbe in dem engen Orte doch nicht vermeiden, selbst wenn wir das Haus verließen. Und das hatte ich mir auch überlegt, als ich nach dem vergeblichen Versuch, es zu verhindern, die Erwähnung des Namens schließlich herankommen ließ. Der konnte ja auch an jedem andern Orte genannt werden, und es war vielleicht um so besser, je früher es geschah; da störte es doch nicht zur Unzeit, und es blieb dir Muße, deine Ruhe wiederzufinden. So ließ ich denn die häßlichen Plappermühlen ihr Korn schroten.«

Die Mutter antwortete diesmal nicht, sie hing ihren Gedanken nach, und Werner wollte sie darin nicht stören. Sie kamen auch eben an einer der Bänke vorüber, die da oben der Aussicht wegen angebracht sind, und diese war besetzt.

Es schien ein zärtliches Liebespaar, das sich darauf niedergelassen hatte, als der Vorüberwandelnde aber aufmerksamer hinblickte, erkannte er Herrn von Sarnberg, der müde in dem Schatten lehnte, indes seine Frau, ihren Arm in den seinen geschlungen, die Wange zärtlich an seine Schulter schmiegte. Unbekümmert um das Geräusch der nahenden Schritte, vielleicht auch dasselbe überhörend, setzte sie halb schmollend und halb lachend den kleinen Sermon fort, in den sie sich vertieft hatte.

»Du wirst mich auch noch recht erzürnen, Odo, wenn du diesen hypochondrischen Anwandlungen so nachgibst. Es hat lange genug gedauert, ehe es endlich die Wendung zum Bessern nahm. Nun aber darfst du auch nicht mehr zweifeln und deiner eignen Natur mißtrauen, du mußt sie unterstützen und sie durch Übung wieder zum Bewußtsein ihres Vermögens bringen. Du kennst ja doch die Geschichte von dem Kranken, der vorgab, nicht auf seinen Füßen stehen zu können bis der Arzt ›Feuer!‹ rief und sein Patient aus dem Bette sprang und gesund, wie in seinen besten Tagen, davonrannte. Geradeso geht es mit dir. Aber gib nur acht, ich weiß schon ein Mittel, auch dich auf die Beine zu bringen. Eines Tages suche ich mir Gero, oder wenn der zu stark bei Lydia beschäftigt sein sollte, Graf Marchegg oder sonst jemand aus und bin, ehe du dich versiehst, mit ihm bei Nacht und Nebel verschwunden. ›Feuer!‹ ruft da die Eifersucht, und dann gibt es einen Wettlauf – ob du mich einholst – ich werde dir's nicht gar so leicht machen. Oder würdest du nicht eifersüchtig sein, sag' mir's – liebst du dein kleines Frauchen nicht mehr genug, um eifersüchtig zu sein?«

»Wie kannst du nur so sprechen, Jenny, selbst im Scherze? Oh, selbst im Scherze sollte dir der Gedanke nicht kommen können, mir eine Qual zu bereiten. Fühlst du denn nicht, wie manchmal mich die peinigende Sorge beschleicht, daß deine Neigung zu dem kranken Manne allmählich einschlummern muß – du, das blühende Leben, die Jugend, die strotzende Gesundheit – ach!«

Der Seufzer des Kranken wurde durch eine leidenschaftliche Umarmung seiner Frau erstickt.

»Odo, Odo, du böser Mann, wie häßlich denkst du von mir!« rief sie mit den gedämpften Lauten einer girrenden Taube. »Was ist es denn, als Liebe, die aus mir spricht? Ich dich verlassen? Dann wär' es nur, um mich da in den See hinabzustürzen. Das hatte ich mir schon damals in Vevey gelobt, als du so übel daran warst, aber Gott hat mein Gebet erhört, er mußte ja auch, er wäre sonst zu grausam gewesen!«

»Ich danke dem Himmel, daß er dich nicht beim frevelnden Worte genommen.«

Sie scherzte aber seinen Ernst hinweg, und unter ihren zärtlichen Küssen röteten sich die bleichen Wangen und begannen seine matten, krankhaft großen Augen wieder lebensmutig zu leuchten.

Im langsamen Vorüberwandeln war Werner mit seiner Mutter unterdes wieder außer Gehörweite gelangt. Er hatte den größten Teil dieses Dialogs ohne sein Zutun mit angehört und verriet die nur der Mutter gegenüber niedergehaltene gereizte Stimmung in der spöttischen Bemerkung, die er über diese Unbefangenheit, intime Gefühle also öffentlich vor aller Welt zu verhandeln, fallen ließ.

»Es ist doch eigentlich eine beleidigende Mißachtung der andern Menschen in einer solchen Ignorierung derselben von dieser Klasse Damen, denen ja auch ihr Bedienter nicht als Mann zählt, wenn er Zeuge mancher Toilettengeheimnisse wird,« setzte er dann hinzu.

Die alte Frau, von den schmerzlichen Gedanken, welche sie selbst zuvor beschäftigten, ein wenig abgelenkt, tat sanft Einspruch. In ihrem wohlwollenden Herzen hatte das Zwiegespräch der beiden jungen Gatten ein ganz andres Echo als bei ihrem Sohne gefunden.

»Und ist es denn eine Schande, sich Mut einzusprechen und sich zu sagen, daß man sich liebt? Soll denn immer nur der Haß laut werden? Und was sind wir ihnen denn schließlich? Sie kennen uns wohl gar nicht, sowenig als wir sie, und da kann man ihnen doch nicht verargen, wenn sie wegen ein paar Vorübergehenden sich keinen Zwang auferlegen. Es tut ja am Ende so wohl, ein wenig Zärtlichkeit zu sehen und zu hören, wo man in der Regel nur Ehepaaren begegnet, die es für besonders vornehm und wohlanständig halten, sich recht gleichgültig, ja eisig kalt gegeneinander zu stellen. Das ist in meinen Augen eine häßliche Maske.«

»Wenn du wüßtest!« hatte Werner sie unterbrechen wollen, doch noch beizeiten Einhalt getan. Das Paar war von dem schwachen Auge der Mutter nicht erkannt worden, sie hatte es wohl schon bei Tisch nicht recht gesehen, warum sollte er jetzt wieder auf den abgetanen Gegenstand zurückkommen? Doch so ganz konnte er sich einer ironischen Erwiderung nicht enthalten. »Nun, immerhin mag das Taubenpärchen von Glück sagen, daß es ein so harmloses und wenigstens bei der einen Hälfte für alles eine Entschuldigung findendes Publikum gehabt. Es hätte ebensogut den beiden moralischen Giftmischerinnen in die unbarmherzigen Hände fallen können, die nun wahrscheinlich uns der Reihe nach ebenso zerfasern, wie zuvor zu unsrer möglichst gründlichen Information ihre übrigen Opfer.«

»Bist du nicht wieder ungerecht?«

»Ich sage es ja, du hast auch für sie eine Entschuldigung,« scherzte er, aber es klang ein wenig scharf. »Du kannst doch unmöglich Gefallen an diesem Zerfleischen nur um der Lust am Zerfleischen willen gefunden haben!«

»Gewiß nicht, selbst wenn es Leute betrifft –« sie sprach nicht aus.

»Nun denn, dann möchte ich dein Plädoyer für die beiden Hyänenweibchen einmal hören.«

»Du bist heute wieder bei deiner Jägerlaune,« sagte sie mit weichem Lächeln, das dem Tadel jede Spitze nahm, »und nicht gerade behutsam in der Wahl deiner Pfeile. Und du nimmst andern den gleichen Fehler übel? Es liegt etwas von dem raschen, unbedachten Temperament deines Vaters in dir!«

»Mein Vater –« wollte Werner lebhaft erwidern, doch hielt er auch diesmal das jähe Wort zurück, gerade als ob er sich selbst eine Probe von dem Gegenteil des mütterlichen Urteils geben wolle.

»Du weißt, wie ich ihn achtete und ehrte,« fuhr sie fort, »und darum ist's eigentlich kein Scheltwort, das dich trifft. Aber im Mißmut erwägst du nicht lang und, man sollte doch keine Entscheidung übereilen und immer Nachsicht üben.«

»Auch gegen diese Schneppes? Ich denke, Gerechtigkeit ist das oberste Gesetz, und das lautet: Dir wie mir.«

»Das ist ein hartes Gesetz,« meinte sie kopfschüttelnd, dann aber nahm sie ihn beim Worte mit einer kleinen, unschuldigen List, die ihrem schönen und sanften alten Gesicht eigentümlich wohl ließ, »doch halte dich daran. Die beiden Damen sind uns recht freundlich entgegengekommen, und es tut so wohl, wenn man in der Fremde freundliche Menschen findet, die uns leicht Anschluß gewähren.«

»Weil sie selber einen brauchen,« ergänzte Werner heiter lachend den Satz. »O Mutterchen, was hast du dir für ein liebes, vertrauendes Herz bewahrt! Man könnte dich darum beneiden! Ja wahrlich, aber das Mißtrauen der Weltklugheit hat sich zu tief eingefressen in unser verdorbenes Gemüt, und man hält sich gläubig nach ihrer Maxime: ›Nimm die Hand, die dir gar so rasch geboten wird, mit Vorsicht an. Wer dir die Annäherung allzu leicht macht, von dem wirst du Mühe haben, wieder loszukommen.‹ – Don Gracian war ein alter Pessimist, und seine füchsische Schlauheit ist mir sonst zuwider – freilich bin ich auch zum Hofmann gründlich verdorben –, aber einen seiner Ratschläge, meine ich, darf man sich doch hinter das Ohr schreiben.«

»Und wie heißt der?«

»Nicht leicht glauben und nicht leicht lieben.«

»Als ob das von dir abhinge,« sagte sie leise nickend, und ihre feinen Lippen lächelten dazu. »Dein Wille tut gar nichts dabei zur Sache. Du wirst glauben, wenn du kannst, und lieben – wenn du mußt.«

»Du bist ja die reine Fatalistin, Mama.«

»Wenn dein berühmter Ratgeber keine praktischeren Regeln weiß –«

Ein Ruf unterbrach sie, und eine Bewegung ihres Sohnes hinderte sie, fortzufahren.

Werner hatte sich, über die wiedergewonnene Ruhe und Heiterkeit der Mutter erfreut, so sehr ins Gespräch vertieft, daß er erst in den letzten Augenblicken der kleinen Gesellschaft ansichtig geworden war, die sich auf dem Rasenplatze vor der Pension Seefeld, bei welcher die Straße von dem Kamme der Anhöhe sich abwärts gegen den Friedhof wendet, eifrig mit Kricketspielen beschäftigte.

Hier wohnte wohl die eine der beiden englischen Familien, welche Frau Schneppe unter der wohlklingenden Firma der »Oxles und Boxles« zusammenwarf, und gemeinsam gaben sie sich auch Zeitvertreiben hin, nur Lydia hatte sich ihnen noch angeschlossen, und sie war es auch, die eben an dem Balle stand.

Noch hielt ihn die Spitze des schlanken Fußes, von dem sie ihr Kleid gehoben, als sie Werners Blick traf. Sie mußte den Nahenden, welcher sich der auf seinen rechten Arm gestützten Mutter zukehrte, schon früher gesehen haben, ehe er noch den Kopf wendete, und einen Moment schien sie auch zu zaudern, denn die Kugel mußte gerade die Richtung nach dem Wege nehmen, auf dem die beiden daherkamen. Sofort schien jedoch der Übermut den Sieg davongetragen zu haben. Der warnende Zuruf eines der jungen Leute aus dem Kreise der Mitspieler bewirkte genau das Gegenteil. Statt zurückzuhalten schien er anzuspornen; es erfolgte nur ein unsäglich geringschätziges Achselzucken darauf, und gleich danach fiel der Schlag mit augenscheinlicher Heftigkeit. Die Kugel rollte durch den nächsten Bogen, und dann in scharfem Laufe weit über das Ziel hinaus und schnurstracks auf die beiden friedlichen Spaziergänger zu. Wohl hob Werner rasch den Fuß und suchte sie mit der Sohle zu fangen, durch den Umstand aber, daß er den Arm nicht frei hatte, in seinen Bewegungen einigermaßen gehindert, vermochte er dem schweren Holzball nicht unmittelbar Einhalt zu tun; derselbe machte, im gewaltsamen Anpralle abgelenkt, einen kleinen Sprung und traf so den Fuß der alten Dame, die einen Schrei ausstieß, wankte und am Zusammensinken nur durch den raschen Eingriff ihres Sohnes verhindert ward.

Mit blitzschneller Bewegung hatte er den Arm um sie geschlungen und ließ sie, als sie sich auf dem gestreiften Fuß nicht mehr zu halten vermochte, langsam auf die ganz in der Nähe stehende Bank niedergleiten.

Das unvorhergesehene Ereignis hatte die kleine Spielgesellschaft in keinen geringen Schrecken versetzt. Die Mädchen standen alle wie an den Fleck gebannt, und selbst ihre jungen Gefährten wußten sich im ersten Augenblicke nicht zu raten und sahen bestürzt und unbehilflich herüber. Die Schuldige allein verlor ihre Fassung nicht, aber es war kein Triumph, der sich auf ihren blaß gewordenen Wangen malte. Das höhnische Lachen war verschwunden, statt daß sie jedoch der Schrecken wie die andern gelähmt hätte, trieb er sie im Fluge der Gruppe auf dem Wege zu. Im Nu stand sie neben der auf der Bank Ruhenden.

»Ist dein Fuß verletzt, Mutter?« fragte Werner besorgt.

»Ein wenig, ja,« lautete die leise Antwort. »Es stieß mir etwas gegen den Knöchel –«

»Oh, es tut Ihnen gewiß recht weh!« ließ sich da eine von Teilnahme bewegte Stimme vernehmen, und Werner erblickte jetzt erst die Herangekommene.

Verwunderung und heißer Unwillen mischten sich in seinem Gefühle.

»Ihre Kugel liegt dort, mein Fräulein,« sagte er hart.

Lydia ließ sich jedoch nicht fortweisen, obwohl sie das Auge unter seinem zürnenden und strengen Blicke senkte. In dem Tone ernster, aus dem Herzen kommender Abbitte wandte sie sich an die Verletzte.

»Wie leid, wie leid ist's mir, wenn Sie Schmerzen empfinden! Es war mein Ball, der Sie gestreift hat, und ich beklage diesen unglücklichen Schlag. Leiden Sie sehr? Soll man nicht einen Tragstuhl holen, damit rasch geholfen werde? Quick! run James!«

Frau Rodek gab sich Mühe, ihren Schmerz zu verbergen.

»Ich danke Ihnen, liebes Fräulein,« sagte sie freundlich und zwang sich dabei zu einem Lächeln, das ihr hart genug ankommen mochte. »Es ist nichts – es wird bald vorübergehen. Es war wohl mehr der Schreck. Sie dürfen sich nicht beunruhigen meinetwegen. Es ist so liebenswürdig von Ihnen, sich um mich zu bekümmern.«

»Beschämen Sie mich nicht so tief, gnädige Frau. Sie sind so gütig und hätten doch das Recht, mir gar sehr zu zürnen. Wenn es nun eine ernstliche Verletzung ist!«

»Nein, nein, das ist es gewiß nicht. Seien Sie nur nicht ängstlich, mein liebes Kind. Es hat nichts zu bedeuten. Sie dürfen sich auch keine Vorwürfe machen. Wie leicht nimmt solch ein Ball eine falsche Richtung oder läuft zu weit! Sie haben uns im Eifer des Spiels gewiß gar nicht gesehen, keinesfalls aber ahnen können, was geschah. Ich bin ja nicht so einfältig, jemand einen Zufall entgelten zu lassen. Gewiß nicht. Quälen Sie sich nur selbst nicht, mein gutes Fräulein, es trifft Sie ja keine Schuld.«

Die milden, entschuldigend en Worte trieben eine tiefe Purpurwolke in Lydias Antlitz. Schuldbewußt fühlte sie sich von dieser Seelengüte niedergedrückt. Auch wenn die halberblindeten Augen den wirklichen Vorgang nicht wahrgenommen hatten, blieb noch so viel selbstloses Wohlwollen in dem Benehmen der ihre Schmerzen verleugnenden alten Frau, daß auch ein verhärtetes Herz dadurch der eignen Lieblosigkeit innewerden mußte. Lydia neigte verwirrt die Stirn und erwartete den Einspruch des besser unterrichteten Zeugen und seine vernichtende Anklage.

Als dieselbe aber nicht erfolgte, da hob sie scheu das Auge. In seinem verächtlichen Blick und seinem ironischen Lächeln konnte sie seine Absicht lesen, den ihr zugute kommenden Irrtum hingehen zu lassen und sie zu schonen, ohne ihr darum zu verbergen, was er selber dabei dachte.

»Komm, Mutter, willst du nicht versuchen, ob du dich auf dem Fuße erhalten kannst, nur bis zum Hause?« redete er ihr sanft zu.

Frau Rodek tat nach seinem Wunsche, sank aber ächzend auf ihren Sitz zurück.

»Es geht noch nicht,« sagte sie leise, und zu Lydia setzte sie dann hinzu: »Sie werden mich für recht empfindlich halten.«

Das war aber für diese nur das Stichwort, ihrem Zagen ein Ende zu machen. Der kurze innere Kampf war zu Ende, und die stolze Wahrheitsliebe hatte die momentane Anwandlung von feiger Passivität überwunden.

»Ich wollte, ich dürfte eine recht harte Strafe erdulden für das, was ich herbeigeführt,« bekannte sie sich in demütigem Tone, aber mit fester Stimme zu ihrem Verschulden, »sie würde mir leichter zu tragen sein, als das Gefühl des Unrechts, das Ihre milden Entschuldigungen nur verstärken. Ich habe keine für mich, nicht einmal die der Absichtslosigkeit.«

»Sie wollten mich doch nicht treffen und mir wehe tun? Nein, nein!«

»Ihnen?« Unwillkürlich beugte sich Lydia über die ihr entgegengestreckte Hand, und dem plötzlichen inneren Drange nachgebend, küßte sie dieselbe. »Nein, das wollte ich nicht, gewiß nicht!« murmelte sie dumpf.

»Was tun Sie, mein Kind?« rief Frau Rodek bewegt und verlegen.

»Verzeihen Sie mir!«

»Aber es ist ja doch gar nicht der Rede wert. Ich fühle schon, wie der Schmerz nachläßt. In ein paar Minuten kann ich wieder gehen. Es ist nur eine ganz leichte Berührung gewesen, und nur weil ich eine so schreckhafte alte Frau bin – wenn man schlecht sieht, fürchtet man sich auch gleich vor allem – – Nun erweisen Sie mir aber auch den Gefallen und lassen Sie sich in ihrem Spiel nicht weiter stören. Ich bitte Sie darum.«

»Meine Mutter hat recht,« nahm nun auch Werner wieder das Wort zur Entscheidung. Im Ausdruck seines Antlitzes lag nichts mehr von Spott und Zorn, und selbst seine Stimme klang versöhnlich, wenn auch ernst und so, daß man daraus deutlich den festen Willen, jede weitere Erörterung abzuschneiden, heraushören konnte. »Sie hat Ihnen nichts zu verzeihen, da kein böser Wille gegen sie vorhanden war, wie ich überzeugt bin.« Er betonte diesen Satz und fuhr dann mit einer mehr wohlwollenden als strengen Mahnung fort: »Gedankenloser Mutwille hat zwar auch oft üble Folgen, aber man darf Damen nicht allzusehr dafür verantwortlich machen. Es ist gut, wenn sie zuweilen etwas zu bereuen haben; sie gewinnen dabei an Milde und Anmut. – Doch nun, Mutter, wird's gehen; da kommt ja auch schon eine Equipage.«

Der junge Engländer, der auf Lydias Wink sofort hinabgeeilt war, kam jetzt mit einem Tragstuhl. Deren stehen, wo so viel Kranke sind, immer bereit. Zwei kräftige Männer fanden an der alten Frau eine leichte Last.

Werner hatte sich mit einem höflichen Gruße von Lydia empfohlen, doch diese ließ sich nicht abhalten, nach dem Gasthofe zu folgen, und gab sich erst zufrieden, als ihr Werner, wie sie es erbeten, durch das Stubenmädchen die Versicherung mitteilen ließ, daß in der Tat keine ernstere Verletzung stattgefunden habe und die Kontusion einfach durch kaltes Wasser in ein paar Stunden geheilt sein werde.

4

Über Nacht hatte sich der Himmel trüb umzogen, nur hin und wieder kam die Sonne zwischen den grauen Wolken hervor, als ob sie sich umsehen wollte, was denn da unten vorginge. Es war auch nicht wie alle Tage.

Von Zeit zu Zeit wurde die tiefe Ruhe des Tales durch einen scharfen Knall gestört, der sein Echo an den Hügellehnen fand. Es mußte irgendwo ein Scheibenschießen sein, denn für eine Jagd, selbst wenn in der ersten Hälfte des August an eine solche zu denken wäre, fielen die Schüsse in zu langen und zu regelmäßigen Intervallen. Und doch war es etwas Dergleichen, eine Unterhaltung, die beide Vergnügen in sich vereinigen sollte. Die kleine Schützengesellschaft, die sich ziemlich weit vom Orte – denn der Lärm war eigentlich nicht kurgemäß – an der Ecke eines dünnen Gehölzes versammelt hatte, gab sich nicht mit einem feststehenden Ziele zufrieden, sondern benutzte lebendige Objekte. Ein junger Mann in hohen Ledergamaschen und sonst auch ausgerüstet, als ob er geradeswegs in einen amerikanischen Urwald auf Jaguare oder in die Prärie auf Büffel auszuziehen gedenke, stand an einem dichtverhängten Käfige von der Größe einer Kiste. Er hatte eine Schnur in der Hand, und so oft er an derselben zog, öffnete sich eine Klappe und eine Taube flog aus dem Schlage empor. Verwirrt, geblendet und doch glücklich, der finsteren Haft entflohen zu sein, schwirrte das arme Tierchen zum Himmel auf, doch ehe es noch recht zu sich gekommen war, krachte ein Schuß, und dann war's mit der Freude und dem Leben zu Ende.

Zuweilen freilich traf die Reihe, auf dem Brette zum Schusse anzutreten, auch einen minder Geübten, dann wurde das Ziel verfehlt, und der geängstigte Vogel war gerettet. Eiligst suchte er das Weite, während man den Ungeschickten verlachte.

Und an der Heiterkeit wie am Beifall beteiligte sich auch die liebe Jugend aus dem Orte und den Bauernhöfen, die ihre Schulferien dazu benutzte, das Tun und Treiben der fremden Gäste zu beobachten, daraus ihre kindlichen Schlüsse zu ziehen und sich in lukrativer Dienstfertigkeit zu üben. Wenn man nicht Kegelbube sein durfte, konnte man zur Abwechslung wohl einmal Jagdhund spielen und die erlegte Beute apportieren. Für Publikum brauchten die Hauptakteure also nicht Sorge zu tragen. Wo in diesen Gegenden ein Gewehr knallt, stellen sich die Zuschauer schon von selber ein; alles, was mit dem Schützenwesen zusammenhängt, findet die regste Teilnahme, hier kam noch die Neuheit der Sache und die ungewöhnliche Erscheinung von Damen mit dem Feuerrohr in Händen dazu. – Eben nahm wieder eine an dem markierten Punkt ihre Aufstellung. Graf Marchegg überreichte ihr das von ihm selbst geladene Gewehr.

»Nicht zu hastig, Miß Mary!« mahnte er. »Aber solange sie noch in geradem Aufsteigen ist, da brauchen Sie nur einen Gedanken höher zu halten.«

»Das beste ist, Sie legen gleich auf eine bestimmte Höhe an und warten mit dem Abziehen, bis die Taube beinahe den Punkt erreicht hat!« rief der junge Mann, der an dem Käfige stand und das ganze Amüsement zu dirigieren schien, herüber.

»So schweig doch, Gero! Auf diese Weise macht ihr die Arme noch ganz irre!« wies Lydia den Sprecher zurecht.

»Was soll ich nun tun?« fragte auch in der Tat Miß Mary, völlig unschlüssig geworden. Ihre vorquellenden wasserhellen Augen wandten sich hilflos von einem zum andern.

»Tun Sie nur, wie ich Ihnen sagte,« nahm wieder der Graf das Wort. »Ich mache es immer so und wette, daß ich dreihundertfünfundsiebzigmal nacheinander treffe. Courage!«

»Fertig?« fragte Gero.

»All right!«

»Go free!«

Die Falle öffnete sich. Ein weißes Täubchen flog auf. Ein Schuß, und es rückte ganz eigentümlich, während ein paar Federn stoben. Dann nahm es mit ungleichem Flügelschlag, bald sinkend, bald sich hebend, die Richtung gegen den Berg.

»Sie haben gewiß nicht vorgehalten!« tadelte der Graf.

»Hätten Sie meinen Rat befolgt und ruhig abgewartet,« gab Gero seine Meinung ab.

»Aber sie ist ja getroffen! Sie ist verwundet!« wurden andre Stimmen laut. »Sie sinkt! Sie fliegt!« Lachen und Rufen klang durcheinander.

In dem Momente krachte abermals ein Schuß, und die schon weit entfernte Taube fiel, auf den Tod getroffen, schwer wie ein Bleiklumpen zur Erde. Ein halbes Dutzend Buben setzte sich jubelnd in Wettlauf über die Wiesen Jeder suchte dem andern das zahme Wildbret abzujagen.

»Ein Meisterschuß!« rief Gero.

»Unerhört! Eine Freikugel!« Graf Marchegg.

»Ganz wunderbar! Eine verblüffende Sicherheit!« ließen sich die andern jungen Herren vernehmen. Alle wandten sich Lydia zu.

Sie hatte das Gewehr, gleich nachdem Miß Mary es abgefeuert, derselben abgenommen. eine der bereitliegenden Patronen in den Lauf geschoben und es nun selbst in Anschlag gebracht. So rasch sie es gehandhabt, war aber doch ein Zeitraum darüber verstrichen, der das flüchtige Tier in Sicherheit gebracht hätte, wenn ihm eben der volle Gebrauch seiner Schwingen geblieben wäre. Immerhin war es weit genug entfernt, um den Erfolg des Schusses zweifelhaft und das stolze Lächeln Lydias erklärlich zu machen. Sie freute sich, nahm aber die überschwenglichen Glückwünsche gelassen entgegen.

»Ich sagte euch ja, daß dieser Lefaucheux eine größere Tragkraft habe,« lehnte sie die Schmeicheleien ab, doch niemand wollte das gelten lassen. Am wenigsten ihr Vetter Wingerode.

»Ganz gleich!« rief er eifrig »Es ist heute noch kein solcher Schuß getan worden. Im wagerechten Fortstreichen und obendrein bei der Unstetheit der Bewegung, da sie geflügelt war.«

»Eine Taube ist immer noch keine Schnepfe – und dann war sie weiß, das überseht ihr alle. Die hob sich ja ganz scharf von dem grauen Himmel ab. Da war es keine Kunst.«

»Einen grünen Bruch, einen grünen Bruch! Wir müssen eine Schützenkönigin haben!« frohlockte der Graf.

Er eilte bereits dem Wäldchen zu, so rasch seine Figur es ihm erlaubte. Zwei blasse junge Herren mit schmächtigen Schultern suchten ihm den Vorsprung abzugewinnen, auf die Gefahr hin, den Atem aus ihrer schwachen Brust zu verlieren, der zuliebe sie hier oben Molken tranken. Auch Lydia hatte sich jetzt umgewendet, vergaß jedoch ihre Absicht, einen Einhalt zu gebieten, als sie Werner erkannte.

Er lehnte unter einem der vordersten Bäume mit verschränkten Armen und schien, von den Schüssen angelockt, dem Treiben der heiteren Gesellschaft schon eine Weile zugeschaut zu haben.

»Sie auch hier, Herr Rodek?« rief sie ihm zu. »Es ist hübsch. daß Sie sich ebenfalls einfinden, an unserm Vergnügen teilzunehmen.«

»Das ist keineswegs der Grund meines Hierseins,« entgegnete er, leicht an den Hut greifend. »Der bloße Zufall hat mich hierhergeführt.«

»Dann danken Sie es demselben, daß er zur guten Stunde Ihr Wegweiser war. Seien Sie uns willkommen!«

Sie winkte ihm mit der Hand einen freundlichen Gruß zu, der ihm gewissermaßen die Erlaubnis erteilte, näherzutreten. Ein eigentümliches Lächeln glitt dabei um seine Lippen, wie es sich durchaus nicht für einen Untertanen schickte, dem seine Herrin huldvoll in ihrer Nähe zu weilen gestattete. Einer solchen gleich stand sie da, und Werner mochte sich gestehen, daß diese hohe Gestalt, wie sie, stolz auf die Büchse gestützt, blitzenden Auges um sich sah, trotz des etwas amazonenhaften Aufzuges etwas Königliches an sich hatte. Selbst der dunkle Männerhut stand zu dem edeln Bug der Nase gut und erhöhte den kräftigen Eindruck der ganzen Erscheinung, die besonders das Wohlgefallen derjenigen erregen mußte, deren Natur zur Unterordnung neigt. Ein Mann von seinen Anschauungen freilich konnte sich durch das, was manchem andern imponierte, nur abgestoßen fühlen.

War es, daß seine Zurückhaltung sie reizte, denn als Schüchternheit konnte sie dieselbe nach den gemachten Erfahrungen doch wohl nicht deuten, oder empfand sie, durch sein Benehmen aufmerksam gemacht, die Unzukömmlichkeit, ihm nach dem Vorgefallenen nur so kurzweg wie einem alten Bekannten zu begegnen, sie tat ein paar Schritte auf ihn zu und suchte das Versehen durch eine verbindliche Frage nach dem Befinden seiner Mutter wieder gutzumachen.

»Ich danke,« antwortete er gemessen. »Wir waren zwar gestern abend verhindert, in den Speisesaal hinabzukommen, und auch meinen Spaziergang muß ich heute allein machen, aber die leichte Anschwellung am Knöchel wird sich bald wieder geben.«

»Dann mache ich mir auch kein Gewissen daraus, Sie bei uns zurückzubehalten. Erlauben Sie, daß ich Sie der Gesellschaft vorstelle.«

Ohne auf seine Zustimmung zu warten, nannte sie ihn, der nun doch vorzutreten gezwungen war, und hinwieder die Namen ihres Vetters, des Grafen und einiger andrer Herren. Er richtete seine förmliche Verbeugung hauptsächlich gegen die Damen. Unterdessen hatten sich alle beflissen und mit fröhlichen Zurufen um sie und die mit dem grünen Tannenreisig Zurückgekommenen in einem Halbkreise herangedrängt.

»Sie haben wirklich den glücklichsten Moment getroffen,« wandte sich Graf Marchegg an Werner. »Die Krönung des Gebäudes, um mich architektonisch auszudrücken. Sie können der Schützenkönigin ihr Kompliment darbringen. Es war ein brillanter Schuß, nicht wahr?«

»Ich weiß, daß das Fräulein scharf zu zielen versteht. Unter der Anerkennung so vieler Fachmänner wird die meinige aber kaum von Wert sein.«

Lydia warf ihm einen Blick zu, der deutlich ihren Unmut verriet, derselbe kehrte sich aber seltsamerweise gegen die Huldigenden.

»Genug mit den Torheiten!« entschied sie, die ihr zur Auswahl dargebotenen Zweige insgesamt abweisend. »Der Preis wird erst verteilt. wenn die Bewerbung zu Ende ist. Ehe der letzte Schuß gefallen, kann niemand wissen, wer sich als der Würdigste zeigt. Vorwärts, Gero! Laß das Feuer nicht stocken und bestimme die Nummer für den neu in unsre Schützengarde Eingereihten.«

»Well!« entgegnete der Arrangeur und rief den Nächsten auf seinen Posten, während der Graf das Gewehr aus Lydias Händen empfing.

Sie selbst tat anfangs ein paar Schritte, den übrigen zu folgen, dann wendete sie sich aber plötzlich wieder zu Werner zurück und streckte ihm, einer raschen Eingebung folgend, die Hand entgegen.

»Sie zürnen mir und zwar mit Recht,« sagte sie freimütig. »Ich sehe schon, ich muß mir auch Ihre Verzeihung erbitten. Bei Ihrer engelsguten Frau Mama hatte ich es freilich leichter.«

Er nahm die Hand, aber durchaus nicht mit dem Eifer der Galanterie, wie sie es wohl gewohnt sein und daher auch diesmal vorausgesetzt haben mochte. Es schien mehr, als genüge er einer Form damit, obwohl er es nicht eben in steifer Weise tat. Er lächelte sogar und auch in seinen Worten lag Humor.

»Dort war aber auch die Absichtslosigkeit erwiesen.«

Es zuckte wie ein durchbrechendes Lächeln in ihren Zügen.

»Nun ja, und Ihnen gegenüber habe ich sie nie zu erweisen gesucht.«

»Vielleicht war es Ihnen der Mühe nicht wert.«

»Ich könnte es bejahen, da Ihnen so sehr daran gelegen scheint, das Gegenteil zu hören. Das ist so Männerart, die ja von Eitelkeit weit entfernt sein soll. Ich aber will darum nicht in Weiberart verfallen. Ich sehe keinen Grund, unwahr zu sein. Offengestanden, Sie hatten mich geärgert, Sie waren unartig mit mir. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie hätten immerhin galanter sein können; nicht weil ich Wert darauf lege, im Gegenteil, ich weiß die Galanterie gar nicht zu schätzen.«

»Nun also?«

»Aber die Unart verdrießt mich. Sie ist eine Mißachtung.«

»Auch wenn sie Gleiches mit Gleichem vergilt?«

»Damit gestehen Sie ein, daß Sie die Revanche lieben. Ich liebe sie auch. Da wären wir quitt und hätten uns nichts vorzuwerfen.«

»Was die Absichten betrifft – anders aber steht es mit den Folgen.«

Sie blickte unsicher zu Boden und wurde in ihrer allzu energischen Art ein wenig schwankend.

»Es war ein leichtsinniger, unüberlegter Streich,« gestand sie ein. »Ich wollte Sie nur ein wenig strafen, mich an Ihrem Schreck oder Ihren Sprüngen ergötzen; daß es so schlimm ausfiel, hat mir selbst am meisten leid getan. Ich war es, welche die Angst ausgestanden.«

»Und somit wären auch Sie es, welche von mir eine Bitte um Verzeihung erwarten dürften. Ist das nicht am Ende doch Frauenart?«

Ihr durch seine ersten Worte hervorgerufenes Lächeln verschwand bei der Schlußwendung, und ein wenig verächtlich warf sie den Kopf zurück.

»Sie brauchen auf die Ihrige keineswegs so stolz zu sein,« sagte sie selbst mit merklichem Hochmut. »Oder halten Sie dieselbe gleich der ganzen Männerwelt für unerreichbar?«

Ein Herr hatte unterdes geschossen, ohne daß sie beide hingeblickt hätten; jetzt trat Graf Marchegg mit der frischgeladenen Büchse heran.

»Die Reihe ist an Ihnen, Fräulein Lydia,« sagte er.

»Ich schoß ja soeben.«

»Das gilt nicht. Es war eine Extratour. Ein außergewöhnliches Stück in jedem Sinne. Ich habe mit besonderer Sorgfalt diesmal – ich möchte sagen, mit Liebe geladen.«

»Da wollen wir nur hoffen, daß Sie Ihr Pulver nicht verschwendet haben,« entgegnete sie, ohne sich auch nur das Ansehen zu geben, als sei der Doppelsinn von ihr überhört worden. »Das wird sich sofort zeigen. Herr Rodek, wollen Sie diesmal meine Stelle einnehmen. Als Neueingeschriebener gebührt Ihnen der Vortritt.«

Werner griff jedoch nicht nach der Waffe, die ihm der Graf auf Lydias gebieterischen Wink zögernd anbot.

»Ich danke,« lehnte er ab. »Sie werden mich von der Liste wieder streichen müssen.«

»Wie, Sie wollen nicht schießen?« fragte sie erstaunt.

»Es ist nicht mein Geschäft.«

»Geschäft ist es auch bei uns nicht,« versetzte sie, durch den trockenen Ton leicht gereizt und nicht ohne einen Anflug von Ironie. »Wir treiben es nur zum Vergnügen. Aber Sie sind wohl mit der Handhabung dieses Werkzeugs nicht vertraut.«

»Nehmen wir's einmal an; ich bin gewohnt, wenigstens in der Regel – nützlichere zu verwenden. Aber selbst wenn ich mit diesem Schießzeuge umzuspringen verstünde, müßte ich es doch von mir weisen, mich an dem geschäftsmäßigen Töten dieser armen Tiere zu beteiligen. Ich meinesteils finde kein Vergnügen daran, den zu Tod geängstigten Flüchtling, welcher der minder geschickten Hand, die ihn nur gestreift hat, glücklich entkommen ist, noch aus der gesicherten Ferne herunterzuholen.«

»Aber das war eben ein ganz unübertrefflicher Triumph,« bemühte sich der Graf ihm klarzumachen.

Lydias Augen hatten sich verdüstert. Eine drohende Falte schob sich zwischen ihre Brauen.

»Lassen Sie, lieber Graf,« unterbrach sie diesen. »Ich hätte wahrscheinlich besser getan, den Qualen der angeschossenen Taube nicht so rasch ein Ende zu machen. Herrn Rodeks Mitleid hätte sie unter Schmerzen langsam verbluten lassen.«

Diesmal fühlte sich Werner ein wenig unsicher, doch nur einen Augenblick. Die Regung, welche er empfand, konnte unmöglich durch diesen einzelnen Fall, welcher auch nur gegen eine abseits liegende irrige Ausdeutung sprach, berichtigt werden.

»Die Alternative fiele ganz und gar weg,« entgegnete er, seine Anschauung festhaltend, »wenn man statt nach aufgelassenen Tauben nach emporgeworfenen Glaskugeln, wie anderswo, oder sonstigem Spielzeug schösse.«

»Aber wenn die Bestimmung der Tauben nun einmal das Gebratenwerden ist,« warf Graf Marchegg lachend ein, »kommt es meiner Meinung nach auf eins heraus, ob sie dieselbe auf dem Wege des Erschießens oder Abstechens erreichen. Zu Pulver und Blei ist sogar das ehrenhaftere Todesurteil.«

»Zu dessen Vollstreckerin sich aber nicht gerade eine zarte Frauenhand zu machen braucht.«

»Sondern nur die weniger sensationsscheue, ›die Samstags ihren Besen führt‹,« ergänzte der Graf mit der Grimasse eines Fauns.

Lydia entgegnete auf Werners nachdrucksvollen Ausspruch gar nichts, sie zuckte nur trotzig die Achseln, nahm dem Grafen das Gewehr ab und trat in den schon unruhig harrenden Kreis.

Die Falle hob sich, die Taube schwirrte auf, überstürzte sich unter dem Schuß und fiel, wie vom Blitz getroffen, senkrecht zur Erde.

Während neuerliche Jubelrufe diese Probe der Gewandtheit begrüßten, schweifte das scharfe Auge der Jägerin zu der Stelle hinüber, wo der eigensinnige Tadler gestanden. Er war verschwunden.

Zornig wallte das Blut in ihr auf. Was dachte sich dieser ungebildete, dünkelhafte Mensch, daß er das Recht zu haben meinte, sie wie einen seiner Arbeiter abzukanzeln? Durch die Umstände verleitet, war sie ihm freundlicher entgegengekommen, als dies wohl sonst ein Mann aus seiner Sphäre erwarten konnte, und nun nahm er sich heraus, sie in seiner trockenen, handwerkermäßigen Emporkömmlingsart zu behandeln, als ob er mit Kelle und Meißel irgendeinen widerspenstigen Quaderstein lotrecht einzufügen habe. Das waren wohl seine Werkzeuge, auf die er sich so breitspurig steifte! Aber ganz recht war ihr geschehen, warum ließ sie sich mit solchen Leuten ein! Wozu ein Unrecht gegen sie eingestehen und ihnen so den Tadel noch mundgerecht machen? Kein Wunder, wenn sie dann daran Geschmack fanden und ihn immer und überall anbringen zu dürfen meinten. Und wenn diesmal noch ein Anlaß dazu gewesen wäre! Aber nein, sie war es, der Unrecht geschehen, deren tatsächliche Begründung der beschränkte Männerhochmut gar nicht gelten lassen wollte. Was fragte sie nach ihm? Sie tat von jeher, was ihr gefiel, und so sollte es gehalten bleiben, jetzt und allezeit.

Und dennoch warf sie das Gewehr fast unmutig von sich, daß es Graf Marchegg nur mit Mühe auffing.

»Ich mag heute nicht mehr,« erklärte sie. Es war die Wahrheit. Der Ärger hatte ihr das Vergnügen verleidet. Mit Widerwillen wendete sie sich ab, und alles Bitten und Bedauern der übrigen half nichts. »Es soll sich niemand stören lassen,« befahl sie. »Ich will sehen, wo meine Schwester heute bleibt, und zu Mittag erwarte ich Rapport, Gero, wer die meisten Treffer hat.«

»All right!« versetzte der junge Athlet und blickte dabei noch einfältiger unter dem lichten blonden Haar hervor, das durch den kunstvollsten Schnitt dem Ideal, einer Perücke zu gleichen, aufs täuschendste nahe gebracht war und von seiner niedern Stirn nur zwei sehr unansehnliche Winkel zu beiden Seiten frei ließ, die aber als Zuflucht für seinen Verstand wohl ausreichend genügten.

Abermals klatschte er in die mächtigen Hände und nach wie vor ertönte sein avertierendes: »Go up!« dem jedesmal ein Büchsenknall folgte.

Dies währte noch die ganze Stunde hindurch, welche Werner, der den Weg wieder durch das Wäldchen genommen, zur Fortsetzung seines Spaziergangs verwandte, und er glaubte sogar noch den fernen Schall zu hören, als er den Freihof betrat; um so mehr mußte er einer Augentäuschung unterworfen zu sein glauben, als er in einer Türe des Korridors, der zu den von ihm und seiner Mutter bewohnten Zimmern führte, eine hohe, schlanke Gestalt verschwinden sah, die er zu erkennen meinte. Und dennoch war es so, das Stubenmädchen bestätigte es ihm – die Türe, welche er bezeichnete, führte die Nummer des kleinen Appartements, das Baron Sarnberg mit seinen Damen inne hatte. Sie waren beinahe unmittelbare Nachbarn, und es war in der Tat Lydia gewesen, die er gesehen.

Wie kam das? Sie schien doch auf »das Vergnügen« noch so erpicht, als sie sich trennten. Weshalb war sie vor den andern zurückgekehrt? Die Frage beschäftigte ihn mehr als es wert schien.

Die Mutter war nicht auf ihrem Zimmer, er fand sie nach einer Weile im Damensalon. Mutter und Tochter Schneppe an ihrer Seite im eifrigsten, doch hauptsächlich nur durch sie genährten Gespräche. Von ihnen wurde er auch auf das lebhafteste empfangen.

»Sie haben viel versäumt.«

»Aber das Bedauern war wohl mehr anderseits.«

»Natürlich ist es bloß Ihretwegen geschehen.«

»Widerspenstige müssen mit außergewöhnlichen Mitteln an den Triumphwagen geschmiedet werden.«

»Es tut mir nur leid, daß wir nicht auch das Vergnügen genossen haben.«

»Und den ›Tell‹ gar! Schale, daß sie ihn nicht gesungen hat.«

Die alte Frau glaubte nun doch das Kreuzfeuer durchbrechen zu müssen, das ihr allzu scharf schien.

»Nein, gewiß, Frau Obersteuerinspektor, es war mir in der Tat ein Vergnügen. Ich war so allein, und da lenkt man immer so allerlei Gedanken nach. Die Gesellschaft hängt doch von diesen egoistischen Träumereien ab, und nun gar die schönen Worte unsres großen Dichters –«

»Ach, wenn wir nur eine Idee davon gehabt hätten, daß Sie so verlassen sind, wir wären nicht so lange auf dem Zimmer oben geblieben. Meine Wilma hätte die größte Freude daran gehabt, Ihnen vorzulesen.«

»Sicherlich! Unsre Briefe hätten ja auch warten können.«

»Und sie liest herrlich. Als Mutter sollt' ich es eigentlich nicht sagen. Sie hat eine ganz dramatische Deklamation und hat sogar schon einmal Theater gespielt.«

»Bst, bst! Mama, sonst hält man mich noch für eine fahrende Theaterprinzessin, und ich möchte nicht gern mit andern Damen hier verwechselt werden.«

»Als ob das möglich wäre!« fiel hier Werner, dem das bewegliche Fräulein mit geziert boshaftem Lächeln einen feurigen Blick zugeworfen hatte, in der zweideutigsten Weise ein, worauf Mutter und Tochter nach einem abermaligen raschen Aufblick die Augen mit befangenem Erröten niederschlugen. Sie zweifelten beide nicht an der Ehrlichkeit des Kompliments.

Mama Schneppe fühlte sich zuerst gedrungen, die entstandene Pause auszufüllen. Sie fragte, ob es den Herrschaften nicht gefällig sei, eine kleine Promenade zu machen, bedauerte, daß Frau Rodek ihrem Fuße nicht recht traue, erbot sich, ein anderes Mal ihr Gesellschaft zu leisten und bat, es Wilma nur ja sagen zu lassen, wenn eine kleine Vorlesung erwünscht sei, lud Werner ein, sie zu begleiten – ein paar Augenblicke müsse man doch noch vor Tisch Luft schöpfen, und gerade jetzt begegne man allen Kurgästen – da sehe man auch die Neuankommenden – die Post von Rheineck lange gegen Mittag an – und es wäre doch schade, daß der Herr Baumeister seinen Morgenspaziergang schon gemacht – doch es sei begreiflich, daß er der Frau Mama die Langeweile vertreiben helfen wolle – nun, da wollten sie nicht länger stören – aber auf fröhliches Wiedersehen an der Mittagstafel.

