
Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

1

Die meisten müssen arbeiten, um essen zu dürfen, essen, um wieder arbeiten zu können und so, mit Sorge, Mühe und ein bißchen Glück, mahlen sie die ihnen zugeteilten Tage ab.

Herr Sebastian Wenzel hatte das nicht nötig.

Daß er einmal selbst, treu und bedächtig, an dem Maschinenrad des Alltags mitgedreht hatte, lag weit zurück. Er wußte es selbst nicht mehr.

Jetzt war ihm das Essen ein Genuß, für den er sich durch regelmäßige Spaziergänge, kalte Abreibungen, angenehme Gedanken und kleine Arzneien frisch und aufnahmefähig erhielt. An Regentagen, an denen er aus Furcht vor Rheumatismus und anderen Erkältungserscheinungen niemals das Zimmer verließ, sorgte er für die notwendige Bewegung des Blutes, indem er sich einem kleinen Ärger heftig, aber nicht übertrieben, hingab.

Verdruß findet sich genug in der Welt.

Wird zum Beispiel je eine Köchin begreifen, daß eine Prise Salz mehr oder weniger den Geschmack eines Gerichtes vollständig verändert? Oder: daß das köstlichste Stück Lende, nur den Bruchteil einer Sekunde zu lang auf dem Rost gelassen, zäh und ledern zu werden beginnt? Daß eine Omelette soufflée – übrigens eines der delikatesten Gerichte der Welt – sofort vom Backofen aus auf den Tisch gebracht werden muß? Wird sie das je begreifen? Niemals.

Oder ein andrer Verdruß, der Herrn Sebastian Wenzel gerade heute wieder traf:

Er wartet mit der Uhr in der Hand auf die einzige Zerstreuung des verregneten Tages: Die Zeitung. Er klingelt und sagt, daß die Zeitung längst da sein müsse, aber erhält zur Antwort, daß sie bei Regenwetter immer später käme. Schließlich geht er selbst hinaus, schlägt den Rockkragen hoch und öffnet vorsichtig die Hintertreppentür. Richtig, da liegt das Blatt vor der Schwelle, und wirklich ist auch schon ein nasser Stiefel darüber hinweggetreten. Er hat seit Jahr und Tag einen breiten Kasten mit Luftlöchern und Nickelschloß anbringen lassen, aber noch niemals durfte dieser Behälter seine Bestimmung erfüllen.

So hat er Ärger über Ärger.

Denn nun muß das feuchte Blatt erst in der Küche getrocknet werden. Diese Notwendigkeit begreift ein Dienstbote natürlich nicht im geringsten. Gegrinst wird, wenn Herr Wenzel nun deutlich erklärend sagt: Trocknen Sie das Blatt über dem Feuer, ungefähr drei oder vier Minuten, und achten Sie darauf, daß Sie es dabei nicht versengen. Dann plätten Sie es, lassen es gehörig abkühlen und bringen es mir mit sauberen Fingern in mein Zimmer. Im ganzen hat alles in allem nicht mehr als zehn Minuten in Anspruch zu nehmen. Verstanden?

Nun wartet Herr Wenzel wieder, die Uhr in der Hand, in dem bequemen Stuhl am Fenster. Aber es ist ihm wohler zu Mut. Die kleine Bewegung hat ihn erfrischt.

Draußen klappt wütend das Bügeleisen – ein zufriedenes Lächeln legt sich um die schmalen Lippen Sebastian Wenzels.

Er fühlt sich wieder ruhig und behaglich. Nichts tut so gut wie ein kleines Ärgerchen …

2

Daß Herr Sebastian Wenzel diesen Zuschauerplatz im Leben einnahm, war höchst verwunderlich. Sonst hatten alle Wenzels immer etwas weniger gehabt, als sie brauchten. Bis auf eine Tante. Diese war, mittels Heirat, zu großem Reichtum gelangt. Ihr Mann hatte mit einer kleinen Farm unversehens eine Kupfermine gekauft. Im Laufe des Lebens wurde sie Witwe und in der Familie der Gegenstand allgemeiner Verehrung. Denn Kinder hatte sie nicht.

Als siebenjähriger Knabe nahm Sebastian, im Beisein seiner Tante, eine Stecknadel vom Boden auf. Die Tante, die dies beobachtete, sagte sich: in diesem Kinde steckt der wahre Sinn zur Sparsamkeit. Sie beschloß bei sich, allen lauernden Verwandten zum Trotz, den kleinen Neffen zu ihrem einzigen Erben einzusetzen.

Sebastians Absicht damals war, die Stecknadel mit der Spitze nach oben in den Stuhlsitz der Tante zu stecken. Er mochte sie nicht leiden, weil alle schön mit ihr taten, obgleich eine große Warze auf ihrer kurzen, dicken Nase saß.

Niemand kann hinter die Stirn des andern sehen. So müssen wir uns gefallen lassen, daß unsern Handlungen falsche Beweggründe untergeschoben werden …

Die Tante hatte ihren letzten Willen geschrieben und ihn beglaubigen lassen.

Manche behaupten, dies sei das sicherste Mittel, um lange zu leben. In diesem Fall muß ihnen recht gegeben werden. Die vorsichtige Frau überlebte diese ernste Tat, zu der sie sich im fünfzigsten Lebensjahr entschloß, um siebenunddreißig und dreiviertel Jahr. –

Inzwischen ging Sebastian Wenzel seinen bescheidenen Weg durch Kindheit und Jugend.

Vielleicht lag seine künftige Bestimmung als dunkle Ahnung in ihm. Wenigstens kannte er keine größere Freude, als Geld zusammenzuhalten und anzuhäufen. Was andern Knaben die Käfersammlung und später das Heftchen mit den ersten unbeholfenen Reimen ist, war Sebastian das Sparkassenbuch.

Hatte also Sebastians so reich begüterte Tante auch damals den Neffen mißverstanden, so hatte sie sich doch im Grunde seines Wesens nicht geirrt.

Er war der einzige der Verwandten, der ohne Kranz zur Beerdigung kam. Es fiel ihm nicht ein, Geld für etwas herauszuwerfen, was niemand zunutze kam. Die drei Mark, die er dafür hätte ausgeben müssen, trug er auf dem Rückweg vom Kirchhof zur Sparkasse.

An die Erbschaft dachte er nicht im geringsten. Es war ihm klar, daß ihm von Weibern nichts Gutes kommen könne.

Im engen Heim, zwischen den Streitigkeiten einer kränkelnden Mutter und zwei rechthaberischen Schwestern, war ihm der Geschmack für das andere Geschlecht gründlich verleidet worden. Er rechnete die Frauen zu einer minderwertigen Gattung Mensch und behauptete, daß die Luft schwül und dumpf werde, wenn sie im Zimmer oder nur in der Nähe wären.

Nicht viele junge Männer denken so. Daher lachten ihn seine Kollegen aus. Er bemitleidete sie. Es tat ihm leid, daß sie den größten Teil ihres Verdienstes, wofür sie von früh bis spät im Büro saßen, an den Sonntagen für ein solches plapperndes, gefräßiges Ding ausgaben. Er begriff nicht, wie sie in Regen und Sonne geduldig warten konnten, bis es dem Fräulein einfiel, fein geputzt daherzukommen. In den Hüften wippend, wie ein gackerndes Huhn. Er wußte schon in seiner Kindheit, wie sie, hinter den Gardinen, ungekämmt in den Frisierjacken aussahen. Er kannte sie. Er mied sie und die mit ihnen verbundenen Unkosten auf das strengste. Nein, Weiber sind nichts wert, und wenn sie hundert Jahr alt werden.

Trotzdem ging er zur Testamentseröffnung. Nicht weil er dabei etwas für sich erhoffte, sondern weil er auf alles gespannt war, was mit Geld zusammenhing.

Leidenschaft reißt uns hin.

Sonst wäre es kaum zu erklären, daß Sebastian an einen Ort ging, wo er mit Sicherheit seiner ganzen Familie begegnen mußte.

Von dem Tag an, an dem er sein erstes Gehalt bezog, war er allen miteinander aus dem Weg gegangen. Denn wenn man aufrichtig ist – worin besteht das Familienleben des Unverheirateten? Daß er zu Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen eingeladen wird, um Geschenke zu bringen. Davon hatte sich Sebastian zurückgezogen.

Man war ihm nicht sehr nachgelaufen. Man hatte keinen Grund dazu. Es ist durchaus ein Irrtum, wenn behauptet wird, daß kleine Geschenke die Freundschaft erhalten. Auch hier wird immer die Größe siegen. –

Die Begrüßung im Vorzimmer des Notars war gegenseitig kühl und gemessen.

Was von der Familie Wenzel lebendig und aus den Kinderschuhen heraus war, wartete hier verdrießlich und unruhig. Groß, hager und mager stand Sebastian unter ihnen. Er musterte seine beiden Schwestern, die mürrisch neben ihren einmal hartnäckig erkämpften Gatten saßen. Die langweiligen, geduldigen Gesichter seiner Schwager erschienen ihm in der Untätigkeit des Wartens noch leerer. Zwei gleichgekleidete fette Frauen, mit hastig aufgesteckten Kapotthüten und dem verärgerten Ausdruck der aus den häuslichen Beschäftigungen gerissenen Hausfrau, nickten ihm herablassend zu. Erst allmählich erkannte er in ihnen seine schnippischen, zierlichen Cousinen wieder. Ein dicker Herr, dessen Atem durch das Zimmer pfiff, sagte: »Sieh einer an. Auch unser Sebastian gibt uns die seltne Ehre.« Das war Vetter Fritz, mit dem er auf die Bäume geklettert war.

Man flüsterte, man scharrte ungeduldig mit den Füßen. Uhrdeckel klappten auf und zu. Eigentlich dachten alle, in bezug auf die Erbschaft, nicht anders als Sebastian. Die – nun sanft entschlafene – Tante hatten Gicht und Gelbsucht nicht liebenswürdiger gemacht, als sie es als echte Wenzel ohnedies war. Oft genug hatte sie wiederholt, daß ihr Tod nur einem einzigen Freude machen würde. Daß dies niemand aus der Familie sein konnte, schien allen klar zu sein.

Aber der Mensch hofft, solange er atmet. So saßen sie hier mit dem unverwüstlichen Glauben, mit dem man zeitlebens auf Dinge wartet, die niemals kommen. Nur Sebastian riß die Geduld. Er mußte zurück in das Büro, er hatte nicht mehr als zwei Stunden Urlaub.

»Warte doch, Sebastian«, sagte eine seiner Schwestern. »Falls es zu spät wird, nimmst du dir eine Droschke.«

Alle lachten.

Der Gedanke, daß sich Sebastian Wenzel eine Droschke nehmen könne, war ebenso komisch, wie wenn man sich den Kaiser barfuß durch die Straßen laufend dächte.

Sebastian warf einen verächtlichen Blick durch den Raum, verbeugte sich und ging.

Ehe er aus der Haustür trat, klappte er die Beinkleider an den Füßen auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß noch Zeit genug übrig sei, um zu Fuß gehen zu können und die Straßenbahn zu sparen, eilte er mit langen Schritten durch das Gedränge.

Im Büro empfing ihn die spöttische Frage: »Nun, wieviel?«

»Ich habe die Sache nicht abwarten können«, sagte Sebastian, steckte den Bleistift hinter das Ohr, nahm den Federhalter in die Hand und setzte sich vor sein Schreibpult.

Zum letzten Mal. Einige Stunden später war er Millionär geworden …

3

Wie die Ameise nichts weiter sieht als ihren Bau und den schmalen Weg, auf dem sie im geschäftigen Hin und Her die großen, schweren Winzigkeiten herbeischleppt, so hatte auch Sebastian Wenzel nichts anderes gekümmert als das, was ihn selbst anging. Alles, was nicht im engsten Zusammenhang mit ihm selbst stand, war ihm gleichgültig. Bei unsinnigen Wünschen hatte er sich nicht aufgehalten. Unmögliches war ihm lächerlich.

Die sanften, rosenduftenden Sommerabende freuten ihn, weil er die Lampe sparen durfte. Der verlorene Ton eines Liedes, den der Wind zu ihm trug, weckte kein schmerzliches Verlangen nach den Wundern Ägyptens, den Geheimnissen Indiens, den Seen Japans, sondern er sagte sich, daß man es gut haben könne, auch ohne teure Reisen.

Er hatte auch seine Sehnsucht. Aber sie schwebte nicht im blauen Dunst. Einfach und ehrlich, wie er selbst, schritt sie neben ihm. Nur an den Sonntagen – im Sommer in einem Vorstadtgärtchen, im Winter in der verräucherten Stube eines Bürgerbräus – konnte sie einmal über die Stränge schlagen. Dann wünschte er sich in das kleine eigene Heim, das er stets vor Augen hatte: einen Klubsessel aus Juchten und einen automatischen Staubreiniger.

Ihm graute vor den möblierten Zimmern, in denen er wohnen mußte. Wo der Staub von Generationen in den Ecken lag, wo die scharfen Lehnen der Stühle gerade da aufhörten, wo sie den Rücken stützen sollten, wo man nie wußte, wieviel verliebte Mädchen schon auf dem abgenutzten Sofa gesessen hatten. Ein eignes Bett hatte sich Sebastian von seinen ersten Ersparnissen gekauft.

Ein eignes Heim, das war seine Sehnsucht. Drei Zimmer und eine saubere, appetitliche Küche mußte er haben. Ohne Frau, lärmende Kinder und unreinliche Hunde. Schon wenn man die Tür aufschloß, sollte man den Geruch guter Bratensoßen spüren.

Die andre Hälfte seiner Sehnsucht war: Gut und in Ruhe essen zu können. Nicht mit der Uhr in der Hand die Mahlzeiten einzunehmen und statt des ausgekochten Suppenfleisches oder der Fleischklöße, von denen außer der Wirtin nur Gott wußte, woraus sie bestanden, köstliche, sorgfältig zubereitete, lecker aufgetragene Speisen vorgesetzt zu bekommen.

In jedem übrigen Augenblick modelte er an diesem Plan. Im Laufe der Jahre war die Wohnung schön mit Möbeln aus allen Holzarten der Tischlerkunst ausgestattet gewesen. Über dem blanken Herd in der Küche zog sich jahrelang eine Borte aus krähenden Hähnen, jetzt sollte sie aus Sonnenblumen sein. Dann und wann unterstützte Sebastian seine Sehnsucht durch den Besuch eines fertiggestellten Neubaus, wo er die leeren, hellen Zimmer mit den neuen Dielen und Fenstern andachtsvoll durchschritt.

Dieser Blick in die Ferne trug ihm so reichlich Freude, daß er keine kostspieligen Vergnügungen brauchte. Schmucklos gingen seine Tage durch den wundervollen Wandel der Jahreszeiten. Doch keiner war ohne Freude. An jedem fand sich die Möglichkeit zu einer kleinen Ersparnis, die er nicht vorausgesehen hatte. –

Von einer Minute zur andern stand Sebastian Wenzel vor dem Ziel seiner Wünsche.

Früher als er erfuhr es die schwarzgekleidete Verwandtenschar. In schweigenden Gruppen verließ sie das Zimmer des Notars, wie tags zuvor das Grab der Tante. Alle Mienen waren wirklich so, wie man sie von trauernden Hinterbliebenen verlangt.

Eine der Schwestern flüsterte zur andern: »Sebastian, der mit Pfennigbruchteilen rechnet. Und plötzlich – dieses Vermögen, er kann vor Schreck den Tod haben.«

Sie sah nicht sehr besorgt dabei aus.

»Immerhin ein schöner Tod«, antwortete ihr Gatte.

»Und kein gewöhnlicher«, fügte ihr Schwager hinzu. –

»Wenigstens kann ich mich unter meinen Bekannten keines ähnlichen Falls erinnern.«

Sebastian starb nicht und nahm keinerlei Schaden an seiner Gesundheit.

Eine Sehnsucht, die man stets mit sich führt, mit der man sich die Zähne putzt und die Nägel schneidet, wirft nicht so leicht zu Boden, wenn sie sich erfüllt, wie vielleicht die Verwirklichung eines Traumes, dem man bei Tage nicht in die Augen zu sehen wagt.

Auch war Sebastian geübt in zäher Willenskraft. Sie brauchte er allerdings, um sich an das Neue zu gewöhnen. Das war nicht so leicht, wie die vielen denken mögen, die ihre freien Stunden dazu benutzten, von Millionen und ihrer angenehmen Verwendung zu träumen.

Zuerst hatte Sebastian weit mehr das Empfinden, daß ihm etwas abhanden gekommen sei. Wenn er auf dem Weg zu den langen Besprechungen mit dem Notar die Uhr hervorzog und lächelnd feststellte, daß es Zeit genug sei, um zu Fuß zu gehen und damit zehn Pfennig zu sparen, erinnerte er sich enttäuscht, daß dies nicht mehr dringend nötig sei. So ging es ihm häufig im Laufe des Tages.

Langsam lernte er die Freude am Ärger.

Es begann beim Notar, dem ersten Menschen, mit dem er stets in heftigen Wortwechsel geriet. Mit seinen Verwandten war er sanft und allmählich auseinander gekommen. Seinen Zimmerwirtinnen war er der friedlichste Mieter. Er hatte sich immer gesagt: Bescheidenheit verbilligt. Mit seinen Kollegen wechselte er nur wenige höfliche Worte.

Aber dieser Notar! Sebastian war noch nicht zehn Minuten mit ihm zusammen, so stieg ihm der Zorn blutrot zu Kopf. Und doch war noch niemand so untertänig, hochachtungsvoll Sebastian Wenzel begegnet wie dieser Mann. Aber gerade das machte Sebastian mißtrauisch. In der Wenzelschen Familie galt von jeher der Spruch: Große Liebenswürdigkeit will etwas. Und man selbst hatte sich bescheiden vor jedem Überfluß dieser Eigenschaft gehütet.

Der Hauptgrund des Zwistes war, daß Sebastian das Geld der Tante als preußische Staatsanleihe anlegen wollte, dem einzigen Papier, zu dem er Zutrauen hatte.

Der Rechtsvertreter rang die Hände.

»Aber verehrter Herr, Sie bringen sich um dreißigtausend Mark im Jahr. Das ist eine Verschwendung, die man nicht mit ansehen kann!« schrie er. »Sie sind ein heilloser Verschwender.«

Sebastian Wenzel fuhr zusammen. Verschwender hatte ihn noch niemand gescholten. Er wurde unruhig. Und immer wieder verließ er grübelnd das Zimmer, ohne zu einem Schluß gekommen zu sein. Dabei war er sich klar, daß ihm jeder Besuch teuer berechnet wurde.

Zum erstenmal bedauerte Sebastian, niemand zu haben, mit dem er sich aussprechen konnte. Er überlegte. Im Büro war ein Kollege, dem wohl zu trauen gewesen wäre. Er hatte viele Kinder und Sorgen und kannte das Leben. Nach reiflichem Bedenken wartete Sebastian Wenzel eines Abends auf diesen Mann vor dem Tor, durch das er selbst Jahre hindurch ein- und ausgeschritten war.

Müde kam der Erwartete die ausgetretenen Stufen herunter. Auf seinem schlaffen Gesicht, das ein grauschwarzer Bart bewucherte, zuckte das trostlose Hinundherrechnen des bedrängten Familienvaters.

Sebastian Wenzel sprang auf ihn zu und bat ihn um einige Augenblicke Gehör. Der andere folgte ihm in der stillen Freundlichkeit des Übermüdeten. Es war ihm zu viel Anstrengung, diese Bitte abzuschlagen.

Sie gingen in Sebastian Wenzels enges Mansardenzimmer, dessen verschlissene Vorhänge zu beben begannen, als die Männer sich über die Papiere beugten und fünf- und sechsstellige Zahlen durch den Raum flogen. Der müde Familienvater rechnete. Er kam zu dem gleichen Schluß wie der Rechtsanwalt.

»Sie haben allerdings bedeutend weniger, sind aber dafür sicher wie der liebe Gott«, sagte er. »Denn ich glaube, eher fällt der Himmel ein als der preußische Staat.«

Das war als treuer Beamter zu einem treuen Beamten gesprochen. Und wirkte. Sebastian Wenzel wurde es klar, daß er fest bei seinem Willen beharren mußte.

Er stand auf und sagte: »Ich danke Ihnen.« Der andere blieb sitzen, obwohl er unruhig zu sein schien.

Dann sagte er leise:

»Werter Kollege, wenn Sie – mir hundert Mark leihen könnten!«

Auch das war Sebastian Wenzel noch nicht geschehen. Wer ihn kannte, wußte, daß ihm schon der Pfennig heilig war. Aber die Hunderttausende lagen noch in der Luft.

Sebastian sah in die matten, unruhigen Augen des Wartenden, und ohne daß es ihm bewußt geworden war, hatte er dem andern einen blauen Schein gegeben …

Sein ganzes Leben lang wunderte er sich darüber. Am stärksten am folgenden Morgen. Er fühlte sich beunruhigt. War mit dem Geld auch schon der Leichtsinn der Reichen über ihn gekommen?

Er legte den langen Weg zum Notar wieder zu Fuß zurück. Sein Gefühl sagte ihm, daß er etwas einzusparen habe.

Aber bei dem Notar blieb er standhaft bei seinem Willen.

»Sie sind der größte Verschwender, der mir je begegnet ist«, sagte dieser zum Abschied.

»Niemand kann aus seiner Haut«, erwiderte Sebastian kühl.

4

Eines Tages fühlte Sebastian Wenzel wirklich den Schlüssel zum eigenen Heim in der Tasche.

Es lag in keiner der Straßen, durch die nur Gummiräder rollen, auch nicht in einem jener Häuser, wo hinter den vornehm verhängten Fenstern niemand zu ahnen schien, daß man Brot auch ohne Butter essen kann.

Um diese Gegenden war die Sehnsucht Sebastians nie gestrichen.

Er erinnerte sich noch zu deutlich der Sonntagsspaziergänge seiner Kindheit. Wenn sie in den ungewohnten Feiertagskleidern, die immer irgendwo drückten oder preßten, durch diese ruhigen, baumbeschatteten Straßen gingen, sagte die Mutter: Hier wohnt das Geld. Aber auch das Laster und die Sünde. –

Sebastian hatten von frühauf die kurzen, belebten Straßen gefallen, wo ein kleiner Laden mit unterhaltenden Auslagen neben dem andern lag. Wo man Menschen hinter den Fenstern sah, wo sich jeder zu kennen schien.

Eine jener Straßen, die eine Kleinstadt für sich im Getriebe der Großstadt ist.

Hier hatte Sebastians Traum die behaglichsten Parterrewohnungen mit den von Pelargonien rot umsäumten Balkonen umschwebt. Er kannte nur die Fenster der Hinterhäuser, wo man Schornsteine zählen konnte von früh bis spät, ohne fertig zu werden. Welch ein Vergnügen müßte es sein, aus niederem Fenster das Leben der Straße beobachten zu können:

Da saß er nun wirklich.

Er begann, sein neues, geregeltes Leben zu führen. Langsam durchdrang ihn die Würde des Besitzenden. Seine Person wurde eine Wichtigkeit. Nicht für die Welt, die ihn übrigens nichts anging, aber für die Welt, die die seine war. Für diese kleine, tätige, lebhafte Straße. Hier war er nicht ein reicher Herr, sondern der reiche Herr. Jeder kannte ihn. Man wußte genau, um welche Zeit der reiche Herr an seinem Platz am Fenster oder auf dem Balkon saß oder nicht saß.

Der Bäckerjunge versuchte einen leutseligen Gruß zu erwischen, der Milchmann mit den klappernden Blechkannen schob an seiner Mütze, wenn er vor dem Hause hielt. Der Schutzmann, der auf der andern Seite der Straße von einem Bein auf das andere trat, wußte, wenn der reiche Herr spazierenging, wurde er bald abgelöst. Wenn Herr Sebastian Wenzel in Gummischuhen ausging, sagte man: Es wird heute regnen.

Kurzum, was dem Südländer die Sonne, dem Fischer der Polarstern, dem Wetterpropheten der Frosch, das war Sebastian Wenzel für seine kleine Straße.

Man sah zu ihm auf und richtete sich nach ihm. Er ahnte dies, und es tat ihm wohl.

Mit dem liebenswürdigsten Lächeln, das je eines Wenzels Lippen umspielt hatte, schritt er durch seine Straße und ließ jedem Ladeninhaber Zeit zu einem ehrerbietigen Gruß.

Täglich wuchs er mehr hinein in seinen neuen Beruf. Sein Gaumen wurde immer geübter und verwöhnter. Als er das erstemal den gediegenen Zobelpelz trug, fühlte er sich selbst als der reiche Herr. Einen Pelz zu besitzen war ihm schon zu der Zeit, in der er als Schulkind an grauen Wintermorgen fröstelnd zur Schule eilte, als etwas Ungeheuerliches erschienen.

Aber das wußte er jetzt nicht mehr. Ebensowenig wie vieles andere, von dem er nicht mehr zu sagen vermochte, ob er es erlebt oder vor vielen Jahren einmal in der Zeitung gelesen hatte.

5

Man kann trotz redlichen Bemühens nicht immer folgerecht im Leben handeln. Das mußte auch Sebastian Wenzel erfahren. Trotz seines tiefen Hasses gegen das andere Geschlecht wurde sein erster Gast eine Frau. Seine Nachbarin, die auf dem gleichen Flur die andere Wohnung und den von Blumentöpfen umrahmten Balkon innehatte.

Sie hieß Amalie Zwink und war ganz das Gegenteil des langen, hagern Herrn Wenzel. Auf einem kurzen, prallen, runden Körper saß ein wohlfrisierter, rotwangiger Apfel, aus dem zwei blanke Kanarienvogelaugen neugierig und freundlich blinzelten. Daß dieses runde Apfelhaupt und das übrige Rund durch einen Hals verbunden war, verrieten ein weißer Kragen und eine goldene Brosche, die sonst wohl nicht dagewesen wären. Zu sehen war er nicht.

Freundschaft ist ein Geschenk des Himmels. Ohne jedes Zutun war Sebastian Wenzel zu dieser Freundin gekommen.

Eines Tages klingelte sie bei Herrn Sebastian Wenzel und war da. Sie sagte, daß sie noch aus der guten, alten Zeit stamme, wo Nachbar und Nachbar sich besuchten, setzte sich ihm gegenüber und erzählte ihm nach wenigen einleitenden Worten ihre Lebensgeschichte.

Sie war immer ein anständiges Fräulein gewesen und jeder Mann hatte sich ihr gegenüber auch anständig benommen. Der Liebenswürdigste von allen hatte ihr ein Schnittwarengeschäft eingerichtet, das sie nun verkauft habe. Jetzt war sie Privatiere und nichts weiter. Sie wollte Ruhe haben. Ihr ganzes Leben hatte sie sich dieses Heim gewünscht, wo niemand außer ihr zu mucksen habe.

Hier nickte Sebastian Wenzel langsam. Er verstand dieses Fräulein.

Aber noch in einem wichtigeren Punkt stimmten beide Nachbarn überraschend überein. Amalie Zwink beseelte eine ebenso große und starke Abneigung gegen das weibliche Geschlecht wie Herrn Wenzel. Sie verabscheute es.

»Ich kenne die Weiber«, sagte sie. »Herr Gott, was haben sie mir zugesetzt im Leben. Dieses Geklatsch, dieses Spionieren, dieses neidische Getue. Noch heute, wo ich doch sozusagen über die Grenze bin und mich um niemand mehr zu kümmern habe, sind mir diese Teufel im Unterrock ein Greuel. Dagegen die Männer. Welch ein vornehmes Geschlecht. Wieviel Liebenswürdigkeit, Nächstenliebe und Offenherzigkeit begegnet man, wenn man nur halbwegs seine Auswahl zu treffen weiß.«

Fräulein Zwink schloß ihre Rede mit der Versicherung, daß sie das stets vollkommen anerkannt habe. Sie habe Gutes mit Gutem vergolten. –

Amalie Zwink sprach immer. Zu Haus, wo niemand außer ihr zu mucksen hatte, mit ihrem Papagei. Der widersprach nicht, sondern krähte zu allem: Recht so, mein Pappelpäppchen. Genau wie es einst sein Herr getan, dem das Fräulein diese lebende Gabe verdankte. Das war ein Kapitän gewesen, der, als er alt und müde und dick geworden war, seine Tage bei Amalie Zwink vergähnt hatte. Tief aus dem Lehnstuhl heraus hatte er auf alle Fragen der lebhaften Ladendame: Recht so, mein Pappelpäppchen, geantwortet. Als ein guter Mann mit einem Gemüt wie ein Kind war er seiner Freundin im Gedächtnis geblieben …

Wenn Fräulein Amalie dem Papagei nichts mehr zu sagen hatte, kam sie, wie sie sich ausdrückte: auf einen Sprung zu Herrn Wenzel hinüber. Mit diesem Sprung schlug sie den Weltrekord aller Sprünge, denn er währte mindestens eine Stunde. Sie erzählte und erzählte, und es war beinahe, als ob sie zu Haus wäre. Sebastian Wenzel rührte sich nicht. Und so wie der Papagei stets liebenswürdig: Recht so, mein Pappelpäppchen lobte, sagte Sebastian Wenzel in kurzen Abständen: Wie Sie das Leben kennen, mein Fräulein.

Und diese Worte schürten aufs neue die Flamme der Beredsamkeit.

Herr Sebastian Wenzel hatte sich schon an die Eigentümlichkeiten seiner beredten Nachbarin gewöhnt. Von ihrer langjährigen Wirksamkeit hinter dem Ladentisch hatte die Dame eine eigentümliche Angewohnheit zurückbehalten. Ihr war noch immer der Meter das Maß aller Dinge. In der Eile ihrer Rede sagte sie:

»Nein, wenn ich denke; was jetzt der Meter Milch kostet. Und erst der Meter Butter.« Oder sie fragte heftig:

»Was zahlen Sie für den Meter Kaffee, werter Freund?«

Manchmal ertappte sie sich bei ihrem Irrtum und sagte lachend:

»Ja, mir steckt der Meter nun einmal im Leibe.«

An den langen Winterabenden wurde es Sitte, daß Herr Sebastian Wenzel eine Tasse Tee bei Fräulein Zwink trank. Da saßen sie sich in der wunschlosen Schläfrigkeit alternder Leute gegenüber. Neben ihnen schlief der Papagei auf seiner Stange, den Kopf unter den Flügeln. Nur wenn Amalie Zwink sich bei dem lebhaften Erzählen ihrer vielen, reichen Erinnerungen zu einem lauteren Wort hinreißen ließ, steckte er den Schnabel hervor und stotterte: Recht so, mein Pappelpäppchen. Dies weckte für gewöhnlich auch Herrn Wenzel aus seinem leichten Dusel, und er murmelte: Wie Sie das Leben kennen, mein Fräulein.

Diese Abende mußten beide gemütlich finden. Herr Wenzel war beinahe ärgerlich, als sich ein Dritter dazugesellte, trotzdem es sich um ein männliches Wesen handelte.

Es war ein alter General außer Diensten, der – nach Amalie Zwinks Aussagen – eine kleine Wohnung im Hinterhaus und das Podagra im großen Zeh hatte. Fräulein Zwink wußte dies durch den Portier. In einem ihrer nicht seltnen Augenblicke unbezwinglicher Neugier hatte sie sich auch seine Bekanntschaft erzwungen, als sie eines Tages gleichzeitig das Haus betraten.

Und auch er wurde schwach gegen sie.

Wenn auch aus ganz anderer Ursache als Herr Sebastian, den der Haß zum Weibe mit ihr verband. Er im Gegenteil konnte keinem weiblichen Wesen etwas abschlagen. Als Amalie Zwink mit dem ganzen Geschütz ihrer galanten Jugenderinnerungen anrückte, schloß er die Augen und begann sie sich jung und schlank und schön vorzustellen. Denn er träumte immer noch von den Reizen junger Frauen. Er sagte: Das Weib ist das Kleinod der Welt.

Aus diesem Grunde mußte er Herrn Sebastian Wenzel unausstehlich sein. Es war schade um den Mann, dessen ganzes Wesen sonst vornehm und einwandfrei war. Auch war Herr Wenzel nicht ganz unempfindlich gegen das Wort Exzellenz. Es war immer wieder angenehm zu hören, wenn die Haushälterin anmeldete:

»Seine Exzellenz ist da, Herr Wenzel.«

Außerdem wußte der feine alte Herr einige ganz auserlesene Gerichte. Zum Beispiel eine Pastete mit Krebsschwänzen. Noch ganz spät am Abend war er mit dem Rezept dazu angehumpelt gekommen, das er lange unter seinen Papieren gesucht hatte. Trotzdem er sich selbst alle diese guten Dinge versagen mußte.

»Das Podagra, mein Lieber, die vielen allzu guten Stunden …« erklärte er.

Ein Lächeln lag um die welken Lippen. Die spitzfingrigen, wohlgepflegten Hände hielten ein feines weißes Tuch, dem ein zarter Blumenduft entstieg. Man sah ihm an, daß er sich um viele Jahre zurückträumte. Dann erlosch sofort alle Herzlichkeit für ihn bei Sebastian, und er fand ihn unausstehlich.

So ging es ihm wie manchem in der Welt. Den einzigen Freund, den er hatte, mochte er nicht leiden. –

Wenn sich Sebastian und Amalie wieder einmal einig über die Schlechtigkeit der Frauen waren, schüttelte Exzellenz mit leichtem Lächeln den Kopf, strich sich mit der schmalen Hand über das dünne Haar, das sorgsam gescheitelt war, und sagte:

»Glauben Sie mir, mein Freund, die Frauen haben trotzdem ihr Gutes.«

»Nichts, das wir nicht besser hätten«, murrte Sebastian Wenzel.

»Nun – nun – immerhin …« Exzellenz versank in lächelndes Lächeln. Erst nach einer langen Pause sagte er:

»Die Liebe, mein Freund, ist alles.«

»Und die Freundschaft schätzen Sie für nichts?« rief Amalie Zwink. Seit sie die Fünfzig überschritten hatte, stellte sie die selbstlose Freundschaft höher als die Liebe. Sie nannte dies ihre Lebenserfahrung.

»Freundschaft?« Exzellenz zuckte die Schultern. »Vertraut ist jeder nur mit seinen eigenen Sorgen und Wünschen. Freundschaft ist ein Unterhaltungsspiel oder ein Betrug. Aber die Liebe … Auf den ersten Blick versteht man einander. Nur durch die Liebe kann man sich einander verständlich machen. Darum ist man in der ersten Jugend und im Alter einsam.«

Amalie Zwink seufzte hörbar.

»Ich will nicht widersprechen«, sagte sie schwach.

»Aber ich bestreite das durchaus«, entgegnete Sebastian beinahe heftig.

»Das nehme ich Ihnen durchaus nicht übel, lieber Herr«, sagte Exzellenz.

Diese Liebenswürdigkeit entwaffnete Herrn Sebastian Wenzel. Sein Zorn verrauchte. Er wurde wieder freundlich gesinnt.

Denn er liebte die Zufriedenheit.

Wenn er wieder allein war und ihm der angenehme Dunst guter Bratensoßen oder der frische Duft saftigen Tafelobstes in die Nase stieg, sagte er sich: Was geht mich das alles an? Die Hauptsache ist, daß man sich gesund fühlt, Angenehmes zu genießen versteht und Unangenehmes vermeidet.

Dann setzte er sich auf seinen Fensterplatz, sah hinaus und überlegte, wann es wieder Zeit sei, sich den Bart schneiden zu lassen. Und so einmal ins Denken gekommen, fiel ihm bald die frische Gänseleberpastete ein, die er heute abend öffnen wollte, und ihm wurde unendlich wohl zumute.

Am Abend, als es ganz still im Zimmer war, strich er, bei behaglich gedämpftem Licht, die reich getrüffelte Pastete auf die knusprig gerösteten Semmelscheiben.

Lächelnd dachte er an den Freund, der die Macht der Liebe pries. Der hatte das Podagra.

Er hatte Leberpastete und Gesundheit.

6

So spann sich Sebastian Wenzel in seinem Netz kleiner Behaglichkeiten zufrieden durch die Tage. Ruhig und gesund. Dann und wann schreckte ihn auch ein Zwischenfall, aber es lief am Ende immer alles gut ab.

So zum Beispiel der Beinbruch Amalie Zwinks.

Ein schlecht besohlter Schuh hatte das stets anständige Fräulein in diesen hohen Jahren zu Fall gebracht. Sebastian hörte den Lärm vor seiner Tür und öffnete sie. Aber als er sah, daß man seine Bekannte verletzt, oder gar tot, vorübertrug, war er wieder rasch in seine Wohnung zurückgetreten.

Durch die Dienstboten erfuhr er später den wahren Zusammenhang der Dinge. Eine heftige Beunruhigung erfaßte ihn. Er wagte sich kaum vom Stuhl zu erheben.

Endlich klingelte er und veranlaßte, daß man alle seine Schuhe und Stiefel bringe. Nun ließ er auf einem Fleck des Zimmers mehrere Daunendecken übereinander legen. Auf diesem gepolsterten Boden ging er in jedem Paar einige Zeit vorsichtig auf und ab, um diese gefährlichen Dinger auf ihre Sicherheit hin zu prüfen. Bis er zu wissen glaubte, welchem Paar er sich, soweit Menschen voraussehen können, unbesorgt anvertrauen dürfe. –

Einige ungewöhnlich schwere Tage brachen über ihn herein, als ihn, trotz seines vorsichtigen und behutsamen Lebenswandels, heftiges Zahnweh befiel. So entsetzlich heftig, daß er fürchtete, zum Zahnarzt gehen zu müssen. Diesen Weg kannte er nicht. So frei wie seine Lippen vom Küssen, waren seine guten zweiunddreißig Zähne, von denen jeder noch stramm seine Pflicht tat, frei von Plomben.

Fräulein Zwink tröstete und ängstigte ihn zugleich. Sie erzählte, daß sie oft monatelang zum Zahnarzt gegangen sei. Sie riet ihm, zu einem jungen Arzt zu gehen. Das hätte auch sie stets getan. Die jungen Ärzte hätten eine leichtere Hand und einen geschickteren Griff. Und dann solle er sich Goldplomben machen lassen. Die nimmt man noch in den Sarg mit.

Sebastian schauderte. Er wollte überhaupt nicht zum Zahnarzt gehen.

Er fragte den feinen, lebensgewandten General um Rat. Ob er denn kein Mittel gegen Zahnschmerz wisse.

»Ausziehn lassen«, sagte dieser.

»Das war vielleicht zu Ihrer Zeit Sitte. Heute tut man das nicht mehr«, rief Sebastian entrüstet. »Lesen Sie doch die Anzeigen in den Zeitungen.«

»Ihr Schmerz reißt Sie hin«, sagte der andere. »Ich weiß nur ein Radikalmittel, das einmal ein Soldat in meinem Regiment anwendete.«

»Nun?« fragte Sebastian gespannt.

»Er riß, von Schmerz gepeinigt, seine Pistole heraus und schoß den Zahn nieder.«

»Nicht möglich«, stieß Sebastian hervor. »Und das half?«

»Ja, das half gründlich. Aber bei Ihrer sehr begreiflichen Vorliebe für das Angenehme würde ich Ihnen doch raten, es erst einmal mit Kamillenumschlägen zu versuchen.«

Zorn und Zahnschmerzen bohrten und pochten in Sebastian. Wütend ging er nach Haus. Er zog die Vorhänge zu und machte sich Kamillenumschläge.

Da kam Amalie Zwink auf einen Sprung herüber. Sebastian hatte den Umschlag mit einem Riemen am Kopf angeschnallt und sah aus seinem Maulkorb mit bösen Augen auf die Nachbarin. Jetzt wird sie wieder in fünf Minuten von hundert ausgezogenen und tausend plombierten Zähnen sprechen und das ganze Zimmer mit Lachgas, Chloroform und Kokain erfüllen. Alle Weiber sollten dauernd unter Narkose gelegt werden, dachte er und wendete der Besucherin den Rücken.

»Hier hab ich etwas für Sie«, sagte Fräulein Zwink. »Es hat Tausenden geholfen.«

Das veranlaßte Sebastian, sich widerwillig umzudrehen und ein dargereichtes Fläschchen ärgerlich an sich zu nehmen.

Entsetzt prallte er zurück. Ein Totenkopf fletschte ihn an.

Was bedeutete das? In plötzlicher Ideenverbindung schnellte sein Blick von dem Fläschchen nach der Kouponschere drüben auf dem Schreibtisch. Was hatte dieses Weib mit ihm vor? Dabei pochte es in dem Zahn zum Verrücktwerden.

Amalie Zwink gab indessen ahnungslos in rascher, reicher Rede alle Anweisungen für die Verwendung des Mittels. Es war Jod, und ein Pinsel war auch dabei.

»Leise, leise über das Zahnfleisch streichen, lieber Herr Wenzel«, rief sie noch einmal in der Tür.

Sebastian warf ihr einen bösen Blick nach und schnallte sich seinen Maulkorb ab. Er war fest entschlossen, dieses Gift nicht in die Nähe seiner Lippen kommen zu lassen.

Zahnschmerz durchnagt die festesten Entschlüsse.

In der Nacht stand Sebastian auf und griff mit zitternden Fingern zum Fläschchen. Leise, leise strich er über das Zahnfleisch.

Am andern Morgen erwachte er ohne Schmerzen. Große Dankbarkeit gegen Amalie Zwink erfüllte ihn. Er zweifelte beinahe an ihrer Zugehörigkeit zu dem andern verruchten Geschlecht.

