Stilpe

Erstes Buch
Der Knabe Willibald

Erstes Kapitel.

Als mein Freund Stilpe geboren worden war,
herrschte, wie das so üblich ist, viel Freude in der
Familie. Dies umsomehr, als die Sache anfangs
gedroht hatte, bös auszugehn.

Tante Pauline, die nachgezählt hat, will es beschwören, daß Stilpe-Vater an jenem schweren
Tage dreiundachtzig Mal: Umgotteswillen! gesagt
hat, wobei er sich, zornig halb, halb mit der
Miene eines zerknirscht auf alles Gefaßten, in den
Achselausschnitt der Weste fuhr und mit sämmtlichen
Fingern, außer den Daumen, die eben hinten
steckten, auf beide Seiten der Westenbrust trommelte.
Und dabei war Stilpe-Vater eigentlich ein sehr
ruhiger Mann, seines Zeichens Lepidopterologe,
und konnte von sich sagen, daß er die Welt mit
Gelassenheit betrachtete.

Aber dieser Fall war zu sehr außerhalb der
Erfahrungen seines Metiers. Das Kind lag nämlich schief, und Doktor Schatzheber, schon durch
diesen Namen zum Geburtshelfer prädestiniert,
sah sich genötigt, mit der Zange einzugreifen.

Umgotteswillen! Mit der Zange! Dem Lepidopterologen, der an die gelinde Art dachte, wie
sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen, hätte
sich das Haar gesträubt, wenn es nicht schweißnaß
am Schädel geklebt wäre.

— Nu, nu! sagte Tante Pauline: das ist das
Schlimmste noch nicht. Die Hebamme hat mir
erzählt . . .

— Umgotteswillen, Pauline, verschone mich! Du
bist nie in der Lage gewesen. Also solltest du
auch nicht . . .

Tante Pauline rauschte ab. Es muß gesagt
werden, daß die ganze aufregende Geschichte ihr
eine gewisse Genugthuung bereitete.

Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten! Ja, ja, ja!

Das versöhnte sie auf eine Weile mit der Welt.

Schließlich lief also Alles gut ab, nur daß der
kleine Stilpe eine kleine Eindöllung am Hinterkopfe
aufwies. Tante Pauline hatte die Güte, fragend
zu bemerken, ob derlei nicht Blödsinn zur Folge
haben könnte?

— Nein! schnaubte Doktor Schatzheber, aber,
wenn die Wöchnerin nicht bewußtlos wäre, würde
ich Sie . . . .; dann wusch er seine Zange in
Karbol.

Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran,
daß ich vergessen habe, den Schauplatz von Stilpes
Geburt zu nennen. Es vollzog sich dieser Akt in
Leißnig, einer kleinen sächsischen Stadt, über die ich
in Kürschners Quartlexikon nichts weiter finde, als
daß sie an der Freiberger Mulde und nicht weit
von dem Schloß Muldenstein liegt. Ich habe auch
keinen Anlaß, mich bei diesem Gemeinwesen länger
aufzuhalten, denn, wenn ich auch zu Beginn meiner
Geschichte eine kleine Stilpopädie zu liefern gedenke,
so bin ich doch weit entfernt, mich nach dem preiswürdigen Muster des lieben Meisters Rabelais
auch mit den Windelerlebnissen meines Freundes
zu beschäftigen. Selbst die erste Hose und die
Schulzuckertüte bringt mich nicht von dem Vorsatz
ab, erst in dem Augenblick einzusetzen, wo mein
Freund in das versandfähige Alter eintritt, da
man ihn von Hause weg und in fremde Hände
gab, genauer gesprochen, da man ihn aus Leißnig
nach Dresden und zwar in die Königliche Erziehungsanstalt für Knaben in Friedrichstadt-Dresden
gab, die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist.

Zweites Kapitel.

Das Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt verfolgt nicht, wie man aus dem Namen
schließen könnte, den Zweck, Freimaurer zu züchten,
sondern es erblickt seine Bestimmung darin, aus
jungen Knaben, die zu Hause schwer zu glätten
sind, wohlpolierte Jünglinge zu machen. Es führt
sie aber nicht bis zu jenen Höhen der Bildung,
deren Erklimmung die Thore einer Universität
öffnet, sondern es begnügt sich mit der bescheideneren,
aber zuweilen doch recht mühereichen Aufgabe,
seine Pflegebefohlenen nur bis zum Vorhofe des
Tempels zu bringen. Dort giebt es ihnen einen
leisen Schlag auf die Schulter (so, wie es den
jungen Fohlen geschieht, wenn man sie aus dem
Stalle läßt) und befiehlt sie der fördernden Gnade
dessen, der aus Tertianern nach und nach Primaner
und weiterhin im sanften Gleisgange Studenten,
Doktoren, Pastoren, Professoren, geheime Räte,
wirkliche geheime Räte, kurz allerlei Lichter oder
auch wohl blos Leuchter macht.

Mein Freund Stilpe, von dem ich hoffe, daß
ich ihn einst unsern Freund werde nennen dürfen
(aber man hofft manchmal verwegen), wurde aus
zweierlei Gründen in die Obhut dieser wissenschaftlichen und moralischen Brutanstalt gegeben.

Einmal geschah es deshalb, weil der Vater notwendig nach Südamerika reisen mußte, um dort
auf irgendwelchen besonders begnadeten Wiesen
irgendwelche Schmetterlinge zu fangen, die sich
darauf kaprizieren, just und nur dort ihr Dasein
hinzubringen, und die deshalb noch immer nicht
in die ihnen gebührende Klasse der wissenschaftlichen Schmetterlingsordnung eingetragen waren.
Stilpe-Vater hätte aber nicht mit der Seelenruhe,
die zu einem solchen Geschäfte nötig ist, in das
ferne Land ziehen können, wenn er seinen Sohn
nicht in männlicher striegelnden Händen gewußt
hätte, als es die der guten Stilpe-Mama waren.
Denn es muß gesagt werden, daß Mama Stilpe
kein eigentliches Talent für Knabenerziehung besaß.
Sie war, eine liebe, nette und hübsche Frau übrigens,
zu sanftlebig dazu und hatte das, für andere Kinder
vielleicht recht passende, auf Willibald angewandt
aber nicht ganz richtige Prinzip, lediglich mit
Bonbons zu erziehen.

Sie handelte dabei nicht nach irgend einer
pädagogischen Schulmeinung, sondern ganz instinktmäßig. Da sie nämlich selber eine Liebhaberin von Konfitüren aller Art war, so hatte
sie die Bemerkung gemacht, daß nichts auf ihre
Psyche so beruhigend, begütigend, ja im eigentlichsten Sinne bessernd und, wenn die Bonbons
besonders auserlesen waren, erhebend wirkte, als
die linde sich lösende Süßigkeit dieser Konditorerzeugnisse, und sie meinte nun, es müsse das bei
dem noch naiveren Kontakt zwischen der kindlichen
Zunge und Seele im Kindesalter erst recht
so sein.

In den einzelnen Fällen hatte es auch immer den
Anschein, als ob sie recht hatte. Der kleine Willibald, so hatte man ihn in der Taufe benannt,
reagierte wie ein Engel auf Bonbons. Aber von
der höheren Betrachtungswarte der väterlichen Kritik
aus machte es sich bald bemerkbar, daß das Allgemeinbild der Willibaldschen Entwickelung sich nicht
völlig so süß ausnahm wie die einzelnen Reaktionserscheinungen. Kurz gesagt: Willibald war außerhalb der jeweiligen Bonbonwirkungen eine beträchtliche Range.

Der andre Grund zur Überführung des jungen
Knaben ins Freimaurerinstitut lag mehr auf wissenschaftlichem Gebiete.

Wenn jemand einen Sohn bekommen hat, so
meldet sich, kaum daß die erste Windel trocken geworden ist, die ernste Frage: Was soll der Junge
werden? Ist es erstaunlich, daß Stilpe-Vaters
Antwort darauf mit der Sicherheit einer Reflexbewegung lautete: ein Lepidopterologe? Diese Antwort ist durchaus begreiflich. Stilpe senior
empfand wie jeder Vater seinen Sohn als eine
Fortsetzung seiner selbst; was lag da näher, als
daß er in ihm auch den zukünftigen Fortsetzer
seiner Lebensaufgabe sah? Und nun konnte er sich
zwar sagen, daß er selbst schon manchen Schmetterling zur Ehre der Wissenschaft aufgespießt hatte, aber
die sattsam bekannte Bescheidenheit unsrer exakten
Wissenschaftler erfüllte ihn doch zu sehr, als daß
er nicht auch hätte hinzufügen müssen: Es giebt
immer noch unaufgespießte Schmetterlinge genug,
ja übergenug. Welch ein lieblicher Gedanke aber,
daß der Sohn die Schmetterlinge einregistrieren
wird, die einzuregistrieren dem Vater von einem
neidischen Schicksale versagt gewesen!

Indessen: Stilpe-Vater war ein starker Geist
und wußte die Subjektivität des väterlich Angenehmen von der Objektivität der Pflichten zu
trennen. Er sagte sich: Man muß alle Thüren
offen lassen und bis zu dem Zeitpunkt warten, wo
man aus den Schritten des jungen Menschen
ungefähr ersehen kann, zu welchen er sich am fügsamsten leiten lassen wird. Nur nicht schieben und
stoßen! Er war durch seinen Beruf an zartere
Hantierung gewöhnt.

Daher gab er denn seinen Sohn, als der im
lateinfähigen Alter war (ach, wie bald ist das ein
Deutscher!), nicht mit plumper Hast auf ein
Gymnasium, sondern richtete sein Augenmerk auf
eine Anstalt, die beide Wege, den in die Humaniora,
und den in die Realistika, offen ließ. Eine solche
Anstalt war das Freimaurerinstitut. Im Allgemeinen mehr den realistischen Disziplinen des menschlichen Wissens gewidmet, besaß es doch auch eine
Selekta für die unter seinen Zöglingen, die es nach
den Reizen des klassischen Altertums oder wenigstens
nach den Laufbahnen gelüstete, die nur der lateinisch
und griechisch geaichte Jüngling betreten darf.

So ward Willibald, als er acht Jahre alt
war, in die Zöglingsschaar des Freimaurerinstitutes
eingereiht.

Acht Jahre alt! Mit Bonbons erzogen! Sehr
eigensinnig! Sehr zart! Sehr blaß! Und nun
plötzlich unter dem Glassturz zärtlichster Bemutterung hervorgezogen und einer Knabenstriegelungsanstalt überantwortet, die geradezu spartanischen
Erziehungsgrundsätzen huldigte . . . !

Oh mein kleiner Willibald, was wirst du erleben müssen! Wehe, die Zeit der Bonbons ist
vorüber.

Willibald erhielt die Nummer 171, als er ins
Institut eintrat. Man schrieb sie ihm mit Tinte
in die Wäsche, nähte sie ihm in die Kleider, klebte
sie ihm in Stiefel und Mütze; sie stand auf seinem
Kleider- und Bücherschrank, sie stand auf seinem
Bette, sie stand auf seinem Waschbecken, seinem
Stiefelwichsplatz, seinem Seifenkasten; und auch
auf dem hölzernen Gewehre stand sie, mit dem er
exerzierte. Denn es wurde exerziert in diesem
Institute, exerziert unter der Leitung zweier schnauzbärtiger ehemaliger Unteroffiziere, die auch sonst
als Knabendresseure einen wichtigen Platz im Erziehungsplane dieser martialischen Anstalt hatten.

Man kann daraus erkennen, wie eminent
modern die Anlage dieses pädagogischen Institutes
war. Sie ging nicht aufs Sentimentale, sondern
aufs Robuste aus, sie wollte nicht Romantiker erziehen, sondern Realisten, sie wusch die jungen
Häute nicht mit Mandelmilch, sondern mit Bimsteinseife. Wie in den meisten dieser Internate, so
lebte auch in ihr das bewährte Staffelprinzip des
Lebens, das sich in Kürze so darstellen läßt: Die
Unteren sind die Fußschemel der Oberen, und keiner
kommt ungetreten in die Höhe. So erfüllen diese
Anstalten aufs Vollkommenste den erzieherischen
Zweck, aufs Leben vorzubereiten. Denn sie nehmen
es in seiner ganzen Rohheit vorweg. Der Spaltpilz des Illusionismus wird mit kräftiger Hand
ausgemerzt, und die bedenkliche Neigung mancher
jungen Seelen ins Optimistische wird durch reichlich
und konsequent applizierte Blitzgüsse weggeschreckt.

So redet unsere erwachsene Philosophie. Aber,
liebe Leute, so ein kleiner Junge von acht Jahren . . .
Mein Gott, woher soll der erwachsene Philosophie
haben? Er begreift mit nichten die Heilsamkeit
des lebensvorbildlichen Getretenwerdens, er versteht
ganz und gar nicht, wie wertvoll es ist, sich die
junge Haut durch Schinden abhärten zu lassen,
ihm fehlt jeder Sinn für das realistisch Tüchtige
dieser ganzen Methode. Er fühlt sich einfach
kreuzunglücklich. Er denkt an Muttern und weint.

So auch Willibald.

Was hat der arme kleine Kerl geheult unter
seiner Bettdecke! Und wie hat er manchmal mit
den Zähnen geknirscht vor Ingrimm, wenn ihn die
Oberen drangsalten, ihn, den „Battling“. So
wurden nämlich die Kleinen genannt.

Die Battlingschaft war bitter wie die Rekrutenzeit. Ach nein: Wohl bitterer noch. Denn, was
so eine junge Seele empfindlich ist, das kann sich
ein erwachsenes Gehirn manchmal gar nicht mehr
vorstellen.

Deshalb wird es gut sein, ich lasse den Battling
selber reden.

Drittes Kapitel.

Die Briefe des Battlings.

Liebste Mamma!

Du hast mir gesagt, das ich Dir gleich schreiben
sol, wie mir es gesellt im Institut. Es gefellt mir
gar nicht. Die Jungens sind furchbar grob und
haun mich immer und nenen mich Badling. Sie
sagen, ich wär ein dumes Gescheeche. Ich mag
nicht mer dableiben und wil wieder nach Leisnig.
Ach, liebste Mamma, ich weine die ganze Nacht
und dan kommen sie und haun mit einem Rohrstock auf die Bettdecke, die dinne ist. Und früh
läßt mich der Schüsseloberst den Zucker karieren
beim Kaffe und Mittags der Schisselvice den
Braten, wen's welchen gibt, aber's giebt blos
einmal welchen. Ach liebste Mamma kom doch
gleich und hol mich ab. Sonst lauf ich dervon.

Mit herzliche Grüße
Dein
Dich liebender Sohn
Willibald Stilpe.

Meine liebe gute Mamma!

Du denkst, ich liege Dir was for, aber es ist
doch alles war was ich Dir geschrieben habe.
Gestern haben sie mich wieder das Fleisch wollen
karieren lassen. Da hab ich gesagt ich sags dem
Lehrer, da haben sie mich untern Tisch gesteckt und
gesagt ich soll die Wacht am Rhein singen und sie
wollen den Takt treten mit den Beinen, und haben
mich auch getreten. Aber gesungen hab ich nicht.
Ach meine liebe gute beste Mama, schick mir doch
eine Kiste mit Wurst und Gänsefett, daß ich auch
was hab auf die trockenen Dreierbrotchen, die wir
zum Frihstick kriegen, und ich dem Schisseloberst
was abgeben kann, daß er mich nicht immer den
Zucker frih karieren läßt.

Mit herzlichen Grüßen
Dein Dich liebender Sohn
Willbald Stilpe.

Ich hab einen Freund, der heißt auch Willi,
er sitzt neben mir in der Klasse. Dem wil ich
auch Wurst geben, weil er mir auch Wurst gibt.

Meine allerliebste gute Mamma!

Ich liege Dir ganz gewiß nichts vor. Wenn
ich in die Ferien komme will ich Dir schon zeigen,
was ich für blaue Flecke hab, und einen ganzen
Bischel Haare hat mir Einer ausgerissen, wo ich
gar nichts gemacht hatte. Blos, weil ich ihm die
Stieweln nicht butzen wollte. Und den Lehrern
darf man nichts betzen, dann krigt man blos noch
mehr Keile, und die Lehrer thun den Großen doch
nichts. Wenn ein Battling betzt, missen ihn auch
die andern Battlinge mit verhauen, und er darf
auch nicht mitspielen.

Die andern Jungens krigen alle Taschengeld
für wenn die Obstfrau kommt. Die kommt zweimal
in der Woche und hat viele schöne Sachen, Johannisbrot und Äpfel und Birn und Mispeln, aber
Blockzucker darf sie nicht haben. Du darfst mir
aber das Geld nicht selber schicken, sondern dem
Herrn Inspektor Teurig, der giebt mir dann jede
Woche zwanzig Fenge.

Es grüßt Dich Dein
Dich liebender Sohn
Willibald Stilpe.

Mein Freund Rammer läßt Dich auch grüßen.

Liebe, gute, allerliebste Mama!

Ich bedanke mich sehr schön für die große
Kiste. Ich habe der ganzen Schissel Leberwurst
und Pfannkuchen gegeben und stehe jetzt sehr gut
beim Schisselobersten und den andern. Du schreibst,
ich soll Dir schreiben, was ich den ganzen Tag
mache. Das will ich thun. Also paß auf: Um
fünf Uhr frih klingelt eine Klingel am obern Schlafsaal und dann schreien die beiden Herrn Inspektoren:
Aufstehn! Aufstehn! Die erste Abteilung sich da
zuhalten! Die erste Abteilung sind nämlich die
Battlinge. Wir springen nun schnell aus den
Betten raus und rennen in den Stiefelwichssaal
und wichsen unsre Stiefel an den Beinen ohne
Ausziehn sehr blank. Dann rennen wir in den
Waschsaal, wo jeder sein Waschbecken hat, aber
nicht aus Borzelan, sondern zum Umkippen aus
Blech. Die Herren Inspektoren passen auf, daß
wir die Hemden runterziehn und nicht so spritzen.
Das Wasser ist wie Eis, und die Seife hat jeder
in einem Schiebekasten bei sich, wo sich auch der
Waschlappen und die Kämme aufhalten. Dann
rennt jeder in den Kammsaal und kämmt seine
Haare. Ich hab einen Scheitel machen missen
links aber ohne Bomade, mit Wasser. Wenn
Einer Läuse hat, so nennen sie ihn Lausewenzel.
Es kommt beim Haareschneiden raus und ist eine
große Schande und wird mit Essiig gewaschen.
Ich dachte schon, ich hätte welche, weil michs immer
picken that, aber ich hatte keine. Mein Freund
Rammer hat mal welche gehabt, aber dann hat er
beim Haareschneiden immer gebetet Lieber Gott
gieb das ich keine Läuse hab, und dann hat er
keine mer gehabt.

Ich muß nun schließen, weil es gleich zum
Bettegehn klingelt.

Es grüßt und küßt Dich
Dein Dich treu liebender
Sohn
Willibald Stilpe.

Meine gute liebe allerbeste Mama!

Der Herr Inspektor hat mir gesagt, das Du
Taschengeld fir mich geschickt hast. Das hat aber
der Schisselvice gehehrt, und da hat er mir gesagt,
ich solls keim sagen und soll ihm finf Pfenge
borgen. Das ist aber verboten; aber ich muß ihm
doch borgen, weil er mich sonst am Sonntag das
Apfelmus karieren läßt und selber ißt.

Nun will ich fortfahren, was ich thu, wenn ich
meine Haare gekämmt hab. Dann gehts nauf in
die Arbeitszimmer und wird die Schulsachen nochmal durchgegangen. Wenn alle Abteilungen mit
Wichsen und Waschen und Kämmen fertig sind
wird angetreten und die Herren Inspektoren sehen
Einen an, ob man reine gewaschen ist und auch
die Stiewelsohlen ganz sind, besonders hinter den
Ohren, wo sich manchmal Schmutz befindet und
man dann karieren muß. Dann singen wir in
der Aula Nun danket alle Gott oder andere
schöne Gesangbuchslieder und ein Herr Lehrer
betet ein Gebet, was er grade auswendig kann.
Dann gehts zum Kaffetrinken, wo immer jede
Schissel, welche aus vier jungens besteht und
einen Schisseloberst, Schisselvice, Schisselterz und
Schisselschund hat, eine Kanne Kaffe krigt und
jeder drei Eckchen Semmel und zwei Stikchen
Zucker. Der Zucker wird gewöhnlich in die Semmeln nein gebohrt und dann gedunkt, das schmeckt
wie Kuchen. Die Schisselschunds krigen aber nicht
immer alle zwei Stikchen Zucker, weil manchmal
welche fehlen. Wenn Kaffe getrunken ist, ist eine
Arbeitsstunde, wo Schularbeiten gemacht werden.
Ein Herr Lehrer paßt auf, das keiner abschreibt.
Manche Jungen schreiben aber doch ab. Ich wage
mirs nicht.

Nun lebe wol meine liebe gute Mamma, mein
Nachbar schubt mich immer, daß ich Messerspießen
soll mit ihm. Das ist ein sehr schönes Spiel.
Auch Federtippens wird gespielt. Ich habe drei
Goldhahnfedern gewonn, eine ganz neue dabei.

Es grüßt und küßt Dich Dein
treuer Sohn
Willibald Stilpe.

Liebe Mama!

Du weißt nicht, was Blockzucker ist? Ich werde
es Dir erklären. Das sind rote oder gelbe oder
weiße Tafeln, und die roten schmecken nach Himbeer, die gelben nach Apfelsine und die weißen
nach Citrone. Die roten schmecken am schönsten.
Wenn man eine Tafel kauft, das kostet zehn
Pfennige, und jede Tafel hat fünf Abteilungen
zum Abrechen. Nicht wahr, jede Abteilung müßte
doch blos zwei Pfennige kosten? Kostet aber einen
Dreier. Rammer sagt, im Biedchen draußen kostet
eine Tafel iberhaupt blos fünf Pfennige. Aber
die Jungens, die blos in die Schule kommen hier
und zu Hause wohnen, die bringen sie mit und
sagen, sie kosten zehn Pfennige. Wenn ein Junge
kein Geld hat, so kann er auch seinen Braten dervor geben. Vor Schweinebraten krigt man zwei
Stückchen, aber vor Rinderbraten blos eins, das
heißt, weißt Du, das ist blos bei den Battlingen.
Die Großen kriegen schon mehr. Nun weißt Du,
was Blokzucker ist.

Ich will Dir nun schreiben, was nach der
Arbeitsstunde frih kommt. Da kommt die
Schule. Rechnen ist sehr schwer hier, weil der
Lehrer, den die Jungens Buschklepper nennen,
so ein eklicher Fritze ist. Das sagen alle. Biblische Geschichte ist sehr schön, aber im Lateinischen sind die Verba schwer zum abwandeln.
Ich will aber doch in die Selekta. Die Selekta
darf abends eine Stunde länger aufbleiben. Geographie ist sehr ausgedehnt. In der Geschichte
gefallen mir die alten Germanen vortrefflich gut.
Aber die Römer siegen immer. Naturgeschichte ist
sehr mies, weil sie auch der Buschklepper hat.
Nicht wahr, liebe Mama, die Menschen legen keine
Eier. Rammer sagt, sie legten welche. Dann
kommt das Mittagessen. Erst betet einer komm
Herr Jesu sei unser Gast und segne was Du uns
bescheret hast, und wenns alle ist, betet wieder
einer Wir danken Dir Herr Jesu Christ, das Du
unser Gast gewesen bist. Aber er ist natürlich
nicht wirklich da, sondern man muß sich ihn selber
denken. Es giebt meistenteils Rindfleisch mit Gemiese, und Brot kann sich jeder nachholen, wenn
er noch nicht satt ist. Ich hole mir immer welches.
Bier giebts keins, blos Wasser. Wir haben einen
neuen Schüsseloberst. Das ist der schönste Junge
im ganzen Kasten und ein Serbe. Er ist sehr
gut und macht feine Witze. Gestern sagt er zu
mir: Du, Schund, jetzt laß ich Dichs Wasser
karieren. Da haben wir aber alle gelacht. Er
heißt Miokovitsch. Ist das nicht ein schöner Name?
Wenn ich groß bin, geh ich mit ihm nach Serbien.
Er kann den Ball übern Thurm pritschen. Auch
die Riesenwelle kann er. Er hat aber auch schon
beinah einen Schnurbart. Ich bab ihn furchtbar
gern. Liebe Mama, die Kiste ist schon lange alle.

Es grüßt und küßt Dich
Dein Dich vielmals liebender Sohn
Willibald Stilpe No. 171.

Liebe gute Mamma!

Der Schisseloberst hat gestern dem Terz eine
Schelle neingehaun, weil er mich geknufft hat.
Schick mir doch Pfannkuchen in der Kiste. Er
ißt sie furchtbar gerne. Denke Dir nur: sein Vater
ist Feldherr der Serbier. Ich hab sein Bild gesehen. Es ist keine Sohle. Überhaupt: Miokovitsch schwindelt nicht. In seinem Photographiealbum hat er auch viele furchtbar schöne Bilder
von Mädchens. Die Großen nennen ihn alle den
schönen Mio. Dem seine Muskeln solltest Du
mal sehen, liebe Mamma! Sie sind so dick wie
meine Waden. Er braucht sich auch keinen
Scheitel zu machen, weil er Locken hat. Niemals
läßt er mich karieren, denn er ist überhaupt sehr
edelmütig. Seine serbischen Briefmarken krieg ich
alle. Er kann furchtbar turnen. Gestern ist er in
der Nacht ausgestiegen und am Blitzableiter nunter
geklettert. Weil ich gerade an dem Fenster liege,
hab ichs gesehen. Daß Du nicht petzt, hat
er gesagt, und ich solls auch keinem Jungen
sagen; ich sags gewiß keinem. Er ist erst
nach einer Stunde wieder gekommen, und da
war er so lustig, daß er mir einen Kuß gegeben hat. Ich weiß auch, warum er nunter
geklettert ist. Er hat sich einen Strauß geholt.
Den ganzen Tag hat er ihn immer in seiner
Tasche gehabt. Mir gefellts jetz ganz gut
hier. Liebe Mamma, schick doch ja recht viele
Pfannkuchen.

Es grüßt Dich Dein treier
Sohn Willibald Stilpe.

Liebe Mamma!

Weil Du schreibst, daß ich Dir nicht geschrieben
habe, was wir nach dem Essen thun, so will ich es
schreiben. Da wird exeziert. Das ist sehr mühsam
und mit Grobheit verbunden, weil die Herren
Inspektoren so schreien müssen und sich ärgern,
wenn die Jungens alles falsch machen, was natürlich ist, denn wenn man es noch nicht kann, so ist
es sehr schwer. Ich möchte lieber bei den Tromlern sein, und Miokovitsch will schon dafür sorgen.
Dann werden die Kleider ausgekloppt und vorgezeigt. Der Inspektor kloppt auf die Hosen, und
wenn Staub kommt, so wirds aufgeschrieben, und
wer drei Mal aufgeschrieben ist, der darf nicht
mit spielen später. Bei manchen kloppt der Inspektor aber leise und bei manchen derb. Dann
ist wieder Schule. Hernach aber giebts Vesperbrot
und dann dürfen wir drei Stunden spielen. Räuber
und Dragoner ist das Schönste. Ich hab einen
Versteck, den keiner rauskrigt. Da können sie
lange suchen, wenn ich durchs Fenster in den Badebassin krauche. Pritschball ist auch sehr schön, aber
die Pritschen sind so lang, daß man oft vorbeihaut,
und dann brillen die andern. Die Seite, wo
Miokovitsch ist, gewinnt immer. Er hat die
schwerste Pritsche, aber er macht selten mit. Überhaupt ist er oft nicht da, wenn gespielt wird.
Ich hab ihn mal gefragt, warum er immer nicht
da ist. Da hat er gesagt: Du bist neugierig,
Schund, aber wenn du's niemand sagst, will ich
Dir's verraten. Aber er hat mich blos verulken
wollen, denn es ist doch Unsinn, daß er auf dem
Mond spazieren geht. Solche Witze macht er
immer.

Liebe Mama, warum schickst Du die Pfannkuchen nicht.

Es grüßt Dich Dein
teurer Sohn
Williwitsch.

Liebe, gute Mama!

Ich habe furchtbar lachen müssen, weil Du
schreibst, ob es nicht recht wehthut, wenn der
Herr Inspektor auf die Hosen kloppt. Du denkst
wol, wir haben sie an, wenn er kloppt? Nein,
das sind die andern, die erste Garnitur, die gekloppt werden. Nun will ich aber endlich schreiben,
was abends gemacht wird. Da wird erstens
Abendbrot gegessen, wobei auch Biertrinken stattfindet. Es ist aber natürlich blos einfaches. Dazu giebt es Brot und Butter oder Fett. Fett ist
mir lieber, denn die Butter ist sehr häufig ranzig.
Viele Jungens schmieren sie dann untern Tisch oder
schnippen sie mit dem Messer an die Decke. Dann
fällt sie manchmal nächsten Tag in die Suppe.
Weshalb es ein Unfug ist und man Schellen kriegt,
wenns gemerkt wird. Natürlich wagen sichs blos
die Großen. Im Winter soll die Butter auch von
vielen Jungens gesammelt werden, und sie machen
dann abends auf dem Ofen im Arbeitszimmer
Butterbäbe draus mit geriebenen Brot. Das muß
fein schmecken. Dann gehts wieder naus zum
Spielen und dann ist Arbeitsstunde oder Selbstbeschäftigung, wobei Briefe geschrieben werden oder
sonst welcher Unsinn gemacht wird, weil kein Inspektor dabei ist. Dann gehts um Neune schlafen,
wobei das Schnarchen durch Anspritzen beseitigt
wird. Miokowitsch klettert jetzt egal zum Fenster
nunter. Mit Rammern bin ich schiech, weil er
sagt, Miokowitsch wär ein Schlowake. Ich brauch
überhaupt keinen Freund, weil mich Miokowitsch
zu seinem Leibschund ernannt hat. Deshalb heiß
ich auch Williwitsch.

Dein Dich liebender
Sohn
W. St.

Liebe Mama!

Schiech sein ist, wenn man mit Einem nicht
mehr Freund ist. Leibschund ist kein Schimpfname
sondern sehr ehrenvoll.

Wie's am Sonntage zugeht, das ist sehr langweilig, wenn man niemand in der Stadt hat, zu
dem man Urlaub kriegt. Weißt Du denn gar
niemand, wo ich hingehen kann? Früh gehen wir
in die Kirche. Da haben wir einen besondern
Platz und alle Bänke sind furchtbar bekritzelt, wo
die Freimaurer sitzen. Die meisten Jungens nehmen
sich Bücher zum Lesen mit. Ich sitze aber so nahe
beim Inspektor. Zu Mittag gibts Kompot und
abends Thee und Käse. Wenn schönes Wetter ist
wird Spaziergang gemacht. Es ist aber ledern,
weil man so zwei und zwei in einer Reihe geht.
Und ich muß mit Rammern gehn, mit dem ich
schiech bin. Er will immer zu reden anfangen,
aber fällt mir gar nicht ein. Er soll erst sagen,
daß Miokowitsch kein Schlowake ist.

Liebe Mama, ich danke recht schön für die
Pfannkuchen, aber es waren sechs ungefüllte dabei.

Es grüßt und küßt Dich
Dein teurer Sohn
Williwitsch.

Viertes Kapitel.

Man hat, denk ich, aus den Briefen des
Battlings ersehen, daß Klein-Willibald, nicht ohne
instinktive Lebenskunst, es verstanden hat, aus dem
sauren Apfel, in den zu beißen er gezwungen war,
nach Möglichkeit Süßes zu saugen. Er hat unbewußt nach einem Rezept gehandelt, das auch Erwachsenen häufig probat erscheint zur Aufhöhung
des Lebens: er hat sich einen kleinen Heroënkult
eingerichtet. Und, wie klug der kleine Bursche
doch war! Er blieb nicht in der Ferne stehen und
schwärmte platonisch, sondern er begab sich frohgemut und entschlossen in die Klientele seines
Idols.

Die Gelegenheit, jetzt schon zu konstatieren,
wohin sich das Häkchen krümmen will, wäre günstig,
aber ich möchte dem Leser auch etwas zu thun
geben und überlaß es also ihm, nachzumessen. Nur
bitte ich, sich nicht gleich ein Schema zu machen.
Des Menschen Seele ist manchmal schwankender
als der Gang eines Betrunkenen durch einen Sturzacker. Aber: wie Sie wollen!

An mir ist es, weiter zu erzählen und zu
sagen, daß Jung-Stilpe allmählich aus dem Stande
eines Battlings in den nächst höheren eines
Quarks emporrückte. Das heißt: Er wurde nun
nicht mehr bloß geschunden; er durfte auch selber
ein bischen mitschinden.

Es wäre nur menschlich gewesen, wenn er sich
in diesem Zustande wohler befunden hätte, als n
dem vorigen. Aber es war nicht so. Am Selberschinden fand er wenig Geschmack, und so entging
ihm die tröstliche Genugthuung, die nicht blos im
Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt den
meisten Menschen das Geschundenwerden erträglicher macht. Er hatte keinen Sinn für das Wohlthuende, das in der Möglichkeit liegt, von oben
empfangene Püffe nach unten weiter zu geben.

Es thut mir leid, aber ich muß es feststellen: Er
dokumentierte damit einen betrüblichen Mangel an
Begabung für realistischen Lebensverstand. Die
Strafe für diesen Defekt konnte nicht ausbleiben:
Er fühlte sich jetzt elender als früher. Denn,
während er sich die jetzt offenstehende Gelegenheit
der Ableitung nach unten entgehen ließ, verringerte
sich doch nicht seine Empfindlichkeit für die Stöße
von oben. Im Gegenteil: Er empfand sie viel
peinlicher. Denn er hatte an Kritik zugenommen.
Die Großen standen ihm jetzt näher, und so erkannte er, daß allerlei Dinge an ihnen waren, die
sie eigentlich nicht berechtigten, die Kleinen stolz
und schlecht zu behandeln. Er sah, daß es keineswegs alle Helden waren wie der gepriesene Mio,
es entging ihm vielmehr nicht, daß es unter ihnen
Burschen von unzweifelhaft gemeinen Qualitäten
gab. Von diesen sich schinden zu lassen, das hielt
schwer und that ungemein weh.

Es kam für Jung-Stilpe die Zeit der ersten
Zweifel an der zweckmäßigen und gerechten Einrichtung dieser Welt. Zehn Jahre erst alt, und
schon mußte er an allerlei Warums nagen.

Warum darf mich Börner knuffen, da
er doch unter den Großen als Feigling verachtet ist?

Warum darf mich Roscher Dummer Quark nennen, da es doch allgemein bekannt ist, daß er der
Dümmste in seiner Klasse ist?

Warum darf ich den Bodemann nicht wieder
ohrfeigen, da er doch schwächer ist, als ich?

Alles blos, weil ich noch ein Quark bin?

Ja, zum Teufel, warum thun sich die Quarks
nicht zusammen und wehren sich? Wenn sie alle
zusammenstünden und vielleicht noch die Battlinge
heranzögen, so müßten sie die Großen, die ja viel
weniger sind, unterkriegen!

Aber auf dieses Warum wußte er die Antwort.
Die Quarks waren, bis auf wenige, zu denen er gehörte, Memmen, Gesindel. Sie machten es mit den
Battlingen nicht besser, als die Großen mit ihnen,
und untereinander knufften und pufften sie sich
noch mehr, als sie von den Großen geknufft und
gepufft wurden. Ganz sicher, wenn er es sich etwa
einfallen ließe, gegen die Großen aufzumucken: Die
meisten Keile würde er von den Quarks kriegen.

Das war eine böse Situation für den kleinen
Stilpe, um so böser, als Mio ins Land seiner
Väter zurückgekehrt war.

Die Umstände, unter denen sich dieses Ereignis vollzogen hatte, waren nicht ganz normaler
Natur: Herr Mio war geschaßt worden.

Warum? Der kleine Stilpe hörte was läuten,
aber nicht zusammenschlagen. Es ging ein Munkeln
durch die Jungens, als ob ganz Unerhörtes sich
begeben hätte. Mio hatte etwas völlig Unsagbares
gethan, etwas, wofür den Quarks und gar den
Battlingen die Begriffe fehlten.

Gewiß etwas Großartiges, dachte sich Stilpe,
und sein Held erschien ihm nun im Zauber des
Geheimnisvollen noch gewaltiger. Ihn selber hatte
er wohl gefragt, aber es war ihm wieder die Antwort vom Monde geworden:

— Die Pauker wollen nicht, daß man auf dem
Mond spazieren geht und vorzüglich nicht mit ihren
Töchtern.

Mit ihren Töchtern? Auf dem Monde? Welche
furchtbaren Geheimnisse! Dem kleinen Stilpe rollte
es gruselig, aber warm übers Rückenmark.

Er fühlte: Der Mond war blos ein Symbol,
so wie der Herr Jesus Christ als Mittagsgast,
aber die Töchter der Pauker, die waren reell
gemeint.

Himmel, wer das Symbol vom Monde ergründen könnte?

Eine Paukerstochter fragen?

Pfui, wer wird sich mit Mädchen einlassen!

Jung-Stilpe war noch im Alter des Jungenstolzes, der im Mädchen etwas befleckend untergeordnetes sieht. Mädchen! Das kam noch weit
hinter den Battlingen. Was das für jämmerliche
Dinger sind! Höchst feige Geschöpfe. Also kein
standesgemäßer Umgang für ritterliche Enkel der
alten Germanen.

Aber Mio war trotzdem mit solchen Dingern
„auf dem Mond spazieren gegangen“? Konnte
Mio, der Held, etwas Unritterliches thun? Nie!
Es mußte vielmehr etwas höchst Ritterliches gewesen sein.

Wer weiß: Vielleicht war eben das Spazierengehen auf dem Monde das einzig Ritterliche, das
man mit diesen Wesen thun konnte.

Wenn man nur erst wüßte, was es wäre!

Mio hatte, als der kleine Willibald durchaus
wissen wollte, was unter dem Mondspazierengehen
zu verstehen sei, die Schonung seines Schnurrbartes
gestrichen und mit einem sonderbaren Lächeln gesagt : Williwitsch, wenn ich dir das erkläre, schaffen
sie dich auch. Warte noch, bis dir so was wächst,
und dann wirst du's von selber erfahren.

Mein Gott, wie geheimnisvoll! Es hing also
mit dem Schnurrbart zusammen! Für Quarks war
demnach der Mond durchaus unerreichbar, denn
ein Quark mit einem Schnurrbart war undenkbar.
Man mußte mindestens ein Strunk werden. Aber
auch unter den Strunks war ein Schnurrbart,
d. h. die erste Andeutung eines Anfluges davon,
ein unerhörtes Wunder. Fliczek war der einzige
unter den Strunks, der so etwas wie einen Flaum
auf der Oberlippe hatte.

So wurde Fliczek das Idol.

Willibald machte sich an ihn heran. Er opferte
Hekatomben von mütterlichen Pfannkuchen, ihn zu
gewinnen. Schließlich gelang es ihm mit einem
Osterfladen. Aber Fliczek war kein Held, kein
Mio. Er aß den Osterfladen und würdigte Willibald seines Umgangs, aber es stellte sich heraus,
daß dieser schnurrbärtige Strunk vom Monde einstweilen nicht viel mehr wußte als der schnurrbartlose Quark.

Also hing es vom Schnurrbart allein nicht ab.

Da wurde Willibald selber ein Strunk. Zwölf
Jahre war er nun alt. Die Periode der wesentlich körperlichen Schindung mit Ohrenlangziehen,
Andenhaarenreißen, Schellenkriegen war im allgemeinen vorüber. Die Drangsale fingen an, hauptsächlich seelischer Natur zu werden. Die Strunks,
die nur die Großen noch über sich hatten, wurden
von diesen nicht geprügelt, sondern verhöhnt.

So ein Strunk, das ist wohl was! Bildet sich
vielleicht ein, daß er schon ein Großer ist? So ein
Jämmerling! Hat noch kurze Hosen an und thut sich
dicke! Vielleicht, weil er Selektaner ist? Weil er
seinen Namen mit griechischen Buchstaben in alle
Bücher schreibt? Ist was Rechtes! Ist doch noch
ein kleiner Junge, mit dem man lange noch nicht
über Alles reden kann.

Aber immerhin kamen die Selektaner unter den
Strunks schon mit den Großen in einige Berührung.
Da sie mehr Schularbeiten zu machen hatten, als
die übrigen, durften sie mit den Großen eine
Stunde länger aufbleiben. Diese Arbeitsstunde
wurde, da die Inspektoren im Schlafsaal sein
mußten, nicht ständig überwacht. Es kam nur zuweilen der Direktor, um nachzusehen, ob die Stunde
nicht etwa ausgedehnt wurde, und um nachzuriechen,
ob nicht geraucht worden war. Aber, wenn der
Direktor Kegelabend hatte, war man sicher. Dann
rauchte alles, auch die Strunks. Es gab sogar
eine Wasserpfeife! Und wer gut turnen konnte,
kletterte die Mauer hinan, ließ sich auf den Briefkasten hinab, sprang auf die Straße, lief ins
Böhmische Brauhaus und holte Bier.

Ha, was für Gelage! Richtige, große Deckelgläser schwang man, und Lagerbier war drin!
Da wurden die Großen vertraulicher. Aber Alles
durften die Strunks doch nicht mitmachen. So,
wenn ein Nachtscheuern war und die Dienstmädchen
in den Corridors herumkicherten. Dann kicherten
die Großen draußen mit, aber die Strunks mußten
im Hofe und Garten Posten stehen.

Zweifellos: Das hing mit dem Monde zusammen. Freilich nicht im hohen Sinne des
Miokowitsch! Der hätte nie mit Dienstmädchen
gekichert, die den Scheuerlappen in Händen hatten.

So kam Jung-Stilpe ins dreizehnte Jahr, und
seine Sehnsucht war vergeblich hinter dem Monde
her und was dessen tiefster Sinn eigentlich wäre.

In der Schule ging alles passabel, bis aufs Rechnen; seine Mitstrunks achteten ihn als einen, der alles
Verbotene kühn und heiter mitmachte und nie petzte,
aber enge Freunde hatte er keine, weil er, wie die
andern sagten, zu eingebildet war. In der That
hielt er sich für reichlich dreimal so gescheid wie
alle übrigen, wenn auch nicht gerade in den Fächern,
die auf dem Stundenplane standen.

Daß er sich auch in die spezifische Geheimkunst
der Knabeninstitute einführen ließ, bedarf nicht besonderer Erwähnung. Er übte sie aber noch ohne
jene Perspektive, die erst aus der Erkenntnis vom
Wesensunterschiede der Geschlechter erwächst. Indessen: Es liegt in der Natur dieser bedenklichen Kunst,
daß sie den Hunger nach jener bedenklichen Erkenntnis weckt. Oh, die Augen Willibalds damals!
Was wollten sie nur, daß sie zuweilen so weit
offen und starr waren, glühten und glosten, flackerten
und sich weiteten . . .?

Wirklich, meine werten Herren Pädagogen, es
genügt nicht, mensa abzufragen und den Jungens
auf den Zahn zu fühlen, ob der peloponnesische Krieg
fest sitzt, — Sie müßten ihnen auch manchmal in die
Augen sehen. Sie, die Sie mit unfehlbarer Sicherheit jedes Jota subscriptum aufstöbern, das zuviel
geschrieben wird, sehen Sie denn nicht, daß da
unten in diesem Auge ein häßlicher Wurm sitzt?
Umgotteswillen, rotten Sie diesen Wurm aus, Herr
Professor, er ist viel bedenklicher als zehn falsche
Jota subscripta. Aber es ist mehr dazu nötig,
als rote Tinte, und der Rohrstock thuts freilich nicht.
Denken Sie blos an sich, und was alles Ihnen
der Wurm weggefressen hat! Wie? Sie verbitten
sich diese Verdächtigung? Ja, dann freilich!

Jung-Stilpe also, dreizehn Jahre alt, war bereits
wurmstichig. Werden wir uns wundern, daß er
in puncto puncti frühreif ward? Nun, es giebt
viele solche Wunderkinder. Wir wollen uns nicht
anstellen, als fänden wir das so verwunderlich.
Oder wollen wir doch? Schön, wem es würdig
dünkt, der thue seinem Herzen keinen Zwang an
und entrüste sich. Hier stehe ich mit meiner ganzen
Breitseite; es haben viele faule Äpfel Platz.

Also: Jung-Stilpe suchte mit sonderbaren
Blicken nach jener Perspektive, die ihm noch fehlte.
Da kam das, was wir den Zufall nennen, und
was unsre Vorvordern den Teufel genannt haben,
riß den Nebel entzwei und sagte leise und mit
infam linder Stimme: Bitte, da!

Es kam so: Der Direktor hatte wieder einmal
Kegelabend, und die Selektaner thaten sich gütlich an
Alkohol und Nikotin. Sie waren alle bei einander,
nur Einer fehlte, der mit dem Schnurrbart, Wenzel
Fliczek.

Sie sitzen alle recht sorglos und im süßen Genusse des Verbotenen bei einander, da thut sich die
Thüre auf und Fliczek schreit herein: Fenster auf!
Lichter aus! Der Alte kommt übern Hof!

Dann, wie die Lichter ausgelöscht sind, flüstert
er leise zu jemand Unsichtbarem hinter ihm: Schnell,
da 'nein, unters Katheder!

Willibald war gerade daran, als Letzter zum
Fenster hinauszuspringen. Da, aber, wie eigen das
war, drehte es ihn um.

Was denn nur? Unters Katheder!

Er duckte sich dort in die Ecke.

Da, wie es raschelt! Und neben ihm, hart
neben ihm drückt sich was Weiches.

Gott oh Gott! Was mag das sein! Wie
warm! oh, und wenn tausend Direktoren kämen!
Die süße Angst!

— Wer bist denn Du?

— Sei doch stille! Der Direktor . . .!
Herrgott, wie weich und warm!

— Rem! Hm! Rem! — Es kommt den
Gang herauf. Die Thüre schlägt.

— Rem! Hm! Rem! — Jetzt ist er wohl
im Zimmer? Ja, man hört ihn ja schnaufen.

Willibald fühlte zwei Arme an seinem Hals
und an seiner Seite ein drängendes Klopfen.

Gott, was ist das! Was ist das! Er kann
nicht anders, er muß seinen Mund darauf drücken.
Oh, ist das schön!

— Rem! Rem! Hm! Rem! — Die Thüre
wieder zu. Schritte . . . fort . . .

Das Warme neben ihm bewegt sich. Die Arme
lassen ihn los.

— Wer bist Du denn?

— Wer bist denn Du?

— Ich bin Stilpe aus der dritten Klasse.

— Laß mich doch los!

— Nein. Wer bist Du denn?

— So laß mich doch!

— Nein. Wer bist Du denn?

— Die Josephine.

— Buschkleppern seine?

— Ja doch! Laß mich doch!

— Du! Du!

Und er hängt sich fest an sie, und es ist ihm,
als wenn er schwerer und größer würde.

— Aber so laß mich doch, ich muß fort.

Nein, er kann nicht loslassen. Er wühlt sich
mit seinem Kopf in all das Weiche, Warme, was
um ihn ist.

Da, jetzt hat er ihren Kopf in den Händen
und drückt ihn mit aller Kraft.

— Du, das thut ja weh!

Aber sie geht nicht. Sie läßt sich noch eine
Weile so halten. Dann kommen auch ihre Hände
an seinen Kopf, und nun fühlt er ihr Gesicht an
seinem.

Ach, wie die Lippen weich sind.

— Du beißt mich ja!

Himmel was ist das! Sie küßt ihn.

Gott! Gott! Gott!

Jetzt ist sie fort.

Noch eine Weile liegt er unterm Katheder.
Dann taumelt er auf und rennt in den Schlafsaal. In seinem Bette weint er. Und stammelt
ihren Namen. Schläft, naß von Thränen, ein.

Wie er am Morgen aufwacht, ist alles verändert um ihn herum. Er möchte schreien vor Gefühl. Josephine! Josephine! Das ist der Mond
Das ist er!

Dann wird ihm angst. Er möchte fort. Ausreißen. Nach Hause. Sich verstecken.

Gottlob, daß Sonntag ist. Er singt in der
Kirche so laut, daß der Inspektor ihn anrüffelt.
In sein Gesangbuch, auf seinen Kirchenplatz, überall hin schreibt er Josephine.

Und das Wort schiebt sich in ihm hin und her,
und nach dem Schema von Nun danket alle
Gott schreibt er in unbeholfenen Versen die Erlebnisse dieser Nacht.

Das war die erste Regung.

Denn von nun ab wollte er — ein Dichter
werden.

Fünftes Kapitel.

So ein kleiner Junge, der Dichter werden
will, ist ein merkwürdiges Phänomen. Es verlohnt sich wohl, es näher zu betrachten.

Es ist keineswegs dasselbe, wie wenn etwa
Einer in Prima anfängt, die Papierleyer zu
schlagen. Da pflegt meist Nachahmungstrieb und
Ehrgeiz der Hauptgrund zu sein, und die Fälle
sind selten bemerkenswert. Schon, weil sie, selbst
in unsrer Zeit noch, gar zu häufig sind.

Aber wenn die Verse so früh flügge werden,
wie bei unserm Stilpe, dann liegt die Sache tief
und verdient Beachtung. Bloße Nachahmung ist
es nicht, Ehrgeiz steckt gar nicht dahinter, — was
also ist es wohl?

Es wird das Beste sein, wir studieren die
wunderliche Erscheinung an dem Knaben Willibald.

Zuerst die Bemerkung, daß vor der Szene
unter dem Katheder sich nichts in ihm geregt hat,
was als Hinweis auf das plötzliche Verswesen
ausgelegt werden könnte. Höchstens, daß er sehr
gerne im Gesangbuch las, ohne daß ihn Frömmigkeit dazu veranlaßt hätte. Er las, weil es ihm
gut klang. Aber es kam ihm dabei durchaus nicht
der Gedanke, auch mal so was Klingendes zu
machen. Er dachte überhaupt nicht daran, daß
das etwas gemachtes sei. Er nahm es wie eine
Blume, wie einen Baum und freute sich dran.

Und nun, nicht wahr, es ist doch sonderbar:
Kaum, daß er eine kleine Josephine neben sich gefühlt hat, setzt er sich hin und schreibt Verse. Und
nicht dies blos, er empfindet plötzlich, wenn auch
verworren und wie aus drängenden Nebeln: Dies,
das Verseschreiben, ist ein unerhörtes Glück, ein
Ziel über allen Zielen.

Etwas Schwillendes ist in ihm, etwas, das sich
nur mit diesem unsagbaren Gefühle unterm Katheder vergleichen läßt. Und er hütet das Geheimnis dieses Schwillens mit demselben Gefühle von
Scham, wie das Geheimnis seines Abenteuers mit
Josephine.

Vielleicht sind diese beiden Geheimnisse nur
eines? Vielleicht ist es nur der Biß in den verbotenen Apfel der Erkenntnis?

Aber er hat an diesem Apfel doch fürs erste
nur geleckt, wenn auch zugegeben werden muß, daß
er eine unbestimmte Lust empfindet, nun auch
hineinzubeißen.

Nein, man kann nicht sagen, daß Josephine
und die Verse ein und dasselbe sind. Es sind
zwei Offenbarungen auf einmal, von denen die eine
die andre mit sich gebracht hat, und sie sind, obwohl
sie scheinbar dieselben Erscheinungen zur Folge
haben, doch verschieden von einander. Daß sie
einander auch feindlich sein können, wird gerade
dieses Leben Stilpes beweisen.

Der Teufel zieht gerne Unterröcke an. Das
wissen wir aus der Geschichte mancher heiligen
Männer. Manchmal hat er aber auch ein „hölzin
Röcklin“ an und „liegt beim Wirt im Keller“.
Es giebt ein paar lehrreiche Seiten der Literaturgeschichte, wo sich Belege dafür finden.

Heilige und Dichter haben mehr mit dem Teufel
zu thun, als gute Christen und schwärmerische junge
Mädchen glauben.

Wer nicht mit allerhand Teufeln den Tanz
bestanden hat, kann weder ein Gloriole noch den
Lorbeerkranz erhalten.

Und die Teufel, die allerhand Teufel, — es ist
erstaunlich, was sie tanzen können. Zu Anfang
wissen sie so sanfte zu walzen, und es geht lieblich
dahin mit ihnen, aber auf einmal ist der Wirbel
da, der in den Höllentrichter fegt.

Guter Gott, ich schreibe doch keine Dämonologie!
Aber mein Held will (oh Willibald!) Dichter
werden.

Der kleine Willibald schied sich jetzt von seinen
Kameraden noch mehr ab, als früher. Einesteils
fühlte er sich hoch erhaben über sie, und andernteils hatte er Furcht vor ihnen. Er empfand, daß
es keinen unter ihnen gäbe, dem er seine Geheimnisse verraten dürfte, ohne furchtbar ausgelacht zu
werden, und er hätte auch keinen für würdig gehalten, sein Mitwisser zu sein. Auch war er viel
zu sehr mit sich beschäftigt, als daß er Lust hätte
haben können, sich an sie anzuschließen.

Er fing an, mit sich zu phantasieren. In den
Schul- und Arbeitsstunden sowohl wie in der
freien Zeit ließ er seine Gedanken nach unbekannten
Dingen fliegen und machte groteske Ungetüme von
Versen daraus. Nebstbei fing er auch an, auf alles
Gedruckte zu fahnden, was kein Schulbuch war. Der
Hauptinhalt all seiner Phantasien war aber Buschkleppers Josephine.

Er trug die Wärme von ihr, die er unterm
Katheder gefühlt hatte, mit sich herum, und zuweilen war es ihm, wie wenn er in einer lauen
Wolke ginge. Manchmal mußte er die Augen
zumachen, so stark überkam es ihn.

Wenn er sie nur einmal sehen könnte, ihr ein
Zeichen geben, dachte er sich. Aber es schien, als
ob sie gar nicht mehr da wäre. Jede Minute, die
er allein sein konnte, verwandte er darauf, ihr
aufzulauern.

Es war im Herbst, und so durfte er hoffen,
sie einmal im Lehrergarten zu sehen, der, in verschiedene Parzellen geteilt, für jeden Lehrer ein
Sondergärtchen enthielt. Aber immer war es nur
der alte Buschklepper in seinem grauen Ziegenbarte,
den er botanisierend dort wandeln sah, oder die
Frau Buschklepperin, von der unter den Jungen die
Rede ging, sie prügele ihren Mann jede Woche
mindestens einmal. Das machte sie unter den
Jungens zwar sehr beliebt, aber für Willibalds
Zwecke genügte es doch nicht.

Etwa vier Wochen lang lauerte Willibald auf
Josephine, da kam wieder so ein Selektanerabend,
der mit des Direktors Kegelvergnügen zusammenfiel.

Diesmal waren Alkohol und Nikotin in den
Hintergrund gedrängt durch ein großes und
heroisches Unternehmen. Einer von den Großen
hatte sich den Schlüssel zur Küche verschafft, neben
der ein Keller voll Äpfel lag. Und es war die
Losung verteilt worden, daß jeder Selektaner seinen
Reisekoffer bereit halten sollte zu einem Raubzuge
auf diese Äpfel. Nur ein paar Strunks waren
ausgewählt, Postendienste zu leisten. Es war ein
Beweis für das Vertrauen, das man Willibald entgegenbrachte, daß auch er der Vorpostenkette eingereiht
wurde. Der Postenkommandant aber war Fliczek.
Er hatte sich zwar dagegen gewehrt und das
verantwortungsvolle Amt durchaus nicht annehmen
wollen, aber die übrigen Großen hatten ihn beim
Ehrenpunkte gefaßt und erklärt, er, als der
Schlaueste, müsse unbedingt die Posten leiten, wenn
er nicht für einen elenden Feigling gehalten sein
wollte.

So rückten die Posten, Fliczek an der Spitze,
aus. Leise, auf den Zehenspitzen, obwohl dies
eigentlich nicht nötig war, schlich man durch die
langen dunkeln Corridore, dann ging es eine enge
Treppe hinunter in das Souterrain, und von hier
aus sollte der Küchenbau umstellt und eine Spähspitze bis vor an das Direktorhaus gesandt werden.
Fliczek verteilte die Posten, Willibald behielt er
zurück.

— Du mußt bis ans Direktorhaus, Stilpe.
Ich geh an Buschkleppern seins. Wenn alles ruhig
ist, pfeifst Du, daß Rille in die Classe läuft und
die Andern ruft. Wenn der Direktor kommt,
klatschst Du und reißt aus.

— Was willst Du denn an Buschkleppern
sei'm Haus? Da kommt doch niemand her!?

— Halt'n Rand und mach, was ich Dir gesagt habe.

Willibald ging über den Hof geradeaus und
hörte, wie sich Fliczek nach links entfernte.

Was wollte der zum Teufel denn dort? Willibald begriff durchaus nicht, weshalb man sich gegen
den alten Buschklepper durch einen Hauptposten
schützen wollte, vor diesem alten Mann, der ganz
gewiß nicht in der Nacht revidierte.

Aber er ging, doch ein wenig stolz darauf, daß
er den gefährlichsten Posten erhalten hatte, bis zum
Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine
Pflicht. Als er aber den vorschriftsmäßigen Pfiff
gethan hatte und ringsum nichts Verdächtiges zu
bemerken war, da kam ihm plötzlich der Gedanke
an Josephine.

Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge, dachte er sich, so käme ich an die Hinterthüre von Buschkleppers Hause. Dort wird mich
Fliczek nicht merken, der natürlich an der Vorderthüre aufpaßt. Vielleicht ist hinten noch Licht, und
ich sehe sie.

