Fortuit

Polla, die Bauersfrau, saß im Flur ihres Hauses unter dem Binsendach und stillte ihren Jüngsten, der zwei Monate zählte. Der Kleine war inmitten seiner Ernährung eingeschlafen; sie wiegte ihn mit eintönigem Gesang, und ihre rauhe Stimme setzte eben ab; es war ihr, als ob sie selbst einnickte. Der Schatten von den hohen Bergen deckte das Dorf; es dunkelte rasch. Da meinte sie draußen ein Leuchten zu sehen, wie wenn sich die Morgenröte selbst vor ihre Hütte gestellt hätte und schiene, und eine süße Stimme rief dreimal: Polla!

Sie fuhr aus dem Traume auf, fand alles stockdunkel und rief ihren Mann, der hinter dem Herde stand, Knoblauch kaute und langsam das Öllämpchen am Herd entzündete: »Dossénn, mir war im Traum, als ob man mich von draußen riefe. Sieh doch einmal nach, was ist.«

Dossénn biß in eine große Zwiebel und sagte knurrend: »Glaubst du, ich soll deinen Träumen nachlaufen?«

»Gewiß, tu's, tu's!« bat die Frau. »Es hat dreimal gerufen.«

»Ich hab' nichts gehört,« sagte der Mann; aber er schlüpfte in seine schweren Holzschuhe, riß die knarrende Tür auf, die nach innen schlug, und sah auf der Schwelle etwas liegen. Er leuchtete: es war in ein rosenfarbiges Tuch gewickelt. Er hob es auf; da bewegte es sich. Es war ein Kind, kaum zwei Tage alt. »Ein Fallkind auf unserer Schwelle?« Ein Fluch wollte ihm entfahren.

Da stürzte aus dem Stall der Knecht ins Haus und rief ganz außer sich: »Dossénn, Dossénn, in diesem Augenblick haben deine beiden Säue geworfen: zweiunddreißig Ferkelchen auf einmal. Du bist ein reicher Mann geworden.«

Den Bauer durchfuhr es; er wollte zu seinen Säuen und den fremden Balg fortschleudern. »Was sollen wir damit?«

»Bist du unfromm?« rief da Polla energisch. »Siehst du nicht, daß das Glück uns den Eindringling ins Haus gebracht? Im selben Augenblick, als ich den Lichtschein sah, ist im Stall das prächtige Wunder geschehen. Wer weiß, wer das Kind brachte? Vielleicht war es irgendein Gott. Gib her das Kind, ich zieh' es mit auf.«

Eben fing der Findling erbärmlich an zu schreien. »Hör' nur, er brüllt, er brüllt! Das Leben tut weh; das bezeugt jeder rechte Säugling. Aber er lebt, er hat Kraft, zu leben.«

Und sie setzte den eigenen Sohn ab und nahm das fremde Kind an ihre Brust. Ihre Natur war stark genug und freute sich, beide zu nähren. »Die Götter hören jeden Kinderschrei,« sagte sie andächtig und selbstzufrieden. Erst als der Kleine wieder still geworden, wickelte sie ihn in Windeln von oben bis unten, daß nur das Köpfchen heraussah. Es schien gar kein schönes Kind zu sein.

Dossénn aber hatte inzwischen die Glücksbescherung in seinem Stall mit Wonne betrachtet. Zweiunddreißig Ferkel auf einmal! Dafür konnte er sich bald ein ganzes Ackerrind erstehen! Als ihn am anderen Morgen zwei Bälge statt eins aus dem Schlafe schrien, lachte er nur, sah sein Weib gespaßig an und sagte: »Du machst es schon; es bringt dich nicht um. Wenn nur meine Säue an den zweiunddreißig nicht krepieren!«

Kaum hatte er das gesagt und stand auf der Straße, da kam in einer Staubwolke ein reicher Mann aus Verona auf einem feinen zweirädrigen Lustwagen einhergefahren; auch noch ein Lastwagen kam im Gefolge. Der Mann hielt an, winkte mit der Peitsche und fragte: »Wir bauen in Verona einen großen Bau. Habt ihr nicht Ziegel im Dorf?«

»Ziegel! Ziegel! Ei, ihr lieben Götter! Ist's mit den Säuen noch nicht genug?«

Dossénn hatte in den letzten Jahren wirklich Ziegel gestrichen; aber sie standen unterm Verschlag, alle mißmutig und unverkauft. Seine Wirtschaft wollte nicht voran. Jetzt riß er das Maul auf vor Staunen, er hatte auf einmal einen Käufer und half selbst sie aufzuladen, und faßte einen ganz frischen Mut. Denn der reiche Mann sagte, er solle nur immer mehr Steine backen, so Jahr für Jahr; er werde sie ihm alle abnehmen, Fuhre um Fuhre.

»Polla, hast du es gehört?«

Polla stand in der Tür und nickte sprachlos, und ihre Augen gingen ihr über. Sie hielt beide Kinder auf den Armen, in jedem Arm eins; sonst hätte sie vor Überraschung das Gleichgewicht verloren.

Und der Wohlstand mehrte sich gleich, der Kasten schwoll zusehends, und es wurden auch noch ein paar Kinder mehr im Hause geboren. Die gediehen alle ganz wundervoll und strotzten wie die Gurken und Melonen.

Nur der kleine Findling – sie hatten ihn Fortuit genannt – war zart und enttäuschte sie. Er lernte laufen und sprechen wie jedes andere Kind und hatte eine liebliche Stimme, wie eine Hirtenflöte, dazu schöne dunkle Locken um die Schläfen, und große blaue Augen von übermenschlichem Glanz standen ihm im Kopf. Aber was nutzten die Stimme und die Augen? Das Bürschchen hatte einen kleinen Höcker, der Kopf war größer als nötig, und die Arme waren gar schwächlich und ohne Kräfte.

Polla hatte Mitleid mit dem Kleinen, und Fortuit hing mit Liebe an ihr. Dossénn aber sah jetzt mißmutig auf den Eindringling, der in der Wirtschaft nie nützen würde. Als der Junge sechs Jahre alt war, noch kein Reisig aus dem Walde schleppen konnte und nicht einmal ein paar Backsteine auf den Wagen hob, gönnte er ihm das Brot nicht. Fortuits große Augen sahen, was der Ziehvater dachte, und er begann auf einmal, ihn zu hassen und zu fürchten und drehte sich um, wie der Vater kam. Der packte ihn derb und schlug ihn. Tags darauf hörte Dossénn, der reiche Mann in Verona sei gestorben. Das Geschäft ging ein. Die Ziegelei stand still. Die Armut stand wieder vor der Tür.

Dossénns üble Laune wuchs; er mußte die Armut einlassen. Und eines Tages war auch Fortuit verschwunden.

»Ein Glück, daß wir ihn los sind!« murrte der Mann, machte sein dümmstes Gesicht und kaute an seinem Ärger, als hätte er Knoblauch im Munde.

Polla weinte: »Ich fürchte, das Glück zürnt uns darum, daß wir an dem Knaben nicht recht getan. Ich sah einen Schimmer wie Morgenröte, als er uns ins Haus kam. Du solltest ihn suchen gehen.«

Aber Dossénn war trotzig und suchte ihn nicht.

Fortuit faß weinend am Feldrain unter einem Wacholderbusch. Er ängstete sich sehr, aber er wollte doch eben artig wieder nach Hause schleichen. Da sagte ein Wanderer zu ihm: »Du armer Kauz, was gibt's denn zu weinen?« Derselbige Wanderer bemerkte, daß das Kind etwas bucklig war, und dachte: Aufgepaßt! Das gibt einen guten Handel. Bucklige sind besonders klug, und in Rom kauft man gern solche Knaben! Freundlich schmeichelnd nahm er Fortuit an der Hand, und der folgte ihm willig und voll Zutrauen.

»Wie heißt du?« fragte Fortuit.

»Ich heiße Atrox.«

Das gab eine lange Reise – erst zu Fuß, dann auf dem Karren, durch Berge und Tiefland und wieder durch Berge. Wie sonnig ist die Welt und wie groß! dachte Fortuit und sang vor sich hin und sah dankbar auf diesen Atrox, der doch nichts als ein Menschenhändler war. Der aber gab bald das Schmeicheln auf und sperrte den Knaben, um seine Mißgestalt noch zu steigern, in einen niedrigen Kasten, worin er nicht aufrecht sitzen konnte; so würde er noch besser verkäuflich sein.

Und Fortuit saß in sich gekrümmt und sah kläglich mit seinem feinen Gesicht aus dem Gitter hervor, wie ein mißhandelter Amor im Vogelkäfig; durch das Gitter bekam er sein Futter – bis sie endlich an einem Strom anlangten. Es war der Tiber.

Da stand ein schlechtes Wirtshaus, worin die Fuhrleute und Flößer verkehrten. Atrox fing sogleich mächtig zu trinken an, den Kasten aber ließ er in der Sonne auf der Straße stehen.

Zum Glück kam Verus, der Flößer; der entdeckte den Gefangenen, und es erbarmte sein Herz, denn er war ein starker und guter Mann. »Komm heraus, armer Junge!«

Zitternd hängte sich Fortuit an den Befreier und legte sein Haupt ohne Furcht in sein rauhes, struppiges Gesicht. So angeschmiegt, schlief er gleich ein im Arm des Fremden. Der trug ihn sorgsam zu seinem Weibe und trat dann zu Atrox an den Tisch, wo die Würfel lagen; und das Würfelspiel begann und endete erst am Morgen. Und siehe da: Verus gewann, Atrox verlor und verlor, bis er den Würfelbecher krachend auf den Tisch schlug.

»Was hast du noch zu verlieren?«

»Nichts als den Knaben.«

Da verspielte Atrox auch noch den Fortuit.

Der Flößer nahm Fortuit auf sein Floß. »Ich glaube, der Junge war's, er hat mir Glück gebracht!« sagte er abergläubisch. Und so ging nun die Flußfahrt den Tiberstrom hinab, durch die Krümmungen des Gebirges, indes wilde Ölbäume, Bergeschen und Erlen vom Ufer grüßten. Das Floß war bedeckt mit Körben duftender Gemüse und Früchte. Dazwischen hockten des Verus Frau und zwei Töchterlein, und Fortuit lag daneben selig träumend auf dem Rücken und starrte geradeauf in den Himmel. Die Töchter wuschen den Knaben, sie kämmten ihn, sie steckten ihm Früchte in den Mund, sie fragten ihn nach seiner Geschichte, und er erzählte viel; sie neckten ihn und nickten ihm, und er mußte lachen. Er hörte das Wasser unter sich gurgeln und zischen und strudeln und fühlte sich endlich frei und ungepeinigt und glücklich, wie der Fisch im Grund.

Verus aber, der das Steuer zu drehen hatte, zählte inzwischen mit Eifer das gestern gewonnene Geld nach. Er zählte und rechnete, als auf einmal die Balken krachten, der Boden schwankte, das Ruder zerbrach und das schöne Geld ihm aus der Hand stürzte. Er hatte auf die Stromschnelle nicht achtgegeben. »Verloren!« schrie er. »Das Sündengeld bringt uns allen Verderben.«

Aber – o Wunder! – das Floß blieb heil, inmitten der Klippen, und Fortuit kroch herbei und las ihm das Geld auf, Stück für Stück. Sein Kinderauge war dabei voll von fremdartigem Glanz. Die schwimmenden Balken, die sonst auseinanderklafften, schlossen eng und ohne Spalt zusammen wie der Boden einer Tenne. Kein Heller war ins Wasser gefallen.

Verus war bleich vor frommem Schreck. Das geschieht nicht mit rechten Dingen! In dem Kinde steckt etwas! dachte er wundergläubig. Bei mir behalten kann ich es nicht, heimatlos, wie ich bin; aber ich muß sorgen, daß es ihm gut geht, sonst rächt es sich an uns noch nachträglich und aus der Ferne wie ein Gespenst.

