Himmelfahrt

Erstes Kapitel

Erst als der Zug endlich fuhr, atmete Franz auf, entkommen. Die dumme Furcht! Wer soll ihm denn nachsetzen? Sie freut sich, ihn los zu sein. Und alle werden sich freuen. Und ihn auslachen.

Entkommen, wieder einmal! Und wieder einmal nur fort, möglichst weit fort, am liebsten aus der Welt fort! Einschlafen und nie mehr aufwachen! Und er wird aber ja doch wieder aufwachen, auch diesmal, und wieder ein neues Leben anfangen, sein Leben bestand ja darin, immer wieder ein neues Leben anzufangen. Wie lange noch? Er wurde jetzt schon grau.

In dem ruhig rollenden Zug schlief er wirklich halb ein. Er war entkommen, er war geborgen; er wird vergessen. Und dann wird dies alles bei den anderen Erinnerungen liegen. Und wenn er später wieder einmal daran denkt, wird er lachen, wie er über die anderen Erinnerungen lacht. Er wird aber nicht oft daran denken, denn es wird ja dann wieder irgend etwas sein, dem er wieder entkommen muß, um sich wieder zu bergen und es wieder zu vergessen. Denn sich selber wird er ja niemals entkommen. Dazu hat er sich zu lieb. Er sieht ein, daß er sich selber ändern müßte. Er versucht es ja auch immer wieder, sein Leben bestand bisher aus lauter solchen Versuchen. Und dieser, dem er eben entfloh, wird auch noch nicht der letzte gewesen sein. Früher hat er sich in solchen Augenblicken immer gesagt: Jeder muß Lehrgeld zahlen, aber bis du nur erst älter sein wirst! Nun machte das Lehrgeld schon eine ganz schöne Summe, der Wunsch aber, älter zu werden, mäßigte sich, er hatte darauf auch kein rechtes Vertrauen mehr. Vielleicht war es überhaupt klüger, sich nichts zu wünschen. Er hatte sich niemals einen Wunsch versagen müssen, alle waren ihm erfüllt worden; es hielt aber keiner sein Versprechen. Vielleicht tun uns nur unerfüllte Wünsche gut! Vielleicht war es sein Unglück, sich keinen Wunsch versagen zu müssen. Aber das wird er wohl nie lernen, dazu müßte man doch anders erzogen sein. Und war er denn unglücklich? Er hatte sich oft getäuscht, Menschen hatten ihn betrogen, und weder in der Kunst noch in den Wissenschaften fand er Befriedigung. Das verdroß ihn oft, und wenn es ihn zu sehr verdroß, war er bisher einfach immer wieder abgereist. Sein Leben war hauptsächlich ein Abreisen. Wie ja jetzt auch wieder. In der Stadt wird es noch eine Zeit rumoren, die schöne Betrügerin wird vielleicht eingesperrt und es darf sich dort jetzt so bald kein Spiritist mehr blicken lassen, er aber, er ist einfach abgereist, er fährt heim zu seinem Bruder, der wird ihn nicht fragen, der fragt ja nie, dem war es übrigens auch gleich. Er ist wieder einmal abgereist und hat wieder einmal etwas hinter sich! Und es bleibt ihm nur die Erinnerung an zwei große, tiefe, fragende Kinderaugen. Diesmal waren sie grau, die Farbe wechselte; aber immer noch ist ihm schließlich von allem nichts als eine Erinnerung an ein paar Augen geblieben. Es wäre nun aber doch anmaßend, sich deshalb schon unglücklich zu nennen. Er würde sich vielleicht wohler fühlen, wenn er einmal Unglück hätte, ein klares, entschiedenes Unglück. Wenn er alles recht bedenkt, kann er höchstens sagen, daß er kein Glück hat. Und auch das ist eigentlich noch ungewiß. Er hat Geld, er tut und läßt, was ihm gefällt, er hängt an seiner Mutter, sein Bruder verwöhnt ihn, sein Name führt ihn überall ein, er hat die Welt gesehen, kennt die besten Männer der Zeit, gefällt den Frauen; wohin er kommt, ist er gut aufgenommen, man schätzt sein Talent, gönnt ihm seine Grillen und sieht ihm seine Launen nach. Wenn dies alles noch nicht zum Glücke langt, wer wäre dann glücklich? Was fehlt ihm denn noch? Nichts als das Gefühl, glücklich zu sein. Sein Bruder, der schon ein auffällig unbegabtes Kind war, eine lächerliche Frau und ein Rudel Kinder hat, jahraus, jahrein auf seinem Acker hockt, nicht viel besser als ein Bauer lebt und schon selig ist, wenn er einmal einen guten Gaul billig erhandelt, hat dieses Gefühl. Ja, der gerät dem Vater nach, der auch, nachdem er als flotter Dragoner sein bißchen Erbe verjuxt, immer noch guter Laune blieb; im Lande hieß er nur der Graf von Luxemburg, und richtig wurde sein holder Leichtsinn auch belohnt, er führte die reiche Braut heim. Das hat auch der Bruder: wenn er noch so bedrängt wird, doch unerschütterlich gewiß, daß es gut ausgehen muß; und so geht's auch immer gut aus. Und ihm selber geht's immer schlecht aus, vielleicht weil er alles schon mit dem Vorgefühl beginnt, daß ihm nichts glückt. Am besten wär's, nichts mehr zu beginnen. Er hat es ja schließlich doch nicht nötig! Ein Graf Flayn zu sein genügt. Er hat mehr gelernt, mehr gesehen, mehr getan, als in seinen Kreisen üblich, fast schon mehr, als in seinen Kreisen erlaubt ist. Wie leben denn die anderen? Jagd, Spiel, Sport, ein bißchen Landwirtschaft, Weiber und allenfalls noch etwas Politik. Wenn er sich dabei langweilt, kann er auch wieder malen. Das hat er sich ja doch auch nur durch den Ehrgeiz verleidet, ein Künstler zu werden. Wenn er bloß zum Vergnügen malen wird, reicht es schon. Es hätte sicherlich auch in der Wissenschaft gereicht, zum bloßen Vergnügen. Wie war der alte Herr in Leipzig stolz auf ihn, es schmeichelte ihm ja sehr, einen leibhaftigen Grafen im Laboratorium zu haben, aber daß ein Graf Ernst machen wollte, ganz wie irgendein Student, der es nötig hat, von dem Augenblick an war er ihnen verdächtig, das litten sie nicht, und er hatte plötzlich alle gegen sich. Und immer wenn er Ernst machte, überall. Brotneid? Vielleicht auch. Aber mehr wohl noch das Gefühl einer Anmaßung von ihm. Man wies ihn in seine Schranken. Nicht wir fühlen uns als Kaste, sondern die anderen. Was man unsere Vorurteile nennt, haben sie viel mehr als wir.

In solchen Gedanken überließ sich der Graf dem ruhigen Rollen des Zuges, das ihn in Schlaf sang. Es schwoll an, sank wieder ein, stieß wieder auf, immer in derselben Bewegung, immer im gleichen Takt, wirklich wie ferner einförmiger Trommelschlag. Und indem er sich dem einwiegenden Geräusch ergab, schien es Stimmen anzunehmen, und er bemühte sich, halb im Traum, zu hören, was die Stimmen sangen. Es quälte ihn, daß er sie nicht verstehen konnte. Er hatte das Gefühl, den Text zu kennen, und es wäre bloß an ihm, nur noch ein wenig besser acht zu geben, und er würde gleich wissen, was sie, nur wie hinter einem dichten Schleier oder aus einem tiefen Nebel, ihm sangen. Er strengte sich an, so sehr, daß er davon erwachte. Er saß auf und sah sich um, noch halb betäubt, ohne gleich recht zu wissen, was mit ihm war. Draußen das weite flache Land. Der Herbst. Die Sonne kam nicht recht durch. Und immer das gleiche ruhige Rollen. Da war ihm auf einmal, als ob jemand, dicht hinter ihm, laut gesagt hätte, deutlich war es zu hören: Still, auf gerettetem Boot! Unwillkürlich sprach er es leise nach, vor sich hin, die Finger im Takte dazu bewegend, im Takte des ruhigen Rollens. Es stimmte genau. Er besann sich auf den ganzen Vers, fand ihn nicht gleich und sprach ihn dann laut, es war, als spräche der ruhig rollende Zug:

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,
Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.

So saß er lange, mit dem Rollen summend, immer wieder von Anfang an, bis er auf einmal lachen mußte. In den Hafen der Greis! Er lachte vergnügt laut auf. Greis? Etwas früh. Er wird siebenunddreißig. Aber freilich, dem Gefühl nach! Doch das Gefühl ist veränderlich. Er hat sich mit siebzehn zuweilen uralt gefühlt, und wer weiß, wie jung er sich in vierzehn Tagen fühlen wird; es kommt dabei viel auf das Wetter an. Übrigens stimmt ja das mit den tausend Masten auch nicht ganz. Ein solcher Jüngling war er nie. Es ist ihm fast unheimlich, wie wenig sich sein Leben verändert hat, in den ganzen zwanzig Jahren. Es war immer wieder dasselbe, nur in einem anderen Kostüm. Und es schien ihm immer wieder doch noch nicht das rechte. Vielleicht hat er das von seiner Mutter. Die sucht es auch heute noch. Und sie hat doch alles! Nur hat sie nichts davon. Schönheit, Reichtum, Geist, eine geheimnisvolle Macht über Männer und Frauen, die Gabe zu gefallen, zu verlocken, zu beherrschen, nur die Ruhe nicht. Sie muß wandern. Sie zieht alle Menschen an und wirft sie dann weg. Das ist der Unterschied Zwischen ihm und ihr: ihn stoßen sie weg. Ja er hat das Gefühl: das Leben stößt ihn weg, so oft er danach greift. Ausgestoßen kommt er sich vor, immer wieder. Das Ergebnis ist ja aber schließlich dasselbe, sie leben beide immer auf der Flucht. Nur flieht sie vor der Ruhe, er nach Ruhe. Er möchte stets nichts als nur sich endlich einmal irgendwo geistig niederlassen können, und muß doch immer wieder fort. Als junger Mensch hat er gemeint, irgendein Buch finden zu müssen, aus dem er endlich die Wahrheit erfahren könnte, oder einmal einem Menschen zu begegnen, der ihm alles sagen könnte. So hat er die Wissenschaften abgesucht, erst Botaniker bei Wiesner, dann Chemiker bei Ostwald, in Schmollers Seminar, auf Richets Klinik, bei Freud in Wien, gleich darauf bei den Theosophen in London; und so die Kunst, als Maler, Radierer, Bildhauer, und so der Reihe nach alle Formen des Daseins, auf Schlössern, in den großen Hotels, mit Studenten, bei Kunstzigeunern, mit Tennisspielern. Und immer hat er anfangs geglaubt, jetzt endlich das Rechte zu haben, und immer hat er dann wieder bemerkt, daß man ihn nur eben so mittun läßt, aus Gnade, weil er ja ein sehr netter Mensch ist, und noch dazu ein Graf, von dem man doch auch wirklich nicht mehr verlangen kann. Wie jetzt wieder vor drei Tagen. Daß das Medium entlarvt wurde, Jeanne eine Betrügerin, seine Jeanne, das war es noch nicht, was ihn vertrieben hatte. Aber er hörte noch immer den Ton des jungen Mecklenburgers, der ihr den Karton aus den Haaren riß, den harten Ton voll Ungeduld: »Verzeihen Sie, Herr Graf, Ihnen ist es um die Sensation zu tun, uns aber um die Wissenschaft!« Und so sah er wieder, daß alle diese Menschen, mit denen er nun mehr als ein Jahr zusammenarbeitete, ihn unter sich nur so geduldet hatten; sobald es ernst wurde, war er weggestellt. Man nahm ihn überall freundlich auf und ließ ihn doch nirgends wirklich ein. Und der Geheimrat, in seinem Zorn, das Mädchen, für das er sich verbürgt hatte, ertappt zu sehen, konnte sich nicht enthalten und gab noch ihm die Schuld, der, während sie sich um ein Problem bemühten, dies zu einem Liebesabenteuer benützt, dadurch ihre wirklichen okkulten Kräfte geschwächt und so die Ärmste genötigt hätte, ihrer schwindenden Begabung mit unerlaubten Künsten nachzuhelfen; das hätte man aber davon, wenn man sich von Dilettanten ins Handwerk pfuschen läßt! Da war es wieder, das böse Wort, das ihn verfolgte. Sonst hatte man es ihm noch nie so derb ins Gesicht gesagt, aber der Geheimrat sprach in seiner Wut nur offen aus, was ihn alle fühlen ließen: er blieb für alle stets der hochgeborene Dilettant. Und in allen Tonarten bekam er es, spöttisch, geringschätzig, neidisch, ungeduldig und schadenfroh, immer wieder zu hören: Sie haben's ja doch auch, Gott sei Dank, nicht nötig! Es war wirklich wie eine geheime Verschwörung, er hätte manchmal mit jedem Handwerksburschen getauscht und wünschte sich, Meier oder Müller zu heißen. Was half es ihm, daß einem Grafen Flayn die ganze Welt offen stand? Er ging darin aus und ein, aber doch immer bloß auf Besuch; bewohnt wurde sie von den Meiers und Müllers. Und dann wundert man sich aber, daß der Adel heute nichts mehr leistet! Er hatte dem Maler Höfelind, dessen Schüler er eine Zeit war, einmal sein Leid geklagt, aber auch der, sonst so bereit, alles zu verstehen, sagte nur: »Ein tragischer Fall, aber Sie müssen zugeben, lieber Herr, von einer Tragik, die zu verschmerzen ist.« Niemand verstand es! Ja sogar seine Beziehungen zu den Frauen wurden dadurch unsicher. Ein Meier oder Müller weiß sich um seinetwillen geliebt, in ihm aber wurde vielleicht bloß der Graf umarmt; er hatte Beweise. Wenn er, ganz so wie er war, ein armer Schneider gewesen wäre, er hätte sicher im Leben mehr erreicht, jedenfalls in der Liebe. Denn da ging's ihm ja genau so! Er hatte Glück bei Frauen. Wenn er jetzt daheim sein wird und im Winter an den langen Abenden einmal alles ordnet, es muß ja schon eine ganze Bibliothek von Liebesbriefen sein! In allen Ländern, aus allen Ständen, von jeder Gemütsart. Er kann sie auch nach seinen eigenen einzelnen Phasen ordnen, eine botanische, eine chemische, eine theosophische, und so fort bis zu dieser trügerischen kleinen Jeanne mit den Meeresaugen, die doch ganz anders war als alle! Er wird sie der Reihe nach unter Wiesner, Ostwald, Schmoller und so fort registrieren, jede war ja wirklich, als ob er sie sich eigens für diese Phase ausgesucht hätte! Doch stimmt das eigentlich ja nicht, denn er kann nicht sagen, daß er sich die Frauen je gewählt hätte. Wie er nicht ohne Musik leben kann, so sind ihm Frauen notwendig, seiner Seele mehr als seinen Sinnen. Er braucht immer eine Frau, aber welche, darüber ist er sich nie klar geworden, sondern das hatte sich immer inzwischen schon wieder ganz von selbst gemacht. Er wurde stets im entscheidenden Augenblick erst gewahr, daß er verliebt war, nämlich wenn es bereits entschieden war. Er hätte in keinem Fall sagen können, wann es eigentlich angefangen hatte. Geradeso wenig, als wann es aus war. Es fiel ihm jetzt erst auf, daß er eigentlich auch nie mit einer Frau gebrochen hatte. Eigentlich ja jetzt auch nicht, auch mit Jeanne nicht: sie hatte, da der Betrug bewiesen war, ohne ein Wort das Haus verlassen, und er war abgereist. Eigentlich ohne Grund gegen sie: das Medium hatte betrogen, nicht die Geliebte. Freilich konnte man nach dem Skandal nicht gut von ihm verlangen, daß er, schon lächerlich genug, noch Lust hätte, sich mit einer so zweideutig gewordenen Person bloßzustellen, wenn es auch die Tochter eines russischen Staatsrats war, vortrefflich empfohlen und in der besten Gesellschaft eingeführt. Wenn er sie geliebt hätte, wäre er wahrscheinlich auch auf und davon, aber mit ihr. Wenn er mit ihr den Winter über nach Rom oder an die Riviera ging, dort fragte kein Mensch danach. Und sie hatte das ja nicht einmal abzuleugnen, was war denn schließlich geschehen? Sie hatte sich den Spaß gemacht, die gelehrten Herren zum Narren zu haben, anderthalb Jahre lang, bis sie gar zu dreist und im Vertrauen auf die Blindheit dieser Toren nachlässig und endlich unversehens erwischt wurde. Gut erzählt, sprach diese Geschichte nur für den Geist, die Besonnenheit und das Glück des kecken Fräuleins, das anderthalb Jahre lang der strengen Wissenschaft einen solchen Possen gespielt, und setzte sie sich gar noch hin und beschrieb wohlgelaunt, wie geringen und billigen Zauberkünsten die hochmächtigen Professoren aufgesessen waren, so konnte sie des Beifalls aller klugen Leute gewiß sein, gar aber der aufgeklärten Zeitungen, die ja der verpönten Geisterseherei von Herzen eine solche Beschämung gönnten. Er hatte wahrlich nicht nötig, sich mit ihr zu verkriechen, sie konnten im Triumph durch die Welt ziehen, allen freien Geistern und Aufklärern überall willkommen, und wenn er freilich gestehen mußte, ja selbst auch von ihr getäuscht worden zu sein, wer hätte das den Augen der Liebe nicht verziehen? Wenn sie's darauf angelegt hätten, aufzufallen, interessant zu werden und sich in Mode zu bringen, sie hätten es nicht besser treffen können. Derlei mochte vielleicht Jeanne wirklich verlockt haben. Ihrem Ehrgeiz sah das gleich, und kein anderes Motiv paßte. Sie war aus guter Familie, hatte reichlich zu leben, war bestens empfohlen, hielt sich von den anderen Russen, den Studenten, Malern und Literaten, fast geflissentlich fern, und ohne den leisen slawischen Akzent, der ihm an ihr so sehr gefiel, hätte man eher auf Lübeck oder Kiel geraten: gar nichts von Boheme, ganz unverdächtig, und gar die Tante, die sie bei sich hatte, rund, gutmütig, ein bißchen ängstlich, schloß jedes Abenteuer aus. Als sie von den Experimenten des Professors vernahm, schien sie bloß aus Neugierde das auch einmal sehen zu wollen. Sie tat ungläubig, ohne freilich die merkwürdigen Erscheinungen leugnen zu können, deren Zeuge sie wurde. Die Hypnose schon schien ihr unglaublich. Man schlug ihr halb im Scherz vor, sich einmal einschläfern zu lassen; sie hatte Furcht, doch die Neugierde war stärker, es gelang, sie staunte, noch immer ungewiß, die Versuche wurden wiederholt, bloß um sie zu bekehren, und bald zeigte sich ihre ungewöhnliche Kraft. Er war doch von Anfang an dabei gewesen, und wenn er sich erinnerte, wie dies von Sitzung zu Sitzung alles erst allmählich entdeckt worden und sie zu ihrer eigenen Überraschung auf einmal ein Medium war, konnte er noch immer an den Betrug nicht glauben, der doch aber bewiesen war, vor aller Augen bewiesen, handgreiflich bewiesen, und ohne daß sie sich auch nur mit einem Wort verteidigt hätte! Warum aber?, hatte der Professor gefragt, als sie fort war. Keiner konnte sich's erklären. Jetzt erst erinnerte sich Franz, daß sie zuweilen ihren Spott über die deutschen Gelehrten nicht unterdrücken konnte. Sie sind, hatte sie einmal gesagt, so fürchterlich gescheit, daß sie davon ganz dumm werden! Und so war es vielleicht wirklich nur der Versuch eines vorwitzigen Kindes, die strenge Wissenschaft hinters Licht zu führen? Aber ihn hätte sie doch ins Vertrauen ziehen müssen! Doch konnte er wieder eigentlich noch froh sein, daß ihm die Wahl erspart blieb, entweder das geliebte Mädchen zu verraten oder seine wissenschaftlichen Freunde zu täuschen, er hätte auf jeden Fall die schlechteste Figur gespielt.

Der Zug hielt, da standen auch seine Gedanken still. Er trat ans Fenster, der Nebel war weg, dort glänzten die Berge. Er hatte sie lange nicht gesehen. Dort war seine Heimat. Noch anderthalb Stunden, und er ist daheim, sein Bruder steht an der Bahn und lacht ihn mit seinen weißen Zähnen an, ist ein bißchen verlegen, weiß nicht, was er sagen soll, und redet daher furchtbar viel, dann fahren sie durch die alte Stadt, die hat sich auch nicht verändert, und fahren durch die alte Allee, die großen Hunde heulen, es werden nicht mehr dieselben sein, aber sie heißen gewiß noch immer Waldl, Lian und Cäsar, er ist wieder daheim.

Auch ein Zeichen, daß er alt wird, diese Rührung, heimzufinden. Er hat das sonst nie gehabt. Seine Mutter, schon über sechzig, hat es heute noch nicht, ihre Heimat bleibt der Schlafwagen. Sonst wenn er von Rom nach Berlin fuhr, war ihm die Heimat nicht den Umweg von drei Stunden wert. Es muß an die zehn Jahre her sein, daß er sie nicht mehr gesehen hat. Er hätte sich's ja noch vorige Woche nicht träumen lassen. Er hat seinen Bruder sehr gern, doch das kann er auch aus der Ferne; sie haben sich eigentlich ja nichts zu sagen. Nur nach seinem Lachen, diesem Lachen mit den großen weißen Zähnen, hat er sich manchmal gesehnt, aber dann vergißt man das halt wieder. Er hätte die schöne Stadt gewiß öfter besucht, wenn er nur nicht dort daheim gewesen wäre. Gerade das hat ihn abgeschreckt. Es fällt ihm jetzt erst auf, daß er jahrelang, wenn er einmal zufällig an die Heimat dachte, gar nichts dabei gefühlt hat als Furcht, sich zu langweilen, so gräßlich, daß er es gewiß nicht zwei Tage lang ausgehalten und durch rasche Flucht nur den Bruder gekränkt hätte; der konnte sich ja gar nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben, so verschieden waren sie, deshalb verstanden sie sich so gut. Merkwürdig: auf einmal hat er nun aber keine Furcht mehr, sich zu langweilen. Er wünscht es sich fast. Lauter Zeichen, daß er alt wird; auf die Jahre kommt's ja nicht an: er fühlt sich alt, er ist müde, was soll er noch draußen? Er hat nichts mehr zu suchen, er will nichts mehr. »Still, auf gerettetem Boot!« Und es ist ja wirklich ein Hafen, keine Woge der Welt schlägt herein. Wie stark muß diese Stadt doch eigentlich sein! Mitten in Europa, von Fremden überlaufen, und weiß nichts davon, bleibt sich treu, lebt unberührt ihr altes Leben fort. In Toledo hat er oft an sie gedacht. Dort ist auch mitten in der Gegenwart die Vergangenheit so stark geblieben, daß die Zeit erstaunt stillgestanden ist. Auch in Toledo hielt er es damals nicht aus. Diese furchtbare Stille! Und der quälende Gedanke, daß draußen die Zeit rauscht und – verrauscht! Ja damals war er noch jung! Jetzt hat er längst genug von dem Geräusch der Zeit; oder wenigstens vorläufig. Es kann ja sein, daß er sich wieder ändert. Vielleicht ist es bloß eine Stimmung, ein Anfall von Enttäuschung und Ermattung, er kennt das doch, es ist ja nicht zum ersten Mal, doch so heftig war freilich noch keiner. Die Welt ist ihm schon öfter eingestürzt, jetzt aber auch alle Lust, ja jedes Bedürfnis, eine Welt zu haben. Sie wieder aufzubauen, aber nun auf festem Grunde, war sonst sein erster Gedanke, noch mitten im Erdbeben. Jetzt hat er keine Hoffnung mehr, festen Grund zu finden. Doch wer weiß? Vielleicht kommt sie wieder. Soll er es sich wünschen? Noch einmal anfangen, wie so oft, um am Ende doch wieder sein schönes Vertrauen, seinen Eifer, sein treues Bemühen wieder betrogen zu sehen, wie noch jedes Mal? Er gehört nicht zu den Menschen, denen die Lust an der Arbeit selbst schon Lohn genug ist. Daß sie sich bemühen, ihre Kraft üben, in Tätigkeit sind, behagt ihnen, auch wenn es nichts einbringt. Ihm aber, wenn er sich bewegen soll, genügt es nicht, Bewegung zu machen. Er will etwas getan, geleistet, bewirkt haben. Er braucht einen Zweck, er muß ein Ziel sehen. Auf der Jagd schießt er gut, auf die Scheibe langweilt's ihn. Nur das Ergebnis, auf das er hofft, läßt ihn Kraft finden. Er ist nämlich im Grunde faul, darüber hat er sich nie getäuscht. Er überwindet seine Faulheit nur, wenn ihm ein Preis winkt. Jetzt aber winkt ihm nichts mehr, seit er weiß, daß wir nichts wissen können. Der letzte Versuch, die Wahrheit von drüben zu holen, aus Geistermund, ist ihm ja nun auch mißlungen. Wozu noch fragen, wenn er weiß, daß niemand antwortet? »Erkennen, daß wir nichts erkennen können, ist auch Erkenntnis, und die höchste; die Wahrheit, daß es keine Wahrheit gibt, erlöst uns von allem Übel,« hat ihm der alte Fritz Mauthner einmal gesagt. Aber das ist kein Trost für ihn, von solcher Erkenntnis, solcher Wahrheit hat er nichts, weil er ja gar nicht um der Erkenntnis willen erkennen will, er ist kein Faust, er will nur so viel wissen, als er braucht, um richtig handeln zu können. Was soll ich?, auf diese Frage will er Antwort. Damit hat's angefangen und seit er an der Antwort verzweifelt, hat's aufgehört. Das geht tief in seine Kindheit zurück. In seinem ganzen Leben wiederholt sich fortwährend ein Erlebnis, das schon den Knaben quälend traf. Schon der Knabe bemerkte, daß er zuweilen unverdient gelobt, dann aber wieder ungerecht gescholten wurde. Mit dem besten Willen richten wir Schaden an, die beste Meinung bewahrt uns vor üblen Folgen nicht, während umgekehrt wieder Unbedachtes wohl gerät, ja böser Wille sogar Gutes stiften kann. Das hat ihn von Kindheit auf verwirrt, bedrückt, gelähmt. Die schönsten Vorsätze sieht er oft an sich und anderen versagen, die besten Absichten zuschanden, ja geradezu wie durch einen schadenfrohen Kobold ins Böse verkehrt werden, Leichtsinn aber, Nachlässigkeit, selbst unverhohlene Bosheit sieht er gut enden. Das Rechte zu wollen, genügt also offenbar nicht, um richtig zu handeln; ja es scheint zuweilen fast, als ob der gute Wille, statt die rechte Tat zu verbürgen, ihr eher gefährlich wäre, wie wenn durch ihn gerade die List, der Übermut, die Tücke verborgener Widersacher herausgefordert würden, während böser Sinn und schlimme Meinung wieder auf gute Geister stoßen, denen es gelingt, was verderblich gemeint war, zum Segen zu wenden. Darum hat er schon als Kind nichts lieber als Gespenstergeschichten von Kobolden und boshaften Zwergen gehört; um jeden Menschen stritten Engel und Teufel, selbst kann keiner dafür, wie es ausgeht. Dagegen empörte sich dann aber, als er älter wurde, sein Stolz. Das hat ihn zur Wissenschaft getrieben: er sucht Erkenntnis nicht um der Erkenntnis willen, sondern weil er eine Sicherheit, richtig zu handeln, will, nämlich so zu handeln, daß der Absicht die Wirkung entspricht, daß der Gute dabei nun auch gewiß ist, Gutes zu tun, der Böse Böses, daß der Mensch seine Taten selbst bestimmt, nicht der Streit himmlischer mit höllischen Mächten um ihn. Das ist sein Problem geblieben, bis auf den heutigen Tag. Immer noch findet er es überall wieder. Es ist doch auch das Problem seines Vaterlands; er hat es in jungen Jahren schon an seinen eigenen Leuten erlebt. Die Flayn sind ein altes rein deutsches Geschlecht, dessen andere Linie nach der Schlacht am Weißen Berge mit Gütern in Böhmen beteilt worden ist und sich dann aber, seit so langer Zeit unter Tschechen lebend, allmählich auf ihre Seite gestellt hat. Beim Onkel Ferdinand hat er als Gymnasiast in den Ferien jagen und so viel Böhmisch gelernt, um sich mit den Verwaltern, Gärtnern, Holzknechten zu verständigen; der aufrechte, feste, treue Menschenschlag ist ihm in der schönsten Erinnerung. Die Tante Theres, seiner Mutter ältere Schwester, hat einen Triestiner Reeder geheiratet, der mit seinen großen schwarzen Augen, seiner ungeheuren Nase, seinem mächtigen Kopf fast türkisch aussieht, im Ungestüm seines heftigen und beweglichen Wesens aber, in der Beredsamkeit seiner lebhaften Hände und an Gesinnung ein Italiener ist. Seine Verwandten auf Chios und in Smyrna, richtige Levantiner, aus griechischem, albanischem und venezianischem Blut zusammengebraut, zu denen der Oheim den Neffen nach der Matura bringt, lehren ihn eine Freiheit der Sitten, eine Wärme des Lebens, eine Hingebung an den schönen Augenblick kennen, um die noch ein Hauch heidnischer Heiterkeit schwebt. So findet der Jüngling in der eigenen Familie schon, wie verschieden die Arten der Menschen sind, und wird zugleich gewahr, daß es doch in allen derselbe Mensch ist. Sie wollen schließlich alle dasselbe, und nur weil es jeder auf seine Art will und der des anderen nicht traut, hassen sie sich. Sie haben alle recht, und alle tun einander unrecht. Sie meinen es alle gut, aber es entsteht daraus der ewige Krieg. Auch den Völkern, wie den einzelnen, wird die beste Absicht zum Fluch. Das ist es, was ihn zu den Wissenschaften trieb. Richtig handeln hat er lernen wollen. Es scheint aber ein Mißverständnis gewesen zu sein. Danach fragt die Wissenschaft nicht, darauf antwortet sie nicht. Ihre Fragen aber und ihre Antworten sind ihm gleichgültig. Sie helfen ihm doch nicht; all ihre Weisheit läßt ihn dem Zufall preisgegeben, und das ist ihm unerträglich. Man mißversteht ihn immer wieder. Er ist gar kein Moralist, er will nicht die Welt verbessern, und schon gar nicht sich selbst; er hat nicht den Ehrgeiz, gut zu handeln. Aber selbst will er handeln: wenn er etwas tut, soll es das bewirken, was er damit meint! Es hat ihn oft gewundert, daß sich kein anderer Mensch darum zu kümmern scheint. Wenn man es nur gut gemeint hat, so glaubt man sich von aller Schuld an der bösen Wirkung losgesprochen, und wieder, wenn es nur gut ausgeht, so wird auch die schlechte Absicht verziehen. Er denkt da ganz anders. Wenn er die Wahl hätte zwischen einem, der in der besten Meinung Übles tut, und einem, der das Böse, das er will, auch erreicht, dieser wäre ihm weitaus würdiger, ein moralischer Mensch zu heißen als jener. Oder wenn es doch einmal dem Menschen versagt bleibt, selbst seine Tat zu bestimmen, welchen Sinn hat es dann, noch zu loben und zu tadeln, zu bewundern und zu verachten, überhaupt irgendeinen Unterschied zu machen, je nach der Begabung oder nach der Gesinnung, die ja doch nichts bedeuten, wenn wir alle bloß ein Spielzeug des Zufalls oder unbekannter, willkürlich waltender, Verdienst wie Schuld vernichtender Mächte sind? Dann lasse sich doch jeder treiben, wohin der Wind ihn weht! Dann ist doch alles Wahn, womit die Menschheit prahlt! Nichts bleibt dann übrig, als daß der eine Glück hat und ein anderer Unglück, ja selbst Glück und Unglück sind dann bloß ein Schall, weil ja niemand eigentlich sagen kann, warum es dann noch ein Glück sein soll, Glück zu haben. So weit war er jetzt fast. Nach zwanzig Jahren in Wissenschaft und Kunst hat er es dahin gebracht, jeden zu beneiden, der sich dumpf von Tag zu Tag seinen Sinnen überläßt, Haß und Liebe, Neid, Eifersucht und Gier, Lust und Leid, was immer die Stunde bringt. Irgend etwas in ihm will sich noch immer dagegen wehren, aber das ist wohl bloß der dumme Stolz, der uns anerzogen wird: wir wollen uns durchaus überreden, mehr als die übrigen Tiere zu sein, und erreichen damit doch nichts, als das einzige Tier zu werden, das sich lächerlich macht; dazu allein dient unsere gepriesene Vernunft. Wahrscheinlich haben das alle wirklichen Menschen zuletzt erkannt. Es endet ja stets mit dem großen Schweigen. Die das Leben durchschaut haben, verstummen. Wer noch nicht so weit ist, würde ihnen ja doch nicht glauben. Und wer schon selbst so weit ist, braucht sie nicht. Und etwas Schadenfreude mag auch dabei sein: warum soll es den anderen erspart bleiben, selber auf den Grund zu stoßen, den Urgrund unseres Lebens, wo dann alles sinkt und weicht und nichts mehr als der ewige Schlamm ist? Schweigen und den anderen zusehen, die noch nicht im Schweigen angekommen sind. Es muß ganz lustig sein. Schweigen, im alten Schloß sitzen, die Fenster im Winde knarren und die Raben des schlafenden Kaisers um den Berg krächzen hören, durch die stille Stadt spazieren, mit dem Bruder ausreiten, auf die Jagd gehen, den Onkel Erhard auf die Regierung schimpfen lassen, mit der Hofrätin Zingerl, wenn sie noch lebt, Patiencen legen und beim Domherrn Zingerl vortrefflich essen, gelegentlich auch vielleicht wieder ein bißchen malen, aber bloß zum Zeitvertreib, ganz ohne Ambition, und schweigen, alle Gedanken schweigen lassen und alles Gefühl, sich das ganze Leben verschweigen und nichts mehr sein, als was er offenbar von Anfang an hätte bleiben sollen: ein richtiger Graf, der doch weiter nichts nötig hat. Es war Größenwahn, wenn er sich schmeichelte, nach den mütterlichen Ahnen zu geraten, nach den Lidingers. Nein, er hatte von diesen zähen, schlauen, argen Weinbauern, Viehhändlern und Gastwirten nichts, aus deren aufgesparter Kraft zuletzt dieses Prachtexemplar aufgestiegen war, der Rupertus Lidinger, der Himmelwirt, seiner Mutter Vater. Er erinnerte sich des Alten noch so gut, der immer noch jeden Morgen im Bräuhaus an der Arbeit stand, auch als ihm das Himmelbier schon Millionen und einen Grafen Flayn zum Schwiegersohn eingebracht hatte. Wenn Franz, so streng ihm das von der Mutter verboten war, entlief, um die Brauknechte hantieren zu sehen, sagte der Alte stets: »No, kleins Graferl, wie geht's, was machst immer?« Dann gab er ihm einen derben Klaps und, wenn er besonders gut gelaunt war, ein Heiligenbildl, zog das Käppchen, und seine listigen Augen wurden noch kleiner, wenn er ihm zum Abschied einen schönen Gruß an die Frau Gräfin auftrug, an die Frau Mama, wie er zwinkernd sagte, die hellen As ausdehnend in seinem offenen, zahnlosen Munde. Höfelind hat ihn gemalt, zuerst für die Mutter auf Bestellung und dann noch ein zweites Mal, als eins in der berühmten Reihe von symbolischen Bildern, die der Meister den »Kreis der Menschheit« nennt; das reist jetzt in der ganzen Welt herum, Franz hat es zuletzt auf der Internationalen in Venedig gesehen, der Kopf wirkt ganz antik, Höfelind hat die Ähnlichkeit mit dem Seneka vielleicht noch bewußt gesteigert. Der Großvater war damals, als er zu dem ersten Bilde saß, an die Neunzig; er hat sich alle die Jahre, die Franz ihn kannte, ja kaum mehr verändert, bis er eines Tages, mitten in der Arbeit, einhielt, weil ihm heute »nicht recht richtig« sei, zusammensank und tot war. Er hatte sich in jungen Jahren mit der Tochter eines Holzhändlers und, als sie im ersten Wochenbett gestorben war, mit ihrer Schwester verheiratet. Die beiden feierten zusammen die silberne Hochzeit, und als auch sie starb, nahm er als rüstiger Fünfziger eine dritte Frau, die Tochter des Notars, eines Reichsritters von Geßling, ein hochfahrendes, ältliches, immer kränkelndes Fräulein. Franz erinnerte sich nur noch, daß die Großmutter den ganzen Tag auf dem Sofa lag und Romane las, und wenn er mit dem Bruder lärmte, wurde sie sehr bös, und niemand durfte zu ihr als der Schulrat Knopf, der außerdem auch dichtete, und zuweilen der Domherr, damals noch Kaplan Zingerl, der überhaupt herzleidenden Damen gern zur Beruhigung verordnet wurde. Sie hatte dem Himmelwirt zu seinen fünf Töchtern aus der zweiten Ehe, die längst alle, gut verheiratet, als brave Wirtinnen, Offiziersfrauen oder Hofrätinnen rings im Lande saßen, noch zwei geboren, davon die ältere ein unauffälliges, heiteres, zufriedenes Geschöpf war, die jüngere aber ein launenhaftes, höchst eigensinniges Kind, von einer merkwürdigen Macht über alle Menschen, von der es bald den selbstsüchtigsten Gebrauch machte, sogar gegen den Vater, der sonst keinen anderen Willen gelten, aber von der kleinen Prinzessin sich alles gefallen ließ, fast als ob ihm in ihr seine eigenen geheimsten Wünsche lebendig geworden wären und er sich gefreut hätte, dem verborgenen Ehrgeiz, der Hoffart, dem unbändigen Stolze, der Herrschsucht, der Üppigkeit, die er sich selber klug hatte versagen müssen, in seinem Kinde nun endlich die Zügel schießen zu lassen. Sonst so geizig, ließ er sich ihre Launen jeden Preis kosten, eine Französin, eine Engländerin, ein ganzer Stab von Lehrern für Singen, Tanzen, Reiten, Malen, Fechten, ein Troß von Jungfern, ein Kranz von Freundinnen mußten ins Haus, das ihr bald zu klein wurde, das ihr nicht vornehm genug war, an der Landstraße, mit dem Blick auf die Brauerei hinüber. Sie war fünfzehn, als sie zu Weihnachten auf ihren Wunschzettel schrieb: Die Arnsburg. So hieß das Schloß auf der bewaldeten Höhe, wo seit alter Zeit die Flayns saßen. Nun stand es feil. Der alte Graf, ein toller Herr, hatte seinen Söhnen nichts als Schulden hinterlassen, und sie, gar der ältere, trieben es noch ärger. Der war der beste Reiter der Armee, berühmt durch seine wilden Streiche. Pächter betrogen ihn, das Gut brachte zuletzt die Zinsen der Schulden nicht mehr ein. Der Himmelwirt fand den Geschmack seines verwöhnten Töchterleins nicht schlecht, und zu Weihnachten bekam es richtig die Arnsburg. Der Himmelwirt lachte. Fünf Jahre waren seitdem vergangen, als der Graf Flayn beim Himmelwirt um die Hand des Töchterleins anhielt. »Stimmt!« sagte der Himmelwirt, »erst das Schloß, dann den Grafen selbst, alles in Ordnung!« und lachte. Sie hatten sich auf einem Lloyddampfer kennen gelernt. Sie fuhr mit der Schwester zu den Verwandten des Schwagers nach Smyrna, er war auf Urlaub, man gab ihm eine Frist, seine Schulden zu zahlen oder den Abschied zu nehmen, er nahm die reiche Braut. Der Himmelwirt, erst etwas mißtrauisch, beruhigte sich bald, da sein Töchterlein das Regiment im Hause behielt. Der Graf, der Humor hatte, sagte später gern: »Ich hatte gar nicht vor, aus Liebe zu heiraten, ich hielt es für eine Vernunftheirat, das war aber ein Irrtum.« Er gab es bald auf, seinen Willen zu haben, und ließ sich von der wunderschönen, ja weit klügeren, viel jüngeren Frau, die er bewunderte, in die er bis über die Ohren verliebt war und vor der er Angst hatte, willig beherrschen. Er sagte gern: »Meine Frau hat nur den einen Fehler, daß sie viel zu vornehm für mich ist.« Das war gar nicht so witzig gemeint, als es klang. Bald stand er mit dem Alten viel besser als mit ihr, die ihm oft fast unheimlich war, weil er um sie, auch als sie schon die beiden Söhne hatten, eigentlich immer wieder werben mußte. Der Alte freute sich, daß es auch dem Grafen nicht gelang, ihren starren Sinn zu brechen. Franz erinnerte sich, wie sie zuweilen zu dritt unter der Linde saßen, er zwischen dem Vater und dem Großvater, mit den Beinen baumelnd, da meinten sie, er höre nicht zu, wenn sie sich über die Mutter berieten, er aber tat nur so, doch insgeheim auf jedes Wort lauschend. »Du mußt ihr einmal ordentlich den Herrn zeigen,« sagte der Alte, wodurch er noch mehr in der Achtung des kleinen Enkels stieg. Aber der Graf erwiderte: »No sie war ja bei der heutigen Audienz sehr gnädig!« Das ist ihm unvergeßlich geblieben, weil er, nach Jahren noch, immer wieder daran erinnert wurde. Er lernte viel später erst verstehen, wie treffend das gesagt war. Mit wem immer sie sprach, jeder hatte dabei das Gefühl, in Audienz zu sein. Auch ihre Kinder. Er geriet doch sonst nicht leicht in Verlegenheit, aber nie kam er sich so klein, unbedeutend und überflüssig vor als unter ihrem immer etwas ermüdeten, künstlich huldvollen Lächeln. Er fühlte sich ausgezeichnet, aber unbefriedigt. Auch bekam sie meistens bald Migräne, das mochte sie von der Großmutter haben. Und so war er denn stets, eben wenn er begann, sich vor ihrer verwirrenden Schönheit ein Herz zu fassen, schon wieder entlassen. Er ärgerte sich dann über seine blöde Schüchternheit, er hätte sie doch so viel zu fragen, ihr so viel zu sagen gehabt, aber sie wurde gleich müd. Ein solches Bild von Schönheit, Anmut und Würde zu sein strengte sie doch offenbar sehr an. In der Ferne hat er sich oft fast krank nach ihr gesehnt, aber wenn er dann wieder vor ihren gleichgültig lächelnden, die Welt beglückenden, aber auf keinen im besonderen gerichteten Augen steht, wünscht er sich immer nur, lieber schon wieder fort zu sein. Höfelind hat einmal erzählt, daß er, als er sie malte, nach einer halben Stunde stets davonlief und sich draußen fünf Minuten lang laut in den gemeinsten Redensarten und rohesten Kernflüchen erging, in dem Bedürfnis, wie er sagte, sich zu vergewissern, daß er trotzdem noch ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut sei; es geht einem der Atem aus in ihrer Nähe, die Luft wird zu dünn, man schnappt nach erwärmender menschlicher Gemeinheit – das Bild auf der Leinwand war ja wirklicher als sein unirdisches Original!