Kaum, daß er sich das gedacht hatte, war er
auch schon auf dem Wege. Der war zwar unbequem, denn er mußte immer über die Zäune steigen,
die zwischen den einzelnen Lehrergärtchen waren,
auch stieß er sich bald an einen Baum, bald kam
er in ein Gebüsch, bald sank er in ein Beet, aber
er wäre ja durch Meere geschwommen, um in
Josephinens Nähe zu kommen.

Er zählte die Stackete ab. Fünf hatte er nun,
nach dem sechsten war er in Buschkleppers
Garten.

Herrgott, wie ihm das Herz schlug!

Da, eben, als er übersteigen wollte, hörte er
was flüstern.

Himmel! Wer ist das! Er schlich sich nahe an
das Stacket, um genau zu hören, wo das Geflüster herkam. Rechts hinten wars, drüben in der
Laube.

Er schlich das Stacket entlang nach rechts, der
Laube zu.

Das Geflüster wurde vernehmlicher. Plötzlich
hörte er:

— Pscht!

— Was denn?

— Da knackte was!

— Ä, nee!

Willibald wurde es siedendheiß. War das
nicht . . .?

Aber er ging näher. Und er hörte:

— Bleib doch noch e bißl!

— Nein, nein, ich muß zu den andern, sonst
merken sie's.

— Ach, Du!

Da, an diesem Ach Du! merkte Willibald, daß
die eine Stimme Josephinens war, und mit einem
Male wußte er, daß die andre die Fliczeks sein
mußte.

Eine jagende Wut überkam den kleinen Burschen.
Mit einem Sprunge war er übers Stacket, mitten
in die Finsternis hinein.

Ein Aufschrei rechts vor ihm. Nur ein paar
Schritte.

Noch ehe Fliczek davon konnte, war Willibald
dort und drasch auf den Fliehenden mit seinen
kleinen Fäusten wie rasend los. Dann wandte er
sich um und blieb vor Josephine stehen:

— Du, Du, Du Luder, Du, Du Luder!

— Ja, Du, was willst denn Du hier?

— Ich, ich, ich . . . Und nun heulte der arme
Junge los, daß das Mädchen seinen Schreck und
seinen Zorn über ihn vergaß und ihn tröstete.

Er war ganz besinnungslos und legte seine
Hände auf ihre Achseln und lehnte seinen Kopf
darauf und schluchzte: Du . . . mußt . . . mir . . .
nicht böse sein, ich, ich . . . ach . . . Und er heulte
wieder.

— Nein, nein, ich bin Dir ja nicht böse,
ich . . . ich bin Dir wirklich nicht böse . . . nein,
aber nu geh doch, geh!

Da war der kleine Junge wieder ganz selig
und fiel dem Mädel um den Hals und drückte
sie, preßte sie, quetschte sie, daß sie ihre Not hatte,
ihn von sich abzustreifen. Ihr Gesicht war ganz
naß von seinen Thränen, und die offenen Haare
hingen ihr über die Brust vor. Sie sahen einander
nicht, aber ihre Blicke hingen ineinander.

Schließlich versetzte ihr Willibald einen Kuß,
so laut und schallend, daß sie nun, ob auch ungern,
es für unumgänglich nötig hielt, ein Ende zu
machen.

— Nu geh, Du, mach, sonst kommt noch jemand.
Aber so geh doch!

Willibald ließ sie nicht los.

— Du, ich schreie nu aber! Und wenn mei
Vater kommt!

Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte
Willibald zur Besinnung.

— Ja, ja, aber nicht mehr mit Fliczek'n!

— Nee, nee, geh nur!

Willibald ließ sie los und lief davon. Er lief,
als hätte er keinerlei Ursache, leise und vorsichtig
aufzutreten, er sprang quer über den Hof, nach
dem Classenzimmer zu. Plötzlich zwang ihn etwas,
stehen zu bleiben.

Herrgott, wenn jetzt die Andern geklappt sind!
Und ich bin schuld daran!

Ich? Nee: Fliczek!

Und jetzt kam die Wut nochmals über ihn, und
statt durch die Thüre zu gehn, sprang er durchs
Fenster in den Corridor.

Da roch es wundergut nach Äpfeln.

Das besänftigte ihn. Leise schlich er sich hinauf
in den Schlafsaal.

Nr. 172, auch ein Selektaner, lag noch wach
und kaute an einem Apfel:

— Was kommst Du denn so späte?

— Ich hab, ich hab gedacht, ich muß noch
Posten stehn.

— I, Unsinn. Wir sind schon lange oben.
Deine Äppel und Fliczek'n seine hat der lange
Ayrich. Willst Du een'? Ich habs ganze Bette voll.

— Gieb nur!

Und auch der Apfel schmeckte gut.

Sechstes Kapitel.

Als Willibald am nächsten Morgen erwachte,
war sein erster Gedanke Josephine, sein zweiter
Fliczek. Bei dem ersten war ihm linde und gut
zu Mute, bei dem zweiten ballte er die Fäuste.

Er hatte die Empfindung, daß er sich heute
seiner Haut zu wehren haben werde. Aber er
hatte keine Furcht.

Er soll nur kommen, der Böhmake, dachte er
sich, und bei dieser Gelegenheit regte sich in ihm
zum ersten Male der Raufdeutsche. Er soll nur
kommen und mir was sagen! Eine Schelle kriegt
er! Und er erschauderte nicht vor dem Gedanken,
daß er, der Strunk, einen Großen ohrfeigen
wollte! So verrückt das Weib die Standesunterschiede.

Aber es kam anders. Der Tag wurde zwar
reich an Aufregungen im Institute, aber just
Willibald wurde nicht davon betroffen.

Fliczek wußte offenbar nicht, von wem er geprügelt worden war. Er war sehr niedergeschlagen
und blaß, die einzige Farbe in seinem Gesicht war
ein blauer Fleck unterm rechten Auge; er ließ den
Kopf hängen und schien es nicht zu wagen, aufzublicken.

Willibald merkte sofort, wie es stand, und es
kitzelte ihn, den gehaßten Böhmen zu reizen.

— Du, was hast Du denn da für einen Fleck
im Gesichte?

— Was Dich nix angeht, Strunk dummer.

— Bist wohl hingeplautzt bei Buschkleppern
gestern?

— Halt'n Rand, Strunk, oder ich . . .

— Na, was denn? Wenn ich doch blos frage. . . Überhaupt: Warum bist Du denn so gerannt?

— Hast Du mich gesehn, Stilpe? Wo hast
Du mich denn gesehen?

— Nu, Du bist ja im Hofe an mir vorbeigerannt, wie besessen.

Das war kühn kombiniert von Jung-Willibald.
Wenn nun Fliczek gar nicht über den Hof gerannt
wäre? Aber er hatte richtig kombiniert.

— Ich, ich habe was kommen hören, und da
hab ich Leine gezogen. Ich dachte schon, ich wäre
geklappt.

— Und da bist Du wohl hingefallen?

— Ja, da, an der Mittelthüre, auf die Treppe
hin. Was hast denn Du aufm Hofe zu suchen
gehabt? Du hast doch sollen durch den Souterrain zurück?!

— Ich hab Dir was sagen wollen.

— Mir? Was denn? Warum denn? Du:
Hast Du was gehört?

— Ja, eben, ich hab was gehört bei Buschkleppern hinten, und da hab ich gedacht: Das
muß ich Dir sagen.

— Du hast was gehört. . . . Wars laut?
Hast Du auch was gesehn?

— Nee, s war ja ganz dunkel, aber ich hab
jemand schreien gehört.

— Du, Strunk, das sag ich Dir: Daß Du
niemand was davon sagst. Sonst setzsts Keile!

— Was soll ich denn sagen? Ich weiß ja
gar nichts. Hast Du denn etwa geschrieen, Fliczek?

— Ich? Unsinn? Ich hab auch nichts gehört. Du hast wohl geträumt vor Angst, feiger
Strunk.

Da hätte ihm Willibald von Herzen gerne
Alles durch eine Ohrfeige klargemacht, aber er war
doch zu klug dazu. Nur das konnte er sich nicht
verkneifen, daß er sagte:

— Ich weiß besser wie Du, wer feige ist.

Worauf Fliczek nichts zu erwidern wußte, als
ein verächtliches: Strunk!

Dieses Gespräch fand nach dem Frühstück statt,
als sich die Klassen zur Arbeitsstunde in ihre
Zimmer verteilten.

Die Arbeitsstunde selber hatte ein andres Aussehen, als sonst. Es war ein merkwürdiges Geflüstere unter den Jungen, zumal in den Oberklassen. Unter den Bänken wurden Äpfel herumgegeben, und häufig hörte man das Schnirpsen,
wenn Einer in einen Apfel biß. Dazu ein Gekicher und Blicke hin und her. Ein Triumphgefühl ging durch Alle, und wenn sie den beaufsichtigenden Inspektor ansahen, so konnte man aus
den Blicken lesen: Der dumme Kerl weiß von nichts.

Auch während der Andacht hielt dies Wesen
an. Alle Hosentaschen der Selektaner staken voller
Äpfel, und man griff sich gegenseitig an die Taschen
und kicherte dazu. Als einer, mitten in dem sehr
langen und feierlichen Gebete des Vizedirektors,
der mit Vorliebe Sprüche aus Jesus Sirach einflocht, zu seinem Nachbar sagte: Ich hab schon
Bauchkneipen, da setzte sich diese Mitteilung im
Flüstertone durch die ganze erste Reihe fort, und
der Vizedirektor mußte in seinen Sirach ein
grollendes: Ruhe! einschieben.

Aber schon nach der zweiten Unterrichtstunde,
als die Körbe mit Dreierbrodchen eben an die
Thüre gestellt waren, meldete sich das Verhängnis.
Die dicke Küchenmeisterin erschien, ohne angeklopft
zu haben, in der 2. Selektaclasse, wo der Direktor
gerade Cornelius Nepos traktierte.

Entrüstet blickte der Scholiarch die Frau an, und
ein aufgebrachtes Rhm! fuhr ihr entgegen. Sie
aber, ohne eine Spur von dem Respekte, der sie
sonst nie verließ, schwappte bis an das Katheder
vor und rief mit erregter Stimme: Meine Äppel
hamse gemaust! Meine scheenen Äppel, die nischtnutzgen Jungen!

— Was behaupten Sie!?

— Ich behaupte nischt, Herr Derekter, ich behaupte Se gar nischt, ich sage blos: Gemaust ham
se se, alle ham se se gemaust!

— Mäßigen Sie sich! Gehen Sie in Ihre
Küche! Hier wird Schule gehalten!

— Aber, wenn se doch meine Äppel alle gemaust ham, Herr Derekter!

In diesem Augenblicke hörte man was fallen,
und ein großer rotbackiger Apfel rollte langsam
aus der ersten Bankreihe vor das Katheder.

Es war, als ob sich der Apfel seiner Wichtigkeit für diesen Augenblick bewußt wäre, mit so viel
Ausdruck, ja Würde rollte er. Als er zuletzt noch
ein paar Mal hin und her schwankte, war es wie
der Schlußappell in der Rede eines Staatsanwalts.

Aber es ist Staatsanwälten nur selten beschieden, so überzeugend zu wirken, wie es dieser
schweigend beredte Apfel that.

Sämmtliche Selektaner machten eine unbewußte
Bewegung, als wollten sie unter die Bänke kriegen,
die Augen des Direktors traten aus ihren Höhlen
und hatten ganz offenbar die Tendenz, in aller
Körperlichkeit unter die schuldbeladene Schülerschaft
zu fahren, die Küchenmeisterin aber warf sich mit
dem Applomb eines trächtigen Elephantenweibchens
auf den Apfel und schrie: Hammr nu den Beweis,
Herr Derekter? Hammr dn Beweis? Ob das
nich eener von mein Äppeln is? Na? Oh die
verfluchte Jungens, die Mausehaken! Nee, so e
Volk! Fui Teifel, sag ch, und noch emal: Fui,
schämt eich!

Und sie setzte den Apfel mit der Wucht des
Triumphes auf das Katheder und fixierte bald die
Schüler, bald den Direktor.

Der sprach: Rhm! Hm! Das ist . . . Ich
sage: Das ist unerhört! Das ist eine Schmach
ohnegleichen! Wer von euch . . .! Hm! Gesteht!
Ich sage: Gesteht auf der Stelle, oder . . .! Hrm!
Ich werde ein Exempel . . . Rhm! . . .

Plötzlich veränderte sich sein Blick, und er
wandte sich zornesvoll zur Köchin: Gehen Sie in
Ihre Küche, sag ich! In Ihre Küche! In . . .
Ihre . . . Küche!!! Hier wird Schule gehalten!
Gehen Sie an Ihre Arbeit! Alles andre wird
sich finden. Rhm!

Die Küchenmeisterin sah den Direktor erschrocken
an und floh hinaus.

Jetzt aber verließ der Direktor das Katheder.

Niemand durfte zweifeln, daß etwas Fürchterliches nahe bevorstand.

Es bezweifelte es auch niemand.

Gänse beim Gewitter ducken sich nicht scheuer,
als die braven Selektaner es thaten, während
der Direktor stampfend und keuchend auf und
ab lief.

So that er immer, wenn er Einen am Ohr
nehmen wollte.

Man kannte das.

Er hatte eine eigene Art, Einen am Ohr zu
nehmen; so eine gewisse Drehung, als wollte er
eine Thüre aufschließen und der Schlüssel ging
nicht.

Die in der vordersten Reihe bereiteten sich schon
vor, die Ohren zu schützen.

Aber es kam anders. Der Fall war zu ausgedehnt. Denn der Direktor hätte vierzig Ohren
drehen müssen.

Eine Maschine wäre nötig gewesen.

Er plante Schlimmeres.

Plötzlich donnerte er: Rhm! Sämmtliche
Schlüssel auf die Bank gelegt!

Die Schlüssel klapperten herauf.

— Rhm! Primus, die Schlüssel einsammeln!

Es geschah.

— Rhm! Hat die erste Selekta auch gestohlen?

Kein Athemzug im ganzen Raume.

— Rhm. Ich frage: Hat . . .

— Ja! (Die guten Jungen lispelten das wie
kleine Mädchen.)

— Ach, rhm, das ist ja wirklich . . . ich sage:
Das ist … in der That . . . rhm! Primus!

Der Primus erhob sich und neigte das lilienblasse Haupt.

— Geh in die erste Selekta und bitte den
Herrn Doktor Box, er soll die Schlüssel einsammeln
lassen.

Der Primus fegte davon, froh, aus dem Bannkreis dieser rollenden Augen zu kommen.

Wir folgen ihm.

Doktor Box, ein Pädagoge voll Humor, hatte
eben einen Witz zum Besten gegeben, und die
großen Selektaner wollten sich vor Lachen ausschütten, als der Abgesandte des Zorns seine Botschaft ausrichtete.

Rups, wie brach da das fröhliche Gelächter ab.

Nur Doktor Box blieb fröhlich, und er sprach:
Die adolescentuli sollen ihre werten Schlüssel auf
die Bank der Wissenschaften und schönen Künste
legen! Thuts, meine Lieben, thuts! Mir scheint:
Es stinkt in irgend einem Schranke? Oder in
allen?

Da klingelte es, und schon erschien auch der
Direktor auf der Schwelle.

— Haben Sie die Schlüssel, Herr Kollege?

— Hier sind sie. Was ist denn geschehen, Herr
Direktor?

— Sie haben, rhm, Diebe zu Schülern, Herr
Kollege!

— Na, ich danke!

— Es verläßt niemand das Zimmer! Beide
Selekten haben Zimmerarrest bis auf Weiteres.

In der zweiten Selekta wurde der Zimmerarrest damit eingeleitet, daß man den Unglücklichen,
der den Apfel hatte fallen lassen, gemeinschaftlich
durchprügelte.

Das ist die Art, wie sich die Verzweiflung des
Volkes gerne entlädt.

In der ersten Selekta ging ein Gemunkel von
Verrat, und man hatte natürlich die zweite Selekta
im Verdacht. Schon war man daran, über die
Strafen zu beratschlagen, die hier am Platze waren,
da wurde Fliczek durch den Inspektor herausgerufen.

— Der Hund! Die Petze! So ein Schuft!
Also der Czeche! Natürlich: Der Czeche!

Die entrüstete Schaar ahnte nicht, daß ihnen
in dem beschimpften Böhmen ein Blitzableiter erstanden war.

Die Lehrerconferenz, vor deren Beschluß die
beiden Selekten zitterten, befaßte sich einstweilen
gar nicht mit dem Raubzug auf die Äpfel, sondern
mit einem viel gräulicheren Faktum: Mit „der unglaublichen sittlichen Verworfenheit dieses entarteten
Burschen da“, wie der Direktor sich in gehobener
Rede ausdrückte, indem er auf Fliczek wies.

— Wir werden uns nachher mit einer Vergehung zu befassen haben, die leider den beiden
Selekten, wie es allen Anschein hat, ausnahmslos
zur Last fällt, mit einer Vergehung, die schlimm,
rhm, sehr schlimm ist, die wir aber im Vergleich
mit der Büberei dieses Menschen noch gelinde ansehen dürfen. Wir können, vielleicht, rhm, ich sage:
vielleicht, annehmen, daß dieses Vergehen der
Selektaner mehr ein übermütiger Jungenstreich als
ein Beweis für böse Lust ist. Aber hier, rhm,
hier, meine Herren Kollegen, hier ist sittliche Verlumptheit! Hier ist, rhm, Seuchenstoff gefährlichster
Art! Hier ist geil wucherndes Unkraut!

Der Vizedirektor, der die Steigerungstendenz
im Stile des Direktors kannte, erlaubte sich, einzuwerfen, ob es nicht wohl angebracht sei, den
Fliczek einstweilen hinauszuschicken.

— Rhm, ja, ja wohl, hinaus mit diesem
Burschen! Aber unter Bedeckung! Hinaus, sag
ich, Fliczek!

Fliczek ging.

— Es ist keine Frage, meine Herren, daß
wir, rhm, daß wir diesen gefährlichen Buben
entlassen müssen. Dank der Anzeige des Kollegen Wippe, der nicht blos als echter Vater,
sondern auch als pflichtbewußter Pädagoge gehandelt hat, und von dem wir nie etwas anderes
erwartet haben, ist die Unzucht, rhm, ich sage die
Unzucht . . .

— Bitte, Herr Direktor, nicht wol eben dies,
denn so weit wage ich meine Tochter nicht mit
anzuschuldigen . . ., wimmerte Herr Wippe.

— Ich sage doch: Unzucht, ohne daß ich das
Gräßlichste anzunehmen verzweifelt genug wäre.
Denn schon der Gedanke, nächtlicher Weile . . .
aber genug! Wir haben, rhm, die Pflicht, auch
den Gedanken zu töten, der … Aber genug und
gleichviel! Wir wissen, daß dieser Bube auf
Schleichwegen gewesen ist, und nicht zum ersten
Male, auf Schleichwegen, sage ich, rhm, die keinesfalls unschuldiger Natur waren. Er selbst hat
es nicht zu leugnen gewagt. Sein Auge — oh,
aber, rhm, genug! Wir müssen ihn dimittiren.
Kollege Wippe hat sich in rühmenswerter Aufwallung entschlossen, seine Tochter, über deren Anteil an dem Entsetzlichen nicht wir zu befinden
haben, noch heute aus dem Hause zu thun, und
es muß auch dieser Bursche heute noch das
Institut verlassen. Wir schenken unser ganzes
Bedauern dem schwer getroffenen Vormund des
Verworfenen, aber, rhm, wir müssen das Interesse unserer Anstalt über Alles stellen. Ich
zweifle nicht, daß Sie Alle einer Meinung mit
mir sind.

Sie waren alle einer Meinung.

Für die Entscheidung über den Raubzug der
Selektaner war dieser Fall Fliczek ungemein
günstig. Zum größten Erstaunen der Delinquenten
erfolgte nur ein vierwöchentlicher Zimmerarrest
und die Bestimmung, daß die Selektanerarbeitsstunden nicht mehr abends, sondern früh stattzufinden hätten. Das war freilich recht bitter, aber,
da man sich natürlich auf sehr viel Schlimmeres
gefaßt gemacht hatte, so durfte man es mit einem
halbwegs angenehmen Gefühle tragen.

Gruselig und unheimlich wirkte das Verschwinden Fliczeks. Aber am unheimlichsten auf
Willibald. Es muß gesagt werden: Er hatte eine
fürchterliche Angst.

Er war ja der Einzige, der den Zusammenhang
ahnte. Aber: Hing denn nicht er selber auch damit
zusammen?

Kein Zweifel: Josephine war erwischt worden
und hatte Fliczek genannt.

Und ihn nicht?

Das that ihm einesteils wohl, aber andernteils hatte er die Empfindung, als ob er da nicht
ganz als voll betrachtet worden sei. Doch das
Schlimmste war: Josephine war fort.

Und jetzt fing er erst recht an, Verse zu machen.

Siebentes Kapitel.

Im Allgemeinen fühlte sich der kleine Willibald
doch recht wichtig mit seinen Geheimnissen, und
den alten Buschklepper sah er von nun an immer
nur so mit einem gewissen hohen Bedauern an.

Aber fatal war es ihm, daß er gar Niemand
hatte, den er ins Vertrauen ziehen konnte.

Auch wie er mit seinen Altersgenossen in die
Reihe der Großen kam, wo denn schon manchmal
ein wuchtig Wort geredet wurde, fand er keinen,
dem er hätte sagen mögen, was jetzt seine Ansicht
vom Monde sei. Er war ja auch ohne daß
mans ihm gesagt hatte dahinter gekommen, was
darunter zu verstehen sei, wenn Einer dem der
Schnurrbart erschienen ist, nächtlicher Weile auf
dem Monde spaziert. Nur fand er, daß es auch
ohne Schnurrbart ginge.

Denn er mit allen seinen Erfahrungen bekam
sicherlich noch lange keinen.

Überhaupt, die Natur meinte es nicht gut mit
ihm. Er, der nun schon konfirmiert werden sollte,
in die Gemeinde der Gläubigen aufgenommen, sah
um drei Jahre jünger aus, als er war; und das
will in diesen Jahren sehr viel bedeuten, zumal bei
Einem, der sich innerlich etwa drei Jahre älter
fühlt, als er in Wirklichkeit zählt, also sechs
Jahre älter, als er aussieht.

Das machte seine Stellung unter all den Jungen
noch fataler. Die Großen hänselten ihn, weil er
sie durch sein kleinjungenhaftes Aussehen gewissermaßen komprommittierte, die Jüngeren ließen es
ihm zuweilen fast merken, daß sie ihn nicht ganz für
groß ansahen, und er selbst fühlte sich dabei im
Inneren sehr viel größer, als die größten unter den
Großen.

Er zernagte sich förmlich vor Ingrimm und
fing an, sich gegen alle Welt hochfahrend zu betragen.

Die meiste Zeit las er. Wahllos Alles, was
ihm unter die Hände geriet. Die Gedichte des
Lesebuchs kannte er auswendig, und es war sein
Triumph, sich darin auf die Probe stellen zu lassen.
Sonst fand er seine Lust in einem wühlenden
Fabulieren. Während die Andern ihre Ballspiele
trieben, lief er im Korridor auf und ab
und machte sich zum Helden unmöglicher Verhältnisse. Ein unglaublicher Ritter war er auf
einem ganz unglaublichen Pferde. Wenn dies
Pferd wieherte, fielen die Wälder um, und wenn
er blos sein Schwert hob, fielen die Köpfe von
ganzen Armeen in den Sand. Aber, wenn die
Obsthökerin kam, so schwanden alle Phantasieen,
und so lange er was Süßes zwischen den Zähnen
hatte, waren ihm seine Heldenthaten ganz gleichgiltig.

In der Schule taugte er wenig und am wenigsten
im Rechnen. Aber Deutsch und Religion, das
waren seine Gebiete. Er schrieb unorthographischer,
als es den Ansprüchen seiner Klasse gemäß war,
aber in seinen Aufsätzen war eine gewisse Art von
Liebe am Ausdruck.

Ungemein oft kam bei ihm das Wort Gott vor.
Gleichviel, was er zu schildern hatte: Den Bau des
Maikäfers, die Schlacht bei Salamis, die Pflicht,
fleißig zu sein, die Ferienreise, — immer lief Alles
auf Gott hinaus.

Gott, das war ihm jetzt, was ihm Miokovitsch
gewesen war, das schlechthin Große, Fabelhafte.
Den alten Pastor, der ihm den Konfirmandenunterricht erteilte, setzte er in ewige Verlegenheiten.
Was ist Gott? fragte Pastor Schulze.

— Ein kolossales Wesen.

— Nicht doch, Stilpe. Wie heißt es im Katechismus?

Nun, das wußte er wol auch, Aber das genügte ihm nicht.

— Herr Pastor: Ist Gott größer als das
Königreich Sachsen?

— Gott ist so groß, daß ihn menschliche Worte
nicht ausdrücken können.

— Herr Pastor: Kennt mich Gott?

— Freilich, denn er kennt alle Dinge.

— Wenn ich bete, hört er mich?

— Freilich, freilich, und er freut sich, wenn
Du betest.

— Wenn nun aber Rammer auch betet, wem
hört er denn da zu, Rammern oder mir?

— Dir und Rammern und Millionen anderen!

— Aber vergißt er denn nicht manchmal was?

— Nie, Stilpe, er weiß jeden Laut und jeden
Gedanken, selbst das Summen der Biene versteht er.

— Merkt er es auch, wenn ich nicht bete?

— Er merkt es und zürnt.

— Warum denn?

— Weil es Christenpflicht ist, zu beten. Erinnere Dich doch, was ich euch über das Beten
gesagt habe.

— Ja, ja, ich weiß. Aber, wenn er mir nun
nicht erfüllt, was ich bete?

— Schweig endlich und frag nicht unnütz.
Du hast mir selber ja vorige Stunde ganz genau
und gut geantwortet. Bleibe fest bei dem, was ich
Dich lehre. Gott liebt die unnützen Frager nicht.

Aber Willibald konnte es nicht lassen, wenigstens
für sich zu fragen. Zwar glaubte er felsenfest,
was er im Katechismus gelernt hatte, denn es
gereichte ihm zu großer Genugthuung, daß er durch
solchen Glauben fähig werden sollte, in die Gemeinde der Gläubigen, was so viel wie der Erwachsenen hieß, aufgenommen zu werden, aber das
war eine Sache für sich, das war etwas Feststehendes wie die Katechismusstunde im Stundenplan, das ging die Fragen eigentlich gar nicht an.

Er glaubte, weil es ja eine Schande gewesen
wäre, nicht zu glauben, und weil er zudem in der
Religion der Erste war.

Das Fragen war mehr ein Spiel mit Gott.
Es ging ihm keineswegs tief. Es lief nicht auf
Zweifel hinaus, wollte nicht etwa dahin kommen,
daß plötzlich mal keine Antwort mehr da wäre.
Nein, es geschah in der wunderbaren Zuversicht,
daß man über Gott das Unmöglichste erfragen
dürfe, und es würde doch immer eine Antwort
kommen. Überdies war Willibald trotz aller Worte
des Pastors davon überzeugt, daß er gerade durch
seine Fragen Gott sehr interessant werden müsse,
und er fing einen förmlichen Sport damit an,
Alles in Beziehung zu Gott zu setzen.

— Wenn ich jetzt der Fliege ein Bein ausreiße,
so ärgert sich Gott.

— Halt! jetzt werde ich so thun, als wollte ich ihr
ein Bein ausreißen. . . . Was für ein Gesicht
wird er da machen!

— Aber nein: Ich lasse sie fliegen. Jetzt freut
er sich.

— Heute werde ich bei jedem Bissen, den ich in
den Mund stecke, inwendig sagen: Ich danke Dir
Gott! Und wenn ichs einmal vergesse, so will ich
nicht weiter essen.

Aber er führte es nur bei der Suppe durch.
Beim Braten vergaß ers bald und aß doch weiter:
Die Andern habens ja nicht einmal bei der Suppe
gesagt!

Christus interessierte ihn viel weniger, und der
Heilige Geist gar nicht, obwohl er im Katechismus
über sie ebensogut beschlagen war, wie über Gott.
Es wäre ihm nie eingefallen, Christus etwa zum
Orakel zu machen, wie ers mit Gott unzählige
Male that, dem er die Entscheidung über die geringfügigsten Dinge ließ.

— Soll ich meine lateinischen Vocabeln noch
einmal durchgehen? Ich zähle bis zwanzig, und wenn
der Inspektor sich auf dem Katheder rührt, sagt
Gott: Ja.

Aber, wenn sich der Inspektor rührte, so galt
dies doch nicht sogleich, denn es mußte ein deutliches
Rühren sein, und wenn er etwa bloß eine Hand
erhob, so hatte Gott schon Nein! gesagt, und das
Vocabularium wurde zugeklappt.

Es gab unter den Zöglingen auch einige
Katholiken. Die verachtete Willibald unsäglich.
Der Pastor hatte durchaus nicht eigentlichen Anstoß
dazu gegeben, aber es genügte schon das Wenige,
was er gesagt hatte, um Stilpe mit der Überzeugung zu erfüllen, daß sie mit seinem Gott nichts
gemein hatten.

Unter den Jungen fehlte es nicht an Schimpfnamen gegen die katholische Minderheit. Die gebrauchte Stilpe selten oder gar nicht. Aber „so
ein Katholischer“ kam ihm innerlich wie aussätzig vor.

Da die meisten Katholiken unter den Schülern
Ausländer waren, so erhielt dieses Gefühl der stillen
Verachtung noch einen Beiton von Deutschgefühl.
Darin war er auch sonst sehr stark. Ein „Bardenlied“ von Willibald begann mit den Worten:
Wir Germanen schleudern mit Speeren
Nach Römern und nach Bären
Und trinken Meth!

Unter Meth stellte sich Stilpe etwas ungemein
Süßes vor, das aber doch wie Lagerbier wirkte.

Alles in Allem hatte Gott nebst den allerlei
anfliegenden Idealempfindungen von germanischen
Urwäldern, Blücher, Kaiser Wilhelm, Moltke den
Sinn Willibalds vom Monde etwas abgelenkt.
Es war nur noch so etwas wie eine heiße Dehnung
in ihm, ein Gefühl, gemischt aus unsagbarer Sehnsucht und augenirrender Furcht.

Er hätte jetzt nicht mehr den Mut gehabt, wie
damals, als er Fliczek davonprügelte. Er fürchtete
sich vor den Mädchen, sobald er einmal eine zu
sehen bekam, und empörte sich dann über diese
Furcht.

Aber manchmal geschah es doch noch, daß er an
Buschkleppers Garten ging und seine Hände auf
das Gartengeländer lehnte, starr nach der Laube
hinüberlugend voll heißester, wirrester Wallungen.

Das stammelte er dann Alles in Versen über
Thusnelda aus, die Gattin Armins des Befreiers.

Zweites Buch
Das Jünglinglein

Ich rate Dir, mein Junge,
Bewahre Deine Zunge
Und hüte Deinen Magen
Vorm Obste, wenns noch grün.
Schwer ist es zu vertragen,
Es macht Verdauungsmühn
Und anderweite Plagen.
Aus Stilpes Maximen und Reflexionen.

Erstes Kapitel.

— Was ist denn das? Schämt ihr euch
nicht? Obertertianer, die sich wie die Quartaner
balgen! Laßt los, sag ich! Stilpe, wenn Du noch
einmal zuschlägst!

Der stämmige Turnlehrer Stürz kam in mustergiltigen Sätzen hinter den Kletterstangen hervorgesprungen zum zweiten Reck, wo die Obertertianer
der leipziger Thomasschule mit Kennermiene um
einen lebendigen Knäuel herumstanden, der sich bei
den gellenden Rufen des Turngewaltigen langsam
entwickelte und als dessen Bestandteile sich unser
Freund Stilpe nebst seinem Klassengenossen Girlinger präsentierten.

— Was hats gegeben? In einem Vierteljahr
soll man euch siezen, und jetzt wälzt ihr euch in
der Lohe wie die kleinen Jungen. Wollt ihr euch
nicht wenigstens gefälligst entschuldigen? Wer hat
angefangen?

— Stilpe. Er hat mich geohrfeigt. Da hab
ich ihm einen Magenstoß verabreicht.

Girlinger sagte das mit der Ruhe eines
Statistikers, obwohl ihm die Nasenflügel noch vor
Zorn bebten. Es war ein schmächtiger, schwarzhaariger Bursche mit ungemein lebhaften Augen,
einer reichlich großen aber schmalrückigen und schön
geschwungenen Nase und einem Anflug von
Schnurrbart.

Stilpe machte sich nicht gut neben ihm. Er
war dicker, stämmiger und hatte etwas von einem
Bulldogg. Seine Lippen waren aufgeworfen wie
bei einem Kalmücken, seine Nase hatte gleichfalls
die Tendenz nach oben, seine Augen waren klein
und wässerig blau. Dazu schwarzes, starres Haar,
das zu weit in die Stirn ging und ein paar
Wirbel zu viel hatte, und Pockennarben übers
ganze Gesicht.

Der kleine Willibald hatte sich beträchtlich verändert, bis ers zum Obertertianer gebracht hatte.
Selbst seine gute Mutter fand, daß er ein bischen
„zu charakteristisch“ geworden wäre, wie sie sagte.
Auch ohne die Pockennarben wäre er kein Adonis
gewesen.

Dazu trug er sich recht sonderbar. Etwas
wild-westartig und nicht eben sorgfältig. Ein
schwarz karrierter Anzug, dessen Grundfarbe ein
lehmiges Gelb war; dazu ein flatternder grüner
Hängeschlips. Alles in einem liederlichen Zustande, der jetzt noch besonders zur Geltung kam,
wo die Jacke durch die Balgerei einen Riß bekommen hatte.

— So, Stilpe! Also Du ohrfeigst den Primus
Deiner Klasse. Natürlich, wer fast der Letzte ist,
muß seinen Zorn an den besseren Schülern auslassen. Willst Du die Güte haben und sagen, wie
Du zu dieser Lümmelei gekommen bist?

Stilpe kräuselte seine Oberlippe noch etwas
nach oben und setzte ein sehr verächtliches Gesicht
auf. Dabei zuckte er die Achseln und wischte sich
die Lohe von den Kleidern.

— Also wirds bald!?

— Ich mag nicht denunzieren.

— Was magst Du nicht? Denunzieren sagst
Du? Hört mal, leiht euerm Kameraden doch Heyses
Fremdwörterbuch; er scheint nicht zu wissen, was
denunzieren heißt.

Jetzt stampfte aber Stilpe mit dem Fuße auf:

— Ich weiß sehr wohl, was Denunzieren bedeutet, und gerade darum sage ich nicht, weshalb
ich den Herrn Primus verdientermaßen geohrfeigt habe.

— Höre, Stilpe, jetzt wird mirs zu bunt.
Mit Frechheiten kommst Du bei mir nicht durch.
Wenn Du nicht auf der Stelle Antwort giebst,
meld ich die Sache, und dann läuft sie übel für
Dich ab, das weißt Du.

— Das weiß ich. Aber ich kann nicht antworten . . . d. h., wenn Girlinger mich vielleicht
ermächtigt? . . .

— Ja, zum Donnerwetter, ihr seid wohl nicht
recht. . . Girlinger, was ists!?

Girlinger machte eine bedeutende Geste und
sagte mit kühler Gelassenheit: Stilpe hat meine Ermächtigung.

Diese ironische Ruhe brachte Stilpen ganz außer
sich. Das war es ja überhaupt, was ihm am
Primus so widerwärtig war, diese infame Ruhe
und Gleichmütigkeit. Girlinger war der Einzige
in der Klasse, der ihm imponierte, der Einzige, mit
dem er „über Dinge“ sprach, aber immer endete
es auf seiner Seite mit Wutausbrüchen, weil dieser
sich nie dazu herbeilassen wollte, warm zu werden.
Er, Stilpe, fuhr immer mit Kanonen auf, und
Girlinger that so, als könne er alles mit seinem
Taschentuch wegwedeln.

Also Stilpe brach wütend los:

— Gut! Wenn er mir's schon gestattet . . .
Gut! Ich habe ihn geohrfeigt, weil er Bismarck
beleidigt hat!

Ein schallendes Gelächter brach los. Auch der
rotbärtige Stürz lachte.

— Ah, eine politische Ohrfeige! Ja dann,
meine Herren, bin ich nicht kompetent. Das gehört vor den Reichstag. Wir wollen einstweilen
im Klimmzug fortfahren.

Stilpe hätte in die braune Lohe greifen und
sie dem Turnlehrer ins Gesicht schmeißen mögen.
Jede Strafe wäre ihm willkommen gewesen, aber
dieser Hohn traf ihn schmerzlich. Er wurde blaß
vor Zorn und ballte die Fäuste.

Aber auch Girlinger war blaß geworden.
Dieses Gelächter traf ihn mit. Er fühlte sich plötzlich mit Stilpe auf der einen und alle Andern auf
der andern Seite.

Als die Turnstunde aus war, und die Schüler
truppweise nach Hause gingen, trat er auf Stilpe zu.

— Du, Stilpe, wenn Du wieder mal roh
werden willst, dann such Dir wenigstens eine Gelegenheit, wo wir alleine sind. Oder gefällt Dirs,
wenn die Bande sich über Dich amüsiert? Mir
gefällt so was nicht.

— Mir auch nicht. Ich möchte ihnen Allen
in den Bauch treten. Elende Hunde Alle miteinander, und zumal dieser Turnpauker. Herrgott,
na. . .! Übrigens, was willst denn Du bei mir?
Ich denke, ich bin ein desolater Reaktionär?

— Ach, laß doch das. Wir können uns doch
unterhalten, wenn wir auch verschiedener Meinung
sind. Wir sind ja doch die Einzigen, die überhaupt
Meinungen haben. Oder willst Du Dich vielleicht
mit Pahlmann über Bismarck unterhalten? Oder
mit Schirmern? Oder mit Cohn? Die Drei haben
vorhin am lautesten gewiehert.

— Ach was, ich geh kneipen.

— So. Ich geh nach Hause.

— Das wußt ich vorher. Du bist ja der
solide Knabe Primus. Weißt Du, wie eine Kellnerin
aussieht?

— Das interessiert mich nicht.

— Dafür interessiert Dich dieser Schweinehund,
der Lassalle.

— Gott, Stilpe, der Mann ist höchstens ein
Schweinehund gewesen. Er ist nämlich schon seit
einer ganzen Reihe von Jahren tot.

— Ach! Willst Du mir nicht die Jahreszahl
nennen? Weißt Du, was Du bist? Ein Protz bist
Du! Bildst Dir wunder was ein, daß Du ein
bischen mehr von solchen Sachen weißt wie ich.
Wenn mein Vater Staatsanwalt wäre und solche
Bücher hätte, könnte ich auch Sozialdemokrat
sein, d. h., wenn mir das nicht zu niederträchtig wäre.

— Ich kann Dir sie ja zu lesen geben. Das
ist gescheidter, als mit sechzehn Jahren in Bumskneipen zu gehn.

— Bumskneipen? Du sagst Bumskneipen?
Du meinst also, diese Mädchen sind gemeine Frauenzimmer? Wahrhaftig Du, ich sage Dir, es
giebt nichts Reineres und Schöneres als z. B.
Martha.

— Was geht mich denn Deine Martha an?

— Du hast doch Bumskneipe gesagt! Wie
kommst Du denn dazu, jemand zu beleidigen, den
Du nicht kennst? Aber Du ziehst eben alles Edle
in den Staub. So machst Dus mit Bismarck und
so mit Allem. Du kannst nichts als kritisieren und
nörgeln. Alles Ideale ist für Dich blos dazu da,
es ironisch schlecht zu machen. Man könnte Dich
für einen Juden halten, und Du liest auch blos
Juden. Ewig mit Deinem Börne und Lassalle
und diesen andern Mauschelmeiern, diesen ekelhaften
Kerlen, die eine Schande für das deutsche Vaterland sind! Pfui!

— Aber Du kennst ja nicht ein Wort von
Börne und Lassalle! Lies sie doch mal! Lies doch
mal Börne! Schimpf doch nicht über das, was Du
nicht kennst. Das sind ja alles blos Phrasen.

— Hast Du nicht Bumskneipe gesagt? Kennst
Du denn die Martha? Kennst Du denn das
Lokal? . . . Weißt Du was: Komm jetzt mit hin,
und dafür will ich dann Börne lesen.

— Ach Gott, das ist mir so unangenehm, ganz
abgesehn davon, wenn wir geklappt werden.

— Herrlich! Da haben wir den Revolutionär!
Feige bist Du, wie diese ganze Judenbande, die auch
blos das große Maul haben.

— Mach Dich nicht lächerlich. So mutig bin
ich schließlich auch, abends, wenns dunkel ist, in
so ein Loch zu kriegen, wo doch kein Pauker hinkommt.

— Also komm mit!

— Blos, damit Du siehst, daß ich nicht feig
bin. Aber dann liest Du auch Börne!

— Mein Ehrenwort, Girlinger, meine rechte
Hand! Komm! Es sind blos ein paar Schritte.
Paß auf, Du wirst ein Mädel kennen lernen . . .!

Zweites Kapitel.

Diese Martha war eine schöne, schlank üppige
Person von etwa zwanzig Jahren mit dunkelblauen
Augen, zwei langen blonden Zöpfen und sehr blasser
Gesichtsfarbe. Sie hätte zu irgend etwas sehr
Unschuldigem Modell stehen können, und wie sie
aussah, so stellen sich sämmtliche Backfische Fausts
Gretchen vor. Dazu hatte sie eine sehr liebe, linde
Stimme und die allerweichsten, rundesten Bewegungen. Professor Thumann hat diesen Typus
in die Seele der deutschen Bourgeoisie gemalt, und
wir begegnen ihm noch immer auf Wäschekartons,
Cigarrenkisten und Glaube-Liebe-Hoffnung-Buntdrucken.

Damit wird es begreiflich erscheinen, daß der
sechzehneinhalbjährige Stilpe, öffentlicher Obertertianer und heimlicher Dichter, Vaterlandsschwärmer und Idealist, unendlich täppisch verliebt in dieses Mädchen war. Sie erschien ihm
als der Inbegriff dessen, was er früher in
dem Idealbilde der Thusnelda verehrt hatte.
Nur kam nun noch das Gretchen aus dem Faust,
das Käthchen von Heilbronn und die Lindenwirtin,
die Feine, dazu. Dies, soweit es sich in seinen
Versen aussprach, die er ausgiebig zum Lobe dieses
Mädchens hervorbrachte, und deren Idealismus ihm
bitter ernst war.

Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel, unter dem er diese Martha ansah. Jener
Idealismus war mehr das Gefühl aus der Entfernung, eine Distanceschwärmerei, eine bewegte
Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln. Zuweilen
aber geriet der schwämerische Beter durch diesen
duftenden Nebel hindurch und kam auf weiches
Fleisch. Und, siehe, mit einem Ruck war die
Situation verändert. Die Gefühle bekamen ein
anderes Tempo und einen anderen Thermometergrad; irgend etwas in ihm schien sich zu überschlagen,
irgend etwas pochte von innen an die Wände
seines Leibes, — es wurde da etwas lebendig, das
nicht Idealismus war. Der gute Junge hatte böse
Tage und bösere Nächte dabei. Es warf ihn gewaltig hin und her, und durch seine schwärmerischen
Verse quollen zuweilen absonderliche Töne eines
unheimlichen Drängens aus der Tiefe.

Ich glaube, für die Augen der Götter sah
seine Seele damals aus wie ein Glas voll Federweißem, in dem die Gährschichten durcheinanderwallen und die Blasen steigen. Vielleicht richten die
Götter derlei blos an, weil ihnen dieser Federweiße
der menschlichen Pubertät besonders schmeckt. Für
den Menschen selber aber ist dieser Zustand keine
ungemischte Freude.

Stilpe verkam sichtlich dabei. Er war beim
Austragen eines wesentlichen Stückes seiner selbst:
Er ging mit seiner Mannheit schwanger. Vielleicht
war es zu früh, daß es ihm so viel Qualen
machte?

Da war es ein großes Glück für ihn, daß er
nun als Ablenkung Ludwig Börne kennen lernte.
Er stürzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden
Geist, wie eine Frau, der es in der Hoffnung nach
Dingen gelüstet, die ihr vielleicht schädlich sind, im
Augenblicke aber wohlthun. Es verging kein Monat,
und er war ein wütigerer Revolutionär, als sein
Freund Girlinger. Selbst seine deutschen Aufsätze
in der Schule brachten Äußerungen zu Tage, die
über das erlaubte Maaß der Lobpreisung antiker
Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton
hinausgingen.

Aber in seinen Tagebüchern rumorte sich die
Empörung seines Wortschatzes am wildesten aus.
Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander
die Namen von Gajus und Tiberius Gracchus,
Catilina, Marat, Danton, Robespiere, August
Bebel und Eugen Richter. Für Majestätsbeleidigungen hatte er sich eine eigene Geheimschrift
erfunden. Der vor vier Wochen noch angebetete
Name Bismarcks war von nun an durch das
Zeichen eines Dolches wiedergegeben, wofür die
Erklärung lautete: „Man kann das nehmen, wie
man will. Entweder als den Dolch, mit dem
dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit
Deutschlands hingemordet hat, oder als den Dolch,
mit dem er . . .? . . .“

Die Freiheit Deutschlands hatte übrigens auch
ihr Geheimzeichen („denn sie ist ganz und gar
verboten“), nämlich ein Epsilon und Gamma, was
heißen sollte: Eleutheria Germanias. Dieses Epsilon
Gamma schnitt sich der entflammte Demokrat sogar
auf seinen linken Unterarm ins Fleisch; aber nicht
sehr tief.

Es versteht sich, daß auch der Herrgott übel
wegkam in diesem Tagebuche:

„Was ist denn Gott? Ein Substantivum
generis masculini. Oder ein Eigenname? Aber
was für ein Wesens damit gemacht wird! Wozu
denn nur? Das gute Lumen (das war der
Religionslehrer) sieht nie so dumm aus, als wie
wenn es Gott sagt. Liegt das nun an diesem
Substantivum oder am Lumen? Ich muß Girlinger fragen.“

„Übrigens sollen ja auch große Leute an Gott
geglaubt haben. Girlinger behauptet sogar, sie
hätten ihn erfunden. Wer weiß, wo er das her
hat. Er liest jetzt viel Philosophisches. Wenn
nur Kant nicht so dunkel wäre. Diese verfluchten
langen Perioden. Schopenhauer geht eher. Aber
es ist entsetzlich, wie er über die Weiber schimpft.
Ich glaube, man muß ein alter Knacks sein, um
diese Philosophen lesen zu können.“

„Das Lumen (man sollte es die Funzel nennen)
sagt, Gott sei wie die Luft, die man auch nicht
sieht, aber spürt, und ohne die man nicht leben
könne. Dann ist die Philosophie wohl eine Luftpumpe. Man setze die Funzel hinein, und sie
wird verlöschen. Deshalb hat sie auch so einen
Abscheu vor der Philosophie.“

Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsausbrüche in diesem Tagebuch, so sehr Stilpe auch bemüht war, in ihm den scharfen Geist zu posieren,
dessen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angst
erhaben war. Dann türmte er bedenkliche Jamben-Quadern aufeinander:

Ich bin ein Mensch, und, hat mich Gott gemacht,
So soll er einstehn auch für das Gemachte
Und soll nicht Sünde heißen, was ich thu,
Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar
Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern.
Ich bin voll Wollust, und ich schreie laut
Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit.
So gebt sie mir, denn Gott hats so gewollt,
Und wenn ihr Sünde sagt, so sündigt Gott.
Nein, nein und nein, ihr kennt ihn nicht, den Gott,
Von dem ihr sprecht; er ist kein lieber Gott:
Ein böser Gott! — Ach Gott, er ist ja nicht!

Jeden Sonntag kam Girlinger zu Stilpe und
ließ sich von ihm das Tagebuch zeigen. Er war,
bei aller eigenen Unreife, doch viel reifer, als
jener, denn er hatte vielmehr Verstand und war
wirklich fleißig hinter der Literatur her, die er
Stilpen zutrug. Vor Allem kam ihm zustatten,
daß er alle die zu frühe Gedankenkost kühl in sich
aufnahm, während sie Stilpe heiß verschlang.
Auch ließ er sich, trotz seiner Jugend, nicht so
leicht blenden, und wenn er auch merkwürdig viel
Sinn für das Brillante in Stil und Gedanken
hatte, so nahm er das doch schon mit einer Art
von Kennerschnalzen hin, während Stilpe sofort
wie überschüttet und überglänzt war und Alles
am liebsten gleich subjektiv für sich zur That gemacht hätte.

Der Fleiß fehlte ihm, wie in der Schule, so
auch hier. Keines der Bücher, die ihn wild begeisterten, las er fertig, und Sitzfleisch hatte er
nur in der Kneipe bei Martha.

Eines Tages kam er auf Girlingers Wohnung
gestürzt.

— Bist Du allein?

— Meine Schwestern sind im Wohnzimmer.

— Können sie hören, was wir sprechen?

— Wenn sie nicht horchen: Nein!

— Aber sie werden horchen, natürlich!

— Unsinn, sie machen ihre deutschen Aufsätze.

— Nein, ich kann das hier nicht sagen.

— Was denn?

— Es . . . es . . . Komm nur! Komm!
Ins Freie!

— Ja, was hast Du denn nur?

— Ach, es ist schrecklich! Schrecklich!

Sie gingen zusammen in den Garten, den
Stilpes Pflegeeltern vor der Stadt hatten.

— Also, was ist denn los? Du siehst ja ganz
blaß aus!

— Wie? Sieht man mirs an? Nicht wahr,
ich bin furchtbar blaß?

— Ja, blaß bist Du . . . Und außerdem stinkst
Du nach Sprit.

— Ja, ich habe sechs Glas Bier getrunken.

— Pfui Teufel, und natürlich dieses gräßliche
Lagerbier in der Austria.

— Ja, aus Verzweiflung Girlinger. Denke
Dir nur . . . Martha . . .! Ach Gott!

— Ich kann mirs wirklich nicht denken. Daß
der Engel einen Bräutigam hat, der Unteroffizier
ist, weißt Du ja schon seit vier Wochen.

— Ach, ich bitte Dich, sei nicht so spöttisch
jetzt. Es ist zu furchtbar.

Er war wirklich wie zerschmettert. Girlinger
fühlte Mitleiden mit ihm, und wie sie im Garten
angekommen waren, redete er ihm sehr teilnahmsvoll zu, sich ihm auszuschütten.

Es war ein kleiner Mietsgarten zwischen anderen von der gleichen quadratisch angelegten Art.
Selbst in der schönen Jahreszeit sah er trostlos öde aus mit seinen kleinen nach der Schnur
gepflanzten Bäumen, den kümmerlichen Sträuchern
und den harten gelben Kieswegen. Jetzt, da es
Spätherbst war, die kahlen Bäume wie Besen
aufragten, verfaultes Laub in den schwarzen Beeten
lag und ein kalter Wind unter grauem Himmel ging, machte er einen völlig jämmerlichen
Eindruck.

Da sie keinen Schlüssel hatten, sprangen sie
über das Stacket. Plötzlich rief Stilpe: Wo ist
denn die Bank?! Nicht einmal eine Bank
ist da!

Wütend rannte er im Garten herum. Es kam
ihm unbewußt sehr gelegen, daß er Ursache zu
einem Wutausbruch fand.

— Wir können ja hin- und hergehn!

— Nein! Ich will eine Bank! Ich bin wie
zerschlagen! Ich muß sitzen!

— Aber, wenn doch keine da ist?

— In der Baracke sind sie. Wart! Ich werde
sie gleich haben!

Und er stürzte zum Gartenhaus, rüttelte erst
mit den Händen an der Thür und trat diese dann
mit den Füßen ein.

— Hö! Bänke genug!

Und er schleppte eine heraus und stellte sie
mitten auf den Weg.

— Da, setz Dich!

— Ich brauche nicht zu sitzen. Ich bin nicht
„zerschlagen“ wie Du, denn ich bin nicht betrunken.
Übrigens werde ich gleich wieder nach Hause gehn,
denn ich habe besseres zu thun, als Deine Rohheiten
mit anzusehn.

Jetzt wurde Stilpe wieder weinerlich.

— Setz Dich doch, ich bitte Dich, setz Dich.
Ich muß . . . ach Gott, sei mir nicht böse . . .
Ich bin ja so . . .

Girlinger setzte sich auf die Bank und sah vor
sich auf den Boden. Stilpe stellte einen Fuß auf
die Bank und stützte den Kopf in die rechte Hand.
Große Thränen rannen ihm aus den Augen.

Lange konnte er nicht sprechen. Dann sagte
er ganz leise:

— Kennst Du das Haus mit den weißen
Fensterscheiben gegenüber der Austria?

— Das Puff?

Stilpe schlug sich mit der Faust aufs Knie
und schrie: Da drin ist sie!

Girlinger sah auf und pfiff durch die Zähne.
Dann sagte er sehr bedächtig: So, so! Ja, ja!

Da packte ihn Stilpe an beiden Schultern und
schüttelte ihn wütend:

— Du bist ein Vieh! Ein Amphibium! Geh
aus dem Garten, oder ich schmeiße Dich naus!

— Bist Du denn verrückt geworden? Jetzt hör
aber auf! Was fällt Dir denn ein? Glaubst Du,
ich bin für Deine Grobheiten da? Das war das
letzte Mal!

Er wollte gehen.

Aber nun hielt ihn Stilpe wieder fest und
drückte seine Hände, und indem ihm Thräne auf
Thräne über die Backen lief, rief er aus:

— Ich weiß ja nicht, was ich sage, ich weiß ja
nicht, was ich thue, ich bin Dir ja so dankbar;
Du mußt mir alles verzeihen, was ich sage, ich
bin ja ganz zerschlagen.

Girlinger bekam jetzt Angst vor ihm. Dieses
Weinen war gräßlich, und all dies Gehaben war
ihm so fremd. Er glaubte im Ernste, daß sein
Freund verrückt geworden wäre, und fing an, ihn
wie einen Kranken zu behandeln.

— Sei nur ruhig, Stilpe, ich bring Dich jetzt
nach Hause. Du bist so aufgeregt. Du mußt ins
Bett gehen. . . . Und übrigens: Ist es denn auch
sicher?

— Sie hat mirs ja geschrieben; sie hat mich
ja eingeladen, ich soll sie in ihrer neuen Stellung
besuchen . . .

Girlinger hatte was Ironisches auf den Lippen,
aber er bezwang sich.

— Ach Gott, wer weiß, was dahinter steckt.
Es ist vielleicht gar nicht so schlimm. Überhaupt:
Was ist denn schließlich dabei? Erinnere Dich, was
Lassale über die Prostitution sagt. Es ist mehr
ein Opfer, als eine Schande. Und die schlimmsten
Huren sind nicht in den Bordells.

So, mit vielen Citaten, abgeklärten Sentenzen
und ein paar historischen und ethnographischen
Excursen ins alte Griechenland und nach Japan,
tröstete er seinen zerschmetterten Freund nach Hause.

Drittes Kapitel.

Nicht lange nach dieser herbstlichen Gartenscene
wurde Willibald Stilpe, im Alter von 16¾ Jahren,
von seiner Mannheit entbunden.

Damit ging eine merkliche Veränderung in ihm
vor. Er bekam etwas Renommistisches, Überhobenes
und trug eine Verachtung seiner Klassengenossen,
Girlinger eingeschlossen, zur Schau, die sich von
der, die er schon immer gezeigt hatte, deutlich unterschied. Früher war darin etwas Erzwungenes gewesen, als sei er sich doch nicht völlig klar über
seine Berechtigung dazu, jetzt hatte sie etwas sehr
Entschiedenes, sehr Selbstbewußtes. Er trat diesen
Obertertianern gegenüber, wie ein Mann, der von
einer Reise in unbekannte Länder nach Hause zu
Leuten kommt, die noch nicht den Äquator überschritten haben:

— Ist es sehr heiß in den Tropen?

— Es macht sich.

— Sind die Schlangen wirklich so lang und
dick und giftig?

— Ach ja.

— Sie sind doch nicht gebissen worden?

— Ein bischen.

— Wie? Und wieder kuriert?

— So ziemlich.

Schade, daß er nur mit Girlinger darüber
reden konnte. Dem setzte er aber dafür auch tüchtig
zu, und es machte ihm unverhohlenen Spaß, daß
dieser so wißbegierig war. Er flunkerte auch ein
bischen und gab mehr tropische Abenteuer zum
besten, als er erlebt hatte.

Aber auch ohne die Flunkereien hätte er dem
Freunde imponiert. Es gab jetzt etwas, worin er
dem weisen Primus über war.

— Weißt Du, da helfen Dir alle Deine Bücher
nicht hin. Und übrigens: Wie willst Du denn
ohne das Deinen Schopenhauer verstehen? Und
dann die Dichter!

Er dachte dabei vornehmlich an Heine und den
Tannhäuser in Rom, der zu seinem Brevier und
Muster wurde.

Denn jetzt fing er an, aus dem Vollen zu
dichten und zwar mit dem Bewußtsein, ein
Dichter werden zu wollen und nichts andres.

Die Schule wurde ihm dabei immer widerlicher,
und er schwänzte sie mit großer Frechheit.

Seine Pflegeeltern, denen er von Stilpe-Vater
übergeben worden war, weil dieser deutlich fühlte,
daß jeder andre ein besserer Pädagoge sei, als er,
waren gute Leipziger Mittelstandsleute, die, mit
Stilpes Mutter entfernt verwandt, den jungen
Gymnasiasten aus Gefälligkeit aber nicht mit der
Meinung aufgenommen hatten, daß hier besondere
Aufsicht und Wachsamkeit nötig sei.

