
Annemargreth und die drei Junggesellen
 
Nebst einem Vorwort von den Raubrittern und dem Segen der Aufklärung

Eine äußerst dunkle Zeit das Mittelalter!

Eine äußerst unmoralische Gesellschaft die Raubritter!

Es ist ja wahr: unsere Gardekavallerieoffiziere stammen meistens von ihnen ab. Aber auch sie müssen heutzutage so viel Examina machen, daß wir mit Genugtuung konstatieren können: die Wurzelbürste der allgemeinen Bildung hat sie bürgerlich moralisiert, und kein ehrsamer Zivilist braucht sich mehr vor ihnen zu fürchten. Ja: sie selbst weinen nun viel Druckerschwärze über die schlechten Sitten ihrer Vorfahren und sind gar sehr betrübt darüber, daß in ihren Familien solche Sachen passiert sind.

Was für Sachen! Ah: was für Sachen! Man möchte wirklich manchmal daran zweifeln, daß unsre heutigen lieben glatten Herren von, auf und zu die richtigen Nachkommen dieser unmoralischen Rauhbeine sind, die solche Sachen gemacht haben.

Denn, um das gelindeste Wort zu brauchen: saftige Kumpane sind sie gewesen, diese Herren von Eisenbeiß auf Eisensteiß, und rund um sie herum war nicht der Exerzierplatz, nicht das Büro, sondern der dicke, dunkle Wald.

Der gehörte ihnen; den hatten sie lieb. Aber die Städte und die Städter konnten sie nicht leiden.

Was da in engen Gassen herum kroch, war ihnen ein übel tugendhaft Gesindel: einzeln feig, in Masse frech; geschäftig und geschwätzig; krummbucklig und scheelsüchtig; krittlich und profitlich; in allen Dingen nach der Elle gerichtet und abgemessen; eingepackt in Sippschaften und Zünfte; klettentreu zusammengefilzt und miteinander verbacken in Schmutz und Schweiß und schmieriger Biederkeit.

Sie dagegen, die edlen Herren vom spitzen Sporn und Stegreif, die Junker-Schlagdrauf, Greifzu, Haltfest, fühlten sich als Einzelne, Eigene, Freie, und es schien ihnen ihr gutes Recht zu sein, die Säcke der Krämer in ihre Kammern zu leeren, obwohl es die Obrigkeit nicht gut hieß.

Denn die Obrigkeit konnten sie auch nicht leiden, außer wenn sie selber Obrigkeit waren.

Man ersieht aus alledem, wie ungebildet die Raubritter gewesen sind.

Hätten sie Schulbildung genossen gehabt, so würden sie sich ohne weiteres haben sagen müssen, daß das so auf die Dauer nicht fortgehen konnte, und daß sie sich mit einem solchen Betragen für alle Zeit in der Weltgeschichte ein miserables Renommé schaffen mußten. So ist es auch gekommen. Die Tugend hat gesiegt; überall herrscht Ordnung und Gesetz; jede Körperverletzung wird unnachsichtig bestraft; wer seinen Mitbürger an seinem Eigentum schädigt, kommt, mit oder ohne Wappen, hinter Schloß und Riegel: und die ganze gebildete Menschheit hat alle Ursache, jene abscheulichen Zeiten höchst verächtlich zu finden, mit sich aber sehr zufrieden zu sein.

Nur Degenerierte und Dichter (was auf Eins hinausläuft) sind imstande, an diesem Chorus der Freude nicht mit teilzunehmen. Sie allein vermögen es auch, dem Raubrittertume noch einigen Geschmack abzugewinnen.

Es muß da irgend eine Verwandtschaft bestehen. Vielleicht war das Raubrittertum eine Art angewandter Lyrik? Vielleicht ist Lyrik eine Art verhindertes Raubrittertum? Wie es auch sei: dem tüchtigen Bürger sind beide gleich unsympathisch, und dieser Umstand beweist allein schon, daß sie irgendwie zusammengehören.

Da mir an meiner Reputation gelegen ist, und da ich nicht wünsche, daß die Geheimrätin X und der Schuhmachermeister Y sich darauf einigen, mich für einen verspäteten Raubritter zu halten, darf ich nicht unterlassen, hier zu erklären, daß ich nicht zu jenen Raubritterpoeten gehöre, daß ich, wie sehr auch der Anschein gegen mich sprechen mag, im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte bin, und daß ich mit der kleinen Geschichte von Annemargreth und den drei Junggesellen keineswegs das abscheuliche Ziel verfolge, zum Mädchenraub aufzufordern.

Diese Geschichte ist vielmehr durchaus moralischer Natur und beweist aufs klarste, daß das Mittelalter wirklich finster war.

Stellen Sie sich vor, sie spielte nicht damals, sondern heute. Würde sie mit Mord und Totschlag endigen? Oh nein! Es gäbe ein niedliches, kleines, viereckiges Verhältnis; nichts weiter: wie es sich für anständige junge Leute aus guter Familie ziemt, schickt und paßt. In Wahrheit hat sie sich auch so begeben, und Annemargreth fährt heute auf Gummirädern. Ich habe sie erst gestern Unter den Linden gesehn.

Seien wir stolz! Seien wir heiter! Es lebe die Aufklärung!

Und nun die Geschichte

Es waren einmal drei junge Junggesellen, recht adelige Burschen: nämlich Söhne eines alten Raubritters.

