Die Turnachkinder im Winter

Die Reise nach Larstetten

Der Mittwoch, an welchem die Familie Turnach in die Stadt ziehen wollte, rückte heran. Aber die Kinder hatten nicht Zeit, an den Umzug zu denken. Am Montag war ganz plötzlich ein Brief von Tante Doktor gekommen, in welchem sie Hans, Marianne und Lotti für die Herbstferien einlud.

»Papa, Papa, bitte, gelt, wir dürfen –!« riefen die drei, als Papa ins Zimmer trat.

»Ja, das ist nun die Frage«, sagte Mama zu Papa gewendet. »Niemand hat am Mittwoch Zeit, die Kinder nach Larstetten zu begleiten –«

»O, Mama, wir können allein reisen!« bat Hans. »Ich will gewiss acht geben und alles recht machen! In Konradzell müssen wir aussteigen und auf der andern Seite vom Stationshaus eine halbe Stunde warten. Der Zug für Larstetten steht dann schon da, und man kann zusehen, wie sie die Lokomotive heizen.«

»Ja, Mama!« flehte Lotti. »Es ist so furchtbar lustig, allein zu reisen! Ich will aber mein Billett selber haben, Hans!« Sie zog ein dickes altes Portemonnaie heraus. »Da, in das Extrafach kommt es.«

»So«, meinte Hans, »und dann, wenn du es dem Kondukteur zeigen musst, ist es natürlich nicht mehr da. Ich wollte wetten.«

»Vielleicht verlierst du deines noch vorher!« erwiderte Lotti kampflustig.

»Kinder, das heisst man nun, um die Haut des Bären streiten, bevor man ihn hat!« sagte Papa. Aber die Kinder merkten, dass er nichts Ernstliches gegen die Reise hatte.

»Sie sollen es einmal versuchen«, wendete er sich zu Mama.

»Wenn sie in Konradzell aus Versehen den Zug nehmen, zurückfährt, dann behalten wir sie eben wieder da.«

»Nein, nein, Papa, wir passen schon auf! Also dürfen wir ja –? Juhuh!«

»Mama«, rief der kleine Werner, der merkte, dass es sich um ihn gar nicht handle, »ich will auch mit!«

»Ach, Wernermännchen, du bist noch zu klein; du bleibst bei mir und bei Sophie und bei dem Schwesterlein.«

»Nein!« rief Werner kläglich. »Ich will auch nach Larstetten! Ich will auch sehen, wie man die Loko – die Lokomotive heizt!«

Es dauerte lange, bis Werner sich zufrieden gab mit dem Versprechen, er dürfe im nächsten Jahre ganz bestimmt nach Larstetten reisen.

Am Dienstag nachmittag wurde gepackt. Hans rannte mit den Schwestern hinauf in die Bodenkammer, um das Handköfferchen zu holen und die Rolle.

»Die Botanisierbüchsen hängen wir auch um; da geht viel hinein!« beschlossen die Kinder.

»Und ich brauche eine Schachtel, Sophie«, erklärte Lotti. »Ich will Trudi alle meine Muscheln mitbringen.«

»Ich wüsste für Otto etwas«, sagte Hans, »– etwas ganz Feines. Eigentlich hat Fritz Völklein ihn für mich gemacht; aber weil am Samstag Ottos Geburtstag ist – ja, ich bringe Otto den Bogen mit den Pfeilen!«

Marianne aber ging, ihre Puppe, das Julchen zu holen, das nun auch einmal auf der Eisenbahn fahren sollte.

»Das gibt ein hübsches Handgepäck!« sagte Mama lachend, als zu dem Köfferchen, der Rolle, den zusammengeschnallten Schirmen und den Botanisierbüchsen noch der Bogen, die blaue Schachtel und die Puppe kamen. »Ich will gern hören, wie viel von dem allem wirklich in Larstetten ankommt.«

»Wir lassen nichts liegen«, versicherte Marianne. »Onkel Alfred hat mir ein gutes Mittel gesagt: Wie er nach London und noch viel weiter gereist ist, habe er immer beim Aussteigen gedacht: Jetzt nur ruhig Blut; vier Stück müssen es sein.«

»Eins – zwei – drei«, zählte Hans »– neun; das ist eine Zahl, die man gut im Sinn behält.«

»Man wird den Kindern etwas zum Essen mitgeben müssen, Frau Turnach?« meinte Sophie. »Sie fahren über Mittag.«

»Mama«, bat Hans, »in Sommerweil hält der Zug zehn Minuten; da hat uns Papa das letztemal warme Würstchen geholt und Semmel. Bitte, dürfen wir's auch so machen, Mama! Weisst du, alles ganz wie rechte Reisende.«

»Also, Hans! wie rechte Reisende, vernünftig und besonnen!«

Der Zug fuhr um elf Uhr ab. Aber schon um halb elf standen die Turnachkinder in der Einsteigehalle.

»Das Ganze dauert dann länger«, erklärten sie.

Die Turnachkinder reisten selten. So eine Eisenbahnfahrt mit allem, was drum und dran hing, war ein ungeheures Vergnügen.

»Ah, das riecht schon so schön nach Reisen!« rief Lotti, die mit der Schachtel unterm Arm und den Schirmen in der Hand neben Hans stand. Sie schnupperte den Rauch ein, der die Halle erfüllte.

Hans aber war in die Betrachtung einer Lokomotive versunken. Ein Mann wischte mit einem Lappen an den Rädern und Stangen; es sah aus, als ob er das schwarze Ungetüm streicheln wollte, weil es so brav gelaufen war.

»He – phäs – tos, was heisst das?« fragte Hans den Fritz Völklein, der auf Frau Turnachs Bitte die Kinder begleitet hatte. »Hephästos hiess bei den Griechen der Gott der Schmiedekunst«, erklärte Fritz. »In seiner Werkstätte war viel Feuer und Getöse; also passt der Name nicht schlecht für eine Lokomotive.«

Marianne war vorn stehen geblieben und sah dem Strom von angekommenen Leuten nach. Männer rollten Handwagen vorbei mit hochaufgetürmten Koffern. »Rom« stand auf dem einen. Das war ziemlich unten auf Papas Wandkarte. »Frankfurt, Dresden« buchstabierte Marianne weiter. Wie viel Städte es gab und eine Menge fremder Menschen darin! Draussen in der Seeweid dachte man gar nicht an das …

»Hallo, Marianne! Einsteigen!« rief Fritz Völklein. »Einsteigen oder dableiben!«

Er brachte die Kinder in den Wagen. Marianne und Lotti eroberten glücklich zwei Fensterplätze, und Hans stellte sich zwischen sie; so konnte man alles sehen und besprechen.

Die Gepäckstücke machten einige Schwierigkeiten. Der Bogen wollte nicht oben auf dem Köfferchen bleiben, und Lottis Botanisierbüchse fiel auch zweimal herunter, ihr fast auf die Nase.

»Na, ich muss sagen – so ein Kram!« brummte ein älterer Herr mit grauem Backenbart und grauer Reisemütze. »Ihr wollt wohl nach Amerika auswandern –? Übrigens seid ihr dann nicht im rechten Zug!«

»Nein, wir reisen nur nach Larstetten in die Ferien!« sagte Lotti und sah den Herrn vergnügt an. Der aber faltete eine grosse Zeitung auseinander und verschwand dahinter mit samt seinem Backenbart und seiner Mütze.

Fritz gab noch Ermahnungen:

»Nicht zum Fenster hinauslehnen, Lotti! Weisst, auf der Eisenbahn geht alles rasend geschwind. Im Hui saust man an eine Telegraphenstange und – weg der Kopf! Ja, lach nur!«

Dann schüttelte er den Kindern die Hand:

»Lebt wohl, lebt wohl! Grüsst mir den Otto und das Trudi! Otto soll ordentlich umgehen mit dem Bogen. Au – Hans! lass los!«

Fritz sprang ab. Der Zug tat einen Ruck und fing an zu pusten und zu rasseln: Tem-tem-tem- langsam und dann immer rascher: Temteretem, temteretem – Die Kinder sahen einander strahlend an; jetzt ging's los! Fast vergassen sie draussen Fritz Völklein, der schon weit zurück war und den Hut schwenkte.

»Ade, ade!« Die Kinder winkten mit den Taschentüchern, und Lotti liess das ihre flattern, als schon lange kein Fritz mehr zu sehen war, bis plötzlich – hui! nicht zwar Lottis Kopf, aber das Taschentuch davon flog. Die Kinder schrien auf.

»Das fängt gut an!« brummte der Herr mit der Mütze.

»Es war nur ein altes mit zwei Löchern; Mama hat mir's mitgegeben, die Hände abzuwischen«, beruhigte Lotti.

Aber das Gesicht des Herrn war schon wieder hinter der Zeitung. Nicht ein einziges Mal sah er hinaus, und es gab doch so ungeheuer viel zu sehen: Die Geleise mit den Weichen und Signalen, die Schuppen und Werkstätten, ein halbrunder Raum, in dem die Lokomotiven standen wie Pferde im Stall. Dann sauste der Zug hinaus aus der Stadt an Gemüsegärten und Wiesen vorbei; von ein paar neuen Häusern lachten Kinder herunter; am Bahndamm arbeiteten Italiener.

»Guckt, guckt!« rief Lotti. »Die Telegraphendrähte sind lebendig! Sie hüpfen hinunter, da – ganz tief! und wenn die Stange kommt, springen sie wieder hinauf! Nein, wie lustig!«

Aber als der Zug an einem grossen Walde vorbeifuhr, wurde es noch lustiger. Die Bäume tanzten; alle wirbelten durcheinander, hohe Buchen und niedrige junge Tannen; diese drehten sich wie Mädchen in grünen Röcken. Zuletzt wurde einem selbst wirblig zu Mut. Marianne schloss die Augen und hörte auf das Temteretem des Zuges:

»Jetzt ist mir, als führe der Zug rückwärts – nein, das wäre grässlich, wenn es wieder zurückginge –!«

Marianne riss die Augen auf, um sich zu versichern, dass man in der Richtung nach Larstetten fahre, und Lotti machte das Experiment nach. Dann fingen beide an zu singen nach dem Takte des rasselnden Wagens. Draussen flogen die Hügel vorbei und die Felder, wo die Bauern pflügten und einen Augenblick aufsahen nach dem Bahnzuge. Hin und wieder hielt man an einem mit Weinlaub umsponnenen Stationshaus. Hans schrieb sich die Ortsnamen in sein Notizbuch und allerlei dazu; später sollte das eine Reisebeschreibung geben.

Nun ging's an einer grossen Fabrik vorbei; links und rechts standen Häuser und Warengebäude; die Schienen verzweigten sich; der Zug pfiff und bremste.

»Sommerweil!« rief Hans und steckte sein Notizbuch ein. »Jetzt also die Würstchen! Ihr bleibt ruhig sitzen, Marianne! Die Restauration ist weit vorn.«

Er sprang ab und verschwand in der Menge der Reisenden.

»Wenn er nur recht warme bringt!« sagte Lotti, indem sie sich auf den Magen klopfte.

Es stiegen Leute aus und ein; Marianne sah immer nach Hans aus.

»Hoffentlich kommt er bald. Es ist, glaub' ich, höchste Zeit; alles rennt hin und her.«

Da, auf einmal – die Mädchen sahen sich starr an – begann der Zug zu fahren, wegzufahren ohne Hans –! Entsetzt schrien beide:

»Hans! Halten, halten –! unser Bruder ist noch nicht da –«

Unter lautem Weinen liefen sie an die Türe des Wagens.

»Hans, Hans –!« schrie Lotti und wollte vom Tritt abspringen. Ohne Hans konnte man doch nicht fahren!

Aber da stand breit ein Kondukteur auf der untern Stufe und versperrte den Weg:

»Oha, mein Fräulein! im Fahren springt man nicht ab!«

Und Marianne wurde ebenfalls zurückgehalten, und zwar von dem Herrn mit der grauen Mütze, der sie fest am Rockzipfel gepackt hatte.

Von aussen aber ertönte auch ein Geschrei. Es war Hans, der im grössten Schrecken dahergerannt kam.

»Halt, halt!« rief er atemlos. »Ich muss mit; ich muss zu meinen Schwestern –«

Vor Aufregung und Jammer bemerkte keins von den Kindern, dass der Zug seinen Lauf wieder verlangsamte.

»Da!« sagte der Herr mit der Mütze. »Jetzt steht er! Sie hängen ja bloss einen Wagen an. Wie kann man gleich so den Kopf verlieren –!«

Er liess Marianne los und setzte sich wieder mit seiner Zeitung. Die andern Reisenden lachten. Hans aber kam hereingestürzt; er konnte noch kaum reden vor Überraschung und Schrecken, und den Schwestern liefen die Tränen herunter. Doch als dann Hans das Papier aufmachte, wischte sich Lotti die Augen.

»Hast du doch keine Wurst verloren?« fragte sie.

Nein, es waren alle drei da und auch die Semmel. Und nun schmeckte nach der überstandenen Angst das Mittagessen doppelt gut; dazu erzählte man sich immer wieder, wie furchtbar es gewesen sei, als der Zug plötzlich angefangen hatte zu fahren.

»Das brauchst du nicht aufzuschreiben, Hans! das behältst du gewiss im Sinn«, sagte Marianne, während sie die Botanisierbüchse aufmachte, in welche die gute Frau Völklein Butterbirnen und Fenchelbrötchen gepackt hatte.

In Konradzell nahm Hans sich vor, recht vernünftig und besonnen zu sein, wie Mama ihm anempfohlen hatte, und stellte sich mit den Schwestern nahe zum Larstetter Zug. Es war nicht seine Schuld, dass gegen Ende der halben Stunde Wartezeit vorn beim Güterschuppen ein Kälbchen jämmerlich zu brüllen anhub.

»O, das Arme!« sagte Marianne und lief hin. Hans und Lotti folgten und entdeckten, dass das Kälbchen über eine Stufe hinuntergerutscht war und nicht mehr aufstehen konnte, weil der Strick zu straff zog. Es lag auf den Knien und sah die Kinder mit seinen grossen Augen an. Hans legte das Gepäck weg und versuchte, das Kälbchen hinaufzubringen. Es ging aber schwer. Das Kälbchen, das vielleicht auf seiner Reise schon allerlei Böses von groben Leuten und grossen Hunden ausgestanden hatte, begriff nicht, dass die Turnachkinder ihm helfen wollten. Es benahm sich störrisch und brüllte fort und fort. Schliesslich, als Lotti und Marianne mit aller Kraft von hinten schoben, kam es doch wieder auf die Beine. Hans band den Strick fester, damit das Kälbchen nicht noch einmal die Stufe hinunterfalle.

»Reiss halt nicht so, sondern steh still!« mahnte er, indem er das Tier auf den rauhhaarigen Rücken patschte.

Da ertönte eine laute, ärgerliche Stimme; die Kinder wandten sich zurück; es war der Herr mit der Mütze, der zu einem Waggonfenster hinaussah:

»Was ist –? wollt ihr nach Larstetten oder nicht? Im Augenblick fahren wir ab!«

Die Kinder rafften ihre Sachen zusammen und rannten zum Zug; der Kondukteur schob sie scheltend hinein, pfiff, und fort ging's!

»Grad noch recht!« sagte Marianne aufatmend.

Hans aber fuhr sich übers Haar. Das Reisen war doch eigentlich schwieriger, als man meinte. Indessen begegnete nun weiter nichts mehr, und nach einer kleinen Stunde sah man schon den Weissberg und die rote Turmspitze von Larstetten. Die Kinder griffen nach ihrem Gepäck.

»Nur ruhig Blut!« sagte Marianne. »Neun Stück müssen es sein.«

Wahrhaftig! alle neun Stück waren noch beisammen.

»Und Mama hat gemeint, wir verlieren die Hälfte«, sagte Marianne draussen, als ihr plötzlich aus dem Fenster ihre Jacke, die sie ausgezogen hatte, auf den Kopf flog.

»So«, sagte der Herr mit der Mütze, der die Jacke nachgeworfen hatte, »jetzt ist es mir dann aber recht, wenn ich nicht mehr Kindswärterin sein muss!«

»Er hat immer gebrummt; aber eigentlich war er doch nett!« fand Lotti, als sie hinter Hans über die Schienen hüpfte.

Ein lautes Freudengeschrei empfing die Turnachkinder; denn am Stationsgebäude standen nicht nur Otto und Trudi, sondern noch etwa zwei Dutzend andere Larstetter Buben und Mädchen.

Larstetten war ein ganz kleiner Ort. Dass die Doktorskinder Besuch bekamen, war ein Ereignis; alle Freunde und Freundinnen wollten am Abholen teilnehmen. Zuerst zwar liessen sie Otto und Trudi mit ihren Gästen vorausgehen und folgten kichernd und sich stossend. Aber als Otto sich umdrehte, um Lehrers Bernhard den schönen Bogen zu zeigen, kamen alle Buben herzu, und die Mädchen rückten auch näher, um zu hören, was da von einem Taschentuch, einem Kälbchen und von Würsten erzählt wurde.

»Du«, fragte Marianne Uhrenmachers Pauline. »Lebt doch der Peter noch?«

Der Peter war ein zahmer Rabe, den die Turnachkinder von früher kannten.

»Freilich«, sagte Pauline. »Und wir haben jetzt noch eine Merkwürdigkeit in Larstetten. Wir haben eine Amerikanerin –«

»Ja, und sie ist fast immer dabei, wenn wir etwas Lustiges machen«, fiel Otto ein.

»Sie hat einen kuriosen Namen«, erklärte Pauline weiter. »Auf deutsch heisst's Edith; aber wenn man englisch reden will, muss man sagen Idiss –«

»Eigentlich Idifs«, erklärte Trudi.

»Nein, Idids«, verbesserte Otto. Er machte einen seltsamen Mund und steckte die Zunge zwischen die Zähne, um das schwierige englische th herauszubringen.

Nun versuchten alle Larstetter- und auch die Turnachkinder ihre Kunst:

»Idids, Idifs, Idiss –« ging es durcheinander, als die Schar zum Städtchen hinein und über den kleinen Kirchenplatz kam.

»Was wollen Sie?« antwortete eine frische Stimme aus dem Pfarrgarten. »Tun Sie nicht stören mich!«

Die Kinder traten ans Gitter. Vor dem Hause neben Frau Pfarrers Oleanderbäumen stand ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit einer hellblauen Schleife im braunen Haar und versuchte, ein graues Kätzchen auf den Rücken des grossen weissen Pfarrspitzes zu setzen. Der Spitz knurrte. Er war ein wackeres Tier und wusste manches Kunststück zu machen; aber was ihm nun da zugemutet wurde, ging doch über alles Mass. Und das Kätzchen wollte auch nicht, sondern miaute ärgerlich.

»Was machst du?« rief Otto. »Das geht nicht!«

»Ich gebe Lektion an diese Tieren«, sagte Edith. »Ich auch muss lernen bei Onkel Pfarrer jedes Vormittag. Guten Abend, kleine Mädchen! guten Abend, kleine Knabe!« wandte sie sich den Turnachkindern zu, während die kleine Katze die Pause benutzte, um auf das Fenstersims zu springen, von wo sie mit feindselig erhobenem Schwanze auf den Spitz herabsah, der sie anbellte.

Hans bot Edith höflich die Hand, obgleich die Anrede ihn etwas kränkte. Des Mädchens Augen aber fielen auf den Bogen.

»Feiner Gewehr!« sagte sie anerkennend. »Zeig, Otto –«

Sie spannte den Bogen und schoss den Pfeil hoch zum Dach des Waschhauses hinauf.

»Schlecht getrefft!« rief sie. »Ich habe wollen durch den Loch von die Kamin.«

Lotti lachte hell auf, weil Edith alles so verkehrt sagte.

»Warum lachen Sie?« fragte Edith scheinbar ernsthaft. »Es ist sehr traurig, dass deutsche Sprache hat so viel unnütze Worten: der, die, das, dem, den – horrible!«

Edith wollte eben den Bogen noch einmal spannen. Aber um die Ecke kam Tante Doktor.

»Ja – Kinder! wo bleibt ihr denn stecken mit Sack und Pack –? Aha, Edith –! Nun, trennt euch jetzt für einmal. In unserm Larstetten findet man sich ja immer wieder.«

»Wir wollen sein Freunde«, sagte Edith, indem sie den Turnachkindern die Hände schüttelte.

»Gud bei!« rief Otto sich verabschiedend in den Pfarrgarten zurück. »Das bedeutet nämlich, leb wohl«, erklärte er Hans. »Man schreibt es aber g-o-o-d b-y-e. Im Englischen ist die Hauptsache, dass man alles ganz anders sagt, als es eigentlich heisst.«

Die Tante Doktor hatte Mühe, die Kinder vor sich herzutreiben. Immer drehten sie sich wieder um:

»Gud bei, Idifs, gud bei!« Besonders die Turnachkinder fanden es prächtig, nun auf einmal englisch sprechen zu können.


Wie es auf dem Larstetter Jahrmarkt zuging

Jedes Jahr im Herbst war Markt in Larstetten. Das war immer ein grosses Vergnügen. Schon in aller Frühe wurden die Kinder am Freitag geweckt. Wagen mit quiekenden Schweinen rasselten über das holperige Pflaster. Laut schwatzende Frauen kamen daher mit Körben auf dem Kopfe. Einige Buben mussten bereits Einkäufe gemacht haben; schrille Pfeifen- und Trompetentöne drangen herauf.

»Geld habe ich ziemlich viel«, sagte Trudi beim Frühstück. »Ich hab noch zuletzt vier Zehner verdient!«

»Potz! mit was denn?« fragte Hans.

»Ja, es war gar nicht so lustig. Allemal am Samstag haben wir zwei Stunden lang gejätet. Man bekommt einen ganz steifen Rücken. Aber ich hab immerfort an das Karussell gedacht. Im ganzen hab ich 70 Rappen Marktgeld.« Trudi klapperte freudig mit der gelben Hornbüchse, die ihr als Börse diente.

Die andern überzählten auch ihren Besitz. Mama hatte den Turnachkindern zum Glück etwas Taschengeld mitgegeben. Eilig ging's nun auf die Strasse hinunter. Es war kalt und neblig. Undeutlich tauchten die Merkwürdigkeiten des Larstetter Marktes aus der weissen Luft auf. Vor dem Doktorhaus befand sich ein Stand mit Mützen und Hüten, daneben einer mit Schuhen und einer mit geblümten Stoffen; das war nicht besonders interessant. Dann aber kam eine Geschirrbude, von der man die Mädchen nicht wegbrachte; denn sie hatten einen Korb mit Puppengeschirr entdeckt, mit kleinen Tassen, Milchkrügen und braunen Tiegelchen, die man aufs Feuer stellen konnte. Marianne und Lotti kauften zusammen ein weiss und gelbes Töpfchen, und Trudi nahm sechs kleine blaue Teller, die ihr die Händlerin zu 40 Rappen erliess. Dann ging's weiter. Aber auf einmal, als Marianne zurücksah, war Trudi stehen geblieben.

»Was hast du?« fragte Marianne.

»Mir ist –« Trudi schluckte halb weinend. »Mir ist eingefallen, dass ich jetzt schon viel weniger Geld habe. Und ich wollte noch Abziehbilder kaufen und eine Waffel – und dann das K – K –«

Das Karussell blieb im Halse des schluchzenden Trudi stecken.

Da beschlossen Marianne und Lotti, dem von Reue gequälten Cousinchen zwei Teller abzukaufen, worauf Trudi wieder lachte und mit den beiden die Buben einholte, die vor einem Mann in grünem Rock standen. Er hatte keine Bude, nur einen Tisch; aber er redete sehr viel und sagte, er könne alles, was zerschlagen sei, wieder ganz machen.

»Oh, o weh, o weh!« rief er und hielt zwei Scherben in den Händen mit einem schrecklichen Gesicht des Jammers, der sich plötzlich in die grösste Heiterkeit verwandelte, sowie die Stücke wieder aneinander waren.

»Wenn ich nur solche Grimassen machen könnte!« sagte Otto bewundernd und stellte einige Versuche an.

Marianne aber wurde gegenüber festgehalten. Da sass eine Frau vor einem Kissen, in dem sehr viele Nadeln steckten mit Fäden, und an jedem Faden hing ein Hölzchen. Wenn die Frau die Hölzchen recht rasch übereinander warf, so entstand eine schöne Spitze. Es war wie eine Zauberei. Hans musste Marianne schliesslich am Arm fortziehen.

Die Dreissigrappenbude war weiter oben. Viele Leute standen schon davor. Es war aber auch zum Stillstehen. Hier konnte man alles, geradezu alles haben: Puppen, Dominospiele, Malhefte, Federnschachteln, Perlschnüre, Handwerkszeug, nette Taschenmesser, kleine Käfige mit gelbwollenen Vögeln, Uhren, kurz, was sich nur denken liess.

»Hört«, flüsterte Lotti. »Balbine hat einmal gesagt, man solle nie so schnell sein auf dem Markt; sie halte immer die Hand in der Tasche und spaziere zuerst bloss so vorbei.«

Doch kaum hatte Lotti den weisen Rat gegeben, so schrie sie laut auf:

»O, o, ein Kaleidoskop!«

»Ein – was?« fragte Trudi.

»Ein Kaleidoskop!« Und Lotti fuhr mit der Hand, die sie hatte in der Tasche behalten wollen, nach einer kleinen mit lila Papier überzogenen Röhre. »Man guckt hinein und dreht es. Dann sieht man lauter gelb und rot und blaue Figuren, die sich immer bewegen, Trudi! Wie lebendige Sterne. Es ist furchtbar nett!«

»Jetzt geht es dir dann wie vorhin dem Trudi!« warnte Otto; aber im selben Moment fiel sein Auge auf einen Kompass.

»Hans, sieh –!«

»Ach, das kann doch kein rechter Kompass sein für 30 Rappen –« sagte Hans leise.

»Doch, doch«, erwiderte Otto eifrig. »Sieh, das ist Norden, und dann kommt Nordwest! Wenn ich im Sommer wieder bei euch bin und wir im dicken Nebel auf den See hinausfahren, so haben wir mit dem Kompass immer die Richtung!«

»In den Sommerferien gibt es ja gar keinen dicken Nebel.«

Otto liess sich jedoch nicht abbringen. Entschlossen zählte er sein Geld heraus.

»Ich häng ihn gleich um. Hans, gib mir ein wenig Bindfaden!«

Hans hörte nicht. Er hatte einen kleinen Hammer ergriffen und wiegte ihn in der Hand:

»Genau so einen hätte ich eigentlich schon lang gebraucht.«

»Hans!« flüsterte Marianne. »Wir haben ja zwei daheim. Besinn dich doch noch –«

Plötzlich aber entdeckte sie eine kleine Schachtel, hinter deren Glasdeckel vier Strähnchen bunter Perlen lagen. Da vergass sie selbst das Besinnen, und im gleichen Augenblick, da Hans seinen Hammer von der Händlerin in Empfang nahm, bot ihr der Mann die eingewickelte Perlenschachtel herüber.

So, jetzt waren alle fünf Kinder ungefähr gleich weit in ihren Finanzen. Balbine hatte gut reden! Vor diesem Dreissigrappenstand wäre sie gewiss auch nicht vorbeispaziert mit der Hand in der Tasche!

Nun war es aber höchste Zeit, weiter zu gehen. Trudi stand in Gefahr, sich schon wieder in einen Handel einzulassen.

»Trudi, du bist wirklich zu dumm!« sagte Otto. »Eine Uhr, die nicht geht –!«

»Aber man kann ja den Zeiger drehen. Und von meinem Platz in der Schule sehe ich grad auf den Kirchturm; da könnte ich die Uhr immer richten –«

»Bis Herr Fink sie dir wegnimmt! Nein, Trudi –!« Otto zog die Schwester aus dem Bereich der verführerischen Uhr weg. »Komm, jetzt gehen wir zu den Waffeln!«

Die Waffelbude stand an der Ecke des Seilergässchens. Ohne sie liess sich der Larstetter Jahrmarkt nicht denken. Es war ein Hauptvergnügen, da eine frische braungebackene Waffel zu kaufen, nachdem man eine Weile zugesehen hatte, wie die dicke Frau in der Haube die langstielige Form in den Teig tauchte, dann in die Pfanne hielt und hierauf den fertigen Kuchen von der Form klopfte und mit Zucker bestreute.

Von ihren Waffeln herunterbeissend lenkten die Kinder ihre Schritte zur Halde. Die Sonne schien jetzt hell, und von der Sägenwiese herauf tönte lustig und einladend die Musik des Karussells.

»So, und den Lebkuchen für die Josephine!« rief Otto plötzlich anhaltend. Josephine war die Köchin.

»Dort hat's Lebkuchen!« deutete Lotti in eine Seitengasse, wo auch noch ein paar Buden standen. Ein altes Männlein sass da und hielt Lebkuchen feil.

»Beim Rathaus ist ein viel grösserer Stand«, meinte Otto. »Dort kaufen alle Leute.«

»Vielleicht hat der Mann aber auch gern, wenn man zu ihm kommt«, erwiderte Marianne und ging zu dem Alten, der freundlich nickte.

»Brav einkaufen! Lauter gute Ware!« rief er und legte seine Lebkuchen her.

»Wir möchten einen für zehn Rappen«, sagte Otto.

»Fünf Kinder und bloss einen kleinen Lebkuchen –?« Der Alte machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Wir haben eben schon Waffeln gekauft, und jetzt möchten wir zum Karussell«, erklärte Lotti.

»O jeh, o jeh! heut geht das Geschäft doch gar nicht!« jammerte das Männchen. »Es kommt kein Mensch da vorbei, und wenn einer kommt, so hat er schon eingekauft. O jeh!«

Betrübt schob er die Pakete wieder zusammen.

Die Kinder sahen einander an und berieten leise, bis sie zu dem Entschluss kamen, zusammen einen runden Lebkuchen für 25 Rappen zu kaufen.

»So ist's recht!« sagte das Männlein und suchte den bestgeformten Kuchen aus. »Und wenn man etwa bei euch zu Haus noch mehr brauchen sollte, so denkt an mich.«

Die Kinder versprachen es. Es war jedoch schwer, das Lebkuchenmännlein im Sinn zu behalten. Auf der Sägenwiese gab es neben dem Karussell noch ein Kasperletheater; das war über alle Beschreibung lustig. Am Nachmittag war grosse Vorstellung. Es trat ein Sultan Schurimuri auf mit seinem Diener Karabatschi, und dann der freche Kasperle, der eine Reihe von Missetaten ausführte und sich immer hinausredete, ja den stolzen Sultan sogar in eine Kiste sperrte. Auf diese Kiste setzte er sich und sang: »Tirallala, tirallala!« bis der Herrscher der Hölle erschien, schwarz und grauenvoll, und den verbrecherischen Kasperle davon schleppte.

»Wie schade!« riefen Lotti und Trudi, als nach dieser Höllenfahrt das Stück zu Ende war.

Sie trösteten sich dann aber mit der Aussicht auf eine zweite Vorstellung um drei Uhr. Inzwischen konnte man wieder zum Karussell oder ins Städtchen hinauf zu den Verkaufsbuden gehen. So wären die Kinder beständig von einer Herrlichkeit zur andern hin und her gelaufen, wenn nicht schliesslich etwas Besonderes sie festgehalten hätte …

Der Lärm des Jahrmarktes drang nur von Ferne in den Pfarrgarten. Frau Pfarrer pflückte vom Spalier die letzten Birnen; Spitz sah ihr zu, und die schwarze Katze lag in der Sonne. Beide hatten heute frei; denn Edith war nach dem Essen gegangen, sich den Markt anzusehen. Frau Pfarrer wandte sich ein paarmal nach der Strasse; jetzt sollte das Kind eigentlich zurück sein.

Da kamen Doktors Otto und Hans Turnach herangerannt:

»Guten Abend, Frau Pfarrer –«

»Guten Abend, Otto! Wisst ihr vielleicht, wo Edith ist?«

»Ja, sie steht in einer Bude an der Trümpengasse und verkauft Lebkuchen –«

»Was sagt ihr? Wo steht sie –?«

»In einer Bude und verkauft Lebkuchen. Es ist ein ganzes Gedränge um sie herum, und wir sollen Einwickelpapier holen –«

»In einem Lebkuchenstand – auf dem Jahrmarkt – nein, das ist nun doch zu arg! David –!«

Der Herr Pfarrer sah oben zu dem grün umrankten Fenster heraus und lachte. Er hatte die Geschichte mitangehört.

»Rege dich nicht auf, Berta! Ediths Taten sind manchmal etwas ungewöhnlich; aber sie meint's gut.«

»Nein, David, was zu viel ist, ist zu viel –«

»Marianne und Lotti und Trudi sind auch in dem Lebkuchenstand«, fuhren Hans und Otto in ihrem Bericht fort.

Frau Pfarrer seufzte erleichtert auf.

»Und der Mann ist sehr froh, und wenn Sie uns, bitte, Papier geben wollten – Edith hat gesagt, wir sollten schnell wieder kommen –«

»Siehst du, Berta«, sagte der Herr Pfarrer. »Gib den Buben, was sie brauchen. Zu deiner Beruhigung und zu meinem Vergnügen gehe ich nachher gleich hinüber in die Trümpengasse und sehe, wie sie es treiben.«

Das mit der Lebkuchenbude war so gekommen: Edith hatte in der Hauptgasse vor einem Stande, wo man nach Scheiben schiessen konnte, die Turnach- und Doktorskinder getroffen.

»Ich kann nicht verständen«, sagte sie, »dass Tante Pfarrer mich verbietet zu schiessen hier. Ist doch eine sehr hübschen Sache.«

Aber sie widerstand der Versuchung und schlenderte mit den Kindern weiter.

Auf einmal lief Hans um die Ecke. Der Lebkuchenmann war ihm eingefallen. Der kleine Alte stand wie am Morgen da und sah nach Käufern aus.

»Einkaufen, einkaufen!« rief er mit seiner dünnen Stimme, als er die Kinder wieder sah.

Die Kinder waren etwas verlegen; denn sie hatten gar kein Geld mehr. Und der Edith, die sonst immer viel Taschengeld besass, war es heute auch ausgegangen.

»Das ist ein Unglück«, sagte sie. »In zwei oder drei Tage ich bekomme wieder von mein Papa; aber jetzt ich habe nur noch diesen Zwanzig.«

Dafür nahm sie einen Kuchen. Sie sah umher. Warum kamen denn keine Leute?

»Sie haben eine schlechte Platz hier!« sagte sie.

»Ja freilich«, nickte das Männlein. »Sonst geht immer meine Frau auf die Märkte. Sie versteht das besser.«

»Warum Sie haben nicht ein weisses Mütze und Schürze wie die Frau,in der Waffelladen?«

Der kleine Mann sah sie an.

»Warum Sie machen nicht Lärm? In Amerika man hat eine Trommel oder ein Glocke und die Leute kommen und kaufen –. Geben Sie acht –«, man sah, dass Edith ein lustiger Gedanke kam. »Geben Sie acht! ich will Sie zeigen, wie man macht bei uns!«

Sie nahm einen Bogen, weisses Papier, heftete es mit einer Stecknadel zu einer Mütze zusammen und setzte sie auf ihr Haar. Dann schlüpfte sie zu dem kleinen Alten in die Bude hinein. Die Mütze stand ihr sehr gut.

»Edith, wir wollen auch Mützen! wir wollen auch helfen!« rief Lotti, angefeuert durch das Beispiel.

»Ja, ist sehr gut!« erwiderte Edith. »Jeden muss haben ein weisses Mütze. Sechs Bäcker von Kuchen in einem Reihe, und man denkt, es ist ein sehr grosse, gute Geschäft. Otto, wir brauchen eine Glocke. Besinne dir, wer hat ein Glocke!«

Otto rannte davon und kam zurück mit einer laut bimmelnden Kuhglocke.

Es gab ein starkes Gedränge in dem kleinen Lebkuchenstand, als nun alle sechs Kinder drin waren. Der kleine Mann wusste nicht recht, was er sagen sollte, und rieb sich hinter dem Ohr.

Drei Bauern, die in der Hauptgasse vorbeigehen wollten, drehten sich um bei dem lauten Schall der Glocke; ein paar Frauen aus den Nachbarhäusern traten auch näher.

»Meine Herren und Damen, kommen Sie schnell kaufen, vor es ist zu spät!« rief Edith mit heller Stimme. »Hier, nehmen Sie von dieses ausserordentlich schöne Lebkuchen für –« sie wandte sich zu dem Männlein – »für dreissig Rappen!«

Die Leute bildeten schon einen Kreis um die Bude, in der sechs Kuchenbäcker standen mit weissen Mützen und lustigen Gesichtern. Das Männlein dahinter sah man kaum.

»Für dreissig Rappen! Ein ganz unglaubig kleine Preis!«

Das wunderliche Deutsch machte die Leute lachen.

»Ja, Jungfer, wir haben eben schon eingekauft, beim Rathaus drüben«, sagte ein Bauer.

»Ist gut. Jene Mann am Rathaus will verkaufen Lebkuchen, und wir wollen verkaufen, und kleine Kinder zu Hause wollen haben Lebkuchen. Also, bitte, nicht stehen hier und verlieren Zeit!«

Wieder ertönte ein lautes Gelächter, das andere Neugierige herbeilockte.

»Die versteht das Geschäft«, sagte der Bauer und liess sich drei runde Lebkuchen geben. Zwei Frauen kauften kleine Pakete. Und nun rückte eins nach dem andern heran, um der munteren Verkäuferin mit dem Kauderwelsch etwas abzunehmen.

Das Lebkuchenmännlein fuhr geschäftig umher. Es kam fast nicht nach mit Geldeinziehen und -herausgeben; Marianne wickelte ein; Hans und Otto handhabten die Glocke, während Lotti und Trudi an den Gestellen hinaufkletterten, um neue Pakete herunterzuholen. Und nun erschien der Herr Pfarrer und lachte herzlich und kaufte natürlich. Und dann langte Tante Doktor an, erstaunt und belustigt, und kaufte auch. Und Frau Pfarrer kam ebenfalls, und Edith sah, dass sie wie die andern lachte, und rief:

»Hier, ich habe dich der letzte Pack Mandelkuchen behalten! Wir mussten diese Mann ein wenig helfen. Er immer stand da und nichts verkaufte!«

Also kaufte Frau Pfarrer die Mandelkuchen und noch drei grosse Pakete dazu. Der kleine Alte hatte sich ganz überwältigt auf seine Kiste im Hintergrund gesetzt. Er wollte immer zählen, was er schon eingenommen; aber beständig kam neues Geld hinzu.

»Es ist unerhört, unerhört!« sagte er vor sich hin. »Was wird doch meine Alte sagen daheim! Die wird mir gesund vor lauter Freude.«

Schon dunkelte es stark. Hans und Otto zündeten ein paar Kerzenstümpfchen an. Als aber der Polizeidiener Drehbaum sich durch die Leute schob und mit strenger Miene erklärte, die Marktzeit sei um, es müsse geschlossen werden, da war der Vorrat des Lebkuchenmännleins zu Ende, rein zu Ende.

»Ausverkauft!« schrien die zwei Buben und warfen ihre Mützen in die Höhe.

»Ihr habt Glück gehabt!« sagte Drehbaum zu dem Männlein.

»Ja, über Verdienen!« sagte das Männlein. »Aber der liebe Herrgott wird es wegen meiner Alten daheim so gerichtet haben. So will ich ihm halt recht danken und dem gescheiten Jüngferlein da auch und den andern, tausendmal!«

Er schüttelte den Kindern ringsum die Hand. Unter Hallo und Glockengeschell krochen die sechs aus der Bude heraus.

»Und nächstes Jahr«, erklärte Lotti dem Lebkuchenmännlein zum Abschied, »wenn wir in den Herbstferien nach Larstetten kommen, helfen wir Ihnen wieder!«

Eine Theatervorstellung

Nach dem Jahrmarkt wurde das Wetter schlecht. Der Wind trieb einen Regenguss um den andern daher. In der Hauptgasse von Larstetten, wo am Freitag solch ein Getümmel geherrscht hatte, war es jetzt still und leer. Drinnen im Doktorhaus ging es um so lebhafter zu.

Die Kinder standen alle in dem weiten, weiss getünchten Hausgang an dem alten Guckkasten, den schon Tante Doktor und Mama Turnach besessen hatten, als sie klein waren. Wenn man vorn durch das runde Glas sah, so erschienen die Bilder, die man hineinstellte, stark vergrössert. Es waren prächtige Sachen da: Eine Eisbärenjagd mit glutroter Mitternachtssonne; der Turmbau von Babel; eine Überschwemmung, bei der das Meer über einen Damm hereinstürzte; ein Negertanz; ein feuerspeiender Berg; Attila, der furchtbare Hunnenkönig mit seinen Reiterscharen dahersausend, und viel andere gewaltige Dinge.

»Halt, Hans! Noch einmal den Wald mit den Elefanten –! Nein, die Jungfrau von Orleans –!« Jedes der Kinder wollte selbst ein Bild hineinstecken.

»Bitte, meine Herrschaften«, rief Hans mit schnarrender Stimme, »immer der Reihe nach –«

»Ja«, lachte Lotti, »grade so hat gestern der Herr mit den goldenen Borten geredet vor der Bude, wo wir nicht haben hinein dürfen. Wenn ich gross bin, gehe ich der Reihe nach in alle Schaubuden. Hans, gib doch den Negertanz her!«

Aber Hans legte das Blatt weg. Er überlegte etwas.

»Hört«, sagte er. »Wir könnten eigentlich selber eine Bude einrichten da mit dem Guckkasten! Natürlich kostet es Eintrittsgeld –«

»Ja«, rief Otto. »Wir machen eine Kasse! Ein Tischchen mit einem roten Tuch und einem Teller –«

»Aber, Hans, Eintrittsgeld und dann bloss den Guckkasten!« wandte Marianne ein.

»Wir hätten ja noch das Lebensrad!« schlug Otto vor. »Trudi, hol das Lebensrad!«

Trudi brachte das Lebensrad. Es sah aus wie eine runde Pappschachtel ohne Deckel, die sich auf einem Gestell drehte; sie besass viele Einschnitte zum Hineinsehen. Die Bilder da drinnen vergrösserten sich nicht; aber was noch merkwürdiger war, sie fingen an, sich zu bewegen, wenn man rasch drehte, und trieben allerlei komisches Zeug: Ein Mann warf grüne Kugeln auf und fing sie wieder; ein kleines Mädchen sprang Seil; ein Schuster wollte seinem Lehrbuben eine Ohrfeige geben; aber jedesmal, wenn er ausholte, bog der Bub den Kopf weg; es war sehr spasshaft. Ebenso ein Pudel, dem eine Brummfliege um die Nase summte. Er tat einen Schnapp – und die Fliege flog davon.

Also hatte man schon die zweite Nummer für die Aufführung. Aber in Hansens Sinn wurde die Sache immer grossartiger.

»Otto, du hast doch einmal so Taschenspielerkünste gehabt!«

»Das Zauber-Ei meinst du und die Schnur, die man zerschneidet und mit dem Spruch wieder ganz macht? Und die geheimnisvollen Münzen, die bald in der kleinen und bald in der grossen Büchse sind –«

Otto lief die Treppe hinauf; die andern folgten ihm. Glücklich fanden sich die Sachen. Der Zauber-Eierbecher hatte verschiedene ineinander steckende Deckel. Wenn man die Sache rasch und gut machte, so konnte man das weisse Ei in ein rotes verwandeln, dann in ein blaues, und schliesslich das ganze Ei verschwinden lassen.

»Das wären also drei Zauberkünste«, sagte Hans.

»Otto – und die sterbenden Schweinchen!« rief Marianne. »Nimm die sterbenden Schweinchen dazu!«

Otto hatte die sterbenden Schweinchen vor kurzem von einem Freunde seines Papas geschenkt bekommen.

»Du hast sie doch noch keinem gezeigt?« fragte Hans.

Nein, zum Glück waren die sterbenden Schweinchen etwas durchaus Neues für Larstetten.

Otto sah in der halbdunkeln Kammer umher, ob sich vielleicht noch etwas finde. In den Ecken standen allerlei Kisten und altes Spielzeug, ein Schaukelpferd ohne Kopf, auf dem Lotti und Trudi zu reiten begannen.

»Was ist da drin, Otto?«, fragte Marianne und zog eine grosse Schachtel hervor.

»Ach, das ist ein Theater – Papas Theater, wie er noch ein Bub war.«

»Ein Theater –?« rief Hans. »Und das sagst du einem erst jetzt!«

»Es ist ja gar nichts Rechtes mehr da«, antwortete Otto und machte auf.

Man sah einige Drähte mit abgerissenen Köpfen und verschiedene Kartonstücke, auf denen man Teile eines gemalten Waldes und einer Säulenhalle erkennen konnte.

»Das waren die Kulissen«, erklärte Otto. »Papa hatte mehr als zwanzig Puppen; aber später sind seine kleinen Vettern darüber gekommen.«

Hans hatte indessen unter den Trümmern zwei noch ziemlich guterhaltene Figuren entdeckt. Die eine stellte einen Hirtenjüngling dar mit blonden Locken, die andere einen ältern Mann in braunem Rock und grauen Strümpfen.

Hans betrachtete die zwei Drahtpuppen um und um. Dann sah er auf.

»Ich will euch etwas sagen! Mit den zweien da können wir ein feines Stück aufführen!«

»O!« riefen Otto und Marianne.

»Ja, wir führen Siegfrieds Kampf mit dem Drachen auf! Onkel Alfred hat das auf dem Theater gesehen. Er hat mir alles erzählt. Der da –« Hans deutete auf die Figur mit den Locken, »der da ist Siegfried, und der –« Hans nahm den Mann im bräunen Rock und knickte ihn zusammen.

»Au! Du zerbrichst ihn ja!« schrien Otto und Marianne.

»Nein, ich richte ihn zu einem Zwerg her. Jetzt brauchen wir nur noch einen Drachen, eine Höhle, Goldschätze und einen Wald.«

»Zu was brauchst du einen Drachen?« fragte Trudi und stieg von ihrem Schaukelpferd herunter.

»Ach, Trudi, du wirst wohl keinen haben«, sagte Hans etwas geringschätzig.

Aber Trudi zeigte sich wider Erwarten von grossem Nutzen.

»Mama hat einen Drachen in einem Buch. Er hat einen grünen geringelten Schwanz, und aus dem Maule haucht er Feuer –«

Zu fünft ging's hinunter ins Wohnzimmer, wo Tante Doktor nähte.

»Mama! Tante! wir sollten einen Drachen haben! Bitte zeig uns das alte Buch mit dem Drachen!«

Die Tante vernahm, was im Plane war, und holte das Buch, in welchem die Kinder das Ungeheuer alsbald fanden.

»Mama«, rief Otto. »Wenn wir doch den Drachen herausschneiden dürften! Das Buch ist ja schon ein wenig zerrissen.«

»Ja, Tante!« bettelte Lotti. »Es wäre doch nett für den Drachen, wenn er mitmachen dürfte!«

Da lachte die Tante:

»Also, Lotti; er soll mitmachen!« Und sie gab Marianne das Blatt, dass sie den Drachen für die Vorstellung herrichte Er wurde auf steifes Papier geklebt, ausgeschnitten und auf der Rückseite bemalt, damit er da ebenso natürlich aussehe wie vorn. Dann versah ihn Hans mit einer Holzleiste und einem Draht. Siegfried erhielt ein Fell über die Schulter aus einem Stückchen Katzenpelz; Tantes Trennmesserchen bildete sein Schwert. Es gab alle Hände voll zu tun. Als Goldschätze konnten einige Vorhangringe, ein Messingkettchen und ein Schlüsselschildchen dienen.

Jetzt der Wald. Hans und Otto schleppten Geranien- und Laurusstöcke und ein Gummibäumchen herbei und stellten sie in Form eines Hufeisens auf eine breite Kiste in den Hausgang. Dann wurden Brettchen zurechtgesägt und über die Topfränder gelegt. Das gab den Boden für die Drahtpuppen und den Drachen. Es sah sehr hübsch aus, wie ein freier Platz unter Bäumen.

»Zur Drachenhöhle nehmen wir ein paar Tuffsteine aus dem Garten«, ordnete Hans an und setzte sich dann in eine Ecke, um die Gespräche aufzuschreiben, die Siegfried, der Zwerg und der Drache halten sollten. Das war auch noch ein Stück Arbeit.

»Wir müssen tüchtig einüben«, sagte Hans. »Während man spricht, rückt man die Figur immer ein wenig hin und her, wie wenn sie sich bewegte. Ich nehme den Siegfried, Marianne hat den Zwerg –«

»Wenn ich ihn nur kann!« sagte Marianne.

»Vielleicht kann ich ihn?« schlug Lotti vor.

»Nein, Lotti, dazu passest du nicht!« erwiderte Hans. »Du darfst die Dame an der Kasse sein.«

»Und ich?« fragte nun auch Trudi.

»Du ziehst die Billette ein an der Türe. Otto, du nimmst natürlich den Drachen.«

»Ja, ich muss aber auch noch meine Zauberkünste probieren.«

In diesem Augenblicke trat Edith zur Haustüre herein mit einem Korb Birnen aus dem Pfarrgarten. Mit grossem Interesse vernahm sie, was im Tun war, und besichtigte die Figuren, besonders den Drachen.

»O, ich weiss«, rief sie. »Das ist ein europäische wilde Tier, welchen es nicht gibt! Otto, lass mich das Drache spielen!«

Otto willigte ein; Hans war etwas bedenklich.

»Du musst aber ganz ohne Fehler sprechen und sehr ernst!« sagte er. »Es ist nämlich kein Stück zum Lachen.«

»Ich werde lern, bis ich kann, und ich will so ein ernste Drache machen, dass alle werden zitter!« versprach Edith und lief dann schnell zurück, um dem Onkel Pfarrer zu sagen, dass sie heute eine Deutschstunde im Doktorhaus habe.

Lotti und Trudi wurden indessen ausgeschickt, um den Freunden und Freundinnen im Städtchen die Vorstellung anzukündigen.

An die Haustüre aber befestigte man einen grossen Zettel, auf dem folgendes geschrieben stand:

Theatervorstellung.

1. Der Guckkasten mit elf Bildern aus verschiedenen Ländern und Völkern.

2. Das Lebensrad, wo sich alles bewegt.

3. Der wunderbare Eierbecher, die Zauberschnur, die geheimnisvollen Münzen und die sterbenden Schweinchen.

4. Siegfrieds Kampf mit dem Drachen. (Es kommt ein Zwerg vor; der Drache und der Zwerg werden umgebracht.)

Beginn um drei Uhr. Erster Platz zehn Rappen, zweiter Platz fünf Rappen.

Es war kein Wunder, dass auf diese verlockende Anzeige hin eine Menge Kinder sich gegen drei Uhr im Doktorhaus einfanden. Lotti sass an der Türe und verkaufte mit wichtigem Gesicht die Billette. Der zweite Platz wurde stark bevorzugt. Spenglers Klara brachte zwar einen Zehner, aber zugleich drei kleine Geschwister und sagte, die Mutter lasse grüssen, und für zehn Rappen werden wohl vier zusehen dürfen. Einige hatten nur einen Zweier, und Felix Scharrelbach kam mit einer Tüte voll Sonnenblumenkörner und behauptete, die seien gut einen Fünfer wert.

Die grosse Zuschauerzahl machte allerdings einige Schwierigkeiten, als die Vorstellung mit dem Guckkasten eröffnet wurde. Hans rief umsonst:

»Bitte, meine Herrschaften, immer der Reihe nach!«

Alles drückte herzu, und die Hintern schrien, sie sehen nichts. Als jedoch Hans mit lauter Stimme die Bilder zu erklären begann, horchte man gespannt zu, und wer vorn keinen Platz fand, guckte von der Seite hinein.

Auch das Lebensrad mit dem bösen Schuster und der Brummfliege gefiel sehr.

Dann erschien Otto als Zauberer; er hatte eine spitze gelbe Mütze auf und einen schwarzen Mantel um. Er machte seine Künste geschickt. Nur als er das rote Ei unter »Hokus pokus tamalachtuggtugg« in ein blaues verwandeln wollte, kam es noch einmal rot zum Vorschein.

»Oha!« rief Felix Scharrelbach. »Das könnte ich auch!«

Als aber Hans einen drohenden Blick hinüberwarf und Klara, die ein handfestes Mädchen war, dem vorlauten Felix einen Puff gab, schwieg er, umsomehr, als Otto ihm das jetzt blaue Ei unter die Nase hielt.

Am meisten Beifall fanden Ottos Schweinchen. Dick und vergnügt standen sie da mit ihren langen Ohren und RingelSchwänzchen. Aber ihr Wohlbefinden dauerte nur kurz. Unter kläglichem Geschrei magerten sie zusehends ab; das Schwänzchen senkte sich trübselig; sie schrumpften ganz ein, sanken zusammen, erst das eine, dann die zwei andern und legten mit einem letzten Quiek den Kopf auf den Boden. Als Otto sie aufhob, bestanden sie nur noch aus Haut, Ohren und Schwanz.

»Noch einmal, noch einmal!« riefen die Kinder.

Immer wieder musste Otto die Schweinchen rund werden und sterben lassen.

Dann kam die Pause. Die Zuschauer wurden aufgefordert, in der Holzkammer zu warten, wo Otto sie einsperrte. Als er sie nach einer Weile herausholte, war das vorgespannte Leintuch im hintern Teil des Hausganges weggenommen, und man erblickte das Puppentheater. Links auf der Bühne neben dem zweiten Geranienbusch stand Siegfried, sein Tierfell über den Schultern; neben ihm war im braunen Kittel der bucklige Zwerg zu sehen.

Still vor Erwartung nahm das Publikum auf den bereitgestellten Bänken und Stühlen Platz. In der Höhe quer über dem Walde und zu beiden Seiten waren Vorhänge angebracht. Dahinter hörte man leise flüstern; das machte die Sache noch geheimnisvoller.

