
Theater

Erstes Kapitel

Als ich das letzte Mal in München war, hörte ich, aus der Sezession nach dem Englischen Garten gehend, meinen Namen rufen. Ich sah mich um und konnte mich des Winkenden nicht gleich entsinnen. Erst als er in seiner langsamen, bedächtigen und pedantischen Art, den Zwicker in der Hand, sich näherte, erkannte ich, daß es Mohr war.

Ich hatte ganz vergessen, daß der jetzt in München lebt. Wir begrüßten uns. Es traf sich, daß er nichts zu tun hatte; so trug er sich an, mich zu begleiten, und ich war es froh.

Wir kennen uns lange. Als ich 1883 nach Berlin zu Wilhelm Scherer ins Seminar kam, war der Doktor Naurus Mohr als Assistent dort: er leitete unsere Verhandlungen, teilte die Themen aus und Scherer schien viel von ihm zu halten. Ich habe mich oft gefragt, was der freie, feine und so heitere Geist unseres edlen Lehrers denn wohl an diesem schweren und doktrinären Schüler finden mochte. Mohr war mir nämlich damals gar nicht sympathisch. Ich kann nicht recht sagen, was ich eigentlich gegen ihn hatte. Seinen Verstand, seinen Fleiß durfte ich nicht leugnen; auch war er von den besten Manieren, freilich umständlicher und peinlicher, als man es sonst unter Studenten ist. Ich wurde doch eine leise Warnung in mir nicht los. Ich mußte ihn achten, man konnte von ihm lernen, aber er war mir halt zu korrekt. Ich hätte was für eine tolle Laune, eine ungerechte Wallung, einen dummen Streich von ihm gegeben, da wir doch junge Leute waren. Er nahm auch in die Kneipe, ins Café immer den Dozenten mit und wenn wir plauderten, schien er eher einem Stenographen zu diktieren. Auch ging es mir auf die Nerven, daß er immer dieselben drei Gebärden hatte: wenn er sprach, hob er die rechte Hand auf, streckte den Zeigefinger aus und hielt ihn vor sich hin; dann nahm er den Zwicker ab und deckte die Augen mit der linken Hand zu; am Ende machte er eine kleine Pause, strich sich behutsam den langen, schwarzen Bart und schmunzelte ein wenig. Diesen langen, schwarzen, sehr gepflegten Bart konnte ich nicht leiden; er ließ sein Gesicht auf den ersten Blick beinahe bedeutend erscheinen, was es doch, mit den müden kleinen Augen, der kurzen und stumpfen Nase, den bedrückten Zügen gar nicht war. Auch wußte er immer alles besser und ließ es einen in seiner zu höflichen, fast unterwürfigen, doch leise ironischen Art fühlen. Er war mir eben zu gescheit und ich meinte schon damals, daß man nicht viel ist, wenn man nichts als gescheit ist. Ich wäre so gern einmal mit ihm grob geworden, aber man konnte nicht dazu kommen. So vermied ich ihn lieber, obwohl er mich zu suchen schien.

Ich ging dann fort, Scherer starb, und nun hörte ich lange nichts, bis er mir, es wird 1888 oder 89 gewesen sein, nach Paris schrieb, er hätte die akademische Karriere verlassen und sei nach Wien zurück, um hier eine Wochenschrift zu begründen. Den Prospekt und eine Liste der Autoren schickte er mir mit; es sollte eine Tribüne der jungen Leute werden. Ich hatte kein besonderes Vertrauen und wunderte mich, bald zu hören, wie schnell das junge Blatt gedieh. Man muß ihm das lassen: Maurus Mohr, wie er sich jetzt nannte, den Doktor ließ er weg, verstand das Geschäft. Indem er die Argumente der Jugend in einer klaren, deutlichen, ja beinahe mathematischen, höchst verständigen und eigentlich recht philiströsen Sprache vortrug, Bosheiten nicht scheute und doch auch wieder, wenn es klug war, nachzugeben wußte, konnte es ihm nicht fehlen. Ich muß ja sagen: mir gefiel auch sein Blatt nicht. Ich verkannte nicht, daß es mutig und witzig manchen falschen Enthusiasmus der leichten Wiener hernahm, nach dem Worte des Ibsen, das er gern zitierte: »Ist es wirklich groß, das Große?« Gewiß, er machte das sehr geschickt, man fürchtete seinen Spott, und ich mußte ja auch lachen, aber ich konnte nicht froh dabei werden. Ja, es geschah mir oft, daß ich törichte und lächerliche, aber in einer herzlichen Begeisterung taumelnde Menschen, die ich sonst wohl selbst verhöhnt hätte, gegen seinen bösen Verstand bei mir verteidigte. Wenn ich auch glaubte, daß man sie tadeln sollte, fühlte ich doch, daß man sie anders tadeln müßte. Ich beneidete ihn nicht; es schien mir doch ein recht trauriges Metier, wenn die Menschen wieder eine Woche gestrebt und geirrt hatten, am Samstag diese ganze Welt von Hoffnungen und Wünschen mit ein paar Witzen abzutun. Auch war mir der ganze Stil, was seine Verehrer sein »wahrhaft Lessingisches Deutsch« nannten, nicht angenehm; er hätte lieber gleich in algebraischen Zeichen schreiben sollen. Immer Antithesen und lauter Pointen – ich konnte bald keine Zeile mehr lesen. Agaçant, ich weiß kein deutsches Wort dafür, fand ich zuletzt alles von ihm. Doch darf ich nicht ungerecht sein und muß zugestehen, daß er seine Macht nicht mißbrauchte und, obwohl er jetzt anfing, zu den »großen Journalisten« zu gehören, sich nicht veränderte, sondern ein guter Kamerad blieb, so weit davon bei seinem glatten und ironischen Wesen überhaupt die Rede sein konnte. Der Ruhm hat ihn nicht verdorben. Bald durfte man nämlich in der Tat schon von seinem Ruhme sprechen, seit sein Stück »Das Kind« im Stadtheater so sehr gefallen hatte. Das war 1893 und nützte der ganzen Jugend, nun fingen die Leute doch an, uns ernst zu nehmen. Es war ein wirklicher Erfolg. Lustig, spöttisch, ohne doch unangenehm zu werden, ein wenig sentimental, ohne weinerlich zu sein, mit allen Kniffen der Routine, jeder Phrase des Tages huldigend, von einem verblüffenden und doch die Komtessen verschonenden Mute, ganz moderne Wiener Dinge in einer Form verhandelnd, die eigentlich in der Nähe die alte Schablone war, sah es wie ein Werk der Jugend aus, ohne doch den Geschmack der anderen zu beleidigen. Die Alten waren froh, endlich einmal einen Jungen loben zu können; die Jungen schwiegen dazu, wir profitierten ja alle. Auch fiel in dem Stücke die Bastante zum erstenmal auf. Sie war früher nur als Schönheit berühmt gewesen, nun wurde ihr Talent erst »entdeckt«. Ihrer zärtlichen und subtilen Poesie verdankte er viel. Sie wurden denn auch jetzt immer zusammen genannt. Bald hieß es sogar, sie hätten sich lieb, er wolle sich von seiner Frau, einer schüchternen und unscheinbaren Berlinerin, die man fast nie zu sehen bekam, scheiden lassen, und wie schon so geredet wird. Sein zweites Stück fiel ein halbes Jahr später durch. Die Kenner lobten manche feine und kuriose Szene, die es aus alten Chroniken zog, aber man mußte wohl Germanist sein, um es zu würdigen. Das Publikum wurde ungeduldig, lärmte und pfiff. Mohr nahm das tragischer, als sonst Autoren pflegen. Man sah ihn nicht mehr, in der nächsten Nummer der Wochenschrift fehlte sein Artikel, und nach vierzehn Tagen hatten sie einen neuen Redakteur. Es hieß, er sei mit seiner Frau und dem Kinde nach München verzogen, um sich dort zu habilitieren. Man wunderte sich, eine Zeit wurde noch von ihm gesprochen, bald war er vergessen.

Nun gingen wir im Englischen Garten, fragend und erzählend, unserer Berliner Zeit gedenkend, die Wiener Freunde betrachtend. Ich war angenehm überrascht: er schien milder geworden, er war nicht mehr so definitiv, er dozierte nicht mehr. Das ironische Lächeln hatte er freilich noch immer, das mich in Berlin schon ärgerte, aber es war jetzt trauriger; gütig konnte man es beinahe nennen. Selten hob er den Finger noch in jener demonstrativen Art, da mußte er schon sehr lebhaft werden; meistens hielt er jetzt den Zwicker in der rechten Hand, um mit der anderen in seiner Weise die scheuen und empfindlichen Augen zu bedecken. Ich bildete mir sogar ein, daß seine sonst so schrille, schneidende Stimme trüb und stumpf geworden war. Ein Flor schien über sein ganzes Wesen gezogen. Was mochte mit ihm geschehen sein? Er beklagte sich nicht; er schien zufrieden, aus dem Lärm des Journalismus weg zu sein, und lobte sich das stille Leben des Gelehrten. So resigniert klang alles, was er sprach. Das befremdete mich. Er war doch kaum sechsunddreißig Jahre und es lag so gar nicht in seiner Natur. Was mochte da geschehen sein? Aber ich hütete mich, zu fragen.

Ich blieb zehn Tage in München. Die paar Freunde, die ich dort habe, waren schon auf dem Lande. Auch er war allein; nur jeden Sonntag fuhr er nach Tegernsee zu seiner Frau und dem Knaben. So gab es sich, daß wir gern nach der Arbeit, wenn er von der Bibliothek, ich aus der Sezession kam, spazieren gingen, von unseren Gedanken, Plänen und Beschäftigungen redend, meistens über das Buch, an dem er jetzt schrieb, oder auch, wenn ich gerade was Besonderes gesehen hatte, über Malerei, aber da konnten wir uns nicht verständigen. Einst hatte er für die »Moderne« geschwärmt, jetzt wollte er nicht mehr mit. Er billigte die Naturalisten, aber diese neuesten Sachen mochte er nicht gelten lassen. Da konnte er böse werden. Wenn mir nur einmal jemand sagen könnte, was man sich denn dabei eigentlich denken soll, fragte er mich oft. Ich antwortete, daß man doch der Kunst mit dem bloßen Verstande nicht beikommen kann; die vagen Werke dieser unverständlichen und nur so lallenden Künstler hätten doch die Macht, Stimmungen zu gebieten, die mir teuer sind, weil sie mich das Leben stärker spüren lassen. Aber ich konnte ihn nicht bekehren. Er sagte höchstens zuletzt: kann sein, daß Sie recht haben – ich bin jetzt schon so weit, daß ich in der Kunst überhaupt gar nichts mehr weiß. So stritten wir oft. Lieber sprach er von seinem Buche über Lichtenberg. Er wurde nicht müde, das klare und reine Wesen dieses nur vom Verstande lebenden Mannes zu loben.

Einmal holte ich ihn von der Bibliothek ab. Wie ich ihn da in dem trüben, grauen Zimmer unter den alten Folianten sitzen sah, sagte ich: »Das ist auch nicht der Ort, das Theater zu vergessen.« »Nein,« antwortete er, »das würde auch zu schwer sein; das Theater vergesse ich wohl nie!« Es klang seltsam, wie er das sagte: so traurig. Ich meinte: »Das ist eine alte Geschichte, das Theater läßt einen nicht mehr los; man mag es tausendmal verschwören, es nützt alles nichts, Sie werden schon sehen; wollen Sie wetten, es dauert nicht drei Jahre und Sie lassen den ganzen Krempel da stehen und kehren zum Theater zurück?« Er sagte bloß: »Nie!« Aber ich erschrak. So ernst hatte ich ihn noch nicht gesehen, und er zitterte.

Ein anderes Mal gingen wir auf der Straße und blieben vor einer Kunsthandlung stehen, mir fiel ein Bild von Stuck auf, das den bayrischen Komiker Dreher in vielen Rollen zeigt, merkwürdig und fast unheimlich gemacht, das cäsarische Profil in der Mitte, allerhand Masken herum. Es hing da zwischen Photographien berühmter Schauspieler und Schauspielerinnen. Wir traten hin, um es besser zu sehen, und ich wollte eben mein Entzücken aussprechen, als mich Mohr so heftig an der Hand riß, daß ich taumelte. Ich sah ihn an, er war ganz fahl, ich mußte ihn halten. Ich bemerkte nun erst ein Bild der Bastante neben dem Dreher. Ich wollte ihn wegziehen, da war er schon fort und rannte, indem er sich ein Tuch vor das Gesicht hielt, über die Gasse in ein Haus. Dort sah ich ihn im Tore, heftig bewegt, sich an die Mauer lehnen, den Kopf hielt er gesenkt und mit der Hand drückte er auf sein Herz, wie um es zu bezwingen. Ich ging etwas weg, da wir doch nicht so intim waren, daß ich ihn hätte trösten dürfen, und wartete. Nach einiger Zeit kam er mir nach, sagte aber nichts und ich wußte auch nichts zu sagen. So gingen wir lange, er schnäuzte sich ein paarmal. Endlich setzte er seinen Zwicker wieder auf und versuchte in seinem gewöhnlichen ruhigen Tone zu reden. »Ich habe mich recht kindisch benommen. Nun wird es schon das beste sein, daß ich Ihnen alles erzähle. Sonst komme ich Ihnen ja gar zu albern vor. Es wird mir auch wohltun; vielleicht rede ich es mir weg. Ich hoffe, es wird mir dann leichter sein, wenn es auch ein anderer weiß.« Und er schlug mir vor, uns abends in einer Weinstube zu treffen, wo man recht behaglich sitze und ungestört sei. Da sollte ich alles hören.

Vom Promenadenplatz, wo der Kurfürst Max Emanuel und der Orlando di Lasso stehen, geht links eine kleine Gasse hinein, da ist die Rüdesheimer Weinstube. Der Besitzer heißt Franz Fischer und hat seine Weine aus dem Keller des Herrn Johannes Baptist Sturm, der ein großer Weinbauer in Aßmannshausen ist. Teppiche teilen das lange, schmale, braune Gemach in Nischen ab. Zum stillen Zechen, zu Vertraulichkeiten ist es da herrlich, und es gibt einen Rauenthaler Berg, der rinnt so sanft und zärtlich durch die Kehle, daß man gar nicht mehr weggehen möchte. Eine lange, dünne und hektische Person serviert; sie trägt die dichten aschblonden Locken präraffaelitisch, junge Maler kneipen da gern. Man hört sie gar nicht, wenn sie geht; so leise, so linde sind ihre Schritte. Meistens lehnt sie an der Kredenz, träumelt vor sich hin und lächelt nur so. Man fühlt, hier wird mit Andacht gezecht; das Trinken ist hier eine ernste und heilige Sache. Hier hat er mir sein Abenteuer erzählt.

Er leitete es sehr feierlich ein. Er tat so, als würde ich eine ganz seltsame und unglaubliche Geschichte hören. Ich konnte das eigentlich nicht finden. Es war doch zuletzt eine recht banale Begebenheit, die auch anderen schon geschehen ist. Mir schien an ihr nichts merkwürdig, als daß er sich gar so wunderte und es noch immer nicht fassen konnte. Daran glaubte ich wieder einmal recht deutlich das Wesen des Theaters zu spüren, und es wurde mir manches bestätigt, das ich schon öfter vermutet hatte. Amüsant waren mir allerhand Figuren, die er schilderte; die Episodisten seiner Geschichte stellte er zum Greifen hin. Freilich, was er eigentlich sagen wollte, ist er mir schuldig geblieben. Immer kündigte er mir an: »Warten Sie nur, jetzt kommt es erst!« Aber es kam nicht, und am Ende wußte ich noch immer nicht, was er denn meinte. Im einzelnen war er so deutlich, daß ich oft schon ungeduldig wurde; zum Ganzen konnte er doch nicht kommen. Ich muß aber sagen, mir gefiel das gerade: so blieb mir immer noch zu deuten und zu raten. Bei mir wurde die Geschichte erst fertig, indem ich alle Schilderungen nach seinem Wesen, wie ich es vor mir hatte, zu korrigieren suchte. Das war mir lieber, als bloß zuzuhören. Vielleicht werden andere dasselbe denken. Deshalb erzähle ich es ihm nach und ändere nichts, alle Vermutungen bei mir behaltend. Es wäre ja nicht so schwer gewesen, manches besser zu stellen, um das Wichtige sehen zu lassen; aber es hätte mir leid getan.

Wünschen möchte ich, daß es mir gelungen sei, seinen Ton zu treffen, seine gelassene, sachliche, manchmal ein bißchen langsame und schwere, immer getreu referierende Art der Erzählung, die so glücklich ist, von unserer Leidenschaft der suggestiven Worte noch nichts zu wissen. Sie gehört dazu. Ich habe mich bemüht, aber ich bin noch nicht gewiß, ob es mir geraten sein wird.

Und nun lasse ich ihn erzählen.

Zweites Kapitel

Mit einer Premiere fängt meine Geschichte an, mit einer Premiere hört sie auf. Dazwischen ist ein halbes Jahr, aber mir will es ein ganzes Leben scheinen; so viel habe ich da erlebt. Die Leute loben immer die Erfahrung: da lerne man erst die Welt und die Menschen kennen. Ich kann das nicht behaupten. Ich kenne sie jetzt weniger als je. Ich weiß jetzt gar nichts mehr. Nun, Sie werden es ja sehen!

Erinnern Sie sich noch an die Premiere des »Kindes«? Im Oktober werden es gerade drei Jahre. Mit einem Schlag, über Nacht, war ich auf einmal berühmt; ich hätte es mir nicht träumen lassen. Nie hatte ich an das Theater gedacht. Ich weiß überhaupt nicht recht, wie ich eigentlich in die Literatur gekommen bin. Ich habe in meinem Leben keinen Vers gemacht, nicht einmal im Gymnasium. Ich wurde Philologe; alte Texte lesen, Konjekturen vergleichen, das war mein Vergnügen. Scherer hat mich zur neueren Literatur geführt. Journalist wurde ich, um Geld zu verdienen; es ist doch immer noch gescheiter, als Lektionen geben. Ich hatte nicht die Mittel, als geduldiger Dozent jahrelang zu warten. Als man mir also anbot, eine Wochenschrift zu gründen, griff ich zu. Nun hat das Amt des Journalisten große Verlockungen. Man darf sich einbilden, zur ganzen Menschheit zu reden, auf seine Zeit zu wirken und ihre Gedanken mitzubestimmen, mehr als man es heute von der Kanzel oder vom Katheder kann. Man ist auch fleißiger, weil man schneller wirkt. Bis so ein Buch unter die Leute kommt! Aber die Zeitung wirkt sofort. Heute habe ich einen Gedanken, morgen läuft er schon durch die Stadt. Und ich sehe zu, wie er wirkt, ich bin dabei, ich höre den Beifall der Freunde, die Wut der Gegner. Der Journalist gleicht dem Schauspieler: mit seiner Person steht er da. Wie der Schauspieler kann er nicht warten. Wie der Schauspieler verzweifelt er, ist einmal acht Tage nicht von ihm die Rede. Er hat keine Ruhe – nur immer wieder was Neues, immer was Anderes! So ist es mir auch gegangen. Zuerst habe ich nur über die Theater geschrieben, dann fing ich jene bösen Glossen »aus der Woche« an, die man so gern gelesen hat; bald genügte mir das auch nicht mehr. Ich wollte zeigen, daß Wien doch noch ganz andere Figuren hat, als das ewige Wäschermädel und den unabänderlichen Fiaker unserer Feuilletonisten. Ich nahm mir vor, die Typen jener schlechten Gesellschaft zu schildern, die in den Zeitungen »ganz Wien« heißt. Ich hatte sie ja bei der Hand, da doch der Wiener Journalist, wenn er schon einmal das Café verlassen will, in keine andere Welt kommt. Auch sind diese Leute gar nicht empfindlich, sondern haben es gern, verspottet zu werden, und abonnieren. So sind die »Wiener Satiren« entstanden, kurze Skizzen von hundertfünfzig bis zweihundert Zeilen. Das war auch die erste Form des »Kindes«. Ich schilderte da das junge Mädchen aus der Welt der Börse, dieses freche, durch den ungenierten Ton der Gäste verdorbene, vorlaute, witzige und doch so traurige Geschöpf. Die Skizze gefiel und gerade weil ich, ohne an eine Person zu denken, nur alle Züge der Gattung genommen hatte, glaubte jeder das Original zu erkennen. Ich freute mich, die Geschichte war ein Treffer, mehr sollte sie ja gar nicht. Selber wäre ich nie auf die Idee gekommen, sie zu dramatisieren. Da kam eines Tages der Direktor des Stadttheaters zu mir. Sie können sich denken, daß ich mich wunderte. Der gute Stangel hatte wirklich keine Ursache, mir gewogen zu sein. Ich machte ihm das Leben sehr sauer. Jede Woche schrieb ich gegen ihn. Er hatte keinen ärgeren Feind. Heute sehe ich wohl ein, daß ich oft zu weit gegangen bin, in der Sache vielleicht nicht, doch gewiß in der Form. Aber mein Gott, man muß die Menschen amüsieren! Wir schimpften damals um die Wette. Er hatte die ganze Presse gegen sich. Es ärgerte uns, daß er Direktor geworden war, ohne uns zu fragen; es ärgerte uns, daß wir ihn nicht kannten; es ärgerte uns, daß er sich nicht um uns kümmerte; es ärgerte uns, daß er sich einbildete, ohne uns zu regieren; der ganze Mensch mit seiner festen, unbekümmerten und fidelen Art ärgerte uns. Auch schien er sich aus unserem Lob und Tadel nichts zu machen. Immer sah man ihn mit derselben lustigen und unternehmenden Miene, den Hut schief, die Hände in den Taschen, durch die Stadt spazieren; nichts konnte seine gute Laune stören – das durften wir uns doch nicht gefallen lassen. Ich führte die Opposition an. In jeder Nummer der Wochenschrift wurde er als ein Laie ohne Ernst, durch sein frivoles und liederliches Wesen verderblich, ein »fescher Kerl«, der zu den Schrammeln, aber nicht in ein erstes Theater gehörte, aufs bitterste verspottet. Daß nun dieser Mann, an dem ich, wie man so sagt, kein gutes Haar gelassen hatte, in meine Redaktion kam, mußte mich wohl wundern. Ich war neugierig, was er denn von mir wollen könnte. Er sagte mir zuerst allerhand Schmeicheleien, er lese mein Blatt immer mit dem größten Vergnügen. »Wenn Sie auch über mich schimpfen, das macht nichts. Wir brauchen ja jemanden, der ein bissl aufmischt. Und die Leut' giften sich schrecklich!« Nun, Sie kennen ja seine Art. Er sieht einen dabei mit den gescheiten, flinken und triumphierenden Augen so verschmitzt und lustig an, man traut sich gar nicht mehr, die gewissen großen Worte zu sagen und nimmt unwillkürlich seinen vertraulichen und aufrichtigen Ton an. »Ich bitt' Sie, ich nehm' Ihnen das nicht übel, ich werd' doch nicht so dumm sein! Schimpfen's nur weiter! Dazu sind Sie ja da!« Dann kam er auf die »Wiener Satiren« und konnte besonders das »Kind« nicht genug loben, das eine wahre Perle der Literatur sei. »Aber,« sagte er plötzlich, »haben Sie denn nicht bemerkt, daß das ein famoses Stück wär'? Schauen's, wissen's, das könnt' ich brauchen, so einen heutigen Bauernfeld. Warum wollen Sie das nicht probieren? Die Figur ist ganz sicher; es fehlt nur noch eine Handlung dazu. Gehen's halt in die Bibliothek und lassen Sie sich ein paar alte französische Stücke geben. Wirklich, sind's g'scheit und machen Sie mir ein fesches Stück daraus.« Das war der Zweck seines Besuches; er redete mir zu, das »Kind« zu dramatisieren.

Als er fort war, dachte ich nach. Ich war nicht so eitel, zu glauben, daß ihm die Novelle wirklich gefiel. Nein, ich saß ihm nicht auf. Ich wußte, es reizte ihn, zuweilen den Diplomaten zu spielen, dem es gelang, sich seine besten Freunde aus dem feindlichen Lager zu holen. Aber es schmeichelte mir doch, daß es ihm überhaupt so wichtig war, mich zu gewinnen, und er hatte es wirklich hübsch gemacht. Ein anderer wäre gekommen, um sich zu beklagen und mir vorzujammern und seine guten Absichten zu beteuern. Er war gescheiter. Ich konnte meine Angriffe fortsetzen, aber ich mußte doch seinen Besuch erwidern, schon um ihm meine Antwort zu bringen, die ich mir vorbehalten hatte. So war ein Verkehr eingeleitet, ohne daß er sich etwas vergeben hätte, und geht man mit einem Direktor um, so schreibt man doch gleich ganz anders. Sollte ich seinem Antrage folgen? Das Theater war nicht in meinen Wünschen. Ich meinte auch, daß es nicht gut ist, wenn ein Kritiker Stücke schreibt. Fiel ich durch, so schadete es meinem Ansehen sehr. Vielleicht hatte er auch das vor. Nein, so töricht wollte ich nicht sein.

Das sagte ich mir und wollte nicht weiter daran denken. Aber es gelang mir nicht. Oft, wenn ich spazieren ging, nahm die Novelle von selbst bei mir dramatische Formen an und auf einmal stand Szene für Szene ein ganzes Stück da. Ich schrieb es auf, es lag ja schließlich nichts daran, es sollte doch nur zu meinem Vergnügen sein, als eine Übung, die dem Kritiker nicht schaden konnte. Sie kennen das Stück ja. Sie wissen ja, daß es fast gar keine Handlung hat, sondern nur jenes lieblich verdorbene, witzig sentimentale Mädchen von seinem ersten Balle bis zur Verlobung mit sehr vielen Nuancen schildert; ein paar satirische Szenen sind lose angebunden. Mich freute die Arbeit, die Freunde, welchen ich sie vorlas, lobten sie, und wie der Mensch schon ist, es ließ mir keine Ruhe, bis ich sie doch dem Direktor gab. Ich sagte ihm freilich, daß diese feinen, spitzen und ironischen Dialoge nach meiner Meinung auf der Bühne nicht wirken könnten; wolle er es wagen, so sollte es auf seine Gefahr geschehen. Mir würde das, setzte ich in seinem frozzelnden Ton dazu, nur wieder beweisen, daß er vom Theater eben doch gar nichts verstehe. So suchte ich mich zu salvieren und wollte von der ganzen Sache nichts wissen. Ja, ich trieb das so weit, als das Stück nun wirklich angenommen wurde, mich um Besetzung und Inszenierung gar nicht zu kümmern. Das wurde mir nicht leicht; ich hatte manchen stillen Arger zu verwinden. Oft wollte ich schon an einen bösen Willen des Direktors glauben. Vielleicht hätte es ihn gefreut, mich zu blamieren. Das Stück wurde mit lauter kleinen Schauspielern besetzt, kein Name stand auf dem Zettel; die Bastante war ja damals auch noch nichts. Aber ich ließ mir alles gefallen. Es fehlte nicht viel und ich hätte sogar noch die Premiere versäumt. Ich hatte das eigentlich vor. Aber ich hielt es doch daheim nicht aus. Im letzten Moment rannte ich hin. Zehn Minuten vor sieben stellte mich der Direktor meinen Schauspielern vor.

Sie waren ja damals dabei. Sie wissen, wie es kam. Niemand hatte es erwartet. Ich bildete mir gar nicht ein, ein Dichter zu sein. Im besten Falle hoffte ich, das Lob der Kenner für meine Mache zu verdienen. Und nun ging nach dem zweiten Akte jener Sturm und Jubel los, wie man ihn seit Jahren in keinem Wiener Theater vernommen hat. Immer wieder, immer wieder mußte ich, die bebende Bastante an der Hand, erscheinen, fünfmal, zehnmal, zwanzigmal, und sie hörten noch immer nicht auf. Man muß so etwas selber erlebt haben, schildern läßt es sich nicht. Ich erinnere mich an jene Vorstellung gar nicht mehr. Ich weiß nur, daß es sehr heiß war, und ich stand in der Kulisse und da war ein Mann von der Feuerwehr. Ich sehe noch seinen Helm glänzen und er hatte einen sehr dicken, hängenden Schnurrbart. Ich stand neben ihm, dann ging ich hin und her, der Gang war sehr enge, ich stieß an, und immer sah ich seinen Helm glänzen, über dem dicken, hängenden Schnurrbart. Plötzlich hörte ich schreien, mir wurde bange, es brauste draußen, und nun zog man mich vor, und da war ein schwarzer Schlund, und alles drehte sich, und neben mir sah ich das lieblichste Geschöpf sich verneigen, und ich fühlte, wie ihre Hand zitterte. Und dann redeten viele, viele Menschen zu mir und viele, viele Hände griffen nach mir, und ich weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe, und draußen wird immer noch mein Name gerufen, und ich muß immer wieder vor, und fühle wieder ihre zitternde Hand, und sonst weiß ich gar nichts mehr und höre nur noch den Direktor sagen: Gut ist gangen, nix ist g'schehen! Und dann sind wir draußen in der kalten, harten Oktoberluft, Fiaker schreien, es ist sehr hell, mir sausen noch die Ohren, und ich lasse mich vom Direktor führen. Ich kann mich noch immer nicht besinnen, ich denke mir, es wird wohl nur ein Traum sein.

Der Direktor führte mich in die bayrische Kneipe hinter dem Theater. Dort pflegen die Schauspieler nach der Vorstellung zu sein. Er telephonierte an meine Frau nach Haus, wie es gegangen war. Ich war zum Umsinken müde. Nur irgendwo ruhig sitzen dürfen, das war mein einziger Gedanke. So trat ich in die Welt ein, der ich nun fast ein halbes Jahr angehören sollte.

Man feierte mich sehr. Man sprach von einer neuen Ära des deutschen Theaters, ich wurde mit Sudermann verglichen, man stellte das »Kind« neben Minna von Barnhelm und die Journalisten. Ich war verlegen, was ich sagen sollte, und schämte mich fast. Ich wußte ja damals noch nicht, daß man die Worte dieser merkwürdigen Menschen nicht so genau nehmen darf. Die größten Reden haben bei ihnen wenig zu bedeuten. Sie schwärmen gleich und jauchzen; wo wir uns höchstens ein bißchen ärgern, können sie sich schon vor Entrüstung nicht mehr fassen; Ungeduld wird gleich zur Raserei, Laune zur Leidenschaft. Es scheint ihnen aber eigentlich gar nichts zu machen; sie regen sich dabei weiter nicht auf, als mit den Händen und mit der Lunge, im größten Lärm bleiben sie immer die ruhigsten Leute. Es wurde mir nicht leicht, mich gleich an ihre laute und pompöse Art zu gewöhnen. Ich saß zwischen Otto und Tenzer, der Direktor hatte den Merz neben sich. Otto schwieg; er mußte sich schonen, denn er hatte morgen den Posa zu spielen, und so saß er mit seiner feierlichen, tragischen Miene unbeweglich da und lauerte nur, ob es nicht zog, bald ein Fenster noch fester verschließend, bald nach der Türe gehend, immer mit den kurzen, harten, herrischen Schritten, die er hat. Tenzer redete mir zu, ihm das Stück zum Vertrieb zu geben. Der Liebling unserer jungen Mädchen, der holde Romeo, der Knabe Karl ist ja nämlich auch Agent, kauft Stücke und versteht den Handel. Er legte mir gleich seine Tabellen vor; mir wurde von den vielen Zahlen ganz schwindelig. Es war mir seltsam, dieselbe Stimme, die vor einer Stunde so betörend geflüstert hatte, nun addieren und dividieren zu hören. War denn das derselbe Mensch? Und nun sah ich vor mir immer den wüsten, häßlichen, gelben Schädel des Merz mit der unruhigen, immer zuckenden, von Grimassen flackernden Miene. Es wurde mir fast unheimlich, und ich war so müde: ich hatte einen solchen Hunger und trank zu viel; alle rauchten, der Durst, das Geschrei, der bleiche, starre Otto, der wie in Erz neben mir saß, und der Tenzer rechnete mir noch immer in die Ohren, und Merz fuchtelte mit seinen hageren Armen, verzog den breiten, fetten Mund, blähte sich auf, schielte und grinste, und alle tranken mir zu, wir stießen an, und es war ein Lärm, daß ich zu versinken glaubte. Seekrank, das wäre das Wort für meinen Zustand; wie seekrank war ich. An dieses schreckliche Gefühl erinnere ich mich noch. Was sonst gesprochen wurde, was ich gesagt haben mag, habe ich vergessen. Ich höre nur immer noch den monoton rechnenden Tenzer, dazwischen kreischt Merz wie ein gereizter Papagei und neben mir sehe ich die melancholische Statue des Otto; das Zimmer dampft, so dick und trübe ist die Luft, daß sie die Lichter verschleiert. Und nun geht auf einmal die Türe auf, in unserem Zimmer ist es grau, der leere Gang draußen glänzt ganz weiß, wie ein Bach scheint da das Licht zu fließen, und nun steht in dieser schimmernden Spalte auf einmal die Bastante da, in einen weiten weißen Mantel gehüllt, eine helle, glitzernde Schlange von Pelz um den Hals, leicht sich neigend, die eine Hand an der Klinke, mit der anderen die weiten weißen Falten raffend; wie eine weiße Flamme sah sie aus. Ich hatte in dem Trubel vergessen, mich von ihr zu empfehlen. Sie wollte nicht nach Hause, ohne mir noch einmal zu gratulieren und zu danken. Ihr Wagen wartete draußen, sie setzte sich nicht einmal; rasch gab sie nun einem nach dem anderen ihre lieben kleinen, nervösen Hände hin und schon war sie wieder fort.

Wir blieben lange sitzen. Ich mag mich seltsam betragen haben. Den anderen Tag wurde ich gehänselt, ich sei schrecklich betrunken gewesen. Ja, ich bin betrunken gewesen und bin es ein halbes Jahr geblieben. Das ist mein Abenteuer.

Wir wohnten damals in Cottage. Fast eine Stunde hatte ich zu gehen. Es war der erste kalte Tag in jenem Winter. Abends hatte es leise zu schneien begonnen, nun war es stille geworden, die klare, dünne Luft schien zu leuchten. Ich aber ging, in mein Glück wie in einen schweren Mantel gehüllt, dahin. Es kam mir alles gar so merkwürdig vor und ich wunderte mich doch nicht, wie man im Traume Abenteuer begeht und doch ganz in der Ordnung findet. Ich war nur neugierig. Ich wußte, daß es noch viel schöner kommen würde. Es hätte mir jetzt ein Riese begegnen und mit einem großen Schlüssel den Himmel aufsperren können, ich hätte mich auch nicht gewundert.

Da fiel mir ein, daß ich doch jetzt nach Hause ging. Meine Frau war gewiß noch auf. Es kam mir schrecklich dumm vor, daß ich ihr jetzt den Abend schildern sollte! Die Stimmung im Hause, die Wirkung der einzelnen Szenen, lauter Sachen, die ich doch jetzt gar nicht mehr wußte. Sie würde mich mit ihrer ruhigen, klaren Stimme fragen, die mir oft geholfen hatte, als es uns schlecht ging. Wir haben ja manches durchgemacht. Daran mußte ich jetzt denken.

Ich habe Lotte nie geliebt. Ich bin ja eigentlich nie jung gewesen. Wir waren zwölf Geschwister, an meine Mutter kann ich mich nicht erinnern, ich war zwei Jahre, als sie starb. Mein Vater hatte viel Pech; er ist alles mögliche gewesen, aber es glückte ihm halt nie. Er hatte immer die größten Pläne, aber es war alles umsonst. Sie wissen, was man in Galizien einen Faktor nennt. Nun, das ist kein sehr angenehmes Geschäft. So ist er böse auf das Leben geworden und hart. Ich grolle ihm nicht, er konnte ja nichts dafür; aber so eine Jugend möchte ich niemandem wünschen. Bei uns war es verboten, sich zu freuen. Wir sollten lernen, daß das Leben kein Vergnügen ist. So wurden wir erzogen. Ich war noch in der Volksschule, da mußte ich schon bei einem Advokaten schreiben. Dann habe ich mich durch das Gymnasium gehungert und gebettelt. Ich wohnte in Lemberg bei einem alten Trödler und Wucherer; dem mußte ich die Bücher führen, dafür hatte ich ein Bett. Es ist ja ein Wunder, was man als Kind alles aushalten kann. Die elenden Wege eines armen Studenten bin ich gegangen. Es heißt ja, daß das sehr gesund sein soll. Aber Sie können sich denken, daß man da das Talent verlernt, sentimental zu sein. Den Luxus von Gefühlen durfte ich mir nicht erlauben. Die edlen Schwärmereien der Jugend, die man in den Romanen liest, sind mir unbekannt geblieben. Ich bin froh gewesen, wenn ich zu essen hatte. Sah ich ein hübsches Mädchen, so war mir das so, wie wenn ich jemanden im Wagen, fahren sah: Das war eben eine eigene Rasse von Menschen, ich gehörte zu den anderen, die zu Fuß gehen.

