Der Selbstmörder

Der Morgen war gekommen, und noch immer war er nicht da. Man mußte die Rolljalousien aufziehen, das Geschäft eröffnen, trotzdem er fehlte, er, die Hoffnung des ganzen Hauses.

Er war nicht der Sohn des Hauses, aber mehr als ein solcher. Nicht nur sollte er einst das blühende Geschäft fortführen, er galt als der Bräutigam der einzigen Tochter des Hauses, und nicht nur die Zukunft der Firma, auch das Lebensglück dieses jungen Mädchens lag in seiner Hand. Und er war fort, rätselhaft verschwunden, vermißt, seit gestern abend ausgeblieben. Keine Spur, keine Nachricht von ihm.

Und während die Morgensonne ihre ersten Strahlen in das reich dekorierte Schaufenster warf auf die Andromeda von Bronze, die Tanagrafigürchen und auf die kunstvoll gestalteten Leuchter und Stafetten, saßen und standen alle müßig umher mit der einen Frage: Was ist aus ihm geworden?

Es kamen um diese Morgenstunde noch keine Kunden. Solch ein vornehmes Geschäft wie dieses wird nur pro forma so früh geöffnet. Gestern abend beim Schluß des Ladens hatte noch niemand ernste Besorgnis. Ein junger Mann kann einmal ausbleiben bis zehn Uhr, was will das heißen? – Freilich, bei der pedantischen Ordnung im Hause mußte das auffallen. Er war ja manchmal abwesend, aber man wußte doch immer, wo er sei, wann er zu erwarten.

Herr August Hilmar, der Chef des Hauses, war ein alter Herr, ein musterhafter, übergewissenhafter Geschäftsmann. Niemals hätte er etwas verkauft, von dessen sorgsamer Ausführung und Preiswürdigkeit er nicht fest durchdrungen gewesen wäre. Er kalkulierte seine Preise noch nach der alten Art, die sich Unkosten, Herstellung, Zinsen zusammenrechnete und einen ganz bestimmten Prozentsatz als Gewinn daraufschlug, gleichviel ob die Ware besonders billig erworben und leicht loszuschlagen war oder nicht. Daher denn auch das alte, gute Renommee der Firma.

Hilmar hatte eine einzige Tochter. Deshalb hatte man auch ein Mündel, einen entfernten Verwandten, in früheren Jahren in das Haus gezogen und direkt für das Geschäft vorbereitet. Karl Hilmar, ein hübscher, geweckter Bursche, genoß im Hause Hilmar eine sorgfältige Erziehung. Mit sechzehn Jahren war er in das Geschäft getreten, und der Onkel und Vormund führte ihn bei dem versammelten Personal als den zukünftigen Chef ein.

»Dein Glück ist gemacht,« sagte er damals zu dem Jüngling, und nicht ohne Neid sahen die älteren Angestellten den jungen Glückspilz in Tätigkeit treten.

Karl freilich schien nicht sehr davon durchdrungen, daß die neue Wendung der Dinge zu seinem Glücke sei. Als er ausgelernt hatte, begann er lässig zu werden, ja auszubleiben, zeigte sich ohne Eifer für das Geschäft, und die Folgen waren manches Mal heftige Scenen. Eine gewisse künstlerische Veranlagung, die man übrigens in der Schule besonders gepflegt hatte, mochte in ihm den Wunsch entstehen lassen, einen anderen Beruf einschlagen zu dürfen. Er zeigte Neigung zum Modellieren; das Herumstehen hinter dem Ladentisch war ganz und gar nicht nach seinem Sinn; aber alle Vorstellungen nach dieser Richtung hin prallten an dem Onkel und Vormund ob.

»Du wirst Deine künstlerischen Fähigkeiten, Dein Urteil über Form und Farbe auch in unserem Geschäft vorteilhaft verwerten können, und meine Firma würde gewiß noch größere Erfolge erzielt haben, wenn auch mir gleiche Begabung zur Seite gestanden hätte.«

Solcherart suchte der Onkel in seiner bestimmten, wenn auch gutherzigen Weise den jungen Menschen von abenteuerlichen Plänen zurückzuhalten.

Wirklich, Karl hatte nichts von einem Kaufmann, hatte alles von einer Künstlernatur. Mit seinen blitzenden Augen, seinem lässig lebhaften Wesen, seinen wechselnden Stimmungen und Einfällen schien er wenig für die stille, einförmige Arbeit des Kontors zu passen. Er geriet in Entzücken über eine hübsche Figur aus Bronze oder Gips, begann sie wohl auch nachzuzeichnen, aber er dachte nicht an ihren Handelswert, an die Rolle, die sie im Hauptbuche spielte. Er war im stande, irgend einen neuen, kunstgewerblichen Gegenstand lediglich deshalb geschäftlich zu vernachlässigen, weil vielleicht die ornamentale Ausschmückung desselben sein fein entwickeltes Stilgefühl verletzte. Einmal war es geschehen, daß er einem Kunden seines Onkels geradezu ungezogen begegnet war, weil dieser sich für den Ankauf einer geschmacklosen Wandgarnitur entschieden hatte. Dergleichen nahm Herr Hilmar manchmal übel. Wenn nun diese Verstimmungen zwischen beiden anhaltender, ernstlicher sich gezeigt hätten, so hätte man daraus auf einen Grund schließen können für Karls Verschwinden, einen Anlaß für ihn, etwas Tolles, Verzweifeltes zu unternehmen. Aber seit einiger Zeit war Ruhe eingetreten zwischen dem jungen Mann und dem alten Herrn.

Josepha, die einzige Tochter Hilmars, war zwei Jahre bei einer Tante in Dresden gewesen, die ein berühmtes Pensionat besaß. Lernen freilich hätte sie auch in Berlin alles mögliche können, aber die ehrgeizigen Eltern legten Wert darauf, daß Josepha sich feine Manieren, angenehme Formen aneigne, sich musterhaft betrage: das sollte sie in dem aristokratischen Pensionat erlernen.

Nun kam sie von dort zurück als eine Schönheit, als eine vollkommene junge Dame, und seither war es gewesen, daß eine Verwandlung mit Karl vorgegangen. Er wurde sanft, geduldig, aufmerksam, sichtlich verliebt in Josepha. Die Eltern schienen das sich offenkundig entwickelte Verhältnis zu begünstigen, und eines Tages hieß es, die jungen Leute seien stillschweigend verlobt; an Josephas achtzehntem Geburtstage sollte die Verlobung proklamiert werden. Nun erst schien Karl sich ganz und gar in sein Geschick fügen zu wollen. Wenige Tage vor dem Geburtstage aber war es, als das Unglück geschah.

Karl führte die Bücher. Gegen Abend war er von seinem Onkel zu einem Geschäftsfreunde geführt worden und gab von da aus telephonisch Nachricht, der Mann käme erst gegen neun Uhr zurück; er, Karl, werde in einem Restaurant so lange warten und dann seinen vorher vergeblichen Besuch wiederholen. Man wartete in der Familie mit dem Abendessen. Karl bewohnte ein möbliertes Zimmer im Hinterhause, aber er pflegte mit am Familientische zu speisen. Heute abend kam er nicht. Gegen halb zehn Uhr fragte man mittelst des Fernsprechers bei dem Geschäftsfreunde an; Karl war zum zweiten Male nicht dagewesen. Man setzte sich verstimmt und unruhig zu Tische, aß wenig oder gar nichts. Der Onkel und die Tante, zwei alte, sehr pedantische Menschen, die auf die Minute zu speisen pflegten, täglich aus den gleichen Gläsern genau das gleiche Quantum Wein tranken, mit dem Glockenschlage zu Bett gingen und wie Uhrwerke arbeiteten, waren von solch einer Unregelmäßigkeit doppelt empfindlich berührt. Inkorrektheiten konnten sie nicht ertragen; entweder mußte Karl ein Unglück zugestoßen sein, oder er betrug sich unverantwortlich.

Nur Josepha war ruhig; sie war ein gelassenes, harmonisches Gemüt. Vorläufig glaubte sie nichts Böses; irgend ein Zufall konnte die Ursache des Ausbleibens sein. Vielleicht auch hatte sie mehr eine ruhige Gewohnheitszuneigung, als eine heftige Leidenschaft für den Mann, der ihr Kamerad und Spielgefährte gewesen, obgleich er mehrere Jahre älter war als sie.

»Er wird kommen, muß jeden Augenblick kommen,« versicherte sie. Sie verschwieg den Eltern, daß sie manchmal deutlich seinen Tritt gehört hatte, wenn er abends, nachdem die Eltern sich bereits zur Ruhe begeben, noch ausging. – Nach dem Abendessen in der Familie spielte er meist vierhändig mit Josepha und zog sich dann auf sein Zimmer zurück. Sie aber hörte ihn nachher oft noch davonschreiten, ihr Schlafzimmer ging nach der Treppe. Sie wußte nicht, wann er nach Hause kam, grollte ihm auch nicht; sie war jung und begriff vollkommen, daß er nicht so leben konnte, wie die Eltern sich einbildeten. Sie verzieh es, weil er das Dekorum wahrte, fühlte sich aber heute nicht beunruhigt, denn er war eben einer Versuchung erlegen, hatte vielleicht einen Dienstmann oder eine Depesche gesandt, die zufällig ihr Ziel verfehlt hatten. Er kam ja sonst nach Hause, wenn auch noch so spät, und während die Eltern unruhig und ärgerlich dasaßen, zur gewohnten Stunde nicht zu Bett gehen wollten, blickte sie gleichmütig drein aus ihrem schönen, gelassenen Gesichtchen, in ihrer ruhigen, musterhaften Haltung: Er würde schon kommen! –

Aber er kam nicht, kam nicht.

Als es Mitternacht geworden, riet sie den Eltern, zur Ruhe zu gehen. Es kostete sie einen Entschluß, zu verraten, daß er schon manchmal des Nachts fortgeblieben, es hätte auch wohl heute nichts damit zu bedeuten. Im ersten Augenblicke waren die Eltern entrüstet über Karl, über Josepha, die gewissermaßen sein Verhalten beschönigte, aber sie waren doch auch andererseits beruhigt und gingen in ihr Schlafzimmer. Auch Josepha suchte die Ruhe. Bald darauf glaubte sie Karls Schritt zu hören, und so schlief sie ein.

Schon um sechs Uhr stand der Papa auf, eine Stunde früher als sonst verließ er sein Schlafzimmer und begab sich hinauf in Karls Zimmer. Bleich und verstört kehrte er zurück: Karl war nicht da, nicht gekommen.

Eiligst kleideten sich die beiden Damen an. Nun war man ernstlich bestürzt; man ließ auch vor den Dienstboten die Maske fallen, lief unruhig und ratlos umher. Josepha blieb verhältnismäßig die Ruhigste, sie sagte gelassen:

»Er hat sich einen Rausch geholt, den er irgendwo ausschläft, weil er sich schämte.«

Aber auch diese ungewisse Möglichkeit zerfiel sehr bald, denn der Morgen stieg höher und nichts wurde vernehmbar. So machte sich Papa denn auf, nahm eine Droschke, fuhr zur Polizei. Man wußte nichts von Karl; keiner der in der Nacht Verunglückten oder Verhafteten konnte Karl sein. Herr Hilmar fuhr nach Hause in der Hoffnung, der junge Mann werde inzwischen angekommen sein; es ging bereits auf zehn, – aber auch das war eine Täuschung. So entschloß man sich, die Diener zu Freunden zu schicken, zu Verwandten und Bekannten Karls; niemand wußte von ihm zu melden.

Inzwischen versammelte sich das Personal des Hauses. Das Gerücht lief durch die langgestreckten Verkaufsräume: Der junge Herr wird vermißt; er ist seit gestern nicht gekommen. Teilnehmend hörten es die meisten, weil sie gut behandelt wurden, wenn auch streng gehalten.

Fräulein Pauline war die einzige Dame im Geschäft. Man wunderte sich vielfach, daß sie auf ihrem Posten aushielt; sie meinte aber, ein Mädchen müsse seine Tugend selbst schützen; je größer die Gefahr, desto größer war auch das Verdienst. Uebrigens war die Gefahr nicht groß in diesem Mustergeschäft, bei dieser feinen Kundschaft. Allerdings, es fehlte nicht an Versuchung, denn sie war eine pikante, üppige Blondine, kokett gekleidet, von ein wenig auffälligem, sehr entschiedenem Wesen. Nach ihrem Aeußeren hätte man sie für eine leicht zugängliche Kokette halten mögen, aber sie ging nie über einen harmlosen Scherz hinaus; wer mehr versuchte, dem begegnete sie nachdrücklich, ja grob. Sie unterstützte von ihrem Gehalt die Mutter und jüngere Geschwister.

Niemand bemerkte, daß Fräulein Pauline, die Kassiererin, die sich sonst durch außerordentliche Pünktlichkeit auszeichnete, heute fehlte. Schlag acht Uhr sah man sonst ihren hübschen, blonden Kopf hinter dem Kassentischchen auftauchen, jetzt – um halb neun Uhr – kam sie an, ganz atemlos und dunkelrot.

»Wissen Sie vielleicht etwas von ihm?« rief ihr der erste Kommis entgegen, ein ganz kleines, aber sonst hübsches Männchen mit gebrannten Locken und geschniegelter Toilette.

»Von wem?« fragte Pauline verwundert. Sie hatte ganz vergessen, daß Karl gestern abend nicht mehr in das Geschäft gekommen war.

»Von dem jungen Herrn. Er ist nicht nach Hause gekommen.«

Das junge Mädchen fuhr erzürnt auf:

»Wie soll ich wissen, was mit ihm geworden ist! Sie glauben doch nicht, daß ich Rendezvous mit ihm habe? – Es ist empörend.«

»Sie waren so aufgeregt, Fräulein Pauline,« meinte jener begütigend; »und außerdem, ich sah es doch, Sie hatten immer ein Auge auf ihn.«

Der kleine, hübsche, parfümduftende Kommis war offenbar eifersüchtig; Pauline aber hörte nicht auf die Anzüglichkeiten. Jetzt erst gab sie der Vorstellung Raum: Er ist nicht nach Hause gekommen, und mit dem Ausdruck des Schreckens und der Besorgnis fragte auch sie:

»Was ist aus ihm geworden?«

In fünfzig Varianten erzählte man ihr:

»Der junge Herr ist ausgeblieben. Vom jungen Herrn ist nichts zu hören, nichts zu sehen.« Niemand aber wußte ihr Näheres zu sagen.

Man hatte es, wie gesagt, nicht bemerkt, daß sie zu spät gekommen war, sie, die Pünktlichkeit selbst. Sie dachte einen Augenblick daran, sich beim Chef zu entschuldigen, aber er hörte sie nicht; er hatte ihr Zuspätkommen übersehen.

Alles fraternisierte heute mit dem Chef, lobte den Verschwundenen, kombinierte mit dem alten Herrn, wo Karl geblieben sein könne. Man hatte sonst gewaltigen Respekt vor dem Chef, der in seiner steifen, würdigen Haltung eine gewisse Unzugänglichkeit sich zu wahren gewußt. Heute machte der Schreck, die Besorgnis alle gleich; nur der kleine Kommis machte auch diesmal eine Ausnahme. Ein Kundiger hätte ihm die schlecht verhehlte Schadenfreude vom Gesicht lesen können.

Der junge Herr, der Verlobte der schönen Tochter des Hauses, nach dem auch die pikante Pauline angelte, war fort, verschwunden. Das war eigentlich kein Grund, sich zu ärgern. Der kleine Kommis hieß Waldenburg; er entstammte einem alten Adelsgeschlecht, aber der Chef hatte ihm die Bedingung gestellt, von seinem Adel keinen Gebrauch zu machen, und jener ging darauf ein, tat auch seine Schuldigkeit, aber er spielte doch gern den Freiherrn, den Ritterlichen, den Mann von Welt; auch hatte er wirklich seine Manieren. Anfangs machte er Josepha den Hof, und wenn diese es nicht merkte, so warf er sich auch ein wenig zum Kavalier der schönen Kassiererin auf. Alls reinem Vergnügen an der Sache geschah das alles; Josepha war ja nicht mehr frei, und Pauline würde ihn nicht erhören. Unbegreiflich genug war, warum sie sich so spröde zeigte. Ein hübsches Mädchen, das von früh bis abends an der Kasse saß und nach einem Vergnügen, einer Zerstreuung lechzen mußte, dazu ein tugendhaftes Mädchen, dem zarte Huldigungen gefallen mußten, und er, Waldenburg, war galant und ritterlich. Ach, er hatte alles: Namen, hübsches Aeußere, gewinnende Manieren, eine auskömmliche Stellung, nur er war zu klein. Josepha reichte er kaum an die Schulter, Pauline bis an den oberen Rand des Ohres; der sechzehnjährige Lehrling des Hauses war größer als er. Ach, wie froh war Herr von Waldenburg: Der hübsche, junge »Chef« war fort, neben dem nicht aufzukommen war. Tot? – Nein, tot brauchte er nicht zu sein, nur durchgebrannt, weil er eine Dummheit gemacht hatte, weil er eine andere liebte. Nur wiederkommen sollte er nicht; irgendwo in Amerika mochte es ihm wohlgehen, nur hier nicht.

Josepha war heute unten nicht zu sehen, also konnte man Pauline ein wenig Aufmerksamkeit zuwenden. Im Grunde genommen gefiel ihn? Pauline besser als Josepha, aber diese war doch die Tochter des Chefs.

»Warum kamen Sie heut so spät, Fräulein Pauline? – Es ist doch kein Unfall in Ihrer Familie geschehen?« –

»Ja, doch,« flüsterte Pauline. »Meine Tante hatte einen Schlaganfall.«

Waldenburg schnellte empor. Jene Tante war, wie er wußte, eine Erbtante, sie sollte Vermögen besitzen, ein geheimnisvolles Testament deponiert haben. In seinem findigen Vorstellungsvermögen entwickelten sich liebliche Möglichkeiten.

»Ist sie tot?« fragte er.

»Nein, es war nur eine Streifung.«

»Aber wenn es sich wiederholt?« fuhr er fort.

»Ach, wer wird daran denken!« wies ihn Pauline ab.

Er aber dachte daran. Wenn Pauline erbte! Sie gefiel ihm, aber ein ganz armes Mädchen heiraten, war doch ein Wagestück. Wenn er jedoch Ernst machte, seinem Namen würde man nicht widerstehen, und sein Rivale im Geschäft war fort, verschwunden. Leise flüsternd erwog er mit Paulinen die Chancen für die Genesung ihrer Tante; sie waren wie das junge Mädchen leider selbst zugeben mußte, gering. Aber sie sprach über das alles, offenbar ohne auch nur zu ahnen, woran Waldenburg dabei dachte.

Der Chef hatte sich in seiner Aufregung wieder entfernt, er war nochmals zur Polizei gegangen. Zehn Uhr war längst vorüber, man mußte jetzt etwas wissen. Ein zufälliges Ausbleiben war gar nicht mehr möglich; wenn Karl aus irgend einem Grunde bei einem Freunde übernachtet hatte, so hätte er längst hier sein müssen.

»Mein Gott, wie verwirrt mein Mann ist!« sagte Frau Hilmar. »Da hat er den Schlüssel an meiner Privatkasse stecken lassen. Zum Glück sind ehrliche Leute hier.«

»Und Fremde kommen nicht in das Comptoir,« beruhigte sie Waldenburg. Er sagte das ganz unbefangen. Plötzlich aber veränderte sich seine Miene; mit eigentümlichem Ausdruck hing sein Blick an der Kasse. Wenn darin Geld fehlte – wenn »er« – der glänzende Karl, der Sieger bei allen Frauen – o, es wäre großartig!

Nein, er, Waldenburg wünschte niemand etwas Böses. Aber diesen Karl hätte er manchmal erwürgen können. Anfangs hatte jener sehr auffällig mit Pauline, der hübschen Kassiererin, getändelt, und ihm, Waldenburg, gefiel das Mädchen selbst. Aber gegen den sieghaften, jungen, schönen – ach, so schlank gewachsenen Herrn Hilmar – konnte der fast komisch kleine Freiherr nicht aufkommen.

Und dann kam Josepha – wieder ein schönes Mädchen! Jetzt kaperte der verführerische Karl diese – nur so im Handumdrehen. Es war wirklich empörend. O – wenn dieser unwiderstehliche Held mit der Kasse durchgebrannt wäre! –

Aber niemand dachte an diese Möglichkeit. Es war wohl auch Unsinn. Der junge Mann war wohlsituiert, war als künftiger Schwiegersohn auch der präsumtive Erbe.

Nein – es war nichts! Die Kasse war doch intakt!

Und Waldenburg wandte sich indigniert ab.

Die Privatkasse war eigentlich diejenige der Frau Hilmar. Sie enthielt die Depositenscheine über ihre Mitgift nebst einigem barem Gelde. Bei der musterhaften Ordnung auch in den Privatverhältnissen des Hauses war man darüber einig geworden, daß Frau Hilmar einen gewissen Teil ihrer Ausgaben aus ihren Privatmitteln bestreite, und das geschah aus jener wohlbesetzten kleinen Kassette, die morgens aus dem großen Geldschrank genommen wurde, um abends wieder unter Verschluß zu gelangen. Jetzt zog sie den Schlüssel ab und verbarg ihn ängstlich.

Und jetzt kamen auch Kunden. Die neuen Armleuchter mit farbigen elektrischen Glühlämpchen waren ein begehrter Artikel geworden, ebenso die reizenden Blumenvasen aus einer Kombination von Marmor und Bronze. Waldenburg verkaufte mit gewohnter Beredsamkeit und gewohntem Erfolge. Und jetzt kam der alte Hilmar vom Polizeibureau zurück, sank in einen für die Kunden bestimmten Sessel.

»Keine Spur von ihm, man weiß nichts,« jammerte er, ohne auf die im Laden Anwesenden zu achten. Zwei Damen, welche eben eine Schreibtischgarnitur erhandelten, zeigten Teilnahme; der Chef beachtete sie kaum. Er klagte weiter:

»Und es ist doch kein Grund vorhanden, absolut keiner! Der Junge war gut gestellt, hatte Geld, er hatte auch keine Schulden; ich habe eben sein Ausgabenbuch gesehen, auch nachgefragt, wo immer eine Möglichkeit gewesen wäre; niemand weiß von Schulden. Er war kerngesund und hatte eine schöne Zukunft vor sich. Er war verlobt und liebte meine Josepha; das Leben lag vor ihm wie eitel Rosenfarbe und Sonnenlicht.«

»Es muß ihm ein Unfall zugestoßen sein,« bemerkte Waldenburg, während er den Damen auseinandersetzte, daß cuivre poli ein überwundener Standpunkt sei.

»Dann wüßte man's auf der Polizei,« fuhr der Alte fort, »der Junge wäre in einem Krankenhause. Ich habe überall angefragt und anfragen lassen.«

Alle schwiegen. Der Chef konnte sich nicht beruhigen.

»Er muß irgendwo verunglückt sein, z. B. an einem der Seen; anders kann man außerhalb Berlins nicht leicht zu Schaden kommen, und in der Stadt ist ihm nichts geschehen, sonst wüßte man es auf der Polizei. Was aber bestimmte ihn, gestern abend hinauszugehen ohne uns, ohne Josepha? Er sollte und wollte doch um neun Uhr bei meinem Geschäftsfreunde sein, hat dort sein Wiederkommen in Aussicht gestellt. Von diesem Augenblicke an fehlt jede Spur von ihm. Wenn ihn schon die Lust zu einem Ausfluge ankam, warum sollte er uns nicht benachrichtigt haben, und wär's selbst mit einer Ausrede? – Mein Gott, ich selbst habe nie eine Ausrede gebraucht, aber die junge Welt von heute … nun, ich würde es ja gelten lassen, es kann ja vorkommen! Aber so ohne Erklärung abends, da er noch geschäftlich zu tun hatte, etwa nach dem Müggelsee zu fahren und dort zu ertrinken, – und auch gleich zu ertrinken! Und man wüßte auch das bei der Polizei, man müßte eine Nachricht haben!«

Die beiden Damen hörten schweigend zu; das rätselhafte Unglück interessierte sie mehr, als die Schreibtischgarnitur in vieil argent.

»Er wird fortgereist sein,« wagte Waldenburg zu bemerken.

»Aber warum? – Und warum heimlich?« fragte der Alte, der in dieser Stimmung auf alles einzugehen bereit war. –

Niemand antwortete, und plötzlich brach Herr Hilmar in Verzweiflung aus:

»Er ist tot, tot!« Der alte Mann war ganz gebrochen.

Inzwischen war Josepha eingetreten.

»Nein,« versicherte sie bestimmter als es sonst ihre Art war, »er ist nicht tot. Es kann nicht sein, Papa.«

Zufällig begegnete ihr Blick dem Paulinens, und diese erwiderte zuversichtlich:

»Nein, er ist nicht tot; ich glaube es nicht. Er wird wiederkommen!«

*

Ein Schuß krachte. – Armin Bode stieß einen Schreckensschrei aus. Er war noch spät abends in den Tiergarten gegangen, um einen Spaziergang zu machen; er hatte sich dabei in dem fremden, ungeheueren Park verlaufen. Das steigerte das Gefühl der schmerzlichen Bangigkeit, die ihn in diesen Tagen befallen hatte, zu heftigem Weh.

Er war vollständig fremd in Berlin. In einer entfernten Provinzstadt war er als einziger Sohn kleiner Bürgersleute aufgewachsen, hatte gute Schulbildung und eine praktische Kenntnis sich erworben; nun waren seine Eltern rasch hintereinander gestorben, und er stand allein.

Allein und traurig hatte er ein Abendbrot eingenommen, das ihm nicht schmeckte, denn er war die süddeutsche Kost gewöhnt: nun ging er in den Tiergarten in der unbestimmten Erwartung, auf irgend einer Bank einen Menschen zu finden, der mit ihm plauderte – irgend eine Bekanntschaft zu machen. Wie oft hatte er derlei in Romanen gelesen! – Aber das Glück war ihm nicht hold. Zwei junge Damen, die er schüchtern zu grüßen wagte, als er sich neben sie setzte, wandten ihm den Rücken; ein alter Herr erwies sich als schwerhörig und ein jüngerer war mißtrauisch und unzugänglich. So stand Arnim sehr bald auf, um nach weiterem Wandern wiederum Platz zu suchen, um neuerdings nichts erlebt zu haben.

Dabei verlor er die Richtung, und als ihn jemand nach der Charlottenburger Chaussee weisen wollte, verlief er sich noch mehr; die Weisung war falsch gewesen, oder er hatte sie falsch verstanden.

Es dunkelte, und die Wege wurden einsam hier draußen in der Gegend des neuen Sees, wo der Park nirgends erleuchtet war; und diese fremde, dämmernde, einsame Parkwildnis machte ihn melancholisch, schien ihm symbolisch für seine Existenz.

Und jetzt krachte ein Schuß im Gebüsch.

Der ahnungslose Spaziergänger zitterte vor Schreck. »Ein Selbstmörder!« zuckte es ihm durch's Hirn. »Einer von denjenigen, die in der Riesenstadt einen harten Kampf ums Dasein führten und erlagen.«

O Gott, war das eine Vorbedeutung für ihn? –

Aber er durfte nicht müßig bleiben. Ohne Rücksicht auf seine Kleider drang er in das Gebüsch, woher der Schuß gekommen. Er erbebte im innersten Herzen, als er, mit dem Rücken gegen einen Stamm lehnend, eine dunkle, schwach ächzende Gestalt erblickte. Zaghaft trat er näher. Er wußte, derlei war in der Großstadt eine alltägliche Erscheinung; für ihn aber bot sich da etwas Neues, Unerhörtes, das er sich vielleicht einmal in müßigen Stunden nach aufregender Lektüre vorgestellt, das er aber niemals glaubte, selbst erleben zu müssen. Sein Herz drohte ihm zu zerspringen.

Es war ein junger Mann ungefähr in demselben Alter wie er; der Kopf hing ihm zur Seite, er schien bewußtlos. Aus einer kleinen Wunde an der Schläfe rieselte Blut.

Arnim stand ratlos. Was sollte er tun? – Hilfe herbeirufen? – Es war so still und einsam hier, woher Hilfe nehmen? – Oder sollte er selbst –? Aber wie?

Er preßte sein Taschentuch auf die Schläfe des Fremden, eine ganze Weile hindurch; plötzlich schlug der junge Mann die Augen auf, seufzte und lächelte schwach, wie geistesabwesend. Dann murmelte er:

»Da – der Ring, – bitte gleich – rasch – Josepha – Luisendenkmal – gleich –«

Er streckte Arnim die Hand hin. Da steckte ganz lose ein schmaler Reif mit einem Türkis, ein bescheidenes Ringlein. Noch einmal murmelte der Sterbende:

»Nur rasch!«

Arnim nahm, sinnlos vor Aufregung, den Ring und stürzte davon. Er überlegte nichts, er wußte nur, es gab ein Luisendenkmal im Tiergarten, und dort wartete Josepha; er mußte sie rufen.

Wie ein Verzweifelter stürzte er irgend einen Weg entlang, blindlings, sinnlos; er wollte ja Josepha rufen. Dann blieb er plötzlich auf einem einsamen Pfade stehen. Was wollte er eigentlich? – Er konnte eine Stunde umherirren, bevor er das Luisendenkmal fand. Und war Josepha auch dort? – Und würde sie ihm folgen? – Was um Gottes willen sollte er ihr sagen? – Welch ein Narr er war! – Aber was sollte er tun? –

Da stand er nun völlig ratlos. Der Abendwind rauschte in den Bäumen, und aus weiter Ferne hörte man die Züge der Stadtbahn donnern, die Equipagen der Tiergartenvillen dahinrollen. Greifbar nahe toste um ihn das Treiben der Hauptstadt, greifbar nahe und doch ihm unerreichbar.

Plötzlich erschrak er über seine eigene Torheit. Wie konnte er den Sterbenden, den mindestens schwer Verwundeten verlassen, um einem Phantom nachzujagen, einer romantischen Grille, dem unklaren Wink eines fast Bewußtlosen? – Er hätte nichts weiter tun müssen, tun dürfen als Hilfe bringen. Gewiß, der Park war nicht so einsam als es schien; man brauchte nur einigemale laut um Hilfe zu rufen, und sie wäre dagewesen.

Er kehrte um, fand sich nicht gleich zurück. Nun lief er in wachsender Angst, schweißgebadet hin und her. Da endlich, da war die Stelle: ja, er erkannte sofort den mächtigen Stamm hinter dem leichten Gebüsch, – aber nein – hier war ja niemand, – alles leer und still. – Hier war's nicht gewesen. – Aber wo sonst? – Trieb ein böser Dämon sein Spiel mit ihm?« –

Und doch, hier muß es recht sein. Da lag sein zerknilltes, blutiges Taschentuch, da war auch auf dem Grase ein schauerlich dunkler Fleck, eine kleine Blutlache. Der Sterbende war fort. Ohne Zweifel hatten auch andere den Schuß gehört und waren herbeigeeilt: sie hatten ihn fortgetragen. War er tot? –

Am andern Morgen vermeinte Arnim es geträumt zu haben, aber genau wie er es oft in verschiedenen Dichtungen gelesen, z. B. im »Stillen Dorf« von Baumbach: das Türkisenringlein erinnerte ihn an die volle Wirklichkeit. Dennoch wandelte er umher wie ein Träumender. Das Bild des Selbstmörders schwebte ihm vor, das bleiche Gesicht mit der blutenden Wunde an der Stirnseite. Unaufhörlich wiederholte er sich die wenigen Worte des Selbstmörders. Der Selbstmörder – das war das Band, welches ihn nun mit der ihm so fremden Außenwelt verknüpfte.

Und Josepha? – Das arme Kind hatte mit schwerem Herzen gewartet und gewartet auf ihn, und er kam nicht, er war ihr entflohen in die Ewigkeit.

Mit äußerster Spannung erwartete Armin die Abendblätter. Sie erhielten nichts von dem Fall, obwohl heute eine ganze Serie von Selbstmorden verzeichnet waren, merkwürdigerweise kein einziger Erschießungsfall. Auch nicht die Zeitungen der folgenden Tage brachten eine Nachricht, welche auf den Vorfall hätte angewendet werden können, und die Tageschronik nahm doch sonst so pünktlich Notiz von derartigen Unglücksfällen; es hätte dieser ihr unmöglich entgehen können. Der Tiergarten liegt niemals so still und einsam, wie es ihm zu jener Zeit erschienen war. Wer immer den Selbstmörder gefunden hatte, der mußte sich doch an die Polizei wenden; es mußte etwas verlauten. Aber es drang nichts an die Oeffentlichkeit. Zu sonderbar! Wie ging das zu? – Wirklich nur ein Traum? – Aber der Ring war da, der fremde Ring, der eine unbekannte Leidensgeschichte umschloß. – Tag und Nacht grübelte er darüber; der Ring indessen blieb stumm, stumm.

Das einzig Korrekte wäre gewesen, den Ring bei der Polizei zu hinterlegen; aber dann erhielt ihn »Josepha« wohl niemals. Wie sollte sie auch auf den Gedanken kommen? – Diese formale Ehrlichkeit wäre diesmal Unehrlichkeit gewesen. Er mußte die Mission des Sterbenden erfüllen und er wollte es auch gern. Nun hatte er um jemanden zu sorgen, an jemand zu denken, an »Josepha«. In seinem kleinen, kahlen Hotelzimmer, auf seinen Wegen durch die fremden Straßen dachte er an Josepha. Sie war jung und hübsch, und sie war geliebt worden. Er, Armin, ersann sich Roman um Roman. – Und er sollte ihr den Ring bringen. Durfte er den Ring und was daran hing, nicht als sein Erbe betrachten? – Würde Josepha ihn nicht lieben können? –

Er suchte in den Straßen ein junges Mädchen mit ernster, kummervoller Miene, vielleicht war es Josepha; er wollte dann auf sie zutreten, ihr fragend die Hand mit dem Ringe reichen. Aber alle jungen Mädchen lachten oder lächelten. Endlich schalt er sich einen Narren.

Dann fiel ihm ein Ausweg ein, das Luisendenkmal. – Vielleicht hatte Josepha an jenem Abende dort gewartet. – Er war nach mühseligem Suchen neulich zum ersten Male dort gewesen, aber er fand niemanden. Sie war längst fort, wenn sie überhaupt dagewesen. – Aber gewiß, es war dies ein Rendezvousplatz, es war auch derjenige, von dem der Sterbende gesprochen. Und nun wählte er dieselbe Stunde, das Denkmal aufzusuchen, gegen neun Uhr abends. Aber alles blieb vergeblich.

Stundenlang promenierte er zwischen den beiden weißen Marmorbildern einher. Abend für Abend, jede vorübergehende Dame scharf beobachtend, und bald mußte er sehen, daß die eine sehr bald von einem Wartenden in Empfang genommen wurde, die andere eilig den Platz kreuzte, offenbar ohne auf irgend eine Begegnung zu rechnen.

Endlich faßte er einen Entschluß; er setzte ein Zeitungsinserat auf: »Josepha, komm heute abend gegen neun Uhr zum Luisendenkmal.« – Es war ein Betrug, denn wahrscheinlich würde sie auf »ihn« raten, auf den Gestorbenen. Sie wußte wohl heute noch nichts von seinem Tode. Aber ein frommer Betrug war es. Auf diesen Ruf würde sie kommen, und er würde sich seiner Pflicht, seines stumm gegebenen Versprechens entledigen können.

Und nun hatte er eine Aufgabe, nun hatte er einen Zusammenhang mit der Menschheit. Er wartete jeden Abend am Luisendenkmal, den Türkisenring am Finger; eine traurige Mission freilich, aber er wartete doch auf jemanden, und zwischen den vielen fremden Menschen schien er sich nicht mehr so verlassen wie zuvor. –

Freilich, Josepha kam nicht. Er umschritt das Denkmal wieder und wieder, schon hätte er jede Linie desselben aus dem Kopfe zeichnen können; er studierte die Muster und Blumenflora hinter dem Gitter, er kannte jede Blume, er befreundete sich mit dem Ziergesträuch und trieb so sein Spiel. Damen allein kamen jetzt, wo der Winter nahte, nur noch selten, entweder schüchterne, die schnell vorüberhuschten, oder man sah es, sie schritten auf einen bestimmten Punkt zu, auf dem sie jemand erwartete, oder endlich kecke, Abenteuer suchende Damen, die nicht Josepha waren. Keine war Josepha, und er ging trauernd nach Hause in sein Hotel, vier Treppen hoch in das kahle, kleine Zimmer, und sein Herz jammerte.

Er war sparsam, dennoch erschien die Zeitungsannonce täglich und verschlang Unsummen. Er wußte nichts anderes und Josepha mußte er finden.

Eines Abends – der dritte oder vierte war es, den er in diesem Monat hier verlebte, – der Himmel war bedeckt, es dunkelte bereits früh, und es war recht einsam um das Denkmal, er stand im tiefen Schatten eines Baumes, da kam zaghaften Schrittes eine tiefverschleierte, dunkelgekleidete Frauengestalt daher. Sie blieb vor dem Denkmal stehen und schien es zu betrachten. Aber es war schon zu dunkel, und sie sah auch nicht hinauf nach dem schönen Königsbilde. Leise und zaghaft frug er:

»Fräulein Josepha, sind Sie's?«

Sie blieb stehen, erwiderte fast zitternd:

»Ja, ich bin es.«

Sie war es! –

»Ist's wahr? – Ist's möglich?« stammelte er.

»Leider ja. Ich bin eine rechte Törin! – Nie hätte ich es wagen dürfen in dieser Stunde, aber ich habe es doch gewagt.«

Er verstummte. Sie wunderte sich so gar nicht und sie frug so gar nicht nach jenem. Vielleicht aber kannte sie schon sein Schicksal, vielleicht auch war er nicht tot.

»Sind Sie es denn wirklich, Josepha?«

»Ja,« wiederholte sie, »ich bin es.« Sie schlug den Schleier zurück. Ein hübsches, lächelndes Gesicht, das sich ihm eifrig hinneigte. Er begriff nicht, was hier vorging.

»Und der Tote?« frug er.

»Lassen Sie ihn doch ruhen,« antwortete sie, »ich bin frei.«

»Ist er also wirklich tot?«

»Gewiß ist er tot, mein Mann.«

»So war es Ihr Mann? – Und dieser Ring?«

»Was ist's mit dem kleinen Ringe?« fragte sie.

»Sie kennen ihn nicht?« rief er verwundert aus. »Nein? – So sind Sie also nicht Josepha?«

»Freilich bin ich das, und Sie – Sie sind doch der Herr, der mir abends immer folgte?«

»Niemals bin ich Ihnen gefolgt, ich sehe Sie zum ersten Male.«

Josephine lachte laut auf.

»Ach, das ist zu komisch! – Sie suchen eine andere und ich einen anderen, denjenigen, der mir tagelang nachstellte, – zu komisch!«

Und sie schüttete sich aus vor Lachen; schließlich mußte er auch lachen. Er war halb enttäuscht, halb belustigt.

»Gehen wir nun doch ein wenig spazieren, da uns das Schicksal so zusammengeführt!« schlug er vor.

Und sie gingen. Sie plauderte heiter und unbefangen; sie war Witwe und lebte bei einer strengen Tante, wollte sich ein wenig amüsieren. Und er, – was wollte er nur mit dem Toten, Josepha? – Er widersprach: Er hätte Pflichten gegen sie zu erfüllen.

»Ach, lassen wir die Gespenstergeschichten, amüsieren wir uns! – Wir sind jung, wir leben.«

Sie schlug ihm vor, da und dorthin zu gehen; er kannte ja noch gar nicht die Vergnügungen der Großstadt. Sie wußte um so besser Bescheid.

Als sie neuerdings das Monument passierten, wohin er unwillkürlich wieder gelangt war, sah er plötzlich ein süßes, blasses Mädchengesicht mit traurigen, fragenden Augen; sie schien auf jemanden zu warten. Plötzlich wurde es ihm klar: Die Josepha an seiner Seite war die Sirene, die ihn verlockte in den Sumpf der Großstadt. Er riß sich gewaltsam los, plötzlich aber besann er sich noch, führte sie ritterlich bis zu einer Droschke, und nun stürzte er zurück nach dem Denkmal. –

Da stand die andere noch immer und wartete.

»Josepha, Du bist es!« – Ganz unwillkürlich sagte er Du und er eilte mit offenen Armen auf sie zu. Sein Herz sagte es ihm ja, das war die richtige Josepha. Und da hing sie auch schon an seinem Halse.

Welch ein süßer Schreck, ein junges, holdes Wesen so an seiner Brust zu fühlen, das ihr Köpfchen vertraulich anschmiegt! – Es war zu schön, ein Augenblick traumhafter Seligkeit; aber nur ein Augenblick, das konnte ja nicht währen. Er sagte:

»Ich bin von ihm gesendet.«

Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, taumelte zurück, wollte fliehen und hielt dann laut atmend inne.

»Warum ist er nicht selbst da?«

»Er – – er kann nicht kommen, – aber ich –«

»Was wollen Sie von mir?«

Er zog sie sanft in das Bereich der nächsten Gasflamme; stumm streckte er ihr die Hand hin mit dem Ringe.

»Er gab ihn mir für Sie, Josepha.«

Nun schlug sie den Schleier zurück; ein süßes, schönes, blasses Gesicht, von schlichtem, braunen Haar umrahmt; wie reizend sie war! – Er verging vor Glück, daß sie nur mit ihm sprach.

»Es ist ein Ring, ich gab ihn ihm,« rief sie mit bebender Stimme. Und plötzlich brach sie in wildes Schluchzen aus.

Sanft und ruhig begleitete er sie nach einer der Bänke in der Nähe der Tiergartenstraße, und dort ließen sie sich nieder. Sie steckte den Ring an ihren Finger und fragte jetzt:

»Wie kam es? – Ich kann es gar nicht fassen; ich glaube von schrecklichen Träumen gefoltert zu sein. Wie wußten Sie? – Wie fanden Sie mich?« –

Er wollte antworten und stockte wieder. Es klang ja alles gar zu sonderbar. Wußte er doch nicht einmal den Namen des Mannes. Und er stammelte eine etwas verworrene Erklärung, welche darin gipfelte, daß er sich so sehr gesehnt, Josepha kennen zu lernen, sich jetzt sehnte, ihr zu dienen. Aber seine warmen, schüchternen Worte schienen ihr wohlzutun; sie beruhigten offenbar, gewannen ihm Vertrauen. Ach, wie wohl ihm das tat!

Und sie erzählte ihm jetzt, nach und nach ruhiger werdend. Karl war ihr Jugendfreund, war als Buchhalter angestellt im Geschäfte ihres Vaters, und auf dessen Wunsch sollten sie heiraten. Sie hatte Karl gern, ihr Herz war sonst frei, und so fügte sie sich. Karl war ein intelligenter Mensch, hatte die allerglänzendsten Aussichten; einmal als junger Bursche hatte er einen dummen Streich gemacht, nachher aber war er allezeit ordentlich, gewissenhaft gewesen. Sie lebten alle in Eintracht und Frieden nebeneinander, die Hochzeit hing noch von Karls zu erfüllender Militärpflicht ab.

»Er hat Sie sehr geliebt?« unterbrach Armin. Er war bereits eifersüchtig auf den Toten.

»Ja, er hat mich sehr geliebt. Und welches Mädchen bliebe gleichgiltig dagegen?«

Aus ihren Worten klang heraus, daß er die Beziehungen wohl ernster genommen haben mochte als sie, und Armin atmete erleichtert auf. Schon die Nähe des jungen Mädchens, das ihm jetzt ihr Herz öffnete, beglückte ihn, und er wußte noch nicht einmal ihren Familiennamen. Wie romantisch das war! Ja, Josepha war wie vom Himmel gesendet. –

»Schon in letzter Zeit,« erklärte sie weiter, »war Karl etwas verändert, war reizbar, aufgeregt, fehlte oft abends. Wenn ich ihm dann Vorwürfe machte, folgten leidenschaftliche Ausbrüche, aber er wollte nicht zugeben, daß irgend eine Wandlung eingetreten sei. Und dann« – ihre Stimme bebte – »kam er eines Abends nicht nach Hause, kam Morgens nicht mehr in das Kontor. Er wohnte ja im selben Hause, hatte schon an unserem Abendtisch gefehlt und war die ganze Nacht nicht heimgekommen. Das gab einen entsetzlichen Schrecken in unseren wohlgeordneten, ruhigen Verhältnissen. Papa lief zur Polizei, suchte, forschte, tagelang, – keine Kunde; niemand wußte etwas. Wir erließen eine Zeitungsnotiz »Vermißt«, wir veranlaßten Anschläge an den Säulen, alles vergeblich. Sie können sich nicht denken, wie schrecklich diese Ungewißheit, diese Angst, diese fürchterlichen Vorstellungen auf uns lasteten. Wir aßen nicht, schliefen nicht, das Geschäft stockte, alles war außer sich. Da las ich einmal in der Zeitung: »Josepha, Luisendenkmal, abends neun Uhr.« Wie soll ich Ihnen schildern, wie mir zu Mute war! War das Karl? – Und warum hielt er sich ferne? – Warum kam er nicht? – Und dennoch, wer sonst konnte mich rufen? – In meiner Angst wagte ich nicht, meinen Eltern etwas zu sagen, sie in eine frohe Hoffnung zu wiegen. Vielleicht hatte Karl irgend eine Schuld auf sich geladen, die er nur mir zu gestehen den Mut hatte; genug, ich ging. Als ich Sie gewahrte, Sie mich anriefen, glaubte ich anfangs, Sie hätten durch Zufall erfahren, was bei uns vorgegangen, und wollten das für sich benutzen. Meine Eltern mit ihren strengen Anschauungen hatten nie geduldet, daß ich mit Karl allein ausgehe; nur in ihrer Begleitung machten wir hier und da einen Spaziergang. So trafen wir uns manchmal unter harmlosen Vorwänden heimlich, – natürlich wurde das nicht durch die Zeitung verabredet, – und als ich Sie sah, mußte ich wohl an einen Mißbrauch glauben, bis Sie mir den Ring wiesen; dann war ich überzeugt. Armer Karl! Ach, erzählen Sie mir nochmals –«

Und Armin erzählte nochmals, versuchte dabei das Bild mit dem Gehörten zusammenzureimen. Beinahe weinte er mit Josepha; es war doch eine sehr ergreifende Geschichte. Und nun bedankte sie sich beim ihm für seine Gewissenhaftigkeit, für die Mühe, die er sich genommen; sie drückte ihm herzlich die Hand.

Auch er wagte sich jetzt mit der Sprache heraus; er schilderte ihr sein einsames Leben, seine Bereitwilligkeit ihr zu dienen, bat um ihre Freundschaft. Sie legte zuversichtlich ihre Hand in die seine; sie war von seiner Vertrauenswürdigkeit überzeugt. Trotz des blutigen Schatten Karls durchrieselte ihn ein Gefühl des Glückes; er besaß eine holde Freundin, deren wohlwollende Gesinnung eine wunderbare Schickung ihm gesichert.

Sie brach auf; er begleitete sie bis an die Tiergartenstraße. Ihren Ring hatte sie angesteckt. Noch einmal kam sie auf das Verhältnis im Elternhause zu sprechen. Sie durfte nicht wagen, den Ihrigen von dem Fremden zu erzählen, der sie spät abends heimlich getroffen. Aber er sollte sich im Hause vorstellen, sollte sich um die vakant gewordene Buchhalterstelle bewerben, von der er zufällig gehört. Es war im Gespräch berührt worden, daß er in einer Lampenfabrik die Handlung erlernt hatte, während Josephas Vater ein großes Bronzeluxuswarengeschäft führte.

Josepha war ruhig geworden. Sie schilderte mit Eifer die Art und Weise der Eltern, damit Armin sich glücklicher bei ihnen einführe. Dazwischen seufzte sie:

»Armer, armer Karl! – Wie gern er lebte, – wie lebensfroh er gewesen!«

Aber sie hatte sich doch in den Gedanken gefunden, daß er tot sei. Die vorhergehenden Tage hatten sie ja auch vorbereitet, und an Karl hatte man ja auch alles mögliche getan. Sein Schatten schien sie Zu begleiten, ohne zu zürnen.

»Auf Wiedersehen!« sagte sie an der Ecke der Viktoriastraße. »Auf Wiedersehen! – Er ist tot,« wiederholte sie; »es ist bitter traurig, das zu wissen, aber doch eine Erlösung nach der schrecklichen Ungewißheit. Auf Wiedersehen!«

Als ihre schlanke Gestalt entschwunden war, entsann er sich erst seines Zweifels, ob Karl wirklich tot war. Er war fast sicher, aber ein Zweifel blieb doch in seiner Seele zurück.

Torheit! – Hatte er ihn nicht beinahe sterben sehen? Verlor jener nicht das Bewußtsein? – Saß die Wunde nicht unmittelbar an der Schläfe? – Vielleicht aber hatte er ein Papier bei sich, in welchem er um Verschwiegenheit bat Dennoch, dennoch regte sich immer wieder die bange Frage.

*

Ganz aufgeregt war Pauline am Abend nach Hause gekommen. Ach, es war zu viel, was auf sie einstürmte!

Die kleine Wohnung, drei Treppen hoch, mit niedrigen Stuben, die mit kümmerlichem Hausrat vollgepfropft waren, wurde ihr heute zu eng, ihr war zum Ersticken.

Sie hatte, seit sie die Flügel regen konnte, hinausgestrebt aus ihrer engbegrenzten Existenz. Ihr Vater war früh gestorben, die Mutter ein schwacher Charakter mit herkömmlichen, beschränkten Lebensanschauungen, der Vormund ein gleichgiltiger Geschäftsmann, der sein Mündel gewissenhaft betreute, aber sich wenig um die Eigenart des Mädchens kümmerte. Sie war ein begabtes Kind, lernte leicht, überflügelte spielend ihre Mitschülerinnen und wurde sich sehr früh ihrer persönlichen Macht bewußt. Ja, sie besaß die glückliche Gabe, zu gefallen. Schon in der Schule an ihren Lehrern, an dem strengen Rektor erprobte sie es. Aber ihre Koketterie blieb immer die eines unschuldigen Kindes; sie war sittenstreng erzogen, und man hatte von früh an ihren Sinn auf den Ernst des Lebens gelenkt. Sie sollte lernen ihr Brot verdienen, das prägte man ihr täglich ein. Sie sah Sorge und Entbehrung im Hause und begriff die Notwendigkeit, welche ihr der Vormund und die Mutter predigten.