Der war aber tot und lag mit seiner Frau, der weiland Raubritterin, in seinem Erbbegräbnisse tief im Walde. Sein Wappen, ein behelmter Wolf, der eine dreigespaltene Zunge sehr rot und im zierlichsten heraldischen Schnörkelschwunge aus dem raffzähnigen Rachen bleckte, lag in Stein gehauen über ihm; und das war gut, denn damit war die Sicherheit gegeben, daß der alte Raubritter den Landfrieden, den er dem Tode hatte schwören müssen, auch wirklich hielt. Es wäre ihm schon zuzutrauen gewesen, daß er auch noch als Gerippe auf Krämer ausgeritten wäre.

Seine drei Söhne: Welf, Ralph und Rolf, besorgten das ja auch, aber doch nicht mit der ganzen väterlichen Leidenschaft. Sie taten es nur berufshalber und wenn die Münze ausging, nicht aus Sport und innerlichem Bedürfnis. Die Jagd war ihnen vergnüglicher, und sie hetzten den Bären lieber als den Juden.

So lebten sie recht angenehm bewegt in ihrem alten Schlosse am Walde, tranken sowohl roten als auch weißen Wein in beträchtlichen Mengen und aßen vielen saftigen Braten dazu, den ihnen ihre alte Haushälterin, die ehr- und tugendgeachtete Jungfrau Barbara, genannt das Reibeisen, gar vorzüglich am Spieße zu braten verstand.

Aber eines Tages, gerade, als sie einen Rehrücken am Spieße hatte und emsig drehte, sagte sie plötzlich ohne ersichtliche Ursache: Mein Jesus, Barmherzigkeit! fiel hin und war tot. Der Rehrücken verbrannte, der Brandgeruch, erst ganz angenehm, dann schon mehr unlieblich, stieg bis ins Turmgemach, wo Welf, Ralph und Rolf sich eben die Würfelknochen unter erklecklichen Flüchen ins Gesicht schmissen, und lockte die Brüder zur Küche.

Da wurden sie sehr traurig, als sie das Reibeisen tot auf dem Steinboden liegen sahen, schlugen hastige Kreuze und fluchten mörderlich.

– »Wer soll uns nun kochen und braten!« rief Welf.

– »Sie konnte es so schön knusperig!« klagte Ralph.

– »Und dennoch blieb er innen saftig!« bemerkte Rolf.

– »Du mußt jetzt den Spieß drehen!« entschieden Welf und Ralph, die beiden ältesten, indem sie sich zu Rolf, dem jüngsten, wandten.

– »Ich werde euch den Spieß in den Bauch rennen!« bemerkte dieser gelassen.

Darauf prügelten sie sich eine Weile mit Hingebung.

Aber damit war die Dienstbotenfrage nicht erledigt.

Da kam Welf'n ein guter Gedanke:

– »Laßt uns eine Köchin aufheben!«

– »Ha! »riefen die andern und umarmten ihn, »das ist eine Idee!«

– »Legen wir uns an den Kreuzweg am Unkenteich, wenn die Dorfdirnen zur heiligen Urschel paternostern gehen!« schrie Welf, der entschieden der Taktiker unter den dreien war.

– »Ha!« riefen die andern, »das ist wieder eine Idee!«

– »Machen wir aber schnell, denn ich bin hungrig!« brüllte Welf mit ritterlichem Ungestüm.

– »Los!« brüllten die andern.

Und sie stiegen in die Rüstkammer, schnallten sich die Harnische um, ergriffen die gewaltigen Schlachtschwerter, vergaßen auch nicht die dicken Streitkolben, setzten sich die Helme mit den Wolfsrachen aufs lockige Haupt und schwangen sich auf die ebenso mutigen wie dicken Rosse.

Hei, wie wieherten die, als es im Donnersaus über die Zugbrücke ging und dann am Wald entlang zum Unkenteiche!

Der alte Christoph, der einzige Knecht, der den dreien nicht davongelaufen war (weil er Rheumatismus hatte und nicht laufen konnte) und der nun alle männlichen Ämter bekleidete, die es auf einer rechtschaffenen Ritterburg gibt, zog die Zugbrücke wieder hoch und knurrte in seinen grauen Bart: Wenn sich wenigstens einer von den dreien den Hals brechen wollte!

Dann ging er hin und wunderte sich, daß das alte Reibeisen tot war.

Unterdessen lagen die drei Junker hinter den Kreuzwegbuchen am Unkenteiche und ließen die Weiblichkeit des Dorfes Sankt Ursula Revue passieren, die in die Kapelle zum Rosenkranz ging.

Es waren aber meistens alte Weiblein, die da mit dem Rosenkranz vorbeihumpelten, und die drei hatten auf dem Hinritt beschlossen, keine Alte zu fangen. Denn, wie Rolf sehr richtig bemerkt hatte: Eine Alte stirbt bald, und dann haben wir gleich wieder Wechsel. Und sich ewig an neue Köchinnen gewöhnen zu müssen, ist lästig.

Eine Junge also! Den Spieß drehen und Betten machen kann schließlich jede, und die richtige Reibeisentradition wollen wir ihr schon beibringen.

Aber, wie nun auch Junge vorüberkamen, setzten sie doch ihren Gäulen nicht sogleich die Zinken ein und fuhren drauflos, sondern es gab über jede ein kritisches Gewispere und mancherlei Aussetzungen hinter den Buchen:

– Zu dick!

– Zu dürr!

– Läuft über die große Zeh!

– Zu braun!

– Zu blaß!

– Hat scheelen Blick!

– Hat keine Brust!

– Watschelt!

– Zu lang!

– Zu kurz!

– Krummbein!

– Schiefmaul!

– Knollnase!

– Satthals!

– Pikel im Gesicht!

– Leberfleckig!

– Warzenacker!

Und so, streng kritisch, immerfort, daß man hätte meinen sollen, es handelte sich hier gar nicht darum, eine Köchin zu rauben, sondern eine künftige Burgherrin für Wolfsturm.