Franz fuhr auf. Sie waren ja schon auf der Brücke, da liegt seine Heimat! Es ist doch ein eigenes Gefühl, nach so vielen Jahren. Und jetzt wird sein Bruder am Zuge stehen und winken und lachend alle seine weißen Zähne zeigen und ihn vor allen Leuten abküssen und ein bißchen verlegen sein und sehr viel reden, aber immer wieder dasselbe, bis das Gepäck besorgt und die Revision erledigt ist, worauf er unvermeidlich sagt: »Also wenn's dir recht ist, treten wir jetzt die Himmelfahrt an!« und so herzlich lacht, als wenn er diesen Witz eben im Augenblick erst erdacht hätte. Zu seiner eigenen höchsten Überraschung. Das Wirtshaus an der Landstraße, wo die Lidingers seit Menschengedenken hausten, war »Zum blauen Himmel« benannt, und so wurde, als der Großvater zu brauen begann, sein Bier danach das Himmelbräu getauft, und als dann allmählich ringsherum ein ganzer Ort entstand, nannte der Volksmund auch ihn »im Himmel«. Wenn sie nun als Buben aus Kremsmünster auf Ferien kamen und endlich die Kutsche bestiegen, die sie vor dem Bahnhof erwartete, sagte der Anton stets: »Jetzt beginnt die Himmelfahrt!« Und er kennt den Bruder doch, der schenkt ihm das nicht, der wäre zu sehr gekränkt, wenn er nicht feierlich einstimmt: »Also auf zur Himmelfahrt!«

Zweites Kapitel

Und richtig sah er von weitem schon das lachende rote Kindergesicht Antons, der, bevor der Zug noch hielt, schon am Waggon war, die Hand des Bruders ergriff und, das spitze grüne Hütchen schwenkend, rief: »Herzlichst willkommen!« Ja dies schien ihm noch nicht feierlich genug zu sein, er schwang das Hütchen wieder, drückte die Hand noch fester und sagte, mit dem langsam einfahrenden Zug gehend: »Herzlichst willkommen in der alten Heimat!« Und schon war er drin, umarmte Franz, hatte gleich einen Träger mit, und wie Franz ihn nun mit wichtiger Miene den Zollbeamten gebieterisch herablassend behandeln sah, mit dem gewissen Blick, der voraussetzt, daß ihn jeder kennen muß, fand er sich gleich wieder ganz daheim: das Vaterland war unverändert, diese drohende, stumme Frage: »Wissen Sie nicht, wer ich bin?« gab es doch wirklich nur hier! Und schon saßen sie im Wagen und Anton redete, verlegen und aufgeregt vor Glück, den Bruder wieder zu haben, auf den er so stolz war, redete sehr schnell, alles durcheinander, über den neuen Wagen, in dem sie saßen, über die Pferde, die sie zogen, und wie sich die Gabsch auf ihn freut, sie hat ihn durchaus auch abholen wollen, aber dann hätten sie den großen, Wagen nehmen müssen, Gabsch wird dick, und er will auch zuerst eine Zeit ganz allein mit ihm sein, endlich wieder einmal, nach so langen, langen Jahren! Grauslich war das von ihm, sich so gar nicht mehr um sie zu kümmern, auch die Kinder freuen sich riesig auf ihn; Gabsch wär gern im Auto gekommen, in der Brauerei haben sie ja jetzt ein Auto, pikfein, »aber ich weiß nicht, es ist doch nicht das richtige Vergnügen, im Auto komm ich mir immer ein bißchen vor, als ob ich ein Jud wär!« Und er redete fort, unaufhörlich, nur zuweilen sah er von der Seite zärtlich auf den schweigenden Bruder hin, lachte mit seinen großen weißen Zähnen und sagte froh: »Weilst nur aber wieder da bist!« Franz dachte: Ich bin siebenunddreißig, er einundvierzig, und doch ist er um zehn Jahre jünger als ich, aber vielleicht werd ich ja hier auch wieder jung!

Sie fuhren durch die Stadt. An ihrem Rande hatte sich zwischen die lieben alten Häuser schon manches neue gedrängt, scheußlich. Wer das Innere war unversehrt. Auf jedes neue scheußliche Haus wies Anton hin und sagte stolz: »Siehst? wir lassen uns nicht spotten, es geht schon auch vorwärts. Nur ein bißl mehr Geld müßten wir halt haben.«

Aber die Stadt selbst war unverletzt, mit den engen Gassen, den großen stillen Plätzen, den alten Kirchen. Franz wunderte sich jetzt, daß er sie je mit Toledo hatte vergleichen können. Ja: beide waren sich treu geblieben und ließen die Zeit nicht ein, aber Toledo drohend aufgereckt, zornig abwehrend, ergrimmt, was diese hier gar nicht nötig zu haben schien, so des eigenen Wesens in aller Ruhe gewiß. Ihre stille Heiterkeit, die gelassene Zuversicht, diese große freie Selbstverständlichkeit, mit der sie für die Ewigkeit da stand, wie sonst nur lateinische Städte, war ihm neu. Er fand wieder einmal bestätigt, daß Österreicher ihr Vaterland erst erkennen, wenn sie lange weg gewesen sind; daheim wissen sie von der Heimat nichts. Jetzt aber war ihm, als ob er sich niemals, niemals mehr würde von ihr trennen können. Mit Macht kam das auf einmal über ihn, er hätte am liebsten laut aufgeweint. Er war aber froh, daß Anton nichts davon bemerkte. Der redete noch immer fort. Als sie jetzt aber aus der Stadt waren und in die Allee bogen, hielt er ein, sah den Bruder listig an und fragte, seine großen weißen Zähne zeigend: »Was aber kommt jetzt?« Franz nickte nur. Und Anton sagte: »Jetzt beginnt die Himmelfahrt. Erinnerst dich noch?« Franz wiederholte, leise: »Ja jetzt beginnt die Himmelfahrt!«

Und sie schwiegen. Auch Anton redete jetzt nicht mehr. Sie waren schon auf eigenem Grund.

Dann fragte Franz plötzlich, tief aus sich herauf: »Und die Mutter? Sie hat mir lange nicht geschrieben.«

»Dir auch nicht?« fragte Anton verwundert.

»Sie war auch schon lange nicht mehr hier?« fragte Franz. Anton wurde verlegen, lachte dann aber und sagte: »Ihr habt beide, sei mir nicht bös, in den letzten Jahren etwas viel gebraucht. Nun natürlich! Es soll ja durchaus kein Vorwurf sein, glaub nur das nicht, ich begreif's ganz gut. Ihr in der großen Welt, da kann man sich nicht einschränken, das sollt ihr auch nicht, der Gedanke würde mich unglücklich machen! Eine Frau wie die Mutter, ein Mann wie du, ihr mit euren glänzenden Anlagen! Und es wär auch nicht übel, wenn wir das nicht noch aufbringen könnten! Lächerlich! Nur muß ich es aber rechtzeitig wissen, wenn es sich um einen unverhältnismäßig größeren Betrag handelt. Wenn ich's rechtzeitig weiß und mir einteilen kann, geht's immer, aber wenn ich gerade nicht darauf gefaßt bin, im Handumdrehen, da wird's mir schon oft recht fatal. Und das hab ich ihr geschrieben! Sie glaubt ja, daß sich alles telegraphisch erledigen läßt. No und da kam ich in Ungnade, weißt ja, wie Mutter ist! Nun wollte sie selbst ihr Vermögen verwalten, kannst dir aber denken, daß ich da energisch nein gesagt hab!« Er lachte herzlich.

»Nein?« fragte Franz verwundert. Es war ihm schwer, sich vorzustellen, daß man der Mutter nein sagen könnte, gar Anton, der sie bewunderte, noch viel mehr als ihn, bis zur Anbetung.

»No ich bitt dich!« sagte Anton, noch immer lachend. »Das wär eine schöne Wirtschaft! Und von allem anderen abgesehen, kann ich das auch nicht riskieren, daß sie sich vielleicht bereden läßt, ihren Anteil an der Brauerei zu verkaufen. Davon verstehen Frauen nichts, und blankes bares Geld lockt. Ich muß aber zwei Drittel der Aktien in meinen Händen haben, denn nur das macht mich zum Herrn. Ist dir langweilig, was? Aber ich kann's dir nicht ersparen, es ist mir wichtig, daß du die Situation begreifen lernst. Dafür versprech ich dir dann feierlich, nie mehr ein Wort, von Geschäften zu reden.«

»Es ist mir gar nicht langweilig,« sagte Franz. Er glaubte wirklich im Augenblick ein Gespräch über die Brauerei jedem anderen vorzuziehen. Vielleicht war hier das wahre Leben, das er überall vergeblich gesucht hatte, vielleicht fand er hier einen Zweck!

»Das ist sehr lieb von dir,« sagte Anton. Er war ganz gerührt, daß sein Bruder, eine Gelehrtennatur, ein geistig so hochstehender, künstlerisch gebildeter, weitgereister Mann, sich herbeiließ, ihm zuzuhören. »Die Sache ist nämlich die. Der Großvater hat ganz recht gehabt, testamentarisch anzuordnen, daß aus der Brauerei eine Aktiengesellschaft werden soll. Damit waren wir für alle Fälle gesichert, auch unter einem mittelmäßigen Direktor ging das Geschäft seinen guten Gang fort, noch dreißig Jahre lang; und länger kann kein Mensch voraus denken, soll's auch gar nicht versuchen. Auch ein mittelmäßiger, selbst ein schlechter Direktor war immerhin noch besser, als wenn wir's verpachtet hätten und an den Unrechten gekommen wären. Das hat sich der schlaue Alte ganz fein überlegt! Er hat ja nicht wissen können, was doch auch sehr unwahrscheinlich war, daß jemals ein Graf Flayn ein geborener Bierbrauer sein könnte!« Er sah den Bruder stolz an, indem er lachend auf sich zeigte: »Nämlich ich! Gottes Wege sind wunderbar. Ich kann dir nicht helfen. Aber selbst wenn der Alte das hätte ahnen können, so wär's erst noch eine recht verzwickte Geschichte gewesen. Graf, Dragonerleutnant und Bierbrauer – gewisse Sachen gehen halt nicht, die Leut lassen sich's nicht gefallen. Dagegen, wie wir unser Geld anlegen, in Häusern, Eisen oder Bier, und was wir für Aktien haben, das kümmert ja keinen Menschen was, und solange wir zwei Drittel der Aktien haben, und mit denen der Tante Therese sind's ja fünf Sechstel, bin ich der Himmelbrauer, ich allein. Der alte Lanz, den sich der Großvater noch selber abgerichtet hat, ist Direktor, dem Namen nach, und er macht's ja vorzüglich, aber nichts, ohne mich zu fragen, du kannst dir ja denken, für ihn bin ich der Enkel des Himmelwirts, mit der ganzen Weihe, die dieser Name für ihn hat, und er hat in seiner Jugend, glaub ich, selbst einmal darauf gespitzt, eins von den Himmelmädeln zu freien, und wie er schon ein guter Kerl ist, hat sich die alte Liebe halt mit der Zeit auf mich übertragen. Mir aber ist's wieder sehr angenehm, daß ich schließlich und endlich den Leuten sagen kann: Ich bin ja nicht der Direktor! Je nachdem es mir paßt oder nicht, bin ich der Herr oder bloß einer von den Aktionären, der nichts zu verantworten hat. Der Graf Flayn setzt auch manches durch, was der offizielle Direktor nie bei den Behörden erreichen könnte. Natürlich schimpfen die Leut darüber, aber man kann sie ruhig schimpfen lassen, weil ich ja nicht der Himmelbräuer bin, und was für Aktien ich hab, geht doch keinen Menschen was an, nicht wahr? Auch kann ich sie ja morgen verkaufen, oder wenn es darauf ankäme, jeden Augenblick schon verkauft haben, verstehst? Es ist eine Kombination, wie man sich sie gar nicht besser wünschen kann, das mußt du doch zugeben!« Er war vor Eifer ganz rot geworden. Franz sagte: »Der Großvater hätte seine Freud an dir!« Anton erwiderte leise: »Er kann auch stolz sein. Du wirst ja sehen, was da geleistet worden ist! Wir nehmen es heute mit jeder Konkurrenz auf.« Aber fast ängstlich hielt er ein und fügte schnell, halb entschuldigend, hinzu: »Das heißt, wenn dich das interessiert, aber tu dir nur keinen Zwang an, du hast wichtigere Sachen im Kopf.« Und er war sehr erleichtert, als Franz versicherte, er freue sich, alles zu sehen, und fuhr lebhaft fort: »Jeder halt, was er kann und wie's ihn trifft! Man sucht sich ja sein Schicksal nicht aus, aber wen es auf ein Pferd setzt, der soll halt schauen, daß er so gut reitet als möglich, mich hat meins ins Himmelbräu gesetzt, da schau ich halt auch so gut als möglich dazu, nicht? Das nun aber der Mutter auszudeutschen, u je!« Und nachdenklich sagte er dann noch: »In den himmlischen Sphären, die sie bewohnt, mögen derlei Sorgen allerdings übel klingen.« Überrascht blickte Franz auf, war aber gleich wieder beruhigt: nein, Ironie lag dem Anton fern, es war sicherlich ganz ernst gemeint; Anton hatte das seit je, gerade wenn er feierlich wurde, sich wie eine Nähmamsell auszudrücken.

»Übrigens«, fuhr Anton fort, »hat sie mir ja verziehen, es ist mir gelungen, das Geld damals doch zu beschaffen, und seitdem bleibt alles wieder beim alten. Ich richte das ja schon! Damals war's nur gerade schwer, weil wir eben den Steinbruch angekauft hatten. Unter der Hand zu einem Spottpreis, immerhin aber einen Haufen Geld und bar, denn wenn der hätt warten können, er hätt noch einmal so viel gekriegt, es hieß zugreifen. Da gibt's schon oft Augenblicke, wo dir angst und bang wird! No bisher, ich will's nicht verreden, aber bisher ist uns wirklich mit Gottes Hilfe noch alles immer gut ausgegangen. Dabei lernt man sparen! Natürlich, Leute, die nichts haben, haben's leicht, aber wie man zu verdienen anfängt, da kommt man erst auf den Geschmack, und dann gönnt man sich kaum mehr den Bissen im Mund. Das Glück ist nur, daß die Gabsch wirklich jeden Heller erst dreimal in der Hand umdreht. Eine wahre Künstlerin! Und wie der Teufel hinter den Leuten! Die haben nichts zum Lachen! Aber sonst ging's doch auch gar nicht! Denn du kannst dir denken, leicht ist es nicht, mit den sieben Orgelpfeifen!«

»Sieben sind's ihrer schon, die Weihnachtsgeschenke?« fragte Franz lächelnd. Anton freute sich, daß Franz den Ausdruck noch nicht vergessen hatte. »Das letzte, der Bub, hatte sich etwas verspätet, er kam erst zu Dreikönig.«

»Und heuer?« fragte Franz.

»Aber nein!« rief Anton. »Was glaubst du denn? Das geht doch nicht in alle Ewigkeit so fort! Nein, nein, schon seit zwei Jahren nicht mehr, sechs Mädeln und ein Bub ist gerade genug, wir hätten auch gar keinen Platz mehr, und endlich muß doch der Mensch auch einmal vernünftig werden, wir sind alte Leute. Gabsch ist ja nur um anderthalb Jahre jünger als ich. Nein, nein, nein!«

»Fühlst du dich alt?« fragte Franz, mit einem fast neidischen Blick in das vergnügte Kindergesicht des Bruders. Der antwortete lachend: »Sonst nicht! Gar nicht! Aber man geniert sich ja auch vor den Leuten, um Mariä Geburt haben sie die Gabsch immer schon so gewiß angeschaut, ob man noch nichts sieht. Nein, nein! Ausrede haben wir jetzt auch keine mehr, seit ein Bub da ist, es ist erreicht und damit Punktum. Aber sei so gut und mach vor Gabsch darüber keine Witze! Sie ist ganz vernünftig, aber Frauen kann man nie trauen.« Und er wurde fast ärgerlich, als er noch sagte: »Eine Frau von vierzig Jahren! Mit einer halb erwachsenen Tochter! Liesl wird dreizehn.«

»Also manchmal habt ihr doch pausiert?« sagte Franz.

»Vergiß doch nicht,« erwiderte Anton, »daß wir in fünf Jahren die silberne Hochzeit feiern! Sondern nur, wenn eins kam, kam es stets zu Weihnachten, und da hat der Onkel Erhard den Spaß von den Weihnachtsgeschenken aufgebracht. Die letzten drei kamen allerdings unmittelbar hintereinander, bis ich sagte, daß ich mir jetzt ein Notizbuch kaufen muß, weil ich mir nicht mehr alle Namen meiner Kinder merken kann. Du bist übrigens auch ein merkwürdiger Onkel, daß man dir das alles erst erzählen muß.«

»Ich hatte wirklich vergessen,« sagte Franz. »Verzeih!« Anton lachte laut auf: »Du meinst doch nicht, daß ich im Ernst verlang, du sollst die Geschichte meiner Orgelpfeifen kennen, no hörst du! Du hast dich wirklich um wichtigere Dinge zu kümmern, ein Mann wie du, das wär noch schöner!« Und er sah den Bruder wieder mit einem Blick so zärtlicher und scheuer Verehrung an, daß dieser fast in Verlegenheit geriet; er mußte sich erst wieder daran gewöhnen, in einemfort bewundert zu werden, wofür er gar gerade jetzt wenig Neigung empfand, aber Anton schien nun einmal kein anderes Verhältnis zu Menschen zu kennen: sie mußten sich von ihm beherrschen oder von ihm bewundern lassen.

Als sie über den Bach kamen, wo von der Allee der Feldweg durchs Moor zum Schlößl abbiegt, sagte Anton: »Ja richtig, daß ich nicht vergess! Zunächst mußt du natürlich zu uns in die Arnsburg und bleibst da, so lang's dir gefällt, deine Zimmer sind bereit. Du wirst alles unverändert finden, alles noch am selben Fleck, es wird sein, wie wenn du grad erst aus Kremsmünster kämst! Darauf hab ich mich ja immer so gefreut, die ganzen Jahre her! Niemand hat da wohnen, nichts angerührt werden dürfen: wenn er heute nacht kommt, muß er's finden, wie wenn er's gestern abend erst verlassen hätt.«

»Lieber Anton!« sagte Franz. Auch er hing ja dem Bruder an, aber Wochen, ja Monate vergingen oft, ohne daß er seiner je gedacht hätte. Nur wenn er in Geldverlegenheit war, schrieb er ihm, und dann auch in Eile, mit der ewigen Vertröstung: Nächstens mehr! Und indessen hielt der alles für ihn bereit, still gewärtig, bis Franz ihn wieder brauchen würde. Es war beschämend. Wenn irgendein anderer Mensch in der weiten Welt ihm ein so treues Gefühl angeboten hätte, wie froh, wie stolz, wie dankbar wär er gewesen!

Sie schwiegen beide. Dann sagte Anton noch: »Nämlich, Gabsch lacht mich ja immer aus, aber ich hab halt doch die Hoffnung nie aufgegeben, daß du schon einmal wiederkommst, und auf lange, je länger je lieber – das heißt, natürlich nur so lang es dir Spaß macht, denn glaub nur nicht, daß wir dich drängen werden, länger zu bleiben, als du Lust hast! Ich weiß schon, daß du Wichtigeres zu tun hast, als bei dem alten Bruder und der dicken Schwägerin zu hocken, und was können wir dir auch bieten? Du bist verwöhnt, wir werden dich langweilen, aber ich denk mir, daß dir das vielleicht eine Zeit ganz gut tun wird. Der Mensch muß auch manchmal ein bißchen ausruhen, und nach unserer bescheidenen geistigen Kost schmeckt dir's dann draußen wieder um so besser. Es soll ja jetzt Mode sein, daß man einmal in der Woche einen Milchtag macht. Und hier hast du sie kuhwarm, Franz!« Er unterbrach sich und deutete mit den Augen hinüber: »Schau!« Dort stand die Himmelbrauerei. Sie war gewachsen. Franz hätte sie gar nicht gleich erkannt. Er fand erst allmählich das alte Wirtshaus heraus, das zwischen den hohen Anbauten kleiner schien, als er es in Erinnerung hatte. Sie waren in demselben weißlichen Gelb getüncht, die Fenster aber viel größer und näher beisammen. Der unregelmäßige, weitläufige, von Jahr zu Jahr, wie man es eben brauchte, fortgesetzte Bau, sehr rein gehalten, auf Zweckmäßigkeit bedacht, nicht auf Schönheit, glich zunächst eher einer Strafanstalt oder Kaserne, nüchtern, kalt, sparsam. Mitten darin, fast erdrückt, hatte das alte Gasthaus von seinem biederen Ansehen viel verloren und das uralte Schild »Zum blauen Himmel« nahm sich etwas melancholisch aus. Aber die schlanken Schlöte, schwarz qualmend, gaben dem Anwesen einen Ernst, eine Festigkeit, ja Feierlichkeit, die sich selbst mit dem großen Sinn der weiten Ebene, selbst mit den mächtigen Bergen am Horizont, getrost messen konnten. Franz wunderte sich: während ihn auf ihrer Fahrt jedes neue Haus beleidigt hatte, weil es die schöne Ruhe, stolze Sicherheit und gebändigte Kraft der alten Stadt zappelnd und fuchtelnd zu stören schien, stimmte der moderne Schlot durchaus ein, er stand genau so selbstgewiß wesentlich, naturnotwendig und unerschütterlich in alle Ewigkeit da. Und wenn die ganze Stadt antik wirkte, doch von einer Art, die dabei das Antike zugleich schon wieder überwand und mit ihm bloß zu spielen, nach ihrer Laune damit zu schalten, es wohl gar verwegen zu necken schien, so fand Franz, daß auch der Schlot sozusagen ein Römer war, aber einer, der den Geschmack hat, nicht gar so viel herzumachen mit seiner Gewalt und Größe. In Fabrikstädten hatte Franz das niemals so stark empfunden als hier, wo die neue Schönheit Aug in Auge stand mit der alten.

»Es ist ein bißl größer geworden seitdem, gelt?« sagte Anton, und um seinen Stolz nicht merken zu lassen, fuhr er fort: »Was ich aber eigentlich sagen wollt! Du wirst uns also die Freude machen und zunächst in der Arnsburg wohnen, in deinen alten Zimmern, aber ich hab Angst, daß du's ja da doch auf die Dauer nicht aushältst. Gabsch behauptet, wenn einmal ein Preis auf die schlimmsten Kinder der ganzen Welt ausgesetzt wird, kriegen ihn unsere. Vielleicht ist es übertrieben. Anfangs macht das jedem Spaß, es ist wirklich eine Sehenswürdigkeit. Aber sobald du sie genossen hast, würde ich dir doch vorschlagen, ins Schlößl zu ziehen. Du hast es immer gern gehabt, und ich freu mich schon, wenn du's jetzt sehen wirst; ich versteh ja von diesen Sachen nichts, aber ich hab Höfelind gebeten, es herzurichten, der hat aus dem ganzen Land alte Raritäten zusammengeschleppt, es wird sehr bewundert. Da hättest du Ruh, teilst dir den Tag ein, wie du willst, hinten durch den Wald hast du kaum eine halbe Stunde zu uns, unten wohnt der Verwalter, seine Frau kocht dir, du hast deinen Wagen, der alte Blasl kutschiert, erschrick nicht vor ihm, er sieht nur so wild aus, aber wenn man sich erst an ihn gewöhnt hat, ist er ganz brav, ein bißchen langsam bei der Arbeit, aber verläßlich, und du bist ja für Originale, dir gefällt er sicher, ein Original ist er!« Er lachte. »No, für seine Vergangenheit möcht ich nicht garantieren, aber die zwei Jahre, seit er bei mir ist, hat er keinen Anlaß zur Klage gegeben. Die Leute reden allerhand über ihn, aber was früher war, geht mich ja nichts an. Das erstemal hab ich mir auch gedacht: dem Kerl möcht ich nicht allein im Wald begegnen! Vielleicht hat er wirklich was auf dem Gewissen, aber das darf man nicht so genau nehmen bei uns, es sind oft die besten. Schau dir ihn halt einmal an! Höfelind hat geradezu geschwärmt für ihn.«

»War Höfelind da?« fragte Franz.

»Den ganzen Mai,« antwortete Anton. »Und er kommt vielleicht bald wieder. Er malt ja die Exzellenz, die dich übrigens schön grüßen läßt.« Und da Franz sich nicht erinnern zu können schien, fuhr Anton fort: »Der Zingerl!«

»Der Domherr?« rief Franz.

»Er ist endlich doch Exzellenz geworden,« sagte Anton, Geheimer Rat, so sehr er sich gewehrt hat! Es ist ihm, glaub ich, gar nicht recht, der möcht lieber nur im Dunkeln munkeln! Überall seine Hände haben, alle Fäden ziehen, aber dabei ganz unschuldig tun, daß ja nur niemand bemerkt, welche Macht er hat! Es wissen's aber natürlich doch alle, das heißt, wahrscheinlich ist seine Macht noch viel größer, als man weiß. Dich hat er übrigens sehr gern, er erkundigt sich immer nach dir, wir können uns überhaupt nicht über ihn beklagen, aber ich muß halt sagen, mir sind solche Menschen eher unheimlich. Und gerade weil er nichts dergleichen tut und einen nicht merken lassen will, wie gescheit er ist! Der Onkel Erhard behauptet, daß er der mächtigste Mann in Österreich ist, und jeden Augenblick heißt's: Da steckt auch wieder niemand als der Zingerl dahinter! Dabei sitzt er ganz still unter uns, man sieht ihn kaum, hört nichts von ihm, und wenn man ihn einmal trifft, ist er mit einem sehr nett, mit jedem, und gerade das macht ihn so verdächtig! Ich weiß es ja nicht, ich sag nur nach, was halt alle sagen, er hat schon was sehr Geheimnisvolles!«

»Und Höfelind malt ihn?« fragte Franz. »Ja,« sagte Anton, »und da weiß man auch wieder nicht, warum, für wen, wozu! Höfelind, der sonst nur Prinzessinnen, berühmte Schauspielerinnen und reiche Juden malt!«

»Den Großvater hat er auch gemalt,« sagte Franz.

»Vor dreißig Jahren,« erwiderte Anton, »als er noch ein unbekannter junger Maler war! Durch dieses Bild ist man erst aufmerksam auf ihn geworden, seinen Ruhm verdankt er eigentlich ja der Mutter. Aber heute soll er für ein Porträt zwanzigtausend Kronen kriegen, sagt man. Also wer bezahlt das? Der Domherr aus seiner Tasche sicher nicht! Kannst dir denken, wie die Leute das aufregt!«

»Dich auch!« sagte Franz, lächelnd. Anton sah überrascht auf, dachte nach und gestand dann treuherzig: »Ja, mich auch. Es geht mich gar nichts an, und ich bin sonst wirklich nicht so. Der Domherr aber ist mir oft direkt unheimlich. Weil auch jeder, wenn man nur seinen Namen nennt, gleich so ein geheimnisvolles Gesicht macht! Jeder tut, als ob er etwas Besonderes wüßte, will aber nichts sagen, und ich möchte wetten, daß eigentlich keiner was weiß. Ich weiß gar nichts, und wir kennen ihn doch seit unserer Kindheit, die Mutter hat sich stets von ihm beraten lassen, und seit ich mich erinnern kann, hat's, nachdem der Großvater gestorben war, in allen wichtigen Familienangelegenheiten immer geheißen, den Domherrn um Rat zu fragen, ich tu's ja selber auch, heute noch, und nicht bloß, weil die Gabsch, sobald er dafür ist, zu allem ja sagt, die Frauen weiß er halt überhaupt zu behandeln, und dann, sein Rat ist ja stets der beste, er hat sicher mehr Verstand als wir alle zusammen, daran ist nicht zu zweifeln, aber mich ärgert nur das Gerede, das Getue, denn weil er ein sehr gescheiter Kopf ist, muß er ja noch nicht das Reich regieren! Das glaub ich halt einmal nicht, und wenn's wahr wäre, würden wir auch wahrscheinlich viel besser regiert!«

»Seit wann politisierst du?« fragte Franz. »Gar nicht,« versicherte Anton, »außer natürlich, soweit es die Brauerei betrifft! Da muß ich ja. Und nach den Erfahrungen, die man da macht, war mir allerdings der Zingerl lieber als unsere Herren Minister. Mit ihm läßt sich jedenfalls reden, und er hat Courage, die Minister aber trauen sich ja nie das Maul aufzutun, weil's doch vielleicht irgendwem nicht recht sein könnt.«

»Hast du nie daran gedacht, dich wählen zu lassen?« fragte Franz. »No sei so gut!« sagte Anton, erschreckt. Dann fing er herzlich zu lachen an. »Das möcht mir noch fehlen! Wozu denn auch? Und ich bin doch ein leidlich anständiger Mensch!« Nachdenklich setzte er noch hinzu: »Das wär auch ganz verfehlt. So ein Abgeordneter ist schließlich nur ein Dienstmann für die anderen. Nein, nein! Was notwendig ist, setz ich mir schon auch so durch. Hauptsächlich handelts sich ja nur um Steuersachen. Und da kann man sich auf den Domherrn verlassen. Einfluß hat er ja, das ist gewiß, wenn die Leut auch übertreiben. Ich wundere mich nur, wo er die Geduld hernimmt, und die Zeit, und auch die Lust, sich um alles zu kümmern. Er wird schrecklich überlaufen und hört jeden ruhig an und ist dabei noch immer gut aufgelegt. No du mußt ihn jedenfalls besuchen, er hält darauf, und man weiß ja nie, wozu man ihn noch brauchen kann. Tu's schon meinetwegen! Mit allen anderen magst du's halten, wie du willst, es ist mir ziemlich gleich, wenn sie beleidigt sind, auch bist du doch mehr ein Gelehrter oder Künstler, da nimmt man's schließlich nicht so genau. Aber die Exzellenz, wie gesagt, ist mir wichtig!« Franz sah den Bruder von der Seite zärtlich an, Antons hübsches Kindergesicht war zu nett, wenn er es in ernste Falten zwang, die wichtige Miene stand ihm reizend. Franz beneidete ihn: sich so ganz einzuschränken, ein paar kleine Sorgen haben, die das Leben ausfüllen, und im übrigen die Welt laufen lassen, ohne viel zu fragen, das war vielleicht das ganze Geheimnis, aber freilich muß man dazu geboren sein, und eine Frau haben, die dick wird, und sieben Orgelpfeifen. Für ihn ist es schon etwas spät, oder es wäre jedenfalls jetzt die höchste Zeit!

