Pankrazius Graunzer

I.
Kurzer Vorbericht über Herrn Pankrazius Graunzers Leibes- und Seelenzustände, sowie Einiges aus seinem früheren Leben.

Da in dieser Geschichte der Mann, um den sie sich dreht (ich möchte nicht gerne sagen: der Held), zumeist selber das Wort hat, wird es gut sein, wenn ich, bevor wir seinen Meinungen lauschen, Einiges über ihn verlauten lasse, denn ich glaube kaum, daß er sich selber in aller Form vorstellen wird.

Ob Sie freilich ein klares Bild erhalten werden, wenn ich in seinem Signalement feststelle, daß er blond, blauäugig und etwas kurzbeinig, dazu spitzbäuchig und mit einem sehr mäßigen Schnurrbarte behaftet ist? Diese Gaben hat er mit sehr vielen Geschlechts- und Zeitgenossen gemein. Aber Einiges in seinem Leib- und Seelenwesen ist doch mehr absonderlicher Natur, und es verhilft vielleicht zu einer ungefähren Vorstellung, wenn ich dies Einige aufführe.

Was zuerst an ihm auffällt, ist seine etwas wunderliche Nase.

Von vorn, nun ja, von vorn ist sie einfach kartoffelig, die übliche Mischnase wendo-germanischen Typs, aber ihre Merkwürdigkeit beginnt, wenn Sie die Güte habe wollen, sich Herrn Pankratius von der Seite anzusehen. Stellen Sie sich zu seiner Rechten, und Sie haben ein kurzes, gedrungenes Nasenbild mit abwärts gebogener Richtung vor sich, ein Nasenbild, das auf männliche Energie, Kurzangebundenheit, Bestimmtheit, ja, ich möchte fast sagen, Störrischkeit schließen läßt, – Alles in Allem ein Nasenbild, das sich unter Brüdern sehen lassen kann. Nun treten Sie aber, bitte, 'mal links von ihm. »Himmel! Ist das dieselbe Nase?« werden Sie voll Verwunderung rufen, und Sie haben ein Recht, zu erstaunen. Denn das linke Nasenbild ist so sehr das ausgeprägte Gegentheil des rechten, wie in einem Parlamente die linke Seite der Gegenpart der rechten ist. Sie werden nicht zögern, zu erklären, daß diese Nase direkt länger ist als jene, daß ihre Richtungstendenz entschieden aufwärts geht, daß sie etwas Stuppsiges, etwas Trällerndes hat, möcht' ich sagen, und daß sie auf einen weichmüthigen Besitzer schließen läßt, der ganz und gar nicht mürrisch, absolut nicht kurzangebunden und keineswegs sehr bestimmten oder gar störrischen Charakters ist. Diese linke Nase deutet vielmehr auf eine passive, nachgiebige, wohllebige, friedliche, etwas schwankende Seele hin, man könnte sie einem Melancholiker oder einem Humoristen zusprechen, und man kann sich in Ansehung ihrer des gräulichen Verdachtes nicht entschlagen: Der Mann reimt!

Ich halte mich nicht ohne Grund bei Herrn Pankratiussens beiden Nasen auf. Ich will nichts weiter sagen… aber das scheint mir gewiß: bedeutungslos ist diese Doppelnasigkeit nicht! Ich würde es unerhört von der Natur finden, wenn sie solche Merkwürdigkeiten ganz bedeutungslos inszenierte.

Eine weitere äußerliche Eigenthümlichkeit an Herrn Graunzer, die aber nur denen auffällt, die ihn öfter zu sehen Gelegenheit haben, liegt in seinen Augen.

Sie sind blau. Nun ja. Gut. Das ist nicht merkwürdig. Aber merkwürdig ist, daß sie von einem wechselnden Blau sind. Zuweilen sind sie ganz leer blau, heller als Vergißmeinnicht, ich möchte sagen verschossen blau, so, wie unecht blaugefärbtes Kattunzeug nach der sechsten Wäsche und Bleiche aussieht; aber ein ander Mal strahlen sie, der Kuckuck weiß, aus was für Tiefen und Gründen, ganz dunkelblau, so, wie die Maler die Grotte von Capri malen und wie der Himmel im Süden an seinen schönsten Tagen aussieht; und ein ander Mal wieder haben sie gar einen schwarzen Unterglanz, so was ganz Inneräugiges, wofür ich mich vergeblich bemühen würde, einen Vergleich zu finden.

Auch dies mit der Farbe von Pankratiussens Augen ist nicht ohne! Ich will ausdrücklich darauf hingewiesen haben. Man soll mir nichts vorwerfen!

Von seiner Stirne ist zu sagen, daß sie stark gewölbt und recht hoch ist. Er hat die Gewohnheit, mit der Hand darüber hinzufahren und dabei zu seufzen oder aber auch zu stöhnen. Je nach Laune.

Die Hände selbst deuten auf keineswegs adlige Herkunft. Sie sind breit, aber nicht fett. Ich, der ich meinen Pankratius sehr gut kenne, brauche nur seine Hände anzusehen, und ich weiß schon, wie's in seiner Seele aussieht. Pankratius bekommt nämlich sogleich faltige und bleiche Krankenhände, wenn sein Gemüth auch nur ein wenig aus der Harmonie gekommen ist.

Also nicht einmal charaktervolle Hände hat er! Man wird seine Schlüsse daraus ziehen.

Pankratiussens Mund dürfte eher ein Maul geheißen werden, wenn es erlaubt wäre, den Sprachschatz der Deutschen gebührend auszunutzen. Da aber, wie billig, die gute Sitte derlei Maßlosigkeiten verbietet, muß ich mich damit behelfen, zu sagen, daß dieser Mund die ästhetischen Maße überschreitet und jenen Gesetzen des goldenen Schnittes Hohn spricht, die ein gewisses Maßverhältniß der menschlichen Körpertheile untereinander bedingen. Selbst, wenn Pankratius »Böhnchen« sagen würde (was aber bei seiner Abneigung gegen Diminutive durchaus unwahrscheinlich ist), so würde dieser Mund noch immer unbillig viel Gesichtsraum einnehmen.

Hätte nun die Vorsehung wenigstens dafür gesorgt, daß das Pankrazische Lippengeschwister von einem ausreichend großen Schnurrbart verdeckt würde! Aber just dieser Schnurrbart, in seiner dürftigen Oede und Kümmerlichkeit, giebt der extravagant langen Lippenlinie noch eine gewisse Betonung. Jedes dieser wenigen starren, blonden Härchen ist ein Ausrufezeichen: Seht, welche ein Maul! (Nichts für ungut! Das »Maul« geht auf meine Rechnung.)

Auch auf dem Haupte ist Pankratiussens Haarwuchs unvollkommen und von jedem Ueberschwang weit entfernt.

Zwar hat er, für einen akademisch gebildeten Deutschen ein merkwürdiger Fall, trotz seiner vierzig Jahre noch keine Glatze, aber die Haare selbst stehen ganz ungemein weit auseinander, fast als ob sie sich gegenseitig nicht trauten, und da sie obendrein sehr dünn sind, macht das Ganze den Eindruck eines sehr windigen Ackers.

Pankratius selber pflegt darüber folgendes Gleichniß zu erzählen, das ich im Interesse der heute so hoch gehaltenen Psychologie mit besonderer Andacht anzuhören bitte: Als der Genius meines Ichs, ein ätherisches Wesen, bitte ich zu bemerken, geboren aus Leichtsinn und Aengstlichkeit, über mein kindliches Haupt schritt und die Haare säete, siehe, da warf er die Körner bald in so leichtfertigem Schwunge, daß sie über den Kopf und die Wiege weg fielen, um als Sonnenstäubchen zum Fenster hinauszuspielen, bald zielte er in pedantischer Angst mit jedem Körnchen auf die einzelnen Poren. Wo er traf, blieben sie bumsfest sitzen, aber den Haaren die daraus wuchsen, sieht man es nun leider an, daß ihre Körner nicht gesäet, sondern gezielt worden sind. Denn darum eben sind sie gar so dünn und hat jedes mehr individuellen Ausdruck, als gut ist. Die Körner aber, die daneben fielen, – du lieber Gott! ich weiß nicht, was für Vögel sie gefressen, was für Winde sie genommen haben. Indeß der brave Genius zielte, flog auf und davon in die Welt, und wenn ich einen lockenschwingenden Dichter oder Friseur sehe, greift es mir heiß ans Herz: ob er nicht von Deinem fortgeflogenen was abbekommen hat?

Ich habe den sehr verehrten Leser zu besonderer Aufmerksamkeit auf dies Pankrazische Gleichniß ermahnt, und ich hoffe, daß ich nicht umsonst den Finger erhoben habe. Gleichnisse kann man nie tragisch genug nehmen.

Ob man sich nun einen ungefähren Eindruck davon wird machen können, wie Pankraziussens Kopf aussieht, – der Himmel mag's wissen. Ich füge nur noch hinzu, daß seine Gesichtsfarbe keineswegs an Rembrandt, dagegen lebhaft an Rubens erinnert, so posaunen-engelisch munter sieht sie aus, – sehr zu seinem Aerger, da er nie wohler zu sein scheint, als wenn er über Krankheit klagt. Man wird nicht gerne von seinen eigenen Backen dementirt.

Aus Herrn Graunzers Lebensgang bis zu seinem vierzigsten Jahre ist nicht viel zu erzählen. Er hat den Eindruck des Elternhauses so gut wie entbehrt und ist in einem Institute erzogen worden. Dann das übliche Gymnasium, die übliche Universität, die übliche Periode der Anwartschaft auf eine Stellung, dann das wohleingehegte Einerlei dieser Stellung selbst, – das ist seine Vergangenheit, von der er übrigens vielleicht selber zuweilen sprechen wird.

Hören wir nun, was er sagt! Hören wir ruhig, und, ich möchte es vorschlagen, wohlwollend zu. Ich meine: wir wollen nicht gleich auffahren, wenn der Mann dieser Geschichte einmal anderer Ansicht sein sollte, als wir. Gönnen wir ihm seinen Kopf, auch wenn er eckig ist. Der unsere verliert dadurch nichts an anmuthiger Rundung.

Und noch eins: Machen Sie sich auf keinen Roman gefaßt. Ich habe es schon angedeutet: Dieser Pankratius ist kein Held. Weder ein altmodischer in Kanonenstiefeln mit Säbel und Pistole, noch ein neumodischer in Lackstiefeln, mit dem Seziermesser und nach Wundt's Psychologie. Er ist auch kein interessanter Schwerenöther, und es widerfährt ihm nichts, was ein Anrecht darauf hätte, unter »Vermischtes« in die Zeitung eingerückt zu werden. Wenn ich es recht bedenke, ist er eigentlich ein ziemlich gewöhnlicher Bursche.

Um Gottes Willen: laufen Sie nur nicht gleich davon! Bedenken Sie dies: er mag die Weiber nicht. Dieser eine Punkt erhebt ihn über den Durchschnitt seines Geschlechtes. Sehen wir zu: wohin.

II.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund den Gymnasiallehrer Peter Kahle. Handelt von einer verstorbenen Tante.

Kiebitzhof, am 10. Januar.

Mein alter Peter!

Das alte Frauenzimmerchen ist nicht mehr… Nebenan liegt sie, in der blauen Stube, Du weißt schon: wo all' das kleine Krimskramszeug aus Porzellan herumsteht, und ist ganz still und todt. Sie hat ihr schwarzseidenes Brautkleid an mit den langen Hängeärmeln und der großen, steifen Krause; um den Hals hat sie die große goldene Erbsenkette; und das alte dicke Gesangbuch mit dem quittengelben Schnitt hat sie in der Hand. Sie sieht wunderschön friedlich aus, ganz untantisch; nur ihre weißen Schläfenlöckchen haben mir etwas Unheimliches, denn ich besinne mich nicht, sie je in so ruhiger Lage gesehen zu haben. Weißt Du noch, wie sie immer zitterten, wenn das gute Ungethümchen zornwetterte?

Es ist mir eigentlich unfaßbar, daß sie nun auf einmal todt sein soll. Käme sie jetzt plötzlich herein und riefe mich an: »Na, Graunzer, was für Narrheiten spuken anjetzt in Deiner schönen Mannesseele?«, ich fände das viel natürlicher, wie daß ich denken soll, sie liegt da, starr und steif und kalt im Bett und wird nimmer aufstehen.

Ja, kannst Du Dir das vorstellen? Es ist geradezu, was soll ich gleich sagen, ja: stilwidrig. Der Tod paßt nicht zu ihr. Ich begreife es nicht.

Noch zu Weihnachten schrieb sie mir nach Berlin: »Graunzer, ich schicke Dir hier ein Dutzend wollene Socken, einen anständigen Schlafrock, einen Fußsack für unter den Schreibtisch, fünf richtige Pfefferkuchen, hausbackene, und das, was in der Schlafrocktasche steckt. Denn da Du immer noch derselbe Narr bist und keine Frau hast, muß Deine alte Tante, die sonst Besseres zu thun hätte, für Dich sorgen. Verlebe den heiligen Abend so gut, als es einem alten Junggesellen und Hagestolz möglich ist. Ich beneide Dich nicht um Deine philosophische, verhockte Einsamkeit und wünsche sehr, daß Du bald vernünftig würdest. Aber glauben thu' ich nicht daran. Wo der Wurm sitzt, ist Mehl statt Holz, und wenn sich ein Gelehrter was in den Kopf gesetzt hat, sitzt was im Kopf, wenn's auch manchmal zum Gotterbarm ist. Ich bin gesund und munter und mache eine große Bescherung für die Kinder im Dorf. So ein verwaistes Mütterchen, wie ich, muß sich mit Surrogaten helfen. Wenn sie mir nur nicht wieder die Dielen so zerkratzen wie voriges Jahr.

Deine alte Tante
Ulrike.

Der Rotscheckigen mußte es gerade jetzt einfallen zu kalben. Es ist ewig 'was los.«

Wie sie den Brief schrieb, hat sie sicher nicht an's Sterben gedacht.

Ueberhaupt: wie Alles, so hat sie auch das schnell und glatt erledigt. Der alte Hans Jörg erzählte mir, am fünften Januar hätte sie sich plötzlich Nachmittags um drei niedergelegt, dann ist sie am sechsten wieder aufgestanden, war aber sehr blaß, augenränderig und auffällig ruhig, schrieb auch viel. Am siebenten hat sie ihre alten Dienstboten kommen lassen und ihnen die Briefsachen gezeigt, die besorgt werden müßten, wenn sie früh nicht mehr nach der alten Christiane klingele. Auch das Telegramm an mich: »Die gnädige Frau ist gestorben. Hans Jörg in Kibitzhof« war dabei. Wie die Leute gejammert haben, hat sie ihre großen Augen gemacht und sie sofort hinausgeschickt. Aber dann hat sie sie zurückgerufen und jedem die Hand gegeben. Am achten hat sie Vormittags viel herumgekramt und schließlich die Sterbegarderobe neben das Bett auf die alte Brauttruhe gelegt. Am neunten hat sie der alten Christiane nicht mehr geklingelt.

Ich kann Dir nicht schildern, was ich empfand, wie ich das Telegramm erhielt. Sonderbarerweise mußte ich laut Hm! sagen und das linke Auge zukneifen, wie wenn ich recht objektiv und bedächtig über eine zweifelhafte Sache nachdenken wollte. Und immer wieder kam mir das Wort herauf: Merkwürdig! Merkwürdig! Merkwürdig!

Und dann, mit einem Male, war es wie ein warmer Anhauch, und das liebe alte Frauenzimmerchen erschien fast sichtbar vor mir, und ich wurde, ich weiß nicht wie ich sagen soll, ich wurde jämmerlich gerührt und schluchzte beinahe. Mir war, als würde etwas Leeres noch leerer, etwas Kaltes, Hartes noch kälter, noch härter, und auf einmal kam mir das Wort Mutter in den Sinn.

Ach Gott ja, das gute Tantchen war ja meine Mutter gewesen… Ja freilich… ja freilich… Mutter!…

Dann bin ich also hingefahren. Bis Rosenau, Du weißt, mit der großen Bahn, dann auf der Sekundärbahn nach Kitzberge und schließlich in Tantchens uraltem Landauer (dem Sichelwagen des Königs Darius, wie wir ihn nannten) hin zum Kibitzhof.

Die Fahrt ging langsam, denn es war Nacht und stockfinster; und der alte Hans Jörg erzählte und erzählte unaufhörlich und traurig und mit sehr langen und niemals völlig zu Ende geführten Sätzen.

Meinst Du nun, daß ich von dem, was er sagte berührt worden wäre? Nicht im Geringsten! Ich lauerte nur immer, wenn er aus der Konstruktion fallen, wenn er wieder einen neuen Wortpfahl einrammen würde, um eine neue Satzleine daran zu binden, und wenn er sich ganz verfitzt hatte und hilflos abschnappend mit der Peitsche knallte, hatte ich das Gefühl einer wunderlichen Genugthuung, Triumph beinahe. Es fehlt nicht viel, und ich hätte »Siehste wohl!« gerufen.

Das Bild dann bei der Ankunft auf dem Kibitzhof, – ja, wer das malen könnte! Das große schwarze Haus in dem weiten, schwarzen Garten, in dem es rauschte und raunte; die dicken gelben Lichtscheine, erst unbeweglich, dann wandernd, und hinter ihnen die frostrothen Gesichter und das Hin und Her in den Gängen, Alles beflissen leise, wie wenn ein »Pst!« in der Luft drohte…

Und dann: Dieser sonderbare Geruch des Landhauses im Winter… Etwas anheimelndes, halb frisches, halb ein bischen stockiges.

Und ich wußte nun, wenn ich die Treppe hinaufgehe und links die erste Thüre aufmache – da liegt sie. Das Zimmer wird kalt sein, und ich werde mir die Hände am Lichte der gelben Wachskerze erwärmen müssen, und ich werde nicht im Stande sein, sie anzusehen… Ob mir die Thränen kommen werden? Oder – um Gotteswillen, wenn ich plötzlich lachen müßte? Verzerrt lachen, wie es mir manchmal gerade in den ernsthaftesten, schrecklichsten Augenblicken zustieß!… Was müßte Christiane von mir denken!

Ich ging wirklich in Angst hinauf, und ich zitterte.

Aber es war so wie meist im Leben: der Eindruck des Wirklichen hatte gar nichts gemein mit der Vorstellung vorher. Wie ich sie so still und, ja, wirklich so schön daliegen sah, die wundergute, wundersame Alte, da wurde mir ganz heimlich und warm zu Muthe, und mir kamen Thränen einer gehobenen, mehr freudigen als schmerzlichen Rührung, und ich nahm ihre schmale rechte Hand und küßte sie, und mir war wie Einem, der etwas Seltenes, Schönes erleben durfte.

Ich ging in's Bett und schlief gut.

Heut früh, wie ich aufwachte, hatte ich schier vergessen, weshalb ich diesmal in Kiebitzhof bin. Ich streckte mich im Bett mit dem Wohlgefühl »fern von Berlin« und dachte an die gute Butter, die nun zum Kaffeebrote kommen würde. Da, auf einmal, gab mir's einen Ruck inwendig, und ich erlebte jetzt erst den Schreck über Tante Ulrikens Tod.

Herrgott, Herrgott: die Tante ist todt! Die Tante! Ich hab sie ja drüben in der blauen Stube liegen seh'n! Wie kann man so was vergessen! Wo bin ich denn eigentlich gewesen mit meinem Kopf!? So was müßte sich doch einbohren wie mit eiskalten, frostbrennenden Stacheln!

Dieses verfluchte Herumstochern im eigenen Gehirn! Dadurch unterscheiden wir uns von den früheren Menschen. Nur in fauligen Zähnen stochert man.

Hol' mich doch der Kuckuck! Was quatsch ich da! Ich will doch bei Gott keine »witzigen« Bemerkungen machen. Oder doch?

Peter! Es ist zum Ausderhautfahren! So geht mir's heute wieder 'mal den ganzen Tag. Ich komm' mit meinen Gedanken nicht zurecht. Sie springen wie die jungen Pferde und schmeißen die Beine. Der Teufel weiß, aus was für einem vertrackten Gestüt sie sind.

— — —

Bis hierher hatt' ich heute Nachmittag geschrieben. Eine eigenthümliche Unruhe ritt mich, und ich wäre unter meiner verfluchten Reiterin sicher durchgegangen, wenn nicht der Pastor gekommen wäre.

Da sieht man, wozu Pastöre gut sind.

Aber es war ein unangenehmes Colloquium, das ich mit ihm hatte.

Dieser wunderbare Bäffchenträger hatte nämlich die Güte, mir einige Zweifel darüber zu äußern, ob Tante Ulrike so ohne Weiteres in den Himmel eingehen werde. Sie sei doch eigentlich eine etwas störrische Seele gewesen, meinte er, und ihr Hochmuth hätte sich einen eigenen Heiland gebildet statt des, ich hätte beinahe gesagt, staatlich approbirten.

Der Bäffchenträger: Es hat meinem seelsorgerischen Herzen zu öfteren Malen wehe, sehr, sehr wehe gethan, wenn ich hören mußte, was die nun Verblichene im irren Wandel zu Gott (denn sie wollte zu Gott) für Worte sprach, Worte… oh!

Ich: Was für Worte, Herr Pastor?

Der Bäffchenträger: Blasphemische Worte!

Ich: Sapperlot, Herr Pastor!

Der Bäffchenträger: Ja, Herr Doktor, blas–phe–mische Worte.

Ich: Nehmen Sie Sahne in den Thee, Herr Pastor?

Der Bäffchenträger: Wenn Sie Arak hätten? Oder auch Rum. So. Ja. Nur ein Bischen! So! Ja, die Verblichene war ein zu irrendes Schaf.

Ich: Wir sind allzumal Sünder, Herr Pastor, und ermangeln des Ruhms, den wir haben sollen.

Der Bäffchenträger: Gott weiß es. Oh!

Und so ging die Rede hin und her, her und hin, mit Achs und Ohs und Gestöhn und Geseufz und einem gewissen butterig ranzigen Tonfall seinerseits, und der Mann Gottes nahm sichtbarlich zu an Mißvergnügtheit und Unbehagen, daß man hätte meinen mögen, Tante Ulrike sei eine ganz gottlose und teufelbesessene Person gewesen. Die gute Tante mit ihrem schönen, starken, stillen, herzhaften Glauben, der so köstliche Ausdrücke fand, daß ein kluger Pfarrer seine Predigten damit geschmückt hätte!

Ich will Dir ein paar Stellen aus ihrem Testamente an mich hierher setzen. Hätte ich sie dem Pastor vorgelesen, er hätte die Schöße seines langen Bratenrockes hochgehoben und wäre davon gerannt wie weiland die Schriftgelehrten vor denen, die in fremden Zungen redeten.

Denn die reine, starke, herzgründige Menschennatur ihres Wesens, das an sich selber gebaut hatte sechzig Jahre lang, spricht daraus.

»Lieber Graunzer, ich weiß, Du bist ein hartgesottener Heide. Du trägst den Namen eines Christen nur wie ein Kleid, das Du gerne ablegen würdest, wenn Du nicht das Aufsehen fürchtetest, das entstehen würde, wenn so ein kleiner dicker Doktor der Philosophie plötzlich nackt spazieren ginge. Viel Courage bedeutet das nicht. Ich bin bloß eine Frau, nach Deiner Ueberzeugung also ein sehr minderwerthiges Wesen, um das Du einen sehr großen Bogen machen würdest, wenn ich nicht die Schwester Deiner guten Mutter wäre, aber Du kannst Dich drauf verlassen: wenn ich nicht an unsern Heiland Jesus Christus glaubte, ganz richtig und ehrlich glaubte, weil ich gar nicht anders kann, weil ich gar nicht ich wäre, wenn ich nicht diesen Glauben in mir hätte, – dann würd' ich hingehen und vor allen Leuten sagen: seht, es thut mir leid, aber ich muß den Namen, daß ich eine Christin wäre, abthun, denn ich bin keine. So thät' ich, und ich käme mir wahrhaftig wie eine Diebin vor, wenn ich nicht so thäte.

Nun gut: Du hältst das nicht für nöthig. Du bist ein Doktor der Philosophie und ein Mann, und in diesen beiden Eigenschaften fühlst Du Dich berechtigt, fremde Kleider zu tragen, wenn Du sie auch mit allerlei nicht dazu passendem Zeug aus ich weiß nicht woher behängst und bebaumelst. Ich muß Dir nur einmal den Standpunkt auch darüber klar machen, und deshalb schreib' ich das.

Wenn Du dies liest, bin ich dort, wo ich mein Lebtag gewußt habe, daß ich sein würde, wenn es auf Erden für mich vorbei sein wird. Ob ich dort eine gute Figur machen werde, das weiß ich freilich nicht, aber ich weiß, daß es mir gut gehen wird, denn ich habe genug christliches Leid gehabt hier und meine christlichen Freuden habe ich nicht mit den Schmerzen Anderer erkauft. Der Herr Pastor meint, die christliche Demuth gebiete, anders zu reden, und wer ein Christ sein wolle, müsse sich einen Sünder heißen. Aber ich bringe das nicht fertig, denn ich kann mich nicht eigentlich besinnen, gesündigt zu haben, es sei denn, daß man Dummheiten begehen sündigen nennen muß.

Ich habe allezeit darnach getrachtet, in meinem Umkreise das zu wecken, was ich einfältige Person (das sag' ich ohne Demuth, bloß weil's wirklich so ist) Gottseligkeit nenne. Gottseligkeit aber nenne ich, wenn eins mit sich selber in Frieden lebt. Das kann aber nur sein, wenn man in seinem Abendgebete zu Gott also sprechen kann: ich habe Dich, Vater, nicht beleidigt heute den ganzen Tag, denn ich habe Niemand wissentlich wehe gethan, und that ich's unwissentlich, hab ich's gut zu machen versucht; und ich habe versucht, Dich in mir deutlicher zu fühlen, und das Häßliche und Niedrige, das du mir, ich weiß nicht warum, mit aufgeladen hast, hab' ich getrachtet, wegzuwerfen oder sein nicht zu achten, und ich danke Dir von Herzen, daß es in mir deshalb christlich hell und heiter geworden ist und daß ich gerne in Dir gelebt habe. Hallelujah!

Ich weiß nicht, Graunzer, ob Du auch so beten kannst, aber wenn Du es kannst, oder wenn Du wenigstens so zu fühlen vermagst, dann kommt es mir auf den Titel nicht an, den Dir Deine Philosophie beilegt, und ich glaube, daß auch Du nicht gottlos bist. Nur das Dumpfe, Blöde, was an sich selber frißt und in sich selber versinkt, statt aus sich heraus zu strömen in Licht und Klarheit, nur das ist eigentlich gottlos. Aber man soll es nicht aufgeben, wie einen unheilbaren Kranken, sondern wecken, klären soll man es. Aber nicht durch Anschreien oder gar Rütteln und Stoßen, sondern durch freundlichen Zuspruch und mit leiser Hand.«

Wenn ich diese Worte lese, lieber Peter, muß ich wirklich sagen: daß gerade ich, der Neffe einer solchen Tante, einen Piek auf das Weibliche habe, ist eigentlich unerhört. Und hätt' ich nicht so meine eigenen Gedanken, ich müßte mir fast monströs vorkommen.

Das liebe Frauenzimmerchen hat natürlich nicht unterlassen, mir auch im Testamente den Text darüber zu lesen, daß ich es vorziehe, einschirrig durch dieses Leben zu ziehen, statt als Appendix irgend einer Dame, die meinen Namen trägt und unter der Vorgabe, mich zu lieben und meinem Stamme zur Fortpflanzung zu verhelfen, mich unausgesetzt verführen würde, das Einzige aufzugeben, was Werth hat: Die männliche Selbständigkeit. Daß ich den Spaltungsprozeß, den die Menschen Ehe nennen, nicht durchmachen will, behagte ihr gar nicht, die darin ganz Weib, will sagen: ganz Herdenselbstsucht war, wie jede andere.

Deshalb heißt es in ihrem Testament wie folgt:

»Eigentlich ist es sündhaft, daß ich Dir unsern alten Kiebitzhof vermache, auf dem, bei Gott, so alt er ist, noch kein Junggeselle gesessen hat. Ich will Dir auch ganz offen gestehen, daß ich eine Zeitlang so kalkulirt habe: ich werde den Graunzer einfach zur Vernunft, d. h.« (o weibliche Synonymik!) »zum Heirathen zwingen; ich werde ihm einfach in's Testament setzen: entweder eine Frau her oder draußen geblieben, in Berlin geblieben; ein spintisirender Weiberfeind kann meinetwegen in seiner städtischen Studirstube saure Glossen aus seiner unglückseligen Gemüthsverfassung herausdestilliren, aber in meinen Kiebitzhof kommt er mir nicht u. s. w., u. s. w. Aber schließlich hab' ich mir doch gesagt: nein, so machst Du's nicht! Das wäre unanständig, und Graunzer soll wieder einmal Unrecht haben mit seiner Lieblingslüge vom weiblichen Kaupel- und Kuppelgeschlecht. Nehm' er den Kiebitzhof, ohne Verpflichtung, unbeweibt in all seiner blühenden Narrheit. Und meinen Segen dazu. Denn er wird den brauchen, der wunderbare Doktor und Gutsherr ohne Frau…

Um Gotteswillen, Graunzer, – was wirst Du für eine Wirthschaft loslassen, Du Oekonom mit dem Federhalter!

Ich bin nicht schadenfroh, – aber den Kiebitzhof möcht' ich wirklich in einem Jahre sehen, wenn Du ihn in einsamer Mannesgröße wirst bewirthschaftet haben. Na! Christiane wird mir Rapport erstatten, wenn sie sich zu Tode geärgert haben wird über »die Zucht«. Hoffentlich ärgert sie Dich auch ein Bischen.

Und wer weiß. Ich habe so meine Gedanken. Vielleicht bläst Dir die frische Luft haußen doch die misogynen Grillen aus dem Kopf, und Du siehst ein, daß es nicht gut ist, daß der Mensch allein sei. Zumal auf dem Lande nicht. Als Wittwe, wie ich, so viele, viele Jahre, – ja, das geht, wenn auch schlimm und in Schmerzen, aber das ist Fügung, über die wir nicht wegkommen. Aber »aus Prinzip«, – nein, Graunzer, das geht eigentlich wirklich nicht. Zumal Du auch das bedenken mußt: Wer soll denn nach Dir kiebitzen? Graunzer! Wenn Du es über Dich gewinnst, ohne Noth, bloß aus Doktorscher Grundsatzerei und Verschrobenheit, den Kiebitzhof einmal Fremden zu überlassen… aber nein: ich habe mir vorgenommen, keinen Zwang auf Dich auszuüben. Mach's wie Du willst. Aber die Versicherung geb' ich Dir: Staat wirst Du nicht machen als Hagestolz auf dem Kiebitzhofe.«

Wie nannten wir doch die Reden unsres guten Tantchens, Peter? Tantationes, nicht wahr? Diese Tantatio ultima ist eine der schönsten, find' ich, aber überzeugen kann sie mich nicht, so überschlau sie auch angelegt ist.

Wie sie mich bei allen Zipfeln meiner Seele hernimmt! Wie sie für jeden Winkel, wo eine männliche Dummheit liegen könnte, einen eigenen weiblichen Besen hat!

Tante! Tante! Mich überschläust Du nicht! Ich berufe mich auf Dich selber und auf Dein Wort von der Gottseligkeit, »wenn eins mit sich selber in Frieden lebt«. Das kann ich bloß solo, und der Gedanke an eine Frau bedeutet für mich soviel wie Spektakel, Gezappel, heilloses Hin- und Hergezerre und zänkische Unlogik, kurz Alles, nur nicht Frieden und Sammlung. Wenn ich mir eine Frau, oder reden wir einmal wie die gebildeten Zeitgenossen: eine »Frau Gemahlin« im Hause vorstelle, so habe ich die über alle Maßen unangenehme Geruchshalluzination von spitzem, überall sich hineinbohrendem, alles Weiche, Feine, Diskrete entzweischneidendem, hartkantig machendem Essiggeruch.

Dieser Geruch mag in der Küche ab und an nicht zu umgehen sein. Für's Wohnzimmer zieh' ich mir aber reine Luft vor.

Damit verbleibe ich
Dein
Pankraz.

III.
Ein zweiter Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen selben Freund Peter Kahle. Handelt von allerlei ländlichen und seelischen Dingen.

Kiebitzhof, Ende Februar.

Bester Peter!

Dies ist der erste Brief, den ich Dir als Gutsbesitzer schreibe. Ich fange nämlich an mich zu fühlen. Donnerwetter noch 'mal: Jetzt bin ich doch was! Ich habe ein Dach über meinem Kopfe, und das ist mein Dach; ich habe Wald und Feld und Wiesen im Umkreis meines Blickes, und das ist mein Land. Sogar der Schnee, der jetzt darauf liegt, bild' ich mir ein, ist mein Schnee, und der graue Himmel darüber her ist mein Himmel, und wenn der Sturm in mein Gebiet fegt, thu' ich sehr pikirt und drohe mit der Gutspolizei.

Es ist ein wunderbares Gefühl, auf Eigenem zu stehen. Das allein ist fester Stand. Und wenn ich in einem Prachtpalast wohne: ich habe doch das Gefühl, nur der Geduldete zu sein. Aber im eigenen Hause, das im eigenen Garten steht, der im eigenen Gelände liegt, – Du, da kriegt man ein Wohlgefühl, ein Freiheitsgefühl, da ist es, als würde Alles stark und stolz ich sicher in uns, und wir spielen innerlich ein Bischen mit Szepter und Krone und Stern, wenn's auch bloß die Mistgabel, der Dungeimer und die Kuhkette ist.

Wem bin ich Vasall? Der Erde, die ich beackere. Wem beuge ich mich? Dem Himmel, bei dem die Herrschaft über mein Land ist. Woran glaube ich? An den Keim, der im Korne ist. Was ist mein Gesetz? Daß ich mich rühren muß. Was ist meine Lust und mein Lohn? Dasselbe!

Halt! Daß Du mir diesen Brief keinem Landwirth zeigst! Er würde sich den agrarischen Bauch halten vor Lachen und würde von den neuen Besen reden, die gut fegen, und würde Dir eine Kehrseite meiner Medaille zeigen, daß Du zurückschaudern würdest. Denn das habe ich auf Besuchen bei meinen Nachbarn bemerkt: Wer nicht als Grünling in der Oekonomie gelten will, muß brav schimpfen auf die Oekonomie. Das ist so eine Art Gesundheitsregel, glaub' ich, und man scheint sich sehr wohl dabei zu befinden.

Bei mir ist der Ueberschwang wohl erklärlich. Ich, ein Bibliotheksbeamter, schüttle plötzlich den Bücherschimmel von mir, lüfte meine pergamentisch angestockte Seele und blase mit jedem Athemstoße meine Lunge rein von Moderstaub. Da läßt sich's denken, wie hoch mir die Brust geht. Anfangs war mir's, als flögen die gelbgrauen Bazillen der Buchstabenwelt sichtbarlich von mir, wenn der Hauch aus meinem Munde ging, und mir war es völlig zu Mute wie einem Rekonvaleszenten, der zum ersten Male die dumpfe Krankenstube verlassen und reine Luft athmen darf. Mir wurde sogar etwas schwach davon, und ich fragte mich: wirst du soviel Gesundheit auch aushalten?

Die Krankheit wird den Stadtmenschen ja fast zum Bedürfniß, und es ist kein Zufall, daß sich so viele Leute mit Krankheiten interessant zu machen versuchen und mit diesem Versuche Erfolg haben.

Und im Grunde bin ich doch noch Stadtmensch, natürlich. Das zeigt sich vor Allem in der stark skizzenhaften Art, wie ich die Landwirthschaft betreibe. Wenn nicht das tüchtige Paar Hans Jörg und Christiane wäre, es sähe sehr übel aus um den Kiebitzhof. Ich throne zwar, aber die Beiden regieren. Gottlob, daß es Winter ist. Hätte ich die Herrschaft von Kiebitzhof im Frühjahr oder Sommer antreten müssen, – ohpopoi, sagten die Griechen.

Christiane scheint übrigens von der Tante auf den Mahnposten kommandirt zu sein. Wäre sie klassisch gebildet, sie würde mir zum Morgenkaffee feierlich zurufen: Herr, gedenke der Heirath. So kleidet sie denselben Gedanken etwa in folgende Worte: »Jo, do wär nu wingstens a Frau gutt!« oder »Später gitt's wohl besser, wenn a Frau do is«. Wenn ich dann sage: »'s kommt keine Frau, Christiane!« dann zieht sie bloß ihren Mund breit und grinst verschmitzter, als ich es ihr jemals zugetraut hätte.

Soviel ist gewiß: für voll werde ich in meiner Unbeweibtheit nicht angesehen, und es sieht ganz so aus, als duldete man diesen Zustand nur in der ganz bestimmten Voraussetzung, daß ich ihm über kurz oder lang ein Ende machen werde.

Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß mich das nicht im Mindesten berührt. Ich werde den Leuten zeigen, daß es auch so geht und daß ich Niemand beiße, auch wenn ich keine Frau habe. Denn das ist ganz besonders merkwürdig: weil ich keine Frau habe, betrachten mich die Leute in erster Linie auch mit scheuen Augen und als ein bedenkliches Stück Mensch. Ich habe was Monströses für sie, und es fehlt ihnen die rechte Brücke zu mir. Aber das wird sich schon noch geben. Es ist nur das Ungewohnte. Du siehst: wo die Macht beginnt, und habe sie auch nur ein ganz kleines Bereich, wie in meinem Falle, da beginnt auch ein gewisser Zwang von unten nach oben. Ich bin den wenigen Leuten auf Kiebitzhof der »Herr«, und diese guten Leute, die ganz unberührt von den Emanzipationsideen ihrer Standesgenossen in den großen Städten sind, erblicken in mir ohne Widerspruch denjenigen, der ihre Geschicke leitet; sie gehören mir, sind mir in ihrer Seele noch hörig, ohne daß das verbrieft und versiegelt wäre; sie wissen das gar nicht anders. Aber: ich gehöre auch ihnen. Das empfinden sie natürlich nicht klar, und das formuliren sie sich nicht als eine rechtliche Forderung, die sie an mich haben, aber das steht bei ihnen als selbstverständliche Voraussetzung fest.

Ein patriarchalisches Verhältniß ist auch thatsächlich anders gar nicht zu denken. Wo die gegenseitige Zugehörigkeit ein Loch kriegt, fängt das Verhältniß vom »Arbeitgeber« und »Arbeitnehmer« an, dasjenige Verhältniß, aus dem, wie mir scheint, das sozialdemokratische Begehren ganz von selbst erwächst. Deshalb… aber um Gottes Willen, wo gerathe ich hin! Ich wollte doch wahrhaftig keine sozialpolitischen Ideen zum Besten geben. Ich setzte mich nur hin, mit Dir zu plaudern, weil ich mich offen gestanden, schon ein Bischen langweile, und weil ich Dir gerne einen kleinen Einblick in die Empfindungen geben wollte, die mich jetzt, wenn nicht beherrschen so doch beschäftigten. Ich bin, es kurz auszudrücken, in einer Art von Mauser. Halb noch Stadt- und Bibliotheksmensch, halb aber auch schon Landmensch, Freiluftmensch. Viel weniger Grübler und Kritiker als bisher, aber doch noch nicht ganz Zugreifer, Schaffer, – Bauer.

Dreierlei liegt vor mir: entweder zurück in die Stadt, natürlich nicht mehr als Gelehrsamkeitsbeamter, aber vielleicht als eine Art lebendiger »Beobachter an der Spree« (Du verstehst mich!); oder: stillbeschieden hier geblieben, Kiebitzhofbauer, Schollensasse (wobei ich aber nicht die Perspektive geistigen Stillstandes und die Verabschiedung aller literarischen und künstlerischen Neigungen vor Augen habe); und schließlich: ein Leben auf der Grenzscheide: bald Besuch hier, bald Besuch da, Commis-Voyageur einer zwiespältigen Lebenskunst zwischen zwei Stationen.

Ich werde mich für Nummer Zwei, für das gute Mittelstück entscheiden, ich werde kiebitzen. Berlin mit seinem gräulichen, stillosen, unorganischen Parvenucharakter, diese Stadt des großschnauzigen Talmithums und des schnellfertigen Absprechens, in der sich die paar wirklichen Berliner (ein prächtiger Schlag) am unwohlsten fühlen, lockt mich nicht. Dort wohnen müssen, ist ein Unglück, dort wohnen wollen ist eine unbegreifliche Verirrung. Von Zeit zu Zeit einmal in seinem Getriebe unterzutauchen, sich die Sturzwellen seines vielgestaltigen Lebens über Brust und Kopf gehen zu lassen, während man sich sonst dem lauten und leeren Getriebe klüglich fern hält und seine Seele procul negotiis aussömmert, wäre vielleicht ein annehmbarer Compromißvorschlag, aber doch nur für solche, die von Natur aus halb und halb sind und an der modernen Fahrigkeit leiden, die man Nervosität heißt. Ich habe den kleinen Verdacht, daß ein solches Nomadenleben ohne rechten Heimpunkt eine Seelenunstätigkeit erzeugt, die kaum geeignet ist, einen Charakter zur richtigen Reise zu bringen, aus der allein was Rechtschaffenes werden kann. Dos moi pu sto, – das gilt nicht blos für die Mechanik, das gilt auch für die Lebenskunst. Wenigstens für uns, bei denen das Zünglein der Lebenswaage schon hinüberschwankt in die stille Gegend, wo langsam der Pfad sich in's Dunkel verliert.

Holla! Peter, gieb mir einen Rippenstoß! Nimm' mich bei den Ohren, Peter, wie einen Sextaner! Setz' mich Einen runter in Deiner Werthschätzung!

Du hast's doch gemerkt? –:

… wo langsam der Pfad sich in's Dunkel verliert… Erkennst Du das Paradigma:

Wenn der Hund mit der Wurst über'n Spucknapf springt…?

Peter, – es verselt!

Das ist, beim Himmel, bedenklich, und Du wirst lange Dein knabenerzieherisches Haupt schütteln, wenn Du vernimmst, daß ich jetzt des Oefteren von ganzen Schwärmen zappeliger Daktylen, Anapäste, Trochäen und ähnlichen Gelichters überfallen werde, das ich längst aus meiner reinen Seele vertrieben wähnte, seitdem ich zum letzten Male mit brandfuchsischem Fanatismus skandirt hatte:

Ach Eines, Eines weiß ich nur gewiß:
Es ist mein Herz voll eitel Bitterniß.

Du hattest damals die Güte, darauf »Verschiß« zu reimen und mich einen Ganzen trinken zu lassen.

Beim Hohen Kösener! – es waren doch schöne Zeiten, als wir die dunkelrothen Mützen trugen und jeden Finken für ein zweifelhaftes Subjekt hielten. Was für wundervolle dumme Jungen sind wir gewesen! Wie köstlich undifferenziert, lebfrisch aus einem Gusse, – ein Bischen landsknechtshaft roh und bedenklich alkoholbeflissen, aber jedennoch: so glücklich, so derb glücklich… Ich fürchte, heute sieht's in den Corps nicht mehr so glückhaft aus.

Nun aber Schluß! Ich, so gerne ich mich als überzeugten laudator temporis acti bekenne, will denn doch nicht vergessen, daß ich jetzt eigentlich erst zu leben beginne, denn jetzt erst bin ich ja frei geworden.

Wollen sehen, was mit seiner Freiheit anfangen wird

Dein
stets getreuer
Pankraz.

IV.
Ein Kapitel, das einige Tagebuchblätter enthält, die Herr Pankrazius Graunzer im Februar des Jahres geschrieben hat, in dem diese Geschichte spielt.

Den 5. Februar.

Heute fand ich in den alten Papieren, die die gute Tante von mir aufgehoben hat, einen Aufsatz, den ich als Quartaner geschrieben habe. Er handelt vom »Lobe des Landlebens«.

Wie so ein altes Stück beschriebenen Papieres Einem doch an die Nieren gehen kann! Ich sah mit einem Male die ganze brave Quarta, Coetus B., vor mir, diese Welt voll Cornelius Nepos, die doch den Zuckerstengel noch nicht ganz überwunden hat. Noch ein paar Jahre weiter, und wir hatten schon ein literarisches Kränzchen und lasen »Sturm und Drang« von Klinger… Beim Lob des Landlebens erinnere ich mich, daß der kleine Isidor Meyer, der jetzt so ernsthaft und Mitglied des Protestantenvereins ist, damals wegen eines genialen Einfalls in's Karzer gesperrt wurde. Er lieferte nichts ab, als ein Blatt mit folgenden Worten: »Ich, Isidor Meyer, Quartaner aus Berlin, bin in Berlin geboren worden, lebe in Berlin und bin niemals aus Berlin herausgekommen, denn der Grunewald gehört auch zu Berlin. Berlin aber besitzt kein Landleben. Deshalb kann ich nichts zum Lobe dieser Beschäftigung sagen.« Schade, daß unser guter Ordinarius so wenig Humor hatte. Er hätte Isidor'n nicht in's Karzer sperren, sondern um seiner Ehrlichkeit willen, die obendrein Witz besaß, belobigen sollen. Sein Präzeptorenzorn aber erblickte in diesem kurzbündigen Aufsatz nur die Aeußerung frivoler Faulheit, und Isidor mußte schmachten. Das bestärkt mich in meiner alten Forderung, daß zu Pädagogen nur Leute von Humor zugelassen werden sollten.

Aber Pankrazi! Dann müßten ja wohl auch die Schulräthe Humor haben! Oh! Und schließlich gar die Kultusminister! Bist Du bei Sinnen?!

Mein Aufsatz war ein einziger Triller auf der bukolischen Flöte: »Wie herrlich, wenn des Morgens der mit vielen Federn ausgestattete Hahn kräht und uns mit seinem lieblichen Gesange hinauslockt in das frische Grün der Wiesen, wo die Schafe blöcken und wovon die Dichter singen! O, wie rein ist da die Luft! Wie duften die Blumen!« (Dazu die Bemerkung des Ordinarius: »Welche Blumen? Es genügt nicht, in Allgemeinheiten zu reden; mindestens hätte ein Adjektiv zu »Blumen« hinzugfügt werden müssen«.) Der Schluß des Aufsatzes aber ist direkt hymnisch: »Nur auf dem Lande fühlen wir uns frei und erhoben zu Gott, der alles dieses geschaffen hat und in seiner Güte erhält. Nur hier sind wir Menschen, wie die alten Germanen!« (Dazu Bemerkung des Ordinarius: »Unsinn!«)

Ich kann wiederum dem Ordinarius nicht Recht geben. Ich finde, daß Pankratius Graunzer da als guter Quartaner gut quartanerisch geschwärmt hat, und daß es ganz richtig ist, was seine Seele in Quarta schrieb, wenigstens für Quarta. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich heute noch so unmittelbar und idealisch empfände.

»Menschen, wie die alten Germanen!«… Bravo, kleiner Graunzer! Recht hast Du! Pfeif' auf den alten Ordinarius und halt's mit Hermann, dem Cherusker!

Und ich sehe mich im Geiste als ferienkühnen Gymnasiasten, ich sehe mich mit der grünen Botanisirtrommel und der scharlachrothen Schülermütze, wie ich durch das Gebiet von Kiebitzhof galoppire, wie ich mich als großen Herren fühle und endlos Phantasieen spinne, während ich über die Wiesen renne. Dort hinten am Krebswasser, wo die alte Weide mit dem gespaltenen Stamme steht, da war mein Sinnirplätzchen. Da war die Höhle der Fabelwinde, auf denen ich hinausritt in's Unmögliche. Daß ich ein verwunschener Prinz war, das stand ganz fest. Ich und bloß Quartaner? Haha! Laßt nur erst 'mal Tag und Stunde kommen, wo der alte Mann im weißen Barte erscheint, der nach dem Leberfleck auf meinem linken Schulterblatt fragt und der dann, wenn er ihn gesehen hat, ein alter Pergament herauszieht und der erstaunten Christiane verkündet, daß ich jetzt auf einem großen Schimmel in's Schloß meiner Väter reisen werde! Christiane wir's bereuen, daß sie mich fortwährend einen dummen Jungen nennt! Aber ich bin gnädig. Ich könnte sie an einen Baum binden und, mit Honig beschmiert, den Bienen zum Fraße lassen, oder ich könnte sie rösten lassen, und es stände mir auch frei, daß ich sie siebentausend Fuß unter die Erde in eine Höhle verbannte, in der sie von Kröten mißhandelt würde. Aber nein: Ich nehme sie mit in's Schloß, und da soll sie Augen machen, wenn sie die goldenen Thürme sieht und meine Leibmohren! Dem Ordinarius aber werde ich einen Brief auf Goldpapier schreiben: Hiermit thun wir kund und zu wissen, Ihnen, Herr Professor, daß Sie uns hinfüro nichts mehr zu sagen haben! Sie Jammerpeter, Sie! Sie Blindschleiche! Wenn Sie gescheidter wären, hätten Sie längst entdeckt, wer wir eigentlich sind. Aber Sie sind ein ahnungsloser Esel!

Ach Gott, ja, es war schön! Schön! Schön! Schön! Schade, daß die Seelen so kümmerlich werden, wenn man älter wird.

Wann hab' ich eigentlich aufgehört, zu fabuliren? Wann begann ich, mich dabei zu beruhigen, daß ich ein ganz gewöhnlicher Pankraz sei, ein Pankraz, der Hunderttausendste, ein Männlein Packedich?

Es ist nicht so schnell gekommen, dieses schnöde Thatsachenbegreifen. Viel Wind mußte vorher an der schönen grünen Fahne meiner Hoffnung reißen, bis ich schließlich nur den Schaft in der Hand hatte, den ich dann auch zerbrach. Bis auf ein Stück. Und daraus hab' ich mir eine Flöte gemacht, die Flöte meiner einzigen Melodie:

Geh' an der Welt vorüber, es ist nichts!

Anfangs blies ich diese schöne Weise in einem düsteren Tone, dann ward er melancholisch-gelassen, dann gleichmüthig mit einem kleinen Ansatze von Gassenhauer, und schließlich trillerte sich's ganz behaglich:

Lach' an der Welt vorüber, es ist nichts!

Und das ist der Humor davon.

***

Den 12. Februar.

Alle diese Tage hin hat mir was an der Seele gesogen, so ein unbestimmtes Gefühl des Suchens in mir selber, als müsse da irgendwo irgendwas liegen wie ein Schlüssel, der eine köstlich geheime Kammer aufthun könnte, in der's Einem sehr wohl sein müßte.

Suche ich vielleicht eine Erinnerung?

Oder eine Hoffnung?

Oder etwas, das Beides zugleich wäre?

Was könnte das sein?

Ich bin doch Pankrazius Graunzer, das Männchen Packedich mit der einweisigen Flöte? Der Mann mit dem abgeschlossenen Gemüthe? Ich habe doch alle derartigen Schlüssel weggeworfen, weil ihre krausen Bärte mich genugsam genarrt haben?

Wäre ich nicht hier mir ganz allein gegenüber, ich würde mich schämen, es auszusprechen, daß ich auf lächerlichen Serpentinen mich immer und immer wieder in jene schöne Gegend begebe, von der die geschäftigen Versemacher wünschen, daß sie ewig grünen bliebe.

Der Teufel hole mich; ich muß an die jammervolle Episode mit Ida, der jetzt verehelichten Kunze, denken.

Die jetzt verehelichte Kunze…

Bestie!

Pfui! Nicht!! Ruhiges Blut! Blamir' Dich nicht, Pankraz! Auch nicht vor Dir selber!

Kalkulire: Die jetzt verehelichte Kunze ist ein Frauenzimmer von der schlechten Mittellage. Ihr Mann hat, seit er sie geheirathet, die Gelbsucht. Ihre Kinder (acht!) sind boshafte, dumme Rangen mit mangelhaft geputzten Nasen. Sie wechselt aller vier Wochen das Dienstmädchen. Sie ist, höflich gesprochen, nicht gerade eine von den Reizendsten…

Also: Nimm an, die verehelichte Kunze wäre eine verehelichte Graunzer…

Es steigt das Haar, kalt strömt der Schweiß…

Nun?