Als sie endlich an der schönen Hafentreppe in Rom das Fahrzeug festlegten, da bot die Frau das Gemüse, das sie mitgebracht, er selbst aber bot das Kind zum Kauf aus im Menschengewühl der Großstadt. Den vornehmen Händlern, die ganz ansehnliche Sümmchen zahlen wollten, gab er Fortuit doch nicht heraus; denn er meinte, solche Leute würden das Knäblein am Ende nur peinigen und mißbrauchen. Aber da war ein Schullehrer, der sah spindeldürr und ebenso verhungert wie liebreich aus; der kaufte sich eben fünf Sardellen für sein Mittagbrot; denn sie waren zu Hause fünf Personen bei Tisch. Ihm zeigte Verus seinen Schützling, und der Lehrer blickte in das Knabenauge, nahm ihn gleich an der Hand – denn er war nicht nur mager und liebreich, sondern auch klug –, kaufte am Stand noch rasch eine sechste Sardelle und führte den neuen Mitesser stracks nach Hause. Es war ein Handel ganz ohne Geld. Verus hatte für das Kind keine Bezahlung genommen und dankte den Göttern für die glückliche Fahrt und ihre Gnade.

Der Herr Magister wohnte in der Altstadt im fünften Stock. Fortuit verging auf den endlosen engen Treppen der Atem. Als sie oben waren und in den schlotartigen Lichthof hinabsahen, befiel ihn der Schwindel. Die Magistersfrau und zwei garstige Töchter begrüßten ihn mit freudigem Geschrei. Die dritte Tochter, Megilla, war hübsch, aber traurig und teilnahmslos. Die Sardellen wurden zu Brot und Wasser verzehrt. Da war er! Man teilte sein Brot mit ihm! Er wurde dann auch noch oben aufs Dach des Hauses geführt, denn er sollte gleich ganz Rom sehen. Aber da wurde ihm so schwindlig, daß man ihn zurücktragen mußte.

Die Schüler hatten in Rom Sommerferien vom Mai bis September, und der Lehrer hatte also fünf Monde lang nichts zu tun. Wie ein ausgehungerter Tiger stürzte sich des Magisters Lehreifer auf den Ankömmling. Fortuit mußte gleich lesen lernen, und nicht nur Lateinisch, nein, auch gleich Griechisch, und er begriff das herrlich, als hätte er selbst die Sprachen erfunden. Flugs kamen auch Geschichten daran wie vom Pelopidas und vom Epaminondas (denn das Buch des Cornelius Nepos war damals eben erschienen), sowie auch Tiergeschichten vom Löwen und Esel und von der alten Krähe, die sich mit Pfauenfedern schmückt. Die waren vom Äsop. Fortuit strahlte dabei vor Vergnügen, sein Lehrer aber war ganz gerührt; denn das Lerntalent des Jungen war ihm wie ein Leckerbissen und Zuckerbrot. Er strich ihm sanft über den Rücken und sagte mit süßen Tönen: »Auch Äsop war bucklig wie du, und er ist doch berühmt geworden und hat all die Fabeln erdacht, und auf der Promenade steht sein buckliges Sitzbild in Marmor. Das will ich dir zeigen. Und dein Höcker ist nur klein, aber ich glaube, es sitzt Gehirn darin, und er ist dir ein Ehrenschmuck; und du sollst mir wie ein Sohn sein, um den ich die Götter umsonst gebeten.«

Da kamen dem Fortuit die Tränen; denn es war das erstemal, daß jemand so ehrenvoll von seinem Gebrechen sprach.

Aber der Magister sprach noch, da hatte es schon laut an der Flurtür gepocht. Ein Bote überbrachte ihm einen großen gallischen Schinken gratis mit Gruß vom Marktbeamten, dem Ädilen; und gleich darauf kam schon ein anderer Bote, der meldete bei ihm für den Herbst fünf neue Schüler an, fünf reiche Freigelassenensöhne aus dem Haus des großen Hortensius! Das waren glänzende Aussichten. Die zwei garstigen Töchter jubilierten und sprangen umher, der Vater rang die dünnen Hände vor Erregung, daß sie knackten, und auf einmal stürzte er mit einem Stück Schinken im Mund und mit einem zweiten unterm Arm zum Tiberhafen.

Der Flößer, der ihm den Knaben gegeben, war wirklich noch da. »Hier, nimm, nimm, du sollst auch etwas vom Schinken haben!« rief er atemlos und erzählte, was eben vorgefallen, und auch Verus gab nun zum besten, was er an Fortuit beobachtet und was seine Frau von dem Kinde erlauscht hatte; und der Magister zog die Augenbrauen hoch, als hätte er eine Entdeckung gemacht, wichtiger als die Quadratur des Zirkels.

»Aber was nutzt mir der Schinken und alles andere, solange noch meine Megilla traurig ist?« Megilla saß seit Wochen weinend auf einem Schemel. Ihr Verlobter war verzaubert und lief einer andern nach. Als jedoch der Magister nach Hause kam, war auch Megilla froh.

Fortuit war aus Neugier aufs flache Dach des Hauses geklettert. Er wollte noch einmal ganz Rom sehen; denn Rom war ja die Stadt, wo der Kaiser wohnte. Aber der Schwindel hatte ihn wieder gepackt. Er hielt sich an der niedrigen Brüstung und glaubte, es zerrte ihn vornüber jäh in die Tiefe. Er konnte vor Angstbetäubung nicht einmal schreien. Megilla aber hatte auf ihn achtgehabt. Sie fand den Hilflosen und schloß ihn in die Arme, bis ihm wieder wohl wurde. Als sie ihn heruntergetragen, stand ihr Verlobter im Zimmer und stammelte Entschuldigungen. Sie schimpfte den Mann erst gründlich aus in beiden Sprachen (denn sie zeigte gern, daß sie auch Griechisch gelernt) und fiel ihm dann glückselig um den Hals. Denn er war Kuchenbäcker und hatte einen Honigkuchen mitgebracht, der größer war als der Tisch. Schinken und Honigkuchen? Nun ging es hoch her, und Fortuit bekam sein Teil von allem.

So fand er hier für ein ganzes Jahr eine rechte Heimat, wo ihn ohne Trübung nur Güte und wirkliche Zuneigung umgab. Im Oktober begannen die Schulstunden. Da mußten sie beide, der Meister und er, zu den Lauben im untersten Stock hinunter; denn die Stuben zu ebener Erde waren nach der Straße ganz offen. Da wurde Schule gehalten, und zwar schon eine Stunde vor Sonnenaufgang und im Stockdunkeln. Es galt früh aufstehen, während sonst alles noch schlief. Die Hähne der Nachbarschaft wurden wach von dem Singen und Gedichtaufsagen der kleinen Schreihälse, das über die Straße scholl.

Mit Wonne half Fortuit seinem Herrn, hielt ihm die Bücher, spitzte die Kreide und stellte jedem Knaben ein Öllämpchen hin, damit ein jeder auch ins Buch sehen konnte. Aber es waren diesmal so viel Schüler herbeigeströmt, fünfzig statt zwanzig, daß der Platz kaum reichte und er eilen mußte, um neue Lampen hinzuzukaufen. Der Lehrstoff schwirrte im rauchigen Zimmer, der Stock fuhr dazwischen, und alle lernten herrlich. Am Schluß des Quartals brachten sämtliche Kinder dem Magister prompt das in Papier gewickelte Schulgeld, das bisher so oft ausblieb; denn die Eltern drückten sich sonst gern darum und sagten, die Kinder müßten es wohl auf der Straße verloren haben, und der Magister war wehrlos und hungerte.

Zur Prüfung endlich kamen die Eltern selbst herbeigeströmt, standen auf der Straße, horchten in die Stuben und hörten zu. Das gab einen wahren Volksaufstand. Aber die Kinder auf den Bänken machten es musterhaft, als hüpfte ihnen vor Freude der Verstand in der Brust. Das war noch nicht dagewesen! Der Magister wurde sofort berühmt; sein grammatisches Lehrbuch, das er vor zehn Jahren abgefaßt und das niemand ansah, war sofort vergriffen, und im hohen römischen Senat selbst trat eine Kommission zusammen, die beriet, ob es nicht an der Zeit sei, diesem berühmten Schulmann ein Marmordenkmal zu setzen. Es kam schon ein Künstler, der seinen Schattenriß aufnahm. Triumphierend saß der Alte Modell. Zu derselbigen Zeit heiratete auch Megilla ihren Kuchenbäcker.

Wem dankte er das alles? Es konnte kein Zweifel sein. Und er setzte sich hin und schrieb rasch ein Buch, betitelt »Fortuit«; darin pries er, was alles der Knabe vollbracht, und dichtete noch etliches hinzu. Denn er glaubte, das Talent des Schriftstellers zeige sich erst da, wo er die Wahrheit verläßt. Fortuit selbst erfuhr nichts vom Inhalt des Werkes. Kaum war das Buch erschienen, da bot man dem Verfasser hunderttausend, zweihunderttausend Sesterze für das Kind. Die kolossalen Summen betäubten ihn. Er gab Fortuit weg an den reichen Lollius und wurde nun auf einmal fett und faul, satt und untätig und verlor die Freude aus seinem Herzen. Seine Schule schlief ein, sein Marmorbild kam nicht zustande, und die Geschichte hat nicht einmal den Namen des Mannes aufbewahrt.

Fortuit brach fast das Herz vor Betrübnis, als er die fünf Stiegen zum letztenmal hinunterstieg. Er hatte noch nicht das achte Jahr vollendet. Auch der Magister weinte ein bißchen – aber es half wenig – und gab dem Leselustigen zum Trost noch ein paar Bücher mit, die er nicht mehr brauchte. Wie schnell trockneten indes die Tränen, als Fortuit im Palast seines neuen Herrn war!

Daß Lollius ein hämischer, ehrgeiziger Mann, daß er seine Reichtümer aus Asien durch Raub erworben, konnte das Kind nicht ahnen. Wie wundervoll war der Marmorpalast, und all die Säulen und Erzfiguren und Malereien! Wie schön war das Bett, das er bekam! Und bei den fürstlichen Mahlzeiten durfte er stehen und vom Silberteller naschen und trug ein himmelblaues linnenes Röckchen: das lag so weich auf seiner Haut! Auch schenkte ihm Lollius gleich, um ihn recht gut zu stimmen, einen Wagen mit zwei schneeweißen Ponys, die kurzgeschorene Mähnen und rote Schleifen hatten; damit fuhr er in dem von Kolonnaden umgebenen Baumpark umher, wo das Wasser aus wundervollen Muschelgrotten sprang – da war es geschützt auch im Winter –, und vornehme Knaben spielten mit ihm, vor allem auch des Lollius kleine Tochter Lolliana. Lolliana zog ihn auf die Bank und küßte ihn, um ihm Mut zu machen. Das machte ihn lachen, und er fragte sie, ob ihr denn sein Höcker nicht mißfiele. Sie aber fand ihn ganz elegant und wunderhübsch und führte ihn gleich zu einem Spiegel; darin beschaute er sich lange von der Seite und dachte heimlich: »Es steckt Gehirn darin, sagte der kluge Mann. Gehirn? was ist das nur?« Und er wurde fast eitel; aber Lolliana liebte er fortan über die Maßen, denn sie war liebreizend und fein.

Lollius war mit dem kaiserlichen Hof zerfallen und saß bärbeißig, verärgert, gedemütigt und schmollend in seinem Reichtum. Jetzt aber ging ihm plötzlich des Kaisers Gnade auf. Niemand begriff, wie das zuging. Der große Kaiser Oktavian erschien in Person bei ihm; Lollius wurde mit allem Glanz zum Konsul erhoben – eine lang ersehnte Ehre –, seine Frau und seine Schwester wurden als Hofdamen bei der Kaiserin zugelassen, und auf einmal strömten ihnen auch die Gunst und die Huldigungen der großen Gesellschaft zu. Er hatte, was er wollte.

Oktavian war übrigens gekommen, um den kleinen Fortuit bei Lollius zu erspähen. Denn auch zu ihm war das märchenhafte Gerücht gedrungen. Er hätte ihn gern mit in den nächsten Krieg geschickt. Wer weiß? der Sieg wäre durch ihn entschieden gewesen. Aber Lollius verbarg den Kleinen wohlweislich, und der Kaiser scheute sich, nach ihm zu fragen.