»Wenn Höfelind kommt,« begann Anton wieder, »wohnt er oben und stört dich gar nicht, ihr seid ja alte Freunde.«

»Freunde, fiel Franz ein, kann man eigentlich nicht sagen. Ich schätze Höfelind sehr, ich war sein Schüler, ich verdanke ihm viel, aber ich glaube nicht, daß er je einen Freund gehabt hat, denn zur Freundschaft gehören zwei, Höfelind aber hat jedes Talent, nur das nicht, Freund zu sein. Er ist nur mit seiner Malerei befreundet. Ich habe ganze Tage, halbe Nächte mit ihm verbracht, er kann hinreißend liebenswürdig sein, und was für ein Künstler des Gesprächs! Aber man kommt dann darauf, daß ihm das alles bloß dazu dient, um sich anzuregen, sich aufzupumpen, in inneren Pausen, wenn die Produktivität stockt. Er ist gierig nach geistigem Verkehr in Zeiten der eigenen Leere, der inneren Kälte. Da heizt er sich dann mit Menschen ein, man ist bloß Brennmaterial für ihn. Ich nehme ihm das nicht übel, aber eine richtige Freundschaft läßt sich doch kaum darauf gründen.« Anton, der gespannt zugehört hatte, sagte behutsam: »Ja mit großen Künstlern mag nicht leicht Kirschen essen sein. Mir ist er auch manchmal merkwürdig vorgekommen, eigentlich verrückt, aber das gehört ja vielleicht dazu, was versteht unsereiner davon? Er soll jetzt zwanzigtausend Kronen für ein Porträt bekommen. Die Leute, die das zahlen, werden wohl wissen, warum. Ich tät's nicht, auch wenn ich's hätt. Aber wenn da manche behaupten, daß es ein Schwindel ist, ja warum schwindeln denn dann die anderen nicht auch so? Ein Schwindel, den unter Millionen nur einer trifft, ist eben auch eine Kunst. Denk ich mir! Ich versteh's ja nicht! Ich kann nur sagen, daß er sich, für einen so berühmten Mann, gegen uns sehr gut benommen hat, man hat von ihm nichts gesehen und nichts gehört, es war ihm alles recht, niemand hat sich über ihn beklagt, und ich glaube, wenn er überhaupt kommen sollte, daß ihr euch, er oben, du im ersten Stock, ganz voneinander getrennt und keiner gezwungen, auf den anderen Rücksicht zu nehmen, schon vertragen werdet, und im schlimmsten Falle kannst du ja jeden Tag wieder zu uns ziehen oder kannst natürlich auch gleich von Anfang an bei uns bleiben, ganz wie du willst! Die Hauptsache ist ja, daß du wieder da bist! Und hoffentlich auf lange! So bald lassen wir dich jetzt nicht wieder fort! Außer natürlich, wenn's dir hier nicht behaglich wäre! Du wirst dir ja keinen Zwang antun und es offen sagen. Freilich wär's mir sehr leid, und der Gabsch auch, kannst dir denken, aber das geht dich ja nichts an. No wir werden uns schon zusammennehmen, daß es dir bei uns gefällt! Und wenn's die Kinder zu arg treiben, hau sie, da darfst du dich gar nicht genieren, sie sind's gewöhnt, wir erziehen noch nach der alten Methode. In Gottes Namen also! Möge diese Himmelfahrt uns allen gesegnet sein!« Und er lachte mit nassen Augen.

Da sprangen ihnen auch schon die Hunde laut entgegen, Gräfin Gabriele stand winkend im Tor, und die Kinder warfen sich auf den Onkel, der nun eins nach dem anderen aufheben, an sich drücken und sich abschmatzen lassen mußte, bis ihn Anton befreite und in die alten Zimmer zog, wo richtig alles noch unverändert seinen veränderten Herrn begrüßte, genau wie einst, wenn er aus Kremsmünster oder dann von der Universität auf Ferien kam. Da standen seine Schulbücher, dort hing das erste Gewehr, das ihm Onkel Erhard geschenkt, und die verwegenen Erstlinge seiner jugendlichen Malerei hatte der gute Anton in feierlichen Rahmen sorgsam aufbewahrt. Er war wieder einmal daheim.

Drittes Kapitel

Aber am fünften Tag zog Franz doch lieber ins Schlößl. Nicht der Kinder wegen: Entweder hatte Anton übertrieben, oder ihre Wildheit war durch Furcht vor diesem geheiligten Wundertier von Onkel gebändigt, er hörte sie kaum, und wenn er sich zeigte, liefen sie davon, ihm war das ganz recht, denn so sehr er meinte, Kinder gern zu haben, er wußte nichts mit ihnen anzufangen, sie machten ihn fast verlegen, er fand den Ton nicht, und je mehr er sich um ihr Zutrauen bemühte, desto befangener wurden sie, er wußte das und war froh, daß ihm derlei Versuche hier überhaupt erspart blieben. Nein, die Kinder störten ihn nicht, sondern das Gefühl, daß das ganze Haus nur damit beschäftigt schien, ihn nicht zu stören. Das ganze Haus war so von Respekt vor ihm, von gespannter Aufmerksamkeit und eifriger Rücksicht auf ihn, von Begierde, seine Wünsche zu erraten, von Angst, ihm etwas nicht recht zu machen, von Ungeduld, sich ihm gefällig zu zeigen, erfüllt, daß er nervös wurde. Er sah den Dienern, den Mädchen an, wie sie zitterten, ihm zu mißfallen. Er wagte schon gar nicht mehr, etwas zu verlangen oder zu fragen, aus Furcht vor der Aufregung, in die bei jedem Wort von ihm gleich alles geriet. Die Stille der weiten Gänge war ihm unheimlich, und wenn er nach dem Essen auf seinem alten Sofa lag, glaubte er förmlich zu hören, wie das ganze Haus schwieg, den Atem anhaltend, um ihn nur ja nicht in seiner Verdauung zu stören. Und wenn er ans Fenster trat, war er gewiß, gleich wieder Anton auftauchen zu sehen, der ruhelos den ganzen Tag herumschlich, ewig mit der ängstlichen Sorge in den treuen Kinderaugen, ob denn der angebetete Bruder auch alles hätte, was sein Herz begehrt – ach sein Herz begehrte gar nichts als Ruhe vor dieser erdrückenden Liebe! Aber selbst die gemächliche Gabriele, die nicht leicht in Bewegung zu setzen war, schien unruhig um ihn; sie magert am Ende noch ab, wenn er das Haus nicht bald von seiner tyrannischen Gegenwart befreit! Und er hatte doch gar kein Talent zum Tyrannen und fühlte sich höchst ungemütlich dabei. So zog er denn um. Anton hatte nichts dagegen, er sagte: »Ich habe mir gleich gedacht, du wirst arbeiten wollen.« Anton sprach von der »Arbeit« des Bruders stets mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht, der Franz immer ein wenig in Verlegenheit setzte, wenn er im stillen dabei betrachtete, was der Bruder hier Jahr für Jahr geleistet hatte. Franz war jetzt sehr geneigt, die Beschäftigungen von Künstlern und Gelehrten gering zu schätzen. Was war schließlich herausgekommen mit all seiner »Arbeit«? Hier aber waren Sümpfe getrocknet, Wege gebahnt, Land bebaut, Öde besiedelt, Armut wohlhabend worden, Tag für Tag stieg der Rauch aus den Schlöten, Wagen gingen mit vollen Fässern ab, kamen mit leeren an, Menschen regten sich und zeugten Kinder, die sich wieder regen werden, und indem die Gegenwart verging, rückte sachte schon die Zukunft ein, hier war die Ewigkeit des Lebens verbürgt. Wenn Franz dies mit der leeren Geschäftigkeit, dem unfruchtbaren Hochmut, der lärmenden Nichtigkeit der »Geistigen«, der »Intellektuellen« verglich, war ihm um jede Stunde leid, die er in dieses bodenlose Faß geworfen hatte. Doch Anton hätte das nicht begriffen, Franz erwiderte also lächelnd: »Ja, ich will versuchen, ob ich was arbeiten kann.« Es hörte sich gut an, er war vor weiteren Fragen sicher und Anton hielt den ganzen Wald um das Schlößl in heiligem Bann, seit der Bruder dort »arbeitete«. Franz hätte zu gern gewußt, was die Leute sich eigentlich unter seiner »Arbeit« dachten. Wahrscheinlich gerade so wenig wie Anton, auf den nur überhaupt jeder bücherlesende Mensch schon einen starken Eindruck machte, gar aber, wer es so weit trieb, daß er Bücher zu schreiben unternehmen durfte.

Die Arnsburg, nach Osten blickend, über die freie Ebene hin, steht auf dem Kamm der letzten von den waldigen Wellen, in denen der Hügel allmählich ins Tal zieht; er läßt sich beim Absteigen, wie um Atem zu holen, immer wieder nieder und breitet sich immer noch einmal gemächlich aus. Gen Süden macht er es ebenso, doch in steileren Wogen; gar ganz unten springt eine noch einmal hoch empor, und so spitz, daß darauf gerade nur das Schlößl Platz hat und der schmale Fahrweg sich ängstlich genug zur Landstraße herab durchwinden muß. Hinter dem Schlößl rauscht ein Meer von Wald, vorne geht's fast senkrecht in die Tiefe, da hatte Franz seinen geliebten Wundersberg unmittelbar gegenüber, hinter sich aber nur ewiges Waldesrauschen. Schon in alter Zeit muß einmal irgendein Flayn die Welt recht satt gehabt haben, oder es mag ein arger Raubritter gewesen sein, allen verfeindet. Vielleicht war's jener Hanns von Flayn, dessen Brief an seinen Bruder noch im Archiv erhalten ist. Der Bruder war Erzbischof geworden und schlug dem Hanns vor, sein Haushofmeister zu werden. Darauf antwortete der: »Mein Gruess zuvor, Hochwürdiger Herr Bruder! Daß Du aus Gottes Gnaden Erzbischov geworden bist, ist mir wohl bekant. Regier Land und Leit woll, daß Du es Dir beym strengen Gericht Gottes zu verantworten traust, ich bleib bei mir und Du magst Dir um einen andern Haushofmeister schaugn, womit ich Dich samt mich der göttlichen Vorsicht befehlche.« Franz war noch ein Kind, als der Vater ihn einst den Brief mit der wunderlich verschnörkelten Schrift sehen ließ. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Schau du dir um einen anderen Haushofmeister um, ich bleib bei mir! Er hatte Lust, jetzt auch so zu sprechen, zur ganzen Welt. Hier gehörte er her. Hier war er der rechtmäßige Herr. Er hatte das früher nicht so zu schätzen gewußt, damals war er eher ungeduldig, alles immer nur seinem Namen zu danken, er wäre gern selbst etwas gewesen, durch eigenes Verdienst. Es scheint aber, daß man mit den Jahren bescheidener wird. Und draußen war er doch überall ein Eindringling, alle sahen ihn so fragend an, was er denn eigentlich bei ihnen zu suchen hätte. Hier war er selbstverständlich.

Seine Furcht, angestaunt zu werden, beruhigte sich bald. Niemand fragte, niemand schien sich zu wundern, die Herren gingen und kamen, das Volk fragte nicht, wohin oder woher, es versuchte gar nicht, sich das Leben der Herren auch nur vorzustellen, es war ihnen zugetan oder abgesinnt, aber in Haß und Liebe gleich unbekümmert um sie, es wußte nichts von ihnen, es fragte nicht nach ihnen. Und die Herren untereinander auch nicht, wenn einer wegging. Es hieß dann einfach: »Ja der lebt im Ausland.« Und damit war man abgeschieden, auch von ihrer Neugierde. Was man dort denn eigentlich trieb, fragte niemand. Ausland war für sie etwas unendlich Geheimnisvolles, worin der einzelne völlig versank. So hieß es ja auch von seiner Mutter seit Jahren: Ja die Irene Flayn lebt im Ausland!« Damit war man entrückt und erledigt. Es machte keinen Unterschied, ob sich einer im Ausland durch Tugenden oder Laster hervortat. Das ging sie gar nichts an. Ausland war für sie jenseits von Gut und Böse. Indem man ins Ausland ging, entzog man sich ihren Begriffen. Sie verlangten nur, daß der Heimkehrende sich wieder in ihre Sitten fand. Als er ins Schlößl übersiedelte, stand der Verwalter im Tor und sagte: »Sein's aber wieder da, Herr Graf!« Und die Verwalterin knickste: »Schön, daß S' wieder da sind!« Und ebenso der Onkel Erhard: »No, wieder da? Hoffentlich bleibst aber jetzt!« Und wohin er kam, bei groß und klein, vornehm und gering, überall derselbe herzliche Gruß, nirgends eine Frage. Er war in zwanzig Jahren drei- oder viermal auf vierundzwanzig Stunden hergekommen, seit zehn Jahren gar nicht mehr, und sie taten, als ob er kaum eine Woche weg gewesen wäre. Er hatte sich unnötig vor ihren Fragen gefürchtet, immerhin war es aber eigentlich fast kränkend, daß kein Mensch fragte, was er denn die ganze Zeit getrieben haben mochte. Auch Anton nicht. Anton war sehr stolz auf ihn und maß offenbar seinen »Arbeiten« die größte Wichtigkeit zu, doch ohne die geringste Lust, diese bedeutenden »Arbeiten« oder auch nur irgendwie Näheres über das Leben seines Bruders und in welchen Ländern, mit welchen Menschen, unter welchen Umständen es verlaufen, kennen zu lernen. Franz kam einmal auf Rom zu sprechen, da sagte Anton stolz: »Ja, du warst ja jahrelang in Rom!« Franz erwähnte zufällig Richard Strauß, Anton rief: »Was? du kennst den Richard Strauß? Das ist interessant!« Und er machte die Gräfin noch besonders darauf aufmerksam: »Denk dir! Franz kennt den Richard Strauß!« Er war stolz, einen solchen Bruder zu haben, aber er hatte kein Bedürfnis, von ihm nun irgend etwas über Rom oder Richard Strauß zu erfahren. Für ihn, und für alle hier, war die ganze übrige Welt nur dem Namen nach vorhanden. Sie kannten davon nur die Namen, das mußte man, das gehörte zur Bildung; sich dabei aber irgend etwas vorzustellen, fiel ihnen nicht ein, ja sie schienen eigentlich überrascht, wenn ihnen einmal der Gedanke kam, Rom könnte eine Stadt sein, in der man herumgeht wie hier, und Richard Strauß ein Mensch, der Skat spielt. Sie wunderten sich, doch nicht lange, denn es ging sie ja schließlich nichts an und das war für sie die entscheidende Frage: Was sie anging, da setzten sie sich mit ihrer ganzen Kraft ein, da wußte jeder genau, was er wollte, da ließen sie sich nichts dreinreden, da waren sie stark, eigensinnig und unerbittlich, da verstanden sie keinen Spaß, aber in allen anderen Dingen mochte die größte Freiheit walten, und sobald es sie nichts anging, war ihnen alles recht. Das fand Franz so merkwürdig, weil er es gar nicht mehr gewöhnt war; er konnte sich zunächst gar nicht gleich wieder hineindenken. Denn die Menschen, unter denen er jetzt zwanzig Jahre verbracht hatte, hatten einen viel weiteren Begriff von der Menschheit, den sie nun mit neuen Erfahrungen immer noch erweitern wollten, bis dann schließlich die ganze Welt würde untergebracht werden können, und so warfen sie sich gierig auf jeden Fall, der sie vielleicht wieder was Neues über den Menschen lehren könnte, suchten die fernsten Völker und die fernsten Zeiten ab, um nur ja von jeder Menschenart ein Exemplar zu haben, gingen auf alle Launen, selbst auf alle Laster ein, um nur ja nichts Menschliches zu verleugnen, und waren freilich am Ende mit all ihrer Toleranz doch wieder unduldsam, weil ja schließlich doch irgendeine Grenze gezogen werden muß, im Grenzenlosen zergeht der Mensch. Alle diese Leute, mit denen Franz jetzt zwanzig Jahre lang gelebt hatte, hatten, sonst so tausendfach verschieden, doch alle dies miteinander gemein, daß sie meinten, alles gehe sie an. Jeder einzelne von ihnen saß über alles zu Gericht, forderte Gott, den Gang der Gestirne, den Wechsel der Zeiten, das Wachsen der Natur, die Werke der Menschheit seit ihrem Anbeginn vor seinen Stuhl, und wer sich hier nicht ausweisen, nicht beglaubigen, nicht rechtfertigen konnte, wurde verworfen, ein höchst umständliches Verfahren, und gar für den Richter unerträglich, denn dem ging der Atem aus. Auch Franz war ja nur geflohen, um Atem zu holen. Und wenn er sich sie der Reihe nach vorstellte, alle, was immer sie waren, Gelehrte, Künstler, Weltmenschen, alle hatten keinen Atem mehr, keiner kam mehr nach, sie konnten nicht mehr mit. Wie wohl tat es ihm, bei diesen ruhig tief atmenden Menschen hier zu sein! Er war wie aus einem drückenden Traum erwacht, endlich schlug er die Augen auf und erblickte die Wirklichkeit. Er mußte sich freilich gestehen, daß er in seinem Leben schon einige Male die Wirklichkeit erblickt zu haben glaubte, dann aber war sie's doch nie gewesen. Ob er nicht vielleicht auch hier wieder nur in einen neuen Irrgarten geriet? Er traute seinen eigenen Empfindungen nicht mehr, sie hatten ihn zu oft betrogen. Und wenn er auch von hier wieder fliehen mußte, wohin dann noch? Es verdroß ihn, daß er schon wieder zu fragen begann. Damit verdarb er sich ja stets alles! Warum immer mit beiden Händen nach dem Wesen des Lebens greifen? Es hatte vielleicht gar keins. Er fühlte sich hier wohl, die Leute gefielen ihm, ihre lang entbehrte Mundart klang ihm vertraut, niemand fragte ihn, er gehörte her. Muß denn alles einen Zweck, muß denn das Leben einen Sinn haben? Er wollte sich einmal ruhig treiben lassen, »still auf gerettetem Boot«.

Er richtete sich behaglich ein, ließ die Kisten mit den Büchern und Schriften zunächst noch unausgepackt und nahm sich vor, einmal eine Zeit wirklich bloß zu vegetieren. Es war ein wunderschöner Herbst, mit so durchsichtigen stahlblauen Tagen, daß er sich an seiner geliebten Adria glauben konnte. Und die Stille der unendlichen Ebene, das tiefe Schweigen der Wälder! Er wird vielleicht wieder zu malen anfangen. Malen ist eine so gute Beschäftigung, die Stunden vergehen, und man hat doch etwas getan. Es muß ja nichts dabei herauskommen! Nur dieser Ehrgeiz hat es ihm verleidet. Er ist aber durch Schaden klug geworden, und wenn er jetzt bloß malt, damit die Zeit vergeht, dazu wird's schon reichen. Vielleicht ist das überhaupt das ganze Geheimnis: zu leben, damit das Leben vergeht. Man holt sich im Schlafe die Kraft, um sich am nächsten Tag wieder so müde zu machen, daß man am nächsten Abend wieder einschlafen kann. Sehr belustigend ist das ja gerade nicht, aber wir sind am Ende nicht verantwortlich dafür. Er wird wieder zu malen anfangen; man sieht in dem Kittel gut aus und ein malender Graf wirkt immer stattlich. Und es steht ihm ja frei, sich im stillen selber darüber lustig zu machen. Anton und Gabsch werden schon für die nötige Bewunderung sorgen. Was man aber die innere Befriedigung nennt, darauf hat er ja hoffentlich doch endlich verzichten gelernt. Und ein besseres Modell als den Blasl kann er sich gar nicht wünschen. Mit der Landschaft will er sich lieber nicht einlassen, sonst verliert er doch gleich wieder den Mut. Aber mit ein paar Strichen diesen verwilderten Blasl keck hinzusetzen, daß alle über die Ähnlichkeit verblüfft sein werden, traut er sich noch zu, der Schädel ist nicht zu verfehlen, und mit einiger Nachhilfe von Erinnerungen, so mit einem Hintergrund frei nach Zuloaga, der ihn ja selbst auch schon wieder frei nach anderen hat, muß er unglaublich wirken. Es ist seltsam, wie gut so ein spanischer Hintergrund gerade für diesen bayrischen Schmuggler, Wilddieb, Haberfeldtreiber oder was er sonst noch alles gewesen sein mag, paßt! Anton hatte recht: auf den ersten Blick erschrickt man unwillkürlich vor ihm, der Kerl sieht arg aus, alle bösen Lüste haben dieses tückische Gesicht verheert. Man weiß auch nicht recht, ob es ein uralter Mann ist, der sich noch ziemlich gut erhalten hat, oder ob Leidenschaften, ein furchtbares Schicksal, Erinnerungen, die ihn nicht schlafen lassen, in diesen erschöpften Zügen so gewütet haben, daß er vielleicht viel älter scheint, als er nach seiner körperlichen Kraft, der Heftigkeit, die plötzlich oft aus seinem trägen und schleppenden Wesen fährt, und seiner Ausdauer auf der Jagd, im Steigen, sogar bei der Arbeit, wenn es doch einmal gelingt, ihn zur Arbeit zu nötigen, eigentlich sein kann. Den stärksten Eindruck aber machen auf Franz die Augen des wunderlichen Alten, Augen eines kranken Hundes, Augen eines Blöden, die zugleich Hohn und doch auch eine rührende Demut enthielten; sie schienen erloschen und hatten dann zuweilen doch wieder irgendeinen irren Glanz, irgendwoher. »Du stilisierst schon wieder,« sagte Franz warnend zu sich selbst. Aber schon um ihn zu beobachten, wollte er ihn malen. Denn aus dem Kerl war kein Wort herauszubringen, er tat, was ihm befohlen wurde, zwar etwas langsam, doch nicht unwillig, machte seine Sache ganz gut, kutschierte vortrefflich, Franz konnte nicht über ihn klagen, nur daß er sich niemals in ein Gespräch einließ. Er sagte ja oder nein, auch das übrigens mehr bloß durch Zeichen, die er mit einem Knurren oder Gurgeln begleitete, aber mit ihm zu reden war unmöglich, er antwortete nicht, und Franz wußte nicht einmal, ob er nicht antworten wollte oder nicht konnte, ob aus Angst oder aus Trotz, ob aus Unverstand oder Hinterlist, denn sein hartes Gesicht blieb unbeweglich und die blöden Augen verrieten nichts. Der Verwalter meinte, daß es mit ihm im Oberstübchen nicht mehr ganz richtig sei, hielt ihn aber für einen im Grunde gutartigen Menschen, den nur entweder eine schlimme Tat, die ja jedem im Zorn zustoßen kann, oder irgendein schweres Unglück verwirrt haben mochte. Die Leute hatten ihn eigentlich alle ganz gern, und so wunderlich er es trieb, wagte doch keiner, ihn auszuspotten; sie fanden nur, er übertreibe die Frömmigkeit, man soll ja fromm sein, aber doch mit Maß und Ziel. Stundenlang konnte man ihn in einer Ecke hocken sehen, den Rosenkranz in den gefalteten alten Händen und die Lippen, deren untere schwer vorhing und die großen Zähne sehen ließ, unaufhörlich bewegend. Franz hätte gern gewußt, ob er bloß erloschen war oder irgendein Geheimnis enthielt. Vielleicht wird es beim Malen zum Vorschein kommen. Gewohnt, auf sich achtzugeben, bemerkte Franz, daß es ihm eben doch wieder keine Ruhe gab, bevor er eine Aufgabe hatte. Welche, darauf kam es ihm nicht so sehr an. Und der Blasius war wenigstens eine, die verhältnismäßig ungefährlich für ihn schien.

Vorher wollte er aber noch seine Besuche machen, schon dem Anton zulieb, der in einemfort beteuerte, es sei ganz unnötig, und dem doch ein Stein vom Herzen fiel, als Franz in die Stadt fuhr, zum Onkel Erhard und zum Domherrn. Jenen, seines Vaters jüngeren Bruder, fand er unverändert. Der alte Graf hatte sich glücklich bis zum Oberlandesgerichtsrat durchgeschnauft, sah noch immer eher einem Forstmeister gleich, hatte noch immer einen mißvergnügten dicken alten Dackel bei sich, der mit ihm um die Wette schnaufte, schimpfte noch immer gottsjämmerlich auf die Regierung, die an allem schuld ist, saß noch immer in einer Wolke von Zigarrenrauch, hatte noch immer die Gicht und schwor noch immer, vom nächsten Montag an keinen Tropfen mehr zu trinken. Er tat verwundert, den Neffen, dem er gleich in den ersten Tagen auf der Arnsburg begegnet war, bei sich in seinem Amte zu sehen. »Was sind das für Sachen? Du glaubst doch nicht, daß ich auf diese konventionellen Scherze halte? Gegenbesuch! Hol's der Teufel! Unter Männern wie wir! Oder willst du dich an meinem Elend weiden? Da!« Und er wies ächzend auf die Stöße von Akten rings, konnte doch aber die Freude, den Stolz, die Rührung nicht verbergen, indem er schnaufend, lachend, hustend nur immer wiederholte: »Macht mir seine Aufwartung! Ja bist du toll? Es wär doch wirklich nicht nötig gewesen! Aber kannst wenigstens einmal sehen, wie's unsereinem ergeht. Ein Jammer! Ein Elend! Ja dein Vater, der hat's verstanden! Holt sich die reiche Braut und lacht uns alle aus! Macht's mir nach! Ich hätt's ihm schon nachgemacht, es war aber keine zweite mehr da! Ein Elend! Ein Jammer!« Und so ging's eine Stunde lang fort, er ließ ihn nicht weg, er war so froh, endlich einmal sein Herz ausschütten zu können. Franz wußte ja, daß der Onkel den Tag meistens damit verbrachte, sein Herz auszuschütten; es war seine Hauptbeschäftigung im Amt. Und dann fing er zu erzählen an, schnaufend und ächzend, höchst umständlich, denn von den alten Zeiten war ihm der kleinste Zug noch lebendig, während ihm die Gegenwart allmählich schon verblaßte; so schwamm er behaglich in den alten Geschichten herum, und besonders immer wieder, was für ein Tausendsassa sein guter Bruder gewesen, ein Schlingel, ein Tunichtgut, ein Schuldenmacher, ein Schürzenjäger, aber hat er denn nicht recht gehabt? »Ich sag dir, unsereiner ist der größte Esel, wenn er was lernt, denn es glaubt's ihm ja doch niemand! Ja ein Herr Meier oder Müller, der Sohn eines Hausmeisters, Briefträgers oder Rauchfangkehrers, wenn der studiert, à la bonheur! Aber ein Graf – von dem ist's eine Frechheit, daß er ihnen den Bissen wegschnappen will! Da halten alle zusammen, die Herren Meier und Müller, die Briefträger und Rauchfangkehrer! Dann aber jammerns noch über die Vorrechte des Adels! Wo denn? Wie denn? Ich möcht wissen! Wenn sich irgendwer über Unterdrückung beklagen kann, sind wir's! Uns bleibt nichts mehr reserviert, da dürfen jetzt alle herein, aber uns lassen's nirgends herein, sie sind exklusiv, nicht wir! Wehe, wenn ein Jud nicht Offizier wird! Aber wenn ein Graf an die Börse geht, das ist auch wieder nicht erlaubt! Was wir dürfen, sollen alle dürfen, wir aber nicht, was sie dürfen! Was soll da schließlich aus uns werden? Was bleibt uns denn noch übrig? Ich bin neugierig! Denn so viele reiche Judenmädeln, um den ganzen Adel zu versorgen, gibt's ja gar nicht! Ich bin gewiß ein guter Liberaler, ich bin für Freiheit und Fortschritt, aber so weit darf das doch nicht gehen, daß wir zuletzt der reine Niemand mehr sind! No du warst ja viel gescheiter wie ich, du pfeifst ihnen was und gaukelst vergnügt in der Welt herum, recht hast du, denn man hat ja doch nichts als Undank und Verdruß davon, ich könnte da Geschichten erzählen, daß dir die Haar zu Berg stehen! Ich bleib ja auch nur noch, bis ich die ganze Pension hab, keine Viertelstund länger!« Franz mußte im stillen lächeln, Anton hatte ihm das Tagwerk des ewig gekränkten Onkels geschildert, der im Amt morgens zunächst gemächlich die sämtlichen Zeitungen las, dann Lärm schlug, weil er einen Akt nicht finden konnte, und während dieser überall gesucht wurde, sich die Zeit mit Dichten vertrieb, er hatte ein artiges Talent, jede Begebenheit in zierliche Verse zu bringen, und wußte sich dabei des Schalkhaften, Treuherzigen und Verschmitzten der heimischen Mundart so glücklich zu bedienen, daß er für alle feierlichen Gelegenheiten im Lande stets um seine poetische Mitwirkung angegangen wurde; auch seine Kollegen im Amt fanden es selbstverständlich, daß, wenn ihn die Musen besuchten, die Themis einstweilen geduldig zu warten hatte, leider oft etwas lange, weil er ja überhaupt nur bei schlechtem Wetter kam, an schönen Tagen aber lieber in den Bergen herumstieg, heute noch mit den Jüngsten um die Wette, denn seine Gicht blieb im Tale zurück und die schlechte Laune auch, bei tausend Metern war er wie verwandelt, und alle freuten sich des rüstigen, wohlgemuten, trinkfesten, sangesfrohen, leutseligen alten Herrn, der noch dazu ein Graf war und so herrlich auf die Regierung schimpfen konnte; ja, wenn nur alle wären wie der, dann säh's im Lande besser aus. Er sei, behauptete Anton, der populärste Mann bei jung und alt, ja der Stolz der ganzen Stadt, und sündige darauf, daß niemand wage, von ihm Ordnung in seinen Akten zu verlangen, weil es doch nichts nützen, aber eine Revolution ausbrechen würde. Franz, gewohnt, alles auf sich zu beziehen und auf sein eigenes Schicksal anzuwenden, zog daraus die Lehre, daß einem, der das Unglück hat, ein Graf zu sein, heute wahrscheinlich nichts übrig bleibt, als ein Demagog zu werden.

Der Gang zum Domherrn war ihm schwerer. Er freute sich, ihn wiederzusehen, er war neugierig, wie der verehrte, viel besprochene, geheimnisvolle Mann jetzt auf ihn wirken und vor seinem doch immerhin gereiften Urteil bestehen würde. Doch war er einigermaßen befangen, er konnte sich eines unerklärlichen Mißtrauens kaum erwehren, einer gewissen Bangigkeit, vielleicht wieder um ein Ideal ärmer zu werden. Denn das war ja nicht übertrieben: in seiner Erinnerung stand der Domherr wirklich mit einer Verehrung umgeben, die vielleicht irdischen Wesen gar nicht zukommt. Der Großvater, der sonst, bei all seiner hausbackenen Frömmigkeit, die »Pfaffen« nicht leiden konnte, der Vater, der mit allen Menschen herablassend spöttisch verkehrte, gar aber seine stolze, unnahbare, gebietende Mutter, alle hatten stets schon den Namen des Domherrn mit so feierlichen Mienen begleitet, daß die Kinder sich unwillkürlich angewöhnten, ehrfürchtig, ja fast andächtig aufzuhorchen. Nun aber erst noch, wenn er dann, immer schon lange vorher angekündigt, mit Ungeduld erwartet, beklommen begrüßt, endlich unter ihnen saß, die Wirkung seines unbeschreiblichen Wesens! Gewann schon die Schönheit seiner Erscheinung alle, so stellte die Güte, die Herzlichkeit, die Wärme seines Tons gleich ein Zutrauen, ein Gefühl von Sicherheit her, dem sich niemand entziehen konnte. Strenge vereinigte sich mit Anmut, Würde mit einer bequemen Lässigkeit so, daß man in eine Art behaglicher Ehrfurcht geriet, und was jedermann in seiner Gegenwart empfand, hatte die Mutter einmal mit den Worten ausgesprochen: »Wenn man den Domherrn um Rat oder Trost bittet, fühlt man sich, bevor er noch den Mund auftut, schon beraten und getröstet.« Dazu kam, daß er nicht das geringste von priesterlicher Feierlichkeit oder gar Salbung hatte. Er war immer gut gelaunt, von einer gelassenen Heiterkeit, ein guter Erzähler, und in der ruhigen Freiheit, die sich von ihm verbreitete, ging unwillkürlich jeder aus sich heraus, wurde zuversichtlich, mitteilsam, unbedenklich und hütete sich doch, sich gehen zu lassen, denn so sehr er alle Menschen anzog, irgend etwas hielt sie doch ab, und je näher sie ihm kamen, sie kamen doch nie an ihn heran. Ein äußeres Zeichen davon war, daß er die Gewohnheit hatte, einen, wenn er behaglich wurde, zu duzen, nicht bloß jüngere Leute, sondern auch angesehene Männer und Frauen, aber nie konnte sich Franz erinnern, daß sich irgend jemand das gegen ihn erlaubt hätte. Wahrend andere Menschen es darauf absehen, Distanz zu halten, aus Furcht, sich gemein zu machen, schien er es eher darauf anzulegen, kein Gefühl von Entfernung aufkommen zu lassen, und war doch sicher, unangetastet zu bleiben. So weit Franz in der Welt herumgekommen war, er hatte nicht viele Beispiele solcher angeborener selbstgewisser und eben darum ganz einfacher, geräuschloser und gewissermaßen anonymer Hoheit gefunden. Sehr berühmte Künstler, des Ruhms überdrüssig geworden und am Ende zum Volke, aus dem sie emporgestiegen waren, wieder zurückgekehrt, vom Glanze weg nach äußerer Dürftigkeit verlangend, vielleicht um gerade dadurch sich ihrer inneren Größe recht bewußt zu werben, hatten das zuweilen, so Rodin, der Sänger Niemann, die Schauspielerin Rahl; und in Rom war Franz alten Kardinälen begegnet, die halb Bettler, halb Könige schienen, oder richtiger: beides zugleich, wie denn bei lateinischen Menschen noch am ehesten fürstliches Wesen mit volksmäßigem zusammen gehen kann. Sie hatten ihn stets unwillkürlich an den Domherrn denken lassen, aber er wußte nun doch nicht, wieviel an dem Bilde, das er vom Domherrn im Herzen trug, Wahrheit war und wieviel Goldglanz der eigenen, alles verschönenden Erinnerung an die versunkene Jugend. Auch war er selbst dem Domherrn ja großen Dank schuldig geworden. Die Mutter hatte den jüngeren Sohn zum Diplomaten bestimmt, und als er, ohne Lust dazu, ja angewidert, seiner Neigung zur Wissenschaft zu folgen und umzusatteln beschloß, stieß er daheim auf den heftigsten Widerstand. Ei war immer ihr Liebling gewesen, auf ihn setzte sie ihren großen Ehrgeiz, von klein auf hatte sie ihn zum Wunderkind sozusagen ernannt. Als sie schließlich doch einsehen mochte, daß sie sich zuviel von ihm versprochen hatte, sollte der Glanz einer äußeren Stellung ersetzen, was sie von der Kraft seiner Begabung nicht mehr erwarten konnte. Wenn es zum Raffael nicht reichte, so verhieß sie sich nun einen Cavour von ihm und war nicht gewillt, sich dafür mit einem Privatdozenten der Botanik abfinden zu lassen. Ein Jahr lang rang er mit der Mutter. Alle Bitten, seine Versicherung, für das ganze Leben unglücklich zu werden, das Zureden Antons, nichts half, bis er in seiner Not den Einfall hatte, den Domherrn anzurufen. Der Domherr kam, und in kaum einer Stunde war ihr Traum begraben, ihr Wille gebeugt, sein Wunsch erfüllt. Daß er sein Leben hatte selbst gestalten dürfen, verdankte er dem Domherrn. Er hatte sich freilich seitdem oft gefragt, ob es für ihn nicht besser gewesen wäre, der Mutter ihren Willen zu tun. Aber er hätte sich dann sein ganzes Leben lang eingebildet, sein wahres Leben verfehlt zu haben. Es war schon besser, wie es war.