Exzellenz bemerkte Herrn Wenzels dankbare Freude und sagte:

»Sein Sie vorsichtig, lieber Freund. Machen Sie ihr keinen Heiratsantrag im Überschuß Ihres Glücks. Sie haben dann wieder niemand, bei dem Sie des Abends eine Tasse Tee trinken können.«

»Sie kennen mich wenig, Exzellenz«, erwiderte Sebastian würdig.

Aber er zeigte seine Dankbarkeit doch. Alle leeren Marmeladenbüchsen aus seiner Speisekammer ließ er zu Fräulein Zwink hinüberschaffen. Er hatte nicht vergessen, daß sie ihn kürzlich um etwas bat, in dem sie das Papageienfutter aufbewahren konnte.

Der Zahnschmerz kehrte nicht zurück. Bald war dieser Schreck überwunden und vergessen. Nach wenigen Tagen rechnete Amalie Zwink wieder unbedingt zum weiblichen Geschlecht, und alles ging wieder seinen gleichmäßigen, ruhigen Gang. –

Man war wieder einmal in der reichsten Zeit des Jahres, wenn überall die Welt in Blüten steht.

Von jeher hatte Sebastian Wenzel das Leben im Sommer doppelt angenehm empfunden. Wenn ihm die langen Tage und die ersparte Lampe auch nicht mehr dasselbe bedeuten konnten wie früher, brachten sie ihm dafür reichlich andere Freuden.

Wieviel Anregung brachte man von einem Sommerspaziergang nach Haus. Die Auslagen der Gemüse- und Obsthändler glichen wahren Ausstellungen. Wenn man zurückkam und wieder im kühlen Zimmer saß, konnte man stundenlang die verschiedenartigsten Speisezettel zusammenstellen. Und gesunde Mahlzeiten, denen man sich wirklich ohne Sorgen und Gewissensbissen hingeben konnte.

Die köstlichen Grützen von Johannistrauben und Himbeeren. Die grünen kleinen Erbsen, leicht durchwellt von kräutiger Sommerbutter. Reife rote Tomatenscheiben unter Weinessig und französischem Öl. Duftende Erdbeeren unter geschlagener süßer Sahne, die auf Eis gekühlt war. Weißwein, ein wenig von Waldmeister durchzogen und gewürzt. Der Sommer hatte sein Gutes, das stand ohne Zweifel fest.

Fräulein Zwink packte einen schwarzen Wachstuchkoffer, legte einen wallenden blauen Schleier um ihren Regenhut und fuhr in eine Sommerfrische an der See.

»Ich begreife Sie nicht«, sagte sie zu Herrn Sebastian Wenzel, als sie sich verabschieden kam. »Wenn ich Sie wäre …« und sie sah sich im Zimmer um, als suche sie den Geldschrank, an den sie im Augenblick dachte.

»Niemand kann aus seiner Haut«, sagte Sebastian.

»Nun, man braucht wohl nicht gleich aus der Haut zu fahren, wenn man eine kleine Reise tut«, entgegnete Amalie Zwink. Sie war gereizt und hatte Reisefieber. Außerdem vertrug sie keine Hitze.

»Wenn ich nicht wüßte, daß man überall auf Weibervolk stößt …« Sebastian betrachtete die erregt Atmende mit spöttisch zugekniffenen Augen.

»Das kann man vermeiden, wenn man will. Ich bin immer nur mit Herren gereist«, erwiderte Fräulein Zwink voll Würde. Dann ging sie.

Sebastian sah hinter den Pelargonien zu, wie sie mit Koffer, verschnürten Schachteln und Schirmrollen davonfuhr.

Er dachte: In dieser Zeit der jungen Gänse, frischen Gemüse und reifen Früchte braucht man wirklich keinen menschlichen Umgang. –

Der General jedoch verreiste auch nicht. Er sagte, daß er zu alt dazu sei. Dann und wann kam er auf Herrn Sebastian Wenzels schattigen Balkon, um Sommerluft zu atmen.

Meist saßen sich die beiden Männer schweigend gegenüber. Sebastian hatte genug mit seinen Speisezetteln zu tun. Drängten sich doch alle die guten Sachen auf eine kurze Zeit zusammen. Es war nicht leicht, diese Fülle des Guten wirklich geschickt auszunutzen, Nachdenken und Überlegen gehörte dazu. Aus seinem Grübeln heraus konnte er entrüstet sagen:

»Es ist beinahe lächerlich, daß Kirschen, Erdbeeren, ja, alle Beerensorten und Pfirsiche und Aprikosen zu gleicher Zeit reifen. Es ist doch ausgeschlossen, daß man da allen gleichmäßig gerecht werden kann.«

»Warum haben Sie nur diese rauhen Pelargonien auf dem Balkon? Lieben Sie keine Rosen?« sagte der alte Herr statt einer Antwort.

»In dieser Jahreszeit, wo sie preiswert sind, mag ich sie eigentlich recht gern«, erwiderte Sebastian nachdenklich. Er beschloß, sich den nächsten Vormittag freizuhalten, um einige Rosenstöcke zu kaufen.

Der Sommer wurde sehr heiß.

Herr Sebastian Wenzel nahm jeden Tag ein kühles Bad in seiner Badestube und fühlte sich ungemein wohl.

»Wie man sich nach dem Meer sehnt«, sagte der alte General. »Ich verstehe nicht, wie es ein Mann wie Sie hier aushalten kann.«

»Ich bade doch hier«, antwortete Sebastian. »Auch im Meer kann schließlich auf meinen Körper selbst nicht mehr Wasser kommen als in einer Wanne.«

Exzellenz seufzte und erwiderte nichts.

Nach einer Weile sagte er:

»Ich verstehe es, daß Sie niemals geliebt haben, Herr Wenzel.«

»Also doch, das freut mich.« Sebastian wurde fast lebhaft. »Gerade Sie, der Sie die großen Erfahrungen haben, Sie müssen mir im Grunde recht geben. Wieviel nutzlose Erregung, Mühe und Unkosten hab ich mir dadurch erspart«, rief er erfreut.

Sein Freund sah ihn lächelnd an.

»Es wird uns nichts erspart, mein Lieber«, sagte er. »Sie werden auch noch daran glauben müssen. Altes Holz brennt am besten.«

Sebastian lachte. Das war etwas sehr Ungewohntes und sah aus, als ob sich der ernsthafte Herr Sebastian Wenzel verschluckt habe.

»Vielleicht – Fräulein Zwink«, sagte er und verschluckte sich wieder.

»Selbst das wäre möglich. Ehe der Sargdeckel nicht zuklappt, ist kein Mann sicher«, antwortete der General. Er richtete sich mühsam auf, um einem weißgekleideten jungen Mädchen, das leichten Schrittes durch die Straße ging, möglichst lange nachsehen zu können.

»Wie würde ich dieses Mädchen lieben, wenn ich selbst noch liebenswert wäre«, murmelte er.

Sebastian wurde verstimmt. Das Wort Sarg war ihm unappetitlich. Anspielungen auf Alter und Tod brachten ihn um alle Laune. Störten ihm Schlaf und Verdauung.

Man sollte überhaupt mit niemand sprechen, sagte er sich, als er des Abends ins Bett stieg. Was hat man von andern Menschen? Nichts als Beunruhigung. Würde man sich selbst je etwas Unangenehmes sagen? Nein. Das hat man nur von andern zu erwarten.

Im Bett verzehrte er noch von einem feinen Glastellerchen einen saftigen Pfirsich.

Dabei dachte er: Merkwürdig, daß sich die Zunge, der allein wir den Geschmack verdanken, auch zu ödem Geschwätz hergeben muß.

Dann schlief er ein.

7

Als Erdbeeren und Kirschen schon vorüber waren und man sich mit Reineclauden trösten mußte, kam Fräulein Zwink von der Reise zurück. Sie war eine andre geworden. Ihre Vorliebe für die Männer war erloschen.

Erst nach einigen Tagen beim Tee erfuhren ihre Freunde, aus welchem Grund das Fräulein ihren Geschmack geändert hatte.

Amalie hatte in der See im Familienbad gebadet. Da kam ein Herr auf sie zu. Er maß ihre volle Figur, die im roten Badeanzug zwischen den Wellen wogte, und sagte seufzend: Weniger wäre hier mehr. Alle um sie herum hatten laut aufgelacht.

»Wenn es viele solche Männer gibt, dann kenne ich mich nicht mehr aus in dieser wunderlichen Welt«, hatte Fräulein Zwink ihre Erzählung beendet.

»Man badet dort mit dem weiblichen Geschlecht zusammen?« fragte Herr Sebastian Wenzel. Ekel lag auf seinem Gesicht.

»Nun – nun –« erwiderte Exzellenz begütigend der aufgeregten Amalie. »Es war ein dummer Scherz. Von Ihren Reizen konnte Ihnen damit nichts genommen werden.«

Fräulein Zwink sah ihn mißtrauisch von der Seite an.

»Ich weiß nur, daß die Männer früher anders waren«, sagte sie bestimmt.

»Recht so, mein Pappelpäppchen«, schrie der Papagei und schlug mit den Flügeln. Aber seine Herrin rief: »Kusch, alter Schwätzer.« Man merkte, daß sie den Papagei zum andern Geschlecht zählte.

Ihr Glaube war erschüttert. Die alte Gemütlichkeit zwischen den dreien wollte nicht wiederkommen.

Auch der Sommer wurde alt. Die ersten Herbstregen fielen. Im großen Zeh der Exzellenz zwickte das Podagra. Amalie Zwink sagte:

»Nun haben wir wieder einmal alles hinter uns.«

Sebastian Wenzel antwortete:

»Immerhin kommen noch die Trauben und Nüsse.«

Doch schien auch Herrn Sebastian Wenzel etwas zu zwacken. Er hatte die Doppelfenster einsetzen und die Filzstreifen gegen den Zugwind annageln lassen, er hatte die Speisekammer mit eingelegten Früchten und Gemüsen gefüllt – und doch schien er nicht zufrieden zu sein. Er saß auf seinem gewohnten Platz, aber nicht mehr mit der ruhig lächelnden Miene des Zuschauers. Eher schien ihn die Erregung des Mitspielenden zu plagen, der auf sein Stichwort wartet.

Alles ärgerte ihn; auch der Anblick seiner beiden Bekannten – und doch suchte er häufiger als sonst ihre Gegenwart.

Er sah Amalie Zwink oft und lange prüfend an. Er hätte gern gewußt, wie alt sie war. Sie darum zu fragen fand er überflüssig. Frauen sagen nicht die Wahrheit.

Amalie Zwink beunruhigte dieses Anstarren. Sollte es möglich sein? Nun, er war nicht der erste, dem sie gefiel. Nach einiger Überlegung kaufte sie sich einen neuen, dicken Zopf. Einige Tage später auch das Korsett, wovon in der Zeitung stand, daß es nicht nur hüftenlos und schlank mache, sondern auch eine Vorrichtung habe, mit der man bequem darin sitzen könne. Das letztere war übertrieben, wie vieles, was in der Zeitung steht. Sich damit zu setzen war ein schwieriger Trick, der geübt sein wollte, wie alle akrobatischen Kunststücke. Aber schließlich gelang es, und schließlich verdankte Fräulein Zwink dieser neuen Erwerbung den glücklichsten Augenblick jedes Tages. Das war am Abend, wenn die eisernen Verschlüsse aufkrachen durften und alles, was irdisch an ihr war, sich wieder frei bewegen konnte.

Herr Sebastian Wenzel merkte keinerlei Veränderung. Die unappetitliche Haarschlange auf ihrem Kopf vermeinte er immer gesehen zu haben, und die Hüftenlosigkeit konnte er nicht bemerken. Sein strenger Blick ging niemals tiefer als bis zur zweiten Etage ihres Doppelkinns, das rosig und leicht behaart war.

So wird im Leben viel kostbarer Aufwand vergebens getrieben. –

Den alten General aber fragte Herr Sebastian Wenzel eines Tages geradezu nach seinem Alter.

Er zögerte mit der Antwort.

Dann sagte er langsam:

»Nun, im Vertrauen auf Ihre Verschwiegenheit, ich bin seit zehn Jahren fünfundsechzig Jahre alt.«

Sebastian sah ihn mitleidig an.

»Denken Sie schon manchmal an den Tod?« flüsterte er. Er sah sich scheu und rasch im Zimmer um.

»Nein«, erwiderte der andere ruhig. »Manche behaupten zwar, daß man sich auf den Tod vorbereiten müsse – ich glaube aber, daß er mir ohne Vorübungen gelingen wird.«

»Ja«, sagte Sebastian nach einer Weile. »Es ist wohl das beste, sich solche Gedanken fernzuhalten.« Und wieder nach einer Weile fügte er hinzu:

»Denken Sie, meine Tante wurde beinahe hundert Jahre alt.«

»Eine tüchtige Frau.« Der General lächelte.

»Ja«, meinte Sebastian, »aber ich glaube, Frauen sind dauerhafter.«

Der General wußte, wie Herr Sebastian Wenzel die Frauen verabscheute. Sonst hätte er in diesem Augenblick denken können, daß Herr Wenzel die Frauen beneide.

Die beiden Herren schwiegen. Vor dem Fenster, an dem sie saßen, schwebte der Schnee fort und fort still herab. »Ein früher Winter«, sagte Exzellenz. »Der Winter kommt immer zu früh und der Frühling zu spät. Oder scheint es uns nur so?«

Sebastian Wenzel sah ernst auf den Schnee. Er schien berechnen zu wollen, wieviel Flöckchen niedersanken.

»Sie werden Ihrer Tante keine Unehre machen«, fing der General wieder an. »Sie haben das Zeug dazu, um mehr als hundert Jahre alt zu werden. Sie besitzen das Glück der Gleichmäßigkeit und die Gabe innerer Zufriedenheit, wie selten jemand.«

»Oh«, lehnte Herr Wenzel angenehm berührt ab.

»Ich bin überzeugt davon«, fuhr der General fort. »Das ewige Einmaleins der Ärzte ist: Hüten Sie sich vor Aufregung. Wer aber kann das befolgen? Sie sind der erste, den ich diesem Ausspruch gemäß leben sah.«

»Sie irren, ich habe auch meine Aufregungen«, sagte Sebastian würdig. »Erst heute mittag zum Beispiel. Denken Sie nur, da vergaß die Köchin, diese flüchtige Person, bei dem Entenbraten, den sie mir vorsetzte, das Kümmelsäckchen, das im Leib der Ente mitzubraten hat, zu entfernen. Sie brachte es also mit der Ente auf den Tisch, ich zerschneide das Säckchen zusammen mit dem Vogel, und die Kümmelkörner werden zerstreut. Man braucht nur auf eins dieser Körnchen zu beißen und kann sich, abgesehen von dem abscheulichen Geschmack, das ernsthafteste Zahnweh zuziehen.«

»Sehr unangenehm«, erwiderte der General. »Aber an diesen Aufregungen stirbt man nicht. Seien Sie unbesorgt, mein Freund.« –

Aber Herr Wenzel war nicht unbesorgt und nicht mehr zufrieden mit seiner Zufriedenheit. Wenn er in dem winterlich dunkeln, gut geheizten Zimmer saß, quälte ihn das Gefühl, daß im nächsten Augenblick jemand Ungebetenes hereintreten könne. Wenn er von seinem Spaziergang zurückkehrte, sah er sich im Zimmer um, ob inzwischen niemand gekommen war.

Er fürchtete das Alter.

Er sah etwas Unangenehmes auf sich zukommen, dem er nicht aus dem Weg gehen konnte. Denn das geschmacklose Wort, wer nicht alt werden will, muß jung sterben, gefiel ihm noch weniger.

In wenigen Tagen würde er sein sechzigstes Lebensjahr vollendet haben. Seine Freunde ahnten es nicht. Es würde sie auch sicherlich wenig beunruhigen, sagte er sich verärgert und bitter.

Aber ihn beunruhigte es.

An den langen Winterabenden hatte er aus alter Vorliebe für Zahlen seine Jahre nachzurechnen begonnen. Und er hatte herausbekommen, daß er, trotz aller Sparsamkeit, die größere Hälfte seines Lebens verbraucht zu haben schien; selbst wenn er annahm, daß im Erbe der Tante auch die Höhe ihres Alters mit inbegriffen war, blieben ihm nicht mehr volle vier Jahrzehnte für sein weiteres Dasein.

Er sann nach, was ihm die vergangenen Jahrzehnte gebracht hatten. Es war Angenehmes dabei. Aber er wurde doch nicht froh darüber. Was hatte er davon, wenn es hinter ihm lag. –

Eine seiner stillen Freuden war bis jetzt die Pünktlichkeit seiner Uhren gewesen. Er hatte in jedem Zimmer ein solches Räderwerk stehen und er sorgte unermüdlich dafür, daß sie alle gleichgingen und vor allen Dingen alle möglichst gleichzeitig schlugen. Dies zu erreichen hatte er sich manche Minute seines Lebens kosten lassen. Jetzt ärgerten ihn diese hartnäckigen Dinger. Mitten hinein in seine Berechnungen hämmerten sie ihre Schläge, um ihn zu verhöhnen. Riefen sie doch nichts anderes, als daß wieder eine Stunde vorbei sei. Was ging ihn das an? So alt war er schließlich noch nicht, daß es auf eine Stunde mehr oder weniger ankam. –

So schlich sich sein sechzigster Geburtstag heran.

Herr Sebastian Wenzel war am dreiundzwanzigsten Dezember geboren. An dem Tage, an dem Gott selbst sparsam mit Licht und Wärme war, wie sonst nicht im ganzen Jahr.

Diesmal lag die große Stadt unter einer weißen, feierlichen Decke. Der Schnee warf einen milden Glanz in die dunkeln Morgenstunden des Wintertags.

Sebastian Wenzel saß beim Frühstück. Das Zimmer war behaglich durchwärmt, und ein köstlicher Kaffeeduft durchquerte es. Sehr sorgfältig bestrich Sebastian die knusprigen Brötchen mit Butter, die hell und ungesalzen war. In diesem Augenblick hatte er die Bedeutung dieses schicksalsschweren Tages vergessen.

Aber schon rüstete man sich, um den Ahnungslosen zu stören – zu feiern.

Überall, wo Mitglieder der Familie Wenzel wohnten, öffnete man die Schränke und holte die Feiertagskleider hervor. Die Feiertagskleider und ein Geschenk, das gehörte sich nun einmal so.

Es gibt in jeder anständigen Familie ein Geschenkfach. Das heißt, man hat in der Wohnung eine Stelle, wo man jene guten Gaben aufhebt, bei deren Empfang man sich, während man sich herzlich bedankt, sofort sagt: An wen werd ich dies wieder loswerden? Es sind die Gegenstände, die sich selbst der Anspruchsvollste niemals wünscht, aber auch der Bescheidenste nicht zu benutzen weiß. Kurzum Dinge, die als Geschenke geboren und für nichts andres zu verwenden sind. Wie der ewige Jude durch die Welt, wandern sie durch die Familien. Wer sie weitergibt, hat nur darauf zu achten, daß sie nicht sofort zu dem zurückkehren, von dem sie kamen. Sebastian gegenüber war diese Sorge nicht nötig und jeder Irrtum ausgeschlossen. –

Gegen Mittag, als die messinggelbe Wintersonne aus den Wolken heraus einen raschen Blick über die verschneite Stadt warf, klingelte es zum erstenmal bei Herrn Sebastian Wenzel.

Dieser sah gerade sinnend auf den sonnigen Schein hinter den Scheiben. Er hatte beschlossen, noch einen Spaziergang vor Tisch zu machen. Er überlegte nur noch, ob er die wärmste Sorte von Strümpfen, die aus Kamelhaar, anziehen solle, oder ob die aus weicher pyrenäischer Wolle genügen würden.

Als ihn das Klingeln in seinen Erwägungen störte, dachte er, daß es Amalie Zwink auf einem ihrer Sprünge sei. Denn Exzellenz humpelte bei Schnee nicht aus dem Zimmer. Er runzelte die Stirn und verschwand mit langen, ärgerlichen Schritten hinter der Tür seines Schlafzimmers. Knallend schlug sie zu.

Er tat seiner Nachbarin sehr unrecht.

Sie stand in diesem Augenblick vor ihrem Herd, durchaus nicht hüftenlos und ohne den neuen Zopf, und briet sich, ganz ihrem Tun hingegeben, eine Taube.

Vor Sebastians Tür stand Vetter Fritz, mit dem Herr Wenzel einst auf die Bäume geklettert war. Mißtrauisch ließ ihn die Wirtschafterin näher treten. Der Atem des dicken Herrn pfiff durch die stille Wohnung. Sie pochte heftig an die Tür und sagte:

»Herr Wenzel, da ist noch ein Herr Wenzel.«

Erschreckt trat Sebastian aus der Tür und stand dem Vetter gegenüber.

»Ich gratuliere dir, lieber Sebastian«, sagte dieser. »Und Glück für die andere Hälfte des Lebens.«

Er lachte, was seinen Atem noch mehr in Unordnung brachte. Sebastian zog erstaunt die Augenbrauen hoch und sagte:

»Setze dich doch und hole langsam Atem.«

Diese Worte begleitete die Wohnungsklingel mit einem Läuten. Gleich darauf schellte es wieder, dann wieder und wieder. Man hörte das dumpfe Gemurmel von Stimmen, wodurch sich Unglücksfälle oder große Feierlichkeiten verraten.

Sebastian riß die Tür auf und rief: »Was ist denn geschehen?«

Da kamen seine Schwestern herein. Beide trugen in Seidenpapier gehüllte Pakete, die sie aber nicht hinderten, den Bruder zu umarmen.

»Nichts ist geschehen«, sagte die Ältere feierlich. »Nichts, als daß unser Sebastian sechzig Jahre alt wird.«

Sie zerdrückte eine Träne und überließ es jedem selbst, sich über die Ursache dieses salzigen Tropfens klarzuwerden.

Sebastian hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.

Seine Schwager umarmten ihn, seine Cousinen versuchten ihn zu küssen. Verheiratete Nichten mit Männern, die er nie gesehn zu haben meinte, Kinder, die er nicht kannte, alle waren in seine Wohnung gedrungen und umgratulierten ihn, der steif wie ein Pfahl unter ihnen stand.

Erstaunt und entsetzt starrte er geradeaus. Er glich einem Nachtwandler, der plötzlich im Löwenkäfig erwacht.

Schließlich setzten sich die älteren Besucher auch ohne Aufforderung. Die Kinder sprangen herum und prüften die umherstehenden Gegenstände auf ihre Festigkeit.

»Nun, Sebastian, willst du nicht unsere kleinen Gaben auspacken?« sagte seine ältere Schwester.

Sie war es, die sich an das Datum des Tages erinnert und die andern darauf aufmerksam gemacht hatte. Daher empfand sie eine Art Verantwortungsgefühl. Während Sebastian gehorsam in den Berg von Seidenpapier griff und auszuwickeln begann, sah sie sich beunruhigt und vergeblich nach dem üblichen Imbiß um, ohne den keine wahre Feier zu denken war. Sebastian mußte seiner Familie etwas anbieten. Er blamierte sich sonst vor sich und vor allen.

Sie ging zur Wirtschafterin hinaus.

Diese wußte von keiner Feierlichkeit, die hier im Hause gefeiert werden sollte. Aber sie gehorchte nicht ungern, als die Dame sie beorderte, rasch einige Torten vom Konditor holen zu lassen, Brotscheiben zu belegen, Wein zu entkorken.

Als die Schwester wieder in das Zimmer zurückkehrte, hatte Sebastian fünf Standuhren und zwei hohe Barometer enthüllt.

Die Uhren waren alle verschieden und sich doch durchaus nicht unähnlich. Sie arbeiteten eifrig, aber ihre Zeiger verrieten, daß sie sich untereinander nicht ganz einig waren. Eigenschaften, die bei den Mitgliedern einer Familie häufig vorkommen.

Den Barometern ging es nicht besser. Das eine meldete: Schön Wetter. Das andere: Nebel. Vor den Fenstern schneite es wieder.

Die vielen Uhren tickten übereifrig in die Stille.

Selbst die Geber waren betroffen und schwiegen. Endlich ergriff eine der verheirateten Nichten das Wort. Sie galt als sehr weltgewandt in der Familie und hatte, wie ihre Mutter sagte, ein besseres Los verdient. Sie war mit einem Steuereinnehmer verheiratet, der gern Pfarrer geworden wäre.

»Ja«, sagte diese Nichte. »Das ist die Großstadt mit ihren großen Entfernungen. Keiner hat Zeit für den andern. Sonst hätten wir uns besprechen können.«

»Gewiß«, riefen die andern und sahen dankbar zu der Sprechenden, die sich ihrer Wichtigkeit bewußt war und mit schiefgezogenem Mund und halbgeschlossenen Augen über ihre Familie hinwegsah.

»Was geschehn ist, ist geschehn«, sagte Vetter Fritz, der ein Barometer gebracht hatte.

»Ich wußte nur eins, von Kindheit an«, sagte eine der Cousinen schweratmend und beleidigt, »der Sebastian liebt die Uhren. Ich hoffte ihm eine Freude zu machen.«

Die letzten Worte klangen befehlend. Alles sah jetzt zu Sebastian. Er blickte von einem Zifferblatt auf das andre und dachte ängstlich: Fünf Nager mehr, die mir die Stunden zernagen.

Aber kein Wort des allseitig erwarteten Dankes kam über seine Lippen.

Die Verwandten sahen sich stumm untereinander an. In solchen Augenblicken verstehn sich Familien schweigend.

Augenblicke tiefsten Verständnisses dürfen nicht zu lange ausgedehnt werden, da nichts in der Welt so bleibt wie es ist. Es war daher ein günstiger Zufall, daß jetzt die Tür aufgerissen wurde und die Wirtschafterin hereinkam mit Torten, mit blanken, melodisch aneinanderklingenden Gläsern, mit allen den guten Dingen, die einen Geburtstag erst feierlich machen.

Sebastian sah auf.

»Wo haben Sie das her?« fragte er die Haushälterin.

»Vom Konditor herübergeschickt«, war die kurze Antwort der eifrig mit Tellerchen und Löffeln Klappernden.

Sebastian merkte sofort, daß auch jene Speise aus Mokka-Creme darunter war, der er vor allen Torten den Vorzug gab.

»Ich danke euch herzlich«, sagte er plötzlich laut und schüttelte allen der Reihe nach die Hand. Der Bann war gebrochen. Man gruppierte sich um den Tisch und griff zu.

Die Löffel klapperten, die Uhren tickten.

Sebastian saß lächelnd unter seinen Verwandten. Er verzehrte langsam ein gehäuftes Tellerchen voll von der vorzüglichen Speise. Allerdings mit Gewissensbissen. Süßes so kurz vor Tisch genossen verdirbt den Appetit. Aber einmal ist keinmal. Hoffentlich.

Eigentlich lag der allgemeinen Freude – wie oft im Leben – auch hier ein Irrtum zugrunde. Denn Sebastian hielt den reichgedeckten Tisch für eine Aufmerksamkeit seiner Verwandten, daher hatte er sich plötzlich so lebhaft bedankt.

Viel wurde nicht gesprochen. Jeder wollte liebenswürdig sein und nichts reden, was Sebastian ärgern konnte.

Aber da kam jemand, der aller Wortkargheit ein Ende machte.

Amalie Zwink hatte ihre Taube nicht in Ruhe zu Ende essen dürfen. Ihr Mädchen kam herein und sagte: »Da klingeln und klingeln schwarzgekleidete Leute an Herrn Wenzels Tür und gehen hinein und kommen nicht wieder heraus. Vielleicht ist der Herr gestorben.«

Fräulein Zwink sah totenbleich auf den Taubenknochen in ihrer Hand. Was heute dem einen geschieht, kann morgen den andern treffen, fuhr es entsetzensvoll durch ihren Kopf. Der arme, arme Mann, und Tränen rannen aus ihren Augen.

Mit zitternder Stimme bat sie das Mädchen, leise an der Hintertür der Nachbarwohnung zu klopfen und anzufragen, was geschehen sei.

Das Mädchen kam zurück und meldete, daß Herr Wenzel nicht tot sei, sondern sogar etwas Feierliches feiere. Was, wisse auch die Wirtschafterin nicht. Im nächsten Augenblick stand Fräulein Amalie vor dem Toilettentisch in ihrem Schlafzimmer und schlug den Panzer um ihres Körpers Reichtum. Damit war der erste Schritt zum Gesellschaftsmenschen getan. Hastig arbeitete sie weiter an seiner Vollendung.

Schon acht Minuten später stand sie lächelnd unter der Familie Wenzel. Eine Minute darauf wußte sie den Grund dieser seltenen Ansammlung und hatte ihrem alten Freund auf das innigste gratuliert. Und wieder eine Minute später saß sie, ein Löffelchen in der Hand, vor einem Teller. Schmatzend, schwatzend.

Sie wurde schnell der Mittelpunkt der Frauengruppe. Die Männer rückten etwas ab und sahen schweigend in den Rauch ihrer Zigarren. Die Kinder, die sich endlich weniger beobachtet fühlten, näherten sich vorsichtig mit den Zeigefingern den Kuchenresten. Feierliche Familiengemütlichkeit herrschte in Sebastians Junggesellenwohnung.

Amalie und die Damen Wenzel sprachen von den hohen Preisen des täglichen Lebens. Tiefe Entrüstung verband sie. Allerdings, als Amalien zum erstenmal: ein Meter Gans, ein Meter Butter, entfuhr, hatte es Wenzels – was sie sich später mitteilten – ordentlich gegruselt. Aber dann hatte Fräulein Zwink geschwind und geschickt erzählt, woher ihr der Meter noch im Leibe stecke und ihre Unachtsamkeit damit wieder gutgemacht. –

Dann und wann trank einer der schweigenden Männer Sebastian zu, der sich darauf ungelenk verbeugte.

»Ja, man muß nicht zuviel und nicht zuwenig vom Leben verlangen. Das ist das Kunststück«, sagte der Mann der Schwestertochter, der gern Pfarrer geworden wäre. Er trank dabei zum fünftenmal mit einem vollen Gläschen auf das Wohl des Onkels.

Endlich erhob sich als erster Vetter Fritz. Er bürstete sich seinen Schnurrbart um den jeder Seehund ihn beneidet hätte, und sagte schnaufend:

»Wie spät mag es sein? Vor lauter Uhren weiß man die Zeit nicht.«

Er lachte so heftig über seinen Scherz, daß Sebastian in die größten Unannehmlichkeiten zu kommen fürchtete. Es sah ganz so aus, als wollte der Mensch hier ersticken und verröcheln.

Der übrigen Familie war dieses Rasseln ein gewohntes Geräusch. Niemand kümmerte sich darum. Durcheinandersprechend suchte man seine Überkleider zusammen und ging endlich davon.

Ein kleiner Knabe hatte bis zuletzt den fremden Onkel in großer Neugier umkreist. Lächelnd über diese Zutraulichkeit strich Sebastian über den glattgeschorenen Kopf mit den abstehenden Henkelohren. So bin ich auch einmal herumgelaufen, dachte er wehmütig, beinahe gerührt. Der Knabe sagte mit mutiger, heller Stimme: »Zeige mir bitte den Stuhl, wo du immer sitzt, lieber Onkel.«

Lächelnd tat Sebastian dem törichten Kind seinen Willen. Dieses befühlte den Sitz von allen Seiten, sagte enttäuscht: »Auch Großmütter lügen« und sprang eilig davon.

Sebastian schüttelte den Kopf. Kinder waren noch schwerer zu verstehn als Erwachsene.

Er konnte nicht wissen, daß das Kind den häufig gehörten Worten seiner Großmutter, der Schwestern von Sebastian, vergeblich nachgeforscht hatte. Sobald die Rede auf den Bruder kam, pflegte diese zu sagen: »Sebastian sitzt auf seinem Geld.«

Leicht hätte die kleine Rührung, die der ungewohnte Weingenuß am Vormittag verursachte, Sebastian auf den Gedanken bringen können, sein Testament zu machen und gerade dieses zutrauliche Kind als Erben einzusetzen. Denn alles wiederholt sich, sagen die Philosophen.

Die Uhren lenkten Herrn Wenzel ab. Er sah mit Schreck, daß bei zweien der Pulsschlag ausgesetzt hatte, und er begann sie zart zu rütteln und zu schütteln. –

Die Gratulanten tappten durch den Schnee. –

»Wir müssen uns von nun an mehr um Sebastian kümmern«, sagte seine ältere Schwester, die noch immer über ihre alte Energie verfügte. »Es ist in seinem eignen Interesse. Die fette, asthmatische Person fängt ihn sonst ein.«

»Das ist schon möglich«, antwortete die andre, bedächtigere.

»Unpraktisch genug scheint der Onkel zu sein«, sagte die weltgewandte Tochter. »Was würden andre mit seinem Geld anfangen.«

Dann trugen die Straßenbahnen sie in alle Windrichtungen. –

Inzwischen hatte Sebastian erfahren, daß er selbst der Spender dieses reichen Festtisches war.

Rot vor Zorn stand er vor der Wirtschafterin. Sie schüttelte ergebungsvoll den Kopf. Sie habe gedacht, daß die dicke alte Dame im Auftrag des gnädigen Herrn handle.

Auf weitere Vorwürfe kicherte sie. Sie hatte in einem hohen Grad von Ordnungssinn alle Weinreste geleert.

Der Herr solle sich nur nicht kränken, mahnte sie. Man kann nur einmal sechzig werden. Und sie kicherte wieder.

Sebastian war entwaffnet. Alle seine peinigenden Gedanken waren wieder da. Sie hatte recht, zweimal sechzig konnte man in unserer Zeit nicht mehr werden.

Wie mag das eigentlich mit Methusalem gewesen sein? Ob die alten Juden sich einer besonders bekömmlichen Lebensweise befleißigt hatten?

Am Nachmittag seines Geburtstages blätterte Herr Sebastian Wenzel in der Bibel …

Gegen Abend ging er zur Exzellenz hinüber, dem er die Reste der Mokkatorte und eine geöffnete Flasche Wein geschickt hatte.

Er wollte sich aussprechen.

Der alte General winkte lächelnd ab.

»Ich weiß alles. Durch einen Seitensprung unserer Amalie«, rief er.

Sebastian setzte sich ihm gegenüber. Müde und abgespannt.

»Ja«, sagte sein Freund. »Die liebe Verwandtschaft. Man wollte sehn, wie lange es noch dauern wird, bis man das fette Schwein schlachten kann.«

»Meinen Sie mich mit dem fetten Schwein?« fragte Herr Wenzel unruhig.

Exzellenz lachte.

»Sie müssen einem alten Gutsbesitzer diesen Vergleich erlauben«, sagte er. – »Übrigens danke ich Ihnen für den Anteil am Festmahl.«

»Die Torte wäre doch verdorben, und die Flasche war nun einmal geöffnet«, erwiderte Herr Wenzel freundlich.

Dank anzunehmen brachte ihn immer in Verlegenheit. Er hatte zuwenig Übung darin. –

Nach einer Weile verließ Herr Wenzel den Freund. Nachdenklich ging er über den verschneiten Hof. Aus den schwarzen Mauern leuchteten viele erhellte Fenster fremde Heimlichkeit hinaus. Andrer Leute Sorge und Frieden.

Sebastian schob den schweren Riegel vor die Tür seiner Wohnung und drehte den Schlüssel zweimal herum.

Er rief nach seiner Wirtschafterin und sagte:

»Sie lassen ein andermal niemand Fremden hier herein. Weder Frauen, Männer, noch Kinder. Ich bin immer ausgegangen. Verstanden?« –

So stellte er zwei verwandte Energien einander gegenüber.

8

Herr Sebastian Wenzel hatte Mühe und viel Verdruß mit seinen neuen Uhren.

Jeden Abend zog er sorgfältig alle hintereinander auf und stellte ihre Zeiger gleich. Aber am nächsten Morgen lief jede ihren eigenen Weg. Bis auf die, die stehengeblieben waren. So mußte er sie wieder stellen und richten. Am Mittag, wenn die Fabriken pfiffen und andre die Arbeit beiseite legen konnten, mußte er aufs neue die Uhren zur Hand nehmen. Schließlich hielt keine von ihnen auch nur eine Stunde gleichmäßig Schritt. Sie waren die verkörperte Unpünktlichkeit.

So konnte sie Herr Wenzel nicht in seinem ordentlichen Haushalt haben. Das war klar.

Er ließ alle fünf zum Uhrmacher hinüberbringen.

Das Schild dieses Uhrmachers hatte Herr Wenzel von seinem Fenster aus stets vor Augen; Heinrich Siebenlist, Uhrmacher und Goldschmied, war ihm ein geläufiger Spruch.

Zum erstenmal betrat er nun den Laden. Der Uhrmacher wickelte die Uhren aus und erfuhr dabei, daß es Familiengeschenke seien. Während er in ihren Eingeweiden herumstocherte, sagte er lächelnd: »Was für zärtliche Verwandte der gnädige Herr hat.« Er brauchte diese Werke nicht lange durch die Lupe anzublinzeln, um zu wissen, daß sie ihm als Besitztum des in der ganzen Straße als pünktlich bekannten Herrn Wenzel eine kleine Jahresrente tragen würden.

Einstweilen bat er, alle Uhren in Pension nehmen zu dürfen, um sie mit neuen Federn zu versehen.

Herr Sebastian Wenzel war einverstanden. Er war zufrieden, die Quälgeister für eine Weile los zu sein.

Aber nun machten ihm die Barometer noch Sorge.

Es war jetzt klares Frostwetter. Aber gerade das Barometer, das immer auf: Schön Wetter, gestanden hatte, war nun ungeduldig geworden und zeigte jetzt: Regen und Wind. Das andre war beharrlicher. Es meldete stets: Veränderlich. Damit hatte es nicht unrecht. Veränderlich ist alles.

Sebastian schraubte früh und spät an seinen Wetterpropheten herum.

Dies hier war ein noch schwierigeres Problem als das Richten der Uhren. Aus einer geheizten Parterrewohnung heraus das Wetter zu regeln ist keine leichte Aufgabe.

Aber die Uhren kamen zurück. Gegen ein kleines Vermögen hatte Herr Wenzel sie wieder eingelöst. Doch er sollte ihrer nicht froh werden.

Herr Siebenlist hatte Federn eingesetzt und alle Schlagwerke in Ordnung gebracht. Sie liefen und schlugen alle, ganz wie es ihnen Spaß machte. Mit der Mitteleuropäischen Zeit hatte das gar nichts zu tun.

Herr Wenzel ließ sein Gegenüber zu sich bitten. Stellte ihn inmitten der schlagenden Uhren und sah ihn drohend an.

Heinrich Siebenlist lächelte.

»Was wollen Sie, werter Herr? Die Uhren sind altmodisch. Ganz werden sie sich unsrer Zeit nicht mehr anpassen. Aber nach und nach gewöhnt man sich an ihre Eigenheiten.«

Er nahm eine der Uhren in die Hand, die als Glaskugel in einem Elfenbeinring saß.

»Sehen Sie dieses niedliche Dingelchen«, sagte er. »Wenn die Zeiger auf zwölf stehen und sie drei schlägt, ist es genau zwanzig Minuten vor acht. Das muß man eben wissen.«

Er hob eine andere auf, die im Leib eines Bronzepferdes ruhte.

»Diese hier«, sprach er weiter, »ist ein solides altes Werk. Wenn sie fünf zeigt und neun schlägt, ist es gerade fünf Minuten über neun.«

»Hören Sie auf«, rief Sebastian, der erblaßt war.

Es war ihm jetzt klar, daß seine Verwandten ihn mit diesen Geschenken ins Irrenhaus bringen wollten.

Schweigend winkte er Heinrich Siebenlist zu, sich zu entfernen.

Dieser sagte: »Ja, ja, die Nerven.« Verbeugte sich und ging.

Sebastian sank in seinen Fensterstuhl und sah gedankenlos zu, wie Heinrich Siebenlist drüben unter dem Schild hinweg in seinen Laden sprang.

Nach einigen Augenblicken des Ausruhens klingelte er heftig. Als die Haushälterin erschien, sagte er:

»Nehmen Sie diese fünf Uhren und zwei Barometer und werfen Sie sie sofort in den Müllkasten.«

Das Mädchen zuckte zusammen.

»Wohin?« fragte sie unsicher.

»In – den – Müllkasten!« schrie Herr Wenzel, jedes Wort betonend.

»Ich dachte nur«, stotterte das Mädchen.

»Sie haben nichts zu denken. Dazu habe ich Sie nicht in Dienst genommen. Fort mit den Sachen.« Herr Wenzel erhob sich. Groß und hager. Er glich einem drohenden Ausrufungszeichen.

Das Mädchen packte rasch die Siebensachen zusammen und verschwand.

Sie wunderte sich nicht. Einmal, weil sich wundern der Anfang der Weisheit ist und sie gar keine Anlage zu dieser Tugend hatte, und zweitens, weil sie sich klar war, daß die Menschen je älter, je närrischer werden.

Sie schraubte die Sachen auseinander, wickelte sie sorgsam in Seidenpapier und legte dann alles auf den Boden ihres Koffers. Dort lag schon manches andre. Denn bekanntlich geht nichts im Weltenraum verloren. Alles findet seinen Platz.

Als der Hausherr am Abend fragte, ob sein Befehl ausgeführt sei, antwortete sie mit einem festen: »Ja.«

Diese Tage hatten Herrn Wenzel recht angegriffen und ihm großen Mißmut hinterlassen.

Er fuhr erschreckt zusammen, wenn es klingelte. Im Gewimmel der Straße, im Halbdunkel des Treppenraums glaubte er das Gesicht eines Verwandten auftauchen zu sehn.

Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Und das in einer Zeit, wo die Fenster der Delikatessenläden leckerer denn je waren.

Da lagen Kaviarfäßchen auf Eis neben zartem, rosigem Räucherlachs. Prachtstücke von Puten hingen an Schnüren, aufgereiht wie Perlen, und Trüffeln aus Perigord, um sie zu füllen, waren auch da.