»Na, da sei der Himmel für!« murmelte Werner, als sie zur Türe hinaus waren. »Der Mensch aber soll selber sorgen, auf daß ihn der Himmel nicht im Stich lasse, und heute setzt mich unser Herr Obersthofmeister nicht wieder dahin, wo er will. An das allerunterste Ende wird uns aber hoffentlich dies edle Paar des schönen Geschlechts nicht folgen. Ja, wenn sie frei flattern könnten, wie die andern Fliegen! Doch apropos, Mutter, was haben denn alle diese spitzen Pfeile, die da so reichlich verschossen wurden, zu bedeuten? Ich habe von dem ganzen Durcheinander von Anspielungen und Ausfällen kein Wort verstanden.«

Frau Rodek lächelte. Sie schien sich diesmal die Einwendung gegen seinen eignen Ausfall nicht ungern abschneiden zu lassen; ihr Eifer in der Verteidigung dieser neuen Bekannten hatte sich seit gestern merklich vermindert.

»Ich weiß eigentlich nicht, was die Damen gegen das Mädchen haben,« gestand sie. »Mir ist dasselbe recht lieb, gutmütig und anspruchslos erschienen.«

»Von wem sprichst du?«

»Nun, von – Fräulein Lydia –«, der Name kam ein wenig gezwungen und verzögert hervor. Man konnte sehen, daß es der alten Frau nicht ganz leicht wurde, ihn auszusprechen. Sobald es aber getan war, erzählte sie fließend weiter. »Sie traf mich hier allein und erkundigte sich so aufmerksam und teilnehmend nach meinem Befinden, daß man merken konnte, wie es ihr von Herzen kam.«

»Und du hast mit ihr gesprochen?«

»Wie sollte ich anders? Ich konnte ihr doch unmöglich sagen, ich wolle mit ihr nichts zu tun haben. Du hättest nur hören sollen, mit welch' aufrichtigem Bedauern sie sich abermals über ihren Leichtsinn und den dadurch herbeigeführten Unfall aussprach, da wäre es ja mehr als unfreundlich gewesen, sie nicht zu trösten. Und wie hätte ich ihre warmen Dankesworte zurückweisen sollen? Wir sprachen über dies und jenes, und ich hätte nur gewünscht, daß Frau Schneppe und ihre Tochter sie gehört und sich ein Beispiel daran genommen hätten. Sie ist hart und bisweilen fast herzlos in ihren Urteilen, das ist wahr, aber da kommen keine Persönlichkeiten zur Sprache.«

»Weil ihr dieselben wohl zu untergeordnet sind. Der gewöhnliche aristokratische Standpunkt. Da gilt nur das eigene Ich und was dazu in Beziehung steht. Man kennt das.«

Die Mutter protestierte gegen diese herbe Aburteilung nur mit einem leisen Wiegen des Kopfes.

»In allem haben wir uns auch nicht verstanden, aber sie hatte eine so freundliche und zutunliche Art, daß es gleichwohl nie zu ernstem Widerspruche zwischen uns kam. Vielleicht wollte sie dem auch ausweichen, denn sie zog es dann vor, mir vorzulesen.«

»Sie hat dir vorgelesen?«

»Gewiß. Ich hatte das Buch da bei mir liegen, weil ich dachte, daß du bald wieder zurückkommen würdest. Das sah sie, schlug es beim eingelegten Zeichen auf, und fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn sie ein bißchen lese. Ich wollte erst protestieren, aber sie sagte, daß es ihr selbst Freude mache, den ›Tell‹ hätte sie schon einmal im Theater gesehen, aber die Dichtung noch nie in Händen gehabt. Das sei etwas Neues für sie, und als sie erst begonnen hatte, wollte sie gar nicht mehr aufhören. Es interessiere sie so sehr. Sie hat weit über eine halbe Stunde gelesen, bis Frau Schneppe kam.«

»Aha, nun verstehe ich auch die Kritik.« Mit wachsendem Staunen hatte Werner zugehört. Er war während des Restes seines Spazierganges keineswegs so mit sich zufrieden gewesen, als unmittelbar nach seiner starren Zurückweisung der im Grunde freundlich an ihn ergangenen Einladung. Es wollte ihm vorkommen, als habe er mit seinem Verdammungsurteil doch einigermaßen über das Ziel hinausgeschossen, nur um die Blöße zu decken, die er sich mit seiner ad absurdum geführten Anschauung, das Töten der verwundeten Taube betreffend, gegeben, und nun schien sich auch widerlegen zu wollen, was er darauf, seine unwirsche Stimmung zu rechtfertigen, an Vorwürfen gegen Lydia zusammengehäuft. Noch jetzt war er nicht abgeneigt, in derselben Weise fortzufahren, und nahe genug daran, auf Frau Schneppes Äußerungen Gewicht zu legen, wären ihm dieselben nicht allzu einfältig erschienen. Nein, so eitel zu sein, das plötzliche Zurückziehen vom Schießplatz seinem eindringlichen Worte und dies überraschend freundliche Verhalten gegen die Mutter dem Wunsche, ihn zu fesseln, zuzuschreiben, wäre doch geradezu lächerlich gewesen. Aber was war sonst der Anlaß? Welch' seltsame Gegensätze fanden sich in diesem Mädchen? Doch was brauchte er sich den Kopf darüber zu zerbrechen! Mit wegwerfendem Lächeln klappte er das Buch auf und zu und sagte dabei spöttisch: »Muß auch ein rechter Genuß gewesen sein. Schade, daß er mir entging!«

»Man hörte es ihr wohl an, daß sie Gedichte nicht zu lesen gewohnt ist. Aber sie hat doch Verständnis,« erwiderte Frau Rodek.

»Weil von Jagd und Scheibenschießen darin die Rede ist.«

»Du bist doch recht bitter, Werner.«

»Es muß eben ein Gegengewicht für deine allzu große Milde geben.«

»Wenn du sie näher kennen lernst, wirst du sie freundlicher beurteilen.«

»Ich trage gar kein Verlangen nach dieser näheren Bekanntschaft. Übrigens laufe ich schwerlich Gefahr, denn ich glaube kaum, daß sie die Laune anwandeln wird, sich auch mir zur Abwechslung einmal anzuschmeicheln.«

»Nein, nein, so sollst du nicht von dem lieben Kinde reden, Werner. Launenhaft, das weiß ich nicht, dazu kennen wir uns zu kurz; aber von Schmeichelei ist in diesem Wesen keine Spur, das glaube mir – um das zu sehen, sind meine Augen noch gut genug. Mag es sonderbar scheinen, daß sie sich zu mir alten Frau setzt und ein Stündchen widmet, ich vermag nur Gutmütigkeit darin zu erkennen. Ein warmes Herz – das begreife ich.«

Werner lachte auf.

»Ein warmes Herz, wie es Erbteil in ihrer Familie ist. Die Gutmütigkeit, die wir kennen gelernt!«

Es waren dies mit mehr Unmut als Hohn und beinahe heftig hervorgestoßene Worte, die aber bei der Mutter keinen Anklang fanden.

»Warum willst du mir den günstigen Eindruck ausreden, den ich empfangen? Was kann dir daran liegen, mich mißtrauisch zu machen gegen mein eignes Gefühl?« fragte sie.

»Weil du doppelt bitter empfinden wirst, wenn es dich täuscht.«

»Das fürcht' ich nicht.«

Dies zuversichtliche Lächeln und Kopfschütteln drängte Werner über die letzte Rücksicht hinweg. Besser jetzt vorgebeugt, als daß hinterher eine Enthüllung kam, die für die Mutter, wie er deren Gesinnungen kannte, im höchsten Grade peinlich werden mußte.

»Du weißt eben nicht, wer sie ist,« sagte er, und hielt einen Moment aus. »Eine Wingerode.«

Zu seinem Erstaunen nickte die Mutter nur ruhig.

»Die Tochter des Landrats. Sie hat mir selbst ihren Namen genannt,« sagte sie fast ohne Zeichen tieferer Bewegung. »Es hat mich ein bißchen erschreckt, nachher aber ist es mir förmlich lieb geworden, daß ich ihr begegnete. Es war doch töricht von mir, dem ausweichen zu wollen. Ich meine fast, ich habe an ein Verhängnis geglaubt.«

»Ein Glück wenigstens kann ich darin nicht sehen.«

Die sanfte Stimme der alten Frau nahm nun sogar etwas Feierliches an.

»Die Kinder tragen keine Mitschuld an der Versündigung ihres Vaters – das hast du selbst mir vorgehalten. Erinnere dich jetzt daran.«

Er erwiderte nichts. Wie sonderbar klang ihm diese Mahnung aus der Mutter Mund zurück! Leute traten ein und störten die Fortführung dieses Gesprächs.

5

Ein leichter Westwind strich über den See, kaum genügend, um ein Segel recht zu füllen, aber die Fläche kräuselte sich doch und lange Furchen liefen gegen Osten, das sogenannte Grundgewelle, und das Lindauer Dampfboot rollte ziemlich stark, da es auf seinem Kurse nach Rorschach von demselben in der Seite gefaßt wurde. Noch spannte sich der blaue Himmel fast wolkenlos über das weite Becken, aber das spiegelte die Farbe nicht mehr ungebrochen. Hellgrün, wie flüssiges Glas, schwollen die Wellen heran, um sich unter dem Buge in den Radschaufeln des emsig vorwärts strebenden Schiffes schäumend zu brechen.

»Ja, wir werden Regen bekommen,« machte Werner den hageren Mann, der auf dem Hinterdeck an seiner Seite saß, auf die schlechten Wetterzeichen aufmerksam. »Siehst du die Möwen, wie sie uns treue Gefolgschaft leisten und immer wieder auf die Wellen niederschießen? Sie sind fast so unruhig wie du selber, lieber Freund.«

»Sie baden eben und machen sich Bewegung.«

»Bewahre, das sind Karnivoren, wenn man Fische auch zum Fleische rechnen darf.«

»Natürlich, natürlich! Tier bleibt Tier, und mit deren Leichen haben wir nichts zu tun.«

»Nun, darin halten's die Möwen wohl auch ziemlich ähnlich,« meinte Werner lächelnd. »Sie fressen die Fische lebendig. Wäre vielleicht zu erwägen, was denkst du? So bleib doch da! Ich wollte dir ja keinen Schauder über den Rücken treiben.«

Aber der Angerufene hatte schon wieder – das hundertste Mal auf der seit einer Stunde währenden Fahrt – seinen Sitz verlassen und war auf die andere Seite des Decks geeilt, um auch dort wieder einen Blick auf die Ufer und fernen Berge zu werfen. Er kam jedoch rasch genug wieder zurück und ließ sich ächzend auf die Bank niedergleiten.

»Ich weiß nicht, es dreht sich mir alles herum,« klagte er, und das nicht gerade unschöne, aber mehr erregte als ausdrucksvolle oder edel geschnittene Gesicht zeigte sich wirklich ziemlich fahl, auch die Augen hatten jenen stieren Blick, wie er den von Schwindel Befallenen eigen zu sein pflegt.

Werner nickte und hielt ihn fest am Arme.

»So bleib einmal sitzen,« sagte er. Kein Wunder, daß dir übel wird, wenn du immer hin und her tanzest. Sieh dort die Damen an, denen geht es auch nicht viel besser, aber sie halten sich wenigstens still. Wenn ich es mit meinem Magen wie du gemacht und ihm nicht wenigstens ein ordentliches Stück Beefsteak zugewendet hätte, so würde ich es dem armen Mißhandelten ebenfalls zutrauen, daß er revoltierte. Ich nähm' es ihm nicht einmal übel.«

»Im Gegenteile,« bekämpfte der andre diese vorgefaßte Meinung aufs eifrigste. »Nur deinem Vormalen solch widerlicher Bilder verdanke ich es, wenn ich –«

»Na, laß gut sein! Ich werde dich in deinen Schrullen nicht weiter beirren.«

»Schrullen, Schrullen? Höre!«

»Bleibe du bei deinem Brötchen und deiner sauersüßen Orange,« fuhr Werner, ohne auf den Ruf der Entrüstung zu achten, ruhig fort. »Ich wollte dich auch zuvor gar nicht reizen, sondern nur eine meteorologische Erklärung geben. Die Möwen verlegen sich nämlich auf den Fang der Fische, weil diese zu Hauf an die Oberfläche kommen, das aber tun dieselben zumeist vor schlechtem Wetter. Und ein andres Anzeichen dafür ist auch noch die Klarheit der Luft. Sieh einmal da vorne hin, wie deutlich der Berg, jeder Baum darauf, jedes Häuschen; meint man doch, man müßte jedes Menschenkind erkennen, das aus dem Fenster schaut!«

»Gegrüßt, du herrliches Ufer! Du Heimat des größten Sängers deutscher Zunge!« brach der Angeredete plötzlich, als ob die ganze Beweisführung für jeden andern Passagier auf dem Schiffe, nur nicht für ihn gehalten worden sei, in eine begeisterte Apostrophe aus. »Hier hat er gelebt, geträumt und gedichtet, hier ist aus dem Knaben der gottbegnadete Jüngling erwachsen. Wer möchte noch Zweifel daran hegen, der dies Gelände erblickt? Hier an seiner Geburtsstätte saß er auf dem Steine und sang seinen Schwanengesang, indem er hinabblickte auf das blaue Wasser, den herrlichen See, die Wiege deutschen Minnegesangs, wie ich ihn nennen möchte. Sag, springt dir hier nicht die Wahrheit auf? Von hier und nirgends anders geht das Licht aus, das heute noch nicht überstrahlte. Hier ist der Stammort Walters von der Vogelweide zu suchen.«

»Du möchtest ihn also der schwäbischen Dichterschule – erster Zyklus natürlich – einverleiben? Aber die Tiroler –«

»Um welchen großen Mann hätten sich nicht schon Städte, Länder, ja sogar Nationen gestritten? Kirchturmpatriotismus, Lokalverhimmelung, weiter nichts, Freund. In Tirol! Warum denn gerade in Tirol? Lächerlich, weil dort eine Vogelweide entdeckt worden und Leutold von Sewen, der in ähnlicher Weise wie Herr Walter sang, dort in der Nähe zu Hause gewesen sein soll? Aber Vogelweiden finden sich anderswo auch, und Sangesbrüder ebenfalls, und wo mehr als hier, wo sie alle beisammen saßen! Hier sind die Fundgruben der Nibelungenhandschriften und da drüben im Rheintal schrieb Rudolf von Ems seinen »Barlaam und Josaphat« und seinen »Guten Gerhart,« zur selben Zeit als Walter lebte; da sind die Klingenberg, die Sax zu Hause, Hugo von Montfort, Friedrich von Hausen, der Stoffler, der Hohenvelsen und wie sie alle heißen ringsum. Hier saß sein bester Freund, sein Schüler, der Truchseß des Abtes von St. Gallen, Ulrich von Singenberg, dessen Lieder ehedem sogar mit den seinen vermischt wurden – vermischt wurden, wohlverstanden! Und das ist der Punkt, auf den ich mich stütze. Es ist vor allem ein innerlicher, ein sprachlicher Grund – der Stil, die Wortschreibung, die Dialektfärbung – welcher hierher weist, aber auch das äußerliche Zubehör findet sich. An der Straße nach Heiden, bei Wartensee, liegt ein ›Vogelherd‹. Nun, was sagst du? Das ›Herd‹ stört dich? Aber kann nicht eine Verwechslung stattgefunden haben? Doch nein, ich will nicht voreilig sein. Bei Untereggen, an der Straße von Rorschach nach St. Gallen, gibt es noch ein ›Vogtleiten‹ – leiten, in Österreich sehr gebräuchlich, kommt hier gar nicht vor. Das ist also nicht der ursprüngliche Name. Die Abschleifung liegt auf der Hand: ›Vogleiden‹, ›Vogelweide‹. Voriges Jahr hab ich nur herumgetastet; heuer muß es sich entscheiden; ich muß der Sache auf den Grund kommen. ›Vogelherd‹ oder ›Vogtleiten‹, das ist die Fragen

»Die ich dir noch ein wenig komplizieren will,« sagte Werner mit heiterer Schadenfreude. »Wie, wenn du schon an Ort und Stelle gesessen wärst, indes du danach suchtest? Eine Abschleifung einmal angenommen, kann sie auch den Vogel getroffen haben.«

»Vogel? – Weid! – Auf der Weid! Himmel, ein Licht! Ein Blitzstrahl genialer Eingebung!« rief in hell aufflammendem Forscherenthusiasmus Werners Begleiter, der schon wieder aufgesprungen war. Doch schwankend wendete er sich zurück zum Freunde. »Aber still! Kein Wort, keine Andeutung! Imponierend müssen wir mit der vollendeten Tatsache vor die Welt hintreten, dann ›setze ich mîne Wârheit des ze pfande‹. Bis dahin aber Geheimnis!«

Werner nickte. Das Vergnügen über den Erfolg seines harmlosen Scherzes war bereits einer andern Regung gewichen und seine Aufmerksamkeit von einem auffallenden Vorgang in Anspruch genommen, der auch von den übrigen Passagieren nicht unbemerkt geblieben war.

Das Schiff hatte sich Rorschach schon so weit genähert, daß man eine ungewöhnliche Menschenmenge auf dem Hafendamm erkennen konnte, und einzelne Reisende, die ihre Feldstecher zu Hilfe genommen, gaben ihren Gefährten in einzelnen Schlagworten Kunde von dem, was sich dort zu begeben schien. War jemand ins Wasser gefallen, galt es ein Wettschwimmen, Wettrudern oder sonst ein Ereignis? – darüber konnten sich die Stimmen im Anfange nicht einigen, aber das Schiff hielt wacker seinen Kurs, mit jeder Sekunde wurden die Gruppen deutlicher, und endlich hatten sich Passagiere wie Schiffsmannschaft, die alle nach der Steuerbordseite drängten, dahin geeinigt, daß es sich nur um eine Wettfahrt mit Booten handeln könne.

Weshalb aber drängten sich denn so viele Zuschauer auf dem Damm? Es war doch gar nichts so Seltenes, hier ein paar Kähne schaukeln zu sehen, und wenn je einmal der Ehrgeiz zwischen zwei Rivalen aufgestachelt wurde, so interessierten sich dafür höchstens ein paar Müßiggänger oder unter dem Vorwand des Fischfangs auf der sonnigen Mauer lungernde Straßenjungen. Diesmal aber hatte sich ein förmliches Publikum eingefunden, nicht so zahlreich vielleicht als bei einem Match zwischen Cambridge und Oxford, aber immerhin ausgiebig genug für die kleine Stadt und ihre Fremdenkolonie.

Die Ursache ergab sich denn auch alsbald. Zuerst durch die Gläser, dann auch mit freiem Auge wurde man zweier Boote ansichtig, die auf kurze Entfernung voneinander, an dem Damm entlang, den Eingang in den Hafen zuzuhalten schienen. Die vier Strohhüte in dem einen gehörten, wie sich nach und nach unterscheiden ließ, zu vier ziemlich dunkel gekleideten Frauengestalten, während die vier Herren in dem andern, ganz nach englischer Sitte, großschirmige blaue Jockeimützen und dazu Trikotleibchen trugen, aus denen ihre Arme von der Schulter ab nackt, wie die von Akrobaten, herausragten. Das war denn freilich ein ungewohnter Anblick für diese Gegend, der Aufsehen erregt haben mochte. Dazu der ungleiche Wettkampf zwischen Herren und Damen, und es wurde verständlich, wie die Menge so gespannt dem Fortgange desselben folgen mochte. Auch die auf dem Dampfschiffe Befindlichen nahmen bald lebhaften Anteil und natürlicherweise auch Partei.

Das Damenboot hatte wohl von Anfang an einen Vorsprung gehabt, der sich aber augenscheinlich verringerte. Die Besatzung legte sich tapfer in die Riemen, und es war hübsch, die gleichmäßige Bewegung der schlanken Gestalten zu beobachten, aber auf die Dauer waren die Kräfte einander nicht gewachsen. Das zweite Boot gewann offenbar an dem ersten, die Blauen schienen nicht gesonnen, Galanterie walten zu lassen, sie waren beinahe schon so nahe, die roten Bänder fassen zu können, die lustig von den hellen Strohhüten flatterten. Nach einigen Minuten war die Spitze des nachfolgenden Bootes in einer Linie mit dem Stern des voranfliegenden. Alle acht Ruderer legten sich gewaltig ein, und im nächsten Augenblicke mußte der Kampf entschieden sein.

Mittlerweile hatte aber auch das Dampfschiff nicht angehalten; es glitt jetzt rauschend dem Hafeneingange zu, und ein fast einstimmiger Schreckensruf entrang sich den auf eine Bordseite zusammengedrängten Passagieren, dem Schreie vom Damm her antworteten. Alles winkte, kreischte, rief durcheinander, nur die Insassen der beiden Boote schienen sich nicht um die drohende Gefahr zu bekümmern und ruderten mit der gleichen verzweifelten Anstrengung weiter, als ob es ihnen eigens darum zu tun wäre, unter dem geradeswegs auf sie zukommenden mächtigen Buge begraben zu werden. Sie verloren ihre Kaltblütigkeit keinen Moment, ebensowenig wie der auf der Brücke kommandierende Kapitän des Dampfschiffes.

Er warf nur einen mißmutigen Blick auf die Wettenden und brummte etwas verdrießlich vor sich hin, was aber in dem Lärm niemand verstehen konnte. Der Steuermann aber hatte schon das Rad gedreht. Langsam fiel das Schiff ab und beschrieb einen leichten Bogen, um zwischen den Moleenden in den Hafen einzulaufen. Darauf hatten aber auch die Rudernden gerechnet und sich deshalb in ihrer Arbeit nicht stören lassen.

Das Ziel war wohl die Einfahrt in den Hafen selbst, denn eben dort, unterhalb des eisernen Leuchttürmchens, stand ein kleiner Kahn, von einem gemieteten Schiffer geführt, und in demselben, als Schiedsrichter, Graf Marchegg, eine kleine Starterfahne in der Hand.

Die Damen, schon halb geschlagen, suchten doch noch ihren Vorteil zu wahren und auf der innern Seite der Wendung zu bleiben, wodurch die Blauen gezwungen wurden, den größeren Kreis zu beschreiben. Durch mächtiges Ausholen hofften sie dies auszugleichen. Mit großer Kühnheit wagten sie sich dabei in die unmittelbarste Nähe des eben einfahrenden und um des starken Wellenschlages willen heute ein wenig mehr von dem östlichen Mauerstumpfe abhaltenden Dampfschiffes. Das einzige, was sie dabei treffen konnte, war ein starkes Schaukeln, dies aber hob die Riemen auf der einen Seite aus dem Wasser, das Boot nahm dadurch augenblicklich eine schärfere Wendung und zwar dem Schiffe zu, und eins der Ruder kam unter die Radschaufel und wurde von derselben wie eine Binse geknickt.

Eine weitere Gefahr liefen sie dabei nicht, doch genügte die kleine Verwirrung, die Bewegung zu verlangsamen, und die Verzögerung kam den Roten zustatten. In scharfer Wendung schoß ihr Boot herum, und jubelnder Zuruf und wehende Tücher begrüßten vom Damm herab die Siegerinnen. Auch die Passagiere des Schiffes beteiligten sich daran, nur Werner stand, während sein Begleiter eifrig in die Hände klatschte, ernst und regungslos an der Brüstung. Im nächsten Moment aber war es, als wollte er sich ohne Zeitverlust über dieselbe hinweg in den See werfen.

Ein neuerlicher Schreckensschrei, von einem halben Hundert Menschen ausgestoßen, gellte durch die Luft.

In dem Augenblicke, wo die Gewinner am Ziele anlangten, rannte die Spitze ihres Bootes, das in Folge des Zusammentreffens vieler demselben sonst günstig gewordenen Umstände doch an Sicherheit der Steuerung einigermaßen verloren hatte, mit aller Macht an die stilliegende Barke an, der Stoß brachte den fröhlich sein Fähnlein schwingenden und Beifall rufenden Richter aus dem Gleichgewichte, und ehe sich's jemand versah, waren Mann und Flagge verschwunden, als wenn sie weggezaubert wären.

Das Wasser klatschte auf und hatte den Grafen verschlungen. Es währte aber gar nicht lange und die Glatze erschien wieder über der noch nicht geglätteten Fläche. Eine der Ruderinnen, in dem knapp abliegenden Flanellkleide wie ein schlanker Matrose anzuschauen, erhob sich in dem Boote, neigte sich über den Rand und reichte dem Plätschernden die Hand, bis der Barkenführer endlich auch herzukam und dem glücklich Aufgefischten zurück in den Kahn und auf den Sitz half, von welchem er sich niemals so verwegen hätte erheben sollen.

Der kleine Unglücksfall hatte eine komische Wendung genommen, und unter Lachen und fröhlichem Zurufen löste sich die Spannung. Die Zuschauer verliefen sich allmählich vom Damm, die Passagiere verließen das Schiff, welches endlich angelegt hatte. Noch plauderten die meisten von dem Erlebten, nur Werner blieb einsilbig. Er wartete geduldig, bis seines Freundes Gepäck ausgeladen und auf den Bahnhof gebracht war. und dann stiegen beide zum ersten Stockwerk desselben hinauf.

Eine breite, von leichten Holzmatten beschattete Terrasse ladet hier zum Verweilen ein. Kühlende Luft fächelt vom Wasser her. Eine herrliche Aussicht über den Hafen und den breiten See hinweg bis zu dem nördlichen Ufer bei Langenargen und Friedrichshafen bietet sich hier. In der Ferne ziehen schwarze Dampfschiffe unter ihren Rauchwimpeln dahin, zuweilen wohl auch ein paar weiße Segel, die den Schwingen einer im Fluge streichenden Möwe gleichen. Unmittelbar vor dem auf zierlichen Säulen ruhenden Balkon gehen und kommen die Züge der Eisenbahn, da wimmelt es zu jeder Tageszeit von Menschen; Schiffe werden geladen, die Kranen arbeiten, die Signalpfeife schrillt, die Schiffsglocke läutet, die Stimme des Portiers ruft zur Abfahrt, ein lebhaftes Treiben, wie in einer großen Handelsstadt. Und um auch denen die Zeit des Wartens zu kürzen, die kein Ergötzen daran finden, vom sichern Plätzchen aus sich der ruhigen Beschaulichkeit hinzugeben und all diese vorüberziehende bunte Welt Revue passieren zu lassen, hatten hier schon hübsche, flinke Schweizerinnen, die Gäste an den kleinen Tischen mit schäumendem Bier, einer guten Flasche Wein, erfrischendem Eis oder dem landesüblichen Kaffee zu bedienen.

»Nichts von allem – nur ein Glas Milch,« begehrte Werners Freund. Er hatte einen Tisch mit Beschlag belegt, der, wie es schien, frei war, denn es stand nur ein bis auf die kleine Neige geleertes Bierglas auf demselben. Ob dies in Beziehung zu der seltsamen Erscheinung stand, die da ganz in der Nähe lehnte, sich aufs Geländer stützte, so hinabsah auf das rege Bild und dichte Rauchwolken aus einer Zigarette darüber hinblies, ließ sich nicht so leicht feststellen. Eher gelang dies noch mit der Persönlichkeit selbst. Das kurzgeschnittene, zerwühlte Haar unter dem verwegenen Hut, der Klemmer auf dem kecken Näschen, die Herrenkrawatte und Bluse mit der weißroten Burschenuhrkette vom Knopfloch zum Täschchen gehörten sicherlich einem lustigen Bruder Studio an; daß derselbe sich aber zur Erhöhung seiner Ferienfreuden einen unbequemen Damenrock – mochte derselbe auch noch so kurz zugemessen sein – übergehängt haben sollte, schien doch ein wenig zweifelhaft. Den Freunden blieb jedoch nicht lange Zeit, über die Fragen ins reine zu kommen, denn bevor sie sich noch setzen konnten, hatten sich auch schon unter den zuströmenden Fremden die beiden Damen Schneppe zu ihnen gefunden.

»Ah, ein scharmantes Zusammentreffen, Herr Rodek! Ich habe wohl von Ihrer Frau Mama gehört, daß Sie nach Lindau fuhren – aber daß Sie schon zurück sind – wohl mit dem Dampfschiff eben erst angekommen – Sie haben doch noch ein Plätzchen an dem Tische hier? – Das heißt, wenn wir die Herren nicht stören.«

Was bleibt dem Menschen übrig unter der sanften Daumschraube einer solchen rücksichtsvollen Bedingung? Auch Werner vermochte nicht zu widerstehen und murmelte, die Stühle rückend, etwas von Ehre und Vergnügen.

»Mein Freund, Professor Köchle, großer Sprachkundiger und Geschichtsforscher,« genügte er den erwartungsvoll auf ihn gerichteten Augen der beiden Damen.

»Ah wir haben schon gehört,« fiel Frau Schneppe verbindlich lächelnd ein. »Die Frau Wegbauinspektor hat uns bereits erzählt. Eine Jugendfreundschaft, die Herren waren Schulkameraden.«

»Das nun so eigentlich nicht,« meinte der Professor, der auf präzise Definitionen hielt, korrigieren zu müssen. »Ich wohnte nur während meines Gymnasiumbesuches in Breslau bei Rodeks im Hause. Seither sind wir nur selten zusammen gewesen.«

»In Breslau? So, so – dacht ich mir's doch!«

Eine weitere Ausführung dieser Bemerkung mußte Frau Schneppe jedoch unterlassen, da sich ihre Tochter unterdes schon des Professors bemächtigt hatte. Sie hielt darauf, nicht für ein schüchternes Gänschen genommen zu werden, und kam daher neuen Bekannten immer mit der freundlichsten Gesprächigkeit entgegen. Zudem sah sie heute besonders unternehmend aus mit dem für ihre groben Züge etwas zu schmalen Knabenhütchen, das zwar in der Form, aber keineswegs im Effekte jenem so sehr angefeindeten Hute Lydias glich. Zu seiner stillen Überraschung und Ergötzung sah aber Werner auch noch eine Nachbildung jenes »Klingelbeutels« von ihrer Hüfte baumeln, der in der Schilderung der Oxles und Boxles vor wenig Tagen noch eine so lächerliche Rolle gespielt. Für Wilma Schneppe hatte eben alles Neue unwiderstehlichen Reiz, sie fand keine Ruhe, bis sie es sich angeeignet hatte, und dies Los sah Werner jetzt auch seinem Freunde blühen.

»Da sind Sie also wohl mit dem Schnellzuge gekommen, Herr Professor? Waren vielleicht über Nacht in München? Die Fahrt ist so schön zwischen Kempten und Staufen – Immenstadt – dann der Bodensee. Und Herr Rodek ist Ihnen entgegengefahren, Sie abzuholen – ach, wie freundlich! Das wird aber auch eine Freude gewesen sein. Und zur Feier des Wiedersehens werden die Jugendgefährten während der Seefahrt wohl ein paar Flaschen Rheinwein miteinander ausgestochen haben, kann ich mir denken.«

Der Professor hatte es ganz bequem gefunden, zu den sich selbst beantwortenden Fragen nur immer zu nicken, beim Schlusse aber gewann es fast den Anschein, als wolle er Einspruch erheben. Werner kam ihm zuvor.

»Was tun Sie, mein Fräulein? Sie fügen meinem Freunde eine tiefe Kränkung zu, indem Sie ihn fähig halten, eines sogenannten geistigen oder überhaupt nur anregenden Getränkes zu bedürfen. Ein Anhänger der ›natürlichen Lebensweise‹ braucht keine Anregung. Köchle ist mit Leib und Seele Vegetarianer.«

»Ach, Vegetarianer – das ist interessant!« riefen Mutter und Tochter zugleich in jener Mischung von Neugierde, halbem Wohlgefallen und heimlichem Grauen, mit denen man ein überseeisches Tier im Zoologischen Garten betrachtet.

»Wie ist's, Freund?« scherzte Werner, »hier bietet sich dir die Gelegenheit. Willst du dich nicht ein wenig als Wanderprediger auftun, vielleicht gewinnst du Proselyten?«

»Nein, wie merkwürdig!« verwunderte sich Frau Schneppe noch immer. »Sie essen also gar kein Fleisch? Aber doch Suppe? So eine Art Fleischextrakt?«

»Tierleichenbrühe? Nein.« Und ohne den Schreck zu beachten, den er mit diesem Worte der Fragestellerin eingejagt, fuhr er fort: »Welches Vorurteil, daß der Mensch ohne diesen Tee von ausgelaugtem Eiweiß und Muskelfaserstoff nicht gedeihen könne! Besonders unsre deutsche Nation leidet daran, die Folgen sind auch auffällig genug. Kein Wunder, daß man ein eingefleischter Philister wird, wenn man jahraus, jahrein, Tag für Tag den Saft und das Stroh, welches wieder nur durch eine gewürzte, reizende und erhitzende Zugabe schmackhaft gemacht wird, genießt. Sehen Sie sich, meine Damen, doch nur die Völker von wahrhafter Lebensweisheit, die Volksklassen voll wirklicher Zufriedenheit und Glückseligkeit an: den Indier, der sich mit einer Handvoll Reis sättigt, den spanischen Maultiertreiber, der sich an einer Zwiebel genügen läßt, den Landmann der Campagna felice, der sich für ein Leckermaul hält, wenn er seinem Salatblatt den Geschmack von jungem Lauch beimengt. Der Bahnarbeiter aus Südtirol nährt sich von der Polenta, der Holzknecht des Salzkammergutes von seinen Nocken, der Provenzale von Artischocken und der Appenzeller Senn von Käse, und wie gesund sind sie dabei, welche Arbeit verrichten sie! Strotzt nicht auch Pferd und Rind, obwohl sie keine Fleischfresser sind? Und der Elephant, das größte, stärkste und klügste Tier, hält sich ebenfalls nur an vegetabilische Nahrung.«

»Auch das Kamel, Schiff der Wüste genannt,« ließ sich eine gedämpfte Stimme vernehmen.

Werner sah überrascht auf, merkte aber, daß er der einzige gewesen, welcher die Worte verstanden. Er saß auch der Fremden zunächst, die den geringschätzig musternden Seitenblick der beiden Damen wohl über die Achsel erwidert, als diese sich an dem Tische niederließen, sich seither aber wieder dem See zugekehrt und in dichte Wolken des starken türkischen Tabaks gehüllt hatte. Das Gemurmel konnte von niemand anderm ausgegangen sein, und Werner zog es daher vor, zu schweigen, da die Stichelei von den andern doch im Eifer der Verhandlungen überhört worden und sein Verdruß zu sehr mit Lachlust gemischt war, um eine unerquickliche Szene herbeizuführen.

Frau Schneppe, die längst auf einen Abschnitt in dem lehrreichen Vortrage gewartet hatte, um ihrerseits wieder zu Worte zu kommen, hatte auch schon die Bemerkung hingeworfen, der Herr Professor scheine sich wirklich bei seinem Systeme recht wohl zu befinden.

»Nur,« fügte sie hinzu, »werden Sie dann Tantalusqualen an der Table d'hote erdulden müssen.«

»Im Gegenteil, Sie glauben nicht, wie reichhaltig dieselbe besetzt ist. Wir führen ein wahres Schwelgerleben, zumal in dieser Jahreszeit, wo die Birnen schon wieder zu reifen beginnen. Haferschleim, Kleienbrot, die feinsten Gemüse und das herrlichste frische Obst sind im Überflusse vorhanden, und wir ergeben uns diesen Genüssen mit dem Raffinement von Feinschmeckern. Es ist ein wahres Epikuräerleben, das wir führen, in der Tat, und dabei verhältnismäßig recht billig.«

»Da müssen Sie wohl einen eignen Akkord mit dem Wirte schließen, denn unsre Pension im Freihof finde ich eben nicht sehr niedrig. Mein Gott, man muß für die Gesundheit doch ein Opfer bringen!«

»Für die Gesundheit? Sie bringen die Gesundheit selbst zum Opfer!« rief Prozessor Köchle. »Und für den Ruin derselben geben Sie noch Ihr Geld aus. Ich in den Freihof oder irgend wohin, wo man die armen Kranken mit den stickstoffhaltigen Substanzen zu Tode füttert? Nein, das würde mir ja den ganzen Appetit verderben, wenn ich all diese Betörten sich in die schwere Betäubung des Verdauungsfiebers hineinkauen sehen müßte! Ich brauche eine freie, heitere Lebensanschauung und Klarheit, wie sie zu Geistesarbeiten unerläßlich ist. Ja, Klarheit, meine Gnädige.«

»Und die sucht sich mein Freund auf der Weid, der bekannten Naturheilanstalt bei St. Gallen, von der Sie gewiß schon gehört haben.«

»Ja, auf der Weid!« fiel der Professor begeistert ein. »Klarheit! Die suche ich auf der Weid, der mutmaßlichen Heimstätte –«

Er stockte plötzlich und verlor im Schreck, sein unschätzbares Geheimnis beinahe selbst vorzeitig preise gegeben zu haben, ganz und gar den Faden. Doch Werner half ihm gutmütig, wenn auch ein wenig ironisch ein.

»Der mutmaßlichen Heimstätte von Luft, Wasser und naturgemäßer Lebensweise,« worauf Köchle wie ein Echo bestätigend das letzte Wort wiederholte:

»Lebensweise.«

»Auf die Weid? Also nicht nach Heiden?«

»Ach, wie schade!« ergänzte Wilma den bedauernden Ausruf der Mutter, senkte aber gleich darauf, wie erschrocken über den ihr entschlüpften verräterischen Seufzer, verschämt den Blick in das zu recht ungeschickter Stunde eben vor sie hingesetzte Bierglas. Warum hatte Mama doch auch nicht Milch bestellt!

Der holde Herzenslaut blieb jedoch nicht ganz ohne Eindruck auf den Professor. Er errötete sogar ein wenig, und das machte ihn geneigt, ihre Blässe auf denselben Anlaß zu schieben. Es dünkte ihm auch passend, ihr etwas zu sagen, das ihr sein sympathisches Gefühl kundtat.

»Sie sehen recht schlecht aus, mein Fräulein,« begann er demnach und begegnete ihrem betroffen aufblickenden Auge mit teilnehmenden Blicken. »Sie sollten wirklich etwas für sich tun. Sind Sie leidend?«

»Nicht eigentlich leidend, nur angegriffen,« sprang Frau Schneppe für das etwas ungnädig gewordene Töchterchen ein. »Ein wenig angegriffen vom Wachsen –«

»Aber, Mama, wenn man dich hört, sollte man glauben, ich sei noch ein Backfisch.«

»Ach nein, dafür hält man Sie nicht mehr,« versicherte der Professor treuherzig. »Ja, mit Wachsen werden Sie schon eine Weile aufgehört haben.«

»Aber die Ärzte sagen doch so, du weißt, liebe Wilma. Man hat ihr ja auch deshalb die Bergluft verordnet und Molken. Sie trinkt auch Bier aus Gründen der Diät.«

»Höchst verderbliche Gründe vom Standpunkt einer natürlichen Lebensweise.«

»Bier ist doch aus Gerste bereitet.«

»Aber die Gärung, meine Gnädige, die Gärung!«

»Ja, dann wäre es vielleicht besser gewesen, du hättest dir Kaffee geben lassen, mein Kind.«

»Das wäre noch schlimmer.«

»Der Kaffee?« rief Frau Schneppe ratlos. »Nun, der gehört doch unstreitig zu den Vegetabilien – und macht auch keine Gärung durch.«

»Reizmittel! Direkt auf Phantasie und Nerven wirkend. Der Mensch, der natürlich lebt, bedarf derselben nicht.«

»Der Reizmittel, meinst du?«

»Nein, der Phantasie und der Nerven,« beantwortete der Professor des Freundes Frage. »Ich meine nämlich das Bewußtsein, daß er dieselben besitzt – ihre gesteigerte, unnatürliche Funktion.«

»Hm! Also auch keine Inspiration?« Werner schüttelte den Kopf. »Mit dem bloßen Ausrechnen ist's nicht einmal bei der Baukunst getan – der andern Künste zu geschweigen. Da kommen wir schließlich wieder auf das Nest oder die Hütte zurück.«

»Mehr bedarf ja bekanntlich ein glücklich liebend Paar nicht,« nahm Frau Schneppe, der das Gespräch eine viel zu abstrakte Richtung einschlug, mit großer Geschicklichkeit das Schlagwort auf. »Aber wenn Sie so strenge sind, Herr Professor, so befürchte ich, daß Sie nur sehr schwer eine Frau finden dürften.«

Und sie lächelte ihm bei dieser scherzhaften Wendung auf das Schalkhafteste zu.

»Wie? Weil ich Phantasie und Nerven unstatthaft finde?«

»Nein – den Kaffee.«

»Ach so!« lachte der Professor auf, doch fügte er gleich darauf höchst ernsthaft bei: »Ich könnte in der Tat nur eine Frau nehmen, die sich entschlösse – Vegetarianerin zu werden.«

»Kein kleines Verlangen!« scherzte Werner.

»Oh, was tut die Liebe nicht alles!« rief dagegen Wilma, ihr unnatürlich langes Schweigen endlich brechend, aus. Sie schob dabei mit Entschiedenheit ihr Bierglas zurück.

Ob es nun diese allegorische Handlung oder der gefühlvolle Ton des Ausrufs war, was die größere Wirkung machte, der Professor rückte mit sichtlichem Eifer seinen Sessel und schickte sich an, die Eindrucksfähigkeit dieses verständnisvollen Mädchengemüts für die Lehren des Vegetarianismus einer nähern Prüfung zu unterziehen.

»Ja, was tut die Liebe nicht alles,« übertrug Frau Schneppe den Ausruf ihrer Tochter kichernd auf einen andern Fall, der sie während des ganzen Gesprächs fortwährend beschäftigt hatte und der ihr nun keine Ruhe mehr ließ. »Sie läßt es sogar darauf ankommen, ins Wasser zu fallen, wie uns Fräulein von Wingerode gezeigt hat.«

»Wingerode?« fragte der Professor, durch den Namen überrascht.

»Kennen Sie dieselbe?« gab Frau Schneppe mit sprühender Neugierde zurück.

»Nein – nicht persönlich – ist mir auch ganz und gar gleichgültig,« entgegnete Professor Köchle und nahm den im Beginn unterbrochenen Vortrag nun im Ernste auf.

Sie aber ließ sich nicht täuschen. Gar wohl hatte sie den Blick bemerkt, mit dem er Werner gewissermaßen fragend gestreift. Niemand von den vieren aber hatte es beachtet, daß auch die Fremde am Geländer sich bei Erwähnung des Namens aufgerichtet und, ihren Kneifer besser befestigend, umgewendet hatte. Das war aber nur für einen Augenblick gewesen, unmittelbar darauf kehrte sie der Gesellschaft wieder den Rücken zu.

6

Lange genug hatten die neuesten Artikel der Chronique scandaleuse nun Frau Schneppe auf der Zunge gebrannt. Nur die Rücksicht und Neugierde auf eine neue Bekanntschaft, über die man sich doch vorerst instruieren mußte, hatte ihr bisher Schweigen auferlegt – jetzt, wo das im allgemeinen wenigstens so ziemlich in Ordnung war und sie den Professor in eine von Wilma selbst herbeigeführte eingehende Darlegung der Fundamentalsätze der naturgemäßen Lebensweise gründlich vertieft sah, vermochte sie ihrer Mitteilungslust nicht länger mehr Zügel anzulegen.

Das Töchterlein war gut aufgehoben; vielleicht entwickelte sich da auf naturgemäßem Wege sogar ein lebensfähiges Pflänzchen, das mit sorgsamer Pflege zu üppiger Vegetation gebracht werden konnte, da durfte man das zarte Emporsprießen nicht stören. Von Werner, den die sorgsame Mutter, wie jeden jungen Mann, bei seinem Erscheinen anfänglich ins Auge gefaßt, war denn doch nichts zu erwarten. Eine Woche hatte genügt, die stille Hoffnung vollkommen zu zerstören. Auch er hatte sich nicht vertrauenswürdiger erwiesen als die andern, ja sein Ausweichen war sogar recht auffallend geworden, während er sich gerade jenen Kreisen, vor denen sie ihn mit so uneigennützigem, mütterlichem Wohlwollen gewarnt, immer mehr zu nähern begann. Wenigstens verkehrte er beinahe täglich mit derjenigen, welche ihr der größte Dorn im Auge war, und deshalb gönnte sie auch gerade ihm das bißchen Mißvergnügen, das ihm vielleicht ihre Auffassung und Darstellung der Dinge bereiten konnte.