Dennoch träumten sie von einer schönen, glücklichen Zukunft. So lange sie klein war, von Aschenbrödel und dem Prinzen, später von Romanschicksalen, nach welchen hübsche, tugendhafte, wenn auch arme Mädchen ihr Glück machen. – Einmal hatte sie bei einer Schulfeier eine große Deklamation vorzutragen; das gelang ihr so vollkommen, sie gefiel so außerordentlich, daß die Hörer in Beifall ausbrachen, obgleich der gestrenge Herr Rektor gleich zu Beginn jede Zustimmungsäußerung verboten hatte. Und nun nahmen ihre Träume eine bestimmte Gestalt an: zur Bühne zu gehen. Sie blieb diesem Vorsatz treu, trotzdem man sie nach Beendigung ihrer Schulzeit nötigte, zwei Jahre lang Kunststickerei zu erlernen. Nebenbei arbeitete sie mit einer für ihr Alter seltenen Energie an ihrer Fortbildung, lernte Sprachen, Literatur in billigen oder unentgeltlichen Abendkursen. Sechzehn Jahre alt geworden, trat sie mit ihrem großen Wunsche hervor, zur Bühne zu gehen.

Die Mutter war entsetzt über diesen Einfall und der Vormund pflichtete ihr bei. Da kam Paulinen unerwartet Hilfe.

Ihre Tante, eine etwas excentrische, nicht ganz unbemittelte, alte Jungfer, deren Liebling sie immer gewesen, erklärte sich bereit, das junge Mädchen ausbilden zu lassen. Der Vormund und die Mutter gaben nun ihre Zustimmung. Nachdem Paulinens Unterricht notdürftig zu Ende geführt war, stand sie vor einer neuen, ungeahnten Schwierigkeit. Ihre Neigung, ihr Talent, ihr ganzes Gefühlsleben drängte sie zum tragischen Fach. Sie wollte die in ihr schlummernde Leidenschaft auf der Bühne ausleben. Aber ihr Soubrettengesichtchen, ihre angenehme, aber kleine Stimme, genug, ihre ganze Erscheinung stand ihr im Wege. Dieselbe hübsche, aber nicht imposante Erscheinung verschaffte ihr auch ein Engagement an einer Berliner Bühne, zwar nicht ersten Ranges. Sie spielte hier Stubenmädchen, machte das ganz allerliebst, fühlte sich aber sehr unglücklich dabei. Man riet ihr ab, in die Provinz zu gehen, es sei dann noch schwieriger, emporzukommen. So hoffte sie denn wenigstens auf eine größere Rolle. Der Oberregisseur war ihr gewogen, leider nur zu sehr gewogen. Seine Liebenswürdigkeit beleidigte sie, und es wurde nichts, immer und immer nichts mit der großen Rolle. Ihre Lage wurde schließlich ganz unerträglich. Die kleine Gage reichte kaum hin für die Kosten der wenn auch einfachen Garderobe. Sie erübrigte bei großer Sparsamkeit ein kleines Kostgeld für die Mutter. Die Art und Weise, wie man hinter den Kulissen mit ihr, der »kleinen Norden«, umging, verletzte sie täglich und stündlich. Die Mutter überhäufte sie unaufhörlich mit Vorwürfen über ihre verfehlte Laufbahn, und die Tante schloß sich jetzt an, denn sie hatte doch nicht ihr Geld hergegeben, damit Pauline Stubenmädchen spiele.

Da kam eine unerwartete Wendung. Pauline nahm an einem Tanzabend des Theatervereins teil, wozu sie ihr weißes Battistkleid selbst modernisiert hatte. Sie tanzte sehr gern; im übrigen versprach sie sich nicht sonderlich viel Vergnügen, denn die männlichen Kollegen flößten ihr kein Interesse mehr ein. Diese Herren, meinte sie, seien nur für jene Damen interessant, welche der Bühne ganz fern stehen. Der Abend ließ sich indessen glücklich an. Ein anwesender Bühnenschriftsteller, den sie hinter den Kulissen kennen gelernt hatte, versprach ihr eigens eine Rolle für sie zu schreiben. Und dann machte sie gleich beim ersten Tanz die Bekanntschaft eines jungen Mannes, den sie vorher nie in diesem Kreise gesehen und der ihr außerordentlich gefiel. Es war ein hübscher, schlanker, brünetter Mann von selbstbewußtem Wesen, offenbar kein Schauspieler. Er tanzte vortrefflich und machte ihr lebhaft den Hof. Auch sie gefiel ihm, das merkte sie gleich. Anfangs hielt sie ihn für einen jungen Schriftsteller, weil solche öfter hierherkamen; dann für einen Bildhauer, weil er von Modellieren sprach. Endlich rückte sie offen mit ihrer Neugier heraus, denn er interessierte sie immer mehr und mehr, und frug nach seinem Berufe.

»Ja, ich bin auch Schriftsteller.« sagte er mit einem Seufzer, »ich schreibe ein großes dickes Buch – es ist das Hauptwerk meines Lebens. Der Apoll von Belvedere und Amor und Psyche und noch andere olympische Herrschaften kommen darin vor und alle werden darin nach ihrem wirklichen Werte gekennzeichnet, von drei Mark fünfzig Pfennig aufwärts.«

Und er überreichte ihr seine Karte.

»Ich bin nämlich Buchhalter eines Kunstgewerbe-Magazins.« Und er seufzte wieder tief auf.

Pauline war ganz erstaunt. Das hätte sie nie für möglich gehalten; er war ihr ganz und gar als Künstler erschienen.

»Sie stimmen mich wehmütig, Fräulein,« versetzte er; »dürfte ich das wenigstens anstreben, was ich Ihnen schien!«

Und angeregt, sympathisch berührt, wie er war, erzählte er ihr, wie künstlerische Ideale ihm vorschwebten, wie heiß er sich nach einer Ausbildung sehnte, und wie doch Pflicht und Dankbarkeit ihn an die Bronzewaren-Firma Hilmar, das Geschäft seines Onkels und Pflegevaters, ketteten.

Nun erschloß Pauline ebenfalls ihr Herz. Sie stellte ihm vor, was sie von einer Schauspielerlaufbahn gehofft und wie wenig ihr die Wirklichkeit davon gehalten habe. Sie schilderte, welchen Versuchungen sie ausgesetzt sei und wie unwürdig ihr Chef, der Oberregisseur mit ihr verfahre.

Karl Hilmar hörte voll Teilnahme zu.

»Es ist schade um Sie, Fräulein,« rief er, »und Sie sollten die erstbeste Gelegenheit erfassen, ins Privatleben zurückzukehren. Was Sie mir da erzählen, ist mir nicht ganz neu, aber es bestätigt von neuem, wie schwer es für junge Mädchen ist, in dieser Atmosphäre ganz rein zu bleiben. Sie erschweren sich sogar die Möglichkeit eine gut bürgerliche Partie zu machen, wozu sich Ihnen sonst sicherlich Gelegenheit böte. Mich zum Beispiel würde mein Onkel gewiß enterben, wenn ich eine Schauspielerin heiraten wollte.«

Pauline hörte nachdenklich zu. Diesen Punkt hatte sie noch nicht erwogen, denn sie hatte ja noch nicht geliebt. Wenn sie die Neigung eines jungen Mannes fand, wie Karl Hilmar, stand ihr die Schauspielerin, die sie ja in ihrer jetzigen Form ohnehin nicht befriedigte, nicht im Wege?

»Aber ich muß mein Brot verdienen,« wandte sie ein.

»Das wird doch auf verschiedene Weise möglich sein,« entgegnete er. »Ich könnte Ihnen gleich einen Vorschlag machen, aber er wird Ihnen nicht sehr imponieren. Soll ich …?«

»Natürlich sollen Sie,« antwortete Pauline, erstaunt über die Teilnahme, die er an ihrem Schicksal nahm. In diesem Augenblick erschien ihr dies Schicksal gar nicht mehr düster.

»Unser Kassierer geht ab,« fuhr Karl Hilmar fort, »und seine Stelle ist, soviel ich weiß, noch nicht besetzt. Wenn Sie sich mit diesem Posten begnügen wollten …? Für uns wäre es ein wahres Glück, denn ein junges hübsches Mädchen wie Sie ziert das ganze Geschäft.«

Freilich, das Anerbieten im ganzen entsprach wenig den stolzen Zukunftsträumen Paulinens; aber derjenige, der es ihr machte, besaß bereits ihr ganzes Vertrauen und auch noch mehr. Sie wollte sich die Sache also überlegen.

Im Verlaufe der Nacht indessen rückten sie einander näher und näher. Sie waren zwei verwandte Seelen mit gleich hochfliegenden Neigungen, deren Flügel in gleicher Weise durch die Verhältnisse gebunden waren.

Als sie sich trennten und er die Rede wieder auf die freie Stelle gebracht hatte, rief Karl Hilmar:

»Ach, wenn Sie zu uns kommen, Fräulein Pauline, da könnte ich Sie immer sehen, so oft die Tür zum Comptoir aufgeht. Und dann würde es mir da drinnen so gut gefallen, wie nie zuvor!«

Mit einem feurig bittenden Blick sah er sie an und dieser Blick entschied. Sie wollte ihm folgen, weil er es war. Er hatte ihr Herz gewonnen, und sie wollte in seiner Nähe bleiben, wenn auch vorläufig nur in einer bescheidenen Stellung.

So war sie Kassiererin im Hause Hilmar geworden.

Schon unter gewöhnlichen Umständen lag eine schwere Last auf ihr, dem lebenslustigen, kraftsprühenden jungen Mädchen. Der Vater war lange tot, die Mutter genoß eine kleine Pension. Außer Pauline waren noch drei jüngere Söhne da, begabte, hübsche Jungen, die für eine anständige Lebensbahn erzogen werden sollten und höhere Schulen besuchten. Dazu reichte die Pension der Mutter bei weitem nicht hin. Zwar die Jungen genossen Freischule und manche andere Vergünstigungen, aber sie brauchten noch immer allerlei, hatten kleine Wünsche und bettelten dann bei der Schwester.

Die Hoffnung der ganzen Familie beruhte stillschweigend auf der Tante, welche im Hause wohnte und eine der drei Stuben mit ihren eigenen Möbeln eingerichtet hatte. Sie war eine alte Jungfer, welche etwas Geld haben sollte und damit wichtig tat. Einmal sagte sie:

»Nun, Kinderchen, ich werde es Euch gedenken. – Kinderchen, etwas wird für Euch doch bleiben.«

Und ein nächstes Mal wieder klagte sie:

»Ach Gott, ich bin ja nur ein armer Schlucker; ich habe nichts und hinterlasse nichts.«

Die Tante liebte es, immerfort von ihrem Tode zu sprechen, wie es die Manier mancher alten Leute ist. War von einem in der nächsten Zukunft liegenden Ereignis die Rede, von Weihnachten, Ostern, einem Geburtstage oder dergleichen, so seufzte sie:

»Wenn ich's erlebe!«

Und sagte man ihr:

»Den Mantel kannst Du ja im nächsten Jahre noch tragen, Tante,« dann antwortete sie:

»Nächsten Winter, da lebe ich nicht mehr.«

Und so ging das fort. Unwillkürlich wurde man immer an die geheimnisvolle Erbschaft erinnert:

»Die paar Groschen, die unsereins sich mit Not und Mühe vom Munde abspart, … ja, wenn ich Euch nur etwas Ordentliches hinterlassen könnte!«

Zum Kaffee und zum Abendbrot, zur Suppe und zum seltenen Braten, immer klang dasselbe Lied, immer machte die Tante ihr mysteriöses Gesicht, rasselte mit ihrem Schlüsselbund, als hätte sie Schätze zu verschließen.

Sehr gern saß sie über dem Kalender und brütete und brütete, als wolle sie ihren Todestag ausrechnen. Bisweilen knurrte sie die Jungen an:

»Ich spare noch immer jetzt auf meine alten Tage, daran solltet Ihr Euch ein Beispiel nehmen.«

Die Jungen trieben auch wohl ihren Mutwillen mit der Erbschaft:

»Ja,« sagte Richard, »wenn wir die Tante beerbt haben werden, dann machen wir dieses und jenes, dann kaufe ich mir ein Zweirad.«

Und der jüngere meinte:

»Einen schönen Grabstein aber muß sie zuerst haben.«

Schließlich wünschten alle der Tante das Leben. Aber die alte Dame war siebzig Jahre alt und ewig konnte es nicht mehr währen. Sie war auch mit soviel Liebe und Aufmerksamkeit gepflegt worden, daß man sich ein Anrecht auf ihre Dankbarkeit erworben hatte. Ihr Hab und Gut bestand in einer Leibrente, aber sie sollte sich außerdem, so lange sie einen guten Posten als Wirtschafterin besessen, ein kleines Kapital erspart haben, und so sehr nun auch ihr Tod in der Luft schwebte, so bestürzt war doch die ganze Familie, als die Tante eines Tages vom Schlage gerührt wurde. Zwar die alte Frau war nicht tot, nur gelähmt, aber es erfaßte doch ein grenzenloser Schrecken das ganze Haus. Es mußte sich jetzt entscheiden, wie es mit der Erbschaft stand. Zugleich hörte man allerlei Gewissensregungen: Hatte man sie auch genügend gut behandelt? – Und wenn sie lange so lebte, gelähmt und hilflos, was sollte da geschehen? – Wer sollte ihre Pflege übernehmen? –

Pauline war den ganzen Tag über abwesend, die Jungen in der Schule, und wenn sie heimkamen, so suchten sie Freiübungen auf, die alte Mutter besorgte das bißchen Wirtschaft – was sollte also werden, wenn die hinfällige Tante vielleicht keinen Schritt mehr gehen konnte, zu jeder Handreichung eines dritten bedurfte?

Und in all' dieser Angst und Aufregung mußte Pauline fort. So war sie zum ersten Male zu spät gekommen, aber man bemerkte es glücklicherweise nicht; der Chef war sehr streng und ohne Verweis wäre es sonst nicht abgelaufen. Sie hatten zu Hause oft gedrängt, daß Pauline lieber nach einer Beschäftigung suche, die ihr daheim Verdienst gewähre, oder daß sie sich nach einer anderen, minder anstrengenden Stellung umsehe. Aber sie wollte nicht fort von ihrem Kassenschalter – nicht fort aus der Nähe Karl Hilmars.

Auch manche Versuchung trat an das hübsche, muntere Mädchen heran, sie indes blieb fest, blieb treu ihrem Kassenfenster. So kam sie jetzt, abends nach Hause. Wieder, wie immer, erregte sie die Aufmerksamkeit einzelner Passanten, aber sie sah keinen der bewundernden Blicke, hörte keinen der hingemurmelten Grüße. Eine Welt von Sorgen und schweren Gedanken wogte in ihrem hübschen Köpfchen. Man hatte ja bis abends noch immer keine Kunde von dem jungen Herrn. Und nun fiel ihr noch die Tante ein. Wäre es schlimmer mit ihr geworden, einer der Jungen hätte die Schwester abgeholt; so hatte man es heute früh ausgemacht.

Und wirklich, die Tante befand sich etwas besser; sie war bei Besinnung. Die Mutter kochte eben in der kleinen, engen Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, eine Suppe für die Tante. Die zwei älteren Jungen waren bei ihren Schularbeiten und aßen ihr Schmalzbrot dazu. Sie bestürmten sogleich die Schwester, doch eine Flasche Bier zu »spendieren«, denn die Mutter hatte sich ausgegeben für die teure Kalbsbrühe. Der jüngste, der elfjährige Walter, saß bei der Tante und sah mit seinen großen, runden, fragenden Kinderaugen ängstlich nach ihr.

Pauline schickte den Kleinen auf die Straße spielen; sie schenkte ihm fünf Pfennige, um Obst zu seinem Schmalzbrot zu kaufen. Dann setzte sie sich an seiner Stelle zum Krankenbett, ohne zu bedenken, daß sie selbst noch nichts gegessen hatte; sie war sonst bei gutem Appetit und verschmähte nicht eine dicke »Butterstulle«, wie sie ihre Brüder verzehrten; heute aber ging zu viel durch ihren Sinn.

Was war aus dem jungen Herrn geworden? – Sie konnte nicht glauben, daß ihm ein Unfall zugestoßen war, sie glaubte eher an einen tollen Streich. Aber jedenfalls war er fort, weit fort, die schöne Josepha würde ihn nie haben; aber er würde auch nicht mit ihr, Pauline, mehr seine freundlichen Scherze machen, und von nun ab würde es recht trübselig werden in dem blinkenden, glänzenden, mit Luxusgegenständen angefüllten Geschäft.

Die Tante aber, da lag sie mit dem gelben, eingefallenen Gesicht und schlummerte. Pauline hatte die feste Ueberzeugung, daß die alte Dame nichts oder so gut wie nichts hinterlassen würde, irgend einen Sparpfennig ohne Belang; sie hatte sich eben nur gerne wichtig gemacht. Das junge Mädchen besaß einen scharfen Verstand und eine gesunde Beobachtungsgabe, sie hatte Aeußerungen und Betragen der Alten genau summiert und gefunden, daß alle übertriebenen Hoffnungen töricht waren; gerechnet hatte Pauline nie darauf. Sie würde eben arm bleiben – arm, aber tugendhaft und ehrlich. Wohlsituierte Männer aus den Kreisen, die ihr gefielen, würden wohl einmal mit ihr tändeln, dann aber würden sie bessere Partien machen. Oder ihresgleichen, einen armen Teufel heiraten und das Leben der Not und Entbehrungen fortsetzen?

Sie machte trotz ihrer Jugend und ihres Temperaments diese melancholischen Betrachtungen, denn sie hatte schon zu viel durchlebt, das Leben hatte sie ernst gemacht über ihre Jahre hinaus.

Jetzt erwachte die Kranke. Sie nahm mit einer gewissen Hast die Suppe zu sich und freute sich, daß Pauline, ihr Liebling, da war.

»Du bleibst doch bei mir, Paulinchen, nicht wahr?« fragte sie.

»Ja, Tante, ich bleibe.«

Ohne weiteres verlangte die kranke alte Frau von ihr die Nachtwache mit dem Egoismus des Alters und der Hinfälligkeit.

Und so war es gewesen, seit Pauline denken konnte. Das Leben hatte sie immer bis aufs äußerste in Anspruch genommen. Manchmal empörte sich ihre Jugend und lechzte nach Genuß und Freude.

Da saß sie nun bei der Nachtlampe. Die Mutter hatte ihr etwas Kaffee gebracht, und sie benutzte diese einsamen Stunden, um sich ihre Garderobe in stand zu setzen. Die Tante verlangte wiederholt zu trinken, sonst schien sie teilnahmlos, und Pauline weinte, weinte heiße, schwere Tränen in den Schoß der verschwiegenen Nacht.

Auf einmal sah sie, wie die Augen der Kranken auf sie gerichtet waren, so lebendig und anteilsvoll wie noch kaum vorher; ihr Blick glänzte unheimlich aus dem gelblichen Gesicht.

»Was wünschest Du?« rief Pauline erschrocken.

»Du weinst, Paulinchen,« sagte die Alte; »aber nicht allein um meinetwegen. Nein, so klug bin ich auch, meinetwegen weinst Du nicht.«

Freilich, Pauline hatte nicht allein um der Tante willen geweint, warum aber sollte diese es nicht glauben? – Es war ihr vielleicht ein Trost, und ihr Testament war doch sicher gemacht. Krokodilstränen waren es auf keinen Fall. Sie suchte sie zu beruhigen, suchte ihr auszureden, daß sie überhaupt geweint habe, aber wenn ihr Tränen gekommen wären, so sei doch wohl der beängstigende Zustand der lieben Tante schuld.

»Nein, nein, mein Kind,« entgegnete die alte Frau. »Du hast's schwer, sehr schwer, – ich weiß das sehr wohl, ich verstehe das und habe auch an Dich gedacht.«

»O Tante, sprich doch nicht davon! Es wäre mir schrecklich, wenn Du dächtest – –«

»Nein,« unterbrach sie die Alte eilig, als fürchte sie, die Zeit könne ihr zu kurz werden. »Nein, Du mußt das wissen, was ich meine. Heute, wie mir auf einmal ganz schwarz vor den Augen wurde, und Du warst nicht da, dachte ich: Mein Gott, wenn sie es nicht erfährt, nachher würde es vergessen werden. Aber jetzt, wie ich Dich weinen sah, fiel es mir wieder ein. Komm, ich will es Dir leise sagen.«

Pauline war ganz entsetzt. Welch ein Geheimnis sollte sich ihr offenbaren? – Sie neigte ihr Ohr zu der Kranken.

»Ich habe etwas für Dich zurückgelegt, mein Kind,« keuchte die alte Frau, »nur für Dich; die anderen brauchen nichts zu wissen. In meiner Kommode ganz unten, in dem roten, wattierten Rock, da liegt es. Es ist Dein, Du brauchst's niemandem sonst zu sagen, – hörst Du, niemandem.«

Und noch eine ganze Weile wiederholte sie, daß es niemand zu wissen brauche, immer dieselben Worte, und es sei nur für Pauline allein. Schließlich meinte Pauline, es sei nur kindisches Gefasel von der alten Frau, denn was konnte in einem wattierten Rocke verborgen sein, einem jener Röcke, wie sie vor Jahrzehnten getragen wurden? – Es war gewiß nur kindisches Geschwätz.

Nun schlief die Tante ein, und da sie ziemlich wohl schien, legte sich auch Pauline auf den Divan zum Schlummer. Am nächsten Morgen ging es der Tante wieder besser. Pauline dachte kaum noch daran; sie vergaß umsomehr, als die Tante Neigung zeigte, aufzustehen, und während der nächsten Tage nicht mehr von der nächtlichen Enthüllung sprach.

Wieder saß Pauline an ihrem Kassenschalter, traurig und verlassen. Er, der die Sonne ihrer Existenz gewesen, der mit ihr plauderte und scherzte, war verschollen; die Zeitungen hatten ihn als vermißt gemeldet. Und daheim lag die Tante krank, erforderte viel Mühe, unablässige Pflege und Ausgaben. Das junge, lebenslustige Mädchen hatte Anwandlungen von Trübsinn, sie wünschte sich ganz ernstlich den Tod; ihr war ja doch kein Glück beschieden. Und wenn sie etwas Gewaltsames versuchte, vielleicht würde sie irgendwie mit ihm vereint, der die Leuchte ihres Lebens war, der so geheimnisvoll verschwunden. Aber rasch verbannte sie die Gedanken wieder. Sie hatte Pflichten gegen die Ihren; nein, sie durfte dergleichen nicht aufkommen lassen, jetzt nicht und niemals.

Der kleine Kommis, Herr von Waldenburg, begleitete sie jetzt manches Mal nach Hause und machte ihr den Hof.

»Seien Sie nur hübsch vorsichtig,« sagte Pauline lächelnd, »daß es keiner sieht und dem Fräulein Josepha hinterbringt! – Sie schneiden ja auch ihr die Cour.«

Er stellte sich sehr entrüstet, berief sich auf seinen wirklichen Adel, auf sein Rittertum; aber Pauline hatte etwas gelernt, sie zitierte ihm den Wahlspruch des Ritters ohne Furcht und Tadel: »A Dieu mon âme, ma vie au roi, mon coeur aux dames – l'honneur pour moi!«

Da war von den Damen in der Mehrzahl die Rede, und so war sein Adelsbrief keine Garantie für sie.

Aber Paulinens Spott reizte ihn, und eines Tages, an der Ecke, wo sie sich immer trennten, rief er:

»Wahrhaftig, Fräulein Pauline, wenn Sie wollten, ich biete Ihnen meine Hand.«

»Auch wenn ich nichts erbe, Herr Waldenburg?« bemerkte sie.

»Sie sehen, wie offenherzig ich bin,« antwortete er; »auch wenn Sie nichts erben, denn ich weiß, Sie sind ein vortreffliches Mädchen.« Pauline schwieg einen Augenblick.

»Ich bin der Liebe eines Mannes nicht ganz unwert,« sagte sie ernster, »das weiß ich wohl. Aber ich bin arm, blutarm, und dazu bin ich fest überzeugt, daß meine Tante nichts, so gut wie nichts hinterläßt.«

Der kleine Waldenburg legte die Hand aufs Herz, beteuerte die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung. Er sah ordentlich hübsch aus, nur daß Pauline auf ihn herabblicken mußte. Nun platzte er heraus:

»Ach, Fräulein Pauline, sehen Sie, mein ganzes Unglück ist, daß ich so klein bin. Niemand nimmt mich ernst, kein Mädchen will mich lieben.«

»Es ist wahr,« bestätigte Pauline; »auch ich habe Sie bisher nicht ernst genommen, aber nicht weil Sie so klein sind, sondern weil Sie auch mit Josepha liebäugelten.«

»O,« versicherte er eifrig, »das ist nur die Artigkeit, die man der Tochter des Hauses schuldet.«

»Gut denn,« sagte sie, ihm die Hand reichend; »wenn ich Ihnen unrecht getan habe, wird sich's ja zeigen. Wir wollen es uns beide bedenken.«

»Sie ist ganz reizend,« sagte sich der Kommis, als sie verschwunden war. »Aber bedenken muß man's doch. Josepha ist im Grunde frei, und das wäre eine Partie. Und ich bin ja doch von altem, guten Adel.«

Auch Pauline dachte bei sich:

»Ich muß ihn noch erproben, ich traue ihm nicht.«

Zu Hause öffnete ihr niemand auf ihr Klingeln; endlich kam der kleine Walter, die Tante sei wieder sehr schwer krank.

Und wirklich, soeben war die Greisin von einem neuen Schlaganfall betroffen worden. Der Arzt hatte ihr gestern gestattet, Kaffee zu trinken, und sie hatte sich so sehr gefreut darüber. Da fiel sie auf einmal vom Stuhl. Pauline kam eben recht, ihr die Augen zuzudrücken.

Das gab einen ungeheuren Aufruhr in der kleinen Häuslichkeit. Die winzige Barschaft, welche die Tante hinterließ, würde kaum für die Beerdigung hinreichen. Man hatte sich in letzter Zeit mancherlei Mehrkosten auferlegen müssen, immer im stillen auf die Erbschaft hoffend. Das Testament war gerichtlich deponiert, im Hause fand sich nur etwas Schmuck und ein kleines Sparkassenbuch. Dennoch raffte die Familie alles zusammen; man wollte sie doch anständig zur Ruhe bringen.

Am Tage darauf fand die Testamentseröffnung statt. Es war eine höchst umständliche Verfügung, man hätte glauben sollen, es handle sich wirklich um eine nennenswerte Hinterlassenschaft. Aber schließlich war es nichts, so gut wie nichts, die Tante hatte ihre Angehörigen nicht enterbt, aber sie hatte auch nichts zu vererben als Schmuck, Wäsche, Kleider, Möbel und jenes Sparkassenbuch.

Natürlich kam das alles der Familie sehr zu statten, das Büchlein deckte auch reichlich die Kosten, aber von einer Erbschaft konnte eben nicht die Rede sein. Die großen Hoffnungen der Familie waren vernichtet, die Tante hatte nichts erspart, oder das Ersparte auf irgend eine törichte Weise verloren, deren sie sich geschämt. Genug, es war nichts.

Man wollte nun die Stube an einen Herrn vermieten, es wurde alles geräumt. Nach der Testamentsverfügung fiel ein Teil des baren Geldes der Mutter zu, der Schmuck Paulinen, den Jungen allerlei Kleinigkeiten; Möbel und Wäsche sollten alle zusammen haben, so hatte die Tante höchst gewissenhaft disponiert.

Am folgenden Sonntage begann man zu räumen. Die Mutter war bald getröstet; es zeigte sich, die Betten waren schön leicht, lauter Daunen, vortreffliche Bezüge, die Möbel zwar altmodisch, aber dauerhaft, und aus den altfränkischen Kleidern würde noch mancherlei zurecht gemacht werden können. Die Jungen machten sich über den alten Kram her, Bücher, Kuriosa, Erinnerungsstücke. Walter bekam sozusagen den Abhub, Muschelchen, Riechfläschchen und was dergleichen zu Tage kam; aber er freute sich nach Kinderart.

Von der Wäsche sollte etwas verwahrt werden für Paulinens Aussteuer, meinte die Mutter. Pauline lächelte schmerzlich, aber die Mutter sagte, das Kaufen würde immer schwer gehen.

»Und da, sieh, ein wattierter Rock, noch fast neu!« – Es war der rote Rock, von dem die Tante gesprochen; und nun pochte Pauline das Herz. »Den kannst Du Dir behalten,« sagte die Mutter; »mich würde er zu dick machen, Dir wird er im Winter an der zugigen Kasse sehr gut zu statten kommen.«

»Gut, Mamachen,« sagte das Mädchen. Mit einemmale erinnerte sich Pauline an jene Nacht, an die geheimnisvollen Worte der Tante, an ihren leuchtenden Blick. Wenn die die Frau wirklich eingesehen hatte, daß Pauline eine Belohnung um sie verdient hatte! – Und versteckten alte Leute nicht oft ihr Geld in dieser Weise? –

Sie legte den Rock in ihren Schrank. Der Mutter wollte sie keine vorzeitigen Hoffnungen machen und sie nahm sich vor, abends, wenn alles schlief, den Rock zu untersuchen.

*

War er tot? –

O, wenn Armin dieser Frage hätte entrinnen können, wenn er wüßte, ob jener tot! – Und doch, war es nicht sündhaft, seinen Tod zu wünschen? – Und wiederum, sein, Armins ganzes Lebensglück beruhte darauf, daß jener nicht mehr unter den Lebenden weilte. Aber in streng christlichen Grundsätzen erzogen, sträubte sich sein Gewissen, den Tod des anderen zu wünschen.

Armins Blick versuchte vergeblich, das finstere Dunkel dieses Geheimnisses zu durchdringen. Einen Augenblick fiel ein Lichtstrahl, als man einen Diebstahl zu bemerken glaubte; aber das war jemand anders gewesen, jenes blonde Mädchen an der Kasse, welches er eigentlich noch nicht gesehen und an deren Schicksal er kein Interesse nahm, denn er sah nur Josepha. Das Mädchen mit dem schönen, blassen Gesicht, den dunklen Augen, dem jungfräulich keuschen und doch hingebenden Wesen hatte seine ganze Seele gefangen genommen.

Jener Augenblick, da sie, wenn auch durch einen Irrtum, an seiner Brust lag, war entscheidend gewesen für seine ganze Existenz. Eine überirdische Seligkeit, ein Fortgerissenwerden, eine glühende Hingebung, wie er sie bisher nicht kannte, ein einziger Wunsch, eine einzige lodernde Flamme erfüllte ihn: Josepha nahe zu sein.

Am Morgen nach jenem Abende, da er Josepha gesehen, hatte er sich zu dem großen Gange gerüstet. Nie sonst in seinem Leben hatte er Aehnliches gewagt: Die Erbschaft eines Mannes anzutreten, der vielleicht nicht tot war, seiner Braut sich zu nähern, ihre Liebe zu begehren. Aber er konnte nicht anders, denn er mußte in Josephas Nähe bleiben, er mußte tun, was sie wünschte: und so suchte er seinen schwarzen Anzug, seine Papiere hervor, und machte sich auf den Weg zu Hilmar.

Es war ihm elend zu Mute, und doch war er voll überseliger Hoffnungen für die Zukunft; er zitterte und bebte – und doch, er stand vor dem Hause, wo sie wohnte, vor dem Hause ihrer Eltern. Welch' beglückende Vorstellung!

Herr Hilmar nahm ihn für nichts als einen Stellensucher. Er fand sein Erscheinen durchaus natürlich; der Unfall war von den Zeitungen gemeldet, auch wohl in den beteiligten Kreisen bekannt geworden: Vielleicht schmeichelte es ihm sogar, daß man sich, noch bevor er jemanden suchte, an ihn wandte.

Auf die korrekt vorgetragene Bewerbung Armins antwortete er:

»Sie kommen eigentlich zu früh. Noch habe ich keine offizielle Nachricht von dem Tode meines Neffen, noch hoffen wir. Vielleicht hat nur ein Zufall ihn verhindert, zurückzukehren.«

»Selbstverständlich würde ich zurücktreten,« beeilte sich Armin zu versichern, »wenn Ihr Herr Neffe wiederkäme. Ich würde es mit Freuden tun, wenn ich sähe, daß ein schweres Unglück von einer ehrenwerten Familie abgewendet wird.«

Das war freilich eine Phrase, aber sie gefiel dem alten Herrn.

»Ich könnte Ihnen allerdings,« entschied er, »für heute keinen dauernden Vertrag anbieten; wollen Sie es mit einer Probe versuchen und auf die Eventualität, auf welche ich noch immer hoffe, gefaßt sein, so steht dem nichts im Wege. Mir fehlt eine tüchtige Arbeitskraft, ich bin jetzt ganz gebrochen, die Bücher sind in Unordnung geraten, und da harrt Ihrer ein großes Stück Arbeit. Wie ich aber aus Ihren Papieren ersehe, kann in an Ihnen ein solches wohl zumuten. Also meinetwegen!«

Armin erklärte sich mit Vergnügen zu jedem Versuche bereit; mit einigen Worten war die Gehaltsfrage erledigt handelte es sich doch für Armin um nichts als einen Anfang – und Armin Bode wurde engagiert. Morgen früh sollte er in die Stellung des Verschollenen eintreten.

Es war, als träumte er. Nicht seine kühnsten Träume hatten ihm so schnelle Erfüllung seiner Wünsche vorgespiegelt. Nicht nur eine Stellung war gefunden, nein, auch Josepha lächelte ihm zu.

Da trat sie eben in das Comptoir, und ihr Blick begegnete verständnisinnig dem seinen. Sie frug ohne Worte, ob der Vater einverstanden, und er zwinkerte mit den Augen: Ja! – und in diesem Augenblicke schwanden alle seine Bedenken.

Aber schon in der nächsten Minute kamen sie wieder. Weshalb log er? – Josepha war freilich ängstlich, ihren Eltern zu verraten, daß sie abends mit einem Fremden zusammengetroffen. Aber es war doch zu einem guten Zwecke geschehen.

In ihrer Abwesenheit nahm er sich vor, dem Vater die Sache zu erklären. Warum tat er es nicht? – Weil er dadurch die Basis zu seiner Existenz im Hause zerstört hätte. Man hätte dem Verschwundenen von neuem nachgeforscht, auf neuer Grundlage. Auch Josepha wußte ja nicht die ganze Wahrheit. In der ersten Aufregung hatte er ihr verschwiegen, daß er noch einmal umgekehrt war, und den Schwerverwundeten nicht mehr gefunden hatte.

Josepha zweifelte nicht daran, daß er tot war. Es waren seine letzten Worte gewesen, die Armin ihr hinterbrachte, und weil sie diese für die letzten hielt, waren sie ihr heilig wie ein Schicksal. Karl selbst hatte sie an den Mann gewiesen, den sie zu lieben bereit und im Begriffe war. Ihrem zur Romantik geneigten Sinn war er wie ein Bote aus einer andern Welt erschienen. Allerdings, auch sie hatte den Eltern nicht gesagt, daß Karl sich erschossen. Es sollte erst Armin festen Fuß im Hause fassen, dann würden sie die traurige Gewißheit leichter tragen.

So hatten sie sich fast ohne Worte verständigt und bauten eine unbestimmte, aber deutliche Hoffnung auf Liebesglück auf das dunkle Geheimnis, das Karls Verschwinden verhüllte.

Josepha tat es mit ruhiger Seele, nur daß sie Karl warm und innig beklagte, aber ihr Gewissen war rein, sie hatte nichts getan, um ihn in den Tod zu treiben; im Gegenteil, ihr sanfter Einfluß hatte ihn zu einer geregelten Lebensweise vermocht. Wenn er ihr entglitten war in das undurchdringliche Dunkel des Todes, so war es, weil er ihr gar nicht so ganz gehört hatte. Es war noch etwas in seinem Leben, worauf sie keinen Einfluß besaß, und dieses unbekannte Etwas entriß ihn ihr. Sie fühlte nur noch die Pflicht, ihn zu betrauern, aber sie war ergeben in das Schicksal, das sie um ihn betrogen.

Er war tot; ohne Zweifel war er als nicht rekognoszierter Selbstmörder irgendwo begraben worden. Aber auch das war noch gut zu machen, man würde ihm auch noch sein anständiges Familiengrab sichern können, dem armen, einst so heiteren, lebenslustigen Karl.

Josepha flüsterte jetzt dem Vater etwas zu, und dieser wandte sich wieder an den jungen Mann.

»Sie sind ja, wie ich höre, ganz fremd hier; vielleicht beliebt es Ihnen, heute mit uns zu speisen und meine Familie kennen zu lernen. Bei mir herrscht noch ein altfränkisches, patriarchalisches Verhältnis; ich mag mich in die neue Zeit nicht finden, in welcher Herr und Diener einander fremd geworden sind.«

Armin Bode nahm vor Freude errötend an. Zwar der alte Hilmar sagte sich, es sei zu viel Entgegenkommen; aber Josepha hatte den Wunsch geäußert, und er legte sich gar nicht Rechenschaft ab, warum dies geschehen. Das arme Mädchen brauchte eben Zerstreuung.

So erschien Armin Bode also wieder zu Tisch; wieder musterhaft gekleidet, doch anders als Karl. Denn dieser war immer gerne Großstädter gewesen, Armin sah man den wohlhabenden Provinzler deutlich an. Er kontrastierte in seiner Erscheinung wirkungsvoll mit Josepha, sie gaben gleich auf den ersten Blick ein sogenanntes passendes Paar. Josepha war eine sehr schlanke Brünette mit schönem, blassem, ruhigem Gesicht, mit sanftem, schüchternem Wesen, überaus zärtlich gegen ihre Eltern, eine rechte Schlingpflanzennatur. In Herrengesellschaft war sie scheu und dafür wenig empfänglich, daher hatte sie sich so leicht von ihren Eltern bewegen lassen, sich mit Karl zu verloben, weil ihr Herz noch so ganz unberührt war. Wer er hatte sie doch erschreckt mit seinem ungleichen, excentrischen Wesen, seinen Ausfällen gegen Welt und Menschen, seinen fortwährend wechselnden Stimmungen. Armin Bode dagegen verstand es sofort, ihr Vertrauen zu gewinnen, so abenteuerlich ihre Bekanntschaft auch geschlossen war. Er hatte den Typus des deutschen Landwehrmanns: groß, stark, blondbärtig, mit treuherzigen blauen Augen, mit sonorer Stimme, ruhig, würdevoll, gemessen, voll Ehrfurcht gegen Damen, loyal gegen seinesgleichen, und im ersten Augenblicke, da sie seine Stimme gehört, glaubte sie ihm, glaubte mit jener instinktiven Eingebung, welche meist der Anfang der Liebe ist. In den Schauern, welche ihr das geheimnisvolle Verschwinden Karls verursachte, in der dumpfen Trauer ihrer gegenwärtigen Existenz, verlieh ihr das Erscheinen Armins Trost und Zuversicht.

Das Mädchen hatte gedeckt wie gewöhnlich. Die drei anderen nahmen ihre gewohnten Plätze ein, ohne weiter nachzudenken, und so kam Armin, ohne es zu wissen, auf den Platz, welchen bis dahin Karl eingenommen hatte.

Als er nun hier saß, sahen die andern einander unwillkürlich an; Karls Platz war besetzt. Aber Armin vermied es, von dem Verschollenen zu sprechen. Er stellte Fragen über das Geschäft und die Beziehungen der Firma, soweit ihm solche Fragen zustanden; leise wagte er es auch, von den Gewohnheiten der Familie zu sprechen.

Aber sie waren alle ernst gestimmt, und bei der Suppe – es gab vortreffliche Mocturtle – rief Frau Hilmar:

»Es war Karls Lieblingssuppe!«

Eine tiefe Stille trat in dem kleinen Kreise ein, dann sagte Armin:

»Vielleicht ist sie es noch, wird es immer sein.«

Josepha senkte den Blick. Sie nahm nur eine wohlgemeinte, freundliche Lüge an und ging nicht darauf ein.

Alle Speisen waren gleich vortrefflich. So sehr aber Armin bemüht war, das Gespräch abzulenken, er konnte Frau Hilmar nicht abbringen von ihren Erinnerungen. Bei jedem Gange erzählte sie etwas von Karl. Bald sagte sie:

»Es ist noch nicht vierzehn Tage her, daß mich Karl um Rebhuhn gebeten« – bald wiederum, als Armin sich Kompott auftat, bemerkte sie:

»Karl mochte kein Kompott zum Braten; er pflegte es später zu essen.«

Und Armin, der mit Appetit sich zu Tische gesetzt hatte und schließlich ja mit Freuden gekommen war, konnte kaum mehr essen. Er sah das blasse Gesicht des Verschollenen an dem Tische mit überwältigender Deutlichkeit, wie seine Mienen sich verzerrten, seine Augen sich verdrehten, wie er ächzte, wie er mühselig die Worte hauchte, – mit erschreckender Deutlichkeit stand das alles vor ihm. Bisweilen spiegelte ihm seine gehetzte Phantasie vor, daß er, Armin, der Mörder sei; er hätte doch bei ihm bleiben, sich überzeugen sollen, ob er tot, ob nicht nur eine Ohnmacht ihn angewandelt hatte.

»Nach Tische spielten sie immer vierhändig,« sagte Frau Hilmar.

»Ich spiele auch,« antwortete der Gast schwer atmend. »Wenn das Fräulein befehlen?«

»Ach, das ist schön!« rief Josepha aus. »So wollen wir spielen; Mama fehlt es immer. Sie schlief nach Tische darüber ein.«

Natürlich waren nur die Noten zur Hand, welche die jungen Leute damals gespielt hatten. Nun saßen sie zusammen am Klavier. Er fand sich wundervoll in ihre Weise, spielte vom Blatt, fügte sich ihr mit gutem Verständnis.

Frau Hilmar sah mit großen Augen drein. Sollte das ein Wink des Himmels sein, der ihnen diesen jungen Mann schickte? – Oder war es nicht Sünde, daß man ihn aufnahm, während man noch gar nicht wußte, ob Karl tot war oder nicht? – Sie liebte die Musik, freute sich der schönen Klänge, aber ihr Herz preßte sich zusammen, sie konnte heute nicht einduseln. –

Vier Wochen waren vergangen; noch immer keine Kunde von Karl, keine Spur, kein Lebenszeichen. Jeden Tag sah man spannungsvoll in die Zeitungen und in die eingelaufene Post, frug auch einmal bei der Polizei nach, aber Karl war spurlos verschollen.

Indessen war die Probezeit für Armin abgelaufen, der Quartalsbeginn stand vor der Tür, es war der normale Zeitpunkt für einen festen Kontrakt. Noch immer empfand der alte Hilmar etwas wie Verlegenheit. Sein pedantisches Gewissen sträubte sich dagegen. Sein Neffe konnte doch noch leben, wer wußte es? – Noch immer war er nicht amtlich tot erklärt, ja es war noch nicht einmal ein darauf hinzielender Antrag möglich geworden, weil ja jeder Anhalt, jede Spur fehlte. Andererseits gefiel ihm der junge Mann, denn Armin verstand sein Geschäft. Vielleicht war er nicht so vielseitig begabt wie Karl, aber er war stetiger, fleißiger, verläßlicher. Ueberraschend schnell hatte er sich in alles gefunden, war stets mit ganzer Seele der Arbeit hingegeben; mit einer Art von Spürsinn hatte er die Tätigkeit seines Vorgängers erfaßt, es war, als wäre er unter der Leitung Hilmars groß geworden, sozusagen Geist von seinem Geiste. Vor allem war Armin Bode, was Karl niemals gewesen, die Pünktlichkeit selbst. Ruhig erschien er, mit bescheidenem Gruß, und setzte sich an die Arbeit. Man hätte aus seiner gemessenen Haltung schließen können, daß ihm diese Arbeit sehr gleichgiltig; aber bei jedem Anlaß verriet er, wie sehr er innerlich bei der Sache war; ja, er sorgte und dachte an Stelle des Chefs, und dieser konnte nicht umhin auszurufen:

»Nein, wenn man solchen Buchhalter hat, so ist es leicht, Chef zu sein.«

Armin Bode errötete vor Vergnügen.

»Ich stehe ja ganz allein in der Welt und habe kein Ziel als Ihre Zufriedenheit.«

Es schien wirklich, daß er die Wahrheit sprach. Die Großstadt schien keine Verlockungen zu haben für den jungen Mann, und die Alten sagten sich:

»Wir haben einen Treffer gemacht.«

Und Josepha durfte behaupten:

»Er ist ein Ideal,« ohne daß die Eltern widersprachen.

Warum Armin Bode so ganz blind war für die Reize der Großstadt? – Es ahnte niemand, was der wahre Grund. Es war die Erinnerung an den Sterbenden, die ihm unaufhörlich vorschwebte.

Mit Josepha hatte er kaum wieder allein gesprochen, nur ab und zu war ein verstohlenes Wort gewechselt worden. Aber sie verstanden sich durch Blicke, hatten sie doch ein gemeinsames Geheimnis. Höchstens, daß sie sich etwas von ihm zuflüsterten oder von den Eltern:

»Wenn sie wüßten!« – oder: »Sie müssen es aber nun erfahren.«

Nicht viel mehr. Dennoch flogen ihre Herzen einander zu. Josepha lebte infolge der unausgesprochenen Trauer gänzlich zurückgezogen; so war es ihr ein Trost, Armin zu sehen. Sein Anblick, sein ruhiges Wesen, seine Pflichterfüllung flößten ihr inneres Vertrauen ein. Wenn sie bei flüchtigen Begegnungen einmal ein Wörtchen mit ihm sprach, schwand die düstere Beklemmung, die Erinnerung an Karl, die ihr jede Jugendlust benahm.

Und er? – Josephas Gesicht war die Sonne in seinem Leben, war seine Gegenwart, seine Zukunft, sein alles. Er liebte sie mit jener stillen, nachhaltigen Innigkeit, der nur Gemüter dieser Art fähig sind. Kein Laut kam über seine Lippen, – das glaubte er dem Toten schuldig zu sein.

Als er wenige Tage vor Ablauf seiner provisorischen Dienstzeit nachmittags nach der Mittagspause das Kontor betrat, fand er Josepha sehr erregt seiner wartend. Sie flüsterte ihm zu:

»Ich habe den Eltern gesagt, daß er tot ist. Sie mußten es erfahren.«

Gleich darauf trat Hilmar ein, ebenfalls sehr bewegt, mit feuchten Augen.

»Sie taten unrecht, Herr Bode,« begann er, »so lange zu schweigen, sehr unrecht. Aber Sie glaubten ja das Ihre getan zu haben, indem Sie unserer Tochter die traurige Wahrheit mitteilten. Sie waren Zeuge der letzten Augenblicke unseres Karl, Josepha hat uns alles erzahlt; er starb sozusagen in Ihren Armen.«

Armin drückte zaghaft sein Mitgefühl aus, er entschuldigte etwas verworren sein Schweigen. Die Alten selbst waren zu sehr erregt, um seine tiefe Erschütterung zu bemerken.

»Ach, es ist doch im Grunde eine Erlösung für uns,« sagte Hilmar, »wir hatten ja doch keine Hoffnung mehr. Es war eine schreckliche Existenz in dieser Ungewißheit, Tag und Nacht keine ruhige Minute: Was ist aus ihm geworden? – Sie wollten uns das bißchen Hoffnung nicht rauben, aber es ist besser, daß wir die Wahrheit wissen. Meine Frau freilich ist in Tränen aufgelöst: sie mag sich ausweinen. Zwar ist mir noch immer unerfindlich, was den armen Jungen in den Tod getrieben. Denken Sie sich nur, meine Frau glaubt an ein sogenanntes amerikanisches Duell, denn ein freiwilliger Selbstmord scheint uns ausgeschlossen; dafür ist absolut kein Motiv vorhanden.«

»Ich kann Ihnen leider keine Auskunft geben,« erklärte Bode; »ich kam ganz zufällig dazu, hatte den Schuß gehört und war in das Gebüsch eingedrungen. Er flüsterte mir den Namen seiner Braut zu, gab mir einen Ring und dann schwand ihm das Bewußtsein. Ich habe Fräulein Josepha eruiert und ihr den Ring überbringen wollen.«

Armin verschwieg seinem Versprechen gemäß sein Begegnen am Luisendenkmal, was ja auch an der Sachlage nichts änderte.

»Sie werden verzeihen, daß ich mich um den Posten bewarb, aber ich war fremd in Berlin, ich suchte Arbeit und hörte nur Vorteilhaftes von Ihrem Hause.«

Herr Hilmar nickte zustimmend.

»Und Sie wußten ja auch genau, daß Karl nicht wiederkäme; gerade Sie waren darüber genau unterrichtet, deshalb ist Ihre Handlungsweise vollständig korrekt.«

Inzwischen war auch Frau Hilmar dazwischen gekommen. Ihre Tränen strömten noch immer, sie konnte sich nicht beruhigen. Dennoch wollte sie Näheres wissen über Karls letzte Augenblicke, wie alles gekommen, was er gesagt, wo Bode ihn getroffen. Aber Hilmar trat dazwischen und verbot ein- für allemal, dieses aufregende Gespräch weiterzuführen, es wäre eine unnütze Qual.

»Wenigstens jetzt kein Wort mehr darüber! – Meine Frau hat sehr schwache Nerven,« sagte er, zu Bode gewendet, »man muß sie schonen. Es wird Ihnen vielleicht herzlos scheinen, aber wir wollen über dieses schreckliche Ereignis möglichst einen Schleier sinken lassen.«

Frau Hilmar war nicht gleich von dem Thema abzubringen.

»Was ist aus seiner Leiche geworden?« fragte sie weiter. »Wir müssen doch wenigstens sein Grab wissen, ihm einen Stein setzen, den Hügel schmücken.«

Herr Hilmar seufzte schwer auf.

»Dieser Wunsch wird Dir vielleicht mit der Zeit zu erfüllen sein, aber ganz leicht kann es nicht werden. Der Aermste ist da begraben worden, wo die unbekannten, nicht rekognoszierten Selbstmörder bestattet werden. Ich kann Dir nicht sagen, wo das ist, aber festzustellen wird es wohl sein. Laß uns nur erst zu Atem kommen; vorläufig lassen wir ihn ruhen. Er hat die Ruhe gewünscht, hat sie gesucht, er wollte ferne von uns sterben, ich glaube, wir erfüllen seinen letzten Willen, wenn wir dieses traurige Ereignis so wenig als möglich publik werden lassen.«

Zu Bode gewendet, fuhr er wehklagend fort:

»Es war ein hoffnungsvolles Leben, das so geendet hat, aber wir haben uns keine Schuld beizumessen. Wir haben den Jungen wie ein eigenes Kind gehalten, ihm keinen billigen Wunsch versagt; zuletzt gaben wir ihm unser Kostbarstes, unsere einzige Tochter zur Braut. Wahrlich, uns trifft kein Vorwurf, wie es jedem Fernstehenden scheinen könnte. So bleibt uns nichts übrig, als uns mit Ergebung in das Unvermeidliche zu fügen.«

Noch eine Weile sprach Herr Hilmar so fort. Es schien sein Herz zu erleichtern, daß er in dieser salbungsvollen Weise weiter sprach, während seine Frau immer und immer wieder schluchzte und in allerlei Klagerufe ausbrach.