Der alte Wiehr hatte einen Porzellanladen am
Markte, der ihn ausschließlich beschäftigte, und seine
Frau ging in der Hauswirtschaft und zahlreichen
Kaffeekränzchen auf. Ihr einziger Sohn war ein
zarter junger Mensch gewesen, bleichsüchtig und
solide, nicht sehr begabt, aber fleißig; er war gestorben, als er in Stilpes Alter gewesen war. Die
Alten sahen in Willibald dessen Fortsetzung und
behandelten ihn wie jenen, nämlich mit vollendetem
Zutrauen und vollkommener Ahnungslosigkeit. Dies
wurde durch Stilpes mimische Kunst, sich wie ein
Lamm zu benehmen, unterstützt.

So hatte er eigentliche vollkommene Freiheit,
und es fehlte ihm, um mit dieser Freiheit so viel
anfangen zu können, wie er wünschte, nur an
Gelde.

Leider machte sich dieser Mangel, seit sich
Martha „verändert hatte,“ viel fühlbarer als
früher.

Ein geradezu lächerlicher Gedanke, jetzt mit den
fünf Mark monatlichem Taschengelde auszukommen.
Man mußte, da eine regelrechte Erhöhung des
Budgets außerhalb jeder Möglichkeit lag, auf
Extraordinaria sinnen.

Da fing denn der junge Mann zunächst klein
und bescheiden an. Er durchmusterte seine Bibliothek.

Nun, da fanden sich ja einige Sächelchen, die
vom Überflusse waren: Alle die überwundenen
Standpunkte der durchlaufenen Klassen, wie sie sich
in alten Grammatiken, Lehrbüchern, Schulausgaben,
Gesangbüchern verkörperten, und dazu des Knaben
Willibald Belletristik: Der Lederstrumpf, verschiedene
Walter Scott-Romane, „für die Jugend“ bearbeitet,
eine „ausgewählter Goethe“ (fahr hin, Castrat!
rief Willibald) und Anderes mehr.

Diese Literatur überlieferte Stilpe einem alten
verwachsenen Antiquar, der in einem Durchgange
von der Petersstraße zum Neumarkt seine Bude
hatte.

Herr Wopf war ein wunderlicher alter Bursche,
ausgestattet mit einer sehr schönen Meerschaumpfeife, einer sehr großen, üppigen und noch jungen
Gattin und einer eminenten Rundschrift, mit der
er die Neuerwerbungen seines Lagers in gewaltig
großen Zügen auf Pappendeckel schrieb, die wie die
Ahnentafeln vor chinesischen Tempeln rechts und
links seiner Ladenthüre standen. Außerdem besaß
er noch eine verworrene Menge von Literaturkenntnissen und eine erstaunlich tremolierende
Stimme, mit der er Passagen aus seinen Büchern
vorlas, um diese seinen Kunden begehrenswert
erscheinen zu lassen. Wegen dieser Gabe des
rollenden Rezitierens nannten ihn Stilpe und
Girlinger den Deklamator.

Stilpe liebte ihn direkt und sah in ihm den
Helden seines ersten Dramas. In wiefern Herr
Wopf den Anforderungen an einen dramatischen
Helden entsprach, das war ihm freilich unklar, ging
ihm aber auch nicht nahe. Sicher war nur, daß
die üppig blühende Gattin, die früher scheuern
gegangen war, die Rolle der Ehebrecherin haben
mußte. Sich selbst dachte Stilpe als den Galan,
doch stellte er sich in dieser Thätigkeit etwas älter
und als berühmten Journalisten vor. Die Hauptscene, der Drehpunkt des Ganzen, stand schon
fest, aber nur im Kopfe, denn, und dies gilt
für die meisten dichterischen Pläne Stilpes in dieser
und späteren Zeit: Er kam selten dazu, seine Entwürfe in Tinte umzusetzen.

Schade übrigens, daß Stilpe diese Szene nicht
ausgeführt hat. Sie war höchst verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet, Ärgernis zu
erregen, — ein poetischer Zweck, der dem revolutionären Obertertianer ziemlich deutlich vorschwebte,
obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer Drucklegung ging. Sie sollte sich
direkt in Wopfs Ehebette abspielen.

Girlinger hatte Einwendungen dagegen, vornehmlich vom Standpunkte der Bühnenmöglichkeit
aus. Aber da kam er bei Stilpe übel an:

— Bühne!? Du sagst Bühne! Was geht
mich denn die Bühne an? Ich pfeife auf die
Bühne. Glaubst Du, ich will mich neben Herrn
Blumenthal stellen?

— Nein, aber neben Schiller.

— Ach, Schiller!

Dieses „Ach, Schiller!“ ist um die Zeit, in der
Stilpe sein Wopf-Drama plante, auch sonst noch
manchmal ausgesprochen worden. Wer es mit
dem Phonographen aufgefangen hätte, könnte sich
heute damit auf den Jahrmärkten hören lassen.

Übrigens war der Deklamator Stilpen in erster
Linie doch nicht als dramatischer Held, sondern als
zahlungsfähiger Bücherkäufer wichtig. Zwar, er zahlte
niederträchtige Preise und verdiente schon deshalb,
dramatisch als Hahnrei angemacht zu werden, aber
er nahm wenigstens Alles, und in schwierigen
Augenblicken gab er auch Vorschüsse auf später zu
verkaufende Bücher.

— Nächstes Ostern brauche ich meinen alten
Cicero nicht mehr; können Sie mir 1 Mark 50
drauf geben?

Der Deklamator durchblätterte das dicke Buch
und blies seinen Tabaksrauch wie desinfizierend
hinein.

— Quousque tandem, Catilina, abutere
patientia nostra! Haben wir auch gelesen! Wie
lange noch, Herr Liebknecht, wollen Sie uns mit
Ihren Reden mopsen? Fünfundsiebzig Fenge,
Herr Stilpe.

— Nee, mein Lieber, eine Mark doch mindestens.
Der Schmöker kostet neu ja fünfe, und er sieht doch
noch ganz jungfräulich aus.

— Fünfundsiebzig Fenge, Herr Stilpe! Und
übrigens: Wenn Sie nu sitzen bleiben und die
Catilinarischen noch ein Jahr lesen müssen?

— Na, hören Sie mal, das find ich stark!
Sie halten mich wohl für ein Kameel? Also gut,
her mit den fünfundsiebzig, Sie Jude.

Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte
das Geld heraus. Dann notierte er sich das Geschäft in sein Notizbuch, wo eine Seite in tadelloser Rundschrift überschrieben war: Herr Stilpe.

Leider hielt die Bibliothek der Jugendzeit nicht
lange vor, und es war das Bücherverkaufen überhaupt ein etwas bedenkliches Geschäft, weil Stilpe
dabei doch zuweilen den Deklamationen des Herrn
Wopf unterlag und für seine alten Bücher andre
mit in Zahlung nahm. Zwar verkaufte er die
gewöhnlich ein paar Wochen später zurück, aber
es versteht sich, daß ihm der Deklamator nicht so
viel zahlte, wie er sich hatte zahlen lassen.

— Se machen ze viel Randbemerkungen in
de Bücher, Herr Stilpe. Und, sehn Se, wenn
de Marginalien auch sehr geistreich sin, wie z. B.
hier gleich zweimal hinterenander: Quatsch!
Quatsch!, so verliern Se de Bücher doch dadurch
an Wert.

— Was!? Warten Sie nur, Herr Wopf,
warten Sie nur! Wenn ich mal berühmt bin,
dann verdienen Sie ein Vermögen mit meinen
Autogrammen. Ich sage Ihnen: Heben Sie sich
die Bücher auf!

— Sie närrscher Kunde! Wenn Se nu aber
nich berihmt wer'n? —:

Schon Manchen sah ich mit erhobnem Haupt
Im Lenz der Jugend mit den Sternen spielen,
Der, als das Alter ihm den Kranz entlaubt,
Froh war, nach Kegeln auf der Bahn zu zielen.

Schie'm Se Kegel, Herr Stilpe? Das is
enne sehr gesunde Übung!

— Nee, aber fünf Mark können Sie mir
pumpen.

Der Deklamator zog sein Notizbuch: Sehn Se
mal her, Herr Stilpe: Jetzt ha'm Se schon acht
Mark und fuffz'g Fenge prae! Jede Nacht
treim ich, Se blei'm m'r sitz'n. Nee, pumpen kann
ich Se nischt.

Also mußte Stilpe auf Anderes denken. Ein
Glück, daß er nicht ohne Erfindungsgabe war.

Bald wurde für ein Ehrengeschenk zum Doktorjubiläum des Ordinarius gesammelt.

Dann hatte er eine Fensterscheibe in der Klasse
zerschlagen.

Sehr oft drängte es ihn, eine Klassikervorstellung
im Theater zu besuchen.

Ein Kamerad war gestorben, ein sehr guter
Freund von ihm: Da mußte ein Kranz her.

Unendlich häufig mußten Bücher gebunden,
Hefte gekauft, neue Schulausgaben angeschafft
werden.

Aus Versehen hatte er Tinte über den Atlas
seines Nachbars gegossen. Ein ekliger Kerl, wie der
war, wollte er ihn ersetzt haben.

Es war erstaunlich, wie leicht ihm die Lügen
fielen. Er schmückte sie sogar mit ersichtlichem
Vergnügen novellistisch aus. Erzählte z. B. die
ganze Lebensgeschichte des jubilanten Ordinarius,
ahmte ihn nach, führte eine ganze Komödie von
ihm auf — Alles freieste Erfindung; und
das Ehepaar Wiehr wollte sich ausschütten vor
Lachen.

Aber auch diese kleinen Mittel halfen nicht auf
die Dauer. Stilpe starrte ins Leere und fand
nichts.

Da überfiel ihn ein Gedanke, vor dem er selber
erschrak: Die Ladenkasse . . .

— Aber nein, pfui Teufel, das ist ja eine
Gemeinheit! Weg damit! Lieber diese Sumpfereien
da sein lassen. Es ist überhaupt widerlich . .
Lieber arbeiten! . . . Wieder mehr mit Girlinger
disputieren! . . . Ja, und endlich das Drama
schreiben!! . . .

Und gleich holte er ein Heft aus dem Schubkasten und schrieb darüber:
Der Hahnrei
Sittentragödie
in . . .

Ja, wieviel Akte mache ich!? Natürlich nicht
fünf! Denn das ist banal. Vielleicht vier? Vier?
Bei dem Stoff? Nein! sechs Akte! Also:
in 6 Akten

Und nun die Personen:

Schopf, ein buckliger Antiquar
Clara, seine Frau
Walter Wild, ein berühmter Journalist

Wen denn noch? Girlinger? Ja!:

Wirlinger, ein Agitator.

Das ist famos! Sozial! Und nun:

Volk, Arbeiter, Studenten, . . .

Nein! Erst noch eine Hauptperson!:

Martha, eine Prostituierte.

Ah! Das giebt was! Da haben wir den Konflikt! Ganz von selber kommt immer das Beste.
Natürlich: Martha! Das ist die Retterin!
Sie opfert sich! Am Schluß bricht eine Revolution aus!

Er kam ganz ins Fieber. Die Prostituierte
als Retterin! Schopf als Typus des krämerischen
Bourgeois. Walter Wild der Idealist. Clara das
verführerische Weib. Wirlinger der dämonische
Volkstribun. Und am Schluß die Revolution!

Er schrieb gleich die Schlußszene; ungeheuer
wild und natürlich blos so in Umrissen, hingeklitscht wie mit der Maurerkelle. Glockenläuten.
Kanonenschläge. Barrikaden. Brand. Marseillaise.
Carmagnole. Martha im schwarzen Hemd mit der
roten Fahne.

Aber auf einmal war Alles aus. Der Strom
war vorbei geschossen. Es wollte nicht mehr
fließen. Fortwährend drängte sich, schon bei diesem
gewaltigen Hinpatzen der Farben, das Gefühl ein:
Aber der erste Akt? Wieso denn Revolution?
Natürlich muß sie kommen. Freilich! Aber:
Wieso denn? Es muß doch irgendwie motiviert
werden?! Und da blieb er stecken und kam nicht
heraus.

Das Schlimmste war, daß er sich in seinem
dichterischen Tumulte zu lebhaft mit Martha beschäftigt hatte.

— Ach, hols der Teufel! Ich geh hin! . . .

— Haha! Ich, mit meinen zwanzig Pfennigen! . . .

— Girlinger anpumpen? . . .

— Ach der! Schöne Redensarten! Und dabei
hat er Geld! . . .

. . . . . . . Die Ladenkasse . . . ? . . .? . . . !

. . . . . . .Es ginge ganz leicht . . . Ich brauche
blos 'nunter zu gehn . . . Wiehr sitzt auf dem Stuhl
an der Thüre . . . Hinten auf dem Laden steht die
Kasse, offen . . . Ich komme durch die Hinterthüre
und stelle mich vor den Laden und spreche mit dem
Alten . . . Und, während ich mit ihm spreche, halte
ich die Hände auf dem Rücken und greife ganz
einfach in die Kasse . . . Immer, während ich
mit ihm spreche . . . Ich muß blos was Komisches
erzählen . . . Oder, nein, sicherer, ich sage: Sehen
Sie, Vater Wiehr, da wird Einer arretiert drüben,
vor Aeckerleins Keller! Da stürzt er sicher gleich
vor die Thüre . . .

Es wurde ihm unbehaglich heiß.

— Aber das ist ja doch niederträchtig! Das
ist ja Diebstahl! Pfui Teufel! . . .

— Und, wenn sie's beim Abrechnen merken? . . .

— Unsinn! . . . Sie rechnen ja gar nicht ab,
Philemon und Baucis! . . .

— Und schließlich, drei oder meinetwegen fünf
Mark . . . Das fühlen Sie ja gar nicht . . .

— Überhaupt: Diebstahl! Mumpitz! Ich
solls ja so mal erben! Lachhaft! . . .

— Ich kann's ja auch später wiedergeben,
wenn ich selber Geld habe . . .

— Natürlich: Das versteht sich von selbst.
Mit Zinsen! . . .

Und er stülpte sich seinen Hut auf und rannte
hinunter.

Viertes Kapitel.

Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden,
aber nur versuchsweise und mit Nachprüfung in
der Mathematik nach einem Vierteljahr. Zudem
fand sich in seinem Zeugnis eine Bemerkung, für
die er nur die Bezeichnung Infam! hatte. Es war
da die Rede von „Zerfahrenheit“, „Unaufmerksamkeit“, „Allotria“.

Wischiwaschi! sagte Stilpe, kaufte sich eine
Flasche Eau de Javelle und wischte die Bemerkung
weg. Er that es in der Hauptsache wegen der
alten Wiehrs, denn es lag ihm daran, daß diese
nicht irre an ihm wurden.

In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift
pathetisch ein:

„Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige
Diebstähle begehe, kommt es auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an.

Ich bin also ein Verbrecher!? Ha! Das ist
ausgezeichnet!

Wenn ich wöchentlich, wie Girlinger, 10 Mark
Taschengeld hätte, brauchte ich nicht zu stehlen, und
wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen
schmierten, brauchte ich kein Eau de Javelle.

Also? Logik? Schluß? Die Hauptsache ist:
Sich nicht erwischen lassen!“

An Girlinger verriet er von seinen Streichen
nichts. Er wußte, daß dieser „unfähig war,
derlei zu verstehen“.

Und doch hätte er gerne Jemand gehabt, dem
ers sagen könnte.

Einmal hatte er bei Martha den Versuch gemacht, indem er sie fragte, sehr feierlich, was sie
dazu sagen würde, wenn Jemand ihretwegen ein
Verbrechen beginge. Es gruselte ihn angenehm,
wie er das sagte.

Sie aber antwortete blos: Den würd'ch anzeigen.

Das gab ihm einen Stoß, und er fand von
jetzt ab, daß „diese Person sehr gewöhnlich“ sei.

Er war ihrer überhaupt überdrüssig und warf
sich mehr ins Ideale, Heroische. Es kam, ihm
ein Wulst Gedanken wie: Neues Leben! Freiheit!
Selbständigkeit!

Je näher die Mathematiknachprüfung rückte, um
so dringlicher wurden diese Gedanken.

Wenn er nun diese Prüfung nicht bestünde?
Die Perspektive war scheußlich, aber das scheußlichste
an ihr war der Gedanke, daß er, der jetzt in Untersekunde mit Sie angeredet wurde, in Obertertia
wieder gedutzt werden würde. Also: Das Symbol
der Knechtschaft!

Aber auch, wenn er bestünde! Wie gräßlich
war diese ganze Schule überhaupt! Und so
noch vier Jahre bis zur Freiheit, bis zur Universität!

Und in diesen vier Jahren immer dieses leere
Stroh, das Einem vorgeworfen wurde: Da, drisch,
aber im Takt!

Und was waren das für Leute, die die Aufsicht
dabei führten! Oh, diese Druschmeister! Herrgott, diese Professoren!

Ein paar waren ihm ja „interessante Knaben“,
ein bischen steifleinen und steifbeinen, aber man
konnte ihnen gut sein, denn, nun ja eben: Sie
waren interessant und hatten zuweilen menschliche
Töne.

Aber die Andern! Diese kalten Pedanten! Diese
langweiligen Schablonenmeister! Kalbsköpfe alle
miteinander!

Er würde einmal eine aristophanische Komödie
schreiben: Die Kaulquappen. Dazu, als Modelle,
seien sie zu brauchen, sonst zu nichts.

Ob wol Einer von diesen Plärrern eine Ahnung
davon hätte, was hinter ihm, dem Stilpe, steckte?

Und solchen Leuten war er unterthan, er, der
Ziele vor sich hatte, an die sie ebensowenig dachten,
wie der Igel an ein Himmelbett!

Nein, er mußte fort aus dieser Sklaverei und
fort auch aus diesem Sumpf mit der Person da,
die wirklich kein Hetäre war, wie Aspasia.

Ja, eine Aspasia, das wäre seine Retterin!
Ein Weib, himmlisch schön und von freier Nacktheit
Leibes und der Seele, und voll Poesie! Voll
Ideal!

Ah! Hellas! Hellas! HELLAS!

Pfui Teufel, was da auf seinem Arme stand,
dieses blödsinnige Epsilon Gamma!

Was ging ihn dieses Deutschland an, ihn,
den Kosmopoliten!

Er schrieb mit roter Tinte in griechischen Lettern
Hellas auf eine Papptafel und hing diese über
seinem Bette auf.

Griechenland, ja, das war ein Wort und ein
Ruf, und sein Schrei!

Aber nicht das, was dieses Lehrergesindel im
Munde führte, sondern das, von dem Heine schrieb
als dem Gegensatz zum Christentum.

Denn mit dem Christentum war er nun auch
im Reinen. Er nannte es die Weltmasern und
that sich auf das Wort nicht wenig zu Gute.

Eines Tages ging er mit Girlinger ins
Rosenthal.

Girlinger war sehr niedergeschlagen. Sein
Vater war hinter seine Lektüre gekommen und
hatte ihn vor der ganzen Familie als „unreifen
Zusammenleser unverschämter Dummheiten“ lächerlich gemacht und zugleich Maaßregeln getroffen,
die seine Lektüre unter eine strenge Aufsicht setzten.

— Der Herr Staatsanwalt hat ein Ausnahmegesetz über mich beliebt. Aber er soll sich irren.
Ich bin nicht der unreife Knabe, für den er mich
hält. Ich habe es deutlich bemerkt, daß er von
den Sachen, die er verdammt, so viel versteht, wie
ich von seinem Büttelamte. Ich lasse mich nicht
knechten! Ich werde es ihm zeigen!

— So? Du? Weißt Du, Dein Vater kennt
Dich sehr gut. Der weiß, daß Du wie ein Pudel
über den Stock springst, wenn Du auch vorher
bellst.

— Das wirst Du sehen! Ich habe zwar nicht
das große Maul wie Du, aber ich handle!

— Da bin ich gespannt. Wirst Du es mir
nicht verraten?

— Nein! Der Tag wird kommen, wo Dus
siehst.

— Dann muß er bald kommen!

— Wieso?

— Ich verrate auch nichts.

Sie gingen schweigend nebeneinander her, und
Stilpe hieb mit seinem Spazierstock in die Büsche.
Endlich sagte er:

— Nein, und wenn Du mir auch nichts sagst,
ich will offen sein! Aber gieb mir Deine rechte
Hand, daß Dus niemand sagst.

— Ja doch.

— Nein, die Hand! Und das ist wie geschworen!

— Ja doch. Hab' ich schon was verraten?

— Also gut!

Und er blieb stehen und sagte leise, aber mit
feierlichem Tone:

— Ich gehe nach Griechenland.
Girlinger sah ihn groß an:

— Ja, kannst Du denn Neugriechisch?

Die Frage kam Stilpen unerwartet. Daran
hatte er noch nicht gedacht. Er biß die Lippen
ärgerlich aufeinander.

— Natürlich nicht.

— Ja, was für eine Sprache wirst Du denn
dort reden?

— Es giebt eine deutsche Kolonie in Athen.

Stilpe wußte davon eigentlich nichts, es war
eine seiner rettenden Improvisationen, aber Girlinger fand sie plausibel.

— So, nun ja, aber was willst Du in dieser
deutschen Kolonie machen?

— Irgend was: Schreiber, Kopist, Sekretair,
irgend so was!

Girlinger schwieg eine Weile. Dann meinte er:

— Hast Du denn Geld zur Reise?

Stilpe, langsam:

— Ja.

— Wieviel denn?

— Weiß ich noch nicht.

— Ach so . . . Ich habe hundertunddreiundfünfzig Mark.

— Was? Hundertunddreiundfünfzig! Das ist
ja kolossal!

— Das ist viel zu wenig. Ich habe gedacht,
Du würdest mindestens tausend haben.

— Ja, woher denn?

— Das ist einerlei.

Girlinger sagte das etwas im Tone des entschlossenen Bösewichts der Bühne, dumpf, tremolo.

— Nein, soviel kann ich nicht . . bekommen.

— Was denkst Du denn, was die Reise kostet?

— Ich laufe natürlich.

— Da werden sie Dich bald einhaben.

— Ich werde sie auf eine falsche Spur locken.
Natürlich denken sie Alle: Amerika. Übrigens:
Du willst doch nicht etwa nach Amerika?

Girlinger lächelte spöttisch:

— Du hältst mich für sehr dumm. Nein, ich
denke an England.

Und er setzte nun sehr kühl und eingehend
auseinander, welche Vorzüge England habe: Keine
polizeilichen Anmeldungen, Nachfrage nach deutschen
Kräften für kaufmännische Korrespondentenstellungen
u. s. w., u. s. w. Er hatte Alles, nach seiner Weise, praktisch bedacht und sich über Alles in Büchern Gewißheit
verschafft. Englisch und die doppelte Buchführung
hatte er sich auch nach Möglichkeit beigebracht.

Aber Stilpe übergoß ihn mit ganz anderen
Argumenten für seine Idee:

— Was? England? Dieses große Krämernest?
Dieses Land des Nebels und der Kommis? Diese
Insel der Pfeffersäcke? Wo sie die Feigenblätter
en gros fabrizieren aus Weißblech mit Ölfarbenanstrich? Wo man Sonntags nicht niesen darf? Ja,
Mensch, kennst Du denn Byron nicht? Byron,
siehst du, der wollte lieber in Griechenland sterben,
als in England leben. Nur Griechenland! Nur
Griechenland! Denke doch: Dieser Himmel! Diese
Erinnerungen! Und: Diese Weiber! Ich sage Dir:
Ehe diese Bande hier ihr Abiturientenexamen gemacht hat, sind wir berühmt.

— Ach was, ich will frei sein und nicht
dichten.

— In Griechenland wirst Du frei sein! Und
warum verstellst Du Dich denn? Ich weiß doch,
daß Du noch viel ehrgeiziger bist, als ich. Und
dann: Die Schönheit! Die alte Kunst! Die
Akropolis! Denke: Wenn wir da hinaufschreiten!
Und alles das Südliche überhaupt! Ölbäume,
Orangen, Citronen, Rhododendren!

Girlinger hatte allerlei praktische Bedenken,
aber schließlich legte auch er es sich zurecht. Seine
Phantasie war nicht so schnell losgelassen, wie die
Stilpes, und sie schwärmte nicht ins Blaue, aber
gerade diese Sehnsucht nach dem Süden war in
ihm, und um so stärker, als er sich wirklich ein
Bild vom Süden machte, während Stilpe nur den
Abreiz von Worten spürte.

Sie gingen mit dem Versprechen Girlingers
auseinander, daß er am nächsten Sonntag, in zwei
Tagen, seinen endgiltigen Entschluß kund thun wolle.

Girlinger benutzte die Zeit, um gründlich über
den Plan nachzudenken und nach Möglichkeit zu
studieren, was ihm über das Griechenland von
Heute zugänglich war.

Stilpe aber schwamm in einem heißen Entzücken bei dem Gedanken, die große That im
Verein mit Girlinger zu vollführen und weidete sich an der Vorstellung, welchen Eindruck es
machen würde, wenn nicht blos er, der „zweifelhafte Schüler“, durchgebrannt und verschwunden
war, sondern mit ihm der gepriesene Musterknabe
und Primus. Mit besonderem Genusse stilisierte
er sich im Geiste die Notizen, die über dieses Ereignis in den Blättern stehen würden. Er kam
sogar auf die Idee, eine „Rechtfertigung“ abzufassen, die er auf irgend eine Weise (das Wie überließ er späterer Überlegung) drei Tage nach ihrer
Flucht (Flucht!) von Leipzig aus dem Leipziger
Tageblatt zukommen lassen wollte. Vielleicht durch
den Deklamator? Oder durch Martha? Diese
Frage beschäftigte ihn am meisten.

Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in
kurzen Worten, aber sehr ernst, daß er bereit
sei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen.
Denn es sei noch viel zu ordnen und zu bedenken. Er könne, Alles in Allem, 250 Mark
zusammenbringen, teils durch Bücherverkauf, teils
durch seine Schwestern. Mindestens so viel müsse
aber Stilpe beschaffen. Diese Summe werde für
jeden zur Hinreise genügen (er hatte das Hendschelsche Kursbuch bei sich) und außerdem Lebensunterhalt für zwei Wochen sichern.

— Natürlich werden wir in diesem Klima
vegetarisch leben.

— Selbstverständlich.

Eine ganze Anzahl praktischer Notizen hatte er
auf einem Zettel zusammengeschrieben, und Stilpe
mußte sich verpflichten, diese auch für sich anzuerkennen. Da hieß es:

Es sind mitzunehmen

pro Person:	Ein Koffer
mit:	Einem Anzug
ein paar Stiefeln
zwei Hemden
drei paar Strümpfen
sechs Taschentüchern
zwei Kragen.

Die Koffer werden in St.'s Gartenhaus in
der Versenkung, wo jetzt das Gartengerät aufbewahrt ist, niedergelegt.

Stilpe muß zwei Koffer stellen, da es für
G. unmöglich ist, sich mit einem Koffer aus
dem elterlichen Hause zu entfernen.

Ein Revolver, wenn billig zu haben, ist
wünschenswert.

Stilpe fand den Revolver in allererster Linie
für notwendig und machte sich anheischig, einen zu
besorgen.

— Natürlich einen, den man in die Brusttasche
stecken kann!

— Ja, aber doch nicht allzuklein!

Bereits am Dienstag brachte Stilpe den Revolver mit in die Schule und zeigte ihn Girlingern
auf der Retirade.

— Bist Du verrückt! Steck ihn sofort ein!
Und er ist ja viel zu groß!

— Ich werde doch kein Spielzeug mitnehmen!

Girlinger entfernte sich eilig, und als sie nach
Hause gingen, sagte er sehr scharf: Wenn Dus so
machst, nehme ich mein Wort zurück! Überhaupt,
wie benimmst Du Dich denn? Alle Augenblicke
nimmst Du mich auf die Seite und machst mir
Zeichen. Jeder Mensch muß merken, daß wir was
vorhaben.

— Bring lieber Deine Wäsche ins Gartenhaus
statt daß Du mir Moral schwingst. Meine Sachen
sind alle draußen.

— Bei mir geht das nicht so wie bei Dir.
Hier (er sah sich nach allen Seiten um) sind zwei
Kragen. Ich muß jeden Tag einzeln was bringen.
Wenn ich nur wüßte, wie ichs mit dem Anzug
mache. Ich kann doch nicht mit ein paar Hosen
überm Arm in die Schule gehn.

— Zieh den Mantel an und nimm sie untern
Mantel! Oder, halt: Ich komme und hole sie!

— Nein, nein, ich werde schon Alles selber
bringen.

Während so bei Girlinger die Schwierigkeiten
mehr ins Einzelne gingen, hatte Stilpe nur ein
großes Problem zu bewältigen: Das Geld.

So viel war sicher: Die Ladenkasse reichte nicht.
Man konnte sie höchstens mit fünfzig Mark ansetzen.

Also denn erstmal alles verkaufen, was in
Griechenland überflüssig war an Kleidern, Wäsche,
Büchern.

Geschah. Von Büchern entgingen nur Börnes
Werke, Tannhäuser in Rom und Byrons Don
Juan dem Deklamator. Aber Alles in Allem
kamen nur vierzig Mark heraus.

Wie wär es mit ein paar Anzügen Vater
Wiehrs? Ein Gedanke! Der Mann hatte ja
seine ganze Vergangenheit noch im Kleiderschranke
hängen.

Aber Vorsicht! Vorsicht! Und erst in den
letzten Tagen. Auf fünfzig Mark konnte man das
aber immerhin ansetzen.

Fünfzig und fünfzig sind hundert, und vierzig
sind hundertundvierzig . . . Wenn ihm nur irgend
ein Coup einfiele! Das Geplempere mit kleinen
Posten gefiel ihm gar nicht.

Hm. Im Glasschrank stand so allerlei herum,
auch Schmuckzeug . . . Aber da verging ja kein
Tag, an dem nicht Mutter Wiehr den Kram bestreichelte.

Halt! . . . Aber nein . . . nein . . .! . . . Freilich, wenn gar nichts übrig blieb . . .? . . .: Die
Paten- und Konfirmationsgeschenke des verstorbenen
Filius . . .? . . . ! . . . Die waren in dem verschlossenen Schranke in seiner Stube, und die Alten
hatten eine große Scheu vor diesen Erinnerungen.
Sie hatten sie verschlossen, um sie nicht zu sehen;
nie machten sie den Schrank auf. Da mußten ja
wol auch noch Bücher sein und sonst was . . .

Das war aber doch ein verfluchter Coup! Das
war schon nicht mehr blos, pfui Teufel, Diebstahl,
das war so was wie Frevel. Oder?

Stilpe versuchte, den Gedanken mit Gewalt loszuwerden und erging sich, um ihn beiseite zu schieben, dafür in den abenteuerlichsten
Plänen.

Sogar der schmierige Beutel des Deklamators
tauchte auf und eine verbrecherische Intrigue mit
der rosigen Gattin.

Hatte sie ihm nicht kürzlich hinter dem Rücken
des Alten zugelächelt?

Wie, wenn er mit ihr im Bunde den Alten . . .?
Aber, duliebergott, das war ja eine Kriminalnovelle
und kein Coup!

Immer wieder der verschlossene, große, braune
Schrank . . .

Was da wohl alles drin steckte . . . Natürlich zuerst sämtliche Hosen und Höschen, Jacken
und Jäckchen des gepriesenen Filius, von der
Wiege bis zur Bahre.

Verdammt nochmal: Auch noch Rücksicht auf
Sentimentalitäten, wo es seine Freiheit und Zukunft galt! Da gabs doch kein Besinnen! Dort
der Tod! Hier das Leben! Hie Mottenfraß!
Hie Freiheit!

Er ging an den Schrank und versuchte seine
Schlüssel am Schloß. Ging nicht.

Also: Eintreten! Einfach eintreten!

Er schlug mit der Faust auf die Schrankthüre. Aber wie er das Poltern hörte, lief er
gleich weit weg und sah zum Fenster hinaus.

Wozu überhaupt diese Menge Geld? Hundertfünfzig waren auch genug.

Er stellte das Girlingern vor. Aber der protzte
seine ganze widerliche Konsequenz auf:

— Wie wirs ausgemacht haben, so bleibts.
Du hast mein Wort, und ich habe Deins.

Stilpe empfand eine kochende Wut über dieses
Benehmen.

Nicht einmal sagen kann ichs dem Kerl, was ich
vorhabe. Natürlich er: Jede seiner Schwestern
giebt ihm fünfzig Mark. Und ich muß solche Gemeinheiten aushecken.

Aber wart nur: Diese Erfahrungen, diese
Kämpfe, die werden aus mir was Ganzes,
Eigenes machen, wo Du blos eine Molluske
bist und bleibst! Ich bin der Kämpfende! Ich
werde den Sieg haben! Und dann, oben auf
der Akropolis will ich Dirs in's Gesicht schütteln
mit meinen Fäusten: Ich habe stehlen müssen für
meine Freiheit und unendliche Frevel auf mich geladen für meine Ideale! Du aber bist blos der
Pudel, der hinter mir herlief, aufgefüttert und
vollgestopft, ohne Mark und Entschluß!

In diesem Aufsud stürmischer Gefühle fiel ihm
Karl Moor ein, und er fühlte sich nun nicht blos
gerechtfertigt, sondern geradezu verpflichtet, den
Schrank aufzubrechen.

Aber Vorsicht! Vorsicht! Und: Nicht zu früh!

Jetzt waren es noch sechs Tage bis zu dem
Sonnabend, wo sie sich nachmittags im Gartenhause treffen wollten, um abends abzureisen.

Von Girlinger fehlte immer noch die Hose und
ein Hemd im Koffer, aber er konnte ihn nicht
einmal mahnen, denn der Primus blieb aus der
Schule weg und hatte ihm verboten, ihn zu besuchen.

Er stelle sich krank, hatte er ihm geschrieben,
um nicht unnötig durch ihn aufgeregt zu werden,
auch habe er einen besonderen Tric vor mit dieser
Krankheit. Im Übrigen solle er nur Alles genau
nach Verabredung besorgen und thun. Sonnabend
um 3 Uhr am Gartenhause!

Stilpe hatte einen grenzenlosen Respekt vor
Girlingers kühler Klugheit, und er stellte sich
irgend etwas unerhört Schlaues vor, das hinter
dieser Krankheit steckte.

Wer weiß: Er bringt vielleicht 500 Mark
mit!

Wenn mans nur wüßte! Nur wüßte! Dann
wäre auch diese infame Chose mit dem Schrank
nicht nötig.

Schon das Verkaufen von Vater Wiehrs
Garderobe war eine verdammt schwierige Sache
gewesen, und es war blos Dusel, wenn es nicht
zur Unzeit bemerkt wurde.

Nun aber der Schrank!

Das Heiterste wäre, wenn mich Mutter Wiehr
angeschwindelt hätte, und es gäbe da drin gar nicht
diese kostbaren Konfirmationskleinodien und Taufbecher.

Ob ich sie nochmal frage?

Er nahm wirklich einen Anlauf dazu, brachte
es schließlich aber doch nicht übers Herz. Dafür
machte er sich im Stillen einige moralische Komplimente über diese Feinfühlichkeit und fand, daß
er eigentlich sein Gewissen dadurch für beruhigt
ansehen könnte:

Denn, wäre ich wirklich ein gemeiner Kerl, so
hätte ich gefragt; aber ich handle eben blos unterm
Zwang der Verhältnisse und schone dabei nach
Möglichkeit, was zu schonen ist.

Unter diesen Erwägungen brach er kaltblütig
den Schrank auf, nachdem er die Kammerthür verschlossen und das Schlüsselloch verhangen hatte.

Schau, schau, gepfropft voll! Aber ist es nicht
sündhaft, alle diese Sachen von den Motten fressen
zu lassen? Es scheint, die guten Wiehrs wissen
nicht, wieviel arme Jungens keine ganzen Kleider
am Leibe haben. Natürlich! Die Sentimentalität
geht bei diesen Bourgeois Allem vor . . .

Der Überzieher da ist noch wie neu . . .

Herrgott, wieviel Hüte hat denn der Filius
gehabt? . . .

Sogar seine ersten Hosen sind noch da . . .

Übrigens: Insektenpulver haben sie doch gestreut . . . Donnerwetter: Das kann mich ja verraten! Die ganze Kammer wird stinken!

Er lief und öffnete die Fenster. Unten ging
gerade ein Schutzmann vorbei. Stilpe machte eine
Verbeugung:

Das Auge des Gesetzes wacht! Sie, Schutzmann, hier wird gestohlen! Ja, das möcht er
wohl, der Gute, daß ich ihn raufwinkte. Wird
nich verzapft!

Nun aber die Kleinodien!

In der Pappschachtel? Nein: Seidene Tücher.
Da könnt ich übrigens eins . . . Unsinn! . . .

Aber es scheint wirklich kein Edelmetall . . .

Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf,
um besser sehen zu können, was auf dem oberen
Schrankbrett stand.

Siehstewoll? Der Kasten ist schwer. Und:
Er klappert.

Er nahm ihn langsam herunter.

Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem
Mahagoniholze mit zopfigen Ornamenten. Ein
kleiner Schlüssel mit herzförmigem Griff steckte im
Schloß.

Er trug die Schatulle auf den Tisch und schloß
sie auf.

Donnerwetter, was für ne Menge!

Zwei Uhren! Eine silberne und eine goldene! Und ditto zwei Ketten. Dieser Filius ist
verzogen worden!!

Und goldene Ringe gar dreie! Was? Auch
goldne Manschettenknöpfe? Das ist ja blödsinnig!

Am Ende hat der Junge auch noch eine
Busennadel gehabt. Richtig! . . .

Ekelhaft, das! So einer muß ja ein Protz
werden. Und dabei war er dumm wie ein Heuroß.

Gut! Gut! Klappe zu!

Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz,
lehnte die Schrankthüre fest an, klemmte ein bischen
Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung
von Zufriedenheit, wie er sah, daß äußerlich nichts
an dem Schranke zu merken war.

Was aber nun anfangen mit dem Zeug? Er
beschloß, es erst in Athen zu verkaufen. Trödler
giebts dort sicher auch. . .

Nun kam der große Tag heran. Das letzte,
was Stilpe ins Gartenhaus getragen hatte, waren
seine Tagebücher und Manuskripte gewesen. Die
letzten Worte in seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so:

Und nun, mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!
Du trägst mein Alles, und dein Zeichen heißt:
Freiheit, Hoffnung und Zukunft.
Meine Hand,
Mit der ich nun die Ankerkette schnell
Aufwinde, ist beschmutzt, doch wasch ich sie
Im Meer der Schönheit, und ich schwöre: Nie,
Bei allen Göttern, die ich suche, nie
Soll wieder Schmutz an diese heiße Hand!

Die letzte Schulstunde, zu der er sich herabließ,
war Griechisch. Es wurden unregelmäßige Verba
abgefragt, und da er sich nicht vorbereitet, auch
nicht einmal in der Vorpause, wie er sonst zu thun
pflegte, in der Grammatik nachgelesen hatte, blieb
er jede Antwort schuldig.

— Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?

Er lächelte und dachte bei sich: Freiheit, Hoffnung und Zukunft!

— Wollen Sie wohl antworten? Warum
haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?

— Es war mir zu langweilig.

Der Professor schnappte nach Luft. Das war
der Gipfelpunkt der Frechheit. Das war jenseits
aller Bezeichnungsmöglichkeit. Nur das eine Wort:
Karzer! wühlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor.

— Wie viel Stunden, Herr Professor? fragte
Stilpe mit unterwürfigem Lächeln.

— Ist der Mensch verrückt geworden?

Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur
diesen einen Gedanken und starrte auf den lächelnden
Stilpe. Sein Nachbar rückte ein Stück von
ihm ab.

Er aber setzte sich gelassen und that, als ob
die Sache für ihn erledigt wäre.

Der Professor, eben noch violett, wurde weiß
wie weicher Käse und rief, indem er sein Buch
von sich warf:

Verwegener Bube! Ah! Ah! Am Montag
werden Sie erfahren, was Sie sich zugezogen
haben.

Bei dem Worte Montag hätte Stilpe laut auflachen mögen, aber es kam ihm der Gedanke, daß
man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren
könnte, und so hielt er sich stille.

Als die Stunde vorüber war und die Sekundaner ihre Bücher zum Heimgehen packten, bildete
sich ein Kreis um Stilpe:

— Na, die Unverschämtheit kommt Dir teuer
zu stehen, mein Söhnchen . . . Du hast wohl Lust,
geschwenkt zu werden?. . . Du bist wohl nicht
bei Troste? . . .

Stilpe lächelte blos geringschätzig. Gerne hätte
er jetzt irgend eine kleine Andeutung gemacht. Es
wurde ihm sehr schwer, sie zu verbeißen. Aber er
überwand sich.

Und nun kam er in Aufregung. Wenn er nur
nicht noch zu Tische zu gehen brauchte! Aber das
mußte er natürlich, ganz abgesehn davon, daß er
recht gut bei Appetite war.

Kaum aber, daß er sich vom Tische erhoben und
gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte, lief er aus dem
Hause und rannte durch die Straßen.

Es war ein unfreundliches Spät-Frühlingswetter, Regen und Wind. Da er keinen Schirm
hatte, war er bald ganz durchnäßt. Aber er lief,
so unangenehm ihm diese eindringende Feuchtigkeit
war, immer auf und ab und immer denselben Weg:
Grimmaische und Petersstraße. Er wollte nicht
eine Minute früher als Punkt 3 Uhr am Gartenhause sein, aber er wollte auch nirgends vorher
einkehren, denn er fühlte, daß er nicht sitzen
könnte.

Sein einziger Gedanke war: Wenn wir nur erst
im Zuge sitzen. Und dann bis Triest in einem
Saus! Ah! Nacht und Tag und Nacht! Und
dann das Schiff! . . .

Freilich: Die Seekrankheit . . . Unsinn!
Wenn erst die schimmernde Küste Griechenlands
auftauchen wird . . .! Venus Anadyomene! . . .
Und diese Hellenen in ihren bunten Trachten; auch
Türken, Armenier! Und herrliche Weiber mit
Krügen auf den Köpfen! Großäugig! Glutäugig!
Und broncene Brüste schimmern durch paphische
Gewänder . . .! Und Marmorpaläste, südliche
Gärten und sengende Sonne!

Und nun mein stolzes Schiff, stich aus ins
Meer!

Plötzlich kam ihm seine Mutter in Sinn. Es
kam so unvermutet und grell, daß er mitten im
Rennen stehen blieb.

Herrgott, wie wird sie weinen . . . Es ist doch
eigentlich . . . Ah, aber nein: Wenn ich sicher bin,
schreib ich ihr Alles, und wenn sie sieht, wie glücklich ich bin, dann wird sie stolz auf mich sein!
Sie versteht mich ja! Sie weiß, daß aus mir
was Großes werden wird!

Mütterchen weine nicht, weine nicht so,
Sieh ich bin in der Fremde froh
Und denke Dein.

Er hoffte, es würde ein ganzes Gedicht werden,
aber es blieb, wie gewöhnlich, beim Anfange.

Endlich ¾3 Uhr! Nun zum Gartenhaus!

Er lief im Trabe mitten durch Pfützen und
ohne aufzusehen, wie ein Junge neben dem Reifen.

Jetzt am Garten. Nun die Allee hinauf.

Ob Girlinger schon da ist?

Nun den Seitengang. Gott sei Dank, daß es
regnet und niemand im Garten ist.

Aber der Dreck! Der Dreck! Ganz bespritzt!

Das wird doch auf der Eisenbahn nicht auffallen?

So, jetzt bei Kürners Garten vorbei und nun
mit Barrieresprung übers Stacket. Teufel! Mitten
in eine Pfütze! So ein Blödsinn!

Punkt drei!

Aber Girlinger ist noch nicht da. Natürlich;
der macht sichs bequem und kommt sicher in Gummigalloschen und muß um jede Pfütze einen Bogen
machen und womöglich bei jedem Buchladen stehen
bleiben. Ekelhaft diese Hundsschnauzigkeit.

Er ging zum Gartenhaus und griff in seine
Tasche nach dem Schlüssel.

Plötzlich fuhr er zusammen und starrte auf
etwas weißes, das in der Thürsperre klemmte.
Sein Gesicht verzerrte sich: Ah, du Hund, du!

Er riß das eingeklemmte Papier heraus. Herunter das Couvert. Da stand mit den schönen,
so oft in der Schule belobten Schriftzügen unter
Einhaltung des Höflichkeitsrandes ꝛc. folgendes:

Lieber Stilpe!

Nachdem ich mir unsern Plan noch vielmals
und reiflich überlegt habe, bin ich zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt, daß es im
Grunde blos ein etwas persönlich drapierter
Dummerjungenstreich wäre. Wenigstens was
mich angeht. Du bist ja anders, und Dein
Temperament berechtigt Dich gewissermaßen zu
einem solchen Schritte, der ins Ungewisse führt.
Aber ich bin nicht zu dergleichen kühnen Entschlüssen geeigenschaftet.

Also: Ich kann nicht mitthun.

Verachte mich, soviel Du willst und nenne
mich einen Feigling und Wortbrüchigen. Ich
kann nichts dagegen thun. Höchstens, daß ich
auch Dir rate: Stehe auch Du von dem Plane ab.

Selbstverständlich bist Du strengster Geheimhaltung von meiner Seite aus sicher. Aber
ich erwarte auch von Dir, daß Du nicht etwa
in einem Deiner Wutausbrüche mich als Deinen
Komplizen nennst. Das wäre keineswegs honorig.

Indem ich Dir, für den Fall, daß Du den
Plan zur Ausführung bringst, alles Glück aufrichtig wünsche, bin ich, auch wenn Du mich
verachtest,

Dein Freund
Robert Girlinger.

P. S. Meine Sachen nimm, wenn Du
gehst, mit. Sie werden Dir nützlich sein.

Stilpe geriet in eine maßlose Wut.

Zuerst ließ er sie an dem Briefe aus, den er
mit den Zähnen zerriß und in das matschige Erdreich hineinstampfte. Dann warf er seinen Hut
auf die Erde und schlug mit den geballten Fäusten
an die Gartenhausthür. Er war aschfahl im Gesicht
und biß sich fortwährend auf die Lippen, als wenn
er das Bedürfnis hätte, etwas zu zerfleischen.

Dann schloß er die Thür auf und ging ins
Gartenhaus. Mit einem Fußstoße öffnete er die
Deckthür zu der Versenkung, wo die Koffer standen
und spuckte auf diese. Dann warf er die Deckthür
zu, daß es krachte und setzte sich auf einen Gartenstuhl. Ein Windstoß warf die Thüre zu, und nun
war er im Dunkeln allein mit seiner kochenden Wut.

Was thun?! Was thun?!

Ah, vor Allem Eins: Rache an diesem feigen
Hund! Hin zu Girlinger und ihm laut ins Gesicht schreien, was für ein erbärmliches Subjekt er
ist. Das ganze Haus zusammenschrein! Ihm den
Koffer vor die Füße, nein, vor den Bauch werfen.
Und ihn prügeln!

Prügeln! Unsäglich und lange prügeln!

Ach was, erschießen müßte man ihn!

Erschießen! Das ist ein Gedanke! Ah, und
da ist ja auch der Revolver! Gottseidank, daß er
so groß ist!

Aber das war schon mehr blos pathetische
Zierleiste. Er merkte das selber, und den Gedanken, sich hinter her etwa selber zu erschießen,
ließ er nur ganz von Ferne vorbeidrohen.

Überhaupt nein: Weder Prügel noch Revolver,
nur Verachtung! Ein einziges Wort auf eine Postkarte geschrieben: Lump! und dann fort!

Fort! Fort! Fort! Er rüttelte das Wort in
sich hin und her. Fort! Fort! Aber es geschah
halb mechanisch, wie er sich das in plumpen Stößen
immer wiederholte.

Fort! Fort! Natürlich: Fort!

Ich werde doch wohl wegen dieser Kanaille
nicht hier bleiben!?

Aber diese Bestie hat ja das Kursbuch! Der
ganze Reiseplan stand ja bei ihm!

Ich Wickelkind habe ihm ja Alles überlassen!

Sonderbar: Der Gedanke, sich nun selbst ein
Kursbuch anzuschaffen und einen Reiseplan zu
machen, kam ihm nicht.

Dafür entwarf er bereits den Brief, den er
nach seiner Ankunft in Athen „diesem Elenden“
schicken wollte: „Hier bin ich, auf der Akropolis,
und gottlob ohne den Pintscher, der mir folgen
wollte . . . Ich habe eine sehr angenehme Stelle
als Sekretär eines deutschen Privatgelehrten . . .
Meine Adresse teile ich Dir nicht mit, um vor
Deiner Verräterei sicher zu sein. Denn es giebt
keine Gemeinheit, die ich Dir nicht zutraute. . .“

Dieser Brief, den er vielmal in sich hin und
her wandte und mit zahlreichen vergifteten Spitzen
versah, beruhigte ihn ungemein.

Als er ihn auswendig wußte, war er so weit,
die „Jammerhaftigkeit dieses Staatsanwaltssprößlings“ für ein Glück anzusehen.

Wäre ich denn in seiner Gegenwart frei gewesen? Hätte er mich nicht in meinen besten Entschlüssen gestört? Was für eine unglaubliche Verirrung dieser Gedanke überhaupt gewesen ist, mit
dieser Hundeschnauze zusammen nach Griechenland
gehen zu wollen. Aber eine gute Lehre das!
Immer und Alles allein! Jedes Vertrauen ist
Wegwurf!

Er schrieb sich diese Maxime in sein Notizbuch
und empfand das ganze differenzierte Wohlgefühl
des Pessimisten.

Er wurde sogar übermütig. Warte, mein braver
Knabe, dachte er sich und nahm die Girlingerschen
Sachen aus dem Koffer, hing sie, nachdem er sie
zerrissen hatte, auf eine Bohnenstange und stellte
das Ganze nach Art einer Vogelscheuche in ein
Beet. Daran befestigte er ein Stück Papier
mit der Aufschrift: Siegeszeichen des Wohlverhaltens.

Dann nahm er den Koffer mit seinen Habseligkeiten und schlug den Weg zu dem Hause ein,
in dem Martha waltete.

Es war selten, daß dort ein Mensch männlichen
Geschlechtes mit einem Koffer erschien, denn, wenn
auch viele Handlungsreisende in diesem gastfreien
Hause verkehrten, so ließen sie ihre Musterpackete
doch gewöhnlich im Hotel. Und so erregte er ein
gelindes Aufsehen.

— Ja, Schnutchen, kleines, willst Du denn
verreisen? rief ihm Martha entgegen, die, mit
einem schwarzseidenen Hemde bekleidet, nicht mehr
an die Gemälde Professor Thumanns erinnerte.

— Ich bin auf dem Wege zum Bahnhofe und
will Dir nur Lebewohl sagen, erwiderte Stilpe
etwas ernster, als es im Stile dieses Milieus war.

— Nanu, doch nich ganz fort, Schnutchen?
Dann muß ich ja weinen!?

— Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht.
Wir wollen noch einmal fröhlich sein.

Er gab sich hier sonst gerne frivol, weil er
fürchtete, im andern Falle seine Jugend zu verraten, die ihn in diesem Hause immer etwas genierte, aber diesmal konnte er die jugendliche
Feierlichkeit nicht verleugnen.

— Jetzt wird mirs aber ängstlich, Schnutchen.
Wer soll mir denn dann Verse vorlesen?

— Du brauchst nicht so spöttisch zu sein.

— Aber nee, ich mein's ernst, auf Ehre. Ich
kann sie ja auswendig!

Und sie deklamierte mit unverstellter Genugthuung:

Wie jene Ritter in der alten Zeit,
Die für die Liebe stritten todbereit,
Streit ich für Dich und Deine Edelheit.
Ich liebe Dich und glühe mich Dir an,
Vor Deinen Füßen lieg ich, sieh mich an,
Ein Knabe bin ich, küsse mich zum Mann!
Nein, bin kein Knabe! Denn ich weiß durch Dich,
Was Liebe ist, Dein Blick erweckte mich,
Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich!

— Siehst Du, ich kann's ganz auswendig!

Stilpe war selig. Seine Verse klangen ihm
aus diesem Munde wie der Inbegriff aller Poesie,
und er fiel dem Mädchen heiß um den Hals.

— Rotwein! Champagner! Und Cigarretten!

— Aber Schnutchen, hast Du denn soviel
Geld?

— Ja, ja, massenhaft! Laß nur kommen.

— Nee, Schnutchen, laß das doch die alten
Onkels machen. Ein paar Glas Bayrisch thuts
bei Dir schon.

— Nein, nein! Heute müssen wir Wein
trinken! Weißt Du, eine Orgie feiern! Eine
Orgie! Weißt Du, was das ist?

— Ja, ja, so was Verrücktes. Aber wozu
denn?

— Mach! Mach! Ich habe nicht lange Zeit.
Ich muß fort. Bestelle nur! . . . Ach so, vorausbezahlen? Da, da ist Geld.

Er gab ihr sein ganzes Portemonnaie.

— Gehört das ganz meine?

Stilpe erschrak sehr. Aber er faßte sich und
sagte mit edlem Anstande:

— Wie Du willst. Aber dann kann ich nicht
reisen.

— Gott, bist Du ein anständiger Junge! sagte
das Mädchen und gab ihm das Portemonnaie zurück.

Diesmal ärgerte ihn das Wort Junge nicht.

Der Wein nahm seiner Stimmung den Rest von
Gedrücktheit. Zwar wollte sich durchaus nicht
das entwickeln, was er eine Orgie nannte, denn
das Mädchen bemutterte ihn heute noch mehr als
sonst, aber wenn er auch nicht tanzte, so lief er
doch recht lebhaft in dem kleinen Zimmer, soweit
es nicht Bett war, auf und ab.

— Wenn Du wüßtest, was ich vorhabe! Wenn
Du wüßtest, wohin ich reise!

— Na, so sags mir doch.

Er blieb stehen und sah sie ekstatisch an.

— Ja! Wenn Du mir versprichst, mit mir
zu reisen!

— Ja. wenn Du bei Mutter Zanken meine
Schulden bezahlst.

— Wieviel sind es!

— Na, blos so dreihundert Märker.

— Herrgott! Dreihundert! Nein, das kann ich
nicht. Oder! Halt! Warte mal!

Und er stürzte sich auf seinen Koffer und brachte
die Uhren und Ringe ans Bett.

— Da, was kriegt man dafür?

Martha kniete sich im Bett auf und breitete
die Tauf- und Confirmationsgeschenke von weiland
Wiehr junior vor sich aus, hübsch eins neben das
andere; es gab eine lustige Reihe, die im Lichte
der roten Bettampel verstohlen blinkte.

— Das kann schon zweihundert Mark geben,
wenn Du Dich nicht beschummeln läßt.

Sie sah die Sachen verliebt an, steckte sich die
Ringe an die Finger, schüttelte die Uhren und
hielt sie ans Ohr und ließ die Diamanten der
Busennadel leuchten.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück, daß die
langen blonden Haare von den Brüsten weg über
die Schultern fielen und fragte erstaunt: Ja, wo
hast Du denn die Sachen her?

Stilpe überlegte. Sollte ers sagen? Hatte sie
sich damals nicht so verdammt moralisch gehabt?
Aber jetzt steht die Sache doch anders. Das Zeug
liegt auf dem Bette und gehört beinahe schon ihr.
Ob sie da nicht . .? . .

Aber er zögerte doch und sagte blos: Alte
Tauf- und Confirmationsgeschenke.

— Und das willst Du verkaufen? Das ist
aber nicht schön von Dir!

Was? Schon das fand sie unrecht? Das empörte ihn förmlich, es kam ein Gefühl von Zorn
über ihn, und zugleich regte sich etwas wie Furcht.
Er wurde mit einemmale irre.

Aber, wart, nun gerade soll sies wissen, diese
elende Duckmäuserin. Das wird einen Effekt
geben!

Ob sie das Zeug aus dem Bette und mir vor
die Füße wirft?

Und er erzählte ihr ganz kühl, daß er die
Sachen gestohlen habe und wem sie gehörten.

Sie sah ihn blos erstaunt an und schüttelte
den Kopf.

Dann sagte sie langsam und wie ungläubig:
Nein . . ! . . Du . . ! . . Das . . ? . .

— Ach mach kein solches Gehabe. Es ist so,
und ich finde gar nichts dabei.

Jetzt sprang sie aus dem Bette und faßte ihn
an den Schultern:

— Aber, Junge! Was ist denn mit Dir los?
Du bist doch kein so gemeiner Kerl! Herr du
mein Gott, wie kommst Du denn auf so was!

Sie sagte das fast tonlos und mit einer ganz
anderen Stimme, als er an ihr gewöhnt war.

Es ging ihm durch und durch. Mit einemmale
fühlte er, daß er etwas Gemeines gethan hatte.
Hätte sie nur im Geringsten was pathetisches gesagt oder gethan, er würde ihr ins Gesicht gelacht,
und, wenn sie etwa Miene gemacht hätte, Lärm zu
schlagen, alles geleugnet haben. So aber wars
wie ein Urteil, wie eine Verdammung.

Er mußte auf den Boden sehen und fühlte sich
gedemütigt, ohne sich dagegen aufzulehnen.

Was sie nun noch sagte, war eigentlich überflüssig und schwächte den Eindruck der ersten Worte
eher ab. Aber er ließ Alles über sich ergehen und
sagte nichts dazu.

Sie legte durchaus den Hauptton darauf, daß
er den alten Leuten das genommen hätte, was
ihnen das Liebste war. Sie sagte das nicht in
feinen und gefühlvollen Worten, sondern fast roh
und ungeschickt.

Immer wieder kam das Wort: So eine Sünde,
und gar nichts dabei zu fühlen!

Er wagte nicht ein einziges Mal aufzusehen,
und ihre Hände auf seinen Schultern fühlte er wie
eine unerträgliche heiße Last.

— Was soll ich aber nun thun? sagte er ganz
verzweifelt, wie sie schwieg.

— Gleich Alles wieder hintragen! Alles sagen !

— Das geht nicht!