Bei ihm in der Speisekammer standen in blanken Porzellankruken: Weißkraut in Rheinwein, Früchte in Rum, in fein polierten Holzgefäßen ruhten Fleisch und Heringe unter Salz, hingen von der Decke geräucherte Gänsebrüste, gewickelte Schinken.

»Was ist das Leben ohne Appetit«, sagte Sebastian Wenzel trübselig zu seinem Freund.

»Ja, Appetit ist alles«, erwiderte Exzellenz und lächelte, »nicht allein beim Essen. Sie sollten einmal einen Arzt aufsuchen.«

»Meinen Sie?« Herr Sebastian Wenzel sah erschreckt und beunruhigt aus.

Amalie Zwink, die gerade hinzukam, fragte besorgt und kurzatmig: »Was hat denn unser lieber Freund?«

Sie versuchte sich hüftenlos zu setzen, und als es ihr gelungen, schnellten ihre blanken Vogelaugen neugierig von einem zum andern. Aber keiner der Männer hatte Mitleid mit ihr. Das Schweigen dauerte an.

»Man muß sich nicht um seinen Kummer kümmern«, rief Fräulein Zwink aufs Geratewohl.

Auch das prallte bei den Nachdenklichen ab.

»Ist Ihre Podagra schlimmer, lieber Freund?«

Exzellenz schüttelte schweigend den Kopf.

Das Fräulein drehte sich zu Herrn Sebastian um.

»Ist wieder etwas mit Ihren Uhren geschehen, lieber Herr Wenzel?«

»Der ganze Plunder liegt im Müllkasten«, rief Sebastian grob.

»Wie?« fragte Fräulein Zwink höflich. Ein starres Lächeln verriet, daß ihr unheimlich zumut war.

»Unser Freund ist nicht ganz gesund«, sagte der General.

»Ach so«, flüsterte Fräulein Zwink und rückte vorsichtig von Sebastian ab, der, das spitze Kinn auf der Brust, vornübergebeugt vor sich hinstarrte.

»Wo fehlt's denn?« tuschelte Amalie der Exzellenz zu und riß die Augen auf.

»Am Appetit«, flüsterte dieser zurück.

Herr Sebastian Wenzel hob den Kopf.

»Exzellenz meint, ich müsse einen Arzt aufsuchen.« Er sah hilfesuchend nach der kräftigen Freundin. Vielleicht hatte sie wieder ein heilendes Fläschchen im Hinterhalt.

»Zum Arzt wollen Sie gehn? Das ist das einzig Richtige, wenn Sie sich nicht gut fühlen.« Amalie Zwink wurde freudig erregt. Endlich kam wieder ein bißchen Spannung in das Leben.

»Zu wem wollen Sie gehn? Wann werden Sie gehn? Ach bitte, fragen Sie dann auch gleich, ob man an zu starkem Durst leiden kann, ohne zuckerkrank zu sein«, fragte und bat sie so schnell, als ihr möglich war.

»Ich werde es mir überlegen«, sagte Sebastian, erhob sich und ging.

Frauen sind das Roheste und Gefühlloseste, was die Erde trägt, dachte er, während er seine Wohnungstür zuschlug.

An diesem Abend mundete ihm nicht einmal eine zarte, tadellos gebratene Gänseleber …

Vor dem Schlafengehen blickte er lange in den hohen Spiegel, der seine ganze Figur zurückwarf.

Er nickte sich ernsthaft zu.

Er war entschlossen, sich zum Arzt zu führen.

9

Sebastian war sich klar, wo es sich um Leben und Gesundheit handelte, durfte man nicht sparen. Er wollte zu einem Arzt gehn, der Könige und Fürsten nicht nur behandelte, sondern auch geheilt hatte.

Er erinnerte sich eines Namens, den seine Eltern schon mit Ehrfurcht genannt hatten und den er auch häufig in Zeitungen gedruckt sah. Diesen suchte er.

Im Adreßbuch nahmen die Titel und Würden dieses Mannes mehrere Zeilen ein. Das beruhigte Sebastian sehr und bestärkte ihn in seinem Entschluß. Leider fielen die Sprechstunden des Arztes in eine Zeit, in der andere Menschen ruhten. Von zwei bis vier Uhr nachmittags.

Aber schließlich ist die Erhaltung der Gesundheit ein Opfer wert.

Um zwei Uhr stand Herr Sebastian Wenzel sorgsam gekleidet zwischen den grünen Plüschmöbeln des Wartezimmers. Mit leichtem Schauder sah er sich um. Daß niemand außer ihm da war, beunruhigte und befriedigte ihn gleichzeitig.

Ein merkwürdig geformter Spucknapf erinnerte ihn an das Vorzimmer des Notars, wo er die Testamentseröffnung nicht abwartete. Er hatte beinahe auch hier Lust, wieder zu gehn. Aber im gleichen Augenblick öffnete sich eine Tapetentür, die Herr Wenzel vorher gar nicht bemerkt hatte. Er zitterte vor Schreck. Eine scharfe Stimme rief: »Ich lasse bitten.«

Eine Sekunde später saß Herr Sebastian Wenzel einem kleinen, verhutzelten Mann gegenüber, der den Mund schief zog und rasch und schnarrend hervorstieß: »Mit wem habe ich die Ehre?«

In fliegender Eile schnellte nun Frage auf Frage hervor. Bis Sebastian alles gesagt hatte. Von der Nummer seines Hauses an bis zur Zahl seiner Jahre. Von der Appetitlosigkeit an bis zu den geheimsten Lebensgewohnheiten.

»So – so, schildern Sie mir nun genau die Art Ihrer Beschwerden«, knurrte der berühmte Mann.

In Sebastian Wenzels Augen kam die ganze Starrheit der Examensangst. Ihm fiel nichts ein. Was fehlte ihm nur eigentlich?

Aber unter dem Druck der scharfen Augen fing er zu reden an. Alles, was ihn einmal im Leben beschwert hatte, zählte er auf. Sogar die Zahnschmerzen.

»So – so, allgemeines Schlechtbefinden. Welche Badeorte haben Sie schon aufgesucht?«

»Ich bin niemals gereist«, antwortete Sebastian und hatte das deutliche Gefühl, daß es seine Pflicht gewesen wäre, die ganze Welt umfahren zu haben.

»So – so, niemals gereist?«

Der wirkliche Geheimrat setzte sich noch einen Kneifer über die Brille. Seine Augen flogen zu Herrn Wenzel und dann hinüber zur Wand. Dort stand auf einer Papptafel, daß jeder Besuch zwanzig Mark koste, die gleich hier zu erledigen seien.

»Bitte stehen Sie auf«, schnarrte der Sechsäugige.

Sebastian mußte den Mund aufreißen, der Professor stellte sich auf die Zehenspitzen und sah ihm tief in den Hals.

»So – so, Sie scheinen an Harnsäure zu leiden. Im Hals haben Sie nichts. Ich bin leider nur Spezialist für Hals- und Nasenleidende. Sie müssen Kollegen Winkelschneider aufsuchen.«

Er machte eine verabschiedende Verbeugung und hielt Sebastian mit den Blicken fest.

Der tat, wie ihm Exzellenz geraten hatte. Er schob ein Zwanzigmarkstück auf den Schreibtisch.

»So – so«, sagte der Geheimrat freundlich. »Ich habe mich sehr gefreut. Auf Wiedersehen.«

»Sie glauben nicht, wie rasch der Mann spricht«, sagte Sebastian bewundernd zur Exzellenz, die ihn in seiner Wohnung erwartete.

»Und sonst, mein Freund? Was sagte er? Schnell sprechen kann auch unsere Amalie. Sogar ohne Vergütung.«

Ein gutes, sorgendes Lächeln lag um den alten Mund, der so gern spottete.

Sebastian erzählte.

Exzellenz lachte vergnügt.

»Sagte ich es Ihnen nicht, der Mann ist Spezialist für Halskrankheiten. Sie wollten mir aber nicht glauben.«

»Jedenfalls muß ich nun diesen Professor Winkelschneider aufsuchen«, sagte Herr Wenzel wichtig.

Amalie Zwink, die an solchen Tagen Herrn Wenzels Wortkargheit verwünschte, war doch zufrieden, als sie den Ausgang der Unterredung erfuhr. Die Spannung ging also weiter. –

Geheimrat Winkelschneider empfing seine Patienten bei Tagesanbruch. Zu der Stunde, wenn Herr Sebastian Wenzel nach einem kurzen Spaziergang in angenehmer Ruhe zu frühstücken pflegte.

So brachte er seiner Gesundheit ein zweites Opfer, indem er seinen Morgenfrieden hingab. –

Bei Geheimrat Winkelschneider ging es anders zu.

Ein Diener half Herrn Wenzel aus dem Pelz und bot ihm eine Karte mit einer Nummer an, die einem Los glich. Dafür waren zwanzig Mark zu zahlen. Herr Wenzel hatte Nummer vier gewonnen.

In dem Wartezimmer saßen zwei Herren und eine Dame auf den roten Plüschmöbeln. Von Zeit zu Zeit seufzte jemand. Bis endlich alle drei aufgerufen waren.

Sebastian hatte sofort nach der geheimen Tapetentür gesucht. Aber hier verschwand man hinter einem grünen Friesvorhang.

Geheimrat Winkelschneider fragte genauso rasch wie sein großer Kollege. Wieder gab Sebastian den Grundriß seines Lebens an.

»Aha, aha«, erwiderte der Arzt geschwind auf alle seine Antworten.

Als er erfuhr, daß sein verehrter Kollege bei Herrn Sebastian Wenzel Harnsäure festgestellt hatte, nachdem er ihm in den Hals gesehn, sprang er erfreut auf und rieb sich die Hände.

»Aha, aha. Ja, verehrter Herr, da muß ich vor allen Dingen eine Probe Ihres – na Sie wissen, was ich meine – im saubern Fläschchen zugesandt bekommen. Morgen früh senden Sie es mir. In drei Tagen kommen Sie wieder. Auf Wiedersehen. Der nächste.«

Er hatte Sebastian schon den Rücken gedreht, den er vor einem Neueingetretenen leicht neigte. –

»Man geht zu einer andern Tür hinaus, wie hinein«, erzählte Herr Wenzel seinen Freunden.

Er berichtete Fräulein Zwink nichts Näheres über die heutige Unterredung. Aber sie erriet alles. Also noch drei Tage Spannung. –

Jetzt fühlte sich Herr Sebastian Wenzel wirklich elend. Seine Angst folterte ihn.

Seine Nächte wurden schlaflos. Er war an den köstlichen Schlaf der Gesunden und Ehrlichen gewöhnt. Er kannte die Nacht gar nicht. Erschreckt sah er Stunde auf Stunde durch das dichte Dunkel gleiten. Er stand auf und zog die Gardinen von dem Fenster fort: Nichts als Finsternis. Wie in eine tiefe Gruft versenkt waren Straße und Stadt. Er schlich zurück auf sein Lager und graute sich vor den hellen Leinentüchern. Erst gegen Morgen, als die vielen kleinen Klappergeräusche des Tages begannen, fiel er in schweren Schlaf.

Die Einwohner der Straße wurden unpünktlich. Der Kopf des reichen Herrn hinter den Scheiben war zu andern Tageszeiten zu sehn und nicht zu sehn.

Endlich waren drei Nächte und drei Tage vorüber.

Herr Wenzel stand vor dem Arzt, keines Wortes fähig. Nur seine Augen fragten.

»Aha, aha«, rief der Geheimrat und kramte in den Papieren auf seinem Schreibtisch. »Herr Wenzel Sebastian, oder, pardon, pardon, Herr Sebastian Wenzel, wenn ich nicht irre. Aha, aha, da haben wir's.« Er hatte ein Papier gefunden, dessen Inhalt er rasch überflog.

»Aha, aha. Ja, mein lieber Herr – so betrübend es ist …«

Vor Sebastians Augen flossen Arzt und Schreibtisch zu einem Nebelballen zusammen.

»Ja, so schwer es mir zu sagen fällt, mein verehrter Herr Kollege hat sich geirrt. Sie sind ganz gesund. Ich habe keine Krankheitsstoffe finden können.«

Das Telefon klingelte, während es an beiden Türen pochte. Der beschäftigte Man bedankte sich bei Herrn Wenzel, verbeugte sich, rief zur einen Tür hinaus: »Der nächste«, zur andern: »Ich komme sofort«, und legte dabei den ungeduldig schnarrenden Telefonhörer ans Ohr.

Ohne zu wissen wie, war Herr Sebastian Wenzel draußen und auf der Straße.

Es war echtes Gummischuhwetter. Der Schnee schmolz. Ein scharfer Ostwind strich wie mit Messern über die Gesichter. Der vorsichtige Sebastian Wenzel ging lächelnd seines Weges, als durchschritte er den lieblichsten Frühlingstag. Er vergaß ein windschützendes Malzbonbon in den Mund zu schieben und den Kragen aufzuschlagen. Ihn durchglühten die Worte: Sie sind ganz gesund.

Er hatte keine Eile, nach Haus zu kommen. Lächelnd trieb er durch den rauhen Wind.

Endlich stieg er auf einen Straßenbahnwagen. Sonst brachte ihm eine solche Fahrt meist viel Verdruß. Entweder es setzte sich jemand ungebührlich dicht an ihn heran oder stieß in dem engen Gang gegen sein Knie, oder ein Kind kletterte auf den Sitz hinauf, ohne seine Füße und die Kleider seiner Nachbarn genügend auseinanderzuhalten. Oder zwei gegenübersitzende Frauen schrien sich im Rädergetöse ihre Familienangelegenheiten zu, ohne zu überlegen, ob andere diese unangenehmen Belanglosigkeiten mitanhören wollten.

Heute war Herr Sebastian Wenzel nachsichtig und milde gestimmt.

Mancher hatte vielleicht dieselbe Prüfung durchmachen müssen wie er. Viele mochten diese bösen Sachen im Blut haben, von denen er frei befunden worden war, einige vielleicht gar, ohne es zu wissen. Traurig war das.

Da trat ihm jemand heftig auf den Fuß. Gerade auf das einzige Hühnerauge, das ihn von Kindheit an drückte. Ein kurzsichtiger, schwerer Herr mit Kneifer und Pelz, aber ohne Gummischuhe, hatte im Stolperschritt einen Stiefelabsatz fest daraufgedrückt.

Herr Sebastian Wenzel hatte Mühe, nicht laut aufzuschrein.

»Man entschuldigt sich wenigstens«, rief er dem Herrn nach, als der erste Schmerz vorüber war. Dieser hörte es nicht mehr, er stand schon auf den Füßen des drittnächsten.

Dieser Vorgang brachte Herrn Wenzel in die Wirklichkeit zurück. Nein, diese Welt war nicht dazu angetan, um übermütig zu werden.

Er fühlte eine große Erschöpfung. Die schlaflosen Nächte rächten sich. Er sehnte sich nach Haus.

Als er die Bahn verlassen hatte und um die Ecke bog, sah er aus seinem Fenster Amalie Zwinks Apfelgesicht herausstecken.

Das Fräulein winkte mit einem Tuch, als ob er von langer Seefahrt heimkehre.

Rasch war Sebastian oben. Aber nicht die Freude beflügelte seinen Schritt.

»Sie kühlen mir mein ganzes Zimmer aus«, rief er heftig. »Wedeln Sie doch Ihre Tücher woanders hin und her.«

Das lächelnde Apfelgesicht verzog sich sauer.

»Das ist der Dank. In Sorge und Erwartung stehe ich hier. So spät kommen Sie von einem solchen wichtigen Gang zurück. Aber ich gehe schon.«

In der Tür drehte sie sich um.

»Trotz alledem könnten Sie mir wohl sagen, was –«

»Ich bin vollständig gesund«, bellte Herr Sebastian Wenzel zurück.

»Sie brauchen zu keinem andern Arzt zu gehn?«

»Fällt mit nicht ein. Gesund ist gesund.« Sebastian ging auf die Tür des andern Zimmers zu.

Enttäuscht und beleidigt zog sich Fräulein Zwink zurück.

10

Sebastian hatte sich wieder daran gewöhnt, gesund zu sein und die Tage hinzunehmen, wie sie kamen. Er glaubte, so bald keinen Arzt mehr wiederzusehn.

Aber es gibt Zeiten, in denen das Schicksal boshafter ist als eine Frau.

Eines Mittags, als Herr Sebastian Wenzel ruhig und gemessen eine Messinaapfelsine aß, machte seine Zunge plötzlich eine ungeschickte Bewegung: ein Kern verlor das Gleichgewicht und rutschte den Hals hinunter. Mit der tückischen und unaufhaltbaren Schnelle, mit der alles sich fortreißen läßt, wenn es bergab geht.

In demselben Augenblick, als sich Sebastian klar war, was sich ereignet hatte, sah er sich auch schon auf dem Operationstisch liegen. Männer, gleich Köchen gekleidet, wetzten die Messer, um ihm seinen Blinddarm zu stehlen.

Er schrie und klingelte nach der Wirtschafterin.

»So rasch als möglich den nächsten Doktor. Schnell, schnell!« rief Wenzel angstvoll und fuchtelte mit den Händen durch die Luft.

Das Mädchen kreischte auf und jagte davon, alle Türen hinter sich offenlassend.

Bald wußte man in der ganzen Straße, daß der reiche Herr im Sterben lag.

Während man sich vor den Ladentüren stritt, wer nun das schöne Geld erben werde, trat bei Sebastian Wenzel ein kleiner, untersetzter Herr ein, der einen goldnen Kneifer trug.

Er setzte sich Herrn Wenzel gegenüber, umfaßte sein Handgelenk und sagte, die Augen auf dem Zifferblatt seiner Taschenuhr: »Nun, was ist denn geschehn?«

Sebastian berichtete ausführlich den unglücklichen Vorfall. Der Arzt nickte, holte ein Notizbuch hervor, drehte seinen Tintenhalter auf und sagte gütig:

»Nur Mut, Sie werden die Sache bald hinter sich haben«, und dabei kritzelte er mit der Feder.

Als er die Feder wieder zuschraubte, war auf dem Notizblock etwas Schwarzes zurückgeblieben, das wie Fliegenschmutz aussah. Das war ein Rezept.

Er reichte das Blatt Herrn Sebastian Wenzel und sagte: »Dies lassen Sie sich rasch aus der Apotheke holen und nehmen es ein. Dann essen Sie drei Pfund Kartoffelbrei.«

»Mit Milch und Butter und ein wenig gerösteter Zwiebel darauf?« fragte Sebastian schwach.

»Wie Sie es lieben. Nur soviel als möglich. Ich komme am Abend noch einmal nach Ihnen sehen.«

Sebastian kam mit dem Schreck davon, der Kern fand den Weg ins Freie.

Aber ein Unglück kommt selten allein.

Am Abend, als das Dunkel die Wirklichkeit verschwinden ließ und sich jeder die Ereignisse des Tages so groß und so klein denken konnte, wie er wollte, hatte Amalie Zwink in dem dunklen Drang des Erlebenmüssens an Herrn Sebastian Wenzels Schwester geschrieben. Sie hatte einen reichlichen Meter Unglück aus dem Unfall gewoben.

Als Herr Sebastian Wenzel am andern' Morgen in neu gewonnener Ruhe seine Zeitung las, öffnete sich die Tür und seine älteste Schwester trat ein.

»Du bist nicht im Bett?« fragte sie vorwurfsvoll!

Sebastian sah sie entsetzt an.

»Seid ihr wieder alle da?« stotterte er.

»Ich nahm mir nicht einmal Zeit, meine eigene Tochter zu benachrichtigen. Auf Flügeln der Angst eilte ich zu dir.«

»Nun, du hast wohl auch die Straßenbahn angewandt«, verbesserte sie Sebastian.

Die Schwester seufzte.

»Du hattest leider niemals Familiensinn. Aber was fehlt dir eigentlich, solltest du nicht operiert werden?«

Sebastian erhob sich.

»Erst werd ich jedenfalls einen kleinen Spaziergang machen«, sagte er.

»Tu, was du nicht lassen kannst«, rief die starke Dame gereizt. »Ich gehe schon. Gott hat gewußt, warum er dir keine Frau gab.«

Bei diesen Worten sah sie dem Bruder scharf ins Gesicht. Sie wollte wissen, was seine Freundschaft mit Fräulein Zwink zu bedeuten habe. Ganz vergeblich sollte der lange Weg doch nicht gemacht sein.

Sebastian richtete sich in seiner ganzen hageren Länge auf.

»Du willst wohl sagen: Ich wußte, warum ich mir keine Frau genommen habe. Damit hast du allerdings recht!« rief er mit machtvoller Stimme.

Als die Schwester gegangen war, sank er erschöpft in seinen Stuhl. Er tupfte sich mit dem Taschentuch die Stirn ab. Die Erregung hatte ihn sehr mitgenommen.

Sebastians Schwester sprach einen Augenblick bei Fräulein Zwink vor.

»Viel Bitternis habe ich hinunterschlucken müssen«, erzählte sie dem Fräulein, das nur darauf bedacht war, die Schäden ihrer Morgentoilette vor dem unerwarteten Besuch zu decken.

»Viel Kränkung mußte ich dulden«, sagte Sebastians Schwester aufs neue.

»Recht so, mein Pappelpäppchen«, schrie der Papagei.

»Gehört das Vieh meinem Bruder«, fragte die Besucherin erschreckt.

»Nein, das ist mein Vogel«, erwiderte Fräulein Amalie stolz.

10

»Was nützt das Reden«, sagte Herr Wenzel traurig zur Exzellenz. »Alle diese Aufregungen werden mich unter die Erde bringen. Mein Appetit ist schon wieder verschwunden.«

»Nur Mut, mein Lieber«, erwiderte der General. »Ich an Ihrer Stelle würde heiraten. Ein hübsches junges Mädchen. Das wird Ihre lieben Verwandten fernhalten. Schließlich gehört für Sie nicht mehr dazu als ein bißchen Mut.«

»Mut!« rief Sebastian verächtlich. »Wenn es darauf ankäme. Aber Sie kennen die Frauen nicht.«

»Nein, ich kenne sie nicht. Ich liebe sie nur. Man sagt, beides ließe sich nicht vereinen. Aber Sie, Herr Wenzel, kennen sie auch nicht. Schwestern und Cousinen sind keine Frauen.«

»Und Amalie Zwink?« höhnte Sebastian.

»War einmal eine«, erwiderte der andere.

Sebastian lachte ein rostiges Lachen.

»Sie stimmen mich immer wieder heiter«, sagte er dankbar. »Lachen soll doch außerordentlich gesund sein, las ich neulich.«

»Sicherlich«, sagte der General. »Aber heute hab ich noch etwas Besseres für Sie.«

Er stand auf und humpelte zum Bücherbrett, holte ein Buch, kam zurückgeschlurft und reichte es Sebastian.

Dieser sah erstaunt auf das Titelblatt. »Die Kunst, jung und gesund zu bleiben«, las er halblaut.

»Etwas verspätete Lektüre für einen Fünfundsiebzigjährigen, wie? Aber Sie können noch großen Nutzen daraus ziehn.«

»Ich sah das Buch überall angezeigt«, meinte Sebastian bedauernd. »Ich glaubte, es sei Schwindel, sonst …« Er blätterte verträumt und sehnsüchtig in dem viele hundert Seiten starken Band.

»Nicht mehr Schwindel, als schließlich alles auf dieser närrischen Kugel, die sich beständig dreht und ändert. Der es geschrieben hat, ist ein weltbekannter Arzt.«

»Ein weltbekannter Arzt. Und was rät er?« fragte Sebastian gespannt.

»Die Ehe, mein Freund. Die Ehe und den Vegetarismus.«

»Und das soll kein Schwindler sein?« rief Sebastian empört.

Der General zuckte die Schultern.

»Er begründet es sehr überzeugend.«

»Nun, mich wird ein solcher Narr nicht überzeugen«, erwiderte Herr Wenzel heftig. »Gemüse kauen soll das Leben verlängern? Lächerlich. Nichts ist stärkender als ein saftiges Beefsteak. Und was soll aus den ganzen Rinderherden werden? Und aus dem zahlreichen Geflügel? Und all das Wildbret? Soll es verwesen.?«

Mit jedem Wort erregte sich Herr Wenzel mehr. Zum zweitenmal kam er heute in Schweiß. Im Januar. Es war, als habe sich die ganze Welt gegen ihn verschworen.

»Wenn ich geahnt hätte, daß Sie sich so aufregen, lieber Freund«, unterbrach ihn der alte General vorsichtig. »Übrigens haben Sie den ersten Punkt ganz übersprungen. Die Ehe –«

»Das ist so närrisch, daß es gar nicht der Erwähnung wert ist.«

Herr Wenzel sah den Freund erbittert an, als ob dieser selbst das Buch geschrieben hätte. –

Aber schließlich, als er heimging, hatte er das dicke Buch unter dem Arm. Er konnte doch dem Freund zuliebe ein wenig darin blättern.

Schon mancher nahm ein Buch mit unter sein Dach, ohne zu wissen, was er damit tat.

Sebastian las und las. Erst um Mitternacht löschte er das Licht aus. Und das nur, weil er sich ernsthaft klarmachte, daß er selbst den Zweck des Buches aufhebe, wenn er sich des stärkenden Schlafs beraube.

Schon am frühen Morgen saß er wieder vor dem Buch.

Alles, was es über Mäßigung, die höchstmögliche Vermeidung alles Unangenehmen und ähnliche Dinge enthielt, war ihm aus der Seele geschrieben. Daß die Rücksicht auf andere gut war, aber auf sich selbst noch besser, daß jeder stündlich an sich und seine Gesundheit denken sollte, war ihm von jeher klar gewesen. Hier hatte er stets sein Bestes getan und sich seinen Anteilschein auf langes Leben vielleicht gesichert.

Aber was das Buch über die Schäden der Fleischernährung sagte – besonders bei Leuten, die mehr als fünfzig Jahre alt waren –, mußte ihm wirklich den Appetit verderben.

Herr Wenzel versuchte höhnisch und überlegen zu lächeln, als er das Buch beiseite legte, ehe er zu Tisch ging, um ein saftiges, scharfes, auf englische Weise blutendes Roastbeef zu verzehren. Allein der köstliche Duft des Bratens stärkte. Und das sollte Gift sein? Sollte zu frühem Tode führen?

Während er das Fleisch bedächtig in kleine Würfel schnitt, dachte und grübelte er über das Gelesene nach. Obgleich er wußte, daß man beim Essen möglichst untätig sein mußte, wenn es bekömmlich sein sollte.

Er wurde sich klar, daß auch alle leckern Rauchwaren, Schinken und die reiche Auswahl an Würsten in das Reich dieses Fleischverbots gehörten. Auch Hasen, Leberpastete, Kalbsmilch.

Er grübelte und sann hin und her, so daß er in Gedanken, ohne es zu merken, mehr Fleisch aß als je zuvor.

Herr Sebastian war kein gewandter Leihbibliothekleser, der die Seiten, die ihm nicht passen, zu überschlagen versteht und damit die Gabe hat, das dickste Buch in kürzester Zeit auszulesen. Herr Wenzel las ordentlich und ernst, Seite für Seite. Auch das Kapitel über die Ehe.

»Ich wundre mich nur, daß es Witwer gibt«, sagte er höhnisch zur Exzellenz, als er ihm sein Eigentum zurückgab. »Wenn die Ehe doch so unerhört gesund ist?«

»Sie sind zu frauenfeindlich, mein Freund«, antwortete der General. »Übrigens bin ich kein Verteidiger der Ehe. Eine Sache ist doch noch nicht schön, weil sie gesund ist.«

»Sie bleiben also wirklich dabei, daß …«

»Daß die Ehe gesund ist? Allerdings.«

Exzellenz lehnte sich behaglich in seinen Stuhl zurück und sprach weiter:

»Liebe zehrt. Da muß man dauernd auf Wache stehn, um alle seine Mängelchen und Fehler zu verstecken. Der Liebende muß immer schön sein. Das verlangen Liebe und Geliebte. Eheleute gehen im Schlafrock und reden sich einander nichts mehr vor. Das gibt Zufriedenheit und Behagen; Zufriedenheit und Behagen erhalten das Leben.«

»Sprechen Sie im Ernst?« fragte Herr Wenzel unruhig.

»So ernst, wie es diese Situation erfordert«, war die Antwort.

»Und das Alleinsein? Schützt das nicht am besten vor Ärger, Aufregung und unnützen Anstrengungen?« rief Herr Sebastian Wenzel gereizt.

»Sie sehen, wohin es führt. Das geht so fünfzig, sechzig Jahre, und dann ist es aus. Man verliert den Appetit, wird unlustig, verärgert, verbittert und ist schließlich ein Mann des Todes.«

Sebastian schwieg. Erregung und Überlegenheit, Hohn und Furcht balgten sich in ihm.

Er war überzeugt davon, daß er recht hatte. Er änderte nichts an seinem Speisezettel und daß seine Anschauung von dem andern Geschlecht noch dieselbe sei, bekräftigte er, indem er selbst Amalie Zwink aus dem Wege ging.

Aber Überzeugung allein macht nicht glücklich. Man kann Behauptungen heftig bestreiten und braucht sie deshalb nicht zu vergessen. Man irrt, wenn man glaubt, daß man nur denken kann, was man will.

Sebastian quälten schwere Träume. Eine Armee von Maurern goß ihm aus Rieseneimern Kalk in die Adern, und ein Heer von Mädchen und Frauen umdrängten ihn, um geheiratet zu werden. Aber der Tod selbst kam auf einem großen Roastbeef auf ihn zugeritten, sprang auf seine Brust und zückte einen großen Bratenspieß nach seinem Herzen.

Wieder kam die Furcht vor der Nacht. Er lag wach und horchte in die Stille. Er lernte die Schritte nächtlicher Fußgänger unterscheiden. Den zufriedenen Gang des Pfeifenden, der von der Liebsten kam. Das taumelnde Schlurfen des Trunkenen. Das angstvolle Laufen eines, der nach dem Arzt rannte.

Auf schlaflose Nächte folgten keine appetitreichen Tage. Der Duft des Bratens wurde ihm widerlich.

So kam Herr Wenzel zu keiner rechten Ruhe mehr, er fühlte seine Kräfte abnehmen und ließ den Arzt kommen, der ihn von dem Apfelsinenkern befreit hatte.

»Sie sind nervös«, sagte dieser. »Appetitlosigkeit und Unlust sind die typischen Zeichen der Nervosität. Ihr Leben ist zu einförmig. Versuchen Sie es sozusagen auf den Kopf zu stellen. Gehn Sie zum Beispiel gerade zu der Zeit spazieren, zu der Sie sonst gewohnt sind zu essen. Sie werden sehn, wie hungrig Sie nach Haus kommen.«

So mußte Herr Sebastian Wenzel mittags und abends, wenn die andern heimkehrten, um sich das Essen für den Hunger zu holen, durch die Straßen marschieren, um sich Hunger für sein Essen zu verschaffen.

Das war kein Vergnügen.

»Ja«, sagte Exzellenz. »Seiner Gesundheit zu leben ist eine langweilige Krankheit. Sie sollten verreisen und sich zerstreuen. Sie grübeln zuviel.«

»Glauben Sie, daß es in der ganzen Welt eine glückliche Ehe gibt?« fragte Sebastian, tief aus seinen Gedanken heraus, statt zu antworten.

Der General legte sich Patiencekarten. Er hatte daher nicht Zeit, sofort zu antworten. Endlich sagte er, die Augen auf den Karten: »Gute Ehen? Ich glaube, das ist wie mit den Gespenstern. Alle erzählen davon, aber schließlich hat sie noch niemand in der Nähe gesehen.«

Er beschäftigte sich mit seinen Karten, dann sagte er wieder:

»Lieber Freund, quälen Sie sich nicht mit überflüssigen Gedanken, sondern reisen Sie. Fragen Sie Ihren Arzt, der wird Ihnen dasselbe sagen.«

»Der Mann hat vor dreißig Jahren studiert, er soll jetzt wissen, was mir heute fehlt, das ist doch zuviel verlangt!« rief Sebastian.

»Dann gehen Sie zu einem Studenten«, sagte Exzellenz. Er war ganz von seinen Karten in Anspruch genommen.

»Ich glaube, mit der Freundschaft ist es ebenso wie mit der glücklichen Ehe und den Gespenstern«, erklärte Herr Wenzel beleidigt und ging nach Haus.

12

Wind und Regen waren bei der Arbeit, um den Schnee zu schmelzen. Graue, schwere Wolken glitten über die noch schlafenden winterlichen Bäume. Stürme brausten und fegten die Wege frei für den Frühling.

Aber der Bote des Frühlings ist längst nicht mehr die Schwalbe, sondern die Grippe.

Herr Sebastian Wenzel wußte dies bis jetzt nur vom Hörensagen.

Eines Tages jedoch holte er sich auf einem seiner pflichtgemäßen Spaziergänge statt des großen Appetits einen tüchtigen Schnupfen. Früher hatte er sich in solchen Fällen einen Tag ins Bett gelegt und Lindenblütentee getrunken. So hatten es alle Wenzels von jeher gehalten und waren alt dabei geworden.

Diesmal legte er sich auch ins Bett, aber er ließ den Arzt holen. Auf diese Weise erfuhr er, daß er Grippe hatte und eine Woche im Bett bleiben müsse.

Als er wieder gesund war, sagte der Doktor, daß es das beste für ihn sei, wenn er nun an die Riviera ginge. Der Übergang der Jahreszeiten sei gefährlich, besonders in seinem Alter und nach einer Grippe.

Furcht entzündet Mut.

Herr Sebastian Wenzel überlegte, ob er den Ratschlägen des Arztes und des Freundes nicht folgen müsse.

Er fuhr in die Stadt und bog in eine jener Straßen, in denen die Häuser fast nur aus Glasscheiben bestehen und wo um die Mittagszeit Luxus und Müßiggang flanieren und Gelegenheit zu unnützen Käufen suchen.

Bis jetzt hatte Herr Sebastian Wenzel die Notwendigkeit einer solchen Straße nicht eingesehen und sie gemieden, wo es anging.

Heute durchmaß er sie langsamen Schrittes. Fast jedes Fenster nahm er nachdrücklich ins Auge.

Vor den Scheiben eines Reisebüros fesselten ihn farbenfreudige Plakate. Im tiefen Papierblau lag da ein See, über den sich eine Dame beugte auf hohen Absätzen, mit wehendem Schleier.

Herr Wenzel sah erst auf die blaue Flut und das junge Mädchen. Dann schweiften seine Blicke zu dem Nachbarbild: Er sah auf einer Straße am Meer, tiefblau wie der nebenhängende See, Wagen und Automobile gefüllt mit lächelnden Papierpuppen vorübereilen. Über ihnen hingen Rosen und Narzissen in der Luft.

Herr Wenzel schüttelte den Kopf und rümpfte die Nase. Zuviel Menschen. Wieviel Staub müssen die vielen Automobile aufwirbeln. Er wandte sich ab und widmete sich einem dritten großen Bogen, der die Hälfte der Scheibe verdeckte. Hier stand wieder ein junges Mädchen, lebensgroß und lächelnd. Sie lehnte sich über einen schmalen Brettersteg und sah mit einem Opernglas in die rote untergehende Sonne. Meer und Himmel und alles, was dazwischenlag, leuchtete rosigrot.

Herr Sebastian Wenzel mußte an Himbeeren und Sommer denken und lächelte. Er nahm ein Notizbuch hervor und schrieb sich das Wort ab, das unter des lächelnden Mädchens zierlichen Füßen stand.

Dann ging er weiter.

Einige Schritte davon waren hinter großen, blanken Spiegelscheiben unzählige neue Koffer aufgestapelt. In den verschiedensten Formen und Arten. Einige konnten sich als Schrank verstellen, andere als Kommode, wieder andere sogar als Bett. Herrn Sebastian Wenzel gefielen am besten die, die vorn und hinten und von allen Seiten nichts weiter als Koffer waren und sein wollten. Aber auch sie sah er sorgenvoll an. Da sollte man sein Hab und Gut hineindrücken und stundenlang herumschütteln lassen. Wozu?

In einer Ecke des Schaufensters standen Körbchen, aus denen blanke Messer, Gabel und Löffel zwischen weißen Porzellantellern und einem Kristallgläschen blinkten. Herr Sebastian Wenzel fand sie allerliebst. Appetitreizend. Doch schon beim Weiterschreiten sagte er, daß man damit nur vor längerer Zeit verpackte Nahrung genießt, die niemals so gut munden könne wie frisch zubereitete Speisen.

In solche Gedanken versunken, blieb er, ohne es zu wissen, vor einer Auslage von Damenschuhen stehen.

Auf Spiegelglas, auf Samt und Seide standen Schuhe und Stiefel im frechen Durcheinander. Kleine Aschenbrödelschuhe aus Schlangenhaut oder Lackleder mit goldnen Schnallen oder Schleifen, die Schmetterlingen glichen. Kecke Reiterstiefel neben winzigen Türkenpantöffelchen.

Herr Sebastian Wenzel mußte lächeln.

Wer sollte dieses zierliche, zerbrechliche Zeug tragen? Das hielt doch keinen Windhauch aus? Wo gab es die Puppenfüße, die da hineinpassen sollten? Er dachte an die festgebauten weiblichen Mitglieder der Familie Wenzel. An Amalie Zwink. An die derben Schritte seiner Wirtschafterin, und er lächelte wieder, ehe er sich von den unnützen Dingern trennte. Unglaublich, was man sich alles ausdachte, um Käufer anzulocken.

Er ging die Straße zurück, um heimzukehren. Vor dem Koffergeschäft ruhte er sich ein wenig aus.

Der Geruch von Leder war ihm immer angenehm gewesen.

Er faßte einen hellgelben Rohrplattenkoffer ins Auge und mußte unwillkürlich denken, wie wohl seine Initialen darauf aussehen würden. Ein großes S und ein großes W, vielleicht mit einer fünfzackigen Bürgerkrone darüber.

Wir wissen einen Augenblick vorher noch nicht, was uns im nächsten geschehen kann.

Kaum fünf Minuten später hatte Herr Sebastian Wenzel diesen hübschen hellgelben Koffer gekauft. Seine Initialen wurden sofort darauf angebracht, die Bürgerkrone auch, und bald nach Sebastians Rückkehr lud schon ein Automobil, das selbst wie der leibhaftige Koffer aussah, Sebastians großen Einkauf vor seiner Haustür ab.

So wußte die ganze Straße, früher als Sebastian selbst, daß Herr Sebastian Wenzel verreisen werde.

13

Dieser Ausgang und die verschiedenen Eindrücke hatten eine angenehme Müdigkeit hervorgerufen.

Herr Wenzel fühlte sich ungemein wohl, als er wieder im Hausrock und in Hausschuhen am Fenster saß.

Gegen Abend begann ein Regen prasselnd gegen die Scheiben zu schlagen. Selbst als die Vorhänge zugezogen waren und die Lampe angezündet war, hörte man das schwere Fallen der Tropfen.

Der neue Koffer stand im Schlafzimmer, gegenüber von Sebastians breitem Bett.

Herr Sebastian Wenzel lag unter der warmen Decke, die Zehenspitzen wohlig an einer Wärmeflasche.

Draußen rauschte der Regen nieder. Herr Wenzel blinzelte nach dem Koffer. Wenn er nun auf Reisen wäre? Bei solchem Wetter durch die Straßen einer fremden Stadt fahren müßte!

Er löschte das Licht aus. Ganz und voll genoß er das Behagen, bei Regenwetter geborgen im Bett zu liegen und auf die fallenden Tropfen, das Gurgeln der Dachrinne zu horchen. Lächelnd schlief er ein, um endlich wieder einmal die traumlose Ruhe des Zufriedenen zu finden.

Wer kann mehr von einer Erholungsreise verlangen, als daß sie schon ungeplant so erquickend und stärkend wirkt.

Sebastian schlief noch, als seine Wirtschafterin ihn bereits um die ganze Welt reisen ließ. Was sollte sie anders tun, wenn sie dem hohen Ansehen, das ihr Herr in der Straße genoß, nichts nachgeben wollte. Man hatte den großen, schönen Koffer gesehen, und in jedem Laden bestürmte man sie bei ihren Morgeneinkäufen mit Fragen. Wohin und wann der reiche Herr verreise. Sie wußte nichts, aber man kann nicht verlangen, daß sie das zugab. Unwissenheit wird jeder zu verbergen suchen. Sie antwortete daher auf die Frage: Wohin? kurz und entschlossen: Um die Welt. Sie hatte neulich im Lichtbildtheater »Die Reise um die Welt in achtzig Tagen« gesehen und an diese hielt sie sich. Durch sie konnte sie auch wissen, wie lange ihr Herr fortbleiben werde: So ungefähr achtzig Tage. Der Tag der Abreise war schwer zu bestimmen. Sie sagte ausweichend: Nun, nicht gleich heute oder morgen. Für eine solche Reise muß man sich vorbereiten.

Ihr schwebten bei diesen Worten die beiden Gänsebrüste, die noch in der Speisekammer hingen, vor Augen. Sie dachte: Ehe diese nicht gegessen sind, reist er keineswegs.

Sie war ein einfacher Mensch und wußte nicht, daß das einzige Beständige in der Welt die Veränderung ist und daß Herrn Wenzel längst alles Fleisch zuwider war.

Als Sebastian angenehm ausgeruht erwachte, fielen seine Augen sofort auf den Koffer. Da stand er wartend im Morgenlicht. Groß und gelb wie ein Löwe.

Auf nüchternen Magen soll man keine Entschlüsse fassen. Sebastian sagte das sich und dem Koffer, von dem etwas Lauerndes ausging.