Erst in Wien an der Universität ging es mir besser. Da hatte ich Glück. Ich wurde Sekretär des alten Professor Gendele. Seine Güte werde ich nie vergessen. Er hat mich aus dem Elend gezogen, sein Leben ist mein Muster geworden. Er saß den ganzen Tag in seiner lieben stillen Stube und las die Texte der Minnesänger nach. Anfangs kam es mir oft beinahe komisch vor. Sie hatten von ungestümer Begierde, von innigster Lust und von Reue gesungen und nun zählte dieser milde Greis ihre Worte ab! Aber was hatten sie gelitten und wie war er froh! War er nicht klüger? Ich lernte von ihm, daß es am besten ist, sich zu bescheiden und immer nur dem Verstande zu vertrauen. Wäre ich doch bei seinen Lehren geblieben! Er vermachte mir ein kleines Legat, das mir erlaubte, nach seinem Tode zu Scherer zu gehen. Dort haben wir uns ja kennen gelernt. Sie wissen, Scherer hatte mich sehr gern und es hätte mir in der akademischen Karriere wohl nicht gefehlt. Ich könnte jetzt längst Ordentlicher in Kiel oder in Würzburg sein. Aber es ist mir anders bestimmt gewesen.

Nun bin ich abgekommen. Ich wollte Ihnen nur sagen, wie traurig meine Jugend war. Ich war froh, wenn ich zu essen hatte. Da ist viel verkümmert worden in mir und ich bin eigentlich nie recht jung gewesen. Mit Mädchen und Frauen betrug ich mich ungeschickt, ich war schüchtern und ihr Wesen kam mir doch albern vor. Da lernte ich bei Scherer meine Frau kennen. Sie schien mir ganz anders, ich hatte keine Furcht, sondern Zutrauen und konnte mit ihr wie mit einem Kameraden sprechen. Sie schien mir gar kein Weib zu sein; alle die dummen Sachen, die die Frauen sonst haben, hatte sie nicht. Sie verstand mich. Ihr Vater war preußischer Offizier gewesen und hatte als Hauptmann plötzlich quittiert, um eine Schrift gegen den Militarismus zu verfassen, der vor den sittlichen Begriffen der Gegenwart nicht mehr zu rechtfertigen sei. Auch stiftete er eine kleine Gemeinde seltsamer Schwärmer, die die Menschen zu einem neuen, alle Vorurteile abbrechenden, nur der Vernunft gehorsamen Leben bekehren wollten. Man dachte, er sei verrückt geworden. Seine Kameraden vom Regiment, fast alle Freunde wendeten sich von ihm ab; seine Frau, die Tochter eines Landrats, die die Achtung ihrer Welt nicht entbehren konnte, nahm es sich so zu Herzen, daß sie starb. Nun hängte er sich mit seiner ganzen Liebe, aber freilich auch mit allen seinen Schrullen an die kleine Lotte, die noch kaum zwölf Jahre alt war. Sie wollte er zu einem neuen, freien, von Vorurteilen reinen, seine Instinkte beherrschenden, nach der Vernunft lebenden Menschen erziehen. Er war unerbittlich gegen jedes Gefühl, jeden »Dussel«, wie er alles hieß, was sich nicht vor dem Verstande beweisen ließ; grausam konnte er da sein. Es gehörte ihre schlichte, unschwärmerische, an Instinkten arme und dabei so gütige, so selbstlose Natur dazu, um es zu ertragen. Ich hätte wohl auf der ganzen Welt kein Wesen finden können, das so zu mir paßte. Aber geliebt habe ich sie nie. Und das wußte ich jetzt auf einmal, als ich durch die stille Nacht nach Hause ging.

Ich hatte einen seltsamen Zustand. Ich dachte über alle Dinge ganz ruhig nach und sah sie an, ohne Reue, ohne Zweifel, ohne inneren Streit. Ich hatte so sehr das Gefühl, von einer Macht beherrscht zu werden, daß ich gar nicht daran dachte, mich zu wehren oder etwas zu wollen. Ich war nur neugierig, wohin sie mich denn treiben würde. Leise ging ich daheim die Treppe hinauf, zog die Schuhe aus, um den Knaben nicht zu wecken, und trat in das Zimmer. Sie war noch auf und las. Lächelnd gab sie mir die Hand und sah mich gut an; aber es sei spät, ich würde müde sein; morgen sollte ich ihr denn alles erzählen.

Drittes Kapitel

Den anderen Tag ließ ich mir in der Früh die Zeitungen holen und las die Rezensionen. Ich konnte sehr zufrieden sein: ich wurde überschwenglich gelobt. Nur Speidel war etwas kühl. Er tadelte das Stück nicht gerade, aber ich konnte merken, daß es ihm eigentlich nicht gefallen hatte. »Einen bedeutenden Kunstverstand«, schrieb er, »wird man dem Verfasser nicht abstreiten können; aber der holde Unverstand, der der Kunst nicht fehlen darf, ist ihm versagt geblieben. Mit Hochachtung, doch ohne Schwärmerei wird man seinen Namen aussprechen. Er sollte beherzigen, daß eine Gleichung noch kein Schauspiel ist.«

Nun kamen Briefe und Telegramme von Direktoren und Agenten, Verleger boten sich an, Photographen wollten mich aufnehmen. Es war so, wie ich es mir manchmal vorgestellt hatte. Nur hatte ich es mir angenehmer gedacht. Ich staunte, daß es mich so wenig freute. Ich ließ alles von Lotten in ihrer sanften und bedächtigen Art erledigen und ging fort. Ich mußte zur Bastante. Mit diesem Gedanken war ich aufgewacht. Er wich nicht mehr von mir. Ich mußte zu ihr.

Ich ging ins Theater, um nach ihrer Adresse zu fragen. Vor dem Tore stand ein großer Wagen. Dekorationen und Kulissen wurden verladen. In der Sonne sahen sie seltsam aus, so fahl und verloschen, ganz schmutzig. Man konnte kaum erkennen, was sie vorstellen sollten. Da war der Garten zum Don Carlos, den ich so liebte, mit seiner strengen Pracht und ungnädigen Würde. So verwischt und elend lag er in der Sonne da, daß ich ganz traurig wurde. Nachdenklich habe ich zugesehen, wie die Diener die grauen und schmierigen Fetzen schleppten, die abends solche Wunder sind.

Ich trat ein; ein neues Stück wurde zum erstenmal gestellt; die Schauspieler murmelten verdrossen, die Herren schlugen die Kragen der Mäntel auf, die Damen hatten dicke Tücher um, wie schwarze Raben flogen die heiseren Fragen des Regisseurs krächzend durch das finstere Haus und es war ein fader, abschmeckender Geruch von Gas; im Parterre trieb sich Merz mit ein paar Mädchen grinsend herum, ein altes Weib kehrte die Logen aus. Ich ließ mir die Adresse der Bastante geben. Ich mußte zu ihr.

Sie wohnte in der Schwindgasse, auf der Wieden. Bei einem Gärtner wollte ich ein Bukett für sie kaufen, aber ich ließ es bei ein paar Veilchen bewenden. Diese trug ich behutsam, fast zärtlich und wollte mir dazu was recht Schönes ausdenken, recht innige und warme Worte, so wie mir ums Herz war. Es fiel mir aber gar nichts ein, doch ärgerte ich mich nicht, sondern ich lachte mich aus. Es ist töricht, diese winzigen und albernen Dinge zu berichten, aber ich kann mich von ihnen noch immer nicht trennen. An jenem Tage schien mir alles wunderbar, alles winkte mir zu, jedes arme alte Weib hätte ich umarmen mögen, so dankbar schritt ich dahin.

Sie schlief noch, als ich kam. Doch hatte sie dem Mädchen befohlen, mich nicht fortzulassen und sie gleich zu wecken; ich möchte einen Augenblick warten. Ich wunderte mich gar nicht, daß sie es gewußt hatte; alles war so selbstverständlich. Ich wartete in einem großen Zimmer. Es war noch nicht aufgeräumt: auf dem Tisch Teller, Flaschen, Zigarren, Blumen, ihr Schmuck, ihre Handschuhe, auf dem Boden der Pelz und die Schuhe. Mich fröstelte, die Läden waren zu und ein alter Dunst von Wein und Rosen und Zigaretten lag da. Draußen wurde ein paarmal eine zornige Stimme laut, Türen schlugen zu. Dann war es wieder still. Ich saß geduldig und wartete, die Dinge herzlich betrachtend, die jetzt meine Freunde werden sollten.

Das Mädchen kam zurück und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen durch ein paar Zimmer und traten dann in ein schmales Gemach; sehr blasse Tapeten von einem milden, verloschenen Violett, eine Menge Körbe mit welken Blumen, ein leiser Duft von Iris, dazu der brenzliche Geschmack von Zigaretten, dicke, schwere Teppiche. Sie lag auf einer großen, breiten, niedrigen Ottomane mit sehr vielen Kissen und Polstern und Decken; ein Tischchen mit Zigaretten und Chartreuse stand bei ihr; es war gar kein Sessel da, nur Polster. Kein Bild an der Wand, keine Verzierung, aber alles war von Puppen voll. Es gab da große und kleine, manche prächtig gekleidet, andere im bloßen Hemd, rohe aus Holz, dürftig bemalt, und sehr künstliche, die Augen und Hände bewegen und sich verneigen konnten, runde mit roten Backen und hagere in wallenden, heraldisch gefalteten Roben, Lilien in der schmalen Hand. Es war nämlich ihre Manie, mit Puppen zu spielen; stundenlang konnte sie auf dem Sofa liegen, die Zigarette im Mund und so ein künstliches Geschöpf im Arm; nie fuhr sie aus, ohne eine Puppe mitzunehmen, die dann in einer zu der ihrigen passenden Toilette gravitätisch neben ihr saß; sogar in die Garderobe ließ sie sich von ihr begleiten, wo sie ihr dann nach jeder Szene zu erzählen pflegte, wie es ging und wer im Hause war. Nichts freute sie mehr, als eine neue Puppe, die dann feierlich getauft, mit Schmuck behängt und köstlich gekleidet wurde. Wer mit ihr soupierte, mußte in dem Kabinett für drei Personen servieren lassen; stets saß die Puppe, die gerade in der Gnade war, bei diesen sonst nicht immer allzu kindlichen Unterhaltungen dabei. Sie hielt mir ihre liebe, nervöse Hand hin, lächelte ein wenig und sagte: »Das ist schön von Ihnen. Aber erlauben Sie!« Und sie raffte das Kleid auf, neigte sich ein wenig vor, indem sie auf die Zehen trat, nahm mich an der Hand und sagte zu den Puppen, feierlich und sehr zeremoniös, wie wenn sie mich einer großen Gesellschaft vorstellen würde: »Das, meine Damen, ist der berühmte Herr Maurus Mohr, unser größter Dichter seit gestern – Sie werden es ja wohl bereits in den Zeitungen gelesen haben. Übrigens fragen Sie nur Fräulein Mizi, die war ja dabei. Sie hat mir gesagt, daß sie sich seit Jahren an keinen solchen Erfolg zu erinnern weiß. Nicht wahr, Komtesse Mizi?« So ging es fort. Sie führte mich einer Puppe nach der andern vor, wußte von jeder eine Geschichte und hatte immer wieder ein liebes Wort der Bewunderung für mich. Es mag lächerlich klingen, aber von allen Schmeicheleien, die mir damals wurden, hat mich diese Huldigung der Puppen doch am meisten gefreut.

Wir plauschten über allerhand gewöhnliche Dinge, dabei sahen wir uns so an und lachten uns selber aus. Wir wußten es ja doch schon. Manchmal sprang sie auf, tanzte durch das Zimmer und drehte sich närrisch. Dann sprachen wir wieder gründlich über das neue Stück, das ich jetzt schreiben sollte, von den großen Rollen, die ihr der Direktor gestern noch versprochen: denn sie war ja jetzt berühmt, berühmt! Und da sahen wir uns in die Augen und mußten beide lachen, weil wir so berühmt waren. Dann nahm sie eine große Puppe mit schweren Locken und einer ungeheuren Krinoline und wälzte sich mit ihr auf dem Teppich und puffte sie: »Ja, meine dumme Prinzessin, jetzt ist's aus mit dem Respekt, jetzt bin ich mehr als du, jetzt bin ich berühmt, berühmt, berühmt!« Dabei gingen ihr die Haare auf und es schien heller im Zimmer zu werden, sie blendeten wie eine Sonne. Dann kam sie wieder zu mir und sah mich mit ihren großen blauen Augen so fromm, so flehentlich an, wie ein Kind, das zu keck war und sich fürchtet. Damals waren sie blau wie Glockenblumen; manchmal wurden sie plötzlich hell und grau und sie konnten auch grün sein, wenn sie zornig wurde. »Ich bin dumm, gelt?« sagte sie dann. »Aber einmal im Leben, nur einmal.« Sie lehnte sich zurück, schloß die Lider und lag nun starr, ohne sich zu regen; ihr Gesicht war sehr weiß, um den kleinen dünnen Mund hatte sie jetzt einen harten Zug, das Näschen zuckte. Ich nahm leise ihre schmale, unruhige Hand und mein ganzes Leben hätte ich sie so anschauen mögen. Sie sah wie ein schlafender schöner Knabe aus und hatte doch etwas Böses. Wie oft ist sie gemalt worden! Aber es gibt kein gutes Bild von ihr. Und ich kann sie auch nicht schildern. Nein, sie läßt sich nicht schildern.

Auf einmal sagte sie: »Jetzt muß ich Ihnen noch mein Herzbinkerl zeigen.« Sie zog unter dem Polster ein winziges Ding hervor, löste es aus seinen Windeln und hielt es mir hin. Das Herzbinkerl war eine elende, dumme Puppe, ganz klein, mit schiefen, glotzenden Augen, jämmerlich bemalt. »Es ist ja schief«, sagte ich. »Das ist schon wahr, aber es hat halt gar so ein gutes Gemüt. Gelt, Herzerl? Ja, du bist ja lieb! Aber jetzt sei auch schön brav und gib dem Onkel ein Bussel!« Und sie hielt mir das schnöde Ding hin. Ich stand vor ihr und mußte mich ein wenig beugen, um die Puppe zu küssen. Da ließ sie sie los und ich lag in ihren Armen.

Es war sechs Uhr, als ich ging; sie mußte ins Theater. Man sagt oft von Leuten, ihr Geist sei umnachtet. Umnachtet, das wäre das Wort für meinen Zustand. Eine tiefe Nacht war auf mich gefallen. Betäubt ging ich heim.

Viertes Kapitel

Ich sagte den anderen Tag meiner Frau, daß ich ein neues Stück schreiben wollte. Bei Tag würde ich viel auf der Bibliothek sein, abends Studien machen müssen und so sei es praktischer, mir in der Stadt ein Zimmer zu nehmen; auch würde da nichts meine Stimmung stören. Es wäre mir unmöglich gewesen, jetzt mit ihr zu leben. Ich denke, sie wird es wohl gleich bemerkt haben. Aber in ihrer klugen und behutsamen Art sah sie mich nur traurig an und sagte nichts. Sie war einverstanden.

In der Tat hatte der Direktor ein neues Stück von mir verlangt. »Nützen Sie Ihren Ruhm aus! Jetzt sind Sie in der Mode, also los! Jetzt können Sie den größten Schund schreiben, es wird doch gefallen. Die Karpfen verstehen ja alle miteinander nix. Also machen's keine langen Geschichten und verpassen's die Zeit nicht! Wer weiß, wie lang' es dauern wird!« Er verpflichtete mich kontraktlich, noch in derselben Saison ein neues Stück zu liefern; bis zum Januar sollte er das Manuskript bekommen. Ich war froh; ich redete mir nun vor, ich müßte wirklich in der Stadt wohnen, um ungestört zu sein und Studien zu machen. Ich hatte schon ungefähr einen Plan, es fehlte mir nur noch die »Stimmung«. Nun, Sie wissen ja, wie leicht es einem in unserem Metier wird, sich zu belügen.

Ich suchte eine Wohnung für unser Glück. Sie beschwor mich, es zu verschweigen. Sie hatte eine große Angst, daß ihre Mutter etwas merken könnte. Dann ist es aus, dann ist alles aus, sagte sie mir hundertmal. Ich verstand das damals noch nicht.

Wir fanden endlich ein Versteck in der Salesianergasse. Dort konnten wir sicher sein. Da wohnen Beamte aus dem Ministerium, pensionierte Offiziere, Privatiers, ruhige Leute, die nicht neugierig sind, niemand aus unserer Welt. Ein paar Schritte von dem grauen und traurigen Palais der unseligen Veczera – jetzt wird es renoviert, irgendein Bankier zieht ein, damals lag es wie verwunschen da – ist ein stilles kleines Haus: unten eine Trafik, daneben der Hausmeister; im ersten Stock wohnt ein Hofrat mit seiner Schwester, im zweiten links die Hausfrau, die Witwe eines Obersten, rechts ein alter Reitlehrer, der ein Zimmer mit einem Kabinett und einer kleinen Küche vermietet, meistens an Freiwillige aus der Heumarktkaserne. Das Haus mag aus dem Anfang unseres Jahrhunderts sein, in jener banalen, aber bequemen Art. Da mieteten wir uns ein. Der alte Reitlehrer ging in der Früh fort und kam erst in der Nacht zurück, der genierte uns nicht. Von dem Hofrat hörte und sah man nichts. Hund hatten wir keinen und sonst war der Hausfrau alles recht. Die Hausmeisterin, die uns bediente, die alte Marie, eine brave, gute, dumme Person, machte sich keine Gedanken. Das Zimmer war nicht elegant, wie eben Studenten wohnen: ein Schreibtisch, ein großes rotes Kanapee, zwei rote Fauteuils, schon recht verschossen, eine Hängelampe, eine Bibliothek, an der Wand der Kaiser mit der Kaiserin, ein Gambrinus mit dem Humpen und Faust mit Gretchen, ein paar Photographien von Pferden und eine große Karte von Österreich; im Kabinett ein Bett, ein Waschtisch und zwei Kästen. Da richteten wir uns nun ein. Ich brachte Vasen und Blumen, sie gab Bilder und Teppiche her, wir drapierten Fenster und Türen, ein Pianino kam. Wir hämmerten und klopften, verstaubt, mit schmutzigen Händen, atemlos, daß es eine Lust war. Wenn sie abends nicht spielte, kochte sie bei uns. Das war ihr größtes Vergnügen. Ich ging dann fort und kaufte ein, mit einem großen Korb. Sie zog ein Kostüm an, wie es die Holländerinnen haben, machte Feuer, stellte Wasser zu, ließ es dampfen und las das Kochbuch nach. Sie hatte keine Ahnung vom Kochen, aber eine große Leidenschaft; sie hätte nur noch nicht das richtige Buch gefunden. Ich kaufte nach und nach alle Kochbücher, die es gibt, die ganze Bibliothek war schon voll, aber sie hießen alle nichts. Nun kam ich zurück und packte aus. Wir stritten uns, weil ich immer zu teuer einkaufte und ein Verschwender war, und schließlich dampfte die ganze Wohnung und wir hatten uns die Finger verbrannt und ich ging noch einmal fort, um etwas Schinken und Wurst zu holen, das andere war nicht gelungen. Dann deckte ich für uns und die Puppe, nahm eine Schürze, servierte, band der Puppe ein Tüchel vor, und wir lachten den ganzen Abend. Jedesmal kam es uns immer noch schöner vor und oft haben wir geweint, so selig waren wir.

Wenn ich mich jetzt manchmal erinnere, staune ich selbst, wie genügsam Liebende sind. Wir haben eigentlich die ganze Zeit immer nur Unsinn getrieben. Ein Gespräch konnte man ja mit ihr nicht führen, außer dem gewissen Tratsch vom Theater. Ich habe es anfangs manchmal versucht. Der Direktor gab ihr jetzt klassische Rollen, zuerst jene heiteren und graziösen Frauen der Shakespeareschen Komödien, die Beatrice, die Viola und die Katharina, später auch die sinnenden Gestalten der Porzia und der Imogen. Davon hätte ich nun gern mit ihr gesprochen, aber es war nicht möglich. Sie hatte gar nichts zu sagen und verstand mich nicht. Oft fragte ich sie: »Wie faßt du denn das auf? Du mußt dir doch irgend etwas dabei denken.« Sie sah mich seltsam an und lachte. »Es wird schon gehen«, sagte sie immer. »Abends geht es schon». Wenn ich nur lieber den Text schon kennen möchte!« Das war ihre einzige Sorge. Sah ich sie dann auf der Bühne, so wunderte ich mich, wie sie bei ihrer müden und schmachtenden Poesie doch alle Repliken des Verstandes so fein, so dialektisch bringen konnte, jede List und geheime Schelmerei der Rede wie ein Sophist gewahrend. Aber sie schien gar nicht zu ahnen, was ihr gelang. Wenn ich sie manchmal lobte, wie fein sie oft leise und unscheinbare Züge traf, machte sie große Augen und lachte mich aus. Ich habe es ihr auch nie sagen können, wenn mir etwas an einer Rolle nicht recht war. Sie ließ mich reden und hörte geduldig zu, aber es war umsonst. Durch den Verstand kam man ihr nicht bei. Räsonieren konnte sie gar nicht. Sie konnte es nur machen.

Ich gab es also bald auf. Was kümmerte mich auch das Theater? Was kümmerte mich die ganze Welt? Wenn ich nur bei ihr saß, ihre lieben unruhigen Hände fühlte und in ihre Augen sah, diese tiefen, unerforschlichen, betörenden Augen! Alles andere hatte ich vergessen. Wir spielten wie Kinder. Jetzt war das Kanapee ein Thron und ich war der Sultan; sie kam, scheu und verzagt, in einem langen Schleier, viele Puppen geleiteten sie. Die schönste sollte der Sultan wählen; jede sprach ihn an, sie antwortete für jede, die Stimme verstellend, so ging ich das ganze Serail ab; endlich winkte ich ihr, lud sie ein, sich zu mir auf den Thron zu setzen, und nun bliesen wir in die Hände, trommelten und klopften, um die Festmusik zu machen. Oft kam sie als Page verkleidet, dann wieder als Schäferin und Marquise. Immer mußte sie sich kostümieren; dann war ihr erst wohl. Immer trieben wir uns in einer phantastischen und imaginären Welt herum.

Gern sind wir auch, wenn es dämmerte, im Finsteren gesessen und haben uns erzählt. Sie wollte mein Leben wissen. Mich verlangte, das ihre zu hören. So saßen wir im Finstern da und sagten uns unsere Jugend und es kam uns wie in Märchen vor, daß wir so lange getrennt und allein gewesen. Es dunkelte immer mehr und ich sah nur ihre großen schillernden Augen wie Libellen leuchten. Es war seltsam, wie sie erzählte: ganz einfach, leise, etwas monoton und doch so fremd und schauerlich wie ein Abenteuer, das in einem ganz fernen und anderen Lande geschehen sein müßte.

Ich habe ja dann auch ihre Eltern kennen gelernt und nach und nach alles erfahren. Das Wichtigste davon will ich Ihnen mitteilen, damit Sie auch ihre Geschichte wissen. Freilich, wenn ich sie erzähle, wird sie kein Märchen sein, sondern recht traurig.

Fünftes Kapitel

Ich will also erzählen, was mir nach und nach, teils durch sie selbst, teils durch andere, von ihrem Leben bekannt geworden ist.

Ihre Mutter heißt eigentlich Barbara Kratochwil und ist, es mag etwa vierzig Jahre her sein, aus ihrem mährischen Dorf als Amme nach Wien gekommen. Was sie dann alles gewesen ist, weiß ich nicht. Eine Zeitlang hatte sie ein Dienstbotenbureau, das aber bald von der Behörde geschlossen wurde. Sie hat dann auch einige Monate gesessen. Später diente sie im Russischen Bad Ottakring, das nach dem Tode des Besitzers auf eine nicht ganz klare Weise in ihre Hände kam. Daneben lieh sie auf Pfänder, Studenten versetzten bei ihr um ein paar Gulden den Index, schlug Karten auf, verkaufte geheime Arzneien und hatte für jede Verlegenheit Rat und Hilfe. So brachte sie es bald zu einem kleinen Kapital; der Geiz scheint ihre große Leidenschaft gewesen zu sein, stärker sogar als ihre wüsten Neigungen, bis sie den Bastante kennen lernte, nach dem sich die Tochter nennt. Er handelte im Prater mit Salami und Käse und hieß bei den Köchinnen, die ihm Sonntag ein Nachtmahl zahlten, der schöne Veroneser, obwohl er eigentlich aus Rovereto war. Er war wirklich sehr schön und noch ganz jung. Früher hatte er daheim Koffer getragen und Fässer gezogen. Ein Maler sah ihn, bewunderte die edle Pracht seiner Linien, die Grazie seiner Gebärden und nahm ihn als Modell nach Wien mit. Er war es zufrieden; er dachte sich das sehr angenehm, im Atelier zu liegen, bewundert und gemalt zu werden. Als er dann sah, daß es doch nicht so einfach war, und ordentlich sitzen sollte, wurde es ihm zu viel und er lief davon. Eine alte Selcherin gab ihm die Mittel, das ambulante Geschäft im Prater zu beginnen. Rufend von Tisch zu Tisch zu schlendern, mit den Mädchen zu kokettieren und nachher mit Kavalieren in der Czarda zu sitzen, um ihnen italienische Lieder vorzusingen, das gefiel ihm. So lernte ihn die Barbara kennen, die damals schon an die vierzig war. Es muß eine tolle Leidenschaft gewesen sein. Er konnte mit ihr machen, was er wollte, er schlug sie, er schrie sie an; nur wenn er wieder Geld brauchte, wurde er zärtlich. Bald war alles hin, das Bad wurde verkauft, er konnte nicht genug bekommen. Er mußte immer die schönsten Kleider haben und Ringe, Ketten und Nadeln; eine besondere Passion hatte er, in einem feschen Zeugel zum Heurigen zu kutschieren; dort saß er dann mit Grafen, warf den Spielern die Zehner hin und war ein großer Herr. Als sie nichts mehr hatte, verschwand er. Nun stand sie da, arm und schwanger. Sie lebte jetzt davon, daß sie auf der Schmelz Schnaps und Wecken den Soldaten verkaufte; als die Manöver anfingen, lief sie mit den Truppen meilenweit, um bei der Rast ein paar Kreuzer zu verdienen! Früh um vier rannte sie schon zur Kaserne, ging mit dem Regiment, hörte die Späße der Infanteristen an, mußte sich mit den anderen Weibern prügeln, und elend, staubig, verhöhnt, wankte die Schwangere mit. Im Spital wurde das Kind geboren, bei armen Leuten in Favoriten, weit draußen, wurde es erzogen. Sie hoffte von Tag zu Tag, daß es bald sterben werde. Aber es wuchs gesund und kräftig auf.

Da draußen hat Mascha elend, hungernd, frierend ihre ersten Jahre verlebt. Als sie kaum laufen konnte, wurde sie auf die Straße betteln geschickt. Sie lernte sich an die Passanten hängen und jammern und lügen. Mit verdorbenen Buben, dem Gesindel der »Linie«, trieb sie sich herum. Als sie älter wurde, mußte sie mit Veilchen oder Erdbeeren, je nach der Saison, in die Häuser schleichen, besonders wo alte Herren wohnten, da sollte sie ihr Glück versuchen. Von jener Zeit konnte sie nicht sprechen, ohne sich aufzuregen; ihr Gesicht wurde dann noch weißer, sie bekam jenen harten und feindlichen Zug um den Mund, und ich fühlte ihre lieben, empfindlichen Finger beben. Schreckliches muß ihr damals geschehen sein, das das Gemüt des Kindes verstörte. Wer Geld hat, pflegte sie zu sagen, ahnt ja gar nicht, wie grauslich die Menschen sind.

Die Mutter kümmerte sich nicht um sie. Monate blieb sie oft die Kost für sie schuldig. Jahre hat sie sie gar nicht besucht. Es ging ihr schlecht. Wieder hat sie allerhand dunkle Geschäfte getrieben; endlich kam sie doch wieder auf. Die Karten waren ihr Glück; es wurde Mode, sich von ihr aufschlagen zu lassen. Der große Maler Benesch hörte von ihr, ließ sie kommen und wurde ihr Gönner. Benesch war sehr abergläubisch und fragte immer die Karten; um keinen Preis hätte er ein Bild begonnen, wenn sie schlecht lagen. Sie ließ er bestimmen, ob er sich an einer Konkurrenz beteiligen, ob er eine Ausstellung beschicken, ja, ob er heute ins Theater gehen oder daheim bleiben sollte. Seine schwere, indolente Natur konnte sich von selbst nicht entschließen. Das verstand sie zu benützen und es gelang ihr, ihm unentbehrlich zu werden. Ganze Tage hatte er sie bei sich, wenn jene Beklemmungen und Depressionen kamen, die den großen, dicken und strotzenden Mann betäubten wie eine hysterische Frau. Zigaretten rauchend stieg er dann in dem großen Atelier mit seinen langsamen, weiten Schritten hin und her, die Alte saß an einem Tischchen und legte Patiencen. Gab sie dann vor, daß die Karten etwas wollten, und er zauderte noch immer, so warnte sie ihn, sich nicht zu versündigen, schrie ihn an, wurde böse, drohte, nicht mehr zu kommen, und warf die Karten hin, bis er sich fürchtete und ihr alles versprach. Hatte sie ihn so aus seiner Lethargie gerissen, dann konnte er ihr in seiner enthusiastischen und überschwenglichen Art nicht genug danken. Allen Leuten redete er von ihr vor und pries ihre Kunst, und er war ja damals der Liebling der Gesellschaft. Man wurde neugierig, das Extrablatt brachte ihr Bild, Aristokraten und Schauspielerinnen rissen sich um sie. Sie benutzte das, um einen Handel mit alten Toiletten anzufangen; einer Schauspielerin schmeichelte es, auf der Bühne in einem Kleide zu erscheinen, das eine Fürstin auf dem letzten Hofball getragen, und Gräfinnen verschmähten es nicht, im Schlafrock der Feodora zu paradieren. Auch sonst verstand sie es, ihren Kunden gefällig zu sein, half ihnen mit Geld aus und vermittelte alles. Sie hatte das Talent, überall die Vertraute zu werden, und konnte schweigen. So fehlte es ihr nicht an einem gewissen Ansehen, sie kam in die besten Häuser und hatte bald wieder ein kleines Vermögen.

Indessen war das Kind zehn Jahre alt geworden. Da erinnerte sich die Mutter. Eines Tages kam sie gefahren, sah sehr vornehm aus, lohnte die Leute ab und nahm es mit, es sollte jetzt bei ihr wohnen. Auch von dieser Zeit hat sie mir nicht gern gesprochen. Sie wollte nicht erinnert sein. Mit dreizehn Jahren ist sie dann zu Benesch gekommen. Davon konnte sie mir nicht genug erzählen. Wie ein häßlicher und wüster Traum fiel da die Vergangenheit von ihr ab und nun wurde es Frühling in ihrem Leben.

Ihre Mutter war Benesch unentbehrlich geworden. Er hatte sich nie auf Geschäfte verstanden, er wurde gleich nervös, es störte ihn in seinen Träumen. Nun ließ er von ihr alle Verträge und Lieferungen besorgen. Sie nahm ihm alles ab. Sie schrieb an die Ausstellungen, sie verpackte und verzollte, sie empfing Kritiker, Händler und Mäzene, forderte und feilschte, sie lief in die Redaktionen, wenn er ein Bild verkauft oder einen Preis bekommen hatte, und sie besorgte ihm die Modelle. Das war immer sein größter Kummer gewesen, daß er nie die rechten Modelle fand. Was sich ihm anbot, war nicht zu brauchen, und er hatte nicht die Geduld, selber zu suchen. Sie verstand es, aus ein paar Worten und vagen Gebärden zu erraten, was er sich eigentlich dachte, und sie fand es immer. Nun fing er seine Diana an, die niemals fertig geworden ist: Diana, atemlos hinter einem Eber her, schon hebt sie den Speer, um nach dem grimmigen Tiere zu stoßen. Da ging es ihr schlecht, nichts war ihm recht. Eine sehr schlanke, ganz junge und doch üppige Gestalt, hart und doch betörend, mehr einem Knaben gleich und doch mit allen weiblichen Reizen, Lust und Schrecken zugleich, verlockend und bedrohend – so etwas Unaussprechliches schwebte ihm vor. Den Zauber einer abweisenden, unzärtlichen Natur wollte er malen, die doch alle Begierden wecken sollte. Das Tragische der Jungfrau, sagte er, wollte er malen. So konnte ihm kein Modell genügen. Bald waren sie ihm zu jung; das ist ja ein Kind, schrie er dann, ein Weib brauch' ich, ein Weib, das ganz Weib ist, je weiblicher, desto besser! Bald waren sie ihm wieder zu lüstern, zu bewußt; gibt es denn keine reine Linie mehr? klagte er verzweifelt. Alle schickte er weg. Noch nie war er so unzufrieden mit ihr gewesen. Er jammerte, daß sie ihn nicht mehr verstand und sich keine Mühe gab und zu faul war, und war sehr zornig. Um ihm doch ihren guten Willen zu beweisen, bot sie ihm endlich ihre Tochter an. Von jenem Tage an, da er sie zum erstenmal sah, hat Benesch kein anderes Modell mehr benützt. Er war gleich ganz vernarrt in sie. Er konnte sich gar nicht satt sehen. Das war die Schönheit, die er sein ganzes Leben gesucht, die er in so heißen, aber ach! entrinnenden Träumen begehrt hatte, die er den anderen erst aus seiner Phantasie mit Gewalt antun mußte – hier stand diese verführerisch nervöse und so unklassisch bewegliche Schönheit endlich lebendig vor ihm. Er konnte, wenn sie mit irgendeinem weichen orientalischen Tuche oder einem alten Meßkleide drapiert lag, stundenlang stumm vor ihr sitzen wie im Gebet. Er sprach kein Wort, regte sich nicht, als nur höchstens von Zeit zu Zeit einmal, um sie mit leiser Hand anders zu rücken oder einen anderen Stoff um sie zu legen. Dann trat er wieder weg, lauschte wieder und schien gleichsam mit allen Sinnen an ihrer Schönheit zu saugen. Er gab ihr die prächtigsten Gewänder, zierte sie mit seltenen Steinen, sann neue Frisuren aus, die ihre roten Locken noch seltsamer flimmern ließen. Jede neue Pose schien ihm an ihr ein neues Wunder zu enthüllen, nie hatte er genug. Sie hat mir oft geschildert, wie wunderlich das dem Kinde gewesen ist. Sie hatte oft im Anfang beinahe Furcht vor ihm, wenn er ganze Tage nichts sprach, sondern immer nur vor ihr saß und sie mit seinen wilden, brennenden Blicken ansah; und manchmal seufzte er dann tief. Er hatte vom ersten Tage an ein besonderes Zeremoniell anbefohlen, das sie strenge halten mußte. In der Früh wurde sie um neun Uhr von seiner Equipage abgeholt. Wenn sie dann in den Schwarzenberg-Garten einfuhr, stand er bereits wartend an der Türe des Ateliers. Er nahm seine Mütze ab, gab die kleine hölzerne Pfeife weg, verneigte sich tief, trat heran, öffnete den Schlag und geleitete sie, indem er sie behutsam an den Spitzen ihrer schmalen Finger faßte, sehr feierlich und mit ritterlichem Anstand über die drei Stufen. Auf einem kleinen Tische stand ein Frühstück von Likören und seltenen Früchten bereit. Er aß nicht mit, sondern wartete ihr auf und bediente sie, niemand sonst durfte im Atelier sein. Er redete nichts, sondern sah sie immer nur beinahe lauernd an, um nur ja keine ihrer Bewegungen zu verlieren. Nach einer Stunde verneigte er sich wieder tief und fragte an, ob es ihr jetzt angenehm sei. Dann stand sie auf, er läutete, ihre Mutter kam herein. Diese wußte bereits, welche Pose er heute wollte. Er verließ das Atelier, die Mutter entkleidete sie und gab ihr die Stellung an. Dann wurde es ihm gemeldet, die Mutter verschwand, er kam zurück. Strenge war ihr aufgetragen, ja nichts zu reden; sonst hatte er gedroht, sie sofort zu entlassen. Nun ging er hin und her, zog die Vorhänge auf oder zu, um das Licht zu ändern, streute Rosen hin, stellte Statuen neben sie und änderte, bis er zufrieden war. Dann rückte er sich einen Stuhl hin und saß nun da, das Kinn auf die Hand gestützt. Manchmal stand er plötzlich auf und fing mit lauter Stimme zu singen an, am liebsten die einfachen und mächtigen Klänge irgendeines Chorals oder alter religiöser Lieder; oder er trat auch an das Klavier, nicht um zu spielen, sondern nur leise Akkorde zu greifen; dann neigte er sich beinahe ängstlich vor, belauschte den Klang und sah dabei aufmerksam auf sie, wie um Gesicht und Gehör zu vergleichen. Erst nach zwei oder drei Stunden begann er zu malen; da ächzte und stöhnte er, fluchte auch laut und zornig; oder er faltete die Hände und blickte von dem Bilde auf sie, von ihr auf das Bild zurück, mit einer unbeschreiblichen Angst in der Miene. Manchmal hat sie ihn bitterlich weinen gesehen. Dann holte er oft alte Mappen, nahm die Monna Lisa oder sonst ein berühmtes Bild her, legte es auf die Knie und verglich es mit ihr, das schien ihn zu trösten. Er drehte die Staffelei um, schob den Sessel wieder vor sich hin und saß nun wieder untätig in beglückter Haltung da. Später ist er immer trauriger geworden; oft wagte er es kaum mehr, sie anzusehen, wie beschämt und schuldig schlich er herum. Er war damals schon sehr krank. Nach zwei Jahren ist es ausgebrochen, er hat eines Tages alles zertrümmert und seine Bilder in kleine Streifen zerschnitten. Man mußte ihn in eine Anstalt bringen, sechs Monate später war er tot.