»Zwerg!« begann jetzt Siegfried laut. »Du hast gesagt, du wollest mich das Fürchten lehren!« Hans, rückte, während er sprach, den Siegfried am Drahte gegen die Mitte vor.

Der Zwerg rutschte an Siegfrieds Seite und fragte ihn, ob er sich denn wirklich noch nie gefürchtet habe im dunkeln Wald, wo die reissenden Tiere herumschleichen. Marianne, die für den Zwerg sprach, nahm eine sehr hohe Stimme an, wie es zu der kleinen Gestalt passte. Siegfried aber lachte:

»Hahaha! Die wilden Tiere! Erst gestern habe ich einen Bären bezwungen und ihn festgebunden, so dass er mir nachfolgen musste wie ein Hündchen!«

»Siegfried«, erwiderte der Zwerg, »wenn du so tapfer bist, so suche doch den Drachen auf, der hier haust, und erschlage ihn! Dann wärst du der grösste Held der Welt und würdest die Schätze gewinnen, die er bewacht.«

Der Zwerg beschrieb dem Siegfried die Pracht der Goldgeschmeide.

»Dort hinten wohnt er in der Felsenhöhle. Ich muss jetzt gehen. Lebe wohl.«

Arglistig kichernd zog sich der Zwerg gegen die Laurusstöcke zurück, indem er leise für sich sagte:

»Wenn es nur so käme, dass sie sich beide umbrächten, dann würde ich der Besitzer des Schatzes werden!«

Damit verschwand er.

Siegfried aber eilte kampflustig der Felshöhle zu, die unter dem Gummibaum sichtbar war. Da begegnete ihm etwas Fatales: Er verfing sich in einem Zweige und fiel der Länge nach hin.

»Hoppla!« rief Felix Scharrelbach. »So geht's, wenn man nicht acht gibt!«

»Still!« riefen die andern, die in höchster Spannung auf den Kampf mit dem Drachen warteten.

»He, man wird wohl noch etwas sagen dürfen!«

»Nein! Still! wenn's jetzt grad so schön wird!«

Felix bekam von links und rechts Püffe und Vorwürfe.

Siegfried hatte sich rasch wieder erhoben und versuchte, weiterzusprechen. Doch der Tumult unter den Zuschauern wuchs. Felix setzte sich lärmend zur Wehr:

»Mach du, dass du aufhörst!« schrie er seinem Nachbarn zu.

»Hör du zuerst auf! Du, mit deinen Sonnenblumenkernen!«

»Und du mit deinem Zweier –«

Felix stiess an die Bank, so dass die Spenglerkinder fast herunterfielen und zu weinen begannen. Es gab ein allgemeines Geschrei und Gepolter.

Hans, Otto und Marianne waren empört. Hans liess den Siegfried neben dem Gummibaum stehen und trat hervor.

»Wenn ihr nicht sogleich Ruhe gebt, so hören wir ganz auf und jagen euch alle fort!«

»Man braucht bloss den Felix hinauszutun, Hans!« rief Lehrers Bernhard. »Sollen wir –?« Ein halbes Dutzend Hände packten bereitwillig an.

Das half denn doch. Felix setzte sich und knurrte bloss noch ein wenig. Nach verschiedenen Ssst –! Ssst –! wurde es ruhig, und alle Augen wandten sich wieder dem Theater zu, wo das Schauspiel nun seinen Fortgang nahm.

Siegfried stand furchtlos unter dem Baume; aber in der Drachenhöhle begann es sich zu regen, und plötzlich ertönte von ihr her ein furchtbares Gähnen:

»U-ah!«

Edith hatte das zuhause besonders geübt; denn Hans hatte gesagt, es gehöre dazu. Es klang ungemein natürlich. Bernhards kleiner Bruder wurde sogar angesteckt und gähnte laut nach, was man aber weiter nicht beachtete; denn jetzt streckte der Drache den Kopf zwischen den Steinen hervor.

Siegfried näherte sich und rief:

»Was ist denn das für ein seltsames Tier?«

»Komm nur her!« antwortete der Drache. Edith machte ihre Sache sehr gut. Sie sprach mit einer so unheimlich dumpfen Stimme, dass die Spenglerskinder näher an die Schwester hinrückten und mit ängstlichen Augen guckten, was nun begegne.

»Komm nur her, damit ich dich verschlinge!«

Siegfried aber lachte:

»Wir wollen sehen, ob dir das gelingt, oder ob du nicht vielmehr von mir getötet wirst!«

Drohend fuhr der Drache zwischen den Felsen hin und her und schoss dann gegen Siegfried. Aber dieser wusste ihm auszuweichen, indem er in weitem Sprung über ihn wegsetzte. Dann drang er plötzlich auf das Untier ein und traf ihn mit einem offenbar tödlichen Stich; denn der Drache brüllte laut auf und legte sich mit einem Ruck auf die Seite.

»Ich sterbe!« stöhnte er. »Aber ich verzeihe dir und gebe dir noch einen Rat: Traue dem Zwerge nicht! Er ist falsch!«

Siegfried betrachtete den toten Lindwurm; dann trat er hinter den Felsen, um die Schätze zu holen.

Vorsichtig kam nun der Zwerg wieder hinter dem Laurus hervor.

»Aha!« sagte er leise. »Es scheint, dass Siegfried den Drachen getötet hat; aber er selbst ist am Leben geblieben. Jetzt muss ich versuchen, ihn zu vergiften.«

Siegfried erschien mit den Ringen und Ketten behängt. Sowie er jedoch den Zwerg erblickte, rief er:

»Ha! Zwerg! ich kenne jetzt deine Gedanken. Du hast Böses gegen mich im Sinn! Da nimm deinen Lohn!«

Er drang auf den Zwerg ein, und alsbald stürzte dieser erschlagen hin, womit das Stück schloss. Siegfried stand stolz mit seinem Schwert und seinem Gold zwischen dem toten Drachen und dem toten Zwerg, und der Vorhang fiel herunter.

Das war aber schön gewesen! Lehrers Bernhard, den sein Vater einmal ins Theater mitgenommen hatte, wusste, was Brauch war. Er fing an zu klatschen, und alle klatschten mit, so stark sie konnten, und die vorn auf der Kiste sassen, trommelten mit den Füssen.

In diesem Augenblick traten Ottos und Trudis Papa zur Haustüre herein.

»Papa! Onkel! grade ist es aus! Aber wir spielen es dir und Mama heut abend noch einmal!«

»Gut!« sagte Onkel Doktor. Dann jedoch fiel sein Blick auf den Teller mit dem Geld.

»Was soll denn das sein? Ihr habt doch den Kindern nicht in, Ernst Geld abgenommen? Was fällt euch ein? Das geht nicht!«

Die fünf machten verlegene Gesichter. Das war grade so nett gewesen, das Eintrittsgeld! Mit dem Zwanziger, den Edith hinzulegte, machte es fast einen Franken.

»Oder seht wenigstens, dass ihr das Geld gemeinnützig verwendet!« sagte der Onkel, indem er rasch die Treppe hinaufging.

»Papa, was ist das, gemeinnützig –?« rief Trudi. Doch Papa schritt schon durch den Korridor seinem Zimmer zu.

Im Hausgange aber entspann sich eine lebhafte Beratung, an der die Zuschauer ebenfalls teilnahmen.

Gemeinnützig, das hiess natürlich das Geld so verbrauchen, dass jedes etwas davon hatte. Das war nett.

»Ja, so machen wir's!« riefen alle, auch die Turnach- und die Doktorskinder.

»Wir könnten bei Frau Schlumpf Marbeln kaufen und sie verteilen!« schlug eines vor.

»Sie hat auch Schokoladebonbons«, sagte Trudi. »Man bekommt fünf für einen Fünfer.«

»Wenn nur noch Jahrmarkt wäre!« meinte Spenglers Klara. »Dann würden wir das Geld dem Karussellmann geben, dass er uns alle recht lang reiten liesse –«

»Hört!« rief einer hinten hervor. »Wir machen miteinander eine kleine Reise. Wir fahren nach Schiebeldorf. Das halbe Billet kostet bloss fünf Rappen, und zurück können wir zu Fuss gehen.«

Edith, die den Verhandlungen folgte, lachte unbändig über diesen Vorschlag.

»Ja, wir reisen allen nach dieses Schiebeldorf. Ich will gehen und packen mein Reisetasche!«

»Wenn wir es ganz fein machen wollen«, sagte jetzt aber Hans, »so wüsste ich etwas! Otto, der Onkel hat doch heute vorgelesen, dass der Larstetter Gesangverein nach seinem Konzert das Geld geschenkt hat für die Anlagen am –«

»Am Weissberg!« fielen die Larstetter Buben und Mädchen ein. »Es gibt einen Aussichtsturm und Bänke und junge Bäume –«

»Also, wir machen es auch so. Wir schenken unser Geld für die Anlagen –«

»Ja, ja!« riefen Otto, Bernhard, Marianne und verschiedene andere. »Hans hat recht! Das wäre am allernobelsten!«

Lotti, Trudi und die Kleineren dachten vielleicht einen Augenblick noch an die Schokolade und die Reise nach Schiebeldorf; aber dann rannten sie wichtig mit zu Bernhards Vater, der die Gelder für die Anlagen einkassierte.

Herr Fink sass am Tisch und ordnete seine Pflanzensammlung. Er lachte, als die Kinder von dem Theater erzählten und ihr Geld brachten. Edith hatte die 86 Rappen zu einem Franken aufgerundet.

»Schön, schön!« sagte er, indem er ein langes blaues Heft herholte. »Ein Franken ist immer ein Franken –«

Er schlug das Heft auf und lachte noch einmal ein wenig, während er die Feder ergriff.

»Jetzt wird's eingeschrieben! jetzt wird's eingeschrieben!« riefen die Kinder sich zu, und dann durfte jedes in das Heft gucken, wo mit schöner Schrift geschrieben stand: »Am 17. Oktober Ertrag der Theatervorstellung im Doktorhaus: Ein Franken.«

»Herr Fink«, fragte Trudi. »Könnte man eine Bank machen lassen aus dem Franken?«

»Ach, Trudi!« rief Otto. »Für einen Franken bekommt man keine Bank!«

»Nein«, sagte Herr Fink; »aber wir wollen sehen, dass es ein junges Ahorn- oder Lindenbäumchen gibt. Das habt ihr dann gestiftet –«

»Und da sitzen wir jedesmal drunter!« riefen die Kinder.

»Und wir auch, wenn wir in Larstetten sind!« stimmten Hans, Marianne und Lotti ein.

»Wenn es nur recht bald gross und schattig wird! Ja, wir müssen es manchmal begiessen! Ihr schreibt uns dann, wie es wächst! Wir heissen es das Theaterbäumchen! Oder die Siegfriedlinde! Ja, ja! die Siegfriedlinde!« So ging es durcheinander unter den Buben und Mädchen, bis man sehr befriedigt sich trennte.

Als Onkel Doktor von der Schenkung und von der Siegfriedlinde hörte, lachte er auch.

»Das habt ihr ja ausgezeichnet gemacht!« sagte er.



Auf der Fähre

Am nächsten Nachmittag kamen Marianne, Lotti und Trudi schon wieder ins Pfarrhaus gerannt, Edith solle mitkommen, sie gehen alle zum Eschenweiher hinunter.

Der Eschenweiher war ein stilles, langgestrecktes Wasser an der Sägenwiese.

Lehrers Bernhard, Hans und Otto waren nach dem Mittagessen daran vorbeispaziert.

»Schrecklich schmal!« hatte Hans gesagt.

»Aber ziemlich lang!« hatte Bernhard erwidert. »Wenn man von der Bank aus hinuntersieht und den Kopf nicht rechts und links dreht, meint man fast, es sei ein kleiner See.«

Hans wollte Bernhard nicht kränken; sonst hätte er laut herausgelacht. Ein See –! Bernhard hatte jedenfalls in seinem Leben noch nie einen See gesehen. Otto guckte Hans von der Seite an; er wusste wohl, was er dachte.

»Nein, Bernhard, von einem See kann man da nicht reden. Denk nur, wie tief ein See ist! In unserm Eschenweiher geht einem das Wasser höchstens bis daher –« Otto zeigte an seinen Gürtel.

»Da kann man also nicht einmal recht nass werden!« sagte Hans.

»Und dann müssten doch Schiffe da sein!« fuhr Otto fort.

»Im Sommer bin ich einmal auf einem Brett drauf herumgefahren«, erzählte Bernhard.

»Das ist etwas! Auf einem Brett, wo gerade zur Not einer stehen kann!« Hans musste sich Luft machen. »In unserm kleinen Schiff haben sechs Personen Platz. Und in einem ordentlichen Steinschiff etwa dreissig. Und auf einem Dampfschiff – aber natürlich von einem Dampfschiff habt ihr in Larstetten keinen Begriff!«

Bernhard schwieg besiegt, und die Knaben trennten sich bald. Bernhard ging den Eschenweiher entlang bis zur Säge, die seinem Vetter gehörte. Man baute da die Scheune um, und das grosse Tor stand angelehnt an der Mauer. Bernhard kam ein Gedanke.

Er ging auf des Vetters Sohn zu, der da arbeitete.

»Du, Gustav, könnte ich nicht das Tor haben für heut nachmittag?«

»Was willst?« rief Gustav, der meinte, nicht recht gehört zu haben.

»Das Tor.«

»Das Tor? Brauchst du nicht vielleicht noch das Rathausdach und den Kirchturm dazu?«

»Ich meine es im Ernst. Es ist nicht wegen mir, sondern wegen Larstetten –«

Und Bernhard erzählte von dem Gespräch vorhin und was er nun im Sinn habe.

»Ein Schiff soll unser Scheunentor in seinen alten Tagen noch werden –?« sagte Gustav belustigt. »Ja, wenn die Ehre von Larstetten auf dem Spiel steht, so wird es halt sein müssen.«

»Was man nicht erlebt!« sagten die zwei Arbeiter, die zugehört hatten. »Jetzt gibt's aus unserer Säge einen Seehafen!«

Mit vereinten Kräften schafften die drei Männer das Scheunentor auf den Eschenweiher hinaus, nachdem man auf beiden Seiten noch zwei breite Bretter festgenagelt hatte. Denn je mehr Leute Platz hatten, desto besser war es für Larstetten.

Dann rannte Bernhard ins Städtchen hinauf, um Otto und Hans zu holen. Die beiden folgten neugierig. Die Mädchen schlossen sich auch an.

»Es ist natürlich kein Dampfschiff!« sagte Bernhard, als man am Eschenweiher anlangte.

»Famos ist es! Prachtvoll!« schrien Hans und Otto.

Alle sprangen auf das Scheunentor, das breit auf dem Wasser lag. Es schaukelte angenehm und machte kleine Wellen.

»In Larstetten schiffahren!« rief Lotti entzückt.

»Gelt!« sagte Otto. Er war fast so stolz wie Bernhard.

In der Mitte des Schiffes stand ein Schemel, und drei Stangen lagen bereit.

»Das ist nun unsere Fähre«, erklärte Hans, indem er eine der Stangen ergriff.

»Ja!« rief Marianne. »Wir warten am Ufer und rufen ›Hoiho! Hol über!‹ Wir können auch grosse Leute hinüberfahren, wenn sie vom Stampfenweg kommen oder vom Städtchen herab. Die sind gewiss froh. Es ist eine ziemliche Abkürzung.« Hans stemmte die Stange ein und lehnte sich über den Rand des Fahrzeugs hinaus.

»Gib acht, dass du nicht hineinfällst!« warnte Bernhard.

»O«, machte Hans. »Das geht nicht so schnell!« Er legte sich noch etwas weiter hinüber. »Den ganzen Sommer sind wir nicht ins Wasser gefallen, keins von uns.«

Er lenkte das Schiff in gerader Linie über den Weiher. Die Mädchen standen in der Mitte und spähten zum Stampfenweg hinauf und zurück zum Eschensteig. Niemand wollte sich zeigen, den man hätte können die Annehmlichkeit der Fähre geniessen lassen.

Endlich tauchte auf der Stampfenhöhe etwas wie eine Mütze auf.

»Dort kommt einer!«

»Es ist der Polizeidiener! Der Drehbaum!«

Die Mädchen sprangen hinaus.

»Herr Drehbaum, wollen Sie sich nicht hinüberfahren lassen zum Eschensteig?« lud Marianne ein.

»Sie brauchen nicht machen das weite Umweg!« rief Edith.

»Wir tun es umsonst!« fügte Lotti hinzu.

»Aber ich tue es nicht umsonst«, sagte Drehbaum schlecht gelaunt. »Und für Geld auch nicht. Das fehlte mir gerade. Überhaupt – wem gehört das Tor?«

»Dem Vetter in der Säge!« schrie Bernhard. »Der Gustav hat's uns selber auf den Weiher herausgetan.«

»Das war etwas Gescheites!« brummte Drehbaum, indem er sich zum Wege zurückwandte und missbilligend mit seinem Stocke fuchtelte. Im Weitergehen zankte er noch vor sich hin; man hörte etwas von Narreteien und von Verbieten.

Die Kinder sahen ihm nach.

»Sie sind keine besonders nette Polizeimann!« rief Edith.

Der Ärger verging indessen bald. Denn jetzt kam vom Städtchen her langsamen Schrittes mit dem Tragkorb auf dem Rücken die Botenfrau von Rollingen.

»Schnell, Hans! schnell –!« Hans, Otto und Bernhard stachelten mit aller Kraft, um rasch das jenseitige Ufer zu erreichen.

Die Botenfrau blieb erstaunt stehen, als das Fahrzeug auf sie lossteuerte.

»Frau Enzenstein«, riefen sie alle sieben. »Warten Sie, warten Sie! wir fahren Sie hinüber! Sie können sogar sitzen!«

Die Botenfrau trat entsetzt zwei Schritte zurück.

»Ich da drauf –?«

»Es ist ganz fest; sehen Sie –«, ermunterte Lotti und sprang mit beiden Füssen auf und nieder.

»Nein, nein, aufs Wasser bringt man mich nicht, Kinder, nicht mit zehn Pferden! Ich hab das von meinem Grossvater. Der hat einmal nach Amerika auswandern wollen, und wie er in Bremen sich das Wasser ansieht, auf dem er hätte hinüber sollen, fällt er hinein; man hat nie recht erfahren wie. Zwei Schiffleute haben ihn gerade noch am Fuss erwischt. Da hat er genug gehabt und ist wieder nach Larstetten zurück. Seither will keines von uns mit Wasser und Schiffahrt zu tun haben.«

Die Kinder sahen das ein und liessen die Botenfrau ziehen. Neben ihr aber hatte sich ein kleiner, etwa fünfjähriger Bub hingestellt, um sich das grosse Brett auf dem Weiher zu besehen.

»Wo musst du hin, Eduard?« fragte Otto.

»Nach Rollingen in die Mühle.«

»So, dann darfst du mit uns hinüberfahren zum Stampfenweg.«

Der Bub rührte sich nicht. Marianne sprang hinaus, um ihn zu holen.

»Nein!« schrie er jetzt und rannte über die Wiese hinauf.

»Fang ihn, Marianne«, rief Hans, »und bring ihn! Wenn er auf dem Schiff ist, findet er es dann gewiss nett.«

Marianne fasste den kleinen Eduard. Aber der fing an so fürchterlich zu brüllen und sich zu wehren, dass sie ihn wieder losliess. Heulend entfloh er gegen das Städtchen.

»Wie man so dumm sein kann!« sagte Hans und stiess das Schiff hinaus.

Da bewegte sich drüben hinter den Büschen des Stampfenweges wieder etwas.

»Ein Mann!« Man hörte meckern. »Ein Mann mit vier Ziegen – und einem grossen Hund!«

Diesmal kam die ganze Schiffsgesellschaft heran, umringte den Mann – es war Bieland, der manchmal im Doktorgarten arbeitete – und redete auf ihn ein, um ihm die Vorteile der Fähre klarzumachen.

Bieland schüttelte den Kopf.

»Sie tun doch nicht vielleicht dem Wasser fürchten wie der Familie von Frau Enzenstein?« fragte Edith.

»Das nicht gerade. Aber mein besseres Gewand hab ich an, und euere Geschichte da kommt mir etwas wacklig vor. Nein, ich danke.«

»Aber die Ziegen doch? Die Ziegen? Wir möchten so schrecklich gern jemand hinüberführen!« riefen die Buben und Mädchen.

Bieland überlegte und lachte.

»So nehmt sie! Sie können meinetwegen ja zur Abwechslung einmal eine Schiffahrt machen. Da – aber gebt acht!«

Mit Freudengeschrei bemächtigten die Kinder sich der Ziegen. Es war ein schweres Stück Arbeit, sie auf das Schiff zu bringen. Glücklicherweise hatte jede einen Strick um. Der Hund Zangger blieb bei seinem Herrn.

»Vier Ziegen! das ist doch etwa so viel wie zwei Menschen, gelt, Hans!« rief Trudi und versuchte, eine der Ziegen an sich zu ziehen.

Die Tiere aber, besonders als das Schiff nun hinausgestossen wurde, stolperten und drängten sich zusammen. Es gefiel ihnen gar nicht auf dem Wasser; sie hätten viel lieber den Weg um den Eschenweiher herum gemacht; aber es hatte sie niemand gefragt.

Mit sechs oder acht Stössen war das Schiff dem andern Ufer nahe. Hans sah nach einer guten Landungsstelle aus für die Ziegen. Derweil kam der Hund Zangger vom untern Ende des Weihers dahergerannt und stellte sich bellend ans Ufer. War es nun, dass ihn reute, nicht mitgefahren zu sein, oder meinte er, er müsse nach den Ziegen sehen, kurz, er tat einen Sprung und schoss auf das Schiff.

»Ui –!« Das Schiff schwankte heftig. Die Ziegen fuhren erschreckt zurück und stiessen Trudi um. Die andern Kinder wollten sie in die Höhe ziehen –

»Halt!« schrie Hans. »Nicht – nicht alle auf eine Seite –« Er verstummte; denn plötzlich schnappte das Schiff auf, und im Bogen flog Hans in den Weiher. Auf der andern Seite aber rutschte die ganze Gesellschaft in das Wasser, Ziegen und Hund, Buben und Mädchen in einem Knäuel.

»Wetter noch einmal! Was ist denn! –« rief Bieland und eilte zur Stelle des Schiffbruches, von wo ihm ein schreckliches Geschrei, Gebell und Gemecker entgegentönte.

Der erste, der aus dem Wasser kroch, war Bernhard, triefend und schnaubend wie ein Walross. Otto plätscherte mit seiner Stange herum, die er nicht losgelassen hatte. Edith und Marianne wurden, als sie sich auf die Füsse geholfen, von neuem umgeworfen durch die Ziegen, die einfach über sie hinwegstrampelten. Hans war kopfüber ins Wasser gefallen; als er sich aufrichten wollte, hielt ihn Lotti am Ärmel fest, und er musste sehen, wie er samt der zappelnden Schwester ans Land kam. Der Hund Zangger, der eigentlich schuld an allem war, gab sich die grösste Mühe, den Schemel zu retten, als ob das die Hauptsache wäre. Zuletzt zog Bieland trotz seinem »besseren Gewand« noch Trudi heraus, die hart am Ufer im Wasser sass und sich am Bein einer Ziege hielt; die Ziege und Trudi schrien, wie wenn sie am Spiess stäken.

Endlich waren alle sieben Kinder glücklich auf dem Lande. Das Wasser floss in Strömen an ihnen herunter.

»Heul doch nicht so grässlich, Trudi!« sagte Otto, als er so weit war, dass er wieder reden konnte.

»Ich-h-heule nicht«, weinte Trudi. »Aber ich frier-rrr-re.« Sie schlotterte am ganzen Leib.

»Rrr –« zitterten und schnatterten auch die andern. Es war nicht mehr Sommer; das Wasser war kalt gewesen, und es blies ein rauher Wind.

»Hört«, sagte Bieland, »das beste ist, ihr rennt heim, so schnell ihr nur könnt. Und ihr da –« er wandte sich zu seinen Ziegen, die kläglich meckerten, »ihr lauft auch, damit ihr mir nicht den Husten bekommt.«

»Den Husten!« lachte Lotti, so gut es ging neben dem Zähneklappern, und rannte mit den andern den Eschensteig hinauf. Eine lange Wasserstrasse zog sich hinter ihnen durch das ganze Städtchen, und eine kleinere zweigte zum Pfarrhaus ab.

Entsetzt schlug die Tante die Hände zusammen, als die triefenden Kinder ankamen. Wenn sich nun eins erkältet hatte! Und die Kleider –! Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als die ganze Mannschaft ins Bett zu schicken.

Erst waren die fünf etwas verdutzt, so unversehens am hellen Tag im Bett zu stecken. Aber dann ging bald durch die offene Tür eine lebhafte Unterhaltung an. Jedes schilderte, auf welche besondere Weise es hineingefallen und wieder herausgekommen war; dann gab man sich Rätsel auf, und als Tante Doktor nach einer Weile hereinkam, rief Otto:

»Mama, ist es zur Strafe oder nur zur Wärme, dass wir ins Bett mussten? Wir finden es nämlich furchtbar lustig!«

Lehrers Bernhard aber war nicht minder vergnügt. Er hatte für gut gefunden, sich zum Trocknen in die Säge zu begeben; seine Mutter verstand in solchen Sachen keinen Spass. Er sass während seine Kleider am Herd hingen, in der Küche der guten Base, eingehüllt in den Winterüberzieher des Vetters.

Da kam Gustav herein:

»Oha –!«

»Ja, wir sind hineingefallen, alle sieben. Und der Hans hat grade vorher erzählt, sie seien den ganzen Sommer nie in ihren See gefallen, in ihren grossen. Und er hat gesagt, im Eschenweiher könne man nicht einmal recht nass werden. Aber du hättest sehen sollen, wie uns das Wasser übers Gesicht und die Haare gelaufen ist, dem Hans auch!«

»So? Mehr kann man nicht verlangen«, sagte der Vetter. »Dann hat also der Eschenweiher seine Sache recht gemacht, und die Ehre von Larstetten wäre gerettet.«



Eine Kaffeegesellschaft

Ganz Larstetten bestand bloss aus der langen Hauptgasse und etwa acht oder zehn Nebengassen. Der einen Seite des Städtchens entlang lief eine alte graue Mauer; sie war zerfallen und mit Gras und Holunderbüschen bewachsen. An der Mauer stand ein Turm mit schwerem rotbraunem Dach. Er hiess der Rosenturm. Hier wohnte die Turmsette mit ihrem Raben Peter oben in einer grossen Stube, an deren Fenster vier Kallastöcke mit weissen, tütenförmigen Blüten standen. Die Turmsette bügelte die feine Wäsche für die Leute. Hans, Marianne und Lotti stiegen mit den Doktorskindern oft zur Turmsette hinauf und zu dem Vogel Peter.

Der Vogel Peter gehörte zu der Art der Dohlen, war also ein kleiner, netter Rabe mit schwärzlichem Gefieder, schelmischen runden Augen und einem festen Schnabel. Sprechen konnte der Peter nicht. Man habe es ihm nicht gelehrt, wie er jung gewesen sei, erklärte die Turmsette. Er sagte bloss »Kräh!« oder »Kräkräh!« Die Turmsette und der Rabe verstanden sich aber doch sehr gut.

»Kräh!« rief Peter begrüssend, als die fünf Kinder eintraten, und ging ihnen höflich entgegen.

Die Turmsette stand an ihrem Bügelbrett und gab eben einer blendend weissen Hemdenbrust den letzten Druck. Dann sah sie nach dem Feuer des kleinen Ofens, aus dem die rote Glut herausstrahlte. Der Rabe schlug aufgeregt mit den Flügeln und hüpfte ein paar Schritte zurück. Er war früher einmal mit dem Fuss auf eine brennende Kohle geraten.

»Kochen Sie jetzt zu Mittag?« fragte Trudi die Turmsette.

Bei der Bereitung des Essens zeigte sich Peter nämlich im vollen Lichte seiner Klugheit.

Grade begann es elf Uhr zu läuten. Peter eilte mit freudigem Gekrächz auf die Turmsette zu.

»Nun sagt er, es sei Zeit zum Kochen!« riefen die Kinder. »Wie gescheit er ist –!«

In der Küche standen die geschnittenen Kartoffeln schon bereit. Peter stellte sich auf den Tisch und verfolgte mit Aufmerksamkeit, wie sie in die heisse Butter kamen und da zu zischen begannen. Dann aber, als sie allmählig gelb wurden, kam er mit einem schnellen Hupf zur Pfanne und erhaschte eine Kartoffelscheibe. Aber er verschluckte sie nicht, sondern flatterte damit zum offenen Fenster und legte sie neben das Schnittlauchglas. Dann kehrte er zurück, um ein neues Stück zu holen. Die Turmsette drohte mit dem Schäufelchen; aber Peter blinzelte mit seinen schelmischen Augen. Das hiess:

»Ach was! du meinst es doch nicht ernst!«

Auf dem Gesimse entstand eine Reihe von Kartoffelstücken. Und wie nun anzunehmen war, dass das erste erkaltet sei, machte sich der kluge Peter unter vergnügtem Krächzen daran, es zu verzehren.

Das war so possierlich, dass es sich wohl lohnte, gegen elf Uhr die fünf Treppen zur Turmsette hinaufzusteigen.

Ein wenig musste man den Peter necken. Als er am dritten Stück war, nahm ihm Otto rasch das fünfte weg. Peter wendete sich mit einem Satze und wiegte den Kopf hin und her:

»Gibst du es wieder oder nicht –?«

Aber Otto steckte es in den Mund. Da wurde Peter sehr zornig. Er zankte: »Kräh, kräh!« und ging mit dem Schnabel auf Otto los, der lachend in die Ofenecke flüchtete.

»Er wird doch auch mitkommen morgen?« rief Lotti entzückt.

»Wohin?« fragte die Turmsette.

»Ja, das hätten wir fast vergessen«, sagten die Kinder. »Wir sollen Sie einladen zu Frau Schnezler; sie gibt eine Kaffeegesellschaft.«

»Eine Kaffeegesellschaft?«

»Ja, morgen um drei Uhr. Und also der Peter auch! Auf Wiedersehen, Peter!« Die Kinder stiegen polternd die Treppe hinunter.

Die Turmsette blieb kopfschüttelnd an der Türe stehen: Eine Kaffeegesellschaft –? Was fällt ihr denn ein!

Es war auch der Frau Schnezler gar nicht eingefallen. Diese Kaffeegesellschaft war das Werk der übermütigen Edith.

Frau Schnezler wohnte in einem netten kleinen Hause am andern Ende des Städtchens und nähte Weisszeug. Edith hatte zweimal in der Woche bei ihr Unterricht; denn im Handarbeiten war es bei dem Mädchen jämmerlich bestellt, sagte Frau Pfarrer. Wenn Edith bei Frau Schnezler sass und sich in Saum- und Steppstichen übte, so plauderte sie gern.

»Es ist viel zu still in Ihrer Stube, Frau Schnezler«, sagte sie eines Nachmittags. »Sie müssen haben eine Hund oder Katze.«

»Nimm den Faden nicht so lang!« mahnte Frau Schnezler. »Behüte, nein, so ein Tier, das immer fressen will und meine Sachen herunterwirft.«

»Oder Sie können geben einigen Mal Gesellschaft«, schlug Edith vor. »Sie müssen einladen die Turmsette mit ihres fröhliche Vogel oder die Kinder von Doktorhaus.«

»Was denkst du! Das ist etwas für reiche Leute, nicht für mich!«

»Ich glauben, Sie gar nicht sind arm, Frau Schnezler. Sie haben eine hübsche Sofa und viele Tassen in Ihre Schrank und zwei Zuckerbüchs. Damit Sie können sehr gut geben eine Gesellschaft. Sie nur müssen kochen Kaffee und holen viel Kuchen.«

»Lass jetzt die Geschichten und gib acht auf deinen Saum!« sagte Frau Schnezler. »Nein, was sind das für Stiche – greulich!« Sie nahm Edith die Arbeit aus der Hand und begann aufzutrennen.

Edith aber setzte sich in den Kopf, Frau Schnezler solle einmal eine Kaffeegesellschaft geben. Man musste ihr nur die Leute einladen; dann würde sie schon sehen, wie nett das sei. So bestellte sie denn die Turnach- und Doktorskinder auf Dienstag zu Frau Schnezler und trug ihnen auf, auch die Turmsette einzuladen. Tante Doktor wunderte sich über die Einladung; aber die Kinder waren sehr dafür, sie anzunehmen. Bei einer Kaffeegesellschaft gab es doch immer etwas Gutes, und dann kamen der Peter und die Edith.

Punkt drei Uhr läuteten die Kinder bei Frau Schnezler an.

»Ei«, sagte diese, »was kommt denn da für Besuch? Habt ihr die Schuhe abgestreift?«

»Einen freundlichen Gruss von Mama«, sagte Otto, »und sie sei so frei und schicke uns.«

»Schön«, versetzte Frau Schnezler. »Man putzt wohl bei euch heut und kann euch drum nicht brauchen?«

»Nein«, antwortete Trudi. »Wir putzen erst nächste Woche.«

»Nun, setzt euch jedenfalls ein wenig!« sagte Frau Schnezler und rückte Stühle zurecht.

Die Kinder fanden die Rede sonderbar, wo sie doch zum Kaffee eingeladen waren. Sie setzten sich und sahen einander an. Da überkam sie auf einmal, ohne dass sie recht wussten, warum, ein Lachen. Bei Trudi und Lotti begann es. Sie zogen die Achseln herauf und drehten sich gegen die Wand. Aber je mehr sie sich wehrten, desto stärker kam das Lachen. Natürlich wurden die andern angesteckt. Es war schrecklich. Man konnte gar nicht mehr aufsehen. Hans und Otto drückten die Faust an den Mund; doch das half nichts; immer wieder ging es los:

»Dh – dh –!« Marianne wurde rot vor Anstrengung, und es wäre ihr fast gelungen, aufzuhören, wenn nicht Lotti gegenüber solche Grimassen gemacht hätte.

Frau Schnezler nahm einen Stoss fertig genähter Bettanzüge vom Tisch.

»Ja, ja«, sagte sie. »Wenn man jung ist und es einem gut geht, kann man wohl lachen.«

»Dhi – dhi –« kicherte es wieder von links und rechts.

»Übrigens weiss ich nicht, was euch hier so lächerlich dünkt«, fuhr Frau Schnezler fort.

Die Kinder merkten, dass sie das Lachen nicht sehr nett fand. Aber was konnte man tun? Es wurde immer ärger.

Endlich kam Rettung. Es läutete wieder, und die Turmsette trat herein.

»Guten Nachmittag, Sette«, sagte Frau Schnezler erstaunt. »Sieht man dich auch wieder einmal?«

Die Turmsette hatte am Arm eine Tasche, aus welcher Peter seinen Schnabel herausstreckte.

»Wenn du erlaubst – ich habe den mitgebracht«, sagte sie und zog den Vogel aus der Tasche.

Die Kinder liefen alle fünf auf den Peter zu. Jetzt konnte man endlich loslachen! Sie nahmen den Vogel zum Fenster und trieben, während die beiden Frauen auf dem Sofa zu plaudern anfingen, ihre Spässe mit ihm. Sie setzten ihm das rote Türkenkäppchen von Frau Schnezlers Lampenzylinder auf und banden es fest. Peter schüttelte den Kopf, so dass die Trottel hin- und herflog. Sie zeigten ihm einen Fingerhut – Peter liebte alles Glänzende – und versteckten diesen dann, damit der Vogel suche.

So vergassen sie fast, dass sie zum Kaffee eingeladen waren. Nur einmal sagte Otto, indem er mit der Nase schnupperte:

»Ich will sehen, wann es eigentlich angeht. Man riecht gar nichts.«

Die Turmsette schien dasselbe zu denken. Sie sah an die Wanduhr:

»Schon zwanzig Minuten vor vier Uhr!«

»Ja, eher etwas mehr«, sagte Frau Schnezler und dachte, die Turmsette gehe nun wieder und nehme die Kinder vielleicht mit.

»Es ist nur wegen dem Kaffee«, fuhr die Turmsette fort. »Ich kann ja mit dir in die Küche gehen und dir ein wenig helfen.«

Frau Schnezler sah sie verwundert an.

»Mein Kaffee? Der ist nachher schnell gemacht.«

»Schnell gemacht? Ein Kaffee und was dazu gehört für sieben Personen? Das ist keine Kleinigkeit. Ich war wirklich erstaunt über die Einladung. Respekt vor dir!«

Frau Schnezler sah ganz verständnislos drein.

»Was sagst du, Sette –? Ich eine Einladung? Eine Kaffeegesellschaft?«

»Treib jetzt keine Spässe, sondern mach vorwärts! Die Kinder möchten gewiss schon lange gern etwas haben.«

Frau Schnezler sank entsetzt in ihr Sofa zurück.

»Du wirst doch nicht sagen wollen, ich habe dich – ich habe die Kinder eingeladen –!«

Nun wurde die Turmsette böse.

»Kommt daher, Otto und ihr andern – sind wir zu Frau Schnezler eingeladen oder nicht –?«

»Ja«, meldete Otto, »auf heute punkt drei Uhr zum Kaffee, hat Edith gesagt.«

»Edith –? diese Edith –? Es – es ist kein Wort wahr – kein Wort! Das ist ja ein grässliches Kind –«

Vor Empörung konnte Frau Schnezler nicht weiter sprechen. Die Turmsette und die Kinder waren ebenfalls starr und stumm. Nur der Rabe Peter sagte: »Kräh!« aber weiter wusste er auch nichts.

Da läutete die Hausglocke.

»Vielleicht noch ein paar Kaffeegäste?« sagte Frau Schnezler grimmig.

Als sie jedoch aufmachte, erblickte man den Albert vom Obertorbäcker mit einem Brett, auf dem ein gewaltiger goldbrauner Butterkranz lag. Die Butterkränze vom Obertorbäcker waren berühmt. Am Arm trug Albert einen Korb voll weissgezuckerter Rosinen- und Mandelstengel. Im Nu war Frau Schnezlers Gang und Stube von dem herrlichen Duft durchzogen, den Otto vorhin vermisst hatte.

Frau Schnezler aber streckte abwehrend die Hand aus.

»Was willst denn du? Du bist nicht am rechten Ort. Ich habe keinen Butterkranz bestellt – behüte!«

»O weh!« dachten die Kinder. »Den schönen Butterkranz und die Stengel wieder fortschicken –!«

»Der Vater hat gesagt, das gehöre zur Frau Schnezler«, entgegnete Albert und blieb hartnäckig stehen.

»Ja, ja, dieses Knabe ist an den rechte Ort!« rief jetzt eine helle Stimme, und durch die offene Haustüre trat Edith herein.

»So, da kommt sie noch selber, das unartige, naseweise Kind!« sagte Frau Schnezler. »Wart nur, das will ich deiner Tante erzählen –! Einer rechtschaffenen Frau so etwas anzustellen –!«

»Nicht bös sein, Frau Schnezler! Jetzt der Anfang von Gesellschaft ist gemacht. Alle sind da, Frau Turmsette und die Kinder und das Vogel –«

Aber Frau Schnezler schüttelte mit der Hand.

»Mach dass du gehst! Ich will dich gar nicht mehr sehen! Und die Kinder können grade mit. Und du, Sette, wirst ja wohl so viel Vernunft haben –«

»Hör«, sagte die Turmsette. »Es wäre am besten, du nähmest selber Vernunft an. Der Butterkranz und die Stengel sind jetzt einmal da – ich weiss zwar nicht, wie sie herkamen –«

»Habe ich bestellt und bezahlt von meines neue Taschengeld«, erklärte Edith.

»Siehst du«, nahm Sette wieder das Wort, »nun wird es dir schon wohler. Komm, wir werden doch einen Kaffee zu stand bringen. Die Kinder helfen.«

»Ja, ja, wir helfen!« riefen die Kinder.

Frau Schnezler sagte nichts. Ihr Zorn hatte sich noch nicht ganz gelegt; aber sie folgte der Turmsette in die Küche.

»Zucker und Kaffee hast du gewiss«, fuhr die Turmsette fort. »Die Milch übernehme ich, damit ich auch meinen Teil habe an dieser merkwürdigen Gesellschaft. Trudi und Edith geht hinüber in den Hirschen. Dort haben sie immer Milch.«

Trudi und Edith liefen mit zwei grossen Töpfen. Hans und Otto mahlten Kaffee, dass die Bohnen flogen. Marianne deckte mit Lotti den Tisch. Es ging, wie wenn die Heinzelmännchen lebendig geworden wären im Haus, und nach kurzer Zeit sass gross und klein beim Kaffee. Der Rabe Peter thronte auf Turmsettes Schulter; er bekam von links und rechts Kuchenbrocken und krähte vergnügt mit, wenn die Kinder, die durch die Verwirrung noch übermütiger geworden, lachten und durcheinander schwatzten.

»Jetzt machen wir Spiele!« rief Lotti, nachdem alle dem Kaffee, dem Butterkranz und den Stengeln gehörig zugesprochen hatten.

»Ja, Kinder! und wir sehen zu«, sagte die Turmsette.

Aber bald wurden die beiden Frauen mit hineingezogen; denn es stellte sich heraus, dass die Spiele der Kinder dieselben waren, die man schon vor vierzig Jahren in Larstetten gespielt hatte: Das Tellerspiel, das Kompliment- und das Handwerkerspiel; dann »Wie gefällt dir dein Nachbar?« und »Alle Apothekerbüchsen rühren sich!« Es ging sehr laut und lustig zu in Frau Schnezlers sonst so stiller Stube. Der Rabe, der zuerst munter um den rollenden Teller und zwischen den Komplimenten der Kinder herumgehüpft war, flüchtete auf die Kommode und sah erstaunt auf das Treiben hinunter.

Als schöner Schluss kam noch das Nachtwächterspiel. Alle setzten sich auf die in eine Reihe gestellten Stühle; die Lampe wurde ausgelöscht, und Hans ging mit einer Kappe des verstorbenen Herrn Schnezler, einem Laternchen und einem Stock ringsum, indem er mit lauter Stimme verkündete:

»Seht die Nachtwach kommt heran
Mit einem langen Stocke.

Haltet fest und haltet fest,
Haltet fest am Rocke!«

Die Person, vor der er dreimal mit dem Stocke klopfte, musste hinter ihm herziehen durch den Hausgang oder die Küche. Es war sehr spannend, wenn der Nachtwächter alsbald wieder erschien, um eines zu holen. Je mehr der Schwanz wuchs, desto grösser wurde die Wanderung. Es ging zum Dachboden hinauf und durch das nächtliche Gärtchen, und schliesslich, als die ganze Gesellschaft anhing, hinaus in die Seilergasse.

»Kinder, Kinder«, wehrte die Turmsette. »Das geht nicht. Was werden sie im Städtchen sagen!«

»Nicht loslassen!« riefen aber die Kinder. »Bitte, nur durch die Seilergasse! Das ist grad das Netteste!«

Sie trieben und zogen und fuhren im Chore fort:

»Haltet fest und haltet fest,
Haltet fest am Rocke!«

»Wie das doch in letzter Zeit bei uns zugeht!« sagten die Nachbarn, als die Nachtwache beim Schein des Laternchens daherkam. »Kürzlich der Zusammenlauf an dem Lebkuchenstand, dann bei Doktors das Theater, und die Geschichte mit dem Scheunentor auf dem Eschenweiher. Und jetzt noch ein Umzug – nein, die Turmsette –! Seid ihr beide nicht bei Trost?«

»Doch, doch! wir machen ein Spiel. Die Frau Schnezler hat eine Einladung gegeben.«

»Potz!« sagten die Nachbarn.

Wieder vor dem Hause angelangt, trennte man sich. Die übermütige Edith schüttelte ihrer Nählehrerin die Hand.

»Nun Sie sehen, Frau Schnezler, dass ich habe gesagt wahr, Kaffeegesellschaft ist eine sehr hübsche Sache!«

Im Winterhaus am Kornplatz

Es ging mit den Larstetter Ferien, wie es mit denen in der Seeweid gegangen war: Ehe man sich's versah, kam der letzte Tag, und es kam sogar die Abendstunde, wo die Turnachkinder wieder daheim anlangten. Papa hatte sie am Bahnhof abgeholt. Es war ganz seltsam gewesen, nun nicht den Weg zur Seeweid einzuschlagen, sondern rechts abzubiegen zum Kornplatz. Lotti behauptete, sie könne sich die obere Treppe und das Wohnzimmer gar nicht mehr vorstellen.

Als sie aber ins Haus traten, sprang ihnen als traulicher Empfang Ulrichs guter alter Schnauzel entgegen. Er umtanzte die Kinder und hüpfte an ihnen empor; er heulte und bellte. Das hiess in seiner Hundesprache: »Endlich, endlich!« Dann schoss er die Treppe hinauf zu Ulrich, um ihm zu sagen: »Sie sind wieder da! die Kinder sind wieder da!«

Ulrich stand in der Arbeitsschürze zwischen seinen Garnballen. Er sagte nicht viel: aber man sah, er freute sich auch, dass nach dem stillen Sommer nun Leben ins Haus kam. Hans schlug auf einen der Ballen und atmete den Geruch des Hanftuches ein.

»Jetzt fängt der Winter an«, sagte er. »Jetzt sind wir wieder am Kornplatz daheim!«

Von droben aber ertönte Werners ungeduldige Stimme:

»Kommt doch ganz herauf –! Kommt doch!«

Da standen Mama und Wernermann und Sophie mit dem Schwesterlein, das den drei Ankommenden entgegenlachte und ihnen mit seinen Händchen ins Gesicht patschte. Marianne wollte das Schwesterlein auf den Arm nehmen; doch Werner liess ihr keine Zeit:

»Zuerst mich anschauen! Bitte, mich anschauen!« rief er und stellte sich dann, so breit er konnte, vor die Geschwister hin.

Ja, das war eine Überraschung: Werner in den ersten Hosen! Werner nicht mehr ein kleines Kind, sondern ein grosser Bub!

Er stand ganz still mit stolzem Gesicht und liess sich bewundern. Jetzt war endlich der glückliche Moment da! Hundertmal hatte er in den letzten zwei Tagen gefragt:

»Mama, wann kommen sie? Mama, wissen sie noch nicht, dass ich Hosen hab? Mama, was sagen sie dann?«

»Prachtvoll stehen sie dir!« rief Hans und streckte Werner die Hand hin. »Nun hab ich also einen rechten Bruder! Heulen tust du jetzt natürlich nie mehr?«

Werner lachte, sah aber schnell zu Mama hinüber. Heute morgen hatte er noch ganz wacker geheult.

Das Begrüssen und Wiedersehen, das sich von den Personen auch auf die Räume und Dinge ausdehnte, nahm kein Ende. Alles schien vertraut und neu zugleich. Marianne und Lotti liefen zum Schrank, um ihre Puppen zu umarmen. Hans sah seine Bücher an; jetzt konnte man sie der Reihe nach von neuem durchlesen. Allerdings unten im Schrank lagen auch die Schulsachen der Kinder. Dieses Wiedersehen stimmte Lotti etwas ernsthaft. Den ganzen Vormittag musste man nun wieder stillsitzen und am Nachmittag meistens noch einmal, und das ging so die lange Woche hindurch –!

Aber am Montag fand Lotti es dann doch sehr nett in der Schule. Viele Kinder hatten andere Kleider an, und einige, die vorher offene Haare gehabt, kamen mit Zöpfen. Auch waren die Winterfenster eingehängt, und die Wandtafel war schön schwarz und hatte frische rote Linien. In der vordersten Bank aber sass gar ein ganz neues Kind mit schwarzen Augen, das Nina hiess. Lotti beschloss, eine von ihren Puppen Nina zu taufen.

»Das war natürlich die Hauptsache, Lotti«, sagte Hans, als beim Mittagessen vom ersten Schulmorgen gesprochen wurde. »Dieses neue Kind und die roten Linien und der Zopf von der Hedwig Zohner!«

»Nein gar nicht!« wehrte sich Lotti. »Wir haben schon stark gerechnet, und zweimal habe ich die Hand zuerst aufgestreckt!«

»Uns hat Fräulein Heller eine Rede gehalten«, erzählte Marianne. »Sie hat gesagt, jetzt beginne die Arbeitszeit wieder, und wir sollen uns alle recht zusammennehmen. Es sei auch eine Freude, jeden Tag zu versuchen, wie weit die Kraft reiche.«

»Fast das gleiche hat Herr Altschmid gesagt«, rief Hans. »Und er hat uns noch erklärt, dass es mit dem Zusammennehmen und mit dem Rechttun sei wie beim Turnen. Man könne sich üben, und dann gehe es immer leichter. Man werde überhaupt nur ein tüchtiger Mensch, wenn man tapfer an das hingehe, was schwer und mühsam sei.«

»Schön«, stimmte Papa zu. »Wir wollen sehen, wie ihr dieses Kopf- und Herzturnen nun betreibt den Winter!« Das klang wie ein Spass; aber die Kinder verstanden, dass Papa es ernst meinte. Sie gaben sich denn auch Mühe, fleissig und brav zu sein in der Schule und zu Hause.

Am Abend jedoch nach der Arbeit fand sich immer wieder Zeit zu Spiel und Vergnügen. Schon durch das Fenster auf den Kornplatz hinauszusehen war eine sehr hübsche Unterhaltung. Es dunkelte jetzt früh. Der Laternenanzünder kam, und die Lichter brannten in den Schaufenstern. Drüben beim Pelzhändler hing ein grosses braunes Bärenfell zwischen Müffen und Krägen. Das sah schon sehr winterlich aus. Oben im ersten Stockwerk war ein Kaffeesaal. Die Herren sassen mit Zeitungen bei ihren Tassen. Andere spielten Billard auf grossen grünen Tischen. Man sah, wie sie sich über den Tisch legten, scharf zielten und wie die Kugeln flogen. In dem hohen Hause am Eingang der Schwalbengasse wohnte die Schneiderin Weissenhorn.

Die Lehrmädchen nähten fleissig, und Frau Weissenhorn schnitt mit einer langen Schere zu.

Unten auf dem Platze eilten die Leute aneinander vorbei, als hätten sie vor der Nacht noch viel zu verrichten. Zwei Herren mit Handkoffern gingen auf eine Droschke zu; der Kutscher nahm schnell die Decke vom Pferd und fuhr mit den Herren davon. Zu dem Kastanienbrater kam eine Dame und kaufte einen grossen Sack Kastanien. Der Kastanienjunge machte ein vergnügtes Gesicht und zählte ihr beim Schein der kleinen Lampe das Geld heraus. Ein Lastwagen hielt vor der Apotheke. Zwei Männer sprangen vom Wagen, um eine schwere Kiste abzuladen.

»Das ist fast so lustig wie das Kaleidoskop oder wie das Lebensrad!« sagten die Kinder. »Immer bewegt es sich, und immer gibt's etwas Neues!«

In der Seeweid, wenn man abends zum Fenster hinaussah, war alles still und dunkel, und in Larstetten lag das Wohnzimmer gegen den Garten.

Oft gingen die Kinder auch hinunter und setzten sich zu Ulrich in die Garnkammer. Plaudern konnte man zwar mit Ulrich nicht viel. Wenn man ihn bat, etwas zu erzählen, so sagte er, es falle ihm auf der Welt nichts ein. Dafür aber wusste er eine Menge Lieder, besonders traurige Soldatenlieder. Es war sehr schön, wenn er mit seiner tiefen Stimme begann:

»Zu Strassburg auf der langen Brück,
Da stand ich eines Tags …«

oder:

»Morgenrot, Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod …«

Oder wenn er das Lied vom alten Feldherrn sang:

»Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka …«

Ulrich konnte sämtliche Strophen, und die Kinder warteten immer mit Spannung auf die prächtige Stelle:

»Denkst du daran, dass in des Kampfes Wettern
Mein Säbel blitzte stets in deiner Näh,
Als du, verlassen von des Sieges Göttern,
Noch sinkend riefst: Finis Poloniae! …«

Dieses Lied hatte Marianne am liebsten. Es war ihr so seltsam dabei zu Mut, traurig und doch wohl. Einmal stiess Lotti leise Hans an:

»Du, die Marianne weint!«

»Ach nein«, sagte Marianne und fuhr sich schnell über die Augen.

Ulrich aber griff nach seiner Harmonika, die hinten auf dem Gestell lag, und fing unversehens eine rasche lustige Weise an zu spielen, bei der man die Füsse nicht mehr ruhig halten konnte. Lotti wenigstens rutschte von der Kiste, auf der sie sass, herunter und begann in der Garnkammer umher zu hopsen.

Es war auch sonst unterhaltend bei Ulrich zu sein und ihm zuzusehen, wenn er auf dem Vorplatz arbeitete. Er schichtete die Garnpakete zusammen in das Hanftuch, nähte dieses zu und schnürte die grossen Ballen dann mit einem starken Seile fest. Das ging alles so flink und ruhig.

»Achtung!« oder »Hand vom Zeug!« rief Ulrich bloss von Zeit zu Zeit, wenn er einen Ballen wälzte, oder wenn eins der Kinder Lust bekam, mit der grossen Nadel, in die der Bindfaden eingefädelt war, seine Kunst zu versuchen.

Noch mehr als die Packnadel lockte der Farbtopf und der Pinsel, mit dem Ulrich die Buchstaben fest und schön auf die Ballen malte.

»F R T 8«, buchstabierte Hans. »Ich möcht's auch einmal probieren.«

»Wollt's dir nicht raten«, sagte Ulrich und sah zu Marianne hinüber.

Marianne schüttelte lachend den Kopf. Sie hatte letzten Winter eine Erfahrung gemacht. Der Farbtopf und der Pinsel waren dagestanden und kein Ulrich dabei. Da hatte Marianne angefangen, ein F und ein R zu malen; die Buchstaben gerieten gar nicht schön, und eben als ihr noch ein grosser Klecks auf das Hanftuch floss, trat Ulrich hinter sie.