Und nun erzählte er ihr, schluchzend und unfähig, seine Thränen zurückzuhalten, Alles, was er
vorhatte, Alles, was ihm geschehen war, Alles, was
ihn drückte.

Das machte weniger Eindruck auf sie. Sie
verstand es nur unklar, aber das Davonlaufen begriff sie.

— Fahr hin, wo Du willst, wenn Du nicht
mehr in die Schule gehn magst. Sie erwischen
Dich doch bald. Aber das Zeug da nimmst Du nicht
mit . . . Nein . . . So ein Junge! Gottseidank, daß
Du zu mir gekommen bist! Denke blos: Später!
Wenn Dus gefühlt hättest, was Du gethan hast . . .

Herr du mein Gott, so ein Unglück! Du
wärst ja ein Lump geworden, Junge! Gott weiß,
was Du noch Alles angerichtet hättest! Mord und
Todschlag! Wahrhaftig ein Glück, daß der andere
Bengel nicht gekommen ist. Sonst hätt ich Dich
nicht hier.

Es beleidigte ihn gar nicht, daß sie ihn so in
aller Deutlichkeit als Junge ꝛc. traktierte. Er war
vollkommen mürbe.

Nach langen Beratungen kamen sie schließlich
überein, daß er die Nacht noch hierbleiben sollte
(denn er fühlte sich nun unfähig zu jedem anderen
Vorhaben, als eben hier zu sein); am nächsten Tage
möge er dann getrost nach Griechenland oder
Kamerun fahren; sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief, den er schreiben
müsse, an die Adresse der alten Wiehrs schicken.

Der Brief lautete:

Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr!

Seien Sie mir nicht böse, daß ich ohne
Abschied von Ihnen fortgegangen bin und nahe
daran war, eine große Schlechtigkeit zu begehen.
Ich hoffe, Alles gut machen zu können, und bitte
Sie, meinen Eltern nichts von dem zu sagen, was
ich beinahe begangen hätte. Lassen Sie mich
nicht verfolgen und melden Sie mich in der
Schule ab. Es dankt Ihnen für alles Gute,
was Sie ihm, dem Unwürdigen, gethan haben,

Ihr Pflegesohn
W. St.

Die Schlußsätze des Briefes waren eigenste
Hinzufügung Stilpes. Sonst war der Brief nicht
eigentlich nach seinen Intentionen. Er hatte ihn
zerknirschter und umfangreicher angelegt, mit einer
großen Diatribe gegen das Geschlecht der Gymnasiallehrer als Mittelstück, aber das Mädchen wollte
nichts davon wissen.

Als aber der Brief geschrieben war, fingen
beide an, vergnügter zu werden, als vielleicht die
Leute glauben, die da nicht wissen, zwischen welch
fernen Gegenden die Schaukel in der Seele mancher
Menschen hin und her schwingt.

Denn Himmel und Hölle, Reue und Wollust
liegen zuweilen nicht weiter von einander entfernt,
als die Lippen zweier Menschen, die sich küssen.

Fünftes Kapitel.

Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums
einer kleinen sächsischen Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule
berufen worden, weil der Geheimrat Ammer, der
als Königlicher Kommissarius die bevorstehende
Abiturientenprüfung zu überwachen hatte, mit dem
Wunsche hervorgetreten war, die Kandidaten schon
zuvor persönlich kennen zu lernen. Er hatte sich
mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art unterhalten, nämlich gar nicht so, wie
es die Art der Lehrer war, sondern in der gewinnenden Manier eines älteren Freundes etwa,
der seinen Vorsprung an Jahren und Reife
als nebensächlich behandelt und ein Verhältnis
von Vertraulichkeit zu schaffen oder wenigstens
vorzutäuschen sucht, soweit dies möglich ist. Er
hatte sogar „Meine Herren!“ gesagt. Und statt
der Vorprüfung, die man befürchtet hatte, war es
wirklich blos eine Art Unterhaltung gewesen, bei
der der Geheimrat jeden Anschein von Examinieren
vermieden hatte.

Die Oberprimaner verließen das Schulgebäude
also mit stolz erhobenen Häuptern, auf denen hellrote Mützen meist sehr weit nach hinten gerückt
saßen. Diese Mützen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Näpfchen, nur drei der
jungen Leute trugen solche von anderer Façon,
nämlich breite, hinten etwas nach abwärts gedrückte
Deckel.

Diese drei Schlappdeckel, wie die anderen sie
nach ihren Mützen nannten, gingen in sehr eifrigem
Gespräche abgesondert.

— Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard, ausgerechnet die beiden Gracchen als seine
Lieblings-Römer zu nennen, nachdem der Hohe
Rat ihn wegen Sozialismus und Atheismus schon
mal hat schwenken wollen, sagte der Eine, ein untersetzter Bursch mit schläfrigen, aber nicht geistlosen
Augen und einem bereits sehr dichten Schnurrbart.

— Aber mein süßer Rodolphe! Du geruhst
immer noch, Dich um drei Gramm dümmer zu
stellen, als wofür Du uns hältst. Du weißt so
gut wie wir, daß Schaunard ein Psychologe von
vielen Graden ist. Er hat diesen fürtrefflichen
Geheimrat blos sehr gut erkannt. Denn siehe da:
Schon ist er zu einer Privataudienz zurückbehalten
worden!

Der das sagte, war ein dürrer brünetter Mensch
mit einer sehr schönen Nase und wunderschönen
braunen Augen, die leider hinter sehr starken
Klemmergläsern saßen. Er ging etwas gebückt,
aber nicht aus irgend einem körperlichen Grunde,
sondern aus philosophischer Koketterie. Es wäre
ihm ein Vergnügen gewesen, buckelig zu sein.

— Marcel hat Recht. Schläue und abermals
Schläue! Heute hat Schaunard seinen Abitur gemacht, sag ich! Das Backpflaumenmännchen hat
sich in ihn verliebt und wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrähes und Geheules durchschleppen.
Wetten?

Der so sprach, war ein sehr jung und zart
aussehender Jüngling, der sich aber ein bischen
renommistisch geberdete und damit den knabenhaften
Eindruck seiner Person zu verwischen suchte. Auffällig an ihm war seine Haarfrisur, die etwas an
die napoleonische Zeit erinnerte, wo man es
liebte, nach dem Vorbilde des Cäsaren die Haare
ins Gesicht und über die Ohren zu streichen.

Wer Mürgers Bohème-Buch kennt, wird, nachdem die Namen Rodolphe, Marcel und Schaunard gefallen sind, ohne weiteres wissen, daß
sich dieser Jüngling des Spitznamens Colline
erfreute.

Diese Spitznamen waren übrigens in der Schule
nicht allgemein gültig, sondern ein Reservatrecht
des „Cénacles“ oder der Vereinigung der vier
Schlappdeckel unter sich, die, als zukünftige Dichter
und Künstler, wie sie sich fühlten, sich das Cénacle
in Mürgers Vie de Bohème zum Muster genommen
hatten und sogar nach Möglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten. Sie hielten sich,
im Gefühle ihrer Zukunft, sehr exklusiv gegenüber
den anderen Primanern, die eingestandenermaßen
blos Pastoren, Lehrer, Ärzte, Juristen, Offiziere
werden wollten, und wurden dafür wieder von
diesen als überspannt und lächerlich abgethan.
Ihre bürgerliche Nomenclatur war diese:

Rodolphe: Bruno Wippert,
Marcel: Max Stössel,
Colline: Ludwig Barmann,
Schaunard: Willibald Stilpe.

Stilpe war der Gründer des Cénacles und
sein anerkanntes Haupt.

Er war damals, nachdem er sich von Martha
getrennt hatte, nicht gar weit gekommen. In Halle,
das doch nicht auf der Route Leipzig-Athen liegt,
hatte man ihn in einem Tingeltangel festgenommen,
weil er in der Betrunkenheit unablässig laut und
rhythmisch geschrieen hatte:

Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde
dieser mathematischen Rezitation gefragt, hatte er
auf die ihm drohende Nachprüfung in der Mathematik als einen höchst triftigen Grund hingewiesen
und überdies gebeten, man möge ihm seine Logarithmentafel holen, die in der Untersekunda der
Leipziger Thomasschule Cötus B auf seinem
Platze liege, unten auf der letzten Bank rechts.
Damit hatte er sich zur Genüge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert, dessen
Signalement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war.

Was sich dann begeben hat, bleibe im Schatten
der Vergessenheit, wie auch Stilpe selbst nie mehr
daran dachte. Denn er liebte unangenehme Erinnerungen wenig und besaß ein ausgesprochenes
Talent dafür, fatale Dinge zu vergessen.

Es fehlte nicht viel, daß er damals wirklich,
aber nicht in Athen, die Stelle eines Sekretärs,
aber nicht bei einem Privatgelehrten, erhalten hätte.
Der verzweifelte Lepidopterologe wollte ihn durchaus als Schreibgehülfe bei der Magistratskanzlei
in Leißnig anketten. Aber den Bitten der Mutter
und den guten Urteilen über Willibalds Begabung,
die einer seiner Leipziger Lehrer abgab, gelang es,
den Vater zu einem letzten Versuche zu bewegen.
So kam Stilpe an das eben begründete Königliche
Gymnasium der kleinen Stadt, in dem er es jetzt
wirklich bis zum Oberprimaner gebracht hatte.

Auch hier war sein Studiengang nicht ohne
Fährlichkeiten abgelaufen, denn die Lehrerkonferenz
bedachte ihn mit ausgezeichnetem Mißtrauen, indem
sie ihn bald für einen Freund wüster Zechgelage
und bedenklicher Mädchen, bald für einen Propagandisten gemeingefährlicher Ideen ansah.

Aber er war klug geworden. Ohne nach dem
Ruhme eines Musterschülers zu geizen, aber auch
ohne sich irgend etwas abgehen zu lassen, was er
zu seinem Wohlbefinden für nötig hielt, lenkte er
das scharf beobachtete Schiff seiner Schülerexistenz
geschickt zwischen allen Praezeptorenklippen hindurch,
indem er aufs Genaueste die Taktik befolgte,
sich aller offenkundigen Manifestationen seiner
Privatvergnügen zu enthalten. Er war, wie er
es selber einmal in seinem immer üppiger werdenden Tagebuch ausdrückte, „zur Höhe eines vorsichtigen Cynikers emporgestiegen“. Was er seine
Orgien nannte, feierte er in Leipzig, und den verbotenen Ideen fröhnte er still für sich, ohne etwa
in deutschen Aufsätzen, wie damals als „biederer
Sekundaner“, davon etwas merken zu lassen. Vielmehr kultivierte er jetzt in seinem Schul-Aufsätzen,
deren Gewandtheit und Schwung sogar anerkannt
wurde, eine virtuosenhafte Jongleurkunst mit wohlgebauten Phrasen, in die er nur die bestakkreditierten
Meinungen silbern und golden einspann.

Zum Glück lernte er in den drei bereits genannten Kameraden Leute von ähnlichen Neigungen
kennen. Zwar achtete er sie nicht für seiner ebenbürtig, ja er hatte sogar ein stilles Mitleid mit
ihnen, weil sie, wie er bemerkte, noch „einige
biedere Züge von Wohllöblichkeit“ hatten, aber er
fühlte es doch als einen sehr angenehmen Zufall,
daß er in ihnen „Instrumente fand, auf denen
er spielen konnte“. Colline-Barmann war seine
Baßgeige, Marcel-Stössel sein Fagott, Rodolphe-Wippert seine Trommel. Natürlich empfanden sich
die Drei selber als beträchtlich mehr, und er seinerseits ließ es ihnen nur selten merken, daß er „auf
ihnen spielte“. Auch liebte er sie in einem gewissen
Sinne wirklich. Einer ganz hingebenden Freundschaft war er zwar nicht fähig, aber die Frivolität
seines zur Schau getragenen Cynismus gegenüber
diesen Freunden war doch zum guten Teile bewußt angeschminkt.

Zuerst begann die Vereinigung der Vier mit
einem litterarischen Zirkel, „Lenz“ genannt.

Dieser Titel galt in zweierlei Bedeutung. Einmal in der, wie ihn die Lyriker als Synonym für
Frühling verbrauchen, und dann in der des Namens
ihres literarischen Hauptheiligen. Denn sie lasen
damals ausschließlich Dichtungen der Sturm- und
Drangperiode.

Dann schoben sich Ibsen und die Russen, dann
Zola und der Naturalismus ein, und nun wurde
aus dem Lesezirkel, wo man mit verteilten Rollen
„Die Kindermörderin“, „Sturm und Drang“, „Der
Hofmeister“ gelesen hatte, ein Debattierklub, wo
man vor allem „Herrn Schillinger“, den Dichter
„des pp. Wallenstein“, vernichtete und Vorträge folgender Art hielt: „Die Wahrheit als einziges Prinzip der Kunst“, „Inwiefern Naturalismus und Sozialdemokratie Parallelerscheinungen sind“, „Emile
Zola und Henrik Ibsen: Die Tragesäulen der neuen
Literatur“, „Worin liegt die Gemeingefährlichkeit
des sogenannten Idealismus?“

Zu dieser Zeit waren die Vier sehr rabiat.

Ihr zweites Wort war: Konsequenz. Gewisse
Namen durften, bei hohen Strafen, bis zu zwanzig
Pfennigen, unter ihnen nicht genannt werden, so
Paul Heyse und Julius Wolf. Wer es wagte,
„Schiller und Goethe“ zu sagen, statt „Goethe und
Schiller“, mußte, da gab es kein Erbarmen, Tabak
für alle Vier auf einen Monat kaufen. Aber auch
Goethe galt nur für voll, „insoweit er nicht Geheimrat war“. Das war sogar statutenmäßig festgelegt. Shakespeare wurde fortwährend und mit
besonderer Ehrerbietung genannt, aber doch mehr als
„merkwürdiges Phänomen eines frühen Naturalismus.“ Denn es stand ihnen fest, daß die eigentliche
Litteratur jetzt erst begänne, und Stilpe führte
den Gedanken mit Vorliebe aus, daß man jetzt
in dem wirklichen Sturm und Drang stehe,
aus dem der „neue und ganze Goethe“ hervorgehen werde.

Wenn man ihn dann höhnisch fragte, ob er vielleicht Lust habe, diese Rolle zu übernehmen, so
grinste er mit sichtlicher Anstrengung und sagte:
Vor der Hand sind wir Alle blos Teig. Das
Leben wird uns erst kneten und backen.

— Du aber hast die großen Rosinen, entgegnete ihm darauf Stössel.

— Und Dir fehlt es an Salz, revanchierte sich
Stilpe.

Barmann aber ließ etwas von „zukünftigen
Dreierbroten“ vernehmen, und Wippert meinte, auch
Hundekuchen sei ein Backwerk.

In diesem Stile bewegten sich die Verhandlungen des Debattierklubs, wenn man aufs Persönliche kam. Sonst war die Ausdrucksweise trotz der
naturalistischen Tendenz mehr auf höhere Tropen
bedacht.

Aber eines Tages, es war ganz zu Anfang des
Oberprima-Jahres, begann Stilpe in einem neuen
Stile und von anderen Dingen zu reden. Er
baute fürchterliche und schnöde Hyperbeln, fand den
„Naturalismus in Worten“ lachhaft, fragte, ob es
„in diesem Neste“ nicht ein Trictrac gebe und erklärte, die famoseste Mädchenfigur der Weltliteratur
sei Mamsell Müsette. Dazu kamen die Worte:
Nasenwärmer, Bohème, Cénacle und eine große
Menge französischer Flüche. Auch trug er fortwährend ein kleines Buch aus der Reclambibliothek
mit sich herum, das er sein Brevier nannte. Eine
Woche später sah man aber an dessen Stelle ein
anderes, französisches. Er sagte: Ich lese jetzt meine
Bibel im Urtext.

Durch diese Geheimthuerei voll herablassend
abgegebener Andeutungen fühlten sich die Anderen
beleidigt, und es wäre fast zu einem Bruch gekommen, denn Stilpe behandelte sie im Grunde
wie kleine Knaben, die nicht wissen, was ein
Mädchen ist, da rückte der Adept endlich mit
seinem Mysterium heraus, indem er eine Versammlung mit einem Schreiben einberief, das folgenden
Wortlaut hatte:

Die ehrenfesten und rühmlichst bekannten
Säulen des königlich sächsischen Gymnasialnaturalismus zu . . . werden hiermit so höflich wie dringend eingeladen, in der bescheidenen Behausung des unterzeichneten Renegaten und Müsettisten Schaunard, weiland
Stilpe, zu erscheinen und außer zwei Steinguttellern mit Zwiebelwurst und Muldecaviar
einen Vortrag entgegenzunehmen, dessen Titel
und Thema ist:

Der Müsettismus
als einzige und eigentliche Künstlerreligion, nachgewiesen an dem classischen Werke wahrer Künstlerfreiheit
und Laune:

Scènes de la Vie de Bohème
par
Henry Murger.

Nach beendigtem Vortrag wird der Unterzeichnete sich die Freiheit nehmen, zu beantragen
was folgt:

Der naturalistische Debattirklub
wird aufgehoben, und an seine Stelle
tritt
Das Cénacle
der vier Schlappdeckel.

Zur Leitung der unausbleiblichen Debatte
wird der ehrenwerte Naturalist Barmann berufen, falls er sich für die Dauer dieses
Ehrenamtes seiner ihm angeborenen Grobheit
zu enthalten verspricht, die vielleicht einem
Naturalisten, nicht aber einem zukünftigen Cénaclier angemessen ist.

NB.! Vier pariser Nasenwärmer sind heute
eingetroffen und stehen, aber erst nach
Constituierung des Cénacles, zur Verfügung.

NB.! Der Unterzeichnete hat sich in Anbetracht des ungewöhnlichen und wichtigen
Ereignisses in Unkosten gestürzt und vier
Flaschen Pontet Canet (Marke: Le petit bleu) herbeigeschleift. Doch wird
man gebeten, Weingläser mitzubringen,
da es stilwidrig wäre, Rotwein aus
Bierseideln oder Kaffeetassen zu trinken.

NB.! Petita Molinarina wird die Honneurs
der Schaunardschen Hütte machen, falls
der gute Zufall, der Gott des künftigen Cénacles, es so einrichten sollte,
daß die schauderhafte Mutter des erfreulichen Mädchens zur Zeit der Feierlichkeit nicht zu Hause wäre.

NB.! Da die Schildkröte des Unterfertigten,
deren Intelligenz so häufig als überlegenes Gegenstück zu der des Hüh-Wüh-Konrektors anerkannt worden ist, sich
leider entschlossen hat, seit vergangener
Nacht als Leiche zu existieren, so erscheint es angemessen, sie künftig als
Symbol des verewigten naturalistischen
Debattierklubs in pietätvollen Ehren zu
halten. Sie wird in einer rosa auswattierten Cigarrenkiste als Tafelschmuck
funktionieren.

NB.! Man spanne seine Erwartungen hoch!

Schaunard.

Da man das Muster dieser Einladung nicht
kannte und überhaupt lauter Rätseln gegenüberstand, so wirkte das Schriftstück auf die Drei ungewöhnlich stark.

Völlig verblüfft war man aber, als man, der
Einladung folgend, Stilpe erblickte. Er präsentierte
sich nämlich in Unterhosen und Frack. Im Munde
hatte er eine kurzgebissene rotbraune Thonpfeife,
und sein ganzes Benehmen war ungemein zeremoniell und feierlich.

— Petita Molinarina kann leider nicht gereicht
werden. Diese beklagenswerte Bourgeoise hat sich
an meinen Unterhosen gestoßen und war nicht
dahin zu bringen, zu begreifen, daß diese nur als
Surrogat für weiße Nangkingpantalons anzusehen
und damit nicht nur entschuldigt, sondern geradezu
in die Sphäre des Schönen und Wohlanständigen
erhoben sind. Dafür ist die Schildkröte mit der
ganzen Würde eines amphibischen Leichnams zur
Stelle. Sie darf betrachtet werden, und ich
bitte zu bemerken, wie sie im Tode noch mehr
den rührenden Zug einer Familien- und Intelligenzverwandtschaft mit Sr. Brüllenz Hüh-Wüh hat.

Da auch der Rotwein keine Fiktion war, so
stand einer fröhlichen Sitzungseröffnung nichts im
Wege.

Barmann übernahm mit einem geharnischten
Proteste gegen den Vorwurf der Grobheit den Vorsitz. Seine Eröffnungsansprache, die er ohne
Zweifel auswendig gelernt hatte, schloß schwungvoll so:

— Und nun möge Stilpe, den wir einstweilen
noch so und nicht anders nennen wollen, seinen
Vortrag halten, an den sich ein so wichtiger Antrag knüpfen soll. Ich bin beauftragt, ihm zu erklären, daß wir ernstlich indigniert sein werden,
wenn sich seine Machination (Stilpe: Oho!) als
Frivolität entpuppen sollte. Wir sind bereit, uns
überzeugen zu lassen, aber wir werden entschieden
und scharf Front machen gegen jeden Versuch,
unsre augenblicklichen Prinzipien (Stilpe: Sehr gut!)
nur mit den billigen Waffen seichten Witzes (Stilpe:
Tautologie!) anzugreifen. (Stössel und Wippert:
Bravo!) Stilpe hat das Wort!

Stilpe erhob sich und machte jedem Einzelnen,
zuerst dem Vorsitzenden, eine tiefe Verbeugung,
wobei er beide Hände auf den Bauch legte. Dann
fuhr er sich mit entschlossenen Fingerkammstrichen
durch die Haare, schleuderte seinen Zwicker (sämtliche Schlappdeckel trugen schwarze Hornzwicker
mit sehr breiten Bändern) wie etwas überaus
Lästiges von sich und begann:

Meine Herren Naturalisten!

Gleich vier Edelaustern unter unzähligen Massen
niedrigen Kümmelkäses, harter Picklinge, zerkrümmter Sardellen und andrer Mobdelikatessen
verwandter Art befinden wir uns in dieser schäbigen
Industriestadt und versuchen es, wenigstens unter
uns den Sinn für Geistiges zu kultivieren.

Wir haben zuerst das denkwürdige Lesekränzchen
„Lenz“ gegründet und unterhalten, indem wir uns
an den kühnen, wenn auch künstlerisch mangelhaften
Bestrebungen der Sturm- und Drang-Dichter erbauten, die unter dem Rousseaurufe „retournons
à la nature“ den Limonadenteich der damaligen
Modelitteratur mit riesigen Klumpen Edelmetalls aus dem Schachte ihrer Seelen ausfüllten
und damit beseitigten. (Wippert: Ist das Bild
von Dir? Stilpe: Ich gebe nur eigene Münze
aus und verbitte mir im Übrigen Zwischenrufe
von beleidigender Fraglichkeit. Barmann: Die
Kritik der Zwischenrufe steht bei mir. Stilpe
macht drei Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden.)

Nachdem wir damit zu Ende waren und
keine Lust verspürten, die deutschen Klassiker, die
im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu
Popanzen der Langeweile mumifiziert werden, auch
unsrerseits privatim zu traktieren, haben wir uns,
mitgerissen von der modernen Sturm- und
Drangbewegung, entschlossen, den Lesezirkel Lenz
durch einen naturalistischen Debattierklub abzulösen.
Wir haben die Hauptwerke der nordischen, französischen, russischen und deutschen Naturalisten nicht
allein gelesen, sondern auch in heißen Debatten
eingehend besprochen, und wir haben so, während
unsere biedere Lehrerschaft von der Existenz einer
solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr weiß, als
eine Hebamme von unser lieben Frau Aspasia
(Allgemeines Bravo! Ausgezeichnet! Famos!), in
uns Alles aufgenommen, was heute in der Litteratur
aller Völker bewegend ist. Wir können, wenn
uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmäßige
Verba im Griechischen entfallen sein sollten (Stössel:
Man denke!), auf diese Thatsache stolz sein,
denn wir haben nach dem ewig citierten, aber sonst
nie befolgten Satze gehandelt: Non scholae,
sed vitae discimus (Barmann, sehr laut:
Jawohl! Haben wir auch! Stilpe: Gewiß,
haben wir!)

Wem aber soll unser Leben dienen?

Irgend einem dieser sackleinenen „wissenschaftlichen“ Broterwerbe, als da sind: Die Lehre, den
Menschen juristisch zu verblöden, die Lehre, den
Menschen theologisch zu kastrieren, die Lehre, den
Menschen medizinisch zu vergiften, die Lehre, den
Menschen philosophisch zu benebeln, die Lehre, den
Menschen philologisch zu verschweinsledern?

Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern,
wir rufen: Nein! Sapristi! Nein! (Tosender
Beifall. Barmann schwingt die Arme.)

Unser Leben soll der Kunst dienen! Wir
wollen Dichter werden! (Gläserklingen. Hörbare
tiefe Schlucke. Stilpe lächelt.)

Aber eben darum, meine lieben Debattiernaturalisten, müssen wir jetzt unsern Debattierklub auflösen, dem Naturalismus Lebewohl sagen
und den Müsettismus proklamieren! (Alle möglichen Rufe durcheinander: Wieso!? Was ist
das!? Nur nicht so fix!? Wo hast Du denn
das her?)

Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème, als eines
Musters für alle künstlerischen Seelen, die nicht
blos von Kunst reden, sondern Kunst leben
wollten.

Natürlich sei „dieser Haufen Steine hier“ nicht
Paris, und sie selber seien ja noch für elf Monate
„Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher“, aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens: Die Verbindung von Kunst und
Genuß, von revolutionärem Streben und „Lachesinn“ (das Wort wurde beanstandet), kurz das, was
er Müsettismus nenne, der müsse und könne gepflegt werden.

Um praktisch zu reden: Man müsse, statt
über Naturalismus zu debattieren, in fröhlichen
Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder
singen, man müsse sich entsprechende Mädchen beilegen, kurz man müsse nicht blos in Worten, sondern
in Werken „bald zwanzig“ sein. So erst werde
man sich dem zukünftigen Berufe recht vorbilden:

Et nous chanterons à la ronde,
Si vous voulez,
Que je l'adore, et qu'elle est blonde
Comme les blés!

Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate
aus dem Zigeunerleben wirkten absolut überzeugend,
und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde
mit ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation
angenommen.

— Vive le cénacle! Vive le cénacle!

Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der
Verteilung der „Nasenwärmer“ schließen, aus denen
innerhalb einer Viertelstunde solche Massen von
Tabakrauch produziert wurden, daß man die Notwendigkeit einsah, morgen in die Schule andere
Röcke anzuziehen.

— Vive le cénacle! Vive le cénacle!

Das Cénacle schloß die vier Schlappdeckel noch
viel enger aneinander, als es die früheren Vereinigungen gethan hatten.

In diesem Müsettistenklub lagen denn doch
noch ganz andere Reize und Hilfsmittel der
Freundschaft als in jenen Deklamier- und Debattier-Zirkeln.

Zwar waren auch jene unerlaubter und daher
verführerischer Natur gewesen, aber ihr Fehler war
Einseitigkeit. Sie hatten die strotzende Fülle des
Unerlaubten nicht kühn genug erschöpft. Stilpe
hatte das sehr klar erkannt und mit den an seine
Lektüre von Büchners Kraft und Stoff erinnernden
Worten ausgedrückt: Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedürfnisse gelitten; besinnen
wir uns auf die — Niederlande, (hier hatte er
gewartet, ob man seinen Witz verstünde; da es
nicht den Anschein hatte, fügte er erklärend hinzu) —: Wir müssen unsern werten Sinnen auch
was zukommen lassen.

Aber das war es nicht allein.

Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte:
Paris.

Die vier Oberprimaner spürten das Komische,
das in ihrer Imitation lag, nur wenig (bisweilen
nämlich doch, anflugweise), aber sie empfanden es
als etwas verteufelt Keckes und Unverschämtes, den
Ausbund der französischen Künstlerschaft zu kopieren. Natürlich konnte die Kopie nicht sehr treu
sein, aber das war ein Reiz mehr, daß sie ihre
Muster in vielen Beziehungen wenden und drehen
mußten.

Sie trieben den verrücktesten Unfug.

Die tote Schildkröte wurde allmählich ihr Wahrzeichen, indem sie sich daran erinnerten, daß eine
Schildkrötenschale das Urmaterial zur griechischen
Lyra abgegeben hatte.

Da sie, was Tric-trac sei, nicht ausfindig
machen konnten, und es ihnen höchst notwendig
erschien, auch ihrerseits etwas zu spielen, das nicht
an den üblichen Skat der deutschen Primaner erinnerte, so legten sie sich ein japanisches Bretspiel
bei, das „die Gabe hatte, Jeden, der im Verdauen
war, unfehlbar und höchst angenehm zu idiotisieren“
wie Stilpe behauptete.

Mit Eifer frequentierte man die sonntägigen
Tanzvergnügungen auf den benachbarten Dörfern,
die „Kuhschwöfe“, doch stellte es sich bald heraus
daß sich dort nichts fände, was auch nur mit
„Phémie Teinturière“ verglichen werden konnte,
geschweige denn mit Mimi oder der völlig götzendienerisch verehrten Müsette.

Dafür verliebte sich Stössel in die Tochter eines
Gerbers, Wippert in die eines Viktualienhändlers
und Barmann, der immer was ganz Ausgefallenes haben mußte, in das boshafteste und
häßlichste Mädchen der Stadt, die Tochter eines
Arztes.

Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel, denn, so sagte er, selbst ein blindes
Huhn sieht, daß sie irreparabel platonischer Natur sind.

Dafür ging er selber ein vollkommen und
zielbewußt unplatonisches Verhältnis mit dem
Dienstmädchen seiner Wirtsleute ein, einem
stämmig liebenswürdigen Wesen, das sich für
ihn hätte vierteilen lassen, so verliebt war es
in ihn.

Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses
Verhältnis, und es gehörte zu den stürmischsten
Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte, wenn er
diese freien Rhythmen losließ, die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten,
was den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war. Im Übrigen wurden die Cénaclezusammenkünfte mit Theetrinken (doch war viel
Rum dabei) und den ungeheuerlichsten Gesprächen
ausgefüllt.

Es durfte von Allem gesprochen werden, nur
nicht von der Schule. Hauptsächlich sprach man
von zukünftigen dichterischen Plänen. Stössel, der
zugleich Musiker war, wollte Opern dichten und
komponieren: Wißt ihr, Opern moderner Art,
voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit, ungeheuer umfassend, allegorisch, aber lebendig!

Mehr war darüber nicht zu erfahren, und wenn
er am Klavier saß, kams immer auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus.

Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne.
„Juvenalia“ sollte sein erstes Werk heißen mit dem
Untertitel: Ein Hechelepos in sieben Zinken. Jede
Zinke sollte „einen Hauptstand der gegenwärtigen
Ordnung zerstrählen“. Die erste Zinke, in gereimten Hexametern, behandelte die Sippe der
Gymnasiallehrer und begann so:

Strähle mir, Zinke, den Mann, der schwitzend
auf dem Katheder
Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes
Leder!

Barmann hatte noch viel vom alten und neuen
Sturm und Drang. Obwohl er am wenigsten von
der wirklichen Welt wußte (wie denn Alle, mit Ausnahme Stilpes, ziemlich unwissend in diesem Punkte
waren), haßte er diese Welt doch mit einem sehr
grimmigen Hasse und wollte ihr „in machtvoll
wahren, meinethalben krassen Dramen einen Spiegel
vorhalten, daß sie sich vor Selbstekel übergeben
sollte.“

Stilpe aber hatte so viel Pläne, daß niemand
recht wußte, was er eigentlich vorhatte.

Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den
Zahn: Ob er vielleicht immer blos seine jeweiligen
Betthasen besingen wolle?

Er aber antwortete gelassen: Wohl möglich!
Jedenfalls wird immer mein Prinzip sein: Erst
leben und dann dichten! Ich heiße doch nicht Müller
von der Werra, sapristi! Ich bin doch nicht blos zum
Skandieren da! Das Dichten ist blos Wiederkäuen
des Genusses. Aber um wiederkäuen zu können,
muß man vorgekäut haben. Verlaßt euch drauf:
Ich werde enorm vorkäuen!

Die andern fühlten instinktiv, daß er der
Einzige unter ihnen war, der sein Programm sicher
durchführen würde, und sie hatten deshalb viel
Respekt vor ihm, obwohl sie auch nicht ohne Neid
waren.

So rollte das Jahr bis an die Schwelle der
Abiturientenprüfung.

Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so
ziemlich sicher, daß sie das Examen bestehen
würden. Was aber ihn anging, so hatte Barmann
recht gehabt, als er sagte, daß auch er jetzt so
gut wie durchgekommen sei, da der Königliche
Kommissarius ein so auffälliges Interesse für
ihn an den Tag legte.

Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus
den deutschen Aufsätzen dieses „zwar begabten, aber
sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen
Schülers“, wie er ihm bezeichnet worden war,
gesehen, daß Stilpe in der That ein merkwürdig
frühreifer Kopf und überhaupt ein ungewöhnlich
angelegter Jüngling sei. Die Probestunde mit
den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher
gezeigt. Er hatte die Primaner aufgefordert, ihm
zu sagen, welche Männergestalten ihnen aus dem
Altertum am nächsten stünden. Die Antworten
lauteten durchgängig so, daß er sich über die
völlige Gleichgültigkeit, die die jungen Herren
gegenüber den antiken Männern empfanden, sehr
klar wurde.

Wie oft war Odysseus genannt worden, sogar
Cicero dreimal! Nur dieser Stilpe hatte die
Kurasche gehabt, die beiden Gracchen zu nennen
und „mit schöner Offenheit“, wie der Commissarius
meinte, zu erklären, sie seien ihm deshalb besonders
lieb, weil sie ihn „fast modern anmuteten in ihren
sozialpolitischen Forderungen“.

Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild
von der Entwickelung dieses ungewöhnlichen Jünglings, wie sie sich gestalten würde, wenn man ihn
rechtzeitig und früh auf die richtigen Bahnen
lenkte. Unzweifelhaft: Ein zukünftiger Publizist!
Jetzt natürlich noch unreif und verworren, eines
Tages wahrscheinlich sozialdemokratischer Idealist,
aber dann, immer eine geschickte Beeinflussung vorausgesetzt, wahrscheinlich einmal eine glänzende
und feste Stütze der staatserhaltenden Institutionen!

Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr
und ärgerte sich im Stillen rechtschaffen über die
Plumpheit, mit der sich die Lehrerschaften der
verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen
ließen, Talente für den Staat zu erziehen, die den
staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum Opfer fielen, weil sie sich schon auf der
Schulbank zu Revolutionären gestempelt sahen.
Sein Bestreben war, wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen, was noch gut zu machen
war. Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenüber.

Er behielt ihn, als die anderen Schüler fortgingen, zurück und machte den Weg in sein Hotel
mit ihm zusammen. Dabei verhehlte er ihm nicht,
daß seine Aussichten, das Examen zu bestehen,
nicht eben glänzend wären, aber er ließ auch deutlich durchblicken, daß mancherlei zu seinen Gunsten
in die Wagschale fiele.

— Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle
Kräfte zusammen! Gelingt der Ihnen so gut wie
die häuslichen Aufsätze, so haben Sie viel gewonnen. In der mündlichen Prüfung hoffe ich
mir eine gute Leistung im Übersetzen aus dem
Griechischen und Lateinischen ins Deutsche. Zeigen
Sie, daß Sie den Geist der Alten schnell erfassen
können! Daß Sie so manches, zumal Mathematik und alles Grammatikalische, so vernachlässigt
haben, ist schlimm, sehr schlimm, aber, wenn Sie
zeigen, daß Sie dafür anderen Dingen um so mehr
Liebe entgegenbringen, dann wird sich das gelinder
ansehen lassen. Und nun noch dies: Was
Sie auf der Schule in Hinsicht der sittlichen
Führung gefehlt haben, machen Sie das auf
der Universität gut! Wenn Sie, wie ich hoffe,
auf unsrer Landesuniversität studieren werden,
so wird es mir eine liebe Aufgabe sein, Sie
in den Augen zu behalten. Vergessen Sie
das nicht!

Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in
gut zu Tage geförderten Sätzen, die eine heiße
Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten
schön erkennen ließen.

Der Kommissarius: So sei es! Ich hoffe, wir
werden uns auch in veränderten Verhältnissen noch
sehen und sprechen. Meine Anteilnahme für Sie
gründet sich auf eine gute Meinung und wird so
lange andauern wie diese. Denken Sie immer
daran! Es handelt sich um mehr als die Reifeprüfung.

Stilpe (sehr leise und mit einer fast zärtlichen
Tonfärbung): Ich werde immer an diese gütigen
Worte denken und bestrebt sein, mich ihrer würdig
zu erweisen.

Händedruck und ein tiefer Abwärtsschwung der
Schlappmütze.

Als der Geheimrat verschwunden war, setzte
Stilpe seine Mütze nicht wie sonst auf den Hinterkopf, sondern tief in die Stirne. Er kam sich unendlich brav vor und stieß seine Vergangenheit
energisch von sich.

Kein Zweifel: Er würde das Examen bestehen! Und mehr noch: Seine Zukunft war gemacht.

Dieser Geheimrat hatte erkannt, was in ihm
steckte, und es wäre ein Frevel, sein Vertrauen zu
täuschen. Wer weiß, was er mit ihm vor hatte!
Offenbar ganz hohe Posten!

So etwa als litterarischer Regierungssekretär
oder . . . aber gleichviel: Irgend etwas sehr Angesehenes. Natürlich: Erst studieren, und zwar
neben Kunstgeschichte und Litteratur auch Jurisprudenz!

Seine alten Pläne waren durchaus versunken. Hier winkte Außerordentliches! War
nicht auch Goethe Geheimrat und Minister gewesen?

Das wars, was winkte! Die Verbindung von
Staatsmann und Poet.

Sollte er etwa wie Lenz untergehn? Nein:
Seine Sturm- und Drangperiode war vorüber.
Endgiltig.

Hinter ihm Nebel des Wüstseins, vor ihm die
breite, sonnenhelle Marmortreppe zu Einfluß und
Ruhm und Reichtum.

Oh diese Eselhaftigkeit, zu vergessen, daß ohne
Reichtum Genuß undenkbar ist.

Was wär ich geworden? Ein genialer Lump!
Eine hungrige Berühmtheit, nein, pfui Teufel,
ein Litterat!

Was hätt ich gehabt? Nichts zu essen und
mediokre Weiber, Nähmädchen, höchstens Choristinnen.

Nun aber! Stellung und Ansehen! Mitten
in den höchsten Kreisen!

Ach, diese aristokratischen Damen! Alles an
ihnen Schönheit und Eleganz, rauschende Seide,
feinster Geist!

Er sah einen ganzen Hofball vor sich von
nackten Schultern und Brüsten, Diademe in duftenden Haaren, heiße Blicke hinter Straußfederfächern. Und er fing gleich zu dialogisieren an:

— Ah, Exzellenz, Ihr letztes Drama, wie
herrlich!

— Hat es Ew. Hoheit Beifall?

— Ach, ich bin hingerissen!

Und die Herzogin sah ihn glühend an, diese
Herzogin, die geistreichste Frau des Hofes, und so
jung und schön! Ah!

Ein ganzer Roman entzündete sich in ihm.
Zuletzt lag er der Herzogin zu Füßen und küßte
ihr die Kniee, und sie neigte sich über ihn, und er
küßte sie auf die . . .

— Höh! Schaunard! Musterknabe! Favorit!
Prima-Nota-Jüngling!

Die drei Schlappdeckel! Ekelhaft!
Er machte ein ärgerliches Gesicht:

— Was wollt ihr!!!

— Na! Na! Na! Stolz und grob wie ein
Günstling!

— Ich verbitte mir diese Albernheiten.

— Köstlich! Er verbittet sich!

— Er ver—bit—tet sich!

— Unglaublich! Weil ihm der Geheimrat die
Hand gedrückt hat, ist er übergeschnappt.

— Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebralkonstitution.

— Affen!

— Hahahaa!

— Er sieht förmlich frisiert aus.

— Guckt nur, wie er die Mütze aufhat!

— Er hat ja einen Heiligenschein!

— Sogar zweie, einen um den Kopf und einen
um den Hintern.

— Aber ein bischen verblödet sieht er aus.

— Man könnte fast stupid sagen.

Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung, und
zwar so: Er fuhr über die dünn stehenden schwarzen
Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die
Hand.

— Der reine Gesandtschaftsattaché!

— Ich glaube, der Geheimrat hat ihm einen
Schwur abgenommen, Jurist zu werden.

— Habe wenigstens die Gnade, uns zu sagen,
ob Du noch mit uns verkehren willst.

Das sagte Stössel. Aber Barmann fuhr hinterdrein :

— Was! Er! Ob er will! Ob wir wollen!
Das ist die Frage! Ein Mensch, der offenbar zu
Kreuze gekrochen ist! Ein Renegat!

Wippert: Ein Feigling!

Barmann: Pater peccavi hat er gemacht!

Stöffel: Höre mal, mein Lieber, Du hast wohl
die beiden Gracchen zurückgenommen?

Barmann: Ja, und Cicero als Lieblingsrömer proklamiert, wie dieses Stint, der brave
Müller-Emil!

Das war Stilpen zuviel. Dieser Vergleich
wühlte seine ganze Natur auf, und er sprach:

— So! Also bis zu dieser Niederträchtigkeit
depraviert euch ein jämmerlicher Neid! Wißt ihr,
was ich gethan habe? Ich habe diesem Biedermann gesagt: Nicht die beiden Gracchen verehre
ich am höchsten, denn das sind die Nationalliberalen des alten Rom, und sie kommen mir vor,
wie zwei rot angemalte Zuckerstengel . . .

— Das hast Du nicht gesagt!

— Beim Momus, das hab ich gesagt! Und
noch was hab ich gesagt: Mir imponiert überhaupt
gar keiner in der ganzen alten Toga-Gesellschaft mit
Ausnahme von . . .

— Von . . .!?. . Na . . .?. . .

— Von Catilina!

— Donnerwetter! Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen?

— Ach Der! So ein Amphibium! Habt ihr
nicht bemerkt, daß er aussieht, als wenn er einem
Aquarium entsprungen wäre? Wenn man ihn
grün anstriche, könnte man ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden.

So sprach Schaunard.

Sechstes Kapitel.

Stilpe kam, während er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete, noch manchmal auf seine
Hofdichterphantasieen, wie er es nun nannte, zurück.
Die Vorstellung, einmal eine Rolle in der großen
Welt zu spielen und dabei Verhältnisse mit Herzoginnen anzuknüpfen, that ihm zu wohl, als daß
er endgiltig auf sie verzichten sollte. Aber im
Ganzen erwies sich Henri Mürger doch stärker, als
Geheimrat Ammer.

Wenn sich beides vereinigen ließe! war sein
Lieblingsgedanke. Und er verfabulierte sich auch
diesen Gedanken.

Warum sollte es nicht möglich sein? Es kam
lediglich auf den Potentaten an, mit dem er es
zu thun haben würde.

War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler
Bruder gewesen? Hatte er nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt? Daß er schließlich so gräßlich
ernsthaft geworden ist, wer war daran schuld,
wenn nicht Goethe selber, der eben in sich den
Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem
Vater?

Goethe und Lenz in einer Person zu sein
das war das Problem, das war das Ideal! Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz, als an
Goethe.

Auch Günther, dem „sein Leben wie sein Dichten
zerrann“, fiel ihm zuweilen ein, doch kannte er
von diesem nichts. Aber er verehrte ihn sehr und
nannte ihn oft, nur eben, weil Goethe so von ihm
gesprochen hatte.

— Ein fabelhafter Kerl, dieser Günther!
dachte er bei sich, und er las oft, was Goethe
über ihn geschrieben hat. Man sollte ihn eigentlich lesen. Na, später!

Überhaupt, er schob jetzt noch mehr auf, als
es ohnehin seine Art war.

Das Examen bedrückte ihn doch, obwohl er
nicht mehr daran zweifelte, daß er durchkommen
würde. Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie alles Unvermeidliche.

Sein Haupttrost war Bertha, das Dienstmädchen.

In Deinen blauen Augen, Schatz,
Sind keine Wolken,
Also sage ich: Es giebt
Keine Wolken.

Stössel machte eine Parodie auf diese freien
Rhythmen:

Unter Deinen tümpelbraunen Augen, Schaunard,
Sind schwarz-grüne Wolken,
Also sage ich: Du bist
Eine schwarz-grüne Wolke.

Und das war richtig: Stilpe sah sehr schlecht
aus, so schlecht, daß man wirklich glauben konnte,
er überarbeite sich wegen des Examens.

Er fand das riesig interessant und gewöhnte
sich überdies an, die Lippen nach unten zu ziehen,
um das Ansehen beständiger Weltverachtung zu
haben. Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cénacles, aber eben das war wieder
paradox, und das Paradoxe hielt Stilpe damals
für die Hauptsache.

Das Examen kam heran. Alle Vorbereitungen
waren getroffen. Die Übersetzung ins Griechische
abonnierte er bei Wippert, die ins Lateinische bei
Barmann, die Mathematikaufgabe bei Stössel. Es
war sehr gut, daß für jedes Manco seiner Schultüchtigkeit im Cénacle Rat geschafft werden
konnte.

— Wir sind die reinen Freimaurer, sagte Stilpe,
wir lassen keinen ⁂ Bruder bankerott gehen. Es
lebe Müsette! Es lebe der Kommunismus der
überflüssigen Kenntnisse! Schade, daß ich euch gar
nichts dagegenbieten kann. Höchstens, daß Barmann von meinem französischen Stile zehren
könnte.

Aber Barmann verzichtete und meinte, er könne
seine grammatikalischen Fehler alleine machen.

Und es ging Alles gut vorüber, obwohl Stilpe
die Mathematikaufgabe sogar falsch abschrieb. Dafür errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz, der das tiefe Thema behandelte: Wie befreite
sich Goethe von den Fehlern der Sturm- und
Drangperiode?

Hei, wie da Stilpe ins Zeug ging! Er war
ganz Hofpoet, ganz Harmonie, ganz „Weltauge“. Ohne es sich merken zu lassen, natürlich,
identifizierte er sich während der fünf Stunden, da
er seine Perioden baute, völlig mit Goethe und
endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl
August, der gleichfalls „aus Sturm und Drang
emporgedieh zur fürstlichen Ruhe schönheitbeschirmender Macht“.

So gut hatte er den königlichen Kommissarius
verstanden.

Auch im mündlichen Examen ging Alles vortrefflich, und das Ende war, daß Stilpe mit
Note 2 b das Zeugnis der Reife zum Universitätsstudium erhielt.

Eine große Cénaclefeier schloß sich der Verkündigung der Examenergebnisse an.

Man trank lediglich deutschen Schaumwein,
und Stilpe verwahrte sich gegen alle literarischen
Gespräche. Dafür wurde lebhaft darüber debattiert,
ob ein Cénaclier in ein Corps oder in eine Burschenschaft einspringen müsse. Man kam aber zu keinem
Entschluß, sondern setzte fest, daß darüber endgiltig
in einer letzten Cénaclesitzung zu befinden sei, die
man im Freien, draußen an den Ufern der Mulde,
abhalten wollte.

Im Übrigen waren alle Vier vollkommen betrunken, als dieser Beschluß gefaßt wurde, Stilpe
aber immerhin noch mehr als die anderen. Er
wollte durchaus ein Corps „Bertha“ gründen und
rief beharrlich mit lallender Stimme: Bertha seis
Panier!

Der Abiturientenball war vorüber, der Abiturientenkommers war vorüber. Nun kam am
letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Gymnasialstadt die Schlußsitzung des Cénacles.

Bedeckt mit großen schwarzen weichen Filzhüten (aber Stilpes Hut war der breiteste) wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen
Dorfe. Jeder trug einen dicken Spazierstock, jeder
trug ein rotes Klemmerband. Jeder lächelte
souverän, wenn Bürgerin und Bürgersmann mauloffen stehen blieb. Aber Stilpe lächelte am souveränsten, denn er trug in der linken Hand die
Schildkröte.

Als sie dem Polizisten begegneten, der sie
einmal abends beinahe arretiert hätte, lüftete
Stilpe mit großem Schwunge seinen Hut und
fragte ihn:

— Sagen Sie, Bürger Nationalgardist, ist das
der Weg ins Bois de Boulogne?

— Quatsch! antwortete der Polizeidiener, worauf
Stilpe den Kopf schüttelte und bemerkte:

— Dieser Funktionär spricht ein ungewöhnliches Französisch. Er scheint das hiesige Gymnasium frequentiert zu haben.

— Der Frühling scheint mir noch nicht ganz
fertig zu sein, sagte Stössel, als sie außerhalb der
Stadt waren.

— Es ist der richtige Mulus-Frühling, erwiderte Wippert.

— Der Religionslehrer an der höheren Bildungsanstalt dieser Stadt würde sagen: Mit ein
wenig mehr Eifer hätte der Schüler sein Ziel
vollkommener erreichen können! fügte Wippert
hinzu.

Stilpe aber sang, indem er Fechthiebe phantastischer Natur in die Luft schlug:

Der Frühling ist ein Mädchen,
Das Bertha Linke heißt,
Oh weh, daß aus dem Städtchen
Schaunard, der Knabe, reist,
Ein Knabe sonder Makel,
Der Knabe Schaunard,
Der treu dem Cénacle
Und Fräulein Bertha war.
Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden thut nicht weh.

Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stöcke
und sangen mit Überzeugung:

Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden thut nicht weh.

Stilpe aber sang weiter (es hatte den Anschein
einer sorgsamen Vorbereitung):

Der Tacitus
Ist kein Genuß,
Wenn man ihn präparieren muß,
Dagegen lieb ich sehr
Den Vater Homer,
Denn ich lese, denn ich lese,
Denn ich les ihn nimmermehr!

Stürmischer Kehrgesang der drei, sechsmal
wiederholt.

Und wieder Stilpe:

Und die Mathematik
Hatt ich lange schon dick,
Fast wärs ihr gelungen, und sie brach mirs
Genick.

Da sangen die Drei nicht mit, denn in diesem
Punkte fühlten sie sich Stilpen überlegen.

Aber das hielt ihn keineswegs ab, weiter zu
singen:

Wer weiß mir zu raten,
Wo finde ich, wo,
In Schobern und Schwaden
Das trockenste Stroh?
Liebwerte Kameraden,
Ach, sagt es mir: Wo?

Als wenn er auf Antwort wartete, schwieg
er einen Augenblick, dann gellte er in höchster
Fistel:

Im Ci—cero!

Und alle Kehlen stimmten krähend bei:

Im Ci—cero!
Im Ci—cero!

Stilpe aber, in der Melodie des Postillons
von Lonjumeau:

Hoho! Hoho!
Das steifste Stroh
Verzapft Herr Konsul Cicero!

Unter diesen und ähnlichen anmutigen Gesängen erreichten sie das Dorf an der Mulde,
das das Cénacle für würdig gefunden hatte,
zum Schauplatz seiner letzten Sitzung zu ernennen.

Nun, es ging hoch her, und vorzüglich in
Versen. Eigentlich hatte man vorgehabt, hier, mit
freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild, sämtliche Schulbücher zu verbrennen, aber
Stilpe hatte sich rechtzeitig des Deklamators in
Leipzig erinnert, wo man diese nichtswürdigen
Schwarten gewinnbringender anlegen könnte, und
so unterblieb dieser Teil des ursprünglichen Programmes. Dafür wurde die Schildkröte des
Cénacles, „in ihrer Eigenschaft als Symbol einer in
Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer
nachgerade störend wirkenden Ähnlichkeit mit jenem
pp. Pädagogen willen“, in die Mulde geworfen,
wozu man sang:

Lebewohl! Lebewohl,
Niederträchtiges Symbol!
Schwimm vorbei! Schwimm vorbei,
Schauderhaftes Conterfei!

Dann aber hub Stilpe seine große Schlußrede
an, die mit den beifallumtosten Worten endete:
Le cénacle est mort! Vive le cénacle!

Und man schwur sich, in Leipzig „keinesfalls
den atavistischen Farbenblödsinn jener kläglichen
Jünglinge mitzumachen, die einer bunten Mütze
bedürfen, um sich als Studenten und freie Bürger
einer Universität zu fühlen, sondern sofort ein
neues, das eigentliche Cénacle zu gründen als die
erste künstlerische Studentenverbindung mit neuen
Bräuchen und neuen Zielen!“

Eine unendliche Debatte knüpfte sich an diesen
Schwur. Stilpe entwickelte das größte Programm:

1) Jeder muß ein Mädchen haben (aber richtig haben, nicht etwa blos in dieser knabenhaft
blümeranten Manier!).

2) Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Verbindungen muß vermieden werden. Keine Mützen!
Sondern graue Cylinderhüte!

3) Man geht nur auf Säbel los! Die Schläger
sind pur enfantillage. (Das Wort war ihm aus
der Vorrede zur deutschen Übersetzung der Vie de
Bohème geläufig.)

4) Man muß eine Zeitschrift gründen.

5) Man muß sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen, d. h. einen ehrgeizigen Esel, der für
„bessere Bowlen“ sorgt.

Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen, eine sehr genaue Beratung und Ausarbeitung jedoch vorbehalten.

Als man sich dann zum Heimgehen anschicken
mußte, weil das Dorf eine „geradezu mittelalterliche“
Polizeistunde hatte, war Stilpe so betrunken, daß
die Drei ihn schleppen mußten. Unaufhörlich stellte
er den Antrag, für Cénacle künftig Berthacle zu
sagen und ihn zum Geheimrat Ammer zu bringen,
wo er sich durchaus vorstellen müsse.

Die Anderen aber sangen unablässig, fast
pausenlos:

Auf in den Kampf Tore—e—e—ero!

Drittes Buch
VIR IVVENIS
DOMINVS
STILPE

In Gottes Apotheke gährt
Ein Stoff, der ist mir herzlich wert,
Ihm hab ich mich ergeben.
Wär er nicht da, die Welt wär hohl;
Oh Du viel lieber Alkohol,
Von Dir lernt ich das Schweben.
Jawohl!
Jawohl!
Das Schweben zwischen den Polen,
Das lehrte mich der Alkohol;
Will mir einmal der Teufel wohl,
Soll er mich alkoholen.

Aus Stilpes zerstreuten Versen.

Erstes Kapitel.

Wenn ein neues Semester begonnen hat, pflegen
die farbentragenden Studentenkorporationen in
Leipzig mit besonderem Eifer das zu kultivieren,
was sie den Grimmschen Bummel nennen. Es
ist das eine Art stolz geschrittenen Corsos auf der
Grimmaischen Straße, wobei sich die zu einem
größeren Gesammtverbande gehörigen Verbindungen
sehr feierlich nach der gerade im Schwange befindlichen Mode begrüßen.

Denn die Art, die Mütze abzunehmen, ist unter
Couleurstudenten gewissen cyklischen Schwankungen
unterworfen.

Auch hier ist das Walten harmonischer Gesetze
erkennbar. Alte Semester haben darüber kulturhistorisch bedeutsame Aufzeichnungen gemacht, aber
das Verdienst, das Gesetz des Cyklus erkannt zu
haben, gebührt der kleinen Anna, einem Mädchen
von sehr ausgedehnten Bekanntschaften in corpsstudentischen Kreisen.

Wie die Muse der Geschichte hat sie die Semester an sich vorüber streifen (ja, streifen) sehen
und dabei dies beobachtet:

Als Beginn eines Cyklus ist allemal die primitive Zeit zu betrachten, wo man die Mütze ganz
einfach vorn beim Schild ergreift und sie in leichtem
Bogen ziemlich senkrecht nach unten schwingt. Dann
folgt:

Die Periode des rechten Randgriffs, die in
zwei Unterabteilungen zerfällt:

a) man ergreift die Mütze am rechten Rande
und führt sie mit gebogenem Arm langsam nach
vorn,

b) man ergreift sie wie unter a, führt sie aber
nicht nach vorn, sondern stößt sie rechtsseitig
steif nach oben.

Sodann folgt die Periode des hinteren
Randgriffs, bei der die Mütze also am hinteren
Rande ergriffen wird.

Sie hat drei Unterabteilungen:

a) weiter Bogen nach vorn,

b) steifer Stoß nach oben,

c) ganz kurze Lüpfung, wobei das Schild
und der vordere Rand fest aufliegen bleiben. Diese
Phase, als gewöhnlich letzte des Cyklus, hat etwas
marode Decadentes.

Zuweilen fügt sich als vierte Periode noch der
vordere Randgriff an, der sich als Pendant
zu 3c kennzeichnet. Gewöhnlich indessen beginnt
der Cyklus nach der kurzen Lüpfung aufs Neue.

Natürlich sind in diesem kurzen Abriß alle
Nuancen, deren es sehr feine giebt, beiseite gelassen
worden.

Man befand sich wieder einmal in der Periode
3 b, als das weiland Cénacle die Leipziger Universität bezog, und es gab keinen Fuchs,
der die Mütze so energisch nach oben stieß, wie der
stud. Phil. et jur. Willibald Stilpe oder, wie er
auf der Matrikel feierlich und lateinisch hieß: vir
iuvenis dominus Stilpe leissnigensis.

Die Mütze, die er in dieser Weise handhabte,
sah gelb aus, genauer gesagt: Kanariengelb, und
zeigte außerdem einen weißen und einen schwarzen
Streifen.

Stilpe war, uneingedenk des Schwurs an der
Mulde, einer Verbindung beigetreten, einer Verbindung schlechthin, die nicht Corps, nicht Burschenschaft, nicht Landsmannschaft war.

Das Kanariengelb war schuld daran.

Stilpes koloristischer Blick hatte sofort bemerkt,
daß diese Farbe zu seinen glänzend schwarzen Haaren
eminent (das Wort liebte er jetzt) stehen müsse,
und es lag überhaupt etwas Schmetterndes, Verwegenes in ihr, etwas, das zu seiner augenblicklichen
Stimmung genau paßte.

— Bitte, was kostet diese Handelsstadt? Nur
keine Bange! Nur den Preis genannt! Ich zahle
ohne Feilschen.