Im Frühstückszimmer waren die Fenster vorsichtig geschlossen, aber es war etwas von der herben Morgenkühle, die einer Regennacht folgt, zurückgeblieben.

Sebastian strich seine Brötchen wieder einmal mit der ruhevollen Behaglichkeit des Ausgeschlafenen. Die Feuchtigkeit der Luft erinnerte ihn an das blaue und rote Meer vor den Scheiben des Reisebüros. Vielleicht sollte er sich wirklich hinauswagen in die bunte Welt. Wenn er damit Kräfte und Gesundheit stärken konnte. Schließlich mußte wohl etwas dahinterstecken, daß alles auf Reisen ging, was reisen konnte.

Immerhin brauchte man sich nicht damit zu übereilen. Vorgetan und nachgedacht …

Unter solchen Gedanken rüstete er sich zum Morgenspaziergang und schritt zum Haus hinaus. Was auf seinem Weg alles in ihm vorging, kann niemand wissen. Aber als er wieder zurückkam, betrat er Heinrich Siebenlists Laden und forderte ein Fernglas. Heinrich Siebenlist wäre der Wunsch nach einer Uhr lieber gewesen, weil sich an den Einkauf einer Uhr immer Konsequenzen, oft unabsehbare, knüpfen. Aber er lächelte doch, öffnete einen Glasschrank und legte eine große Anzahl gelber und schwarzer Futterale auf den Ladentisch.

Wieder zog Herr Wenzel den Duft guten Leders ein, für den er nicht unempfindlich war.

Heinrich Siebenlist schälte die Gläser rasch aus ihren Hüllen.

»Soll es ein gutes Opernglas sein oder ein vorzüglicher Feldstecher?« fragte er.

»Nein, kein Opernglas. Ein Glas – um möglicherweise einen Sonnenuntergang scharf beobachten zu können.«

»Ja, so, dann weiß ich sofort, was der Herr braucht. Hier ist das allein Richtige.« Er riß aus einem Futteral, von dem sich ein meterlanger Riemen ins Weltall schlängelte, ein hohes schwarzes Glas heraus. Es glich zwei aneinandergewachsenen Zylinderhüten mit gläsernen Deckeln. Etwas Feierliches ging von diesem hohen schwarzen Gegenstand aus.

»Ein vorzügliches Glas. Schärfer als scharf. Sie sehen damit die untergegangene Sonne dreiviertel Stunde länger als mit unbewaffnetem Auge. Mein Ehrenwort.« Unaufhörlich pries Siebenlist dieses Glas. Ganz unnötigerweise, denn es hatte Herrn Wenzel sofort gefallen. Er kaufte es.

»Glückliche Reise«, dienerte Siebenlist, als er die Ladentür öffnete.

»Glückliche Reise«, sagte der nachbarliche Barbier, der in diesem Augenblick aus dem Laden trat, um dem schnellen Frühlingswind einige Haarflöckchen mitzugeben.

Herr Sebastian Wenzel war ganz bestürzt. Hatte er jemandem gesagt, daß er reisen werde? Wollte er denn reisen? Kopfschüttelnd kam er nach Haus.

Er klingelte nach seiner Wirtschafterin.

»Haben Sie in der Straße das Gerücht verbreitet, daß ich verreisen will?« fragte er streng.

Die Wirtschafterin legte eine breite Hand auf die flache Brust und sagte beteuernd: »Davor hüte mich Gott. Als ich davon hörte, sagte ich: ›Das ist Klatsch.‹ Solange ich bei meinem Herrn bin, ist so etwas nicht bei ihm vorgekommen. Ich glaube es nicht. Und ich weiß am besten Bescheid.«

»Schon gut.« Herr Wenzel winkte ab, und der Hausgeist verschwand.

Sie weiß am besten Bescheid, wiederholte sich Herr Wenzel verärgert. Vielleicht irrt sich diese hochweise Person doch einmal.

So knüpften Zufall, Nachbarn, Widerspruch, die bewährten Handlanger des Schicksals, Schlinge auf Schlinge.

Noch etwas andres kam dazu. Alles im Leben hat seinen Geruch. Für Herrn Wenzel war es von großem Einfluß, daß Reisen mit Lederduft verbunden zu sein schien.

Der Sattler an der Ecke, dem das Abladen, des gutgearbeiteten Koffers nicht entgangen war, erlaubte sich einige Reisenecessaires und Reisebrieftaschen zur gefälligen Ansicht zu senden. Sie erfüllten die Zimmer mit scharfem Geruch von Juchten und Saffianleder. Draußen regnete es wieder, und so vertrieb sich Sebastian die Zeit damit, ein wenig in den hübschen Sachen zu kramen und sich alles genau anzusehn. Einiges gefiel ihm recht gut, und er kaufte es sich. Es konnte nicht schaden, dergleichen im Haus zu haben.

Gegen Abend, als der Regen versiegt war, machte sich Herr Wenzel noch auf einen kleinen Weg, um sich in der Apotheke etwas Baldriantee zu kaufen, für eine möglicherweise schlaflose Nacht. Auch hier wurde ihm glückliche Reise gewünscht. Zugleich machte ihn der Inhaber auf seine reizenden kleinen Reiseapotheken aufmerksam. Herr Wenzel nahm eine zur Hand. Kleine, niedliche Flaschen schmiegten sich an dunkelgrünes Leder. Kleine Lederlappen verdeckten Wundpflaster und andere nützliche Mittel. Die Notwendigkeit eines solchen Besitzes leuchtete Herrn Sebastian Wenzel ein. Auf jedem Spaziergang konnte diese kleine lederne Apotheke von ungeahntem Nutzen sein.

So war der ganze Tag mit unbeabsichtigten Einkäufen hingegangen. Durch das lange Auswählen in der Apotheke war Herr Wenzel bedeutend später als sonst heimgekehrt und zur Ruhe gekommen. Er brauchte keinen Baldrian und schlief sofort fest und lächelnd ein. In seinem behaglich durchwärmten Zimmer duftete es wie in einem reichhaltigen Sattlerladen.

Die verordnete Reise bekam ihm einstweilen vorzüglich. –

Am andern Morgen regnete es wieder.

Herr Sebastian Wenzel war einerseits zufrieden, daß sein Spaziergang ausfallen mußte. Er entging damit den vielen Gute-Reise-Wünschen, auf die er nichts erwidern wollte. Andererseits hatte er so viel von schweren Rückfällen bei Grippe gehört, daß ihn dieser häufige Wechsel der Witterung beunruhigen mußte. Schließlich hatte ihm der Arzt, der zwanzig Patienten am Tage besuchte, wohl nicht ohne Grund die Reise verordnet.

Es klingelte draußen, und der alte General kam herein. Noch sorgfältiger gekleidet als sonst und mit heiterstem Gesichtsausdruck.

»Lieber Freund!« rief er. »Alle Welt spricht von Ihrer Reise, und ich weiß nichts davon. Wenn Sie sich nicht beeilen, komme ich Ihnen zuvor.« – Er lachte froh auf.

»Sie reisen?« Sebastian sah ihn mit großem Interesse an, wie wenn er eine äußerliche Veränderung wahrzunehmen suchte.

»Ja, denken Sie, mein Neffe, der unser Familiengut jetzt hat, war hier und bedrängte mich ehrlich und herzlich, den kurzen Rest meines Lebens dort zu verbringen, wo ich geboren bin. Der gute Junge! Ich lasse mir das nicht zweimal sagen. Ich reise morgen.«

Sebastian fühlte bei diesen Worten aufrichtige Mitfreude.

Das ist sehr menschlich, es würde niemand anders gehn. Man wird wieder an das Gute in der Welt erinnert, von dem vielleicht auch für einen selbst etwas abfallen kann.

»Und Sie? Wohin reisen Sie?« fragte Exzellenz.

»Eigentlich war ich noch gar nicht entschlossen.« – Herr Sebastian Wenzel zog ein Notizbuch hervor; er zeigte Exzellenz die Worte, die er unter den Füßen der zu dem Sonnenuntergang lächelnden jungen Dame gefunden hatte.

»Ah, das ist an der italienischen Riviera. Das ist recht von Ihnen. Da werden Sie es herrlich haben, lieber Freund.«

»Aber – man ist so vielen fremden Menschen ausgesetzt«, seufzte Sebastian. »Keine Riviera der Welt wird mich dazu bringen, mit Frauen schönzutun. Ich kann mich auch nicht in längere Unterhaltungen mit ihnen einlassen, und das wird doch überall verlangt.«

»Seien Sie unbesorgt, Herr Wenzel.« – Exzellenz lachte das Lachen seiner Reisefreude. »Tun Sie immer nur, was Ihnen paßt. Schweigsamkeit wird respektiert. Glauben Sie es mir.«

Exzellenz sah lächelnd auf die Straße hinaus, wo der dünne Strichregen auf glänzende, sich fortbewegende Regenschirme niederschoß.

Auf dem Land ist es auch bei Regen schön. Da duftet die feuchte Erde, dachte er bei sich.

Herr Sebastian Wenzel hob den Kopf.

»Liegt eigentlich nicht ein Widerspruch darin, wenn ich reise«, sagte er aus seinem Grübeln heraus. »Um einer Gefahr zu entgehen, stürze ich mich in tausend andere? Um meine Gesundheit zu stärken, das heißt mein Leben zu verlängern, wenn möglich, setzte ich mich jedem Eisenbahnzusammenstoß aus. Mein Magen muß wieder die Kost annehmen, die ihm vollständig Fremde zubereitet haben. Von der niemand wissen kann, was sie enthält, die ich auf gut Glauben hinnehmen und verzehren muß, obwohl ich die Gewinnsucht und den Egoismus der Menschen kenne.«

Er sah fragend in das freundliche Faltengesicht ihm gegenüber.

»Man muß sich Glück zutrauen«, erwiderte Exzellenz. »Wer Pech haben soll, bricht sich die Nase, wenn er auf den Rücken fällt. Und wer Glück hat, stürzt aus einer Höhe von tausend Metern herunter, ohne auch nur die Feder seiner Taschenuhr zu verletzen.«

»Ja, sehen Sie – bei mir ist noch etwas Besonderes. Ich fühle die bösen Blicke von vielen hinter mir. Man wird wünschen, daß mir etwas zustößt – aus Erbgelüsten.«

Exzellenz lachte wieder vergnügt auf. Herr Wenzel sah ihn betroffen an. Hier lag doch wirklich kein Grund zum Lachen vor.

»Entschuldigen Sie mich. Die Freude macht mich närrisch. An Ihrer Stelle setzte ich mich hin und schriebe an die gesamte Familie ein Schreiben, in dem ich ihr mitteilte, daß ich auf Reisen ginge und vorher aus Ordnungssinn mein Vermögen einem guten Zweck verschrieben hätte. Damit sind Sie alles los: Ihre Gedanken und die Gedanken der anderen.«

»Das ist vorzüglich!« rief Sebastian erfreut und erregt. »Das werde ich tun. Ich werde Sie sehr vermissen, Exzellenz«, fügte er dann nachdenklich hinzu.

Der alte General erhob sich und humpelte zum Tisch, wo er seinen neugebügelten Zylinder abgestellt hatte.

»Ja, morgen reise ich, mein Lieber. In meinem Alter hat man nicht viel Zeit zu verlieren«, sagte er.

»Ich möchte Sie zur Bahn begleiten«, meinte Herr Wenzel. »Es wird gut für mich sein, da ich doch auch reisen soll, wenn ich kurz vorher das ganze Getriebe einer Abreise einmal mitmache.«

Exzellenz nahm lächelnd Herrn Sebastian Wenzels Freundlichkeit an. Sie verabredeten sich auf morgen.

14

Exzellenz war abgereist.

Herr Sebastian Wenzel packte und packte, schob Schübe auf, schob Schübe zu. Wickelte aus, wickelte ein, schloß Schlösser zu und Schlösser auf. Ein geheimnisvolles Rascheln ging früh bis spät durch seine Wohnung.

Nie hatte er sich träumen lassen, daß so viele Sachen und Sächelchen zum Leben gehörten. Dabei nahm er nur das Notwendigste mit und zerbrach sich den Kopf, wo er den insektensicheren Blechkasten unterbringen sollte, in dem er seinen Pelz zu verwahren pflegte, und die eisernen Hanteln, mit denen er des Morgens gesundheitliche Übungen machte.

Wenn er sich zu kurzem Ausruhen in seinem Lehnstuhl am Fenster niederließ, sprangen ihm die Gedanken wüst durch den Kopf. Obwohl er sie in einem Notizbuch alphabetisch geordnet hatte. Er mußte auch vieles denken, was gar nicht zur Sache gehörte. Er erinnerte sich bei diesem Kramen und Räumen plötzlich an die Einzelheiten eines Umzugs im elterlichen Hause. Dann fiel ihm ein, wie rasch sein Auszug aus der Mansardenstube vonstatten gegangen war. Zwei helle Segeltuchkoffer hatten mühelos sein Hab und Gut aufgenommen. Er sah sie deutlich vor sich.

Das beunruhigte ihn sehr. Er hatte oft gehört, daß es ein Merkmal des Alters oder des nahen Todes sei, wenn man längst Vergangenes deutlich vor sich sähe. Bis vor kurzem noch hatten ihn keinerlei Erinnerungen gequält. Es schien höchste Zeit zu sein, daß er etwas Ernstliches für seine Gesundheit tat.

Aufs neue ging er an seine mühevolle Arbeit.

Endlich war er reisefertig. Der gelbe Löwe war vollgepackt; ein lederner Hutkoffer, der neben ihm stand, war schon verschlossen. Sebastian hatte bereits mehrere Male sein Portemonnaie geöffnet, um sich zu überzeugen, daß der kleine Nickelschlüssel dazu noch da sei.

Morgen früh würde er reisen.

Die Wirtschafterin sollte in dem hinteren Teil der Wohnung bleiben. Alles übrige wurde fest verschlossen. Die Jalousien waren niedergelassen, die Fenster und Türen kräftig zugeriegelt. Kleine Säcke voll Kampfer strömten schon den wehmütigen Geruch verlassener Räume aus.

Sebastian war zumute wie jemand, den unsichtbare, grausame Mächte fortstoßen vom Liebsten, das er hat. Fortstoßen ins Ungewisse.

Als alles nun geordnet war, nahm er die Feder zur Hand. Er schrieb an seine älteste Schwester. Diese sollte der ganzen Familie mitteilen, daß er auf Reisen gehe und bei seiner Rückkehr auf keine Besuche mehr Anspruch mache. Das Geld, das ihm das gütige Geschick zur Verwaltung gegeben habe, werde er dermaleinst – vor dem Worte »Tod« sträubte sich seine Feder – einem wohltätigen Zweck überliefern. Dem Brief aber legte er einen Scheck über einige tausend Mark bei, die sich die einzelnen Mitglieder der Familie teilen sollten. Und damit Gott befohlen.

Er siegelte den Brief mit einem großen W. Aber ihm war wohl dabei zumute. Er hatte das Gefühl, als ob er sich mit diesem Schreiben gegen alle Reiseunfälle versichert habe.

15

Eine Weckuhr weckte Herrn Sebastian Wenzel drei Stunden vor Abgang des Zuges. Er fuhr aus dem Schlaf und sagte sich: jetzt muß es sein. Er machte Licht und stieg aus dem Bett.

Es war fünf Uhr. Die Sonne, die nicht mit dem Frühzug an die Riviera zu fahren brauchte, war noch nicht aufgestanden. Die Straßen waren still. Nur die Spatzen zeterten auf den Baumgerippen.

Wie es vorauszusehen war, hatte Sebastian reichlich Zeit zum Frühstücken. Mit nüchternem Magen geht ein Mann mit Überlegung nicht auf Reisen. Während er den duftenden Kaffee wärmend über die Zunge rieseln ließ, studierte er noch einmal die Tabelle, die ihm der blonde Mann im Reisebüro zusammengestellt hatte. Als er sie Herrn Wenzel übergab, etwas blaß von den vielen Fragen des alten Herrn, meinte er mit dem liebenswürdigen, wächsernen Lächeln von Schaufensterpuppen: »Hier finden Sie alles ganz genau vermerkt, werter Herr. Ein Säugling könnte damit reisen, wenn man ihm dies Blättchen an die Windeln heftete.« – Und er verbeugte sich tief mit vertieftem Lächeln.

Herr Sebastian Wenzel fand diesen Vergleich nicht recht appetitlich, aber gleichzeitig sehr beruhigend.

Jetzt war es Zeit, daß das Mädchen die Droschke holen mußte. Mit einem Automobil zur Eisenbahn zu fahren, schien Herrn Sebastian Wenzel zu herausfordernd gegen das Schicksal.

Bald standen der gelbe Löwe und die Hutschachtel hinter dem Schwanzstoppel eines mageren Droschkengauls, der den Kopf in Morgenmüdigkeit tief gesenkt hielt. Um ihn herum klapperte und klopfte schon der beginnende Tag.

Herr Sebastian Wenzel war bereit.

Er fühlte nur noch einmal in alle seine Taschen. Nach der Brieftasche, der Reiseapotheke, der Uhr, den Schlüsseln, den Taschentüchern.

Nun knöpfte er den Pelz zu, gab sich einen Ruck und ging, den Abschied der weinenden Wirtschafterin abwinkend, hinaus.

Nicht lange darauf zerrte das Pferd Droschke, Koffer und den reichen Herrn um die Ecke der Straße …

*

Alle Züge gehen schließlich ab. Auch wenn man ein und eine viertel Stunde zu früh zum Bahnhof kommt und dies nicht mehr glauben will.

Herr Sebastian Wenzel saß wartend und sicher im mittelsten Wagen der schwarzen gefensterten Schlange. Er teilte ein Abteil, in dem Rauchen verboten war, mit einem dicken Herrn und einer dünnen Dame, die nicht zusammengehörten. Beide waren schon in dem Alter, wo man sich ärgert, wenn einer den Fuß eines Mitreisenden zärtlich streift. Wo man nicht mehr lächelt, wenn sich die Blicke begegnen.

Alle drei hatten Eckplätze eingenommen, von denen aus sie sich gegenseitig beobachteten.

Endlich kam der Zug ins Rollen und lenkte die Blicke ab.

Vor den Fenstern glitten kalte braune Felder vorbei unter aschgrauen Wolken. Häuser, die sich an einen Kirchturm schmiegten. Leichter Rauch, der aus Schornsteinen aufstieg. Kinder, die Mützen schwenkten, Frauen und Männer, die mit ungewissem Lächeln dem vorbeisausenden Gepolter nachschauten.

Herr Sebastian Wenzel bemerkte das wohl, aber er war nicht recht bei der Sache. Er überlegte, ob er auch wirklich nichts beim Einpacken vergessen hatte. Stück für Stück rief er sich ins Gedächtnis zurück. Er zuckte zusammen.

Die grünen Filzschuhe waren sicherlich nicht mitgekommen. Sie waren ganz neu. Er hatte sie nur zehn Minuten, nach der Uhr, an den Füßen gehabt, um sie nicht verzollen zu müssen. Der Platz, wo sie hätten sein müssen, war die Handtasche, die sich im Netz über dem Kopf des dicken Herrn schaukelte. Der Herr hatte jetzt eine kleine Reisemütze auf dem großen Kopf, die Hände über dem Bauch gefaltet und die Augen zugekniffen. Es konnte sein, daß er schlief; es war aber ebenso möglich, daß er nicht schlief.

Herr Sebastian Wenzel sah von dem runden Gesicht des Ruhenden nach der schaukelnden Tasche hin und wieder zurück. Mehrere Male. Endlich faßte er sich Mut. Er stand auf und faßte mit seinen langen Armen nach der Tasche. Der Dicke fuhr entsetzt in die Höhe.

»Entschuldigen Sie«, sagte Sebastian ebenfalls erschreckt.

»Bitte, bitte!« erwiderte der andere. Sein Mund versuchte, ein Lächeln aufzubringen, aber seine Augen drohten: können Sie nicht stillsitzen, Sie langer Kerl?

Er war schon gereizt über Sebastians nicht runde Knie, die ihm im Wege waren.

Herr Wenzel holte nun seine Schlüssel hervor und probierte mit ihnen an der Tasche herum, wie ein Hausdieb. Er kannte sich noch nicht aus mit all den neuen blanken Schlüsseln.

Die dünne Dame beobachtete starr jede seiner Bewegungen. Schlüsselgeklapper war ihr unerträglich. Ihre ganze dünne Gestalt schien sagen zu wollen: dazu geht man nicht auf Reisen, mein Herr!

Endlich sprang das Schloß auf, und die Tasche klaffte auseinander. Das erste, was Herr Wenzel sah, waren die grünen Schuhe. Befriedigt schloß er sofort die Tasche und brachte sie wieder an ihren alten Platz zurück.

Nur einige Minuten später wiederholte sich dieser Vorgang. Ganz genauso. Diesmal suchte Herr Wenzel nach seiner Nagelschere, die er vergessen zu haben glaubte.

Die beiden Mitreisenden warfen sich einen Blick zu. Der alte Herr schien ›Probier's Schlüsselchen‹ zu spielen. Dann sollte er sich dazu ein Abteil für sich allein nehmen.

Duldsamkeit, dies seltene Kraut, wächst nicht zwischen Eisenbahnschienen.

Sebastian saß wieder zufrieden da.

Vor den Fenstern hüpften hohe Tannen vorbei.

Herr Wenzel hatte noch keine Zeit für sie. Die wichtige Speisefrage beschäftigte ihn. Auf seiner Reisetabelle stand, daß er im Speisewagen Mittag essen solle. Das war natürlich. Denn Herr Wenzel wollte die lange Reise ohne Unterbrechung machen. Das war ihm im Büro geraten worden. Er hatte gefragt, ob es nicht besser sei durchzufahren, wenn man sich nirgends aufhalten wollte. Und man hatte ja gesagt. Das Büro gab jedem den Rat, den er haben wollte. Das war sein Zweck, denn es war zur allgemeinen Bequemlichkeit da.

Wenn Herr Wenzel nicht aussteigen wollte, mußte er im Zug essen. Ohne Speise kann der Mensch nicht bestehen. Nun aber hatte Herr Sebastian Wenzel bemerkt, daß sich der Speisewagen an der gefährlichsten Stelle des Zuges befand, am Ende.

Was tun?

Über die Gefahr, eine Stunde im letzten Wagen des Zuges zu sitzen, war er sich vollkommen klar. Was nun tun? Er fragte sich immer wieder und konnte nicht ins klare kommen. Das Leben ist leider mit vielen Komplikationen verbunden.

Draußen teilten sich die Wolken ein wenig und zeigten, daß der Himmel über ihnen immer blau ist.

Die Tür zum Gang wurde aufgerissen, und ein kleiner Kellner sang im Ton eines Chorals: »Um 12 Uhr Mittag bitt' schön.« Er ließ einige Zettel in das Abteil fliegen, sah einen Augenblick wartend auf die stummen drei, zog den Kopf wieder zurück, schloß die Tür zu und verschwand.

Herr Sebastian hatte eines der Papiere aufgefangen und studierte die Reihenfolge der Speisen.

Als er ausgelesen hatte, versetzte er seine Mitreisenden in heftigen Schreck, so eilig sprang er zur Tür, wo gerade der kleine braune Frack vorbeigleiten wollte. Er hielt ihn am Schoße fest und bestellte sich einen Platz im Speisewagen. Dann stolperte er auf seinen Platz zurück. Der Zug rollte gerade auf einer großen eisernen Brücke über einen glänzenden, breiten Strom hinweg.

Sebastian schloß die Augen. Jetzt war es bestimmt. Das Menü, war nicht schlecht zusammengestellt. Man mußte der Gefahr trotzen. Und schließlich – selbst bei dem größten Eisenbahnunglück – alle kommen doch niemals dabei um …

*

Mut belohnt sich meist. Alle kamen mit dem Leben davon. Nicht nur Herr Sebastian Wenzel, der nun wieder in seiner Ecke saß und ein kleines Schläfchen machte.

Der Wagen rollte durch das sanfte Thüringen.

Der dicke Herr sah auf Herrn Wenzels spitze Knie, die ihn bei jedem Räderdrehen stachen, und verwünschte die Verschiedenheit der menschlichen Formate.

Inzwischen gehorchte der Zug genau der Reisetabelle in Herrn Sebastians Brieftasche. Sobald er erwacht war, überzeugte sich Herr Wenzel davon auf jeder Station.

Gegen Abend rollten die Wagen in die Stadt Frankfurt am rauschenden Main. In Goethes und Schopenhauers Geburtsstadt.

Hier kletterte Herr Sebastian Wenzel aus dem Wagen. Denn es war Zeit, sich um ein Abendbrot zu kümmern.

Er notierte sich die Nummer des Wagens und ging mit langen Schritten durch das Gewühl.

Im Bahnrestaurant standen am Büfett Frauen, Männer und Mädchen mit gehobenen Armen, drängend, puffend, stoßend, als ob hier nach einer Hungersnot Freibrot verteilt würde. Aber schließlich erwischte auch Herr Wenzel sein Teil, wickelte es sich in Pergamentpapier und trug seinen Raub hastig davon.

Bald hatte er die rechte Tür gefunden, und vorsichtig kletterte er in den Wagen hinein.

Der dicke Herr war fort.

Die dünne Dame hatte Nachttoilette gemacht. Um den Kopf war ein Schleierturban geschlungen, an den Füßen hingen Pantoffeln, um den übrigen Körper waren bunte karierte Tücher gewickelt. Sie zog gerade die Gardine um die gläserne Halbkugel, aus der das Licht blendete, als sich Herr Wenzel zur Tür emporwand. Ein empörter Blick traf ihn, denn die Dame hatte von ihm erwartet, daß er Schlafwagen fahre.

Der Zug rannte wie eine Kette springender Lichter durch die Finsternis.

Herr Sebastian lag ausgestreckt auf den Sitzen und merkte sofort, daß er schlafen würde. Die Melodie der Räder war ihm angenehm und erinnerte ihn an ein Leierkastenlied, das seine Straße häufig durchsummte; behaglich schloß er die Augen.

Aber man kann nicht immer, wie man will.

Die dünne Dame, die sich auf der andern Seite des Kupees streckte, konnte keine Ruhe finden. Sie sprang wieder auf und beugte sich über Herrn Wenzel. Dieser fürchtete schon ein Attentat irgendeiner Art und war auf alles gefaßt. Aber die Dame drehte nur den Heizungshebel an der Wand. Dann legte sie sich wieder nieder.

Aber schon nach kurzer Weile erhob sie sich aufs neue, um an Fenstern, Türen und Lampe zu schieben und zu schrauben.

Herr Wenzel drehte sich ärgerlich der Wand zu. Er hätte es sich gleich sagen sollen, daß man, nur eine einzige Frau in der Nähe, nicht zum Schlafen kam.

Aber nachdem seine Gefährtin an allen Fenstern gerüttelt, an allen Hebeln gedrückt, an allen Ventilationen gezerrt hatte, gab sie sich zufrieden. Beide fanden endlich Ruhe.

Über den Schlafenden tropften die Sterne ihr Licht auf eisbedeckte Steinklumpen. Der gelbe Schein der fahrenden Fenster spiegelte sich in stillen, gefrorenen Wassern. Tief in Schnee gehüllte Bergtannen bewegten sich unruhig, als Rauch und Lichter vorbeisausten und im gleichen Augenblick verschwunden waren.

Herr Sebastian Wenzel merkte es, daß er die Schweiz durchfuhr. Aus unbegreiflichen Gründen wurde mitten in der Nacht einmal die Kupeetür aufgerissen, und ein eisiger Luftzug drang herein. Er zog sich die Decke über die Ohren, dachte an sein feststehendes Bett zu Hause hinter verschlossenen Fenstern und Türen und schlief weiter.

Als er erwachte, war er in Italien. Wie das glückliche Kind im Märchen, das schlafend durch den Schlund der Berge ins Wunderland fand, war er dahin gekommen.

Er richtete sich auf, gähnte und sah sich um. Die dünne Dame saß auch wieder aufrecht da und knüpfte sich mit der zitternden Hast eines, der unrecht Gut verbirgt, einige Verschlüsse ihres Kleides zu. Herr Wenzel wendete verächtlich den Blick weg.

Er rieb bedächtig die beschlagenen Fensterscheiben ab. Seine Augenbrauen zogen sich hoch. Was war das? Ein freundlicher Frühlingsmorgen lächelte unter wolkenlosem Himmel. Auf hellgrünen Feldern trugen Obstbäume ihre reiche, zarte Blütenlast. Am Rand des Weges leuchteten stark farbige Wiesenblumen. Herr Sebastian Wenzel holte seinen Kneifer her, den er nur in seltenen Fällen zu Rate zog, denn seine Augen waren noch recht gut. Er putzte die Gläser mehrmals, um recht zu sehen: Die Welt schien bunter geworden zu sein.

Bald fuhr die Lokomotive in eine große, von Lärm durchgellte Eisenbahnhalle, machte einen großen, schweren Schnaufer und blieb stehen. Dann folgte ein kurzer, befehlender Pfiff, der sagen wollte: Raus mit euch, die ich euch durch die Berge und Schluchten gezogen habe. Hier ruhe ich mich aus.

Herr Sebastian Wenzel überzeugte sich nach Uhr und Reisetabelle, daß diese Stadt Mailand sei.

Das Reisebüro verlangte hier: aussteigen und frühstücken. Dom besichtigen. Mittags weiterfahren.

Herr Sebastian kletterte also hinaus und nahm auf dem Bahnhof einen tüchtigen Imbiß ein. Der Kaffee war schlecht, aber Brötchen und Butter mundeten ihm. Schade, daß er die Zeitung, die auf dem Tisch lag, nicht lesen konnte. Es hätte sonst recht behaglich sein können.

Endlich stand er auf und klopfte sich die Semmelkrümelchen von dem neuen dunkelgrauen Rock. Das wäre gemacht. Nun also: Dom.

Er trat aus der Bahnhofshalle heraus und sah unschlüssig auf eine lange Straße.

Viele Droschkenkutscher riefen: Duomo, Duomo? Er war erstaunt über dieses treffliche Gedankenlesen, bemerkte aber mit Unruhe, daß die lebhaften Pferde bei jedem Zug des Zügels wie junge Böcke sprangen.

Schließlich entschied er sich für das ihn am harmlosesten dünkende Tier und stieg in den Wagen. Er sah, daß er einen Preisanzeiger hatte, und lehnte sich beruhigt zurück.

Die Fahrt ging durch breite, lebhafte Straßen. Er fand es nicht anders als zu Haus. Schulkinder gingen mit ihren Mappen zur Schule, Dienstmädchen machten ihre Einkäufe. Nur die Schutzmänner hatten andere Uniformen. Ihr Dreispitz erinnerte an Leichenkutscher. Sie gefielen Herrn Wenzel nicht. Der Wagen hielt auf einem belebten Platz. Der Preisanzeiger verlangte eine Lire. Herr Wenzel nahm eine der silbernen fremdländischen Münzen und reichte sie dem Kutscher. Dieser schüttelte den Kopf, sprach einige unartikulierte Laute und gab das Geld zurück. Es war ein Lirestück, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Herr Wenzel hatte es sich im Büro unsägliche Male erklären lassen. Aber der Kutscher wollte es nicht haben. Er schrie und knallte mit der Peitsche. Leute sammelten sich an. Herr Sebastian sprach, aber das war den anderen komisch. Sie lachten und schrien unverständliche Worte durcheinander. Herr Wenzel sah zwei polizeiliche Leichenträger über den Damm kommen. Sein ganzes Leben hindurch hatte er nichts mit der Polizei zu tun gehabt. Verzweiflungsvoll griff er in die Tasche und hielt dem Kutscher drei solcher Silberstücke und noch einen Haufen Kupfer hin. Angstvoll starrte er in das braune, schlecht rasierte Gesicht. Es begann sich in einem breiten Grinsen zu verziehn, ein Peitschenknall, und Roß und Wagen sprengten die Menge auseinander und jagten davon. Die Dreimaster kehrten um.

Sebastian atmete auf. Betäubt sah er in das Gewühl. Aber jetzt schien ihm alles fremd. Was nützte es, daß sie sich verstellten und sich so kleideten und gebärdeten wie die Leute bei ihm im Land. Er konnte nicht hören, was sie sagten, und war nicht imstande, mit ihnen zu sprechen.

Sollte er dermaleinst sein Geld den armen Taubstummen überlassen? Ganz plötzlich durchzuckte ihn dieser Gedanke. Diese armen Menschen mußten furchtbar leiden!

Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn und sah ängstlich und ratlos über den lärmenden, unbekannten Platz. –

Andere Länder, andere Sprachen. Nichts war daran zu ändern; wenn auch Herr Sebastian Wenzel unendlich bereute, diesen Fehler des Weltalls nicht vorher ins Auge gefaßt zu haben. Das hätte wahrscheinlich manches geändert.

So stand er nun vor dem Mailänder Dom, allein, zwischen Italienern. Wie konnte er nur wieder fortkommen!

Er wußte später nicht mehr, wie lange er hier gestanden haben mochte, so ungewiß des Kommenden, wie nur je ein Mensch in die Zukunft gesehen hatte, bis wieder ein solcher Teufel von Kutscher sich ihm näherte und mit der Peitsche über einem zappligen Pferd knallte. Er rief fortwährend Stazione, Stazione und sah dabei Herrn Wenzel unverschämt fragend ins Gesicht. Beleidigt blickte dieser fort. Aber wie er sich drehte und wendete, der Kerl auf dem Bock umkreiste ihn weiter: Stazione, Stazione.

Erkenntnis kommt meist plötzlich.

Auf einmal begriff Sebastian, daß dieser vernünftige Mensch ihn zum Bahnhof fahren wollte. Hastig stieg er in den Wagen, nicht ohne einen Seitenblick auf das übertrieben lebhafte Pferd zu werfen.

Bald darauf sah er ein Gebäude vor sich, das in der ganzen Welt nur einen Bahnhof bedeuten konnte. Auch hörte er eine Lokomotive pfeifen. Hier gab es keine Täuschung, was für ein Kauderwelsch auch um ihn herum geschrien werden mochte. Er war gerettet.

Der Preisanzeiger meldete wieder eine Lire. Aber er gab gleich drei Silberstücke und ging rasch durch das Portal davon.

Sein Zug stand schon in der Halle, obgleich noch eine ganz nette Zeit bis zur Abfahrt übrig war.

Gerade als er einsteigen wollte, fiel ihm ein, daß er durch all dieses Ungemach ja ganz und gar vergessen hatte, zum Dom aufzugucken und sich ihn anzusehen. Er kehrte verdrießlich um und suchte sich an dem Zeitungsständer einige Postkarten mit Abbildungen dieses berühmten Gotteshauses aus. Zu seiner Freude fand er dabei auch einige deutsche Witzblätter, die er nun studierte, ehe der Zug ins Rollen kam.

Während die Reise weiterging, sah er sich dann gründlich die Abbildungen des Doms an. Er hatte ihn sich von außen, innen und allen Seiten gekauft. Da war viel zu betrachten.

Ihm entging dadurch, daß draußen der breite Po frühlingsgeschwellt mit den raschen Rädern um die Wette lief.

Man kann nicht alles auf einmal sehen. –

Wieder kam die Nacht, und alle Fenster erhellten sich. Sebastian war nicht mehr so vermessen, nach seinem eignen Bett zu verlangen, das gut und behaglich war und nun im dunklen, kampfergefüllten Zimmer stand. Jetzt wäre er mit jedem Bett zufrieden gewesen.

Draußen lag Finsternis auf fremdem Land. Aber überall erinnerte Lichterschein, daß Menschen ihre Heime und auch wohl Betten hatten. Es waren gewiß schlechte Betten, aber man konnte die Glieder darauf strecken. Er seufzte schwer.

Nun reiste Sebastian schon dreißig Stunden.

Bald sollte er am Ziel sein. Aber die Zeit wollte nicht mehr vergehn. Seine Uhr steckte in einem schützenden Lederfutteral, das noch schwer auf- und zuging. Aber er scheute nicht die Mühe, sie wieder und wieder vorzuziehen. Die Zeiger schienen kaum vom Fleck zu kommen.

Sebastians Schlafsucht und Zerschlagenheit nahmen zu. Er dachte an kein Bett mehr. Jetzt hätte er in straffer Kniebeuge und auf einem Bein schlafen können. Aber er mußte sich wach halten, um nicht die Station zu verschlafen, an der er den Zug endlich verlassen durfte.

Seine Uhr hatte trotz aller Langsamkeit die Zeit erreicht, wo Herr Wenzel der Reisetabelle gemäß aussteigen mußte. Aber der Zug hielt nicht. Entsetzliche Unruhe befiel ihn. Es schien ihm, als ob die Wagen über Gebühr schnell vorwärts rasten. Er wurde hin- und hergeschüttelt. War der Zugführer vielleicht …? Durch Zeichensprache verständigte ihn sein Gegenüber endlich, daß der Zug ein und eine halbe Stunde Verspätung habe. Das sei meist der Fall hier.

Ein und eine halbe Stunde? Herr Sebastian Wenzel drückte sich in seine Ecke. Er wurde stumpf und gleichgültig gegen alles. Mochte der Zug zusammenfahren und er zu Brei gequetscht werden. Mochte ihn der Mann dort gegenüber mit den funkelnden Augen erdolchen. Mochten sie ihn spießen und in den Rauchfang hängen – ihm war alles gleich.

In seine Betäubung schallte plötzlich das Wort, das am Schluß seiner Reisetabelle mit roter Tinte vermerkt war. Das unglückselige Wort, das unter den Füßen der durch das Fernglas lächelnden Dame gestanden hatte.

Er stolperte zum Wagen hinaus. Ein wildes Schreien umbrüllte ihn. Er selbst schrie, wie man ihm im Reisebüro gesagt hatte, fortwährend: »Parkhotel!« Sein Gepäckträger neben ihm wiederholte dieses Wort wie ein Echo, und der ganze Lärm versank hinter den Worten: »Parkhotel! Parkhotel!«

Und plötzlich sah Herr Sebastian Wenzel diese Silben auf den Schildern zweier brauner Mützen; er hörte die deutschen, wahrhaftig die deutschen Worte: »Wollen Sie bitte einsteigen, Herr? Darf ich um den Gepäckschein bitten?«

In dankbarer Rührung stieg Sebastian in einen Glaskasten auf Rädern. Nach einigen Minuten sah er beim Schein der gelben Lampen den gelben Löwen auf den Wagen zukommen. Mit einem Ruck flog er über Sebastians Kopf auf das Wagendeck. Es war gewiß kein angenehmes Geräusch. Der ganze Glaskasten zitterte. Aber Sebastian lächelte. Das erste Lächeln wieder seit dem Frühstück in Mailand. Ihm schienen Jahre dazwischenzuliegen.

Und nun begann der Glaskasten zu schütteln, als sollte Herr Sebastian durchgesiebt werden. Aber es dauerte nicht lange, dann hielt er wieder. Herr Sebastian Wenzel faltete sich zusammen und stieg aus. Man schob ihn in eine hohe, erleuchtete Zigarrenkiste, die sofort wie ein Luftballon in die Höhe stieg. Eine grüne Filztür öffnete sich, ein Licht flammte auf, und Herr Sebastian Wenzel stand vor einem weiß überzogenen, breiten Bett.

Ein Kellner erschien in der Tür, fragte, ob der Herr warm speisen wollte, und zählte rasch hintereinander ein paar gute Gerichte auf. Herr Wenzel winkte ab, trotzdem der Versucher auch Seezunge mit Remouladensauce gemurmelt hatte. Sebastian aß ein Brötchen, das er noch in der Reisetasche hatte, und – stieg ins Bett.

Er schloß die Augen und streckte sich in seiner ganzen Länge aus. Er seufzte tief. Wer mochte wohl das Bett erfunden haben? fuhr es ihm durch den Sinn. Ob von diesem tüchtigen Mann noch Angehörige leben mochten? Wenn er dermaleinst über sein Geld verfügen wollte, könnte er vielleicht …

Der Schlaf übermannte ihn. Aber er fuhr erschreckt wieder empor. Was war das für ein polterndes Geräusch? Man warf mit Riesensteinen oder schüttete Sandberge auf. In dunkler Nacht? Nein, jetzt war es mehr ein zischendes Brausen, als ob ein gewaltiges Wasserrohr geplatzt wäre?

Er riß an der Klingel, verließ das Bett wieder und eilte zur Tür.

»Sie wünschen?« klang es bald von draußen.

»Was poltert hier vor dem Haus?« fragte Sebastian Wenzel streng.

»Das Meer«, antwortete eine geduldige Stimme. »Befehlen der Herr sonst noch etwas?«

»Nein, danke.«

Herr Sebastian Wenzel legte sich wieder eiligst nieder.

Merkwürdig, daß dieser Spektakel gesund sein soll, dachte er, als er tiefer und tiefer in Schlaf und Ruhe sank.

16

Und mit derselben Verwunderung erwachte er auch: Merkwürdig, daß dieser Spektakel gesund sein soll. Er hatte schon in der Schule gewußt, daß das Meer stets in Bewegung war. Aber diese Weisheit bekam eine andre Bedeutung, wenn man drei Schritt von dieser ruhelosen Flüssigkeit schlafen, essen und gesunden sollte.

In den ersten Tagen schüttelte Herr Wenzel oft verächtlich den Kopf, wenn er vor der salzigen, hartnäckig rauschenden Weite saß.

Worin bestanden im Grunde die großen Triumphe der Menschheit? Warum galt der Mensch als Herrscher der Welt? Mit aller Wissenschaft war man nicht imstande, dieses Gepolter auch nur eine Minute abzustellen.

Man gewöhnt sich an alles, und Herr Wenzel gewöhnte sich an das unaufhörliche Wassergegurgel, wenn es ihm auch unbegreiflich blieb, was daran schön sein sollte.