Franz hätte selbst nicht zu sagen gewußt, warum er, in Verehrung des Domherrn erzogen, ihm zu Dank verbunden, den anziehenden Reiz seines Wesens so stark empfindend, dennoch ein Unbehagen vor diesem Besuche wirklich nur Anton zuliebe überwand. War es nur Angst vor Enttäuschung? Auch wenn der Domherr dem Manne nicht hielt, was der Knabe, was der Jüngling an Vertrauen und Bewunderung in ihn gesetzt hatte, blieb immer noch ein ungewöhnlicher Mensch übrig, weit über das hier übliche Maß emporragend. Es war nicht Furcht vor Enttäuschung. Aber Furcht war es. Er fühlte sich beklommen, unsicher, fast zaghaft. Warum? Er wollte nichts von ihm, brauchte nichts von ihm, kam auf Besuch, der Form wegen, ohne weitere Folgen. Und wenn der Domherr im Rufe stand, Menschen zu fischen, so mußte sich das doch lohnen. Was aber hätte er davon, ihn einzufangen, einen gleichgültigen Grafen, ohne Vermögen, Einfluß oder Bedeutung, der noch dazu, wenn es ihm unbehaglich wurde, morgen wieder entwischen konnte, weg in die weite Welt? Ihn beschlich offenbar nur die törichte Scheu vor Priestern, die er noch von der Schule her hatte. Er war in Kremsmünster erzogen, und so sehr die Buben dort an den geistlichen Herren, ihren Lehrern, hingen, wuchsen sie doch im heftigsten Trotz gegen alles Kirchenwesen auf. Franz war fromm, als er hinkam, und kam als Freigeist, Spötter, ja mit einem wahren Haß gegen die Pfaffen zurück; er hätte selbst den Grund nicht sagen können. Er gedachte heute noch dankbar der braven freundlichen gelehrten Priester, die dem jungen Volke jede Freiheit ließen, wirklich keine Pedanten waren und alles eher als Frömmler. Den Schülern geschah kein Zwang, nichts hinderte sie, sie wurden nie mit geistlichen Übungen geplagt, und gar der allgeliebte Pater Zirwin, der Philologe, war ein entschiedener Heide. Doch die natürliche Neigung der Jugend, sich aufzulehnen, braucht etwas zum Widerspruch und ergreift alles, was sie nur gerade bei der Hand hat, um sich daran in Hohn und Verachtung gütlich zu tun. Anders konnte sich Franz die kindische Wut nicht erklären, in der sie damals einander überboten, Wut, Grimm und Hohn, nicht gegen den Glauben, den mancher der prahlenden Schreier dabei ganz unversehrt behielt, aber gegen die Kirche, der allen Gehorsam aufzusagen freien deutschen Männern die Ehre gebot. Das gehörte nun einmal dazu, wie Rauchen und Kneipen, und jeder hätte sich geschämt, hinter den anderen zurückzubleiben, einer tat es dem anderen nach und bemühte sich noch, es allen darin zuvorzutun. Und so stark sind solche doch meistens ganz zufällige Denkgewohnheiten der ersten Jugend, daß von seinen Schulkollegen alle, die sich später öffentlich irgendwie hervortaten, sich immer auffällig antiklerikal zu gebärden jede Gelegenheit ergriffen. Franz hatte sich um Politik nie gekümmert; alles Parteiwesen war ihm verhaßt, alle Parteimänner hatten so schlechte Manieren. Aber gelegentlich ein kräftiges Wort gegen die frechen Übergriffe kirchlicher Unduldsamkeit zu vernehmen, tat auch ihm wohl. Mochte jeder im stillen mit sich selber ausmachen, was er glauben, wie das uns rings umgebende Geheimnis deuten, in welcher Form es verehren will, aber der öffentliche Betrieb so geheimer und ganz intimer Empfindungen durch Angestellte, die das nun auch noch zum Anlaß nehmen, in alles dreinzureden, schien ihm mit allen Begriffen unserer Zeit, mit jeder echten Bildung, ja schon mit der einfachsten seelischen Schamhaftigkeit unverträglich, wenigstens für jeden seiner empfindenden Menschen, wenn auch immerhin das Volk vielleicht, in seinem sinnlichen Bedürfnis nach äußeren Zeichen, noch immer solcher rohen Formen nicht ganz entraten kann. Und gerade seit er angefangen hatte wahrzunehmen, wie viele Menschen sich jetzt auf einmal wieder dem Glauben zuwenden, war ihm das Unwesen eifernder Kapläne noch ärgerlicher geworden. Das Göttliche, das Unaussprechliche rein verehren zu können, wird die Menschheit sicherlich erst die Macht der Kirche brechen müssen, die sich überall, gar aber bei uns, immer mehr verweltlicht hat und ihren so heiligen Ursprung verleugnet. Und war denn die Exzellenz nicht ein abschreckendes Beispiel dieses Weltsinns einer nur noch politisierenden Kirche? Einen klerikalen Großindustriellen nannte ihn der Onkel Erhard. Halb Unternehmer, halb Diplomat, ebenso begabt, Geschäfte wie Menschen zu leiten, mit einem glücklichen Blick für wirtschaftliche Bedürfnisse wie für menschliche Schwächen, immer bereit zu helfen, aber nur, wenn man sich ihm dafür verschrieb, nachsichtig, duldsam, verständnisvoll mit Freunden, Feinden gefährlich, war er zu einer Macht gelangt, die keinem Rechenschaft zu geben hatte, die nie zur Verantwortung gezogen wurde. Man spürte ihn überall und konnte ihn nirgends fassen, denn er war ja nur ein still seinen frommen Pflichten lebender Priester. Gerade dieses Inkognito seines Ansehens, seiner Bedeutung, seiner Wirksamkeit umgab ihn mit einer Sicherheit, die auch tapfere Männer kleinlaut machte und jedem riet, sich lieber mit ihm zu verhalten. Sie konnten ihn alle nicht leiden und ließen sich doch alle von ihm lenken, und wenn Franz das als Kunststück bewunderte, so fand er es doch empörend. Jedenfalls nahm er sich vor, auf der Hut zu sein. Denn wenn es auch wirklich nicht dafür stand, ihn einzusaugen, er traute dem Domherrn zu, daß er es dennoch versuchte, schon aus Gewohnheit, zu seinem Vergnügen und um seine Kunst zu zeigen. Aber so leicht soll es ihm nicht werden!

Alle guten Vorsätze aber waren vergessen, sobald Franz vor ihm saß. Der Domherr empfing ihn, als wenn es gestern gewesen wäre, daß sie sich zum letztenmal gesehen hätten, sie waren gleich in einem Gespräch, das gleichgültig schien, aber durch die gute Laune, den Geist und die gelassene Heiterkeit des Priesters einen Reiz hatte, dem sich Franz um so weniger entziehen konnte, als er doch selber froh war, nach so langer Zeit sich wieder einmal im Ballspiel munterer Gegenreden üben zu können. Es war zu hübsch, wie der Geistliche, nichts sagend, es so zu sagen verstand, daß man aus einer Überraschung in die andere fiel. Sie sprachen die ganze Zeit nur von ihren Bekannten, nach denen sich der Domherr erkundigte, mit einem freundlichen Wort für jeden, aber von einer Freundlichkeit mit einem Nebensinn, gleichsam mit einer geheimen Türe, die plötzlich aufging und den Freund, dessen er eben so herzlich gedachte, in einer höchst komischen Stellung überraschte, worauf jedoch sogleich wieder der Vorhang christlicher Nächstenliebe zugezogen wurde. Und wie mit Menschen, so ging er auch mit den Dingen, mit allgemeinen Verhältnissen, mit Schicksalen um: sie verloren, indem er sie besprach, nach und nach ihren Ernst, ihre Bedeutung, ihre Schwere, sie lösten sich auf, in seinem Munde wurde alles zu Geist, und es blieb nichts als eine angenehme stille Heiterkeit zurück. Wenn man ihn hörte, war nichts wert, sich aufzuregen, die Menschen bildeten sich das bloß zuweilen ein, aber es ging schon wieder vorüber! Nicht daß er diese Meinung ausgesprochen hätte, nein, im Gegenteil: er behandelte Menschen und Dinge mit dem größten Respekt und schien eher zu bedauern, daß ihr Ernst niemals standhielt. Er war kein Spötter, er wurde niemals ironisch, er sprach immer mit derselben ruhigen Herzlichkeit fort, teilnehmend, wohlwollend, gutmeinend, aber je länger er sprach, desto kleiner wurden Menschen und Dinge, sie hielten sein Wohlwollen nicht aus, sie zogen sich beschämt vor seiner guten Meinung zurück, seine Teilnahme blieb ihnen, aber sie verdienten sie nicht mehr. Den ärgsten Spott würde man eher aushalten als diesen alles aufweichenden gütigen Ernst! Es war ein langsames Einsinken in Behagen, das sich allmählich immer wärmer um einen zusammenzog. Franz sagte sich zuweilen noch: Wenn du jetzt nicht aufstehst, wird's zu spät, und so billig soll er dich doch wenigstens nicht haben! Es, war aber zu schön. Nur einen Augenblick noch! Und dann noch einen! Lange war ihm nicht so wohl gewesen. Er redete sich auch vor, bloß neugierig auf das Verfahren, auf die Methode des Pfaffen zu sein. Wodurch wirkte der? War es der seltsame Klang dieser tiefen, dunklen, gurrenden Stimme? Nach Predigerart zog und dehnte der Priester die Silben, sie tropften gleichsam und hallten leise nach. Das wirkte zunächst eher fast etwas komisch, dann ermüdend, aber angenehm; unwillkürlich wurden einem die Augen schwer. War es die Stille der einfachen Stube, die mitten in der Stadt, mit dem Blick auf den Platz, doch ganz abgeschieden schien, eine andere Welt? Ein merkwürdiges Gefühl von Geborgenheit war das, und doch auch von beklommener Erwartung, fast wie man es zuweilen in Gegenwart von Frauen hat, wenn sich eine Neigung, noch ungewiß, mit leisen Schritten anzukündigen zögert. Und da fing Franz auf einmal unversehens lebhaft von sich zu erzählen an, unaufgefordert, auch eigentlich ohne jeden Anlaß, zu seiner eigenen Verwunderung, auf irgendein inneres Geheiß hin, vielleicht bloß, um wieder aufzuwachen; es tat ihm wohl, seine eigene Stimme zu hören, er wollte nur reden, reden, reden! Er nahm sich aber zusammen, nichts zu verraten. Daß ihm sein ganzes Leben mißlungen war, daß er überall angeklopft und nirgends Einlaß gefunden hatte, daß er, an allen Türen abgewiesen, jetzt ganz ratlos dastand, um keinen Preis sollte der arglistige Priester das erfahren! Nein, er wollte nur erzählen, – von seinen Reisen in der großen Welt da draußen, von Abenteuern, die er bestanden, von merkwürdigen Menschen, mit denen er verkehrt hatte, er prahlte fast damit, um Eindruck auf den Pfaffen zu machen! Da sagte dieser: »Kopf hoch! War nicht übel! Solche Stimmungen hat jeder einmal, aber man flickt sich schon wieder zusammen. In deinen Jahren! Und gibt's denn was Schöneres in der Welt, als sich von ihr mit voller Hingebung immer wieder betrügen zu lassen, von dieser ach so herrlich niederträchtig trügerischen Welt? Du wirst noch manchen Wahn lahm reiten, man läßt sich eben einen neuen satteln, um dich ist mir nicht bang!« Und er lachte von Herzen.

Franz war paff: Er hatte doch das gar nicht gesagt, worauf ihm der Weihbischof antwortete! Der antwortete ihm, als ob er ihm gestanden hätte, gerade was er ihm zu verschweigen entschlossen war und doch auch wirklich verschwiegen hatte. Und noch verlegener machte ihn das Du des Priesters, das er sich nicht gut verbitten konnte, schon als Student daran gewöhnt, das er aber als erwachsener Mensch, um nicht in eine ganz lächerliche Stellung zu geraten, erwidern mußte, jedoch mit aller Anstrengung einfach nicht über die Lippen brachte. Wie ein Schulbub saß er vor dem Priester da, der lächelnd fortfuhr, ihm ungebeten Trost und Mut zuzusprechen: »Wer hätte sich nicht schon in einer ähnlichen Lage befunden? Es wird dem Menschen nicht leicht, herauszufinden, wohin er gehört, was er eigentlich soll, was mit ihm gemeint ist. Da verliert er denn wohl gelegentlich die Geduld und möchte aus der Haut fahren. Aber auch du wirst mit der Zeit darauf kommen, daß das ein Irrtum ist. Denn erstens war dir in anderen Häuten auch nicht besser, und zweitens geht's eben nicht, du kommst einmal aus deiner nicht heraus.« Franz hörte gar nicht mehr zu, er dachte nur immer noch nach, wodurch er sich wohl dem Priester verraten haben könnte oder ob dieser etwa sonst irgendwie sich über ihn erkundigt hätte, das Spionieren schien zu seinem Amt zu gehören. Es war ja verblüffend, wie er, dem Anschein nach ganz im allgemeinen sprechend, genau die besonderen Stellen traf, an denen Franz ratlos war, und während er sich in Sentenzen erging, schlug jede doch gerade auf diesen einen Fall ein. Ein Zeuge hätte meinen können, daß hier bloß allerhand Fragen, wie sie sich einem Beobachter des menschlichen Lebens aufdrängen, fachlich verhandelt würden, und hätte durchaus in dem Gespräche keine Beziehung auf eine Person vermutet. Ja Franz selber fragte sich immer wieder, ob er sich diese nicht am Ende doch bloß einbilde. Möglich war immerhin, daß der Priester ganz arglos Betrachtungen anstellte, ohne zu ahnen, wie nahe sie seinem Hörer gingen. Vielleicht bestand überhaupt seine ganze Methode darin, immer einen Vorrat von Maximen bereit zu haben, aus dem sich dann jeder Hörer nahm, was auf ihn paßte. Vielleicht war es gar nicht so schwer, mit einem halben Dutzend von klug gewählten vieldeutigen Redensarten für alle Fälle geistiger Not und Hilflosigkeit auszukommen, ihre Anwendung auf sich besorgte der Hilflose dann schon selbst und ging getröstet weg, ohne daß der Tröster wußte, was er denn getröstet hatte. Nur stimmte das doch wieder auf diesen Fall nicht, denn woher konnte der Domherr denn überhaupt wissen, daß Franz in innerer Not war? Und für jeden anderen, ja vor einem Jahre noch auch für Franz selbst, hätten die Worte des Priesters keine Bedeutung, eigentlich gar keinen Sinn gehabt, die jetzt, aber erst jetzt, nach seinen letzten Erlebnissen, so stark auf Franz wirkten, aber nur auf ihn wirken konnten! »Es gibt Menschen,« sagte der Weihbischof, »die einen Zweck brauchen, und andere, die Bewegung brauchen. Jenen kommt es darauf an, daß etwas getan wird, diesen, in Tätigkeit zu sein. Jene werden sich unglücklich fühlen, wenn sie keine Wirkung sehen; diese befriedigt auch die größte Wirkung nicht, wenn ihnen noch ein Rest von unverbrauchter Kraft bleibt. Am richtigen Platze sind beide verwendbar, aber beide richten Unheil an, wenn eine falsche Erziehung ihren Ehrgeiz auf die andere Seite lenkt, den der Zweckmenschen auf Geschäftigkeit, den der Kraftmenschen auf ein Ziel. Es kann einer bloß durch seine fruchtbare Gegenwart, durch einen einzigen glücklichen Einfall, durch das rechte Wort im rechten Augenblick die größten Wirkungen erreicht haben und doch an sich irre werden, weil er eigentlich ja, wenigstens an der Unermüdlichkeit der anderen gemessen, untätig bleibt. Und der andere wieder wird aus der schönen Bewegung, in der er sein Leben verbringt, aufgeschreckt, durch die Frage, was denn aber damit geleistet sei. Hätten jene genug an der Wirkung, auch ohne Tätigkeit, diese an ihrer bewegten Geschäftigkeit, auch ohne Leistung, so wäre allen geholfen. In unserer Zeit verleidet sich aber jeder seine Begabung dadurch, daß er von ihr gerade das verlangt, was sie nicht kann: der Zweckmensch will sich in Bewegung setzen, der Kraftmensch, der doch nur zu turnen hat, fordert sich ein Ziel, und während sie, jeder von seiner Seite her, schließlich schon irgendwie, irgendwo zusammen kämen, verlieren sie so nur alles Zutrauen, allen Stolz, alle Freude. Sei doch der Tätige tätig, ohne lange zu fragen, was er damit leisten wird, und der Wirksame wirke, ohne sich nach Bewegung zu sehnen! Durch diese banale Weisheit wäre die Zeit von aller Hysterie geheilt.« Franz konnte sich nicht denken, daß diese Worte bloß allgemein gemeint wären. Sie zielten doch auf ihn. War denn in der ganzen Stadt noch irgend jemand sonst, dem sie gelten konnten? Enthielten sie nicht sein Schicksal? Ei doch, er war der immer bewegte Tätige, der nun, statt diese Bewegung dankbar zu genießen, sich alles mit der ewigen Sorge verdarb, was denn aber damit schließlich geleistet sei! Zum erstenmal fand er sich erkannt, ja jetzt verstand er sich selber erst, hier war er gedeutet, ja noch mehr, hier wurde ihm bestätigt, daß er recht hatte! In Bewegung zu sein, war ihm vom Schicksal auferlegt und so hatte er ein Recht auf alles, was ihn in Bewegung setzte, und hatte keine Pflicht, als sich zu bewegen, und mußte sich nur die törichte Frage abgewöhnen, wozu! Dann war auch sein bisheriges Leben nicht vertan, er sah es jetzt anders, denn so kläglich es schien, an den Ergebnissen gemessen, so reich war es an Ereignissen, es konnte sich als Kraftübung wohl sehen lassen, er hatte nichts gespart, sondern von Jugend auf redlich gewirkt, wenn auch nichts bewirkt: das Stichwort, das ihm der Domherr gab, ließ ihn wieder Mut und Vertrauen finden, zu einer Tätigkeit, welcher Art immer. Und vielleicht wird er jetzt erst zeigen, was er kann, wenn er nicht mehr fragt, was seine Kraft einbringt, sondern sich von ihr treiben läßt, wohin immer, ohne Ziel, sich auswirkend an allem, was der Tag, was der Augenblick ihm schickt, bewegt und bewegend, zufrieden, wenn er sich nur sagen kann: du regst dich nach allen Seiten, wie der Wind weht, wie der Fluß fließt! Er war daran aufzuspringen, in einem Gefühl von Reue, den Priester so verkannt, von Scham, ihm mißtraut zu haben, bereit, sich von ihm führen zu lassen, und doch immer von einer inneren Stimme noch gewarnt, ob er nicht wieder einmal von einer unbesonnenen Zuversicht betrogen würde, wie schon so oft! Er kannte das doch! Wie oft in seinem Leben hatte er nicht schon gemeint, den rechten Mann, dem er sich anvertrauen, die rechte Sache, der er sich bestimmen könnte, gefunden zuhaben, und dann war es immer doch wieder nicht der rechte, nicht das rechte gewesen und er saß wieder da mit zerbrochenen Hoffnungen und konnte nicht weiter! Aber was lag denn daran? Er hatte ja doch immer wieder weiter können, freilich auf anderen Wegen! Galt ihm denn das nichts, immer wieder einen neuen Weg gefunden zu haben, den er wieder mit neuer Lust, mit neuen Erwartungen ging? Und mußte denn deswegen der alte Weg falsch sein, weil er ihn auf einen neuen führte? Er hatte vielleicht gar nie sein Ziel verfehlt, sondern eben der neue Weg war das Ziel des alten, und so kam er, während er irre zu gehen meinte, doch immer höher, und wenn er einst oben sein wird, erkennt er vielleicht erst, in die Tiefe zurückblickend, mit welcher Sicherheit er von seinen Trieben untrüglich gelenkt worden ist. Vielleicht sind alle seine Erfahrungen, Enttäuschungen, Entbehrungen, in Wissenschaft und Kunst, mit Frauen, auf Reisen, alle seine Versuche, das Leben auszukosten, alle seine Bemühungen um den Sinn des Daseins gleichsam nur einzelne Buchstaben eines geheimnisvollen Alphabets gewesen, die er erst alle kennen muß, um lesen zu können! Und die Menschen, die er so sehr beneidet, die von ihrer Kunst, ihrer Wissenschaft, ihrer Tätigkeit befriedigten Menschen sind vielleicht viel ärmer als er, denn sie bleiben in ihrem Buchstaben stecken, und so werden sie nie, nie lesen lernen, während ihm vielleicht bestimmt ist, einst das Buch des Lebens aufzuschlagen!

Es dämmerte schon. Der Domherr sprach noch immer, bald belehrend, bald erzählend, immer in demselben langsam fließenden Ton. Diese warme Stimme tat dem Grafen wohl, er vernahm aber eigentlich nur ihren Klang, von dem sich seine eigenen Gedanken tragen ließen. Die Worte des Priesters vernahm er kaum, sondern nur ein stilles Sausen, in dem er nichts unterschied, aber er hätte stundenlang so sitzen und horchen mögen, in sich hinein, wo nun auf einmal alles ruhig und klar und getrost war.

Da ging leis die Türe, der Priester verstummte, Franz erwachte. Ein junger Franziskaner stand auf der Schwelle, in Demut gewärtig. Vom Flur kam Licht herein, um den Mönch. Er schloß erst zu, als der Domherr sagte: »Nun? Der Graf wird entschuldigen. Wie steht's mit meiner Mutter?« Der Mönch, sich vor dem Grafen verneigend, mit einem neugierig aufschießenden, gleich aber wieder niedergeschlagenen Blick, glitt näher und begann zu berichten, die Hofrätin sei heute schon viel besser, und der Arzt meine jede Gefahr vorüber, wofern sie sich nur noch ein paar Tage streng verwahre, wovon sie nun freilich nichts wissen wolle, ungeduldig, im Bett gefangen zu sein, untröstlich, die Messe zu versäumen, und entschlossen, morgen auf jeden Fall auszufahren, gegen das ausdrückliche Verbot des Arztes, über den sie sich lustig mache.

Er sprach leise, kein Wort betonend, und konnte doch den Glanz seiner quellenden Stimme nicht verbergen, in der ein unterdrücktes Jauchzen klang. Sie war so hell wie sein weißes Gesicht, das, lang und schmal, aus Elfenbein schien. Es regte sich kaum. Nur wenn er sich einmal vergaß und seine kleinen schnellen kohlglühenden Augen aufschlug, flog ein Schatten darüber, aber gleich bezwang er sich wieder, senkte den Blick und dämpfte sein heißes Flüstern noch mehr. Franz wußte nicht gleich, was ihn an der demütigen Erscheinung so befremdete, ja fast rührte. Dann fiel ihm auf, wie diese rein gezeichneten, zierlich gemeißelten, feinen Züge so gar nicht zu der braunen Kutte paßten. Er wünschte sich unwillkürlich, dem Mönch sein Gewand zu nehmen, um den griechischen Jüngling zu sehen, den es verbarg.

»Danke,« sagte die Exzellenz. »Ich komm schon heute noch zu ihr. Und wenn sie sich's nicht ausreden läßt, wer weiß? Vielleicht hat sie recht. Vielleicht ist die Messe die beste Medizin für sie. Aber ich werd ja sehen!« Er nickte, der Mönch verneigte sich tief. Als er fort war, empfanden sie, wie dunkel es geworden. Der Priester machte Licht. Franz riß sich von der immer noch nachwirkenden Erscheinung los, es fiel ihm ein, daß er sich ja noch gar nicht nach der Hofrätin erkundigt hatte. Er wußte nicht, daß sie krank war, entschuldigte sich und fragte teilnehmend. Aber der Domherr, statt zu antworten, sagte lächelnd: »Mir gefällt er auch sehr. Es ist ein junger Albaner. Daher das klassische Profil. Nun hat er in einem Kloster am Bodensee Deutsch gelernt, eigentlich schwäbelt er. Der Gegensatz macht sich zuweilen sehr komisch. Da aber sein Gemüt noch mehr schwäbelt, stimmt es wieder, gewissermaßen ist es seine Muttersprache, oder sozusagen Seelensprache. Und ich mag ja stets die Menschen am liebsten, die mir innerlich am fernsten sind. Gar aber meine Mutter schwärmt für ihn. Wenn nur der Pater Hilarius kommt, das verjüngt sie ganz! Und sie verwöhnt ihn schrecklich.« Jetzt schien er sich erst auf jene Frage zu besinnen und fuhr fort: »Mein Gott, sie wird aufs Jahr achtzig! Da ist jeder Tag ein Geschenk. Auch hat sie sich nie geschont, sie lebt vergnügt darauf los und gibt sich heute noch Freuden und Leiden hin wie die Jüngste. Man muß sie sehen, wenn sie zur Kirche fährt, in offener Kalesche aufrecht unter dem schwarzen Sonnenschirm, huldvoll nach allen Seiten grüßend, jeder kennt sie ja, sie sind alle sehr stolz auf sie, das genießt sie nun mit Behagen, sie fühlt sich wirklich gewissermaßen als regierende Frau, die die Huldigungen ihrer Getreuen entgegennimmt, so mit einem gnädig achtlos über die Menge hinschwebenden Blick, bemerkt dabei doch aber alles. Das Geringste fällt ihr auf, und da geht's dann, wenn ich abends komme, an ein Fragen ohne Ende, alles will sie wissen, sie kennt ja von jedem die ganze Geschichte schon vom Großvater und von der Großmutter her, ihr Gedächtnis ist untrüglich, ihre Neugierde noch größer, gar aber ihr Stolz, die Vertraute, Mitwisserin, Hehlerin, Vermittlerin und Beschützerin sämtlicher Liebschaften in der ganzen Stadt zu sein, die sie nun freilich, wenn's nur irgend geht, ins Ehebett zu lenken sucht, aber wenn ihr das meistens mißglückt, doch auch wieder im Stiche zu lassen nicht das Herz hat. Das gibt nun Aufregungen, Befürchtungen, Hoffnungen, Täuschungen, Vermittlungen, Entzweiungen, Versöhnungen, gar aber Besprechungen ohne Ende, bis ihr mittendrin auf einmal doch wieder bange wird, den Himmel zu versäumen, und ich soll dann raten, wie man denn vielleicht doch so arge, aber ach so liebe Sünderinnen, die es doch so gut meinen und nur halt einmal nicht davon lassen können, unversehens irgendwie zur ewigen Seligkeit hinüberschmuggeln könnte.« Der Domherr lächelte. Dann wurde sein Gesicht plötzlich ernst, er schien nachzudenken und sagte noch, aber mehr vor sich hin und ohne Wert darauf zu legen: »Meine Mutter ist ein merkwürdiger Fall, wie Weltsinn, Hingebung an das Leben, Erdenlust doch in aller Unschuld bei der reinsten Frömmigkeit, ja man muß eigentlich sagen: einer unmittelbaren Verbindung mit dem anderen Reich liegen können, ohne daß sie gegenseitig einander zu stören oder auch nur zu merken scheinen.« Er sah plötzlich Franz an, besann sich und änderte den Ton, als er sagte: »Sie wird hoffentlich bald soweit sein, daß du sie sehen kannst. Laß dir das nicht entgehen! Als Maler wirst du dich ihrer Anmut, als Mensch ihres Geistes erfreuen, und es tut dir sicher gut, einmal an einem solchen Prachtbeispiel gewahr zu werden, wie wir es gar nicht nötig haben, uns, wie du zu glauben scheinst, auf eine Grundformel zu bringen, sondern unsere Widersprüche vielleicht am besten beherrschen, wenn wir sie getrost alle nebeneinander herlaufen lassen. Man wird sie noch einige Zeit zwingen müssen, sich zu schonen, sie gibt sich im Gespräch gleich zu sehr hin, gibt sich ganz aus, sie kann sich noch immer in ihre Jahre nicht finden. Ich werde dich verständigen, wenn es so weit ist.«

Franz stand auf. Er fühlte, daß er entlassen war. Er ärgerte sich, so lange geblieben und nicht von selbst gegangen zu sein. Auf einmal regte sich sein Mißtrauen gegen den Priester wieder. Der maßte sich doch mehr an, als ihm zukam! Sein Vater, der Schulrat Zingerl, war eines Kammerdieners Sohn, der sich als Bettelstudent durchgehungert und mühsam emporgebückt hatte, seine Mutter das Kind eines armseligen Statthaltereirats. Man munkelte da freilich allerlei. Der Schulrat war an die sechzig, als er die Siebzehnjährige zur Frau nahm, der ein hoher Herr auffällig seine Gunst bewies. Selbst wenn das aber auch nicht bloß kleinstädtischer Klatsch war, so ließ sich doch damit noch immer nicht die Hoheit entschuldigen, in der sich der Pfaffe weit über seinen Stand hinaus gefiel, offenbar ganz naiv, weil ihn alle verwöhnten, im blinden Glauben an seine Macht, die vielleicht aber nur eben in diesem Glauben bestand.

Es war schon ganz dunkel, als Franz heimfuhr, auf der langen schnurgeraden, menschenleeren Landstraße. Der Blasl fuhr sehr gut. So faul, langsam und unanstellig er sonst war, kutschieren konnte der Blasl! Die rasche Fahrt durch die schlafende Landschaft, im nassen Nebel, tat Franz wohl. Er sah nichts, hörte nichts, er wurde gleichsam geflogen, wie auf Fausts Mantel. In den Gehöften schlug manchmal ein Hund an, aber schon waren sie wieder vorüber. Den Berg, dem sie sich näherten, konnten sie nicht sehen, aber Franz glaubte ihn immer zu spüren. Er erinnerte sich jetzt nur noch ganz undeutlich des Gesprächs mit dem Priester. Es kam ihm jetzt unzusammenhängend vor. Nur der Glockenklang der tiefen Stimme blieb ihm noch im Ohr. Das war vielleicht das ganze Geheimnis seiner Macht, in dieser Stimme schmolz jeder Wille. Franz wünschte sich, sie noch zu hören, sie hätte so gut in die Zaubernacht eingestimmt, die ihn, totenstill und doch erregend lebendig, mit ihren lautlosen Chören umgab. Er schlief halb, aber seine Gedanken waren wach, doch unbeherrscht von ihm, sie schössen einher und waren schon wieder weg, jetzt sehr hell, doch gleich erloschen, aus tiefer Nacht herauf in tiefe Nacht hinab, und nur einen Augenblick lang dazwischen von grellen Blitzen vorgeblendet, aber auch schon wieder verschlungen.

An der Kreuzung fuhr Franz auf und ließ zur Arnsburg einbiegen. Es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt allein zu bleiben. Er fürchtete sich vor dem einsamen Schlößl. Er mußte selbst über sich lachen. Was war das? Aber er hatte wirklich fast Angst. Es ging so geheimnisvoll viel in ihm vor, und er wußte nicht was. Er hätte jetzt unmöglich ruhig in seinem Zimmer sitzen können; es war ihm dort zu laut von seinem eigenen inneren Lärm. Sein lustiger Bruder und die dicke Gabsch mit den piepsenden Kindern, ja, das wird ihn beschwichtigen, bei ihnen ist er eher mit sich allein und entkommt dem Pfaffen!

Die Freude, mit der er begrüßt wurde, der Stolz der Schwägerin, die Aufregung der Kinder, Antons Glück, ihn unvermutet zu sehen, und gar seine Dankbarkeit, daß er ihm das Opfer gebracht, den Domherrn zu besuchen, rührten Franz, beschämten ihn fast. War er nicht ein Tor, die ganze Welt nach Teilnahme, Neigung und Freundschaft abzusuchen, und hier standen sie für ihn bereit und warteten demütig auf ihn, er hatte doch nur die Hand auszustrecken! Wenn nur freilich diese Güte, diese Herzlichkeit nicht so unbequem gewesen wären! Er machte sich im stillen selbst Vorwürfe über seine Undankbarkeit. Es waren doch wirklich Prachtmenschen! Und beteten ihn an! Ja, ja, ja! Das half aber alles nichts, sie langweilten ihn! Heute tat ihm freilich gerade diese Langweile gut, sie brachte ihn wieder auf die Erde zurück, nach jener gespenstischen Fahrt. Und auch der Domherr war, als Anton von ihm sprach, auf einmal wie entzaubert, er hatte gar nichts Phantastisches mehr. Ein Geist, von Anton angesprochen, hätte sich sicher auch sogleich höchst irdisch benommen. In Antons Gegenwart zerrann jedes Gespenst, aber in Langweile. Was für ein herzensguter, kreuzbraver, vortrefflicher Mensch war Anton! Das Muster eines Edelmanns, eines Staatsbürgers, eines Familienvaters! Franz sagte sich das den ganzen Abend im stillen immer wieder, um nur nicht davonzulaufen. Müssen denn interessante Menschen immer verdächtig, gute immer schal sein? Blühen Anständigkeit, Zuverlässigkeit, Redlichkeit bloß in leeren Köpfen, Geist, Anmut, Begabung bloß in argen Herzen? Meidet Tugend den Verstand, Talent das Gemüt? So fragte sich Franz, während Anton ihn schon recht ungeduldig machte mit seinen rinnenden Lobreden auf den Domherrn, den er in dem warmen Brei seiner Bewunderung so verkochte, daß wirklich am Ende von der geheimnisvollen Gestalt nur eine wäßrige Suppe von bürgerlicher Ehrbarkeit und kleinstädtischen Verdiensten übrig blieb. Was hatte der also, sagte sich Franz, von seiner gepriesenen Macht, die doch nur auf einem völligen Mißverstehen seines Wesens beruhte? Wenn mir angeboten würde, die ganze Welt zu beherrschen, aber um den Preis, sie nie merken zu lassen, wer und was ich bin, es wäre mir nicht der Mühe wert!

Als Franz dann heimging, langsam durch den stillen Wald, vom Blasl mit der Laterne geleitet, empfand er wieder einmal tief die unendliche Einsamkeit, in der sein Leben verging. Er gehörte nirgends hin. Draußen war er immer fremd geblieben, daheim fremd geworden; dort ließen sie ihn nicht ein, hier fand er sich nicht mehr hinein. Er hatte das halbe Leben damit verbracht, in der Zukunft zu suchen, immer erwartend, es müsse morgen die Türe sich öffnen und die Wahrheit erscheinen. Jetzt aber war ihm fast, als wäre sie vielleicht längst erschienen und nur wieder verschwunden, weil er versäumt hatte, sie zu bemerken. Oder hatte der Domherr recht, daß es keine für ihn gab als, vom Augenblick ergriffen, in Bewegung zu sein. Aber dann muß man sich ein Ziel doch wenigstens einreden können, einen Sinn, eine Folge dieser Bewegung! Der mürrische Blasl, der da mit stummem Trotze neben ihm stapft, weiß wenigstens warum und wozu: aus Hunger und um ein Dach zu haben. Arme Leute sind zu beneiden, ihnen wird ihr Leben diktiert, sie müssen nicht erst fragen, sie haben die Antwort schon, an der er sich zerrieb. Jeder wünscht sich Freiheit, aber wer hat denn die Kraft, Freiheit zu ertragen?