Noch am selben Tage unterzeichnete Armin Bode seinen Kontrakt, der ihn unter den günstigsten und vorteilhaftesten Bedingungen als Buchhalter der Firma Hilmar für Jahre hinaus verpflichtete.

»Es ist wirklich eine Schickung des Himmels,« sagte der alte Herr. »Sie, im Alter und der Bildung Karl gleich, ebenso vortrefflich qualifiziert wie er, dabei fremd, eine Stellung in Berlin suchend, Sie gerade mußten den Unglücklichen finden, Sie, gerade Sie mußte er in unser Haus senden; Sie überbrachten uns sein letztes Vermächtnis, so kommen Sie in mein Haus und gewinnen Sie mein ganzes Vertrauen. Es konnte sich nicht besser wenden, nachdem das Fürchterliche einmal geschehen. So hoffe ich, daß wir lange und zum gegenseitigen Wohle nebeneinander wirken werden, Herr Bode.«

Sie wechselten einen männlichen Händedruck, Armin gelobte tief ergriffen, hingebendste Pflichterfüllung. Die Worte der Treue und Hingebung, die er sprach, kamen ihm aus tiefstem Herzen, ja sie entsprangen einem Empfinden, von dem die anderen keine Ahnung hatten; bedrückte es den gewissenhaften jungen Mann doch unaufhörlich, daß er den Angehörigen Karls einen Umstand verschwiegen hatte: Karls Verschwinden im letzten Augenblicke.

Und warum schwieg er? – Wiederholt hatte er die Lippen geöffnet, um sich auch das vom Herzen zu sprechen: aber er schwieg immer wieder, ein unbestimmtes Etwas hielt ihn zurück. Warum die Alten neuerdings in Unruhe stürzen? – Warum die eben erst geklärte Situation von neuem trüben? – Warum seine eigene Stellung untergraben? – Zweifellos war Karl ja doch tot, wahrscheinlich schon damals tot, als er ihn verließ, denn weshalb hatte er sich bis heute nicht gemeldet?

Wenn Karl tot war, durfte er seinen Platz einnehmen, durfte er seine Augen zu Josepha erheben; das schöne Mädchen war frei. Ja, um Josepha willen mußte er den Umstand, der ja doch tatsächlich nichts änderte, verschweigen; denn schon liebte er sie, darüber war er sich ja längst klar; und er glaubte sich auch von ihr geliebt. Aber jener war ihr Bräutigam gewesen, war erst drei Wochen tot, es wäre Sünde gewesen, jetzt von Liebe zu sprechen. Allerdings, so viel durchschaute er schon längst: Karl war Josepha mehr ein Freund als ein Geliebter gewesen. Aber verlobt war sie ihm immerhin, also Geduld, so schwer es ihm auch ankommen mochte, seine Liebe zu verhehlen, sein Herz zum Schweigen zu bringen.

Erweckte er aber jetzt noch einen Zweifel an Karls Ende, so begann man von neuem zu suchen, zu forschen, sich mit Zweifeln zu quälen und alles, was er bis heute errungen, geriet ins Wanken. Darunter würde nicht nur er, würden alle leiden. –

*

Es war an jenem Abend, von welchem unsere Erzählung ausging, als in dem zwar altmodisch, aber hoch vornehm eingerichteten Salon eines Hauses in der Wilhelmstraße sich zwei Damen gegenüber saßen; eine ältere, ein wenig korpulente, vom Schlage einer Gutsherrin aus früheren Tagen, gutmütig aber energisch, einfach und doch nie ihre Würde vergessend, Frau Baronin von Bötzow; und eine jüngere, blasse, schöne Frau, ihre Tochter, die zwar mit Eleganz und Geschmack gekleidet war, an deren Aeußerem aber ein geübtes Auge hätte wahrnehmen müssen, daß nicht mehr alles auf voller Höhe stand. Schmuck fehlte fast ganz und der Aufputz war nur mit Anstrengung den Forderungen der Mode angepaßt worden.

»Es ist sieben Uhr, mein Kind,« sagte Frau Baronin von Bötzow zu ihrer Tochter Hanna. »Dein Vater kann gleich kommen, möchtest nicht lieber gehen?«

Hanna erhob sich mit einem schweren Seufzer. Sie mußte wohl gehen, wenn der Vater kam, gegen dessen Willen sie sich vor drei Jahren verheiratet hatte. Sie hatte damals ihr Vaterhaus verspielt und verloren. Glühend und leidenschaftlich hatte sie sich in ihren jetzigen Gatten verliebt; sie hatte zugegeben, daß er sie kompromittiere, d. h. ins Gerede brachte, die Eltern hatten dann die Vermählung geschehen lassen, aber auch nur geschehen.

»Dein Mann wird erst mein Schwiegersohn, wenn er es zu etwas gebracht hat,« erklärte der Baron streng.

Hanna meinte, das könne nicht so lange dauern, und blickte froh in die Zukunft. Ihr Benno war ein begabter Musiker, dem eine glänzende Laufbahn sicher war. Aber es kam ganz anders. Benno vermochte sich nicht emporzubringen; er bekam keine Anstellung, vollendete seine Oper nicht, genug, es ging nicht vorwärts.

Der Baron Bötzow wurde immer härter und unzugänglicher. Sein Sohn, Hannas einziger Bruder, machte dumme Streiche und wurde nach New York expediert. Nun verdroß es den um seinen Namen besorgten Aristokraten nur noch mehr, daß sein Schwiegersohn die künstlerische Position nicht zu erlangen vermochte, die er, der Schwiegervater, im stillen selbst für ihn erhofft hatte; nur hätten die Liebesleute nach seiner Meinung bis dahin warten sollen.

Als seine Tochter wiederholt mit finanziellen Anforderungen an ihn herantrat, wurde er böse und verbot ihr schließlich das Haus. So kam sie nun heimlich, weil die Mutter ihr Kind nicht entbehren wollte, und ihr Kind auch wohl die Hilfe der Mutter nicht zu entbehren imstande war. So war sie auch heute gekommen in großer Not. Bennos Verleger verweigerte weitere Vorschüsse, weil der junge Künstler zu lässig, zu unpünktlich arbeitete, vielleicht auch weil er endlich an seinem Talent zu zweifeln begann. Die Aussicht auf eine Kapellmeisterstelle war abermals zunichte geworden. Zudem verbrachte Benno viel Zeit außer dem Hause, denn, wie er sagte, wenn er nicht seine alten Beziehungen pflegte, so war es vollends um ihn geschehen.

Die Mietszahlung stand vor der Tür, allerlei Gläubiger meldeten sich; Hanna war in ihrer Herzensangst zur Mutter gelaufen, aber diese hatte zwar Trostesworte gegeben, auch eine Summe vom Wirtschaftsgelde, aber die erbetene Intervention beim Vater müsse sie ablehnen. Er war zu sehr erbittert über den Schwiegersohn, er wollte nichts mehr von ihm hören.

Hanna war tieftraurig. Was sollte aus ihr und ihren Kindern werden? – Da saß sie auf dem kostbaren Seidenplüschsofa, umgeben von Wohlstand; alles erinnerte sie an ihre sorglose Kindheit und Jugend, an die rosigsten Hoffnungen, an die glückliche Zeit ihrer ersten Liebe. Unter Tränen umarmte sie ihre Mutter, welche zwar innig und herzlich, aber doch mit einer gewissen ängstlichen Hast die Liebkosungen erwiderte, denn der Vater konnte ja jeden Augenblick kommen.

Als Hanna nach Hause kam, bedeutete sie das Dienstmädchen, daß ein Herr auf sie warte. Sie erschrak; das konnte nur ein Gläubiger sein. Sie fand einen gänzlich fremden Herrn vor, der durchaus wissen wollte, wann und wo ihr Mann zu treffen sei; er hatte ihn soeben in einem bestimmten Kaffeehaus gesucht. Aber in dieses Kaffeehaus war Benno gegangen, sie wußte also gar nicht, wo ihr Mann zu finden war.

Der Fremde schien das zu glauben, aber so ganz nebenbei frug er, ob ihr Herr Vater Verpflichtungen für seinen Schwiegersohn eingehe; sie verneinte erschrocken. Der Fremde machte ein zweifelhaftes Gesicht, musterte noch einmal den Hausrat und ging.

Hanna brach, als er fort war, in bittere Tränen aus, schluchzend umarmte sie ihre beiden Kinder, zwei niedliche kleine Jungen. Sie wiederholte:

»Was soll aus uns werden?«

Kein Zweifel, der Mann, den sie einst so glühend geliebt, geriet immer mehr auf Abwege, desto mehr aber entfernte er sie und sich von einer Versöhnung mit ihrem Vater. Bald würden sie vor der nackten, bitteren Not stehen.

Schon zeugte ihre Wohnung von ihrer Zwitterexistenz. Zwischen den eleganten Möbeln und Ausstattungsgegenständen, welche sie als Mitgift erhalten, waren Lücken; hier und da fehlte ein kostbares Stück, das verkauft oder verpfändet war. An der Tapete zeichnete sich deutlich der Raum ab, wo bis vor kurzem ein größeres Gemälde an der Wand gehangen. Der Schmuckkasten auf dem Marmortischchen ließ durch seine Glaswände den leeren Boden sehen. Freilich, sie hatte noch die Mutter für sich; aber wenn sie Hilfe im Elternhause suchte, so war es um den Preis einer Trennung von ihrem Mann. Und sie liebte diesen Mann noch, er war der Vater ihrer Kinder. Und wie allein und einsam sie war! – Wo blieb er und was trieb er? –

Ach, wie ganz anders war es damals, als sie noch zu Hause war, keine Sorgen kannte, mit dem kleinsten, wie auch mit manchem großen Wunsche Gehör fand bei ihrer zärtlichen Mutter. Und doch hatte sie ihr Schicksal selbst gewählt, hatte es nicht anders haben wollen. Um keinen Preis hätte sie von dem Mann gelassen, der sie durch seine Künstlerschaft, seine liebenswürdigen Manieren bestrickt hatte. So mußte es durchgekämpft werden.

Aber es war hart. Ihre Freundinnen, die sich zugleich mit ihr verheiratet hatten, lebten sorglos und in Wohlstand, ja im Genuß. Nur sie mußte so schrecklich büßen. Womit hatte sie das verdient? Sie hatte geliebt und dem Manne ihrer Liebe vertraut.

Wie sie glühend füreinander flammten, er, der warmblütige, hoffnungsfrohe junge Künstler, sie die verwöhnte Baronesse. Sie liebten sich mit jener Erstlingsleidenschaft, welche nicht an den Ernst des Lebens denkt; sie waren fest überzeugt, daß sie auch in der bekannten »Hütte« glücklich sein würden. Allerdings, man konnte nicht so ohne weiteres in die »Hütte« einziehen; der Widerstand der aristokratischen Eltern mußte gebrochen werden. Und die jungen Leute baten und flehten, trotzten und schmollten, sie kompromittierten sich. Sie drohten mit Doppelselbstmord, mit sensationeller Flucht. Endlich kam ihnen ein Glücksfall zu gute. Eine Orchesterkomposition Bennos fand rauschenden Erfolg. Ein erster Verleger begann sich für ihn zu interessieren, und nun gaben die Eltern nach; sie willigten, wenn auch ungern, in die Vermählung des jungen Paares.

Benno und Hanna gaben ein schier märchenhaft glückliches Brautpaar. Eine glänzende Hochzeit wurde gefeiert, bei welcher die aristokratische und Künstler-Gesellschaft sich vermischten. Alles atmete die freudigsten Hoffnungen für die Zukunft der jungen Leute.

Aber allzu schnell war der schöne Traum verflogen. Benno erwies sich als unzuverlässiger Arbeiter. Das Textbuch zu der Oper, die er komponieren wollte, stürzte ihn in Schulden. Einzelne Nummern gelangen ihm glänzend und begeisterten den Verleger zu großen Vorschüssen. Dann wieder wurde er lässig, ließ die Arbeit liegen, komponierte dazwischen an einem Streichquartett, welches zwar gefiel, aber keinen durchgreifenden Erfolg hatte. So vergingen einige Jahre. Zwei kleine Kinder vermehrten die Lasten des Hausstandes. Die Einnahmen flossen spärlich und unregelmäßig aus kleinen Arbeiten, aus Konzerten, bei welchen Benno mitwirkte usw. Hannas kleine Mitgift war fast aufgezehrt. Not, Sorgen und daraus erwachsende Verstimmung wichen nicht mehr aus dem jungen Haushalt.

Das eigentliche Unglück aber bestand darin, daß diese Sorgen Benno unfähig zur Arbeit machten. Die Lage wurde um so trauriger, als sich das Verhältnis zu den Schwiegereltern immer verschlechterte. Baron Bötzow war geradezu wütend, daß sein Schwiegersohn ihm den versprochenen Künstlerruhm so lange schuldig blieb.

Wenn er seine Tochter einem Bürgerlichen zur Frau gegeben, so geschah es, weil dieser ein Künstler war, und weil der Baron genau wußte, wie hoch erfolgreiche Künstler heute im Kurse stehen. Aber natürlich, Erfolge mußten sie haben. Einmal, am Geburtstage des alten Barons, bei dem üblichen Familiendiner, kam es zu einer heftigen Scene zwischen dem Baron und seinem Schwiegersohn. Der erstere warf dem jungen Manne Pflichtvergessenheit vor. Benno behauptete, der Baron habe keine Ahnung von den Schwierigkeiten künstlerischen Schaffens. Es kam zu einem häßlichen Konflikt. Benno verließ das Haus seiner Schwiegereltern mit der Beteuerung, es nie wieder zu betreten. Hanna folgte ihm weinend. Zwar, der Vater bedeutete ihr, sie könne hier bleiben, wenn sie wolle, und zwar für immer. Man würde ihr den Irrtum verzeihen, an den Künstler in Benno geglaubt zu haben. Sie aber ging mit ihrem Manne, den sie noch immer liebte.

Auch an jenem Abend, als sie zusammen nach Hause kamen, hatte Benno ihr versprochen, zu arbeiten, zu streben. Aber er ließ wieder nach, als Not und Sorge verstärkt im Hause einkehrten. Und das geschah, als die freiwilligen Subsidien der Schwiegereltern ausblieben.

Nun kam in besonders bedrängten Momenten Benno auf den unglücklichen Einfall, zu spielen. Auch heute befürchtete Hanna, daß er in schlechte Gesellschaft geraten sei.

Sie machte sich gefaßt, lange, wenigstens bis Mitternacht auf Benno zu warten; das war wiederholt vorgekommen. Aber diesmal kam es anders. Schon gegen zehn Uhr hörte sie ihn die Korridortür schließen, nicht so zaghaft wie sonst; er kam raschen Schrittes und mit fröhlicher Miene. Er wehrte fröhlich mit der Hand, da sie eine fragende Bewegung machte.

»Erzähle mir nicht erst: Man war da, um Geld zu fordern. Aber die Sache ist schon beglichen,« rief er ihr entgegen.

Benno war ein großer, schlanker Mann mit blitzenden Augen und vollem, krausen Haar, eine richtige Künstlererscheinung. Freilich an den Schläfen waren seine Locken schon ein wenig gelichtet.

»Du hast Dich geängstigt, Du armes Hänschen, ganz ohne Grund. Da, sieh, – sieh her! – Geld in Masse!«

Er zog sein Portefeuille, legte drei Tausendmarkscheine auf den Tisch.

»Sieh her! – Und jene Schuld – ja, eine garstige Schuld war es – habe ich schon bezahlt. Und nun freue Dich, wir haben auf ein halbes Jahr zu leben, und jetzt kann ich in aller Ruhe meine Oper vollenden. Nun wird's auch anders werden, paß auf, mein Hänschen!«

Hanna hörte ihm ganz sprachlos zu.

»Verzeih', ich kann mich nicht gleich freuen. Woher hast Du das Geld?«

Er wich ihren Blicken aus.

»Von wem? – Von meinem Verleger natürlich, von wem sonst? – von dem guten Naumann.«

Sie sah ihn ungläubig an.

»Von Naumann? – Wie ist das möglich? – Er wollte durchaus nichts mehr hergeben, sagtest Du mir selbst.«

»Die neue Nummer,« antwortete er, »das große Duett hat ihm so sehr gefallen.«

»Du sprichst nicht die Wahrheit. Er kannte ja das Duett, es ist ja seit vier Wochen fertig, und seither bist Du nicht weiter gekommen.«

Benno wurde ungeduldig.

»Herr Gott! Ich habe es ihm selbst vorgespielt, selbst vorgesungen; das machte großen Eindruck auf ihn.«

»Ja, aber sonst gab er doch im besten, glücklichsten Falle nur einige hundert Mark auf einmal.«

»Und heute hat er mehr gegeben, so höre doch, mein Kind!«

Er suchte sie abzulenken.

»Wir machen noch einen kleinen Ausflug an die Ostsee, das Wetter ist so mild. Und das große Bild wollen wir auslösen. Du hast auch sonst wohl einen Wunsch für Deine Toilette? Nur heraus damit, jetzt darfst Du's wagen.«

»Schweigen wir jetzt davon!« entgegnete sie ihm. »Erzähle mir lieber, wie das Zugegangen; das ist mir wichtiger. Aber ganz genau! – Wie kamst Du heute zu ihm, und wie war's überhaupt möglich?«

Er antwortete ausweichend, erzählte, wie er seinen Gläubiger ausgesucht, um ihn zu beschwichtigen. Ja, und Konfekt habe er auch gekauft.

»Und weißt Du, Hanna, ich glaube, daß die Goldsachen noch nicht verfallen sind.«

Er zog eine große Konfektdüte aus der Tasche und hielt sie ihr hin. Sie sah und hörte ängstlich zu.

»Wem warst Du schuldig, Benno?«

»Es war eine Wechselschuld, mein Kind. Sieh, ich war ganz verzweifelt, wußte mir keinen Rat, war in die Hände eines Wucherers geraten, und dieser Wucherer ging mir hart zu Leibe; er wollte durchaus nicht warten. Das brachte mich heute auf den Gedanken, noch einmal energisch an Naumann heranzutreten, und diesmal traf ich ihn bei Laune und auch ich war bei Stimmung. Hanna, wenn Du gehört hättest, wie ich vortrug, und wenn Du gesehen hättest, wie es auf ihn wirkte! Genug, es ging wie im Fluge, und da bin ich. Da, iß von dem schönen Konfekt! Da, Deine Lieblingsbonbons, Fondants, – es bleibt ja noch etwas für die Kleinen. Sie schlafen schon, die Stifte? – Ich kaufe morgen etwas anderes für sie, iß Du nur, mein Hänschen! hast es lange genug entbehrt.«

So schwatzte er nervös weiter. Sie hörte eine Weile lang zu, dann schob sie das Konfekt fort, faßte ihn am Arm und sagte ernst:

»Versuche mich nicht zu täuschen, Benno! Du hast das Geld nicht von Naumann; der gibt Dir keins mehr, am wenigsten in solcher Summe. Du hast das Geld gewonnen, am Spieltische gewonnen. Mir graut vor dem Gelde.«

»Aber Unsinn!« warf er ein, ohne sie anzusehen.

»Du spielst; ich ahnte und merkte es längst, Du spielst, Du hast heute gewonnen!«

»Nun denn, ja! – Ich hatte ungeheures Glück. Sei keine Törin, sei froh, daß wir aus der Not sind.«

»Nein, nein!« beharrte sie. »Das kann ich nicht! Oder ist es etwa ein sehr reicher Mann? Ich bitte, ich beschwöre Dich, Benno, sage mir die Wahrheit!«

»Das kann ich Dir beim besten Willen nicht sagen; ich kenne den Mann kaum.«

»Hat er Frau und Kinder?« beschwor sie ihn.

»Ich glaube es nicht. Er schien mir noch sehr jung, offenbar kaum flügge,« berichtete er.

»Wie hast Du ihn getroffen?«

»Einigemale im Kaffeehause. Wir plauderten miteinander; ich merkte, daß er gerne etwas mitmachen wolle, aber sehr an der Strippe war. So machte ich ihm den Vorschlag, uns einmal wo zu treffen. Einige Tage später hielten wir ein Rendezvous ein und amüsierten uns leidlich miteinander. Er hat mir auch seine Karte gegeben, aber ich wußte nichts als seinen Namen. Dann trafen wir uns zweimal bei Wollheim. Du weißt, dort wird gespielt.«

»Wie sollte ich das wissen?« lehnte sie mit Entrüstung ab. –

»Ach so. Du weißt es nicht,« sagte er leichthin. »Nun, gleichviel, ich hatte an dem Tage knapp soviel, um meine Zeche zu bezahlen. Er aber zeigte Lust zu spielen, hoch zu spielen, und so spielte er mit meinem Kollegen, dem Konzertmeister Beiersdorff. Er verlor stark, wurde blaß und verwirrt. – »Der Bursche hat Pech!« flüsterte Beiersdorff mir zu, »bei dem ist etwas zu holen!« Und heute trafen wir uns wieder. Der junge Mann bezahlte dem Beiersdorff, was er ihm neulich schuldig geblieben war, und der Konzertmeister bot ihm Revanche an; aber er wollte nicht. Eine Weile sah er dem Spiel der anderen zu, brütete vor sich hin, bis Beiersdorff fortgegangen war. Auf einmal wollte er spielen, durchaus, ganz gewaltsam. Es fand sich auch noch ein dritter dazu. Ich hatte etwas bei mir, eine Kleinigkeit, und wir begannen mit niedrigem Satz. Aber er hatte schauderhaftes Pech; im Nu gewann ich mit Verdoppelung der Sätze, gewann, was er bei sich hatte. Im Handumdrehen, sage ich Dir, ging das.«

Hanna war blaß und erschrocken.

»Und er?« stieß sie hervor. »Was sagte er?«

»Ach, nichts,« antwortete Benno. »Er stürzte davon. Ich lief ihm nach, bot ihm Revanche auf morgen.«

»Nun, und hat er angenommen?« fragte sie hastig.

»Ich denke ja; er murmelte etwas dergleichen.«

Benno war jetzt selbst still und ernst geworden. Die Erinnerung mochte ihm doch wohl unheimlich sein. Hanna packte das Geld zusammen.

»Da nimm es, lege es fort!« erklärte sie. »Wer weiß, der junge Mann ist vielleicht ruiniert.«

Aber Benno raffte sich auf.

»Wenn er so töricht war, alles zu verspielen, ist er nicht zu bedauern.«

»Hast Du denn gar keine Vorstellung,« forschte sie von neuem, »wer und was er war?«

»Ich glaube Kaufmann oder Beamter,« sagte er. »Ich weiß jetzt nicht einmal, wie er heißt; draußen im Ueberzieher wird seine Karte stecken.«

»Es ist Sündengeld, Benno!« beschwor sie ihn.

»Närrchen!« wehrte er ab. »Ich habe nicht betrogen, ihn nicht beredet, im Gegenteil, zugeredet aufzuhören habe ich ihm. Dennoch schien Benno etwas unruhig. –

»Nein, nein,« beharrte sie, »Du durftest es nicht so weit kommen lassen. Es war vielleicht sein letztes.«

»Nun,« tröstete er sie, »ich sage Dir ja, ich habe ihm Revanche geboten, obgleich ich das nicht mußte. Sei doch nicht töricht, dergleichen kommt im Spiel täglich vor. Und endlich, habe ich nicht oft genug verloren?«

Nun siegte ihre Sparsamkeit.

»Etwas wollen wir behalten, da Du ja doch Glück hattest. Aber die Hälfte – oder sagen wir, die größere Hälfte, darfst Du ihn zurückgewinnen lassen.«

Er lächelte. Das naive Gemüt hatte offenbar keine Vorstellung, wie es beim Spiele zugeht.

»Das läßt sich nicht so machen, wie man will,« sagte er.

»Es wird schon gehen.«

Und sie wünschte ihm Glück, als er nächsten Tages ging. Sie küßte und liebkoste ihn, denn Glück in der Liebe bringt Unglück im Spiel. Aber er kam bald wieder mit dem unberührten Gelde. Der junge Mann war nicht gekommen, und niemand kannte ihn. –

Benno war sehr bedrückt, und das kam ihr doch gar zu sonderbar vor. Wenn ihr Bruder im Spiel gewonnen hatte, so pflegte das ihn ganz und gar nicht zu bedrücken! Verbarg ihr Benno etwas? Immer und immer wieder drang sie in ihn, und endlich erfuhr sie die volle Wahrheit. Zögernd, nur mit halben Worten und sichtlich unter dem Eindruck tiefer Beschämung gestand er ihr: er glaubte bemerkt zu haben, daß es bei jener Partie mit dem Unbekannten – man hatte zu dreien gespielt – nicht ganz reinlich zugegangen war. Jener dritte war eine von den in der Großstadt so häufigen Erscheinungen, die man immer und überall antrifft; bei allen Premieren, auf dem Sattelplatze der Rennbahnen, in den Zirkuslogen und Sensationskonzerten, bei großen Gerichtsverhandlungen, und endlich überall da, wo hoch gespielt wird. Sie kleiden sich nach neuester, englischer Mode, sind stets bei Kasse, benutzen nur Droschken erster Klasse und ziehen ihre hundsledernen Glacés an, wenn sie nachts um zwei Uhr oder später das Café verlassen. Niemand weiß, wovon sie leben, obwohl man sie bei den Namen kennt und ihnen wohl auch in der sogenannten guten Gesellschaft begegnet. Und einer von diesen war es gewesen, der bei jener Partie die Bank gehalten hatte. Mr. Jackson war ihm, Benno, immer ganz besonders antipathisch gewesen: er hatte es auch anfangs abgelehnt, gerade mit ihm zu spielen; als er dann gewann und immer gewann, fehlte ihm selbst der äußere Anlaß dazu. Aber die Banknoten flogen ihm nur so zu und – man darf doch auch nicht leichtsinnig eine Beschuldigung aussprechen – besonders, wenn man im Gewinn ist … Da – da – schon hatte sich Benno erhoben, weil er diesmal mit voller Sicherheit gesehen zu haben meinte, wie Jackson ein Aß für sich beiseite brachte – eben wollte Benno heftig losfahren, wollte zugreifen, die Hand des unehrlichen Spielers festhalten, da warf der junge Fremde die Karten fort, dazu eine Banknote, welche die letzte Differenz deckte – wohl sein letztes Geld! – und stürzte davon …

Noch einmal ging Benno in den Wollheimschen Spielsalon, aber er traf den fremden jungen Mann nicht. Auch Mr. Jackson war nicht wiedergekommen …

*

»Er ist ein Abenteurer,« rief der kleine Kommis entrüstet. Die anderen stimmten bei.

Abenteuerlich freilich war die Sache, wie der neue Buchhalter hier auf einmal hereingeschneit war. Alle äußerten ihre Meinung zu dem Falle, nur Pauline schwieg. Sie war ein wenig irre geworden in dem festen Glauben, daß Karl noch lebe.

Warum ließ er es so weit kommen? – Wenn er sich irgendwo verborgen hielt, so mußte er doch irgendwelche Kunde haben von diesen Vorgängen, oder er konnte sie doch vermuten.

Da kam eines Tages ein fremder junger Mann und bewarb sich um die freie Stelle eines Buchhalters; angeblich hatte er ganz zufällig davon gehört. Seine Papiere waren in Ordnung, und er wurde engagiert. So war die unheimliche Lücke, die das Verschwinden Karls gerissen, zunächst ausgefüllt. Das Geschäft hatte eine bis zwei Wochen völlig darnieder gelegen, das Notwendigste war vernachlässigt worden; jetzt kam die Sache wieder langsam in den gewohnten Gang.

Der neue Buchhalter erwies sich als tüchtig, bescheiden, liebenswürdig gegen seine neuen Kollegen, aber ein wenig verwunderlich blieb die Sache doch. Wie fand dieser Armin Bode nur gleich den Mut, hier einzudringen und den Platz eines Mannes einzunehmen, der doch noch wiederkommen konnte? Bode war aus der Provinz zugereist, konnte also von dem Unglück im Hause Hilmar nur oberflächliche Kunde haben; jedenfalls spielte hier ein höchst merkwürdiger Zufall mit.

Ganz außer sich war der kleine Kommis, Herr von Waldenburg. Nun war wieder ein junger Mann hier, wieder ein großer, schlanker, hübscher Mann, wieder ein Rivale, und für ihn war es eine so angenehme Stellung gewesen, hier der einzige junge Mann zu sein, wenigstens der einzige, der gesellschaftlich mitzählte.

So hatte Armin, ohne es zu wissen, ohne etwas verschuldet zu haben, von Anfang an einen Feind. Der kleine Mann mit den zierlichen Locken, der tadellosen Halsbinde, den feinen, ganz modernen Parfüms konnte sich in die neue Sachlage gar nicht finden und hörte nicht auf über den Eindringling zu schimpfen. Täglich ersann er neue Kombinationen: Auf der Straße hatte er Josepha gesehen und sich in sie verliebt, sie ausgekundschaftet und, da er den Platz besetzt gefunden, d. h. den Platz neben Josepha, hatte er auf irgend eine Weise Karl Hilmar beiseite gebracht, verführt, vielleicht verlockt, irgend einer Versuchung preisgegeben – wer wußte es?

Josepha, welche seit jenem Unglücksabend das Zimmer gar nicht verlassen hatte, kam jetzt wieder manchmal herunter in das Geschäft. Natürlich behauptete Waldenburg, sie käme wegen Bode herunter. Daß der neue Buchhalter mit verliebten Blicken an ihr hing, das freilich sagten auch die andern; er verfärbte sich auch, wenn sie in das Kontor kam, er, der fleißige, ruhige unentwegte Arbeiter, er ließ die Feder sinken, wenn ihr Kleid ihn streifte; er verrechnete sich, er machte Tintenflecke in das musterhaft geführte Buch, er war wie verzaubert.

Und wirklich, eines Tages brachte es der kleine, eifersüchtige Kommis zu einem offensiven Schritte. Ganz plötzlich trat er auf Bode zu, der ahnungslos Rechnungsbeträge sortierte, fixierte ihn und sagte mit scharfer Betonung:

»Wo glauben Sie denn eigentlich, Herr Bode, daß Karl Hilmar geblieben ist?«

Pauline hob ihren hübschen, blonden Kopf, den sie fast immer gesenkt hielt. Waldenburgs Zwischenbemerkung war doch gar zu sonderbar und auffallend. Es gab auf dieselbe nur zwei Antworten: entweder Herr Bode lachte dem kleinen Kavalier ins Gesicht oder er gab ihm eine Ohrfeige; ein drittes war gar nicht denkbar. Aber trotzdem geschah ein drittes, geschah etwas ganz Unerwartetes. Bode zuckte zusammen, erschrak sichtlich, verfärbte sich und stammelte:

»Wie soll ich's wissen?«

Und mit zitternder Hand raffte er seine Rechnungsbelege zusammen und verschwand hinter dem Glasverschlage des Kontors.

»Habt Ihr's gesehen?« rief Waldenburg laut und triumphierend. »Das ist das Betragen eines Schuldbewußten. Ich wette, daß er von dem Tode des Herrn Karl Hilmar mehr weiß als wir.«

Auch die anderen waren etwas betroffen von dem Zwischenfall, dennoch aber vermahnten sie Waldenburg, den Mund zu halten und sich nicht in so auffallender und verletzender Weise zu betragen.

Pauline lächelte. Auch sie glaubte ja, daß Karl Hilmar noch lebe, und sie hatte seit heute vormittag einen bestimmten Grund dafür. Ganz zufällig hatte sie an dem Kassenschalter ein Stück Zeitung gefunden, in welches irgend etwas, wahrscheinlich ein Buch eingeschlagen gewesen; auf diesem Zeitungspapier hatte sie folgende Anzeige gefunden: »Josepha! Heute abend beim Luisendenkmal zur gewohnten Stunde.«

Es hatte sie bei diesen Worten elektrisch durchzuckt. Diese Worte konnten nur von Karl herrühren. Er lebte irgendwo verborgen und hatte versucht, sich mit seiner Braut in Verbindung zu setzen. Pauline hatte schon zufällig erfahren, daß er sich bisweilen mit Josepha im Tiergarten heimlich getroffen hatte; das junge Paar versuchte das manchmal, um der unaufhörlichen Aufsicht der Eltern zu entrinnen.

Nachdem Pauline diese Zeilen gelesen, hatte sie es versucht, sich mit dem Hausmädchen in Verbindung zu setzen und erfahren, daß Josepha ein einziges Mal seit dem Verschwinden des jungen Herrn das Haus verlassen hatte, und zwar wenige Tage darauf am Abend. Tief verschleiert war sie fortgegangen, sehr aufgeregt, blaß und zitternd zurückgekehrt, ohne – so viel das Mädchen wußte – über den Zweck ihres Ausganges irgend welche Auskunft zu geben. Nur die grobe Aufregung im Hause hatte es ermöglicht, daß dieser Ausgang des Abends nicht bemerkt und von der Mutter nicht weiter gerügt wurde.

Freilich, Pauline mußte sich sagen, daß noch andere Mädchen in Berlin Josepha heißen konnten, aber der Name war gerade hierorts ziemlich selten. Alle Umstände stimmten, und sie zweifelte nicht im geringsten daran, daß Karl das Zeitungsinserat aufgegeben. Er würde eines Tages wiederkommen, dann aber seinen Platz besetzt finden; dann – dann – was dann?

Sie versank in Träume.

Ja, sie hatte gewähnt, von ihm geliebt zu werden. Bevor Josepha, die etwa drei Jahre jünger war als Pauline, aus der Pension gekommen war, hatte er der hübschen Kassiererin offenkundig den Hof gemacht. Auch sie war gerne heiter, und so hatten sie oft zusammen gelacht, gescherzt, waren vergnügt gewesen. Sie waren die beiden lebendigen Spaßmacher zwischen den toten Bronzegruppen. Bisweilen kam der würdevolle Chef aus dem Kontor und verwies die beiden als zu laut; bisweilen wurden die Kunden aufmerksam und blickten entweder verweisend oder auch beifällig nach dem jungen, lachenden Pärchen.

Ach, sie – Pauline – war nur ein armes Mädchen, aber sie war sich ihres Wertes bewußt. Sie war pflichtgetreu, genügsam und hatte überdies eine für ihren Stand ungewöhnliche Bildung genossen; sie konnte arbeiten, dabei immer fröhlich und zufrieden sein; sie hatte Mut, Kraft, Lebenslust, und sie sagte sich, sie war die rechte Frau für diesen Karl, der selbst heiter und lebenslustig war, aber doch des inneren Haltes ein wenig entbehrte. Ja, sie paßten zusammen, das war keine Selbsttäuschung; selbst ihre Feinde, wenn sie welche hatten, mußten das zugeben: Sie waren gleichgesinnte, gleichgeartete Seelen.

Niemand hatte recht begriffen, warum die lebhafte Pauline es so lange an dem Kassenschalter aushielt, dem einförmigsten, unangenehmsten Posten, der sich denken lasse; aber sie wußte, warum sie hier aushielt, sie hoffte, – sie liebte.

Und da kam eines Tages Josepha aus der Pension. Sogleich wandte ihr Karl seine Aufmerksamkeit zu. Es war sicher und nicht schwer zu erkennen, wie sehr die Eltern eine Verbindung zwischen Karl und Josepha wünschten.

Pauline ihrerseits hatte bisher das »Pensionsgänschen« nicht gefürchtet, gar nicht ernst genommen. Und nun erschien auf einmal eine jener madonnenhaften Schönheiten, die ihre Wirkung auf phantasiereiche, junge Männer fast nie verfehlen. Ein zartes, blasses, edel geschnittenes Gesichtchen, mit dunklem Blick, träumerischem Augenaufschlag, scheuem, sanftem Wesen – ganz und gar der Gegensatz zu Pauline, die pikant, lebhaft, ein wenig emanzipiert war. Und Josepha kam, sah und siegte. Karl war bezaubert von dem neuen Eindruck, hingerissen. Dazu kam die verlockend günstige Gelegenheit, sich einmal den Beifall der Alten zu erwerben. Genug, mit traumhafter Schnelle, ebenso rasch wie damals, lag jetzt Karl in den Banden der kleinen Madonna. Er hatte eben, wie stets, dem ersten Eindruck nachgegeben. Josepha war eine junge, zarte, eben aufblühende Schönheit, sie hatte etwas Keusches, Mädchenhaftes, eine wahre Seltenheit unter den modernen Backfischen. Das konnte freilich einen Mann von künstlerischem Sinn, wie Karl, bezaubern: er vernachlässigte Pauline und wandte sich dem neuen Stern zu.

Die arme Kassiererin war anfangs todesunglücklich, aber ihr kräftiges Naturell empörte sich gegen müßige Melancholie; sie tröstete sich. Josepha paßte entschieden nicht zu Karl. Dieses ängstliche, schüchterne, weltunkundige, kleine Pensionsfräulein, das war nicht die rechte Frau für ihn. Gefallen konnte sie ihm, auch eine Leidenschaft in ihm erwecken, aber ihn dauernd fesseln und beglücken, das konnte sie nicht. Das würde, das müßte sich noch zu ihren, Paulinens Gunsten wenden.

So hoffte und harrte das arme Mädchen trotz der bevorstehenden Verlobung in der Familie; sie bemerkte mit dem scharfen Auge der Liebe, was den anderen entging, daß Karl trotz der bevorstehenden Verlobung wechselnden Stimmungen, einer gewissen nervösen Unruhe unterworfen war, daß er keineswegs den Eindruck eines vollkommen glücklichen Menschen machte, und täglich sagte sich Pauline von neuem, es wird noch anders kommen.

Und es kam auch anders, aber doch nicht, wie sie gedacht und geträumt. Eines Tages war er weg, verschwunden, verschollen. Wieder war sie einige Tage lang starr und stumm vor Verzweiflung, kaum imstande, ihren mechanischen Kassendienst zu versehen. Aber auch diesmal raffte sie sich empor; ihr unverwüstliches Temperament siegte über die finstere Verzweiflung.

Karl war nicht tot, sie ahnte, sie fühlte es mit vollster Deutlichkeit. Mit ungeahnter Gewalt brach die Liebe zu ihm aus ihrem Herzen. Jetzt wußte sie es erst, wie sehr sie ihn liebte. Seinetwegen saß sie immer und immer wieder da an dieser dummen Kasse, nichts Besseres als eine Gefangene; aber diese Stätte war geweiht durch die Erinnerung an ihn. Sonst wäre sie eine Törin gewesen, hier zu hocken, denn klug, geschickt, gebildet, wie sie war, fand sie vielleicht einen lohnenderen Posten, eine angenehmere Beschäftigung. Aber wie sollte sie wo anders sein und bleiben als hier bei Hilmar? Wenn Karl wiederkam, mußte er ja doch zuerst hierher kommen.

Ihre Liebe, ihre Sehnsucht durchdrang mit ahnendem Spürsinn das geheimnisvolle Dunkel. Hätte sie ihm nur helfen, ihm einen Wink geben können! – Wie töricht, wie verblendet sie doch alle waren! – Er konnte ja doch nicht tot sein. Warum denn hätte er sterben sollen? Die Sache war sonnenklar trotz des angeblichen Geheimnisses: Er war nicht glücklich neben Josepha, hatte rechtzeitig begriffen, daß sie nicht zueinander paßten, daß er neben ihr, in dieser gar zu musterhaft geordneten kleinen Welt nicht leben konnte; darum war er entflohen. Und wenn er wieder käme, dann würde er sich ja überzeugen, wie wenig treu Josepha ihm gewesen, wie rasch sie sich über sein Verschwinden getröstet.

Wäre nur sie, Pauline, im stande ihm irgend einen Beweis ihrer Liebe und Treue zu geben, einen recht leuchtenden Beweis! – Aber was konnte sie armes Ding tun?

So sann, grübelte und träumte sie und kassierte mechanisch das Geld ein, welches man ihr brachte. Es war ein wahrer Zufall, wenn die Kasse abends stimmte. –

Jetzt wurde sie aus ihren Träumen geweckt durch eine gewisse Unruhe in dem Geschäftslokal. Der Chef suchte etwas, fragte, forschte und fahndete, – was wollte er doch? – Er suchte einen Schlüssel.

In dem Kontor drinnen stand nebst dem eisernen Kassenschrank noch eine kleine, feuerfeste Geld-Kassette, die Privatkasse der Frau Hilmar. Diese Kasse wurde bei Nacht in dem großen Geldschrank eingeschlossen, bei Tage stand sie auf oder neben demselben jederzeit zur Verfügung der Frau des Chefs.

Die ganze Woche seit dem Verschwinden Karls hatte Frau Hilmar gar nicht daran gedacht, die Kassette auszuschließen. Nun wollte sie es soeben tun, da fehlte der Schlüssel. Ihr Gatte glaubte sich zu erinnern, daß er an jenem Unglückstage denselben an der Kassette stecken gesehen, ihn abgezogen und irgendwo in seinem Pulte verwahrt hatte. Ja, so war es gewesen. Hier, in dieser kleinen, unverschlossenen Schublade da hatte er ihn bestimmt gesehen. Er hatte die Lade aufgezogen, aber der Schlüssel war nicht da. Man suchte und suchte, auch draußen im Geschäft, endlich fand man ihn; er lag in einer anderen Schublade des Pultes, wo er sonst nicht gelegen.

Dieses Suchen des Schlüssels hatte alle aufmerksam gemacht, und alle waren unruhig geworden. Irgend eine unbestimmte Ahnung hatte sich der Gemüter bemächtigt, als stände eine Enthüllung bevor. Jetzt hörte man drinnen einen Aufschrei und dann die Worte: »Gestohlen!« »Das Geld ist fort!« Jeder vom Personal hörte diese Worte; alle schwiegen, wie versteinert.

Nur Waldenburg konnte nicht schweigen. Mit funkelnden Augen flüsterte er Paulinen zu:

»Er hat's gestohlen! Niemand anders als er! Ich ahnte es schon damals! Da habt Ihr Euren Helden!«

»Schweigen Sie,« rief Pauline zornsprühend, »es ist nicht wahr!«

»Es ist wahr,« zischelte der Kleine, »und ich werde auch dafür sorgen, daß es an die große Glocke kommt – mein Wort darauf! Solchen Leuten muß das Handwerk gelegt werden!«

Das junge Mädchen war aufgesprungen. Flammenden Gesichts stand sie vor ihm und donnerte ihm entgegen:

»Karl Hilmar ist kein Dieb! Und Sie werden es auch nicht wagen, ihn zu denunzieren!«

»Na, das wollen wir doch sehen!« knurrte der Kleine.

Drinnen aber im Kontor hatte sich das Folgende zugetragen:

Frau Hilmar hatte eben die Geldkasse aufgeschlossen und stieß einen lauten Schrei aus. Die Kassette war so gut wie leer.

»Mein Geld ist fort!« rief sie. »Die fünftausend Mark! – Oder hast Du sie, Mann, hast Du sie?« –

Er war ganz bleich geworden. Er hatte keine Idee, wo das Geld geblieben, ja er wußte nicht einmal, daß welches in der Kassette gelegen.

»Ich meinte, Du hättest Deine Zinsen noch gar nicht behoben,« stammelte er, »die Kassette wäre so gut wie leer; deshalb habe ich sie auch weiter gar nicht beobachtet.«

»Ja, gerade am Tage, bevor Karl –« versetzte sie, »gerade an dem Tage, – da habe ich das Geld geholt und sofort hier verschlossen: Du warst eben nicht da. Da sieh, der Schmuck ist hier, das Geld ist fort.«

»Du wirrst Dich irren,« stotterte er, »Du hast das Geld wo anders hingelegt, oben verwahrt in Deinem Schreibtisch.«

»Nein, nein,« entgegnete sie heftig, »ich weiß es ganz genau, ich könnte es beschwören, ich habe das Geld in die Kassette getan.«

»Aber den Schlüssel?«

»Den habe ich seither nicht bei mir gehabt, auch nicht gesehen.«

»Der Schlüssel ist hier, war immer hier, die ganze Zeit,« versetzte der Chef.

Beide schwiegen eine kleine Weile, dann stieß der alte Mann einen Schmerzensschrei aus, so laut, daß das Personal draußen ihn hören mußte. Sie hielten ohnehin alle den Atem an. Das große dunkle Geheimnis, welches Karls Verschwinden verhüllte, begann sich zu lüften.

Noch immer war es furchtbar stille draußen, dann hörte man die Stimme des alten Mannes in unsäglichem Schmerze:

»Er war ein Dieb, – ein Dieb! – Unser Karl war ein Dieb! – Er ist durchgebrannt wie ein gemeiner Spitzbube!«

Die Tür des Kontors wurde aufgerissen, der alte Mann stürzte hinaus, rannte ohne Rücksicht auf den äußeren Schein in dem Lokale auf und ab und wühlte sich in den ergrauten Haaren. Dann eilte er zu seiner Frau zurück und sank wie vernichtet neben ihr in einen Stuhl.

Er hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Wie stumpfsinnig starrten sie einander an; es war das Fürchterlichste, was sie, die Makel- und Tadellosen treffen konnte. Der junge Mann, den sie mit Wohltaten überhäuft, den sie wie einen Sohn geliebt, dem sie ihr einziges Kind hatten anvertrauen wollen, – der junge Mann, der der Nachfolger im Geschäft werden sollte, – er ein Dieb! – Das war ein Schlag ohnegleichen. –

Aber bevor sie noch ein Wort gewechselt, wurde die Tür ohne Klopfen aufgerissen. Pauline, die Kassiererin, trat mit brennenden Wangen und blitzenden Augen ein. Das Mädchen zog ein ganz kleines, schäbiges Geldtäschchen aus der Tasche, welches ganz vollgestopft schien. Sie öffnete es, nahm einige zerknitterte Tausendmarkscheine heraus und legte sie auf den Tisch.

»Hier ist das Geld, Herr Hilmar,« sagte sie mit eigentümlich gepreßter Stimme. »Herr Karl hat es nicht genommen, sondern – ich.«

Die alten Leute sahen sie an, als spräche sie eine fremde Sprache. Das Betragen des jungen Mädchens war auch gar zu sonderbar. Da keines von ihnen antwortete, fuhr sie fort, in demselben gepreßten, unnatürlichen Tone, ohne aufzublicken:

»Wie Sie wissen, Herr und Frau Hilmar, ist kürzlich meine Tante erkrankt und gestorben. Wir sind arme Leute. Ich unterstützte von meinem Gehalt noch meine Mutter und meine unmündigen Geschwister. Die Krankheit und der Todesfall verursachten uns große Ausgaben, – aber wir hofften bestimmt auf eine Erbschaft. Wir hatten auch allen Grund dazu, und so stürzten wir uns in Schulden wegen der Kranken, denn wir hofften, die Erbschaft würde uns für alles entschädigen. – Aber es war nichts, gar nichts. Meine Tante hinterließ nichts. Für mich und meine Geschwister wurde damit jede Hoffnung auf die Zukunft vernichtet, abgesehen davon, daß wir im Augenblicke gar nicht wußten, wo aus und wo ein. – Wir sind sehr arme Leute, Herr Hilmar, Sie wissen es, und da kam es denn so. – An dem Tage, an dem Herr Karl verschwand, da sah ich, wie der Herr Chef den Schlüssel von der kleinen Kassette abzog und in einer der offenen Laden seines Pultes legte. Und es war am folgenden oder am darauf folgenden Tage, – genau kann ich es nicht sagen – da war ich Mittags eine ganze Weile allein hier im Geschäft. Ich ging in das Kontor, nahm das Schlüsselchen heraus, öffnete die Kassette und nahm das Geld. – Meiner Familie wollte ich sagen, ich hätte das Geld im Nachlaß meiner Tante versteckt vorgefunden; sie hätten mir geglaubt, denn sie waren ja in der festen Meinung, die Tante mußte das Geld hinterlassen haben. Aber ich konnte mich nicht gleich entschließen, meiner Mutter dieses Märchen aufzubinden; ich bin das Lügen nicht recht gewöhnt. Und so trug ich das Geld einige Tage bei mir. Auch bereute ich schon, es genommen zu haben, und wartete auf die Gelegenheit, es wieder hierher zu legen. Aber die Gelegenheit wollte nicht kommen, denn wie Sie ja selber wissen, bin ich ja niemals allein hier im Geschäft, auch nicht Mittags. Es ist doch mindestens einer der Verkäufer hier und der Laufbursche. Auch das Kontor ist selten ganz leer. Genug, ich konnte das Geld nicht unbemerkt zurückgeben, wie ich wünschte. – Nun aber hörte ich, – ich hörte in meiner Angst schärfer als die andern draußen, die vielleicht nicht alles verstanden haben, – ich hörte, daß ein Unschuldiger in Verdacht kam, – Herr Karl. Darum meldete ich mich auf der Stelle. – Hier, Herr Hilmar, ist das Geld. Sie sehen, ich habe es nicht berührt. Es tut mir sehr leid, daß ich es getan habe, aber es ist nun doch geschehen! Zeigen Sie mich an, wenn Sie wollen. Freilich, ich habe es ja nicht meinetwegen getan, sondern wegen meiner Angehörigen.«

Pauline schwieg, der Atem war ihr ausgegangen.

Das Ehepaar Hilmar vermochte noch immer keine Antwort zu finden. Sie starrten Pauline an, ohne recht begreifen zu können, worum es sich handelte. Dieses junge Mädchen, welches sich immer so ganz musterhaft, so tadellos betragen hatte – es sollte gestohlen haben? Und wie sonderbar sie dabei aussah, zitternd, aufgeregt, aber doch ohne wie eine Schuldige zu erscheinen! Es war fast unbegreiflich und doch, man mußte ihr wohl oder übel glauben, denn woher hätte dieses arme Kind eine so große Summe nehmen sollen? Und doch sah der Diebstahl Paulinen ebensowenig ähnlich als Karl; eines von ihnen beiden mußte es genommen haben.

Pauline wartete noch immer auf Antwort. Verwundert blickte sie von einem zum andern, weil doch niemand in die Entrüstung ausbrechen wollte, die in diesem Falle ganz natürlich war. Nun nahm sie wieder das Wort.

»Ich hoffe, Herr Chef, daß Sie Barmherzigkeit walten lassen und mich nicht anzeigen werden. Sie werden Mitleid haben mit meiner Mutter und mit meinen unmündigen Geschwistern…«

Frau Hilmar nickte hier. Sie fühlte sich gedrungen, denn doch ein Meinungszeichen zu geben.

Pauline fuhr fort, ebenso unruhig und stoßweise sprechend, wie zuvor:

»Natürlich wollen Sie mich nicht behalten, Herr Hilmar! Das ist ja selbstverständlich, daß ich gehe, Ihnen nie mehr in den Weg komme. Ich verzichte auf Lohn und Zeugnis und will auf der Stelle gehen. Ist Ihnen das genug? Scheint Ihnen mein Vergehen gesühnt? Bitte, entschließen Sie sich!«

Aber das kam den beiden Hilmars nicht leicht an. Sie konnten sich nicht einmal entschließen, die zerknitterten Banknoten auf dem Tisch anzufassen. Das hübsche junge Mädchen in seiner einfachen, aber schmucken Kleidung, mit dem selbstbewußten Wesen, hatte so gar nichts von einer Diebin. Sie war es, welche die Situation beherrschte, und das fühlten die alten Hilmars. Der Chef brachte jetzt hervor:

»Warum haben Sie sich nicht gleich gemeldet, wie ich den Schlüssel suchte?«

Pauline lachte bitter auf.

