Ein Ferienabenteuer

Ferien – schönstes Wort im Sprachschatze der studierenden Jugend!

Weihnachtsferien, Osterferien, Pfingstferien, o wonnevolle Zeiten! Die Krone aber tragen die Herbstferien, schon weil sie an vielen Schulen doppelt, dreifach, ja vierfach so lang sind, als die übrigen. Und dann der eigentümliche Zauber dieser Jahreszeit!

Wenn die körnerschweren, reifen Garben auf hochbeladenen Erntewagen dem ländlichen Dache zuschwanken, wenn die ersten Wandervögel, von den kühlen Morgennebeln gescheucht, dem Süden zusteuern, wenn die Wanderspinne ihre silbernen Fäden über die Stoppeläcker zieht, wenn Apfel und Birne in den Baumkronen sich mit purpurnen und goldenen Farben schmücken und die Pflaume sich mit blauem Dufte pudert, wenn die Natur sich anschickt, in lange traumhafte Ruhe zu versinken: dann ist es dem studierenden Jüngling vergönnt, Horaz und Homer, Thukydides und Tacitus zuzuklappen, die Logarithmentafeln in die entfernteste Ecke des Bücherbrettes zu verbannen, nach dem Wanderstabe zu greifen und die süße Ruhe und Freiheit der köstlichen Herbstferien zu genießen. Der eine eilt dem fernen heimatlichen Dorfe zu, um in die Arme der Eltern und Geschwister zu sinken, der andre sucht werte Verwandte oder einen teuern Freund auf, der dritte fliegt einem schönen Fleckchen Erde zu, sei es auf hochragendem Berge, sei es am flachen Strande der See. Im Herzen aller aber klingen die Verse des Dichters wieder:

»Wonnig ist's, in Herbstestagen
Nach dem Wanderstab zu greifen,
Und, den Blumenstrauß am Hute,
Gottes Garten zu durchstreifen.«

Für den Obersekundaner Arnold Bunse war dies Wandern eine doppelte Lust, eine doppelte, weil – nun ja, wir müssen den Grund nennen, der zwar recht absonderlich lautet, aber genau der Wahrheit entspricht – also, weil besagter Arnold Bunse doppelt so lange Beine hatte, als seine sämtlichen Mitschüler, ja, als sämtliche Schüler des Gymnasiums von Dudenrode. Wir erklären uns sogleich noch etwas genauer. Bunse (von seinen Mitschülern »Gigas«, das ist »Riese«, geheißen) war überhaupt ein Jüngling von sechs Fuß Körperlänge, so daß, wenn ein Mitschüler in der Klasse die »Kraniche des Ibykus« deklamierte und an die Stelle kam:

»Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Weit über Menschliches hinaus« –

daß dann aller Blicke sich schalkhaft dem langen Arnold Bunse zuwandten. Namentlich aber waren bei Gigas die Gehwerkzeuge entwickelt; wenn es nicht gar zu hippologisch klänge, so möchten wir sagen: er war ein hochbeiniger Renner. Nun war das Gymnasium zu Dudenrode uralt, es hatte bereits sein dreihundertjähriges Stiftungsfest gefeiert, und kaum minder alt waren die Bänke: alt, altertümlich, furchtbar steif und enge. Der arme, langbeinige Gigas konnte in seiner Bank durchaus nicht die Beine ausstrecken, er mußte steif und aufrecht sitzen, wie das Steinbild eines alten ägyptischen Königs. Und dies wochen- und monatelang – es war eine Qual für den armen Gigas! Wenn er nun endlich, endlich – nach Empfang einer guten Zensur, denn fleißig und aufgeweckt war er – mit einem Wanderstabe auf einer guten Landstraße dahinschreiten und die langen Beine so recht nach Herzenslust strecken und recken konnte, dann muß es jedem mitfühlenden Menschen begreiflich erscheinen, daß für Arnold Bunse, genannt Gigas, das Wandern eine doppelte Lust war. Quod erat demonstrandum.