Gewiß! Ich habe im Grunde Glück gehabt mit meiner unglücklichen Liebe.

Aber?

Kein Aber, wenn ich bitten darf!

Was abert sich hier! Einfältig!

Aber das ist ja das Schlimme, daß mich ewig ein Aber behelligt!

Ich muß diesem Aber die Wurzel abdrehen! Ich muß dieses feige, klettige, klebrige, schleimige Monstrum, das in mich hineinkriecht und sich in meiner Seele herumwälzt wie eine haarige Raupe, ausschwefeln!

Ausschwefeln!

***

Den 20. Februar.

Axiom: Das Weib ist ein jammervoller Nothbehelf der Natur, die vom Werdewahnsinn besessen ist und im Delirium…

Da bin ich also wieder 'mal im schönsten Fahrwasser.

Wo ist meine Flöte? Warum schimpfe ich denn auf einmal wieder? Was geht mich denn »das Weib« an.

Axiom: Ein Mann, der an's Weib überhaupt nur denkt, ist schon besudelt. Höllenstein her, wenn diese Stelle beißt!

Nein! Bloß Lachen hilft. Die ganze Geschichte dieses jappenden Kampfes zwischen Nan und Nü, wie die alterfahrene schlitzäugige Großvaternation im Osten sagt, ist wohl tragisch, aber alle Tragik läßt sich mit Humor überwinden.

Flöte her!

Lach' auch am Weib vorüber! Es ist nichts!

***

Den 25. Februar.

Christiane bringt mich zur Verzweiflung. Seit drei Tagen paradirt sie mit der alten Familienwiege von Kiebitzhof. Erst mußte sie gewaschen werden. Schon überflüssig. Dann mußte sie gar neu gemalt werden. Rosen und Tulpen darauf, in der hübschen altmodischen Art. Meinetwegen, weil's ein altes gutes Kunstgewerbestück ist. Nun aber stellt sie mir den Kasten in meine Schlafstube, »weil's schade d'rum ist auf dem Boden.«

Das ist Alles tantische Anstiftung, und blos aus Pietät schmeiß' ich das Ding nicht zum Tempel hinaus.

Bin überhaupt ärgerlich die ganze Zeit. Man kommt in der Einsamkeit blödsinnig in's Grübeln.

Geradezu langweilig.

Und dabei hinten und vorne Dinge, die ich bestimmen soll und nicht verstehe. Die Leute fangen an, sich lustig über mich zu machen. Voran natürlich Christiane, die wahrhaftig ein Bischen zu sehr auf ihr Altersrecht pocht.

Und – unglaublich! – Rückfälle in die Kinderkrankheit des Versemachens. Das kommt vom Bukolosiren.

Und ewig das unbehagliche Gefühl mit dem Suchen nach Was.

Es ist die reine Mauser, in der ich mich befinde.

Vierzig Jahre alt und noch immer solch' eine schwabbelige Seele!

Ich kann mich auf dem Jahrmarkt sehen lassen oder unerschrockenen Romanschreibern als psychologisches Modell stehen.

Unerquicklich!

***

Den 28. Februar.

Mein Zustand wird bedenklich. Es ist keine Frage mehr: Ich befinde mich in einer Krise.

Es ist ein psychisches Fieber von sehr hartnäckiger Art. Wechselfieber. Bald ist meine verzehrte Seele heiß, bald ist sie kalt. Irgend was zerrt an ihr, wie böse Buben am Maikäferbein.

Wer ist der böse Bube?

Wenn ich ihn erwische, nehme ich ihn an den Ohren und beutle ihn, daß er genug haben soll.

Aber erst haben!

Erst haben!

Ich bin hinter ihm her wie der Bauer hinter den Aeppeldieben. Aber nicht einmal seinen Hemdenzipfel krieg' ich zu sehen.

***

Den 29. Februar.

Hat ihm schon! Der Bengel heißt Sehnsucht und ist aus der Familie Langeweile.

Schäm' Dich, Pankraz! Bist Du ein Wortefänger geworden? Todte Käfer aufspießen, ist mehr werth, als das.

Jawohl! Ja, freilich! – Sehnsucht! Das will wohl was heißen! Aber sage mir doch, mein bied'rer Käscherschwinger: wonach sehnt sich Deine allerliebste Seele?

Wonach?

Da kraut sich der Lümmel hinterm Ohr.

***

Ich muß systematisch und exakt vorgehen.

Wenn die Aerzte soweit sind, daß sie den Magen beleuchten können, dann sollten wir Psychologen (wie stolz das klingt!) doch gefälligst so weit sein und die Seele beleuchten können.

Also leuchten wir!

Hm! Das Ding hat viele Runzeln… Und zwischen den Runzeln steckt viel Staub… Und der Staub ist von mancherlei Art… Und es ist Bewegung in dem Staube… Und auch die Runzeln liegen nicht stille, sondern gehen auf und gehen ab, reiben sich, rühren sich, zucken, zittern… Es ist, als ob sie nach Luft schnappten…

Das Ding sieht bedenklich aus. Sicherlich: Normal ist das nicht!

Eine normale Seele, sollte ich meinen, ist sehr glatt, sehr still und staubfrei.

Was muß ich also thun?

Sehr klar. Erstens: glatt machen; zweitens: auskehren; drittens: Ruhe!

Köstlich! So verschreibt der Herr Doktor dem Bettelweib Madeira.

Wo soll ich alter Kerl die Courage hernehmen und meine Seele erst glatt bürsten, dann reinfegen und am Ende zur Beruhigung einölen!

Schließlich geht sie mir dabei in die Brüche, meine Seele, und dann sitz' ich da mit Bürste, Besen und Oel…

Verfluchte Geschichte!

V.
Eine parlamentarische Standrede des Herrn Pankrazius Graunzer an sich selber. Handelt von einem sehr wichtigen Entschluß und darf durchaus nicht überschlagen werden.

Verehrtester! Wir haben nicht oft das Vergnügen, einerlei Meinung zu sein, aber darin werdet Ihr mir, dessen bin ich sicher, beistimmen, daß es so nicht fortgehen kann.

Die Situation, in der wir uns befinden, ist unerquicklich im höchsten Grade, und es wäre, parlamentarisch zu reden, ein Zeichen von mangelhafter Intelligenz, wenn wir nicht darauf sännen, Mittel und Wege zu finden, wie wir dieser bedränglichen Situation ein Ende bereiten und sie durch einen Zustand ablösen, der unserm Befinden zuträglicher, unserer Entwicklung heilsamer und des Namens Graunzer würdiger ist. (Zustimmung auf allen Seiten.)

Es ist keine Frage, daß ein Etwas in uns rumort, das auf den Umsturz der bestehenden Verhältnisse hintreibt, und das wir, in Ermangelung eines bestimmteren Ausdrucks, Sehnsucht nennen. (»Sehr richtig!« links, in der Herzgegend. »Unsinn! Langeweile!« im Gehirnszentrum.) Diese Sehnsucht nun, – woraus entspringt sie? Fürchten Sie nicht, daß ich vorhabe, Sie durch lange und eingehende Untersuchungen über den Grund dieser p. p. Sehnsucht zu langweilen. Ich begnüge mich, ganz kurz die Behauptung aufzustellen, daß diese Sehnsucht die Folge eines gewissen Unbefriedigtseins ist.

Es muß etwas faul sein im Staate Graunzer, sonst hätten wir diese bedenkliche Unruhe nicht in unserm Innern! (Oho! im Gehirnszentrum.)

Nun denn, mein Lieber: Was ist faul?

Ich schmeichle mir damit, eine Antwort auf diese nicht ganz leichte Frage zu haben, aber ich muß bitten, daß Ihr mir die Aussprache dieser Antwort gestattet, ohne mir nach Eurer üblen Angewohnheit über's Maul zu fahren.

Die Fäulniß, an der wir leiden, und an der wir zu Grunde gehen werden, wenn wir nicht schleunigst antiseptisch eingreifen, das ist die Zwecklosigkeit unseres ganzen gegenwärtigen Dahinlebens, der Mangel an einem fest und freudig begriffenen Ziele. Wir vegetiren, Verehrtester, aber wir leben nicht.

Also wir noch in Berlin saßen und Bücher registrirten, – nun wohl: Das war kein schöner Zweck und kein hohes Ziel; aber wir hatten uns darein gefunden, wir hatten abgeschlossen mit allem Anderen, wir hockten, nicht sehr dekorativ vielleicht, aber doch mit einer gewissen raumausfüllenden Sicherheit im Mittelpunkte unseres kleinen Kreises, dessen Pflichten wir erfüllten, und der uns immerhin eine gewisse, auch spärliche Zufriedenheit bereitete. (Melancholische Zustimmung.)

Nun hat sich das geändert. Wir sind aus unserm Bücherkreise herausgelockt und in eine viel schönere, viel frischere, viel reichere Welt gesetzt worden. Das gütige Schicksal, unsre liebe Tante Ulrike, hat uns die unverdiente Ehre angethan, ums zum Herrn und Besitzer eines zwar nicht sehr großen, aber sehr schönen, sehr geordneten, sehr ergiebigen und völlig schuldenfreien Gutes zu machen. Wir sind keine Bücherfresser mehr, wir sind ein Gutsbesitzer! (Bravo auf allen Seiten.)

Aber! Aber! –: Füllen wir unsern Platz auch wirklich aus? Haben wir uns unseren neuen Pflichten, so wie es sich geziemt, angepaßt? (Pause.) Euer Schweigen antwortet mit mir: Nein!

Nein! Wir haben das nicht gethan! Wir sind ein Bibliothekar a. D., der sich besuchshalber auf einem Gute aufhält und überflüssig macht, aber wir sind kein Gutsherr!

Ich will gar nicht davon reden, daß wir von der Landwirthschaft nichts verstehen. Das ist erklärlich und entschuldbar. Aber wir haben auch nicht den rechen Eifer, etwas zu lernen. Wir bummeln auf unserm schönen Gute herum und halten Maulaffen feil. Wir langweilen uns, wo wir arbeiten sollten. Wir machen uns zum Gespötte nicht bloß von Philemon und Baucis, den wackeren Zweien, Hansjörg und Christiane, sondern wir sind auch ein schlechtes Beispiel allen unseren Leuten bis herunter zu Traugott, dem Kuhjungen.

Und warum das? An sich sind wir doch kein Nichtsnutz, kein Faulenzer! Beweis: Dieses Bummeln bedrückt uns, diese Langweile liegt uns schmerzhaft auf Seele und Leib.

Also warum?

Ich will es Euch sagen, auf die Gefahr hin, daß Ihr mir die sauersten Aepfel eures Graunzerschen Geistes an den Kopf werft: So ein Gut, das Einem gehört, ist keine Bibliothek, in der man von Amtswegen sitzt. So ein Gut, das Einem gehört, muß Einem in die Seele wachsen, muß Einem sehr lieb und innerlich eigen werden, sonst ist man entweder Schmarotzer oder Tagelöhner auf ihm. In der Bibliothek ist man im Grunde geistiger Tagelöhner, auch wenn man sein Stückchen Pergament mit Liebe beackert, und diese geistige Tagelöhnerei auf einem Spezialgebiete mag recht wohl einen ganzen Menschen auszufüllen, zumal wenn er von ganzem Herzen und ganzer Seele und ganzem Gemüthe Spezialist ist, was zuweilen vorkommt, so wunderlich es klingt. Aber beim Landbesitz giebts solcherlei Spezialliebe nicht, abgesehen von der industriellen Landwirthschaft, die uns nichts angeht. Hier gilt es, im Ganzen liebevoll aufzugehen, ein Bauer zu werden, der seinem Hofe gehört, wie der Hof ihm.

Dazu aber, Graunzer, gehört, ein Ding, das uns fehlt, und das wir uns anschaffen müssen. Dazu gehört, ich kann mir nicht helfen, eine Eigenthumsperspektive in die Zukunft. (Unruhe auf allen Seiten.)

Ihr ahnt, was ich meine? Ihr schüttelt Euch vor Entsetzen, aber ich muß es Euch noch deutlicher sagen: Dazu gehört die Aussicht, daß auch nach uns das Gut unser gehört, daß wir das Gut auch für eine Fortsetzungen unsres Selbst bebauen. Kurz und gut: dazu gehört, daß wir einmal einen Sohn haben müssen. (Tumult auf allen Seiten. Der Redner verschwindet unter einem Regen von Pfuirufen und faulen Aepfeln.)

Und wenn Ihr mich eine Stunde lang bepfuit und mit faulen Aepfeln bewerft, – keiner dieser Aepfel kann so sauer sein, wie der, in den ich biß, als ich diese Nothwendigkeit erkannte, die ich laut nochmals aussprechen muß: Graunzer, wir müssen einen Sohn haben!

Das ist im letzten Grunde die Sehnsucht, die uns peinigt. Wir sind unbefriedigt, weil wir nicht mit ganzer Liebe in unserem neuen Wirkungskreise aufgehen, und wir gehen nicht mit ganzer Liebe in ihm auf, weil er, als der natürlichste und also primitivste aller Wirkungskreise, die Familie zur Voraussetzung hat. (Stürmischer, gellender Ruf: »Pfui Teufel! Ein Weib! Da haben wir's!«)

Ja, Graunzer, es ist wahr: es wird sich nicht umgehen lassen, daß wir zu diesem Zwecke ein Weib nehmen. (Ohrenbetäubender Lärm.)

Aber nur zu diesem Zwecke! Ich verwahre mich mit Entschiedenheit dagegen, daß ich Nebengedanken habe, denn darin bin ich völlig eins mit Euch: ich denke nicht an all' das verworrene Zeug, das gemeinhin den Zweck der Erzeugung eines Erben verschleiert. Aber es giebt schlechterdings kein anderes Mittel, zu unserm Zwecke zu gelangen. So jammervoll es ist: wir brauchen eine Frau dazu. (Beklommene Pause.)

Ich erlaube mir, den Antrag zu formuliren, den ich für angenommen ansehe, wenn sich kein ausdrücklicher Widerspruch erhebt: Wir beschließen, Zwecke Erlangung eines männlichen Erben eine Frau zu nehmen, der wir uns aber bündigst vorher zu erklären verpflichten, daß wir von all' dem nicht zu unsern Anschauungen passenden Brimborium ausdrücklich absehen, das man für die Eingehung einer Ehe als Voraussetzung anzunehmen pflegt. Tritt der Effekt, auf den es erst ankommt, nämlich die Geburt eines Knaben, innerhalb zweier Jahre nicht ein, soll die Ehe augenblicklich aufgelöst werden. (Dumpfe Pause.)

Da sich kein Widerspruch erhebt, erkläre ich den Antrag für angenommen und werde das Weitere veranlassen.

***

Nachschrift: Ein wundervolles Mittel, über böse Gemüthsqualen wegzukommen, dies Farciren seiner Unbehaglichkeit. Ich möchte wissen, ob das andern Leuten auch so geht.

Aber die Farce ist ernsthaft! In einer Woche gedenke ich auf Freiers Füßen loszureisen. Oh, Tante Ulrike!

P.

am 15. März (diesen Tag will ich mir hell lila anstreichen, als in der Farbe, die die frauenzimmerlichste und mir fatalste ist.)

VI.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund den mehrfach genannten Gymnasiallehrer Peter Kahle. Giebt einen Kommentar zu der eben vernommenen Standrede, den ich jungen Mädchen nicht zu lesen rathe.

Kiebitzhof, am 25. März.

Magister Kahle!

Ihr habt mich, beim Himmel, schwer geärgert mit Eurem Briefe. Ich habe Euch bis jetzt für einen ernsthaften Menschen und Staatsbürger gehalten und mußte nun mit nicht geringem Bedauern wahrnehmen, daß Ihr ein Spötter von jener geringen Sorte seid, die heutzutage von den Zeitungen schockweise auf den Markt gebracht werden, und für die ich nicht sechs Dreier gebe, selbst wenn sie Doktoren der Philosophie und staatlich geaichte Knabenerzieher sind.

Proh dolor, Peter, – wie kannst Du bis zu der Frivolität hinabtauchen, zu reimen:

Das ist der März,
Drauf reimt sich Herz,
Sogar die Graunzer freien.
Jetzt wird es Tag!
Oh, Himmel, sag',
Was denn geschieht im Maien?

Schämst Du Dich nicht, Peter? Das Deinem Freunde und Corpsbruder?

Aber ich hab's immer gesagt: die Schulmeisterei verdirbt den Charakter; und: auf dem Katheder wächst das Blümlein Bosheit am üppigsten; und: wer mit dem Bakel hantirt, sieht an jedem Menschen nur das Sitzfleisch. (A propos: Doch kennst doch die Geschichte von jenem Schulmonarchen, der in einem Museum die Venus Kallipygos sah und mit Zungenschnalz ausrief: Wie müßten hier fünfundzwanzig flecken!…?) – Welch ein Narr ich war, daß ich Dir Mittheilung von dem Entschlusse machte, der mir wahrhaftig schwerer gefallen ist, als irgend einer in meinem ganzen Leben! Ueber so 'was machst Du Witze!? Und sogar gereimte?!

Ist denn das ganze Männergeschlecht eine einzige Clique, vereint zur Verhöhnung der Wenigen, die sich vom Weibe emanzipirt haben? Habt Ihr denn alle die Objektivität verloren in dem lächerlichen Ringelringelrosenkranz, den Ihr mit Aufopferung Eures Verstandes, Eurer Freiheit, Eurer Würde, Eures Wohlbehagens, Eurer seelischen Reinheit mit dem von Schopenhauer sattsam in seiner Gefährlichkeit und Elendigkeit gekennzeichneten Geschlechte tanzt? Ist es Euch denn ganz und gar unmöglich geworden, wirklich männlich und nicht bloß als Schürzenanhängsel zu denken?

Oh, Ihr Schürzenbandknoten! Oh, Ihr belämmerten Ritter vom Unterrock! Oh, Ihr Karpfen, die Ihr an der Zopfnadel hangt!

Du kannst Dir also absolut nicht vorstellen, daß man wirklich bloß um des Grundes Willen, den ich Dir in meinem Briefe angegeben habe, heirathen kann, Du fühlst schlechterdings den Anreiz zu der liebenswürdigen Insinuation in Dir, ich ließe mich da nur von einem maskirten Instinkte leiten, und dieser Instinkt tendire ganz fröhlich und bestimmt auf das in, was Ihr schamhaft Erotik nennt, weil Euch selber der Ausdruck »Liebe« blümerant, weibsenhaft und lyrikerig vorkommt?

Nun will ich Dir aber mal was sagen: Eure ganze vielgerühmte »Liebe« ist im Gegenteil nur eine Maske, die sich der Wunsch auf Nachkommenschaft vorbindet, um auf glatteren Wegen zu seinem Ziele zu gelangen. Der Schwindel, den der Auerhahn der Auerhenne vortanzt, und der Schwindel, den Ihr Euren Gänsen vorsingt, vorwimmert, vorflötet, das ist alles dieselbe Sache, die dadurch nicht anständiger wird, daß sie die allergemeinste auf Gottes Erdboden ist. Der Auerhahn aber ist gescheidter als die zweibeinigen Freiere um Fräulein Gans. Er setzt das zappelige Getanze re facta wenigstens nicht fort. Im Gegentheil: er begiebt sich schleunigst möglichst weit weg, auf die allerhöchsten Baumwipfel, und ist von nun an ein sehr gemessener und ernsthafter Herr. Ihr dagegen, – daß Gott erbarm'! Wenn Euch die »Liebe« losgelassen hat, kriegt Euch das noch künstlicher angemachte Ehegefühl in die Krallen, und die richtige Komödie beginnt jetzt erst. Ihr schämt Euch, durch die naturnothwendig eintretende Kälte zuzugestehen, daß Ihr vorher bloß die obligate Balzkomödie aufgeführt habt, und Ihr wißt Euch nicht anders zu helfen, als dadurch, daß Ihr nun die Komödie der ehelichen Liebe beginnt. Diese Komödie endigt aber immer tragisch, gleichviel, ob es die Welt merkt oder nicht. Denn für einen Theil, und, wie ich fürchte, meist für den männlichen, wird sie Ernst. Will sagen: der Komödiant glaubt schließlich selber an das, was er mimt, und das Ende ist die Entselbstung, die Verweibsung.

Die Ehe ist Schuld daran, daß es keine Männer mehr giebt, d. h. die Ehe, wie Ihr, die Verweibsungssüchtigen, sie begreift.

Es muß aber auch noch eine andere Ehe möglich sein, die natürlich Ehe nämlich, die Ehe ohne Goldpapieremballage, die Ehe, die lediglich und ganz ausschließlich den Zweck der Erzielung von Nachkommenschaft hat, und die weder vom Manne noch von der Frau die Aufgabe der Persönlichkeit durch die »Liebe« fordert.

Monströser Unfug, diese »Liebe«, die die Verkrüppelung der einen Individualität ohne Weiteres zur Voraussetzung und meistens die Vernichtung beider Individualitäten zur Folge hat. Wie soll aus solchen Verhältnissen eine gesunde Nachkommenschaft hervorgehen? Was ist diese Sorte Ehe anders, als der Faktor, mit dem das Bischen Persönlichkeit aus der Menschheit hinausdividirt wird! Mir graut davor, wenn ich denke, was schließlich daraus werden soll, aus diesem Rührei von Mann und Weib.

Und darum sag' ich für meine Person allen Ernstes: nein! Ich will eine Ehe gründen, ohne die Fiktion, daß, um ein neues Individuum zu zeugen, es nöthig sei, entweder die eigene oder eine andere Individualität zu opfern oder zwei Individualitäten bis zur Unkenntlichkeit in einander zu manschen. Eine solche Ehe, wie ich sie mir denke, mag eurer Sentimentalität nicht behagen. Dafür entspricht sie um so mehr der Natur. Die Ehe ist nun mal keine lyrische Angelegenheit.

Mein Entschluß steht fest. Ich setze Hansjörg zum Verwalter ein und begebe mich auf die Suche. Erst nach Berlin, wo ich, dem genius loci entsprechend, die Sache auf die geschwindeste und geschäftsmäßigste Weise per Annonce zu erledigen suchen werde. In welchen Lotterietopf man greift, ist schließlich gleichgültig.

Gehab' Dich wohl und geh' in dich!

Dein
Pankraz.

Bemerkung des Adressaten zu diesem Briefe:

Krazi Graunzer, oder der Misogyn aus Naturwissenschaft. Auch gut! Man ist heute Alles aus Naturwissenschaft. Früher war man Alles aus Religion. Auch Misogyn. Siehe die Kirchenväter. Die Welt ist rund und dreht sich um.

K.

VII.
Ein ganz kurzer Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an dieselbe Adresse. Handelt von dem vorigen Brief.

Kiebitzhof, den 26. März.

Lieber Peter!

Unter meinem vorigen Briefe wirst Du eine radirte Stelle gesehen haben. Ich gestehe Dir, daß das wegradirte »Nachschrift« geheißen hat. Ich habe es aber vorgezogen, einen eigenen Brief statt einer Nachschrift zu schreiben, damit ich mich nicht eines spezifisch weiblichen Fehlers schuldig mache.

Was ich Dir nachschriftlich schreiben wollte, ist aber dies: Mein voriger Brief hat einen etwas grätigen und dozirenden Ton, der mir selber nicht gefällt. Um so weniger, als sich all' das, was ich darin sage, in ruhiger Entwickelung plausibler gestalten ließe. Trotzdem habe ich Dir den Brief geschickt. Erstens, weil es nöthig war, daß ich Dir für Deine üblen Witze die Leviten las, und dann, weil Du gerade auch aus dem Tone erkennen magst, in welcher seelischen Verfassung ich mich befinde.

Sobald der Gedanke an's Weib Besitz vom Gehirne eines Mannes nimmt, schlägt sich der Humor in die Büsche.

Fast hätt' ich Lust, mir die Sache doch noch 'mal zu überlegen, aber ich fürchte, es käme nur zu einem Aufschieben, und da will ich denn doch lieber gleich in den Apfel beißen, wo er am sauersten ist.

Dein
Pankraz.

Bemerkung des Adressaten:

Armer Krazi! Entschuldigt sich! Aber er thut mir leid. Mir thun immer die Leute leid, die gute Kerle sind und schimpfen müssen. Das hatte die Religion vor der Naturwissenschaft voraus, daß sie die Leute nicht brummig machte.

VIII.
Aus einem Briefe des Amtsgerichtsrathes Kropfer an seinen Corpsbruder Herrn Peter Kahle. Handelt von Herrn Pankrazius Graunzer.

Berlin, den 10. April.

… Ja, richtig, noch Eins! Gestern hab' ich Graunzern gesehen. Mir scheint, daß der Gute völlig am Ueberschnappen ist. Von Lebensart gar keine Spur mehr und ein Exterieur wie ein Hinterwäldler. Ganz der Vetter vom Lande: Inspektormütze, Joppe, knallende Rindslederstiefel.

»Was machst Du denn in Berlin!?« fragte ich ihn.

»Ich setze Heirathsannoncen in den Lokalanzeiger«, antwortete er.

Darauf ich: »Für einen Weiberfeind ist das ein grausamer Scherz«.

Und er: »Gar kein Scherz! Wer giebt Dir das Recht, mir scherzhafte Gedanken unterzuschieben?! Wie kommst Du dazu, mich wie eine komische Person zu behandeln? Nies' doch in Dein eigenes Taschentuch!«

Und eh' ich noch begütigend »na! na!« sagen konnte, war er weg, quer über die Straße, in einen Omnibus hinein.

Und ein Gesicht machte er, – ich sage Dir: ein Gesicht…! Jedes Schnurrbarthaar war gesträubt, und seine Augen funkelten dunkel. Du weißt, was das bei ihm zu bedeuten hat.

Dein
Kropfer.

IX.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle. Handelt von einer decidiv modernen Dame.

Berlin, den 19. April.

Mein guter Peter!

Nachdem ich Dir im vorigen Monat den Brief mit den Leviten und dann den Nachschriftbrief geschrieben hatte, hab' ich mich bald von Kiebitzhof aufgemacht und bin gen Berlin gefahren.

Mein Plan steht fest: ich will eine Frau suchen. Zuerst in Berlin. Zwar lieb' ich das Berliner Volk nicht, und so opponirte auch etwas in mir gegen den Plan, just am unliebenswürdigsten Orte von Deutschland zu beginnen, aber schließlich sagte ich mir, daß es sich hier nicht um eine liebenswürdige, viel weniger um eine verliebte Sache handle, und daß gerade mein Geschäft sich in Berlin vielleicht am schnellsten abwickeln könnte, wo man ohnehin zu einer geschäftsmäßigen Behandlung aller Angelegenheiten des menschlichen Lebens neigt.

Fuhr also nach Berlin.

Ich ließ Kiebitzhof ungern hinter mir. Jetzt, wo es Frühling werden will, ist es schwer, aus der Natur heraus in die Stadt zu gehen. Aber da es geschehen mußte, geschah es, und ich brummelte vor mich hin:

Ich reit' auf Abenteuer aus,
Vorwärts, Schimmel, vorwärts!
Einen Rattenschwanz, den bring' ich nach Haus,
Vorwärts, Schimmel, vorwärts!
Und wär' das Abenteuern dumm,
Treibt es mich doch in's Weite um,
Vorwärts, Schimmel, vorwärts!

Du siehst, ich schackte ganz vergnüglich los, mit so einem gewissen, durchgegerbten Humor: Nur zu, die Sache wird schon schief gehen.

Und richtig!

Aber das muß ich Dir hübsch im Schritte erzählen.

Also: ich hatte mir in den Kopf gesetzt, zuvörderst 'mal schlecht und modern zu operiren – mit einer Heirathsannonce in der Vossischen Zeitung:

Die Annonce sah so aus!

Ernsthaft.

Ein Vierziger, Dr. phil. und Gutsbesitzer, wünscht sich zu verehelichen. Damen mit gleichem Vorhaben wollen sich brieflich unter Chiffre P. G. 40 aussprechen.

Ich hatte die Annonce so farblos und ohne jede Andeutung meiner persönlichen Anforderungen gewählt, weil es mir unzweifelhaft verwehrt worden wäre, auszudrücken, daß ich mich lediglich zwecks Erzeugung von männlicher Nachkommenschaft zu verehelichen wünsche. Denn ein solcher Wunsch, ausgesprochen, erregt Aergerniß, während er, wie ich glaube, gehegt sogar von Staatsanwälten und Pastorstöchtern wird. Das ist so eine der profunden Thatsachen unseres Moralcodex, über die es gut ist zu schweigen, denn sobald man in's Reden davon käme, würde man einen Stil sprechen, der wiederum das Interesse des von Staatswegen berufenen Hüters der bestehenden Institutionen erregen würde. Das ist die bekannte Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Symbol der Ewigkeit sagt man. Symbol der Ewigkeit der Dummheit – könnte man sagen. Ich aber sage es nicht, sondern lache inwendig. (Wobei ich die Bemerkung nicht unterdrücken kann, daß augenblicklich sehr viel inwendig gelacht wird in Deutschland, und es gehören zur Sekte der inwendigen Lacher Leute, die auswendig einen geradezu penetranten Ernst zur Schau tragen, – nicht von Geschmacks-, sondern von Amtswegen.)

Aber ich will nicht davon zu Dir sprechen, denn davon sprichst Du selber wahrscheinlich manchmal zu Dir, inwendiger Lacher, der Du bist. Sondern ich will Dir erzählen, was auf meine Annonce in der Vossischen erfolgt ist.

Eine Sturmfluth von Briefen in den bekannten unangenehmen, spinnefüßigen, weiblichen Schriftzügen sturzwellten über mich her. In meiner Briefmappe, in den Schubfächern meines Schreibtisches, überall, in meinem ganzen Zimmer erhob sich ein Krieg von hunderterlei Gestänken, wie sie in der Damenwelt, die nicht einmal den Muth ihres eigenen Geruches hat, unter den Namen von Parfüms grassiren. Erst nachdem ich etwas Jodoform verstreut hatte, ward ich dieses widerlichen Mißduftes Herr.

Länger dauerte es, bis ich die fatalen Düfte aus meinem Gehirne getrieben hatte, die von dem Inhalte jener Briefe in mir erzeugt worden waren. Ich hatte ein Gefühl von Verbreiung meines Cerebralsystems, als ich diese unglaublichen Briefe gelesen hatte, und ich bekam einen Begriff, wie es im Gehirne eines unserer weibseligen Lyriker aussehen mag, die noch immer nicht aufhören, zu behaupten, daß die Liebe der schönste alles Triebe sei. Ein paar Kapitel Schopenhauer thaten gute Dienste gegen diese zeitweilige Verseuchung, aber im Grunde danke ich es doch wohl hauptsächlich meiner guten Mannesgehirnskonstitution, daß ich dieses Gefühl höchster Elendigkeit und Kraftlosigkeit verhältnismäßig schnell überwunden habe.

Ich würde als ein schlechter Freund und auch gegen mich wie ein Flagellant handeln, würde ich Dir hier aus diesen Briefen einen Gefühlsextrakt geben. Ich habe sie verbrannt und ich will sie zu vergessen suchen.

Unter der ganzen gräßlichen Menge war ein einziger, der mir ein gewisses nicht mit direktem Unwohlsein verbundenes Interesse abgewann. Es war in derben, steifen Schriftzügen geschrieben, nicht parfümirt und lautete wie folgt:

Herrn P. G. 40!

Das trifft sich gut! Sie sind vierzig, ich fünfunddreißig.

Sie sind Gutsbesitzer (den Doktor schenk' ich Ihnen), und ich habe das Stadtleben satt.

Sie wollen heirathen, ich auch.

Ich zweifle demnach nicht, daß wir harmoniren werden.

Wenn es Ihnen recht ist, sprechen wir uns einmal persönlich aus.

Ich werde morgen abend um 7 Uhr im Restaurant Pschorr, Ecke Friedrich- und Behrenstraße, an dem Tisch in der Ecke, gerade gegenüber der Eingangsthür von der Friedrichstraße her sitzen.

Sollte der Tisch besetzt sein, was aber um diese Zeit nicht anzunehmen ist, so werd' ich mich dem Speisebüffet gegenüber setzen und die Kreuzzeitung lesen.

Ich warte bis 8 Uhr.

K. K.

Dieser Brief gewann nicht allein dadurch, daß er sich von der allgemeinen Limonade der übrigen scharf abhob, er hatte auch für sich allein genommen etwas, das mir, ich will nicht sagen imponirte, aber doch einen gewissen vertrauenerweckenden Eindruck machte.

Da er von einer Person jenes Geschlechtes kam, deren Aeußerungen man gut thut, stets auf Bakterien zu untersuchen, sah ich ihn mir sehr genau an. Ich kam dabei zu folgendem Resultate.

Keine Anrede.

Das läßt sich gut und übel auslegen, denn man kann daraus vielleicht auf eine gewisse gerade Wesensart schließen, die an einen Unbekannten auch nicht die üblichen Höflichkeitsfloskeln verschwenden will, vielleicht aber läßt es auch einfach den Schluß auf eine salva venia Rauhbeinigkeit zu, die für mich beim weiblichen Geschlechte nicht eben dekorativ wirkt.

Die Antithesen des Einganges.

Nicht ohne eine gewisse kurzbündige Kraft. Die Frau, dacht' ich mir, häkelt ihre Reden nicht, wie es Weiberart, noch strickt sie gar jene langen Redestrümpfe, in denen der gesunde Verstand erstickt. Sie wird vielleicht eher ein Bischen zu wenig sagen. Aber das ist weitaus das geringere Uebel.

»Ich zweifle demnach nicht.«

Ecce mulier! Da haben wir auch bei der kurzredigen die Schnatterlogik. »Demnach!« Es ist unerhört! Indessen: auf logische Gebrechen war ich ja für alle Fälle vorbereitet.

»Im Restaurant Pschorr.«

Sie also giebt mir ein Rendezvous, und zwar ohne Weiteres, ohne jeden Vorschlag irgend welcher weiteren brieflichen Präliminarien.

Und dann: nicht Josty, nicht Kranzler, sondern Pschorr; kein Zuckerbäcker, kein Kaffee, sondern Bier, und zwar ächtes. Das läßt auf eine gewisse sichere und kräftige Art des Entschließens und des Geschmackes schließen.

Gefällt mir.

Genaue Kenntniß der Oertlichkeit und der Besuchsfrequenz im Pschorr.

Sollte sie Stammgast sein?

Die Kreuzzeitung.

Die Dame ist schlau, man wird sich also vorsehen müssen. Sie kalkulirt so: der Mann ist Gutsbesitzer, folglich wird er Agrarier sein, folglich wird er es gerne hören, daß ich die Kreuzzeitung lese.

Madame, Respekt! Aber Sie werden sich daran gewöhnen müssen, daß ich Sie durchschaue.

»Ich warte bis 8 Uhr.«

Das weist wieder auf Entschiedenheit hin und auf einen gewissen Stolz.

Nicht übel.

»Den Doktor schenk' ich Ihnen.«

Eine merkwürdig kühne Parenthese. So viel psychologischen Spürsinn kann ich der Dame nicht zutrauen, daß sie aus meiner Annonce die geringe Schätzung hätte erkennen sollen, mit der ich meinen akademischen Grad ansehe. Sie muß also wirklich die Doktorei persönlich gering achten.

A la bonne heure! Das gefällt mir sehr gut! Freilich müßte man den Grund dieser Geringachtung wissen.

Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen mit Doktoren gemacht?

Vielleicht auch, daß sie mit diesem Ausnahmsstandpunkt bloß kokettirt.

Denn womit kokettirten Weiber nicht?

Ich denke, Du siehst, daß ich gründlich und ganz gewiß objektiv zu Werke ging. Das schließliche Ergebnis meiner Spezialuntersuchung war, daß ich beschloß, mir das Doppel-K in Person anzusehen.

Mir war nicht ganz wohl zu Muthe, als ich mich auf den Weg machte.

Du weißt, wie schwer es mir fällt, mit Weibern zu reden. Dieses fremde Volk spricht eine Sprache, die nur scheinbar dieselbe ist, die ich beherrsche. Und dann haben sie alle so was verwirrend Mimisches an sich, eine so vertrakte Art, die Worte mit Blicken, Gesten, Bewegungen zu begleiten, die ganz willkürlich und zusammenhangslos sind. Ich möchte ihnen immer in den Arm fallen und fragen: Bitte, warum jetzt der kleine Finger so in die Höhe? Oder: Um Gotteswillen, warum nun die Blicke auf meine Stiefeln? Oder: Gerechter Himmel, was ist Ihnen, daß Sie so madonnenschmerzlich den Kopf nach rechts neigen?

Es ist aber nicht Furcht, was mich so bange macht, denn schüchtern bin ich nicht. Es ist nur Widerwille. Und diesen mußt' ich natürlich diesmal unterdrücken.

Ich ging also in den Pschorr. An dem Tisch gegenüber der Thür saß sie nicht. Der war besetzt von Studenten.

Also nicht Stammgast! dacht' ich mir.

Und nun der Blick das Lokal hinab zum Speisenbüffet.

Richtig! Mitten gegenüber eine Dame hinter einem großen Zeitungsblatt. Ich erkannte deutlich das Kreuz und, hol' mich der Kuckuck, mein Herz klopfte, daß ich mich coram publico hätte bemaulschellen mögen.

Von ihr sah ich nur ein Toupée schwarzer Haare. Gut! dacht' ich mir, sie hat den Hut abgenommen! Das ist kein schlechtes Zeichen!

Und nun los auf den Tisch und eine Verbeugung gemacht und »P. G. 40.«

Als Antwort eine sonore Stimme: K.! K.! (wirklich: hinter jedem K ein akustisch deutliches Ausrufezeichen).

Ich: Mein Name ist Pankratius Graunzer. Sie gestatten?

K. K.: Katharina Kolbe. Bitte!

Dabei sahen mich zwei schwarze Augen groß und inquisitorisch an. Nur als Soldat, wenn unser Feldwebel den Anzug prüfte, hab' ich solche Augen an mir auf- und abwandern sehen.

Ich fand kaum die nöthige Unbefangenheit, gleichfalls zu mustern; als ich mir aber den nöthigen Ruck gegeben hatte, sah ich Folgendes: untersetzte Figur, ein Bischen zur, sagen wir Breite, neigend, mit starker Brustausladung; das Gesicht scharfzügig, im Profil an gewisse Bourbonengesichter erinnernd; die Haare kein Toupée, wie es von Weitem erschienen, sondern in natürlicher, üppiger Kräuselung a la Titus gehalten – entschieden zu viel Haarwerk; die Hände von gesunder Farbe, sehr fleischig; das Kleid knapp anliegend, schwarz, einfach, ziemlich viel vom speckigen Nacken freilassend, um den eine goldene Kette hing. Gesammteindruck: nicht sehr liebenswürdig aber auch nicht abstoßend; wenn man sich dran gewöhnt haben wird, wird man das Ensemble ganz anständig finden.

Sie begann das Gespräch sofort, nachdem ich abgelegt und Bier bekommen hatte.

K. K.: Nun also, Herr Graunzer, Sie wollen heirathen! Darf ich da erst mal ein paar Fragen an Sie richten? (Ein Blick, der mir wie nichts Gutes in die Seele fuhr. Es war Examinatorenstrenge darin. Ich fühlte mich beengt, wie wenn ich im Kandidatenfrack säße, und unwillkürlich fuhr ich mit dem Finger am innern Rande meines Hemdkragens entlang.)

Ich: Bitte, Fräulein… oder Frau.

K. K. (gebieterisch): Fräulein!

Ich: Hm!

K. K.: Nun also, erstlich, Herr Graunzer, – ja, a propos: Sie legen doch keinen Wert auf den Doktor?

Ich: Gewiß nicht.

K. K.: Das ist gut. Ich hätte es für Schwäche gehalten, wenn Sie's thäten. Also: weshalb wollen Sie heirathen?

Ich: Gut, daß Sie fragen! Ich will heirathen, um einen Sohn zu bekommen.

K. K. (mit zurückgeworfenem Kopfe): Ah!

Ich: (in einer Art Erbitterung, denn ich fing an, mich über dieses weibliche Wesen zu ärgern, das mich hier am Wirthshaustische ausfragte und musterte wie einen Kutscher, den sie miethen wollte): Jawohl! Um einen Sohn zu bekommen oder auch mehrere Söhne, aber keine Töchter. Aus diesem Grunde!

K. K.: Vortrefflich, ganz vortrefflich! Ah!

Ich: Es freut mich, daß Sie meinen Grund, der der einzige ist, gut heißen. Ich hätte kaum gehofft, daß sich dieser Kardinalpunkt so überaus schnell erledigen würde.

K. K.: Wofür halten Sie mich?

Pause.

Ich (der ich das Anfangs für eine rhetorische Frage gehalten hatte): Für eine Dame, also…

K. K.: Also?

Ich: Verzeihen Sie, aber es wird mir etwas schwer, Ihnen jetzt, nachdem ich Sie erst seit fünf Minuten etwa kenne, bereits meine Meinungen über die unter dem Namen Dame begriffene Gattung Mensch vorzutragen. (Ich sprach wirklich in diesem Dozentenstile. Es ging von K. K. etwas so Ungewöhnliches aus, daß ich auf Zeiten wirklich das Gefühl hatte, ich befände mich einem Demonstrationsobjekte und nicht einem lebendigen Menschen gegenüber. Der Gedanke, daß ich eines jener nach unseren Gesellschaftssatzungen mit ganz besonderen Finessen und Rücksichten zu behandelnden Wesen vor mir hätte, die wir eben »Dame« nennen, kam mir gar nicht).

K. K.: Warum?! Warum?! Bitte, keine Gêne! Nur das nicht! Ich vertrage Alles! Ich bin auch auf Alles gefaßt! Ich bin kein Backfisch mehr! Ich sehe klar!

Ich: Klar? Sie irren sich vermuthlich. Keine Dame sieht klar. Nicht einmal ein Weib, das keine Dame ist, sieht klar.

K. K.: Hm! Sie denken also gering von uns? Wie?

Ich: So ist es. Ja. Im Allgemeinen und bis jetzt auch im Besonderen.

K. K.: Vortrefflich! Ganz vortrefflich! Sie sind mein Mann!

Ich: Noch nicht! Aber ich muß gestehen, daß ich schon wieder erstaunt bin, Sie so schnell auf meine Intentionen eingehen zu sehen.

K. K.: Inwiefern ist das erstaunlich? Warum sollte sich eine Frau nicht zu derselben Seelen- und Geistesstärke aufschwingen wie ein Mann? Warum sollte ich nicht begreifen, daß ein Mann niedrig vom Weibe denkt? Nichts ist erklärlicher.

Ich: Gewiß! Aber wie stellen Sie sich die Stellung der Frau eines solchen Mannes in der Ehe vor? Würden Sie sich getrauen, eine solche Stellung einzunehmen? Das ist doch nicht so einfach!? Da gilt es doch, auf alles Mögliche zu verzichten!? Die Liebe z. B.!?

K. K.: Das findet sich!

Ich: Bitte recht sehr, das findet sich nicht! Ganz und gar nicht! Darauf laß ich mich nicht ein! Das eben will ich vermeiden!

K. K.: Gut! Dann vermeidet man's! Man muß sich nur verstehen!

Ich: Bitte recht sehr! Das beanspruche und erwarte ich nicht! Wozu auch?! Die Ehe ist doch keine intellektuelle Angelegenheit, ebensowenig wie sie eine sentimentale Angelegenheit ist. Ich betrachte sie lediglich als eine Art physiologischen Kontakt, eingegangen zur Erzielung einer Nachkommenschaft.

K. K.: Aber das ist ja ausgezeichnet! Das ist ja wundervoll! Das ist ja das, was ich mir immer vorstelle! Das ist 'mal wirklich ein moderner Begriff von Ehe!

Ich: Modern oder nicht: Es ist mein Begriff!

K. K.: Und meiner auch! (Flammend): Ja, ganz gewiß! Meiner auch!

Ich: Schön, also darin sind wir einig. Es gälte nur noch, die einzelnen Punkte des Kontraktes zu formulieren.

K. K. (ein Notizbuch herausziehend, mit hochgezogenen Augenbrauen, höchst gespannt und mit einer gewissen Buchhaltermiene): Also § 1!

Ich: Nicht so gerade! Es gilt ja eigentlich nur einen Punkt.

K. K. (einfallend): Das mit dem Sohne!

Ich: Jawohl, das mit dem Sohne.

K. K.: Hm! Wenn nun aber zuerst ein Mädchen…

Ich: Zuerst oder zuzweit oder zuletzt: Das giebt's nicht! Das wäre Scheidungsgrund!

K. K. (einen Augenblick perplex): Sapperlot! Das ist schwierig.

Ich: Ja, das ist schwierig.

K. K.: Sagen Sie mal… aber nein! Ich habe ja s darüber gelesen! Gewiß! Man kann es ja so einrichten, daß es ein Knabe…

Ich: Wie beliebt?

K. K.: Aber Sie wissen das ja besser, als ich! Die Wissenschaft der Physiologie (Ich, für mich: ecce Mantegazza!) giebt uns ja die Verhaltungsmaßregeln zur vorherigen Bestimmung in dem von Ihnen berührten Punkte an die Hand.

Ich: Ich weiß das nicht, Fräulein Kolbe!

K. K.: Gewiß! Gewiß! Ich brauche nur nachzuschlagen zu Hause. Es giebt da was.

Ich (nun schon fest im Sattel und beide Schenkel dicht am Gaul): Wenn dem so ist: Famos! Dann wären wir ja im Klaren, vorausgesetzt, daß nicht etwa überhaupt die Konstellation Kolbe-Graunzer, wenn Sie mir gestatten, eine solche anzunehmen, die Aussicht auf Nachkommenschaft vereitelt.

K. K.: Wie meinen Sie das?

Ich: Sie wissen, es gehört eine gewisse Kongruenz der physiologischen Bedingungen dazu, um in einer Ehe jenen gewünschten Effekt (ganz abgesehen von unserm noch speziell komplizirten Fall) zu erzeugen.

K. K.: Ach so! Ja, das muß ausprobirt werden. Ich für mein Theil bin unbesorgt. Nur ist nicht viel Zeit zu verlieren.

Ich: Wie das?

K. K.: Ich meine: Sie sind vierzig, Herr Graunzer…

Ich: Gewiß, gewiß. Wenn Alles klappt, können wir gleich abschließen. Eile thut noth. Die Physiologie läßt nicht mit sich spaßen. Schlimmsten Falles können Sie mal nachschlagen.

***

Peter! Peter!! Peter!!! Was war das für ein Frauenzimmer! Die hätt' ich Tante Ulriken gewünscht, wenn sie über die heutige Zeit loszog. Herrgott, Himmel und Paradeis: diese Spezies hätte nicht 'mal ich für möglich gehalten. Ein Rattenkönig von Hundsnasigkeit, Berechnung, Oberflächlichkeit, Eingebildetheit und – gelinde gesagt – Dummheit und Roheit, und so 'was renommirt mit dem Worte, das Leben und Aufwärtsentwickelung bedeutet: modern!

Du wirst mir in Deiner unheilbaren Güte sagen, daß ich nur das Pech gehabt habe, einer jener Karrikaturen in die Hände zu fallen, wie sie von Uebergangszeiten gerne geboren werden, – meinetwegen magst Du Recht haben. Ich für meine Person werde mich hüten, auch noch den weiblichen Problemen nachzulaufen; ich hab' an den weiblichen Thatsachen genug.

Der Thatsache K. K. habe ich meine Meinung schließlich nicht verhohlen, und ich wundere mich augenblicklich, daß ich heiler Haut davon gekommen bin. Zum Ende unserer Disputation klirrten die Armbänder der physiologischen Experimentirdame bedenklich nahe vor meinem Gesicht in und her, dann ward es plötzlich stille. K. K. war davon gerauscht, und ich hatte noch vier Glas Bier für sie zu zahlen. Als Lehrgeld immerhin billig.

Dein
Pankraz.

X.
Herr Pankrazius Graunzer faßt Reisepläne und berichtet darüber seinem Freunde Peter Kahle.

Berlin, den 15. April.

Mein lieber Peter!

Es ist nichts mit dem öffentlichen Verfahren in Freiersangelegenheiten. Ich sehe von dem Gedanken ab, auf dem Wege des mit Druckerschwärze verunreinigten Papieres zu einer Frau zu kommen. Ich werde persönlich suchen.

Aber nicht in Berlin. Ich habe an einer K. K. genug.

Ich werde die Orte aufsuchen, wo ich irgendwelche Beziehungen habe, die mir Gelegenheit geben könnten, das zu finden, was ich suche. Gott verläßt bekanntlich keinen Deutschen, ich werde mich also auf ihn verlassen. Hilft er mir nicht, so ist vielleicht auch das Gnade, und ich danke ihm eines Tages auf den Knieen. Ich bin etwas resignirt, wie Du siehst. Hättest Du K. K. gesehen, so würdest Du Dich wundern, daß ich noch den Federhalter halten kann. Ich muß doch eine gute Konstitution haben.

Zuerst fahre ich nach Dresden.

Dein
Krazi.

XI.
Einiges aus Herrn Pankrazius Graunzers Reisetagebuche. Handelt von einer Karoline, von einem Schwimmmädchen und von Dresden.

Im Eisenbahnwagen von Berlin nach Dresden.
16. April.

Ich habe Pech: die Lokomotive meines Zuges heißt Karoline.

Aber: Ich bin allein im Coupée.

Zuerst will ich eine halbe Stunde die Augen zuthun; sind wir außerhalb Berlins, so sollen sie wieder aufgemacht werden.

— — —

Ah! Ah! Felder rechts und links! Felder! Wie schön das ist! Und das junge Grün darauf! Und der unverqualmte blaue Himmel darüber! Und Alles, wenn's auch nicht gerade beunruhigend malerisch ist, doch so anheimelnd naturartig; – jedenfalls nicht mehr Berlin!…

Gott sei getrommelt und gepfiffen!

Mütze hoch, Graunzer, und nu jodel 'mal!

Ju-hu-hu-hu-huuu! Tria-duliöh-haha!

***

Schönchen, schönchen, schönchen! Ich lese an den Stationen die Kilometer ab, die wir uns von Berlin entfernen, und entzücke mich daran, wie hurtig mich die wackere Karoline von Berlin wegträgt.

Ein gutes Mädchen, ein liebes, ein dickes, ein charmantes Mädchen!

Hochverehrte Karoline!
Ratta-huschta! Ratta-huschta!
Schienenklirrende Maschine!
Ratta-huschta! Ratta-huschta!
Raßle, rase
Deine Straße,
Schnaube Dampf aus Deiner Nase,
Friß Dir Feuer in den Wanst,
Renne, renne, was Du kannst.
Sieh, wie schön zu beiden Seiten
Feld und Wald sich drehn und gleiten,
Und die stille Heide tanzt.
Ratta-huschta! Ratta-huschta!
Den Galopp, den mag ich leiden!
Ah! wie Deines Dampfes graue
Fahne, allerliebste Fraue,
Ueber unserm Sause weht!
Schön! Schön! Schön! Und schneller immer!
Oh, Du gutes Frauenzimmer!
Vorwärts! Vorwärts! Fortgedreht!
Ratta-huschta! Ratta-huschta!

***

Dresden, den 17. April früh.

Ach, was ich wundervoll geträumt habe diese Nacht.

Ich träumte, ich wäre wie vor 30 Jahren hier in Dresden im Freimaurerinstitute. Und ich hatte Sonntags meinen Urlaubszettel und ging in aller Frühe hinaus aus dem Kasten, bummelte die Weißeritz hinunter, dann über die Brücke und in die Stadt hinein. Ueberall, wo es Pfannkuchen gab, kauft' ich mir einen, mit Pflaumenmus gefüllt, und mit Aprikosen, und einen sogar mit Apfelsinenmarmelade.

Und ich ging, wie ich immer zu gehen pflegte, in den Zwinger.

Erst die schöne Mittelallee hinauf, dann wieder bis zur Mitte zurück und dann links quer durch und die Stufen hinan, da hinauf, wo die Bassins sind.