»Na, was sagen Sie dazu, Herr Rodek?« begann sie mit boshafter Freude. »Sie müssen es ja auch mit angesehen haben, und Sie hatten es so recht aus nächster Nähe. Ob sich nicht ein anständiges Mädchen schämen muß, wenn es die Herren und Damen nur in solcher Toilette sieht, geschweige denn, wenn es sich selbst andern so zeigen und öffentlich allen Blicken aussetzen sollte. In England mag es immerhin so Mode sein, aber hierzulande – inmitten einer gesitteten, deutschredenden Bevölkerung – es ist unerhört! Es sind aber auch Äußerungen gefallen – ich würde nur denjenigen, denen sie gegolten, wünschen, daß sie ihnen selbst zu Ohren gekommen wären.«

»Dafür können Sie ja noch Sorge tragen und so Ihren Wunsch erfüllen.«

»Meinen Sie – meinen Sie wirklich?« überlegte sie sich den unmutig und sarkastisch hingeworfenen Rat, indem sie dabei Werner, der äußerlich so kalt erschien, mißtrauisch anblickte. »Aber nein, ich liebe keinen Klatsch und keine Zuträgereien. Wenn ich nur für mich selber weiß, woran ich mich zu halten habe, und guten Freunden gebe ich dann auch gern einen Wink; aber was jene Gesellschaft betrifft, die geht mich gar nichts an, und meine Sache ist es nicht, sie Anstand und Sitte zu lehren. Es ist verletzend für jemand, der darauf hält, wenn er so etwas sehen muß.«

»Aber ich an Ihrer Stelle, meine Gnädige, hätte mir das erspart und mich der Möglichkeit, verletzt zu werden, ferne gehalten.«

»Wer konnte denn voraussehen, was da kommen werde? Schon seit einer Woche hört man immerfort von der Ruderpartie, welche arrangiert wird, Herr von Wingerode ist alle Augenblicke in Rorschach, alles erzählt sich von der Regatta – Graf Marchegg behauptete sogar, es werde ein vollständiges Gondelfest, eine italienische Nacht, mit Lampions, Feuerwerk, bengalischer Beleuchtung, Musik, Maskerade, weiß Gott, was noch alles geben.«

»Aber für heute war das doch nicht alles angesagt. Davon müßte ich ja auch wissen.«

»Es war alles geheim gehalten. Eine Generalprobe. Das Stubenmädchen verriet es uns, daß ein Gesamtausflug hierher für heute nachmittag projektiert sei. Nun, man möchte doch auch ein bißchen hinter die Kulissen blicken. Wenn man schon so viel gehört hat – und dann hatten wir ohnedem einiges zu besorgen. Oben findet man ja rein gar nichts, man hat wirklich seine liebe Not, wenn man nicht ganze Koffer und Kisten von Toiletten mit sich herumführt, um sich überall als Modedame zu zeigen. Ich und meine Tochter, wir lieben die Einfachheit, aber da wird es dann eben nötig, hier und da einmal nachzuhelfen, denn wie die Vogelscheuchen zum Ärgernis der Welt will man doch nicht umherlaufen. Es ist zu lächerlich, in welchem Aufzuge man heutzutage manche Person einhergehen sieht – wirklich zu lächerlich! Finden Sie nicht auch?«

Werner hatte den deutlichen Wink und Seitenblick nach der hinter ihm stehenden Reisenden wohl verstanden, ließ es jedoch bei einem Murmeln bewenden, aus dem nur einzelne Worte deutlichen Zusammenhang gewannen, es war etwas von der Nutzlosigkeit der Erfindung des Spiegels, man sehe das eigne Bild nie, wie er es zeige.

»Ja, nicht wahr, es ist abscheulich, wie sie verzerren,« fiel Frau Schneppe ein. »Auch in unserm Zimmer ist ein so abscheuliches Glas, es färbt alles grün und zieht in die Länge. Gerade einen Spiegel wollten wir hier auch kaufen. Das war der Hauptzweck, weshalb wir herabfuhren. Nun, bei dieser Gelegenheit konnten wir gleich den Spektakel mit ansehen. Erst wollten sie ein Bad nehmen; nun, meine Wilma schwimmt auch prächtig, und da hörten wir die ganzen Verhandlungen. Es war ihnen nicht recht, daß sie nicht mit den Herren zusammen schwimmen sollten. Ich bitte Sie! Das sei langweilig. Was sagen Sie dazu? Und nun verschoben sie das Bad bis auf den Abend, da wollten sie mit Kähnen hinausfahren in den See und draußen erst hineinspringen. Ja, was man alles erlebt! Und das wird so ganz offen verhandelt, als verstünde sich alles von selbst und wäre gar nichts Besonderes daran. Nun sollte das Wettfahren beginnen. Da waren zwei Boote, in jedem zwei Herren, die sahen zwar wie die Seiltänzer aus, aber es machte sich ganz hübsch. Dann waren ein paar Jungen da, die mußten einzeln miteinander kämpfen, in kleinen Seelentränkern, der eine wäre beinahe umgekippt. Unterdes war aber Fräulein Wingerode mit ihren Hofdamen verschwunden, und auf einmal kamen sie in einem Boote daher, das sie in der Badeanstalt bestiegen hatten. Du lieber Himmel, wie die aussahen! Miß Mary und Miß Edith, die sind so mager, daß es nichts verschlug – die waren nur wie behangene Kleiderrechen. Auch bei der kleinen Sally ging's noch an, aber Fräulein Lydia mit ihrem Kolossalbau und den gerundeten Formen – Ein Skandal – ein Skandal! Nicht um tausend Gulden möchte ich meine Wilma so sehen!«

»Ich auch nicht,« murrte Werner.

»Nicht wahr? Na, sehen Sie, da sind wir der gleichen Anschauung, und das freut mich, denn die Herren haben sonst darüber eine ganz andre Meinung. Die meisten geraten ja förmlich in Entzücken über solche Extravaganzen. Das wissen die Koketten gar schlau für sich zu benutzen, und man darf ja nicht glauben, daß die sogenannten Emanzipierten über die Kunstgriffe der Koketterie erhaben sind. Im Gegenteile, das sind die allerärgsten. Die setzen sich über alles hinweg, um unter dem Schein, als sei ihnen an den Männern nichts gelegen, ihr Spiel mit ihnen zu treiben und sie durch Anziehen und Abstoßen ganz verrückt zu machen und recht unzerreißbar an sich zu fesseln. Man könnte wirklich das ganze Rezept ablernen, so offen legen sie ihre Netze aus; man kann die gar nicht bedauern, die blindlings hineingehen, wie dieser Herr von Wingerode –«

»Wollten Sie mir nicht von den Wettrudern erzählen?« unterbrach sie Werner ziemlich rücksichtslos. Frau Schneppe wollte jedoch die Andeutung nicht verstehen, sie gab nur für einen Moment nach und steckte den bereits auf dem Bogen liegenden Pfeil vorläufig noch in den Köcher zurück.

»Ja, Sie sind neugierig, wie es weiterging – ich begreife es. Aber das hängt ja alles zusammen. Wir kamen vor Erstaunen gar nicht zu uns, wie Sie sich denken können. Die niedliche Matrosenequipage war wirklich erschienen, um ein öffentliches Schauspiel zu geben. Es ist unglaublich, wie man sich so exponieren kann! Mit diesen jungen Herren wettfahren! Vielleicht wollte man nur die muskulösen Arme sich ein wenig in der Nähe besehen, denn im Ernste konnte man sich doch nicht mit ihnen in einen Wettkampf einlassen. Nun, die Herren waren recht galant und ließen das zarte Geschlecht vorausfahren – das zarte Geschlecht, das mit dieser Muskulatur um die Palme ringen wollte! Es ging auch danach aus. Die Herren sind im blinden Eifer beinahe unter das Schiff geraten – ganz recht wäre ihnen geschehen, und die Seefräulein, als sie sich nicht mehr zu helfen wußten, um ihre schmähliche Niederlage zu beschönigen, stießen an des Grafen Boot, daß in der Konfusion dann niemand mehr wußte, was geschah.«

»Eine eigne Auffassung für einen Zufall.«

»Ein Zufall? Warum nicht gar. Zufall war es bloß, daß der Graf ins Wasser fiel, da zeigte sich's aber auch deutlich genug, wie die Sachen stehen. Wie schnell sie bei der Hand war! Ebenso zufällig hätte auch Herr von Wingerode in den See fallen können – einen Zoll näher ans Dampfschiff und das Malheur wäre fertig gewesen – aber nicht einmal umgeschaut hat sie sich nach ihm. Für Graf Marchegg jedoch setzte sie sich selber der Gefahr aus.«

»Das finde ich natürlich. Wer Schuld an einem Unfall trägt, muß ihn auch gutzumachen suchen.«

»Besonders, wenn er dem passiert, welchen man nicht gerne verlieren möchte. Der Geschmack ist eben verschieden, und Graf Marchegg hat immer Glück bei den Damen gehabt, aber derartige Beziehungen gar so offen affichieren, ist denn doch ein bißchen stark, muß ich sagen.«

»Und ich muß Sie bitten, Frau Schneppe, über diesen Gegenstand abzubrechen,« sagte Werner mit ernster Bestimmtheit.

»Sollte das etwa auch nur eine Auffassung sein?« versetzte sie mit boshafter Beharrlichkeit und spöttischem Achselzucken. »Sie nehmen natürlich gleichfalls Partei für diese verführerische Seejungfrau, die es Ihnen gleichfalls angetan hat. Ja, ja, leugnen Sie es nur nicht,« und schadenfroh kichernd setzte sie hinzu: »Übrigens werde ich Ihnen kaum etwas Neues sagen. Jeder, der Augen hat, kann ja sehen, wie die Dinge stehen. Nur Herr von Wingerode sieht und hört nichts. Der arme Mensch tut mir sehr leid, es ist doch nicht recht, sich so lustig über ihn zu machen und ihn zu mißbrauchen. Man muß Teilnahme für ihn haben, und ich weiß nicht, ob man ihm nicht eigentlich einen kleinen Wink geben sollte. Am Ende würde er es einem wohlwollenden Warner auch noch übelnehmen und die Tatsachen für weiter nichts als eine ›eigne Auffassung‹ erklären. Als ob man die Verhältnisse nicht kennte! Fräulein Wingerode hat nichts, da muß der Vetter und Majoratsherr eben geheiratet werden, den lieben Graf Marchegg aber nimmt man als Hausfreund mit in die neue Menage.«

Die Plötzlichkeit, mit welcher sich Werner in seiner Entrüstung erhob, brachte die Schwätzerin doch endlich zum Schweigen. Das Geschoß war ja auch abgesendet und saß nach ihrer Meinung. Vor einer Zurechtweisung war ihr nicht bange; sie pochte darauf, daß sich ein Herr der Dame gegenüber gewisser Rücksichten nicht ganz entschlagen könne. Mit ein paar Worten ließ sich dann alles wieder in den Scherz ziehen, doch hierin irrte sie diesmal, und mit Schreck sah sie urplötzlich einen Gegner vor sich stehen, auf den sie nicht gefaßt war, und zwar niemand andern als eben jene »Person«, über deren »Aufzug« sie sich so besonders lustig gemacht hatte.

Die Erscheinung nahm sich aber auch jetzt ganz eigentümlich aus mit der trotzig in die Hüfte gestemmten Linken, mit dem etwas zurückgeschobenen Hut, der eine geniale Locke auf die Stirne hervorquellen ließ, und den herausfordernd blitzenden Augen unter derselben, für welche die Rechte eben den Kneifer wieder zurechtsetzte. War's doch vielleicht ein junger Bursche? Aber nein! Ein halbwüchsiger Knabe hätte sich doch nie mit dieser Impertinenz vor eine fremde Dame hingepflanzt. – Frau Schneppe hatte nicht so unrecht mit ihren Erfahrungen über das starke Geschlecht – nein, es war in der Tat ein Mädchen, allerdings über das schüchterne Backfischalter schon hinaus.

»Bisher hab' ich ruhig zugehört,« begann es, »teils ging's mich nichts an, teils lag nichts daran, was irgendein Maulwurf für Morast ausschaufelt. Jetzt aber ›stop!‹, sag' ich, oder es gibt was!«

»Und darf ich fragen, was es Sie jetzt angeht, mein Fräulein?« warf Frau Schneppe, die bleich geworden war, der Sprecherin kalt und höhnisch entgegen. Es wollte ihr aber nicht gelingen, hoheitsvoll dabei auszusehen.

Der Professor unterbrach bestürzt seine Ausführungen, und Wilma machte sich bereit, Stellung an der Seite ihrer Mutter zu nehmen, wobei sie auch den Professor hereinzuziehen trachtete, indem sie die Hand wie hilfesuchend auf seinen Arm legte. Noch hatten beide keine Ahnung, um was es sich handle, sie starrten die ihnen wie verrückt erscheinende Fremde an. Diese hatte indes die an sie gerichtete Frage beantwortet.

»Auf meiner Freundin laß ich nichts sitzen. Lydia Wingerode ist meine Freundin, und was da über sie geäußert wurde, ist Tusch, Madame. Stände ich einem Manne gegenüber, würde ich dem Verleumder und Ehrabschneider meine Karte schicken; verstanden!«

»Mein Fräulein!«

»So aber ist's freilich nichts,« fuhr die Angerufene, ohne sich daran zu kehren, mit souveräner Verachtung fort. »Nur duld' ich weiter an meinem Tische keine Insulten. Das ist's, was ich Ihnen sagen wollte, Madame. Mein Name ist Olga Platow, ich bin Student der Medizin an der Universität von Zürich, wenn Sie es wissen wollen, und das ist mein Platz, und hier steht mein Bier, und jetzt ›Prosit! auf recht angenehme Gesellschaft‹!«

Dabei hatte der junge weibliche Student sein Glas vom Tische genommen und trank es gewissermaßen Frau Schneppe zu, die, zitternd vor Erregung, zwischen dem deutlich erkennbaren Wunsche, den Zweikampf, nur allerdings auf unter Männern ungebräuchliche Waffen, wirklich anzunehmen, und der Furcht schwankte, endlich doch in einer öffentlichen Skandalszene den kürzern zu ziehen. Dies Bedenken überwog auch, denn bis jetzt hatte der Vorfall noch kein großes Aufsehen erregt. So burschikos das Auftreten der dreisten jungen Dame auch war, sie hatte es vermieden, ihre Stimme besonders zu erheben, an andern Tischen dagegen wurde laut gesprochen, und so sah nur hier und da einer der Nähersitzenden herüber. Frau Schneppe zog es vor, nicht auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise hierher zu lenken.

»Man ist allen Beleidigungen ausgesetzt, wenn sich die Herren nicht als Beschützer unser annehmen,« wollte sie weinerlich vorwurfsvoll einen Wall vor sich aufwerfen, doch stockte sie noch vor dem letzten Worte betroffen. Sie hatte unter einem Gewirr von Stimmen eine einzelne erkannt, und sich rasch umsehend, erblickte sie eine Gesellschaft von Herren und Damen, welche eben auf die Terrasse heraustrat.

Es waren die Teilnehmer der Wettfahrt. Die Siegerinnen hatten sich vollständig umgekleidet und nur ihre gutlassenden Matrosenhüte beibehalten, auch die Geschlagenen staken wieder in ihren nonchalanten Sommerkostümen. Herr von Wingerode führte am lautesten das Wort. »Fünf Bootlängen – der Damencrew war wundervoll – not in training – unvergleichlich! Vierzig Strocks, bei Gott!« Er schien ganz in Enthusiasmus zu sein, insoweit es die seinen Vorbildern, den Engländern, abgelauschte breitruhige Weise erlaubte.

Auch Lydia war von der energischen Verteidigerin ihrer Ehre sofort erkannt worden, und es wurde nun ein bißchen lebhaft das Wiedersehen gefeiert. Das Erscheinen der Ruderer hatte wohl auch bei andern Beachtung gefunden, aber da unten ertönte das kleine Horn des Bahnwächters, der Zug schob sich rasselnd heran, die Glocke schallte, eine Reihe von Ortsnamen, aus voller Lunge rezitiert, rief die Passagiere für die Rheintallinie ab, und dazwischen gellte wieder ein Pfiff. In all dem Lärm und Gedränge ging das freudige Geplauder spurlos unter, die Gruppe löste sich, und als die Wogen sich verlaufen hatten, da waren auch die beiden Damen Schneppe verschwunden. Werner erinnerte sich, etwas von »weiteren Besorgungen« und »Zeit benutzen« gehört zu haben, was wohl den einigermaßen beschleunigten Rückzug decken sollte, hatte aber zu viel mit seinem nervenlosen Freunde zu tun, der plötzlich nervös geworden schien und dem er wiederholt die Versicherung geben mußte, daß dies noch lange nicht der Zug nach St. Gallen sei und in ganz entgegengesetzter Richtung gehe, ehe sich das Eisenbahnfieber wieder legte.

Statt der ihnen abhanden gekommenen Gesellschaft fanden sie fast ebenso unversehens eine neue. Fräulein Olga Platow hatte die Freundin natürlich an ihren Tisch geführt, und Werner stand mit Professor Köchle wie gefangen mitten in ihrem Gefolge. Der Letztere bemerkte jetzt erst, daß er seine geduldige Zuhörerin verloren hatte, und gab seiner Regung des Bedauerns Ausdruck, indem er dem Freund die jedenfalls verspätete Frage vorlegte:

»Meinst du nicht, ich hätte den Damen doch Adieu sagen sollen? Sie werden mich jetzt für recht unhöflich halten und – es war ein so nettes Mädchen.«

Es blieb ihm aber nicht viel Zeit für seine Reueanwandlung; als Werners Freund war er bald mit den andern bekannt und in das Gespräch hineingezogen. Alle Chancen des Bootrennens wurden noch einmal durchgenommen, unterdrücktes Lachen und lautes Bedauern mischten sich, als der Katastrophe Erwähnung geschah, welcher Graf Marchegg zum Opfer gefallen.

»Ei was!« meinte Herr von Wingerode. »Ob er früher oder später sein Bad nimmt, bleibt sich ja gleich.«

»Pfui Gero,« strafte ihn lächelnd Baronin Sarnberg. »Aus dir spricht die Schadenfreude. Du verrätst dich. Wie, wenn nun Odo an seiner Stelle gewesen wäre?«

»Und das hätte leicht geschehen können,« sagte der Genannte achselzuckend zu seiner Frau, »wenn ich deinem Schmollen nachgegeben hätte.«

»Oh, dann wäre ich beim Crew gewesen und hätte schon acht gegeben, daß mir kein Tropfen Wasser an mein Zuckermännchen komme.«

»Das schlimmste ist,« beklagte der junge Huxley den Grafen, »daß er jetzt im Bett liegen muß, bis seine Kleider trocknen.«

»Wie langweilig wird er es haben!« rief ein andrer junger Mann. »Champagner und Zigarren ersetzen doch nicht die Gesellschaft der Damen.«

»Ihn bedauern?« ließ sich hüstelnd einer der bleichen Molkentrinker vernehmen, die zu Lydias Schatten gehörten. »Wie süß muß es sein, zu versinken, um von dieser Hand gerettet zu werden. Der Glückliche!«

So gingen die Ansichten auseinander und wie in dem einen Falle auch anderwärts. Neben der allgemeinen Debatte hatte sich auch eine besondere zwischen dem Professor und Gero entsponnen, die nach einigen lose hingeworfenen Äußerungen in einander Gleichgesinnte gefunden zu haben meinten und sich demgemäß zu engerem Anschlusse und völliger Verständigung anschickten.

»Glorioser Einfluß auf die Muskelentwicklung,« sagte Gero, indem er beistimmend nickte. »Naturgemäße Lebensweise und Abreibungen. Bin auch sehr dafür.«

»Aber die Abreibungen reizen doch etwas zu sehr die Hauttätigkeit.«

»Ganz recht. Ich habe dafür eine neue Art Patentfrottierhandschuhe.«

»Wir sollen aber mehr belebend auf die Nerven wirken,« suchte der Professor seinen Einwurf zu begründen. »Taubäder, indem man barfuß über die Wiesen geht, sind da ganz unübertrefflich.«

»Wie alles kalte Wasser, aber Sturzbäder sind weit ausgiebiger.«

»Bäder, ja, aber durchaus nicht zu kalt, das erzeugt zu rasche Kontraktionen – eher lau.«

»Bah! Laues Wasser erschlafft die Muskeln, und die müssen, wie der Atem, geübt werden.«

»Ja, das Letztere ist unerläßlich. Körperliche Bewegung ist ein Hauptaxiom.«

»In training setzen.«

»Wir treiben Gymnastik –«

»Well!«

»Sägen Holz.«

»Holz? Oh, das ist nicht gentlemanlike. Aber tut nichts, es ist doch Kraftverbrauch, Muskelübung; auf den Ersatz kommt es an. Kräftige Nahrung. Fleisch, Fleisch und wieder Fleisch!«

»Der Himmel bewahre uns! Fleisch? – Fleisch erhitzt und erregt.«

»All right!«

»Nein – Obst, Gemüse und Grahambrot.«

»Grahambrot? Oh, Grahambrot ist sehr gutes Futter für die Pferde, in der Tat.«

»Ich rede aber von den Menschen. Es ist die zuträglichste Nahrung.«

»Für den Menschen? Wie wollen Sie denn da Muskel erzeugen? Mindestens siebenhundertundfünfzig Gramm Fleisch per Tag. Sehen Sie sich die Engländer an. Die Wettgeher, die Ruderer, die Boxer nehmen noch mehr.«

»Rechnen Sie diese Beschäftigungen vielleicht zu den gentlemanliken?«

Der Professor, so sehr gegen alle Erhitzung eingenommen, hatte sein kaltes Blut früher eingebüßt als sein Widersacher.

»Gewiß,« entgegnete dieser, »jeden Sport.«

»Und das nennen Sie naturgemäße Lebensweise, wenn man den Organismus mit Stickstoff übersättigt? Ich bin ein Mann, der mit dem Kopfe, nicht mit den Fäusten arbeitet, und brauche Gemütsruhe. Ich sage Ihnen, die Menschheit wird sich aus ihrem nationalökonomischen Elend erst befreien, wenn sie sich den gesundheitsunschädlichen Nahrungsmitteln zuwendet.«

»Und ich bin Landwirt und sage Ihnen, daß wenn die Menschen einmal kein Fleisch mehr essen, auch keines gezüchtet wird. Dann fällt der Dünger weg und ohne den wächst auch kein Getreide, Gemüse und Obst mehr, dann kann die Menschheit naturgemäß Luft schnappen.«

»Über die veraltete Landwirtschaft sind wir längst hinaus. Für die Zusammensetzung der Pflanzennahrung hat die Chemie ganz bestimmte Formeln aufgestellt.«

»Ganz recht – bestimmte Formeln – die Chemie – für die Ernährung des Organismus, und die Engländer halten sich strenge danach. Sie sind das rationellste Volk der Erde. Für den Mann siebenhundertundfünfzig –«

»Äpfel im Jahre.«

»Nein, Gramm Fleisch im Tage; für das Pferd vier Kilo Hafer und vier Kilo Heu; für das Schaf –«

»Meinetwegen mögen die Schafe fressen, was sie wollen!«

»Nein, was sie müssen. Nach den wissenschaftlichen Feststellungen der englischen –«

»Diese wissenschaftlichen Feststellungen werden aber durch die Erfahrungen, welche dem Vegetarianismus zugrunde liegen, umgestoßen.«

»Der Vegetarianismus ist Unsinn.«

»Und die Engländer sind Narren.«

Das war das Ende der gesuchten Verständigung, und die scheinbaren Gesinnungsgenossen trennten sich als erbitterte Gegner.

Es gibt Tage, wo der Widerspruch in der Luft liegt, diese selbst scheidet sich in Wasserstoff und Sauerstoff und vereinigt sich nur wieder zu Knallgas. Jeden Augenblick gibt es eine Explosion.

Am Eisengeländer, fast an derselben Stelle, wo zuvor das krakeelsuchende Studentlein gestanden, lehnte jetzt Werner. Er blickte auf den See hinaus, sah aber weder dessen zunehmende Bewegung noch die ganz sachte im Westen emporsteigende Wolkenwand, die sich aus schwellenden und übereinandergeschobenen Baumwollballen aufzubauen schien. Er hatte aber auch gar nicht die Absicht, Wetterbeobachtungen anzustellen, und seine Absonderung nur den Zweck, sich dem Gespräche der andern zu entziehen, das interesselos für ihn war, wie er sich vorsagte, in Wahrheit aber seine Verstimmung immer mehr steigerte. War es doch, als ob er zwischen jedem Satze das Kichern heraushöre, mit dem Frau Schneppe ihre spitzen Reden zu begleiten liebte, dieses häßliche widerwärtige Kichern der öffentlichen Meinung, der landläufigen Banalität, das sich ebensowenig unterdrücken ließ. Ein drohendes Entgegentreten konnte es verscheuchen, ja – aber zum Verstummen bringen? – nein! Es ließ sich nur an einem andern Orte hören. Ein Mädchen sollte sich hüten, es herauszufordern.

Der Unmut kehrte sich gegen die, welche Anlaß gegeben, und es machte die Sache keineswegs besser, daß sie jetzt plötzlich neben ihm stand und die Arme gleich ihm auf das Geländer legte. Warum ließ sie ihn nicht allein, da sein Verhalten doch deutlich den Wunsch zu erkennen gegeben? In den letzten Tagen waren sie freilich in eine Art freundschaftlichen Verkehr zueinander getreten. Wenn auch Frau Schneppes Anspielungen übertrieben waren, eine Annäherung zwischen den beiden, die sich anfänglich so schroff entgegengetreten, hatte tatsächlich stattgefunden. Aus dem ersten Plauderstündchen am Lehnstuhle der alten, halberblindeten Frau waren mehrere geworden. Die Vorleserin hatte sich in eine Zuhörerin verwandelt, die es nicht duldete, daß Werner seine Lektüre unterbrach, wenn sie herzukam und so freundlich bat, sie nicht auszuschließen, daß man sie nicht gehen heißen konnte. Viel hatte Werner nicht mit ihr gesprochen, aber er wich ihr wenigstens nicht mehr vorsätzlich und auffallend aus. Es war mehr seiner Mutter als sein Umgang, aber seine Worte klangen, wenngleich kühl, doch nicht unhöflich, wenn er ihr begegnete.

Diesmal war es ihm fast unmöglich, denselben Ton zu bewahren. Er hatte das Vorgefühl, daß er hart werden könnte, und blieb darum lieber karg mit dem Wort, auch als sie – nicht wie er erwartet, mit einem Triumphe – sondern mit einer Erinnerung an seine Mutter begann, die sich recht allein fühlen werde.

»Aber es waren ja auch gewissermaßen Pflichten, die Sie fortriefen, und Ihre gute Mama wird sich in Gedanken mit Ihnen freuen, so recht in ihrer Seele,« fuhr Lydia, sich über sein Schweigen hinwegsetzend, fort. Sie sah so heiter aus, als ob die Sonne sich in ihren Augen spiegle, wie es sonst nicht in ihrer ernsten, stolzen Art lag. War es die Freude am errungenen Siege? Einen Moment lang meinte Werner es, aber war denn ein so leichter Sieg des Jubels wert? Einen Fingerzeig auf den Ursprung ihrer Stimmung gaben ihre weiteren Mitteilungen. »Wie seltsam, daß uns beiden heute die Freude zuteil wird, alte Freunde wiederzusehen! Sie haben sich Ihren Professor abgeholt und ich mir meinen Studenten. Aber für mich war es eigentlich eine Überraschung, denn Olga zeigte mir ihren Besuch wohl an, aber nicht Tag und Stunde. Wir haben uns vor ein paar Jahren bei meiner verstorbenen Tante in Riga kennen gelernt, wo sie zu Hause ist. Ein originelles kleines Geschöpf, nicht wahr? Wie gefällt Ihnen meine Freundin?«

»Ich liebe diese Gattung Frauen nicht,« entgegnete Werner mit ablehnender Kälte.

»Ach, Sie beurteilen sie nach ihrer Erscheinung.« Lydia sah sich um und warf einen musternden Blick auf ihre Freundin, die sich mit den Herren in eine lebhafte Diskussion eingelassen. Ein Lächeln spielte um ihren Mund. »Es ist wahr, ihr Anzug ist ein wenig übertrieben.«

»Finden Sie? Er ist doch noch lange nicht so bizarr als derjenige, in welchem sich uns vor kurzem vier junge Damen zeigten.«

Werner hatte ruhig und zurückhaltend bleiben wollen, aber der Tag – die Luft – das Knallgas –

Die Anzüglichkeit weckte jedoch mehr die Lachlust, als daß sie gereizt hätte.

»Sie sind heute wieder tadelsüchtig,« sagte Lydia. »Was mißfiel Ihnen an unsrer Ausstattung? Sie setzen dieselbe mit Olgas Kleidung in Parallele, aber das ist falsch. Die ihrige ist ganz willkürlich, nicht aber notwendig oder auch nur nützlich, sie könnte auch eine andre, geschmackvollere wählen. Das Flanellkleid hingegen, wie man es in England und Amerika zum Turnen, Rudern, Lawn-Tennis und allen derartigen, ein wenig anstrengenden Spielen und Übungen anlegt, ist zweckmäßig und der Gesundheit zuträglich.«

»Wir sind aber nicht in England oder Amerika.«

»Sondern in einem Land voll von Vorurteilen. Statt einem Kompliment – denn ich entnehme Ihren Äußerungen, daß Sie Zeuge unsers kleinen Match waren – und statt sich zu entschuldigen, daß Sie uns mit Ihrem großmächtigen, eingebildeten Dampfer einen solchen Streich spielten, kritisieren Sie unsre schlichte, aber praktische Toilette. Das ist recht unliebenswürdig. Aber man ist dergleichen an Ihnen gewohnt. Ich will lieber Gnade für Recht ergehen lassen, Sie sind doch unverbesserlich. Wie ist es – Sie bleiben doch den Abend noch hier? Es wird sehr hübsch werden. Wir wollen gemeinsam hier auf der Terrasse soupieren und zuvor beim Mondschein baden.«

»Und was soll ich dabei?« Die Frage klang scharf, so daß ihn Lydia verwundert ansah.

»Nun, mittun, uns Gesellschaft leisten.«

»Um auch bei dieser Gelegenheit die – Zweckmäßigkeit der Tracht und Ihre – Gewandtheit in jeder Art Sport bewundern zu können?«

»Was haben Sie dagegen?« stellte sich endlich Lydia, welcher die kurzen, aber bedeutungsvollen Pausen und der spöttische Ton nicht entgangen waren, mit ernsterem Willen zum Widerstand. »Sie werden doch nicht auch bei Rudern und Schwimmen den Vorwurf der Unschicklichkeit erheben wollen? Das möchte Ihnen schwer werden.«

»Die Beschäftigungen mögen harmlos sein, aber die Art wie man sich ihnen hingibt, dürfte manchem nicht so erscheinen.«

Sie zuckte geringschätzig die Achseln.

»Läßt diese also das empfindsame weibliche Herz vermissen?«

»Vielleicht etwas nicht minder Kostbares – die Züchtigkeit.«

»Sagen Sie die Prüderie,« fiel sie auf dies mit rauher Unumwundenheit vorgebrachte Wort des Tadels rasch, aber mit verächtlicher Kälte ein. Von ihren Wangen war ein wenig Farbe gewichen, aber keine Regung der Verlegenheit oder Scham brachte ihren festen Blick zum Niederschlagen. »Jene angelernte Sittsamkeit der engherzigen, kleinbürgerlichen Strickmaschine, die ganz unbefangen den roten, gänsehäutigen Arm nackt trägt, aber um alles in der Welt nicht den mißgeformten, mit Leichdornen besäten Fuß; das andressierte Wohlanständigkeitsgefühl der geistlosen Modepuppen, die heute bedecken, was sie gestern entblößten, und morgen wieder sorgfältigst jedermann ins Auge rücken, was heute ängstlich verhüllt wird. Die es unanständig finden, die Spitze des Schuhes sehen zu lassen, wenn es ihr geschriebenes und streng eingehaltenes Gesetz des Tages so fordert, und auf dasselbe Gebot auch unbedingt in der Dekolletierung einer Indianersquaw erscheinen. Ich möchte Sie fragen, strenger und unbestechlicher Richter, was soll uns da leiten in solcher Konfusion der Paragraphen und ihrer Ausleger?«

»Der feinfühlige Kompaß, den die Frau in sich trägt.«

»Sie meinen den Takt – er ist doch nur Erziehungsresultat.«

»Nein, ich meine nicht dies Kunstprodukt, sondern den natürlichen, niemals irrenden weiblichen Instinkt für die Sitte, auf den man nur zu horchen braucht.«

»Die Sitte!« sagte sie und lächelte dabei mit überlegenem Hohn. »A well bred duck should waddle so. Sie sind wohl nie in Biarritz gewesen? Dort zum Beispiel ist es Sitte, daß der Strand von beiden Geschlechtern gemeinsam benutzt wird. Kein Mensch nimmt Anstoß daran. Sie können dort jeden Tag die Frauen in Badekostüm und Sandalen ungeniert mit den Herren Konversation machen sehen und alles bildet in bunter Reihe eine Kette, um dem Wellenschlag lachend und plaudernd entgegenzugehen.«

»Das mag in Frankreich Sitte sein –«

»Ganz recht,« fiel sie ihm ins Wort. »Sie ist eben ein Produkt des Landes und der Zeit, wie ihre Schwester, die Mode. Hat je ein Krittler es unsittlich gefunden, wenn ein Bauernmädchen barfuß geht, oder, bloß mit ihrem Hemde angetan, ihre Feldarbeit verrichtet?«

»Geben Sie acht, daß das befremdliche Wort nicht von den Damen vernommen wird, in deren Kreis Sie gehören.«

»Diese Rücksicht wird mich ebensowenig verhindern, zu sprechen, wie ich denke, und zu tun, was mir gefällt, als irgendeine andre.«

»Ein stolzer Ausspruch.«

Werner mußte sich gestehen, daß dies Mädchen ganz danach aussah, denselben zur Wahrheit zu machen, aber er war zu sehr gereizt, um nicht, was er als Ausdruck geraden Sinnes bei einem Knaben gebilligt hätte, hier als Selbstüberhebung zu tadeln. Lydia fühlte das recht wohl heraus, sie verschmähte es aber, ihrem Worte noch mehr Nachdruck zu geben, in ihr war nur der Wunsch rege, zu widerlegen, und in demselben hatte sie sich ereifert.

»Gerade Ihre eigne Bemerkung,« wollte sie ihn überweisen, »spricht für meine Auffassung. Soll ich mich daran kehren, was in dem einen oder andern Diktionär einer lächerlichen Zimperlichkeit für verfemt gilt?«

»Und doch würde es die Dame sehr übelnehmen, wenn man ihr Wort, Tracht und Benehmen nach der Bauernelle zumäße.«

»Sie sind unleidlich!« rief sie ärgerlich. »Wie wenn ich nun statt zu schwimmen auf einem Ball tanzen wollte? Wäre der Unterschied so groß? Was sagten Sie dann?«

»Nichts. Sie haben mich ja belehrt, daß Sie nur Ihren Gefallen als Richtschnur nehmen. Ich kann Sie also auch nicht verhindern, Ihre Reize in dieser oder jener Weise den Blicken Ihrer Bewunderer preiszugeben.«

»Und was tut das Ihnen?«

Werner schien es darauf angelegt zu haben, sie tödlich zu verletzen; wenn er aber erwartet hatte, sie mit seinem rücksichtslos gewaltsamen Mittel auch nur zum Erröten zu zwingen, so sah er sich enttäuscht. Sie senkte das Auge nicht, glatt ging sie über die brutale Andeutung hinweg und nur trotziger hob sich ihr Haupt bei der Frage, auf die er beinahe verwirrt schweigen mußte, weil er eben keine Antwort fand.

Es klang wie Ironie und doch lag dabei kein spöttischer Ausdruck in Lydias Zügen, als sie nach einer kleinen Pause fortfuhr:

»Verfallen Sie doch nicht in ebendieselbe Prätension wie alle Männer: eifersüchtig auf jede Frau zu sein. Bewahren Sie das für jene, die Sie lieben.«

»Und weshalb soll ich eine Ausnahme machen?« fragte er, nun selbst den Sarkasmus wiederfindend. »Wenn die Prätension allen Männern gemeinsam ist, was liegt daran, ob einer mehr oder weniger?«

»Weil – weil –« sie stotterte ein wenig, aber mit überraschender Heftigkeit brach es nun los, »weil Sie anders – sein wollen als die andern. Weil Sie sich hoch erhaben dünken über –«

Sie hielt plötzlich inne und kehrte sich von Werner, der sie erstaunt und überrascht ansah, ab, ohne daß sich bestimmen ließ, ob sie selber nicht weitersprechen wolle oder nur durch das Herantreten ihrer Freundin gestört worden war.

»Holla! da gibt es Streit!« rief lachend der kleine Student. »Bin auch dabei, wenn du allenfalls einen Sekundanten brauchst«

Lydia zuckte die Achseln.

»Das wäre auch des Kampfes wert!« warf sie hochmütig hin und verließ zürnend den Platz.

Auch Werner ging, indem er sich flüchtig empfahl.

Was war das gewesen? Eigentlich hatte ihm so manches Wort nicht übel gefallen, das sie gesprochen, aber im ganzen verdroß ihn diese trotzige Eigenwilligkeit, die sich nicht niederringen lassen wollte und doch von falschen Voraussetzungen ausging. Er eifersüchtig auf sie? Lächerlich. Mochte sie tun und lassen, was sie wollte, was focht es ihn an! Warum sollte denn der Weg, den sie ging, immer über ihn hinwegführen? Künftighin sollte sie ihn nicht auf demselben finden; gewißlich nicht. Wie der kluge Steuermann wollte er es machen, als er das Boot, scheinbar von Tollhäuslern geführt, auf sich zukommen sah. Das Dampfschiff konnte keinen Schaden leiden, aber doch wich er mit demselben aus.

Neben dem Grübelnden schritt der Freund einher, der seine vielgepriesene Gemütsruhe auch noch nicht wiedergefunden.

»Das reine Muskeltier!« grollte er mehr als seinem Gegner noch der ungeheuerlichen Auffassung des Begriffes »natürliche Lebensweise«, und in einer einfachen Ideenverbindung tauchte daneben ein andres Bild in ihm auf. »Aber sollt' ich nicht noch den Damen Adieu sagen, meinst du nicht? Vielleicht begegnen wir ihnen noch. Wirklich ein recht nettes Mädchen – voll aufgeweckten Verständnisses und häuslichen Sinnes – da müßte der Vegetarianismus Wunder wirken.«

Auf eine Antwort hatte der Professor gar nicht gewartet. Höflich erwiderte er den Gruß, der eigentlich Werner geboten wurde. Dieser sah erst nach dem melodiösen »Recht guten Abend!« auf, mit dem er angeredet wurde.

Die singende Stimme kam ihm bekannt vor. In der Tat, das war ja das breite, lächelnde Antlitz mit dem seltsam leuchtenden Flaschenkürbis. Ein paar Schritte weiter stand auch die ahnungsreiche Ehehälfte des freundlichen Tuttlingers.

»Da wäre mer wieder,« sagte derselbe vergnügt nickend. »In Zürich sind mer auch g'wese, aber der Bodasee ischt halt der Bodasee.«

Er wollte sich auf eine Kiste niederlassen, die da am Hafen zur Verladung bereit stand. Doch seine Gattin wehrte ihm mit einem ängstlichen Schrei.

»Wenn jetzt Dynamit da drinnen wär'!«

Erschrocken trat der alte Herr zurück.

»Ja, ja, schön wär's Reisen schon,« meinte er, »wenn's nur nicht so viel Gefahren hätt'. Aber jetzt geht's wieder nach Friedrichshafen. Reisen Sie vielleicht auch mit? Sie sind wohl nicht aus Württemberg? Hab' mir's wohl denkt. Hörst, hörst, Alte? Sie läuten schon auf 'm Schiff.«

»Ach Gott, wenn wir nur schon lebendig daheim wären!«

Von dem Stoßseufzer belustigt, riefen die Freunde dem davoneilenden ergötzlichen Paare noch ein »Glückliche Reise!« nach, und mit wohlgefälligem Lächeln des Erkennens wies der Anhänger des Vegetarianismus auf die in großen Lettern, welche sein Finger liebkosend nachzeichnete, auf dem Deckel jener von der unheilwitternden Dame so scheu gemiedenen Kiste angegebene Aufgabestation »Cham«.

Unwillkürlich nickte Werner. Er gedachte des erbitterten Gesprächs von vorhin. War es ihm dabei nicht vielleicht ähnlich ergangen?

Wo die erregte Phantasie eine gefährliche, ruchlose Sprengladung gesehen, fand der nüchterne, ruhige Blick weiter nichts als – fromme kondensierte Milch.

7

Die Wetterprophezeiung Werners war eingetroffen. Der Umschlag war gekommen; am Himmel hingen graue Wolken tief herunter, so daß man sich auf dem Berge ganz von der übrigen Welt abgeschnitten meinen konnte, und der Regen hielt alles ans Zimmer gebannt.

Am ersten Tage freute man sich über die Abkühlung der Luft und auch wohl der Abwechslung, doch am zweiten Tage begann bereits die Melancholie ihren Einzug zu halten, nicht jene sanfte, verzagende und ergebungsvolle, die sich in sich selbst vertieft, sondern jene unruhige, ärgerliche, reizbare, welche die Jugend in der Stunde wohl viermal zum Barometer treibt, dem seines unglaublichen Phlegmas willen alle möglichen Gebreste angedichtet werden, und selbst die älteren Gäste des Freihofs veranlaßt, von Zeit zu Zeit ans Fenster zu treten, um sich aus der Schattierung, dem Bau und Zug des Gewölks in ebenso wohlbegründeten als selten zutreffenden Schlußfolgerungen Rats über den Gang der Witterung zu holen.

Das Haus war groß, aber auch voll, und es gab Stunden, wo sich die Leute in den Salons doch allzu nahe auf den Nähten saßen, der undurchdringliche Qualm, welcher das Rauchzimmer füllte, nicht einmal mehr zu schneiden war, und die Wände durchaus keine Anlage dazu zeigen wollten, sich zu dehnen und auseinanderzuschieben. Und das wurde um so lästiger, da von einer allgemeinen Geselligkeit bei den unter ein Dach Zusammengepferchten doch eigentlich keine Rede war. Das ist nun einmal so in diesen modernen Musterphalansterien für die künftigen ideal-sozialen Allerweltsbeglückungsanstalten.

Die Gruppen sonderten sich möglichst, aber man kam einander doch in den Weg. Man konnte nicht den ganzen Tag Zeitungen lesen, eine Zigarre an der andern anzünden oder stundenlang über dem Billard liegen, wie Studiosus Olga Platow. Graf Marchegg hatte einen ganzen Vorrat von Schnadahüpfeln erschöpft und das Pianino gründlich verstimmt, das kleine Kricket, das man im Speisesaal eingerichtet, wurde immer wieder durch die Tafeldecker gestört, selbst an dem verzweifelten Versuch, einige Choräle zu singen, hatten die Misses schließlich, wie ihre Zuhörer schon längst, kein Vergnügen mehr gefunden, und die weißlichen Nebel zogen noch immer über die Wiesen und hingen wie festgehakt in den Ästen der Tannenbäume. Man hatte sich zuletzt zu außerordentlichen Maßregeln aufgerafft, einer der jungen Herren hatte Gesellschaftsspiele vorgeschlagen, Graf Marchegg lebende Bilder zu arrangieren versprochen und der Sportsman war selber ausgezogen, irgendwo vielleicht ein Zimmergewehr oder, da sich dagegen voraussichtlich Einspruch erheben werde, wenigstens eine Bolzbüchse aufzutreiben, die zum Scheibenschießen verwendet werden konnte. Der Schützenstand ließ sich dann in einem der langen Korridore oder Säle leicht einrichten.

In Erwartung des Ergebnisses seiner Mission hatte sich die kleine, sonst immer zusammenhaltende Koterie vorläufig zerteilt. Als Lydia gesucht wurde, um sie zu einer Beratung des Komites für die Tableaux vivants einzuberufen, fand man sie in einer Ecke des Damensalons bei Frau Rodek und wenig geneigt, sich in der Diskussion stören zu lassen, in welche sie sich vertieft hatten. Mit Rücksicht auf die Anwesenden wurde sie bloß leise geführt. Es waren wenige Herren da, zumeist nur Damen, von denen ein Teil den großen Mitteltisch mit den illustrierten Journalen umlagerte, andre saßen mit einer Handarbeit in kleinen Plauderkränzchen beisammen, und nur einzelne hatten sich mit ihrer Lektüre in eine Fensternische geflüchtet.

Mochten die Bilder sich selbst stellen und andre ihren Witz anstrengen, Scharaden zu ersinnen, das Thema, welches Lydia mit der alten Dame verhandelte, hatte für sie zu viel Interesse, um es da fallen zu lassen, wo ihr Schweigen gerade als ein ohnmächtiges Aufgeben der von ihr eingenommenen Position gedeutet werden konnte. Man sollte nicht glauben, daß sie sich wirklich der landläufigen Ansicht von dem Maß und der Einschränkung des weiblichen Geistes und Wirkungskreises gefangen gab. Warum sollte Lady Macbeth ein unbegreifliches, ein ungeheuerliches Weib sein, das Shakespeare nur gezeichnet hätte, um selbst in diesem über die Möglichkeit gesteigerten Beispiele die Unzulänglichkeit der Frauennatur an Kraft und Willen darzustellen?