»Natürlich wollte ich das Geld behalten! Auf mich wäre ja doch kein Verdacht gefallen, nicht wahr? Schon darum nicht, weil niemand annehmen konnte, daß ich einmal allein hiergeblieben sei. Aber Herr Waldenburg, der damals über die Mittagspause hier war, hatte Kopfschmerzen und ging fort, um ein Glas Selter zu trinken. Da kam die Versuchung über mich. Ich wußte ganz genau, wo der kleine Schlüssel lag. Sie alle waren bei Tische und – ich tat's!«

Jetzt stürzten ihr die Tränen aus den Augen, als würde sie sich erst der vollen Schwere dieses Wortes bewußt.

»Und nun machen Sie ein Ende,« bat sie, »entscheiden Sie über mein Geschick!«

Die Tränen gaben Paulinen endlich das Aussehen einer Schuldigen und entwaffneten doch zugleich die beiden Hilmars. Der Chef begann seine Ueberraschung zu verwinden und sich, sozusagen, als Richter zu fühlen.

»Mein Kind,« sagte er, »ich bin allerdings sehr überrascht, ja bestürzt! Sie hatten sich immer musterhaft betragen! Aber das Geld fehlte doch – liegt jetzt hier, und ich kann an Ihrer Schuld nicht zweifeln. Da Sie Mutter und Geschwister haben, und auch nichts an der Summe fehlt, sehe ich natürlich von einer Anzeige ab.«

Herr Hilmar bemerkte gar nicht, daß er beinahe nur das wiederholte, was Pauline ihm in den Mund gelegt hatte.

»Ich danke Ihnen,« versetzte sie tief aufatmend, »o, ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, Herr und Frau Hilmar!«

Die krampfhafte Spannung aus ihrem Wesen wich; sie knickte jetzt zusammen, als fühle sie in diesem Augenblick die ganze, ungeheure Last, die sie auf sich geladen hatte. Beinahe fassungslos stand sie da und flüsterte immer wieder Dankesworte.

»Beruhigen Sie sich doch, mein Kind,« sagte die leichtgerührte Frau Hilmar, »ich bin überzeugt, daß es nur eine ganz augenblickliche Verirrung war, daß Sie keiner schlechten Tat fähig sind und daß sich Ihr Fehltritt nicht wiederholen wird.«

»Nein, nein, das kann nicht wieder geschehen!« versetzte Pauline in eigentümlicher Betonung.

In einer Anwandlung von Demut, die ihr sonst nicht eigen war, küßte Pauline die Hand der Frau Hilmar.

»Erweisen Sie mir noch die eine Wohltat,« bat sie, »und – schweigen Sie!«

Der Chef und seine Gattin wechselten einen Blick des Einverständnisses.

»Ja, mein Kind,« entgegnete er würdevoll, »ich gebe Ihnen mein Wort darauf – wir werden schweigen!«

»So leben Sie denn wohl, Herr und Frau Hilmar, ich gehe sogleich und für immer. Nochmals meinen innigsten Dank!« –

»Wir hätten sie behalten sollen,« meinte die alte Dame, nachdem Pauline die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Hilmar dachte eine Weile nach; aber seine untadelige Natur sträubte sich gegen diese Zumutung.

»Nein, das geht nicht, Minna, das paßt doch nicht! Sie hat nun einmal gestohlen – daran ist nichts zu drehen und zu deuteln! Man darf solch jungen Wesen den Weg zur Besserung nicht erschweren, aber in unserem Hause konnte sie nicht bleiben.«

Und einer Regung unbewußter Selbstsucht nachgebend, fügte er hinzu: »Wie gut, daß es nicht Karl war!« –

Da standen sie wieder bei Karl. Von neuem drängte sich das Rätsel auf: Was war aus ihm geworden?

Die böse Vorstellung von einem Diebstahl war nun einmal da. Hilmar schloß seinen Geldschrank auf, revidierte alles, Papiere und Kassenbestände, sowie andere Wertsachen: es war alles in vollkommener Ordnung.

Nein, Karl hatte nicht gestohlen: aber er hatte mithin auch keine nennenswerte Summe bei sich gehabt; es war also schwer anzunehmen, daß er irgendwo im verborgenen lebte. –

Pauline war jetzt durch den Laden geschritten, direkt in den kleinen Nebenraum, wo die Garderobe der Bediensteten verwahrt wurde: sie winkte im Vorbeigehen Waldenburg, ihr zu folgen. Das tat er mit Vergnügen, denn natürlich glaubte er an eine kleine Vertraulichkeit, einen Auftrag, ein Anliegen oder dergleichen.

Mit einem freundlichen Lächeln trat er in das Kämmerchen, aber er erschrak, als er jetzt in ihr erregtes, zuckendes Gesicht sah.

»Was ist Ihnen geschehen?« fragte er halb teilnehmend, halb neugierig.

»Ich verlasse das Geschäft – gehe augenblicklich und wollte Sie nur bitten, allen in meinem Namen Adieu zu sagen.« –

Waldenburg glaubte, nicht recht gehört zu haben.

»Ja, was ist denn vorgefallen?«

»Das kann ich Ihnen im Moment nicht erzählen. Genug, ich bin entlassen! Leben Sie wohl, Herr von Waldenburg –«

Herrn von Waldenburg wurde ganz sonderbar zu Mute. Es war etwas in ihrer Stimme, das ihn rührte, und einen Augenblick lang stieg ihm der Gedanke auf, Pauline sei nicht erregt, weil sie den Kassenschalter verlasse, sondern weil sie von ihm, Waldenburg, sich trennen müsse. Es kam ihm aus dem Herzen, als er ihr jetzt versicherte, daß er sie weder jetzt noch jemals vergessen könnte. Und er werde nicht lange auf sich warten lassen. Bald – sehr bald werde sie ihn wiedersehen.

Nun war Pauline gegangen. Das Personal schaute wohl etwas verwundert drein, als plötzlich der alte Lehmann designiert wurde, vorläufig den leeren Platz an der Kasse einzunehmen. Aber es gab eben jetzt viel zu tun im Geschäft; man kam nicht dazu, die Sache weiter zu erörtern.

Nur der kleine Waldenburg konnte innerlich nicht zur Ruhe kommen. Was war geschehen? Welchen Anlaß hatte der allezeit wohlwollende Hilmar dem jungen Mädchen gegeben, in so auffälliger Weise auf und davon zu gehen? Und andererseits Pauline! Sie hatte gewiß nichts getan, was eine plötzliche – man könnte sagen, eine schimpfliche Entlassung begründen konnte. Plötzlich, während er eben eine »Ariadne« verkaufte, kam ihm ein erleuchtender Gedanke. Pauline hatte trotz ihrer gegenseitigen Versicherung geerbt – die Tante hatte dennoch etwas hinterlassen! Es mußte sogar ein stattlicher Brocken sein, denn nur so ließ es sich erklären, daß die sonst so korrekte, pflichtgetreue Pauline urplötzlich die Arbeit niederlegte, etwa wie ein Schuster den Hammer in die Ecke wirft, wenn er erfährt, daß er einen Lotteriegewinn gemacht hat.

Und in dem Hirn des Geschniegelten reifte ein Entschluß.

Eine Stunde nach Geschäftsschluß klingelte er, jetzt in tadellosester Toilette, mit taubengrauen Glacés, bei Paulinen. »Er halte Wort,« sagte er: »er habe nicht vergessen, was er neulich mit ihr gesprochen.«

Zu keiner Zeit hätte die Erneuerung von Waldenburgs Antrag das Mädchen schmerzlicher, unangenehmer treffen können, als eben jetzt, wo ihre Seele ganz voll war von dem heute Erlebten, und wo nur ein Gedanke ihr Halt und Kraft gab – der Gedanke an Karl. Nein – sie mußte sich diesen Waldenburg ein- für allemal vom Halse schaffen! Und erregt, wie sie war, bedachte sie nicht die Folgen; sie zog den jungen Mann in ihr Stübchen und begann ängstlich flüsternd:

»Bevor Sie weiter reden, Herr von Waldenburg, erfahren Sie erst, weshalb ich ging. Ich habe Herrn Hilmar –« hier stockte sie doch – »etwas entwendet, was ich im Augenblick dringend brauchte. Heute, da man es vermißte, habe ich es zurückerstattet… Deshalb mußte ich gehen, trotzdem man mir verziehen hat!«

»Ach – Sie treiben Ihren Scherz mit mir,« sagte Waldenburg, der ihr mit offenem Munde zugehört.

»Fragen Sie bei Hilmar,« der mir zwar versprochen hat zu schweigen! Und wenn Sie danach noch Ihren Antrag aufrecht erhalten …

Dem Kleinen wirbelte der Kopf. Das war nicht glaublich. –

Und ganz plötzlich kam ihm ein Einfall.

»Sie sind doch nicht die Mitschuldige Karl Hilmars?« stieß er hervor … »denn, daß der gestohlen hat, ist mir zweifellos!«

»Und wenn ich's wäre?« sagte sie fast stolz.

»Das wäre schrecklich,« keuchte er, »denn ich habe ihn bereits – denunziert!«

Pauline taumelte zurück. In seinem geleckten Gesichtchen siegte der Ausdruck der Schadenfreude über den des Schreckens.

»Es wäre schrecklich,« wiederholte er jetzt, aber zu bedauern wären Sie nicht! Ein Mädchen wie Sie, hängt nicht sein Herz an solchen Windbeutel…

Pauline hörte ihn kaum noch, als er nun, sich verabschiedend, versicherte, daß nichts seine Gesinnung, seine Gefühle für sie abschwächen könnte.

Das arme Mädchen brach zusammen, als sie sich allein sah. –

*

Eines Tages gab es wiederum einen aufregenden Zwischenfall im Hause Hilmar. Zwar diesmal erfuhr sonst niemand als der alte Herr davon – diesen aber nahm die Sache doppelt mit. Zum ersten Male in seinem Leben hatte er eine Aufforderung erhalten, vor der Kriminalpolizei zu erscheinen. Dergleichen hat fast immer eine beunruhigende Wirkung. In solch' einer Vorladung ist nur selten gesagt, um was es sich handelt. Kurz und bündig heißt es da: »Sie werden hiermit ausgefordert, sich zu Ihrer Vernehmung am 10. d. M. Vorm. 9 Uhr vor dem Kriminalkommissar, Herrn X., da und dort einzufinden.« Vergebens zerbricht man sich den Kopf: Was kann man wollen? Eine schlaflose Nacht, eine Reihe verstörter Stunden sind unausbleiblich. Herr Hilmar steckte die Vorladung zu sich; es brauchte keiner zu wissen, daß er auf der Kriminalpolizei zu tun habe.

»Sie sind bestohlen worden?« fragte der Kommissar.

»Ich? Bestohlen?« Der alte Mann war ganz fassungslos. »Davon weiß ich ja noch gar nichts!« Er dachte, man sei einem bei ihm verübten Diebstahl auf die Spur gekommen, noch bevor er selbst ihn bemerkt.

»Hier liegt eine Anzeige vor, nach welcher ein gewisser Karl Hilmar, wohl ein Verwandter von Ihnen, Ihre Kasse erbrochen und daraus mehrere tausend Mark gestohlen haben soll.«

»Das – das ist nicht wahr!« rief Hilmar aus innerster Ueberzeugung.

Der Beamte blickte verwundert auf.

»Dann kennen Sie also den wirklichen Täter?«

»Gott bewahre – nein!« Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn. Er dachte an Pauline, an sein Versprechen, sie nicht unglücklich zu machen; ihre zitternde Bitte klang ihm jetzt ins Ohr.

»Hat man überhaupt gestohlen bei Ihnen?« inquirierte der Kommissar, schon ein wenig ungeduldig.

»Gestohlen eigentlich nicht – entschuldigen Sie! Mir fehlte eben etwas! Aber ich fand es noch in derselben Stunde wieder!« Er atmete erleichtert auf. Das war der richtige Ausweg.

»Aber dieser Karl Hilmar ist es nicht gewesen?«

»Aber Herr Kommissar – mein Neffe! Was denken Sie denn? Und dann – der ist ja tot!«

»Wer ist tot?«

»Karl Hilmar, der arme Junge!«

»Nun, das wäre ja sehr schön,« resolvierte jener, »dann würde ich ja die Akten los! – Ist der Todesfall gemeldet?«

»Natürlich – bei der Polizei!«

»Sie sind entlassen, mein Herr!«

Taumelnd, wie wenn er eben einer schweren Gefahr entgangen, verließ Hilmar das rote Haus am Alexanderplatz. –

*

Nun war, aber auch nur für wenige Tage, eine ruhigere, wenn auch trauervolle Stimmung in der Familie Hilmar eingetreten. Freilich die offizielle Todeserklärung war erfolgt, verspätete, vorsichtig abgefaßte Todesanzeigen erschienen in den Zeitungen, man mußte ja doch seine Freunde und Verwandten in förmlicher Weise von dem Trauerfall benachrichtigen. Peinlich und drückend war das, aber man konnte sich dieser Verpflichtung nicht entziehen.

Die Damen des Hauses legten schwarze Kleider an, empfingen Kondolenzbesuche, zogen sich von allen gesellschaftlichen Beziehungen zurück, – das war alles sehr bedrückend, aber immerhin eine Art Erlösung nach der vorhergehenden, noch viel schmerzlicheren Lage.

Aber auch diese relative Ruhe hielt nicht lange an. Bald tauchte wieder die bange Frage auf: Warum hat er sich getötet?

Diese Frage wurde immer von neuem angeregt, wenn Freunde und Bekannte erschienen, um etwas über die näheren Umstände jenes Todesfalles zu erfahren. Da wurde nun die schmerzliche Erinnerung immer wieder von neuem aufgewühlt, alle Einzelheiten wurden neuerdings lebendig. Allen war jener Unglücksabend so deutlich im Gedächtnis, als wäre es gestern gewesen. Immer wieder und immer wieder erzählte man dieselbe Geschichte und zerbrach sich den Kopf und konnte nicht in das ruhige Geleise des Alltagslebens gelangen.

Ja, heiter, in sorgloser Stimmung war Karl damals fortgegangen, um sechs Uhr ungefähr war er bei dem Geschäftsfreunde erschienen, und von da ab datierte die dunkle Lücke. In dem Kaffeehause, wo er die Rückkehr jenes Geschäftsfreundes erwarten wollte – so hatte er selbst hinterlassen – war er nach übereinstimmenden Aussagen nicht erschienen. Kaum drei Stunden später wurde er im Tiergarten aufgefunden mit einer Kugel in der Schläfe. Ein undurchdringliches Dunkel verhüllte noch immer diese drei Stunden. Was hatte er getan? – Was war geschehen, um eine solche Verzweiflung über den lebenslustigen jungen Mann hereinbrechen zu lassen. Zwar besaß er einen Revolver, aber merkwürdigerweise, dieser fand sich zu Hause unter seinen Effekten vor; er mußte also, um den Selbstmord auszuführen, erst noch einen Revolver unterwegs gekauft haben. Zweifellos – und das stand fest – war er ohne jede düstere Absicht von Hause weggegangen; was aber konnte ihm in dieser kurzen Spanne Zeit widerfahren? – Eine plötzliche Geistesstörung? – Nie hatte er eine Spur davon gezeigt, noch hatte seine Familie irgend ein Symptom davon verraten. Verhehlte er denn sonst ein Unglück? Er liebte Josepha und hatte freiwillig um diese geworben; er stand anscheinend am Ziele seiner Wünsche, was konnte ihm da fehlen? Hatte er eine Gewissensschuld auf sich geladen? Hatte er vielleicht infolge eines unglücklichen Zufalles jemanden schwer beleidigt, verletzt, gar getötet? – Man hätte es erfahren müssen, denn die allwissende Polizei hätte Kunde davon gehabt, und die trauernde Familie hatte sich ja mit den Behörden in Verbindung gesetzt.

Und so sprach man unaufhörlich von Karl; immer wieder von neuem fragte man, forschte man. Aber auch in den weitesten Kreisen, mit denen Karl und seine Angehörigen verkehrt hatten, hatte niemand eine blasse Ahnung, was ihm zugestoßen sein konnte; niemand wußte eine aufklärende Einzelheit, alles kannte ihn als heiter, lebenslustig, ein wenig nervös zwar, aber im übrigen ganz normal. Ein einziger dunkler Punkt war in seinem Leben, seine künstlerischen Neigungen, die in ihm gärten. Er war mit einem Kunstakademiker befreundet gewesen, modellierte oft in dessen Atelier, malte und zeichnete mit Vorliebe. Seine zukünftigen Schwiegereltern sahen diese dilettantischen Beschäftigungen nicht ungern, weil sie den heißblütigen jungen Mann von möglichen Abwegen abhielten. Auch jenen Kunstakademiker, Karls Freund, hatte man längst aufgesucht und inquiriert; aber auch dieser wußte nichts anderes zu sagen, als daß Karl sich mit dem kaufmännischen Beruf versöhnt hätte, seit Josepha seine Braut geworden war.

Eines Tages schien ein Lichtstrahl in dieses traurige Dunkel fallen zu wollen. Ein gänzlich fremder Herr erschien in dem Laden und verlangte dringend Herrn Hilmar in einer Privatangelegenheit zu sprechen. Es war ein ältlicher Herr von beinahe absonderlichem Aeußeren, klein, breitschultrig, mit sonnverbranntem, etwas finsterem Gesicht, langem, stark graumeliertem Haar, sogenannter Künstlermähne. Er trug sich ganz nach Künstlerart, einen breiten Kalabreser auf dem Kopf. Seine kurz angebundene, barsche Redeweise schien auf großes Selbstbewußtsein zu deuten. Er sprach in einer Art von Telegraphenstil.

Herr Hilmar war im Augenblick nicht gleich zu sprechen, da er mit einem Reisenden wegen der Lieferung von kleinen Bronzegegenständen verhandelte. Der Fremde – nach der Visitenkarte, die er vorwies, hieß er Hugo Brennus – mußte sich eine Weile gedulden.

»Wenn es eine Geschäftssache ist, so ist Herr Bode, der Buchhalter hier, um beliebige Auskünfte zu erteilen,« sagte der Kommis Waldenburg.

»Der Buchhalter kann mir nichts nützen,« versetzte der Fremde, »eine reine Privatangelegenheit, in der ich Herrn Hilmar sprechen möchte. Ich sagte es übrigens schon!« setzte er verweisend hinzu.

Waldenburg ließ sich nicht gleich aus seiner gewohnten Kommishöflichkeit bringen.

»Es ist gut; bitte einen Augenblick zu warten, gefälligst hier Platz zu nehmen.« Er wies auf einen der für die Kunden bereitstehenden Stühle.

Der Fremde setzte sich nicht, sondern ging im Laden auf und ab und besichtigte die Kunstgegenstände. Waldenburg machte auf die hervorragendsten Stücke aus der Hilmarschen Sammlung aufmerksam. Der Fremde schien leidlich ein Kunstkenner zu sein, auch mochte er es gewohnt sein, daß man seinem Urteile lausche. Der Kommis hingegen spielte sich in dem Geschäft selbst als Kunstkenner auf, und die meisten Kunden hörten auch gläubig seine Ratschläge an.

»Hier,« sagte er, auf einen Tafelaufsatz deutend, »ein ganz hervorragendes Werk, rein Renaissancestil, von Professor Stockhausen gezeichnet. Dann hier diese Kamingruppe, bitte sie zu beachten, ganz köstliche Rokokoformen, nicht wahr? – Und hier dieses kleine Spind, zwar Imitation, aber nach altem Muster des Cinque cento und die Verzierungen, sie sind nach Motiven Benvenuto Cellinis.«

Waldenburg pflegte besonders den Damen, die in das Geschäft kamen, durch derartige Bemerkungen ganz ungeheuer zu imponieren. Diesmal aber kam er schlecht an, der Fremde schnauzte ihn an.

»Was, Renaissance? – Sie verstehen nichts davon. Hier diese Bogen, das ist doch nicht Renaissance! – Rokoko? – Unsinn! – Alles Verworrene, Stillose ist bei Ihnen Rokoko, nicht wahr? – Und das hier soll ein Motiv des Cellini sein? – Sie sind ein Esel!« –

Waldenburg prallte zurück. Das war doch wirklich zu stark. Wie durfte er sich das als Kavalier gefallen lassen! – Er warf sich in die Brust, so viel er konnte und sagte:

»Wir werden uns noch sprechen, mein Herr! Ich bin im Besitz Ihrer Karte.«

»Gewiß sind Sie im Besitz meiner Karte,« versetzte der Fremde hochmütig, »Sie sollen mich doch Herrn Hilmar melden.«

»Nein, ich bitte, ich will Genugtuung für mich.«

»Nun, gehen Sie zum Schiedsmann, wenn Sie wollen,« sagte der andere achselzuckend; »ich werde dort beweisen, daß Sie ein Esel sind.«

Waldenburg blickte sich scheu im Geschäfte um, um zu sehen, ob die anderen, denen er als Kunstkenner stets imponierte, das Zwiegespräch beachtet hatten. Aber es waren andere Kunden im Laden, die anderen Kommis sämtlich beschäftigt, und niemand schien die kleine Scene beachtet zu haben. Für den Augenblick wußte Waldenburg sich nicht anders zu rächen, als indem er sagte:

»Sie kommen hier herein, mein Herr, kritteln und schimpfen und machen nicht einmal Miene zu kaufen; das ist wenig gentlemanlike von Ihnen!«

Waldenburg sprach das englische Wort übrigens ganz korrekt aus.

Der Fremde lachte laut auf.

»Da haben Sie recht, kleiner Herr! – Man muß wenigstens etwas kaufen. Nun denn, die Büste Schopenhauers, die können Sie mir nach meiner Villa schicken. Der Preis ist gleichgiltig.«

»Schopenhauer?« stotterte Waldenburg. Er konnte sich nicht gleich besinnen, welcher von den blinkenden Bronzeköpfen dem berühmten Philosophen angehörte. Doch da rettete ihn die Inschrift, die an dem Sockel stand; dort an der Ecke, das war Schopenhauer. – »Gut, mein Herr, ich werde Ihnen den Schopenhauer schicken. Im übrigen aber sprechen wir uns noch.« Und mit würdevoller Gebärde überreichte er ihm den roten Kassenzettel.

Herr Brennus sah das Zettelchen gar nicht an. Es mußte ein sehr reicher Mann sein, der nach dem Preise eines immerhin wertvollen Kunstgegenstandes gar nicht fragte.

Inzwischen war Herr Hilmar frei geworden, und der Fremde konnte in das Comptoir eintreten.

Der Chef des Hauses saß in gedrückter Stimmung an seinem Pult. Mit ziemlicher Gleichgiltigkeit erwiderte er den Gruß des Eintretenden. Ein Kunde ohne Zweifel! – Aber ach, das Herz des alten Mannes war zu schwer bedrückt, um davon irgend welchen Eindruck zu empfangen.

»Entschuldigen Sie,« sagte Brennus in seiner barschen Weise, »ich wollte Sie um eine Auskunft bitten. Aber, wie ich bereits draußen sagte, es handelt sich um eine rein private Angelegenheit, und wenn Sie wollen, können Sie mich zur Tür hinauswerfen.«

Diese sonderbare Einleitung machte Hilmar aufmerksam.

»Aber mein Herr, ich denke nicht daran. Im Gegenteil, es wird mich freuen, wenn ich Ihnen dienen kann. Bitte, nehmen Sie Platz!« –

»Bitte, teilen Sie mir mit, was Sie wünschen,« sagte Hilmar nicht ohne Spannung.

Der andere schien nicht ganz leicht sprechen zu können. Offenbar suchte er nach einer Einleitung und fand sie nicht. Nun platzte er auf einmal heraus:

»Ich wollte mit Ihnen sprechen wegen Ihres Neffen Karl Hilmar.«

Der alte Herr schnellte empor.

»Wie, mein Herr? – Sie wissen etwas von Karl Hilmar?«

Brennus wehrte mit der Hand beschwichtigend ab.

»Ja, ich weiß, daß ein Unglück in Ihrer Familie geschehen ist, das sogenannte »Skelett« im Hause, wie man in England sagt.«

Hilmar hob flehend die Hände.

»Mein Herr, ich und meine Familie haben unsäglich qualvolle Wochen durchgemacht. Wenn Sie irgend etwas wüßten, was uns Aufschluß gäbe über das Ende meines armen Neffen –«

Brennus schnitt ihr das Wort ab.

»Machen Sie sich keine vergeblichen Hoffnungen, ich müßte Sie dann gleich enttäuschen. Ich bin es, der gerne etwas erfahren wollte über sein Vorleben.«

»Ich verstehe absolut nicht,« stotterte der alte Hilmar. »Das Vorleben meines Neffen ist aller Welt bekannt, so klar, so einfach! – Offenbar aber haben Sie irgend etwas von ihm erfahren, und vielleicht ist es gerade das, was uns Aufklärung bringen könnte.«

»Ich weiß weiter gar nichts,« versetzte der andere, »als daß Ihr Herr Neffe einen Selbstmordversuch gemacht hat.«

»Einen Selbstmordversuch?« entgegnete der Chef. »Da sind Sie leider falsch berichtet; der Versuch ist geglückt, mein Neffe ist tot.«

Brennus verbesserte sich:

»Ja, er ist tot; ich wußte davon, – habe mich nur nicht richtig ausgedrückt.«

Hilmar sah den Fremden forschend an. Das war doch alles gar zu sonderbar. Die barsche, selbstbewußte Weise des Herrn Brennus widersprach andererseits der tastenden Art, mit welcher er an das Geheimnis der Familie rührte. Etwas ungeduldig versetzte Hilmar:

»Bitte, erklären Sie sich doch näher, ich muß Sie dringend darum ersuchen.«

»Das will ich gern tun,« entgegnete Brennus. »Nochmals aber muß ich Ihnen sagen: Sie haben das Recht, mich hinauszuwerfen.«

»Ich denke wirklich nicht daran,« rief Hilmar. »Aber zur Sache, wenn ich bitten darf!«

»Nun denn,« sprach der Fremde bedächtig, »Ihr Herr Neffe war befreundet mit meinem Sohne, Karl Brennus.«

»Das muß ein Irrtum sein,« bemerkte Hilmar, »mein Neffe Karl kannte meines Wissens niemals einen Brennus; ich hörte heute Ihren Namen zum erstenmale, mein Herr.«

»An dieser Tatsache ist nichts zu ändern,« fuhr der Fremde fort. »Mein Sohn war mit Ihrem Neffen befreundet, ich glaube sogar, ja ich muß es annehmen, daß Ihr Neffe großen Einfluß auf meinen Sohn hatte. Ihr Neffe hatte übrigens auch Beziehungen, von denen Sie vielleicht nichts wußten.«

Hilmar verstummte. Das war ja ganz zweifellos, daß irgend ein Moment in Karls Leben war, den er nicht kannte, Umstände, die sich seiner Beurteilung entzogen. Also Pflicht und Klugheit geboten ihm, dem Fremden Rede zu stehen. Vielleicht rührte man eben jetzt an dem Schlüssel des Geheimnisses, welches ihm und seiner Familie schon so viele schlaflose Nächte verursacht hatte.

»Bitte, sprechen Sie, Herr Brennus, oder fragen Sie, was Sie wollen,« sagte Hilmar tonlos.

Der andere schien nicht leicht Worte zu finden. Nun begann er:

»Ich kann nicht verhehlen, daß mein Sohn nicht ganz nach meinen Wünschen gelebt hat.«

»Ach so,« dachte Hilmar, »der junge Brennus ist nicht wohlgeraten; er war vielleicht in einem uns unbekannten Grade der Verführer Karls.«

»Im Leben meines Sohnes,« fuhr Brennus fort, »ist jetzt eine Wendung eingetreten, welche, wie ich glaube, entscheidend für seine Zukunft sein wird. Der Tod des jungen Hilmar hat großen Eindruck auf ihn gemacht. Was ich gern wissen möchte, ist, in welcher Weise sich Karl Hilmar bis zu seinem Tode betragen hat. – Ich kann Ihnen nur wiederholen, die Auskunft, um die ich Sie bitte, berührt ausschließlich meine Interessen, aber Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mir ehrlich und wahrheitsgetreu mitteilen wollten, was Sie selbst über das gesamte Vorleben Ihres Neffen wissen.«

»Was ich darüber weiß,« versetzte Hilmar schmerzlich lächelnd, »ist genau so viel, als Sie von Ihrem Sohne wissen; denn Karl war mir ein Sohn. Ich habe keinen Grund, Ihnen das mindeste zu verschweigen; aber es ist im Grunde wenig über ihn zu sagen, denn sein Vorleben, wie Sie es nennen, verlief sehr einfach und ohne jeden merkwürdigen Zwischenfall. Er war der verwaiste Sohn eines entfernten Verwandten von mir, ich bin sein Vormund gewesen und habe ihn von klein auf sozusagen für mein Geschäft erzogen. Ich hatte große Mühe mit ihm, denn sein Temperament und eine gewisse Vorliebe für künstlerische Beschäftigungen sträubten sich gegen den kaufmännischen Beruf. Es gab also Reibungen und häusliche Scenen, im ganzen und großen aber hatte Karl niemals irgend einen ernsten Anlaß zur Klage gegeben, auch nicht einmal einen ernsthaften, sogenannten dummen Streich gemacht. Genug, mir ist absolut nichts bekannt, was seinen Selbstmord erklären könnte. Ein wenig excentrisch war er bisweilen, aber im ganzen immer vernünftig, dabei gutmütig, leicht zu beeinflussen, immer wieder leicht auf den richtigen Weg zu bringen; ja, lange Perioden hindurch betrug er sich geradezu musterhaft, dann brach auf einmal sein Leichtsinn los wie eine elementare Katastrophe. Aber das ging bald vorüber, er bereute, wenn er zu weit gegangen, er wurde immer wieder ganz vernünftig und brauchbar. Die letzte derartige Krise, welche sein Temperament herbeiführte, mag sich zu der Katastrophe in seinem Leben gesteigert haben; aber auch das ist nur Vermutung. – Er hatte keine irgendwie verwerflichen Leidenschaften, er war gewissenhaft in Geldangelegenheiten, genug, ich hatte allen Grund, mit ihm zufrieden zu sein, was sich schon dadurch ausdrückt, daß ich geneigt war, ihm meine Tochter zur Frau zu geben. Das ist so ziemlich alles, was ich Ihnen zu sagen habe; mein Wort darauf, daß es der vollen, ungeschminkten Wahrheit entspricht.«

Diese Auskunft mußte doch Herrn Brennus' Wünschen entsprechen. Dennoch blieb er mit unbefriedigter Miene sitzen.

»Ihr Wort in Ehren, Herr Hilmar,« sagte er, »was Sie mir sagen, ist gewiß die Wahrheit! Ist es aber auch die ganze Wahrheit?«

Hilmar wollte heftig werden. Aber er besann sich. Wahrscheinlich zirkulierten häßliche Gerüchte über den Verschwundenen. Vielleicht war auch irgend etwas von einem in seinem Hause begangenen Diebstahl durchgesickert. Er mußte seinen armen Karl in Schutz nehmen. Energischer wiederholte er:

»Mir ist von einer Schuld, die mein Neffe auf sich genommen hat, absolut nichts bekannt!«

Herr Brennus machte ein ungläubiges Gesicht, aber er sagte nichts weiter; er schien sich seinen Teil zu denken.

Der alte Hilmar bezwang seinen Aerger. Der Fall war ja schließlich doch derart, daß üble Nachreden kaum zu vermeiden. Armer Karl! Was mochte man ihm alles nachsagen!

Brennus erhob sich jetzt zum Gehen.

»Verzeihen Sie, daß ich auf diese Weise eine schmerzliche Erinnerung in Ihnen wachrief. Ich hatte allen Grund dazu. Nun habe ich mich überzeugt, daß mein Sohn mir über Karl Hilmar die volle Wahrheit gesagt hat, und nichts anderes wollte ich feststellen. Nochmals besten Dank!«

Herr Brennus wandte sich zum Gehen. Hilmar folgte ihm noch einmal bis an die Tür.

»Sollte es nicht möglich sein, mein Herr,« sagte er, »daß Sie oder Ihr Sohn uns irgend etwas mitzuteilen hätten, was uns die gewünschten Aufschlüsse gibt?«

»Ich bedaure sehr,« versetzte Brennus abweisend; »ich weiß absolut nichts von der Endkatastrophe im Leben Ihres Neffen. Ebensowenig kann mein Sohn etwas darüber sagen.«

Und er empfahl sich rasch, kurz, offenbar von dem Wunsche gedrängt, die Unterredung baldmöglichst zu beenden.

Hilmar blieb sehr aufgeregt zurück.

»Das war doch recht sonderbar, fast unerklärlich,« sagte er zu Armin Bode, welcher während des Gespräches das Comptoir verlassen hatte. »Man könnte doch wetten, daß dieser junge Brennus in irgend welchem Zusammenhange steht mit dem Unglück, welches über Karl hereingebrochen. Aber der junge Brennus scheint sich selbst kompromittiert zu haben, und man wollte uns nur auf den Zahn fühlen, unsere Stimmung sondieren; im übrigen aber wollte der junge Herr Brennus aus der Schußlinie bleiben. – Nun, lassen wir die Sache auf sich beruhen, es kann dem armen Karl nichts mehr nützen, immer und immer wieder in den alten Wunden zu wühlen.«

Dem ein wenig philiströsen Sinne Hilmars widerstrebte der geheimnisvolle Besuch; am liebsten wollte er nichts mehr davon wissen.

Armin Bode ging wieder anscheinend ruhig an seine Bücher. In ihm aber gärte es fort, was er über das Erscheinen des alten Brennus vernommen.

Da lebte jemand, der möglicherweise etwas von Karl Hilmars Schicksal wußte. Und er selbst, Armin Bode, konnte ja der Vorstellung nicht entrinnen, daß Karl Hilmar am Ende noch lebe, eines Tages erscheinen und ihn zur Rechenschaft ziehen würde, weil er seinen Platz im Hause eingenommen hatte.

Wie Hilmar gewünscht, sprach er nicht mehr von Brennus, aber sein Entschluß stand fest: Er wollte jenen Brennus selbst noch einmal aufsuchen. Die Visitenkarte des Fremden gab auch seine Adresse an: Am Kurfürstendamm – und die Angabe des Adreßbuches stimmte mit der Karte überein. Brennus schien Rentier und Hausbesitzer zu sein.

An einem der folgenden Abende machte sich Armin ein wenig früher frei und fuhr hinaus nach dem Kurfürstendamm. Er hatte weit hinauszufahren, es war in der Nähe des Grunewaldes, wo die kleine, elegante, zierliche Villa stand, welche Brennus bewohnte.

Das Haus war von der Straße durch eine für das Auge undurchdringliche grüne Hecke abgesperrt. Armin klingelte, worauf ein sehr wohlgekleideter, weißhaariger Diener erschien, welcher ihm mitteilte, Herr Brennus sei zwar zu Hause, aber schwerlich zu sprechen.

Da Armin näher in den Alten drang, erklärte er, sein Herr lebe streng zurückgezogen und sei überhaupt schwer zugänglich. Armin Bode faßte sich ein Herz und bat den Diener, ihm doch, wenn irgend möglich, eine Unterredung mit seinem Herrn zu verschaffen; es handle sich um eine sehr wichtige Sache.

Der Alte nickte verständnisinnig.

»Sagen Sie doch lieber offen heraus, brauchen Sie Geld oder eine Empfehlung?«

Bode wehrte energisch ab.

»Nun, genieren Sie sich doch nicht,« fuhr der Alte freundlich fort. »Freilich, Sie sehen vornehm und reputierlich aus, aber es ist trotzdem schon vorgekommen, daß solche junge Herren –«

Armin Bode wehrte abermals ab. Aber der Alte schien ihm nicht recht glauben zu wollen.

»Unser Herr gibt viel und gerne,« sagte er, »und auch nicht den Armen, die ja auf der Straße herumlaufen und heulen, ja, denen gibt er am wenigsten; er unterstützt am liebsten Künstler, geistige Arbeiter, geknickte Existenzen, wie er sagt. Sie können also frei heraussagen, wenn Sie –«

Armin unterbrach nochmals den Redestrom des Dieners. Wirklich und wahrhaftig, er wollte weder Geld borgen, noch betteln.

»Also Protektion,« meinte der Diener wichtig; »Sie brauchen Empfehlungen, ein Reisestipendium, einen Beitrag aus einer Stiftung, oder aus der Privatkasse des Herrn Brennus? – Entschuldigen Sie, daß ich so in Sie dringe, aber es ist mein Auftrag so; wenn jemand, der im Hause nicht eingeführt ist, kommt, muß ich mich genau darüber informieren, was er wünscht, sonst darf ich meinem Herrn gar nicht mit einer Meldung kommen. Bitte also, sagen Sie mir lieber offen, was Sie wollen.«

Armin Bode geriet ein wenig in Verlegenheit. Wie sollte er dem Alten erklären, was er hier wollte?

»Es ist eigentlich nicht Herr Brennus selbst, den ich dringend zu sprechen wünsche, sondern sein Sohn.«

Der alte Diener machte ein verdutztes Gesicht.

»Ach so, – Sie wissen? –«

Die Reihe, verdutzt zu sein, war nun an Armin.

»Was soll ich weiter wissen? – Ich möchte gerne den Sohn des Herrn Brennus sprechen.«

»Den Sohn – ja – den Sohn?« wiederholte der Diener; »der ist nicht hier.«

»O bitte, sagen Sie mir, wo er sich aufhält,« drängte Armin.

»Er dürfte gegenwärtig in Rom sein,« lautete die Antwort, »ich kann es aber auch nicht genau sagen.«

Armin überlegte eine Weile. Sein Eindringen in dieses fremde Haus war eigentlich nutzlos, wenn der junge Brennus nicht anwesend war. Und doch, – und doch, – es handelte sich um seine eigene Seelenruhe. Unendlich viel lag ihm daran, wenn er nur wenigstens die Adresse des jungen Brennus erhalten konnte, das wollte er versuchen.

»Nun also,« wandte er sich zu dem Diener, »bitten Sie Herrn Brennus, mich doch zu empfangen. Sagen Sie ihm, er erweise mir eine große Wohltat damit, und ich verlange nichts, gar nichts für mich, nichts als eine Auskunft, eine Aufklärung.«

»Nun gut, ich will es versuchen.«

Und der Diener ging mit Armins Karte davon.

Der junge Mann blieb in dem Vorgarten zurück, wo er promenierte. Niemals hatte er soviel künstlerische Ausstattung, so viel Geschmack, so viel feinsinnigen Luxus auf einem kleinen Fleckchen beisammen gesehen. Die ganze Villa war ein kleines Juwel, in den reinsten Formen erbaut und verschwenderisch ausgestattet, das Gärtchen unvergleichlich gepflegt, die Statuen und anderen Schmuckgegenstände von auserlesenem Geschmack.

Das Innere schien dem Aeußeren zu entsprechen. Er konnte nur in eines der Parterrezimmer blicken, dessen Tür nach dem Vorgarten geöffnet war. In diesem kleinen Raume waren ganze Schätze aufgespeichert, prächtige orientalische Teppiche und andere Kunstgegenstände, alle orientalischer Provenienz. Es war offenbar ein Herrenzimmer, ein Rauchzimmer.

Höchstens in irgend einer Ausstellung hatte Armin Aehnliches gesehen, niemals in einem Privathause.

Was ihm zunächst auffiel, war ein Porträt, das den Ehrenplatz an der der Tür gegenüberliegenden Wand einnahm. Es stellte einen wunderschönen, leicht brünetten Knaben vor, dessen offenes, lachendes Gesicht von anmutig gelocktem Haar umgeben war; seine Augen blitzten und machten den Eindruck wirklichen Lebens. Die ganze Erscheinung atmete Jugendluft, sprühendes Leben. Der porträtierte Knabe mochte zehn bis zwölf Jahre alt sein, er war wohl der junge Brennus, – oder war er's nicht? – Eine dunkle Draperie umgab das Bild, welches für gewöhnlich von einem schwarzen Vorhange bedeckt schien; dieser Vorhang war augenblicklich seitwärts geschoben und vielleicht nur aus Versehen nicht wieder über das Bild gezogen worden, und so blickte das fröhliche Gesicht des Knaben gleichsam verwundert in die einsame, düstere Stube seines Vaterhauses.

Noch war Armin in die Betrachtung des Porträts versunken, als der weißhaarige Diener zurückkehrte. Schon von weitem sah Armin an seiner Haltung und Miene, daß er eine abschlägige Antwort brachte, und in der Tat, es war so.

Herr Brennus bedauerte, Herrn Bode nicht empfangen zu können; er habe aus dessen Karte entnommen, daß er von der Firma Hilmar komme, und die jüngst verhandelte Angelegenheit sei völlig abgeschlossen; er könne darüber nichts mehr sagen. Sollte der junge Herr jedoch etwas anderes wünschen, so möge er es dem Kammerdiener anvertrauen.

Sehr verstimmt platzte Armin heraus:

»Ich möchte ja weiter gar nichts als die Adresse des jungen Herrn Brennus, und auch von diesem selbst habe ich nichts weiter zu erbitten, als eine Auskunft über einen Verstorbenen. Mir diese Auskunft aber zu geben, ist ein Werk der Barmherzigkeit.«

Armin gab seinen ganzen Stolz auf und bat den Diener, ihm die Adresse zu verschaffen.

Der Alte machte ein so geheimnisvolles Gesicht, als habe man von ihm einen Abdruck des Kassenschlüssels seines Herrn verlangt.

»Ich kann mir ja alles denken,« sagte er, »was Sie von dem jungen Herrn wollen.«

»Nein, nein, Sie können sich gar nichts denken,« sagte Armin. »Oder wissen Sie etwas von den Beziehungen zwischen dem jungen Brennus und Karl Hilmar?«

Mit auffallender Lebhaftigkeit wehrte der Alte ab.

»Nein, ich weiß gar nichts – nicht einmal die Adresse, die Sie wünschen. Auf Ehre und Seligkeit, niemand weiß sie als Herr Brennus selbst! – Der Aufenthalt des jungen Herrn wird verschwiegen aus Gründen, von denen wir im Hause alle nichts wissen; aber Tatsache ist es, daß er verschwiegen wird.«

Die Worte des Alten ergaben eine Flut von Vermutungen. Der junge Brennus hielt sich gewissermaßen verborgen, und das hing offenbar mit Karls Tode zusammen. Vielleicht hatte Frau Hilmar richtig vermutet mit ihrem amerikanischen Duell; vielleicht auch hatte der junge Brennus Karl durch einen Unglücksfall getötet. – Das alles war möglich. In jedem dieser Fälle wünschte Brennus sen. die Richtigkeit der Angaben seines Sohnes zu prüfen und war deshalb bei Hilmar erschienen.

»Nun, ich werde es schon einmal möglich machen, Herrn Brennus zu sprechen,« sagte Bode jetzt; »ich muß und werde die Gelegenheit finden.«

Er wollte gehen.

»Sie irren sich,« sagte der Diener, »Herr Brennus ist nicht so leicht zu sprechen, wie Sie denken. Er ist eine Art von Menschenfeind, hat fast gar keinen Verkehr, und um ihn zu überrumpeln, muß man seine einsamen Spaziergänge im Tiergarten kennen, und so viel ich weiß, kennt diese niemand. Manchmal geht er ans Meer, manchmal ins Hochgebirge, manchmal besucht er auch eine Kunstausstellung, aber das sind immer unberechenbare Zwischenfälle. Auch würde es Ihnen gar nichts nützen, ihn zu überrumpeln, denn er ist ein nervöser, heftiger Mann, und besonders bei dem Worte ›Sohn‹ fährt er auf, wird unwirsch und ganz verschlossen. Das ist so seit dem Tode des jungen Herrn.« »Wieso seit dem Tode des jungen Herrn?« fragte Armin erstaunt. »Ich denke, der junge Herr ist in Rom?«

Der Alte hatte sich verschnappt, aber offenbar redete er noch gerne weiter: wahrscheinlich war er neben seinem Herrn zu lange zur Schweigsamkeit verurteilt gewesen.

»Ich meine unseren Herrn Karl,« sagte er, »den armen Herrn Karl, der sich, zwanzig Jahre alt, erschossen hat. Es war zu schrecklich, kein Wunder, daß Herr Brennus davon etwas verdreht wurde.«

»Ist das dort vielleicht das Porträt des Unglücklichen?« frug Armin.

»Ja, ja, das ist er, der arme Karl. Ich habe ihn auf den Armen getragen, denn ich bin schon seit dem frühen Tode der gnädigen Frau im Hause.«

Armin starrte das Bild an und vergaß fast seinen eigenen, doch mehr eingebildeten Kummer. Dieser schöne Knabe mußte ein schöner Jüngling geworden sein, begabt, mutig, lebenslustig, außerdem in den glücklichsten, vielleicht glänzenden Verhältnissen aufgewachsen. Und mit zwanzig Jahren hatte er sich erschossen.

»Wie konnte das geschehen?« sagte er, ehrlich ergriffen.

Den Alten rührte die Teilnahme des Fremden.

»Wir wissen auch das nicht genau,« sagte er. »Allem Anscheine nach war der Herr ein wenig gar zu streng gewesen, der junge Herr war in irgend eine Klemme geraten, eine Geldverlegenheit, hatte Schulden auf Ehrenwort gemacht oder etwas derartiges. Der Papa, unmäßig erzürnt, versagte ihm jede Hilfe; genug, es geschah, und seither ist Herr Brennus so menschenscheu, so nervös geworden. Aber wie gesagt, wir wissen selbst nichts Genaues darüber.«

Armin besann sich nur mit Mühe auf die Gegenwart, auf die Wirklichkeit. Er hatte einen furchtbaren Blick in das Leben getan. Da diese reizende Villa, welche Genuß und Wohlleben auszuatmen schien, und der glückliche Besitzer hatte zwei Söhne. Der eine davon hatte mit zwanzig Jahren ein tragisches Ende genommen, der andere weilte in der Fremde, hatte doch wohl irgend eine Schuld auf sich geladen, genug, er hatte sich unmöglich gemacht für sein Vaterhaus, vielleicht für die Gesellschaft. – Wahrhaftig, das Herz dieses schwergeprüften Vaters mußte man schonen; gewiß, das einfachste Taktgefühl verbot, auf ein Zusammentreffen mit Brennus zu dringen. Der Sohn würde ja auch einmal wiederkommen und dann zu finden sein.

Armin beschloß, das kleine Haus und die Familie im Auge zu behalten. Was ihn selbst betraf, so war es wohl das beste, sich seine törichten Skrupel vorläufig aus dem Sinn zu schlagen. Karl Hilmar war ja doch tot und nichts anderes würde zu erfahren sein, als möglicherweise einige nähere Umstände über jenen Todesfall.

Der Einblick in diese furchtbare Familientragödie ließ Armin in diesem Augenblicke seinen eigenen Kummer wirklich geringfügig erscheinen, und als er jetzt den Kurfürstendamm entlang schritt, der Stadt zu, sagte er sich:

»Du bist ein Tor! – Sei glücklich, greife zu! – Das Leben ist nicht allzu reich an glücklichen Chancen und guten Aussichten. Es ist ja traurig, daß Karl Hilmar tot ist, und daß Dein eigenes Glück sich an diesen Umstand anknüpft, aber Du selbst bist ja ohne jede Schuld daran.«

*

Es war im allerersten Frühling. Im Tiergarten zeigte sich an geschützten Stellen das allererste Grün. Auch der Korso der eleganten Welt hatte begonnen: man führte die ersten lichten Toiletten spazieren; Reihen von Equipagen, Reitern, Bonnen mit Kindern, genug, das allbekannte Saisonbild, wie es in der Großstadt das Erwachen des Frühlings bezeichnet.

Josepha Hilmar hatte einen Besuch bei Verwandten in der Luisenstadt zu machen und zum ersten Male die Trauer abgelegt. Zwar war sie nicht förmlich mit Karl verlobt gewesen, also auch nicht förmlich zur tiefen Trauer verpflichtet gewesen; aber den ganzen Winter hindurch hatte sie sich doch aller Vergnügungen enthalten und nur dunkle Kleider getragen, wenn auch nicht mit der ganzen Strenge, welche sonst die tiefe Trauer nach einem Todesfall auszeichnet.

Heute trug sie ein zartes, hellgraues Promenadenkleid, einen weißen Filzhut mit weißen Federn, die sie zu ihrem dunklen Haar sehr gut kleideten.

Als sie das Haus verließ, war Armin ihr entgegengetreten und erbat von ihr die Erlaubnis, sie abholen zu dürfen.

Papa sei damit einverstanden, es sei ja auch ein weiter Weg. Sie sagte nicht nein und bestellte ihn um sieben Uhr.

Natürlich, als sie Punkt sieben herunter kam, stand er schon vor der Tür, einen Strauß von Veilchen und Maiglöckchen in der Hand.

Wie sie sich freute! Ach, sie hatte sich schon gefreut, als sie noch oben in der Stube saß und die Erzählungen ihrer drei Cousinen anhörte, über die Eroberungen, welche jene gemacht hatten. Ach, sie machten ihre Eroberungen ohne Ende, nur daß sie dabei ledig blieben.

Da stand Armin stramm und stattlich. Ach, sie hatte ja so genau gewußt, daß er da sein würde; sie glaubte ihm, sie vertraute ihm, er war ja die Zuverlässigkeit selbst.

»Wollen wir nicht durch den Tiergarten gehen?« schlug er ihr vor, nachdem sie das Sträußchen an ihrem Gürtelband befestigt hatte. Natürlich wollte sie.

Nun wanderten sie miteinander zum Brandenburger Tor hinaus, mitten in dem Strom der eleganten, heiteren Spaziergänger. Seit lange, lange fühlte Josepha wieder Jugend und Lebenslust. Das schreckliche Schicksal Karls hatte ja seit Monaten seinen Schatten auf ihr ganzes Leben geworfen. Sie hätte gewiß den Mut gefunden, sich zu freuen, wenn sie es wirklich vermocht hätte. Jetzt aber wuchs wohl das erste Gras auf dem Grabe des Armen, wo immer er auch ausruhen mochte. Die Erinnerung an ihn verblich in dem hellen Frühlingssonnenschein.

Sie erzählte lachend von ihren eroberungssüchtigen Cousinen. Armin hatte sie nie so frei, so heiter gesehen, er lernte sie von einer anderen Seite kennen. Und wie lieblich brach die Heiterkeit hervor aus ihrem sonst ernsten und schüchternen Wesen!