Kein Wasser darin. Niemand in der Nähe. Ich in das Bassin hinein.

Da, wie ich drin bin, auf einmal, schließt sich über mir das Bassin, und es ist eine grüne Kuppel ausgespannt, dunkelgrün, und in diesem Grün schwimmen goldene Fische, – aber bei Leibe keine von den gewöhnlichen Goldfischen, wie sie in Mutter Schützens Fischglas sind. Nein, ganz merkwürdige goldene Fische, mit langen blauglänzenden Flossen, die gebogen waren wie die Federn des Paradiesvogels. Aber Augen hatten sie ganz, ganz gelbe, richtige Telleraugen, wie große Schilde rechts und links.

Die also schwammen über mir.

Aber es mußte wohl nicht Wasser sein, worin sie schwammen, denn ich selber stand ja in dem grünen Weben, in dem sie waren, und was um mich war, das war eine liebe, warme, duftende Luft, die freilich sichtbarlich in Wellen ging und die mich auch benetzte, wie wenn sie etwas wäre, das zwischen Luft und Wasser ist.

Es war unbeschreiblich angenehm, und mich genirte es nur, daß ich meinen gräßlichen Freimaurerinstitutsmantel anhatte, mit den goldenen Knöpfen.

Aber guck mal nur, da kam ein kleines Mädchen auf mich zugeschwommen, das griff an mir herunter, und mit einem Male war der entsetzliche Mantel weg und ich stand in einer allerliebsten rosigen Nacktheit da, ein Bübchen von den angenehmsten Konturen, nicht zu mager und nicht zu dick, gerade recht.

Was denn aber nun? dacht' ich mir.

Da sagte das kleine Schwimmmädchen, das ganz in meinem Alter zu sein schien und eben so hübsch und nackt war wie ich (was mir unendlich wohlgefiel): Du, kleiner Graunzer, das ist aber nett, daß Du endlich gekommen bist! Nun wollen wir aber geh'n und Chokolade trinken! Hast Du auch Pfannkuchen mitgebracht?

Pfannkuchen? Oh! Mit Apfelsinenmarmelade sogar! In meinem Mantel stecken sie!

Mantel? Was ist denn das für ein Ding?

Da überfiel mich ein gräßlicher Schreck! Herrgott, der Mantel! Der Mantel! Mit dem Urlaubszettel! Herrgott, wenn ich den Urlaubszettel heute Abend nicht habe!

Und ich fuhr im Bassin herum und suchte und suchte, und die grüne Luft fing an zu wirbeln, und Blasen stiegen in ihr auf, und die goldenen Fische erschraken und rannten an mich an mit ihren dicken Köpfen, und ihre gelben Telleraugen wurden schwarz vor Schreck. Und auch die Kleine fing an zu zittern und zu zappeln, und schließlich, ach Gott, schließlich war sie auch verschwunden.

Die grüne Kuppel über mir zerging, der blaue Himmel war wieder da, und ich stand, um Gotteswillen, ich stand ganz nackt in dem Bassin, und rundherum alle meine Lehrer, alle meine Lehrer mit gelben Rohrstöcken.

»Na wart'! Na wart'! Komm' Du nur heut' Abend in's Institut! Das sind schöne Geschichten! Schöne Geschichten!«

Vor Schreck wachte ich auf.

Da schien die helle Sonne in's Zimmer, und wie ich mich aufrichtete, sah ich die alte, gute, gelbe Elbe unten ihre Wellen wälzen, nach deren Farbe die Dresdener so farbensicher ihren Milchkaffee zu mischen wissen, und ich mußte laut lachen.

Also vierzig Jahre alt und träumen wie ein Bübchen mit zehn!

Gott sei Dank! Das ist herrlich! Das freut mich! Also ist meine Seele noch nicht ledern geworden!

Und ich stand mit Pfeifen und Singen auf und beschaute mich lange im Spiegel.

Ganz so schön bin ich nicht, wie das Bübchen im Bassin. Nein, wirklich, und wenn ich es mir anthun und mich jetzt nudifiziren wollte (ein schamhaftes Wort), – ich glaube, ich fiele rücklings um und lallte: Schöne Geschichten! Schöne Geschichten!

Aber gleichviel: Wenn man nur noch so nackt träumen kann! Das ist die Hauptsache! Die Waden sind Nebenwerk.

Köstlich, wie aufgeregt ich war.

Ich wußte, wenn ich da auf den Knopf an der Thür drücke, wird ein sächsischer Kellner kommen und mich fragen, ob ich Gaffeh oder Deeh oder Gaggao will, aber trotz dieser Wissenschaft meinte ich, es könnte vielleicht doch 'mal anders geschehen und es käme nicht der Schwarzgeschößte, sondern die kleine Prinzessin Fisch, die so reizende rothe Haare hatte.

Wunderlich! Wunderlich! Mein Herz pumperte, und mir war jungenhaft feig, ach, so angenehm feig zu Muthe, daß ich mich in die Sonne stellte, um in ihr Muth zu fassen, wenn sie hereinschwömme und ich…

Graunzer… genug! Nachts mögen sie hingehen, die Allotria, aber bei tagshellen Zeiten bitt' ich mir etwas Vierzigjährigkeit aus.

Und der Kellner kam, und seine wehenden Schöße trieben den Rest des nächtlich angenehmen Spuks hinaus, und ich gab mich nach langer Zeit wieder einmal dem Genusse eines Dresdener Dreierbrödchens hin.

Zieh ich den Schluß aus dem Traum und seiner Nachstimmung, so werd' ich sagen müssen: es werden irgendwo Schlingen im Gemüthe gelegt. Auf der Hut sein und in keine Netze tappen! Am wenigsten, wenn sie aus rothen Haaren geflochten sind. Denn ich weiß wohl, von welchem Bilde aus süßer Dummenjungenzeit Prinzessin Paradiesfisch der Reflex war.

Apage diabolina! Adelheid hat sie geheißen.

***

Dresden, 18. April.

Das liebe grün-weiße Nest ist zu schön, als daß man Lust und Zeit für Geschäfte fände, wie ich sie vorhabe.

Gestern und heute bin ich den ganzen Tag herumgebummelt. Zu Fuße, in einer der ehrwürdigen ortsüblichen Droschken und schließlich zu Schiffe.

Anfangs störte mich die übermelodische Ausdrucksweise der Eingeborenen etwas, aber schließlich schwang ich mich zu objektiver Auffassung auf mit dem Spruche des Dichters: Singe, wem Gesang gegeben, und ich fand es zuweilen sogar ganz hübsch, beharrlich angesungen zu werden.

Dieses Singen gehört hier wirklich zum Lokalkolorit, und ein Dresden, in dem die viel schönere Mundart der Münchener etwa gesprochen würde, wäre für mich etwas ungeheuerlich Stylwidriges. Nein, nochmals: Singe, wem Gesang gegeben! Die langen Vokale und der dünne Kaffee: möge sich die Hauptstadt des Königreichs Sachsen niemals diese unveräußerlichen Reservatrechte rauben lassen!

Schade, daß sich Dresden so modernisirt. Die Art der ihm innewohnenden, der spezifisch dresdnerischen Schönheit, erfordert eigentlich ein gewisses Altmodisches. Chaisenträger z. B. würden sich hier gut ausnehmen, aber es müßten Rokokkochaisen sein.

***

Von jetzt ab will ich aber doch planmäßig vorgehen und im Auge behalten, wozu ich hier bin. Ich bin doch kein Vergnügungsreisender! Ach Du liebes Gottchen, – nee, nee!

Also: morgen zur alten, guten Mutter Schützen! Wird die Augen machen!

XII.
Bei Mutter Schützen. Von Pankrazius Graunzer selber aufgezeichnet.

Wunderlich, wunderlich, wunderlich!

Ich gehe hier fortwährend wie in einer Wolke spazieren. Und diese Wolke hat goldene Ränder. Morgenrothsränder. Und ein leiser Wind, ein lieber Wind, ein lustiger Wind weht mich an, streichelt mich, liebkost mich. Und aus meinem Herzen antwortet ein Gefühl von Zutraulichkeit und reiner, dankender Freude, wie ich es ach wie lange nicht mehr gehabt habe.

Da steh' ich z. B. auf der Brühlschen Terrasse oben, stütze meine Hände auf's Geländer, lege mich ein wenig vor und sehe hinab auf die Elbe.

Wie das Alles köstlich ist, so mir wohlvertraut, ein Stück von mir. Ich habe es lange mit mir herumgetragen und nicht gewußt; jetzt seh' ich's außer mir, und in mir auch wird nun dasselbe Bild lebendig, nur, daß ich selber mit in dem Bilde bin, und zwar als Mittelpunkt.

Ich sehe mich. Den kleinen Jungen seh' ich mit der schottischen Mütze und der Gürteljoppe, wie er neben dem alten Mann im grauen Schusterkrausenbart hergeht und den braunen Kober trägt.

Wohin gehen die Beiden? Ei! Zum königlichen Küchenschiff, das dem König Johann Fourage nach Pillnitz bringt.

Und der alte Mann, der alte Schütze, erzählt mit einem merkwürdigen Stolze, daß des Königs Lieblingsgericht Kartoffelstückchen mit Schöpsenfleisch sei. Und der kleine Junge denkt sich: Wenn ich König wäre, äß' ich was Anderes am liebsten.

Was denn z. B.? Na, doch gewiß Mohrenköpfe mit Schlagsahne! Oder, ja, vielleicht auch Rindfleisch mit Rosinensauce. Aber viel Mandeln müssen drin sein. Oder…

Aber da ist schon wieder ein anderes Bild.

Da ist das Schloß Pillnitz selber und der erste Schritt auf glattem Parkett, und der Junge fällt hin, und eine schöne, junge Dame in einem rosaseidenen Kleide lacht, und der Junge, erst beschämt, wird jetzt wüthend und ballt der Prinzeß die Fäuste. Gräßlich: der alte Schütze kriegt ihn an den Ohren. Jammer! Jammer! Und das Prinzeßchen lacht…

Wohin ich nur komme, überall regnet's wie in goldenen Fäden auf mich ein: Erinnerungen… Erinnerungen.

Es ist sonderbar, wie sie wach werden.

Da gehe ich an einem Hause vorbei. Ein kleiner Garten davor, grün, buschig, wie ist mir nur? Ein Name will mir auf die Zunge, ein Name… Auf einmal ist er da: Nieritz?! Warum gerade hier Nieritz? Habe ich vor diesem Hause vielleicht als Knabe einmal in einem Nieritzschen Buche gelesen? Was ist's? Gleichviel: plötzlich tauchen mir all' diese fromm-spannenden Geschichten auf, mit deren Jugendhelden ich mich identifizirte, ohne doch stets mit der Art zufrieden zu sein, wie immer Alles in Milchreis mit Zuckerbutter verlief.

Zuweilen ist es, wie wenn Blasen in meiner Seele aufstiegen. Räthselhafte Namen, längst vergessene. Und ich muß mitten auf der Straße stehen bleiben und nachdenken. Da, plötzlich, an der katholischen Kirche, stößt mir das Wort Rammer in's Gehirn.

Rammer! Ja, um Gottes willen, was ist das?

Ich suche und suche und suche. Keine Spur.

Ich taste meine ganzen Kinderjahre ab, horche in mich hinein, konzentrire mich mit Gewalt auf dies eine Wort… Es will sich nicht klären.

Ich laufe um die Kirche herum. Will mich ablenken. Hilft nichts: es rammert weiter.

Und immer um die Kirche herum; ich muß, und muß. Der Rammer jagt mich. Ja, wer denn, wer denn!

Himmeldonnerwetter, wer ist dieser Kerl!?

Da, pardautz, sehe ich ihn vor mir: ein kleiner, dünner, sommersprossiger, gelbhaariger Bursch, den ich hier vor dem Gruftfenster der Wettiner kennen gelernt habe.

Es war ein Sommersonntag, und er beredete mich zu einem Spaziergang in die Ostraallee.

Jetzt habe ich Alles deutlich vor mir: Grüne Augen hatte er und ganz merkwürdig feine, durchsichtige Hände. Und es ging etwas Eigenthümliches von ihm aus, das mich ganz befangen machte…

In einem Gebüsch, weitab vom Wege, brachte der liebenswürdige grünäugige Bursch mir eine Kunst bei, der ich den Verlust meines halben Gedächtnisses verdanke… Im Institut hab' ich mich dann weiter darin ausgebildet… Das ganze Institut war eine hohe Schule dieser Kunst…

Beim Himmel, ich schwör' es: wenn mir ein Sohn wird, ich werde ihn niemals in ein Institut geben. Nein, er soll seine Kämpfe mit der Natur wenigstens selber auskämpfen.

Aber bei dem Namen Rammer – was fällt mir da nun nicht Alles ein! Vor mir taucht auf jenes Ungethüm mit rothen, wie von Blutdünsten verschleierten Augen, das Ungethüm jener Zeit, in der der Mensch über die fatale Schwelle muß, die zwischen Kindheit und dem Wachsen und Werden des Geschlechtes liegt. Ich weiß mich noch der Träume zu erinnern, die mich damals quälten. Ein schwammiges, lauliches Wesen mit hunderttausend Brüsten, die wie Arme nach mir griffen, war nächtlich bei mir. Es kam und wich und wartete und kam wieder, watend wie in Blutbrei; es hob sich über mir und floß über mich aus in einen klebrigen warmen Regen; es breitete sich vor mir am Boden aus und rollte sich zu mir wie eine breite Welle und umschloß mich und stieg an mir empor; und es wurde eine heiße Luft voll dumpfer, schwüler Stimmen, und aus dieser Luft spieen mich grüne Zungen an, und das heiße Gebrodel fuhr in mich… Furchtbares Monstrum, furchtbare Zeit, Pubertät.

Die Natur, ja, ja, – eine grausame Dame. Singt nur das Lied: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte«, meine guten Freunde, die Ihr lutherchristlich seid, aber am schönsten werdet Ihr es erst singen, wenn Ihr den Muth habt, das Geschlecht von Euch zu nehmen. Nur Muth, das Messer ist gelinder, als die Sucht! Die Päpste, o, diese klugen Gottesknechte mit der dreifachen Krone, haben ganz recht: die Kastraten sind die einzig wahren Kirchensänger. Denn siehe, auch die himmlischen Chöre sind ohne Geschlecht.

Im Himmel, im Himmel die Engelein
Nicht Männer und nicht Weiber seyn,
Von Leib und Seele sind gantz rein.
Gloria in excelsis!

***

Am höchsten stieg die Fluth der Erinnerungen in mir, als ich mich auf den Weg zu Mutter Schützen machte. Da ward es direkt halluzinatorisch.

Es ist kein Wunder, denn Alles, was mir hier begegnet, weckt in meinen Sinnen ein Stück der Jugend auf, die in mir begraben liegt und sehnsüchtig darauf wartet, bis ihr ein guter Zufall das angenehme Posaunenlied bläst:

Steh' auf, o Seel', und schreite,
Auf steht sperrangelweite
Der Sarg; der Tag ist da,
Da du auch sollst mit Beten
Vor deinen Herren treten
Und singen laut Hallelujah!

Sonderbar! Sind wir nicht wandernde Särge? Nein! Ambulante Sargmagazine mit dem best assortirten Lager von der Welt? In unserm Gehirn (oder sonstwo, meinetwegen in der Zirbeldrüse) liegt eingebettet Alles, Alles, Alles, was wir je selber gethan oder was uns geschah; Alles, Alles, Alles, das auch nur an uns vorüberging, jeder Käfer, der uns einmal umflog, jeder Floh, der uns einmal biß, jede Dummheit, die wir einmal sprachen, jede Gemeinheit, die wir einmal dachten, Gutes und Böses und Gleichgültiges, ob es in uns war und hinausging aus uns, oder ob es außen uns gegenüberstand und in uns einging – Alles liegt in uns, begraben wohl aber auferstehlich, und zuweilen giebt es ein Gewimmel in den Zellen und einen Auferstehungsrumor, ein Josaphatgedröhne – puh:

Rechts die Schafe, links die Böcke,
Güt'ger Himmel, sende Pflöcke,
Daß ich das Gesindel binde,
Ueberblick und Ruhe finde!

Es ist unerhört, was für ein Ameisenhaufen heute mein Busen war (um das gebenedeite Wort der deutschen Lyra zu brauchen). Ich hätte schreien mögen, so kribbelte es. Sogar meine zwei ersten Lieben tauchten auf.

Die Allererste in Begleitung einer Maulschelle, die ich erhielt, weil ich mich zu aktiv geberdete, und die Zweite in Begleitung einer Maulschelle, die ich austheilte, weil ein Rival unbequem werden wollte.

Dort war es, dort; in dieser Hausthür, auf den ausgescheuerten Sandsteinstufen des Flurs.

Ich muß hineingehen. Richtig: da hinten die Glasthür mit dem Blick in den schwarzen Hof. Und auch jetzt wird dort Wäsche getrocknet.

Es ist der ewigen Wäsche Hof,
Der Hof der ewigen Wäsche,
Und wer da durch die Wäsche kriecht,
Kriegt von der Wäscherin Dresche,

sang ich damals, und selbst dieser Vers wird wieder munter wie ein Gassenjunge.

Ob die Frau, die eben die Treppe herunterkommt und mich mißtrauisch mustert, jene Bertha ist?

Hinaus, Graunzer! Und einmal Auge und Ohr inwendig zugemacht.

Stopp! Kuscht euch, werthe Leichen!

***

Mutter Schützen wohnt noch in demselben Hause, im selben Stockwerk, auf demselben Flur, und noch steht auf dem großen, grünlackierten Schilde mit weißen, aber nun fast ganz schwarz gewordenen Buchstaben der alte Name »Gottlieb Schütze, Kgl. Küchenmann«, obwohl das alte Großvaterchen längst seinem Könige gefolgt ist, der die göttliche Komödie übersetzt und Kartoffelstückchen geliebt hat.

Wie ich vor dem Schilde stehe, überläuft mich dasselbe bangfrohe Gefühl wie damals immer, wenn ich Sonntags auf Urlaub aus dem Institute zu meinen alten ehemaligen Pflegeeltern kam. Ich wußte, es wird allerlei Gutes zu schnabuliren geben, aber auch an gesalzenen Leviten wird's nicht fehlen.

Und nun an der Klingel gezogen. Gott, wie dünne die jetzt klingt, und hinterher rasselt der Draht, wie der Athem nach den leisen Worten eines Brustkranken.

Niemand öffnet. Noch einmal das Klingelstimmchen und der Rasseldraht. So… Jetzt Schritte, die richtigen Dresdner Filzlatschenschritte.

Ich bin gespannt, wer aufmachen wird.

Na? Eine Kinderstimme? Höchster Flüsterdiskant: »Wer ist draußen?«

Ich nenne meinen Namen.

»Gleich!« (fast gesungen das) und die Schrittchen filzlatschen zurück.

Lange Pause. Thüre auf. Zu. Ein Hüsteln. Andere Schritte kommen. Die Flurthür öffnet sich. Eine junge Frau steht im Dunkeln.

»Die Großmutter schläft, aber kommen Sie nur 'rein, Herr Doktor.«

Sie geht voran.

Ja! Wer ist denn das?

In der Stube klärt sich's auf. Das ist nun schon die Enkelin der Alten, mein Pathenkind, und die Kleine, die zuerst gefragt, ist ihre jüngste Tochter. Diese Generationsperspektive! Ja, es heirathet sich was zusammen auf dieser Welt.

Großmutter ist in ihrem Zimmer. Man darf sie nicht schnell wecken.

»Sie kommt aber von selber zu sich, wenn Jemand in der Stube ist.«

Gut, so gehen wir also leise hinein!

Die Enkelin mit ihrer Tochter voraus, dann ich. Wir dürfen nicht reden. Ganz still setz' ich mich auf's Sopha. Die junge Frau führt das Kind an den Stuhl der Alten, wo es sich ganz artig und leis auf die Hütsche setzt. Sie selbst bleibt neben dem Stuhle stehen.

Ich muß sagen: Es sieht eigentlich unheimlich aus. Mutter Schützen schläft, wie sie immer that, mit offenem Munde, und jetzt, da dieser Mund bei der über Neunzigjährigen gar keine Zähne mehr hat, auch das Rothe an den Lippen ganz eingezogen und völlig im Mundinnern verschwunden ist, giebt das einen Anblick von Mumienhaftigkeit, der nicht gerade anheimelt. Noch toller wird das dadurch, daß auch die Augen, ganz glasig und fast weiß, offen stehen.

Mir geht es eiskalt durch und durch, und wenn ich mich, ohne mich zu rühren, nur mit unhergewandten Augen im Zimmer umsehe, fürcht' ich schon, ein Geräusch zu machen und all' diese alten Gegenstände von ihren Plätzen zu bewegen, diese Porzellanfiguren und Bildchen, diese Gardinen und Glasvasen, diese Sträuße aus altem Zittergras und Papier und zumal den alten Mahagoniglasschrank. Ich streife nur Alles mit den Augen, und es ist, als ob Schleier über Allem lägen. Und dazu ist es Dämmerzeit, und dieses Hinterhauszimmer liegt ganz wie in grauem Aschenstaub. Auch wird es zusehends dunkler, daß ich bald die lilaen Haubenschleifen von Mutter Schützen nicht mehr sehen kann.

Da hebt sie ihre rechte Hand. Mumienhaft. Ich muß wegsehen. Der Zeigefinger ist starr auf mich gerichtet.

Und mir ist, als müßte jetzt auch das eben erwachte Leben ihrer Augen auf mich gerichtet sein.

Aber es ist ein Irrthum. Sie hat mich noch nicht bemerkt. Sie hat Niemand um sich bemerkt. Sie murmelt nur so vor sich hin: »Ueberall – überall die Menschen bei einander. Ja, ja, Eener wie der Andre, Eener wie der Andre.«

Eine Pause. Ich sehe hin. Jetzt hat sie die Kleine entdeckt.

»Bertha! Bist Du da? Na, sieh' 'mal, Mädchen.«

Und die Kleine fast ganz leise: »Großmutter, der Herr Doktor aus Berlin ist da!«

Und die junge Frau setzt ebenso leise hinzu: »Der Doktor Graunzer!«

»Der Graunzer!? I, sieh 'mal Eener an! Nee, nee, mei' Pumperchen? Na, Pumperchen! Na, so komm doch her, Pumperchen! Wo steckt er denn?!«

Das mit ganz veränderter Stimme, ziemlich klar und hell, ob auch sehr dünn; und alles Gefühl von Tod und Unheimlichkeit schwand mir. In dieser Stimme war noch Wärme.

Ich ging hin zu ihr, und sie küßte mich mit ihren kalten Lippen; aber dieser Kuß war nichtsdestoweniger warm, denn es flossen Thränen über ihn hin, und mir selber kam das Schluchzen.

Dazwischen die Stimme der Kleinen: »Mutter, warum weint denn der Onkel?«

Und die junge Frau d'rauf: »Komm, Bertha, wir wollen 'nüber gehen.«

Die Beiden gingen.

***

Wie wir allein im Zimmer waren, Mutter Schützen und ich, wurde es mir so heimlich und sicher zu Muthe, daß ich mich der Alten zu Füßen auf die Hütsche setzte und meine Hände in ihren Schooß legte. Sie liebkoste mich, wie sie zu mir als Kind gethan hatte und sprach so lieb und klug und mütterlich zu mir, wie nur je.

Es war eine andere Zeit und eine andere Welt, die zu mir sprach. Ich hatte nur zu lauschen und gab mich diesem eigenen Zauber hin wie ein Kind, das auf Märchen horcht.

Es ward allmählich ganz finster im Zimmer, erst Abend, dann Nacht. Mutter Schützen aber hörte nicht auf mir von mir zu erzählen aus der Zeit, da sie meine Pflegemutter gewesen war. Wenn meine Seele jetzt auf eine Weile glatt ist, so hat sie es gethan, sie hat mir alle Falten und Runzeln herausgeglättet mit leisen, behutsamen Strichen.

es war wunderbar schön.

Schade, daß die Frauen erst neunzig Jahre alt werden müssen, um so etwas zu vermögen.

Als sie sich aber genug gethan hatte an Erinnerung, machte sie eine kleine Pause, und dann begann sie mich auszufragen.

Du lieber Gott – nun kam meine Beichte.

Es war ein Bischen peinlich, denn sie sagte durchaus kein Wort dazu, und ich mußte nur immer berichten, und wenn ich glaubte, fertig zu sein, kam immer wieder ihr Wort: »So, so, nu erzähle nur weiter.«

Schließlich, als ich völlig fertig war und gesagt hatte: »Das ist Alles, Mutter Schützen, und nun weiß ich gar nichts mehr,« kam erst eine besonders lange Pause und dann das:

»Aber Du erzählst mir ja gar nichts von Deiner Frau, Pumperchen?«

Ich: Ich habe keine Frau, Mutter Schützen!

Mutter Schützen: Du hast keine Frau?

Ich: Nein, Mutter Schützen, ich habe keine.

M. Sch.: Ja, Pumperchen, nu hör' aber, nee, nee, Du: Du bist nu doch Vierzig? Nich?

Ich: Ja, Mutter Schützen, Vierzig.

M. Sch.: Vierzig! Närr'sch! Und keene Frau! Hat dich denn gar Keene gewollt?

Ich: Aber, Mutter Schützen, wo denken Sie hin? Ich habe Keine gewollt.

M. Sch.: Putz'ges Kerlchen! Pumperchen! Mir kannste's doch sagen!

Ich: Nein, wirklich! Wirklich! Ich hab' nicht heirathen wollen.

M. Sch.: Nu sag' aber bloß: Warum denn nich'! Ernähren kannste doch Eene.

Ich: Ja, ja, schon, aber, wissen Sie, Mutter Schützen, ich mag die Frauensleute nicht.

M. Sch.: Pumperchen: Du bist verrückt! Gott nee, der Junge!

Ich: Aber, Mutter Schützen, Sie wissen doch selber, wie heutzutage die Frauensleute sind!

M. Sch.: Heitzutage oder nich' heitzutage, ob se nu so sin oder ob se so sin; ganz eegal. Heirathen mußte doch, Pumperchen, närrsches Sticke!

Ich: Aber warum denn, Mutter Schützen?

M. Sch.: Warum? Nee, so e Junge! Warum? Nu sag' bloß: Warum hat denn Die Vater geheirath'? Warum heirath'n denn de Leite überall, wie Du selbst siehst? Höre 'mal: Vorhin hatt' ich 'n Troom. Da sah ich über de ganze Erde weg, so groß wie se is, und ich sah alle Menschen, wie viele 's sin, unzählige Viele, Keenige und Kaiser und arme Leite, und Preißen und Sachsen, und ooch Schwarze waren drunter – aber se waren sich Alle gleich, Alle gleich. 's war bei Allen ganz dasselbe. Erscht wurden se geboren und dann kriegten se Kinder und dann starben se. Und das ging überall ganz eegal. Und wenn ooch der Eene oder And're nich wollte: es kam doch überall so.

Weeßte, Pumperchen, ich bin ene alte Frau, und wenn ich was treime, is es wahr! Der Troom aber hat ooch seine Bedeitung, denn warum hab' ich'n gehabt?: Weil Du da warst. Siehst: der liebe Gott hat'n mir für Dich geschickt. Denn ich selber: ich hab' das lange gewußt. Ich habe Kinder gehabt, und meine Kinder haben wieder Kinder gehabt, und die haben wieder Kinder. Wozu sollen wir denn sonst leben? Da drum rum dreht sich Alles. Ohne das ginge Alles aus'm Leime.«

Und nun rückte ich mit meinen Heirathsgedanken heraus. Es war stockfinster, wie ich erzählte, was ich vorhätte, und Mutter Schützen schenkte mir nichts, ich mußte haarklein meine Pläne auseinanderlegen.

Als ich geendet hatte, erfolgte keine Entgegnung von Mutter Schützen, sondern sie rief (genau in der Tonsteigung, die ich vor dreißig Jahren an ihr kennen gelernt habe): Lina!

Die Thüre öffnete sich, ein breiter gelber Lichtstreifen fiel herein, und die junge Frau fragte: Soll ich Licht bringen, Großmutter?

»Nee, kee' Licht, Lina, Du weest, ich habe genug an der Helligkeet am Tage. In der Nacht kee Licht. Das Duster is so scheene, un m'r schläft ooch, wenn m'r wach is derbei. (Zu mir): Das sin so Altweibergrillen, Pumperchen, weeßte! – – Aber Lina, ja, Deine Freindin, Schmidts Mariechen, sage mal: bestelle die doch morgen Abend her!«

»Ja, Großmutter!«

Die Thüre zu, der gelbe Lichtschein weg, Mutter Schützen und ich wieder im Dunkeln.

Mutter Schützen: Weeßte, Pumperchen: Schmidts Mariechen, das wär' ene Frau für Dich! komm' morgen Abend wieder und sieh se Dir an.

Ich: Aber Mutter Schützen, ich…

Mutter Schützen: Komm morgen Abend wieder, Pumperchen! Und jetzt laß mich schlafen. So! Na, geh' nu! Komm' gut nach Hause! Gute Nacht! Du, Pumperchen! Weeßte noch, wie m'r immer gesagt ha'm? Komm' nich unter de Dampfschiffe!

Und das alte Weiblein lachte ganz vergnügt.

***

Axiom: Nicht einmal mit alten Frauen soll man sich einlassen.

Auf dem Heimwege aber dichtete ich nach berühmtem Muster ein erhebendes Lied:

Herr Schmidt! Herr Schmidt!
Was kriegt Mariechen mit?
Nadel, Faden und Fingerhut,
D'raus flickt sie zwei Pantoffeln gut,
Damit sie ihrem Ehemann
Die Hühneraugen wärmen kann.
Das kriegt Mariechen mit,
Spricht Schwiegervater Schmidt.

Periculosa res est desperatio sagt ein alter Spruch.

XIII.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund den Gymnasiallehrer Peter Kahle. Handelt, wie der geneigte Leser schon zu errathen die Güte hatte, von Schmidts Mariechen.

Dresden, im — Mai …

Das ist der Mai!
Aus Eins wird Zwei,
Aus Zwei wird mehr,
Ein ganzes Heer.
Flieh' aus dem Mai!
Aus Eins wird Zwei…

Du greifst Dir an den Kopf, Peter? Du schüttelst Dich? Du denkst an losgegangene Schrauben?

Greife, schütt'le und denke, – Du hast Recht.

Aber in der That: der Hollunder blüht und die Staare pfeifen. Es frühlingt hier in einer Weise, daß man sich wundert, selber keine grünen Blätter zu treiben.

Die Welt blüht in Gottseligkeit,
Der Himmel hängt voll Geigen,
Ich such' einen Fiedelbogen,
Daß ich sie könne streichen.

Jetzt schlägst Du aber mit der Faust auf den Tisch, nicht wahr? Jetzt wird Peter wild?

Aber ich frage Dich: Ist es nicht besser, die Vögel fliegen zu lassen, als daß sie Dir im Hause Stuhl und Tisch beklecksen?

So denk' ich mit den Versen. Purrr! sind sie weg, und meine Seele bleibt rein. Sela!

Der Mai ist und bleibt der eigentliche Kuppelmonat, vielleicht schon deshalb, weil er, kalt, naß und windig, einen Kuppelpelz wohl vertragen könnte. Es ist der Mai in uns, der rumort, und wenn er, wie heuer, auch außen ausschlägt (köstliches Wort), dann

»Ist die Wiese junger Böcklein voll,
Und in zertretenen Blumen wälzt sich wild
Die nackte Sehnsucht, die in Versen schreit«.

Hol' mich Der und Jener! Seit heute morgen verselt's mich, und der Reimhaber sticht mich wie einen Obertertianer.

Dieser verfluchte Frühling! Man kann seinen Verstand nicht behalten. Das heiße Fünfgespann muß durchgeh'n. Denn die Augen werden wild vor eitel Licht und Sonne, und die Nase (gönne mir das hippische Bild) bäumt sich, da es so süß in der Luft violt, und das Gehör zittert im Schwalle des jungen Vogelsangs, und die Fingerspitzen werden ekstatisch, da sie den holden Weidenkätzchenpelz wieder fühlen dürfen. Die Zunge aber schnalzt das hohe C, denn sie wird vom Maiwein karessirt.

Aus diesen Gründen und aus ein paar anderen noch, die ich just nicht detailliren will, bitt' ich Dich, ein Auge oder auch zwei zuzudrücken meine maipreislichen Anwandlungen.

Daß mich der Kuppeljunker nicht völlig untergekriegt hat, wirst Du gleich seh'n.

Ein schlauer Herr ist er, das muß man ihm schon lassen. Heut' zeigte er's. Nicht genug, daß er diese merkwürdig kühlwarme Frühlingssonne und all das bekannte Frühlingsrequisit zur Verfügung hatte, das sich die Dichter in den Rucksack stecken, wenn sie den Berg Parnassos besteigen wollen, – er hatte sich auch noch mit Mutter Schützen verbündet. Durchaus wollte er mich diesmal zum Pantoffel-Unter machen.

Eine ganze Garde angenehmer Genien hatte er gegen mich mobilisirt: häusliche Behaglichkeit, Ordnung, Bescheidenheit, Unterthänigkeit, Milde, Nettigkeit und, nicht zu vergessen, den guten Geist des Suppentopfes, der eine stätige Güte des Mittagstisches gewährleistet. Kurz: er hatte es an nichts fehlen lassen, und der Inbegriff seiner holden Gaben hieß Schmidts Mariechen.

— — —

Kannst Du Dir vorstellen, wie sich der deutsche Durchschittsbackfisch die deutsche Hausfrau vorstellt?

Du schauderst.

Nun denn! Glätte Deine Gänsehaut, nimm einen Kognac und einen Stonsdorfer, gürte Deine Lenden mit Leder vom Krokodile und hänge daran den besten Oliven-Bakel, denn ich will Dich zu dieser deutschen Hausfrau führen.

Ich höre Dich stammeln, und ich vernehme den klassischen Ruf Deiner Angst: Heu, heu et iterum heu et proh dolor! aber, Peter, ich bin hart, und ich schleppe Dich hin in das Gehäuse der semmelblonden Vollkommenheit.

Sieh, wie nett schon der Fußabstreicher ist! Wie sinnig! Ein Vers steht darauf:

Lieber Gast, tritt herein,
Streife Dir die Stiefel rein!

Du denkst Dir »wie süß!«, und die erste Thräne rollt Dir in den Bart. Laß' rollen dahin! Es wird die einzige nicht bleiben.

Gottchen, Gottchen, Gottchen, wie schön die gute Stube ist!

Ein Museum von Häkeldecken!

Ein Musterlager von Stickarbeiten!

Eine saubere Stätte bescheidener Musen!

Da steht das Pianino mit dem Kopfe des jungen Mozart, zu dem der eine Engel auf der Sixtinischen das Modell war.

Was ist aufgeschlagen?

Ignorant! Die Klosterglocken sind's!

Und dort der wohlgenährte Kanarienvogel!

Und an der Wand, ach Gott, wie süß, aus blonden Haarzöpfen künstlich gewunden und unter Glas und Rahmen der Spruch:

An Gottes Segen
Ist Alles gelegen!

Weshalb denn auch der Gesangbuchsgoldschnitt alle Bücher hold überstrahlt, gerade so sehr abgegriffen, wie es recht ist, um gleichzeitig Frömmigkeit und vorsichtiges Umgehen mit werthvollen Sachen zu dokumentieren.

Welche Bücher außerdem?

Aus welchen Gefilden trotziger Barbarei bist Du, daß Du fragst?

Es ist das Kochbuch, das sich an den »Beruf der Jungfrau« lehnt, und »Goldelse« schmiegt sich zaghaft an »Blüten, Perlen und Juwelen deutschen Sinn's und Geistes«.

Beim gütigen Himmel: es lebe das Kochbuch!

Ich denke: Du bist im Bilde.

Stell' Dir weiter noch vor: einen ausgestopften weißen Pudel mit blauen Glasaugen, einer rothsamtenen Zunge und einem rothseidenen Halsbande; ein Oeldruckbild: »Deutschlands Stolz« (man sieht darauf sämmtliche bis zum Jahre 1893 geborenen kaiserlichen Prinzen); zwei Gipsbüsten (grüngolden broncirt), die, wie es scheint, den Stumpfsinn einmal in einer männlichen und in einer weiblichen Form personifiziren sollen (das Mädchen sieht besonders stupide aus, was nicht ohne Feinheit ist); ein Vogelbauer mit einem lächerlich gemästeten Kanarienvogel, der in einer unangenehmen Weise asthmatisch schreit und boshafte Augen hat; einen Photographieständer mit unglaublich viel gewöhnlichen Gesichtern, die allesammt insipide lächeln (»feixen« sagt der Sachse sehr hübsch), – kurz: stell' Dir eine »gute Stube« in des Wortsinns furchtbarster Fülle vor, und Du hast das Milieu, in das mich heute Mutter Schützen versetzt hat.

Ursprünglich wollte sie, daß ich die Dame, die in Züchten den verlockenden Namen Schmidts Mariechen trägt, bei ihr sehen sollte, gewissermaßen vorgeritten von ihr selber, aber heute in aller Frühe wurde ich benachrichtigt, daß es besser sei, ich ginge selber »zu Schmidts«, und zwar einfach zum Mittagessen. Es wäre Alles in Ordnung. Vater Schmidt und Mutter Schmidtn freuten sich, Schmidts Mariechen ditto. Punkt zwölf würde gegessen. Als Stütze für mich würde Mutter Schützens Enkelin Ida, die ich gestern kennen gelernt habe, zugegen sein.

Mutter Schützen war stets resolut, aber das war mir denn doch ein Bischen verwunderlich. Lädt mich einfach bei Leuten ein, die mich absolut nicht kennen! Und gleich zu Mittag! Ganz sicherlich hat sie den unglücklichen Schmidts auch das Menü vorgeschrieben, dacht' ich mir, und richtig: ich erfuhr, daß sie mein sächsisches Leibgericht, Rindfleisch mit Rosinensauce, befohlen hatte.

Ich habe bereits versucht, Dir das Häkeldeckenheim der würdigen Schmidts in großen Zügen zu schildern, wenigstens ihr Allerheiligstes, die gute Stube. In diese war ich geführt worden, und hier erwartete ich muthvoll und gefaßt des Schicksals Stöße.

Ich hatte neben dem Sopha Posto gefaßt, dessen drei nebeneinander gelagerte Bäuche in ihrer fabelhaften Schwellung mir die entsetzlichste Phantasie einflößten, daß im nächsten Augenblick drei junge Sophas geboren werden müßten, ferkelhaft feiste, und meine Finger verloren sich rathlos in der kunstvollen Häkeldecke, die die Korpulenz dieses hoffnungsvollen Möbels überdeckte. Da that sich die Thür auf, und es erschien das lebendige zweibeinige Gegenstück dieses dreibäuchigen Vierfüßlers, es erschien der zu diesem Kanapee gehörige Mensch: Herr Schmidt.

Wieviel Bäuche er sein Eigen nennt, vermag ich nicht zu sagen, da er einen blauen gesteppten Schlafrock um die Fülle seiner Leiblichkeit geschwungen hatte. Es mögen aber nicht wenige Bäuche sein, die unter dem blaugesteppten wohnen, denn jeder Schritt, den Herr Schmidt that, erzeugte eine Art schütternder Wellenbewegung unter dem gesteppten Blau, und nervöse Leute könnten bei diesem Anblick seekrank werden. An Stelle des Kopfes trug Herr Schmidt eine rosafarbene Masse von zahlreichen glänzenden Wülsten, zwischen denen man bei genauerem Zusehen indeß unbezweifelbare, wenn auch auffällig kleine Augen bemerkte. Wenn ich im Stande wäre, die Farbe dieser Augen mit einem Worte wiederzugeben, würde ich mich für dieses Wort um ein Patent bewerben. Der schüchterne Ansatz zu einer Nase verschwand hilflos in dem welligen Fleischterrain der Backenmassen und der Lippenböschungen.

Dieser Herr Schmidt also, dieses Phänomen von Wohlbeleibtheit, rollte sich auf mich zu (schon der Luftdruck, den diese Bewegung erzeugte, konnte Besorgniß erregen), und mein erster Gedanke vor diesem Gebilde einer verschwenderisch üppigen Natur war der: wenn Herr Schmidt ein Kürbis wäre, würde er auf der Gartenbauausstellung den ersten Preis kriegen. Schade, daß er bloß ein Rentier ist.

Aber: Was für ein Rentier? Nur drei Möglichkeiten: 1. Bäcker, 2. Fleischer, 3. Wirth.

Ich denke: Bäcker. Der Mann hat etwas Teigiges an sich, was semmelmildes, milchbrödiges, – richtig: Da sind auch die Knethände von ehedem mit den breiten Fingerkuppen. Das klassische Bein-O der Backstube verbirgt sich mir unter dem Wogenspiele der Bäuche unter der blau gesteppten.

Herr Schmidt also rollte sich keuchend an mich heran, gab mir beide Hände und sprach, nicht ohne Mühe, aus der Tiefe seines Fettes herauf die Worte: Meine Frau wird gleich kommen.

Sprach's und setzte sich auf den Mittelbauch des Kanapees, so daß die Seitenbäuche des beklagenswerthen Möbels gequält auffuhren und nun wie zwei feiste Thronpaladine neben des sitzenden Bauches Majestät aufragten.

Mich hexameterte es und ich sprach zu meinem lieben Herzen:

Sieh', in das Kanapee sank der Leib des würdigen Rentners,
Sage mir, Muse: Wohin sank doch die Seele dem Mann?

Eine Minute verging, und durch die Thüre trat, nein: spießte sich herein eine unglaublich dürre, ich möchte sagen: raschelnd dürre Dame in einem schwarzseidenen Kleide, auf dem Kopfe eine drohende Haube mit violetten Bändern.

Alle Wetter! dacht' ich mir: wenn die Ehe auch im Himmel geschlossen worden ist, wo hat der himmlische Standesbeamte dann das Prinzip des goldenen Schnittes gelassen!

Aber ich hatte nicht lange Zeit zu denken, denn von nun ab befand ich mich in einem Brausebade, und Madame Schmidt war es, die mich douschte.

Denke Dir ohne Interpunktion zwanzig Sätze nach dem Muster des folgenden hintereinander im schnellsten Tempo, aber mit überaus sicherer Lungenökonomie gesprochen: »Schön willkommen lieber Herr Doktor das ist aber schön daß Sie gekommen sind und wir sind Frau Schützen wirklich sehr dankbar daß sie Sie zu uns hergeschickt hat denn wir freuen uns immer so sehr mit gebildeten Leuten zusammen zu kommen und da Sie gerade heirathen wollen und unser Mariechen nun im August fünfundzwanzig wird und wir keine Herrenbekanntschaften leiden ach Gott ja und wer käme denn in Betracht wenn man auf Bildung sieht ach Gott ja es ist ein rechtes Elend na aber Gott sei Dank wir haben es nicht nöthig den ersten Besten.« Ohne Uebertreibung, Peter: die Kaskade war etwa zwanzig mal so lang, als das Bruchstück von ihr, das ich hier gegeben habe. Glaub's oder glaub's nicht: es ist so. Diese alte dürre Dame, gefesselt an den nur mühsehlig redenden Fleischklos, dem nächst dem Gehen sicher das Sprechen das Unangenehmste ist, litt offenbar an einer Art von Schleußenbruch. Der Schließmuskel am Kiefer funktionirte nicht, oder was weiß ich.

Kurz und gut: sie übergoß mich dermaßen mit Worten, daß, wenn ich in derselben Zeit mit einem mäßig starken Strahle Wassers wirklich gedouscht worden wäre, das Wasser sicher längst die Decke erreicht hätte. Ich wundere mich noch, daß die Wände diesem Schwalle Stand gehalten haben und nicht geborsten sind.

Ich meinerseits verzichtete, nachdem ich das erste Drittel zu hören versucht hatte, darauf, dieses Wortgestäuber auf seinen Sinn hin anzuhören und ließ es wie ein Elementarereigniß, wie Wolkenbruch mit Schloßen etwa, über mich ergehen und rieb mir nur ab und an die Stirne, wenn der Schleußendruck einen zu dicken Strahl auf mich ließ.

Im Uebrigen behielt ich den Mann zwischen den beiden Kanapeebäuchen im Auge und bemerkte, daß sein Ausdruck immer ergebungsvoller wurde, bis er schließlich etwas Fakirhaftes gewann, einen Zug von profundester Schnuppigkeit.

Als schließlich die unermüdliche Dame aber doch geendigt hatte (ein schrilles Gottseidank war der Schlußstein, den sie mit triumphirender Kraft vor mich hinsetzte, als wollte sie sagen: ich könnte noch, aber vorderhand mag's genug sein), da hob sich aus dem Meere seines Fettes die Stimme der Erlösung: »Nu ja!«

Für mich war die Lage nicht ohne Schwierigkeit. Hätte ich Einspruch gegen meine Freierschaft erhoben, so würde mich Madame Schmidt unzweifelhaft mit ebensoviel siedenden Worten übergossen haben, wie sie es jetzt mit lauen gethan hatte, und ich wäre in der Blüthe meiner Mannheit zu Hummerröthe verbrüht. Also gab ich mich schweigend dem preis, was im Reiche Schmidt mit mir geschehen sollte.

Hätte ich nicht das himmlische Untergrundsgefühl gehabt: »Iterum iterumque demonstratum: das Weib ist bitter«, ich wäre in Bänglichkeit vergangen. Denn nach des Vaters kolossisch-keuchendem Schweigen und nach der Mutter knochigem Wortegerassel, – was stand mir von der Tochter bevor?

Ich wagte kaum hinzuseh'n, wie die Thür aufging. Als meine Augen aber Muth bekam, da sahen sie neben Ida ein Mädchen von recht hübschen Verhältnissen, guten Bewegungen, nettem Gesichte, und meine Ohren hörten eine ganz sympathische Sprache.

Sie sprach weder viel, noch wenig, sie hielt die richtige Mitte, aber, mein Lieber, –: was sprach sie! Ich will mich auf der Stelle mit ihr und mit ihrer Mutter gleichzeitig verheirathen, wenn ein einziges gefühltes, ein einziges gedachtes Wort aus ihrem Munde gekommen ist.

Nichts, nichts, sage ich Dir, als die Redensarten, wie sie den jungen Mädchen bestimmter Kreise, ich weiß nicht von welchem gottverfluchten Katheder der Wohlanständigkeit und Schicklichkeit, eingetrichtert werden. Nichts, nichts, nichts als fliegende Streu, kein einzig Körnchen. Züchtiges Geplapper, kein tüchtiges Gespräch. Und dieses ewige Augen auf – Augen zu, bald der bekannte Stiefelblick, dann der obligate Deckenwurf, und das Mündchen spitz gehalten, und die Finger in der Luft herumgeziert, und ein Getäte und Getate, – Freß mich die Pest: es ist unausstehlich! Ich hätte das Mädchen zuweilen anbrüllen mögen: Natur, zum Donnerwetter, Natur! Wozu hast Du Deinen schön gebauten, gesunden, lebendigen Leib, wenn Du hier sitzst wie ein gedrechselter Ölgötz mit ein bischen Ziehmechanismus, zwischen den Beinen. Und: red doch um Himmelswillen, wie der Schnabel Dir gewachsen ist. Plappre kein ungedachtes, ungefühltes, langweiliges, ausgedroschenes, gebildet klingendes und doch so bumsdummes Zeug, sondern red' aus Dir selber 'raus, aus Deinen Sinnen, aus Deiner Seele, aus Deinem Gehirne. Mag's dumm sein! Meinetwegen! Aber es wird wenigstens irgendwas sein. Das da aber, dieses Gefistel ist gar nichts, absolut gar nichts. Froschquaken und das Gekrächz junger Raben ist gottlobesames Gebet dagegen, denn es kommt aus der Natur, – ja, eine quietschende Thürangel klingt lieblicher und erquicklicher als dieses, Dein leeres Gehauche. Denn, Mädel, es ist alles Lüge, was Du von Dir giebst, unbewußte Lüge wohl, aber darum nicht weniger fatal. Und wenn es wenigstens schöne Lüge wäre! die könnte meinetwegen sogar gefährlich und lasterhaft sein, denn das Schöne thut man gut, nicht ethisch anzuseh'n. Aber was Du redest, sind ja gesprochene Häkeldecken, und es ist geradezu schauderhaft, zu denken, wie viel schöne Jugendzeit Du damit verbracht hast, dieses Lügengehäkele Dir anzulernen, das so durch und durch uninteressant und gewöhnlich ist.

Alles dies hätt' ich wirklich gesagt, wenn ich nur die geringste Hoffnung hätte haben dürfen, daß es was genutzt hätte. Aber dieses bedauernswerthe Geschöpf von Dick und Dünn war unheilbar verseucht von einem falschen Ideal, und diese Seuche, die bei uns leider epidemisch ist, läßt sich nie wieder vertreiben, wo sie einmal festsitzt.

Ich fraß also meine Medizinmannrede in mich hinunter, warf auch das aufsteigende Mitleid zum Tempel hinaus und betrachtete mir das Trio Dick, Dünn und Verbildet mit der kalten Objektivität, aus der am häufigsten der Humor blüht.

Ich dachte mir: Wir sind allzumal Witze der Schöpfung. Selbst die Größten unter uns sind muthmaßlich nichts als Geschöpfe der Einbildungskraft von jenen grausamen Künstlern, die wir Götter nennen.

Demnach muß es unter den Göttlichen auch einen Stinde geben, der Leute, wie die Familie Schmidt an die Strippe seiner Komik hängt.

Urtheilen wir milde: Die Strippe zuckt, und die Hampelmänner und Hampelweibchen tanzen. Denen, die über den Wolken sind und zur Verdauung hinunter gucken auf das Strampeltheater, denen mag es wohl Spaß machen. Uns, die wir auch an der Strippe hängen, mit pathetischem Gestus vielleicht, scheint das Rüpelspiel zumeist doch tragisch.

Ach, wir armen Hampler! So jammervoll sind wir, daß wir uns an diese Elendsstrippe noch mit Verzweiflung klammern und uns vor dem Augenblick fürchten, da die einzige Mildherzige des göttlichen Theatermobs, Frau Atropos, kommt, sie mit der Parzenscheere zu durchschneiden.

Ausgehampelt, ausgeampelt!
Pickelhäring liegt im Grase,
Seine himmelblaue Nase
Bohrt sich in das Erdreich ein.
Weh! und Ach! Aus tausend Schleußen
Fließen Thränen und begeußen
Das gesteifte Hampelpein.
Miserere! Miserere!
Pickelhärings letzte Ehre
Ist der Posse wüster Schluß,
Und die satten Göttergäuche
Halten lachend sich die Bäuche;
Bravo deus stindicus!

***

Du siehst, lieber Peter, diesmal ist mir aus der kalten Objektivität kein rechtschaffener Humor erblüht.

Die Unnatur macht pessimistisch. Sie ist die tristeste aller Erscheinungen, und man sollte eher mit dem leibhaftigen Teufel Brüderschaft trinken, als ihr auch nur mit der Fingerspitzennath des Handschuhs zu nahe zu kommen.

Drum floh ich denn auch so schnell, als es die Schicklichkeit nur irgend gestattete, aus dem Hause Schmidt, und ich will es mir schenken, Dir zu erzählen, wie dieser Besuch weiter zu seinem schnellen Ende gediehen ist.

Als ich aus dem Hause der gehäkelten Lebensführung heraustrat, holte ich dreimal tief Athem und pumpte aus mir heraus, was an Schmidtscher Atmosphäre noch in mir war. An Stelle dieses Stickstoffs aber nahm ich den frischen Athem der Natur in mich, den köstlichen Maiwind, den besten Seelenausfeger, den ich weiß.

Ahei! ahei!
Nackt ist dem Mai,
Trägt Kleider nicht am Leibe,
Blumen umblühen seine Scham,
Sein Mund, der singt gottlobesam:
Treibe, du Leben, treibe!

Dein
Graunzer.

XIV.
Herr Pankrazius Graunzer fährt von Dresden nach Leipzig, steigt in Wurzen aus und berichtet ausführlich in seinem Reisetagebuche.