Ein Triumphatoren-, ein Sankt Georgsgefühl! Hinter ihm, ein widerlich geschwollenes
Grau, lag der überwundene Drache Gymnasium,
vor ihm breiteten tausend junge schöne Mädchen
glänzende Teppiche aus, weit ins Land hinein, wo
rechts und links die angenehmsten Dinge als rotgoldene Ähren auf gelbgoldenen Halmen schaukelten.

Blos mitnehmen! Blos einscheuern! Sklaven
wimmeln ringsum und schielen aus tiefer Verbeugung nach Seiner Herrlichkeit gelassenen Winken . . .

Und diese vielen Restaurants! Und keins verboten! Kühn darf man mitten in Damenbedienung
sitzen und das Taschentuch behaglicher Paschahwünsche werfen.

In dieser Stimmung hatte er sich ohne viel
Besinnen die kanariengelbe Mütze aufgesetzt. Und
nun saß sie fest und sah gut aus.

Nachdem er sich für sie einmal entschieden
hatte, erbaute er sich aber auch ein System von
Gründen dafür, daß er just in eine simple Verbindung, nicht in ein Corps, nicht in eine Burschenschaft, nicht in eine Landsmannschaft eingetreten
war:

Das Corps: Rückständige Institution aus unfreien Zeiten, daher Fuchsensklaverei, Burschentyrannis, starrer Formelnkram; die Burschenschaft:
Entweder rückständige Romantik, Tugendbund und
Keuschheit bis zum Ehebette oder Form ohne Inhalt; die Landsmannschaft: Traditionslose Neugründung, bemäntelt mit einem alten Namen, ohne
Wurzeln im Alten, ohne Greifranken ins Neue:
Zwitter. Die bloße Verbindung dagegen, nun ja:
Das war eben eine Sache für sich, etwas mehr
Improvisiertes, das daher auch nicht so umklammerte und absorbierte. Zweifellos bot sich
hier auch die leichtere Möglichkeit, eine beeinflussende
Stellung zu erhalten. Und das ist doch wohl das
Wichtigste!

So verteidigte sich Stilpe vor sich selber.
Erst hinterher kam ihm der Gedanke: Aber warum
denn überhaupt eine farbige Mütze? Das war
ja doch wohl eigentlich eine Kinderei, — wie?
Ein Atavismus? Ein testimonium paupertatis
animi? Hatte er nicht das Wort geschliffen: Ein
freier Kopf braucht keine bunte Mütze?

Gewiß, gewiß! Aber: Si duo faciunt idem,
non est idem! (Seitdem er nicht mehr Latein
treiben mußte, zitierte er viel Lateinisches.) Für
jene anderen ist die Mütze eine gewisse Notwendigkeit und ein Ziel; für ihn aber nichts als
ein in souveräner Laune frei gewähltes Mittel.

Mittel, — wozu?

Erstens zur Erzielung gewisser landsknechthafter
Empfindungen! Denn es steckt Historie in dieser
Institution des wehrhaften deutschen Rauf- und
Sauf-Studenten und ein rechter Kerl zeigt seine
Rasse; und zweitens zur Kenntnis eben dieses
Milieus für seine zukünftige künstlerische Verwertung, denn: Wie sollte er einmal den deutschen
Studenten darstellen, wenn er nicht auch diese
Spezies studiert hatte?

So rechtfertigte er, der nicht gerne etwas bereute, aber noch weniger gerne etwas unterließ, was
ihm lustig dünkte, vor sich selber den improvisierten
Schritt, und er legte sich damit auch gleich die
Sätze zurecht, mit denen er den Cénacliers entgegentreten wollte, wenn sie ihm mit den Einwendungen kommen würden, die ja eigentlich aus
der Rüstkammer seines Intellekts stammten. Er
hatte sogar vor, sie für seine Verbindung zu keilen.

Indeß: Er kam zu spät.

Eines Tages, als er mit seiner Mütze und
seinen Verbindungsbrüdern leuchtend den Grimmschen Bummel absolvierte, gewahrte er, obwohl er
regelrecht und stolz geradeaus ging und scheinbar
kein Auge für andre Couleuren hatte, unter den fünf
Mitgliedern eines rotmützigen Corps — Stössel.

Es gab ihm einen Ruck, und schon wollte die
Hand zum hinteren Rande der gelben Mütze
zucken, da kam ihm noch rechtzeitig die Kluft zum
Bewußtsein, die zwischen diesem schmetternden Gelb
und jenem trüben Rot lag.

Und er lächelte nur ein wenig und dachte
bei sich:

— Schau, schau, — Corpsier! Dieser Knabe
Marcel war immer ein bischen eitel. Nun, mögen
sie ihn bisaken, die Herren C. B. C.B. Übrigens
sah er schon verbisakt genug aus. Natürlich wird
er mich verachten . . . Wie? Er? Mich? Er
möge sichs gefälligst unterstehen! Dieses Knickebein!
Sah er nicht aus wie ein frisiertes Meerschweinchen?
Welch ein üppiger Knabe!

Im Grunde war es ihm höchst ärgerlich, daß
Stössel Corpsstudent geworden war, und er bemerkte plötzlich, daß seine Verbindungsbrüder an
äußerer Eleganz einiges zu wünschen übrig ließen.
Er nahm sich vor, da Wandel zu schaffen.

Kaum, daß er seinen Ärger ein bischen verwunden hatte, sah er Barmann als hellrotmützigen
Burschenschafter vorüberziehen.

Diesmal dachte er schon nicht mehr ans Grüßen
und verfolgte mit innerlichstem Wohlgefühl die
Hand des wackeren Colline, die schon an der
Mütze saß, um dann freilich schüchtern herabzusinken.

Und Stilpe dachte dies:

— Was man nicht Alles erlebt! Dieser Colline,
der einen Vortrag im Cénacle hielt über „die Epoche
der patriotischen Phrase“, als Fahnenschwinger für
Ehre! Freiheit! Vaterland! . . .! Gut! Gut!
Allerliebst und sehr niedlich! Die Haare haben
sie ihm aber schon nach hinten gekämmt. Und wie
er errötötöte! Jetzt sieht er sich sicher nach mir
um. Nein, mein Lamm, ich nicht! Ich habe schon
genug gesehn.

Über diesen Fall ärgerte er sich übrigens
weniger. Burschenschaft — bah! Aber gespannt
war er nun, „in welcher Couleur der tüchtige Rodolphe eidbrüchig geworden sein möchte“. Er
taxierte ihn voll Zorn auf Akademischen Turnverein:

Wir recken den Arm, wir strecken das Bein,
Wir sind der akademische Turnverein.

Aber nein: Wippert war Landsmannschafter
geworden und trug eine dunkelblaue Mütze stolz
an Stilpes gelber vorüber.

— So wären wir denn also glücklich nach allen
Windrichtungen auseinandergefahren. Das ist eigentlich eine Direktionslosigkeit. Warum haben es diese
Knaben denn nicht für nötig gehalten, mich aufzusuchen, ehe sie so weitgehende Entschlüsse faßten?
Kein Zweifel: Sie wollten sich meinem Einflusse
entziehen! Sie wußten, daß ihr Wille verloren war, sobald sie sich in die Zerreibungszone
meiner Beredtsamkeit begaben, und feig flohen sie
davon. Crapüle! Dabei trug dieser Rodolphe eine
Art von nasensteifem Selbstbewußtsein zur Schau,
die mir nicht gefallen hat. Nun, im Walde pfeifen
die Handwerksburschen, wenn ihnen die Hosen
schlottern . . . Eine erstaunliche Sippschaft. Wie
bring ich sie zur Raison?

Es war ihm doch fatal, daß die Drei sich so
ohne weiteres von ihm emanzipiert hatten. Hätte
er nur nicht selber schon die gelbe Mütze aufgehabt!
Das komplizierte seine Stellung den Abtrünnlingen
gegenüber stark. Es war, als wenn er mit vernagelten Kanonen schießen sollte.

Aber es dauerte nicht lange, und er hatte seine
volle Sicherheit wiedergewonnen. Er schrieb in drei
gleichlautenden Stücken folgenden Brief und sandte
ihn an die Drei.

Landerirette!

Farben sind stärker als Eide, und was die
Mulde gehört hat, braucht die Pleiße nicht zu
wissen. Sela.

Indessen: Soll gelb oder blau oder dunkeloder hellrot auch stärker sein, als Herz und
Intelligenz? Soll die Pleiße völlig entbehren müssen, was die Mulde füllereich genoß?

Nein! Unsre Mützen sind gelb, blau,
dunkel- oder hellrot, aber unsre Herzen schlagen
noch im Takte des momischen Alexandriners:

O l'Amour! ô l'Amour! prince de la
jeunesse!

Oder? Schmach dem Fragezeichen!

Wir haben nicht aufgehört, Menschen zu sein,
indem wir unsre respektiven Mützen aufsetzten,
und so haben wir auch nicht aufgehört, Cénacliers
zu sein.

Und also darum sage ich euch, ich, der ich
Schaunard war, bin und sein werde: Wir
müssen die farbigen Schranken und Planken,
hinter die wir uns, jeder nach freier Wahl und
geistvoller Erwägung, begeben haben, wenigstens
aller zwei Wochen einmal mit dem Elan
unsrer Cénacleherzen überspringen und einander in die Arme eilen! Eine Jammerlende,
die diesen Sprung nicht wagt, eine Groschenseele, die sich vor dem Comment mehr fürchtet
als ehemals vor dem Konrektor, ein Castrat
des Herzens, wer nicht wenigstens aller zwei
Wochen einmal singen will:

Der Freiheit Tabernakel,
Ja -nakel!
Der Freude Heiligenschrein
Ist einzig das Cénacle
Und wird es ewig sein.
Landerirette!

Man trifft mich Sonntag Abend in meiner
Wohnung, die den Kopf dieses Briefes ziert.

Schaunard.

Zweites Kapitel.

Stilpe hatte sich nicht getäuscht: Die Gründung
des „Geheim-Cénaclecs“, so sehr sie gegen den Verbindungscomment der Einzelnen war, geschah, und
die vier Cénacliers, die sich, wenn sie ihre Mützen
aufhatten, nicht einmal grüßen durften, fanden sich
zweimal des Monats an Sonntagen zu Vergnügungen zusammen, die jedem viel lieber waren,
als die Pflichten ihrer Verbindung. Zwar, keiner
gestand das zu, denn jeder bemühte sich aufs
höchste, den Anschein zu erwecken, als fühle er sich
unter seiner bunten Mütze über die Maaßen wohl.
In Wahrheit fühlten sich Alle sehr elend darunter,
bis auf Stilpe, der auch in diesem Verhältnisse
mit Hingabe aufging.

Er war fast nie nüchtern und wurde von
seinen Verbindungsbrüdern sehr bald als eine phänomenale Kraft sowohl auf der Kneipe wie auf dem
Fechtboden erkannt. Seine Zügellosigkeit, die ihn
in einer Korporation von festerem Gefüge unmöglich gemacht hätte, war ihm hier, wo er sehr bald
anfing, die Rolle des Überlegenen zu spielen, nur
wenig hinderlich.

Schon im zweiten Semester hatte er „seine
Leute“ ungefähr auf seinen Ton gestimmt. Er
pflegte zu den Cénacliers zu sagen: Die Bären
tanzen schon ganz wacker die schwierigsten
Sachen; nächstens werde ich ihnen das Dichten
beibringen.

Aber er dachte selber nur wenig ans Dichten.
Nur „was er so für die Liebe und das Cénacle
brauchte“, sonst:

Wie kann ich singen, da ich saufen muß?
Die heikle Muse meidet meinen Kuß,
Pfui, sagt sie, pfui, Du stinkst nach Spiritus!

Das war Selbsterkenntnis, aber keineswegs
Selbstanklage. Im Gegenteil, er that sich innerlich
sehr viel darauf zu gute, daß er „in den Wolken
des Alkohols taumelte wie nur ein Erkorener der
neun Grundräusche taumeln kann“. Die neun
Grundräusche waren

1) das braune Bier,
2) die blonden Mädchen,
3) der rote Wein,
4) die braunen Mädchen,
5) der weiße Wein,
6) die schwarzen Mädchen,
7) die Schnäpse jeglicher Observanz,
8) die edle Kunst rasender Reime,
9) die große Ewigkeit gewaltigen Ruhmes.

Er pflegte zu sagen:

— Hütet euch vor Dichtern, die nicht saufen!
Sie bedeuten für die Litteratur dasselbe, was
die alten Jungfern für die Fortpflanzung des
Menschengeschlechtes bedeuten. Sie sind ein
Greuel und eine große Gefahr. Wehe, wenn
sie die Welt mit ihrem Laster strohtrockener
Verse anstecken. Dann ist das Ende nahe herbeigekommen. Selbst Schiller trank Likör, aber, wenn
er nicht trank, schrieb er diese bedenklichen Sachen,
an denen heute noch sämmtliche Gymnasiallehrer
leiden. Shakespeare dagegen soff wie ein Loch.
Wie? Ihr fragt nach den Belegen? Ja, wenn
ihrs nicht fühlt! Ich mache mich anheischig, bei
jedem seiner Stücke zu sagen, was er damals gerade getrunken hat. Im Hamlet steckt viel Porter.
Daher diese etwas schwermütige, aber immerhin
sublim betrunkene Grundstimmung. Voll Whisky-Brandy ist Othello, doch mit einem Schuß Sherry.
Ale, Ale und abermals Ale ist King Lear. Es ist
das hohe Lied des Ales. Immer, wenn ichs gelesen habe, muß ich zum alten Krause gehen, der
dieses blondeste aller Biere am besten schänkt.
Ein paar Sommersprossen Porter auf diesen
weißen Teint gespritzt, und man versteht die Lieder
des Narren und weint in großer Seligkeit. Auch
Knickebein hat Shakespeare getrunken, und zwar
viel. Seine Komödien sind der Beweis dafür.
Wie vermählt sich da überall das Ei dem seimigen
Liköre! Und da hat irgend so ein Fünfgroschenphantast behauptet, Andreas Hofer habe den Knickebein erfunden. Wie kümmerlich! Schon die alten
Juden kannten ihn. Das Prinzip der Parallelität
der Verse in den Psalmen ist geradezu ein Symbol
des Knickebeins . . . Die ganze Litteraturgeschichte,
wohl gemerkt, so weit es sich um Verse handelt,
ist nichts als eine große Tafel der Getränke. Ich
werde meine Doktordissertation über dieses Thema
schreiben.

In diesem Stile sprach er überhaupt oft, und
manche seiner Dikta gingen in den Schatz der geflügelten Worte der Studentenkneipen über. Auch
war er der fruchtbarste Vermehrer jener ungeschriebenen Litteratur, die sich um die Figur der
Wirtin an der Lahn gebildet hat. Er konnte sich
stundenlang damit abgeben, aus einer Zote einen
Reim oder aus einem Reim eine Zote zu locken.
Herauskitzeln nannte er das.

Zuweilen, aber keineswegs oft, kam ihm der
Gedanke, daß er eigentlich etwas Besseres thun
sollte. Dann gruppierte er seine Gedanken um die
Worte „schaal und unerquicklich“ und bewarf sich
„mit den faulen Eiern des moralischen Katzenjammers“. Aber es war auch nur eine Art Stilübung.

Einmal empfing er die Cénacliers in solcher
Stimmung und hielt zehn Minuten einen Monolog
in Jamben an

Dieses Lotterfleisch voll Alkohol
Und niederträchtiger Verse, die wie Schmeer
Von trichinösen Schweinen blau geädert sind
Und übel riechen wie die Pestilenz
Des ganz bedreckten Nests des Wiedehopfs.

Aber als er zu Ende war, ganz aufgeregt und
wie es schien direkt vor einem stürzenden Thränenausbruch, so daß niemand im stande war, zu
entscheiden, ob hinter diesen burlesken Selbstanklagen
nicht doch eine Spur von Ernst steckte, da rief er:
Aber das kommt von der Abstinenz! Seit 75 Minuten habe ich keinen Alkohol gesehen. Auf! Laßt
uns in ein Gebärhaus tröstlicher Gedanken wallen,
und wenn es eine Gosenstube wäre. Kennt ihr
mein Ritornell?:

Molkige Gose!
Bezeugte nicht Dein Rausch sehr hohen Rang,
Nännt ich dich Sauce.

Mit einziger Ausnahme des Brechweines gab
es kein alkoholisches Getränk, dem sich Stilpe nicht
mit Hingabe widmete.

Aber die „schweren Sachen“ bevorzugte er.
Das Leipziger Lagerbier war bald nicht mehr im
stande, ihm irgend etwas anzuhaben. Er nannte
es „schlechterdings Wasser“ und konnte es durchaus nicht begreifen, daß man „es noch immer in
Brauereien herstellt; man sollte doch merken, daß
es aus dem Schoße der Erde quillt, denn es ist
im eigentlichen Sinne culturlos.“ Dagegen zollte
er direkt Ehrerbietung der ostpreußischen Bowle,
die aus Burgunder, Porterbier, Sekt und Cognac
besteht. Dieses Getränk, so sagte er, hat die Kraft
und das heilige Rauschen des germanischen
Urwaldes. Man fühlt direkt Speere in der Faust,
wenn man es trinkt. Seine Hauptgnade aber
besteht darin, daß es wunschlos macht. Es ist
das Katholikon der Getränke. Auserwählten ist
es gegeben, zu sehen, daß diese Bowle eine tiefgoldene Gloriole hat.

In dieser Weise charakterisierte er im Kreise
des Cénacles „die gesammte Aristokratie der
Spirituosen“, und er lehnte es durchaus nicht
ab, wenn man ihn den Homer des Alkohols
nannte.

Aber die Getränke, die er liebte, waren kostspielig, und weder er noch die anderen drei Cénacliers waren auf die Dauer im stande, das
Geld dafür aufzubringen. Deshalb beschloß man,
einen „Barbemuche zu etablieren“, d. h. nach
dem Muster des Mürgerschen Cénacles jemand
ausfindig zu machen, der „also geeigenschaftet
wäre:

Ehrfürchtig vor dem Geiste,
Sehnsüchtig zur Kunst,
Wohlausgestattet mit Gelde,
Ein bischen dumm und dessen dumpf bewußt,
Demütigen Herzens
und
Angenehm lächerlich.“

Stilpe war es, der einen solchen Jüngling
entdeckte: — Herrn stud. phil. Lehmann aus
Liegnitz.

Er hatte ihn in „so einem“ Hause der Magazingasse aufgelesen. Dort, in einem Salon, war ihm
der blasse, etwas angefettete junge Mann durch
eine sehr dicke Brieftasche und schwermütiges Betragen aufgefallen.

— Sie fühlen sich nicht wohl in dieser Umgebung, hatte Stilpe zu ihm gesagt, als sie sich einander vorgestellt hatten. Ich begreife das. Man
geht hierher, um sich nicht wohlzufühlen. Man
will sich kasteien. Sie peitschen sich lieber mit
blonden Ruten, ich lieber mit braunen. Das ist
der ganze Unterschied. Temperamentssache.

— Ach ja, es ist schrecklich, antwortete der
Philologe Lehmann; ich verabscheue diese Häuser,
aber, sehen Sie, ich finde ja draußen nichts, und
dabei bin ich doch so . . . so . . . so sinnlich. Ach,
leider!

— Wie? Leider? Sie sagen: Leider? Sie
haben doch leider gesagt? Hm. Hm. Hm!

— Aber natürlich: Leider! Es ist doch schrecklich, so direktionslos zu sein!

— Direktionslos nennen Sie das, wenn Alles
so deutlich ins Schwarze zielt? Das nennen Sie
di . . ., aber Herr Lehmann! Sie sind beneidenswert um diese gerade Tendenz Ihres Wesens!
Seien Sie fröhlich, Herr Lehmann! Es fehlt
Ihnen blos die rechte Gesellschaft. Sie sind ein
Einsiedel-Lehmann, und das ist für solche Naturen
eine Gefahr.

— Freilich ist es das. Ich fühle es selber.
Aber ich schließe mich schwer an. Wissen Sie, die
meisten Studenten sind so banausisch, so entsetzlich interesselos, und ich möchte doch Jemand haben,
der auch noch etwas mehr will, als Doktor werden.
Sechs Tage ochsen und einen Tag sumpfen, das
mag ich nicht mitmachen!

— Das ehrt Sie, Herr Lehmann! Sie suchen
den Einklang von Lebenskunst und Wissenschaft.
Sie wollen Streben und Genuß vereinen. Sie
wollen, mit einem Worte, aber verstehen Sie mich
recht und nehmen Sie das nicht etwa als einen
Witz: Sie wollen ein runder Mensch werden!

— Ich ahne, was Sie meinen, und es ist
wahr, das deckt sich wohl mit dem, was ich suche.

— Rund sein ist alles, Herr Lehmann!
Wissen Sie, wie diese indischen Götter: Rund um
den Leib herum tausend Arme, und immer zwischen
zwei Armen eine Göttin. Aber Gott bleiben! Ein
runder Gott bleiben mit tausend Armen und fünfhundert Göttinnen dazwischen! Oder, weniger
exotisch gesprochen: Goethehaft!

Herr Lehmann lächelte höchst bitter:

— Sie wollen mich wohl verspotten. Goethe
und — ich! Ich mit meiner klassischen Philologie.
Ich studiere nämlich klassische Philologie. Aber
Sie müssen da nicht gleich denken, daß ich Gymnasiallehrer werden möchte. Nein, ich möchte mich
der akademischen Carrière fürs Griechische widmen.
Es ist da noch viel zu holen, sag ich Ihnen!
Mein Fach ist im Niedergange. Es fehlt an
Kapazitäten. Ein neues Alexandrinertum ist eingerissen!

— So reißen Sie es um, Herr Lehmann!
Schmeißen Sie die Perrücken zum Tempel hinaus!
Der Moder stinkt! Hygiene thut not! Fort mit
den Schwartenschwenkern! Das reine Hellas ziehe
ein! Und was ist der Hellene des Altertums?
Der runde Mensch! Was ist Hellas? Die
Synthese von Genuß und Erkenntnis! . . . Kürzlich
stellte ich für einen kleinen Kreis von Freunden,
der sich, ganz in Ihrem Sinne, Herr Lehmann, zu
einem Zirkel der Lebenskunst und Kunstliebe vereinigt hat, eine Namenstafel der Spezialheiligen
unsrer Religion auf. Sie ist noch unvollständig,
aber es fiel mir gleich auf, wie viel Hellenen
dabei sind.

— Ach, das interessiert mich, der ganze
Zirkel sowohl, als die Namenstafel. Ich möchte
nicht aufdringlich erscheinen, aber vielleicht darf
ich Sie bitten, mir Näheres darüber zu
sagen?

Herr Lehmann sagte das mit dem Tone
ernstester Anteilnahme und zog die Augenbrauen hoch.

Stilpe lachte wieder einmal „mit den Eingeweiden“ und zog sein Notizbuch.

— Über den Zirkel ist nichts weiter zu sagen,
als was ich schon andeutete. Zur Kunst erhöhtes
Leben in jedem Betracht. Die Namenstafel aber,
nun, wie gesagt, sie ist noch unvollständig, aber
ich kann Ihnen das Fragment schon mitteilen.
Also:

I.
Männlichen Geschlechts:

Anakreon,
Aristophanes,
Alkibiades,
(es geht gleich griechisch an, wie Sie sehen)
Georg Büchner
(um Gotteswillen: Georg, nicht Ludwig!)
Bizet,
Gottfried August Bürger,
Cervantes,
Catull,
(aber der hat ein Fragezeichen)
Michael Georg Conrad.

— Ist das der preußische Prinz, der die Dramen schreibt? fragte Herr Lehmann bescheidenen
Tones.

— Gott behüte und Gott bewahre! Machen
Sie immer solche Witze? rief Stilpe. Dafür müßten
Sie schon eine Bowle schmeißen, Herr Lehmann.
Sind Sie bereit?

Der Philologe Lehmann errötete und sagte: Es
wird mir ein Vergnügen sein, denn damit werde ich
ja das Vergnügen haben, auch die andren Herren
kennen zu lernen.

— Gut! sagte Stilpe schon im Tone des
Cénacle-Präsidenten. Dafür werden Sie dann
auch erfahren, welches unser Conrad ist. Weder
Prinz noch Preuße. Also nun in der Liste der
Heiligen weiter:

Danton,
Demokritos,
(schon wieder ein Grieche!)
Devrient
(Sie wissen: Lutter und Wegeners Weinstube in
Berlin!)
Fischart,
Franz der Erste von Frankreich,

— Warum Der? fragte Herr Lehmann.

— Lesen Sie im Rabelais nach!
Grabbe,
Meister Gottfried von Straßburg,
Der junge Goethe,
(Sie wissen doch, daß es drei verschiedene Goethes
giebt?)
Eduard Grisebach,
Johann Christian Günther,
Horaz,
(hat aber zwei Fragezeichen)
Theodor Amadeus Hoffmann,
Heinrich Heine,
Mozart,
Mirabeau,
Momus,
(unser Wirt mit der langen Kreide)
Müsset,
Mürger,
Marat.

— Pardon, sagte Herr Lehmann, dessen Vater
Fabrikbesitzer war, warum eigentlich diese Revolutionsmänner?

— Sie tranken sämmtlich gerne und waren
sehr verliebte Leute. Daß wir keine Sozialdemokraten sind, sehen Sie an Franz dem Ersten.

Rabelais,
Rembrandt,
Sokrates,
Sullivan,
Tschang-hsien-tschung.

— Wer ist das?

— Das ist ein chinesischer Pelzhändler, später
Gegenkaiser, der einmal an einem Tage 50000 Gelehrte hat köpfen lassen. Ich werde ein Epos auf
ihn machen.

— Ach, dichten Sie? rief Herr Lehmann
eifrig.

— In der That, bisweilen. Sie natürlich
auch?

— Ach . . . ein . . . ich . . . nein. . . ich
kann nicht sagen, daß ich . . . Aber . . .

— Sie möchten gerne?

— Ich . . . weiß . . . nicht . . .

— Diese Schüchternheit ist ein schönes Zeichen.
Übrigens: Dichten, — na ja. Das is nu so ne
Sache. Notwendig ist es nicht, Herr Lehmann.
Es . . . aber: Genug!! Wir sind mit dem männlichen Geschlechte fertig und es folgt

II.
Weiblichen Geschlechts:

Aspasia,
(also auch hier Griechenland an der Tete!)
Die kleine Anna,
Anna mit den gewürfelten Strümpfen,
Anna Ach—gehn—Se—weg.

— Ja . . . aber. . .?. . . sagte Herr Lehmann.

— Ich verstehe: Sie kennen diese drei Annas
nicht. Es sind vorderhand noch Privatpersonen,
und sie kommen auf mein Konto. Die mit den
gewürfelten Strümpfen schlägt, glaub ich, in Ihren
Geschmack. Ich schenke sie Ihnen.

Herr Lehmann war ganz verblüfft.

— Na, wollen sie nicht wenigstens Danke!
sagen? Das Mädchen kommt noch in die Litteraturgeschichte ! Ich habe sogar ein Sonett auf ihre
Strümpfe gemacht! Aber weiter!

Bertha,
(Hat zwei Ausrufezeichen. Es ist aber nicht jene
Bertha mit den großen Füßen, die Uhland besungen hat, sondern auch dieses Mädchen geht mich
an. Ich habe sie immens geliebt. Und sie liebt
mich heute noch, obwohl sie einen Gelbgießer geheiratet hat. Achten Sie die Treue des weiblichen
Geschlechtes, Herr Lehmann, aber sehen Sie zu,
daß der Andre der Lackierte ist. Übrigens werde
ich jetzt die Privatmädchen weglassen, weil ich
Ihnen sonst fortwährend Kommentare geben müßte;
ich werde also nur die historischen Damen nennen,
nämlich):
Mimi Pinson,
Die Königin Pomare,
Müsette,
Lais,
Ninon de l'Enclos,
George Sand,
Berangers Lisette,
Päbstin Johanna,
Fränzchen mit dem Muff,
Margarethe von Navarra,
La belle heaulmière,
Marion Delorme,
Die schöne Seilerin,
Roswitha von Gentersheim.

Die Liste ist noch schrecklich lückenhaft. Vielleicht könnten Sie uns noch ein paar tüchtige
Griechinnen empfehlen. Wie hieß doch gleich die,
die sich auszog?

— Sie meinen Phryne?

— Richtig! Phryne! Dieses ganz vorzügliche
Mädchen! Warten Sie, ich werde sie gleich einfügen. Es ist eine Schande, daß ich sie vergessen
habe. Aber Sie sehen, wie gut wir Sie brauchen
können. Im klassischen Altertum sind wir doch
ein bischen schwach.

Herrn Lehmann war es gar sonderbar zumute.
Diese Welt war ihm neu, aber er hatte die Empfindung, daß es sehr lustig in ihr zugehen müsse.
Vor allem fühlte er, daß er im Cénacle Anschluß
an „Weiber“ finden würde, und daran lag ihm
viel, denn er hatte es nachgerade bemerkt, daß er
von sich allein aus diesen Anschluß nie erreichen
würde. Und bei alledem doch diese vielen litterarischen Aspirationen, also die Gewähr des Höheren!
Kein bloßer Sumpf! Sondern, wenn schon
Sumpf, so doch von ganz ungewöhnlicher Art!
Ein origineller Sumpf. Ach, darnach hatte er
sich ja gesehnt! Er wollte originell, geistreich sumpfen. Da bot sich die Möglichkeit!
Also zugegriffen!

Er verließ am Arme Stilpes das Haus in der
Magazingasse mit dem angenehmen Gefühl, es
fürder nicht mehr nötig zu haben.

Als er am nächsten Morgen erwachte, lag er
auf seinem Sopha und Stilpe in seinem Bette.
Da dieser ihn duzte, mußten sie wohl Brüderschaft getrunken haben.

Auch einen anderen Namen hatte er erhalten:
Barbemuche, und auf seinem Nachttisch lag ein
völlig mit Porterbierflecken bedeckter Zettel dieses
Inhaltes:
Quittung.

Für weiland Herrn Lehmanns Aufnahme
ins niedere Barbemuchiat 50 Mark erhalten
zu haben, bestätigt
i. N. d. C.

Schaunard.

Drittes Kapitel.

Obwohl das Cénacle keine moralische Anstalt
war, so bedeutete es für Stilpe doch einen Haltepunkt und eine Verbindung wenigstens mit der
Fiktion „extra-alkoholischer Tendenzen“.

Stilpe führte damals kein Tagebuch mehr,
denn er hatte überhaupt das „unzüchtige Verhältnis
mit Büchern“ aufgegeben, aber zuweilen, wenn er
sich übel fühlte, ergriff er, wiederum in seinem Stile
von damals zu reden, den „Stecken und Stab
des Bleistiftes und wanderte gedankenvoll über die
ausgebleichte Wüste weißen Papieres“.

Einige dieser Notizen sind geeignet, ein Stück
seiner Seele von damals erkennen zu lassen:

Die Gelbmützelei ist ein scheußlicher Unsinn
und meiner unwürdig. Aber ich selbst bin
meiner unwürdig, denn ich werfe die gelbe Mütze
diesen Idioten nicht vor die Füße, sondern ich
trage sie noch immer mit einer lachhaften Würde.
Heiße jetzt Erster Chargierter gar. Kann man tiefer
sinken?

Ich tyrannisiere diese gelbmützigen Banausen
mit vollendeter Kunst und einigem Genuß, und
keiner von ihnen erfreut sich mehr eines intakten
Magens. Nie wurde so gesoffen wie unter meiner
Ägide. Was soll man auch mit diesen Knaben
anderes anfangen? Frösche muß man in den Sumpf
treiben.

Ich fange an, unzufrieden mit mir zu werden
und erwäge den Plan, diese gelbe Blase zu
sprengen. Wenn ich sie nur nicht alle so tiefgründig angepumpt hätte . . .

Und außerdem: Was soll ich denn sonst anfangen? Noch scheint die Zeit nicht erfüllt zu
sein, wo ich mich diesem Herrn Geheimrat Ammer,
falls er sich nicht schon zu seinen Vätern versammelt hat, als Stütze des Staates anbieten
kann. Oder sollte ich thatsächlich studieren? Welch
eine Idee!

Nicht mal für Liebe habe ich genügend Zeit.
Wann, frage ich, wann kann ich mit Hingabe und
Hinnahme lieben?

Um zehn Uhr zerrt mich der Leibfuchs aus
dem Bett und kredenzt mir das Antidotum gegen
den Datterich, die liebliche Lase voll Culmbacher
Biers.

Bis zwölf Uhr pauke ich der Füchse summende
Herde für die Mensuren ein.

Dann salbt mich der Friseur, und bis um drei
Uhr treib ich die braven Knaben in die Lichtenheiner Schwemme.

Hol sie der Teufel, ich beneide sie! Denn selbst
dieses Lehmwasser macht sie betrunken.

Auch mein Mittagsmahl erledige ich um diese
Zeit. Es ist erstaunlich, wie mäßig ich darin bin.
Rohes Fleisch und Caviar, etliche Eier und
Bouillon erhalten diesen schwachen Leib.

Von drei bis fünf der Kaffeelachs; doch ist das
ein leerer Name, denn ich habe längst den Kaffee
durch Liköre ersetzt, und statt des Skates herrscht
der Lederbecher mit den Knobelknochen. Das ist
meine palaestra musarum, denn erstens erfinde
ich neue Knobeltouren und zweitens muß ich beim
Mogeln immerhin aufpassen.

Das erschöpft mich sehr, und ich begebe mich
nun auf das schwarze Ledersopha in der Kneipe,
wo ich der Ruhe Pflege, bis das Gas angebrannt
wird und die werten Knaben anrücken, um bis
früh zwei, drei Uhr von mir vollgeplumpt zu
werden.

Mir scheint, das ist kein Leben nach dem Geschmacke Apollos und der neun Musen, — oder
sind es zwölf? Ewig verwechsle ich die Apostel
mit den Musen.

Und die Liebe! Sie muß hungern!

Liebe und Alkohol sind feindliche Mächte. Tragisches Geschick, beiden hold zu sein.

Zuweilen giebt es Mensuren. Ich leugne nicht,
daß diese kleine Aufregung mich amüsiert.

Trinkt man vorher fünf Cognacs, so ist man
erstaunlich wacker und ließe sich mit Heroismus
den Schädel spalten. Nein: Lieber blos die Backe,
denn das ists ja, was den Menschen ziert, und
dazu ward ihm der Verstand: Der Durchzieher.

Ich glaube, jetzt etwa einschockmal gefochten
zu haben, wenn man diesen mathematischen Wechsel
von Schlag und Parade fechten nennen kann. Man
gewöhnt sich daran wie der Pudel ans Baden.

Das Schönste dabei ist der Geruch, diese allerliebste Mischung von Jodoform, Carbol, Cognac
und ein bischen Schweiß. Es wirkt wie ein Aphrodisiacum auf mich. Aber es ist möglich, daß ich
ein bischen pervers bin. Blutdurst und Wollust!
Gieb mir dein Herz zu saufen, Laura: Ich liebe
Dich!

Die schweren Sachen meid ich. Meine Säbelmensur war nicht eigentlich prima nota. Ich hatte
den Cognac überschätzt. Man muß entschieden
Porter dabei zur Hand haben. Porter und Cognac
zusammen macht sicher sehr säbelmutig. Man muß
nur auch die Dosis richtig bemessen.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß ich
ohne Alkohol mehr horazischen als achilleischen
Mut bewähren würde.

Dies unter uns gesagt.

Kürzlich focht ein Jüngling auf unsre Waffen,
der entsetzliche Angst hatte, sich aber doch nicht eher
umdrehen ließ, als bis er einen ausgewachsenen
Durchzieher hatte. Später gestand er mir, daß er
„aus Liebe“ gefochten hätte.

— Wie? rief ich, hat Ihr Gegner sich erfrecht,
Ihr Fräulein Braut zu betasten?

— Ach nein, sagte er, meine Braut wünscht
nur, daß ich einen schönen Schmiß habe.

So heroisch sind die Töchter Thusneldas angelegt.

— Hörst du nicht den Eichwald rauschen?

Als ich noch Bücher las, habe ich irgendwo
das Diktum gefunden, daß der Mensch nie verzweifeln könne, denn es bleibe ihm auch beim
schlimmsten Zahnweh immer die tröstliche Möglichkeit des Selbstmordes.

Ich habe ein Analogon dazu; ich sage mir:
Du kannst zwar versumpfen, aber es bleibt Dir
immer noch die Möglichkeit, Journalist zu werden.

Diese Verachtung des Journalismus gehörte
zum Repertoire des Cénacles, aber Stilpe fing doch
bereits an, sich mit dem Gedanken sehr vertraut zu
machen, daß ihm schließlich die Laufbahn des
Zeitungslitteraten blühen möchte.

Zwar war er keineswegs an seiner dichterischen
Bedeutung irre geworden; der Nagel saß fest. Aber
der Umstand, daß er jetzt im Grunde nicht einmal
mehr Pläne zu künftigen Werken machte, kam ihm doch
manchmal zum Bewußtsein, und dann sagte er sich:
Ich bin eine zersplitterte Natur, der Fluch des
modernen Menschen lastet auf mir, daß wir uns
nicht sammeln können; gut also, so ziehe ich ohne
Wehleidigkeit den Schluß daraus und schlage mich
zu jenen, die ihre Goldbarren täglich stückweise und
halb ausgeprägt vor die Masse werfen müssen.

Und sofort malte er sich eine vollkommene Umwälzung der deutschen Zeitungslitteratur aus, die
vor sich gehen würde, wenn er zu ihr gehörte.

Aber, als ihm ein Artikel, den er einmal in
den Ferien geschrieben hatte, zurückgeschickt wurde,
erfaßte ihn gleich wieder der große Ekel vor diesen
„öffentlichen Männern, die sich zeilenweise prostituieren und sich von ihren weiblichen Berufsgenossinnen nur dadurch unterscheiden, daß sie
nicht gutmütig wie jene sind.“ Und die Zeitungen
nannte er nun wieder „Holzpapierbordells“.

Um diese Zeit war es, daß Girlinger wieder
vor ihm auftauchte.

Girlinger hatte in Zürich und Genf studiert,
trug schwarze Coteletten, einen Cylinder und immer
Handschuhe. Er war sehr gesetzt und durchaus
solide. Sein Plan war eigentlich gewesen, romanische Philologie zu studieren, und er hatte diesem
Fach, wofür er Fleiß und Talent in sehr hohem Grade
besaß, auch wirklich mit Eifer obgelegen, aber, da
sein Vater darauf bestand, er müsse sich der Jurisprudenz widmen, so hatte er sich schließlich dazu
verstanden und trieb nun auch Jurisprudenz mit
Eifer und Zielbewußtsein. Ein gewisser Zug von
echter Resignation stand ihm dabei sehr gut.
Äußerlich erlebt hatte er so gut wie nichts, aber
er hatte viel an sich gearbeitet.

Als er Stilpen zum ersten Mal in seiner
gelben Mütze sah, nahm er seinen Cylinder sehr
tief und zeremoniell ab und machte sogar eine Verbeugung dabei.

Stilpe empfand das als Hohn und stürzte sich
auf ihn:

— Ach, der Herr Referendar! Welch ein
Cylinder! Wo hast Du die Sametbürste, Freund
meiner Jugend?

Girlinger erwiderte: Ich schlage einen anderen
Stil vor, wenn wir uns unterhalten wollen.
Übrigens bin ich meinem Examen ferner als Du,
denn ich stehe im ersten juristischen Semester.

— Ich schlage vor, daß wir weder von Semestern noch von Examen reden, wenn wir uns
unterhalten wollen. Ich spreche nicht gerne von
gleichgültigen Dingen. Nur zu Deiner Orientierung bemerke ich, daß ich immer noch als
stud. jur. et phil. immatrikuliert bin, ohne indeß
von diesen Würden Gebrauch zu machen. Ich fahre
noch immer fort, mir das Leben anzusehen. Auch
trinke ich gerne Spirituosisches. Du scheinst mir
dagegen ein buveur d'eau zu sein.

— So, Mürger kennst Du auch?

— Es giebt keinen besseren Kenner dieses
Klassikers. Schade übrigens, daß die Stelle eines
Barbemuche in unserm Cénacle schon besetzt ist,
ich würde sonst Dir meine Fürsprache nicht vorenthalten.

— Danke. Ich bin nicht für gelbe Mützen.

— Köstlich! Nein, diese Biermütze hat mit
dem Cénacle nichts zu thun. Dein Cylinderhut
läuft keine Gefahr, wenn Du uns die Ehre und
das Vergnügen machen willst, der definitiven Aufnahme des Herrn Lehmann in das höhere Barbemuchiat beizuwohnen. Morgen Abend um acht
auf meiner Bude, wenn ich bitten darf. Oder
fürchtest Du Dich vor ostpreußischen Bowlen . . .

— Herr Lehmann ist wohl ein Idiot?

— Nein, ein Idealist, aber mit Baarmitteln.
Du wirst Deine Menschenkenntnis bereichern, wenn
Du kommst, und außerdem einige Chorgesänge
vernehmen, die sich meiner Verfasserschaft rühmen.
Wenn Du aber nicht kommst, so werde ich mich
aus Gram betrinken und in der Betrunkenheit
dem Cénacle Deine Flucht nach Griechenland erzählen.

— Warum soll ich nicht kommen? Da Herr
Lehmann die Bowle bezahlt, bin ich ja sicher.

— Schön, aber Cigarren kannst Du wenigstens mitbringen.

— Ich rauche nicht.

— Um so besser, so wirst Du uns nicht berauben. Aber merke Dir die Marke: Henry Clay.
Schreib Dirs ins Notizbuch. Eine Kiste genügt.
Schreib aber Clay richtig, nicht wie das Kuhfutter, sondern so: C . . . l . . . a. . . y. So
ists richtig. Du wirst wohl empfangen sein!

— Sind Weiber dabei?

— Pfui! So einer bist Du? Daher der
Cylinderhut und die Koteletten? Kalipsichore verhüllt ihr Haupt.

— Wer?

— Kalipsichore, die Muse der epischen Tanzkunst, wenns gefällig ist. Sie wird persönlich da
sein. Im Civil heißt sie Hulda Ranker. Du
kennst doch das Zeitwort rankern?

— Ich glaube, Du bist betrunken.

— Bleibe fest und glaube getrost, Du wirst
nicht irre gehn. Aber vergiß die Cigarren nicht!
Du kannst auch Huldan ein Corsett mitbringen.
Ich habs ihr schon lange versprochen. Doch von
Seide muß es sein!

Girlinger hielt es für gut, sich nun zu verabschieden.

— Total versumpft! dachte er bei sich. Und
wie der Mensch aussah! Dieses angeschwemmte
Fett unter fast gelber Haut! Diese unstäten,
schwimmenden Augen! Und salopp! In einem
Corps scheint er nicht zu sein. Sogar die Wäsche
nicht sauber. Und die Hand feucht. Wie er dahin
geht, der richtige Gewohnheitssäufer, der zwar
nicht direkt schwankt, aber doch auch nicht richtig
gradeaus gehen kann. Natürlich auch Gedankenflucht. Er kann sicherlich keine zehn Zeilen logisch
schreiben. Delirantenphantasie. Ein Ragout im
Hirnkasten. Wie viel Schulden mag der Mensch
haben!

Girlinger hatte ein schönes psychologisches
Thema für sein Tagebuch.

Stilpes Wohnung lag im Durchgang der großen
Feuerkugel (Einst wohnte Goethe hier — jetzt Wir!)
drei Treppen hoch und bestand aus einem mäßig
großen Zimmer und einem Alkoven.

— Der einzige Fehler dieser Bude ist, pflegte
Stilpe zu sagen, daß sie gerade Wände hat. Schiefe
Wände wären stimmungsvoller. Aber man beachte
die charaktervolle Schäbigkeit der Ausstattung! Wer
angesichts dieses pöbelhaften Sophas, dieser kontrakten
Stühle, dieses ewig wackelnden Tisches und dieses
immer aufklaffenden Kleidersargs, von dem infamen
„Napoleon in der Schlacht bei Leipzig“ ganz zu
schweigen, daran dächte, hier die Miete nicht
schuldig zu bleiben, müßte ein gefühlloser Barbar
genannt werden. Was aber das Bett anlangt,
meine Lieben, so giebt es keine vorlautere Bestie
als dies. Es quietscht schon, wenn man es ansieht, geschweige denn . . . aber das ist ein rein
musikalisches Thema.

In dieser Wohnung also, die wirklich abscheulich war, versammelte sich am folgenden Sonntage
das Cénacle zur Feier der endgiltigen Aufnahme
des Philologen Lehmann, der soviel Geschmack am
Cénacle genommen hatte, daß er sich selber an den
gröbsten Verhöhnungen seiner Person beteiligte.

Stilpe erschien eine halbe Stunde vor Beginn der Festlichkeit. Mit ihm betrat Hulda
Ranker das Zimmer. Sie that es mit der Sicherheit einer Person, die mit den Lokalitäten vertraut ist. Hübsch war sie eigentlich nicht, aber sie
hatte das gewisse Pusselig-Graziöse der Leipzigerin,
an der der Kenner noch heute die Erbreste aus
jener galanten Zeit bemerkt, in der, wie die Kulturhistoriker sagen, „die Leipzigerinnen an lockerer
Moral mit den Pariserinnen um die Palme rangen,“

Die Moral Huldas war wohl nie sehr fest gewesen, aber Stilpe hatte sie, obwohl er erst vor
vier Wochen dem Mädchen „das Taschentuch zugeworfen“ hatte, derart gelockert, daß sie vollkommen durchsichtig geworden war. Aber das
stand Fräulein Hulda gerade gut. Sie gehörte zu den
Mädchen, die an Charakter gewinnen, indem sie an
Moral verlieren.

Im Übrigen war sie schlank, von guter Taille,
brünett und passabel angezogen. Tagüber verkaufte sie Cravatten. Diesem Umstand verdankte
die geistsprühende Scherzfrage Stilpes ihr Dasein:
Welcher Unterschied besteht zwischen Hogarth und
mir? Antwort: Jener malte ein Crevettenmädchen,
ich bedichte ein Cravattenmädchen.

Aber mit dem Dichten sah es auch in diesem
Falle windig aus. Außer dem verwegenen
Ritornell:
O holde Hulda!
Ganz ohne Makel wärst Du, reimtest Du
Dich nicht
Auf Ludwig Fulda
existierte keine Zeile, zu der Fräulein Ranker Pathe
gestanden hätte, und auch dieses zierliche Stachelpoem verdankte seine Entstehung mehr Stilpes
Antipathie gegen „diesen schreibenden Kapitalisten“,
als seiner Liebe zu der braunen Verkäuferin, ganz
abgesehen davon, daß es eine von den auch sonst
nicht seltenen Improvisationen seiner Skandierkunst war, die sich auf einen Reimzufall zurückführen ließen.

— Laß die Rollfahnen runter, Mädchen, und
mach Licht! kommandierte Stilpe. Es giebt hier
in der Umgegend keusche Augen, die sehr lüstern
sind. So! Die Beleuchtung ist mangelhaft, aber
das kommt Deinem Teint zugute. Im Schummerigen wirken die Weiber überhaupt am besten.
Daher die vielen Rendez-vous bei der Gaslaterne.
Das elektrische Licht wird die Rendez-vous stark
reduzieren, und Herr Siemens ist für die Moral
sehr viel wichtiger, als der Sittlichkeitsverein.

— Quatsch nich, Käfer. Heute wird so wie so
wieder furchtbar geredet werden.

— Sehr richtig! Aber auch getrunken, meine
braune Taube, ja sogar gegessen, und zwar keineswegs Schweinsknochen mit Klößen, sondern fabelhafte Sachen. Außerdem wirst Du drei neue
Männer kennen lernen und zwar 1) jenen Lehmann, 2) einen Herrn im Cylinder und 3) einen
Cylinder mit einem Herrn.

— Mit Deim närrschen Zeig! (Huldas Aussprüche müssen immer Leipzigerisch gelesen werden,
auch wenn sie deutsch wiedergegeben sind.)

— Ich rede ernst wie immer. Der dritte Mann
ist nämlich der kleine August, den Kenner trotzdem
August den Starken heißen.

— Warum denn?

— Nicht blos im Biceps liegt die Kraft des
Manns! . . .

— Komm, sag mir, warum er August der
Starke heißt!

— Ich werde mich hüten, denn ich liebe Dich.
Nur soviel: Dieser kleine Mann, der sich durch
einen hohen Cylinder zu recken trachtet, ist ein
fulminanter Musikus und würde schon viele Opern
geschrieben haben, wenn er nicht immer trinken
müßte. Zwar behauptet er, ich wäre schuld daran,
weil ich ihm den Text nicht schreibe, den ich ihm
versprochen habe. Aber das ist eben jene Schlange,
die sich in den werten Schwanz beißt: Ich dichte
nicht, weil er nicht komponiert, und er komponiert
nicht, weil ich nicht dichte. Ergo müssen wir
beide saufen.

— Sag doch nicht saufen, das klingt so
ruppig.

— Kann ich dafür, daß die Wahrheit ein
Rauhbein ist?

— Du bist eins!

— Und dennoch liebt mich Deine Sanftheit!
Aber es klingelt! Schwing Dich hinaus, Mädchen!

Es war Herr Lehmann mit drei Packträgern.
Er machte eine tiefe Verbeugung, der man die
Tanzstunde ansah, vor Hulda und begrüßte Stilpen
ehrerbietig.

— Schön, mein Engel, sprach dieser, ich sehe,
Du hast Alles gut in die Wege geleitet. Nun
laß mich das Auspacken überwachen. Setz Dich
zu diesem schlanken Mädchen, aber halte Dich in
den Grenzen der Wohlanständigkeit. Noch bist
Du nicht in der Gemeinde derer, denen Alles erlaubt ist.

Und nun kommandierte er:

— Der die Flaschen hat, vortreten! . . . Ah!
Sie! Gut gewählt, der Mann. Er ist würdig,
volle Flaschen zu tragen! Lieben Sie Nordhäuser?
Schon gut! . . . Nun packen Sie aus! Vorne ran
die dicken Flaschen! Gut! . . . Wieviel? Sechs?
Gut! . . . Jetzt die kleinen stämmigen! Das müssen
vierundzwanzig sein! Stimmts? Gut! Sehr
gut! . . . Jetzt die rothalsigen! Süße Kerlchen,
was? . . . Zehne? Da fehlen zweie! Mensch, Sie
werden doch nicht? Ah, da strecken sie ja die roten
Hälse vor. Zu den anderen! Schön ausrichten!
Gut! Ganz gut und wacker! . . . Sie waren
gewiß Unteroffizier. Natürlich! Es lebe der Reservemann! . . . Aber jetzt die Gelbkapseln, die feierlichen und steifen. Gelbkapseln! . . . Drei! Ja, ja,
es werden nicht mehr. Aber reichen Sie mir mal
eine. Schön. Ich bin zufrieden. Lassen Sie sich
auszahlen bei dem Herrn dort. Er wird Ihnen
auch ein paar Cigarren geben.

— Jetzt der zweite mit dem Freßkober und dem
Geschirr! . . . Umgotteswillen vorsichtig! Den
Bowlenbauch mitten auf den Tisch. Die Gläser
wie ein Kranz herum. . . . So! Sie haben
Talent, alter Herr . . . Nun die Teller. Aber
da soll dieses Fräulein helfen . . . Hulda, arrangiere
das Tellerwesen. Und nimm Dich auch der Messer
und Gabeln an. Und nun: Was ruht im werten
Schrein!? Gut! . . . Gut! . . . Es ist Alles in
rechtem Verhältnis, sowohl das, was dem Meere
entstammt, wie das vom festen Lande. Die ganze
Geographie ist vertreten, von der Adria bis zum
schwarzen Meere . . . Ja, die Eisenbahnen sind
ein rechter Segen, nicht wahr, Mister? . . . Und
nun lassen Sie sich gleichfalls von dem verehrten
Gastgeber auslohnen. Auch Sie haben drei Cigarren
extra verdient.

— Und nun der Düstere in der Ecke mit dem
schwarzen Sarg! Heran und ausgepackt! . . .
Wie? Ein Cello? Seit wann zählt das zu den
Viktualien? . . . Ah, Du willst kniegeigen? Schön!
Placet! So kann ich mir mein Bettduo sparen.

Die Packträger traten ab.

Kaum waren sie draußen, so hörte man in
einer Art Baßfistel kreischen: Infames Rindvieh!
Haben Sie keine Augen? Das Luder hat mir die
Galloschen abgetreten!

Und herein stürmte ein kleiner Mensch mit
kurzem weißen Stoppelbarte, kaum einen Meter
hoch, aber mit einem hohen Röhrenhute bedeckt.
Er schrie immer noch und fuchtelte dabei mit seinem
Regenschirm herum: Meine rechte Gallosche! Dieses
Trampeltier! Wie? Ochse! Direkt auf die Gallosche!
Ich gehe sofort!

— Aber August! Siehst Du die Dame nicht?
klagte Stilpe. Und sofort war der kleine Mann
friedlich.

— Hehe! Warten Sie, mein Fräulein, gleich
komm ich und lege mich Ihnen zu Füßen. Blos
den Hut und Schirm und Mantel, puh, diesen
zentnerschweren Mantel, diese Rüstung, Luder,
das . . .

Herr Lehmann stürzte herbei und nahm dem
Kleinen die Garderobe ab.

— Sehr nett, Herr . . .?

— Leh . . . Barbe . . . (Herr Lehmann wußte
im Cénacle bis jetzt noch nicht, wie er hieß).

— Sehr freundlich, Herr Lehbarb!
Stilpe wieherte vor Entzücken.

— Gottverdammich, was heulst Du wie
eine Lokomotive! Willst Du mich wahnsinnig
machen? Kennst Du keine Rücksicht? Ich gehe
sofort!

— Aber August! Du hast Dich dem Mädchen
immer noch nicht zu Füßen gelegt.

— Oh, oh, oh, oh, Dein Geschrei! Dein Geschrei! Aber jetzt liege ich schon!

Und er fuhr auf Hulda los und ergriff ihre
Hände und machte dabei eine Verbeugung, so daß
er sie niederzog wie einen Plumpenschwengel.

— Ach, die reizenden warmen Händchen! Uh,
uh, uh, ti, ti, ti, so warme kleine Patschen! Mm,
mm, mm! Heißen?

— Hulda heißt das Mädchen, bemerkte Stilpe.

— Hab ich Dich gefragt? Weg! Weg! Kommen
Sie, Huldachen, zu mir aufs Kanapee, Huldachen.

Er schleppte sie förmlich zum Sopha, auf das
er sich nach türkischer Art setzte, weil er europäisch
sitzend mit den Füßen nicht zum Boden gereicht
hätte.

Das Zimmer war jetzt eigentlich schon voll,
aber es kamen noch sieben Personen, nämlich:

1) Girlinger, der sich überaus schüchtern und mit
der ganzen Ratlosigkeit eines stark kurzsichtigen Menschen benahm, dem die Brille
angelaufen ist. Die Cigarren hatte er mitgebracht;

2) Stössel, der diskret den Corpsstudenten zu
markieren bemüht war und übrigens etwas
blasiert aussah. Mit ihm

3) Fräulein Grete Gramm, genannt das allitterierende Mädchen, eine etwas üppige Blondine,
phlegmatisch, aber unendlich verliebt. Übrigens
eine „Bürgerstochter“;

4) Wippert, der jetzt einen sehr schönen dichten
Schnurrbart hatte und nicht ganz geschickt
den ungezwungenen Weltmann spielte. Mit ihm

5) Fräulein Clara Winkler, ein sehr lebhaftes
rotblondes Ding, das draußen am Carolatheater Choristin war und den braven Wippert
ein bischen tyrannisierte;

6) Barmann, der immer noch wie ein Knabe aussah, obwohl er eine Menge Schmisse auf der
linken Backe hatte und ungemein selbstbewußt
auftrat. Dieser mit

7) Fräulein Anna Obersdorfer. Das war eine
sehr kleine, flinke Person mit großen lebhaften
schwarzen Augen und braunen, lockigen
Haaren, die die Stirne ganz verdeckten. Sie
hatte etwas spätzinnenhaftes in ihrer hupfigen
Hurtigkeit. Auch „Bürgerstochter“, aber schon
eigentlich nicht mehr ganz.

Die elf Personen wurden folgendermaßen
plaziert:

Sopha: Linke Lehne: Stössel. Rechte Lehne:
Barmann. Neben Stössel das allitterierende Mädchen.
Neben Barmann die kleine Anna. Mittelplatz: Der
kleine August mit Hulda.

Dem Sopha gegenüber, auf Stilpes Koffer
(einst war er, mit Schmetterlingen angefüllt, in
Südamerika gewesen), Wippert und die rote Clara.

An der linken Schmalseite des Tisches Girlinger,
an der rechten Stilpe.

Herr Lehmann stand, gelehnt an sein Cellogehäuse, zwischen Tisch und Alkoventhür.

Wenn vier Leipzigerinnen mit sechs jungen
Männern und einem alten Herrn von der Art des
kleinen August zusammen sind, so geht es nicht
leise zu, sondern sehr schnabellaut wie in einem
Spatzenschwarme, der sich auf einem vollen Kirschbaume niedergelassen hat. Als ob sie vier Wochen
in ein Trapistenkloster eingesperrt gewesen wären,
schwatzten die Mädchen, und die Cénacliers thaten das
Gleiche. Aber der Quetschdiskant des kleinen August
dominierte deutlich. Allen Mädchen gleichzeitig
galante Komplimente zu sagen, aber zugleich die
jungen Herren mit Grobheiten zu regalieren, schien
sein Programm zu sein. Die andern spielten nur
ihr Instrument, er, der Kapellmeister, beherrschte
die Partitur. Es war wirklich eine Leistung. Girlinger, neben Herrn Lehmann der einzig Schweigende, duckte sich unwillkürlich etwas in diesem
Gestöber von Worten.