Auch er wurde von dem Frühlingsrausch angesteckt. Er begann sie zu necken, mit ihr zu scherzen, wie er nie bisher gewagt. Wer weiß, wie viel Eroberungen sie schon gemacht, noch machte, sie wollte es nur nicht Wort haben. Aber das war der gefährlichste Typus, die jungen Damen, welche ihre Macht über die Männerherzen verleugneten. Sie kokettiere nur mit den Augen, aber das verstehe sie aus dem Grunde. Nun drückte sie mutwillig die Augen zu und behauptete, so sähe sie doch wohl nicht kokett aus.

Derlei Kindereien trieben sie, und ein drittes, das ihnen zugehört hätte, würde sie wohl recht albern gefunden haben. Aber bekanntlich bedarf die Liebe keiner geistreichen Wendungen, und die beiden liebten einander, ohne es sich selbst einzugestehen. Auch hatten sie heitere Laune und ungebundene Unterhaltung lange genug entbehrt. Es gab ja ein Gespenst im Hause.

So waren sie an die Charlottenburger Chaussee gelangt, von hier links abgegangen und an den großen, von reizvollen, ziemlich einsamen Wegen umsäumten Wasserlauf gelangt. Die Spaziergänger wurden immer spärlicher, das Getöse der großen Fahrstraßen verstummte, hier hörte man die Drosseln schlagen.

Nun wurden die beiden stiller und stiller. Der Frühlingszauber der Natur begann auf die beiden zu wirken. Auch wurde es immer dunkler, und Armin wagte jetzt, Josepha den Arm zu bieten. Errötend nahm sie ihn an, und so schritten sie eine ganze Weile, ohne zu sprechen, weiter. Da auf einmal, ohne daß sie es bemerkten, standen sie vor dem Luisendenkmal.

Die Dunkelheit war nunmehr vollständig hereingebrochen, der Platz war fast ganz einsam. Da stand das hohe Marmorbild, weiß, leuchtend sich von dem dunklen Hintergrunde der Bäume abhebend, und schien ihnen zuzurufen:

»Gedenket!«

Ja, und sie gedachten. Sie gedachten jenes Herbstabends, da sie sich hier zum ersten Male getroffen. Sie glaubte damals Karl zu finden, und sie fand den Fremden, der wie durch eine geheimnisvolle Magie ihr Herz gefangen nahm. Einfältigen Herzens, wie sie war, glaubte sie wirklich an eine Fügung des Himmels. Ja, der gütige Himmel hatte ihr Armin geschickt mit dem Ring und dem letzten Gruß des Verstorbenen. Darum hatte sie sich so vertrauensvoll zu dem neuen Freunde hingeneigt. Ach, und wie sie ihm vertraute!

Und er? Ihm war es wie heute, daß sie damals mit einem Aufschrei an seine Brust geflogen, sich an ihn geschmiegt. Ach, es war zu schön gewesen! Dieser Augenblick hatte entschieden über sein Herz. Wie einer höheren Macht gehorchend, öffnete er die Arme nach ihr.

»O Josepha, meine Josepha! – Es ist genug der Treue gegen einen Toten; länger kann ich nicht schweigen. – Ich liebe Dich über alles, auf Tod und Leben, so wie man eben nur einmal liebt.«

Und wie er die Arme dabei ausbreitete, sank sie mit einem Aufschrei an seine Brust, ganz so wie damals; sie schmiegte sich an ihn, diesmal aber nicht aus Irrtum, nicht weil sie ihn für einen anderen hielt, diesmal war sie frei. Und eine Seligkeit überkam sie alle beide, wie keines von ihnen sie je zuvor gekannt, nicht er in seinem nüchternen Leben der Arbeit und Pflichterfüllung, nicht sie neben einem Manne, der zwar ihr Freund und Jugendgespiele gewesen, dem sich aber ihr innerstes Herz nicht erschlossen hatte.

Das hohe Marmorbild der tugendhaften Königin schien ihnen freundlich zuzusehen, und die Erinnerung an den bleichen Toten mit der blutenden Stirnwunde verschwand und verschwand in weiter, weiter Ferne, in jenes tiefe Dunkel, aus dem, wie der Dichter sagt, kein Wanderer wiederkehrt.

Armin hatte Josepha jetzt auf eine der Bänke in der anstoßenden Allee geleitet. Da saßen sie nebeneinander wieder ganz so wie damals und sprachen sich aus.

Ja, sie hatten dem Toten lange genug die Treue gewahrt, sie wollten nun leben und glücklich sein. Ohne Zweifel würden die Eltern ihren Bund segnen. Armin hatte sich ihnen ja unentbehrlich gemacht, ihr Vertrauen, ja ihre Liebe gewonnen. Kein Zweifel, Papa würde nunmehr dasselbe tun, was er mit Karl beabsichtigt, d. h. bei der Verheiratung den Schwiegersohn zum Teilhaber des Geschäftes machen, was in diesem Falle um so leichter war, da Armin ein kleines Kapital besaß.

Ach, es war ja so schön, und es stimmte alles. Sie hatten nicht den mindesten Grund, um ihre Zukunft besorgt zu sein. Sie jauchzten auf wie Kinder, sie hatten ja so lange jedes Glücksgefühl, jede Regung der Hoffnung unterdrücken müssen, wie hätten sie nun nicht himmelhoch jauchzen sollen.

»Da hast Du meinen Ring,« flüsterte Josepha; »da nimm ihn. Ich habe ihn seither als Andenken an Karl getragen, nunmehr gehört er Dir.«

Und sie schob den Ring mit dem perlenumsäumten Türkis an seinen kleinen Finger; und seltsam, bei dieser Berührung durchschauerte es Armin kalt. Ihm war so seltsam zu Mute wie damals, als Karl ihm den Ring in die Hand gesteckt. Der kleine Goldreif war noch warm von ihrer Hand, Armin hatte das Gefühl, als hauche er etwas wie Todeskälte aus. Indes er unterdrückte diese Regung, er küßte inbrünstig Josephas Hand, die ihm das kostbare Kleinod gegeben, und diese liebe, schmale, warme Hand verscheuchte wieder den Todesschauer aus seinen Adern. Josepha durfte ja auch nicht ahnen, daß er noch immer mit Besorgnis, mit heimlichen Gewissensbissen an den Toten dachte; sie durfte nur die Freude sehen, die er über den Ring empfand.

Aber dennoch, dennoch – immer wieder tauchte aus seinem tiefsten Innern die bange Frage auf:

»Tot?«

Die Eltern waren schon beunruhigt gewesen über das längere Ausbleiben des jungen Paares. Der Tisch war zum Abendessen gedeckt, man wartete. Die unheimliche Erinnerung an jenen Abend, da man Karl vergeblich zum Abendessen erwartet, stieg bei den Eltern auf. Auf jeden Fall war Mama etwas ärgerlich, denn Armin pflegte ja sonst so außerordentlich pünktlich zu sein.

Als nun die beiden erschienen, Hand in Hand, mit glückstrahlenden, zuversichtlichen Mienen, erstarben Vorwürfe, Fragen und Scheltworte auf den Lippen der Eltern. Sie sahen einander an. Es gab eigentlich gar nichts mehr zu fragen, man brauchte ja die beiden nur anzusehen.

Und, wirklich, Josepha entschuldigte sich nicht, sprach gar nicht von der versäumten Abendbrotstunde, sondern fiel ihrer Mutter um den Hals.

»Wir sind, – wir haben, Mama –«

Weiter kam sie nicht; die Bewegung erstickte ihre Stimme. Armin nahm jetzt das Wort:

»Sie werden hoffentlich verzeihen, verehrter Herr und Frau Hilmar, daß sich unsere Herzen heute gefunden haben, bevor wir Ihre Zustimmung einholten. Es kam rascher, als wir es ahnten, kam sozusagen von selbst, wie vom Himmel auf uns herniedergerauscht.«

Mama fand zuerst Worte:

»Nun, ich denke nicht, daß Papa etwas dagegen haben wird. Nur freilich, Herr Bode, Sie hätten uns nicht so überrumpeln sollen. Gemerkt habe ich ja schon lange etwas derartiges, aber da Sie sich immer so musterhaft verhielten, so meinte ich wohl, Sie würden zuerst mit Papa sprechen.«

Papa lächelte ebenfalls zustimmend, ein bestimmtes Wort fand er nicht gleich, denn ein wenig fand er sich doch in seiner Würde beeinträchtigt.

Nun erzählten die beiden jungen Leute, wie sie wirklich gar nichts beabsichtigt hätten als einen Spaziergang in den Tiergarten, sonst weiter gar nichts, und dann war, wie gesagt, alles von selbst gekommen.

Ja, das hatte so sein müssen, das glaubten nun die Eltern selbst. Der blonde Armin erschien auch ihnen wie vom Himmel gesendet, sie gaben ihm gerne und willig ihre Tochter.

Zum ersten Male seit Karls Tode gab es eine fröhliche Stunde im Hause. Ein paar Flaschen edlen alten Weines wurden aus dem Keller geholt. Wieder saß Armin auf dem Platze des seligen Karls, diesmal aber sprach man nicht von dem Verschollenen. Die Gegenwart und die Zukunft behielten ihr Recht.

Man sprach natürlich von nichts anderem als von der Zukunft des jungen Paares, von ihrer Einrichtung, von dem künftigen Heim. Die Hochzeit sollte gegen den Herbst hin stattfinden; man wollte das sogenannte Trauerjahr abwarten, wenn man auch in keiner Weise dazu verpflichtet war. Aber die Einhaltung dieser Förmlichkeit entsprach der ganzen Lebensanschauung der Hilmars. – Sehr gerne hätten sie die Tochter im Hause gehabt, aber sie gönnten dem jungen Paare eine eigene Häuslichkeit. Es sollte also eine kleine Wohnung in der Nähe des Geschäftes und des Elternhauses gemietet werden, und die Mutter, sich schon ganz als glückliche Brautmutter fühlend, malte sich bereits aus, wie alles eingerichtet werde. Ihr strahlender Blick ruhte auf der Tochter, ihrem einzigen Kinde; Josepha als glückliche Braut zu sehen, das war ja der einzige Wunsch ihres Lebens gewesen.

Auch Armin sprach von seinen Eltern, erzählte von seiner Jugend, seinen Lehrjahren. Der warme Strom der Liebe ging von einem zum anderen, sie fühlten sich alle so glücklich wie Kinder nach diesen unsäglich schweren, traurigen Monaten dieses Winters. Es war eine wahrhaft segensvolle Stunde; die Lücke, die der Tod in ihren kleinen Kreis gerissen, war ausgefüllt, Karl war ersetzt. Auch seiner gedachten sie, aber der Vater schloß diese Erinnerungen mit den Worten:

»Kein Mensch ist unersetzlich. Wir wollen liebevoll seiner gedenken, mehr bleibt uns nicht zu tun übrig. Er fehlt uns nicht mehr, das ist einmal Menschenschicksal. Das Leben treibt immer neue Blüten da, wo der bittere Tod gewütet hat.«

Und auch die ganze Firma sollte sich mit freuen. Am folgenden Sonntage gab Herr Hilmar, da das schöne Wetter anhielt, seinem gesamten Personal eine große Landpartie, welche man in mit jungem Grün geschmückten Gesellschaftswagen antrat. Draußen, wo die ersten jungen Sprossen sich mit dem düsteren Grün des märkischen Kiefernwaldes mischten, wurde getanzt und gejubelt. Die verheirateten Bediensteten hatten ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Josepha strahlte vor Glück, plauderte mit allen, trank ihnen mit seligem Lächeln zu. Sie war wirklich das Idealbild einer glücklichen Braut.

An diesem freudevollen Tage dachte wohl nur einer an den seligen Karl, und das war Waldenburg. Da gab es schon die zweite Verlobung im Hause, und er war leer ausgegangen. Das war traurig, und er konnte auch gar nicht begreifen, daß niemand Mißtrauen hatte gegen den Eindringling. Aber er, Waldenburg, er bezwang sich. Er war ja Kavalier, er kannte zu gut die gesellschaftlichen Pflichten. Er mußte die Damen unterhalten, und da Josepha von ihrem Bräutigam in Anspruch genommen war, so machte er Frau Hilmar den Hof. Diese war über die Aufmerksamkeiten des jungen Mannes sehr gerührt und sagte zu ihrem Mann:

»Ein netter Mensch, wirklich, der Waldenburg; er muß nächstens auch Gehaltserhöhung haben.« –

Aber nicht lange war es Armin Bode bestimmt, ganz ungestört aus dem Becher der Freude zu trinken. Ein unheimlicher Vorfall, der ihm wenige Tage nach dem Fest im Grunewalde begegnete, warf einen düsteren Schatten auf sein sonniges Glück.

Armin hatte einen Geschäftsgang zu machen in der Gegend des Kurfürstendammes. Dabei erinnerte er sich der Villa Brennus.

»Wie, wenn wir einmal nach dem jungen Brennus fragten?«

Und nachdem sein Geschäft erledigt, machte er sich auch auf den Weg hinaus. Unterwegs sagte er sich, daß er ein rechter Tor sei, weil er den Toten nicht ruhen lasse, seine eigenen Skrupel und Bedenken nicht verscheuchen könne. Aber fast gegen seinen Willen zog ihn das Geheimnis, das Karls Tod umgab, immer und immer wieder in seine Kreise, wie ein Rätsel uns solange plagt und verfolgt, bis wir es gelöst haben. Und das schien ihm noch heute zweifellos, draußen in der Villa Brennus besaß man den Schlüssel zu dem Geheimnis.

Da lag die kleine, reizende Villa hinter der dichten Laubwand. Er klingelte; wieder erschien der weißhaarige Diener.

Armin fragte diesmal gleich nach dem jungen Herrn Brennus. Er, Armin Bode habe gehört, der junge Herr sei anwesend. – Das war eine kleine Notlüge, bestimmt, sein Wiedererscheinen in der Villa zu motivieren.

Der Diener stutzte.

»Ei, wie haben Sie davon erfahren?« –

Der junge Brennus war also anwesend.

»Mein Gott, wie kann Sie das interessieren!« versetzte Armin. »Ich bitte Sie dringend, mich dem jungen Herrn Brennus zu melden.«

»Ich bedaure recht sehr,« entgegnete der alte Diener; »der junge Herr ist augenblicklich nicht zu Hause.«

»Wann wird er zu Hause sein?« fragte Armin ungeduldig.

»Höchstwahrscheinlich gar nicht,« lautete die Antwort, »denn er reist heute abend schon wieder ab.«

»Gut, ich danke Ihnen,« sagte Armin und ging.

Sein Weg war ein vergeblicher gewesen. Kein Zweifel, der junge Brennus ließ sich nicht sprechen, hatte noch immer allen Grund, seine Anwesenheit in Berlin zu verbergen. Wahrscheinlich hing das alles mit Karls Tode zusammen. Aber was sollte man tun? – Er, Armin, hatte keinerlei Recht, in das fremde Haus einzudringen und jenen ihm fernstehenden Menschen etwas zu entreißen, was sie vor den Augen der Welt zu verbergen wünschten. Man mußte also verzichten oder auf eine günstigere Gelegenheit warten.

Trotz dieses traurigen Schlußergebnisses hatte Armin von dem langen Wege Hunger und Durst bekommen. Er trat in eins der eleganten Bierrestaurants in der Nähe des Zoologischen Gartens, ließ sich dort einen kleinen Imbiß und ein Glas Bier geben.

Das Restaurant war in dieser Vormittagsstunde fast leer. Armin blickte in die Wipfel des gegenüberliegenden Parkes und versank in tiefes Sinnen. Es war doch recht sonderbar, daß sein so musterhaft geordnetes, korrekt geführtes Leben von einem solchen Geheimnis beunruhigt wurde, welches ihn vor sich selbst bald schuldig, bald unschuldig erscheinen ließ. Aber er hatte jetzt vollauf das Recht, ja die Pflicht, glücklich zu sein, denn er stand ja nicht mehr allein im Leben, sondern das Schicksal Josephas war mit dem seinen verbunden. Sie durfte er nicht beunruhigen. Uebrigens, war er einmal mit ihr verheiratet, so wollte er auch ganz sein Herz entlasten; das würde ihm dann wohltun. Diese Vorstellung beruhigte ihn, und seine Gedanken wandten sich wieder dem lieblichen Bilde seiner Braut zu. Er schreckte aus seinen Träumen auf, als ein fremder Herr plötzlich an ihn herantrat. Es war ein junger Mann mit dunklem Vollbart und lang herabwallendem dunklen Haupthaar.

»Sie verzeihen, mein Herr, wenn ich Sie störe,« sagte er, »ich möchte mir eine Frage erlauben, die Ihnen wahrscheinlich ungehörig erscheinen wird; ich habe mir auch eine ganze Weile Mühe gegeben sie zu unterdrücken, schließlich aber ist mir die Sache so wichtig, daß ich es wage, Sie zu stören.«

»Bitte, was wünschen Sie?« fragte Armin erstaunt, aber mit der ihm gewohnten Höflichkeit.

»Ich sehe da einen Ring an Ihrem Finger,« sagte der Fremde, – »ich meine hier diesen kleinen Ring mit dem Türkis, der von Perlen eingefaßt ist.«

»Nun, und dieser Ring?« versetzte Armin unbefangen.

»Darf ich wohl fragen, wo Sie ihn gekauft haben?« –

Es war der Ring Josephas.

»Ich habe den Ring nirgends gekauft, mein Herr,« entgegnete Armin, noch immer ganz arglos. »Dieser Ring ist ein Geschenk. Ich könnte zwar sehr leicht erfahren, wo er gekauft ist, aber das wird wohl kaum von Belang für Sie sein, denn es ist ein ganz einfacher Reif ohne irgend welches besondere Merkmal. Ich bin überzeugt, daß es Hunderte seinesgleichen gibt.«

Der Fremde hatte sehr aufmerksam zugehört.

»Sie haben recht, mein Herr, vollkommen recht. Nur erinnerte er mich an einen ganz ähnlichen Reif, den ich besaß und der mir sehr wert war. Ich hatte ihn verloren und zwar unter sehr seltsamen Umständen.«

Bei diesen Worten stutzte Armin. Unter seltsamen Umständen! – Das Wort durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag. – Bevor er sich jedoch zu fassen vermochte, fuhr der Fremde fort:

»O, entschuldigen Sie doch, ich habe Sie ohne Grund behelligt. Ihrem Ringe fehlt ein Merkmal, das der meinige besaß.«

Armin versetzte erleichtert:

»Eines solchen bedürfte es auch in diesem Falle, denn wie gesagt, solcher Ringe gibt es zu viel, um sie voneinander unterscheiden zu können.«

»Sie haben recht,« entgegnete der andere. »Aber man wird eben manchmal von Erinnerungen, von unausrottbaren Vorstellungen genarrt, die einen nicht loslassen. Nun, ich bitte Sie um Entschuldigung und sage Ihnen besten Dank.«

Er wandte sich zum Gehen. Während er Hut und Stock nahm, warf er noch hin: »Dem Ringe, den ich meinte, fehlte eine kleine Einfassungsperle an der Seite. Guten Tag, mein Herr!«

Armin Bode erwiderte nichts. Er saß stumm und starr, wie versteinert, außer stande, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Jene kleine Perle hatte auch in seinem Ringe gefehlt, er hatte sie erst kürzlich, zwischen seiner Verlobung und der sonntäglichen Feier neulich, einsetzen lassen.

Jetzt schnellte er empor und stürzte hinaus auf den Kurfürstendamm, barhaupt wie ein Irrsinniger, oder wie ein flüchtiger Dieb rannte Armin Bode, der sonst so Korrekte und Musterhafte, ein Stück Weges, erst gegen das Ufer, dann gegen den Halensee zu. Aber der fremde, bärtige Mann war bereits verschwunden.

*

Das Suchen nach dem unbekannten jungen Manne, dem er im Spiel Revanche geben wollte, war ein willkommener Vorwand für Benno, sich wieder in das Café zu begeben. Hanna hielt ihn nicht zurück, diesmal nicht, denn sie wünschte selbst, daß Benno den Fremden, dessen Namen er nicht mehr wußte – wie Heller oder Brenner mußte er gelautet haben – und dessen Karte er verlegt hatte, wenigstens einen Teil des Geldes zurückgewinnen lasse.

Benno hatte zwar versichert, es habe nichts auf sich, aber unangenehm sei ihm doch die Geschichte so lange, bis er die Revanche gegeben habe. Jedenfalls könne man nichts dafür, wenn man Glück habe. Aber sie sah ganz genau, daß er sich nicht ganz ruhig fühlte.

Und auch sie fühlte sich nicht ruhig. Immer wieder kamen sie auf dasselbe Thema zurück. Hanna fragte ihren Gatten ängstlich:

»Du höre, wie sah denn der Mann eigentlich aus? War er blaß, als er verlor? Schien er erschrocken, zitterte er, als er die Banknoten aus dem Portefeuille nahm? Was sagte er zu Dir, als er sein letztes Geld hinlegte, d. h. den letzten Einsatz?«

Benno antwortete einsilbig und ungenügend auf alle diese Fragen. Aber gerade daraus entnahm sie, daß Grund zur Besorgnis vorhanden war, und ohne daß sie darüber ein Wort mit ihrem Manne wechselte, stand vor beider Seele dasselbe fürchterliche Bild: jener Unglückliche, der seine letzte Habe verspielt hat und der dann im Wahnsinn und Verzweiflung durch Selbstmord stirbt.

So viel hatte Hanna heraus: der Verlierer war offenbar ein junger Mann aus guter Familie gewesen. Vielleicht hatte er sich in schwere Verlegenheiten verwickelt, hatte strenge Eltern, eine Braut, genug: so oder so hatte er seine Existenz aufs Spiel gesetzt. – Dann schien ihm wohl plötzlich, sein Gegner sei ein Teufel und – hier stutzte Hannas überreiche Phantasie – jener Teufel, der ihm alles abgewonnen hatte, der die Banknoten lächelnd einstrich, der seiner Frau dafür ein neues Armband kaufte, – jener Dämon, jener Unglückselige – das war Benno, ihr Gatte!

Mitten im Schlaf schrie sie manchmal auf, von solchen Vorstellungen gepeinigt, und dann merkte sie; daß auch Benno nicht schlief, daß auch ihn eine innere Unruhe quälte.

Am Tage nötigte Hanna ihren Gatten, zu arbeiten: das würde ihn zerstreuen. Wenn er doch nur die Oper endlich fertig machen wollte, dann würde ja alles noch gut werden.

»Nein, nein,« wehrte er ab, »in dieser Stimmung gelingt mir nichts. Ich muß Gemütsruhe haben.«

Benno lief besonders des Abends in alle möglichen Spiellokale, um seinen Partner wieder zu finden, aber er fand ihn nirgends. Hanna bemerkte bei dieser Gelegenheit mit Schrecken, wie genau er alle Spielhöllen der Stadt kannte.

Da Tag um Tag verging, ohne daß der Fremde sich wieder einstellte, hatte er zunächst im Lokal, wo er damals gewonnen, Nachforschungen angestellt. Die anwesenden Kellner kannten den jungen Herrn nur sehr flüchtig, nur vom Sehen: einer der Gäste aber glaubte nach der Personalbeschreibung den jungen Mann zu erkennen.

»Ja, ja, jener brünette Mann mit dem hellen Ueberzieher, der war Stammgast im Café Belvedere: dort nahm er täglich zwischen vier und fünf Uhr seinen Nachmittagskaffee.«

Und Benno lief in dieses Café, um etwas über den jungen Mann im hellen Ueberzieher zu erfahren. Er fragte am Büffet, er fragte den Zahlkellner. Ja, ganz richtig, ein junger Herr, auf den die gegebene Personalbeschreibung paßte, war zwar nicht täglich, aber immerhin öfter gekommen; seit längerer Zeit jedoch war er ausgeblieben.

Am Büffet im Café Belvedere sagte man ihm, drüben im Bierrestaurant Löwenbräu würde er gewiß den Namen erfragen können; dort pflegte der junge Mann zu frühstücken, dort sähe man ihn täglich gegen elf Uhr eintreten.

Und Benno stürzte in das Restaurant Löwenbräu. Dort gab es jedoch keinen Zahlkellner, welcher mit allen Gästen ohne Ausnahme in Berührung kommt. Es war eine große Mühe, alle Kellner nach dem jungen Herrn im hellen Ueberzieher auszufragen. Schon wollte Benno diese törichten, fast lächerlichen Bemühungen aufgeben, als ein Herr, der allein an einem Tische saß und eine Portion Rinderpökelfleisch verzehrte, auf sein unruhiges Fragen aufmerksam wurde und sich freiwillig zur Auskunft meldete. Es war ein sehr behäbig aussehender älterer Mann; offenbar war er neugierig geworden und lud jetzt Benno ein, bei ihm Platz zu nehmen.

Der junge Mann folgte dieser Einladung und ließ sich einen Kognak geben.

»Ich habe hier neulich einen Regenschirm vertauscht,« sagte er, um sein auffallendes Betragen zu maskieren. »Wie ich glaube, habe ich ein besseres Exemplar bekommen und zwar das Eigentum jenes jungen Mannes im hellen Ueberzieher.«

»Ja, ja, den kenne ich,« rief der Stammgast.

Bennos Herz pochte ordentlich. »Bitte, so sagen Sie mir doch, wer er ist!«

»Ja, den Namen weiß ich nicht; sonst aber kenne ich ihn ganz genau. Er ist ein Angestellter von der Bronzewarenfirma Hilmar in der Leipzigerstraße, das kann ich Ihnen ganz bestimmt sagen.«

»Und in den letzten Tagen ist er nicht hier gewesen?« forschte der nervöse Musiker weiter.

»Nein,« entgegnete der Stammgast, »jetzt habe ich ihn schon längere Zeit nicht gesehen, wohl acht bis vierzehn Tage lang.«

Benno atmete erleichtert auf, trotz des letzten beunruhigenden Nachsatzes. »Ich danke Ihnen,« sagte er, trank jetzt erst seinen Cognac, zahlte und ging. Er begab sich sofort zu der Bronzewarenfabrik Hilmar. Etwas ratlos stand er vor dem prachtvollen Schaufenster.

Wie die Sache einleiten, da er nicht einmal den Namen der gesuchten Persönlichkeit wußte? – Wie die meisten Personen der besseren Gesellschaft fürchtete er nichts mehr als aufzufallen, sich lächerlich zu machen. – Uebrigens, was zögerte er? – Vielleicht erkannte er den jungen Mann ohne weiteres unter den Bediensteten; warum sollte er nicht ein Kommis sein, der gerne einmal den Kavalier spielen wollte und dem es übel bekommen war. Vielleicht mußte der arme Bursche sparen, sich das Kaffeehaus und das Frühstück im Löwenbräu abgewöhnen.

Benno trat also ein und verlangte einen Aschenbecher. Man legte ihm einige Gegenstände vor. Natürlich betrachtete er weniger diese als die im Laden anwesenden Verkäufer. Er spähte auch in das Comptoir, dessen Tür gerade aufging, aber der Gesuchte war auch da nicht.

Er kaufte also einen der kleinen Becher, fast ohne das Ding besichtigt zu haben. An der Kasse saß ein sehr hübscher, ganz junger Mann, brünett, mit zierlichem Schnurrbärtchen, der Gesuchte aber war es nicht. Man konnte ihn aber um so eher ausfragen, als im Augenblick kein Publikum an der Kasse war.

So erzählte denn Benno nochmals die Geschichte von dem vertauschten Regenschirm und erkundigte sich, ob bei der Firma ein junger, brünetter Mann, groß und schlank usw., mit hellem Ueberzieher, bedienstet sei.

»Das kann nicht stimmen, mein Herr,« versetzte der junge Mann mit großer Bestimmtheit. »In unserem Geschäft trägt niemand einen hellen Ueberzieher. Keiner außer mir ist brünett. Man hat sie falsch berichtet.«

Benno stand wieder vor der Tür, mitten im Gewühl der Leipzigerstraße, völlig ratlos. Jede Spur seines Partners schien verloren.

*

Inzwischen war Frau Hanna wieder einmal bei ihrer Mutter gewesen, welche sie schon seit längerer Zeit nicht besucht hatte. Frau von Bötzow war eben im Begriffe, sich zum zweiten Frühstück zu begeben und lud ihre Tochter dazu ein, da ihr Gatte auf einem Jagdausflug abwesend war. So saßen denn die beiden Damen allein im Speisezimmer. Wieder, wie sonst, fiel Hanna der Gegensatz zwischen einst und jetzt, zwischen ihrem jetzigen Heim und dem ihrer Eltern schwer aufs Herz. Allerdings waren ihre Eltern durchaus nicht reich, aber eine ihnen als Agnaten des Hauptzweiges der Familie des Barons zufallende Leibrente, verbunden mit einem von seiner Frau zugebrachten Vermögen, setzten den Vater in den Stand, angenehm und sorgenfrei zu leben. Der Frühstückstisch war mit gediegenem Silber gedeckt, und dort drüben im Schrank lag, wie Hanna ganz genau wußte, noch ein ganz kleines Vermögen in Silberzeug. Sie ertappte sich bei der Vorstellung, wie viel das Silberzeug hier auf dem Tische eintragen würde, wenn man es nach dem Leihhause brächte. Das arme Weib hatte schon gelernt, ihren Besitz an Wertsachen danach zu taxieren, wie hoch man ihn im Leihhause belieh.

»Dein Mann ist wohl gut bei Kasse?« fragte auf einmal die Baronin. »Er hat Dir ja ein neues Armband gekauft.«

Und die Baronin besah das neue Schmuckstück, welches Hanna trug, ein hübsches, stilvolles, aber nicht übermäßig kostbares Armband im Renaissancestil. Benno hatte es ihr zum Ersatz gekauft für ein anderes, das im Leihhause mit einer ganz kleinen Summe verfallen war. Hanna hatte vermutet, die Mutter würde die kleine Verschiedenheit zwischen dem neuen und dem verlorenen Armband nicht merken. Die Baronin jedoch sagte:

»Dein Mann ist doch recht unverständig, Du hast ja schon ein ganz ähnliches Armband. Uebrigens, wie weit ist Benno mit seiner Oper?«

»Ach, nicht viel weiter, Mama; es geht recht langsam.«

»Nun denn, woher habt Ihr dann Geld?« meinte die Baronin mißtrauisch. »Es ist doch noch gar nicht lange – ich glaube vierzehn Tage her, daß Du mir Eure Lage ganz trostlos geschildert und von mir Geld verlangt hast.«

Hanna fühlte sich verletzt durch das scharfe Ausforschen von seiten ihrer Mutter und sagte jetzt gerade heraus: »Mein Mann hat gespielt und gewonnen.«

Die Baronin machte ein sehr finsteres Gesicht und sagte abweisend: »Wie kannst Du denn dulden, daß Dein Mann spielt, um Gottes willen!«

»Aber Mama,« entgegnete die junge Frau verletzt, »tue doch nicht so! Ich weiß doch ganz genau, daß mein Bruder Ottomar – freilich, er ist Dein Liebling! – auch spielte und große Summen verloren hat. Ich besuchte noch die Schule, ich weiß aber ganz genau, daß Du ihm bei dem Vater das Wort geredet hast.«

»Dein Bruder ist ein Kavalier,« versetzte Frau von Bötzow hochfahrend; »in seinen Kreisen kommt es vor, ist manchmal nicht zu umgehen und daher entschuldbar. Aber Dein Mann –«

»Und mein Mann?« rief Hanna. »Was ist er weniger als Ottomar?«

»Dein Mann muß arbeiten, um etwas zu sein,« entgegnete Frau von Bötzow streng. »Er muß arbeiten, das ist seine Pflicht und Schuldigkeit. Ein Kavalier wie Ottomar hat weiter keine Verpflichtungen als seinen Namen, seinen Rang tadellos zu erhalten.«

Hanna widersprach, und so stritten die Damen eine Weile hin und her; endlich brach die junge Frau in Tränen aus. Ihrer Mutter gegenüber verteidigte sie ihren Gatten, und doch litt sie schwer genug unter seinen kavaliermäßigen Neigungen. Die Vorwürfe der Mutter benahmen ihr schließlich die Fassung.

Frau von Bötzow, ohne etwas an ihrer wundervollen Haltung zu verlieren, nahm das winzige Schnittchen Roquefortkäse, welches sie nach dem Frühstück zu essen gewohnt war und das immer in derselben umständlichen Weise serviert wurde, und klingelte dem Diener. Die Baronin liebte keine Scenen und nahm an, daß die wohlerzogene Hanna infolge der Anwesenheit des Dieners ihre Erregung bekämpfen würde.

Und so geschah es auch. Die junge Frau nahm sich gewaltsam zusammen. Indessen räumte der behandschuhte Diener den Tisch ab und entfernte sich geräuschlos. Frau von Bötzow aß sehr langsam und sehr behaglich ihr Schnittchen Käse auf, dann sagte sie: »Nun beruhige Dich, Hannchen. Ich meine es ja doch so gut mit Dir. Halte Deinen Mann Zur Arbeit an, seine Oper muß fertig werden, und ich will Dir auch sagen, warum. Die Stellung eines Intendanten in R. soll demnächst besetzt werden. Es ist ein Hoftheater, wie Du weißt, und die Oper als solche wird dort besonders sorgfältig gepflegt. Graf Hans Holzhausen, ein Jugendfreund Deines Vaters, hat alle Aussicht, dort Intendant zu werden; die beiden sind zusammen aufgewachsen, sind Duzfreunde. Ich werde mit Deinem Vater zu Gunsten Deines Mannes reden, dann ist seine Oper so gut wie angenommen. Daß sie gut besetzt und gut ausgeführt wird, ist bei dem Hoftheater in R. selbstverständlich, und auch der Erfolg ist bei den dortigen Verhältnissen, bei dem Respekt, den das Hoftheater genießt, bei dem dortigen gewählten Publikum so gut wie gemacht. Aber natürlich. Dein Mann muß so bald als möglich fertig werden. Dein Vater ist ohnehin böse über seine Saumseligkeit, und wenn die Sache nicht bald in Zug kommt, so wird er auch nicht zu bestimmen sein, Benno zu protegieren. Das einzige also, was Du tun kannst, ist, Deinen Mann zur Arbeit anzuhalten.«

Hanna versprach hocherfreut, was ihre Mutter wünschte, dankte ihr und schickte sich an, zu gehen. Benno wollte ja um zwölf Uhr zu Hause sein; zwischen dieser Stunde und dem Mittagbrot war seine beste Arbeitszeit, und er sollte nur gleich ans Werk gehen. Hanna verschwieg allerdings ihrer Mutter, daß seit lange seine Arbeit sich aus etwas Klavierspiel beschränkte.

Die Baronin schloß inzwischen das Büffet auf und packte, wie gewöhnlich, noch etwas für Hanna zusammen, etwas Chokolade, ein Päckchen seinen Tee, eine Düte englischer Cakes und ein Stückchen Gervaiskäse.

Hanna ging sehr getröstet von dannen. Das war wieder ein Sporn für Benno. Ohne Zweifel, jetzt würde er arbeiten, sein Ehrgeiz würde erwachen.

Als sie nach Hause kam, saß ihr Gatte finster brütend vor dem Klavier, ohne eine Taste zu berühren. Hanna wußte sofort, in welchen Gedanken er sich wieder verloren hatte.

»Der Mensch scheint aus der Welt verschwunden zu sein,« sagte er zu ihr.

Sie wußte sofort, von wem die Rede war, – es war immer der Mann mit den fünftausend Mark. Sie trat an Benno heran und legte zärtlich die Hand aus seine Schulter.

»Du wirst Dich zerstreuen, mein Lieber, wenn Du recht fleißig arbeitest.« Und sie erzählte, was sie soeben von ihrer Mutter gehört.

Er horchte auf, seine Wangen röteten sich, seine Augen leuchteten. »Du hast recht, ich muß arbeiten. Ach, mein Gott, wenn ich doch nur einmal recht in die Stimmung kommen könnte! Das Ganze ist ja eine Kleinigkeit für mich. Aber ich kann ja nicht leugnen, das Verschwinden des geheimnisvollen Fremden liegt mir recht schwer auf der Seele.«

»Du hast nicht in der richtigen Weise nach ihm gesucht. Du mußtest doch vorerst erfahren, wie der Verschollene heißt. Wo mag denn nur seine Karte geblieben sein?«

»Du hast recht,« versetzte er. »Es ist ja lächerlich, in Berlin jemand zu suchen, dessen Namen man nicht kennt. Aber ich habe die Karte verloren, den Namen vergessen, und aus anderem Wege konnte ich ihn nicht erfahren. Die Karte hatte ich an jenem Abend in meinen Ueberzieher gesteckt, nicht weiter beachtet und fand sie nicht, als ich später danach suchte. Ich muß sie verloren haben; Du könntest doch einmal nachsehen und nachforschen, ob es nicht hier im Hause geschehen ist.«

Das war nun keine Kleinigkeit, denn seit jenem Abende, da Benno mit dem Gelde nach Hause gekommen war, waren fast zwei Wochen vergangen. Dennoch begab sich Hanna hinaus in die Wirtschaftsräume, in das Vorzimmer, die Kinderstube, die Küche, und ließ suchen. Und wirklich, nach geraumer Zeit brachte sie ihrem Gatten die Hälfte einer Visitenkarte. Der kleine Leo, der Aelteste, hatte dieses Fragment zwischen seine Spielsachen gepackt; ganz unten in einer mit Bausteinen und anderen Sächelchen gefüllten Kiste hatte sich das Kärtchen gefunden. Allerdings, die andere Hälfte war unauffindbar.

Auf dem schmutzigen, zerknitterten Stückchen Pappe war noch zu lesen: K – dann darunter ein großes B – und in der Ecke rechts ganz unversehrt eine Adresse, enthaltend Straße, Nummer und Treppen.

So ungenügend das schien, Benno atmete auf. Ja, es war die gesuchte Karte. Er hatte sie im Korridor verloren, das Kind sie gefunden und damit gespielt. Aber er besann sich ganz genau, daß der schmerzlich Vermißte mit dem Vornamen Karl hieß, und er glaubte sich auch zu erinnern, daß es ein Buchhalter war; daher vielleicht das große B. Da die Wohnungsangaben unversehrt geblieben, war es jetzt für ihn nicht mehr schwer, seinen Partner vom grünen Tische zu finden.

Bennos Gesicht verklärte sich. Hanna sah ganz deutlich, wie seine Stimmung umschlug.

»Ja, ja,« sagte er, »das ist seine Karte. Ich werde ihn finden. Nun soll er mir heran zu der üblichen Revanche, und hätte er auch die Karten für ewig abgeschworen!«

»Ja, ja, mein Lieber, Bester,« jubelte Hanna; »er muß Dir Revanche geben. Spiele nur, spiele! – Heute habe ich nichts dagegen, ja ich wünsche es sogar, damit Du Dir keinerlei Vorwurf mehr zu machen hast. Nachher wirst Du dann um so eifriger arbeiten.«

Er betrachtete sie zärtlich.

Hanna wollte ihn gern in dieser exaltierten Stimmung erhalten; es war die richtige Stimmung zum Schaffen. Sie stellte ihm vor, wie die Oper das ganze Glück ihrer Zukunft machen, ihre Existenz begründen könne. Mit sanftem Vorwurf erinnerte sie ihn an alles das, was er bisher versäumt. Sie rief ihm ins Gedächtnis, wie er sie aus dem Schoße ihres Vaterhauses geholt, wie sie ihm folgte, weil sie an seine künstlerische Zukunft glaubte. Und er war sich selbst ja gar nicht bewußt, in welcher Gefahr sie schwebten. Er war im Begriffe, seinen mühsam erworbenen Künstlernamen wieder zu verlieren, und ihre ganze wirtschaftliche Existenz war bereits in ernstes Schwanken geraten.

»Wenn Du mir wirklich etwas zuliebe tun könntest, Benno,« sagte sie, »wenn Du mich überhaupt noch liebst –«

Sie sagte es schüchtern, denn die vielen Sorgen und Nöten der letzten Jahre hatten die Erinnerung an ihren poetischen Liebestraum weggewischt.

»Wenn Du mich noch ein wenig lieb hättest, ach, dann wäre ja alles, alles gut. Du würdest dann leicht in die richtige Stimmung kommen, zu arbeiten. Dein künstlerisches Ziel zu erreichen.«

»Du bist ein Närrchen!« sagte er gerührt. »Wenn ich Dich noch liebte! – Nun, was soll ich denn? Dir einen Stern vom Himmel holen, wie? Oder Dir ein Paar schwedische Handschuhe kaufen? Oder was meinst Du eigentlich?«

Ihr liebliches Gesichtchen wurde sehr ernst. »Du nimmst mich doch nicht ernst, Benno! – Aber ich bin nicht mehr das, als was Du mich kennen lerntest, ich bin kein Kind mehr. Neben Dir bin ich ernst und reif geworden, ohne daß Du es selbst merktest. Wenn Du mich liebst, Benno, so werde, wie ich jetzt bin, werde ernst, strebsam, kehre in Dich selber ein! Sei eingedenk unserer Kinder, erinnere Dich, was Du mir einst gelobtest; es war nichts Geringeres als die schönsten, frischesten Lorbeeren, die ein junger Künstler pflücken kann.«

»Sie scheinen mir heute nicht so leicht erreichbar wie damals.«

»Ich verlange auch heute von Dir nichts, als daß Du sie ernstlich erstrebst. Solltest Du sie auch dann nicht erreichen, so werde ich Dir niemals einen Vorwurf machen; es war uns dann eben nicht bestimmt. Aber ernstlich streben mußt Du, und das hast Du bisher nicht getan. Vernachlässige mich, wenn Du willst, schicke mich in die Kinderstube, aber arbeite. Und vor allem – das gehört dazu: schwöre das Spiel ab!«

Er vermochte nicht gleich zu antworten. Er war beschämt, zerknirscht, aufs tiefste ergriffen von ihrer Liebe. Ja, es mußte alles anders werden, nicht nur seinet-, noch mehr ihretwegen. Er sah sie an mit jenem schwärmerischen Blick, der sie einstens so sehr bezaubert. Ja, in diesem Augenblick begriff er ihren ganzen Wert.

Er umfing sie jetzt mit der ganzen hingebenden Glut des liebenden Freiers von damals.

»Ich schwöre es Dir, Hanna! Ich schwöre es Dir bei dem Haupte unserer Kinder, ich will keine Karte mehr anrühren, wenn ich dem Manne seine Revanche gegeben habe, die ich ihm schulde. Dann will ich arbeiten, will auch meine Oper bis Neujahr vollenden, wie Dein Vater es wünscht. – Nochmals, ich schwöre es Dir!«

Sie strahlte vor Freude, denn sie glaubte ihm. Er fuhr fort: »Ich will auch gar keine Zeit verlieren, will gleich feststellen, wo er wohnt. Bitte, liebe Hanna, klingle!«

Sie tat, wie er wünschte; er bestellte eine Droschke. Inzwischen machte er sich fertig zum Gehen. Er hatte ihr im Fluge alles erzählt, was er heute vormittag vergeblich versucht hatte.

Er ging voll freudiger Hoffnung. Voll Stolz über den Sieg erwartete sie seine Rückkehr. Sie öffnete das Klavier, sie legte leere Notenblätter und zwei scharfgespitzte Bleistifte zurecht; einen alten Lorbeerkranz, den er einst bei einem Konzert erhalten, legte sie in seine Sehweite und ließ ihm eine Flasche guten Weines kommen, denn sie wußte, er liebte bei der Arbeit einen Schluck zu nehmen. Ach, sie war so froh, so zuversichtlich: Es würde alles gut werden! –

Wenig mehr als eine halbe Stunde war vergangen, da hörte sie den Korridor aufschließen. Voll liebender Sorge stürzte sie hinaus. Er war totenbleich, er taumelte. Sie konnte nicht begreifen, was geschehen.

»Was ist, Benno? Um Gottes willen, sprich!«

Er sank in einen Sessel. »Er hatte sich erschossen,« stieß er hervor, »gleich am selben Abend. Und ich bin mitschuldig an seinem Verderben.«

»Du mußt Dich irren,« versetzte sie, »gewiß, es kann ja gar nicht sein; wir hätten etwas davon in der Zeitung gelesen. Es wäre Dir gleich damals aufgefallen.«

»Nein, nein,« wehrte er ab. »Das alles habe ich mir selbst gesagt und auch seiner Wirtin vorgehalten, die mir jene Kunde mitteilte. Er wurde anfangs nur vermißt, man wußte nicht, was aus ihm geworden; erst vor wenigen Tagen wurde durch einen zufälligen Augenzeugen sein Selbstmord festgestellt. Im Tiergarten hat er sich erschossen, unmittelbar darauf, vielleicht eine halbe Stunde später.«

Hanna suchte ihren Gatten zu beruhigen, ihm vorzustellen, daß jener Selbstmord auch andere Gründe haben könnte. Aber sie stammelte unzusammenhängende Worte, und er hörte gar nicht darauf. Ihre Bemühungen waren ganz vergeblich, sie selbst wußte das genau. Benno mit seinen erregten Nerven, seiner leicht zu beeinflussenden, wandelbaren Stimmung, er war für unabsehbare Zeit arbeitsunfähig geworden. Ihr Vater aber würde seine Gründe nicht begreifen und unversöhnlich werden. Es war eine entscheidende Katastrophe für ihr Glück, für ihre Ehe ein schweres, vielleicht vernichtendes Unglück.

*

Pauline Norden hatte traurige Tage verlebt seit ihrem Austritt aus dem Hilmarschen Geschäft. Sie arbeitete jetzt zu Hause, und zwar verfertigte sie seine Kunststickereien, was sie als junges Mädchen erlernt hatte. Dennoch war ihre Existenz eine sehr trübe, denn ihre Mutter konnte es durchaus nicht verwinden, daß Pauline so Knall und Fall davongelaufen oder gar entlassen worden sei. Frau Norden war um so unzufriedener und verdrossener, als sie nicht herausbringen konnte, was eigentlich damals geschehen war. Sie konnte durchaus nicht aufhören, sich darüber zu ärgern, daß Pauline so wenig aufrichtig gegen ihre leibliche Mutter sei.

Das Mädchen aber schwieg aus guten Gründen; denn was hätte sie ihrer Mutter sagen können? Wie konnte sie ihr das Geschehene begreiflich machen? –

Ihr Blick hing manchmal voll sehnsüchtiger Wehmut an einer kleinen Porträtbüste, die dort auf der Kommode stand. Es war der Kopf eines hübschen jungen Mädchens mit einem Blumenkranz im Haar. Das Mädchen trug ihre Züge; Karl Hilmar hatte die Büste modelliert, aus dem Gedächtnis zur Erinnerung an jene Ballnacht, da sie einander kennen lernten. Die Entstehung der Büste, fiel natürlich in die schöne Zeit, bevor Josepha kam. Das kleine Werk war die einzige lebendige Erinnerung an jene schönste Zeit in Paulinens Leben, die sie nie wieder vergessen konnte. Diese Büste hatte ihr Mut gegeben, immer wieder zu hoffen und heldenmütig auszuharren, während sie sich in heimlicher Sehnsucht verzehrte. – Nein, die Mutter durfte das alles nicht erfahren.

Die letztere aber konnte sich nun einmal nicht zufrieden geben; sie nörgelte über jenen dunklen Punkt in Paulinens Existenz sozusagen Tag und Nacht. So lange die Tante lebte, deren Liebling Pauline gewesen war, hatte diese eine Beschützerin und Verteidigerin an ihr gehabt, nun aber war die alte Frau ja tot. Die Brüder waren noch viel zu jung und viel zu kindisch, um ihrer älteren Schwester ernstlich etwas zu sein.

Nun saß das junge Mädchen Tag um Tag an ihrem Arbeitstisch, ihre Tränen verschluckend und mit ihrem heftig pochenden Herzen kämpfend.

Die Stube der verstorbenen Tante war an einen Herrn vermietet worden; dieser Mieter aber zahlte schlecht, und als eines Tages der Hilmarsche Kommis Herr von Waldenburg erschien, auf den neuen Buchhalter schimpfte und erklärte, im Geschäft sei es nunmehr unerträglich, seit Fräulein Pauline nicht mehr da sei, zugleich aber der Mutter eine sehr anständige Miete bot, wenn sie ihm das Zimmer abgeben wollte, so nahm Frau Norden ihn gern auf und kündigte dem bisherigen Mieter.

Pauline war, als die Mutter sich mit Herrn von Waldenburg einigte, gerade abwesend; nachträglich war sie sehr erschrocken über das neue Abkommen, vermochte aber nicht mehr, es rückgängig zu machen. Sie wollte Waldenburg nicht im Hause haben, denn sie hatte ihm ja damals in ihrer törichten Aufregung verraten, woher ihr Bruch mit den Hilmars rührte. Von ihrem Wunsche, Waldenburg nicht als Mieter aufzunehmen, ließ sich die Mutter jedoch nicht bestimmen, und so verblieb es bei dem getroffenen Uebereinkommen. So mußte das arme Mädchen es sich gefallen lassen, einen Mitwisser ihres Geheimnisses in der Nähe zu haben, der sich möglicherweise allerlei Anspielungen erlaubte.

Das düstere Geheimnis, welches sie in ihrem Herzen trug, lauerte jetzt gleichsam auf sie wie ein Todfeind, und verbitterte ihr in Gestalt Waldenburgs auf Schritt und Tritt ihre Tage.

Der kleine Kommis hatte sich heftig geärgert, daß der Platz neben Josepha so rasch besetzt worden war. Er wollte wieder ein wenig lieben und tändeln. Auch hatte ihm Pauline immer sehr gefallen, mehr als die unzugängliche und scheue Josepha. So versuchte er denn, sich ihr wieder zu nähern. Immer wieder versicherte er dem hübschen Mädchen, daß es sich nur um die Zustimmung seines Onkels handle, der ihm durch seine gesellschaftlichen Beziehungen einen standesgemäßen Posten verschaffen wolle. Sobald er dieser Zustimmung gewiß sei, würde er sofort bei Frau Norden um Paulinens Hand werben. Vergebens versicherte ihm diese, daß ja sie selbst noch gar nicht ihr Jawort gegeben habe; er glaubte nicht im Ernst an ihren Widerstand, wenn er nur selbst Ernst machte.

So vergingen einige Wochen; Pauline arbeitete bis zum Aeußersten.

Ihr Kopf brannte, wenn sie so in der kahlen, kleinen Wohnung der Mutter über ihre Arbeit gebeugt saß und tagelang grübelte.

Waldenburg pflegte die Abende sehr häufig bei Frau Norden zuzubringen, indem er sein einfaches Abendbrot sich von ihr besorgen ließ. Frau Norden ließ sich das gerne gefallen, denn sie dachte echt mütterlich: »Am Ende ist es doch eine Partie für Pauline!«

Eines Abends kam Waldenburg ganz außer sich mit einer großen Neuigkeit. Frau Norden und ihre Tochter hatten den Tisch bereits gedeckt, man hatte nur seine Ankunft erwartet, um mit dem Abendbrot zu beginnen.

»Das große Rätsel ist gelöst!« rief der kleine Kommis.

»Welches Rätsel denn?« fragte Frau Norden neugierig.