In der Eisenbahn zwischen Dresden
und Leipzig. Nachtfahrt.

Ich habe immer noch die Nase voll odeur de Schmidt. Es ist eine Art penetranter Weichlichkeit, was Muffiges, Thraniges, Ranziges; sitzt in allen Poren. Die Reise wird's ausrütteln.

Die Reise als eine Art Rüttelbad ist überhaupt noch nicht genug gewürdigt.

Setz' Deinen alten Adam in's Coupee, und dieser alte Modertopf kommt rein geschwenkt am Ziele an. Das Aeußerliche vielleicht ein Bischen verbeult und rissig, aber inwendig ist es wieder reine, und Du kannst die besten Gedankensuppen in ihm kochen. Bei einem richtigen Kochtopf kommt's auf's Exterieur nicht an.

***

Ich bin nicht allein; das ist unangenehm. Ich bin mit Musterkoffer-Nomaden zusammen; das ist schlimm.

Man soll keinen Stand schlechthin geringschätzen, gewiß. Alle rekrutiren sich aus Menschen, – oh ja. Aber manchmal ist das Rekrutenmaterial doch bedenklich, und mancher Beruf ist schon an sich ein Uebel, das Alles ruinirt, was unter seine Fuchtel kommt. Furchtbar, diese Heimathlosen unter der Glanzlackleinenflagge. Sie sind unserer fahrigen Zeit unerquicklichste Symptome. Halbbildung, Halbeleganz, Halbwitz, Halbgemüthlichkeit. – Alles halb und talmi. Oh, diese infame Zeit! Dieses Commis voyageur-Zeitalter! Wehe, wenn nur eine der Handlungsreisenden-Anekdoten auf die Nachwelt kommt! Wir sind blamirt vor der Ewigkeit.

Gottlob, meine Nachbarn sind nicht in der Gebelaune. Sie gehören wohl feindlichen Waaren-Wigwams an. Aber ich fühle, wie sie mühsam an sich halten, daß sie nicht doch plötzlich herausplatzen: »Sie kennen doch den neuesten…«

Ob man dann die Nothleine ziehen darf?

***

Schlafen, – das wird das Beste sein. Schlafen… Vielleicht auch träumen? Von Schmidts Mariechen… Oh! Hamlet! Oh!

***

Ich habe wirklich geträumt:

Ich war ein grüner Nix und schwamm
Im tiefen, tiefen Meere,
Nährte mich von Austern lobesam
Und mancher Hummernscheere.

Mein Bauch war roth wie der vom Lurch,
Quall-quapplich und geschwollen,
Quer über ihn ging ein Gefurch
Von Runzeln, warzenvollen.

Ich war ein schöner Nix und galt
Sehr viel bei den Kollegen,
Denn mein Talent war mannichfalt,
Ging bis zum Eierlegen.

Mann war und Weib in Einem ich,
Das war sehr auferbaulich,
Ich fraß vor Liebe selber mich
Und brütete beschaulich.

Donnerwetter, was ist denn los? Wie riecht denn das hier? Da »dichte« der Teufel weiter!

Richtig! Während ich schlief oder während ich meinen Traum versifizirte, ist ein Frauenzimmer eingestiegen. Dort in der Ecke sitzt sie. Zwölf Augen seh' ich an ihrem Körper auf- und niederklettern.

Gräßlich, diese männliche Augengymnastik; ekelhaft. Das arme Thierchen wagt kaum aufzublicken. Die Kerls bekleckern sie geradezu mit ihren Blicken.

Wahrhaftig: manchmal ist das männliche Geschlecht doch noch ekelhafter, als das weibliche.

Wie ihre Lippen sich wulsten! Dem einen Kerl da beben schon die Nasenflügel. Derlei hab' ich nur noch bei Raubthierfütterung gesehen. Pfui Teufel!

Ich nehm' mir ein Zuschlagbillet und steig' in die erste Klasse.

***

Gott sei Dank! Allein! Manchmal ist es doch ein schwerer Beruf, Mitmensch zu sein. Und gar Zeitgenosse! Das ist schon der schwerste aller Berufe – zuweilen.

***

Wie oft hab' ich diese Fahrt als Kind gemacht. Gott, Gott, könnt' ich je wieder so fahren wie damals in der vierten Klasse, mein Ferienköfferchen unter mir.

Wie schön war da die Welt!

Dummheit: wie rein war da mein Auge, wie klar war da mein Herz.

Ich mäkelte nicht. Das war es. Damals regte mich kein Commis voyageur zu ärgerlichen Diatriben auf. Damals nahm ich Alles mit stillem und doch so schnellem Herzen hin.

Alles Sein ging in mich ein durch ein bergkrystallen helles Auge und fiel in eine Camera, in der kein Staub, kein Fleck, kein Hauch von bösen Dünsten war. Drum gab es Bilder von eitel Helle und Glück.

Jetzt aber! Ich sehe viel zu scharf und hart. Ich zerlege, was ich sehe, und mein Herz scheidet, was in seine Kammer fällt. Keine Empfänglichkeit mehr, keine aufnehmende Ruhe mehr, kein Pflanzenglück mehr. Das Nashorn der Moral sitzt in mir und rennt alles nieder, was in mich will. Ein ewiges, unvertreibliches Kritteln in mir bringt mich um den Genuß. Es ist ein infamer Trieb, zu korrigiren, ein rechter Schulmeistertrieb.

Ruhig schauen, alles harmonisch begreifen, nichts betasten: das ist königlich.

Wer kann das heute?

Wir sind allzumal Pöbel.

Wären wir ichstill und ichstolz, erst dann könnten wir sagen, daß es eine Gattung homo sapiens giebt. Vorderhand sind wir bloß decadente Bestien, entgleiste Affen.

***

Gut gegraunzt, Graunzer! Laß Dich bei Peter Squenzen engagieren! Schüttel die Hobelspähne, mit denen Du Dich beklebt hast, und glaub', es sei die Mähne des königlichen Löwen!

Puh! Der Graunzer ist ein Ding, das überwunden werden muß.

***

Es ist schön, durch die Nacht zu fahren. Dort, vor dem Wäldchen liegt ein Dorf. Acht Lichter zähl' ich in ihm.

Wie das friedlich ist – von Weitem. Es sieht idyllisch aus, und um so idyllischer, je weiter wir uns davon entfernen. Wenn ich die Augen zumache und das Bild in meine Seele projicire, wird's gar ein Gedicht.

Schlußfolgerung: sich die Welt von Weitem ansehen! Nicht überall mit der Nase daraufstoßen! Und vor allem: das Herz dichten lassen!

Von Weitem sehen sogar die Weiber erträglich aus. Aber nicht in ihren Dunstkreis!

Zweihundert Schritt vom Leibe,
Und du siehst Helenen in jedem Weibe.

***

Wir nähern uns Wurzen, und vor meinen Augen taucht die Personifikation der geblähten Bornirtheit auf, unter der ich Jahre lang leiden mußte: Bimstein-Pascha, der Konrektor.

Wie schade, daß die Jugend keinen Humor hat. Wie leicht hätt' ich sonst diesen Kathederheuler ertragen, der ohne Frage eine komische Figur war, und dessen Bakelantengehässigkeit ich doch so tragisch empfand.

Dieses leere Stück Mensch, diese Klapperhülse, in der ein paar fremde Körner so lärmhaft raschelten, hat mich um ein paar der schönsten Jugendjahre gebracht. Ich hätte gut Lust, auszusteigen und ihm heute noch die Fenster einzuwerfen, wenn er noch da wäre. Solche Unbill vergißt man nie. Raub an der Jugend ist ein Kapitalverbrechen. Boshafte Schulmeister sind die gefährlichsten aller Biedermänner.

***

Ich bin wirklich in Wurzen ausgestiegen, und jetzt schreib ich hier im Goldenen Löwen.

Es gab mir einen Ruck, ich mußte heraus. Und ich bereue es nicht. Dieser Nachtgang durch die Stadt war mir ein Fest.

Vor einem Hause blieb ich wohl eine viertel Stunde stehen.

Ida!

Also hier wuchs mir der Baum der Erkenntniß.

Oh, ich weiß es noch, als wär' es gestern geschehen. Wie ich den schmalen Gang hintertappte… dann die Lattenthür auf… dann die zweite, und nun zum erstenmale die heißen Wellen über mich.

Schön war es, schön! Befreiung und Sieg. Hurrah! Jetzt bin ich erst ein rechter Kerl! Was? Gewissensbisse? Oh, Herr Professor! Hat die Sonne Gewissensbisse, weil sie scheint? Unsinn! Hurrah! Das Leben beginnt!

Und nun jeden Abend der Gang hinunter, und jeden Abend das heiße Wellenbad. »Oh, wüßtet ihr, wie's wohlig ist dem Fischlein in der Fluth!«

Damals stiegen die ersten Raketen aus meinem Herzen, und es waren Verse, die nicht bloß einen Teufel im Leibe hatten.

Gott, wenn Bimstein-Pascha davon eine Ahnung gehabt hätte!

Ich wünschte wohl, ich könnte Ida wiederseh'n. Es war ein richtig sächsisch Mädel, schlank, aber voll und hatte so liebe blaue Augen, und die harten Arbeitshände konnten so schön streicheln. Wie hat sie mich bemuttert! Und lieb mich gehabt!

***

Wurzen, im Goldenen Löwen, früh.

Da steht's, ein Lied:

Düfte aus dem Rosenbusche
Meiner Jugend, süße Düfte,
Endlich seid ihr wiederkommen,
Wiederkommen in der Wolke
Dort.

Seht', ich wußt' es, daß ihr kämet;
Meine Seele sagte heute
Früh zu mir: Wach auf, Geselle,
Deine Jugend will Dich grüßen
Hier.

Und sie nahm von meinen Augen
Alle Schleier meiner Dumpfheit,
Und sie nahm von meinen Sinnen
Alle Härten, alle Hüllen
Fort.

Darum seh' ich, darum fühl' ich
Heut' in jeder hellen Wolke
Düfte aus dem Rosenbusche
Meiner Jugend, süße Düfte
Hier und dort.

Nun seh' 'mal Einer an! Schimpfte ich nicht gestern noch in diesem selben Hefte hier auf Bimstein-Pascha, meiner Jugend gräulichen Verkürzer? Und heute:

Düfte aus dem Rosenbusche
Meiner Jugend, süße Düfte…

Das ist nun aber so: Eine Ida macht hundert Bimstein-Paschas wett… Schade, daß ich nicht mehr für die Idas bin.

Wirklich, es ist schade. Die sogenannte Liebe ist wirklich ein gut Narkoticum. Unter Umständen, wie man sieht, vertreibt sie sogar die Wanzen

»und rufet die Musen, die Musen herbei.«

***

Wieder im Eisenbahnwagen.

Rattapum, rattapum, rattapum, pum, pum.
Meine Seele ist grade, die Welt ist krumm,
Das ist ein Ding zum Lachen.
Doch als ich ein junger Knabe war,
Da wollt' ich, ach, wie dumm ich war,
Das Krumme g'rade machen.
Rattapum, rattapum, rattapum, pum, pum,
Das ist ein Ding zum Lachen.

Und nun, komm' her, Bimstein-Pascha meiner Seele: hiermit küss' ich den krummen Buckel Deiner Bornirtheit mit dem saftigen Kusse des Humors. Ich will Dich nimmer schelten.

***

Auch Schmidt's Mariechen habe ich verziehen. Ich bin in der Absolutionslaune heute.

Absolvo te,
Nun, Schäfchen, geh'
Im Wiesengrund spazieren.
Die Welt ist bunt,
Es lacht mein Mund,
Wohl thut das Absolvieren.

***

Uebrigens: es fängt nachgerade an, bedenklich zu werden, wie's wieder bei mir verselt.

Aber auch mich selber will ich heute nicht schlecht behandeln, gratia Idae.

Hei, der Versehaber sticht,
Leben ist ein schön Gedicht,
Wer's versteht zu reimen.
Fröhlichkeit, Leidschleimigkeit,
Läßt mit Verseseimigkeit
Sich zusammenleimen.

Es hält aber nicht immer.

XV.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle. Handelt vom Stammtisch zum Ring in der Westentasche.

Leipzig, Ende Mai.

Mein Peter!

Kennst Du die alte Bauernregel:

Der Mai ist selten so gut,
Er bringt dem Zaunpfahl noch einen Hut?

Und, wenn Du sie kennst, verstehst Du sie auch, Mann in der steinernen Stadt?

Was für einen Hut bringt der Mai dem Zaunpfahle?

Hier in diesem schauderhaften Rußneste, über dem aber noch immer die Glorie des jungen Goethe schwebt, seh' ich's nicht, aber ich sehe im Geiste meinen lieben Kiebitzhof und den alten Zaun um den Kohlgarten, und da stehen gravitätisch die angemoosten Zaunpfähle, und jeder hat seinen Schneehut auf, diesen Cotillonhut, den der Winter dem Frühling zum Andenken schenkt. Aber die nächste Morgensonne kommt und leckt ihn weg.

Nichtsdestoweniger fühl' ich mich ein wenig blamirt mit meinem Ahei!-Liede vom nackten Mai. Wenn ich Recht damit hatte, – wie muß der Aermste jetzt frieren.

Es schneit ganz derbe. Zwar, es sind die großen Matschflocken, denen es an der richtigen, grimmigen Konzentrationskraft fehlt, sie haben (jetzt fall' mir nicht um, Philologe) was Schmetterlingliches an sich, wie sie so breit und behutsam niederwehen, – aber jedennoch: es ist Schnee.

Indessen, die Sachsen sagen: »Dat is doch Ihr Ernst nich?«

Und: »I nee doche!« antwortet der Alte, greift noch 'mal in den Sack, schmeißt noch eine Hampfel rund um sich herum, und nun trollt er sich und sappt ab.

Warum diese Einleitung vom Wetter?

Weiß selber nicht.

Vielleicht ist ein bischen Schadenfreude meines unlyrischen Ichs dabei, das meinem lyrischen Ich die Hohnrübe schabt und grinst: »Ätsch! Das ist nun Euer Hochwohlgeboren berühmter Mai. Mich dünkt: es schneit. Wollt Ihr nicht ein Gedicht verzapfen?«

Aber das lyrische Nebenseelchen ärgert sich nicht im Geringsten über Bruder Rauhbein, und es zwitschert:

Schnei', Himmel schnei'!
Es ist doch Mai;
Der Schnee will nichts bedeuten.
Er liegt nur dünn,
Und unter ihm hin
Hör' ich den Frühling läuten.

Du wirst Dich wundern, daß ich jetzt so ungenirt drauflostanze mit allerhand Versfüßen, und ich muß gesteh'n, daß ich selbst einige Beängstigung darüber empfinde, aber es ist nun 'mal so, und ich kann's nicht ändern: seit einiger Zeit skandire ich nicht unbeträchtlich.

Ich habe alles Mögliche dagegen versucht.

Zuerst einfache physische Mittel: Ich kniff mich zornig in's Bein, wenn mich's dichterte. Resultat: meine schwache Seele fühlte sich Märtyrerin und dichtete gluthvoll weiter.

Dann das Mittel der Ertödtung des Geistes nach dem Rezepte der asketischen Heuschreckenesser in der Wüste: ich haspelte mechanische Wortreihen (z. B.: »der heutige Effektenmarkt zeigte dasselbe Gesicht wie gestern, nicht sauer und nicht süß«), wenn's über mich kam; aber es ging mir nicht besser, als den guten Asketen: Die Teufelinne erzeigte sich nur noch lockender.

Schließlich verfiel mein antilyrisches Ich darauf, das lyrische zu parodiren. Aber dieses war charakterlos genug, sich darüber zu amüsiren und unentwegt weiter zu harfen.

Kurz und gut: es hilft nichts. Nur die Zeit kann hier heilen. Sie wird ihre Schuldigkeit thun. Fieber wollen ausgeschwitzt sein. Punktum.

Aber das ist es eigentlich nicht, wovon ich Dir schreiben wollte.

Wovon ich Dir schreiben will, das ist der Stammtisch zum Ring in der Westentasche.

Unser guter Stilpe hat mich dieser Tafelrunde des Gottes Momus zugeführt. Er durfte es umsomehr, als ein gutes Drittel dieser Tafelrunde Korpsbrüder von uns sind. Ich bin ihm auch recht dankbar dafür, denn der Ring in der Westentasche hat mich mancherlei gelehrt, was werthvoll zu wissen ist für Einen, der auszog, zu freien, ohne damit seine Freiheit verlieren zu wollen.

Ich lasse alles Unwesentliche weg und gebe Dir nur den Extrakt des Abends an diesem momischen Tische.

Stilpe, in seiner alten, hyperbolischen Art, die wir schon an ihm bestaunten, als er seine Gabe hauptsächlich an Mensurdetails und Tingeltangeleusen-Intimitäten übte, gab mir zuvörderst eine Erklärung dieses Tisches.

»Wisse,« sprach er, »es ist gut, daß der Mann zuweilen einen nackten Goldfinger habe. Zu diesem Behufe besitzt er eine Westentasche, die nämlich auf der linken Seite über der Uhrtasche. Niemand hat noch den Zweck dieser von allen Schneidern der zivilisirten Welt wie in Folge eines Meistereides unfehlbar und ausnahmlos angebrachten Tasche ergründet, bis unser kleiner Piepgras, der schon zur Zeit seiner Aktivität ein scharfsinniger und problemwälzerischer Kopf gewesen ist, dahinterkam: Diese Tasche ist dazu da, daß man zuweilen den Ehering in ihr verschwinden lasse. Kaum, daß er dies dem Gehege seiner Zähne (Du weißt, es ist etwas lattenschief) entlassen hatte, umgrunzet ihn eine Ovation, in der jedes Wort ein Lorbeerkranz, jedes Ausrufezeichen ein Ehrensäbel war.«

Ich: Bitte: Wer brachte Piepgras'n diese Ovation dar?

Stilpe: Na, wir doch! Wir!

Ich: Bitte: Wer wir!?

Stilpe: Na, die gesammte Alte-Herrei, was hier ein Bein hat, und noch ein paar andere Staatsbürger von derselben Observanz. Heißen Doktoren, Magister gar! Auch Richter und des Staates Prokuratoren! Kurz und gut: lauter Wohlbestallte und Ehrenfeste, Vielgelehrte und Eingeaichte. Dein Auge wird sich senken vor dem Schimmer ihrer Glatzen, und Deine Nase wird es ein üppig Bad heißen, ihren Athem zu saugen.

Ich: Stilpe! Hast Du noch immer diese Grammatik am Leibe?

Stilpe: Mehr denn je spreche ich die Sprache derer, die mit Frucht in den Büchern der Alten gelesen haben, denn es ist genug, daß ich die schwarze Livrée dieser graugräulichen Zeit am Leibe tragen muß. Proh pudor, daß ich auch mauluniformirt wäre!

Schließlich sprach er aber doch ernsthaft über dies Alles, und ich brauchte nicht erst angestrengt zu lauschen, um ein innerliches Unbehagen heraus zu hören: »Gott ja, es hat was Fatales, das Leben ohne Perspektive nach außen oder nach innen. Wir ackern fast alle fremdes Land. Da ist der Würz. Arzt ist er, aber er paßt dazu wie der Igel zum… Du weißt schon. Er wäre ein tüchtiger Landwirth. Dann der Burgkmayr. Amtsrichter. Du lieber Gott! Was ist ihm Justitia? Er hatte Lust und Zeug zum Offizier. Prellerhahn! Ich bitte Dich: der Mann ist Staatsanwalt! Mit seiner inwendigen Güte, mit seinem auf's Aesthetische gerichteten Sinn! Ein feiner Kunstgelehrter wäre aus ihm geworden. Das sind die Persönlichkeiten, und die sind eigentlich bedauernswerth.

Die Uebrigen… na ja: »Prosit, die Blume« und »Fangen wir einen Lachs!« Gerade wie damals, als noch der Bierzipfel baumelte.«

Ich: Aber sie sind doch Alle verheirathet?

Stilpe: Das will ich meinen! Gründlich! Voll und ganz! Aber das ist ja eben der Kitt des Stammtisches.

Ich: So, so!? Dann bin ich allerdings gespannt.

Stilpe: Wieso das?

Ich: Weil ich nämlich auch heirathen will.

Stilpe: Mann! Mann!!… Lern' schleunigst unser Lied vom Korps Suovia:

Sus heißt das Schwein,
Ovum das Ei,
Suovia drum Schweinerei.

Ich: Ich versteh' Dich nicht.

Stilpe: Du wirst schon.

Und ich habe.

Peter: es war traurig.

Ich will nicht viele Worte machen. Es widersteht mir, die alten Kameraden zu kritisiren. Aber ich kann mir nicht helfen, einen Ausruf muß ich wenigstens von mir geben: Was hat das Leben aus diesen Korpsburschen gemacht! Sie sind so kümmerlich geworden, so, ich weiß nicht, so stier vor sich hin, ohne Zuck und Ruck, so mit der Nase nach der Erde, so gräßlich anspruchslos hinsichtlich ihrer selbst.

Vielleicht sag' ich am kürzesten: so philisterhaft, so spießerlich. Und doch war auch ihnen das Leben einmal bunt wie ein Kartenspiel, und die Mütze saß ihnen im Nacken, und sie schlugen mit der Faust auf den Tisch, wenn es hieß: Frei ist der Bursch! Daß Gott erbarm', wie hat sich das geändert.

Alt geworden,
Kalt geworden,
Schmeer geworden,
Leer geworden.

Da sitzen sie nun allwöchentlich an diesem Stammtische und tragen ihren Ehering in der Westentasche und reißen Zoten, daß ein Unteroffizier erröten könnte.

Freilich: sie sind sonst um so würdiger und gemessener, und der Abend ohne den Ring, das ist nur so das Ventil, das 'mal aufgemacht wird, damit die gefährlichen Dünste aus dem Kessel können.

Gewiß, gewiß: Ein Zötlein in Ehren soll Niemand wehren. Aber… aber… Nein! Das ist eine blamable Art, unanständig zu sein. Und, wenn wenigstens herzhaftes Vergnügen dabei wäre. Aber Prinz Sauertopf sitzt auf dem Präsidentstuhl. Als sie jung waren, und sie sangen im Chore:

Auf der Lüneburger Heide ging ich auf und ging ich unter,
Bruder, pump' mir Deine Liebste, denn die meine ist nicht munter.
Valleri, vallera,
Schatz, Du weißt es ja.

worauf ich heute bloß »et caetera« reimen will, da lag Kern und Gesundheit in der lockeren Art. Aber heute, während die »Frau Gemahlin« sich daheim im staatlich gesegneten Bette dehnt?

Was geht's mich an! Sehe jeder, wie er's treibe!

Aber, nicht wahr, die Frage wird mir doch wohl gestattet sein: wo bleibt der sittigende Einfluß der Frau? Ich hörte, irr' ich nicht, doch immer sagen: »Laßt nur den Most steigen und schäumen! Es wird die Frau kommen und mit dem Schaumlöffel der Weiblichkeit den schmutzigen Gischt wegschöpfen.« Die guten Damen haben wohl gerührt, statt zu schöpfen. 

Den Gipfelpunkt erreichte mein Aerger an diesem Abende, als der Stammtisch zum Ring in der Westentasche ganz unvermittelt anfing, moralisch zu werden, wie es denn die Eigenthümlichkeit der Deutschen überhaupt zu sein scheint, daß unter der Sauglocke gesittepredigt wird, – vermuthlich zur Stärkung der unruhigen Gewissen.

Prellerhahn begann nämlich aus heiterem Himmel von moderner Kunst und Literatur zu reden, und nun erhob sich ein Hin und Her der Meinungen, ein Auseinanderfalten und Ausklopfen alter, uralter ästhetischer Schlafröcke, daß ich förmlich den Moder roch.

Ich konnte mich nicht enthalten, dem würdigen Stammtische zu sagen: »Früher war't Ihr für dies Thema überhaupt nicht zu haben. Das war bös. Jetzt aber bequatscht Ihr es, meine Freunde, – das ist gräßlich. Denkt an das heilige Schweigen Eurer Jugend und redet nicht von Dingen, für die Euch der Sinn fehlt.«

Prellerhahn lächelte sein sauerstes Lächeln. »Mein guter Graunzer«, sagte er, »wir behandeln dies Thema in dem Style, wie er uns geläufig ist. Wir sind deutsche Patrioten und kennen unsre Pflicht. Es war ein Mann der lebte in Weimar, hieß Goethe und übte das Geschäft des Dichtens aus. Der hat uns unsern Weg gezeigt:

Wenn Werke sich zeigen,
Erst tödtliches Schweigen;
Dann hämisches Kritteln
Mit üblichen Mitteln;
Dann Nasenrümpfen
Und weidlich schimpfen;
Endlich darf nicht fehlen
Heimlich bestehlen.«

Sprach's und trank, und an der Tafelrunde war ein Staunen.

Was hatte er denn, der Prellerhahn? Sprach er nicht eben in Versen? Und war er nicht auf dem Umwege über Goethe etwas grob?

Stilpe war es wieder einmal, dem das Wort der Rettung kam. Er erhob sich und sprach: »Mein lieber Bruder z. R. i. W.! Ein guter Freund von uns hat es soeben gewagt, unser heiligstes Recht anzutasten, das Recht auf's Quatschen. (Wahr! Wahr! Leider!) Ein Genosse unsres engeren Kreises und, was den Fall noch krasser macht, ein Staatsanwalt sogar, hat diese Rechtsbeleidigung geradezu sanktionirt, indem er sich unqualifizirbarer Versäußerungen eines Mannes bedient hat, der durch seinen lockeren Lebenswandel ebenso historisch geworden ist, wie durch seine nicht viel würdigere Poesie. Dies Unterfangen, das des Freundes und das des Bruders, ist einfach unmoralisch. Machtmittel dagegen haben wir nicht, aber wir haben ein Mittel, den üblen Eindruck dieses Attentates wegzuschwemmen durch den Geist des R. i. W.! Auf, meine Brüder, laßt uns singen das Lied vom Korps Suovia!

Sus heißt das Schwein,
Ovum das Ei,
Suovia drum Schweinerei!

Und feierlich brauste der Jubelgesang…

***

Ich ging mit Prellerhahn und Stilpe zusammen nach Hause. »Gott ja«, sagte Stilpe, »wenn man einen Stein in einen Sumpf wirft, giebt's bloß kleine Ringe.«

»Und um den Stein ist's dabei schade«, meinte Prellerhahn dazu.

***

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatt' ich seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder moralischen Katzenjammer für andere Leute.

Heute noch reis' ich weiter. Nach Altenburg. Find' ich dort keine Frau, so bin ich doch sicher, den besten Ziegenkäse der Welt zu essen.

Dein
Pankrazius.

XVI.
Herr Pankrazius Graunzer macht eine Reise in's Altenburgische, wo er nach dem Prinzip der Zuchtwahlauslese eine mit besonders schätzbaren Vererbungsfaktoren ausgestattete Gattin zu finden hofft. Was ihm dabei widerfahren ist, meldet er seinem Freund, dem Staatsanwalt Dagobert Prellerhahn, in verschiedentlichen Briefen.

Erster Brief an Dagobert.

Altenburg, im Juni.

Staatsanwalt meiner Seele!

Lebst Du noch, oder hat Dich der Ring in der Westentasche in die Pleiße geworfen für Deine Frivolität, in Goethischen Zungen zu reden?

Armer, lieber Dagobert! Warum hängst Du nicht den Talar des Staatsanwaltes an den Nagel und wirst ein Anwalt des deutschen Geistes?

Staatsanwälte, so will es mir scheinen, haben wir ausreichend, Geistesanwälte viel zu wenig, wenn sich auch jeder Leitartikelauswalzer dafür hält. Und dabei wird der deutsche Geist in diesen Zeiten beleidigt, besudelt und verunstaltet, daß es ein Jammer ist.

Du hättest das Zeug dazu, die Sünder wider diesen heiligen Geist mores zu lehren. Aber statt daß Du ihnen, die gewürdet und gewappelt und die lautesten Mäuler im Tempel der herrschenden Gottheit sind, den Prozeß machst, mußt Du allerhand kleinen armen Teufeln das Fell lausen und mußt ein wichtig Gesichte noch gratis dazu machen. Bei der klappernden Waage der Gerechtigkeit:

Wunderlich am hohen Himmel
Durch der Sternchaussee Gewimmel
Lenkt das Fatum sein Karriol…

Fatum fatalitatum! Im Grunde sind wir Alle bloß Steineklopfer am Straßenrande, und die Karrossen des schaffenden Lebens rasen an uns vorbei.

Sollen wir mit unseren Steinen nach ihnen werfen?

Das ist bedenklich, und uns Heutige dilettirt's just nicht, den Vorhang der Revolution aufzuziehen.

So sollen wir also krummrückig und mit klammer Hand die Straße flicken?

Das wollen wir eben nun auch nicht. Dazu sind wir nun doch zu wählerisch geworden, wir hinaufgekommenen Mittelständler.

Revolution sowohl wie Frohnde überlassen wir dem Bruder Proletarier, dem wir übrigens bloß im Geiste die Hand drücken.

Offen gestanden: die Situation ist nicht sehr edel, und zu unserer Entschuldigung haben wir das Wort Dekadence erfunden. Lieber krank, als verkommen. Das ist der Rest unsres Ehrgefühls.

Was mich persönlich betrifft, so hab' ich auch in diesem Punkte das Vergnügen, zwei Seelen zu besitzen, die sich nicht ohne Leidenschaft in den Haaren liegen. Manchmal begehrt die Eine auf und schreit nach Barrikaden, aber die Andere dreht sich müde um im warmen Bette und brummelt: »Laß' mir mei' Ruh'! Ich mag net!«

»Vorwärts!« schreit die Eine. – »Quieta non movere!« bismarckt die Andere. Worauf die Eine sich folgenden Vers gemacht hat:

Was ruhig filzt, das störe nicht,
Laß' ruhig weiter filzen,
Es ist durchaus nicht förderlich
Die Reinlichkeit den Pilzen.

Und jede von Beiden führt gewichtige Gründe in's Feld, zwischen denen zu entscheiden keine leichte Aufgabe meines innersten Ich's ist, von dem ich durchaus nicht genau weiß, wo seine Sympathien liegen. Fast glaub' ich, es ist mehr für den konservativen Part, denn schließlich: Barrikaden hab' ich noch keine gebaut, aber dafür wirft mein Quietismus Bollwerk nach Bollwerk auf, sich abzuschließen vom Lärm des Werdens.

Möglich, daß hinter ihnen der Streit in mir erst recht entbrennen wird, und so viel ist sicher: ich bilde mir wenigstens ein, daß ich ein inwendiger Evolutionist bin:

Tragt Stein auf Stein zum Bau der Zeit:
Ich bau' mich;
Thürmt Thürme für die Ewigkeit:
Ich bau' mich;
Schleift spiegelblank die Menschheit glatt:
Ich bau' mich;
Ich bin der blauen Pläne satt:
Ich bau' mich.

Was für ein Bau das wird? Wozu sind die Götter da! Ich glaube kaum, daß ich selber den Thurm daraufsetzen werde. Vielleicht gelingt das dem, dem ich jetzt die Mutter suche.

Du kennst ja den Zweck meines kombinirten Rundreisebillets, und, wie Du darüber nicht lachst, wirst Du auch nicht über den Spezialgrund dieses altenburgischen Abstechers lachen.

Höre: eine Stunde südlich von der Stadt Altenburg hat mir der zuweilen gütige Himmel einen Freund beschieden, der ein veritabler Baron ist. Denke!

Dieser Freund und Baron nun weiß gleichfalls von meinem Plane, und seine Freundschaft hat beschlossen, mir bei seiner Vollführung behilflich zu sein. Er schrieb mir nach Leipzig in einem Briefe Folgendes:

»Vielleicht, daß ich das mir Angenehme mit dem Dir Nützlichen verbinden kann, wenn ich Dich einlade, mich hier zu besuchen. Nicht nur, daß ich Dir wahrscheinlich einige landwirthschaftliche Rathschläge werde geben können, deren Du sicherlich bedarfst (denn man sattelt nicht so leicht vom Schreibtischsessel auf den Ackergaul um), sondern ich hoffe auch, Dir vielleicht dazu verhelfen zu können, wonach Du augenblicklich aus bist. In meiner Nachbarschaft nämlich ist eine Frau von Z. ansässig, die eine Tochter von jetzt fünfundzwanzig Jahren hat, von der man sich in den Kreisen meiner Bekanntschaft nur Gutes zu erzählen weiß, so daß ich mich wundere, daß sie noch nicht unter der Haube ist. Der Grund liegt vielleicht darin, daß ihr verstorbener Vater aus einem bestimmten Grunde, den ich Dir persönlich mittheilen werde, sehr unbeliebt war. So was bleibt manchmal lange hängen. Hierzu kommt, daß beide Damen durchaus zurückgezogen leben. Ich selbst habe auch keinen eigentlichen Verkehr mit ihnen, aber ich könnte es leicht arrangiren, daß wir einmal bei ihnen einfielen.

»Jedenfalls: Komm! Ich bilde mir ganz bestimmt ein, daß ich mir hier den Kuppelpelz verdienen werde. Komm!«

Du wirst den Gedanken vermuthlich etwas phantastisch finden und meinen guten Baron für eine Art altenburgischen Don Quixote halten. Ich muß gestehen, daß mir die Sache selber ein Bischen nebulos vorkommt. Aber diese merkwürdige Bestimmtheit seiner Zuversicht frappirt mich, und dann ist mir diese ganze Idee überhaupt sehr sympathisch.

Und nun kommt der Punkt, bei dessen Traktirung ich mich Deines Ernstes versichern möchte, weshalb ich denn vorhin schon meine Zuversicht aussprach, daß Du nicht darüber lachen wirst.

Nämlich: der Gedanke, eine Adelige zu heirathen, besticht mich.

Es ist heraus! Wenn mir morgen früh um die Zeit Deiner Morgenpost die Ohren klingen, weiß ich, woran ich bin, und Dein Gelächter hat Dich um meine Freundschaft gebracht.

Das glaubst Du nun freilich nicht. Aber höre! Ich kalkulire so: Es ist, was auch die Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit-Leute dagegen sagen mögen, kein schlechtes Ding um die gute Abstammung. Gewiß, es läuft manch' zweibeiniges Argument gegen diese Behauptung herum, und es fehlt unter Leuten von unzweifelhaft guter Abstammung und tadelloser Kinderstube nicht an unzweifelhaften Hundsföttern und Schafsköpfen. Aber im Ganzen wäre es sinnlos, zu leugnen, daß die Vortheile einer besseren Auslese doch beim Adel sind. Ma auch hie und da ein Kutscher oder sonst was lendenstramm Unterthäniges mit eingestreut sein in die Ahnenreihe: das andauernd gute Milieu, die höhere Freiheit, das gewisse Maß von Herrschaftsbefugniß, die Uebung der Waffen, dann auch das engere Zusammengehörigkeitsgefühl mit einem Stück eigener Erde, das höhere Bauerngefühl also, – all' das muß, so mein' ich, wenn nicht überwiegende Gegenmächte, wie das Bedientenleben bei Hofe, das Klettern an der schlüpfrigen Protektionsstange, die Einbreiung in den Bureaukratismus, die allzu große Verleitung zum Aeußerlichen und zu leerer Dünkelhaftigkeit, schädigend eingewirkt haben, doch einen gewissen Fond guter Gaben in einem adeligen Geschlechte ansammeln.

Auch der Geist darf im Ganzen als wenigstens nicht unter pari fundirt angesehen werden, denn wenn auch der heutige Adel im Allgemeinen mehr die Waden, als das Gehirn kultivirt, so war das doch nicht immer so, und wir haben Zeiten gehabt, in denen die Aristokratie wenigstens im zweiten Treffen der geistigen Kämpfer stand.

Gut also. Dies angenommen (und ich muß nochmals sagen: mir scheint diese Annahme durchaus berechtigt zu sein, so schwer es uns auch fällt, uns aus dem Banne der sozialdemokratischen Lyrik: »Alle Menschen, gleich geboren, sind ein adelig Geschlecht« loszumachen), also: dies angenommen, wirst Du mir Recht geben, wenn ich sage: versuchen wir's wenigstens 'mal mit dem Von. Führt's zu nichts, schadt's auch nichts. Sehen wir uns das Burgfräulein 'mal an!

Und in diesem Sinne bin ich denn hierhergefahren.

Zunächst in die Haupt- und Residenzstadt, die ich schon von früher her kenne und die mir sehr wohl gefällt. Es steckt Historie d'rin, und Reichthum ist um sie herum, und es fehlt auch nicht an Schönheit der Natur, wenn es auch mehr eine nahrhafte Schönheit ist, will sagen eine solche, die den Hauptton auf das Futtertüchtige legt und eigentlich malerische Extravaganzen verschmäht.

Vorderhand seh' ich mir die Stadt von allen Seiten, am liebsten aber von oben, vom Schloßberg, an und warte nur auf meinen Baron, der mich im Wagen hier abholen wird.

Ich werde Dir weiter berichten, was mir im Lande Altenburg geschieht.

Heilige Felicitas bitt' für mich!

Dein
Pankraz.

Erstes Zwischenstück,
aus welchem der Leser Einiges von dem erfährt, was der Staatsanwalt Dagobert Prellerhahn über Herrn Pankrazens zuchtwählerische Pläne denkt.

Leipzig, den 6. Juni.

Meinen besten Dank, lieber Pankraz, für Deine gute Meinung, aber Deine schmeichelhaften Bemerkungen können mich nicht davon abhalten, Dir zuzurufen: Pankraz, Du bist im Begriff, auf einen Leim zu kriechen, der zwar parfümiert, aber darum nicht weniger aus alten Knochen gemacht ist, wie jeder andere.

Auf das Sumpfgefrorene Deiner Vererbungstheorie will ich Dir nicht folgen.

Ich sage Dir bloß das Eine: entweder ist das altenburgische Fräulein aus der Mélange, d. h. aus dem Adel, der aus irgend welchen Gründen schon theilweise verbürgerlicht ist, und dann ist es schon besser, Du suchst Dir eine richtige Bürgerliche, oder aber: sie ist aus dem starren Adel, und dann rath' ich Dir: nimm die Beine unter'n Arm und flieh.

Mit diesen Leuten sich verschwägern, heißt auswandern. Das ist eine andere Welt. Andere Gefühle, andere Sprache, ander Blut. Sie können sich noch so sehr anstellen, als wären sie unsersgleichen, aber es ist nur Maske. Die Einbildung der Kaste ist der Kern ihres Wesens, um den wir sie nicht beneiden wollen, der aber ihr Stolz ist und bleibt.

Ohne ihn wären sie auch nichts, oder wenigstens nicht viel, mit ihm sind sie was, – aber das Was ist unser Feind.

Geh' mir doch mit solchen Plänen! Das ist atavistisches Zeug und, nimm mir's nicht übel, auf dem Misthaufen gewachsen. In der Stadt fliegt Einem derlei kaum mehr an, und das ist ein Vortheil der Stadt. Wir haben die Herren hier aus der Nähe kennen gelernt und gesehen, daß ihre Adelsschilde heutzutage von eitel Pappe sind. Und die Gescheidteren unter ihnen wissen das und stellten das Pappenwerk in die Ecke.

Dein
Dagobert.

Der zweite Brief an Dagobert.

Birkicht im Altenburgschen,
am 8. Juni.

Aber Dagobert!

Was ist Dir in die Bürgerkrone gefahren?

Ein Staatsanwalt, der wider den christlichen Adel deutscher Nation den flammenden Federhalter zückt –: ecce miraculum.

Jetzt glaub' ich wirklich an Zeichen und Wunder.

Aber Recht hast Du trotzdem nicht.

Ich will Dir nicht langschürig erzählen, warum Du nicht Recht hast, denn da Du von Berufswegen an Repliken gewöhnt bist, würden wir nie fertig werden. Ich sage nur soviel: was auf dem Miste, d. h. auf dem Lande, wächst, ist besser, als was auf den Steinen, d. h. in der Stadt, wächst, – das Mistwachsen ist mir lieber, als das Mißgewachsene. Und: wenn der Adel, wie nicht geleugnet werden soll, zum sehr großen Theile mehr die Blüthe am Baume der Menschheit darstellt, so ist just der Umstand schuld daran, daß er vielfach entbauert, d. h. entwurzelt ist. Die Leute, von denen Du sprichst und über die ich nicht viel anders denke, wie Du, das sind die Parallelerscheinungen zu dem Ackerknecht, der in die Stadt zieht und Dienstmann wird. Draußen ein freier, herrlicher Schlag, drinnen verkümmertes Zeug.

Hier mein Baron Birkicht, das ist ein Edelmann nach meinem Sinne. Landjunker, amtlos, frei und herrlich – ein adeliger Mensch.

Mit Mutter Kunst steht er auf demselben guten Fuße, wie mit Mutter Erde. Sie geben ihm beide das Beste, was sie haben. Sein Korn ist so gut, wie seine Thoma's, und seine Bibliothek kann sich gerade so sehen lassen, wie sein Kuhstall.

Sein Leib lebt nach der alten brav probaten Landadelregel:

Säe Körner Aegidi,
Haber, Gerste Benedikti;
Säe Flachs und Hanf Urbani,
Wicken, Rüben Kiliani,
Viti Kraut,
Erbsen Gregori,
Linsen Philippi Jakobi;
Grab' Rüben Vincula Petri;
Schneid' Kraut Simonis und Judä;
Fang' Wachteln Bartholomäi;
Bleib' Stuben Kalixti;
Trag' Sperber Sixti;
Heiz warm Natali domini;
Iß Lammsbraten Blasii;
Guten Häring Oculi mei;
Heb' an Martini,
Trink Wein per circulum anni.

Daneben aber hat er auch einen Kalender für seine kunstfröhliche Seele, und Sanctus Apollo Musagetes hat bei ihm verschiedene Altäre, – nur daß er, Gottlob, nicht selber in schlechten Versen oder üblen Bildern opfert.

Wirst Du glauben, daß dieser Junker alljährlich nach München fährt, Bilder zu kaufen, und daß er allvierteljährlich große Buchhändlerrechnungen zu begleichen hat?

Du machst schon den Mund auf zur Replik. Mach' ihn nur wieder zu. Lass' mir meine Freude an dieser einen Schwalbe, wenn sie auch noch keinen Sommer macht.

Morgen fahren wir nach Praxhausen zu den Z.'schen Damen.

Dein
Graunzer.

Zweites Zwischenstück,
in dem der merkwürdige Staatsanwalt Prellerhahn wiederum am Adel kein gutes Haar läßt.

Leipzig, am 9. Juni.

Jetzt wird mir's zu bunt, Krazi! Also auch in diese Schlinge gehst Du? Der Adel, der sich für Kunst »interessirt«! Na, ich danke!

Weißt Du, Deinen altenburg'schen Junker will ich Dir nicht nehmen, ich will mich nicht lächerlich machen und bestreiten, daß auch hier Ausnahmen möglich sind.

Im Allgemeinen aber sage ich Dir das: Der deutsche Adel heutiger Zeit hat zur Kunst überhaupt kein Verhältniß, höchstens das minervaverfluchte des Dilettanten.

Möglich ist nur das Eine, daß er wieder 'mal eine Rolle spielen will auf Kosten der Kunst. Er kann nichts weiter, als begönnern, aber auch das nur in einem schwächlichen Sinne. Auch ist seine Gunst nichts mehr werth, denn er hat keine Macht. Und das ist gut. Denn eine adelbegönnerte Kunst, eine von diesem Adel begönnerte Kunst, wäre eine Kunst für höhere Hausknechte, eine Kunst zwischen Trennseilen, eine flügelbeschnittene Kunst für den Salonkäfig.

Weißt Du, wie der Kammerherr von Seckendorff am 12. April 1776 über die Weimarer Dichter an seinen Bruder schrieb, damals, als unsere große Literatur im Werden war? »Ces messieurs paraissent s'augmenter chaque jour« – »Diese Herren«, – darin liegt's: Die da, die Eindringlinge!

Ach, geh' mir mit dem Interesse unserer Adeligen für Kunst. Das hätte nur Werth, wenn unsere Adligen Potenzen wären. Es ist, wenn es einmal in die Erscheinung tritt, nur die angeborene Dreistigkeit, überall mitthun zu wollen. Vielleicht langweilt's den Einen oder Andern einmal, Rekruten zu kommandiren, und so wollten sie's mit Dichtern, Künstlern versuchen. Ich finde das impertinent, denn dieses Unterfangen steht zu den Fähigkeiten dieser Leute in einem zu großen Gegensatze.

Ja, wenn sie bescheiden wären, wie es sich für sie gebührt, wenn sie sagten: Seht, wir können zwar nichts, aber wir haben Geld, Namen, Anseh'n und wollen damit der Kunst dienen, ohne ihr befehlen zu wollen, – à la bonheur! Dann seien sie willkommen, wie jeder Kunstfreund, auch wenn er bloß Lehmann heißt; aber mit ihren unverschämten Aspirationen soll man sie zum Tempel hinausjagen auf ihre Exerzierplätze, in ihre Landrathsstuben, wo ihrer Aufgaben harren, denen sie gewachsen sind.

So, da hat Du meine Meinung über Deinen kunstfördernden Adel, vor dem alle neun Musen unsre Kunst in Gnaden schützen mögen.

Ich bin Dein
Dagobert.

Der dritte Brief an Dagobert.

Birkicht, den 10. Juni.

Mein lieber Dagobert!

Man höre, mein Freund, die Geschichte,
Wie ich sie Dir treulich berichte,
Die Mär' vom Besucht bei Frau v. Z.
Und was für ein End' er genommen hätt'.

Also… aber nein: Zuerst ein Hymnus auf Birkichts Frühstückstisch. Freilich, ich kann nur lallen:

Göttlicher Kaffee himmlischer Sahne
Selig gepaart,
Goldener Honig auf blond-weicher Semmel,
Schmelzend und zart,

und nun, weil die Verse 'mal laufen, gleich weiter im Text:

Leis in der Linde
Harfen die Winde,
Über die Gräser streichelt ein Weh'n,
Waldvogelrufe,
Scharrende Hufe,
Heute, mein Herz, will ich freien gehn!

Nimm das als Ouverture. Ich hätt' es auch in Prosa sagen können, aber wenn mir die Dinge gar so liebenswürdig um den Bart gehen, wie gestern früh (solche Sahne giebt's überhaupt nur im Altenburg'schen!), dann kann ich mir nicht helfen, dann muß ich mit geprägten Worten zahlen. Es ist mein Pech, wenn die Prägung zu wünschen übrig läßt.

Du meinst, es wär' Dein's, weil ich Dir das Geprägte in die Hand drücke?

I, so schmeiß' es doch weg, aber schimpf' nicht!

Aber nun ungeprägt und ruhig im Trabe auf Schuster's prosaischen Rappen: wirklich himmlisch war die Fahrt durch Birkicht's Reich. Der wachsende Segen rechts und links machte uns fröhlich, und wir sangen sogar, – ein schönes Lied:

Huhjahuh!
Die Pferde laufen immerzu,
Huhjahuh!
Sie laufen immerzu.
Der Gottlieb auf dem Bocke
Bläht sich in seinem Rocke,
Der Rock, der ist ihm viel zu groß,
Im Winde flappt der rechte Schooß.
Huhjahuh,
Er flattert immerzu.

Gottlieb fühlte sich etwas genirt durch diesen anzüglichen Gesang in seinem Rücken, aber richtig war's doch: Sein rechter Rockschooß flog im Winde, und da er roth gefüttert war, nahmen wir das als ein gutes Omen.

»Du wirst seh'n, Pankrazi, ich bringe Dich heute unter die Haube. An einem solchen Tage gelingt so was immer«, sagte Birkicht.

»Nee, nee, Du, ich finde, das Wetter ist zu schön für so 'was. Da liegt kein Styl d'rin. Es müßte Packstrippen regnen, dann hätt' ich Mum dazu. Aber so: das ist die reine Suggestion von oben: Geht hin und mehret Euch. Es fehlte bloß, daß heute der Tag der heiligen Felicitas wäre.«

»Was für 'ne Dame ist denn das wieder?«

»Das ist die heilige Fürbitterin für Leute, die einen Sohn haben wollen. Also meine eigentlichste Patronin.«

»Heute brauchst Du sie nicht. Heute geht's auch so.«

»Nee, nee. Aber na ja: Wenn's heute sein soll: gut! Sag' 'mal, Du kennst also Fräulein von Zurwenken nicht persönlich?«

»Paar 'mal gesehen. Ich sage Dir ja: Zwei Einsiedelweiber. Ihr Gut ist ihre Welt.«

»Hm. Also wohl so'n bischen sehr duster? Du verstehst mich: nicht gerade übermäßig gescheidt?«

»Was fällt Dir ein! Beste Erziehung! Damenstift! Da fehlt nichts! Auch nicht etwa ungesellig, unangenehm! Gar nicht! Bloß… na, ich will Dir's erzählen.«

»Das ist wohl was Grausliches?«

»I, nein doch! Also: der alte Zurwenken hat es, ein richtiges Original, wie er war, verstanden, sich mit aller Welt in Unfrieden zu setzen. War ein wunderlicher Kauz, Prozeßhengst, laudator temporis acti. Die Welt war ihm nicht mehr recht, die Nachbarn erst recht nicht. Und furchtbar adelstolz war er. »Nur nicht das Blut verdünnen!« war sein Wort.«

»Und in so 'ne Familie führst Du einen pp. Graunzer als Freiersmann? Ich bin ja die Verdünnung in Person.«

»Du sollst ja auch nicht den seligen Herrn Vater heirathen. Dem hättest Du allerdings nicht genügt, selbst wenn Du mit einem tadellosen Von behaftet wärst. Für ihn gab es nur etwa drei Familien im Altenburg'schen, die er für zweifelsohne hielt. In allen übrigen war nach seiner Meinung, die er leider auch aussprach, »Verdünnung von unten«. Und das ist der Grund gewesen, weshalb er sich mit aller Welt verfeindete.

Der gute Gneomar – Gneomar hieß er! – wußte nämlich von jedem Hause was. Dort war im siebzehnten Jahrhundert mal was mit einem Kutscher gewesen, da hatte um die Mitte des sechzehnten ein Stallknecht verdünnend gewirkt, und wieder wo anders war ein Komödiant nachweisbar als derjenige welcher.«

»Na: hatte Gneomar denn Recht?«

»Hie und da wohl, aber meistens waren es doch bloß alte, unbeweisbare Geschichten.

Es war geradezu sein Sport, solche zu sammeln. Und hatte er eine, so sorgte er schleunigst dafür, daß man sie erfuhr. Und zwar auf drastische Weise.«

»Schieß los!«

»Z. B.: Er trifft einen Herrn von X. Zufällig. In der Residenz vielleicht. Auf dem Markte.

Fünf Schritte vor ihm bleibt er in seiner ganzen Länge stehen, zieht sein Stiellorgnon, hebt's langsam an die Augen, nimmt's wieder ab, schüttelt den Kopf und sagt nichts als: Merk–würdig!

Der andere natürlich auf ihn los: »Was ist merkwürdig!«

Gneomar nimmt wieder die Stielbrille hoch, sieht sich den Mann wieder an, schüttelt wieder den Kopf und sagt wiederum: Merk–würdig!

Nun der andere, schon sehr wütend, nochmals: »Was, wenn's beliebt! Was!?«

D'rauf Gneomar: Die Hände! Diese Hände! Oh! Oh! Sind das adelige Hände?

Nun der X. wieder: »Was unterstehen Sie sich! Wollen Sie wohl belieben, deutlicher zu sein?«

Und nun Gneomar auf's Gelassenste! »Das sind Kutscherhände, mein Herr, rothe, dicke, ungeschlachte Kutscherhände in der fünften Generation.«

»Sie sind verrückt!«

»Nein, ich bin unterrichtet!«

»Zum Teufel, wovon sind Sie unterrichtet!«

»Daß Ihr Urgroßvater ein Kutscher war und Leberecht Lampe hieß.«

»Gottvoll! Gottvoll!« Ich mußte lachen.