Seht, da schreitet er, die schwarze Wachstuchtasche mit grünem Bande an der linken Seite, einen kräftigen Stock (»Deutschlands Eiche«) in der Rechten, den leichten Strohhut mit einem grünen Zweige geschmückt, auf der Landstraße dahin, welche durch die Talsohle eines mitteldeutschen Gebirgslandes führt. Hei, wie er die langen Beine wirft und schlenkert, als wollte er sie aus den Gelenken schleudern! Frohsinn und Behagen leuchten aus seinen braunen Augen; ab und zu trällert er die Strophe eines Wanderliedes vor sich hin, am häufigsten das schöne: »O Wandern, o Wandern, du frohe Burschenlust!«

Dieser Sang ist sein Begleiter, sein einziger, denn er wandert allein! Er will nämlich einen ältern Bruder besuchen, der droben in einem freundlichen Gebirgsstädtchen eine Beamtenstelle bekleidet, und zu diesem brüderlichen Zusammentreffen und mehrwöchentlichen Zusammensein konnte er nicht gut einen Freund mitnehmen. Aber heute wird Gigas das freundliche Bergstädtchen nicht mehr erreichen; er muß in einem ihm wohlbekannten Dorfe übernachten. Schon fallen die Schatten des Abends lang und schmal auf den Goldgrund der Wiesen, welche der vertiefte Scheidestrahl der Sonne küßt; schon steuert die Holztaube dem bergenden Dickicht des Waldes zu; schon schließen die roten, weißen und gelben Blumen, welche die Waldwiese schmücken, ihre Kelche. Da leuchtet der goldene Gockelhahn auf, welcher das schieferblaue Kirchtürmchen von Steinhausen schmückt, und Gigas bewillkommnet diesen ersten Gruß seines Ruhequartiers mit freudigem »Ah!« Bald marschiert er durch die holperigen Straßen des Dorfes und schaut links und rechts nach dem Bild des »halben Mondes« aus, welcher das Wirtshaus des Herrn Nepomuk Vogel schmückt. Ach, da winkt der goldene halbe Mond! »Guter Mond, du gehst so stille!« Herr Nepomuk steht vor der Tür und begrüßt seinen Gast mit biederm Händedruck und einer so tiefen Verbeugung, als es seine gewaltige Körperfülle zuläßt. Gigas bestellt sich Eierkuchen, Schinken, Salat und einen Humpen des trefflichen Bieres, das eine Spezialität von Steinhausen ist. Nicht lange, und alles steht auf dem Tische; Gigas tafelt königlich. Dann plaudert er noch ein Stündchen mit dem Wirt und der Wirtin, und endlich spricht er den Wunsch nach seiner Schlafkammer aus.

Er wird auf ein sauberes, wenn auch nur geweißtes Stübchen geführt, wo ein eisernes Bettgestell, so eine Art Soldatenbett, mit blitzblanker Wäsche an der Wand steht. »Ah, vortrefflich!« sagt Gigas, bei der Vorstellung, daß er sich in dieser Art Bett zur Genüge recken und strecken könne. Nun ist er allein. Schnell die Kleider ab und dann aufs Lager. »Ah!« Diesem ersten Ausruf des Behagens folgt nur zu bald ein »Oh!« als Ausdruck des Bedauerns. Und dies Bedauern gilt dem Umstand, daß das Fußende des Bettes so dicht an die Mauer – es ist die Vorderwand des Hauses – gerückt ist, daß Arnold Bunse denn doch nicht seine langen Rennbeine nach Herzenslust ausstrecken kann. Aber an solche Zwangslage ist Gigas gewöhnt und ohne sich weiter zu ärgern, schläft er, von den Strapazen des Tages ermüdet, ein. Aber Decke und Matratze sind vortrefflich, ein Geruch von Sauberkeit steigt erfrischend von ihnen auf, und Gigas fühlt dies noch in seinem Traume, und sein Traum ist gar erquicklich, ja köstlich. Er steht auf einer rosigen Abendwolke, die ihn sanft in den Aether trägt, immer höher und immer weiter, über runde Bergkuppen und dunkle Wälder, über blumige Wiesen und silbernblinkende Bächlein, über phantastische Felszacken und sanftgeneigte Matten, auf denen muntere Ziegen mit ihren Halsglöckchen weiden, über – aber da ist ja wieder der kläffende weiße Spitz, der ihn gestern Nachmittag auf der Landstraße zwischen Hollingen und Waltershausen so wütend und beharrlich verfolgte. Wie kommt denn der in diese luftige Region? Jetzt ist der Kläffer ihm ganz nah, und jetzt will er seine spitzen weißen Zähne in Arnolds neue, mausegraue Hose schlagen. Da zieht Arnold sein langes rechtes Bein an, schnellt es dann mit deutscher Burschenkraft vorwärts und versetzt dem zudringlichen Spitz einen so derben Tritt, daß er um und um den Berg hinunterkollert. »Rrrrbumbum!« Gigas hört halb im Traum und halb im Wachen ein lautes Gepolter. Was ist? Aber bevor er noch die Ursache erforscht hat, ist er schon wieder vom Schlafgott Morpheus bezwungen. Der schöne Traum indes, der Traum mit der rosenroten Wolke und dem seligen Fluge durch die Luft, ist zerstoben, und Gigas schläft – nun traumlos und tief – bis, ja bis ihn ein lautes Getöse weckt. Es kommt von der Straße. Lachen und Sprechen, dann ein vielstimmiges »Hurra!« Und nun wieder ein schallendes Gelächter, untermischt mit dem Rufe: »Famos! Nee, so was hat man noch nicht in Steinhausen erlebt!« Was mag sich da unten zutragen? Aber noch ist Gigas zu träge, um aufzustehen und aus dem Fenster nachzuforschen.