Seitdem hielt ihn Lollius verborgen. Nur zum Zirkusrennen ließ er ihn einmal gehen; denn Fortuit bat so sehr. Im Zirkus fuhren die Vierspänner der Vornehmen um die Wette, und Lollius und viele andere öffneten ihre Stallungen und sandten ihre schönsten Vierer dorthin. Fortuit war mit im Zirkus. Er schlich voll Neugier zu den Kutschern, die eben mit Geschrei ihre Tiere anschirrten. Niemand kannte ihn. Aber im Gedränge fiel er hin, und ein Kutscher trat auf ihn und stieß ihn roh mit dem Fuß zur Seite, als ein andrer ihn rettete, ihn emporriß und freundlich festhielt und tröstete. Es war ein schöner, feuriger, starker Mann im blauen Rock: das war Fortuits Lieblingsfarbe. Der stellte ihn in seinen Wagenkorb, und die Wettfahrt begann; der Knabe bebte vor Erregung, die Sandwolken flogen, die Achsen krachten, der Schaum der Tiere flog ihm spritzend ins Gesicht. Das Volk schrie von allen Seiten aus tausend Kehlen: »Ein Knabe im Wagen! der Knabe, der Knabe!« – Ein Wirbel, ein Donnern, ein Heulen, ein Stampfen – siebenmal die Bahn! Die Fahrt war zu Ende. Fortuit hing jauchzend und halb von Sinnen in seines Beschützers Armen. Sein Wagen hatte gesiegt. Aber es war nicht des Lollius Wagen, der siegte. Fortuit war mit dem Gegner seines Herrn gefahren. Lollius wütete; seine Niederlage war schwer; die höchsten Wetten standen auf seinen Pferden.

Am andern Tage wurde Fortuit mit Ruten blutig gestrichen, daß ihm das Rückgrat noch lange schmerzte, und er wurde fortan in strengem Gewahrsam gehalten. Niemand sollte etwas von ihm haben. Auch Lolliana sah er jetzt nur noch von weitem; sie blickte nicht mehr nach ihm; er sprach sie nie wieder. Nur mit der Dienerschaft im engsten Hausverbande durfte er noch verkehren.

Da kam ein tiefes Trauern, eine unsägliche Verlassenheit über ihn, schwerer denn je. Denn er war sich keiner Schuld bewußt. Er war so stolz, so glücklich gewesen, und aus all dem Glanz und all der Wonne war er gerissen. Er begriff nicht, warum, weshalb man ihn geliebt hatte und wieder verstieß. Unter den rohen Stalljungen und Waschmädchen verbrachte er die nächsten sieben Jahre. Sein Herr vergaß ihn ganz. Er war für ihn nur Zahl, nichts weiter. Aber sein Körper gedieh in der Stille und wuchs ansehnlich, und seine Natur gesundete. Glück brachte er niemandem. Er liebte nur die Bücher, die er besaß; die las er in der Einsamkeit immer wieder.

So ward er fünfzehn Jahre alt. Da merkte er, daß eine wohlhabende griechische Frau – sie hieß Helena –, die bei einer der Schaffnerinnen verkehrte, auf ihn achtgab. Sie hatte längst von Fortuit gehört. Er war ja das Wunderkind, über das der Magister, als er noch hungerte, sein bekanntes Buch geschrieben hatte. »Besuche mich!« sagte sie zu ihm.

»Mein Herr hat verboten, daß ich ausgehe,« gab er zurück. Aber er kam heimlich zu ihr, einmal und oft; es war ein Abenteuer, als wäre er ein Liebhaber, und in ihm erwachte ein verschleiertes Gefühl grenzenloser Hingabe.

Aber Helena war nicht wie andre Frauen. Sie war Witwe und schön wie eine Heilige. Ihre Stimme klang feierlich wie Tempelgesang. Schwarz wie Kohlen glommen ihre Augen in ihrem tiefbleichen Gesicht, und sie hatte den Blick der Seherin.

Sie wollte ihn erziehen und versuchte in heiligen Büchern mit ihm zu lesen. Aber er sah nur sie. Sie erzählte ihm Legenden von frommen Männern, die Wunder taten und verbrannt wurden, und die Welt pries sie selig. Fortuit fand das sehr grausam und fremd, und er hörte nur sie. Sie führte ihn ins Nebengemach: da stand in magischem Licht eine Statue Virgils, des großen Dichters, großmächtig und gedankenvoll.

»Wer aber ist Virgil?« fragte Fortuit.

»Das ist der weiseste unter den Menschen,« antwortete sie; »und er lebt noch. Könntest du ihn suchen!«

»Ich will nur dich!« stammelte er zärtlich.

Da begann Helena: »Sieh nicht auf mich, Kind. Die Götter haben ihre Pläne mit dir. Berühmt wie Virgil und ein Beglücker des Menschengeschlechts, das sollst du werden.«

»Das versteh' ich nicht,« sagte Fortuit und weinte. Sein Herz öffnete sich endlich ganz: »Siehst du denn meinen Höcker nicht? Mein Höcker ist mir ein Zeichen: ich werde wohl Sklave bleiben mein Lebelang. Er ist wie die Last, die den gebückten Knechten im Rücken hängt, während der Freie nichts trägt. Des Freien Nacken steht schlank und gerade!«

Helena sagte sanft: »Die Götter tun nichts Übles. Glaube mir: der Höcker des Buckligen ist wie der Henkel am Krug; Gott will ihn daran fassen zu seiner Zeit, um ihn emporzuheben und anzufüllen mit Glückseligkeit aus dem Born des Himmels bis oben hin.«

»Warum aber verdurste ich denn?« fragte Fortuit traurig. »Und was soll aus mir werden?«

»Du bist ein Glücksbringer! Darum lieben dich die Guten, und die Schlechten fürchten dich. Weißt du es nicht?«

Fortuit wußte es nicht.

»Aber daß du ein Findelkind, das weißt du doch? Findelkinder aber sind Kinder des Glücks, die Glücksgöttin Fortuna selbst ist deine Mutter, und heimlich hat sie dich einst auf die Schwelle gelegt. Deine Mutter selber, die wirkt in dir. Daher hast du der Megilla zur Ehe, ihrem Vater zum Wohlstand, hast du dem Lollius zu des Kaisers Gnade verholfen; daher hast du auf der Rennbahn gesiegt. Du bist ein gefährlicher Mensch und mächtig wie das Schicksal selber. Gib acht, daß du hinfort nicht den Verkehrten beglückst.«

»Und wie soll ich achtgeben?«

»Prüfe die Menschen. Häng' deine Zuneigung nur an die, die es verdienen. Wen du nicht liebst, der hat von dir nichts zu hoffen. Deine Liebe ist deine Macht. Liebe nur, die reines Herzens sind, und du wirst sein wie ein Gott auf Erden; denn alsdann wird durch dich die Tugend schon hinieden ihren Lohn haben.«

So sprach die eifrige Frau. Fortuit aber war tief bestürzt, er erschrak vor sich selber, er war sich selbst ein Gespenst: »Es muß schrecklich sein, ein Gott zu sein! Und wer ist gut? bist du es, Helena? Und warum darf ich dich, dich allein nicht glücklich machen?«

»Weil ich wunschlos bin«, sagte sie herb und gab ihm ein Schriftstück in einer Kapsel, die ganz erfüllt war von Weihrauchduft. »Geh! Ich habe hier ein Wort für dich geschrieben; das lies dereinst, wenn du ein Mann geworden; es wird dir helfen, wenn du es brauchst.«

Am andern Tag war Fortuit an Agatharch in Capua verhandelt. Man schleppte ihn fort aus Rom. Er sollte Helena nie wiedersehen. Denn Lollius, sein Herr, wollte ihn endlich los sein, da er nichts mehr von ihm hoffte, und ließ seine unheimliche Begabung beim Verkauf laut anpreisen, um wenigstens noch ein gutes Geschäft zu machen. Agatharch, der neue Käufer, versprach sich viel von ihm. Von neuem war er unter Fremden. Sollte hier dasselbe Spiel noch einmal beginnen?

Agatharch war Arzt und schliff gerade sein Seziermesser, als Fortuit, ganz ausgehungert von der Reise, in die Halle trat. Fortuit sah in ein Habichtsgesicht mit krummer Nase und in ein paar Augen, die gelb und blank wie Honig waren. »Willkommen, Bürschchen! Du sollst uns Glück bringen!« sagte Agatharch.

»Und bist du auch gut?« fragte Fortuit einfach.

»Ich bin Arzt, und wir Ärzte sind alle gut; denn du weißt, wir helfen den Leidenden.« Und er zeigte ihm gleich seine Bestecke und Zangen und Sägen und Sonden; die lagen alle fein sauber und unbenutzt. Denn Agatharch hatte als Militärarzt im letzten Kriege die Verwundeten arg mißhandelt; in Capua fürchtete man ihn daher wie den Tod und vertraute ihm keinen Esel an.

Fortuit fragte kritisch: »Die Ärzte, die gut sind, brauchen die auch noch Glück?« Als ihn aber Agatharch mit an seinen Herrentisch nahm zu einem herrlichen Empfangsessen und ihm gar in Jahresfrist die Freiheit versprach, die Freiheit und noch Geld dazu, da erwärmte sein Herz sich rasch: »Freiheit! köstliches Wort! Wer mir die Freiheit schenkt, den muß ich lieben.«

Am selben Tage noch brach ein großes Viehsterben in Capua aus, und man schickte in der Not auch zu Agatharch. Er konnte sich jetzt wenigstens an den Eseln bewähren. Ja, auch ein Mensch ließ sich von ihm amputieren und blieb am Leben; Fortuit assistierte bei dem Werk; der abgeschnittene Fuß wurde sorgfältig einbalsamiert und zum Dank in einem Tempel aufgehängt.

»Daß doch die Seuche endlich auch in die Menschen führe!« zischelte Agatharch zu Rufa, seiner Frau, und kniff vor Gier die blanken Augen zu, als ob sie klebten. Fortuit hörte es, und er stutzte. Das schien ihm nicht gut zu sein. An seinen Haustürpfosten schrieb Agatharch die Anpreisung: »Hier findet man Heilung gegen Schlangenbiß«; in seinem Hofe aber züchtete er giftige Nattern und setzte sie dann heimlich in die Gärten und Häuser der Nachbarschaft aus. Fortuit sah mit Angst die züngelnden Tiere. Ein Widerwille faßte ihn.

Im Hause saß ein altes Männchen mit wackelndem Kopf auf einer Kiste. Das war Agatharchs reicher Vater. Der sah aus, als wäre er wie Tantalus am Verhungern; man wusch ihn nicht, man kämmte ihn nicht, und er warf täglich lechzende Blicke herüber, wenn Fortuit mit seiner Herrschaft Krebse und Masthuhn aß. Fortuit sprang auf, um dem Tantalus seinen Teil zu bringen, aber man riß ihn zurück: »Das Huhn ist für uns; er verträgt es nicht.«

»Es ist Zeit, daß er stirbt,« hörte er Agatharch zu seinem Weibe raunen. »Weiß er denn nicht, daß wir sein Geld brauchen, und ist er nicht alt genug geworden?«

Den anderen Tag brachte das Paar dem großen guten Gott Jupiter ein reiches Brandopfer im Tempel. Fortuit aber wußte, weshalb sie beteten. Er haßte, haßte jetzt seinen Herrn. Wehe, wenn er ihm auch nur einen seiner Wünsche erfüllte! Sein Herr aber merkte den Wandel und verging vor Wut – denn auch der Tantalus verjüngte sich wunderbar und saß fester als je auf seiner Geldkiste.

Das Jahr war verstrichen, aber die versprochene Freiheit blieb aus. »Was, Freiheit?« kreischte Agatharch, und seine Honigaugen wurden giftig wie die Nattern. »Wenn du mir nicht Glück bringst, Betrüger, mir nicht gleich morgen einen Haufen von Kranken schaffst – und ob die Pest unter die Menschen fährt! – so schneide ich dir den Höcker weg, daß du merken sollst, wozu ich meine Messer schleife. Du hast Bedenkzeit bis morgen.«

Da befiel den Fortuit Todesangst. Er liebte doch jetzt seinen Höcker, und er dachte, der Krug könnte zerbrechen, wenn man ihm seinen Henkel nähme; und der Krug war immer noch so leer an Glück.

In stockdunkler Nacht floh er davon, irrte im Wintersturm durch die Gassen und fand erst am Morgen einen Bauersmann, der mit einem Karren voll Säcken ins Gebirge fuhr. Tief in den Säcken verkroch er sich, ohne daß der Fuhrmann es merkte; nur sein Höcker ragte ein wenig heraus. Die Maultiere zogen an. Agatharch verfolgte sein Opfer umsonst. Er war gerettet.

Der Fuhrmann machte große Augen, als er am Ziel war und den Eindringling fand. Er wollte die Hunde auf ihn hetzen. Aber es stellte sich heraus, daß die Säcke auf der Fahrt sich wunderbar vermehrt hatten: zwanzig hatte der Mann aufgeladen, und dreißig lud er wieder ab. Auch fand sich im ersten Sack gleich noch ein goldener Ring, der für eine Prinzessin getaugt hätte. Das ist mir ein kostbarer Junge! dachte der Fuhrmann und sagte grunzend: »Du darfst bei uns bleiben.«

Fortuit hätte ihn küssen mögen vor Dankbarkeit; denn er war nun endlich frei und geborgen. Aber der Kerl war borstig und wild wie ein Waldteufel.