»Jawohl, gottvoll, aber das Ende war natürlich ein Hin- und Hergeschieße und später die völlige In-die-Acht-Erklärung Gneomars. Mein Vater war zuletzt der Einzige, der noch mit ihm verkehrte, und auch der that es nur, weil er den Alten für übergeschnappt hielt.«

»Und so ging's bis an's Ende Gneomars?«

»Bis an's Ende. Und bis über sein Ende hinaus. Denn auch die Wittwe und die Tochter sind wie in Gesellschaftsacht. Der Alte hat zu Viele beleidigt.«

»Hm. Und Du meinst nun aber, daß Frau und Fräulein v. Z. nicht denken, wie der Alte gedacht hat?«

»Ja, das mein' ich. Und ich meine weiter noch, daß sie sehr froh sein werden, wenn ein Freier kommt. Eben, weil keine Hoffnung besteht, daß von hier einer kommt.«

»Danke bestens. Pankraz als faute de mieux. Du bist doch ein Baron!«

»Du!! Aber Du verstehst mich ja doch! Du sollst ja auch nur mal hinseh'n. Kein Mensch zwingt Dich, auch nur einen Ton von Deinen Plänen zu reden. Ich denke einfach: so ein Mädchen aus alter Grundbesitzersfamilie müßte nicht übel als Frau für Einen gelten, der ein Bischen zu wenig Bauernblut in sich hat und der doch ein Bauer werden will.«

»Du hast Recht. Das bestärkt mich ja in dem Plane, und es wäre mir sogar ganz recht, wenn das Fräulein ein Bischen die Siebenzinkige fühlte. Ich verlange gar nicht allzuviel Annäherungstrieb. Du weißt schon. Wir wollen getrennt Hof halten. Und gerade auch das wird eine Adelige eher verstehen, denn das ist ja ein Vorzug der Aristokraten, daß sie weniger an Sentimentalität, am Bedürfniß nach Gefühlen leiden, als wir von der Bourgeoisie, die wir just darum sowohl gegen oben, wie gegen unten im Nachtheil sind. Die gewisse Gefühlsbreiigkeit, die das deutsche Bürgerthum auszeichnet, das ist seine Hauptschwäche.«

»Du möchtest einen Leitartikel reden, Alter, aber es wird Dir nicht gelingen. Dort, das alte Dach mit der Moosdecke, da, hinter den schönen Buchen, das ist das Zurwenken'sche Haus. Wir werden gleich am Parkthor sein.«

***

Ich habe meiner alten Gewohnheit, zu tagebücheln, ein Bischen arg gefröhnt, indem ich Dir das ganze Gespräch hier wiedergegeben habe; ich that es, weil ich Dir damit am besten auf Deinen Brief zu antworten glaubte, und weil es mir als eine sehr heilsame Manier erscheint, sich den hinabgerollten Tag noch einmal im Worte fest zu halten. Ob ich's in einem Brief thue oder in einem Tagebuche, das bleibt sich gleich. Das Bild steigt noch mal auf, Du überblickst es ruhig und kritisch (was Du der Wirklichkeit gegenüber fast nie kannst) und nun weht es langsam fort von Dir, wird kleiner und kleiner, jetzt in den Konturen verwaschen, dann auch in der Farbe schleirig, und dann ist es weg.

Ich werde meinem Sohn das Tagebücheln angewöhnen. Es ist eine Haus- und Kammerkunst, feiner und werthvoller als Laubsägen und Holzbrandmalerei – sogar dem Klavierspielen ist es vorzuziehen.

***

Und nun zu unserem eigentlichen Besuche im Hause der beiden Damen von Zurwenken.

Das Parkthor (ein altes schönes schmiedeeisernes Thor mit einem sehr feinen Lilienornamente, hoch, vornehm, reich) war verschlossen. Der Glockenzug war abgerissen. Gottlieb klatschte daher gebieterisch mit der Peitsche.

Nach einer guten Weile erst kam ein alter Diener in sehr abgetragener, ganz altfränkischer Livree und in Kanonenstiefeln (!) den Buchengang herunter auf das Thor zu, blieb zehn Schritt vor dem Thor stehen und rief unwirsch aus: Wer ist da? Wer will hier was?

Gottlieb antwortete darauf mit Würde: Der Herr Baron von Birkicht ist da mit dem Herrn Dr. Graunzer aus Berlin!

Darauf der Alte in den Kanonenstiefeln Kehrt und langsam den Buchengang hinauf. Langsam!

Wir sahen uns an und lachten. Gottlieb hustete vor Empörung und murmelte was vor sich hin.

Nach wieder einer guten Weile kamen die Kanonenstiefel das zweite mal auf das Thor zu. Diesmal kamen sie bis an das Thor heran, und der kleine Alte, den sie, so schien es, vermöge eines sinnreichen Mechanismus vorwärts bewegten, zielte mit einem alten großen Schlüssel auf das Schlüsselloch.

Kein leichtes Ding das, hat man den Tatterich! Und der Alte hatte ihn.

Fünfmal zielte er vergeblich, das sechstemal traf er in's Loch. Aber, wenn damit die Partie gewonnen gewesen wäre! Nun galt es den Schlüssel zu drehen.

Der Altfränkische gab sich redliche Mühe. Erst mit der rechten Hand allein, dann unter Zuhilfenahme der linken, schließlich hing er seine ganze Leiblichkeit, inklusive der Kanonenstiefel, an den Schlüssel. Vergeblich.

»Gottlieb, hilf!« sagte Baron Birkicht, und Gottlieb kletterte vom Bock. Nachdem es gelungen war, den Schlüssel wieder herauszuziehen, galt es, ihn herauszureichen. Pech! Sein Bart war zu dick, das Gitter zu eng. Der Altfränkische mußte ihn über's Thor werfen. O ja, das ist leicht gesagt, aber, mein Lieber, das Ding war schwer, und das Thor war hoch. Der unselige Lakai sprang und schwang und nahm Anlauf, was weiß ich, kurz, es gelang nicht.

Da, eine schrille Stimme aus dem Hintergrunde: »Lebe recht!«

»Gottegotte, Gotte nee!« keuchte der Alte, »die Gnädige ruft! I der verfluchte Schlüssel! I das verdammte Thor! I Du Luder, Du!«

»Lebe recht!«

Es war, als gäbe diese Stimme dem Alten übernatürliche Kräfte. Er schwang zweimal den rechten Arm, der Schlüssel flog hoch und richtig: er blieb oben an der obersten Lilie hängen.

»Gottegottegottegotte« jammerte der Alte, machte Kehrt und ließ sich von seinen wild gewordenen Kanonenstiefeln den Gang hinauftragen.

Da aber riß unserm Gottlieb der durchgescheuerte Faden der Geduld. Er fluchte, grunzte, zog seinen Rothgefütterten aus, spuckte in die Hand und begann, an den schmeideeisernen Lilien emporzuklettern.

Es wirkte belustigend und symbolisch auf mich. So kletterte, ein philologischer Lakai, unser Konrektor einst am hohen Gebäude eines sophokleischen Tragödie empor.

Er, nämlich Gottlieb, war just oben angelangt, da rauschte etwas Seidenes den Gang herunter, und es erschien eine lange dürre Dame in einem geblümten Seidenkleide. Spitz den Zeigefinger auf Gottlieb gerichtet, die Augen aber auf Birkicht, rief sie: Was macht der Lümmel da?!

Birkicht entschuldigte sich, Gottlieb erreichte glücklich das Schlüsselmonstrum, aber nun war auch seine Contenance zum Teufel, er ließ sich los und rutschte mit seiner ganzen Vorderseite (ein schmerzlicher Anblick) die schmiedeeisernen Lilien herunter. Ein Glück, daß nur ein paar Knöpfe platzten, es hätte auch seine Nase draufgehen können. Indessen: den Schlüssel hatte er, und nun war etwas immerhin gewonnen.

Gottlieb schloß auf, wir schritten durchs Thor.

Frau von Zurwenken (denn das war die Seidene) zeigte sich gnädiger, als wir nach ihrem Entrée erwartet hatten.

Dem Baron gab sie sogar die Hand.

Der erzählte nun eine Geschichte, daß ich über seine Erfindungskunst staunte. Ich hörte mit Verwunderung, daß ich ein berühmter Historiker sei, der augenblicklich Altenburg bereiste, um Spezialforschungen anzustellen und er, Birkicht, hätte mich hier einführen wollen, weil im Familienarchiv derer von Zurwenken wichtige Dokumente auch von allgemeinem Interesse sein möchten.

Die Gnädige schüttelte das Haupt: »Unsere Dokumente, lieber Baron, können nicht eingesehen werden. Die Geschichte unserer Familie ist die Geschichte unserer Familie, und nur unsre Familie soll diese Geschichte lesen!«

Alberne Schachtel! dachte ich, und ich sah in Birkichts Augen, daß er dasselbe dachte.

In Worten aber drückte sich dieser Gedanke bei ihm so aus: »Oh, oh, wie schade, gnädigste Frau. Aber natürlich: die Anschauungen Ihrer Familie gehen vor. Ich bitte vielmals um Verzeihung, daß wir so viel Störung verursacht haben, wir wollen…«

»Aber, lieber Baron, ich bitte sehr! Sie stehen auf unserm Grund und Boden! So schnell dürfen Sie nicht fort, Sie, der Sohn des einzigen Freundes meines Gneomar. Nein! Nein! Wenn wir auch leider nicht in der Lage sind, Ihrem gelehrten Freunde unser Archiv zu öffnen, so wollen wir doch nicht ermangeln, Sie und ihn freundlichst in unserm Hause zu bewillkommnen.«

Ist denn keine Versenkung hier, dachte ich bei mir selber; ist denn keine Flucht möglich? Soll ich bei lebendigem Leibe aufgeredet werden?

Und Birkicht dachte dasselbe, aber er sprach wie folgt: »Zu gnädig, gnädigste Frau, wir fürchten indessen, lästig…«

»Nicht doch, nicht doch. Sie wissen, meine Tochter und ich sind stets erfreut und werden stets erfreut sein, wenn Sie, der Sohn des einzigen Freundes meines Gneomar, unser Haus besuchen, und mit Ihnen jeder, der sich Ihrer Freundschaft erfreut und dadurch auch unserer freundlichen Gesinnungen stets sicher sein kann.

Lebe recht!«

Die Kanonenstiefel galoppirten herbei.

»Geh' dem da zur Hand!«

»Der da« war Gottlieb.

»Clothilde wird sich herzlich freuen, lieber Baron, wenn sie sieht, wen ich bringe. Sie malt eben.«

Es war, wie wenn eine eiserne Hand plötzlich aus den Riesenwipfeln herabführe und mir eine schallende Ohrfeige versetzte.

Sie malt! Clothilde malt! Hörst Du Birkicht! Clothilde malt! Und in diesen Abgrund hast Du mich gelockt! An diesem herrlichen Tage! Pfui! schäme Dich, Birkicht!

Schließlich schlägt sie noch die Harfe und singt dazu Hausmacherballaden!

Ooooh!

Birkicht mußte mir meine Verzweiflung ansehen, denn er beeilte sich, mir zu zeigen, wie völlig unbekannt er mit dieser künstlerischen Neigung Clothildens sei, indem er im Tone des größten Erstaunens sprach: »Wie, sie malt? Mir völlig neu! Oh, ich bin gespannt.«

Ich auch! grunzte meine Seele.

Na mein Lieber, wir sahen, was sie malte!

Die Gnädige führte uns geradenwegs in das jungfräuliche Atelier, und wir hatten die Ehre und das Vergnügen, Fräulein Clothilde zu erblicken, noch ehe sie selbst unserer Gegenwart gewahr worden war.

Wir sahen also zuvörderst eine lange (sehr lange), schmale (sehr schmale) Rückseite eines weiblichen Wesens, das in verschossenen blauen Sammet gekleidet war und sich eines lang hinabwallenden Haupthaares erfreute, wie weiland Absalon, der Königssohn.

Aber während jener Prinz, schätz' ich, hebräisch-schwarzhaarig gewesen ist, war Fräulein Clothilde eine von jenen Blondinen, für deren Haarfarbe man das Prädikat ›impertinent-blond‹ geprägt hat.

Weißt Du, so ein rostiges Roth, das man sich fürchtet anzugreifen, weil man bangt, es könnte elektrische Schläge austheilen.

Ich will nichts gegen dieses Roth sagen. Es kann eine schöne Sache sein. Unzweifelhaft. Aber auf dem verschossenen blauen Sammt sah es himmelschreiend aus. Wie eine Milchstraße von Sommersprossen auf einem blaugesottenen Aal. Und dabei schaute es her, wie wenn es vom Theaterfriseur bezogen wäre.

Es führte mir sogleich die Assoziation zu: Clothilde hat auch vorn Sommersprossen. Und richtig! Wie sie sich umwendete, war das Erste, das ich sah, daß ihre Haare gewissermaßen durchgefärbt hatten, durch den ganzen Kopf hindurch, bis vorn auf Stirn und Backen.

Sie wandte sich also um. Die Gnädige hatte die Glasthür, durch die wir das Farbenduell Verschossenblau contra Rostroth gesehen hatten, aufgeklinkt, und dieser Ton hatte Fräulein Clothilde einen Ruck gegeben.

Alle Wetter, was machte das Malmädchen für ein paar wüthende Augen. Ich wollte gewettet haben, daß sie was Unliebenswürdiges sagen wollte, aber, wie sie neben der Gnädigen uns Zwei sah, versüßte sich das gesprenkelte Antlitz, und es flossen die allerholdesten Worte von den Lippen, die eben noch das Sprungbrett für ärgerliche Töne sein sollten.

Daß ich es nun mit einem Worte sage, welchen Eindruck Fräulein Clothilde auf uns machte: Sauer.

Wäre ihr Wappen nicht alt genug, ich gäbe ihr einen Holzapfel hinein. Vielleicht einen kandirten Holzapfel, denn sie geberdete sich süß genug. Aber man merkte zu schnell, daß das bloß Ueberzug, Zuckerbäckerarbeit, nicht Natur war.

Uebrigens; schlechte Zuckerbäckerarbeit war auch ihre Malerei. Alle guten Geister! Eine Ritterdame mit einem Falken hatte sie hingestrichelt, daß man hätte um Gnade flehen mögen.

Siehst Du, Alter, wie ich das ah, da sagte ich mir: das gute Dresdener Gänschen mit ihren Häkelgreulichkeiten und dieses federnarme Wappenpfauweibchen mit seinen Pinselgreueln, das ist im Grunde dieselbe unvornehme Spezies moderner Weiblichkeit; oder: Beide sind gleichwerthige Nuancen auf dem fatalen Bilde dessen, was man heute Weib nennt.

All' das Gemächte, was sie hervorbringen, hat den gemeinsamen Zug des absolut Gewöhnlichen. Dort der Sumpf der Gemüthlichkeit, hier ein Gänsegeschnatter in Farben.

Und mit so was soll ich das glorreiche Geschlecht der Graunzer fortzeugen?

Eher Eunuch!

Jetzt wirst Du wohl befriedigt sein, Staatsanwalt mit dem Bürgerstolze.

Aber es war wirklich keine Gefahr vorhanden, daß die Häuser Graunzer und Zurwenken sich vereinigten. Denn sobald Dame Clothilde vernommen hatte, daß ich vonlos war, ward ich für sie wesenlos.

Es war, als wenn jede einzelne ihrer Sommersprossen mit entgegenflammte: Geh' Er in die Gesindestube!

Nicht so, daß man mich unartig behandelt hätte, – gewiß nicht. Aber im Tone der Worte, im Lächeln der Lippen, in den Bewegungen des Kopfes war mir gegenüber ein gewisses Etwas von Abschätzigkeit, das nur ein Dickhäuter nicht hätte fühlen können.

Dem guten Birkicht war das sichtlich fatal, denn er hatte wohl eine Weile die Empfindung, ich möchte mich darüber ärgern, aber schließlich genoß er wie ich nur den Humor davon.

Freilich! es giebt bessere Humore. Dieser da war halt auch – sauer, und das soll der Humor nicht sein. Es war ihm zu viel Mitleid beigemengt.

Mein Gott, dacht' ich mir, Essig statt Blut in den Adern zu haben, muß doch recht unangenehm sein, und sei es immerhin – blauer Essig.

Aergerlich war mir nur, daß wir den schönen Frühlingstag so schnöde verloren hatten.

Als wir heimfuhren, sangen wir nicht mehr Hu – ja – juh, sondern redeten tiefsinnig und nicht ohne Melancholie von dem Thema Adelsmensch.

Als ich aber einmal gesagt hatte »Das Adelsmensch«, da bat ich den herrlichen Baron doch um Verzeihung und machte mir selber Vorwürfe darüber, daß, wie ich nun merkte, wirklich der Bürgerliche in mir sich hatte beleidigt fühlen können, während ich doch anständiger Weise immer bloß Mensch hätte bleiben und als solcher lächeln und verzeihen sollen.

Die armen Zweie!

Es hat mich maulhenkolisch gemacht.

Dein
Graunzer.

Uebrigens! Du bist ja der leibhaftige Feuerspeier wider den christlichen Adel deutscher Nation. Dir muß 'mal ein ganz infamer Bursche mit einem Pappewappen über den Weg gelaufen sein, denn, weißt Du, sehr objektiv klingt Dein Gezeter nicht. Da grollt irgend ein böses Erlebniß heraus, das noch nicht in Humor marinirt ist.

Staatsanwalt! Mensch! Philosoph! Wie kann man so ungerecht sein! So kleinlich ungerecht! Geh, laß den Burschen laufen, der Dich geärgert hat. Lach' hinter ihm her und schimpf' nicht auf Alle, die seines Standes sind.

Ich hab' 'mal einen »Rath an einen Riesen« gelesen; der hieß so:

Sie machen die Luft Dir dumpf und schwer,
Die zeternden Zwerge?
Lach' ihnen Abschied! Fahr' über das Meer,
Steig' über die Berge!
Doch ehe Du gehst, nimm einen am Ohr
Und schüttel' ihn leise.
Weh, Riese, der den Humor verlor!
Glück auf die Reise!

Beutel den, der Dich ärgert, aber sei gerecht!

P. G.

XVII.
Ein Stück aus Herrn Graunzers Reisetagebuche, wunderlich überschrieben: Pas de deux getanzt von meinen verehrlichen beiden Seelen.

Die Eine: Unser guter Graunzer macht ein übel Gesicht die letzte Zeit her. Was fehlt ihm wohl?

Die Andere: Aeh, – Du machst ihm Kopfweh!

Die Eine: Also ich! Sehr schön! Ich! Wäre der Mann nicht so unklar, ich würd' ihn fragen, wer von uns beiden ihm beschwerlicher fällt: ich, die Wünscherin, oder Du, der Sandsack, Du, der Geist der Schwere, Du mit dem ewigen Leierliede: Lassen wir's beim Alten!

Die Andere: Sagten Sei was? Bitte: Schimpfen Sie ruhig weiter! Ich weiß, was ich weiß; ich weiß, was ich soll; ich weiß, was ich will; ich thu', was ich muß!

Die Eine: Und das wäre?

Die Andere: Ich weiß, daß Graunzer ein Sitzfleischmensch ist; ich weiß, daß ich ihn am Herumgehupf hindern soll, wozu Sie ihn gerne verleiten möchten; ich weiß, daß ich deshalb seinen höchstehrenwerthen Trieb nach dem Kanapee kräftigen will; ich thu', was mir dies Wissen, Sollen und Wollen gebietet.

Die Eine: Und ich werde mein Möglichstes thun, Euch entgegenzuwirken, Verehrteste, und wenn ich Raketen abbrennen sollte unter dem pp. Graunzerischen Sitzfleisch. Springen soll er wie ein blutlustiger Floh, der Brave, und seien Sie sicher, ich werde für Stecknadeln in dem Kanapee sorgen, auf das er sich etwa niederlassen sollte. Ich!

Die Andere: Hähä! Mir gehört er, der Pankraz! Und wenn er erst eine Frau hat, wird er noch mehr mir gehören.

Die Eine: Aber er wird keine Frau haben!

Die Andere: Wettern?

Die Eine: Ich wette bloß mit anständigen Leuten.

Die Andere: Das nehmen Sie zurück!

Die Eine: Fällt mir nicht ein!

Die Andere: Sie sind ein…

Die Eine: Was bin ich?

(Sie gerathen sich in die Haare und walken einander. Aus dem Unterbewußtsein dröhnt ein gewaltiges Quos ego! Pankrazius begiebt sich in eine Weinstube und ertränkt seine beiden Seelen in drei Flaschen Burgunder Nuits.)

***

Regiebemerkung zu diesem Ballet: So darf nicht weitergetanzt werden! Bei dieser Kampelei geht Alles in die Brüche. Man muß eine neue Prima Ballerina anstellen. Das Weibsvolk hat keine Zucht mehr.

***

Nein, auch ohne Bild gesprochen: so geht's nicht weiter! Diese unselige Idee mit dem Heirathen hat mich aus Rand und Band gebracht.

Das Beste wäre, ich geb' ihr den Abschied. Es ist ja ein Unsinn! Ich finde ja doch nicht, was ich suche.

Und, zum Teufel, braucht man zu einem Sohne denn eine kopulirte Frau? Thut's nicht auch eine andere?

Pfui, Graunzer! Du bist doch ein Gutsbesitzer! Wie kann man so wenig Stilgefühl haben! Eine wilde Ehe, ein bloßes Multiplicaminiverhältniß, das geht in der Stadt, bei Literaten, Künstlern und andern Anarchisten, aber auf dem Lande, nein da geht's nicht, – wenigstens doch nicht so offiziell coram Hansjörg und Christiane! Abgelehnt! Wir bleiben bei der Stange der Moral.

Ha, wie das wohlthut! Ja ja, gute Thaten wirken belebend, wie Magenbitter!

Also nun weiter herumgefahren in der Welt und eine Frau gesucht?

Scheußlich! Scheußlich!

In was für schmierige Töpfe werd' ich noch greifen müssen!

— — —

Wie wär's, wenn ich bloß führe und nicht suchte?

Vielleicht fänd' ich gerade dann?

Sehr schön gesagt, Pankrazi! Sehr schön gesagt und leidlich paradox!

Alle Achtung!

Aber es bleibt bei der neuen Prima Ballerina?

Es bleibt dabei…

Hol's der Teufel!

XVIII.
Her Pankrazius Graunzer reist nach Nürnberg, badet sich in Deutschthum, lernt eine seelenfeste Wittwe kennen und berichtet über all dies seinem Freunde Peter Kahle in mehreren Briefen.

Der erste Brief aus Nürnberg.

Mein vielgeliebter Peter!

Du bist schwarz-weiß-roth, und ich bin schwarz-weiß-roth, und wenn uns Beide Jemand Reichsfeind nennt, so bismarcken wir ihm eins, daß er sich's künftig überlegt, einem teutonischen Teufel auf den Schwanz zu treten.

Denn, nicht wahr, wir waren Beide fünfzehn Jahre alt, wie der große Rummel losging, zu dem der glorreiche Junker die Pauke schlug, und wir haben es als Fühlende miterlebt, wie der Sturm die deutschen Völker zusammenfegte, und so was bleibt in der Seele sitzen.

Also: wir lieben das Reich, und wir wollen nicht von ihm lassen.

Aber, wenn wir uns recht auf Herz und Nieren prüfen, ich glaube, wir müssen uns dann gestehen, daß ein recht dicker Bodensatz von Nichtbehagen am Grunde dieser Liebe liegt.

Du lieber Gott, bei festlichen Gelegenheiten, wenn die Flaggen wimpeln, da sieht es ja recht lustig aus, das Reichsgebäude, aber, wenn die Fahnen eingezogen sind, hol' mich der Teufel: wie nüchtern und rissig dann die Fassade herschaut. Schießscharten sind ihr hauptsächlicher Schmuck, und die Bedeutung des Bajonetts als Ornament wird uns recht blitzend ad oculos demonstrirt. Aber eigentlich deutsch sieht mir das nicht aus.

Ich möchte wissen, was Goethe sagen würde, sähe er diese Unteroffiziersarchitektur. Und wenn er gar hinter die Fassade sähe…

Gott behüte mich vor Nörgelei, aber mein Deutschgefühl kommt nicht ganz auf seine Kosten in diesem deutschen Reiche.

Mir kommt das Alles so ohne deutsche Seele vor, es ist Alles so über einen Leisten geschlagen, Alles so abgerichtet und nach der Paradelinie gezogen, ich sehe zu wenig persönliche Kanten, zu viele Uniformen und zu wenig Menschen.

Sieh Dir 'mal, bitte, Berlin an. Ein Allerweltsnest, aber keine Hauptstadt des Deutschthums.

Und unsre Kunst, zumal die angewandte, die Kunst im Leben, und unsere Literatur (ich fürchte mich, Dichtung zu sagen), soweit sie in irgend einem Grade populär ist, unser Theater, – Gott steh' mir bei: ist das nicht Alles eine Karrikatur der deutschen Art?

Nein, wer heute Deutschthum genießen will, muß aus der Gegenwart und möglichst weit von Berlin weg fliehen.

In alten Städten, wo deutsches Wesen einmal reich lebendig gewesen ist, sehen wir mit Staunen, was für Kerls unsere Vorfahren gewesen sind, und was für einen Abrutsch wir gemacht haben, wir, die wir mehr als die Deutschen irgend einer anderen Zeit das Wort deutsch im Munde führen. Mauldeutsch sind wir, nicht herzdeutsch.

Nirgends aber wird uns der nationale Abrutsch so deutlich, wie in Nürnberg, nirgends anderswo weitet sich so Dein Herz im Stolzgefühle, einer großen Nation, wenn auch nur als verkrüppelter Enkel, anzugehören, wie hier. Aber die Scham ist der Schatten, den dieser Stolz wirft, und ein Schubiak wäre, wer in diesem Schatten ruhen wollte.

Darum hat ein Aufenthalt in dieser alten, herrlichen Burgstadt deutscher Großart etwas Aufpeitschendes, so angenehm er uns auch mit Träumen umgiebt, und so wohl er es uns in diesem Träumen sein läßt.

Wir müssen wieder auf eine solche Volkshöhe, wie es die war, auf der eine solche Kunst, ein solches Leben, eine solche Stärke, Echtheit und Klarheit gedieh.

Das war deutsche Kultur, das war Wohnen in deutschem Geiste, das war deutsches Leben.

Diese Leute, die das hinterlassen haben, waren nicht schneidig, die waren mannhaft, aber fein dabei, ganze, freie, schaffende Menschen, ihrer selbst bewußt, Herren aus eigener Art, Herren auf eigenen Wegen, Kerls mit Gesichtern, nicht Puppen mit Larven.

Jeder Erkersäulenknauf hier spricht, wo im Neudeutschen ganze Straßen nur eine geschwollene Phrase sind.

Ich glaube, jeder Schuster, auch wenn er nicht Hans Sachs hieß, fühlte zu jener Zeit hier mehr deutsche Kunst, als heute ein, sagen wir 'mal, um uns nicht zu vergaloppiren, Geheimrath.

Wird's besser? Es giebt gläubige Seelen, die's behaupten, und ich habe von ferne allerlei Kunden vernommen, als rege es sich in der jüngeren Generation, nachdem sie durch mancherlei Sümpfe, deren Namen immer auf -ismus endigen, geschritten ist, wieder zu einem schaffenden Leben im heiligen Geiste der alten deutschen Kunstkraft, die die Welt verstand aber sich selbst nie vergaß.

Wenn dem so ist, dann Heil diesen Jungen!

Es wäre herrlich, wenn unsern alten Tagen eine neue Wiedergeburt, eine deutsche Renaissance modernen Gepräges beschieden wäre.

***

So. Da hätt' ich mein alt' Steckenpferd wieder 'mal galoppen lassen.

Sei mir nicht böse d'rum!

Zuweilen muß ich mir Luft machen, und wenn ich Dürer sehe, möcht' ich am liebsten schreien und vor Freuden um mich schlagen.

Schreiben wollt' ich Dir eigentlich von was Anderem. Nämlich…

Ja, nämlich!

Höre!

Ich glaube, ich habe sie!

Du fragst doch hoffentlich nicht: Wen?

Es wäre über die Maßen scheußlich von Dir, wenn Du so zu fragen vermöchtest.

Wenn ich »sie« sage, so meine ich jetzt stets meine Zukünftige, genauer gesagt, die Mutter meiner zukünftigen Kinder. (Gott, Du, wenn das mütterlicherseits Nürnberger, quasi Dürersche Kinder wären, – es wäre herrlich! Ein Bischen krank' ich doch noch am Glauben an die Vererbungstheorie, die mich in die Nähe der rostroth Säuerlichen geführt hat, von der ich Dir kurz berichtet habe.)

***

Ich war natürlich nicht nach Nürnberg gefahren, um hier eine Frau zu suchen.

Im Gegentheil, ich wollte mich auf ein paar Tage von dieser schrecklichen fixen Idee befreien, die mich furchtbarer Weise in Klau' und Krallen hat.

Und ich dachte auch richtig an nichts Schlimmes die ganze Zeit, war vielmehr rechtschaffen glücklich im Anschauen dieser altjungen deutschen Herrlichkeiten, die sich um so köstlicher ausnehmen, da der Frühling sie umwoben und in grünen Banden hat.

Mit jungem Grün schmückt sich der Mai;
Das blickt so zag
In den hellen Tag,
Als ob es fremd auf dieser Erde sei.

Nun ist es freilich schon Juni, aber wenn es mir recht frühlinglich zu Muthe ist, mai't mich's. Das muß ein lyrischer Atavismus sein, und ich empfehle es strebsamen jungen Literarhistorikern als ergiebiges Thema, nachzuforschen, worauf sich die Mai-Wuth der deutschen Dichter und Lyrikdilettanten zurückführt.

Uebrigens hinderte mich mein Maigefühl nicht, mit besonderer Freude zu beobachten, wie aus einem Fenster der alten Kaiserburg ein salva venia Nachttopf in den Wallgraben entleert wurde, mich muthete dieser sonnenbestrahlte Guß vielmehr angenehm charakteristisch, mittelalterlich ungenirt an, gerade so, wie es mir ein kräftiges Bild der Vergangenheit gab, als ich auf einem Theile der alten Burgmauer die königlich bayrischen Artilleriepferde das Gras abrupfen sah, das aus den alten Mauerritzen herausgrünt. Die guten bayrischen Jungen in ihren Drillichjacken sahen zwar weder wie Ritter, noch wie Knappen aus, aber doch gut deutsch derbe, und, je nun, ich that dazu, was fehlte, und freute mich des Bildchens.

Das ist überhaupt so köstlich hier, daß das Leben schöne Bilder giebt.

Wie wunderbar sich der alte Thurmwächter auf der Burg machte, der, seine Pfeife schief im Mundwinkel, durch seine Luke heruntersah auf die giebelige Stadt.

Er winkte mir.

Ich soll hinauf und auch mit auf die Dächer gucken? Aber natürlich! Warum denn nicht?

Und nun eine halbe Stunde oben durch die Luken geschaut.

Wie das Alles schön ist, da unten. Das Roth der Giebel, das Grün des Frühlings, die schönen Formen der reicheren unter den alten Gebäuden, das Thurmwerk da und dort, dann ein Blick in die wimmelnden Gassen, – nah und ferne schönes Bild an schönem Bilde.

Nur eines störte mich: auf einem Giebel eine wunderlich unschöne, schwarz berußte Statue. Also auch unsere Altvorderen waren nicht ganz frei von jenem ruppigen Naturalismus, der es nicht versteht zusammenzufügen, der bloß zu kopiren, nicht zu schaffen weiß… Wie ich näher hinsah, war's ein lebendiger Essenkehrer, der nur eben stille stand. Mir fiel, wie ich diesen Irrthum gewahrte und mich freute, daß der Kerl lebendig und kein schlechtes Stück Kunst war, einiges über Naturalismus ein, diese Stimmwechselperiode der Kunst, die mit den Rüpeljahren zusammenfällt. Meine Gedanken verdichteten sich in einen kleinen Spruch, dessen Mittheilung ich in Hulden hinzunehmen bitte:

Ein jeder Mann hat seine Rüpeljahr';
Der wird kein ganzer Kerl, der nie ein Rüpel war.
Nur freilich, daß es geht, so wie man's treibt:
Mancher sein Lebtag bloß ein Rüpel bleibt.

Wie ich den Thurm wieder hinunter und dann hinab in die Stadt ging, hatt' ich mich so in die Einbildung des alten Nürnberg hineingelebt, daß ich mich schier wunderte, einen Spazierstock und nicht einen Spieß in der Hand zu tragen:

Mit meinen Speeren
Will ich Dich ehren,
Mit meinen Schwerten
Will ich Dich werthen,
Mit Stechen und Hauen
Will ich Dir trauen,
Herr Feind!

Ein guter Zufall wollt' es, daß ich in der Sensenschmiedgasse an einem kleinen alten Hause vorüberkam, in dessen Erdgeschoßstube sich zwei junge Jongleure übten. Sie hatten abgeschabte Trikots an und machten erstaunlich ernste Gesichter, während sie sich die Messingkugeln zuwarfen.

Da hatt' ich nun auch fahrende Leute zu meinem Bilde.

Ich wurde unglaublich vergnügt, ich fühlte mich so herzhaft fröhlich deutsch, und ich ging in's Bratwurstglöckle und trank mit Dürer und Hans Sachs Bruderschaft.

Was wunderbar Heimliches hat die Schenke, die sich an die Kirche anschmiegt. Sie klebt an dem großen Gebäu, wie die Balgtreterstube an der Orgel, und wenn ich das Glas an den Mund setzte, that ich's mit Bälgetreterwichtigkeit.

***

Hm, ja: Mit dem Glauben fängt's an windig zu werden im Reiche, aber der Durst ist der alte geblieben.

Stimme aus dem Kruge: Das macht, weil ihn kein Geistlicher reformiren hat woll'n.

Hm, ja: Wenn mit dem Glauben nur nicht auch die Kunst flöten gegangen wäre!

Stimme aus dem Kruge: Hat eine Religion die andere mitgehen heißen.

Hm, ja: Vielleicht müssen wir auf's Neue glauben, um auf's Neue eine richtige Kunst aus dem Grunde wieder zu bekommen?

Stimme aus dem Kruge: Mathematik thut's freilich nicht.

Hm, ja: Ob es dazumal, als das deutsche Wesen blühte, in Deutschland wohl auch das gab, was man heute vergeblich sucht: Weiber, die wirklich Weiber sind, Weiber aus dem Grunde, bloß Weiber und ganz und gar nichts anderes als Weiber?

Stimme aus dem Kruge: Man möcht's wohl glauben, wenn man »Das Große Glück« des großen Albrecht sieht. Aber sicher ist: es gab Männer dazumal, wirklich Männer.

Hm, ja: So sind denn also auch wir in der Décadence, wir Deutschen…?

Stimme aus dem Kruge: Mumpitz! Neurasthenisch seid Ihr, aber Pfarrer Kneipps Gießkanne wird Euch wieder auf den Damm bringen, sie und ein Bischen Willensstämmigkeit. Die Décadence ist bloß ein literarischer Tric. Uebrigens keiner von den unamüsanten. Er mußte kommen, nachdem Euch der Naturalismus abgelaust hatte.

Hm, ja: Ich dächte, wir gingen hinüber in's Posthörnlein, zum Wein?

Stimme aus dem Kruge: Das woll'n wir! Hoho! Auf und an! Willensstämmig!

***

Ja, mein lieber Peter, das sind so Balgtreterstubengespräche.

Ich hätte sie im Posthörnlein, dieser uralten und urgemüthlichen Weinstube, sicherlich fortgesetzt, maßen der Rapport zwischen mir und dem Mann im Kruge ganz außergewöhnlich gut war, aber ich traf dort, ganz wider Erwarten, meinen alten Institutskameraden Paul Posser, der in dieser schönen Stadt das schöne Gewerbe eines Pinseldilettanten betreibt, und mit diesem mir sehr lieben Manne hatt' ich zu viel zu erzählen und zu berichten, als daß ich fürder mit dem Krügler hätte Zwiesprach pflegen können.

Da das Gespräch mit Posser für meine augenblicklichen Pläne ganz besonders wichtig geworden ist, möcht' ich Dir gerne sogleich darüber berichten, zumal, da Du wahrscheinlich begierig bist, den Kommentar zu meinem »Ich glaube, ich habe sie« zu erfahren; aber dieser Brief ist bereits so über alle Maßen in die Breite gegangen, daß ich ihn billig schließen muß, denn meine Finger sehnen sich vom Federhalter weg

Zum Kruge, dem blanken,
Dem Bauch voll Gedanken.

Und was für eine schöne Nacht heut' über dem alten Nürnberg liegt! Ich muß zur Burg hinauf, mir anzusehen, was der Mond zu Nürnberg sagt, und dann in's Posthörnlein wiederum hinab, zu lauschen, was der im Kruge zu meinen letzten Erlebnissen meint.

Ueber diese selbst morgen.

Ich bin Dein fröhlicher
Kraz.

Der zweite Brief aus Nürnberg.

Also nun, mein lieber Peter, das Eigentliche! Du mußt mir die lange Einleitung dazu im vorigen Briefe schon nachsehen. Wer käme hier nicht in's Schwärmen!

Heute will ich aber nach Möglichkeit an mich halten und bloß zur Sache, will sagen: zur Frau verwittweten Matthäi, geborenen Frankebeil reden.

Das ist nämlich sie.

Ah, eine Wittwe! Ich sehe Dich grinsen, mein Bester, aber laß nur, es ist nichts Grinserliches an dieser Wittib.

Mein guter Freund Posser also hat das Verdienst, mich auf diese vortreffliche Wittfrau aufmerksam gemacht zu haben.

Ich hatte ihm natürlich erzählt, aus welchem Grunde ich augenblicklich die Welt befahre, und so kam es, daß er plötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch schlug, mich mit den bekannten Augen, die was offenbaren wollen, ansah und dann schier feierlich sagte: »Mannmensch, den Pelz verdien' ich mir!«

»Was für einen Pelz, wenn ich bitten darf?« erwiderte ich.

»Den Kuppelpelz«, sagte er.

Darauf wiederum ich: »Paul, die Sache ist penetrant ernsthaft! Es könnte sein, daß ich sehr grob würde, wenn Du in dieser Angelegenheit ein Späßchen mit mir machen wolltest.«

Nun aber Posser ganz feierlich: »Mensch und Mann, ich schwöre Dir, ich bin ernster als ein Marabu in diesem Augenblicke. Ich habe wirklich was am Bändel, das ich Dir an den Bettpfosten binden kann.« (Mein guter Paul hat eine etwas wunderliche Redeweise, wie Du siehst. Ich fühle mich aber nicht berechtigt, seine Art, sich auszudrücken, zu korrigiren. Ich liebe die Querschnäbel.)

Du kannst Dir denken, wie ich ihm nun auf's Fell rückte.

Er ließ sich auch keineswegs lange bitten, sondern erzählte mir sogleich ausführlich wer, wie und wo.

Also eine Wittwe. Dreißig Jahre alt. Keine Kinder. Etwas Vermögen. Etwas »Bildung«. Haupteigenschaft: gute Hausfrau.

Alles in Allem also wohl: eine Biederfrau.

Das war nach der Schilderung mein erster Gedanke.

Aber: »erst 'mal seh'n!«

Das war nicht schwer, denn Wittib Matthäi ist die Besitzerin des Hauses, in dem Posser wohnt. Außer ihm und ihr wohnt Niemand weiter dort. Sie hat das Erdgeschoß und den ersten Stock, er den zweiten inne.

Es ist ein hübsches altes Haus hinter der Stadtmauer. Oder besser: Häuschen. Recht schmal und, ich möchte sagen, eingemiedert wie eine dünne Dame steht es da, rechts und links flanirt von robusteren Nachbarshäusern.

Aber es ist entzückend schön, wenn man eintritt. Alles blitzeblank, trotz des Alters. Mn fühlt sich gleich heimisch. Ein Bischen winkelig, ja; aber es ist kein Schmutz in den Winkeln, und für Luft wird wohl gesorgt. Nichts Muffiges.

Ich schloß sofort auf die Wittib und sagte still für mich: sie ist gesund und hat helle Augen, sie schlurft nicht auf Pantoffeln, sondern hat einen guten, hurtigen, gestiefelten Gang.

Da hörten wir sie auch schon. Klapp-klapp-klapp, – ein gutes Tempo. Und dann die Stimme: »Christel! Dem Herrn Posser den Kaffee!«

Christel kam. Sauber, rothbackig, den Kopf hoch, die Augen lebendig. Natürlich schloß ich wieder auf die Wittib, und jetzt kriegte sie was Streng-Mildes, und ich dachte mir: gut Regiment!

Posser ließ uns anmelden. Er stellt ihr alle seine Gäste vor. Also hatte es nichts Auffälliges.

Wir stiegen hinunter.

Angeklopft; drin ein resolutes »Herein«; Thüre auf – ah: Famos! Die richtige deutsche Frau; mittelgroß, mittelstark, schlicht gescheiteltes, blondes Haar; eine gerade Nase; zwei helle, blaue Augen; gesundfarbenes volles Gesicht; die Kleidung einfach, aber so, daß der Gedanke an Aermlichkeit nicht aufkommen kann.

Sie kam uns freundlich entgegen, sicher im Auftreten, ohne viel Gick und Gack und Geknix. Alles gut bürgerlich mit einem unausgesprochenen Selbstbewußtsein: wie ich gewachsen bin, so bin ich; ich hab' mich nicht gemacht, aber ich bin zufrieden, wie ich gemacht bin.

Natürlich zuvörderst die üblichen Verlegenheitsgespräche: ob's dem Herrn in Nürnberg gefällt, woran sich dann das übliche ob der Stadt knüpfte.

Aber all' das hatte doch einen mehr persönlichen Ton, als er sonst bei solchen Gelegenheiten aufgewandt wird. Und je mehr wir in's Gespräch kamen, umso frischer und bewegter ward die Atmosphäre.

Sie konnte gut erzählen und hatte eine hübsche Art, von ihrer Vaterstadt zu reden. Man fühlte Heimathston heraus, und der klingt immer gut.

Also: sie ist ein richtiges Nürnberger Kind. Ihre Familie ist nürnbergisch, soweit man von ihr weiß. Alles was Nürnberg heißt, ist ihr innerlich bekannt. Nur das Modernwerden an der Stadt ist ihr was Fremdes. Sie nennt es – Preußischwerden.

Das gefiel mir nun eigentlich besonders gut, denn es beweist Instinkt.

Kurz: als wir gingen, sagte ich mir: Diese Wittib ist nicht ungeeignet.

Besonders angenehm war mir dabei, daß ich absolut kühl blieb und daß auch nicht eine Spur von eigentlichem Gefühl dabei flackerte.

Das könnte eine wirkliche Verstandsheirath werden! Alles, was nach »Liebe« aussieht, hübsch beiseit', aber Respekt und Wohlgefallen.

Das Erste, was Posser sagte, als wir oben bei ihm wieder angekommen waren, war: »Na?!« Du weißt, dieses »Na?!« der großen Sicherheit, die sich in die Brust wirft und den Dankeshändedruck in würdiger Stellung erwartet.

Das Komplement dazu pflegt ein ausdrucksvolles »Hm!« zu sein, ein »Hm!«, das sagen will: »Jawohl, jawohl, Du bist ein Teufelskerl und hast wieder 'mal den Nagel auf den Kopf getroffen, aber, daß ich eine Hymne singen soll, erwartest Du wohl gefälligst selber nicht!«

Dieses vielsagenden Hms bediente auch ich mich, und das genügte vollkommen, Possern in ein Gefühl behaglicher Zufriedenheit zu versetzen.

Von nun an war er aber auch ganz Beflissenheit und Kuppler.

Ich wollte, sein Pinsel könnte so malen, wie es seine Worte thaten. Er wurde so eifrig in der Besingung der Wittib, daß ich einen Augenblick schier glaubte, eigentlich sei er selber maßlos in sie verliebt, aber als ich eine Bemerkung in dieser Richtung fallen ließ, wurde er grob.

Ob ich ihn für einen Debaucheur hielte?

Ob ich glaubte, er sei ein Viech?

Wenn er verliebt wäre, so würde er doch nicht bei der Wittib wohnen?!

Er sei doch, wenigstens in diesem Punkte, ein anständiger Mensch!

Ich aber sei ein Berliner, ganz einfach: ein Berliner! und leide an moral insanity, wie alle Einwohner dieser infamen Stadt.

Hier aber, in Nürnberg, herrschten, Gottlob! noch die alten deutschen Sitten!…

Er war so wüthend, daß er »teutsch« sagte, und ich hatte nicht wenig Mühe, ihn wieder gut zu machen.

»Nein«, sagte er besänftigt, »ich denke an so 'was nicht. Ich habe das hinter mir. Ich – male jetzt.«

»Wie? Du bist also gewissermaßen ein Pinselcoelibatair, dem die Malerei die ›Liebe‹ ersetzt?«

»Sehr richtig bemerkt. Ich habe in der Liebe meinen Knacks weg und benutze die Kunstliebhaberei als Surrogat.«

Eigentlich schämt' ich mich. Der Mann war doch weiter als ich.

»Aber die Nachkommenschaft?«

»Es ist mir ganz schnuppe, wer meine Bilder erbt.«

»Und Du hast gar keinen Trieb, Kinder zu kriegen.«

»Komisch! Ein Mann kriegt nie Kinder.«

»Dummheiten! Sagen wir: zeugen.«

Da grinste er: »Das Zeugen ist ein Gebiet für sich, und auf dem kann man wildern.«

»Ah, das sind also Deine teutschen Sitten, mein biederer Paul? Pfui! Schlecht und modern, Sardanapal!«

Darauf er: »Ich will Dir was sagen, mein Junge: Der Deutsche ist kein Mönch, sondern vielmehr ein Mann. Die Liebe zwar, die richtige, die einweibige, die mit dem Ring am Finger, die ist ihm heilig, – aber wenn er die nicht haben kann, dann geht er noch lange nicht hin zum Bader und sucht sich das Messer, welches am schärfsten ist, sondern vielmehr, er geht zu einem gefälligen Fräulein und macht vor der Natur eine Verbeugung.«

— — —

»Werde mir Einer aus den Deutschen klug!« hat der Herrgott gesagt, als er sich einmal eingehender mit ihnen beschäftigte. »Selbst der Teufel kann aus diesen Burschen nicht klug werden. Sie sind halt – ausbündig.«

Aber zurück zu unserer Wittib.

Da Du meine Meinung über das Weibthum kennst, da Du weißt, daß ich im Ganzen mehr Geschick dazu habe, an einer Frau das Unangenehme zu seh'n, als jene Eigenschaften zu entdecken, mit deren professioneller Verzimmtung das Gros der Lyriker seine Tage ausfüllt, so kannst Du Dir ohne Weiteres vorstellen, daß Wittwe Matthäi kein ganz gewöhnliches Weib sein kann, wie sie augenblicklich gang und gäbe sind.

Nein: sie hat wirklich was Dürerisches an sich, was Unzeitgemäßes, was –, ich bin um's richtige, um's eigentliche Prädikat verlegen. Es ist das, was die Frauenlobseriche »echt weiblich« nennen, aber ich kann mich mit dem besten Willen nicht dazu entschließen, diese Melodie mitzusingen, denn die Weiber zeigen das, was diese glorreiche Wittwe auszeichnet, just am wenigsten. Das ist freilich richtig: um das Prädikat zu verdienen, nach dem ich suche, muß man ein Weib sein – aber ein Weib, das den übrigen möglichst wenig ähnlich ist.

Doch gleichviel, wie ich's nennen soll: es ist was Treffliches, Tüchtiges.

Nun denn also, daß ich es Dir bekenne: ich habe mich entschlossen, hier das Wagniß zu begeh'n.

Posser ist Feuer und Flamme und unerschöpflich darin, mir auszumalen, wie wundervoll sich Alles entwickeln wird.

Ich habe natürlich meine Einwände.

Ad 1 bestehe ich selbstverständlich auf absoluter Reinheit von jeglicher Liebessentimentalität und konstatire damit:

Ad 2 die Schwierigkeit, die Wittwe geneigt zu machen.

Denn, so fürchte ich: wenn Wittwe Matthäi auch ein Weib ist, für die es im Lexikon der Weiblichkeit an dem richtigen Prädikate gebricht, so wird sie doch nicht gänzlich frei sein von dem weiblichen Untergrundsverlangen nach Schnäbelei in Worten und Werken, worauf ich mich durchaus nicht einlassen kann.

Sie wird um so weniger frei davon sein, als dieses Verlangen in ihrer ersten Ehe unbefriedigt geblieben ist.

Diese erste Ehe nämlich ist ein mehr als kaltes Kontraktverhältniß gewesen. Der Mann, viel älter als sie, ihr in sehr jungen Jahren durch die Eltern aufgenöthigt, kränklich, grämlich, dabei aufbrausend eifersüchtig und argwöhnisch. Und nach zwei Jahren dieser kinderlos gebliebenen Ehe die Wittwenschaft. In ihr, so scheint es, hat sie sich erst zu dem entwickelt, was sie jetzt ist. Sie hat sich selbst gebaut, sie ist in harten Erfahrungen das geworden, was sie ist, das ausgeglichene, ruhige, bewußte Wesen.

Vielleicht kann ich gerade darum hoffen, daß sie auch in puncto puncti reif geworden ist und nun jenseits jenes Verlangens steht, das meinen Plänen hinderlich sein müßte.

Ihre großen blauen Augen, die mich so uninteressirt ansahen, deuten darauf hin. Diese Augen, das sah ich, gehörten nicht zu den wollenden, sondern zu den beim weiblichen Geschlechte überaus seltenen, die unbegehrlich schauen.

Aber, du lieber Gott, was liegt nicht Alles hinter Weiberaugen. Wer darauf traut, kann mit derselben Sicherheit auf Sumpfwiesen reiten wollen.

Diese Ungewißheit ist gräßlich. Und wer weiß, wie lange es dauern wird, bis ich Klarheit habe. Wir müssen uns an unser Ziel heranschleichen, wie Indianer. Ich selbst würde ja einen richtigen Artillerieangriff vorziehen, aber Posser, der die Wittwe kennt, räth durchaus davon ab.

Es ist eine infame Situation, und heute Nacht hatt' ich glücklich den Traum wieder, den ich immer habe, wenn meine innerste Seele ängstlich ist.

Ein gräßlicher Traum! Ich sitze dann wieder auf der Gymnasiumsbank, bin schlecht präparirt und zittere vor den Kalbsaugen des Konrektors, der mich plötzlich anbrüllt: Höh, mein Lübber, welche Verba regiern den Genitiv? Und ich erhebe mich in entsetztem Schreck und sehe mich flehentlich um, ob mir's niemand einblasen wird, aber ich sehe nichts als schadenfrohe Gesichter, kleine Bübchen mit dicken Köpfen und großen Brillen, die Alle, Alle wissen, welche Verba den Genitiv regieren, während ich allein, ich, der alte Graunzer mit dem Dickbauche und den vierzig Jahren, jammervoll dastehe und kein Wort hervorzubringen vermag. Und der Konrektor bläht sich in pädagogischem Triumphe ochsenfroschartig, daß er mich wieder erwischt und als phänomenalen Dummkopf öffentlich nachgewiesen hat, und er streicht sich den Schnurrbart, daß die Haare krachen, und er glotzt mich höhnisch an, bis die Augen, zwei wasserblaue, gräßliche Kugeln, aus den Höhlen treten und langsam, scheußlich langsam auf mich zurollen, immer größer werdend, immer größer, zwei gräuliche, feuchte Monde. In Schweiß gebadet wach' ich auf…

Daß ich diesen furchtbaren Traum wieder geträumt habe, beweist mir, wie verängstigt ich innerlich bin.

Hab' Mitleid, Peter, mit

Deinem
Pankrazio.

Der dritte Brief aus Nürnberg.

Mein lieber Peter, die Sache macht sich.

Posser ist ein unglaublich geschickter Kundschafter auf dem Kriegspfade wider die Wittib.

Wir sind schon gute Freunde, sie und ich.