Viertes Kapitel

Oktober war in sanften Tagen langsam verblüht. Um diese Zeit kann man hier kaum glauben, auf deutscher Erde zu sein. Die Klarheit der Luft, die Kraft der Farben, die Entschiedenheit der Formen gibt der Landschaft eine Ruhe, eine Würde, die für den darin wandelnden Menschen in seiner kleinen Hast etwas Vernichtendes hat. Er verschwindet darin, sie löst ihn auf. Bei hellem Tage hatte Franz oft das erdrückende Gefühl, das ihn sonst nur unter dem Sternenhimmel zuweilen überkam: ein Gefühl völliger Nichtigkeit, seiner eigenen nicht nur, sondern aller Menschen, des menschlichen Wesens. Er sehnte sich nach Nebel, aus dem uns der Mensch, dem wir begegnen, groß und gleichsam als der Kern der Natur entgegentritt. In dieser unbarmherzigen Klarheit wurden die Menschen zu Punkten, wesenlos verloren im Raum, der sie nur hervorzubringen schien, um an ihnen sich selber in seiner ganzen Allmacht zu fühlen. Franz erinnerte sich dieses zerstörenden Gefühls von der Campagna her, aus der er sich aber dort doch immer in den Schutz des fröhlich lärmenden Stadtgewühls hatte flüchten können. Hier aber schien die Stadt, von den Sommergästen verlassen, jetzt selber auch zur Landschaft zu werden, in den schweigenden Steinen der Kirchen setzten sich die Berge fort und drangen auf den Menschen ein, der zunichte wurde. Hier war alles stärker als der Mensch und alles wies ihn in seine Kläglichkeit zurück. Franz wunderte sich nur, daß die Leute dies ertrugen: sie müssen von einer ungeheuren Kraft sein, oder blind. Er empfand die Gleichgültigkeit der Natur gegen den Menschen, an den hier sozusagen gar nicht gedacht zu sein schien, oft so stark, daß er manchen Tag lieber ganz im Schlößl blieb.

Er hatte wieder zu malen angefangen, zunächst nur so Notizen des Augenblicks, von Luftstimmungen und Beleuchtungen. Die Freude, die er daran fand, das Zutrauen, das er allmählich wieder zu sich gewann, die Empfindung, nichts verlernt zu haben, sondern fast eher im geheimen gereift zu sein, machten ihm Mut, sich wirklich an ein Bildnis des Blasl zu wagen. Es war auch der Wunsch dabei, dem mürrisch verstockten Alten allmählich beizukommen, der ihn seltsam anzog, aber nicht dazu zu bringen war, sich mit ihm einzulassen. Franz, der gern mit Dienern auch ein menschliches Verhältnis suchte, fand dafür gar kein Verständnis bei ihm. Je freundlicher er sich um ihn bemühte, je nachsichtiger er war, je mehr er ihn schonte, desto stärker wurde der Widerstand, auf den er stieß, ein lautloser, Ergebenheit heuchelnder, tückischer Widerstand, der nirgends zu fassen war, weil er sich immer auf eine Vergeßlichkeit, auf irgendein Mißverständnis ausreden konnte. Wenn Franz den Alten brauchte, war er nie da, wenn er ihn rief, schien er taub, was er ihm auftrug, vergaß er, der Ungehorsam war nie nachzuweisen, und die Hilflosigkeit des erloschenen blöden Gesichts entwaffnete den Zorn. Es war, als ob er wirklich, wie der Verwalter behauptete, ein Bedürfnis hätte, angeschrien und mißhandelt zu werden. Dann ging es, dem Verwalter war er auf den Wink gehorsam. Franz aber wollte, konnte nicht schreien; wenn er es einmal versuchte, war er den ganzen Tag davon fast krank, es rieb ihn auf, weil er dabei nämlich wirklich in Zorn geriet, während der Verwalter, so laut er tobte, selber ganz ruhig und unbeteiligt blieb. Vielleicht, dachte Franz, war das überhaupt das Geheimnis, sich an den äußeren Gebärden des Lebens innerlich nicht zu beteiligen; aber das wird er nie lernen! Und er wollte sich auch nicht so leicht geschlagen geben, er konnte nicht glauben, daß Güte nicht zuletzt doch stärker sein und den albernen Trotz des verprügelten Menschen nicht besänftigen sollte. Er warb um den Alten und ließ sich nicht abschrecken, selbst auf die Gefahr hin, dafür noch ausgelacht zu werden. Er gestand sich, daß es auch nicht bloß Teilnahme war, und nicht bloß der Wunsch nach Behagen um sich herum, ein wahres Unvermögen, fremd neben Menschen hinzuleben, sondern schließlich auch ganz gemeine Neugierde: der Alte schien ihm ein Geheimnis zu verbergen, hinter dieser stupiden Versunkenheit lag noch etwas, ein Abenteuer, ein Verbrechen, von ihm oder an ihm begangen. Er wollte versuchen, ob er ihm nicht die Maske sozusagen wegmalen und sein wahres Gesicht darunter aufdecken könnte. Doch kam der Alte gleich am ersten Tage zur angegebenen Stunde nicht und war nirgends zu finden. Es blieb Franz nichts übrig, als ihn jeden Morgen vom Verwalter vorführen zu lassen. Unversehens kam Anton einmal dazu, hörte von der Widersetzlichkeit des Knechts, und so sehr Franz sie zu beschönigen, den Bruder zu beschwichtigen, es heiter zu nehmen suchte, fuhr der auf den Delinquenten los, daß das Haus dröhnte von seiner Wut. Franz wäre am liebsten davongerannt, es war ihm unerträglich, er blieb nur, um zu verhindern, daß Anton tätlich wurde, der aber, nachdem er sich ausgebrüllt, plötzlich ohne Übergang ganz ruhig und als ob eigentlich nichts geschehen wäre, dem Alten sagte: »Merk dir das, denn wenn's noch einmal vorkommt, kriegst einen Tritt und fliegst hinaus, dann kannst wieder Eicheln fressen, verstanden?« Und indem er von neuem zu brüllen begann: »Verstanden? Mach dein ungewaschenes Maul auf, Kerl! Verstanden?« Der Alte hatte sich die ganze Zeit nicht geregt und erwiderte jetzt: »Ja, Euer Gnaden! Vergelt's Gott!« Anton nickte nur und sagte: »Schon gut, setz dich hin, daß es losgehen kann!« Und er hatte schon wieder sein lustiges, liebes Kindergesicht und seine fröhliche, helle Stimme, als er Franz bat: »Darf ich ein biß'l zuschauen?« Franz mußte sich Gewalt antun, ihm zitterte noch die Hand, sein Herz schlug, er konnte nicht sprechen, konnte kaum sehen vor Aufregung über die häßliche Szene, die sein heiterer Bruder und der demütig beflissene Knecht beide schon wieder vergessen zu haben schienen. Anton fuhr wahrscheinlich jeden Tag ein paarmal so los, ohne weiter was dabei zu spüren, darum fand er leicht gleich wieder in den angenehmen Edelmann zurück. Franz hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen davon. Und die Lust, Blasl zu malen, war ihm vergangen, obwohl der gar nicht gekränkt schien, sondern fortan ungerufen sich jeden Morgen einfand. Franz wollte sich überwinden, nötigte sich zur Arbeit, kam aber nicht weiter, fing immer von neuem an, gab es immer wieder auf und ließ es endlich ganz, froh, ein anderes Modell zu haben, das sich unvermutet angeboten hatte, seine dicke Schwägerin nämlich, die erst auch nur aus Neugierde gekommen war, ihm bald aber den Wunsch gestand, selbst gemalt zu werden, zur Überraschung für Anton. Die Verlegenheit, in der sie schwerfällig mit ihrer Bitte herausrückte, die Verwirrung, ja Beschämung, fast als ob es sich um etwas Unerlaubtes gehandelt hätte, war so lieb, daß Franz es ihr nicht abschlagen konnte, und warum sollte er sich nicht zur Abwechslung einmal an einem so ganz offenen und unproblematischen Gesicht versuchen? Es war recht ein Gesicht zum Ausruhen. Und die Heimlichkeit vor Anton, der nichts ahnen und eines Tages das fertige Bild über seinem Bette finden sollte, gab ihren Zusammenkünften noch einen besonderen Reiz. Sie mußte tausend Ausreden und Vorwände ersinnen, um sich wegzustehlen, und freute sich auf jede Sitzung, als wär's ein Stelldichein. Auf einem böhmischen Gut erzogen, mit vielen Geschwistern aufgewachsen, der großen Welt fremd, lange Kind geblieben, dann gleich Frau geworden, da wieder in einen engen Kreis gebannt, in feste Pflichten gestellt, nun dem Gatten untertan wie früher den Eltern, ganz von der Wirtschaft, bald auch noch von den Kindern eingenommen, immer beschäftigt, niemals mit sich selbst, hatte sie noch in ihrem ganzen Leben nichts so Aufregendes mitgemacht, es war das erstemal, daß sie etwas auf eigene Faust unternahm, und die Wollust der Angst, erwischt zu werden, des Lügens, der Scham vor Mitwissern und Verrätern lernte sie nun erst kennen. Wenn sie morgens kam, immer zu spät, atemlos vor Eile, stolz auf die Gefahr, glücklich, ein Geheimnis zu haben, erschreckt, selbst zu handeln, war ihr breites böhmisches Gesicht mit dem ungeratenen Näschen, das in den Wangen unterzugehen schien, so glühend von Hast, Übermut und einer kindischen Schadenfreude, daß sie um zwanzig Jahre jünger und fast hübsch schien. Allmählich verlor sich auch der Respekt vor dem heiß bewunderten Schwager, sie wurde zutraulich, und seit sie nicht mehr vor jedem Wort erst überlegte, ob es seiner auch würdig sei, konnte sie ganz allerliebst plauschen. Franz entdeckte, daß sie nicht so dumm war, wie sie glaubte. Sie schien nur immer selber zu erschrecken, wenn sie etwas Gescheites sagte. Da er aber nichts dergleichen tat und gar nicht auf sie zu hören, sondern mit seiner Arbeit beschäftigt schien, faßte sie Mut und fuhr zu zwitschern fort. Es war angenehm, arbeiten zu können, ohne hinhören zu müssen, und dabei von einem lieblichen Geräusch ermuntert zu werden. Die Frauen, die Franz bisher gekannt hatte, muteten einem immer Anstrengungen zu. Diese verlangte nichts, es war ihr genug, da sein zu dürfen. Und er wieder fühlte sich nicht allein und war es doch. Es tat ihr wohl, ihre Gedanken fließen zu lassen, während sie sonst gewohnt war, vor jedem Wort, das sie sprach, immer erst Anton anzusehen, um sich zu vergewissern, ob und was sie zu sprechen hätte. Übrigens entfernte sich auch jetzt das Gespräch selten von Anton, der für sie der merkwürdigste Mann der Welt war, wie sie für ihn die beste Frau; sie kannten sich seit zwanzig Jahren und konnten sich noch immer nicht erholen von dem Erstaunen übereinander. Es setzte sich an den Kindern fort, die von den Eltern auch wieder jedes als Wunder empfunden wurden. Daß sie Zähne bekamen, gehen lernten, reden konnten, das waren diesen Eltern ebenso viele Gnaden, die sie sich eigentlich doch nur aus einer übernatürlichen Kraft erklären konnten. Franz dachte, daß sie ja schließlich in einem gewissen Sinne recht hatten: mit jedem Kinde wird ein Wunder geboren, und kein Verstand kann uns sagen, wie das geschieht, daß Zähne wachsen, Hände greifen, Zungen reden. Nur vergaßen Gabsch und Anton, daß es an allen Kindern geschieht. Aber vielleicht ist das noch die einzige Art, des Lebens froh zu werden, wenn man auch das Allgemeinste daran als ein besonderes Verdienst, als ein persönliches Glück ansieht!

Sie saß erzählend, er hörte mehr auf den Klang ihrer ruhig fließenden Stimme als auf den Sinn ihrer immer um dieselben kleinen Freuden, dieselben kleinen Sorgen kreisenden Rede, der Vormittag verflog, bevor sie es bemerkten. Dann durfte sie zuweilen sehen, wie weit er mit der Arbeit war. Anfangs sagte sie nichts dazu. Bald erriet er, daß sie gar zu gern etwas hübscher gewesen wäre. Sie gefiel sich nicht, besonders das in den Wangen verlorene Näschen machte sie unglücklich, das er, als ein richtiger Schüler Höfelinds auf das Charakteristische dringend, vielleicht, wie er lächelnd zugestand, noch ein wenig übertrieben oder wie man hier eher sagen mußte, untertrieben hatte. Wie Dilettanten oft, geriet er aus lauter Ehrlichkeit leicht in die Karikatur. Sie machte ihm keinen Vorwurf, sie fand es nur »gar zu ähnlich«. Das rührte ihn, und es war ja wirklich nicht nötig, daß die Gräfin Flayn aus dem fürstlichen Geschlecht der Uldus, auf die Nachwelt in der Gestalt einer böhmischen Köchin kam; er hatte sich nur gerade durch die Volksweise dieses Gesichts, dessen Reiz es war, daß alles Persönliche darin noch zu schlafen schien, verlocken lassen, was ja seiner breiten Manier auch sehr willkommen war. Um sie zu trösten, tat er selbst unzufrieden damit und begann ein neues Bild, es machte ihm Spaß, einmal einen rechten Kitsch zu malen, über den sie denn auch in helles Entzücken geriet. Nur als unversehens eines Tages Höfelind dazu kam, der, längst angekündigt, niemals eingetroffen war und nun nicht mehr erwartet wurde, was mußte der von ihm denken! Auch Gabsch war verlegen, aus Angst, daß er es Anton verraten würde. Sie begrüßte den Gast sehr umständlich, indessen hatte Franz Zeit, seine Schande zu verbergen, die Leinwand wurde weggetan, ein lebhaftes, gleichgültiges, förmliches Gespräch half ihnen aus ihrer Befangenheit, und erst als die Gräfin fort war, fragte Höfelind: »Sie malen noch?«

»Nein,« sagte Franz. »Seit Jahren nicht mehr. Und ich kann nicht einmal sagen: ich male wieder. Meine Schwägerin hat den Einfall gehabt, mir durchaus sitzen zu wollen, und mir macht's Spaß, mich der schönen Zeiten zu erinnern, da ich mir noch einbildete Talent zu haben.«

»Malen Sie nur!« sagte Höfelind. »Warum nicht? Wenn es Ihnen Spaß macht! Denn–Talent? Wer hat Talent, wer hat keines? Das weiß ich längst nicht mehr! Daß es einem Spaß macht, darin allein besteht ja das Talent! Ob was dabei herauskommt, ist die dümmste aller Fragen. Es kommt nämlich nie was heraus dabei. Die das erkannt und doch die Kraft noch haben, weiter zu malen, das sind die Meister. Wozu? Ja, wer so fragt, hat schon das Recht verwirkt zu malen. Wer denkt denn an das Kind, wenn er es zeugt? Die besten kommen unerwünscht zustande. Wer sein Mädchen küßt, plant nichts, es schmeckt ihm halt. Wem's schmeckt, der male! Alle wahren Künstler sind eigentlich Dilettanten gewesen. Kunst ist unverzeihlich, nur durch einen unwiderstehlichen Trieb läßt sie sich allenfalls entschuldigen. Oder wenn man wie ich leider gar nichts gelernt hat, um sich anders irgendwie zu beschäftigen, und sonst aus Langweile stürbe. Vor einem Jahr begann ich den Domherrn zu malen, aber nur so lange, bis mein Ekel davor so stark war, daß ich ihm doch lieber die Langweile noch vorzog. Ich ließ das unfertige Bild und verschwand. Jetzt ist wieder die Langweile so stark, daß ich ihr den Ekel noch vorziehe, bis in drei, sieben oder vierzehn Tagen doch der wieder der Stärkere sein wird. Angenehmes Dasein, was? Ich hoffe nur, mich schließlich mit der Langweile doch noch abzufinden, mit dem Ekel nie. Hätte ich einen Sohn, ich würde ihn von klein auf planmäßig daran gewöhnen, sich mit Anstand gut langweilen zu lernen. Wer das kann, ist geborgen. Alles Unglück kommt aus unserem Bedürfnis, daß etwas mit uns vorgehen soll. Zu spät erkennen wir, daß das ein Wahn ist. Denn wie wir es auch anstellen mögen, es geht mit uns doch nichts vor. Wir sind dazu da, das unbekannte, schlecht schmeckende Ding, das man Leben nennt, hinabzuschlucken, das bleibt keinem erspart, und was wir auch treiben, es schmeckt dadurch nicht besser!«

Diese Wut, in der Höfelind herumfuhr wie ein böses Tier durch seinen Käfig, war ja Franz aus alten Zeiten her zu gut bekannt, um ihn zu erschrecken. In Paris, hoch oben auf der Butte, dann wieder in dem verwunschenen Olbrichhäuschen an der Mauer des Tiergartens von Sankt Veit, wie oft war der Meister damals auf Gott und die Welt, gar aber die verhaßte Kunst so losgestürzt, alles mit seinem Hohn zermalmend, nur irgendein Opfer suchend dem unbekannten, wesenlosen Zorn! Seine Schüler kannten das schon, sie wußten, er wurde dann wieder windstill, ging gelassen an seine Leinwand zurück und sprach wochenlang kein Wort. Radauner, der alte Kleemaler, sein einziger Freund, pflegte zu sagen: »Jeder hat beim Malen seine Marotte, einer sauft Kognak, der andere jodelt, der dritte muß einheizen, bis er schwitzt, wir sind keine natürlichen Menschen, also laßt ihn in Gottes Namen die Kunst lästern, er braucht's und ihr wird's ja weiter nichts schaden!« Wenn es vorüber war, konnte Höfelind ja wieder arglos zutraulich wie ein Kind sein. Er schien freilich in den Jahren, seit ihm Franz zum letztenmal begegnet, noch seltsamer geworden. Ein Knabe, den er bei sich gehabt hatte und der, weil er sich bloß von Früchten nährte, der Nußmensch genannt wurde, ein wunderliches Geschöpf, der Natur ganz nahe, eine Art von heidnischem Heiligen, war ihm gestorben, Radauner, mitten im Malen, während er ganz ruhig vor seinem geliebten Kleefeld an der gewohnten Arbeit saß, plötzlich toll geworden, verdämmerte in einer Anstalt. Mit gleichgültigen Menschen obenhin zu verkehren war Höfelind immer unfähig gewesen, er hatte keine Geduld, und wem er nicht ganz vertrauen konnte, den mied er lieber ganz. Mittlere Verhältnisse waren ihm unerträglich, und wenn er alle durch sein Talent, seinen Ruhm, seinen Reichtum anzog, stieß er sie bald durch seinen Hochmut, bald durch Launen, von denen gerade wer ihm gefiel, am wenigsten verschont blieb, wieder ab. Er schien es darauf anzulegen, einsam zu werden, und prahlte mit der Einsamkeit noch, an der er litt. Wer versuchte, sich ihm zu nähern, war ihm verdächtig, und wem es nicht der Mühe wert schien, sich um ihn zu bemühen, dem gab er zu verstehen, er habe es nicht nötig, einem nachzulaufen. Dazu kam, daß er sich unverstanden, ja verkannt fühlte. Er verachtete den Ruhm, den er ja mit Leuten teilen mußte, denen er nicht die Hand gereicht hätte, und selbst sie zog er noch den sogenannten Kennern vor, die sich an ihn drängten, aber beim ersten Wort verrieten, daß sie von seiner Kunst nichts ahnten; er hätte jeden Spott, jeden Schimpf noch eher ertragen als falsche Bewunderung. Vielleicht war es aber auch bloß, daß er sich nicht daran gewöhnen konnte, älter zu werden. Ein leidenschaftlicher Reiter, ein glänzender Fechter, viel auf Reisen, mäßig in allen Genüssen, als Mensch so nüchtern wie ausschweifend als Künstler, war er lange jung geblieben. Schlank, eiligen Wesens, von behender Anmut, schien er es auf den ersten Blick auch jetzt noch, aber Franz fand, daß diese Jugend nun doch schon etwas künstlich wirkte, gewaltsam und gewollt. Überhaupt konnte sich Franz, als sie jetzt durch den Wald gingen, der Meister ungeduldig voran, fast laufend, steil bergauf, einer traurigen Empfindung kaum erwehren: es war, als ob ihm der bewunderte Höfelind vorgespielt werden sollte. Um es ihm zu erleichtern, fragte Franz auf einmal: »Und die Zwölf?« Die Zwölf, so nannten die Schüler Höfelinds das Werk, dem sein ganzes Leben galt. Was er früher gemalt hatte, schien ihm seitdem alles nur Vorarbeit, Versuch, Entwurf. Was er daneben noch malte, war Zeitvertreib, Fingerübung, Broterwerb. Zwölf Bilder aber sollten, wenn er längst dahin und diese ganze Zeit verweht war, nach Jahrhunderten noch von ihm sagen und seine Kraft fortwirkend bis zu den fernsten Geschlechtern bringen. Er nannte sie gern das »Personal der Menschheit,« die, wie sie sich auch verkleiden mag, in allen ihren Verwandlungen doch immer nur jene zwölf Grundformen abwandle und durchwandle. Oder er nannte sie auch die »Arche Noah«: wie in dieser von jedem Geschöpf ein Exemplar vorhanden gewesen, so hier die Reihe von Urexemplaren, auf die die ganze Schöpfung zurückdeute. Oder er nannte sie »die zwölf Ideen«. Wenn er, wozu er selten zu bewegen war, einmal ernst davon sprach, rief er platonische Gedanken oder auch wohl Goethes Urpflanze zu Hilfe. Meistens erging er sich lieber in lustigen Schmähungen der Natur, die ja zwar die besten Einfälle hätte, leider aber nicht Kraft genug, auch nur einen davon ordentlich auszuführen; weshalb ihr schließlich in ihrer Not nichts übrig geblieben, als zuletzt den Künstler zu schaffen, der nun ihre wohlgemeinten, aber mißratenen Skizzen vollenden soll; und natürlich ist es ihr mit dem Künstler auch wieder nicht besser gegangen, auch der Künstler hat ihr erst einige tausend Mal mißlingen müssen, bis sie ihn doch endlich traf, in Höfelind nämlich, der jetzt ihre Verfehlungen gutzumachen, ihre Versäumungen nachzuholen hat, der arme Kerl! Das Hochgefühl, das sich in derlei Scherzen verbarg, wurde begreiflich vor den Bildern selbst. Ganz phantastisch waren sie, doch von höchster Realität. Sie schienen aus einer anderen Welt, aber die doch erst die wahre wäre. Zu dem einen war ihm die Schauspielerin Rahl gesessen. Sie kam einst zu ihm, um alle sieben Bilder zu sehen, von den zwölf waren damals erst sieben fertig. Als sie davor stand, erschrak Franz, wie schwach, wesenlos und schattenhaft sie selbst schien gegen ihr Bild! Er erinnerte sich noch so deutlich des unheimlichen Eindruckes, den es allen machte, eine lebende sprechende Gestalt vor einer gemalten so verblassen und gleichsam zergehen zu sehen. Und wenn er seitdem den Namen der Schauspielerin hörte, erschien ihm im Geiste immer jenes Bild, nie, so gut er sie kannte, sie selbst, um so viel stärker war es!

Franz hatte seit Jahren von den zwölf Ideen nichts mehr gehört. Er wußte nicht einmal, ob inzwischen die ganze Reihe vollendet war. Er freute sich vor allem darauf, wie die bloße Frage schon den Meister gleich verwandeln würde. Doch schien dieser sie zunächst gar nicht zu verstehen und mußte sich erst besinnen, bevor er mit großer Gleichgültigkeit erwiderte: »Ach so! Ich war lange nicht daheim. Aber sie werden sich ja kaum viel verändert haben.«

»Wieviel sind's jetzt?« fragte Franz.

»Sieben.«

»Noch immer nur die sieben?«

»Um sechs zuviel,« sagte Höfelind. »Wenn schon, denn schon! Es war eine Kateridee.« Als Franz den bewunderten Meister das sagen hörte, kamen ihm seine eigenen Leiden lächerlich vor. Höfelind aber, den Schritt mäßigend, fuhr fort: »Ich brüstete mich, als ich so weit war, die ganze Menschheit auf zwölf Typen zu bringen. Jetzt bin ich so weit, daß mir ein Bild, ein einziges, genug für sie scheint. Denn die gute Menschheit ist noch viel ärmer, ich hatte sie doch sehr überschätzt. Aber wozu dieses eine Bild malen, da ich doch morgen vermutlich so weit sein werde, auch das eine noch übertrieben zu finden? Wenn man an der Menschheit den Verputz wegkratzt, kommt zum Vorschein, daß sie nichts ist als Verputz! Ich fürchte, es langt nicht einmal für das eine Bild, auch da müßte man schon schwindeln. Vielleicht ist sie nur ein Gespenst. Und Gespenster malen? Das heißt: Sie mag das ja reizen, ich höre doch, daß Sie jetzt –?« Er hielt ein, blieb stehen und sah sich nach Franz um, mit einem Blick, der zwischen Hohn und Neid unentschieden blieb.

Bevor aber Franz noch antworten konnte, dem der Ton des Meisters wehe tat, merkte dieser das Mitleid und lehnte den Trost ab: »Nur kein Mißverständnis, lieber Graf! Ich bin nicht klein geworden, und wenn ich es wäre, bloß aus Hochmut. Es gibt Menschen, die jedes Vierteljahr einen neuen Weg suchen. Ich nicht. Denn ich bin schon auf dem richtigen. Ich bin immer schon auf dem richtigen Weg gewesen. Auf dem Weg zu nichts! Falsch sind nur, die zu etwas führen. Man hat die Wahl zwischen Wahrheit und Lüge. Nur darf man sich dann aber über die Wahrheit auch nicht beklagen, wenn sie wahr ist! Auch steht mir ja frei, nachdem ich sie jetzt gefunden habe, noch immer zu sagen: Nein, da dank ich lieber! Und da das Leben doch einmal so niederträchtig lang ist, bleibt mir ja Zeit genug, mich auch einmal drüben umzusehen, auf der anderen Seite, bei den Lügen. Womit ich also dann am Ende vielleicht doch noch glücklich in der Kunst gelandet wäre, freilich anders, als wir damals meinten! Erinnern Sie sich, Graf, was ich euch immer predigte? Es waren schöne Zeiten über dem schummernden Paris, man glaubte noch. Was stand dort an der Wand groß von mir geschrieben? Malen ist Weglassen! Erinnern Sie sich? Darin schien mir das ganze Geheimnis der Kunst enthalten. Malen ist Weglassen! Woraus ihr denn mit deutscher Gründlichkeit schließen mußtet: je mehr weggelassen, desto besser gemalt, und ihr ließt euch das auch erst nicht zweimal sagen. Wir bauten eine ganze Philosophie darauf, denn wirklich besteht ja zuletzt auch alles Erkennen nur im Weglassen. Sehr einfach also: man läßt alles weg, was sich weglassen läßt, und was einem dann noch in der Hand bleibt, ist die Wahrheit. Schade nur, daß einem aber eben – nichts in der Hand bleibt! Ja darauf waren wir freilich nicht gefaßt gewesen! Ich wollte der Natur ihren Schleier entreißen. Ich kann mich auch gar nicht beklagen, es ist mir ja gelungen. Nur zeigte sich da, daß sie ja sonst nichts hat: mit dem Schleier war auch sie selbst weg. Gut, sagte ich mir, du hast dich zwar damit ums Malen gebracht, aber der Mensch muß ja nicht malen, du kannst dir wenigstens sagen, daß die Natur kein Geheimnis mehr vor dir hat, sie hat dir alles verraten, zuletzt auch das, daß sie nichts zu verraten hat, du wolltest ihren Sinn belauschen, sie hat keinen, du wolltest ihr Gesetz erkennen, es zeigt sich, daß sie auch das Gesetz erst borgen muß, nämlich von dir, du schreibst es ihr vor, du findest in ihr überall nur dich, es gibt nichts als dich, ein schmeichelhafteres Ergebnis kannst du dir ja doch auch gar nicht wünschen! Die zwölf Bilder waren auf ein einziges zusammengeschrumpft: auf mein Selbstporträt. Sie können nicht leugnen, Graf, daß das nur konsequent gedacht ist!« Er warf sich ins Moos. Auf einmal begann er wieder: »Mit dem Malen wär's also dann vorbei, und mit dem Erkennen ja auch. Sobald die völlige Sinnlosigkeit der Natur dargetan ist, hört's auf. Es hört genau dort auf, wo es angefangen hat. Denn eben diese völlige Sinnlosigkeit der Natur muß ja den Urmenschen erst erweckt haben. Vor ihr flüchtet er in sich selbst. Erst als er da, in sich, eine Kraft, den verborgenen Sinn der Natur und ihr Gesetz aufzufinden, erwachen zu fühlen meint, faßt er wieder Mut, nähert sich ihr wieder, lernt die Erscheinungen sammeln, ordnen, einteilen, und was sich so willig seinem Geiste zu fügen scheint, glaubt er nicht mehr fürchten zu müssen, hofft er noch einst beherrschen zu können. Die Hoffnung wächst, er wird verwegen, wenn er gar, auf einer Höhe, die schon die höchste scheint, staunend gewahrt, daß sein eigener Geist es ist, von dem die Natur ihr Gesetz erhält. Jetzt kann er Gott absetzen, er braucht ihn nicht mehr, Gott war ja bloß zum Schutze vor der Übermacht der Natur entstanden, aber jetzt regiert der Mensch! Bis herauskommt, daß auch diese Höhe noch nicht die höchste war, der Mensch muß noch einmal empor, und da schwindelt ihn, denn mit Entsetzen erkennt er, daß zwar er es ist, der der Natur das Gesetz gibt, aber nicht nach seiner Willkür, sondern selbst genötigt, zwar ihr Herr, selbst aber wieder einem Unbekannten untertan: er schreibt es ihr vor, aber so, wie er muß, er gebietet ihr, aber nur, indem er selbst gehorcht, er regiert, aber selbst unfrei, sie haben beide denselben unbekannten Feind. Nun wendet sich des Menschen Furcht nach innen: Wer schützt ihn da? Vor der drohenden Natur hat sich der Urmensch verkriechen können, aber in welche Höhlen flüchten wir vor der unsichtbaren Macht in unserer eigenen Brust? Und kein Weg zu dem Unbegreiflichen in uns selber! Keiner? Gott in mir? Da hilft er mir aber ja nichts, denn der in mir erlöst mich nicht von mir, draußen brauch ich ihn, aber da haben wir ihn vertrieben, und so sind wir jetzt alle rettungslos in uns gebannt!« Er sprang auf und sagte hart: »Da Sie nach meinen Bildern fragten, wollt ich Ihnen erklären, warum ich nicht mehr male. Nicht aus Faulheit, einer sehr schätzenswerten, aber mir leider noch versagten Eigenschaft, sondern weil ich mich bis ans Ende durchgemalt habe, wo dann von der Natur wie vom Menschen nichts als ein bloßer Punkt übrigbleibt. Es können also höchstens allenfalls noch meine Hände malen, mir selbst ist es unmöglich geworden. Aber lassen Sie sich dadurch ja nicht stören! Es gibt Menschen, denen das Malen ein Vergnügen macht, damit ist es nicht bloß entschuldigt, es ist berechtigt. Ich habe gegen das Malen gar nichts, nur gegen das Gemalte! Das Kunstwerk ist ein Selbstbetrug. Aber die Kunst in allen Ehren! Nämlich als Verrichtung einer Notdurft. Verstehen Sie, was ich meine? Das Kunstwerk ist ein Exkrement. Aber lassen Sie sich dadurch in Ihrer guten Verdauung nicht stören!« Er trat an Franz heran und fragte kurz: »Sie haben mit Spiritisten verkehrt?«

Franz, auf diese Frage jetzt am wenigsten gefaßt, geriet in Verlegenheit und sagte, halb entschuldigend: »Meine Erfahrungen waren nicht eben die besten, aber ein einzelner Fall beweist ja noch nichts.«

»Mich interessiert auch nicht,« sagte Höfelind, »was Sie dort gefunden, sondern was Sie gesucht haben.«

»Das könnt ich eigentlich kaum sagen. Ich suche so herum –,« Franz hielt ein und wußte nicht weiter. Diese ganze Zeit mit den Spiritisten war ihm entsunken.

»Ja,« sagte Höfelind, nickend. »Was, wär Ihnen gleich, Sie suchen nur zu finden. Ich kenn das! Manche tun noch groß damit, man nennt es die voraussetzungslose Wissenschaft. Und so haben wir eine voraussetzungslose Kunst getrieben. Wie wenn einer eine Maschine baute, man fragt ihn wozu, und er antwortete: Ja das weiß ich nicht, es ist mir auch gleich, das wird sich dann schon zeigen, zunächst will ich sie nur einmal fertig machen! Aber wie denn, bevor er weiß, was sie soll? Mein lieber Graf, gestehen wir doch ein, daß wir uns bloß vorlügen, nichts zu suchen, aus Bequemlichkeit, weil es freilich leichter ist, durch die Welt zu spazieren, auf das gute Glück hin, das uns doch vielleicht einmal zufällig begegnen wird, was wir einfach zu faul sind, zu uns herzuzwingen.«

»Was denn?« fragte Franz. »Was suchen wir also?«

»Wir wissen, daß der Menschheit etwas abhanden gekommen ist, und das suchen wir.«

Franz fragte wieder: »Was ist der Menschheit abhanden gekommen?«

Und zum erstenmal an diesem Tag sah er wieder den listigen Zug in Höfelinds Gesicht, an den er sich so gern erinnerte. Es wurde dann auf einmal ganz jung, der Meister war plötzlich in einen Gassenjungen verwandelt, die Schüler wußten, daß er damit stets das Zeichen zum Ernst gab; er schämte sich, feierlich zu behandeln, was ihm auf dem Herzen lag. Und so sprach er jetzt mit schlauer Miene und tat geheimnisvoll: »Die Uhr, Herr Graf! Die Uhr muß es gewesen sein! Die Uhr ist ihr gestohlen worden! Denn bis auf unsere Zeit wußte die Menschheit wenigstens stets, wieviel's geschlagen hat, wir aber sind uns nicht einmal darüber klar, ob wir uns guten Morgen oder gute Nacht sagen sollen!« Aber schon erlosch sein Lächeln, er wechselte den Ton und sagte kurz: »Nein, sicherlich ist es mit dem Spiritismus auch nichts. So wenig als mit den anderen Propheten. Lauter betrogene Betrüger. Es spukt ja jetzt überall, ein neuer Glaube geht um, oder doch Sehnsucht nach ihm, wir haben einen starken religiösen »Betrieb«, ich fürchte, daß das Angebot schon größer als die Nachfrage ist, auch wird so schnell produziert, daß dabei ja nur Pofel herauskommen kann, die neuen Religionen werden bald im Ausverkauf zu haben sein, wegen Räumung des Geschäfts! Ich habe mir verschiedenes vorlegen lassen, aber meine Nummer war nicht dabei. Die gottbeflissenen Herren mögen es ja nämlich sehr gut meinen, aber sie beißen sich doch alle nur in den eigenen Schwanz, ihr Gott gleicht nur zu sehr dem berühmten Zopf, an dem sich der selige Münchhausen aus dem Sumpfe zog!« Und er schrie: »Zwei Jahre meines Lebens hab ich mit dem neuen Sport vertan! Sie ziehen sich Würmer aus der Nase und wundern sich noch, daß der Paraklet nicht darunter ist! Bei einigem Nachdenken hätt ich selber wissen müssen, daß nur ein Gott, den ich in mir finde, nicht helfen kann, da er mich doch immer nur noch tiefer in mich verstrickt, in mich, dem ich ja gerade entkommen will. Der mich retten soll, muß draußen sein!«

»Den hätten Sie ja ganz nahe,« sagte Franz. »Sie sind doch Katholik!«

»Ja daran hab ich auch schon gedacht,« erwiderte Höfelind kleinlaut. »Nur setzt das eben schon voraus, was ich mir ja so wünsche, dennoch aber nicht vermag: dazu müßte ich ja schon über mich hinaus, müßte zuerst schon mir entkommen sein, dazu müßte ich erst diesen Salto mortale schon getan haben, zu dem eben doch mein Geist offenbar zu kurze Beine hat!« Er hielt einen Augenblick ein, als hätte er schon zuviel gesagt, und fuhr dann fort: »Wir sprechen doch ganz akademisch, nicht wahr? Es wandert sich leichter im Gespräch. Worüber, ist ja schließlich gleich. Und das ewige Fachsimpeln kriegt man über.«

»Auch mich beschäftigen diese Fragen,« sagte Franz. »Ich habe das nur wieder aufgegeben, weil man sich doch nur immer in demselben Kreise dreht.«

»Diese Drehkrankheit ist aber protestantisch,« sagte Höfelind. »Der Katholik tritt aus dem Kreise.«

»Und steht still,« sagte Franz, überlegen lächelnd.