Aber schließlich war er nicht auf das Meer angewiesen. Es gab hier noch andres zu sehen und zu genießen. Zum Beispiel den Speisesaal, der weiß lackiert war, Spiegelwände hatte und einen dunkelroten Teppich, auf dem viele helle, zierlich gedeckte Tische standen.

Die Mahlzeiten machten Herrn Sebastian Wenzel großen Spaß. Er hatte guten Appetit. Wie man auch sonst vom Meere denken wollte, die salzige Fischluft reizte zum Essen. Man speiste an einzelnen Tischen, und die andren störten Herrn Wenzel nicht. Im Gegenteil, sie schienen ihm unterhaltsame Figuren, die den hübschen Raum noch bunter machten. Er betrachtete sie mit der alten Behaglichkeit, mit der er zu Haus auf die Straße gesehen hatte, die ihm belebt auch stets besser gefallen hatte als einsam. Er hörte gern Lachen und Stimmengemurmel, während er bedächtig seinen Fisch aß und auf die Gräten achtete.

Dann machte es ihm Spaß, daß er hier nicht einen Augenblick im voraus wußte, was er im nächsten essen werde. Auf dem französischen Menü standen nur geheimnisvolle Worte. Er konnte sein Schulfranzösisch so gut wie jeder andere. Wer sich, wie Herr Wenzel, für gute Küche interessiert, weiß vielleicht auch noch ein gut Teil Worte mehr als der Durchschnitt der Gebildeten. Aber trotz aller Kenntnisse konnte er vorher nicht ahnen, daß »Princesse Maleine« ein rätselhaftes Etwas von Maraschino, Mandeln und kandierten Fruchtsplittern war. Aber man nahm es nicht übel. »Princesse Maleine« war sogar vorzüglich.

Und so gab es viele Ueberraschungen, die man sich gern gefallen ließ.

Nur mit dem Wein wurde Herr Wenzel nicht recht vertraut; obgleich er Tag für Tag eine Zeile tiefer auf der Weinkarte stieg und bald bei der höchsten Zahl angelangt war, hatte er noch keinen Tropfen gefunden, der ihm mundete.

Allmählich kam er dahinter, daß man auf Reisen den Wein nicht an Flasche und Etikett erkennt.

Nach den Mahlzeiten ging Herr Wenzel in sein freundliches Zimmer hinauf, in dem es nach Eau de Cologne und Leder duftete. Hier ruhte er oder las die Zeitung, die ihm hier nachfolgte. Auch war er auf eine illustrierte Zeitschrift abonniert, die ihm reiche Unterhaltung brachte. Er machte seine Spaziergänge und schlief trotz des Wassergeräusches gut und fest. Es schien wirklich, als sollte sich hier Herrn Sebastian Wenzels Gesundheit auf das unerhörteste stählen.

Gerade in diesen Tagen war in der Wochenschrift das Bild eines Mannes von 113 Jahren. Eines Mannes, nicht das einer dauerhaften Frau.

Herr Sebastian Wenzel betrachtete lange das runzlige, lächelnde Gesicht, das aus einem der scharfen Mundwinkel ein Pfeifchen hängen hatte. Darunter stand, daß der Mann nie im Leben krank gewesen sei und immer Pfeife geraucht habe, von der er sich auch jetzt noch keinen wachen Augenblick trennte. »Wer lange Pfeifchen raucht, lebt lange«, hatte er schelmisch dem Berichterstatter einer Zeitung erklärt.

Draußen fiel die rote Sonne ins Meer. Sie warf durch die Scheiben auch einen rosigen Schein auf die Wangen des 113jährigen.

Herr Sebastian Wenzel sah dem Alten tief in die Augen.

113 Jahre? Warum nicht? Was einem möglich wurde, kann auch einem zweiten gelingen. Auch er war niemals krank gewesen.

Lächelnd rollte er das Heft zusammen.

Am andern Morgen kaufte er sich eine Pfeife. Es ist keine Schande, sich belehren zu lassen …

*

Freundlich und friedlich trieben die Tage vorwärts. Mit blauem Himmel, milder Luft, reichlichem Appetit und guter Verdauung. Die andern Hotelgäste kümmerten sich nicht um den neuangekommenen einzelnen Herrn. Sie waren alle schon einige Wochen hier und zu einer einzigen Familie zusammengeschmolzen. Bald mußten sie wieder davonreisen, und so hatten sie die Jagd auf neue Bekanntschaften eingestellt. –

Eines Morgens kam Herr Wenzel in sein Zimmer, als noch Marietta, das Stubenmädchen, darin beschäftigt war. Sie tupfte mit einem roten Federwedel auf Schrank und Kommode herum, wobei sie abwechselnd in den Spiegel oder aus dem Fenster sah.

Herr Wenzel streifte sie mit einem mißbilligenden Blick, denn er wollte allein sein.

Sie tupfte weiter im Zimmer herum und sagte:

»Nun beginnt die Saison. In der nächsten Woche wird das Haus voll. Siebzig Gäste werden erwartet.«

Herr Sebastian Wenzel sah über sie hinweg zum Fenster hinaus.

Aber Marietta lächelte ihn weiter an und plauderte im Takt des Staubwedels. – »Dann gibt's Bälle, Rollschuhbahn, Feuerwerk und Wasserfeste. Dann ist Leben hier. Wirkliches Leben.«

»Alberne Zerstreuungen sind doch nichts das wirkliche Leben«, sagte Herr Wenzel zurechtweisend. Dies Geschwätz beunruhigte ihn. Ihn beschlich ein unangenehmes Gefühl der Beklemmung, als ob ein Gewitter aufzöge. Siebzig neue Gäste?

»Zerstreuungen sind doch nicht das wirkliche Leben«, wiederholte er ärgerlich.

»Was denn sonst?« sagte das Mädchen schulterzuckend, nahm Staubwedel und Tücher und ging.

Herr Sebastian verriegelte die Tür.

Marietta hatte sich an der Mündung der Treppe auf einen Stuhl gesetzt. Sie hörte das Schnappen des Riegels und zuckte noch einmal die Schultern.

In diesem Schulterzucken lag ihre Weltanschauung. Sie kannte die Menschen. Nicht aus ihren Worten, sondern aus ihren Kommodeschüben und Koffern.

In Herrn Wenzels Schüben würde sie nicht kramen, und wenn er ihr dazu die Schlüssel in die Hand gäbe, statt sie mit sich auf Schritt und Tritt herumzutragen. Sie war sicher, daß man bei ihm außer den notwendigen Sachen nichts fand als ein Päckchen wohlgeordneter Rechnungen, die bezahlt waren, und sorgfältig zusammengerollte Bindfadenendchen. Dieser Herr war mager und sauber innen wie außen.

Sie versank in Sinnen und dachte an die alte Frau Rätin, deren Schübe mit Zuckerstückchen gefüllt waren, die sie vom Frühstück beiseite schmuggelte. Und an das blonde Fräulein, das nie ganz die Augen aufschlug, und unter dessen Kopfkissen sie die wilden Liebesbriefe an einen Neger gefunden hatte. Damals wäre ihr beinahe gekündigt worden, so war sie ins Lesen gekommen. Um Mittag war noch kein Zimmer fertig gewesen.

Ein schrilles Klingeln schreckte Marietta aus ihren Erinnerungen.

Herr Sebastian Wenzel hatte geläutet. Er riegelte die Tür auf und ließ das Mädchen hereinkommen.

»Es wäre besser, wenn Sie mit dem Staubwedel so tüchtig wären wie mit dem Mund«, sagte er und zeigte auf den niedern Eisenofen, dessen kleine Türe ein Spinnennetz kunstvoll verschloß.

»Was weiß der Herr von meinem Mund?« sagte Marietta. Sie wiegte sich in den schwarzumspannten Hüften, zupfte an der weißen Schürze und sprach dann weiter:

»Soll geheizt werden?« Sie zog den Mund schief und sah zu dem Fenster, vor dem die Sonne blendete.

»Ich wünsche, daß dieser Unrat vom Ofen entfernt wird. Alles andere geht Sie nichts an«, sagte Herr Sebastian Wenzel langsam und schwer.

Unterdessen entdeckten die flinken Augen des Mädchens auf dem Tisch ein Häufchen Papierschnitzel.

– Oho, hier soll etwas verbrannt werden, dachte sie, als sie vor dem Ofen kniete und ihn mit einem Staubtuch, das an ihrem Schürzenband hing, ein wenig berührte.

Diese Menschenkennerin hatte sich nicht getäuscht.

Jene Papierschnitzel waren bis vor kurzem noch Briefe gewesen, die Herr Sebastian Wenzel heute erhalten hatte. Es waren die höflichen Dankbezeigungen der Familie für Sebastians Abschiedsgeschenk. Niemand schrieb gekränkt oder grob, wie Herr Wenzel es gefürchtet und zugleich gehofft hatte.

Hoffnung ist widerstandsfähig und Vorsicht höflich. Noch hatte keiner das Testament gesehen, womit Sebastian gedroht hatte. Diese Briefe wollte Herr Wenzel aus der Welt schaffen.

Sobald er allein war, ging er ans Werk. Er breitete ein Zeitungsblatt vor dem Ofen aus und kniete nieder. Bedächtig errichtete er in dem schwarzen, rußigen Loch einen kleinen Scheiterhaufen aus Streichhölzern, schüttete die Papierstückchen darüber und steckte das Ganze in Brand.

Aber die Wenzelschen Dankesworte und Namen krochen als Qualm wieder aus dem Ofen heraus und erfüllten das ganze Zimmer.

Herr Wenzel schlug räuspernd und hustend mit einem Handtuch durch die Luft, um sie zum Fenster hinauszutreiben. Doch auch in dieser Gestalt ließen sie sich nicht so leicht davonjagen. Sie wirbelten immer aufs neue um ihn herum, brachten ihn zum Niesen und Speien, stachen ihm in die Augen.

Eilig wusch sich Sebastian seine berußten Hände und verließ das Zimmer. Er hustete auch draußen noch lange Zeit und dachte verzweifelt: ich wäre nicht der erste, der der Hinterlist seiner Familie zum Opfer fällt.

Erst als er lange am Meer gesessen hatte, wurde er ruhig. Zum erstenmal tat ihm der Blick auf die unbegrenzte Weite wohl. Sie beruhigte, sie bewies, daß es große Entfernungen auf der Erde gibt.

Inzwischen kniete eine weiße Schürze vor dem schwarzen Ofenloch. Der Stiel des Staubwedels durchbohrte den Scheiterhaufen. Einige der Papierfetzchen kamen unversehrt wieder ans Tageslicht. Feste Finger zogen sie hervor.

– Dank – Überraschung – Geldsumme – Freude – niemand von uns mißgönnt Dir Deinen großen Reichtum. –

Das sagten die geretteten Stückchen, wenn man sie geschickt zu behandeln verstand.

Der Ofen wurde geschlossen, der Rauch verzog sich.

Über die Korridore und Treppen aber schlich die Kunde von dem großen Reichtum des mageren Herrn Sebastian Wenzel aus Deutschland.

17

Die Plakate, die Herrn Sebastian Wenzel vom Reisebüro bis an das Mittelmeer gelockt hatten, schmückten auch hier die Wände. Blauer als blau blieb ihr Himmel, röter als rot gab die untergehende Sonne dem freundlichen Mädchen das Lächeln zurück.

Nichts ist so geduldig wie Papier. Am wenigsten Himmel und Meer. Herr Wenzel bekam einen neuen Beweis davon. Seit zwei Tagen war der Himmel schmutziggrau, so weit man ihn sehen konnte. Das Meer wälzte und wand sich brüllend und schäumend umher, als habe es Gift verschluckt, das es auf jede Weise wieder von sich geben wollte. Es regnete in kurzen Abständen, und ein höchst unangebrachter Wind trieb die Tropfen überallhin, wo man sie nicht haben wollte. An Spazierengehen war nicht zu denken. Es war klar, daß man sich hier wie überall mit Leichtigkeit erkälten und den Tod holen konnte. Er hatte wieder einmal recht gehabt. Das ganze Reisen war ein von Hotelwirten ins Werk gesetzter Schwindel.

Diesen und ähnlichen Gedanken gab Herr Wenzel sich hin, als er in seinem kleinen Zimmer vor den naßkalten Scheiben saß.

Draußen war nichts zu sehen als eine unendliche Weite voll Dampf und tosendem Schaum. Und der Wind spielte wilde und rasende Tänze auf dieser gewaltigen Orgel.

Herr Wenzel lernte, was Sehnsucht heißt. Er dachte an seine warme, behagliche Wohnung, an die stille und doch belebte Straße, wo an jeder Ecke ein Schutzmann stand und unnötigen Lärm untersagte und verhinderte.

Das ganze Getöse der meilenweiten Großstadt war ein Flüstern im Vergleich zu dem unerhörten Skandal, den Wind und Wasser hier ungehindert verübten.

Er schüttelte den Kopf und seufzte. Es zog am Fenster. Der Fußboden war kalt. Marietta, die seit einigen Tagen stets ›Bitt' schön, Herr Baron‹, sagte, versuchte in dem ihr nicht unbekannten Ofenloch Feuer zu machen. Aber das Holz benahm sich ebenso tückisch, wie die verwandtschaftlichen Familienbriefe. Es kroch als Qualm wieder hervor.

Herr Wenzel beschwerte sich beim Direktor. Gemessen, aber nicht unhöflich.

Dieser lächelte, als ob er die angenehmsten Neuigkeiten von Herrn Wenzel erführe. Er bat tausendmal um Entschuldigung und fand es ganz unbegreiflich, daß die vortrefflichen Heizvorrichtungen seines Hauses rauchen konnten.

In Wahrheit hatte der Ofen geraucht, solange er stand. Wahrscheinlich war er vom Schöpfer als Pfeife gedacht worden. Aber viele Dinge verfehlen ihren Zweck im Leben. Schließlich war ein Hotelwirt nicht verpflichtet, die Welt zu verbessern …

So etwas denkt man. Aber man sagt es nicht.

Im Gegenteil. Der Direktor versprach, alles zu tun, was in seinen Kräften stand. Und auf dem Gipfel der Liebenswürdigkeit angelangt, schloß er:

»Aber heute abend ist Neumond. Sie werden sehen, werter Herr, das Wetter ändert sich.«

Höflichkeit ist die furchtbarste Waffe des zivilisierten Menschen.

Herr Wenzel bedankte sich schließlich fast beschämt für den Neumond und verließ den Direktor nach dem Takt gegenseitiger Verbeugungen.

Er kehrte in seinen Rauchfang zurück, wo sich inzwischen nichts geändert hatte. Der Wirt beugte sich wieder über seine Rechnungen. Diese Ofengeschichte war bis auf weiteres erledigt.

Der Neumond tat seine Pflicht. Das Wetter änderte sich schon in der Nacht. Der Regen hörte auf, und gewaltige Hagelschauer prasselten nieder. Herr Wenzel empfand es zwar angenehm, daß er weder Landmann noch Getreidehändler war. Aber sein Zimmer wurde doch nicht warm davon. –

Doch zwischen Sturm und Wassergetöse keimte still die Saison empor. Marietta hatte nicht gelogen.

Es war längst eine stehende Naturerscheinung – sobald das Wetter schlecht wurde, kamen die Gäste.

Der vierrädrige Glaskasten, der wassertriefend mit beschlagenen Scheiben auch gut ein Aquarium hätte sein können, ratterte mehrmals des Tages, dicht gefüllt mit feuchten Gästen, zum Tor herein.

Füße trappelten auf den Treppen und durch die Korridore. Die Klingeln arbeiteten wie auf einem Telefonamt. Schränke knarrten. Schübe rumpelten. In allen Zimmern wurde ausgepackt und der Versuch gewagt, es sich gemütlich zu machen.

Das Klavier wurde lebendig und strömte von früh bis abends Walzer- und Operettenlieder aus. Mädchengekicher schwirrte umher, als hätten sich einige Möwen von draußen in den Treppenflur verirrt.

In dem hübschen, hellen Speisesaal war ein Gesurr, als säße man neben einem großen Maschinenrad.

Dies alles war Herrn Wenzel peinlich und störend.

Einen Augenblick lang, als gerade das Brausen des Meeres, das Plätschern eines Regengusses und ein mit beiden Pedalen getretener Walzer sich zu vereinigen suchten, war er schon entschlossen gewesen abzureisen. Er brauchte seine Ruhe.

Doch gleich darauf sagte er sich, daß so viele Leute nicht ohne Grund hierherkommen. Der Aufenthalt mußte wohl sein Gutes haben. Und das Wetter konnte auch nicht immer so bleiben.

Aber natürlich muß man an solchen wenig behaglichen Tagen aufs äußerste gereizt werden, wenn einem noch dazu die Freude am Essen verleidet wird.

Und das wurde sie Herrn Sebastian. Durch Cesare, den neuen italienischen Kellner. Er war nötig, um den Gästen den Genuß des Radebrechens in italienischer Sprache zu verschaffen. Was unbedingt zu einer italienischen Reise gehört. Die ganze andre Bedienung war zur allgemeinen Zufriedenheit deutsch. Cesare hatte die für einen Kellner besonders unpassende Angewohnheit, sich mit den Fingern stets an der Nase zu beschäftigen.

Herr Sebastian Wenzel hatte das bald bemerkt.

Damit war die Freude am Frühstück für ihn vorbei. Er vermochte kein Brötchen zu essen, das Cesare gebracht hatte. Und das Gebäck war stets ausgezeichnet, frisch und knusprig. Herr Wenzel unterzog sich der peinlichen Mühe, sich in dem vollen Saal selbst ein Brötchen vom Büfett zu holen.

Cesare stand inmitten des Saales, die Knie eingeknickt in den grauschwarzen Frackhosen, den Zeigefinger in der Nase, die Serviette unter dem Arm.

Als er Herrn Wenzels Bemühen sah, sprang er pflichtbewußt hinzu, entriß ihm das Brötchen, nahm es zwischen Daumen und Zeigefinger, legte es auf einen Teller und setzte es, nachdem er im Schlittschuhlauf über das Parkett geglitten war, neben Herrn Sebastian Wenzels Tasse.

Herrn Wenzel übermannte die Wut. Er drehte sich um und ging zum Direktor.

Dieser war schon ganz rot vor – Liebenswürdigkeit.

Das Haus war voll, und jeder Gast hatte eine andere Beschwerde. Dem einen war das Bett zu kurz, dem andern zu lang. Dieser fand die Matratze zu weich, jener zu hart. In einem Zimmer störte der Wind, der durchs Fenster pfiff, im andern war nicht genug Ventilation. Ein Herr brauchte vier Kopfkissen, wenn er Schlaf finden sollte. Woher sollte man die aus der Erde stampfen? Schließlich bestand die Welt nicht aus Kopfkissen.

Jetzt kam auch noch der alte Herr, von dem Marietta behauptete, daß er steinreich sei. Sein Ofen rauchte natürlich wieder. Er ging auf Herrn Wenzel zu:

»Ihr Ofen, Herr – ich –« Herr Sebastian Wenzel richtete sich auf und unterbrach ihn. Mit Verachtung und Entrüstung sagte er langsam:

»Mein Herr, Ihre Kellner popeln.«

»Wie?« Der Direktor sah ihn verdutzt an. Er glaubte sich verhört zu haben.

»Ich sage: Ihre Kellner popeln«, wiederholte Herr Wenzel. Sein knochiges Gesicht war dunkelrot vor Zorn und Ekel.

Der Herr im Gehrock wollte immer noch nicht verstehn.

Herr Wenzel berichtete kurz vom Brötchen auf dem Teller und dem Finger in der Nase.

Nun entschuldigte sich der Direktor mit der ganzen Gewalt unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit.

In seinem Innern zuckte es allerdings. Sollte er nun auch noch aufpassen, wo seine Kellner in ihren freien Minuten die Finger hatten? War er die Gouvernante der ganzen Welt?

Laut aber versprach er, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen, und wenn es sich wirklich so verhalten sollte, selbstverständlich und natürlich und bestimmt den Elenden zu entlassen.

»Da ist nichts auf den Grund zu gehen«, warf Herr Sebastian gereizt ein. »Ich habe Augen im Kopf.«

Das bestritt der Direktor keineswegs, und er erwiderte noch einmal, die Angelegenheit zu aller Zufriedenheit ordnen zu wollen.

In der Tür aber sagte er, daß er dem Herrn gerade ganz ergebenst habe mitteilen wollen, daß seine Pension um eine Lire am Tag erhöht werden müsse. Das Haus war voll, er hatte das beste Zimmer –

Dies blieb das Hauptergebnis jener Unterredung.

Cesare trieb sein Unwesen ungestört weiter. Man bekommt in der Hauptsaison keinen neuen Kellner von heut auf morgen. Und ebensowenig kann man durch Jahre gepflegte Angewohnheiten sich in kurzer Zeit abgewöhnen.

Herr Wenzel hätte sich schon längst wieder beklagt. Aber wer weiß, ob der geschniegelte, aalglatte Kerl dann nicht wieder mit einer neuen Erhöhung der Pension kam. Schließlich brauchte man das Geld nicht zum Fenster hinauszuwerfen.

Sebastian stand eine halbe Stunde früher auf und erwartete den Bäcker vor der Tür. Direkt aus seinem Korb suchte er sich leichtgebräunte Knuspersemmelchen.

Es war ihm gleichgültig, wie die Leute darüber dachten. Jedermann muß vor allem das tun, was er für Recht hält.

*

Die Regelmäßigkeit in Sebastians Leben führte ihn jeden Abend noch einmal den Gang vor seinem Zimmer hinauf und herunter.

Eines Abends verspätete er sich ein wenig. Der Korridor lag schon im nächtlichen Halbdunkel. Herr Wenzel stolperte über etwas. Erschreckt blieb er stehen. Er fürchtete, auf eine Maus oder sonst irgendein Tier gestoßen zu sein. Zum Glück hatte er Zündhölzer bei sich. Bei dem Flackerschein eines Hölzchens sah er einen niedlichen, drolligen Schuh vor sich liegen. Er war aus Schlangenhaut und trug eine große goldene Schnalle und glich genau denen im Schaufenster, die er für Reklamestücke gehalten hatte.

Herr Wenzel ließ noch ein Lichtchen aufblitzen. Er überzeugte sich, daß der Gefährte des Schuhchens vor einer der Türen stand. Aus dem starken Gefühl seines Ordnungssinnes heraus hob er das Stückchen Schlangenhaut mit Absatz und Schnalle behutsam auf und setzte es bedächtig neben den andern. Über den Schuhen hing ein Damenrock am Riegel, über den Reihen kleiner Goldknöpfe wie Soldaten zur Parade marschierten. Es duftete hier stark nach frischen Veilchen.

Ein Möwenlachen zwitscherte hinter der Tür und klang gedämpft heraus.

Herr Sebastian Wenzel ging eilig weiter und war froh, als er wieder sicher in seinem Zimmer war.

18

Als Herr Wenzel am anderen Morgen erwachte, sah er einen gelben Lichtstreifen, der durch die geschlossenen Läden ins Zimmer fiel. Als ob eine elektrische Glühbirne vor dem Fenster hinge.

Nachdem er sich mit Filzschuhen versehen hatte, öffnete er die Fensterläden. Was da draußen leuchtete, war die Sonne, die er wahrhaftig fast vergessen hatte. Er blinzelte behaglich in diesen lange entbehrten Gegenstand und ließ dann die Blicke zufrieden über Himmel und Meer streifen. Sie waren wieder ordnungsmäßig blau, wie auf den Plakaten.

In dem warmen, wohltuenden Schein der Sonne rüstete sich Herr Wenzel langsam und bequem für den neuen Tag.

Eine köstliche Luft umspielte ihn, als er auf der stillen Promenade die Ankunft des Bäckers erwartete.

– Schön Wetter – lag auf allen Mienen. Pfeifend putzte der Hausdiener die Stiefel. Heute, da sich der blaue Himmel in ihnen spiegelte, sah man wenigstens, daß sie blank wurden.

Marietta stand an einem Fenster und rieb die Scheiben klar. Sie sang dabei und lächelte. Nun begann also wieder einmal das Leben. Der Pikkolo und der kleine Türhüter, noch ohne ihre würdegebenden Livreeröcke und Mützen, sprangen als vergnügte kleine Jungens auf der Straße umher.

Der Bäcker kam laut singend auf seinem zweirädrigen Wägelchen angejagt, stellte lachend den vollen Korb auf das trockene, warme Pflaster, zeigte mit dem Peitschenstiel auf die Sonne und jagte singend zum nächsten Hotel.

Den Semmelchen sah man ordentlich an, daß sie in guter Laune gebacken waren. Sie überknusperten sich selbst.

Ein rechter Morgen. Ein Morgen, wie er sein soll, dachte Herr Sebastian Wenzel und atmete tief die frische Salzluft ein.

Aber die Behaglichkeit unseres Lebens hängt nicht allein von uns ab. Denn wir müssen die Welt und alle Schönheit mit jedem teilen, der sich neben uns setzt.

Als sich Herr Wenzel mit seinen braunen Semmelchen gemütlich auf seinen gewohnten Platz begab, sah er, daß auf dem runden, appetitlichen Tischchen noch zwei andere Tassen standen.

Er erfuhr, daß auch diese beiden letzten Plätze des Speisesaals in Anspruch genommen werden mußten.

Bald darauf kam ein Herr auf den Tisch zu und setzte sich neben Herrn Wenzel.

Seine Augen wurden durch blaue Gläser und das übrige Gesicht von einem grauen Bart verdeckt. Er war breitschultrig, und auf seiner breiten Brust hing wie ein Orden ein zweites Augenglas.

Er entfaltete seine Serviette und steckte sie unters Kinn, wo sie wie ein kleines Papierstückchen klebte. Dann klopfte er eins der Eier auf, die der Kellner vor ihn hinsetzte, und begann sie schlürfend einzulöffeln.

Mit der ganzen Neugier eines Menschen, der nicht mehr gewohnt ist, andere aus der Nähe essen zu sehen, hatte Herr Wenzel dies alles ernsthaft beobachtet.

Er hätte gern den Herrn gefragt, ob ihm ein Arzt diese Eier zum Frühstück verordnet habe. Über die Zuträglichkeit der Eier waren die Meinungen jetzt so geteilt. Er versuchte auch das Alter des Fremden herauszufinden. Aber Brille und Bart erschwerten das. Er trank starken dunklen Tee, was Herr Sebastian Wenzel durchaus unvernünftig fand.

Inzwischen war der dritte Stuhl von einer Dame eingenommen worden. Man sah ein hageres Gesicht und eine üppige Büste, über die sich eine helle Sommerbluse spannte. Zierlich gespreizte Knochenfinger gossen Schokolade ein, deren Duft angenehm in die Nase stieg.

Sebastian Wenzel wurde unwillkürlich daran erinnert, daß Schokolade nahrhafter sei als Kaffee. Allerdings stellte sie dafür auch größere Kraftansprüche an den Magen.

Es war ein schwieriges Kunststück, das Richtige im Leben zu treffen.

Die Dame nippte an der Tasse, sah dann zu Herrn Wenzel herüber und lächelte.

»Kennen Sie mich nicht wieder?« sagte sie sanft.

Herr Wenzel erinnerte sich jetzt, dieser spitzen Nase irgendwo lange Zeit gegenüber gesessen zu haben. Es war die magere Dame aus dem Kupee, die keinen Schlaf hatte finden können, ehe sie nicht das ganze Kupee auseinandergenommen und wieder zusammengeschraubt hatte.

»Nein, weiß Gott, ich hätte Sie nicht wiedererkannt«, sagte Herr Wenzel, ehrlich erstaunt.

»Ja«, sagte die Dame, »in der Eisenbahn sieht man wenig komfortabel aus. Da behilft man sich mit dem Allernotwendigsten. Auch allen Humor verliert man.« Und sie lächelte über ihre Büste hinweg Herrn Wenzel an und zupfte an den blonden Löckchen, die auch nicht zu dem Allernotwendigsten gehört hatten.

»Humor braucht man auf der Reise so notwendig wie Kleingeld«, sagten da auf einmal die Lippen, die zu der blauen Brille und dem Bart gehörten.

»Eigentlich haben Sie recht«, entgegnete die Dame und kicherte höflich.

»Ja«, fuhr der Herr fort, »Humor ist das beste Antiseptikum. Sonst kann man auf einer Vergnügungsreise von drei Tagen gallenkrank werden. Die Öfen rauchen, die Kellner popeln, Matratzen sind mit Nüssen statt mit Roßhaar gepolstert, wohin man kommt, war das Wetter immer gerade bis gestern schön. Dagegen hilft nur Lachen.«

»Ja, wenn man es kann«, sagte die Dame und steckte seufzend ein Krümelchen Brot in den Mund.

»Man muß es, Verehrteste. Außer bei Bauchfellentzündung ist Lachen die beste Medizin.«

Es stellte sich heraus, daß der Herr Medizinalrat war.

Die Dame hatte das Frühstück beendet und ging grüßend davon.

»Eine alte Bekannte?« fragte der Rat Herrn Wenzel.

»O nein, ich habe nur einmal auf der Reise eine Nacht mit ihr verbracht«, sagte Herr Wenzel abweisend.

Der Herr drehte die blauen Gläser noch einmal nach der hageren Dame zurück und dann zu Herrn Wenzel.

»So, so«, meinte er dann.

Nach dem Frühstück flatterte die ganze Hausgesellschaft hinunter an den weißen Strand und ruhte, schwatzte oder träumte am Rand des kornblumenblauen Meeres. Leinwandzelte schützten vor den Strahlen des lange vermißten gelben Gestirns.

Herr Wenzel machte wie immer allein einen langen Spaziergang. Sinnend schritt er dahin. Er wollte dem Herrn mit der Brille einige wichtige Fragen vorlegen. Ob das ernst gewesen sei, was er über das Lachen gesagt hatte. Dann, was er vom Pfeifenrauchen halte? Warum er schon des Morgens zwei Eier esse? Und noch einiges mehr.

Er freute sich immer auf die Mahlzeiten. Aber heute ganz besonders. Er schrieb dies dem herrlichen Wetter zu. Er kam etwas erhitzt nach Haus, schloß und verdunkelte die Fenster und schlummerte ein wenig, um bei Tisch frisch zu sein.

Der Medizinalrat erschien erst, als man schon die Suppe gelöffelt hatte. Er hatte die Brille abgenommen, und man sah in zwei gute, menschenfreundliche Augen.

»Ja, das ist ein Genuß«, sagte er und sah sich lächelnd um. »Unter die klare Flut zu tauchen und ein paar Augenblicke alle die armen kranken Nieren und Herzen, Lebern und Lungen zu vergessen.«

Er strich sich durch die Haare und sah ernst über die Köpfe hinweg durchs Fenster.

»Gibt es wirklich so viel organische Erkrankungen?« fragte Herr Wenzel behutsam, und damit hatte er das Gespräch dahin gebracht, wohin er es haben wollte.

Die dünne Dame warf von Zeit zu Zeit ein interessiertes Aha – oder Achso – in die Unterhaltung der beiden Herren. Sonst widmete sie sich ganz den Speisen. –

Am Schlusse der Mahlzeit, als der zarte Pudding ein sanftes Lächeln auf alle Mienen zauberte, beendete der Arzt sein Gespräch mit Herrn Sebastian Wenzel.

»Mein lieber Herr«, sagte er. »Das Leben tötet das Leben. Diese Tatsache wird keine Wissenschaft der Welt aufheben können.«

Er schob seinen Stuhl zurück, verbeugte sich und ging, ohne das Servieren des Käses abzuwarten, rasch davon.

Herr Wenzel zog daraus die Lehre, daß Käse nicht gesund sein könne. Er nahm sich vor, den Herrn Medizinalrat, der einen sehr tüchtigen Eindruck machte, am Abend darum zu befragen.

Am Abend war der Arzt abgereist.

Er hatte diesmal das Kleingeld über den Humor gehen lassen. Er wollte sich erholen. Er kannte die Hartnäckigkeit und den Wissensdurst jener alternden Leute, die über ihr Leben ängstlicher wachten als die zärtlichste Mutter über ihr Neugeborenes.

Er reiste weiter, fest entschlossen, sich im nächsten Ort als Steuereinnehmer auszugeben.

Herr Wenzel war sehr enttäuscht, als er ihn nicht mehr vorfand. Schmerzlich empfand er das rasche Kommen und Gehen der Reise.

Als er am Abend den gewohnten Gang über den Korridor machte, wehte noch Lärm, Musik und Zugluft durchs Haus. In dem großen Saal tanzte man bei geöffneten Fenstern. Auch die Rollschuhbahn war zu hören.

Herr Wenzel erinnerte sich der kleinen grünen Schuhe. Heute standen sie nicht vor der Tür. Sie tanzten wohl da unten mit im Saal und wurden bestaubt und beschädigt.

Als er das Licht löschte und sich in die Kissen zurücklegte, dachte er, wie unvernünftig doch die Leute dahinleben. Sie kamen, um sich zu erholen, und statt sich beizeiten zur Ruhe zu begeben, sprangen sie die halbe Nacht leicht bekleidet herum, schluckten Staub und brachten sich unnötig in Schweiß. Kein Wunder, daß es so viel Todesfälle in der Welt gibt.

19

Am nächsten Mittag fand Herr Wenzel zwei neue Tischnachbarn vor.

Die dünne Dame war auf besonderen Wunsch neben eine andere dünne Dame einrangiert worden, mit der sie in Freundschaft geraten war.

An Herrn Wenzels Tisch saß ein älteres gediegenes Ehepaar. Der Herr hatte einen tadellos gepflegten Spitzbart, unter dem er eine große Perle im Schlips trug. Die Dame hatte kostbares Haar, mit Schildpattnadeln befestigt, ihre Hände, die etwas fett waren, blinkten von Ringen. Als sie trank, bemerkte Herr Wenzel, daß beide Eckzähne von reinem Gold waren. Es mußten Leute in guter Lage sein.

Und so war es auch.

Der Herr stellte sich bald vor: Stadtrat Sprechhammer mit Frau aus Hamburg.

Er sprach gern und viel.

Er erzählte Herrn Wenzel, daß er sich nun, nachdem auch seine jüngste Tochter ausgezeichnet verheiratet sei, von seinen Geschäften zurückgezogen habe, viel reise und Kunstliebhaber geworden sei. Denn jetzt hatte er Zeit und Geld dazu. Er unterstützte junge Maler durch Ankauf von Bildern.

Herr Wenzel antwortete wenig. Erstens war es ihm ganz gleichgültig, was der fremde Mann erzählte, zweitens gab es Fisch. Er wollte nicht aus Höflichkeit gegen fremde Hamburger an einer Gräte ersticken.

Herr Sprechhammer nahm sein Schweigen als stummen Beifall auf.

»Ja, sehen Sie«, sagte er, »es ist noch gar nicht gesagt, ob man nicht sogar ein Geschäft damit macht. Auch der Künstler muß klein anfangen. Sie glauben nicht, was für Hungerleider oft die größten Künstler in ihrer Jugend waren.«

Herr Wenzel träufelte sich gerade etwas Remouladensauce auf ein Stückchen Seezunge.

Das Wort Hungerleider ärgerte ihn. Schließlich brauchte man nicht als Millionär geboren zu werden. Was ging das den Mann an, was die Leute früher waren.

»Ich interessiere mich nicht für Kunst«, sagte er.

Dann aß er weiter. Er wurde wieder stumm, wie der Fisch selbst.

»Siehst du, Heinrich«, sagte jetzt die Dame mit den goldenen Zähnen, »alle Leute ziehst du in ein Kunstgespräch hinein. Die Welt hat doch auch andere Interessen.«

»Ich rede, wovon es mir paßt, mein Kind«, sagte der Mann ruhig, aber fest.

»Und ich werde meine Worte auch nicht erst auf die Goldwaage legen, mein Lieber!« rief die Frau darauf rasch.

»Ungewiegt und ungewogen. Rede so lange, wie es dir Spaß macht, mein Schatz.«

»Ich werde sogar noch länger reden, als es mir Spaß macht«, erwiderte die Dame wieder in fliegender Eile.

Dieses lebhafte Gespräch setzte sich nun bis zum Ende der Mahlzeit fort.

Herr Wenzel kam zu der Ansicht, daß auch diese keine der wenigen glücklichen Ehen war, von denen alle Welt sprach und die niemand gesehen hatte.

Und doch? Er sah den Mann an. Er sah die Frau an. Sie waren längst Großeltern, hatten sie erzählt. Aber wie wohl und gesund sahen sie aus. Nur ein ganz Böswilliger hätte sie alt nennen können.

Sollten selbst die nicht glücklichen Ehen solche hervorragenden Erfolge zu verzeichnen haben?

Verdrießlich stand er vom Tisch auf. Er war sich wieder einmal klar, daß das Zusammensein mit Menschen verstimmend wirkte …

Doch er hatte den Herrschaften ausgezeichnet gefallen.

Von dem Reichtum des langen, hagern Herrn hatten sie schon durch Marietta erfahren und waren angenehm davon berührt worden. Man verkehrt nicht gern mit Habenichtsen.

Auch die vornehme Art Herrn Sebastian Wenzels, fast nur zum Essen den Mund zu öffnen, hatte des Herrn Stadtrats größten Beifall.

Er erzählte selbst Herrn Wenzel am Abendtisch, daß er auf seiner letzten Reise einen Herrn zum Nachbar hatte, der ohne Punkt redete. Der ihn einfach nicht zu Wort kommen ließ. Nein, das war kein Umgang für ihn gewesen.

Herr Sprechhammer bedauerte sehr, daß Herr Wenzel sich früh zur Ruhe begeben wollte. Er hatte ihn gebeten, mit ihm zu kommen, um zu sehen, wie die jungen Mädchen tanzten. Nun mußte er mit seiner Frau allein gehen.

Diese zog den Mund spitz.

»Wenn sich die jungen Mädchen nur nicht deinetwegen den Hals ausrenken, lieber Heinrich«, sagte sie, indem sie den Arm des Gatten nahm und eine liebenswürdige Abschiedsbewegung zu Herrn Wenzel machte. Auch Herr Stadtrat Sprechhammer war ein Frühaufsteher.

Als er Herrn Wenzel vor dem Haus stehen fand, faßte er ihn unter den Arm und machte mit ihm seinen Morgenspaziergang.

Wenige Tage später war Herr Wenzel des Stadtrats bester Freund.

Es war Herrn Wenzel mit dieser Freundschaft so ergangen, wie man es sonst der Liebe nachsagt. Sie kam, und sie war da.

Wenn Herr Sebastian Wenzel nicht zu Haus bleiben wollte, mußte er Arm in Arm mit Herrn Stadtrat Sprechhammer gehen. Abends, nachmittags, morgens. Irgendwo wartete sein Freund immer. Herr Wenzel kannte schon alle Mitglieder der Familie Sprechhammer beim Vornamen. Der Stadtrat brauchte nur Emmy zu sagen, und Herr Wenzel wußte sofort, daß von Sprechhammers zweiter Tochter, einmal operiert an Blinddarmentzündung, verheiratet nach Bremen, die Rede war. Oder der Name Lilli fiel, und Herr Wenzel war sich sofort klar, daß es sich um Stadtrats Älteste handelte, die die Kinder Hans, Paul und Lottchen kurz hintereinander zur Welt gebracht hatte und diesen Sommer Moorbäder nehmen sollte.

Wieviel Namen schon allein zu einer Familie gehören, dachte er schreckerfüllt. Sein stark ausgeprägter Ordnungssinn und sein Gefühl für Rechtlichkeit ließen es nicht zu, daß er leichtsinnig über das ihm Erzählte hinweggehen konnte. Er bemühte sich ernstlich, alle Namen auseinanderzuhalten. Und hörte sich vor dem Schlafengehen oft noch einmal genau alles ab, was ihm der Tag aufgegeben hatte. Wie einst zur Schulzeit die Geschichtszahlen. Zum Beispiel also: Emmy – in Bremen, Karoline, die erblich belastete Tante mit den epileptischen Anfällen – Karl, der Neffe in Südwestafrika, der die gelesenen Zeitungen geschickt bekam, was oft fünf Mark Porto kostete. Hanna, Schwester der Frau Stadtrat, Witwe, 51 Jahre und noch lebenslustig wie ein junges Mädchen. Otto, Herrn Stadtrats ältester Bruder, siebzig Jahre alt, Hüne von Gestalt und noch alle Zähne im Mund.

Mit schweren Kopfschmerzen legte sich Herr Sebastian Wenzel endlich zu Bett.

Bei dem Rollen der Wellen und der Rollschuhe sank er in Schlaf. Aber die weitverzweigte Familie Sprechhammer rollte noch durch seine Träume.

Am andern Morgen weckte ihn ein Pfiff. Herr Stadtrat stand vor seinem Fenster im weißen Anzug und weißer Schirmmütze wie ein Sonntagskapitän und rief heiter zu ihm herauf:

»Sie werden doch nicht verschlafen, mein Freund?«

Als sie untergefaßt auf dem weißen Weg dahinschritten, sagte Herr Sprechhammer:

»Wissen Sie, der Morgen ist meine glücklichste Zeit.«

Frau Sprechhammer schlief bis spät in den Vormittag hinein.

»Sind Sie nicht gern mit Ihrer Frau zusammen?« fragte Herr Sebastian Wenzel vorsichtig.

»Lieber Freund, man muß. Man muß. Was man muß, soll man gern tun.« Er seufzte. –

Herr Sprechhammer scherzte sehr gern mit jungen Frauen und Mädchen, was er doch nicht mußte. Er schob ihnen Stühle zu, brachte erfrischende Getränke, half ihnen weiche Tücher um die Schultern legen und scheute sich nicht vor der Mühe des Bückens, wenn es galt, ein pflichtvergessenes Schuhband über einem Seidenstrumpf zuknoten zu helfen.