Was mag damals in dem Kinde alles vorgegangen sein? Sie kam aus dem Elend, in Schmutz hatte sie gelebt. Nun wurde sie hier wie eine Prinzessin, ja eine Heilige gehalten, bei einem Manne von seltsamer, doch gebietender Art, der kaum mit ihr redete und sie doch in seine stillsten Verzückungen, in seine heimlichsten Verzweiflungen sehen ließ. Dabei war sie immer in einem schweren Taumel, wie in einem gelinden Rausch. Es strengte sie sehr an, so starr und gierig betrachtet zu werden und selbst immer ins Licht zu schauen. Die Posen ermüdeten sie sehr; bis zu einem heftigen stechenden Schmerz konnte diese Ermüdung oft anwachsen. Der Leib wurde ihr schwer, und sie hatte ein Gefühl, wie von ganz seinen Nadeln am Rücken gekitzelt zu werden; es wurde ihr sehr heiß, die große Stille schien zu brausen, es war ein Getöse draußen und es flimmerte und flirrte ihr vor den blinzelnden und verlöschenden Blicken von zuckenden und zitternden Farben. Alles schien dann ins Unermeßliche zu wachsen, das Licht schien ihr große Flügel zu haben, die es langsam, mit rauschender Gewalt auf- und niederschlug, er selber wurde wie ein Riese, seine Schritte dröhnten, und sie ängstigte sich, daß er bis zum Dache wachsen, es einbrechen und an die Sonne stoßen würde. Dabei wurde sie ein geheimes schmerzliches und doch süßes Zucken nicht los; es knisterte in ihr, pflegte sie es zu nennen, als würde sie mit einer stacheligen Bürste gestreichelt; nur beim Elektrisieren sagte sie ähnliches empfunden zu haben. Wie aus einer tiefen Ohnmacht wachte sie auf, wenn er sie endlich entließ, und hatte Mühe sich wieder zu besinnen. Alles schien ihr nun draußen so klein und leer, so abgeblaßt und grau, so nichtig, als ob sie aus einer tropischen Natur in eine kahle und elende Gegend käme. Wenn er sie entlassen hatte, fuhr sie an schönen Tagen oft über den Ring nach dem Prater und wunderte sich, wie klein und komisch ihr das Gedränge der Menschen schien, wie bloß für Kinder zum Spielen aus einer Schachtel aufgestellt. Wenn sie dann von der unersättlichen und geizigen Alten immer noch zu häßlichen Dingen gezwungen wurde, ekelte sie und sie konnte Anfälle von Wut haben, daß ihre Leute erschraken. Ihre tiefe Erbitterung gegen die Mutter stammt aus dieser Zeit.

Sie war fünfzehn, als Benesch starb. In seinem Testament vermachte er ihr fast sein ganzes Vermögen. Sie hatte aber nicht viel davon, da die Mutter, solange sie lebte, die Zinsen genießen sollte; und der Geiz der Alten war unersättlich, wie besessen war sie und ließ nicht ab, das Kind immer in neue Erniedrigungen und schändliche Abenteuer zu hetzen.

Noch bei Benesch hatte Mascha den alten Grafen Bubay kennen gelernt. Der nahm sie jetzt zu sich. Benesch hat den eleganten Ungarn oft gemalt; das Bild, das ihn, aufrecht stehend und mit seinen leuchtenden Blicken gebietend, in der Tracht der Magnaten zeigt, ist unvergessen, es hängt jetzt hier in der Pinakothek. Die sehr prächtige Gestalt, der edle Kopf, die Würde der ganzen Haltung, die befehlenden Augen, der ungeheure weiße Bart – so stellt man sich etwa den alten Tizian vor. Der schöne Graf ist in Wien immer sehr populär gewesen, schon als Figur, dazu ein berühmter Reiter und Fechter und ein verschwenderischer Mäzen der Künste. Nun war er schon sehr alt, an die neunzig, und wenn man es ihm auch nicht ansah und er immer noch ritt und focht, so nahmen seine Kräfte doch ab. Er hörte fast nicht mehr, vergaß alles und dämmerte nur so hin, fast immer, auch wenn er im Wagen fuhr oder im Theater saß, leise schlafend. Aber er wollte es sich nicht merken lassen, um keinen Preis hätte er bei einem Rennen, bei einer Premiere gefehlt, immer trachtete er noch, sich mit einem jungen und eleganten Geschöpf zu zeigen. Die Mutter hatte schon, als Benesch noch lebte, sich an den Kammerdiener des Grafen gemacht, der mehr ein Sekretär und sein Vertrauter war, und fädelte es jetzt ein, daß dieser Mascha dem Grafen empfahl. Sie gefiel ihm und er hatte sie bald sehr gern, weil er an ihr seiner Passion für Kostüme frönen konnte. Fünf-, sechsmal im Tage mußte sie sich umziehen, und er ließ eigene Figurinen für sie malen. Sonst verlangte er von ihr nur noch, daß sie täglich eine Stunde mit ihm baute. Er hatte einen großen Saal mit Baukästen und Bausteinen und liebte es, allerhand Bauten, Tempel und Villen, zu machen. Dabei half sie ihm gern. Stundenlang knieten sie, er auf der einen, sie auf der anderen Seite, und setzten geduldig, ohne ein Wort zu sprechen, einen Stein auf den anderen; oft geschah es dann, daß ihm die Hände ermüdeten und der Kopf herabsank, und er schlief auf den Knien ein. Aber sie baute unverdrossen fort. Diese Leidenschaft hat sie noch heute. Wenn sie nicht mit ihren Puppen spielt, pflegt sie zu bauen. Anders kann sie sich die Zeit nicht vertreiben. Ich glaube, sie hat in ihrem Leben noch kein Buch gelesen. Klavier spielt sie ein wenig, aber selten, es mache sie zu traurig.

Der Graf hielt sie sehr gut. Er schenkte ihr eine Villa in Hietzing mit einem wunderbaren Garten. Sie hat da freilich kaum vierzehn Tage gewohnt, sie hielt es nicht aus. Sie kann auf dem Lande nicht leben. Die weiten Blicke, die leeren Wege ängstigen sie und sie wird ganz krank. Sie fürchtet sich, sagt sie, es kommt einmal ein Wind und bläst sie weg. Wind kann sie überhaupt nicht leiden. Sie zog bald auf den Ring zurück, später in die Krugerstraße, dann wieder auf die Wieden, nirgends hielt sie es lange aus. Sechs Monate in einer Wohnung, das war die Regel. Sie suchte so gerne. Fand sie eine, so war sie selig, die Zimmer einzuteilen, mit dem Tapezierer zu beraten, die Stoffe zu wählen, und ging wochenlang in ihren Plänen auf. War es fertig, so gefiel es schon nicht mehr. Es war doch immer nicht das, was sie sich gedacht hatte. Es sah immer so ganz anders aus, schwer und ernst und strenge, und sie hatte es sich so heiter, so leicht, so zierlich gedacht. Nach ein paar Wochen fuhr sie schon wieder eine andere Wohnung suchen.

Der Graf war es auch, der sie zum Theater brachte. Sie hatte niemals daran gedacht, sie kannte das Theater kaum; auch war es gar nicht ihr Amt, etwas zu wollen. Sie lebte wie im Traum dahin, nahm an, was mit ihr geschah, und war es zufrieden, wenn man sie nur mit ihren Puppen spielen und mit den Steinen bauen ließ. Es war ihr selten etwas zuwider und sie hatte eigentlich nichts gern. Die meisten Dinge schien sie gar nicht zu bemerken. Sie hatte auch keine Ahnung von den Personen, die mit ihr verkehrten. Sie sprach mit allen in demselben Ton und hatte immer dasselbe kalte und mechanische Lächeln einer Fürstin, die ausfährt. Die Leute waren ihr nicht angenehm und nicht unangenehm, es war ihr alles gleich, sie bemerkte es gar nicht. So ging sie auch zum Theater, ohne Lust, doch ohne Angst. Der Graf wollte es und ihr war es gleich. Das Stadttheater gehörte einem Verein, der es durch einen Direktionsrat verwalten ließ, diesem stand der Graf als Protektor vor. Er kümmerte sich um die Geschäfte nicht, kam zu keiner Sitzung und saß nur in den Generalversammlungen sehr würdig und dekorativ auf dem Podium. Auch sah man ihn bei allen Premieren in seiner Loge, im Zwischenakt ging er wohl einmal auf die Bühne, um dem Dichter oder einem Schauspieler zu gratulieren; er hatte dem Theater einen Vorhang nach einer Skizze von Benesch geschenkt und jedes Jahr wurde ein klassisches Stück auf seine Kosten mit großer Pracht ausgestattet. Man hatte ihn also sehr gern. Mascha wurde denn auch sofort engagiert. Man ließ sie kleine Rollen in modernen Stücken spielen, die nichts als Eleganz und schöne Toiletten verlangen. Sie wissen, daß das zwei Jahre lang so blieb, bis zu meinem Stücke. Da wurde sie erst »entdeckt« und war nun auf einmal ein »Stern«.

Sechstes Kapitel

Nun wird das Erzählen schwer. Wie soll ich Ihnen das beschreiben? Wir waren eben glücklich. Wir saßen da, sahen uns an und hörten uns zu. Manchmal gingen wir abends ein wenig spazieren, aber wir kehrten bald um, es war doch in unserem lieben Zimmer am schönsten. Wenn sie spielte, war ich immer im Theater; sie wußte, wo ich saß, und sprach alles zu mir; auch machten wir kleine Zeichen aus, zum Beispiel, daß sie die Veilchen, die ich ihr in die Garderobe schickte, auf der Bühne streicheln und küssen und daß das mir gelten sollte, und was solche unschuldige Torheiten mehr sind.

Gearbeitet habe ich in jener Zeit nichts. Aber es war mir nicht bewußt, es drückte mich nicht. Ich bildete mir sogar ein, sehr fleißig zu sein, weil ich viel an das neue Stück dachte. Es sollte unser Glück verherrlichen und damit gedachte ich zugleich ein Problem zu lösen. Ich bin ja immer ein theoretischer Mensch gewesen; ich konnte nie genießen, ohne es zu definieren. Es war also natürlich, daß ich mich jetzt zu fragen anfing: warum ist das so schön, wie du es noch nie erlebt hast? So bin ich nach und nach zu manchen Gedanken gekommen, die mir sehr wichtig wurden. Ich sagte mir: das ist nur darum so schön, weil mir im täglichen Leben etwas geschieht, was uns sonst nur in Gedichten zu geschehen pflegt. Nun meinte ich, das Schlechte an der Gegenwart, das Große an den guten Zeiten zu verstehen. Die Poesie ist heute vom Leben getrennt, von der Kunst gibt es keine Brücke ins Leben. Die Menschen, die begehrend und handelnd leben, kümmern sich um das Schöne nicht, und die Menschen, die malend oder singend dem Schönen dienen, wenden sich vom Leben ab. Sollten wir nicht trachten, das Leben mit der Kunst zu versöhnen? Konnten wir uns nicht entschließen, nichts Ästhetisches zu erlauben, das nicht auch praktisch wäre, keinen schönen Wahn oder Traum, der nicht auf festen Füßen durch das Leben schreiten könnte; und nichts Praktisches zu erlauben, das nicht auch ästhetisch wäre, keine nützliche Tat, die nicht das Haupt zur Schönheit erheben würde? Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, was ich meinte: die Kunst hätte ich gern lebendiger, das Leben hätte ich gern künstlerisch gesehen, so daß sie zuletzt dasselbe geworden wären. Diese Gedanken sind ja nicht von mir. Sie haben in England die sogenannte präraffaelitische Mode ergeben; nur scheint mir diese etwas extravagant und zu sehr Maskerade zu sein. Aber sie kommt doch von der guten Absicht her, daß das Schöne nicht bloß in Gedichten oder auf Gemälden existieren soll, sondern daß die Menschen es erleben wollen; sie möchten, daß es sich zu ihnen setze und sich von ihnen angreifen lasse. Was wir da in unserer Salesianergasse hatten, das war doch viel schöner als das schönste Gedicht, weil wir es eben nicht bloß lasen, sondern erlebten. So etwas wollte ich in meinem neuen Stücke machen. Es schwebte mir vor, daß man die Wirklichkeit der uns umgebenden Natur veredeln, vom Gewöhnlichen reinigen und so zu einer nicht unbeträchtlichen Schönheit bringen könnte, die doch immer noch lebendig wäre und sich niemals ins Romantische und Phantastische verlieren würde. Ich wollte dabei dem Leben getreu aber nicht ohne eine gewisse Freiheit folgen und, sozusagen, seinen Intentionen, die sich im Dasein oft verwischen, mit meiner Vernunft nachhelfen. Ich dachte, daß die Kunst nicht das Leben in der Art der Naturalisten kopieren darf, sondern es vielmehr als eine erste Skizze, als einen bloßen Entwurf ansehen mag, der wohl die wesentlichen Linien schon hat, aber doch noch die letzte Hand braucht, um fertig zu werden. Eine weibliche Figur sollte in der Mitte sein. Wenn es mir gelang, Mascha so zu zeigen, wie ich sie sah, war mir ja jene Versöhnung von Kunst und Leben gelungen. Sie schien auf der Bühne lebendiger und wahrer, sie war im Leben poetischer und künstlicher, als ich es jemals gesehen. Wenn es mir gelang, ihr Wesen darzustellen, so war mein Problem gelöst. Ich erfand mir dazu eine, ich muß es gestehen, ziemlich dürftige Handlung, das ist nie meine Stärke gewesen; sie sollte ja auch nur der Faden von allerhand anmutigen und recht wienerischen Szenen sein. Das Ganze rückte ich, um freier mit dem einzelnen zu schalten, ins Historische und dachte mir, daß es in einer vagen Zeit, so zwischen den Türken und dem Kaiser Josef, spielen möchte. Die Heldin sollte eine junge Harfenistin sein, die singend durch die Schenken zog, manchen Junker und Bürger betörte, aber doch ihrem Liebsten treu blieb, der ein Sohn des Scharfrichters und selber zu diesem gewaltsamen und verrufenen Gewerbe bestimmt war. Töne aus der Vorstadt von heute wollte ich mit Raimundischen Nachklängen verbinden und an dem Baß romantischer und wilder Begebenheiten, die in der Ferne grollen würden, sollte es nicht fehlen. Ich hatte vor, es »die liebe Augustine« zu nennen, einen populären Namen so mit Laune verändernd, wie ja überhaupt alles in dem Stücke wahr war, aber doch in eine gewisse Heiterkeit gehoben wäre. Dazu würde ich schon noch manches in den Chroniken finden. Die Hauptsache war jetzt, daß ich den Ton traf. Und so saß ich denn bei ihr, sah sie an und hörte ihr zu, war selig und konnte mir auch noch einbilden, daß ich sehr fleißig war.

So brachten wir die ersten vierzehn Tage zu. Wir waren fast den ganzen Tag in unserer kleinen Wohnung und hatten uns sehr lieb. Ihr Vater, der alte Bastante, der lange wie verschollen gewesen, kam damals wieder nach Wien. Er hatte in den Zeitungen den Triumph seiner Tochter gelesen und war in der ersten Freude gleich hergefahren. Sie freute sich sehr: denn sie war stolz, einen so schönen Vater zu haben. Das war das einzige Ereignis in dieser Zeit, aber dann geschah etwas, das – nun, ich will ein mildes Wort wählen: das mich befremdet hat; und es weckte mich aus meiner süßen Betäubung auf. Ich bin wohl recht ungeschickt gewesen.

Der Direktor teilte ihr die Viola zu. Das Stück war im Repertoire, sie mußte die Rolle also mit drei Proben spielen. Ich hatte Angst und wollte ihr helfen. Sie lachte mich aus und bat mich nur, sie ein paar Tage in Ruhe zu lassen. Ich begriff das, aber ich konnte nicht begreifen, warum sie auf einmal nun ganz anders war, nicht etwa bloß nervös und unruhig, was mich ja nicht gewundert hätte, sondern wie verwandelt; sie schien auf einmal eine andere Person zu sein. Man begreift, daß jemand Launen hat, daß er sozusagen einen anderen Akzent bekommt; er mag heftig werden und in der Aufregung manche Anmut verlieren, die er sonst hat, aber jemand kann doch nicht plötzlich ein anderer werden. Das befremdete mich an ihr. War denn das noch dasselbe Geschöpf? So zierlich hatte ich sie immer gesehen, meine Libelle nannte ich sie, so leicht und beflügelt schien sie – und nun war sie auf einmal so plump, so schwer, so dumpf! Sie ging nicht mehr wie sonst, mit jenen tapferen Schritten einer Diana, sondern schlich häßlich und träge, wie ein Kind, das noch nicht gehen gelernt hat, wie ein Betrunkener, der keine Gewalt über seine Füße mehr hat. Beim Essen war es widerlich, wie sie die Gabel in das Fleisch stieß, schrill über den Teller, und große Stücke mit dem Messer mehr zerriß als schnitt. Ihre lieben unruhigen Hände waren jetzt schlaff und feucht. Sie schien so faul. Wenn sie eine Zigarette wollte, rief sie: »Rauchen!«; oder sie schrie plötzlich: »Heiß!« Einen ordentlichen Satz sprach sie gar nicht mehr, ihre Stimme war heiser. Den ganzen Tag lief sie im Hemd herum, sie hatte nicht die Energie, sich anzuziehen. Die letzten drei Tage wurde sie unausstehlich, nichts war ihr recht und sie machte einen großen Skandal mit der alten Marie, daß die gute dumme Person zu heulen anfing und zur Hausfrau lief. Am Tage der Premiere weckte sie mich plötzlich um fünf in der Früh, ich sollte mit ihr in die Kirche gehen. Es wunderte mich, denn ich hatte nie bemerkt, daß sie fromm sei, sie betete sonst nie. Verschlafen standen wir auf, sie wusch sich kaum, wickelte die Haare um und warf über das Hemd einen alten Theatermantel, der wie ein Domino aussah. Es waren nur wenige Leute in der Kirche, fast lauter alte Weiber, der Priester machte es sehr rasch. Als die Messe aus war und die Leute fortgingen, wollte sie noch bleiben. Sie kniete vorn am Gitter nieder, hielt einen Rosenkranz und, indem sie betete, wurde sie immer lauter. Ich ging nervös und ungeduldig herum, ich hatte nicht gefrühstückt und von der dumpfen Luft und dem Geruch der Kerzen wurde mir schlecht. Und immer lauter hörte ich sie monoton die nämlichen Worte lallen, ein Vaterunser nach dem anderen. Und das alles nur, dachte ich mir, damit abends die Leute applaudieren! Es kam mir beinahe wie eine Lästerung vor und ich spielte doch eine recht lächerliche Rolle dabei. Da hatte ich plötzlich, während ich unbehaglich und nervös auf und ab ging, ich möchte beinah sagen: eine Vision. Ich war eben zur Türe gegangen und wendete mich dort um, gewiß zwanzig Schritte von ihr: da sah ich sie plötzlich so nahe vor mir, daß ich erschrak, als ob ich gleich auf sie treten würde; aber es schien nicht ihre liebe und vertraute Miene zu sein, sondern ich glaubte ihre Mutter grinsen zu sehen, so sehr glich sie jetzt in dem fahlen und dampfenden Lichte, dem verlebten und gierigen Gesicht der Alten. Es war so unheimlich, daß ich beinahe aufgeschrien hätte. Ich mußte mir erst langsam klar machen, daß ich im Finstern stand, das ganze Schiff war finster und nur auf sie fiel ein gelber Strahl herab; daher kam sie mir so nahe vor und daher schien ihr gutes Gesicht so bleich und fremd.

Als dann der Nachmittag kam, wurde mir selber angst. Ich war wie im Fieber. Sie fuhr schon um fünf in die Garderobe. Ich hielt es daheim nicht aus und wollte spazieren gehen. Aber es zog mich gewaltsam zum Theater hin. Ich ging um das Haus, es dunkelte, durch den Nebel flimmerten die gelben Laternen. Ich schritt auf und ab, lange, lange, aber die Zeit schien zu stehen, der große Zeiger der hellen Uhr auf dem Turme wollte sich nicht bewegen. Ich schämte mich vor dem Portier, der mich kannte, und wollte im Café lesend warten. Aber es duldete mich nicht, ich konnte nicht sitzen, ich rannte weg. Dabei ging es mir seltsam, ich habe das auch später oft an mir beobachtet, vor jeder neuen Rolle, die sie spielte. Ich verlor dann auf einmal sozusagen jedes Gefühl des Raumes und der Zeit. War ich vom Theater hundert Schritte weg, so ängstigte ich mich, zu spät zu kommen; die Stunde, die ich noch hatte, würde für den weiten Weg nicht mehr reichen. Ich konnte den Raum nicht mehr messen, die Zeit nicht mehr schätzen, in meinem Gefühl zogen sich die Minuten ein, die Schritte dehnten sich aus, atemlos rannte ich hin, um zu sehen, daß es noch gar nicht Zeit war, und wieder meinen unsteten Lauf zu beginnen. Saß ich dann endlich auf meinem Sitz, immer noch eine halbe Stunde zu früh, so war es mir schwer, mich zu beherrschen und nicht noch in der letzten Minute davonzulaufen. Ich atmete erst auf, wenn sie endlich, endlich auf der Bühne war. Gewaltsam mußte ich dann an mich halten, um nicht laut mitzusprechen; es trieb mich, ihr zu soufflieren. An den Stellen, wo sie beim Memorieren immer hängen blieb, solchen oft ganz harmlosen Passagen, die der Schauspieler nun eben einmal nicht bewältigen kann, hätte ich vor Angst aufschreien mögen. Ich konnte mich auch nach der Vorstellung noch nicht beruhigen und begriff sie nicht, die nun, wie der Vorhang einmal gefallen war, von dem Stücke, von der Rolle nichts mehr hören wollte. Ich habe das nie verstanden. Wenn ich mich erinnere, wie sie den Tag vor einer Premiere war, bebend und verzagt, in ihrer Einbildung zum Sterben krank, wie sie noch in der Garderobe weinte, durchaus absagen wollte, jeden beschwor, ihr die Daumen zu halten, vor Zittern kaum auftreten konnte und in der Kulisse immer plötzlich ganz heiser war, dann aber, wenn sie nur erst auf der Bühne stand, mit einem Schlage wieder ihre ganze Ruhe hatte, keine Nuance verlor, noch aus der Fassung zu bringen war, ja in den Szenen der größten Leidenschaft gelassen nachzählen konnte, wie viele Sitze heute leer geblieben waren, und am Ende gar, nachdem sie sich abgeschminkt hatte, nichts mehr davon zu wissen, nichts mehr zu empfinden und förmlich ein anderes Wesen schien, in dem von der Bühne nichts geblieben war – das ist mir immer ein Rätsel gewesen und ist es mir noch. Wenn wir von einer Premiere nach Hause kamen, schien sie die Schauspielerin im Theater gelassen zu haben. Nun war sie wieder das liebe, innige, närrische Geschöpf, das mir doch jede neue Rolle wieder entriß. Nämlich das ist auch merkwürdig: Diese Anfälle und Krämpfe von Angst und Verzweiflung, die sie mir entfremdeten, gab es nur vor Premieren; hatte sie eine Rolle einmal gespielt, so ging sie mit einer Gelassenheit, ja mit einem Phlegma hin, die mir unerklärlich und oft ärgerlich waren. Sie kam erst um halb sieben, plauderte in der Garderobe, ja in der Kulisse noch mit der Schneiderin, freute sich, auf der Bühne den Partner zu stören, indem sie den Sessel verschob, den er zu seiner Nuance brauchte, war zu tausend solchen Possen bereit und setzte sich nach ihrer Szene gelassen in die Garderobe, um Briefe zu schreiben oder ein neues Kleid zu probieren. Kein Handwerker kann sein Geschäft mechanischer tun und doch merkte man es ihrer Rolle nicht an, sie war immer gleich. Da ich jedesmal im Theater saß, wenn sie spielte, und in vierzehn Tagen oft dieselbe Rolle fünf-, sechsmal von ihr sah, konnte ich sie genau beobachten; ich nahm allerhand Experimente vor. Ich habe z.B. gezählt, wie viele Schritte sie in einer Szene brauchte, um von der Tür zum Souffleur zu kommen, und wenn sie nach drei Tagen dieselbe Rolle gab, zählte ich in derselben Szene wieder: es kam immer dieselbe Ziffer heraus, nicht einen Schritt weniger oder mehr; so unabänderlich, so definitiv waren alle Bewegungen und Gebärden. Diese, ich möchte fast sagen automatische Art, etwas auszuüben, das doch den Schein der größten Leidenschaft, der unmittelbaren Erregung dabei behält, habe ich nie verstehen können. Ich konnte mir ein Gehirn nicht vorstellen, das das vermag, und ich weiß nicht, ob es mehr Bewunderung oder Grauen war, was ich dabei empfand. Unmenschlich, das ist das Wort, unmenschlich kam es mir vor, wie ich mich denn überhaupt oft einer geheimen Furcht kaum erwehren konnte, als ob sie eine Hexe sei, die viele Gestalten und Personen annimmt, gute und böse, aber ihr Wesen darf sie niemanden sehen lassen. Doch das sind Torheiten.

Ich bin immer im Theater gewesen, wenn sie spielte, immer auf demselben Ecksitz in der zweiten Reihe links. Man erlebt da wunderliche Sachen. Die stillen Beziehungen zwischen einem Zuschauer und einem Schauspieler, die das Publikum nicht merken darf, leise Winke und liebe Zeichen, haben einen eigenen Reiz. Es ist wie ein Schauspiel im Schauspiel, wenn man die Schauspieler persönlich kennt, und man lacht die anderen Leute bei sich aus, die so naiv sind. Wenn man weiß, daß das zärtliche Mädchen, das sich jetzt an den Helden schmiegt, ihn im Leben nicht ausstehen kann und Mercutio beim Intendanten gegen den Romeo hetzt, das ist ein seltsames Vergnügen von besonderer Lüsternheit, das freilich nicht zu den reinen Absichten der Bühne gehört, ja sie stören mag. Was man so die Gönner eines Theaters nennt, jene in den Garderoben verkehrenden, die Damen duzenden, mit allen Intrigen vertrauten Mäzene, sind ja darum eigentlich immer das schlechteste Publikum, das man sich denken kann. Denn ihr Sinn wird stets auf das Persönliche von der Sache abgezogen, sie können den Menschen, der im Schauspieler steckt, von seiner Rolle nicht trennen. Aber gerade das hat seinen Reiz. Doch kam es auch vor, daß ich mich zuweilen auf meinem Sitze verwünschte. Manchen hätte ich gern geprügelt. Ich bin nicht etwa eifersüchtig gewesen, aber es ist eben ein seltsames Gefühl, eine Frau zu haben, die sich von jedem Gecken um vier Gulden anschauen und ihre Reize kritisieren lassen muß. Man hört da oft Dinge! »Ich bitt' dich, schau dir einmal die Waden von der an!« – »Sapperment, sapperment! Aber die andere ist auch nicht ohne!« – »Was, die Blonde? Aber geh! Die gehört schon dir!« – Die Leute glauben eben doch immer noch, im Theater sozusagen in einem verrufenen Hause zu sein, wo es lächerlich wäre, sich anständig zu betragen. Und manchmal habe ich mir gedacht, ob sie nicht eigentlich recht haben. Ich ärgerte mich nicht über die ungezogenen Leute, ich ärgerte mich über das Theater. Das ist ja wohl ungerecht gewesen.

Ich war nun nach und nach mit den Schauspielern in Verkehr gekommen. Zwar hüteten wir unsere Liebe noch immer, sie wollte sie um keinen Preis eingestehen. Wenn erst geredet wird, dann ist es schon aus, sagte sie oft. Aber Sie wissen ja, daß sich bei uns jede Schauspielerin ihren Hausjournalisten hält, der ihr bei den Intrigen helfen, die Notizen in der Presse besorgen und für alle Kommissionen bei der Hand sein muß; meist sind es junge Leute, die nicht viel besser als Dienstmänner behandelt werden, aber sich dafür mit der Gefeierten öffentlich zeigen und hoffen dürfen, daß man so schon mit der Zeit auf den »interessanten jungen Mann« aufmerksam werden wird. Nun, diesen ehrenden Posten nahm ich bei ihr vor den Leuten ein. Ob sie es uns geglaubt haben, weiß ich nicht. Aber so konnte ich doch vor den Kollegen mit ihr verkehren und die Schauspieler fingen an, mich jetzt zu ihrer Welt zu rechnen. Das war mir sehr interessant. Nun lernte ich sie erst kennen. Als Kritiker hat man ja keine Ahnung, wie sie sind. Vor dem Kritiker gleichen sich alle, da sind sie immer die stillen, ihren Rollen nachdenkenden und für jede Belehrung so dankbaren Künstler, einer redet wie der andere nur immer von der Kunst. Man muß sie beobachten, wenn sie unter sich sind. Freilich, wenn man sie dann kennt, dann weiß man erst gar nichts. Ich meine, dann kennt man drei, sieben, zehn, fünfzig, hundert Schauspieler, aber den Schauspieler kennt man noch immer nicht, vom Wesen der ganzen Klasse weiß man dann erst recht nichts. Jeder ist anders, nichts ist ihnen gemein, es gibt keine Definition, die auf alle passen würde. Zwei Beamte, zwei Offiziere mögen noch so verschieden sein, sie haben doch gewisse Züge gemein, die eben jeder Offizier und jeder Beamte und nur der Offizier und nur der Beamte hat. Bei den Schauspielern habe ich das nicht gefunden. Wenn ich den feierlichen, immer tragisch gebietenden und heroisch durch das Leben schreitenden Otto mit dem behenden und konzilianten Tenzer, der immer rechnete, immer Geschäfte hatte, oder gar mit dem zynischen Merz verglich, es schien doch, als müßte jeder aus einer anderen Welt sein. Merz interessierte mich am meisten. Otto war gar zu monoton, mit seiner ewigen Erhabenheit und Würde. Auch sah man ihn selten; er hatte immer Angst, sich zu verkühlen, trank kein Bier und aß fast nichts, um nicht dick zu werden, fastete und quälte sich wie ein Eremit. Mit Tenzer konnte man nur von Geschäften reden. Der berühmte Romeo ist ja eigentlich mehr ein Agent und während auf der Bühne noch der süße Schall seiner betörenden Stimme verklingt, sitzt er schon in der Garderobe, um seinem Sekretär, indem er sich umzieht, Briefe, Kontrakte und Rechnungen zu diktieren. Er hat nie Zeit, beim Essen liest er Stücke, im Wagen hat er die Zeitungen mit und während er sich schminkt, macht er Bilanzen. Er handelt mit Patenten, kauft Häuser an, spekuliert an der Börse und der süßeste Leander könnte der größte Bankier sein. Ich hatte ihn ganz gern, aber man konnte ja mit ihm nicht verkehren, er hatte nie Zeit. Mit Merz wurde ich nach und nach fast intim. Er ist mir zuerst nicht sympathisch gewesen. Es wird mir schwer, mich an so häßliche Leute zu gewöhnen. Dabei zuckt er immer, zappelt, kneift die lüsternen winzigen Augen ein, verzieht die enorme Nase, die einer Trompete gleicht, und muß immer an den wulstigen Lippen kauen, als ob er sich selber aufessen wollte. Nervös darf man nicht sein, wenn man mit ihm verkehren soll. Er ist wie ein Affe, so sieht er aus, so benimmt er sich. Er muß immer jemanden kopieren, sonst ist ihm nicht gut. Seine eigene Stimme hört man nie, nie habe ich ihn auf einer natürlichen Bewegung ertappt. Jetzt macht er einen Kollegen nach, jetzt einen Journalisten, so geht es fort. Ich genierte mich, mit ihm auf der Gasse zu gehen, alle Leute schauten ihm nach. Er hat nämlich keinen natürlichen Gang, sondern bald hinkt er und schleift den Fuß, bald bückt er sich vor und krümmt sich ein, bald tänzelt er wieder und hüpft. Aber er ist wohl der amüsanteste Mensch, den ich jemals gekannt habe. Das heißt, ich habe manchmal gezweifelt, ob er denn überhaupt ein Mensch ist. Er kann alle Menschen sein, die es gibt, aber er muß immer ein anderer Mensch sein, selbst scheint er gar nicht zu existieren. Ich bin doch später oft ganze Tage mit ihm gewesen und ich erinnere mich nicht, daß ich je gedacht hätte: aha, endlich, das ist nun seine Stimme, das ist sein Gang, das ist sein Gesicht! Er war verdammt, immer ein fremder Mensch zu sein; immer ging er als ein anderer herum. Ich sage mit Fleiß: verdammt. Ich hatte nämlich das Gefühl, daß das etwas Schreckliches sein muß. Wenn man nicht imstande ist, guten Morgen zu sagen, ohne sich erst zu überlegen, wen man dabei kopieren wird – mir wird bei dem bloßen Gedanken schon schwindlig. Doch schien es ihn nicht zu genieren. Es war eben sein Wesen, er konnte offenbar gar nicht anders. Ich hätte ihn gern einmal belauscht, wenn er allein ist. Ich glaube, er spielt dann auch, er spielt auch vor sich selbst, er muß immer spielen. So habe ich mir auch die seltsame Manie erklärt, die er hatte. Sie wissen, was man bei uns einen »Aufsitzer« nennt. Nun, das war seine Leidenschaft. Er scheute keine Mühe, keinen Verdruß, wenn er nur die Leute foppen konnte. Für ihn war immer der erste April. Seine Streiche würden ein lustiges Buch geben. Niemand war vor ihm sicher. Anonyme Briefe, Annoncen in den Zeitungen, Dienstmänner – nichts war ihm zu beschwerlich, wenn es nur gelang, einen Kollegen in böse und lächerliche Händel zu verlocken. Gleich sah er den Menschen ihre schwache Seite ab, irgendeine Eitelkeit und Schrulle, und es war manchmal genial, wie er kombinierte. Wurde man böse, so pflegte er mit einer scheinheiligen Miene devot zu versichern, er könne nichts dafür, es sei seine Mission, die Leute in die Situationen zu bringen, die ihnen nach ihrem Wesen gebühren; er helfe nur dem oft vergeßlichen und schon ein bißchen schlamperten Schicksal nach; seine Possen seien immer »im Charakter der handelnden Personen«. Man mochte noch so sehr auf der Hut sein, es half nichts, er war immer noch schlauer. Er hatte eben auch schon die unglaubliche Routine. Das liegt mir ja jetzt alles so fern, so unendlich fern und ich vermeide es lieber, mich seiner zu erinnern. Aber ich muß jetzt noch manchmal über die Abenteuer lachen, die er oft inszeniert hat.

Nun, alle diese Sachen scheinen ja eigentlich gar nicht in meine Geschichte zu gehören, aber ich möchte, daß Sie genau wissen, wie ich damals gelebt habe, in welchen Stimmungen, mit welchen Menschen; sonst können Sie es nicht begreifen.

Siebentes Kapitel

Ich habe schon gesagt, daß nun auch der Vater wieder da war, der alte Bastante. Ich lernte ihn kennen. Mascha hatte ihn sehr gern und ich kann nicht leugnen, daß ich auch meine Freude an ihm hatte. Man durfte ihn freilich mit moralischen Begriffen nicht messen, aber er trieb seine unsauberen Dinge mit einer so frechen Laune, einer so behaglichen Ironie und ich möchte fast sagen: einer so tiefen Unschuld, daß man ihm nicht bös sein konnte. Er war geboren, andere auszubeuten, sich auf fremde Kosten gut zu tun und schön durch das Leben zu lungern, während andere für ihn arbeiten und sorgen mochten. Er verstand es nun einmal nicht anders; es hätte nichts geholfen, ihm Moral zu predigen. Er war zum Abenteurer geboren. Er sah, wenn er so sein edles, mächtiges Haupt in der Loge zeigte, wie ein Marchese aus, und niemand hätte vermutet, daß dieser aristokratische und dekorative Kavalier, der ein bißchen dem Viktor Emanuel glich, vor zwanzig Jahren im Prater mit Salami und Käse ging. Er mochte jetzt einige vierzig Jahre sein, aber er sah viel jünger aus und wenn er seine Tochter führte, schienen sie eher Geschwister. Man kann sich ein schöneres Paar nicht leicht denken: so graziös, so edel, so zierlich schritten sie dahin, daß es eine Lust war, ihre ungemein köstlichen Bewegungen zu betrachten. Wie vor einer besseren Rasse wichen ihnen die Leute aus, wenn sie über die große Treppe des Theaters kamen. Dann leuchteten seine verwegenen Augen, er lächelte lässig und kein Held, kein Fürst konnte majestätischer unter seinem Volke gehen.