»Das große Rätsel, welches das Verschwinden Karl Hilmars umgab,« erzählte Waldenburg selbstgefällig. »Er hat sich im Tiergarten erschossen, das ist nun festgestellt worden. Nächstens erfolgt die amtliche Todeserklärung. – Mein Gott, Fräulein Pauline, was ist Ihnen denn?«

Pauline war totenbleich geworden und schien einer Ohnmacht nahe. Aengstlich bemühte sich die Mutter um die Tochter, die sie jedoch mit den Worten abwehrte: »Beruhige Dich, Mutter, es ist nichts! – Weshalb müssen Sie auch so schreckliche Dinge erzählen!« stammelte sie mit bleichen Lippen nur so hinwerfend, als handle es sich um etwas ihr sonst ganz Gleichgiltiges.

Die Aufmerksamkeit des jungen Mannes wurde von Paulinen abgelenkt durch Frau Nordens brennende Neugier, welche über das schreckliche Ereignis Näheres wissen wollte.

Waldenburg gefiel sich in der Rolle eines Erzählers großer Neuigkeiten und berichtete nun, was man heute erfahren habe.

Herr Bode, der neue Buchhalter, sei nämlich Zeuge gewesen, wie Karl Hilmar im Tiergarten seinen letzten Seufzer aushauchte. Er habe damals die Sache verschwiegen aus Rücksicht auf die Familie und sei erst jetzt endlich mit der Wahrheit herausgerückt.

Waldenburg und Frau Norden waren so sehr in ihre Unterhaltung vertieft, daß sie Paulinens kaum verhehlte Verzweiflung nicht bemerkten. Das junge Mädchen war gänzlich gebrochen – Karl war also doch tot! Alle ihre Ahnungen hatten sie betrogen, und das furchtbare Opfer, welches sie gebracht hatte, war umsonst gewesen!

Nur ganz mühsam hielt sie sich aufrecht, um sich Waldenburg und ihrer Mutter nicht zu verraten.

Als der Mieter sich in seine Stube zurückgezogen hatte, und die Mutter eingeschlafen war, überließ sie sich ihrem grenzenlosen Jammer. Sie weinte ihre Kissen naß, raufte sich die Haare, biß sich fast die Lippen wund, um nicht laut aufzuschreien.

Was hatte sie verbrochen, um so unsäglich elend zu werden? Warum gerade ihr ein so schreckliches Schicksal? Erst hatte sie zusehen müssen, wie der heimlich Geliebte sich einer anderen zuwandte, sich mit einer anderen verlobte; dann war er eines Tages verschollen. Josepha erwies sich als treulos und knüpfte sofort eine neue Beziehung mit einem anderen an. Pauline hoffte hingegen, sie hoffte ohne eigentlichen zwingenden Grund. Sie handelte so, als wüßte sie ganz bestimmt, daß Karl lebe, und nach seiner Rückkehr bereit sein würde, sie für alle gebrachten Opfer zu entschädigen. In ihrem exaltiert-gläubigen Herzen war sie wohl überzeugt, daß er erscheinen müsse, wie einst der Messias der gottverlassenen Menschheit. Aber sie hatte sich geirrt; er kam nicht. Nimmer würde er wiederkehren. Er war tot! Ach, sie hätte sterben können, gleich auf der Stelle! Denn was stand ihr bevor? Ein elendes, freudloses Leben ohne Glück, ohne Liebe; entweder schlecht bezahlte Arbeit oder die Ehe mit irgend einem Ungeliebten.

Wie hatte er sich auch nur so wegstehlen können, ohne ihr ein einziges Wort zu gönnen! Es war zu schrecklich, es war kaum zu überleben!

*

»Fräulein Pauline sieht so blaß aus,« sagte Herr von Waldenburg am nächsten Abend. »Nicht wahr, Sie sind zu sehr erschrocken über den Tod Hilmars? Ja, das war ein Tausendsassa, er gefiel den Damen! Er maß ja auch seine sechs Fuß! Nun, Sie werden den Schreck doch verwinden, Fräulein Pauline. Wollen wir nicht am Sonntag irgend wohin auf das Land gehen? Ich habe Sie schon lange darum gebeten, und eine Zerstreuung würde Ihnen wohltun.«

Pauline widersprach nicht, vielleicht weil sie zu apathisch war, vielleicht weil sie es selbst in der engen Stube kaum mehr aushielt mit ihren schrecklichen, dem Wahnsinn nahekommenden Gedanken. Sie mußte ihnen und sich selbst entrinnen.

»Meinetwegen denn,« sagte sie. –

Der Sonntag war wunderschön, so ganz gemacht, ein trübes Gemüt auszuheilen; Frau Norden war auch ganz bei der Sache, kramte allen Putz aus und packte Butterbrote ein. War Herr von Waldenburg auch nur ein Kommis, so war er doch immerhin leidlich gut situiert, überaus nett, zudem aus sehr guter, adliger Familie; Frau Norden wäre über einen solchen Schwiegersohn sehr vergnügt gewesen.

»Du mußt Dich schön machen, Paulinchen,« ermahnte sie die Tochter, »wer weiß, was geschehen wird! Das blaue Kleid mußt Du anziehen, es kleidet Dich prächtig.«

In dem blauen Kleide sah sie wirklich sehr gut aus. Allerdings war sie im Gegensatz zu dem fröhlichen Sonntagstreiben stumm wie ein Opferlamm.

Die drei Knaben hatte man zu ihrem Vormund geschickt, der sich bereit erklärt hatte, mit ihnen auszugehen. So fuhren die drei, Frau Norden, ihre Tochter und Herr von Waldenburg, mit der Dampfstraßenbahn hinaus ins Grüne, nach einem sehr eleganten Gartenlokal, wo ein Konzert stattfand.

Paulinens Mutter fühlte sich ungemein vergnügt und angeregt. Und Paulinens Stimmung schlug unter den vielen fröhlichen Menschen doch auch um. Es widersprach ihrem Wesen, diese stumme, dumpfe Verzweiflung lange zu ertragen. Sie brach in eine laute, krampfhafte Lustigkeit aus, mit welcher sie sich selbst zu übertäuben versuchte. Sie lachte und schwatzte mit Herrn von Waldenburg, als wäre auch sie ganz bei der Sache. Sie nahm seinen Arm an und promenierte mit ihm in dem eleganten Park unter den zahlreichen Berliner Sonntagsausflüglern. Die Mutter war ganz glücklich. Freilich, Pauline war einen Kopf größer als ihr Begleiter, aber das schadete sicher nicht; so etwas kann einer guten Ehe keinen Eintrag tun. Ach, und Herr von Waldenburg war ein gar zu netter Mensch!

Zum großen Staunen der Mutter, die am Kaffeetisch zurückgeblieben war, kam Pauline, die mit ihrem Ritter spazieren gegangen war, jetzt von zwei Herren begleitet, zurück: auf der einen Seite hatte sie den Kommis, auf der anderen einen älteren, sehr stramm gehenden, vornehm aussehenden Herrn, der mit sichtlichem Wohlgefallen auf das hübsche Mädchen blickte. Dagegen machte Waldenburg eine etwas sauersüße Miene. Er stellte jetzt vor: »Mein Onkel, Herr von Waldenburg, Major außer Dienst; ganz zufällig habe ich ihn hier getroffen; – Frau Norden, Beamtenwitwe, und Fräulein Tochter – doch Fräulein Pauline habe ich Dir ja schon vorgestellt, lieber Onkel.«

Der Major a. D. war ein sehr wohlerhaltener Herr, ungefähr Anfang der vierziger Jahre. Waldenburg der Jüngere hatte schon oft von ihm gesprochen; es war der Onkel, der ihn protegierte. Er war gerade nicht vermögend, hatte aber ein reichliches Auskommen, war Junggeselle, gänzlich alleinstehend, und besaß vielfach verzweigte gesellschaftliche Beziehungen; schon immer hatte er versprochen, seinen Neffen standesgemäß zu versorgen; bis jetzt freilich hatte er nicht Wort gehalten, aber Oskar, so hieß der Neffe, war bei allen erdenklichen standesgemäßen Stellungen vorgemerkt. Der eifrige Onkel hielt ab und zu einmal Nachfrage nach seinen Aussichten, und einmal mußte sich ja etwas finden. Das war bisher freilich alles, was er für den Neffen getan hatte.

Oskar stammte aus sehr armer Familie; er hatte seine Studien nicht vollenden können und war in ein seiner Mutter befreundetes Handelshaus in die Lehre gegeben worden. Dann kam er zu Hilmar. Trotz seines Geckentums und seines Großtuns war er im Grunde ein guter Mensch und tüchtiger Arbeiter; er hätte gewiß eine ganz einträgliche kaufmännische Lausbahn machen können, würde ihn nicht immer der Ehrgeiz gestachelt haben, eine »standesgemäße« Existenz anzustreben.

Der Major begann sofort Paulinen den Hof zu machen. Zu seinem Neffen gewendet, sagte er: »Alle Wetter, Junge, Du hast einen guten Geschmack! – Das ist ja eine reizende Kollegin, die Du da hast. Wenn man eine solche Kassiererin neben sich hat, da ist es freilich leicht, hinter dem Ladentisch zu stehen. Wer möchte da nicht an Deiner Stelle sein?«

»Ich bin nicht mehr an der Kasse, Herr Major,« versetzte Pauline.

»Da haben Sie recht, Fräulein,« entgegnete der galante Major. »Sie sind auch viel zu hübsch für eine exponierte Stellung. Ihre Mama hätte das niemals dulden sollen.«

»Nun, so gefährlich ist's ja nicht,« entgegnete Frau Norden selbstgefällig. »Aber wie Sie sehen, ich habe es auch vorgezogen, meine Tochter zu Hause zu behalten.«

Frau Norden machte nämlich aus der Not eine Tugend. Sie fuhr fort: »Meine Tochter, das arme Kind, muß freilich ihr Brot verdienen, plagen muß sie sich auch zu Hause, aber sie bleibt doch unter meinen Augen.«

Pauline lachte ausgelassen.

In einer Anwandlung von Mutwillen erzählte sie:

»Ich möchte am liebsten nach Amerika auswandern; ich suche nur nach einer anständigen, passenden Gesellschaft. Ich habe mir auch schon ein Buch zum Selbstunterricht im Englischen gekauft.«

Natürlich versetzte der Major sofort mit seiner seichten Galanterie: »Wollen Sie mich zum Ritter, Fräulein Norden? Ich gehe mit Ihnen, wohin Sie wollen.«

Pauline ging auf die ziemlich geschmacklosen und gewagten Neckereien ein. Oskar von Waldenburg bemühte sich seinerseits, neben dem Onkel sich geltend zu machen. Auf einmal war Pauline von zwei Seiten umworben, gefeiert wie eine Schönheit der großen Welt. Schließlich ging man auch in den Tanzsaal, obgleich die Gesellschaft dort nicht so gewählt war, als im Gartenparterre: aber es war ja Sonntag und auf dem Lande, und so durfte man ein Tänzchen wohl riskieren.

Pauline ließ sich alles gefallen. Der Major tanzte mit ihr eine Quadrille, Oskar von Waldenburg einige Rundtänze. Sie tanzte wie eine Wilde und suchte zu vergessen.

Aber ach, sie kam nicht darüber hinweg! Karl war tot! – und zwischen all ihrem tollen Gebaren zuckte ihr Herz in nagendem unbezwinglichen Weh.

An diesem Tage wurde sie sich klar darüber: sie würde zuletzt irgend etwas Verzweifeltes begehen, wie nach Amerika auswandern oder einen ungeliebten Mann heiraten, oder aber ins Wasser springen, ohne Rücksicht auf ihre Familie – irgend etwas davon mußte geschehen.

Der Major schien ganz entzückt von Pauline und erzählte ihr allerlei vom Johannistrieb.

Inzwischen war der junge Waldenburg an Frau Nordens Seite geblieben und hatte sehr ernsthaft mit ihr gesprochen. Er hätte die ernstesten Absichten bezüglich Paulinens, und die Mutter solle ihre Tochter doch bestimmen, keine törichte und aussichtslose Liebelei einzugehen. Der Major würde sie sicher nicht heiraten, Wohl aber er, Oskar von Waldenburg.

*

Einige Wochen vergingen. Pauline wurde jetzt sehr eifrig von den beiden Waldenburgs umworben. Der Major a. D. kam in das Haus zu Frau Norden, deren Mann eine zwar nicht ansehnliche und einkömmliche, aber doch geachtete Beamtenstellung innegehabt hatte. Er überschüttete Pauline mit kleinen Geschenken und Aufmerksamkeiten und hielt sich dabei doch streng in den Schranken der Sitte.

Der kleine Kommis war heftig eifersüchtig, und in dieser Gemütsstimmung fest entschlossen, Pauline zu heiraten. Die Mutter neigte aber schließlich doch zum Major; wenn dieser Ernst machen wollte, so wurde Pauline eine Dame der großen Gesellschaft und hatte ein sorgenfreies Leben. Oskar von Waldenburg paßte freilich besser dem Alter nach für sie, aber er war Kommis; das stellte doch keine gesellschaftliche Stellung dar, sondern nur eine kümmerliche Existenz. Das brachte sie täglich ihrer Tochter vor.

»Ich liebe keinen von beiden,« sagte Pauline mürrisch; »mir sind beide ganz gleichgiltig, bisweilen unangenehm. Wenn ich heirate, so tue ich es Deinetwegen, und wenn Du den Major vorziehst, so kann auch er es sein. Warte aber nur noch ab, ob es ihm Ernst ist, ob er mir nicht nur den Hof macht. Noch hat er ja keinen Antrag gemacht.«

Die Mutter glaubte ihrer Sache sicher zu sein, der förmliche Antrag des Majors konnte nicht ausbleiben. – –

Wieder war es abends, als Oskar von Waldenburg mit allen Zeichen großer Aufregung zu den beiden Damen hereinstürzte. Natürlich war es wieder um die Zeit des Abendbrotes.

»Ich bitte Sie, Frau Norden,« rief er, »ich muß Sie und Fräulein Pauline sprechen, ganz ungestört; schicken Sie doch einmal die Jungen hinaus!« –

Die drei Knaben wurden also mit ihren Butterbroten fortgeschickt, hinaus in die Küche, auf die Straße, wohin sie wollten. Der Aelteste, der kein Kind mehr war, fühlte sich zwar beleidigt, aber man nahm keine Rücksicht auf seine Gemütsstimmung.

»Frau Norden, Fräulein Pauline,« sagte Oskar von Waldenburg feierlich. Er hatte Hunger, aber er rührte doch keine Speise an. »Ich habe heute mittag mit meinem Onkel, dem Major, gesprochen; ich suchte ihn in seinem Restaurant auf, wo ich sicher war, ihn zu treffen. Ich forschte ihn aus, ob er denn wirklich geneigt ist, etwas für mich zu tun, denn, wie Sie wissen, habe ich ernsten Willen. »Lieber Onkel,« sagte ich, »sprich doch einmal frei heraus. Ich möchte mir klar darüber sein, was Du von meiner Zukunft hältst.« Und nun denken Sie, – denken Sie, Fräulein Pauline – denken Sie, Frau Norden – während er sich sein gebratenes Huhn kunstgerecht zerlegte, sprach er zu mir: »Lieber Junge, ich will ja für Deine Zukunft tun, was menschenmöglich ist; aber Fräulein Pauline mußt Du Dir aus dem Sinn schlagen, denn ich will das Mädchen selbst heiraten – natürlich wenn sie will. Gezwungen soll sie nicht dazu werden, auch nicht von ihrer Mutter.«

»Das kann Sie doch nicht überraschen, Herr von Waldenburg,« fiel Frau Norden hier ein. »Sie mußten doch längst gemerkt haben –«

»Ja, ja, ich habe es geahnt,« gab Waldenburg zu, »aber ich hielt es doch nicht recht für möglich bei dem Alter meines Onkels.«

»Seien Sie doch lieber ehrlich,« fiel Pauline ein. »Sie glaubten nicht, daß Ihr Onkel ein armes Mädchen ohne gesellschaftliche Stellung heiraten würde!«

»Nun, ich will es nicht leugnen, daß ich das für unwahrscheinlich hielt,« gab Waldenburg zu. »Aber ich bin jetzt dessen sicher, mein Onkel macht Ernst. Er will mich entschädigen. Wie er mir zugesagt hat, will er mir sofort eine Stellung verschaffen. Er hat nunmehr eine bestimmte Aussicht und zwar in dem Verlage der »Sports-Welt«; meine Kenntnisse reichen dafür aus. Und ach – es ist zum Lachen! – er hat mir sogar eine standesgemäße Partie in Aussicht gestellt, eine wirkliche Baronin mit einem langen altadligen Namen: sie ist – das sollte mich mit der Sache versöhnen – noch kleiner als ich, ich glaube, ein ganz klein wenig verwachsen; aber sie soll sehr liebenswürdig sein, große gesellschaftliche Konnexionen haben, und genug: mein Glück wäre gemacht. – Diese Partie, diese Stellung bedeuten für mich die Rückkehr in die Gesellschaft, in die Kreise, denen ich durch meine Geburt angehöre. Unzertrennlich aber ist davon, daß ich Ihnen entsage, Fräulein Pauline; ich soll das freiwillig tun. Was mein Onkel mir bietet, ist eine Entschädigung, eine Art Kaufpreis für diese meine Entsagung. – »Du hast Dich durch Deine Stellung als Kommis unmöglich gemacht,« – sagte mein Onkel, – »jetzt kannst Du Dich rehabilitieren durch eine standesgemäße Heirat. Du darfst keine Bürgerliche heiraten, sonst bist Du ein- für allemal unmöglich in der aristokratischen Gesellschaft. – So sprach mein Onkel.«

Pauline hatte mit leisem, spöttischem Lächeln zugehört. »Und Sie, Herr von Waldenburg, wozu haben Sie sich entschieden?«

»Nach bestem Wissen und Gewissen,« versetzte er feierlich, »ich wähle Sie, Fräulein Pauline. Ich weise alles zurück und entscheide mich für Sie. Gerne will ich in Ihren Kreisen bleiben, wenn Sie nur mein sein wollen.«

»Das klingt sehr großmütig,« entgegnete das junge Mädchen, »und es sollte mich eigentlich rühren. Wenn ich trotzdem kühl dabei bleibe, so werde ich Ihnen gewiß undankbar erscheinen. Aber ich kann nicht gleich Ja sagen. Ich glaube, Sie haben sich doch nicht völlig Rechenschaft abgelegt über das, was Sie mir da erzählen. Wenn Sie reiflich überlegen, so werden Sie sich selbst sagen, daß Sie den Vorschlag Ihres Onkels annehmen müssen. Eine so günstige Gelegenheit kehrt vielleicht für Sie nie wieder, und zwar um so weniger, als Sie im Begriff sind, sich durch die Neigung zu mir, mit Ihrem Onkel zu entzweien. Sie müßten mich auf das tiefste und innigste lieben, um niemals Reue zu empfinden über das Opfer, welches Sie mir heute bringen; und – verzeihen Sie mir! – aber ich glaube, Ihre Liebe ist dazu nicht groß genug.«

Er legte wie beteuernd die Hand auf das Herz. »Wie können Sie das behaupten, Fräulein Pauline! – Habe ich Ihnen nicht meine Liebe bewiesen durch meine Bewerbung?«

»Nein, in meinen Augen nicht,« entgegnete sie mit ruhiger Ueberlegung. Ernstlich bewerben Sie sich nur darum, weil Sie eifersüchtig sind. Die Eifersucht wird verfliegen, und Sie werden mir später das Opfer vorwerfen, welches Sie mir heute bringen wollen. Ich glaube, Sie sind nicht großmütig genug, um mir meine Vergangenheit zu verzeihen.«

Er stand beleidigt aus. »Sagen Sie es doch lieber gerade heraus, Sie ziehen meinen Onkel vor. Er ist Major, ich bin Kommis; er hat ein reichliches, ich ein spärliches Auskommen. Sie sind eben wie andere Mädchen auch, das ist für Sie der entscheidende Punkt. Ich aber hielt Sie für idealer gesinnt, das war ein Irrtum. Sie geben sich an den Zahlungsfähigeren, an den Höhergestellten fort. Gut denn, Sie wollen meinen Onkel heiraten.«

Auch Pauline hatte sich trotzig erhoben. »Ich habe es schon meiner Mutter gesagt,« erklärte sie mit großer Entschiedenheit, »daß mein Herz sich weder Ihnen noch ihm zuneigt; in beiden Fällen wäre es eine Heirat mit einem Ungeliebten. Also die Wahl ist für mich sehr leicht und sehr schwer. Ihr Onkel hat immerhin vor Ihnen voraus, daß er unbedingt bereit war, sich über Standesvorurteile hinwegzusetzen. Ja, ich entscheide mich für Ihren Onkel. – Wenn Sie aber eine Genugtuung dabei haben wollen, so kann ich sie Ihnen geben. Ich nehme ihn ungerne, werde auch mit ihm möglicherweise unglücklich werden, unglücklich bleiben.«

Er hörte kaum den melancholischen Nachsatz. Wütend fuhr er auf: »Mein Onkel kann Sie nicht heiraten, Fräulein Pauline, Sie sollten das einsehen. Er kann nicht!«

»Wieso?« fragte sie scharf, ihn herausfordernd fixierend.

Ein wenig eingeschüchtert, aber doch entschieden, erklärte er: »Mein Onkel ist Offizier gewesen, führt seinen Adelstitel, seine ganze Existenz wurzelt in aristokratischen Kreisen: er verkehrt mit seinesgleichen. Zwar kann er trotzdem ein bürgerliches Mädchen heiraten, aber doch nur ein ganz – unbescholtenes.«

Frau Norden fuhr empört auf: »Herr von Waldenburg, was erfrechen Sie sich in meinem Hause? – Ich darf das nicht dulden – Pauline ist ein unbescholtenes Mädchen.«

»Ereifern Sie sich doch nicht so sehr, Frau Norden,« sagte Waldenburg mürrisch. »Ich weiß ja nun einmal von der Geschichte.«

Die alte Frau blickte erschreckt von einem zum andern. »Von welcher Geschichte? – Was meinen Sie?«

Waldenburg wußte in der Tat nicht, daß Frau Norden keine Ahnung hatte von dem Zwischenfall, welcher Paulinens plötzlichen Austritt aus dem Hilmarschen Geschäft veranlaßt hatte.

»Tun Sie doch nicht so, Frau Norden, als wüßten Sie selber nichts,« entgegnete er ungläubig, »die Sache ist ja schließlich unter uns geblieben; so viel ich weiß, hat Herr Hilmar reinen Mund gehalten, aber mitschuldig an dem Diebstahl Karls ist sie doch. An der Tatsache ist nichts zu ändern! Es ist meine Pflicht, meinem Onkel davon mitzuteilen, umsomehr, als ich ihm immer von Paulinen so viel vorgeschwärmt habe.«

Frau Norden stand ganz starr. Pauline sah mit Schrecken ein, wie töricht sie damals gewesen war, ohne äußere Notwendigkeit Waldenburg in ihr Geheimnis einzuweihen. Er kehrte jetzt den Spieß gegen sie. Bei der Strenge und Aengstlichkeit ihrer Mutter konnte die Enthüllung entscheidend werden für Paulinens Bleiben im Hause. Dennoch faßte sich das junge Mädchen rasch.

»Meine Mutter weiß nichts,« sagte sie. »Uebrigens, Herr von Waldenburg, Sie sind im Irrtum begriffen, oder vielmehr, ich habe Ihnen ein Märchen aufgebunden. Ich habe nicht gestohlen, bin nicht Karls Mitschuldige. Allerdings, da ich mich selbst beschuldigte, wird es mir weder jetzt noch später irgend jemand glauben. Sagen Sie Ihrem Onkel, dem Major, was Sie wollen. Gerade weil mein Gewissen rein ist, habe ich an die Notwendigkeit dieser Mitteilung gar nicht gedacht. Nun aber bitte ich Sie darum – ja, ich fordere von Ihnen, Herr von Waldenburg, das zu tun, was Sie für Ihre Pflicht halten. Wenn er es ehrlich mit mir meint, wenn er mich wirklich lieb hat, so wird er begreifen, daß ich keiner wirklich unehrenhaften Handlung fähig bin. In Wahrheit und Wirklichkeit bin ich ohne Makel und gänzlich unbescholten; wer es aber nicht glaubt, dem kann ich eben nicht helfen!«

In ruhiger, würdevoller Haltung verließ Pauline die Stube. Die Mutter schluchzte. Pauline hatte immer verhehlt, warum sie so plötzlich aus dem Geschäfte geschieden sei – das also war's! – Ihr Kind war des Diebstahls beschuldigt worden, und sie hatte – ob mit Recht oder Unrecht – aber sie hatte ein Zugeständnis gemacht. Das war entsetzlich: es war etwas Erdrückendes für die alte Frau! –

»Na denn, ich werde es meinem Onkel nicht sagen,« versuchte Waldenburg Frau Norden zu trösten. »Der Karl ist auch schuld an allem! Der hat Paulinen zu irgend einer Niederträchtigkeit verführt und ist dann auf und davongegangen!«

»Er hat's ja gebüßt,« seufzte Frau Norden.

»Wer weiß, ob er wirklich tot ist! Aber wenn er lebt, so wird ihn sein Verhängnis ereilen!«

Die alte Frau achtete nicht auf seine Worte, sondern kam auf den Ausgangspunkt des Gesprächs zurück.

»Das gebe ich nicht zu,« rief sie, »daß es Ihrem Onkel verhehlt wird; Pauline hat recht: sei es eine Torheit, ein Fehltritt oder ein Verbrechen, was sie begangen, er muß es erfahren. Und wenn Sie es ihm nicht sagen, so wird Pauline selbst, oder ich werde es ihm mitteilen. Verlassen Sie sich darauf! – Wenn ich mich nicht täusche, so wird Ihr Onkel deshalb von Paulinen nicht lassen.«

Waldenburg stand auf. »Mein Onkel wird morgen kommen und um Fräulein Pauline werben – tun Sie, was Sie wollen. Ich werde Paulinens Glück nicht im Wege stehen; ich meinerseits gebe ihr mein Wort, daß ich schweigen werde; ich habe mich übereilt mit meiner Drohung.«

Und er ging. – Pauline mußte jetzt noch den endlosen Fragen und Klagen der Mutter stand halten. Sie verweigerte jedoch eine nähere Erklärung, wie die Sache bei Hilmar zugegangen.

»Sei ruhig, liebe Mutter, von morgen an wird es anders. – Ich werde mein Herz bezwingen und den Major heiraten oder sonst etwas tun, was Dich von mir entlastet. Mehr kann ich Dir nicht sagen. Ich bitte Dich, quäle mich nicht, gib Dich damit zufrieden!«

Die Mutter verstummte vor der unbegreiflichen Willensstärke des jungen Mädchens.

»Wenn Du mir doch nur sagen wolltest –« stammelte sie.

»Du würdest mich doch nicht verstehen, Mutter. Ich bin einer Eingebung gefolgt; ich konnte nicht anders, ich bereue auch nicht, was ich getan habe, denn ich mußte es eben.«

*

Als Frau Norden am folgenden Morgen ziemlich früh vom Markte zurückkam, wo sie Einkäufe für den Mittag gemacht hatte, fand sie Pauline sonntäglich gekleidet mit offener, strahlender Miene. Das konnte nur ein gutes Zeichen sein, eine bräutliche Stimmung.

»Nun, ich sehe, Du bist doch ein vernünftiges Kind – nicht wahr, Paulinchen, Du bist bereit, den Major zu empfangen? Wir können ihm ja alles sagen und die Sache so drehen, daß er Dich nimmt.«

»Liebe Mutter,« sagte Pauline mit einem schwachen Seufzer, »wie gern würde ich es Dir recht machen, aber es wird nicht gehen. Du mußt mich schon meine eigenen Wege gehen lassen; es sind absonderliche Wege – ich weiß es selbst nicht, wie ich auf dieselben gelangt bin – aber ich kann jetzt ebensowenig zurück, wie ein Alpenkletterer, der sich verstiegen hat.« .

Frau Norden konnte diese Reden nicht recht begreifen, nicht recht einsehen, warum Paulinens Wangen so fieberhaft glühten. Ihr ganzes Wesen war eigentümlich exaltiert. Die Mutter hatte keine Ahnung, daß während ihrer Abwesenheit ein Bote der Stadtpost für Pauline einen kleinen Brief gebracht hatte.

Pauline rüstete sich jetzt zum Fortgehen. »Ich habe einen Gang zu machen, Mutter,« sagte sie. »Es ist ja kaum zehn Uhr; sollte Herr von Waldenburg wirklich kommen, so wird es doch nicht vor zwölf Uhr geschehen. Dann bin ich längst zurück.«

Frau Norden sträubte sich hastig gegen Paulinens Ausgang. Ihr war unheimlich zu Mute bei dem geheimnisvollen Tun des Mädchens.

»Ich muß wissen, wo Du hingehst!« versuchte die Mutter mit Strenge zu sagen.

»Ich gebe Dir mein Wort, daß Du rechtzeitig alles erfahren wirst,« entgegnete Pauline, und fort war sie.

»Ein schreckliches Kind!« dachte Frau Norden. »Ich weiß gar nicht, woher sie dieses absonderliche Wesen hat. – Vielleicht aber hat es sein Gutes, wenn ich selbst den Major empfange und ihn auf die dumme Enthüllung vorbereite.«

*

Es war an demselben Morgen gewesen, etwa eine Stunde früher, als Hilmar in seinem Comptoir die Post empfing und in erstauntem Tone zu Armin sagte: »Woher haben wir denn fünftausend Mark zu bekommen? Da kommt mir ein Geldbrief von dieser Summe zu.«

»Fünftausend Mark?« fragte Armin nachdenklich. »Daß ich nicht wüßte! – Woher kommt der Brief?«

»Aus München,« versetzte der Prinzipal.

»Aus München?« wiederholte der Buchhalter. »Dort haben wir keinen solchen Ausstand. Man wird Ihnen vielleicht eine Kommission, einen Auftrag geben oder sonst das Geld zu irgend einem Zweck einschicken. Ein ausstehender Posten kann es kaum sein.«

»Nun, wir wollen ja gleich sehen,« sagte Hilmar und öffnete mit der gewohnten Vorsicht das Kuvert des Geldbriefes. Derselbe enthielt fünf Tausendmarknoten, welche in ein weißes Blatt Papier eingehüllt waren. Kein Wort dabei, keine Zeile, kein Absender genannt – nichts.

»So etwas ist mir doch noch nicht vorgekommen!« rief Hilmar. »Die Sache ist ganz unerklärlich – da, sehen Sie her! Die Adresse stimmt, es ist unsere Firma, es fehlt kein Punkt. Aber nicht ein Wort der Aufklärung – ja, wahrhaftig, nicht ein Wort!«

Bode war herangetreten und starrte den Briefumschlag und das Geld an.

»Was ist Ihnen denn, Armin? Sie sind ja ganz bleich geworden,« versetzte Hilmar.

Auf einmal stieß Bode hervor: »Das Geld ist von ihm!«

»Von wem denn?« entgegnete Hilmar erstaunt. Er begriff gar nicht, was jener meinte.

»Das Geld ist von Karl Hilmar, es kann nur von ihm sein,« stammelte Bode.

»Von Karl? Sie phantasieren! Karl ist jetzt dreiviertel Jahr tot, oder noch länger.«

»Nein, nein – er lebt!« stieß Armin hervor. »Ich habe die feste Ueberzeugung, daß er lebt.«

Nun wurde Hilmar selbst bestürzt und verwirrt. »Welche Idee von Ihnen, haben Sie mir nicht selber gesagt, daß Sie selbst ihn hätten sterben sehen?«

»Weiß ich's denn gewiß?« flüsterte Armin Bode, fast zusammenbrechend. »Er hatte einen Revolverschuß auf sich abgefeuert und verlor bereits Sprache und Bewußtsein, ich meinte, er sei tot. Ich verließ ihn einen Augenblick, – kehrte nach einer Weile wieder nach der Stelle zurück, – da war er fort! – Man konnte inzwischen seinen Leichnam fortgetragen haben, aber das hätten wir doch erfahren müssen, glaube also, er lebt.«

Hilmar schlug die Hände zusammen. »Warum, um Gottes willen, sagen Sie mir denn das erst heute?«

Armin atmete schwer auf. »Ich glaubte zuerst wirklich, er sei tot. Aber schon neulich hat mich ein Erlebnis, das ich Ihnen verschwiegen habe, auf den Gedanken gebracht, daß er leben könne. – Wieviel Geld haben Sie damals vermißt – Sie oder Frau Hilmar?«

»Genau fünftausend Mark – fünf Tausender, wie diese. Aber wir wissen ja, daß Pauline Norden das Geld entwendet hat.«

»Sagten Sie nicht damals selbst,« fuhr Armin fort, »Paulinens Diebstahl sei unglaubwürdig, unwahrscheinlich in jedem Sinne, hinsichtlich der Absicht und der Ausführung?«

»Ja, das sagte ich allerdings,« versetzte Hilmar nachdenklich. »Pauline aber ist ein blutarmes Mädchen, woher hätte sie das Geld haben sollen, wenn nicht aus unserer Kasse? – Es ist ganz undenkbar, daß sie es wo anders her hatte, bei sich trug, gleich im Augenblick zur Verfügung hatte. Sie muß es genommen haben, darüber bin ich mir damals klar geworden. Karl konnte nicht der Dieb sein.«

»Woher denn aber diese Sendung?« und Bode wies auf die Banknoten.

Der alte Hilmar stöhnte auf: »O, mein armer Kopf! – Wie soll man sich in diesem Wirrsal zurecht finden? – Es ist ja mehr, als ein Mensch, der in ruhigen, geordneten Verhältnissen grau geworden ist, ertragen kann. Das ist ja schauderhaft, noch gar nicht dagewesen! – Ist mein Neffe, den wir für tot hielten, der amtlich für tot erklärt wurde, am Leben oder nicht? Hat er gestohlen oder nicht? War Pauline die Diebin oder nicht? Woher kommt dieses Geld?«

Und ganz verwirrt starrte der alte Mann die Banknoten an.

»Pauline ist vielleicht die Hauptschuldige, Karl der Mitwisser oder mitschuldig,« sagte Bode jetzt; »Karl hat keine Ahnung davon, daß die arme Kassiererin das Geld zurückerstattet hat; so macht er jetzt einen Versuch, Sie zu entschädigen. Vielleicht auch will er Pauline Norden damit entlasten. So wird die Sache liegen.«

Hilmar rang noch immer die Hände. »So hätte ich zwei Diebe in meinem ehrenhaften Hause gehabt – ich, dem zeitlebens Vertrauen und Rechtlichkeit über alles ging!«

Bode vermochte es nicht, ihn zu trösten, zu beruhigen. Auch ihm schwindelte, es war zu viel, was auf ihn einstürmte. Zum Greifen nahe schien ihm das größte Erdenglück, er stand nur wenige Wochen vor der Hochzeit; Josepha, seine Braut, erfreute sich eines ungetrübten Glückes, wie eine Rose war sie aufgeblüht; für sie war Karl tot und verschmerzt. Bereits war das erste Aufgebot des Paares erfolgt, aber je heiterer, je lebenslustiger Josepha sich zeigte, desto bedrückter fühlte sich Armin. Sein zartes Gewissen regte sich von neuem und immer von neuem, und während die Aussteuer für Josepha angefertigt, eine Wohnung gemietet wurde und Frau Hilmar unermüdlich im Interesse des jungen Paares anordnete und wirtschaftete, senkte es sich wie eine düstere Ahnung auf Armins Gemüt. Er mußte unaufhörlich an jenen fremden bärtigen jungen Mann denken, der ihn damals wegen des Ringes ausgefragt hatte; wer mochte das wohl gewesen sein? – War es Karl selbst gewesen? – Alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür. – Aber wenn dem so war, warum gab er denn seither kein ferneres Lebenszeichen? – Entsetzlich war es Armin, diese unaufhörliche Ungewißheit, diese Angst vor etwas Unfaßbarem, gleichsam in der Luft Schwebendem! Unaufhörlich stand der geheimnisvolle Fremde zwischen ihm und seiner schönen Braut. Jener andere hatte ja Josepha noch nicht freigegeben: wenn er lebte, war sie im Grunde noch immer verlobt. Jene kleine Perle, welche Armin in den Türkisenring hatte einsetzen lassen, diese kleine Perle hatte Armin damals sicher gemacht. Aber wenn jener Fremde Karl selbst gewesen war, würde er dann nicht unfehlbar wieder auftauchen, nicht zwischen Armin und Josepha in dem Augenblicke treten, wenn sie zum Altar schritten? – Oder vielleicht auch noch später, wenn sie bereits verheiratet waren? –

Allerdings, Armin sagte sich immer wieder, daß das anhaltende Schweigen und Verschollensein Karls Josepha nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch die Freiheit gegeben habe, über ihre Hand verfügen zu dürfen.

Aber nun diese Geldsendung heute war ein neues Symptom der furchtbaren Nähe des fälschlich Totgeglaubten; er war unerreichbar und doch immer nahe, wie ein Gespenst, das sich nicht verbannen läßt. Wenn er nun wirklich wiederkäme, würde dann Josephas Herz sich ihm nicht von neuem zuwenden? –

Von wem konnte das Geld herrühren? Wer schickte gleich aus Zufall runde fünftausend Mark, genau die fragliche Summe, ohne nähere Angabe, ohne nähere Adresse? – Wie ließ sich hier ein Mißverständnis, ein Irrtum erklären?

Ja, Karl lebte! Er hatte jetzt gebüßt, gesühnt, und konnte jeden Tag wiederkommen. Und was würde dann geschehen? Hatte er sich nicht unter dem Vorwande in das Haus eingeführt, daß jener nicht am Leben sei?

So entsetzlich rächte sich an ihm das kleine Vergehen, jenen einzigen Umstand verschwiegen zu haben! Schon sah er sich im Geiste das Haus wieder verlassen, sah er sein Liebesglück, seine Zukunft vernichtet – alles dahin, alles verloren! Ach, und wie teuer war ihm dieses Haus geworden, wie fest wurzelte er hier mit jeder Faser seines Lebens! –

Welch' ein elender Feigling war er doch damals gewesen, daß er über Karl nicht die volle Wahrheit gesagt hatte. Ja, ein Feigling war er gewesen, aber das rächte sich auch gar zu schwer! –

Er bat jetzt: »Lassen Sie doch wenigstens einmal Pauline Norden rufen. Waldenburg weiß ihre Adresse, denn er wohnt bei ihrer Mutter. Vielleicht weiß sie uns irgend etwas zu sagen, was Klarheit in die Sache zu bringen vermag.«

Hilmar schrieb sofort die folgenden Zeilen:

»Ich bitte Sie, geehrtes Fräulein, mich in Angelegenheit jener fünftausend Mark, die Sie mir damals zurückerstatteten, sogleich zu besuchen. Es ist ein unerwarteter Lichtstrahl auf die Sache gefallen. Kommen Sie sofort, auf der Stelle, ich bitte Sie in Ihrem eigenen Interesse.«

Das war der Brief, welchen Pauline an jenem Morgen erhalten hatte.

»Wir wollen meiner Frau und Josepha nichts sagen,« bemerkte der alte Herr, nachdem der Brief durch einen besonderen Boten abgesandt worden war. »Erst wenn wir selbst irgendwelche Klarheit erlangt haben, wollen wir zu ihnen darüber sprechen.«

Das war ganz Armins Wunsch. Ach, Klarheit – Klarheit! Welche Klarheit für ihn würde das sein? –

Es blieb noch die Hoffnung, daß Pauline etwas aussagen würde, was Erlösung brachte. – Was aber konnte sie sagen?

Ueberraschend schnell, kaum eine halbe Stunde später, erschien Pauline Norden bereits in dem kleinen Comptoir. Man war draußen in dem Hilmarschen Geschäfte nicht wenig erstaunt gewesen, sie wieder erscheinen und so geraden Wegs zu dem Chef eintreten zu sehen.

Sehr freundlich wandte Herr Hilmar sich an das junge Mädchen mit den Worten: »Ich habe Sie bitten lassen, zu mir zu kommen, Fräulein Pauline, um die Angelegenheit von damals, Ihren angeblichen Diebstahl, noch einmal zu erörtern. Sie hatten sich damals freiwillig gemeldet, sich des Diebstahls ganz aus eigenem Antriebe beschuldigt; die Sache schien mir unglaublich, ich mußte Ihnen aber dennoch glauben; sie legten mir ja das Geld auf den Tisch. Nun sehen Sie aber einmal: hier liegt es jetzt nochmals auf dem Tische. – Heute erhielt ich nämlich einen anonymen Geldbrief, ebenfalls fünftausend Mark enthaltend.«

Er zeigte den Briefumschlag, in dem die Summe, die damals gefehlt hatte, ohne nähere Angabe enthalten war.

»Jemand anders hat das Geld entwendet also, und nicht Sie. Jener andere zahlt jetzt die Summe an mich zurück. Ich muß Sie also bitten, Ihr Geld zurückzunehmen, das Sie mir damals gaben.«

»Sie wissen nicht, wer Ihnen dies Geld geschickt hat, Herr Hilmar?« entgegnete Pauline ausweichend.

»Nein, ich habe keine Ahnung davon, wer es sein kann, ich muß aber annehmen, daß es der wirkliche Dieb sei.«

»Sie wissen nicht wer?« versetzte sie scharf. »Das heißt, Sie verdächtigen Herrn Karl Hilmar?«

»Ich habe den Namen meines Neffen nicht genannt,« versetzte der Alte. »Aber ich kann allerdings vermuten, daß Karl lebt, daß er mir das Geld geschickt hat.«

Bode konnte sich nicht länger beherrschen. »Nein, nein, er ist sicherlich nicht tot!« rief er. »Um Gottes willen, Fräulein Pauline, sagen Sie die Wahrheit – sagen Sie, was Sie wissen! Die Ungewißheit ist nicht zu ertragen; das ist ja um wahnsinnig zu werden!«

Bei seiner heftigen Beteuerung: »Er ist nicht tot!« hatte sich ihr Gesicht verklärt, es nahm fast einen visionären Ausdruck an. Das Mädchen schien größer zu werden, sie richtete sich auf; fast schien es, als wolle sie emporschweben.

»Nein, nein, Herr Karl Hilmar darf nicht verdächtigt werden,« sagte sie lächelnd. »Ich habe das Geld genommen: gewiß – ich kann es nicht anders sagen. Bedenken Sie doch, Herr Hilmar: ich gab es Ihnen zurück! Woher hätte ich es sonst nehmen sollen?«

»Aber dieses Geld – dieses?« rief der alte Mann, von neuem die Banknoten anstarrend.

»Was weiß ich!« sagte Pauline achselzuckend. »Die Sendung beruht auf einem Irrtum, einem Zufall, der sich später schon aufklären wird. Das Leben ist ja reich an ganz unglaublichen Zufällen; wer wüßte nicht davon zu erzählen?«

Ihr ganzes Betragen war doch recht sonderbar, und Hilmar sagte streng: »Nehmen Sie Ihr Geld zurück, Pauline, Sie hatten es nicht entwendet!«

Sie antwortete nicht gleich. Dann sagte sie: »Sie wissen doch etwas von Herrn Karl, Sie sagen es mir nur nicht. – Hat er den Diebstahl bekannt?«

»Mein Wort darauf, nein!« entgegnete Hilmar. »Ich weiß weiter nichts. Aber das Geld kann ja nur von ihm herrühren. Besinnen Sie sich doch, Mädchen! Ich gebe Ihnen zum letzten Male Gelegenheit, Ihr Geständnis von damals zurückzunehmen. Weisen Sie nicht ein kleines Vermögen zurück, um einen schweren Makel auf sich zu laden!«

Das junge Mädchen fühlte sich von den widerstrebendsten Empfindungen bewegt. Aber in dem Augenblick, wo ihre Hoffnung, Karl sei noch am Leben, zum ersten Male einen tatsächlichen Hintergrund erhielt, fühlte sie sich auch dazu gedrängt, bei der Selbstaufopferung, die sie aus schwärmerischer Liebe zu ihm damals vollzogen hatte, zu beharren.

Mit einer entschiedenen Handbewegung schob sie die Banknoten zurück. »Nein, Herr Hilmar, das Geld kommt mir nicht zu. Ich hatte es wirklich damals entwendet – ich, nicht Karl. Glauben Sie mir, es ist mein letztes Wort.«

»Pauline,« mahnte Hilmar nochmals, »Sie sind doch gar zu sonderbar! – Wir haben nur schwache Vermutungen, wir hofften einen Ausschluß von Ihnen, eine zuverlässige Mitteilung.«

»Auch ich weiß nichts von Herrn Karl,« versetzte Pauline, »ich weiß nur das, was Sie schon wissen: ich habe das Geld genommen. Ich danke Ihnen, Herr Hilmar, daß Sie sich meiner so teilnehmend erinnerten, aber ich kann Ihnen nicht weiter dienen.«

Damit ging sie.

Bode folgte ihr, draußen auf der Straße holte er sie ein, trat neben sie und flüsterte ihr zu: »Wir müssen Klarheit gewinnen, was aus Karl Hilmar geworden ist.«

»Ja, das müssen wir,« versetzte Pauline.

Keines von ihnen kannte die Beweggründe des andern, aber sie verstanden sich trotzdem.

»Gehen Sie nach der Villa Brennus auf dem Kurfürstendamme,« sagte Bode energisch; »suchen Sie hineinzugelangen und den jungen Brennus zu sprechen. Gelingt es Ihnen nicht, so suchen Sie zu erforschen, wo er sich aufhält. Der junge Brennus ist im Besitz des Geheimnisses, ich weiß es ganz genau. Mich aber ließ man nicht vor, es war mir unmöglich, etwas zu erfahren. Vielleicht wird man gegen eine Dame nachgiebiger sein.«

Ihre Augen leuchteten auf: das war ja in der Tat eine Hoffnung!

»Ich danke, Herr Bode, ich will's versuchen, auf der Stelle; und dann gebe ich Ihnen auch Nachricht.«

Sie verabschiedeten sich rasch.

Pauline nahm sofort die erste beste Droschke und fuhr hinaus nach der bezeichneten Adresse. Sie klingelte an der verschlossenen schmiedeeisernen Tür, und auch diesmal erschien der alte, weißhaarige Diener. Auch ihr gab er dieselbe Auskunft: der junge Herr Brennus sei gar nicht hier und infolgedessen auch nicht zu sprechen.

Aber es mochte etwas im Ton, im Blick, im Wesen des jungen Mädchens liegen, was den Alten milder stimmte. Er zwinkerte verständnisinnig mit den Augen und flüsterte: »Zwar ist es gegen meine Pflicht, aber ich will's Ihnen verraten: Herr Brennus ist zu erfragen oder ein Brief erreicht ihn unter der Adresse: München, Akademie der Künste, Akademiestraße.«

Pauline dankte und stieg wieder in ihre Droschke. Sie fühlte sich beglückt, dieses wenige erfahren zu haben. Auch jener Geldbrief war aus München abgesandt worden. Karl schien in irgend einer Weise mit dem jungen Brennus befreundet oder verbündet zu sein, und beide weilten zusammen in München, das war kein Hirngespinst, sondern durfte jetzt als wahrscheinlich gelten.

Sie begab sich nach Hause. Richtig, der Major war bereits erschienen; fein gekleidet, einen prachtvollen Blumenstrauß in der Hand, so saß er neben der Mutter auf dem Sofa, und beide waren in ein eifriges Gespräch vertieft. Am Fenster stand, sehr verdrossen dreinschauend, Oskar von Waldenburg. Er hatte sich auf eine Stunde frei gemacht, angeblich, um Paulinen zu gratulieren.

Frau Norden nahm die Hand ihrer Tochter und hätte sie beinahe in die des Majors gelegt.

»Ich habe Herrn Major von Waldenburg alles gesagt: daß Du zwar mit einem Skandal aus dem Hilmarschen Geschäft geschieden bist, daß Du aber ganz unschuldig gewesen seiest. Er glaubte mir und stößt sich nicht weiter daran.«

Pauline löste ihre Hand aus der der Mutter. Sie trat vor den Major hin und sagte gerade und ehrlich: »Ich habe ein schweres Unrecht an Ihnen begangen, Herr Major, indem ich Sie so lange glauben ließ, daß ich Ihre Frau werden könnte. Das war wirklich sehr schlecht von mir, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Aber gerade jetzt, im entscheidenden Augenblick ist es mir ganz klar geworden, daß ich Ihnen nicht angehören kann. Ich kann nicht, – bitte, glauben Sie es mir.«

»Sie lieben meinen Neffen?« meinte der Major, sichtlich enttäuscht.

Pauline lachte laut auf. »Nein, nein, Herr von Waldenburg, das ist es nicht. Ich habe keine Neigung für Ihren Herrn Neffen.«

Frau Norden suchte zu vermitteln. »Sie sehen, welch' ein Gänschen Pauline ist. Sie kennt die Liebe nur aus Romanen. Du solltest mit Deinen einundzwanzig Jahren doch wissen, mein Kind, daß man lieben lernt durch sanfte Gewöhnung, besonders bei einem solchen Manne, wie Herr von Waldenburg einer ist.«

»Ich glaube auch, daß ich das könnte,« versetzte Pauline, »wenn – mein Herz frei wäre!«

Sie atmete tief auf.

»Es muß heraus. Ich liebe einen anderen, liebe ihn mit ganzer Seele, liebe ihn bis zur Aufopferung meiner selbst und meiner Existenz. Suchen Sie nicht nach ihm in meiner Umgebung, er ist ferne, vielleicht unerreichbar, aber ich liebe ihn dennoch. – Ich werde alle Hindernisse besiegen oder untergehen. Aber zu einer Vernunftheirat bin ich nicht fähig.«

Die Mutter war ganz verblüfft. Sie wollte scheltend auf das junge Mädchen losfahren, der Major legte sich jedoch beschwichtigend ins Mittel.

»Pauline ist jung, ist exaltiert,« sagte der Major, »sie folgt einer augenblicklichen Erregung. Das alles wird vorübergehen, und Pauline wird vielleicht dann mich und das, was ich ihr biete, anders beurteilen lernen. Bis dahin hoffe ich. Allerdings, ich hoffte heute eine Braut hier zu finden, ich will mich aber vorläufig zufrieden geben, wenn Sie mir eine Freundin bleiben, Fräulein Norden.«

»So sprich doch wenigstens,« drängte die Mutter. »Welcher dummen Einbildung hängst Du denn nach?«

»Ich kann Dir das nicht sagen, Mutter, und auch dem Major nicht. Es ist ganz unnütz, in mich zu dringen.«

»Lassen wir sie,« meinte der Major und versuchte einen unbefangenen Plauderton anzuschlagen, aber es gelang ihm nicht, eine gleichgültige Konversation zu führen. Pauline war zu erregt, ihre Mutter zu ärgerlich, und er selbst doch auch zu tief gekränkt.