Da kam aber eine, in einem kurzen, roten Rock mit schwarzem Mieder, aus dem, um einen vollen, weißen Arm, die weißen Hemdärmel sauber blitzten: und die gefiel allen Dreien offenbar ganz über die Maßen wohl. Sie hatte ein frisches, rundes Gesicht, mit ein paar allerliebsten, lachenden Augen darin, die schwarz und funkelnd waren wie reife Brombeeren. Schwarz und glänzend war auch das volle Haar, das in einem dichten Kranze doppelt ums Hinterhaupt ging. Dazu wohlbeschlagen im Mieder, kräftig im Gehwerk, – kurz: nett ganz und gar und etwa achtzehn Jahre alt.

– »Die!« stieß Welf hastig hervor.

– »Ha!« stieß Ralph nach.

– »Los!« kommandierte Rolf.

Und, heissa, heidi, klapp, klapp, klapp! brachen die Gäule aus dem Unterholz und sperrten den Weg.

– »Jesusmariaundjos…! schrie die Kleine auf und guckte erstaunt die Geharnischten an.

– »Halt!« donnerten die drei Junker.

– »I steh ja schon!« antwortete das Mädchen und zog trotzig die Lippen hoch. »Was soll i denn noch?!«

Viel Furcht hatte der Balg nicht.

– »Aufs Pferd zu mir!« schrien die grimmigen Brüder.

– »Auf alle drei Pferd?« antwortete das Mädchen und lächelte dazu.

– »Auf mein Pferd!« brüllte jeder einzelne und preschte vor.

Das Mädchen ließ den Rosenkranz fallen und flüchtete hinter einen Baum. So, einstweilen sicher, drehte sie den drei Gaulgebietern himmlisch vergnügt eine Nase.

– »Kommst vor!?« drohte Welf.

– »Kommst her!?« drohte Ralph.

– »Wart Balg!« rief Rolf, sprang vom Pferde, packte das Ding, hob's in den Sattel, sprang nach und sauste davon, gerade wie die beiden andern abgesprungen waren.

Die kletterten, unsäglich fluchend, wieder aufs Schlachtroß und galloppierten, Pferdenase an Pferdenase, hinter dem Flüchtigen drein, der in einer Weise lachte, daß sich die ältesten Eichen nicht erinnerten, je ein solches Lachen gehört zu haben.

An der Zugbrücke, die der alte Christoph natürlich wieder nicht rechtzeitig hochgezogen hatte, trafen sich die drei.

Das Mindeste, was Welf und Ralph vorhatten, war, den schnöden Rolf ans Brückentor zu nageln. Die Schwerter hatten sie schon heraus, und fluchen taten sie auch, wie es der Situation angemessen war. Aber Rolf war nicht geneigt, sich annageln zu lassen. Er zog gleichfalls blank, warf den Gaul herum und legte aus. Dazu brüllte er gewaltig, und, da die beiden anderen nicht weniger brüllten, so gab es einen richtigen Raubritterspektakel.

Das paßte der Kleinen aber gar nicht. Sie hielt sich beide Ohren zu und schrie in das Getöse: »Ob Ihr gleich stille seid?! Wenn Ihr Euch erstechen wollt, so laßt mich wenigstens vorher in die Burg!«

Da sanken den dreien die Schwerter.

Richtig! Darauf kams ja am Ende bloß an: daß die Kleine in die Burg kam.

Schlump! fuhren die Klingen in die Scheiden, und Hahaha! und Hohoho! lachten die Reißigen, daß den Rossen ganz übel im Bauch wurde von der Erschütterung.

Die Kleine aber sprang vom Pferde, schüttelte die zerknillten Röcke, rieb sich ein bißchen in der Gegend, die den Sattel gefühlt hatte, und rief: »Also gut, Ihr unverschämten Junker, jetzt geh ich in Eure Burg. Da mags nett aussehen! Na, ich bin bloß gespannt, was ich da drinnen soll, in dem alten Wolfszwinger.«

– »Braten, Jungfer, hahaha!«

– »Betten machen, hohoho!«

– »Strümpfe stopfen! Wämser flicken!«

– »Weiter nichts? Das kann ich gut und noch viel mehr.«

Mit diesen Worten schritt die kecke, kleine Bestie über die Zugbrücke, als hätte sie Zeitlebens keine andere Schwelle gekannt, zupfte den alten Christoph, der völlig Glasaugen gekriegt hatte vor blödem Staunen, am Bart, ging, während die zwölf Hufe über die Brücke donnerten, geradenwegs zum inneren Burghofe, guckte sich gelassen um und rief:

– »Ja so! Wieviel Lohn krieg ich denn?«

– »Einen Dukaten für den Braten!« lachte Welf.

– »Zwölf Batzen fürs Schüsselauskratzen!« lachte Ralph.

– »Zehn Groschen für die süße Goschen!« lachte Rolf.

Mit der zufriedenen Heiterkeit, die sich nach wohlgetanen Werken bei allen Menschen von frisch zu greifender Sinnesart einzustellen pflegt, sprangen die drei jungen Junggesellen von ihren Pferden, griffen, hübsch einer nach dem andern, dem Mädchen unters Kinn und fragten:

– »Jetzt aber: wie heißt die Jungfer!«

– »Annemargreth, wie sie geht und steht, die die Betten macht und den Bratspieß dreht.«

– »Ich weiß noch einen Reim drauf!« erklärte Rolf.

– »Na?«

– »Die mit dem Junker ins Be…«

Aber da hatte er auch schon einen derartigen Klapps auf dem Munde, daß er einstweilen das Reimen sein ließ.