Wenn man gern tut, was man muß, braucht man noch nicht ungern zu tun, was man nicht muß.

»Kommen Sie mit an den Strand in das bunte Treiben. Ich zeige Ihnen eine kleine Marianne mit goldenen Haaren. Sie werden an einem Vormittag um zwanzig Jahre jünger.« – So versuchte Herr Sprechhammer seinen Freund zu überreden. Er ahnte nichts von Herrn Sebastian Wenzels Abneigungen.

Er sprach so viel von dem Nutzen der Heiterkeit, von Sichzerstreuenmüssen und Jüngerwerden, daß Herr Wenzel sich entschloß, ihn zu begleiten.

Als er mit gemessenen Schritten in den farbigen Kreis von Menschen trat, die sich zwischen der tiefen Bläue von Himmel und Meer in behaglichen Stühlen, Wortspielen und gewandtem Geplauder wiegten, ahnte er nicht, daß ihm sein Reichtum schon vorangegangen war. –

Sonst hätte man vielleicht gesagt, daß er mit seinen langen Beinen, den Schößen des hellgrauen Rockes und der langen Nase wie ein Storch aussah, der gravitätisch seine Voliere verläßt. Weil man aber wußte, was man von ihm zu denken hatte, fand man ihn vom ersten Augenblick an höchst distinguiert.

Neben Herrn Wenzel schritt Frau Stadtrat Sprechhammer in einem duftigen Strandkleid, überzeugt davon, daß sie wie ein junges Mädchen aussah.

Ein Lächeln lag um ihre Lippen. Mit der ganzen verschwenderischen Güte einer Frau, die vier Töchter ausgezeichnet verheiratet hatte, dachte sie: wie glücklich wäre manche Mutter, die Bekanntschaft dieses Mannes zu machen.

Mit liebenswürdigem Stolz stellte sie Herrn Sebastian Wenzel der Gesellschaft vor. Sie wußte, wie neugierig man auf ihn war.

Marietta hatte nicht gespart. Auf einige Millionen mehr oder weniger war es ihr in ihren Berichten nicht angekommen.

Schnell sah sich Herr Sebastian Wenzel von liebenswürdig lächelnden Menschen umringt, die mit ihm plauderten und ihm Artigkeiten sagten.

Er erfuhr, daß manche Menschen gern segelten und manche davon krank würden. Daß das Wetter schön und der Himmel blau, das Meer tief sei. Daß am Abend der Leuchtturm romantisch leuchte und auf dem steilen Weg zu ihm stille Myrten, hoher Lorbeer und Goldorangen in dunklem Laube stehen, ganz wie in Goethes wundervollem Gedicht. Kurz, alle die freundlichen Dinge, die jeder wußte und doch immer wieder gern hörte, über die man stundenlang reden konnte, ohne sich zu erregen, und die den festen Grundzug des weltbeliebten, angenehmen Geplauders geben.

Herr Sebastian Wenzel behielt sein distinguiertes Schweigen bei.

Er sagte nur einmal, als vom Segeln auf hoher See die Rede war:

»Mir scheint, daß man mit solchem Tun sein Leben über Gebühr in Gottes Hand stellt.«

Und er warf nur einmal eine Frage in die Unterhaltung; als er hörte, daß man den Leuchtturmwärter für hundert Jahre alt hielt, erkundigte er sich, ob der Mann verheiratet sei.

Der Herr Assessor, ein junger Mann im weißen Flanellanzug, mit ganz dünnem blondem Schnurrbart über den vollen roten Lippen, fragte, ob Herr Wenzel viele Töchter zu verheiraten habe, weil er sich sogar um das Ledigsein eines Hundertjährigen bekümmere.

Alle lachten. Jeder kleine Scherz war die Alarmtrompete, der ein schmetterndes Gelächter folgte. Herr Wenzel begriff sie nicht. Aber er beneidete sie um ihr gesundes Lachen. Er selbst fand leider solche fürwitzigen Bemerkungen so lächerlich, daß er nicht einmal darüber lächeln konnte.

*

Wir wissen erst immer nachher, was wir getan haben.

Herr Sebastian Wenzel merkte erst nach vielen Tagen, daß er ein festes Mitglied des bunten Schwarms und der gute Bekannte vieler Damen geworden war.

Am ersten Tag hatte er geglaubt, daß es ihm niemals gelingen würde, diese vielen, die alle Ähnliches sprachen und alle ähnlich lächelten, voneinander unterscheiden zu können.

Und jetzt? Nicht im Traum würde er sie verwechseln.

Da war Fräulein von Poschhammer mit ihrer Mutter. Sie behauptete fünfundzwanzig Jahre alt zu sein. Aber da die Mama stolz noch mit ihren sechsundachtzig Jahren seebadete, wollte niemand an das Phänomen glauben. Bei diesen Damen war stets Herr Krüger, ein Berliner Großschlächter, dessen runde, kurze Gestalt ganz mit der Bürgerwürde des zu Geld gekommenen ehrlichen Mannes umgeben war. Der Verkehr mit den adligen Damen tat ihm wohl.

Herr Wenzel wunderte sich darüber. Ihm graute vor der alten Dame. Ehe sie ins Bad ging, nahm sie das würdige Spitzenhäubchen vom Kopf, und man sah einen kahlen Schädel, um den sich ein ganz dünnes Mauseschwänzchen flocht. Dieser Anblick war nicht stärkend und brachte die Gedanken auf Tod und Vergänglichkeit. Äußerlich gefiel ihm am besten die ganz junge goldblonde Marianne Wendland, die mit ihrer freundlichen Mutter hier war. Aber er suchte kein Gespräch mit ihr. Sehr gern unterhielt er sich mit der etwas behäbigen und gesunden Frau Bürgermeister aus Kleinhausen in Thüringen. Sie schlachtete im Winter jede Woche ein Schwein und war anscheinend eine Meisterin in der Wurstfabrikation. Es war Herrn Wenzel hochinteressant zu erfahren, was alles in einer Leberwurst enthalten sein konnte.

Auch über das Alter der Frau Bürgermeisterin dachte Herr Wenzel natürlich nach. Sie war frisch und lebendig, und er vermutete nicht ohne Neid, daß sie viel jünger als er sein müsse. Eines Tages fragte sie in ihrer forschen Art:

»Wie alt sind Sie eigentlich, Herr Wenzel?«

Errötend murmelte Herr Sebastian Wenzel:

»Fünfundfünfzig.« – Sechzig kam ihm im Augenblick ungebührlich hoch vor.

»Da sind Sie jünger als ich«, sagte die rundliche Dame und lachte. »Hier haben Sie es schwarz auf weiß.« Und sie reichte ihm ein Zeitungsblatt.

Es war der Kleinhausener Anzeiger, und Herr Wenzel las die Zeilen, die, mit einem dicken blauen Strich zur Seite, zuerst ins Auge fielen. Sie lauteten:

Heute feierte unsere liebe Frau Bürgermeisterin ihren sechzigsten Geburtstag. Sie wurde beim ersten Frührot von dem vortrefflichen Männerchor unserer bewährtesten Schützengilde zur hohen Feier des Tages geweckt. Die ernsten Männerstimmen sangen erst den Choral: »Alles Fleisch vergeht wie Heu«, dann das schöne Lied: »Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben« und zu guter Letzt den trutzigen Gesang: »Schier dreißig Jahre bist du alt«. Erst als der Gesang verstummt war, erklärte unser hochverehrter, inzwischen das Fenster geöffnet habende Herr Bürgermeister, daß seine verehrte Frau Gemahlin in einem italienischen Seebade weile, um sich zu stärken. Wir wünschen ihr tief ergebenst beste Erholung.

Herr Wenzel faltete das Blatt zusammen und gab es zurück.

»Sehr nett, wenn man so in der Zeitung beschrieben steht, ohne daß man dabei zu sein braucht«, sagte er bedächtig und drückte damit seine ehrliche Meinung aus.

Viel um Herrn Wenzel und seine Freunde Sprechhammer herum war auch die dünne Dame aus der Eisenbahn, von der er nun wußte, daß sie Mathilde Laubwurzel hieß. Sie deutete oft an, daß sie eine Art Bestimmung darin sähe, daß sie schon die Reise hierher zusammen mit Herrn Sebastian Wenzel machte. Und sie schleuderte lockend Lächeln auf Lächeln in das ärgerlich verzogene Gesicht ihres Reisegefährten.

Herr Sebastian Wenzel begriff nicht, warum niemand sie auf den Irrtum aufmerksam machte und ihr sagte, daß sie und er gar nichts miteinander zu tun hätten.

Aber das war eben das merkwürdige, daß keiner dem anderen die Wahrheit zu sagen wagte. Warum sprachen sie dann miteinander und fragten sich um ihre Meinung? Wenn einer abwesend war, konnte es vorkommen, daß über ihn gelächelt wurde; aber vor den Anwesenden hatten sie Furcht.

Wenn Fräulein von Pochhammer sagte: Ich mit meinen lumpigen 25 Jahren, schwiegen alle oder stimmten ihr zu. Warum sagte niemand: Lassen Sie das. Wir haben Augen im Kopf und wissen, wie Leute von fünfundzwanzig Jahren aussehen. Wenn der blondbärtige Assessor, der immer die kleine goldblonde Marianne mit seiner Nähe belästigte, in langer Erzählung berichtete, daß er für einen Raubmörder durch eine Rede von nur zehn Minuten Freisprechung erwirkte, was doch kein Erwachsener glauben konnte, sagte niemand: Erzählen Sie das Märchen vor Kindern. Nein, im Gegenteil, man rief zum Schluß des langweiligen Geschwätzes: Fabelhaft. Das haben Sie großartig gemacht.

Waren die Leute so dumm? Oder taten sie nur so?

Er sprach sich darüber zu Herrn Stadtrat Sprechhammer aus, als sie allein spazierengingen.

»Was ist das denn? Was bezwecken die Leute denn untereinander? Sie bedanken sich unaufhörlich. Ein ewiges Bedanken für nichts und stellen sich zu allem dumm. Nächstens wird die alte Frau Pochhammer, weil sie den alten Schädel unter die Spitzenhaube versteckt hat, vielleicht behaupten, daß sie spät zum Strand kommt, weil sie ihre Locken kämmen muß. Und dann werden sie alle sagen: wir haben stets Ihr schönes Haar bewundert.«

Herr Wenzel war beinahe heftig geworden.

Herr Sprechhammer zog erschreckt seinen Arm aus Herrn Wenzels Arm hervor.

»Aber selbstverständlich, lieber Freund, wird man das tun. Das verlangt der einfachste gesellschaftliche Takt. Ein Mensch, der immer die Wahrheit sagte, wäre gesellschaftlich einfach unmöglich. Das ist doch der erste Schliff, der zur Erziehung gehört. Ich bitte Sie, wo sollte das sonst hinaus?«

Auch Herr Sprechhammer war erregt geworden.

Herr Sebastian Wenzel wollte sich auf keinen Fall durch unnütze Erregung schädigen.

»Nun, man kann wenigstens schweigen«, sagte er hart, aber einlenkend.

Herr Sprechhammer wiegte den Kopf.

»Ja, das kann man natürlich. Aber schließlich – wenn alle schweigen würden« – er zuckte die Schultern – »am Ende ist doch ein Hotel keine Taubstummenanstalt.«

Sie kürzten heute im stillen Einvernehmen ihren Morgenspaziergang ab.

Als Herr Sprechhammer ins Zimmer trat, wo sich seine Gattin für den neuen Tag restaurierte, sagte er, indem er sich mit der flachen Hand über den Scheitel strich:

»Weißt du, liebes Kind, ich mache mir doch ernstlich Gedanken darüber, ob unser Freund Wenzel aus guter Familie ist.«

20

Herrn Sebastian Wenzel hatte die belehrende Entrüstung des Herrn Stadtrat geärgert. Er frühstückte, ehe Herr und Frau Sprechhammer herunterkamen, und ging dann nicht zu dem allgemeinen Tummelplatz am Strand.

Es gab auch abseits einige Plätze. Auf dem Felsen und am Ende der Promenade. Sie waren mühevoller zu erreichen. Sie lagen nicht gerade vor der weißen Front der Hotelbauten.

Heiterkeit und Lachen hatten nicht nötig, sich einen Umweg zu machen und sich zu verstecken. Wohl aber das Leid. Da saß die schwarzgekleidete junge Frau, und zu ihren Füßen spielten zwei stille kleine Mädchen und backten Kuchen aus Sand. Die Frau aber sah auf das Meer und ungeblendet in die brennende Sonne. Ihre glanzlosen Augen sagten: Was soll das noch alles. Wenn der eine fort ist, zu dem man gehört, und der allein das Lachen meiner Kinder verstehen konnte, wie ich? – Und auf den vielen einsamen Bänken saßen zusammengebeugt schwarze Gestalten. Unheimlich zwischen dem hellen Licht und dem strahlenden Blau.

Den Augen, die sich rasch wieder abwandten, sah man es an, daß sie lange gekühlt worden waren, ehe sie sich wieder in den hellen Tag wagten.

Herr Sebastian Wenzel fühlte einen Druck im Magen, als hätte er etwas schwer Verdauliches geschluckt. Trauer und Unglück zuzusehen, war niederdrückend, unbehaglich, beklemmend wie schwüles Regenwetter. Wenn man sich dem Leben erhalten wollte, mußte man seine Gedanken gewaltsam davon abwenden.

Und wenn die Gedanken fortwollen, muß der Körper gehorchen. Herr Sebastian Wenzel kehrte kurz entschlossen um und ging mit raschem Schritt dem bunten, belebten Stück Strand zu, wo man sich nur Freundliches sagte und von dem das Lachen bis hier zu ihm herauftönte.

Auf halbem Weg kam ihm Fräulein Mathilde Laubwurzel entgegen.

Es war kein Zufall, daß sie ihm hier zufällig begegnete, aber sie tat so.

»Hier also findet man den einsamen Denker«, sagte sie geziert, kehrte ohne Aufforderung neben ihm um und begann zu erzählen:

»Eine neue Dame ist angekommen. Eine Gräfin mit einem zahmen Affen, einem eigenen Masseur. Sie ist kolossal stark parfümiert. Ich möchte wetten, selbst ihr Schatten riecht nach Heliotrop. Eigentlich sollte das nicht gestattet sein. Wenn jeder das täte.«

»Jeder kann sich seinen Geruch vorbehalten«, sagte Herr Wenzel, »das interessiert mich gar nicht.«

»Ihre Schelmerei ist unvergleichlich, Sie böser Mann«, flüsterte Fräulein Laubwurzel mit spitzen Lippen.

Sie waren nun schon vor den Augen der andern.

Wie ein Häuptling den lang gesuchten weißen Gefangenen führte Fräulein Laubwurzel Herrn Wenzel in den Kreis.

Es war schwül heute. Die Sonne blendete. Das Meer war träge, und träge waren auch die Gedanken. Man scherzte heute nicht, sondern war philosophisch gestimmt.

»Man sollte nicht glauben, daß es so viel Wasser gibt«, sagte die Frau Bürgermeisterin. Ihr Blick war auf das Meer gerichtet.

»Ja«, sagte Frau Sprechhammer, »und dabei muß man bedenken, daß man nur das sieht, was an der Oberfläche ist.«

»Und doch ist die Welt so klein«, bedauerte Fräulein von Pochhammer, der es in der Hitze doppelt mühevoll war, wie 25 Jahre auszusehen. »Man merkt es auf der Reise am besten. In jedem Hotel trifft man irgend jemand, dem man schon einmal begegnet ist.«

»Ja, das ist wahr«, sagte der Großschlächtermeister. »Sie glauben nicht, wie viele alte Bekannte vom Viehhof ich in Monte Carlo getroffen habe. Ich dachte oft: Na, Krüger, bist du nun im Schlachthaus, oder wandelst du unter Palmen?« Und er lachte, und die ganze Zufriedenheit des ehrlichen Mannes, der, wie jeder sehen konnte, zu Geld gekommen war, lachte mit.

Weniger seine Zuhörer. Er war nur ein geduldeter Verkehr. Aber er wußte es nicht und konnte es auch nicht ahnen. Er selbst hielt sich für einen prächtigen, gediegenen Kerl, wie es nicht viele gibt.

Fräulein Laubwurzel war aufgestanden und inspizierte wie ein Leuchtturm die Wasserfläche.

»Ist sie schon im Bade?« rief sie aus und riß das Lorgnon von den Augen, um es sofort wieder auf die Nase zu haken.

»Ist sie schon im Bade?« wiederholte sie.

Sie meinte die neue Gräfin, deren Schatten nach Heliotrop roch.

Frau Sprechhammer wußte sofort, daß von niemand anderm die Rede sein konnte.

»Ja«, sagte sie, »natürlich – und dekolletiert bis zum Magen.«

Frau Stadtrat hatte leider einen Kropf und schockierte sich daher über den kleinsten Kleiderausschnitt.

»Wie heißt sie denn?« fragte Fräulein Laubwurzel und behielt ihre Schildwachstellung bei.

»Gräfin Quithof«, sagte Frau Stadtrat und zuckte die Schultern.

»Und sonst, der Vorname?« fragte Fräulein Laubwurzel in schneller Unersättlichkeit.

»Steht nicht im Fremdenbuch«, entgegnete plötzlich die ganz alte Frau Pochhammer mit ihrer tiefen Stimme, die aus dem zahnlosen Mund wie aus einem Grab kam.

»Steht nicht im Fremdenbuch«, wiederholte sie in demselben Tonfall. So, wie es Kinder und Greise oft tun. Die anderen übersahen sie meist, aber ihre Anteilnahme am gesellschaftlichen Leben war noch keineswegs erstorben. Ganz im Gegenteil.

»Das Äffchen heißt Lulu«, sagte Fräulein von Pochhammer.

»Und der Masseur Petersohn«, fügte Herr Krüger kräftig hinzu und zeigte damit, daß er mit der Gräfin ebensogut Bescheid wußte, wie irgend jemand andres.

Herrn Sebastian Wenzel mißfiel es immer, wenn viele zusammen redeten. Er behielt sein distinguiertes Schweigen bei und blickte ebenfalls auf das viele Wasser, von dem man nur die Oberfläche sah.

Auf dieser Oberfläche schwamm etwas, das ihm besser gefiel als dieses Geschwätz hier. Das waren goldene, aufgelöste Haare, die wie Sonnenstreifen auf dem Wasser schwammen. Gold war Herrn Sebastian Wenzel niemals ein Dorn im Auge gewesen. So wie es ihm zum Beispiel die jungen Mädchen waren.

Und doch war es keine Perücke, die dort auf dem Wasser schwamm. Zu den Haaren gehörte das schlanke Mädchen Marianne Wendland.

Gestern hatte Herr Wenzel sie das erstemal recht in der Nähe gesehen und einige Worte mit ihr und ihrer Mutter geplaudert. Sie hatte große graue Augen mit braunen Pünktchen und trug die goldenen Haare als eine Krone über der glatten weißen Stirn. Ihren langen, schlanken Hals durchschnitt ein feines Goldkettchen, und eine schmale, sich biegende Gestalt gehörte an diesen Hals und Kopf.

Alles dies hatte Herr Sebastian Wenzel erstaunt betrachtet, während des jungen Mädchens Mutter liebenswürdig und höflich fragte, ob er Witwer sei und an welcher Krankheit seine liebe Frau verschieden sei.

Herr Wenzel war mit seinen Betrachtungen gerade bis zu den kleinen Füßen gekommen. Er zog die Augenbrauen hoch. Da saßen die kleinen Schuhchen aus Schlangenhaut, von denen er den einen in Händen gehalten hatte. Die winzigen Zwerge schienen wirklich zu passen.

Mariannes Mutter wiederholte ihre liebenswürdige Frage und sprach nun im lauten Rufton mit dem alten reichen Herrn, der offenbar schwerhörig war.

»Meine Frau ist nicht gestorben«, sagte Herr Wenzel erschreckt. »Ich habe nie eine gehabt.«

»Aha!« schrie Frau Wendland. »Also ein Hagestolz.«

Warum schreit sie nur so mit mir, dachte Herr Sebastian Wenzel und sah wieder auf die grünen Schuhe. Das junge Mädchen gähnte leicht und sah über das Meer. Es war ihr gleichgültig, was die Mama und der alte Onkel zusammen sprachen.

Herr Wenzel, der Schweigsame, aber wandte sich ihr zu und sagte:

»Sie haben reizende Schuhchen, liebes Fräulein. Ich habe sie schon früher bemerkt.«

Das Mädchen lachte, und dann sagte sie mit einer tiefen, schwingenden Stimme:

»Siehst du, Mama, und du findest sie häßlich.«

Und dann schwieg sie wieder, spielte mit dem Kettchen am Hals und sah auf das Meer.

Aber Herr Wenzel wollte noch etwas reden, und so wendete er sich nach einer Weile wieder zu Fräulein Marianne und sagte:

»Sie sitzen gut? Drücken sie nirgends?«

Das Mädchen blickte ihn erstaunt aus den klaren Augen mit den braunen Pünktchen an und sagte:

»Wie?«

»Sie sitzen gut? Drücken sie nirgends – die kleinen Schuhe?« Und er lächelte steif.

»Ach – so, die Schuhe.« Das Mädchen lachte ein kurzes Möwengezwitscher, und lächelnd fügte sie hinzu:

»Sie sitzen mir wie angegossen. Der Schlange selbst konnte diese bunte Haut nicht besser passen.«

Dann rief die Tischglocke, und alles hatte sich getrennt.

»Vielleicht war der reiche Herr einmal Schuhmacher?« sagte Marianne, als sie mit ihrer Mutter zum Speisesaal ging.

»Das wäre noch keine Schande«, erwiderte diese ernst. Keine Mutter, die noch Schwiegermutter werden kann, hätte in diesem Fall anders gesprochen.

Das war gestern gewesen.

Und nun saß Herr Wenzel und betrachtete das Gold auf dem Wasser. Er dachte, daß solch Gold eigentlich mehr bedeutete als das harte Gold, um das alle Menschen Frondienst taten. Es gehörte einem Menschen ganz allein für sich und konnte auch nur ihn allein schmücken.

Den ganzen Vormittag plätscherte die Jugend da draußen im Wasser herum. Herr Stadtrat Sprechhammer war immer munter mit dabei.

Fortdauernd klang Lachen von dort herüber.

Herr Sebastian Wenzel wußte jetzt, was seinen Freund jung erhalten hatte: Das Zusammensein mit der Jugend. Nichts anderes.

Selbstverständlich mußte ihre Heiterkeit von größerem hygienischem Vorteil sein, als das neidische Geschwätz von alten Weibern.

Lachen ist der Gesundheit außerordentlich zuträglich. Junge Leute lachen. Nichts war einfacher als dies Exempel.

Gerade jetzt zwitscherte es dort wieder über dem Wasser, als ob sich eine Möwe zum Himmel aufhob. – Die Damen steckten die Köpfe zusammen.

Die neue Gräfin verließ das Bad. Ein kurzes schwarzes, glänzendes Badekostüm umschloß eine schlanke, aber volle Gestalt.

»Seide oder Alpaka!« rief Fräulein Laubwurzel und fuchtelte mit ihrem Lorgnon erregt vor den hungrigen Augen.

»Gediegene Seide«, sagte Frau Sprechhammer, die durch ein Opernglas sah.

Nicht allein aus Neugierde benutzte sie diesen Ferngucker. Eine Ehefrau braucht manchmal verschärfte Augen, um besser sehen zu können, was sie besser nicht sehen sollte. Sie seufzte.

Dicht hinter der Gräfin verließ auch der Herr Stadtrat prustend die feuchte Flut.

Auch die goldenen Haare verschwanden. Die Mittagszeit rückte heran.

Herr Wenzel bemerkte, daß Haare von einer solchen Farbe auch ungekämmt nichts Abstoßendes hatten. Er dachte an seine Schwestern – wenn diese solche goldene Fülle besessen hätten –

Frau Bürgermeister Kleinhausen machte sich Vorwürfe, daß sie sich heute gar nicht um ihren alten Freund gekümmert hatte.

Sie kam zu ihm herüber, klopfte ihm, der ganz in diese und ähnliche Gedanken versunken war, auf die Schulter und sagte:

»Denken Sie, mein guter Mann schreibt mir, daß wir in dieser Woche achtzehn Ferkel bekommen haben. Das gibt mehr als eine gute Wurst, mein Freund.«

Und nun begannen wieder Mett- und Leber- und Dauerwürste um Herrn Wenzel zu tanzen; bis es Mittag läutete.

21

Am andern Morgen schien Herrn Sebastian Wenzel das Wetter noch schwüler zu sein als den Tag zuvor. Er sah nicht ein, warum er nicht auch baden sollte. So gut wie jeder andere. So gut wie der Herr Stadtrat. Er war nicht fett und nicht gebrechlich. Seine Jahre waren ihm auch nirgends auftätowiert.

Sein Arzt hatte erlaubt, an warmen Tagen ein kurzes Seebad zu nehmen. Und die Ärzte aller dieser Leute mußten Seebaden für gesund halten.

Er beschloß, sich einen Badeanzug zu kaufen und dazu Herrn Sprechhammer als Ratgeber mitzunehmen.

Herr Stadtrat pfiff vor dem Fenster, und Herr Sebastian beeilte sich hinunterzukommen.

Herr Sprechhammer griff Herrn Wenzel unter den Arm und sagte eifrig: »Verstehen Sie sich auf Affen? Wissen Sie, was man solchem Tier am Morgen mitbringen kann? Um ihm eine Freude zu machen?«

Herrn Sebastian Wenzel wurde unbehaglich zumute.

»Was meinen Sie mit Ihren Worten?« sagte er und machte seinen Arm frei.

»Also, Sie wissen auch nichts«, erwiderte der Stadtrat. »Sie ist ein süperbes Weib. Mit dem Masseur kann man nicht sprechen. Er ist Schwede. Er spricht nicht deutsch. Ich dachte, wenn man durch den Affen die Bekanntschaft machen könnte. Man bringt ihm Zucker. Die Herrin muß sich bedanken. Die Freundschaft ist geschlossen. Und wenn erst einmal die Freundschaft da ist … Oh, ich habe die ganze Nacht von ihr geträumt.«

In dieser Weise schwatzte Herr Sprechhammer ununterbrochen, während sie am Meer dahinschritten.

Herr Wenzel dagegen sah oft über das Wasser und dachte an sein Vorhaben.

»Ich wollte heute auch mit dem Baden beginnen«, unterbrach er seinen Begleiter.

»Tun Sie das! Tun Sie das! Sie werden sie in der Nähe sehen. Sie werden sehen, sie ist mollig vom Kopf bis zu den Füßen.«

»Glauben Sie, daß es mir zuträglich sein wird?« fragte Herr Wenzel bedächtig.

»Was denn? Wie denn zuträglich? Ach so, das Baden? Ausgezeichnet wird es sein. Für jeden ist es ausgezeichnet, der nicht herzkrank ist. Sie sind doch nicht herzkrank?«

»Nein, bewahre doch!« sagte Herr Wenzel heftig. Schon eine solche Vermutung war ihm widerlich.

Auf dem Rückweg kauften sie an einer Strandbude ein Badekostüm. Herr Wenzel wollte das teuerste haben, das es gab.

Herr Stadtrat bemerkte in der Nebenbude Nüsse in einem Korb und rief erfreut:

»Nüsse, richtig. Das ist etwas für Affen. Herr Gott, ich bin doch beinah zu Haus im Zoologischen Garten. Wir haben doch einen Musterpark in Hamburg. Wie konnte ich das vergessen. Nüsse, natürlich, Nüsse!«

Und er kaufte eine große Tüte voll Nüsse für den Affen der schönen Frau Gräfin.

Er ahnte nicht, daß diese Nüsse niemals in die Pfoten des Äffchens kommen würden, sondern als Beispiel für die Fallgesetze dienen sollten. Schon eine halbe Stunde später flogen sie mit gleichmäßig beschleunigter Geschwindigkeit aus dem Fenster des stadträtlichen Zimmers. Frau Stadtrats wohlgepflegte Hände hatten sie in diesen Schwung versetzt.

»Was gehn dich anderer Leute Affen an, mein Teurer?« hatte sie gesagt. »Hast du mir jemals etwas von deinen Spaziergängen mitgebracht?«

Herr Stadtrat schwieg dazu, denn er rasierte sich sorgfältig vor dem Spiegel. Nur die Augen, die aus dem weißen, seifenbeschäumten Gesicht funkelten, redeten eine stumme Sprache.

Indessen saß Herr Wenzel allein am Frühstückstisch. Nachdenklich blickte er auf die dampfende Kaffeetasse.

Je näher das Bad rückte, um so unheimlicher wurde ihm zumute.

Vor fremden Leuten sollte er baden? Würden die jungen Mädchen am Ende über ihn kichern? Diese jungen, übermütigen Dinger, denen nichts heilig war?

Es schien ihm, als ob sein Herz unruhiger, stärker klopfte als sonst. War er vielleicht doch herzkrank? Was wissen die Menschen schließlich von ihren Leiden? Wenn jeder wüßte, was ihm fehlte, gäbe es keinen Irrtum auf der Welt.

Marianne Wendland hüpfte lachend durch den Saal und zur Terrasse hinaus, an den Strand hinunter. Sie hatte ein rotes Mützchen auf dem blonden Kopf, das wie eine Mohnblume zu dem tiefen Blau von Meer und Himmel leuchtete.

»Guten Morgen, Herr Wenzel! Nun gehts in die Flut!« hatte sie gerufen, als sie vorbeiflog.

Herr Sebastian Wenzel fand, daß dieses junge Mädchen ein liebenswürdiges Naturell habe.

Aber sein Herzklopfen hatte sich nicht gelegt, eher verschärft.

Ging er vielleicht bei diesem Bad in sein sicheres Verderben? Gesundheit hoffte er sich zu holen und fand einen raschen, vorzeitigen Tod?

Rührung und Schmerz über sich bewegten ihn.

Aber da kam Herr Stadtrat in einem blütenweißen Anzug und roter Krawatte auf gelbseidenem Hemd und riß ihn aus seinen Träumen.

Er goß sich hastig Tee ein, ließ den Löffel heftig in der Tasse kreisen und begann sofort zu sprechen.

»Ich werde die Nüsse nicht dem Affen bringen. Ich werde lieber versuchen, mich im Bad an die Herrin selbst zu schmuggeln. Oder – da habe ich einen großartigen Gedanken. Sie baden doch auch heute? Sie vermitteln die Bekanntschaft. Sie sagen: Verzeihung, Gnädigste, mein Freund möchte Sie gern kennenlernen. Er interessiert sich so sehr für kleine Affen. Dann trete ich heran und sage: Nicht nur allein für kleine Affen, meine Gnädigste. Und dann ist die Sache gemacht. Dann können Sie gern aus dem Wasser gehen, wenn es Ihnen kühl werden sollte. Ganz sans gêne, mein Lieber. Man muß nichts Unbilliges von seinen Freunden verlangen. Ich wenigstens bin nicht imstande, so zu verfahren. Aber natürlich, nicht alle sind so, wie sie sein sollten.«

»Ich werde sogar hinausgehen, ehe mir kühl wird«, sagte Herr Wenzel.

Herr Stadtrat hätte gern eine ausführliche Antwort auf seinen Vorschlag erhalten. Aber er kannte ja jetzt Herrn Sebastian Wenzel.

Gar zu schweigsam, gar zu schweigsam – dieser Mensch, dachte er ärgerlich, während er die Serviette zusammenlegte und, sich erhebend, sagte:

»Also denn hinaus zu Sand und Strand.«

Herr Sebastian Wenzel saß unschlüssig auf den Stufen vor seiner Badekabine und sah ins Wasser. Der schwarze Trikotanzug umschloß ihn fest, und jeden Augenblick konnte das Bad beginnen. Es hätte vielleicht auch schon begonnen, wenn nicht gerade jetzt eine große Qualle durch das klare Wasser segelte. Sie drehte sich wie eine Dame, die ihr neues Kleid auf der Promenade zeigt. Widerlich. Übrigens konnte einem dieser Gallerthaufen ein für allemal verleiden, Lachs in Aspik zu essen.

Herr Wenzel wartete nun, bis die Qualle sich entfernt hatte.

Draußen schwamm schon Marianne Wendlands Kopf wie eine kleine Sonne auf dem Wasser. Neben ihr tauchte und sprang der junge Assessor, der die Raubmörder in zehn Minuten freisprach. Man hörte seine zufriedene Stimme ununterbrochen über das leichtgekräuselte Wasser schallen. Nur in den Sekunden, in denen er den Kopf unter Wasser hatte, war Ruhe.

Herr Wenzel schüttelte mißbilligend den Kopf. Der Mensch sollte die Natur nicht verbessern wollen, aber – es war doch unüberlegt eingerichtet, daß jeder so viel schwatzen konnte, wie er wollte. Genau, wie der Mensch nur eine bestimmte Anzahl Zähne im Munde hatte, sollte er auch täglich nur über eine bestimmte Anzahl sprechbarer Silben verfügen können. Hatte er die verbraucht, mußte er schweigen. Wobei der Welt gewiß in den meisten Fällen nichts verlorenging. Alles im Leben, im ganzen Weltall, war halbwegs zu berechnen, nur nicht wieviel die Menschen schwatzen durften. Wie die Windmühlen schnurrten an allen Orten die Münder.

Die Qualle war davongeschwommen.

Herr Wenzel erhob sich, setzte sich aber sofort wieder.

Ein berauschender Heliotropduft überströmte ihn: Die Frau Gräfin ging lächelnd an ihm vorüber ins Wasser. Auf ihrer Schulter kratzte sich in gebückter Greisenstellung das Äffchen. –

Herr Sprechhammer kam eilig aus seiner Badehütte und rief:

»Nun, hinein, mein Freund. Jetzt oder nie. Sofort hinter ihr her.«

Herr Wenzel, rührte sich nicht. Seine Augen hingen an dem Affen, der auf der bloßen runden Frauenschulter kauerte.

»Nimmt diese Dame das Tier mit ins Wasser?« fragte er entrüstet. »Denken Sie, daß ich mit einem Affen zusammen bade? Wir sind doch hier nicht Bestandteile einer Menagerie?«

»Lieber Freund, ich gehe«, erwiderte Herr Stadtrat ungeduldig, und schon durchfurchten seine behaarten Beine mit langen Schritten das Wasser.

Die Dame schäkerte mit ihrem Äffchen, ließ ihn an einem hellblau seidenen Bändchen über ihren Arm ins Wasser hüpfen und neckte sich mit ihm.

Herr Wenzel erhob sich, zog sich in die Badezelle zurück und kleidete sich an. Er ging über den sonnigen Strand hinauf zum Hotel. Dort verlangte er wieder einmal den Direktor zu sprechen. Alles konnte man sich nicht bieten lassen.

Er mußte etwas warten.

Mit einer Beschwerde kommt man wohl nie gelegen. Aber das war ein ganz besonders ungünstiger Augenblick für ein solches Geschäft.

Der Direktor war in heller Verzweiflung. Vor wenigen Augenblicken hatte man ihm beide Köche geraubt. Sie waren in Streit miteinander geraten, und der eine hatte dem andern eine Pfanne mit siedendem Öl über den Kopf gedeckt. Nun war der eine ins Hospital und der andere ins Gefängnis gebracht worden. Der Direktor hatte den Gendarmen flehentlich gebeten, ihm den Gefangenen noch bis über Mittag hierzulassen. Wenn es sein mußte, an schwerer Fußkette, aber vor dem Herd. Doch man hatte ihn mitleidlos abgeführt. In allen Töpfen pruzelte es. Und die Küche war ohne Köche. Alles, was vom Personal nur einmal in seinem Leben in einem Kochbuch geblättert hatte, mußte jetzt helfen.

Da kam der lange reiche Herr schon wieder mit einer Beschwerde. Um was, um des Himmels willen, konnte es sich diesmal handeln? Heizen würde er wohl bei dieser Witterung nicht wollen. Cesare war längst entlassen worden. Nicht, weil er mit den Fingern in seiner Nase grub. Die war schließlich sein Eigentum, und er konnte mit ihr machen, was er wollte. Sondern weil er die Finger auch häufig in die Büfettkasse gesteckt hatte. – Also, was konnte geschehen sein?

Der Direktor goß rasch noch einen guten Liter Wasser an die Bouillon, zog den repräsentierenden Gehrock über Hemd und Hosenträger und eilte die Treppe hinauf.

»Mein Herr?« fragte er, sich verbeugend, und wie angummiert saß auch im selben Augenblick das rosige Lächeln unter seinen Augen.

Herr Wenzel holte Atem. Dann sagte er schwer:

»Ich beabsichtigte, ein Seebad zu nehmen, mein Herr.«

»Ausgezeichnet!« rief der Direktor. »Das Wetter ist heute wie geschaffen dafür. Wenn ich Ihnen raten darf, verlieren Sie keinen Augenblick, mein Herr. Der Mittag ist immer schneller da, als man glaubt.«

Er unterdrückte einen Seufzer und dachte an die Küche. Roch es nicht schon angebrannt? Er lächelte noch stärker, während er vorsichtig die Luft zu durchschnüffeln suchte.

»Ich sagte, daß ich baden wollte. Aber ich werde es nicht tun. Ein Affe verunreinigt dort das Wasser. Es ist ein Skandal, daß so etwas erlaubt ist. Ich verlange, daß Sie der Dame untersagen, Affen in das Bad mitzunehmen.«

Der Direktor sah bestürzt aus.

»Aber werter Herr, das kann ich nicht. Ich gestatte allen Herrschaften, mit ihren Tieren zu baden. Das schadet ja auch gar nichts. Das Wasser leidet durchaus nicht davon. Seien Sie überzeugt, mein Herr, man kann in das Meer so viel Schmutz hineintun, wie man will, es bleibt sauber. Das ist ja gerade eine der vorzüglichsten Qualitäten unserer Meere«, versicherte er eifrig.

»Ich danke für solche Qualitäten«, sagte Herr Sebastian Wenzel gereizt, drehte sich um und ging. Er fühlte, daß er bald sehr heftig werden würde, und er wollte nicht selbst dazu beitragen, seine Gesundheit zu untergraben.

Als er in den Flur trat, stieß er auf Herrn Stadtrat, der mit lächelndem, gerötetem Gesicht und feuchtem Bart auf sein Zimmer eilen wollte, um sich hier zum Mittagessen umzukleiden.

»Ich habe sie gesprochen«, flüsterte er – »gerade noch; als sie wieder aus dem Wasser steigen wollte.

›Lieben Sie die Affen, Gnädigste?‹ fragte ich und krabbelte dabei pro forma das Äffchen ein bißchen.

›O ja‹, sagte sie und lächelte mich an.

›Aber die Affen machen doch alles nur den Menschen nach‹, sagte ich. Und was antwortete sie da? Was glauben Sie?

›Ich finde, die Menschen machen alles den Affen nach‹, antwortete sie da lächelnd.

Das Weib hat nicht nur Geist, sage ich Ihnen, das Weib hat Esprit. Aber ich muß hinauf. Auf Wiedersehen bei Tisch. Sie sehen auch ganz frisch aus von Ihrem Bad. Auf Wiedersehen, mein Freund.«

Und er eilte die Treppe hinauf.

Herr Wenzel sah ihm ärgerlich nach.

So sind die Menschen, dachte er. Einen Affen krabbeln sie pro forma, wenn sie sich Vorteil davon erwarten, aber daß ein Mensch, mit dem sie dreimal des Tags zu Tisch sitzen, aus Verdruß um sein kühlendes, stärkendes Bad kam, merken sie überhaupt nicht.

Sein Ärger nahm zu.

In einer halben Stunde wird es Mittag sein. Und dann mußte er vielleicht wieder von dieser Gräfin und ihrem Affen hören. Nein, das paßte ihm nicht.

Er erinnerte sich, daß jemand aus der Gesellschaft erzählt hatte, daß man in dem nahen Dorf ganz vorzügliche Pilze, unvergleichlich zubereitet, bekäme. Man ißt sie neben einer Lorbeerhecke und trinkt köstlichen Wein dazu. Sebastian verließ das Haus.

Er fand das Wirtshaus und die Lorbeerhecke und ließ sich im kühlen Schatten nieder. Er wischte sich die Tropfen von der Stirn und dachte zufrieden: Schließlich ist man nicht in Italien, um mit einem Hamburger Stadtrat über mollige Frauen und Affen zu sprechen.

Aber als die Wirtin kam, lächelte sie wohl international, doch was sie sprach, verstand Herr Sebastian Wenzel nicht. Was er redete, begriff sie wieder nicht. Sie lächelte nur.

Dabei fühlte Herr Sebastian von Sekunde zu Sekunde deutlicher, daß er starken Appetit habe. Denn eine nicht zu bestreitende Roheit des Lebens ist, daß Ärger oder Unglück hungriger machen als Freude oder Glück.

Ein Huhn flatterte auf den Tisch, und die Frau erklärte ihrem Gast pantomimisch, daß sie ihm diesen Vogel braten wolle.

Herr Wenzel nickte. Etwas mußte er schließlich essen. Das Huhn blinzelte ihn an und flatterte vom Tisch herunter. Die Frau griff es und verschwand mit ihm. –

Nun war wieder Schweigen in und über der Lorbeerhecke.

Auf einem Kriegsschiff im Hafen heulten die Sirenen Mittag.

Herr Wenzel zog die Augenbrauen hoch. Er fühlte es im Magen, daß es Mittagszeit war, das brauchte ihm niemand anzumelden.

Er begann ein wenig am Brot zu knabbern.