Er empfahl sich also und verabschiedete sich von Paulinen wahrhaft herzlich, worauf sie auch einging.

»Mit mir ist nichts zu beginnen,« sagte sie lächelnd. »Sie verlieren auch nichts an mir. Ich bin ein törichtes Ding, und es ist gut, daß Sie nicht alles wissen, was mir durch den Sinn geht.«

Er lächelte. – Wie reizend sie war, wie die offene Sprache sie kleidete. Sie würde eine vollendete Dame sein, geradezu Erfolge in seinen Gesellschaftskreisen haben; und er blieb dabei: »Ich hoffe noch immer.« –

Während Pauline und der Major miteinander sprachen, war der bisher fast unbeachtet gebliebene Oskar von Waldenburg an Frau Norden herangetreten und flüsterte ihr zu: »Der andere ist Karl Hilmar. Kein Zweifel, sie muß eine Gewißheit erhalten haben, daß er lebt. Aber – davon müssen wir sie heilen … Ich gehe direkt zur Polizei.«

Dann schloß er sich seinem Onkel an.

Pauline ließ beide gehen, von denen jeder im stillen noch hoffte. Fast ohne etwas zu erwidern, ließ sie Zorn und Jammer ihrer Mutter über sich ergehen. Kaum war diese aber in die Küche zurückgegangen, so öffnete sie ihren Schrank, entnahm demselben den von ihrer Tante geerbten Rock und zog aus einer darin verborgen angebrachten Tasche ein kleines Portefeuille, in dem sich zwei Hundertmarknoten befanden. Dieses Geld steckte sie zu sich, dann ging sie zu ihrer Mutter in die Küche.

»Liebe Mutter,« sagte sie, »was ich Dir vorhin verschwieg, war, daß Herr Hilmar mich zu sich beschieden hatte. Du siehst, daß er mir nicht zürnt. Er hat mir eine Empfehlung gegeben an einen Geschäftsfreund, wo ich eine gute, einträgliche Stelle erhalten könnte. Aber er wohnt in München. Ich wollte es Dir nicht gleich sagen, denn Du wirst mir grollen, daß ich Dich verlassen will. Aber es ist besser so, wenn wir uns zeitweilig trennen. Du wirst Dich dann nach und nach darein ergeben, daß ich Deinen Wunsch bezüglich des Majors nicht erfüllt habe. Bitte also, ergieb Dich in das Unvermeidliche und laß mich abreisen.«

Die Mutter widersprach und zankte noch eine Weile, aber sie sah, daß Pauline auch diesmal unerbittlich war.

Und wirklich, noch am selben Abend reiste das junge Mädchen nach München ab.

*

Die Baronin von Bötzow hatte sich hinausgestohlen, um dem drohenden Sturme zu entrinnen, denn ihr Gemahl konnte sehr heftig werden, ganz besonders aber, wenn die Rede auf seinen Schwiegersohn kam.

Hanna dagegen hielt tapfer dem Sturme stand. Soeben hatte man den Nachmittagskaffee eingenommen, das Gespräch kam auf den Intendanten, den Jugendfreund des Barons, welcher morgen in Berlin eintreffen sollte, um hier verschiedene Engagements für seine Bühne einzuleiten.

Mit unendlicher Vorsicht hatte Hanna das Gespräch auf Benno gebracht. Die Sache war sehr schwierig, denn der Vater wollte den Namen in seinem Hause gar nicht mehr nennen hören. Auf folgende Weise war der Konflikt zu dieser Höhe gediehen.

Nicht ohne Mühe war es Hanna gelungen, ihren Vater dazu zu bewegen, daß er sich zu Bennos Gunsten bemühe. Noch einmal hatte er sich dazu bereit erklärt, aber unter der Bedingung, daß bis zu einem bestimmten Termin, das heißt bis zur Ankunft des Intendanten in Berlin, wenigstens der erste Akt von Bennos Oper ganz fertig sei, und außerdem größere Bruchstücke von den folgenden Akten vollendet wären. Diese Bruchstücke lagen nun auch wirklich vor, aber der erste Akt harrte noch immer seiner Vollendung. Die ganze Sache war durch Hanna verhandelt worden. Benno war empört über die Zumutung, bis zu einem bestimmten Tage wie ein Handwerker oder Akkordarbeiter seinen ersten Akt fertig machen zu sollen. Hanna vermittelte, wie üblich, und es gelang ihr auch, für einige Tage ihn zu fleißiger Arbeit zu bewegen.

Aber auch diesmal war sein Fleiß nicht von Dauer gewesen, und zwar diesmal noch weniger, denn je zuvor. Er war seit einiger Zeit nervös aufgeregt, er schlief schlecht, verlor den Appetit, begann mehr zu trinken als sonst. Die offenbare Ursache davon war jener sein Gewissen belastende Selbstmord, obgleich Benno den Einfluß, den das tragische Ereignis auf sein Gemüt machte, gerne ableugnen wollte. Dennoch sah Hanna ein, daß es jetzt schwerer denn je sein würde, ihn zur Vollendung der gestellten Aufgabe zu bringen. Sie war in Verzweiflung. Sie konnte ihrem Gatten nicht einmal grollen, denn sie sah, wie die Gewissensbisse ihn verzehrten. Und sie ließen ihn auch gerade mit dem Finale des ersten Aktes nicht fertig werden. Anfangs war er über den Text entzückt gewesen, jetzt beklagte er sich darüber; er könne nichts daraus machen.

Hanna kannte die Ursache. In jenem Finale war die Rede von einem ähnlichen tragischen Ereignis, von einem Selbstmorde, und Benno wollte dieser Vorstellung um jeden Preis entrinnen, nicht sich darin noch mehr vertiefen.

Die Lage wurde immer trostloser. Der Termin nahte, an dem der Intendant eintreffen sollte, und Benno kam nicht vorwärts.

Schon längst herrschten wieder Not und Sorgen im Hause, denn die fünftausend Mark, die Benno damals im Spiel gewonnen, waren längst aufgezehrt, und gerade der Umstand, daß von dem Gelde nichts mehr vorhanden war, verhinderte auch Hanna und ihren Gatten, irgend welche Schritte zu tun, um wenigstens die Angehörigen des Selbstmörders zu versöhnen; woher hätten sie Geld nehmen sollen? – Bennos unglückliche Stimmung verhinderte ihn an Nebenverdiensten, mit seinem Verleger war er längst entzweit, und die Schulden drohten den jungen Hausstand zu erdrücken.

Eines Tages erschien ein Gerichtsvollzieher und versiegelte im Auftrage eines Gläubigers die eleganten Plüschmöbel des Salons. Hanna glaubte dies nicht überleben zu können. Der Beamte erschien ihr als ein Bote noch größeren künftigen Unheils, der sie um den Rest ihrer Fassung brachte. Dennoch erholte sie sich wieder und eilte zu Ihrem Vater; sie wollte das Aeußerste versuchen und die Summe, um die es sich handelte, von ihm erbitten. Ihr Vater wurde wütend, als sie das Geld von ihm verlangte: er erklärte helfen zu wollen, aber auf seine eigene Weise.

»Du bleibst hier,« sagte er, »denn Dein Mann kann Dich nicht mehr erhalten. Ich lasse auf der Stelle Deine Kinder holen, und die Sache ist abgeschlossen. Ich will Dir Deine törichte Eheschließung verzeihen, da ich sie ja leider nicht rechtzeitig verhindert habe; aber Du bleibst mit Deinen Kindern fortan in meinem Hause, wenigstens so lange, bis Dein Mann sich eine anständige Lebensstellung errungen hat.«

Hanna fügte sich, wiewohl mit blutendem Herzen. Was sollte sie auch tun? – Sie hatte wirklich mit ihren Kindern nichts mehr zu leben.

So blieb sie denn, auch die Kleinen kamen ins Haus, und Benno wohnte jetzt allein. Wie Hanna vorher heimlich ihre Mutter besucht hatte, so besuchte sie jetzt heimlich ihren Mann, was dem Vater natürlich verschwiegen wurde.

Es war traurig um Benno bestellt. Düster und mutlos saß er vor dem Klavier in dem einstmals so eleganten Salon, wo nur noch Spuren an den Tapeten die Stelle verrieten, an denen früher die schönen Plüschmöbel gestanden halten. Das Dienstmädchen war gegangen, da man ihr keinen Lohn mehr bezahlen konnte; eine Aufwärterin kam täglich, um Benno zu bedienen. Er begann sich zu vernachlässigen, während er sonst auf sein Aeußeres sehr viel gehalten hatte. Er schien mit einem Worte ganz in Hoffnungslosigkeit unterzugehen.

Die kleine leichtlebige Hanna war jetzt eine wahre Heldin geworden. Sie hörte bei ihren Besuchen nicht auf, ihn zu ermutigen, zu bitten, seinen künstlerischen Ehrgeiz anzustacheln, seine und die Zukunft seiner Kinder ihm vorzustellen. Aber das half immer nur ganz vorübergehend; das Uebel saß an einer Stelle, wohin ihr Trost nicht zu reichen vermochte. Das Gespenst des Selbstmörders wandelte bei Benno in dem verödeten Salon und ließ sich nicht bannen. Dagegen war nichts zu tun. –

So hielt Hanna heute noch einmal dem drohenden Sturme Trotz und versuchte es noch einmal, den Vater für Benno zu interessieren. Da der alte Herr geneigt schien, sie ruhig sprechen zu lassen, stellte sie ihm vor, welch' großes Talent Benno sei, daß es nur einer Ermutigung bedürfe, um ihn zur Höhe zu führen, und daß ein Musikverständiger, ein Sachkundiger, aus den vorhandenen Bruchstücken der Oper sich sehr wohl ein Urteil bilden könne; es bedürfe dazu gar nicht des fertigen ersten Aktes.

Ganz wider ihre Vermutung wurde ihr Vater nicht heftig, nicht böse: spielte ruhig mit dem Enkelsöhnchen, welches vor ihm auf dem Teppich herumkroch, und tat beinahe, als höre er Hanna gar nicht. Endlich, da sie alles vorgebracht, was irgend zu sagen war, sagte er kurz und bündig:

»Du mühst Dich umsonst. Du könntest gar nichts Klügeres tun, als Deinen Mann aufzugeben, denn er ist zu nichts zu gebrauchen. Es ist außer Frage, daß es ihm sehr leicht möglich gewesen wäre, bei einigem guten Willen den ersten Akt zu vollenden, wie ich es wünschte; meinet- und Deinetwegen hätte er das tun müssen. Es fehlt ihm aber an gutem Willen, an ernstem Streben. Ich habe ihn aufgegeben; es ist das Beste, Du tust desgleichen.«

Hanna schwieg. Sie sah, daß ihr Vater heute viel unerschütterlicher war, als wenn er früher geschrieen und gedonnert hatte.

Als der alte Baron sich jetzt erhob, sagte sie schüchtern. »Also, lieber Vater, gestatte mir noch ein letztes Wort. Wenn ich den fertigen ersten Akt brächte?«

»So werde ich Wort halten,« versetzte der Baron kurz und ging.

Hanna machte sich sofort fertig, um zu ihrem Manne zu eilen. Sie fand ihn schlafend auf dem Sofa im Schlafzimmer. Ach, und jetzt war sonst seine beste Arbeitszeit gewesen! Wahrscheinlich hatte er die Nacht in irgend einer Künstlerkneipe verbracht und verschlief jetzt die Arbeitszeit.

Ach, und wie blaß und verfallen er aussah, wie unordentlich seine Wäsche, wie schlecht sein Rock? Wirklich, es war bis zum Aeußersten gekommen.

Sie weckte ihn sanft; sie war unbemerkt eingetreten, da sie noch eine eigenen Korridorschlüssel besaß.

»Ach, Du bist es. Hannchen?« sagte er erfreut.

Er freute sich also, daß sie kam; das war ein gutes Zeichen. Sie brachte ihre Sache vor; er hörte sehr nachdenklich zu.

»Ja, mein Kind, an dem Finale habe ich so gut wie gar nichts weiter gemacht. Aber wenn ich die ganze Nacht daran setzte, so stimmte die Sache bis morgen. Es wäre auch nicht das erste Mal, daß ich so arbeitete. Ich komponierte früher immer so stoßweise, bummelte mal eine Weile und arbeitete dann, wenn ich in die Stimmung kam, alles auf, was ich mir selber schuldig war. Könnte ich nur in den Zug kommen, gewiß, ich brächte den Akt bis morgen fertig!«

Sie bat und flehte und schmeichelte, und er versprach auch alles zu tun, was möglich sei.

»Ich werde mir alle Mühe geben, werde sehen. Geh' Du nur ruhig nach Hause zu den Kindern; ich werde mich gleich hinsetzen und arbeiten, und vielleicht wird's diesmal.«

Er war ein Fatalist oder ein schwacher Charakter. Sie hatte jetzt soviel geistige Reife gewonnen, um das genau beurteilen zu können.

Er begleitete sie jetzt nach Hause, und sie sann und dachte, was sie noch tun könnte, um ihn bei guter Laune zu erhalten. Bei ihm bleiben? Das konnte und durfte sie nicht; der Vater war zu Hause geblieben, würde sie vermissen, die Wahrheit ahnen und sich von neuem erzürnen.

»Laß Dir eine Flasche Wein holen,« sagte sie jetzt; »wenn Du mit dem Gelde knapp bist, so kann ich Dir eine Kleinigkeit dazu geben.«

Sie wußte, daß ein Glas guten, schweren Weines ihn bei der Arbeit animierte.

Er nahm das Geld, wiewohl zögernd; er schämte sich, aber er nahm es doch, und von neuem versprach er ihr: »Ja, Dir zuliebe, Hannchen, werde ich mir alle Mühe geben.«

Sie nahmen zärtlich Abschied von einander, ganz harmlos warf er hin: »Ich gehe noch eine Flasche Wein trinken, und dann mache ich mich direkt an die Arbeit.«

Sehr bekümmert sah sie ihn gehen. So hatte sie's nicht gemeint. Wenn er in die Kneipe ging, war wohl alles verloren. Sie hätte ihm den Wein bringen und seine Begleitung gar nicht annehmen sollen. Nun aber ließ sich nichts mehr ändern. Sie hatte ja alles versucht, um sein besseres Selbst zu wecken.–

Es war am folgenden Vormittag zwischen zehn und elf Uhr. Hanna hatte soeben einen Vorwand gefunden, sich vom Hause zu entfernen: sie wollte zu Benno eilen. Da auf einmal, wachte oder träumte sie? – hörte sie draußen im Korridor seine Stimme. Was hatte das zu bedeuten, war irgend ein Unglück geschehen? Er hatte ja doch geschworen, das Haus seines Schwiegervaters nicht zu betreten, und er wußte, daß man ihm hier feindlicher gesinnt war, denn je.

Auch Baron von Bötzow horchte auf. Er hatte sich soeben von seinem bequemen Platz im Speisezimmer erhoben, die Zeitungen weggelegt, um sich fertig zu machen und auszugehen. Zu Mittag sollte sein Jugendfreund, der Intendant, eintreffen, und er beabsichtigte, ihn auf dem Bahnhofe zu empfangen. Da wurde hastig geklopft, und Benno trat ein. Mit lächelnder Miene ging er geraden Wegs auf den Baron zu.

»Wenn ich es wage, Schwiegervater,« sagte er, »zu Ihnen zu kommen, so glaube ich gerade heute ein Anrecht darauf erworben zu haben. Ich habe nämlich meinen ersten Akt in dieser Nacht vollendet. Wie Hanna mir mitteilte, wären Sie in diesem Falle bereit, mir zu verzeihen, das heißt, Sie wollten die Güte haben, mich Ihrem Freunde zu empfehlen. Ich habe die äußerste Mühe angewendet, um die Arbeit nach Ihrem Wunsche zu vollenden; ich hoffe, sie wird mir Ehre machen, und Sie werden mein Erscheinen in diesem Hause so aufnehmen, wie ich es meine, als einen Beweis meines redlichsten und besten Willens, mir fernerhin Ihre Zufriedenheit zu erringen.«

Hanna traute ihren Ohren, ihren Augen nicht. Das war wieder ihr Benno von früher: sorgfältig gekleidet, stramm, Selbstbewußtsein und jugendliche Kraft in Wesen und Haltung zeigend.

Baron Bötzow war überrumpelt worden, aber er sagte: »Gewiß, ich halte mein Wort, das tut ein Bötzow immer.«

Und er nahm die dargereichte Hand Bennos.

*

Der junge Mann legte auf den Eßtisch eine dicke Rolle mit Noten.

»Das ist der erste Akt; natürlich noch keine Rede von Instrumentierung, aber er ist fertig, vollkommen fertig durchkomponiert. Es ging auf einmal, ich weiß gar nicht wie; es kam über mich wie eine Erleuchtung.«

»Hoffen wir, daß die Erleuchtung anhält, und daß wir noch alle gute Tage erleben,« sagte der Baron, noch ein wenig zurückhaltend, aber sichtlich erfreut. »Ich sehe ja, Sie sind in Besuchstoilette und können also gleich mitkommen, meinen Freund zu empfangen.«

»Herzlichsten Dank!« versetzte Benno erfreut. »Ich muß nur einen Augenblick mit meiner Frau sprechen.«

»Und ich will mich inzwischen fertig machen,« sagte der Baron und verließ das Zimmer.

Hanna fiel ihrem Gatten mit Freudentränen um den Hals: »Benno, Benno, ist es denn wahr? Ist es möglich? Wie hast Du das angestellt?«

»Ahnst Du es denn nicht, Hanna?« sagte er.

»Was soll ich ahnen?«

»Er lebt!« –

Mehr brauchte Benno nicht zu sagen, denn er – das war ja der vermeintliche Selbstmörder, das war sein Partner vom Spieltisch.

»Er lebt?« wiederholte sie grenzenlos erstaunt. »Ist das möglich? Wie konntest Du denn vorher Dich so täuschen?«

»Das weiß ich selbst nicht, wie es gekommen ist,« erzählte er. »Es ist mir nicht ganz klar, ob es ein anderer ist, der sich wirklich erschossen hat, so daß überhaupt ein Mißverständnis obgewaltet, oder ob der junge Mann einen Selbstmordversuch gemacht hat und gerettet wurde. Ich habe ihn ja nur im Klub gesprochen, ziemlich flüchtig. Also die Sache ist mir nicht ganz klar, aber – er lebt, das ist sicher. Ich komme gestern hin, um eine Flasche Wein da zu trinken, da tritt mir ein schwarzbärtiger, junger Mann entgegen und ruft freudig: »Welch' ein glücklicher Zufall! Ich komme eigens hierher, um Sie zu treffen, und da erscheinen Sie auch wie auf ein Stichwort.«

»Sie irren sich wohl in der Person, mein Herr,« versetzte ich. Zwar der junge Mann schien mir bekannt, aber an meinen Partner dachte ich nicht, ich hielt ihn ja doch für tot. –

»Ich habe vor ungefähr Jahresfrist fünftausend Mark an Sie verloren,« versetzte der andere, »und Sie erinnern sich meiner gar nicht mehr? – Sie sind undankbar!«

Ich prallte zurück und stotterte: »Ich wollte Ihnen Revanche geben, auf Ehre! Habe Sie monatelang schmerzlich gesucht – man hat mir gesagt, Sie seien –«

Er wehrte ab. »Ich weiß alles, was man gesagt hat, und ich kam hierher geflissentlich, um Sie über das alles zu beruhigen. Denn glauben Sie mir, ich bin Ihnen sozusagen zu Dank verpflichtet, daß Sie mir damals das Geld abgenommen haben.«

»Sie scherzen,« versetzte ich, »oder verzeihen Sie, Sie sind nicht ganz nüchtern.«

»Doch, doch,« entgegnete er, »es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich bin ein anderer Mensch geworden in jedem Sinne.«

Ich schlug mich vor die Stirn. »Das will ich auch werden!« sagte ich zu mir selber. Auf der Stelle wollte ich umkehren: da fiel mir ein, daß ich ihm doch noch Revanche bieten müsse. Ich tat es.

»Kann ich nicht annehmen,« versetzte er. »Ich habe mir selbst gelobt, niemals mehr eine Karte zu berühren.«

»Sie haben recht,« entgegnete ich; »ich habe mir übrigens dasselbe gelobt. Nur Revanche wollte ich Ihnen geben.«

»Also die Sache ist erledigt!«

»Und weißt Du, Hannchen, in den Klub gehe ich im Leben nicht mehr. Ich habe mich nämlich dort sehr lächerlich gemacht.«

»Wieso?« meinte sie verwundert.

»Ich habe den Mann vor Freuden umarmt und geküßt. Ich glaube, sie werden mich dort für verrückt halten. Ich aber bin so vernünftig geworden. Ich ging nach Hause, arbeitete die ganze Nacht in einem Zuge durch bis zum Morgen, und hier bin ich. Mein erster Akt ist fertig und er ist gelungen. Das darf ich mit Selbstbewußtsein sagen!«

*

Pauline saß in einem Frauencoupe dritter Klasse. Wenn sie es sich richtig überlegte, so erschien sie sich selbst wie eine Wahnsinnige; zum mindesten war der Schritt, den sie unternommen, sehr unweiblich. Aber sie bereute ihn nicht, sie konnte ja nicht anders; sie hatte sich nun einmal von den normalen Verhältnissen losgemacht, sie trieb weiter, wie fortgerissen von einem wilden Strom. Ein einziger Augenblick war entscheidend gewesen für ihr Leben. Damals hatte sie den festen Boden unter ihren Füßen verlassen, den natürlichen Stützpunkt, auf dem ihre ganze Existenz ruhte; seither ließ sie sich von den Eingebungen ihres leidenschaftlichen Herzens bestimmen, ohne zu wissen, was aus ihr werden sollte. Sie ging eine Stelle suchen, aber wohin? Ja, eine Stelle; das hatte sie ihrer Mutter gesagt. Eine Stelle vielleicht im Starnberger See, wenn ihre Reise ganz fruchtlos blieb. Das schwebte ihr so vor, seit sie jüngst eine Zeitungsnotiz gelesen, derzufolge sich im Starnberger See eine Mutter mit ihrer Tochter ertränkt hatte, weil sie keinen Raum mehr fanden unter den anderen, den glücklicheren Menschen.

Vorläufig schwebte ihr nur das eine vor: sie wollte, sie mußte endlich Gewißheit haben, ob Karl lebe. – Jener Geldbrief war aus München gekommen, und auch der junge Brennus, der von Karl wissen sollte, lebte in München. Wenn irgendwo die ersehnte Gewißheit zu finden war, so war es dort, und das törichte Mädchen reiste in dieser Ueberzeugung in die fremde Stadt, in der sie nie gewesen war und in der sie keine Seele kannte.

Aber verständig wie Pauline bei aller leidenschaftlichen Romantik ihres Herzens doch war, sagte sie sich auch selbst, daß dieser Schritt im höchsten Grade unpassend für ein junges Mädchen sei. Sie reiste einem Manne nach, dem nachzuforschen sie kein Recht hatte. Zu dem sie nie in einem innigeren Verhältnis gestanden. Wenn er noch am Leben war, so liebte er wahrscheinlich noch Josepha – oder irgend eine andere. Aber sie wollte ja auch nur das eine wissen, ob er überhaupt noch lebe – nichts weiter. Dann würde sie ihm schreiben, daß – – ja, was eigentlich? Sollte sie ihm Josephas Untreue verraten? Das wäre unwürdig gewesen. Was also hatte sie ihm überhaupt zu sagen?

Pauline war abends von Berlin abgereist. Ihre geschwätzigen Mitreisenden schliefen einer nach dem andern ein; nur sie wachte und starrte hinaus in die Nacht, in den gestirnten Himmel.

Sie war ein hübsches, liebenswertes Mädchen, das wußte sie. Warum jagte sie einem Phantom nach? Sie preßte die Hände auf das wildpochende Herz: wohin, wohin hatte es sie getrieben?

Beim grauenden Morgen entschlummerte sie ein wenig und wurde überrascht durch die Ankunft in München.

Mit ihrem kleinen Handköfferchen ging sie in den dem Centralbahnhof gerade gegenüber gelegenen »Deutschen Kaiser«, und ließ sich dort ein kleines, bescheidenes Zimmerchen, mehrere Treppen hoch aufschließen. Es ging nach einem düsteren Lichthof, aber was fragte sie danach? Sie wusch sich, machte etwas Toilette und stieg die drei Treppen wieder hinab.

Als praktische Berlinerin war sie sich vollkommen klar über den ersten Schritt, den sie zu unternehmen hatte. Sie mußte nach dem Polizeibureau. Nur dort konnte sie mit voller Gewißheit erfahren, ob Karl Hilmar in München sei. Achtlos und unaufmerksam für ihre Person, aber im übrigen genau, gab ihr der Portier den Weg an, den sie zu nehmen hatte, um nach dem Polizeigebäude zu gelangen.

Nach zwei- oder dreimaligem Fragen fand sie das große, imposante Polizeigebäude, einen Rohziegelbau mit mächtigem Portal. Man wies sie nach einem Bureau, worin über die Einwohnerschaft Münchens Buch geführt und jede nur wünschenswerte Auskunft erteilt wird.

Es war ein kleiner, halbdunkler Raum, den eine Gasflamme erhellte. Auf einem einfachen Schreibpulte lag ein ganzer Block Zettel, worauf die Fragesteller Namen, Charakter und sonstige Daten desjenigen zu schreiben hatten, dessen Wohnungsadresse sie zu erfahren wünschten. Mit einem Dutzend anderer Fremder drängte sich Pauline an das Pult und schrieb mit bebender Hand den Namen Karl Hilmar auf einen Zettel; die sonstigen Rubriken, den Namen ausgenommen, mußte sie offen lassen; sie wußte nicht, welchen Beruf er hier betrieb oder wo er vorher gewesen sei. Mit den andern gab sie den Zettel an einem Schalter ab und wartete nun auf Antwort.

Eine reichliche halbe Stunde verging, dann wurden an einem anderen Schalter die Zettel den Harrenden zurückgegeben; sie enthielten die gewünschten Antworten. Pauline, zaghaft, mutlos vor der zu erwartenden Entscheidung, war die letzte, die an den Schalter trat. Sie erhielt ihren Zettel zurück mit der Bemerkung: »Polizeilich nicht gemeldet.« –

Karl Hilmar war also nicht in München oder hielt sich nicht unter seinem wirklichen Namen auf. Sie stand bestürzt. Da sie die letzte der Auskunft Suchenden gewesen war, fand sie Gelegenheit, noch einmal an den Schalter heranzutreten, um den Beamten um Auskunft zu bitten, ob der Gesuchte überhaupt nicht im Laufe des letzten Jahres in München gewesen sei – wenn sich das feststellen lasse.

Es mochte etwas in ihrer zitternden Stimme, in ihren angstvollen Blicken liegen, was den Beamten rührte, denn er gab ihr den Rat, in ein anderes Bureau zu gehen, sich auf ihn zu berufen und dort die gewünschte Auskunft zu erbitten.

Pauline tat es. Was konnte ihr geschehen? Man konnte sie höchstens unfreundlich hinausweisen, daran lag ihr heute nichts.

Sie fand einen dicken, ältlichen Herrn, der sie freundlich anhörte.

Derlei Auskünfte lägen der Polizei nicht ob, meinte er; wohin sollte man kommen, wenn man sich auf derlei einließe? Aber das eine Mal mochte es denn sein.

»Uebrigens, mein liebes Kind,« fügte er hinzu, »wenn Sie Ihren Liebsten oder Bräutigam auf diesem Wege suchen, so ist die Sache schon schlimm. Das kann Ihnen nichts nützen. Tun Sie sich lieber nach einem Ersatz um, das wird Ihnen sicher nicht schwer werden.«

Pauline lächelte mit bleichen Lippen. Sie mußte sich derlei gefallen lassen, sie mußte froh sein, daß der dicke Herr ihren Wunsch zu erfüllen bereit war. Er schlug in verschiedenen Büchern und Registern nach und erklärte dann: »Ein Karl Hilmar ist auch im Verlauf des ganzen verflossenen Jahres in München nicht gemeldet worden.«

Das Mädchen stammelte einige Dankesworte und ging. Nun stand sie aus dem Max-Joseph-Platz dem Hoftheater gegenüber. Sie merkte gar nicht, wie die Tränen über ihre Wangen rannen; ein unsäglicher Jammer zerwühlte ihre Brust. Karl Hilmar war nicht hier, oder wenn er hier war, so vermochte sie ihn nicht zu finden. Sie war ohnmächtig, enttäuscht, vernichtet.

Und auf einmal kam ihr der Gedanke an den jungen Brennus, dessen sie in der ersten Erregung gänzlich vergessen. Er sollte ja etwas von Hilmar wissen. Den jungen Brennus mußte sie jetzt noch aufsuchen. Sie nahm die erste beste Droschke und ließ sich nach der königlichen Akademie der bildenden Künste beim Siegestor fahren.

Sie fuhr durch die stille, prächtige Ludwigstraße, an dem schönen Siegstor vorbei, und dann hielt der Wagen vor dem stattlichen Monumentalbau der Kunstakademie. Pauline stieg die breiten Marmorstufen empor.

Der elegante Pförtner maß sie mißtrauisch und hochmütig. Auch das mußte sie sich gefallen lassen, warum hatte sie sich auf das Abenteuer eingelassen?

Brennus, ja – Brennus – wer könne wohl sagen, wo Herr Brennus wohne, meinte der Mann.

Er ging in seine Loge und schlug ein Register auf. Dann nannte er eine Nummer in der Leopoldstraße, die nach der jetzt München einverleibten früheren Vorstadt Schwabing vom Siegestor hinausführt, und wandte ihr den Rücken.

Sie ging, das Haus konnte unmöglich weit vom Siegestor entfernt sein. Sie schickte die Droschke fort und suchte die angegebene Nummer. Es war eine kleine Villa mit Vorgarten. Der junge Brennus wohnte offenbar elegant und komfortabel, bei einer adeligen Witwe, wie man ihr sagte; dort solle sie ihn erfragen.

Sie stieg eine Treppe in dem fremden Hause empor und klingelte. Ein Dienstmädchen öffnete und blickte sie wieder sehr mißtrauisch an, als sie nach Herrn Brennus fragte. Wie schrecklich ihr das war, überall so angesehen zu werden! – Aber die Leute hatten ja im Grunde recht; ein ehrbares Mädchen forscht ja für gewöhnlich nicht in dieser Weise einem jungen Manne nach.

Ja, Herr Brennus wohne hier, erklärte das Dienstmädchen, aber ihre Madame stelle beim Vermieten der Zimmer die Bedingung, daß die jungen Herren niemals Damenbesuche empfingen. Das Fräulein wolle sich also gar nicht weiter bemühen. Und das Dienstmädchen wollte die Tür zuschlagen. Mit energischem Griff aber verhinderte Pauline ihr Vorhaben.

»Ich beschwöre Sie, mich mit Ihrer Herrin sprechen zu lassen,« rief sie; »ich kenne den Herrn Brennus gar nicht persönlich, es ist eine wichtige Auskunft, die ich von ihm zu erbitten habe.«

Ihr zuversichtlicher Ton stimmte das Mädchen um, und wie wohl zögernd, wandte sie sich doch, um die Dame vom Hause zu rufen.

Nach einer kleinen Weile erschien zwar nicht die Frau des Hauses, wohl aber ein junges, sehr excentrisch gekleidetes und sehr schönes Mädchen, welches Paulinen natürlich wieder sehr mißtrauisch musterte.

»Was wünschen Sie denn von Herrn Brennus?« fragte das Fräulein scharf.

Paulinen stieg das Blut in die Wangen. Es war gar zu schrecklich, immer so behandelt zu werden. Aber sie mußte sich bezwingen und standhalten. Ernst und würdig brachte sie ihre Bitte vor, den jungen Brennus einen Augenblick sprechen zu dürfen, um von ihm eine wichtige Auskunft zu erhalten.

»Herr Brennus ist nicht da,« versetzte das Fräulein. »Sagen Sie mir nur genau, was Sie von ihm wünschen.«

Pauline erklärte, dies nicht so kurz angeben zu können, und das Fräulein fuhr fort: »Sie sind wohl die verlassene Braut, von der er spricht?«

»Die bin ich nicht,« entgegnete Pauline energisch. »Ich wiederhole, was ich schon zu Ihrer Dienerin sagte, daß ich Herrn Brennus gar nicht kenne und nur eine Auskunft von ihm wünsche über einen seiner Freunde, der verschollen ist, und dessen Familie die betreffende Nachricht von Herrn Brennus zu erhalten hofft.«

Die junge Dame schien einigermaßen beruhigt. Pauline sah ja auch sehr anständig aus, drückte sich aus wie ein gebildetes Mädchen; und ihre Nachfrage galt ja auch eigentlich einem anderen. Das Fräulein ließ sich also herbei, zu erklären, daß Herr Brennus jetzt nicht da sei, aber im Laufe des Nachmittags wohl nach Hause kommen und dann zu sprechen sein würde.

Pauline ging mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Sie begab sich in ihr Hotel, genoß in der Restauration desselben eine Kleinigkeit und legte sich dann auf ihr Bett, um ein wenig zu schlafen. Nachmittags vier Uhr begab sie sich von neuem auf den Weg nach der Leopoldstraße.

Nachdem sie in der kleinen Villa geklingelt hatte, erschien wieder das junge, schöne, auffällig gekleidete Fräulein und berichtete, Herr Brennus sei inzwischen zu Hause gewesen; man habe ihm mitgeteilt, daß eine fremde junge Dame ihn zu sprechen wünsche, und auch in welcher Angelegenheit. Die Sache schien ihn nicht überrascht zu haben, aber er habe auf der Stelle erklärt, daß er die gewünschte Auskunft weder erteilen wolle, noch könne. Er bitte recht sehr, ihn nicht weiter zu behelligen, ihn mit der Sache in Ruhe zu lassen.

Das schöne Mädchen erklärte das mit solcher Bestimmtheit, und mit solcher ersichtlichen Genugtuung, daß Pauline an der Wahrheit ihrer Worte nicht zweifelte. Sie ging, auf das tiefste entmutigt.

Ihr war doch sofort klar, sie müsse den jungen Brennus unter allen Umständen sprechen, auch gegen seinen Willen. Das war sicherlich schwer, aber doch nicht unmöglich.

Nochmals zu dem Pförtner der Akademie zu gehen, um ihn zu bitten, ihr den jungen Brennus zu zeigen, das ging nicht, das gewann sie nicht über sich. Der hochmütige Türsteher, der sie vorhin schon so mißtrauisch angesehen, würde auch ihren Wunsch wohl schwerlich erfüllt haben.

Vielleicht – mußte sie dann wieder denken – wäre es am besten für sie, die »Stelle« zu suchen, sogleich hinauszufahren nach Starnberg, an den berühmten See, wo auch der unglückliche König Ludwig II. geendet. Diese Vorstellung reizte Paulinens romantischen Sinn. Aber das blieb ihr noch immer als letzter Ausweg. Vorher mußte sie noch eine Unterredung mit jenem Brennus erzwingen.

Aber wie war das nur zu ermöglichen? –

Wieder stand sie ratlos vor der Kunstakademie, wo jüngere Herren aus- und eingingen. Den ersten besten von ihnen zu fragen, ob er ihr nicht seinen Kollegen Brennus zeigen könne? Das gewann sie nicht über sich; so oft sie es versuchte, einem der jungen Akademiker in den Weg zu treten, wurde sie von mädchenhafter Scham gelähmt. Es war zu zudringlich, es sah zu unweiblich aus.

Aber da sah sie einen ganz alten Herrn vorsichtig die breiten Marmorstufen heruntersteigen, den wollte sie fragen. Sie trat ihm in den Weg, mit erhobenen Händen, mit flehendem Blick stammelte sie: »Verzeihen Sie und halten Sie mich für keine Unwürdige, wenn ich es wage, Sie zu fragen, ob Sie keinen Akademiker namens Brennus kennen.«

Der alte Herr stutzte, schien einen Augenblick unangenehm berührt; aber es mochte in Paulinens Ton, in ihrem Blicke etwas liegen, was ihn rührte, und er sagte freundlich: »Ja, ich kenne einen jungen Akademiker dieses Namens.«

»Es ist keine frivole Absicht,« stammelte Pauline, »in der ich den jungen Herrn zu sprechen wünsche; es handelt sich um eine Angelegenheit auf Tod und Leben. Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein Herr, geben Sie mir ein Mittel, einen Weg an, damit ich Herrn Brennus sprechen kann!«

Der alte Herr zögerte noch immer und musterte prüfend das junge Mädchen, aber diese Prüfung mußte wohl zu Paulinens Gunsten ausgefallen sein, denn er zog jetzt eine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus, auf welcher er einige Worte kritzelte.

»Ich will es wagen, liebes Kind, obgleich Ihre Bitte sehr abenteuerlich klingt. Aber ich vertraue Ihnen, Sie scheinen ehrbar und anständig zu sein. Kommen Sie heute abend in die Künstlerkneipe »Atelier« in der Amalienstraße, und weisen Sie diese meine Karte vor. Darauf wird man Sie ohne weiteres einlassen. Es ist eine lustige aber anständige Gesellschaft, die Sie da finden werden; gerade heute ist Damenabend. Herr Brennus pflegt immer zu erscheinen, es wäre ganz merkwürdig, wenn er heute fehlen sollte.«

Pauline nahm dankend die Karte. »Aber ich kenne Herrn Brennus nicht,« sagte sie schüchtern, »habe ihn nie gesehen. Ich suche nur eine Auskunft von ihm zu erlangen über einen andern.«

Diese Worte schienen den alten Herrn noch mehr zu beruhigen. »Es wird Ihnen nicht schwer sein, zu erfahren, welcher von den jungen Herren Brennus ist; man wird ihn Ihnen zeigen. Seien Sie nur ganz ruhig. Meine Karte wird Ihnen unbedingt Einlaß verschaffen.«

Darauf ging er weiter. Pauline hatte noch einige Dankesworte gestammelt und dann erfreut und beruhigt das Kärtchen zu sich gesteckt. Sie begab sich in ihr Hotel zurück, um noch ein wenig zu ruhen, und dann ihre einfache Toilette, so gut es ging, zurechtzumachen. –

Es war acht Uhr geworden, die Stunde, welche der alte Herr – der Name, der auf der Karte stand, war Paulinen gänzlich fremd – genannt hatte. Sie nahm ihren Mantel und verließ das Zimmer, um unten eine Droschke zu suchen.

Als sie in den Wagen stieg und die Adresse der Kneipe nannte, war sie sich der Gefahr bewußt, in welche sie sich begab …

Es war das reservierte Zimmer eines Bierrestaurants, in welches man Pauline wies. Der alte Herr hatte recht gehabt; man ließ sie aus Grund seiner Karte sofort in die geschlossene Gesellschaft ein.

Sie konnte sich kein rechtes Urteil bilden über diese Gesellschaft. Vielleicht waren es bessere, anständige Modelle, die hier verkehrten, vielleicht auch Frauen oder andere weibliche Angehörige der Künstler. – Man schwatzte, lachte, spielte Klavier. Es war eine ganze Menge junger Herren anwesend, die Pauline nicht weiter ins Auge faßte, denn, wie gesagt, sie kannte ja Herrn Brennus nicht.

Auch sie wurde von niemanden beachtet.

Inzwischen war ihr ein schönes, junges Mädchen aufgefallen, in sehr kleidsamer Toilette; es war eine Art griechisches Kostüm, das sie trug und das ihr wundervoll stand. Pauline erkannte die junge Dame, es war das Fräulein aus dem Hause, in dem Brennus wohnte. Höchstwahrscheinlich war nun der junge Mann auch nicht weit.

Man begann soeben auf dem Klavier eine Tarantella zu spielen. Ein junger Herr, den Pauline nur von rückwärts sah, faßte die Hand des schönen Mädchens im griechischen Kostüme und schien mit ihr tanzen zu wollen. Da sagte eine der älteren Damen neben Pauline: »Richtig, da tanzt Herr Brennus wieder mit seiner Ariadne.«

Ohne Rücksicht auf ihre Umgebung stieß Pauline plötzlich einen Schrei aus. Sie stürzte vor, mitten unter die fremden Menschen hinein, denn der junge Mann, der »Ariadne« zum Tanze führte, war – Karl Hilmar.

»Karl Hilmar!« schrie sie, sich selbst vergessend, in das Getöse hinein.

Er stutzte, horchte auf.

Auch Pauline stutzte einen Augenblick. Er trug jetzt einen Vollbart und schien ihr überhaupt sehr verändert. Aber Karl war es dennoch, auf den ersten Blick hatte sie ihn erkannt. Verwundert, aber ruhig wandte er sich nach jener Ecke, aus welcher sein Name erschollen war. Dann lächelte er und sagte: »So, so – es ist um mein Inkognito geschehen! Wie, Fräulein Norden, Sie sind es? Ja, um des Himmels willen, wie kommen Sie denn hierher? Sie sind doch nicht unter die Modelle gegangen? Und warum so aufgeregt?«

»Herr Karl Herr Karl –« stammelte sie, mühsam nach Fassung ringend. Beinahe wäre sie ihm zu Füßen gefallen; aber sie bezwang sich und stand ihm jetzt Aug' in Auge gegenüber.

»Ich heiße hier Brennus, Fräulein,« sagte er, »es ist mein Künstlername. Ich hatte mein Ehrenwort gegeben, mich für die Dauer eines Jahres bei meinen Angehörigen in Berlin nicht zu melden. Sie aber, Fräulein Pauline, wie – ja, ich fasse gar nicht –«

»Wir hielten Sie für tot,« stotterte das junge Mädchen, »und so kam es, daß mich Ihr Anblick so sehr überraschte.«

Pauline glaubte vor Scham in die Erde zu sinken, denn sie bemerkte jetzt, wie alle sie anstarrten, wie viele über sie lachten. Die schöne »Ariadne« fixierte sie höhnisch. Trotzdem empfand Pauline aber gleichzeitig auch etwas wie himmlische Seligkeit. Ja, der Himmel schien sich zu öffnen, und seine goldenen Glücksstrahlen über sie auszuschütten, denn Karl lebte!

*

Was Karl Hilmar nun Paulinen noch an demselben Abend erzählte, in jener Kneipe, an dem Tische, wo sie ursprünglich Platz genommen hatte, während niemand mehr auf die beiden achtete, war ungefähr folgendes:

Ja, er hatte damals gespielt. Anfangs, da er – wie seine Angehörigen wußten – in Künstlerkreisen verkehrte, war er verführt worden. Niemals war er so recht zufrieden gewesen in dem Hause seiner Pflegeeltern und am allerwenigsten in dem Bronzewarengeschäft. Er suchte sich zu zerstreuen, zu betäuben.

Allerdings, als er sich damals in Josepha verliebt hatte, war ihm kurze Zeit zu Mute, als sei jetzt alles gut. Aber bald gärte wieder das heiße Blut in ihm. Die Ruhe, die Gleichförmigkeit in dem Hilmarschen Hause schien ihm unerträglich, und wieder suchte er heimlich allerlei Zerstreuungen auf, immer wieder reizte ihn das Spiel.

Einmal – er gestand es offen – war er leicht berauscht gewesen und hatte in diesem Zustande eine Spielschuld auf sich geladen. Ratlos und verzweifelt wollte er sich seiner stets gütigen Tante anvertrauen und ihre Hilfe erbitten: aber er fand dann doch nicht den Mut dazu, auch vermutete er bei ihren Gewohnheiten und ihrer Praxis, die er genau kannte, daß sie ihre Zinsen noch nicht behoben habe.

So nahte schon der Tag, der äußerste Termin, wo er seine Schuld zu begleichen hatte. Nun faßte er den Mut, sich seiner Tante anzuvertrauen. Aber gerade damals hatte die Tante das Haus für kurze Zeit verlassen. Er war allein im Comptoir, der Schlüssel zu ihrer Kasse steckte im Schloß.

Anfangs wollte er nur hineinblicken, ob die Tante bereits im Besitz ihrer Zinsen sei. Wider sein Erwarten lag das Geld in der kleinen Handkasse, und nun überkam ihn die teuflische Versuchung. Das Geld nehmen – seine Schuld bezahlen – mit dem Rest spielen – vielleicht gewinnen – und die Summe unvermerkt wieder in die Kasse zurücklegen – das wollte er.

Er war freilich nicht so töricht, sicher auf einen Gewinn zu rechnen, aber für den ungünstigen Fall wußte er einen Wucherer, von dem er das Geld geliehen erhalten würde, um es in die Kasse zurückzulegen, und es blieb ihm die peinliche Beschämung erspart, sich seiner Tante anzuvertrauen.

An den Wucherer hatte er vorher nicht gedacht; jetzt erst im letzten Augenblick erinnerte er sich, daß ein ihm befreundeter junger Musiker ihm die Adresse angegeben hatte. Er nahm das Geld aus der Kasse und machte sich auf den Weg, um zunächst einen Geschäftsgang für seinen Onkel zu besorgen. Nachdem er das getan hatte, begegnete er ganz zufällig jenem jungen Musiker, der ihm die Adresse des Wucherers angegeben. Der junge Komponist hatte bisweilen mit ihm gespielt und merkwürdigerweise bisher immer und immer ohne Ausnahme verloren. Alle Spieler sind Fatalisten. Der junge Mann schien wohlhabend: wie man erzählte, hatte er reiche Schwiegereltern. Und daher kam Karl auf den Gedanken, mit ihm zu spielen, auf der Stelle; er würde vielleicht gewinnen und seine Spielschuld von dem Gewinnste bezahlen, zugleich auch das Geld seiner Tante zurückerstatten können.

Es war nicht schwer, den Musiker zum Spielen zu verlocken. Sie begaben sich sofort in den ihnen bekannten Spielsalon und setzten sich an den grünen Tisch. Es war aber zu sonderbar, heute ging es gerade umgekehrt! Karl verlor und verlor immerzu, und sein Partner gewann unaufhörlich. Karl hatte früher schon gehört, in einem solchen Falle müsse man die Sache forcieren. Verzweiflung überkam ihn, eine unsinnige Angst, eine Art Betäubung. Er vermochte sich nachträglich gar nicht zu erklären, wie alles eigentlich gekommen sei. Genug, er verlor die ganze Summe.

Mit leeren Händen stand er da. Er vermochte weder seine Spielschuld zu bezahlen, noch die entwendete Summe in die Kasse seiner Tante zurückzulegen. Und diese furchtbare Wendung in seinem Geschick hatte sich sozusagen im Handumdrehen vollzogen. Die Schande war furchtbar, es schien ihm unmöglich, das alles zu überleben, seinen Pflegeeltern und seiner Braut wieder unter die Augen zu treten.

Ohne daß er getrunken, überkam ihn eine Art Rausch, der Rausch der Verzweiflung. Er verlor jede ruhige Besinnung. Er hatte nicht nur Geld eingesetzt, sondern seine ganze Existenz, und er hatte verloren.

Ihm blieb nichts übrig als der Tod. Unmöglich war es ihm, in das Haus seiner Braut zurückzukehren, und was sollte er sonst beginnen, ohne Geld, ohne Hilfsquellen? Seine ganze Existenz wurzelte ja in dem Hause Hilmar, und jetzt war alles zu Ende, alles verloren. –

Mit dem letzten Gelde, das er in einer Seitentasche seines Rockes fand, kaufte Karl sich einen Revolver. Ohne zu überlegen, ohne zu zaudern, wollte er ein Ende machen. Sein Leben war ohnehin verfehlt.

Wie ein Wahnsinniger rannte er in den Tiergarten hinaus, suchte eine einsame Stelle in der Nähe des Neuen Sees, hielt den Revolver gegen die Schläfe und feuerte ab.

Anfangs umfing ihn wohltuende Bewußtlosigkeit. Als er erwachte, war ihm wüst im Kopf, er empfand einen bohrenden Schmerz in der Schläfe und saß in einer ganz langsam im Schritt fahrenden eleganten Kutsche, während ein wildfremder alter Herr mit seinem Arm ihn stützte. Allerdings war ihm, als hätte sich schon vorher jemand über ihn gebeugt, mit ihm gesprochen: aber das alles erschien ihm nur wie ein wüster Traum. Erneute Bewußtlosigkeit überkam ihn.

Endlich kam wieder eine bestimmte Vorstellung. Eine fremde Stube, ein Arzt mit Instrumenten, eine Wärterin und derselbe alte Herr aus der Kutsche.

Es war Nacht – die Nacht nach jenem Unglücksabend – als er für eine Weile zu vollem Bewußtsein kam. Der fremde Herr saß an seinem Bette; Karl begriff, daß jener ihn gerettet, ihn fortgebracht hatte und ihm Hilfe angedeihen ließ. –

»Ich bitte, ich flehe Sie an,« stammelte er, »lassen Sie mich ruhig sterben. Ich habe mein Leben verwirkt, kann nicht mehr zu den Meinen zurückkehren und wüßte nicht, was ich mit dem neuen Leben beginnen sollte.«

»Was haben Sie getan? – Sagen Sie es kurz!« fragte der fremde Herr.

»Einen dummen Streich gemacht, Geld verspielt, welches nicht mein war – genug, es ist nicht gut zu machen,« stammelte Karl.

Der fremde Herr drang nicht weiter in ihn und bat ihn, sich zu beruhigen und einzuschlafen.

Karl war zu matt, um aus seinem Willen zu bestehen. Was sollte er jetzt auch tun, um zu sterben? Er konnte nur geduldig warten, bis der Tod Mitleid mit ihm hatte und ihn holte. So oft er zum Bewußtsein kam, bat er immer wieder von neuem, man möge ihn sterben lassen. Es war immer der fremde alte Herr da, oder eine Wärterin, oder auch ein weißhaariger alter Diener.

Immer wieder, so oft er zu sich kam, lag Karl in Sterbegedanken. Aber man ließ ihn nicht sterben, und er mußte sich's gefallen lassen, unter der sorgfältigsten Pflege langsam zu genesen. Nachdem die erste Erregung bei ihm verflogen war, als er die Vergeblichkeit seines Selbstmordversuches erkannte, überfiel ihn eine Art von apathischer Müdigkeit; er ließ mit sich geschehen, was man wollte.

Nach und nach kehrte ihm das volle Bewußtsein der Wirklichkeit zurück. Er bemerkte, daß jener alte Herr ihn auf eigene Rechnung und Gefahr gerettet und gepflegt und dem Leben wiedergegeben hatte; noch hatte er keine Ahnung, warum. – Seine Bitten um Aufklärung wies man zurück; er solle sich schonen.

Eines Tages erklärte ihn der Arzt für hergestellt. Neue Lebensfreudigkeit war trotz aller schrecklichen Erinnerungen in Karl wieder erwacht, jene halb unbewußte Lebensfreude, die jeder Rekonvaleszent kennt. Er bekam tüchtigen Hunger, er freute sich am Sonnenschein, an den noch immer grünen Bäumen des Gartens, an dem Duft der letzten herbstlichen Blumen, an der bloßen Empfindung, zu leben. Er war ja jung, das Leben in ihm siegte über den Tod.