Seit jenem Tage, wo sie der armen Augenleidenden aus dem Tell vorgelesen, hatte sie heute zum ersten Male wieder das bereitliegende Buch aufgenommen, mit dem die Kranke schon eine geraume Weile ihren Sohn erwartete. Er hatte versprochen, ihr bald zu folgen, und nun waren doch Stunden vergangen, und die Verteidigerinnen des Frauentums, die dennoch in so gegensätzlicher Auffassung auseinandergingen, waren von dieser ihr tiefstes Denken und Empfinden berührenden Erörterung so sehr in Anspruch genommen, daß sie es nicht bemerkten, als Werner neben ihnen stand, bis er sich selbst mit der Frage anmeldete, ob denn eine so selbstverständliche Sache noch eines solchen Ereiferns wert sei.

Seiner Mutter Ausspruch lautete nämlich dahin, daß Lady Macbeths Wahnsinn eben nur eine natürliche Folge des Mißverhältnisses zwischen den Schrecken der Schuld und der Widerstandskraft des weiblichen Nervensystems und des gemütstieferen Charakters sei.

»Selbstverständlich?« fragte Lydia in der Wärme des Widerspruches. Es war das erste Wort, das sie wieder an ihn richtete, seit sie sich auf dem Altane in Rorschach unmutig von ihm gewendet. Doch er hatte bloß zu seiner Mutter gesprochen, und diese ließ ihn jetzt nicht zur Antwort kommen; seine scherzhafte Bemerkung hatte ihr nur ein flüchtiges Lächeln abgewonnen, die schon seit Stunden im stillen angehäuften Vorwürfe kamen zum Vorschein.

»Aber so lange! Du solltest dir hier ein paar Wochen Erholung gönnen und nun arbeitest du fast angestrengter als zu Hause.«

»Nein, nein, sei unbesorgt, das tu ich nicht, liebe Mutter. Aber wenn ich fort bin, darf darum doch nicht alles stillstehen.«

Es war vielleicht gut, daß die getrübten Augen die Blässe und Abspannung in seinen Zügen nicht wahrnehmen konnten. Werner sah wirklich abgearbeitet aus, aber er suchte es sich nicht merken zu lassen und unterdrückte sogar zum Teil den tiefen Atemzug der Müdigkeit, während er sich über die mächtige Stirne und durch das dichtstarrende, kurzgeschorene Haar strich.

»Und wozu hast du denn die Hilfsarbeiter, den Gesellschafter, wenn du alles selbst tun mußt?« schmollte die Mutter.

»Alles nicht. Den geschäftlichen, den finanziellen Teil, die Überwachung der technischen Ausführung und tausend und eine Kleinigkeit überlasse ich ihnen ja ohnehin; was aber die künstlerische Vorarbeit und alle darauf bezüglichen Details betrifft, das basiert auf einem einheitlichen Gedanken und will darum auch nur einen Kopf – der Hände können dann viele sein.«

»Auch der Kopf muß ausruhen. – Es ist lieb und freundlich von Ihnen, Fräulein,« wandte sie sich dann an Lydia, »daß Sie sich einer alten Frau annehmen, aber Sie täten doch ein besseres Werk, wenn Sie ihn ein wenig in Ihren heiteren Kreis zögen.«

»Dazu gehört möglicherweise mehr Kraft – selbst die Unzulänglichkeit des Willens nicht vorausgesetzt – als Shakespeare unserm Geschlechte zuschreibt. Er ist vielleicht zuweilen doch zu galant, wenn er uns immer zu den Stärkeren macht, denn das tut er ganz ohne Zweifel, und darum erlaube ich mir, gegen das ›Selbstverständlich‹ in aller Bescheidenheit Protest einzulegen, so selbstverständlich es mich auch abfertigen sollte. Aber ich lasse mir nun einmal nicht imponieren.«

Die Bitte der alten Frau war trotz dieser letzten Versicherung nicht ohne Wirkung geblieben, denn schon die Eröffnung dieses kleinen Krieges bewies einen freundlichen und versöhnlichen Sinn. Der neckische Ton aus diesem Munde hatte einen doppelten Reiz, weil er als etwas Ungeahntes überraschte. Doch war die Scherzrede nicht ohne ernsten Grundgedanken, und es geschah nicht absichtslos, daß sie das Gespräch wieder zu dem Gegenstande des unentschieden gebliebenen Streits zurückspielte.

Werner schien jedoch ihr erstes Wort wahr machen zu wollen. Er wich ihrem Blicke, der doch sichtlich ein Eingehen auf ihre Herausforderung erwartete, in gleichgültiger Zurückhaltung aus. Seinen als unanfechtbar hingeworfenen Ausspruch zu verfechten, gab er sich nicht die Mühe. Die Mutter war es, welche sich wieder hineinziehen ließ, und deren Einwurf bewog Lydia zur Begründung ihrer Angabe.

»Shakespeare hat ganz unverhohlen dargetan, wofür er die Männer schätzt und wo er das Heldentum sucht. Sehen Sie sich seine Stücke einmal an, da steht Lear, der geschwätzige Greis, mit seinen schwächlichen Rittern und Schwiegersöhnen drei Töchtern gegenüber, stark im Bösen wie im Guten; im Kaufmann von Venedig, Antonio, der langweilige phlegmatische Ehrenmann, der energischen, ihn geistig himmelhoch überragenden Porzia. Wo ist das Heldentum bei Hamlet oder Othello? Dort der geistreichelnde, sich immer selbst bespiegelnde Geck, hier der bornierte, schwerfällige und zuletzt in toller Raserei blind dahinstürmende afrikanische Büffel. Das sind meine Herren Bekannten von der Bühne her; einer ist mir widerwärtiger als der andre. Und in diesen Reigen hinein gehört auch Macbeth, der niemals König geworden wäre ohne seine Frau.«

»Eine höchst originelle Rezension! Was sagen Sie dazu?« rief Graf Marchegg, den Lydias lebhafte Worte herbeigezogen hatten, mit vollen Händen applaudierend, indem er sich mit seiner Frage an Werner wendete.

»Ja, sehr originell,« stimmte dieser kurz und mit ironischem Lächeln bei. Seine Mutter aber vermochte es trotz ihrer Jahre nicht, so kühl zu bleiben. Sie ereiferte sich ein wenig und schüttelte mit ernster Mißbilligung den Kopf.

»Das soll nun wohl gar ein Verdienst dieser abscheulichen Lady Macbeth sein?«

»Derlei hab' ich ja auch gar nicht behauptet,« entgegnete Lydia, die sich durch Werners Spott aufgestachelt fühlte, ebenfalls mit mehr Eifer. »Aber man findet es ja auch vom gewöhnlichen Standpunkt aus richtig und lobenswert, daß eine Frau auf ihren Mann stolz und für ihn ehrgeizig sei. Bei ihr war der Hauptfehler, daß sie ihn für größer und stärker hielt, als er war. Aus dieser Erkenntnis entspringt ihr Wahnsinn. Macbeth zeigt sich von Anfang bis zu Ende als jammervoller Schwächling. Von den Prophezeiungen verlockt, läßt er sich schieben und treiben, ganz und gar unselbständig, feig vom Scheitel bis zur Sohle, der Gespenster sieht, wo seine Frau ein königliches Lächeln für ihre Gäste hat, der sich die Furcht wegschwatzt wie ein Kind im Finstern, und weil er sich für unverwundbar hält, bis zum letzten Augenblicke bramarbasiert. Qualis vir, talis oratio. Mir stehen nur eben keine Zitate zu Gebote.«

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet!« applaudierte Graf Marchegg. »Keine Zitate? Ein lateinisches sogar!«

Lydia zuckte geringschätzig lächelnd die Achseln.

»Eine Schulreminiszenz,« meinte sie. »Ich hatte Belege aus Shakespeare im Sinn. Das Sprichwort war mir nur eine Stütze.«

»Aber eine vortreffliche. Was sagen Sie, Herr Rodek?«

Der vom Grafen Angerufene war Lydias Ausführungen, in denen sich eine so ungewöhnliche Auffassung und Anschauungsweise und eine scharfe, wenngleich dem Paradoxen zuneigende Urteilskraft verriet, mit größerer Aufmerksamkeit gefolgt, als er zeigen wollte. Er wendete jedoch sein Auge jetzt, wo auch sie ihren Blick fragend auf ihn richtete, absichtlich weg, und der Ton, in welchem er antwortete, gab nur unwillkürlich eine größere Teilnahme kund, denn eigentlich sollte er bloß gleichgültig, ja sogar gelangweilt klingen.

»Ich halte auf Sprichwörter nichts. Vielleicht träfe es besser zu, wenn auch hier dem Prinzipe nach die Frau für den Mann gesetzt worden wäre. Wie die Frau, so die Rede. Den Mann beurteilt der Verständige ohnedem nach der Tat.«

»Die ja heutzutage auch nur in Worten besteht.«

Werner würdigte diesem beinahe leidenschaftlichen Ausfall keine Antwort, und Lydia erhob sich, von solchem Schweigen sichtlich noch mehr verletzt, und trat mit Graf Marchegg zu ihrem Schwager, der in der letzten Fensternische, ganz am Ende des Zimmers, ein einsames Plätzchen zu ungestörter Lektüre gefunden hatte.

Frau Rodek konnte sich noch immer über die Aufstellung solch unerhörter Grundsätze nicht erholen, die ihrem ganzen Gefühl so schnurgerade zuwiderliefen.

»Furchtbar sind sie alle beide, diese Macbeths – Mann und Frau – furchtbar! Wie man nur Partei für sie nehmen kann!« sprach sie mit immer wiederkehrendem Kopfschütteln.

»Wie die Frau, so die Rede,« wiederholte ihr Sohn, und in einem Zusammenhange, der für sie vollkommen verständlich war, setzte er hinzu: »Die Kinder erben der Väter Blut, wenn sie auch für deren Taten unverantwortlich sind.«

Vielleicht wäre der Ausspruch nicht ohne Erwiderung geblieben, aber Frau Schneppe, die zwar nicht so nahe saß, daß sie jedes Wort hatte vernehmen können, aber doch immerhin einiges aus dem von Lydias Seite zuletzt geführten Gespräche aufgefangen hatte, rückte ihren Sessel etwas heran und hielt den Moment für günstig, ihr eignes Urteil abzugeben. Sie zählte auf eine entgegenkommende Stimmung.

»Ich muß sagen, ich finde es überhaupt sonderbar, daß ein Fräulein sich so unverhohlen mit dergleichen Dingen beschäftigt. Ich würde meine Tochter nie in ein Stück von Shakespeare führen. Den Hamlet kennt sie aus der Oper, aber da versteht man doch nicht alles so genau. Und nun schon gar lesen! Da gibt es Schilderungen und Ausdrücke – na, da wollen wir lieber darüber schweigen.«

»Ich bin darin ganz Ihrer Ansicht, besonders was das letztere betrifft,« übernahm Werner die Erwiderung für seine Mutter, die eine so klare Zurückweisung doch nicht über sich gebracht hätte.

Für Frau Schneppe aber war wohl auch dieser Wink zu wenig deutlich; ehe ihre Tochter, welche denselben besser verstanden hatte, noch näher zuzurücken und sie zu warnen vermochte, hatte sie schon mit einem Blick des Einverständnisses kichernd erwidert:

»Ja, ja, die Welt lehrt für mancherlei Verständnis – aber man behält es für sich – besonders ein Mädchen sollte –«

Da ward sie aber von andrer Seite her unterbrochen, was ihr ziemlich unerwartet kam, denn sie fuhr mit einer fast komisch anzusehenden Betroffenheit herum, als Fräulein Platows Stimme an ihr Ohr schlug.

»Ei, nicht doch! Das gereifte Verständnis andern vorenthalten – das wäre ja Geiz. Und gerade dieses häßlichen Lasters halte ich Sie nicht für fähig.«

Lag denn dieses kecke Halbwesen überall im Hinterhalte? Frau Schneppe hat mit nicht geringem Unbehagen das Auftauchen desselben in der Pension wahrgenommen, aber durch das völlig indifferente Verhalten dieses neuen Zuwachses der »Oxles und Boxles« die anfängliche Unsicherheit wieder verloren. Jetzt war sie erschrocken, denn sie erkannte rasch, daß die Ruhe nur eine trügerische gewesen; aber nun versuchte sie es, nach einem vernichtend messenden Blicke, ihrerseits mit dem Ignorieren.

Die Misses am Mitteltisch steckten die Köpfe zusammen und lachten leise, aber ihre durch die lauten Worte des Studentleins erregte Aufmerksamkeit wurde in diesem Momente durch einen hellen Ruf abgelenkt.

»Das Barometer steigt!«

Arm in Arm mit Vetter Gero war die Baronin Sarnberg im Salon erschienen. Ihr rosiges, lachendes Gesicht strahlte förmlich vor Vergnügen.

»Nichts gefunden,« rapportierte der junge Mann. »Das Schießen wird hier viel zu wenig methodisch betrieben. Aber ich habe schon nach St. Gallen geschrieben –«

»Laß du jetzt deine Bolzbüchse,« unterbrach ihn die Baronin, »das Barometer steigt; morgen gibt es schön Wetter und wir machen unsre Partie auf das Wildkirchli.«

Freudige Ausrufe antworteten. Die jungen Leute sprangen auf. Alles sprach durcheinander, und es war eine Bewegung, als sollte in derselben Minute noch aufgebrochen werden.

»Rüsten Sie sich! Sie schließen sich doch an?«

rief Graf Marchegg, indem er sich für seine Figur möglichst eilig vorübertummelte, um mit Gero oder sonst jemand irgendeine Wichtigkeit zu besprechen, Werner zu.

»Danke, werde zu Hause bleiben,« lehnte dieser ab.

Die Mutter war nicht zufrieden mit solchem Entschlusse. Sie sprach dem Sohne zu, sich nicht so abzusondern. Auch er müsse etwas für seine abgespannten Nerven tun, sich Bewegung machen, Zerstreuung suchen. Sie werde den einen Tag schon auch allein ohne ihn zustande kommen. Werner mochte davon nichts hören.

»Recht so, Herr Rodek, wir wollen einander zu Hause Gesellschaft leisten,« sagte Baron Sarnberg, der seinen Platz, von der allgemeinen Unruhe ergriffen, einen Augenblick verlassen hatte. Damit war jedoch dessen Frau keineswegs einverstanden.

»Gut, dann werde ich mich an Gero halten,« schmollte sie. »Soll ich etwa auch Stuben hüten, weil du zu bequem bist? Willst du mir deinen starken Arm leihen, Gero, so ernenne ich dich für morgen zu meinem Ritter.«

»Mit Vergnügen, auch wenn ich dich tragen muß,« stellte sich der junge Athlet zur Verfügung. »Nur gleichen Schritt und Atem halten – ich kann auch an jeden Arm eine nehmen.«

»Ich verzichte,« erklärte ihm Lydia, der sein Anerbieten vermeint war, mit einer scherzhaften Verneigung.

»Wenn Sie es nicht verschmähen, sich auf mich zu stützen,« trug sich ihr Graf Marchegg mit einem vielsagenden Blick an, der aber bei ihr nur ein spöttisches Lächeln hervorrief.

»Sie bringen sich ja selbst nicht hinauf.«

»Auf die Spitze des Säntis – auf den Chimborasso, wenn es sein muß, wenn mir eine schöne Hand da hinaufwinkte.«

»Aus den Wolken? Vielleicht die Ihrer Frau Gemahlin,« unterbrach Fräulein Platow seine Beteurungen, indem sie die frischgerollte Zigarette an ihren spöttisch lächelnden Lippen netzte, um sie zu schließen.

Der Graf schien zu stutzen. Er stieß dann einen sehr tiefen Seufzer aus und sagte mit der Miene eines Leichenbitters:

»Ach, liebes Fräulein, wozu Geister beschwören? Lassen wir die Gute ruhen. Ich bin ja nun schon sechs Monate aus der Trauer.«

So trübselig der Ton auch war, in welchem diese Aufklärung gegeben wurde, wollte es Werner doch erscheinen, als ob dabei ein heimliches Lächeln die Mundwinkel des Lebemannes umzucke. Es war ihm zuvor die Bedeutung der an Lydia gerichteten Phrasen nicht entgangen, und er konnte sich nicht verhehlen, daß dem Courmacher eine ruhige und unverkennbare Abfertigung zuteil geworden. Wenn also von den bösen Nachreden der Frau Schneppe noch etwas nicht ganz vom Unglauben Beseitigtes in ihm haften geblieben, meinte er jetzt auch die letzten Zweifel in dieser Beziehung verwerfen zu müssen, aber was konnte denn nicht alles auf Täuschung berechnetes Spiel sein? Hier zwischen dem kleinen Studenten und Graf Marchegg wenigstens mußte ganz offenbar irgendeine Abmachung bestehen. Der schalkhafte Blick, den sie rasch wechselten, war zu genau von ihm beachtet worden. Den Eindruck konnte Olgas Ausruf der Überraschung nicht verwischen.

»Ist es möglich?« hatte sie erwidert, sich dann aber sofort an Frau Schneppe gewendet. »Da müssen Ihre sonst unfehlbaren Informationen doch wohl falsch gewesen sein. Nun sehen Sie einmal! Und ich hatte mich so fest auf Ihre Kenntnis der Personen und Verhältnisse verlassen. Sie sind da so genau eingeweiht in die Geheimnisse des Freihofs, daß man an Somnambulismus glauben sollte. Das kommt ja übrigens vor, daß man in einem oder dem andern einmal schlecht unterrichtet ist. Aber in Zukunft wollen wir die Quellenforschung schon kritischer betreiben, nicht wahr, Frau Schneppe?«

Die Angesprochene brachte zuerst kein Wort hervor. Mitten in einer Beratung, ob sich ihr altes blaues Kleid nicht in einen Matrosenanzug, wie ihn die Wingerode neulich getragen, für Wilma verwandeln lasse, und ob man den Regentag nicht am besten dazu verwende, waren die beiden Damen aufgestört worden. Die Tochter mußte sie erst anstoßen, ehe sie begriff, was im Werke war und wogegen sie sich zur Wehr setzen sollte.

Und im ersten Moment erkannte sie nicht einmal noch ganz, was ihr drohte. Sie sah nur das dreiste Näschen mit den aufgesteckten Gläsern sich gegenüber durch eine dichte Rauchwolke. Aber nun zeigte sich auch, daß hier wirklich etwas wie eine Verschwörung im Gange war. Wie auf ein vorher verabredetes Zeichen hatte sich plötzlich wieder Ruhe eingestellt. Die Misses steckten ihre Köpfe wieder in die Reviews, allerdings nur, um dahinter mit gespannter Neugierde hervorzulauschen; aber auch sonst war es im Saale still geworden. Die absichtlich laut gesprochenen Worte hatten auch anderwärts Aufmerksamkeit erregt, was aber die zuversichtliche kleine Skandalmacherin durchaus nicht befangen machte. Sie hatte sich einen Sessel unmittelbar an die belagerte Bastion herangeschoben und eröffnete mit ihrer Zigarette das Feuer.

»Aber ich – ich bitte –« stotterte die derart Angegriffene fassungslos.

Fräulein Olga nickte ihr wie in vertrautester Freundschaft zu, lehnte sich noch weiter vor, wie zu einem heimlichen Geflüster, dämpfte ihre Stimme aber nicht im geringsten.

»Und was das Verständnis betrifft, da dürfen Sie mir gegenüber nicht hinter dem Berge halten, wenn wir so unter uns sind. So ein bißchen Klatsch und Verleumdung, das ist ja ein Hauptvergnügen – das dürfen wir uns nicht versagen. Wir wollen einmal der Reihe nach alle durchnehmen.«

»Wollten Sie nicht – mit dem Rauchen aufhören?«

Es sollte wohl eine andre Aufforderung kommen, aber die Stöße Wilmas und deren empörte Mienen vermochten der Mama nicht mehr Mut einzuflößen. Man konnte ja nicht wissen, was dieses schreckliche Wesen noch alles zur Sprache bringen mochte. Es ließ sich auch wirklich gar nicht stören, sondern meinte nur, es sei eine gar dicke Luft im Zimmer.

»Haben Sie etwas dagegen, meine Damen?« wandte sich Olga sodann an den Mitteltisch, und als von dort unter Kichern und Flüstern die Erklärung kam, es tue gar nichts, blies sie erst recht den Tabaksqualm Frau Schneppe unter die kreideweiß gewordene Nase. »Oh, nicht wahr, der Tabak säubert die Luft?«

»Aber nicht mir ins Gesicht – es ist hier überhaupt – ich bitte, Herr Rodek, wollen Sie sich nicht unser annehmen?«

Zwar mißfiel Werner die Art und Weise, wie man die Unliebsamen behandelte, dennoch fühlte er selbst zu wenig Mitleid für sie, um ihrem Aufruf Folge zu leisten.

»Wenn Sie es wünschen, will ich den Kellner rufen, damit Sie ihm Ihre Befehle erteilen.«

»Sie meinen, er solle die Fenster öffnen?« fiel Fräulein Olga noch immer im jovialsten Tone ein. »Ja, das wäre recht gut, Fenster und Türen, damit die Luft gereinigt werde und dieses widerliche Insektenvolk Abzug fände. Es gibt Schnaken hier, böses, giftiges Gezücht. Ich kann es nicht ausstehen und gehe ihm zu Leibe, wo ich kann. Was meinen Sie, Frau Schnepfe?«

»Ich bitte, wir heißen Schneppe!« schnitt hier Wilmas scharfhelle Stimme ein.

»Richtig, richtig, eine Verwechslung,« berichtigte Olga aufs bereitwilligste. »Ich hatte nicht an den Vegetarianismus gedacht. Ich begreife nicht, wie ich das vergaß – man wird doch bei Ihnen nicht an Fleisch erinnert – durch gar nichts, liebstes Fräulein – Schneppe.«

Der über Wilma hingleitende Blick ergänzte aufs deutlichste das Wort. Die tiefste Entrüstung, der nur ein ersticktes »Komm, Mama!« blieb, war natürlich.

»Man kann hier nicht atmen!« stöhnte die Mutter.

Endlich nahm sich ein Ritter der Bedrängten an. Der alte Mr. Huxley selber verließ seine »Times« und erklärte dem die Hausordnung brechenden Fräulein, daß die Zigarette im Damensalon auch einer Dame nicht gestattet sei. Sein schönes, ehrwürdiges Gesicht drückte aber große Verwunderung aus, und aufmerksam suchend erhob er den Blick, als die Getadelte ihre Behauptung von früher keck wiederholte.

»Böse, tückische Mücken sind hier, dear Mr. Huxley, die verfolgen und stechen die Menschen bis aufs Blut. Die müssen hinaus und die vertreibt nur der Tabaksrauch.«

Eine Wolke, um einen ganzen Schwarm zu ersticken, wälzte sich zu den Schneppes hinüber, Mutter und Tochter hielten ihr auch nicht mehr stand. Mit Blicken, die wie Dolche trafen, schossen sie an Olga vorüber, diese aber kam ihnen noch zuvor und öffnete ihnen, sich wie ein Kammerdiener verbeugend, weit die Türe.

»Sie gehen schon, meine liebe Frau Schneppe?« rief sie der stolz Hinausrauschenden zu. »Und ich glaube doch, es ist mir gelungen, die Luft zu reinigen. Aber ich will vor der Türe bleiben und kein Ärgernis geben mit meiner Zigarette. Man muß den Schnaken auch die Wiederkehr verleiden.«

Das letztere war zu dem guten Reverend gesprochen, der noch immer erstaunt war, daß er die Mücken absolut nirgends entdecken konnte. Auch selbst das nun unverhohlen losbrechende Gelächter klärte ihn nicht über seinen harmlosen Irrtum auf.

Es war Leben und Gesprächigkeit in all die im Salon verteilten Gruppen gekommen. Mochten auch manche sich über das lärmende Treiben der kleinen Koterie, über das burschikose Auftreten des weiblichen Studenten und die Verletzung der Hausregel aufgehalten haben, direkt für die Vertriebenen wollte doch niemand Partei nehmen. Mutter und Tochter Schneppe hatten sich mit ihren zudringlichen Annäherungsversuchen und ihren bösen Zungen wenig Freunde erworben. Man gönnte ihnen die scharfe Lektion und übersah lächelnd dabei das Unzukömmliche in der eben miterlebten Szene.

Es schien nur einen einzigen Tadler zu geben, das war Werner. Auch bei ihm waren die Gefühle gemischt, und er hätte sich vielleicht beschieden, seine Meinung für sich zu behalten, wäre er nicht gewissermaßen dazu aufgefordert worden, dieselbe zu bekennen, als Baronin Sarnberg zu ihm und ihrem Gatten herantrat und sich ganz entzückt über den »allerliebsten tollen Streich« äußerte.

»Wir müssen eben Selbsthilfe üben, wenn uns die Herren im Stiche lassen,« erklärte sie auf seine erste halb ausweichende Antwort und verwandelte dadurch seine Zurückhaltung in Sarkasmus, das war ja so ganz ihrer Schwester Ton und Standpunkt, daß er sie selbst vor sich zu sehen meinte. – »Vielleicht werden wir uns künftig noch dazu entschließen, die Damen zu Hilfe zu rufen, wenn sie sich so tatkräftig erweisen. Ein bißchen verkehrte Welt müßte ganz amüsant sein. Nur befürchte ich, daß bei solcher Durchführung einer aus den aristokratischen Kreisen der Residenz mit zweifelhafter Berechtigung hierher übertragenen Exklusivität der allgemeine Verkehr an wirklich vornehmer Manier schwerlich gewinnen, wohl aber die wohltuende, jedem Menschen seine Geltung gewährende Geselligkeit bestimmt Schaden leiden dürfte.«

Und wie es ihm fast war, als hätte er zu Lydia gesprochen, so mußte es auch ihr selbst gewesen sein, der leisen Röte nach zu urteilen, die ihr in die Wangen stieg. Er war nicht einmal überrascht, als er sie neben sich stehen sah und ihre Stimme hörte.

»Man sollte beinahe meinen, wenn man Sie so sprechen hört, Sie seien ein Anhänger jener – Schnaken. Aber nein, ich weiß, wie Sie eine von denselben hinterrücks Angegriffene in Schutz genommen haben. Olga hat mir alles wieder erzählt, und ich weiß, daß ich Ihnen Dank schulde.«

»Das muß ein Irrtum sein,« entgegnete Werner mit einer leichten, förmlichen Verbeugung, indem er gleichzeitig einen Schritt zurücktrat. »Ich habe nur überhaupt protestiert – nicht für Ihre Person ausschließlich. Es gelang mir nicht einmal, diese vertraulichen Mitteilungen erfolgreich abzulehnen.«

»Ah, Sie wollen keinen Dank.«

»Ich verdiene ihn nicht. Sie müssen ihn für Ihre Verteidigerin bewahren, die Damen wissen sich ja viel nachdrücklicher selbst zu helfen.«

Er wendete sich dabei, den Kopf abermals ein wenig neigend, und wollte zu seiner Mutter zurückkehren. Lydia hielt ihn jedoch nach dem ersten Schritte an.

»Auf ein Wort noch, Herr Rodek,« sagte sie in einem Tone, der ihn zum Stillstehen zwang, doch änderte derselbe sich sogleich und wurde freundlich, ja fast herzlich bewegt. Selbst die gleichen Worte, welche schon auf der Terrasse in Rorschach gesprochen worden waren, klangen jetzt ganz anders. »Und was tut es Ihnen? frage ich Sie nochmals, denn ich fühle recht gut, daß sich Ihr Mißvergnügen nicht allein gegen Olga richtet. Sie haben etwas gegen mich, Sie weichen mir aus, Sie machen mich mit verantwortlich, Sie mißbilligen wohl sogar diese Frage. Aber ich lasse mich dadurch nicht abschrecken. Sie haben – wie Sie es auch deuten mögen, für mich ein Wort eingelegt, das ist ein Beweis freundlicher Gesinnung. Ich weiß das zu schätzen, Sie begehren keinen Dank – gut. Er soll Ihnen nicht unbequem werden. Es ist ein Zug Ihrer Individualität, und ich lasse sie gelten; üben aber auch Sie die gleiche Rücksicht. Gegen Männer tun Sie es, weshalb nicht gegen uns ebenfalls? Sie sind ein Freund jenes Professors – Köchle glaube ich – und doch stimmen Sie in vielem nicht überein. Es ist gewiß nicht nur der Vegetarianismus, über den Sie beide verschiedener Ansicht sind, oder irre ich mich?« Und als Werner lächelnd ihre Voraussetzung bestätigte, fuhr sie fort: »Und doch trennt Sie das nicht. Warum können wir beide nicht auch Freunde sein? Warum müssen wir unsre freie Bewegung gegenseitig behindern?«

»Wir beide – Freunde?« Es war ein Ausruf des Erstaunens, dem sich diesmal kein Spott beimengte, wohl aber eine Regung fast wie zorniger Widerwillen.

Ihr leichtverletzter Stolz bäumte sich wieder auf.

»Nun, erlaubt das etwa Ihre Unduldsamkeit nicht? Ich hätte Sie nicht für so rauh gehalten.«

»Und was täte es Ihnen?«

Sie schwieg ebenso, wie er geschwiegen, als sie dieselbe Frage an ihn stellte. Aber nach einer Weile hob sich ihr Auge, das den Boden gesucht. Er wartete auf Antwort und er sollte sie haben.

»Ich meine, wir sollten die uns entfallenen Worte einander nicht wie Fangbälle zuwerfen, sonst könnte ich Ihnen erwidern, daß jene alle Geselligkeit störende Exklusivität nicht nur in aristokratischen Kreisen zu finden ist, wie das Beispiel zeigt. Der Trieb, welcher die Menschen ohne alle Nebenabsicht einander aufsuchen läßt, hat mich zu Ihnen geführt, nebstbei aber auch ein Gefühl, als hätte ich von unsrer ersten Begegnung her noch immer etwas bei Ihnen gutzumachen. Sie sehen, ich bin aufrichtig und ziehe die Wahrheit irgendeiner schmeichelhaften Wendung vor, durch die sich die Männer ja so leicht gewinnen lassen, auch wenn sie noch so unnahbar erscheinen. Also wenn Ihnen die Freundschaft nicht paßt, zum mindesten – keene Feendschaft niche.«

Ihr anfänglich ernster Ton war durch leise Ironie zu anscheinend heiterer Gleichgültigkeit hindurchgegangen. Lächelnd verließ sie ihn mit leichtem Nicken.

Er kehrte sich rasch nach ihr um und hätte nun die Hand ausstrecken mögen, die ihrige zu erfassen, die er übersehen, als sie geboten wurde. Lydia jedoch befand sich schon nicht mehr in seinem Bereiche. Sie war in die Fensternische getreten und berührte die Schulter ihrer Schwester, diese hinwieder achtete nicht darauf.

Sie saß halb auf dem Schoße ihres Mannes, ohne sich daran zu kehren, ob irgendein Zeuge sie in dieser vertraulichen Stellung sah, und hatte den Arm um seinen Hals geschlungen, während sie mit süß kosender Stimme ihr früheres Schmollen und den daraus entsprungenen kleinen ehelichen Streit zu verwischen bemüht war.

»Du kindischer Mensch!« schalt sie ihn in den einschmeichelndsten Lauten. »Weißt du denn nicht, daß es für mich kein Vergnügen gibt ohne dich? Wo du fehlst, dort ist meine Freude weg. Wie kannst du einen Scherz nur für Ernst nehmen, Odo? Glaubst du wirklich, ich würde dich verlassen? Nicht, wenn man mir die Aussicht ins Paradies verspräche. Mögen sie sich unterhalten, wie sie wollen, ich bleibe bei meinem Männchen im Hause.«

»Nein, meinetwegen sollst du nicht entsagen. Gehst du nicht ohne mich, muß ich wohl mit.«

Ein Kuß belohnte den Nachgiebigen, dessen Wangen glühten und dessen Augen sich an der weichen und strahlenden Schönheit der jungen Frau entzündeten.

Es war, als ob ein holdes Liebeslied durch einen prosaischen Wächterruf grausam unterbrochen würde, da Lydia die in süßer Weltvergessenheit Versunkene mit wiederholter Mahnung aufstörte.

»Jenny, du vergißt dich!«

Lachend erhob sich die junge Frau, die weißen Zähne blitzten zwischen ihren feuchten Lippen.

»Ach, du weißt nicht wie ich mich amüsiere!« rief sie fröhlich. »Er ist so köstlich eifersüchtig.«

»Und du bist – so töricht.«

Wie herb das Wort klang! Sie waren sehr verschieden, die beiden Schwestern.

Werners Blick hatte sich wieder feindselig verfinstert.

»Wir beide Freunde? Das bleibt unmöglich!« kam's fast laut von seinen Lippen.

Die Worte aber wurden übertönt durch den heitern Lärm, der von der Tür her vernehmlich wurde. Fräulein Olga kam in den Saal gestürmt.

»Viktoria! Ausgeräuchert! Sie ziehen ab!« rief sie. Von allen Seiten gab es Fragen, und sich nicht wenig in die Brust werfend, erzählte das knirpsige Halbwesen: »Sie gingen natürlich direkt zur Frau Wirtin, Beschwerde zu erheben, und drohten den Platz zu räumen. Es wurde ihnen vollkommen recht gegeben, aber zugleich auch vorgestellt, daß sich da schwer etwas machen ließe – man könne doch nicht verlangen, daß – und so weiter. Kurz und gut – hin und her – man begehrte die Rechnung, man verläßt noch heute den Freihof und, wie es scheint, Heiden. Die Luft wird rein, die Miasmen ziehen ab. Ausgeräuchert, ausgetrieben!«

Lachen, Händeklatschen, Zurufe, die Siegerin wurde beglückwünscht und gefeiert. In das rauschende Durcheinander klangen etwas schrill die Töne des Pianos, an das sich Graf Marchegg gesetzt.

»Die Bremsen san giftig
Und nach neamd sein G'schmack,
Und wann ma's gar nimma loskriagt,
Aft raukt ma Tabak –«

improvisierte er sattelfest nach einer seiner Lieblingsmelodien, schloß mit einem Juchzer, den die »Ausgeräucherten« wohl bis in ihr Zimmer hinaufhören mochten, und ging dann, während ein Halbdutzend Stimmen jubelnd und möglichst distonierend einfiel, mit einer kühnen Schwenkung in den Höllengalopp aus dem Orpheus über.

Das war die Ruhe eines Regentags.

8

Hoch im schönen Appenzeller Ländli, an dem nordöstlichen Ausläufer des schneebedeckten Säntis, ragt oberhalb des vom Schwendibach durchflossenen Tales eine mächtig steile Felswand auf. Keine Kante so breit, um nur den Fuß darauf zu setzen, läuft, wenn man von unten hinaufblickt, daran hin, und dennoch sieht man dort mitten in dem senkrechten Absturz, wie durch ein Wunder hingetragen, Hütten kleben. Ein Kreuz ragt in einer Höhlung des Gesteins, ein Türmchen spitzt sich über einem der Dächer und die dünne Stimme eines Glöckleins bimmelt ihren frommen Ruf weit vernehmlich in die Berge.

Das ist das Wildkirchli. Heutzutage ein vielbesuchter und berühmter Ausflugspunkt für die Touristen, einst wohl der nur wenigen bekannte Zufluchtsort des von Feinden bedrängten Hirtenvolkes und erst in späterer Zeit auch seinen religiösen Andachtsübungen geweiht. Ein roher Blockbau, fast noch im selben Zustande, wie er um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gestiftet worden, dient zur Kapelle, am Rande der einen Höhle; das Häuschen am Eingange der zweiten, zu welcher ein schwindelnder Pfad über den furchtbaren Abgrund hinführt, war einst die Wohnung der hier hausenden Eremiten. Hinter ihr aber schließt sich die Grotte nicht ab, wie die der Kapelle, sondern zieht sich in den Berg hinein, durchsetzt denselben und bildet so den Zugang zu einer schönen grünen Matte, die sich sanft hinanhebt bis zur Krönung der gewaltigen Felsen, in welche das Waldkirchli eingebettet ist. Die Fläche da oben, fast fünftausend Fuß über dem Meere, ist die Ebenalp.

Nach Osten sieht man von da nur hinab auf den Seealpsee, hohe Gebirgsstöcke – Alpsiegel, Marwies, der Hundstein – sperren, wie im Süden der Säntis, die Aussicht, aber schier unermeßlich weit dehnt sich dieselbe gegen Westen und Norden. Das ganze Appenzell, das Land von St. Gallen, der Thurgau liegen da ausgebreitet, scheinbar eine grüne, wellige Ebene voll fruchtbarer Triften und wohlhabender Ortschaften, die sich über die blaue Fläche des Bodensees hinaus fortsetzt bis dahin, wo die fernen Schwabengaue von zartem Duft verhüllt unter den Horizont sinken.

Ein Bild von lachender Schönheit, um so überwältigender, da es sich dem Auge bietet, nachdem die Dunkelheit des unterirdischen Ganges und der rotgelbliche Fackelschein es besonders empfänglich für Tageslicht und Farbenpracht gestimmt. Kein Wunder, wenn ein Jubelruf der hochaufatmenden Brust entsteigt, sobald man heraustritt aus der bedrückenden Nacht, der feuchtkühlen Enge in die sich unabsehbar weitende Welt voll Lebenslust und Sonnenschein, den zahllose Wasserflächen in der Tiefe blitzend wiederspiegeln.

Und auf all diese Herrlichkeit blickte Lydias Auge kalt und teilnahmlos hin, während sie auf einer grasigen Böschung ganz nahe an dem Ausgang der Höhle saß und mit ihrem Sonnenschirme spielte; freilich wurde ihr auch der beste Teil der Aussicht durch eine ziemlich umfangreiche Gestalt versperrt, die sich wie ein dunkler Schirm vor dieselbe geschoben. Es war Graf Marchegg, der in steirischem Jägerkostüm erhitzt und ermüdet an seinem Bergstock lehnte.

Der Hut mit dem Gemsbart war ein wenig in den Nacken geschoben, und langsam wischte er sich mit seinem Tuche den immer wieder ausbrechenden Schweiß von der geröteten Stirne.

»Und so gibt es kein Mittel – kein Mittel?« fragte er mit einem grotesken Seufzer.

»Folgen Sie meinem Rate,« sagte Lydia trocken. »Wenden Sie ihre Aufmerksamkeit etwas ausschließlicher als bisher Edith Boswell zu. Ihr Vater ist, wie ich bestimmt weiß, ein kleiner amerikanischer Eisenbahnfürst. Derlei Prinzessinnen sind nicht abgeneigt, sich in europäische Gräfinnen zu verwandeln. Da haben Sie, was Sie brauchen: eine junge zweite Frau – mit Geld.«

»Oh, wie zermalmend Sie das aussprechen!«

»Durchaus nicht,« fiel sie rasch ein. »Ich weiß Ihnen ja Dank für Ihre Aufrichtigkeit und gehe Ihnen sogar freundschaftlichst an die Hand, das kann Sie beruhigen, mein Lieber, daß ich mich nicht enttäuscht fühle.«

»Schade, schade!« rief er seufzend, was bei ihr aber nur ein kurzes, spöttisches Lächeln weckte.

»Geck, der Sie sind! Begreifen Sie nicht, daß mir ihre finanziellen Verhältnisse total gleichgültig sind?«

»Leider, leider, und das bringt mich eben in Verzweiflung. Ich werde mich Gero anschließen, den Säntis besteigen und mich in einem unbewachten Augenblick irgendwo hinunterstürzen –«

»Aber vorsichtig und möglichst so, daß Sie gerade vor Edith sanft zu knieen kommen. Lassen Sie sich nicht aufhalten.«

»Ewig – ewig schade!« seufzte der Graf noch einmal, als er, dem deutlichen und nachdrücklichen Winke Folge leistend, schon um den Felsblock schritt, den Vorangegangenen auf dem Wege zu folgen, der zu der kleinen Wirtschaft der Ebenalp führt.

Dort hatte sich nun alles wieder zusammengefunden, nachdem sich die Gesellschaft unterwegs nach Laune und Leistungsfähigkeit in einzelne Gruppen gelöst hatte. Eine ziemliche Anzahl von Gästen des Freihofs war an der Partie beteiligt, aber auch andre hatten sich angeschlossen, als erst der Plan des Ausflugs bekannt wurde. Eine Verschiebung hatte er allerdings erlitten, denn die Angaben des Barometers waren nicht ganz zuverlässig oder doch etwas voreilig gewesen, und es war Fräulein Olga Platow noch beschieden, die Besiegten vollends entweichen zu sehen, nachdem dieselben ihrem Abzuge erst eine ganz besondere Motivierung gegeben hatten. Sowohl Frau Rodek als auch einige andre Bekannte wurden nämlich ins Vertrauen gezogen, daß es zwar zum Teil die doch sehr seltsam und abenteuerlich zusammengewürfelte Gesellschaft sei, welche den Damen Schneppe einen längern Aufenthalt verleide, im ganzen aber noch eine Reihe wichtiger andrer Gründe den Wechsel desselben empfehle. Es ließ sich nicht leugnen, gestand Mama Schneppe mit sorgenvoller Miene, daß das Klima von Heiden Wilma nicht recht anzuschlagen scheine, auch die Kost habe so etwas Erkünsteltes und ermangle der Nährkraft, es müsse doch im Regime gefehlt sein, und es mache sich auch immer mehr und mehr eine Reaktion gegen die bisherige Behandlung gewisser Zustände geltend, die mit der körperlichen Entwicklung zusammenhingen. Namentlich gegen Blutmangel werde eine ganz der bisherigen entgegengesetzte Methode angewendet und zwar mit dem allergünstigsten Erfolge. Eine natürliche Lebensweise, das sei die Hauptsache, und nun, da sie schon so viel darüber gehört und sie sich von den eklatantesten Wirkungen selbst überzeugt habe, wäre es doch eigentlich eine sträfliche Versündigung, wenn die Mutter ihr Kind nicht gleichfalls, zur Probe wenigstens, an diesen Urquell der Gesundheit führe, zumal sich ohnehin schon eine gewisse Vorliebe für eine weniger substantielle und raffinierte Kost bei der zarten Patientin äußere. Kurz, ein Versuch sei wenigstens zu machen, der könne nichts schaden – im Gegenteil, es sei alles davon zu hoffen – ja mit Gewißheit das Beste vorauszusehen – und überhaupt müsse die ganze Menschheit ihr Ernährungssystem auf einer andern Grundlage aufbauen – der Vegetarianismus sei die einzig rationelle Diätetik – eine Bürgschaft für halbe Unsterblichkeit – ja, sozusagen die Religion der Zukunft.

Diese urplötzlich aufgeschossene Begeisterung für das Pflanzenreich hatte durch einige indiskrete Andeutungen des kleinen Studenten über propagandamachende Professoren und dergleichen eine eigentümliche Beleuchtung erhalten und den Stoff für allerlei übermütige Scherze geliefert, welche über die beiden nachfolgenden trüben Tage leidlich hinweghalfen. Dann endlich war die Sonne wieder Meisterin geworden, hatte die Wolken verflüchtigt, den Boden getrocknet und die so lange ins Freie Sehnenden von ihrer Zimmerhaft erlöst.

Eine heitere Fahrt durch den klaren Morgen in mehreren Wagen hatte die Teilnehmer an der Partie nach Weißbad gebracht. Nach kurzem Imbiß war man von dort wieder aufgebrochen, ein paar der älteren Herren und Damen und Baron Sarnberg zu Pferd, die Mehrzahl aber zu Fuß, auch für Lydia und ihre Schwester waren Reittiere bereitgestanden, die erstere aber hatte es verschmäht, sich auf eines dieser lebensmüden, unlenkbaren Knochengerüste zu schwingen, obwohl Graf Marchegg schon eine schwungvolle Anrede an den einäugigen Schimmel hielt, dem auf seine alten Tage noch ein solches Glück beschieden sei, Brunhild auf seinen Rücken zu nehmen. Diese aber hatte eine solche Grane ihrer unwürdig erklärt und Gero lebhaft beigestimmt. Bald genug fand er Gelegenheit, es zu bereuen, denn nun fiel ihm die Aufgabe zu, Jenny den Arm zu reichen, und diese nahm es ziemlich ernst mit ihrer Stütze, denn sie war lange nicht so gut zu Fuß wie ihre Schwester, dazu kam noch, daß sie schon nach der ersten Stunde Wegs und noch eine ziemliche Strecke vom Ziele entfernt, den nur in leichtem Schuhwerke steckenden Fuß an einem Steine verletzt hatte und nun immer mehr zurückblieb, bis sie endlich nach längerer Weigerung den Antrag ihres Gatten annahm, ihr sein Pferd abzutreten. Er allein hatte an der Seite seiner Frau ausgehalten, während die übrigen Reiter weit voraus waren. So hatte sich der Tausch vollzogen, und nun ging es auch verhältnismäßig schneller vorwärts, denn Baron Sarnberg hielt sich überraschend wacker, was Jenny, nachdem sie die ersten Selbstvorwürfe glücklich abgetan hatte, wieder Anlaß gab, ihm triumphierend vorzuhalten, wie sehr sie immer mit ihren Mahnungen im Recht gewesen, daß er sich viel zu wenig zutraue.

Das war auch die Erwiderung, welche sie auf die Vorwürfe ihrer Schwester bereit hatte, als diese ihres erhitzt einherschreitenden Schwagers ansichtig wurde und über die Unvorsichtigkeit schalt, die den von schwerer Krankheit erst langsam Genesenden einer solchen Anstrengung ausgesetzt hatte. Er selbst aber hatte gelächelt und frohen Muts erklärt, es scheine wirklich nur auf den ersten Schritt anzukommen, wie bei einem rehen Pferde, das ja auch bloß warm werden müsse. Er sei selbst überrascht, wie wenig Beschwerde ihm das Steigen verursache. In dem freudigen Lobe seiner Frau, in ihrem glückseligen Lächeln fand er reichen Lohn und die Anspornung zu weiteren Wagestücken. An Übermüdung war ja nicht zu denken, da für den Heimweg ein in der »Wirtschaft zum Escher« bereitgehaltener Tragsessel benutzt werden konnte.