Nach einer halben Stunde, in der er sich gegen Hunger und Schläfrigkeit tapfer gewehrt hatte, klopfte er heftig auf den Tisch. Er wollte doch auch die berühmten Pilze haben.

Die Frau erschien, und Herr Wenzel verstand, daß sie ihm auf Ehre und Gewissen versicherte, daß das Huhn bald fertig sei.

Aber er wollte Pilze dazu haben. Er machte Zeichen in die Luft, um die Umrisse eines Pilzes zu beschreiben. Er bückte sich und zeigte auf die Erde, um der Frau begreiflich zu machen, daß er etwas wünschte, das dicht über dem Boden wachse.

Aber die Frau lächelte und schüttelte den Kopf zu allem, bis sie wieder zu dem bratenden Huhn rannte.

Bald darauf kam sie zurück. Auf einer weißen Schüssel lag das Huhn, knusprig gebraten, mit Kopf und Augen und gelbem Schnabel.

Da lag es, als habe es sich nur zu einem kleinen Mittagsschläfchen ein wenig auf die Seite gedreht.

Herr Wenzel erwartete ängstlich, daß es wieder mit den Augen blinzeln werde, wie vor kurzem.

Nein, das konnte er nicht essen. Dazu mußte, er noch einmal auf die Welt kommen, und als Indianer.

Er stocherte ein wenig in den Bratkartoffeln herum, die das Kopfkissen des schlummernden Huhnes bildeten, und überlegte verzweifelt, wie er zu den berühmten Pilzen kommen könnte.

Er beschloß noch einen letzten Versuch zu wagen. Er holte Taschenbuch und Bleistift hervor und zog sorgsam einen Halbkreis, an den er einen dicken, schwarzen Strich hing. Dies Blatt zeigte er der lächelnden Frau. Ein Blinder mußte sehen, daß dies ein Pilz sein sollte.

Über das braune Gesicht der Frau glitt auch sofort ein freudiger Schimmer des Verständnisses. Sie eilte davon.

Wenige Augenblicke später kam sie mit einem großen grünen Schirm wieder.

Da bezahlte Herr Sebastian Wenzel das arme tote Huhn und ging.

Auf dem Rückweg wurde der hungrige Herr Wenzel an die alte Weisheit erinnert, daß die Sonne um Mittag keinen Schatten wirft.

Endlich war er in seinem Zimmer. Er verdunkelte die Fenster und versank in tiefen Schlummer.

Als er erwachte, war es Abendbrotzeit, und er aß mit wundervollem Appetit, trotzdem Herr Sprechhammer von nichts anderem sprach als der Gräfin mit dem Affen.

Sie hatte das Äffchen einem Leierkastenmann abgekauft, der es geschlagen hatte. Sie hatte also nicht nur Esprit, sondern auch Herz. Warum und woher sie den Masseur hatte, wußte Herr Stadtrat noch nicht.

»Wenn ich nur wüßte, was dich anderer Leute Affen und Masseure angehen«, sagte Frau Stadtrat kühl und verweisend.

Wenzel aber ließ es sich schmecken, dachte an die heiße, fliegenumsurrte Lorbeerhecke mit dem toten Huhn und dem grünen Regenschirm und sagte sich:

»Man muß Nachsicht haben mit sich und mit andern.«

Er trieb seine Nachsicht so weit, daß er sich nicht wie sonst des Abends zurückzog, sondern auf die Veranda ging, wo die Gäste im Mondschein und in bequemen Stühlen rauchten, Kaffee tranken und Reiseeindrücke auswechselten. Sie erzählten, wo sie ein falsches Geldstück bekommen hatten, oder wieviel Pfennige die Tasse Kaffee in andern Hotels kostet. Wie sie an manchen Plätzen der Welt vom Regen, an andern von Mücken geplagt wurden, wieviel Stunden Verspätung oft ein Zug haben konnte und andre mehr oder weniger wahre Tatsachen ihrer Fahrten. Denn, wer eine Reise tut, kann was erzählen.

Die jungen Leute saßen meist nur wenige Augenblicke zwischen den Plaudernden, um sich vom Tanz auszuruhen. Dann sprangen sie davon und verschwanden in der Richtung, aus der die gedämpften Klagetöne gequälter Geigen herüberklangen.

Aber die blonde Marianne Wendland saß heute still und schweigsam neben ihrer Mutter und Herrn Sebastian Wenzel und blickte ernst auf das weißglitzernde Wasser.

Es gefiele ihr heute besser hier als in den heißen Sälen, sagte sie.

Herr Wenzel fand das junge Mädchen außerordentlich wohlerzogen und angenehm. Er hatte nicht geglaubt, daß es solche Mädchen gab.

Sie saßen ein wenig abgesondert von den andern, und der Abend verlief ruhig und mit wenigen Worten, durchaus angenehm.

Fräulein Laubwurzel war nicht da, und der plappernde Assessor war abgereist.

Herr Wenzel teilte die Freude über sein Verschwinden dem kleinen blonden Mädchen an seiner Seite mit. Aber sie antwortete nichts darauf und spähte weiter hinaus über das Wasser, als wollte sie das andre Ufer des Meeres ergründen.

Sie hatte recht. Sie beschämt mich, dachte Herr Sebastian Wenzel. Man spricht nicht schlecht über Abwesende. Er sah zum zweitenmal heute ein, daß er noch manchen Fehler abzulegen hatte. Das junge, zierliche Wesen hier neben ihm stand weit über ihm in Nachsicht und Geduld. Das hatte er nicht eben erst erfahren. Das zeigte schon das sanfte Gesicht und die freundlichen grauen Augen mit den braunen Pünktchen.

Er nahm sich vor, nicht allein auf seine Gesundheit, sondern auf sein ganzes Wesen achtzugeben.

22

Gute Vorsätze leiden meist an dem Fehler, daß sie bleiben, was sie sind, daß sie keine Weiterentwicklung haben. Das Leben erschwert ihre Ausführung meist über Gebühr.

Nachsichtig gegen sich selbst zu sein läßt sich allenfalls durchführen. Wir kennen uns von klein auf, wissen die Wurzeln unserer Handlungen und Gedanken und bringen uns im allgemeinen keine besondere Antipathie entgegen.

Wie selten aber trifft das andern Leuten gegenüber zu.

Als Herr Wenzel am nächsten Morgen nach erquickendem Schlaf heiter und mit allen guten Vorsätzen seine Tür öffnete und sich nach seinen Stiefeln bückte, sah er sofort, daß sie schlecht gebürstet waren.

Er wurde sehr ärgerlich auf den Hausdiener und beschloß, ihm bei der Abreise weniger Trinkgeld zu geben.

Mit Recht und mit Unrecht. Schließlich ist ein Stiefelputzer auch ein Mensch. Weil Marietta heute neben ihm Kartoffeln schälte, hatte er mehr in ihre blanken Augen als auf den Glanz der Stiefel gesehn.

Aber das wußte Herr Sebastian Wenzel nicht. Er wußte nur, daß er keine halbverstaubten Schuhe anzog, daß er nach andern suchen, die Schranktür quietschen lassen und sich bücken mußte.

Ärgerlich warf er die ungenügend gereinigten Schuhe wieder vor die Tür.

Da fiel ein Brief aus ihnen heraus. Herr Sebastian Wenzel hob ihn auf, nahm ihn in das Zimmer und ging an das helle Fenster.

Es war ein hübsches Kuvert, und reich verschnörkelt stand sein Name darauf.

Er ging zum Tisch, holte das Falzbein, ritzte den Briefumschlag vorsichtig auf, rückte einen Stuhl ans Fenster und begann zu lesen. Zuerst die Unterschrift: Mathilde Laubwurzel. Was konnte sie von ihm wollen? Er sah ihre schnellen grünlichen Augen dicht vor seinem Gesicht.

Als er las, wurde ihm bedeutend unbehaglicher.

Herr Sebastian Wenzel erfuhr, daß er den Gruß eines armen Frauenherzens entgegennehmen solle, daß sich um ihn fast zu Tode ängstigte, als er gestern nicht zu Tisch kam, und doch noch kein Recht hatte, nach ihm zu fragen, daß aber schon gestern das wundervolle Geheimnis zu lesen war, das er in der herben Zurückhaltung des stolzen Mannes noch verschwieg. Liebe aber mache demütig, und so riefe ihm Fräulein Laubwurzel mutig zu: Brechen Sie Ihr Schweigen.

Langsam faltete Herr Wenzel den ersten Liebesbrief seines Lebens zusammen.

Er sah aus, als habe er eine unberechtigt hohe Rechnung vorgelegt bekommen.

Er war empört und erschreckt.

Was wollte diese lange, furchtbare Person von ihm? Was hatte er ihr getan, daß sie ihm so etwas schrieb und in die staubigen Schuhe steckte? Was sollte er tun? Er mußte in beständiger Furcht sein, ihr zu begegnen. In fortwährende Erregung, die Gift für den Menschen war, wird er gejagt werden. In wenigen Tagen wird seine Gesundheit untergraben sein. Wer zählt die Männer, die durch weibliche Hinterlist in ein frühes Grab gebracht wurden? Im Weltbetrieb kam es vielleicht nicht auf ein Opfer mehr oder weniger an. Ihm, in diesem Falle, aber sehr. Was sollte er tun, um sich zu retten?

Seine verstörten Blicke glitten durch das Fenster und fielen auf einen roten Punkt. Das war das Mützchen auf Marianne Wendlands blondem Haar.

Daß dieses Mädchen auch jenem abstoßenden Geschlecht angehörte, war eines der merkwürdigen Rätsel, an denen das Leben so reich war. Herr Wenzel sah wieder hinunter.

Marianne lächelte jetzt und lief auf jemand zu. Es war der Briefträger, der ihr einen Brief gab. Das junge Mädchen grüßte den Postboten freundlich und lief davon.

Wie liebenswürdig sie selbst dem einfachsten Mann gegenüber ist, dachte Herr Wenzel.

Aber dann besann er sich auf den Brief, den er selbst in Händen hielt, und Unruhe und Verdruß packten ihn aufs neue.

Herrn Sprechhammers Pfiff ertönte vor dem Fenster. Neben ihm stand wieder die kleine blonde Frühaufsteherin.

»Wir sind eine kleine Gesellschaft, die eine Motorbootfahrt machen will. Sind Sie dabei, mein Freund? Das Meer ist glatt wie Eis. Am Abend sind wir wieder zurück. Picknick an Bord!« rief er.

»Kommen Sie nur mit, Herr Wenzel, es wird wunderschön«, fügte Mariannes frische Stimme hinzu.

Ja, dachte Herr Wenzel, weit auf das Meer hinaus will ich und muß ich. Für heute soll sie mich nicht erreichen.

Und er antwortete, daß er gern und gleich mitkommen werde.

»Oh, das ist recht von Ihnen!« rief Marianne, und ein kurzes Möwenlachen flatterte herauf.

»Sehen Sie«, sagte Herr Sprechhammer zu dem jungen Mädchen, als sie ins Hotel zurückgingen. »Ich sagte es, wenn Sie bitten, kommt er. Nun teilen sich die Kosten durch sechs statt durch fünf.«

Herr Wenzel hatte durch diese kleine Fensterunterhaltung seine Energie wiedergefunden.

Er nahm den Brief, steckte ihn in ein Kuvert und schrieb dazu: Daß die geehrte Dame ihm irrtümlich etwas in die Schuhe geschoben habe, was ihn nichts angehe. In seinen Augen könnte niemand Geheimnisse lesen, da er solche nicht habe.

Er zeichnete mit vorzüglicher Hochachtung und verschloß erleichtert und etwas zufriedener den Brief.

Er ging hinunter und gab das Kuvert zum Weiterbefördern.

Draußen auf dem Wasser lag das weiße Motorboot.

Lächelnd wandte sich Herr Sebastian dem Frühstück zu, um seinen Körper nach dem Schrecken zu stärken. Er sann einen Augenblick nach und bestellte dann außer dem üblichen Mahl noch eine kleine Portion Schinken mit einem lockeren Setzei darauf. Man mußte dem Schicksal entgegenarbeiten.

23

Herr Wenzel blieb allein am Tisch. Frau Sprechhammer bereitete sich oben im Zimmer auf die Seefahrt vor.

Ihren Gemahl aber konnte man durch die hohen Saalfenster sehn. Eifrig lief Herr Stadtrat auf dem schmalen Holzsteg hin und her, der zum Boot führte. Er brachte Kissen, Blumen, Flaschen herbei. Ganz in Weiß, mit Schirmmütze, glich er einem Kapitän, der seine Ladung verstaute.

Jetzt betrat die mollige Gräfin den schwankenden Steg und trippelte ängstlich lächelnd auf das Boot zu. Herr Stadtrat kam ihr entgegen und zog die Mütze. Er reichte ihr die Hand und half der schönen Dame in das Boot zu klettern, das davon, aufs heftigste bewegt, auf dem Wasser herumzuhüpfen begann.

Am Ufer begrüßte jetzt Frau Sprechhammer mit wehendem Automobilschleier Frau Wendland und ihr blondes Töchterchen. Sie sahen wartend zum Hotel zurück.

Herr Wenzel trank Schluck auf Schluck, aß Bissen auf Bissen langsam und vorsichtig, wie es bekömmlich war, während er dies alles beobachtete.

Nun war er fertig, und bald schritt er mit den andern über den Steg, hinein in das jetzt wie ein scheues Pferd herumspringende Boot.

»Nur ruhig«, sagte Herr Stadtrat und hob die Hände, als führe er einen Taktstock. »In wenigen Minuten gleiten wir dahin, wie über gebohnertes Parkett.«

Das Boot fing zu schnurren an, drehte sich blitzschnell im Kreis herum, aber ehe Herr Wenzel noch sagen konnte, daß er Karussellfahren nicht vertragen könne, hatte es sich beruhigt und glitt stolz davon, wie ein aufgezogener Schwan, in dessen Innern es rasselt.

Herr Wenzel merkte, daß es hier nach Benzin und Heliotrop roch. Der Parfümduft ging ihn nichts an, aber der Benzingeruch beunruhigte ihn sehr.

»Ist das nicht unerhört gefährlich?« fragte er.

Jetzt erst wurde er sich klar, daß er sich aus einer Gefahr in die andre gestürzt hatte.

Immer weiter entfernte sich das sichere Land, wo man fest stehen und sicher gehen konnte.

Was hatte er hier zu tun? Mitten auf dem Wasser zwischen lose aneinandergefügten Brettern neben einer Benzin-Maschine?

Er sah sich nach den andern um. Herr Stadtrat und die Gräfin lächelten sich an. Frau Sprechhammer und Mariannens Mutter plauderten leise miteinander. Das junge Mädchen saß für sich allein und blickte in das Wasser.

»Nun, so still, Fräulein Marianne? Hat der Herr Assessor am Ende alle Ihre Heiterkeit mitgenommen?« fragte Frau Stadtrat und zog die Lippen kraus.

Mariannes Gesicht wurde rot wie das Mützchen auf ihrem goldenen Haar.

»Ich denke nur so ein bißchen für mich hin«, sagte sie entschuldigend.

Das wird sie doch wohl noch dürfen, dachte Herr Sebastian Wenzel ärgerlich. Was hatte das mit dem längst abgereisten Herrchen zu tun? Aber die Mädchen wurden geradezu angelernt zum Schwatzen. –

Ruhig glitten sie durch die helle Leere.

Aber nichts ist beständig auf dieser Welt. Der feuchte Parkettboden, über den sie dahinglitten, begann sich in Falten zu legen wie der Seidenrock einer eitlen Frau und sich tief zu furchen wie die Stirn eines zornigen alten Mannes.

Das Boot begann wie ein übermütiger Bock über diese Streifen zu springen.

Herr Wenzel, der fast immer auf das blonde kleine Mädchen gesehen hatte, weil er sich über solche schweigsame Wohlerzogenheit aufrichtig freute, begriff nicht, warum sich der blonde Kopf mit der roten Mütze plötzlich zu drehen anfing. Geschwinder und immer geschwinder. Er sah zum Himmel auf. Als ein großer Ball kreiste dieser herum. Entsetzt riß er den Blick herunter zum Meer. Aber wie eine schwere Glaskugel rollte dieses auf und nieder.

Er sah hilfesuchend zu Herrn Stadtrat hinüber. Er lächelte nicht mehr die Gräfin an, sondern beugte sich stöhnend über den Rand des Bootes. Die schöne Frau Gräfin lehnte mit geschlossenen Augen da. Ihr Gesicht war kreideweiß.

Die andern Damen konnte Herr Wenzel nicht sehen, da er den Kopf nicht umwenden konnte.

Plötzlich zog sich sein Magen zu und auf wie eine Harmonika, und Herr Sebastian Wenzel begriff, daß er an der Seekrankheit litt, von der er soviel gelesen und gehört hatte. Der Bootsführer kannte dies.

Gleichgültig und ruhig ließ er das Boot sich drehen und rasselte auf das Land zu.

Marianne Wendland nahm eine Flasche und ein kleines Kognakglas vom Tisch, wo der unberührte Proviant lag, und reichte es Herrn Wenzel.

Dieser trank es hastig aus und verlangte ein zweites. Ihm wurde klarer vor Augen, und er bat um ein drittes. Ruhig ließ das junge Mädchen zum dritten Male die stärkende Flüssigkeit in das Gläschen glucksen. Niemals hatte Herr Wenzel eine schönere weibliche Bewegung beobachtet.

Er trank zum drittenmal, und der Himmel stand endlich still. Die Harmonika in seinem Magen hatte ihr ungebetenes Spiel beendet. Herr Wenzel konnte den Kopf nach allen Seiten wenden. Die schöne Gräfin hatte ihre Somnambulenstellung unverändert beibehalten. Frau Stadtrat und Frau Wendland saßen noch aufrecht und steif wie im Salon, nur etwas bleich unter den Augen, als ob sie im Vorzimmer eines Arztes warteten.

Herr Stadtrat lag noch weit über das Boot gelehnt. Von seinem Kopf war nichts zu sehen, und wenn man nicht genau gewußt hätte, daß dieser Gegenstand mit dem übrigen Körper verbunden sei, hätte man glauben können, daß er abgefallen wäre.

Aber nun schien das Boot sich ausgesprungen zu haben, es glitt ruhig wie auf Rollschuhen dahin. Man war wieder in der sanften runden Bucht. Man konnte schon die Fenster der weißen Häuser unterscheiden.

Eine Hand des kopflosen Herrn Stadtrat begann Zeichen zu machen.

Das wunderbare Mädchen verstand auch dies. Sie schenkte aufs neue ein Gläschen voll und schritt ruhig auf die andre Seite des Bootes. Herr Stadtrat zog seinen Kopf über Bord und trank gierig. Wie Herr Wenzel leerte er drei Gläser. Etwas verlegen brachte er sich dann in Ordnung und begann zu lächeln und dann zu sprechen.

Wie eine große Puppe schlug endlich die Gräfin die großen blauen Augen auf.

»Wo sind wir?« flüsterte sie.

»Im sichern Hafen«, antwortete Herr Stadtrat feierlich.

Frau Stadtrat erinnerte ihren Gatten an die Bezahlung und warf einen liebenswürdigen, aufmunternden Blick zwischen die Anwesenden.

Frau Wendland und Herr Wenzel begannen mit Geld zu klappern.

Die Gräfin schüttelte müde den Kopf.

»Mich müssen Sie bis morgen entschuldigen«, sagte sie sanft und leise. »Ich habe kein Kleingeld und hoffe, daß es morgen mit der Frühpost kommt.«

»O bitte, bitte«, sagte Herr Sprechhammer.

»Ja«, fuhr die Gräfin fort, »ich wollte Sie sogar bitten, mir bis morgen früh eine Kleinigkeit zu leihen, meine Hotelrechnung – es ist so peinlich, gewöhnlichem Volk etwas zu schulden. Wenn Sie …«

»Aber gewiß, mit dem größten Vergnügen«, fiel der Stadtrat ein. »Sobald wir an Land sind, werde ich mir erlauben –«

»Das heißt, wenn wir selbst unser Kleingeld erhalten haben, lieber Mann«, unterbrach Frau Stadtrat dies Geplauder mit festen, betonten Worten.

Ihre Augen sprachen deutlich: Nicht vor dem Jüngsten Gericht wird dies geschehn.

Immer höher wuchsen indes die weißen Häuser am Ufer, und endlich legte sich das Boot gutmütig und gehorsam wieder neben den Holzsteg.

»Mutter Erde«, sagte Herr Stadtrat mit vibrierendem Ton, als er das Land betrat.

»Diese Fahrt war deine Idee«, antwortete Frau Stadtrat gereizt, denn vor ihren Augen begann sich erst jetzt alles in drehende Bewegung zu setzen.

Man verabschiedete sich ziemlich rasch voneinander und suchte die Zimmer auf. –

Fräulein Laubwurzel hatte hinter ihrer Gardine die Abfahrt und Rückkehr des weißen Schiffchens beobachtet. Sie lief zum Strand hinunter, und als sie vom Bootsmann erfuhr, wie die Fahrt verlaufen war, verlor sich endlich die Migräne, die sie seit heute morgen geplagt hatte.

24

Selbst alternde Leute, die noch jung sein möchten, sagen oft: Zu meiner Zeit war das besser. Als ob ihnen nicht auch das Jetzt gehörte. Sie wissen nicht, was sie damit verraten. Ihre Augen sind nicht mehr scharf, und ihre Herzen nicht mehr warm genug, um das Leben so bunt zu sehen, so stark zu fühlen, wie sie es einst vermochten, und wie es heute wieder so viele junge können. Ihre Zeit war ihre Jugendzeit.

Herrn Sebastian Wenzel ging es umgekehrt.

Ihm schien es, als ob sich im Laufe der Zeiten doch manches verbessert habe.

Vor allen Dingen die jungen Mädchen. Ein Geschöpf wie die kleine wohlerzogene Marianne gab es in seiner Jugend nicht. Darüber war er sich vollkommen klar. –

Als er eine Stunde nach der bewegten Meeresfahrt auf dem Sofa erwachte, fühlte er sich jung und frisch. Er stand auf, zündete sich ein Pfeifchen an und streckte sich noch einmal behaglich aus, um mancherlei Gedanken nachzusinnen.

Er sah auf die geschlossenen Fensterläden, die dem Zimmer zu einem angenehmen Halbdunkel verhalfen. Die strahlende Sonne, die draußen lag, färbte sie in lichtes Frühlingsgrün. Er hörte das Meer, aber es plätscherte sanft, als ob Kinderhände im Wasser spielten. Die Fliegen summten behaglich, gleichmäßig, wie das Brummen eines Teekessels. Sie hätten Herrn Wenzel noch viel besser gefallen, wenn sie weniger kalte Beine hätten, was er unangenehm empfand, wenn sie ihm in einem unbewachten Augenblick über die Hände oder gar über das Gesicht krabbelten.

Herr Wenzel dachte natürlich an den heutigen Morgen.

Wie hätten sich die Mädchen früherer Zeiten bei einer solchen bösen Fahrt benommen? Zum Beispiel seine Schwester, seine Cousinen oder ihre Freundinnen? Sie wären selbst seekrank geworden oder hätten ohne Unterlaß über die Leidenden gekichert. Und ihre Haare hätte der Wind zerzaust und sie hätten als dunkle Strähnen, wie unappetitliche Schlangen, um ihre Köpfe geweht.

Wie adrett und nett war das rote Mützchen auf dem blonden Haar sitzengeblieben vom Anfang bis zum Ende der Fahrt. Und selbst wenn sich eines dieser vielen Haare losgelöst hätte, wäre es sicherlich nicht anders anzusehn gewesen als ein Sonnenstrahl mehr in der blauen Weite! –

Aber man brauchte nur an Fräulein Laubwurzel zu denken. Sie war wohl kaum mehr als zwanzig Jahre älter, und wie sah sie aus und wie benahm sie sich? Wie geschwätzig war sie. Die bewies deutlich, wie minderwertig die Mädchen noch vor vierzig Jahren auf die Welt kamen. Es gab keinen Zweifel.

Bei Tisch beschloß Herr Sebastian Wenzel nach beendeter Mittagsruhe zum Leuchtturm hinüberzufahren, dessen Wärter hundert Jahr alt sein sollte. Es konnte Spaß machen, den Alten einmal in der Nähe zu sehen. Bisher hatte Herr Wenzel stets die kurze Bootfahrt gescheut. Jetzt wußte er, wie harmlos das Wasser nahe am Strande war.

Außerdem wünschte er nicht, Fräulein Laubwurzel zu begegnen. Er hatte im Spiegel gesehn, wie oft sie im Speisesaal das Lorgnon auf ihn gerichtet hatte. –

Als Herr Wenzel, bereit zur Fahrt, an den Strand kam, suchte er Frau und Fräulein Wendland zu finden. Er war überzeugt, daß es auch ihnen Freude machen würde, diesen seltnen alten Mann zu sehen. Das kleine Fräulein hatte ihm heute morgen liebenswürdig beigestanden. Er fühlte sich verpflichtet, aufmerksam zu sein.

Herr Wenzel hielt nach dem roten Mützchen Umschau und daher bemerkte er die Damen erst, als sie dicht vor ihm standen. Marianne trug heute einen großen Hut mit einem Kranz junger Rosen auf dem Blondhaar.

Mutter und Tochter dankten Herrn Wenzel sehr für seine freundliche Aufforderung. Aber Marianne wollte einen Brief schreiben und nach Hause gehen. Sie versprachen, Herrn Wenzel bei seiner Rückkehr auf dem Steg zu erwarten.

Herr Wenzel zögerte, ob er die Fahrt allein unternehmen sollte. Da sah er Fräulein Laubwurzel den Weg vom Haus herunterkommen. Wie ein Grenzsoldat spähte sie nach allen Seiten, ihr lang gestieltes Augenglas bereithaltend.

Herr Wenzel verabschiedete sich und stieg in ein Ruderboot.

Frau Wendland und Marianne sahen ihm nach und sprachen miteinander. Ihm schien, als sähe Marianne traurig und gequält aus.

»Hier könntest du mit ein wenig Geschicklichkeit dein Glück machen, wenn du dir deine Torheiten aus dem Sinn brächtest«, sagte die Mutter, während ihr Blick dem fortgleitenden Schiffchen folgte.

»Geld ist noch kein Glück«, antwortete Marianne und ging der Mutter voran den Weg hinauf.

Herr Sebastian Wenzel konnte deutlich sehen, wie sie leicht über den Strand eilte und über die Terrasse ins Haus schritt.

Da hielt auch das Boot. Unerwartet sah Herr Wenzel den Leuchtturm erschreckend groß vor sich aufragen. Er stieg ans Land und ging einmal um den dicken Turm herum und wieder zurück. Der greise Alte war nicht zu sehen. Das Meer dröhnte hier unangenehm laut, denn die weißen Schaumwellen polterten und zeterten an den Felsen, als wollten sie den Turm zu sich herunterholen.

Der Bootsmann, der unten wartend im Boot stand, das wie eine Fliege in der Milch zappelte, deutete mit lebhaften Armbewegungen an, daß der Herr auf den Turm hinauf müsse.

Herr Wenzel verschwand im Innern des Turmes und begann zu klettern. In seinem ganzen Leben hatte er noch nicht soviel Stufen gesehen. Er drehte sich wie ein Korkenzieher im Flaschenhals, ohne zu merken, daß er weiter kam. Immer wieder ringelte sich eine neue Wendung aus der andern. Endlich fühlte er doch einen Luftzug, noch einige Kreiseldrehungen, und er wand sich durch ein offnes Loch ins Freie hinaus. Er stand auf einem drahtumsponnenen Balkon und sah auf einem niedern Schemel einen Graubart Pfeife rauchen.

Also auch Pfeife, dachte Herr Wenzel, während er die Schweißtropfen abtupfte und Atem holte. Dann sah er sich um und schloß erschreckt die Augen. Gräßlich hoch stand er, zwischen Himmel und Wasser. Erst nach geraumer Zeit wagte er sich wirklich umzuschaun. Unendlich viel Wasser sah er. Hier begriff er den Spektakel, den diese Massen Tag und Nacht verursachen mußten.

Herr Wenzel schüttelte den Kopf. Gewiß, der Mensch brauchte auch Wasser zum Leben, aber dieses hier war Übermaß.

Er suchte das Ufer. Wie zu einer Spielzeugschachtel gehörig sah der kleine Ort und das Hotel aus, wo Fräulein Marianne jetzt Briefchen schrieb.

Der Alte war aufgestanden und hatte sich Herrn Wenzel zur Seite gestellt.

Er klappte den zahnlosen Mund auf und zu, aber Herr Wenzel verstand ihn nicht. Da versuchte er sich in schlechtem Deutsch verständlich zu machen. Er war ein Seemann gewesen und hatte auch oft in deutschen Häfen gelegen. Aber fünfzig Jahre war das nun her.

Herr Wenzel kam sich gegen ihn wie ein Kind vor. In heiterer Zufriedenheit fragte er den Alten, ob er verheiratet gewesen sei.

Der nickte ernst und machte dem fremden Herrn verständlich, daß seine Gefährtin ihn allein gelassen habe und dort unter den Zypressen schon lange ruhte.

Er zerrte Herrn Wenzel in eine kleine Kammer, wo an der Wand an rostigen Haken Frauenkleider, Tücher und Schürzen hingen, als ob die Bewohnerin dieses Zimmers nur einen kurzen Ausgang unternommen hätte. Der Alte strich über die Falten eines zerschlitzten Rockes und sagte: es sei nicht gut, daß er nicht mehr ihre Schritte hören könnte und ihm nun Fremde sein Essen zubereiten müßten. –

Der Abstieg vom Turm fiel Herrn Wenzel bedeutend leichter. Auf einer der vielen Stufen war ihm in den Sinn gekommen, wie hübsch ein rotes Mützchen von der braunen Wand des Korridors leuchten müßte. Schon wenn man die Tür aufschloß, würde man sie leuchten sehen.

Und weiße Kleider an den Riegeln würden den einfenstrigen Kleiderraum heller machen.

Herr Wenzel stand wieder am Fuße des Turmes. Ein Möwenlachen zwitscherte auf. Erstaunt sah sich Herr Wenzel um. Wartete hier jemand auf ihn? Aber es waren weißgefiederte Möwen, die sich kreischend auf eine Klippe schwangen. –

Vom Boot aus erkannte Herr Wenzel bald Frau Wendland auf dem Steg. Sie las in einem Buch. Marianne sah über das Wasser, und als sie den Näherkommenden erkannte, winkte sie mit einem kleinen weißen Tuch, das sie wie eine Taube umflatterte.

Als Herr Wenzel ans Land kam, gesellte er sich zu den Damen. Er erzählte ein wenig von seiner Fahrt, dann erwarteten sie schweigend den Sonnenuntergang. Als ein großer Purpurdrache, von weißen Wolkenstreifen gezogen, glitt die Sonne langsam auf das Meer hinunter. Feuriger Flammenschein rötete Himmel, Meer, Häuser und Gesichter.

Fräulein Marianne stand auf Zehenspitzen in den Schuhen aus Schlangenhaut, als wolle sie die Sonne länger als die andern sehen.

Herr Wenzel mußte an das Plakat denken, das ihm so gut gefallen hatte. Er reichte Marianne sein großes Fernglas, das er sich für den Leuchtturm mitgenommen hatte.

Mariannes graue Augen mit den braunen Pünktchen sahen ihn erstaunt an.

»Für die Sonne?« fragte sie.

Herr Sebastian Wenzel nickte, und das junge Mädchen nahm verlegen das schwere Glas in die Hand.

Es wurde still. Das Blau des Himmels war erblaßt. Auf der geraden Linie des Horizonts rannte ein eifriger Dampfer vorwärts.

Im Dorf begann eine Glocke zu läuten. Weich und hell tönte sie in die friedliche Abendruhe.

»Wie froh das Glöckchen stimmt, wie glücklich es mich macht!« rief Marianne, und ihre strahlenden Augen sahen weit in die Ferne. Lächelnd sprang sie den Steg entlang und lief den alten, ernsthaften Leuten davon.

Ein Schiffer, der am Rand des Steges saß, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Er sagte, daß die Glocke läute, weil ein alter Mann im Dorfe gestorben sei.

Frau Wendland machte ein trauriges Gesicht und übersetzte seine Worte Herrn Wenzel.

Wie gut, daß wir nicht alles wissen, was um uns herum geschieht, dachte dieser.

Bald darauf sagte Mariannes Mutter mit freundlichem Lächeln:

»Ich glaube, auch mit dem Fernglas wird man die Sonne heut nicht mehr sehn.«

Und sie erhoben sich und gingen dem Land zu.

Am Abend saß Herr Wenzel wieder auf der Terrasse. Unter den Sternen, zwischen den müde murmelnden Wellen und der wiegenden Walzermusik.

Neben ihm plauderten Frau und Fräulein Wendland.

Marianne sagte, daß die Wellen sie an Wagengeroll erinnerten. In der Stadt kenne sie nichts Schöneres, als vom Fenster aus auf die Straße zu sehen. In der Dämmerstunde, vor den Scheiben, mußte eine Blume duften. Sie dachte dann, was und wer wohl alle die vielen Vorübereilenden daheim erwarten mochte.

Dann schwieg sie wieder. Zurückgelehnt in den Stuhl blickte sie zu den Sternen auf.

»Ich möchte in einer Hängematte schaukeln, die an zwei Sternchen hängt«, sagte sie und lachte.

»Wirklich?« fragte Herr Wenzel und sah nach den glitzernden Punkten da oben.

Er bedauerte bei sich, daß man diesen kindlichen Wunsch des kleinen Mädchens nicht erfüllen konnte.

25

Wo die Natur allein nicht ausreicht, muß der Mensch versuchen, ihr nachzuhelfen.

Fräulein Mathilde Laubwurzel beschloß, ihr verschönendes blaues Seidenkleid, das sie eigentlich nur für den Schrank und einige Staatsstunden mitgebracht hatte, am frühen Morgen anzuziehen, ein wenig Rot auf die Backenknochen zu legen und ganz in der Früh mit allen diesen Reizen spazierenzugehn.

Denn Morgenstunde hat Gold im Munde.

Als Herr Wenzel aus der Tür des Hotels trat, stand sie lächelnd davor und wünschte guten Morgen.

»Die Tage werden heiß«, fuhr sie dann sogleich fort. »Man muß früh aufstehen. Denken Sie, Herr Wenzel, zwanzig Grad zeigt das Thermometer neben der Küchentür.«

»Da hat man ja nichts zu suchen«, erwiderte Herr Sebastian Wenzel und drehte der blauen Dame den Rücken. Aber diese bewies rasch, daß auch sie ein beweglicher Gegenstand war.

Sie machte eine schnelle Wendung und stand ihm nun auf der andern Seite gegenüber.

»Ich habe einen Auftrag«, sagte sie und bemühte sich, ihrer Stimme den Ton einer Flöte zu geben. – »Frau Bürgermeister will im Motorboot nach einer kleinen Insel fahren und bittet Sie, mitzukommen.«

»Ich bin erst gestern im Motorboot gefahren. Ich bedaure«, antwortete Herr Wenzel und versuchte das Freie zu erreichen.

Aber Fräulein Laubwurzel neigte sich wie eine Barriere und sagte überredend:

»Die ganze Fahrt währt kaum eine Stunde, Herr Wenzel.«

»Aber was für eine Stunde. Ich kenne das jetzt!« rief Herr Wenzel zornig. »Nein, ich kann Ihnen in keiner Weise zu Diensten stehn.«

Und mit einer sprunghaften Bewegung war er entflohn.

Er war wirklich ärgerlich. Konnte diese Person sich nicht wenigstens frühmorgens still auf ihrem Zimmer verhalten!

Nach wenigen Schritten aber glättete sich seine Miene.

Auf dem weißen Landstreifen, der sich als Weg neben der Küste entlangzog, bewegte sich eine schlanke Mohnblume im Morgenwind. Sie kam näher und bald stand ein blondes Mädchen lächelnd vor Herrn Wenzel.

»Ich habe schon Muscheln gefunden«, sagte sie. »Ich warte nämlich wieder auf den Postboten. Ich bin so neugierig auf meine Briefe.«

»Nun, da warte ich mit«, sagte Herr Wenzel und vergaß im Augenblick vollständig, wie gesund und notwendig ein Morgenspaziergang war. Beide setzten sich auf eine Steinbank.

Herr Wenzel sah auf Mariannes Füße, die in weißen Schuhen steckten und ungeduldig auf den Sand pochten. Sie erschienen ihm lächerlich klein. Er dachte, wie drollig es wäre, wenn eine ganze Reihe solcher Schuhe auf dem Wandbrett seines Kleiderzimmers stünde. Wie Tauben auf der Stange würden sie aussehen.

»Da kommt Herr Stadtrat Sprechhammer«, sagte Marianne, die wartend Umschau hielt.

Im eiligen Schritt kam Herr Stadtrat die Strecke vom Hotel herunter.

»Da sind Sie ja noch«, sagte er atemlos. »Nun, kommen Sie, lieber Freund.«

»Ich wollte eigentlich –« Herr Sebastian Wenzel erhob sich unschlüssig und sah auf die Taubenfüße.

Aber Herr Sprechhammer zog ihn mit sich fort und grüßte Fräulein Marianne schnell und eilig.

»Langweilig sind solche kleinen Unschuldslämmer«, meinte er, den Kopf noch einmal zurückwendend. »Aber gestern nachmittag, mein lieber Freund. Ich war bei Ihr zum Tee. Den Masseur hatte sie mit dem Affen baden geschickt. Ich sage Ihnen, das war ein five-o'clock-Tee, wie er sein soll. Wie sind sonst die Tees der sogenannten guten Gesellschaft? Wie sind sie? Der Tee ist zu dünn, und die Frauen sind zu dick, sage ich Ihnen. Aber hier? Wahre Molligkeit habe ich genossen.«

»Das kann doch nur Molligkeit mit Gewissensbissen sein«, entgegnete Herr Sebastian Wenzel, der sehr steif und gerade ging. »Und Sie bringen sich damit um. Alt können Sie doch bei solchen heimlichen Aufregungen nicht werden.«

»Uralt, sage ich Ihnen, uralt«, antwortete Herr Sprechhammer schnell. »Das liegt bei uns in der Familie. Mein Urgroßvater würde heute noch leben, wenn er nicht als Neunzigjähriger die Treppe hinuntergestürzt wäre, als er aus dem Zimmer einer Dame fliehen mußte. – Aber wir können ja zurückgehn, wenn Sie wollen«, fügte er hinzu.

Dieser ängstliche Mensch verleidete ihm wirklich das ganze Erzählen.

»Ja, ich muß den Briefträger erwarten«, sagte Herr Wenzel.

Als sie zurückkamen, nahm Fräulein Marianne gerade einen Brief in Empfang, mit dem sie lachend davonsprang, wie ein Kind mit dem geraubten Zuckerstück.

Herr Sebastian Wenzel hatte auch einen Brief. Er war von der alten Exzellenz.

Der General schrieb, daß jetzt auch die deutsche Erde vor dem ewig blanken Spiegel Sonne stände und ihr neues Frühlingskleid probiere. Er hoffe, daß Herr Wenzel nun jenseits der Grenze sich endlich verliebt habe; denn Alter schütze bekanntlich nicht vor Torheit. Wenn dies der Fall sei, dann rate er ihm, sich die Hände der Betreffenden genau zu betrachten. Ihre Gesichter können sie jetzt machen, wie sie wollen, schrieb er. Aber an den Händen vermögen sie nichts zu ändern. Da verraten sie sich.

»Was sehen Sie nur immerfort auf meine Hände?« sagte Fräulein Marianne, als sie am Nachmittag mit Herrn Wenzel Boot fuhr. Und sie versteckte lächelnd die runden, kleinen Hände, die etwas sonnverbrannt waren, hinter sich auf dem Rücken.

»Du solltest Handschuhe tragen, mein Kind, ich sage es dir so oft«, rügte die Mutter.

Herr Wenzel dachte, daß selbst Exzellenz, der gewiegte Frauenkenner, an diesen Händen nichts auszusetzen haben würde.

Marianne lief auch heute wieder fort, um einen Brief zu schreiben.

Herr Sebastian Wenzel und Frau Wendland blieben allein auf dem Steg und merkten es nicht, daß ihre Gesichter vom Schein der untergehenden Sonne leuchteten.

Sie sprachen von Marianne.

Das junge Mädchen hatte Herrn Wenzel erzählt, daß sie zu Hause noch eine große Puppe im Schrank habe mit wirklichen Locken und mit Silberringen in den Wachsohren. Die wollte sie später einmal mit sich nehmen.

»Wohin?« hatte Herr Wenzel gefragt.

Und da hatte Marianne gelacht und war davongesprungen. Jetzt wollte Herr Wenzel von der Mutter Bescheid darüber haben.

»Gedenkt Ihr Fräulein Tochter Sie zu verlassen?« fragte er unruhig.

Frau Wendland zögerte mit der Antwort.

»Einmal wird dieser Tag schon kommen«, sagte sie dann nach einer Weile.

Herr Wenzel sah zu Frau Wendland hin, die ruhig auf das Wasser blickte, als hätte sie das Natürlichste von der Welt gesagt.

Wußte sie nicht, daß es eigentlich nur unglückliche Ehen gibt?

Wie leicht konnte sich solch ein harmloses und unerfahrenes Mädchen in einen Unwürdigen verlieben. Wird einer dieser herkömmlichen jungen Männer imstande sein, dieses kleine, übermütige Geschöpf wirklich zu beschützen? Wirklich darauf zu achten, daß es nicht in Zugluft kommt und sich erkältet, daß es, wenn es erhitzt ist, nicht kaltes Eis ißt und krank wird? Daß es Gummischuhe anzieht, wenn es bei Regenwetter ausgeht, ein Seidentuch um den feinen Hals legt, wenn der Wind bläst? Daß es nicht zu lange seebadet, nicht bis spät in die Nacht hinein tanzt oder Bücher liest, sondern rechtzeitig schlafen geht? Konnte das ein junger Mann, der selbst noch leichtsinnig und unerfahren dem Leben gegenübersteht?