An einem wunderschönen Herbsttage, draußen in dem reizenden Garten, ließ sich sein Gönner zu einer Erklärung herbei. Er hatte ganz zufällig auf einer Spazierfahrt durch den Tiergarten, auf das Geräusch des Schusses in das nahe Gebüsch eilend, den Sterbenden gefunden, ihn in seinen ganz in der Nähe haltenden Wagen geladen und, vorerst einem Gebote der Menschlichkeit folgend, den Verunglückten in sein Haus gebracht.

»Denn,« sagte Herr Brennus – so hieß Karls Wohltäter – »der Fall rief eine Erinnerung wach an ein Unglück in meiner eigenen Familie. Darum, lieber junger Freund, wollte ich Sie nicht dem ersten, besten Schutzmann, der ersten besten Sanitätsstation übergeben; formell hätte ich damit meine Menschenpflicht ja auch erfüllt gehabt.«

Er drang in Karl, ihm seine Geschichte zu erzählen; und dieser tat es. Unter diesen seltsamen Umständen, ganz und gar losgetrennt von seiner früheren Umgebung, legte Karl eine ausführliche und durch und durch aufrichtige Generalbeichte ab; er enthüllte sein Innerstes, verschwieg nichts, beschönigte nichts und legte sein ganzes inneres und äußeres bisheriges Leben dar.

»So jung hat man nicht das Recht, freiwillig zu sterben,« sagte Herr Brennus. »Man hat vorher die Pflicht, ein begangenes Unrecht, und sei es selbst ein Verbrechen, wieder gut zu machen, mit aller Kraft zu sühnen. Und das sollen Sie, ich will ihnen dazu behilflich sein. Aber natürlich, die Wiedergeburt muß aus Ihrem eigenen Innern erfolgen, Sie selbst müssen ein neuer, ein besserer Mensch werden. Wenn Sie das vermögen, wenn Sie meine Erwartungen erfüllen, so werden Sie mir, einem alten, einsamen, von schwerem Leid gebeugten Manne, eine wahrhaftige Herzensfreude bereitet haben.«

Und nun enthüllte Herr Brennus seinen Plan. Er legte seinem jungen Schützling ein volles Probejahr auf. Karl sollte, seinen ursprünglichen Leistungen entsprechend, sich künstlerisch ausbilden, aber nicht in Berlin, sondern in München. Das ganze Jahr hindurch sollte er seinen Angehörigen, seiner früheren Umgebung kein Lebenszeichen geben. Hatte er sich bis dahin musterhaft verhalten, Fleiß und redliches Streben an den Tag gelegt, so würde Herr Brennus ihm die fünftausend Mark vorstrecken, um das entwendete Geld zurückzustellen; Karl durfte seinen Angehörigen ohne zu erröten ins Auge sehen, und – dies deutete sein Beschützer nur flüchtig an – er würde alsdann sogar nicht abgeneigt sein, ihn zu adoptieren.

Was sollte Karl tun? Von neuem war die Lust zum Leben in ihm erwacht, ihm bot sich ganz unerwartet die Möglichkeit, nicht nur seine Schuld zu sühnen, sondern ein schöneres Leben, als das vergangene zu beginnen, ein Leben, welches seinen ursprünglichen Neigungen und Anlagen viel mehr entsprach. Er gelobte in die Hand seines Freundes, das Probejahr auf sich zu nehmen, und das nach bestem Wissen und Gewissen durchzuführen.

Am Abend desselben Tages, als Karl mit Herrn Brennus im Garten promenierte, gelangten sie an die offene Tür eines Gartensalons. Herr Brennus führte ihn hinein und enthüllte ihm das schwarz verhangene Bild eines schönen Knaben.

»Es ist mein einziger, früh verstorbener Sohn,« sagte er.

Ueberrascht forschte Karl nach dem Datum und nach den Umständen jenes Todesfalles, und Herr Brennus erzählte nun, daß sein einziger Sohn, der auch Karl geheißen, sich mit zwanzig Jahren getötet habe, ebenfalls, weil er einen sogenannten dummen Streich begangen. Auch er hatte gespielt und eine große Summe verloren. Sein strenger Vater wollte die Schuld nicht gelten lassen, der junge Mann sollte nach und nach durch Sparsamkeit und zurückgezogenes Leben die Summe erübrigen und zurückstellen. Karl Brennus aber hatte sein Ehrenwort verpfändet, und in einem Augenblick der Verzweiflung machte er seinem Leben ein Ende, indem er sich erschoß.

Der unglückliche Vater erzählte Karl Hilmar jenen Vorgang in ganz kurz abgebrochenen Sätzen, mit rauher, gepreßter Stimme, anscheinend ohne innere Gemütsbewegung zu verraten. Karl aber begriff jetzt alles. Er sollte diesem Vater, der sich offenbar in Gewissensbissen verzehrte, den verlorenen Sohn ersetzen. Und in dieser Stunde gelobte sich der junge Mann im tiefsten Innern, diese schöne, ihm wie vom Himmel zugefallene Mission zu erfüllen.

»Und,« sagte er zu Paulinen, »ich habe mein Wort gehalten. Aber es war nicht so leicht, als ich an jenem Abend glaubte!«

Karl Hilmar war dann nach München gekommen, und unter dem Namen Brennus – wie vorläufig sein Künstlername lauten sollte – in das Atelier eines hervorragenden Professors der Kunstakademie eingetreten. Das neue Leben gefiel ihm. Natürlich regte sich anfangs wohl, wenn auch ganz leise, das Heimweh, die Sehnsucht nach seiner früheren, so plötzlich verlassenen Umgebung. Weshalb aber hätte er im übrigen nicht zufrieden sein sollen? Was vor ihm lag, war ja so verlockend schön: eine künstlerische Laufbahn, seinem Sinn entsprechend, möglicherweise ein großes Erbe. Was hinter ihm lag, war eine düstere, schreckliche Erinnerung.

Aber eines Tages kam doch ein Umschlag in seine Stimmung. Er saß im Cafe Maximilian und las ahnungslos Zeitungen: da fiel sein Blick ganz plötzlich und unvorbereitet auf seine eigene, amtliche Todeserklärung. Ein eigentümlicher Schauer durchrieselte ihn: Karl Hilmar war also jetzt tot für die bürgerliche Welt, er wandelte umher wie sein eigenes Gespenst!

Ja, unheimlich wurde ihm zu Mute. Er sah das Haus, welches ihm ein Elternhaus geworden, im Geiste vor sich, den strengen, aber doch so liebevollen Pflegevater und Onkel, die gütige Tante, die schöne Josepha, seine Braut. Sie alle betrauerten ihn als tot, aber nicht wie einen Toten, dessen frühes Hinscheiden alle Fehler und Mängel seiner Persönlichkeit verklärt, es war der Dieb, der aus dem Leben geflohen war, weil ihn die Schande nicht weiter leben ließ. Er hatte die Wohltaten, die man ihm erwiesen, mit abscheulichem Undank belohnt – er hatte gestohlen. Das schöne Mädchen, das sich ihm verlobt hatte, verachtete ihn jetzt. Laut oder leise sagten sie sich in jenem Hause: »Es ist ein wahres Glück, daß er tot ist!«

Sie suchten ihn zu vergessen, sie versöhnten sich mit seiner Abwesenheit, lebten fort ohne ihn, vielleicht heiter, zufrieden. Und diese Vorstellung, daß man sein Andenken verfluchte, peinigte ihn bis zum Wahnsinn. Mehr als einmal war er nahe daran, sein Ehrenwort zu brechen, abzureisen, zu fliehen, Herrn Brennus zu verlassen und zu seinen Angehörigen zurückzukehren.

Dennoch blieb er; denn wie sollte er bei näherer Ueberlegung der Familie Hilmar entgegentreten? Er konnte das gestohlene Geld nicht ersetzen, er hatte nichts gesühnt, nichts abgebüßt; was sollte er ihnen also sagen? – Würden sie ihn auch nur im Hause dulden? – Nein, er würde mit Schmach und Schande aus ihrem Kreise gejagt werden. Hier aber, wenn er ausharrte, bot sich ihm die Möglichkeit, alles gut zu machen, was er verbrochen. Die vernünftige Erwägung siegte, und er blieb.

Die ersten Monate lebte er in strenger Zurückgezogenheit, arbeitete mit eisernem Fleiß und errang sich die Zufriedenheit seines Lehrers. Ein Glücksfall kam ihm alsdann zu gute. Er bewarb sich um einen akademischen Schülerpreis und gewann denselben: er hatte eine »Ariadne« modelliert, wozu die Tochter seiner Wirtin, ein besonders schönes Mädchen, ihm Modell gesessen hatte, es war ein ganz modernes Mädchen, aber mit einem echt klassischen Profil; es war ihm gelungen, dieses Gesicht in der glücklichsten Weise festzuhalten und durch sein Werk einen Erfolg zu erringen, um welchen ihn sämtliche Akademiker beneideten.

Er kam bald darauf mit Erlaubnis seines Gönners für einige Tage nach Berlin, natürlich ganz heimlich. Zum ersten Male sah er einen Ausdruck innerer Zufriedenheit auf dem Gesichte des Herrn Brennus. Ach, wie wohl ihm das tat! – Er hatte für die erdrückenden Wohltaten, mit denen der Freund ihn überhäufte, ihm doch auch eine Freude bereitet, ihm Ehre gemacht.

Während der wenigen Tage, die er in Berlin weilte, ging er auch durch die Leipzigerstraße und schlenderte, einen großen Kalabreser tief in die Stirn gedrückt, wohl eine Stunde in der Nähe des Hilmarschen Geschäftes hin und her. Da war alles wie gewöhnlich, nichts und niemand schien zu fehlen: einen Augenblick lang glaubte er durch die großen Spiegelfenster der Eingangstür, welche in das Geschäftslokal führte, die schöne Josepha zu sehen, wie sie mit einem großen, blonden jungen Manne plauderte. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen; vielleicht gab sie sich Mühe, den schmachbedeckten Dieb so rasch als möglich zu vergessen.

Wieder war er in Versuchung gewesen, sein Gelöbnis zu brechen, hineinzustürzen, sich zu erkennen zu geben; aber er bezwang sich. Man konnte ihn ja ins Zuchthaus schicken, wenn man wollte. – Ruhig und gelassen die Zähne aufeinanderbeißend, ging er zu seinem Wohltäter zurück. Aber schrecklich war doch die Vorstellung, die furchtbare Schmach auf seinem Namen dulden zu müssen. Ach, wie er die Tage zählte bis zur Vollendung seines Probejahres! – Denn er zweifelte nicht, daß Herr Brennus Wort halten und ihm auf unbestimmte Zeit die fünftausend Mark vorstrecken würde; er hatte den Mann als schrankenlos großmütig bereits kennen gelernt. So lange bis jener Augenblick der Sühne eintrat, war es besser, er galt für tot; man würde den Toten immer noch milder beurteilen als den Lebenden.

Wieder kehrte er nach München zurück in sein Atelier, zu seiner Arbeit. Er durfte sich sagen, daß er das seltene Vertrauen, welches sein Gönner in ihn, den Dieb, den Verbrecher, setzte, nicht getäuscht hatte. Er verhielt sich musterhaft, er arbeitete so fleißig, daß er, seine Vorstudien eingerechnet, in einem Jahre so viel erreichte, als andere in dreien. Sein Pflegevater war auch in der Tat höchlichst mit ihm zufrieden.

Das Probejahr neigte sich seinem Ende zu. Karl begann des Lebens von neuem froh zu werden und wieder zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Eines Tages würde er Josepha wieder entgegentreten dürfen, ohne zu erröten.

Noch war die Probezeit nicht ganz abgelaufen, als sein Pflegevater ihm ganz freiwillig die fünftausend Mark einhändigte, mit dem Bedeuten, sie an Herrn Hilmar zurückzuschicken. Karl tat es anonym, denn er wollte sich alle Auseinandersetzungen aufsparen, bis er persönlich erscheinen durfte, d. h., bis das Probejahr vollständig abgelaufen war. Aber er jauchzte, er jubelte innerlich, als er das Geld auf die Post trug. Er hatte nun wenigstens den verursachten Schaden ersetzt. Hatte er das Geld auch nicht selbst verdient, so hatte er sich doch so betragen, daß man es ihm ohne weiteres anvertraute. Es war selbstverdientes Geld, wenn auch in einem besonderen Sinne, unter besonders glücklichen Umständen.

»Und« – schloß er jetzt seine Erzählung – »demnächst bin ich meines Gelöbnisses entbunden; ich werde mich bei meinen früheren Pflegeeltern vorstellen und – ich bin überzeugt, Josepha ist mir treu geblieben. Es war nur ein Augenblick der Eifersucht, der mich überkam; Josepha mit ihrem keuschen, beständigen Herzen konnte sich nicht so rasch einem anderen zuwenden. Ich werde es versuchen, sie für ihre Treue zu belohnen.«

Nun faßte sich Pauline ein Herz.

»Sie sind im Irrtum,« sagte sie. »Josepha hat sich wenige Wochen nach Ihrem Verschwinden wieder verlobt. Ein fremder junger Mann, ohne Zweifel derselbe, den Sie neben ihr gesehen, erschien im Hause und behauptete, Zeuge Ihres Todes gewesen zu sein; wie ich glaube, war er sogar im Besitze eines Ringes von Ihnen, doch das weiß ich nicht genau. Er gewann die Liebe Josephas, wurde ihr Bräutigam und auch Ihr Nachfolger in Ihrer früheren Geschäftsstellung.«

Karl fuhr entrüstet empor: »So war es keine Täuschung? Ich glaubte mich zu entsinnen, daß ich einem fremden Manne, der mich im Tiergarten fand, den Türkisenring Josephas gegeben hatte; aber ich war nur bei halbem Bewußtsein, ich wußte nicht, was ich tat. Zwar der Ring fehlte mir nachher, aber ich konnte mich nicht mehr deutlich erinnern, was ich mit demselben begonnen hatte. Das Ganze erschien mir als eine Vorspiegelung meines verwundeten und überreizten Gehirns, und ich dachte, daß ich den Ring verloren hätte, oder daß er mir entwendet worden sei. Es ist unglaublich! Der Mann hat sich meines Ringes bemächtigt und ist in das Haus gedrungen mit der Kunde von meinem Tode – mit der fälschlichen Kunde, denn ich lebe ja. Aber ich will seinem Spiel ein Ende machen. Nur wenige Wochen fehlen noch an der Vollendung meiner Probezeit; ich bin überzeugt, daß mein neuer Pflegevater sie mir erlassen wird. Ich reise morgen nach Berlin.«

Und Pauline sah, wie er, erfüllt von der Vorstellung an Josepha, aufsprang, um sofort nach Hause zu gehen und seine Vorbereitungen zur Reise zu treffen. Sie mußte auch diesen bitteren Kelch bis zur Neige leeren.–

Karl hatte sich rasch von ihr verabschiedet und sie in der Gesellschaft, sehr gegen ihren Willen, dem Schutze seiner Wirtin übergeben. Plötzlich erinnerte sich Pauline mit Schrecken der bedrohlichen Worte Waldenburgs, seiner Anspielungen auf eine Denunziation. Wer konnte wissen, welcher schrecklichen Gefahr Karl in Berlin entgegenging?

Rasch entschlossen riß sie ein Blatt aus ihrem Notizbuche und schrieb mit Bleistift einige Worte darauf. Sie warnte Karl und bat ihn, seine Abreise nach Berlin doch ja zu verzögern, bis sie selbst ihm noch weitere Aufklärungen, oder auch er persönlich sich solche verschafft habe. In der dringendsten Weise bat sie, bevor sie sich verabschiedete, Karls Wirtin und deren Tochter, ihm sofort nach seiner Heimkehr das Billet zu übergeben. Die beiden Damen versprachen es, denn sie hatten schon die Ueberzeugung gewonnen, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handelte.

Am folgenden Morgen, als Pauline sich zur Abreise rüstete, erschien ein Dienstmädchen bei ihr im Hotel und brachte ihr ihr eigenes Billet zurück. Sie berichtete im Auftrage ihrer Dienstgeberin, daß Herr Karl Brennus in der Nacht abgereist sei, bevor die beiden Damen ihn noch sprechen konnten.

Sofort sandte Pauline darauf noch ein kurzes anonymes Warnungstelegramm an den alten Hilmar.

*

In der Villa Brennus war die Tafel festlich gedeckt, zwar nur für zwei Personen, aber auch dies konnte als festliches Ereignis gelten, denn jahrelang hatte der Besitzer des reizenden Anwesens allein bei Tische gesessen. Karl Brennus war aus München plötzlich angekommen und war von seinem Pflegevater freudig aufgenommen worden.

Brennus und sein Pflegesohn hatten jetzt an der Tafel Platz genommen und saßen einander gegenüber.

»Ich muß es einmal aussprechen,« sagte der Alte, »es ist Dir zu gut gegangen, mein Junge! Du hattest Dich immerhin eines schweren Vergehens schuldig gemacht – gegen Deine Familie ebenso, wie gegen das Gesetz. Wenn man jene wenige Stunden der Todesangst an jenem Abend, da ich Dich fand, abrechnet, so bist Du ohne Strafe, ohne Buße davongekommen. Aber ich hoffe, das wird sich weiter an mir und an Dir nicht rächen. Du hast jenen Fehltritt nicht gebüßt, aber ich glaube. Du hast ihn dennoch wirklich überwunden, wärest nicht fähig, jemals einen ähnlichen zu begehen. Für bessere Naturen, wie die Deine, kann ein glückliches Ausnahmsschicksal zu einer hohen Verpflichtung werden, welche sicherer läutert als Strafe und Buße.«

Mit tiefer Bewegung hatte Karl zugehört; jetzt stimmte er freudig und begeistert bei: »Ja, das sagte ich mir auch – täglich! Mir ist's zu gut gegangen! Aber ich habe mir's gelobt, ich will's nachträglich verdienen! Ich möchte mir eines Tages sagen können: zu viel des Guten war es nicht! – Du bist es wert geworden.«

»Lange zu, Karl,« sagte Brennus.

Der junge Mann aß mit jugendlichem Appetit, indes der Alte sich bedächtig die feinsten Bissen auswählte.

»Ich selbst,« fuhr der letztere fort, »habe ja wie ein romantischer Tor gehandelt. Als ich damals im Tiergarten den Schuß hörte, meinen Wagen verließ und hinzueilend Dich fand, da war ich im ersten Augenblick einer Ohnmacht nahe. Der Anblick überwältigte mich beinahe; er erinnerte mich an das furchtbarste Unglück meines Lebens. Aber schon meine nächste Eingebung war: »Du willst den jungen Mann retten um jeden Preis!« So habe ich's gemacht, und heute hoffe ich, es ist vollkommen geglückt. Du hattest aus bloßem Leichtsinn gefehlt, wie so viele Deines Alters, und in diesem Falle war es ein Glück, daß Du der vollen verdienten Strafe entrückt wurdest – sie hätte Dich vielleicht zermalmt!«

Da trat der alte Diener mit betroffener Miene ein und meldete, zwei fremde Herren wären hier und wünschten Herrn Karl Hilmar zu sprechen.

Karl erblaßte. Auch über des Alten Gesicht zog es wie eine schwere Wolke; aber sein Auge suchte doch den gesenkten Blick Karls, als wollte er den erschreckten jungen Mann ermutigen. Nur mühsam erhob sich Karl und begab sich in das Nebenzimmer, in welchem man ihn erwartete.

»Sie sind Herr Karl Hilmar,« trat ihm einer der beiden entgegen, eine militärische Erscheinung von guter Haltung. »Ich bin der Polizeileutnant des Reviers – ich wollte kein Aufsehen erregen und kam deshalb in Zivil. Nehmen Sie, bitte, von diesem Haftbefehl Kenntnis, und machen Sie sich fertig, uns zu folgen. Ich hoffe, daß Sie mir meine Pflicht nicht erschweren werden, mache Sie aber darauf aufmerksam, daß ich nicht ohne ausreichende Begleitung kam.«

Karl warf einen Blick auf das in rotem Umschlage befindliche Aktenstück; er taumelte nur eine Sekunde zurück, so daß der zweite der Herren, offenbar ein Subalternbeamter, eine Bewegung machte, als wolle er ihm zu Hilfe kommen. Nun richtete er sich fest auf, er schien mit sich im klaren zu sein.

»Wollen Sie nur gestatten, daß ich Hut und Ueberrock nehme,« sagte er mit bleichen Lippen, aber doch bestimmten Tones; »wir können dann gleich aus diesem Zimmer durch den Garten gehen.«

Der Leutnant verneigte sich leicht, und Karl schritt an ihm vorüber, in das dritte in gleicher Flucht belegene Gemach – in jenes, das der Erinnerung an den Sohn des alten Brennus gewidmet war.

Der zarte Sinn des feinfühligen alten Herrn hatte sich hier in einem kleinen Zuge betätigt: von dem Bilde Karl Brennus' war der Trauerflor entfernt – Karl Hilmars Pflegevater hatte keinen Sohn mehr zu betrauern.

Gerade unter dem Bildnis befand sich, wie Karl wußte, jenes kleine Tischchen, auf dem der Pistolenkasten stand … Entschlossen schritt er darauf zu. Noch war es Zeit, ein Ende zu machen, der Schande zu entgehen.

Brennus hatte an der halb offenen Tür des Speisezimmers alles gehört. Die Sache war allzu klar: Karl wurde wegen des begangenen Diebstahls verhaftet und zur Rechenschaft gezogen. Aber er wußte auch genau, daß Karl in jenem Nebenzimmer weder Hut noch Ueberzieher verwahrte. Eine unheimliche Ahnung bemächtigte sich seiner. Mit drei Schritten war er an den Beamten vorüber und an der Tür, die zu dem Zimmer seines verstorbenen Sohnes führte. Aber diese Tür war verschlossen.

»Karl! Karl!« rief er angstvoll. Keine Antwort erfolgte.

Der Polizeileutnant war beunruhigt herangetreten; beide Männer rüttelten an der Tür – das Schloß gab nicht nach – drinnen blieb alles still.

»Ich weiß einen Ausweg,« rief jetzt Brennus. Mit der Behendigkeit eines Jünglings war er hinaus. Er hatte richtig vermutet: Karl hatte die zweite, in den Garten führende Tür nicht verschlossen. Sie war nur eingeklinkt, und im nächsten Augenblick entriß Brennus dem jungen Mann die Pistole, die dieser eben geladen hatte, und warf sie in weitem Bogen nach dem Garten hinaus.

»Du darfst nicht,« flüsterte er mit furchtbarem, eindringlichem Blick. »Solch eine Kugel ist keine Sühne! Trage wie ein Mann die Folgen! Büße! Sühne!«

Mit entschiedener Gebärde erfaßte er Karls Arm, schloß die Verbindungstür auf und führte ihn dem Polizeileutnant entgegen.

*

In der Nacht, die diesem so heiter begonnenen Tage folgte, litt Karl in dem Untersuchungsgefängnis alle Qualen der Hölle. Zu plötzlich, zu schrecklich war das rächende Verhängnis über ihn hereingebrochen. Sein Onkel mußte ihn angezeigt haben – wer sonst?

Des gemeinen Diebstahls angeklagt, überwiesen – deshalb abgestraft – damit war sein ganzes Leben zertrümmert, seine Laufbahn unmöglich geworden. Die Mauern dieser Gefängniszelle trennten ihn von allem, was er gehofft, was er geliebt, was ihm das Leben schön und wert gemacht hatte.

Nein, das war nicht zu ertragen, das konnte er nicht überleben! Aber seine Vernehmung wollte er abwarten, er wollte erfahren, warum diejenigen, die ihn einst liebten, so unbarmherzig an ihm gehandelt hatten. –

Am folgenden Morgen wurde er vor dem Untersuchungsrichter geführt, und man wollte eben in das Verhör eintreten, als dem Richter jene Notiz des vernehmenden Kriminalbeamten in die Augen fiel, nach welcher Karl Hilmar tot sein sollte.

»Ich will doch hoffen,« sagte der Richter zu seinem Schreiber, »daß wir den Rechten haben!«

»Davon können sich der Herr Rat leicht durch eine Konfrontation überzeugen: der Bestohlene sitzt im Zeugenzimmer.«

Und man rief den alten Hilmar herein.

Karl sprang auf, wie vom Blitz getroffen. Einen einzigen kurzen Augenblick lang hatte er sein Vergehen vergessen; die alte Liebe siegte – er machte eine Bewegung, als wolle er dem Alten um den Hals fallen.

»Nun,« meinte der Richter befriedigt, »die beiden scheinen sich zu kennen!«

Plötzlich aber kam es dem jungen Manne ins Bewußtsein, daß sein Onkel ihn denunziert haben mußte. Bleich und regungslos blieb er stehen.

Dem alten Manne stürzten die Tränen aus den Augen. Den Totgeglaubten so plötzlich vor sich zu sehen, schon das hätte genügt, ihn zu erschüttern. Und nun gar an dieser Stelle! Der arme Junge hatte wohl leichtsinnigerweise irgend etwas angestellt, oder war doch wohl das Opfer einer Verkettung unglücklicher Umstände geworden. Denn sein Karl, der Karl, den er herangebildet hatte, der konnte nicht ernstlich von dem Pfade der Ehre abweichen.

»Armer Junge,« rief er, an allen Gliedern zitternd, »was haben sie gegen Dich angezettelt? Sie haben Dich doch nicht etwa abermals im Verdacht …

Der Untersuchungsrichter unterbrach ihn.

»Sie sollen hier der Wahrheit gemäß bekunden, ob dieser Mann identisch ist mit jenem, der Sie bestohlen hat!«

»Aber ich bin ja gar nicht bestohlen worden,« rief der alte Herr entrüstet, »und am wenigsten von meinem Pflegesohn Karl Hilmar! Ich habe diese Erklärung schon einmal abgegeben; nur glaubte ich damals, meinen Pflegesohn nicht lebend wiederzusehen.«

Kopfschüttelnd sah der Richter bald den einen, bald den andern, bald wieder seine Akten an.

»Ist denn nicht bei Ihnen gestohlen worden?« fragte er Herrn Hilmar.

»Nein,« wiederholte Hilmar, und einen Augenblick zögernd, setzte er hinzu: »Mir hat allerdings einmal eine nicht unbedeutende Summe gefehlt: aber fast in demselben Augenblick, da ich sie vermißte, wurde sie mir vollkommen unberührt wieder erstattet.«

»Nun, das ist doch wohl durch diesen Karl Hilmar geschehen!« forschte der Beamte, dem eine Ahnung von der Sachlage zu kommen schien.

»Gott bewahre!« beteuerte Herr Hilmar. »Meinen Sohn mußte ich damals für tot halten! Er steht in gar keiner Beziehung zu der Angelegenheit.«

»So wollen Sie also niemand anders beschuldigen?«

»Ich denke nicht daran! Ich beschuldige niemand! Ich habe ja auch gar keine Anzeige erstattet, weil ich tatsächlich keinerlei Grund dazu habe, jener Person, die mich einen Augenblick beunruhigte, ernstliche Unannehmlichkeiten zu bereiten. Vor allem aber steht mein Pflegesohn hier gänzlich außer Frage!«

»Aber diese Denunziation bezeichnet ihn doch ganz deutlich. Sehen Sie selbst!«

Und der Richter zeigte dem alten Herrn ein Schriftstück, das von der Hand seines Kommis Waldenburg herrührte; der kleine rachsüchtige Nebenbuhler Karls und Armins hatte offenbar von dem Inhalte jener Depesche Kenntnis erhalten und durch eine erneute Anzeige die Verhaftung Karls herbeigeführt.

Mit starrem Erstaunen las Herr Hilmar die anonyme Anzeige; er konnte sich die Sache nicht zusammenreimen. Nur soviel war ihm klar, daß hier eine schändliche Niederträchtigkeit begangen worden war …

Wenige Minuten später verließen die beiden Hilmar gemeinsam das Verhörzimmer: Karl war auf der Stelle freigelassen worden.

Nur mühsam beherrschte sich der junge Mann, bis man das Moabiter Kriminalgericht verlassen hatte. Dann aber fiel er dem alten Herrn in tiefster Bewegung um den Hals.

»Vater,« rief er, »Vater – wie soll ich Dir danken!«

Verwundert, betreten, mit starrem Blick sah ihn der Alte an. Wofür dankte ihm Karl? Daß er, Hilmar, die Wahrheit gesagt hatte? Oder war es etwa nicht die Wahrheit …

Er wandte kein Auge von ihm, als er jetzt anhub: »Pauline hatte mich bestohlen – in einem Augenblick der Verblendung!«

»Pauline?« schrie Karl entsetzt.

»Ja, aber sie hat das Geld nicht angerührt, sondern mir den vollen Betrag erstattet, als ich ihn eben vermißte.«

Dem jungen Manne fiel es wie Schuppen von den Augen. Das war also die Erklärung: »Pauline!« Aber die heutige Nacht war nicht ohne tiefen, läuternden Eindruck auf ihn geblieben. Nein – auf einer Schuldlosen sollte seinetwegen kein Makel haften – nimmermehr? Und er raffte sich zusammen.

»Vater,« begann er, tief Atem schöpfend, »Vater Pauline ist es nicht gewesen!«

»Pauline nicht?« fragte der Alte mit erstauntem Blick.

»
Ich, Vater – ich war es!« stieß Karl hervor. »Und wenn jenes arme Mädchen freiwillig meine Schuld auf sich nahm, so – weiß ich nicht, womit ich das verdient habe!«

Herr Hilmar war ganz betroffen stehen geblieben.

»Du – wirklich Du?« keuchte er: »das ist erbärmlich!« Und er ließ seinen Pflegesohn mitten auf der Straße stehen und schritt davon.

Karl sah ihm nach mit tränenfeuchten Augen. Der alte Mann verachtete ihn, verließ ihn – er, der bis heute an ihn geglaubt hatte!

So war doch noch ein furchtbares, entsetzliches Gericht über ihn ergangen.

*

Im Hilmarschen Hause war man mit den letzten Vorbereitungen zur Hochzeit des jungen Paares beschäftigt. Trotzdem wollte die rechte Feststimmung nicht aufkommen. Allerdings, Josepha und ihre Mutter waren ahnungslos heiter und glücklich, denn sie hatten auch nicht die leiseste Vorstellung von den Sorgen und Kämpfen, welche auf dem Herrn des Hauses und auch auf Armin Bode, dem Bräutigam, lagen. Die beiden Frauen wußten nichts von Karls Diebstahl und von den anderen Vorfällen, die sich an sein Verschwinden knüpften. Josepha war die glücklichste Braut, die sich denken ließ. Vorherrschend ernst geartet, wie sie war, nahm sie auch jetzt keinen Anstoß an der ernsten Stimmung ihres Bräutigams, er gefiel ihr so wie er war. Frau Hilmar selbst war niemals eine feine Beobachterin gewesen, und wenn die Stirne ihres Mannes jetzt oft umwölkt war, wenn Armin manchmal nicht ganz so fröhlich und sorglos schien, wie es einem glücklichen Bräutigam zukam, so meinte sie einfach: »Es sind Geschäftssorgen; die Geschäfte gehen schlecht, und meinem Manne fällt durch die Verheiratung Josephas eine bedeutende Last zu.«

Armin Bode bemühte sich, so viel er konnte, die schwere Last, die auf seiner Seele ruhte, zu verbergen. Er hatte das dunkle Vorgefühl, daß ein schweres Unwetter im Anzuge war und sich entladen mußte. Karl Hilmar lebte und würde eines Tages auftauchen, das war ja außer Zweifel für ihn, wenn er alle die vorhergehenden Symptome in inneren Zusammenhang brachte.

Und eines Vormittags kam der erste Blitzschlag, der die Entladung des Gewitters ankündigte.

Ein Telegramm war eingetroffen. – Das war nichts Seltenes. Herr Hilmar war augenblicklich nicht anwesend, und Bode, der schon als Chef betrachtet wurde, hatte den Auftrag, in diesem Falle Telegramme, Eilbriefe usw. die einliefen, zu öffnen. Das Telegramm war anonym und lautete: »Karl Hilmar wird in den nächsten Tagen erscheinen. Es ist wohl besser für Sie, wenn Sie auf dieses Ereignis vorbereitet sind.«

Nun, vorbereitend hatte die Depesche freilich gewirkt, wenn auch ganz und gar nicht in dem Sinne, in welchem die Absenderin derselben, Pauline, dies gewünscht hatte. Im Gegenteil, die drohende Wolke über dem Hause Hilmar schien sich noch zu verdichten. Immerhin hatte die neuerliche Vorladung, die gestern dem alten Hilmar zugestellt wurde, ihn nicht mehr so überrascht, wie jene erste. Es konnte sich wieder nur um Karl handeln.

Armins Ahnung aber wurde durch das Telegramm zu vollständiger Gewißheit. Ja, es hatte so kommen müssen. Erst das Verschwinden des Sterbenden – dann der Fremde, der nach dem Türkisenringe fragte – dann die anonyme Geldsendung – jetzt das Telegramm, und morgen würde Karl Hilmar selbst erscheinen!

Als sein Chef zurückkehrte, war Armin Bode mit sich klar geworden.

»Ich trete selbstredend zurück,« sagte er, »wenn Herr Hilmar sich durch mich geschädigt glaubt. Mein Verschulden war klein, aber ich will es büßen, wenn auch die Strafe außer Verhältnis sein dürfte zu dem Maße meiner Schuld.«

»Warten wir es ab,« sagte Hilmar.

Er verschwieg die Scene bei Gericht; dagegen schrieb er einige Worte an Pauline; sie mußte ja Karls Adresse wissen. Sie möge veranlassen, daß Karl ihn, den alten Hilmar, trotz des Vorgefallenen besuche. Er sagte sich: Frau, Tochter und der zukünftige Schwiegersohn mußten sich doch mit der Tatsache, daß Karl lebe, abfinden. Karl müßte Josepha freigeben und Armin brüderlich die Hand reichen. Die Diebstahlsgeschichte sollte mit dem Schleier der Vergessenheit bedeckt werden.

Es waren schwere, drückende Tage, die unmittelbar auf die Begegnung bei Gericht folgten.

»Vielleicht kommt er gar nicht,« sagte Hilmar zu Armin. Dieser aber zweifelte nicht, daß Karl sich einfinden würde.

Und er kam. Es war am Vormittag eines der nächsten Tage, als ein junger, bärtiger Mann, den die Bediensteten des Geschäfts nicht gleich erkannten, mit der Miene eines zum Hause Gehörigen das Geschäftslokal durchschritt und in das Comptoir eintrat.

Herr Hilmar und Armin Bode saßen dort und warteten auf ihn in fieberhafter Unruhe.

Der alte Mann erhob sich und öffnete ihm seine Arme. »Da bist Du ja!« rief er ihm entgegen.

Er hatte sich die Sache inzwischen so zurechtgelegt, daß Pauline die Hauptschuldige blieb. Sein Karl, den er selbst erzogen, konnte es doch nicht sein. Er wollte nur das arme Mädchen schonen.

»Onkel! Vater!«« stammelte Karl. »Du hassest mich nicht? Wie ist das möglich?«

Während er sich mit Schmach und Schande bedeckt glaubte, hatte ein Schutzgeist für ihn gewaltet, jeden Verdacht von ihm abgelenkt, den entstandenen Schaden gedeckt. »Hier ist das Geld aus München noch unberührt,« sagte der Alte, das Originalkuvert aus seinem Pulte hervorholend. »Hier, wenn Du der Absender bist, so steht es zu Deiner Verfügung. Der Schaden den ich erlitten habe, ist wirklich gedeckt.«

Karl stand eine Weile, suchte sich zu fassen, drückte die Hände vor die Augen, dann rief er: »Das Geld gehört Paulinen, mein Wort darauf. Ich selbst will es ihr bringen. Und Dir, Onkel, alles erklären, bis es mir selbst ganz klar wird. Das Schicksal hat wunderbar mit uns gespielt. Ich bin ein Begnadeter und muß lange leben, um das alles zu verdienen, was der Himmel mir ohne mein Verdienst zugewendet hat. Die Folgen meines frevelhaften Leichtsinns sind gut gemacht. Aber ich muß mich dennoch dessen anklagen, ich war ein Verbrecher, Onkel; ich will's nicht leugnen, aber ich will's gut machen.«

»Und Sie,« wandte er sich jetzt zu Armin, dessen Augen aufleuchteten, »auch Sie haben ein Verbrechen begangen. Sie sind Armin Bode, nicht wahr? Sie haben mich moralisch gemordet, denn Sie haben meinen Platz eingenommen; Sie haben mich für tot ausgegeben, während ich noch lebte.«

Mit mannhafter Fassung hörte Armin den schweren Vorwurf an.

»Ich habe Sie für tot gehalten, ich glaubte, Sie sterben zu sehen. Es war ein Irrtum, aber kein Verbrechen. Aber wie ich Herrn Hilmar bereits früher erklärte, ich will weichen und entsagen, wenn Sie es von mir verlangen.«

»Regt Euch nicht auf, Kinder,« wandte sich Hilmar beschwichtigend zu den beiden. »Armin will und kann ich nicht mehr entbehren, er ist mein zweites Ich geworden; ich bin alt und möchte das Geschäft ohne seine Hilfe gar nicht mehr fortführen.«

»Und ich, lieber Onkel,« versetzte Karl, »ich könnte nicht mehr Dein Gehilfe werden. Das liegt hinter mir wie ein Traum, wie etwas längst Ueberwundenes. Verzeihe, daß ich so offen spreche, Du wirst später erfahren, wie sich mein Leben gewendet hat. Aber in das Comptoir kann ich nicht wieder zurück.«

»So will ich Tante und Josepha auf Dein Erscheinen vorbereiten,« sagte Hilmar. »Folge mir nach einer kleinen Weile.«

Er ging die Treppe hinauf.

Die beiden jungen Männer blieben allein in dem engen Raum und maßen sich mit düsteren Blicken, ohne ein Wort zu wechseln. Es war ein seltsames Geschick, welches zwischen ihnen waltete. Zum dritten Male trafen sie sich – immer nur für einen Augenblick – unter den seltsamsten Umständen, während ein zwischen Tod und Leben schwankendes Verhängnis bald für den einen, bald für den anderen zu entscheiden schien. Sie hatten einander nichts Böses getan, nie etwas Böses gegen einander geplant, sie kannten sich kaum und dennoch standen sie sich als Rivalen gegenüber.

Es dauerte nicht lange, so kam Hilmar zurück. »Meine Frau und Josepha erwarten Euch,« sagte er.

Und nun stiegen sie alle drei hinauf in die wohlbekannte, etwas altmodische und philiströse Wohnstube, die so gar nicht nach ungewöhnlichen Konflikten und seltsamen Ereignissen aussah.

Frau Hilmar und Josepha waren freudig erregt, angenehm überrascht, daß Karl so plötzlich zurückkehrte. Von einem Konflikt hatten sie kaum eine unbestimmte Ahnung. Karl war nicht tot gewesen, war gerettet worden – sie freuten sich darüber. Das war alles.

Lächelnd trat Josepha den beiden jungen Männern entgegen.

Armin nahm zuerst das Wort. Er zog den Türkisenring vom Finger und überreichte ihn Josepha.

»Es war ein Irrtum,« sagte er schwer atmend; »Ihr erster Bräutigam ist nicht tot.« Er nannte sie »Sie«, während sie sich schon seit langer Zeit duzten. »Ich stelle Ihnen Ihren Ring zurück, wenn Sie es verlangen!«

»Was fällt Dir ein?« sagte Josepha ruhig. »Hier, nimm den Ring wieder. – Lieber Karl,« sagte sie, zu diesem gewendet, »ich bin überzeugt, Du wirst mir nicht grollen. Hättest Du mich so sehr geliebt, wie ich glaubte geliebt zu sein, so würdest Du niemals einen Selbstmordversuch gemacht haben, niemals aus unserer Mitte verschwunden sein. Nicht wahr, ich habe recht?«

Das junge Mädchen hatte in dieser Stunde einen seltsamen Mut gefunden, der ihr sonst gar nicht eigen war.

»Solltest Du Dich noch,« fuhr sie fort, »an mich gebunden erachten, so bitte ich Dich herzlichst: gib mir ohne Groll mein Wort zurück. Dieser hier hat mein Herz gewonnen, es ist meine eigentliche, meine erste Liebe. Niemals will ich von ihm lassen. Ohne jede Gewissensregung habe ich ihm meine Treue verpfändet, denn ich hielt mich für frei. Selbst wenn ich gewußt hätte, daß Du noch lebtest, ich hätte doch nicht anders gehandelt, denn Du hattest mich nicht geliebt; sonst wärest Du niemals in dieser Weise von mir gegangen.«

Mit glückstrahlender Miene trat Armin neben seine Braut.

»Besinnen Sie sich,« sagte er zu Karl, »daß Sie damals, als ich Sie im Tiergarten schwer verwundet fand, mir den Ring übergaben mit der kurzen, kaum verständlichen Bitte, ihn Josepha zu bringen. – Ich habe die mir anvertraute Mission erfüllt, nichts weiter. Josepha gab mir den Ring zurück als Unterpfand ihrer Treue. Wir lieben uns, und ich glaube, somit habe ich ein Recht, den Ring zu behalten.«

Karls bisher so finstere Miene machte einem freundlicheren Ausdruck Platz.

»Ich will und muß mich bescheiden,« sagte er, »ich habe es nicht anders verdient. Es ist wahr, ich habe nicht gut an Josepha gehandelt. Das wunderbare Schicksal, das mir geworden, treibt mich auch heute in andere Bahnen, die diesem Hause fern liegen. – Ja, Josepha, Du hast recht: Du bist frei. Du hattest ein Recht, Dich als frei zu betrachten.«

Er reichte Armin die Hand.

»Machen Sie Josepha glücklich! Sie ist ein reines Mädchenherz, wie es deren wohl wenige gibt. Vielleicht aber war sie gar nicht geartet für mein stürmisch bewegtes Leben, welches doch immer aus den engen Mauern dieses Hauses hinausgestrebt hätte.«

Dann wandte er sich zu dem alten Paare: »Ich will Euch schriftlich auseinandersetzen, wie sich alles so wunderbar gefügt hat. Nehmt meinen innigsten Dank für alles Gute, das Ihr mir erwiesen, und verzeiht mir das Böse, das ich Euch angetan. Bewahrt mir ein freundliches Andenken – ich gehe jetzt. Erst wenn Ihr alle ruhiger geworden seid, wenn die Verhältnisse, die sich jetzt für uns alle so glückverheißend gestalten, feste und geregelte Form angenommen haben werden, erst dann wollen wir für eine Weile scheiden und jedes Wort in seiner Art, in die neuen Lebensbahnen einlenken.« – –

Er war gegangen, verschwunden in eine unbekannte Ferne, in welche sie ihm nicht einmal mit Blicken zu folgen vermochten. Seine Existenz in diesem Hause war entwurzelt durch eine schreckliche Katastrophe. Aber sie konnten jetzt seiner ruhig und freudig gedenken; er weilte nicht mehr unter ihnen wie ein Gespenst, sondern wie ein lieber Freund, dessen Heimat eben in der Ferne ist.

*

Frau Norden wirtschaftete in der Küche sehr verstimmt und verdrießlich.

Pauline war von München zurückgekommen, ohne die erwünschte Stellung erhalten zu haben. Da hatte sie nun wieder ihre letzten Ersparnisse verreist und verbraucht, ohne etwas erreicht zu haben.

Frau Norden schrak ordentlich zusammen, als plötzlich ein bärtiger junger Mann fast ohne zu klopfen, eintrat und kurz und energisch nach Pauline fragte. Er kam ihr bekannt vor, aber sie wußte doch nicht recht, was mit ihm beginnen.

Er schien gar nicht auf ihre Antwort gehört zu haben, sondern trat in die Wohnstube ein, wo Pauline am Fenster saß und wieder ihre Goldstickerei vor hatte.

Mit einem Freudenschrei sprang sie auf, ohne ein Zeichen der Ueberraschung, denn sie hatte ihn erwartet. Er mußte ja kommen, der Retter aus den unaussprechlichen Qualen und Sorgen der jüngsten Vergangenheit: er mußte kommen, der Verkünder eines neuen, fabelhaften Glückes. Und gerade hier in der engen Arbeitsstube mußte er sie aufsuchen, mußte er sie finden. Auf den ersten Blick sah sie es ihm an, er wußte alles!

Eine ganze Weile sahen sie einander ins Auge, ohne zu sprechen, strahlenden Blickes. Sie verstanden sich. Nun sagte er mit bewegter Stimme: »Ich habe alles erfahren und alles begriffen, Pauline. Sie haben sich für mich aufgeopfert mit einem Großmut ohnegleichen. Wie es Ihnen möglich war, das begreife ich nicht. Vielleicht war jene Erbschaft, mit der wir Sie damals neckten, eingetroffen, und Sie hatten sie weggeworfen für mich: hier ist Geld – nehmen Sie es wieder. Gleichviel wie es zuging, Sie sind eine große Seele, eine wahre Heldennatur, die nicht vor dem zurückschreckt, was kleine Seelen, kleine Menschen zittern macht. Sie sind das hochgesinnte Weib, dessen Empfinden weit über die Alltäglichkeit hinausreicht. Bisweilen habe ich von einem solchen Weibe geträumt, aber ich glaubte, daß es nirgends existierte. Josepha, das gute, einfältige Kind, war es nicht, auch nicht »Ariadne« mit dem ideal schönen Kopfe, dem leeren, kalten Herzen. Sie sind es, Pauline. Sie sind das Weib ohnegleichen, und Sie – o unfaßbares Glück! – Sie lieben mich – Sie haben mich immer geliebt?!«

Stolz, freudig, ohne Zögern versetzte sie: »Ja!«

Entzückt faßte er ihre Hand. »Noch bin ich Deiner nicht wert, Pauline, aber ich will mir Mühe geben, es zu werden. Komm mit mir, mein Wagen wartet unten; ich will Dich auf der Stelle zu meinem edlen Pflegevater führen. Auch er ist ein starker, ganz und gar ungewöhnlicher Geist; er wird Dich als meine Braut lieben, verstehen, und in seinem Hause, welches nun auch das meine ist, willkommen heißen.«

Frau Norden hatte in der Küchentür gestanden und alles gehört; aber sie hatte nichts verstanden. Was hatte Pauline da nur wieder hinter ihrem Rücken angezettelt, ohne daß ihre leibliche Mutter eine Ahnung davon hatte?

Der fremde junge Herr schien der totgesagte Karl Hilmar zu sein, und Pauline war gar nicht überrascht davon, daß er erschien. Sie wußte also von der Geschichte.

Und nun führte er sie fort, angeblich als seine Braut!

»Sei nicht böse, Mutter,« sagte Pauline im Vorübergehen, »daß ich Dir jetzt nichts erkläre. Ich werde es später tun, und Du wirst dann zufrieden sein.«

Und fort war sie.

Dazu hatte Pauline nicht einmal ihr gutes, blaues Kleid an, sondern nur ihr Hauskleid; zum Glück war es erst heute früh aufgeplättet worden.

Zu toll war das alles! Frau Norden kam sich vor wie die Henne, die ein Entlein ausgebrütet hat, und nun erschrocken hin und her läuft, weil das Entlein fortschwimmt.

*

Das erste der glücklichen Paare, welches vor den Altar trat, waren Armin Bode und Josepha Hilmar. Sie waren ein fabelhaft glückliches Brautpaar. Karl Hilmar war Brautführer, Pauline Norden Brautjungfer.

In wenigen Wochen wollten auch sie den Bund für das Leben schließen, sobald Karl in München seine Studien beendet haben würde. Herr Brennus hatte Karl förmlich adoptiert und zu seinem Erben eingesetzt; er ist ganz einverstanden mit der Wahl seines Stiefsohnes, denn ihm gefallen Menschen und Dinge, die vom Gewöhnlichen abweichen.

Das dritte Paar waren Oskar von Waldenburg und die wirkliche Baronin mit dem langen, altadeligen Stammbaum.

Gleich an jenem Tage, da der Chef von der gerichtlichen Vernehmung nach Hause kam, war er plötzlich entlassen worden. Hilmar verzichtete jedoch darauf, feindselige Schritte anderer Art gegen den Denunzianten zu unternehmen, einerseits, weil dessen heftige Eifersucht als mildernder Umstand für sein Verhalten gelten konnte, andererseits, weil die ganze peinliche Episode ja in Vergessenheit geraten sollte.

Sein Onkel, der Herr Major a. D., der ja auch in den Kreisen, in denen sein Neffe bisher gelebt hatte, eine schwere Kränkung erfahren hatte, verzieh ihm die häßliche Rache an Karl Hilmar und erbarmte sich des brotlos Gewordenen.

Er verschaffte ihm die damals versprochene Anstellung bei der Sportzeitung.

Oskar von Waldenburg kehrte also nun in die aristokratischen Kreise zurück, für welche ihn »seine Geburt« bestimmt hatte.«

Seine Braut war noch einen Kopf kleiner als er, also unverhältnismäßig klein für ihren großen Stammbaum.

Oskar war jetzt sehr zufrieden, daß er der Verlockung widerstanden hatte, eine Bürgerliche zu heiraten.

Auch der Major von Waldenburg hatte den Bürgerlichen abgeschworen, die unter Umständen so undankbar waren, wie Pauline Norden.

Er mußte übrigens zugeben, daß Karl Hilmar, jetzt Brennus genannt, ein überaus netter Mensch sei, der auch alle Aussicht habe, als Künstler berühmt zu werden. –

Nicht lange, nachdem Karl und Pauline von ihrer Hochzeitsreise wieder nach Berlin zurückgekehrt waren, erhielten sie von Benno ein freundliches Schreiben, indem dieser sie einlud, der ersten Aufführung seiner Oper beizuwohnen; zwei Opernhausbillets waren beigelegt.

Das Werk hatte bei seinen Aufführungen an einem süddeutschen Hoftheater so großen und nachhaltigen Beifall gefunden, daß es jetzt auch für die Berliner Hofoper angenommen worden war, wo es ebenfalls einen großartigen Erfolg errang, dem Karl und seine junge Frau beiwohnten.

Sie machten am nächsten Tage dem überglücklichen Komponisten einen Gratulationsbesuch, bei dem sich die beiden Männer erst eingehend gegenseitig auseinandersetzten, wie merkwürdig ihre beiderseitigen Schicksale miteinander verknüpft gewesen waren.

Auch die beiden Frauen gefielen einander ausnehmend.

Hanna war in heiterster Stimmung, denn jetzt waren ihre Eltern, das freiherrlich von Bötzowsche Ehepaar, nicht nur mit ihrer Wahl einverstanden, sondern sogar stolz auf den zu Ruhm und Ehren gelangten Schwiegersohn.

Als man Abschied nahm, sagte Benno zu dem so lange von ihm Totgeglaubten und mit so schweren Gewissensbissen Beklagten:

»Lassen Sie uns Freunde sein!«

Karl schlug freudig in die ihm gebotene Rechte ein.