Teufel nein: ich und sie; denn soweit sind wir denn doch noch nicht, daß ich die galante Alfanzerei mitmachte und irgend ein Weib mir voransetzte. Mit diesen verdammten Höflichkeiten haben wir die Weiberherrschaft bisher ungebührlich gefördert. In so gefährlichen Dingen muß man auch auf Kleinigkeiten achten.

Aber wirklich: die Wittib ist ein tüchtiger Kerl. Das ist eigentlich ein Wort, das nur Männern zukommt, aber diese geborene Frankebeil verdient es, daß man sie mit einem Männernamen ehrt.

Wir trinken jetzt jeden Nachmittag den Kaffee bei ihr.

Als Vorwand dient ihre Eigenschaft als eingeborene Nürnbergerin, als welche sie mir, so will's unsere Kriegslist, allerlei Interessantes aus dem Nürnberger Bürgerleben erzählen soll, denn ich bin ihr gegenüber als – Kulturhistoriker hier anwesend.

Auf diese Weise nähern wir uns wirklich ganz nett. Sie erzählt gerne von Nürnberg, und ich höre ihr gerne zu. Freilich: dem eigentlichen Ziele nähern wir uns nicht eben, und es wird mir schließlich doch blos die große Kanonade übrig bleibe. Aber C'est le premier coup de feu qui coute. Aufgeprotzt hab' ich schon ein paar Mal, aber zum Schießen komm' ich nicht.

Kanonenfieber?

Man möcht's fast glauben. Mir ist zu Muthe, wie vor der ersten Mensur. Sehr muthige Geberden, aber unter ihnen eine gewisse Bänglichkeit.

Es ist eigentlich sehr blamabel. Nicht?

Ich halt's auch nicht mehr lange aus so. Posser räth unausgesetzt zum Schleichkriege, aber ich werde doch nächstens die Taktik ändern.

Denn: schließlich verlieb' ich mich noch, und dann ist es natürlich zu allen guten Dingen zu spät.

Was schrieb ich eben? »Verlieb' ich mich?« Ich flehe Dich an, Peter, nimm das für einen Witz! Und für einen sehr schlechten! Es wäre beleidigend, wolltest Du es anders nehmen.

Nein: davon kann gar keine Rede sein. Ich bin zwar ängstlich, wie ein liebesfeiger Verliebter, aber meine Angst hat keine Hitze, sondern sie ist ganz kalt, – schlotterkalt.

Morgen, wenn schönes Wetter ist, wollen wir Drei einen – Ausflug machen. Nach Schmausenbuck. Der Name hat was angenehm Kompaktes und wenn der Ort halbwegs so tüchtig wie der Name ist, so werd' ich der Wittib wohl endlich krupp'sch kommen.

Schmausenbuck – das Wort ist selber eine Kanonenkugel.

Dein P.

Der vierte und letzte Brief aus Nürnberg.

Nun denn!…

Hopp!…

Will Er wohl?…

Na?!…

Also los!…

***

Diese Zurufe, mein Lieber, die Dich ein wenig erstaunen werden, richten sich nicht an Dich, sondern an mich.

Ich hatte sie nöthig, denn es fiel mir nicht leicht, diesen Brief zu beginnen, und die Götter wissen, ob es mir leicht werden wird, ihn zu beendigen.

Nämlich…

Aber nein, ich will den »Kelch« nicht umstürzen, sondern ihn Dir langsam zutrinken, bis auf die Nagelprobe leer, und wenn ich früher bei sothanen festlichen Thaten eine dunkelrothe Mütze aufhatte, so habe ich diesmal einen dunkelrothen Kopf auf, i…

Du merkst, daß ich übler Laune bin?

Ei freilich, Du merkst recht, mein Guter. Sehr fidel bin ich nicht gerade.

Du weißt doch noch, was die Füchse für Gesichter machten, wenn sie auf der Mensur »umgedreht« wurden?

Viel fröhlicher seh ich nicht aus, augenblicklich.

— — —

Ich werde wohl von vorne anfangen müssen, oder, um im Bilde von vorhin zu bleiben: zuerst vom Ganzen, den ich Dir trinke, kommt die Blume. Die schmeckt so übel nicht.

Denn es war gestern ein herrlicher Tag, als wir losfuhren, wir Drei.

Nach Mögeldorf ging die Fahrt.

Gott, was war der Junitag schön! Ich war in gottlobesamster Stimmung und ließ in mir Wort und Weise von des alten Hans Hassler, des Kaisers Rudolfs des Zweiten Kapellmeisters, schönem Liede summen:

Nun fanget an ein guts liedlein zu singen,
last instrument und lauten auch erklingen.
Lieblich zu musiciren
will sich jetzund gebüren.
Drum schlaget und singt
das alles erklingt,
helft unser fest auch zieren.

Der Himmel hing wirklich voller Geigen und Bassettl'n, und ich hatte die Ehre und das Vergnügen, die Frau verwittwete Matthäi, geborene Frankebeil, auf ein paar rosige Hinterpausbacken von unzweifelhaft echten Thoma-Engelsbübchen aufmerksam zu machen, die, offenbar von Frankfurt her, auf einer Wolke ritten, just über einem zartgrünen Birkenhain, der gegen den blauen Himmel stand wie ein leibhaftig Bild des sprossenden Lebens.

Die Wittib war sehr frühlinglich und hübsch angethan mit einem hellen, schönfaltigen Kleide und trug einen breiten, weißen Strohhut von der Art, die wir in unsrer Jugend Florentiner Schwinger nannten.

Eigentlich gehören zu solchen Hüten lange, hinten hinunter hängende Bänder aus schwarzem Sammt, aber die Wittib meinte, solch' Flottirwerk zieme der schnellfüßigen Jugend, aber nicht ihr, die sie, was die Beine anlange, mehr für ein gesetztes Tempo sei.

Es muß auch gesagt werden, daß sie, en plein air betrachtet und nicht mehr im Schleier des deckenden Interieurlichtes, entschieden nicht den Eindruck eines jungen Mädchens machte.

Diesen Satz bitt' ich aber nicht mißzuverstehen. Ich will mit ihm nicht gesagt haben, daß die Wittwe mir häßlicher erschienen wäre. Nein. Gar nicht. Ich betrachtete sie vielmehr mit einem Wohlgefallen, das die Grenzen der Objektivität stark überschritt.

Ich fand: ein Bischen reif zwar, aber – allerliebst. Rubens und Jordaens hätten ihre Freude darangehabt.

Und: wie nett sie sprach! Kein albernes »ach wie reizend«, »Gott wie süß«, keine Naturbeleidigung durch abgegriffene Phrasen, sondern ein ruhiges, vielleicht ein Bischen zu ruhiges Aussprechen der Freude über die Schönheit, wo sie eine empfand.

Bloß: sie bädekerte ein Bischen zu viel. Das kam aber daher, daß sie glaubte, sie müsse auch im Freien fortfahren, den »Kulturhistoriker« in mir zu kultiviren.

Ich ließ mir das ruhig gefallen, denn ich hatte mir vorgenommen, plötzlich und mit einem großen Flankenangriff dieses Geplänkel aufzuheben.

Nur: wann, wo und bei welcher Gelegenheit?

So plötzlich Ziethen aus dem Busch spielen, das läßt sich ja recht hübsch anhören, aber man muß es sich nicht vornehmen. Es macht sonst elend nervös, wenn man immer wieder auf's Neue lauern muß.

Diese Nervosität, in die ich nach und nach trotz der Schönheit des Junitags gerieth, will ich Dir nicht ausmalen. Ich bin nicht für das Nervöse in der Malerei. Auch könnte es anstecken. Ich besaß leider gar nicht den Nervenhumor, diesen modernsten und seltensten aller Humore, mich darüber hinwegzusetzen.

Kein Wunder, daß unsere Schmausenbuckbartie dadurch, wenigstens für mich, aber auch für Posser, einen etwas fatalen Anstrich kriegte.

Der arme Posser, das merkte ich bald, litt geradezu unter meinem Kanonenfieber, und als wir in die Nähe des großen Aussichtsthurmes gelangt waren, duldete ihn die Angst nicht mehr in unserer Nähe, und er entfernte sich unter dem Vorwande, daß er eine Skizze im Walde machen wollte.

Nun sagte ich mir, daß es die höchste Zeit sei.

Stieß er wieder zu uns, bevor ich losgeschossen hatte, so war ich grenzenlos blamirt.

Also: hurtig!

Meine Gedanken rannten Wette nach dem Ziele, daß sie einen Anfang für meine Kanonade fänden.

Und also sprach meine Angst, die sich als Muth geberdete: »Der gute Posser hat sich entfernt wie die Duenna im spanischen Lustspiel. Wär' ich der Don Amoroso, so müßt' ich jetzt in die Kniee sinken und sagen: Donna, ich liebe Euch.

Die Wittib: Oh, dabei platzen die Trikots zu leicht. Gottlob, daß Sie kein Don Amoroso sind, Herr Doktor.

Ich: Gottlob? Meinen Sie das wegen der imaginären Trikots, Frau Matthäi, oder – wie meinen Sie das?

Die Wittib: Aber Herr Doktor! Wir zwei Leute aus dem Mittelalter! Wir und amorose Ironieen!

Ich: Warum nicht? Wenn nur die Ironie dichte genug ist. Sie wissen doch, die Ironie ist die Stiefschwester des Humors, und Alles, was mit diesem braven Burschen verwandt ist, ist von guten Eltern.

Die Wittib: Nur, daß er unmodern ist, der Humor.

Ich: Um so besser paßt er für uns Leute aus dem Mittelalter. Also, gesetzt: ich riskirte meine Trikots. Was würden Sie sagen?

Die Wittib: Ich? Gott, ich würde sagen, daß ich nicht spanisch verstehe.

Ich: Wenn ich aber dann deutsch redete?

Die Wittib: Das wäre grob!

Ich: Was? Von Liebe? Grob?

Die Wittib: Lassen wir den Humor, Doktor!

(Pause).

Ich: Hm, Frau Matthäi; – wenn ich nun in die Kniee fiele, ohne von Liebe zu reden?

Die Wittib: Das versteh' ich nicht.

Ich: Ich meine so: wenn ich nun sagte: Keine Angst, Donna, ich liebe Euch nicht, ganz gewiß nicht, aber – Ihr gefallt mir. Wie wär's, wenn wir uns heiratheten?

Die Wittib: Sie haben wunderliche Einfälle. Sie sollten Operettentexte schreiben.

(Pause).

Ich: Frau Matthäi, –: ich falle wirklich in die Kniee.

Die Wittib (etwas unsicher): Aber Herr Doktor: was ist denn los mit Ihnen? Ein Kulturhistoriker, wie Sie!

Ich: Ach was, Kulturhistoriker! Ich bin gar kein Kulturhistoriker. Ich bin ein Gutsbesitzer, der eine Frau sucht.

Die Wittib (erst sprachlos): Ich weiß wirklich n… Ich glaube, Sie… Wo bleibt nur Herr Posser.

Ich: Wir brauchen Herrn Posser nicht. Er ist tief im Walde und macht Studien. Uebrigens ist er ganz eingeweiht. (Ich wurde wirklich muthig). All' das war bloß Komödie, ja, das war wirklich Operette. Aber jetzt kommt der Ernst, die Wirklichkeit. Ich stelle wirklich die Frage an Sie…

Die Wittib: Alle Heiligen! Doktor! Nein, dieser Posser! Und Sie! Offen gestanden…

Ich: Nur nicht böse werden, Frau Matthäi. Hören Sie mich ruhig an…

— — —

Wie ich so weit war, waren wir am Aussichtsthurm angelangt.

Wir nahmen uns Karten und fingen an, die Wendeltreppe hinaufzusteigen. Das war eine ganz günstige Situation für mich, auch die heiklen Punkte meines Antrags vorzutragen. Denn es war etwas dunkel im Thurme, und ich stieg voran. Ich ließ das Heikle von der Spule. Hinter mir klang es von allerlei Interjektionen; vornehmlich registrirte ich sehr lange »Ahhs« auch einmal etwas wie »Unglaublich!«

Als wir oben angelangt waren, hätt' ich mich, offen gestanden, am liebsten den Thurm hinabgestürzt, denn es war mir gar unbehaglich zu Muthe. Ich traute mich kaum, die Wittib anzuseh'n.

Die aber, hochroth von der Anstrengung des Steigens, hatte sich auf eine Bank gesetzt, den Schwinger abgenommen und sah mich ganz ruhig mit ihren klaren Augen an.

Dann sagte sie: Lassen Sie mich erst ausschnaufen, Doktor, dann will ich Ihnen die Umgegend zeigen.

Und richtig: wie wenn sie ein Fremdenführer wäre, führte sie mich im Kreise herum und erklärte mir das ganze Gebiet der ehemals freien Reichsstadt Nürnberg, das wir unter uns in aller Frühlingspracht liegen sahen. Sie vergaß sogar die verschiedenen ehemaligen Papiermühlen und ihre Wasserzeichen nicht.

Diese Ruhe machte mich wild.

Wollte das Weib mich zum Narren halten? Mich? Was führt sie mich da im Kreise und redet historische Reden! Zum Teufel! Antwort will ich!

Und ich sprach, sehr dezidiv: Rührend, was Sie Alles wissen, Frau Matthäi! Aber was ich wissen möchte, ist, ob Sie eine Antwort auf meinen Antrag haben?

Die Wittib: Gewiß! Freilich, Herr Doktor!

Ich: Und?

Die Wittib: Ich denke gar nicht daran, Ihren Antrag anzunehmen! Nicht im Entferntesten denk' ich daran!

Ich: So! So! Das ist klar geredet. Hm! Köstlich! Ein Korb! Aber Frau Matthäi, warum?

Die Wittib: Weil Sie mir leid thun, Herr Doktor. Und heirathen soll man nicht aus Mitleid, sondern aus Liebe.

Ich: Ah, ah, da haben wir's! Die mit recht so beliebte Liebe! Frau Matthäi, – das hätt' ich von Ihnen nicht erwartet! Ich hatte geglaubt, Sie wären…

Die Wittib: Bitte, sagen Sie das lieber nicht, wofür Sie mich zu halten geneigt waren. Es war nichts Gutes.

Ich: Im Gegentheil, das Allerbeste, ich…

Die Wittib: Nein, wirklich: ich mag's nicht hören. Ich möchte gerne ganz einfach für eine normale Frau gehalten werden und nicht für 'was Konstruirtes. Und, sehen Sie, was eine normale Frau ist, die spintisirt sich nicht in die Ehe, sondern die fällt entweder aus Dummheit und Unerfahrenheit, wie ich damals, oder aber aus Liebe hinein. Ob sie hart oder weich fällt, das ist ihr Glück oder ihr Unglück, aber daß sie bloß aus den genannten Gründen hineinfällt und nicht etwa mit jämmerlichem Bedachte hineinsteigt, das ist ihre Ehre.

Ich machte vor Wuth und Bedeppertheit eine Verbeugung und wollte etwas erwidern, aber die Wittib fuhr fort: »Das müssen Sie nun aber nicht für große Worte halten, und Sie müssen nicht glauben, daß ich etwa beleidigt und ärgerlich bin. Nein, nein. Ein Bischen verstehe ich Ihre Konstruktion, und, wie gesagt, Sie thun mir leid deshalb. Herrgott, zu was für merkwürdigen Dingen ein Mensch kommen kann, wenn er anfängt, sich unnatürlichen Empfindungen hinzugeben. Guter Herr Doktor, ich rathe Ihnen: Probiren Sie es doch lieber mit der Liebe. Halten Sie sich mehr an die jungen Mädels! Da wird schon Eine sein, die Ihnen das dumme Zeug wegthaut. Aus lauter Dankbarkeit werden Sie sie schließlich sogar glücklich machen, – so unwahrscheinlich das auch aussieht.«

Gott sei dank, in diesem Augenblick tauchte Possers Kopf in der Wendeltreppenwindung auf.

»Na?!« sagte er, »gut unterhalten?«

»Sehr gut«, sagte die Wittib.

Den Rest des Tages füllten wir wieder mit Kulturhistorie aus.

Morgen fahr' ich nach München.

Die Abfuhr genügte aber, – nicht wahr?

Oh ja, Schmausenbuck ist ein Kanonenkugelwort.

Dein rumgedrehter
Pankratius.

XIX.
Einige Seiten aus Herrn Pankrazius Graunzers Reisetagebuch, aus denen hervorgeht, daß er philosophische und andere Anwandlungen wunderlichsten Charakters hat.

Von † † † Nürnberg nach München.

Wenn wir ganz verkatert waren, wir in den dunkelroten Mützen dazumal, dann sangen wir das schöne Lied:

Hin und her, hin und her,
Geht der Pendelschwengel,
Auf und ab geht er nicht,
Schatz, Du bist ein Engel.

Mancherlei, mancherlei
Dreht sich hier im Kreise,
Manches geht auch gradeaus,
Sprach der alte Weise.

Dieser alte Weise war
Klüger, als man dachte;
Dachte sein Gehirn zu schnell,
Sprach er sachte! sachte!

Litt der alte Weise an
Welthämorrhoiden,
Sucht und fand bei Hannchen er
Seinen Seelenfrieden.

Hannchen, das war ein Juwel,
Und der alte Weise
Kniff sie, wo sie dicke war,
Und er summte leise:

Hin und her, hin und her
Geht der Pendelschwengel,
Auf und ab geht er nicht,
Schatz, Du bist ein Engel!

Ja, ja, diese Philosophen! Es ist keine Frage, daß sie's hinter den Ohren haben. Sein Hannchen hat ein Jeder, und er weiß wohl, wo sie am kniffigsten ist.

Ob aber ein Jeder dieser Weltweisen (da ist eine Doktorfrage) mit seinem Hannchen verheirathet ist?

Pfui, Pankraz, wer wird solche Fragen stellen?

Was hat die Weltweisheit mit dem Standesamt zu thun?

Das Hannchen in jenem Liede ist ein Symbol, mein Freund, und honny soit, qui mal y pense! Oder…?… Ach! Was gehen mich die Hannchens der Weltweisheit an! Wie komm' ich überhaupt d'rauf?

Ach so: der Katzenkammer, das Katzenjammerlied:

Katerblas, Katerblas, Du mein Vergnügen,
Katerblas, Katerblas, Du meine Lust,
Gäb's keine Katerblas, gäb's kein Vergnügen,
Gäb's keine Katerblas, gäb's kahaine Lust!

Das heißt den Teufel mit Beelzebub austreiben, der Teufel Oberstem. Und das Rezept ist nicht so schlecht, als man's macht.

Welches bessere Mittel giebt's gegen das Leben, als sich todtzuschießen? Und: Was hilft besser gegen den Wurm des inneren Aergeres, als die sanfte Pille philosophischen Stumpfsinns?

Und kannte einen Mathematiker, der, wenn ihn seine Frau recht ehegespönstisch beliebfraut hatte, sich hinsetzte und mit allen Regeln dieser greulichen Kunst ausrechnete, daß zwei mal zwei sechsundzwanzigundeinhalb sei. Sobald er mit der Rechnung fertig war, war er auch von jeglichem Bodensatz des Aergers frei.

Schade, daß ich kein Mathematiker bin. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als Verse zu machen oder zu philosophiren.

Halt, da hab' ich mich: ich bin also ärgerlich?

Wundervoll!

Ad 1. Was ist Aerger?

Aerger ist die Seekrankheit der Seele, Ungleichgewicht, Mangel an festem Boden, Schaukelweh.

Ad 2. Auf welchem Meere hat meine Seele das Gleichgewicht verloren?

Bitte: es war kein Meer, es war ein Tümpel.

Schön, – aber, mein Bester, das ist eine blamable Seele, die auf einem Tümpel seekrank wird.

Ja, aber es war ein besonders gefährlicher Tümpel.

Alle Wetter: ein gefährlicher Tümpel! Das ist ein Wort! Deine Seele saß vermuthlich auch in einem höchst gefährlichen Kasten von Schiff, wie? Und, mein Gott! Vielleicht fiel eine Gans in's Wasser, und es gab Wellen auf dem Tümpel!

— — —

Lassen wir das Tümpelthema!

***

Wenn ich mir's recht überlege: die Wittib hat vielleicht ganz Recht gehabt.

Nicht freilich so, wie sie's meinte!

Das mit der Liebe, Du lieber Gott, – den Speck kennen wir Mäuse! Die Jungen, die Schleckrigen, die mögen dran lecken und immerhin dann zwischen den Drähten piepen, daß es von Weitem wie Hallelujah klingt. Wir alten, klugen, schon etwa angegrauten Mäuseriche aber, wir nicht mehr Speckerigen und Schleckerigen, die wir von dieser ausgezeichneten Welt keineswegs mehr das sogenannte Glück, diese glänzende aber sehr problematische Schwarte, verlangen, wir, die wir vielmehr mit dem hausbackenen, harten Brod der Ruhe zufrieden sind, wir, weder Glücks- noch Liebesritter, sondern ganz einfach Lebenswanderer oder Lebensbummler, oder, wenn wir den Tik des Feierlichen haben, Lebenspilger, –: wir ziehen nicht 'mal die Nase mehr hoch, wenn wir die Düfte dieses Lockbratens riechen. Die kluge Wittib an der Falle freilich erklärt, nur durch den Speck gelange man zum Heil. Je nun, seien wir gelassen und verzichten wir auf dieses Heil.

Lassen wir die Idee mit der Ehe schwimmen, Pankraz.

Posser, das ist der Held! Der hat die Wahrheit intus. Wie wohl fühlt er sich in seiner ehe mit der Palette!

Wir werden schon auch so ein Behelfchen finden.

Wie wär's, Pankrazi, wenn wir uns auf's Dichten verlegten? Wir kommen zwar nicht in die beste Gesellschaft dadurch, aber besser als die einer Frau ist sie immer noch. Und wenn die Leute auch über die Kinder lachen, die wir mit Frau Lyrik zeugen, so wird das unsern Vaterfreuden ebensowenig Abbruch thun, wie es den eheväterlichen Freuden Abbruch thut, wenn die Welt die p. p. Kinderchens nicht ganz so entzückend findet, wie der Herr Papa.

Also, topp: Schlagen wir die Leyer!

Unmöglich, Pankrazi, unmöglich! Zu altmodisch und auf die Dauer degoutant. Die Reimwiese ist zu abgegrast, und die blaue Blume hat jeder Kommis im Knopfloch. Es muß was Exklusiveres sein.

Irgend was sammeln?

Radirungen, Briefmarken, Zeitungsausschnitte, Zigarrenabfälle, Ex-libris, Korkstöpsel, Autogramme, Porzellan, Käfer, japanische Buchdrucke, pariser Plakate, alte Theaterzettel, Münzen, Medaillen, Bücher, Petrefakten? – Alles zu gewöhnlich.

Man müßte was Abominables finden: Korsetts berühmter Kokotten etwa; aber das paßt sich werden nicht für mich.

Alle erste Hefte von Zeitschriften, die nach dem ersten Heft eingegangen sind; – zu umfangreiches Gebiet, unmöglich ohne Staatshilfe.

Wie wär's mit einem Register aller Schlagworte, politischer, künstlerischer, wissenschaftlicher?

Dazu müßte man einen Verein von Gelehrten gründen.

Wie wär's mit einem Sport? Rollschuhlaufen oder Spiritismus etwa?

Der letztere wäre nicht ohne, wenn er nicht so verteufelt feminini generis wäre.

Halt: die Politik! Reichstagskandidat! Auf den Tisch hauen, die Lungen vollpumpen, die Backen blähen, die Stirn runzeln, die Augen rollen, und nun los: Meine Herren!

Unzweifelhaft: diese Emotion ersetzt vollkommen jede Zimmergymnastik.

Aber auf die Dauer?

Und auch hier: die Gesellschaft, in die man geräth…!

Schließlich würde man Anarchist aus ästhetischer Opposition und käme in Ungelegenheiten mit der Polizei.

Das ist dann auch nicht viel angenehmer als verheirathet sein.

Ich bin wirklich in einer üblen Lage.

Wenn das die Tante wüßte!

***

Oh ich unglaubliches Schreibethier. Da sitz' ich hier und schmiere unter Rattern und Ruckeln mein Notizbuch voll, und draußen saust der Frühsommer vorbei in allen seinen Prächten.

Da: Gärten mit nickenden Rosenbäumen; die Häuser dahinter umklettert von Grün, und der Himmel drüber hoch aufgewölbt in tiefer, satter, seliger Bläue.

Es dreht sich die Schönheit um mich wie ein Reigen von Göttern, und ich sitze im Mittelpunkt des Kreises und kreische mich an und bewerfe mich mit Ironien und bespicke meine Seele mit Selbstinvektiven.

Warum leb' ich nicht einfach? Warum mach' ich nicht einfach meine Augen auf, weit auf meine Augen und alle meine Sinne und lasse mich einströmen Gerechtes und Ungerechtes, Alles, was da lebt und webt, Alles, ohne Kritik, ohne Gesperr und Gezerr!?

Warum sag' ich immer und immer: nein! Warum hab' ich's ewig mit dem Gehirn und nie mit den Sinnen?

Warum verzwittere ich mein bischen Dasein zu einem Monstrum, das weder giebt noch nimmt?

Zum Teufel mit dem Spintisiren und Nörgeln! 'mal losgelebt! Keinen Zweck aufgerichtet! Keine Zukunft aufgepflanzt! Augenblick gefügt an Augenblick und ruhig hineinwachsen in Zeit und Welt!

Da stehen Blumen. – Nimm sie!

Da glänzt ein Licht auf dem schießenden Grün des Stroms. – Nimm's, es ist Dein!

Da harft der Wind durch die Telegraphendrähte. – Horch Dir seinen Ton in die Seele, wenn er Dir gefällt!

Was Dir aber nicht gefällt, laß es ruhig sein und schimpf' es nicht!

Was geht Dich Deines Nachbars schiefe Nase an? Und der Wittib spitzige Bemerkungen, – was haben sie mir Dir zu thun? Und all' das Weibsvolk, das Dir so lange fatal war, – was hast Du mit ihm zu schaffen?

Freund, sapere aude! Geh', wenn Du nach München kommst, in's Hofbräuhaus, oder, wenn jetzt der Augustiner besser ist, in den Augustinerkeller.

Geh' aber nicht hin, um eine Frau zu suchen, mein Lieber!

Denn das ist die Hauptsache: Bau' Dir keinen Zweck auf! Die Zweckmesserei ist ebenso dumm wie die Bekmesserei.

Was sagt' ich? Sapere aude! Nicht doch! Vivere aude!

Los! Leben, hurrah!

***

Sobald ich im Hôtel sein werde, werde ich der Wittib folgenden Brief schreiben:

Gnädige Frau, Sie haben Recht! Die Liebe ist die Hauptsache. Aber nicht bloß für's Heirathen, sondern überhaupt.

Denn die Liebe ist das Gedankenlose.

Meinen verbindlichsten Dank, daß Sie mich das gelehrt haben. Ich hätte es eigentlich schon wissen sollen aus dem Worte: Dem Gerechten schenkt's der Herr im Schlafe.

Ich will mit wachen Augen schlafen. Ob mir dabei was geschenkt wird oder nicht, soll mir gleich sein.

Dankbarst der Ihrige
Pankrazius Graunzer,
weder Kulturhistoriker noch Freiersmann.

XX.
Herr Pankrazius Graunzer trinkt in München Bier, sieht sich Bilder an, fühlt sich wohl und berichtet über all' dies seinem Freunde Posser in Nürnberg.

»So Du nach München kommst, Mann aus Berlin, ziehe Deine Stiefel aus und wirf sie hinter Dich, denn siehe: hier ist gelobtes Land.

Thu' von Dir was berlinisch ist, Mann, und sorge dafür, daß Deine Seele blau-weiß werde, das ist: fröhlich.

Du sollst nicht auf den Straßen rennen und Deine Nachbarn anstoßen mit spitzigen Ellenbogen, sondern sollst fein behäbig Deines Weges wandern und keine Eile haben.

Sollst auch nicht schnarren mit Deiner Stimme und Quetschlaute lassen aus Deinem Munde, wie die jungen Lieutenants thun, die von der Garde sind, sondern sollst reden wie ein Mensch, und zwar nicht in der Fistel und nicht zu laut und nicht zu viel. Denn so Du sprichst, kannst Du nicht trinken.

Denn also spricht das Münchner Kindl: Mei Ruah mecht' i!«

Das Heil ist eingekehrt beim Augustiner, mi Possere! Kein Zweifel: das beste Bier trinkt man heuer im Augustinerkeller.

Ich würde das nicht mit solcher Bestimmtheit behaupten, wenn ich nicht die Meinung ganz Münchens auf meiner Seite hätte. In diesem Punkte darf man sich auf das Urtheil der Menge verlassen. Besonders hier, wo in punkto Bier durch Generationen ein Urtheil gezüchtet worden ist.

Dieses Bier ist werth, besungen zu werden. Es hat richtigen Schmelz. Nur die besten Verse Goethes lassen sich damit vergleichen. Es giebt keine bessere Synthese von Kraft und Geist, als sie der Augustiner-Bräumeister hier geleistet hat. Respekt!

Ich sitze jeden Abend im buschigen Augustinerkeller und unterhalte mich mit dem Maßkruge. Erschöpfendere Diskussionen sind nie abgehalten worden. Der Geschlagene bin aber immer ich. Wenn ich auch Anfangs ein Bischen aufmucke, am Ende neige ich mich doch stets dem erleuchteteren Geiste, der aus Malz und Hopfen ist.

Es ist der Münchner Geist, der daraus spricht, der Geist der Lebfrische, der Sinnentüchtigkeit, der Geist, der hier sogar die Philister erträglich macht.

Aus diesen Maßkrügen kann man was lernen, und wenn ich das nöthige Geld dazu hätte, ich gründete Ferienkolonien für die Berliner und ließe einen jeden der wackeren Reichshauptstadtbürger, vom Thiergartenviertel bis zur äußersten Müllerstraße, einen Maßkrugkursus hier durchmachen. An Schneidigkeit und Schnoddrigkeit (ominöse Allitteration!) würden sie freilich einbüßen, aber sie würden an Liebenswürdigkeit und Lebenskunst zunehmen.

Lebenskunst, – das ist's. Wie für alle Künste, so ist auch für sie eine gewisse innerliche Naivität, ein gewisses Naturburschenthum, das aber recht wohl kultivirt sein kann, die Voraussetzung. Man muß sich vor Allem seiner Natur nicht schämen. Man muß den Muth seiner selbst und die Lust an sich selber haben. »So bin ich; ich kann nicht anders; ich werde mir schon selber helfen! Amen!«

Lebenskünstler von diesem etwas groben Schrot und Korn findet man hier mehr als anderswo, und deshalb findet man hier mehr als anderswo Lebensfreude und Lebenskraft. Das ist der Grund, weshalb es den Fremden hier so wohl gefällt. Sogar die Durchschnittsreiseengländer bekommen hier etwas Menschenähnliches.

Dabei ist es doch nicht eigentlich das spezifisch deutsche Wesen, das Einem hier so lippenroth entgegenlacht. Davon ist nur ein Theil hier zu finden. Es ist schon was Südlicheres hier lebendig, was Romanisches. Aber Romanenthum ohne Gezappel, wie es andererseits Germanenthum ohne zuviel innere Schwerfälligkeit ist. Eine gute Mischung.

Es ist ein wahres Glück, daß das die Hauptstadt der deutschen Kunst ist, – zum Mindesten ist es sehr gut, daß Berlin das nicht ist. Es steckt hier sowohl an Natur wie an Kultur mehr als dort. Selbst Menzel, wie famos er auch ist, hat doch was preußisch Verkrüppeltes, während hier selbst der kleinste Pinselmann und das kleinste Pinselmädchen was Frisches, gerade Gewachsenes hat. Nur das Intime, die Kunst des Lauschens fehlt. Das ist mehr die Sache des Mitteldeutschen und des deutschen Nordrandländers.

Franz Stuck, das ist der Typus dieser münchnerischen, dieser romanisch-germanischen Kunst. Italienischer Geschmack und deutsche Tatzigkeit, Sinn für's Dekorative, aber doch ab und an 'mal eine Prise von Idee, – nur Innerlichkeit sucht man vergebens, jenes Inwendige der Kunst, das ihr Tiefstes und Höchstes ist. Der viel deutschere Uhde hat das, dieser unmünchnerischste aller Münchner Künstler, dieser wunderbare Meister des Schlichten, der ohne Illuminationseffekte und ohne stilistische Ateliergymnastik groß ist, aber noch größer wäre, wenn ihn die sächsische Unruhigkeit nicht am Kragen hätte.

Ich komme in's Kunstgeschreibe und verleugne die gute Erziehung, die mir der Maßkrug im Augustinerkeller gegeben hat. Er wird mich heut' Abend schön anfahren dafür, aber ich kann mir nicht helfen.

Ich will, wenn ich von Kunst rede, ja auch nicht nörgeln und will keine Proklamationen erlassen. Mir ist die Kunst nur Auslöserin von Empfindungen und Gedanken, wie es alles Gute, Kräftige ist. Ich erhebe nicht den Anspruch, daß meine Gedanken die richtigen, daß meine Empfindungen die allein wahren sind, aber ich finde, daß ich meinen Dank der Kunst gegenüber nicht besser zum Ausdruck bringen kann, als indem ich das von mir gebe, was sie in mir aufgedeckt hat. Ein sehr spärlicher Dank, – gewiß, aber ein armer Teufel hat bloß sein »Vergelt's Gott!« Und ein Schelm ist bekanntlich, wer mehr giebt, als er hat. Es giebt aber ziemlich viele solcher Schelme, zumal unter den Kunstschreibern.

Der Haupteindruck, den ich hier von der zeitgenössischen Kunst habe, ist der: es wird wieder mal was, »es regt sich was im Odenwald.«

Die bildenden Künstler haben in außerordentlich kurzer Zeit einen außerordentlich weiten Weg zurückgelegt. Erstens haben sie die Kunst des persönlichen Sehens wieder gewonnen, dann die Kunst des persönlichen Ausdrucks, und jetzt sind sie drauf und dran, unter die Dichter zu gehen, dorthin also, wohin jeder wirkliche Künstler gehört, der nicht bloß Fingerfex ist.

Und welch' ein Reichthum in dieser Welt der neuen Kunst, – von Liebermann bis Klinger, von Uhde bis Boecklin…

Freund, wär' ich ein Künstler, ich spräche heute mit dem alten Hutten: Die Geister werden wach, es ist eine Lust zu leben. Ja, ich spreche sogar so, obwohl ich kein Künstler bin. Ich armer, lahmer Schlachtenbummler auf der Wahlstatt der Kunst freue mich doch unbändig, wie lustig hier gefochten wird und wie sich die Siegeszeichen thürmen. Auch für uns Nichtkombattanten fällt Vieles und Köstliches ab. auch unser Leben gewinnt an Licht und verklärter Bedeutung durch das, was hier gewonnen wird. Auch wir werden, wenn auch nur anschauend, aus dem Alltag erhoben, denn uns erhebt die Mitfreude, daß Geschöpfe unserer Art im Stande sind, noch einmal Leben, noch einmal Natur zu schaffen, ein neues Leben, eine neue Natur, diejenige, in der Menschen die Herrgötter sind.

Du siehst, ich bin nicht faul, mir überallher Material zu holen, aus dem ich mir ein Kapellchen der Lebensfreude bauen kann.

Dies aber sei Dir gesagt: eine Priesterin, die darin zu celebriren hätte, suche ich nicht mehr! Ich finde: es ist hübscher so, mit seinen Göttern alleine zu sein. Es heißt: Taceat mulier in ecclesia. Da es aber den Weibern schwer fällt, stille zu sein, lassen wir sie lieber draußen.

Grüß' mir die Wittib!

Ich bin Dein
Pankrazius.

XXI.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle. Handelt von idyllischen Plänen.

Dießen am Ammersee,
im Rosenmond.

Lieber Peter!

München ist eine herrliche Stadt, aber es wird und viel Kunstsimpelei dort getrieben. Das Kunstschaffen ist ein köstlich Ding, aber das Kunstschwatzen ist ein greulicher Unfug.

Schlimm ist es, wenn dieser Unfug von Künstlern begangen wird, schlimmer, wenn ihn die Philister treiben, am schlimmsten, wenn ihm Kunstgelehrte obliegen.

Denn, wie sagt doch schon der göttliche Sterne in Tristram Shandys Drittem Teile: Dort steht im zwölften Kapitel also geschrieben: »Von allem Geschwätze, das in dieser geschwätzigen Welt geschwatzt wird, ist das Kennerkunstrichtergeschwätz das Unausstehlichste.« Sei mir gepriesen, Mann aus Clonmel!

Ich hatte das Unglück, mit einem besonders degoutanten Exemplar dieser Spezies hier in Berührung zu kommen, mit einem vom jungen Nachwuchs, daß Gott Erbarm'! Ein langer, dürrer Kerl mit sauren Lippen und Augen wie aus ranzigem Oel. Sprach von nichts als von Kunst, aber in einem Tone, als beklage er sich, daß es ihm vom Schicksal beschieden sei, über derlei Zeug zu reden.

Ich hätt' ihn immer an den Schultern packen, schütteln und ihm in's Gesicht schreien mögen: Mensch, warum handeln Sie nicht lieber mit Perleberger Glanzwichse, wenn Ihnen die Sache so schnuppe ist?

Thoma war bäurisch, – und das sagte er wegwerfend. Uhde »machte ihm zu viel mit Empfindung«, und »bei Boecklin muß man den Fabulisten vom Maler trennen«.

Kein Bild, das er nicht beschleimte, kein Maler, den er nicht mit Vergleichen bekleckerte, – die ganze Kunst war ihm bloß Gelegenheit, um prätentiöse Fadheiten zu sagen. Nur kein Enthusiasmus! Nur keine Hingabe! Nur nicht das Land der Schönheit mit der Seele suchen!

Haupterforderniß für einen derartigen Kunstgelehrten ist, und daran kannst Du ihn erkennen: stets mit halb zugekniffenen Augen ein Bild betrachten und dabei die Mundwinkel fallen lassen. Nur die geübteren wagen dazu ein unausdeutbares »Hm«.

Der meine war einer von den Vorgeschrittenen. Er operirte mit einem Riesenarsenal von Atelierredensarten, – ich möchte ihn einen Maulmaler nennen.

Apage monstrum! Der Kerl hat mir die Lust an München vergällt, ich nahm meinen Rucksack und schob ab.

Nach dem Ammersee.

Du! Der ist schön! Schöner als der Starnberger, fand ich. Der ist schon ein Bischen Bassin geworden, »umkränzt von Villen«. Ich danke für diesen Kranz.

Der Ammersee dagegen hat noch viel Natur. Item: es gefällt mir hier.

Ich habe mich in Dießen eingenistet. Vorerst im Kloster oben, das jetzt ein Gasthaus ist. Aber ich bin auf der Suche nach einem Bauernhaus, in dem ich wohnen könnte. Mich gelüstet's nach Idylle. Ich möchte 'mal ein Bischen Unkultur kosten, 'mal bloß naturbeschaulich leben, ohne Wollen, ohne Ziel.

Ob's geht?

Retournons a la nature, d. h. auf Deutsch: sehen wir uns 'mal in uns selber um.

Dazu kommt man in der Kultur nicht. Die besteht aus lauter Verhältnissen und läßt Keinen sich selber haben. Da wird man nur gehabt. Es ist eine ewige seelische Prostitution, und das Beste, was die Kultur hervorbringt, die Kunst, ist aller Prostitutionen tragischste. Gott Lob, daß ich kein Künstler bin. Es muß etwas Gräßliches sein, sich von aller Welt befingern und kennerhaft abtasten lassen zu müssen.

— — —

Wie ich hier lebe? Ganz schäferlich. Wandre hin, wandre her und weide meine Schafe.

Ich bin Herr von einer großen Heerde,
Und die ganze Welt ist meine Weide,
Meine Schafe weiden selbst im Himmel.

Es ist doch kein Kritiker in der Nähe? Wie würde der witzig den Bleistift spitzen, wenn er läse, daß ich meine Gedanken und Gefühle Schafe nenne.

Man wird so angenehm müde bei dieser Beschäftigung, so ruhig, so abwartend, so haßlos. Das Vegetieren ist die gesundeste Beschäftigung.

Nerven? Was ist das für ein Wort?

Aerger? Wo hab' ich doch dieses Substantivum 'mal gehört?

Die größte Aktualität sind mir jetzt Rosen.

Wunderbare giebt es davon hier.

Und dann das Bauernblumenzeug, das in den Gärten blüht. Welche eine Pracht!

»Bäurisch!« würde das wandelnde Pergament sagen. Fahr' ab, Greuel!

Du solltest einmal hier zu meinem Fenster hinausblicken können. Grün ringsum, aber in der Weite vorn der blaue See und drüber her der Himmel mit weißen Flaumwolken.

Auch die Menschen gefallen mir hier im Ganzen. Es ist eine gute Mischung: Schwabbayern. Besonders gut gefällt mir die Sprache, dieses mit Schwäbischem durchsetzte Altbayrisch.

Beim Ginglawirth,
Beim Ginglawirth,
Da kehra d' Schwabe ei'
Und trinken 's Gläsle Branntewei'
Und schiewe 's Gläsle ei'.

Schwaben und Oberbayern stoßen hier hart aneinander, und es ist, obwohl sie eigentlich ineinandergeflossen sind, immer noch mancher Rest von früherer Gegnerschaft vorhanden, jetzt nur in Redensarten und leichten Spöttereien.

Man könnte fast versucht sein, »Studien« zu machen. Aber da sei Gott vor! Ich fang mir nur hier und da ein alt Liedel ein und freu' mich d'rüber.

Was sagst Du zu diesem schwäbischen Schnapphahnlied:

I bin Dei un Dei,
Un Du bischt mei un mei,
I geh in's Schtädla nei
Und Du in Tenna,
I schtiehl a Schtrimpfla mehr
Un Du a Henna.

Ist das nicht wunderhübsch?

Solcher Lieder fliegen hier viele durch die Luft.

Weiß der Himmel, welcher Brandsohlenläufer sie einmal erfunden hat, aber wenn ich die Wahl hätte, wem ich den Kranz geben soll: ihm oder einem der reputirlichen Reimfriseure von heute, ich würde mich nicht lange besinnen.

Verliebt ist aber das Volk hier, – es ist zum Hinwerden! Ich würde Dir noch eine ganze Reihe von Liedern aufschreiben, wenn sie nicht ausschließlich von der Person eingegeben wären, die Fischart »Das federlinde Töchterlin« nennt.

Hans und Grethe,
Grethe und Hans,
Ueberall derselbe Tanz.
Immerfort derselbe Kreis.
Von Adam her im Paradeis
Zielt Alles auf denselben Strich, –
Das Ding ist unabänderlich.

Dein
Pankraz.

XXII.
Herrn Pankrazius Graunzer parabelt es, und er erzählt seinem Tagebuche eine Hirtengeschichte.

Ich bin Her von einer großen Heerde,
Und die ganze Welt ist meine Weide,
Meine Schafe weiden selbst im Himmel.

Ist da eins, ein Bock, ein schwarzer, großer,
Mit gewundenen Hörnern, zottelhaarig,
Seine Augen sind nicht liebenswürdig,
Und er rennt mit seinem dicken Schädel
Gern an jeden Baum und jede Mauer.

Dieser Bock nun, heute, da der Himmel
Voller Geigen hing und Schäfchenwolken,
Sprach zu mir: »Ich möchte oben weiden.«

»Bitte!« sprach ich, »thu', was Dir genehm ist,
Schwarzer Bock, doch sei nicht unmanirlich,
Wenn Du oben etwa jenen Alten
Treffen solltest, den Du gerne leugnest.«

Wen denn?« sprach der Bock. »Du wirst schon sehen«,
Sprach ich, und der Schwarze sagte »Mäh!« und
Hopste fort.

Nach einer langen Weile,
Während ich die weißen meiner Lämmer
Ueber grüne Wiesen trieb zum Klange
Meiner gelben Schilfrohrflöte, kam er
Wieder.

»Nun, mein sehr verehrter Schwarzer,
Was ist Dir begegnet oben, sage!?«

Unerhört! Der Alte ist kein Märchen!
Leibhaft hab' ich ihn geseh'n und selber
Zwiesprach habe ich mit ihm gehalten.
Wundergütig ist er und gelassen,
Selbst mich schwarzen Bock, der ihn geleugnet,
Hat er väterlich und gut behandelt.
Nimmermehr, so lang ich meine Hörner,
Die gewundenen, trage auf dem Kopfe,
Kommt mir's wieder bei, daß ich ihn leugne.«

»Donnerwetter, Schwarzer meiner Seele«,
Sprach ich, »bist Du etwa fromm geworden?
Einmal nur an Himmelsgänseblumen
Hat Dein Maul gerupft, und apostatisch
Bist Du schon? Das ist sehr schnell gegangen.
Alle meine weißen Lämmer werden
Sehr vergnügt sein, wenn sie das erfahren,
Und in Mäh-Chorälen werden laut sie
Preisen, daß ein Wunder sich ereignet.«

»Laß mir«, sprach der Schwarze, »bitte, Deine
Weißen Lämmer gütigst aus dem Spiele.
Ihretwegen bloß hab' ich bis heute
Ihn geleugnet, den in Mißkredit sie
Mit den vielen Mäh-Chorälen bringen.
Nein, ein Lämmerhirte ist der Alte
Nicht; obwohl er milde und gelassen.
Er ist größer. Oh, er ist gewaltig.
Schafe sind und Böcke seinem Auge
Gleich, er ist kein böser Stallverwalter,
Der dem Einen Stroh giebt, Jenem Hafer.
Liebe kennt er nicht und Haß nicht, Alles
Lebende hat Theil an ihm, in meinem
Schwarzen Auge ist er und im weißen
Wollhaar Deiner mähvergnügten Lämmer.«

»Weiter weißt Du nichts mir zu berichten?
Dieser Pantheismus, gutes Böckchen,
Ist ein angejahrter Wein. Ich kenn' ihn.«

»Nenn' es, wie Du Lust hast, und datir' es
Meinetwegen bis zu Olims Zeiten,
Aber richtig ist es doch nicht minder.
Daß ich es erkannt, deß' bin ich fröhlich,
Und ich will von nun ab darnach leben,
Daß ich es erkannt.«

Er hob die Hörner,
Straffte seine Beine noch um etwas
Steifer als gewöhnlich und stolzirte
Feierlich von dannen.

Lachen mußt' ich
Meines schwarzen Pantheisten. Selig
Mähten meine dicken weißen Lämmer.

XXIII.
Einige Stücke aus Herrn Pankrazius Graunzers Gerschle-Pepi-Buch. Man wird erfahren, was dies für ein Buch ist.

25. Juni.

Gott verläßt keinen Junggesellen: ich habe mein Bauernhaus gefunden.

Hier sitzt ich auf meiner Altane zwischen hellen Weinblattwänden und blicke über Wiese und Busch weg zum See.

Gesegnet seist Du, o Gerschle-Peppi, die Du zwar nicht schön bist unter den Jungfrauen, aber Du hast mir gegeben, was ich gesucht habe, und dafür preist Dich meine Dankbarkeit. Dir zum Ruhme sei dies Buch genannt, in das ich meine einsamen Freuden eintragen will.

Ich fange an, zuzunehmen an jener Weisheit, die zugleich eine Kunst ist. Lebensweisheit: Lebenskunst.

Das ist die Weisheit, an Gott zu glauben, und die Kunst, sich wohl zu fühlen.

In ein Kompendium kann man sie nicht fassen, und auf Akademien läßt sie sich nicht lehren. Zu ihr wie zu allen Weisheiten und Künsten muß man Talent haben. Auch schenkt sie sich uns erst in einem gewissen Alter, denn sie liebt die Strudelköpfe nicht. Es ist Alte-Leut-Weisheit und Alte-Leut-Kunst. Drum machen sich die Jungen bös lustig über sie.

Ach, die armen jungen Schnäbel! So lange man noch küssen will, ist man dumm; die Weisheit wohnt nicht bei Frau Venus. Daher sind die Lyriker ihr Leibgesinde, – nämlich der Frau Venus.

Man braucht übrigens deswegen kein Weiberfeind zu sein. Man muß nur das Weib nicht mehr wollen. Das ist das Kunststück.

Ich hab's bisher verkehrt angefangen. Ich hab' mich über das Volk geärgert und bin doch drauf angewiesen, mich mit ihm einzulassen. Das war die letzte Lockung. Sie wollten mich mit meiner Abneigung ködern, und ich hab' wirklich ein paarmal zugebissen.

Aber jetzt bin ich sicher. Ich hasse sie nicht mehr, also sind sie mir nicht mehr gefährlich.

Ein schönes Gefühl das, – es hat 'was von Frömmigkeit.

Du bist wieder eine Sünde los, Pankrazi!

***

26. Juni.

Wundervoll: ich bin jetzt so frei vom Weibe, daß ich sogar eine Freude an ihm haben kann.

Es ist also wahr: Frömmigkeit hat ihren Lohn.

Früher, wenn ich eine hübsche Larve sah, war mein nächster Gedanke: Hüte dich! Laß dich nicht fangen! Das Bischen Schönheit ist bloß der Speck für Mäuse, und dahinter lauert der Reinfall.

Und ich machte ein schief Gesicht, wie der † † † Kunstgelehrte vor einem schönen Bilde.

Wie anders jetzt! Sah ich da heute ein hübsches Kind im Vorübergehen da unten, – richtig: ich kann das Haus von hier aus sehen, dort war's, hinter den Nußbäumen! – sah es und – freute mich! Sagte sogar Grüß Gott! Sie aber wurde roth und schoß in's Dunkel der Hausflur zurück.

Ein reizendes Ding! Augen, wie, – ja, wie denn? Gleichviel: schöne Augen! Und Bewegungen wie eine Eidechse, so, so – kurzum: schöne Bewegungen!

Beinah' wär' ich umgekehrt, sie noch einmal zu sehen. Es war eine Art onkelhaftes Interesse. Aber ich ließ es doch bleiben.

Man muß seine Freiheit nicht mißbrauchen, und auch seine Frömmigkeit nicht.

***

27. Juni.

Die Kleine ist wirklich allerliebst. Ich habe sie durch Zufall wieder gesehen. Im Kloster oben.

Es war da so eine Art Tonleiterkletterübung von einem Gesangsverein. Und während die wackeren Mannen baßgründig und tenorverwegen zum Himmel riefen:

Heil Dir, o König, Heil!
Heil, Heil, Heil, Heil, Heil, Heil!«

(mehr ist mir von dem Texte nicht geblieben), stand sie auf einmal schräg vor mir neben einem Fliederbusch.

Guter Himmel: wie reizend sah sie aus!

Ja, ja: Jugend!

Und irgend ein Reim-Flügelbübchen mit rosarothen Hinterbäckchen ließ sich von der blühenden Akazie herab auf meine Schulter und skandirte mir in's Ohr:

Ein Mädchen gedrechselt fein wie ein Figürchen
Auf Rokokotischen galanter Marquisen…

Nun sag' mir aber eins: wie kommt so was Feines hierher?

Eine Städterin ist sie nicht. Gestern sah ich sie ja, wie sie mit der Wäsche hantirte.

Aber schon da fiel es mir auf, wie ihre ganze Art im Gegensatze war zu ihrer Hantirung.

Und wieder das Reimgottchen:

Prinzessin hab, halb Zofe,
Ein reizend Wunderchen…

Wenn ich sie nur einmal reden hören könnte. Das Schwäbeln muß… aber ich will schon wieder »allerliebst« schreiben.

Wenn ich jetzt nicht so gewiß wüßte, daß ich frei bin, würd' ich denken, ich wäre verliebt.

***

28. Juni.

Es regnet.

Wundervoll, dieses nasse Gespinst vom Himmel zur Erde. Man fühlt sich so sicher hinter dieser grauen Gardine.

Ganz leise rauscht sie, und in ihren Falten sind frische Gerüche. Es ist eine liebliche Musik zum Träumen.

Was steckt Alles hinter dem Vorhange?