Da poltert es die Treppe herauf, die zu seiner Schlafkammer führt; die Tür dieser Kammer, die er nicht abgeschlossen hat – denn in Steinhausen gibt's nur ehrliche und friedliche Leute – tut sich auf und in der Oeffnung, dieselbe ganz ausfüllend, erscheint der ungeheuer dicke Wirt vom »halben Mond« und ruft: »Ziehen Sie um Gottes willen die Füße an sich, Herr Student, es gibt 'nen Volksauflauf, 'ne Revolution in Steinhausen!«

Mechanisch zieht Gigas die Füße an sich und starrt mit blöden, weil noch schlaftrunkenen Augen nach der Stelle hin, wo sein Piedestal geruht hat. Was muß er sehen!

Er hat mit seinem rechtsseitigen Riesenbein, als dies dem kläffenden Spitz eins versetzen wollte, ein Loch in die alte, zweihundertjährige, dünne Fachwerkmauer des Hauses getreten. Daher das Gepolter in der Nacht: es waren die auf die Straße fallenden Lehmziegel, Dann hat sich Gigas im Schlafe behaglich ausgestreckt, und da seinen langen Beinen nun kein Hindernis mehr entgegenstand, so hat er die Füße, ohne es zu wissen, durch das Loch gesteckt. Da ragten sie nun in beschaulicher Ruhe auf die Straße hinaus. In der Morgenstunde sind Leute vorübergegangen und haben zunächst das Häuflein Ziegel auf der Straße liegen sehen; das Häuflein hat ihre Blicke hinaufgelenkt, und da ist ihnen ein lächerlicher, nie gesehener Anblick zu teil geworden. Der eine hat den andern herbeigerufen zum Genuß dieses Schauspiels. Zuletzt war die vielköpfige, aufgeregte Menge da, die ihrem Staunen und ihrer Lust in dem Rufe »Hurra!« Luft machte.

Dies war's, was sich Arnold Bunse, vulgo Gigas, mit Blitzesschnelle in seinem Kopfe zurechtlegte, und was der dicke Wirt Nepomuk Vogel in keuchenden Worten bestätigend verlauten ließ.

Als Gigas alles wußte, mußte er laut und herzlich lachen: »Jetzt kann ich es mir auch erklären,« rief er, »weshalb ich in der letzten Stunde von den Eisfeldern des Nordpols zu träumen anfing – meine Füße waren einfach in der Nachtluft kalt geworden!«

Den dicken Wirt zum »halben Mond« beschäftigte aber ein ganz andrer Gedanke: »Das Loch, das Loch,« stotterte er, »wer wird mir das wieder zumachen? Es sitzt gerade über meinem schön gemalten Schild zum ›halben Mond‹, und es war ein meschanter Anblick, Herr Student, als Ihre beiden Füße da herausguckten!«

»Das Loch,« erwidert Arnold Bunse, noch immer lachend, »wird natürlich auf meine Kosten wieder zugemacht, und der Mann, der dies besorgt, ist von Profession ein Maurer. Nun wissen Sie's, mein lieber Herr Wirt, und werden sich hoffentlich beruhigen. Wenn Sie aber hinfüro mal einen Gast unterhalten müssen beim abendlichen Schoppen, dann erzählen Sie ihm das Ferienabenteuer des Obersekundaners! Ich überlasse es Ihnen gratis – und wette, ihr Gast wird lachen!«