Schon waren einzelne ungeduldig nach dem Wildkirchli hinübergeeilt, ihre jauchzenden Rufe vervielfältigte das Echo der Berge, wieder und wieder wurde es herausgefordert, und das Spiel begann von neuem, während sich die Nachzügler anschickten, auf der schmalen, steinigen Kante der Felswand zu folgen. Hier versenkten sich einige in den grausigen Blick, der schwindelnd zum Abgrund zog, dort musterte man neugierig die Einrichtung der Höhle und der Kapelle. Der romantischen Stimmung wurde ihr Recht durch Zitate aus dem »Ekkehard« und wieder andre scherzten mit der Andacht, indem sie auf die als Betschemel dienenden Bäume niederknieten, oder wohl auch in rascher Vermummung den Klausner vorstellten. Alles war Lust und Frohsinn und kein Wölkchen trübte den Sonnenschein am blauen Mittagshimmel.

Und als nun die Wanderung durch das Innere des Berges angetreten wurde, da gab es Gnomen und Erdgeister, die ihre Stimmen laut werden ließen und in seltsamen Gestalten vor den einander folgenden Gruppen auftauchten, bald erstickte ein leiser Schreckensruf in übermütigem Kichern, bald kam ein längst bereitgehaltener Arm einem strauchelnden Füßchen zu Hilfe. Lachen und Schäkern verstummte in der schwarzen Nacht, um in der nächsten Sekunde wieder überlaut anzuheben, wenn ein fahlroter Lichtschein einmal heller an der Wand hinglitzerte und die darunter weghuschenden unheimlichen Schatten in bekannte Formen auflöste. So ging es munter vorwärts, bis der wachsende helle Punkt sich plötzlich zur weiten, herrlichen Rundschau auftat und die Welt in ihrem reichen, farbigen Kleide dalag vor dem entzückten Blick.

In diesem steten Wechsel der Gruppen hatte niemand des einzelnen geachtet, der noch in der Höhle zurückgeblieben war. Langsam schreitend und im Stehenbleiben bald hier, bald dort mit der qualmenden Fackel näher leuchtend, hatte Werner den Zug geschlossen. Entgegen seinem ursprünglichen Vorsatze, war er doch von seiner Mutter noch überredet worden, den Ausflug mitzumachen. Die kräftige Bewegung hatte ihm nach dem mehrtägigen, gezwungenen Stillesitzen wohlgetan, das Innere der Grotte ihn besonders interessiert, und nun, nachdem er sich schon eine geraume Zeit in derselben verweilt und seine Taschen mit verschiedenen Steinen gefüllt, schickte auch er sich an, das kühle Gewölbe zu verlassen.

Doch während der weggeworfene Kienspan in einer kleinen Pfütze knisternd erlosch, glaubte er plötzlich Stimmen zu vernehmen, er tat einen Schritt vor, hielt dann aber unwillkürlich an. Es war Lydia, welche auf eine Frage des Grafen antwortete. Beide konnten nur wenige Schritte von der Höhle entfernt sein, deren Mund ihre Stimmen wie ein Schallrohr auffing.

Indes er noch zögerte, schlugen weitere Worte an sein Ohr. Es war ein seltsamer Rat, der da erteilt wurde. Dann kam eine Widerrede, eine Entgegnung, abermals eine und ein sarkastischer Schluß. Darauf wurde es stille, die beiden mußten sich entfernt haben, ehe der unfreiwillige Lauscher noch einen Entschluß über sein Verhalten gefaßt. Nun brauchte er wenigstens nicht umzukehren; er wartete nur noch eine Weile, um den sich Entfernenden einen genügenden Vorsprung zu lassen, und trat dann vollends aus der Grotte.

Für die Aussicht aber, die sich ihm bot, würde er kaum ein Auge gehabt haben, auch wenn ihn diesen Moment nicht eine Woge andrängender Gedanken beschäftigt hätte, denn beim ersten Schritt ins Freie fiel sein Auge auf die Gestalt derjenigen, welche er hier zu treffen nicht mehr erwartet hatte.

Auf der Rasenkante saß Lydia mit zurückgelegtem Leibe, die Arme erhoben, die Hände hinter dem Kopf verschlungen und so ein Kissen für denselben bildend auf dem rauhen Fels, an den er sich lehnte. Wie in Ermüdung entschlummernd, hielt sie sich regungslos, und auch die geschlossenen Augen stimmten dazu, aber unter den gesenkten Lidern sah Werner mit Erstaunen zwei schwere Tränen hängen.

Dieser Anblick war so überraschend, daß davor selbst der Eindruck der in dieser Stellung zu besonderer plastischer Wirkung gelangenden Formschönheit der edeln Gestalt zurücktrat. Einer Regung der Teilnahme nachgebend, redete Werner das weinende Mädchen an, ohne lange zu erwägen, ob seine Anwesenheit wirklich oder nur absichtlich ignoriert werde.

»Sie leiden?« sagte er. »Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

Jetzt tat Lydia die Augen auf, aber bei dem ersten Blick in die düster leuchtenden Sterne erkannte er, daß nicht Schmerz oder Wehmut, sondern nur der Zorn diese noch immer an den Wimpern blitzenden Tränen erpreßt hatte.

»Nein,« entgegnete sie mit abweisender Kürze. »Wozu fragen Sie?«

»Wie Sie wünschen – ich kann auch weitergehen. Ich war nur betroffen, als ich Sie hier so fand. Sie konnten ja ohnmächtig sein.«

Er nickte leicht und war wirklich im Begriff weiterzugehen, aber sie schwieg nicht, wie er erwartet hatte.

»Ich war nie ohnmächtig in meinem ganzen Leben, und hätte nicht gedacht, daß man mir derlei Zimperlichkeiten zutraut.«

»Aber Sie hatten die Augen geschlossen –«

»Dürfen das nur die Katzen in der Sonne?«

»Und dann hatte ich zuvor schon gesehen, wie Sie drüben neben der Kapelle am Geländer lehnten – wo keine Sonne hinschien – wie wenn ein Unwohlsein, ein Schwindel über Sie gekommen wäre.«

»Ein Schwindel?« Ihre Lippe warf sich verächtlich auf und der ironische Ton ihrer Stimme verschärfte sich bis zur Bitterkeit. »Eine Anwandlung, die ich ebensowenig kenne als Ohnmachten. Das ist das Privilegium nervöser, feiger Stubenhocker.«

Werner wiegte leicht lächelnd den Kopf.

»Wir Leute vom Bau sind just keine Stubenhocker und haben, wie Sie vielleicht wissen, ziemlich oft auf hohen Gerüsten zu tun, die nicht immer ganz gefahrlos sind. Wer nun nicht so glücklich ist wie Sie, schwindelfrei zu sein, und dennoch hinaufgeht, den darf man doch wohl kaum feig nennen, und was seine Nerven betrifft, so muß sein Wille sie ganz beherrschen, sonst könnte er bei einem solchen Wagnis verunglücken.«

Sie hatte wohl verstanden, daß er von sich selbst sprach, ihr Auge suchte auch den Boden, doch unterließ sie es, ihren beleidigenden Ausspruch zurückzunehmen. Ihre Arme hatte sie sinken lassen, und ihren Oberkörper vorneigend, nahm sie das Spiel mit dem Sonnenschirm wieder auf.

»Ich sah in die Tiefe, weil es für mich einen unbeschreiblich bestrickenden Reiz hat,« erklärte sie. »Ich dachte mir, wie es sein müßte, da hinunterzustürzen. Glauben Sie, daß dies ein schmerzhafter Tod wäre? Der Einsiedler, von dem uns der Führer erzählte, muß die Besinnung verloren haben, lange bevor er unten zerschmetterte.«

»Und das nennen Sie einen schwindelfreien Kopf, durch den solche Gedanken ziehen?« Der finstere, trübende Zug, der ihrem stolzen Antlitze fast etwas Dämonisches verlieh, stieß Werner viel weniger ab, als ihre gewöhnliche Zuversichtlichkeit, die sie sonst so hochmütig zur Schau trug. Er empfand sogar etwas, das am besten noch als unwilliges Mitleid bezeichnet werden kann. Der Scherz lieh nur eine Maske dafür, und hätte sie aufgeblickt, so würde sie in seinen Augen etwas ganz andres gelesen haben, als sie aus seinen Worten herauszuhören meinte.

Sie sah trotzig vor sich hin zur Erde, und heftig; kampfbereit entfielen ihr auch die Worte:

»Der Tod hat nichts Furchtbares, außer für den Furchtsamen. Sterben ist leichter als leben.«

»Eben darum wählt der tapfere Geist auch das Schwerere.«

»Warum?«

»Der Kampf ist Mannesart.«

»Ah, da prahlt schon wieder einmal der Mannesdünkel,« höhnte sie unmutig. »Nun denn, ich bin nur ein Weib, das hat wohl keine Tapferkeit zu üben!«

»Doch auch – in der Ergebung.«

»Die alte Formel der Sklavenmoral; sie wird uns von Kindheit an gepredigt, Aber was ist denn so Kostbares an diesem Leben, daß wir uns an dasselbe klammern sollen?«

Sie hatte jetzt die Augen gehoben und sah, wie er lächelnd die Achseln zuckte. Aber was er sprach, klang doch ernst.

»Es ist das Feld für unsre Entwicklung und Betätigung. Wer den Tod wählt, vernichtet Willen und Kraft.«

»Sie würden sich also nie für denselben freiwillig entscheiden? Sagen Sie aufrichtig und ehrlich: – nie?«

»So lange wenigstens nicht, als ich noch selbst das Leben zu gestalten vermag.«

Sie blickte in die Ferne, aber von all den Schönheiten, die sich dem Auge hier boten, gewahrte sie nichts, sie sann dem nach kurzer Zögerung mit solch nachdrücklicher Bestimmtheit gegebenen Ausspruche nach. Plötzlich, ohne jeden vermittelnden Übergang, als wäre das Vorhergegangene völlig abgetan, fragte sie Werner, woher er komme. Er erklärte, warum er in der Höhle zurückgeblieben, und deutete auf seine gesammelten Steine.

»Ob sich ein Schatz dabei findet oder bloß Hexengold, muß sich erst zeigen. Ich glaube selbst kaum, daß Petrefakte darunter sind, aber Fingerzeige wenigstens betreffs der Zusammensetzung und Verwitterungsverhältnisse der Gesteinarten. Selbst über die Konstruktion kann man immer wieder Aufschlüsse finden und neues lernen. Wir Architekten müssen uns ja überall umsehen und etwas abzulauschen suchen, da dürfen wir schon auch bei der großen Meisterin Natur in die Schule gehen. In ihrer Bauhütte gibt es noch manches Geheimnis zu erkunden.«

»Also auch hier forschen, trachten, arbeiten, überall das emsige Streben, nicht einen Augenblick Ruhe – selbst das Vergnügen, der Genuß wieder verwandelt in Arbeit – unausgesetzt Arbeit!«

»In irgendeiner Form allerdings – das gehört eben zur Gestaltung des Lebens – des meinigen wenigstens.«

Wohl war ihm der wegwerfende Ton nicht entgangen, doch das gab seiner Erwiderung nur noch mehr Ruhe und Festigkeit. Sie blieb nicht ohne Eindruck.

Aufmerksam sah Lydia in dies Gesicht voll Geist und Verstand, das den Stempel ernster Willenskraft trug. Aus ihren eignen Zügen war allmählich die grollende Verbitterung gewichen, wenn auch ein Rest von Herbheit noch immer nachhielt.

»Setzen Sie sich daher,« sagte sie, »abermals das Thema fallen lassend, ohne weiter darauf einzugehen, und deutete dabei auf einen Felsblock, in dessen Ritzen sich zartes Moos angeklammert hatte und sogar einige zierliche Steinbrechblüten sproßten. »Ein wenig ermüdet werden Sie doch wohl auch sein, das heißt, wenn Sie nicht darauf erpicht sind wie die andern, ein paar Meter noch höher zu steigen, wo die Aussicht wahrscheinlich nicht viel anders ist als hier. Oder sind Sie auch einer von jenen, die jede Kirchturmspitze, die sie mehr sehen, gewissenhaft in Rechnung bringen und sich um so größer dünken, auf je mehr Gipfeln sie gestanden haben?«

»Jeder summiert eben seine Leistungen,« entgegnete er lächelnd. »Auf dem Gipfel stehen, ist immerhin eine schöne Sache, doch richtet sich meine Ambition nicht auf diesen hier. Aber was wird man sagen, wenn wir uns so zu einem Tete-a-tete absondern?«

»Das gilt mir gleich. Nein, da oben hinauf! Da wenden Sie der Sonne den Rücken und mir kommt Ihr Schatten zugut.«

»Da will ich den Platz doch lieber Ihrem Sonnenschirm abtreten – der wird sich der ehrenhaften Aufgabe viel besser entledigen. Oder Ihnen einen geeigneteren Stellvertreter herabsenden, der sich glücklich schätzen wird.«

»Darauf verzichte ich. Setzen Sie sich meinethalben wohin Sie wollen, wenn Sie so empfindlich sind, aber bleiben Sie da. Ich will lieber mit einem gescheiten Menschen im Sonnenbrand plaudern, als den unerquicklichen Schatten eines einfältigen genießen.«

»Sie wissen Ihre Mittel zu wählen,« sagte er. Und nun schwang er sich doch auf den ihm angedeuteten Sitz und richtete sich so ein, daß er Lydia gegen die heißen Strahlen deckte. Der einmal angeregte Humor begehrte aber noch weitere Genugtuung. »Sie hätten das unfehlbarste Ihrer Mittel nur nicht früher verraten sollen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun – es ist wohl wider Ihren Wunsch, daß man die Worte wie Fangbälle einander zuspielt, aber man kommt, ob man will oder nicht, auf alles zurück, was unerledigt blieb und gerade darum Eindruck machte, weil es innerlich weiter arbeitete. Ähnlich ergeht es mir gegenwärtig mit einer Ihrer Äußerungen. Ich denke unwillkürlich, daß Sie jetzt bei mir den Versuch der ›Schmeichelei‹ machen, ›welcher kein Mann widersteht‹.«

»Und wozu täte ich das?«

»Wie, wenn ich Ihnen ebenfalls ›die Eifersucht auf alle – Männer‹ vorhalten wollte?«

Sie hatte geringschätzig die Achseln gezuckt, aber das Herabneigen ihres Hauptes konnte ihm ihr flüchtiges Erröten nicht ganz verbergen. Seine Worte mochten sie verdrießen, doch konnte er ihr das nicht ersparen, denn sie sollte wissen, daß dies stets erfolgreiche Mittel bei ihm nicht verfing.

»Nicht daß Ihnen der einzelne etwas gelten würde,« setzte er nach kurzer Pause schärfer hinzu. »Sie mögen nur keinen an Ihrem Triumphwagen missen.«

»Oh! – Das ist es ja gerade, was mir an Ihnen gefällt,« entgegnete sie, ihren Blick offen zu ihm erhebend und mit temparementvoller Lebhaftigkeit, »daß Sie sich nicht gleichfalls vorspannen zu müssen glauben – als ob wir in unsern eignen Augen nur nach dem Verhältnis der – Pferdekräfte wüchsen, welche uns zur Verfügung gestellt sind.«

»Kein sehr schmeichelhafter Vergleich.«

»Genau der passende. Welchen Vergleich braucht man für uns? Was hält man von einem Mädchen, das man nur mit faden oder dreisten Lobeserhebungen füttert und für untauglich zu jedem tieferen Gedanken und jedem ernsteren Gespräch erklärt? Sollen wir etwa entzückt sein über die zartsinnige Ausschließung von jeder zeitbewegenden Frage, die man uns mit geringschätziger Sorgfalt angedeihen läßt, indem man uns von der Kinderstube an einredet, wir dürfen nicht wir selbst, sondern nur jene niedlichen Puppen sein, für die man den Normalzuschnitt nun einmal fertig hat. Uns Verstand, Selbstbewußtsein, Mut, Kraft zuzutrauen, hält jeder Mann unter seiner Würde – seiner männlichen Würde natürlich. Welches Entzücken für uns, wenn man uns nur Zuckerplätzchen zu naschen gibt! Kaum daß sich einer dieser Herren die Mühe nimmt, eine besonders zierliche Düte dafür auszuwählen. Kann es doch nichts Beglückenderes geben, als zu hören, daß er uns schön, reizend, unwiderstehlich findet, und möge das Wesen des Mannes mit noch so viel Jämmerlichkeit gepaart sein, möge seine Begeisterung noch so zahm sich den kläglichsten Verhältnissen anpassen, möge jede Versicherung selbst eine Beleidigung sein. Ich könnte die Männer hassen, wenn ich sie nicht verachtete!«

»Die Männer?« fragte Werner mit besonderer Betonung.

Sie antwortete nicht, sondern führte einen Schlag mit dem Schirmstocke nach einem harmlosen hellgelben Schmetterlinge, der, voll Lust am goldnen Sonnenschein, an ihr vorüberflatterte.

Daß dieser Zornausbruch in knappstem Zusammenhange mit jenem Gespräche stand, dessen Schluß er mit angehört, hatte Werner sofort erkannt, sich auch scharfsinnig genug die Empörung der stolzen Mädchenseele über ein schwachmütiges und bedingungsweises Gelüsten, das vor gewissen praktischen Erwägungen mit gemeiner Klugheit zurücktrat, dennoch aber aufdringlich geäußert wurde, gedeutet, ja sogar eine gewisse Genugtuung darüber empfunden, daß sich so klar die Unwahrheit jener böswilligen Verleumdungen erwiesen, an die er keinen Augenblick geglaubt und die er doch nicht hatte vergessen können; – trotz alledem aber vermochte er diesen Erguß nicht mit vollem Ernst aufzunehmen, und mit der Teilnahme die sich vielleicht in ihm regen wollte, zu beantworten.

»Was hat Ihnen der arme Apollo getan, daß Sie ihn züchtigen wollen?« fragte er scherzend. »Den Falter meine ich, der so heißt. Ja so, wohl gerade darum. Auch Apollo war ein Mann.«

»Und um nichts besser als die andern. Auch Sie haben nur Spott und keine Rechtfertigung zur Hand. Einer solchen Ehre, die Waffen mit uns zu kreuzen, werden wir nicht für wert gehalten, und doch fragt sich's, ob Sie dieselben besser führen. Auch in Wirklichkeit, nicht nur bildlich genommen. Wieviel tun sich die Männer auf ihre Kraft und Gewandtheit, auf ihre Ausdauer und Kenntnis zugut, als ob sie allein Meister in all den Dingen wären! Ein Frauenauge visiert ebensogut den Schuß, es regiert das Ruder die Frauenhand mit derselben Geschicklichkeit; ob wir nicht ebenso gründlich die Chancen einer Jagd oder eines Rennens erwägen, über Dressur der Pferde, Zweckmäßigkeit einer neuen Schlittschuhverbesserung, Eindringlichkeit eines Wahlmanifestes oder Zugkraft einer neuen Oper urteilen dürften. das möchte ich noch auf eine Probe ankommen lassen. Und worauf gründet sich denn dies Hochgefühl der Männer, wenn sie nicht mehr vermögen als ein Mädchen auch? Mit welchem Rechte wird uns die Freiheit verkümmert und die demütige Rolle des lebenslang Unmündigen zugewiesen? Warum dürfen wir es nicht in allem gleichtun den Männern?«

»Den Männern?« wiederholte Werner im gleichen Tone wie zuvor, doch war kein Zug von Ironie mehr in seinem Antlitze. Trocken, fast hart klang seine Rede. »Sie begehen wohl eine Verwechslung, mein Fräulein. Was Sie da angeben, läuft auf Ihre Unterhaltung hinaus, ist nutzloses Zeug, weiter nichts als Zeitvergeudung und gerade das, was diejenigen Männer treiben, die Sie darum verachten. Sie tun es dem ›Kavaliere‹ gleich und nicht dem ›Manne‹.«

Beide schwiegen. Sie konnten das Summen der Käfer hören, und durch die stille Luft kam das leise Klingen der Kuhglocken von den Alpenweiden herüber.

Aus längerem Nachsinnen auftauchend, warf Lydia, wie wenn sie ihn weniger tadeln als entschuldigen wollte, die Bemerkung hin:

»Sie sind Demokrat.«

»Ja, das bin ich!« lautete das überzeugungsvolle Bekenntnis.

»Was hat Ihnen der Adel getan?«

Werners Wangen röteten sich, und seine Augen leuchteten in düsterer Glut auf. Welche Herausforderung in dieser Frage gerade aus ihrem Munde – aus dem Munde der Tochter jenes Mannes, durch den seine Familie so viel gelitten und an den er von Jugend auf mit Zorn und Haß denken gelernt! So sehr er sich auch Mühe gab, ruhig zu bleiben und den ganz im allgemeinen berührten Punkt nicht ins Persönliche zu ziehen, klang doch der Groll so vernehmlich aus seiner Stimme, daß die harmlose Fragestellerin verwundert aufblickte.

»Ich könnte Ihnen die Weltgeschichte weisen,« sagte er, »dort würden Sie umständlich Antwort finden, wenn Sie sich die Mühe geben wollten, irgendein historisches Werk zu lesen, das nicht ad usum delphini präpariert ist. Aber derartige Bücher behält man ja den Söhnen und Töchtern Ihres Standes weislich vor. Ein solches Studium würde Ihnen wohl auch rasch begreiflich machen, daß es keiner besonderen Anlässe bedarf, um einen Mann zum Gegner überlebter und ausgearteter Institutionen zu machen. Doch Sie wenden sich an mich als einzelnen, und da will ich Ihnen denn zugeben, daß ich allerdings noch einen besonderen Anlaß habe. Meine nächsten Angehörigen haben durch einen Gewissenlosen aus jenen Kreisen schwere Unbill erfahren, ja, ich beklage sogar zwei teure Menschenleben, die seiner Schuld und dem aristokratischen Vorurteile zum Opfer gefallen sind.«

»Das ist traurig,« gestand sie leise zu, doch der teilnahmsvolle Ton wich sogleich einem kampflustigeren. »Nur meine ich, daß die Grausamkeit von jeher nicht bloß auf einer Seite war. Oder ist das Volk von aller Schuld frei, finden sich bei ihm nur Tugenden? Hat es nicht auch schon unzählige Opfer gefordert und konnte, was Sie durch einen einzelnen erlitten, nicht auch einen seinesgleichen von einem Gegner treffen? Jede Partei schreibt ihre Geschichte für sich, das ist selbstverständlich, und wer ist so vorurteilsfrei, unfehlbar zu beurteilen, welche mehr Glauben verdient? Ich begreife nicht, wie man das Volk lieben kann, da ich nirgends seine Vorzüge zu erkennen vermag.«

»Was hat Ihnen das Volk getan?« gab er nun ihre eigne frühere Frage abgeändert zurück.

Sie zuckte die Achseln, und ihr Mund verzog sich zur unschönen Grimasse.

»Es ist mir unsympathisch. Ich möchte sagen, es greift mir die Nerven an – wenn ich an Nerven glaubte. Es hat keine Erziehung.«

»Wo man ihm keine gibt. Wieviel große Männer – Leuchten der Menschheit – sind aus seinem Schoße hervorgegangen!«

»Das bestreite ich nicht,« versetzte sie, den Kopf von einer Seite zur andern wiegend. »Es kann jemand sehr gescheit, sehr gelehrt, ja sogar sehr gut erzogen sein, ohne doch zu besitzen, was man Erziehung nennt, die gute Lebensart meine ich. Ich glaube, man kann die Menschen in solche mit und ohne Manschetten teilen. Der Mensch, der Erziehung hat, trägt am Ende lieber schmutzige, als keine Manschetten.«

Sie lachte über ihren Einfall, der ihr selbst bizarr erschien, brach aber plötzlich und errötend ab, denn was sie bisher vollkommen übersehen hatte, bemerkte sie jetzt.

Werner, der für die Bergpartie nur ein weichwollenes Touristenhemd trug, erklärte kaustisch:

»Da darf ich Ihnen nicht länger die Nerven angreifen, denn auch ich trage keine Manschetten.«

»Wenn ich Sie hätte beleidigen wollen,« beeilte sie sich entschuldigend zu erklären, »würde ich Sie nicht aufgefordert haben, mir Gesellschaft zu leisten.«

»Wer weiß. Das wäre erst noch die raffinierteste Weise.«

Werner sagte das halb lachend, er hatte auch nicht einen Augenblick Miene gemacht, seinen Sitz wirklich aufzugeben. Im ganzen schien er ihn doch nicht unbehaglich zu finden.

»Warum müssen gerade wir beide uns immer streiten?« fragte sie.

»Weil Sie nicht dulden wollen, daß jemand andrer Meinung ist. Das gehört mit zu den männlichen Eigenschaften Brunhildens.«

Der Scherz fand jedoch kein Echo bei ihr.

»Nennen Sie mich nicht auch so. Der Vergleich ist beleidigend. Eine Unselige, die liebt, wo sie verspottet wird.«

»Aber auch dafür tötet. Und das könnten auch Sie.«

»Vielleicht!« Es war ein rascher, wild aufflammender Blick, der das Wort begleitete, doch alsbald wieder erlosch. Den Arm aufs Knie, die Wange in die Hand gestützt, sah sie ernst und trüb zur Erde.

»Was kann ich dafür, daß ich nicht anders bin?« begann sie wie in einem Selbstgespräch. »Mein Vater ist schuld daran, wenn nicht die Natur allein. Er wollte einen Buben haben. Zwei Mädchen waren schon vor mir da, nun kam ich, abermals ein Mädchen, und doch hatte man einen Erben gewünscht.

»Zwei Jahre später wurde der Wunsch erfüllt, aber wie wenn wir vertauscht worden wären, hatte ich die Kraft und Gesundheit, die meinem Brüderchen fehlte; das arme Kind sollte abgehärtet, gestählt werden, es war so abhängig, zur Aneiferung sollte es einen Kameraden haben. Das Los fiel mir zu. Als ob sich mein Vater in eine Enttäuschung hineinleben wollte, hatte er mir auch Knabenkleider gegeben. Ich habe sie getragen, bis ich fast erwachsen war. Die zwei kleinen Bürschchen wurden gleich gehalten, empfingen die gleichen Lektionen, trieben dieselben Spiele und Übungen; kein Mensch tat Einsprache – meine Mutter war tot, auch eine der Schwestern, und Jenny im Institute. Nur wir beide wuchsen miteinander auf, und mein Vater hatte seine Freude daran, wenn wir um die Wette jagten, ritten und kletterten – der arme Fritz – er war so zart und sanft – ich glaube wirklich, er hätte besser zum Mädchen getaugt. Er hat es nicht dazu gebracht, ein Mann zu werden. Als er starb, war Papa außer sich, daß das Majorat an Gero fallen sollte. Warum war ich, sein Liebling, kein Knabe? – Nun lag es höchstens in seiner Hand, mir durch ein Arrangement den Mitbesitz zu sichern. Als sein Sohn hätte ich meine Zukunft frei in Händen gehabt. So war nur der Knabensinn und Knabenwille mit mir groß geworden, aber des Mannes Vorrecht ist mir in dieser von Männern für sich geordneten Welt nicht zugestanden. ›Brunhilde‹ spottet man mich. Warum? Nun bin ich einmal so – kann ich anders sein? Weiß Gott – oft hab' ich es selbst gewünscht, wenn ich andre Mädchen sah, wie glücklich sie waren, wie heiter und sanft sie sich in fremden Willen schmiegten oder mit kleinen, schlauen Kniffen den ihrigen durchsetzten. Ich kann es nicht. Ich verachte sie und doch beneide ich sie, die Glücklichen! Ihr höchster Wunsch ist: heiraten, eine gute Partie machen, als Frauen ihren Platz in Haus und Gesellschaft einnehmen. Willkommen, wer ihnen dazu behilflich ist. Fromm ergeben nehmen sie den ihnen von der göttlichen oder irdischen Vorsehung zugewiesenen Herrn und Gebieter an und sind tränenselig und dankbar für – Ah! ein Mann sein oder ein Weib – aber ganz!«

Die heftige Unterbrechung kam trotz der vorangegangenen Steigerung so unvorbereitet, so plötzlich, daß der überraschte Zuhörer sich davon tief betroffen fühlte. Er sah sich mit einemmal ungefragt ins Vertrauen gezogen, wiewohl er die ihm angebotene Freundschaft mit verletzender Gleichgültigkeit zurückgewiesen, und stand seltsam ergriffen dieser leidenschaftlichen Offenbarung gegenüber.

»Sie sind beklagenswert,« murmelte er.

Unberechenbar aber war diejenige, zu der er sprach, und in deren Fühlen und Denken er nun doch einen Einblick gewonnen zu haben meinte. Dies erste Wort der Teilnahme fand keineswegs den Weg zu ihrem Herzen, es hatten im Gegenteile seine spöttischen, zurückhaltenden, ja selbst rauh abweisenden Bemerkungen bisher noch keinen schärferen Rückschlag hervorgerufen, als diese einem weicheren Gefühle entsprungene Annäherung.

Krankhafte Reizbarkeit des Stolzes und frevlerische Menschenverachtung äußerten sich in der höhnenden Weise, wie sie jedes Entgegenkommen ablehnte.

»Beklagenswert?« Ihre Lippen krümmten sich hochmütig. »Meinen Sie, ich hätte von diesen Dingen gesprochen, um mich beklagen zu lassen? Nur weil es eben heraus wollte, mochte es einmal laut werden. Was lag daran, ob's jemand hörte oder nicht? Beklagen? Warum verlachen Sie mich denn nicht lieber? Was haben Sie für ein Urteil über das, was in mir vorgeht? Die Männer stehen fest auf ihrem Sockel, den sie sich aufgerichtet, sie halten ihn für unerschütterlich, wie ihre ganze Weltordnung, und vermögen sich gar nicht in eine Änderung hineinzudenken, noch weit weniger in die Seele dessen, der sich in das Selbstverständliche nicht fügen mag. Von Helfen kann da keine Rede sein. Das ohnmächtige Rebellieren kann man nur verlachen oder beklagen. Aber die Klage ist nicht ehrlich, das Lachen steckt dahinter. Lachen Sie doch! – und lachen Sie offen!«

»Ich tue das, wozu ich mich gedrängt fühle.«

»Doch nicht zum Mitleid?« entgegnete sie rasch und sah ihn dabei einigermaßen erstaunt an. Noch war sie erregt, aber ihr Spott nahm etwas Frostiges an. »Das dürfen Sie für jene Armen sparen, die es durch ihr hartes Los verdienen, für die vielen, welche alleinstehen, verhöhnt, verleumdet, umlauert, die sich entweder von allem auf Erden isolieren oder ihren Ruf preisgeben müssen, die Zahllosen, die unerlöst in Not und Elend verschmachten.«

»Das muß niemand, der arbeiten will.«

»Und wenn er es nicht kann? Wollten Sie mir etwa empfehlen, zu nähen, zu waschen, in die Fabrik zu gehen? Warum dazu leben? Beklagen Sie die, die es müssen.«

»Ich achte jene, welche es wollen.«

Sie zuckte leicht die Achseln. Bitter aber, wie des Streites müde, erwiderte sie:

»Die Welt denkt anders. Sie beugt sich vor dem Erfolg, sie beneidet die Glücklichen und nennt dasjenige Mädchen glücklich, das jener rauhen Notwendigkeit enthoben ist, dem sich die Hand eines reichen Mannes bietet, zumal wenn er ein guter Junge ist und der Frau dereinst die Regierung nicht schwer macht. Herrschaft und Reichtum, das ist die Befriedigung der Wünsche, die Macht des Willens, in gewissem Maße wohl auch Freiheit. Damit gestaltet sich das Leben am Ende in jedem Verhältnisse erträglich; darüber vergißt sich auch mit der Zeit der Zwang, gegen den sich der stolze Sinn wohl einmal aufbäumt.«

»Der aber viel zu wohlerzogen ist, um es ernst zu meinen und sich nicht schließlich doch zu fügen.«

Es war Werner unmöglich gewesen, diese sarkastische Bemerkung zurückzuhalten. Mehr als alles, was ihm noch bisher Aufreizendes in dem Wesen dieses Mädchens entgegengetreten, hatte ihn die fast ohne Übergang aus jenem überraschenden Ausbruch sich entwickelnde Apathie – ja Frivolität – verletzt.

Und aus dieser schien sie nicht einmal mehr aufzurütteln, denn nicht zornig wie sonst, eher mit dem Ausdruck spöttischen Erstaunens sagte Lydia:

»Sie selbst predigen doch die Tugend der Ergebung.«

»Sie aber wollen ja kein Weib sein, sondern es dem Manne gleichtun.«

Ein Blitz flammte in ihren Augen auf, doch ihre Lippen preßten sich fest aufeinander, und es blieb unentschieden, ob eine Antwort beabsichtigt war oder nicht, denn dies ungestörte Zusammensein hatte ein Ende.

Eilige Schritte kamen näher. Stimmen wurden vernehmbar. Gero, von zwei Führern gefolgt, tauchte auf.

»Holla! Bist du da?« rief er. »Wir wollen schnell zurück, einen Tragsessel holen. Odo ist unwohl geworden. Dacht es wohl, hat ihn zu stark angegriffen. Echauffiert, dann die kalte Höhle – ist zu wenig abgehärtet gegen Temperaturwechsel, der arme Bursche. Sollte mehr Abreibungen vornehmen.«

Er war bereits in der Grotte verschwunden.

Der kleine Schreck ging rasch vorüber. Als die beiden Nachzügler bei der Gesellschaft anlangten, hatte sich Herr von Sarnberg unter des angehenden Doktors Olga Platow Assistenz bereits von der leichten Ohnmacht erholt. Er sah blaß und leidend aus, trat aber selbst am eifrigsten der Meinung seiner Frau bei, daß es nichts zu bedeuten habe. Sie war um so lebhafter, als sie sich zuvor »durch den unbedeutenden Schwächeanfall ganz unmotiviert aus der Fassung hatte bringen lassen«.

»Das ist nur so hier und da ein Wetterleuchten nach abziehendem Gewitter – ein leise mahnender Rückfall in der Rekonvaleszenz. Ich glaube wirklich, Odo, du spielst nur ein bißchen Komödie, um mich zu ängstigen. Du willst sehen, wie lieb ich dich habe. Du böser Mensch! Wenn ich nun Revanche nehmen wollte – mit meinem Fuß – und weißt du, der tut mir sehr weh! Wenn ich mich nicht so beherrschen würde –«

Und sie leistete darin Bewundernswertes. Es schien fast, als hätte sie ihren großen Schmerz ganz vergessen, so munter schritt sie an ihrer Schwester Arm einher, als die Gesellschaft nach der kurzen Störung wieder in bester Laune den Rückweg antrat.

Graf Marchegg war Lydias Weisung gefolgt, aber während er Edith seine Dienste weihte, flog immer wieder ein Blick, ein Seufzer zu jener hin, die sagen sollten:

»Du willst es – es muß so sein – aber wie schade! Jammerschade!«

9

Es war schon spät in der Nacht; wohl zwölf Uhr vorüber. Werner hatte nicht mehr auf die Stunde gehorcht, lange schon saß er in seinen Fauteuil zurückgelehnt, den Finger zwischen den Seiten des Buches, in dem er gelesen und das jetzt, durch ein lebendigeres Wort verdrängt, auf seinem Knie lag. Das schwache Kerzenlicht erhellte kaum dies kleine Zimmer, das er neben dem größeren seiner Mutter im Freihof innen hatte, aber sein Auge vermißte nicht die mangelnde Beleuchtung, es durchdrang die tiefen Schatten in den Winkeln und sah deutlich Zug um Zug die Gestalten, welche sich darin regten und einzeln oder gruppenweise aus demselben hervortraten.

Sie kamen und gingen so leise, so geisterhaft, als hätten sie keinen irdischen Leib mehr, und doch lebten sie, nickten, lächelten, winkten, und sie redeten ja auch, es klang so fern, nur wie ein Hauch und doch deutlich, jedes Wort war verständlich; hörte er denn nicht das zarte Vibrieren der hellen Stimme, die eben zu ihm sprach:

»Du wirst mich ein bißchen liebhaben und mein guter Bruder sein, nicht wahr, Werner?«

Und er sah in die feuchten blauen Augen, die ihn so treuherzig anblickten, und drückte halb stürmisch, halb schüchtern und verschämt, wie ein recht unfertiger Junge in den Tölpeljahren, einen brüderlichen Kuß auf diesen unter Tränen lächelnden Mund. Es wäre ja in der Tat auch zu komisch gewesen, wenn der lange Bursche mit dem ersten Flaum auf der Lippe und der Studentenmütze über dem Ohre dem jungen Mädchen, das kaum einige Jahre mehr zählte als er selber, mit dem Respekte eines Neffen hätte begegnen sollen. In der Tat, eine würdige kleine Tante! Vor einem Jahrzehnt oder dergleichen hatten sie ja noch miteinander gespielt und Sophiens Puppen eine große Kaffeevisite gegeben, damals, als er mit der Mutter bei Großvater zu Besuch gewesen in dem altertümlichen Städtchen an dem großen Strom, wo der Wein wuchs und die Kirche stand, in der Großvater alle Sonntage so schön predigte.

Er war schon damals ein Greis gewesen, jetzt lag er im Grabe, und darum trug Sophie das schwarze Kleid, in dem sie so zart aussah, und deshalb rannen ihr die Tränen über die blassen Wangen. Jetzt schien es, als zerflösse sie in Duft, aber war sie nicht immer so sachte und schwebend hingeglitten durch die engen Räume des alten Häuschens in Breslau? »Wie ein Engel,« behauptete Köchle. Auch er bewunderte sie, und es war nicht einmal so ganz und gar Scherz, als die beiden Kameraden sich feierlich zum Turniere herausforderten, wer das Recht haben sollte, den Handschuh seiner Dame auf dem Helm zu tragen.

Da stand aber die Gebieterin schon, wie aus dem Boden gewachsen.

»Meinen Handschuh brauch' ich selber,« meinte sie scherzhaft, aber um die Stirne lag es dabei wie tiefer Ernst. »Wie soll ich mich denn sonst dem Herrn Landrat vorstellen? Was würde der von mir denken, wenn ich nur mit einem angerückt käme? Eine Erzieherin, die an sich selbst keine Ordnung hält und sie seinen Kleinen beibringen soll? Ich muß mich schon andrer Kinder annehmen, denn ihr beide seid meiner Zucht und Lehre doch beinahe entwachsen.«

War das Haus nicht wie verödet, als sie hinwegzog? Zum Glücke brauchte auch er nicht mehr lange darin zu weilen. Über die Lust, in die Welt hinauszuziehen, vergißt der Jüngling ja so leicht, was er verläßt. Köchle hatte es nicht so gut, der gute Köchle, der seit Jahren in Kost und Wohnung bei der kleinen Beamtenfamilie untergebracht war, ging nicht mit an die Technische Hochschule, sondern blieb zurück, an der Universität seine philologischen und theologischen Studien zu beenden. Ab und zu kam da wohl ein Brief – Sophie gehe es gut beim Landrat, der Landrat sei so freundlich, der Landrat habe neulich wieder im Hause eingesprochen; er verkehre jetzt so häufig – und wenn er zur Stadt komme, bringe er sehr oft Sophie mit sich und die älteste Kleine. Immer der Landrat!

Kam er da nicht eben über die Oderbrücke geschritten, die große, hagere Gestalt mit dem scharfgeschnittenen aristokratischen Kopfe straff aufgerichtet und stolz die Grüße der Vorübergehenden erwidernd? Und wie seine Augen unter den buschigen Brauen stachen, als er die Hand fest wie einen Schraubstock auf die Schulter des vierzehnjährigen Schulknaben legte! Da verflog aller Mut, auszukneifen, und alle Erfindungsgabe zu einer Notlüge.

»Wie heißt du, mein Bürschchen? So, Werner Rodek. Sage deinem Vater, daß du ein Taugenichts bist. Willst du aufs Eis, so geh hinab auf den Fluß, anstatt hier die Bahn so glatt zu schleifen, daß Menschen und Pferde die Beine brechen. Sie, Schutzmann, aber melden sich zur Strafe, damit Sie ein andermal solche Allotria nicht unter Ihren Augen hingehen lassen.« –

Der Schnee war verschwunden, die Bäume standen im vollen Laub, Staub wirbelte auf den Plätzen, und die Schweidnitzer Straße herab schnob ein feuriges Gespann. So fuhr nur der Landrat von Wingerode. Der lange, leise ergrauende Schnurrbart flatterte im Winde. Es war, als fliege die wilde Jagd einher, und doch, wie hatte er die feurigen Tiere in seiner Gewalt! Ein Zug am Zügel, hochauf bäumten sie sich, als wollten sie sich überschlagen, aber sie standen wie festgemauert. Diesmal klang die tiefe Stimme weit freundlicher, wenn auch in barscher Kürze wie immer:

»Sind Sie nicht der junge Rodek? Lasse den Vater grüßen. Ragen ihm wohl über den Kopf. Trösten Sie nur das dumme Ding, das Sie da aus dem Wege gerissen. Braucht ja nicht zu weinen, ist ihm nichts geschehen – da, soll sich Kuchen kaufen. Adieu – brav von Ihnen gewesen.«

Und die Staubwolke verschlang wieder das dahinsausende Gefährt.

Ja, er hatte Silberfäden im kurzgeschorenen Haar, aber stramm und ehern war er noch immer. Den Männern mochte er imponieren, wie er aber den Frauen gefallen konnte, insonderheit einem jungen, frischen Mädchenherzen, das vermochte ein zwanzigjähriger Student in dem Vollbewußtsein seiner Weltweisheit nicht zu begreifen. Die Ferien waren lange nicht so schön wie das letzte Jahr. Und doch war Sophie wieder zu Hause. Jetzt ging sie nicht mehr schwarz, alles war hell an ihr, das Auge strahlte. Das Antlitz lächelte in süßer Rührung – das war die wunderbare Holdseligkeit, die von einer Braut ausgeht wie ein Glorienschein.

Braut! – Jawohl, Köchle hatte es schon geschrieben, das Unglaubliche, und nun konnte man's ja mit eignen Augen sehen. Wie sie sanft errötete, wenn man von dem Landrat sprach, wie sie glückselig zu dem strengen Mann emporsah! Wenn er kam und ging, grüßte er wohl flüchtig den künftigen Neffen, aber solche Herablassung hinzunehmen ist nicht eines wackeren Burschen Art. Da weicht man lieber aus, trotz der künftigen Verwandtschaft, die als ein solches Glück gepriesen wurde.

Es war auch keins, er hatte es ja vorausgewußt und Köchle oft genug gesagt, da kam's – langsam, erst in den Briefen von zu Hause wie eine schwere, dicke Luft – dann leise Andeutungen – zuletzt eine bittere Anklage. Nun zeigte es sich ja, was an all der Leutseligkeit und Freundschaft hoher Herren war.

Alles war auseinander gegangen, alles vorbei. Warum, weswegen? Köchle wußte sowenig eine Antwort als die andern, und diesmal waren es die traurigsten Ferien, viel schlimmer als die im verflossenen Herbste.

Arme Sophie! Wie bleich sie war, wie langsam sie dahinschlich, um sich in die Sonne zu setzen; man fühlte selber den Schmerz in der Brust, wenn man sie hüsteln hörte.

Wie sie dort saß auf dem schmalen Bänkchen des schmalen Gartenstreifens, der zu dem kleinen Vorstadthäuschen gehörte, so geduldig, so still mit dem traurig-sanften Lächeln auf den Lippen, die großen Augen wie verloren, weit hinaus in die Ferne gewendet, wem hätte es das Herz nicht bewegt, das Blut zum Kochen gebracht? Und der Elende, der die langsam Erlöschende auf dem Gewissen hatte, der sein Gelöbnis gebrochen und das arme Kind ohne Grund, ohne Rechtfertigung verlassen und dem Hohne der Neidischen und Mißgünstigen, der Verdächtigung selbst preisgegeben, er sollte ungestraft ausgehen? Fand sich denn keine Hand, den vornehmen, mächtigen Herrn für sein Bubenstück zu züchtigen? Dann war ja alles Unrecht gebilligt hier auf Erden und der Trost von einem ausgleichenden Zusammenhang zwischen Tat und Vergeltung nur ein Kindermärchen.

Ein Arm war da, an dem die Muskeln sich zum Zerreißen spannten. Sollte er denn nur zum Spiele den Schläger führen gelernt haben? Eine Waffe und dann auf die Mensur! Der Arm soll sich nicht umsonst erheben – er wird zu treffen wissen.

Aber er sinkt unter dem Griffe einer andern Hand. Kalt und hart faßte sie an, wie die Knochenhand des Todes. Auch die hohe, hagere Gestalt erinnerte an die des Sensenmannes, selbst die Stimme klang aus der hohlen Brust wie aus einem Grabe.