Du lieber Gott: ich kenne das Theater. Lass' ihn unten, Meister vom Schnürboden, lass' ihn unten! Ich will ihn nicht, den Krawall der Helden und das Liebesgegacker der Heroinen. Die Komödie ist mir fade geworden. Rüpelspiel und Tragödie, – sie wissen alle beide nichts weiter, als Hunger und Liebe.

Es wird zu viel gewollt hinter dem Vorhange. Als ob's nicht genug wäre, da zu sein. Das Wollen muß man sich auskastriren lassen. Das Wollen ist aller Laster Anfang.

Ah, wie ist es köstlich, mit allen Wünschen fertig zu sein!

Das kleine Mädchen da unten mit den braunen lustigen Augen, – was wäre sie mir jetzt für ein unbequemes Möbel, wenn ich sie wollte.

Ewig würde ich mich an ihr stoßen, es wäre ein Gezerre zu ihr, ein unausgesetztes Unbehagen.

So aber genieße ich sie wie einen schönen Vers, eine liebe Melodie, ein Stückchen Morgenhimmelbrand. All Derlei lernt man erst genießen, wenn man die Jugend hinter sich hat, die im Grunde eine große Kinderkrankheit ist.

Merkwürdig ist es, wie mein lächerlicher Wunsch nach einem Sohne von mir abgefallen ist, wie eine morsche Rinde vom Stamme. Ich denke gar nicht mehr daran. Ich denke nicht einmal an Kiebitzhof.

Wenn das die gute Tante wüßte…

Herrgott: vielleicht astralt sie hinter dem Regenvorhang und guckt mir zu, wie ich hier sitze und auf alle Nachkommenschaft pfeife.

Der Windstoß eben kam sicher von ihr.

Ich kenne Dich, Tante! Möchtest mich ein Bischen ausschimpfen?

Wart', ich werde Dich wegärgern.

Kannst Du Dich auf den »gräßlichen Scheerbart« erinnern? Auf den »Phantasten«? Auf den »Bureauvorstand des Verlages deutscher Phantasten«? Der aus dem Thee immer Grogk machte und dann zu schwärmen anfing, daß Du schriest: »Die Milch wird sauer! Die Milch wird sauer!«

Dieser Mann, Tante, den ich nicht umhin kann für einen Dichter zu halten, obwohl von seinen Phantasien nicht allein die Milch, sondern auch die deutsche Kritik sauer wird, dieser Mann hat mir heute eine große Freude gemacht, indem er mir ein Gedicht (bleib' da, Tante!) geschickt hat.

Und das sollst Du hören! Warum hast Du mir das Blumenglas vorhin umgeworfen mit Deinem Geblase.

Höre! Es heißt »Loscha« und lautet wie folgt:

»Weitab vom Gefilde der langweiligen, eklen, stumpfen Quarkgewalten rauscht ein dunkelgrünes großes Meer – das dunkelgrüne Meer des ewigen Vergessens.

Am Gestade dieses Meeres ragen wilde schroffe Gebirge hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf.

Und am Fuße dieser Gebirge lagern weiße Paläste.

Die Paläste glänzen, denn sie sind aus weißem Milchglase gebaut; sie haben nur glatte Flächen an den Wänden und viele scharfe rechtwinklige Kanten – aber nur rechtwinklige Kanten – nicht andre.

Glatt und regelmäßig wie das Durcheinander von vielen großen Treppenstufen liegen die Paläste da – – nur ein paar viereckige Thürme mit Burgzinnen streben zwischen den Dachterrassen empor. Die Dachterrassen sind auch mit Burgzinnen gekrönt.

Abgeglättete Ruhe spiegelt sich in den weißen Palästen am Gestade der dunkelgrünen See, in der Alles – Alles vergessen wird…

– – –

Die Märchenengel schweben herbei… in langen weißen Gewändern – ein langer Zug.

Sie haben kleine Pauken in den Händen – und lange dünne Posaunen, alte Geigen und alte Flöten.

Und die Sonne geht auf – drüben im grünen Meer.

Eine silberne Sonne geht auf.

Silberne zierliche Wolken umkränzen die silberne Sonne.

Es sieht feierlich aus – der Himmel, die See und das Gestade.

– – –

Und Loscha, die stille Priesterin, sitzt jetzt hoch oben auf einem Thurm.

Die blanken Burgzinnen glänzen und blenden.

Das dunkelgrüne Meer rauscht.

Aber unten zwischen den Palästen rauscht noch ein anderes Wasser – das strudelt und brandet und gurgelt so – denn es kommt vom Gebirge herunter – von den höchsten Bergspitzen strömt es hernieder…

Und dieses Wasser ist dunkelroth, so roth wie das Blut wilder Thiere.

Das rothe Wasser umspült die sämmtlichen weißen Paläste.

Loscha sitzt hoch oben auf ihrem Thurm, schaut die silberne Sonne nachdenklich an, fährt mit der Hand über die Stirn, steht auf – berührt einen runden silbernen Knopf, der aus dem weißen Milchglase der Burgzinne hervorragt, drückt ihn – und horcht…

Da klingen in allen Palästen helle, feine Glocken durcheinander – wie tausend Spieluhren klingen die Glocken – wundersame lustige Lieder hallen in Glockentönen durch die weißen Paläste.

Loscha weckt die Tollköpfe – die Tollköpfe, die jetzt weitab vom Gefilde der langweiligen, eklen, stumpfen Quarkgewalten ihr Leben verträumen – – –

Gierige, heiß und hastig aufstrebende Menschen sind's, die Loscha weckt – ihnen will sie zeigen, wie alle wilden, feurigen Wünsche – die blutrothen Wasser – im Meere des Vergessens – spurlos versinken. Ob die Wünsche gut oder schlecht genannt werden, ist ganz gleich.

Dieses ewige Versinken schauen sich nun die trotzig begehrenden Menschen an – sie schauen sich das jeden Tag an – – –

Durch dieses Anschauen erzieht die stille Loscha die unbändigen Krallengeister zur Ruhe – zur ewigen Ruhe im Glanze der silbernen Sonne, die im dunkelblauen Himmel von hochgestiegenen Silberwolken umkränzt wie eine alte Weltuhr dahängt.

Alle die guten und bösen Tollköpfe, die's auf Erden gab und giebt, stehen nun auf den Dachterrassen der Milchglaspaläste, stehen da in ihren verschiedenen Trachten – in guten und schlechten Kleidern – mit freundlichen und mit verzerrten Zügen – stehen da und schauen in die rothen Wasser und in die grünen Wasser.

Die Glocken klingen nicht mehr.

Aber die Pauken und Posaunen der Märchenengel tönen jetzt milde herüber – mit Geigen- und Flötenspiel.

Die Märchenengel fliegen langsam immer um die Paläste herum, so daß alle die heißblütigen Menschen, die da oben auf den Dachterrassen stehen und schauen – auch die feine Märchenmusik hören – die bald feierlich – bald lustig klingt…

Währenddem kommt Loschas Page zu seiner Herrin und meldet einen Menschen, der ganz besonders wild aussieht, einen schäbigen Rock trägt und Loscha durchaus und durchum zu sprechen wünscht.

Longulano heißt der Fremde.

Loscha, die stille Priesterin, hat nichts dagegen, daß der Fremde näher kommt.

Sie empfängt ihn hoch oben auf ihrem Thurm.

Longulano stürzt der Loscha zu Füßen und küßt ihr die Hand.

Sie entzieht ihm ihre Hand.

Er aber begehrt die Loscha, die stille Priesterin, zum Weibe – ungestüm – rauh – sehnsüchtig.

Sie soll kommen mit ihm in die Welt.

Sie soll mit ihm zusammen alle Menschen in der Welt glücklich machen – alle Menschen – alle Menschen.

Doch Loscha lacht den Schwärmer aus.

Sie sagt:

»Du bist nicht der Erste, bist auch nicht der Letzte, der mich zum Weibe begehrt. Doch ich werde weder dem Ersten noch dem Letzten noch einem Andern die Hand zum Ehebunde reichen. Ich bleibe hier hoch oben auf meinem Thurm. Ich bin an's Geliebtwerden schon gewöhnt. Komm'! setz' Dich still hier neben mir auf meine weiße Bank. Du sollst nicht traurig von dannen gehen.«

Longulano gehorcht.

Loscha fährt fort:

»Sieh', auch der Wunsch, mich als Eh'frau heimzuführen, strudelt dort unten mitten unter den anderen heißen Wünschen ganz gemüthlich weiter. Er wird auch wie die andern gleich in's grüne Meer stürzen und dort spurlos versinken. Du willst, daß ich mit Dir zusammen alle Menschen auf Erden glücklich machen soll – aber ist das nicht auch bloß ein Wunsch, der im rothen Strudelwasser dahinbraust? Du willst die Menschen glücklich machen? Mußt nicht so viel wollen – Du weißt ja gar nicht, ob die Menschen auch glücklich werden möchten. Die meisten Menschen wissen gewöhnlich gar nicht, wenn sie glücklich und wenn sie unglücklich sind. Wenn sie aber letzteres zu sein glauben, dann können sie ja stets hierher kommen und von meiner Dachterrasse aus niederschauen in die rothen Fluthen, in denen auch die heißen Wünsche der Unglücklichen weiterströmen – dem Meere des ewigen Vergessens entgegen – – immerfort. Unaufhaltsam strudelt's da unten – sieh' nur, wie schnell die rothen Wasser an den weißen Palästen vorüberschäumen –. Longulano, willst Du nun noch, daß ich Ja und Amen zu Deinen so vergänglichen Wünschen sage?«

Longulano erwidert:

»Du scheinst nur Freude am Neinsagen zu haben.«

Loscha, die stille Priesterin, nickt und meint:

»Ja – Neinsagen zu Allem und sitzen bleiben, wo man gerade sitzt – das scheint mir das Beste zu sein – – so geht's, wenn man alt wird. Sieh! Und her kann man bei Märchenklang ohne Aerger sehen, wie auch das Wildeste, und wie auch das Größte in uns spurlos vergeht – spurlos!«

Da ruft Longulano:

»Loscha, Du bist alt und faul!«

Und er stürmt rasch davon.

Und er verschwindet unten in der Menge, die jetzt, da die silberne Sonne untergeht, auch wieder verschwindet; die Thatmenschen tauchen nieder durch große Lucken – versinken da – spurlos – so wie die heißen rothen Wünsche spurlos im grünen Meere versinken.

Die stille Loscha ist wieder allein, wird nicht mehr von Longulano gestört.

Longulano hat draußen in der Welt schon wieder andere Wünsche.

Die rothen Wasser aber stürzen unaufhörlich in's grüne Meer und kümmern sich nicht darum, ob die Menschen und Geister alt sind oder jung, faul oder fleißig, gut oder schlecht…

Loscha sitzt ruhig hoch oben auf ihrem Thurm, den die blutrothen Strudel wildschäumend umrauschen.«

***

Ein Donnerschlag.

Wie meinst Du, Tante? Die Milch wird sauer?

Aber Recht hat sie doch, die gute Loscha. Nur glaub' ich nicht recht an dieses milchgläserne Mädchen, denn der Weiber Art ist es gar nicht, resignirt auf einem Thurm zu sitzen und stürmische Longulanos abzuweisen.

Die Kleine da unten sieht sicherlich nicht darnach aus. Donnerwetter, was hat sie mir gestern für ein paar braune Blicke zuspedirt.

Bescheer' ihr Gott einen rechtschaffenen Longulano!

Ich denke: das ist onkelhaft und würdig gesprochen.

***

29. Juni.

Sie hat eine Tante, und diese Tante ist dick. Sie hat einen Bruder, und das ist ein ungeschlachter Patron. Sie hat eine jüngere Schwester, und die ist passabel. Ihr Name aber ist sehr hübsch und lautete Brigitte.

Von wem ich das weiß? Von ihr weiß ich es.

Ich habe nämlich mir ihr gesprochen.

Mein Gott, ich bin ein älterer Herr…

Es kam aber so: Im Kloster war Schützenball, und ich sah nicht ein, warum ich nicht einem Schützenball in einem Kloster beiwohnen sollte. Es hat das unleugbar was Merkwürdiges. In dem Saal, in dem er abgehalten wurde, haben die Väter Benediktiner ehemals ihr Coenaculum gehabt. Es ist ein schöner, heller Raum mit großen, hohen Fenstern, die auf den wundervollen Klostergarten hinausgehen. Ein italienisches Gemälde aus der Raphaelzeit, ganz angeschwärzt von Tabaksqualm, hängt dort. Es stellt die Fußwaschung dar, und Jesus Christus ist so pompös angezogen, daß man meinen möchte, sein irdischer Vater sei nicht ein Zimmermann gewesen zu Galiläa, sondern ein Zollpächter in Jerusalem. Die mächtigen Wirthstische, auf denen derbe Bauern- und Ackerbürgerfäuste emsig mit Maaßkruglupf und anderen nicht eben heiligen Dingen beschäftigt sind, sind noch dieselben, doch von denen die Chorherren gespeist haben.

Also da ein Schützenball. Ein Bischen zu pseudo-honoratiorenhaft, um wirklich lustig zu sein. Aber die kleine Braune, die hatte, was den Anderen fehlte: Natur und Grazie.

Schon wie sie herein kam, verselte es mich:

Wie sieht das Mädchen reizend aus
Am großen Tantenbusen.

Die Tante aber verführte mich zu dem gewagten Bilde einer schwitzenden Eule.

In des Mädels Nähe machte sich ein Jüngling mit verliebten Gebärden und bachstelzenschwippigen Bewegungen bemerkbar, der als Hauptzierde einen überaus wohlgerundeten Popo in knapp anliegender Umhosung förmlich kokett zur Schau trug. Der Herr Apothekerlehrling, wenn ich bitten darf!

Auch die Literatur des Ortes war vertreten: der Buchbindermeister und Redakteur des Lokalblattes, ein sehr schüchterner junger Mann, der beständig an seinem Halskragen rückte, als hege er die Sehnsucht, ihn mit der Shlipsseite auf dem Nacken zu plaziren, und ein Rahmkäsegesicht hatte, – womit ich ihm nicht zu nahe treten will. Ich wüßte aber nicht, wie ich seinen Teint besser kennzeichnen sollte.

Dann war noch eine Anzahl höchst absonderlich häßlicher Leute da, wie ich mit physiognomischem Interesse bemerkte, häßliche Gesichter mit vertauschten Geschlechtern, vor denen man sich die Frage stellte: Sahst Du je ein so häßliches Frauenzimmer wie dieses Mannsbild, eine so wüste Mannsperson, wie diese ausgerutschte Weiblichkeit?

Aber ich stellte diese Frage ohne Bosheit. Es wäre schnöde von mir, wollte ich boshaft sein. Ich fühlte mich ja so wohl auf diesem Schützenball.

Ich habe sogar getanzt.

Was? Jawohl: mit Brigitten!

Aber richtiger wäre, zu sagen, sie hat mit mir getanzt. Ich wurde gewissermaßen getanzt.

Und, merkwürdig, es machte mir Vergnügen. O himmlische Ki-Katharina, wie mein Pennaltanzlehrer zu seufzen pflegte, wenn ich den Walzer verpolkate. Ihre achtzehn Jahre schwangen meine vierzig in dem alten Coenaculo herum, daß es eine Lust war, und mein verehrter Leichnam fragte meine Seele: Werden wir schon vom Teufel geholt? Oh du thörichter Leichnam, wann wirst du Himmel und Hölle unterscheiden lernen?

Bei der Gelegenheit erfuhr ich ihren Namen und das Uebrige. Das Schwäbeln steht ihr wirklich gut zu Munde. Wenn sich's nur wiedergeben ließe.

Eine Frische geht von dem Dinge aus! Ich habe derlei noch nicht erlebt.

Ein weibliches Wesen, das ganz und gar Natur ist, – Wunder! Unnatürlich scheint mir an ihr nur, daß sie Spaß daran findet, sich mit einem angegriselten Doktor der Philosophie abzugeben, wie ich bin, einem Menschen, der zum Tanzen nicht viel mehr Geschick hat, als ein Sack voll Mehl, und der wahrhaftig in puncto Schnäbeln von jedem, auch dem melancholischsten, Kettenhunde übertroffen wird. Der Apothekerlehrling und der Buchbinder sind ja gewiß keine Adonisse, wenn sie's auch sicherlich glauben, aber im Vergleich mit mir sind sie einer achtzehnjährigen Brigitte gegenüber doch Potenzen, sollt' ich meinen.

Es muß das Onkelhafte sein, das mir so gut steht.

XXIIII.
Herr Pankrazius Graunzer sitzt zwischen zwei wiesigen Hügeln am Bach und konfrontirt sich. Ein hochnothpeinliches Kapitel aus dem Gerschle-Pepi-Buch.

Es rumort was in mir. Es ist irgendwo was nicht richtig.

Ich habe nicht mehr völlig die Ruhe des Onkelthums.

Es wäre Unsinn, es zu leugnen.

Wenn überhaupt noch Rettung möglich ist, so nur dadurch, daß ich klar erkenne und handle, d. h. ausreiße, ganz schnell, auf der Stelle, weit weg.

Köstlich!

Ich! Ich! Der Pankrazius! Ich!

Und das ganze Monstrum ist neunzehn Jahre!

Mehr als noch einmal so alt bin ich, – ich, der Pankratius. Es ist zum Lachen, – aber mit schiefem Maule.

— — —

Ich habe versucht, sie grob anzufahren und mich so zu benehmen, daß sie mir vielleicht a Watsch'n geben würde.

Fiel ihr gar nicht ein. Ausgelacht hat sie mich.

Und so herrlich sah sie dabei aus, daß ich sie am Kopf genommen und zweimal abgeküßt habe, daß es eine Lust gewesen wäre, wenn ich nicht der Pankratius gewesen wäre…

— — —

Ja, um Gottes Willen, was ist denn das eigentlich? Ich bin doch kein Primaner?

Da ist dieses verfluchte Wort: Johannistrieb.

Nein, meine Theuern, ich danke. Um Johanni giebt's Hirschkäfer.

— — —

Wenn ich nur wüßte, woran ich bin.

Kurz gesagt: Ist's der Onkel oder der Adam?

Na, und wenn's der Adam wäre?

— –?– —

Tja… »Was kannscht da mach'n?!« würde Brigitte sagen, diese ausgezeichnete Philosophin.

— — —

Ich habe mich mit meinem Gerschle-Pepi-Buch hinausgemacht an den Krebsenbach und mir vorgenommen, diesem Unsinn mit dem Bleistift auf den Leib zu rücken und mir zu beweisen, daß ich der aschgraueste alte Esel bin, den der Mond noch je versilbert hat. Aber ich komme, so gut mein Wille auch ist, nicht dazu.

Das Erste war – ich hatte mich kaum niedergesetzt – daß ich losreimte:

Zwischen zwei wiesigen Hügeln am Bach
Sitz' ich und sinne dem Leben nach.

Dieser Blödsinn ist eigentlich schon Beweises genug. Es ist geradezu unverschämt:

Sitz' ich und sinne dem Leben nach…!

Unglaublich! Bloß, weil sich »nach« so ungefähr, wenn auch falsch, auf »Bach« reimt, lüge ich lustig darauf los und werfe den Mantel des Philosophen um mich.

»dem Leben nach«!

Ich will mir diese Schwindelhaftigkeit denn doch austreiben! –:

Wem sinnst Du nach!?

Einer kleinen dummen Gans sinnst Du nach!

Was sinnst Du ihr nach?

Daß Du sie haben möchtest, sinnst Du ihr nach.

Weshalb sinnst Du ihr das nach?

Weil Du ein alter Esel bist, sinnst Du ihr das nach.

— — —

Aber es wird nicht besser, wenn ich mich angrobse.

Vielleicht ist es besser, milde mit mir in's Gericht zu gehen. Irgend etwas wie mildernde Umstände muß es doch geben!

Gewiß, es ist die Nachwirkung der unglücklichen Freierfahrtsidee. Sie hat sich bloß aus dem Bewußten in's Unbewußte umgesetzt. Erst hatte ich sie, jetzt hat sie mich.

»Was kannscht da machen.«

Das Richtigste wäre, die Idee selbst endlich mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Du lieber Gott! Womit rottet man Ideen aus? Wieder mit Ideen!

Wenn aber eine Idee ein Trieb ist?

Herrgott, wenn diese Idee ein Trieb wäre?

Wieder das verfluchte Wort Johannistrieb.

— — —

Rieth mir nicht die Wittib, ich sollte mich in ein junges Mädel verlieben?

Wenn ich nicht so verdammt kultivirt wäre, – jetzt glaubte ich, die Wittib hat mich verhext.

So viel ist ohne Weiteres sicher: sie hat mir diese Neigung zu jungem Gemüse suggestiv beigebracht. Das Volk nennt das: Jemandem einen Floh in's Ohr setzen.

Ein ganz infamer Floh!

Wie singen die lustigen Gesellen in Auerbachs Keller?

Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Na also? Knicke doch, Graunzer!

Es geht nicht.

Ich kann mir nicht helfen: das Mäd'l hat mich am Bänd'l.

— — —

Was thu' ich jetzt am Abend?

Ich geh' in's Marionettentheater.

Was thu' ich am Tage?

Ich spiele selber Marionettentheater, ich, Pankrazius, ich, und bin das dümmste Kasperle, das je die Beine schlenkerte und schrie:

Oh An–de–leh!
Oh Mah–de–deh!

Es wäre zum Maulschellen, wenn das Mädel nicht gar so reizend, nicht gar so… Genug!

Ich klappe mein Buch zu.

Auch zwischen zwei wiesigen Hügeln am Bach komme ich nicht weiter.

Lassen wir's halt gehen, wie's geht.

»Was kannscht da mach'n«, sagt's Brigittele.

XXV.
Noch ein Kapitel aus dem Gerschle-Pepi-Buch. Es scheint darnach, daß Herr Pankrazius Graunzer an Phantasmagorien leidet.

Pritsch! Pratsch!
Kralewatsch!

Jetzt mag i nimmer g'scheidt sein! Hol' der Teifi die G'scheidtheit!

Wie? Hab' ich nicht links ein rothes Hosenbein und rechts ein gelbes? Und hat meine Weste nicht vorn eine blaue Schnebbe, die glöckelt?

Und meine Gogelhaube! Wenn die nicht siebenhundert Farben hat und drei, will ich Pankrazius heißen, wie jener Graunzer, den ich früher 'mal gekannt habe, ich, Kaschperle, Kapaschperle!

Hui, wie ich schön steif gehen kann und mit den Beinen säbeln und mit den Armen dreschflegeln und dabei die Nase, die feuerrothe zum Fenster gerichtet, zum Fenster, aus dem das Bändl hängt, an dem ich hänge.

Pritsch! Pratsch!
Kralewatsch!

Sie zieht, und ich laufe. Wo ich auch bin, – zuck! und es geht los, steifbeinig und beharrlich. Die Arme sausen, und die Nase glüht.

Oh Ah–de–leh!
Oh Mah–de–leh!

Hup! Da steht sie neben mir.

Oh! Oh! Oh!

Oh, ich armes Kasperl, ich vierzigjährigs.

Ich halt' ja Deinen Blick nicht aus, Madel, Deinen jungen, klaren Blick, ich alter bunter Esel ich, ich Narr, ich – Graunzer.

Da lacht sie, und mir ist, als fielen Blumen, helle, rothe Blumen von ihren Augen mir zu Füßen, und ich möchte mich bücken und sie aufnehmen und mir an die Narrenjacke stecken.

Sie aber wehrt mir's, und – gerechter Gott! – giebt mir einen Kuß und legt ihren Kopf auf meine Schulter und sagt: schau doch, alt's Kasperle, in mein junges Herz, schau doch, wie's da pumpert und krawoit und glücklich ist, glücklich zu Dir, Du alts Kasperle, Du liebs!

Herr-, Herr-, Herr-Gott! Ist das nicht zum Närrischwerden?

Ruck! Sie ist weg.

Und es ist Abend. Ich hänge fest am Bändel und folge ihr, die gelassen vor mir her geht. Kein Mensch ist in der kleinen Straße. Der Mond sieht grün aus. Der Himmel ist halb hell. Die Rosen riechen so stark. Sie geht ganz langsam und ruckt nur manchmal, daß mir die Beine fliegen.

Vorn oben am Ende der Gasse glüht's roth herunter vom Licht am Muttergottesbilde ihres Hauses. So ruhig roth, so gütig roth, so muttergütig, mutterblutgütig roth. Mir wird schier ängstlich.

Ist denn Niemand mit einer Scheere da, daß er mich losschnitte von diesem Bändl, an dem ich hänge?

Barmherziger Gott: sie hat sich umgedreht und mich bei der Hand genommen. Und sieht mich groß und selbstvergessen an.

Wa…wa…was? Ich möchte in die Kniee sinken vor ihr und ihr die Füße küssen, aber da ist etwas Inwendiges, was Spitziges, Entgegengesetztes, Scharfes in mir, und ich ziehe die Hand zurück, sehe das Mädel kalt an, drehe mich um und gehe fort, – nicht mehr Kasperle, nicht mehr am Bändl, sondern frei und onkelhaft, der freien Künste Doktor Pankrazius Graunzer.

XXVI.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle. Unnöthig, zu sagen, wovon er handelt.

Lieber Peter!

Das hättest Du Dir auch nicht träumen lassen, daß Du Dich noch einmal würdest bemühen müssen, mich vom Weibe loszumachen, Du Prediger in der Wüste.

Zeichen und Wunder, mein Guter! Ich verüble es Dir aber nicht, daß Du mir räthst, sothanen Wundern nicht zu trauen. Jedennoch: ich erlebe sie eben, sie werden mir täglich Ereigniß.

Kein Zweifel: der neunzehnjährige reizende Balg mit den hurtigen Augen liebt mich, mich den vierzigjährigen Haufen Sauerampfer.

Und ich?

Ja, lieber Peter, ich wünschte wohl, ich könnte Dir sagen, was ich fühle.

Sonderbar ist's. Vor Allem dies: mir ist fortwährend gehoben zu Muthe.

Das mußt Du Dir nun aber nicht sehr angenehm vorstellen. Es hat vielmehr was Schwindliges, und es wird Einem schwach dabei um die Beine.

Aber trotzdem: es ist schön. Ja, kitzlich schön. Ich komme mir vor wie eine frischgefüllte elektrische Batterie, und ich bilde mir ein, zu Allem fähig zu sein.

So geht der Held zu Schlacht, gespannt sind seine Waden.
Es schlotterbebt der Feind; mög' ihm der Herr genaden!

Wen aber will ich massakriren?

Mich, mit Verlaub. Mich, d. h. diesen alten Griesebart und Griesegram, diesen Schmollenden und Grollenden, der Welt und den Weibern Uebelwollenden.

Diesen alten Pankrazium, der zuviel gesessen und gegrübelt hat, nehme ich bei den Ohren, häng ihm alle die dicken Schmöker an den Hals, mit denen er soviele Jahre lang den lieben Gott um seine Vaterfreuden und sich um den Frühling betrogen hat, und werf ihn in den See, wo er am tiefsten ist. Und dafür zieh' ich den neuen, von Brigitten ausgeblümten Pankrazius an, der etwa fünfundzwanzig Jahre alt, von freundlicher Sinnesart und sanguinischem Temperamente ist.

Zeichen und Wunder, mein Alter, Zeichen und Wunder!

Aber ernsthaft: das kleine Mädchen häutet mich. Du glaubst gar nicht, was sie Alles kann.

D. h. eigentlich kann sie bloß eins: unendlich lieb und unendlich natürlich sein. Damit bringt sie alle Kunststücke fertig.

Es giebt viel Gescheidtere als sie, vor Allem solche, die viel mehr gelernt haben, – sie aber hat die große Gabe des verstehenden Instinktes, ja, sie hat selbst das, was ich das Genie des Herzens nennen möchte, diese wunderbare Fähigkeit, mit dem Gefühl aller Wahrheit nahe zu kommen.

Sie spricht und schreibt ungrammatisch und unorthographisch, aber in Alle, was sie spricht und schreibt, ist eine innerliche Geradheit und Tiefe, die mich beglückt.

Kurz formulirt kann man sagen: sie ist eine unverbildete aber begabte Natur.

Darum ist nichts Mißwachsenes, nichts Verkrüppeltes, nichts Saftstockiges an ihr. Darum hat sie etwas blühend Ruhiges, blühend Unbefangenes.

Wie kommt sie in diese Umgebung? Sie mit ihrem feinen Gefühl, ihrem zarten Takt, ihrer hellen Heiterkeit, ihren leichten Bewegungen, ihrer geraden Schlichtheit, ihrer herzlichen Wärme?

Es ist ein Wunder, glaubet nur! Es ist dasselbe Wunder, wie wenn unter einer Schaar höchst gewöhnlicher Buben und Mädchen ein Genie ist.

Der Teufel mag wissen, welcher Urahn in Brigitte lebendig geworden ist.

Ich bilde mir ein, daß romanisches Blut in ihr ist. Diese Gegend hat jahrhundertelang römische Occupation gehabt. Der Ort selbst wird auf die Römer zurückgeführt.

Im Grunde ist sie aber doch ein Schwabenmädl, ein deutscher Schatz.

Nein Du: was sie für Augen hat. Augen wie das deutsche Volkslied, – sag' aber den Vergleich nicht weiter.

Ihr Vater, der leider todt ist (dafür lebt die Mutter um so merkbarer) hat sie nicht mit Unrecht Gugeline genannt.

Außerdem führt sie in ihren Kreisen noch die folgenden, Dir mysteriösen, mir aber ganz verständlichen Namen:

Krawaunerle
Wolkenschieberle
Schnapperle
Krautiwautinußzwack.

In diesen Spitznamen haben die Leute nur den Theil von Brigittens Wesen niedergelegt, der ihnen am verwandtesten und sympathischsten ist: das Drollige, Koboldhafte.

Aber das ist nur ein Theil. Der andere Theil läßt sich mit Spitznamen nicht ausdrücken.

Ich lasse Brigitten mit allen Seiten ihres Wesens auf mich wirken – ich habe auch für alle Namen. Aber die wend' ich nur im direkten Verkehr mit dem lieben Wunder an. Wir haben schon so eine Art Geheimsprache mit einander.

Wenn ich ein Sekundaner wäre, ich könnte nicht muthwilliger sein.

So steckt die Jugend an.

— — —

Ich habe Dir aber, glaube ich, noch gar nicht erzählt, wie ich sie kennen gelernt habe. Das kommt davon, weil es mir mit einem Male ist, als kennt' ich sie schon Jahre lang.

Es war aber so (natürlich in Kürze erzählt, denn, ließ ich mich in Einzelnes ein, würde ein Buch daraus – womöglich ein Buch in Versen): ich habe mich, wenn ich's recht überlege, sofort in sie verliebt (das schreibt ich nun so hin!), wie ich sie zum ersten Male gesehen habe. Und sie that desgleichen.

Punktum.

Eine sehr kurze Geschichte – was?

Und Du möchtest mehr wissen?

Nun ja: sie stand im Hausflur und hatte ein Stück Wäsche in der Hand – ein Unterröcklein, ein weißes, wenn Du es wissen willst, eine echte Pfingstfahne, und sie kam just aus dem schattigen Flur hervor in die helle Sonne, die vor der Thür lag, wie ich durch diese Sonne ging, die Hände auf dem Rücken, den Strohhut in der Stirn. Erstaunt blieb sie stehn und sah mich an, und ich hob meinen Kopf und sah zwei braune Augen, aus denen es wie in alten Volksliedweisen sprach, vertraut, lieb, ruhig und voll Sehnsucht.

Groß sah sie mich an. Erstaunt.

Dann lachte sie, wurde roth, flammig roth und rannte in den Schatten zurück.

Ich aber ging in einer seltsamen Betroffenheit fort.

Damals wußte ich nicht, daß ich mich in diesem Augenblicke verliebt hatte. Ich, und so was ahnen! Ich, der große, standhafte Graunzer. Ich hüllte mich in eine Art seelischen Schlafrock, in die Onkelhaftigkeit, und bildete mir ein, daß ich jenseits von Mann und Weib in diese braunen Sonnen, die das Mädel im Kopf hat, gesehen hätte. »Ja, – Schnecken!« Wie das Brigisteslein (auch einer ihrer Spitznamen) sagen würde.

Jetzt weiß ich's besser. Es hat sich ausgeonkelt.

Gut. Es ist eigentlich nichts Verwunderliches daran, daß ich mich verliebt habe…

Holla! Sind wir schon so weit? Ich wundere mich schon nicht mehr über mich?

Groß sind Deine Wunder, oh Eros, groß und
Unbegreiflich.

Doch ich wollte damit sagen: verwunderlich ist nur, daß auch sie…

Aber Du willst Thatsachen.

Also: ich saß nun an der Peripherie der Spinnwebe, halb frei, halb gefangen, und wie die dicken Fliegen thun, protzig halb, halb widerwillig, promenirte ich den äußersten Faden entlang zu wiederholten Malen um das Netz herum, nicht merkend, daß der Weg spiralisch zum Mittelpunkt führt. Ohne Bild gesprochen: ich ging öfter, als direkt von Nöthen war, an ihrem Haus vorbei. Um mir für dieses Gebahren Genugthuung vor mir selber zu verschaffen, hielt ich mir in meinem Gerschle-Pepi-Buche herzliche Onkelreden.

Dieses Gerschle-Pepi-Buch, – auch ein menschliches Dokument. Man könnte ein Bild dazu machen: Amor auf Graunzern schießend. Aber der Kerl mit der Binde vor den Augen ist hier Pankrazius.

Dann gab es der Zufall, daß ich sie einmal auf einem Tanze sprach – und siehe, nun saß ich längst schon nicht mehr an der Peripherie des Netzes. Denn nun kam der Besuch im Hause.

Du lieber Gott!

Verstehst Du den Seufzer?

Dieses Haus! Diese Familie!

Ein gräßliches Gemengsel aus den verschiedensten Unkulturen. Zuerst eine halb dämonische Alte: die Mutter. Dann eine kleine verfettete und verdollarte Amerikanerin: die Schwägerin. Dann ein theils roher, theils perfider Bursche: der Mann dieser Yankeese, der Bruder. Schließlich eine jüngere Schwester – ganz nett, aber gewöhnlich.

Und in dieser Umgebung das Mädel.

Sonderbar, nicht wahr? Die brave Vererbungstheorie, so plausibel sie ist, scheint ganz so einfach, wie sie von fingerfertigen Problemdramatikern behandelt wird, doch nicht zu sein. Auch hier beliebt Madame Natur gewisse Schliche, hinter die die Vielzufixen noch nicht gekommen sind.

Vielleicht zerbrech ich mir später mal den Kopf darüber, wenn ich mehr Einblick in die Familiengeschichte habe.

Einstweilen nehm' ich die Dinge, wie sie liegen und freue mich des Guten in ihnen.

Mit anderen Worten: ich bin häufiger Gast in dem kleinen grünen Hause unten am See und sitze recht oft und still in meinem Gotte (merkst Du was, alter Psychologe?) mit Brigitten auf der weißen Gartenbank vor der Thüre.

Am Tag freut uns die Sonne,
Daß sie so golden blinkt,
Und nächten ist der Mond uns lieb,
Der in den See versinkt.

Es ist um uns ein Wesen,
Das uns verschwiegen macht,
In uns ist Mond- und Sonnenschein
Und aller Sterne Pracht.

Es scheint, man kann so was nur in Versen sagen – noch besser nur in Tönen.

Aber Du willst Thatsachen. Also: bei sothanen Besuchen, bei gemeinschaftlichen Ausgängen (mit der gräßlichen Familie und ohne sie) sind wir uns nahe genug gekommen, daß ich wirklich sagen kann: wir haben uns.

Nun müssen wir uns aber auch kriegen.

Und das ist nicht so einfach.

Ja, wenn es bloß auf das Brigisteslein ankäme…

Aber… es giebt Mütter.

Ich fürchte, ich fürchte: es wird noch allerlei Kämpfe geben, fatale Kämpfe.

Die Mutter nämlich…

Aber nein! Was soll ich mir den Brief vergällen! Wir werdens schon machen, die Kleine und ich. Hat sie das Wunder fertig gekriegt, sich in mich zu verlieben, wird sie auch das andre vermögen und die Alte überzeugen, daß ich einer bin, mit dem man's wagen kann – obwohl ich aus Berlin bin und nicht in die Beichte gehe. Die Yankeese geht auch nicht in die Beichte.

Den Teufel auch! Ich habe vierzig Jahre lang warten müssen, bis sich Frau Venus auf mich besonnen hat – nun will ich mich mal erst ein Bischen in ihrer Sonne dehnen und nicht gleich den großen Sorgenkarren zieh'n. Die Kleine soll Alles vorbereiten, die Kleine mit den flinken Augen, dem flinken Munde und dem flinken Herzen. Hat sie das Feld klar gemacht, dann komm' ich, der Kanonier von Schmausenbuck, aber diesmal, bei der heiligen Barbara, der Artullerey Patronin, vermeß' ich mich zu schwören: diesmal laß' ich mich nicht vom Plane hauen, auch nicht von einer widerwilligen Schwiegermutter.

Ich krieg' ordentlich Courage, Mann! Bin ich nicht jung geworden? Bin ich nicht ein Kerl, den ein junges Mädel liebt? Ein Kerl, der fensterlt? Fensterlt, wie ein Bauernbursch in Kniehosen, sag' ich Dir! Ein Kerl, der Küsse giebt und nimmt, der einen jungen, heißen, lieben, schmiegebangen Leib an sich preßt, und zu dem die zwei schönsten Augen der Welt sagen: ich vertraue auf Dich, Du wirst's wohl machen!

Oh! Eine ganze Leibgarde des Teufels, bestehend aus lauter dämonischen alten Weibern, will ich zum Frühstück mit aufessen, und ich tanze, wenn's sein muß, mit des Teufels Großmutter selber Kankan, so lange, bis sie am Boden liegt und nimmer schnaufen kann.

So stehen die Sachen.

***

Ich wollte aber, Du könntest mich jetzt mal sehen, wenn ich mit den beiden Mädeln ausziehe und, etwa nach St. Alban, spaziere.

An der einen Hand Brigitten,
An der andern Hand Babetten
Schreit' ich wie in Rosenketten
Liebespfingstochsfeierlich.

Wenn Du aber gar sähest, wie ich mit Brigitten allein gehe – Du würdest Dich auf Deine große Präzeptorenstirn klopfen und sagen: Das der Graunzer? Graunzer, der Misogyn? Graunzer, der Würdebär?

Denn, siehst Du, alter Peter: Wenn ein junger Mann mit einem jungen Mädchen, das er liebt, und das hinwiederum ihn liebt, spazieren geht, so macht er nicht ein Gesicht, wie ein Pintscher, der spanische Fliegen gefressen hat, und er wirft auch keine grimmigen Blicke um sich, wie ein hämorrhoidarischer Bibliothekar oder Geheimrath, sondern, erstens, was seine Beine anlangt: er hat einen sehr fröhlichen und lustigen Gang, als wollt er sagen: gebt mir ein Sprungbrett und ich spring' in den Himmel, Gottvatern direkt auf den Schooß; und, zweitens, was sein Gesicht anlangt: er mißbraucht dessen Muskeln nicht zu senkrechten Falten des Aergers, sondern er benutzt sie vielmehr zu den wagerechten Falten, auf denen sich die Fröhlichkeit lagert, und seine Augen liebkosen die Welt.

Die Welt, das heißt: sein Mädchen.

Und das auch nicht bloß mit den Augen, sondern auch mit den Händen und mit den Lippen.

Und dabei begiebt es sich denn wohl zu manchen Malen, daß dieser junge Mann und dieses junge Mädchen sich im Schatten einer Linde niederlassen.

Hoch auf einem Berge steht sie, die Linde, wie ein Tempelposten, groß, ruhig, herrlich: steht vor einem rauschenden Walde. Dunkel ist der und voller Heimlichkeiten. Zwischen hohen Buchen ist in ihm ein Platz, ein großer, runder, grüner Wiesenplan – das ist ein Garten der Seligen, und die Seligen, das sind meine liebegewordenen Gedanken. Oh, Peter, wenn ich Dir erzählte, in was für schönen Kleidern die lustwandeln, und wie hold sie von Antlitz sind! Es lacht der blaueste Himmel über ihnen und freut sich dieser schönen, fröhlichen Geschöpfe. Vor der Linde aber, dieser großen, reichen, in deren Aesten tausend Bienen summen und sich berauschen, breitete sich eine andere Wiese, eine blumige, mollig umbuscht und legt sich hinab, den Berg hinunter wie ein grüner Teppich.

Nun sieh: die beiden liegen im Schatten dieser Linde und küssen sich und sehen bald hinauf in die Blätterwelt, in der die Bienen sind, bald auch hinüber in den Wald, wo die Heimlichkeit der Seligen wohnt, bald auf die Wiese hinab in's Thal zum See, zu allermeist aber sich in die Augen, lange und tief. Du: in solchen Mädchenaugen, die voll Liebe sind, ist auch mehr, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt, Herr Doktor.

Als ich ein kleiner Knabe war, sollt' ich mich einmal photographieren lassen. Man stellte mich auf einen Stuhl und verlangte, ich sollte stille stehen, aber ich fürchtete mich und zappelte. Da sprach der kluge Mann hinter dem Gucklochkasten: paß auf, Junge, aus dem schwarzen Loche hier werden gleich Soldaten marschirt kommen! Und ich stand still und sah, – wirklich, ich sah Soldaten.

Dasselbe passirt mir, wenn ich in Brigittens Augen sehe.

Zwar Soldaten seh' ich nicht, aber Dinge, die mir heute so lieb sind, wie Soldaten damals.

Zum Beispiel, wieder unter der Linde: ich seh' in ihrem Auge die Wiese, die zum Thale geht, aber auf der Wiese dreht sich ein Tanz von Mädchen, ein Tanz um sie:

Und sie schweben und sie heben
Ihre Arme, ihre weißen,
Diese schönen runden Arme
Gegen das Blau des Sommerhimmels.

Wie von bunten Schmetterlingen
Wehen Farben durch den hellen
Tag, es sind die seidenbunten
Tanzgewänder dieser Holden.

Ihre Füße sind dem Rasen
Linde, leise Neckerinnen;
Ach, die schönen, nackten Füße!
Gerne hätt' ich sie zum Küssen.

Gern', ach gerne, hätt' ich alle
Diese holden Tänzerinnen,
Doch ich weiß, wollt' ich sie greifen,
Wehten sie in Blatt und Blüthen.

Nur ein leiser Duft von Rosen,
Gelben Rosen, bleibt zurück, und
Tief im Busch verklingen leise,
Windverwehte Walzerhauche…

Siehst Du, so was sehen junge Leute in jungen Mädchenaugen. Ihr Alten glaubt es natürlich nicht. Natürlich! Wie sollten alte Leute so was glauben! Brummt nur! Brummt! Wir Jungen verdenken's Euch nicht, wenn Ihr nichts dazu zu sagen wißt, als: Schwindel!

Ist aber keiner. Noch ganz andere Sachen sieht unsere hellsichtige Jugend, Sachen, daß Einem das Herz schier springen möchte vor Glück.

Vielleicht erzähl' ich Dir auch von diesen noch einmal.

Ich bin sehr zum Erzählen aufgelegt, und es könnte sein, daß ich noch zum Dichter würde gratia Brigittae.

Was nicht Alles aus einem Bibliothekar werden kann, wenn er in der Venussonne liegt.

Aber ich bin nicht stolz, so jung ich geworden bin, und

bleibe
Dein
Krazi.

Anmerkung des Adressaten: Es hat ihn.

XXVII.
Herr Pankrazius Graunzer versucht, hinter sich selber herzugehen und die Aehren zu lesen, die aus dem brevario Brigittae fallen, giebt es aber als unfruchtbar auf und ermannt sich statt dessen zu einem wichtigen Entschlusse.

Ich glaube, wir befinden uns gegen Ende des Juli. Es ist eine himmlische Hitze, und die Sonnenstrahlen quirlen die Luft, daß sie wie's Wasser im Klostopfe wallt.

Ich sitze gut auf meinem Balkon zwischen den Weinranken. Unten muht Gerschle-Pepis Kuh; ganz ferne, irgendwo, donnert's, als wäre es des Kuhmuhs Echo; drüben auf Andechs blitzt ein Fenster in der Sonne.

Sitzt wohl ein kluger, alter Benediktiner dahinter und sinnirt behaglich in die Landschaft hinab und denkt sich: Schabt mir die Glatze!

Gestern war ich drüben.

Was das schön war!

Erstens, weil's überhaupt schön ist, und zweitens, weil ich mein Brevier mithatte.

Ich lese sonst nicht gerne draußen. Nur den Vogelweiden-Walther und das Brevier – die beiden können die Konkurrenz der Natur aushalten. Denn sie sind selbst Natur.

Das Brevier noch mehr als der Walther. Denn das Brevier ist Brigitte. Nein: bloß ein Theil von ihr. Ach, bloß ein ganz, ganz kleines Theilchen, – ein paar Briefe.

Sie schickt sie mir mit einem kleinen Mädelchen, die ich, nicht sehr zart, die Rotznaspost nenne und die durch diese Botengänge noch zur Kapitalistin werden wird. Denn ich gebe ihr, – Liebe macht generös, – für jeden Brief einen großen Nickel.

Ein ganzer Haufen von den Briefen liegt vor mir.

Ich mag sie nicht chronologisch ordnen. Anordnen, – das paßt nicht zu ihnen. Es sind Feldblumen, die man nicht an Drähte spießt und zu Bouquets maltraitirt.

Wenn ich mit ihnen spazieren gehe, mach' ich's so: Ich nehme sie, wie sie mir gerade in die Hände kommen, und stecke sie in die rechte Brusttasche. So. Nun los. Welchen werd' ich zuerst greifen?

Und ich fange an, auszurathen. Das ist eine gute Vorübung, der ich obliege, so lange ich in der Nähe menschlicher Wohnungen bin.

Dann aber, sobald ich rings um mich nichts sehe, als Wiesen, Felder und Himmel: dann der Griff in's Glücksrad und stehen geblieben und gelesen…

Jeder gelesene Brief kommt in die linke Brusttasche, und wenn diese voll, die rechte aber leer ist, wende ich mich um und trete den Rückgang an, während dessen die Briefe wieder langsam von links nach rechts wandern.

Daß ich mich dabei nicht selten verlaufe, – was Wunders? Ach, ich verlauf' mich immer, – in den Himmel.

***

Ich möcht's 'mal versuchen, hinter mir selber herzugehen bei einem solchen Spaziergang, 'mal die Aehren zu lesen, die ich habe fallen lassen, mir 'mal selber zu erzählen, wie schön es gewesen ist, das Wandern mit dem Breviario Brigittae.

Was fiel mir gestern zuerst in die Hand, da oben, hinter Skt. Georgen?

Ah, der da war's:

»… Wenn ich in der Früh aufwache, so denk ich gleich an Di und kann mich ärgern, weil es mir von Dir nicht träumt hat. Aber gar nicht, nicht mal bloß sehen, gar nichts. Komm, nehm mich und halt mi recht fest in Deinen starken Armen. Hast Du mich lieb? Ja! Ich küß Dich so, daß Du todt bist, und dann küß ich Di wieder lebendig. Nein, ich küß Dich nur, bis Du schlafst. Gell? – – –

Wenn Du kommst, so nimmt Dich Miezi und tragt ich überallhin…«

Ach, Du Aff', Du, schreibst es hin und weißt gar nicht, wie wahr es ist! Wo hast Du mich schon überallhin getragen!

Dann, hinter der Kapelle mit dem Weidenbaum, kam mir der in die Hand:

»Ein kleiner Spatz sitzt vor meinem Fenster und schaut zu mir rein. Grüß Di Gott, Spatzei, ich liebe Dich! Prr fliegt er weg, nauf zum Gerschle-Pepi-Haus. I glaub, der Spatz warst Du!

Nicht böse sein, daß ich so dummes Zeug schreib! Es ist mir aber immer besser, wenn ich das Gesindel los bin.

Und da sitzt auf einem Male wieder einer da, aber ein ganzer kleiner jetz, und piepst jämmerlich und fiercht sich, daß er 'runter fallt. Ich glaub 's is a junger.

Ach, mir ist so schwerherzig, Du. Ich hab Dich so lieb.«

— — —

Merkwürdig, diese Briefe, so lieb sie mir sind, wenn ich sie sehe, – sie verändern sich, wenn ich sie abschreibe. Plötzlich sehen sie dann kahl und dürftig aus.

Umgesetzte Pflanzen!

Warum thu' ich es überhaupt?

Will ich mir vielleicht über etwas klar werden?

Ueber Brigitte? Ueber mich? Ueber uns beide?

Ach! Das Blatt mag ich dreh'n und wenden wie ich will: es zeigt nur den einen Text:

Und wenn Du die Welt abliefest im Kreise
Und liefest die Kreuz und Quer,
Du fändest in Nord, Süd, Osten und Westen
Keine die besser wär',
Sie ist die Eine, Dir vorbestimmte,
Daß sie das Werkzeug sei,
Daß Du das Wunder mit ihr verübest:
Eins und Eins ist – Drei.

Und siehe: damit bin ich wieder zu der Fahne zurückgekehrt, unter der ich auszog, ein Weib zu suchen: der künftige Junker des Kiebitzhofes lacht mich an mit Brigittens braunen Augen.

Oh, was das für ein Lachen ist!

Es ist, als wäre all' meine Seele nichts als ein Lächeln der Zuversicht und Begnadung.

Das ist es, wodurch meine Liebe sich von der zutappenden Liebe der Jahrjungen unterscheidet: in mir ist nicht bloß der Wunsch, zu besitzen; in mir ist auch der Wunsch, zu schaffen.

Darum ist etwas von Schwarmgeisterei in meiner Liebe, und in manchen Augenblicken komm' ich mir gar supranaturalistisch vor – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Hm… Ja, ja… Arme, liebe, kleine Brigitte, was Du für einen auspergamentirten Bua hast. Es ist doch eigentlich stilwidrig – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Wie? Unsinn! Ich wäre wahrhaftig im Stande und machte im letzten Augenblick Dummheiten aus Mitleid, diese dümmsten Dummheiten.

Gottlob, daß ich Jemand habe, der es versteht, mir den Text zu lesen mit Augen, die in jedem Nebel einen Lichtkern finden.

***

Aber es ist Zeit, zu handeln. Gott hat mir ein Korn geschenkt, das bald geschnitten sein will. Ich wär' ein schlechter Bauer, wollt' ich es auswachsen lassen, das arme, liebe, ungeduldige, goldige Korn.

Auf, Fauste, in's Reich der Mütter!

XXVIII.
Ein Bündel Briefe des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle, genannt die Briefe vom Kriegsschauplatze.

Skt. Georgen, am 4. August.

Lieber Peter,

es wird mobil gemacht. Brigitte hat genug geplänkelt. Das arme Kind ist schon marode. Die Sache liegt schlimmer, als ich gedacht.

Die Mutter will nicht.

Das steht fest.

Ich habe daher den Bruder und die Yankeese als Bundesgenossen geworben. Beim Himmel: keine saubere Allianz. Aber es mußte sein.

Sie bohren nun zu zweit an der Alten, und die Angebohrte läßt ihren Zorn über die Operation an Brigitten aus.

Verweinte Augen. Verweinte Briefe.

Ich selber renne hin und her und frage und bitte und tröste und, wenn ich zu Hause bin, fluche ich und halte grimmige Monologe.

In zweierlei Eigenschaft, so scheint's, bin und der chère mère unlieblich: als Preuß' und dann als Ketzer.

Ich betheure, daß meine Seele nicht preußischer und lutheranischer ist, als die Seele eines Stallpintschers.

Hilft nichts: der Taufschein beweist, Seele ist Nebensache.

Ich weise darauf hin, daß die Dame aus den Vereinigten Staaten auch nicht in Bayern geboren und auch nicht mit katholisch geweihtem Wasser getauft ist.

Hilft nichts: bei einer Frau ist das ganz was Anderes. Die wird halt, was der Mann ist.

Darauf versuch' ich, mich auf allerlei tiefgründige Entwicklungen einzulassen (eine Heidenschinderei, kann ich Dir sagen).