Klappse, die der eine kriegt, stimmen die andern heiter. Das war auch schon in den alten Raubritterzeiten so. Und deshalb ist es kein Wunder, daß Welf und Ralph sich jenes Mal vor Lachen so weit bogen, als es ihre Harnische zuließen, während sich Rolf unterm Schnurrbarte rieb und etwas unwirsch bemerkte: »Racker verdammter!«

Indessen war Annemargreth aber schon in der Küche verschwunden, und aus allerlei Geräuschen konnten die drei Brüder entnehmen, daß das resolute kleine Mädchen bereits dabei war, die so jäh unterbrochene Tätigkeit der seligen Barbara aufzunehmen.

Die drei Junker auf, zu und von Wolfsturm waren im allgemeinen selten einer Meinung, aber darin stimmten sie bald völlig überein, das es im Grunde eine Gnade des Himmels gewesen sei, das ehr- und tugendgeachtete Reibeisen zu sich und in die Schar seiner Seligen aufzunehmen. Denn Annemargreth war der verblichenen Barbara wirklich in jeder Hinsicht überlegen. Vielleicht machte sie den Braten nicht gerade besser, als die am Bratspieß selig entschlafene, aber, daß er besser schmeckte, daran war kein Zweifel erlaubt. Selbst ein Bärenschinken bekommt ein Ansehen von Fröhlichkeit, wenn die Zinnplatte, auf der er in Burgundersauce zwischen gerösteten Kastanien dampft, von zwei netten, kleinen Händen auf den Tisch gesetzt wird. Und dann schon das Geträller von der Küche her, während der Bratenwender den Grundton schnurrt. Man sieht dem Kommenden mit größerer Heiterkeit entgegen, und selbst ein versalzenes Mus hat von vornherein mildernde Umstände in sich, wenn es von so gerne gesehenen Fingern versalzen worden ist.

Vielleicht war Barbara das bessere Gemüt, die frommere Seele gewesen: aber so aufbetten wie Annemargreth hatte sie nicht gekonnt. Viel Wert hatten die drei rauhen Junggesellen ja auch nicht darauf gelegt, daß der Strohsack immer aufgeschüttelt, das Kissen frisch überzogen, das Leintuch glattgebreitet wurde – wenn nur immer der Schlaftrunk handbereit stand. Aber nun war es doch angenehm, sich auch in diesen Dingen wohlbesorgt zu fühlen. Die kleine Unbequemlichkeit, daß man auch selber, schandenhalber, sich etwas ordentlicher zu führen hatte und nicht, nach längeren Schlaftrünken oder so, mit den Stiefeln ins Bett steigen durfte, ließ sich mitnehmen. Man ließ sich überhaupt ganz gerne ein bißchen glatt lecken, da es ja nicht bis auf die ritterliche Seele und den rauhen Kern des deutschen Mannes ging, wenn man es sich gefallen ließ, daß die Lederwämser Nähte in den Wolfsturmschen Farben, blaurot, kriegten, die Stiefel auch an Wochentagen geputzt, die geknickten Helmfedern durch neue ersetzt und überhaupt allerlei Dinge getrieben wurden, die eigentlich gegen die Tradition der Wolfsturms waren. Annemargreth hatte sogar ein Heer von alten Weibern aufgeboten und die Dielen scheuern, die Vertäfelung putzen und die Küche weißen lassen, – lauter Dinge, die seit dem Tod der ehedem gebietenden Frau Mutter nicht geschehen waren und den Brüdern als krämerhafte Albernheiten gegolten hatten. Es war sogar Geld dafür ausgegeben worden, und Welf hatte sich bei Erwerbung dieses Geldes einen kleinen Leibesschaden zugezogen, da er die schwere Kassette dem renitenten früheren Inhaber eigenhändig entrissen hatte.

Doch das wurde alles gerne ertragen, da man sich unter dem neuen Regime wirklich behaglich fühlte.

Ja, die drei Brüder brachten noch weitere Opfer für das kleine, aber unentbehrliche Mädchen.

Da Annemargreth die Tochter des Bürgermeisters von St. Ursula war, eines gewichtigen Mannes unter den Bauern, und da dieser Mann und Bürgermeister die Hartnäckigkeit besaß, Herausgabe der Tochter zu fordern, andernfalls er mit Klagen bei irgend einem Herzoge drohte, der sich Landesfürst nannte, und da überdies Annemargreth selber recht schön bat, man möge alles in Frieden ordnen, so ließen sich die drei Brüder, die eigentlich prinzipiell gegen jede friedliche Ordnung einen angebotenen Widerwillen hatten und es schlechterdings würdelos fanden, sich mit jemandem zu »vertragen«, herbei, dem in St. Ursula hausenden Volke für ewige Zeiten Freiheit von jeder Brandschatzung durch das Wolfsturmsche Haus schriftlich mit beigesiegeltem Wolfsrachen zu versprechen, zu verheißen und zuzusagen.

Welf und Ralph hatten sich gegen dieses Ansinnen als echte Wölfe von Wolfsturm lange und mannhaft gewehrt, aber Rolf war schließlich damit durchgedrungen, daß er nicht weniger als zwanzig Möglichkeiten nachwies, den Vertrag beiseitezuschieben; schlimmsten Falles dadurch, daß man sich mit den Vettern auf Zinkenberg, Festenburg, Geyerstein, Rabenhorst verbände und das Nest unten überhaupt beseitigte, – womit denn der Kontrakt auch beseitigt wäre, da eben der eine Kontrahent nicht mehr existierte. Schließlich wirkte aber doch am gründlichsten das Mädchen selber.