Da saß er nun unter rauhen Hirten, eingeschneit im engen Hochgebirge des Apennins. Die einfältigen Leute sahen mit scheuer Verehrung auf ihn und brachten ihm Hirse und Käse und Haferbrot gegen den Hunger. Das schmeckte ihm freilich wenig, denn er war durch die städtische Küche arg verwöhnt. Und er war nun ganz vereinsamt. Denn wer sollte ihn hier verstehen?

Der Himmel zog seine schweren Winterwolken durchs Tal; dann kam der Frühling und legte seinen Glanz um sein junges Herz. Aber er trauerte und war wie ein junger Baum ohne Trieb, als sollte er eingehen. Er hatte die Menschenverachtung gelernt. Er glaubte nicht mehr an das Gute. Wozu leben die Menschen? Sie sündigen, um reich zu werden; sie werden reich, um zu sündigen; sie schwelgen, um zu sterben – und hätten sie nicht gelebt, die Welt wäre besser.

Und Fortuit selbst? Wozu seine Begabung, an die alle glaubten? Auch er trug ja tausend Wünsche in der jungen Brust, aber er konnte sich keinen erfüllen. Er konnte nur andre glücklich machen. Er hatte Heimweh nach Polla, die seine erste Mutter gewesen. Er hatte Heimweh nach dem Floß, auf dem er den Tiber hinabgeglitten wie in die Gefilde der Seligen. Er hatte Heimweh nach der Schulklasse mit den Öllämpchen, wo er mit Myrtenbesen den Boden gereinigt, wo er dem Magister das Buch gehalten und wo er wirklich gefühlt, daß er etwas galt. Er hatte Heimweh endlich nach Lolliana, die wie ein Morgenstern, und nach Helena, die wie ein Abendstern ihm vor der Seele stand. Alle, die er liebte, waren ihm entrissen worden, und keiner hatte ihm mit gleicher Liebe gelohnt. Da fraß der Neid in ihm. Einsam wie die Eule saß er in einem Baum und ließ sich keinen nahekommen, aus Angst, er könne ihm Gutes tun, indes sein Herz aus Mangel an Liebe verschmachtete.

Die Hirten aber hatten ganz andres von ihm gehofft; sie gönnten dem Nichtsnutz keine Nahrung mehr und verlangten, daß er ihr Tal verlasse. Vereinsamung ist der Hungertod der Seele. Aber er wollte auch sonst nicht verhungern. Das gab ihm einen gesunden Stoß. Er brauchte die Menschen doch! Sein Leben mußte sich entscheiden. Wohin sollte er sich wenden?

Er stürzte sich in den sprudelnden Bergbach, badete sich Leib und Seele rein, und ein kräftiges Wollen kam über ihn. Jetzt endlich griff er nach der Kapsel, die ihm Helena gegeben, und die von heiligem Weihrauch noch immer duftete. Da las er die strengen Worte, die ihm Helena für diese Stunde geschrieben hatte.

»Lebe für andre,« hieß es, »und vergiß dich selbst! Liebe, aber hoffe nichts! und du wirst nicht nur in dieser Welt, sondern auch vor Gott groß werden. Geh hinaus zu den Guten und Bedürftigen und gib ihnen das Glück, das du nicht hast! Ich weiß,« schrieb Helena, »diese Lehre ist herb und schwer. Laß sie groß werden in deinem Herzen und mache mir Ehre als mein rechter Schüler. Wenn du aber verzagst, so geh zum Virgil! Virgil wird dir Trost wissen. Denn er ist weiser als wir alle.«

Fortuit las mit Andacht; er dachte an Helena, und es gab ihm Kraft. Der überirdische Glanz war wieder in seinen Augen. Er griff zum Stecken, gürtete sich in ein Fell, schlug um seinen Rücken den blauen Mantelstreifen und schritt rüstig hinab ins Tal des Volturnus. Hätte er sich selber sehen können, er hätte bemerkt, wie er gewachsen; seine Züge waren fein und gedankenvoll, seine Wange blühte, und der Schatten eines Bartes stand keck auf seiner Lippe.

Da tat sich die Tiefe vor ihm auf, und er sah dort unten im rotgelben Dunst das Volk in langem Zuge um einen Acker gehen. Es war große Dürre im Land, die Luft glühte, die Saat versengte, das Vieh lag verlechzend am Wege, und das Volk flehte in Prozession mit lauten Litaneien um Rettung der Ernte. Das traf gleich sein Herz: es war die Not der Kreatur! Er stellte sich mit in den Zug und betete mit.

Man warf erstaunte Blicke auf ihn. Wer war der Pilger, so fromm und jung? Da begann es schon zu dunkeln. Im Donnergewölk kam das Gewitter. Es kam, es kam! Der Regen ergoß sich. Er währte drei Tage. Der Halm stand auf. Die Flüsse rauschten. Der Segen war wieder im Lande. Das Volk warf die Götterbilder aus den Händen und schrie nach dem jungen Wundermann: »Wo ist er? Wir wollen ihn speisen und wie einen Himmlischen verehren!« Fortuit aber war geflohen, noch ehe man auf ihn achten konnte.

Freute er sich nicht? Er hatte eine Gemeinde beglückt! Es war das erstemal, daß er mit bewußtem Willen Unglück in Glück verwandelte. Er kannte jetzt seine Macht. Wie ein Heiland und Segenbringer schritt er durchs Land. Aber sein Herz blieb tot: »Und wann wird mir der Segen? wann fällt Regen in mein Herz? Einsam, verlassen, verstoßen unter den Fröhlichen – wo soll ich hin?« Und er schluchzte vor Weh. »Ich bin kein Gott, ich bin ein Mensch und habe Sehnsucht wie andre Menschen. Wer nimmt diese Begabung von mir, die ich nicht tragen kann?«

Da fiel ihm Virgil ein. Virgil sollte ihm Rat geben. Er wohnte am Posilipp bei Neapel in einem Landhaus über dem Meer. Das Haus war ein Palast, denn Virgil war reich wie ein Fürst und Herr, und drei Tage lang stand Fortuit zaudernd und wagte nicht, an das Tor zu pochen, als könne er die Majestät des Hauses beleidigen.

In der Nähe wohnte eine Fischersfrau; bei der trat er ein. Sie hieß Polla, geradeso, wie einst auch seine Ziehmutter geheißen. Der Name schlug ihm mächtig ins Herz, und mit der Sehnsucht des Kindes fing er an, diese Polla heiß zu lieben; denn sie schien ihm so schlicht und so mütterlich edel. Und er sagte ihr in beweglichem Ton: »Ich bin elternlos, Frau. Oh, könnte ich hier mein Heimweh stillen! Könnte ich nicht bei dir bleiben, und wolltest du nicht meine Mutter sein?«

»Ich habe drei Söhne,« sagte Polla stolz und mild. »Sie sind draußen auf dem Meer. Die Götter legen jedem das Seine auf; sie werden dir auch helfen. Geh nur zum Virgil, wie du es wolltest.«

Virgil hauste wie ein Geheimnis in seinem Schloß; seit zehn Jahren hatte die Welt ihn nicht gesehen. Er dichtete ein großes Werk über Götter und Helden zum Ruhm der ewigen Stadt Rom, und die Menschheit wartete darauf und harrte seit langem. Besucher ließ er ungern zu sich ein. Als aber Fortuit sich meldete, da befahl er, sogleich das verrostete Tor zu öffnen; denn er wußte längst von diesem Wunderkind. Er war fast wie ein Allwissender.

Fortuit schritt gedrückt und scheu durch all die Säle. Der eine Saal hing voll von Heldenwaffen; denn der große Dichter hatte ein gar zu friedliches Herz und eine zu weiche Hand und mußte erst Speere sehen, wenn er von Schlachten dichten wollte. In einem andern Saale stand ein Kranz edler Götterbilder auf hohen Säulen, die waren wie lebendig, und der Meister starrte sie an, tagelang, bis sie ihm vernehmlich zu reden schienen, und er sang himmlisch von den himmlischen Dingen. Dann war da noch ein Turm, der war drehbar und von Glas, und Virgil sah, wenn er ihn erstieg und der Turm sich drehte, ringsum in alle vier Teile der Welt, und nichts entging seiner Kunde. Unter dem Palast aber ging es tief in den Erdenschoß. In diese Unterwelt der schwarzen Grotten stieg der Dichter mit Fackellicht gedankenvoll, wenn er vom Jenseits dichten wollte und von den Strafen der Hölle.

Virgil kam eben aus der Unterwelt. Er war bleich wie der Tod, aber ein Riese von Wuchs. Mit stumpfem Blick sah er auf den jungen Pilger und sagte mit müden Mienen und einer dünnen, weichen Stimme: »Senke deine Augen, Knabe! Ich komme aus der Nacht, und deine Augen strahlen und blenden mich. Ich weiß, du bist der Glücksbringer, der jetzt durch die Welt geht. Ich hoffe aber, du überhebst dich nicht. Denn ein Mensch wie du ist nicht mehr als ein Amulett; man wirft es fort, wenn es kein Glück bringt. Sieh hier, ich selbst trage solch Amulett am Halse. Es ist ein Beryll, und es hat sich bewährt. Wenn ich den Stein berühre, da gestalten sich plötzlich meine Gedanken, mein Werk gelingt, und ich bin mit Glück versorgt. Womit kann ich dir nützen?«

Fortuit sagte bitter: »Ich will mein Los nicht mehr tragen. Ich will kein Amulett sein. Ich bin ein Mensch. Die gräßliche Wunderkraft bringt mich um. Sage mir, wie kann ich ihr entrinnen?«

Da faßte Virgil weich das Haupt des Knaben und sagte: »Deine Augen strahlen nicht mehr und sind voll Tränen. Jetzt sieh mich an. Es gibt drei Klassen von vernünftigen Wesen: es gibt Götter, es gibt Dichter und es gibt Menschen, die im Haufen leben. Die Götter brauchen kein irdisches Glück; der Dichter braucht es, aber er findet es nicht, weil sein Verlangen in die Wolken greift, wo die Ideale schweben, und er lernt zu entsagen, um so zu seinem Werk heranzureifen. Mein Werk lebt, nicht ich. Das ist mein schweres, dumpfes Los. Du aber taugst weder zum Gott noch zum Dichter. Du brauchst Liebe, armes Kind. Ich beklage dich. Suche jemanden, der dich liebt wie du ihn, und der Zauber wird von dir fallen, der dich vernichtet, und du hörst auf, ein elender Sohn des Glücks zu sein.«

Virgil stieg müde auf seinen Turm. Der fing schon an, sich zu drehen. Fortuit sah ihm voll Ehrfurcht und Mitleid nach, in seinem Ohr aber tönte es: Suche jemanden, der dich liebt, wie du ihn! Und er stürzte zu Polla: sie sollte ihm Mutter sein, sie sollte es; er wollte ihr Herz erweichen. Aber – er fand sie nicht zu Hause. Vom Hafen kam ein Geschrei. Da fand er Polla. Ihre Söhne waren in der Frühe beim Fischfang ertrunken. Wie wahnsinnig lag sie über den drei Leichen. Fortuit umfaßte sie. »Polla! Mutter!« rief er. »Ich wollte dein Sohn sein! Warum hast du mich fortgeschickt? Ich hätte dir Glück gebracht, und die Söhne wären dir nie gestorben.« Sie hörte nicht. »Mutter,« rief er wieder, »tröste dich nur und sieh mich an! Ich bringe ja Glück, und mit allem, was ich bin, will ich dir dienen.« Sie hörte noch immer nicht. Gewaltsam zog er sie empor. Da stöhnte sie in ihrem Jammer: »Ich will sterben! Kinder, Kinder, nehmt mich mit in den bleichen Tod!«

Das sprach sie noch; da war sie zurückgesunken. Ihre Augen standen gläsern. Ihre Hand war starr und kalt. Ihr Wunsch war erfüllt. Er, er hatte sie getötet. Das graue Entsetzen faßte Fortuit; er war imstande, auch Menschen umzubringen, Menschen, die er liebte.

Er rannte hinweg – man konnte ihn für den Mörder halten – und warf sich mit einem Sprung auf ein Schiff, das eben nach Ägypten abfuhr.