»Verdirbst mir den ganzen Ballen!« sagte er ärgerlich, und ehe sie sich's versah. hatte er ihr ein dickes Kreuz auf die Hand gemalt.

»So, jetzt bist du auch gezeichnet!«

Marianne versuchte, die Farbe wegzureiben; aber diese wich nicht, und es war zehn Minuten vor neun Uhr. Also musste Marianne mit der schwarzen Hand in die Schule laufen, wo alles sie auslachte. –

Waren eine Anzahl Ballen fertig, so kam das Rutschbrett. Das Rutschbrett lehnte an der Wand der langen graden Treppe. Wenn man es hinlegte, gab es eine prächtige Rutschbahn, für die Ballen zuerst und dann auch für die Kinder. Das Brett war spiegelglatt von dem vielen Gebrauch. In einem Augenblick sauste man hinunter und stieg an der Seite, wo etwas Raum blieb, wieder die Treppe hinauf, um von neuem hinunterzufahren. Den kleinen Werner nahm Marianne auf den Schoss. Er schrie immer laut auf vor Entzücken.

Die grossen Leute allerdings, die auf- und abgehen wollten, fanden die Sache nicht sehr bequem und zankten manchmal ein wenig. Nur Onkel Alfred liess sich zum Ergötzen der Kinder etwa erbitten, ein paar Partien mitzumachen. Er hatte zwar allerlei Einwände.

»Kinder, nein! Was mutet ihr mir zu! Es ist unter meiner Würde. Und dann mein Anzug –! Einer Rutschbahn steht der Glanz gut, aber meinen Beinkleidern nicht –!«

»Meine glänzen auch schon ein wenig!« rief Hans.

»Quod licet Jovi, non licet bovi«, antwortete der Onkel.

»Was heisst das?« fragten die Kinder.

»Das heisst ungefähr: Was dem Neffen Hans ziemt, das ziemt nicht immer dem Onkel Alfred.«

Aber dann gab der Onkel doch nach und rutschte mit den Kindern das Brett hinunter, bis Papa kam und lachend nun etwas Französisches sagte, was aber Onkel Alfred nicht übersetzte.



Warum der kleine Dieb nicht bestraft wird

Im Hintergrunde des grossen Hausflurs standen hoch aufgetürmt kleine und grosse in Hanftuch gepackte Baumwollballen, auf denen man herumklettern konnte. Schon letztes Jahr hatten die Kinder da ihre Burg gehabt, und auch heuer waren die Ballen wieder sehr günstig gelagert. Vorn stand ein schon ziemlich hoher Block, den man nur mit Mühe erstieg. Das war der Zwinger; von ihm führte die aus einem Brett bestehende Brücke zu der noch höheren eigentlichen Burg. Zwischen den Ballen und der Wand ging es tief hinunter. Dieses Loch diente als Burgverlies.

Die Nachbarskinder Rudolf und Sylvia Lorez machten auch wieder mit. Rudolf war etwas jünger als Hans, und Sylvia ging in die erste Klasse.

Wenn Rudolf und Sylvia vor die Burg kamen, war zuerst immer die Zugbrücke aufgezogen.

»Freund oder Feind?« rief dann Hans hinunter.

»Freund!« antwortete Rudolf.

»Das Wort?« fragte Hans.

Dann rief Rudolf, zum Beweis, dass er ein Vertrauter der Burg war, das Wort hinauf, das man tags zuvor ausgemacht hatte. Es war irgend etwas Kühnes: Falkenhorst! oder: Rache! oder: Ritterehre!

Hierauf wurde die Zugbrücke hinuntergelassen, und der Ritter Rudolf erklomm mit dem Edelfräulein Sylvia den Zwinger und von da die Burg.

Oft unternahmen die Ritter und die Frauen von der Burg aus eine Jagdpartie und kehrten mit Beute heim. Der gute Schnauzel musste abwechselnd ein Wildschwein oder einen Hirsch darstellen. Er liebte das gar nicht, und zog sich jedesmal im Hofe hinter eine Kiste zurück, wenn die Jagd sich näherte. Aber die Kinder drangen mit Hussa! auf ihn ein und schleppten ihn unter grossen Schwierigkeiten auf den Zwinger und über die Zugbrücke.

An einem Samstag nachmittag nach der Rückkehr von der Jagd sahen die Kinder an der Haustüre einen Buben stehen. Er schaute ihnen eine Weile zu und trat dann näher.

Hans und Rudolf zogen die Zugbrücke auf.

»Das Wort?« rief Lotti von der stolzen Höhe herab.

Der Bub wusste kein Wort.

»Kann ich auch mitmachen?« fragte er und sah verlangend hinauf. Er war etwa im Alter von Rudolf, sah aber etwas struppig aus. Er sagte, er heisse Theodor Hahn.

Die Kinder überlegten.

»Hans, ich weiss etwas«, flüsterte Rudolf. »Er könnte ein Gefangener sein. Es wäre fein, einen gefesselten Feind im Burgverlies zu haben! Wir würden ihn bewachen –«

»Und ihm Speise und Trank hinunterlassen!« rief Marianne, die eben Brot und Äpfel zur Vesper geholt hatte.

»Ja, ja!« stimmten alle zu.

Man machte dem Buben den Vorschlag, und er kletterte vergnügt zur Burg hinauf, um allerdings an der andern Seite wieder hinunterbefördert zu werden in den Kerker.

»Da unten, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen, wirst du büssen für deine Missetaten!« rief ihm Rudolf nach, der eben ganz in einem Rittergeschichtenbuch lebte.

»Ich glaube, ich würde mich fürchten«, flüsterte die ängstliche Sylvia und sah in das Verlies hinunter.

»Du musst von Zeit zu Zeit stöhnen und über Hunger und Durst klagen!« ermahnte Hans den Gefangenen.

Dieser liess ein undeutliches Gebrumm vernehmen.

Währenddessen hatte Marianne einen kleinen Korb und eine grosse Medizinflasche gebracht. Diese wurde im Hofe mit Wasser gefüllt und samt einem Stück Brot und einem grossen Apfel in dem Körbchen zu dem Gefangenen hinuntergelassen. Der Gefangene griff nach dem Brot und dem Apfel und hatte beides in wenig Augenblicken aufgegessen.

»Das Wasser brauche ich nicht«, sagte er und goss es ohne weiteres auf das Steinpflaster aus.

»Das gilt nicht!« riefen die Kinder; sie waren empört.

»Wenn du nicht recht spielst, so darfst du nicht mehr mitmachen!« erklärte Hans. »Grade an Durst litten sie im Kerker manchmal sehr.«

»Ja«, bestätigte Rudolf. »In meinem Buche sagt der Gefangene einmal: ›Mich quält der Hunger, und ich verschmachte vor Durst!‹«

Eine Weile blieb es still unten; der Gefangene schien zu überlegen. Dann rief er mit richtig jämmerlicher Stimme:

»Mich quält der Hunger, und ich verschmachte vor Durst!«

»Also, wenn du das Wasser trinkst, bekommst du noch einmal Brot und einen Apfel!« riefen Hans und Rudolf.

Theodor Hahn versprach es, und der Korb wurde aufs neue mit Speise und Trank hinuntergelassen. Theodor hielt sein Wort; ja er sagte, für einen dritten Apfel mit Brot trinke er die ganze Flasche noch zweimal aus.

Das ging nun nicht; denn die Kinder hatten das Vesperbrot selber aufgegessen. Hingegen begannen sie ein anderes Spiel mit ihrem Gefangenen. Er musste entwischen durch eine Spalte des Kerkers und versteckte sich im Hofe oder suchte über den Kornplatz zu fliehen. Dann wurde er verfolgt von den Rittern und wieder eingebracht. Er wehrte sich dabei so natürlich, dass man ihn kaum bewältigen konnte.

Als es dunkel wurde, trennte man sich. Theodor war sehr vergnügt, dass Hans und Rudolf ihm sagten, er solle am nächsten freien Nachmittag wieder kommen.

Das Ritterspiel gestaltete sich jetzt noch in anderer Weise besonders hübsch. Hans und Rudolf erinnerten sich, wie in alten Zeiten die Burgen manchmal belagert wurden und wie dann die Ritter und ihre Leute anfingen Mangel zu leiden, wenn sie nicht, bevor der Feind kam, Nahrungsmittel, Vieh und Mehl auf die Burg gebracht hatten. Die Kinder beschlossen, neben dem Zwinger an der Mauer ebenfalls einen Vorratskeller einzurichten. Und am folgenden Tage brachte jedes, was es an Lebensmitteln hatte auftreiben können. Rudolf kam mit einer Schokoladetafel und Sylvia mit einer Stange Süssholzsaft aus der Apotheke. Lotti hatte ihre Schürze voll gedörrter Langbirnen, und Marianne besass noch einen Lebkuchen vom Larstetter Markt. Hans aber zeigte triumphierend eine kleine geräucherte Wurst; Grossmama, der er von der Burg erzählt, hatte sie ihm geschenkt.

Alle rochen an der Wurst. Dann wurde sie mit den andern Nahrungsmitteln in eine Schachtel gelegt und diese in der Nische hinter dem Zwinger versteckt. Fast jeden Tag wurde nachgesehen, ob im Vorratskeller alles in Ordnung sei. Genascht wurde nicht; man hatte sich das Ehrenwort gegeben.

Um so grösser war die Bestürzung, als man eines Mittags nach der Schule die Schachtel leer fand –! Halb offen stand sie in der Ecke, gänzlich ausgeplündert. Die schönen Lebensmittel alle fort!

Die Kinder waren sprachlos. Wer konnte das getan haben! Rudolf und Sylvia standen auch dabei; man ass bei ihnen wie bei Turnachs erst um ein Uhr. Alle sahen sich gegenseitig an; aber jedes schaute dem andern fest ins Gesicht, weil es ein gutes Gewissen hatte.

»Ist's am Ende der Schnauzel –?« meinte Marianne. »Letzthin hat er der Balbine ein Stück Fleisch gestohlen –«

Die Kinder liefen in den Hof, wo der Schnauzel unter dem Vordach lag, jetzt aber schleunigst hinter den Brunnen schlüpfte; denn er meinte, man wolle ihn wieder als Wildschwein auf die Burg schleppen.

»Halt, mein Freund!« rief Hans und zog ihn hervor. »Bist du über unsere Sachen gekommen? Du –!« Er schüttelte ihn drohend.

Schnauzel wedelte mit dem kurzen Schwanz und gab Hans die Pfote, um zu sagen, dass er diesmal wirklich unschuldig sei.

»Nein«, rief Lotti. »Er hat's nicht getan. Langbirnen und Süssholzsaft frisst er nicht!«

Der kluge Schnauzel sprang dankbar an ihr auf.

Wer aber war der Dieb –?

»Hans«, sagte Rudolf Lorez. »Es wäre zu arg; aber es könnte sein, dass der Theodor uns die Sachen gestohlen hat!«

»O! Der –!« riefen die andern entrüstet.

»Wir werden es bald herauskriegen. Ich weiss, wo er wohnt.« Rudolf lief hinaus, und die andern folgten ihm über den Kornplatz in die Schwalbengasse und dann um die Ecke in das Wintergässchen. Es ging durch einen engen Hausgang vier steile Treppen hinauf. Schneller als die Kinder gedacht hatten, fanden sie den Gesuchten. Er stand mit der Mütze und der Schultasche oben. Als die Schar heranstürmte, erschrak er sichtlich und drückte sich in die Ecke.

»Aha! da bist du! Komm mit uns hinüber! wir wollen dir etwas zeigen! Ja – und dich etwas fragen! Komm nur –«

Damit zogen Hans und Rudolf den Buben die Treppe hinunter. Er leistete übrigens jetzt, da es Ernst galt, lange nicht so viel Widerstand als sonst im Spiele auf seinen Fluchtversuchen.

Man langte bei der Burg an, und Hans hielt Theodor die leere Schachtel vors Gesicht. Theodor drehte den Kopf weg. Aber Rudolf liess ihn nicht los.

»Hast du unsern Vorrat gestohlen? Die Wurst und die Schokolade und das andere –? Bekenne!«

Theodor gab keine Antwort. In der Verlegenheit griff er nach seinem Taschentuch; dabei fiel eine kurze Schnur mit einem Endchen Haut auf den Boden.

»O«, riefen alle und bückten sich darnach. »Das ist von der Wurst! Von unserer Wurst! Jetzt weiss man, dass du es gewesen bist! Wo hast du die Sachen hingetan? Sag!«

Theodor drückte die Hand vor die Augen.

»Du hast doch nicht etwa alles aufgegessen?« fragte Marianne.

Theodor nickte und fing an zu weinen.

»Alles –?« drangen die Kinder in ihn. »Man kann doch eine Stange Süssholzsaft nicht auf einmal essen!«

»Doch«, schluchzte Theodor und versteckte sein Gesicht schnell wieder hinter dem Ellbogen.

»Und die ganze Wurst –?« fragte Lotti schmerzlich.

»Das ist gemein –!« rief Rudolf. »Dass du's nur weisst, Theodor: du bist ein Dieb!«

»Ja, ein Dieb!« wiederholten die andern und sahen ihn böse an.

Marianne hatte wohl einen Augenblick Mitleid mit Theodor, wie er gar so jämmerlich dastand. Aber Stehlen war doch etwas sehr Hässliches. Und Theodor hatte ja auch sein Ehrenwort gegeben.

In diesem Augenblick kam Mama vom Keller herauf.

»Was habt ihr denn?« fragte sie.

»Mama, er hat alles genommen, was in der Schachtel war! Das ist doch schlecht! Man hatte ausgemacht, dass keines etwas anrühre. Später hätten wir dann einmal ein Festessen gehalten auf der Burg –«

Mama betrachtete den unglückseligen Theodor, dem die Tränen über das Gesicht liefen. Sie hatte von dem neuen Spielkameraden der Kinder gehört und sich vorgenommen, ihn einmal heraufkommen zu lassen.

»Führt ihn in die Stube!« sagte sie nach kurzem Besinnen. »Rudolf und Sylvia, ihr müsst wohl jetzt heim.«

Droben in der hellen Stube fiel es erst recht auf, wie ärmlich Theodor aussah. Seine Kleidung war für das rauhe Herbstwetter viel zu dünn; die zerrissenen Zeugschuhe schienen durchnässt. Und was für ein blasses, mageres Gesicht hatte Theodor!

»Was ist dein Vater?« fragte Frau Turnach den Buben.

»Er ist gestorben, schon lang«, antwortete Theodor.

»Und die Mutter?«

Da fing der kleine Tropf an stärker zu schluchzen und wühlte in der Hosentasche, bis er sein sehr schmutziges Taschentuch erwischte.

Frau Turnach musste dreimal fragen; endlich verstand man, dass Theodors Mutter seit sechs Wochen im Krankenhaus liege, und mit vieler Mühe brachte Frau Turnach aus dem kleinen Sünder weiter heraus, dass jetzt niemand für ihn sorge als eine alte Frau, die im gleichen Hause wohne, aber jeden Tag zum Putzen gehe. Am Morgen hatte er oft nichts zum Frühstück, gestern auch nicht –

»Und da ist dir die Schachtel mit den Esswaren eingefallen?« fragte Frau Turnach.

Theodor schluchzte und warf einen kläglichen Blick auf die drei Kinder. Eine Weile konnte er gar nicht mehr reden; dann erfuhr man, dass er gestern um elf Uhr in den Hausflur geschlichen sei und die Sachen genommen habe. Ulrich sei gekommen; da habe er ihm gesagt, er suche sein Lineal –

Frau Turnach schüttelte den Kopf.

»Und das war gar nicht wahr. Siehst du, zum ersten Schlimmen kommt meist schnell das zweite.«

Theodor sah zerknirscht zu Boden, gewärtig, was für eine Strafe nun über ihn verhängt werde.

»Marianne«, sagte Mama. »Geh in die Küche und lass dir einen Teller Suppe geben.«

Marianne sah Mama überrascht an, brachte dann aber rasch einen vollen Teller Erbsensuppe mit Reis.

»So«, sagte Mama, während sie ein grosses Stück Brot herunterschnitt. »Nachher reden wir noch weiter miteinander. Iss einmal die Suppe!«

Theodor sah mit grossen Augen auf. Was sagte die Frau? Suppe sollte er bekommen, wo er gemeint hatte, es gebe Schläge? So schöne goldgelbe Suppe?

Ein Ausdruck grössten Behagens breitete sich über Theodors verweintes Gesicht, als Frau Turnach ihm den Stuhl zurecht rückte und er darauf den Löffel in die Suppe tauchte. Er vergass alle seine Not und versenkte sich ganz in das Essen.

Mama winkte den Kindern, dass sie vom Tische wegtreten.

»Mama«, fing Hans nach einer Weile flüsternd an. »Du hast aber doch immer gesagt, du findest es sehr unartig, wenn wir heimlich etwas nehmen. Letzthin, als Lotti von dem Eingemachten naschte –«

»Ja, da ist sie tüchtig gezankt worden und hat ohne Abendessen zu Bett gehen müssen. Wenn sie wieder so etwas tut, wird sie noch stärker bestraft.«

Lotti war es unangenehm, dass Hans mit der Geschichte kam. Sie lief sehr bereitwillig, als Mama sie in die Küche schickte, für Theodor ein Stück Fleisch und Gemüse zu holen.

»Aber Mama«, fuhr Hans fort, »was Theodor getan hat, ist doch viel ärger: So ins Haus schleichen und Ulrich anlügen und alles wegstehlen –«

»Hans«, antwortete Mama. »Eigentlich meine ich, es wäre nicht nötig, viel über die Sache zu sprechen. Denk selber nach! Dann siehst du hoffentlich ein, warum man den armen kleinen Burschen nicht so strafen kann. Ist das etwa ein Verdienst, wenn ihr nichts nehmt? Jeden Tag könnt ihr euch an den gedeckten Tisch setzen und sattessen. Dieser Theodor aber hat niemand im Hause, der für ihn sorgt. Er hat vielleicht seit ein paar Wochen nicht mehr so recht gehörig gegessen. Da ist die Schachtel für ihn eine grosse Versuchung gewesen. Er wird schon einsehen, dass er nicht recht getan hat. Wir aber wollen ihm verzeihen, nicht wahr?«

»Ja, Mama, natürlich!« riefen Marianne und Lotti, und Hans stimmte auch ein; er sah jetzt die Sache auf einmal ganz anders an.

Theodor hatte auf das Gespräch nicht acht gegeben. Als er mit seiner Mahlzeit fertig war, stand er auf. Sein Gesicht trübte sich plötzlich. Es fiel ihm wieder ein, dass er ein Dieb sei und jedenfalls doch noch bestraft werden müsse.

Scheu sah er von einem zum andern, als Frau Turnach ihn herrief. Aber sie redete ihm freundlich zu, dass er nie mehr etwas nehme, was ihm nicht gehöre, und sagte, sie werde seine Mutter besuchen und auch sorgen, dass er ordentlich zu essen bekomme.

Theodor horchte und begriff nach und nach, dass es wirklich keine Strafe gebe. Da tat er einen starken Atemzug wie zu einer Anstrengung.

»Ich will's nicht mehr tun!« sagte er laut und sah Frau Turnach ehrlich an.

Frau Turnach gab ihm die Hand.

»Also, du hast mir's versprochen, Theodor. Und jetzt lauf ins Krankenhaus zu deiner Mutter! Um ein Uhr dürfest du sie sehen, hast du gesagt.«

Theodor aber blieb stehen. Er hatte das Bedürfnis, sich mit Hans, Marianne und Lotti auszusöhnen.

»Darf ich doch wieder der Gefangene sein?« fragte er zögernd. »Ich mache es dann ohne Brot und Äpfel«, fügte er hinzu.

»Ja, darüber wollte ich auch noch ein Wort sagen«, wendete Mama sich zu den Kindern. »Was ist das für eine Art zu spielen! Heute morgen erzählte mir Lotti davon. Warum soll Theodor beständig in dem Loche sitzen? Bei so etwas wechselt man doch ab!«

Hans schämte sich sehr. Nun wurde man noch gezankt vor Theodor und musste sich sagen, dass Mama recht hatte.

»Mama«, warf Lotti ein. »Er hat's immer gern getan, weil wir ihm den Nahrungskorb hinunterliessen.«

»Euer Vesperbrot konntet ihr auch so mit ihm teilen. Gewiss hätte Theodor einmal etwas anderes sein wollen als immer nur Gefangener.«

Theodor, der nach und nach zutraulicher wurde, nickte:

»Der Rudolf Lorez hat vorgestern gesagt, wir sollten einen Torwächter haben. Ich wüsste ein Horn. Es gehört der Frau Kroller. Sie gibt mir's manchmal, wenn ich ihr Wasser und Holz trage.«

»Also«, sagte Hans, froh, dass durch das Horn das Gespräch eine Wendung nahm. »Dann bist du der Torwächter und gibst jedesmal ein Zeichen, wenn jemand zur Burg kommt!«

Schon am Nachmittag stellte sich Theodor mit dem Blasinstrument ein. Es war ein altes Posthorn, an dem eine weiss und rote Troddel hing. Wenn man fest hineinblies, gab es gewaltige Töne von sich, die im ganzen Hause widerhallten. Papa und hinter ihm die beiden Herren aus dem Bureau, sowie Ulrich kamen herbei, um zu sehen, was denn los sei.

Mama aber besuchte am nächsten Tage Frau Hahn im Krankenhause und wählte unter dem Schuhwerk der Kinder ein paar feste Stiefel aus für Theodor; auch eine warme Bluse von Hans legte sie dazu. Sie sprach mit Frau Kroller, dass diese besser für Theodors Frühstück und Abendessen sorge. Zum Mittagsmahl kam Theodor nun jeden Tag ins Turnachhaus.

Das beste für ihn war aber, dass seine Mutter bald gesund wurde und selbst wieder zum Rechten sehen konnte.



Marianne und Lotti gehen auf die Universität

»Heute hab ich's gut«, sagte Marianne und streckte sich nach dem Frühstück behaglich auf ihrem Stuhl. »Ich muss statt um acht Uhr erst um halb zehn in der Schule sein. Fräulein Heller ist verreist; wir haben bloss zwei Stunden mit der andern dritten Klasse.«

»Dann gehen wir zusammen«, erklärte Lotti, deren Unterricht um neun Uhr begann.

»Und jetzt tut ihr noch mit mir Schule spielen!« rief Werner und klatschte in die Hände.

Er liebte dieses Spiel sehr. Sofort schleppte er einen Stuhl in die Mitte des Zimmers und einen Schemel davor. Das war Schulbank und Tisch. Er brachte auch eine alte Schiefertafel und einen langen Stock. Weder Fräulein Heller noch Fräulein Matthias brauchten einen solchen in ihrer Klasse; aber ohne Stock hätten Marianne, Lotti und Werner das Schulspiel lange nicht so nett gefunden.

»Zuerst rechnen wir!« sagte Marianne mit strengem Gesicht, indem sie sich vor Werner stellte, der hinter dem Stuhl auf dem Schemel sass und erwartungsvoll mit den Beinen strampelte.

»Nicht strampeln!« rief Marianne und gab dem Schüler einen kleinen Klaps, so dass er hellauf lachte, wofür er einen zweiten Klaps bekam.

Lotti sass, ebenfalls ernst dreinsehend, als Vorsteherin der Klasse gegenüber. Sie hatte auf den Kopf ein schwarzes Täschchen gebunden, das einen Damenhut vorstellte.

»Achtung, Werner Turnach!« begann die Lehrerin. »Wieviel ist vier und vier?«

»Drei«, sagte der Kleine, ohne sich zu besinnen.

»Falsch!« rief Marianne und bemühte sich, dem dummen Wernerlein zu zeigen, wie man an den Fingern zusammenzähle.

»Das ist der Dieter und das der Käpper!« sagte Werner voll Übermut. Die Finger erinnerten ihn an die lustige Geschichte von der Frau Vrene und ihren vier faulen Knechten.

Für diese Zerstreutheit erhielt er viele Schläge von der Lehrerin, so dass er aus dem Lachen gar nicht herauskam.

»Aber das ist ja ein schrecklich unartiger und ungeschickter Schüler«, sagte die Vorsteherin mit gerunzelter Stirne.

Endlich waren die acht Finger in der Höhe.

»Also wieviel ist nun vier und vier?«

»Fünfundsiebzig«, sagte Werner stolz. Er hatte die Zahl gestern gehört, als er mit Sophie im Butterladen gewesen war.

Die Lehrerin und die Vorsteherin schlugen entsetzt die Hände zusammen.

»Nein, rechnen kann er gar nicht. Wir wollen es jetzt mit dem Schreiben versuchen.«

Nun kritzelte Werner auf seine Tafel ein paar Reihen wilder Zacken und streckte das Geschriebene Marianne hin, dass sie lese. Er war immer sehr gespannt zu hören, was er geschrieben hatte. Die Vorsteherin besichtigte die Tafel ebenfalls und sagte, die Sätze seien nicht so übel. Marianne aber las langsam:

»Ich heisse Werner Turnach. Ich bin ein dummer kleiner Bub. Ich kann nicht einmal vier und vier zusammenzählen. Aber ich kann viel essen und tüchtig schreien …«

Dann kam eine Turnstunde. Werner sollte im Takte gehen und das Rumpfbeugen üben und auf einem Bein stehen. Es war sehr schwierig. Die Lehrerin musste vorn halten und die Vorsteherin hinten. Aber der Schüler tat so ungebärdig, dass zuletzt alle drei am Boden lagen.

Grade als man wieder nach dem Stocke greifen wollte, läutete die Hausglocke. Es waren Karoline Rupprecht und Hedwig Zohner, die Lotti abholten. Den Wernermann aber, der ein Mäulchen machen wollte, rief Mama, um ihm die Schürze, die sie für ihn nähte, anzuprobieren, und voll Eifer, dass doch ja eine Tasche hinkomme, vergass er die unterbrochene Turnstunde.

Es war noch nicht halb neun; die vier Mädchen schlenderten über die Brücke die Gassen hinauf und machten einen Umweg durch die Baumstrasse.

»Soll ich euch etwas zeigen?« sagte Karoline, als man oben an den Gärten und kleinen Häusern vorbeikam. »Dort vorn wohnt eine Hippenbäckerin; wir können durchs Fenster zusehen.«

Karoline ging voraus und machte ein Hoftor auf. Die andern fanden es etwas keck, so einzudringen, besonders da eine Frau im Hofe stand und Wäsche aufhängte.

Die Küche der Hippenbäckerin war zu ebener Erde. Ein helles Feuer loderte im Herd, und davor sass eine ältere Frau mit einem grossen schwarzen Schirm über den Augen. Neben ihr stand ein Korb mit den fertigen Hippen. Ein süsser Duft von Zucker und gebrannten Mandeln drang oben durch eine runde Öffnung heraus. Die Kinder drängten sich aneinander, um recht zu sehen.

»Rück doch ein wenig, Karoline!« sagte Hedwig Zohner, und weil Karoline nicht hörte, gab sie ihr einen kleinen Puff. Karoline stiess an Lotti, die aber auch nicht nachgab. Da, in diesem Drängen und Stemmen, brach plötzlich mit lautem Klirren eine Scheibe. Hatte Karoline sie eingedrückt oder die feste Kante von Lottis Schultasche oder Hedwigs Lineal? Die vier Mädchen sahen einander erschrocken an. Aber schon kam die Frau mit dem grossen Augenschirm daher gelaufen.

»Ich will euch! Was habt ihr da zu tun? Die Scheibe müsst ihr bezahlen. hört ihr's!«

»Wir rennen davon!« flüsterte Karoline.

»Das ist nicht recht«, sagte Marianne, die am wenigsten schuld war. Lotti fand es auch. Aber die Frau sah sehr zornig aus mit ihrem langen Eisen. So fingen denn die Mädchen doch an wegzulaufen, eins hinter dem andern. Man konnte es ja zu Hause erzählen; dann gab Mama –

Aber bevor Marianne ausgedacht hatte, wurden sie angehalten durch die andere Frau im Hofe. Sie hatte das Tor zugeschlagen, so dass keines der Mädchen entweichen konnte.

»Was habt ihr dahinten angestellt? Dem Geklirr nach eine Scheibe zerbrochen? Frau Hamberger wird eine Freude haben! Wartet jetzt nur, bis sie kommt. Man rennt nicht bloss so weg!«

Und fest hielt sie das Tor zu, trotz den unglücklichen Gesichtern der Kinder. Von hinten aber kam die Hippenbäckerin mit ihrem grossen Augenschirm.

»Ihr unverschämten Kinder!« rief sie. »Auf der Stelle zahlt ihr mir die Scheibe! Unter 95 Rappen macht mir der Glaser sie nicht. Hättet ihr wenigstens die linke eingeschlagen, wo schon ein Sprung ist!«

Die Kinder waren in der schrecklichsten Verlegenheit.

»Wir haben kein Geld«, sagte Marianne, während Lotti in die Tasche fuhr und ausser dem Taschentuch einen Tannzapfen, ein paar Nüsse, ein Knäulchen Bindfaden, einen Permutterknopf und ein zusammengefaltetes blaues Seidenpapier herauszog. Darin waren Geldstücke eingewickelt. Sie streckte sie der Frau hin.

»Es sind zwölf Rappen«, sagte sie.

»Die kannst du behalten«, erwiderte die Frau. »Ich will nicht mehr und nicht weniger als 95.«

»Heute abend kommen wir und bringen Ihnen das Geld«, versprach Marianne.

»Das kann wahr sein oder nicht. Wenn man immer glauben wollte, was so Kinder schwatzen!« erwiderte die Frau.

Nun wurde Marianne ganz aufgebracht.

»Ich lüge nicht!« sagte sie.

»Nein, wir lügen nicht«, bestätigte Lotti. »Wenn wir etwas versprechen, so halten wir es. Unsere Mama sagt immer, das müsse man tun, und Hans auch. Wir geben Ihnen unser Ehrenwort –«

Aber die Frau schüttelte den Kopf.

»Weisst du was«, sagte sie zu Lotti. »Wenn du so gut laufen kannst wie reden, dann geh heim und hol das Geld. Eins kann mit, und die andern bleiben bei mir, bis ihr wieder kommt.« Damit packte sie aufs Geratewohl mit der einen Hand Karoline, mit der andern Hedwig Zohner. Beide Mädchen fingen an zu weinen. Es war aber auch schlimm.

»Wir haben so weit nach Hause«, versuchte Lotti noch einmal einzuwenden. »Und wenn die Neunuhrpause vorbei ist, müssen wir in der Arbeitsstunde sein, sonst straft uns Fräulein Lips –«

»Da hat sie recht«, sagte ungerührt die böse Hippenbäckerin. »Verliert also keine Zeit! Bevor ihr wieder da seid, lasse ich die zwei nicht fort.«

Sie zog die laut weinenden Kinder mit sich in ihre Küche.

»Das ist grässlich!« sagte Lotti, als sie mit Marianne zum Tore hinausging. »Hättest du geglaubt, dass es auf der Welt eine so böse Frau geben könne wie diese!«

»Nein«, sagte Marianne. »Es ist wie ein Hexenmärchen. Oder wie in einer Geschichte von Seeräubern. Die nahmen die Leute gefangen, und dann musste man Lösegeld bezahlen.«

»Was tun wir jetzt?« überlegte Lotti. »Wenn wir heimgehen, kommen wir viel zu spät, und Fräulein Lips ist so streng –« Lotti sah sich um. Ja, wenn Grossmama noch in der Kronengasse wohnen würde!

»Marianne«, rief Lotti. »Mir fällt etwas ein. Wir gehen in die Universität. Das ist ja grad dort um die Ecke. Wir sagen Onkel Alfred, er solle uns die 95 Rappen geben!«

»Wenn wir ihn nur gleich finden!« entgegnete Marianne.

»O, einmal hat er uns doch sein Schulzimmer gezeigt. Weisst du noch? Er hat gesagt: ›Hier Lotti, habe ich heute morgen auf die Finger bekommen!‹ Das war nur ein Spass von ihm; aber das Zimmer weiss ich gut. Die Treppe hinauf und dann gleich die erste Türe. Wenn es neun Uhr schlägt, kommt er natürlich heraus.«

Dass es in der Universität verschiedene Treppen gebe und dass Onkel Alfred nicht wie eine Zweitklässlerin immer im selben Zimmer sitze, konnte Lotti nicht wissen und Marianne ebensowenig.

So stiegen denn die beiden vertrauensvoll die breiten Stufen hinauf, die zu dem grossen Universitätsgebäude führten. Zufällig war der Pedell, der sonst ein Auge hatte auf alles, was aus- und einging, nicht in seiner Stube, und die zwei Mädchen konnten ungehindert vorbeihuschen. Es war still und fast feierlich in dem hohen weiten Vorplatz. Zu beiden Seiten sah man schöne steinerne Treppen. Auf welcher aber ging es zu Onkel Alfreds Zimmer? Marianne meinte auf der linken, Lotti auf der rechten.

»Es ist am besten, wir warten da«, entschied Marianne. »Gleich ist es neun Uhr; dann kommt Onkel Alfred herab und spaziert unter den Bäumen.«

Sie blieben vor einer hohen Glastüre stehen.

»Da sind Totengerippe drin«, flüsterten sie geheimnisvoll und sahen sich an, ob dem andern nicht graue.

Sie guckten hinein. Der grüne Vorhang war etwas verschoben; man konnte grade vorn auf dem ersten Gestell ein Gürteltier sehen das eine kleine dünne Schnauze aus seinem Panzer herausstreckte. Daneben hing an einem Aste etwas wie ein Affe, aber mit langen gebogenen Klauen. Weiter links ragte ein kühn geschwungener buschiger Schwanz hervor. Wenn man nur hätte entdecken können, zu was für einem Tier der schöne Schwanz gehörte! Marianne und Lotti vergassen einen Augenblick die böse Hippenbäckerin und den Onkel Alfred und streckten sich vor der Türe; es hätte grade gefehlt, dass sie diese Scheibe auch noch eindrückten.

Da fuhren sie erschrocken zusammen. Eine laute, schrille Glocke fing an zu klingeln, und fast gleichzeitig mit diesem gellenden Ton wurde es in dem grossen Hause lebendig: Türen öffneten sich, Schritte erschallten, Stimmen erklangen.

Marianne wurde es bang. Sie hätte gute Lust gehabt, wegzulaufen. Aber man konnte die zwei doch nicht im Stiche lassen bei der bösen Frau. Da stiess Lotti die Schwester an.

»Marianne! jene Treppe ist's! Dort kommen ein paar mit weissen Mützen; die sind aus Onkel Alfreds Klasse –!«

Aber wie die beiden Mädchen tapfer die Treppe hinaufstiegen, begegneten ihnen ganze Scharen junger Männer. Die einen der Herren sprangen in grossen Sätzen über die Stufen hinunter. Die andern blieben stehen, sprachen miteinander und schwangen ihre Stöcke. Alle machten sie einen tüchtigen Lärm. Indessen kamen Marianne und Lotti ziemlich unbehelligt hindurch. Einige von den Studenten sahen ihnen verwundert lachend ins Gesicht, zogen Marianne am Zopf oder klopften mit dem Stock auf Lottis Schultasche.

Oben standen die Kinder still. Welches war nun die Türe, die Lotti so gut zu kennen meinte? Eine von jenen beiden oder die dort gegenüber? Und immer mehr und mehr Studenten! Auch Lotti entsank jetzt der Mut. Sie fasste Marianne am Kleid.

Da kam langsam ein alter Herr daher mit vielen Büchern unter dem Arm. Die Studenten machten ihm grüssend Platz, und er nickte so freundlich, dass Marianne dachte, das sei gewiss ein guter Herr, den dürfe man schon anreden. Eben als sie sich ein Herz fassen wollte, glitten zwei der Bücher unter dem Arm des alten Herrn heraus und fielen zu Boden. Der alte Herr wollte sich bücken.

Aber Marianne hatte die Bücher schon aufgehoben und reichte sie dem Herrn.

»Ei!« sagte er, indem er die Brille zurechtrückte und die beiden Kinder ansah. »Was wünscht ihr hier?«

Das klang sehr höflich.

»Wir suchen unsern Onkel, den Onkel Alfred.« In der Aufregung vergass Marianne den vollen Namen des Onkels zu nennen.

»Onkel Alfred?« sagte der Herr Professor und sah herum. »Hm – also wir suchen einen Onkel, der Alfred heisst, oder wenn wir den Fall umdrehen, einen Alfred, der zugleich Onkel ist –«

Lotti sah erwartungsvoll zu dem alten Herrn auf. Marianne aber bückte sich noch einmal, um ein gelbes Zeichen aufzuheben, das aus einem Buche gefallen war.

»O, o!« sagte der Herr Professor bekümmert, indem er das Zeichen nahm und eines der Bücher öffnete. »Fatal! Wartet einen Augenblick –«

Er legte die Bücher auf das Fenstersims und fing an zu blättern und zu blättern.

Da räusperte Lotti sich. Es war schrecklich, so zu warten. Gewiss kam man zu spät in die Schule!

Der Herr Professor sah sich um und fuhr über die Stirne.

»Aha«, sagte er und wendete sich zu zwei vorbeigehenden Studenten. »Meine Herren, möchten Sie nicht die Güte haben, sich dieser Sache anzunehmen? Die Kinder suchen – wen sucht ihr –?«

»Unsern Onkel, den Onkel Alfred«, erklärte Lotti, sich an die Studenten wendend. »Wir brauchen Geld.«

»So! wir auch!« lachten die jungen Herren, zu denen sich noch ein paar andere gesellten. Keiner wusste etwas von einem Onkel Alfred. Aber alle fingen sie an mit absichtlich ganz hohen Kinderstimmen durch den langen Korridor zu rufen:

»Onkel Alfred!«

Und von allen Seiten tönte es jetzt:

»Onkel Alfred! Onkel Alfred!«

Jedem, der es hörte, machte es Vergnügen, mitzurufen, ohne zu wissen warum. Die beiden Studenten hatten die Kinder an die Hand genommen und schritten an den Türen vorbei und um die Ecke, wo ein neuer Korridor begann.

»Onkel Alfred!« krähten die übermütigen jungen Herren. »Wo bist du –?«

Einige taten, als ob sie weinten:

»Onkel Alfred! wir brauchen Geld!«

Marianne schämte sich so, dass sie gar nicht mehr aufzusehen wagte. Und Lotti, die sonst Freude hatte, wenn die Dinge recht drunter und drüber gingen, fand das nun doch zu arg. So hatte sie sich Onkel Alfreds Schulhaus nicht vorgestellt.

Auf einmal erblickte sie unter einer offenen Türe Onkel Alfred, wirklich Onkel Alfred! Sie machte sich los:

»Onkel, Onkel!« schrie sie und rannte auf ihn zu.

Onkel Alfred erkannte sie.

»Lotti – Marianne – nein, das ist zu toll! Wir haben doch keine Kinderbewahranstalt hier oben –« Er machte ein unwilliges Gesicht.

Aber Lotti fasste den glücklich entdeckten Onkel an der Hand.

»Onkel«, bat sie. »Wir brauchen 95 Rappen! Es eilt schrecklich. Karoline und Hedwig warten schon lang; sie lässt sie nicht los –«

»Wer, wen, was, warum –?« fragte der Onkel, schon wieder halb belustigt. »Bevor ich mein gutes Geld hergebe, muss ich wissen, wofür!«

»Also Onkel, wir haben bloss wollen zusehen, wie sie Hippen macht. Weisst du, sie hat so einen Schirm vorn am Kopf, und auf einmal ist die Scheibe zerbrochen –« erzählte Lotti und zog den Onkel zur Treppe.

Onkel Alfred folgte rasch, um aus dem Bereich der lachenden Herren zu kommen. Marianne trabte nebenher und ergänzte Lottis Bericht.

»Das ist allerdings schauderhaft«, sagte der Onkel. »Wenn wir die zwei nur noch lebend finden. Ich soll also wieder so eine Art Drachentöter sein, Marianne? Wollen wir die Hippenbäckerin aufspiessen?« Er machte mit seinem Stocke eine Bewegung.

Marianne lachte.

»Nein, aber du musst ihr sagen, dass ich nicht lüge!«

Schon waren sie bei dem Hause angelangt. Die Hippenbäckerin machte ein sehr überraschtes Gesicht, als sie die beiden Mädchen in Begleitung des jungen Herrn erblickte. Karoline stand trotzig in der einen Ecke der Küche, Hedwig weinend in der andern.

»Ach, Sie kommen vielleicht wegen der Scheibe?« sagte die Hippenbäckerin mit freundlichster Stimme. »Ja, so Kinder – unversehens schlagen sie etwas zusammen. Ich sass vor meinem Feuer und dachte an nichts. Auf einmal –«

»Hier«, unterbrach sie Onkel Alfred, indem er Geld aus seinem Beutel nahm. »Aber etwas scharf haben Sie's gemacht! Eigentlich könnten wir Sie verklagen wegen Freiheitsentziehung, nach Paragraph so und so des Gesetzbuches. Jawohl.« Onkel Alfred verbiss das Lachen; aber wie er so aufrecht dastand mit dem Stöckchen, sah er doch aus, als ob er auch einmal ernst machen könnte.

»So, jetzt kann sie sich fürchten!« dachte Lotti und stellte sich neben den Onkel.

»Und meine Nichte haben Sie schwer in ihrer Ehre gekränkt –« Onkel Alfred gab sich Mühe, ein strenges Gesicht zu machen. »Bereuen Sie! sonst – sonst lasse ich Ihnen von diesen Kindern und ihren Kameraden eine Katzenmusik bringen.«

»Ja, Onkel! Gelt mit Pfanndeckeln und Ratschen«, rief Lotti. »Ein Posthorn hätten wir auch!«

Die Frau rieb verlegen die Hände. Sie wurde nicht recht klug aus dem jungen Herrn.

»Ich zweifle keinen Augenblick an deinem guten Willen, Lotti«, lachte der Onkel. »Jetzt aber macht, dass ihr in euere Schule kommt! Sagt der Lehrerin einen schönen Gruss von Onkel Alfred und sie solle heut eine Ausnahme machen. Straft sie euch jedoch, so ertragt's als Philosophen. Da –«

Er nahm aus dem Korbe für jedes der Mädchen eine Handvoll Hippen und griff noch einmal in die Tasche.

Die vier machten sich davon; aber als sie ins Schulhaus kamen, hatte der Unterricht in allen Klassen, die von Marianne ausgenommen, längst begonnen. Fräulein Lips empfing die drei Verspäteten sehr ungehalten.

»Und auch noch mit Hippen in den Händen! Schickt sich das –? Ihr werdet um elf Uhr da bleiben! Nehmt sofort euer Strickzeug und seid fleissig und mäuschenstill!«

Das hielt aber Lotti nicht aus. Sie streckte und streckte die Hand, bis Fräulein Lips ein Einsehen hatte und Lotti die ganze merkwürdige Geschichte erzählen liess. Die Klasse hörte mit Verwunderung und Vergnügen zu, und als Lotti zum Schlusse den Gruss von Onkel Alfred ausrichtete, da machte Fräulein Lips wirklich eine Ausnahme: Sie lachte und erliess den drei kleinen Abenteurerinnen die Strafe.

Eine Dachpartie

»Hier im Winterhaus ist es gerade umgekehrt als in der Seeweid«, sagte Marianne, als sie mit Hans und Lotti die Treppen hinauf zur Zinne stieg. »Dort geht alles in die Breite und hier in die Höhe.«

Das Haus am Kornplatz war sehr schmal; aber eingeengt fühlten sich die Kinder doch nicht. Sie waren in jedem der fünf Stockwerke heimisch und trieben ihr Wesen droben auf dem Dachboden so gut wie unten bei den Baumwollballen. Über der vierten Treppe waren die Kammern. Ein kleiner dunkler Seitengang führte zum Holz- und Torfverschlag, und diese Ecke hiess unter den Kindern »Beim Werwolf«. Schon als Grosspapa Turnach ein Knabe gewesen war, hatte der Winkel den Namen getragen, und er und seine Geschwister hatten sich, so lange sie klein waren, vor dem Ungeheuer gefürchtet, von dem man sagte, es sehe halb wie ein Wolf aus, halb wie ein Mensch. Diese Spukgeschichte blieb an dem Winkel hängen, man wusste nicht wie. Hans und Marianne glaubten zwar nicht mehr an den Werwolf, auch Lotti nicht.

»In Häusern wohnen keine Wölfe«, erklärte sie weise dem kleinen Werner, der sich nie allein auf den obern Boden wagte. »Und Werwölfe gibt es überhaupt nicht.«

Aber es war doch ein angenehm gruseliges Spiel, an dem sogar Hans noch teilnahm, auf den Zehen in die Nähe des Wolfswinkels zu schleichen und auf einmal zu schreien:

»Er kommt, er kommt!« worauf man dann die Treppe hinunter schoss, als ob einem das Ungetüm schon im Rücken wäre.

Auf demselben Boden gab es noch etwas. Da war die Apfelkammer; auf breiten Laden in Stroh gebettet lagen die Winteräpfel schön gesondert, die sossen und die sauren, die grossen gelben Reinetten, die dunkelroten Stromer, die bräunlichen Lederäpfel, daneben die kleinen Kugelbirnen und in Säcken die Nüsse und die getrockneten Zwetschgen. Das Vornehmste aber in der Kammer war die Weinlaube. Sie bestand aus zwei langen weiss und blau geringelten Fahnenstangen, die quer von einer Wand zur andern gingen. Hier hingen an Bindfaden befestigt die Trauben. Prächtig goldene lockere Markgräfler Trauben, die Mama jedes Jahr geschickt bekam und die bis gegen Weihnacht sich hielten. Es war nun zwar nicht erlaubt, da Trauben zu pflücken wie in einem Weinberg. Aber am Boden fanden sich immer Beeren, und wenn man zufällig an eine Stange stiess, so fielen noch ein paar mehr herunter. Die Beeren schmeckten zuckersüss.

Heute gingen die Kinder an der Apfelkammer und dem Werwolf vorbei und erklommen vom Dachboden aus die letzten Stufen des Hauses, die zur Zinne führten. Schnell noch vor dem Mittagessen hatten sie da hinauf müssen. Am Morgen war nämlich der erste Schnee gefallen.

»Es schneit!« hatte Mama gerufen, und die Kinder waren schnell aus den Betten ans Fenster gesprungen.

Da wirbelten und tanzten die Flocken; alles war weiss bedeckt, der Kornplatz, die Flussmauer und die Wagen, die vorbeifahren.

»O, Mama!« jauchzten die Kinder. »Wie lustig! wie schön! Nun kommt bald Weihnacht, Mama! Und heut nachmittag nehmen wir den Schlitten heraus –«

In der Schule konnte man fast nicht aufmerken, sogar Marianne nicht, die doch sonst sehr fleissig war. Sie hielt die Hand auf und schaute hinaus in das fröhliche Schneien, und als Fräulein Heller sie rief, wusste sie nicht einmal mehr, was gefragt war. Die andern Mädchen waren ebenso zerstreut, bis Fräulein Heller sagte:

»Jetzt geht alle zum Fenster und seht euch fünf Minuten den Schnee recht an! Vielleicht bringen wir dann nachher unsere Sätze vernünftig zu Ende.«

Doch in der zweiten Stunde hörte es zu schneien auf, und beim Heimgehen war aller Schnee weggeschmolzen.

»Er kommt schon wieder, der Schnee, noch früh genug«, tröstete Ulrich.

Aber Lotti hatte einen grossen Jammer. Da war dem Hans eingefallen, dass droben auf dem Hause der Schnee jedenfalls noch liege. Und richtig, wie die Kinder auf die Zinne hinaustraten, war sie mit einer blendend weissen Schneeschicht bedeckt. Die Kinder traten behutsam auf und betrachteten die Fussspuren. Dann guckten sie sich um; überall sah man beschneite Dächer. Die Mittagssonne schien hell. Aus der Lucke eines Nachbarhauses stieg eine Katze und spazierte, als ob das nichts wäre, über die steilen Dächer weg, hart an die Kante; sie sah zu den Kindern hinüber und gähnte.

»Du«, rief Marianne, »gib du acht auf deinen Weg!«

»Katzen fallen fast nie, hat Ulrich gesagt, und wenn sie fallen, so tut es ihnen nicht weh«, erwiderte Hans.

»Das ist bequem«, meinte Lotti.

»Eigentlich könnten wir auch einmal probieren über die Dächer zu steigen. Dort hinüber –« Hans zeigte nach der grossen Zinne des Gasthofs zum Goldenen Degen.

Diese war durch mehrere andere Zinnen und durch ein breites Dach vom Turnachhause getrennt.

»Du meinst doch nicht, dass wir da hinüber könnten?« fragten Marianne und Lotti ungläubig, aber gelockt durch den Gedanken.

»Doch. Man muss es nur recht anstellen. Ich wollte auch schon lange einmal auf das graue Türmchen.«

Das »graue Türmchen« ragte über dem Dache des drittnächsten Hauses auf. Es war ein aus Steinen gemauertes Bauwerklein. Fünf oder sechs hohe schmale Stufen führten von aussen zur Plattform des Türmchens, auf der zur Not Platz war für drei Personen. Zu den Stufen konnte man nur über das Dach gelangen. Im Hause selbst wohnten ältere Leute, die nie auch nur auf dem Dachboden, geschweige denn auf das Türmchen kamen. Man hatte überhaupt noch nie gehört, dass jemand da oben gewesen sei.

Um so ruhmvoller schien es Hans, das graue Türmchen einmal zu besteigen. Er setzte sich rittlings auf das Geländer, das die Zinne von der benachbarten trennte und sah prüfend hinüber.

»Es wird fein! Es wird wie eine Bergtour! Wir brauchen ein Seil, um das Dach vom Goldenen Degen zu queren –«

»Queren?« fragte Lotti.

»So sagen die Bergsteiger, wenn sie über einen Gletscher gehen. Wir müssen uns mit allem Nötigen ausrüsten. Mein Fernrohr nehme ich auch mit –«

Gleich nach Tisch begann die Vorbereitung zu der Berg- oder vielmehr Dachpartie, von der Papa und Mama vorläufig nichts vernahmen, weil Grossmama sie zum Essen eingeladen hatte.

Hans suchte bei Ulrich ein starkes langes Seil, das er aufwand und über die Schulter legte. Marianne beschaffte eine Stange mit Flagge, die auf das Türmchen gepflanzt werden sollte zum Zeichen, dass es bestiegen worden war.

»Lotti, du darfst die Feldflasche umhängen. Wir brauchen etwas Stärkung –«

Lotti hüpfte von einem Fuss auf den andern vor Vergnügen, als Hans eine grosse in Leder genähte Feldflasche brachte, die früher Papa gehört hatte. Sie ging mit der Flasche in die Küche.

»Balbine, wir sollten schwarzen Kaffee haben.«

»Du liebe Güte! Wo doch Mama nicht will, dass ihr Kaffee trinkt!«

»Nur ein wenig! Wir machen eine Bergtour.«

»So. Wohl hier im Hause?« brummte Balbine, tat dann aber doch etwas verdünnten Kaffee und gestossenen Zucker in die Flasche.

Lotti stieg, ihre Feldflasche schüttelnd, hinter den andern die Treppen hinauf.

Die drei überkletterten das Lattengeländer und kamen auf die Nachbarzinne, deren Blechboden klirrte, als die Kinder rasch weiter schritten zur zweiten Zinne, die Herrn Lorez gehörte; da fühlte man sich schon eher heimisch.

»Sylvia, Rudolf!« rief Lotti zum Spass im Vorbeigehen und guckte durch das Dachfenster, hinter dem aufgeschichtete weisse Seifenstücke und eine Menge leerer Medizinflaschen zu sehen waren.

Von der Apothekerzinne nun ging es zum Dach hinauf. Etwas Schlimmes konnte nicht begegnen; höchstens rutschte man wieder auf die Zinne zurück. Immerhin war es ein steiler und mühsamer Weg – .

»Eben gerade wie in den Bergen!« sagte Hans, der voran ging und den Schwestern die besten Stellen zeigte.

Drüben sass die schwarze Katze vom Vormittag wieder und sah aufmerksam her, als ob sie dächte: Jetzt will ich doch sehen, wie die Turnachkinder das Dach hinaufkommen! So gut wie die Katze konnten sie es nicht; aber sie gelangten doch glücklich zu den Stufen, indem sie, wenn es nicht anders ging, auf Händen und Füssen krochen. Die Stufen waren etwas wackelig; ein paar Eisenstäbe dienten als Halt. Das ganze Türmchen war wie in die Luft gebaut. Aber die Turnachkinder kannten keinen Schwindel. Und als sie zusammengedrängt auf der kleinen Plattform standen, fanden sie es prachtvoll.

»Juhu!« schrien sie in die helle Luft hinaus.

Der Blick war weit und frei nach allen Seiten. Man sah den Kreuzberg, ganz beschneit, und die Höhen des Buchenberges mit seinen vielen Häusern, die in der Sonne lagen. Über dem See wallte ein weisser Dunst. Hans zog sein Fernrohr heraus, das aus der Hälfte eines alten Feldstechers bestand. Ob man wohl die Seeweid sehen konnte –? Hans fuhr dem Ufer entlang; doch schon beim Neugut verlor es sich im Nebel. Lotti wollte auch durchs Fernrohr gucken; zuerst behauptete sie, das Glas sei trüb; dann aber schrie sie plötzlich:

»Ich sehe die Seeweid – eine Pappel von der Seeweid – ganz gross –!«

Da lachten Hans und Marianne sie tüchtig aus. Denn die Pappel war Hansens Zeigfinger, den er, um Lotti zu necken, vor das Fernrohr gehalten hatte.

Hierauf wurde die Flaggenstange auf dem Türmchen befestigt. Marianne hauchte in die Hände.

»Ja, auf den Höhen ist es immer kalt«, sagte Hans.

»Also wollen wir uns jetzt stärken«, schlug Lotti vor und griff zur Feldflasche.