Den Welf brauchte sie nur im Nacken zu krauen, so ward er milde wie Mandelöl.

Beim Ralph genügte schon ein kleiner Patscher auf die Backen.

Und den Rolf hatte sie überhaupt schon und ohne jede besondere Hantierung.

Das ging nun also alles vorzüglich, und auf Wolfsturm herrschte ein vorzüglicher Humor. Ralph blies sogar die Klappentrompete, und Welf, der weniger musikalisch war, rührte zuweilen vor lauter Wohlgefühl die große Kesselpauke, die in der Waffenkammer stand. Rolf aber – sang.

Zu den eigentlichen Minnesängern, die nun in der Literaturgeschichte stehen und von den höheren Töchtern auswendig gelernt werden müssen, gehörte er ja nicht. Er dichtete und sang etwas kunstlos, aber Reime auf et fand er immerhin eine erkleckliche Menge, obwohl es des Peregrinus Syntax Reimlexikon damals noch nicht gab.

Oft, während die beiden Älteren draußen im wilden Walde den Jagdspieß sausen ließen, saß er, gleich Herrn Walther von der Vogelweide, auf einem Steine und deckte Bein mit Beine. Doch gehörte das eine Beinpaar der Annemargreth. Auch dichtete und sang er in dieser Stellung keineswegs unablässig, trieb vielmehr andere zum poetischen Hausgebrauch notwendige Dinge. Als da sind: Ausmessung des Parallelismus der Glieder beim Strophenbau, Rhythmenabklopfung auf rundlichen, rhythmisch wohlgebauten und daher als Maßeinheit dienlichen Stellen, Gleichklangstudien unter Zugrundelegung des Geräusches, das zwei Lippen hervorbringen, die, soeben noch fest aufeinandergepreßt, sich plötzlich voneinander lösen.

Die weniger dichterisch veranlagten Brüder bemerkten diese Übungen in praktischer Poetik mit Unbehagen und ermangelten nicht, dem Benjamin von Wolfsturm klar zu machen, daß sie ihm die Knochen im Leibe zerbrechen würden, wenn er fürderhin zu Hause wilderte, während sie draußen mit Wölfen und Bären Stelldicheins hatten.

Aber Rolf rümpfte nur die Nase dazu und zog die Lippen hoch, schlug auch wohl aufs Schwert, daß es nur so klirrte, und meinte: der Busch, in dem er jetzt jagte, dünkte ihm lieblicher als der wilde Wald, und wenn ihm da einer ins Gehege käme, so wäre es wohl möglich, daß er mit ihm verführe, wie mit einem frechen Bauern, den's nach Edelmanns Hirschen lüstete.

Derlei Reden, hin und hergeschleudert wie Jagdspieße, trübten den Humor auf Wolfsturm zuweilen etwas, und wenn nicht Jungfer Annemargreth so unbändig klug gewesen wäre, wie sie wirklich war, so hätte der Humor wohl bald ein Ende gehabt und es wäre nicht bei geredeten Jagdspießen geblieben.

Aber, ei, wie war Margrethlein klug! Hatte sie's mit Junker Rolf, wenn die andern draußen mit Bruder Petz tanzten, so hatte sie's doch auch mit diesen, wenn die Gelegenheit gut war.

Der grimme Welf war sicher, sie nicht gar selten oben im Treppenwinkel zu treffen, wenn er, Ausguck zu halten, zum Turme stieg. Und da schwand sein Unmut schleunig, hatte er im Dunkel das runde, gefügte Ding im Arm, das er noch lieber an sich preßte, als den Urhumpen der Wölfe von Wolfsturm. Wie wundersüß ging's ihm ins Ohr, wie sie so an ihm hing und flüsterte: »Liebs Welfle Du, was bist Du stark!«

Ralph aber kriegte sein Theil wohl zugemessen unten im Weinkeller. Dort, wo's so kühl und heimlich war, zwischen den großen, werten Tonnen, saßen sie eng beieinander auf dem Tonnenschragen, rechts den braven Malvasier und links den lieblichen Traminer, und hielten einander so nahe und enge, daß es ihnen bei aller Kellerkühle gar freundlich warm wurde. Ach, wie wunderhold's ihm im rundwölbigen Keller widerklang, wenn sie lispelte: »Lieb's Ralphle lieb's, was bist Du g'schmeidi!«

So glaubte sich denn im Grunde jeder Hahn im Margrethenkorbe und lachte heimlich die andern aus, die nach demselben Bissen leckten, und keiner wußte, daß ein Korb drei Hähne beherbergen kann, wenn die Körblerin es nur einzuteilen weiß.

Ein bißchen dumm waren die drei jungen Junggesellen schon, wie man sieht. Aber was will man bei so ungenügenden Volksschulverhältnissen, wie sie in den Raubritterzeiten herrschten, anders verlangen? Es war halt das finstre Mittelalter.

Also: gut ging's im allgemeinen. Es kriegte jeder sein Annemargrethisch Teil, und, ein paar Verdachtswolken abgerechnet, die sich hie und da über dem Haupte Rolfs gleich schwarzen Kutteln himmlischer Riesenkühe zusammenzogen, trübte nichts die verliebte Selbstsicherheit jedes einzelnen.

Ralph blies bereits schelmische Triller auf der Klappentrompete, Welf verübte ganz virtuos leidenschaftliche Donnerwetter der Liebe auf der Kesselpauke, und Rolf hatte ungefähr sämtliche Reime beisammen, die die deutsche Sprache auf et hergibt. Es wurde fast idyllisch auf Wolfsturm, und sämtliche Bewohner dieses adeligen Sitzes, Christoph und die gewaltigen Streitrosse nicht ausgenommen, setzten einigermaßen Fett an.