»Und ist er nicht zu beneiden?« fragte Höfelind heftig. »Was wollen wir denn mehr, als endlich wieder stehen können? Gib mir zu stehen und ich werde die Welt bewegen, hat der Weise gesagt. Stillstehen, feststehen, das allein wär es ja doch!« Er besann sich und wie um seine Worte zurückzunehmen oder doch abzuschwächen, fuhr er achselzuckend in einem leichtsinnigen Ton fort: »Ich meine nur, da wir doch einmal auf das Thema geraten sind, das mich übrigens bloß insofern interessiert, als es mit dem Malen zusammenhängt, ich bin ja weder Philosoph noch Theolog – malen möcht ich! Es muß aber anderen auch nicht besser ergangen sein als mir, wenigstens beklagt sich schon Goethe über den Eigensinn des Genius, der ihn jetzt nach Italien, jetzt zu dem optischen Unternehmen treibt, ungerufen erscheint und wieder, gerade wenn er ihm am nötigsten wäre, verschwindet, und Goethe, mit seiner wunderbaren Unbefangenheit, spricht davon, als müßte das so sein! Mir ist, als ich das neulich einmal zufällig las, dadurch erst klar geworden oder ich bekam dadurch erst Mut, mir einzugestehen, daß ich eigentlich an meiner Malerei ja ganz unschuldig bin. Nach genauer Selbstuntersuchung muß ich nämlich sagen, daß mein Anteil an meinen Bildern, mein eigener Beitrag dazu, nicht größer ist, und auch von keiner anderen Qualität, als der Anteil, der Beitrag der Leinwand, des Pinsels und der Farben. Ich bin zu meinen Bildern verwendet worden wie Leinwand, Pinsel, Farben, aber das eine Tätigkeit von mir zu nennen, wäre doch anmaßend. Freilich gilt das nicht bloß von meinen Bildern, sondern von jeder Tat. Für alle seine Taten ist der Mensch nur das Werkzeug. Sie geschehen durch ihn, ja. Doch nur in dem Sinn, daß sie durch ihn hindurch geschehen, die Tat nimmt ihren Weg durch ihn, sie passiert ihn, er ist der Apparat, der Kanal, das Rohr, der Stromleiter, der Telegraphendraht, aber selber darf er gar nicht tätig sein, sein Geräusch stört nur. Ich kann Ihnen an meinen Bildern ganz genau die Stellen zeigen, die von mir sind – es sind die, wo's ausläßt! Also gut, mir kann es ja nur recht sein, wenn ich dafür nicht verantwortlich bin. Was ich aber an Goethe nicht begreife, das ist die Geduld, mit der er sich die Launen des Genius gefallen ließ, vielleicht in dem sicheren Gefühl, sehr alt zu werden. Ich habe dieses Gefühl nicht, ich kann nicht mehr so lange warten, bis es dem Genius wieder gefällig sein wird! Ich habe nichts dagegen, bloß ein Werkzeug in einer unbekannten Hand zu sein, vorausgesetzt, daß sich diese Hand aber ihres Werkzeugs nun auch wirklich bedient – das muß ich verlangen können! Verstehen Sie, was ich meine? Nicht ich male, sondern es malt meine Bilder, irgendein ewig verborgenes Es! Einverstanden, da sich ja gezeigt hat, daß es sie viel besser malt als ich! Einverstanden, aber nur, wenn es mich nicht im Stiche läßt! Es scheint mich aber vergessen zu haben, was nun? Gibt es irgendein Mittel für mich, es an mich zu erinnern, den Genius zu mir herzubeten, herzulocken, herzuzwingen, und welches? Mir ist jedes recht, ich will mich dem Teufel verschreiben, wenn ich nur dafür den Teufel mir verschreiben kann! Sagen Sie nicht, daß ich Himmel und Hölle bemühe, bloß weil mein Talent nicht reicht, denn so lange ein Mensch selber auskommt, hat noch keiner nach Gott gefragt, alle Religion ist ein Versuch, uns Gottes zu bemächtigen. Darauf allein kommt's uns an! Ob Gott lebt oder nicht, ist mir ganz gleich, wenn ich ihn nicht erreichen, nicht benutzen kann. Nur wer irgendwie die Hilfe Gottes einmal gefunden und dann wieder verloren hat, sucht sie fortan. Uns der Hilfe Gottes zu versichern, durch die wir erst unserer eigenen Tat fähig werden, darum wenden wir uns an die Religion. Die katholische ist die einzige, die wenigstens noch weiß, was Religion soll: uns Gott herbeischaffen, wenn wir allein uns nicht erfüllen können. Die anderen, die ihn irgendwo an den Anfang oder irgendwo an das Ende setzen, statt mitten in meine Gegenwart hinein, wo ich ihn brauche, was helfen mir die? Was soll ich gar mit einem, der nur in mir selber wohnt, da ich doch, solang ich von selber weiter kann, keinen nötig habe? Der Mensch fängt erst zu glauben an, wenn er keine Wahl mehr hat als: verzweifeln oder glauben! Vernunftreligion, das Wort widerspricht sich selbst: wer mit der Vernunft auskommt, braucht keine Religion, und wer Religion braucht, bekennt damit schon, daß ihm die Vernunft versagt, was er braucht. Das tiefste Wort über den Glauben bleibt das quia absurdum. Nur was stärker als meine Vernunft ist und mir dies dadurch beweist, daß es mir das Absurde selbst aufzuzwingen vermag, kann mich erretten.«

Franz sagte nachdenklich: »Wenn Ihnen keine Wahl bleibt als zwischen der Verzweiflung und dem Glauben, und zwar nach Ihrer Denkart dem katholischen, dann sind Sie ja in einer beneidenswerten Lage. Den können Sie ja haben!«

»Nein,« sagte Höfelind, »in der allerseltsamsten Lage vielmehr bin ich, weil ich ganz genau weiß, was mir fehlt, weiß, was mir helfen könnte, weiß, wer diese Hilfe hat, und er bietet sie mir an, drängt sie mir fast auf, und ich nehme sie nicht! Vielen Tausenden geht es so, aber das ist ein schlechter Trost. Man meint immer, es sei das Gefühl, auf das die katholische Kirche jetzt wieder so stark wirkt. Nein, es ist der Verstand, der mir und vielen Tausenden sagt, daß nur sie uns helfen kann. Aber dabei bleibt's! Der Verstand führt uns bis an ihre Tür, doch nicht hinein.«

»Ja,« sagte Franz, »wäre die Kirche so klug, wie man ihr nachsagt, so könnte sie jetzt vielleicht mit einem Schlag wieder die Macht haben. So klug ist sie aber doch nicht, der Zeit auch nur einen Schritt entgegenzukommen.«

»Sie könnte nichts Dümmeres tun!« sagte Höfelind heftig. »Es ist ihr höchster Ruhm, nicht mit sich handeln zu lassen, in einer Zeit, wo jeder mit sich handeln läßt! Die Fürsten, statt zu herrschen, bedienen die Menge, die Künstler, statt den Geschmack zu bestimmen, laufen ihm nach, jeder dreht sich nach dem Winde, wer bläst denn noch? jeder tanzt, wer spielt denn noch auf? alle gehorchen, aber wem denn, wenn keiner mehr befiehlt? Die Menschheit verdurstet nach einem Befehl! Gott, Genius, Empfindung, nennen Sie's, wie Sie wollen, gemeint ist immer eine Macht außer uns, über uns, die uns selbst verstummen macht, gemeint ist immer ein Befehl! Aber das sieht uns gleich: wir möchten befohlen sein, aber vorher doch erst um unsere Zustimmung befragt! Nein: ein Befehl, der nicht weh tut, ist keiner, denn eben nur dadurch, daß er weh tut, tut uns der Befehl so wohl!« Er fuhr achselzuckend fort: »Es ist schon mein Los, stets paradox zu scheinen, gerade wenn ich glaube auf den Grund zu kommen, aber nicht ich bin paradox, die Wahrheit ist es.«

»Aber Sie sagten doch selbst,« erwiderte Franz, »daß Sie und mit Ihnen, wie auch ich glaube, Tausende, von der Kirche mächtig angezogen, dennoch nicht hinein können. Ist es klug von ihr, Tausende draußen zu lassen, und von den besten?«

»Ist es klug von mir,« fragte Höfelind, »Bilder zu malen, die nicht auf zehn unter Tausenden wirken? Soll denn alles immer nur an dem Beifall gemessen weiden, den es findet, am Erfolg, an der Brauchbarkeit? Können Sie sich denn nichts mehr denken, auch Sie nicht, was seinen Wert in sich selbst hätte? Wenn ich und die Tausende von den besten unfähig sind, in die Kirche zu kommen, so ist das ein Unglück oder, ich weiß es ja nicht, vielleicht auch ein Glück für uns, ihr aber sicherlich höchst gleichgültig, sie hat da zu sein, wie die Sonne zu scheinen hat, und der Wind zu wehen und Feuer zu brennen, damit es scheint und weht und brennt in der Welt, nicht damit wir warm haben oder segeln oder uns unsere Zigarren anzünden.«

»Und doch würden Sie sich Ihre Zigarre gern an ihr anzünden?« sagte Franz.

»Das ist aber dann meine Sache, nicht ihre! Ich will hinein, also muß ich den Schritt tun, nicht sie zu mir. Ja vielleicht ist das die Bedingung, unter der allein sie wirken kann, daß ich erst diesen Schritt getan habe, vielleicht vermag sie, was sie vermag, alles erst, wenn er getan ist, sie kann ihn uns nicht entgegenkommen, weil unser Heil eben darin besteht, daß wir ihn selber tun.«

»Und?« fragte Franz nach einer Weile.

»Und?« wiederholte Höfelind. Er sah auf, sann nach und fuhr achselzuckend fort: »Ich kann nicht. Ein Blinder wird sich vielleicht nach Schilderungen eine Vorstellung von Farben, ein Tauber eine Vorstellung von Tönen machen, aber damit noch nicht sehen oder hören. Dazwischen liegt eben noch etwas. Genau so geht es mir mit dem Glauben. Ich stelle mir ihn vor, vielleicht richtiger als mancher, der ihn hat, ich erkenne seine Notwendigkeit, ich wünsche mir ihn, ich will ihn und – bleibe blind und taub. Es muß noch etwas dazwischen liegen. Ein großer Schmerz? Ein großes Glück? Ich weiß nicht. Es wird halt die Gnade sein, die mir fehlt.«

»Wenn Sie nun den Domherrn malen werden,« sagte Franz spöttisch, »da sitzen Sie ja dann an der Quelle!«

»Das ist eigentlich wahr!« erwiderte Höfelind lachend. »Ich hatte gar nicht daran gedacht! Mich interessiert an dem Gesicht mehr, wie durch Verfettung ein Antinous zum Antonius werden kann, nämlich den Antonius der Kleopatra mein ich! Der Kopf wirkt so antik, daß mir nie eingefallen wäre, da Beziehungen zum heiligen Geist zu vermuten.«

»Er steht doch aber in dem Ruf,« sagte Franz.

»Das ist ja das Unheimliche am Katholizismus,« entgegnete Höfelind, »daß diese größte geistige Macht zugleich auch eine politische ist, oder sich mit einer politischen verknüpft, oder eigentlich nicht verknüpft, sondern eine schiebt sich über die andere und auch wieder unter die andere, in die andere – vermischen sie sich oder vermengen sie sich bloß? das weiß man nie, man weiß deshalb auch eigentlich nie, mit welcher man es zu tun hat. Schon Bismarck, mit seinem Blick für den wahren Sinn der Erscheinungen, hat erkannt, daß eine Macht unüberwindlich ist, die, geschlagen, nichts davon spürt, weil ihr aus dem Geiste ja gleich wieder ein neuer Leib wächst. Als politisches Phänomen ist die Kirche so stark, daß sie sich zur Not auch einmal ohne Geist durch ein Jahrhundert bringt, und wieder als geistiges Phänomen von einer solchen Unerschöpflichkeit, daß ihr auch der politische Tod selbst nichts anhaben kann. Geistigen Angriffen setzt sie den Widerstand ihrer realen Macht entgegen, und alle Waffen der Welt können ihren Geist nicht treffen. Gottes Wahrheit ist in ihr so mit Menschenlist durchsetzt, daß sie sich auf alle Fälle sicher weiß, aber freilich auch auf alle Fälle wieder jeder Frage die Antwort schuldig bleibt: man fragt nach einem Heiligen und findet einen Diplomaten, man will diplomatisch mit ihr verhandeln und sie versinkt ins Gebet! Nein, ich schätze den Domherrn sehr, er ist klug, kennt die Welt, verachtet die Menschen zu sehr, um enttäuscht werden zu können, und achtet sie doch gerade noch genug, um sie benutzen zu können, und um Rat in Welthändeln, wenn ich meinen Ehrgeiz befriedigen, mich aus einer Klemme ziehen oder mein Geld gut anlegen will, wüßt ich mir keinen besseren, an mir aber muß ein Wunder geschehen, alles andere besorg ich mir selbst, das Wunder aber – nein, er würde mich auslachen, glaub ich! Durch Verstand ist mir nicht zu helfen, den hab ich selbst, und zuviel. Durch Verstand bin ich nicht zu heilen, weil ich ja gerade vom Verstande geheilt werden soll. Der Domherr und ich würden uns nur immer ausgezeichnet miteinander unterhalten, ja ich vermute, daß ich noch eher ihn belehren kann als er mich. Er ist kein Mensch, aus dem der Blitz fährt. Wahrscheinlich muß unsere Zeit erst in Sehnsucht vergehen, bis aus uns allen so viel Sehnsucht rings aufgehäuft ist, daß sie sich entladen wird. Und ist dann der Verstand vom Blitz getroffen – aber davon hab ich ja nichts mehr, für mich wird es zu spät sein, dann geschehen Wunder, aber nicht mehr an mir, ich brate dann schon längst in der tiefsten Hölle, vielleicht mit dem Domherrn zusammen! Das werden aber ganz andere Menschen sein, die dann kommen, Menschen, wie ich einen brauchen würde, Menschen von einer ganz anderen Art als der Domherr, der sicher noch einmal ein vortrefflicher Erzbischof und ein glänzender Kardinal sein wird, Menschen der Einfalt, des tiefen Schweigens, einer fruchtbaren Wildheit, taumelnd unter ihrer eigenen Wucht, irre vor Wahrheit, gelähmt durch ihre rasende Kraft, dunkle, schwere, sprachlose Menschen, dumpf des Augenblicks in Demut gewärtig, wo das lebendige Wort in ihr erstorbenes Herz fahren wird, Menschen eher wie der alte Trottel, den Sie da bei sich haben – schon als ich das letztemal hier war, fiel mir der Kerl auf! Ich an Ihrer Stelle würde lieber ihn malen als das Golatschengesicht Ihrer übrigens ja scharmanten Schwägerin!«

»Ich hab's versucht,« sagte Franz, »es scheint ihm aber kein Vergnügen zu machen.«

»Das glaub ich, daß er sich wehrt! Er wird wissen warum. Er sieht toll aus!« Franz schüttelte nachdenklich den Kopf: »Er sieht nur so aus. Die Maske ist gut, aber nichts dahinter. Er hält nicht, was er verspricht. Er ist ein gutmütiger, argloser, einfältiger Mensch, der nicht weiß, wie er zu diesem unheimlichen Gesicht kommt.«

»Wer weiß denn, wie er zu seinem Gesicht kommt?« sagte Höfelind lachend. »Und da die bedeutenden Menschen unserer Zeit wie Leimsieder aussehen, ist es nur billig, wenn einmal ein Dorftrottel einem Hidalgo gleicht! Die Natur ist von Kräften gekommen, es reicht nicht mehr, einen ganzen Menschen auszustatten, sie muß sparen: wenn sie sich innen übernimmt, zieht sie's draußen ab, und wenn ihr die Visage gelingt, ist fürs Gehirn nichts mehr übrig. Wirtschaft, Horatio! Gerade darum sind doch aber wir Maler da, wir sollen ihr ja nachhelfen! Und übrigens glaub ich das gar nicht, das von der Maske. Die Masken, die wir tragen, sind noch das einzige Wahre an uns. Nur unser Gesicht lügt nicht. Wenn's nicht stimmt, ist immer der innere Mensch der Betrüger, nicht der äußere. Sagen Sie das aber nicht weiter! Sie verderben uns sonst das Geschäft, denn wer hätte dann noch den Mut, sich malen zu lassen? Der Alte ist ganz schlau, wenn er sich vor Ihnen versteckt.«

Sie traten aus dem Wald, die Arnsburg lag vor ihnen, die Schlote der Himmelbrauerei rauchten.

Höfelind blieb stehen und hatte wieder jenen arglistigen Zug in seinen schnellen Augen, als er sagte:

»Sie denken nun wohl, ich hätt Ihnen mein ganzes Herz ausgeschüttet? Ich bin selbst erstaunt, was da alles herauskam, es müssen rein mehrere meiner Herzen gewesen sein! Na, Sie kennen mich doch, nicht? Sie waren lange genug bei mir, hoffentlich wissen Sie da noch, daß meine Worte nichts mit mir zu tun haben. Ich bin unzurechnungsfähig, sobald ich nicht male. Sie würden auch über einen Prediger nicht nach seinen Bildern urteilen, also über mich nicht nach meinen Predigten, bitte! Es mag wahr sein, was ich sage, oder falsch, jedenfalls werd ich bei der nächsten Gelegenheit wieder das Gegenteil sagen, es ist ja höchst gleichgültig, was gesagt wird, ändern tut's doch nichts, das ist noch das Glück! Es war sehr lieb von Ihnen, mich so freundlich angehört zu haben, danke schön!« Er zog artig den Hut und verließ Franz, wie wenn sie einander eben auf der Gasse begegnet und nur einen Augenblick stehen geblieben wären, um sich höflich zu begrüßen und nach ihrem Befinden zu fragen. Die Eile, mit der er sich, ohne nur auch einmal zurückzublicken, entfernte, war eigentlich komisch. Franz stand, ihm nachsehend, und empfand es fast als eine Art Trost, daß auch dieser bewunderte, beneidete, vom Glück verfolgte Mann des reinsten Willens, der höchsten Kraft und eines unerschütterlichen Vertrauens zu sich selbst am Ende nichts wußte, nichts! Er kennt sich schließlich auch nicht aus, dachte Franz, fast schadenfroh. Hatte der Mensch wirklich nur die Wahl, in der Enge zu stocken oder im Weiten zu zerrinnen? Gab es wirklich nur ein Behagen im Augenblick? Trog die Stimme, die doch niemals in uns verstummen will, ewig nach Wahrheit verlangend, nach einer Antwort, nach einem Sinn? Sie zum Schweigen zu bringen wäre dann das einzige, uns einzuschläfern, wie die meisten es ja schon instinktiv tun, und doch gibt das aber keiner zu, doch geben alle dann wieder vor anzustreben, was sie verleugnen und noch mit demselben Atemzug doch wieder anzuerkennen durch eine geheime Macht genötigt sind! Die Vernunft trügt, das Gewissen führt irre, hör nicht auf sie, sondern laß dich von deinen Trieben treiben, aber was hilft mir der Rat, da mich doch auch die Vernunft, auch das Gewissen treibt? Solange die beiden nicht kastriert find, ist uns nicht zu helfen, es wäre denn, wir lernten uns über uns hinweglügen, denn sonst haben wir, ob wir uns von den Sinnen oder von der Vernunft oder vom Gewissen steuern lassen, doch immer wieder Gegenwind aus uns selbst!

Aus seiner Lehrzeit bei Höfelind, in Paris und später in Sankt Veit, erinnerte sich Franz, daß der Meister oft wochenlang unsichtbar blieb. Wenn ei dann endlich wieder unter den Schülern erschien und gar, wenn er gesprächig wurde, war ihnen das immer ein Zeichen, daß er einen leeren Tag hatte. In Zeiten der Fülle, der Bewegung, der Kraft schwieg er, und je beredter er wurde, desto verlassener war er. Wenn er selbst von sich sagte, malen könne er eigentlich nur in seiner Abwesenheit, so schien sein wunderliches Betragen dies zu bestätigen. Sobald er zu sich kam und wieder anwesend war, stand er vor seinem eigenen Werke fassungslos, es entweder anstaunend, mit einer naiven Bewunderung, die den sonst so klugen Mann fast lächerlich werden ließ, oder auch geradezu kindisch darüber spottend. Dann war er wieder wochenlang der große Lehrer, mit allen Problemen seiner Kunst, ja des Lebens vertraut, aber in solchen Zeiten der Besinnung selbst ganz unfähig zu malen. Es schienen wirklich zwei Menschen in ihm abzuwechseln, der schaffende verschwand, wenn sich der betrachtende meldete. Er konnte nur malen in einer tiefen inneren Dämmerung, sobald er aber wach und bei Bewußtsein war, geriet er in Aufregung, der Glanz seines Verstandes flackerte, es war die Klarheit von Angstzuständen, in denen auch alle Sinne schärfer, die Gedanken von einer ungeheuren Schnelligkeit sind, aber bei gelähmtem Willen. Das Merkwürdige war für Franz, daß Höfelind malend, obwohl er da den Eindruck eines Nachtwandlers machte, in seinem natürlichen Zustand, wachend aber, so ruhig, klug beherrscht und spöttisch überlegen er sich dann gab, immer in einer Art Wundfieber schien. Seinen Schülern galt es denn auch für ausgemacht, daß alle Kunst aus dem Unbewußten kommt. Dies hatte Franz ja schließlich auch bestimmt, das Malen wieder aufzugeben, nachdem er einige Jahre das Unbewußte vergeblich erwartet; so geduldig er war, es regte sich nichts. Je mehr er aber an Kenntnis des Lebens zunahm, desto mehr wurde er allmählich geneigt zu vermuten, daß nicht bloß der Künstler, sondern jeder Mensch, nur wenn sich das Unbewußte regt, in seinem natürlichen Zustande, wenn er aber seiner wachen Überlegung folgt, in einer Art Scheinexistenz ist. Er wehrte sich gegen diesen Gedanken: es war ihm schon schwer genug geworden, aus Ehrlichkeit das Malen aufzugeben, aber man konnte doch nicht gut von ihm verlangen, auch noch das Leben aufzugeben. Er war allmählich immer bedenklicher gegen unsere Bildung geworden. Alles was wir Bildung nennen, des Geistes oder des Willens, zielt darauf, uns zu lehren, daß wir über uns wachen und uns selbst bestimmen können. Unsere Wünsche sollen wir durch unser Urteil, das Gefühl durch die Vernunft ordnen, die Leidenschaften lenken, jede Regung, bevor wir uns ihr überlassen, erst prüfen lernen. Uns zu Herren unseres Schicksals, ja zu Baumeistern unseres eigenen Lebens zu machen, ist der Sinn aller sittlichen Bildung. An wem sie gelingt, der ist gesichert vor dem Unbewußten. Sie kann nur gelingen auf Kosten des Unbewußten. Ihre ganze Kraft beruht auf der Schwäche des Unbewußten. In einer Welt dieser Bildung muß der Künstler von vornherein verdächtig sein, und dämonische Menschen sind darin unstatthaft. Sozusagen aus Selbsterhaltungstrieb hatte Franz, an dem ja die Bildung gelungen war, eine Zeitlang, nachdem er das Malen aufgegeben, sich wirklich einzureden versucht, daß der Künstler und jede dämonische Menschenart nur sozusagen Atavismen sind, die die Menschheit bald ganz überwunden haben wird. Er war doch aber ein zu rechtschaffen denkender Mensch, um sich länger in diesem Heu zu wälzen; es roch auch zu sehr nach dem alten Aufkläricht, den die braven Deutschen immer noch von Geschlecht zu Geschlecht wieder aufwärmten. Nein, aus der eigenen Mittelmäßigkeit das Weltgesetz und jede Begabung zur Sünde wider die Natur zu machen, darauf ließ er sich nicht ein, obwohl er wahrscheinlich dabei selbst im Vorteil gewesen wäre, denn er konnte sich ja kaum mehr verhehlen, daß er unfähig blieb, aus dem Unbewußten zu schöpfen. Sein Abenteuer mit den Spiritisten war der letzte Versuch gewesen. Es gehörte für ihn eine Art von Heroismus dazu, sich dennoch wieder zur Anerkennung einer Welt durchzuringen, die nun ihm einmal verschlossen blieb. Daß er dazu die Kraft hatte, war ihm noch ein gewisser Trost, so hob er sich doch von dem grauenhaften Bildungsphilister ab, der in seinem Unvermögen noch schwelgt. Und vielleicht war den Menschen unserer Zeit auferlegt, zunächst nur erst endlich wieder Nachricht zu geben von jenem verschütteten Brunnen. Vielleicht sollte das jetzt lebende Geschlecht nur zunächst einmal erkunden, wo der Schatz vergraben liegt, den glücklichere Söhne, mutigere Enkel dann einst heben mögen. So machte er sich eine Entsagung zurecht, in der er sich immer noch überlegen fühlte, er entbehrte mit den anderen, die aber nicht einmal wußten, was sie entbehrten. Jetzt aber war er aus dieser angenehm durchwärmten Ergebenheit durch Höfelind aufgeschreckt worden! Denn was meinte denn Höfelind als die Möglichkeit, jene Quellen springen zu lassen auf unseren Ruf? Herzubitten, herzulocken, herzunötigen, hatte er gesagt. Wenn das möglich wäre! Wenn wir uns nicht mehr bescheiden müßten bei der Anerkennung jener unsichtbaren Welt, wenn wir sie beschwören, wenn wir die Mütter heraufholen könnten! Gab man jene Welt einmal zu, gab man zu, daß sie auf uns wirken kann, gab man also doch einmal eine Verbindung zwischen ihr und uns zu, warum soll es bloß ihr möglich sein, sich mit uns zu verbinden, auf uns zu wirken, und nicht auch uns, auf sie zu wirken, warum soll das Unbewußte zwar in uns emporsteigen können, nicht aber wir untertauchen ins Unbewußte? Und Höfelind hatte ja recht: dies war die Meinung jedes lebendigen Glaubens! Nicht Erklärung der Welt verlangt der Mensch, nicht nach Wahrheit blickt er aus, sondern um Hilfe. Und diese Sicherheit, mit der Höfelind von solcher Hilfe sprach, war das wieder nur eine seiner paradoxen Launen? Mit dieser Sicherheit mußte ein Mensch Wunder wirken können, selbst wenn er sie sich bloß eingebildet hätte! Aber wer hatte denn heute die Kraft, sie sich auch nur einzubilden? Die Frommen? Anton war fromm, Gabsch doch auch, der Domherr gar schon von Amts wegen, und doch konnte sich Franz nicht denken, daß sie wirklich glaubten, mit der anderen Welt verbunden zu sein, auf jeden Anruf. Er war entschlossen, von Höfelind noch mehr darüber zu hören.

Am anderen Morgen war Höfelind fort, er ließ einen Zettel an Franz zurück: »Ich nehme Reißaus. Sie können froh sein, es ist gar nicht nötig, daß ich Sie noch ganz verrückt mache. Mir fiel nachts ein, daß ich niemals in Indien war. Es wird auch wieder eine Enttäuschung sein, aber man hat sie dann wenigstens hinter sich. Hoffentlich kann ich auch Tibet gleich mitnehmen. Dann können wir ja weiter reden. Oder auch nicht. Es kommt auf dasselbe hinaus. Ihnen ist ja geradeso wenig zu helfen wie Ihrem schönstens grüßenden alten Höfelind.«

Fünftes Kapitel

Anton, der so gern den Bruder festgehalten hätte, bei seinem Takt aber fürchtete, ihm durch Fragen unbequem zu werden, wußte sich gar keinen Rat mehr mit ihm. Sie taten alles, ihm jeden Wunsch an den Augen abzusehen, und ein behaglicheres Leben ließ sich doch auch wirklich kaum denken, aber Anton wurde dennoch das Gefühl nicht los, Franz sei nicht zufrieden. Vielleicht weil es ihm an der geistigen Anregung fehlte, die er gewohnt war. Die konnten sie ihm freilich nicht bieten. Beschämt empfand Anton nun erst recht, wie geringe, armselig in den Tag hinein lebende Menschen sie doch neben ihm waren, unfähig, einem bedeutenden Mann etwas zu sein! Er kam sich mit seiner ohnmächtigen Liebe recht kläglich vor. Franz hinwieder, der das spürte, litt unter allen diesen wohlgemeinten und doch unwirksamen Bemühungen, fand es scheußlich, daß er sie nicht erwidern konnte, kam aber gerade dadurch nur noch mehr um den Rest seiner guten Laune. Nichts erbittert uns so sehr, als wenn man uns helfen will und wir wissen, daß uns nicht zu helfen ist. Und eben im Gefühl seiner Undankbarkeit wurde Franz nur noch gereizter. Wenn dem Bruder die Geduld gerissen und er einmal grob mit ihm geworden wäre wie mit dem Blasl, das hätte seine Stimmung vielleicht gebessert. Er kam sich unter allen diesen treuherzigen Menschen sehr erbärmlich vor, mit seiner wesenlosen Unlust, die keinen Wunsch und keinen Willen hatte, auch keinen Grund und darum keine Hoffnung; er litt ja bloß daran, daß ihn nichts freute. Eigentlich hatte ihn noch niemals etwas gefreut. Er war durch die Welt gerannt nach Freude. Wenn er nirgends eine fand, so war er wohl selber schuld. Seinen Bruder und seine Schwägerin freute alles, jede Stunde war ihnen ein Ereignis. Das ist offenbar die wahre Begabung zum Leben. Ihm fehlte sie. Weder sein Verstand noch seine Bildung konnten sie ihm ersetzen, sie ließ sich auch nicht lernen, und alle Einsicht half ihm da nichts. Er hatte sich eine Zeitlang über sich täuschen können, indem er für Ehrgeiz, Wissenstrieb oder Tatenlust ausgab, was einfach eine Unfähigkeit war, sich je wohl zu fühlen. Jetzt aber gelang ihm nicht einmal mehr, sich darüber zu täuschen, und er schämte sich vor jedem Holzknecht. In der großen Welt draußen war ihm das nie so bewußt geworden, denn die besteht aus lauter solchen Menschen, die nichts freut, ja sie wird durch diese Unlust allein in Bewegung erhalten. Hier aber wurde das Leben durch Freude getrieben. Er hatte neben solchen richtig gehenden Menschen einfach das Gefühl, mißraten zu sein. Und sie bewunderten ihn noch dafür und verehrten ihn, der sich verachtete! Es war die verkehrte Welt, er konnte ja noch von Glück sagen, daß sie nichts ahnten. Alle diese kleinen Adligen hatten in seiner Gegenwart Gewissensbisse, schämten sich ihrer Unbildung vor ihm und hätten gar nicht verstanden, wie er sie um die Kraft beneidete, unmittelbar am Leben selbst genug und erst kein Surrogat dafür nötig zu haben! Und wenn sie sonst gar nichts konnten, verstanden sie sich wenigstens doch darauf, mit Anstand müßig zu gehen, während ihm alle seine Scheintätigkeit nicht einmal half, die Langweile zu vertreiben! Er unterschied sich von ihnen nur durch eine Anmaßung, die im Grunde nichts als ein mißverstandenes Gefühl seiner Schwäche war. Weil er sich nicht einmal im Gewöhnlichen zurechtfand, dadurch hielt er sich für etwas Höheres bestimmt, und der Spaß war, daß schließlich auch die anderen es ihm glaubten! Um sich diese Selbsterkenntnis etwas zu versüßen, schloß er in sein hartes Urteil die sämtlichen Intellektuellen ein. Er war jetzt geneigt, jeden zu verdächtigen, der, statt herkömmlich zu leben, sich selbst seine eigene Form suchte. Das schien ihm immer nur ein Zeichen von Schwäche. Unfähig, ihre Pflicht zu tun, und zu feig, das ruhig einzugestehen, flunkerten sich solche Menschen vor, für edlere Ziele geboren zu sein, da konnte man sie wenigstens nicht kontrollieren. Und die anderen, in ihrer gutmütigen Dummheit, ließen es sich gefallen und bewunderten sie noch wie höhere Wesen! Er hatte zuweilen Lust, dem Anton zu sagen: Du Narr, siehst du denn nicht ein, daß ein einziger Tag deines gut ausgefüllten Lebens mehr wert ist als all meine leere Geschäftigkeit? Aber Anton hätte ihm das ja doch nicht geglaubt, dazu mußte man selbst einer von den Auguren sein.