Wir wußten nicht, wo er die ganze Zeit gewesen war. Sechzehn Jahre hatte er nichts von sich hören lassen und blieb verschollen. Er mußte viel herumgekommen sein, fremde Länder und ferne Menschen gesehen und manche Abenteuer erlebt haben, soviel konnte man aus seinen dunklen und etwas mysteriösen Andeutungen vermuten. Er sprach stets mit einer sehr bedeutenden, verheißenden Miene von dieser Zeit, wie ein Diplomat, der viel sagen könnte, wenn er nur dürfte. Er mischte gern spanische und portugiesische Worte ein und liebte es, von Mexiko und Kuba zu erzählen. Mascha konnte ihm dann stundenlang zuhören, ohne sich zu regen, ganz verloren und verzückt. Sie war so stolz, einen so ritterlichen Vater zu haben; Desdemona kann dem Mohren nicht zärtlicher, nicht inniger gelauscht haben. »Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand«, und seine Gefahren waren noch viel schrecklicher, weil er sie doch immer wieder verschwieg und nur so aus der Ferne vage ahnen ließ. Es blieb immer ungewiß, ob er denn eigentlich von sich oder von einem anderen sprach; auf nähere Bestimmungen ließ er sich nicht ein. Mascha verlangte das auch gar nicht, sondern war selig, sich dem großen Rhythmus seiner schönen Lügen hinzugeben. Sie konnte sich im seiner vollen, warmen, ein bißchen falschen Stimme nicht satt hören. Er hatte einen sonoren Ton, der ihr imponierte, und war der richtige père noble. Sie verehrte ihn, obwohl sie von seinen liederlichen Streichen wußte; aber er war so edel, und sie konnte seinen großen Worten nicht widerstehen. Wenn er ihr so, mit pompösen Deklamationen, die Verdorbenheit der Menschen schilderte, sie vor den Gefahren warnte, die rings einem unerfahrenen Mädchen drohen, und ermahnte, das ewige Glück der Tugend nicht der eitlen und leeren Lust der Sünde zu opfern, wurde sie oft so gerührt, daß sie laut zu schluchzen anfing. Erlaubte ich mir dann einmal, mit aller Schonung zu bemerken, daß er doch an ihrer Mutter nicht gerade schön gehandelt und sich etwas spät auf seine väterliche Würde besonnen hätte, so wurde sie böse und schien es nicht zu verstehen. Das war doch ganz gleich, was er getan hatte und noch tun mochte, aber er sprach so schön, er hatte so rührende und erhabene Worte und konnte einem mit solcher Macht ins Gewissen reden, daß man sich wirklich schämte und ganz zerknirscht war. Das tat ihr so wohl, das war doch zu schön.

Wir gingen manchmal nach dem Theater mit den Eltern ins Gasthaus. Es war mir nicht sehr behaglich, vor den Leuten mit der verrufenen Alten und dem grotesken Papa zu sitzen, aber ich konnte es in meiner Rolle des Hausjournalisten nicht gut abschlagen. Auch behauptete Mascha in einem Ton, den sie von ihrem Vater annahm: sie sei das ihrer Familie schuldig. Wir gingen entweder zum Sacher oder ins Imperial; ihm War es ja nirgends »fein« genug. Ein paar Gecken und »Bewunderer« kamen gewöhnlich mit, der Alte hielt große Reden, es war sehr gespreizt. Nach einer Stunde hatte er gewöhnlich schon einen schweren Rausch, nun hörte er zu predigen auf und fing mit den Kellnern Krawall an. Das Ende war meistens, daß er zu toben begann, Gläser, Flaschen und Teller zerbrach und am liebsten alles demoliert hätte. Irgendein Bewunderer mußte ihn dann nach Hause bringen. Ich wunderte mich dabei oft über Mascha. Ich hätte gedacht, solche Szenen müßten ihr widerlich sein. Aber es schien ihr gar nichts zu machen. Sie nahm den Tumult und Lärm ganz gelassen hin, duckte sich nur ein wenig, wenn die Gläser flogen, und schien weder ängstlich noch betrübt. Ich bemerkte auch, daß es ihrem Respekt vor dem Vater nicht schadete. Er konnte heute schreien und rasen, morgen hörte sie doch seine Lehren wieder mit derselben Liebe an. Seltsam war es auch, wie sich die Alte dabei verhielt. Sie tat sehr zärtlich und schmeichelte ihm, aber eine große Angst wollte sie nicht verlassen, sie sah ihn immer nur so von der Seite an und hatte etwas von einem verprügelten Hund. Er behandelte sie mit einer burschikosen und derben Galanterie, wie man etwa mit einer alten Haushälterin oder Amme ist, die man ja am Tische mitsitzen läßt, aber doch zuweilen erinnert, daß sie nicht zu frech werden soll. Er sprach nicht viel mit ihr und meistens nur, um etwas zu verlangen; bald mußte sie ihm die Tabatiere aus seinem Mantel holen, bald dem Kellner nachlaufen und, wenn er etwas fallen ließ, hob sie es auf, ohne daß er gedankt hätte. Er ließ sich von ihr bedienen. Sie tat es gehorsam, er war offenbar stärker als sie, aber man sah ihr bei aller Demut doch bisweilen einen tiefen, gierigen Haß an.

So mochten uns etwa vier Wochen vergangen sein. Wir hüteten uns noch immer, unser Glück zu bekennen; die Leute sollten nichts merken, besonders vor der Alten ängstigte sich Mascha. Es schien uns auch zu gelingen; wir hätten geschworen, daß kein Mensch etwas ahnte. Später habe ich freilich erfahren, daß man lange schon in der ganzen Stadt davon sprach.

Eines Abends saßen wir in unserer lieben Wohnung. Sie spielte nicht und so hatte sie schon um fünf Uhr kommen können. Ich war schon vor ihr da. Diese süßen Stunden der Erwartung werde ich nie vergessen. Ich brachte immer etwas mit, eine kleine Überraschung, irgendeinen Scherz, bald einen schweren Stoff von edler Farbe, um die Türe zu drapieren, bald einen Engel aus Holz oder auch alte Teller und Schüsseln, was ich eben gerade bei Antiquaren fand. Nun stellte ich die Möbel um, vertauschte die Bilder, sie sollte jedesmal meinen, in eine neue Wohnung zu kommen. Das enge Gemach war nach und nach ein kleines Museum geworden. Neben den Pferden des alten Reitlehrers hingen jetzt große Photographien von ihr in allen möglichen Rollen, Lorbeerkränze waren da und eine Büste, die ein enthusiastischer junger Künstler von ihr gemacht hatte, ein bißchen schwer, zu groß für ihr feines und zierliches Wesen, doch recht dekorativ. Da räumte ich nun herum und malte mir aus, was sie dazu sagen würde, wie sie mit ihrer hellen Stimme, die in Momenten der Erregung noch spitzer wurde, vor Vergnügen piepsen würde, wie sie dann in die lieben schmalen, so nervösen Hände klatschen würde, wenn es ihr gefiel. Hatte ich dann alles gerichtet, eingeheizt und die Lampe geputzt, dann ging ich mit stillen Vorgedanken auf und ab und wartete. Sooft ein Wagen fuhr, blieb ich stehen und horchte, ob er halten würde. Gern hätte ich hinausgesehen, aber ich wagte es nicht. Ich lernte allmählich, wie es klingt, wenn ein Wagen unten vom Heumarkt und wenn er oben vom Rennweg kommt, wie Equipagen ein anderes Geräusch haben als Fiaker und wie man es den Pferden schon aus der Ferne beim Einfahren anhören kann, ob sie in der Straße halten werden. Lauter solche dumme Sachen machten mir viel Vergnügen. Es gab freilich auch böse Momente. Sie verspätete sich bisweilen. Dann bekam ich eine unbeschreibliche Angst. Ich sagte mir wohl, daß es töricht war; es war wahrscheinlich ein Besuch bei ihr oder es konnte auch eine Abänderung im Theater sein. Aber es nützte mir nichts, ich konnte doch meine Verzweiflung nicht beherrschen. Erst wenn endlich der Wagen unten hielt und ich dann unsere dünne, heisere Klingel scheppern hörte, dreimal ganz kurz und ungeduldig, wie es ihre Art war, atmete ich auf.

An jenem Abend hatte es stark geschneit. Ganz erfroren war sie gekommen, aber übermütig; denn sie liebte den Winter. Sie brachte einen großen Schneeballen aus dem Hof mit und nun rieb sie sich das Gesicht damit, dann warf sie ihn nach mir, so jagten wir herum. Sie kochte, ich deckte, sie hatte ein Häubchen auf und eine Schürze vor, ich trug auf und servierte. Wir saßen und plauschten und lachten oder wir schwiegen auch lange und sahen uns nur an. So war es neun Uhr geworden, da läutete es plötzlich. An der dünnen, heiseren Klingel wurde mit Gewalt gezogen. Wir erschraken. Es kam doch nie jemand zu uns. Wer konnte das sein? Ein Bettler? Irgendein Händler? Dazu war es doch zu spät. Sie zitterte und wollte mich durchaus nicht öffnen lassen. Die Klingel schepperte wieder. Ich machte ihr begreiflich, daß es doch nicht anging, einfach nicht zu öffnen; was sollte denn auch für eine Gefahr dabei sein? Es war wahrscheinlich die Hausmeisterin, die irgend etwas zu besorgen hatte. Aber Mascha ließ sich nicht beruhigen, weinte laut und beschwor mich, nicht zu öffnen. Indessen schepperte die heisere Klingel immer fort. Ich konnte doch nicht das ganze Haus alarmieren lassen. Ich ging hinaus und öffnete. Da stand auf dem Korridor die Alte vor mir.

Ich war so verblüfft, daß ich sie eintreten ließ. Sie wollte Mascha sprechen. Ich stotterte, daß Mascha doch nicht hier sei, wie käme denn Mascha zu mir? Sie bat mich, ich möchte keine Komödie spielen, dazu sei die Sache zu ernst, es handle sich um das Glück der ganzen Familie. Während ich noch stammelte und ihr etwas vorlügen wollte, kam Mascha aus dem Zimmer. Ich hatte sie nie so gesehen: das Gesicht von solcher Wut verzerrt, daß ich sie an der Hand nahm, um die Alte zu schützen. Wie ein wildes Tier wäre sie auf sie gesprungen; ich hatte kaum die Kraft, sie zu bändigen. Die Mutter hatte noch kein Wort gesagt. Sie hob nur ein wenig die Hand, als ob sie sie streicheln wollte, um sie zu beschwichtigen. Dann duckte sie sich wieder und hörte ihre Verwünschungen und Bedrohungen geduldig an. Es gelang mir endlich, sie wenigstens in das Zimmer zu drängen, damit nicht noch das ganze Haus von dem Geschrei rebellisch würde. ,

In ihrer Wut hatte Mascha so geschrien, daß sie gar keinen Atem mehr hatte. Wie ein Sack fiel sie jetzt auf das Sofa hin. Während sie dalag, ächzte und von heftigen inneren Stößen gerüttelt, ja förmlich geschleudert wurde, die Fäuste in Krampf geballt, rückte sich die Alte einen Stuhl hin und begann ihr leise zuzureden, wie zu einem törichten und tranken Kinde. Sie hätte es doch längst gemerkt und sie gönne es uns ja von Herzen, das sollte ihr Liebling doch wissen. Sie habe sich freilich ein bißchen gekränkt, daß wir es ihr verheimlichen wollten. Zur Mutter muß ein Kind doch Vertrauen haben.

Mühsam hob Mascha den Kopf und fragte mit harter, heiserer und feindlicher Stimme: »Also was ist denn schon wieder? was hast du denn? was willst du denn schon wieder von mir?«

»O mein Kind,« sagte die Alte ganz sanft und einschmeichelnd, »rege dich nur nicht auf, wir können ja nichts dafür, aber du mußt uns helfen, es handelt sich um die Ehre der Familie.«

Sie wurde nun recht theatralisch, hatte die Gebärden und Töne einer schlechten Königin Elisabeth in der Provinz und schwelgte in falschen Phrasen. Sie verdrehte die Augen, rang die Hände und rief den Himmel an. Es dauerte lange, bis sie endlich merken ließ, was sie eigentlich wollte. Es war natürlich wieder eine Geschichte mit dem Vater. Soweit ich sie, in diesen Dingen unerfahren und mit solchen Geschäften nicht vertraut, ungefähr verstehen konnte, handelte es sich um folgendes: Der Vater hatte sich verleiten lassen, an der Börse zu spielen. Er kannte irgendeinen kleinen Bankier, der ihm die Vorteile der gegenwärtigen Konjunktur bewies; nie hätte man leichter mit einem Schlag ein Vermögen gewinnen können; es sei ein Verbrechen, das nicht zu benützen. Er nannte ihm ein Papier, das in der nächsten Zeit kolossal steigen würde; das könne er nach seinen ganz sicheren und untrüglichen Nachrichten verbürgen. Nun hatte aber der Vater kein Geld. Daran lag nichts, da der Bankier aus Freundschaft bereit war, die Spekulation auch so für ihn zu führen. Nur müßte er ihn für alle Fälle decken, eine bloße Formalität, da ja an einen Verlust nicht zu denken sei. Bloß der Ordnung wegen, weil es schon einmal Sitte sei, müsse er ein solches Dokument verlangen. Aber da der Vater selbst nichts besaß, konnte seine Unterschrift nicht genügen. Der Bankier riet ihm, seine Frau darum zu bitten, die ja für wohlhabend galt, und das Ganze sei ja doch nur eine bloße Formalität. Da es doch nur eine Formalität war, hielt es der Vater nicht für nötig, über die Sache erst mit seiner Frau zu sprechen, sondern er machte es sich bequem und schrieb einfach selbst ihren Namen hin, weil er ja ganz sicher zu sein glaubte. Allein die Nachrichten des Bankiers mußten doch nicht so untrüglich gewesen sein: die Spekulation gelang nicht. Nach zehn Tagen war der Vater dreitausend Gulden schuldig; diese forderte der Bankier, der selber starke Verluste hatte und sich um jeden Preis Geld verschaffen mußte, nun ungestüm ein. Der Vater bat um ein wenig Geduld, flehte, versprach das Doppelte, wenn er ihm nur ein bißchen Zeit lassen würde. Der Bankier blieb unerbittlich. Es stellte sich heraus, daß er gar kein eigentliches Geschäft hatte, sondern nur ein Wechsler war, der selber bloß so von der Hand in den Mund lebte. Da er immer zudringlicher wurde, ja endlich drohte, den Vater beim Gericht anzuzeigen, weil er Ursache hätte, eine Fälschung zu vermuten, blieb dem armen Mann schließlich nichts übrig, als sich endlich seiner Frau zu entdecken. Das war heute nachmittag geschehen. Nun galt es um jeden Preis, das Geld zu beschaffen. Bis morgen um zwölf hatte der Bankier zu warten versprochen, nicht eine Stunde länger. War morgen um zwölf das Geld nicht da, so drohte er, sofort zu seinem Advokaten zu gehen und es beim Gericht anzuhängen. So erzählte die Alte und schilderte die Verzweiflung des Vaters und ihren Schrecken.

Mir kam nun das Ganze nicht gar so arg vor, wie es die Frauen machten. Ich war gewohnt, den alten Bastante als eine ganz romaneske und keineswegs nach bürgerlichen Begriffen verantwortliche Gestalt anzusehen, über Falstaff oder den Don Cäsar wird man sich nicht moralisch entrüsten, weil sie eben gar nicht in die Region der sittlichen Maximen gehören. Er war ein Zigeuner, ein schöner Strolch. Den starken Reiz seiner pittoresken Natur empfindend, durfte man von diesem angenehmen Vagabunden nicht einen anständigen Menschen verlangen. Ich muß sagen, daß ich mich über seinen neuesten Streich nicht einmal wunderte. Ich konnte auch die Aufregung der Frauen nicht recht begreifen. Es war ja kein Vergnügen, plötzlich dreitausend Gulden zu zahlen, aber man schätzte die Alte doch auf Hunderttausende. Ich hatte schon gefürchtet, es sei wirklich ein Unglück geschehen. Nun war ich beinahe froh und ärgerte mich nur, daß mit einer so läppischen und albernen Sache soviel Lärm und Spektakel war. Ich begriff noch nicht, was denn die Alte eigentlich überhaupt von uns wollte.

Mascha sagte kein Wort, während die Alte sprach. Ihre Miene war immer hämischer, beinahe drohend geworden. Ein Zug von böser Freude lauerte in ihr. Immer langsamer, immer breiter erzählte die Alte und legte allerhand Fragen ein, um die Tochter nach und nach in das Gespräch zu ziehen. Es gelang ihr nicht. Mascha blieb stumm. Zuletzt fing sie laut zu klagen an, als ob er schon eingesperrt wäre, so eine Schande, so eine Schande, sie würde das nicht überleben, man hatte ja nichts auf der Welt als seinen guten Namen! So weinte sie und schien zu erwarten, daß man sich ihrer annehmen, ihr zureden und sie trösten würde.

Ich ging unschlüssig im Zimmer auf und ab. Ich ärgerte mich über Mascha. Ich konnte ihr Betragen nicht verstehen und war beinahe bereit, für die Alte einzutreten, die ich doch sonst nicht leiden konnte. Ich hatte wieder dasselbe häßliche Gefühl wie damals in der Kirche. War denn das noch meine Mascha? Ein Stern tanzte, als ich geboren ward, sagt irgendeine der heiteren und strahlenden Frauen bei Shakespeare: das zitierte ich immer von ihr. Das leise Schweben ihres Wesens, das kein irdisches Gewicht zu haben schien, liebte ich an ihr. Wie auf einem hohen Berge, wo einem das Blut schneller rinnt und man den Leib gar nicht mehr zu spüren glaubt, fühlte ich mich sonst in ihrer heiteren und reinen Nähe. So war es mir schrecklich, jetzt die gemeinen Akzente roher Menschen von ihr zu vernehmen. Ihr höhnisches Grinsen, ihre kreischende Stimme tat mir wehe.

Als die Alte fertig war und nur noch in abgerissenen Exklamationen jammerte und schrie, blieb Mascha lange stumm. Sie ging hin und her, lächelte verächtlich und sah die Mutter mit bösen Blicken an. Endlich trat sie zu ihr und sagte höhnisch:

»Es ist schon genug. Strenge dich nicht so an. Ich fall' ja auf den Schwindel doch nicht herein.« Sie sagte das mit solchem Haß und sah dabei die Mutter so frech an, daß ich mich für sie schämte. Ich begriff weder die Verzweiflung der Alten noch die Wut der Tochter. Erst nach und nach, während sie immer vehementer zankten, jene flehentlich und beschwörend, diese hämisch und gereizt, begann ich zu verstehen. Die Alte behauptete, kein Geld zu haben, die Häuser seien verschuldet, ihr persönlicher Kredit erschöpft; nicht hundert Gulden, jammerte sie, würde sie auftreiben können, nicht hundert Gulden! Sie habe schon alles versucht, seit vier Stunden laufe sie in der ganzen Stadt herum, bei allen Leuten, aber in der Not kann man auf niemanden rechnen. Was sollte sie denn also tun? Sie konnte doch den alten Mann, der ja unschuldig war und gar nicht wußte, was er getan hatte, nicht ins Kriminal sperren lassen! Lieber sterben! Sie würde die Schande nicht überleben.

Nun fing Mascha an, sie zu verhören. Es war ja nicht wahr, daß sie kein Geld habe. Sie rechnete ihr vor, daß mindestens siebentausend Gulden im Hause sein mußten. Am soundso vielten war das und das fällig gewesen, wohin war es gekommen? Was war mit dieser, was mit jener Summe geschehen? Und soundso viel hatte sie doch auf der Bank, warum wollte sie das nicht einfach beheben? Ich staunte, wie genau das poetische Geschöpf alle Zahlen kannte und diese verwickelten Dinge, denen ich gar nicht folgen konnte, wie ein Kassier verstand. Es sei alles nicht war. Die Alte hätte Geld genug und sie brauche nicht einen Kreuzer. Die ganze Geschichte sei überhaupt nur wieder ein Schwindel. Aber diesmal sollte sie sich verrechnen! Nun lasse sie sich nicht mehr würzen. Die Alte heulte noch mehr, beteuerte und schwor. Sie, die immer nur an das Glück ihres Kindes gedacht! Wem verdankte Mascha denn alles? Wer hatte sie denn zu Benesch gebracht? Wer hatte ihr denn, den Grafen verschafft? Und das war jetzt schließlich der Dank! Aber Mascha gab nicht nach. »Das sind lauter Lügen, « schrie sie, lauter Lügen! »Du willst nur wieder erpressen, aber jetzt bin ich nicht mehr so dumm!« Und sie fing von alten Sändlichkeiten an, weckte dunkle, schimpfliche Geschichten aus der Vergangenheit auf und wurde nicht müde, die Mutter zu schmähen. Ich konnte es endlich nicht mehr anhören. Um nur der widerlichen und unerträglichen Szene ein Ende zu machen, bot ich mich an, ihnen die Summe zu leihen. Es war ja nicht so viel; mein Stück wurde jetzt in allen Provinzen gegeben und ich konnte in der nächsten Zeit schöne Tantiemen erwarten, übrigens muß ich gestehen, daß ich gar nicht erst viel überlegte. Hätte ich damals nicht einen Kreuzer besessen, ich würde es doch übernommen haben, um nur der Szene ein Ende zu machen, die mir entsetzlich war.

Nun kniete die Alte vor mir nieder, wollte mir die Hände küssen, nannte mich ihren Sohn, einen Engel, den Retter der Familie, schwor, meine edle Handlung niemals zu vergessen, und rief den Segen des Himmels an; das alles mit einem solchen Aufwand großer Worte, theatralischer Gebärden und einer so unsauberen Begeisterung, daß ich Mühe hatte, meinen Ekel zu verhalten. Dazu schrie mich Mascha zornig an und verhöhnte mich, der Alten auf den Leim zu gehen. Ich wußte mir nicht anders zu helfen: ich lief einfach weg. Unter dem Vorwande, daß ich heute noch einige Anstalten treffen müßte, um das Geld morgen zur rechten Stunde zu haben, verließ ich die keifenden kreischenden Weiber.

Achtes Kapitel

Seit ich der Alten das Geld gegeben hatte, war mein Verhältnis zur Familie anders geworden. Ich wurde nun sozusagen offiziell anerkannt. Freilich hatten wir vor, unser süßes Geheimnis auch ferner zu bewahren, und gaben unsere liebe Wohnung nicht auf. Aber es hatte doch eigentlich keinen rechten Sinn mehr. Wir spürten, daß es eine Komödie war, immer noch heimlich zu tun, als ob es niemand ahnen dürfte. Früher hatten wir uns das noch einbilden können. Jetzt wußten wir doch, daß es schon die ganze Stadt wußte. So bekamen unsere früher so reinen, ja ich fürchte das Wort nicht: heiligen Abende in der Salesianergasse jetzt etwas von einer Maskerade. Wozu schlichen wir eigentlich noch, wenn es dunkelte, ängstlich nach unserer stillen Wohnung, da man doch schon in allen Cafés ungeniert davon sprach? Der liebe Schleier war nun doch einmal von unserem Glück gezogen.

Dazu kam, daß es uns auf die Dauer auch unbequem wurde. Es war viel einfacher, wenn ich zu ihr ins Haus kam. Ich konnte sie dann schon Vormittag sehen, holte sie von der Probe ab, aß bei ihr, sie ließ die Schneiderin herein und probierte vor mir. Hier und da trafen wir uns wohl noch in der Salesianergasse, aber wir hatten nicht mehr dasselbe Gefühl; es war eher wie ein Besuch bei unserer Vergangenheit. So fühlten wir es und das machte uns traurig. Wir gestanden es uns ja nicht ein, wir hatten Angst, davon zu reden. Wir trösteten uns, daß es eben jetzt im Winter nicht gehe, da sie sehr viel zu spielen hatte. War erst der Frühling da, dann wollten wir wieder dort leben.

In ihrem Hause nun wurde unser Verhältnis ganz anders. Das war gar nicht zu vermeiden. Das tägliche Leben drang nun auf uns ein. Dort waren wir wie auf einer seligen Insel gewesen, die Welt hörten wir nur in der Ferne dunkel rauschen. Nun trat unser Glück unter die Menschen und sollte sich da bewegen lernen.

Ich kam nun meistens gegen elf Uhr zu ihr. Wenn sie keine Probe hatte, schlief sie gewöhnlich noch. Oft blieb sie auch den ganzen Tag liegen. Die Alte störte uns nicht. Sie aß in der Küche. Doch waren wir selten allein. Entweder kamen Kolleginnen oder Journalisten oder jene Mäzene, die es sich etwas kosten lassen, bei Schauspielerinnen verkehren zu dürfen. Nachmittag war die Maniküre da, dann ließ sie sich Karten aufschlagen, Stunden vergingen mit der Wahl der Nummern, die sie in die Lotterie setzte, später fuhren wir dann spazieren. Auch abends gab es fast immer Gäste. Ich wurde nun erst mit jener Welt bekannt, die die Leute vom Theater um sich haben.

Diese Welt ist seltsam, so bunt, so laut, so groß, wie sie kein anderes Metier in seinem Umkreise hat. Das Theater zieht jeden Menschen an, er sei nun ein Minister oder ein Kommis. Ich glaube, das kommt daher, weil es fähig ist, für jeden Menschen etwas anderes zu bedeuten. An sich selbst scheint es gar nichts zu sein, das ist immer mehr mein Gefühl geworden. Jeder Mensch prägt dem Theater seinen eigenen Sinn ein und es wird für ihn, was er verlangt. Dem Unbefangenen jedoch, der nichts verlangt, sondern bloß erfahren möchte, wie es wirklich ist, gibt es gar nichts. Ich konnte es hundertmal um sein Wesen fragen, es hat mir nicht geantwortet. Was ist das Theater eigentlich? Ein Geschäft, sagt man sich oft; nichts als ein Geschäft, unter dem Gesetz von Nachfrage und Angebot: wer die Mode wittert und die Ware liefert, die den Geschmack der Menge trifft, gedeiht und von irgendeinem Magazin ist es nicht zu unterscheiden. Aber daneben sieht man die reinsten Künstler, unirdische Naturen, in allen täglichen Dingen fremd, Toren, die verirrt durchs Leben gehen, und man glaubt in einem Haine von Poeten, in einem entlegenen Tal bei Priestern der Schönheit zu sein. Doch wird ihre fromme Weise gleich durch den Tumult wüster Begierden gestört, und nun sieht das Theater wieder wie ein Pranger aller bösen Triebe, ein wilder Ort der Häßlichen, recht wie eine Kirche des Teufels aus; dann kommt einem das bißchen Schauspielerei nur wie eine Maske verruchter Gelüste vor. So weiß man am Ende nicht, ob sie Spekulanten, Schwärmer oder Satanisten sind. Das Geschäft geht in eine Messe, die Messe in eine Orgie aus; Nüchternes, Erhabenes und Schimpfliches mischt sich. Nun mag sich jeder nehmen, was nach seinem Sinne ist; jeder findet sich selbst im Theater. An sich ist es gar nichts: will man es angreifen, ist es schon entglitten und so schillert es als ein so tückisches, veränderliches und betörendes Rätsel wie das Leben selbst. Ich glaube auch, es drängt so viele Leute zum Theater hin, weil sie vermuten, in diesem engen Kreise die ganze weite Welt zu finden. Verzeihen Sie mir – ich bin nun einmal ein theoretischer Mensch: ich muß für alles meine Formel haben. Es scheint mir die Formel des Theaters, daß es sozusagen ein kleiner Handatlas des Lebens ist, da kann sich jeder leicht über seine Neigungen und Triebe orientieren. Darum laufen so viele hin. Anders kann ich seinen Reiz nicht begreifen. Die Dichter leben für sich, Maler haben ihre kleinen Gemeinden, aber alle Menschen rennen den Schauspielern nach. Warum? Ich glaube, es ist ein dunkler metaphysischer Trieb: sie möchten von ihnen erfahren, was denn das Leben eigentlich bedeuten soll.

Nie ist mir das klarer gewesen, als wenn der Erzherzog Peter zu uns kam. Er pflegte Mascha jede Woche zweimal zu besuchen. Ich wunderte mich anfangs. Was konnte der alte Herr eigentlich von ihr wollen? War er verliebt? Aber er kam doch nicht bloß zu ihr, er ging jeden Nachmittag zu einer anderen Schauspielerin. Auch machte er ihr gar nicht den Hof. Schüchtern, verlegen, fast ängstlich saß er bei ihr und fragte. Er fragte nämlich in einem fort. Darin war er unermüdlich. Mit mir sprach er immer über Zeitungen. Wie eine Zeitung gemacht wird, wie es denn immer kommt, haß es immer gerade auf sechzehn Seiten ausgeht, nicht mehr und nicht weniger, was die Journalisten tun würden, wenn einmal gar nichts geschehen würde, wie sich die Redakteure untereinander vertragen, ob die Herausgeber grob sind, wie die Gagen sind, kein Detail war ihm zu klein. Um wieviel Uhr kommen Sie gewöhnlich ins Bureau? Was geschieht da zuerst? So, und wenn Sie die Briefe gelesen haben, beantworten Sie sie dann gleich alle? Und was sind das für Briefe? Wer schreibt Ihnen, was schreibt man Ihnen? Bekommen alle Redakteure so viele Briefe? Haben Sie viele Besuche? Wie benehmen sich diese Leute? Aha, Sie werfen auch manchmal jemanden hinaus! Aber wie ist das? Wie geht das vor? Wie spielt sich das ab? Bitte, erzählen Sie mir das ganz genau; das ist sehr interessant! Stundenlang konnte er so fragen, wie man etwa einen Japaner befragen würde, der zu uns kommt und uns nun die Sitten in seinem Lande schildern soll: wir ahnen sie nicht und deshalb wird uns alles, wie klein und nichtig es auch sein mag, teuer und bedeutend scheinen. So ein Japaner war der Wiener Journalist für den Erzherzog. Ich glaube, er kam zu den Schauspielerinnen, um zu erfahren, wie es denn in der Welt eigentlich zugehen mag. Wie die Menschen, die wirklichen Menschen, die die Bevölkerung ausmachen, diese vielen Menschen, die da draußen, da unten, so weit weg, leiden oder sich freuen, lechzen oder entsagen, traurig oder glücklich sind, wie diese fernen Leute denn wohl aussehen, reden, denken, fühlen und sich unter sich benehmen mögen, das hätte er gern gewußt. Einmal kam die Wäscherin, während er da war. Er bat, sie vorzulassen, ohne ihr jedoch seinen Rang zu sagen. Sie trat ein, war sehr geschwätzig, erzählte von ihrem Schatz, und nun ließ er sie gar nicht mehr los. Es war unglaublich, was er sie alles fragte. Wo sie wohnte, was sie für ihr Zimmer bezahlte, wie es eingerichtet war, wann sie aufstand, wann sie schlafen ging, was sie aß, wovon die Mädchen bei der Arbeit redeten, ob sie gern tanzte, wo sie tanzte, wann sie tanzte, ob sie heiraten würde – es war eine ganze Enquete. Oft dachten wir, er müßte ihr nun doch endlich alles abgefragt haben. Dann hielt er inne, schwieg, neigte sich ein wenig vor und decktet die großen, so neugierigen Augen, die scheu waren und nirgends verweilen konnten, mit seiner sehr langen, gelben, schmalen Hand zu, wie um bei sich nachzudenken und, was er vernommen hatte, kritisch zu ordnen. Und plötzlich fing er wieder an, es schien ihm noch immer nicht zu stimmen, er war noch immer nicht gewiß. Wie ein Schüler saß er da, der das Leben leinen will, und war ganz selig, wenn er wo ein kleines Fenster fand, das ihn auf die Menschen sehen ließ.

Am liebsten plauderte der Erzherzog mit Frenkel, dem Gouverneur der ungarischen Bank. Sie kennen Frenkel gewiß, man sieht ihn ja überall, und jedenfalls sind Ihnen schon seine prachtvollen russischen Jucker aufgefallen. Er ist noch nicht lange in Wien; es mag vier, fünf Jahre her sein, daß er, ein starker Vierziger, aus Odessa kam, um nun bei uns seine Operationen zu beginnen. Bald war er der König aller Spekulanten und Spieler. Er wagte alles und alles gelang ihm. Man betete sein Glück, sein Genie an. Sie haben ihn gewiß einmal gesehen: groß, plump, aufgedunsen, mit einem ungeheueren spitzen Bauch, schwülstigen, kurzen, wie Fische fetten Händen und lüsternen, trüben Augen, die rote Ränder haben, wie einer von den alten Herren, die Forain den kleinen Mädchen nachsteigen läßt; sehr lebhaft, turbulent, fuchtelt mit den Händen, spuckt beim Reden, wackelt mit dem ganzen Leib und hat immer den schwarzen Rock voll Schuppen. Er sieht sehr schäbig aus, ist schmierig und hat unmögliche Manieren. Aber man läßt sich alles von ihm gefallen, er wird ja auf vierzig bis fünfzig Millionen geschätzt. Berühmt ist die Geschichte, wie er einmal den Statthalter im Hemd empfangen hat. Er hatte damals eine ungeheure Stiftung gemacht, ich glaube ein Landesspital für Niederösterreich, das ein paar Millionen gekostet hat. Nun kam der Statthalter zu ihm, um ihm im Namen der Provinz zu danken. Er hatte nichts als ein Hemd an, genierte sich aber gar nicht, sondern sagte dem Statthalter, daß man von einem armen rumänischen Bauer, der vor zwanzig Jahren noch Schweine gehütet hätte, es nicht besser erwarten könne. Das war seine ständige Phrase. »Aber Exzellenz!« sagte er dem Minister, der ihn auf dem Industriellenball anzusprechen geruhte, »zu viel Ehre für einen armen rumänischen Bauer! Belieben meine Hand zu drücken, die Schweine getrieben hat, veritable Schweine! Wer hätte das gedacht!« Und er hielt dem Minister seine aufgeschwollene, triefende Hand hin, fuchtelte hin und her und ließ sie triumphierend bewundern. Das war sein Stolz. So hatte er auch die Manie, alle Schauspielerinnen von Schönheit oder Talent zu besitzen. Dazu konnte er unsinnige Summen verschwenden. Er gab den Mädchen die schönsten Wagen, die teuersten Pferde, Toiletten, die ein Vermögen kosteten, und ließ sie königlich prunken. Dafür verlangte er nichts, als daß sie ihn als ihren Gebieter anerkannten. Er hatte einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, kam oft mitten in der Nacht, und nun mußte die Arme aus dem Bett, rasch nach Gästen schicken und ein großes Fest abhalten; oder er fuhr mit ihr spazieren, in einer Karosse, daß die Leute stehen blieben, aber selbst defekt gekleidet, mit einem elenden und struppigen Zylinder, die Hand auf ihrer Schulter. Das machte ihm Vergnügen. Man sollte ihm den rumänischen Bauer ansehen, aber zugleich fühlen, wie weit es ein Schweinehirt bringen kann. Bei den Schauspielern war er sehr beliebt. Er hieß hier nur der Baron Schweinehirt und hörte sich gern so begrüßen. Oft gab er sehr feierliche und pompöse Bankette, die Herren im Frack, die Damen in großer Toilette – »alles wie bei einer Hoftafel,« pflegte er zu sagen; Blumen aus Nizza, Kellner aus Paris und Tafelaufsätze von Tilgner. Da saß er dann gern in der Mitte, zog sich den Rock aus, knöpfte sich die Weste auf, legte die Füße auf den Tisch und war der besten Laune. Dann konnte ein Wort genügen, um das Glück irgendeines armen Teufels zu machen: hundert Maler hatte er nach Italien geschickt, hundert junge Schauspieler ausbilden lassen. Aber man mußte ihm immer schmeicheln. Wurde er wild, hatte er das Gefühl, daß sich ihm jemand nicht fügen wollte, bann konnte er einen Menschen gelassen verderben. Man erzählte sich, daß er gegen einen alten, sehr gutmütigen, nur etwas pedantischen Hofrat im Ministerium, der sich einmal seinen gewaltsamen und herrischen Ton verbat, solange gehetzt und mit Verleumdungen intrigiert hatte, bis der Minister, der sich die Gunst des Millionärs nicht verscherzen wollte, schließlich den braven alten Herrn pensionieren mußte. So hatte er auch einen jungen, etwas hochfahrenden Grafen, dem es nicht paßte, den rumänischen Juden im Riedhof am Tische der Dragoner zu finden, von Wucherern einfangen, zu tollen Verschwendungen verleiten und zuletzt so peinigen lassen, daß der Unglückliche sich erschoß. Er konnte mit seiner Macht, seiner Schlauheit und seiner unfehlbaren Berechnung der menschlichen Natur recht unangenehm werden. Aber er wurde es nur, wenn man ihn in seinem Stolz beleidigte. Stolz ist eigentlich nicht einmal das rechte Wort. Man konnte ihn verspotten, karikieren; er hörte gemütlich zu, lachte selber mit. Aber als Herrn mußte man ihn gelten lassen. Sei es als einen lächerlichen, albernen, grotesken Herrn, dagegen hatte er nichts; aber man mußte sich seiner Herrschaft fügen. Was die Leute über ihn dachten oder sagten, war ihm gleich. Er sagte selber oft, es sei doch eigentlich eine Schande und ein Skandal, daß ein gemeiner rumänischer Bauer jetzt der mächtigste Mann in Österreich sei. Wollte man sich aber seiner Macht entziehen, dann war er unversöhnlich.