»Laß es sein, mein Sohn, der, den du suchst, ist weit von hier. Er hat es vorgezogen, eine Reise zu machen und all den Reden aus dem Wege zu gehen. Und wenn du ihm nachgingst, bis du ihn endlich gefunden hast, so würde dir nur dieselbe Antwort werden wie mir: ›Ich schlage mich nicht mit Ihnen.‹ Nein, er schlägt sich nicht mit uns. Wir sind ja nicht satisfaktionsfähig. Die Rodeks haben keinen Adelsbrief, und einen armseligen Subalternbeamten, den tötet man nicht, wenn er unbequem wird, man versetzt ihn nur, man drängt ihn fort aus seinem Amte. Töricht genug, wenn er sich das Unrecht nicht abkaufen lassen will!«

O wie deutlich die Worte heute noch klangen! Und doch hatten sie in einem nicht recht gehabt, der unbequeme Mann war auch getötet worden – denn der Gram, der Unmut zehrten an ihm. Das waren die Geier an seiner Leber, und wie man die bleiche, verwelkte Blume hinausgetragen hatte auf den Gottesacker, so war auch an ihn die Reihe gekommen, an den zur Seite geschobenen, versetzten, zum Schweigen gebrachten störrischen Beamten. Er selbst war um seine Pensionierung eingeschritten.

»Kein Knecht! Kein Knecht! – Du sollst kein Knecht werden, der einen Herrn anerkennen muß. Bleib unabhängig!«

Das waren die Abschiedsworte an den Sohn, und damit war der zerstörte, vergällte Rest eines in Sorge und Arbeit verkümmerten Daseins zu Ende. Der Sohn aber hatte das Vermächtnis seines Vaters treu gehalten. Er bedurfte keiner Mahnung. Die Schemen durften in ihr Schattenreich zurückkehren. Ihm war die Antwort nicht entfallen, die er zu geben hatte auf jene vor wenig Stunden erst an ihn gestellte Frage voll naiver Verwunderung und demütigenden Zweifels.

Die beiden Grabkreuze hatte er gewiesen. Hätte er auch die verwischte Inschrift lesbar machen sollen?

»Was mir die übermütige Rasse getan, der du entstammst? – Hier! Hier!« – –

Wie aus einem tiefen Traum fuhr Werner auf, er hatte sich selbst geweckt und befürchtete durch das Geräusch des heftig auf den Tisch gestoßenen Buches auch den Schlaf der Mutter gestört zu haben. Sachte erhob er sich und ging auf die Verbindungstür zu, die er vorsichtig öffnete.

Kein Laut als das leise, ruhige Atmen der Schlummernden. Er lauschte ein paar Sekunden, drückte die Tür wieder unhörbar ins Schloß und kehrte an seinen Platz zurück. Noch mochte er nicht zur Ruhe gehen. Die Müdigkeit, die er von dem Ausfluge heimgebracht, war längst gewichen, und sein Geist rege, wie zur Zeit, wo er am besten schaffte. Doch auch zur Arbeit fand er sich heute nicht geeignet, das war nicht der heitere, klare, fleißige Kopf, der wie ein braver Schüler seine Aufgaben gutwillig erwartet, um sich nach Kräften zu lösen, der arbeitete heute auf eigne Rechnung. An die Stelle des zielbewußten Erdenkens waren die regellosen, unbeherrschbaren Einfälle getreten. Fremde Stimmen sprachen in ihm, fremde Bilder drängten sich auf. Ein schon vernommenes Wort nach dem andern wurde laut, ergänzte, umschrieb, vertiefte sich. Er mußte mit und vermochte sich nicht hinwegzuzwingen aus diesem Bannkreise.

Wie er von dem unerledigten Wort heute gesagt, das Eindruck gemacht, eben weil es nicht zum Antrag gekommen – es wirkte fort im Innern, es arbeitete weiter. Warum aber gerade das, was sie gesprochen? Hatte es denn solche Wichtigkeit? Mehr als die Aussprüche so manchen berühmten und gelehrten Mannes, die alsbald spurlos seinem Gedächtnis entschwunden waren? Worin bestand der Zauber, der ihn fesselte und so wider Willen zwang, sich mit dieser eigenartigen Erscheinung, mit ihrem Tun und Treiben, mit ihren Äußerungen und der Quelle, aus der sie fließen mochten, zu beschäftigen? Unleugbar nahm all das Einfluß auf ihn, wenn auch nur den, ihn zum Widerstand zu reizen. Vielleicht nicht in dem Augenblicke selbst, wo sie sprach, doch sicher im nächsten Moment, wo er das Gehörte überlegte und mit allem andern in Zusammenhang brachte.

Es mochte ihm ja manches gefallen und ihn im ernsten Andrang gefangennehmen. Die Überlegenheit in Einzelheiten ließ sich nicht leugnen. Ein gewöhnliches Wesen war Lydia nicht; keine von jenen schlichten oder gezierten Mädchennaturen, wo man vom ersten Worte an bis auf den Grund der Seele blickt, gleichviel, ob durch das Medium eines einfachen oder verbildeten Geistes hindurch. So leicht ward es hier dem Auge nicht, da war nichts nach der Schablone, da war eigenartiges Leben, etwas Titanenhaftes, das weit über die Mittelhöhe der Alltagsgeschöpfchen hinausragte. Aber dennoch dieselbe Unzulänglichkeit auch, die das Riesengeschlecht über sein umgrenztes Herrschergebiet hinausgelockt und seinen Untergang herbeigeführt.

Wie traurig, wenn auch sie dies Los traf!

Und was tat es ihm?

Da war sie ja wieder, ihre Frage, die ihn so erbitterte, und doch hatte sie recht. Was tat es ihm? Welches Interesse nahm er an ihr? Sollte man nicht meinen, daß es – die Liebe sei?

Er lachte auf. Sein Mund verstummte. In Schreck und Unwillen schob seine Hand die Lichter weg, als wären sie selbst der törichte Gedanke, der ihn überfallen. Er sann nach.

Was wußte er von Liebe? Freilich hatte er bisher im angestrengten Arbeiten, ehrgeizigen Ringen und in der vollen Hingabe an seinen dafür auch dankbaren und lohnenden Beruf nicht Zeit gefunden für solch zärtliches Gefühl. Was davon in ihm sich regte, blieb ungeteilt der Mutter gewidmet. Aber selbst, wenn er sich in der Erinnerung in jene Zeit zurückversetzte, wo er mit Sophie gescherzt und im stillen wie ein echter Schuljunge geseufzt, dünkte ihn die damalige Empfindung eine ganz andre als die unerklärliche Einwirkung, die gegenwärtig von diesem Mädchen wie von abwechselnd gegen ihn gekehrten magnetischen Polen ausging und ihn weit mehr abstieß als anzog.

Mochte auch etwas Bestechendes in dem klaren Verstande sein, der so manches zutreffende Urteil fällte, in der Größe, die sich über alles Hergebrachte hinwegsetzte, das für sich keinen andern Rechtsgrund als die Überlieferung aufzuweisen hat, in der Ruhe, die selbst das herausfordernde, trotzbietende Element zuweilen milderte, während sie zu ihm nicht wie das Weib zum Manne, sondern wie der Freund zum Freunde sprach: es blieb doch ein unausgeglichener Rest in diesen widerspruchsvollen Anlagen, ein Riß im Charakter, der Zorn und Widerwillen hervorrief.

Schön war sie, einer genialen Laune der Natur entsprungen, aber die Bildnerin hatte die Hand vor der Vollendung zurückgezogen und ihrer Schöpfung den hinreißenden Schimmer der Liebenswürdigkeit und weiblichen Anmut versagt. Sie hatte heißes Blut in die Adern gegossen, aber das Gemüt in das eiskalte Herz einzuschließen vergessen, das nun unerwärmt blieb.

In diesem Mangel mußte der Ursprung so vieler frappanter, doch auch aufreizender Überraschungen liegen, welche ihr Wesen bot. Dadurch verkehrte sich jeder Zug in sein Gegenteil. War nicht sogar die Unbefangenheit verletzend, mit der sie den Nächstbesten zum Vertrauten nicht nur ihres Schicksals, sondern auch ihrer Stimmungen machte? Ein Mädchen, das mit solchen Empfindungen, wie sie von Lydia kundgegeben worden, in die Ehe treten konnte, war doch nur eine Puppe aus einem Dutzendgeschäft, die kokettierte und kalkulierte und schließlich den breiten, ausgetretenen Weg hintrippelte – wie alle. Für dieses Spiel brauchte er wahrlich weder Genosse noch Zeuge zu sein.

War denn die Welt nicht weit genug, daß sie beide aneinander vorübergehen konnten, ohne sich berühren zu müssen? Nun hatte der Satyr Zufall sie dennoch zusammengeführt und meckerte sein schadenfrohes Lachen. Aber die sich einmal begegnet, konnten sich ausweichen in Zukunft. Ihm stand es frei, sich abzuwenden – mochte sie treiben, wohin sie wollte.

Während er so in heißem Grolle, der gar wenig zu dem gleichgültigen Achselzucken stimmte, über sein künftiges Verhalten entschied, hörte er plötzlich ein leises Klopfen an der Türe. Im ersten Augenblicke hielt er es für ein Zeichen der Mutter, aber das Geräusch war ja von der Gangseite gekommen. Jetzt erinnerte er sich auch, schon vorher das Schrillen der elektrischen Klingel und Stimmen auf dem Korridor vernommen zu haben. Solche Töne waren aber zu gewöhnlich in dem großen Gasthofe, um ihnen besondere Beachtung zu schenken. Nur ein Nachklingen war in dem abgestumpften Ohr geblieben, und jetzt wurde Werner auch aufmerksam, denn eine Störung der Nachtruhe zu so vorgeschrittener Stunde kam doch selten vor.

Da klopfte es schon wieder, und jetzt konnte er ganz deutlich unterscheiden, daß man seinen Namen rief. Glaubte man ihn eingeschlafen, und versuchte das Stubenmädchen vielleicht, ihn zu wecken? Was wollte man von ihm? War etwas geschehen?

»Herr Rodek! Herr Rodek!«

Da war er auch schon an der Tür, denn all die Fragen und Vorstellungen innerhalb des Bereiches der Möglichkeit hatten blitzschnell seinen Kopf gekreuzt. Im Nu hatte er geöffnet, stand er auf der Schwelle und starrte, aufs Mächtigste überrascht, die weiße Gestalt an, die vor ihm auftauchte.

War auch dies eine Vision?

Doch nein, die Erscheinung sprach mit menschlicher, wenn auch zitternder Stimme, das Licht in ihrer Hand flackerte, aber die Formen, welche der matte Kerzenschein erkennen ließ, gehörten keinem Schemen an; das Leben fieberte in ihnen und steigerte die Schönheit zum Liebreiz. Aus Lydias bleichem und verstörtem Antlitz leuchteten die Augen in beredter Bitte, Werner jedoch hatte nur Blicke für die, angemessen der schwülen Sommernacht, leicht bekleidete Gestalt. Die plötzlich aus dem Schlafe Aufgescheuchte hatte sich nicht einmal Zeit genommen, in Pantoffeln zu schlüpfen. Die zierliche Linie des kräftigen Fußes zeichnete sich deutlich auf dem dunkeln Laufteppich, und Werners Blick folgte derselben mit der Aufmerksamkeit des Modelleurs. Langsam aufwärts gleitend, streifte er den schlankgerundeten und doch kraftstrotzenden Arm, die herrliche Schulter und blieb endlich flammend an ihren Augen hängen.

Es lag in demselben dabei ein so befremdlicher, versengender Ausdruck, daß sie scheu zurückwich.

»O bitte, gehen Sie doch zu ihr!« sagte sie hastig flehend. »Es kommt niemand auf unser Klingeln – es scheint niemand darauf zu hören. Ich will Olga rufen.«

»In das obere Stockwerk hinauf?« sagte er, und als ob der in ihm angesammelte Ingrimm einen Ausweg haben müßte, fielen seine Spottworte scharf wie Geißelhiebe. »In solchem Kostüm? Oh, warum weichen Sie zurück? Ich bin vorurteilslos genug, demselben die ›Zweckmäßigkeit‹ nicht abzusprechen – zum Nachtwandeln.«

Als werde sie selbst erst jetzt die Mängel ihrer Toilette gewahr und derselben auch mit einem Male voll bewußt, senkte sie den Blick und errötete; doch ehe die jäh aufschießende tiefe Glut noch ihren Hals und Nacken erreicht, war auch schon die Kerze unter ihrem Hauch erloschen. Es war gut, daß sie mit so viel Geistesgegenwart die schützendste Hülle, die Dunkelheit, um sich gebreitet, denn so entging ihm ihre Verlegenheit, ihre Verwirrung, ihre brennende Scham, als er jetzt höhnisch fortzufahren begann:

»Warum verbergen Sie sich? Es handelt sich ja nur um eine Nuance der Mode.«

»Oh, wer daran denken kann, wenn es sich um Leben und Tod handelt!«

Der bebende, erstickte Ausruf unterbrach ihn, kam aber selbst zu keinem Schluß. War's ein Vorwurf – oder eine Entschuldigung? Eine Entschuldigung von ihr?

In dem matten Schein der fernen, halberloschenen Lampe war die weiße Gestalt wirklich einem Schatten gleich fortgehuscht.

Werner fuhr sich über die Stirne, wie wenn er aus einem Fieberdelirium erwachte. War nicht von einem Sterbenden die Rede gewesen? War nicht eine Aufforderung an ihn ergangen, die er, versunken in den faszinierenden Anblick, vollkommen überhörte? Sein Ohr aber hatte doch die Laute behalten. Jetzt kam auch schon das Stubenmädchen um die Ecke des Korridors, und das Schlürfen des Kellners, der den Nachtdienst hatte, ließ sich die Treppe herauf vernehmen.

Nun eilte auch Werner nach der ihm wohlbekannten Türe, die er nur angelehnt fand.

Eine Leiche schien da auf dem zerwühlten Bette zu liegen, und über dieselbe hingeworfen weinte und jammerte ein verzweifeltes Weib.

»Odo – Odo! Komm' doch zu dir – tu die Augen auf! Nicke doch! Allmächtiger Gott, wenn man nur wüßte, was man tun soll! Kein Mensch! – Ah, Gero!«

Aber trostlos ließ die erregt Aufgesprungene sich bei Werners Anblick wieder auf die Knie sinken, rang die Hände, starrte dem regungslosen Gatten in das leichenfahle Angesicht und fuhr in ihren abgerissenen Ausrufen – wimmernd – schluchzend – aufkreischend fort:

»Odo! So wach doch auf! Hörst du, hörst! Ach, wenn doch nur Gero hier wäre! Warum mußte er denn gerade jetzt – er hätte auch mit zurückkommen können! Glauben Sie, daß er ohnmächtig ist? Wird er bald zu sich kommen? Nicht wahr, er ist nicht tot? Nein, nein, nein, nein, nein! Gott – allmächtiger Gott! Du kannst nicht so Schreckliches zulassen! Wenn du ihn sterben läßt, bist du machtlos – wie soll ich an dich glauben?! Wirke ein Wunder – o Herr! – und laß mir ihn! Er ist plötzlich so weiß geworden, so still – ein Aufstöhnen und dann kein Atemzug mehr. – Ich habe schon Wasser über ihn geschüttet – und wo ist Lydia? Warum läßt sie mich allein? – Ich fürchte mich so. – Odo, Odo!«

Sie hatte sich wieder über ihn gebeugt und lauschte mit verhaltenem Atem, bis die Scheu wieder in leidenschaftlichen Schmerz umschlug. Nun wurde es lebendig im Zimmer. Die Herbeieilenden gaben ihre Ratschläge, versuchten ihre Mittel. Werner, tief erschüttert, hatte sich selbst erboten, den Arzt zu holen.

Als er mit demselben zurückkam, da hatte Baron Sarnberg schon wieder einige Lebenszeichen gegeben, aber die Ohnmacht wich nur langsam, der Mund blieb verzogen, das linke Auge geschlossen. Der Arzt schüttelte den Kopf.

Diesmal handelte es sich nicht um eine vorübergehende Schwäche, der Kranke hatte einen Schlaganfall erlitten, und momentan war es noch unmöglich, den weiteren Verlauf vorherzusagen.

Die Baronin, die wie von Sinnen gewesen, hatte sich schon etwas beruhigt, aber sie weinte noch krampfhaft in den Armen ihrer Schwester, die in ihrem rasch übergeworfenen dunkeln Kleide ungewöhnlich bleich, aber gefaßt erschien und, Jenny ihrer Freundin überantwortend, dem Doktor sofort mit Geschick und Verständnis bereitwillig an die Hand ging.

Als Werner auf sein Zimmer zurückkehrte, sah der grauende Tag zum Fenster herein. Im Hause war es wieder still geworden, nicht so in seiner Brust. Dort hämmerte unruhig ein Vorwurf, und unzufrieden mit sich selbst, riß er das Fenster auf, um in der frischen, von den Bergen her streichenden Morgenluft die heiße Stirn zu kühlen.

10

»Warum schließest du die Türe, Gero?« fragte Lydia ihren Vetter. »Ich höre dann nicht, wenn Odo etwas verlangt.«

»Er schläft. Für alle Fälle ist ja die Wärterin bei ihm,« lautete die Antwort. »Ich aber habe mit dir zu sprechen.«

Es war ein paar Tage nach der nächtlichen Störung. Der Schlaganfall war ohne die gefürchteten äußersten Folgen geblieben, nur die Lähmung wollte nicht ganz weichen. In der Krankenstube herrschte schwüle Dämmerung, durch die herabgelassenen Vorhänge erzeugt, welche die blendende Nachmittagsonne möglichst ausschließen sollten. Die Wärterin selbst konnte sich der einschläfernden Wirkung dieses Halbdunkels nicht ganz entziehen. Lydia hatte sich darum auch in das anstoßende Gemach zurückgezogen, das, zwischen den beiden Schlafzimmern liegend, als Wohnraum benutzt wurde, und hier am offenen Fenster las sie, bis sie durch das Erscheinen Geros gestört wurde.

Er hatte seinen Ausflug nach dem Säntis und einigen andern Höhen programmäßig beendigt und war tags zuvor endlich, zur großen Erleichterung der sich nach seinem Beistande sehnenden jungen Frau, wieder in Heiden angelangt, wo er den Bericht über das Vorgefallene mit sehr nachdenklicher Miene aufnahm. Zunächst schien natürlich die projektierte Fahrt zum Schützenfeste in St. Gallen gestört, aber auch in bezug auf andre Pläne war nun ein unliebsames Hindernis eingetreten, und das mußte überlegt und ins reine gebracht werden.

Nach vierundzwanzig Stunden war auch sein Entschluß gefaßt, und jetzt gerade ergab sich eine günstige Gelegenheit, sich darüber mit Lydia auseinanderzusetzen. Er trat zu ihr ans Fenster, ließ sich mit dem Rücken gegen dasselbe halb auf das Parapett nieder und begann eine Zigarette zu wickeln.

Darin aber wurde er durch seine Cousine gestört. Der Rauch könnte den Kranken belästigen, erinnerte sie ihn, und er fügte sich gutmütig dem Verbot. Mit irgend etwas aber mußte er seine Hände beschäftigen, so nahm er denn das Buch vom Fensterbrette, in welchem sie eben gelesen, und blätterte darin.

»Ha, Geschichte der Zivilisation – Buckle. Famoses Werk! Habe schon davon gehört, aber noch keine Zeit gehabt zum Lesen. Echt englisch! Stimme ihm ganz bei, was er von der Nahrung und ihrem Einfluß sagt. Vollkommen recht hat er, sehr viel kommt auf die Fütterung an, sehr viel. Das wäre etwas für den verrückten Professor mit seinem Apfelmus und Grünklee, da soll er lernen! Ich habe es immer gesagt: bei den Engländern muß man in die Schule gehen; das sind Praktiker und da deckt sich die Theorie mit der Erfahrung. Ein bißchen einseitig aber ist Buckle doch. Viel kommt auf die Fütterung an, aber nicht alles, nein, nicht alles – ohne Train geht es nicht, die Muskeln, die Nerven müssen geübt werden. Und Methode gehört dazu, Diät und Train. Werner Rodek – das ist also vom Baumeister? Merkwürdig! Liest der Englisch? Scheint ein anständiger Kerl zu sein, So, so, Buckle. Das flößt mir Vertrauen in sein architektonisches Talent ein. Was meinst du, wenn wir ihm den Umbau des rechten Flügels in Malowitz übertrügen?«

»Da wirst du beizeiten anfragen müssen, denn er scheint sehr gesucht zu sein,« sagte Lydia, indem sie ihm ruhig das Buch aus den Fingern nahm. »Und es ist sehr zweifelhaft, ob er auf deine Ideen eingeht.«

»Meinst du? Aber es sind ja die deinigen. Du sollst volle Freiheit dabei haben, und wenn du sie ihm auseinandersetzest –«

Eine leichte Röte, die rasch zu ihrer Stirn emporstieg, verschwand wieder ebenso schnell. Zur Seite blickend, meinte sie in seltsam herbem Tone: »Ich glaube nicht, daß ihn gerade das williger machen würde.«

»Pah, wenn er ein gutes Honorar zu erwarten hat.«

»Nicht alles, mein Freund, ist mit Geld zu erkaufen.«

»Aber bei dieser Gattung von Leuten. Denen gilt ja doch das Geschäft alles.«

Diesmal färbte eine dauerndere Röte ihr Antlitz, und mit einem Blick des Unmuts verwies sie dem Zweifler seine geringschätzige Ansicht.

»Dir scheint der Reichtum eine Garantie gegen unedle Gesinnung, ich aber meine, daß weder Besitz noch Rang dagegen sichert. Den Gentleman macht nicht der Stand, sondern die vornehme Denkungsweise, und dieser kann man, wie dem Talente, öfter vielleicht als im Staatsfracke, der nur zu oft die banale Mittelmäßigkeit deckt, in der Arbeitsbluse begegnen.«

Überrascht von der Lebhaftigkeit, mit der sie gegen ihn eintrat, sah er sie verwundert an.

»Gewiß, gewiß!« gab er gutmütig zu, und entschuldigend fügte er bei: »Aber ich glaubte, du könnest ihn nicht ausstehen? Du hast also dein Urteil geändert. Freilich, wenn er Buckle liest und englisch obendrein. – Wo hast du denn mit einemmal die revolutionären Anschauungen her?«

»Aus diesem Buche,« versetzte sie ausweichend und lächelte ein wenig schalkhaft dazu, indem sie sich an seiner Verblüffung weidete.

»Aber man sagte mir doch –«

»Laß es sein, guter Gero,« unterbrach sie mitleidig sein Stammeln. »Mit der Jagd nach Büchern und deren Inhalt hast du dich nie viel beschäftigt, das ist ein Sport, den du andern überläßt.«

»In der Tat – man kann nicht alles treiben,« suchte er sich ebenfalls lächelnd zu rechtfertigen. »Ich befasse mich mit dem Realen. Wenn man den ganzen Tag tätig war, sich geregt hat, da ist man abends müde – da will man ausruhen, die Muskeln müssen ihren Ersatz haben, den möcht' ich sehen, der da noch ans Lesen denken kann.«

»Es scheint doch solche Männer zu geben.«

»Na, mir recht – ich gönne es ihnen. Aber was ich sagen wollte –« Er machte hier eine Verlegenheitspause. Während derselben zog er abwechselnd einen Stift aus den Ösen des kleinen silberbeschlagenen Notizbuches, das er aus der Tasche geholt, und steckte ihn wieder zurück. »Glaubst du, daß Odos Rückfall ernst ist?«

»So ernst, daß ich nicht begreife, weshalb Jenny es wieder hinausgeschoben hat, den Medizinalrat hierherzuberufen, wie sie doch anfangs selbst willens war. Ich möchte ihr von Herzen wünschen, daß ihre zuversichtlichen Hoffnungen nicht unberechtigt seien, immerhin aber wäre es gut, wenn Doktor Brunner ihn sähe. Er hat Odo von Anfang an behandelt, kennt dessen Natur – und seine früheren Ratschläge waren so erfolgreich –«

Sie stockte und Gero schüttelte teilnehmend den Kopf.

»Der arme Teufel! Nun, wo er schon so gut wie gesund war und wir alle auf die Heimkehr im Herbste zählten! Ein recht fataler Fall! Es stört mir auch mein ganzes Programm. Ich hatte mir vorgenommen, heuer noch die Ostschweiz zu absolvieren. Da habe ich für die nächsten Wochen noch eine ganze Reihe angesetzt. Den Stulsergrat, das Tinzenhorn, den Piz Albula, den Piz Ott und Languard, überhaupt die Berninagruppe, dann Piz d'Err, Piz Griatschouls, Piz –«

»Und so weiter,« fiel Lydia lachend ein und schnitt die aus dem Notizbuch vorgenommene Vorlesung damit ab. »Laß dich nicht stören, sie alle gewissenhaft abzutun.«

»Ich hatte aber ein wenig auf deine Gesellschaft gerechnet; im vergangenen Jahre –«

»Diesmal wirst du dein Pensum allein fertigbringen müssen.«

»Ja aber – da wird die Zeit ganz knapp reichen – dann kommen die Herbstrennen –«

»Bei denen du ebenfalls nicht fehlen darfst, versteht sich.«

»Aber – wenn sich nun Odos Krankheit in die Länge zieht – am Ende soll er für den Winter abermals nach dem Süden und nächsten Sommer – dann wird es schwer werden –«

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Nun, Chamouni, die Montblancgruppe, Matterhorn und Berner Oberland hab' ich schon durchgemacht.«

»Das soll dir auch zum zweitenmal erlassen bleiben.«

Die immer mehr zunehmende Verlegenheit, aus der ihm selbst die kleine Feile nicht zu helfen vermochte, mit welcher er sorgsam seine Nägel kürzte und glättete, war nun mit einem Male gehoben. Freudig aufblickend rief er:

»Du willst also? Oh, das ist recht! Ich telegraphiere sogleich, lasse alles in Ordnung bringen, und so kann die Trauung unmittelbar nach den Rennen stattfinden – wenn es dir recht wäre, so –«

»Nein, Gero, es ist mir nicht recht,« unterbrach sie ihn ernst.

»Du sagtest doch –«

»Davon, soviel ich weiß, kein Wort.«

»Aber nun kommt ihr den ganzen Winter nicht heim und ich soll wieder warten.« Die Aussicht bereitete ihm merkbaren Verdruß, denn er schob die kleine Feile mit Heftigkeit in die Westentasche.

»Nein, das sollst du auch nicht,« entgegnete Lydia ruhig, aber fest. »Es verlangt das kein Mensch von dir.«

»Es ist ungerecht, nachdem ich schon so lange gewartet –«

»Ein triftiger Grund, diesem unbequemen Zustand ein Ziel zu setzen – nur nicht durch unsre Heirat.«

»Sie ist ja doch abgemacht, ob also früher oder später –«

»Du erlaubst mir einzuwerfen, daß eine solche Abmachung zwischen uns beiden nie stattgefunden hat.«

»Du weißt aber, daß dein Vater –«

»Ja, das weiß ich allerdings. Mein Vater jedoch konnte nur einen Wunsch äußern, nicht aber das Wort für mich geben. Es ist wahr, du hast mir wiederholt Andeutungen gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte, aber du wirst mir auch zugeben, daß meine Erwiderung immer deutlich genug die Bitte ausdrückte, du mögest mich nicht drängen, sondern alles der Zukunft anheimstellen.«

»Ja, warten, warten, warten! Auf diese Art könnte es bis ans Weltende gehen, und endlich muß ich mich vor allen meinen Nachbarn und Bekannten schämen, daß ich mich so lange an der Nase herumführen lasse. Nein, mir bricht die Geduld, und ich sage dir, ich mag nicht weiter vertröstet werden.«

»Da tust du ganz recht. Es liegt aber auch gar nicht in meiner Absicht, dich auf später zu verweisen. Im Gegenteil, du bist vollkommen frei – dich bindet gar nichts.«

Der Sportsmann war über diese kühle Erklärung nicht wenig erschrocken. Alle Ungeduld, aller Ärger waren verflogen.

»Du meinst doch nicht im Ernst, daß wir – daß wir – daß wir gar nicht heiraten sollen?«

»Das ist genau das, was ich sagen wollte.«

»Aber Lydia – ich begreife dich nicht – was ist denn geschehen? Alles ließ sich so schön an – wir stimmten so gut zueinander. Hast du etwas gegen mich? Sei aufrichtig!«

»Ich kann deine Frau nicht werden. Mehr kann ich dir nicht sagen. Ich werde gar nicht heiraten.«

Ihr Blick wich dem seinen aus und suchte den Boden. Kopfschüttelnd schlang er die Finger ineinander. Die Weigerung fand ihn ratlos.

»Du solltest den Mitgenuß der Güter haben – unsre Kinder – es ist ja das einzige vernünftige Arrangement. Du kannst doch nicht immer bei Sarnbergs leben? Siehst du, ich habe mir alles so schön ausgedacht. Malowitz sollst du ganz nach deinem Geschmack umbauen, wenigstens den einen Flügel. An den Ställen, an der Jagd teilen wir ja die Freude, da werden wir uns schon verstehen – die Rennpferde freilich – aber auch da magst du disponieren, wenn du Lust hast – ich will dir gar keine Schranken setzen. Wenn du nicht in Malowitz wohnen magst, können wir ja auch in die Stadt ziehen. Graf Lehnburg möchte sein Haus im Berliner Tiergartenviertel verkaufen, wie ich höre, da könnte ich ja einmal hinhorchen. Auf mich brauchst du gar keine Rücksicht zu nehmen; wenn du dich in Berlin unterhältst, bleibe dort, solange es dich freut, während ich auf den Gütern allenfalls nachsehe. Willst du reisen – im Sommer an die See oder in die Schweiz – du weißt, ich bin kein unbequemer Mensch, gehe meinem Sport nach und gönne jedem seine Freiheit. Sage mir, warum wir nicht Mann und Frau werden sollen? Wir würden prächtig miteinander auskommen – es würde uns gar nichts fehlen.«

»Als die Liebe,« ergänzte sie leise, aber sein feines Ohr hatte es doch vernommen.

»Liebe!« wiederholte er, sich unruhig am Fensterbrette hin und her schiebend. »Zu Extravaganzen habe ich freilich keine Anlage. Ich kann nicht, wie der blonde Rießheim, Gedichte machen, und werde dir auch nicht, wie Chevalier de Jéroncourt in Vevey, drohen, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen, wenn du mir nicht Gehör schenkst – nein, aber das kann ich dir sagen, daß ich alles – wenn du meine Frau wirst – daß ich alles tun werde, um dir das Leben angenehm zu machen – ja, das werde ich, bei Gott!«

Der stramme Muskelmann war ganz weich geworden, und auch Lydia blieb nicht ungerührt.

»Du bist ein guter Mensch, Gero,« sagte sie herzlich, indem sie ihm die Hand reichte. »Aber es kann doch nichts daraus werden. Ich hoffe, daß du einmal noch recht glücklich werden und es mir dann Dank wissen wirst.«

Vergeblich suchte er sie zu überreden, sie beharrte bei ihrer Antwort, und endlich mußte er sich entschließen, zu gehen.

»Ich kann nicht hierbleiben, wenn wir so zueinander stehen,« sagte er noch im Scheiden. »Aber vielleicht bedenkst du dich anders. Ich wollte vom Engadin aus über Tirol geradeswegs nach Hause, aber am Ende – ich könnte ja auch durchs Prätigau und die Silvrettagruppe bei der Gelegenheit mitnehmen – den Piz Albuin – da komme ich dann wieder hier vorüber – überleg es. Vielleicht geht's doch!«

Lydia sah ihm nicht ohne eine gewisse Bewegung nach. Zu lange war sie mit dem Gedanken an eine gemeinsame Zukunft – wenn auch hin und wieder mit demselben hadernd – vertraut gewesen, als daß sie sich leicht von ihm getrennt hätte. Ohne ihren Entschluß darum zu bereuen, fand sie in ihm, neben der Befriedigung ihres stolzen Willens, doch eigentlich nicht die Wohltat der Befreiung, ja, ihr Gefühl war sogar geneigt, sich in Bitterkeit gegen die Ursache dieser Wendung zu kehren, obgleich sie die Notwendigkeit derselben klar erkannte.

War auch der Zwang nur ein innerer, er führte auf die Beweggründe und von diesen auf den Urheber zurück. Nicht ihm wurde das Opfer gebracht, sondern der eignen Überzeugung, aber ohne sein Dazwischentreten wäre die Erkenntnis vielleicht nie erwacht – »oder auch zu spät,« fügte eine flüsternde Stimme in leiser Mahnung hinzu, und wieder kamen ihr die Worte des Gesprächs in den Sinn, das zwischen ihr und Olga geführt worden war, als dieselbe – noch war es keine Stunde her – ihre Absicht, Heiden wieder zu verlassen, kundgegeben und dabei mit naiver Aufrichtigkeit, die fast ans Zynische streifte, den Mangel an amüsanten jungen Männern als Grund angab.

»Es ist niemand da, der des Kokettierens wert wäre,« sagte sie achselzuckend, »als etwa Rodek. Er ist geistreich – und hübsch. Aber er ist zu herrisch, zu rücksichtslos, als daß er mir gefallen könnte.«

»Und möchtest du einen Schwächling zum Manne?« war die Gegenrede.

»Natürlich, den beherrscht man.«

»Indem man ihn verachtet.« Warum war ihr das Blut dabei so heiß ins Antlitz geschossen? Warum hatte Olga gelacht?

Es blieb Lydia nicht lang Zeit, ihren Empfindungen nachzuhängen. Die Schwester kam – sie abzulösen, wie sie sagte. Sie brachte frische Farben und ein glänzendes Auge von ihrem Ausgange zurück, fragte nach dem Kranken und ließ sich nicht abhalten, ein wenig durch die Türspalte zu lauschen.

»Findest du nicht, daß Odo recht gut aussieht?« sagte sie. »Er erholt sich doch wieder recht rasch. Wie ungelegen, daß er gerade jetzt diesen Anfall hatte! Nun können wir morgen nicht zum Schützenfeste. Aber wenn er sich zusammennimmt, könnte er doch vielleicht in einem Fahrstuhle mitkommen.«

Sie dachte nur noch an das Nächstgelegene, seitdem sie mit dem ganzen Optimismus ihrer Natur wieder an die Besserung glaubte, und war wirklich erstaunt und gekränkt, als ihr die Schwester den Vorwurf des Egoismus machte.

»Ich egoistisch? Und ich denke doch nur an ihn! Man muß ihn aus dem Krankenzimmer bringen, die frische Luft, die Zerstreuung werden ihm gut tun. Er war immer ein Freund von derlei Volksbelustigungen. Du wirst sehen, wie er sich für die Schießresultate interessiert. Es ist schade, wir hätten daran denken sollen, Doktor Gräfe zu konsultieren. Er soll ja heute wieder eine brillante Operation ausgeführt haben. Olga kann nicht genug erzählen von dieser Ruhe, dieser Sicherheit –«

»Aber sein spezielles Fach sind ja eben Augenkrankheiten.«

»Was tut das?« rief Jenny lachend. »Man kann jemand doch auch aus den Augen absehen, wie es mit ihm steht – wir Frauen wenigstens.«

Auf eine so leichtfertige Beseitigung des Einwurfs gab es keine Antwort, aber in Lydias Miene zeichnete sich deutlich ein Zug von momentaner Abneigung, als sie sich fortwendete.

Sie setzte nur noch in ihrem Zimmer den Hut auf und trat dann auf den Korridor hinaus. Als sie an Werners Türe vorüberkam, da zögerte ihr Fuß ein wenig, doch meinte sie Geräusch zu hören und suchte nun rasch vorüberzueilen, während ihr unwillkürlich gesenktes Antlitz in dunkle Glut getaucht schien. Fort, nur recht bald fort aus diesem Hause, von diesem Orte! Nur nicht immer und immer wieder diese Stelle passieren, an der es ihr jedesmal sein würde, als müsse sie in die Erde versinken. Wenn er jetzt heraustrat und sie ansah – mit denselben Augen ansah – fort, fort!

Die Minute war aber dem Ausweichen nicht günstig. Ehe sie noch vollends vorbei war, tat sich die Tür auf und Werner erschien ebenfalls zum Ausgange bereit. Jetzt weitereilen hätte ausgesehen wie eine Flucht – nein, dazu hatte sie keine Veranlassung.

Auch Werner war betroffen stehengeblieben und zog den Hut zu achtungsvollem, stummem Gruß. Er wagte es nicht, sie anzusprechen, ja, er hatte in den letzten Tagen jede Begegnung sogar absichtlich vermieden; mehr als einmal hatte er sich seit jenem Zusammentreffen in der Nacht Vorwürfe über sein Benehmen gemacht.

»Ein Trunkener warst du,« sagte er sich rücksichtslos, »der sich in seinen eignen Halluzinationen berauschte und ein zu Tode erschrecktes und geängstigtes Mädchen, das bei dir, alles vergessend, Hilfe suchte, aufs tiefste beleidigte. Unwürdig hast du dich gezeigt des Vertrauens, das sich gerade an dich wandte in der Not. Ungerecht ist dein Haß, töricht deine Sittenstrenge, und was du tatst, war eine Roheit.«

Das wirkte nun auch in seinem Verhalten gegen sie nach. Fast schüchtern stand er ihr gegenüber, als sie sich gewaltsam fassend zu ihm wendete und mit jener selbstüberwindungsvollen, freundlichen Ruhe, wie sie nur den Frauen zu Gebote steht, als wenn nie etwas vorgefallen wäre zwischen ihnen, die Frage nach dem Befinden seiner Mutter stellte.

»Hat sie sich schon erholt? Es muß doch auch das Gemüt tief angreifen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich freute, als ich von dem glücklichen Verlauf der Operation hörte.«

Es ging ihr vom Herzen, Werner fühlte das, und er hätte ihr dankbar die Hand drücken mögen, wenn ihn sein schlimmes Gewissen nicht daran verhindert hätte. Er selbst sah, obgleich körperlich ein wenig abgespannt, doch freudig gehoben aus und erzählte jetzt, während er an Lydias Seite den Korridor entlang und die Treppe hinabschritt, von der vor einigen Stunden erst stattgehabten Operation, welche nach der Hoffnung des Arztes wenigstens das Licht des einen Auges ungetrübt erhalten sollte. Der Schnitt war gelungen, der beste Erfolg zu gewärtigen, nur die bei solchen entscheidenden Vorgängen natürliche Aufregung mußte sich noch legen und die Kranke in Geduld einige Tage in wohltätigem Dunkel verbringen.

Werner war erst von ihrem Lager gewichen, als sie endlich in einem leichten Schlummer Ruhe gefunden. Auch er bedurfte wie Lydia des Aufatmens in freier Luft und stand gleich ihr im Begriffe, sich ein wenig Bewegung zu machen. Es ergab sich daher beinahe von selbst, daß sie beisammen blieben, auch nachdem sie das Haus verlassen hatten. Langsam gingen sie die schräg am Abhange sachte hinanführende Allee entlang.

Das Gespräch hatte sich dem andern Patienten zugewendet, und Werner drückte die Zuversicht aus, auch Herr von Sarnberg werde sich nun rasch wieder erholen.

»Glauben Sie daran?« unterbrach sie ihn ernst. »Sie sowenig wie ich.«

»Die arme Frau, es wäre fürchterlich für sie,« sagte er teilnehmend und gab damit zu, daß Lydia seine Gedanken richtig erraten hatte.

»Auch das ist nicht Ihre wirkliche Überzeugung. Ihren Mann langsam an ihrer Seite hinsterben zu sehen, jahrelang an ein hinfälliges Wesen gefesselt zu sein, sich in jeder Bewegung gehemmt zu fühlen, das wäre fürchterlich für sie. – Nicht mitzukönnen, wo dies jugendfrische, lebenslustige Naturell sich hingerissen fühlt, und dagegen seinerseits nur ab und zu den knapp zugemessenen Moment mit unstillbarem Durste wiederkehren zu sehen, wo der flüchtige Schmetterling, von einer Laune, einem kleinen Gewissensbiß getrieben, auch einmal an den Krankenstuhl herangeflattert kommt, um alsbald wieder unaufhaltbar zu entwischen, und dies mit den Qualen einer ohnmächtigen Eifersucht erdulden, das wäre fürchterlich für ihn. Die Natur wird mit beiden Erbarmen haben.«

Immer wieder fühlte sich Werner von diesem kalt verständigen, herben Urteile peinlich überrascht. Vielleicht nur, weil das Zutreffende unverhüllter kam als sonst aus mildem Frauenmunde.

»Ist es möglich, daß Ihnen weibliche Hingebung so ganz undenkbar erscheint? Wer die wilde Verzweiflung Ihrer Schwester sah, mußte doch aufs tiefste den unheilbaren Schmerz mitempfinden, den ihr ein solcher Verlust bereiten würde. Es ist fast unbegreiflich, wie zwei Schwestern so grundverschieden sein können!«

»Und doch ist es so.« Lydia empfand den Vorwurf, wenn er auch bei weitem nicht so schroff als bei früheren Gelegenheiten ausgesprochen wurde, und ihre stolze Ruhe litt einigermaßen unter der wieder aufsteigenden Bitterkeit, die auch ihre Rede färbte. »Und eben weil wir verschieden organisiert sind, zum Teil auch durch unsre Erziehung uns verschieden entwickelt haben, hege ich die angegebenen Bedenken. Jenny war immer in weiblichen Händen – die sanftmütige Mutter und ihre liebe, seelengute Sophie, und selbst das Institut zuletzt haben ihr einnehmendes Wesen nicht strenge eingeengt. Sie ist weich geblieben, gutmütig und heiter. Dabei sanguinisch und dem Einflusse des Moments unterworfen, scheint sie wie zum Glücke geschaffen. Sie könnte aber auch sehr unglücklich werden. Meinen Sie, daß solche zärtliche, ungeduldige, sonnenscheinbedürftige Frauen gute – Krankenwärterinnen abgeben? Ich will nicht sagen, daß sie ihren Mann getötet hat, aber – sie würde ihn töten und ihm die Seele aussaugen.«

»Sie sind hart.«

»Nein, denn ich wünsche ja ihr Glück. Und sie wird es finden. Nach heftigem Schmerze, aber doch bald – rascher, als wir dies heute vielleicht voraussehen.«

»Wie können Sie dies mit solcher Sicherheit prophezeien? Sie verfügen über ein Vermächtnis zu Lebzeiten des Erblassers.«

»Und geschieht das so selten in der Welt?« entgegnete sie mit traurigem Lächeln. »Wer weiß, ob es Jennys eignes Herz nicht schon unbewußt getan. Wo sie in der Not eine Stütze sucht, das ist ein Zeichen. Sie und Gero sind auch wie füreinander geschaffen.«

Bei Geros Namen zuckte Werner auf. Lebhaft erinnerte er sich der schmerzlichen Rufe nach dem Abwesenden, welche die junge Frau in ihrem ratlosen Leid ausgestoßen, zugleich aber fühlte er auch ein heftiges Zurückströmen des Blutes nach seinem Herzen.

»Ihr Vetter Gero? Herr von Wingerode?« fragte er, und vor Erstaunen stockte seine Stimme. »War nicht das Majorat – für Sie – –«

»Es wird Jenny notwendiger sein als mir. Ich habe darauf verzichtet.« Sie suchte das leichthin zu sprechen, konnte aber dabei ein leises Erröten nicht unterdrücken. Um es zu verbergen, ging sie mit erzwungener Unbefangenheit auf einen andern Gegenstand über. »Sie haben da neulich ein Buch in Odos Zimmer liegen lassen. Verzeihen Sie, daß ich es Ihnen nicht sogleich zurückstellen ließ. Aber es interessierte mich, und ich habe hier und da etwas daraus gelesen.«

»Es interessierte Sie also,« wiederholte Werner, ohne eigentlich zu wissen, was er sagte, denn noch war er innerlich ganz und gar mit der vorhergegangenen Mitteilung beschäftigt. Er hatte das Buch völlig geistesabwesend an sich genommen und seine eisigkalt gewordenen Finger blätterten darin, bis sein Auge an einer Stelle, wo ein Zeichen eingelegt war, zufällig auf eine Randglosse traf. Er begann unwillkürlich zu lesen, während Lydia noch ihre Meinung dahin aussprach, daß der Verfasser alles in sein System einzupassen suche und dadurch manchem Gewalt antue oder wohl gar in Irrtümer verfalle.