Das blaue Meer lag lauernd da wie ein schönes Raubtier. Die Segel blähten sich, die Wogen stießen das Schiff. Auf Deck drängten sich fahrende Spielleute, Weiber und Gesellen, bei süßem Saitengeklimper und Liederklang. Bunte Tücher wehten vom Mast. War es nicht eine Jubelfahrt? Fortuit aber glaubte, die blauen Wogen leckten nach ihm, und er müßte in die endlose Tiefe versinken. Dort unten war es still. Da waren auch Pollas Söhne still geworden.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Ein hochgewachsener Mann mit langem weißem Bart trat zu ihm und sagte: »So jung, mein Freund, und so betrübt?«

»Ich bin verflucht und ein Sohn des Glücks,« ächzte Fortuit.

Der Alte aber nahm ihn lächelnd an der Hand: »Komm mit! Dort hinter den Fruchtkörben sitzt Manto, meine Enkelin. Ich bin zu alt für sie; sei du ihr ein Gefährte.«

Manto hielt gegen die Sonne über ihrem Haupt ein großes Palmenblatt, und Fortuit konnte ihr Gesicht nicht sehen; er sah nur ihre langhängenden schwarzen Zöpfe, darin goldene Bänder geflochten waren, bis sie das Blatt senkte. Da sah er sie; sie war schön und träumerisch wie das Meer. Er meinte Lolliana, er meinte Helena zu sehen; aber er sah mehr als sie beide. Manto hob die schweren Lider, und ihr dunkles Auge ruhte warm und fest auf ihm, wie ein aufrichtiger Gruß des Willkommens, und als früge sie ihn nach seinem Kummer. Wie zwei Ringe sich verschlingen, so fingen ihre Blicke sich da ineinander und konnten sich nicht trennen. Da beschlich es Fortuit wie ungläubige Hoffnung, wie Knospenspringen, wie Vogelsang. Er atmete tief, als zöge er mit diesem Odem den Himmel ein. Es wurde licht. Er war Mann geworden. Er liebte! Er liebte von neuem, aber er liebte ein junges Weib.

Der Greis fuhr mit seiner Enkelin nach Lipara. Lipara, das dürre Felseneiland, das weltverloren und steil und eng im Meere lag, war ihre Heimat. Sie baten ihn, dort ihr Gast zu sein. Und er war ihr Gast und nächtete in dem stillen Haus, das unter Felsenhängen hoch über der Brandung stand, und erzählte ihnen das seltsame Märchen seines Lebens. Am Morgen aber trat der Greis zu ihm und sprach: »Bleibe hier und suche dir ein Weib. Du wirst nicht weit suchen, und Manto liebt dich, und du bist mir teuer.«

Fortuit brach zusammen. Ihm wurde zumute wie damals, als er auf hohem Dach gestanden und ganz Rom in seiner Herrlichkeit zu seinen Füßen lag: der Schwindel faßte ihn; die Sinne vergingen ihm. Manto war es, die ihn in ihren Armen hielt, als er die Augen aufschlug. Da fiel er in die Knie und dankte mit gestreckten Händen dem Schicksal hoch über ihm, das ihn in dies Leben geworfen und ausgesetzt. Er hatte das Glück gefunden und hatte das Glück gebracht. Es war das Glück, das jenem weisesten der Dichter nie erschienen, das Glück, um das selbst die Ewigen in ihrer Seligkeit den armen Staubgeborenen beneiden. Er brachte es seinem Weibe und keinem anderen mehr. –

Agatharch war am Natterbiß gestorben. Der große Lollius fiel längst aus des Kaisers Gunst. Dossénn, der Bauer, lebte mit den Seinen in grauer Armut und Plage. Der Flößer Verus dagegen trank allabendlich lachend seinen würzigen Landwein und gedachte des fremden Kindes, das ihm dereinst seinen Wohlstand begründet, mit Dankbarkeit. Der Magister hatte sich von seinem Marmorbilde, das nie zustande kam, zum wenigsten den Sockel erworben; darauf saß er nun täglich als sein eignes Monument vor seinem Hause und horchte, ob er nicht wieder etwas vom Fortuit höre; denn er hätte gar zu gern über ihn auch noch ein zweites Buch geschrieben. Fortuit aber blieb verschollen für immer.

Er lebte mit Manto weltenfern, wie auf einem stillen Sterne. Auch geschahen keine Wunder mehr. Das Haus gedieh, die Felsen begrünten sich; aber das war ihrer Hände Werk und der Lohn ihres Fleißes, den die Natur dem Redlichen selten versagt. Der Höcker, der dem Griff des Kruges glich, vererbte sich nicht auf seine Kinder. Der Krug selbst aber füllte sich von Tag zu Tag mit Glück bis zum Rande. Dann ging er in Scherben, wie einst alle Krüge, wenn ihre Zeit gekommen, in Scherben gehen.

* *

Marpessa

Eine griechische Legende

Heil dir, großer Gott Apoll! Weh, wehe über den Gestorbenen. Hyakinthos! Hyakinthos!«

»Was ist das für ein Geschrei unten im Tal?« so fragte Idas, der Held. Er stand, auf die Keule gestützt, und der Hohn spielte um seine bärtige Lippe.

»Spotte nicht; laß uns lauschen. Die Andacht beginnt und das Gottesfest.« So beruhigte ihn der Viehhüter, der neben ihm stand und mit ihm zu Tale spähte. Kienfackeln sprühten auf und begannen im Zuge am Fluß entlang zu irren. Denn der Abend senkte sich schon über das Eurotastal; noch flammte aus Westen der letzte Glutstrahl der sinkenden Sonne auf, und linde Kühle folgte auf den heißen Tag.

»Hyakinthos! Hyakinthos!«

»Welch Geheul! Tu mir Wachs in die Ohren, oder gib Wein her; laß uns zechen!«

Sie warfen sich ins Gras; die Knechte holten den Weinschlauch aus Ziegenfell und füllten den tönernen Mischkrug. Das Wehgeschrei steigerte sich; seltsam unheimlich stoßend drang es durch die Nacht. Idas schrie gellend auf; er wollte mit Jauchzen und Johlen die Klage überschreien; seine weißen Zähne lachten unter dem schwarzen lockigen Bart. Aber sein Gastfreund hielt ihn zurück: »Laß uns fromm sein und stille.«

Der Jüngling fiel auf, wo immer er sich zeigte, und man kannte ihn in Amyklä schon. Vor etwa zehn Tagen war er gekommen, der einsame junge Wanderer und Held. Zwanzig Sommer zählte er: breit und massiv wie Herkules, mit starkem Nacken und stiermäßig vorgeneigtem Haupt. Ein Wanderleben und Jagdleben, das liebte er und war aus Messeniens Gebirgen gekommen, das Messer im Gürtel, Köcher und Bogen an der Schulter, ein Hirschfell um die Lenden; der Köcher mit Bärenklauen verziert. Was wollte er? was suchte er hier? Ein spartanisches Mädchen wollte er sich fangen; das war die Jagdbeute, nach der er lechzte. Denn er hatte genug Bären und Eber erlegt. Die spartanischen Mädchen sind die stärksten, wie sie ein Held braucht, und sie wachsen hier im Eurotastal, in Amyklä und Sparta, den offenen Städten.

Er kannte niemanden und wußte nicht, wohin mit sich selbst. Er sah, wie die Rosse frei in Herden auf den Wiesen weideten: ein Roß konnte er sich rauben, aber ein Mädchen nicht; denn die Mädchen wurden in den Häusern gehütet von ihren Müttern. Den Viehhüter am Berge, den sprach er an; der nahm ihn in seiner Hütte auf. Menon hieß er. Eine Wiesenstelle war vom Bergwasser überflutet; auch im heißen Sommer wich das Wasser nicht, und häßliche Schlangen gab es da. Darüber klagte Menon. Idas kletterte fröhlich den Bach hinan, wo er sich durch Felsschluchten brach. Eine hängende Felswand riß er auseinander, und der Sturzbach nahm einen anderen Lauf, und der Wiesenwinkel lag trocken. Das wurde bald im Ort bekannt. Die Stadt glich einem weitverstreuten Dorfe. Als er zur Stadt hinunterstieg, spähend wie ein Räuber, da war ein Aufruhr; ein mächtiger Stier war rasend geworden, und keiner konnte ihn bändigen. Idas fing ihn ab, faßte sein Gehörn und zwang den schnaubenden, vor dem Pflug zu gehen, er zwang ihn abends in den Stall, und alles bewunderte ihn. Er durfte das Hyakinthosfest mitfeiern.

»Was soll das Fest?«

Menon erzählte: »Es gilt dem Apoll und seinem Freunde. Hyakinth war ein Knabe aus Amyklä, schön wie der Frühling anzusehen. Apoll liebte ihn und verlor ihn. Er übte mit ihm den Diskuswurf. Aber auch der Sturmwind liebte den Knaben, der böse neidische Zephyr. Apoll warf die eiserne Scheibe, da lenkte der böse Wind sie voll Eifersucht, und sie zerschlug dem Jungen die Stirn, und er war tot.«

»Heil dir, großer Gott Apoll! weh, wehe über den Gestorbenen! Hyakinthos, Hyakinthos!« Die Fackeln taumelten wie im Wahnsinn; in Klagechören scholl der Jammerruf unaufhörlich durchs Tal, zum Gebirge hinan. Man hörte ein Schlagen, im Takt: das Frauenvolk schlug sich die Brüste wie bei einem Leichenfest. »Unser Gott trauert und wir mit ihm. Denn Hyakinth ist erschlagen, das süße Leben stirbt, und der Frühling verdorrt!«

Idas trank und trank fröhlich, am Brunnenrand hingelagert, mit den Knechten und äffte den Klageruf nach, voll Hohn: »Der Wein ist rot wie das Blut des Knaben. Hyakinthos! Wie sie alle närrisch und weibisch sind! Elend der Gott, der da weint um den Toten.«

Die Fackeln erloschen. Grabesstumm stand die Nacht, und kein Mond wollte sie vergolden. Da trällerte Idas sein Lied und taumelte weinesvoll über die Wiesen hin, zu den Gärten. Duftig schweres Laub wölbte sich über ihm, als er einschlief, einschlief für eine kurze Sommernacht. Es war um die Zeit der kürzesten Nächte. Noch flammte der Morgenstern; da glaubte er im Schlaf Geräusch und Stimmen zu hören, er glaubte, ihm träume von schönen Mädchen. Aber sie waren wirklich da, mit Körben und Sicheln und Messern, an dreißig junge Städterinnen: die sammelten reife Kornähren in den Körben und Lorbeerlaub und Myrthen und Zweige des wilden Granatbaums mit seinen roten Äpfeln. Die Bäume raschelten, ein Rufen und Zulachen ging hin und her, und zwischendurch sangen sie weich und süßstimmig:

«Hyakinth, den wir beweinet hatten,
Nun kehre wieder von den Schatten.
Du hast den Höllenhund gesehn:
Am dritten Tage sollst du auferstehn.
Morgen, ja morgen! Das wird schön.«

Eben sprang die Sonne über den Bergesrand. Idas erhob sich leise auf die Füße und spähte überrascht durch die Zweige, wie ein Raubtier. In seiner Nähe sah er ein lahmes Mädchen; das ordnete den Laubschmuck in den Körben. Die anderen liefen herzu, in kurzen bunten Röcken, mit losem Haar, wie fliegende Schatten. Jetzt nahte Eine ihm selbst, ein schlanke Maid. Sie sah nicht auf und bückte sich tief, um an der Wasserfurche das Schilfrohr zu schneiden. Er konnte sie greifen; sie ahnte seine dichte Nähe nicht. Lilienweiß schimmerten ihr Brust und Schultern aus dem lose flutenden Hemde, um ihr Haupt schwebte alle Lieblichkeit des Himmels, aber elastisch sehnige Kraft und Übermut war in ihrer Bewegung.

Er bezwang sich nicht. »Mädchen, Mädchen,« schrie er auf – da traf ihn, in Angst aufgerissen, ihr wundervolles tiefblaues Kinderauge; nur ein Augenblick, und sie hastete davon, und alle Mädchen flogen wie die Feldtauben, unter die man den Stock geworfen, mit wirbelndem Fuß über Wiesen und Hecken und waren verschwunden. Nur die Lahme konnte Idas greifen. »Wer war das Mädchen?« frug er; »wie hieß das Mädchen, die da schlank ist wie das Schilf, das sie gebrochen?«

»Marpessa meinst du, meine Schwester, des Evênos Tochter.«

»Grüße Marpessa von mir. Ich bin Idas der Messenier.« Und er trug ihr die Körbe voll duftenden Laubes bis dahin, wo die Wohnstätten begannen und Menschen sich sammelten.