Da kam das Schicksal in Ritterstiefeln und trat alles entzwei.

Es war ein schöner, klarer Herbsttag und die Weinlese eben vorüber.

Welf saß oben auf dem Geländer des Turmumgangs und guckte aus. Plötzlich rief er in den Hof hinab, wo Margareth eben die drei paar Ritterstiefel im Brunnentrog spülte: »Ralph und Rolf: wo stecken die Junker!?«

– »Im Keller und klopfen die Tonnen ab, wieviel noch Wein drinnen. »

– »Ha, das ist gut, bei meiner Seel'! Ruf sie herauf!«

Annemargreth schickte ein gutes Blickchen empor, das mit eisengepanzerter Kußfaust sehr ritterlich erwidert ward, beugte sich zu einer allerliebsten Rundung zusammen, daß Welf beim Anblick der kühn ausgebogenen Hinterfülle vor Entzücken stöhnte und rief mit süßer Stimme ins dunkle Kellerloch: »Junkerchen herauf! Der Welf hat was!«

Ralph und Rolf traten gebückt aus der niederen Kellertür und schrien zum Turm: »Halloh, was ist?«

– »Gewimmt ist! Die Bauern fahren das Praschlett zur Stadt.«

– »Alle Teufel und Satansbrut!« rief Ralph, – »schon?«

– »Ei freilich! Es ist die Zeit! Ihr ließt wohl alles den Krämern in die Löcher fahren, säß ich nicht hier und guckte aus. Wie steht's in den Tonnen?«

– »Nieder!« antwortete Rolf. »Die Traminerin klingt hohl wie Deine Pauke.«

– »Und den Malvasier kann eine junge Katze auslecken«, fügte Ralph hinzu.

– »So denn mit Eilen in Stiefel und Sattel und hurtig Ersatz geschafft!«

Welf schwang sich vom Gelände und polterte die Treppe herab.

»Her die Stiefel, Annemargreth,
Her die Stiefel, eh es zu spät!«

sang anmutigen Eifers voll der nie um Reime verlegene Rolf.

– »Sind alle noch naß!« gab die zurück.

– »Was schiert mich das!?« reimte Rolf entgegen und fuhr in die patschnassen Lederhöhlen.

Indessen brüllte Ralph nach den Pferden, rumorte Welf im Waffengelasse, klirrte Christoph mit den Zaumketten, klapperten die Gäule aus dem Stalle, lachte und kicherte Margreth. Kurz: Wolfsturm machte mobil.

Wie die drei glücklich im Sattel saßen und den Schlußtrunk genommen hatten, den Annemargreth jedem erst annippen mußte, ehe sie ihn dem vom Gaul Gebeugten in die Eisenpfote gab, wurde der Kriegsplan gemacht.

– »Ich reit auf die Traminer!« erklärte Welf.

– »Ich hol den süßen von Margreid!« entschied sich Ralph.

– »Ich will mich hinter Urschel nach Schilcher umtun!« gab Rolf kund.

Aber Annemargreth protestierte: »Nix hinter Urschl! Urschl hat's schriftlich! Ihr seid mir die Nettern!«

– »Ho, die Urschl-Margreth, hohohohoh!« lachten die drei.

– »Also reit ich anderswohin auf den Schilder, daß uns Annemargrethlein nit sauer wird, die Urschlerin!« erklärte Rolf. »Bleibt sie uns dann süß?«

– »Süß allen dreien!« lachte das Mädchen und stemmte die Arme in die Seiten, fest und keck wie eine flinke Bäuerin.

– »Fallt's mir fei' nit ins Praschletschaff«, fügte sie hinzu, wie die Junker abritten.

Dann stand sie noch lange und blickte den nach drei Richtungen auseinandersprengenden von der Mauer aus nach und ließ jedem ihr Tüchlein zuwehen, wenn er sich umwandte und ihr mit der gepanzerten Faust winkte.

Sind doch alle drei recht liebe Junker, dachte sie sich. Jeder hat was besonders liebes. Der Welf ist wie ein Bär so kräftig und grimmig. Huh, wie er zupackt! Schier blaue Flecke gibt's und ist doch gar lieb. Der Ralph ist nicht so ganz stark, aber hitzig. Küßt er, ist's wie ein Biß, und der Atem geht einem aus vor lauter Schönsein. Aber der Rolf hat was gar Zart's und Fein's und kann reden, daß man die Augen zumachen muß, so lieblich schwatzt er. Wenn er so leise um die Hüften greift, geht's kitzlich überallhin, als wenn jed's Blutströpfel im Leibe lachen sollt'. Lacht auch jed's. – So ist's mit allen dreien wundergut in Heimlichkeit. Möcht' keinen missen. Muß aber immer fein schlau und achtsam sein. Hu, wenn der eine mich mit dem andern säh. Das gäb böses Getu.

So sinnierte sie aufs angenehmste vor sich hin. Dann ging sie aufbetten.

Wie sie mit den Junkerbetten fertig war, dachte sie sich: Will doch heut die dreie mit dem Wein im Putz überraschen! Und ging in ihre Kammer, den Sonntagsstaat anzulegen.

Schon damals, in den wilden Raubritterzeiten, zogen sich hübsche Mädchen gerne aus und an, und, wenn die Spiegel auch gar klein und trübe waren, sie sahen sich doch gern darin. Es war also das Anziehen eine liebliche Beschäftigung für die Kleine, und als sie ihre Röcke von sich hatte und im kurzärmeligen Leinenhemdchen dastand, da drehte sie sich wohl viele Male vor dem Spiegel hin und her und betrachtete sich selber mit viel Aufmerksamkeit, Ernst und Genugtuung.