»Hier zum Beispiel scheint Ihnen ein solcher vorzuwalten – denn dies Fragezeichen stammt nicht von meiner Hand,« sagte er noch immer ein wenig zerstreut, doch schon aufmerksamer geworden. »Was bedeutet es bei dem Satze: ›Die Halle der Wissenschaft ist der Tempel der Demokratie‹?«

»Meinen Zweifel eben. Denn meiner Ansicht nach ist sie im Gegenteil der Tempel der Aristokratie – des Geistes nämlich. Sie sehen, ich lasse mir in Dingen der Überzeugung selbst von Buckle nicht imponieren. Ich bleibe einmal eine Gegnerin der Egalitätstheorie.«

»Und kehren, wie ich merke, seine eignen Waffen gegen ihren Widersacher,« nahm er ihren lächelnd, aber bestimmt gegebenen Ausspruch ebenfalls in heiterem Ton auf, und wundersam berührt durch die Wahrnehmung, daß auch hier wieder – mit einer stillschweigenden Substituierung des Autors – der Kampf vor allem gegen ihn geführt werde, las er sofort geläufig und mit der besten englischen Aussprache, die des Sportsmanns Hochachtung sicherlich noch erhöht hätte, die weiterfolgende Stelle: »›Wer zu lernen wünscht, bekennt seine Unwissenheit, legt seine Überlegenheit einigermaßen ab und fängt an zu begreifen, daß die Größe der Menschen nichts mit dem Glanze ihrer Titel und mit der Würde ihrer Geburt zu tun habe, daß sie nicht von ihren Wappen, ihren Schildern, ihren Ahnen, rechten oder linken Helmbüschen, ihren Sparren, ihren Verschlingungen, ihren blauen und goldenen Feldern und dem andern Plunder der Heraldik abhänge, sondern von der Größe des Geistes, von der Stärke der Einsicht und von der Fülle der Kenntnisse.‹ – Was Ihre Bleifeder zu dem triumphierenden Beisatze verlockte: Also doch keine Gleichheit! q. e. d.«

»Und ist das eine Unrichtigkeit?«

»Nein. Nur erstreckt sich dies stolze Quod erat demonstrandum auf unsre damalige Diskussion und den von Ihnen verfochtenen Standpunkt nicht. Denn Unterschiede habe ich nie geleugnet, sondern einzig und allein unbegründete Vorrechte bekämpft.«

»Es fragt sich, ob nicht doch eine Begründung nachzuweisen wäre.«

»Auch mit der Spitzfindigkeit des Juristen schwerlich,« entgegnete Werner, über die Hartnäckigkeit lächelnd. »Schade, daß Sie nicht Advokat werden können!«

»Daran bin ich nicht schuld.«

»Sondern der schnöde Brotneid der Männer, ich weiß. Aber wollen Sie Ihren Scharfsinn nicht weiter an Buckle üben? Das Buch ist gut, trotz mancher gewagten Behauptung und nicht recht klappenden Beweisführung. Es trägt eben nur irrtümlich den Titel einer Geschichte der Zivilisation, denn es ist eigentlich eine Philosophie der Geschichte oder vielmehr der Versuch einer Physiologie der Menschheit.«

Sie lehnte dankend ab.

»Ich würde in nächster Zeit kaum die Zeit dazu finden,« setzte sie erklärend hinzu, »da ich jede Minute zu Rat halten muß, wenn ich mein Ziel nicht selbst hinausschieben will. Diese Lektüre würde mich nur von der nötigen Vorbereitung zur Prüfung abziehen.«

»Zur Prüfung?« fragte Werner mit ein wenig spöttischer Verwunderung.

»Ich muß mich doch einer unterwerfen, wenn ich zur Universität zugelassen werden will.«

»Sie wollen Student werden?« rief er verblüfft aus. Aber es bedurfte nicht erst ihrer Bestätigung, um seinen Unglauben zu beseitigen. An ihrem ernsten Blick, an ihrer ruhigen Festigkeit ließ sich erkennen, daß hier kein Scherz, auch keine Laune, sondern ein unerschütterlicher Vorsatz das Wort führe. Er war stehengeblieben, und da dies an einer der in jener Allee verteilten Bänke geschah, so setzte sich Lydia. Es lag etwas in dieser Bewegung, worin sich gewissermaßen der Wunsch aussprach, über den berührten Punkt nicht weiter zu verhandeln. Werner jedoch nahm den Anlaß, sich zu verabschieden, nicht wahr. Der heitere, scherzhafte Ton, der eben bei ihm durchzubrechen begonnen, wich plötzlich einem in ihm aufschießenden, durch nichts gerechtfertigten Eifer. »Oh, Sie wollen es eben in allen Dingen dem Manne gleichtun!« rief er, und es klang scharf. »Der Ehrgeiz treibt Sie.«

»Ja, ich besitze Ehrgeiz,« sagte sie gemessen, »und ich werde ihn – einmal in der Bahn – auch zu befriedigen trachten, aber er ist es nicht, der meinen Entschluß bestimmte.«

»Und was sonst?«

Sie zögerte einen Moment, dann aber, als das Hindernis überwunden war, kam auch wieder jene eigentümliche, unbefangene und gewinnende Vertraulichkeit, die Werner das erstemal so sehr befremdet, ja gereizt hatte, die aber heute eine ganz andre Wirkung auf ihn übte.

»Die Notwendigkeit,« beantwortete Lydia seine Frage. »Mein Schwager wird wohl sterben, vielleicht nicht heute, nicht morgen, aber er erholt sich nicht mehr. Dann gehen die Güter an die Erben und meine Schwester bleibt mit einem kleinen Wittum zurück, sie, die nicht gewöhnt ist, sich Einschränkungen aufzuerlegen. Sie wird schließlich wieder heiraten. Ich aber kann ihr nicht immer zur Last fallen – ich mag es nicht. Ich mag nicht mein ganzes Leben wie ein unflügges Ding an meine Beschützerin angeklebt sein, von ihr durch die Salons geschleift werden oder mich in einen Winkel verbannen, um der Welt kein Ärgernis zu geben und mich dort für die Rolle der guten alten Tante vorzubereiten, die doch noch der Begleitung ihrer Nichtchen auf dem Spaziergange bedarf, um übler Nachrede zu entgehen. Ich will in der Welt leben. Nun aber fehlen mir die Mittel, mir einen eignen Hofstaat zu halten wie eine Prinzessin. Ich bin arm. Heißt es da nicht: Arbeite? Haben Sie es mir nicht selbst zugerufen? Wohlan, ich bin bereit. Aber niemand vermag seiner Natur Gewalt anzutun. Gouvernante oder Gesellschafterin kann ich nicht werden, ich besitze nicht die Geduld und Fügsamkeit dazu, auch zum Telegraphieren und Buchhalten tauge ich nicht. Soll ich zur Bühne oder schriftstellern? Warum nicht, wenn ich genügendes Vertrauen in mein Talent hätte? Aber das Ziel, welches ich mir gesteckt, das hoffe ich zu erreichen.«

»Es ist ein ungeheures Opfer, das Sie der Schwesterliebe bringen,« sagte er, den barschen Ton in Erinnerung an die bereute Brutalität mäßigend.

»Ein Opfer?« Sie schüttelte den Kopf und sah von ihm weg und sinnend zur Erde. Es währte eine Weile, ehe sie das Antlitz wieder hob, dann aber sagte sie mit beinahe feindseliger Herbheit: »Ich will geachtet sein!«

Wie ein Blitz traf ihn der Ausspruch, diese Andeutung des Ursprungs einer so vollständigen Umkehr.

»Mein Wort also treibt Sie?« rief er in großer Erregung. »Mein Wort –«

»Nein – meine eigne Erkenntnis. Es soll niemand glauben, mir seine – Mißachtung zeigen zu dürfen.« Ehe er sprechen und sich gegen die wohlverstandene Anklage verteidigen konnte, der durch eine Abbitte zuvorzukommen ihn bisher nur die Furcht, von neuem zu verletzen, abgehalten hatte, fuhr sie gelassener fort: »Ich will mir eine Stellung schaffen, ich will arbeiten, aber – nach meinem Sinn. Das darf ich wohl verlangen, oder ist auch das schon zuviel Selbständigkeit und Unweiblichkeit?«

»Sie haben meinen Einwurf falsch aufgefaßt – nur auf die Schwierigkeiten wollte ich hinweisen.«

»Es haben sie auch andre überwunden. Mein Latein, das ich dem Bruder zulieb lernen mußte, wird mir zustatten kommen. Auch die übrigen Vorprüfungen hoffe ich zu bestehen.«

»Das sind nicht die einzigen Schwierigkeiten. Erst in Zürich werden sie Ihnen entgegentreten.«

»Zürich oder Paris gilt mir gleich. Ich werde dorthin gehen, wo sich mir die günstigeren Chancen bieten, und davon wird auch meine dereinstige Etablierung als Arzt abhängen.«

Das alles war ein vorbedachter und, wie sich zeigte, mit der versierteren Freundin wohl durchgesprochener Plan.

»Und haben Sie denn auch die Kraft für Ihre Aufgabe?« wendete Werner mit ernstem Nachdruck ein. »Ich wünschte, Sie hätten das Beispiel der Selbstüberschätzung mitangesehen. Fräulein Platow wird es Ihnen schwerlich erzählt haben. Sie gab ja so lang nicht Ruhe, bis man ihr erlaubt hatte, der Operation – zwar nicht, wie sie es gewünscht, als Assistent, aber doch als Zuschauer anzuwohnen. Im Anfang war sie gar heldenmütig und großsprecherisch, als aber meine arme Mutter auf dem Tische lag und die Stahlklammer ihr Augenlid spreizte – da war es mit des künftigen Doktors Tapferkeit vorüber. Er kann kein Blut sehen – das Fräulein lehnte bleich an der Wand, hatte eine Ohnmachtsanwandlung und weinte, als ich es hinausgeleitete. Das Herz ist braver als die Nerven.«

»Darum also die so schleunig angesetzte Abreise? Ohne Sorge! Ich kann Blut sehen. Ich weine nicht und werde nicht ohnmächtig.«

Sie erhob sich hastig und schritt den die Allee herabkommenden Damen entgegen. Graf Marchegg, der Miß Edith Boswell am Arme führte, grüßte von weitem mit fröhlichem Zuruf. Werner aber wandte sich nach der entgegengesetzten Seite. Jetzt fühlte er nicht mehr das Verlangen, die er so schwer beleidigt, um Verzeihung zu bitten. Ihre letzten Worte hatten es getilgt. Unmut regte sich wieder in ihm, aber Unmut, gemischt mit einem tiefaufquellenden, nicht mehr zurückzustauenden Gefühl. Weit mächtiger als der Unmut war – die Bewunderung.

11

Auch die Hauptstädte der freien Kantone der Schweiz haben ihre Hof- und Galatage. Einen solchen feierte St. Gallen. Die altberühmte, schmucke und gewerbfleißige, aber ziemlich stille Stadt schien von einem Zauberstabe berührt und hatte ihr schönstes Festgewand angetan, die von allen Seiten herzuströmenden Gäste würdig zu empfangen.

Tannengrün und Blumen, Teppiche und Stoffe in allen Farben und mannigfaltigster Anordnung verzierten Straßen und Häuser. Allüberall flatterten Fähnchen und Flaggen bunt durcheinander, und auf den breiten, unregelmäßigen, sonnbeschienenen Plätzen mit ihren stattlichen Neubauten, den heiteren, villengeschmückten Außenstraßen, wie in den mitunter engen, winkligen Gassen der Altstadt, wo tiefe Schatten hineinfielen und die altertümlichen, kleinen Häuser mit ihren steinernen Erkern, phantastischen Ballonen und steilen Hohlziegeldächern noch schärfer profilierten, waren damit eigentümliche und anziehende Effekte erzielt.

Ein ganzer Wald von jungen Fichten und Kiefern rundete die einspringenden Ecken des großen Hauptplatzes ab, und dichte Menschengruppen zogen von hier langsam, beinahe Schritt für Schritt, an den reichgeschmückten Gebäuden vorüber und durch die farbenreichen, malerischen Gassenprospekte hin, alles besehend, alles bestaunend und ergötzt von mancher Absonderlichkeit. Hier und dort zeigten die Verzierungen den sinnigsten Geschmack oder auch wohl den Prunk des Reichtums; wo aber das Geld nicht reichen wollte, hatte schließlich der Humor aushelfen müssen. Inmitten dünner Efeuranken, die eine ruinenhafte, zum Abbruch bestimmte Mauer nicht zu verstecken vermochten, tröstete der verheißungsvolle Spruch: »Später wird's schöner.«

Der Sprüche gab es überhaupt überall, wohin das Auge blickte, an den Häusern, an den Toren, an den quer über die Straße gezogenen Girlanden, nicht selten mit gelungener epigrammatischer Wendung, zuweilen sogar mit politischer Spitze, von deren Harmlosigkeit sich aber niemand verletzt fühlen konnte. Und vor jeder solchen Inschrift drängten sich festfreudige Leser, das Landvolk namentlich nahm's damit gar ernst und wollte keine unbeachtet lassen. So schob sich das Gedränge nur langsam vorwärts.

Mitten unter den heiter plaudernden Leuten kam dann eine Schar fremder Gäste; auch die Kolonie in Heiden hatte, wie jeder Nachbarort, sein Kontingent gestellt. Musternd und kritisierend durchschritten diese sich meist eng zusammenhaltenden Gruppen die Stadt. Vor allem waren es die festlich geputzten Schweizer selbst, welche die Schaulust erregten, aber auch die mannigfaltigen Darstellungen und symbolischen Ausschmückungen. Die Hauptrolle spielte natürlich in Bild und Wort der Schützenkönig Tell für diese Tage, wo ja alles Schütze sein mußte, der »Berner Mutz« sogar, der vielleicht schon jahrhundertelang als friedlicher Brunnenwächter die durstige rote Zunge herausstreckte und von der spottlustigen Welt gar possierlich mit Käppi, Stutzen und Patrontasche entsprechend zum tapferen Landesverteidiger herausstaffiert worden war.

»Ach wie nett! Findest du nicht auch, Odo? Eine köstliche Idee.«

Der Kranke, über dessen Rollwägelchen sich die junge Frau jeden Augenblick herabbeugte, um ihn auf dies und jenes aufmerksam zu machen, mußte auch hier seine Beistimmung erklären. Wohl wäre er selbst lieber von diesem Ausfluge zurückgeblieben, doch das liebevolle Drängen der Gattin hatte wieder einmal gesiegt. Die Luft, die Bewegung, die Zerstreuung konnten ja nur gut tun. Lydia hatte es aufgegeben, dagegen anzukämpfen, da selbst der Arzt nach einigem Kopfschütteln achselzuckend die Meinung ausgesprochen hatte, versuchen könne man es ja, die Lähmung sei gewichen – wenn der Patient sich schone und man beizeiten an die Heimkehr denke – obwohl man genau achtgeben müsse –

Den Rest der Bedenken übertönte Jennys fröhliches Beifallklatschen. Sie hatte es ja gesagt. und nun durfte sie sich auf die Autorität berufen.

Es war auch deutlich zu merken, wie, seit sie nun die schattig-kühlen Gassen durchzogen, die Abspannung, die sich während der etwas langen Fahrt bei dem Rekonvaleszenten einstellte, gewichen. Das war doch alles so allerliebst, so hübsch, und mußte anregend wirken. Keine Anstrengung! Nein, gewiß keine Anstrengung. Mit der Stadt war man ja fertig, nun nur noch ein Weilchen auf den Festplatz, dann kehrte man, strikt wie verordnet, noch beizeiten heim.

»Doch hier noch eine Minute! Ach Gott, wie reizend das arrangiert ist! Nicht wahr, Odo? – Nein, und dieses zierliche Chörchen an dem alten Hause da! Nur einen einzigen Augenblick! Schade, daß unser Architekt, Herr Rodek, nicht mitgekommen ist, um uns eine kleine Erklärung zu geben. – Nein, nein, nicht Sie, lieber Graf; Sie verstehen ja nichts davon und blamieren sich gräßlich. – Ach, einzig! Sieh doch, Odo!« –

Endlich hatte man aber doch wieder die harrenden Wagen bestiegen, nur einige von den jüngeren Herren wollten den Weg zu Fuß machen und wurden alsbald von der Flut der Dahinwandernden verschlungen. Es war ein Wimmeln und Wogen auf der breiten, meist zwischen freundlichen Landhäusern laufenden schnurgeraden Straße, die, wohl eine halbe Gehstunde lang, beiderseits von bewimpelten Masten umsäumt, mit dem unabsehbaren Menschenzuge und der endlosen Wagenreihe eine überraschende Perspektive bot.

Die junge Frau war entzückt. Das war ein ganz andrer Anblick, als die Straße erst vor einer Stunde geboten. Damals saßen die meisten Leute noch bei Tisch, in den Gasthäusern und Schenken, jetzt strömte alles zum Schießplatze hinaus. Von allen Höhen grüßten Flaggen, über jedem Häuschen an den grünen Lehnen wehten die Schweizer Farben, das weiße Kreuz im roten Felde. Die ganze Welt lachte in heller Festesfreude.

»Und um diesen schönen Tag hast du Gero gebracht!« wandte sich Jenny an ihre Schwester. Sie hatte sich lange an den bunten Bildern, an dem Gewühle frohherziger Menschen und den mitunter wunderlichen Erscheinungen geweidet, aber der Wagen rückte nur allmählich vor. Lydia verhielt sich schweigsam, und auch Baron Sarnberg hatte sich, von Sonnenschein und Staub belästigt, ein wenig müde in die Ecke gelehnt. Da machte sich denn die Lücke recht fühlbar, welche durch des gewohnten Gesellschafters Abreise entstanden. Lydias Einwendung, sie habe ihn ja nicht zu derselben genötigt, war eben nur geeignet, den schwesterlichen Unmut gegen sie zu schüren. »Wer sonst als du? Seine Berge hätten immerhin noch warten können, und er würde sie dir auch ganz geopfert haben, wenn du nur den Wunsch ausgesprochen. Statt dessen hast du ihn aber Knall und Fall vertrieben. Es würde mich gar nicht wundernehmen, wenn er endlich deiner Kapricen und Unstetheiten überdrüssig würde und sich deine Launen nicht weiter gefallen ließe.«

Mit seinem Lächeln nahm die Getadelte den in den letzten Stunden schon mehrfach wiedergekehrten Vorwurf auf, doch lautete ihre Antwort ruhig und ernst:

»Es ist keine Laune, sondern ein klar überlegter, fest gefaßter Entschluß.«

»Aber so sage doch nur, was dich zu solch unbegreiflicher Weigerung bringen konnte? Daß du keine Neigung für ihn fühlst, ist nicht wahr. Wenigstens kann von Abneigung keine Rede sein, du verstehst dich mit ihm, er ist dir sympathisch, das bleibt die Hauptsache. Mehr habe ich auch nicht empfunden, als ich Odo heiratete.«

»Am Ende ist es noch heute so,« ließ sich dieser mit einem leisen Seufzer vernehmen.

»Oh, wie abscheulich! Da sieh den häßlichen Mann! Meine Liebe bezweifeln, als ob ich sie dir nicht jahraus, jahrein, täglich, stündlich, ja jeden Augenblick bewiese. Ich sagte ja nur: als ich heiratete. In der Ehe ist das ganz anders, da lernt man die Liebe erst kennen, da entwickelt sich erst das Gefühl. Wie es mir ergangen, ist es Tausenden ergangen. Und ich möchte wissen, warum man mit Gero nicht glücklich werden sollte? Spanne deine Ansprüche noch so hoch, und am Ende wirst du noch unter all unsern Bekannten in ihm die meisten Vorzüge vereinigt finden. Er ist vom besten alten Adel – ein Wingerode eben – und reich wie ein Fürst. Denn unser Familienbesitz ist noch lange nicht alles. Jeden Einfall könnte seine Frau befriedigen, es könnte niemand beneidenswerter sein. Gero ist vielleicht nicht sehr geistreich, aber um so besser, so wird ihn doch nie der Ehrgeiz erfassen, eine politische Rolle zu spielen, und neben einem geistreichen Mann nimmt die Frau immer nur einen untergeordneten Platz ein; sie muß gewaltige Anstrengungen machen, um nicht dumm auszusehen. Den Geist behalten die Männer ohnedies für die Welt – unter vier Augen merkt man oft gar wenig davon. Dafür ist Gero aber gutherzig, er würde ein sehr aufmerksamer Gatte sein. Und schön ist er auch, blond, aber das steht ihm gut, und welch ein Wuchs! Diese prächtig entwickelte Gestalt – einer von den antiken steinernen Sportsmen in den Galerien, nur daß er keine Marmorstatue ist, sondern wirklich lebt – voll Muskelfülle und Spannkraft, und dabei höchst elegant, immer das Neueste, alles comme il faut, Handschuhe von Paris, Kleider von London und Chaussure von Wien! Ich weiß wahrhaftig nicht, was man an ihm auszusetzen hätte.«

Lydia nickte leise vor sich hin. – Was wohl zu dieser Schilderung derjenige gesagt hätte, der ihr so direkt gemildertes Urteil über dies bewegliche, leichtherzige Wesen hart genannt hatte!

Auch auf Jennys Gatten war diese gründliche Vertiefung in die Eigenschaften eines andern Mannes nicht ohne Eindruck geblieben. Das schmerzliche Lächeln von vorhin zuckte wieder um die matten Lippen.

»Ich wünschte nur, daß du an mir ebensoviel gute Seiten entdecktest, wenn du mein Porträt zu malen hast.«

»O du Undankbarer!« schmollte die bei ihren Lobreden nach und nach in Eifer Geratene ein wenig errötend. »Es ist abscheulich, so empfindlich und eifersüchtig zu sein. Du verdienst gar nicht, daß man dich so sehr liebt. Jetzt bekommst du auch keinen Kuß.«

Im offenen Wagen hätte derselbe allerdings einigermaßen Aufsehen erregt, doch das würde für die lebhafte, erregbare junge Frau am Ende kein Hindernis gewesen sein, aber ihre Aufmerksamkeit war jetzt anderweitig in Anspruch genommen. Die Fahrt hatte ein Ende.

Auf weitem grünem Wiesenplan zwischen bewaldeten Kuppen war außerhalb der Fabrikvorstadt St. Fiden eine zweite Stadt über Nacht aus der Erde gewachsen, um nach einem kurzen Blühen und Gedeihen von einer Woche zu verschwinden. Eine Stadt der Freude und des Genusses. Lust und Leben führten hier die Herrschaft.

Luftig auf einer Anhöhe stand die Festhalle. Der rohe Bretterbau hatte durch geschickte Nachhilfe ganz stattliche architektonische Formen angenommen. Ein leiser Wind schwellte die mächtigen Banner auf den beiden Türmen und die unzähligen Wimpel, die in den Farben aller Länder rings um den Bodensee all den befreundeten Nachbargästen frohen Willkommen boten. Das Bankett war bereits vorüber, aber noch weilten einzelne Gruppen in der Halle an den langen, von rotmützigen Kellnern flink umstreiften Tischen. Da gab's noch Wiedersehen zu feiern, junge Freundschaften zu schließen, und über manche Flasche, die ihrer Erlösung auf dem Eise entgegensah, tönte noch das Echo der während des Mahles gehaltenen Reden, ohne daß sich jemand von der im Mittelgange neugierig hindurchströmenden Menge stören ließ. Heitere Tonweisen durchfluteten, die Stimmen übertönend, das luftige Sparrenwerk. – Da krachte ein Böller, das Zeichen zum Beginn des Scheibenschießens, und ein ohrenbetäubendes Knittern und Knattern ging nun auf einmal los.

Baron Sarnberg saß wieder in seinem Rollwagen, der Diener, welcher ihn schob, schlug die Richtung nach der jenseits einer kleinen Bodensenkung gelegenen Festwiese ein, und die Gesellschaft, die den Ausflug gemeinsam unternommen und sich hier wieder zusammengefunden, folgte dem allgemeinen Zuge. Immer stärker ward das Geknalle, je näher sie dem langgestreckten Schießstande kamen; das Pfeifen der fliegenden, das Geprassel der einschlagenden Geschosse wirkten unheimlich.

Hundertsechzig Posten nebeneinander und auf jedem steht ein Schütze im Anschlag! Hier und dort hebt sich das Gewehr und die Kugel fliegt dem Ziele zu – Schuß auf Schuß in ununterbrochener Folge.

»Wie, wenn dort drüben Menschen stünden!« sagte Baron Sarnberg düster.

Ein Schauer überrieselte Lydia.

»Furchtbar!« hauchte sie.

Wie aus der säuselnden Luft flüsterte eine Stimme ihr zu: »Ein Arzt muß Blut sehen können.«

»Wie du nur solch melancholischen Gedanken nachhängen kannst!« hielt die Baronin ihrem Manne vor. »Du mußt dich aufheitern. Wir sind ja dir zuliebe hierhergekommen, und nun verdirbst du dir und uns die Freude.«

»Ja, lieber Freund,« fiel der Graf ein, »ich wette, daß von all den teuern Schützenbrüdern keiner Ihre Auffassung teilt und daran denkt, wofür er sich übt. Da steckt jedem nur ein ›Best‹ im Kopfe. Sehen Sie nur, wie alle aufmerksam zählen.«

»Hurra! Hurra! Hoch!« Wie anschwellendes Meeresgebrause ging's durch die weite Halle und wälzte sich von einem Ende zum andern.

Der erste Becher ist ausgeschossen!

Immer höher schwillt der Jubel und trägt den Namen des Glücklichen, Bewunderten, Beneideten von Mund zu Mund, von der Halle hinaus zu den Spaziergängern, zu den Zechern, den Schaulustigen, in der Volksmenge hin, über den ganzen weiten Plan.

Ein großer Jahrmarkt lockt da draußen. Zur Linken gegen die Stadt zu Stand an Stand aus lose gelegten Brettern, lange Gassen, in denen das Landvolk wimmelt. Hier kauft das städtisch geputzte »Maidschi« blaue Seidenbänder, der Bursche seine roten Hosenträger, der durch seine Tracht weithin kenntliche Senn den breiten Ledergurt mit den blanken Messingkühen darauf. Kuchen, Hüte, Kinderspielzeug und Schuhwaren, Liköre, Gebetbücher und Basler »Leckerli«, alles findet seine Liebhaber. Auf der andern Seite sind die Schaubuden in regelrechte Straßen geordnet. Der Matrose da gibt eine naturhistorische Abhandlung über die hinter dem Segeltuche plätschernden Seehunde zum besten, gegenüber exerzieren Kanarienvögel ihre Kunststückchen, mit denen sie das tägliche Brot erwerben, welches der »Wilde« dort an der Ecke stolz verschmäht. Ihn ergötzen nur rohe Fische und unschuldige, ungebratene Tauben, wozu er sich die Tafelmusik auf dem grausen Muschelhorn selbst besorgt. In hohen Fisteltönen ladet hier ein halbwüchsiger Junge zu einer Schachpartie mit dem berühmten Automaten, dort verzerren gespenstige Wachsfiguren ihre leichenstarren Gesichter. Dressierte Hunde und Pferde wetteifern miteinander an Gelehrtheit, lebende und ausgestopfte Ungeheuer an Widernatürlichkeit, und ein unvermeidlicher Photograph liefert mit taschenspielerischer Geschwindigkeit Soloporträt und Gruppenaufnahmen von glücklichen Liebespaaren. Nicht weniger als fünf Riesinnen machen sich in nächster, zum Vergleiche herausfordernder Nachbarschaft die Palme der Jugend, Kraft und Gewichtigkeit streitig. Vor Menagerien kreischen Papageien und Affen, vor Panoramen und Museen mit ihren schreienden Aushängebildern verstimmte Leierkasten; die türkische Trommel dröhnt den Grundbaß zu dem Zithergeklimper, das in der Bierhalle unter dem grünen Reisigdache die dralle Tirolerin den zusprechenden Gästen spendet. Dazwischen tönt wohl in einer augenblicklichen Pause das Brüllen einer Hyäne und der leise Kapselkrach der Zimmergewehre, mit denen um Messer und Gipspfeifen geschossen wird. Schreien und Singen, Angst und Jubelrufe, Lachen und Kindergeplärr, dazu das vereinzelte Knallen und dann wieder rasch folgendes Nachrollen der Schüsse – ein tolles Chaos voll Lust, Farbe und Lärm, in dem sich die unübersehbare Menge unermüdlich hin und wieder treibt, Lebenslust in jedem Blicke, Begehren auf jeder Lippe, Freude in jedem schweißperlenden Angesicht.

Selbst den kühler dreinsehenden vornehmen Besuchern hatte sich etwas von dieser elektrisierenden, berauschenden Gesamtstimmung mitgeteilt; ganz besonders entzückt war Jenny, und sie konnte es nicht begreifen, daß ihr Gatte die Empfänglichkeit für den Reiz dieses Schauspiels verloren hatte. Sie meinte ihm noch dies und jenes zeigen zu müssen, und war fast ungehalten, als er behauptete, daß ihm von all dem Sonnenschein und der Unruhe schon die ganze Welt vor den Augen zu schwirren beginne. Solch deutlicher Äußerung der Erschöpfung aber mußte sie endlich doch nachgeben und den Rückweg nach den Wagen einschlagen.

Da ergoß sich eben schon ein Menschenschwall unter neuem Jubelsturm über die improvisirte Brücke, die zur Festhalle und dem Gabentempel führte. Der voranschreitenden Militärmusik folgte, scheinbar hoch zu Roß, der glückliche Schütze, der, eine Fahne in der Linken und in der Rechten den errungenen Silberbecher schwenkend, freundlich von den Schultern zweier stämmiger Enthusiasten auf die ihn mit begeisterten Hochrufen empfangenden Zuschauer herablächelte.

»Im Grunde genommen doch kein ganz müheloses Ehrenamt, solch eines Schützenkönigs!« meinte Graf Marchegg. »Wenn er so fortmacht, kann er sich bis Ende der Woche einen Wolf geritten haben.«

Dem Scherze aber ließ er die Mahnung folgen, doch noch beizeiten die Preise zu besehen, ehe sie davongetragen seien, und selbst Herr von Sarnberg ergab sich ohne Einwendung. Er konnte ja immerhin unten warten, indes seine Frau ihre Neugier oben auf der Rundgalerie des Gabentempels befriedigte.

Dazu war aber nicht so leicht zu kommen. Alles umdrängte den schlanken Säulenbau und wollte zu gleicher Zeit hinan, so daß die von oben Zurückkehrenden kaum die Menschenmauer durchbrechen konnten. Zwei Strömungen gab's hier, die eine freiwillige Bewegung fast zur Unmöglichkeit machten. Im Nu war die kleine Gesellschaft zerrissen. Eine Woge hatte Lydia an den Fuß der Treppe getragen. Doch hier staute sich wieder alles, da Schildwachen die Herzudrängenden nur nach und nach in kleinen Häuschen hinanließen.

»Lueg, Uli, des muescht der merche,« sagte ein brauner, barhäuptiger Appenzeller Senn, der neben Lydia stand und dessen rote Weste zu den sonntäglich weißen aufgerollten Hemdärmeln einen frischen Kontrast bildete, indem er sein Söhnchen mit kräftiger Faust über all die Köpfe emporhob. »Chanscht's lesa? Des isch amal schön!« und den auf der Tempelpforte angebrachten Sinnspruch lesend, gab er ihn gleich auch in seinem biderben Dialekt zum besten:

»Ohn' Glück und Gunscht
Ischt alle Kunscht umsunscht.«

Beistimmendes Murmeln gab's hier und dort.

»Eine ganz pessimistische Weltanschauung,« ließ sich da eine Stimme vernehmen, die Lydia bekannt schien. »Meinen Sie nicht, Fräulein Wilma? Sie paßt gar nicht zu diesen prächtigen Gestalten. Welche Kraft, welche Gesundheit und durchweg – Vegetarianer! Nichts als Milch, Käse und Kartoffeln! Ist das nicht bewundernswert?«

Ehe noch eine Antwort erfolgte, kam eine Woge. Die Soldaten auf ihren Posten hatten die Passage wieder einmal freigegeben, und in demselben Augenblick, wo sie Professor Köchle und an seinem Arm Wilma Schneppe zu erkennen glaubte, fühlte sich Lydia auch schon fast ohne ihr Zutun die Stufen hinaufgetragen, während unten die nächste Woge aufbrandend zurückschlug.

Jetzt erst ließ Lydia Miß Marys Arm los, deren Bitten sie allein verhindert hatten, möglichst rasch den Rückweg aus der sie einpferchenden Menschenmasse zu suchen. Die beiden Mädchen konnten nun wieder freier aufatmen und sich den zirkulierenden Gruppen im Säulenrundgang, wo die Gaben ausgestellt waren, anschließen. Lydia, die etwas weniger Interesse für all die Waffen, Uhren, Platten, Service, Bestecke, Becher und Geldkassetten hatte und ziemlich flüchtig an all den Herrlichkeiten in Gold und Silber vorüberstreifte, ließ ihre Gefährtin bei deren pedantisch aufmerksamer Prüfung bald zurück. Sie betrachtete sich eben eine hübsche Jagdtrophäe, als sie sich plötzlich angesprochen sah.

»Ah, also auch herüben? – Ich habe die Damen schon früher bemerkt. Natürlich, ein so hübsches Fest!«

Es war niemand anders als Frau Schneppe, die hier das Recht der Wiederbegegnung geltend machte und endlich die ihr bisher immer versagte Gelegenheit zu einer Anknüpfung gefunden zu haben glaubte. Lydia zeigte jedoch nicht die geringste Neigung, eine niemals stattgehabte Bekanntschaft hier nachträglich so aus dem Stegreif anzuerkennen. Sie grüßte nur mit kalter Artigkeit und wollte ihren Weg fortsetzen, daran wurde sie aber durch Frau Schneppe verhindert, deren Gefühle unter dieser abweisenden Behandlung keineswegs an Freundlichkeit gewannen.

»Sie haben, wie ich sehe, Ihre Gesellschaft verloren; wenn Sie erlauben, begleite ich Sie ein Stückchen.«

»Ich danke sehr, ich glaube mich allein zu ihr zurückfinden zu können.«

Ein boshaftes Aufblitzen der kleinen Augen verriet den Ärger, welchen Frau Schneppe über diese stolze Ablehnung empfand, aber ihre dünnen Lippen behielten das süßsaure Lächeln bei.

»Ja, ja, die jungen Damen haben recht viel Selbstvertrauen, aber es könnte doch einmal zu Falle kommen. Ich habe meine Tochter auch nicht außer Augen gelassen, obwohl ich sie in bester, solidester Begleitung weiß. Man ist an solchen Tagen allerlei Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Na, wir können ja auch hier ein wenig stehenbleiben, wenn es Ihnen nichts verschlägt. Das Zusammentreffen fügt sich doch gar zu gut, denn ich war schon im Zweifel, ob ich Ihnen nicht schreiben sollte, um Sie zu warnen. Ja, zu warnen, denn ich meine es gut mit Ihnen, liebes Fräulein – zu warnen.«

»Und wovor, wenn ich bitten darf?«

»Man erfährt so allerlei, und ich halte es wirklich für meine Pflicht – obwohl Herr Professor Köchle sein Freund ist und ich alle Achtung vor dem Herrn Professor hege, der wirklich ein ausgezeichneter Mensch ist – so glaube ich doch nicht, daß hier das Sprichwort gilt: ›Sage mir, mit wem du umgehst‹ – Herr Rodek ist von ganz anderm Schlag und nimmt es mit der Moral vielleicht nicht so genau, und wenn der durch einen schlimmen Streich, den er Ihnen spielt, sich zu rächen vermag, so tut er es auch – schon aus Haß gegen die Aristokratie.«

Erst mit Ungeduld, dann mit wachsendem Erstaunen hatte Lydia diese Rede mit angehört, aus deren Umschweifen sie nicht klug zu werden vermochte. Der Schluß aber trieb ihr eine Welle ihres stolzen Blutes ins Antlitz.

»Herr Rodek hat einen viel zu edeln Charakter, um eine Feigheit zu begehen. Übrigens wüßte ich nicht, was er zu rächen haben soll. Das muß ein Irrtum sein.«

Lydia hatte nicht daran gedacht, welche Blöße sie sich gab, indem sie so lebhaft für Werner eintrat, sie folgte eben nur einem unwiderstehlichen Drange dabei; Frau Schneppe aber lächelte schadenfroh.

»O nein, kein Irrtum. Ich sehe übrigens, daß ich eben zurechtkomme. Er könnte sonst mit Ihnen am Ende dasselbe Spiel treiben wie Ihr Herr Vater vor Jahren mit seiner Tante, die wohl auch durch ein Eheversprechen gekirrt wurde und es dann büßen mußte. Mein Gott, ein vornehmer Herr und ein armes Mädchen! Es ist immer wieder die Geschichte von Faust und Gretchen. Lassen Sie sich in Breslau nur von Sophie Weiße erzählen.«

»Sophie Weiße?«

»Ja, sie hat sich aus Gram und Scham in die Oder gestürzt, und ihr Schwager, der alte Herr Rodek, hat sich wegen der Schande erschossen, und weil er Knall und Fall entlassen wurde. Andre sprachen gar von einem Jäger des Landrats – aber daran glaube ich nicht. Sehen Sie, liebes Fräulein, das vergißt Ihnen der Sohn nicht, und wenn er freundlich mit Ihnen tut, so weiß er, warum. Nehmen Sie sich in acht!«

»Sie haben wohl geträumt,« versetzte Lydia mit der hoheitsvollen Ruhe einer Königin, wandte sich ab und ließ die Verblüffte stehen.

Aber als ihre Hand sich auf Miß Marys Arm schob, da zitterte sie, kein Zug von Trotz lag mehr in dem bleichen Gesicht, und hätte Frau Schneppe in diese verstört blickenden Augen sehen können, so wäre ihr Ingrimm über den stumpf abgeglittenen Pfeil rasch in jubelnde Schadenfreude verwandelt worden.

Lydia wußte selbst nicht, wie sie sich aus dem Gedränge gefunden, fast ohne Bewußtsein dessen, was sie tat, nahm sie auch ihren Sitz im Wagen ein – diesmal jedoch nicht mit Schwester und Schwager zusammen. Der letztere sah sehr angegriffen aus und sollte größere Bequemlichkeit auf der Rückfahrt haben. Bis der Fahrsessel aufgeschnürt war, hatte sich der erste Wagen bereits in Bewegung gesetzt. Die jungen Leute wollten das Fest so früh noch nicht verlassen, und so blieb Mistreß Huxley bei ihnen, der Reverend aber war mit den Zehen unter den eisenbeschlagenen Absatz eines derben Bauernschuhs geraten, und Miß Edith Boswell hatte das Volksgewühl überhaupt sehr unfein gefunden, wie sie sagte, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich nur die Vertraulichkeit, mit der Graf Marchegg der Zitherspielerin aus dem Zillertal ihre »Gstanzln« ablernen wollte; so waren denn, da ihr Verehrer natürlicherweise ihren Geschmack teilen mußte, mit Lydia die vier Plätze besetzt.

Der Graf war sehr heiter und gesprächig während der Fahrt und beschrieb zum großen Erstaunen Master Huxleys seine wunderbaren Zentrumschüsse nach allen Scheiben Österreichs und Deutschlands. Lydia hörte die Worte nur wie das Knattern der immer ferner und ferner verhallenden Schüsse. Sie wiederholte im stillen unablässig die Mitteilungen, welche sie scheinbar mit so viel kühler Gleichgültigkeit aufgenommen hatte und die doch ihre Seele bis auf den Grund aufwühlten.

Die erste Bestürzung war schon nach kurzem wieder größerer Gefaßtheit gewichen. Das empörte Blut schalt über die Leichtgläubigkeit und das kleinmütige Verzagen gegenüber der frechen Anklage, die eine nur allzu milde Abfertigung erfahren.

Wenn es auch klar war, daß allein die Bosheit in dem Wunsche, sich wenigstens an irgendeinem Mitgliede jener verhaßten übermütigen Koterie zu rächen und demselben eine schmerzhafte Wunde beizubringen, ebenso unbeholfen als unziemlich die Warnung zum Vorwande genommen, so blieb diese letztere doch nicht minder verletzend. Lydia aber übersah zuerst die Beleidigung in dem heftigen Sturm, der sie erfaßte; jetzt verachtete sie dieselbe, nur der Inhalt dieser bösen Einflüsterung beschäftigte sie unausgesetzt.

Gewiß, es war eine Lüge – es konnte nicht so sein, wie da erzählt worden! Ihr Vater, der streng rechtliche Mann mit dem edelsten Charakter – eine solche Handlung begehen? Unmöglich! Hätte man ihm dann die hohe Achtung gewährt, von deren Kundgebungen sie so oftmals selbst Zeuge gewesen! Wie aber konnte ein solches Gerücht entstehen? Denn eine derartige ehrenrührige Verleumdung aufs Geratewohl erfinden und ausstreuen, das wagte dies tückische, klatschsüchtige, dabei aber furchtsame und sicherlich jede Verantwortung scheuende Weib nicht! Gab es einen Kern, dessen sich die Mythenbildung bemächtigt hatte? Die zischende Schlange hätte gefaßt und zur Rede gestellt werden müssen, so würde ein Mann gehandelt haben – nun war der Moment durch eine Regung weiblicher Schwäche versäumt, wie sich Lydia zum Vorwurf machte. – Gewißheit aber wollte sie wenigstens erlangen.

Sobald sie den Wagen verließ, fragte sie nach Werner. Er war ausgegangen. Eine Sekunde besann sie sich, dann trat sie bei seiner Mutter ein. Welcher Gegensatz da in dem stillen, dämmerigen Zimmer zu dem unruhigen Farbenkaleidoskop, von dem sie kam! Ihr war, als umfange der Friede hier besänftigend auch ihr Gemüt.

Die Augenkranke hatte, wiewohl eine Binde ihr noch alles Licht benahm, doch mit geschärftem Ohr die Eintretende sofort erkannt. Sie löste die auf dem Schoß ineinander geschlagenen Finger und streckte ihr freundlich die Hand entgegen.

»Schon zurück? So früh? Es ist doch hübsch gewesen. Sie müssen mir recht viel erzählen. Es ist wirklich schade, daß Werner nicht auch mitging.«

»Ihn habe ich eigentlich gesucht. Ich wollte eine Frage an ihn stellen,« erklärte Lydia.

»Das wird ihm leid tun. Er ist eben erst ausgegangen; ich habe ihn fortgetrieben. Er hat wieder den ganzen Tag gearbeitet. Freilich sagt er, es müsse sein und er hat mich sogar vorbereitet, daß er mich auf ein paar Tage verlassen dürfte, weil sein persönliches Eingreifen nötig erscheint, wenn Schaden verhütet werden soll. Nun, ich darf nicht fordern, daß er mir noch größere Opfer bringe – jetzt kann ich ja auch geduldig warten.«

»Als ob Sie das nicht immer getan hätten!« entgegnete Lydia weich. »Ich wollte, Ihr Beispiel übte auch auf mich eine heilsame Wirkung.«

»Sie sind jung, liebes Kind. – Aber nun auch die Frage, denn ich merke es wohl an der Hand, wie sehr Sie aufgeregt sein müssen.«

»Ja, die Frage können auch Sie mir beantworten. Als Kinder hatten wir eine Erzieherin, ich erinnere mich noch recht gut ihrer. Unsre liebe, gute Sophie – Sophie Weiße glaube ich. –War das Ihre Verwandte?«

Die alte Frau war sehr ernst geworden.

»Ja – meine leibliche Schwester – aus meines Vaters zweiter Ehe – aber wie –«

»Und ist es wahr,« unterbrach Lydia Frau Rodek, sogleich aber auch mit durchbrechender Leidenschaftlichkeit sich selbst: »Nein, nein, es ist nicht wahr, daß mein Vater Sophie – Ihre Schwester zum – zum Selbstmord getrieben hat.«

»Zum Selbstmord? – Du lieber Himmel, wer sagt das?«

Die alte Frau hatte entsetzt die Hände gefaltet.

»Und nicht nur sie, auch Ihren Gatten,« bestätigte Lydia, und nun wiederholte sie mit Hinweglassung der gegen sie selbst gerichteten Spitze die angebliche Enthüllung Wort für Wort in überstürzender Hast.

Ihre Zuhörerin war sichtlich betroffen und entrüstet.

»Oh, das ist bös – sehr bös, solche Nachreden zu verbreiten!«

»Es ist also alles – alles nur eine Lüge!« rief Lydia aufatmend und ließ sich nun auch auf den Sessel neben der alten Dame nieder. Diese hob die Stirn von den Händen und suchte die Bitterkeit erst zu verwinden.

»Nein, alles nicht,« sagte sie leise und ihre Stimme mühsam festigend zu Lydia, welche diese Worte wie einen Stich empfand. »Aber so schlimm – so gar schlimm war's nicht. Das ist eine häßliche und böswillige Entstellung. Es ward uns durch Gottes Ratschluß eine schwere Prüfung auferlegt – aber daß eines sich dagegen aufgebäumt und mit eigner Hand – nein, so unchristlich ist keines gewesen, nicht meine arme Schwester, die mit frommer Ergebung ihr Los getragen bis ans Ende, und nicht mein braver Mann, der ebensowenig wie sie eine Ursache gehabt hätte, sich hinterrücks aus dem Leben fortzustehlen. Nein, Gott sei Dank, zu schämen brauchten wir uns nicht, und wenn's in den Augen der Leute eine Schande war, die uns widerfuhr, so war sie unverdient und nicht durch unser eignes Verschulden über uns gekommen. Von uns hat keines nach der Ehre gelangt, daß sie sich uns dann zum Spott in Unehre verkehrt hätte. Und wenn's auch eben keine so unerhörte Seltenheit ist, daß einmal ein Edelmann eine Pfarrerstochter zur Frau nimmt, so war doch mein Mann von allem Anfang an dagegen, wie wenn er den Ausgang vorausgesehen hätte. Nein, wir brauchten die Augen vor keinem Menschen niederzuschlagen – wir wahrlich nicht.«

Die Kranke war nun bei ihren Erinnerungen. Lydia saß regungslos da und lauschte der schlichten Erzählung, in der keine Anklage erhoben, kein Vorwurf ausgesprochen wurde und die doch die Schatten zweier Opfer gegen den Urheber des Unglücks einer ganzen Familie aus dem Grabe beschwor. Die anfängliche Spannung der Zuhörerin hatte dem Staunen, der Überraschung Platz gemacht, am Schlusse aber saß Lydia niedergeschlagen da und seufzte tief auf.