»Morgen kannst du Marpessa wiedersehen,« sagte die Lahme noch. »Ich bin Agido, ihre Schwester. Morgen ist der Wettlauf der Spartanerinnen. Das ist unseres Festes Ende. Aber ich laufe nicht mit; denn mich hat ein Gott geschlagen.«

»Wiedersehen? Sehen? Marpessa, junges Blut! was nützt das Sehen? warum griff ich dich nicht? was kann ich tun, und wo find' ich dich?«

Schon erscholl Musik. Die Prozessionen begannen. Menon mußte mit Idas in die dicht gedrängte Hauptgasse der Stadt. Ihm war aller Spott vergangen, und er sprach kein Wort mehr. Heut war der zweite Festtag, und in Laubkränzen, in frischen Ährenkränzen, mit Jubelhymnen und klingenden Gitarren zog zum Tempelhof die endlose Prozession hinan, steif und pagodenhaft. Dann brachten die Knechte die Rosse herbei, und es folgte am Fluß das Wettreiten und der Waffentanz der Jünglinge. Idas stand abgewandt, als wäre er blind und taub geworden. Verlorene Stunden! Marpessa fehlte.

Ein weiter, langgestreckter Platz war am Flußufer ausgespart: das war der Fechtplatz und die Laufbahn für das alljährliche Wettspiel zu Apollos Ehren. Mit niedrigen, aufgeschütteten Galerien war die sandige Arena rings umgeben; aber auch auf den flachen Hausdächern, auch auf dem ansteigenden Ufer jenseits des Flusses standen die festesfrohen Zuschauer in dichten Haufen.

Nie war das Menschengedränge größer als am dritten Tage. Denn welch Schauspiel ist schöner als der Wettlauf? Nach schlafloser Nacht eilte Idas in die Gassen der Stadt; Menon konnte ihm kaum folgen. Hoch oben auf der Bergeskuppe über Amyklä sahen sie schon den großen Brandaltar rauchen zu Ehren Apolls. Eine schwarze, qualmende Wolkensäule hob sich dort oben im klaren, windstillen Morgen schwerfällig und breit ins Himmelsblau, als Merkzeichen für die Pilger. Denn auf allen Straßen und Gebirgspfaden, vor allem von Sparta her, auf Saumtieren reitend, zogen die Menschen in südländisch bunter Tracht, die Frauen mit schweren Ohrringen und Ketten, die Tiere mit klingenden Schellen behangen, in langen Zügen durch die Ölberge und Weingehänge heran. Die Straße war voll Klingen und heiterem Zuruf und Gejauchze.

Für Tausende war Platz in der Rennbahn, wo der ehrwürdige Priester schon harrte und auf offener Flamme das Festopfer brachte und auch schon die Sitzreihen sich füllten, ein Gewimmel, als sammelten sich Ameisen in einem Topf voll süßem Honig. Und auf einmal hub ein Summen und Singen an; immer mehr Stimmen fielen ein: »Auferstanden, auferstanden!«, und von allen Berglehnen und Hausdächern in der Ferne und Nähe scholl es wieder, lauter und lauter: »Heil uns, auferstanden!« als sänge das ganze sonnentrunkne Tal selber: »Erstanden ist der Gestorbene, und des Gottes Freude währet in Ewigkeit. Darum sei uns auch gnädig, Päan Apollo, und wende den Hagelschlag, die Ernte laß reifen, und gib uns einen neuen Frühling jedes Jahr.«

Auf einmal wurde es feierlich still. Idas sah da, wo in der Bahn der Priester und der Ephore stand, zwölf Mädchen erscheinen, die zwölf edelsten Töchter der zwei Städte Sparta und Amyklä. Bescheiden traten sie heran, in bunten Kleidchen, die alle frisch vom Webstuhl kamen, und legten in die Hand des hohen Beamten den Eidschwur ab, den er vorsprach, dem Gott zu Ehren ihr Bestes zu tun, keine Kraft zu sparen, aber auch sich aller Hinterlist zu enthalten, wie sie die Begierde nach dem Sieg dem Schnelläufer eingibt.

Dann traten sie ins Zelt, und das Publikum harrte in lautloser Spannung: nackt traten die Mädchen wieder hervor und stellten sich auf die Steinschwelle zum Ablauf, gesenkten Blickes, geschlossenen Auges. Nur dem Gott zu Ehren zeigten sie sich so in ihrer natürlichen Schönheit; nur des Gottes selbst dachten sie im Herzen und wollten nicht sehen, daß man sie sah. Aber der prüfende Blick der Erfahrenen fiel auf sie, und Idas packte in Erregung Menons Arm. Welch rassiger Jungwuchs, sechzehn- bis achtzehnjährig! die vornehmste Edelzucht Griechenlands beisammen. Welch straffe und doch so biegsame Gestalten in eben erblühender aphrodisischer Vollendung. Durch Jahrhunderte berühmt war und blieb dieser Frauenwettlauf der Spartanerinnen. Siebenmal rund um die weite Bahn. Wer zuerst am Ablaufsplatz zurück war, war Siegerin.

Manch einer gab auf Idas acht. Der stiernackige Fremdling, was wollte er? Vorn auf dem granitnen Eckpfeiler der Galerie hockte Idas. Man stieß sich an: »Was will der Fremdling aus Messenien? Bärenklauen hat er am Chiton aufgenäht, und Raubtieraugen hat er im Kopf!« Den Hals vorgestreckt, die Knie hoch, den Kopf über den Knien, so saß Idas und schien mit gierigen Augen die Dahinjagenden zu verzehren. Wo war Marpessa?

Wie auf archaischen Reliefs, so glichen sich die Mädchen in jagendem Profil, als wäre es zwölfmal dieselbe Person: kein Schmuck, kein Abzeichen, keine klirrende Kette am Hals, das schwarze Haar eng zusammengerafft. Sie warfen die Arme und sprangen stöhnend und schreiend, mit offenen Mündern, die Blicke stier nur nach vorwärts, die eine wie die andere; die Waden schlank und sehnig, die Füße elastisch und breit fingernd wie Hände, und als hätte sie nie ein Schuh gepreßt.

Der alte Menon fuhr zusammen. Idas war emporgefahren und wies mit den Fingern weit vorgebeugt, als wollte er in die Arena springen. Er hatte sie erkannt. Die schlanke Maid dort, schlank und biegsam wie ein Weidentrieb, sie war's, mit der Geierfeder im Haar, Marpessa! Warum raubte er sie nicht? Warum nicht? Ein Sprung, ein Griff! Wer wollte es wagen, ihm zu wehren? Aber Menon zog ihn auf seinen Sitz zurück, und er begriff das fromme Gesetz, das am Götterfest die Mädchen vor jeder Begierde schützte.

Staubwolken flogen, die Sonnenglut wuchs. Ein Hetzgeschrei kam von allen Bänken. Da löste sie sich aus dem rennenden, fliegenden Haufen. Sie war voran, sie gewann Vorsprung. Idas schrie auf; ein Massenschrei ging durch die ganze Bahn. Die Läuferinnen selbst riefen hetz hetz! mit keuchender Brust. »Marpessa gewinnt!« Aber keines der Mädchen schaute auf, auch die Siegerin nicht. Die Mädchenseelen blieben tief in ihr Werk versunken, Marionetten des Gottesdienstes, die ihre letzte Kraft hergaben, auf daß der Gott gnädig sei.

Nur einmal, nahe dem Ziel und schon ihres Erfolges gewiß, warf Marpessa den Blick spähend nach hinten zu ihren Gefährtinnen, und ein kindlich seliges Lachen übergoß ihre gespannten Züge. Aber den Idas sah sie nicht. Es war ein Gesicht voll knabenhaftem Trotz, Mut und Willenskraft. Aber wo war ihre Schönheit? Vom dicken Staub der Arena untermischt, rann ihr der Schweiß in Strömen über Nase und Wangen. Die Geierfeder hing ihr lose tief im Nacken, das Haar war glanzlos, grau und wirr, und sie taumelte wie mit gebrochenen Knien, als der Jubel scholl, und man sie, sie und die andern, in das Zelt zurückführte. Als wäre Marpessa Hyakinth selbst, der Götter-Liebling, so scholl ihr Name durch das Tal.

Und da war sie schon wieder, in safranfarbigem Gewand, wie verwandelt! Ein schmales Lorbeerdiadem schwebte ihr im Haar, und man hatte ihr Wein gegeben: die Erschöpfung war gewichen, ihre Augen flammten verklärt. Kleoböa, die Mutter, schritt sorgend neben ihr und Agido, die Schwester, als man sie die Gasse entlang in großem Geleit zum Elternhaus führte. Der Vater Evênos folgte mit erhobenen Händen, als spräche er ein Dankgebet.

Idas drängte nach; mit Wucht spaltete er die Menge. Und wenn ihr Auge ihn nur noch einmal träfe, es wäre ihm für jetzt genug. Allein bei all ihrem kindlichen Triumphgefühl blickte sie doch nicht um sich, sie blickte nur scheu in sich hinein, auf ihre Mutter gestützt. Und da stand schon das Haustor offen, da winkte schon das Gesinde und schwenkte jubelnd Blumenzweige und bunte Tücher.

Da sprang Idas vor und zerrte am Ärmel ihres Chiton. Ein wilder Griff: es war die unzarte Zärtlichkeit des Recken. Er wollte nur ihren Blick, nichts weiter; nur einmal ihr Auge auffangen und auf sich lenken. Aber kein Schrecken, keine Neugier vermochte etwas über sie. Sie sah nicht hin. Sie wußte nichts von ihm. Ihre Sinne waren nur in dem Gott, dem sie diente. Der Zug bog aus. Idas stand in der Gasse allein. Marpessa war schon im Haus verschwunden.

Er lachte, daß es schallte. Er lachte wie der Knabe, der den Schmetterling jagt. Ein Sprung mehr oder weniger – einerlei. Er wird ihn schon erwischen, und dann wird er ihn fest an den Faden binden. »Unmöglich« war ein Wort, das er nicht kannte. Vom Vater Evênos wollte er am Abend die Tochter fordern mit offenem Wort, und weigerte der Vater, so brach er nachts die Wände des Hauses ein. Lehmziegelwände waren es. Sie konnte ihm nicht entgehen.

Aber er irrte sich. Auf der Tenne hinter dem Haus des Evênos standen Tische: da hatten die zwölf Mädchen, nachdem sie sich sorglich gebadet, zusammen gespeist; sie speisten die berühmte schwarze Schüssel, das dampfende kraftvolle spartanische Blutgericht. Dann gingen die andern; Marpessa aber war tief wie in Ohnmacht entschlafen, indes Agido, die ältliche Schwester, bei ihr wachte. Plötzlich fuhr sie aus ihrem Schlaf und griff nach ihrem Kranze. »Ich bin die Siegerin, Schwester,« jauchzte sie, »bist du nicht stolz auf mich?«

Da hörte sie Agido die Worte sprechen: »Ich aber habe heute den Gott selbst geschaut.«

»Den Gott geschaut?«

»Mit gehobenen Händen saß ich andächtig in der Menge. Da sah ich Apoll . . .«

»O du Hellsichtige!«

»Leibhaftig riesengroß stand er auf seiner Tempelmauer, Licht im Licht . . .«

»Licht im Licht?«

»Sein Umriß offenbart sich nur dem sehnsüchtigen Auge.«

»Und wohin spähte der Gott?«

»Er sah eurem Laufe zu.«

»Er sah auf mich?«

»Er sah auf dich.«

»O, Rennen und Siegen und die Götter ehren, das ist schön und himmlisch, wundervoll! Nun ist alles vorbei, und ich muß jetzt hier still wieder im Hause hocken, am Herd die endlosen Tage, und im grauen Schatten mit den Mägden am Webstuhl mein junges Leben vertrauern.«

»Das mußt du. Komm in den Garten. Es dämmert schon.«

»Warum?«

»Damit du deine Pflicht nicht verlernst, nimm die neue Wolle, die ich gesponnen, und wasche sie im Fluß.«

»Heute?«

»Zögerst du?«

Marpessa nahm folgsam träge den Korb voll Wolle. Hinten am Hausgarten floß rauschend in seinem steinigen Bett der Eurotas vorüber. Auf einem flachen Stein mitten im stürzenden Wasser kniete sie nieder, um die Wolle zu spülen, und das Gebirgswasser kühlte ihre heißen Pulse, indessen Agido sich niedersetzte unter dem Rebengang. Agido gab nicht acht: auf einmal war Marpessa verschwunden.