Da, plötzlich, ging die Kammertür auf, und Junker Rolf stand auf der Schwelle.

Aber nicht lange. Denn kaum hatte er das Mädchen in dieser auch für Junker besonders lieblichen Verfassung gesehen, da war er mit einem Satze bei ihr und umfing sie mit den geharnischten Armen.

– »Hu, bist Du kalt!« rief sie erschrocken aus, die über der Kälte dieser eisernen Umarmung ganz vergessen hatte, daß sie sich erst schämen mußte.

Aber auch ihm war das Eisen jetzt unbequem. Hastig entschiente er sich, und krach, bumm, klirr flogen die Harnischteile von ihm, und er stand im Lederwamse. Es ging viel schneller als sonst mit dem alten Christoph.

Nun war es gar nicht mehr kalt, wie er sie umfing.

Eine Weile lang hatten die Lippen mehr zu tun, als zu reden.

Dann aber fragte Margreth: »Ja, aber, daß ich das Pferd nicht auf der Brücke gehört hab'! Und wo ist denn das Praschlet?«

– »Draußen angebunden das Pferd! Praschlet mögen die andern bringen! Du bist mir lieber, als aller Wein! Du, mein rotweißer Schilcher und süßer Malvasier! Lieb's Ding im Rock, viel lieber noch im Hemd! Du! Du! Du! Oh, was Du weiß und weich bist! Dräng Dich, drück Dich, leg Dich mir nah! Oh Du mein Wein von Ursula! Du heiße, weiße, voll und rund! Gib Deinen Mund! Gib Deinen Mund! Und wieder, wieder! Gretlein, mein Mädlein!«

Sie aber sagte nichts und küßte bloß.

Da: Treppengepolter. Da: Rasseln vor der Tür. Da: krach eine Faust wider das Türgetäfel.

Rolf sprang auf und sprang zur Tür, – g'rad vor die Brust Welfs, der sie eben aufgerissen hatte.

Ein Heulen wie aus Wolfsrachen, ein Stoß mit der geschienten Faust vor Rolfs Brust. Der taumelt zurück, bückt sich, sucht sein Schwert.

Aber schon wirft sich, mit beiden Fäusten sein Schwert nach unten stoßend, Welf über ihn und rennt dem Gebückten den Stahl durch den Rücken.

Starr saß Annemargreth im Hemd auf dem Bett und hielt kindsängstlich die Finger an den Mund.

Jetzt… kommt… das Schwert… zu mir…

Welf zog das Schwert aus dem verröchelnden Leibe, warf es nieder und stellte sich vor der Starrenden schnaufend auf.

– »Dich… drossl' ich… so…«

Er streckte die auseinandergekrallten Eisenfinger nach ihrem Hals.

Sie sank vom Bett und kniete vor ihm bettelnd nieder.

– »Lieb's Welfle, stark's, sei gut…!«

Und nimmt die beiden eisernen Hände und legt sie sich auf die hochgehende Brust und lächelt.

– »Du!… Du!…«

Er hebt sie hoch auf und wirft sie aufs Bett, und nimmt sie wieder hoch und preßt sie wütend, klammernd an sich, und nimmt sie wie ein Kind auf den Arm und trägt sie in der Kammer herum und schluchzt und brummt und küßt sie und erdrosselt sie halb vor Grimm und Liebe.

– »Heioh! Heioh! Der Süße von Margreid! Zehn Yrn und gutgemessen! Heioh Margreth, für Dich der Süße von Margreid! «

Ralph hielt im Burghofe neben einem Praschletfuder, das zwei geknebelte Knechte eben eingeführt hatten.

– »Für Dich der Süße von Margreid! Da, schau, Margreth!« schrie Welf und trat, mit dem Mädchen auf dem Arm ans Fenster.

– »Was tust Du da!« brüllte Ralph, bebend vor Zorn, als er das sah.

– »Meine Margreth! Meine Margreth!« brüllte Welf. »Willst Du sie auch noch? So komm und hol sie!«

Mit einem Satze sprang Ralph vom Pferde und die Treppe hinauf.

Welf setzte Margreth aufs Bett, hob sein Schwert auf und stürzte hinaus.

Draußen auf der Treppe rasselten sie aneinander. Brüllen. Fluchen. Schnaufen. Gepolter. Ein Schrei.

Ralph rollte, erschlagen, die Treppe hinunter.

– »Hahahaha! Hahahaha! Annemargreth, jetzt sind wir allein! Geh in den Keller und hol, was noch im Fasse ist! Ei, geh immer im Hemd! Sollst mir fürder immer im Hemde gehn! Denn so hab ich Dich doppelt lieb, Du mollig Ding!«

Annemargrethlein – lächelte und ging. Mit beiden Händen den Humpen tragend kam sie wieder.

– »Trink an, mein Schätzel!«

Sie nippte und bot ihm den Humpen. Er nahm einen langen Zug.

– »Nun lös mir die Riemen und nimm mir die Schienen ab… So, mein liebs Ding… Und küsse mich auch! So, mein liebs Ding! Und setz Dich mir auf den Schoß! So, mein liebs Ding! Ei, ist es nicht besser zu zweit?… Sag's, mein liebs Ding!«

– »Ja…«

Nun lagen Ralph und Rolf draußen im wilden Walde bei ihrem Vater, dem alten Raubritter, im Erbbegräbnis, und die ehrsame Steinmetzzunft der Nachbarschaft hatte Arbeit, ihnen das Wappen auf ihren Grabplatten auszubauen. Das Blut auf der Treppe und in Margreths Kammer war zwar nicht so leicht abzuscheuern, aber man sah es bei der Dunkelheit, wie sie in Raubritterburgen gewöhnlich herrschte, auch nicht eben sehr, und überdies war Margreth ausquartiert.