Er kam ziemlich oft zu uns. Ungeheure Körbe mit Weinen, Früchten und seltenen Delikatessen kündigten ihn an. Der brutale Mann hatte da sogar gewisse zarte Aufmerksamkeiten, die man ihm nicht zugetraut hätte: er verkehrte doch gewiß bei dreißig oder vierzig Schauspielerinnen und doch wußte er genau, was jede liebte, welche Blumen sie vorzog, was sie gern trank, kannte ihre kleinen Passionen und vergaß ihren Geburtstag nie, ja er erinnerte sich, wann sie debütiert hatte, und ließ es zu diesem Tage an einem freundlichen Zeichen nicht fehlen. Sein Gedächtnis war überhaupt unglaublich. Er notierte sich nie etwas und doch kam es nicht vor, daß er etwas vergaß. Er hatte alles im Kopf. Von jedem Menschen, den er kannte, wußte er das Alter auswendig, die Verhältnisse seiner Eltern, seine Erziehung, sein Einkommen und seine Adresse. Wir zogen ihn oft damit auf: wir sagten Namen her und er mußte uns die Adressen nennen; und er hatte immer recht. Er war überhaupt bei uns sehr lustig und gemütlich. Was zur Kunst gehört, Theater, Malerei oder auch noch Literatur, behandelte er gut. Ich glaube, wir waren für ihn wunderliche, ja rätselhafte Geschöpfe, welchen er eine mitleidige Bewunderung nicht versagen konnte. Malen können, singen können, Verse machen können – das imponierte ihm; alles Können schätzte er sehr. Er wunderte sich nur, daß wir es schlecht verwendeten und schließlich doch kein Geld hatten.

Am schlechtesten war Frenkel auf die Beamten zu sprechen. Diese mochte er gar nicht. Wir hatten ein paar dilettierende, Verse machende Hofräte, die gern um die Damen vom Theater schwärmten. Diese waren ihm ein Greuel. Sie sind nichts, sie haben nichts, sie stehlen nur die gute Luft weg, pflegte er zu sagen; also was macht man mit ihnen so viele Geschichten? Unter diesem Hasse hatten besonders ein paar artige junge Leute aus dem Finanzministerium zu leiden, die viel bei uns verkehrten. Sie betrugen sich sehr nett, waren gefällig, immer zu Diensten und Kommissionen bereit, und ich bedauerte sie eigentlich, wenn Frenkel über sie kam. Sie konnten sich ja nicht wehren, sie durften es sich doch mit einem so einflußreichen Herrn nicht verderben. So saßen sie denn befangen da, lächelten bloß verlegen und ließen sich seine Sottisen geduldig gefallen. Auf den einen hatte er es besonders scharf. Das war der Doktor Claudius Ritter von Legg. Ich sollte ja bei diesen Figuren gar nicht so lange verweilen, sie streifen doch eigentlich mein Abenteuer nur. Aber ich habe das Gefühl, daß Ihnen etwas fehlen würde, wenn Sie nicht unsere ganze »Menagerie« kennen, wie Mascha zu sagen pflegte. So dürfen Sie nicht ungeduldig werden, wenn ich manchmal etwas abzuschweifen scheine; es gehört schon irgendwie dazu. Also, der Doktor von Legg war der Sohn eines Polizeikommissärs in Ried und hatte unter harten Entbehrungen studiert, mit Stipendien, Stunden gebend, im Reichsrat stenographierend, aber bei aller Armut nicht ohne das Talent, sich immer ein gewisses Ansehen zu geben, elegant oder doch anständig aufzutreten und in alle guten Häuser zu kommen. Als ein flotter Tänzer, Arrangeur lebender Bilder, Kopist der Hofschauspieler, machte er sich da nützlich und beliebt; der »Ritter« zählte wohl auch mit. Die Töchter der Hofräte hatten ihn gern, weil er sehr verwendbar war, halb Vertrauter, halb Dienstmann. Besonders zu Geburtstagen war er sehr gesucht: er konnte Girlanden aufhängen, machte Verse, zeichnete Tischkarten, komponierte Walzer und sprach Toaste. Von allen Dingen hatte er gerade soviel, als man zur Geselligkeit braucht. So fing er schon auf der Universität an, zu den Leuten zu gehören, die man kennt. Er war überall zu sehen, immer sich liebenswürdig verbeugend, nach dem werten Befinden fragend und das Neueste erzählend. Er wußte nämlich alles, trug die Witze der Minister herum, kolportierte Anekdoten und meldete alle Verlobungen zuerst. Dabei vermied er Nachrichten, die verletzen konnten. Seine Neuigkeiten waren immer angenehm. Jemand mußte schon ganz fertig sein, wenn er sich erlaubte, ihn mit einer leichten Ironie zu behandeln; er war gar nicht boshaft. Die gesellschaftlichen Pflichten, Visiten, Gratulationen, Kondolenzen kann man nicht genauer nehmen. Den Juli war er immer in Aussee. Er wohnte da in einer elenden kleinen Kammer, den ganzen Tag auf Besuch, bald in Alt-Aussee, bald am Grundlsee, bald in Ischl, Tennis spielend, tarokierend, segelnd, wie man es gerade brauchte, genau über alle Familien Buch führend, um nur ja nichts zu versäumen. So konnte es ihm nicht fehlen, er galt überall als ein »hoffnungsvoller junger Mann« und hatte bald im Ministerium eine leichte, seinem ganzen Wesen gemäße Stellung, indem er nicht viel zu arbeiten bekam, sondern eigentlich nur seinen Chef unterhalten sollte. Auch bereitete er junge reiche Leute auf die Staatsprüfungen vor. Diese Kurse waren sehr gesucht, weil er auch ganz unfähige und faule Schüler meistens doch rettete: denn er kannte alle Herren, die in den Kommissionen saßen, wußte jeden nach seiner Weise zu behandeln und ließ es sich keine Mühe, keinen Weg, keinen Besuch verdrießen. So verdiente er mehr, als er brauchte. Er hatte ja fast keine Bedürfnisse. Er konnte einen ganzen Abend im Gasthaus sitzen, übermütig und ausgelassen sein und hatte schließlich zwei Glas Bier zu bezahlen. Auf den Eisenbahnen fuhr er umsonst, die Sitze in den Theatern bekam er geschenkt. Sein Leben war ein kleines Wunder von Ordnung und Verstand. Ich sah ihm gerne zu, wie klug und fein er sich betrug und jeden Menschen für sich zu benutzen verstand. Nur mit Frenkel gelang ihm das nicht. Ich wunderte mich: gerade der hätte doch für glatte Streber Sinn haben sollen. Es war auch nicht die Art des jungen Mannes, die Frenkel mißfiel. Aber es ärgerte ihn, so viele Mühe, so viel Witz, so viele Entsagungen an ein so geringes und nach seiner Meinung lächerliches Ziel verschwendet zu sehen. »Um schließlich Hofrat zu werden!« rief er erbittert aus; »mit demselben Aufwand könnte der Mensch in ein paar Jahren Millionär sein und die ganze Gesellschaft anspucken, der er ja so sein ganzes Leben hofieren muß. Aber nein, Hofrat, ausgerechnet! Es ist zu dumm!«

Zu uns kam der junge Legg, um hier neue Verbindungen anzuknüpfen. Seine alten Freunde konnten ihm jetzt nicht mehr viel bieten. Nun wollte er sozusagen die Pferde wechseln. Er hätte nun gern irgendeinen mächtigen Politiker kennen gelernt, und die jungen Leute glauben jetzt, daß bei uns jede große Karriere durch das Budoir einer Schauspielerin gehen muß. Sie meinen, daß sich die Geschichte der Gottinger wiederholen muß. Diese unbegabte, nicht einmal hübsche, nur durch eine wienerisch gemütliche und treuherzige Anmut gefällige Person, der es viele Jahre sehr schlecht gegangen war, hatte auf ihre alten Tage das Herz des Fürsten Lichtenberg betört, der, ohne jemals öffentlich eine Rolle zu spielen, in den Kulissen der Politik sehr mächtig war. Er gehörte zum ältesten böhmischen Adel und wurde, als eine ritterliche, weise, gerechte, besonnene und milde Natur, von allen Parteien verehrt. Stimmte er einem Plane zu, so konnte es nicht fehlen. Wenn er zögerte, so war nichts zu machen. Er hatte die größte Macht, und man wird es ihm nicht vergessen, daß er sie niemals mißbraucht hat. Er protegierte niemanden, hatte keine Günstlinge und ließ sich von Niemandem bestimmen. Es war nicht seine Schuld, wenn die Leute, die emporkommen wollten, sich bemühten, jede seiner kleinen Launen zu erraten. Nun schien er wirklich eine leidenschaftliche und tiefe Neigung zur Gottinger zu haben. Es war gar nicht die Art des edlen Greises, Frauen auf seine Entschlüsse einwirken zu lassen; auch hätte er das Mädchen, froh, endlich versorgt zu sein, wahrscheinlich gar nicht zu versuchen gewagt. Und doch waren nun ihre Freunde mit einem Schlage gemachte Leute. Nun, das ist auch so eine Frage, die ich nicht beantworten kann: wie man denn in der heutigen Welt zu Macht gelangt. Ein kleiner Bankier, der der Gottinger aus Gutmütigkeit, als es ihr schlecht ging, die Schulden bezahlte und zu ihr gehalten hatte, war nun auf einmal der große Mann. Warum? Ich glaube, der Fürst kannte kaum seinen Namen. Aber die Streber sagten sich: er ist doch schlauer als wir alle gewesen, er hat es vorausgesehen, der Mann versteht sich auf die Konjunktur. Das brachte ihm den Ruf eines Diplomaten ein, plötzlich war er angesehen. So ging es nun allen Freunden der Gottinger. Sie konnten, ohne daß der Fürst es bemerkte, ja wahrscheinlich sogar hinter dem Rücken der kleinen Schauspielerin, eine Art von Nebenregierung bilden, die mächtiger war als die offizielle, oder es doch schien. Das ist nun seitdem der Traum aller Wiener Schauspielerinnen, und jede »Solodame«, die hübsch ist, hat seitdem einen ganzen Hof um sich. Nämlich, die dummen Streber bemühten sich noch, bei der Gottinger anzukommen. Die klügeren sagten sich: da ist jetzt doch nichts mehr zu machen, die läßt niemanden mehr zu, da sind schon alle Posten besetzt; aber der alte Fürst wird auch nicht ewig leben, dann ist es mit dieser Clique aus und es fragt sich nur, wer es bis dahin verstanden haben wird, sich durch Geist, Takt und Anstand am Hofe, dem Adel und in der Politik so zu empfehlen, daß es ihm gelingen kann, jene Macht zu erben – – er sitzt vielleicht jetzt noch als kleiner Statthalter in einer Provinz und wer wird seine Egeria sein? Ja, das konnte man nicht wissen, es war die reine Lotterie: man muß halt recht viele Nummern setzen und ein bißchen Glück haben. Daher unsere jungen Herren aus dem Finanzministerium, daher die Bankiers und Advokaten, die bei uns antichambrierten. Mascha war ihre Nummer in der Lotterie. Ich hatte immer gedacht, was bei Schauspielerinnen verkehrt, sei eine flotte Gesellschaft von unbesonnenen und liederlichen Leuten. Nun fand ich sehr kluge, berechnende Pedanten da, gar nicht zum Vergnügen, sondern weil es nun einmal zur Karriere gehört.

Es amüsierte mich, Mascha mit diesen Menschen zu sehen. Sie hatte gelernt, daß es sich eine Schauspielerin mit niemandem verderben darf. Sie war also höflich. Sie nahm auch an, daß ein Hofrat oder ein Millionär etwas ist. Da sorgte schon die Alte, daß sie das nicht vergaß. Aber sie wußte mit ihnen nichts anzufangen. Sie hörte zu, sie lächelte gnädig, aber meistens hatte sie gar keine Ahnung, wer denn überhaupt da war und jetzt mit ihr sprach. Einer kam ihr wie der andere vor, sie konnte sich keinen merken. Es gefiel ihr niemand und es mißfiel ihr auch niemand. Ich habe keinen Menschen gekannt, der so unempfindlich war. Sympathien oder Antipathien schien sie nicht zu haben. Jeder war ihr recht und jeder war ihr gleich. Es gab eigentlich nur fünf Menschen, die für ihr Gefühl existierten: sie schwärmte für ihren Vater, die Mutter haßte sie, die Olga war ihre Freundin, über den Merz konnte sie soviel lachen, und vom Direktor sagte sie oft, er sei doch ein fescher Kerl.

Mit der Olga war sie in die Schule gegangen. Es wird mir schwer, diese Dame zu schildern. Ich konnte sie nicht leiden. Ich lasse mir ja manches gefallen, aber sie war doch gar zu gemein. Ihr liederliches Leben hätte mich nicht geniert, daran muß man sich in dieser Welt gewöhnen. Aber ich konnte sie nicht ausstehen. Schon ihre heisere, dürre, ausgetrocknete Stimme machte mich nervös, und ein Korporal drückt sich anständiger aus. Dabei log sie, verleumdete und hetzte. Aber da war bei Mascha alles Reden umsonst. Nicht als ob sie sich über sie getäuscht hätte: sie nannte sie nur das »Luder«. Wie gemein sie ist, sagte sie oft, wissen die Leute ja gar nicht. Aber sie kam von ihr nicht los. Ich weiß nicht, was es war. Wie oft hat sie geschworen, sie nicht mehr zu sehen! Es ekelte und graute ihr vor ihr. Und sie hielt es doch ohne sie nicht aus. La nostalgie de la boue, sagen die Franzosen; das wird es wohl gewesen sein.

Olga kam fast täglich. Oft brachte sie ihren Verehrer mit, einen kleinen, schielenden, semmelblonden Jüngling, der sehr scheu und ungeschickt war und neben dem massiven Weibe mit seiner winzigen und bedrückten Gestalt und den kläglichen dünnen Beinen beinahe verschwand. Es war der junge Jantsch, der Sohn des früheren Ministers. Sein Vater hatte ihn zur Olga sozusagen in die Kur geschickt; sie sollte ihn »ausbilden«. Es war freilich eine eigene Art von »Bildung«, die der Minister meinte. Nun, er dachte eben an seine eigene Karriere. Er war Mathematiker, wurde mit zweiundzwanzig Jahren Supplent an einer Realschule, um schon mit dreißig ihr Direktor zu sein, ging dann in die Politik, ein heftiger Agitator der Liberalen, bald sehr beliebt, als Redner berühmt, und kam in das Parlament. Da schien er nicht zu halten, was er versprochen hatte, schonte sich und war schon mit sechsunddreißig Jahren zum erstenmal Minister. Er blieb es nicht lange; er war unpopulär, man warf ihm allerhand Spekulationen und Geschäfte vor. Nun wurde er zum Generaldirektor der Eisenbahnen ernannt, da war er in seinem Element. Er hatte ein großes Talent zu organisieren, zu verhandeln, zu vermitteln. Dabei war er ein Meister der kleinen Gefälligkeiten. Jedem Menschen hatte er einmal einen Gefallen erwiesen, in jeder Verlegenheit konnte er helfen. Wo es etwas zu vertuschen gab, wurde er angerufen. Wie schlimm die Sache lag, er wußte immer noch Rat. Er war so nach und nach der Beichtvater aller guten Familien geworden. Auch hatte er die Gabe, allen Leuten zu gefallen. Er war ritterlich, leutselig, von jener brutalen Gemütlichkeit, die alte Generäle haben. Er konnte sich jeden Spaß erlauben, ohne sich doch etwas dabei zu vergeben. Er duzte alle Fiaker, ging zum Stalehner, war Präsident eines Athletenklubs und Preisrichter bei allen Fechttournieren, selbst ein berühmter Schläger, wie er auch ein berühmter Reiter war, der es bei seinen fünfzig Jahren noch mit dem jüngsten Leutnant aufnahm. Auch schwärmten die Frauen für den schlanken, eleganten und kräftigen Kavalier mit den hellen, harten Augen. So mochte er tun, was er wollte; man hatte sich angewöhnt, ihm alles zu verzeihen. Ein solcher Vater konnte nun mit diesem Sohn nicht zufrieden sein. Er hätte sich einen ungestümen wilden Knaben gewünscht, von demselben Schlage der Eroberer. Aber Edi war ein furchtsames, immer kränkelndes, langsam wachsendes Kind von scheuem und bedenklichem Wesen, das sich unter seiner herrischen Zucht immer mehr verschloß und immer ängstlicher, immer empfindsamer wurde. Das einzige, was der Vater gelten ließ und achtete, die Energie eines heftigen, sich unbekümmert durchsetzenden Willens, fehlte dem Sohne ganz. Er war am liebsten einsam und hatte weibliche Beschäftigungen, Stickereien und Lackmalereien gern. Der Minister scheute kein Mittel, um ihn tüchtiger zu machen. Der Jüngling mußte turnen, reiten, fechten; mit achtzehn Jahren kam er zu den Dragonern. Die Ärzte hatten ihn für untauglich erklärt, der Vater setzte es durch, daß er behalten wurde, und gab ihn in das Welser Regiment, das ein Jugendfreund von ihm als Oberst kommandierte, der, durch seine Roheit, seine Strenge und seine tollen Bravouren berüchtigt war. Aber im dritten Monat fiel Edi so unglücklich vom Pferde, daß er superarbitriert werden mußte, ein leises Hinken ist ihm am linken Fuße davon geblieben. Nun hatte er eine böse Szene mit dem Alten. Er hätte gern Kunstgeschichte studiert, um Konservator an einem Museum zu werden. Das Studium griechischer Vasen sagte seiner stillen, nachdenklichen und zögernden Natur zu. Aber dem Minister war es unerträglich, sich den Sohn auf einem nach seinem Gefühl subalternen Posten zu denken, wo man zu keiner Macht gelangen kann. Wenn es schon mit dem Militär nicht gegangen war, so sollte er Jurist werden und die politische Karriere versuchen. Der Vater tröstete sich ja noch immer: manche entwickeln sich eben langsam, dem Buben werde schon auch noch der Kopf aufgehen. Endlich hatte er sich zu einer radikalen Kur entschlossen. Wenn gar nichts mehr hilft, helfen die Weiber. Er übergab ihn der Olga zur Behandlung, sie sollte ihn »erziehen«. Sie bekam eine genaue Instruktion: je toller, desto besser, das war die Maxime. Sie wurde dafür sehr gut bezahlt, und gelang es ihr wirklich, aus dem schüchternen, uneleganten und verträumten Studenten, der sich wie ein armer Hofmeister betrug, einen »feschen jungen Herrn« zu machen, dem kein Abenteuer zu wild war, so hatte ihr der Baron noch eine Villa im Kottage versprochen. Sie wurde nun im Theater nur noch die »Amme« genannt. Der Baron hatte übrigens ganz recht: wenn es eine gab, der das gelingen konnte, so war es Olga. Unersättlich im Gemeinen, mit einer gierigen, an der Wurzel verdorbenen Phantasie, lüstern, zynisch, roh, dabei von bösen und gewaltsamen Launen, konnte sie einem Sentimentalitäten wohl abgewöhnen. Und ich muß sagen: sie gab sich alle Mühe. Es war nicht bloß wegen der Villa: es reizte sie, diese feine und edle Natur zu degradieren und zu sich zu ziehen. Auch wollte sie sich vor den Leuten nicht blamieren. »Was macht der Kleine?« fragten die Kollegen, wenn sie zur Probe kam. »Ist er brav?« Manchmal ärgerte sie sich, aber es schmeichelte ihr doch. Sie wollte einmal ihre Kunst beweisen. Es wurde ihr ja nicht schwer, ihn im »Lumpen« zu unterrichten. In zehn Jahren der Galanterie war sie so verkommen, daß sie ohne Rausch nicht mehr leben konnte. Sonst lag sie wüst und vertiert auf dem Sofa, stierte vor sich hin, hatte Schmerzen, jammerte laut und wollte sterben; sie hatte sich schon einmal angeschossen, ein anderes Mal mit Phosphor vergiften wollen. Aber beim vierten Glase Kognak freute sie das Leben wieder. Kognak war ihre Leidenschaft. Da wachte sie auf und wurde wieder jung, wie eine Mänade konnte sie dann rasen. Das war ihre Spezialität. Ihre welke, wüste, verdunsene Person mit den glotzenden Augen reizte nicht mehr, sondern die Herren nahmen sie nur mit, um ihren Räuschen zuzusehen. Mir ist das furchtbar gewesen. Ich habe nie einen solchen Ekel vor dem Weibe empfunden und ich haßte sie, weil in ihrer Nähe Mascha schlecht und anders wurde. Mit großen Augen stand Mascha hämisch lachend da und funkelte von böser Lust, wenn sie sich auf dem Boden wälzte und sich die Meider vom Leibe riß. Es gab häßliche Szenen. Oft bin ich dabei mit Edi still in einer Ecke gesessen, wir haben nie von unserem Schicksal gesprochen. sondern er las mir gern mit seiner traurigen, kranken Stimme griechische Gedichte vor, aus der Anthologie; seltsam klang das Kreischen der Weiber dazu.

Auch Merz kam oft zu uns. Mascha unterhielt sich gern mit ihm, und mich reizte es, ob nicht doch hinter allen Masken einmal sein wirkliches Gesicht zu sehen wäre. Er war einer der amüsantesten Menschen. Er war es freilich nicht umsonst: wenn er schon den Narren gab, sollte man ihm bezahlen; er war ein großer Schmarotzer. Ja, er schämte sich nicht, die alte Garderobe der Kollegen zu tragen. Wenn man ihn deshalb verspottete, pflegte er zu sagen: »Die Fetzen sind noch immer viel zu schön für mich. Braucht ein Gaukler elegant zu sein? Wir sind ja doch nur Gaukler und Akrobaten. Eigentlich sollten wir vor jeder Vorstellung in Trikots durch die Stadt ziehen und trommeln.« Was er eigentlich mit seiner Gage tat, wußte niemand. Er lebte wie ein Bettler. Er hatte eine winzige Stube in Währing gemietet, in der Edelhofgasse, da standen ein paar Kisten mit alten Kostümen und ein Kasten mit Wäsche, man mußte durch die Wohnung eines Flickschneiders durchgehen, um zu ihm zu kommen; aber er war fast nie daheim. Wann und wo er eigentlich schlief, erfuhren wir nicht. In aller Frühe konnte man ihn schon auf der Bank vor dem Theater sehen, während die Dekorationen verladen wurden. Da sprach er mit den Arbeitern und hielt sozialistische Reden, schmähte die Ungerechtigkeit und Torheit unserer Welt und hetzte gegen die heutige Ordnung. Man hat seinen Vansen sehr bewundert. Den spielte er täglich in der Früh den Arbeitern vor dem Theater vor. War es dann zehn, so ging er hinein. Er war bei jeder Probe, auch wenn er nichts zu tun hatte. Es zog ihn auf die Bühne wie in sein Element. Dann ließ er sich zum Essen einladen, spielte den ganzen Nachmittag Billard, abends war er wieder im Theater. Nachts zog er in allerhand Spelunken herum; er wußte Lokale, die nicht einmal die Polizei kennt. Da saß er mit Dirnen und Zuhältern und Verbrechern, gebärdete sich als ihr Tribun und hielt große Reden. In schönen Nächten konnte er wohl auch allein stundenlang durch die Straßen laufen, einer fixen Idee nach, die er hatte. Ich weiß freilich nicht, ob es ihm ernst war. Man kannte sich ja bei ihm nie aus. Doch tat er sehr wichtig und behauptete sogar, ein Buch zu schreiben, ein großes systematisches Werk, das es unwiderleglich beweisen werde. Er hätte nämlich die Idee, daß der Mensch fliegen könne; es handle sich nur um die innere Energie. Das ganze Geheimnis bestehe bloß darin, den Leib einzuziehen und den Geist aufzublasen. Woher kommt es denn, daß der Mensch laufen kann? Das wäre doch unerklärlich, hätte er nicht eine bewegende Kraft in sich. Wenn er aber in sich eine bewegende Kraft hat, warum soll diese denn nur nach vorne bewegen und nicht nach oben? Aber wir müssen erst lernen, sie zu dirigieren. Die bewegende Kraft ist doch auch in dem Kinde schon da, und doch kann es nicht gehen: sein Geist muß erst lernen, sie anzuwenden. Warum wenden wir sie nun bloß nach vorne an, warum nicht auch nach oben? Der Kraft ist es ganz gleich, ob sie so oder so wirkt. Es hat nur der Geist noch nicht den Mut. Freilich wird es nicht gleich gelingen. Das Gehen gelingt dem Kinde auch nicht gleich und es mag Jahrhunderte gedauert haben, bis die Menschen gehen lernten. Das Gehen mußte erst erfunden werden: Irgendein tapferer und seiner Instinkte sehr bewußter Mensch mag zuerst den Reiz zum Gehen gespürt haben. Die anderen haben damals gewiß auch gesagt: Das ist ein Narr. Jede Erfindung ist eben zuerst ein Wunder und dann wird sie selbstverständlich. Das Fliegen müßte nur erst einmal erfunden sein, dann werden es alle können. Man wird es dann gar nicht mehr glauben wollen, daß es jemals Leute gegeben haben sollte, die es nicht konnten. Diese auf der Erde hinkriechenden, niemals sich erhebenden, niemals in der Luft aufatmenden Menschen wird man dann wie Tiere verachten. Es wäre ja auch zu sonderbar, wenn der Mensch nicht fliegen könnte. In seinem Begriffe liegt es doch, alles zu können, was die Tiere können. Alle Gaben der Tiere machen zusammen den Menschen aus. Er schwimmt wie der Fisch, er klettert wie der Affe und nur fliegen sollte er nicht können? Das müßte ein Irrtum der Natur sein, übrigens ist die Erfindung des Fliegens im Prinzip schon gemacht. Das Fliegen ist ja nichts als ein konsequentes Springen. Wenn der Springende genug Charakter hat, im Springen nicht nachzulassen, so fliegt er. Wir kriegen nur noch immer Angst und drehen wieder um, das müssen wir uns noch abgewöhnen. Das Wesentliche des Fliegens, das Abstoßen von der Erde, können schon alle; sonst könnten sie ja nicht springen. Wir brauchen nur noch etwas mehr Charakter. Das ganze Fliegen ist bloß Sache des Charakters. Diese Idee konnte er unermüdlich in dem ruhigen, sachlichen Ton eines Dozenten, der jungen, etwas zerstreuten Leuten eine ewige, unumstößliche, nur nicht gleich evidente Wahrheit erklärt, vor uns verteidigen. Ging man in der Nacht mit ihm spazieren, so nahm er in leeren Straßen gern seine Übungen vor. Es war komisch und unheimlich zugleich, seine hagere Gestalt mit den langen Armen, die wie Stangen aussahen, hüpfen, springen und durch die Luft rudern zu sehen, bis er endlich atemlos auf dem Pflaster lag. Einmal, behauptete er, sei es ihm bereits gelungen. Er sei nachts allein tmrch die Teinfaltstraße gegangen und plötzlich, ohne daß er sich besonders anstrengte, sei ihm wunderbar leicht geworden, er habe nichts mehr unter den Füßen gespürt und sich langsam wiegend bewegt. Leider habe ihn an der Ecke, als er eben mit neuem Schwung über den Ring zum Rathaus fliegen wollte, plötzlich ein Wachmann am Fuße gepackt und gewaltsam auf die Erde gezogen. Er pflegte dieses Abenteuer mit großer Entrüstung zu erzählen und hatte in der Tat an die Polizeidirektion eine lange Beschwerde gerichtet. Dieses Dokument, das er gern vorlas und auch allen Ministern zuschickte, war sehr lustig. Er sagte darin, er gebe ja zu, daß das Fliegen in Osterreich bisher verboten gewesen sei; es stehe nirgends, daß es erlaubt ist, und was nicht durch ein besonderes Gesetz ausdrücklich erlaubt, ist bei uns immer verboten. Auch begreife er, daß man im Interesse des öffentlichen Verkehrs und der Sicherheit der Passanten ungeübte Flieger nicht auf die Straße lassen dürfe. Doch sei er bereit, sich einer Prüfung bei der Polizei zu unterziehen, man solle es wie mit dem Radfahren machen und Erlaubnisscheine und Nummern ausgeben; die Polizei hätte ja ein Interesse daran, die neue Erfindung zu begünstigen, indem diese sicherlich eine Reform des ganzen Verkehrswesens bringen würde. Mit dieser Eingabe lief er bei Advokaten, Journalisten und Abgeordneten herum. Es war die einzige Sache, die er doch ernst zu nehmen schien. Unsterblich gedachte er durch das Fliegen zu werden und er versicherte oft, er hoffe, daß auch auf seinen elenden Stand dann ein Strahl von seinem Ruhme fallen werde. Das war auch ein Thema, das er liebte. Er verachtete nämlich seine Kunst; ja er wurde schon wütend, wenn man sie eine Kunst nannte. Es sei unverschämt von den Schauspielern, sich als Künstler aufzuspielen. Ein Künstler ist wer eine Seele hat, die sich den Menschen mitzuteilen weiß. Aber das Wesen des Schauspielers ist es, gar keine Seele zu haben, sondern bloß einen Leib, der jede Seele annehmen oder doch so tun kann. Hanswurste sind wir, schrie er dann, Feuerfresser und Gaukler, und hängt man uns jetzt auch Titel und Orden an, wir werden doch nie ehrliche Leute werden. Das läßt ja das gesunde Gefühl nicht zu! Menschen, die um Geld ihr Herz herzeigen, pfui Teufel! So pflegte er es auch dem Direktor zu motivieren, wenn er eine bessere Gage wollte. Wie er in einer neuen Rolle gefiel, setzte er sich gleich hin und verlangte wieder um fünzig Gulden monatlich mehr. Er schäme sich zu sehr, schrieb er, und traue sich schon gar nicht mehr auf die Straße. Diese Schande müsse ihm doch vergütet werden. Nicht für seine Leistungen verlange er Honorar, sondern für die Infamie seines Gewerbes, um sein lautes und klagendes Gewissen zu beschwichtigen. Solche Briefe schickte er dem Direktor jedes Quartal und er spielte ihm dann in der Kanzlei Szenen von solcher Zerknirschung und Reue vor, daß ihm zuletzt seine unverschämten Forderungen immer bewilligt wurden. Er hatte überhaupt die angenehme Stellung, daß man ihm alles verzieh, weil ein so verrückter Mensch unverantwortlich und ein so interessanter, seiner Sache so gewisser und drastischer Schauspieler unentbehrlich war. Mir ist er immer ein Rätsel geblieben. Wir verkehrten jetzt sehr viel. Er kam fast täglich. Er aß jede Woche ein paarmal bei uns und gab Mascha auch Unterricht im Fliegen, die Stunde für zwanzig Kreuzer. Ich saß oft dabei und mußte lachen, wenn er mit der gestrengen und würdigen Miene, die er als Malvolio hatte, die Grundbegriffe dozierte und dann sehr ernst und pedantisch, beinahe feierlich, mit seinen hageren Armen das Tempo zeigte, während Mascha in einem eigenen phantastischen Kostüm mit großen weißen Flügeln leidenschaftlich tanzte und sprang. Auch habe ich ihn manchmal auf seinen nächtlichen Wanderungen begleitet und ihn so in allen möglichen Stimmungen und Launen gesehen, bei Tag, nachts, auf der Bühne, im Salon, in den Spelunken, betrunken und verkatert, in der Nervosität vor einer Premiere und im Rausch nach einem Erfolg. Und doch ist er mir immer nur fremder geworden. Ich bemühte mich umsonst, einen Zugang zu seinem Wesen zu finden. Ich hatte immer noch das Gefühl, als ob ich ihn nur von der Bühne her, nur als Schauspieler kennen würde und nun doch auch einmal im Leben sehen möchte. Wie er wirklich war, das wußte ich noch immer nicht, seine natürliche Stimme hatte ich noch immer nicht gehört, ich kannte noch immer sein erstes Gesicht nicht. Die einfachsten Fragen hätte ich nicht beantworten können: ich wußte nicht, ob er jähzornig oder gutmütig, heftig oder gelassen, sinnlich oder nüchtern war. Gar nichts schien er mir zu sein, er schien mir alles immer nur zu spielen.

Manchmal ließ sich auch der Direktor sehen. Er wurde mir immer sympathischer. Zuerst habe ich ihn bloß für einen großen Pfiffikus gehalten, der immer nur noch schlauer als die Schlauesten sein wollte und sich freute, jeden Tag einen anderen Mimen »hineinzulegen«. Merkwürdig war es nun, daß dieser so kluge und berechnende Mensch, den seine Gegner einen Intriganten nennen, sich doch in allen Entschließungen von sehr starken und gewissen Instinkten beherrschen ließ. Schien er aus der Ferne einem feinen und kalten Diplomaten der alten Schule zu gleichen, so war er in der Nähe eine rasche, laute und gewaltsame Natur der instinktiven Entschließung. Ich unterhielt mich oft mit ihm über das Theater. Nun weiß ich ja nicht, ob er mir seine ganze Meinung gesagt hat. Man muß ja bei ihm immer auf der Hut sein. Er spricht, wie er es gerade braucht, und bedenkt sich nicht, seine Ansichten nach seinen Absichten ein bißchen zu fälschen. Er behauptete gern, die Dichter hätten für das Theater nicht viel zu bedeuten; es sei der Ort der Schauspieler; nur zur Bedienung der Schauspieler sozusagen seien die Dichter da. Ein Direktor muß trachten, die Natur des Schauspielers zu verstehen. Er schilderte nun gern, wie der Schauspieler eigentlich gar kein Mensch, sondern nur eine Trompete seines Talentes ist. Der Schauspieler existiert eigentlich nur von sieben bis zehn Uhr abends, wenn er auf der Bühne steht. Dann ist er edel oder gemein, sanft oder zornig, gut und böse, was eben die Rolle verlangt. Hat er keine Rolle an, so ist er gar nichts. Die Stunden, die er nicht spielt, sind Pausen in seinem Wesen, wo es schläft; es wird erst auf der Bühne wach. Man sollte bedenken, daß die Schauspieler eigentlich im Leben spielen und nur, wenn sie spielen, erst leben. Es sei darum ungerecht, sie nach unseren bürgerlichen Begriffen zu messen. Ihr Talent habe seine eigene Moral. Ein Schauspieler tut recht, wenn er bei Tage so handelt, daß er abends in der Laune ist, gut zu spielen. Alles andere sei Unsinn. Wollte man sich bei ihm über das ärgerliche Leben eines Schauspielers beschweren, so nannte er einem die Rollen, in welchen er gut war. »Sehens«, sagte er, »das andere geht den Direktor nichts an; da müssens schon zum lieben Gott geh'n!« Und er konnte sehr böse werden, wenn man ihm Anfänger zu empfehlen glaubte, weil sie aus guter »Familie« seien. »Ich pfeif' auf die gute Familie, Talent sollen sie haben, und dann kann der Vater meinetwegen ein Nastelbinder und die Mutter eine Zigeunerin sein. Sie verwechseln das Theater mit dem Theresianum!« In solchen Paradoxen gefiel er sich und es war schwer, ihm zu widersprechen. Manchmal hatte ich auch den Verdacht, als ob er gegen unser Verhältnis sei und sich freuen würde, es zu stören. Er meinte, daß ernste Leidenschaften dem Talent der Schauspieler schaden. Ich hätte mich gern einmal mit ihm ausgesprochen. Aber er vermied es und entwich mir immer. Waren wir allein, so fing er sofort von meinem neuen Stück zu sprechen an und ließ mich nicht abschweifen. Das war so seine Art, sich unbequeme Leute durch sachliche Gespräche vom Halse zu halten.

Neuntes Kapitel

In diesem Schwarm lebten wir dahin. Wir waren jetzt immer zusammen, aber wir waren selten allein. In die Salesianergasse kamen wir fast gar nicht mehr. Ein paarmal gingen wir noch hin, aber wir fühlten, daß es doch nicht mehr dasselbe war. Ich liebte sie noch immer, ja ich liebte sie eigentlich immer mehr; mein Gefühl war schwerer, heftiger und ich möchte sagen: schmerzlicher geworden. Aber es gab jetzt oft Streit und Zank. Es mag meine Schuld gewesen sein. Ich war in dieser Zeit sehr nervös. Das Gerede der Leute, Gedanken an meine Frau, die es ja doch früher oder später erfahren würde, und mein unbehagliches Verhältnis zu der ordinären Alten, die ich gar nicht mehr vertrug, dann auch die Sorge um mein neues Stück, das zum Februar fertig sein sollte, endlich die ganze Hast und Ungeduld unserer Existenz, immer Gäste, immer bis vier Uhr früh, heute die tumultuarisch zechende Olga, morgen Merz mit seinem Kreischen eines Papageis und seinen Verrenkungen eines Affen, dann wieder Frenkel, der oft gleich zehn, zwölf Personen zu uns mitnahm – das alles ging mir auf die Nerven. Man konnte in diesem Hause nirgends ruhig sitzen. Ich war doch an eine gewisse Ordnung gewöhnt. Ich pflegte mir Sonntag einen Plan für die ganze Woche zu machen: an diesem Tage wird gearbeitet, an jenem gehe ich aus, so teilte ich mir alles ein. Das war nun bei Mascha nicht möglich. Man wußte nie, was in der nächsten Stunde geschah. Erwarteten wir Gäste, so schrieb sie ihnen im letzten Moment ab. Wollten wir allein sein, so war das ganze Haus voll. Diese Hast und Ungewißheit unseres liederlichen Lebens konnte ich nicht leiden. Ich wurde heftig, ich machte Szenen oder ich saß ungemütlich und verdrossen da, mit einem bösen Gesicht, ohne ein Wort zu reden. Das Schlimmste war, daß sie mich gar nicht anhörte, wenn ich sie ermahnte. Es wäre ihr doch so leicht gewesen, sich zu bessern. Der Kern ihrer Natur war gut. Es gab Stunden, wo ich mir sagte, daß ich niemals ein edleres und reineres Wesen gekannt. Aber dann kamen wieder Momente – die Mutter war eben an allem schuld. Sie hätte nur ihre Erziehung vergessen müssen, und das konnte doch nicht so schwer sein. Ich gab mir große Mühe, ließ nicht ab und redete ihr zu. Aber sie hörte mich kaum an, spielte mit ihren Puppen, baute mit ihren Steinen und nahm mich dann beim Kopf und lachte: »O, du bist ein schrecklicher Pedant, aber ich hab' dich lieb!« Was sollte ich da noch sagen? Ich hätte sie nehmen sollen und mit ihr fliehen, weit weg, in irgendeinen fernen, stillen Winkel, am Ende der Welt, wo uns niemand kannte, da hätte sie vergessen und zu sich kommen können. Davon haben wir oft geträumt, oft haben wir es uns geschworen. Aber mir fehlte eben doch die Kraft, ich überlegte zu viel, ich rechnete, so verschoben wir es, wir wollten erst mein zweites Stück abwarten. Das ist, jetzt sehe ich es deutlich ein, das ist meine Schuld gewesen, die ich jetzt büßen muß.