Der süsse Kaffee mundete sehr gut und machte die Runde, bis die Flasche leer war.

Dann trat man den Abstieg an. Ohne Unfall gelangte man wieder zur Apothekerzinne. Von da aus sollte nun der wichtigste Teil der Partie beginnen, die Querung des breiten Daches vom Goldenen Degen. Hans knüpfte das Ende seines Seiles drei-, viermal fest um das Gitter und trat dann hinaus, das Seil auf der Schulter. Der Weg war gerade so, dass ein gewandter Bub wie Hans ihn ohne Gefahr machen konnte. Die Schwestern sahen ihm nach. Er glitt nicht ein einziges Mal aus.

»Bravo!« riefen sie. Hans sah stolz zufrieden zurück. Dann zog er das Seil an und band es am Geländer fest.

»So, jetzt habt ihr einen sichern Übergang.«

Marianne meinte zuerst, es wäre verdienstlicher, wie Hans ohne Halt hinüberzugehen. Aber Hans, der bei allem Wagemut doch vorsichtig war, wollte nichts davon wissen.

»Nächstes Jahr machst du's dann frei«, sagte er.

Lotti natürlich ging so sorglos an die Sache, dass sie mitten auf dem Dach ausrutschte. Es war wirklich gut, dass sie an dem Seil einen festen Halt hatte. So, noch einmal –

Da ertönte plötzlich ein lauter Schrei:

»Um Gotteswillen – um Gotteswillen –!«

Lotti, die wieder aufgestanden war, sah sich um und erblickte drüben am Dachfenster, wo die schwarze Katze gewesen war, eine Frau mit einem violetten, gestrickten Tuch um. Sie hielt die Hände in die Höhe.

»Ein Kind auf dem Dach –! Eins von den Turnachkindern auf dem Dach –! Um Gotteswillen –!«

Lotti erkannte jetzt die Frau. Sie hatte einen Wolladen in der Märzengasse, gleich um die Ecke vom Kornplatz. Sie hiess Frau Vellacker und war sonst freundlich.

»Frau Vellacker«, schrie Lotti hinüber, »ich halte mich ja am Seil!« Mit drei Schritten war sie auf der Zinne vom Goldenen Degen.

»Frau Vellacker, es sieht nur so aus! Aber es ist nicht gefährlich!« riefen nun auch Hans und Marianne.

Doch Frau Vellacker beruhigte sich nicht.

»Nein, Kinder!« jammerte sie und schlug ein über das anderemal die Hände zusammen. »Das kann man nicht mit ansehen! Auf dem hohen steilen Dach! Das Seil hätte reissen können, und dann läge das Kind im Hofe unten – mein Gott!«

»Aber es ist ein ganz starkes Seil. Ich habe es vorher probiert!« rief Hans wieder hinüber, und als jetzt Frau Vellacker sich einen Augenblick zurückwandte zu ihrer Magd, die im Dachboden Wäsche abnahm, hielten die Kinder die Sache für erledigt und liefen rasch der ängstlichen Frau Vellacker aus den Augen.

Wie gross die Zinne war! Wohl viermal so gross als die eigene. Die Kinder schauten über das schöne eiserne Gitter hinunter. Man sah grade auf die Brücke, wo die Obstfrauen vor ihren Körben sassen. Sie schienen wie aus einer Spielzeugschachtel aufgestellt, so klein. In einer Ecke der Zinne stand ein kleiner runder Pavillon. Die Kinder traten hinein und entdeckten etwas Wundervolles. Lotti schrie laut auf: Das Glas der Fenster war bunt, hier rot, dort gelb und das dritte blau. Durch das rote sah die Stadt mit der Brücke und den Obstfrauen wie in einer Feuersbrunst aus, durch das gelbe, als ob die Sonne nach einem Gewitter hellstrahlend unterginge; durch das blaue aber entstand eine ganz zauberhafte Mondbeleuchtung. Die Kinder konnten nicht fertig werden mit Gucken.

»Hans, dass es so schön da oben sei, hast du auch nicht gewusst! Wir machen die Partie noch einmal, und Onkel Alfred muss mitkommen!« sagte Marianne, als man endlich den Rückweg antrat. Sie schwang sich als Erste über das Gitter.

An Frau Vellacker dachten die Kinder längst nicht mehr. Aber o weh! da stand sie an ihrem Dachfenster und erhob, als sie der Kinder wieder ansichtig wurde, aufs neue ihr Jammergeschrei.

»Was –! Noch einmal –? Seid ihr von Sinnen? Nein, das tut ihr mir nicht!«

»Wir müssen doch wieder auf unsere Zinne!« rief Hans.

Aber Frau Vellacker war so erregt, dass sich nicht mit ihr reden liess.

»Ihr dürft in keinem Fall noch einmal auf das Dach hinaus! Halt! Zurück, sage ich euch! Wenn das euere Mama wüsste und euer Papa –! Regine, Regine!« rief sie hinter sich in den Dachboden.

Da und dort in den Nachbarhäusern wurden Fenster geöffnet. Die Leute schauten heraus, zeigten sich die Kinder und riefen einander zu. Dieses Aufsehen war den dreien höchst unangenehm.

»Wir müssen warten, bis sie wieder von den Fenstern weg sind«, sagte Hans und trat mit den Schwestern zurück.

Doch Frau Vellacker blieb auf ihrem Posten. Da sah Hans sich auf der Zinne um und entdeckte eine Falltüre. Sie liess sich heben. Irgend jemand hatte vielleicht beim Teppichklopfen zu schliessen vergessen.

»Kommt!« rief Hans entschlossen. »Wir müssen da hinunter!«

»Hans – durch das fremde Haus!« warf Marianne ein. »Mama will nicht, dass wir in fremde Häuser gehen –«

»Wenn wir aber nun schon da sind und keinen andern Weg haben –! Hilf doch –«

Sie hoben zusammen die Türe und schlüpften hinein. Von dem weiten Bodenraum huschten sie ohne zu sprechen die nächsten zwei Treppen hinunter. Da sah es sehr vornehm aus: Am Boden des grossen Korridors lagen rote Teppiche; die Türen waren weiss bemalt, und in den Ecken standen dunkelgrüne Bäumchen. Auf der folgenden Treppe lag ebenfalls ein Teppich; man ging völlig geräuschlos.

»Hans, wenn wir nur hinauskommen, ohne dass man uns sieht«, flüsterte Marianne.

In dem Augenblick erschien ein Stubenmädchen mit kleiner weisser Haube.

»Was wollt ihr?« fragte sie; aber da klingelte es; sie lief zurück und verschwand in einem Zimmer.

Ohne Hindernis gelangten die Turnachkinder wieder ein Stockwerk tiefer; denn die zwei Damen, die ihnen auf der Treppe begegneten, kümmerten sich nicht um sie.

»Jetzt sind wir gewiss bald unten«, sagte Lotti, indem sie sich umsah.

An den Wänden standen grüngepolsterte Sofas, und in der Mitte war eine hohe Doppeltüre mit Vergoldung. Aber aus dieser prächtigen Doppeltüre trat ein grosser, breitschultriger Herr mit rötlichem Gesicht und weissen Haaren. Die Turnachkinder standen bestürzt still. Es war der Besitzer des Goldenen Degens, Herr Zurbuchen; die Kinder kannten ihn nur vom Sehen.

»Oho, oho!« rief Herr Zurbuchen mit lauter Stimme. »Was wollt ihr da? Woher kommt ihr? Von oben, wie mir scheint? Das Haus besichtigt? Wie, meine Herrschaften?« Herr Zurbuchen sprach so rasch nacheinander fort, dass man nicht zu einer Antwort kam, besonders wenn man ein etwas schlechtes Gewissen hatte.

»Heh, redet! Wer führt das Wort? Wie kommt ihr zum Portal herein, ohne dass euch ein Mensch sieht?«

»Wir sind nicht hineingekommen; wir wollen nur hinaus«, begann endlich Lotti.

»Wa – was?« machte Herr Zurbuchen. »Nicht hereingekommen –? Also vom Himmel geschneit –? Heut morgen, natürlich! Sonderbare Schneeflocken!« Herr Zurbuchen setzte sich lachend auf die grüne Polsterbank und zog Hans am Arm her.

»Ja, was!« rief er. »Das sind ja die Nachbarsleute von drüben, die Turnachs! Also, wie seid ihr in den Goldenen Degen gekommen? Geflogen?«

»Nein, nicht geflogen«, antwortete Lotti. »Es war ziemlich schwer. Aber wir hatten ein Seil. Wir konnten nicht wieder über das Dach zurück wegen Frau Vellacker –«

»Lotti, erzähl doch der Reihe nach!« unterbrach Hans die Schwester und fing nun von vorn an mit den Zinnen und dem grauen Türmchen –

»Auf dem grauen Türmchen –? Da seid ihr gewesen? Famos, famos! Ihr seid Prachtskerle –! Eine kühne Tour! Und was sagst du, Bürschlein? Es sei noch niemand droben gewesen? Lang ist's allerdings her, so gut 55 Jahre – da stand der Kaspar Zurbuchen an einem Sommerabend auf dem grauen Türmchen mit Pfarrers Arnold und mit Fritz Turnach, euerem Grossonkel. Die beiden sind längst tot, und der Kaspar Zurbuchen steigt auch nicht mehr auf die Dächer; damals war er jung und behend; jetzt ist er alt und lässt andere klettern. – Ja, Kinder, es lebe die Jugend –!« Herr Zurbuchen sah einen Augenblick grade aus wie in die Weite. Dann stand er auf.

»Ich lasse euern Papa grüssen. Er habe da eine wackere kleine Schar! Sapperment!« Herr Zurbuchen klopfte den Kindern auf die Achsel und begleitete sie bis vors Haus.

»Das ist ein artiger Herr!« rühmten sie. »Und ein gescheiter! Der versteht es besser als Frau Vellacker! Steht sie wohl noch droben –?«

Aber vor der Stubentüre hielt Hans plötzlich an.

»Marianne, Lotti«, flüsterte er. »Da ist sie! Sie ist drin bei Mama –«

Die Türe ging auf, und Frau Vellackers klagende Stimme tönte jetzt deutlich heraus.

»Wie gesagt, Frau Turnach, es war fürchterlich, schauderhaft! Mir ist schwarz vor den Augen geworden. Die Kleine ist zweimal ausgerutscht und bei einem Haar –«

»Nein, gar nicht bei einem Haar! Ich hab mich am Seil gehalten, Mama!« rief Lotti in die Stube hinein.

»Gott! da sind sie ja! Danken Sie dem Himmel, Frau Turnach, dass Sie sie wieder haben. Ich sah sie im Geiste schon mit zerschmetterten Gliedern liegen! So leichtsinnig –«

»Mama, es war nicht leichtsinnig«, entgegnete Hans. »Ich habe alles genau –«

»Hans, sei ruhig!« verwies ihn Mama. »Man redet nicht drein, wenn grosse Leute sprechen. Frau Vellacker meint es gut mit ihrer Warnung.«

»Aber wenn doch –« versuchte Lotti noch einmal.

»Lotti!« rief Mama streng.

Lotti drückte die Faust an den Mund und machte mit den Augen Zeichen. Das tat sie immer, wenn sie schweigen musste.

»Und ob ich's gut meine!« fuhr Frau Vellacker fort. »Die längste Zeit stand ich in der Kälte am Fenster, bis mir der Schneider Moosbach zurief, die Kinder seien durch die Zinnentüre vom Goldenen Degen hinunter –«

»Ja, und Herr Zurbuchen war sehr nett«, wollte Lotti hinzufügen; aber man durfte ja nicht reden.

»Ich danke Ihnen, Frau Vellacker«, sagte Mama, »dass Sie sich herbemüht haben. Die Kinder haben Ihnen einen rechten Schrecken gemacht; das tut mir leid.«

»Es sind ja sonst liebe Kinder. Aber diesmal gehörte ihnen fast etwas Strafe. So sich in Gefahr begeben –! Von meiner Angst nicht zu reden! Adieu, Frau Turnach! adieu, Kinder!«

Als Frau Vellacker fort war, atmeten die Kinder auf.

»Mama – also hör', Mama –« fingen alle drei an.

Aber Mama hatte. auch etwas zu sagen.

»Hans, ihr treibt es wirklich toll! Im Sommer denke ich immer, es ist eben der See und der weite Garten und die Scheune mit dem Heuboden; aber hier geht es ja kein bisschen besser! Auf das Dach steigen, dass die Nachbarn kommen, einen zu warnen –«

»Mama, Herr Zurbuchen war aber auch schon droben! Vor 55 Jahren, und er hat gelacht und uns gelobt, und unser Grossonkel sei mit gewesen! Hast du ihn gekannt, den Grossonkel Fritz –?«

Mama wusste nicht, was sie sagen sollte. Wer hatte recht, Frau Vellacker oder Herr Zurbuchen –? Aber als sie auf das Betteln der Kinder mit auf die Zinne ging, um den interessanten Weg in Augenschein zu nehmen, schüttelte sie denn doch den Kopf.

»Hans, Hans«, sagte sie, »strafen will ich euch nicht; aber ebensowenig will ich, dass ihr die Tour noch einmal macht!«

Und Papa schüttelte am Abend auch den Kopf:

»Furchtlosigkeit und Unternehmungslust sind gute Dinge, und wer nicht wagt, gewinnt nicht. Aber im ganzen merkt euch: Tollkühn darf man nicht sein. Etwas anderes ist's, wenn es sich um grosse Dinge handelt, etwa um die Rettung eines Menschen oder um eine sehr wichtige Entdeckung.«

An der Erzählung jedoch, wie die Kinder Herrn Zurbuchen in die Hände gelaufen waren, hatte Papa seinen Spass.

»Papa«, berichtete Werner, der die Geschichte nun schon viermal gehört hatte, »er hat gesagt: ›Famos, famos!‹«

»Ja«, bestätigte Marianne, »und zuletzt hat er noch gesagt: ›Es lebe die Jugend!‹«

»So!« schloss Papa und sah Mama und die Kinder lachend an. »Er hat recht: sie lebe!«



Noch einmal auf dem Dach

Marianne und Lotti holten Obst in der Apfelkammer. Hans turnte währenddessen draussen an einem Dachbalken, bald den Kopf, bald die Füsse nach unten hängend. Werner rannte auf und ab und versuchte, wie weit er gegen den Wolfswinkel vordringen könne, ohne sich zu fürchten.

Als die zwei Körbe gefüllt waren, trugen Hans und Marianne sie hinunter. Lotti jagte noch mit Werner umher, hinein in die Apfelkammer und wieder heraus. Einen Augenblick schloss Lotti Werner in die Kammer ein; er erhob aber ein solches Geschrei, dass sie sofort wieder aufmachte.

»Sei doch still«, sagte sie. »Wart, jetzt darfst du mich einschliessen.«

Sie lief vor bis zum Fenster; wie aber Werner den Riegel schieben wollte, schoss sie daher und drängte sich durch. Werner krähte vor Eifer, Lotti einzusperren; zuletzt gelang es ihm wirklich.

»So, jetzt lass ich dich nicht mehr heraus, gar nicht mehr!« rief er triumphierend und horchte an der Türe.

Lotti blieb ganz still; hingegen hörte der Kleine von unten Stimmen – Onkel Alfred! Da musste Werner dabei sein. Er trabte die Treppen hinunter.

»Ein Papagei, Onkel? Der reden kann? Was sagt er? Gibt er Antwort, wenn man ihn etwas frägt?« bestürmten Hans und Marianne den Onkel.

Werner verstand nicht ganz, um was es sich handelte; aber für jeden Fall schrie er sein: »Ich auch, ich auch!« hinein.

»Vor allem macht rasch, wenn ihr den gelehrten Vogel sehen wollt!« sagte der Onkel. »Es ist weit zu meinem Freund, und nach sechs müssen wir beide im Kolleg sein!«

»Ich auch, Onkel!« bettelte Werner.

»Nein, mein teurer Neffe. Dich können wir nicht brauchen. Draussen regnet und stürmt es und wird bald dunkel. Wir müssen furchtbar laufen; sieh, so –« Onkel Alfred tat ein paar ungeheuerliche Schritte im Korridor.

Aber Werner wollte die Schritte nicht sehen; er fing so jämmerlich an zu weinen, dass Sophie erschien und den kleinen Buben in das hintere Zimmer zog.

Hans und Marianne kamen eilig mit Mantel und Mütze aus dem Wohnzimmer.

»Nehmt alle drei die Schirme!« rief Mama ihnen nach.

Der Onkel wandte sich zur Treppe.

»Vorwärts, ihr Spatzen! Wo ist denn der dritte?«

Ja, wo war der dritte Spatz?

»Lotti, Lotti!« riefen Hans und Marianne. »So komm doch –!«

War sie vielleicht noch droben? Manchmal turnte sie auch am Balken. Oder war sie bei Sophie?

Marianne rief hinauf und hinüber. Aber der Onkel zog seine Uhr heraus.

»Komm, Marianne!« sagte er. »Ich nehme Lotti und Werner ein anderes Mal mit. Heute eilt es.«

Die drei verliessen das Haus. Der kleine Werner aber sass schluchzend an seinem Tischchen. Dorthin zog er sich jedesmal zurück, wenn er unglücklich war. An Lotti und an die zugeriegelte Türe dachte er nicht mehr. Auch dann nicht, als Mama hereinkam und zu ihm sagte:

»So, mein armes Wernerlein, sind dir Hans, Marianne und Lotti wieder einmal davongelaufen?«

Vielleicht meinte er, die beiden Grossen hätten Lotti geholt. Wahrscheinlich aber dachte er überhaupt nichts; denn er war noch ein recht törichter kleiner Bub.

Lotti hatte in ihrer Apfelkammer von all dem keinen Ton gehört. Die Kammer lag drei Stockwerke höher, und die oberste Treppe hatte eine Türe, die hinter Werner zugeschlagen war. Dass der Kleine sich wegbegeben, hatte Lotti gemerkt; aber was schadete das? Drunten erzählte er natürlich seine Heldentat, und dann kamen Hans und Marianne und liessen Lotti nach einigem Necken heraus. Vielleicht waren sie schon vor der Türe. Um zu zeigen, dass sie sich aus der Gefangenschaft gar nichts mache, fing Lotti an zu singen:

»Als unser Mops ein Möpschen war,
Da konnt' er freundlich sein …«

Dann spazierte sie in der Weinlaube auf und ab und schaute nach gefallenen Beeren. Sie zupfte auch ein wenig an der äussersten Traube. Wenn man da so eingesperrt war, durfte man das schon …

Der dumme Werner. Warum kam denn keins? Lotti trat an die Türe. Dann ging sie zurück und las eine schöne Reinette aus, setzte sich auf eine Kiste und ass den Apfel, während sie mit den Füssen schlenkerte. Als sie den Apfel verzehrt hatte, stand sie wieder auf. Es war langweilig da oben so allein, und es fing an zu dunkeln. Lotti wollte hinaus. Sie rief an der Türe, so laut sie konnte:

»Hans, Marianne! macht doch auf!«

Oder vielleicht hörte Mama sie. Lotti rief und rief; dann rüttelte sie am Schlosse und horchte wieder; aber es blieb draussen alles still. Lotti sah ringsum und fand es auf einmal unheimlich in der grossen tiefen Kammer, besonders dort hinten, wo man die Dinge schon nicht mehr recht erkennen konnte. Das Gestell mit dem Tuch drüber sah so seltsam aus, fast zum Fürchten. Lotti ging vor zum Fenster; da war es heller. Wenn sie aufmachen würde, um zu rufen? Unten waren die Fenster vom Wohnzimmer, unten waren Mama und die andern – Lotti stieg auf den Stuhl und öffnete das Fenster.

»Mama, Mama –!« rief sie. Aber niemand hörte sie, und sie sah nichts als die Dächer drüben über dem Kornplatz.

Sie stieg vom Stuhl hinunter und begann leise zu weinen. Aber nein, das half nichts! Sie musste sehen, dass sie etwas recht Festes fand, um an die Tür zu klopfen. Dort hinter dem Gestell war ein Stock, das wusste sie. Aber sie traute sich nicht hin. Wenn es – wenn es doch so etwas Schreckliches gäbe wie den Werwolf –? Er konnte gerade so gut hier sein wie drüben beim Holzverschlag! Vorhin hatte sich etwas bewegt hinter dem Tuche. Wenn er nun auf einmal hervorschaute mit glühenden Augen –! Lotti drückte die Hände an die Brust … Doch Hans sagte immer, man solle mutig sein. Sie tat rasch ein paar Schritte vorwärts. Da fasste etwas sie am Kleide. Sie stiess einen Schrei aus. Es war nur ein Nagel der Kiste gewesen. Aber Lotti kam ganz ausser sich vor Entsetzen und weinte laut auf:

»Mama, Mama! ich will hinaus –!«

Plötzlich kam ihr ein rettender Gedanke. Von dem grauen Türmchen kürzlich hatten sie auf alle Dächer ringsum gesehen. »Dort, wenn man von unserer Zinne rechts hinaufstiege zum First«, hatte Hans gesagt, »so käme man auf der andern Seite hinunter zur Apfelkammer.« Also musste es umgekehrt auch gehen, und die Zinnentüre liess sich vielleicht schieben, wenn Lotti alle Kraft zusammennahm, und dann war sie befreit! Mama wollte zwar nicht, dass man noch einmal aufs Dach hinausgehe. Aber jetzt musste Lotti. Das würde Mama schon einsehen.

Schnell stieg Lotti auf den Stuhl und reckte sich zum Fenster hinaus. Im Sommer hatte man doch das Klettern ordentlich gelernt. Nun war sie draussen auf dem Dache. Sie erkannte die Richtung, die sie nehmen musste, um den First zu erreichen. Aber es war ein steiler, böser Weg. Zitternd vor Angst und Schrecken kroch Lotti aufwärts. Jetzt konnte sie den Blitzableiter sehen. Halt – ins Rutschen durfte man nicht kommen! Hinter sich hörte Lotti von tief unten das Wagengerassel auf dem Kornplatz. Frau Vellacker kam ihr in den Sinn. »Tot und zerschlagen –« hatte sie gesagt –! Lotti griff mit den Händen aus. Wieder kam sie ein Stück vorwärts und noch eins. Jetzt hatte sie den Blitzableiter erreicht!

O, das war gut, sich fest an etwas halten zu können! Lotti war ausser Atem; der Regen schlug ihr ins Gesicht; die Hände brannten sie. Auf dem First sitzend, die Arme um den Blitzableiter geschlungen, spähte Lotti nun hinunter nach der Zinne. Undeutlich konnte sie schräg dort unten etwas vom Geländer erkennen; aber grade vor ihr ging es in eine unheimliche dunkle Tiefe.

Lotti hatte aufgeatmet, wie der Blitzableiter erreicht war. Nun fing ihr Herz von neuem an angstvoll zu klopfen. Wenn nur Hans da wäre, um ihr zu zeigen, wie man hinabkletterte! Vielleicht war er unten im Hof.

»Hans! Hans!« schrie sie.

Aber der Wind heulte; es rasselte und knarrte auf den alten Dächern. Lottis Stimme, die ganz heiser geworden vor Weinen, reichte nicht weit.

Lotti versuchte, sich zusammenzunehmen und es zu wagen. Sie liess mit einer Hand den Blitzableiter los und machte einen Schritt. Doch erschien ihr, als ob das Dach hier noch steiler sei als drüben. Erschrocken zog sie sich wieder hinauf. Nach einer Weile machte sie einen zweiten Versuch. Aber nein, es war unmöglich. Sie weinte laut auf und klammerte sich an den Blitzableiter. Wenn sie in die dunkle Tiefe sah, schüttelte es sie vor Grauen …

Daniel, der Hausknecht vom Goldenen Degen, trat an das Fenster seiner Kammer, die im obersten Stockwerk nach dem Hofe lag. Er hatte in seinem alten Lehnstuhl etwas geschlafen. Morgens musste er immer um halb vier Uhr aufstehen, um vor den Türen der Fremden die Stiefel zu holen und sie zu putzen. Er schaute in den Regensturm hinaus.

»Das ist ja ein greuliches Wetter!« sagte er vor sich hin.

Auf einmal machte er das Fenster auf und sah starr über den Hof hinweg hinauf nach einer Stelle.

»Ist das eine Katze dort –? Eine grosse müsste es sein – eine seltsame –«

Er rieb sich die Augen und sah wieder hin. Plötzlich schlug er das Fenster zu, nahm die Mütze und ging hinaus.

Im Flur des Turnachhauses stand Ulrich und klopfte Nägel aus einem Kistendeckel. Da trat Daniel zu ihm.

»Ulrich«, sagte er rasch und leise, »ich möchte wissen, was das ist auf euerm Dache. Zuerst hab' ich an eine Katze gedacht. Dann aber hat sich's in die Höhe gestreckt. Da kam's mir wahrhaftig vor wie ein Kind! Ulrich, die euern machen ja so Geschichten! Zwar im Dunkeln und an der abschüssigen Stelle – Jedenfalls muss man sehen!«

Ulrich sah Daniel bestürzt an; dann griff er nach seiner Laterne. Im Vorbeigehen nahm er ein Seil.

»Ich gehe mit«, sagte Daniel.

»Ja. Es wäre am besten, sie merkten droben nichts. Sonst gibt es ein Wesen und eine Angst – vielleicht umsonst. Denn du hast dich am Ende doch getäuscht, Daniel.«

»Nein, es ist ein Kind. So etwa in der Grösse von euerm Dritten – wie heisst's? Das immer lacht –«

Die beiden Männer stiegen leise die Treppen hinauf. Da trat ihnen Balbine entgegen.

»Was wollen Sie denn miteinander?« fragte sie verwundert.

»Wir – der Ulrich will mir etwas zeigen«, antwortet Daniel. »Das muss etwas Wichtiges sein, dass man nicht warten kann bis zum Feierabend«, sagte Balbine ein wenig spöttisch und ging weiter.

»Balbine«, fragte Ulrich, wie so nebenbei, »ist Lotti im Zimmer? Sie hat ihre Puppe in der Garnkammer liegen lassen.«

»Nein, sie ist fort mit Herrn Alfred und den zwei Grossen.«

»So«, sagte Ulrich nur; aber er ging rascher. Herrn Alfred hatte er mit Hans und Marianne gesehen; Lotti war nicht dabei gewesen.

Als die beiden Männer zur Zinnentüre kamen, hörten sie den Wind heulen und den Regen auf die Ziegel klatschen. Schnauzel, der Ulrich nachgelaufen war, sprang als erster auf die Zinne.

Ulrich und Daniel traten zum Geländer und sahen hinauf. Es war nun fast vollständig dunkel geworden. Grade konnte man noch erkennen, dass da oben beim Blitzableiter eine Gestalt kauerte. Schwache, vom Wind verwehte Jammerlaute tönten herunter.

»Lotti –!« rief Ulrich entsetzt. »Wie bist du da hinaufgeraten!« wollte er hinzufügen; aber es war jetzt keine Zeit für unnötige Fragen. »Lotti!« rief er nur. »Halt noch ein paar Augenblicke fest!«

Er band sich die kleine Laterne vor die Brust und hängte die Seilschlinge an den Arm.

Schnauzel winselte und versuchte, an dem Dach emporzuspringen. Doch das ging nicht für Hundepfoten. Helfen konnte Schnauzel nicht; aber er konnte laut hinaufbellen und damit Lotti sagen:

»Sei nur getrost! Wein' nicht mehr! Sie holen dich! sie bringen dich herunter!«

»Du hast gut bellen«, sagte Daniel. »So einfach ist die Sache nicht! Ulrich, ich fürchte, es sei zu steil und zu schlüpfrig – Wär es nicht besser, ich holte schnell den Dachdecker –«

»Nein, so lang darf mir die Kleine nicht mehr da oben in der Angst bleiben«, antwortete Ulrich. »Ich bring es schon zustand.«

»Lass mich hinauf«, fing Daniel noch einmal an. »Ich bin neun Jahre jünger als du und gehe in den Turnverein –«

»Dafür aber ist es das Kind von meinem Herrn«, sagte Ulrich und zog die Schuhe aus.

Er trat auf das Dach. Die Laterne warf ihren Schein auf die nassen Ziegel. Es waren etwa fünfzehn Schritte gefährlichen Weges; denn über das niedrigere Dach des Hinterhauses hinauf bis zum vordern First gab es keinen Halt.

»Langsam, langsam!« rief Daniel. »Halt mehr rechts, Ulrich – Es geht nicht! Lass mich's versuchen –!«

Ulrich kam indessen doch vorwärts. Er hatte sich auf die Knie niedergelassen. Das lange Seil, dessen Ende Daniel hielt, zog er hinter sich drein. Das Dach wurde nach oben steiler. Aber nur noch eine kurze Strecke, eine kurze Strecke der äussersten Anstrengung und Vorsicht, und Ulrich konnte mit der einen Hand den First erreichen. Jetzt – er tat einen starken Atemzug und hielt einen Augenblick an.

»Was ist –?« rief Daniel ängstlich von unten.

»Droben bin ich!« antwortete Ulrich und setzte sich wieder in Bewegung. Rasch ging es nun dem First entlang.

»Jetzt gib acht, Lotti!« rief er, als er bei dem Kinde ankam.

Aber Lotti war ganz erschöpft vor Angst und Weinen und Kälte. Sie wusste nicht recht, was vorging. Sie fürchtete sich, den Blitzableiter loszulassen, und schrie laut auf, als Ulrich sie anfasste. Dann aber klammerte sie sich fest um seinen Hals.

»So, Lotti, so – schnaufen musst mich noch lassen«, sagte er zu dem bebenden Kind. Das Seil hatte er von sich losgelöst und um den Blitzableiter geschlungen.

»Er wird doch halten«, sagte er für sich und rief dann Daniel zu, straff zu ziehen. Lotti im einen Arm, mit der andern Hand am Seil sich haltend, begann Ulrich nun sitzend, rutschend, sich stemmend den Rückweg. Jeden Augenblick glitt er aus auf dem nassen Dach; aber nun hatte er ja das Seil, und der Blitzableiter, der schon Lottis Zuflucht gewesen, hielt sich noch einmal wacker. Glücklich kam Ulrich am Zinnengeländer an.

»Gut ist's gegangen!« rief Daniel fröhlich und streckte die Hände aus, um Lotti herüberzuheben, was einige Mühe kostete; denn die hielt sich zitternd an Ulrich fest. Sie vermochte noch nicht zu fassen, dass nun alle Gefahr und Not vorüber war, sondern schluchzte fort und fort.

»Jetzt bringen wir dich der Mama, Lotti, der Mama! Die tröstet dich dann«, sprach Ulrich auf das Kind ein. »Sieh, der Schnauzel freut sich auch, dass wir dich heruntergeholt haben.«

Der Schnauzel war aber gar nicht zur Stelle, sondern stand heulend auf dem Dach draussen. In seinem Eifer hatte er Ulrich entgegenspringen wollen und wagte sich nun nicht mehr zurück auf dem abschüssigen Weg.

»Du Tropf!« sagte Daniel und stieg über das Geländer. »Gelt, damit ich mir an dir meine Rettungsmedaille verdiene –«

Er zog den Hund herab und beförderte ihn etwas unsanft auf die Zinne. Dann ging's die Treppen hinunter.

»Frau Turnach«, sagte Ulrich, indem er die Wohnzimmertüre öffnete. »Erschrecken Sie nicht. Es ist ihr nichts geschehen. Sie ist bloss ein wenig nass und kalt geworden auf dem Dach. Wie sie hinaufgekommen ist, wissen wir nicht; aber wir haben sie Glücklich heruntergebracht.«

Das klang so ungefährlich als möglich. Aber Frau Turnach wurde doch blass vor Schrecken, als sie das krampfhaft weinende, vom Regen triefende Kind in Empfang nahm. Vom Dache geholt? Lotti war ja doch mit Marianne und Hans weggegangen –!

Und es dauerte eine lange Zeit, bis man zu dem Ende der Geschichte, die Daniel und Ulrich erzählten, von Lotti endlich auch den Anfang vernahm.

»Es – es war ganz steil und so d – dunkel und nass –« war alles, was Lotti immer wieder hervorschluchzte.

Erst als Werner hereinkam und Lotti ihn erblickte, klärte sich die Sache nach und nach auf.

»Er braucht einen nicht einschliessen –« weinte Lotti, »und dann f – fortlaufen –«

Mama zog Werner her, dem jetzt das Spiel droben an der Türe wieder aufdämmerte. Aber es war schwer, ihn zu überzeugen, dass er etwas sehr Schlimmes angestellt habe. Als Papa hereinkam, lief Werner wichtig auf ihn zu:

»Papa, Lotti hat auf dem Dach ganz nasse Haare bekommen!«

Papa hatte unten von Ulrich und Daniel die Sache vernommen. Er war auch heftig erschrocken.

»Mein Gott!« sagte er, »da sitzt man bei seiner Lampe und rechnet und schreibt, und währenddessen geschehen über unserm Kopf solche Dinge!«

Er schüttelte den beiden Männern immer wieder die Hände.

»Herr Turnach, Ulrich hat's allein getan«, wies Daniel den Dank zurück.

»Ich musste doch auch einmal eine Dachpartie machen«, sagte Ulrich. »Wetter und Aussicht waren zwar nicht besonders!«

Bald kehrten Hans und Marianne heim. Sie waren ganz erfüllt von den Sprechkünsten des Papageis, der »Guten Abend« sagte und: »Ich wollt, es wäre Nacht und die Preussen wären da!« und sogar etwas Lateinisches: »O jemine, o jerum, o quae mutatio rerum!« Aber sie kamen nicht zum Erzählen. Lotti lag zitternd und mit verweintem Gesicht im Bett und hatte Furchtbares erlebt.

Hans regte die Geschichte sehr auf. »Lotti allein – diesen gefährlichen Weg! In der Dunkelheit!«

»Lotti«, wollte er anfangen. »Vielleicht wenn man mehr links –«

»Lass, Hans!« sagte aber Mama. »Du siehst, wie Lotti mitgenommen ist. Sprich nicht mehr von dem schrecklichen Dach!«

Lotti fing indessen selbst immer wieder an. Sie schilderte, wie sie ausgerutscht sei und wie sie vom Blitzableiter hinunter in die dunkle Tiefe gesehen. Es war entsetzlich für Mama zu hören.

»Kind, Kind«, sagte sie, »sei jetzt ruhig! Versuche zu schlafen!« Sie strich Lotti das Haar aus der Stirne.

»Mama, es war aber doch gut, dass Hans etwas von dem Weg gesagt hat. Sonst wäre ich nicht aus der Apfelkammer gekommen!«

»Zuletzt hätten wir dich doch dort gesucht, Lotti.«

»Aber vorher wäre ich ganz gewiss gestorben aus Angst!«

Lotti besann sich und seufzte.

»Mama«, begann sie noch einmal. »Und droben am Blitzableiter wäre ich auch fast gestorben aus Angst!«

»Ja, Kind, und nun hat's der liebe Gott gnädig gefügt, dass du da unten sicher und warm in deinem Bett liegst.«

Lotti nickte.

»Mama«, sagte sie dann, »ich hab noch nicht gebetet«, und setzte sich auf, um ihr kleines Nachtgebet zu sprechen.

Endlich wurde sie ruhiger; nur noch einmal drehte sie sich:

»Mama, ich stricke dem Ulrich Pulswärmer. Und dem Daniel näh ich ein Buchzeichen.«

»Ja, Lotti.«

Als nach einer Weile Papa, der immer noch im Wohnzimmer auf und ab gegangen war, leise hereinkam, um nach seinem Lotti zu sehen, war das Kind fest eingeschlafen.




Bald kommt das Christkind

Draussen blies ein kalter Wind. In der Kinderstube war es warm und gemütlich. Das Schwesterlein schlief im Korbwagen; Werner stand daneben und guckte zu. Von Zeit zu Zeit lachte er auf. Marianne, die mit Lotti Kleider für die Papierpüppchen schnitt, winkte ihm, dass er das Schwesterlein nicht wecke.

»Ich tu es nicht wecken«, flüsterte Wernermann. »Ich lach nur ein bisschen, wenn die Fliege wieder kommt. Sieh einmal, Marianne!«

Um des Schwesterleins Gesicht summte eine grosse Fliege und setzte sich auf das winzige Näschen; das zog sich kraus, als ob das Schwesterlein niesen müsste. Dann fuhr die kleine Faust über das Näschen, und die Fliege flog ärgerlich brummend fort. Das Schwesterlein aber schlief ruhig weiter.

Wie die drei dastanden und in den Korbwagen guckten, stürmte Hans zur Türe herein.

»Wisst ihr etwas –? Etwas Wundervolles? In 23 Tagen ist Weihnacht! In 23 Tagen!«

Marianne und Lotti sahen sich an. Seit man hier im Winterhause wohnte, hatte man ja schon immer das heimliche frohe Gefühl von Weihnacht. Aber wie nun Hans sagte: »In 23 Tagen!« da war's, als käme man der Herrlichkeit um einen ganzen Ruck näher.

Lotti fasste Werner und tanzte jauchzend mit ihm in der Stube herum. So musste das Schwesterlein denn doch erwachen. Es machte die Augen weit auf und zappelte mit den Armen.

»Du! In 23 Tagen ist Weihnacht!« rief Werner in den Korbwagen hinein. »Verstehst du?«

Hans lachte.

»Wernermann, tu du nicht so grossartig. Du weisst ja selber nicht, wieviel 23 Tage sind!«

»Doch, das weiss ich gut! Ein Tag ist, wenn man aufsteht, und 23 Tage ist, wenn man vielmal aufsteht, und dann kommt Weihnacht!«

Lotti aber lief ins Schlafzimmer, um an ihr und an Mariannes Bett mit Kreide 23 lange Striche zu zeichnen.

»Oder ich mach mir 24, Sophie! Dann kann ich heute abend schon einen auswischen.«

Marianne war am Wagen des Schwesterleins stehen geblieben. Es hatte seinen wollenen Hasen erwischt und schlug ihn auf das Deckbettchen, dass die kleine Schelle klingelte. Wie sonderbar, dachte Marianne, gar nichts weiss es noch von Weihnachten und kann sich kein bisschen darauf freuen! Dann aber kamen ihr selber so viel Weihnachtsgedanken, dass sie rasch an den Tisch ging und ihre Papierpuppen zusammenpackte.

»Zum Spielen habe ich jetzt keine Zeit mehr«, sagte sie zu Lotti, als diese wieder eintrat. »Denk, bis alle Weihnachtsarbeiten fertig sind!«

Die Turnachkinder hatten immer sehr viele Leute zu beschenken. So wurde jetzt am Abend bei der Lampe mit aller Macht gestrickt und gestickt, geschnitten und gekleistert. Hans, der an einem Nebentische hübsche Schachteln pappte, hatte um seine Arbeit eine ganze Mauer von Büchern gebaut. Jedesmal, wenn Mama vorbeiging, erhob er einen Lärm:

»Mama, Mama, nicht! Bitte, tu den Kopf weg!«

Die arme Mama wusste gar nicht mehr, wohin sich wenden. Denn Marianne arbeitete ebenfalls hinter einer Schanze aus zwei aufgestellten Teebrettern, die jeden Augenblick umstürzten:

»O, Mama, nicht hersehen –!«

Und Lotti schrie zum Vergnügen mit, obgleich sie an den Pulswärmern für Ulrich war. Das Buchzeichen für Daniel hatte ihr Marianne auch schon zugeschnitten.

Onkel Alfred hatte sich ausdrücklich ein Geschenk von den beiden Nichten erbeten.

»Hört«, hatte er gesagt, »für den Ritterdienst, den ich euch tat bei der fürchterlichen Hippenbäckerin, erwarte ich irgend etwas Gesticktes, etwa eine Schärpe, die ich Sonntags tragen könnte.«

»Ach, Onkel!« lachte Lotti; aber sie machte sich dann mit Eifer an den Tintenwischer, dessen Zeichnung Marianne entworfen hatte und der nun mit Blau und Gold ausgenäht wurde.

Das war das Hübscheste und Interessanteste bei den Weihnachtsarbeiten, sich die Stoffe und Farben, die Muster und Verzierungen selber auszudenken. Hans suchte in drei Läden, bis er das richtige mattgraue starke Papier fand, aus dem er für Marianne zwei Büchereinbände machen wollte. Sie wurden zugeschnitten und gefaltet; dann besann sich Hans über die Ausschmückung und kam auf die hübsche Idee, einen Kreis zu ziehen und da hinein ein Steinschiff zu malen mit grossem weissem Segel, rotem Steuer und blauem Wasser. Das wurde sorgfältig mit Tusch und Farbe ausgeführt und dann gefirnisst. Für Lotti hatte er eine kleine Wandtafel mit Gestell gearbeitet, die sie vor ihre Papierpuppenschule stellen konnte.

»Nobel!« sagte Ulrich, als Hans ihm den Einband zeigte, und Hans nahm sich vor, Ulrich ein Notizbuch zu schenken mit ähnlicher Ausstattung: Ringsum eine farbige Borte und in der Mitte die Namenszüge in Schwarz und Gold.

Marianne war auch mit beim Buchbinder gewesen und hatte weisse Karten gekauft, die sie geschickt mit kleinen Kränzen und Sträussen aus winzigen Blümchen beklebte. Sie hatte im Sommer allerlei gesammelt: Augentrost, Vergissmeinnicht, Guldenkraut, Klee, feine Gräser und Moose. Den verblichenen Blumen gab sie mit dem Pinsel wieder etwas Farbe. Die Karten sahen sehr niedlich aus und waren für Grossmama bestimmt, welche kurze Briefe darauf schreiben konnte.

So herrschte eine grosse Geschäftigkeit unter den Turnachkindern, ein Hin und Her mit Stickgarn und Farbkasten, mit Leim und Schere. Werner wollte auch etwas tun. Er warf das Leimglas um und zerschnitt Lottis Seidenfäden. Da gab ihm Mama einen mit Wachs gesteiften Bindfaden und grosse Glasperlen, damit er für Balbine ein Armband mache. Aber der ungeschickte Bub liess die Perlen fallen und lief immer wieder zu Marianne, dass sie ihm helfe.

»Wenn ich doch gar keine Zeit habe!« wehrte sich Marianne.

Sie hatte ein Täschchen für Mama angefangen, eine etwas zu grosse Arbeit. Wann sollte sie fertig werden? Um halb acht Uhr musste man immer ins Bett.

»Weisst du, Lotti«, flüsterte Marianne leise, damit der kleine Werner nichts ausplaudern könne, »heut abend geht Mama ins Konzert, und da bleib ich auf. Ich glaube, das darf man schon einmal, weil es eine Weihnachtsarbeit ist.«

Wirklich zog sich Marianne, als sie abends mit Lotti ins Schlafzimmer kam, nicht aus. Sie hatte, ohne dass es Sophie und Balbine bemerkten, statt dem Wachslicht die alte kleine Küchenlampe mitgenommen und setzte sich mit ihrer Stickerei hin.

»Du hättest eigentlich auch zu tun«, sagte sie. »Du könntest an dem Nadelbüchlein für Sophie weitersticken.«

»O«, gähnte Lotti in ihrem Bett, »das wird schon noch fertig. Arbeiten mag ich nicht mehr; aber ich will dir eine Geschichte erzählen.« Sie besann sich. »Ich will dir Jorinde und Joringel erzählen.«

»Nein«, sagte Marianne, »das ist so schrecklich traurig.«

»Ja, und eigentlich weiss ich es auch gar nicht mehr recht. Aber das Rumpelstilzchen?«

»Also!« sagte Marianne.

»Es war einmal ein Müller«, fing Lotti an. »Der sagte zum König, er habe eine Tochter, die Gold spinnen könne aus Stroh. Da liess der König die Tochter auf das Schloss holen und gab ihr einen Bund Stroh, dass sie daraus Gold spinne. Aber die Müllerstochter weinte – weil – – sie das gar nicht konnte – –«

»Und da?« fragte Marianne. »Weiter! Du wirst doch nicht schon einschlafen?«

»Nein, bewahre!« versicherte Lotti. »Ich bin noch ganz wach. Und da kam ein graues Männlein und fragte die Tochter, warum sie weine, und sagte, er wolle ihr das Stroh zu Gold spinnen, wenn sie ihm ihr Halsband gebe. Und da spann das – da spann das –«.

»Das Männlein!« half Marianne, während sie einen neuen Faden nahm.

»Das Männlein«, sagte Lotti nach; aber weiter fuhr sie nicht.

»Lotti, das soll jetzt die ganze Geschichte vom Rumpelstilzchen sein?« rief Marianne.

Da drehte sich Lotti noch einmal und sagte:

»O, wie gut, dass niemand weiss,
Dass ich Rumpelstilzchen heiss'.«

»Ach Lotti«, erwiderte Marianne. »Du machst alles durcheinander. Das gehört ja erst an den Schluss!«

Aber Lotti war bereits eingeschlafen.

Da erzählte sich Marianne in Gedanken selber weiter, wie der König immer mehr Gold wollte und wie er die Müllerstochter heiratete und diese dem grauen Männlein ihr erstes Kind geben sollte, wenn sie nicht erraten konnte, wie das Männlein hiess. Aber ihr Bote hörte dann im Walde, wie das Männlein den Spruch sang, und sie durfte ihr Kind behalten.

Es war jetzt ganz still im Zimmer. Marianne stickte fleissig; die eine Ecke wollte sie fertig bringen, durchaus. Sie konnte ihre Augen schon zwingen, offen zu bleiben. Jetzt schlug es draussen auf der Turmuhr halb neun. Drüben überm Hof in dem grossen Hause brannten Lichter; andere Leute arbeiteten also auch noch …

Marianne fuhr zusammen. War sie jetzt eingeschlafen? Nein, das durfte sie nicht. Sie rückte zurecht und stichelte weiter. Die Lampe leuchtete aber auch schlecht. Marianne schraubte den Docht höher. Sie dachte, um sich wach zu halten, an das Rumpelstilzchen, wie es nachts in dem Walde beim Feuer auf und ab tanzte:

»O, wie gut, dass niemand weiss,
Dass ich Rumpelstilzchen heiss'.«

Marianne sah das Feuer … Ein grauer Dunst stieg davon auf und erfüllte alles … Und Marianne hatte nicht mehr das Täschchen in der Hand, sondern Stroh, und das sollte zu Gold werden. Aber Marianne konnte die Hände nicht bewegen, und vor ihr das Rumpelstilzchen hörte nicht auf, seine seltsamen Sprünge zu machen. Dann kam auch die Müllerstochter und nahm Marianne das Stroh aus den Händen … Oder war es Sophie, die ihr half sich ausziehen –? Marianne strengte sich an, die Augen aufzumachen, um zu sehen, wo sie eigentlich war, im Walde bei dem Rumpelstilzchen oder in ihrem Zimmer. Aber als sie fühlte, dass sie im Bette lag, vergingen ihr alle Gedanken.

Am andern Morgen wusste sie gar nicht, wie das gestern zugegangen war.

»Ja, Marianne«, sagte Mama, »seltsam ist es zugegangen. Wie Sophie hereinkam um neun Uhr, war das ganze Zimmer erfüllt von dickem greulichem Lampenrauch, und du lagst eingeschlafen am Tisch. Wenn du die Lampe umgestossen hättest! Sophie hat dich dann ins Bett gebracht. Du hast es gut gemeint, Marianne. Aber tu so etwas nicht wieder! Du sollst schlafen nachts, nicht sticken. Weit bist du doch nicht gekommen, wie mir scheint.«

»Nein, Mama!« gestand Marianne beschämt.

Aber wie freudig überrascht war sie am Abend, als sie die beiden unteren Ecken an ihrer Arbeit fertig fand. Wer hatte geholfen –?

»Das Rumpelstilzchen vielleicht«, sagte Sophie. »Wenn es versteht, aus Stroh Gold zu spinnen, wird es wohl auch den Kreuzstich können.«

Marianne erfuhr nie, wer sich der Arbeit angenommen; aber mit dem Rumpelstilzchen wurde sie oft noch geneckt, und das Täschchen hiess, so lange es Mama hatte, das Rumpelstilzchen.

Am Tage nach Mariannes verunglücktem Aufbleiben war Sankt Nikolaus. In der Gegend, wo Grossmama aufgewachsen, feierte man den Nikolaustag; Grossmama hatte diese Sitte beibehalten und bereitete jedes Jahr den Turnachkindern eine kleine Festfreude, einen Vorgeschmack von Weihnacht.

Lotti und Werner standen erwartend am Fenster und sprachen vom Christkind. Werner hatte heute auf der Schwelle einen Faden Goldflitter gefunden. »Werner, da ist das Christkind vorbeigegangen!« hatte Sophie gesagt. »Sei nur ja ganz brav. Es ist jetzt oft in der Nähe!«

Der Kleine sah mit Lotti hinaus.

»Ich guck recht, Lotti. Dann seh ich es vielleicht fliegen. Es hat ein silbernes Kleid, gelt? und goldene Haare?«

Lotti nickte. Wenn man es wirklich einmal sehen könnte mit seinen schimmernden Flügeln und dem Stern auf der Stirne! Nur einen Augenblick –! In der Schule hatten gestern ein paar Kinder gesagt, es gebe kein Christkind.

»Mama«, war Lotti heimgekommen. »Es ist aber so schön, das vom Christkind! Ich glaube doch, dass es eines gibt.«

»Ja, Lotti, glaub du das nur«, hatte Mama geantwortet.

So spähte denn Lotti mit dem kleinen Bruder zum dunkeln Himmel hinauf.

Plötzlich aber läutete es draussen. Es war Grossmamas Friederike, die den »Nikolaus« brachte; auf einem mit weissem Tuch bedeckten Brette lagen vier schöne, braungelbe Nikolausmänner aus mürbem Teig gebacken, mit Rosinenaugen und einer Rute aus weissem Zucker. Und über den Nikolausmännern lagen vier grüne Tannenzweige.

Jedes Jahr wurden die gebackenen Männer mit Jubel empfangen; Mama musste immer wieder erzählen, wie einst bei Grossmama, als diese noch klein war, ein wirklicher lebendiger Nikolaus gekommen sei mit langem Bart und Pelzrock und einer grossen Rute, über dem Rücken einen Sack mit Nüssen und Äpfeln. Aber die kleinen Mädchen und Buben im Haus hätten sich so gefürchtet und so entsetzlich geschrien, dass das nächste Mal dann statt des lebendigen Nikolaus kleine Nikolausmänner aus Kuchenteig gekommen seien.

»Ich mag auch lieber nur einen kleinen«, sagte Werner und sah seinen Nikolaus zärtlich an, nachdem er ihm ein Stück vom Bein abgebissen und das rechte Rosinenauge herausgeklaubt hatte.

Hans aber hielt die Tannenzweige über die Lampe, so dass die Nadeln leise zu knistern begannen und durch den ganzen Raum ein feiner, lieblicher Duft zog, der Duft des Christbaumes –!

»Weihnacht, Weihnacht!« riefen die Kinder und liefen, ihre Tannenzweige schwingend, durch das Haus, zu Ulrich hinunter, zu Papa und wieder hinauf.

»Weihnacht, Weihnacht!« drangen sie zum Schwesterlein ins Zimmer, damit die Kleine ebenfalls den Tannenduft atme.

»Nächstes Jahr bekommst du auch einen Nikolaus!« rief Lotti.

»Mum, mambam«, machte die Kleine und lachte die Geschwister zufrieden an, als ob sie sagen wollte: »Ja, ja, ich kann schon noch warten.«

Näher und näher rückte Weihnacht heran. Bereits fünfzehn Striche hatten Marianne und Lotti an ihren Betten ausgewischt. Die Tage waren jetzt ganz mit Weihnachtsgedanken erfüllt. Schon früh am Morgen, wenn es fast noch dunkel war, begannen die Kinder ihre Lieder zu lernen. Mama nebenan hörte zu und half. Marianne war immer die erste.

»Mama«, rief sie leise. »Schläfst du noch?«

»Nein«, antwortete Mama.

»Dann kann ich aufsagen?« Und sie begann:

»Du lieber, heil'ger, frommer Christ,
Der für uns Kinder kommen ist,
Damit wir sollen gut und rein
Und rechte Kinder Gottes sein …«

Die zwei ersten Strophen konnte sie schon. Nun sprach Mama ihr die schöne dritte vor:

»Du lieber, heil'ger, frommer Christ,
Weil heute dein Geburtstag ist,
Drum ist auf Erden weit und breit
Bei allen Kindern frohe Zeit.«

Dann kam Lotti an die Reihe. Während sie ihr Lied aufsagte, blieb Marianne aufrecht sitzen und sprach leise mit:

»Wenn die Weihnachtsglocken klingen,
Wenn die Engel Gottes singen …«

Wie ahnungsvoll das war! – Draussen fing der Strassenlärm an; man hörte die Wagen rasseln; der Bäckerjunge und der Briefträger läuteten am Hause. Es ging wie alle Tage im Jahr. Und doch fühlte man in sich innen, dass jetzt eine besondere Zeit war, eine ganz einzig schöne Zeit!

Hans, der oben schlief, sagte seine Weihnachtsverse am Abend, bevor man die Lampe anzündete. Mama lehrte ihn ein Stück aus dem Weihnachtsevangelium:

»Und es waren Hirten auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen …«

Mama erzählte den Kindern dann noch weiter, wie die Hirten das Jesuskind gefunden im Stall zu Bethlehem, und wie die Könige kamen, ihm Geschenke zu bringen. Das hörte sich so schön und feierlich an in der Abenddämmerung.

Am Mittwoch der letzten Woche kam das Backen. Mama und Balbine hatten schon am Abend vorher Mehl, Zucker und Eier, Zitronat, Zimmet und Mandeln abgewogen.

»Heut nachmittag dürft ihr helfen!« rief Sophie den Kindern nach, als sie zur Schule gingen.