Diese Fragen gingen Herrn Sebastian Wenzel nicht mehr aus dem Sinn.

Auch nachts konnte er keine Ruhe finden. Der Schlaf paßte nicht zu seinen Gedanken. Erst wenn das Meer die große unheimliche Schiefertafel wurde, auf der ein neuer Tag zu schreiben begann, sanken ihm die Augen zu. Sein Schlaf war unruhig.

Müde erwachte er. Mit schwerem Kopf und sausenden Ohren. Aber er vergaß, sich Sorge darüber zu machen. Er beunruhigte sich mehr über das zarte junge Mädchen, das wieder lachend einen Tag anfangen wird, ohne an die Zukunft zu denken, ohne zu ahnen, wie viele Gefahren im Leben lauerten.

Gegen Frau Wendland erfüllte ihn ehrlicher Zorn. Wie konnte sie nur lächelnd umhergehen, in einem Buch lesen, schwatzen oder bunte Fäden durch irgendeinen Lappen ziehn, wenn sie selber glaubte, daß ihre liebliche Tochter über kurz oder lang in eine dieser unglücklichen Ehen rennen würde. Wie war das möglich?

Mitten in ein Rezept für Leberwurst mit viereckigen Trüffelschnitten sagte er zu der lebhaften Frau Bürgermeister:

»Die Mutter einer jungen Tochter sollte nichts anderes denken und tun, als versuchen, ihr Kind vor Torheiten zu bewahren.«

»Das ist leichter gesagt als ausgeführt«, sagte die rundliche Frau mit dem lächelnden Behagen, mit dem sie alles besprach. »Meine Mutter sagte immer: Lieber eine Tüte voll Flöhen bewachen als ein junges Mädchen. Aber kommen wir auf unsere Leberwurst zurück. Morgen früh reise ich, und dann kann ich Ihnen keinen Rat mehr geben, lieber Freund.«

Herr Wenzel aber dachte, daß man in Thüringen mehr von Dauerwürsten als von jungen Mädchen zu verstehen schien. Er hörte gar nichts von der Erzählung der redeseligen Dame. Seinetwegen konnte sie ihre Würste aus jungen Mäusen machen. Das ging ihn jetzt gar nichts mehr an.

Er sah, daß dort drüben Mariannes Mutter immer noch der alten Frau von Pochhammer unnötiges Geschwätz in die Ohren schrie, statt sich nach ihrer Tochter umzusehn.

Herr Wenzel beschloß, sich möglichst viel des kleinen blonden Mädchens anzunehmen. Er ging mit ihm spazieren. Er beobachtete es von fern, wenn er nicht bei ihm war.

In ruhigern Augenblicken sagte er sich, daß uns Unruhe die Gefahren des Lebens größer erscheinen läßt, als sie sind. Es konnte wohl auch ein älterer erfahrener Mann einmal Mariannes Schicksal in behutsame Hände nehmen. Jemand, der auch gern am Fenster sitzt und die Leute beobachtet, aber doch darauf achten würde, daß das junge Ding im Winter nicht etwa zum offenen Fenster hinauslugt. Jemand, der ohnedies duftende Hyazinthen in den Doppelfenstern stehen hatte, auch schließlich in der Lage wäre, in den rauhesten Jahreszeiten Rosen zu kaufen.

Solche Gedanken kehrten häufig wieder, um sich mit neuen Bedenklichkeiten zu streiten. Sie beschäftigten ihn so stark, daß er alles andere nur zerstreut erfüllen konnte. Wenn er vom Tisch aufstand, wußte er nicht, was er gegessen hatte.

Heute entsann er sich erst viele Stunden später, daß es die früchtereiche Princesse Maleine gewesen war, die er verspeist hatte, als er sich den Kopf darüber zerbrach, was für ein Gefallen Fräulein Laubwurzel an ihm gefunden haben mochte. Daß er in nicht schlechten Lebensumständen war, mußte ihr unbekannt sein. Ihr Wohlgefallen galt also allein seiner Person.

Eigentlich war sie bedauernswert. Es mußte sehr unerfreulich sein, an jemand Gefallen zu finden, dem man nicht angenehm war.

Herr Wenzel war sehr nachsichtig gegen Fräulein Laubwurzel gestimmt, denn sie war abgereist. –

Fräulein Laubwurzel hatte sich gesagt, daß sie es gut gemeint habe mit Herrn Wenzel und seiner Einsamkeit, aber wem nicht zu helfen sei, konnte nicht geholfen werden. Gewalt wollte sie nicht anwenden. So hatte sie mitleidig ihren Koffer gepackt.

Ehe sie reiste, gab sie dem Zimmermädchen eine Postkarte, auf der ihre Adresse vermerkt war. Falls noch etwas Interessantes unter den Gästen geschah, sollte das Mädchen es ihr mitteilen. Marietta hatte die Karte nachlässig in ihre Schürzentasche gedrückt. Nachdem sie das schmale Abschiedslächeln für das nicht große Trinkgeld abgelegt hatte, zuckte sie die Schultern. So alt und lang war diese Person und konnte sich nicht selbst sagen, daß hier nichts mehr geschehen konnte. Nein, in dieser Saison wird kein Schuß fallen und kein Sarg des Nachts heimlich hinauf- und heruntergeschafft werden. Sie werden alle gehen, so wie sie gekommen sind. Und wenn die Zimmer hinter ihnen ausgefegt sein werden, wird man sie alle vergessen haben. Der alte Herr Wenzel wird noch eine Weile um Fräulein Marianne herumscharwenzeln und ihr dann eine Bonbonniere und der Mutter einen Blumenstrauß überreichen und abreisen. Und die Damen von Pochhammer werden auch nach Hause fahren. Und wenn die alte Mumie noch lebt, wird sie im Frühjahr wiederkommen, wie seit zehn Jahren. Und das Fräulein wird noch immer fünfundzwanzig Jahre alt sein. Der reiche Schlächtermeister wird ihr seine Photographie schenken und später noch einmal eine Ansichtskarte schicken. Aber sonst auch nichts. Marietta wußte Bescheid in seiner Kommode und seinen Briefschaften. Er war verheiratet und sollte bald wieder Papa werden. Er fand Fräulein Pochhammer gewiß noch zu jung, um ihr so etwas zu erzählen. Und Stadtrats? Eines morgens wird die gnädige Frau merken, daß der Herr Gemahl auf den geräuschlosen Pürschstiefeln nicht auf die Rebhuhnjagd, sondern nur einige Zimmer weiter strich, und dann werden sie denselben Abend abreisen. Ganz ohne jeden Knalleffekt wird dies ablaufen.

Dies und ähnliches äußerte Marietta, während der Rohrklopfer auf Fräulein Laubwurzels verlassenes Bett sauste und ihr Freund, der Hausdiener, das Türschloß salbte.

Marietta kannte die Menschen von außen und innen. Das menschliche Geschick war ihr kein unerforschliches Geheimnis.

Wenn Herr Wenzel so klar hätte sehen können wie dieses Mädchen.

Ihn quälten die schrecklichsten Gedanken.

In wenigen Tagen sollte ein großer Abschiedsball stattfinden. Dann werden, bis auf die Ballkleider, alle Koffer fertig gepackt dastehen, und einen Tag später wird die ganze Gesellschaft in alle Winde verstreut sein.

Durfte Herr Wenzel Marianne der kaltblütigen Mutter überlassen?

War es nicht ratsamer und beinahe Menschenpflicht, dem jungen Mädchen einen Fensterplatz in seiner Wohnung anzubieten? Aber was sollte dann mit der Mutter geschehen? Er hatte keinen Raum mehr für sie übrig. Auch würde sie sich in den Haushalt mischen, wie alle Frauen in diesen Jahren. Die kleine Marianne wird sich gewiß nicht um sein Tun kümmern, ihn alles bestimmen und anordnen lassen. Lachen wird sie zu allem, was auf den Tisch kommt. Man kocht und ißt auch wohl nicht übel bei ihm.

Über die Krebsschwanzpastete wird sich die kleine Naschkatze, die immer Schokolade knabbern muß, nicht wenig wundern.

Er sehnte sich ordentlich nach dieser Pastete, auch nach einem guten Wiener Schnitzel, das individuell und appetitlich zubereitet war.

Immer deutlicher und angenehmer stand ihm schon sein verlassenes Heim vor Augen.

Bis seine Blicke wieder auf einen goldleuchtenden Mädchenkopf fielen und Zweifel und Besorgnisse wieder da waren und er sich sagte: Daß ein Entschluß gewiß überdacht werden, aber schließlich auch gefaßt und ausgeführt werden müsse.

26

Es war an dem Tag vor dem Ball.

Frau Wendland war im Zimmer geblieben, um zu packen. Marianne hatte helfen wollen, aber die Mutter sagte: »Spring nur herum, Kleine, ich werde schon allein fertig werden.«

Das blonde Mädchen hatte ihr einen heftigen Kuß auf die Backe gedrückt und war davongegangen. Marianne hatte einen heimlichen Plan, der das Glück der Mutter sein konnte.

Draußen traf sie bald Herrn Wenzel, und sie schritten beide miteinander fort, den sonnigen Weg am blauen Meer entlang.

Bei einer Bank, von der man weit über das Wasser blicken konnte, machten sie halt, setzten sich und blickten auf die sonnendurchglitzerte Flut.

Sie leisteten sich schweigend Gesellschaft. Wie meist. Marianne war nicht geschwätzig. Herr Wenzel verglich sie heute mit anderen weiblichen Wesen. Nur um nach der Uhr zu fragen, verübten diese ein langes Geschwätz, während dieses junge Geschöpf stundenlang in schweigendem Sinnen verharren konnte.

Sie saßen an derselben Stelle, an der Herr Sebastian Wenzel einmal die trauernde Frau mit den spielenden Kindern sah.

Was alles konnte dem jungen Mädchen an seiner Seite bevorstehen, wenn man sich nicht seiner annahm, dachte er sorgenvoll.

»Dies ist so recht der Platz, um an etwas Wunderschönes zu denken«, sagte Marianne und sah mit strahlenden grauen Augen weit in die Ferne hinaus.

Das Wunderschöne, an das sie dachte, war der blonde Assessor mit dem kleinen Schnurrbärtchen, der die Raubmörder in zehn Minuten freisprach. Wenn er im Herbst die Anstellung bekam, auf die er hoffte, konnten Marianne und er schon einen Weihnachtsbaum im eigenen Heim haben. Jeden Tag schrieben sie sich, und fast in jedem Brief kam dieser Weihnachtsbaum vor, und Marianne dachte an ein schönes großes Zimmer mit schweren Eichenmöbeln und einer grünbeschatteten Lampe über dem Tisch, an dem sich zwei gegenübersaßen, die sich liebhatten.

Unendlich froh war Marianne zu Sinn.

Nur daß sie die Mutter allein lassen sollte, quälte sie ein wenig. Trotzdem der Assessor sagte, daß dies der Lauf der Welt sei. –

»Erzählen Sie mir eine Geschichte«, sagte Marianne nach diesen vielen Grübeleien zu Herrn Wenzel. »Eine Geschichte aus Ihrem Leben. Übermorgen schon können wir nicht mehr miteinander sprechen.«

»Ich habe keine Geschichte«, erwiderte Herr Wenzel und lächelte Marianne freundlich an. »Ich habe immer für mich selbst gelebt – ganz allein.«

»Kommen Sie gar nicht mit Menschen zusammen?« fragte Marianne erstaunt.

»Das wohl – aber deshalb kann man doch allein leben. Ich meine damit, daß man sich um niemand kümmert und auch nicht will, daß andere einem nahe kommen.«

Sie schwiegen wieder. Aber Marianne öffnete mehrmals den Mund, als ob sie sprechen wollte.

Endlich sagte sie:

»Lieber Herr Wenzel, wie lieb ich Sie gewonnen habe.« Sie strich schüchtern über die knochige alte Männerhand. »Nämlich ich – ich bin so herzensfroh – der Assessor und ich – Weihnachten haben wir vielleicht schon einen Tannenbaum im eigenen Heim – nur daß ich die Mutter allein lassen soll, das kommt mir unrecht vor – wird mir so schwer zu denken – lieber Herr Wenzel – auch Sie sind allein – und hier immer mit uns zusammengewesen – Sie glauben nicht, was die Mutter für eine tüchtige Hausfrau ist – wie gut sie ist. Mutter ist überhaupt die beste Frau auf der ganzen Welt.«

Tränen schossen in ihre Augen und nahmen ihr den Blick.

Rasch zog sie das kleine, feine Taschentuch hervor, das mit Spitzen umsäumt war, und trocknete sich die Augen.

Sie sah zu Herrn Wenzel hinüber, der ganz stillgeblieben war.

Er saß ernst und unbeweglich im vollen Sonnenlicht. Sein Gesicht war Marianne niemals so scharf und hager erschienen. Man sah die Adern sich unter der grauen Haut bewegen. Sie erschrak. Vielleicht hatte es die Mutter allein doch besser. Was sollte sie bei dem fremden Mann? Sie begriff nicht, wie sie einen Augenblick lang hatte denken können, daß dies ein Glück für die Mutter sein müsse.

In ängstlicher Erwartung betrachtete sie den alten Mann. Wie dünn und blaß seine Lippen waren. Seine Augen schimmerten feucht. Jetzt füllten sie sich ganz mit Wasser. Auch des Großvaters Augen tränten immer. Aber Herr Sebastian Wenzel war ihr bisher viel jünger und netter erschienen.

Unruhig bewegte sie sich auf der Bank, die sie miteinander teilten.

Herr Wenzel blickte auf.

Marianne errötete.

»Was ich alles geschwatzt habe – Sie haben wohl gar nicht zugehört«, sagte sie.

»Doch«, erwiderte Herr Sebastian Wenzel. »Aber ich habe leider gar keinen übrigen Platz in meiner Wohnung.«

»Das dachte ich beinahe«, sagte Marianne erleichtert, und ihre Augen wurden wieder glänzend. »Entschuldigen Sie nur mein dummes Geplapper.« Sie drückte wieder heftig Herrn Wenzels Hand, aber strich danach heimlich die Finger an ihrem weißen Kleid ab. Solche alten Männer haben ganz eiskalte Hände. Schauerlich.

Sie wollte nun baden gehen und sah Herrn Wenzel zum Abschied herzlich an. Er war ihr vertraut. Er wußte nun, daß sie jemand liebhatte. –

Wie warm und klein eine Mädchenhand ist, dachte Herr Wenzel, als er in das Hotel zurückging, um anzusagen, daß er heute abend reisen werde.

Die Hitze wurde unangenehm. Er brauchte wohl nicht abzuwarten, bis alle andern wieder gereist waren. Er war schließlich nicht der Portier hier.

27

Nun war der Ballabend da.

Marianne saß vor dem Spiegel und naschte aus einer großen Schokoladenschachtel, während ihr die Mutter die goldgelben Haare ordnete. Als sie im weißen Kleid bereitstand, um hinunterzugehen, steckte sie noch rasch einige der schönen Rosen in den Gürtel, die der alte Herr Sebastian Wenzel der Mutter zum Abschied gesandt hatte.

Im Saal klangen die Geigen. Auf der Terrasse wiegten sich viele bunte Lampions, die ihren Flackerschein auf das ruhige Wasser warfen. Marianne dachte an den Tag, wenn sie im Brautkleid in einen Festsaal treten würde, und überschritt mit sanftem, lieblichem Lächeln die Schwelle des weißen Spiegelsaals.

Da war Herr Wenzel schon viele Stunden Eisenbahn gefahren.

Er dachte nicht zurück. Er hatte nur einen Wunsch. Den gleichen Wunsch, der ihn auch auf der Herreise gequält hatte: Im Bett zu liegen. Ausgestreckt in seinem guten feststehenden Bett. Er sah ein, wie falsch die Behauptung ist, daß bei allen Dingen der Anfang das schwerste sei. Schon das Eisenbahnfahren fällt schwerer und schwerer, je länger man dabei ist.

Er saß nun schon eine Nacht und einen Tag zwischen hartnäckig rollenden Rädern. Alle Knochen schmerzten ihn. Er war überzeugt davon, daß man sich nach fünfhundert russischen Knutenhieben nicht zerschlagener fühlen konnte. Aber er wußte, daß man nicht davon starb. Er hatte die Fahrt einmal überstanden, es wird ihm ein zweitesmal gelingen. Aber dann sollten ihn alle Ärzte auf der Welt zusammen nicht mehr auf die Reise jagen können.

Die Nacht brach an. Der Zug rollte durch finsteres Land, denn die Lichter hinter den Fenstern der Häuser waren verlöscht. Nur dann und wann huschte ein gelber Schein im Dunkel auf.

Vielleicht tanzte man dort oder wachte bei einem Kranken. –

Wir wissen viel. Manchmal sogar, was uns bevorsteht. Aber die Dinge sehen anders aus, wenn sie da sind.

Herr Sebastian Wenzel wußte, daß er diese ganze Nacht noch rollen mußte. Ohne Unterlaß. Trotzdem ahnte er nicht, was ihn damit erwartete.

Er war allein im Kupee, und alles schien gutgehen zu wollen. Aber vor Mitternacht öffnete sich die Tür, und ein Herr und eine Dame nahmen die andere Hälfte des Abteils in Beschlag. Die Dame setzte den großen Hut ab, schlang einen Schleier um die dunklen Haare und lehnte sich mit geschlossenen Augen in eine Ecke. Der Herr hatte eine Rolle aus Tüchern im Arm, mit der er steif sitzen blieb.

Herr Wenzel beobachtete ihn streng. Wollte er die ganze Nacht mit dem Bündel über den Knien sitzen bleiben? Das hatte er doch nicht nötig.

Herr Wenzel zwinkerte ihm zu und zeigte dann mit dem Kopf nach oben. Er wollte den Mann auf die Gepäcknetze aufmerksam machen. Aber dieser rührte sich nicht. Er schien mit offenen Augen zu schlafen.

Plötzlich begannen sich die Tücher zu bäumen und zu dehnen. Und gleich darauf erscholl ein fürchterliches Gebrüll daraus hervor.

Herr Sebastian sah erschreckt auf seine Mitreisenden. Die Dame hatte die Augen aufgeschlagen, auch der Mann schien wieder bei Bewußtsein zu sein. Sie lächelten. Lächelten und sagten: »Sie ist aufgewacht.« Das Gebrüll aber nahm furchtbar zu.

Herr Wenzel wollte gerade um Aufklärung bitten, als der Mann das Bündel auseinandernahm und ein gräßlich kleines Kind zum Vorschein kam. Man sah nichts als einen winzigen Schädel, auf dem dünne Haare klebten, und einen aufgerissenen zahnlosen Mund, aus dem ununterbrochen Gebrüll hervorquoll. Doch konnte man beobachten, daß unter den Decken ein kleiner Körper zuckte.

Die Frau bückte sich und holte eine kleine Flasche mit Milch aus der Tasche, die ihr zu Füßen stand.

Was wollte sie damit? Es war doch klar, daß das Kind im Sterben lag.

Aber beide Eltern lächelten. Sie hätten sich nicht heiraten sollen, wenn sie keine Kinder haben wollten. Das war kein Verbrechen. Das mochte mancher nicht. Aber lächeln, wenn ein Kind stirbt!

Herr Sebastian Wenzel war ernsthaft erregt und entrüstet. Plötzlich verstummte das Geschrei.

Der brüllende Mund war geschlossen und saugte in kräftigen Zügen die kleine Milchflasche aus.

»Es hatte Hunger«, sagte die Dame mit einem leichten Kopfneigen zu Herrn Sebastian Wenzel und lächelte wieder. Alle drei lächelten sich an.

Die Ruhe, die sie jetzt umgab, stimmte unendlich wohltuend und versöhnlich.

Die Dame lehnte sich wieder in ihre Ecke zurück, und bald hob und senkte sich die runde Fülle unter ihrer Taille regelmäßig auf und nieder, wie es Herr Sebastian Wenzel jetzt so viele Wochen am Meer beobachtet hatte.

Der Mann saß halb schlafend aufrecht mit dem Bündel auf den Knien.

Herr Sebastian Wenzel wollte versuchen, ob er ein wenig zu schlummern vermochte.

Aber ehe noch an ein solches Gelingen zu denken war, schrillte es gell aus dem Tücherpacken hervor. Die Dame schlief ruhig weiter. Der Mann zuckte zusammen und begann das Paket hin und her schwanken zu lassen, so wie es das Meer mit dem Motorboot gemacht hatte. Dem armen Zwerg da drin mochte es gut ergehen. Bald verbreitete sich auch ein höchst unangenehmer Geruch.

Der Mann holte aus seiner Rocktasche ein kleines Gummipäckchen, das er mit einigen geschickten Handgriffen in ein Töpfchen verwandelte. Die Tücher rollten auseinander, und der kahle Schädel sowie der zahnlose Mund wurden wieder sichtbar. Aber diesmal gewann Herr Wenzel noch einen weiteren Einblick in die Familienverhältnisse seines Gegenübers. Er konnte bemerken, daß das brüllende Geschöpf ein winziges Mädchenexemplar war.

Herr Sebastian Wenzel beobachtete den Mann sehr scharf. Er kam auf Gedanken, die ihn mit der Wirklichkeit aussöhnten. Man kennt das Böse, das einem geschieht, aber man weiß nicht, wovor man bewahrt worden ist, dachte er.

Er lächelte zufrieden, obwohl das Geschrei in seine Ohren gellte.

Der Mann, der fortwährend gähnte, sah dieses Lächeln. Während er das zappelnde kleine Stück Fleisch wieder in frische Tücher zwängte, drehte er den Kopf zu Herrn Wenzel und rief:

»Sie brauchen gar nicht zu lachen. Es ist noch kein Jahr her, daß auch ich in kein Kupee stieg, in dem ein Kind war, daß ich Raucherkupee fuhr und fünfzig Zigaretten zwischen Frankfurt und Berlin rauchte. Denken Sie, ich bin mit dem Kind zusammen auf die Welt gekommen? Aber schlafen Sie einmal acht Nächte lang hintereinander nur in kurzen Unterbrechungen und wiegen Sie die übrige Zeit ein schreiendes Kind, da werden Sie vielleicht auch gähnen müssen.«

Das Kind kreischte aufs fürchterlichste. Der Mann schlug sich auf die Stirn und sagte:

»Natürlich, ich habe den Puder vergessen.« Er griff in seine andere Rocktasche, holte ein Blechbüchschen hervor und nahm aufs neue die Tücher auseinander.

Was schlaflose Nächte bedeuten, fühlte Herr Sebastian Wenzel im Augenblick aufs herbste. Der Mann tat ihm leid.

»Und die Frau?« fragte er und sah in die Ecke, wo die Wellen ruhig auf und nieder glitten.

Der Mann lächelte und folgte Herrn Wenzels Blick.

»Sie ist es doch auch nicht gewohnt«, sagte er zärtlich. »Sie glauben nicht, wie zierlich und munter sie war. Wie umworben. Eine ganze Kiste vertrockneter Kotillonsträußchen hat sie in die Ehe gebracht.«

Er schwieg wieder und widmete sich jetzt ganz den zappelnden Beinen des kleinen Mädchens, das er mit einer Puderquaste eifrig betupfte. Sebastian Wenzel sah ihm entsetzt zu.

»Sie sind schon ganz konfus, Herr!« rief er. »Die Mädchen pudern sich im Gesicht. Ich hatte zwei Schwestern, ich weiß das.«

»Nein, nein, das muß so sein«, erwiderte der andere, in den matten Ton der Übermüdung zurückfallend, und puderte weiter.

Das Kind war endlich still, und die Tücher waren wieder nichts anderes als eine gewöhnliche Deckenrolle.

Die Züge des Mannes besänftigten sich.

»Man tut es schließlich gern«, sagte er. »Es ist am Ende das größte Glück, das man hat.«

»Wie? Was meinten Sie?« fragte Herr Sebastian Wenzel. Er rückte in seine Ecke und zog die Beine an sich. Der Mann war ihm von Anfang an nicht normal erschienen. Der erste Eindruck ist immer der richtige.

Herr Wenzel bemühte sich, nicht einzuschlafen. Man wußte nie, mit wem man fuhr. Plötzliche Ausbrüche von Wahnsinn sollen auf der Eisenbahn nichts Seltenes sein.

Er bemühte sich, die Augen aufzuhalten, um damit den blassen Mann ihm gegenüber beobachten zu können.

Aber so schwer erreichbar das meiste ist, solange wir es wünschen, so leicht trifft es uns, wenn wir es nicht mehr wollen.

Auf der ganzen Reise hatte Herr Sebastian Wenzel trotz redlichen Bemühens keinen Schlaf finden können. Jetzt war es eine ungeheure Aufgabe, dagegen anzukämpfen.

Er geriet in einen durchaus unerfreulichen Zustand.

Die Augen fielen ihm zu. Gewaltsam riß er sie auf. Wie Muscheln schlossen sie sich sofort wieder. Er blinzelte zu den Tüchern hinüber. Wenn der weibliche Zwerg doch schreien wollte und das Schlafen damit zur Unmöglichkeit machte. Aber die Deckenrolle blieb, was sie schien: Ein stummes Bündel Tücher.

So geschah, was geschehen sollte.

Herr Sebastian Wenzel schlief ein. Er erwachte, weil er eine Hand an seinem Rock fühlte. Der Mann von gegenüber hatte ihn an der Schulter gepackt und rüttelte ihn.

Er wollte dem fest Schlafenden bemerklich machen, daß er den Wagen verlassen müsse. Es ist ein altes Pech, daß wir für unsere größten Freundlichkeiten oft die derbsten Püffe kriegen.

Herr Sebastian Wenzel stieß den Mann mit so ungeheurer Wucht vor den Magen, daß er beinahe zusammen mit dem lebendigen Bündel und der sich an ihn lehnenden Frau zum Wagen hinausgestürzt wäre.

»Wie fest Sie geschlafen haben«, sagte der junge Vater, als er wieder Halt gewonnen hatte. »Sie müssen aussteigen. Wir sind am Ziel. Wenigstens geht der Zug nicht weiter.«

28

Herr Wenzel war zu Haus. Es roch nach Kampfer aus allen Winkeln. Aber er war zu Haus. Hier hatte er, was er brauchte. Unbeobachtet von Fremden. Hier war er geschützt vor ihrer Liebe und ihrer Bosheit, die nur Gott voneinander zu unterscheiden vermochte. Hier konnte er barfuß gehen, wenn es ihm paßte. Hier konnte er auch im Sommer heizen, wenn er Lust dazu bekam. Hier wagte niemand, vor seiner Nase zu fegen und Staub aufzuwirbeln, hier hatte niemand anders etwas zu sagen als er selbst.

Dies hier war sein eigener Tisch, sein eigener Schrank, sein eigener Stuhl. Hier waren nirgends die Spuren fremder Menschen eingezeichnet.

Da war sein Fenster. Seine Straße, wo er viele Tage zur selben Stunde gegangen war, sein Weg, auf dem er sich Gesundheit und Appetit geholt hatte, den er mit des Geschickes Hilfe auch noch einige Zeit weitergehen würde.

Und hier war sein Bett, durch allen Kampferkitzel hindurch spürte man den Lavendelduft des Linnens. – Ihm wurde wohl zumute, wie seit langer Zeit nicht.

Die Wirtschafterin, in einem neuen Kleid und einer großen schneeigen Schürze, folgte Herrn Wenzel von Zimmer zu Zimmer. Sie betrachtete ihren Herrn so, wie sie gestern an ihrem letzten freien Ausgehtag die Wachsfiguren im Panoptikum ins Auge faßte. Mit ganz leichtem Grusel. Er schien ihr bekannt und doch fremd zu sein. Sie fand ihn älter und größer geworden.

Als Herr Sebastian Wenzel sich ihrer steten Begleitung bewußt wurde, überreichte er ihr das Menü für das heutige Mittagessen. Zu Beginn der Reise hatte er nach vielen Entwürfen diese Reihenfolge der Speisen als Schlußresultat festgesetzt. Das Mädchen ging, und der Hausherr verschwand im Brauseraum.

Als die lauen, feinen Tropfen seine Haut überspülten, dachte Herr Wenzel, was er schon ähnlich einmal zu der alten Exzellenz geäußert hatte: Aus allen Meeren der Welt kann der Mensch für seinen Körper selbst doch nur eine bestimmte kleine Menge von Wasser verwenden. Und endlich lag Herr Sebastian wieder in seinem guten breiten Bett. Es stand nicht so fest, wie er geglaubt hatte. Es rollte ein wenig im Takt der vorwärtseilenden Eisenbahn. Aber der Schlaf kam doch.

Draußen arbeitete der Tag, der laute, gierige Tag der Großstadt. Die harten, unermüdlichen Räder der Straßenbahn, der Automobile und Lastwagen erschütterten die Scheiben hinter der zugezogenen Gardine.

Herr Sebastian Wenzel schlief ruhig, friedlich und unbesorgt.

Wie man schläft, wenn man sich wieder zu Hause weiß.

29

Zimmer, die lange Zeit kein Mensch betrat, müssen erst wieder lebendig werden.

Schränke, die im lautlosen Dunkel das Aus und Ein und Auf und Zu ihres Daseins verschliefen, gähnen kreischend in den Angeln, wenn sie wieder ihrem Zweck erschlossen werden. Uhren, die stillstanden, finden sich nicht gleich in dem Lauf der neuen Zeit zurecht, wenn man ihren Pendel wieder in Schwingung versetzt.

Der ganze Haushalt mußte erst wieder die Hand des Herrn zu fühlen bekommen.

Herr Sebastian Wenzel hatte viel zu tun.

Fast in jedem Laden der Straße war eine kleine Anschaffung zu machen. Überall war man erfreut, den alten Herrn gesund wiederzusehen. Die sonst so fest verschlossene Tür der Wohnung blieb am ersten Tage nur leicht angelehnt. Handwerker, Werkzeug in den Händen, gingen ein und aus.

Mitten in das vorsichtige Gehämmer und Geklopfe, womit die kleinen Schäden von Herrn Sebastian Wenzels Reise ausgebessert wurden, schlich sich Amalie Zwink lächelnd ein.

Die Freundschaft der Nachbarn war vor Herrn Wenzels Abreise allerdings sehr maßvoll gewesen. Aber Entfernung verschönt, und daher, dachten beide jetzt freundlicher voneinander.

Fräulein Zwink war froh, ihren alten schweigsamen Zuhörer wieder hierzuhaben, und für Herrn Sebastian Wenzel gehörte Fräulein Amalie Zwink ein wenig mit zu den vertrauten Möbeln, dem behaglichen Fenster und der freundlichen Straße.

Als sie nun lächelnd vor ihm stand und fragte:

»Störe ich?« – antwortete Herr Wenzel freundlich:

»In diesem Augenblick nicht besonders« – bot ihr einen Platz am Fenster an, setzte sich ihr gegenüber und sah sie prüfend an.

Sie schien sich gar nicht verändert zu haben. Nur oben auf dem Kopf saß ein hellgrünes Schleifchen, das Herr Wenzel früher niemals bemerkt zu haben glaubte. Er irrte sich nicht. Das Schleifchen war ein Zeichen des jungen Frühlings, der jeden kahlen Fleck mit neuem Grün bedeckt.

Amalie Zwink fand ihren Nachbarn etwas verändert. Vornehmer geworden. Er war ein weitgereister Mann, der ein großes Stück Welt gesehen hatte.

Herr Sebastian Wenzel fragte, ob sie den Kampfergeruch noch sehr stark fände, und was man dagegen tun könne. Dann erzählte er von dem unangenehmen Quietschen der Schranktüren, dem die Arbeiter jetzt Abhilfe schaffen sollten. Auch daß er sofort zwei Uhren zu Heinrich Siebenlist hatte hinüberschaffen müssen. Die eine wäre nicht pünktlich gewesen, und die andere hatte noch nach dem Schlagen lange vorwurfsvoll gebrummt. Als wäre sie verstimmt, weil sie nun wieder arbeiten mußte. Unwilligkeit will man aber nicht um sich dulden.

Dann erkundigte er sich, ob es schon neuen Spargel gäbe und wie die Preise der großen Edelkrebse stünden. Letzteres interessierte ihn sehr.

Fräulein Zwink hatte ihn erstaunt angehört. Mit demselben gewaltsamen Lächeln, das sie früher für ihre besten Kundinnen bereitgehalten hatte, wenn sie durch unnützes Reden den Abschluß des Kaufes hinauszogen. Endlich aber durchbrach sie doch die Fragenreihe Herrn Wenzels und rief:

»Aber Ihre Reise? Erzählen Sie doch, wie war es denn?«

»Sie wissen doch, wo ich war«, sagte Herr Wenzel erstaunt. »Sandte ich Ihnen nicht auch eine Karte mit der Abbildung des Hotels?«

»Gewiß, aber – Sie sprechen, als wären Sie überhaupt nicht fortgewesen. Ganz unverändert sind Sie zurückgekommen.«

Trotz aller Gegenbestrebungen merkte man der Stimme des alten Fräuleins die Enttäuschung an. Man hört gern etwas Neues. Ein heiteres oder schauerliches Reiseabenteuer, wenn man selbst immer zu Haus ist. Man will das bißchen Buntheit haben, das zum Leben gehört.

»Ganz unverändert sind Sie zurückgekommen«, wiederholte sie.

»Ja, was dachten Sie denn?« sagte Herr Wenzel ärgerlich. »Niemand kann aus seiner Haut. Und wenn er die Welt umreist, was übrigens sehr überflüssig ist, denn ein Hotel gleicht dem andern. Und keins kann uns die eignen Zimmer ersetzen. Ja, dachten Sie, ich komme als Italiener zurück, weil ich in Italien war?«

»Nein, durchaus nicht«, versicherte Fräulein Zwink. Sie fürchtete, daß die neu gekittete Freundschaft schon wieder in die Brüche gehen wollte.

»Aber Sie müssen doch an Riesenbergen, großen Strömen, fremden Städten vorübergekommen sein?«

»Sie müssen bedenken, daß man an vielen bei Nacht vorüberfährt«, erwiderte Herr Sebastian Wenzel.

Aber Fräulein Zwink war nicht so recht getröstet.

»Ist der Himmel da unten wirklich so blau?« fragte sie aufs neue.

»Haben Sie richtige Apfelsinen wachsen sehen?«

Herr Wenzel nickte.

»Ja, das wohl. Aber Sie haben gewiß schon Äpfel an Zweigen beobachten können. Es ist genau dasselbe. Nur, daß es eben Apfelsinen sind. Der Himmel ist bei gutem Wetter unstreitig sehr blau. Aber schließlich spaziert man doch nicht als Hans Guckindieluft in der Welt herum.«

Es entstand ein kleines Schweigen. Beide sahen zum Fenster hinaus.

Fräulein Zwink dachte an den Himmel, der bei gutem Wetter unstreitig sehr blau ist. Herrn Wenzels Augen folgten einem mit Koffern bepackten Wagen.

»Es würde nicht soviel gereist werden, wenn die Menschen weniger übertreiben wollten. Das Eisenbahnfahren ist etwas durchaus Übles. Ich werde mich jedenfalls nicht mehr dazu hergeben.« – Ein Handwerker klopfte an die Tür. Er wollte mitteilen, daß die Flügel des Schrankes sich jetzt geräuschloser schwangen als die eines Schmetterlings.

Fräulein Zwink erhob sich, indem sie sagte:

»Nun störe ich aber.«

Herr Wenzel widersprach nicht und folgte dem Tischler … Als der erste Spargel auf dem Tisch stand, reihten sich die ruhigen Tage wieder ordnungsmäßig und gesundheitsdienlich aneinander.

Und als die Wirtschafterin beim ersten stärken Regenguß wieder das feuchte Zeitungsblatt gebügelt, abgekühlt auf einem Tablett in das Zimmer hineingetragen hatte, wußte auch sie, daß hier das Leben wieder seinen geregelten Gang gehen würde.

30

Jeden Tag zur selben Stunde ging Herr Sebastian Wenzel durch die gleiche Tür den gleichen Weg. Zur gleichen Stunde kehrte er zurück, um sich auf denselben Stuhl zu setzen.

Sein Leben lief mit der gleichen unberührten Sicherheit dahin; mit der die Jahre durch den Kalender ziehen.

Amalie Zwinks Papagei saß schon lange stumm und ausgestopft auf dem Schrank. Die alte Exzellenz war nun sicher vor allen schönen Frauen, und weder Liebe noch Podagra konnten ihn noch quälen.

In allen Geschäften der kleinen Straße stand ein neues Geschlecht hinter dem Ladentisch. Auf Heinrich Siebenlists Schild, das sich an sonnigen Tagen in Herrn Wenzels blank geputzten Fensterscheiben spiegelte, glänzte hinter dem Namen in hellem Gold: Nachfolger. Herrn Wenzels Wirtschafterin hatte ein größeres Sparkonto auf der Bank und einen grauen Scheitel auf der Stirn. Auch sie war nun ihrer Verwandtschaft nicht ohne Bedeutung.

Als ruhiger und immer heiterer werdender Beobachter sah Herr Wenzel hinter den Scheiben dem Wechsel der Jahre und Menschen zu.

Lächelnd saß er auf seinem Platz.

Er fürchtete sich nicht mehr vor einem mageren unbekannten Gast. Er lebte vorsichtig und in nichts vermessen. Er fühlte jeden Morgen, daß er noch Jahre vor sich haben müsse.

Dann und wann trank er mit Fräulein Zwink eine Tasse Tee zusammen. Sie mochten sich eigentlich immer noch nicht leiden. Sie fand ihn zu schweigsam und er sie zu geschwätzig. Aber gerade durch diese Eigenschaften kamen sie gut miteinander aus.

Die jüngeren Verwandten, die nun auch nicht mehr jung waren, belästigten Herrn Sebastian Wenzel nicht mehr.

Sie hatten im Laufe der Jahre eingesehen, daß die glücklichen Zufälle – und in diese geheimnisvolle Kategorie rechneten sie die Erbschaften – von selbst kommen müssen.

Aber Sebastians ältere Schwester kam häufig zu ihm. Sie war außer ihm die einzige der alten Wenzelschen Garde, die noch jedem Wetter standhielt.

Als er anfänglich ihre Besuche abzulehnen versuchte, hatte sie kurz und bündig erklärt:

»Wir waren zusammen jung, mein Junge, wir sind zusammen alt. Wir gehören zusammen. Sei froh, daß sich jemand um dich kümmert.«

Mit dem alten Respekt der Jugendzeit hatte sich Sebastian gefügt. Stumm und still trotzig.

Wie einst als Kinder saßen sie sich am Fenster gegenüber und sahen hinaus. Nur waren sie jetzt dem Erdboden näher. Damals strichen ihre Blicke über die Dächer. Herr Wenzel empfand keinen Zorn mehr gegen die Schwester. Nicht einmal Mißtrauen. Er fühlte, daß ihm von anderen nichts mehr geschehen konnte. Aber er zog es vor, mit seinen Gedanken allein zu sein. Wenn man mit anderen zusammen war, mußte man denken, was diese wollten. Auch brachten andere leicht Beunruhigung von außen mit herein.

Nicht selten wollte die Schwester von irgendeinem Unglück berichten, das diesem oder jenem zugestoßen war. Aber dann unterbrach Sebastian sie ärgerlich und sagte:

»Alte Leute müssen sich nichts Unangenehmes erzählen.«

Dann holperte zwischen den welken Lippen der Schwester ein rostiges Lachen hervor, und sie rief:

»Aus dir wäre auch kein Held geworden, alter Junge.«

Aber einmal antwortete Sebastian darauf:

»Du redest, wie du es verstehst. Jeder Mensch ist ein wenig Held. Weil er sein Leben einrichten muß und doch weiß, daß der Tod auf ihn wartet.«

»Ja, ja, das mag schon sein«, hatte die Schwester geantwortet und nachdenklich auf das Treiben der Straße geblickt.

»Aber«, sagte sie nach einer Weile, »schließlich kann man nicht immer leben. Man will es am Ende auch nicht. Ich bin oft so müde des Morgens, daß ich gar nicht aufstehen möchte. Nur um wieder einen neuen Tag anzufangen …«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Sebastian. »Jeder Tag hat doch seine kleine Freude im Hinterhalt. Eine kleine Freude, mit der niemand anderem auf der Welt etwas geraubt wird.«

Er lächelte ein freundliches Kinderlächeln. –

Daß er niemand störte, niemand mit seinem Behagen etwas fortnahm, bestärkte in ihm die Zuversicht, mit der er rechnete, ungestört auf seinem versteckten Plätzchen gelassen zu werden.

Er bezahlte pünktlich und ohne Murren seine Rechnungen. Er war der Stolz der Straße, die mit ihm und seinen Ausgaben wie mit einer kleinen sicheren Rente zählte. Alle waren stolz auf die Rüstigkeit ihres Herrn Sebastian Wenzel, den schon ihr Großvater bedient hatte.

Nicht nur einer versicherte ihm auf seinem Spaziergang, daß er jung und blühend aussähe und sicher noch eine unabsehbare Reihe rüstiger Jahre vor sich habe.

Aber eines Nachts bezahlte er, der immer ehrlich gewesen war, ohne langes Überlegen auch jene letzte Rechnung, die selbst der leichtsinnigste Schelm begleichen muß.

Sein Erbe fiel der Familie zu. Herr Sebastian Wenzel hatte mit dem Aufsetzen seines letzten Willens noch einige Jahre warten wollen.