So kamen wir an das Ende des Jahres. Zu Weihnachten gastierte sie in der Provinz, dann sind wir zwei Tage in Maria- Zell gewesen. Diese Reife im Schnee, der liebe Ort, der Zauber der pompösen und doch so rührenden Kirche – mir sind die beiden Tage unvergeßlich. Es war wieder wie damals in der Salesianergasse, so zum Weinen schön. Wenn sie immer so gewesen wäre, dieses reine, innig dem Moment ergebene Kind, einem Gedichte gleich! Alle irdische Schwere schien von ihr gestreift, und ich ängstigte mich oft, als ob sie mir gleich entschweben könnte. Leider hatten wir nur zwei Tage. Dann mußten wir in die Stadt zurück. Daß wir damals nicht so stark gewesen sind, uns aller anderen Pflichten zu entschlagen, nur an uns zu denken und in irgendeinem Bauernhaus zu bleiben! Oft haben wir davon gesprochen, mit Leidenschaft nahm sie den Wunsch auf, daß wir uns irgendwo vergraben sollten, und malte es sich aus: ein winziges Haus, mit Efeu und wildem Wein, ganz einfach, nur viele, viele Hühner und Tauben, weiße und ein paar graue, die so gurren, und große böse Hunde, die jeden Fremden beißen, und sie würde selber wirtschaften, mit einer steifen, rauschenden Schürze und einem Häubchen – gleich fing sie an, eine Tracht zu erfinden, nach dem Muster der dortigen Bäuerinnen, das sie nur mit Laune ein bißchen veränderte; es müßte herrlich sein, das ganze Leben eine Bäuerin zu spielen, auf ganz neue Nuancen würde sie mit der Zeit kommen. Wären wir damals mutig gewesen!

Zu Silvester gab Mascha ein großes Fest. Ich wäre lieber mit ihr allein gewesen, aber sie ließ es sich nicht ausreden. Silvester, sagte sie, muß man in der Familie sein, sonst hat man das ganze Jahr kein Glück. Ich glaube, die Alte steckte dahinter. Die Alte wollte überhaupt, daß Mascha ein großes Haus machen sollte, schon wegen der Journalisten. Sie warf ihr vor, sich viel zu wenig um die Presse zu kümmern. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das Kind vor jeder neuen Rolle in alle Redaktionen laufen und sich für jede Rezension persönlich bedanken müssen. Sie hatte einen ungeheuren Respekt vor der Presse. So geizig sie sonst war, den Journalisten, die zu uns kamen, ließ sie es an nichts fehlen. Da gab es Kognak und die besten Zigarren, und besonders glaubte sie sich einzuschmeicheln, wenn sie sie als Manicure bediente, die amerikanische Tasche mit den Feilen und Tinkturen holte und nun begann, dem Reporter die Nägel zu machen. Man muß mit diesen Leuten nett sein, pflegte sie zu sagen; das ist für das Fortkommen mehr wert, als die schönste Rolle und das größte Talent, man hat Beispiele, die Herren sind schließlich auch Menschen! Und so sei es unerläßlich, die Journalisten zu Silvester zu fetieren.

Ich gab endlich nach. Ich wollte nicht das ganze Jahr bei jedem Mißgeschick die Vorwürfe hören. Es sollte ein großes Fest werden, das letzte in dieser Wohnung, die sie im Januar verlassen wollte, um nach dem Opernring zu ziehen. Alles wurde umgeräumt und ausgeschmückt, aufs prächtigste und teuerste. An diesem Tage gab ja jede Schauspielerin ein Fest und keine wollte sich von einer Kollegin beschämen lassen. Ein Hietzinger Gärtner, der Lieferant des Theaters, bediente die Damen, und jede horchte ihn aus, was die anderen vorhatten; er mußte genau beschreiben, wie das Arrangement gedacht und wer eingeladen war. Das war schließlich das Wichtigste. Es kam darauf an, die schönsten Gäste zu haben. Am Tage, das wußte man, sind die großen Herren auch bei kleinen Statistinnen zu treffen, wenn sie nur hübsch und ein bißchen gefällig sind. Aber zu großen Festen, wo es alle Welt erfuhr und sie gefaßt sein mußten, daß es sogar in die Zeitung kam, ließen sie sich lange bitten. Da war es nicht so leicht, mit einem Fürsten zu prunken, mit einem wirklichen Fürsten. Man irrt nämlich, wenn man meint, daß die Schauspielerinnen nach ihren Erfolgen gelten. Sie schätzen sich nach ihren Gästen ab. Solange es eine nicht dahin gebracht hat, das goldene Vließ bei sich zu sehen, weiß sie ganz genau, daß sie eigentlich doch noch nichts ist; darüber kann sie aller Jubel der Galerien nicht trösten. Ich mußte also den ganzen Tag Einladungen an allerhand uninteressante und zuwidere Menschen verfassen. Es war ja niemand im Hause, der verläßlich orthographisch schreiben konnte, der Vater redete sich aufs Italienische, die Mutter aufs Böhmische aus, und Mascha war nicht imstande, zwei Sätze zu stilisieren. So saß ich denn und schrieb an Journalisten, Minister und Grafen, und sie malte dann ihre wunderlichen unbeholfenen Schnörkel hin. Eingeladen waren: der Erzherzog Peter, der auch zugesagt hatte, aber erst nach dem Diner kommen wollte, Frenkel, der auch den Hofrat Lederer mit der Frau mitbringen wollte, seinen »Adjutanten«, wie er ihn nannte, der Direktor, der jedoch auch diesen Abend bis nach elf zu arbeiten hatte und nicht vor Mitternacht erwartet wurde, der Doktor von Legg und die anderen jungen Leute aus dem Ministerium, ein paar Offiziere, ungarische Husaren und von der Garde, lauter Grafen und Barone, der Clan von kleinen Journalisten, den ich ihre offiziöse Presse zu nennen pflegte, und der große Kritiker Spitzer, dem sie eigentlich ihren Ruhm verdankte, die alte Dagmar, die einmal eine berühmte Heroine gewesen sein soll, und noch ein paar Weiber, die ich weiter nicht kannte, kleine Kolleginnen von Mascha, natürlich auch die Olga mit dem jungen Baron Jantsch, und Merz, Otto und Tenzer. Das Diner war vom Sacher, die Musik hatte sich Herr von Legg angeboten zu besorgen.

Ich kam nicht in der besten Stimmung hin. Das Arrangement war furchtbar feierlich. Man glaubte eher zu einem Bankett für einen verstorbenen Diplomaten zu kommen. Vier Diener, ganz schwarz, in Eskarpins und Strümpfen, wie Leichenbitter anzusehen, servierten. Der Chef, der sie anleitete, war ein ungemein distingierter, älterer Herr, der ganz gut einen englischen Staatsmann hätte vorstellen können. Die Alte trug ein schweres schwarzes Kleid, ein großes Kreuz um den Hals, die grauen Haare in der Mitte gescheitelt und über die Schläfen gelegt, eine Ehrfurcht gebietende Matrone. Der Vater war noch etwas mehr Marquis als gewöhnlich und hatte ein merkwürdig gelbes Bändchen im Frack. Mascha hörte ich nebenan mit der Zofe schreien, aufgeregt wie vor einer Premiere. Nichts paßte ihr, sie fand, daß sie schlecht aussah, bekam Krämpfe, zog ein neues Kleid an, warf es wieder weg und ließ sich anders frisieren, wollte den Schmuck anders haben, fühlte sich krank, wollte im letzten Moment absagen, fand das ganze Arrangement abscheulich, verwünschte ihre Mutter und war natürlich, als die ersten Gäste kamen, obwohl sie seit drei Uhr bei ihrer Toilette saß, noch immer nicht fertig. Die Eltern empfingen die Gäste: die Alte mit einer süßlichen und gezierten Würde, geflissentlich laut und lebhaft sprechend, damit man nicht hören sollte, wie Mascha nebenan mit dem Mädchen schrie, der Vater mit seiner nonchalanten Vertraulichkeit, die jeden gleich am Arme nahm und auf die Schulter klopfte. Ich ging nervös im Zimmer herum, gezwungen lächelnd, mit dem Gefühl, eine sehr alberne Rolle zu spielen, beschämt und ärgerlich, daß ich mich dazu hergab und nicht lieber weggeblieben war. Ich hätte mich fortschleichen und irgendwo in der Vorstadt allein, in ein Wirtshaus setzen mögen. Aber das konnte ich doch nicht.

Merz war der erste Gast. Er sah zum Schreien aus. Wie er schon immer eine Rolle spielen und einen Spaß inszenieren muß, so nahm er damals die Haltung und den Ton eines armen, alten, halbverhungerten Komödianten an, eines »Schmieranten«, wie die Schauspieler sagen. »Die berühmte Künstlerin ist so gnädig gewesen, mir zu erlauben – mein Name ist Merz,« sagte er gleich beim Eintritt stotternd zum Chef der Bedienung und verneigte sich tief vor ihm. »Bitte, haben Sie vielleicht ein Tuch, damit ich einpacken könnt', wenn vielleicht etwas übrig bleibt?« Die Alte nannte er »Euer Gnaden« und dem Vater küßte er die Hand. Er sah grotesk aus. Um einen enormen Kragen hatte er eine breite Binde aus schwarzer Seide gewunden, beinahe, wie sich Studenten bandagieren, so enge und steif, daß es ihm schwer wurde, sich zu drehen. Da ragte nun der spitze, wüste Schädel mit der ungeheuren Nase empor. Dazu der elende Frack, die viel zu weiten weißen Handschuhe und die heisere, dumpfe, klägliche Stimme, diese unvergeßliche Stimme alter Komödianten – es war eine unwiderstehliche Charge, aber ich konnte doch nicht lachen, ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich auch, daß Mascha noch immer nicht fertig war. Auf sieben Uhr hatten wir die Gäste gebeten, nun war es acht, alle warteten schon. Die Alte lief in die Küche, um den Koch zu beschwichtigen. Lauschend konnte ich bald in der Küche draußen, bald in ihrem Zimmer nebenan Lärm und Disput vernehmen. Wir standen so herum. Ich sprach mit den jungen Leuten aus dem Ministerium, die, sehr korrekt, wie eben aus einer Schachtel gezogen, sich in ihrer stillen, höflichen und offiziellen Weise über den neuesten Klatsch unterhielten. Der alte Bastante ging mit Frenkel auf und ab. Spitzer, der große Kritiker, saß in einer Ecke, sah bedächtig vor sich hin und trank Kognak. Der Chef der Bedienung lehnte an der Kredenz, zog ein süffisantes Gesicht und nahm ein paarmal seine schwere goldene Uhr heraus, öffnete den Deckel, betrachtete sie erstaunt, hielt sie an das Ohr, schüttelte den Kopf und klappte sie zu. Sogar Olga war schon da, die doch immer zu spät kam, sehr feierlich in einem schwarzen Kleid, Frau von Schnoferl nannte sie Merz, weil sie so zimperlich tat. Sie sprach kaum, lächelte gnädig und, was man auch sagte, sie antwortete immer beleidigt. »Aber, Herr Doktor!« Sie hielt es nämlich immer für eine Zote.

Endlich kam Mascha. Sie hatte seit vier Uhr ihre sämtlichen Toiletten probiert und zuletzt den weißen Schlafrock genommen, den sie zu Hause immer trug. Mir gefiel sie ja so am besten, aber ich ärgerte mich doch. Es schien mir nicht schicklich, so bequem zu kommen, ohne Mieder, während wir alle im Frack waren. Aber wir atmeten auf, daß wir uns endlich zum Essen setzen konnten. Erst mußten wir freilich noch die Begrüßung mit Olga bestehen, sie küßten sich ab und waren sehr gerührt. Endlich kam doch die Suppe.

Mascha saß in der Mitte der Tafel, zwischen Frenkel und Spitzer, gegenüber war Olga mit dem jungen Jantsch, die Alte präsidierte oben, der Vater unten mit einer Batterie von Flaschen, Weine und Schnäpse, die er mischte, darin war er Spezialist. Zu ihm hatte sich Merz gesetzt, daneben die Dragoner, wir begannen bald ein wildes Zechen. Ich wollte mich betäuben; auch wußte ich, daß sich Mascha ärgern würde, wenn wir uns laut und zynisch betrugen, und ich hatte das Bedürfnis, sie zu ärgern. Olga wurde es schwer, den noblen Ton von oben zu bewahren, während sie doch lieber mit uns getobt hätte. Sie blinzelte immer zu uns, aber sie traute sich nicht, sie hatte Angst vor Frenkel. Der »Schweinehirt« war sehr feierlich, er trug seine sämtlichen Orden, hatte die Weste offen, um besser zu verschnaufen, und sprach mit dem Baron Lederer von Politik. Er schleppte den Baron jetzt immer mit sich. Er hatte ihn, der Hofrat im Handelsministerium war, aus einer schlimmen Situation gerettet. Die Lederer sind eine alte Familie von Bureaukraten, seit Maria Theresia immer im Dienste des Staates, beim Wiener Kongreß geadelt, also mit dem ganzen Dünkel dieser kaiserlich-königlichen Lakaien, wie Frenkel die Beamten nannte. Er hatte ein Cousine geheiratet, ein unschönes und verkümmertes Fräulein, sehr dumm, sehr spitz, anämisch, mit einer ungeheuren Nase und schmalen, dünnen, leeren Lippen, aber auch sehr stolz, zur regierenden Kaste zu gehören. Sie hatten nichts zu essen, aber sie hätten doch mit keinem Millionär getauscht. Nun war der Hofrat der letzten Ausstellung im Prater als Kommissär der Regierung beigegeben worden. Er nahm die Sache sehr genau und brachte den ganzen Tag und die halbe Nacht in der Rotunde zu, der Aufwand warf sein kleines Budget um. Die Geschäfte, die er in seiner Stellung machen konnte, verschmähte er, so kam er in die Hände von Wucherern. Da befreite ihn Frenkel. Lederer hatte allerhand Bedenken und zögerte. Aber Frenkel wollte ihn wirklich nicht bestechen. Er verlangte nichts, als daß sich der Baron und die Baronin mit ihm zeigen sollten. Sie mußten mit ihm zu den Rennen fahren, in seiner Loge sitzen, bei Meißl mit ihm soupieren, zu seinen Festen kommen, das war ihm die paar tausend Gulden wert. Man sollte sehen, daß auch diese »arrogante Gesellschaft« mit dem »Schweinehirten« verkehrte, und er zwang sie, sich mit Leuten zu befreunden, die sie lieber gar nicht gegrüßt hätten. Das amüsierte ihn. Die Baronin war ja dabei wirklich manchmal sehr komisch, als hätte sie Essig trinken müssen. Ihr waren diese Menschen entsetzlich; sie beleidigten sie durch jedes Wort, jede Gebärde. Was sie sagten und wie sie es sagten, was sie taten und wie sie es taten, es war doch niemals, wie »es sich gehört«. Sie hatte immer unter Leuten gelebt, die sich in jeder Situation nach einer unabänderlichen Regel betrugen. In ihrer Welt gab es genaue Bestimmungen, was man in diesem oder jenem Falle zu reden, wie man sich dabei zu halten, ob man zu sitzen oder zu stehen, wie lange man zu bleiben, wann man zu gehen habe. Aber hier tat jeder, was ihm gefiel. Sie kam sich wie unter Wilden vor. Sie machte ihrem Manne schreckliche Szenen. Bei aller Redlichkeit hätte sie es lieber gesehen, wenn er für jene Summe sein Amt verraten hätte, als daß er gleich ihre ganze Existenz an diesen Juden verkaufte. Frenkel wußte das und das war gerade sein Vergnügen. Sie mußte immer mit, und je mehr sie sich ärgerte, desto größer war sein Spaß.

Die Hofrätin saß zwischen dem jungen Jantsch, der in seiner verträumten und stillen Weise nichts sprach, und einer großen, sehr pompösen Puppe, die wie eine Infantin des Valesquez gekleidet war. Mascha hatte es sich nicht ausreden lassen, daß wenigstens zwei ihrer Puppen, die Isabella, wie sie die Infantin nannte, und die Mischi, ein zerzaustes, struppiges Geschöpf, das gerade jetzt in der Gnade war, mit uns dinierten. Zwischen die zwei Puppen hatte man Spitzer gesetzt, der ja nervös wird, wenn er beim Essen reden soll. Er will in dieser wichtigen Funktion durch nichts gestört sein. Enorm essend, enorm trinkend, ein berühmter Kenner der Küche und ein Zecher, dem niemand gewachsen ist, sitzt er am liebsten allein und fürchtet jedes Gespräch. Der verhaßte Spötter ist nämlich scheu und verlegen im Wesen, und so geschmeidig er schreiben kann, ein wahrer Jongleur mit Worten und Akrobat der Sprache, so schwer wird es ihm, zu sprechen. Er stottert dann, weiß sich nicht zu helfen, das dicke Gesicht wird rot, er keucht und schnauft wie eine Lokomotive und hat große Angst. Er kann nicht widersprechen, er gibt jedem recht. Mit der Feder ein Riese, ist er ein lallendes Kind, wenn er sprechen soll. Er weiß das sehr gut und hütet sich, mit Schauspielern zu verkehren. Wer nämlich je mit ihm gesprochen und ihn gebeten hat, ist vor ihm sicher. Er bringt es nicht mehr über sich, ihn zu tadeln. Mascha hatte er gleich schwärmerisch gelobt, ohne sie zu kennen, noch in den ersten kleinen Rollen. In seinem Feuilleton über das »Kind« wurde sie das »Glück« des Stadttheaters, eine »neue Sonne der deutschen Schaubühne« genannt. Doch gab die Alte nicht nach, bis er sich bewegen ließ, zu Mascha ins Haus zu kommen; der Erzherzog Peter mußte das vermitteln. Sicher ist sicher, sagte sie. Man kannte ja seine Launen. Er war unberechenbar; er setzte heute einen König ein und morgen ab. Was er vor vierzehn Tagen geschrieben hatte; genierte ihn gar nicht, gelassen hob er es nach vierzehn Tagen auf. Mit einer prachtvollen Unschuld gab er sich der momentanen Stimmung hin. Was er eben fühlte, war ihm wahr. Wenn er es nicht mehr fühlte, wurde es falsch. Es genierte ihn gar nicht, einen Liebling von gestern heute zu schmähen. Es genierte ihn gar nicht, den »Stümper« von gestern heute den »größten deutschen Schauspieler« zu nennen. Er war launisch wie ein Sultan. Nur wer ihn kannte und mit ihm verkehrte, konnte vor ihm sicher sein. Es wäre ihm zu peinlich gewesen, einen guten Freund lamentieren zu hören. Mochten ihn die Leute ungerecht und bestechlich nennen! Er wollte Ruhe haben. Wo es ging, vermied er es ja, einen Schauspieler kennen zu lernen. In die Redaktion kam er nie, daheim ließ er sich verleugnen. War es nun aber doch einmal geschehen, so lobte er ihn unermüdlich: denn Klagen und Beschwerden und Bitten konnte er nicht leiden, überhaupt nur kein ernstes Gespräch außer über kulinarische Fragen. Da konnte er sich ereifern, da wurde er lebendig; über Suppen, Saucen und Bowlen sprach er gern und mit Leidenschaft. Sonst saß er lieber stumm, ließ die anderen reden und träumte zechend vor sich hin. Ich habe damals den ganzen Abend kein Wort von ihm gehört; er regte sich nicht, aß und trank mächtig, schnaufte dabei in seiner asthmatischen Weise, und wenn er trank, hielt er das Glas immer zuerst der kleinen Puppe vor die Nase hin, der Mischi, sagte schmunzelnd Prost zu ihr und wackelte vor Vergnügen über den Witz, der ihm sehr zu behagen schien.

Neben der Mischi saß die alte Dagmar. Es heißt, daß sie einst sehr berühmt war. Das muß damals gewesen sein, als die Heroinen noch nach dem Gewicht geschätzt wurden. Damals kam sie an die Burg und hieß die Wiener Klara Ziegler. Aber sie hielt es nicht lange aus, der Ruhm genügte ihr nicht, sie wollte Geld, ging fort und fing mit einer eigenen Truppe zu reisen an. Zwanzig Jahre ist sie unstet durch ganz Europa gezogen. Sie spielte das massive tragische Fach, Medea, Deborah, die Orsina, aber am liebsten männliche Rollen, den Uriel Acosta, den Hamlet und den Demetrius. Immer reisend, in Triumphen, die immer dieselben blieben, nur daß ihre Orte immer kleiner wurden, merkte sie nicht, daß sie nach und nach alterte und einer monotonen und leeren Manier verfiel. Plötzlich wollte man selbst in der Provinz nichts mehr von ihr wissen. Sie war plötzlich lächerlich geworden. Man fand, daß ihre Stimme schepperte, und verhöhnte ihre großen Posen. Lange wehrte sie sich, sie wollte immer noch der berühmte Gast sein, aber es gab bald kein Dorf, keine Schmiere mehr für sie. Und so frech sie einst im Glück gewesen, so unwürdig trug sie jetzt ihre Not. Sie wurde der Schrecken aller Agenten und Direktoren. Wie die Sorge selbst saß sie jetzt in den Kanzleien herum, alt, siech und elend, aber immer noch mit den großen, gezogenen Tönen. Eine Zeit war sie Souffleuse, aber sie fing bei leidenschaftlichen Stellen plötzlich in ihrem Kasten so heftig zu gestikulieren an, daß man sie entließ. Sie wollte dann Friseurin werden, aber es ging mit ihren alten zittrichten Händen nicht mehr. Nun schmarotzte sie herum und bettelte sich durch. Aus »Hetz« wurde sie eingeladen. Der größte Spaß war dann, wenn die alte Person mit ihrer knarrenden Stimme den Monolog aus der Jungfrau sprach. Ich mochte diese Witze mit dem ausgehungerten Geschöpf nicht leiden. Aber Mascha ließ es sich nicht nehmen. Einmal hatte sie ein merkwürdiges Wort gesprochen: »Mir kommt sie wie der Bettler im Verschwender vor, im letzten Akt wird man uns nicht mehr unterscheiden können.«

Sie saß neben der Mutter, gegenüber war Otto. Er kam nur, weil er wußte, daß der Erzherzog zugesagt hatte. Er wollte jetzt vom Stadttheater weg an die Burg und suchte einen Protektor. Aber man sah ihm an, wie er litt. Er war Feste nicht gewohnt. Essen durfte er nicht, aus Angst, dick zu werden, er trank auch nicht. Reden war nicht seine Sache, weil er auch im Leben immer jene düsteren, wilden, heroischen Töne hatte, die in der Konversation nicht möglich sind. Dabei bildete er sich immer ein, daß es ziehen könnte, und spähte besorgt, ob nicht doch ein Fenster offen war. Nun nahm auf seiner sehr expressiven Miene jeder Zug gleiche Größe und Leidenschaft an, und während es ihm nur ein bißchen unbehaglich und unbequem war, sah er wie eine Statue des Entsetzens aus.

Ich muß nun auch von mir sprechen. Es ist nicht leicht, meine seltsame Laune zu schildern. Ich war von Anfang an unwillig, ich ärgerte mich über das ganze Fest, in dieser schlechten Stimmung war ich schon gekommen. Dann hatte ich mich über Mascha geärgert, weil sie nicht fertig wurde; und ich ärgerte mich über jeden Gast. Ich schämte mich auch; gern hätte ich einen Krawall angefangen, weil ich das Gefühl hatte, lächerlich zu sein. Aber ich wollte mir nichts merken lassen, ich zwang mich, lustig zu tun, ich trank dem Alten lärmend zu und schlug einen gewaltsam burschikosen Ton an, der Mascha kränken sollte. Ich trank viel, und Sie erinnern sich, ihr habt mich schon in Berlin ausgelacht, daß ich nichts vertragen kann. Es war aber seltsam, ich wurde nicht betrunken. Ich hatte nicht jene angenehme Dämmerung der Gefühle, nein, es kam mir vor, immer wacher zu werden. Nie waren meine Sinne so flink und scharf gewesen. Unangenehm nahe, ja, wie unter einer Lupe sah ich alle Personen, alle Dinge, und sie schienen doch so fremd, beinahe phantastisch zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie die Zeichnungen von Valloton kennen. Dieser exzentrische Künstler stellt einen Kopf mit ein paar Strichen dar, indem er nur eine Linie gibt, die ihm das Wesentliche scheint, und sich alle Fülle, die weichen Teile, erspart. So genau habe ich damals die Leute gesehen: von jedem Gesicht nur einen Zug, an jedem Körper nur eine Gebärde, aber diese so heftig und grotesk, ich hätte Karikaturen auf den Tisch hinmalen mögen. Dabei fiel mir ein, was ich von jedem wußte; ich sah gleichsam seine Biographie neben jedem Gast geschrieben, in ein paar Worten, kurz und definitiv wie eine Note der Polizei. Es war schon eine Art von Rausch, aber mehr, wie man die Wirkungen des Kokain oder des Äthers schildert: mit intensiven Äußerungen der Sinne und das Wahrnehmen bis zum Hellsehen gesteigert. Ja, Hellsehen, das ist das Wort. So muß das Hellsehen sein.

Während wir unten zechten und renommierten, mehr wie bei einem Gelage als einem Diner, war man oben ungemein »nobel«. Merz behauptete, es müßten sogar die Speisen kachiert sein; so feine Gebärden seien nur beim Markieren möglich. Man hörte kaum ein lautes Wort. Alle lauschten auf Frenkel, der in seiner derben und massiven Art über die politische Krise sprach. »Ja, mein lieber Lederer, da steht's ihr nun wieder am Berg! Es ist immer dieselbe Geschichte. Sechs Monate wurstelt sich so ein neuer Minister durch, länger reicht der Verstand nicht. Es ist ja auch kein Wunder! Die Kerle wissen nichts, kennen das Leben nicht und haben keine Ahnung, wie die Menschen sind, wie man sie nehmen muß, was sie eigentlich wollen. Ich hab' bei meinen Schweinen mehr gelernt als ihr auf euren Universitäten. Wer so ein Vieh zu behandeln weiß, wird auch mit den Menschen fertig. Aber ihr könnt gar nichts! Diese ganz berühmte moderne Erziehung verdummt den Menschen bloß. Da heißt's immer: Bildung, Bildung, Bildung! Der reine Pflanz! Kann man Bildung essen? Kann man in der Bildung wohnen? Kann man mit der Bildung einheizen? Es muß etwas für die Bildung des Volkes geschehen! Na, das wird schön werden! Schließlich werden die Schuster so dumm sein, wie es die Minister schon sind. Mit der ganzen Bildung ist das ein Schwindel! Ich kann nicht einmal orthographisch schreiben, aber ich verstehe mich auf die Menschen, und darum seid ihr alle nichts, und alle müssen tanzen, wie ich pfeife, vom Minister bis zum Portier!«

Mascha hatte keine Ahnung, was er eigentlich meinte, aber sie nahm eine Miene an, als ob sie es verstehen, sich sehr interessieren und ihm zustimmen würde, nickte von Zeit zu Zeit und lächelte fein. Olga ließ sich nicht spotten und tat mit. Sie schienen beide zu den Worten Frenkels zu statieren, so mechanisch und gelernt war ihr eifriges Nicken und Lächeln. Die Hofrätin machte ihr saueres Gesicht und lispelte: »Paradox, aber wahr, wie wahr!« Die falsche Ziegler, die immer schon lauerte, mit Frenkel ins Gespräch zu kommen, erlaubte sich jetzt zu bemerken, daß es beim Theater nichts anderes ist, die Leute können heute nichts mehr; Gott, wenn man sich erinnert, wenn man noch die Großen gesehen hat! Die Mutter mußte ihr erst durch einen Tritt unterm Tisch zu verstehen geben, daß das ja gar nicht paßte. Die jungen Leute aus dem Ministerium freuten sich über den stillen Verdruß des Hofrats, und der Herr Doktor von Legg sagte bedeutsam: »Man darf aber doch auch nicht vergessen, daß schließlich alles seine zwei Seiten hat«. So ging es fort: immer zuerst ein rüdes Wort von Frenkel und dann die leeren und nichtigen Glossen der anderen, die sich vor seinem Geiste wandten. Sogar der stumme Otto wurde lebendig und schien sich aus seiner Verwunschenheit zu regen, indem er mit seiner dunklen tragischen Stimme manchmal rief: »Jawohl, das ist es, jawohl! So wahr mir Gott helfe, so ist es!« Nur der dicke Spitzer kümmerte sich nicht und ließ sich im Schmausen und Zechen nicht stören, ohne ein Wort, nur manchmal mit seinen großen, wasserblauen Augen verwundert über die Tafel sehend.

Wir lärmten unten. Merz reizte den Alten, immer phantastischer zu prahlen, wir fingen schon an, gewisse Anekdoten zu erzählen. Ich hatte eine dumme Wut auf den »noblen Ton«. Das Ganze kam mir wie eine unglaubliche Farce vor; ich wollte es gar nicht glauben, daß vernünftige Menschen da mittun konnten. Am liebsten wäre ich auf den Tisch gesprungen und hätte furchtbar gelacht, mitten in ihre gespreizten und gezierten Gespräche hinein. Wissen Sie, wenn kleine Frauen in der Provinz heucheln, das geht noch, aber wenn bei einer Schauspielerin posiert wird, das ist einem doch zuviel. Komödianten, sollte man meinen, hätten es doch nicht nötig, Komödie zu spielen.

Wir mögen wohl an die drei Stunden beim Essen gesessen sein. Alle atmeten auf, als es endlich aus war. Nun konnte man doch endlich ein bißchen verschnaufen. Die Herren zündeten sich die Zigarren an, Mascha ging zum Klavier und begann zu phantasieren, erst in leisen, strengen Akkorden, dann heiteren Weisen nacheilend; Olga trat zu ihr, eine Zigarette schief im Mund, sehr erhitzt, nach der Melodie die Hüften schaukelnd; die Hofrätin saß sehr steif auf dem Kanapee, fächelte sich und ließ ihre schnellen, boshaften Blicke durch die Lorgnette schießen; der arme Hofrat hatte sich in einen Winkel gesetzt und schlummerte ein wenig, sich immer wieder gewaltsam ermannend, ängstlich, ob es Frenkel nicht bemerken würde. Dieser zog den Rock aus, weil er schwitzte, paffte eine enorme Zigarre, ohne viel zu reden, nur zuweilen eine von den Damen in seiner ausgiebigen Weise auf die Hüften klopfend. Die alte Tragödin war immer hinter ihm, sie wollte ihm um jeden Preis den Monolog der Jungfrau versetzen, aber er behauptete, er ziehe den Schattentanz aus der Grille vor, und redete ihr so lange zu, bis es die Närrin richtig versuchte und, die Kleider aufraffend, wild zu hopsen begann, indem sie dabei verzückt auf Frenkel grinste. Das war das Signal zu einer ungestümen und wüsten Quadrille. Der Doktor von Legg spielte auf, alle fingen zu springen an, Olga hatte sich ein Negligé von Mascha angezogen und ließ nun ihre Künste im Cancanieren los, von Merz gereizt, der sich mit seinen langen, dünnen Beinen unter teuflischen Grimassen in die Luft und auf den Boden warf, während Frenkel in die Hände klatschte und, indem er es zeigte, immer schrie: Höher, noch höher, so hoch, schämtß´s Euch, Kinder, höher, höher!

Da trat plötzlich der Erzherzog ein. Die Alte schrie auf, der Doktor hörte zu spielen auf, Olga rannte weg, um sich zu verstecken. Mascha empfing ihn, knirte feierlich und geleitete ihn dann durch die Zimmer. Man sah es dem Erzherzog an, wie peinlich es ihm war, die Unterhaltung zu stören. Er bat, sich doch nicht zu derangieren, und gab mit der Hand ein Zeichen, daß wir uns doch nicht um ihn kümmern sollten, mit einer Gebärde, wie sich Generale zuweilen die Ehrenbezeugungen der Truppen verbieten. Wir hatten uns indessen gerichtet, Frenkel zog den Frack wieder an und wir formten eine Gasse. Durch diese ging er zum Klavier hin, leicht grüßend, mechanisch lächelnd, in seiner Weise in die Ferne schauend, ohne jemals jemandem ins Gesicht zu sehen. Am Klavier setzte er sich an den zweiten Sessel und nötigte den Doktor von Legg, wieder aufzuspielen; er wolle uns beim Tanzen zuschauen, es sei ihm sehr interessant, einen Cancan kennen zu lernen. Wir fingen also wieder zu tanzen an, aber es war jetzt eigentlich eine Komödie, weil wir nicht mehr unbefangen waren. Die Frauen wandten und zierten sich jetzt, nur Merz ließ sich in seinen wilden Späßen nicht stören. Der Doktor von Legg mußte dem Erzherzog die Gebräuche dieses Tanzes erklären, was die einzelnen Bewegungen eigentlich bedeuten sollen, wie man sie nennt, ob in Wien viel cancaniert wird, wann der Cancan erfunden worden ist, wer ihn aus Paris zu uns gebracht hat – eine ganze Theorie, Geschichte und schematische Darstellung des Cancans fragte er ihm ab. Wenn ihm ein Sprung schwierig zu sein schien, so nickte er leise und gab seinen Beifall zu erkennen, indem er leicht die flachen Hände mehreremale zusammenschlug. Das bewog sogar die saure Hofrätin, zu uns zu treten und mit großer Mühe, indem sie sich sehr plagte, mitzuspringen.

Nachher wurden die einzelnen der Reihe nach vorgestellt. An jeden richtete der Erzherzog einige Worte und fragte ihn über seinen Beruf und seine Verhältnisse umständlich aus. Otto trug mit seiner tragischen, wie aus dem Grabe mahnenden Stimme seinen Wunsch vor, an die Burg zu kommen. Die jungen Leute aus dem Ministerium mußten die Hofräte nennen, bei denen sie arbeiteten. Die stille, traurige Weise des jungen Jantsch schien dem Erzherzog sehr zu gefallen. Er ließ sich mit ihm in ein längeres Gespräch über griechische Lyrik ein. Spitzer war nirgends zu finden. Er hatte sich aus lauter Angst im Schlafzimmer versteckt. Merz nahm die Haltung eines Kanzlers an, der von seinem Monarchen ein neues Gesetz verlangt, so etwa im Tone der Szenen am Hofe im zweiten Faust, und legte seine Meinungen über das Fliegen dar: es sei eine Pflicht der Dynastie, einen solchen Versuch, der Menschheit die Wege zum Himmel zu öffnen, von Staats wegen zu fördern. Als die Reihe an die alte Tragödin kam, machte sie eine sehr dramatische, peinliche Szene. Kaum war ihr Name genannt, so warf sie sich auf die Erde, schluchzte und beschwor den gütigen und väterlichen Fürsten, sie aus ihrer unverdienten Schmach zu ziehen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit! deklamierte sie. Der Erzherzog, der keinen lauten Ton hören mochte, war verlegen, stand ungeschickt auf, beugte sich zu ihr, nahm sie an der Hand und wollte sie beruhigen. Sie bat sich die Gnade aus, ihm etwas vorsprechen zu dürfen, und so mußten wir denn den Monolog der Jungfrau zum zweitenmal an diesem Abend hören. Wer konnte, schlich sich in das andere Zimmer, wo Merz ihre Worte, die durch die Türe zu uns kamen, pantomimisch begleitete, wild die Augen rollend, Fäuste ballend und die Arme werfend; und manchmal kniff er das Gesicht ein, schien gleichsam die Augen zu verschlucken und sagte schmerzlich, als ob man ihn gezwickt hätte: »Es ist nur, damit einem der Abschied vom alten Jahr nicht so schwer wird.«

Als sie zu Ende war, klatschte der Erzherzog in die Hände, stand sehr schnell auf, wünschte Mascha ein glückliches neues Jahr, indem er ihr eine Puppe schenkte, eine Amme darstellend, die in den Armen ein kleines goldenes Glücksschweinchen trug, und ging dann fort, während wir wieder Spalier machten, immer mit derselben ein bißchen müden und schüchternen Huld lächelnd, von Mascha und der Mutter über die Stiege bis an das Tor geführt. Der Vater war gleich anfangs in die Küche gebracht worden und die Diener hatten den Befehl, ihn nicht loszulassen, bis der Erzherzog fort war; denn er hatte einen großen Rausch und bekam dann immer seine republikanischen Anfälle, die Monarchen verwünschend und die Völker ermahnend, ein Ende zu machen. Nun durfte er wieder herein, indes die Alte an das Telephon ging, um den Redaktionen den Besuch des Erzherzogs zu melden, damit er noch in die Morgenblätter käme.