Da erhob sich Stilpe mit der gelassenen Eleganz eines Hofmarschalls und sprach:

— Mädchen und Freunde! Der Wohllaut eurer
Stimmen ist lieblich, und ich möchte ihm gerne
noch stundenlang lauschen. Aber die Pflicht hebt
ihren ernsten Zeigefinger. Wir haben heute eine
Sache von Wucht und Wichtigkeit vor; laßt uns
sogleich daran gehn! Es gilt, diesen Herrn (treten
Sie vor, Novize!), der sich in den niederen Probegraden nicht ganz übel benommen hat, nun endlich
und formell zu entlehmannen. Seht ihn euch noch
einmal prüfend an und laßt euch nicht den Blick
durch diese Flaschen und Viktualien trüben, indem
ihr euch die Frage vorlegt: Darf er der Schwelle
bittend nahen?

— Er darf! riefen die Dreie dumpf.

— Aber natürlich! sagte die kleine Anna.
Warum soll er denn nicht dürfen? S is ja n
ganz netter Herr!

— Colline, bind Deiner Göttin das Gehege
der Zähne zusammen; sie macht den Novizen eitel.
Wir aber wollen beginnen!

— Novize! Beherrschen Sie die glänzenden
Verse, in denen Sie zu uns zu reden haben?

Herr Lehmann verbeugte sich und sagte: Ja!

— Novize! Schwören Sie, demütig und ohne
Murren Alles zu vernehmen, was man Ihnen
jetzt sagen wird?

Herr Lehmann verbeugte sich und sagte:
Ja!

— Novize! Fangen Sie an!

Herr Lehmann trat einen Schritt vor, legte
beide Hände kreuzweis über die Brust, machte
in dieser türkischen Haltung eine ganz tiefe
Verbeugung, ließ dann die Hände an den Seiten
herabsinken und deklamierte, wirklich nicht übel,
was folgt:

Wie Runkelrübenzuckernachgeschmack
Liegt mir im Innern schlammig schwappelig
Ein ekelhaftes je ne sais quoi.
Oh welch ein Bandwurm quält mich Unglückswurm?
Ich frug herum in manchem braven Haus,
Deß Fenster aus bestrichenem Glase sind
Und dessen Hausflur rot beleuchtet ist,
Ich . . .

Da rief die kleine Anna: Schämen Sie sich,
Herr Lehmann!

Stilpe war empört:

— Colline! Wenn Dein Ideal nicht den
Schnabel hält, mußt Du die Bowle . . . aber ich
will nicht vorgreifen. Weiter, Novize!

Herr Lehmann fuhr fort:

Ich fragte manche blonde Pythia
(Auch manche braune, wie es grade kam):
Setz auf den Dreifuß Dich und sage mir
Wie heißt der Bandwurm, der mich so zerstört?
Doch da kein Dreifuß gegenwärtig war,
Ward kein Orakel mir. Ich zahlt und ging.

Barmann mußte, während Herr Lehmann eine
Pause machte, der kleinen Anna eine Serviette um
den Mund binden. Aber der kleine August war
außer sich vor Vergnügen, und er schrie: Er zahlte
und ging! Hehehe! Warum war auch kein Dreifuß gegenwärtig!? Hulda! Warum?

Stilpe machte: Pst!

Herr Lehmann fuhr fort:

Da fuhr aus grauer Wolke breit und schräg
Ein Balken Licht in mein gequältes Herz,
Und eine linde Stimme sprach: Kameel!
Zu viel des Leders fraßest Du, darum
Bist Du so ledern selber ganz und gar —:
Geh hin, purgiere Dich des Pergaments,
Stoß aus den Wust vou Chi und Phi und Psi
Und zähle fürder keine Kommas mehr
In alten Schwarten, denn ich sage Dir,
Das ist der Wurm, der Dich zum Wurme macht.
Und ich purgierte mich. Das Seminar
Mied ich wie böser Gase üblen Stank
Und wälzte keine Folianten mehr
Und lauschte nicht mehr mit gedehntem Ohr
Dem Oberkommazähler, und ich ward
Beinah ein Mensch.
So steh ich hier am Thor
Und klopfe mit gekrümmtem Finger an:
Laßt mich, nicht in den Tempel, sag ich, oh,
Nein laßt mich in den Vorhof blos hinein,
Daß, ein bescheidner Wandler, rund herum
Um des Cénacles wunderbaren Bau
Ich leise schreiten darf und hie und da
Hinlegen auf der Schwelle Marmorweiß
Ein kleines Opfer der Ergebenheit.

Herr Lehmann schwieg und machte wieder eine
ganz tiefe Verbeugung.

Stilpe erhob sich mit Priesterwürde und skandierte:

Die ihr Adepten seid, sprecht euern Doppelvers!

Und Barmann brummte:

Ein sehr verwegener Knabe, in der That!
Weinreben nehmt und schlagt ihn auf den Steiß!

Herr Lehmann erschrak und trat einen Schritt
zurück. (Denn er hielt Alles für möglich.)

Wippert aber rief:

Legt mir den Jüngling in ein Lexikon
Als Lesezeichen, klappt das Buch dann zu!

Herr Lehmann schüttelte betroffen das Haupt.

Und Stössel im Ä-bäh-Tone:

Es müsst der Mensch. Er riecht nach Wasserfleck.
Desinfiziert ihn mir mit Bibergeil!

Herr Lehmann wollte beinahe ärgerlich werden,
er erhob schon die Arme. Aber Stilpe sah ihn
durchdringend und zornig an.

Dann sprach er selbst:

In strenge seid ihr, und ich tadle euch.
Seht ihr die Flaschen nicht, das Roastbeef nicht?
Oh lenkt von dieser bangen Menschlichkeit
Den strengen Blick zu diesem Caviar
Und seht der Sprotten goldne Enge an,
Der Flundern breite Liebenswürdigkeit,
Und ach, den Rollmops, wie er zärtlich blinkt
Im Zwiebelkranze, pfeffereingekörnt.
Seid milde, milde, milde, sag ich euch,
Wie dieser Thunfisch, der im Öle schwimmt,
Denn wisset, was in Silber rundlich hier
Priapisch leuchtet, ist kein leerer Wahn,
Nein: Echt Straßburger Gänseleberwurst!
Und also sag ich: Wer kein Unmensch ist,
Entlehmannt diesen Lehmann, und mein Wort
Heißt: Heil Barbemuche, tritt in den Vorhof ein,
Und nimm aus Deiner Westentasche das Recept,
Wie man die Bowle, die Imanuel
Der große Kant erfunden, weislich mischt!

Bei diesen Worten erhoben sich die drei Cénacliers mit ihren drei Mädchen und riefen selbsechst
sehr laut und stürmisch:

Es lebe Barbemuche! Er mache die Bowle!
Heil! Hurrah! Landerirette!

Der kleine August aber schrie: Komm Se her,
Herr Barbemuche, gäm Se mir n Kuß! Nee,
warten Se mal, lieber nich! Gäm Se Huldan n
Kuß! Und Hulda giebt mirn wieder, wenn Stilpe
nischt drwider hat.

Und jetzt gings los. Stilpe sang mit seiner
grausamen Stimme das Lied von der Königsberger
Bowle:

Braun, braun, braun,
Braun ist die Bowle, wie was?
Wie was? Wie was?
Ach, Kinder, seid moralisch,
Die Bowle, die ist naß,
Die Bowle, die ist naß.

— Heda, rief Wippert, die Mädchen beengen
uns. Sie sollen hinter den Stühlen stehn und
uns bedienen. Wir sind die Herren mit dem
Peitschenstiel!

— Du bist wohl verrückt, rief seine rote Clara,
wie er sich mausig macht!

— Nein, er hat recht! schrie der kleine August.
Alle Mädchen raus! Raus! Mädchen sind gut,
aber erst trinken! Dann könn se wieder rein! Zu
enge! Zu enge!

Er hatte schon fünf Glas getrunken.

Stilpe schlichtete das Problem salomonisch:

— Es ist zu enge, das ist klar. Aber die
Mädchen in den Alkoven zu sperren, wäre grausam
und gefährlich. Ich schlage dies Arrangement vor:
Barbemuche und mein Freund Girlinger schieben
diesen köstlich beladenen Tisch in die Ecke, und wir
legen uns in den Lichtkreis dieser Petroleumampel
auf die Erde. Hulda, hol die Kissen rein! So
wollen wir schlemmen und schlampampen nach
griechischer Art, lang liegend wie Schläuche, immer
ein männlicher neben einem weiblichen.

— Ja, liegen, liegen! rief der kleine August.
Hulda, kennste Hamletn?

Und sie lagerten sich griechisch, wie Schläuche.

Das allitterierende Mädchen nahm sich besonders
gut aus.

— Sie sind das schönste Kanapee im Möbelmagazine des Herrn, sagte der kleine August.

Herr Lehmann mußte anstatt eines Mädchens
sein Cello neben sich legen und die wichtigsten
Reden, zumal, wenn sie rhythmisch wurden, mit leisem
Saitenrupfen begleiten.

Es entwickelte sich ein unbeschreiblicher Lärm,
zumal dann, als die Delikatessen, von denen Stilpe
übrigens einige beiseite gebracht hatte, aufgezehrt
waren und die Henry Clays dampften.

Der kleine August wälzte sich von Mädchen zu
Mädchen und ächzte nur noch, wenn er nicht trank.
Ächzend entwarf er verführerische Schilderungen
seines Schlafrockes, den ihm Richard Wagner geschenkt
haben sollte: — Besucht mich doch mal, Kinder,
mein Schlafrock ist aus Seide, hehe, so mollig, und
meine Badewanne ist auch nicht aus Pappe, nee!

Wenn aber jemand zur Unzeit lachte, wurde er
ungeheuer wild und brüllte Schimpfworte der unerhörtesten Art. Manchmal sang er auch Melodieen
aus seinen vielen ungeschriebenen Opern, die alle
höchst erotischer Natur waren und im Oriente
spielten.

— Hehe, was hat der Meister gesagt? Gottseidank, hat er gesagt, daß der kleine August säuft,
sonst müßten wir uns einpacken lassen.

— Und deshalb säufst Du ja blos, August,
sagte Stilpe. Er säuft aus Liebe zu Wagner, weil
er den nicht umbringen will. Es lebe August der
Großmütige!

— Halts Maul, Stilpe, ächzte August, Du bist
die frechste Canaille, die ich kenne, aber ich liebe
Dich, ich liebe alle frechen Canaillen. Hulda, klopf
mir den Buckel ab!

Es dauerte nicht lange, und Alle waren betrunken, sogar Girlinger, der sich abwechselnd einen
Rabulisten nannte und provençalische Minnelieder
sang.

Barmann hielt Volksreden, wobei er fortwährend
wiederholte, nicht Bebel sei Präsident, sondern
Bismarck.

Auch der kleine August schrie, daß er Bismarck
liebte, nur wäre es schade, daß er kein Sachse wäre.

Wippert lag sehr lange auf den Knieen und
küßte der roten Clara die Schuhe. Dazu sang er:

Lang, lang ists her.

Stössel entwickelte Ideen über das Salondrama,
das nur geflüstert werden dürfte und wobei man,
wie jetzt Operngucker, Hörröhren im Theater verleihen würde.

— Das Flüstertheater ist das Theater der
modernen Nerven, das Theater der intimsten
Seelendüfte. Seelengesäusel! Wollustgewisper!
Sanft! Ganz sanft! Hauch!

Und er flüsterte selber nur noch so leise, daß ihn
kein Mensch mehr verstand.

Aus reiner Opposition stellte Stilpe das Ideal
eines „Schmettertheaters“ auf.

— Nur noch Verse, lang hinhallende Verse wie
Fanfaren, Posaunenstöße, die wie lange Donner
machtvoll ausrollen. Z. B. so, und er brüllte mit
voller Lungenkraft:

Ein Meer von Bowle, Dir, Natur, gebracht,
in langen, langen, langen Zügen, ohhh!

Sonst sprach man mehr von unlitterarischen
Dingen, und Stilpe stellte sogar die Behauptung
auf, es sei eine Schande, an Litteratur auch nur
zu denken, so lange der Magen noch gesund sei.

— Nur Magenkranke dichten. Wer gesund ist
säuft. Und das ist der Grund unsres Saufens:
Wir saufen, um auf dem Umwege über eine Magenkrankheit einmal Dichter werden zu können.

Unendlich oft sank man sich in die Arme, zumal, als die Mädchen eingeschlafen waren. Die
dicke Grete hatte sich mit Hulda direkt ins Bett
gelegt, und die kleine Anna glaubte offenbar, sie
wäre zu Hause, denn sie zog sich bis aufs Hemd
aus und legte sich aufs Sopha. Herr Lehmann
durfte ihr ein Schlummerlied auf dem Cello geigen,
und sie küßte ihn dafür recht herzlich, wenn auch
im Schlafe. Die rote Clara hatte sich nur die
Haare aufgemacht und lag dem kleinen August im
Schoße, der aber keinen Sinn mehr dafür hatte
und ein paar mal rief: Nehmt doch die Apfelsine
weg!

Früh um drei schlief Alles. Nur Stilpe stieg
zwischen den Schlafenden hin und her und trank
die Bowle leer. — Die Betrunkenheit hob und
senkte sich in ihm. Ihm war, als führe ihn etwas
im Kreise herum. Zuweilen lallte er:

Wie dieser Lehmann schnarcht!

Dieser Idiot ist ganz selig. Warum? Er hat
seine Kniegeige.

Und dieser lasterhafte Greis! Glücklich ist der
Halunke. Warum? Er glaubt an Richard Wagner.

Und diese lieben Knaben, eingeschlossen Girlinger. Unbeschreiblich zufriedene Burschen! Warum?
Sie haben ihre Frauenzimmer oder ihren Cylinder.

Dahingegen ich!

Ich muß über ihre schnarchenden Leichen steigen
und kann nicht schlafen.

Ach, was bin ich elend! Ach! Ach! Ach!
Heulen! Heulen!

Warum ist mir so übel? Warum geht Alles
in mir auseinander?

Die Schulden! Die Schulden! Überall Schulden! Und, äh, ich weiß nicht recht, verlohnt sich
denn das Alles? Ich . . . rutsche ja . . . ich . . .
rutsche ja . . .

Plötzlich gab er Girlingern einen Stoß mit dem
Fuße.

Girlinger lallte: Drück mich nicht so, Johanna!

Stilpen erfaßte ein wütender Zorn: Also auch
dieser Häring seufzt! Und er stieß ihn noch einmal:
Girlinger!

— Was denn?

— Was hältst Du eigentlich von mir! He?
Nicht wahr, ich bin ein Lump und kuhdumm!?

— Versumpft, ganz versumpft, total.

— So, so? Reizend! Hast Du gar keinen
Respekt vor mir mehr? Wie?

— Laß mich schlafen, ich muß schlafen. Die
Cigarren sind sehr teuer.

— Ob Du mich für dumm hältst!

— Ja, ja doch, meinetwegen, Du bist ja natürlich dumm. Das ewige Saufen . . . Du mußt ja
verblöden. Und außerdem . . . geschmacklos . . .
Ah . . . Ich muß schlafen.

Natürlich: Dumm! . . . Ja, ja, das Saufen! . . .
Geschmacklos . . . Freilich . . . Blöde . . . Hm . . .
Mir ist selber so . . . Äh, wie die Mädchen
schnarchen . . .

Er stellte sich vor die kleine Anna hin: Wie
rund sie ist. Hm. Fest. Warm. Und ich stehe da
wie ein Klotz. Ich . . . ich . . . habe nicht mal
mehr Lust an dem. Ich . . . Gott! Gott! . . .

Er sah sich scheu um und fuhr ihr mit der
Hand über die Brust, aber wie angeekelt zog er
die Hand schnell zurück.

Plötzlich warf er sich mitten ins Zimmer.

— Ein Sauleben! Ein Sauleben! Alles hin!
Alles leer! Fertig! Fertig! Jetzt schon fertig! . . .

Er lachte laut auf und trank den Rest der
Bowle aus dem Löffel.

— Und was für eine Art Besoffenheit das ist.
Ich werde jetzt moralisch, wenn ich bezecht bin.
Köstlich! Über alle Begriffe köstlich! Das ist der
Finger Gottes! Ich soll in mich gehen! Ein ausgezeichneter Fingerwink! Eine sublime Ironie!:

Halt ein mit dem Suff, sonst kriegst Du die
Moral!

Man kann nicht deutlicher sein. Oh ja, es
giebt eine Vorsehung, meine Herrschaften!

Äh, pfui Teufel

Viertes Kapitel.

Eine kalte Märznacht; Regen, Wind und zerfetzt jagende Wolken. Das Theater ist aus. Karl
Häusser aus München hat den Falstaff gegeben,
und trotz des abscheulichen Wetters ist es den
Leuten, die aus dem Theater kommen, behaglich zu
Mute. Auch Girlinger ist darunter. Eben spannt
er den Regenschirm auf, um seinen Cylinder und
den neuen langen englischen Überzieher zu schützen,
da tritt Stilpe an ihn heran. Er hat keinen Überzieher, und statt der gelben Mütze sitzt ihm ein
alter Schlapphut auf dem Kopfe. Seine Hosen
sind unten ausgefranzt, seine Stiefel zerrissen, statt
Kragen und Shlips trägt er ein wollenes Halstuch.

Girlinger erschrickt, wie er ihn sieht, und macht
eine Bewegung, als wolle er davon.

— Aber es ist ja dunkel, Herr Referendar! Du
wirst Dich nicht kompromittieren, und ich werde
Dich nicht einmal anpumpen, denn die zwei Mark,
die Du mir spenden würdest, helfen mir nichts.
Aber reden möcht ich n bischen mit Dir. Mir
ist, als hätten wir uns eine gute Weile nicht
gesehen.

— Ich wußte nicht, daß Du noch hier bist.
Ich glaubte . . .

— Was glaubtest Du? Geniere Dich nicht!

— Nun, ich dachte, Du wärest vielleicht . . .

— Nach Amerika? Oder zur Schutztruppe?

— Ich meinte, Du wärest fort.

— Fort! Sehr gut! Aber siehe, noch ist er
da! Ja: Bleibe im Lande und nähre dich redlich,
wenn Du kein Reisegeld hast, mein Sohn. . . . Wo
gehst Du hin?

— Nach Hause.

— Ah so! Nach Hause. Das klingt ungemein nett. Sag mal, Du hast doch einen Hausschlüssel?

— Gewiß.

— Schön. Dann kannst Du mir wohl ein
paar Viertelstunden schenken?

— Eigentlich habe ich keine Zeit, da ich morgen
Sitzung habe und mich noch etwas in den Akten
umsehen muß.

— Sitzung! Akten! Nein, daß ich mit solchen
Würdenträgern umgehen darf! Wenn Leipzig
russisch wäre, wärst Du sicher schon Beamter der
achten Rangklasse.

— Ja, wenn Du mich verhöhnen willst . . .

— Nein, Girlinger, wirklich nicht. Nee. Ich bin
so matsch . . Weißt Du, meine Stiefeln haben nur
noch nominell Sohlen, und Abendbrot hab ich
auch noch nicht gegessen. Da sollte ich höhnen?
Nein, ich höhne nicht.

— Aber, Mensch, wovon lebst Du eigentlich!

— Sei unbesorgt: Louis bin ich nicht, obwohl
. . . na, gleichviel. Du warst im Theater?

— Ja.

— Ich auch.

— Wie? Obwohl Du kein Geld zum Abendbrot . . .

— Ja, die Kunst, mein Lieber! Die Kunst!
Ich bin nämlich Aushilfsstatist. Hast Du mich
nicht bemerkt? Gelbe Schlappstiefel und einen
grünen Busch. Ho! Wenn nur die Wämmser
nicht so stänken . . . Aber, was: Der Häusser, das
ist ein Kerl! Wie? Es ist gemein von Heinrich,
diesen Falstaff am Schlusse so zu behandeln . . .
man könnte heulen! Überhaupt: Das ganze Stück
wird zur Tragödie durch diesen Schluß. Und diese
Parkett- und Galleriewanzen fühlen das gar nicht.
Oder etwa Du? Oh nein! Welch eine Genugthuung,
daß das fette Laster sein Teil kriegt. Widerlich.
Auch Shakespeare war ein kluger Herr und verstand das Geschäft wie Ludwig Fulda. Äh! Mich
hats gejuckt, laut aufzuschreien und diesem grünen
Tugendprotz von Heinrich meine Schlappstiefel an
den Kopf zu werfen.

— Ein angenehmer Effekt.

— Ja, aber er hätte mich meine künstlerische
Position gekostet. Nein, ich darf Shakespearen keine
Gemeinheit vorwerfen. Ich bin auch ein rechnendes
Schwein. Mangelnde Abendbrote demoralisieren.

Girlinger fing an, einen psychologischen Bissen
zu ahnen. Es mußte wohl interessant sein, das
Problem der Verlumptheit an einem konkreten und
dabei einigermaßen vertrauten Fall zu studieren.
Er liebte solche Studien, wenn sie bequem gemacht
werden konnten. Also lud er Stilpen ein, mit
ihm in ein Lokal zu gehen und Abendbrot zu essen.

Stilpe nahm diese Einladung mit Lebhaftigkeit an:

— Mensch, wie schön sind Deine Gedanken! Und
ich hielt Dich keines Schwungs für fähig! Verzeihe mir! Aber Du mußt das Lokal mich bestimmen lassen. Nur ist es schwer, denn Dein
Cylinder paßt nicht in meine Milieus . . . Aber
es geht schon. Die Gosenstube in der Klostergasse
ist ein Rahmen, der für Dich und mich paßt.
Auch giebt es dort wunderbare Sooleier und einen
Nordhäuser, der die Seele mit feurigem Besen fegt.
Du hast das ja nicht nötig; Deine Seele ist rein;
dafür kannst Du Dich ja an die milde Gose halten.
Ich aber werde mich auf Deine Kosten gewaltig
ausfegen.

Sie gingen in die Gosenstube und fanden einen
leeren Tisch. Stilpe aß mit Heißhunger und sehr
viel, die Gose aber benutzte er nur als Vorwand
für eine große Anzahl von Nordhäusern, die er
mit „Kutscherschwung“ zu sich nahm, wobei es
stets den Anschein hatte, als wolle er das Glas
mit verschlingen.

Im Lichte der Gasflammen sah Girlinger, wie
ihm die letzten drei Jahre zugesetzt hatten. Das
unrasierte Gesicht fahl und aufgedunsen, die Lippen
bläulich, die Augen scheinbar kleiner geworden und
sehr unstät. Eine zuckende Unruhe im ganzen
Wesen, zumal in der Bewegung der Hände etwas
ziellos Fahriges. Aber der Nordhäuser schien zu
beruhigen. Zuletzt bekam Stilpe sogar seinen alten
Zug von souveräner Ironie und die gewisse, etwas
zu deutlich markierte vornehme Lässigkeit der Gesten.
Zumal den Rauch der Cigarre blies er ganz
wie früher so grandios und dabei mit Genußmiene
von sich. Auch seinen alten Stil gab ihm der
Nordhäuser ungefähr wieder.

— Ja, mein Teurer, bis auf diese etwas
kleckerige Bank da habe ich mich glücklich hinabavanciert, seitdem diese lieblichen Idioten mit den gelben
Mützen mich hinausgethan haben. Wie heißt es
doch: c. i., das ist cum infamia. Nun ja: Eine
reizende Phrase. Ich hätte die ganze Sache mehr
von diesem ästhetischen Standpunkte ansehen sollen.
Und wie nett das eigentlich war, ich meine, wie
gut es dieses brave Schicksal eigentlich gedeichselt
hat, wie mütterlich vorbereitend. Erst diese Jünglinge mit ihrem Mikrokosmos von Bierjudikatur,
und drei Monate später dieser Makrokosmos des
Senats der freundlichen Alma mater. Nochmal c. i.
So sind die Naturgesetze. Du verstehst mich doch?

— Ja, aber sag mal: Hast Du denn wirklich . . . ?

— In der That: Ich habe wirklich.

— Aber Mensch, Du mußtest doch bedenken . . .

— Was mußte ich bedenken? Daß die Kasse
der gelben Mützen nicht meine Kasse war? In
der That! Dieser Umstand war mir nicht verborgen. Aber ad 1: Eine andre Kasse hatt ich
leider nicht und ad 2 schwang mich die Wiege der
Zuversicht, das biedere Cénacle, inclusive die beiden
kapitalkräftigen Barbemuches, würden mich momento quo (das ist mein Privatlatein) nicht in
der Galläpfelsauce sitzen lassen. Ein falsches Calcul, mein Holder, und wenn Du ein bischen in
der Weltgeschichte blätterst, wirst Du die Erfahrung
machen, daß so was schon manchmal mehr als
eine gelbe Mütze und eine Matrikel gekostet hat.
Übrigens wäre ich wirklich beinahe der honorigen
Studentenschaft erhalten blieben. Aber nicht immer
vermögen die Unterröcke zu retten, was die Hosen
versehen haben.

— Das verstehe ich nicht.

— Tröste Dich: Ich werde es Dir gleich erzählen. Erinnerst Du Dich an meine erste
Liebe?

— Welche?!

— Die chronologisch erste . . . Ich habe es
Dir wie jedem Andern damals unfehlbar erzählt.
Josephine hieß sie.

— Ach so, die, wo Du erst acht Jahre alt
warst, in dem Dresdener Institut?

— Präzis die. Josephine. Buschkleppern seine.
Dieser Engel hat mich retten wollen. Es ist
zweifellos rührend.

— Aber wieso denn?

— Sehr einfach. Du erinnerst Dich, wie ich
euch damals die ganze Sache klar machte. Nicht
wahr? Ich sprach doch, wie Cicero und Catilina
in einer Person. Es war einer meiner Höhepunkte. Ein paar Anakoluthe hab ich noch in der
Erinnerung. Nun, ihr wart mit Talg gepanzert.
Es rollte Alles ruhig ab. Besonders Du warst
ein großes Achselzucken. Hehe, famos hast Du das
gemacht, mein Liebling! Prost! Dafür sollst Du
heute noch viele Nordhäuser bezahlen. Also schön.
Ich raste ab. Du mußt Dich daran erinnern.
Ich habe in meinem Leben das Wort Schweinehunde! nie wieder so schön tremoliert. Und überdies warf ich Dir ja ein Bierseidel an den Bauch.
Nicht wahr, Du erinnerst Dich deutlich?

— Ja, Du warst noch unfläthiger, als sonst.

— Das ist mir lieb, zu hören. Aber sela!
Als ich draußen war, sagte ich mir: So, die Sache
ist nun fix; wo tröst ich meine Seele? Und da
besuchte ich denn, aber Du darfst nicht rot werden,
Referendar, jene Hausbesitzerin, von der wir
manchmal gesungen haben:

Warum ist Deine Laterne wie Blut so rot,
Amalie?

Du hast das sehr schön singen können, mein
Engel, und oft habe ich Dich im Scheine dieser
Laterne stehen sehen, überglüht wie von der
Morgenröte. So magisch wirst Du nie wieder
aussehen, nie! Und darum prost und sela!
Apropos: Du bist doch verlobt?

— Das gehört wol nicht hierher.

— Nein, es fiel mir in diesem Zusammenhange blos so ein. Weißt Du, mir fällt immer
das Ungehörige ein, hehe. Übrigens fange ich an,
in Stimmung zu kommen, und da rutschen mir
immer die Gedanken aus. Wart mal, wovon
sprach ich doch. Richtig: Von Deiner Braut!
Ist sie wieder gesund?

— Sei nicht albern. Du sprachst von dem
Hause dieser alten Vettel, dieser Amalie.

— A—ma—li—eh! Richtig! Und, daß ich
damals hinging, wie ihr mich verstoßen hattet.
Richtig! Ich bin im Gleise wie die Pferdebahn.
Nun gerade aus! Hüh! Brr! Ulrichsgasse! Alles
aussteigen! Ah! Was giebts Neues, Mutter der
Houris? Wa — as? Wer ist denn das da? Ruhe!
Na ja, is gut . . .

— Mensch, Du phantasierst ja.

— Roll mir ein paar Sooleier her, und ich
steige auf die Erde.

Er aß ein paar Sooleier und kam zu sich.

— Also denke Dir: Ich gehe mit einem Mädchen hinauf und unterhalte mich mit ihr. Sie
gefiel mir nicht etwa. Nein, sie gefiel mir gar
nicht. Sie war so, ich weiß nicht, so fatal dürr
und, ja: Gläsern. Sie hatte entschieden grüne
Augen und unendlich viel Sommersprossen. Aber
um den Mund rum hatte sie so was Verächtliches,
als ob er schon oft vor Ekel ausgespuckt hätte.
Weißt Du, wer so einen Mund gehabt hat? Unser
alter Freund Börne.

Also, sie setzt sich aufs Bett und sagt: Na?

— Hm, sag ich, schenken wir uns das!

Sie guckt mich groß an.

— Weißt Du was, sage ich, Du kannst mir
dafür Deine erste Liebe erzählen.

— Ich? sagt sie, ich habe gar keine erste Liebe
gehabt. Gerade, wies anfing, wars aus!

— Nee, sage ich, so was! Das mußt Du mir
nun grade erzählen.

Sie wollte durchaus nicht, aber ich hatte die
Gabe der Eindringlichkeit, weißt Du, mit ein bischen
Schauspielerei und ein bischen Gefühl neben dran.
Denn ich war ja immer gefühlvoll neben dran,
hehe. Und so erzählt sie mir denn . . . aber das
war wirklich . . . hol mich der Teufel noch einmal!
. . . ich dachte, ich wäre endlich wieder mal betrunken . . . ja, denke Dir: Sie erzählt mir meine
Geschichte von damals! Ganz genau! Unterm
Katheder und dann im Garten!

Ich kriegte direkt Angst. Ich packte sie an den
Handgelenken und sah sie so fürchterlich an, daß
sie aufschrie. Und da nannte ich ihren Namen,
den richtigen, und dann meinen.

Nordhäuser! Nordhäuser!

Er war ganz aufgeregt.

— Wie sie mich da ansah! Die grünen Augen
wurden tiefblau und strahlig. Und mit einem
Male lag sie mir am Halse und heulte, daß ich
denke, sie läuft aus. Und stammelt und stottert
und klappert mit den Zähnen. Herrgott! In
meinem Leben habe ich ein fremdes Leben nie
wieder so gefühlt. Mir wars, als hätte ich ihr
Herz leibhaftig und blutend und stoßend in meiner
Hand, und es rönne mir über die Finger.

— Du Windelband! Glotze gescheidter. Hehe!
Dieser Referendar ist ergriffen!

Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich.

— Komisch! Furchtbar komisch! Was? Das
Leben ist talentvoll. Es macht die schwierigsten
Sachen ohne allen Apparat. Schmeißt da zwei
Zerschmissene aufeinander und sagt: Da habt ihr
euch!

Er sah Girlingern blinzelnd an:

— Nicht wahr, die Geschichte ist ein paar
Nordhäuser mit Sooleiern wert? Aber mir wird
sie langweilig. Was kam auch noch? Ich hatte
das Stichwort und goß nun meine Geschichte von
mir: So, na und dann bist Du also gefälligst
bald dorthin gekommen, wo Du jetzt bist, mein
teures Mädchen; bon! Des Herrn Wege sind unerforschlich, und: Wer weiß, wozu es gut ist, sagt
der Christ. Ich aber . . . Ach, ich mag nicht mehr
erzählen! Kurz und gut, wie sie erfuhr, was mir
bevorstand, wollte sie das Geld aufbringen. Viel
Gesuche in allen Kasten, dann Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie . . . Satis superque,
es langte nicht.

Die Beiden schwiegen eine Weile.

Dann Girlinger: Und, was hast Du dann
eigentlich getrieben?

— Ich? Getrieben? Welch ein Tropus! Ich
habe mich treiben lassen. Ach so, Du willst
wissen, was ich „gewesen“ bin? Höh! Reichskanzler nicht!

— Haben denn Deine Eltern . . .?

— Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt. Es waren ein paar reizende Kerle darunter. Das andre hat beinah für die Schulden
gelangt.

— Warum bist Du nicht unter die Journalisten . . .

— Du siehst doch, daß ich noch unter die
Journalisten gegangen bin.

— Aber, Mensch, Du hast doch Talent!

— Aber das Leben hat noch mehr, wie ich
mir schon ein Mal zu bemerken erlaubte. Übrigens,
mein Sohn, irrst Du Dich, wenn Du denkst, ich
bin unter den Rädern. Ich bin blos zwischen dem
Roßmist. Du brauchst mir nur das Reisegeld
nach Berlin zu leihen, und ich stürze Herrn Bleibtreu. Oh, es kommt schon noch die Zeit, wo ihr
mit einigem Stolze sagen werdet: Den berühmten
Stilpe kenn ich! Das ist ein Freund von mir.

Deinen Nordhäusern von heute wirst Du es
zu verdanken haben, wenn ich Dich dann nicht
verleugne.

Viertes Buch
Ecce poeta

Reich mir einen Lorbeerkranz, Schicksal,
oder aber
Einen Bund voll Haber.
Aus Stilpes zerstreuten Weisheiten.

Erstes Kapitel.

Ein junger Lyriker und ein noch jüngerer
Dramatiker saßen im Café Kaiserhof in Berlin
und erörterten die Zukunft der deutschen Litteratur.
Da ging ein Herr an ihrem Tisch vorüber, und
der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung, daß erst
nach völliger Austilgung der Tagespresse wieder
an eine anständige Litteratur zu denken sei, inne,
um diesen Herrn, der sehr elegant gekleidet war
und ein etwas blasiertes Wesen zur Schau trug,
mit tiefer Verbeugung zu begrüßen. Der Herr, an
dem eine Fülle schwarzer, weit in die Stirn gekämmter Haare und ein Klemmer mit sehr breitem
schwarzem Bande besonders auffiel, sagte mit einem
schiefen Lächeln: Nächste Woche kommen Sie dran!
Die freien Rhythmen habe ich schon klein gehackt.
Man thut, was man kann.

Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und
wollte etwas sagen, aber da war der Herr mit
dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen. An einem Ecktisch, wo der Kellner bereits
den Absinth filterte, ließ er sich nieder.

— Wer war denn das? fragte eifrig der
Dramatiker.

— Kennst Du denn den nicht! antwortete erstaunt der Lyriker: Stilpe!

— Was? Den Kerl grüßt Du? Dem schickst
Du Deine Bücher? Das ist ja der infamste Hund,
der je kritisch gebellt hat!

— Schrei doch nicht so! Mit dem ist Freundschaft besser als Feindschaft. Übrigens hat er wirklich Geist.

— Ach was: Geist! Ein Molch ist er! Eine
niederträchtige Bestie! Ein impotenter Neidbold,
der sich einbildet, mit Schnoddrigkeit alles totmachen
zu können. Die Reitpeitsche gehört ihm! Eine
Witzwanze ist er!

— Was hat er Dir denn gethan?

— Mir wird er erst noch was thun, aber ich
hasse ihn schon vorher. Dieses Gezücht muß ausgerottet werden, Du hast es ja vorhin selber
gesagt!

— Bitte recht sehr! Ich war noch nicht fertig!
Leute wie Stilpe nehme ich aus. Er ist freilich
ein Pamphletist, aber, zum Teufel, er hat einen
alten Hut voll Talent.

— Ich pfeife auf diese Art von Talent, hinter
dem kein Charakter steckt. Galle, Neid und Größenwahn, nichts weiter! Den alten Hut haben hier
Viele auf.

— Du irrst Dich, es steckt mehr dahinter.
Stilpe ist eine der interessantesten Erscheinungen in
der Berliner Litteratur. Ein giftiges Aas, meinetwegen! Aber: Unerschrocken! Kennst Du denn
seine Karrière?

— Ach was! Er wird sich durchgebohrt haben
wie alle diese Holzpapierwürmer.

— Urteile doch nicht so ins Blaue! Ich sage
Dir offen: Ich habe Respekt vor dem Mann!

— Oder Angst.

— Unsinn! Respekt sage ich.

— Auch Hochachtung?

— Ach! Hochachtung. Vor einem Kritiker hat
man nie Hochachtung. Aber er imponiert mir.
Die Art wie er sich durchgesetzt hat, gefällt mir,
weil sie beweist, daß ihm der ganze Journalismus
nur eine Gelegenheit zu Stilübungen ist. Vor drei
bis vier Jahren ist er hier in einem Coupée
vierter Klasse angekommen, ganz abgerissen, ohne
die geringsten Verbindungen. Als Reporter hat er
angefangen, d. h. eigentlich blos als Hilfsreporter,
und bei was für Blättern! Es heißt übrigens, daß
er damals in verschollenen modernen Revüen Gedichte veröffentlicht hat. Jedenfalls hat er, während
er hier beim literararischen Troß mitschuftete, nach
auswärts in Litteraturblättern die unerhörtesten
Brandartikel geschrieben, als wäre er der heimliche
Kaiser der deutschen Litteratur. Ich sage Dir: Dreck
und Feuer, aber angemacht mit Flammpunsch!
Durch eine Serie von Ohrfeigen, die er von einem
Schauspieler kriegte, wurde er berühmt.

— In der That: Imposant!

— Ist es auch! Denn diese Ohrfeigenserie
war nichts weiter als ein abgekarteter Coup, wie
sich später herausstellte. Er und der Schauspieler
prügelten sich programmmäßig nach gemeinsam
aufgestelltem Regieplan und zwar mit nachdrücklichster Naturtreue. Wie der Streich geglückt und
ihr Name in allen Zeitungen war, fuhren sie zusammen in einer offenen Droschke durch die
Friedrichstraße und Stilpe ließ eine höchst amüsante
Ehrenerklärung, die von Witz sprühte, durch die
Blätter laufen, und die Aufmerksamkeit der Redaktionen galt nun nicht mehr seinen Ohrfeigen, sondern
seinem offenbar großen journalistischen Talent.
Er kam an einem konservativ-antisemitischen Blatte
an und schrieb nun das boshafteste Zeug, was sich
nur denken läßt, gegen die „koschere Litteratur“.
Er hat geradezu den antisemitischen Knüppelstil
erfunden. Und auf einmal, wie mit einem Krach,
saß er auf der anderen Seite und drasch auf die
Antisemiten los, daß es nur so knackte.

— Na, das ist doch der Cynismus der Charakterlosigkeit in frechster Form!

— Aber es hat Stil, mein Junge, und,
übrigens: Denkst Du heute noch über Arminius
so, wie in Sexta?

— Erlaube mal, damit läßt sich jede Käuflichkeit entschuldigen.

— Ich behaupte ja nicht, daß er ein moralisches Exempel ist. Er ist ein Landsknecht der
Feder, jedem zu Diensten und in jedem Dienste
ein Draufgänger. Wie ein General zur Zeit der
italienischen Renaissance, der seinem Feldherrnstab
bald das, bald jenes Wappen als Knauf aufsetzte,
so schwang er bald diese, bald jene Fahne. Aus
dem Raddau-Antisemiten und fortschrittlichen Losgänger wurde erst noch eine Art litterarischer
Volkstribun der Sozialdemokratie, und es schien,
als würde er dabei stehen bleiben. Er schrieb damals mit einer merkwürdigen nüchternen Härte
und hieb besonders auf den „Bourgeois-Anarchismus“ der jungen Litteratur los. Aber plötzlich ein
wilder Quersprung, und er enthüllte die Kunstfeindlichkeit der Sozialdemokratie mit einer solchen
Unerbittlichkeit und bekannte so flammend seinen
Irrtum, daß man wirklich glauben mußte, er sei
vom Geiste aller freien Künste apollinisch besessen.
Seitdem datiert sein Ruf als litterarischer Kritiker.
Er verließ die Politik und wurde der Schrecken
der Belletristen. Er fing an, fein zu werden, Du
verstehst mich: Fein im Berliner Sinne, also
witzig und scharf. Natürlich muß er infolgedessen
mehr verreißen, als loben. Kritik ist Scheidekunst
sagt er; also: Scheidewasser her! Aber gerade
deshalb liebt ihn sein Leserkreis.

— Und das findest Du also imposant!

— Nein, das gerade nicht, aber diese ganze
Schamlosigkeit, mit soviel Witz und frechem Mute
vertreten, zwingt mir sehr viel mehr Respekt ab,
als die langweilige Leisetreterei der furchtbar ernsthaften Leute, die konsequent und reputierlich sind,
weil ihre Beschränktheit es nicht anders gestattet.
Sie schulmeistern die Literatur, er macht sich über sie
lustig. Nenne ihn einen Lump, aber ist er es in Großfolio, und wenn Du etwa sagen willst, daß er Schaden
anrichtet, so behaupte ich, daß er das Interesse
für Litteratur hundertmal stärker anregt, als die
anständigsten kritischen Registratoren. Übrigens
interessiert er mich im Grunde als Mensch. Ich
bin zwar blos Lyriker, aber ich wittere hier einen
tragischen Fall.

— Köstlich! Wenn ein Lyriker es mit der
Phychologie hält! Jaja! Ich sage Dir, dieser Mensch
fühlt sich in seinem Salonrocke unendlich wohl
und verachtet die gesammte schöpferische Litteratur,
wenn er nur immer genügend hohes Zeilenhonorar
kriegt, um gut essen und trinken zu können. Die
Absinth-Flasche hat er schon bald leer.

— Ja, man sagt, daß er säuft, und das stützt
wieder meine Meinung von der Tragik, die hinter
diesem Menschen steckt.

— Du bist wirklich ein Lyriker.

Dann sprachen sie wieder von der Zukunft der
deutschen Litteratur.

Der psychologische Lyriker hatte recht: Stilpe
fühlte sich in seiner bevorzugten Lage sehr unglücklich.

Er lebte allerdings sehr gut, seitdem er „in der
Feuilletonmanège die Pausen durch schwierige
Scherze ausfüllte“, wie er sein kritisches Amt umschrieb. Er aß bei Kempinsky, ließ bei einem
englischen Schneider arbeiten, trank nur ausgesuchte
Spirituosen und hatte, wenn auch kein ständiges,
so doch eine Art von Wanderharem, „wohlassortiert“.

Daß darunter keine eigentliche Geliebte war,
empfand er nicht als Mangel. Dieses Bedürfnis
hatte er nicht, wenn ihn auch manchmal so etwas
wie Sehnsucht darnach anwandelte.

— Vielleicht wäre es gut, wenn ich mich einmal richtig verliebte, sagte er sich; das wäre doch
wenigstens ein Surrogat für das Andere. Aber
es gelang ihm nicht.

Was aber war „das Andere“?

Ein paar Stellen seines „Heftes der Aufrichtigkeiten“ geben darüber Aufschluß.

Dieses Heft legte er zu dem Zeitpunkte an, als
seine Stellung anfing, gesichert zu werden; und
das war dieselbe Zeit, um die er begann, sich unzufrieden zu fühlen.

Auf der ersten Seite stand dies:

„Jede Pflichtgewohnheit ist gemein, also auch
das Lügen, als welche Kunst ich jetzt gewerbsmäßig
und, wie ich mir sagen darf, nicht ohne Begabung, aber ich will ja hier ehrlich sein, also:
Mit ungewöhnlichem Talente betreibe. Deshalb
will ich wenigstens zuweilen diese Gewohnheit
brechen und auf diesen Blättern die Wahrheit
sagen.

Daß ich auch dabei lügen werde, versteht sich am
Rande. Aber diese Lügen werden eine eigene und
amüsante Nüance haben.

Ich stelle es mir sehr anmutig differenziert
vor: Lügen, die Wahrheiten sein wollen, aber nicht
daran glauben, und Wahrheiten, die sich selber
keineswegs trauen, aber ihrer Lügenhaftigkeit immerhin nicht ganz sicher sind und sich manchmal im
Stillen zweifelnd sagen: Wer weiß, am Ende sind
wir wirklich wahr?

Eine liebliche Sorte Schlinggewächs also, —
mein Gehirn mag eine ähnliche Struktur haben.“

„Es scheint wirklich: Der Mensch lebt nicht von
Brot allein und auch nicht von dem, was besser
schmeckt; er braucht ein Ziel, was er lieb hat,
um „glücklich“ zu sein. Aber er muß dran
glauben.

Beispiel: Ich war glücklich, als ich das Ziel
lieb hatte, ein — Dichter zu werden, obwohl ich
damals lauter Schulden und keine Aussicht hatte,
sie zu zahlen.

Oder: Ich war glücklich, als ich das Ziel lieb
hatte, ganze Stiefeln zu bekommen. Und ich hatte
doch nichts zu essen.

Nun aber: Bitte, wo ist das Ziel, das ich lieb
hätte? Ganze Stiefeln hab ich, und ein Dichter
mag ich einstweilen nicht werden . . . Alles wüste
und leer . . .

Das Ziel, einen Rausch zu bekommen . . .! . . .?

Ach, wie erbärmlich sind jetzt meine Räusche!
Ich trinke, weils schmeckt, und das ist niedrig neben
dem eigentlichen Ziel des Trinkens, dem großen
Rausch.

Vielleicht Morphium? Aber ich fürchte den
Selbstmord . . . Meine Krankheit heißt überhaupt
Feigheit . . . Ich habe mich zu sehr an Kempinsky
gewöhnt . . .

Halt! Ich werde nach Dressel streben! Jede
Woche zwei Feuilletons mehr, und es geht! . . .

Ach, wie kümmerlich und einfältig! Bin ich
denn schon ganz verblödet? Jeder Tag Dressel,
das wäre ja eine Rohheit und unsagbar stümperhaft. Ich würde mir ja selbst die Möglichkeit zu
Magenidealen rauben . . .

Also: Ideale fehlen mir? Schau, schau, wie
tugendhaft ich bin . . .

Unsinn: Ideale! Schon das Wort ist die verkörperte Maulsperre: I. . . e. . . a! Pfeifen wir lieber
darauf! . . .

Aber das schweiß- und lustlockende Ziel . . .
Sollte es die Liebe sein, die Li—a—bee? Oh
nee!

Indessen. . . manchmal . . .? . . .hm . . .! . . .

Kürzlich liebte ich sehr stark in der Gegend des
Weddings. Ich zog mich schlecht an (wie schade,
daß ich meine letzte Leipziger Garderobe nicht mehr
habe!) und entzündete den Scharlachfeuerbrand bei
einem recht süßen Ding von Mantelnäherin.

Oh ja, es hatte was. Die Armeleutliebe hat
ihre Reize wie die Armeleutmalerei, und ich kam
mir vor wie der dicke Commerzienrat Katz, der
einen Uhde in seinem Speisezimmer hängen hat.
Er vertritt ihm die Stelle des Tischgebets. Aber
ich bin wohl nicht so christlich veranlagt wie der
Commerzienrat. Ich zog mich wieder in die Nähe
des Wintergartens zurück . . .

Nein, die Liebe ist es nicht. . . Zur Liebe bin ich
jetzt entschieden zu ästhetisch geworden . . . Oder zu
niederträchtig? Nur keine Gêne, werter Freund!
Den Sport will ich mir wenigstens bewahren,
daß ich mich selber beim rechten Namen nenne.

Und jetzt will ich zu Emmy gehn, die mich
„Caviarbrödchen“ nennt.“

„Ich nähre mich jetzt hauptsächlich von Lyrikern,
und was ich dann von mir gebe, ist das Entzücken
meines reizenden Publikums. Nichts erfreut es so
von Grund aus, als wenn man ihm einen gerupften Dichter vorsetzt.

Es besteht also in dieser deutschen Welt von
heute immer noch eine Art Neid gegen diese Profession?

Und, wenn ich mir selber auf die Plombe
fühle: Beneide ich das Geflügel nicht auch im Grunde
ein bischen? Zumal die, die sich so verdorben
stellen und so selig in der Einbildung sind, gewaltige und verruchte Sünder zu sein, — sind sie
nicht wirklich beneidenswert? Kerls, die sich noch
geißeln können, muß man die nicht beneiden?

Und überhaupt dieses Behagen, sich in Versen
auszuschwemmen. Es ist ganz sicher eine ejakulative Wollust.

Und der Rhythmus ist das Leben,
Und die Prosa ist der Tod . . .

Hol sie der Teufel! Sie genieren mich. Sie
erinnern mich an Zeiten, da ich gerade so dumm
und pueril war wie sie, und ich finde, es ist
ungerecht, daß ich leiden muß, weil ich klüger
wurde . . .

Also: Ich leide? Sehr schön gesagt. Ein
dekoratives Wörtchen. Schon die Stimmgabel zum
lyrischen Gesang.

Ich werde mir auch so eine dicke schwarze Halsbinde kaufen, die Einem so was Biedermeierischhalbabgewürgtes giebt und zur lyrischen Livrée von
heute gehört.“

„Im Grunde genommen, werter Herr, sind Sie
den Idealen Ihrer Jugend ein wenig untreu geworden. Fanden Sie nicht dermaleinsten, daß es
die Gemeinheit der Gemeinheiten sei, ein Dichter
sein zu können und um der besseren Speise- und
Weinkarte willen ein Journalist zu werden?

Ganz richtig. Nur erlaubt sich irgend wer die
Frage: Kann ich denn ein Dichter sein?

Lächerlich! Höchst lächerlich! Sind Sie ein
Lump, daß Sie sich verstellen? Wissen Sie nicht
ganz genau, daß Sie ein Dichter wären, wenn Sie
nicht, leider, es für bequemer hielten, ein Schubiak
zu sein?

Hm; vielleicht nehmen wir blos ein Schlammbad! . . . So zur Austreibung böser Säfte, wissen
Sie . . .

Aber wer hat es Ihnen denn verschrieben?

Meine Natur, meine schlechte, niederträchtige, gemeine Natur. Durch Schlamm zum Rosenöl! sagt sie.

Reizend, in was für Tropen Ihre Natur lügt.
Aber: Sie glauben ihr doch nicht?

Ih wo! Ich kenne sie ja.“

„Es fängt an, geschmacklos zu werden, wie unwohl ich mich fühle.

Mein Ruhm stinkt zum Himmel, daß Pietro
Arretino vor Neid semmelblond wird, meine Honorare könnten einem Cirkusklown den Schlaf rauben,
mein Stil, dieses Gemächte aus Sprachnotzucht und
Drehkrankheit, wird mehr kopiert, als die sixtinische Madonna, — und ich bin der Gelbsucht
nahe.

Was, zum Teufel, sitzt mir in der Leber!?

Oh, ich fühls! Es ist ein Ekel an dieser
Comödie, die ich aus mir gemacht habe mit
dem Vorsatz, sie vom Repertoire zu streichen,
sobald ich genug an ihr hätte, und die ich
nun Tag für Tag seit Jahren spielen muß,
weil ich sonst hinter die Coulissen geschmissen
würde.

Ein schundgemeines Kassenstück, aber wehe,
wenn ich ein anderes gäbe!

Es gilt nur die Frage: Verlohnt die Einnahme wirklich den Ekel? Wäre es nicht besser,
ich träte endlich einmal vor und spiee dem werten
Publikum ins Gesicht?

Hollah! Amende gäbe das erst recht einen
Erfolg, und ich wäre obendrein die Ekelplage
los?

Wie, wenn ich Va—banque spielte?“

„Ich sehne mich nach Unordnung, nach Verrücktheit, nach dem Gelächter derer, die nichts zu verlieren haben.

Ah, Du altes, treues Wort: Bohème! Ein gelangweilter Lump zu sein, ein Lump in Wohlsein
und Ängsten vor dem bischen Daseinsgefahr, —
wie schaal und schäbig! Aber ein lachender Lump,
ein königlich selbstherrlicher Lump mit leerem
Beutel und den Taschen voll Hoffnung, ein dichtender Lump, ein Lump voll Laune und närrischen
Plänen, ein freier Lump mit der Grazie des selbstbewegten Lebens, — wie köstlich und groß!

Bohème! Bohème! Der Gedanke läßt mich
nicht mehr los: Heraus aus diesem behäbigen
Lumpentum und hinein in freche Abenteuer!

Ich muß mich wieder berauschen können und
nicht blos trinken.

Ich muß wieder einen Kreis um mich haben,
in dem man betrunken wird an sich selber.

Diese schweren Weine machen faul, diese Champagner lügen blos von Räuschen, diese kostbaren
Liköre sind wie Seidenpolster, in denen man versinkt, ohne daß man glaubt, Houri-Arme schlängen
sich um Nacken und Brust.

Was ist das für ein Leben! Kein Ruck und
Zuck, kein Taumeln und Drehen. Geradehin, auf
Gummirädern, hinter verschlossenen Kaleschenfenstern,
allein.

Diese „Collegen“! Wie ernst! Wie bedeutend!
„Beamte der öffentlichen Meinung. Richter im
Reiche des Schönen. Staatsanwälte des Geistes.
Pioniere des Fortschritts. Enkel Lessings. Verantwortliche Redakteure der Moral.“ Oh, ihr . . .!

Na! Ich kenne euch doch? Ihr habt doch allerhand Respekt vor mir? Ich unterstehe doch
annoch makellos eurem Ehrengerichte? Wißt ihr
denn nicht, daß ich täglich Unzucht mit allen Lastern
des Witzes treibe? Warum werft ihr mich denn
nicht hinaus?

Solltet ihr . . . auch . . .? Blos nicht mit
soviel Frechheit . . . ? . . .

Wie, wenn ich einmal meine Comödie, die ja
ein Stück der euren ist, ohne Schminke auf eure
Papierbühne brächte? Wenn ich die litterarischen
Hungerleider, die von Gnaden des Elends noch anständig sind, aufriefe gegen die gewürdeten litterarischen
Beutelschneider und Gaudiebe? Wenn ich zeigte, was
für Wäsche unter den schönen Röcken der Würdenträger der öffentlichen Meinung steckt? . . .

Halt! Das ist Stil für die Öffentlichkeit; ich
kann die Passage in meiner Brochüre verwenden,
die ich wie einen Klotz in den Tintensumpf werfen
will.

Ah! Da haben wir ja schon Plan und Titel:
Eine Brochüre: Der Tintensumpf. Schon bin ich
inspiriert!

Aber hier wollen wir doch lieber nach Möglichkeit ehrlich sein, — was habe ich also vor!?
Wenn ich es mir recht überlege: Ich will mir, da
ich von dieser Bühne abzutreten gesonnen bin (bin
ichs wirklich?) einen guten und womöglich praktischen Abgang verschaffen. Ich will sensationell
abtreten, um — drüben ein anderes gutes Engagement zu bekommen?

Nein, das nicht.

Aber es wäre vielleicht möglich, daß mir dieser
Abgang die Möglichkeit gäbe, eine eigene Bühne,
eine Protestbühne zu gründen .? . . Hm. Die
Perspektive ist gut . . . Geht die Brochüre, so findet
sich wohl ein spekulativer Herr, der mir meine
eigene Zeitung gründet: Die Zeitung der Zurückgewiesenen, das Blatt der Bohèmes auf jedem
Gebiete . . .

Und: Kein Zweifel, daß die Brochüre gehen
wird! Welcher Skandal ginge nicht? Aber ich
muß rücksichtslos sein, wie ein Wilder und boshaft wie ein Affe.

Sagen wir ruhig: Es muß ein braves Pamphlet sein.

Machen wir! Ist nicht der Tintensumpf unleugbar? Bin ich mir nicht das schönste Modell?
Hat mich dieser Sumpf nicht ruiniert? . . .

Der Teufel, ich komme immer in den Stil für
die Öffentlichkeit. Ich bin wirklich allerliebst eingeseucht; es scheint, ich kann mir schon selber nicht
mehr die Wahrheit sagen. Aber für diesen Zweck
ist das eigentlich ausgezeichnet! Ich werde teilweise
unbewußt lügen, und eine unbewußte Lüge knattert
viel stärker als zehn bewußte Wahrheiten.

Eben rieb ich mir die Hände. Es scheint, die
Bösewichter auf dem Theater sind echter, als wir
glauben.

Bösewicht! Ich möchte jetzt mal in den
Spiegel sehn.

Wie sonderbar aufgeregt ich bin. Rein wie
betrunken. Oh, ich ahne Räusche! Wenn ich
jetzt schon so außer mir gerate!

Und nun hab ich endlich das Wort für mich:
Ich will wieder außer mir geraten können!

Komme, was will: Ich muß aus mir heraus,
heraus aus diesem meinen Sumpf, und ich will
mit gewaltigem Spektakel ans Land springen!
Platschen soll es.“

Zweites Kapitel.

Gleich nach dem Erscheinen des Tintensumpfs
hatte Stilpe sein Quartier aus dem Karlsbad,
das ihm längst zu still gewesen war, in die Nähe
der Weidendammer Brücke verlegt. Da hauste er
nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie
ein Student, nur, daß es keine kümmerliche Bude
nach dem Hof hinaus war, sondern groß, hell,
mit dem Blick nach der Spree und weithin über
einen guten Teil Berlin. Und laut war sie, umbrodelt vom Lärm der Friedrichstraße, den man
wie ein rollendes Rauschen hörte. Dazu das
Rattern der Züge, die in den Bahnhof Friedrichstraße einfuhren, und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer Brücke her die dröhnenden
Schläge des Rammwolfs, der die Notpfeiler in
das Flußbett trieb.

Da aber gefiel es Stilpen gut. Hier fühlte
er sich zu Hause. Das war nach seinem Geschmack: Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten
Möbeln, die er nicht mit besonderer Schonung zu
behandeln brauchte; zu Nachbarn Garçons wie er,
Studenten, Künstler und ein „besseres Mädchen“;
die Hausordnung dementsprechend liberal, die
Wirtin desgleichen.

— Ein guter Dunstkreis, hatte er gesagt, wie er
die Wohnung bezog; hier laßt uns die Götter
locken mit Pfeifen und klingenden Gläsern.

Er hatte gleich seine alte Frechheit wieder, die
er so lange unter einer anderen hatte verbergen
müssen. Es fehlten ihm nur noch die Genossen.