»Marpessa! Marpessa! Wohin?«

Drüben am Ufer, im dunkelen Erlenwald, war ein Schimmer erschienen. Das Licht fiel von unten in die Baumkronen, als wandelte eine Sonne unter ihnen her. Apoll kam gewandelt; Lichtspuren ließen seine Sohlen im Gras. Er bückte sich, denn er war selbst hoch wie ein Baum. Sein welliges, goldenes Haar hing ihm tief über Stirn und Schläfen. Trauerte er noch? Sein Schritt zauderte; er schien zu suchen. Dachte er noch immer seines Hyakinthos?

Da sah er Marpessa. Sie hatte sich eben im Fluß hoch aufgerichtet und dehnte lässig, sehnsüchtig den knabenhaft schlanken Leib im engen Kleide und streckte in unnennbarem Verlangen die Arme in den sinkenden Abend. So glich sie dem Verlorenen; sie glich dem Hyakinthos. Da schlug des Gottes Glanz ihr ins Auge, und es war wie Sturm. Ihr schwanden die Sinne. Starke Arme hatten sie schmerzlos eng umfangen. Die Luft legte sich tragend unter ihre Füße. Strom und Wald versanken unter ihr. Apoll hatte sie empor in seinen Tempel getragen.

Auch Götter lieben. Wer rein und jung und fromm und schön, den sucht der Gott und wirft sich ihm ins Herz und reißt den Sterblichen wie Zeus den Ganymed in seine Höhen.

Schon kamen die Eltern und riefen nach ihrem Kinde. Sie fanden nur Agido betäubt im Rebengang. Agido war sprachlos und wußte nichts. Am anderen Tag aber wußte es trotzdem die ganze Stadt; denn Kleoböa, die Mutter selbst, erzählte es allen: Apoll war der Räuber ihres Kindes, und Apoll war der Mutter im Traum erschienen und hatte vernehmlich zu ihr gesprochen: »Segen von nun an mit euch, eurem Haus, Vieh und Gesinde. Ich habe Marpessa zu mir erhöht. In Jahresfrist sollt ihr sie wieder sehen in meinem Tempel (merkt es wohl!), wenn ihr nicht trauert und fromm zum Berge wandelt und Opfer bringt.«

O Gottes Gnade! Nicht trauern? und wiedersehen in Jahresfrist? Log der Traum nicht? Aber auch eines Gottes Gnade ist schwer und peinvoll für ein Mutterherz.

Auch Idas vernahm die Kunde gleich, und Menon sah ihn nicht wieder. Er lachte nicht mehr; schwerer Zorn war ihm seitdem ins heiße Blut gemischt. Sein Übermut hüllte sich in Finsternis. Ins Gebirge trug er sein verlorenes, wildes Herz. Auf Waidwerk und Fischfang warf er sich, auf Raub und Beute. Wehe dem Sterblichen, der ihm widerstand! Einen grauen Riesenbären fing er sich und sperrte ihn ein, fütterte ihn und zähmte ihn und übte sich oft mit ihm im Ringen. Eine tiefe eiskalte Felsengrotte, dergleichen es viele im arkadischen Hochland gibt, eine Grotte voll Nacht und Einsamkeit, nahm er sich zur Wohnung und baute einen Herd hinein. An ein Stiergehörn hängte er Schwert und Köcher. Aus Fellen erhöhte er eine breite Lagerstatt. Auch eine Ziegenherde, die er erbeutet, hütete er, als wäre er Menon, und lockte sie jeden Abend zum Melken heim. Eine Rosenhecke pflanzte er vor den Eingang. Für wen das alles? Wollte der Unstete hier dauernd wohnen? Er konnte die Läuferin nicht vergessen, den rassigen Eigensinn in ihren Zügen und ihren süß erschreckten Blick, als er sie zuerst gesehen auf der Wiese in der Morgenfrühe. So lebte Idas stumm und voll Grimm, wie der Höhlenbär, der sein einziger Kamerad war.

Marpessa aber freute sich ihres Gottes. Hoch oben im grellen Himmelslicht lag des Apoll Bezirk. Durch schwarze Pinienalleen schritt man zu ihm nicht allzu steil auf. Rechts und links rastete der Pilger an Heroengräbern. Doch auf dem stumpfen Gipfel stand kein stolzes Tempelhaus; nur eine schwere, von Zyklopen übermenschlich aufgetürmte Umfassungsmauer umgab im weiten Kreis die leere Plattform, auf der nichts als ein Brandaltar, ein kolossalischer Aschenhügel, ragte. Im Hintergrund aber, unter wucherndem Lorbeerdickicht, da öffnete sich die Erde geheimnisvoll, und wer im Felsenspalt Einlaß fand, der fand auch den Gott, und durch wundervolle, in Kristall aufgewölbte Labyrinthe ging man dort ein in das Land der Märchen und der Seligkeit.

Im ewigen Frühling irrte da das Kind der Sterblichen durch Palmenwälder und Paradiese, Narzissen- und Hyazinthenfelder und haschte die Falter und die Kolibris, die beflügelten Blumen, die in Gold, Blau, Violett, in tausend Farben schillerten. Die Gazellen, die auf den Wiesen sprangen, ließen sich von ihr greifen. Am Rand des Sees blühte die Iris, und Schwanenvölker ruderten mit ihren Jungen. Wenn Marpessa nahte, flogen sie im Kreise um das Wasser und sangen mit gestreckten Hälsen ihr süß melancholisches Schwanenlied.

Andächtig sah sie täglich alles wieder mit Trällern und Lachen. Ihr Jubel war Andacht, ihre Andacht Jubel. O Bucht des Friedens! o Pracht! o Versunkenheit! es war zu köstlich. Schon allein die hundert rinnenden Brunnen! Da fand Marpessa unterm Marmortrog eine Katzenbrut. Katzen morden die lieben Vögel: sie wollte die jungen weißen Kätzchen im See ertränken; da aber schlugen die Schwäne sie mit den Flügeln, und die Musen schalten derb. Denn es gab keinen Tod hier im Götterland. Ach, warum nicht ein bißchen Übermut? Da war ein allerliebster goldiger Spitz; mit dem Hund hetzte Marpessa die Gazellen, und wieder schalten die lieben Musen. »O ihr guten,« sagte Marpessa und küßte sie alle neun, »man muß doch ein bißchen toben, auch im Himmel. Kommt heran! laßt uns wettlaufen!« Und die göttlichen Schwestern liefen mit ihr siebenmal um den See; aber sie siegten nicht. Denn Musen können nur tanzen, nicht rennen, und es war ein großes, seliges Gelächter.

Mittags speiste Marpessa die seltensten Früchte, auch Hasenfleisch in goldenen Schalen. Apoll selbst war ja Bogenschütze, und er lieferte Kraniche und Wildenten und manches andere für die Küche, und Marpessa rupfte das Geflügel selbst. »Wie schade, Herr, daß du nur Nektar und Ambrosia nimmst,« seufzte sie zu ihm hin. So war es. Nur sie, die Sterbliche, genoß feste Nahrung. Aber vom Nektar ließ der Gott sie doch leise nippen, täglich nur ein Fingerhütchen voll; dann wurde ihr rasch das Köpfchen schwer, und sie nickte ein, während hoch aus den Zweigen in traumsüßem Andante ein schwellendes Saitenklingen kam, und ihre Ohren schlürften den Wohlklang.

Wie herrlich war es gar, wenn der schönste der Götter abends heimkam und schon von weitem »Marpessa« rief! Er legte zuvor hinter dem Felsen die Strahlen ab, um sie nicht zu blenden, und dann sah sie oft, daß er traurig war, und drängte sich an ihn: »Herr, Herr, was betrübt dich nur?«

»Der Morgen liebt mich, da bin ich heiter,« sagte Apoll; »am Abend, da ist mir's wie der Sonne zu Mut, die untergeht.« Er setzte sich. »Und es gibt auch viel Irrung unter den Erdenmenschen (deine junge Seele ahnt es nicht), Bosheit und Zorn und häßlichen Neid, und es gibt viel Hunger und Herzweh und Krankheit bei Vieh und Mensch, und wir Götter sehen alles und können nicht jedem helfen.« Und der Sanfte versank vollends in Traurigkeit; denn er hatte die weiche Seele eines Künstlers und Musikers.

Da holte das Mädchen seine goldene Leier und bestürmte ihn: »Spiele doch!« und er tröstete sein Götterherz mit den eigenen himmlischen Phantasien, und Terpsichore tanzte dazu mit ihren Schwestern unsäglich schön, bis er Marpessas Hand nahm und sie schwärmend über Wolkenschatten und Bergesstirnen höher und höher führte ins unendliche Abendblau. Sie begriff nicht, woher die Lichtfülle kam in der Nacht; sie begriff nicht, wie man auf weich wiegenden Wolken wandeln konnte ohne einzusinken. Sterne deutend, trug er sie die Sphären entlang, und ihre Seele war weit offen, ihr Kinderherz berauschte ein weltdurchschauendes Gefühl.

Aber der ganze Himmel mit seinen Wundern, er war doch nur ein sternbestickter Vorhang für sie, unter dem sie ruhte, als er im Nachtduft des Violenfeldes sich über sie neigte, seine Hand unter ihren Nacken legte und sein Göttermund ihre aufblühenden Lippen fand.

Sie staunte nicht. Ihre Angst war längst geschwunden. Sie war eine Götterbraut. Tausend Tage waren für sie wie ein Augenblick, und jeder Augenblick war Ewigkeit.

Da kam der Winter, und die Schwäne hoben sich unruhig, und Apoll sprach: »Ich gehe jetzt ins Hyperboräerland, fern, jenseits der Meere, wo die Heimat der Schwäne ist. Mit dem ersten Frühlingstag bin ich zurück.« Sein klares, goldbraunes Auge sah sie dringend an: »Harre mein, Marpessa, und sei geduldig.«

Er schüttelte den Bogen, die Vögel schwangen sich hoch im Sturm, und im Schwanenzug flog der Gott davon ins Unsichtbare. Wirr flammten seine Locken. Sie hörte aus der Ferne ein wonniges Lied verklingen. Was sangen die Schwäne? Sie sangen: »Schwäne sterben wie Frühlinge. Leben und Sterben ist nur ein Lied, das verklingt. Schön, wenn es schön war, das Lied und das Leben!«

Schön, wenn es schön war? Nun begann Marpessas schwerste Zeit.

Draußen – sie wußte es – fegte der Wintersturm schaurig über Wälder und Bergeskuppen. Aber sie merkte nichts davon; sie lebte wie in einem Treibhaus der Wonne. Wenn sie hinaus könnte, nur einen Augenblick! nur etwas Sturm, freier Odem, rauhe Kraft! Was sollten die lieben Musen ihr jetzt, die Narzissen und Gazellen? Das Gazellchen, ihr Lieblingstier, kam nachts und legte sich vor ihr Bett, das Köpfchen auf ihr Kissen. Sie jagte es von sich. Ohne Eltern, ohne Freund, einsam mit ihrem schlagenden Herzen! Ihre Angst wuchs.

Wenn sie den Grottenausgang fände? Die Musen warnten sie. Umsonst. Sie wagte sich ins Labyrinth, das zum Ausgang führte, und lief sich müde und fand ihn nicht, bis eines Tages ihre Neugier siegte. Ein heftiger Windstoß blies herein: da war der Ausgang, und die Erdenwelt lag offen.

Der Schneesturm peitschte sie; er zerriß ihr das Haar. Unter dem Brandaltar suchte sie zitternd Schutz und spähte empor: die Wolken jagten, die Raben krächzten grausig über ihr. Wie Raben und Wolken, so flatterte auch ihr Traum hinaus und zerflatterte im Winde. »Göttlicher Freund, o wärst du nie gegangen!«

Sie wollte zurück in ihren Märchengarten, aber nein! erst einmal noch die hohe Mauer erklettern, die neidische Grenze des Gottesbezirks. Da waren Stufen. Sie stand schon oben. Da sah sie entzückt das Schneegebirge, das unendliche, offen, Arkadien, das himmelhohe, das wilde Bärenland. Die Wolken zerrissen in Fetzen an den eisigen Felskanten. Angsttaumel faßte sie; sie glaubte, sie müsse von der Mauer stürzen wie ein verwehtes Blatt und rief nach den Tempeldienern, daß sie ihr hülfen.