Der würzige Geruch aus der Küche und die freudige Ungeduld verfolgte die drei bis in die Unterrichtsstunden hinein. Dass Lotti nicht recht aufpasste und nach allen Seiten mitteilte, es werde heute zu Haus gebacken, war nicht erstaunlich. Sie musste sogar ein bisschen in den Winkel stehen. Aber Hans – ein Bub und ein Fünftklässler –! Zweimal gab er im Rechnen eine ganz falsche Antwort, weil er an die Verzierung seiner Lebkuchen dachte. Herr Altschmid runzelte die Stirne.

»Was ist denn heut mit dem Turnach! Erst behauptet er, wenn neun Maurer zu einer Arbeit drei Tage brauchen, so müssten achtzehn Maurer sechs Tage haben! Und jetzt kann er nicht einmal mehr 135 durch 15 teilen! Ich möchte wirklich wissen, wo seine Gedanken sind.«

Hans wurde feuerrot. Es wäre doch geradezu entsetzlich, wenn Herr Altschmid und die Buben errieten, an was er gedacht hatte! Das ganze Jahr müsste er in der Klasse »der Zuckerbäcker« heissen –! Mit Gewalt verscheuchte er den Zitronat und die Mandeln aus dem Kopfe und strengte sich an, die folgenden Rechnungsaufgaben richtig zu lösen.

Die ganze Familie, Papa ausgenommen, war nachmittags in der Küche beschäftigt. Lotti stand mit aufgestülpten Ärmeln an einer Schüssel mit warmem Wasser, in dem die Mandeln geschält wurden. Hoppla! da sprang wieder eine über Lotti weg, eine ganz kleine, krumme; die durfte man essen.

»Mama, der Backtag ist doch zu nett!« rief Lotti einmal über das andere.

Mama strich mit Balbine den Lebkuchenteig auf grosse Oblaten, worauf Hans und Marianne die Ausschmückung vornahmen. Es wurden aus Zitronat und geschnittenen Mandeln Sterne, Halbmonde, Buchstaben und Blumen gebildet, immer künstlicher, bis Mama zur Eile trieb. Die Springerlein mussten auch noch gemacht werden. Da kamen die hübschen Formen, in die man den Teig drückte: die Ente, der Hase und das Obstkörbchen, das Dampfschiff und die Windmühle. Auch ein Kaiser Karl war da mit Krone, ein Tiroler und eine Frau, die ein Taufkind trug. Es ging sehr munter und laut zu mit Rühren und Klopfen, mit: »Ei, wie fein!« und »O weh! jetzt ist dem Kaiser Karl der Kopf weg –!«

Werner arbeitete an einem niedrigen Stuhl; er war voll Mehlstaub wie ein Müller, und schrecklich viel Mehl knetete er auch in seinen Teig, der allmählich zu einem grauen festen Klumpen wurde. Höchst befriedigt drückte ihn aber Werner zuletzt in die Schwanenform hinein.

»Den hab ich gemacht!« rief er strahlend. »Den schenk ich Sophie, und dem Papa mach ich ein Dampfschiff!«



Der Weihnachtstag
Endlich, endlich war der Weihnachtsmorgen da. Marianne leuchtete und Lotti wischte den letzten Strich aus, den allerletzten! Kaum waren die beiden imstande, sich anzuziehen vor Wonne. Und es gab doch noch so viel zu tun. Im Wohnzimmer brannte die Lampe; ringsum auf Tischen und Stühlen war eine prächtige Unordnung von Schuhen, Spielzeug und Kleidern, von Körben mit Äpfeln, Kuchen und allerlei andern Esswaren. Mama richtete Pakete für verschiedene Leute, die sie beschenken wollte. So bekam Theodor Hahn ein paar neue Stiefel, ein Märchenbuch und eine grosse Tüte voll Backwerk. Für Mischa Zritschek, der immer noch alles Schuhwerk der Familie Turnach sohlte und flickte, hatte Mama Taschentücher und ein Schreibzeug, für seine Mutter Wollenstoff und Kaffee bereit.

»Guten Morgen, Mama –! Mama, Weihnacht!« kamen die Kinder hereingesprungen und machten sich eilig auch an ihre Pakete. Das war die letzte schöne Arbeit! Marianne hatte für ihre Geschenke weisses Seidenpapier mit Rosabändchen; Lottis Sachen wurden in Blau gewickelt mit silberner Schnur; Hans aber brachte hellgrüne Bogen und steckte auf alle seine Päckchen kleine Stechpalmenzweige voll roter Beeren; er hatte die Zweige von Balbines Bruder, dem Gärtner, erhalten.

Jedes der Kinder war in einer Ecke beschäftigt und schrie laut auf, wenn ein anderes in die Nähe kam. Lotti legte sich immer mit der ganzen Länge auf ihre Herrlichkeiten, um sie zu verbergen.

Der kleine Werner erschien nun ebenfalls und lief mit seinen dicken grauen Springerlein von einem zum andern, dass man ihm auch schöne Pakete daraus mache, was die gute Marianne dann tat.

Gegen Mittag wurde es immer geheimnisvoller im Hause. Mama schloss die Wohnstube ab, und ins Schlafzimmer durfte man auch nicht mehr. Man ass droben in der blauen Stube; doch niemand hatte Zeit, lange am Tisch zu sitzen. Die Kinder wurden hinaufgeschickt auf den Boden, wo sie oft nach dem Essen spielten; aber heute hielten sie es nicht aus da droben.

»Geht hinunter zu Papa«, sagte Mama, »und fragt, ob er Zeit habe, mit euch spazieren zu gehen!«

»Ja, Mama, ja! und wenn wir heimkommen, ist Weihnacht da!«

Jedes Jahr machte Papa mit den Kindern vor der Bescherung einen weiten Spaziergang hinauf durch den Wald und dann hinunter in die Seeweid zu Frau Völklein. Es mochte noch so kalt sein, dieser Spaziergang wurde gemacht, und die Kinder sagten, er sei der allerschönste im ganzen Jahr.

Als die vier Kinder – Werner war diesmal auch dabei – mit Papa das Haus verliessen, kam Theodor Hahn mit glücklichem Gesicht über den Kornplatz, um sein Paket bei Frau Turnach zu holen.

»Aber noch nicht aufmachen, gelt?« mahnte ihn Marianne.

»Nein, erst am Abend!« versicherte Theodor. »Ich bekomme ein Christbäumchen!«

Unter der Türe der Apotheke standen Rudolf und Sylvia.

»Freut ihr euch auch so schrecklich?« rief ihnen Hans zu.

»Ja, furchtbar!« antwortete Sylvia, die mit dem ganzen Gesicht lachte. »Bei uns kommt das Christkind schon um fünf Uhr!«

Auf der Brücke liefen die Leute rasch und geschäftig aneinander vorbei, Frauen mit Körben, Männer und Knaben mit grünen Christbäumen auf den Schultern, neu lackierten Puppenwagen oder Schlitten. Jedesmal, wenn Lotti so etwas Ahnungsvolles erblickte, stampfte sie vor Vergnügen mit beiden Füssen.

»Die friert auch«, sagte ein Bäcker an der Kramgasse, der mit einem Blech voll frischgebackener Stollen aus dem Laden trat.

»Nein, ich freu mich bloss so!« rief Lotti.

Als man aus der Stadt heraus auf die Höhe kam, wurde es stiller. In dem tiefen Schnee sah man nur einzelne Fusstapfen. Es war das prächtigste Weihnachtswetter. Am Himmel zogen leichte weisse Wolken daher, aus denen der Schnee in feinen Flocken oder einzelnen Sternchen herniederflog. Dazwischen war wieder der blaue Himmel sichtbar, und die Sonne schien auf die beschneiten Abhänge. Die ganze Luft war wie silbern.

Am Waldeingange standen hohe Tannen, deren Äste sich senkten unter der Last des Schnees.

»Papa«, sagte Marianne, »wie das schön ist, durch den prächtigen Wald zu gehen und dabei an das andere Schöne zu denken, das am Abend kommt!«

Lotti war ein Stück voraus und sagte mit lauter Stimme ihr Weihnachtslied in die glitzernde Luft hinaus.

In den Tannen piepten die Meisen. Auf einem Aste sass ein Eichhörnchen und guckte neugierig zu den Kindern herunter. Werner, der so ein Schwanztier, wie er es nannte, noch nie gesehen, hatte seine helle Freude.

»Komm! Komm! ich schenk dir etwas!« rief er und streckte ein Anisspringerlein zu der Tanne hinauf.

Papa aber zog seine Uhr.

»Vorwärts, Kinder! In drei Stunden brennt schon der Christbaum!«

Da liessen die Kinder Meisen und Eichhorn und fingen auf einmal an so zu eilen, dass Papa kaum nachkam und Werner Trab laufen musste.

Die Seeweid lag einsam und verschneit. Aber als Frau Völklein die Turnachkinder die Treppe heraufstampfen hörte, kam sie aus ihrer Türe.

»Grüss Gott, grüss Gott, Kinderlein! So kalt und in dem tiefen Schnee! Ja, und das Wernermännchen auch –! Mit ganz rotem Näschen! Gewiss habt ihr nasse Füsse bekommen! Grite soll euch die warmen Schuhe bringen!«

Die Kinder zogen bereitwillig ihre Schnürstiefel aus. Sie wussten das vom vergangenen Jahr. Es war sehr lustig, in den viel zu weiten Hausschuhen herumzufahren wie in Kähnen. Dann aber setzte man sich an den Tisch zu einem warmen Tee und Bretzeln; es schmeckte prächtig nach dem langen Spaziergang. Der Tee bei Frau Völklein gehörte durchaus zu den Weihnachtsfreuden der Turnachkinder. Fritz war nicht da; aber er wurde eingeladen, sich an einem der Feiertage die Bescherung anzusehen. Die Bescherung –! Die Kinder standen vom Tische auf. Sie konnten heute nirgends lang ruhig bleiben; sie schifften in ihren Hausschuhen auf den Gang hinaus zum Fenster.

Unter weisser Decke lag der Garten, die Seemauer und der Landungssteg; das Schiff war aufs Ufer gezogen unter ein Bretterdach. Alles sah aus, als ob es schlafe in dem tiefen Schnee.

In der Küche sass Jakob bei seinem Abendbrot.

»Jakob, heut ist Weihnacht!« riefen die Kinder.

»Ja«, sagte er und steckte das letzte Stück Brot in den Mund.

»Hast du dich auch so schrecklich gefreut, als du ein Bub warst?«

»Ja, ja, schon. Christbäume waren zwar bei uns im Dorf nicht Brauch.«

»Aber du hast doch etwas bekommen? Was hast du bekommen?«

Jakob besann sich.

»Eine kleine Stadt hat's einmal gegeben zum Aufstellen. Und dann jedes Jahr ein paar Winterstrümpfe und einen grossen Birnenweggen.«

Jakob klappte sein Taschenmesser zusammen.

»Du, Jakob«, fing Lotti die Unterhaltung wieder an, »ich finde es schrecklich traurig, eine Kuh zu sein.«

»Lotti, du sagst doch Sachen!« riefen Hans und Marianne.

»Ja, ich meine es im Ernst. Jetzt stehen die Kühe im Stall und wissen gar nichts von Weihnacht. Und heut abend bekommen sie bloss Heu, wie wenn es ein gewöhnlicher Tag wäre.«

»Das ist auch am besten für sie«, versetzte Jakob. »Und dann – etwas haben die Kühe vielleicht doch. Sie hatten vor acht Tagen die Thomasnacht.«

»Die Thomasnacht?« fragten die Kinder. »Was ist in der Thomasnacht?«

Jakob zögerte ein wenig.

»Bei uns daheim sagen manche Leute, in der Thomasnacht können die Tiere sprechen.«

»Jakob«, rief Hans. »Das glaubst du aber doch nicht!«

»Nein, natürlich – eigentlich nicht. Aber für die Thomasnacht richt' ich den Stall doch immer besonders schön her – man weiss nicht – . Und ich möcht's den Kühen gönnen, wenn sie auch einmal im Jahr das Maul auftun dürften!«

»Ja, das wäre nett für sie«, rief Lotti. »Und es könnte doch wahr sein! Jakob, geh' in der Thomasnacht einmal in den Stall und hör zu!«

»Nein, das darf man nicht! Der Grossvater hat immer gesagt, er glaube, der heilige Thomas gehe dann durch die Ställe und höre, was die Tiere zu erzählen haben, und wenn sie klagen, dass man schlecht mit ihnen umgehe, so sage der heilige Thomas es nachher dem lieben Herrgott –«

»Und dann?« fragte Lotti.

Aber nun brachte Grite die Stiefel, die sie mit heissem Sand getrocknet hatte. Eilig und freudig schlüpften die Kinder hinein.

Als man unter den kahlen beschneiten Birnbäumen den Weg hinaufging, fing es an zu dunkeln. Droben an der Strasse brannten schon die Laternen. Werner marschierte tapfer neben Papa her und hüpfte von Zeit zu Zeit an ihm auf:

»Papa, ich schenk dir auch etwas!«

»Ja, wenn ich doch wüsste, was das ist!« sagte Papa.

»Tu raten, Papa!«

Dann fing der gute Papa an zu raten:

»Einen Schlafrock? Einen Zylinderhut? Eine Kutsche? – Aha, jetzt weiss ich: Einen Luftballon –?«

Und der kleine Bursche lachte jedesmal laut auf:

»Nein, Papa! Nein!« und kam auf diese Weise vorwärts, ohne etwas von Müdigkeit und Kälte zu fühlen.

Die drei Grossen gingen hinterdrein.

»Was ist denn?« rief Papa zurück, als er einen lauten Schrei hörte.

»Nichts, Papa!« antwortete Marianne. »Wir mussten bloss ein bisschen schreien, weil wir es fast nicht mehr aushalten!«

Zu Hause sass Grossmama schon in der blauen Stube. Onkel Alfred war auch da und ging auf und ab.

»Gelt, Onkel, man kann es fast nicht erwarten«, sagte Lotti. »Um sechs Uhr läutet's. Wie lang dauert das noch?«

»49 Minuten 37 und eine halbe Sekunde«, sagte der Onkel auf die Uhr schauend.

Dann aber setzte er sich ans Klavier und spielte schöne Akkorde. Es klang, als ob Weihnachtsglocken läuteten.

Endlich kam auch Mama mit dem Schwesterlein auf dem Arm und Papa.

Nun sollte Marianne mit ihrem Lied beginnen. Sie drückte die Hände einen Augenblick ineinander und spürte ihr Herz klopfen. Es war so feierlich, wie alle da still im Kreis sassen. Aber dann fing sie an:

»Du lieber, heil'ger, frommer Christ …«

und sprach die Verse gut und ohne Stocken.

Lotti auch. Nur einmal mahnte Mama leise:

»Nicht so schnell, Lotti!«

Als Hans das schöne Weihnachtsevangelium von den Hirten und dem Lobgesang der Engel aufgesagt hatte, stimmte Onkel Alfred am Klavier das liebe alte Lied an:

»O du fröhliche, o du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit …«

Alle sangen mit. Papas und Onkel Alfreds Stimmen klangen wie Orgeltöne.

Dann aber vernahm man plötzlich einen andern Ton: Das helle Weihnachtsglöcklein läutete unten, so stark es vermochte.

»Mama, jetzt – jetzt –!«

Mama nickte lächelnd. »Ja, jetzt!« Die Kinder stürzten hinaus und die Treppe hinunter. Die Türe des Weihnachtszimmers war weit offen. Einen Augenblick blieben alle vier wie geblendet stehen. Strahlend stand der hohe Christbaum da mit seinen Lichtern, seinen farbigen Kugeln, goldenen Nüssen und dem funkelnden Flitter, der über den Ästen hing. So vertraut und doch so zauberhaft, so unbegreiflich schön!

Dann aber machte sich Werner von Mariannes Hand los.

»O, o, Kühe!« rief er in höchstem Jubel und lief in die Ecke, wo man auf einem niedrigen Tischchen seine Sachen aufgebaut hatte.

Und nun war der Bann gebrochen. Hans erblickte seinen Platz rechts vom Christbaum.

»O, o!« rief auch er und zog einen Schlitten heraus, einen festen Schlitten aus schönem glattem Holz, genau wie er sich ihn gewünscht hatte!

»Marianne, sieh wie lang! Da können wir zu dritt sitzen!« Doch Marianne hörte nicht; sie hatte schon ihre Schlittschuhe in der Hand, ein Paar prächtige Schlittschuhe, ganz wie die von Lily Rabus! Marianne wollte sich gleich hinsetzen, um sie an ihrem Fuss zu messen; aber ihre Augen überflogen den Tisch und erblickten neben allerlei Paketen einen Muff und Pelzkragen, und dahinter stand die Puppenstube neu hergerichtet, mit weissen Vorhängen und grünem Tischteppich, drei neuen Puppenkindern und einem Papa in brauner Hausjoppe mit einer Zeitung, und am Fenster war ein Blumentisch. Nein, diese Seligkeit –!

»Lotti, sieh doch!«

Lotti kniete indessen in lautem Entzücken vor einer Wiege, in der ein Wickelkind schlief, mit blonden Härchen und weissem Kittelchen.

»Es macht die Augen auf und zu! O, du Schatz!« rief sie und küsste die Puppe und sah dann hinten über der Wiege den Kramladen! Frisch gestrichen und lockend stand er da mit Quittenwürstchen und Schokoladeschinken, mit Glasbüchsen voll Zuckererbsen, mit kleinen Brotlaiben und einer Menge weisser Tüten. Das Wickelkind im Arm, machte sich Lotti jauchzend an den Laden.

Am lautesten aber ging es in Werners Ecke her. Er kreischte geradezu vor Wonne über seine Kühe und riss an Onkel Alfred, bis dieser sich zu ihm auf den Boden setzte, um die Tiere anzusehen.

»Die heisst – Dachs!« schrie Werner. »Und die ist die böse, die heisst Bär! Und das ist der Bless –«

Dann lief er hinter den Ofen und erklärte dort dem Pferd, dass es Platz machen müsse, weil jetzt Kühe kommen. Es war auch ein Heubündel da. Werner hatte so zu tun, dass er die Schachtel mit dem Dorf und das Bilderbuch noch gar nicht betrachten konnte.

Hans wusste ebenfalls nicht, wohin sich wenden. Da war ein Buch, das hiess »Das Wunderland der Pyramiden« und hatte eine Menge Bilder von Kriegern, Denkmälern, seltsamen Göttern und Felsengräbern. Das andere Buch trug den Titel »Sigismund Rüstig« –

»Marianne, das ist ja die prächtige Geschichte, aus der Papa uns schon erzählt hat!«

Aber im selben Augenblick rief Marianne: »Hans, Lotti! seht doch den Christbaum wieder an, wie schön er ist!«

Ja, wenn man nur alles zugleich hätte bewundern können!

Das Schwesterlein nahm sich am meisten Zeit für den Christbaum. Auf Mamas Arm guckte es mit weit offenen Augen unverwandt in die Lichter und fuhr mit den kleinen Fäusten auf und ab vor Erstaunen und Freude.

Balbine, Sophie und Ulrich waren auch hinzugetreten, und da sah man erst, dass Ulrich etwas in der Hand hielt, ein Geschenk für die Kinder, ein Schiff, das er an den Abenden und Sonntagen aus Holz geschnitzt hatte.

»Nein, so etwas Feines, Ulrich!« jubelten die Kinder.

Es war weiss, blau und rot gestrichen und hatte ein Segel und ein bewegliches Steuerruder. Das Ganze war so kunstvoll und sauber gemacht, dass auch die Grossen es bewunderten.

»Ulrich, Sie sind ja ein Schiffbauer erster Güte«, sagte Onkel Alfred. »Sie gehören auf eine Werft und nicht in die Garnkammer!«

Ulrich lachte verlegen. Er hatte auch einen Gabentisch und freute sich besonders über Lottis Pulswärmer. Aber vergnügt sah er immer wieder hinüber zu Hans, der das schöne Schiff auf seinen Tisch stellte, mitten unter die Herrlichkeiten, die noch gar nicht alle entdeckt waren. Da gab es ein Taschenmesser, warme Winterhandschuhe, ein Reisszeug, mit dunkelblauem Sammet ausgeschlagen, einen Rucksack mit allerlei nützlichen Nebentaschen. Es war fast zu viel. Hans zog Marianne mit Gewalt herüber, dass sie ihm helfe bewundern.

»Ja, Hans, prachtvoll! Reizend!« stimmte Marianne ein. »Aber komm, sieh meinen Malkasten an! Bitte, nur den! Es sind fünfzehn Farben und vier Pinsel!«

Hans besichtigte den Malkasten; als er aber gleich wieder zu seiner Bescherung hinüberlief, holte sich Marianne Balbine, damit sie helfe, das Kommödchen von Grossmama betrachten, und die hübsche Schürze, die Zopfbänder, die Gamaschen und das Buch, das »Roland und Elisabeth« hiess, und gewiss wunderschön zu lesen war.

Lotti hatte sich Ulrichs bemächtigt; er musste das Wickelkind besehen, die gefüllte Federschachtel, den kleinen Pumpbrunnen, den Baukasten und den Regenschirm mit einer Troddel wie der von Mama!

Der fröhliche Lärm wurde immer grösser, da nun Papa und Mama, Grossmama und Onkel Alfred auch an ihre Tische getreten waren und mit Ausrufen der Freude und Überraschung ihre Geschenke entgegennahmen. Die Kinder liefen von einem zum andern und standen gespannt dabei, wenn ihre kleinen Pakete aufgemacht wurden.

»Alles Blaue mit Silberschnur ist also von mir!« verkündete Lotti.

Mama wickelte das Rumpelstilzchen aus. Grossmama war entzückt über Hansens rosa Pappschachtel, in der Mariannes Blumenkarten lagen. Papa aber entdeckte Werners grossartiges Geschenk.

»Gelt, Papa, das hast du nicht erraten können!« triumphierte der Kleine, und ruhte nicht, bis der arme Papa ein Stück von dem dicken grauen Springerlein versuchte.

Dann machte Onkel Alfred mit vielen Umständen Mariannes und Lottis Päckchen auf und hob behutsam den Tintenwischer heraus.

»Reizend –!«

»Für die Tinte!« sagte Lotti und sah den Onkel stolz an.

»Tinte –!« wehrte dieser. »Nein, dafür ist dieses Kunstwerk zu kostbar! Höchstens meine Tränen wische ich damit ab –«

»Ach, Onkel, du weinst ja nie!« riefen Marianne und Lotti belustigt.

»Nie –! Wo ihr mir grade jetzt Tränen der Freude und Rührung entlockt!«

Und Onkel Alfred fuhr sich mit dem Tintenwischer über die Augen; dann aber befestigte er ihn an seinem Knopfloch und erklärte, er werde ihn als Verdienstorden tragen.

In dem Getümmel schoss auch noch Schnauzel hin und her, aufgeregt durch die Lichter, den Lärm und die Wurst, die er geschenkt bekommen hatte. Papa hatte ihm die Hälfte davon gegeben und die andere in die Höhe gehalten.

»Du begreifst, Schnauzel«, hatte er gesagt, »wenn du sie jetzt frissest, so hast du morgen nichts mehr.«

»Wau!« bellte Schnauzel und wedelte heftig mit dem kurzen Schwanze, was jedenfalls heissen sollte:

Ja, ich begreife; aber ich will sie doch gern heut noch! worauf Papa ihm das zweite Stück aushändigte, damit auch er an diesem Abend seine ganze Freude habe.

Die gute Mama und Sophie machten es möglich, dass man im Weihnachtszimmer zu Nacht essen konnte. Man liess sich's gut schmecken; aber das Beste war doch, dass man hinter sich alle die wunderschönen Sachen wusste. Ja, man durfte, was sonst verboten war, mitten vom Essen weglaufen, zur Puppenstube, zum Schlitten und Schiff, zum Wickelkind, zu den Kühen und zu den Körbchen mit Backwerk, die auf den Gabentischen standen und aus denen man sich ein paar recht feine Stücke zum Nachtisch aussuchte.

Schrecklich aber war es, als Mama anfing, vom Schlafengehen zu sprechen.

»Mama, wenn man doch die Betten da heraus zum Christbaum stellen könnte!« rief Lotti.

Zum Glück hielt das Gutnachtsagen und das Danken die Kinder noch ein Weilchen im Zimmer zurück. Man hatte für soviel zu danken!

Werner lief auf Papa zu.

»Papa, hast du dem Christkind gesagt, dass es mir die Kühe schenken soll?«

»Ja, Wernermann.«

»Dann geb ich dir für jede einen Kuss!«

Und der Kleine rannte eifrig hin und her zwischen Papa und seinen Kühen, damit es nur ja richtig werde mit den Küssen. Er wäre nie fertig geworden, wenn Sophie ihn nicht endlich gepackt hätte. Glücklich erwischte er aber noch den »Dachs« und behielt ihn fest im Arm bis in den Schlaf hinein. Lotti stellte ihr »Schatzkind« mit der Wiege neben ihr Bett. Hans legte sein »Land der Pyramiden« und den »Sigismund Rüstig« unter das Kopfkissen, damit er auch im Schlafe die beiden Bücher spüre, und Marianne hängte ihre Schlittschuhe an den Bettpfosten, wo man sie bei jeder Bewegung konnte klirren hören.

Nach der Spannung und der Freude des Tages schlummerten die Kinder bald ein. Aber in der Nacht, als es im Hause ganz still geworden, erwachte Marianne, und es überkam sie eine unbezwingliche Lust nach dem Weihnachtszimmer.

»Lotti«, flüsterte sie, »Lotti, ich muss hinübergehen und den Christbaum ansehen!«

»Ich auch«, sagte Lotti, und beide stiegen aus ihren Betten und schlüpften hinaus ins Wohnzimmer.

Es war nicht ganz dunkel. Das Laternenlicht vom Kornplatz fiel auf den Christbaum, von dem ein feiner Tannenduft ausströmte. Zwischen den Zweigen leuchteten die vergoldeten Nüsse und die kleinen weissen Zuckerherzen. Die feinen Silberfäden, die über den Ästen hingen, zitterten leise. Hoch oben an der Spitze des Christbaums aber glänzte der grosse Stern.

Marianne und Lotti hielten sich an der Hand.

»Marianne«, flüsterte Lotti. »Es ist ganz sicher, dass es ein Christkind gibt. Wer könnte sonst so etwas Wundervolles wie einen Christbaum ausdenken!«

»Kinder, Kinder!« rief jetzt auf einmal Mama aus ihrem Zimmer. »Meint ihr, ich hätte euch nicht gehört? Seid vernünftig und geht nun schnell in euere warmen Betten!«

Mamas Stimme tönte aber sehr freundlich und fröhlich. Gewiss war Mama einst als Kind auch hinausgehuscht ins Weihnachtszimmer, um zu sehen, wie schön und geheimnisvoll der Christbaum bei Nacht sei.



Das alte Jahr geht zu Ende

Am folgenden Morgen wurde im Tageslicht alles aufs neue mit Jubel begrüsst und bewundert, probiert und ringsum gezeigt. Dann aber begannen Marianne und Lotti gleich mit der Puppenstube zu spielen. Die Familie wurde zum Frühstück an den Tisch gesetzt. Die Puppenmama aber hörte nebenan schreien und ging, um das Kleinste aus dem Schlafzimmer zu holen. Dann kam Besuch: Die drei Badepuppen, die im Winter Kleider trugen wie andere Leute, erschienen, um die neue Wohnung zu betrachten.

»Einen Garten haben Sie wohl nicht?« fragte die Älteste der Badepuppen.

»Nein«, antwortete der Familienvater. »Im Sommer ziehen wir immer aufs Land –«

»Lotti«, unterbrach Marianne das Spiel, »wir könnten das wirklich machen! Wir machen den Umzug in die Seeweid – .« Sie lief zu Haus. »Hans, wir brauchen das Schiff! Es muss alles aufgeladen werden!«

Hans sass auf seinem Schlitten, vertieft in »Sigismund Rüstig«»»Stör' mich nicht immer!« sagte er und las die Stelle fertig, wo der treue Steuermann von dem Wilden tödlich verwundet wurde, als er für die belagerte Familie Seagrave Wasser holte. Dann aber sah Hans hinüber zu der Puppenstube und klappte das Buch zu.

»Ihr müsst es richtig machen«, sagte er. »Ihr braucht den langen blauen Teppich, der den See vorstellt, und dann sollte eine Treppe gebaut werden –«

Marianne brachte den Teppich, während Hans eine breite Treppe herstellte, die vom Fenstertritt herunterführte. Hier landete das Schiff, das einen flachen Boden hatte, und nun wurde der sämtliche Hausrat die Treppe hinunter auf das Schiff geschafft. Als alles hochgetürmt aufgeladen war, setzte sich die Familie oben auf das Sofa und den quergelegten Schrank, und das Schiff fuhr, von Hans an einer Schnur gezogen, ab. Zuerst ging es friedlich und in gerader Linie nach dem Moosgärtchen unter dem Christbaum, das die Seeweid vorstellte. Dann aber geschah, was noch nie begegnet war, so oft man in Wirklichkeit schon zur Seeweid gezogen war: Es erhob sich ein starker Sturm und Wellenschlag, verursacht durch Marianne und Lotti, welche anfingen, an dem Teppich zu ziehen und zu schütteln. Hans liess die Schnur los, so dass das Schiff nicht mehr vorwärts kam, sondern, ganz den Wellen preisgegeben, immer stärker hin- und herschwankte.

»Jetzt kommt eine furchtbare –!« rief Marianne, indem sie den Teppich aufwarf.

»O!« schrie Werner, der auch dabei stand, und im selben Augenblick schlug das Schiff auf die Seite. Alle Habe und, was noch schlimmer war, die ganze Familie stürzte ins Wasser. Es gab ein lautes Jammergeschrei.

Der Puppenvater benahm sich heldenhaft. Er rettete die drei kleinen Mädchen, während die Mutter, obgleich sie in ihrem langen Kleid nicht so gut schwimmen konnte, das jüngste Kind ans Land brachte. Die zwei Ältesten mussten sich selber heraushelfen. Endlich war die ganze Familie auf dem Trockenen und konnte daran denken, die Möbel zu retten. Unter Hallo und mit langen Stangen – Hans und Marianne holten ihre Lineale – wurde alles aufgefischt und wieder aufgeladen. Der See hatte sich beruhigt, so dass die Fahrt fortgesetzt werden konnte.

Da klopfte es: Rudolf und Sylvia traten ein.

»Ah – ein Schiff!« rief Rudolf. »Famos, der Schlitten! Zeig, was für Bücher – ich habe Gullivers Reisen bekommen! Ha – der feine Baukasten!«

Sylvia geriet in Entzücken über das Wickelkind. Die ausgeräumte Puppenstube nahm sich gerade nicht sehr vorteilhaft aus, der Kaufladen um so mehr. Bei ihm blieben die Mädchen stecken. Marianne war die Verkäuferin; Lotti und Sylvia verlangten Zuckerstöcke, getrocknete Kirschen und Butter, der durch kleine Marzipanstücke dargestellt war.

Erst ging es ganz hübsch und vernünftig zu. Marianne fragte mit höflicher hoher Stimme nach den Wünschen von Frau Lorez und Frau Turnach und gab jedesmal für die Kinder zu Hause ein paar Zuckererbsen mit. Dann aber, als die Herren Hans und Rudolf auch kamen, wurde es sehr lebhaft. Lotti musste als Ladenfräulein mithelfen, um so mehr, als es sich herausstellte, dass der kleine Gehilfe Werner schrecklich stahl. Marianne und Lotti hatten alle Hände voll zu tun; das Ladenglöcklein schellte beständig. Nach und nach wurden die beiden Herren immer unbescheidener; sie zogen selber die Rosinenschublade auf und nahmen Schokoladezigarren von den Gestellen, so dass Marianne sich zuletzt breit vor den Laden stellte und rief:

»Jetzt kriegt überhaupt niemand mehr etwas! Es ist zwölf Uhr und der Laden wird geschlossen!«

»Ja, und wir müssen eigentlich heim«, erwiderte Rudolf. »Wir wollten nur abreden für den Nachmittag. Also um zwei Uhr, Hans, am Breitenbergweg! Da saust's nur so!«

Als Hans, Marianne und Lotti nach dem Essen mit dem neuen Schlitten und dem kleinen alten auszogen und zum Breitenberg kamen, tönte ihnen schon von weitem der laute, langgezogene Ruf: »Aa – b!« entgegen, ohne den keiner den Weg herunterfuhr.

Eine Menge bekannter Buben und Mädchen waren da. Hansens Freunde liefen auf ihn zu. Die neuen Schlitten wurden besichtigt und verglichen, und rasch ging's den Berg hinauf.

Die Mädchen folgten mit Sylvia, Lily Rabus und andern. Man hatte sich schrecklich viel zu erzählen und zu zeigen.

»Aa – b! aa – b!« schrie es beständig. Nur mit Mühe kam man vorbei an den Dahersausenden.

Aber dann setzte man sich selber auf den Schlitten. Hui! wie das schoss! wie das flog –!

»Aa – b!« schrie Lotti aus vollem Halse, während Hans lenkte.

Der ängstlichen kleinen Sylvia ging es fast zu wild.

»Nicht so schnell, Rudolf!« rief sie, als sie sich hinter den Bruder setzte.

»Das ist grade gut für dich. Jetzt kannst du lernen, ein wenig mutig sein!« entgegnete aber der Bruder und steuerte drauflos.

Sowie man unten war, ging's von neuem hinauf und wieder in einem Schuss talwärts – oder auch einmal auf die Seite in den tiefen Schnee, oder gar in einen andern Schlitten hinein, worauf gewöhnlich eine von beiden Parteien den Rain hinunterkollerte.

Ein paarmal wäre aus solch einem Zusammenstoss fast Streit entstanden.

»Heh da! gebt doch acht, wo ihr hinfahrt!« riefen ein paar Buben, die mit Lotti und mit Hedwig Zohner zusammengeprallt waren.

»Gebt ihr selber acht!« erwiderte Lotti, indem sie aus dem Schnee herauskroch. Wenn sie im Recht war, liess sie nichts auf sich sitzen.

Aber als sie den einen der Buben ansah, lachte sie. Das war ja der Haubinger aus Hansens Klasse, dem sie im Herbst die Rübenlaterne geschnitzt hatte.

»Ja so!« sagte Haubinger und lachte auch, und nach einer Weile, als Lotti grade weder auf Hansens noch auf Mariannes Schlitten Platz fand, lud er sie ein, einmal mit ihm links den noch steileren Rotackerweg hinunterzufahren.

»Aber du heulst dann nicht, wenn es uns an der Ecke über den Wegrand hinausnimmt«, machte Haubinger zur Bedingung.

»Nein, ich heul' nicht!« versicherte Lotti. »Aber wenn es recht rasch geht, so schrei ich, weil's so lustig ist!« womit Haubinger einverstanden war.

An gewöhnlichen Tagen kostete es immer eine Überwindung, sich, wie Mama es wollte, um halb fünf Uhr von der Schlittbahn zu trennen. Heute aber, als es auf dem Kirchturm halb schlug, fiel den Turnachkindern die ganze Herrlichkeit zu Hause ein, und eilig kehrten sie zu ihren Weihnachtstischen zurück. –

Diesem ersten schönen Feiertage folgte eine ganze schöne Woche. Es gab so viel zu spielen, zu hantieren, zu lesen, dass man gar nicht zu allem Zeit fand. Am zweiten Feiertag liess Papa sich erbitten, mit den Kindern zu bauen. Papa baute prachtvoll. Zu dem grossen Baukasten, den die Kinder schon besassen, war dies Jahr ein neuer hinzugekommen mit einer Menge Hölzer, vom längsten zehnteiligen bis hinunter zum Einerwürfel. Dann waren auch Bogen da, abgeschrägte Stücke und sogar einige Säulen.

Papa nahm ein Buch, blätterte eine kurze Weile darin und sagte dann entschlossen:

»Heute bauen wir das Grabmal des Theodorich!«

»Ja, Papa! das Grabmal des Theodorich!« stimmten die Kinder zu, überzeugt, dass das etwas sehr Schönes werde. Das Bild zeigte ein grosses tempelartiges Gebäude.

Und nun ging die Arbeit an. Es wurden acht Grundpfeiler erstellt.

»Sorgfältig, Hans! Fest gefügt, damit nichts einstürzt!« sagte Papa, während er die Rundbogen auswählte.

Marianne und Lotti mussten die Bauhölzer zutragen.

»Einen Zehner –! zwei Achter –! drei Vierer –! vorwärts!« befahlen Papa und Hans. »Einen Siebener, Lotti! Soll das ein Siebener sein –!«

Die Mädchen kamen kaum nach mit Zählen und Herbringen. Werner rannte auch hin und her als Maurerbub und trug dem Papa immer grade die Hölzer zu, die er nicht brauchte.

Der Bau wuchs indessen stolz heran. Ringsum über den Rundbogen gab es einen Umgang.

»Da konnte Theodorich spazieren«, sagte Lotti.

»Ach, Lotti«, entgegnete Hans, »als König Theodorich in das Grabmal kam, war er doch tot.«

»Schade!« sagte Lotti.

»Ist er eigentlich schon lange tot, Papa? Hatte er ein grosses Reich? Führte er viele Kriege?« fing nun Hans an zu tragen.

»War er ein guter König? Hatte er auch Kinder? Wie hiessen sie?« wollte Marianne wissen.

»Halt, halt!« rief Papa und griff sich an den Kopf; denn das waren etwas viel Fragen auf einmal.

Aber dann erzählte Papa, während er weiterbaute, was für ein weiser und mächtiger König dieser Theodorich gewesen sei.

»Und auch ein guter König war er, Marianne, wenngleich es zu seiner Zeit nicht ohne Gewalt und Grausamkeit abging …«

Jetzt kam das Dach. Das war die grösste Schwierigkeit; aber Papa brachte alles zustande. Statt der Kuppel, die mit den eckigen Hölzern nicht zu bauen war, liess Papa das Dach in flachen Stufen auslaufen. Oben errichtete Hans ein Kreuz. Das vollendete Gebäude, das auf der grossen umgestürzten Kiste wie auf einem Felsen stand, sah prächtig aus.

»Hans«, rief Marianne, als die drei immer wieder durch die Bogen in das dunkle Innere guckten, »wir müssen einen wirklichen König Theodorich hineinlegen!«

Sie lief zur Puppenstube und holte den Puppenvater, der mit seiner winzigen Zeitung friedlich auf dem Sofa sass. In seiner braunen Joppe konnte er zwar natürlich nicht den König Theodorich vorstellen. Aber Marianne besass in ihrem Kommödchen, das Grossmama mit allerlei Stoffen für Puppenkleider angefüllt hatte, ein Stückchen dunkelroten Samt. Das gab den Königsmantel. Aus einem Goldbörtchen machte Marianne eine kleine Krone, und so wurde der Puppenvater seiner Familie entrissen und in die Gruft gelegt auf das Totenlager, das Hans aus vier Bauhölzern hergestellt hatte.

»Wie feierlich!« riefen die Kinder.

»Jetzt sollten wir es noch von innen beleuchten!« sagte Hans. »Mama, wenn wir das Nachtlicht haben könnten mit dem blauen Glas!«

Das Nachtlicht wurde geholt und in die Gruft gestellt, wo es die Nacht hindurch brennen sollte. Damit man aber wisse, wie das in der Dunkelheit aussehe, musste die gute Mama auf ein Weilchen die Lampe löschen. Es war geheimnisvoll wie ein schönes Märchen, wenn man in das Grabgewölbe schaute: Das bläuliche Licht fiel auf die Pfeiler der Gruft und auf die Krone des Theodorich, der still dalag, bedeckt von seinem langen roten Königsmantel.

»Mama, ich wollte, der Tag hätte hundert Stunden!« rief Marianne. »Wir haben gar nicht gewusst, wie nett das ist, das Kneten –«

Auf Mariannes Tisch war eine Schachtel mit Modellierwachs gestanden, und heute hatten die Kinder sich darüber gemacht. Sie kneteten Wecken, Hörnchen, Bretzeln, ganze Bäckerauslagen, dann Pilze, Äpfel und Zwetschgen. Hans wurde unternehmend und ging an ein Pferd; aber das war nicht leicht. Immer wenn er zur Probe die Schwestern fragte, erklärte Lotti:

»Das ist eine Ziege!« oder »ein Tiger!« oder »ein Hase!« Fast wäre Hans ärgerlich geworden.

»Aber dass das ein Elefant ist, siehst du vielleicht!« sagte er nach einer Weile neuer Bemühung und zeigte eine Gestalt, die man. an dem langen Rüssel, an den mächtigen Beinen und den Schlappohren sofort erkannte, und die Lotti denn auch geziemend bewunderte.

Marianne hielt sich an die niedrigern Tiere und brachte eine Schlange zustande mit gehobenem Kopf und aufgesperrtem Rachen, auch einen Molch und eine nette Schildkröte.

Lotti vertiefte sich nun ebenfalls in die Arbeit.

»Ich will euch etwas sagen«, erklärte sie. »Ich mache Menschen; das geht am leichtesten.«

Und kühn nudelte sie Arme und Beine zurecht; eine dickere Nudel gab den Leib, eine Kugel den Kopf –

»Haha, er steht!« lachte Lotti zufrieden, bog dem Burschen den Arm und gab ihm einen Schneeball in die Hand.

»Greulich!« sagten Hans und Marianne.

Aber dann bekamen sie auf einmal auch Lust, solche Buben zu kneten. Eine ganze Schar entstand allmählich. Marianne formte einen, der sich weit vorlegte mit gebeugtem Knie; er hatte kurze Hosen und eine Mütze. Hans fabrizierte zwei, die sich in die Haare kamen. Daneben brachte Lotti einen an, der auf dem Boden lag und die Beine in die Höhe streckte. Es ging immer hitziger:

»Ich mach einen auf einem Schlitten – so – er muss recht nach hinten liegen. – Und ich einen, der einen grossen Schneeball rollt – zu einem Schneemann –!«

Marianne verlegte sich auf Mädchen, die zwar wegen der Röckchen etwas beschwerlicher waren. Am liebsten hätten die Kinder den ganzen Tag geknetet. Aber anderes lockte auch wieder. Darum hatte Marianne ausgerufen:

»Mama, ich wollte, der Tag hätte hundert Stunden!«

Doch die schöne Zeit flog unaufhaltsam dahin. Nicht einmal mehr das Jahr hatte hundert Stunden. Übermorgen war schon Silvester.

Der Silvester war ein ganz besonderer Tag bei den Turnachkindern. Da musste man sehr früh aufstehen, noch bei stockdunkler Nacht. Wer zuletzt war, hiess Silvester und bekam eine Musik vor seiner Türe. Die Kinder flehten am Abend, dass man sie doch ja wecke. Keins wollte Silvester sein. Diese Rolle übernahm auch dies Jahr wieder Papa, der sonst so früh aufstand.

»Ssst – ssst!« flüsterte Hans, als die Schwestern die Treppe heraufkamen. Man verständigte sich durch Gebärden. Werner zwar, der auch dabei war, wollte alle Augenblicke etwas sagen, so dass Marianne ihm den Mund zuhalten musste. Sie stellten sich vor Papas Türe auf.

»Jetzt!« flüsterte Hans, und nun hub ein ganz schreckliches Konzert an:

Hans hatte Theodor Hahns Posthorn: »Tetteretäng! tetteretäng!« schmetterte er drauflos. Marianne benutzte zwei blecherne Pfannendeckel als Cinellen: »Ratatschin, ratatschin!« Lotti schlug die Trommel, so fest sie nur konnte, und Werner blies auf einer kleinen Pfeife, die in den höchsten Tönen quiekte. Es war ein Spektakel, der bis in den Hof hinausdrang.

»Wie geht's denn bei euch zu?« rief der Koch vom Goldenen Degen herüber.

»Unsere Kinder machen Silvester!« gab Ulrich zurück, indem er vor sich hinlachte.

Die fürchterliche Musik dauerte ein gutes Weilchen. Dann hielten die Kinder inne und sahen einander sehr befriedigt an.

»Jetzt aber noch etwas Nettes!« schlug Marianne vor. »Jetzt singen wir das Guggulied!«

Das Guggulied hatte Mama den Kindern gelehrt, und das Besondere daran war, dass eines nach dem andern einsetzen musste. Marianne begann:

»Erwacht ihr Schläfer drinnen!
Der Kuckuck rufet laut
Hoch von den Bergeszinnen
Die helle Sonne schaut …«

Dann kam Lotti, und als Marianne nur noch »Guggu, Guggu …« zu singen hatte, fing Hans an. Es klang sehr hübsch ineinander und ging immer wieder von vorn an, bis Papa herauskam und in die Hände seiner wilden Kinder fiel, die ihn unter lautem: »Silvester! Silvester!« die Treppe hinunterzogen.

Auf dem Frühstückstische lagen viele Glückwunschkarten und Briefe, auch einer von Otto aus Larstetten.

»Lieber Freund und Vetter«, schrieb Otto. »Ich habe ein Vergrösserungsglas bekommen und ein Tivolispiel und einen prachtvollen Werkzeugkasten und einen Wettermantel und noch vieles. Wenn ich die Farbenstifte aus dem Etui einzeln zähle, so sind es neunzehn Sachen. Edith gibt dem Peter Stunden. Er soll lernen sagen: Guten Morgen Turmsette. Aber er kann es nicht. Er sagt bloss: Korokikoh. Am letzten Dienstag ist es ihm ganz verleidet, und er hat Edith in die Nase gebissen. Jetzt trägt Edith ein Stückchen Heiltaffet auf der Nase, extra ein schwarzes. Sie hat gesagt, damit man es besser sehe. Die Turmsette geht vielleicht im Frühling nach Amerika. Es grüsst dich freundlich Dein Dich liebender Vetter Otto.

Mama hat gesagt, ich hätte gratulieren sollen. Also, ich wünsche euch allen viel Glück zum neuen Jahr.«

Hans setzte sich sofort zur Antwort hin, während Marianne und Lotti auf Mamas Geheiss die Weihnachtssachen aufräumten. Nur der Christbaum, an dem allerdings kein einziges Zuckerherz, kein Quittenring oder Schokoladestern mehr hing, blieb da; er war noch so schön grün und duftete so gut.

Und das Grabmal des Theodorich, das nebenan stand, musste nun wirklich abgetragen werden? Mama sagte, es nehme zu viel Platz weg. Aber Marianne und Lotti konnten sich gar nicht entschliessen, den prächtigen Bau zu zerstören. Vielleicht doch bis zum Abend durfte er bleiben; oder bis morgen –?

Da führten Werner und Schnauzel zusammen unversehens die Entscheidung herbei. Schnauzel war ein gutmütiger Hund; er konnte jedoch nicht leiden, wenn man ihm eine lange Nase machte, wie es eben jetzt der kleine Werner tat, der hinter dem Grabmal stand. Ärgerlich schoss Schnauzel heran, stellte die Vorderfüsse auf die Galerie – und im selben Augenblick stürzte das ganze Gebäude mit grossem Gepolter zusammen, Dach, Rundbogen, Säulen und alles!

»Hallo!« schrie Hans und fuhr von seinem Briefe auf.

Schnauzel schaute sehr bestürzt drein und bewegte reumütig seinen Schwanz. Plötzlich aber erblickte er den kleinen König zwischen den Trümmern, packte ihn am Sammetmantel und brachte ihn Hans. Wenn er apportierte, wurde er immer gelobt. Die Kinder lachten.

»Eigentlich hat der Schnauzel es ganz richtig gemacht!« rief Hans. »Papa hat ja gesagt, es sei damals sehr wild und gewalttätig zugegangen. Wo hast denn du Geschichte studiert, Schnauzel?«

Marianne aber nahm den Puppenvater und brachte ihn wieder in seinen Familienkreis zurück, wo er erschöpft auf dem Sofa liegen blieb. Was hatte er nicht alles erlebt in der kurzen Zeit! Erst das Schiffsunglück, dann die einsamen Nächte in der Gruft, jetzt den fürchterlichen Zusammensturz und schliesslich den Schrecken, als das Riesentier ihn packte!

Am Abend durften die Kinder mit Grossmama in die Kirche. Als man eintrat, sassen schon viele Leute rechts und links in den Bänken. Es war so still und ernst, dass die Kinder auf den Fussspitzen hinter Grossmama hergingen. Die Säulen der Kirche waren mit Tannengirlanden umwunden; überall brannten Lichter, aber so hoch war die Kirche, dass der Schein nicht bis zur Decke drang; die mächtigen Säulen verloren sich oben im Dunkel.

Marianne sass andächtig da und versuchte zu verstehen, was der Herr Pfarrer sagte. Er sprach von den Leiden des Lebens. Marianne hörte hinter sich eine Frau leise schluchzen, und als sie zur Seite sah, bemerkte sie eine andere, der auch die Tränen herunterliefen. Da wurde es Marianne fast bang. Sie dachte, ob sie wohl auch einmal, wenn sie gross und alt sei, so in der Kirche weinen müsse über die Leiden des Lebens.

Hans sass drüben bei den Männern in einem Stuhl mit sehr hoher Lehne. Auch er sah unverwandt hinauf zur Kanzel und fragte sich, ob es nicht schön wäre, statt einem Doktor ein Pfarrer zu werden und in schwarzem Talar mit so ernster tiefer Stimme den Leuten zu predigen, die aufmerksam zuhörten. Da fiel ihm aber ein, dass er selber jetzt ja nicht acht gebe. Er rückte zurecht und horchte, wie der Herr Pfarrer mahnte, man solle auf Gott vertrauen und tapfer, furchtlos und fröhlich sein. Das gefiel Hans gut.

Lotti hatte etwas Mühe, so ganz still zu sitzen. Noch viel stiller als in der Schule sass man da. Aber auf einmal, als der Herr Pfarrer aufhörte zu sprechen, erklang von hoch oben, wo die Orgel war, ein wunderschöner Gesang, tiefe Stimmen und hohe Stimmen, die ineinander jubelten, dann leise wurden und plötzlich wieder laut und mächtig erschallten. Lotti lauschte.

»Gelt, Grossmama, das gefällt dem lieben Gott auch?« flüsterte sie und Grossmama nickte.

»Was ist Kinder! Ihr wolltet mir doch punkt zwölf Uhr ein gutes neues Jahr wünschen –!« rief Onkel Alfred ins hintere Zimmer, wo Marianne und Lotti im Schlafe lagen.

Mama hatte ihn abhalten wollen, die Kinder zu wecken. Aber sie hatten alle drei dem Onkel das Versprechen abgenommen.

»Und dann, Luise«, sagte der Onkel lachend, »sind deine Kinder nicht so zimperlich! Sie schlafen und springen heraus und schlafen wieder weiter – wie's eben grad am Platz ist!«

Der Onkel hatte recht. Die Kinder kamen in Kleider und Decken eingehüllt vergnügt ans Fenster gelaufen, um das Neujahrläuten zu hören, das eben begann. Alle Glocken der Stadt schlugen in brausendem Klange zusammen. Die ganze Luft war erfüllt von den gewaltigen Tönen. Hell hallte es vom Münster her über den Fluss; dumpf dröhnte die tiefe Glocke von der Kirche hinter dem Kornplatz. In allen Häusern brannten Lichter, und auf dem Kornplatz war eine Menge fröhlicher Menschen, die einander zuriefen.

Lotti sah immer zum Himmel auf; sie dachte, in dem Augenblick, wo das Jahr zu Ende sei, müsste da oben irgend etwas vorgehen. Doch die Sterne standen hoch und ruhig wie sonst an dem dunkeln Himmel. Da begannen aber plötzlich von unten Lichtkugeln aufzusteigen; wie Blitze fuhren sie empor und fielen in blauen, roten und grünen Sternen oder in einem prächtigen Funkenregen herab.

Jetzt schlug es zwölf Uhr.

»Viel Glück! viel Glück!« riefen die Kinder und die Erwachsenen und stiessen mit den Punschgläsern an, in die Mama den Kindern warme Limonade gegossen hatte.

Werner in der Hinterstube war auch wach geworden.

»Wernermann«, rief Hans ihm zu. »Nun ist das alte Jahr fort und davon! Was tun wir jetzt?«

Wernermann sah mit verwunderten Augen drein und besann sich.

»Aber es kommt wieder ein anderes, gelt, Mama?« fragte er.

»Ja, mein Wernermännchen, es kommt ein anderes, hoffentlich ein recht gutes, gesegnetes!« sagte Mama, worauf der Kleine befriedigt sich wieder zum Schlafen hinlegte.



Im kalten Monat Januar

Gleich nach Neujahr wurde es sehr kalt. Es fiel kein Schnee. Jeden Tag stand die Sonne am klaren Himmel; aber mit allem Scheinen brachte sie keine Wärme zustande.

»Brrr –! Frisch, frisch!« sagten die Leute auf der Strasse zu einander statt des Morgengrusses und eilten rasch weiter. Die Gemüsefrauen auf der Brücke steckten bis über die Nase in Mänteln und Tüchern; sie hatten ihre Füsse auf Kästchen, in denen Kohlen glühten, und rieben die Hände, die kalt wurden trotz der dicken Handschuhe.

Es war gar nicht angenehm, am Morgen aufzustehen. Lotti streckte dreimal den Fuss heraus und zog ihn wieder zurück. Marianne wollte tapfer sein und war schon bis zum Waschtisch gekommen. Aber da fand sie es so schrecklich kalt, dass sie noch einmal ins Bett zurückschlüpfte –

»Nur ein bisschen mich noch einmal anwärmen –!«

Lotti hauchte, um zuzusehen, wie ihr Atem als weisse Dampfwolke durch die Luft ging.

»Sophie, wir können nicht aufstehen! Es ist zu grässlich kalt!« rief sie, als Sophie warmes Wasser brachte. Gestern hatte Lottis und Mariannes Krug eine dünne Eisschicht gehabt.