Als der Herbstregen kam, mit grauen Tagen bei verhüllten Bergen, fing Franz an, ruhiger zu werden. Die Natur zog sich gleichsam zusammen, alles schien näher, der Mensch war nicht mehr so verloren im Raum. Franz ging jetzt viel aus. Das eintönige Rauschen des Regens tat ihm wohl. Es rauschte, man ging gedankenlos. Er hatte gut zwei Stunden bis zur Stadt! Wenn er dann dort noch eine verbrachte, war, bis er heimkam, der Nachmittag vorbei. Und er kannte sie ja seit Jahren nicht mehr, auch sah er sie jetzt doch mit ganz anderen Augen. Abends las er dann in alten Büchern von den Taten seiner Vorfahren, die Stadtgeschichte war ja für ihn zum großen Teil Familienchronik. Er begann die Taten seines Hauses aufzuzeichnen. Merkwürdig, daß man in der Familie noch nie daran gedacht hatte! Jetzt, wo sie keine Taten mehr zu tun hatten, war Zeit dazu. So saß er manchen Tag im Museum, in der Bibliothek, im Archiv, zur größten Freude Antons, der, wenn er ihm dann abends davon erzählte, ein über das andere Mal ausrief: »Man möcht's gar nicht glauben, was wir für famose Kerle waren!« Seine Forschungen führten ihn auch in die Kirchen; in der einen war ein Bild, das ein Flayn gestiftet hatte, in der anderen lag ein Flayn begraben, einer war Fürsterzbischof, einer war Benediktiner, eine war Äbtissin gewesen. Seit seiner Kindheit hatte Franz diese Kirchen, diese Klöster nicht mehr besucht; Erinnerungen stiegen auf. Bei den Benediktinern fand er einen Schulfreund wieder; sie waren beide so neugierig auf das Leben des anderen, und beide auch einander ein bißchen neidisch, gar Franz. Immer schon hatte Franz ja den Ehrgeiz, sich in andere Menschen hineinzudenken, hineinzufühlen. Er wollte dies auch bei dem Pater versuchen, der jedoch viel begieriger war, Franz auszufragen, selbst aber von sich nur sagte: »Mit der Zeit geht's schon, man gewöhnt alles!« Aber der reine Glanz seiner still lächelnden Augen widerrief die Klagen, und als Franz zu fragen fortfuhr, zog sich der Mönch immer behutsamer in sich zurück und sagte schließlich lächelnd: »Wie kann dich interessieren, was ein so geringer und einfältiger Mensch wie ich erlebt hat? Auch weiß ich es doch selber gar nicht mehr. Ich habe mich längst vergessen.« Das klang nicht ganz aufrichtig; er hatte wohl diese Redensart stets für alle Fälle bereit. Es verdroß Franz, der Freund schien ihm nicht zu trauen. Warum? Er wollte doch nichts von ihm, er hätte nur zu gern gewußt, wie es in solchen Menschen eigentlich aussehen mag. Vielleicht aber hatte der Pater den Verdacht, das leichtsinnige Weltkind würde sich bloß über ihn lustig machen. Sie hielten ihn hier offenbar alle für einen ausgemachten Ketzer, vor dem man jedes Gefühl verstecken muß, damit es nicht entheiligt werde. Er merkte das sogar an Anton, auch der wurde verlegen, sobald sich das Gespräch dem Glauben näherte. Franz wußte, daß Anton fromm war. Auch paßte das so gut zu ihm, Franz hätte sich ihn gar nicht anders denken können. Aber von Jugend auf sprachen die Brüder darüber nie, es schien ein schweigendes Übereinkommen. Franz hatte bisher Frömmigkeit überhaupt mehr für eine geistige Gewohnheit angesehen, in gewissen Ständen trug man sich eben fromm, es gehörte dazu und machte übrigens weiter keinen Unterschied. Erst bei jenen Reden Höfelinds war ihm aufgefallen, daß er ja hier unter lauter strenggläubigen Menschen lebte. Eben den Glauben, nach dem den Meister so stark verlangte, zu dem er innerlich entschlossen war und dessen er sich doch nicht bemächtigen konnte, hatten alle diese Menschen. Höfelind wünschte sich ihn, aber da müßte erst ein Wunder geschehen! Sie hatten ihn, und es schien ihnen ganz selbstverständlich. Meinte Höfelind wirklich dasselbe? Franz konnte sich doch nicht gut vorstellen, daß etwas, um das Höfelind mit ganzer Seele rang und das ihm dennoch versagt blieb, dem Anton von selbst zuteil geworden wäre. Und die Wirkungen, die sich Höfelind davon versprach, besaß Anton sie? Hatte sein Anton also wirklich die Macht, den Genius zu beschwören? Und nicht bloß er, sondern doch Gabsch und die Kinder und die Dienerschaft auch, ja der Blasl auch? Franz versuchte, vorsichtig Anton darüber auszuhören, aber der nahm es übel. Er sagte: »Daß du gescheiter bist als ich, weiß ich, ich habe nie versucht, dir nachzukommen. Ich lass dir deine Gescheitheit, aber laß du mir auch meine Dummheit. Wir befinden uns beide dabei ganz wohl.« Und es war unmöglich, ihm auszureden, daß Franz sich bloß über ihn lustig hätte machen wollen. Das hatten alle. Sie wichen seinen Fragen aus, schämten sich ihrer Frömmigkeit vor ihm und fanden es unzart von ihm, ihnen diese Beschämung zu bereiten. Einen Augenblick hatte Franz fast Lust, dem Benediktiner zu sagen, er wolle sich bekehren, doch brachte er es nicht über sich, gegen einen treuherzigen alten Schulfreund so unredlich zu sein. Er machte noch einen Versuch, indem er sagte: »Ich möchte meinen Aufenthalt hier benutzen, einmal die katholische Weltanschauung kennen zu lernen.« Der Pater erwiderte: »Ja tu das! Aber ich versteh von Weltanschauungen gar nichts. Das sind gelehrte Sachen, viel zu hoch für mich.« War das Einfalt? War es Argwohn? Er fand bei frommen Leuten immer denselben Widerstand, sobald er sich ihnen innerlich zu nähern suchte, keiner ließ ihn ein, nirgends war Antwort auf seine Fragen. Denn nicht bloß jenes Gespräch mit Höfelind ging ihm lange nach, das war nur der Anfang gewesen; zu der geistigen Neugierde, die damals in ihm erregt worden war, kam nun, seit er sich zuweilen in Kirchen einfand, ein höchst seltsames Gefühl von Staunen, Rührung und auch Neid beim Anblick von Betenden. Er suchte sich für jene Arbeiten in Kirchen immer Stunden aus, wo er die Bilder, die Grabsteine betrachten konnte, ohne eine heilige Handlung zu stören, am liebsten also nachmittags, um die Dämmerung. Wer sich diese Zeiten zu seiner Andacht wählt, hat etwas auf dem Herzen, was er ganz allein mit Gott besprechen will, und weil er sich unbemerkt weiß, kann er sich allen Wallungen überlassen ohne Furcht vor irdischen Zeugen; er gibt die strenge Haltung auf, er darf sich vergessen und sein wahres Gesicht zeigen. Zunächst achtete Franz der einsamen Beter gar nicht, sie wirkten auf ihn zunächst bloß ästhetisch. Er fand die Kirchen um diese Stunden noch viel geheimnisvoller, der Raum schien größer, schien unbegrenzt ins Unendliche zu gehen, schien sich an den knienden Gestalten niederzulassen, von denen in der Dämmerung nichts zu sehen war als die hingegossene Demut ihres inbrünstigen Verlangens; das Irdische war weggewischt, sie lösten sich auf, es blieb nur ihr Gebet übrig. An Säulen halb verborgen, regten sie sich nicht, sie schienen tot, schienen Schatten, während die Heiligen in den Nischen, vom flackernden Schein einer verlöschenden Kerze berührt, leise zu zittern und sich aufatmend zu bewegen schienen. Wenn in der Totenstille dann einmal der schlurfende Schritt eines Meßners erscholl, schrak Franz auf; er mußte sich erst wieder besinnen. Nur auf hohen Bergen oder in tiefen Nächten hatte er sich so nahe der Ewigkeit gefühlt. Dieses Gefühl war nicht Frömmigkeit, es war nur ein seliges Verstummen. Er hörte nichts mehr, auch sich selbst nicht mehr. Er hatte sich bei dem Wort Entrückung eigentlich bisher nie was Rechtes denken können, es gab aber gar kein besseres für diesen Zustand: er fühlte sich wirklich aus allen seinen Gedanken und Empfindungen, guten und bösen, schmerzlichen und freudigen, weggehoben und in tiefen Schlaf versetzt, aber bei völliger Klarheit, so daß er den Schlaf bewußt genießen konnte. Er saß oft eine Viertelstunde lang in diesem völligen inneren Stillstand. Er hätte nie gedacht, daß man das kann. Er wurde doch sonst, wenn er unbeschäftigt war, nach zwei Minuten fast krank vor Ungeduld, ihm ging in seinem Leben stets zu wenig vor. Jetzt aber saß er oft eine Viertelstunde, saß eine halbe Stunde so, nichts ging vor in diesem wachen Schlaf, es war gleichsam ein Aufhören, alles hörte auf, er selbst hörte auf. Er hatte nur Angst, das wieder zu verlieren, sobald er es einmal gewohnt wäre. Er wechselte die Kirchen und verglich, die Wirkung blieb dieselbe. Sie schien sich mehr nach der Zeit als nach dem Ort zu richten. Sie stellte sich erst ein, wenn der Tag verschied. Sie ließ wieder nach, sobald dann angezündet wurde. Ihr Element war die Dämmerung, wenn es oben noch grau durch die Scheiben floß, unten schon die Nacht lag und irgendeine trübe Kerze nur gerade so viel ungewisses Licht gab, daß er sich noch des hohen Raums, der zu wachsen schien, und der regungslosen schwarzen Punkte von verlorenen Betern bewußt war. Den stärksten Reiz hatte das für ihn im Dom, den er am hellen Tag nicht recht mochte, seiner Geräumigkeit und Helligkeit wegen, wodurch er eher ein Festsaal oder ein öffentlicher Platz scheint, ganz weltlich, mehr zum Herumspazieren oder für Versammlungen als zur Andacht und Einsamkeit. In der Dämmerung aber fand er ihn verwandelt: seine Größe, die sich bei hellem Tag in dem so reinen Verhältnis aller Teile verlor, erschien dann erst, und während sonst keine Menge, noch so dicht gedrängt, ihn ausfüllen konnte, wirkten dann in dem leeren Raum die vier oder fünf im Gebet erstarrten Gestalten unheimlich groß. Und wenn nun allmählich der letzte graue Glanz an den Fenstern oben erloschen und alles in Nacht erstorben war, blieb nichts als ein zitternder Hauch von Helligkeit an der heiligen Jungfrau, vor der eine hohe dicke Kerze, qualmend, in sich hinein brennend, einen dumpfen, bald auffahrenden, bald wieder einsinkenden und gleichsam verröchelnden Schein ausstieß. Franz sah gern zu, wie die Mutter Gottes in diesem zuckenden Licht, bald erscheinend, bald verschwindend, sich unablässig leise zu bewegen schien.

Er lernte, seit er sich angewöhnte, zur Dämmerung die Kirchen aufzusuchen, allmählich auch auf die Menschen achten, die er fand. Es waren immer dieselben, und immer am selben Ort; jeder schien seinen eigenen Platz zu haben, seinen Altar, der ihn tröstete, seinen Heiligen, dem er sich anvertraute. Mehr Frauen als Männer, entweder ganz jung oder sehr alt, und fast nur arme Leute von geringem Stande, dürftig gekleidet, doch meistens mit Sorgfalt. Jeder kam zur gewohnten Stunde pünktlich, suchte seine Bank, seinen Winkel auf und versank. Sie schienen einander nicht zu kennen, keiner kümmerte sich um den anderen, so hatten sie das Gefühl allein zu sein. Franz konnte sie ruhig beobachten, es störte sie nicht, sie bemerkten es offenbar gar nicht. Es hatte für ihn einen großen Reiz, Menschen beten zu sehen. Er lernte dadurch auch den Sinn der Architektur erst verstehen. Zur Kirche gehört der Betende, durch ihn vollendet sie sich erst, auf ihn zielt sie, ihr Raum braucht ihn, ihr Raum ist seine Form. Zu diesem ästhetischen kam aber auch ein psychologischer Reiz. Alle schienen im Gebet allmählich zu erstarren, und da zog sich dann ihr ganzes inneres Leben gleichsam auf einen einzigen Punkt zusammen, bei den einen in die Lippen, die sich allein in dem toten Gesicht noch gespenstisch bewegten, bei den anderen in die Augen, die immer größer, immer weiter wurden, wie durch ein heftiges Verlangen ausgedehnt. Franz konnte sich über ihren Zustand keine rechte Rechenschaft geben. Sie schienen gequält zu sein, aber selig ihrer Qual. Was ihr Gesicht verriet, war kaum auszusprechen, am ehesten hätte man noch sagen müssen, daß sie Lust zu leiden schienen. Es war offenbar jenseits der menschlichen Benennungen: entweder ein Schmerz von solcher Heftigkeit, daß sie das Erstaunen, das Erschrecken darüber ihn gar nicht mehr empfinden ließ, oder ein zu starkes Glück, um ertragen zu werden, entweder eine Verzweiflung, zu der man fast Lust, oder eine Seligkeit, vor der man Furcht bekam. Immerhin mußten es nach ihrem Anblick Zustände sein, die schon um ihrer Intensität willen ihn neugierig machten. Er wurde aber doch wieder daran irre, weil er es ja lächerlich fand, innere Begebenheiten von so seltener Art Menschen zuzumuten, die doch eher unter dem Durchschnitt waren: Dienstmädchen, arme Witwen, Bettler, allenfalls einmal ein älteres Fräulein von Adel oder ein Pensignierter kleiner Beamter, niemand, von dem man sich hätte denken können, sein Leben sei jemals erschüttert worden, durch quälende Tugenden oder unvergeßliche Sünden. Was ging in diesen Menschen vor, das ihre Lippen beben, ihre Augen unirdisch erglänzen ließ? Deswegen hätte er ja auch den alten Blasl so gern einmal zum Reden gebracht. Er fand ihn zuweilen in irgendeinem Winkel mit stieren Augen, den Rosenkranz in der Hand, röchelnd, in einer Art von Starrkrampf, aus dem erst allmählich wieder aufzutauchen dem ertappten Knecht nur mit großer Anstrengung gelang, worauf er dann tagelang wieder nur noch mürrischer, verdrossener und einsilbiger war. Der mochte ja nun wirklich irgendeine schwere Tat auf dem Gewissen haben, die ihn verfolgte. Diesen so friedlichen, einfachen und ganz uninteressanten Leuten aber war doch weder im guten noch im schlimmen etwas zuzutrauen, womit ein Mensch nicht selber fertig werden kann. Wozu brauchten sie Gott? Was wollten sie von ihm? Was hatten sie ihm zu erzählen? Ich, sagte sich Franz, würde das gar nicht wagen, ich hätte Furcht, ihn zu langweilen. Doch gestand er sich freilich ein, daß wir ja gerade von solchen einfachen Leuten eigentlich gar nichts wissen. Er empfand jetzt erst, wie wenige Menschen wir kennen, nämlich doch immer nur den engen Kreis derjenigen, die zu sagen wissen, was sich in ihrem Inneren begibt; und auch diese kennen wir schließlich auch wieder nicht, denn was zu Worten wird, ist ja schon gefälscht, ist jedenfalls zweideutig, weil das Wort ebenso zur Mitteilung wie zur Verheimlichung dient und weil ja das Wort immer auch ausgeborgt sein kann. Von Menschen, mit denen wir im bloßen Wortverkehr stehen, erfahren wir schließlich niemals mehr, als welchen Vorrat an Worten sie haben und welchen Gebrauch sie davon machen. Ob uns einer gefällt oder mißfällt, ist in den meisten Fällen doch bloß eine Frage des Vokabulars, das Leben, das er unter diesem Vokabular führt, bleibt uns unbekannt. Gar aber der wortlose Teil der Menschheit, der weitaus größere, vielleicht der bessere, geht uns ganz verloren. Wenn Franz diese versunkenen Greise, Frauen, Mädchen im Gebet belauschte, war oft ein Glanz in ihren Augen, eine Glut, ein so namenloses Glück, daß er sich nicht erinnern konnte, jemals Menschen begegnet zu sein, deren Gesicht so sehr von der Wahrheit gezeichnet gewesen wäre. Es kam vor, daß er wartete, bis sie gingen, ihnen folgte und den einen oder die andere dann vor der Kirche draußen ansprach, unter irgendeinem Vorwand: gleich aber waren es die gewöhnlichsten Menschen, beim ersten Wort, das sie sprachen, entzaubert, wie ausgebrannt, so daß er trachtete, sie nur rasch wieder los zu werden, was auch ihnen sicherlich erwünscht war. Nun wußte Franz ja, daß die hinreißenden Gesellschafter, deren Geist, sprühende Laune, quellender Witz alle berückt, auch daheim dann oft ausgepumpt, Stunden, ja ganze Tage mißmutig keines Gedankens fähig sind. Ihr Witz, ihre berückende Laune, der glänzende Geist kommt erst an den anderen zum Vorschein, dann erst ist er da, er braucht die anderen, man ist nicht ein hinreißender Gesellschafter, man wird es nur zuweilen, niemand hat Geist, Laune, Witz, sondern der Unterschied ist nur der, daß die einen zuweilen Geist, Laune, Witz kriegen und die anderen nie. Was wir sind, sind wir nur in Anfällen. Müssen wir den Anfall geduldig erwarten oder können wir ihn herrufen? Diese frommen Leute schienen gewiß zu sein, sobald sie zur gewohnten Stunde nur an der gewohnten Stelle niederknieten, immer gleich ihr gewohntes Entzücken zu finden. Das war es offenbar, was Höfelind meinte. Diese frommen Leute hatten es. Finden es nur Sie wortlosen Menschen? Findet es vielleicht nur, wer es nicht sucht? So hatte Franz glücklich wieder ein Problem. Sein guter Vorsatz, sein fester Entschluß, doch endlich einmal ruhig hinzuleben, statt ewig das Leben abzufragen, half ihm nichts. Seine Neugierde war stärker. Er beneidete diese Leute, er hätte gern versucht, ihnen gleich zu werden und merkte doch selbst, daß, indem er es zu versuchen glaubte, schon wieder ein Spiel des Verstandes daraus wurde. Nie nahm ihn das Leben auf, er kam nicht hinein, er blieb draußen und übte nur immer seinen Verstand daran.

Immerhin war es ihm ein angenehmer Zeitvertreib. Er fuhr fort, zu sammeln, was ihm irgendwie von Bedeutung für die Geschichte der Grafen Flayn schien, und, wenn es dunkelte, täglich noch eine Zeitlang, bevor er heimfuhr, still in einer Kirche zu sitzen. So kam er einmal wieder in den Dom, noch später als sonst. Da bot sich ihm ein seltsames Bild. Auf den ersten Blick, bevor er sich gleich in die tiefe Nacht des ungeheuren Raumes fand, schien ihm, als wäre die Gestalt der heiligen Jungfrau herabgestiegen und kniete da vor sich selber. Im ungewissen Licht der flackernden Kerze glich das Wesen, das der Heiligen zu Füßen lag, ihr in Haltung und Gewandung so sehr, daß er den Atem anhielt, um das lieblichste Wunder nicht zu verscheuchen. Erst als die Betende dann allmählich langsam erwachte, sich mit einem tiefen Seufzer erhob und die Augen aufschlug, gewahrte sie ihn, erschrak und entfernte sich so schnell, daß er nur eben noch bemerken konnte, wie schön ihr totenstilles Gesicht war.

Sechstes Kapitel

Franz stand noch immer und glaubte zu träumen. Kein reineres Antlitz hatte er im Leben gesehen. Er folgte ihr, aber als er aus der Kirche trat, war sie fort. Wer konnte sie sein? Er kannte doch vom Sehen die halbe Stadt. Vielleicht war er ihr schon oft begegnet, vielleicht sah sie sonst ganz anders aus, vielleicht war es nur der Abglanz ihrer Andacht, der sie verklärte, und die Himmlischen meinten es gut mit ihm, als sie sie ihm entrückten. Er wäre wahrscheinlich arg enttäuscht gewesen.

Dennoch kam er am anderen Tage wieder, es ließ ihm keine Ruhe. Er sah sie wieder. Unbeweglich kniete sie. Er hielt sich fern, in ihrer Versunkenheit bemerkte sie nichts. Die Stille des ungeheuren leeren finsteren Raumes lag so schwer auf ihm, daß er das Flackern der tropfenden Kerzen schlagen zu hören glaubte. Oder war es das Herz der erstarrten Beterin?

Sie stand auf, er duckte sich ins Dunkel. Er sah sie noch sich mit dem heiligen Wasser besprengen und noch einmal niederknien. Er wagte nicht ihr zu folgen. Er hätte sich nur mutwillig den schönsten Traum zerstört. Er kam am dritten Tage wieder, vor ihr. Er setzte sich in die Bank, der Mutter Gottes gegenüber. Seltsam war es, so zu sitzen, allein mit ihr. Er ertrug den Anblick nicht. Er hatte das Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun. Er trat ins Seitenschiff, hörte Schritte, sah sich nicht um, und, unentschlossen, weil er so gern in ihrer Nähe geblieben wäre und dabei doch eine Art Scham empfand, war er plötzlich auf den Knien vor dem Altar; er hätte nicht sagen können, wie das geschehen war. Er mußte nun schon bleiben. Das war jetzt an die dreißig Jahre her, seit er zum letztenmal so vor einem Altar gekniet. Und er hatte das Gefühl, daß er gern gebetet hätte, daß es aber nicht recht gewesen wäre. Er war verwirrt. Es dauerte lange, bis er die Schritte sich wieder entfernen hörte. Er gelobte sich, nicht wiederzukommen. Er wollte sie vergessen. Er verbrachte den Abend beim Bruder, den nächsten Tag in hastiger Geschäftigkeit. Es half nichts. Er wurde das Abenteuer sicher nicht los, bevor er sie sah. Wenn er sie nur erst gesehen, war er entzaubert. Ein ältliches Fräulein vermutlich, unelegant, zimperlich, kleinstädtisch, albern, reizlos, sobald man ihr die mystische Beleuchtung nahm. Er hatte nur vor der Kirche auf sie zu warten, damit brach er auch sein Gelöbnis nicht. Aber da kam Anton und bat ihn, mit ihnen zum Begräbnis der Hofrätin zu fahren; sie wären das dem Domherrn schuldig, dessen Empfindlichkeit zu schonen sie Gründe hatten. Franz wußte noch gar nicht, daß sie gestorben war.

Sie hatte sich schon wieder fast ganz erholt, war aber gegen die Warnung des Arztes zu früh ausgegangen, zu lang ausgeblieben, fiebernd heimgekehrt, und als eilends ihr Sohn geholt wurde, blieb ihm kaum Zeit, Abschied von ihr zu nehmen. »Du tätest mir einen großen Gefallen mitzukommen,« sagte Anton. »Die Exzellenz nimmt derlei sehr genau. Und es wird auch ganz interessant für dich sein, du siehst einmal alles beisammen. Wir haben ja sonst hierzulande kaum eine Geselligkeit, meine besten Freunde seh ich fast nur noch bei Leichenbegängnissen.«

Sie fuhren feierlich zur Stadt, Franz mit dem Bruder und der Schwägerin und dem alten Onkel Erhard. Gabsch neckte den Onkel, den die Hofrätin noch bei ihrem letzten Besuche verdächtig ausgezeichnet haben sollte: »Alte Liebe rostet nicht!« Onkel Erhard brummte: »Das ist so lang her, daß es schon gar nicht mehr wahr ist! Und dann: wen hat sie denn nicht – ausgezeichnet? Möcht wissen!« Er lachte. »Wenn die heute alle da sind, ist die Kirche zu klein. Ja das war eine! No ich bin gewiß nicht indiskret, aber es ist ja stadtbekannt. Donnerwetter, Donnerwetter, Donnerwetter! Ja das waren noch Zeiten! Ein Prachtweib! Und daneben der alte Schulrat, ihr Mann, armer Kerl! Aber muß er auch mit fünfzig ein Mädel nehmen, das kaum sechzehn? No und dann sein Tod, das war auch eine schöne Geschichte! Sie aber hat das alles übertaucht, ein Prachtweib, den Schlag gibt's heute gar nicht mehr, die wahren Weiber sterben aus!« Wie denn das mit dem Tode des Schulrats eigentlich gewesen sei, fragte Gabsch neugierig. Der Onkel zwinkerte, aber Anton, dem die Wendung des Gesprächs unangenehm zu sein schien, sagte leichthin: »Der Schlag hat ihn halt getroffen.« Der Oheim zwinkerte wieder und fragte lüstern: »Aber wie? Das is es!« Anton sagte trocken: »Ich war nicht dabei, denn ich war noch gar nicht auf der Welt.« Onkel Erhard grinste: »Dabei war ich leider auch nicht, aber wir wollen ja die Gabsch nicht verderben!« Er schnaufte, sein Gesicht wurde rot unter dem stattlichen weißen Barte, und Franz fielen zum erstenmal die langen spitzen haarigen Ohren auf. Aus dem Patriarchen schielte plötzlich ein Faun. »Ich bin doch kein kleines Kind mehr,« sagte Gabsch gekränkt. »Ich werd dir's schon erzählen,« sagte Anton, in einem Ton, daß sie schwieg. »Dein Mann wird dir's schon einmal erzählen, in einem passenden Augenblick,« sagte der Onkel, grinsend. »Es ist wirklich kein Gespräch für ein Begräbnis. Denn er starb in einem Moment der höchsten Lebendigkeit. Glück muß man haben!« Anton wiederholte: »Es ist wirklich kein Gespräch für ein Begräbnis.« Der alte Herr schwieg ungern. Franz erinnerte sich jetzt dunkel, von der Geschichte gehört zu haben. Man erzählte sich, die Magd, mitten in der Nacht aufgeschreckt durch Hilferufe, habe den Toten nackt auf dem Boden ausgestreckt gefunden, die Schulrätin daneben mit offenem Haar, seltsam geschmückt, Lilienstengel in der Hand, zwischen hohen Spiegeln.

Das Begräbnis war sehr feierlich. Alle die großen alten Namen des Landes beisammen. Adel, Geistlichkeit, Behörden. Und die ganze Stadt, jung und alt, auch eine Schar von Armen, der Wohltäterin nachweinend. Aber Franz hatte das Gefühl, als ginge noch ein Trauergast geheim im Zuge mit, jenes unpassende Gespräch nämlich: auf allen Mienen fand er das lüsterne Grinsen des Oheims wieder, während die schweren Glocken läuteten. Es schien das allgemeine Gespräch bei diesem Begräbnis.

Franz fuhr nicht mit zurück. Er wollte allein sein. Er begriff die Menschen nicht, die, jetzt in Tränen aufgelöst, schon im nächsten Augenblick wieder schwätzen können. Er hatte die Hofrätin wenig gekannt und der Tod alter Leute hat ja nichts Drohendes. Aber an jedem Grab empfand er das Geheimnis unseres Lebens. Wir tun ja mit dem Tode so vertraut, jeder behauptet zu wissen, daß alle sterben müssen, und für sich selbst glaubt's eigentlich im Grunde doch keiner. Es sagt's bloß einer dem anderen nach, wie man etwa sagt: Die Welt wird einmal untergehen. Nämlich mit dem stillen Vorbehalt: Aber mich hält sie schon noch aus. Mit einem ähnlichen Vorbehalt sagen wir: Auch ich muß einst sterben. Nämlich dieses Einst ist immer noch so unendlich weit! Und genau genommen, meinte Franz, glauben wir alle zwar auch einst sterben zu müssen, aber doch gewissermaßen selbst nicht mehr dabei zu sein. Was wahrscheinlich eine ganz richtige Empfindung ist: Der Tod gehört nicht mehr dazu, unser Sterben erleben wir ja nicht, ich bin ja der Tote nicht mehr! Nur an Gräbern fragt es uns bang: Wenn du dann aber doch noch wärst? Das ist es, was uns den Tod fürchten läßt. Wir sind doch eigentlich immer froh, wenn wieder ein Tag vorüber ist. Wir feiern es, wenn das Jahr vorüber ist! Welch ein Fest also, wenn endlich alles vorüber ist! Nur daß wir doch nicht sicher sind, ob dann auch alles vorüber ist!

Wenn es kein Ende, wenn es der Anfang wäre? Nur darum fürchten wir den Tod. Eigentlich fürchten wir nur, im Tode doch nicht tot zu sein. Und bloß die Furcht vor jenem Leben dann macht uns dieses Leben hier lieb. Aber ich glaube doch an jenes Leben gar nicht! Oder beweist meine Furcht vor dem Tode, daß ich doch daran glaube? Daß es tief in mir doch daran glaubt und ich nur wähne, nicht daran zu glauben?

Franz hielt ein. Er war durchs Moor in die Au gelangt und stand am Flusse. Er hatte wieder einmal so stark das Gefühl, ganz unbekannt mit sich zu sein. Sein Leben lag weit hinter ihm. Der hier am Flusse stand, in Todesangst vor Ratlosigkeit, war das der erfahrene, weltgewandte, spöttische Kenner und Künstler, mit der Wissenschaft und der Kunst so vertraut, daß er sie längst alle durchschaut hatte? Es kam ihm vor, als hätte er immer sozusagen hinter seinem Rücken gelebt und alle Wissenschaft, alle Kunst wäre nur eine Wand, um sich vor sich selber zu verbergen. Er erschrak vor der tiefen Unwirklichkeit seines Lebens. Es gab auf nichts Antwort. Er hatte nur immer auf der Flucht vor den Fragen gelebt. War das vielleicht der Sinn aller Wissenschaft und Kunst, uns die Fragen nicht hören zu lassen? Und die Fragen hörten aber doch zu fragen niemals auf! Wenn Wissenschaft und Kunst nur Betäubungen wären? Und dann kommt der Tod und nimmt sie uns? Und wir erwachen? Und können den Fragen nicht mehr entfliehen und müssen doch antworten? Und hätten doch niemals antworten gelernt? Hätten vor lauter Leben das Leben versäumt: uns auf den Tod zu bereiten? Und unwillkürlich sah er wieder Onkel Erhards am Grabe noch in lüsternen Erinnerungen grinsendes Gesicht. Der dachte nicht daran, daß auch er vielleicht einst erwachen muß.

Es dunkelte schon, als sich Franz, aus dem Gehölz auf den Weg einbiegend, unversehens vor dem Domherrn fand, der auch an diesem Tage seinen gewohnten Abendgang nicht unterließ. Der freundlichen Einladung, ihn zu begleiten, konnte sich Franz nicht gut entziehen. Der Klang der priesterlichen Stimme tat ihm wohl. Die Exzellenz erzählte, wie sich die Verewigte noch in den letzten Tagen immer nach Franz erkundigt und es gar nicht hätte erwarten können, ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen. »Es ist mir sehr leid, auch deinetwegen. Sie war eine der merkwürdigsten Frauen, einer der merkwürdigsten Menschen, besonders in der letzten Zeit, als sie, vielleicht schon in einem gewissen Vorgefühl, ihr ganzes Wesen zusammennahm. Sie gehörte zu den Menschen, die sozusagen an der Grenze leben, hier und dort zugleich, in denen sich die beiden Welten nicht bloß zuweilen berühren, sondern die andere gewissermaßen allmählich herein wächst in die unsere, in die, die wir mit den Sinnen wahrnehmen oder eigentlich, richtiger gesagt, nur für wahr nehmen, sie ist es ja nicht, sie ist Lug und Trug, von unseren Sinnen vor die Wahrheit hingespiegelt, uns diese verhüllend. Meine Mutter muß einmal etwas erlebt haben, wodurch ihr dieser Wahn zerriß. Den meisten Menschen geschieht das erst in der Todesstunde, sie aber hat damit weiter gelebt, noch viele Jahre, freilich aber ohne seitdem jemals wieder vergessen zu können, daß es ja nur ein Traum ist. Sie hat damals den Tod geschaut, und den Tod im Auge lebte sie seitdem, aber, was das Seltsame war: mit ungestörtem Appetit, ja es schien fast, als hätte sie, seit sie wußte, bloß zu träumen, noch einmal so gern geträumt und auch den verwegensten Traum nicht gescheut, in der ermutigenden Gewißheit, daß sie ja daraus erwachen wird, nicht bloß einst, dort, sondern hier schon, immer wieder von Zeit zu Zeit. Eben weil sie unser irdisches Leben durchschaut und seine Nichtigkeit, Eitelkeit und Wesenlosigkeit erkannt hatte, konnte sie sich darin seitdem mit einer Freiheit und heiteren Zuversicht bewegen, deren Anmut und bezaubernder Laune niemand widerstand. Was den meisten verborgen bleibt, empfand sie tief, daß wir nämlich auch hier auf Erden schon, auch in der Zeit schon, noch ein zweites Leben haben, und daß dieses, wenn auch den Sinnen unvernehmlich, unser wahres Leben ist, während jenes, das wir vermeintlich erleben, nur unser eigener Dunst ist, aber vor der Wahrheit, im Tode nämlich, zergeht. Wenn man gern sagt, daß das Leben nur ein Traum ist, so wird dadurch eine ganz richtige Empfindung doch nur halb und uneigentlich ausgedrückt. Das Leben ist die Wahrheit, wird aber, indem es durch das Element unserer alles trübenden Sinne geht, dadurch für uns zum Traum. Das irdische Leben und das himmlische sind eins. Es ist immer dasselbe Leben, nur einmal mit Menschenaugen gesehen, das andere Mal mit dem Auge Gottes. Nicht, daß unsere Augen erloschen und wir blind wären für das leuchtende Licht, nein, unser Auge ist für den Lichtreiz empfindlich geblieben, nur nicht mehr genug, um sehen zu können, sondern gerade bloß noch so viel, daß es, durch das Licht gereizt, in Bewegung, in Tätigkeit gerät und nun selbst einen Schein, aber bloß sozusagen sein Eigenlicht hervorbringt, eben die Täuschung des Lebens, in der wir uns abmühen und die doch nicht bloß Täuschung ist. Daher das Grundgefühl der meisten Menschen, sich ewig umsonst zu plagen, aber als ob diese Sinnlosigkeit, zu der wir verdammt sind, doch einen Sinn hätte, nur für uns nicht oder doch heute noch nicht, aber vielleicht schon morgen. Meine Mutter mag nun einmal, sie muß wohl einmal, irgendwie furchtbar aufgeschreckt, die Wahrheit, das Licht oder wie du das andere Leben nennen willst, erblickt haben. Wer mit ihr verkehrte, hatte das Gefühl, daß sie mit den Geheimnissen in Verbindung stand, sie schien etwas zu wissen. Merkwürdig war aber, daß sie sich dadurch im Weltlichen durchaus nicht stören ließ, im Gegenteil: sie genoß es nun erst recht, eben in der Gewißheit, daß Lust und Leid unseres irdischen Lebens Selbsttäuschungen sind. Sie saß in ihrem eigenen Leben wie im Theater, lachend und weinend, als wenn das alles wahr wäre, aber mit dem Gefühl, leicht lachen und weinen zu können, weil sie doch wußte, daß das alles ja doch nicht wahr war. So wurde ihr alles zum Spiel. Das trifft ja bald einer, solang es ihm gut geht, aber sie hat Lust und Leid zerspielt, auch Leid. Ja, sie hat auch ihr Spiel mit Lust und Leid noch wieder zerspielt, bis es auch wieder zunichte wurde, bis auch das Spiel kein Spiel mehr war, bis sich auch im Spiele wieder die ganze Tiefe des ungeheuren Abgrunds auftat. Sie wußte, daß alles bloß ein Spiel ist, aber auch von welcher Bedeutung, um welchen Einsatz! Sie wußte, daß unser irdisches Leben spielt, aber um die ewige Seligkeit oder Verdammnis. Klugen Leuten schien sie eine Heuchlerin, einfachen Menschen fast eine Heilige. Ich habe sie sterben gesehen und möchte mir nur wünschen, daß es mir dereinst so leicht wird.« Es war ganz dunkel geworden. Franz wußte kaum, ob der Priester mit ihm sprach. Nun gingen sie stumm am gurgelnden Flusse, bis Franz sagte, mehr zu sich selbst: »Und das also wäre die Wahrheit?«

Der Domherr hielt im Schreiten ein, sah verwundert auf Franz, als ob er sich jetzt erst erinnerte, daß er einen Zuhörer hatte, und sagte, wieder ausschreitend: »Nein, natürlich nicht! Aber österreichisch ist es, und vielleicht nur einem Österreicher überhaupt verständlich. Es gibt bei uns einen Leichtsinn aus Tiefe, wie es draußen einen Tiefsinn aus Leere gibt, da möcht ich nicht tauschen. Du darfst übrigens ja nicht meinen, meiner Mutter sei dies alles bewußt gewesen, ich habe dabei wohl auch etwas stark schematisiert. Ganz instinktiv ging in ihr das Umschalten vor, so könnte man es ja nennen; eben noch entrückt, stand sie schon im nächsten Augenblick wieder beherzt auf der Erde fest, nur desto verwegener, in der Gewißheit, ja wieder wechseln zu können, wie man auf Reisen dreister ist als sonst, in dem Gefühl, morgen wieder über alle Berge zu sein. Sie war in diesem Leben immer auf der Reise. Und lange genug, um sich schließlich zu freuen, heimzukehren.«

»Und dennoch wäre das,« sagte Franz, »zwar eine gute Methode, sich mit dem Leben abzufinden, aber noch immer die Wahrheit nicht?«

»Gewiß nicht,« erwiderte der Priester.

»Und die Wahrheit?« fragte Franz wieder.

»Da darfst du mich nicht fragen,« sagte der Domherr.

»Wen sonst?« fragte Franz.

»Der Staat,« sagte der Priester, »hält sich ja Leute genug, die von Amts wegen die Wahrheit haben. Und in der größten Auswahl, für jeden Geschmack, in jeder Preislage, denn meine, lieber Graf, würdest du mir ja doch nicht glauben.«

»Welches ist Ihre?« fragte Franz leise.