»Ja, das ist jetzt schon eine alte Geschichte,« meinte wehmütig lächelnd die alte Frau, deren Hand eine unwillkürliche Bewegung nach dem Druckverband machte, als ob darunter eine heimliche Träne hervorquellen wolle. »Eine alte Geschichte.«

»Aber wahr – doch wahr! – Jetzt versteh' ich alles – alles.«

»Wie es gekommen?«

Lydia schwieg einen Augenblick. Sie konnte die Erzählerin nicht aus dem Irrtum reißen und ihr sagen, daß ihre Gedanken nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart weilten, wo sie jetzt die Motive so mancher Äußerung und Handlung zu erkennen glaubte, weit besser als bei dem Rückblick in ja längst entschwundene Zeit. Da war doch noch ein Punkt, und gerade derjenige, auf den so vieles ankam, unklar. Dem gab sie auch Ausdruck.

»Nur den Grund verstehe ich nicht, weshalb mein Vater zurücktrat – den Grund!«

»Ja, du lieber Gott – die Liebe kommt und geht, dann ist sie auch nicht immer so stark, daß sie jedes Bedenken besiegt. Man kann ja nicht wissen, was solch hochgestellter Herr für Beweggründe hat. Da wollte es vielleicht die Familie nicht, oder es war bei Hof nicht gut angesehen, und man hat es ihm zu verstehen gegeben.«

»Nein, nein, das kann meinen Vater nicht bestimmt haben – sein Stolz war ganz andrer Art, der hätte ihn eher zum Trotz verleitet. Aber er hätte ihn auch abhalten sollen, eine solche Schuld auf sich zu laden, und das ist's, was –«

Sie hielt inne. Beruhigend sagte die alte Frau:

»Was nützt das Grübeln darüber – es ist lang vorbei und so arg am Ende auch nicht, als man es Ihnen vorgemacht.«

»Oh, traurig genug. Arme, arme Sophie! Und was müssen Sie geduldet haben bei so schweren Schicksalsschlägen, und wie muß in Ihnen Haß und Widerwillen angewachsen sein gegen den Urheber so vielen Unglücks! Es ist mir, als müßte ich Ihnen auf den Knien noch Abbitte leisten.«

Das tief erregte Mädchen war dabei wirklich zu Boden geglitten und hatte die welke schmale Hand der Matrone ergriffen, die sich vergeblich abmühte, ihre Rührung zu bekämpfen, und mit der freien Hand das Haar der auf ihren Schoß Herabgebeugten liebkosend streichelte.

»Sie können ja nichts dafür, liebes Kind. Nehmen Sie sich's doch nicht so zu Herzen! Jetzt ist ja alles, alles lange vorbei. – Und ich denke schon gar nicht mehr daran.«

»Sie – Sie trösten noch mich!« sagte Lydia, welche sich durch die letzte Unwahrheit, deren edle Absicht sie mit Rührung und Verehrung erfüllte, nicht täuschen ließ. »Sie trösten, statt zurückstoßen. Sie sind gütig wie eine Mutter.«

»Wo der Kummer haust, dort soll der Trost einkehren; ihn versagen, ist unmenschlich. Und ist ein Mitgefühl, das sich so warm äußert, nicht auch wie eine Wohltat? Gott erhalte Ihnen das wahre, treue Herz. – Und hätte denn nicht meine Schwester Ihre Mutter werden sollen? – Mein liebes, liebes Kind!«

Lydia drückte ihre Lippen auf die zitternde Hand – sie war keines Wortes mächtig und verließ rasch das Zimmer, um ihre Bewegung zu beherrschen.

Beim ersten Schritt auf dem Korridor hielt sie betroffen vor einer Erscheinung still, welche sie hier zu begegnen nicht erwartet hatte.

»Sie – Herr Medizinalrat – hier?«

Der kleine, zartgebaute Mann mit den langen Greisenlocken erhob sein intelligentes, feingeschnittenes Antlitz zu ihr und streckte ihr vergnügt lächelnd die Hand entgegen.

»Na, endlich finde ich doch jemand,« scherzte er. »Das muß ich sagen, Tag und Nacht reisen und dann den Patienten ausgeflogen finden – ist ein wenig stark. Ich glaube zu einem Sterbenden zu kommen und treffe ihn beim Schützenfest. Na, ich gratuliere. Das nenne ich ärztliche Einwirkung schon durch das bloße Androhen des Erscheinens.«

»Wir hatten keine Ahnung von Ihrem Kommen.«

»Aber ich bin doch berufen worden! Vorgestern erhielt ich das Telegramm, worin mich Herr von Wingerode – Gero meine ich – aufforderte. Nun ist auch er nicht da.«

»O dann hat er, ohne es uns mitzuteilen, auf meinen Wunsch so gehandelt.«

»Ich bin also nicht überflüssig?«

Ein trübes Kopfschütteln gab Antwort auf seine Frage und stimmte auch ihn ernster.

»Mein Schwager,« sagte Lydia, »muß sogleich hier sein. Mich nimmt wunder, daß er nicht schon da ist. Er verlangte nur nach einem Glas Wasser, und da blieb der Wagen in Eggersried ein wenig zurück. – Aber Sie, Herr Medizinalrat, müssen doch ausruhen und etwas essen.«

»Alles bereits auf dem Schiffe besorgt.« Er hatte sie schon eine Weile forschend betrachtet und legte jetzt, da sie ihm nach der Türe voranschreiten wollte, die Fingerspitzen auf ihren Arm. »Etwas nicht in Ordnung? Sie sind doch nicht selbst krank? Eine Gemütsbewegung?«

Einen Moment zögerte sie, dann trat sie entschlossen aus sich heraus.

»Sie sind ja mit meinem Vater befreundet gewesen, Herr Medizinalrat. Sie verkehrten auch als Arzt im Hause Rodek. Ihr Name wurde mir soeben erst genannt. Sie müssen die Verhältnisse gekannt haben –«

»Das hab ich,« sagte er überrascht, doch mit ernster Ruhe und eine weitere Frage erwartend.

Lydia unterdrückte dieselbe aber. Die Örtlichkeit war für eine solche Auseinandersetzung nicht geeignet. Das schon seit einer Minute von der Treppe her tönende Geräusch wurde störender – eine Gruppe von Männern, geführt vom Kellner, kam den Korridor entlang gerade auf die Türe zu, deren Klinke Lydia erfaßte. Eines der Dienstmädchen stürzte schreckensbleich und aufkreischend an ihr vorüber.

»Der Herr Baron – –« rief es, ohne zu vollenden.

»Ich bin zu spät gekommen,« sagte Doktor Brunner leise.

Die Männer brachten eine Leiche.

12

Über den See zog das schlanke Dampfboot seine lange, gerade Rauchzeile in die klare Abendluft. Unten zerfloß das aufstäubende Wasser hinter dem stetigen Schaufelschlag in eine weithin glitzernde Doppelspur, und auf und nieder zwischen den beiden Fährten schwangen sich in graziösem Fluge die Möwen, welche eine freigebig Brot ausstreuende Hand zu ausdauernden Begleitern geworben. Sie folgten dem Schiffe schon von dem Momente an, wo es sich von der Landungsstelle im Rorschacher Hafen gelöst.

Hüte, Hände hatten vom Lande her Abschiedsgrüße gewinkt, die weißen Tücher wehten noch eine Weile, dann war die letzte Verbindung zwischen den Zurückbleibenden und Davonziehenden vollends zerschnitten, und in gänzlicher Auflösung hatte sich die schluchzende junge Witwe an die Schulter ihrer Schwester gelehnt, durch die Trennung von all diesen lieben Menschen war ihr frischer Schmerz zu erneutem Ausbruch gebracht worden.

Da keine eigentliche Leichenfeier stattgefunden, denn der Verstorbene sollte ja in der Gruft seiner Ahnen zur letzten Ruhe gebettet werden, hatten fast alle Bekannten dem trauernden Schwesternpaare bei der nun so plötzlich hereingebrochenen, mit Hast betriebenen Abreise das Geleite bis herab an den See gegeben, und manches Zeichen herzlicher Teilnahme war den Scheidenden noch geworden, welches ihnen, so wohl es sonst dem Gemüte tat, die Stunde doch nicht erleichterte.

Nachdem Jenny einen Strom von Tränen vergossen, gab sie endlich dem milden Zuspruche Lydias und des Arztes nach. Der alte Herr hatte sich erboten, die beiden Damen auf der Heimreise unter seinen Schutz zu nehmen und so, da er dem Toten nicht mehr helfen konnte, wenigstens den Lebenden zu nützen. Auch hatte die Baronin in der Tat seines ärztlichen Beistandes bedurft; sie war unmittelbar nach dem Unglücksfall wie von Sinnen gewesen – ihre kräftige jugendliche Gesundheit hatte zum Glück den Stoß überwunden.

»Oh, und hier, hier!« stöhnte sie jetzt, umherblickend und das nasse Auge zuletzt auf die entschwindende Hafenmauer gerichtet. »Wie waren wir noch so heiter! Wer mir das damals gesagt hätte!« Ein neuer Tränenguß erstickte ihre Stimme. Erst nach einer Pause konnte sie fortfahren: »Gero hätte auch daran denken können, früher an Sie zu telegraphieren, Herr Medizinalrat, wenn Sie gleichwohl sagen, es hätte nichts genutzt, aber zu meiner Beruhigung würde es gedient haben. Nur das eine ist mein Trost, daß ich weiß, ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand, meinen armen Odo zu kräftigen und zu erheitern. Ich habe ihm jedes Opfer gebracht und war immer nur auf sein Wohl und seine Gesundheit bedacht. Ach, wenn er mir folgen und sich wie Gero hätte abhärten wollen! – Du hast doch geschrieben, Lydia? Er wird bestimmt kommen – nicht wahr? Wir haben ja jetzt niemand, so gar niemand mehr auf der Welt. Ach, wie ist es traurig, grenzenlos traurig – warum bin ich nicht selbst auch gestorben! Oh, am liebsten läge ich im Grabe!«

»Sie müssen sich fassen, gnädige Frau, kommen Sie, setzen Sie sich.«

Sie war schon im Begriffe, der Aufforderung des Doktors zu folgen, doch ein rasch über das Deck hinfliegender Blick zeigte ihr das Verdeck mit Passagieren besetzt, und sich rasch abwendend erklärte sie hastig:

»Nein, nein, ich muß mit meinem Schmerz allein sein! – Ich kann mich so verweint nicht sehen lassen. In der Kajüte unten, da bin ich ungestört.«

Lydia hielt sie nicht zurück. Träumerisch lehnte sie an der Hinterwand der in den Radkasten eingebauten Kapitänskabine. Ihr bleiches Gesicht trug den Ausdruck tiefer Trauer, schmerzlich blickte sie hinab auf die gepeitschte Flut, die zu ihren Füßen rauschte und einzelne Tropfen bis herauf sprühte, welche dann wie Tränen auf der grünen Brüstung glänzten. Ihre Augen aber blieben trocken und wandten sich wieder dem immer ferner – ferner zurückgleitenden Ufer zu, als könnten sie jetzt noch unter der Gruppe abschiedwinkender Freunde die eine Gestalt suchen, die nicht darunter gewesen.

So überhastig drängend, so verwirrend war alles gekommen, daß selbst dieser an ruhiges Denken und Beherrschung der Umstände gewöhnte Geist nicht Zeit gewann, die letzten Eindrücke vollends zu ordnen; hatte Lydia doch kaum mehr Gelegenheit gehabt, den mancherlei Beziehungen, die sich während der letzten Wochen geknüpft, auch nur äußerlich gerecht zu werden. Von Werners Mutter war sie dennoch nicht ohne einen letzten Besuch, ohne ein zärtliches Abschiedswort gegangen. Wie Mutter und Kind hatten sie sich einen Augenblick in den Armen gelegen, und ihre Herzen, die einander schon so nahe gekommen, vereinigten sich in dem ängstlich beschleunigtem Takte der Schläge. Das Lebewohl aber hatte auch dem Sohne gelten müssen, denn seit der einen Begegnung, wo er sich darauf beschränken mußte, in wenigen Worten sein Beileid auszusprechen, hatte er sich nicht mehr gezeigt. Die Gründe seiner Zurückhaltung, wo alles sich beeiferte, mit Teilnahme, Trost, Ratschlägen und ebenso unerbetenen Dienstanerbietungen sich heranzudrängen, glaubte Lydia zu verstehen; daß er aber auch jetzt nicht gekommen war, nicht einmal zu diesem letzten, allgemeinen Abschiede, das tat ihr weh, daß sie weinen hätte mögen, wenn nicht ein Rest des alten, sogar von dem Gefühle der Nichtigkeit alles Menschenwollens und Erdenglücks beim Anblicke des Toten nicht völlig niedergebeugten Trotzes die Tränen zurückgehalten hätte. Selbst der Schmerz war nur eine unwürdige Schwäche, von dem sie sich nicht übermannen lassen durfte. Was galt dieser Mann ihrem Herzen, er, der ihr immer nur hart, tadelnd, widersprechend begegnet und sie jetzt nicht einmal eines Blickes, eines Händedrucks mehr für wert erachtet hatte? Und doch ließ sich dies bange, herzbrechende Gefühl nicht bannen – ein Grauen der Verödung, das die Seele mit seiner ganzen Trostlosigkeit erfüllte.

»Ja, ja, wenn wir Menschen solche Schwingen hätten,« sagte Doktor Brunner, der Meinung, auch sie folge mit der gleichen Aufmerksamkeit wie er den in der Höhe weißschimmernden Vögeln, die mit ausgespannten Flügeln die Luft durchschnitten, in sachter Wendung heranschwebten, kaum die Wasserfläche berührten, um den schwimmenden Bissen aufzulesen, und dann wieder im scharfen Strich emporzogen zu weiten, anmutigen Kreisen. »Zu locken sind wir ebenso leicht. Ich will sehen, ob es mir nicht gelingt, ein paar der Schweiz abtrünnig zu machen und Deutschland zuzuführen. Immerhin ein Gewinst. – Aber, wie ich sehe, haben wir da ja noch andre Reisegefährten. Wo haben Sie sich denn versteckt gehalten, Meister? Recht so, recht so, daß Sie uns bis Lindau begleiten wollen.«

Noch hatte kein Laut ihr Ohr erreicht und doch wußte Lydia, wer da hinter ihr stand. Es war eine Ahnung wie ein Blitzstrahl, der mit seiner mächtigen Helle alles plötzlich erleuchtete, im eignen Innern sowohl als ringsum nach außen und tief in die fremde Seele hinein, wo die undurchdringlichsten Schatten lagen. Doch war es freilich nur das blendende, sofort wieder erlöschende Licht des Blitzes.

Das edle Gesicht zeigte kein Erstaunen, als Lydia sich umwendete und in Werners Augen blickte, aber ein Schein zagender Freude flog darüber hin, der diesen Zügen eine ihnen sonst fremde Lieblichkeit verlieh, so bleich sie blieben. Alles Blut drängte in heißer Welle zum Herzen.

»Ein Zwischenfall beim Bau erfordert meine persönliche Intervention,« erklärte Werner auf des Doktors Bemerkung seine Anwesenheit, indem er Lydia begrüßte. »Ich werde also noch eine Strecke weiter das Vergnügen haben, Ihr Reisegefährte zu sein, bis unsre Wege sich trennen.«

»Ein dringender Zwischenfall?«

Die Frage des Doktors setzte Werner ein wenig in Verlegenheit. Leise Röte trat in seine Wangen.

»Es haben mich auch noch andre Gründe bestimmt,« entgegnete er.

»Und sonst also hätten wir uns nicht mehr gesehen?« Ohne daß Lydia es beabsichtigte, verrieten ihre Worte die Enttäuschung, welche Werners Angaben in ihr hervorgerufen. Der Vorwurf aber wirkte auf ihn wie ein elektrischer Funke.

»Glauben Sie, daß ich Sie ohne Abschied hätte ziehen lassen?« fragte er, und vor seinem sprechenden Blick senkte sich scheu der ihre.

Werner wartete auch nicht auf eine Antwort, er holte zwei Gurtensessel herbei und bereitete in der windsichern Ecke einen behaglichen Platz, auf dem sie, entfernt von den übrigen Passagieren, völlig isoliert waren, nur hin und wieder stürmten ein paar das Schiff nach allen Richtungen durchstreifende Kinder in der Nähe vorüber, und Doktor Brunner ging und kam, bald auf dieser, bald auf jener Seite den sein ganzes Interesse in Anspruch nehmenden Möwen Brotkrumen zuzuwerfen.

»Ihre Mama habe ich noch gesehen,« erzählte Lydia, »leider nur auf einen Augenblick. Es drängte noch so viel.«

»Dennoch haben Sie sie nicht vergessen!« entgegnete Werner warm. »Das war lieb und freundlich von Ihnen. Sie sind ihr ans Herz gewachsen – trotz allem, was zwischen uns liegt. Sie besitzen einen Zauber, der unwiderstehlich scheint, denn auch mir ist es ja um nichts besser ergangen.«

»Trotz allem?« sagte sie leise. Es war so wunderlich, ihn diesen Ton anschlagen zu hören. Er sprach ganz anders als je zuvor. Aus seinem Munde war sie nur Widersprüche und Sarkasmen gewöhnt oder doch rauhe Offenheit, nun klangen seine Worte nicht gerade wie Spott, doch auch nicht wie das Lob der Begeisterung. Zu einer bloß formalen Galanterie aber hatte Werner bis jetzt doch auch nicht die geringste Anlage gezeigt.

Auf die Frage wurde er noch ernster und herzlicher.

»Sie wissen nun alles – nicht mit meinem Willen – andre haben es Ihnen zugetragen. Es wird Ihnen klar sein, warum ich Ihnen fern bleiben wollte. Zwischen uns beiden gab es, meiner Ansicht nach, keine Gemeinschaft. Es ist vielleicht manches verletzende Wort gefallen, das ich sonst zurückgehalten hätte. Aber alles ist anders geworden. Sie haben den Gegner Schritt für Schritt an sich herangezogen und ihr Wesen, ihre Eigenschaften erkennen gelehrt. Und nun hätte ich Sie gehen lassen sollen, ohne Ihnen das zu sagen? Das wäre unmöglich! Mir erschien es undenkbar, daß wir nur einmal im Leben mit kühlem Gruß aneinander vorübergegangen sein sollten, um uns dann nie wiederzusehen und zu vergessen wie irgendeine flüchtige Eintagsbekanntschaft von der Reise. Vielleicht vermöchten Sie es – ich kann das nicht! – Was ich schätze, was mir nahe getreten und lieb geworden, das soll auch in meinem Leben einen Platz finden – das darf nicht wieder daraus verloren gehen, denn es verleiht ihm Fülle und Wert. – Das – ja, das muß ausgetragen werden, ehe wir uns trennen. Sie dürfen nicht nach Zürich, Paris oder Gott weiß wohin entschwinden und sich in eine Welt stürzen, die Sie verschlingt. Ich weiß wohl, Sie werden sich in ihr nicht verlieren – Sie nicht; aber es ist nicht die Welt, in der Sie Befriedigung und Glück finden werden. Sie meinen es vielleicht, aber ich weiß es besser, denn ich sah ja den Entschluß reifen, und nicht ein innerer Beruf, eine unwiderstehliche Neigung, nicht der Drang nach Wissen und Wirken eben in diesem und keinem andern Bereiche treibt Sie auf jene Bahn, sondern äußerliche Rücksichten – die Not.«

Mehrmals, während er sprach, hatte sie die Augen zu heben versucht, dieselben aber jedesmal wieder niedergeschlagen. In das knappe Gefüge der einander drängenden Sätze vermochte sie auch nicht das kleinste Wörtchen einzuschalten. Von dem Wendepunkt an, wo er auf ihre Zukunft überging, begann sich ihr Kopf aufzurichten. Das war die Sprache eines Freundes, der es treu und gut meinte, aber bei aller Herzlichkeit doch mit gebieterischer Gewaltsamkeit Einfluß begehrte, und dagegen lehnte sich ihr Stolz, mehr aber noch die Überzeugung von der Richtigkeit ihres Entschlusses auf.

»Sie legen dem Zwange zu viel Gewicht bei,« sagte sie. »Es ist mein Wille, der mich leitet.«

»Aber Ihr Wille ist durch die Erwägung der Umstände bestimmt. Er nimmt den Weg für das Ziel und ist doch hauptsächlich auf dieses gerichtet.«

»Ja, auf die Unabhängigkeit, die Freiheit.«

Er nickte. Seine Voraussetzung war bestätigt, und erwartungsvoll fragte er:

»Selbst wenn dieses Ziel nur durch ein Hinwegsetzen über die Traditionen Ihres Standes, Ihrer Familie zu erreichen ist?«

»Die werde ich nie verleugnen.«

»Sondern ihr lieber Menschenopfer bringen, wie es der Ritus dieses Molochs einmal verlangt,« fiel er mit einer Heftigkeit ein, die nach dem Vorhergegangenen ziemlich unvorbereitet kam, aber ein bedeutsames Zeichen für die hohe Spannung war, die sich unter seinem ruhigen Äußere verbarg. Eine dunkle Röte hatte sich auf seine gefaltete Stirn gelagert; er stand auf und war im Begriffe, Lydia, die befremdet nach dem Anlasse eines solchen scharfen Ausfalls suchte, ohne ein weiteres Wort zu verlassen, als diese selbst auf den Ruf der Schwester sich erhob.

Die Baronin war in der Luke der Kajütentreppe erschienen und hatte ihre früheren Worte offenbar schon wieder ganz vergessen.

»Wie unliebenswürdig von dir, mich so allein zu lassen!« klagte sie. »Es ist da unten einsam wie in einer Gruft. Man könnte sterben vor Traurigkeit.«

Finster sah Werner der dem Rufe Folgenden nach, und zwischen den zusammengepreßten Zähnen stieß er harte Worte hervor.

»Herzlos ist sie wie ihr Vater. Hochmütig und starr. Das Erbteil ihres Blutes, ihrer Rasse!«

Doktor Brunner, der schon vor einer Weile wieder auf diese Seite herübergekommen und Zeuge der letzten Wechselreden geworden war, schüttelte jetzt unwillig den Kopf.

»Erbteil des Blutes – ja freilich! – Herzlos – natürlich. – Ich kann das nicht hören!« sagte der kleine, lebhafte Mann mit den weißen Locken. »Diese Vorurteile und Irrtümer, die nun schon in der zweiten Generation fortwirken, sind ja ebenso schlimm als das vegetabilische Gift, das man gegen das arme Kind verspritzt hat. Zum Glück ist es ein ganz kräftiges Kind, das sich leidlich zu helfen weiß und nicht gleich an einer Dosis Morphium oder Strychnin zugrunde geht. – Da setzen Sie sich mal zu mir her und seien Sie nicht ebenso obstinat, als es Ihr Herr Vater – sonst meinen Respekt vor dem Ehrenmann – weiß Gott, und besonders in diesem Falle gewesen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Werner betroffen, leistete aber doch der Aufforderung des Arztes Folge.

»Daß Sie mich ein wenig anhören sollen – aber mit Ruhe und Aufmerksamkeit, wenn Ihnen das möglich ist. Ich kenne alle Ereignisse von damals genau und, was mehr ist, auch die Beweggründe. Ich habe die Sache kommen sehen und in ihren einzelnen Phasen verfolgen müssen, ich war Zeuge, wie warm und redlich es der Landrat gemeint, wie sehr er litt, als er sich entschließen sollte, die Verbindung abzubrechen, und ich bin es gewesen, der dazu raten mußte.«

»Das danke Ihnen –«

»Gemach!« unterbrach Doktor Brunner mit der Gelassenheit des Weisen den heftigen Ausruf. »Das Urteil müssen Sie sich auf den Schluß versparen, sonst könnten Sie leicht zum Revozieren gezwungen werden, und das bleibt immer fatal. Wenn ich sage, ich mußte von der Verbindung abraten, so heißt das so viel als – meine Pflicht als Arzt gebot es mir. Es ist mir wahrlich nicht leicht geworden, und ich habe lange genug geschwankt, vielleicht zu lange, eben weil ich sah, wie sehr die beiden Menschen einander zugetan waren. Das Mädchen war ein Engel an Schönheit und Güte – wiewohl ich sonst nicht viel an Engel glaube – und der Landrat ein Mann, der noch gar manches Frauenherz in Flammen zu setzen vermochte – zu deren Leid, denn der Sinn für Frauenreiz war gestorben bei ihm an dem Tage, wo die arme Sophie ins Grab gelegt wurde. Treuer hat noch kein Mann eine Liebe im Herzen getragen, der Beweis ist, daß er nicht mehr geheiratet, so sehr er auch wünschte, männliche Nachkommen zu haben, die an die Stelle des siechen Knäbleins hätten treten können. Ich will nicht sagen, daß dieser Wunsch allein den Ausschlag bei dem Entschlusse, eine zweite Ehe einzugehen, gab, jedenfalls aber half er mit, jene Bedenken zu überwinden, die ihn vielleicht doch von einer Verletzung der Traditionen seiner Familie und seines Standes – wie Sie das nennen – abgehalten hätten, wäre damit bloß seiner persönlichen Neigung genug getan worden, denn Herr von Wingerode war in der Tat ein strenger Mann – vor allem streng gegen sich selbst. Daß er dem ›Moloch‹ aber nicht sein und andrer Menschen Glück aufzuopfern bereit war, das zeigte er ja eben durch die Absicht, ein armes Mädchen bürgerlicher Abkunft, die Gouvernante seiner Kinder, zu heiraten. Und dazu wäre es sicherlich gekommen ohne meinen Einspruch, glauben Sie mir; der Landrat war nicht der Mann, sich an die gewöhnlichen Hindernisse zu kehren, wenn bei ihm einmal etwas überdacht und festgesetzt war. Ich aber meinte meine warnende Stimme erheben zu müssen, gerade weil ich seinen Wunsch kannte. Ich mußte ihm die Hoffnung auf einen Stammhalter, auf einen gesunden, kräftigen Erben nehmen; das Erbe, das den Kindern aus dieser Ehe zuteil werden mochte, konnte nur ein trauriges sein, der Keim einer Krankheit, der ihnen schon im Mutterschoße mitgeteilt worden wäre. Die Arme war schon damals dem heimtückischen Siechtum verfallen, an dem sie starb.«

»Das also war's?« murmelte Werner, doch verlor er sich nicht lange in Nachdenken. Sein Auge erhob sich vielmehr vorwurfsvoll, und strafend sagte er: »Mir will scheinen, als hätten Sie da einen unverantwortlichen Eingriff begangen. Hat nicht das Leid erst eine Krankheit entwickelt, für welche das Glück vielleicht Heilung gebracht hätte? Gibt es denn nicht auch Kinder, welche frei bleiben von der Krankheit der Eltern? Für solche verhängnisvolle Erbschaft gibt es kein unumstößliches Gesetz.«

»Das letztere will ich nicht bestreiten, wiewohl die Chancen ungünstig sind. Man muß sie in vielen Fällen hinnehmen, aber herausfordern soll man sie denn doch nicht. Hier aber handelte es sich nicht nur um die ungeborenen Kinder, sondern zunächst um das Wesen selbst, das ihnen das Leben geben sollte, und das einer solchen schönen, aber auch schweren Aufgabe nicht mehr gewachsen war. Brust und Lunge waren schon so sehr angegriffen, daß sich keine Aussicht auf Rettung mehr bot, sowenig das bei derartigen Kranken gar oft täuschende Aussehen davon ahnen ließ. Diese Ehe war eine Unmöglichkeit, denn sie hätte das Herannahen der Katastrophe nur beschleunigt.«

»Und tat das der Kummer nicht auch?«

»Lange nicht in dem Maße,« widerlegte der Doktor kopfschüttelnd den schon nicht mehr so herb klingenden Einwurf. »Die Patientin war still und sanft ergebener Natur. Was man für Gram hielt, war das natürliche Schmachten der welkenden Blume – oder ohne poetische Umschreibung gesagt: ein Symptom des Krankheitsstadiums. Die größte Gefahr drohte ihr in der Erkenntnis ihres Zustandes, die mußte verhütet werden. Was meinen Sie, hätten Sie es über das Herz gebracht, der geliebten Braut zu sagen: ›Wir können nicht Mann und Frau werden, denn du leidest an einer unheilbaren Krankheit‹? Diese furchtbarste aller Erschütterungen wollte der Landrat um jeden Preis verhüten, selbst um den seiner eignen Rechtfertigung. Zu dem kam, daß er – so tief ihn der Schlag getroffen – dennoch nicht recht an das Schlimmste glauben und alle Hoffnung aufgeben wollte. Auf seinen Wunsch sollte die Kranke in ein milderes Klima gebracht werden, um dort Genesung oder doch Erleichterung zu suchen. Aber die Summe, die er dazu bestimmte, wurde mit Entrüstung zurückgewiesen. ›Ein Schandgeld‹, ›eine Abstandszahlung‹, so nannte sie Ihr Vater. Ihm allein hatte man die Wahrheit nicht verhehlt, er aber war leberleidend, mißtrauisch und von einer krankhaften Empfindlichkeit für alles, wo er seine Ehre beleidigt glaubte; er nahm die vertrauten Mitteilungen, die ich ihm selbst machte, als einen leeren Vorwand und verkehrte so in seinem Vorurteil zur Folge, was doch eigentlich die traurige Ursache war. Wie Sie, meinte auch er, die Krankheit – dieser langwierige und in seinen Anfängen weit zurückdatierende Naturprozeß – sei erst aus dem Kummer entsprungen, verstand, wie alle Laien, natürlich mehr vom Organismus und seinen Zuständen als der Arzt und schlug aus reiner Wohlmeinung die zwei bedauernswerten Menschen, mit denen er Mitleid hätte haben sollen, noch härter, denn er verhinderte das einzige, was für die arme Kranke noch getan werden konnte, um ihr Leben zu verlängern, und verleumdete den Landrat, gegen den er alle Welt aufzuhetzen sich die beste Mühe gab.«

»Man hätte meinen Vater aufklären, überzeugen sollen.«

»Überzeugen Sie einen, der nicht überzeugt sein will. Sie sind ja ein erwachsener Mann, der die Wahrheit ertragen können muß. Bei aller Pietät für Ihren Vater werden Sie doch so urteilsfähig sein, um entscheiden zu können, ob ein solches Verhalten, wie ich es schildere, bei seinem Temperament und Charakter möglich war oder nicht. Der cholerische, in sich zurückgezogene Mann ist gewiß zeitlebens nicht leicht zu behandeln gewesen, später, als die Galle bei ihm eine größere Rolle spielte, hat er sich wohl am meisten selbst weh getan. Immer tiefer bohrte er sich in die vorgefaßte Meinung hinein, kehrte seinen ganzen Haß gegen den Unschuldigen und lud ihm – während er selbst alles tat, sich zu schaden – die ganze Verantwortung dafür auf. Sie waren nicht da und wissen nicht, wie es zuging, ich aber stand an Ort und Stelle. Nicht genug, daß er den Landrat zum Zweikampf forderte, schleuderte er öffentlich alle möglichen Schmähungen gegen ihn. Ermahnungen und Zurechtweisungen vom Präsidenten fruchteten nichts, er kehrte seine Angriffe jetzt nur auch gegen diesen, als den Freund und Bundesgenossen des Landrats. Zuletzt trieb er es so weit, daß die Regierung dies aufreizende und allen Respekt zerstörende Treiben eines renitenten Beamten nicht mehr dulden konnte. Es ward die Entlassung beantragt. Sie erfolgte nicht und wurde in eine Versetzung verwandelt, wie sie der Beamte sich alle Tage gefallen lassen muß, und wenn Sie fragen wollen, wem dies zu danken war, so kann ich Ihnen erwidern: einzig und allein der Verwendung des Landrats. Er, dem es schwer genug gefallen sein mag, sich bei den Beleidigungen zurückzuhalten, ja selbst den Vorwurf des aristokratischen Hochmuts und der Feigheit auf sich ruhen zu lassen – denn nichts wurde ihm erspart –, er war es, der seinen ganzen Einfluß zum Besten seines Gegners geltend machte. Meinen Sie nicht, daß ihm oft genug der Gedanke nahe gelegen sein mag, durch eine Erklärung mit der verlassenen Braut all den Anfeindungen ein Ende zu machen? Nicht ein einziges Mal hat er ein Wort fallen lassen, ja sogar nicht gewollt, daß öffentlich widersprochen wurde. ›Es könnte der Armen zu Ohren kommen,‹ sagte er und trug den Schein der Zweideutigkeit weiter. ›Meine Schultern sind stärker als die ihren,‹ erklärte er, und als die Gehässigkeiten immer weiter gingen, da zog er es vor, selbst den Platz zu räumen. Sollte er den kranken, verblendeten Mann, der nie im Leben eine Pistole in der Hand gehabt, auch noch über den Haufen schießen und ihn seiner Familie rauben? Ohnedem war er im herben Schmerz über den tiefen Riß in seinem Leben abgestumpft gegen die Eindrücke der alltäglichen Umgebung. Er wollte dieser unablässigen Erinnerung entfliehen und reiste darum ab.«

Immer tiefer war Werners Haupt gesunken, je klarer er in diese traurige Verkettung von Irrtum, Mißtrauen, Leidenschaftlichkeit und schweren Schicksalsschlägen zu schauen begann. Noch wollte er sich der niederdrückenden Erkenntnis nicht ergeben. Seine Liebe und Verehrung zu dem toten Vater suchte nach einem Lichtstrahl, und jetzt glaubte er ihn gefunden zu haben.

»Warum aber blieb Herr von Wingerode nicht lieber, wenn sein Herz so an meiner Tante hing, und erhielt sie bis zu ihrem Ende in dem süßen Wahn, seine geliebte Braut zu sein? Es wäre ein trauriges, ein schweres – aber ein edles Spiel gewesen.«

»So war's beschlossen,« entgegnete Doktor Brunner nickend, »und wäre sicher bis zum Ende durchgeführt worden, hätte Ihr Vater nicht, taub gegen alle Gründe, die seinen Verdacht nur schürten, gewaltsam auf Einhaltung des festgesetzten Hochzeitstages gedrungen. Jedes Hinausschieben erklärte er für eine Entehrung des Verhältnisses, und den Bräutigam, der sein Wort zu halten zögerte, nannte er rundweg einen Verführer und verbot ihm das Haus. – So war's und so hat sich alles verhängnisvoll gedrängt. – Sie möchten mir noch immer nicht glauben? – Ich nehm' es Ihnen nicht übel; aber Ihre Zweifel kann ich heben, sobald ich nach Hause komme. Noch habe ich einige Briefe aus jener Zeit aufbehalten – die will ich Ihnen zusenden, und aus denen werden Sie ersehen, auf welcher Seite die Vorurteile, die Animosität und Rücksichtslosigkeit waren und wie selbstlos, zartfühlend, großmütig und wahrhaft edel dieser Edelmann gehandelt. Vielleicht reden Sie dann anders vom Erbteil des Blutes und der Rasse. Sehen Sie, es hat mich noch niemand für einen Anhänger der Aristokraten erklärt, ich halte es politisch sogar gegen sie, aber ich bin viel im Leben mit ihnen zusammengekommen und muß sagen: wenn sie nicht besser sind, so sind sie doch auch nicht schlechter als andre Leute. Eine Institution, die auf das Prinzip gegründet ist, sich über das Niedrige und Gemeine zu erheben – wie krankhaft und verkehrt auch einzelne Auswüchse sein mögen –, ist am Ende doch nicht so verwerflich in einer Zeit, wo leider alles bald nur noch nach den materiellsten Interessen jagt.«

Er hielt inne. Es kam kein Widerspruch, keine Zustimmung – längst folgte Werner seinen Ausführungen nicht mehr, aber er fuhr wie aus dem Traum gerüttelt auf, als er Lydias Stimme vernahm.

»Die Herren debattieren, darf ich da auch dabei sein? – Jenny hatte Zerstreuung gefunden. Sie nimmt sich zweier allerliebsten Jungen an, die auf ihren Streifzügen die Kajüte entdeckt haben. Ich finde es unerträglich dumpf unten und muß Luft schöpfen.«

Werner war aufgesprungen. Er beachtete nicht, daß Lydia mit absichtlich leichtem Ton über die zwischen ihnen eingetretene Spannung hinwegzugehen suchte. Noch ganz in das eben Gehörte versunken und mächtig von der dadurch hervorgerufenen Umwälzung erfaßt, sagte er gedrückt und verlegen:

»Wie stehe ich vor Ihnen?«

Ein Blick auf ihn und dann auf den Doktor und sie hatte die Ursache dieser peinlichen Bewegung erkannt.

»Oh, Sie haben doch geschwatzt, Herr Medizinalrat!« äußerte sie in sichtlicher Mißstimmung. »Das war unrecht. Kann man sich so wenig auf Ihr Wort verlassen?«

»Ich habe nur versprochen, die alte Geschichte ruhen zu lassen,« verteidigte sich der Getadelte. »Wenn man aber meinem hochverehrten Freunde noch nach Jahren in sein Grab hinein Dinge zur Last legt – na, da schweige, wer kann. Ein Tag muß doch auch für die Wahrheit kommen. – Übrigens habe ich darüber meine Möwen ganz vernachlässigt. Nur noch zwei. Echte Kosmopoliten; sie drohen sofort mit Abfall, wenn die Brotfrage nicht baldige Erledigung findet. Da muß ich sehen, ob ich bei der Köchin meine Vorräte erneuern kann.«

Er war gegangen und Lydia und Werner standen sich allein gegenüber.

»Sie beschämen mich,« sagte dieser. Sein Auge hing voll Zärtlichkeit an ihr und doch mit ernstem Vorwurfe.

Langsam trat sie an das Bollwerk vor, ihr Antlitz den Bergen im Osten zuwendend, auf denen der rosige Schein der scheidenden Sonne lag.

»Haben Sie nicht ebenso gehandelt?« lautete dann die Antwort. »Auch Sie schwiegen, und ich ging unbefangen neben Ihnen her, indes ich Ihnen keine Unbekannte war.«

»Hier jedoch handelte es sich um eine Aufklärung, um eine Richtigstellung. Sie haben dieselbe verschmäht,« und da sie den Kopf schüttelte, setzte er nachdrücklich hinzu: »Aber Sie haben doch dem Doktor verboten zu sprechen. Aus Stolz taten Sie es.«

»Vielleicht,« ein weiches Lächeln glitt flüchtig wie ein Hauch um ihre Lippen; »dann war es aber nur der Stolz, der meinen Vater einst zum Schweigen verurteilte. Sollte ich Ihrer Mutter Frieden nach so langen Jahren stören, das über das Grab hinaus bewahrte Vertrauen und die Zuversicht in ihres Gatten Recht und Überzeugung erschüttern? Sollte ich des Sohnes Glauben an die Unfehlbarkeit seines Vaters – – Und gerade ich? Nein, von mir sollte der Schmerz nicht ausgehen, von mir nicht. ›Unrecht leiden ist besser als unrecht tun,‹ ›Stark ist, wer des Schwachen schont!‹ das waren die Lieblingsworte meines Vaters. Das sind die Traditionen, denen ich Treue bewahren will – was Sie mir so sehr verdenken.«

»Und ich, ich konnte meinen –« rief er, sie entzückt betrachtend; »Sie betonten dies Wort in besonderer Absicht – mich vor einer Übereilung zu warnen – mich abzuschrecken.«

»Wovor?« Ihr großes dunkles Auge richtete sich erstaunt auf ihn, aber es war nicht der gewöhnliche ruhige Blick. Die sprühenden Lichter in der Tiefe gaben Kunde von der mächtigen Erregung der Gefühle.

»Ich war im Begriffe – zu werben,« erklärte er, und als sich ihr Kopf jetzt senkte, fuhr er eifriger und nachdrücklicher fort: »Die Freiheit und Unabhängigkeit suchen Sie auf dem Weg, den Sie einschlagen wollen. Aber Sie werden weder frei noch unabhängig sein, denn die Mittel, durch welche Sie es erreichen wollen, werden sich als Ketten erweisen, die Sie sich selbst angelegt. Wie so viele werden auch Sie weiter nichts als ein Sklave ihres Standes sein. Man muß ihn lieben, wie man den Gatten liebt, man muß mit ihm eins sein wie in der Ehe – nur dann ist man frei in der Gebundenheit. Sie dürfen nicht in eine falsche Stellung geraten, wo sie ihrem Geist in irrtümlicher Auffassung nicht Arbeit, sondern Tagelöhnerdienste zuweisen, statt seinen Bedürfnissen entgegenzukommen ohne jeden andern Zweck als eben nur seine Entwicklung. Und das Mandat, ihn so zu aller Freiheit zu geleiten, das müssen Sie einem Gatten erteilen.«

»Doch nicht etwa –«

Sie sprach nicht aus, und rasch wendete sie sich wieder dem Farbenspiel auf dem gekräuselten See zu. In seinem Blick hatte sie ihren Irrtum sogleich erkannt.

»Nein, nein, ich bin kein Siegfried. Nicht für einen andern – ich werbe für mich,« sagte er lebhaft und warm, ihr die Hand entgegenstreckend.

Die ihrigen aber blieben auf dem Geländer liegen. In sich versunken, von stürmischen Empfindungen bewegt, lehnte sie sich über dasselbe, während er in aufgeregter Erwartung auf das leise Zittern ihrer Hände, das Zucken ihrer Lippe und ihres Augenlids und das Wogen ihrer tief atmenden Brust achtete.

»Machen Sie mich in meinem Entschluß nicht irre,« sagte sie endlich nach langem Schweigen, »lassen Sie mich meinen Weg gehen, wohin er auch führe.«

»Weshalb?« fragte er mit aussetzendem Atem.

»Sie wollen mich auf einen sichern Platz in der Gesellschaft heben? Sie wollen mir bittere Erfahrungen ersparen? Sie tun es aus Mitleid und Sie wissen, daß ich dem nichts verdanken will. Lassen Sie mich meinen Vorsatz durchführen. Was später wird, das bleibe Gott anheimgestellt. Wir beide aber wollen Freunde sein, jetzt können wir es ja sein.«

»Das kann ich nicht!« stieß er rauh hervor und wies die Hand, die sich ihm entgegengestreckt hatte, heftig zurück.

»Warum nicht?«

Eine gebieterische Leidenschaftlichkeit brach wie ein Glutstrom aus seinem Innern.

»Weil ich nicht Freund dessen bleiben kann, der mein Glück vernichtet!«

Das war nicht Geros mattherzig flehende Entsagung. sondern das jähe Ungestüm eines Herrscherwillens, der rücksichtslos jegliches Hindernis niederbricht. Was sich darin aussprach, war wohl alles andre eher – als Mitleid.

Die so unversehens emporschlagenden Flammen erhellten alles Dunkel und erfaßten auch sie.

Eine Sekunde stand sie wie eine Säule starr, dann ging ein Zittern durch sie, eine Erschütterung wie von einem Erdbeben, und plötzlich stürzten unaufhaltbar heiße Tränen in Strömen über ihre Wangen. Das war ein seltsamer Anblick. Im nächsten Moment aber hatte sie schon den Schleier herabgezogen und eilte hinweg, der Kajütentreppe zu.

Mit wenigen Schritten hatte er sie auf den obersten Stufen eingeholt, wo sie schluchzend an der Wand lehnte. –

»Lydia! Sie weinen!« rief er, sie stürmisch umfangend. »Sie können weinen. Sie haben ein Herz!«

Aller Widerstand war hinweggeschmolzen. Regungslos lag sie an seiner Brust. Unter Tränen lächelte sie ihn glücklich und doch zugleich wehmütig an. Es war ein leiser Seufzer.

»Und so bin auch ich nur ein schwaches Weib.«

»Aus dieser Schwäche aber erwächst deine Kraft,« erwiderte er mit den innigsten Lauten des Entzückens, »die Macht, vor der du dich beugst, geht wieder aus von dir. Die Liebe ist's – in der wir eins sind – die allmächtige Liebe!« –

Als sie nach einer Weile, verscheucht von einem Geräusch, Arm in Arm wieder auf Deck heraustraten, da lag auf der stahlgrauen Fläche des unbeweglichen Sees die Sonne als ein großer gelber Ball; die fernen Hügelreihen, wie die Wolken darüber von goldenen Streifen durchzogen, leuchteten in violettem Purpur, und durch den schimmernden Duft im Süden trat die Ahnung der kaltgrauen Berge mit ihren schneeigen Gipfeln immer deutlicher aus dem tiefen Hintergrunde. In einzelnen Häusern von Bregenz, dort zur Linken, scheint Feuer aufgegangen zu sein und bricht flammend aus den spiegelnden Fenstern. Ganze Fronten entzünden sich – von der alten Bergstadt loht ein Brand, der launisch an der aufleuchtenden Mauer hingleitet und von Turm zu Turm überspringt, um im nächsten Moment jäh zu verlöschen. Schärfer wird das Weiß des Schnees, glühender das Gold des Gestirns, an dem jetzt die scharf umrissene Silhouette eines Kahnes mit zwei Ruderern wie eine acherontische Fähre vorübergleitet. Nun ist sie vorbei und versinkt im Schatten – nichts regt sich, und der Glutball ist versunken, und immer kleiner wird der verglimmende Kreis des Widerscheins. – Es ist Nacht.

Dort aber, wohin der Bug des Schiffes weist, glänzt ein Stern auf und sendet seine leitenden Strahlen weithin über den See. Es ist das Licht vom hohen Leuchtturm des Hafens – dem Endpunkt der heutigen Fahrt, aber auch der Ausgangspunkt auf neuem Weg in die Welt und das Leben.