»Das ist noch gar nichts«, sagte Sophie. »Bei mir zu Hause war das Wasser in der Waschschüssel oft ein einziger Eisklumpen, und am Morgen, wenn ich erwachte, war mir die Bettdecke an den Mund gefroren. Und einmal bin ich auf dem weiten Schulweg abends hingesessen und eingeschlafen; grad dass der Vater mich noch gefunden hat mit der Laterne. Er hat schon gemeint, ich sei erfroren, so steif war ich. Ich weiss noch gut, ich habe immer geträumt von drei braunen Enten, die um einen Ofen herumliefen –«

»Um einen geheizten?« fragte Lotti, die während dieser interessanten Erzählung in die Strümpfe gekommen war.

»Hattest du auch Frostbeulen, Sophie?« fragte Marianne, indem sie einen Fuss an dem andern rieb.

Am ärgsten war es mit den Frostbeulen in der Schule, wo man stillsitzen sollte.

»Ist ein Rösslein dort hinten, das scharrt, oder ist's die Marianne Turnach?« hatte gestern Fräulein Heller gerufen.

Es war noch ein Trost, dass Lily Rabus und Berta Strobel auch Frostbeulen hatten, und dass man einander, indem man die Augen einkniff und mit den Zähnen in die Lippen biss, andeuten konnte, was man auszustehen habe.

Aber der Januar brachte neben den Frostbeulen und dem zugefrorenen Waschwasser auch sehr Hübsches.

»Sie sind da! Heut sind sie gekommen!« sagte Grossmama eines Abends, als die Kinder von der Schule heimgekehrt waren.

»O! sind's recht viele? Können wir sie morgen sehen?« riefen die Kinder. Sie wussten alle, dass es die Bergfinken und die Grünfinken waren, die sich bei Grossmama eingestellt hatten.

Grossmamas Wohnzimmer ging auch jetzt, wie früher an der Kronengasse, gegen lauter Gärten, und so wie der Dezember gekommen war, hatte sie aussen am Fenster ein Futterbrettchen festgemacht mit einem kleinen Tännchen in der Mitte. Kaum war das Brettchen da, so flog wie jedes Jahr als erster Gast eine Spechtmeise herbei. Mit ihrem langen Schnabel, ihrem grauen Rücken und rostroten Bäuchlein, das vom reichlichen Herbstfutter noch artig rund war, hüpfte sie auf dem Brettchen hin und her: Aha, das scheint für unsereinen eingerichtet! Zutraulich guckte sie zum Fenster herein: Guten Nachmittag! Der Sommer ist schön gewesen. Wir wollen hoffen, dass der Winter es nicht zu bös mache!

Sehr possierlich war die Spechtmeise wenn sie frass. Wie ein kleiner Holzhacker klopfte sie mit dem spitzen Schnabel auf den Hanf los, den sie in den Krallen hielt, verschluckte den öligen Inhalt und drehte sich blitzschnell um nach einem neuen Korn.

Ihre Vettern, die Spiegelmeisen, kamen auch, fein angezogen in grünem Frack, gelber Weste und langer schwarzer Krawatte. Die niedlichsten aber waren die Blaumeisen. Es war wundernett, wenn die winzigen blauschillernden Vögel sich mit dem Rücken nach unten an die Nussäckchen der kleinen Tanne hängten und sorglos hin- und herwiegend die Körner herauspickten. Die Spechtmeise guckte dann erstaunt hinauf; so sich anhängen, das konnte sie nicht.

Wild und laut aber wurde es auf dem Vogelbrettchen, wenn im Januar das ungebärdige, trotzige Volk der Bergfinken und Grünfinken anlangte. In ganzen Scharen kamen sie dahergeschwirrt. Fast war das Brettchen zu klein.

»Grossmama, jetzt sind siebzehn da –! Nein, zwanzig!« riefen die Kinder, die entzückt dem Getümmel unter dem Bäumchen zusahen. »Wie sie streiten und sich stossen und übereinander hüpfen! Und wie sie piepen und schreien! O – jetzt hat ein Spatz kommen wollen; aber sie lassen ihn nicht! Nur die Spechtmeise traut sich von der Seite her und holt schnell ein Korn – . Es ist zu lustig, Grossmama!«

Die Kinder standen, so oft sie konnten, an Grossmamas Fenster. Man musste behutsam herankommen. Der kleine Werner vergass das immer und drückte im Eifer seine kleine runde Nase an die Scheibe, so dass die Vögel – uitt –! davonflogen. Da war Grossmamas Kater fast vernünftiger. Grossmamas Kater hatte ein weisses Fell, einen dicken Kopf und ein sehr ernsthaftes Gesicht. Er hiess Aristoteles nach einem alten griechischen Gelehrten. Tagsüber war er bei Grossmama und nach dem Nachtessen hinten bei Onkel Alfred auf dem Schreibtisch; Onkel Alfred behauptete, er helfe ihm studieren.

Aristoteles sass stundenlang regungslos am Fenster und sah dem Treiben der Vögel zu. Nur manchmal krümmte er begehrlich seinen langen Schwanz, als ob er dächte: Wenn die widerwärtige Scheibe nicht wäre, wollt ich mir schnell genug den Fettesten von euch geholt haben!

Bald nachdem Grossmamas Finken angelangt waren, kamen die Kinder mit einer neuen fröhlichen Kunde nach Haus.

»Er ist zu, Mama!« meldeten sie. »Er hat furchtbar lang gebraucht; aber jetzt ist er fest!«

Der so furchtbar lang gebraucht hatte, war der Stadtgraben. Ungeduldig hatte man darauf gewartet, dass er zufriere, und dann ging es noch einmal mehrere Tage, bis der Polizeidiener die Buben nicht mehr fortjagte, die hinauswollten, um die Dicke des Eises zu erproben.

Die Turnachkinder liefen am Mittwoch gleich nach dem Essen zum Stadtgraben. Lotti hatte auch ein Paar Schlittschuhe erbeutet und bemühte sich, sie recht laut klappern zu lassen, als sie mit Hans und Marianne durch die Schwalbengasse ging.

Hans hatte im Nu seine Schlittschuhe an.

»Ich will sehen, ob ich noch holländern kann«, sagte er. Holländern nannten es die Buben in Hansens Klasse, wenn einer den andern an der Achsel hielt und den Fuss nach jedem Zuge so kühn als möglich vornüber schlenkerte.

»Wer gut holländert, kann schon fast Bogen fahren«, erklärte Hans, indem er vor Marianne und Lotti einen Halbkreis versuchte, wobei er allerdings in einen Herrn hineinschoss, der ihn ärgerlich wegschob.

»Die Buben –! alle Augenblicke hat man einen zwischen den Füssen –«

Ja, überall schossen die Buben herum, kreuz und quer wie Bremsen. Und die Mädchen nicht minder. Beständig kamen neue Scharen die Treppe herunter, und das lustige Gewimmel wurde immer grösser.

Marianne und Lotti hatten ihre Schlittschuhe endlich auch angeschraubt.

»So, Hans«, rief Lotti, als der Bruder an ihnen vorbeifuhr. »Jetzt hilf uns nur aufstehen. Lernen können wir's dann allein.«

»Ja, ja, Lotti, du wirst schon sehen –« sagte Hans, indem er den Schwestern half. »So – da hast du's –«

Lotti hatte sich kaum von der Bank erhoben, als sie zu ihrem Erstaunen schon wieder sass, diesmal aber auf dem Boden. Hans stellte sie mit einiger Mühe auf. Marianne tat mutig einen Zug und fiel ebenfalls hin. Hans nahm auf jede Seite eine der Schwestern und zog sie vorwärts.

»Jetzt geht es schon ein wenig!« sagte Lotti vergnügt. Aber Hans entdeckte, dass Lotti und Marianne gar nicht auf dem Eisen des Schlittschuhs standen, sondern bloss auf dem umgekippten Stiefel.

»Das ist nichts«, sagte er und liess sie los. »Seht einmal, so steht man –«

»Ich glaube, meine Schlittschuhe sind schlecht; sie halten gar nicht«, erklärte Lotti.

»Das sagt jeder am Anfang«, belehrte sie Hans. »Ihr müsst versuchen, das Gleichgewicht zu halten und dann einen festen Anlauf nehmen.«

Marianne und Lotti versuchten das Gleichgewicht zu halten und nahmen einen festen Anlauf, worauf sie nach links hinausfielen. Sie nahmen einen zweiten Anlauf der sie sofort wieder zu Fall brachte, aber auf die rechte Seite. Sie krabbelten auf, und Lotti schaute umher.

»Das ist merkwürdig«, sagte sie. »Man fällt hin und weiss gar nicht warum!«

Und nun ging es fort mit Fallen und Aufstehen und wieder Hinfallen. Bald zog Hans von vorn, bald schob er von hinten.

»So! haltet euch jetzt ein wenig aneinander und zählt im Takt! Ich komm dann wieder«, sagte Hans und verliess sie, um für ein Weilchen seinen eigenen Weg zu fahren, was man ihm nicht übelnehmen konnte.

Marianne und Lotti befolgten Hansens Rat. Das Halten bestand allerdings bloss darin, dass immer die eine die andere wieder umriss, wenn sie sich gerade erhoben hatte. Manchmal konnten beide vor Lachen gar nicht mehr aufstehen.

So – jetzt – das ging ja fein: links, rechts, links – wie Hans gesagt hatte. Plumps – da lag man wieder! Aha, eine Spalte! Vor denen musste man sich in acht nehmen. Dort drüben hatte es eine schöne, glatte Stelle – plumps –! Nein, so ganz glatt, das war auch nichts!

»Jetzt probieren wir es einmal jedes für sich allein!« sagte Marianne und steuerte mit ausgestreckten Armen drauf los. Lotti wackelte hinterdrein. Die beiden waren gefährlich, wenn sie einem nahe kamen; denn sie hielten sich, wo sie nur gerade konnten – Marianne hier an zwei Mädchen, die paarweise vorbeifuhren, – Lotti dort an einer Reihe Buben, die sie aber bloss abschüttelten und liegen liessen. Hierauf fasste Marianne in der Not einen Herrn am Pelzrock und dann einen andern, der sich zu einem kunstvollen Bogen schief hinüberlegte, am Ellbogen. Die Mütze flog dem Herrn ab, und als Marianne sie aufheben wollte, kam sie unversehens darauf zu sitzen.

Lotti ergriff den Muff einer Dame, und zwar so kräftig, dass die Dame ein Stock weit ohne Muff davonfuhr und sich erstaunt umsah. Gleich darauf packte Lotti im Stolpern den Besenstiel eines Eiskehrers; beinahe wäre dieser hingefallen.

»Das sind doch Manieren!« brummte er.

Nun versuchten die Schwestern ihr Glück wieder zusammen. Plötzlich aber stiessen sie einen Freudenschrei aus. Sie hatten Onkel Alfred entdeckt.

»Onkel Alfred!« riefen sie. »Wir sind auch da! Wir können es schon ziemlich!« Und der Länge nach fielen die beiden vor den Onkel hin.

»Ihr seid auch da! Natürlich! wo seid ihr nicht!« rief der Onkel, indem er Marianne und Lotti in die Höhe zog. »Schrecklich – solche Nichten!« wendete er sich zu der jungen Dame und dem Herrn, mit denen er gelaufen war. »Haben Sie auch welche?«

Die beiden schüttelten lachend den Kopf.

»Dann danken Sie dem Schicksal und haben Sie Mitleid mit mir!«

»Sollen wir Sie in Ihren Onkelpflichten etwas unterstützen?« sagte die junge Dame und nahm an jede Hand eines der Kinder. Die beiden Herren machten links und rechts den Abschloss.

Und nun ging es zu fünft schön im Takte, einen Schwung links, einen Schwung rechts, unter den Brücken durch, den ganzen Graben hinauf und wieder hinunter. Es war unmöglich zu stolpern, unmöglich zu fallen; wie getragen ging's, wie im Fluge …

»Mama, das Schlittschuhlaufen ist prachtvoll!« rief Lotti die Treppe hinauf. »Ich bin etwa siebenundzwanzigmal hingefallen und Marianne auch. Aber zuletzt haben wir noch mit Onkel Alfred Bogen gefahren!«

In den nächsten zwei Wochen waren die Turnachkinder jeden Tag auf dem Eise und sprachen von nichts als vom Schlittschuhlaufen. Und damit Balbine, die nicht gern in der Kälte an den Stadtgraben spazieren ging, auch einen Begriff bekomme, nahmen Marianne und Lotti den Werner zwischen sich und zeigten Balbine in der Küche das Holländern, das sie nun schon loshatten. Hans aber machte ihr vor, wie man vorwärts und rückwärts kreisle, bis es Balbine angst und bang wurde und die Teller und Schüsseln zu klirren begannen.

Das erste am Morgen war immer, dass man nach dem Thermometer sah und am Barometer klopfte.

»Wenn es nur noch recht lang kalt bliebe!« war der sehnlichste Wunsch der Turnachkinder.

Und alle Buben und Mädchen in der Stadt wünschten dasselbe. Aber die armen und die alten Leute und die Gemüsefrauen, die Droschkenkutscher und die Weichenwärter an der Eisenbahn, die den ganzen Tag oder gar die ganze Nacht draussen sein mussten, dachten jeden Morgen: Wenn doch nur der Wind sich bald drehen wollte! Und da die Kinder ja sonst viel Vergnügen hatten, nahm das Wetter diesmal die Partei der andern Leute: In der letzten Januarwoche schlug es um; der Westwind wehte und es fing an zu schneien. Die Oberfläche des Eises verwandelte sich in eine weiche Sulze, und eines Nachmittags stand wieder ein Polizeidiener an der Treppe des Stadtgrabens, und die ganze Herrlichkeit hatte für einmal ein Ende.



Hans zeigt sich als Held

Lotti machte eine schreckliche Grimasse und zog den Fuss in die Höhe. Der heisse Siegellack, von dem ihr ein Tropfen auf den Finger gefallen war, brannte tüchtig; aber schreien durfte man nicht, sonst wurde man aus dem Bureau weggeschickt. Man gehörte da eigentlich überhaupt nicht hin. Doch wenn die Kinder für Mama Briefe zu Papa hinuntergetragen hatten, blieben sie womöglich noch ein wenig im äussern Zimmer, wo Herr Oberauer und Herr Frei sassen. Man konnte da zusehen, wie Herr Frei mit der Kopierpresse die Briefe kopierte. Das ging im Hui: Es wurde ein Blatt in dem grossen Buche mit dem Pinsel feucht gemacht; dann kam der Brief unter das Blatt und das Buch unter die Presse. Herr Frei schraubte zu, wieder auf und wenn er das Buch herausnahm, stand der Brief darin, Wort für Wort.

Manchmal bemächtigte man sich auch des Kerzenstockes, in dem Siegellack und Petschaft lagen. Die Herren am Schreibtisch sagten nichts; ja, Herr Oberauer gab einem sogar, wenn man ihn bat, einen Bogen Papier; darauf konnte man den brennenden Siegellack tropfen lassen und das Petschaft hindrücken, das mit den drei Buchstaben oder das schöne mit dem Türmchen und den Sternen; das war Papas Wappen.

Aber eben acht geben musste man. Lotti steckte den Finger in die Wasserschale, worin der Pinsel lag. Da klopfte es leise an die Türe, so leise, dass nur Lotti es hörte, die neben der Türe stand. Lotti machte auf. Es war Sylvia, der Ulrich gesagt hatte, dass Lotti da drinnen sei. Die schüchterne Sylvia war sehr froh, als Lotti heraustrat und nicht einer von den Herren.

»Lotti, du sollst zur Schneeburg kommen. Marianne und Hans sind schon da. Wir machen ein Fest, ein Einweihungsfest. Wir haben Kissen und Tee und Gläser, und Zwieback hat uns die Tante auch gegeben.« Rudolf und Sylvia hatten keine Mutter mehr.

Lotti lief mit Sylvia hinüber in den Hof der Apotheke, wo eine stattliche Schneeburg stand, an der die Lorez- und die Turnachkinder die letzten Tage gearbeitet hatten. Es hatte sehr stark geschneit und der Schnee war weich und liess sich gut ballen und formen. Die Schneeburg hatte einen Eingang, zwei Fenster und ein gewölbtes Dach; das war der Hauptstolz.

Herr Lorez kam auch einen Augenblick heraus, um den Bau zu bewundern und nannte ihn eine ganz famose Eskimohütte.

»Dann sind wir also jetzt Eskimos!« rief Lotti und tanzte mit Sylvia um das Schneehaus, während Hans zum Schlusse noch ein kunstvolles Schneehorn über dem Eingange anbrachte.

Rudolf kam mit zwei rot und grünen Papierlaternen.

»Die zünden wir nachher an. Ihr werdet sehen, wie das fein aussieht!« sagte er vergnügt. Seine Tante allerdings, die sich eben zum Ausgehen richtete, wusste nichts von den Laternen.

Der kleine Werner durfte, weil es gar nicht kalt war, auch an dem Einweihungsfeste teilnehmen. Marianne bekam den Teekessel zur Verwaltung, in den Fräulein Lorez leichten Tee mit Milch und Zucker gegossen hatte.

In der Mitte des Schneehauses stand ein Tisch, aus einem Schneepfosten und einem darübergelegten Brett hergestellt. Ringsum ging eine Schneebank, auf der die Kissen lagen. Es war gerade Platz für sechs Personen, wenn man sich recht zusammendrückte. Das taten die Kinder und trommelten mit ihren Teegläsern auf den Tisch. Den Zwieback nannten sie Kerzen; denn Hans erzählte, die Eskimos ässen Talglichter; er nannte Marianne, die austeilte, die alte Eskimomutter; Schnauzel war ein Seehund und bekam auch von den Kerzen.

»Entweder muss jetzt jedes eine Rede halten«, sagte Hans, »oder ein lustiges Lied aufsagen!«

Die Mehrzahl der Eskimos war für lustige Lieder.

»Ich weiss ein furchtbar lustiges!« rief Lotti, »und es passt zu jedem Namen: Sylvia, Widilvia«, hob sie an, indem sie Sylvia hin- und herzog:

»Sylvia, Widilvia,
Widewitzundkatilvia,
Widehops und Katops,
Widewanischer Mops.«

»Nein Lotti«, wehrte Hans, »das ist zu dumm! So ganz dumme wollen wir nicht!«

»Also, dann weiss ich ein anderes; das ist auch zum Lachen«, rief Lotti. »Jedes der Reihe nach muss eine Strophe sagen!« Und Lotti begann den Reim von der Gans:

»Was trägt die Gans auf ihrem Schnabel
Einen Kriegsmann mit dem Sabel
Trägt die Gans auf ihrem Schnabel.
Da seht ihr sie, die brave Gans!
Reden tut sie gickelgackel,
Gehen tut sie wickelwackel,
Fliegen tut sie fliflaflederwisch …«

Das ging so weiter. Auf ihrem Kopfe trug die Gans einen Koch mit samt dem Topfe, auf den Flügeln einen Reiter mit den Bügeln, auf dem Rücken einen Greis mit seinen Krücken, auf dem Schwanze eine Jungfer mit dem Kranze. Und nach jeder Strophe kam wieder:

»Da seht ihr sie, die brave Gans
Reden tut sie gickelgackel,
Gehen tut sie wickelwackel,
Fliegen tut sie fliflaflederwisch …«

was die ganze Gesellschaft im Schneehaus unter Jubel mitsprach. Werner, der sich in dem Fliflaflederwisch allemal verwickelte, goss vor lauter Vergnügen sein ganzes Teeglas um.

»Jetzt der Werner! der Werner muss etwas aufsagen!« riefen alle.

Marianne rückte zu ihm hinüber, um ihm zu helfen. Aber Werner sah stolz im Kreise herum und sagte:

»Ich – ich kann: Adam hatte sieben Söhne –«

Weiter wusste er nicht; aber es war auch nicht nötig.

»Ja, ja! Werner hat recht! Wir machen, ›Adam hatte sieben Söhne‹! Wer fängt an? Ich –« riefen die fünf durcheinander.

»Wartet! zuerst kommt noch etwas –« sagte Rudolf und stieg auf die Bank, um die Papierlaternen anzuzünden, obgleich es noch nicht dunkel war.

»Und die Mützen, Rudolf, die Mützen!« rief Sylvia.

Sie nahm aus dem Korbe sechs bunte Papiermützen, die an Neujahr in den Knallbonbons gesteckt hatten.

»O, Sylvia«, schrie Lotti, »bitte, mir die weisse Haube!« Sie setzte rasch eine Altfrauenhaube auf, an deren Seiten lange lila Bänder flatterten.

Marianne bekam eine rote Jakobinermütze, Hans einen Zweispitz, den er quer auf den Kopf setzte wie Napoleon. Rudolf hatte ein gelbes Chinesenhütchen, und dem Werner setzte man ein viereckiges englisches Doktorbarett auf. Sylvia aber prangte in einer weissen Narrenkappe. Um den Hals hatte sie sich noch eine breite papierne Krause gebunden. Die Kinder lachten hell auf, als sie einander ansahen.

Dann begannen sie alle recht laut und übermütig:

»Adam hatte sieben Söhne,
Sieben Söhne hatt' Adam.
Die assen nicht und tranken nicht
Und machten all ein schief Gesicht
Und machte alle so –«

Bei dem So –! musste jedes der Reihe nach irgendeine Gebärde oder Hantierung vormachen, die von der ganzen Gesellschaft nachgeahmt wurde, so lange das wiederbegonnene Lied dauerte.

Marianne, die zuerst dran kam, hielt Arme und Hand, als ob sie Geige spielte. Mit der Rechten musste man auf und niederfahren, mit der Linken fingern und dazu den Kopf auf die Seite legen.

Als die Reihe an Hans war, drückte er beide Fäuste in die Augen wie ein kleines Kind und fing mit weinender Stimme den Adam an, und alle schluchzten das Lied mit.

Immer übermütiger wurden die Kinder. Rudolf stieg auf die Schneebank und fing an, in gebückter Stellung auf und abzuhüpfen, wie ein Kobold, und die andern hüpften lachend mit. Bei Lotti aber musste man tun, als ob man schliefe; eins lehnte sich ans andere und nickte mit dem Kopf.

Keines merkte, dass es auf einmal heller wurde in der Schneehütte. Die eine der Lampen, die an der Decke befestigt waren, hatte einen Stoss bekommen. Sie hing schief, und das Papier fing an zu brennen. Schnauzel als einziger Vernünftiger sah, dass da oben etwas nicht in Ordnung war. Er hatte sich aus dem Tumult heraus an den Eingang der Hütte geflüchtet und bellte jetzt heftig gegen die Flamme hinauf; aber die Kinder in ihrer Ausgelassenheit achteten nicht auf Schnauzel.

Plötzlich fiel die ganze brennende Lampe herunter. Sie fiel gerade auf Sylvias Kappe und von da auf ihren breiten Kragen; beides loderte hell empor. Die Kinder schrien laut auf; Lotti, die neben Sylvia sass, stiess die brennende Lampe weg, die nun aber gegen Werner flog, so dass sein Barett ebenfalls zu brennen anfing. Ausser sich vor Entsetzen drängten die Kinder hinaus aus der Hütte.

Marianne hatte so viel Besinnung, dass sie Werner das Barett herunterriss und ihn mitzog. Rudolf hatte Sylvias Kappe fortgeschleudert; aber schon brannten ihre Haare und das Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte.

Wie wahnsinnig stürzte Rudolf gegen das Haus:

»Sylvia brennt! Sylvia brennt!«

Überall um den Hof öffneten sich Fenster:

»Was ist! Um Gotteswillen, ein Kind – ein Kind brennt! Hilfe, Hilfe!«

Hans rannte rechts hinüber:

»Ulrich! Ulrich!« Vielleicht war Ulrich in der Nähe.

Aber hinter Hans gellte das Geschrei Sylvias. So entsetzlich hatte Hans noch nie schreien hören. Plötzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn: Nein! so fortrennen und um Hilfe rufen, das ist nichts! ich muss Sylvia selber helfen –

Schon hatte er sich umgewendet. Mit ausgestreckten Armen, ganz in Flammen lief Sylvia auf ihn zu. In den Schnee – in den Schnee werfen! Hans wusste nicht, hatte ihm das jemand zugerufen oder kam's ihm von innen: er stürzte sich auf Sylvia, so dass sie hinfiel und Hans mit ihr. Die Flamme schlug ihm entgegen; es war ihm als ob sein ganzes Gesicht zu lodern beginne. Eine Todesangst überkam ihn: Jetzt verbrenne ich auch – beide müssen wir verbrennen –! Aber er liess nicht los. Er warf sich mit seinem ganzen Körper über Sylvia und versuchte mit den Händen die Flammen zu zerdrücken …

Jetzt hörte er eine Männerstimme hinter sich. Er fühlte, dass man eine nasse Decke auf ihn und Sylvia warf. Dann half ihm jemand in die Höhe. Herr Zurbuchen vom Goldenen Degen kniete zu der wimmernden Sylvia nieder, um die Funken zu ersticken, die überall in den Kleidern glimmten.

Das Dienstmädchen von Herrn Lorez kam herzugestürzt: »Mein Gott! mein Gott!«

Der ganze Hof füllte sich mit Menschen; denn das Schreckensgeschrei der Kinder war bis auf den Kornplatz hinausgedrungen. Alles rief und fragte durcheinander:

»Was ist geschehen? Was –? Ein Kind verbrannt –?«

»Nein, nein! keine Rede davon!« rief Herr Zurbuchen laut; denn jetzt sah er Herrn Lorez herbeieilen.

Herr Lorez konnte nicht sprechen. Er schlug die Hände zusammen. Dann streckte er sie nach seiner Sylvia aus.

Herr Zurbuchen legte ihm das Kind behutsam auf die Arme. Sylvia hielt stöhnend den Kopf zurückgebeugt, als ob sie immer noch im Entsetzen vor den Flammen wäre.

»Fassen sie sich, Herr Lorez«, sagte der alte Herr. »Es ist gnädig abgelaufen! Die langen blonden Haare zwar sind fort, und Brandwunden tun weh –« Er streichelte mitleidig die Achsel des Kindes, von der ein Stück des verbrannten Ärmels herunterhing. »Es hätte schlimm gehen können. Wenn der da nicht gewesen wäre – wir andern wären vielleicht zu spät gekommen –«

Die Blicke aller Umstehenden wandten sich zu Hans Turnach, der mit versengtem Haar dastand und die Zähne zusammenbiss vor Schmerzen an Gesicht und Händen.

»Hat er das Kind gerettet? Wem gehört er? Turnachs! In den Schnee hat er es gedrückt! Dass ihm das eingefallen ist –! Ja und dass er den Mut hatte! Es will etwas heissen, so grad ins Feuer hineinzugreifen –! Ein wackerer Bursch –« So ging es durcheinander unter den Leuten, die Hans umringten, während man Sylvia ins Haus trug.

Herr Turnach, der auch herbeigekommen war, wollte die Kinder heimnehmen. Aber Hans kam fast nicht fort von den Leuten. Er sollte sagen, wie alles zugegangen; man besah seine Hände und seine verbrannte Bluse und klopfte ihm auf die Schulter.

Und zu Hause, wo Mama grade durch die Mägde von dem Unglück gehört hatte, ging das Erzählen erst recht an.

»Mama, es war entsetzlich«, riefen Marianne und Lotti. »Und Hans hat sich gar nicht gefürchtet! Er ist auf Sylvia losgerannt und hat sie an den Boden geworfen! Und alle haben gesagt, das sei sehr klug gewesen –! Mama, hätte Sylvia sterben müssen, wenn Hans sie nicht gelöscht hätte –?«

Mama schauderte bei dem Gedanken, in welcher Gefahr alle sechs Kinder gestanden. Aber Werner lief auf sie zu:

»Ich bin auch ein wenig angebrannt, Mama! Riech meine Haare! Aber dann bin ich schnell fortgesprungen! Marianne, ist die Doktorkappe ganz verbrannt –?«

Mama gab dem törichten kleinen Buben einen Kuss und holte dann rasch Öl und Watte, um Hansens Hände zu verbinden. Die verbrannten Stellen schmerzten Hans immer stärker; aber im Herzen war ihm sehr wohl zumut. Papa war auch mit heraufgekommen und lobte ihn. Und Papa lobte einen nicht oft. Hans sass auf dem Sofa und trank das Himbeerwasser, das Balbine brachte. Balbine blieb im Zimmer stehen und erzählte eine schreckliche Geschichte aus ihrem Dorfe, wo ein kleiner Bub verbrannt sei, weil die andern Kinder alle weggelaufen waren.

Als Hans den andern Morgen mit seinen verbundenen Händen zur Schule ging, rannten ihm schon auf der Brücke Schürmann, Binder, Villeiner und noch ein paar andere aus seiner Klasse nach.

»Ist's wahr, Turnach –? Die Schwester von Rudolf Lorez sei fast verbrannt und du habest sie gerettet –? Herrschaft! wie du aussiehst –! Vorn alle Haare weg und gar keine Augenbrauen mehr! Tut dir die Hand arg weh –? Jetzt musst du heut nicht schreiben in der Aufsatzstunde! Ist deine Bluse auch angebrannt?«

So stürmten sie auf ihn los, und die Schar von Neugierigen und Bewundernden, die sich um Hans drängten, wurde immer grösser, je näher man dem Schulhause kam.

»Ich wollte, ich wäre dabei gewesen, Hans!« sagte Karl Binder. »Ich hätte dir geholfen. Es ist fein, so etwas zu tun!«

»Ich bin nur froh, dass es einer aus unserer Klasse gewesen ist und nicht einer aus dem B«, rief Kolb, der Hans die Schulmappe trug. »Die sind sonst schon immer so hochmütig!

Dort kommt Herr Altschmid! vielleicht weiss er es noch nicht –« Kolb sprang Herrn Altschmid entgegen.

Herr Altschmid vernahm erstaunt und erfreut die Geschichte. Er nickte Hans zu.

»Das ist schön, Turnach. Das hast du brav gemacht.«

Als Hans in der Pause mit den andern durch den Korridor ging, sah er die Lehrer beisammen stehen und merkte, dass sie von ihm sprachen. Herr Altschmid zeigte auf ihn.

Abends kam Herr Lorez ins Turnachhaus herüber. Er erzählte, dass der Arzt Sylvias Zustand nicht schlimm gefunden hatte. Und in seiner Freude und Dankbarkeit überreichte er Hans zur Erinnerung eine schöne silberne Uhr. Hans war ganz betreten vor Überraschung und Glück.

Am nächsten Tage aber trat Papa mit der offenen Zeitung in die Stube.

»Da –« sagte er halb lachend, halb unmutig. »Das geht nun fast zu weit –«

In dem Blatt stand auf der dritten Seite folgendes zu lesen:

»Beinahe wäre vorgestern abend ein junges Menschenleben dem Feuer zum Opfer gefallen. Durch die Unvorsichtigkeit spielender Kinder geriet eine Papierlaterne in Brand und entzündete die Kleider eines kleinen Mädchens. Ein elfjähriger Knabe aus der Nachbarschaft aber warf sich beherzt und mit grosser Geistesgegenwart auf die brennende Kleine, und es gelang ihm, die Flammen im Schnee zu ersticken. Diese unerschrockene Tat verdient Anerkennung.«

Marianne und Lotti waren fast ebenso stolz wie Hans. Sie zogen sich gegenseitig die Zeitung aus den Händen und lasen die Notiz so lange, bis sie sie auswendig konnten. Sophie, Balbine und Ulrich nahmen auch Anteil. Balbine kaufte sich eigens die Nummer des Blattes und schnitt die Stelle heraus, um sie vorn in ihren Kalender zu kleben.

»Werd' mir nur nicht eingebildet, gelt, Hans?« sagte Mama.

Hans versprach es. Aber ein wenig des Ruhmes sich freuen durfte man schon.

Hans hatte keine Ahnung, dass er bald darauf recht beschämt und gedemütigt vor seiner Mama stehen würde.




Hansens Heldentum bekommt einen Riss

Wenn es keine Schlittbahn und kein Eis gab, waren die Kinder am Sonntagnachmittag sehr oft bei Grossmama, und jedes durfte aus seiner Klasse ein paar Freunde oder Freundinnen mitbringen. Es wurden alle möglichen Spiele gespielt. Jedesmal aber hiess es nach einer Weile:

»Jetzt machen wir Scharaden!«

In Grossmamas Kammer fand man alles, was man dazu brauchte. Es gab da Schleier und lange Tücher in allen Farben, einen Helm, eine Krone und einen Schlapphut, zwei lange Bärte und einen roten Backenbart. Damit konnte man Könige, Damen, Räuber, Feen, Engländer, Hexen und vieles andere darstellen. Man musste nur Wörter finden, die sich zu einer Scharade eigneten. Ein Teil der Kinder spielte, der andere sah zu und sollte das Wort erraten. Oft aber war der Eifer so gross, dass alle mitmachten, und als Zuschauer blieben bloss Grossmama mit Friederike und auf dem dritten Sessel Aristoteles, der die Scharaden auch liebte.

Eine der Scharaden, die heute aufgeführt wurden, war »Dornröschen«. Hans und Marianne hatten sie ausgedacht.

»Dorn –« sagte Hans, als die Kinder beratend zusammenstanden, »da ist doch eine Geschichte von einem Löwen, dem ein entsprungener Sklave einen Dorn aus der Tatze zieht –«

»Ja«, stimmte Rudolf Lorez bei – die kleine Sylvia, deren Brandwunden zwar gut heilten, hatte heute noch nicht mit dürfen – »ja! Später wurde der Mann wieder gefangen genommen und im Zirkus einem Löwen vorgeworfen. Aber es war der gleiche Löwe; er erkannte den Mann und tat ihm nichts.«

»Also, wir brauchen den Anfang mit der Tatze«, sagte Marianne. »Dann »Röschen« das geht leicht: da machen wir einen Blumenladen. Und fürs Ganze nehmen wir ein Stück aus dem Märchen.«»Die Aufführung gelang sehr gut: Hans trat als entsprungener Sklave auf und spähte rechts und links nach einem Weg. Da ertönte plötzlich ein Gebrüll; hinter dem Ofen hervor kroch Walter Schürmann. Über dem Rücken hatte er ein Fell und auf dem Kopfe als Mähne ein gelbes Tuch mit Fransen. Der Löwe hinkte stark und kam auf den Sklaven zu, der erst etwas zurückwich. Da aber der Löwe immer kläglicher brüllte, kniete der Jäger nieder, nahm die Tatze des Tieres und untersuchte sie. Der Löwe stöhnte ein paarmal laut auf; dann aber begann er fröhlich herumzuhüpfen. Da er keinen Schwanz hatte zum Wedeln, leckte er dem guten Manne die Hand; der klopfte ihm auf den Rücken, und beide gingen miteinander davon.

Das Publikum hatte sehr gespannt zugesehen. Was für ein Wort das wohl bedeutete?

Aus dem zweiten Teile merkte man, dass es sich um eine Blume handelte. Ein paar Buben und Mädchen kauerten als Blumentöpfe am Boden, und Marianne, die Gärtnerin, pries sie dem Käufer Rudolf Lorez an, indem sie einen Topf um den andern herzog. Der Käufer hatte indessen allerlei an den Pflanzen auszusetzen.

»Au – das kleine da sticht!« rief er, als er auf einen der Köpfe tupfte.

»Ja, aber es riecht herrlich und blüht sehr lang«, sagte die Gärtnerin. »Sehen Sie die vielen Knospen …«

»Du, Grossmama«, überlegte Lotti, als der Akt zu Ende war, »gibt es Löwenrosen? Oder hat das erste ›Tatze‹?« Aber Grossmama wusste nichts von Löwenrosen und noch weniger von Tatzenrosen.

Dann kam das Ganze: Auf erhöhtem Sitz sassen, umgeben von den Hofleuten, Karl Binder und Lily Rabus als Königspaar. Vor ihnen hatte man aus zwei Sesseln eine Wiege gemacht, in der, mit einem weissen Tuche bedeckt, der kleine Werner lag. Nun huschte in grau gehüllt Berta Strobel als böse Fee herbei und streckte mit finsterem Gesicht den Arm gegen die Wiege aus. Geredet wurde nicht, damit die Zuschauer das Wort nicht zu leicht erraten. Das Königspaar zeigte heftigen Schrecken; dann aber trat von der andern Seite Marianne, die gute Fee, hinzu und breitete ihre Hand über die kleine Prinzessin aus.

Es war sehr hübsch. Nur machte Werner, dem es unbehaglich wurde, der Vorstellung einen etwas zu raschen Schluss.

»Grossmama; ich bin das Dornröschen; aber ich rutsche hinunter«, rief er und kam, seine weisse Decke hinter sich herziehend, auf Grossmama zugelaufen, so dass alle laut auflachten.

»So, mein kleiner Dummerling!« sagte Grossmama. »Nun müssen wir uns doch den Kopf nicht mehr zerbrechen. Du bist wirklich ein niedliches Dornröschen!«

Die folgende Scharade wurde dadurch zu einem besonderen Vergnügen, dass Onkel Alfred mitmachte.

»Er ist hinten in seinem Zimmer!« rief Hans. »Wir holen ihn! Letztes Jahr hat er auch einmal mitgespielt. Er war Kolumbus und wir waren die unzufriedenen Matrosen und packten ihn an, und dann mussten wir auf einmal alle gegen die Kommode deuten und ›Land! Land!‹ Onkel Alfred sass an seinem Schreibtisch und streckte, als die Schar bei ihm eindrang, zur Abwehr ein langes Lineal vor.«

»Nein, Kinder, nein! ich kann euch heute nicht helfen! Wer hilft denn mir beim Studieren! Den Aristoteles habt ihr auch vorn!«

»Onkel, wir wissen eine so nette Scharade!« drängte Lotti. »Wir wollen alle zusammen ›Seeweid‹ Weid« »Sehr ehrenvoll, Lotti!«

Die Kinder nahmen das als Zusage und zogen den Onkel mit ins Wohnzimmer, wo er sich vorläufig neben Aristoteles setzte; er sagte, er müsse erst wieder lernen, wie so eine Scharade gehe.

Der See wurde äusserst lebendig dargestellt. Einige Kinder legten sich auf den Boden und fochten mit Armen und Beinen, als ob sie schwämmen. Zwei andere ruderten auf einem Brett mit Spazierstock und Regenschirm. Hans stellte einen Fisch dar und schnappte nach den Brocken, die man ihm zuwarf. Lotti und Hedwig Zohner sassen auf dem Tisch mit Angelruten.

Die zweite Silbe begann schon vor der Türe mit lautem Muh und Mäh. Voran zog der Onkel mit einem alten Strohhut und sang:

»Des Morgens in der Frühe,
Trallallah, trallallah,
Da treiben wir die Kühe,
Trallallah, trallallah!«

Und hinter ihm kam die Herde, alles auf vier Füssen daherstapfend und nach Gras schnuppernd. Die Kühe taten ungebärdig und stiessen mit den Hörnern; die Ziegen machten wunderliche Sprünge und verstiegen sich auf den Felsen, das heisst auf den Stühlen und der Kommode, wo der Hirte sie herunterholen musste. Aristoteles erhob sich von seinem Sitz und krümmte den Rücken. Zu viel Lärm hatte er ungern; auch war er nicht gewöhnt, dass hier im Hause noch andere Leute als er auf vier Füssen gingen.

Es war gut, dass der folgende Akt wieder gesitteter verlief.

»Wie machen wir doch das Ganze, Onkel?« fragte Marianne.

»Ja, das werdet ihr gleich sehen!« sagte der Onkel. »Richtet euch einmal als Fremde her und klopft da an.«

Die Kinder stellten sich mit Mützen, Schirmen und Plaids vor die Türe. Der Onkel trat heraus.

»Ah, Sie wünschen die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes zu betrachten? Sofort – .« Er machte eine tiefe Verbeugung und nahm ein Stöckchen. »Hier, meine Herrschaften«, sagte er mit einem Seitenblick zu Hans hinüber und wies nach einem gewöhnlichen weissen Teller auf den Nebentisch, »hier ein ungemein wertvolles uraltes Götzenbild –«

»Ach, Onkel!« rief Hans lachend, der die Neckerei gleich merkte.

»Ssst – ein uraltes Götzenbild der Pfahlbauer. Heute ist es noch da zu sehen. Morgen kommt es ins Museum mit den Namen der Entdecker –«

Das uralte Götzenbild erregte grosse Heiterkeit.

»Weiter betrachten Sie sich, bitte, diesen Molch –«, der Onkel hielt eine schwarze Quaste in die Höhe. »Er sieht ganz harmlos aus, kann aber, wenn er aus der Gefangenschaft entkommt, schreckliche Verheerungen anrichten –«

»Ja, Fräulein Fanny hat furchtbar geschrien!« rief Marianne höchlich belustigt.

»Da –«, Onkel Alfred sah sich um und packte den Aristoteles, »da haben Sie die Hauswurz – .« Onkel Alfred hob den Kater, der ärgerlich miaute, in die Höhe. »Eine sehr merkwürdige Pflanze; man kann sie nach Belieben vom Dache aufheben, spazierentragen und wieder hinlegen – .« Damit liess er den Kater zum grossen Spass der Kinder auf Friederikes Schoss plumpsen.

»Hier aber, meine Herrschaften« – der Onkel streckte ein vollgespicktes Stecknadelkissen hin – »hier zeige ich Ihnen den verhängnisvollen Igel, der sich boshafterweise im Zimmer zweier jungen Damen versteckte –«

Alles brach in lauten Jubel aus. Die Geschichte mit dem Igel war jedem bekannt.

»Mitten in der Nacht«, so fuhr der Onkel fort, »versuchte der Igel einen Angriff, und ohne den Mut und die Entschlossenheit der beiden jungen Damen weiss man nicht, wie es gegangen wäre –«

»Noch mehr, noch mehr, Onkel!« schrie der kleine Werner, wenn er schon nicht alles verstanden hatte.

Da packte der Onkel ihn selbst und schwang ihn auf die Schulter.

»Zum Schlusse stelle ich Ihnen hier den Frosch Alexius vor. Er kann hübsch quaken und frisst Fliegen, so viel man ihm gibt – .« Damit schob der Onkel dem vor Vergnügen kreischenden Werner ein paar Weinbeeren vom Kuchenteller in den Mund und setzte ihn dann unter allgemeinem Hurra auf den Boden.

Grossmama und Friederike erklärten, sie hätten die Scharade erraten. Der Ort, der alle diese Merkwürdigkeiten auszuweisen habe, könne nur die Seeweid sein.

»Was für eine Scharade spielen wir jetzt, Hans?« rief Lotti. »Du wirst doch noch eine wissen?«

Ja, was für ein Wort konnte man nehmen? Die Buben und Mädchen besannen sich. Nach der lustigen Seeweid dünkte sie nichts mehr gut genug. Die einen liefen hinüber in die Kammer; vor den Sachen zum Verkleiden kam einem vielleicht ein Gedanke. Lotti und ein paar andere versuchten, noch einmal zu Onkel Alfred einzudringen; der aber hatte die Türe abgeschlossen.

Da fiel Hans etwas ein. Hinten in der kleinen Stube hatte Grossmama ein Rätsel- und Scharadenbuch. Er lief hinüber; das Buch musste in dem kleinen Schränkchen sein. Er machte auf und suchte eilig in den verschiedenen Fächern. Das Buch fand sich nicht. Vielleicht in der Schublade? Er zog. Sie tat nur einen kleinen Ruck und ging nicht weiter. Ungeduldig zog Hans stärker. Da kam das Schränkchen ins Wanken. Hans hielt es mit beiden Händen; aber über seine Schulter stürzte etwas hinunter. Die Teekanne! dachte er erschrocken.

Es war eine besonders feine chinesische Kanne mit Landschaften und goldenen Vögeln bemalt; Grossmama hatte sie vor Jahren als Andenken geschenkt bekommen.

Als Hans die Teekanne aufhob, lag der Schnabel zerbrochen daneben. Hans biss sich auf die Lippen. Zu arg, dass ihm das begegnet war! Jetzt musste er gehen und es Grossmama sagen. Nun fiel ihm auch ein, dass er das Schränkchen nicht hätte öffnen sollen, ohne Grossmama zu fragen. Natürlich wurde er gescholten. Wenn man etwas angestellt hatte, zankte Grossmama gehörig. Und alle andern hörten es dann! Für Werner oder Lotti wäre das ja nichts so Schlimmes. Aber er – der Älteste, den man in den letzten Tagen immer gelobt hatte – . Diese Schande! Nein – vor der ganzen Kindergesellschaft mochte er es nicht sagen!

Hans stellte die Teekanne hin und legte den Schnabel daneben. Das Buch liess er.

Als er ins Wohnzimmer zurückkam, war von Scharaden nicht mehr die Rede. Die Kinder umstanden die Grossmama; sie hatte vom Boden das Schnappspiel heruntergeholt, das alte Schnappspiel mit der lächerlichen hölzernen Fratze, in deren aufgesperrten Rachen man die kleinen Bälle werfen musste.

»Hans!« rief Walter Schürmann – Hansens Abwesenheit hatte niemand bemerkt – »du darfst der Aufschreiber sein!«

»Du kannst ja diesmal aufschreiben«, sagte Hans und blieb an der Seite stehen.

Alle Augenblicke gab es ein fröhliches Gelächter; denn wenn der Ball in den Rachen traf, so rollte die Fratze die Augen und schnappte den Rachen zu. Das war sehr komisch. Hans war der einzige, der nicht mitlachte.

»Hans, es ist an dir!« rief Rudolf Lorez und gab Hans einen kleinen Stoss. »Was hast du denn?«

Die Kinder wurden immer eifriger und ausgelassener. Aber Grossmama sah auf die Uhr.

»Hört, nun müssen wir allmählig ans Aufräumen denken! Das Schnappspiel könnt ihr ja ein anderes Mal wieder spielen.«

Mit bedauerndem O! und Ach! klappten die Kinder nach ein paar letzten Würfen zu und suchten dann die im Nebenzimmer verstreuten Scharadensachen zusammen. Schwatzend liefen sie hin und her.

Hans überlegte. Jetzt gab es vielleicht einen Augenblick. Eben ging Grossmama hinaus – schnell ihr nach und frisch dran! Hans kam bis zur Türe; dann blieb er wieder stehen. Es war etwas so Unangenehmes. Und natürlich kam es da draussen doch vor die andern. Nein, es war nun eben so gut, zu warten bis morgen oder übermorgen und dann zu Grossmama zu gehen. Vorher sah sie den Schaden jedenfalls nicht; sie war selten in der kleinen Stube. Die dumme Teekanne! Das ganze Schnappspiel hatte sie Hans verdorben –

»Kinder, kommt her! ich möchte etwas wissen«, sagte Grossmama, wieder eintretend. Sie hielt in der Hand die Kanne mit den goldenen Vögeln.

Hans erschrak.

»Wer von euch war in der kleinen Stube? Ich wollte das Fransentuch in die Kommode legen und sehe meine Teekanne zerbrochen.«

Die Kinder kamen alle herzu und sahen die Teekanne an und dann einander.

»Wer es getan hat, hätte es gleich ehrlich sagen sollen, statt zu warten, bis ich frage!« fuhr Grossmama fort.

Hans stand Qualen aus. Etwas in ihm trieb immer: Sag es doch! red' doch! und etwas war, was ihn nicht sprechen liess.

»Mir tut die Teekanne leid; aber viel schlimmer fände ich, wenn eins unter euch wäre, das die Wahrheit nicht sagen will.« Grossmama sah im Kreise herum. Ihr Blick ging jedoch rasch über die Grössern weg. Die waren doch schon vernünftig und wussten, was recht ist. Auch dachte sie weniger an die fremden Kinder, denen es wohl kaum eingefallen wäre, in die kleine Stube zu dringen. Grossmama hatte Lotti ein wenig in Verdacht und dann den kleinen Werner.

Aber Lotti sagte fest und frisch:

»Grossmama, ich hab' es nicht getan!«

»Ich auch nicht!« rief Werner, und Marianne und Lily Rabus versicherten, dass er den ganzen Nachmittag nicht von ihnen weggegangen sei.

Grossmama schüttelte den Kopf. Jemand musste es doch getan haben.

Hans wurde es immer unmöglicher, zu reden. Er, an den man gar nicht dachte! Jetzt so hinten drein! Neben ihm standen Karl Binder, Walter Schürmann und Rudolf Lorez – nein, er konnte nicht, jetzt nicht!

Plötzlich fiel Grossmama etwas ein.

»Kinder«, sagte sie, »es kann Hulda gewesen sein, Frau Pflachers Hulda – die hat schon allerlei angerichtet –«

Frau Pflacher wohnte im Hinterhause; sie half Friederike am Samstag beim Putzen und war auch jetzt gerade in der Küche. Hulda kam oft herüber mit der Mutter.

»Ich war gestern nicht zu Hause«, fuhr Grossmama fort. »Aber ich will Frau Pflacher fragen, ob Hulda da war – .« Grossmama ging hinaus und alle gingen mit.

Hans blieb am Fenster stehen. Aber es wurde ihm schnell klar, dass er jetzt gestehen müsse. Er und die beiden Schwestern mochten diese Hulda nicht besonders leiden. Sie war ein bisschen frech. Aber deswegen durfte man doch nicht den Verdacht auf sie kommen lassen. Das wäre ja furchtbar schlecht. Nein, jetzt gab es kein Hin und Her mehr. Jetzt war er gezwungen, herauszurücken, und das war gerade recht –

Aber schon kamen sie wieder zurück und Lotti sprang auf Hans zu:

»Hans, denk', sie hat's nicht getan! Sie hat Zahnweh gehabt und ist gar nicht dagewesen! Jetzt muss man sich von neuem besinnen!«

Lotti stellte sich neben den Bruder. Aber Hans schaute weg. Nun kam es wieder anders! War das ein Wink, dass Hans nichts zu sagen brauche –?

Bevor er mit dem Gedanken fertig war, trat Friederike ins Zimmer:

»Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin –! Der Glaser war's natürlich am Freitag. Seither ist niemand in der kleinen Stube gewesen. Ich liess ihn bloss einen Augenblick allein. Da muss ihn, so alt er war, die Neugierde geplagt haben, dass er die Kanne angefasst und zerbrochen hat. Ich hab' ihm, weil er so erfroren aussah, noch einen Teller Suppe gegeben, und keinen Mux hat er getan von der Kanne. Das nächstemal kann er dann warten! Aber der kommt nicht mehr. Der ist längst über alle Berge. Er hat gesagt, er gehe ins Österreichische!«

Wie sich das seltsam fügte für Hans! Er hatte ja gestehen wollen. Aber nun war dieser Glaser dazwischen gekommen und nahm gleichsam Hansens Schuld, ohne es im mindesten zu spüren, »über alle Berge, fort ins Österreichische!«

Jetzt nur nicht immer dran denken! Es war ja doch, im Grund genommen, eine Kleinigkeit, dieser abgebrochene Schnabel. Friederike hatte gesagt, er liesse sich wieder ankitten …

Zu Hause setzte sich Hans gleich hin, und machte seine Geographiezeichnung, obgleich er sie erst für den Mittwoch aufhatte.

Als Hans am Montag morgen erwachte, war das erste, was ihn begrüsste, der Gedanke an die Teekanne. Es war, als ob er die ganze Nacht da am Bette auf Hans gewartet hätte: So, guten Morgen! jetzt gehen wir zusammen in die Schule! Hans versuchte den Gedanken zu verscheuchen. Er horchte auf den Lärm draussen. Ein Bäckerbursche pfiff lustig in den Morgen hinaus:

»O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Wie grün sind deine Blätter …«

Der hatte jedenfalls nichts Unangenehmes im Kopfe. Es erfasste Hans ein Zorn gegen die Teekanne. Warum war sie so weit aussen gestanden! Hätte er's doch lieber gleich gesagt! Sollte er am Ende doch heute –? Nein, es war zu spät. Er müsste sich zu arg schämen vor Grossmama. Er wollte sich's gewiss merken und nie mehr so handeln. Er nahm sich auch vor, nun ganz besonders fleissig und freundlich zu sein, Marianne den Bilderbogen zu schenken, um den sie gebeten hatte, und mit Werner zu bauen …

Tagsüber schien es Hans wirklich, als ob er die Sache vergessen könnte. Oft dachte er lange nicht daran. Aber ganz los wurde er sie nicht. Und es war gerade, als ob man sich verbündet hätte, ihn immer wieder daran zu erinnern:

Am Dienstag, als Hans aus der Schule heimkehrte, hörte er den kleinen Werner mit lauter Stimme: »Glasö – r, Glasö – r!« rufen.

»Ich bin der Glaser«, erklärte der Kleine dem Bruder, »und Lotte ist Friederike, und dann muss ich die Scheibe machen und die Teekanne zerbrechen, und dann tut mich Lotti mit dem Besen fortjagen!«

Als Hans am Mittwoch nach der Zehnuhrpause vom Hofe ins Klassenzimmer zurückkam, fand er den Kolb, neben dem er sass, ganz aufgebracht.

»Der Beschel ist ein miserabler Kerl!« sagte er. »Ich komme herein, und auf meinem Heft ist ein grosser Tintenfleck. Ich frage, wer ihn gemacht habe, und der Beschel tut, als ob er nichts wüsste, bis endlich der Villeiner mir sagt, dass es der Beschel gewesen ist. Ich sage nichts wegen dem Flecken; aber dass er nicht gesteht, wenn ich ihn ins Gesicht hinein frage, das ist gemein, nicht wahr, Turnach?«

Hans sagte nichts. Er setzte sich an seinen Platz und sah in sein Buch.

Ein paar Tage nachher standen die Knaben in der Pause vorn bei Herrn Altschmid. Er brachte oft Zeitschriften mit. Heute zeigte er den Knaben eine mächtige eiserne Brücke, die über einen breiten Meeresarm führte. Als er umblätterte, sah man auf der andern Seite einen grossen seltsamen Frauenkopf.