Da fühlte sie sich von hinten umschlungen. Ein wilder Mensch riß sie nach außen hinab in die Tiefe. Sie schrie, sie biß um sich. Aber er hielt sie mit eisernem Griff. Bergab gings. Er setzte sie vor sich auf seinen Gaul und jagte mit ihr weit, weit hinaus in das einsame Land. »Marpessa, sei ruhig,« raunte er, »das Tier rennt gut.«

Sie bebte in allen Gliedern. Er deckte sie mit seinem Fell und versuchte sie zu streicheln; da kratzte und biß sie ihn wieder.

»Wer bist du, Unhold?«

»Ich bin Idas.«

»Ich kenne dich nicht.«

»Hundertmal war ich hier oben; jetzt endlich sah ich dich, fand ich dich!«

Umsonst ihr Schreien, ihr Entsetzen. Halb ohnmächtig brachte er sie in seine Höhle.

Wütend wie die eingefangene Eule starrte sie ihn an, als er sie ansprach. »Wer bist du? Ein Bergesteufel? oder Gott Pan? Unglücklicher, weißt du nicht? ich bin des Apoll. Er wird dich furchtbar strafen.«

Er lachte überselig: »Liebe mich nur!« Sie wandte sich weg: »Berühre mich nicht. Apoll ist mein Gemahl. Mein Leib ist gesegnet.«

Scheu wich er zurück. Er fühlte das Wort wie einen Peitschenhieb. Aber seine Mildigkeit wich nicht. Er pflegte sie, ließ, damit sie nicht friere, das Feuer lustig brennen, brachte ihr Milch, Rüben, Kürbis und den Schinken des Wildschweines (wozu hatte er seine Vorräte gesammelt?) und sagte immer wieder: »Ist es nicht traulich und wohnlich hier?«

Dann holte er seinen Bären, rang mit ihm, ohrfeigte das Tier und schüttelte sich vor Lachen. Marpessa aber verkroch sich zitternd hinter das Bett und bedeckte die Augen, um nicht hinzusehen.

Die Grotte war von Wacholder umbuscht und einem Rosendickicht und mit Epheu und Erdbeerstauden überwuchert. Über ihr aber drohten rissige Baumstämme und wilder Fichtenwald und schroffe Felsenriesen. Wildbäche stürzten. Düstergrau hing der Nebel herein, und ringsum in Tagesweite keine Menschenspuren. Nur die Glocken der Ziegen hörte sie und das Krachen des Wasserfalls.

So blieb sie angstvoll und in Schreck erstarrt. Was sollte nun werden? Was sollte ihr dieser Räuber Idas, der wilde Jüngling? Im Knoten trug er das lange schwarze Haar; braun wie Kienholz sein Nacken, zottig seine Brust wie eines Waldmenschen.

Er hütete sie wie ein anvertrautes Heiligtum, wie ein Geschenk der Gnade. Wenn er aber vom Jagdgang heimkam und sie grüßte ihn nicht, da stürzten ihm die Tränen, und sein schwarzes Auge hing wie flehend an ihr; seine grobharten Züge wurden weich und zärtlich wie die eines abbittenden Kindes. Das rührte sie, und sie wurde endlich freundlicher. Die Wölfe bellten des Nachts; da rief sie in Angst seinen Namen, und er hielt brüderlich ihre Hand, als wäre sie seine Schwester. Er hatte Geduld gelernt und erstickte seine Flammen.

»Willst du nicht mit?« sprach er eines Tags.

»Wohin?«

»Gürte dich. Der Winterregen ist heut gelinder. Komm zum Adlerhorst . . .«

Sie folgte ihm, aber sie erlahmte bald, und er mußte sie heimwärts tragen.

Aber ihr Kraftgefühl, ihr Eifer war angeregt. Nach etlichen Tagen sagte sie selbst: »Ich geh' mit dir.«

Und sie fanden wirklich unter einem Felsenjoch den Horst eines jungen Adlers.

»Merk' dir die Stelle. Im Frühling wollen wir die Jungen rauben!«

Sie zuckte die Achseln. »Im Frühling? wir?«

Schon ließen die Winterregen nach; es sollte bald Frühling werden. Da wurde ihr Körper schwerfälliger; sie brauchte Ruhe und wurde bang beklommen. Denn sie merkte zugleich, daß sie langsam das Augenlicht verlor. Sie sah nur noch ungewisse, matte Lichtflächen, und ihr Fuß trat oft fehl. Marpessa! War es möglich? sollte dies junge Weib fast noch im Kindesalter erblinden?

Da beugte Idas seinen Starrsinn, er baute einen Altar und brachte ein reiches Opfer und flehte mit heißem, inbrünstigem Wort: »Vergib mir, erhabener Gott, dem ich das Weib entrissen, und willst du unerbittlich strafen, Apollo, so triff nicht sie, triff mich, und müßte ich siech und blind sein mein Leben lang; ich will es dankbar tragen und dich ehren, wie ich jetzt dich ehre!«

Ob der Gott seinen Ruf vernahm?

Der Schnee schmolz. Die Bäche schäumten. Wonnig erscholl der erste Vogelsang. »Idas, hörst du? der Frühling will kommen.« Idas brachte ihr die erste Blume, die schüchtern im Gras wuchs.

Es war der erste Frühlingstag.

»Wehe dir, Idas! der Gott mit seinen Schwänen kehrt heim.«

»Er wird mich nicht finden.«

Da stand der, den sie meinten, schon hoch über dem Felsen, ein blendendes Gespenst, in drohender Schönheit vor ihm. Apoll stand und schüttelte seinen Bogen, der funkelte wie ein Mondstrahl, und rief: »Idas, Idas!«

»Was soll ich, Herr?«

»Marpessa will ich.«

»Schone uns, Herr.«

»Marpessa gib.«

»Nimmermehr!«

»So sollst du sterben.«

Marpessa stürzte tastend vor; aber Idas stellte sich breit vor sie hin. »Und ob du mich tötest,« schrie er, »ich geb sie nicht.«

Da wurde es Nacht. Eine steile, schwarz aufqualmende Wolkenwand verschlang grauenvoll auf einmal von oben bis unten Himmel und Erde. In der Nacht stand der Gott, schlank und hoch, ein tötlicher Blitz in Menschengestalt, und gegen ihn stand da der Sterbliche: Idas stand da, sich aufbäumend, wie ein atmender Fels.

Was ist der Mensch? Denkende Kraft, die sich über sich selbst erhebt. Will der Mensch mit Gott ringen? Ja, der Mensch will ringen mit Gott. Das ist der Gipfel seines Seins. Der Gott, der ein irdisches Weib liebt, den Gott kann auch ein Erdgeborener zwingen. Wie ein Gigant wuchs Idas empor, und Eros selbst, der unüberwindliche Liebesgott, Eros selbst erhob sich in Idas und füllte ihm die Glieder mit schwellender Kraft.

Apoll schoß seinen Pfeil; aber zum erstenmal fehlte sein Geschoß; denn er hatte auf Marpessa gesehen und nicht auf den Gegner. In die Fichte drang der Pfeil, und der Baum stand gleich in Flammen, und den ganzen Wald erfaßte die Feuersbrunst.

Idas aber sprang vor und schlug aus des Gottes Hand den goldenen Bogen. Da umschlangen sich Gott und Mensch, und es begann ein entsetzliches Ringen.

Einen solchen Kampf sah noch nicht die Götter- und Menschengeschichte. Einen solchen Kampf wird sie nie wieder sehen. Wehe dir, Idas! Wie lange wirst du mit deinem Tode kämpfen? Denn alle Götter töten, die einen mit raschem, die anderen mit langsamem Tod.

Marpessa sah nichts, und doch, sie sah um Apoll den wundervollen Glanz. Der Sieg lachte auf des Gottes Stirn, und sie flüchtete sich zu ihm und barg sich vertrauensvoll in seiner Nähe.

Da donnerte es. Der Donner des Zeus fuhr rollend durch die Berge. Dreimal dröhnte der Schlag, und in die angstvolle Stille hallte vernehmlich die Stimme des Zeus: »Hört auf, hört auf!«

Das war Zeus' Gebot. Auch des Gottvaters Herz bangte um Idas; denn der Göttervater ist auch ein Vater der Sterblichen, und er schont gern die edlen Menschengeschlechter.

»Hört auf!«

Die Arme der Kämpfenden fielen herab. Apoll stand ruhig. Des Idas Brust keuchte schwer.

»Marpessa wähle!« erscholl wieder des Zeus Stimme. »Gott oder Mensch, sie wähle selbst, wem sie folgen will.«

Marpessa hörte es: »wähle selbst«. Sollte Kampf sein, so sollte sie selbst ihn kämpfen in ihrem Herzen.

Aber da war kein Kampf. Andächtig kniete sie zu Apollos Füßen und umfaßte seine Knie. Des Gottes Hand streichelte ihr Haar: da war süßester, überirdischer Friede in ihr. Sie fühlte sich ganz geborgen in seinem Zauber. Des Paradieses lachende Wonnen trieben wieder Knospen in ihrem Herzen.

Da hörte sie Idas. Sie hörte Idas aufschluchzen im Weh. In namenloser Erschütterung stammelte er ihren Namen; schreiend warf er sich auf sein Angesicht und weinte bitterlich und fand kein Wort mehr in zerschmettertem Stolz, und sie stürzte zu ihm und umfing ihn und küßte ihn und hängte sich an ihn, und ein Riß ging durch ihr Herz, und sie rief laut zum Himmel empor: »Idas braucht mich. Ich bleibe bei ihm.«

Der Gottvater im Himmel hörte es und donnerte Bejahung. Ein Regen löschte den brennenden Wald. Die Wolkenwand wich. Apoll war verschwunden. Idas war mit Marpessa im Frühling allein.

»Was hast du gewagt?« stammelte der Jüngling.

»Ich wähle den, der verlassen ist. Ich wähle ihn, der Mühe und Arbeit hat. Ich wähle ihn, der ein Schicksal hat, das ich teilen kann. Ich wähle ihn, dessen Los ist, zu kämpfen und zu sterben zur rechten Stunde. Ich habe Mut und will wagen; ich habe Kräfte und will sie brauchen. Meine Pulse fiebern, und ich bin kein Gott. Das Paradies ist für die Toten, die Ewigkeit ist ein Gespenst und selig das Sterben, wo die Liebe ist.«

»Aber Apoll wird sich an uns rächen!«

»Nein, nein!« rief sie kühn. »Er kann es nicht. Der große Zeus selbst hat der Stimme des Herzens ihr freies Recht gegeben. Zeus schützt uns. Und Apoll ist gut. Ich kenne ihn.«

Bald genas Marpessa eines Knaben. Es war ein schöner Knabe, aber totgeboren, und die junge Mutter weinte sehr. Als aber Idas nach frommer Sitte die Scheiter entzündete und den Toten auf den Holzstoß legte, flog er lebendig und in Anmut strahlend, wie in einer Feuergarbe davon. Zur selben Stunde wurde Marpessa sehend: sie hatte das Kind, das sie verlieren mußte, nicht sehen sollen.

Fortan lebte sie mit Idas, schnellfüßig und frisch, ein irdisch Leben. Bald war sie seine Jagdgenossin, und sie holten sich die jungen Adler aus dem Adlerhorst und erzogen sie zu Jagdtieren, als wären es Falken. Dann ritten sie nach Amyklä. Marpessa sah ihre Mutter, ihren Vater, sie sah ihre Schwester Agido wieder und holte sich der Eltern Segen und zog mit ihrem kühnen Gatten nach dem schönen Land Messenien in die Felsenburg, wo seiner Kindheit Heimat war. Da führte Idas als Seefahrer und Bogenschütze zum Nutzen des Vaterlandes ein Heldenleben voll Sieg und Gefahr, Marpessa hütete seinen Herd, und ein Heldengeschlecht erwuchs ihm in Söhnen und Enkeln.

Apolls Zorn schien verflogen. Aber Apoll rächte sich doch. Er gönnte dem Idas die Liebe, aber er gönnte ihm nicht den Ruhm. Auf des Gottes Geheiß schwiegen die Musen; kein apollinisches Lied hat jemals des Idas Taten verherrlicht, und auch die Namen seiner Söhne blieben verschollen und unbekannt bis auf den heutigen Tag.