Jetzt kamen immer mehr Gratulanten, Kollegen, Bewunderer, Freundinnen, das Schreien und das Drängen wuchs. Von den vielen Blumen, die sie brachten, zog ein schwerer, dumpfer und betäubender Dampf durch die Zimmer. Wie einem manchmal im Frühling von dem großen Knospen aller Dinge warm wird, so fühlte ich es in mir stoßen und treiben. Dazu der betörende Geruch von russischen Zigaretten, die Luft der schweren Weine und die Parfüms der Frauen. In einem gelinden Taumel schien mir alles hold zu wanken. Es kam mir vor, als ob ich in einer Dampfkammer wäre. Ich hatte beinahe Angst, aber wie vor einem bösen Traum, der nicht enden will; ich wäre gern endlich aufgewacht. Ich erinnere mich, daß da auf einem kleinen Tisch die Präsente standen, die man zum neuen Jahre bringt. Glücksschweine und Rauchfangkehrer in allen Formen, ganz winzige und zierliche von der feinsten Arbeit und plumpe Ungetüme, die man kaum mit beiden Händen heben konnte. Da stand nun Merz, um jedes neue Geschenk, das aufgestellt wurde, feierlich zu begrüßen; er verneigte sich, machte Reverenzen und hielt lange Ansprachen an sie. Die anderen lachten und gebärdeten sich wie toll über seine Spaße. Ich muß gestehen, daß es mir unheimlich war. Da war ein ungeheuer großer Rauchfangkehrer, der, wenn man hinten an einer Schnur zog, sich grüßend mit tiefen Bücklingen verbeugte. Merz verstand es nun, seine steifen und rasselnden Bewegungen so zu imitieren, daß ich schon nicht mehr wußte, wer von den beiden der Mensch und wer der Automat war. Ich hatte das Gefühl, daß das alles nicht mehr wirklich sein konnte. Wie ein beängstigend wüster Traum, in dem alles von ungeheurer Bedeutung scheint und doch keinen Sinn hat, ist mir der ganze Abend in Erinnerung geblieben.

Um halb zwölf wurde ein großer Kessel gebracht, da wollte der Vater seinen berühmten Punsch brauen, eine teuflische Mischung der stärksten Spirituosen. Rheinwein, allerhand Schnäpse, Kölnisches Wasser goß er ein, warf Schnitten von Orangen und Ananas, ganze Pfirsiche und in Äther eingetauchten Zucker dazu und ließ es an Absynth nicht fehlen. Es schmeckte eigentlich greulich, aber wenn man zwei Gläser trank, geriet man in einen so wilden und tobenden Rausch, daß man sich wie in einem verruchten Fieber betrug. Alle waren in einer wahren Wut; die Augen brannten ihnen, sie verzerrten das Gesicht, und jeden sah man mit fanatisierten Sinnen sich einer anderen Manie ergeben. Die Olga konnte keinen Moment mehr stehen oder sitzen; es trieb sie, in einem fort zu springen und zu tanzen, unermüdlich, unersättlich, triefend von Schweiß; wenn der am Klavier erschöpft nicht mehr konnte, raste sie durch die Zimmer, einen um den anderen zu spielen beschwörend, ohne einzuhalten, immer hüpfend, immer springend, in die Hände klatschend und jauchzend. Die Haare waren ihr aufgegangen, ungeduldig riß sie die Kämme aus und warf sie weg, jetzt fielen ihr die dichten, schwarzen, blauschimmernden Flechten bis an die Hüften, rollten über die Wangen vor, ja deckten das ganze Gesicht ein, so daß sie unter einem brausenden Wasserfall, in einer Dusche von schwarzen Strahlen zu tanzen schien. Dabei wurde sie sehr heiß und sie riß Fetzen aus ihrem Kleide, als ob sie sich Luftlöcher machen wollte. Wie ein schwarzer Blitz schlug sie durch die Zimmer, immer sich im Kreise drehend, jetzt die Arme hinter dem Kopf verschränkend, zurückgelehnt, mit gehobener Büste, bald nach den Klängen des Klaviers, bald wieder, wenn niemand spielte, nach einer eigenen Melodie, die sie laut sang, sich bewegend, immer mitten durch diese vielen lärmenden, stoßenden und gestikulierenden Menschen durch, wie eine unaufhaltsam irrende Flamme. Spitzer saß mit seinem Glas in einer Ecke, es stieß ihn auf und er mußte so heftig schluchzen, daß ihm schwere Tränen über seine dicken Wangen liefen. Dabei hörte er geduldig der Tragödin zu, die, von ihrem großen Glücke und der Gnade des Fürsten ganz verzückt, immer noch leise vor sich hin den Monolog der Jungfrau sprach. Der Hofrat schlief in einem Fauteuil, den kalten Stummel einer Zigarre im Munde, das Hemd voll Asche, während seine Frau nebenan mit ein paar Schauspielerinnen und den jungen Leuten Poker spielte. Frenkel hatte sich nun auch die Weste ausgezogen, das Hemd war ihm aufgegangen, so daß man seine zottige Brust sah. Er saß auf dem Klavier, schlenkerte mit den Beinen, regte sich sonst gar nicht, gelassen seine mächtige Zigarre dampfend, und sah mit einem böse lächelnden Blick über die ganze Gesellschaft hin. Von der Ständerlampe neben dem Klavier fiel durch einen gelben Schleier ein merkwürdig heller und kalter Schein auf seinen enormen kahlen Schädel, während der Körper, da er im Schatten war, noch plumper und massiver wurde. Er kam mir da wie irgend ein wüster exotischer Götze vor, von einem trunkenen Pöbel zur Anbetung aufgestellt.

Nun verdunkelt sich meine Erinnerung, ich sehe nur noch einzelne Momente. Ich war sehr betrunken, ich taumelte. Mir war heiß und ich fühlte einen dumpfen Zorn in mir, auf Mascha, auf die ganze Welt, auf mich selbst. Ich weiß noch, daß jetzt jemand an das Klavier trat und Wiener Lieder begann und nun einer nach dem andern, erst summend und sich wiegend, dann laut den Refrain mitsang, bis alle sich an den Händen faßten und in einer langen Kette sich wie Besessene drehten. Dann sehe ich den Direktor, der sehr spät kam, diesen klugen, gefürchteten und berechnenden Direktor, seinen Hut an die Decke werfen, jodelnd und schuhplattelnd, indem er die Frauen an der Hüfte packt, im Kreise schwingt, in die Luft wirft, daß sie kreischen, mit den Armen fängt und dazu jauchzt. Dann hat Olga eine heftige Szene mit ihrem Jüngling: sie ist wie toll, tanzt, springt und wirft dabei ein Stück ihrer Toilette nach dem andern weg. Die Herren stehen herum und rufen ihr zu, um sie noch mehr zu reizen, dem jungen Jantsch wird bange, wie das enden soll, er will sie fortziehen, sie wehrt sich, wird wütend, schlägt wie eine Rasende um sich und muß mit Gewalt zum Wagen getragen werden. Jetzt geht ein Tumult in der Küche los. Man hört kreischen, es wird um Hilfe gerufen, wir stürzen hinaus und finden die Köchin, die sich mit einem großen Löffel gegen den zudringlichen Vater wehrt. Man reißt ihn weg, die Köchin schimpft und schreit, nun kommt noch die Alte, zerrt den betrunkenen Mann fort, der nicht will und flucht und immer noch den Mund zum Küssen spitzt; sie ist nicht stark genug, ihn zu halten, er rutscht aus, und sie liegen beide schnaufend und schreiend auf der Erde und wälzen sich. Endlich gehen wir wieder in die Zimmer, und da sehe ich alle sich lachend um Mascha und Merz versammeln. Mascha hat sich auf den Teppich gelegt, stützt sich auf einen Polster und sieht schwärmerisch vor sich hin. Merz kniet neben ihr, schmunzelt wie ein Faun und macht die laszivsten Gesten. So parodieren sie die Szene aus dem Romeo »es war die Nachtigall und die Lerche«, während rings die betrunkenen Zuschauer johlen. Jetzt kopiert sie die letzte Manier der alten Wolter, er macht das Stammeln und Ächzen und Schluchzen von Sonnenthal nach; dann besteht der Spaß wieder darin, daß sie den süßen Worten zynische Gebärden, unsaubere Blicke geben; dazwischen schreit Merz: »hereinspaziert, meine Herrschaften, nur hereinspaziert, hier sehen Sie die große, einzig wahre, allein echte Julia mit ihrem höchst realistischen Romeo, genau nach der neuesten Berliner Mode!« Und er wackelt lüstern und tätschelt sie. Ich stehe dabei und möchte weinen vor Zorn. Ich habe, indem ich den beiden zusehe, das Gefühl, als ob etwas sehr Heiliges beschmutzt würde. Wie zwei Affen kommen sie mir vor, die eine priesterliche Handlung parodieren würden. Eine große Wut packt mich an, ich taumle vor, balle die Faust und werfe ihnen wüste Worte ins Gesicht. Die anderen wissen nicht gleich, was es bedeuten soll, und meinen, daß es ein neuer Spaß ist. Mascha deklamiert unbekümmert fort: »es war die Nachtigall und nicht die Lerche,« immer dieselbe Zeile, bald mit der Stimme der Hohenfels, bald mit der Stimme der Niese, alle Wiener Schauspielerinnen kopierend. Aber Merz kriecht auf den Knien zu mir her, steckt sein Gesicht in den Teppich und breitet flehentlich die Arme aus, indem er winselt: »Verzeihung, edler Herr, Verzeihung für uns arme Landstreicher, Seiltänzer, Schwertschlucker, Feuerfresser und Gaukler! Wir sind und bleiben nun einmal Vagabunden! Und wenn es auch mancher, der Glück hat, bis zum k. k. Vagabunden mit Dekret bringt, im Grunde sind wir doch alle gleich, halten zu Gnaden, hoher Herr!« Ich höre sein höhnisches Grinsen noch, ich sehe noch seine Grimassen, ich fühle noch, wie mich ekelte. Ich hätte laut weinen mögen, so elend war mir und ich schämte mich sehr. Leise schlich ich mich fort. Unten vor dem Hause trat ich zu der Laterne hin und lehnte mich am Es mochte gegen fünf Uhr sein, längst war alles leer und still, es schneite. Ich stand da, lehnte mich an und dachte an gar nichts, wußte gar nichts, fühlte nichts mehr; den Hut hatte ich abgenommen, mir war so heiß, ich ließ mich anschneien. Plötzlich hörte ich den Direktor neben mir; er schüttelte mich, setzte mir den Hut auf und sagte: »Sie verkühlen sich ja, sind's doch g'scheit! Verschnupfte Kritiker kann ich gar nicht brauchen. Kommen's san mer fesch, gehn mer in die Krieau frühstücken.«

Wir gingen in den Prater, es war kalt, wir liefen mehr, als wir gingen. Lange redeten wir kein Wort. Dann fing der Direktor in seiner pittoresken und drastischen Weise an, die letzte Nacht zu schildern. Er schien mehr zu sich selbst zu sprechen. Er hatte der Reihe nach alle Lieblinge seiner Bühne an diesem Abend besucht, »sonst wär's ja aus«. Nun erzählte er. »Ich wundere mich nur,« sagte er schließlich, »daß mir anständige Leute noch die Hand geben – sie scheinen halt doch vom Theater keine Ahnung zu haben. Wenn man das Theater kennt, ich bitt' Sie; gegen einen Schauspieler ist wirklich ein Sträfling noch ein Ehrenmann. Es ist eben ganz verfehlt, daß man die Schauspieler unter den Menschen frei herumlaufen läßt. Man sollte sie bei Tag in einem Käfig halten, oder sie müßten wenigstens eine Marke um den Hals haben, damit man sie gleich erkennt. Wirklich, ich gehe jede Wette ein, daß die Schauspieler überhaupt gar keine Menschen sind. Wenn ein Schauspieler weint, ist er lustig, wenn's ihm schlecht geht, spielt er den großen Herrn, und wenn er etwas sagt, ist es nie das, was er meint. Er fühlt überhaupt nichts, der Dichter muß ihn erst abends aufblasen, selber hat er keine Luft. Er kann nicht lieben und kann nicht hassen, es schmeckt ihm nichts und es ist ihm nichts zuwider, er will nichts, er lebt überhaupt gar nicht, sondern tut nur so: er ist ein leerer Körper, dem erst der Dichter und der Regisseur Gefühle, Stimmungen und Begierden eingeben. Man sollt' die Schauspieler wirklich, wenn sie nicht spielen, ins Magazin geben, gut abstauben und ausklopfen und dann bis zur nächsten Vorstellung hängen lassen!«

Dann fing er an, von meinem neuen Stücke zu sprechen, es werde nun doch Zeit; er wolle mich nicht drängen, aber es sei ja in meinem Interesse. Ich gestand, daß ich eigentlich die ganze Zeit nichts getan hatte. Ich war sehr kleinlaut. Er sagte: »Aber ich bitt' Sie! Ich möchte das Stück bis Mitte Februar haben, heute ist der erste Jänner, das sind sechs Wochen, der Shakespeare hat zum ganzen Hamlet nicht länger gebraucht, und man verlangt gar keinen Hamlet von Ihnen. Schreiben's halt was! Das Theater ist ja doch eine Lotterie. Haben's Glück, so g'fallt der größte Schmarrn auch, und haben's kein Glück, so nützt Ihnen das beste Stück nix. Also schreiben's halt was, es wird schon gehen!«

Wir gingen lange herum, er redete mir zu und ich fühlte, daß er es nur gut meinte und recht hatte. Aber ich war sehr verzagt und hatte kein rechtes Vertrauen mehr. Ich war an allem irre geworden. Niemals im Leben war mir so bange gewesen. Ich wußte nun gar nichts mehr. Wie wir da gingen, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, als würde ich Mascha gar nicht mehr lieben. Es wunderte mich sehr. Ich ließ den Direktor reden und dachte darüber nach. Es war doch nicht möglich! Dieses schöne Gefühl sollte plötzlich erloschen sein? Dann konnte man sich doch auf gar nichts mehr verlassen. Aber vielleicht bildeten wir uns wirklich alles nur ein. Vielleicht hatte ich sie gar nicht geliebt, vielleicht hätte ich damals jede so geliebt, ich war vielleicht gerade damals in der Laune der Liebe gewesen. Laune mag alles sein. Es gibt keine guten Stücke und keine schlechten, die Laune des Publikums nimmt die einen an, weist die anderen ab. Wir lieben kein Weib, Laune treibt uns jetzt hin, stößt uns dann weg. Wir sind weder froh noch elend, nach unserer Laune bilden wir es uns nur ein. In so müden Gedanken ging ich schwer dahin, ich konnte mich kaum mehr halten, so schläfrig war ich plötzlich geworden. Ich stieg in einen leeren Einspänner, der uns hinter der Rotunde begegnete, und fuhr in die Salesianergasse.

Zehntes Kapitel

Ich fing nun an meinem Stücke zu schreiben an. Ich hatte ja einen Termin, ich brauchte Geld, und es war auch die beste Lösung. So konnte ich nicht weiter leben. Ich vertrug den ganzen Ton bei Mascha im Hause nicht mehr. Ich wollte auch nicht brechen: denn ich fühlte doch, daß ich sie immer noch liebte. Meine Gedanken gingen hin und her, ich zweifelte an allem, ich wußte nichts mehr. Ich hatte das Bedürfnis, meine inneren Stimmen nicht mehr anzuhören und mich zu beschäftigen. Gab ich mich noch länger meinen streitenden Gedanken hin, so fühlte ich, daß ich mich am Ende ganz ins Ungewisse verlieren und mir nicht mehr zu raten wissen würde. Es war am besten, ich zwang mich zur Arbeit, sperrte mich ein und wies alle Zweifel und Versuchungen ab. So saß ich denn nun Tag für Tag in unserem Idyll in der Salesianergasse und schrieb und schrieb. Ich hatte ja schon manches notiert, Anekdoten aus den Chroniken, allerhand Pittoreskes oder Charakteristisches und auch Bemerkungen über Mascha, die ja doch mit ihrer leuchtenden Grazie in der Mitte der Handlung stehen sollte. Fehlte mir auch eine feste und verläßliche Fabel, so traute ich mir doch die Routine zu, die Stücke zu einem Ganzen zu fügen und die Lücken der Handlung durch angenehmes Detail zu verstopfen. Es gab so viele Gebräuche und liebliche Sitten jener Zeit, und ich hoffte, daß das Publikum gern und neugierig bei seiner Vergangenheit verweilen würde. Ich habe mich ja auch nicht getäuscht; alle Episoden des Stückes haben sehr gefallen. Wäre nur die Handlung nicht gar so dünn gewesen, und hätte ich die Augustine gestalten können! Aber das wollte mir nicht gelingen, ich hatte es ja selbst gefühlt, die anderen brauchten es mir nicht erst zu sagen. Ich habe Mascha zeichnen wollen. Das Unbeschreibliche ihrer kleinen, zaghaften und wie eine Libelle schwebenden Person hatte ich darstellen wollen. Was ich an ihr liebte, das sollte die reinste Gestalt annehmen. Mir fällt immer wieder ein, was Shakespeare eine seiner Frauen sagen läßt: »es stand ein Stern am Himmel, der tanzte, als ich geboren wurde«. Das war es: die milde Heiterkeit eines von aller irdischen Schwere freien, wie ein süßer Ton gleitenden Wesens. Aber ich fing zu spät an. Ich erinnerte mich wohl noch, was ich damals empfunden hatte, aber mein Gefühl war trübe geworden.

Ich saß den ganzen Tag und schrieb. Die alte Marie holte mir das Essen. Gegen Abend ging ich gern in den stillen Gassen der Landstraße nachdenklich spazieren. Abends war ich meistens bei ihr. Wir wurden eine leichte Verstimmung nicht los, wir sprachen sie nicht aus, aber es war uns leichter, wenn wir nicht allein waren. Sie hatte in dieser Zeit viel zu tun. Sie sollte den Puck spielen. Ich war es froh. Ich fürchtete mich vor einer zärtlichen und leidenschaftlichen Stunde. Ich glaube, es ist ihr auch so gegangen. Wir hatten beide das Gefühl, daß zwischen uns etwas zerbrochen war. Wir wollten es uns nicht merken lassen. Ich dachte immer noch: wenn nur erst mein Stück fertig ist, dann wird alles wieder wie damals, nach meiner ersten Premiere. Vielleicht hatten wir dann auch den Mut, uns zu entscheiden, alles abzubrechen und fortzugehen. Ich konnte dann meine Frau und mein Kind anständig versorgen, und dann sollten die Leute reden, was sie wollten! Wir entflohen und vergruben uns in einem Winkel: dann lebte jenes selige Gefühl gewiß wieder auf.

Die Arbeit tat mir sehr wohl. Ich wurde ruhiger. Freilich gab es Stunden, wo ich mich quälte: das Stück gefiel mir nicht, alles war kalt. Dann lag ich auf dem Sofa und dachte hin und her. Vielleicht hatte ich gar kein Talent, vielleicht log ich mich nur an und um die ganze Mühe war's am Ende schade. In solchen Verdüsterungen glaubte ich an gar nichts mehr und da lernte ich auch die Eifersucht kennen. Ich bin nie eifersüchtig gewesen, aber jetzt kam zuweilen eine wilde Angst über mich, ich sprang auf, rannte zu ihr, lachte mich selber aus und war doch erst ruhig, wenn ich dort war. Ich hatte keinen Verdacht, es galt keiner bestimmten Person. Es war nur so eine dumpfe Hitze in mir, eine unbeschreibliche Angst, sie zu verlieren, eine heftige Gier, die mich trieb.

Ende Januar brachte ich dem Direktor das Manuskript, er las es sofort und schlug mir einige Änderungen vor, unwesentliche Kürzungen; sonst sprach er sich nicht aus, er meinte nur: »Das Theater ist ja doch bloß eine Lotterie und Sie sind ja jetzt g'rad' in der Mod'!« Wir besetzten es gleich: die Harfenistin sollte natürlich Mascha sein, der bald höhnische, bald melancholische, immer groteske Henker war für Merz geschrieben, bei der finsteren Figur des schwarzen Studenten, der ja der Tod sein soll, hatte ich an Otto gedacht. Dann handelte es sich um die Dekorationen. Ich wollte das phantastische Bild eines alten Wien geben, das nie existiert hat und doch die eigentliche Wahrheit wäre. Dem Direktor schien das zu gefallen, aber es war schwer für den Maler. Tagelang haben wir mit Fritz Kautsky beraten. Die Skizzen befriedigten mich nicht; es war noch immer nicht das, was ich wollte. Der Direktor wurde schon ungeduldig, in vierzehn Tagen sollte das Stück sein, ich mußte mich beeilen. Da setzte ich mich denn endlich hin und schrieb ein ganzes Buch, jede Dekoration im Detail genau schildernd. Ich schrieb immer fort, der Tag verging, es dunkelte schon, ich machte Licht und wollte nicht aufhören. Ich war wohl etwas müde, mich hungerte, aber ich gab nicht nach, ich wollte heute noch fertig werden. Ich achtete die Zeit nicht und schrieb immer fort. Ich konnte mir gar nicht genug tun, es wurde eine ganze Dissertation. Es war zwei Uhr in der Nacht, als ich endlich schloß. Aber nun litt es mich nicht zu Hause. Ich hatte Hunger und hätte nicht schlafen können, so aufgeregt war ich; niemals hatte ich den Sinn meines Stückes und die Poesie, die es sucht, inniger gefühlt. Ich ging fort, es war eine sehr schöne Nacht, kalt, aber trocken und hell, die Sterne glänzten. Ich warf den Brief an Kautsky in einen Kasten, dann trat ich in ein kleines Cafe, das noch offen war, aß und sah in den Zeitungen die Notizen nach, die der Direktor jetzt täglich über mein neues Werk verschickte. Er war von einer unerschöpflichen Phantasie. Täglich wußte er die Neugierde anders zu reizen, ohne doch eigentlich etwas zu verraten. Ich las lange. Endlich wurde das Lokal gesperrt. Man stellte die Sessel auf die Tische und löschte das Gas, ich mußte gehen. Aber ich wollte noch nicht nach Hause, ich hatte keine Ruhe. Ich fühlte mich so wach, so rege, so nervös und es trieb mich noch zu gehen, weit zu gehen, unbekümmert, wohin ich kommen würde, nur meinen inneren Stimmen lauschend, die brausten und schwollen. So ging ich einsam vor mich hin, großer Gefühle voll, und ohne es zu achten, ohne es zu wollen, ich dachte wirklich gar nicht an sie, ich hatte nur mein Stück im Gemüt, stand ich auf einmal vor ihrem Hause. Ich merkte es selber erst, als ich schon vor dem Tore war. Unwillkürlich blieb ich da von selber stehen, wie ein Pferd vor seinem Stall. Ich mußte lachen, als ich es merkte. Nun sah ich hinauf. Da wunderte ich mich; sie hatte noch Licht. Es war doch schon gegen fünf. Die anderen Zimmer waren dunkel, nur in ihrem Schlafzimmer brannte noch Licht. Ich trat vom Trottoir auf die Straße, um besser zu sehen. Ein Fenster war offen, leise bewegte den Vorhang der Wind. Er war nicht ganz zu, die Stange schlug an, ich sah ein rotes Licht. Einen Moment stand ich so, dann rannte ich weg. Ich hatte Angst, ich könnte etwas Schreckliches tun: so zornig war ich. Ich lief, bis ich keinen Atem mehr hatte; ich mußte etwas verschnaufen. Ich setzte mich auf eine Bank vor dem Volksgarten, nahm den Kopf in die Hände und fing laut zu weinen an. Viele Zeit verging, dann besann ich mich und kam zu mir. Nun sagte ich mir freilich, daß es töricht war. Was war denn geschehen? Was hatte ich denn gesehen? Was wußte ich denn? Daß sie Licht hatte? Vielleicht lernte sie. Vielleicht war es die neue Rolle in meinem Stück. Vielleicht – es gab doch tausend Gründe. Aber der Gedanke, daß sie vielleicht – nein, ich fühlte, daß mich das zerbrechen würde! Nur das nicht, nur das nicht! Ich wußte ja jetzt erst, wie ich sie liebte! Fremde furchtbare Mächte rissen sich in mir von der Kette des Verstandes los, ich fürchtete mich vor mir selbst. Umsonst sagte ich mir, daß es ja töricht war. Es half alles nichts. Ich wußte es. Ich hatte die innere Gewißheit. Aber ich wollte auch eine äußere haben. Ich wollte Beweise. Ich überlegte. Was sollte ich tun? Langsam ging ich nachdenklich zu dem Hause zurück. Sollte ich eintreten? Und was dann? War es wahr, so ließ man mich doch einfach ruhig läuten. Einstweilen konnte sie ihn verstecken. Sollte ich die ganze Wohnung durchsuchen. In jedem Kasten, hinter jeder Wand? mich wie in einem Vaudeville betragen? Mich ekelte. Nein. Ich wollte keine Szene machen. Ich wollte es ja nur wissen, nur wissen.

Ich stand wieder unter ihrem Fenster und sah nach dem roten Licht; wieder ging ich fort, wieder trieb es mich hin. Es dämmerte schon leise, schwere Wagen kamen, Leute liefen, man sah mich an, ich konnte nicht länger hier stehen. Nun fühlte ich auch erst, wie müde ich war, zum Umsinken müde. Aber es ließ mich nicht fort. Ich ging bis an die nächste Ecke, rief einen der verschlafenen Einspänner an und hieß ihn an ihrer Wohnung vorüber, aber auf der anderen Seite der Straße fahren. Ein paar Schritte über ihrem Hause, aber drüben, ließ ich ihn halten und warten. Von dort konnte ich genau auf ihr Fenster sehen, das immer noch in jenem rötlichen Lichte schimmerte, während sich der Vorhang leise im Winde bewegte. Wie lange ich so gesessen sein mag, weiß ich nicht mehr. Ich fühlte nichts, ich dachte nichts, ich regte mich nicht; ich sah nur immer zu dem rötlich schimmernden Licht hinauf und hörte die Stange im Winde klopfen. Plötzlich schien mir ein Schatten zu gleiten, dann wurde der Vorhang emporgezogen, ich sah ihre Hand. Sie trug den langen faltigen roten Rock, den ich so gut kannte, und fröstelte ein wenig. Sie zog ihn fester an, beugte sich vor und ließ ihre Zigarette paffen. Nun wurde unten das Tor geöffnet, Merz trat heraus. Er ging bis in die Mitte der Straße, drehte sich dann nach dem Fenster um und ließ sich in seiner grotesken Weise auf die Knie. Schlafe süß, mein Täubchen, schlafe süß, hörte ich ihn mit Koloraturen girren, indem er dazu den Regenschirm wie eine Mandoline im Arm hielt und mit seiner mageren Hand an den Stangen zupfte. Sie lachte und warf ihm Küsse zu. Dann gab sie ihm ein Zeichen, noch zu warten, verschwand und brachte ihre kleine Puppe her, die Mischi. Sie streckte sie vor, ließ sie kniren und mit den Händen grüßen. Er nahm den Zylinder ab und trommelte einen Wirbel. Dann erhob er sich und ging pfeifend fort, indem er sich noch manchmal umsah und lustig nach ihr winkte. Sie blieb am Fenster, bis er verschwunden war, tat noch ein paar langsame tiefe Züge, warf die Zigarette auf die Straße, zog den Vorhang zu und schloß. Nun verlosch das rote Licht.

Dann fuhr ich nach Hause.

Ich kann mich nicht erinnern, daß ich jemals in meinem Leben besser geschlafen hätte. Ich fiel wie ein Sack hin und lag, ohne zu träumen, in einer tiefen Betäubung da. Es war spät am Nachmittag, als ich endlich erwachte. Ich setzte mich auf, wußte erst gar nichts und hatte Mühe, mich nach und nach zu besinnen. Da war mein erster Gedanke, ich schäme mich, es zu sagen, aber es ist so gewesen: mein erster Gedanke war an mein Stück. Wenn ich mit ihr brach, was wurde dann aus meinem Stück? Ich kannte sie genau: sie war dann imstande und warf mir die Rolle hin. Was geschah dann mit meinem Stück? Später würde sie sich freilich wieder versöhnen lassen, aber es konnten Monate vergehen, dann war die gute Zeit vorbei, es mußte auf den Herbst verschoben werden und ich konnte doch nicht warten! Ich konnte nicht; ich brauchte ja Geld! Wenn ich klug war, ließ ich mir einfach nichts merken. Nach der Premiere – ja, nach der Premiere mochte ich sie züchtigen und mich rächen.

Das ist mein erster Gedanke gewesen. Ich kleidete mich rasch an und ging eilig fort. Instinktiv fühlte ich, daß ich jetzt nicht allein sein durfte. Nur jetzt nicht allein! Ich fürchtete mich vor mir selbst. Ich wußte ja doch, daß der Gedanke an mein Stück nur eine innere List war, um das Drohende zu beschwichtigen. Sei gescheit, denk an das Stück, sagte ich mir in einem fort. Ich ging zum Direktor, fragte allerhand, fuhr dann zu Kautsky, ob meine Sendung richtig angekommen war, dann in einige Redaktionen, um ihnen für ihr Interesse zu danken, saß im Cafe' und trieb mich die halbe Nacht mit Bekannten herum. Ich hatte ihnen erzählt, ich hätte einen Roman vor, der die Wiener Lebewelt schildern sollte, und sei eben daran, mir die Typen zu suchen. So gingen wir erst zum Ronacher, dann durch allerhand verrufene Häuser, endlich in ein wüstes Lokal, in Ottakring draußen. Aber endlich mußte ich doch heim.

Nun brach es erst in mir los. Es war eine furchtbare Nacht. Ich konnte nicht schlafen. Es schrie und tobte wild in mir. Ich wollte auf, fort zu ihr, um sie zu zerren, zu schleifen, zu stoßen, zu treten, zu vernichten. Wie ich sie peinigen könnte, war jetzt meine Begierde. Peinigen, martern, foltern, bis sie ächzen und stöhnen würde – ja, ächzen und stöhnen und wehklagen wollte ich sie hören. Früher würde ich nicht wieder ruhig werden.

Ich sprang aus dem Bett an das Fenster und ließ die nasse Luft über mich wehen, um mich nur ein bißchen zu kühlen. Aber es brannte in mir fort. Nun zündete ich Licht an und rannte durch das Zimmer. Ich stieß auf Dinge, die ihr gehörten. Da war ein feines mattgelbes Tuch, das sie gern trug, mit ihren lieben unruhigen Fingern an den langen schmalen Fransen spielend. Ich nahm es, zerrte es, biß es, trat es und spuckte es an. Eine wahre Wut kam über mich, das ganze Zimmer anzuspucken, zu beschmutzen, zu besudeln, den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, den Boden, auf dem sie gegangen war, alles, alles. Ich war wie ein Rasender. Dann erblickte ich in der Ecke hinter den Blumen ihre Büste. Ah, wie ich diese Blumen gepflegt hatte, den ganzen Winter! Nun riß ich sie weg, daß die Töpfe in Scherben zerfielen, knickte die Stengel und verstreute die Erde im Zimmer. Dann stieg ich auf einen Stuhl, um die Büste von dem Postament zu heben, nahm sie und legte sie auf den Boden. Sie war sehr schwer, aus Marmor. Ich schlug ihren Kopf auf die Erde, stieß mit dem Fuß auf sie, sie blieb fest. Ich lief nach der Küche, nahm die Hacke und fing an, sie zu spalten. Ich gab nicht nach: die Stücke waren mir noch immer zu groß, in Pulver hätte ich sie am liebsten zerrieben, zu Staub sollte sie werden. Einige steckte ich in den Ofen, andere trug ich auf den Herd, andere warf ich zum Fenster hinaus. In die Winde wollte ich ihr Andenken zerstreuen. Nichts sollte von ihr bleiben.

Endlich war ich fertig. Ich hatte keinen Atem mehr, mit solcher Gewalt hatte ich zugeschlagen. Erschöpft mußte ich mich setzen. Und nun schrie es in mir: warum, warum? warum war das geschehen, das doch nicht geschehen konnte? Da saß ich und sann und konnte es nicht begreifen, auch heute noch nicht. Das ist das Fürchterliche.

Warum? warum? Eine Frau von so zärtlicher Leidenschaft gibt sich einem anderen hin – und welchem anderen! Einem Tiere! Immer sah ich den wüsten, widerlichen und grinsenden Merz vor mir. Ich kann mir vorstellen, daß ich den Betrug, das Schmähliche der Lüge verwunden hätte. Aber es hätte ein Mann sein müssen, nicht ein Affe. Glauben Sie nicht, ich sei in meiner Eitelkeit gekränkt gewesen! Nein, ich weiß, daß das mit dem Wert eines Mannes nichts zu tun hat. Wäre es irgend ein dummer, nichtiger, aber schöner Kerl gewesen, ich hätte es ihr verzeihen können. Es hätte mich geschmerzt, ich wäre unglücklich gewesen, aber es hätte mir doch ihr Bild nicht genommen, das edle Bild jener seligen Stunden. Aber daß ich sie in den Armen dieses höhnischen, klappernden, alles parodierenden, immer Grimassen schneidenden, immer sich verstellenden Komödianten sah, das, das, nein das konnte ich nicht begreifen! Er nahm sie mir ja nicht bloß für die Zukunft weg, er nahm mir auch unsere Vergangenheit weg, meinen ganzen Besitz. Dieses zärtliche, innige, wie die holdeste Musik durch das Leben gleitende Geschöpf, und so ein Clown! Ich glaube, wenn es sich gar nicht um mich, sondern um einen anderen gehandelt hätte, es wäre dasselbe gewesen. So ein Tier, so ein wüstes, schmutziges Tier! Schändlich obszöne Visionen von Faunen mit Nymphen verfolgten mich. Es war nicht Schmerz, es war Ekel, Ekel vor ihr, Ekel vor dieser ganzen widerlichen, ja teuflischen Welt.

Acht Tage ging ich nicht zu ihr. Ich zögerte noch immer, was ich denn eigentlich tun sollte. Ja, ich wäre gern hin, um sie zu züchtigen; etwas Ungeheures hätte ich ihr antun, vor allen Leuten hätte ich sie auf der Gasse beschimpfen, ohrfeigen, treten mögen, dann wäre mir wohl gewesen. Aber ich dachte an mein Stück, mein Stück! Und es regte sich auch eine leise Hoffnung in mir, der ich mich wohl schämen muß. Ich hoffte, nach der Premiere alles vergessen zu können. War doch nach der Premiere meines ersten Stückes mein ganzes früheres Leben verloschen, wie weggeblasen, ah, jenes Gefühl, jenes Gefühl! Ich flog nur so mit ihr zum Himmel auf. Wenn ich das noch einmal haben könnte! Vielleicht, vielleicht! Ich glaubte an meine Premiere, ich hoffte auf meine Premiere.

Nach acht Tagen schrieb sie mir, ich möchte doch zu ihr kommen, sie sei mit der Rolle fertig und würde gern allerhand mit mir besprechen. Ich konnte nicht gut anders, ich mußte hin. Es war ein schwerer Gang. Ich wußte nicht recht, wie ich mich betragen, was ich sagen sollte. Ich hatte eine solche Wut auf sie. Aber ich redete mir zu. Es war unklug, jetzt eine Szene zu machen. Mein Stück, mein Stück! Und doch – ich kann mich ja nicht verstellen. Endlich ging ich hin. Ich mußte nachher selber lachen. Es war gar keine Gefahr. Mit irgend einer fremden Dame, die ich seit zwei Minuten kannte, hätte ich nicht ruhiger, nicht sachlicher sprechen können. »Servus, das ist g´scheit, daß du da bist! Ich kenn´ mich nämlich bei ein paar Sachen, offen gestanden, noch gar nicht aus.« So empfing sie mich, hielt mir mechanisch die Wange zum Kuß hin und fing gleich vom Detail der Rolle an, fragte klug, hatte manche Bedenken und redete so sachlich, daß ich ganz vergaß, bei einer Frau zu sein, und eher das Gefühl hatte, einem verständigen Kameraden meine Absichten zu erklären. Sie war wieder in der unweiblichen Periode der Besessenheit von ihrer Rolle; was nicht zu dieser gehörte, schien dann in ihr verloschen. Ich hätte das Gespräch gern auf Merz gebracht; es reizte mich, ihr Gesicht zu sehen. Ich fragte sie um ihre Meinung, ob ihm die Rolle liege. »Aber freilich, riesig!« sagte sie, »das Verbummelte so einer verschlampten Existenz, da wird er ja großartig sein! Und dann in der Liebesszene – na, du wirst schon sehen: so als sentimentaler Pavian ist er unwiderstehlich. Schau nur um Gottes willen, daß wir nicht zu viel Proben haben! Fünf, höchstens sechs, mehr verträgt er nicht. Wie er einmal den Text kann und sicher ist, wird sogleich wieder der Wurstel in ihm lebendig, schließlich ist er ja doch nichts als ein Wurstel!«

Elftes Kapitel

Nun geht mein Abenteuer seinem Ende zu. Da weiß ich gar nichts mehr, ich kenne mich nicht aus – das ist es ja. Wie ein Reporter will ich referieren. Mehr kann ich nicht. Sie mögen es sich dann selber suchen!