»Ui!« riefen die Buben. »Die hat Schlangen auf dem Kopf statt Haare!«

»Das ist eine Erinnye«, sagte Herr Altschmid. »Die alten Griechen glaubten, die Erinnyen verfolgen die Mörder und Missetäter, so dass diese keinen Frieden mehr finden, bis sie ihre Tat eingestanden und gebüsst haben.«

»Aber in Wirklichkeit gab es doch keine Erinnyen«, wendete Karl Binder ein. »Also hatten die Mörder und Missetäter nie eine gesehen.«

»O«, sagte Herr Altschmid, »wenn sie fest daran glaubten und in der Seele unruhig und gequält waren, so konnten sie wohl etwa nachts auf einsamem Wege meinen, die Erinnyen zu sehen oder hinter sich zu hören –«

Es läutete zum Stundenanfang. Herr Altschmid heftete das Bild an die Wandtafel, damit die Klasse etwas darüber schreibe. Hansens Aufsatz wurde nicht gut. Seine Gedanken zogen ihn immer von der Brücke weg auf die Rückseite des Blattes. Er versuchte, sich selber auszulachen: Was hatte er denn mit den Erinnyen zu tun? Er war doch kein Mörder! Um etwas so Geringes wie eine zerbrochene Teekanne würden sich die Erinnyen jedenfalls nicht kümmern, selbst wenn es welche gäbe!

Aber das Bild kam ihm immer wieder in den Sinn, auch am Nachmittag und Abend. Er verstand sehr gut, dass mit diesen unheimlichen Göttinnen nichts anderes als das böse Gewissen gemeint war – das ihn seit dem Sonntag bei Grossmama plagte. Ganz wohl war ihm eigentlich seitdem nicht mehr gewesen. Drum wollte es ihm auch nicht recht glücken mit dem Freundlichsein.

»Du bist jetzt immer so langweilig!« hatte Lotti ihm gestern zugerufen, als sie mit Marianne das Rutschbrett hinuntersauste, und Hans umsonst aufforderte mitzutun.

Und heute abend hatte Papa ihm auf die Schulter geklopft:

»Warum so ernsthaft, Hans?«

In der Nacht schlief Hans unruhig. Er erwachte und hörte vom Kirchturm vier Uhr schlagen. Noch nie hatte er früh vier Uhr schlagen hören. Er blieb eine Weile wach. Die greuliche Kanne – . Er drehte sich gegen die Wand. Und wirklich schlief er wieder ein. Aber die Kanne schlich sich in seinen Traum hinein: er war ein Glaser; statt dem Kasten mit den Scheiben trug er jedoch auf dem Rücken die Teekanne; sie war sehr schwer. Er musste mit ihr über alle Berge; aber er kam gar nicht vorwärts. Neben ihm ging eine grosse Katze, der Schlangen vom Kopf herunterhingen. Hans wollte laut »Glasö – r!« rufen, damit die Katze verschwinde; aber er brachte keinen Ton heraus. Da erwachte er. Was für ein widerwärtiger Traum –! Bevor er sich recht besinnen konnte, schlief er wieder ein, und gleich war auch die Katze da. Hans sollte hinter ihr über eine eiserne Brücke gehen; die wurde immer länger und schmaler. Die Katze schritt ganz sicher, und eines ihrer Schlangenhaare streckte sich zurück gegen Hans; jetzt war es aber keine Schlange mehr, sondern der abgebrochene Kannenschnabel. Hans wollte ihn wegstossen; da schwindelte ihm und er stürzte in die Tiefe –

Hans fuhr auf. Nun wollte er lieber wach bleiben. Er behielt die Augen offen, und in der Morgenstille ging er nun endlich der Sache auf den Grund. Ganz schlecht hatte er sich seit dem Sonntag aufgeführt – gemein, Kolb hatte letzthin das rechte Wort gebraucht! Wie hatte Hans nur all die Zeit Grossmama, Mama und Papa und die andern ansehen können und tun als ob nichts wäre, während doch diese Lüge in ihm steckte; denn nicht gestehen war grade wie lügen. Nein, das war nicht mehr auszuhalten; das musste ein Ende nehmen –

Von draussen hörte Hans den Bäckerburschen sein frisches »O, Tannenbaum, o, Tannenbaum!« pfeifen. Hans wollte auch wieder so fröhlich pfeifen können. Er sprang aus dem Bett. Es war noch sehr früh; aber heute, am Samstag, war Mama gewiss schon auf. Rasch wusch sich Hans und kleidete sich an.

Mama stand am Tische, um Milch für das Schwesterlein zu wärmen. Es war noch dämmerig im Zimmer; die blaue Flamme des Spiritusbrenners warf bloss einen schwachen Schein.

»Mama«, sagte Hans, »ich muss dir etwas sagen – etwas Schlechtes von mir –«

Mama erschrak, und als Hans nun die ganze Geschichte erzählte von dem Scharadenbuch und der Teekanne und wie es gekommen war, dass er nicht gestanden hatte, da machte sie ein betrübtes Gesicht.

»Hans, Hans, wie ist das möglich –! Bei dem Brande drüben so tapfer und nun in dieser Sache so feig –!«

Kein Wort hätte Hans schärfer treffen können.

»Vor deinen Freunden und vor den andern Kindern hast du dich geschämt, den Fehler zu bekennen; aber vor dir selber schämtest du dich nicht, unwahr zu sein! Ist denn dein Gewissen, das Gott in dich gelegt hat, nicht auch etwas, vor dem du in Ehren bestehen möchtest?«

Hans drückte die Hände ineinander und hielt die Augen niedergeschlagen.

»Mama«, begann er dann. »Wenn du wüsstest – immer habe ich es sagen wollen – es war gerade, als ob ich nicht könnte! Das mit der Sylvia und dem Feuer ging viel leichter; da konnte ich mich nicht lang besinnen, sondern ich hab sie gleich gepackt und in den Schnee gedrückt, und dann haben alle gerufen: Brav, brav –!«

Nun ging ein kleines Lächeln über Mamas Gesicht.

»Es war brav, Hans. Aber es gibt noch eine andere Bravheit und Tapferkeit, so eine inwendige, eine gegen die eigenen Fehler. Da heisst's auch furchtlos dran gehen und fest angreifen! Und lieber einmal von aussen Spott und Schande ertragen, als in sich innen nicht ganz in Ordnung sein.«

»Heut abend geh ich zu Grossmama und sag ihr alles.«

»Natürlich, Hans –« Mama sah Hans an, als ob sie noch einen Gedanken hätte.

»Mama, meinst du –« Hans zögerte, »meinst du, ich müsse es morgen nachmittag bei Grossmama auch den andern sagen?«

»Ja, Hans, wenn du das über dich bringst –«

Hans seufzte.

»Mama, sagst du dann nicht mehr, ich sei feig? Weisst du, das gilt bei uns in der Klasse als das Ärgste!«

»Feigheit ist auch etwas Arges. Wie hat sie dir die letzten Tage verdorben! nicht wahr? Wie hast du bereuen müssen, dass du nicht im rechten Augenblick mutig warst!«

Das Schwesterlein im Korbwagen fing an zu weinen. Es wollte seine Milch haben.

Mama gab Hans die Hand und schaute ihm noch einmal ernst ins Gesicht; aber er fühlte, dass sie ihm verziehen hatte.

Der Gang am Abend zu Grossmama wurde Hans nicht leicht, und der Gedanke an das Geständnis am Sonntag in der Kindergesellschaft war ihm noch schwerer. Aber Grossmama erleichterte es ihm, so viel sie nur konnte.

»Hört einen Augenblick«, sagte sie, als die Grössern ihr halfen den Tisch zurückstellen und die Stühle ins Wohnzimmer tragen, während die Kleinern mit Werner draussen herumtollten; die brauchten ja nicht dabei zu sein. »Hört, Hans will euch etwas sagen. Es wäre besser gewesen, er hätte es gleich am letzten Sonntag, da wir beisammen waren, gesagt. Die Sache hat ihn die ganze Zeit gedrückt; jetzt aber will er sie los werden.«

Einen Moment blieben die Kinder ganz still, als Hans sein Geständnis vorgebracht hatte. Sie konnten sich vorstellen, wie unangenehm das war. Dann aber fiel Karl Binder ein, dass er auch einmal um die Wahrheit hatte herumgehen wollen. Er erzählte es, und Lily Rabus und Walter Schürmann wussten ebenfalls so etwas zu berichten. Ja, es war vielleicht keins unter den Kindern, das nicht schon Ähnliches erlebt hatte.

»Grossmama«, sagte dann aber Marianne, »das ist nett für den Glaser, dass er es nicht getan hat. Gelt, nun ruft ihn Friederike doch wieder herauf, wenn er später vielleicht aus dem Österreichischen zurückkommt.«

»Ja, Marianne«, antwortete lächelnd die Grossmama. »Und wir müssen sehen, dass dann wieder eine zerbrochene Scheibe und ein Teller Suppe für ihn bereit ist!«

Hans fühlte sich sehr froh und erleichtert in seinem Herzen. In den nächsten Tagen aber, als er einmal in die Küche kam, blätterte Balbine in ihrem Kalender, und der Zeitungsausschnitt, den sie sich hineingeklebt hatte, fiel heraus und flog gegen das offene Fenster.

»O, o!« rief sie, darnach haschend. »Der darf nicht verloren gehen!«

»Ach«, sagte Hans im Hinausgehen. »Das war eigentlich nichts Besonderes. Weisst du, Balbine, es gibt noch ganz andere schwerere Sachen.«




Marianne lernt das Heimweh kennen
Es hatte eben zwölf Uhr geschlagen. Die grosse Türe des Schulhauses tat sich auf, und die Kinderscharen strömten heraus. Lotti und vier oder fünf aus ihrer Klasse waren unter den ersten. Sie eilten auf die schöne Eisschleife zu, die an der Strasse entlang lief, und fuhren mit ausgestreckten Armen hintereinander her. Plötzlich aber schoss Lotti wie ein Pfeil davon mitten durch eine Gruppe sich balgender Buben hindurch und zum Platze vor.

»Sophie!« rief sie. »Das ist nett. Marianne kommt auch gleich. Jetzt gehen wir zusammen heim!«

»Nein, Lotti, heim geht es eben nicht«, erwiderte Sophie, die an der Ecke des Platzes auf die Kinder gewartet hatte. »Der Herr Doktor sagt, ihr sollt alle aus dem Hause. Mama ist recht krank –«

Mama –! Ja, nun fiel es Lotti wieder ein: Mama war gestern schon unwohl gewesen, und heute morgen hatten die Kinder sie nicht gesehen. Aber Lotti hatte sich weiter keine Gedanken gemacht. Beim Mittagessen würde man Mama schon wieder gesund treffen.

»Marianne!« rief Lotti der daherkommenden Schwester entgegen. »Wir dürfen nicht heim, hat der Herr Doktor gesagt. Das Schwesterlein und Werner sind schon bei Grossmama. Und Hans sollen wir auch abholen. Du muss zu Tante Oberst, weil du am artigsten seiest. Ich bin froh, dass ich bei Grossmama sein darf –«

Marianne sah erschrocken zu Sophie auf.

»Ja, Marianne«, sagte diese mit bekümmertem Gesicht. »So schnell ist das gekommen; gestern um diese Zeit hat noch niemand eine Ahnung gehabt!«

Marianne hatte schon während der Stunde an Mama gedacht, aber auch daran, dass am Nachmittag keine Schule sei, und dass sie dann vielleicht Mama vorlesen dürfe. Nun kam Sophies Botschaft wie ein Schlag.

»Sophie«, sagte Lotti im Weitergehen, »Grossmama macht mir jedenfalls mein Bett auf das rote Sofa. Wenn ich herunterfalle, komme ich grade auf das graue Fell. Glaubst du, Mama werde bald wieder gesund? Der Aristoteles, der wird gucken, wenn wir alle über Nacht bleiben!«

»Sophie«, fragte Marianne, »könnte ich nicht auch bei Grossmama wohnen?«

»Nein, Marianne, sei vernünftig! Tante Oberst war selbst da und hat es mit Papa ausgemacht. Deine Kleider und was du brauchst, hat Hermine schon geholt.«

An der nächsten Strassenecke trennten sich die drei. Sophie und Lotti gingen Hans entgegen. Onkel und Tante wohnten drüben am Stadtgraben.

Langsam stieg Marianne die Treppe hinauf. Es lehnte da kein Rutschbrett an der Seite. Die Stufen glänzten von Sauberkeit. Man hörte keinen Ton. Es war, als ob hier nur ernste erwachsene Leute auf- und abgingen.

»Ah, da kommt die Marianne!« Die Tante, die eben an der Glastüre vorbeiging, machte auf.

»Das ist ja sehr traurig bei euch zu Hause! Die arme Mama! Hast du keine Galoschen an bei dem Schnee, Kind? Häng den Hut hierher – . O, deine Haare –! Ihr seid wohl recht herumgetollt in der Pause –«

Tante Oberst, die eigentlich die Tante von Herrn Turnach war, hatte nie Kinder gehabt; darum vielleicht war sie oft erstaunt oder gar entsetzt über das, was Kinder taten. Marianne war nicht besonders unbesonnen oder unordentlich. Aber wie sie nun so bei Tante Oberst wohnte, begegnete ihr doch allerlei. Zu Hause ging es immer ein wenig laut her; da merkte man nicht, wenn eins die Türe zuschlug, oder über einen Schemel stolperte oder an einen Stuhl stiess. Aber die Tante fuhr zusammen, und der Onkel sah von seiner Zeitung auf:

»Acht geben, acht geben! Das tut Tantes Nerven nicht gut!«

Mama zu Hause hatte keine Nerven. Sie machte auch kein bekümmertes Gesicht, wenn man bei Tisch ein Glas Wasser verschüttete oder den Löffel in die Suppe fallen liess. Ein wenig wurde man wohl getadelt; aber man durfte dann auch wieder lachen über das kleine Missgeschick.

Und zu Hause standen auch nicht so viele Dinge auf den Tischen und Kommoden, die man nicht anfassen sollte.

»Ansehen, Mariannchen, gewiss!« sagte der Onkel. »Aber mit den Augen, nicht mit den Fingern!« Der Onkel wusste jedenfalls nicht, wie schwer das war.

Marianne hielt immer die Hände auf dem Rücken, wenn sie vor dem Gestell in der Ecke stand, dessen Fächer von unten bis oben mit lauter merkwürdigen niedlichen Sachen angefüllt waren. Da hatte es eine kleine Sanduhr; wenn man sie drehte, so rieselte der feine rötliche Sand in das untere Gläschen, und wenn man noch einmal drehte, wieder ins andere. Doch eben das durfte man nicht. Daneben war ein zierliches Totenköpfchen aus Elfenbein und ein silbernes Tellerchen mit erhöhten seltsamen Blumen. Dahinter aber stand der Bürgermeister von Saardam aus Holz geschnitzt mit weissem Kragen und rotem Gürtel. Wenn man unten drückte, wendete er sich langsam hin und her, zog den schwarzen Hut ab und hob den Stock. Hermine hatte es Marianne einmal beim Abstauben gezeigt.

Wofür stand der Bürgermeister von Saardam da drin? Onkel und Tante machten nie etwas mit ihm. Auch mit den schönen grossen Muscheln nicht, die hier lagen. Sie waren aussen rauh und stachlig, innen zart rosa. Wenn man sie ans Ohr hielt, hörte man das Meer rauschen. So oft Marianne die rosa Muscheln ansah, hatte sie ein starkes Verlangen, das Meer rauschen zu hören.

Und dann die Nuss, die man aufmachen konnte und in der ein ganzes Domino war; achtundzwanzig winzige Steinchen! Einmal hatte Marianne nicht widerstehen können. Aber da musste es grade begegnen, dass ein Steinchen herunterfiel und sich nicht mehr fand, bis der Onkel mit dem Absatz darauf trat. Da war Tante böse geworden und hatte gesagt, Marianne sei unartig, und hatte den ganzen Abend ein sehr ernstes Gesicht gemacht, sogar noch beim Lottospiel. Jeden Abend spielten Onkel und Tante Lotto mit Marianne. Der Onkel hielt das Beutelchen mit den Nummern und las laut und deutlich die Zahlen. Tante und Marianne sassen still vor ihren Blättern.

»Siebzehn – dreiundzwanzig – fünfzig – Marianne, deck' das Fünfzig! Wo bist du mit deinen Gedanken –?«

Dann deckte Marianne rasch ihr Fünfzig. Um halb neun schüttete man die Nummern und Gläschen zusammen, und Marianne sagte Gutnacht. Fast jedesmal trug sie Gewinne davon: Schokoladebonbons und Zuckermandeln oder Haselnussternchen. Das hob sie alles auf, um es am andern Morgen Lotti zu bringen.

In der Pause lief sie immer gleich die Treppe hinunter und wartete vor Lottis Schulzimmer, bis die Schwester herauskam. Dann zog Marianne sie in eine Ecke, und Lotti musste erzählen, wie es bei Grossmama zuging.

»Wenn du nur gestern dabei gewesen wärst!« fing Lotti an. »Wir haben Lateinischstunde gehabt bei Onkel Alfred. Es war furchtbar lustig! Wir sassen auf dem Bänklein in der Küche, Hans und Friederike und ich. Aber Friederike hat gesagt, sie mache nicht mehr mit; sie habe die ganze Nacht davon geträumt und schreckliche Angst ausgestanden, weil sie's nimmer konnte. Ich weiss es noch gut: Amo, amas, amat, amamus, am –« Lotti besann sich.

»Sag mir etwas vom Werner und vom Schwesterlein!« bat Marianne.

»Vom Werner und vom Schwesterlein –?« Lotti sog an einer Zuckermandel; den Anteil von Hans und Werner hatte sie in die Tasche gesteckt. »Wart', ja – etwas Nettes! Eigentlich eher vom Aristoteles. Also der Werner, der hat ihn immer am Schwanz genommen, und da hat ihm der Aristoteles mit den Krallen eins auf die Hand gegeben. Werner hat geweint; aber Grossmama hat gesagt, es sei ihm recht geschehen. Und nachher ist der Aristoteles beim Schwesterlein gesessen, und da hat es ihn auch am Schwanz gezogen, und es hat auch einen Klaps bekommen; aber, weisst du, weil es noch so klein ist, hat der Aristoteles die Krallen eingezogen. Gelt, wie klug!«

Marianne nickte. Sie wäre so schrecklich gern wieder beim Werner und beim Schwesterlein, bei Hans und Lotti gewesen. Am Sonntag nachmittag hatte sie zu Grossmama gehen dürfen. Aber das war nicht dasselbe; sie war sich fast fremd vorgekommen unter den Geschwistern, und Hermine hatte sie sehr bald wieder geholt.

Und noch viel stärker zog es Marianne nach Hause zu Mama. Mama –! Marianne sagte das Wort manchmal vor sich hin, und dann musste sie sich immer wehren, dass ihr nicht die Tränen in die Augen kamen. Wenn sie nur einmal hätte zu Mama hingehen können, nur einen Augenblick! Doch der Herr Doktor hatte das streng verboten.

Am Morgen machte Marianne oft den Umweg über den Kornplatz. Die erste Treppe hinauf durfte man schon.

»Ulrich, wie geht es Mama!« fragte sie dann atemlos vom raschen Laufen.

»Es geht so, so, Marianne«, sagte Ulrich, indem er sich bückte, um das Seil unter dem Ballen durchzuziehen. »Wir wollen das Beste hoffen!«

Heute hatte Marianne auch Papa gesehen. Aber er war ganz anders als sonst.

»Kind«, sagte er, »was tust du da? Ihr sollt ja nicht herkommen!«

»Papa, gelt, Mama wird doch wieder gesund?«

»Ja, Marianne, ja –« sagte Papa, ohne Marianne anzusehen. »Geh jetzt! es ist höchste Zeit! Sei recht brav bei der Tante!«

Marianne ging schweren Herzens in die Schule und aus der Schule zu Onkels.

Das Mittagessen schmeckte ihr nicht. Sogar den süssen Eierkuchen ass sie nur auf, weil man nichts liegen lassen durfte.

Am Abend gingen Tante und Onkel aus.

»Marianne bleibt noch ein Weilchen bei Hermine und legt sich dann bald zu Bett«, hatte die Tante gesagt.

Hermine war immer freundlich mit Marianne. Aber heute waren Anna und Babette von droben da, und die drei Dienstmädchen plauderten eifrig über ein Stück weiss und blauen Stoff, aus dem sich Anna ein Kleid zuschneiden wollte.

Marianne sass dabei mit ihrem Buche. Sie las die Geschichte vom Silberkettchen. Aber es war so schrecklich traurig, wie die kleine elternlose Flora ihren Grossvater suchte, von dem weder die Matrosen im Hafen von Antwerpen, noch die alte Fischfrau, noch der Diener in dem Palaste etwas wussten. Marianne stand auf. Ihre Trübsal und die der armen Flora gaben so viel zusammen, dass sie es nicht aushalten konnte.

»Ach, Marianne – gelt, du gehst heute allein«, sagte Hermine. »Ich komme nachher noch zu dir.«

Sie zündete Marianne das Licht an, und diese ging in ihr Schlafzimmer.

Das Fenster stand offen. Marianne sah hinaus. Das Haus stand am Kanal; dunkel und still floss das Wasser dahin. Drüben waren die Fenster hell. Marianne sah, wie sich drei kleine Mädchen in dem Zimmer um den Tisch jagten. Ja, die konnten wohl lachen; die hatten ihre Mama bei sich –

Marianne fiel jetzt wieder ein, was sie heute den ganzen Tag geängstigt hatte. Wie sie vor Lottis Schulzimmer gewartet hatte, waren zwei Lehrerinnen vorbeigegangen und hatten sie angesehen und dann leise gesprochen.

»Das wäre schrecklich!« hatte die eine gesagt. »Wie viel Kinder sind es denn?«

»Fünf«, hatte die andere geantwortet. »Noch ein Büblein von drei oder vier Jahren und ein ganz Kleines –«

Warum hatten sie so hergeschaut? Sprachen sie von Marianne und ihren Geschwistern? Was wäre schrecklich –? Wenn Mama – Nein! so etwas Furchtbares hatten sie doch nicht gemeint –!

Aber Marianne musste immer wieder an das denken.

Plötzlich ertönte Musik. Sie kam gegen die Brücke her, eine frische, muntere Weise. Marianne horchte – das war ein Stück aus dem Samstagschwanz daheim –

»Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen …«

Marianne erkannte die Melodie. Der Samstagschwanz, das war immer, wenn Papa eine Stunde früher aus dem Bureau heraufkam. Dann bettelte Werner:

»Papa, jetzt tun wir marschieren!« und fasste Papa am Rocke, und dann ging's los: Papa begann, fest im Takte auf und abschreitend, irgendein schönes Marschlied zu singen, und hinterdrein folgten die Kinder; alles suchte Schritt zu halten und mitzusingen, so gut und so laut es ging. Der Samstagschwanz machte seinen Weg durch sämtliche Zimmer, durch den Korridor und in die Küche …

Marianne legte den Kopf auf das Fenstergesimse und fing an bitterlich zu weinen. Die Musik verklang in der Ferne.

Auf einmal wischte Marianne die Tränen ab, zog die Schürze, die sie weggefegt hatte, wieder an und sah sich um. Dann ging sie rasch auf den Fusspitzen vor bis zur Korridortüre. Aus der Küche drang das Geplauder der Dienstmädchen.

Die Korridortüre war noch nicht abgeschlossen. Vorsichtig huschte Marianne hinaus und die Treppe hinunter. Aber die Haustüre konnte sie nicht aufmachen. Sie besann sich: Hinten, der Fensterladen bei der Waschküche liess sich loshaken. Marianne stieg hinaus. Nun war sie erst im Garten. Es war fast ganz dunkel, und der Wind raschelte durch die kahlen Sträucher. Marianne ging vor bis zum Gitter, wo das Gartenhäuschen stand. An den Latten des Häuschens konnte man hinaufklettern und, wenn man sich gut hielt, auf das Gitter hinüberkommen. So – nun musste Marianne bloss noch an der andern Seite des Gitters hinunter. Hans hatte einmal gesagt, hinunter komme man immer, wenn man den Mut habe loszulassen. Marianne kauerte hin, drehte sich, indem sie die Eisenspitzen gefasst hielt, und liess sich hängen. Jetzt –! Sie schlug das Knie auf und mit dem Kopf traf sie an das Gitter. Aber das machte nichts; drunten war sie. Schnell lief sie davon.

Es gingen nicht mehr viel Leute auf der Strasse. Hin und wieder wandte sich verwundert einer um nach dem kleinen Mädchen, das da so spät allein durch die Stadt rannte. Ein Polizeidiener, der unter einer Laterne stand, wollte auf sie zutreten. Aber Marianne lief rasch weiter und weiter. Da war schon die Schwalbengasse. Jetzt stand sie auf dem Kornplatz vor dem Hause. Sie schöpfte Atem. Aber wie sollte sie hinaufkommen zu Mama? Wie konnte sie überhaupt nur ins Haus gelangen, das abgeschlossen war? Wenn Ulrich sie sah, wollte er sie natürlich zu Onkels zurückführen. Ratlos stand Marianne vor der Haustüre.

Da kam ein grösserer Bub daher.

»Willst du hinein?« fragte er Marianne. »Hast du geläutet?«

Marianne schüttelte verlegen den Kopf.

»Ja, von selbst geht's nicht auf!« Der Bursche zog fest an der Klingel.

Marianne erschrak. Wenn nun Ulrich kam – . Richtig, man hörte den Schlüssel sich im Schlosse drehen. Marianne hatte eben noch Zeit, um die Ecke zu flüchten.

Ulrich trat heraus. Er sah niemand als den Burschen, der im Weitergehen sich umwendete.

»Was hast du zu läuten? Wart, ich will dir –« rief Ulrich und ging ein paar Schritte dem Burschen nach, der aber ohne zu hören im Dunkel verschwand.

Marianne war blitzschnell ins Haus geschlüpft und hatte sich hinter einen grossen Ballen versteckt. Als Ulrich die Treppe hinaufgegangen war, schlich sie nach; auf jeder Stufe blieb sie lauschend stehen.

Da tappte Schnauzel heran! Mit einem lauten Wau! schoss er auf Marianne zu.

»Still!« rief Ulrich mit gedämpfter Stimme von der Garnkammer her.

Marianne fasste den Hund und versuchte, ihm die Schnauze zuzuhalten. Wenn er noch einen Laut gab, so war Marianne entdeckt –

Schnauzel aber machte sich los und sprang zu Ulrich zurück.

»Wau!« bellte er. Marianne ist draussen! Auf der Treppe steht sie! hiess das in seiner Sprache.

Aber diesmal verstand ihn Ulrich nicht.

»Dass du still bist –!« drohte er, indem er die Garnkammer schloss.

»Wau!« machte Schnauzel noch einmal und kratzte an der Türe.

»Nein«, sagte Ulrich. »Mäuse werden nicht mehr gefangen heut abend. Leg dich!«

Nun wagte Marianne vorbeizuschleichen zur zweiten Treppe. Es wurde jetzt immer schwieriger: von unten waren Ulrich und Schnauzel zu befürchten, von oben die andern. Aber auf dem Korridor, wo's sonst türaus und türein ging unter Lachen und Rufen, war es totenstill. Einen Augenblick glaubte Marianne Papas Stimme zu vernehmen. Sonst, wenn sie Papa hörte, rannte sie auf ihn zu; jetzt duckte sie sich auf die Treppe nieder.

Nach einer Weile öffnete sich geräuschlos die Küche. Balbine kam heraus und ging mit behutsamem Schritte in die hintere Stube. Und von da geht sie zu Mama hinein! dachte Marianne. Das Herz klopfte ihr fast zum Zerspringen. Sie wartete einen Augenblick; dann huschte sie hinüber.

Nun trennte sie nur noch eine Türe von Mama! Wenn sie da in den grossen Kleiderschrank schlüpfte und wartete, bis Balbine wieder zurückging in die Küche –? Dann konnte Marianne hinein; dann war sie endlich, endlich wieder bei ihrer Mama –!

Sie zog die Türe des Schrankes zu und lauschte zwischen den Kleidern hinaus. Vielleicht hörte sie Mama sprechen. Aber kein Laut drang aus dem Nebenzimmer. Wie diese Stille einem bang machte! Marianne war schon oft da drinnen im Schrank gestanden, wenn sie mit Lotti und Werner Versteckens gespielt hatte. Da war es immer sehr schwer gewesen, nicht durch Lachen sich zu verraten. Es schien Marianne eine Ewigkeit, seit sie mit Lotti und Werner gelacht hatte.

Marianne besann sich auf ein Gedicht. Das war gut, wenn man Angst oder Schmerzen ausstand in der Nacht, hatte Grossmama einmal gesagt.

»Die Sonne, sie machte den weiten Ritt um die Welt …«

flüsterte Marianne. Aber der zweite Vers ging nicht; sie konnte sich nicht besinnen. Vielleicht war es besser zu beten.

»Lieber Gott – lieber Gott –« wiederholte Marianne ein paarmal. Doch weiter kam sie in ihrer Angst nicht.

Plötzlich machte Balbine die Türe auf – Marianne fuhr zusammen. Balbine kam aber nicht heraus, sondern ging leise zurück zum Fenster. Und Marianne sah nun weit ins Zimmer hinein. Da lag Mama auf den weissen Kissen. Durch den Lampenschirm fiel das Licht auf sie. Wie seltsam Mama aussah – blass und schmal; die Augen waren geschlossen, und die Hände lagen still gefaltet auf der Decke. So hatte Marianne Mama noch nie gesehen – . Auf einmal überkam sie ein furchtbarer Schrecken: Das Gespräch der Lehrerinnen fuhr ihr durch den Sinn und zugleich eine andere Erinnerung: So war Tante Agnes dagelegen vor ein paar Jahren – so schneeweiss und schmal, und die Hände hatte sie so gefaltet gehabt, und im Hause war es auch so ganz still gewesen. Und am Sonntag darauf war Grossmama mit den Kindern auf den Friedhof gegangen, wo man Tante Agnes begraben hatte. Und Lotti, die damals noch klein war, hatte gefragt:

»Kommt die Tante dann wieder einmal zu uns?«

Aber Marianne hatte gewusst, dass die toten Menschen nie mehr zurückkommen können.

War Mama nun auch tot –? Kamen nun dann Männer und trugen sie weg ins Grab –?

»Mama –!« schrie Marianne und stürzte aus dem Schranke hervor.

Balbine fuhr entsetzt vom Stuhle auf.

»Mama, Mama –«, Marianne warf sich an das Bett und fasste die gefalteten Hände.

Da öffnete Mama langsam die Augen und sah Marianne an, verwundert, freundlich.

Jetzt erst begann Marianne laut zu schluchzen.

»Mama, Mama – ich hab gemeint – du hast so weiss ausgesehen, und so still – ganz wie –«

»Kind, Marianne! ssst –« Balbine suchte Marianne wegzuziehen. »Wie um des Himmels willen kommst du hieher –«

Aber Marianne konnte nicht antworten. Sie hielt Mamas Hand.

»Mama, ich bin so froh, ich bin so froh – ich hab' solch eine Angst gehabt –« schluchzte sie.

Mama streichelte leis des Kindes Kopf. Sie war zu müde, um darüber nachzudenken, wie denn Marianne auf einmal da an ihrem Bett knien konnte. Aber es tat ihr wohl, wieder eins von ihren Kindern bei sich zu haben.

Balbine stand da und wusste nicht, was tun. Man war glücklich gewesen, als Frau Turnach endlich in einen festen Schlaf verfallen war. Und nun brach Marianne plötzlich herein –

Indessen war unten im Hause auch allerlei vorgegangen.

Bald nachdem Marianne ins Haus geschlüpft war, hatte es wieder geläutet.

»Wenn das noch einmal der nichtsnutzige Bub ist –« hatte Ulrich gebrummt, als er zur Türe ging.

Es war nicht der nichtsnutzige Bub. Es war Hermine in grösster Eile und Aufregung.

»Ulrich!« rief sie. »Marianne ist doch da –? Mein Gott, der Schrecken, wie ich ihr Bett leer sehe und sie in der ganzen Wohnung nirgends finde –«

»Marianne?« fragte Ulrich bestürzt. »Nein, hier ist sie nicht!«

»Nicht –?« Hermine schlug die Hände zusammen. »Ulrich! es wird doch kein Unglück begegnet sein! Sie wird doch um Gotteswillen bei ihrer Grossmama sein! Anna von droben ist hingelaufen. Ich geh ihr entgegen; ich halte es nicht aus, hier zu warten –«

»Ja, gehen Sie!«, sagte Ulrich, der ängstlicher war, als er's gestehen wollte.

Nach einer kurzen Weile kam Hermine zurück, verstört, in Tränen.

»Nein, Ulrich! Auch nicht dort!« Hermine drückte die Hände vors Gesicht. »Ich vergehe vor Angst! Ulrich, das Fenster in Mariannes Zimmer stand offen und unten das Wasser –«

»Seien Sie vernünftig, Hermine! Man soll nicht gleich ans Schlimmste denken –« Aber Ulrich konnte selbst fast nicht anders. Was war zu tun? Sollte er zu Herrn Turnach hinaufgehen –

Da läutete die Hausglocke wieder. Hermine hob den Kopf. Vielleicht –

Aber herein traten Herr und Frau Oberst. Sie hatten bei ihrer Heimkehr von der Köchin Babette gehört, was geschehen war. Und über den Platz herüber kam im selben Augenblick Friederike, von Grossmama geschickt.

»Ulrich, das Kind, die Marianne ist doch da –!« riefen alle drei und lasen auf den ersten Blick aus Ulrichs und Hermines Gesichtern die Antwort.

Frau Oberst tat einen Schrei des Entsetzens und stürzte sich auf die jammernde Hermine, die sie zu der Bank hinter der Treppe führte.

»Ulrich«, sagte der Herr Oberst, »man muss sofort Schritte tun! Einer von uns muss auf die Polizei –«

Da läutete es zum vierten Male. Alle hofften einen Augenblick.

»Guten Abend, Ulrich!« sagte eilig eine tiefe Männerstimme. Es war der Herr Doktor, der heute so spät seinen zweiten Besuch machte. »Wie geht's oben?«

»Frau Turnach schläft; sie schläft seit drei Uhr«, antwortete Ulrich und hielt die Lampe so, dass nach hinten ein Schatten fiel. Es war besser, wenn der Herr Doktor, der jetzt hinaufging, nichts wusste.

»Schläft? seit drei Uhr?« wiederholte der Herr Doktor, schon auf der Treppe. »Das ist gut! das ist ja prächtig! Machen Sie doch kein so trübseliges Gesicht, Ulrich!« Rasch ging der Herr Doktor hinauf, ohne dass er sich umgesehen hatte.

Der Herr Oberst trat wieder hervor und fasste seinen Stock.

»Ich gehe, Ulrich; Sie können hier nicht fort!«

Dann aber horchten alle auf. Laut und im Tone höchsten Erstaunens ertönte von droben Herrn Doktors Stimme:

»Marianne –!« und noch einmal: »Was tust du denn hier, Marianne –!«

»Marianne –!« wiederholten drunten alle wie aus einem Munde, Onkel und Tante, Ulrich, Hermine und Friederike.

»Ulrich!« rief Hermine. »Sie sagten doch –«

»Ja – ich begreife nicht – das ist nicht mit rechten Dingen zugegangen –« stotterte Ulrich, eilte dann aber froh und erlöst wie die andern zur Treppe.

Oben war der Herr Doktor unter der Türe stehen geblieben. Marianne hielt Mamas Hand fest.

»Balbine«, rief der Herr Doktor, »was ist das! Wie kommt das Kind daher! Was habe ich gesagt –!«

Der gute alte Herr Doktor, der schon seit vielen Jahren Hausarzt in der Turnachfamilie war, konnte manchmal ziemlich streng sein.

»Herr Doktor –« wollte Balbine anfangen.

»Nein! auch Marianne nicht! Frau Turnach soll unbedingt Ruhe haben –« Der Herr Doktor wendete sich horchend rückwärts. »Aber es scheint, Ruhe gibt's hier nicht – weder drinnen noch draussen! Was kommt denn jetzt wieder die Treppe herauf?«

Er ging rasch durch das Vorzimmer hinaus und schloss die Türen hinter sich zu.

»Herr Oberst –! Was fällt Ihnen ein! Wir wollen keine Besuche, absolut keine! Und zu dieser Stunde –«

Hinter Onkel Oberst wurde die Tante sichtbar.

»Der Kuckuck noch einmal –« Der Herr Doktor wurde ganz zornig. »Der Kuckuck noch einmal, was ist denn heute abend los –!«

»Marianne, Marianne!« hörte man Hermine hinter Tante Oberst rufen.

»Und was kommt da noch für ein Frauenzimmer – und noch eins! Wollen Sie beide die Güte haben, sofort umzukehren! So, Sie auch, Ulrich –! was haben Sie hier oben zu tun! Hüten Sie lieber das Haus, damit nicht alles hereinläuft –«

Aber nun trat auch noch Herr Turnach herzu, der droben Briefe geschrieben, und Sophie, die in der Küche etwas eingenickt war, weil sie nachts bei Frau Turnach gewacht hatte. Erstaunt sahen sie auf all die Leute.

»Schön!« fuhr der Doktor fort. »Immer mehr! Wollen wir nicht noch einige von der Strasse herauf holen oder vielleicht vom Goldenen Degen drüben –! Jetzt möcht' ich doch endlich erfahren, was das zu bedeuten hat!«

Hermine, die sich etwas erholt hatte, fing an zu erzählen; alles wusste sie aber auch nicht.

»Wie kann das Kind nur zum Haus hinausgekommen sein –! Marianne, sag doch –« In ihrem Eifer trat Hermine zur Türe.

Aber der Herr Doktor wehrte.

»Machen Sie nicht noch mehr Lärm als wir schon haben, Jungfer Hermine!«

Er ging hinein und zog die Türe hinter sich zu.

»Komm her, kleine Missetäterin, Urheberin dieses nächtlichen Auflaufes –«

Marianne liess zögernd Mamas Hand.

»Wollen Sie mir Marianne wieder nehmen?« fragte Mama mit ihrer schwachen Stimme.

»Gleich, Frau Turnach, gleich!« Der Herr Doktor fasste Marianne am Arm.

»Also hör mal, Marianne. In dunkler Nacht bist du hergelaufen zu deiner Mama. Es ist hübsch, wenn man seine Mama lieb hat. Nun sei noch recht vernünftig dazu, dann bist du ein Prachtsmädel! Du gehst jetzt ruhig mit Onkel und Tante zurück –«

Marianne warf einen flehenden Blick auf Mama.

»Wenn dieser Überfall deiner Mama nicht geschadet hat –«

»Ich glaube nicht, Herr Doktor«, sagte Frau Turnach. »Ich fühle mich so viel besser.«

»Ssst –! nicht sprechen! Was ist heute? Mittwoch – pass auf, Marianne – wenn alles gut geht, so darfst du am – sagen wir am Samstag heimkommen.«

»O!« rief Marianne.

»Du kommst und hilfst uns, Mama gesund pflegen.«

»Ja, ja!«

»Du bringst ihr frisches Wasser und holst die Suppe aus der Küche und –«

»Und ich lese Mama vor! Das Silberkettchen, gelt, Mama! Es ist furchtbar traurig; aber wenn ich dir's vorlesen darf, ist's schön! Ich bin jetzt da, wo Flora –«

»Willst du gleich aufhören mit deiner Flora und die Mama nun endlich wieder schlafen lassen?« unterbrach der Herr Doktor Marianne. »Schnell sag ihr Gutenacht!« Der Herr Doktor schob Marianne hinaus.

Aber erschrocken fuhr sie zusammen, als sie vor die Türe trat. Wer stand da alles! Tante, Onkel und Hermine, Papa, Sophie, Ulrich und Friederike! Verlegen sah sie von einem zum andern. Doch niemand schalt sie. Man war zu glücklich, sie wieder zu haben; man umringte sie:

»Marianne! Gott Lob und Dank! Was für eine Angst haben wir ausgestanden!«

»Fast gestorben wär' ich vor Schrecken!« versicherte Hermine, aufs neue in Tränen ausbrechen.

»Kind, Kind, du hast dich doch nicht erkältet!« rief zugleich die Tante. »Du blutest an der Schläfe –«

Sie wollte Marianne die Haare von der kleinen Schramme streifen; aber der Onkel zog das Kind zu sich her.

»Da haben wir den Deserteur! Ei, ei, ei! Was fangen wir mit ihm an? Was tun wir, dass er wieder zurückkehrt? Hat er am Ende gar etwas Heimweh bekommen bei uns?«

Marianne legte ihre Hand in die des Onkels. Es war ihr so froh und leicht zumut nach all dem Jammer. Mama lebte; Mama wurde wieder gesund, und Marianne durfte am Samstag kommen und sie pflegen! Jetzt schien es ihr auf einmal nicht mehr schlimm, noch bei Onkels zu bleiben. Onkel und Tante waren ja so freundlich, und es tat Marianne leid, dass sie ihnen eine solche Angst bereitet. Daran hatte sie in ihrem eigenen Kummer gar nicht gedacht.

»Ja, Marianne, du musst Onkel und Tante schon recht um Verzeihung bitten«, sagte Papa, während man unter vielen Reden und Fragen die Treppe hinunterstieg. Die Tante geriet von neuem in Schrecken, als Marianne auf Onkels Verlangen ihren Weg über das Gitter beschrieb.

»Marianne«, sagte Ulrich, der den Weggehenden die Haustür öffnete, »später erzählst du mir dann auch einmal genau, wie du hier hereingekommen bist.«

»Ja«, rief Marianne fröhlich zurück. »Das war nicht so schwer, Ulrich. Du hast mir selber die Türe aufgemacht!«



Die gestörte Rechenstunde

Die Aufregung hatte Mama nicht geschadet. Die Besserung schritt rasch voran. Am Samstag kam Marianne heim, und bald war die ganze Familie wieder heiter und glücklich beisammen.

Fast hatte es zwar den Anschein, als sollte der Frieden noch einmal gestört werden. Am neunten März war Lottis Geburtstag. Zwei Tage zuvor aber klagte Lotti über Kopf- und Halsweh und über Müdigkeit; sie mochte nichts essen und war fiebrig, so dass Mama sie im Bett behielt.

»Es wird doch nicht der Scharlach werden«, sagte Mama etwas ängstlich zu Sophie. »Er geht in der Stadt um, und Lotti hat ihn noch nicht gehabt.«

Aber vom Achten auf den Neunten schlief Lotti gegen Morgen fest ein, nachdem sie die Nacht vorher sehr unruhig gewesen war. Sie schlief bis in den hellen Vormittag. Endlich erwachte sie.

»Mama, ich hab kein Halsweh mehr.«

»Gott Lob, Kind!« Mama beugte sich über sie und sah Lotti in die wieder frischeren Augen.

Lotti besann sich.

»Mama, heut ist mein Geburtstag.«

»Ja, mein Lottikind! Ich wünsche dir recht viel Glück. Der liebe Gott möge dir ein gutes neues Lebensjahr schenken.«

Lotti lag ein Weilchen; dann fing sie wieder an:

»Mama, ich könnte ganz gut ein wenig Geburtstagskuchen essen.«

»Aber jetzt hat Balbine keinen gebacken, Lotti! Gedulde dich bis übermorgen. Wir wollen recht dankbar sein, dass du nicht ernstlich krank geworden bist.«

Mama holte Milch und Brot für Lotti.

»Nun bleib noch schön ruhig liegen!« sagte sie. »Am Nachmittag versuchen wir dann aufzustehen.«

»Mama«, seufzte Lotti nach weiteren zehn Minuten. »Das ist ein bisschen ein langweiliger Geburtstag.«

Sie drehte sich gegen die Wand und betrachtete die grünlichen Kleebüschel an der weissen Tapete. Sie zählte die Kleeblätter und die Stiele und fand heraus, dass jeder Büschel einen Stiel zu wenig hatte. Aber auf die Dauer war das keine Unterhaltung.

Plötzlich wurde es draussen auf dem Vorplatz laut. Man hörte Tritte und Stimmen und ein unterdrücktes Lachen. Mama ging hinaus ins andere Zimmer. Da streckte Hans den Kopf zur Türe herein.

»Mama!« rief er leise.

»Still, Hans –« winkte Mama; denn sie glaubte, Lotti sei noch einmal eingeschlafen.

»Mama«, flüsterte Hans, »es ist etwas Wichtiges und Komisches! Es ist –«

»Kräh!« tönte es auf einmal laut durch die offene Türe. »Kräh, kräh –«

Lotti hatte sich aufgerichtet und lauschte. Dann lachte sie mit dem ganzen Gesicht:

»Mama! Mama!« rief sie. »Horch! ein Vogel – ein Rabe – Mama, das ist der Peter von Larstetten!«

Mama sah erstaunt auf Hans.

»Ja, Mama, Lotti hat recht!« sagte er. »Darf ich ihn hereinbringen?«

Und ehe Mama wusste, ob sie ja oder nein sagen solle, kam Hans mit einem Korbe, aus dem leibhaftig und munter der Peter von Larstetten herausstieg.

Nein, das Entzücken von Lotti!

In dem Korbe aber, in dem der Peter gereist war, steckte ein Brief von der Tante Doktor. Und in diesem Briefe stand, die Turmsette, die nun wirklich in nächster Zeit nach Amerika zu ihrem Sohne übersiedle, den Peter jedoch nicht mitnehmen könne, habe diesen Trudi und Otto schenken wollen. Die Tante aber finde, es sei schon etwas viel Getier im Hause: Zu den zwei Katzen, dem Hund und dem Kanarienvogel seien in letzter Zeit noch vier Meerschweinchen und eine Schildkröte gekommen. Da schicke die Tante nun den Peter ihrem Patenkind Lotti zum Geburtstag. Es gehe ja nun bald wieder in die Seeweid hinaus, wo der Peter sich gewiss sehr glücklich fühlen werde.

»Mama!« rief Lotti in lautem Jubel. »Nun ist's doch noch ein schöner Geburtstag geworden! Sieh, wie er hüpft! Und wenn du wüsstest, wie gescheit er ist –«

Hans hatte den Vogel auf das Fussende von Lottis Bett gesetzt. Peter sah sich neugierig in der fremden Stube um. Dann legte er den Kopf auf die Seite und betrachtete Lotti: Kenn ich die oder kenn ich sie nicht? Ein wenig sieht sie aus wie Doktors Trudi! Mit possierlichen Seitensprüngen hopfte er hin und her.

Lotti klatschte ein über das andere Mal in die Hände vor Vergnügen und erzählte Mama von den Kartoffeln, die der Peter sich aus der Pfanne hole, und wie er auf Fingerhüte und Scheren und Löffel aus sei. Mama hatte nur zu wehren, dass Lotti nicht zu viel spreche. Sie war sehr froh, als Lotti schliesslich sich zurücklegte, eine Weile noch den Raben vergnügt anblinzelte und dann wieder einschlief.

Hans trug den Raben weg und stiess draussen mit Balbine zusammen, die Holz heruntertrug.

»Du – du liebe Güte!« rief sie entsetzt. »Woher kommt das Unglückstier –!«

»Das ist kein Unglückstier; das ist der Peter von Larstetten.«

»Was, Peter von Larstetten«, sagte Balbine, misstrauisch den Kopf schüttelnd. »Ein Rabe ist ein Rabe! Nein, Hans, lass – ich will ihn nicht auf meinem Holzkorb! Es soll mich freuen, wenn ich unrecht habe; aber so viel ich weiss, bringt so ein schwarzer Vogel nichts Gutes ins Haus!«

Balbine hatte wirklich vollkommen unrecht. Der Vogel Peter bereitete der ganzen Familie nur Vergnügen. Sogar das Schwesterlein krähte vor Lust, wenn der Rabe seine lustigen Sprünge vor ihm aufführte.

Schnauzel war im Anfang sehr aufgeregt über den neuen Hausgenossen. Vögel gab es wohl auch auf dem Kornplatz, Spatzen und Tauben, die Schnauzel mit grosser Freude aufscheuchte. Aber einer, der sich gar nicht fürchtete, wenn man auf ihn losging, sondern die Flügel schlug und Augen machte und gar mit dem Schnabel kam – . Über diesen Schnabel ärgerte sich der sonst so gutmütige Schnauzel sehr.

Doch Ulrich nahm die beiden in seine Garnkammer, wo sie unter Bellen und Gekrächz sich vertragen lernten. Ja, er brachte sie bald dazu, aus derselben Schüssel zu fressen. Die Kinder hatten jedesmal ihren grossen Spass dabei. Zuerst ging's sehr eifrig und friedlich. Wenn aber dann nur noch zwei oder drei Brocken da waren, schielte Schnauzel hinüber und knurrte, und Peter schielte auch und streckte den Schnabel. So bewachten sie beide den letzten Brocken. Keiner getraute sich, ihn zu erschnappen, und keiner gönnte ihn dem andern. Schnauzel wäre wohl im Grunde der Stärkere gewesen; aber dafür war Peter der Frechere. Schliesslich machte Ulrich dann der Sache ein Ende, indem er dem einen oder dem andern den letzten Bissen zuschob.

»Mama, ich freue mich schrecklich auf die Schule!« sagte

Lotti, als sie bald nach ihrem Geburtstag wieder hinausdurfte.

»Das ist recht, Lotti.«

»Am meisten freu' ich mich darauf, Fräulein Matthias und den Kindern vom Peter zu erzählen, Mama!«

Auf dem Schulweg aber besann sich Lotti auf einmal anders. Sie beschloss, das vom Raben Peter als Geheimnis und Überraschung zu behalten. Als die Mädchen sie nach ihren Geburtstagsgeschenken fragten, erzählte sie bloss von dem Kuchen mit den acht Lichtern, von den Stelzen, dem Bilderbuche und der Tasse mit den roten Blümchen. Diese Zurückhaltung war sehr schwer für Lotti.

Als sie mit Hedwig Zohner und Karoline Rupprecht heimging, konnte sie denn auch nicht mehr ganz schweigen. Die drei waren Freundinnen; manchmal stritten sie sich zwar ein bisschen.

»Hört!« sagte Lotti, »ich bringe wahrscheinlich morgen etwas in die Schule. Etwas furchtbar Lustiges! Könnt ihr erraten was?«

Nein, Karoline und Hedwig konnten nicht erraten.

»Einen – denkt, einen Raben!«

»Das ist gar nicht so etwas Besonderes, ein Rabe«, erwiderte Karoline. »Hinter dem Hause von meiner Tante auf dem grossen Acker am Kreuzberg sind immer eine Menge Raben.«

»Ach, das sind ja bloss Krähen, hat Papa gesagt. Meiner gehört zu den Dohlen; das sind die feinsten und nettesten Raben.«

»Jedenfalls mag ich Katzen viel lieber als Raben!« entgegnete Karoline.

»Katzen –!« machte Lotti geringschätzig.

»Ja, du solltest einmal unsere sehen! Zwei herzige, ganz junge! Eine hat gelb und weisse und schwarze Flecken. Das ist eine Glückskatze. Sicher würden meine Kätzchen dem Fräulein Matthias besser gefallen als dein Rabe!«

»Das glaube ich gar nicht!« sagte Lotti.

»Vielleicht hätte sie am allermeisten Freude an meinen Mäusen«, begann nun auch Hedwig Zohner.

»Was sagst du? an Mäusen?« rief Lotti. »Viele Leute mögen Mäuse nicht ausstehen! Balbine tut schrecklich, wenn sie eine sieht!«

»Ich meine nicht gewöhnliche Mäuse«, erwiderte Hedwig, »sondern weisse. Wenn ihr wüsstet, wie allerliebst sie sind! Mamas Vetter hat sie uns gebracht. Sie haben rote Augen, und wenn sie fressen, machen sie ein Männchen –«

»Ein Männchen machen meine Katzen manchmal auch«, sagte Karoline. »Und sie können mit dem eigenen Schwanz spielen und noch allerlei –«

»Aber so gescheit und komisch wie mein Rabe sind sie jedenfalls nicht!« rief Lotti.

»Das ist noch die Frage!« gab Karoline zurück, worauf die drei Mädchen sich trennten, ohne Adieu zu sagen. Erstens weil sie ärgerlich aufeinander waren und dann, weil ihnen wichtige Dinge durch den Kopf gingen. Auch Karoline und Hedwig fassten, jede für sich, einen Plan.

Mama war zuerst nicht einverstanden mit Lottis Vorhaben.

»O, Mama, sag ja!« bettelte aber Lotti. »Letztes Jahr nach Weihnacht hat auch die ganze Klasse die neuen Puppen in die Schule mitbringen dürfen!«

»Das ist nun wirklich nicht ganz dasselbe, Lotti!«

»Aber einmal ist Anna Lenz mit einem Krebs gekommen! Fräulein Matthias mag gewiss gern den Peter sehen. Vielleicht lässt sie uns dann Sätze machen über ihn!«

So gab denn Mama die Erlaubnis, und Marianne und Lotti steckten den Peter in einen Korb. Wenn er im Dunkeln sass, blieb er immer ganz lange still. Marianne legte zur Sicherheit noch eine Speckrinde hinein, damit der Peter eine Unterhaltung habe.

Aber als Lotti ins Schulzimmer eintrat, stand ein Herr am Tische bei Fräulein Matthias. Es war ein Herr von der Schulpflege. Im Laufe des Jahres und besonders gegen den Frühling kamen öfters solche Herren, um zu sehen, ob die Kinder etwas gelernt hätten und ob sie folgsam und ruhig seien.

»An die Plätze, Kinder, schnell!« rief Fräulein Matthias, indem sie mit ernstem Gesicht vor die Klasse trat.

Jetzt grade ging es also nicht mit dem Raben. Lotti stellte den Korb in die Ecke, wo sie Hut und Mantel hingehängt hatte, und setzte sich in ihre Bank. Aber sie konnte nicht recht aufpassen; sie dachte an den Peter. Ein Mädchen hinter ihr zupfte sie am Ärmel und frug flüsternd:

»Was ist denn in dem Korb?«

Lotti antwortete nicht. Sie sah zu dem Herrn Schulpfleger hinüber, der das Rechnungsheft von Marie Glogger durchblätterte. Er hatte einen schwarzen Bart und runzelte eben jetzt die Stirne.