Aber sein Aufruf am Schluß des Tintensumpfs:
An das bischen Bohème in Berlin! hatte bald
gezogen. Es kamen sogar sehr viel mehr, als er
gewünscht hatte, und vor Allem kamen sehr viele
falsche Bohèmeleute, unglaubliches Volk voll innerlicher Philistrosität, Theorieenaushecker, Weltverbesserer, Pseudoanarchisten, auch einige lebendige
Beispiele aus Krafft-Ebings Psychopathia sexualis: Alles, was irgendwie in der Welt nicht
zurechtkam, glaubte zur Bohème zu gehören und
im Verfasser des Tintensumpfs den Mann gefunden zu haben, der ihnen in einer neuen Zeitschrift weißes Papier bogenweise zur Verfügung
stellen würde.

Dagegen blieben anfangs die aus, an die allein
er gedacht hatte: Die Dichter und Künstler. Nur
einige Jünglinge, denen der Dilettantismus mit
jenem bekannten Strohfeuer aus den Augen leuchtete, waren als Vertreter der Kunst bei dieser
ersten Flutwelle.

Erst nach ein paar Wochen, wie Stilpe von
der gesamten Presse mit Einmütigkeit und ganz
kurz als Schandfleck des Journalismus abgethan
worden war, fanden sich die Rechten ein. Stilpe
merkte es sogleich daran, daß sie ihn unverzüglich
anpumpten, und dann beim „Orakel der Buttelje“.
Sie tranken ungefähr mit derselben Technik wie er.

Nach etwa vier Wochen hatte er wieder ein
„Cenacle“ beisammen, und diesmal war es ein
echtes.

Eine Maskerade mit französischem Namen war
hier nicht mehr am Platze. Seine neuen Freunde
waren selber Originale, kantig geblieben in der
großen Rührbüchse eines derb zugreifenden Lebens,
und gaben den Freunden Mürgers nichts nach.
Es waren köstliche Kumpane für ihn und dabei
entschiedene Talente für feinste Kunst und freiestes
Leben. Nur ein paar von ihnen waren schon mit
Werken an die Offentlichkeit getreten, und es war
nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher Freude,
wenn sie und Stilpe die niederträchtigen Kritiken
zitierten, mit denen „der gefürchtete Kritiker
W. St.“ sie einst an den Pranger gestellt hatte.
Die Mehrzahl war so gut wie ungedruckt, denn es
gab kein Blatt, das excentrisch genug für sie gewesen wäre.

Nun sollte Stilpe natürlich dieses Blatt gründen.

Bei allen Zusammenkünften, soweit sie nicht
blos mit Trinken oder Rezitationen der „neuesten
Sachen von Rang“ ausgefüllt wurden, war diese
Gründung das Hauptthema. Aber nun waren
schon zwei Monate seit dem Erscheinen des Tintensumpfes verstrichen, das Interesse für diese Brochüre
ebbte nach der Provinz hin ab, und man war noch
zu keinem Entschlusse gekommen.

Da erlies Stilpe an den „inneren Kreis der
Eigentlichen“ eine Einladung, die unter dem Hinweis darauf, daß „mit den schwindenden Monden
auch die Moneten verrollten“, zu einer letzten und
endgiltigen Sitzung „in punkto Blatt“ zusammenrief. Postskriptum: „Um nüchternes Erscheinen
wird gebeten . . . Der Peripathetiker soll die
unmündige Tochter des Regenschirmhändlers zu
Hause lassen.“

Stilpe erwartete die Gesellschaft ganz mit der
Heiterkeit, die ihn immer leise hob, wenn ihm Gelegenheit zu Trinken und Reden in Aussicht
stand.

Das hatte ihm in seiner „fundierten Periode“
vornehmlich gefehlt: Gesprächweise trinken zu können.
Im Rausche die Welt mit Worten aus den Angeln
zu heben, das war ihm immer Bedürfnis gewesen,
und das war ihm nicht erfüllt worden, als er das
Dasein des gefürchteten Kritikers führte. Denn
damals fehlten die rechten Geburtshelfer für seine
Worte. Diese Art, sich dem Rausche des improvisierten
Wortes hinzugeben, war sein Teil Produktivität,
und er hatte sich im Grunde deswegen so unglücklich damals gefühlt, weil er zur Unfruchtbarkeit verurteilt war, weil ihm die Wollust, sich auszugeben, nicht wurde.

Hätte er die Fähigkeit und Freiheit besessen, so
zu schreiben, wie er sprach, hätte er nicht im
Grunde wider sein Wesen und wider seinen Stil
schreiben müssen, so wäre die Gewaltaktion des
Tintensumpfes kaum in dieser brückenabbrecherischen
Art vor sich gegangen.

Er selber ahnte dies nur dunkel, in den seltenen
Stimmungen, wo er sich einmal vor die Seele
führte, was er eigentlich gethan hatte mit seinem
Schritt, den niemand begriff, und hinter dem man
in den betroffenen Kreisen allerlei weitgehende Absichten vermutete, weil man es sich nicht vorstellen
konnte, daß ein so „gerissener Kunde“ wie Stilpe,
der bisher ein Lager immer nur verlassen hatte,
weil in einem anderen weichere Polster winkten, sich
ohne bestimmte Aussichten eine ausgezeichnete Position verscherzt haben sollte.

Gerade jetzt, wie er die neuen Freunde erwartete,
bedachte er einmal seine Lage.

Die Hände unterm Kopf zusammengeschlagen,
die kurze englische Pfeife mit Old Judge im
Munde, lag er auf dem breiten Lederdivan und
betrachtete ein großes, rot, grün und schwarz gehaltenes Plakat, das an der Wand gegenüber befestigt war. Die Worte darauf, in riesigen ziegelroten Buchstaben, lauteten:

!! Sensationell !!
Der Tintensumpf
Enthüllungen
und
Selbstbekenntnisse
von
Willibald Stilpe

Dazu sah man in stilisierten schwarzen Wellen
einen aufgeregten Tümpel, aus dem höchst entsetzte grüne Froschgesichter und die Schwimmfüße
nach unten tauchender Frösche herausragten, während ein herkulisch gebauter Frosch, von dem das
schwarze Sumpfwasser abfloß, große Ziegelsteine
mit Aufschriften, wie: Heuchelei, Prostitution, Bestechlichkeit, Plagiat, Feigheit in den Tümpel warf.
Eine große, rote, aufgehende Sonne fehlte nicht.

Stilpe lächelte. Der herkulische Frosch war
also er, und die andern saßen in der Tinte.

Gut soweit! Aber was nun?

Wenn die Zeitschrift den Erfolg hätte, wie die
Brochüre, so wäre die Sache glatt. Aber: Wenn
nicht?

Er war ja ausgesperrt, und es war kaum
Aussicht vorhanden, daß man ihn in Gnaden
wieder aufnehmen würde. Denn er hatte sie alle
beschimpft, von rechts nach links, ausnahmslos:

„Aber es giebt doch auch anständige Elemente
in der Presse! rufen Sie, mein werter Mitbürger.
Ei ja wohl. Man hört es sagen. Aber das Element selber ist unanständig.“

Stilpe überlegte: Da ist eine Redefigur mit
mir durchgegangen, scheint mir. Hm. Das war
wohl ein taktischer Fehler . . . Aber es klang! . . .

Ach was! Wenn nur die Figur gut war.
Das liegt so in der Technik des Pamphlets. Man
muß Stil haben . . .

Das Pamphlet liegt mir überhaupt. Jedes
Jahr blos eins, und ich kann auf alle Redaktionen
pfeifen . . .

Äh, was für Ideen! Das wäre eine neue
Schweinerei . . . Bin ich denn ganz verkommen? . . .
Warum denk ich immer wieder an so was! . . .
Warum denk ich nicht wie meine vier Eigentlichen?
Warum hab ich nicht blos Verse, Phantasien,
Burlesken, Träume im Kopfe? . . .

Es ist schauerlich, wie zerfahren ich bin. Da
steckt nun was in mir; ich hoffe doch, —
oder . . .? Nein, es steckt schon was irgendwo,
aber immer wieder hundsföttische Anwandlungen.

Zwei Seelen, ach? Aber die andern haben ja
zwei Dutzend! Nur fahren sie nicht so auseinander . . .

Ein Ziel! Ein Ziel! Herrgott nochmal, endlich ein Ziel! . . .

Also die Zeitschrift! Ja, ja, ja! Ist das
nicht eine That? He? Die neue Litteratur machen?
Die freie Kunst zum ersten Male rücksichtslos proklamieren! Zum ersten Male sagen: Wir sind
die Herren, kuscht euch, Gesindel! . . . ? . . .

Äh, im Grunde ist mir das wohl auch nicht
grade „Herzblut“ . . . Diese ganze Schreiberei
überhaupt: Geplärr . . .

Kann man zeitlebens seine Freude daran haben,
Lesefraß zu kneten? . . . Ist denn Schreiben
Leben? Handlangerei für den besseren Mob!
Kellnergewerbe . . .

Er lächelte nicht mehr. Eine scharfe, steile
Falte teilte seine Stirne. Seine Heiterkeit war
verschwunden.

So ging es ihm immer, wenn er allein über
sich nachdachte. Deshalb brauchte er Leute um
sich, die das wegschwemmten.

— Kommt denn die Bande nicht?

Die Dämmerung kroch ins Zimmer, sie, die
der „Bärenführer“ den „Teppich der behaglichen
Lyriker“ nannte. Dazu dröhnten von unten her
die Dampframmen.

— Der Bärenführer ist der glücklichste aller
Menschen. Zwar hat er kein Portemonnaie, aber
er hat Weisheit. Zwar liebt er die Weiber nicht,
aber er liebt seinen lieben Gott, der ihm täglich
von 10—12 Uhr zwanzig Quartseiten Phantasien
schenkt. Hat er die niedergelegt, und hat ihm sein
Kochbär ein tüchtiges Mittagessen mit Grobheiten
gewürzt, so wandert er los wie ein tanzender
Derwisch, und die Welt ist ihm eine Crêmestange
mit Cognacfüllung. Er macht sich selbst zum
Narren und lacht doch Alle aus, denn seine Narrheit ist ihm sein Spiel. Er will nichts; das ist
sein Geheimnis und seine Heiterkeit.

Stilpe dachte das nicht ohne Neid.

Der „Bärenführer“ war der „Erste der Eigentlichen“, ein wunderlicher Mensch, der mitten in
Berlin mit dem Gleichmut eines orientalischen
Weisen lebte und, arm wie ein persischer Bettelmönch, sich mit einer köstlichen Grazie des Geistes
aushalten ließ. Sein Reich war nicht von dieser
Welt, aber wer sein Reich kannte, diese weiten
kosmischen Räume voll unerhörter Phantasien und
diese bunten Fabelstädte mit den intimsten Winkeln
genießender Ruhe nach rasenden Räuschen, der
wußte, daß seine Welt beträchtlich schöner war, als
unsere. Ein Fakir mit Humor. In der Heimat
seines Geistes, in Indien, wäre er wohl auch ohne
Alkohol weise und heiter gewesen; in Berlin aber
mußte er sehr viel trinken. Doch selbst im Alkohol
blieb er harmonisch. Es schien, als ob er wirklich
die Fakirkunst besäße, sich durch seelische Kräfte
gegen alles Giftige immun zu machen.

Besonders darum beneidete ihn Stilpe, der zuweilen selber merkte, wie der Alkohol an ihm
zehrte, und wie er immer abhängiger von ihm
wurde.

Der zweite der Eigentlichen war der „Peripathetiker“. Auch er repräsentierte Weisheit in einem
ganz unmodernen Sinne. Stilpe behauptete, er
sei die Reincarnation des alten Diogenes, und
diese Meinung traf das Wesen des Peripathetikers
im Ganzen wohl. Nur kam ein gut Teil weicher
Verträumtheit hinzu. Er übertraf den Bärenführer noch an sozialer Untergrundslosigkeit, denn
er besaß keinen weiblichen Bären, der ihm kochte.
Es kam vor, daß er im Tiergarten übernachtete.
Sonst wohnte er bei Freunden herum. Dabei
war er von sehr edlem Anstande und fühlte die
Würde seines Geistes. Traf es sich, daß er in
„bürgerlicher Gesellschaft“ war, so trug er sofort,
doch ohne Pose, ganz aus einem inneren Überlegenheitsgefühl, den Propheten zur Schau, der die
Gewöhnlichen milde zum Handkuß zuläßt. Er
hätte einen guten, feinen Mönch abgegeben, wenn
er nicht etwas Vagantenhaftes gehabt hätte. Sein
ganzes Leben war ein unausgesetztes Denken und
Dichten. Wo auch immer er war: Er schrieb,
und stets trug er Manuskripte mit sich herum,
reich genug, fünf Nummern der Times zu füllen.
Nur konnten sie nicht abgedruckt werden, da sie
niemand außer ihm lesen konnte. In schwierigen
Fällen war er selber nicht dazu imstande. Stilpe
besaß ein Manuskript von ihm, einen Conceptbogen in Quart, der außer den ersten Scenen zu
einem Drama zwei Kapitel aus verschiedenen Romanen, sechs Gedichte in Prosa, drei in Versen
und außerdem etwa fünf Dutzend Aphorismen und
verschiedene Essay-Brouillons enthielt, alles durcheinander geschrieben, erst wagerecht, dann in senkrechten, dann in diagonalen Zeilen dazu. Und
man durfte mit Recht und ohne Übertreibung
sagen, daß ein geordneter, ökonomisch disponierender
Litterat von diesem einen Bogen gut ein Jahr
seine geistigen Ausgabebedürfnisse hätte bestreiten
können.

Leidenschaften kannte der Peripathetiker nicht,
doch liebte er kleine Mädchen, so bis zum 10. Jahre
etwa, sehr. Für die Seele des Kindes war er
geradezu hellseherisch begabt, und man konnte
Kleinodien an Kinderscenen von ihm vernehmen.

Er konnte übrigens ohne Alkohol auskommen.

Nicht so der dritte der Eigentlichen: Kasimir,
der Fugenorgler. Es war ein gar wilder Pole
voll von Dämonie und allen Künsten der Blague.
Er hatte als Dichter nur ein Thema, Stilpe
nannte es die medizinisch-katholische Abgrundweis,
aber dieses beherrschte er mit der Meisterschaft
bornierter Genies. Sein Dichten war eine Art
verzückter Drehkrankheit, und man wußte nicht, ob
er sich drehte, um zu dichten, oder ob er dichtete,
um sich zu drehen. Doch konnte sich keiner der
Macht dieser grandios wirren Eintönigkeit entziehen. Es war schöpferische Besessenheit, die indessen manchmal mehr Beängstigung als künstlerischen Genuß hervorrief. Er wäre als Gesellschafter unmöglich gewesen, wenn er nicht gleichzeitig ein unübertrefflicher Blagueur, geradezu ein
Meister der Blague gewesen wäre. Stilpen, der
selber in dieser Kunst viel vermochte, konnte er
dadurch manchmal rasend machen. Nur der Bärenführer und der Peripathetiker ließen sich nie beirren,
der Bärenführer, weil er überhaupt aus Allem nur
inwendige Heiterkeit schöpfte, und der Peripathetiker,
weil sein Geist doch immer noch schneller lief, als
die Blague des Polen.

Dagegen ließ sich der vierte der Eigentlichen,
den sie den Zungenschnalzer nannten, nicht selten
verführen, Kasimirn auf das polnische Glatteis mystischer Schnoddrigkeiten zu folgen. Er liebte das
Mystische gar nicht, er war ganz auf das Ästhetische und Erotische gerichtet. Stilpe nannte ihn
Doktor der Erotologie. Er bestritt der Menschheit
das Recht, in erotischen Dingen irgend etwas
pervers zu nennen und machte aus dem, was er
nun nicht pervers, sondern kultiviert nannte, ein
eifriges praktisches Studium. Er wäre gerne ein
Don Juan der Perversität gewesen, indessen entgleiste seine Don Juanschaft schon auf dem gewöhnlichen Gebiete der Erotik recht häufig. Aber
er nahm Alles für genossen und schnalzte mit der
Zunge. Als Dichter pflegte er das Gebiet des
Undruckbaren mit anerkannter feiner Meisterschaft.
Und: Einen sachkundigeren Cirkuskritiker als ihn
gab es nicht. Als Gesellschafter war er unter den
Vieren weitaus der angenehmste, denn er war von
einer entzückenden echten Liebenswürdigkeit, voller
Geist und Laune. Nur mußte man früh um fünf
Uhr nicht schon nach Hause gehen wollen. Doch
trat dieser Wunsch unter den Eigentlichen nie auf.

— Es kann eine ganze nette Zeitschrift geben
mit den Vieren, dachte sich Stilpe, aber es ist mir
unklar, ob irgend eine Nummer davon unverboten
bleiben wird. Man wird sie als Brief versenden
müssen und von vornherein darauf schreiben: Nicht
für die Öffentlichkeit.

Hollah! Ein neuer Tric. Ein unöffentliches
Blatt! Das ist eine unbezahlbare Idee!

Er war Feuer und Flamme dafür und entwickelte sie sofort mit Leidenschaft, als die Viere
bei einander waren.

Köstlich sahen der Bärenführer und der Peripathetiker aus, die Stilpes abgelegte Kleider aus
seiner Kritikerzeit anhatten. Er selber trug sich
wieder mit einem Stich ins Salopp-künstlerische.
Die eleganten Kostüme aus dem englischen Atelier
waren ihm nie sehr zu passe gewesen. Jetzt nahm
sich der Bärenführer in einem braunen, unendlich
langschößigen Gehrock mit hohem, breitem, geschwungen geschnittenem schwarzem Sammetkragen,
eine seidene, bestickte Weste dazu, sehr drollig aus,
und der Peripatethiker in einem seidenkragigen
schwarzen Smoking nebst viereckig ausgeschnittener
Weste war ein grotesker Anblick. Der Pole suchte
eine halbe Stunde lang in den weiten grauen Hosen
nach den diogenischen dünnen Beinen.

Dann begann aber die Debatte. Die Idee mit
der Unöffentlichkeit schlug ein, doch hielt das
nicht ab, sie sofort auch ein bischen lächerlich zu
machen.

Der Bärenführer wollte, daß das Blatt in
einer Geheimschrift von arabischem Charakter und
natürlich von rechts nach links gedruckt würde.

Kasimir schlug vor, die Beiträge des Peripathetikers als Autogramme drucken zu lassen, um
jede Gefahr auszuschließen, daß sie gelesen werden
könnten.

Der Peripathetiker schüttelte langsam den Kopf:
Aber ich möchte sie doch lesen!

Stilpe wurde ärgerlich und erklärte, er würde
nicht eher etwas zu trinken geben, als bis man
anfinge, ernsthaft zu reden. Er fühlte sich beinahe
schon als dekretierenden Redakteur.

Es wurde die parlamentarische Form bestimmt,
damit man doch zu einem Beschlusse käme.

— Also, gut, wie gesagt, selbstverständlich:
Eugen Richter; wie gesagt: Ich bitte ums Wort!
rief der Bärenführer.

Stilpe, der natürlich präsidierte, erklärte, daß
er ihn vormerken wolle; zuvörderst aber müsse die
Gesellschaft ein paar Worte von ihm entgegennehmen:

— Erstens, meine Freunde, wollen wir uns
geloben, heute zu einem Entschluß zu kommen. Ich
schlage vor, daß wir dies nicht ohne Feierlichkeit
thun. Lasset uns symbolisch vorgehen! Wer sich
verpflichtet, mitzuwirken zu einem endgiltigen Entschlusse und wer zu erklären bereit ist, daß er sich
jeder Entscheidung, die heute fällt, unterwerfen
will, auch wenn sie gegen seine etwaigen Anträge
sein sollte, der wähle mit mir aus diesen Flaschen
eine gelbgekapselte. Es ist Cognac. Die Weißkapseln enthalten Gin.

— Ich protestiere gegen diesen Wahlmodus!
erklärte zum größten Erstaunen Aller der Peripathetiker. Ich habe noch nie Gin getrunken und
möchte deshalb eine weiße Kapsel wählen, obwohl
ich zu jeder Verpflichtung bereit bin.

— Also gut; die Erklärung wird zu Protokoll
genommen, und Deine weiße Kapsel gilt für gelb,
erklärte Stilpe. Im Übrigen sehe ich, daß das
Skrutinium allgemein für gelb entschieden hat.
Wir können also beginnen. Um zu verhüten, daß
wie bei allen vorigen Sitzungen ein Chaos der
Meinungen durcheinander gährt, schlage ich vor,
daß jeder nur einmal das Wort erhält. Damit
ist gesagt, daß jeder sich genau überlegen muß,
was er vorbringt, denn er wird keine Gelegenheit
haben, sich später zu korrigieren.

— Wie gesagt, ich bitte ums Wort! rief der
Bärenführer.

— Du wirst es gleich bekommen. Ich will nur
noch das sagen: Die Reden sollen sich an folgende
Punkte halten: 1) Welcher Art soll die Zeitschrift
sein? 2) Wie soll sie heißen? Ich denke, dieses
Verlangen ist billig. Wollen wir es so halten?

— Ich bitte ums Wort, rief Kasimir.

— Bitte!

— Sehr schön! Ausgezeichnet! Aber: Muß
man so feierlich sein, wie Stilpe, wenn man
redet?

— Das wird sich finden, aber ich bitte allerdings um eine ernste Behandlung des Gegenstandes.
Wenn wir uns dazu zwingen, werden wir auch
schnell zum Ziele kommen, denn es ist freilich nicht
amüsant, Reden zu halten, wie in einer Generalversammlung. Wenn nichts gegen meine Vorschläge eingewandt wird, können nur wohl anfangen.

Es wurde nichts eingewendet. Alle hatten das
Bedürfnis, dieser ernsten Sitzung bald ein Ende
zu machen. Man rauchte stark und trank Toddy
dazu.

Der Bärenführer begann:

— Wie gesagt, selbstverständlich bin ich für eine
in—de—pen—dente wie gesagt. Sie muß
anders sein. Wie gesagt: Anders. Ganz anders.
Selbstverständlich, wie gesagt, muß sie Honorare zahlen.
Aber schließlich, wie gesagt, ist das einerlei. Wenn
sie mir viel Raum hat. Plakatformat, wie gesagt,
gelbes Papier und zinnoberrote Lettern, von rechts
nach links gedruckt, wie gesagt, in Lederrollen
versandt.

Stilpe runzelte die Stirne und bemerkte: Ich
muß Dich wirklich bitten, ernsthafte Vorschläge zu
machen.

— Aber er ist doch ganz ernst, Bruder! rief
Kasimir. Ich finde das entzückend!

— Wie gesagt, natürlich, das ist mein Ernst,
selbstverständlich, wie gesagt. Das ist doch sehr
fein und, wie gesagt: Praktisch! Die erste Nummer
lassen wir an die Littfaßsäulen kleben, wie gesagt.

— Hehe, und solche nette kleine Sandwichmänner lassen wir laufen, die sie auf dem Rücken
herumtragen, hehe, und so werden sie dazu immer
schreien und rufen, hehe: Meine Herren Berliner,
hehe, lesen Sie blos, was der Bärenführer wieder
gemacht hat! Der reine Joethe! Hehe! Sie kennen
doch Herrn Joethe, den Verfasser der Farbenlehre?
Hehe! Er ist auch ein bischen pervers gewesen,
der gute Mann, hehe; so ein paar niedliche Epigrämmlein hat er gemacht . . . ah! er war nicht
ohne Begabung!

— Was verstehen Sie denn von Goethe
mein werter Pole, bemerkte der Zungenschnalzer.
Sie sollen erst einmal an die Ahnungsgrenze der
Erotik kommen . . .

— Ich bitte, keine Privatgespräche zu führen,
rief Stilpe. Goethe und die Erotik beiseite: Was
will der Bärenführer noch?

— Wie gesagt, ich bin für das Littfaßsäulenplakatformat und rot auf gelb, wie gesagt, und als
Titel, wie gesagt, schlage ich vor: Die gesprenkelte
Nachtigall.

— Pschakreff, kikeriki, wallahei, Bruder, Du hast
recht: Ausgezeichnet! Kasimir stürzte ein Glas
Toddy hinunter.

Die andern, außer dem Peripathetiker, lachten.
Der Bärenführer mischte Gin in seinen Cognac.

Der Peripathetiker aber erhob sich im Tumulte
des Lachens, sah gerade vor sich hin und begann
ganz leise:

— Unsere Zeitschrift sollte: Das Prisma
heißen. Damit ist für Alle Alles gesagt. Wie
ein Prisma, das Strahlen fängt und Farben
strahlt. Nicht Spiegel des Körperlichen, sondern
Lichtsammler und Scheinwerfer. Nicht willkürlich
in Kanten und Flächen, nicht roh und rauh, nicht
zufallschön oder zufallwahr, sondern nach Gesetzen
geschliffen, in reinen Linien verbunden und abgegränzt; nicht irgendwo liegend, nicht mit irgend
einer Seite flach auf dem Boden, sondern an
goldenem Faden aufgehängt in freier Luft, schwebend
aus sich bewegt in einem langsamen Schaukelschwunge oder einen Kreis scheibend, da einen
roten, da einen grünen, da einen gelben Strahl
fangend und wieder von sich gebend, aber im
Innern Alles sammelnd, kernreich, keimheiß, in der
Tiefe das Auge Gottes, auf den Flächen der
Schein der durchschwebten Lichtwelt . . .

Plötzlich zog er ein Stück Zeitungspapier aus
seinem herrlichen Smoking und schrieb emsig auf
den Rand, so weit er noch unbeschrieben war.

Die Andern lächelten innig und tranken.

Stilpe erklärte, daß ihm der Titel Das Prisma
gut gefiele.

— Oh, rief Kasimir, mir gefällt besonders der
goldene Faden. Das ist das Symbol des Honorars. Und dann: Wie es im Kreise schwebt:
Ausgezeichnet. Hehe: So angenehm idiotisch,
immer im Kreise, hehe, mit dem Auge Gottes.

Er stürzte wieder ein Glas Toddy hinunter.

Der Bärenführer fand Das Prisma auch gut,
aber er meinte, als Untertitel müsse Die gesprenkelte
Nachtigall stehen: Wie gesagt: Das Prisma, eine
gesprenkelte Nachtigall! Aber natürlich, wie gesagt,
in Lederrollen versandt!

Jetzt lehnte sich der Zungenschnalzer in seinen
Stuhl zurück und lächelte Stilpen überaus höflich
mit einem fragenden Ausdruck in den schönen großen
dunkelblauen Augen an.

Stilpe machte eine einladende Bewegung, und
der Zungenschnalzer begann:

— Meine Herren! Sie werden (er war der
einzige, der sich mit Niemand duzte) von mir nicht
erwarten, daß ich Pläne und Titel vorbringen
werde, die an Originalität und Erhabenheit mit
denen meiner Herren Vorredner zu wetteifern vermöchten. Ich bin der Meinung, daß wir in erster
Linie volkstümlich sein müssen.

In diesem Augenblicke schlug Kasimir eine gräßliche Lache auf und trank mit einer ungemeinen
Schnelligkeit zwei Glas Toddy aus, dann kniete
er vor dem Zungenschnalzer nieder und küßte dessen
Stiefel.

Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart, grinste und fuhr fort:

— Wir müssen eine Kunst haben, die auf den
Mittelpunkt alles Empfindens geht, auf das Geschlecht. Nur eine Geschlechtskunst ist echt, ist
Instinkt, ist Genuß, ist Leben, ist Volkskunst. Eine
ejakulative Kunst, orgastisch, brünstig. Ein Hineinknieen in die Uraccorde der Animalität, aber in allen
Finessen raffiniert, differenziert bis in die äußersten
Nervenenden. (Er schien seinen Schnurrbart verschlucken zu wollen, so verzückt bearbeitete er ihn mit
seiner Zunge.) Dabei aber verwegen bunt, jagend,
peitschenknallend, fieberisch! Tanzmelodien und
Hengstwiehern. Corsettkrachen und die Melancholie
des Leierkastens. Blechmusik und das Rauschen
von seidenen Unterröcken. Pubertätswimmern und
das Schollern von Eisplatten in breiten, wälzenden Strömen. Einen Titel dafür weiß ich
nicht. Das Unsagbare kann man wohl stammeln,
aber nicht benennen.

— Hehe, so sagen Sie doch: Der Stammler,
werter Herr, oder: Stimmwechsel. Das sind ausgezeichnete Titel. Hehe, oder: Der Hengst des
Volkes. Das ist noch entzöckender! Oder: Der
rote Faden! Oder: Das Nadelör der Welt. Hehe!
Ausgezeichnete Titel!

Der Pole schien sich ein bischen zu ärgern.

Der Zungenschnalzer lächelte verbindlich:

— Dann würde ich schon lieber gleich Phallus
oder Priapus vorschlagen, wenn es nicht fürs Volk
unverständliche Fremdworte wären, und die deutschen
Ausdrücke sind leider zu Rohheiten gestempelt worden.
Es versteht sich, daß sie dadurch für mich unmöglich werden, denn das Rohe schließe ich ja aus.

Er lehnte sich wieder vor und lächelte mit einem
Ausdruck wie: Ich bin fertig, Herr Präsident!
Stilpen an.

Stilpe war mittlerweile betrunken worden und
konnte nicht mehr an sich halten; nun mußte er
reden.

Er stand auf, setzte seinen Hornklemmer ab und
ließ ihn an dem breiten Bande schwingen. Dann
begann er sehr laut:

— Die gesprenkelte Nachtigall! Gut! Bunt!
Ornithologisch! Also: Deutsch! Wir würden sämmtliche Mädchen damit verführen. Oder wie? Es ist
kein Zweifel erlaubt! Denn es ist ein befiederter
Titel. . . . Jawohl! . . . Indessen! Ah!: Das
Prisma! . . . Streng! Keusch! Gläsern! Ideal!
Mathematisch! Die Welt der Gymnasiallehrer
würde zu uns strömen! . . . Sehr gut! Indessen, mir scheint, . . . aber nein: Sehr gut!
Nur . . . es blendet, es sticht in die Augen, und:
es ist kalt, sehr kalt! Überaus kalt! Außerdem
weiß kein Mensch, was ein Prisma ist. Der Titel
erfordert ein Conversationslexicon. Auch kann
man keine Lyrik unterbringen. Oder? Nein, man
kann nicht, durchaus nicht! . . . Dagegen: Phallus!
Ja: Hier ist Lyrik, ausgesprochen Lyrik. Sehr warm.
Winkend. Kraft und Saft und Sinndeute der
Welt. . . . Aber warum nicht: Der Phalluswald?
Hört doch nur: Der Phalluswald! In ihm singt
die gesprenkelte Nachtigall mit süßem Geschluchz,
in ihm auch kann man irgendwo das Prisma
aufhängen! Sinnend wandelt hier der Peripathetiker, anmutig lehnt hier der Bärenführer und
läßt aus seiner großen Zehe eine neue Welt
wachsen, neue Tänze übt zwischen den fäuligen
Stämmen der Zungenschnalzer nach der Melodie
des Bauchtanzes von Hawai, tief bohrt sich ins
Wurzelgeflecht die blutige Seelensuchekralle Kasimirs,
und auch ich werde in diesem Schattenhain der
Urgefühle die Lieder finden, die, wie ich mit Bestimmtheit behaupten darf, irgendwo in mir
schlummern.

Lieben Freunde, trinkt Cognac und Gin, machet
ein Feuer in euch an, daß eure Augen glühende
Kugeln werden, groß wie die Uhrscheiben am Rathausturm, und eure Fäuste stark wie die Dampframmen der Weidendammerbrücke, trinket Gin und
Cognac, Freunde, lieben Freunde und Genies,
trinkt und glaubt an meine schlafenden Lieder,
diese feisten Murmeltiere, aus deren Fett ich Elender
Feuilletons gebacken habe, trinkt, trinkt, trinkt,
schlagt euch rotgeränderte Wolken um die Schultern
als Regenmäntel und kommt mit mir in den
Phalluswald!

Kommt, o kommt und seid nicht träge,
Sind auch glitscherig die Wege:
Rot wie Rosen lacht das Ziel,
Und wir wollen ins Behagen
Milde, gütig jeden tragen,
Der in eine Pfütze fiel!

Er war unmäßig gerührt und legte sich neben
den Polen, der sich mitten im Zimmer niedergelassen hatte und nichts sagte als: Der Seelenkrebs, Bruder, der Seelenkrebs, hehe, das ist der
Titel, das ist das Programm!

Der Peripathetiker stand schweigend am Plakate
des Tintensumpfs und bedeckte dessen unbedruckte
Flächen mit Hieroglyphen, der Bärenführer ordnete
die Cognac- und Ginflaschen und kommandierte:
Leibgarde des Sultans! Prääääsentiert! Präääsentiert! Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart und trank weiter.

Da klingelte es, und kurz darauf öffnete sich
die Thüre. Herein trat mit einem leichten Aufschrei
eine üppig schlanke, theatermäßig geschminkte Dame
mit einem weiten blauen Theatermantel und einem
riesigen Federhut.

Der Zungenschnalzer ging ihr mit Anstand
entgegen, Stilpe drehte sich blos um und rief:
Süße Kamelie, leg Dich an meine Seite, wir haben
Großes geleistet!

— Das seh ich. Sag mal, wie findest Du das
eigentlich? Eine halbe Stunde hab ich am Wintergarten gewartet. Is das nett?

Sie sprach mit einem Anflug von Hamburger
Dialekt. Wie sie sich im Lichte der Lampe auf
Stilpes leeren Stuhl niedergelassen hatte, sah der
Zungenschnalzer, daß sie sehr hübsch, wenn auch
nicht mehr ganz jung war. Man hätte sie wohl
für eine Dänin halten können: Ganz hellblaue
Augen mit großem Stern, flachsblonde Haare, die
Nase ein klein wenig, aber sehr anmutig abgestumpft;
dazu ein sehr kleiner, schön geschwungener Mund,
der ganz besonders zu dem kindlichen Ausdruck
dieses Gesichtes beitrug. Die Haare trug sie in
der Mitte gescheitelt und, die Schläfen wie einen
großen Teil der Stirne ganz bedeckend, glatt über
die Ohren gelegt; hinten bildete ihre dichte Fülle
einen üppigen Zopfkranz. Diese Frisur gab ihr
etwas süß Frauliches zu dem Kindlichen. Wenn
man ihr aber genauer in die Augen sah, so spürte
man, daß eine heitere Energie der Grundzug dieses
Wesens war.

Sie war, eine geborene Holsteinerin, dänisch-deutsche Liedersängerin und trat jetzt im Wintergarten auf. Stilpen hatte sie sehr gerne, aber sie
war nicht eigentlich sein Fall. Er liebte „die
Weiber nicht sehr, vor denen man Respekt haben
muß“, und vor ihr hatte er Respekt.

— Ach Gott, Du wärst so reizend, wenn Du
nicht im Grunde so anständig wärst, hatte er oft
zu ihr gesagt. Man kommt sich mit Dir immer
verheiratet vor.

Der Respekt, den er vor ihr hatte, brachte es
jetzt auch zustande, daß er sich erhob und ein bischen
nüchtern wurde.

— Siehst Du, mein blondes Gewissen, ich
konnte nicht kommen. Erst die Litteratur, dann die
Liebe. Wir haben soeben die deutsche Litteratur
mit einer neuen Zeitschrift begnadet: Der Mastenwald oder so ähnlich, Organ für gesprenkelte
Nachtigallen und Seelenkrebs. Ja! Das wird
eine Nummer, Madame!

— Ich kann mir den Unsinn schon vorstellen.
Du bist nicht mein erster Dichter. Ich kenne das
mit euren Zeitschriften. Snak! Dich hätt' ich
eigentlich für klüger gehalten. Fällt euch denn gar
nichts Neues ein?

Der Bärenführer, der auch darin Orientale
war, daß er die Weiber nur sexuell nahm, und
auch das nicht eben mit Leidenschaft, wurde ärgerlich. Er warf drei Flaschen um und rief:

— Kattarattazambu! Plokjotratuzupina! Pschattu!
Pschattu! Pschattu!

Dazu machte er ein sehr zorniges Gesicht.

— Mein Gott, was hat denn der Herr? fragte
lachend die Sängerin.

— Ich spreche, wie gesagt, die Affensprache,
mein Fräulein, selbstverständlich platt, wie gesagt.

— Gott, ist der aber komisch! Was hat denn
das geheißen?

— Wie gesagt, selbstverständlich gar nichts, das
heißt, natürlich: Sehr viel, wie gesagt, nämlich:
Was verstehen denn die Weiber von der Wortkochkunst, wie gesagt.

— Aber ich verliebe mich doch fortwährend in
Dichter, wie gesagt, da gehöre ich doch mit dazu.
Nich?

Jetzt drehte sich der Peripathetiker um und
schritt langsam auf die Sängerin zu:

— Guten Abend, Mathilde!

Er sagte das sehr zärtlich.

Die Sängerin sah ihn groß mit lachenden
Augen an:

— Ich heiße aber Martha!

— Nein: Mathilde. Ihre Stimme klingt wie
Mathilde. Ganz seraphimflügelblau mit einem
Kern von willefrohem Ultraviolett. Auch Ihre
Hände flüstern Mathilde. So lilienblattschmal
und immer betend mit leis durchbluteten Adern.

Er nahm ihre rechte Hand und hielt sie vor
das Lampenlicht:

— Kinderpatscheken! Sie sind ein guter Mensch,
Mathilde!

Die Sängerin schüttelte ganz ernsthaft den Kopf:

— Nein, so was! Sind Sie der liebe Gott,
Sie freundlicher Herr?

Dann lachte sie belustigt:

— Nein, was hast Du denn da wieder für
eine Menagerie? Jetzt weiß ich schon gar nicht
mehr, in wen ich mich verlieben muß.

— Bitte, in mich! sagte der Zungenschnalzer in
einem zärtlich dringenden ernsten Tone. — Sehen
Sie: Ich könnte auf Ihnen spielen! Seien Sie
meine Liebesgambe! Sehen Sie in meine Augen!
Was sehen Sie!

— Sie haben sehr schöne Augen, wirklich.

— Blos schön? Nicht auch tief? Sehen Sie
noch einmal hinein!

Es sah aus, als wollte er die Sängerin wie
eine Auster mit den Augen verschlucken.

— Aber Sie müssen meine Kniee in Ruhe
lassen. Wirklich: Sehr schöne Augen! Sind Ihre
Gedichte auch so schön?

— Ach, lassen Sie meine Gedichte! Meine
Gedichte sind nichts, aber meine Liebe ist wie eine
tigerbunte Orchidee. Kennen Sie die Orchideeen
mit den gekrümmten Pistillen, die wie gelbgepuderte
Schlangen sind?

Die Sängerin schob ein zweites Mal die Hände
des Zungenschnalzers von ihren Knieen, dann lachte sie:

— Jetzt thut mirs blos leid, daß der da unten
schläft. Das is gewiß auch ein Netter!

Stilpe bemühte sich sogleich, Kasimirn zu wecken,
aber der war endgiltig fertig und konnte blos noch:
Seelenkrebs! schluchzen.

Die andern aber setzten sich um die Sängerin
herum und vereinigten sich, den Bärenführer nicht
ausgeschlossen, in wohlausgesuchten Reden zu ihrem
Preise. Die Sängerin amüsierte sich sehr und
that auch jedem in Toddy Bescheid.

Das rührte den Bärenführer, der nun immer
betrunkener wurde, ungemein, und er flüsterte:

— Wie gesagt, Martha, selbstverständlich: Sie
sind schön, schön wie mein Bär, wie gesagt. Ich
umarme Sie mit meiner Seele. Ich liebe Sie
fabelhaft! Wie gesagt: Sie sind wie ein Bündel
rosengelber Schlangen! Sie müssen die gesprenkelte
Nachtigall abonnieren!

— Und das Prisma! flüsterte der Peripathetiker.

— Und den Phallus! stöhnte der Zungenschnalzer.

— Und den Phalluswald! rief Stilpe.

— Machen wir! sagte die Sängerin.

Da schrie Stilpe laut auf:

— Eine Idee! Gründen wir vier, nein fünf
Zeitschriften! Auch Kasimir muß seine haben. Und
jeder schreibt immer seine allein! Wie? Ist das
nicht die Lösung? Jeder sein eigener Redakteur!
Ist das nicht, ja, ist das nicht . . . Wie?

— Selbstverständlich, wie gesagt: Fünf Zeitschriften in Plakatformat!

Die Sängerin schüttelte den Kopf:

— Aber, Kinder, seid ihr denn wirklich verrückt?
Vorhin wart ihr doch blos duhn. Wenn ihr durchaus was gründen wollt, so gründet doch ein anständiges Tingeltangel!

— Hu hu hu! lachte der Bärenführer; aber
die andern saßen da, als hätte sie jemand von oben
fallen lassen.

— Ernsthaft! Ein literarisches Tingeltangel!
Wirklich! So was fehlt! Wo gute Sachen gesungen werden. Sie können ja auch verrückt sein.
Aber Sachen von Dichtern. Und dann überhaupt
Alles geschmackvoll, so, wie die englischen Ballets;
überhaupt: Was Schönes!

Stilpe und der Zungenschnalzer erhoben sich
gleichzeitig wie zwei Ergriffene und riefen durcheinander :

— Herrgott! Donnerwetter! Natürlich! Das
ist es! Das müssen wir thun!

— Selbstverständlich, wie gesagt: Ein ästhetisches Tingeltangel! Ach, Martha, Sie sind das
Sternbild des großen Bären! Wie gesagt, natürlich, selbstverständlich ein Tingeltangel, wie gesagt!

Auch der Peripathetiker war, in seiner patriarchenhaften Weise, von dem Gedanken ergriffen:

— Eine Renaissance der Kunst, aller Künste!
Leise Singetänze in blauem Lichte. Die verruchte
Holdheit der Bajadere. Der Rhythmus griechenmeerplätschernder Oden im Schmiegeschwunge
nackter Brüste. Sehen Sie, wie recht ich hatte,
daß Sie Mathilde heißen?

Am lebhaftesten aber waren Stilpe und der
Zungenschnalzer; Stilpe war durch die Idee nüchtern geworden, der Zungenschnalzer berauscht.

Der Abend endete mit dem festen Beschlusse, keine
Zeitschrift, sondern das Literatur-Variété-Theater
MOMUS
zu gründen.

Drittes Kapitel.

Stilpe saß an seinem Schreibtisch und arbeitete.
Er machte dazu ein Gesicht wie der lachende
Zola, unendlich zufrieden und mit einem Blick, der
auch noch im Lachen ein Ziel im Auge hat.

Die Pfeife saß im rechten Mundwinkel, von
den Zähnen nach oben gestemmt, so daß es gar
verwegen aussah. Die Dampfwolken fuhren mit
Kraft aus dem vollen Munde mit den aufgeworfenen
Lippen.

Rechts und links türmten sich neben verschiedenen Liqueurflaschen Papiere, Briefe, Druckproben
zu Programmen, Zeitungen, Zeichnungen, Manuskripte, Notenstöße. Große offene Körbe standen
im Zimmer, aus denen blumig bedruckte Musselinstoffe, dünne indische Seidengewebe in hellen schönen
Farben, schwere dunkle Samte, Spitzen, Goldfranzen hervorquollen. An den Wänden hingen
große bunte Kostümbilder im Geschmacke der englischen Ästheten, aber heiterer, frecher. Mit dem
Geruch des Old Judge mischten sich Parfüms
von der resoluten Art, wie man sie in den Garderoben von Variétédivas einatmet.

Stilpe war von Grund der Seele aus vergnügt. Wenn er einmal die Feder weglegte, rieb
er sich die Hände und pfiff vor sich hin. Ja, er
murmelte sogar zuweilen Worte erregter Befriedigung: Hop! So! Tja, tja, tja, tja! Höh! Das
reißt!

Und doch war der erste Momus-Rausch, der
Rausch der Pläne und Phantasieen vorüber, der
Rausch der Tage und Nächte, als sie in täglichen
Zusammenkünften die Idee der Sängerin im Verein
mit ihr genauer durchgesprochen hatten.

Wie hatten sie da über die Zeitschrift gelacht,
wie hatten sie die Sängerin gefeiert als Retterin
aus dem schlimmsten aller Tintensümpfe; wie war
da Stilpe von Tag zu Tag lebhafter, lustiger geworden.

— Ha: Die Renaissance aller Künste und des
ganzen Lebens vom Tingeltangel her! Oh, das
ingeniöse Mädchen aus Holstein! Man wird sie
preisen wie eine neue und größere Neuberin, als
die moderne Muse in Person. Unter ihrem Zeichen
werden wir das neue, echte, ganze, das lachende
Heidentum heraufführen mit Bocksprüngen und
höchst edlen Faltenwürfen zärtlicher Gewänder.
In unserm Schlepptau wird Alles hängen: Malerei, Poeterei, Musikerei und Alles überhaupt, was
Schönheit und genießendes Leben will. Was ist
die Kunst jetzt? Eine bunte, ein bischen glitzernde
Spinnwebe im Winkel des Lebens. Wir wollen
sie wie ein goldenes Netz über das ganze Volk,
das ganze Leben werfen. Denn zu uns, ins
Tingeltangel, werden Alle kommen, die Theater und
Museen ebenso ängstlich fliehen, wie die Kirche.
Und bei uns werden sie, die blos ein bischen bunte
Unterhaltung suchen, das finden, was ihnen Allen
fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklären,
die Kunst des Tanzes in Worten, Tönen, Farben,
Linien, Bewegungen. Die nackte Lust am Schönen,
der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die
Phantasie, die mit den Sternen jongliert und auf
des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt, die
Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen
schmerzlicher Seelenbrunst, — ah, werft mir ein
paar Feigenkränze voll Worten zu, blast mir Assoziationen ein, laßt mich in Inkohärenzen lallen,
laßt mich farbige Wortflutsäulen ausnüstern, groß
wie die Wasserwürfe aus den Nasen verzückter
Walfische! Wir werden ins Leben wirken wie die
Troubadours! Wir werden eine neue Cultur herbeitanzen! Wir werden den Übermenschen auf dem
Brettl gebären! Wir werden diese alberne Welt
umschmeißen! Das Unanständige werden wir zum
einzig Anständigen krönen! Das Nackte werden
wir in seiner ganzen Schönheit neu aufrichten vor
allem Volke! Lustig und lüstig werden wir diese
infame, moralklapprige Welt wieder machen, lustig
und himmlisch frech! Leichtsinnig soll die Bande
wieder werden und soll bauchtanzen lernen! Ah,
wir ahnen vielleicht gar nicht, was für raffinierte
Sachen die Biedermänner Germaniens leisten werden, wenn unser Geist über sie gekommen ist! . . .
Kinder, küßt unsern blonden Engel hier und umarmt mich, denn wir haben die Welt im Sacke!

In diesem Stile und toller noch geberdete sich
die Wollust Stilpes, endlich einmal ein Ziel gefunden zu haben, das seinem Wesen gemäß war.
Und die andern, der Zungenschnalzer voran, waren
nicht weniger außer sich.

Dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Thätigkeit, und, kaum, daß ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der Momus-Idee, da hatte er auch schon „Kapital am Bändel“,
und die Aktiengesellschaft Momus war gegründet,
ein verkrachtes kleines Theater gemietet und er
„artistischer Direktor“ des Ganzen.

Seine Gabe, sich auch klug zu benehmen, wenn
es not that, kam ihm dabei sehr zu statten. Es
war ein Schauspiel, ihn zu sehen, wie er in seinem
Staatsrocke und mit seinen lässigen Gesten des
sicheren Geschäftsmannes bei „Leuten von Gelde“
am Werke war, die aussichtsreiche neue Idee mit
einem großen Aufwande von Zahlen aus dem Geschäftsberichte der Londoner Empire-Gesellschaft zu
entwickeln, und wer ihn anzuhörte, wie er in gesetzter
Rede, aber mit einem Grundton tiefer künstlerischer
Überzeugung und dabei gestützt auf entwickelungsgeschichtliche Ideen origineller Art nachwies, daß das
Unternehmen eines „künstlerisch-literarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit Variété-Prinzip“ geradezu
eine Forderung des Zeitgeistes sei, der zweifelte
nicht, daß hier eine „Sache“ im Entstehen war.

— Sehen Sie die Theater an! Sie sind leer!
Gehen Sie in den Wintergarten! Er ist voll!
Dort Ableben, hier Aufleben! Wer die Kunst liebt,
muß von Schmerz ergriffen werden bei diesem
Anblicke, und Sie wissen, wie sehr sich kunstfreundliche Kreise bemühen, durch Gründung billiger Theater ꝛc. das Publikum, zumal der breiteren
Volksschichten, dem Variété zu entziehen. Ein
lobenswerter Plan, aber eine falsche Methode, ein
verhängnisvoller Irrtum, entsprungen einem Mangel
an Zeitpsychologie und an Verständnis für entwickelungsgeschichtliche Resultate! Die Zeit des
Theaters ist im Ganzen vorbei! In diesen alten
Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein!
Nein, wie das Theater, ehedem ein Appendix
der Kirche, sich von dieser losmachte und sich selber
eine neue, damals zeitgemäße Form gab, so muß
sich die Kunst heute vom Theater emanzipieren
und entschlossen die Form annehmen, für die sich
der Zeitgeschmack entschieden hat: Die Form des
Variétés! Beides ist reif zum Untergange: Das
Theater, weil seine ganze Struktur zu klotzig, schwer
und unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs, und das jetzige Variété, weil
es seine überaus günstige, allen Wünschen einer
nervösen Zeit gemäße Form nicht mit wahrhaft
künstlerischem Inhalt zu erfüllen versteht. Lassen
Sie uns ein Variété gründen als ästhetische Anstalt im weitesten Sinne, als Trägerin und Verkörperung all der heute so üppig sich entfaltenden
Richtungen in den Künsten, als Schaubühne des
Schönen für Auge, Ohr und Gemüt, und Sie
werden sehen, daß Sie sich an einer wahrhaft
kulturellen und zugleich eminent praktischen That
beteiligt haben!

Mit dieser Anrichtung seiner Ideen für den
Geschmack von Leuten, die in Kunst spekulieren
wollten, hatte er umsomehr Erfolg, als er sich
gleichzeitig den Anschein des vorsichtig bedachten
Geschäftsmannes zu geben wußte, der es fürs Erste
ablehnte, ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen. Ganz
von selbst werde sich aus bescheidenen Anfängen das
große Etablissement der Zukunftsbühne entwickeln.

Sein bekannter Name, mit dem sich die Empfindung von „geistreicher Schriftsteller“ verband,
that das Übrige dazu, auch wirkte es besonders
überzeugend, daß er selbst als Erster fünftausend
Mark allein zeichnete. So erfolgte die Gründung
der Gesellschaft schnell, und er erhielt einen Kontrakt als artistischer Direktor mit vollkommener
Selbständigkeit.

Da er so klug war, bei den ersten Ankündigungen
des entstehenden Unternehmens seinen Namen, obwohl ihm das sehr schwer fiel, beiseite zu lassen,
so nahm sich auch die Presse, wenn auch mit den
üblichen Vorbehalten, der Sache an, und der Name
Momus tauchte in kurzen Zwischenräumen halb
geheimnisvoll immer wieder in den Blättern auf.

Es konnte kein Zweifel mehr sein, daß das
Berliner Publikum, in erster Linie die literarisch
und künstlerisch interessierten Kreise, der neuen
Sache mit Spannung entgegensahen. Der Umstand,
daß die Witzblätter das Schlagwort vom poetischen
Tingeltangel aufbrachten, allerlei literarische Chansons vorschlugen, Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus, Menzel als Kostümzeichner
und Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten,
trug dazu bei, das Interesse wachzuhalten.

Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer
unausgesetzt an der Ausgestaltung des Unternehmens
bis ins Einzelne. Der Bärenführer und der Peripathetiker schleppten täglich die unerhörtesten Chansons herbei, der Zungenschnalzer entwarf erotische
Szenen von trikotloser Kühnheit, Kasimir röchelte im
Psalmenstile schauerlich schöne Seelenmonologe voll
krebsgeschwürigen Abendröten und satanischen Absynthismen, gestimmt und berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodieen, die gesammte junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach
Berlin NW. 32, „postlagernd Momus“, Lieder
jeder erdenklichen Art, die Componisten waren auch
nicht faul, und die jungen Maler und Zeichner
ebensowenig. Dazu wimmelten Chansonetten und
Komiker, Reckturner und Jongleure, Tierbändiger
und Zauberkünstler, Knockabouts, Clowns, Gedankenleser, Schlangenmenschen, plastische Poseusen, Schnellmaler, Schnelldichter, Schnellmodelleure, Schnellrechner, Mimiker, Negertänzer, Skandalfürstinnen,
Antispiritisten, Bauchredner, Zwerg- und Riesenmenschen, kurz alles herbei, was nur auf den
Namen Variété hörte und das Literarisch-Künstlerische für Nebensache erachtete. Sogar Herr Ahlwardt kam.

All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergnügen, und er bedauerte fast, daß das Programm
des Momus so enge Grenzen hatte. Dabei war
er in Auslegung des Begriffes Ästhetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit
„irgendwie angenehm“ aus. Nur mit Aufgebot
von außerordentlicher Energie ließ er zumal weibliche Artisten ziehen, wenn sie irgendwie angenehm
auf ihn wirkten, und gewaltig groß war die „Liste
der für später notierten Mädchen“, die er zwar
nicht sogleich brauchen konnte, denen er aber mit
väterlichem Wohlwollen erklärte: Später peutêtre!

Seine Haupthelfer waren der Zungenschnalzer
und Martha die Muse. Diese beiden besaßen die
eingehende Fachkenntnis, die ihm, dem Organisator
und Neuschöpfer, doch abging.

Der Zungenschnalzer wurde als „Choreograph“,
Martha als „Direktrice für Chanson und verwandte
Gebiete“ engagiert. Der Bärenführer, der Peripathetiker und Kasimir konnten in festen Stellungen
nicht verwandt werden, doch übten sie das Amt
lyrischer Lektoren aus.

Kasimir stöhnte am lautesten unter dieser Bürde:

— Lauter Joethes, Bacillenschwärme von Joethes; es ist sehr scheußlich.

Und fortwährend zitierte er die ihm verfallenen
Lyriker mit dem Tone ironischer Ergriffenheit.

Der Peripathetiker mißbrauchte die ihm anvertrauten Gedichtblätter zu Manuskripten, und der
Bärenführer erklärte, daß er nur über solche Lyrik
objektiv urteilen könnte, der deutsche Briefmarken
als Rückporto beigelegt seien. Im Übrigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern,
als sie durchaus wünschten, auf dem Programm
der Première zu stehen. Stilpe war auch ganz
damit einverstanden, nur waren die bis jetzt von
ihnen vorgelegten poetischen Erzeugnisse nach seiner
Meinung noch nicht momusreif.

— Druckreif und momusreif ist ein Unterschied,
meine Süßen! Ihr seid noch nicht auf der Höhe
des Brettls, ihr seid noch zu papieren! rief er ihnen
immer wieder zu.

Übrigens entschied er nicht allein darüber;
Martha die Muse hatte das Hauptwort dabei.

Wie er mitten im vergnügtesten Correspondieren
war, trat sie ein:

— Na, haben wir endlich ein paar Dichter?

— Nee, ich glaube nicht. Wir müssen den
Stil erst erfinden. Entweder fehlt ihnen der Mut
oder der Geschmack zum Gassenhauer. Blos der
Zungenschnalzer hat ein paar gute Sachen produziert, und das Schönste ist, daß er sie auch selber
singen kann. Er ist überhaupt unbezahlbar, und
ich werde ihn zum Conrektor des Momus ernennen.
Er kann direkt Alles, nur muß man ihn eigentlich
erst ein bischen kastrieren. Himmelschreiend diese
Erotik! Die vier Tanzmädchen hat er schon vollständig verdorben, und sie wollen nun schon gar
nichts mehr anziehn. Er übt jetzt ein Literaturballet mit ihnen ein und ist schon bei den Romantikern: Pas de Tieck. Dann hat er mit den
drei Poseusen eine herrliche Nummer ausgeheckt:
Das Heinedenkmal. Die Idee ist von mir, aber
ich muß sagen: Er hat sie direkt mit Diamanten
übersät. Er wird Heine selber darstellen, im Bett
liegend, von anmutigen weiblichen Visionen ergötzt.
Auch einen dressierten Bären hat er als Atta Troll
aufgetrieben. Na, Du wirst ja sehen! Es ist eine
unbeschreibliche Nummer! Damit die Antisemiten
nicht Spektakel machen, lassen wir darauf das
„Journalistische Trio“ folgen mit den drei jüdischen
Komikern. Sie sind zwar ein bischen ruppig, aber
ohne Ruppigkeiten gehts nicht. Übrigens ist mein
Text dazu um so feiner. Die Bande solls spüren!
Jetzt, wo sie wissen, daß ich die Sache mache,
druckt kein Mensch unsre Waschzettel mehr. Na,
dafür haben wir die Litfaßsäulen! Totschweigen
giebts nicht! — Nur: Diese verfluchten Lyriker!
Schließlich muß ich alle Couplets alleine machen.
Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Und dieser Bärenführer, auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte!
Der Mensch weigert sich, regelmäßige Strophen zu
bauen und steift sich fortwährend auf das, was
er „Finesse“ nennt. Der Peripathetiker thut auch
nicht, was man will, und Kasimir kennt seit zwei
Wochen blos noch ein Thema: Die Blutschande.
Was soll man mit solchen Leuten machen? Die
Literatur sitzt ihnen im Schädel wie eine Riesentrichine. Keiner begreift, daß wir die Bühne der
Zukunft gründen wollen! Sie werden heute wieder
anrücken und Vorschuß verlangen. Ich zahle jetzt
aber nicht mehr in baar, sondern in Viktualien.
Dabei hat sich Kasimir in die zweite Poseuse verliebt und will für sie einen Seelenrhythmus dichten,
natürlich ohne Worte, blos „Geberden einer profunden Idiotie des Geschlechtszentrums“. Das geht
noch über den Zungenschnalzer! Dafür verlangt
der Bärenführer — den antierotischen Bauchtanz!
Nächstens schmeiße ich alle Drei die Treppe hinunter. Sie haben keinen Ernst, weil sie keine
Verantwortung haben!