Somit wäre also alles gut gewesen, und es blieb eigentlich nur noch die Fahrt zum heiligen Grabe übrig, die Welf, um nicht unliebsames Aufsehen zu erregen, doch wohl unternehmen mußte. Denn, wenn auch die Polizei damals zu wünschen übrig ließ, wenn es sich um ritterliche Familienangelegenheiten handelte, so hatte der Beichtstuhl doch seine Prinzipien, und alles ließ sich am Ende nicht mit ein paar Messen oder auch Stiftungen abmachen. Aber es hatte ja Zeit.

Indessen kam es böser.

Zuerst kam Welf bloß unter den Pantoffel.

Das war nicht angenehm, ließ sich aber doch ertragen, denn Welf war sehr verliebt, und Annemargreth ließ es an nichts fehlen, diese Verliebtheit immer warm zu erhalten.

Aber eine Weile hin, und sie kriegte Launen.

Und das war schlimmer. Denn Unfriede in der Liebe geht auf die Nerven, – sogar bei raubritterlichen Junkern, denen selbst ein paar eilige Brudermorde noch lange keine Nervenzustände zuziehen. Das Schmollen bald und bald Zanken, das Kammertürverriegeln und Beichtevorschützen und dann wieder das Gebettel: »Geh, ein Ringlein ins Ohr, ein Kettlein um'n Hals, ein seiden Fürtüchel, ein paar rote Schuh!…« Hols der Teufel und sein schwänzig Gesinde!

Indessen: man ritt halt öfter auf die Krämer; man wetterte mal und brüllte sich aus; tat dann auch wieder recht fein und lieblich um den Balg, und schließlich war der am guten Ende auch wieder fein, und es schmeckte die Liebe umso süßer, wenn vorher der Zank recht sauer geschmeckt hatte.

Aber eines Tages, just, als es anfing, kalt zu werden und Welf die Fenster mit Moos ausfütterte, kam Annemargreth, ein Bündel in der Hand, auf ihn zu und sagte ganz kurz: »Junker, i geh!«

– »Was tust Du!!…«

– »Aufkünden tu i. Heim mag i.«

– »Wa…as??…!«

– »Ja, sell. Is mir zu öd hierheroben jetzt.«

– »Wa…s???…«

»Früher, wo Ihr dreie ward, is ja gangen. Hättst halt nit den Ralph erschlagen und den Rolf. Die Langweil hab ich.«

Dem Junker schwollen die Schläfenadern.

– »Also, ich allein bin Dir nicht genug, – Du… Du… ha!«

– »So is.«

– »Also die andern fehlen Dir!!?«

– »Freili!«

Sie ließ die Schürzenbänder wirbeln und legte den Kopf auf die Seite. Das war ihre Trotzpose.

Da ging dem Junker Welf der Ritterzorn durch, und er gab ihr eine Ohrfeige, daß die Trotzpose auf die andere Seite verlegt wurde. Ein Glück, daß er die Eisenhandschuhe nicht anhatte. Es langte auch so.

– »Jetzt geh i erscht recht!« sagte sie, heulte gar nicht mal erst lange, nahm ihr Bündel auf, drehte sich um, daß die Röcke flogen, und ging.

Welf war ganz starr. Dann überlegte er sich, ob es nicht das beste wäre, sie auch totzuschlagen. Aber da er zum Überlegen immer sehr viel Zeit brauchte, war sie schon zum Tore hinaus, als er damit fertig war. Übrigens hatte er sich auch anders entschieden. Er war keines heroischen Entschlusses fähig. Wie vor den Kopf geschlagen saß er da und riß das Moos in Flocken. Dann sprang er plötzlich auf, stieß ein Fenster ein und brüllte hinaus: »Luder! Luder!«

Einen eisernen Topf, der gerade neben ihm stand, schmiß er in gewaltigem Bogen hinter ihr drein.

Sie aber stand jenseits der Zugbrücke und drehte ihm eine lange Nase.

– »Bhütigod, grimms Welfle, verkühl di nit!«

Welf tat einen grausamen Fluch, reckte die Arme, haute aufs Fensterbrett, brüllte, daß die Scheiben klirrten, riß sich am Bart und rannte in die Waffenkammer. Rasend rührte er dort das Instrument seiner Leidenschaft und paukte in Donnerwirbeln seinen Ingrimm aus.

Wie er nicht mehr konnte, sank er auf die Rüstbank nieder und fühlte sich leichter.

Und siehe: es ward ihm weich zu Sinne, und in seinem Gemüt war eine welke Empfänglichkeit für christliche Gedanken.

– »Christoph!« rief er, und in seiner Stimme klang seltsame Milde.

– »Ja, Herr!« antwortete er.

– »Haben wir noch einen Pilgermantel mit Muscheln?«

– »Ja, aber recht schäbig sieht er aus, sind die Motten drin, und ein paar Muscheln gehen ab.«

– »Macht nichts! Bürste ihn aus und nähe die Muscheln fest. Ich walle nach Jerusalem!«

– »Wo…hin!?«

– »Frag nicht, – bürste!«

Christoph sperrte den Mund auf und wunderte sich. Dann bürstete er den Pilgermantel Derer von Wolfsturm und freute sich, daß er nun auf eine Weile keine Stiefeln mehr zu putzen haben würde.

Erst drei Paar, dann ein Paar, dann kein Paar!

So steht Gott seinen treuen Knechten bei und verhilft ihnen zu einem ruhigen Alter.