Ich rannte den ganzen Tag hin und her, vom Direktor zum Maler, bei den Schauspielern herum und in den Redaktionen. Ich hetzte mich schrecklich ab und – redete mir ein, daß es notwendig sei. Eigentlich war es ja doch nur, um nicht allein zu sein. Nur nicht allein mit mir sein, nur nicht nachdenken können! Ich hatte die fixe Idee: die Premiere wird alles ordnen, dann wird alles wieder wie nach jener ersten Premiere sein. Nur jetzt nicht nachdenken, nur jetzt nicht allein sein! Dann wird alles noch gut! O, dann werde ich nicht mehr so dumm sein; dann nehme ich sie heraus, dann ziehen wir fort, von allen Menschen weg, in das Bauernhaus. Was ging mich der Merz an? Hatte ich damals nach den anderen, nach den früheren gefragt? Nur fort, von den Menschen weg und hinaus, hinaus! Ich konnte ja doch nicht ohne sie leben. Jetzt fühlte ich es. Es war eine Schande – meinetwegen! Ich war doch kein Held von Bourget! Nur glücklich sein – ich wollte noch einmal glücklich sein! So glücklich, wie damals, jenen Monat nach der ersten Premiere, so unwissend glücklich. Sonst wollte ich alles vergessen. Nur wieder wie damals, so selig wie damals! Nein, ich bin kein Held, mögen andere Romane schreiben! Glücklich, ich wollte nur glücklich sein! Täglich sagte ich mir: die Premiere bringt es, die Premiere hat es ja damals auch gebracht! Nur aushalten, nur nicht nachdenken, nur aushalten bis zur Premiere! Das war meine fixe Idee.

Ich hatte damals eine geheime Angst, die nicht von mir wich; auf allen Wegen ging ihr Schatten mit. Ich hatte Angst, verrückt zu werden. Es hämmerte in mir, ich fieberte; einfache, dumme Worte konnten mich so rühren, daß ich Mühe hatte, nicht laut zu weinen, und ich wurde von der Traurigkeit der fahlen Bäume auf dem Ring so ergriffen, als wären sie feiernde Bettler. Große Buschen von Schneeglöckchen kaufte ich gern und sah ihre halbverhungerten, gesunkenen Blüten mit einem unbeschreiblichen Erbarmen an. Dann konnte ich auf einmal wieder sehr zornig werden, schrie die Schauspieler an und wurde mit dem Direktor grob. Ich hatte das ruhige Dasein, das normale Leben verloren. Immer war ich gereizt, bald zu einer weinenden Güte, die die ganze Welt umarmen wollte, bald zu einer so fanatischen und wilden Entrüstung, daß ich vor mir selber erschrak. So taumelte, so wankte ich in Wallungen hin und her, ich war unstet und immer hatte ich das Gefühl: das kann ja nicht so fortgehen, das hält man doch nicht aus, die Nerven müssen reißen. Betrunken, das ist das Wort, diese drei Wochen war ich betrunken. Ich erinnere mich: ich redete mit Leuten und wußte gar nicht, wer sie waren. Ich redete, ich schrie, ich war lustig, ich wurde bitter und hatte doch keine Ahnung, was ich sprach, was ich tat. Es war ja kein Wunder: ich bin immer ein stilles, bedächtiges, ja, sagen wir es nur offen: das philiströse Leben arbeitender Menschen gewohnt gewesen. Nun ließ ich mich in ein wildes Vagabundieren ein. Ich wollte nicht allein sein, ich wollte nicht nachdenken, ich hatte Angst vor mir. Nur nicht zu Hause sein! Lärm, Tumult und viele Menschen. Ich schlief zu wenig, ich fürchtete mich zu träumen. Um drei, vier Uhr kam ich heim, um sieben ließ ich mich wecken. Ich fing an, Kognak zu trinken. In der Früh war mir elend, so wüst, so traurig, so zum Weinen. Ich dachte immer: nein, ich kann nicht aufstehen, ich kann das nicht mehr mitmachen, ich habe keine Kraft mehr. Nun, da trank ich. Ich trank aus der Flasche, bis ich so weit war, daß ich mich doch wieder regen und wenigstens anziehen konnte, mir waren die Hände, die Füße so schwer! Aus dem Bett rannte ich in das Bad und duschte mich. Ach duschen! Den müden Kopf unter das entsetzlich kalte Wasser halten; ich wäre am liebsten den ganzen Tag in der Wanne geblieben. So kalt – da vergaß ich alles! Dann trank ich meinen Tee, fünf Schalen, sechs Schalen, ich bekam nicht genug. Sie hatte mir ein amerikanisches Salz geschenkt, mit Salmiak, das hatte ich immer bei mir. Es kitzelte, mir kamen immer die Tränen, aber dann wurde ich doch wieder auf ein paar Minuten ruhig und klar. Ich trug es immer in einer kleinen geschlossenen Phiole und gewöhnte es mir so an, daß ich es zuletzt gar nicht mehr lassen konnte. Und ich trank sehr viel. Damals habe ich begreifen gelernt, daß man sich nach der Flasche sehnt, daß man elend und leer und blöde ist, bis man getrunken hat, und daß man einen gelinden Rausch braucht, um nur erst lebendig zu werden und frei zu atmen. Ich wachte nun sozusagen beim dritten oder vierten Glase Kognak erst auf, dann fühlte ich mich wieder, dann ging es erst wieder und so war ich denn, wenn ich um zehn Uhr auf die Probe kam, immer schon in einem leichten Taumel.

Diese Proben! Was ich da gelitten habe! Leiden ist wohl eigentlich nicht das Wort. Leiden klingt tragisch und edel, aber ich wurde immer nur gestochen und gezwickt. Ich hatte das Gefühl, vor einem unsichtbaren Feind zu stehen: ich konnte ihn nicht treffen, er entwich und schlug doch aus dem Dunkel, wie von einer Wolke herab, nach mir. War ich da, so bekam ich ja nur heitere Mienen zu sehen und die besten Worte zu hören. Aber ich wußte, ich fühlte es genau, daß etwas gegen mich war. Ich mußte mit einem unsichtbaren Gegner ringen. Bei jedem Schritte spürte ich eine schwere, hemmende Gewalt gegen mich. Es war gleichsam, als würde ich bis über die Knie im Wasser gehen: ich watete so und schob mich vor. Dabei glaubte ich, böse Worte durch die Luft fliegen zu hören, die ich doch nicht fangen konnte, und es war mir, als würde ich von harten und höhnischen Augen angeblickt. Wie man in einem finsteren Zimmer schreit, ob jemand da ist, so fing ich oft, um mir Mut zu machen, zu streiten und zu lärmen an. Ich war ein sehr unbequemer, empfindlicher und nervöser Autor. Nichts paßte mir, sie taten mir immer noch nicht genug, es war niemals das, was ich eigentlich wollte. So, ganz so, wie ich das Stück bei mir gesehen hatte, in jenen Stunden der ersten Seligkeit, bevor ich es noch schrieb, so wollte ich es auf der Bühne haben. Ich war unerbittlich, ich gab nicht nach. Ich wundere mich eigentlich, was sich die Leute alles von mir gefallen ließen. Aber ich war eben damals der berühmte Autor! Zwanzig, dreißig Mal ließ ich manche Szene probieren, nie war ich zufrieden, es war auch immer noch nicht das, was ich bei mir gesehen hatte. Und ich konnte ihnen ja nicht sagen, wie ich es eigentlich wollte. Das wußte ich nicht; ich wußte nur, daß ich es anders wollte. Ich konnte es nicht zeigen. Ich sagte nur immer nein und ließ sie es wieder probieren und sagte wieder nein, bis sie es doch endlich so machen würden, daß ich ja sagen könnte. Das ist nun freilich, heute weiß ich es ja selbst, nicht gerade die Art, Schauspieler zu erziehen. Ich darf mich aber über sie nicht beklagen, sie waren unermüdlich und hatten den besten Willen. Was ich verlangte, geschah genau und immer trat am Ende Merz an den Tisch hin, wo ich mit dem Direktor saß, zog den Hut, verneigte sich devot und sagte: »Wünscht der geehrte Herr von Dichter vielleicht noch etwas?« Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, daß sie mir feindlich waren; oder eigentlich: daß etwas Feindliches, eine böse, tückische Macht gegen mich in ihnen, unter ihnen war. Ich hatte das Gefühl: du darfst dich nicht umdrehen; du mußt sie immer im Auge behalten, fest im Auge; siehst du einmal weg, dann springen sie von hinten auf dich los!

Nun war ja noch etwas. Ich hatte mich mit Mascha noch immer nicht ausgesprochen. Ich konnte es nicht, ich fürchtete mich; ich hatte nur den einen Gedanken: erst die Premiere, erst die Premiere! Ich wollte jenes vergessen. Ich zwang mich gewaltsam. Darum hatte ich ja zu trinken angefangen, um nur die Stimmen zu betäuben. Aber jetzt sah ich sie täglich mit ihm, neben ihm, in seinen Armen – sie war ja in dem Stück seine Geliebte. Das ist fürchterlich gewesen. Wenn sie so bei ihm stand, ihn ansah und ihm ihre teueren unruhigen Hände hingab, hätte ich sie am liebsten beim Halse gepackt und gewürgt. Er hatte dann ein so insolentes und freches Gesicht – seine wüsten Lippen, das zynische, schon genießende Schauen seiner lasziven Augen, alles war so obszön an ihm, daß ich rasend wurde. Eine Laus auf einer Lilie – so widerlich war mir das. Und ich bildete mir ein, daß sie mich dabei verhöhnten, daß sie bei sich über mich lachten, daß sie es ungeheuer komisch fanden, mich unter meiner Regie zu betrügen. Sie hatten da eine Szene von einer so wilden und beklemmenden Poesie – Sie verzeihen schon, daß ich mich selbst lobe, ich bin ja der Einzige. Die Situation ist die: Der junge Henker, der Sohn, soll morgen die erste Probe liefern, bisher hat er nur dem Vater geholfen, morgen ist eine Hinrichtung, da soll er nun zum erstenmal zeigen, was er selber kann. Er hat sich den ganzen Tag geübt, an einer Puppe, es ist Abend, der Vater kommt und gibt ihm noch ein paar technische Winke, dann bleibt er allein. Ihm graut, ihm ekelt, die ganze Schmach seiner verruchten Existenz wird in ihm laut. Da schleicht sie zu ihm, heiter, verliebt, zärtlich. Wie er sie nun herzt, angesichts der Puppe und der Instrumente, die ihn immer an sein schändliches Metier erinnern, wie er sich auf sie wirft, um sich zu betäuben und zu vergessen, und wie sie nun, während immer der Tod neben ihnen steht, sich am Leben berauschen – ich kann mir nicht helfen: ich finde das heute noch groß gedacht und gefühlt. Aber was habe ich da auf den Proben gelitten! Die zwei spielten das – ich habe so was nie gesehen! mit so ruchlosen und infamen Tönen und Gebärden der Begierde – wie zwei Hunde, die sich auf der Straße anfallen. Ah, ich kann Ihnen nicht sagen, was ich da gelitten habe! Peitschen hätte ich sie mögen, aber ich hatte solche Angst, auch noch lächerlich zu werden, und so saß ich da, ich saß da und biß mir die Lippen durch und lächelte nur, und dann kam Merz noch an unseren Tisch und fragte mit seinem devotesten Ton: »Ist der geehrte Herr von Dichter einverstanden?« Ich fühlte, wie die anderen Mühe hatten, an sich zu halten und ernst zu bleiben. Sie sahen weg, sie zwinkerten und tuschelten, aber wenn mir dann endlich zu heiß wurde und ich auf den Tisch schlug und schrie, dann waren alle so höflich, so bereit, so fügsam, daß ich nichts sagen konnte und mich noch entschuldigen mußte. Dieses Weichen, Entrinnen der geheimen feindlichen Macht, die doch gleich wieder da war, das war das Entsetzliche! Ich hätte endlich einmal einen packen, aus dem Schatten ziehen und mit ihm ringen mögen – entweder stärker sein oder eben erliegen, aber es wäre dann doch entschieden! Nur das konnte ich schon gar nicht mehr ertragen, daß ich so dastehen und ruhig bleiben sollte, während ich von bösen und tückischen Wünschen mit ihrem schlechten Atem angehaucht wurde.

Hatten wir zwei Stunden probiert, so war meistens eine kleine Pause. Mir war dann, als würde ich aus einer sehr unbequemen und steifen Stellung genommen, etwa wie einem Modell, das in einer unnatürlichen Verrenkung gestanden hat. Alles tat mir wehe, ich konnte mich kaum regen. Dabei war mir so wüst im Kopf, ich hätte mich hinlegen und schlafen mögen. Dann gingen wir meistens, Merz und ich, manchmal auch der Direktor, in ein Beisel hinter dem Theater, auf ein Bier. Es gab da ein ausgezeichnetes Pilsener. Wir saßen da, redeten nichts und sahen aufatmend vor uns hin, dehnten uns und verschnauften wie Leute, die von einer schweren Feldarbeit kommen würden.

Dann war alles vergessen, keiner dachte mehr an seinen Ärger, wir stießen an und ließen das blonde Getränk, indem wir die Gläser hoben, in der Sonne glitzern und glänzen. Dann tranken wir und lauschten, es rann hinab und dabei hatte ich ein so köstliches Gefühl, wie wenn einem im Fieber eine angenehme, beschwichtigende Hand auf die Stirne gelegt wird. Dann wurde mir so wohl, so rein war dann mein Gehirn, jeder Verdruß verstummte, ich mußte lachen, wie müde ich vor einer halben Stunde gewesen war; ich hatte den Merz jetzt sehr gern, es war ja alles gleich, mir war alles recht. Wir tranken noch ein zweites und ein drittes Krügel, keiner sprach, in einer wunderbar hellen und seligen Harmonie saßen wir da, bis dann der Diener kam und uns rief. Dann mußte ich in mein Duell zurück.

Duell – ja damit drücke ich am besten aus, wie ich es empfand. Es kommt mir jetzt beinahe komisch vor, aber ich glaube, den meisten Autoren geht es so. Ich dachte fast nicht mehr an mein Stück; um dieses schien es sich gar nicht mehr zu handeln, sondern es war ein Kampf zwischen mir und einem heranschleichenden, maskierten Gegner; mit diesem würde ich mich messen müssen, wer stärker sei. Wie man an ein Duell denkt, dachte ich an den Tag der Premiere: nur schonen, noch ein bißchen trainieren, nicht aufregen, damit du den Tag fest bist und ordentlich zuhauen kannst! Diese Idee, ich würde selbst zuhauen müssen und durch meine persönliche Kraft entscheiden, wollte nicht von mir weichen. Über das Stück hatte ich ja selbst kein Urteil mehr; ich wußte jedes Wort auswendig, jede Stellung, aber ich konnte nicht ahnen, wie es im ganzen wirten würde.

Die Premiere war an einem Samstag, Freitag hatten wir die Generalprobe. Es waren nur die Schauspieler da und ein paar Journalisten, etwa sechzig Leute im ganzen. Diesen hat es sehr gefallen, sie prophezeiten einen großen Erfolg, besonders versprachen sie sich von jener Liebesszene vor der Hinrichtung eine mächtige Wirkung. Ich saß in einem schrecklichen Zustand da. Mir kam das alles nun so leer, so nichtig vor – nein, das war gar nicht mein Stück! Das war nicht, was ich vor mir gesehen hatte! Ich wurde wütend, ich ging auf die Bühne und sagte den Schauspielern, es sei alles schlecht und dumm, wie sie es machten, sie hätten mich alle nicht verstanden; ich wurde immer heftiger, ein Wort gab das andere, die Schauspieler warfen zornig die Perücken hin, der Direktor kam und wollte vermitteln, besänftigen, ausgleichen. Aber ich war nicht zu bändigen, ich tobte und schrie; meine ganze Wut dieser langen Zeit, seit jener fürchterlichen Nacht unter ihrem Fenster, wurde nun laut. Ich wollte ihr zeigen, was an diesem Herrn Merz war – ein Wurstel war er, ein Clown, der in das Orpheum gehörte, ein Affe für die Galerie, aber unfähig, einen Dichter zu verstehen. Vor dem ganzen Personal sollte sie hören, wie dumm er war. Vor dem ganzen Personal wollte ich ihn demütigen, daß sie sich schämen mußte; wie einen Schulknaben, der seine Lektion nicht gelernt hat, wollte ich ihn demütigen. Sie sollte endlich wissen, wer er war und was ich war. Ich hatte eine wilde Freude, mit schmähenden, hochmütigen Worten auf ihn zu schlagen. Plötzlich kam mir der Gedanke, es so weit zu treiben, daß er mir die Rolle hinwerfen würde; ich würde es annehmen, ich würde die Premiere absagen und ich las schon triumphierend die Notiz, die ich an alle Zeitungen schicken wollte, daß die Premiere verschoben werden mußte, »weil sich leider Herr Merz der ihm zugedachten Rolle nicht gewachsen gezeigt hatte.« Was dann aus meinem Stücke wurde, war mir momentan ganz gleich. Nur Merz demütigen, vor dem Personal, vor der ganzen Stadt – demütigen, blamieren, vernichten! Das sollte meine Rache sein: denn plötzlich wollte ich mich jetzt rächen.

Die Schauspieler waren sehr aufgeregt. Einen solchen Ton konnte man sich von keinem Autor gefallen lassen – und das am letzten Tage, vierundzwanzig Stunden vor der Premiere, wo man Ruhe und Stimmung braucht! Das durfte der Direktor nicht dulden! Mascha fing laut zu heulen an, Otto hielt eine Rede über das Recht der Schauspieler: »Soll unsere Ehre jeder Laune hysterischer Autoren preisgegeben sein? Sind wir ein Spielball ihrer Leidenschaften? Sind wir Sklaven?« Der Direktor lief hin und her, ließ Mascha in ihre Garderobe bringen, schrie Otto an, ruhig zu sein, zupfte mich und flüsterte mir zu: »San's doch nicht so blöd, Sie ruinieren sich ja das Stück, was haben's denn?« Aber mir war alles gleich; ich schrie und tobte. Merz rührte sich nicht. Er hatte seine Perücke abgenommen und saß auf einem Tisch, mit den langen Beinen schlenkernd. Die Kollegen standen im Kreise und hetzten ihn auf, sich das nicht gefallen zu lassen. Er schlenkerte mit den Beinen und sagte kein Wort. Als ich schon ganz heiser war und endlich nicht mehr konnte, kam er zu mir, hielt die Perücke wie eine Mütze in der Hand, machte ein Buckerl und sagte: »Bitt' schön, Herr Lehrer, san mer jetzt fertig oder kommt noch was nach? Ich könnt' ja vielleicht bis morgen fünfzigmal abschreiben: wir werden durchfallen, weil ich so ein Trottel bin. Dann haben Sie's wenigstens schwarz auf weiß!« Die anderen lachten, ich sah ihn verächtlich an; der Direktor kam, nahm mich am Arm und zog mich weg. Doch bestand ich darauf, daß morgen noch eine Probe sein sollte. Er warnte mich, aber es half nichts, ich gab nicht nach. »Schaun's, was wollen's denn eigentlich noch? Ihren Krawall haben's jetzt g'macht – schön, das ist immer eine gute Vorbedeutung. Aber jetzt lassen's die Leut' ausschnaufen. Passen's auf, sonst wer'n mer morgen wirklich was erleben!« Aber ich gab nicht nach. Entweder morgen noch eine Probe oder ich zog mein Stück zurück wegen Unfähigkeit des Herrn Merz – diesen Gedanken ließ ich nicht los, das sollte in den Zeitungen stehen, ich sah es immer schon vor mir. Wie würde ich dann triumphieren! »Sie sind verrückt,« sagte der Direktor. »Da kann man nix machen. Also tun mer halt morgen noch a mal probieren, in Gottes Namen!«

Ich ging mit einer unbeschreiblichen Freude weg. Ich hatte gesiegt. Ich war stärker gewesen als Merz. Stärker als er, stärker, mehr Mann! Wie mußte sich Mascha schämen! Das arme Kind hatte so geweint. Nun lag sie wohl daheim und verwünschte ihn. Jetzt hatte sie doch gesehen, wer ich war. Was war er denn? Mein Bedienter! Ja, wie ein Lakai hatte er sich behandeln lassen. Ich war so stolz. Jetzt wurde ja alles noch gut. An mein Stück dachte ich gar nicht mehr. Was ging mich das dumme Stück an? Aber in dem Duell um Mascha hatte ich gesiegt. Triumphierend ging ich fort.

Den ganzen Abend sagte ich mir immer wieder: Du hast ihn gedemütigt. Jetzt nur noch morgen fest sein bei der Nachprobe und du bist der Herr! Ich konnte es kaum erwarten. An die Premiere dachte ich gar nicht mehr, nur noch an diese Probe; der Merz sollte mich kennen lernen!

Ich war abends mit ein paar Bekannten beim Ronacher; wir soupierten nachher mit drei Engländerinnen, die dort sangen, schönen und gemeinen Geschöpfen. Ich war von einer wilden und nervösen Lustigkeit, die mir sonst fremd ist, redete und schrie und sprang herum und sprach immer nur von meinem Stücke; es sei noch gar nicht gewiß, ob es morgen sein könnte; der Merz, sonst ein ganz guter kleiner Episodist, kann das halt gar nicht – na vielleicht, wenn ich mir Mühe mit ihm gebe, geht's vielleicht doch! Und ich schilderte, wie ich mich geplagt hatte, wie so ein Schauspieler gar keine Ahnung hat, was man eigentlich will, und wie es wirklich für den Dichter kein Vergnügen ist, so einen Komödianten zu dressieren. Es war mir eine Lust, so mit kühler und mitleidiger Verachtung von ihm zu reden, ich konnte mir gar nicht genug tun, ich hätte es am liebsten fremden Leuten auf der Straße erzählt, die ganze Stadt sollte es wissen – und dabei dachte ich doch immer nur an Mascha, wie sie ihn hassen mußte, da er jetzt vor allen Menschen so lächerlich und blamiert dastand, das verträgt doch keine Frau!

Wir blieben bis um sechs in der Früh mit den Weibern, ich fuhr dann ins Dampfbad, kleidete mich schnell um, frühstückte und war um zehn auf der Probe. Mascha sprach kaum mit mir; sie behauptete, heiser zu sein und sich schonen zu müssen, und markierte bloß. Ich ließ sie in Ruhe und kümmerte mich auch um die anderen nicht. Das war mir ja alles ganz gleich, ich hatte es doch nur mit Merz zu tun. Er mußte mir jede Szene wiederholen, ich besserte ihm jeden Satz aus, ich änderte alle Stellungen ab; dabei hatte ich immer einen hochmütig belehrenden, unangenehm protegierenden Ton, ich hätte ihn gern gereizt. Aber er blieb so gehorsam, so demütig, so devot, ich konnte nichts machen. Seine Geduld war unerschöpflich, um zwei mußte ich doch endlich aufhören. Ich hatte nun noch in der Kanzlei eine Menge zu schreiben, Karten an meine Freunde zu schicken, alles mit dem Claqueur zu besprechen, es wurde halb vier, bis ich zum Essen kam. Nun spürte ich doch, daß ich sehr müde war, von den Proben, von der letzten Nacht, von der ganzen Aufregung. Die Augen fielen mir zu, ich mußte noch ein wenig schlafen. Ich fuhr in die Salesianergasse, stellte den Wecker auf halb sechs und legte mich hin.

Als ich erwachte, hatte ich einen merkwürdigen Zustand. Mein erster Gedanke war: du wirst es heute nicht leisten können, du bist nicht stark genug. Ich wußte in diesem Moment, daß es nicht gehen würde. Nein, ich hatte nicht die Kraft, das Publikum zu zwingen; ich fühlte es. So mag einem Tierbändiger sein, der spürt, daß heute sein Auge nicht sicher ist und seine Hand versagen wird, und er soll doch in den Käfig! Ich kleidete mich traurig an, jeder Schritt wurde mir schwer, alle Kräfte ließen in mir aus. Ich sagte mir ja selbst, daß das ganz dumm war: der Erfolg hing doch von dem Stücke und nicht von mir ab, ich war doch kein Magnetiseur, der eine gute Stimmung braucht, um mit seiner ganzen Kraft zu wirken. Aber es half mir nichts, gegen ein Gefühl kommt man mit dem Verstand nicht auf. Ich hatte nun einmal ein Gefühl wie ein Athlet, der zu wenig geschlafen hat und nicht in Form ist: es wird heute nicht gehen, du wirst heute deinen Mann nicht werfen.

Dabei war ich übrigens ganz ruhig. Ich wollte mich mit Anstand in das Unabänderliche schicken. Ich kam um drei Viertel auf sieben in das Theater und ging hin und her. Otto, der die erste Szene hatte, saß schon auf der Bühne. Er konnte es nie erwarten und hatte immer Angst, zu spät zu kommen. Er saß da, hielt sich die Augen zu und sprach unablässig die drei ersten Sätze seiner Rolle, immer wieder, immer wieder, die Arbeiter lärmten, der Inspizient schrie, man lief hin und her, er saß unbeweglich, wie eine Statue der Schwermut, und ließ nicht ab, immer dieselben drei ersten Sätze zu sagen. Aus ihrer Garderobe hörte ich Mascha schreien, sie hatte Krämpfe, der Arzt wurde geholt; sie beschwor ihn, sie fort zu lassen – sie könnte heute nicht spielen, eher sterben, eher sterben! Und sie wimmerte, warf sich hin, küßte ihrer Puppe weinend die Hände ab; dann begann sie laut zu beten, rief die heilige Maria an und tat ein Gelübde für Maria Zell, wenn es heute gut ausgehen würde. Ich mußte bei mir lachen, wie sie der Heiligen immer mehr bot, je später es wurde: zuerst ein einfaches russisches Bild, dann wollte sie zwei Türkisen einsetzen lassen, am Ende versprach sie ihr sogar die berühmten schwarzen Perlen, die sie noch von Benesch her hatte; so lizitierte sie. In dem schmalen Gang ging Merz auf und ab. Er agierte heftig, puffte sich und redete laut mit sich selbst: »Du bist ein Viech! Du bist ja ein solches Viech! Du weißt doch, daß diese Trotteln nichts verstehen – also, wie kann man sich da so fürchten? Merke dir, mein Sohn: im Parterre sind lauter Trotteln, ich kann dir mein Ehrenwort geben; in den Logen sind die größten Trotteln, und auf der Galerie sind auch Trotteln. Also sei nicht so ein Viech! Du hast doch deinen Kontrakt, deinen unkündbaren Kontrakt – sie sollen dich gern haben!« Immer lauter schrie er, immer heftiger gestikulierte er, dabei puffte er sich, sprang, beutelte sich vor Lachen, und immer hörte man die zwei Worte wieder: Trotteln, Viech!

Ich trat an den Vorhang, um durch das Loch in den Saal zu sehen. Die Leute sahen sehr komisch aus: wie sie nickten und sich begrüßten, hin und her liefen und schwätzten, wichtig taten und nervös waren – wie ein Ameisenhaufe sah das aus! Der Direktor trat zu mir, sah auch einen Moment hinaus und sagte: »Werden wir halt sehen, ob's anbeißen werden, die Stockfisch!« Da gab man schon das Zeichen.

Nun, sie bissen nicht an. Nach dem ersten Akte wurde ich zweimal gerufen, aber das war die Claque, wir fühlten, daß er nicht gewirkt hatte. Die Leute waren unruhig, wetzten hin und her, räusperten sich, man kam zu keiner Stimmung, man war ungeduldig. Nun hofften wir auf den zweiten Akt, auf die Liebesszene vor der Hinrichtung. Nun, sie bissen wieder nicht an. Ja, es wurde jetzt schlimm. Man lachte die romantischen Stellen aus, man höhnte laut und das Publikum spielte mit. Jetzt fingen Merz und Mascha sich zu ärgern an und wollten zeigen, daß sie auch so gescheit waren wie die Spötter im Parterre. Sie machten die Witze selbst, die das Publikum machen konnte, und belustigten sich damit, das Stück zu parodieren. So wurde es denn ausgehöhnt und ausgezischt.

Ich stand da, niemand sprach mit mir, niemand; es war so leer um mich. Ich wußte ja, daß das Stück durchgefallen war, aber ich hätte doch gern mit jemandem gesprochen, ich schämte mich, so ganz allein fortzugehen. Der Direktor rief mir zu: »Machen's Ihnen nix draus, das is schon so beim Theater, schreiben's halt a neuches Stück!« Und er war weg, ich stand immer noch da. Alle, alle gingen fort, so hastig und schnell, man hörte es ihren Schritten an, wie sie sich tummelten; es war eine Flucht. Da wollte ich mit Mascha sprechen. Ich schickte in ihre Garderobe. Es dauerte lange, der Diener kam nicht wieder. Ich schrieb ein paar Worte auf einen Zettel und bat einen Menschen von der Feuerwehr, ihn zu ihr zu tragen. Mechanisch ging ich ihm nach über die paar Stufen zu ihrer Garderobe und blieb oben stehen. Ich lauschte; ich war begierig, ihre liebe Stimme zu hören. Ich hörte, wie etwas auf den Boden geworfen wurde, klirrend zersprang es und dann hörte ich, wie sie schrie: »Sagen's ihm, er soll sich eine andere Wurzen suchen! Ich pfeif' auf solche Dichter! Man muß sich ja schämen!« Die Garderobieren lachten. Der Mensch von der Feuerwehr kam verlegen zurück und gab mir meinen Zettel wieder. Ich stand da und schaute. Der von der Feuerwehr ging weg.

Ich stand lange da. Ich dachte mir: sie wird sich beruhigen, dann wird es ihr leid tun, es muß ihr ja doch leid tun; dann wird sie nach mir schicken und sie soll sehen, daß ich besser bin, ich werde noch da sein. So wartete ich. Es wurde leer, die Schauspieler gingen weg. Wer mich sah, wendete sich ab und ging schnell; man wollte mit mir nicht reden. Ich beachtete es nicht. Mir war doch das alles gleich. Wenn nur sie – aber das war doch nicht möglich, daß sie, auch sie nichts mehr von mir wissen wollte! Ich wartete lange. Da ging ihre Türe auf. Ich erschrak, weil mich das Licht aus der Garderobe blendete, und trat weg, mehr ins Dunkel, indem ich dabei, ohne eigentlich zu wissen, was ich tat, den Hut zog und mich bückte. So stand ich wie ein Bettler da, der um eine Gabe bittet. Sie sah mich, verzog den Mund, daß ihre bösen Zähne schimmerten, und sagte: »Geh' baden, mein Lieber, mit deiner Dichterei!« Die Garderobieren lachten noch, sie war schon fort.

Nun mußte ich halt auch gehen. Ganz allein ging ich hinaus. Jetzt erinnerte ich mich an damals, an meine erste Premiere. Ja – es kommt eben nichts, wie man es sich denkt; alles kommt anders. Eine Lotterie, hatte der Direktor gesagt, ist das Theater. Das ganze Leben ist nur eine Lotterie. Da kann man nichts machen.

Nun stand ich auf der Straße. An diesem Tage fing der Frühling sich zu regen an. Man fühlte ihn wehen, in den Ästen beben, unter der Erde klopfen. Es war so warm. Ich hätte gern den Mantel ausgezogen, er wurde mir zu schwer. Ich ging langsam, es regnete lau. Nun will es schon Frühling werden, sagte ich mir; ja, es will Frühling werden und Blumen werden blühen. Aber ich war doch traurig. Draußen werden Blumen blühen; was habe ich davon? Kann ich mich denn noch freuen? Nein, das war aus! »Geh' baden mit deiner Dichterei!« Als Mensch war ich ihr nichts gewesen. Was war ich denn, wenn ich nicht einmal als Mensch etwas war? Es regnete leise und warm. Ich hielt die Hand auf und spannte die Finger aus. Das tat wohl; ich fühlte, wie es Frühling wurde.

Ich bemerkte, daß ich vor der Votivkirche war. Ich ging den alten Weg ins Cottage. Ja, das war recht. Ich konnte doch nicht mehr in die Salesianergasse gehen, das wäre zu komisch gewesen. »Geh' baden mit deiner Dichterei!« Ich hatte das immer noch im Ohr, ich hörte es noch immer; aber merkwürdig, es war nicht ihre Stimme, es war die Stimme der Mutter. Ja, so hart und so gemein redete die Alte. Ihre kalte und höhnische Stimme klang in mir nach. Am liebsten hätte ich geweint. Aber das kann man doch auf der Straße nicht. Ich wäre ja ausgelacht worden. Und ich war schon lächerlich genug.

Ich ging weiter, meinen alten Weg. In mir fühlte ich den Frühling klopfen und ich erinnerte mich, aber jetzt glaubte ich an ihn nicht mehr. Nein, das war verloren. Ich konnte nicht mehr glauben. Wohin sollte ich gehen? Ich ging meinen alten Weg. Ich wollte gar nichts mehr, ich wußte nichts mehr, ich dachte nichts. Ich hätte mich nur gern hinsetzen und ausruhen mögen. Da ging ich halt nach Hause. Als ich draußen war, da zauderte ich. Ich stand vor dem kleinen Hause, oben war noch Licht, ich stand an der Türe in dem Garten und wagte es nicht, ich hatte lange nicht den Mut. Darf ich denn da noch eintreten? Hab' ich denn noch ein Recht? Und doch! Ich hatte doch auf der Welt sonst keinen Platz mehr, um mich hinzusetzen und auszuruhen! Wohin sollte ich denn gehen? Ich war doch hier, nur hier zu Hause. Hier war mein Kind und hier war meine Frau. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen alle diese Sentimentalitäten erzähle; aber mir sind sie wichtig, und sonst versteht man auch mein ganzes Abenteuer nicht.

Nun, zaudernd und beschämt bin ich endlich doch eingetreten. Lotte war noch auf. Sie korrigierte das Schulheft unseres Knaben, den lateinischen Aufsatz. Ich trat ein. Sie wunderte sich gar nicht, sie wußte es wohl schon. In ihrer sanften, leisen, so gütigen Weise sagte sie bloß: »Da bist du ja!« Und sie hielt mir die Hand hin. Ich nahm ihre Hand und dann nahm ich die Hefte des Knaben und las, damit sie nicht merken sollte, wie ich weinte.

Zwölftes Kapitel

So hat Mohr mir seine Geschichte erzählt. Vier Abende sind wir in derselben Nische der Rüdesheimer Weinstube gesessen, bei jenem sanft und zärtlich durch die Kehle rinnenden Rauenthaler. Ein paar junge Maler kneipten in der anderen Ecke, an einem Tische war ganz allein ein alter Herr mit merkwürdigen grauen Augen; er hielt den Kopf in die Höhe und sah nach der Decke, diese großen grauen Augen schimmerten, er lachte innig vor sich hin und schien sich mit jedem Glase mehr zu verklären. Linde glitt manchmal das blonde Mädchen hin und her, eine dünne, hektische und schmachtende Person; meistens lehnte sie an der Kredenz ein wenig vorgeneigt, auf die Arme gestützt, die langen schlaffen Hände gefaltet, als ob sie beten würde. Eine unbeschreibliche Ruhe war in dem langen schmalen braunen Gemach, während er mir mit seiner leisen, traurigen, etwas monotonen Stimme erzählte. Erzählen ist eigentlich nicht das rechte Wort; ich möchte es eher referieren nennen. Wie ein genaues, ja ängstliches Referat über eine schwierige, heikle und sehr verwickelte Sache trug er mir seinen Bericht vor. Er strengte sich an, alles recht deutlich zu machen, er konnte sich gar nicht genug tun, es war ihm noch immer nicht recht. Immer ließ er mich fühlen, daß er eigentlich noch etwas auf dem Herzen hätte, etwas ganz anderes, sehr Wichtiges, ja das Eigentliche, das er aber mit aller Mühe doch nicht sagen konnte. Während er meinte, mich in die Begebenheiten seines Lebens sehen zu lassen, hatte ich das Gefühl, gleichsam nur ihre Schatten über eine graue, finstere Wand gespenstisch huschen zu sehen. So starke, ja heftige Linien er den Menschen und den Dingen, die er schilderte, zu geben sich bemühte, so schienen sie mir doch gar keinen Körper zu haben, sondern nur so wie Schemen zu schweben. Es war mir merkwürdig, wie einem solchen, bloß mit dem Verstande, ohne Instinkte lebenden Menschen alles, was in seine Nähe kam, gleich unter diesem austrocknenden Verstande sozusagen zu verdampfen, zu verdunsten, in vage Nebel zu entweichen begann, so daß ihm doch, wie begierig er mit heißen Armen nach dem Leben griff, immer nur am Ende Rauch und Ruß an seinen Händen blieb. An diese Wahrnehmung habe ich manchen Gedanken gebunden, sie hatte für mich einen großen Reiz. Ihn möchte ich gern auch andere vernehmen lassen, darum habe ich seine Geschichte, das »Abenteuer«, wie er es nannte, aufgeschrieben, und ich hätte gern seinen Ton getroffen. Ob es mir gelungen ist, weiß ich freilich nicht.