— Gott, vorhin hast Du so'n fideles Gesicht
gemacht, und jetzt bist Du der richtige Direktor!

— Ach, ja, freilich! Weißt Du: Die ganze Geschichte wäre herrlich, wenn blos nicht diese verdammte Literatur dabei wäre. Natürlich bin ich
fidel! Ich habe ja was zu thun! Aber, wie gesagt:
Die Literatur! Wenn wir blos keine Literatur
brauchten!

In diesem Augenblicke schoben sich die Drei zur
Thüre herein, und der Bärenführer rief, indem er
Miene machte, sich in einen Dufthaufen hellblauen
Musselins zu setzen:

— Verzeihe mir, Stilpe, verzeihe mir, wie gesagt,
ich bin betrunken, und Du mußt mein Couplet
nehmen! Es ist ja so schön! Der Droschkenkutscher
Nr. 8715 hat mich dafür gratis fahren wollen!
Wirklich, wie gesagt, Du mußt es als Prolog von
mir deklamieren lassen!

Und er schrie ganz wild, fast schäumend:

Rum will ich! Uranusbraunen Rum will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will betrunken sein!
Gleich den tiefen Unken sein!
Fröhlich wie ein Schnee-König will ich sein!

Der Peripathetiker fang kindlichen Tones im
Refrain:

Fröhlich wie ein Schnee-König will ich sein.

Der Bärenführer fuhr mit rollenden Augen fort:

Arak will ich! Sehnsuchtblonden Arak will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will besessen sein!
Gleich den rauchenden Essen sein!
Fröhlich wie ein Schnee-König will ich sein.

Der Peripathetiker säuselte den Refrain dreimal nach. Der Bärenführer aber, mit plötzlich veränderter, sanft flehender Stimme sprach:

— Ach, Stilpe, sieh doch nur: Wie regelmäßig
diese Strophe ist! Siehst du, ich folge dir, ich thue
was du willst! Ich mache, wie gesagt, regelmäßige
Strophen.

Und nun wieder mit dem knurrenden Zorn
eines Ebers:

Gin will ich! Gletscherweißen Gin will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will betümpelt sein!
Lilagrün bewimpelt sein!
Fröhlich wie ein Schnee-König will ich sein.

— Wie gesagt, selbstverständlich führe ich die
Strophe regelmäßig durch alle Schnäpse fort:

Absynth will ich! Qualwolkigen Absynth will ich!
Keinen . . .

— Genug! schrie Stilpe. Bist Du verrückt!?
Denkst Du, ich will mir mein Publikum mit hoher
Literatur verjagen? Du bist ganz unbrauchbar!
Du kannst beim Momus die Lichter putzen!

Der Bärenführer war tief betrübt und setzte sich
in die Sophaecke.

Der Peripathetiker aber schüttelte den Kopf:

— Ja, aber, was willst Du denn haben? Dieses
Schneeköniglied ist doch essenzhaft tief und dabei
heiter wie eine weiße, segelnde Wolke über Fabrikschlöten. Es hat etwas modern-goliardisches. Nicht
wahr, Mathilde: Es ist ein schönes Lied!?

Die Muse lächelte:

— Ach ja, es ist ganz nett, und man könnte es
später schon mal singen lassen, als Alkoholistenintermezzo, aber für den Anfang . . .? nein: Ihr
müßt euch mehr an den Brettlstil anlehnen vorderhand. Habt ihr denn gar nichts Verliebtes?

Der Peripathetiker machte ein mild-ernstes Gesicht und ließ seine rechte Hand in der linken
Brusttasche des Smokings verschwinden, der jetzt
schon ein bischen speckig geworden war. Dann
entfaltete er eine Nummer der Kreuz-Zeitung und
las aus dieser, aber nicht aus ihrem gedruckten
Texte, dies:

Gieb mir Deine Hände, Kind,
Deine kleinen weichen Hände,
Die wie Blütenblätter sind,
Kühl und feucht.
Gieb mir Deine Hände leis,
Deine kühlen, feuchten Hände,
Denn die meinen sind so heiß
Wie mein Herz.
Gieb mir Deine Hände, gieb
Still sie mir in meine Hände,
Kleines Mädchen, hab mich lieb,
Hab mich lieb!

Er las das mit einem seltsamen Flüstertone,
flehend.

Stilpe schüttelte den Kopf:

— Aber wer soll denn das singen! Das ist ja
Lyrik! Himmlische Mächte: Was soll ich mit Lyrik
anfangen? Das geht ja nicht! Das ist ja viel zu
zart! Ein Tingeltangel ist doch kein Lesekränzchen!

Der Peripathetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig
in die Hosentasche und sagte blos:

— Ich dachte, es paßte. Ich fände das Gedicht
sehr passend, wenn es ein junger müder Mann an
ein kleines Mädchen hinsänge, und er nähme ihre
Hand und küßte ihr dann die Füße. Aber ich habe
auch komische Gesänge. Ein Lied vom geschorenen
Pintscher habe ich einmal gemacht. Ich werde es
suchen.

Er setzte sich neben den Bärenführer und strich
mit seinen schönen schmalen Händen den langen
Apostelbart.

Kasimir grinste:

— Hehe, Du hast wohl genug, Direktor. Weißt
Du, meine polnische Rhapsodie werde ich Dir auch
hier lassen. Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da. Hehe, sie wird auch nicht passen. Du
willst natürlich, hehe, Humor! Und so mußt Du
Herrn Stinde engagieren oder diesen, äh, wie heißt
doch der Herr, diesen dicken deutschen Biertrinker,
hehe, richtig: Hartleben, hehe; dieser Pilsener-Bier-Joethe paßt für Dich sehr gut. Das ist ein hervorragender Dichter, hehe, geradezu der Onkel der
deutschen Poesie. Ich liebe ihn, hehe! Er hat
gerade so einen schönen Hornkneifer wie Du.

Stilpe lächelte. Gegen diese Manier fühlte er
sich gewappnet.

Aber wütend war er doch. Sie fingen also
schon an, ihn zu verachten. Blos, weil er klug
war. Weil er langsam vorgehen wollte. Nicht
mit dieser tolpatschigen Hast junger Jagdhunde,
sondern mit der Ruhe bewußter Verantwortlichkeit.

Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit
eines Sprechstunde abhaltenden Theaterdirektors hob
sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute,
mit denen zusammen er eigentlich gedacht hatte, das
Momus-Theater zu machen. Ihre Unfähigkeit, für
die Zwecke dieses Theaters zu arbeiten, empfand er
nicht als einen Mangel ihrer Begabung, sondern
er ärgerte sich darüber, daß sie auch in diesem
Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des
Zweckes in der Kunst machten, und er beneidete sie
im Grunde darum. Zwar sagte er sich manchmal,
daß sich darin auch Schwäche und Zügellosigkeit
offenbarte, aber seine eigene Fähigkeit, gerade für
das Momus-Theater zu arbeiten, erschien ihm als
ein Anzeichen seiner künstlerischen Inferiorität.

Er fing mit einemmale an, die „Dichterei“ zu
hassen, und es war ganz ehrlich, wenn er der
Muse gegenüber es verwünschte, daß die „Literatur“ ein Hauptprogrammpunkt ihrer Gründung
war. Und dabei hätte er doch auch um Alles nicht
ein bloßer Tingeltangeldirektor sein wollen. Der
Gedanke, auf so paradoxe Weise der Kunst zu
dienen, kitzelte ihn angenehm.

Aber gerade für das Eigentliche des Unternehmens, gerade für die Verbindung des wertvoll
künstlerischen mit dem Tingeltangelhaften, that er am
wenigsten. Dafür mußten der Zungenschnalzer und
die Muse die Hauptarbeit leisten. Er warf nur zuweilen „Ideen hinter die Kulissen“, schrieb ein paar
Couplets von geistreicher Frechheit und entfaltete
im Übrigen eine mehr fahrige als zielbewußte
Thätigkeit.

Besonders groß war er in der Anschaffung schön
bedruckter Stoffe aus England und Belgien. Auch
ließ er ausgezeichnete Plakate lithographieren und
drucken. In Paris und London engagierte er
brillante Tänzerinnen und Sängerinnen zu sehr
hohen Gagen; das Beste, was das Ausland an
Variété-Theaterkunst hervorbrachte, verpflichtete er
dem Momus-Theater. In gewissen Äußerlichkeiten
war er sehr erfinderisch und originell. So stellte
er anstelle von Logenschließern hübsche junge
Mädchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an,
sorgte für schöne Blumenverkäuferinnen und benutzte seine vorzüglichen Verbindungen in der
besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip
der Auswahl des Besten hin systematisierten Verteilung der Freibillets.

Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner
Weise so:

— O Herr Direktor, Du bist geradezu dschenial!
Du eröffnest Ausblicke in geradezu orientalische Kulturen! Du solltest direkt ein literarisches Bordell
gründen! Weißt Du, hehe, wo die Mädchen auch
gleich dichten oder Joethe deklamieren. Hehe, was
Du da für reizende Divänchen in die Logen gestellt
hast! Und diese köstlichen Rosa-Ampeln! Hehe, und
daß man die Logenthüren von innen verriegeln und
an der Brüstung die Vorhänge zuziehen kann, —
daran erkenn ich den Meister! Und so sollst Du
überhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen,
sondern blos, hehe, Eintrittspreise verlangen; hehe:
„Damen zahlen die Hälfte.“

— Na, und wenn es so wäre! entgegnete
Stilpe unerschrocken, wäre das nicht auch schon Verdienst genug? So ein bischen angewandte Erotik
ist genau so wichtig, wie eure ganze Schreiberei. Und
deshalb ärgert ihr euch eben: Weil Ihr seht, daß ich
ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht
blos in die Literatur. Ihr seid die großen Geister;
gut, schön, eminent: Ich laß euch eure Lorberkränze.
Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens.
Nur der Zungenschnalzer versteht mich, weil er den
Willen der Zeit versteht. Und denkt ihr denn, ich
habe den alten Hut voll Geld gekriegt, um eine
Bouillonkultur Seelenkrebs anzulegen? Ich habe
das Amt erhalten, die Berliner in ein künstlerisches
Leben hinüber zu amüsieren, nicht aber, sie mit
Literatur zu mopsen. Der Zweck des Momus ist
direkt, eurer ganzen Literatur den Rest von Interesse zu nehmen, den sie etwa noch hat. Wir wollen
die Berliner ästhetisch machen. Es giebt hier immer
noch Menschen, die Bücher lesen. Das muß aufhören.
In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen
steckt mehr Lyrik, als in euren sämtlichen Werken, und
wenn die Zeit erst so weit ist, daß ich ohne Unterhöschen tanzen lassen kann, dann werdet sogar ihr
begreifen, daß es überflüssig ist, andere Verse zu
machen, als solche, die bei mir gesungen werden.
Umgotteswillen, begreift doch die Situation! Schöne
Kleider, schöne Frisuren, schöne Arme, Brüste, Beine,
Bewegungen — darauf kommts an. Erfindet mir
Tänze, dichtet Pantomimen, löst mir das Problem
der Emancipation vom Tricot, — das sind Sachen,
die ich brauchen kann. Und wenn ihr schon
durchaus Verse machen müßt, so vergeßt doch nicht,
daß sie von schönen Mädchen gesungen werden, die
nicht mit leeren Corsetts auftreten. Und seht euch
mal die bunten, feinen Stoffe da an! Was müssen
das für Verse sein, die mit solchen Farben, solchen
Mustern konkurrieren wollen! Zieht doch eure Verse
endlich mal aus! Ich lasse Rops tanzen, — habt
ihr doch die Kurasche, Rops zu dichten! Unser
Theater heißt doch Momus und nicht Stöcker.
Seid ihr denn Predigtamtskandidaten? Mein Gott,
was thät ich, wenn ich auf euch angewiesen wäre!

So polterte er sich aus und genügte seinem
Bedürfnisse, ab und an verwegene Worte zu ballen.
Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten
Dichter, obwohl er sich herzhaft über sie ärgerte,
doch unentbehrlich. Er konnte „an sie hin reden“
und sich bei dieser Gelegenheit klar machen, worauf
hinaus er eigentlich wollte. Diese Art, sich in
Feuer zu reiben, that ihm gute Dienste. Er fand
sich mit seinem literarischen Gewissen ab, indem er
sich mit den ungebärdigen Poeten abraufte. Wären
sie nicht immer wieder aufgetaucht, so hätte er die
Literatur überhaupt vergessen und wäre ganz in
Mußlin und Seide aufgegangen.

Viertes Kapitel.

Das leipziger Cénacle, das durch die „fatale
Stilpe-Sache“ damals gesprengt worden war, hatte
sich schließlich doch wieder zusammengefunden.
Freilich ohne Stilpe. Dieser war um die Zeit der
neuen Vereinigung gerade in den Vollgenuß seiner
kritischen Berühmtheit getreten und hatte auf die
Einladung, der ersten Sitzung in Leipzig beizuwohnen, eine schnöde Absage erteilt. Es war darin
von Kinderschuhen die Rede, die er den Herren
gerne zur Verfügung stellen würde, wenn er nicht
befürchten müßte, daß auch sie ihnen noch zu groß
seien; im übrigen sei er bereit, die poetischen Werke der
erlauchten Cénacliers mit derselben Objektivität zu
tranchieren, mit der er die übrigen Erzeugnisse des
dichterischen Germaniens der öffentlichen Meinung
vorsetzte.

Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem
Briefe, denn die Herren Barmann, Stössel, Wippert
und Girlinger hatten ihren künstlerischen und
dichterischen Jugendplänen längst den Abschied gegeben. Barmann war Gymnasiallehrer geworden,
Stössel hatte reich geheiratet und gab vor, musikgeschichtliche Studien zu treiben, Wippert war auf
dem Umwege über orientalische Philologie langsam
zur Medizin gelangt und hatte eine Klinik für
Frauenkrankheiten, Girlinger steuerte auf die Laufbahn eines königlichen Staatsanwalts zu. Wenn
sie sich trotzdem zu einem neuen Aufguß des Cénacles vereinigten, so geschah es in einer gewissen
melancholischen Stimmung und in der Hoffnung,
unter sich wenigstens eine Art Abglanz jenes einbildungsvollen Übermutes zu erzeugen, an den sie
sich nicht ohne ein leises Hochgefühl erinnerten.
Es war ihnen im Grunde doch leid, daß jene überschwänglichen Einbildungen einer künstlerischen Zukunft nicht zur Wahrheit geworden waren. Sie
gestanden sich das zwar nicht ein, konstruierten sich
vielmehr ein Gefühl von ernster Zufriedenheit darüber, daß sie sich in bürgerlich gefestete Zustände
und in einen praktischen Wirkungskreis hinübergerettet hätten, aber es gewährte ihnen doch Genugthuung, daß sie auf so etwas wie eine geistige
Sturm- und Drangperiode zurückschauen konnten.
Auch hegten sie die stille Hoffnung, daß sie vielleicht viribus unitis doch noch die Fähigkeit besitzen
möchten, wenigstens unter sich ein bischen über die
Stränge zu schlagen.

Da war nun die Absage Stilpes, vor dessen
literarischer Stellung sie doch etwelchen Respekt
hatten und in dem sie den durchgedrungenen Cénaclier verehrten, sehr fatal gewesen. Ohne ihn
entwickelte sich das Cénacle stark ins hausbacken
Solide, und eigentlich gabs eine Wiedergeburt jenes
Debattierklubs auf dem Gymnasium, nur daß mit
der Unreife auch der Enthusiasmus fehlte.

Es wurde aus dem Cénacle eines der kritischen
Konventikel, wie sie sich jetzt gerne um die Literatur und Kunst herumgruppieren, wo man sich
über das Neue unterhält, die Entwickelung mit
bald wärmerer, bald kühlerer Anteilnahme verfolgt,
und wo der heimliche Lessing dieser kritisch noch
immer nicht unter einen Hut gebrachten Zeit in
vielen Exemplaren wächst, blüht und gedeiht.

Ein Hauptsport dieses zeitgemäß gewordenen
Cénacles war die Psychologie, diese Lieblingsneigung aller unproduktiven Köpfe, die zu klug und
zu stolz sind, um zu dilettänteln. An Stoff gebricht es diesem Sporte niemals, aber hier war
er besonders üppig und interessant, weil die Cénacliers in ihrem ehemaligen Freunde, dem Ex-Schaunard Stilpe, ein besonders ergiebiges Objekt
hatten.

Die Debatte drehte sich recht häufig um ihn,
und besonders Girlinger ward nicht müde, ihn zu
vivisecieren. Er sprach es direkt aus, daß Stilpe
für ihn das interessanteste Schauspiel sei, und daß
er ihn ganz sicher niemals aus den Augen verlieren werde. Er hatte natürlich auch schon eine
Prognose bis ins Letzte in Bereitschaft, hütete
sich aber doch, sie mit Bestimmtheit verlauten zu
lassen. Die Kühnheit Wipperts, der im Geiste schon
das Sterbebett Stilpes in der Charité mit der
Aufschrift del. trem. sah, besaß er doch nicht.
Dafür dachte er seinem Metier zufolge mehr an
Plötzensee. Barmann, der in Secunda deutsche
Literaturgeschichte traktierte, huldigte höheren Perspektiven; er konstruierte sich einen modernen Fall
Günther. Stössel war im Grunde voll phantastischer Erwartungen:

— Paßt auf: Plötzlich tritt er mit einem Werke
hervor. Jetzt ist alles Schutt und Scherben. Aber
mit einem Male wird er sich zusammenfassen und
aufraffen, und dann zeigt er erst seine wahre Gestalt, seine innerliche Kraft. Vielleicht muß er blos
erst heiraten!

So psychologisierte jeder nach seinen Erfahrungen,
und Stilpe ward nicht müde, in bunter Folge jeder
Ansicht neue Nahrung zu geben.

Zu einer konkreten Zusammenfassung reeller
Unterlagen für diese psychologischen Bemühungen
kam es aber erst als Girlinger nach Berlin versetzt wurde.

Es war etwa über ein Jahr nach der Gründung des Momus, da sandte Girlinger folgenden
Bericht quoad Stilpe
an das Leipziger Cénacle:

Endlich ist es mir gelungen, nicht blos Authentisches über den Fall Stilpe-Momus zu erfahren,
sondern auch unsern ehemaligen Schaunard selber
aufzufinden. Ich hätte euch schon früher allerlei
mitteilen können, aber ich wollte mit Thatsachen
aufwarten und nicht blos referieren, was ihr aus
den Zeitungen von damals ebensogut wißt, wie
ich, und was doch durchweg mehr oder weniger
feindliche Preßmache war.

Ich verkehre hier ab und zu mit Journalisten und
habe in dieser Gesellschaft zuweilen versucht, das
Gespräch auf Stilpe zu bringen, aber es ist mir
nicht gelungen, von dort her mehr zu vernehmen
als Äußerungen einer fertigen Verachtung, die sich
nicht zur Darlegung von Gründen herbeilassen
wollte. Stilpe gilt in diesen Kreisen einfach als
bête noire, und schon aus Korpsgeist vereinigt man
sich zu einstimmiger Verdammung des räudigen
Schafes. Nur einige geben noch zu, daß der
„Mensch“ ein „starkes pamphletistisches Talent besessen habe“, aber auch sie fügen die Bemerkung
daran, daß er „nicht einmal für einen Schmähschreiber genug Charakter besitze“. Den Momus-Krach stellen sie als wohlverdiente Strafe hin 1) für
die Frivolität, die das Gepräge dieser ganzen
Gründung gewesen sei und 2) für das „ans
Gaunerhafte grenzende Gebahren, das Stilpe in
der ganzen Angelegenheit gezeigt haben soll und
zwar sowohl bei Aufbringung wie bei Verwendung
der Momusgelder.

Durch Zufall lernte ich dann eine Gruppe
von Dichtern kennen, die über jedem Verdachte
journalistischer Verbindungen stehen, weil sie es
schon längst aufgegeben haben, ihre Erzeugnisse
durch die periodische Presse zu verbreiten, und die
gerade über den Momusfall mitreden können, weil
sie an ihm beteiligt gewesen sind. Da sie trotzdem
im Grunde von Stilpe nicht viel wissen wollen
(weil er, wie sie sagen, den Momusgedanken
prostituiert hat), so ist es erlaubt, ihre Aussagen
wenigstens für insoweit objektiv zu halten, als die
Herren überhaupt einer objektiven Betrachtung der
Dinge dieser Welt fähig sind.

Von diesen Herren habe ich nun dies erfahren:
Das Momustheater erlitt ein vollkommenes Fiasko,
weil es als Tingeltangel „immerhin“ zu künstlerisch, als Kunstinstitut aber viel zu sehr Tingeltangel gewesen sei. Das Publikum lehnte „das
bischen Literatur und Kunst“, was dabei mitspielte, schon als zu viel ab, und die Presse, die
im Verein mit dem „Schock Berliner Kunst- und
Literaturfreunde“ sich „wenigstens den Anschein
gab, etwas Künstlerisches erwartet zu haben“, erklärte mit „der ganzen Entrüstung lackierter Elitemenschen“, daß sie von Literatur und Kunst im
Momus nicht mehr zu finden vermöchten, als im
„Malepartus.“ Das sei nun freilich zuviel gesagt,
meinten meine „Dichter“, und sie führten zum Beweis
der „Nüance von reeller Litteratur im Momus“
jeder eine Programmnummer an, die den Citierenden
zum Verfasser hatte. Ich muß gestehen, daß schon die
Titel dieser Programmnummern mich in Staunen
versetzten, und als mir eine Probe „interpunktionsloser Lyrik“ vorgetragen wurde, die im Momus
unter „Pizzicatobegleitung von acht Bratschen“ deklamiert worden ist, da begriff ich, daß das dem Publikum zu viel gewesen war. Diese merkwürdigen
Dichter amüsierten sich übrigens selber am meisten
über ihre Programmnummern, und ich vermochte
mir nicht darüber klar zu werden, ob sie diese
Produkte ernst oder als einen Ulk nahmen, den sie
sich mit Stilpe erlaubt hatten.

Es war bei der Première sehr lärmhaft zugegangen, und zwar hatten, wie meine Dichter
behaupten, zwei Parteien „um die Palme des
Radaus gerungen“: In erster Linie die journalistischen Feinde Stilpes und dann ein Aufgebot
der christlichen Jünglingsvereine. Nach Allem,
was ich zumal über die Balletleistungen des
Momus vernommen habe, muß ich erklären, daß
ich die Opposition derart inkorporierter Jünglinge
verstehe. Es ist auch sehr bald die Polizei gegen
den Schnitt der Balletgewänder im Momustheater
eingeschritten.

Dieser Umstand in Verbindung mit dem einmütigen Verdikte der Presse, daß der Momus
durchaus kein Kunstinstitut im höheren Sinne sei,
hat den Aufsichtsrat der Momus-Gesellschaft, also
die Geldgeber, veranlaßt, sich den Paragraphen in
Stilpes Kontrakt zunutze zu machen, der es gestattete, den „artistischen Direktor“ zu entlassen,
freilich unter Zahlung einer sehr beträchtlichen Entschädigungssumme für diesen. Der leise unternommene Versuch, diese Entschädigung durch allerlei
Anschuldigungen bedenklicher Natur in punkto
Geschäftsgebahrung zu umgehen, ist schließlich nicht
gemacht worden, aber schon der Ansatz dazu hat
genügt, jenes von mir bereits erwähnte Gerücht
von „Gaunereien“ ꝛc. zu erzeugen.

Das Momustheater ist sehr bald an einen
regelrechten Tingeltangeldirektor übergegangen, und
man hat eine Weile geglaubt, daß Stilpe selbst
mit seiner Entschädigungssumme der Hintermann
dieses Variété-Mannes gewesen sei. Der Umstand, daß seine damalige Geliebte, eine Hamburger Chantantsängerin, die Diva des neuen
Momustheaters wurde, deutete wohl darauf hin,
aber die Stellung eines Hintermannes scheint mir
nicht im Charakter Stilpes zu liegen.

Zweifellos und leider in Stilpes Charakter sehr
ersichtlich begründet ist dagegen die Thatsache, daß
er sich nach seiner Entlassung einem völlig verrückten Lotterleben hingegeben hat. In seiner Eigenschaft als „Direktor“ hatte er eine unendliche
Schaar von Artisten und Artistinnen kennen gelernt,
und er umgab sich nun mit einem wahren Heerbann von stellenlosen Sängerinnen und Tänzerinnen.
Es wird euch genügen, das Faktum zu vernehmen,
um euch ein Bild davon zu machen, in welchem
Stile er eine Weile gelebt hat.

Meine dichterischen Gewährsmänner machen
ihm nicht sowohl dieses Faktum, als den Umstand
zum Vorwurf, daß er jede Beziehung mit ihnen
und überhaupt mit dem, was sie Literatur und
Kunst nennen, abgebrochen habe. Sie sagen in
ihrem Stile so: „Er sumpfte wie ein Kapitalist,
der sich eine Leibgarde von Mitsumpfern aushalten
muß, weil es ihm an Geist und Größe gebricht,
allein oder mit erlauchten Leuten congenial zu
sumpfen. Er fing wieder an, schwere Getränke
nötig zu haben, wo dem Erlesenen schon Gilka genügt, um den Kontakt mit dem Weltgeiste zu
finden. Auch bei ihm war es die Verzweifelung
der Impotenz, die ihn zwang, für teures Geld
wertlose Räusche zu kaufen. Man brauchte sich
schließlich kein Gewissen daraus zu machen, ihn
anzupumpen wie einen Kunstfreund von hoher
Steuerklasse.“

Diese Verachtung von dieser Seite her besagte
für mich eigentlich den tiefsten Stand der Stilpischen Dinge.

Unser ehemaliger Schaunard, so sagte ich mir,
hat also den brutal sinnlichen Zug seines Wesens
vollkommen Herr über sich werden lassen und ist,
da ihm mehr Geld zur Verfügung stand, als für
ihn gut war, in gemeiner und geistloser Schwelgerei untergegangen. Der andere Zug seines Wesens,
und wenn es auch blos eine untergrundlose Verblendung war: Das Hinaufbegehren in freie,
schöpferische Geistigkeit, die Zuversicht, aus sich
etwas Großes, einen Poeten zu machen, das hat er
ganz verloren. Aber ich fügte in mir den Gedanken bei: Er muß, wenigstens in vorüber wehenden Augenblicken der Klarheit, wenn der Alkohol
versagt, sehr unglücklich dabei sein.

Deshalb gab ich mir Mühe, seiner habhaft zu
werden. Aber es gelang mir lange Zeit nicht. So
lange er Geld hatte, wohnte er, wenn er in Berlin
war, bald in diesem, bald in jenem Hôtel, und
häufig war er offenbar von Berlin abwesend, vielleicht an den Orten, wo die eine oder andere seiner
Favoritinnen gerade ein Engagement an einem
Tingeltangel hatte. Jetzt aber haben ihn die Favoritinnen ganz ausgezogen, und — er hat selber
ein Engagement an einem Tingeltangel hier.

Ich erfuhr, daß er in einem der kleinen Chantants
draußen in Berlin N., wo die Chausseestraße anfängt, als Komiker auftrete, und ich beschloß sofort
den nächsten Abend zu einem Besuche in diesem
Lokal, das sich Zum Nordlicht nennt, zu benutzen.

Das Milieu brauche ich euch nicht zu schildern;
ihr kennt es aus eigener Erfahrung und aus den
Novellen der ersten Periode unsres deutschen
Naturalismus. Ich muß sagen: Mit einer wahren
Angst sah ich dem Auftreten Stilpes auf dieser
Bühne entgegen, auf der sich im Übrigen nur
Chansonetten letzten Ranges produzierten. Au,
dem Programm stand er als — „Rudolph Schonaar“
verzeichnet. Ist das nun ein Stück Selbstironie?
dacht ich mir; hat er wirklich noch den Humor,
sich über sich selbst lustig zu machen? Wie wird er
blos aussehen!? Und, mein Gott, wie wird er
singen?!

Ich war auf alles mögliche gefaßt, aber nicht
auf das, was kam.

Daß ich es kurz sage: Es war eine Leistung!
Ich bin ja freilich kein Kenner auf diesem Gebiete,
aber das getraue ich mir zu sagen: In seiner Art
war die Charge, die unser Schaunard von ehedem
darstellte, ein brillantes Stück grotesk-realistischer
Tingeltangelkunst. Es war im Grunde niederdrückend für mich, was ich sah, und doch ging ein
Gefühl nebenher, das ich so ausdrücken möchte:
Der Kerl imponiert mir doch! So sich über sich
selber zu stellen mit den Mitteln einer zwar
niedrigen, aber in ihrem ganzen Stile fabelhaft
erfaßten Kunst, so das ganze traurige Ergebnis
seines Lebens mit grotesker Laune tragikomisch dem
Pöbel vor die Füße zu werfen, so von oben herab
auf sich selber herumzutreten und doch den Eindruck eines Mannes zu machen, der sich dabei
amüsiert, — wißt ihr: Das ist kein gewöhnliches
Stück, da steckt trotz Allem eine künstlerische Persönlichkeit dahinter.

Also stellt euch vor: Stilpe trat als verlumpter,
versoffener alter Dichter auf. Lange graue Haare,
zerknüllter Cylinder, Bratenrock, flatternder Künstlershlips, — dies also die alte schablonenhafte Figur
des idealistischen Dichters in übler Vermögenslage.
Aber nun hättet ihr sehen sollen, wie das Gesicht,
die Bewegungen, die Worte dazu paßten. Zum
Gesicht hatte er freilich keine Kunst nötig gehabt:
Diese aufgedunsenen Züge, diese alkoholisch poröse,
kupferige Nase, diese schwimmenden, unstäten Augen,
— das war leider Alles Natur. Auch die Bewegungen, dieses Fallenlassen der Arme, die dann
an den Schenkeln herumsuchten und tasteten, dieses
nervöse Zucken der Schultern, dieses zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne, dieses
langsame Auf- und Niederneigen des Kopfes, dieses
Nachschleifen der Füße beim schwankenden Gange, —
auch dies war im Grunde Natur, nur unterstrichen, perspektivisch berechnet. Aber nun: Was
er sprach und sang!

Es war so eine Soloszene, wißt ihr: Monologe
mit Gesangseinlagen wechselnd; man kennt das ja;
diese Geschichten sind eigentlich nicht mehr modern;
ein paar haben sich indessen sogar auf der großen
Bühne erhalten. Aber Stilpe hat, ich sage es ohne
Überschwänglichkeit, ein Kunstwerk daraus gemacht.
Ich wäre auch ergriffen zwischen Lachen und Grausen
hin- und hergeworfen worden, wenn kein persönliches Interesse mitgewirkt hätte.

Er kam langsam, ruckweise schwankend ans
der linken Coulisse und bewegte sich im Zickzack,
scheu sich umsehend, nach einer Bank rechts. Wie
er sich auf die hinfallen ließ, wie er den Cylinder
müde abnahm, sich durch die Haare fuhr und nun
mit einem leeren, ängstlichen Blick rund im Zuschauerraum herumsah, das war für mich schon
ein Eindruck, wie ich ihn selten von einer Bühne
herab gehabt habe. Plötzlich kicherte er, bückte sich
und hob einen Zigarrenstummel auf, griff dann
lässig an sich herum, fuhr suchend in die Taschen,
zog die Hände resigniert heraus und sagte dann
leise vor sich hin: Ja, Feuer! Is nich!

Wieder ein paar Blicke im Kreise. Dann plötzliches
Aufrichten und im Vorwärtsschreiten das Bemühen,
nicht zu schwanken, sondern anständig, mit Würde
zu gehen. Und nun, an der Rampe, eine höfliche
Verbeugung vor dem Baßgeiger und im Tone
vollendeter Höflichkeit mit gebrochener Stimme:
Dürfte ich Sie um etwas Feuer bitten, werter
Herr?

Er erhält ein Streichholz, verbeugt sich wiederum sehr höflich und zündet sich den Stummel an;
stößt die Tabakwolken mit Genuß von sich, betrachtet
den Stummel mit Zärtlichkeit, lächelt und sagt: Sie
müssen nämlich wissen: Ich bin auch Künstler!

Der Baßgeiger sieht ihn fragend an.

— Ach nein, so schön geigen kann ich nicht.
Nein. Aber — dichten! Haben Sie keine Kindtaufe
in Aussicht? Ich machs billig. Wenn nur vom Essen
was übrig bleibt . . . Dies sehr demütig, traurig.

Aber auf einmal wird er wild und fängt an
zu schimpfen: Auf das Gesindel, das Geld und kein
Talent hat, auf alle, die ihn verachten, weil sie
Kameele sind, während er ein Genie ist u. s. w. —
Ich sage euch: Ein fabelhafter Ausbruch mitten
in den johlenden Mob hinein, der sich königlich
zu amüsieren anfängt, während der Dichter, an der
Rampe hin- und herrennend wie ein Eisbär im
Käfig, Zorn, Wut, Verachtung nach allen Richtungen schleudert.

Ich hatte die Empfindung, daß Stilpe dies
alles improvisierte.

Dann fiel er wieder in den demütigen Ton und
bat um Verzeihung und ein Glas Gilka. Nachdem
ihm dies hinaufgereicht worden war und er es mit der
Hast eines Verdurstenden hinuntergestürzt hatte, erklärte er, nun wolle er auch nicht so sein und
seinerseits etwas zum Besten geben. Und er begann im Schauerballadenstil sein Leben, das Leben
des verkommenen Genies, herunterzusingen.

Es war einfach grausig, sag ich euch, wie er
immer sich selber als zweite Person behandelte und
gleichsam mit dem Stocke auf sich wies, wie die alten
Jahrmarktsmorithatensänger auf die warnenden
Exempel. Dabei stellte er in großen Zügen wirklich sein eigenes Leben dar, natürlich grotesk verzerrt und mit burlesken Beigaben. Aber ich habe
dieses sein Leben nie mit so greller Deutlichkeit
erkannt, wie während dieser Ballade, die überdies
als parodistische Leistung ein Leckerbissen zu nennen
ist. Am Schlusse immer der Kehrreim:

O lockert eure steinernen Geberden!
Ich bin ein Lump und ihr könnt Lumpe werden.
Seht dieses Fleisch und schlotternde Gebein,
Jetzt sauf ich Gilka und einst soff ich Wein.

Nachdem er die Ballade zu Ende gesungen
hatte, trat er unter johlendem Beifall ab. Der
Beifall hielt an, und er erschien wieder, trat ganz
an die Rampe vor und sagte: „Übrigens haben
Sie mich vorhin gestört. Ich bin nicht hier hergekommen, Ihnen was vorzuflöten.“ Dann ganz
leise: „Es ist doch kein Schutzmann unter
Ihnen …?…“ Rufe aus dem Publikum: Ih
wo! — Stilpe: „Ich … ich… möchte mich
nämlich erhängen.“

Ihr werdet es kaum glauben, aber das wurde
in einem Tone gesagt, daß selbst dieses Publikum
erschrak. Aber nun schlug Stilpe eine Lache auf:
Sie denken wohl, das ist unangenehm? Im
Gögenteil! Ich habe mir sagen lassen, man erlebt
da seine schönsten Sachen alle noch einmal. Jotte
nee, was ick mir auf Laura'n freue!

Und jetzt folgte ein bockiges Herumstolzieren mit
vorgestrecktem Bauche, eine laszive Szene ohne Worte,
die in mir direkt den Staatsanwalt wachrief. Gemein! Gemein!

Das Publikum wand sich vor Entzücken.
Stilpe aber hielt plötzlich inne und rief: Aber
wissen Sie denn auch, warum ich mich erhängen
will?

Und nun folgte, ich kann es nicht anders
nennen, eine Dissertation über den Selbstmord.
Und zwar so, daß er erst alle möglichen gewöhnlichen Selbstmordgründe ablehnte, um schließlich als
einzig zwingenden und berechtigten Grund den
anzuführen: Es giebt kein Getränk mehr, das
mich umbringen könnte, drum muß ick mir selber
umbringen.

Nun zog er den Strick hervor und sang ihn als
„Schnaps der Schnäpse“ an. Während der Schlußstrophe warf er den Strick um einen Laternenhaken, und während der Vorhang fiel, legt er sich
den Strick um den Hals.

Ich atmete auf, wie der Vorhang unten war.
Das Publikum aber klatschte wie besessen. Nach
einer Weile hob sich der Vorhang wieder, und ich
sah, daß die Originalität unseres verflossenen
Freundes auch als Tingeltangelsänger keine Grenzen
kennt: Der Dichter hing an der Laterne und sang,
ungeachtet des Einspruchs der Naturgesetze, in dieser
Situation, röchelnd und nach Luft schnappend, sein
Schwanenlied, eine schauerliche Mischung von
Grausen, grotesker Komik und Cynismus. Dann
ein letztes Schlenkern mit den Beinen, die Zunge
weit heraus, dem Publikum entgegengestreckt, —
der Vorhang fiel. So oft er sich wieder unter
dem Beifallgewieher des Publikums hob, sah man
den Dichter am Laternenpfahl hängen und mit
herausgestreckter Zunge den grinsenden Kopf dankend
verneigen.

Scheußlich! Scheußlich! werdet ihr sagen, und
ihr habt ganz gewiß recht, aber ich wiederhole es:
Was in meiner Darstellung blos widerlich wirken
kann, machte von der Bühne herab, ich muß es
bekennen, in der Hauptsache auf mich doch den
Eindruck von ergreifender Kunst, schauderhaft verirrter, gottsträflicher, infamer Kunst zwar, aber ich
wäre nicht im Stande gewesen, etwa inmitten dieser
schauerlichen Frivolitäten aufzustehen und fortzugehen. Alles in mir empörte sich, aber ich war
gefesselt.

In jedem anderen Falle wäre ich nun freilich
jetzt weggegangen, zumal, da auf diese pièce de
resistance des Nordlichtes nur noch die ausgesungenste aller Chanteusen folgte, aber mich verlangte es, Stilpe nun auch „in Civil“ zu sehen.

Wie muß der Mensch, der aus seinem Leben
einen solchen grausigen Clownwitz zu machen im
Stande ist, aussehen, wie muß er sich benehmen,
wenn er mir gegenüber steht, der ihn aus Zeiten
her kennt, wo es trotz Allem doch eine solche Perspektive auf das Ende nicht gab!

Ich schickte ihm meine Karte hinter die Bühne.
Nach einer Viertelstunde erschien er, die Vorstellung
war mittlerweile durch den üblichen Galopp geschlossen, an meinem Tische.

Unglaublich! Er geberdete sich wenigstens
ganz wie früher.

— Willst Du mich verhaften, Staatsanwalt
meiner Seele? Wieviel Jahre stehen auf den
Bauchtanz meiner Prägung?

Ich hatte Mühe, ihn von diesem Stil abzubringen. Ganz hat er ihn überhaupt nicht aufgegeben. Das Endresultat, was ich euch zu vermelden habe, ist dies: Stilpe erklärt, sich recht wohl
zu fühlen, wenngleich es ihm nur in den seltensten
Fällen noch gelingt, sich zu betrinken. Als Entschädigung für diesen beklagenswerten Umstand bezeichnet er die „glorreiche Thatsache“, daß er endgiltig darauf verzichtet habe, in die Literaturgeschichte
zu kommen.

— Literatur? Pf! Das Tingeltangel ist die
Kunst der Zukunft. Übrigens hat meine Orgel blos
noch eine Pfeife. Sonst? . . . Na, mein Junge,
wenn alle Pfeifen schweigen, — die Heilsarmee
leckt alle Finger nach mir. Ein bischen religiös
komm ich mir überhaupt manchmal vor. Wer
weiß . . .?. . . Wer kann wissen . . .?. . .
Überhaupt . . . der liebe Gott! . . . Na . . . einstweilen halten wir mal die Fahne hoch . . . Aber
nicht wahr: Meine Nummer is gut!?

Schlußkapitel.

Etwa drei Wochen nach dem Gespräche Girlingers mit Stilpe erhielten die Berliner neben
anderen Frühstücksbeilagen auch diese Notiz vorgesetzt:

(Selbstmord eines Chantantkomikers.) Die Besucher der Variétébühne „Zum
Nordlicht“ waren gestern Abend Zeugen eines
grausigen Schauspiels. Der Komiker Schonaar
hat sich auf offener Bühne vor den Augen des
Publikums erhängt. Da der Schlußtric in der
Nummer dieses Komikers (!) darin bestand, daß
er sich an einem Laternenpfahl aufhängte, so
gewahrte das Publikum es anfangs nicht, daß
diesmal das an sich scheußliche Schauspiel entsetzliche Wirklichkeit war. Es applaudierte, die
scheinbare Naturwahrheit der Darstellung bewundernd, anhaltend, so daß sich der Vorhang
dreimal über dem zuckenden Körper des Hängenden erheben mußte. Da erst fiel es den
„Habitués“ dieser Schaustellung auf, daß der
Darsteller nicht wie sonst seinen Kopf in der
Schlinge gegen das Publikum verneigte. Man
eilte über die Rampe weg auf die Bühne und
schnitt den Erhängten ab. Da es nicht möglich
war, ihn wieder ins Leben zu bringen, so muß
mit Bestimmtheit angenommen werden, daß
Schonaar, um ganz sicher zu gehen, sich vorher
vergiftet hat. Die polizeiärztliche Untersuchung
wird zweifellos die Richtigkeit dieser Mutmaßung ergeben. In den Taschen des Selbstmörders fand man ein Packet mit der Aufschrift: An den Staatsanwalt Girlinger. Dies
erweckt die Vermutung, daß dieser Selbstmord
vielleicht noch anderweites kriminelles Interesse hat. Wir kommen auf den krassen Fall
zurück.

Schon zum Abendbrot hatten die Berliner volle
Aufklärung über den Fall Schonaar. Sie lasen:

(Zum Selbstmord im „Nordlicht“.)

Der scheußliche Selbstmord auf offener Bühne,
von dem wir heute früh berichtet haben, hat
kein weiteres kriminelles Interesse, wohl aber
eine psychologisches traurigster Natur. Der
Selbstmörder, der unter dem Namen Schonaar
ein elendes Dasein als Komiker niederster
Gattung gefristet hat, war der ehemals viel
genannte und gefürchtete Kritiker Willibald
Stilpe, derselbe, der sich in der Literatur
durch das berüchtigte Pamphlet „Der Tintensumpf“ unmöglich gemacht und dann das bald
verkrachte „Literatur-Tingeltangel Momus“
gegründet hat. Wieder einmal ein Talent, das
an seiner eigenen Charakterlosigkeit zu Grunde
gegangen ist! Über die direkten Motive zu
diesem in so schauerlicher Weise in Szene gesetzten Selbstmord haben wir vom Herrn Staatsanwalt Girlinger, an den der Selbstmörder ein
Bündel Manuskripte geschickt hat, nichts erfahren können. Man kann sie wohl in das
eine Wort zusammenfassen: Delirium.

Das war das Amen-Wort der Öffentlichkeit
zum Lebensabschluß Stilpes.

Das Leipziger Cénacle hatte den Vorzug, Stilpes eigene Meinung darüber zu vernehmen. Girlinger schrieb den Freunden:

. . . Nous allons, si tu veux, chanter le dernier psaume . . .

Hier sind die letzten Worte Schaunards. Seine
Leiche ist, wie er wünschte, in der Anatomie. Ich
habe sie gesehen und fürchte, daß ich den Anblick
nie mehr los werde. Seid froh, daß ihr das nicht
gesehen habt.

Stilpes Brief an Girlinger lautete so:

Landerirette!

Wie schreiben die kleinen Mädchen (ach, ach,
ach, wie nett das klingt, — Mädchen ist ein
liebes Wort), die kleinen Mädchen, wenn sie sich
vergiften? So schreiben die kleinen Mädchen:

„Lieber Emil! Wenn Du diese Zeilen liest,
dann bin ich tot!“

TOT

Das Wort hat rechts und links eine Peitsche und
in der Mitte ein Loch.

Graphologie! Graphologie!

Ist es nicht tiefsinnig? Peitsche — Loch —
Peitsche. Wie witzig! Profund!

Und dann der Ton, wenn mans ein bischen
dumpf und gedehnt sagt, — das O ist sublim.
Wie wenn man über einen Flaschenhals hinpfeift.
Heisere Sirenen.

Indessen! Höre mich! Höre mich! Ich sage
Dir: Sterben ist ein dummes Wort. Man sollte
Schtärben schreiben. Da käme die ganze breit hingeschmierte Gemeinheit des Wortes zu Tage. Ekel.
Würgen. Fuselaufstoßen.

Und quoad Fusel, ich weiß nicht recht: Ist der
Fusel von heute schuld oder die ostpreußische Bowle
von damals . . . ?

Schuld? Schuld? Das Wort macht mir
Wut. Wie ein Brummer rennts an mich an. Bin
ich eine Fensterscheibe? Fliegenklatsche her! Fliegenklatsche!

Sei ruhig! Ich bin nicht betrunken. Wirklich
nicht. Das ist es ja eben! Ich bin nicht betrunken,
und ich werde es niemals mehr sein. Blos manchmal verrückt. Entschieden, Alter! Verrückt, das
heißt: Geschüttelt, gezerrt, gestoßen, an die Wand
geworfen, — und dazu lacht Einer.

Das Lachen legt sich Dir um den Hals wie
eine Peitschenschnur um den Kreisel, einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, immer nochmal,
immer noch, immer noch, immer nochmal; — laß
los! laß los! — Jetzt: Wwwt! und Du drehst Dich
wie ein Kreiselchen, Kreiselchen, drehst Dich wie ein
Kreiselchen auf einem Nagelkopf, scheibum, scheibum,
lalalala, lalalala, scheib — um . . . Hund! Hund!
Lache nicht, Peitsche, lache nicht! Wwwt! Wwwt!
Scheib — um!

Unwürdig, Staatsanwalt, unwürdig! Ein homo
sapiens! Wie kann man nur!

Aber das ist es nicht. Auch nicht die roten
Mäuse und die weißen Männerchen, und die lieben
kleinen Drehdingerchen, die immer so hin und her
und hin und her, und oben an der Decke und
unten an der Diele, — tritt doch! tritt doch! rufen
sie —, du lieber Gott, an die Menagerie bin ich
gewöhnt. Wie lange denn schon?

Du, weißt Du noch, meine gelbe Mütze? Oh,
Jugendzeit! Oh, Porterbier!

Lästig, wie sie kribbeln, die Gedanken; laufen
mir über die Brust wie Ameisen. Und die Springprozession der Flöhe: Meine Ideale.

In — der — That! I — de — ale!

Mit Deiner gütigen Erlaubnis: Ich habe wirklich welche.

Sie lassen sich nicht wegsaufen, die höheren
Ziele. Wie lange schon bemüh ich mich, durchaus
ein Lump zu werden, — und es ist mir immer
noch nicht gelungen.

Wenn ich doch nur klar denken könnte! Ich möchte
Dirs so gerne auseinandersetzen, Jurist, der Du bist.

Aber: Diese Blasen im Gehirn. Verschlammter
Grund. Gurgelgase, Fuselgase. Ich weiß schon
nicht mehr, was ich Dir auseinandersetzen wollte.
Es wird wohl eine Lüge gewesen sein.

Daran darf nicht gezweifelt werden! Immer
hab ich gelogen! Immer! Sieh nur meine Tagebücher durch.

Die Verse! Die Verse! Am liebsten hab ich
mich selber belogen, und rhythmisch.

Wenn ich nur die Kraft gehabt hätte, das
immer so zu fühlen, wie jetzt. Wenn ich mir nur
über mein Talent nicht erst jetzt klar würde, wo
es zu spät ist, wo ich nicht mehr die Kraft habe,
es systematisch auszunutzen! Ich hätte nie was
wollen sollen. Das Wollen war für mich eine
ungesunde Lüge.

Dichter wollte ich werden, weil ich Verse machen
konnte. Das war die Heckeratte, die infame. Wenn
ich „Kritiker“ geblieben wäre, — Du, was wäre
ich da für ein ganzer Kerl geblieben, in Samet
und in Seide, rund und aus einem Stücke, gar
wohlgethan.

Ein Lump von einem Kritiker meinst Du und
beschwörst jenen Gotthold Ephraim. Was thuts?
Das sind Nüancen. Sag Feuilletonist statt
Kritiker, sag Pickelhäring, Clown, Hanswurst der
öffentlichen Meinung. Meinethalben. Aber das war
mein Feld. Da hätt ich weiter ackern müssen.
Aber das behagte mir nicht. Wollte oben hinaus.
Die Hure, die Gouvernante sein möchte. Hol dich
der Teufel! Huren ist auch ein Talent. Bleib im
Bette und nähre dich redlich!

Jetzt ists wieder so. Ich habe Dich letzthin
belogen. Mich dichterts immer noch. Immer
noch möcht ich auf den Poetenberg. Immer noch
hebt sichs da drin und klingt und will. Verse
überfallen mich und tönen mir gut. Oh, sie sind
gut! Höre!

Und hinter mir, dem schwarzen Adler gleich,
Dem seine Schwingen feucht sind, weil er in
Wolken war,
Schwebt schwer die Nacht . . .
Fühlst Du, fühlst Du, daß das Poesie ist?

Von mir! Von mir!
Bin ich ein Hund?! Nein: Diese Verse sind von mir!
Ah! Höre!

Lau, ein Bad von Rosenblättern,
Legt sich Sehnsucht um mich, Sehnsucht;
Sinke, Haupt, ertrinke, Seele,
Stirb in diesen lauen Düften
Und genieße die Erfüllung . . .

Wie? Hat das nicht was? Der Teufel auch:
Das ist ausgezeichnet, sag ich Dir, mi fili!

Dann:

Um mein Haus herum
Schwirren die Fledermäuse des Grams.
Zwei, sieh, hängen am Drachenbalken,
Grau am Grau,
Und blinzeln in den roten Lichtdunst meiner
Lampe.
Öde heißt die eine,
Gier heißt die andre;
Die Schwirrenden pfeifen . . .

Ich lese mir das vor, mit leiser Stimme sprech
ichs den Buchstaben nach; mir ist es, als hörte ichs
von tief unten wo her aus Glockenmunde mit meiner
Stimme, und ich fühle: Das ist gut.

Nein, ich bin keiner von den Schweren, Klebenden, in mir sind Stimmen aus der Tiefe, es ist
ein Reichtum in mir. Ich habe mehr als ihr
Almosenempfänger. Ich bin einer von den grands
aumôniers des Herrgotts. Ich kann mich aufthun,
und es fließt Leben in die Welt. In meiner
Seele umschließen sich Zeugung und Empfängnis.
Wie jene Blume bin ich, die Phallus und Vulva
ist; so steh ich da im Garten des HErrn und begatte mich:

Liebe dich und löse Dich,
Löse dich auf und gebier dich der Welt
Aus der bebenden Lotosblume deiner Fülle!

Ich höre Dich lachen, Staatsanwalt! Lache!
Lache! Spei mir Dein Lachen ins Gesicht! Ich
will mich nicht einmal abwischen.

Ich weiß es ja, jede Zelle meines Wesens fühlt
es ja: Das Alles ist krüppelhaft. Ich, die erstaunliche Lilie im Garten des Herrn, stoße nichts als
Halbgeburten aus, ich wälze mich in Zeugungswollust und kann nichts austragen. Und die fragmentarischen Bankerte verrecken unter dem Hohngelächter meiner Erkenntnis, daß ich fürs Ganze
impotent bin.

„Es fehlt dem Schüler an der rechten Ausdauer, seiner Begabung alles das abzugewinnen,
was sie zu leisten vermöchte, wenn sie von Fleiß,
Beharrlichkeit, Mäßigung unterstützt würde“ . . .
Diese Worte, nebst einigen andern, habe ich einmal von einem Schulzeugnis weggewischt, aber,
als wenn ich sie auswendig gelernt hätte, stehen sie
in mir fest und knarren sich heute mir vor.

Sehr gut, Herr Doktor! Sie sind ein guter
Psychologe gewesen. Aber, weiß Gott, ein schlechter
Pädagoge. Warum haben Sie mir alle die guten
Dinge nicht beigebracht, Magister Sie? Warum
haben Sie mich schon auf der Schule verlumpen
lassen? War ich ein Talent, oh, Sie Halunke,
warum haben Sie mich nicht gehütet? Warum haben
Sie mich verhöhnt, von sich weggetrieben, meinem
Zorn und Trotz in die Arme, daß ich nun erst
recht auf mir bestand? Warum habt ihr mich
überhaupt gequält mit eurer Rohheit, eurem Dünkel,
eurer Gleichgültigkeit? Warum habt ihr meine
Seele, da sie jung war, wundgescheuert, daß sie
ewig schmerzende Narben davontrug und immer
zuckender, unstäter wurde? Freilich, die meisten
unter euch waren nicht einmal Psychologen, höchstens,
daß sie instinktmäßig ahnten, daß in mir mehr
war, als in ihnen, und dafür mußte ich geduckt
werden. Geduckt, ich! In mich hinein fraß ich
einen Haß gegen Alles, das nicht ich war, meine
ganze Jugend wurde ein Eitergeschwür, all mein
Blut verdarb, weil ihr mich drücktet!

Wie das Alles auf einmal vor mir steht. Wie
ein schwefelgelber, brunstrot geäderter Sonnenuntergang.

Nie, seit Jahren nicht, sah ich so klar. Nie,
seit Jahren nicht, war ich so bewegt. Nie, seit
Jahren nicht, fühlte ich mich so frei wie in diesem
jetzigen Augenblicke.

Wird man hellseherisch durch einen großen
Entschluß? Oder — — — bin ich endlich,
endlich wieder einmal betrunken? Dann — —
könnte ich ja den großen Entschluß wieder aufgeben?

Denn, — Ruhe! Ruhe! nur noch einen Augenblick Ruhe! — warum hat sichs in mir eingenistet,
eingegraben wie mit tausend feuchten Klauen, daß
ich ein Ende machen muß? Lauf mir nicht fort,
Bewußtsein! Bleib, daß ich mirs sage, klar, glatt,
hell, daß ich es wenigstens einen Augenblick lang
weiß. So! So! Ich habs! Nur deshalb . . .
Nein! Nebel! Kopfschütteln. Müde. Trinken!

Ich laufe den ganzen Tag im Zimmer herum
wie ein Tier im Käfig. Und ich merke, daß mich
das hypnotisiert, wie einen Fakir das Kopfdrehen.
Jetzt bin ich wunderbar ruhig. Das ist sehr schön.
Nun weiß ich auch, warum . . .

Siehst Du, Robert (hab ich Dich je Robert genannt, Du Schäker?), so ists: Ich fühle, daß ich
auch im Sumpf nicht ganz aufgehe. Nein, nicht
einmal im Sumpf. Und doch ist Aufgehen Alles.
Worin, das bleibt sich gleich . . .

Eine Weile schien Alles gut. Ich — fühlte
mich wohl und akklimatisierte mich. Aber von
dem Tage an, wo Du mit mir sprachst,
begann das Ziehen wieder, das Hinaufwollen.
Ein Taumel erst. Verse sprudelten auf, Fragment
auf Fragment. Hohes Entzücken! Phönix aus der
Asche! Dann aus allen Höhen herunter. Wirre
Verzweiflung . . . Zuckende Erkenntnis. . . . Hin
und her. Ich will! Ich kann! . . . Nein! Nein!
Hund! Lump! Mach ein Ende! . . . Nein!
Ich habe ja die volle Seele! Ich muß nur ein
einziges Mal mit aller Kraft mich ganz fassen! . . .
Ach! Ich bin mit dem Schädel gegen die Wand
gerannt und habe mir, ganz biblisch, die Haare ausgerissen. Geheult und gekreischt in Weinen und
Lachen! Unsinn! Unsinn! Noch mehr saufen!
Ecce medicamentum. Vergeblich. Ich reagiere nicht
mehr.

Ich habe nur noch das Ekelgefühl und eine
marode Sehnsucht. Fertig, weißt Du, was man
so fertig nennt. Hin und wieder angenehm verrückte Anstöße, aber ich fühle: Die verdanke ich
auch blos dem . . . Entschluß.

Der macht mir überhaupt viele Freude. Ja.
Ich finde doch, daß ich nicht übel abgehe.

Über den Geschmack der letzten Szene kann
man ja streiten. Natürlich. Aber was geht das
mich an? Ich finde, daß sie ausdrucksvoll ist. Dem
Leben die Zunge herausstrecken, eurem Leben,
meine Lieben, das Plaisier müßt ihr mir schon
gönnen.

Ich bin nun mal auf die böse Seite hinübergerutscht, wo die Respektlosen, die Giftigen stehn.
Wie kann da mein Geschmack der eure sein, ihr Leute
von der Harmonie? Wenn ich Bomben würfe,
würde die Geschmacksdivergenz noch mehr klaffen.

Genug! Kommen wir zu meinem Vermächtnis:

Meinen werten Leichnam, bitte, der Anatomie.
Den Befund über das Gehirn mögt ihr dem Cenaclearchiv einverleiben.

Meinen werten Feinden von der Presse wende
ich Stoff für mindestens zwei Notizen zu. Wer
sein Handwerk versteht, kann am Ende gar ein
Feuilleton herausschlagen.

Dir gehören meine sämmtlichen Werke. Wenn
Du zu den Versen immer einen Anfang und ein
Ende schmiedest, so kommt ein ganz netter Band
Lyrik und Spruchweisheit heraus.

Sonst hab ich wohl nichts zu vermachen.

Qualis poeta pereo!