Hilft nichts: die Alte kapirt kein Wort.

Soll ich vielleicht katholisch werden?

Nein! Man kennt das! Ich würde halt so katholisch, wie ich jetzt lutherisch bin. Das wär' ein sauberer Katholizismus.

Und so dreht und dreht und dreht sich die Scheibe, aber ein Topf wird nicht d'raus.

Beim hohen Himmel: man könnte rabiat werden und drehkrank bei dem Geschäft.

Aber dann treff' ich mich auf ein paar liebe Minuten mit Brigitten auf dem Anger, und es ist Alles wieder gut.

Goldene Wellen, die die Sonne tragen,
Kommen mir aus ihren Augen her.
Wirf, du dummes Herze, Grimm und Klagen
Tief hinab in dieses goldene Meer.

Dein
Pankraz.

***

Skt. Georgen, am 10. August.

Lieber Peter!

Da bin ich und trag' auf der Spitze meines Schwertes den Kranz des Siegers aus heißer Schlacht.

Ah, mein Lieber, derber durchgewalkt ist noch kein Ritter heimgekehrt aus dem Kreuzzuge.

Vielleicht findest Du das Bild ein Bischen kühn (ich thue desgleichen), aber ich muß es doch aussprechen, denn es thut mir wohl, es zu sagen: meine Seele schwitzt von diesem Kampfe.

Nicht umsonst wohn' ich in Skt. Georgen, denn es war mir beschieden, mit einem Drachen zu kämpfen.

Höre und bewundre mich!

Gestern erklärten mir meine Alliirten, der Plan sei bereit, und ich sollte ausziehen und mein Heil versuchen. Freies Geleite sei mir gewährt, und hinausgeworfen würde ich höchstens am Schluß.

Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß mir bei dieser Eröffnung ein wenig bänglich zu Muthe ward.

Brigitte zitterte am ganzen Leibe, und ihre Angst war so groß, daß sie weder weinen noch sprechen konnte. Wortelos begleitete sie mich zu dem Hause hinauf, in dem die Mutter Tags über weilt.

Ach, ihre Augen zu sehen, wie sie voll Liebe und Sorge waren! Und wie sie sich an mich schmiegte, daß ich ihr Herz klopfen fühlte.

Ich hatte Lust, dieser Mutter vorher die Fenster einzuwerfen, eh' ich sie um die Hand ihrer Tochter bat.

»Kehr' jetzt um, Mädi, und hab' keine Angst. Sie wird schon ja sagen.«

Sie ließ den Kopf hängen und lief, lief schnell den Berg herunter.

Unten blieb sie einen Augenblick stehen, wandte mir ihr Gesicht zu und rief nur das eine Wort: Du!

Wer das Wort in Musik setzen könnte!

Alle Kunst ist Gestammel.

***

Ich trat in's Haus.

Und nun ging mir's, wie mir's immer geht in schweren Lagen. Vorher bin ich keiner von den Muthigsten, aber, sobald ich der wüsten Frau Gefahr direkt in's Auge sehe, kommt Ruhe und Zuversicht über mich. So ging mir's im Examen, so ging mir's, als ich damals mit dem lächelnden Biedermann Pistolen knallte, und so also auch jetzt, als es sich um viel Wichtigeres handelte, um das liebe Brigittenwunder.

Also: ich war heroisch kühl.

Die Alte saß in einer rauchigen Werkstatt und goß zinnernes Spielzeug, das, in Verkleinerung, allerlei Altargeräthe der katholischen Kirche darstellte. (Das ist nämlich das Geschäft, das sie nach dem Tode ihres Mannes fortsetzt, obwohl sie es »nicht nöthig« hat.)

Ich dachte an den Kugelguß in der Wolfsschlucht, und es war Alles sehr stimmungsvoll und ungewöhnlich.

»Parbleu« sagte ich zu mir selber (wirklich: parbleu sagt' ich, – es war darin wohl ein Bischen Renommirfuchsigkeit), »parbleu, es ist mir doch lieber, als wenn ich in irgend einer ›Berliner Stube‹ zwischen Ausstattungsstücken preußischen Tapeziergeschmacks diesen Tanz tanzen müßte«, und ich freute mich, wie der grüne Garten in diese rauchige niedere Bude hineinschien.

Also: Auf die Mensur! Bindet die Klingen! Sind gebunden! Los!

Huppdich! Da hatt' ich schon einen Sauhieb weg.

Madame war nämlich liebenswürdig und sprach also:

»So, das is schee, daß der Herr Doktor sich 'mal das Zinngießen anschaugn will! Gell, so 'was haben's in Berlin net?«

»Nein, wirklich nicht! Sehr interessant! Ah! So sieht so eine Form aus? Hm! Und das ist ein Gießlöffel? Ja, ja, das will gelernt sein!«

»Ach, is net schwer. Wollen's ebet mal versuchen?«

Und richtig: ich mußte erst lernen, eine Monstranz zu gießen.

Am liebsten hätt' ich Alles zusammengeschmissen, aber ich hielt an mich und goß, daß mir der Schweiß in Perlen die Backen hinunter rann.

»So! Recht schee! Recht schee! Ja, so a Doktor, der lernt halt Alles gar schleuni.«

»Zumal ein preußischer Doktor, nicht wahr?«

»Ja, die Preißen. Dös san halt Malefizi… Na, na, nix für ungut. Sie wissen scho. I moan's net so schlimm.«

»Wirklich nicht? Aber dann ist's ja gut! Dann können Sie mir ja auch Brigitten geben!«

»'s Brigittle? Was wollen S' denn mit dera? Die is ja viel z'schlecht für so an noblichten preißischen Doktor! So a dumm's Mädl! Viel zu schlecht is!«

»Das muß ich schon besser wissen. Ich glaube, daß es in der ganzen Welt nichts so Liebes und Gutes giebt, und, sehen Sie, ich bin doch nicht bloß ein Doktor, sondern auch ein ziemlich alter Knabe. Vierzig.«

»Hm. Ja. Dös is grad. I moan halt: Dös kann net recht sei'. Sie is z'jung no!«

Darauf war ich nicht gefaßt! Denn das war ja eigentlich nicht unvernünftig.

Aber über diesen vernünftigen Einwurf, der ihr, wie ich bald merkte, durchaus nicht ernst war, kamen wir schnell weg.

Nicht so schnell leider über Anderes.

Der »Preiß« und der »Ketzer« waren auch schnell abgethan, eigentlich kaum berührt, so daß ich die Empfindung hatte, bisher von meinen Alliirten ganz falsch berichtet worden zu sein. Die Alte spielte sich vielmehr eher als Freigeiste auf und that so, als kümmerte sie die Religion gar nicht.

Dagegen verlegte sie sich mit einem wüthenden Eifer darauf, mir klar zu machen, wie unendlich tief Brigitte unter mir stehe. Ich habe noch nie einen Menschen so schlecht machen hören, wie es hier einer Tochter durch ihre Mutter geschah.

Du kannst Dir denken, in welchen Zorn mich das versetzte.

Schließlich schrieen wir uns rechtschaffen an, und die Alte sprang wie im Veitstanze um mich herum, eine Schlechtigkeit nach der andern auf ihre Tochter häufend.

Ich bring' es nicht über mich, die Worte und Bilder zu wiederholen, die sie gebrauchte. Ihr ganzes Gebahren machte einen pathologischen Eindruck, und ich hatte zuweilen direkt physische Angst vor dieser fuchtelnden, wortespeienden Aufgeregtheit.

Aber ich hielt Stand und behauptete das Feld. Sie konnte nicht halb so viel schimpfen, wie ich pries, und schließlich fiel sie erschöpft in ihren Stuhl und lächelte bloß noch blöde zu der großen Schlußrede, die ich auf Brigitten hielt.

Und siehe: aus dem blöden Lächeln wurde ein befriedigtes Lauschen, und ein ganz anderes Lächeln gewann Macht über dies gelbe, harte Gesicht, das langsam weich und freundlich wurde, und ich merkte: Das ganze Geschimpfe war nur Scheingefecht, die stärkste ihrer Taktiken, meinen Angriff abzuschlagen und das zu behaupten, was die Alte in mütterlichem Egoismus für sich selber behalten wollte: Brigitte, das Scheusal.

Du kannst Dir vorstellen, daß mich das um sehr viel milder gegen sie stimmte, obwohl ich deshalb nicht nachlassen konnte, meine Sache zu verfechten, die zugleich Brigittens Sache war. Auch muß ich gestehen, daß diese Gattung mütterlicher Liebe mir nicht sonderlich behagt. Verstieg sie sich doch so weit, daß sie es als ihr Ziel erklärte, Brigitte in ein Altjungfernstift einzukaufen, um ihrer völlig sicher zu sein. Und dabei kam Eines heraus: die Alte meinte, nicht aus mütterlichem Egoismus zu handeln, sondern aus mütterlicher Fürsorge:

»Ich weiß, was es mit dem Verheirathetsein is: Nix als Sorg'n und Wehthun. Und's Ende is das Wittfrauthum, das allerschlimmst'.«

Wie sie das sagte, überkam mich für eine Weile diese verfluchte Objektivität, die uns Deutsche schon manchmal im kritischen Momente in die Hand unserer Gegner gespielt hat, unsre vermaledeite Erbtugend, an der wir wahrscheinlich noch zu Grunde gehen werden. Sie trieb's so toll mit mir, daß mir – Antigone einfiel! Der Frauen Schicksal ist bejammernswerth…

Ja ja, Leben und Lieben… Lyrisch macht sich's recht süße, aber…

Nein doch! Ich weiß, daß ich kein Hundsfott bin, Gottlob, und Brigitte wird nicht zu klagen haben und wird nicht klagen.

Das sagte ich denn auch ihr, und ich sagte es so, daß es sie überzeugte, und so kam es, daß sie mir die harte, knochige Hand gab und ja zu meinem Wunsche sagte.

Vier Stunden hatte der Kampf gedauert, während dessen aus einem Drachen eine zwar nicht sehr liebenswürdige, aber doch eine nach ihrer Art liebende Mutter wurde, – wenigstens für mich, der ich ihr abbitte, daß ich sie so häßlich beurtheilt habe.

Ich rannte hinaus. Ich rannte den Berg hinab. Ich rannte in Brigittens Arme, und, weiß Gott, wir zweie haben geweint mit einander vor Glück.

Jetzt ist bloß die Frage: wann wird Hochzeit sein?

Denn ich habe Eile, Pater! Mir wird Angst, daß, wenn ich nicht ganz fix mache, irgend etwas Plumpes, Dummes, Gräßliches kommt, das da sagt: Weg da, Glück!

Also: Laufschritt! Marsch! Marsch!

Dein
sehr glücklicher
Pankrazius.

***

Skt. Georgen, am 20. August.

Lieber Peter!

Das Schiff hat ein Loch,
Aber an's Land kommt's doch.

Höre: Nachdem die Alte Handschlag und Jawort gegeben, bin ich, Verschiedenes, z. B. ein Brautkleid (ein hold weißseiden Gedicht), zu kaufen, nach München gefahren. Ich lief dort wie auf Sammt, so leicht und glücklich war mir zu Muthe, da, plötzlich, heute, als thäte sich flammend der unbewölkte blaue Himmel auf, kommt mir die schauderhafte Nachricht: die Mutter nimmt Alles zurück und will nimmer, Alles ist aus. Und flehentlich bat Brigitte: Komm! Komm!

Ich fuhr sofort nach Dießen. In einem Gewitterguß lief ich von Wilshofen, bis ich am Hausthor stand. Durch's Fenster sah ich Brigitten ganz verweint in der Ecke sitzen. Ich läute; sie springt heraus, mir an die Brust und weint und weint. Drängt mich aber fort. Ich dürfe nicht hinein, sie werde Nachts kommen und mir Alles sagen.

O, dieses Warten nun!

Endlich kam sie. Es war elf Uhr. Stockdunkel die Nacht und gießender Regen.

Die arme nasse Maus! Und konnte wohl eine halbe Stunde nicht reden vor Weinen.

War fortgelaufen, obwohl sie sicher glaubte, daß es bemerkt werden würde. So, mitten in der Nacht, erzählte sie mir, es wäre wie Raserei über die Mutter gekommen, die sie nun mißhandelte in ihrer Wuth. Ja, sie sollte nur zu mir laufen, immer zu! Aber nicht mit ihrem Willen! Wählen sollte sie zwischen dem Hergelaufenen und der Mutter, die ihr als Segen einen Tritt geben wolle, daß sie nur recht weit wegflöge, recht weit.

Und die ganze Familie sofort im Einklange mit dieser Tonart. Von allen Seiten war man auf das arme Kind losgefahren.

Wie ein verprügeltes kleines Hündchen kam sie mir vor, und wenn sie mir jetzt gesagt hätte: Ich muß Dich lassen, – ich hätte nicht das Herz gehabt, sie zu schelten.

Welches Mädchen hätte nicht so gethan?

Aber in ihr war von diesem Gedanken nicht ein Hauch.

Ihre Arme langten nach mir, ihr Herz war schon fort aus dem Hause, in das mir der Zutritt verwehrt sein sollte.

Hätte ich jetzt, im Sturm der Regennacht, gesagt: Komm, wir wollen gehen! – ohne Besinnen hätte sie meinen Arm genommen.

Ich dachte einen Augenblick daran, so zu handeln, aber schließlich überlegte ich, daß es zwar romantisch, aber auch unklug und unrecht wäre. Ich brachte sie also zurück an ihr Haus und half ihr zum Fenster hinein. Eine Weile blieb ich und lauschte, ob sich kein Lärm erheben würde. Aber es blieb ruhig. Es war nichts bemerkt worden.

Das war ein Tag, heute!

Aber da seh ich, daß schon der Morgen graut und daß also auch dieser böser Tag bereits vorüber ist. Jetzt heißt es nun schnell die andern bösen folgen lassen, damit wir auf die guten, die schon auf dem Wege zu uns sind, nicht zu lange warten müssen.

Wie sang uns're rothmützige Jugend?

Hopp, hurrah, voran!
Es schleicht der Wicht, es springt der Mann;
Und ging es in die Speere!
Ein Ende mach' dem Sauermuth,
Das Glück ist bloß dem Raschen gut,
Das Glück und auch die Ehre!

Jetzt noch drei Stunden auf's Ohr gelegt, dann diesen Brief auf die Post und dann, was kann da sein, hopp, hurrah, in die Speere!

Dein
Krazi.

***

St. Georgen, den 21. August.

Lieber Peter!

Gottlob, das Feld ist klar. Ich hatte schon Angst, daß wiederum diplomatisiert werden müßte.

Nein. Ich bin kurzweg hinausgeworfen, will sagen gar nicht eingelassen worden und nun, mein Lieber, sollst Du eine kleine romantische Entführung erleben und stolz auf Deinen alten Korpsbruder sein, daß er rasch wie ein junger das Glück am goldenen Schopfe packt.

Brigitte und ich haben heute das Kunststück fertig gebracht, trotz aller Belauerung zusammen zu kommen, und wir haben beschlossen, auf und davon zu geh'n. Jetzt, wo keine Wahl mehr ist, ist es uns Beiden, als hätt' es gar nicht anders kommen können, und wir berathschlagen unser Werk mit einer Art von kühler Heiterkeit.

Gott, wer das mir prophezeit hätte!

Tante, Tante, was sagst Du nun! O, ich weiß, Du giebst mir Recht, so wenig Du von Allem wissen wolltest, das nach billiger Romantik aussieht. Wir handeln in der Nothwehr. Man will uns unseres Rechtes auf uns berauben. Freilich greift man uns mit den Waffen des formalen Rechtes an. Ei freilich! Aber wir ziehen das Recht vor, das mit uns geboren ist.

Du runzelst die Präzeptorenstirn, Peter? Na, warte nur, wenn ich Dir Brigitten zeigen werde, wirst Du sie wieder glätten.

Dein staatsgefährlicher
Pankrazius.

***

Augsburg, in den Drei Mohren
am 30. August.

Mein theurer Peter mit der Runzelstirn!

Es ist wirklich wahr, man ißt in den drei Mohren ausgezeichnet gut, und wenn Du mir's nicht glauben willst, so frag' Deinen Kollegen, den Gymnasiallehrer Dr. Peter Kahle aus Pommern, der augenblicklich mit seiner Nichte Sophrosyne in diesem sehr vortrefflichen Gasthaus abgestiegen ist und es sich über die Maaßen wohl sein läßt bei altem Burgunder Nuits und Schweinsbraten nebst Bauchstecherlen, einem schwäbischen Gerichte von großem Liebreiz.

Ich habe mir nämlich, um Dich für Deinen sauerkloßigen Brief wenigstens etwas, wenn auch viel zu gelinde, zu bestrafen, Deinen vielwerthen Namen beigelegt, da ich Ursache habe, den meinen hier nicht zu nennen, denn Deine Nichte Sophrosyne ist meine liebe Brigitte, und wir zwei Beide befinden uns fröhlich auf dem Pfade, vor dem Du so eindringlich und in unverkennbaren Anklängen an den Stil der lateinischen Aufsätze abgerathen hast.

Ich sehe Dich erbleichen, Alter, und so will ich Dich denn sogleich trösten.

Also: Unsre Flucht (das klingt!) hat sich nicht ganz so freiwillig und vorbedacht gestaltet, als wir eigentlich vorhatten. Das Schicksal, das es so gut mit uns meint, hat uns vielmehr im letzten Augenblick noch einen mildernden Umstand gestiftet.

Spitze die Ohren, mein Freund, paß auf und laß mich erzählen! –:

Brigitte und ich lebten so heiter und zuversichtlich, wie Leute leben, die einen guten, starken Vorsatz gefaßt haben und dabei sind, ihn in allen Einzelheiten der Ausführung zu überdenken. Wir konnten uns nur heimlich sehen, aber das machte unsre Zusammenkünfte nur noch reizvoller. Freilich, kurz waren sie, zu kurz, und das wollte uns nicht behagen.

Deshalb beschlossen wir, einmal kühn zu sein und uns einen ganzen Sonntag Nachmittag zu schenken, einfach so, daß Brigitte mit einer Freundin, die nun natürlich in's Vertrauen gezogen werden mußte, scheinbar spaziren ginge, in Wahrheit aber zu mir käme, während die Freundin in ihrer Güte allein weiterspazirte.

Und so geschah's. Alles ging nach Wunsch, wir thaten uns gütlich aneinander, und, wie es in dem alten chinesischen Roman vom schönen Mädchen von Pao heißt: »Die Freude der Fische im Wasser zu schildern, ist überflüssig.«

Als der Abend kam, stellte sich die Freundin wieder ein und holte Brigitten mit spitzbübischem Lächeln ab. Es sah hübsch aus, wie die beiden Mädchen mit einander heimwärts schritten durch die Dämmerung. Oft wandte Brigitte das liebe Gesicht zurück, und immer, wenn sie es that, war mir's, als leuchte die Sonne im grauen Dämmer.

Wie der Abend dichter ward, ging ich auch in den Ort, in ein Wirthshaus, das dem Vater des Mädchens gehört, durch dessen einsamen Spaziergang und die Möglichkeit, allein miteinander zu sein, gegeben worden war. Ich war etwa fünfzig Schritte vor dem Thore des Hauses, da hör' ich im Dunkel was Leises, Rauschendes hinter mir her, und wie ich mich umdrehe, liegt mir auch schon Brigitte am Hals, schluchzend, feucht die Backen von Thränen.

Es war lange nicht möglich, ein Wort aus ihr herauszubekommen. Erst, als ich sie weit hinaus, den Hügelweg hinauf, geführt hatte, der nach Landsberg geht, rang sich's langsam los aus ihr.

Was soll ich Dir's weitläufig erzählen: es war bemerkt worden, wo sie gewesen war, und, da sie es auch ruhig und fest gestand und erklärt hatte, sie werde sich nimmer von mir losreißen lassen, hatte die Mutter, rasend vor Wuth, sie zur Thüre hinausgewiesen mit den Worten: sie solle zu mir gehen und bei mir bleiben und es nicht wagen, sich wieder vor ihr sehen zu lassen. Es hatte auch nicht an handgreiflichen Hinzufügungen gefehlt.

Und da hatt' ich sie nun, meine liebe kleine Frau.

Anfangs flogen mir die Pulse vor Aufregung und Zorn und Schmerz, aber, just als der Mond herübertrat über den Burgwald und silberschön das Mädel beglänzte, da kam mir's wie ein Gefühl ruhigen Dankes, und ich nahm sie an den Hüften und hob sie hoch und küßte sie lange und schwang sie dann herum im Kreise und lachte sie an und sagte: Herrlich, Mädi, so brauchen wir nicht auszureißen, sondern gehen ganz friedlich miteinander ab und lassen die Andern uns gern haben, allemiteinand.

Gell?!

Ja! sagte sie leise und sah mich mit wehfrohen Augen an, die sprachen: wie Du willst!

Nun lagen die Dinge aber so: die Mutter würde freilich keinen Finger rühren, um rückgängig zu machen, was sie gethan, und ginge Brigitte jetzt in's Haus zurück, die Alte würde sie mit einem Scheit Holz hinaustreiben und nur bedauern, daß nicht Winter und Sturm draußen ist. Aber der Bruder und die Schwägerin – die würden Alles versuchen, sie zurückzuholen. Sie würden sie vielleicht eine Weile vor der Alten verborgen halten, bis sich deren Wuthparoxysmus in etwas gelegt hätte, dann aber, zumal wenn ich fort wäre, würde sich Alles langsam wieder einlenken.

Liebe, verständige Verwandte, – nicht wahr?

Ach, Du Idealist! Was sich die wackeren Zweie retten wollten, war nicht die Schwester, nicht die Schwägerin, – war einfach der billige Dienstbote, das treue, eifrig, willige Arbeitsthier, das keinen Lohn verlangte und mehr that als ein Fremdes.

Du glaubst das nicht?

Es ist aber leider so. Der Bruder hat mir's an jenem Abend, gestern Abend, selber gesagt.

Denn nun kam Folgendes. Ich brachte Brigitten in einem Hause oben in Skt. Georgen unter, das ein mir bekannter Maler mit seiner Frau bewohnte, machte Alles Nöthige mit ihr aus und ging dann in das Gasthaus, um mit Brigittens Freundin Einiges zu besprechen. Denn das arme Thierchen hatte ja natürlich keine Reisekleider, keinen Hut, keine Schuhe.

Die Freundin war bald verständigt und schnell bereit, zu helfen, und ich ging nun, mich zu stärken, in's Gastzimmer. Wunderlicher Gegensatz! Da knallten die Zimmerstutzen, da klangs von Zither und Guitarre, und die Maßkrüge donnerten auf die Tische.

Der wackere Bruder war auch bei den Schützen. Gerad, wie ich eintrat, war er am Schuß. Er zielte lange, drückte ab und traf in's Schwarze. Allgemeines Halloh, die Maßkrüge klangen zusammen, wohlgefällig lächelnd nahm er die Komplimente seiner Genossen entgegen.

Dann kam er langsam auf mich zu, grinste mich freundschaftlich an, gab mir die Hand, hieß sein Bier an meinen Tisch bringen und fing nun auf's Gemüthlichste an, mit mir über die Sache zu reden.

Ich sollte ihm sagen, wo Brigitte wäre; das war das Erste.

Ich sagte ihm sehr ruhig und gleichfalls mit dem Biedertone der Gemüthlichkeit, daß mir das gar nicht einfiele.

Dann werde er sie suchen, – er!

Das möge er thun, wenn's ihm Spaß mache. Finden werde er sie aber nicht.

Oh! Wenn er nur wollte! Er fände sie schon! Er könne sich schon denken, wo sie stecke. Aber nein: er werde sich gar keine Mühe geben und sich das Zimmerstutzenschießen verhunzen, jetzt, wo er wahrscheinlich heut' Abend König sein werde. Nein: ich würde schon ein Einseh'n haben und dem Mädel den Kopf zurecht setzen und sie nach Hause schicken.

Wie er auf solche alberne Einfälle komme?

Na, mir sei's doch nicht Ernst um das Mädel, mir, dem Studirten! Gott, er hätte ja gar nichts dagegen, wenn ich mich mit dem Mädel amusirte. Ich würde schon dafür sorgen, daß ihr nichts passirte…

Ich hatte Lust, den Kerl zu maulschellen, den infamen, aber ich hielt an mich und erklärte ihm ruhig, zum Amusirverhältniß sei mir seine Schwester zu gut, aber ich würde sie heirathen, obwohl er ihr Bruder sei.

Jetzt wurde er aber wild: Nein! Dazu gebe er seine Einwilligung nicht!

Darauf ich: ich bäte ihn auch nicht darum, und er habe auch keine zu geben.

Doch! Er hätte sie zu geben.

Wieso? Ob er ihr Vormund sei?

Nein: aber ihr – Dienstherr!

Donnerwetter!

Ich sah mir den Burschen eine Weile sprachlos an, dann nahm ich meinen Hut und ging.

Er brüllte was hinter mir her.

— — —

Als ich den Abend, der mittlerweile zur stockdunklen, stürmischen Nacht geworden war, hinaustrat, und als mich nach dem Gelärm und Gequalm der Wirthsstube die stille Reinheit der freien Luft empfing, da ward es mir mit einem Male klar, wie das Wunderbare geschehen konnte, daß sich Brigitte so schnell und so fest an mich angeschlossen hatte. Ich war der Erste gewesen, der ihrem unbewußten Drange nach etwas Besserem, Höherem entgegengekommen war. Von mir hatte sie zum ersten Male eine Sprache, frei von Roheiten und Gemeinheiten, gehört, ich hatte ihr zum ersten Male den Blick in eine reinere Welt aufgethan, in eine Welt von Interessen, für die sie zwar nicht die Bildung, aber die instinktive Empfindungskraft besaß. Unter jenen, obwohl sie ihr verwandt waren, war sie die Fremde gewesen, wenn auch ihr frischer Lebenshumor es verhinderte, daß Melancholie ihr Wesen übersumpfte – mir war sie herzensverwandt, obwohl ich aus einem ihr fernen Lande, aus einer ihr fremden Stadt kam und viel älter als sie war. War es da ein Wunder, daß sie sich mir erschloß, zumal ihr weiblicher Instinkt bald bemerkte, daß ich sie keineswegs mit Onkelaugen ansah?

Jetzt hatt' ich die Lösung des Räthsels, das mir manche bange Stunde gemacht hatte, und da ich sie hatte, ward ich so froh, daß ich am liebsten gleich zu ihr hinausgelaufen wäre, sie noch einmal in die Arme zu nehmen und noch einmal im Kreise um mich zu schwingen, ich ganz verwandelter Pankrazius, Jüngling von ihren Gnaden.

Ach, Peter, so froh war ich, – es ist nicht zu schildern.

Der Wind nahm mit den Hut und wehte ihn in die dunkle Nacht, den Berg hinab.

Hurrah! schrie ich, wie ein junger Lieutenant, der hinterm Sieg her ist, und lief in's Dunkel, dem Hute nach, den Brigitte um seiner Farbe und Weichheit Willen »die Frühlingswolke« getauft hatte.

»Frühlingswolke, wo bist Du?!« schrie ich und rannte in's Dunkel.

»Frühlingswolke, bist Du in den Himmel gefahren?!« und da lag ich auf der Nase.

»Frühlingswolke, ich kriege Dich, so gewiß ich Brigitten schon habe!« und ich turnte in einem dicken Buschgehege herum.

»Frühlingswolke!…«, und da hatt' ich ihn, der auf einem Rosenbusche hing.

Ich ging sehr befriedigt nach Hause, meine Frühlingswolke auf dem Kopfe, den Frühling im Herzen und bloß von der Angst geplagt: Du wirst es doch nicht verschlafen?

Denn die Post nach Landsberg, mein Lieber, geht schon um's Morgengrauen ab.

Wir hatten nämlich beschlossen, ganz einfach und unromantisch mit der Post nach Landsberg und von dort mit der Bahn nach Augsburg zu fahren. Das deshalb, weil wir so kalkulirten: wahrscheinlich wird die werthe Familie gar nichts thun, weil sie von unserer Seite gar nichts erwartet; wenn sie aber was thut, so wird sie die Ausfallsthore nach München öffnen.

Und, damit ich nun kurz bin: wir hatten uns nicht verrechnet.

Verschlafen hab' ich's Gott sei Dank nicht.

Als ich erwachte, prunkte der Himmel noch in schwarzem silberbesticktem Sammet. Von der großen Eiche vor meinem Fenster krallten ein paar Krähen ab und krächzten in die tintige Luft. »Absit omen« beschwor ich feierlich und fuhr in die Hosen. Mit Gerschle-Pepi war meiner Effekten wegen Alles beredet, ich konnte also ruhig wandern, und ich thats. Unten in der Post zwei Billets genommen (»Zwoa?« »Jawohl, oben in Skt. Georgen steigt wer zu!«) und nun in den Rumpelkasten.

Ein verzweifelter Trompetenlauf, wie wenn zwanzig Frösche jäh aus dem Schlafe erwachten und erschreckt quakten, bis sie mitten im beruhigter werdenden »Quarr« wieder einschlafen. Das war der blauweiße Herr Postillon. Und nun bergauf durch die Hauptstraße. Die deutsche Sprache hat nicht Naturlaute genug, um onomatopoetisch das Gerassel, Gerumpel, Geratter, Geknatter, Geächze, Gekrächze, Gequietsche, Geratsche, Geklirre, Geknurre, Gepumpre und Gedonnre dieses königlich bayerischen Postfuhrwerkes anschaulich zu schildern. Wenn der Teufel seiner Großmutter zu ihrem Namenstag ein recht höllisches Ständchen bringen will, so läßt er sicherlich vor den Fenstern ihrer guten Stube ein Höllenkorso mit bayerischen Postomnibussen fahren. Aber den rechten Genuß hätte Madame doch erst, wenn sie drin säße.

Auf der Landstraße wurde es besser. Und wenn auch die Ohren und die vielwerthen vier Buchstaben weiterhin kasteit worden wären, jetzt hätte ich es nimmer gefühlt; denn den Augen widerfuhr ein herrliches Schauen. Ich sah ein abenteuerliches Bild: gleich einer großen, langen Raupe kroch ein heller Nebelkegel über den See. Und dann der sieghafte Aufstieg der Sonne. Vor sich her warf sie eine Hand voll flüssigen Goldes über das Kloster Andechs und den »heiligen Berg«, dann kam sie in wundersamer Majestät empor, – ich kann es nicht sagen, wie schön und wie gewaltig. Aber daß mir andächtig zu Muthe ward, das stehe hier. Es war eine jauchzende Andacht, ein innerliches Rufen, wie einem siegenden Helden entgegen, der mit letztem Lichtspeer den geblähten Bauch giftiger Gemeinheit trifft. Eia Du Ritter Sankt Jürg der Welt, wie fuhr Dein goldener Strahl in den Nebelwurm über dem See, daß er auseinanderquoll und verendete. Und klar und glatt, sonnenüberglitzert lag in aller Helle und Morgenfrische der große Wasserplan, daß die Blicke darüber hin sich tummeln konnten und fröhlich wurden in Glück und Glanz.

Und sieh, da stand auch das Brigittele und winkte mit dem weißen Tüchel. Stand unter einer Linde und sah aus wie ein leibhaftiger Engel, obwohl der Freundin Mina Kleider ihr viel zu weit waren.

»Komm!« rief ich, und sprang aus dem Wagen und nahm sie bei der Hand und führte sie zu Postillons maulaufreißendem Erstaunen in das königlich bayerische Rumpampolium.

»Höh!« sagte der, »dös is ja's Krawaunerle!«

»Jawohl, 's Krawaunerle! Macht a Vergnügungsreis'!«

— — —

Gottlob, daß wir alleine waren den ganzen Weg.

Zwar, gesprochen haben wir wenig, hatten uns aber doch viel zu sagen, das Niemand – zu sehen brauchte.

Und nun, Brigittele, schreib hier Deinen Namen drunter zum Gruße meinem lieben Peter Kahle, Deinem würdigen Onkel.

Schau: da stehts:

Brigitte Graunzer.
Dein
bis zum Blasen der Tuben
am Tage des jüngsten Gerichts!
Pankrazius.

XXIX.
Einige Briefe des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle, genannt die fröhlichen Briefe Septembris.

München!

Lieber Peter!

Deine Nicht und ich, ihr Onkel, haben beschlossen, über München nach London zu fahren, – aus Gründen der deutschen Kolonialpolitik. Wir wären nämlich, wenn die Regierung Seiner Majestät nicht Helgoland gegen ein Stück Afrika eingetauscht hätte, nach Helgoland gefahren, aber seitdem dieses Eiland für den Rest seiner glorreichen Tage dem Deutschen Reiche einverleibt worden ist, hat es die Vorzüge, die es in puncto Standesamt besaß, eingebüßt und ist auch in dieser Hinsicht so regelrecht deutsch geworden, da wir schon Old England selber aufsuchen müssen, wenn wir in all' unserer Papierlosigkeit heirathen wollen.

Und das wollen wir.

Ei freilich! Was sollten wir sonst wollen? Ewig kann ich unmöglich als Gymnasiallehrer Dr. Peter Kahle aus Pommern mit seiner Nichte Sophrosyne ebendaher die Welt durchwandern, und was würden Hansjörg und Christine sagen, wenn ich mit einer ledigen Brigitte auf Kiebitzhof angezogen käme?

Also: London!

Aber vorher: München!

Erstens möchte ich dem furchtbaren Kunstgelehrten gerne unter Dankesthränen einmal um den Hals fallen, daß er mich aus der Hauptstadt Biermaniens fortgegrault hat, da ich sonst kaum auf die Idee gekommen wäre, an den Ammersee zu gehen, und dann war es auch Brigittens Wunsch, einmal auf »Minga« zu fahren, bevor es in die Fremde geht. Die Oberbayern sind nämlich gar sehr in ihre Haupt- und Residenzstadt verliebt, und Brigitte ist nicht weit von der Meinung entfernt, daß sie auf der ganzen ihr bevorstehenden Reise doch nichts sehen werde, das mit München einen Vergleich auszuhalten im Stande wäre.

So viel ist sicher: gemüthlicher wird's nirgends sein, und es wird mir nicht leicht sein, von hier aufzubrechen.

Uebermorgen geht's fort! Die Rundreisebillets sind schon gekauft und Brigitte hütet sie wie einen Ehekontrakt.

Beneidest Du mich nicht? Oder hast Du noch immer feierliche und moralische Bedenken? Ich komme Dir wohl noch immer bedenklich spanisch Don Juanisch vor?

Hast Du eine Ahnung!

Wäre Brigitte eine wirkliche Sophrosyne und ich ein wirklicher Kahle-Peter, wir könnten nicht vernünftiger sein. Und das ist es ja eben: was wir begehen ist kein Lieutenantsstreich, obwohl wir höchst heiter und über die Maßen lustig sind. Es steckt ein köstlicher Ernst hinter und in uns beiden, und daß auch diesen Ernst Brigitte hat, das macht mich so glücklich, denn das giebt mir die Gewähr, daß wir uns nicht eines Tages auf der Sandbank der Enttäuschung finden werden.

Ich entdecke täglich neue Seelenherrlichkeiten in ihr, Herrlichkeiten, die mir um so kostbarer sind, als ich der Erste bin, der sie erblickt. Sie sind unberührt, unverbraucht. Meine Aufgabe wird es sein, sie zu erhalten und zu pflegen. Gott behüte mich davor, daß ich an ihnen herumkorrigire, daß ich auf dieses Neuland, das voll aller Kraft treibender Natur ist, zu schnell und zu beflissen Kultur aufpfropfe.

Mit einer unglaublichen Sicherheit nimmt diese feingefühlbegabte Natur Alles in sich auf, was ihr an innerer und äußerer Kultur zuträglich und gemäß ist. Jeden Tag staun' ich auf's Neue, wie sie sich in neue, schöne Formen schmiegt, ohne an Frische und Ursprünglichkeit einzubüßen.

Du siehst: ich habe genug zu thun, denn vor mir spielt sich ein Entwickelungsschauspiel vom höchsten Reize ab, und, übrigens, auch ich mache eine heilsame und gute Mauserung durch. Wie sich Brigitte mir nähert auf ihre Art, nähere ich mich auf meine Art Brigitten. Ars amandi und Metamorphosen, – ich erlebe Beides in einem Zuge. Vergiß nicht, Deine Sekundaner, wenn Du Ovidium Nasonem mit ihnen traktirst, darauf aufmerksam zu machen. Gott, wie hätt' ich mich auf die ledernen Lektionen präparirt, hätt' ich das damals gewußt.

Aber das ist das Pech des menschlichen Lebens, daß man auf die besten Hintergründe der Dinge meist immer erst dann stößt, wenn es zu spät ist. Pix vel maxima!

Deine Nichte und ich,

wir sind
Deine Graunzers.

***

London!

Lieber Peter!

Wenn Dir einmal ein Arzt eine Kieselsteindouche empfehlen sollte, so fahr' nach London. Nicht anders ist mir zu Muthe, als wie wenn ich Tage lang in einem Brausebade von Kieseln wäre.

Diese Stadt der Massenhaftigkeit ist etwas Unerhörtes. Das ist keine Stadt, das ist ein Kropf von Menschen, eine Schilddrüsenerweiterung der Erde. Geduckten Kopfes lauf' ich in diesem Menschenwirricht herum, und hielte mich nicht Brigitte aufrecht, ich würde davonlaufen.

Wir sind jetzt vier Tage hier und müssen noch zehn Tage bleiben. Das ist die einzige Bedingung, die man hier zu Lande denen stellt, die im Namen Ihrer Majestät zusammengethan sein wollen.

Gar nichts Schriftliches wird verlangt?

Nein, gar nichts Schriftliches.

»Wenn der Beamte aber doch ein Papier verlangen sollte?…!« fragte ich einen Engländer.

»So schlagen Sie ihn einfach nieder«, erwiderte er entrüstet.

Das ist das Land, in dem das feierlich abgegebene Wort hochgeachtet wird. Wer freilich gelogen hat, wird um so nachdrücklicher auf's Maul geschlagen.

Das paßt so in den Styl des Ganzen, der etwas durchaus Grades, Großes hat.

Ich muß sagen: anheimeln thut mich's nicht, aber Respekt zwingt mir's ab. Diese Engländer bilden sich nicht ohne Grund was darauf ein, daß sie Engländer sind.

Wenn doch in Deutschland so viel Charakter steckte, wie in diesem perfiden Albion! Ich mein: Gesammtcharakter, wie er sich in allen Erscheinungen des öffentlichen Lebens, der Sitte, der Kunst, der Manieren ausdrückt. Selbst die Heuchelei hat hier Charakter, der imponirt. Selbst das Elend, wie es sich geradenwegs zum Verbrechen ausschwillt, hat Charakter. Daher denn hier eine Kunst im Wachsen ist, eine Kunst nicht bloß für Museen, sondern für's Leben, vor der ich mit Andacht stehe.

Trotzdem, um Gottes willen! möchte ich nicht hier leben. Und das hängt eben auch mit dem ausgesprochenen Sonderwesen des Englischen zusammen. Man muß Engländer sein, um sich hier glücklich zu fühlen. Bei uns dagegen fühlt sich alle Welt wohl, weil wir ein Allerweltswesen haben. Wir sind halt complaisante Leute.

Dies, damit Du nicht denkst, Brigitte und ich thun nichts als Schnäbeln.

Wir grüßen Dich
Pankrazius und Brigitte.

***

London, den 25. September.

Lieber Peter!

Nun sei beruhigt! Die skandalöse Situation, daß ich mit Deiner Nichte Sophrosyne die Welt durchwand're, hat ein Ende, denn:

Laß Dir den Tag, diesem großen Tag der Graunzer vom Kiebitzhof, schildern! Ich benutze dazu die paar Minuten, die uns noch übrig bleiben vor der Abreise. Brigitte packt die Koffer und singt dazu:

A Dearndl geht um Holz in Wald
Gar zeitli in der Fruah,

und die Sonne blitzt auf ihrem Eheringe, den ich… aber das gehört schon zur Schilderung der Kopulation.

Wir begannen den Tag mit eifrigem Studium.

»Noch einmal, Brigitte, noch einmal! Also: I do solemnly declare…!«

»I do solemnly declare…«

»Nicht deklahre! Dekläre! Also: I do…«

»I do solemnly declare, that I know not of any lawful impediment, why I Brigitte Graunzer…«

»Oh, Du Schaf, Du Schaf, Du blührieselweißes Schaf! Nix Graunzer! Wie heißt Du?«

»Brigitte Graunzer heiß i!«

»Ich bitte Dich um Gottes Willen, mach' keine Witze in dieser ernsten Stunde! Es geht um die Wurscht! Also: brav sein: why I Brigitte…«

»Why I Brigitte Oberalmer may…«

»Nicht: mai! Mä!«

»Also: may not be joined in matrimony to my lieber Aff'…«

»Willst Du gescheidt sein, Bedenkliches!… Be joined in matrimony to…«

»To Pankrazius Graunzer, – muß ich denn Graunzer auch in Englisch sagen?«

»Gott behüte mich, nein, das sag' Deutsch, voll und wohllautend mit einem langhin säuselnden au!«

»Gell, ich kann's scho! Paß auf, jetzt sag' i's nochmal: I do solemnly declahre…«

»Kläre!«

Und so noch eine halbe Stunde. Dieses alte, brave Standesamtenglisch hat seine Mucken, wenn weder der Lehrer, noch die Schülerin Englisch kann.

Daher kam's, daß wir ein Bischen mit der Angst von Abc-Schützen zum Office fuhren. Unser Zeuge, ein liebenswürdiger junger Landsmann Namens Möder, Sekretär bei dem hiesigen Vertreter einer großen deutschen Zeitung, erwartete uns und stellte uns dem zweiten Zeugen vor, dem Thürhüter des Office, der ein einträgliches Geschäft daraus macht, als Trauzeuge zu fungiren, und in seinem schwarzen Bratenrock ganz würdig aussah.

Noch würdiger sah freilich der Deputy Registrar Henry Hulford aus, der uns bis zum Beginne der feierlichen Handlung auf's Anmuthigste damit unterhielt, daß er uns Schmeicheleien über Deutschland sagte und nachträglich ein Pfund Kopiaturgebühren eintrieb.

Das gab den ersten Zwischenfall.

Ich hatte nämlich nur zehn Schillings im Portemonnaie, und Brigitte trug unser Vermögen in einem Saffianledertäschchen auf der Brust.

Unmöglich, das hier zu produziren! Also wurde sie feierlich hinausbegleitet, verschwand hinter einer Thür, um nach kurzer Zeit sehr würdig mit einer Pfundnote wieder zu erscheinen.

Sehr würdig, aber doch ein wenig aus dem inneren Gleichgewicht gebracht, wie sich später zeigen sollte.

Bis Schlag 12 Uhr, als um welche Zeit die Handlung bestimmt war, wurde gewartet, dann, als der letzte Schlag der Uhr im Verklingen war, wurden die Thüre des Amtszimmers und das Thor des Hauses geöffnet, um Allen, die Einspruch zu erheben gewillt waren, freien Eintritt zu ermöglichen.

Ich schloß eine Sekunde die Augen und begruselte mich mit der Einbildung, daß die freundliche Schwiegermama erschiene und im unverfälschten Schwabbayrisch erklärte: »I moag itten!« Aber wie ich die Augen wieder aufmachte, war schon des Deputy Registrars Würde dabei, die Fragen an uns zu richten, und ich erhob mich zu der wohleinstudirten Erklärung »I do solemnly…«

Gut ging's.

Nun kam Brigitte daran. Und siehe: sie begann sehr schön. Sie vermied die Klippe der »Kläre« und schiffte um das Riff des »Mai«, aber da fiel es dem galanten Deputy Registrar ein, zart in die Hände zu klatschen und »Bravo!« zu lispeln, und das war der Bescheidenheit Brigittens zu viel. Vorher roth vor Aufregung, war sie jetzt violett vor Beschämung und las das Ende ohne jede Rücksicht auf die Tücken der englischen Aussprache Buchstabe für Buchstabe so, wie jemand, der einen englischen Text deutsch liest. Der phonische Effekt war grausam, und ich erschrak nicht wenig. Aber der liebreiche Beamte erklärte: auch das sei Englisch, und die Hauptsache, nämlich ihren und meinen Namen, habe sie richtig ausgesprochen.

Das war der zweite Zwischenfall.

Der dritte fügte sich mit unanständiger Eile an, nachdem wir auch den gefährlichen zweiten Satz hinter uns hatten: I call upon these persons here present to witness that I (P. G. und B. O.) do take thee (B. O. und P. G.), to be my lawful wedded wife (oder husband).

Jetzt sollte ich nämlich Brigitten und Brigitte sollte mir den Ehering anstecken.

Vorzüglich! Aber, um aller Heiligen, hol' mich doch… wo sind die unseligen Ringe?

Ich tastete mich von oben bis unten ab und that wie die Ratze im Liede der Studenten im Faust, ich fuhr in alle Löcher. Peinliches Gefühl! Höchst unangebrachte Armbeweglichkeit des Bräutigams. Angstvolle Brigittenaugen. Gelassenes Warten des stets würdigen präsidirenden Gentlemans.

Endlich! In der oberen Westentasche! In dieser verfluchten, eigens für Eheringe bestimmten Westentasche! Gottlob!

Daß ich ihr den Ring durchaus auf den Daumen stecken wollte, rechne ich schon gar nicht mehr als Zwischenfall.

Nun noch eine kleine Formalität; auch nicht ganz leicht, und ich hatte mit Angst auf sie gewartet; richtig: der Zeuge-Thürhüter, bisher unbeweglich, zusammengesunken auf seinem Stuhle, spaltete plötzlich sein Gesicht durch eine von Ohr zu Ohr gehende Lippengrinslinie, erhob sich, schritt langsam und wohlwollend auf mich zu, gratulirte mit einem unendlich schmelzenden Gefühlston in der Stimme und reichte mir die Rechte. Das war der Augenblick, vor dem ich gebebt hatte, denn es galt, dieser Hand drei Schillinge zu appliziren und sie gleichzeitig mit herzlicher Wärme zu drücken.

Wohl mir! Es gelang! Mister Humpshley zeigte sich sehr geübt und virtuos, erwiderte den Druck meiner Hand, daß ich das Porträt Ihrer Majestät vom Prägebild des obersten Schillingsstückes auf meine Hand übertragen erhielt, und begab sich voll Würde zur Thür hinaus.

Als wir das Gleiche thun konnten, waren wir sehr froh, und wir werden sehr froh sein, wenn wir nun heute Abend in Queensborough das Schiff nach Vlissingen betreten werden. Denn ich sehne mich schrecklich danach, Brigitten den Kiebitzhof und dem Kiebitzhof Brigitten zu zeigen.

Das ist unser letzter Brief aus London.

Wir sind

Deine Graunzers,
Gutsbesitzerseheleute.

***

Kiebitzhof am 30. September.

Lieber Peter!

Christiane ist in Brigitte verliebt, Hansjörg ist in Brigitte verliebt, alle Pferde, Kühe und Schafe sind in Brigitte verliebt, ich bin in Brigitte verliebt, der ganze Kiebitzhof ist in Brigitte verliebt.

Resolut ist sie, sag' ich Dir! Schade, daß es die Tante nicht mehr sehen kann.

Auch die Zeit des Leidens, die wir miteinander durchgemacht haben (sie war etwas bittrer, als Du es vielleicht aus meinen Briefen hast ersehen können), ist ihr gut angeschlagen. Sie fühlt es selbst mit ihrer wunderbaren Gabe der unbewußten Erkenntniß durch das Herz, wie sie durch die Übel, die wir zusammen aushalten mußten, erst eigentlich reif und inwendig fertig geworden ist, und wir singen Dank unserm Leiden, das uns die Liebe der Anderen beschert hat:

Du und ich, wir zwei Beiden,
Wir wissen, was Leiden,
Wir wissen, was Lieben und Leiden heißt.
Wir haben's erfahren:
Mit Haut und mit Haaren
Hätte gern uns die Liebe der Andern verspeist.

Nun wir uns gerettet
Und weich uns gebettet
In Ruhe weit ab vom Gelärme der Welt,
Nun wollen wir warten
Den blühenden Garten,
Den Lieben und Lachen in Früchten erhält.

Jetzt braucht nur noch Prinz Peter zu kommen (den Peter soll er heißen), und unser Glück ist voll.

Dein

Pankrazius,
der Ehemann.

XXX.
Kurzer Nachbericht über Herrn Pankrazius Graunzers Kindstaufen nebst einigen Bemerkungen über seine Leibes- und Seelenzustände in der Ehe.

»Ach, a Maikatzerl!« sagte im Mai des Jahres, das auf die Freiersfahrten des Herrn Pankrazius Graunzer gefolgt ist, Frau Brigitte, als sie nach den Schmerzen der Entbindung zu sich kam und ein kleines Mädel neben sich liegen sah.

Herr Pankrazius aber hatte ganz vergessen, daß er einen Sohn gewollt, und gebärdete sich unbeschreiblich glücklich.

Und er lud Frau verwittwete Frankebeil in Nürnberg ein, daß sie Pathe stünde, und es ging hoch her auf Kiebitzhof, als die erste Kindstaufe gefeiert wurde. Die Wittib hielt eine Rede, und Herr Pankrazius hielt eine Rede, – bloß Frau Brigitte schwieg, aber sie konnte bloß nicht reden vor lauter Glück.

Dieses erste Mädchen erhielt in der Taufe den Namen Katharina, zum Andenken an die Gefahr, die Herr Pankrazius Graunzer im Pschorr zu Berlin so siegreich überstanden.

***

Ein und dreiviertel Jahr später hatte es Herr Pankrazius Graunzer wiederum sehr wichtig mit Trippeln und Leisegehen um die Wochenbettstube, und als er endlich hineingelassen wurde, da rief er: »Haben wir's Mariechen?«

Denn das zweite Mädchen sollte natürlich Mariechen heißen, zum ewigen Gedächtnisse an die gehäkelten Fallstricke von Dresden.

Und wahrhaftig, es war ein Mädchen.

Mutter Schützen sollte Pathe stehen, aber sie ließ schreiben, es ginge nicht mehr mit den alten Beinen, aber sie wünschte, daß der alte, verrückte Junge ein halbes Dutzend Mädchen kriegte zur Strafe dafür, daß er so ein närr'sches Luderchen wäre.

***

Und Mutter Schützen hat ihren Kopf durchgesetzt.

Es sind wirklich sechs Mädel hintereinander gekommen auf Kiebitzhof.

Sechs! Man kam in Verlegenheit um die Namen.

Auf die gute Laune und die Entfaltung der Leiblichkeit des Herrn Pankrazius Graunzer hat das aber nicht ungünstig eingewirkt. Er nimmt stetig zu an Heiterkeit der Seele und Rundlichkeit des Leibes.

Freilich, äußerlich kann er das Brummen nicht immer ganz lassen. Aber Frau Brigitte hat für solche Fälle ein gar siegreiches Lächeln zur Verfügung, das ihn schnell dazu vermag, seine Graunzerischen Monologe, wenn er sie durchaus vom Stapel lassen muß, in dem schön schweinsledern gebundenen Folianten abzuladen, der genannt ist: Der Seelenwälzer von Kiebitzhof, und auf dessen erster Seite die Fischartworte stehen: »Kurtzumb wer kein Ehegesibete hat, ist halb todt, mangelt ein stück deß Leibs, weiß kein seßhaffte Häußlich wohnunge wie die Tartarische Heerkärch, ist nirgends daheim. Dann ob er schon ein Obtach hat, ist jhm, als wer er drein gelehnet, vnd sitzt wandersweiß wie ein anderer Landstreiffer im Gasthauß, niemand kocht für seinen Mund, niemand helt jhm das sein zusammen, weder das groß noch das kleinest Haußkräutlein, weder das täglich noch das nächtlich, alles verschwind jhm vnder den Händen, hat niemand, dem er sein noht klaget, der jhm sein anligen abnimmt oder mit gleichen Achseln leichtert, keiner eyffert vmb sein Heyl, niemand warnet jhn mit trewen, vnd wann der Han todt ist, kreht kein Henne nach jhm.«