Er wird doch bald wieder gehen! dachte Lotti. Aber der Herr Schulpfleger lehnte sich, nachdem er das Heft hingelegt hatte, an das Fenster und hörte aufmerksam zu, wie die Kinder rechneten.

Jetzt ging die Türe auf, und herein kam, rot vom eiligen Gehen, Karoline Rupprecht, ebenfalls mit einem Korb.

»Karoline, du bist ja viel zu spät!« rief Fräulein Matthias. »Und was soll der Korb!«

Karoline guckte seitwärts nach dem Herrn Schulpfleger und machte ein verlegenes Gesicht. Um nicht Zeit zu verlieren, schickte Fräulein Matthias Karoline an ihren Platz. In der Pause wollte sie dann mit ihr reden.

Aber die Rechenstunde ging heute gar nicht gut. Mit der einen Abteilung nahm Fräulein Matthias mündlich das Einmaleins durch. Der andern hatte sie Zusammenzählaufgaben an die Wandtafel geschrieben. Lotti und Karoline waren jedoch nicht fleissig. Karoline sah immer zurück nach Lotti und machte ein geheimnisvolles Gesicht. Das ärgerte Lotti; sie zog den Mund schief und rümpfte die Nase, worauf Karoline dasselbe tat. Hedwig Zohner kam ebenfalls nicht vorwärts in ihrem Heft. Alle Augenblicke guckte sie unter den Tisch, wo die Schulsachen lagen, und rückte da an etwas herum.

»Karoline! Hedwig! warum schreibt ihr nicht!« rief Fräulein Matthias. »Und Lotti Turnach! du solltest nun doppelt fleissig sein, nachdem du fünf Tage gefehlt hast!«

Lotti wollte Fräulein Matthias folgen und weiterschreiben. Aber dann fing Karoline von neuem an sich umzudrehen, und Lotti machte wieder eine kleine Grimasse, welche Karoline zurückgab. Die beiden waren heute wirklich ein wenig unartig.

Nun entstand auch hinten in den zwei letzten Bänken Unruhe. Zwei Mädchen kicherten leise, und Selma Leuenstein streckte die Hand auf. Da Fräulein Matthias das nicht gleich beachtete, rief Selma laut über die Klasse:

»Fräulein Matthias, da hinten tut eines immer miauen!«

Der Herr Schulpfleger sah verwundert auf. Was war denn das heute? Sonst ging es in Fräulein Matthias' Klasse doch immer in Frieden und in schönster Ordnung!

Fräulein Matthias aber kam rasch herüber zur zweiten Abteilung.

»Wer macht hier Unruhe!« rief sie in sehr strengem Ton.

Da – man hörte es ganz deutlich – ertönte wieder ein leises »Miau«.

Alle Kinder drehten sich und horchten. Bloss Karoline sass mit hochgezogenen Achseln über ihrem Heft.

»Miau – miau –«

Wer konnte nur so ungezogen sein!

Jetzt streckte Selma Leuenstein wieder die Hand auf:

»Fräulein Matthias, es ist kein Kind! Es kommt aus dem Korb von Karoline –«

Und nun erhoben sich alle vier Mädchen der letzten Bank und schrien in höchster Aufregung:

»Ein Kätzchen, Fräulein Matthias! Ein Kätzchen –!«

Auch der Herr Schulpfleger schritt herzu. Von Ordnung in der Klasse war keine Rede mehr. Die Kinder lachten und streckten sich, um das entsprungene Kätzchen zu sehen; einige Mädchen vorn stiegen auf die Bank.

»O! noch eins –!« riefen die hinten.

»Das ist die Glückskatze!« schrie Lotti, die ihren Ärger über Karoline vergass.

»Karoline!« rief Fräulein Matthias. »Was ist das! Was sollen die Katzen hier –!«

Das Glückskätzchen aber sprang behend gegen Selma, die zu äusserst sass, und als sie es fasste, entkam es mit einem Satz und lief über den ganzen Tisch weg bis zu Hedwig Zohner.

»Halt es! halt es doch!« riefen die Kinder.

Hedwig aber hatte eine Schachtel unter ihrem Tisch hervorgezogen und streckte sie ängstlich in die Höhe, wie um sie vor dem Kätzchen zu schützen. Da auf einmal krabbelte es weiss unter dem halb offenen Deckel hervor und an ihren Armen herunter.

Fräulein Matthias schlug die Hände zusammen. Sie wusste nicht mehr, was sie denken sollte.

»Mäuse –! Mäuse –!« schrien die Kinder, die einen voll Schrecken, die andern entzückt, während die sechs weissen Mäuschen blindlings nach allen Seiten hinausfuhren. Das wuselte nur so am Boden umher, und die Kätzchen hopsten hinter den Mäusen drein, und die Kinder haschten nach den Katzen –

»Sie frisst es! sie frisst es!« jammerte Hedwig laut auf, als das graue Kätzchen eine der Mäuse zwischen seinen kleinen Tatzen hielt.

Doch das graue Kätzchen liess die Maus wieder fahren und rannte gegen den Herrn Schulpfleger, der es fast zertreten hätte.

»Na, ich muss gestehen«, sagte er, indem er zwei Schritte zurückwich und dabei an den Korb stiess, der auf dem Schemel in der Ecke stand, »ich muss gestehen, das geht heute ja merkwürdig zu in Ihrer Klasse, Fräulein Matthias –«

»Kräh!« tönte es hinter ihm. Er wendete sich um und erblickte einen grossen schwarzen Vogel, der auf dem Henkel des umgestürzten Korbes stand.

»Da hört aber doch alles auf –!« rief der Herr Schulpfleger. »Sind wir eigentlich hier in einer Menagerie oder in einer Schule –«

»Ach! O! Nein! Ein Rabe – ein Rabe!« schrie die Klasse, jetzt völlig aus Rand und Band, und die, welche unter den Tischen nach den Katzen und Mäusen gehascht, tauchten wieder hervor.

Der Rabe aber tat einen Sprung und packte kriegslustig das Glückskätzchen, das gerade unter dem Tisch hervorrannte, am Bein. Schreiend stürzte Karoline herzu, um ihre Katze zu retten –

»Wer hat den Vogel gebracht?« rief Fräulein Matthias. »Wer den Vogel gebracht hat, soll ihn einfangen! Das ist ja zu arg! Wem gehört er?«

»Mir!« klang Lottis Stimme durch den Lärm. »Er ist von Larstetten; er ist ganz zahm –«

Aber davon merkte man wenig. Der Rabe wollte nichts von Lotti wissen. Der Tumult und die vielen Leute brachten ihn ganz auseinander. Halb flatternd, halb springend jagte er quer über die Klasse weg. Lachend und schreiend duckten die Mädchen ihre Köpfe. Jetzt tappte er mit dem Fuss in die Tinte, besah ihn einen Augenblick und rannte dann weiter, auf allen Heften schwarze Zeichen hinterlassend. Eins der Mäuschen, das vor ihm herflüchtete, fasste er am Schwanz und schlenkerte es über den Tisch hinunter. Eine Tapfere in der vordersten Bank erwischte ihn am Flügel; er riss sich los, erreichte den Stuhl, schwang sich auf die Lehne, auf den Zählrahmen und von da auf die Wandtafel –

»Korokikoh!« rief er. Das sagte er nur, wenn er ganz böse war.

Und in seinem Zorn da droben sah er so komisch aus, dass sogar der Herr Schulpfleger in ein lautes Lachen ausbrach. Und Fräulein Matthias lachte mit, und alle Kinder lachten nun erst recht nach Herzenslust.

»Korokikoh!« schrie der Rabe noch einmal; denn das Auslachen mochte er gar nicht.

Als aber der Herr Schulpfleger nach ihm langte, drohte er mit dem Schnabel, und blitzschnell wendete er sich auch auf die andere Seite gegen Fräulein Matthias.

Die Kätzchen und die Mäuse waren unter Gekreisch und Gehetz endlich eingefangen worden. Aber der Rabe blieb droben auf der Wandtafel und zankte und spreizte die Flügel, bis der Herr Schulpfleger vorschlug, dass alle mit Ausnahme Lottis das Zimmer verlassen. Die Mädchen drängten hinaus. So eine lustige Stunde, wie das war –!

Und wirklich, vor der leeren Stube wurde der Rabe ruhig. Er zwinkerte pfiffig mit seinen glänzenden Augen und sah dann zu Lotti hinunter: Was ist? Hab ich's ihnen gehörig gesagt? Haben sie das Feld geräumt?

Als Lotti auf einen Stuhl stieg und den Arm ausstreckte, hüpfte der Rabe darauf und liess sich gutwillig wieder in den Korb zu der Speckrinde stecken.

So konnten die Kinder denn ihre Plätze wieder einnehmen. Es war aber gut, dass die Pause bald kam; denn man war mit dem Lachen, Schwatzen und Fragen über die Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Ein wenig etwas hören mussten Lotti, Karoline und Hedwig schon, dass sie so eigenmächtig das Getier mitgebracht hatten.

»Und warum denn nur alles am selben Tag?«

Als aber Fräulein Matthias erfuhr, dass das so eine Art Wettstreit zwischen den dreien gewesen war, begann sie aufs neue zu lachen.

»Ja, ja, Kinder! ihr törichten Kinder! Euere Tiere sind allerliebst, jedes in seiner Art! Aber als meine Schüler will ich sie doch nicht; ich habe an euch grade genug. Tragt sie jetzt hinunter zur Frau Hausmeister und fragt, ob ihr sie bis elf Uhr einstellen dürft!«

In einem hatte Lotti jedoch recht gehabt: Sätze liessen sich in Menge machen über den Raben, und über die Kätzchen und die weissen Mäuse nicht minder. Auch die allerfaulsten und ungeschicktesten Schülerinnen streckten eifrig die Hand, und im Nu war die ganze Wandtafel voll. Und was für nette und spasshafte Sätze das gab!

Der Herr Schulpfleger aber hatte sich in der Pause verabschiedet.

»Fräulein Matthias«, hatte er lachend gesagt, indem er seinen Hut genommen, »Sie werden erlauben, dass ich nächste Woche noch einmal komme zu einer einfachen Rechenstunde. Das heute kam mir eher vor wie eine Treibjagd oder, wenn Sie wollen, wie eine Zirkusvorstellung; die Dressur der Tiere hat zwar zu wünschen übrig gelassen!«



Die Strafaufgabe

Das Wetter wurde jetzt warm und sonnig. An einem Freitag brachte Balbine vom Markte ein Büschel Schlüsselblumen heim.

»Die riechen nach Frühling!« sagten die Turnachkinder und drückten der Reihe nach ihre Nasen hinein.

Man merkte auch draussen auf den Gassen und Plätzen, dass es Frühling wurde. Wie es im Januar durch die ganze Stadt von Schlittschuhen geklirrt hatte, so klatschte und klapperte, schnurrte und surrte es jetzt von Kreiseln und Springseilen, von Stelzen und Reifen und Bällen. Die grossen Leute konnten sehen, wie sie durchkamen.

»Schlagt uns nicht tot! lasst uns gnädigst vorbei!« wehrte lachend Herr Zurbuchen vom »Goldenen Degen«, der mit Herrn Apotheker Lorez daherspazierte.

Von vorn surrten den beiden ein paar Kreisel entgegen, links hüpften die Mädchen in schnellen Sprüngen über ihr Seil, und rechts hopste Lotti Turnach hoch auf den Stelzen daher.

»Ich kann jetzt auf einem Bein!« schrie sie den Herren zu und schwang die Stelze auf die Schulter wie ein Soldat. »Es ist aber schwer! …«

Und weil man nun abends bis um halb sieben draussen beisammen sein konnte, fiel den Buben und Mädchen alles mögliche ein. Man wusste nicht, hatte Karl Binder zuerst den Gedanken gehabt oder Hans Turnach; kurz, es kam ein wunderschönes Spiel in Gang, ein wilder Krieg zwischen Römern und Helvetiern. Es war ganz schwierig, sich zu entscheiden, welcher Partei man angehören wollte. Die Römer waren ein sehr tapferes, stolzes, mächtiges Volk; sie herrschten über viele Länder, und es hatte grosse Helden unter ihnen gegeben, wie den Decius Mus und den Horatius Cocles –

»Das war der, gelt Hans, der vor der Brücke kämpfte und dann zuletzt noch über den Tiber schwamm!« Marianne hatte Hansens Heldenbuch auch gelesen.

»Ja, und erst Mucius Scävola!« rief Rudolf Lorez. »Der hat seine rechte Hand im Feuer verbrennen lassen, damit man sehe, wie standhaft die Römer seien –«

»Verbrennen –? seine ganze Hand –?« fragte seine kleine Schwester Sylvia mit entsetzten Augen.

Die Helvetier waren ebenfalls stolz und tapfer und sehr freiheitsliebend. Nicht so berühmt wie die Römer; aber dafür hatten sie früher hier im Lande gewohnt, rings um den See, und wo jetzt die Stadt stand. Also war es auch sehr schön, Helvetier zu sein.

Am besten konnte man Römer und Helvetier spielen vor dem Schulhaus am Graben. Da war ein grosser freier Platz. An der andern Seite aber ging es in eine alte Gasse, wo man sich in den Hinterhalt legte, um dann plötzlich gegen den Feind loszubrechen. Am Eingang der Hühnergasse befand sich auch eine grosse Holzbeige; es sah furchtbar aus, wenn die Helvetier unter ihrem Anführer Orgetorix da oben standen und mit den Scheitern drohten, so dass Cäsar, der römische Feldherr, bei allem Heldenmut nicht heran konnte mit seiner Schar.

Nebenan in dem kleinen Hofe, der Hermann Villeiners Vater gehörte, so dass man also hineindurfte, stand ein alter Wagen.

»Da könnt ihr hinauf!« sagte Hans zu Marianne, Lotti und den andern Mädchen. »Das ist die Wagenburg. Wenn die Helvetier besiegt wurden, so hatten sie immer noch die Wagenburg, die dann von den Frauen verteidigt wurde!«

»Ja, ja!« riefen die Mädchen, indem sie auf den Wagen kletterten, »Sylvias Puppe und Klärchen und Fritzchen Villeiner können unsere Kinder sein!«

Das dreijährige Klärchen und das zweijährige Fritzchen wurden, ohne dass man sie lange fragte, auf den Wagen geschleppt, wo sie sich sehr gut in ihre Rolle als Helvetierkinder fanden, indem sie jedesmal, wenn die Römer heranstürmten, jämmerlich zu heulen anfingen.

Wenn aber eine Weile weder Römer noch Helvetier sich vor der Wagenburg zeigten, bekamen die Mädchen Lust, sich draussen in den Kampf der Männer zu mischen. Nur Sylvia erklärte dann, sie bleibe bei den Kindern.

»Also, bleib du bei den Kindern. Aber wenn der Feind kommt, musst du sie bis zum Äussersten verteidigen!« ermahnte Marianne.

»Ja, ja!« versprach Sylvia, obgleich sie durchaus nicht wusste, wie man das machte.

Auf der Seite der Helvetier wie auf der römischen legte man es darauf an, recht viele Gefangene zu machen. Sowie man einen Feind erwischt hatte, wurde er durch den Jochgalgen getrieben. Der Jochgalgen bestand aus zwei Stangen, über die man eine dritte quer festgebunden hatte. Es war eine furchtbare Schmach, mit gesenktem Rücken unter dem Hohngeschrei der Feinde durch den Jochgalgen zu gehen. Hans dachte jeden Morgen, da er sich auf das Kriegsspiel freute: Wenn ich nur nicht durch den Jochgalgen muss! Lotti aber und Karoline Rupprecht liessen sich absichtlich einmal fangen, um zu sehen, wie das sei. Sie waren sehr beleidigt, als die Buben sagten, der Jochgalgen sei nur für gefangene Männer, und mit ein paar leichten Lanzenhieben die zwei in ihre Wagenburg zurückjagten.

An einem Donnerstagabend entfaltete sich das Spiel besonders schön. Hans als Orgetorix war vor die Römer getreten und hatte mit stolzer Rede Eingang in das Römische Land verlangt:

»Wir wollen auch in einer so warmen und fruchtbaren Gegend leben. Unser Land ist uns zu rauh. Und wir können jetzt überhaupt nicht mehr zurück; wir haben unsere Städte und Dörfer verbrannt und unsere Habe und die Frauen mitgebracht!«

»Ja, und die Kinder auch!« sagte Lotti vorwitzig, die als Waffenträger neben Hans stand.

»Das ist uns ganz gleich«, entgegnete Otto Lauener aus der sechsten Klasse. Er war Julius Cäsar und lehnte vornehm an seiner Stange, die als Lanze diente. »Das ist uns ganz gleich. Ihr werdet doch nicht meinen, dass man euch so mir nichts dir nichts hereinlässt! Wir brauchen unser Land selber!«

»Ja, natürlich! wir brauchen es selber!« schrien alle Römer und erhoben feindlich ihre Stangen, während unter den Helvetiern sich ein zorniges Gemurr erhob. Sie zogen zur Beratung nach der Wagenburg zurück; die Römer aber marschierten über den Platz zum Schulhaus, wo sie sich breit auf der Freitreppe aufstellten. Plötzlich machte einer die Türe auf, und die ganze Schar verschwand im Schulhause.

»Wie die frech sind!« riefen die Helvetier.

»Sie sollen nur warten, bis wir morgen die Schlacht von Bibrakte machen!« sagte Walter Schürmann. »Im Geschichtsbuch steht zwar, die Römer haben gesiegt; aber wir wollen dann schon sehen!«

»Kommt«, schrien ein paar andere. »Wir lauern an der Türe auf und überfallen sie, wenn sie herauswollen!«

Die Helvetier stürmten durch den Schulhof die Treppe hinauf und drückten sich rechts und links an die Wand, um nicht gesehen zu werden.

Die Römer kamen aber nicht; es blieb alles still.

»Leis die Türe aufgemacht und in die Gänge!« befahl Orgetorix. »Sie haben sich irgendwo versteckt!«

Die Helvetier schlichen in das Schulhaus. In den Korridoren war weit und breit kein Römer zu sehen.

»Vielleicht in einem Schulzimmer!« flüsterten die Helvetier und tappten auf den Zehen von einer Türe zur andern, um zu horchen. Nichts.

»Dann sind sie oben!« flüsterte Villeiner.

»Aber wenn Herr Kronberg kommt?« Herr Kronberg war der Hausmeister, der ziemlich kurzen Prozess machte, wenn etwas gegen die Schulordnung geschah.

»Wir sagen, die andern seien zuerst hinauf!«

Lautlos ging's ins zweite Stockwerk. Wo steckten sie? Im Va, b oder c? Oder hinten in der sechsten Klasse?

Wahrhaftig, von dorther tönte ein Geräusch, als ob man Bänke rücke.

»Jetzt haben wir sie! jetzt haben wir sie!« jubelten die Helvetier mit unterdrückter Stimme. »Still, nur still –«

Sie stellten sich vor der Türe auf. Der kleine Joseph Puhl aus der vierten Klasse war ganz aufgeregt. Mit gezückter Lanze stand er zuvorderst.

»Wenn wir sie alle kriegten –!« flüsterte er. »Und sie alle durch den Jochgalgen müssten, der hochmütige Cäsar auch!«

Von drinnen hörte man wieder ein Geräusch.

»Aha, sie merken, dass wir da sind; aber sie getrauen sich nicht heraus!« sagte Villeiner. Er öffnete die Türe ein wenig. »So kommt, wenn ihr den Mut habt!«

»Ja, kommt!« riefen Hans Turnach und Karl Binder. »Kommt, ihr römischen Feiglinge, ihr Sklavenseelen!«

»Ihr Sklavenseelen, ihr römischen Feiglinge!« rief die ganze helvetische Schar in ihrem Freiheitsstolz.

Da riss ein fester Griff von innen die Türe weit auf. Joseph Puhl sprang vor und traf mit seinem Lanzenstoss mitten – auf die schwarze Weste von Herrn Professor Taubenmüller, dem Präsidenten der Schulpflege.

Denn es waren nicht die Römer, die hier im VIb sich aufgehalten; diese hatten längst das Schulhaus durch die hintere Türe verlassen. Die heraustraten, waren die Herren von der Schulpflege, welche sich über neue Bänke beraten hatten, bis der Ruf: »Ihr Feiglinge, ihr Sklavenseelen!« sie veranlasste, vor die Tür zu treten.

Die Buben liessen ihre Stangen sinken und standen starr. Es war grässlich! Was hatten sie hineingerufen –? Man durfte gar nicht daran denken. Und der Joseph Puhl –! Herr Professor Taubenmüller rieb sich mit bösem Gesicht die Weste; der Stoss war unsanft gewesen. Hinten sah Herr Altschmid hervor: Hans Turnach, Karl Binder und Walter Schürmann wären am liebsten in die Erde gesunken vor Verlegenheit.

Nun wussten die Herren wohl, dass der Zuruf nicht ihnen gegolten. Ja, Herrn Altschmid zuckte es wie ein Lächeln übers Gesicht, als er die bewaffnete Schar erblickte, hinter der auch einige Mädchenköpfe hervorguckten. Aber nein – das ging denn doch über den Spass –! Es war den Schülern streng verboten, nach den Stunden das Schulhaus zu betreten.

»Was soll das bedeuten! Was habt ihr hier zu tun!« rief Herr Altschmid.

»Wir sind – wir waren die Helvetier –« stotterte Walter Schürmann. »Wir – wir haben gemeint, die Römer seien da –«

»Ja wohl, die Römer!« sagte der Herr Professor Taubenmüller und nahm den Joseph Puhl, der regungslos stehen geblieben war, am Arm. »Man wird euch jetzt zeigen, wer da ist!«

Er schüttelte den Buben und sah ihm näher ins Gesicht.

»Ah – das ist ja der – wie heissest du? Wohnst du nicht beim Buchbinder Klein im ›Grünen Winkel‹ –? Da wollte ich eben hin! Nun kann ich ihm nebenbei ein wenig von dir erzählen. Gleich mit der Stange dreinschlagen –! Wäre statt mir einer deiner Kameraden dagestanden, du hättest ihm ein Auge ausstossen können! Vorwärts, geh, ich komme nach.«

Mit diesen Worten wollte der Herr Professor den Knaben vor sich herschieben. Aber nun war auf einmal Leben in Joseph Puhl gekommen. Er sträubte sich, weiterzugehen. Er drückte den Arm an die Stirn und rief:

»Nein – nicht! Nicht dem Vetter sagen – nicht!«

»Auch noch widerspenstig! Auch noch unfolgsam!« sagte der Herr Professor, der nun sehr ärgerlich wurde.

»Tu nicht so unvernünftig, Bub! Füg dich!« rief Herr Altschmid, da Josephs Lehrer nicht da war. »So machst du ja die Sache viel ärger!«

Aber Joseph verlor alle Besinnung. Er hielt sich am Treppengeländer fest, immer schreiend:

»Nein, nicht –! Sonst darf ich – sonst lässt –« Aus dem Schreien und Weinen heraus hörte man nur undeutlich etwas wie »Ferien« und »heimreisen«. Als der Herr Professor ihn losmachen wollte, stiess er mit dem Ellbogen nach ihm. Drei- oder viermal mit dem Ellbogen. Er wusste offenbar gar nicht mehr, was er tat und wen er vor sich hatte.

Die andern Knaben standen entsetzt. Etwas rasch zornig war ja der Joseph Puhl manchmal beim Spiel. Aber so –!

Mit einem Ruck brachte ihn der Herr Professor mitten auf die Treppe. Da plötzlich, als Joseph merkte, dass aller Widerstand umsonst war, liess er nach. Er weinte nur noch vor sich hin und ging neben Herrn Professor Taubenmüller zum Hof hinunter und hinaus auf den Graben …

Wortlos vor Bestürzung verliessen die Buben und Mädchen das Schulhaus. An der Ecke trafen sie mit den Römern zusammen; aber die Helvetier wollten nichts mehr von Kampf und Jochgalgen wissen. Das mit dem Joseph Puhl war zu arg gewesen. Gegen einen Herrn Professor so zu tun –!

Für die übrigen Helvetier war die Sache natürlich auch nicht angenehm. Sie hatten vorhin einen scharfen Verweis erhalten, und wahrscheinlich gab es am andern Morgen noch Strafaufgaben oder Nachsitzstunden. Aber das war ja ganz unwichtig neben Joseph Puhls Geschichte. Was er wohl für eine Strafe erhielt –?

Am folgenden Tag hörte man von Kindern, die in Buchbinder Kleins Haus wohnten, wie es gegangen war. Herr Klein hatte Joseph nicht geschlagen. Er hatte ganz ruhig zugehört.

»Ich überlasse Ihnen, wie Sie den Joseph zu Hause strafen wollen für dieses Benehmen, für diese unerhörte Widersetzlichkeit! Jedenfalls werde ich beantragen, dass er in der Schule die schlechteste Betragensnote bekommt!« hatte Herr Professor Taubenmüller seinen Bericht geschlossen.

»So, die schlechteste?« hatte der Buchbinder Klein geantwortet. »Dann sind wir ja schnell fertig. Dann geht der Joseph eben in den Ferien nicht heim zu seiner Mutter. Gelt, Bürschchen, so haben wir's ausgemacht: Keine Klage dieses Vierteljahr von irgendwelcher Seite und im Zeugnis die Betragensnote Eins oder wenigstens Zwei. Nun gibt's eine Vier! Da braucht es von mir weiter nichts mehr«, wendete er sich an den Herrn Professor. »Er hat dann seinen Teil!«

Joseph Puhl habe darauf von neuem schrecklich zu weinen begonnen und sei von Herrn Klein hinauf in die Wohnung geschickt worden. –

In den nächsten Tagen sprach man auf den Spielplätzen und in den Schulpausen fast nur von Joseph Puhl. Sein Lehrer hatte ihn hinten in eine leere Bank gesetzt; denn einen Knaben, der stosse und schlage wie ein unverständiges Tier, könne man vorläufig nicht bei den andern lassen. Als aber Joseph gar so still und betrübt dasass, nahm Herr Hirt ihn wieder vor. Doch merkte man wohl, dass es Joseph gleichgültig war, ob er allein oder unter seinen Kameraden sitze, und dass er immer nur an eine Sache denke. Manchmal, wenn es beim Schreiben ganz still in der Klasse war, hörte man den Joseph Puhl seufzen. Er tat seinem Lehrer leid. Es war eine fatale Geschichte.

Eines Tages trafen die Turnachkinder den Joseph Puhl am Kornplatz. Er sass auf der Mauer und sah in das rasch fliessende Wasser hinunter. Die Kinder setzten sich zu ihm.

»Du warst aber auch furchtbar unartig, Joseph!« begann Lotti.

»Ja«, sagte Hans. »Wenn du doch nur gegen einen von uns so getan hättest! Wir hätten dich einfach ein wenig durchgehauen, und dann wäre es in Ordnung gewesen.«

Joseph nickte kummervoll.

»Wärst du eben schrecklich gern zu deiner Mutter heim?« fragte Marianne.

Joseph nickte wieder und drehte sein nasses Taschentuch in den Händen.

»Gelt, sie hat eine Menge Gänse?« drang Lotti weiter in Joseph. Sie wusste allerlei durch Anna Klein. »Sind die jungen Gänse auch so herzig wie die Entchen? So gelb? und watscheln so komisch?«

Joseph schluchzte, was jedenfalls ein Ja bedeutete.

»Und, gelt, deine Mutter macht allemal Kuchen, wenn du kommst? Ist es Speckkuchen oder Apfelkuchen?«

»Speck«, schluchzte Joseph.

»Tut sie viel Speck darauf?«

»Lotti, du bist grässlich!« wehrte Hans leise. »Das ist doch jetzt nicht wichtig, ob viel oder wenig Speck!«

»Ja, Lotti«, sagte Marianne. »Man macht nur, dass er noch mehr weint, wenn man von den Gänsen und von dem Speck redet! Joseph, wenn du deinen Vetter recht, recht, recht bitten würdest –!«

Joseph schüttelte den Kopf. Vom Münster herüber schlug es sechs Uhr. Joseph stand auf und trottete trübselig heim, ohne sich weiter um die Turnachkinder zu kümmern. Diese blieben noch eine Weile sitzen.

»Wenn ihm Herr Hirt nur eine recht lange Strafaufgabe gegeben hätte und er dann doch noch ein Zwei bekommen könnte!« fing Marianne wieder an.

»Für so etwas gibt es gar keine, die lang genug wäre!« erwiderte Hans. »Da müsste Joseph Tag und Nacht schreiben und rechnen und würde doch nicht fertig bis zur Zeugnisausteilung.«

»Hans, wenn man –« Marianne sprang auf.

»Wenn wir –« Hans sprang auch auf. Die beiden sahen einander an. Im selben Augenblick kam ihnen derselbe Gedanke.

»Wenn wir ihm helfen würden! Wenn alle, die dabei gewesen sind, eine Strafaufgabe schrieben! Etwas recht Schweres, Hans!« Marianne war ganz aufgeregt. »Ich weiss – hinten im Lesebuch ist ein langes Gedicht, das ich gar nicht mag. Das lern' ich und schreib' es auswendig –«

»Ja, und wir müssen uns alle das Ehrenwort geben, dass wir nicht abgucken und niemand fragen!« rief Hans. »Ich entlehne von einem Sechstklässler das Rechenbuch. Otto Lauener hat gesagt, da habe es schreckliche Sachen, die man fast nicht zustand bringe –«

»Und ich«, sagte Lotti, indem sie sich gleichfalls erhob und ihr halbvollendetes Papierschiffchen in die Tasche schob. »Ich könnte vielleicht stricken; das mag ich am wenigsten! Ja, ich stricke noch einmal so ein langweiliges Musterstück, drei Reihen rechts, drei links – oder ich mache dann vier links, Marianne!« sagte sie mutig.

Die Kinder konnten kaum warten, den andern ihren Plan mitzuteilen. Auf der Wagenburg in der Hühnergasse fand am folgenden Tage eine grosse Besprechung statt. Alle Helvetier und Römer stimmten ohne Ausnahme ein.

»Das ist eine feine Idee! Ja, natürlich! Alle zusammen machen wir eine Riesenstrafaufgabe: Eine, die so lang ist, wie von da zum Grünen Winkel hinunter –!« schrien sie.

»Ich zeichne den Rhein mit seinen Zuflüssen!« erklärte Otto Lauener. »Das ist gehörig schwer! Der Main, der schlängelt sich so von rechts her –« Otto Lauener holte mit dem Arme so kräftig aus, dass Hans Turnach beinahe eine Ohrfeige erhalten hätte.

»Und ich schreibe Noten!« rief ein anderer. »Das ist, mein ich, widerwärtig genug. Besonders, wenn man die Linien selber zieht!«

»Marianne«, flüsterte Sylvia, »ist es, damit Joseph Puhl heim darf zu den Gänsen? Dann will ich eine Tafel voll grosse S schreiben. Die kann ich gut.«

»Nein, Sylvia!« verwies Lotti. »Du muss etwas nehmen, was du nicht kannst! Irgendein schweres langes Wort. Schreib du: Konstantinopolitanischerdudelsackpfeifergesell!«

Sylvia sah sie entsetzt an.

»Natürlich, Lotti! mach du wieder Dummheiten!« sagte Hans. »Wo wir noch gar nicht wissen, ob es gerät –!«

»Ja, und dann freut sich Joseph vielleicht umsonst!« meinte Marianne.

»Dem sagt man nichts vorher!«

»So! er könnte aber wirklich auch eine Aufgabe schreiben!« warf Haubinger aus Hansens Klasse ein.

»Nein, nein! wir sagen ihm nichts!« rief die Mehrzahl. »Erst wenn es gerät!«

»Der wird dann ein Gesicht machen! Jetzt sieht er so drein –« Villeiner zog seine dicken Backen so viel als möglich in die Länge. »Und nachher auf einmal so –« Villeiners Gesicht ging wieder in die Breite; er hüpfte auf einem Bein und warf mit einem Juchschrei den Hut in die Höhe.

»Aber wem bringen wir eigentlich die Strafaufgaben?« fragte plötzlich einer.

Darüber konnte man verschiedener Meinung sein.

»Dem Herrn Klein, weil er doch dem Joseph erlauben muss, heimzureisen!«

»Ach, der Herr Klein macht sich gewiss nichts aus Strafaufgaben!«

»Und jedenfalls hat er nicht Zeit, alles durchzusehen!«

Nein, also nicht zu Herrn Klein. Eher zu Herrn Hirt. Er gab doch Joseph die Betragensnote.

»Oder zu Herrn Professor Taubenmüller selbst?«

»Huh! nein!«

»Doch, doch!« schrien viele. »Gegen ihn ist Joseph so schrecklich grob gewesen. Er ist böse. Also muss man vor allem machen, dass er wieder gut wird!«

Nach lebhaftem Hin und Her vereinigte man sich endlich auf Herrn Professor Taubenmüller.

In den nächsten Tagen war das herrlichste Wetter. Die Sonne schien hell auf den Graben. Von den Bäumen schmetterten ein paar Finken in die blaue Luft hinaus. Aber unten auf dem Platze blieb es still. Die Helvetier und die Römer sassen alle zu Hause, jeder an seinem Tisch mit der Feder in der Hand. Mancher stöhnte ein wenig und schaute zum Fenster hinaus. So lustig wär's draussen! Aber dann rückte er wieder zurecht und fuhr tapfer fort. Es war dann auch lustig, wenn der Joseph Puhl wirklich heim durfte.

Vierunddreissig Buben und Mädchen versammelten sich am Dienstag um fünf Uhr vor dem Hause, in dem Herr Professor Taubenmüller wohnte. Flüsternd zeigten sie einander ihre Blätter. Lotti war stolz, dass sie zu ihrem Musterstück noch drei Sätze mit »wenn« und drei mit »weil« geschrieben hatte. Zuletzt war ihr zwar ein Unglück begegnet. Es hatte unten hin – Lotti konnte gar nicht begreifen wie – auf einmal einen grossen Tintenfleck gegeben.

»So, jetzt kannst du von vorn anfangen!« sagte Hans. »Ausreiben darf man nicht.«

Lotti war nah am Weinen. Noch einmal von vorn!

Doch Marianne half. Sie malte über den Fleck ein grosses dunkelblaues Veilchen mit einem artigen grünen Stielchen.

»Wenn das nur passt auf eine Strafaufgabe!« warf Hans ein.

Aber Sophie, die daneben bügelte, meinte, es gehe. Veilchen möge jeder gern, auch ein Herr Professor.

Die Magd des Herrn Professor Taubenmüller war hoch erstaunt, als sie die Haustüre aufmachte und die Schar sah.

»Ihr seid gewiss nicht am rechten Ort. Hier wohnt der Herr Professor Taubenmüller.«

»Ja, wir müssen zu ihm!«

»Alle?«

»Ja, alle!« Man hatte ausgemacht, dass jedes seine Arbeit selber bringe, weil es feierlicher sei.

Die Magd rieb sich das Kinn.

»So wird man euch halt hineinlassen müssen. Wartet da. Ich will's dem Herrn Professor sagen.«

Die Kinder standen in dem braun getäfelten Korridor und sahen einander an. Keines lachte. Auf einmal kam ihnen die Sache sehr bedenklich vor. Wenn nun der Herr Professor nichts wissen wollte von den Strafaufgaben und wenn er noch böser wurde, weil sie so ungeheissen kamen –? Aber es war nicht mehr Zeit, sich zu besinnen.

»Ihr sollt da hereinkommen!« rief die Magd von der hintern Türe.

Vor Verlegenheit sich auf die Lippen beissend, rückte die Schar vor. Niemand wollte zuerst ins Zimmer. Da sass der gefürchtete Herr in einem weiten Armsessel vor seinem Schreibtisch.

»Was ist das für ein Aufzug? Was wollt ihr?« fragte er kurz.

Alle drehten sich nach Hans Turnach um. Es war verabredet, dass er spreche.

»Herr Professor«, begann Hans. »Wir bringen unsere Strafaufgaben – wir haben –« er stotterte vor Beklemmung.

»Strafaufgaben –? Wer hat sie euch gegeben?«

»Wir selber«, antwortete Hans. »Es ist wegen dem Joseph Puhl – wir haben gedacht, er könne keine machen, die gross genug wäre – und da –«

»Joseph Puhl«, unterbrach ihn der Herr Professor, die Stirne runzelnd. »Sein Benehmen war unerhört, unverzeihlich! Ganz unverzeihlich! Daran ist nichts zu ändern!« Der Herr Professor sah mit strengem Gesicht auf Hans.

»Wir möchten –« hob dieser noch einmal an.

»Nichts zu ändern!« wiederholte der Herr Professor und schlug mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch.

Hans hielt erschrocken inne. Also ging es nicht –! Die ganze Geschichte war verloren –! Walter Schürmann zog ihn am Ärmel zurück.

»Siehst du! ich hab's gedacht!« flüsterte er.

»Herr Professor – .« Alle schauten zurück. Marianne Turnach! Dass die sich getraute –!

»Herr Professor, Joseph Puhl möchte so furchtbar gern heim. Und das von jenem Donnerstag tut ihm schrecklich leid. Er hat sich nur so gewehrt, weil er gleich Angst hatte, er dürfe nicht heim zu seiner Mutter, wenn –«

»Ja«, fiel Lotti ein. Wenn Marianne redete, durfte sie auch etwas sagen. »Ja, sie wohnt in einem kleinen Haus mit blauen Läden, und mitten durch das Dorf läuft ein Bach; es heisst Läumelfingen, und wenn Joseph allemal heim kommt, so –«

Hans gab Lotti nach rückwärts einen Puff. Sie war imstande und fing von dem Speckkuchen an.

»Läumelfingen?« sagte der Herr Professor.

»Ja, Läumelfingen!« riefen alle Kinder, aufs neue Hoffnung schöpfend. Sie rückten etwas näher, und dabei fiel dem Otto Lauener seine Geographiezeichnung gerade dem Herrn Professor zu Füssen.

»Was soll das sein?« fragte dieser, als Lauener das Blatt aufhob. »Auswendig gezeichnet? Nun – nicht gerade schlecht.«

Jetzt wagte Hermann Villeiner seine Winkel hinzuhalten und Marianne ihr Gedicht und Hans seine Rechnungen aus dem Sechstklässlerbuch … Vierunddreissig Hände mit blauen Heften und weissen Blättern streckten sich nach dem Herrn Professor aus, und ganz vorn stand Lotti mit ihrem Probestück.

»Zuletzt ist noch ein Lochgang«, erklärte sie. »Das ist immer einmal abgenommen und eine Luftmasche. Und das Veilchen da hat Marianne gemacht, damit man den Tintenfleck nicht sieht.«

»So, so!« sagte der Herr Professor, wandte sich dann aber mit nochmaligem Stirnrunzeln zu den andern.

»Das ist nichts! Das geht nicht! Was einer selber tut, muss er auch selber büssen.« Er nahm eines der Hefte und legte es wieder weg. »Sonderbarer Einfall! So eine Art Massenopfer – . Von euerem Standpunkt aus ja nicht übel –! Einer für alle – hier nun alle für einen! Hm – man müsste –«, er ergriff sein Papiermesser und wiegte es hin und her. »Man müsste also einmal Gnade für Recht ergehen lassen! Einmal, ausnahmsweise –! Legt das Zeug daher –«

Alle drängten an den Schreibtisch und kniffen einander vor Vergnügen schnell ein wenig in die Arme. Dass der Herr Professor die Aufgaben sehen wollte, war ein gutes Zeichen! Ganz zuletzt kam noch Sylvia halb ängstlich, halb stolz mit ihrer Schreibtafel. Sie hatte sechsmal »Herr Professor Taubenmüller« darauf geschrieben. Die Tante hatte ihr aber dabei geholfen, weil Sylvia doch erst in die erste Klasse ging.

»Ei, ei!« sagte der Herr Professor und betrachtete die langen, steifen Buchstaben. »Nun – wir wollen sehen! Wir wollen sehen! Jedenfalls soll er auch noch herkommen, dass ich ein Wörtlein mit ihm rede. Er muss lernen sich zusammenzunehmen, seinen Jähzorn zu bekämpfen. Einer, der sich so gehen lässt, wird nie ein rechter Mensch! Merkt's euch! Nie!«

»Ja, Herr Professor, ja! Adieu, Herr Professor! Wir danken vielmal, vielmal!« riefen die Kinder, indem sie dem Herrn Professor die Hand gaben. Sie hatten alle aus seinem Ton gemerkt, dass die Sache gewonnen war, gewonnen! –

Sehr manierlich hatten sie den Weg hergemacht. Um so lauter ging es auf der Rückkehr zu. Wie ein wildes Heer rannten sie die Ackerstrasse und den Greifenweg hinunter, bogen zum Graben ein und stürzten auf den »Grünen Winkel« los.

»Joseph! Joseph!« schrien sie vor dem Hause. »Joseph! Herunterkommen sollst du –! Wir müssen dir etwas sagen!«

Die einen drangen hinauf in die Wohnung, so dass Frau Klein mit eingestemmten Armen unter der Küchentür erschien. Aber schon zogen die Buben den Joseph die Stiege hinunter auf die Strasse und fingen alle miteinander an, auf ihn einzureden, was sie getan und wie es bei Herrn Professor Taubenmüller gegangen.

»Zuerst war es sehr unheimlich, und wir haben schon gemeint, es sei alles aus! Aber dann wurde er ganz nett! Und jetzt darfst du, Joseph! Du darfst! Der Herr Professor richtet es dann ein mit Herrn Hirt und mit deinem Vetter. Er weiss schon, wie man das macht! Natürlich! Er ist ja der Präsident –! Du musst dann auch noch ein wenig zu ihm. Aber es ist jedenfalls nicht so schrecklich! Wie die Sylvia ihre Tafel gezeigt hat, hat er fast ein wenig lachen müssen –«, so tönte es durcheinander, und Joseph Puhl stand betäubt in der Mitte und wusste die längste Zeit nicht, was man da an ihn hinschrie.

Als er endlich begriff, machte er keinen Luftsprung, wie Villeiner prophezeit hatte; er tat auch keinen Juchschrei. Dunkelrot vor Überraschung stand er da, und in seinem Gesichte, das fast zwei Wochen lang nicht mehr gelacht hatte, zuckte es wunderlich, als ob die grosse Betrübnis sich gar nicht so schnell verscheuchen lasse. Aber dann brach die Freude durch, und glückselig schaute Joseph Puhl seine Kameraden an. Reden konnte er vorläufig noch nicht.

Herr Professor Taubenmüller hatte wirklich gewusst, wie man es mache. Als am 6. April um zwölf Uhr in den Klassen des Grabenschulhauses die Zeugnisse ausgeteilt worden waren, schossen die Buben von allen Seiten auf Joseph Puhl los:

»Zeig! zeig her –!«

Joseph bekam sein Zeugnis eine ganze Weile nicht mehr zu Gesicht.

In dem Zeugnisse aber war an Stelle der Betragensnote folgendes zu lesen:

»Am 22. März hat Joseph sich sehr ungebührlich aufgeführt. Da er aber bereut und da sein Betragen vor- und nachher gut war, wird ihm verziehen. Wir empfehlen Herrn Klein, Joseph heimreisen zu lassen.

G. Hirt. Prof. Taubenmüller.«

Und Buchbinder Klein liess Joseph reisen. Da alle dafür waren, konnte er nicht mehr widerstehen. Auch hatte es ihm gefallen, dass die ganze Kameradschaft für seinen kleinen Vetter eingestanden war.

Am ersten Ferientage morgens acht Uhr wanderte Joseph Puhl mit seinem bescheidenen Handköfferchen dem Bahnhof zu, begleitet von einer grossen Schar Helvetier und Römer. In der Einsteigehalle konnte man zwar so viel Buben und Mädel nicht brauchen, wie der Schaffner erklärte. Aber da war ja gleich vorn der Bahnsteg. Und als der Zug abfuhr und Joseph Puhl richtig aus dem zweitletzten Wagen hinaufguckte, da schrie und jauchzte, vom weissen Dampf umhüllt, die Schar auf ihn herunter:

»Adieu, Joseph! Gute Reise! Grüss die Gänse! und wenn du Speckkuchen issest, so denk an uns! Ja, und bring einen mit! Hurra!«




Aufs Land hinaus

Der Frühling war nun da. Auch in der Stadt spürte man ihn. Die Hecke am Graben trieb rötliche glänzende Sprossen, und in den kleinsten Gärten blühten die weissen und braunen Aurikeln und der blaue Krokus. Die ganze Luft roch nach warmer Erde. Wie musste es erst draussen auf dem Lande sein! Die Turnachkinder hielten es vor Verlangen und Ungeduld fast nicht mehr aus.

»Mama, gelt, du findest doch auch, dass es schrecklich schade ist um jeden Tag, den wir nicht in der Seeweid sind!« drängten sie.

Ja, ja, Mama sehnte sich selber hinaus und tat, was sie konnte, um mit den Vorbereitungen zum Umzug rasch fertig zu werden. Am Dienstag der ersten Ferienwoche konnte man denn auch bereits jubeln: Morgen! Und schon der Nachmittag brachte die schönste Vorfreude; denn es wurde beschlossen, dass Sophie mit den drei Grossen bei Steppacher ein Ruderschiff nehme und ein paar Körbe Geschirr und anderes in die Seeweid hinausbringe.

»Mama, ich helf' auch!« rief Werner. »Ich nehm' meinen Wagen und ich stelle alle Tassen hinein –«

»Ja, Werner, dir übergeben wir die zerbrechlichen Sachen!« lachte Mama; aber sie erlaubte, dass Werner mitfahre, worauf er so unbändig anfing herumzuhüpfen, dass das Schwesterlein von seinem Jubel angesteckt wurde.

»Löm, löm!« rief es übermütig und warf seinen Wollhasen im Bogen in die Stube hinaus.

»Mama, darf es auch mit! Mama, sag' ja!« bettelte Marianne.

»Aber, Marianne, es würde Sophie recht im Wege sein. Sie will den Geschirrschrank einräumen und der Putzerin helfen.«

»Mama, wenn ich es aber hüte! Frau Völklein freut sich gewiss schon lange auf das Schwesterlein!«

»Und wenn es heute mitfährt, so kennt es sich morgen schon besser aus in der Seeweid!« rief Lotti.

Mama fand dies nun zwar keinen sehr triftigen Grund. Aber schliesslich war das Schwesterlein bei Marianne und Frau Völklein ja in guter Hut, und zu Hause konnten Mama und Balbine um so ungestörter vorwärts kommen mit der Arbeit.

So zog man denn am Nachmittag aus zur Schifflände. Hans und Sophie trugen einen schweren Waschkorb; Lotti und Werner zogen den kleinen Wagen, den man zwar nicht gerade schwer mit Tassen und Gläsern bepackt hatte. Marianne schob den Kinderwagen, aus welchem das Schwesterlein zwischen allerlei Gerät lustig hervorguckte. Auf Lottis Arm aber sass der Rabe Peter. Er sollte die Vorfreude auch geniessen.

Mama und Balbine gingen hinauf in die oberen Stuben. Es gab noch sehr viel zu räumen, zu packen, zuzudecken und abzuschliessen. Man wollte morgen schon mittags in der Seeweid sein.

Ulrich half und trug Kisten und Bettladen hinunter. Der Schnauzel war immer hinter ihm drein und sah sich erstaunt in den schon halb geleerten Zimmern um.

»Ja, Schnauzel, jetzt gehen sie wieder fort!« sagte Ulrich. »Willst auch mit? Willst einmal einen Sommer in der Seeweid sein?«

Schnauzel sprang an Ulrich auf mit einem lauten Wau! Nein, nein, ich bleib bei dir!

Schnauzel liebte die Kinder sehr. Aber immer lief er nach einer Weile wieder zu seinem Ulrich zurück, und nie liess er sich bewegen, mit jemand anderm als mit ihm einen Ausgang zu machen.

Vom Münster herüber läutete es eben sechs Uhr in den hellen warmen Frühlingsabend hinaus. Nun sollten sie bald wieder da sein, dachte Mama. Und richtig, kam es die Treppe heraufgetrabt.

»O, Mama! o! nein –!«

Vor Entzücken und Freude konnten die Kinder erst gar nicht reden. Dann aber ging es los. Alle vier sprachen auf einmal.

»Mama, es ist zu schön draussen! Herrlich! Göttlich! Man kann gar nicht sagen wie –!«

»Mama«, rief Lotti, »die Enten sind jetzt ganz gross und machen ganz ernsthafte Gesichter! Und der Peter ist auch mit in den Hühnerhof gekommen. Er war sehr nett und hat nach allen Seiten Kräh! gesagt. Aber die Hühner sind nur so um ihn herumgestanden; da hat ihnen Frau Völklein zugesprochen, sie sollen nicht so steif tun; das sei jetzt ihr neuer Kamerad –«

»Mama, sieh!« Marianne streckte Mama ihre Veilchen entgegen. »Unter dem Apfelbaum bei der Scheune war es ganz blau! Wir haben sechs Sträusse gemacht! Einen stellen wir Papa ins Bureau und einen auf das Pult von Herrn Frei und Herrn Oberauer, und Ulrich bekommt auch einen! Riech, wie gut –«

»Ich hab dürfen auf dem Dachs reiten!« schrie Werner und zog an Mama, dass sie auf ihn höre. »Und der Bless hat mich angeschnauft; aber ich hab mich nicht gefürchtet! Der Jakob hat gesagt, ich solle dann immer helfen im Stall –«

Werner lief zu seinen hölzernen Kühen, um ihnen mitzuteilen, dass er jetzt grosse habe, die er füttern und zum Brunnen führen müsse.

»Mama«, rief Hans, »das Schiff hat neue Stehruder! Sie laufen famos! Ich bin schnell mit Fritz Völklein ein wenig gefahren! O, wenn man jetzt wieder so mit aller Kraft hinausrudern kann, Mama, jeden Tag –«

»Aber jetzt die Hauptsache – Hans, lass uns doch die Hauptsache erzählen!« unterbrachen Marianne und Lotti den Bruder.

»Also, Mama«, fing Lotti an und fasste Mama voll Eifer am Arm, »Frau Völklein hat uns Butterbrot und Äpfel gebracht und hat gefragt, wo wir sie essen wollen, und wir haben natürlich alle gerufen: Auf der Seemauer! Und das Schwesterlein hat immer gebettelt und ist von einem zum andern gekrochen –«

»Weisst du, Mama, da wo das Holzgitter noch ein Stück weit geht«, fiel Marianne ein. »Und Sophie und Frau Völklein blieben dabei, dass das Schwesterlein nicht falle. Da ist es an Hans aufgestanden, und auf einmal – auf einmal läuft es zu mir! Sieben oder acht Schritte hat es gemacht, Mama –!«

»Ja, sieben oder acht Schritte!« wiederholten Hans und Lotti. »Ist das nicht zu nett, dass das Schwesterlein auf der Seemauer gehen gelernt hat – gerade auf der Seemauer!«

»Mama«, fuhr Marianne fort, »man würde denken, das Schwesterlein habe gesehen, wie weit alles ist in der Seeweid und wie man da mit Rutschen nirgends hinkommt!«

»Ja, ja, ich habe eine kluge grosse Tochter!« sagte Mama und hob das Schwesterlein lachend auf. Schon immer hatte man erwartet, dass es nun endlich zu gehen beginne, da es schon vierzehn Monate alt war.

»Nein, bitte, halt, Mama«, riefen die Kinder, als Mama mit dem Schwesterlein in die hintere Stube gehen wollte. »Es kommt noch etwas! Also das Schwesterlein hat gehen gelernt, und der Peter – denk! der hat zu fliegen angefangen! Es war so lustig! Er ist auf der Seemauer unter der Silberpappel gestanden, und oben hat eine Amsel gesungen. Da hat er gehorcht und hinaufgeschaut und hat mit den Flügeln geschlagen, immer stärker und ist auf einmal geflogen, Mama – ganz hoch geflogen bis zu dem Ast, der gegen den See hinausgeht und dann auf einen noch höheren und weiter bis fast zu der Amsel hin –«

»Wie nett!« sagte Mama.

»Gelt! und sonst flattert der Peter doch nur auf einen Stuhl und von da auf den Tisch und höchstens auf einen niedrigen Schrank!« fuhr Hans fort. »Niemand hat gewusst, dass er fliegen kann; er selber vielleicht auch nicht –«

»Und die Amsel ist ein bisschen auf die Seite gerückt«, nahm Marianne das Wort, »und hat so geguckt. Aber dann hat sie weiter gesungen, weisst du, wie letztes Jahr: Tiu tiu, tirürü. Und der Peter hat Kräh! gerufen. Immer die Amsel und dann wieder der Peter. Vielleicht hat er schon gemerkt, dass die Amsel es schöner könne. Aber er war so vergnügt. Fast wäre er nicht mehr heruntergekommen –«

»Mama, wie wir wieder im Schiff gewesen sind, habe ich ihm gesagt, er dürfe morgen ganz in der Seeweid bleiben!« rief Werner und kauerte zu dem Raben: »Du, Peter! nur noch einmal musst du schlafen! Nur noch einmal!«

Der Peter spreizte die Flügel.

»Ja!« lachten die Kinder. »Dann darfst du wieder auf die Silberpappel zu der Amsel fliegen! Und das Schwesterlein darf auf der Seemauer spazieren! Zeig Mama einmal, wie du's kannst! Zeig!«

Aber das Schwesterlein hielt sich an Marianne fest, machte ein schelmisches Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Es will erst wieder in der Seeweid laufen!« riefen die Geschwister.

»Ja«, sagte Mama. »Wir wollen es als gutes Zeichen nehmen, dass das Schwesterlein dort den ersten Schritt getan hat. Es soll diesen Sommer, und wenn Gott will, noch manches Jahr recht viele frohe Schritte machen in der Seeweid und ihr mit ihm!«