»Solltest du noch nicht bemerkt haben,« sagte der Domherr, »welches Gewand ich trage? Ich kann dir leider nur mit der ganz gemeinen Wahrheit dienen. Vielleicht hast du noch einen kleinen Katechismus, da steht sie.«

Sie gingen eine Weile stumm nebeneinander, bis sich Franz das Herz nahm und wieder begann: »Der Zufall, daß ich Ihnen heute begegne, Sie begleiten darf und wir gerade in dieses Gespräch geraten, ist zu merkwürdig. Ich hatte schon seit Wochen vor, mich um Rat an Sie zu wenden. Ich fand nur nicht den Mut dazu, mich hielt eine gewisse Scham ab, vielleicht auch die Furcht, Ihnen lästig zu fallen, oder um ganz aufrichtig zu sein, das Gefühl, daß Sie mich nicht ganz ernst nehmen. Es wird mir auch nicht leicht zu gestehen, in welcher Verwirrung ich bin. Eins darf ich sagen: ich habe den besten Willen. Das ist aber auch das einzige, und das scheint nicht zu genügen.« Er schwieg in Erwartung. Es dauerte lange, dann sagte der Priester kurz: »Nein, das genügt nicht.« Nach einer Weile fuhr Franz fort: »Ich habe die ganze Welt abgesucht und nichts gefunden. Ich gab es auf zu suchen und kam heim. Ich täusche mich vielleicht, aber mir kommt vor, daß es hier Menschen gibt, die das haben, was ich nirgends finden konnte.« Da Franz schwieg, fragte der Priester nach einer Weile: »Was?« Franz antwortete nicht gleich, er schien erst das rechte Wort zu suchen, endlich sagte er: »Sicherheit. Innere Sicherheit, meine ich. Menschen, die den Weg wissen.«

»Ja,« sagte der Priester. »Aber solche Menschen gibt es überall.«

»Mag sein,« fuhr Franz fort. »Es liegt vielleicht an mir, daß ich sie früher nicht bemerkt habe, jetzt aber bin ich so weit. Mein Bruder Anton zum Beispiel hat diese Sicherheit, die den sogenannten großen Männern unserer Zeit, der Auslese der heutigen Menschheit, soweit ich sie kennen gelernt habe, fehlt. Er weiß seinen Weg, und nichts macht ihn irre. Und er ist nicht der einzige. Es gibt viele. Ich sah sie mir näher an, sie hatten miteinander nichts gemein als ihren Glauben, alle waren fromm. Von Wissenschaft und Kunst enttäuscht, mußte ich mich also fragen, ob ich nicht, was sie mir schuldig geblieben waren, im Glauben fände.«

Nach einer Weile fragte der Priester: »Und?«

»Ja,« sagte Franz, »mir ging's aber seltsam, denn keiner dieser Menschen läßt sich mit mir ein, sie scheinen verlegen, erst wollen sie mich gar nicht verstehen, endlich geben sie zwar zu, selbst fromm zu sein, sind aber durchaus nicht zu bewegen, auf meine Fragen einzugehen, und will ich nicht zudringlich sein, so muß ich mich bescheiden. Anton wird rot, wenn ich davon beginne, ich sehe ihm an, daß es ihm peinlich ist, er scheint zu glauben, daß ich mich über ihn lustig mache, und bittet mich schließlich geradezu, davon aufzuhören. Und so die anderen auch, an wen immer ich mich wende! Ich weiß nicht, weshalb man mir so sehr mißtraut.«

»Was willst du denn von den guten Leuten eigentlich?« fragte der Priester.

»Ist es nicht ganz natürlich, daß, wer Menschen richtig leben sieht, gern von ihnen erfragen möchte, nach welchen Grundsätzen, auf welche Weise, nach welcher Methode?«

»Ich riet dir schon,« sagte der Priester, »dich nach einem Katechismus umzusehen.«

»Auch Sie wollen mir nicht Rede stehen!« klagte Franz. »Denn es muß dabei doch noch irgendein Geheimnis sein, das nirgends geschrieben steht. Warum will mir das keiner sagen?«

»Vielleicht,« antwortete der Priester, »vielleicht ist es ein Geheimnis, das sich nicht sagen läßt, sondern bloß tun.«

»Was aber tun?« fragte Franz.

»Das Gebot,« sagte der Priester.

»Gerade dazu muß man es mir doch aber erst erklären,« erwiderte Franz heftig.

»Nein,« entgegnete der Priester, »das ist eben dein Irrtum. Du beklagst dich über Kopfschmerzen, an denen du seit Jahren leidest. Ich rate dir Antipyrin zu nehmen, das mir dagegen stets geholfen hat. Aber du, statt es einfach zu nehmen und abzuwarten, ob es auch dir hilft, verlangst, daß ich dir erklären soll, warum es hilft. Ja das weiß ich selbst nicht, und der Arzt, der es mir verordnet hat, weiß es auch nicht. Es hat so viele geheilt, vielleicht heilt es auch dich, versuch's, mehr können wir dir nicht sagen, und wenn du vorziehst, dein Kopfweh zu behalten, können wir dich daran nicht hindern. Es ist vielleicht ein nicht ganz schicklicher Vergleich, und ich bitte dich, mich nicht mißzuverstehen! Unsere Religion schreibt ein gewisses inneres Regime vor, das du ja kennst. Du hast seit Jahren davon keinen Gebrauch gemacht, sondern anders gelebt, fühlst dich dabei aber nicht wohl und willst die Diät wechseln. Nun bemerkst du, wie wohl sich dein Bruder fühlt, du bemerkst an ihm und an anderen, welche Wirkungen unser Regime hat. Willst du diese Wirkungen auch für dich, so wend es an! Das Radium kann dir auch niemand erklären, und wenn du dich weigerst, es zu gebrauchen, solange dir nicht bewiesen wird, was es ist und wodurch es wirkt, ist dir nicht zu helfen. Wir leben alle vom Sonnenlicht, aber keiner weiß, weder was Licht noch was Leben ist. Keine Wahrheit läßt sich von außen beweisen, sie wird durch die Tat allein erbracht. Seit aber aus dem Menschenleben ein Debattierklub und Diskussionsabend geworden ist, der erreden will, was nur erlebt werden kann, steht alles auf dem Kopf, ganz wörtlich, und ein Kopf, mißbraucht, darauf zu stehen, statt damit zu denken, ist ein klägliches Ding. Setze deinen Fuß ins Leben, und hast du dann erst gelebt, so wirst du's vielleicht schon auch einmal begreifen lernen, und lernst du's nie, so hättest du doch gelebt, was euresgleichen stets versagt bleibt. Dir wird innerlich zugerufen: Steh auf und wandle, aber du, statt aufzustehen und zu wandeln, willst, daß dir erst bewiesen und erklärt werden soll, wieso. Niemand kann dir erklären, warum oder wodurch du siehst oder hörst. Die sehende, die hörende Kraft in uns bleibt ein ewiges Geheimnis, das uns nur durch den Gebrauch allein bewiesen wird. Mache von den Geheimnissen Gebrauch, dann werden sie sich dir beweisen, so handgreiflich, daß du nach ihrer Erklärung gar nicht mehr fragst! Du siehst, hörst, atmest, bewegst dich, lebst und stirbst, und Sehen, Hören, Atmen, Bewegung, Leben und Sterben ist alles unerklärlich, stört dich das? Natürlich ist dein Bruder verlegen, wenn er dir beweisen soll, daß und aus welchem Grunde und mit welchem Recht er atmet. Aber wenn du mich so fragst, ich kann dir nur raten, atme, da sich ja herausgestellt hat, daß es dir unmöglich ist, nicht zu atmen, und wenn dir dieser Beweis noch nicht genügt, ersticke, das steht dir ja frei!«

»Dann weiß ich nur nicht,« sagte Franz, »wozu wir aber Priester haben.«

Der Domherr antwortete: »Ich sagte schon, daß es ein ungeziemender Vergleich ist, aber mit jedem Menschen muß man seine Sprache sprechen, und so sei mir verziehen, wenn ich sage: das Radium, das Antipyrin muß doch irgendwo aufbewahrt werden, diesen Beruf haben wir Apotheker Gottes. Ich wiederhole nochmals: Es ist bloß ein Vergleich und jeder Vergleich hinkt, auch ist es ein recht unwürdiger, ein schamloser Vergleich, aber ich kann mit dir nur in deinem Jargon reden, meine Sprache verstehst du ja nicht!«

Franz wunderte sich. Er hörte schon gar nicht mehr auf die Worte des Priesters, er hörte nur noch den Ton einer seltsamen Gereiztheit aus der ruhig fließenden Rede. Irgendein unterdrückter Ärger klang durch, den er sich nicht recht erklären konnte. Vielleicht war der Domherr in Gedanken noch bei seiner toten Mutter, es tat ihm weh, sich von ihr loszureißen, um ein gleichgültiges Gespräch. Aber schon sprach der Domherr wieder: »Du wunderst dich? Ich sollte noch gerührt, ja geschmeichelt sein, daß du die Freundlichkeit hast, dich mir anzuvertrauen, dich meiner zu bedienen? Leugne nicht, du bist enttäuscht, daß ich nicht gleich ein Schwein schlachte für den verlorenen, wiedergefundenen Sohn! Ihr seid alle so bodenlos eitel auf die winzigste Regung eines besseren Gefühls. Als ob wir wirklich bloß darauf zu warten hätten, bis es euch einmal gefällig sein wird!«

Merkwürdig, dachte Franz, wie er mich errät und doch mißversteht! Er hat recht, ich bin enttäuscht. Ich hatte mir Rat von ihm erhofft. Warum soll es aber unbescheiden sein, wenn ich mich an ihn wende? An wen sonst? Hat er denn nicht die Pflicht?

»Nein,« fuhr der Domherr fort, »es ist nichts als Eitelkeit und diese verdammte Selbstüberschätzung! Du möchtest der Abwechslung halber nun auch davon einmal kosten, es nun auch damit einmal versuchen. Welche Ehre, welche Auszeichnung für uns! Als du zu dem Professor in Leipzig zogst, hast du da gemeint, der Chemie ein besonderes Kompliment damit zu machen, daß ein Graf Flayn sich herabläßt, sie zu studieren? Aber wenn du jetzt auf einmal Lust hast, ein Semester lang Katholizismus zu belegen, um zu sehen, ob dir nicht die Kirche vielleicht noch irgendeine Sensation zu bieten hat, staunst du, daß wir nicht gleich alle Glocken läuten und dich unter den Gnaden und Wundern nur aussuchen lassen, was dir am besten konveniert! Wissenschaft und Kunst haben dich enttäuscht, aber ich will dir sagen, warum: weil du dich ihrer bloß bedienen willst, statt ihnen zu dienen. Du suchst überall nur dich, darum findest du auch nichts als dich, und das kann selbst der größten Genügsamkeit nicht genügen. Jetzt soll's der Zauber der Kirche! Das ist aber wieder ein Irrtum. Sie zaubert nicht. Sie hat weder Elixiere noch Narkotika, sie ist kein Genußmittel, sie hat nur die Wahrheit. Und mit der kannst du nichts anfangen. Du bist ein schwacher Mensch, der sich bald aufpulvern, bald einschläfern will, alles immer nur in dem Wunsche, sich endlich einmal wohl zu fühlen. Sie aber ist für Menschen, die stark genug sind, es ertragen zu können, daß wir uns hier niemals wohl fühlen. Mit dem Feuer spielt man nicht, aber du kannst ja nichts als mit allem bloß spielen. Nichts für ungut, ich warne dich nur, denn es täte mir leid, wenn du dir die Finger verbrennst.«

Franz erinnerte sich der Szene, wie der Räuber Moor dem Kosinsky, der sich ihm anbietet, den Galgen zeigt. Aber wo blieb da die berühmte katholische Kunst des Seelenfangs? Sehr klug war das vom Domherrn eigentlich nicht. »Sie machen mir nicht gerade Mut!« sagte er.

Der Priester erwiderte: »Ihr mißversteht die Kirche. Sie will niemand einfangen; Gott holt sich die Seinen schon selbst, dazu braucht er die Kirche nicht, Gott ruft den Menschen, und wer so taub ist, daß er Gott nicht hört, dem wird's auch nichts helfen, wenn die Kirche noch so schreit. Nein, die Kirche hat Gott eingesetzt, daß sie da sei, daß in der Zeit ein Gefäß des ewigen Lebens sei, daraus, wer nach dem Leben hungert, gespeist wird. Nicht aber, verehrter Herr Graf, um blasierte Magen zu animieren wie deinen, nicht als Kaviar für dich.« Und er fuhr lachend fort: »Ja das kommt dir unerwartet, weil's ja nicht recht mit mir stimmt? Du hast doch viel über mich gehört, ich soll ja ein ganz abgefeimter Politiker sein, nicht? Und ich kann es auch gar nicht leugnen. Leider! Wer meint, ich sei's aus Passion, irrt nämlich, da wüßt ich mir bessere. Aber sein Hausrecht muß auch das Haus Gottes haben. Es ist so viel von Freiheit die Rede, nur für die Kirche nicht. So bleibt ihr nichts übrig, als sie sich selber zunehmen. Jeder soll das Recht haben, nach seiner Fasson selig zu werden, nur die Kirche nicht. Keiner leidet's, zum bloßen Mittel für einen anderen Zweck degradiert zu werden, nur die Kirche soll ein Staatsmittel sein, bloß zur Zucht braver Untertanen, bloß zur Erleichterung des Regierens. Jeder Kegelklub darf sich seinen Obmann selber wählen, aber der Bischof braucht die Bestätigung des Staats und unser Staat hat ein Veto gegen einen Papst, der ihm unbequem werden könnte. Dagegen daß der Staat den Priester zu seinem Beamten, die Kirche zu seinem Werkzeug und aus uns eine bessere, weil nämlich dem arglosen Volk unverdächtige Polizei macht, dagegen werden wir uns immer wehren, dagegen müssen wir uns wehren, und wie können wir das anders, als indem wir uns des Staats zu bemächtigen trachten, der uns überwältigen will? Da sich der Staat zum Herrn über uns gemacht hat, bleibt uns zur Freiheit nur der Umweg über den Staat übrig: wollen wir uns nicht knechten lassen, so müssen wir unsere Herren beherrschen lernen. Die Politik wird uns aufgedrängt, wir haben sie nicht gesucht, wir wären froh, von ihr erlöst zu sein. Sie macht uns nicht besser, das wissen wir selber. Wir wünschen uns selber, daß wir es endlich nicht mehr nötig hätten, klerikal zu sein. Wir sind's ja bloß aus Notwehr, sonst wären wir doch längst von diesem gefräßigen Staat schon ganz verschluckt worden! Nun heißt es freilich immer, daß wir nach Macht begehren, was auch niemand leugnen wird, denn es ist doch etwas viel von einer Macht verlangt, daß sie ohnmächtig sein, also auf sich selbst verzichten soll. Ich möchte nur auch wissen wie! Denn das übersteigt meine Phantasie. Man sagt dem Licht: wir haben nichts gegen dich, wir anerkennen dich, sei Licht, aber unter einer Bedingung nur, leuchten darfst du nicht! Ja wie soll das Licht das anfangen, Licht zu sein und nicht zu leuchten? Feuer muß brennen, Wind muß wehen und Macht muß mächtig sein. Nur in liberalen Köpfen ist der Begriff von geistigen Mächten ohne Macht möglich. Meine Eltern lebten in Linz und verkehrten viel mit dem alten Adalbert Stifter. Die gemeinsame Passion für Kaktuszucht brachte sie zusammen, und bald war der verehrungswürdige Mann ein lieber Gast unseres Hauses. Die Mutter hat mir nun oft erzählt, wie den alten Herrn alles Gemeine ganz aus der Fassung bringen, ja schon der Anblick einer menschlichen Gemeinheit auf Wochen völlig verstören konnte. Er pflegte zu sagen, man müsse dem Gemeinen aus dem Wege gehen; es mache ihn unglücklich, wenn er das einmal nicht könne. Sie hat mir geschildert, wie rührend dann seine Verzweiflung, seine Hilflosigkeit war. Ich aber fand schon als Kind eine Sittlichkeit sehr verdächtig, die so schwach ist, daß sie vor dem Bösen die Flucht ergreifen muß. Von Menschen, die jede Begegnung mit der menschlichen Gemeinheit unglücklich macht, haben wir nichts, und wenn uns nichts übrigbleibt, als ihr aus dem Wege zu gehen, so wird ihr das nur angenehm sein. Wir räumen ihr das Feld, aber ich dächte doch, daß wir uns ihr stellen müßten, sonst hat es ja gar keinen Wert, daß wir gut sind, sonst wär's ja gescheiter für uns, auch gemein zu sein, und wenn wir schon an der Niedertracht nichts ändern können, sie wenigstens auszunützen! Nein, ich denke, wir müssen sie vielmehr aufsuchen, ihr in den Weg treten und uns mit ihr messen, gegen sie kämpfen und sie schlagen, auf alle Arten, ja sogar, wenn's nicht anders geht, mit ihren eigenen Waffen. In der Ecke stehen und traurig zusehen, wie sich das Böse, das Falsche, das Häßliche breit macht, heißt noch nicht gut sein, und ich weiß nicht, ob nicht, wer wenigstens den Mut zum Bösen hat, in seiner Art sich eher zur Sittlichkeit bekennt, als wer zu feig zum Bösen, aber auch zu feig zum Kampf mit dem Bösen ist. Gut sein heißt, das Böse niedermachen wollen, um jeden Preis, an sich und an den anderen. Damit, daß der Gute sich versteckt, wird nichts anders. Gut ist nur, an wem das Echte, das Wahre, das Schöne mit solcher Macht erscheint, daß der Feind verschwindet wie die Nacht vor dem Tage. Schon als ich noch ein Knabe war, fand ich die höchsten Beispiele wahrer menschlicher Größe stets an jenen merkwürdigen Männern der Karolingerzeit, die dann in den Kreuzzügen und noch einmal im Barock wiederkehren, jenen bis auf die Zähne bewaffneten Heiligen, die vor Begierde rasen, das Böse zu vertilgen, jenen heiligen Helden! Den bloßen Helden fehlt das Recht dazu, den bloßen Heiligen die Macht. Erst der geheiligte Held, nur ein heldischer Heiliger ist erst der wahre Mensch, in dem der Himmel auf Erden erscheint. Nun hat aber jede Zeit ihre Waffen, und wenn ich versuche, für meinen Teil jene Synthese von Heiligkeit und Heldentum gewissermaßen in den politischen und merkantilen oder industriellen Habitus unserer Zeit zu übersetzen, als Diplomat oder meinetwegen Intrigant und als Makler, Unternehmer, Geschäftsmann, so maße ich mir selbst keine Größe damit an, sondern ich glaube nur sozusagen den unserer Zeit gemäßen Typ oder die für unsere Zeit passende Form einer aktiven, einer auf die Welt einwirkenden, auf das Irdische zielenden Frömmigkeit entworfen oder doch vorempfunden zu haben, deren sich Größere, Stärkere vielleicht mit mehr Glück bedienen werden als ich. Und so mag es schon geschehen, daß ich zuweilen auch einmal unfromme, ja mitunter recht bedenkliche Gesellen für uns anwerbe, für uns, wie die Studenten sagen, keile, wenn ich mir davon einen Gewinn an Macht verspreche, sozusagen an Munition. Ich möchte dich ersuchen, mir's aber nicht zu verargen, wenn ich nicht recht einsehen kann, was uns ein kluger geschmackvoller junger Herr wie du, der sich aus seinen natürlichen Beziehungen selbst losgelöst hat, denn eigentlich viel nützen sollte. Macht, Einfluß oder Bedeutung hast du nicht, ein Beispiel für andere bist du nicht, und auch die Reklame, die es uns machen würde, darfst du doch nicht überschätzen. Ich bin der Meinung, daß es stets am besten ist, sich über derlei ganz offen auszusprechen, und habe zu viel Achtung vor dir, um dich für empfindlich zu halten.«

»Empfindlich gar nicht!« beteuerte Franz. »Das war ich wirklich nie! Nein! Aber enttäuscht bin ich, gekränkt bin ich, das geb ich zu, nicht weil ich erwartet hätte, Ihnen willkommen zu sein, was kann ich für Sie bedeuten?, das weiß ich schon, es ist höchst gleichgültig für Sie, ich habe mir nur eingebildet, es würde Sie freuen, mir zu helfen.«

Der Domherr erwiderte: »Falsche Prätensionen unterstützen heißt nicht helfen.«

»Nennen Sie das eine falsche Prätension,« rief Franz, »wenn es mich zur Kirche zieht?«

»Es zieht dich nicht zur Kirche,« sagte der Priester, »dich gelüstet bloß, einen neuen Reiz zu kosten, in neuen Empfindungen zu schwelgen. Du gehst zur Kirche, wie man ins Seebad geht. Denn immer und überall willst du dich bloß unterhalten.«

»Ich will einen Sinn für mein Leben,« rief Franz bittend.

»Du willst jedenfalls etwas für dich,« sagte der Priester. »Das ist kein Weg zur Kirche, das ist der Weg aus der Kirche.«

»So raten Sie mir nicht als Priester,« bat Franz, »raten Sie mir als Freund, als der Freund meiner Mutter, meines Bruders, als ein Mann, der das Leben kennt, was soll ich tun? Ich habe doch den besten Willen, mich irgendwie nützlich zu machen!«

»Ja das ist dein Irrtum,« sagte der Priester.

»Sie zweifeln an meinem guten Willen?«

»An deinem guten Willen zweifle ich nicht. Der Irrtum ist, daß du dich nützlich machen willst. An diesem guten Willen gerade scheiterst du, denn dazu bist du nicht da.«

»Wozu denn sonst?« fragte Franz ratlos.

»Es ist eine merkwürdige Zeit,« sagte der Priester, »in der ein Graf Flayn so fragt. Daran geht ihr zugrunde! Dein Vater hätte nicht so gefragt. Der wußte noch, daß ihr da seid, um da zu sein. Du schaust mich verwundert an? Weit ist es mit euch gekommen! Und spürt ihr denn nicht, daß ihr damit abdankt? Ein Flayn, der das Gefühl hat, sich durch irgendeine Tat, durch irgendein Werk erst sozusagen rechtfertigen zu müssen, ist kein Flayn mehr, denn wodurch unterscheidet er sich dann noch von einem Herrn Meier oder Müller? Die gelten jeder nur so viel, als sie jeder leisten. Selbst ist der Herr Meier nichts, er ist nur die Person seiner Leistung. Je mehr er leistet, mit seiner Hand, mit seinem Kopf oder seinem Geld, desto mehr wird er. Was er leistet, ist er. Hört er zu leisten auf, so hört er selbst auf. Es war einmal von einem Beamten die Rede, da fragte dein Bruder verwundert: ›Lebt denn der noch? Ich dachte, der sei längst pensioniert!‹ Alle lachten über Anton, und er hatte doch recht! Ein Beamter in Pension, ein Bäcker, der nicht mehr backt, Maler, die nicht malen, Tänzer, die nicht tanzen, Baumeister, die nichts bauen, sind nicht mehr vorhanden, es ist unverschämt, wenn sie sich herausnehmen, noch zu leben, da doch ihr Leben keinen Sinn mehr hat. Der Herr Meier kommt nicht auf die Welt, damit ein Herr Meier in der Welt ist, sondern er wird geboren, weil es notwendig ist, daß gebacken, getanzt und gebaut wird. Nur soweit er davon etwas auf sich nimmt und solang er davon etwas übernimmt, hat der Herr Meier einen Sinn. Er hat gar nicht das Recht, da zu sein an sich, sondern nur als ein Mittel zum Zwecke des Backens, des Tanzens oder Bauens. Insofern er backt, ist er höchst schätzenswert, selbst ist er gar nichts. Nun empfindet die Menschheit aber doch, daß ihr Leben zu toll wäre, wenn es nur aus lauter Mitteln bestände, die wieder nur anderen Mitteln zu dienen hätten, mit gar keinem anderen Erfolge dieses ganzen allgemeinen Backens, Tanzens und Bauens, als daß eben gebacken, getanzt und gebaut wird. Das wäre doch zu teuflisch, um auf die Dauer erträglich zu sein. Die Meier und Müller müßten sich, sobald es ihnen nur erst einmal bewußt wird, doch aufhängen. Daher die tiefe Sehnsucht aller Völker in allen Zeiten nach Menschen, die nicht bloß Mittel, sondern um ihrer selbst willen da sind, nach Menschen, die nicht das Rad zu drehen haben, sondern für die das Rad gedreht wird, nach zwecklosen Menschen, die fest in sich selber ruhen und da sind, um da zu sein. Die Meier und Müller hielten es sonst nicht aus. Der einzelne Meier wäre freilich lieber kein Meier, er wäre gern selbst ein Selbst. Und jeden der ruhenden Menschen sieht er mißtrauisch an, ob es denn wirklich einer ist. Auf diese Frage der Meier und Müller hat der ruhende Mensch nur eine Antwort: ein sich genügendes Selbst zu sein. Dann verstummen die Meier und fahren seufzend fort, geduldig das Rad zu drehen. Der größte Narr aber ist ein zweckloser Mensch, der sich zum bloßen Mittel degradiert, die größte Dummheit des Adels ist es, wenn er auf einmal ein schlechtes Gewissen hat. Habt ihr die Kraft nicht mehr, das den Völkern unentbehrliche Bild des reinen, zwecklosen schönen Seins zu geben, dann packt ein und werdet Meier und Müller; es wird dann schon ein neuer Adel kommen, oder das Rad steht überhaupt still! Aber zum zwecklosen Menschen geboren sein und sich dann durchaus einen Zweck suchen wollen, versteht ihr nicht, wie lächerlich das ist? Dein ganzer Jammer besteht darin, als Graf Flayn mit den Meiers konkurrieren zu wollen. Natürlich kommst du da stets zu kurz! Und natürlich lachen sie dich aus! Glaubst du, daß ein Graf besser wird, wenn er sich, wie du das nennst, nützlich macht? Zunächst ist doch eure Begabung für das Nützliche recht fragwürdig; andere können das besser und jedenfalls können es auch andere; dazu braucht man nicht euch erst. Was die anderen aber nicht können, was nur ihr könnt, was ihr vor den anderen voraushabt, gerade dessen schämt ihr euch fast, das verleugnet ihr, um das bringt ihr euch selbst! Wenn du nun wirklich ein gutes Bild malst, ein neues Element entdeckst, Gespenster photographierst, was ist damit getan? Nichts, was nicht auch hunderttausend andere könnten, ebenso gut. Aber eins geht damit verloren, etwas fast Unersetzliches und doch der Menschheit Unentbehrliches, gerade jetzt mehr als je: die Welt ist dann um einen Menschen ärmer, der es nicht nötig hat, erst etwas zu leisten, dessen Leistung er selbst, sein eigenes Dasein ist, der allen diesen anderen, die bloße Mittel sind, schließlich erst einen Zweck setzt, für den es sich ihnen verlohnt, Mittel zu sein. Unnütze, zwecklose Menschen sind ein wahres Glück, gar in einer Zeit, die sonst nur noch den Nutzen, das Geschäft, das Praktische kennt. Das Leben wäre unerträglich, wenn die Menschheit nur noch aus Nutzvieh besteht! Man atmet auf, wenn man endlich wieder einmal einem in sich geschlossenen Menschen begegnet, der sich nicht erst entschuldigen muß, da zu sein, der lebt, wie die Blume blüht, wie die Sonne scheint, wie der Vogel singt. Es ist kein Blühen, kein Leuchten, kein Singen in einer Menschheit ohne unnütze Menschen. Wer in seinem Leben je deine Mutter gesehen hat, hat damit etwas erlebt, was ihm nie mehr verloren gehen kann. Wie sie mit dem geneigten Haupte sitzt, wie der Mantel auf ihrer Schulter liegt, wie sie schreitet, über eine große Stiege zu schweben scheint oder eigentlich eher die Stiege selbst sich vor ihr zu neigen scheint, das ist unvergeßlich. Dadurch, daß deine Mutter in der Welt ist, kommt einem die Welt schöner vor, man fühlt sich ausgesöhnt, es ist ein Trost, daß es das gibt. Die Griechen hatten auf alle bangen Fragen der Menschheit keine Antwort, als indem sie die Schönheit ruhig sitzender, ruhig stehender, gleichsam in sich sitzender, auf sich stehender Menschen zeigten. Das Mittelalter weiß freilich die noch bessere Antwort mit dem ruhig knienden, dem in Gott knienden Menschen. Hier ist der Mensch zugleich vom Zwecke befreit, von allen irdischen Zwecken, aber diese Freiheit trägt nicht mehr die leidvollen tragischen Züge des Griechen, denn sie hat ein Ziel: in Gott! Und dann wurde Gott abgesetzt und ein Götze dafür eingesetzt: der Nutzen. Und die berühmte Humanität hat den Menschen eigentlich nur entmenscht, es wagt gar keiner mehr, Mensch zu sein, denn der Mensch selbst gilt ja nichts mehr, es gilt nur was er leistet, der Mensch ist nur noch ein Durchgang, ein Knoten, ein Umschalter. Und wenn sich die Natur einmal zu helfen sucht, indem sie einen Menschen wie dich schafft, dem alles fehlt, um irgendwie nützlich sein zu können, und dem also eigentlich einfach nichts anderes übrigbleibt, als zwecklos zu leben, dann versteht dieser erzwungene, gewissermaßen von der Natur erpreßte Edelmann einen so deutlichen Wink erst recht nicht – ja, mein armer Freund, siehst du denn nicht, wie komisch du bist? Du kannst dich freilich darauf berufen, daß es ja die anderen auch nicht sehen, im Gegenteil, sie haben noch Respekt vor dir, und mancher junge Herr, der, Gott sei Dank, noch das tröstende Beispiel einer reinen, zwecklosen, von sich selber ausgefüllten Existenz gibt, bewundert dich und schämt sich insgeheim vor dir, denn auch die paar, die noch wahrhaft adelig sind, haben dabei kein gutes Gewissen mehr. Es ist mit euch nichts mehr zu machen, euch kann nicht mehr geholfen werden, ihr müßt zugrunde gehen! Vielleicht liegt auch nicht so viel daran, es wird eben ein neuer Adel entstehen, denn eine Menschheit aus lauter Dienern müßte sich selber doch schließlich zu trostlos langweilig werden!«

Sie waren in die Stadt gelangt. Der Priester schwieg. Franz hatte das seltsame Gefühl gleichsam einer so starken inneren Helligkeit, daß er davon geblendet und eigentlich erst recht wieder im Finstern war. Er glaubte sich selbst erst jetzt zu verstehen, und was er bisher an sich als Schwäche empfand, das wäre ja dann, wenn der Domherr recht hatte, gerade seine Kraft gewesen, und gerade das Echte seiner Natur hätte sich gewehrt, daß ein Künstler, ein Gelehrter aus ihm wurde! Er war doch unnütz und zwecklos und mußte sich also bloß entschließen, nichts anderes sein zu wollen. Aber wenn er das nur könnte!

Vor seinem Hause sagte der Domherr: »So hätten wir miteinander einmal ein langes, gutes Gespräch gehabt. Aber denk nur nicht zu viel darüber nach! Das solltest du dir überhaupt abgewöhnen.«

Als Franz heimfuhr, war ihm so bang nach einem Menschen, der ihn lieb hätte, bei dem ihm warm würde.

Siebentes Kapitel

Franz hielt es doch nicht aus. Er hatte sich gelobt, der schönen Unbekannten nicht mehr aufzulauern, aber das schloß doch nicht aus, ihr einmal zufällig zu begegnen, und er hatte ja nicht gelobt, einem solchen Zufall nicht etwas nachzuhelfen; er konnte sich immerhin um die Zeit der Dämmerung vor dem Dom ergehen, er war doch nicht verpflichtet, den ganzen Bereich zu meiden. Der Zufall zögerte denn auch nicht. Franz stand, die Statuen der Heiligen betrachtend, an den Stufen zum Dom, als sie rasch aus dem dunklen Tore trat und, ihn erblickend, nur die Wahl hatte, wieder umzukehren oder sich ihm zu zeigen. Einen Augenblick schien sie zu zögern, überwand es aber und ging nun fast auf ihn zu, ohne ihn anzusehen, doch auch ohne wegzusehen, über ihn hin ins Leere blickend, mit einem fest zugeschlossenen Gesicht, an dem nur ein leises Zucken der hochmütigen Lippen eine Regung von Unwillen oder doch Ungeduld verriet, so daß er nicht stehen bleiben konnte, sondern ihr lieber entgegenging, die Stufen hinauf, als ob er eintreten wollte. Sie war größer, als er sie sich gedacht hatte, von schlanker, sehr feiner, zierlicher Gestalt und schien mehr zu schweben als aufzutreten. Von dem schmalen, in die Länge gezogenen Gesicht, das hart und starr war, sah er eigentlich nur die scharf vorspringende Nase. Irgend etwas Fremdländisches war an ihr, er wußte nicht gleich, was ihm auffiel, und erst als sie schon vorüber war, bemerkte er das tiefe Schwarz ihrer nicht großen, glühenden Augen im Widerspruch mit dem sanften aschblonden Haar, das sie sehr brav mädchenhaft geflochten trug. Er trat nicht ein, sondern kehrte um und folgte ihr, sie entfernte sich sehr rasch, er verfolgte sie, sie sah sich nicht um, doch glaubte er zu fühlen, daß sie sich verfolgt fühlte, sie wäre vielleicht gern davongelaufen, hielt aber aus Stolz an sich, und es schien eher, daß sie jetzt trotzig langsamer ging, und auch er schämte sich, ihr nachzurennen, obwohl es ja kein Mensch gesehen hätte; die beiden waren auf dem großen weiten dunklen Platze ganz allein. Sie bog in ein enges Gäßchen und verschwand in ein finsteres altes Haus, eines jener hohen starren Häuser, die sozusagen kein Gesicht haben, sondern nur Wand sind; man ahnt ihre Tiefe nicht, eine ganze Welt kann dahinter sein, vielleicht aber auch nichts. Franz, ihr folgend, mußte seine Augen erst an das Dunkel gewöhnen. Er stand unentschlossen. Und wenn auch schließlich jemand kam, nach wem sollte er fragen? Der gewölbte Gang, in dem er stand, ließ in einen Hof sehen. Franz hoffte da vielleicht eine Magd zu finden, mit der er unauffällig ein Gespräch anfangen könnte. Er trat in den Hof, der an drei Seiten auch wieder von solchen hohen starren unerforschlichen Wänden eingeschlossen war, an der vierten aber in einen wilden, wie verwunschenen, jetzt gar winterlich traurigen Garten ging. Und hinter den kahlen Bäumen fand Franz ein einstöckiges Häuschen versteckt, das auch etwas verwahrlost schien, aber in seiner klaren Gliederung, die drei runden Fenster in zierlichen Kartuschen zwischen seinen Mastern, sich immer noch ein festlich heiteres Wesen bewahrt hatte. Wenn die paar Obstbäume blühten, mußte das sehr lieb sein in seiner artig spielenden Pracht, mit den bösen starren Wänden drüben und einem Stückl blauen Himmel droben. Zögernd trat Franz ein, fand gegenüber ein anderes Tor offen und stand da plötzlich am Ufer des dunklen Flusses. Er sah zu den drei kleinen Fenstern empor; es schimmerte hinter weißen Gardinen. Hier zu wohnen würde gut zu ihr passen. Er kam sich aber schließlich doch lächerlich vor, da wie ein verliebter Student zu stehen. Und niemand weit und breit, den er hätte fragen können. Eben schlug's jetzt von einer Kirche nach der anderen sechs, hier aber schlief schon alles tief. Und so oft er in den nächsten Tagen um das verwunschene Schlößchen schlich, immer schlief es. Und vielleicht wohnte sie ja auch gar nicht hier, sondern doch drüben, zum engen Gäßchen hin. Bei der nächsten Begegnung sagte Anton: »Du führst dich schön auf! No ich gönn dir's ja, nur könntest du dich ein anderes Mal lieber doch erst erkundigen, wen du mit deinen Huldigungen beehrst!« Und er las dem Bruder einen Brief vor, worin mit Humor der unfreiwillige Hausarrest geschildert wurde, zu dem die Schreiberin genötigt sei, aus Furcht vor Aufmerksamkeiten, die vielleicht in der großen Welt draußen üblich, hierzulande aber meistens doch nur Ladenmädchen oder Kellnerinnen erwiesen würden, einem sicherlich höchst ehrenwerten Stande, dem aber die Schreiberin dieses nun einmal leider nicht angehöre, was seinem weitgereisten Bruder gefälligst erklären zu wollen Anton hiermit freundlichst gebeten wurde. Die Handschrift, groß, fest und rund, hatte einen reinen und entschiedenen Zug. Franz sah nach dem Namen: Klara Bucek. Anton erzählte, sie sei die Witwe eines vor zwei Jahren bei einem Flug, der einen von ihm erfundenen Eindecker erproben sollte, verunglückten Hauptmanns und lebe seitdem mit ihrer alten Mutter und einem Töchterchen in recht bescheidenen, ja fast dürftigen Verhältnissen, und ganz einsam, obwohl es ihr an Beziehungen ja nicht fehle, als einer geborenen Baronin Gigern, der Enkelin des einst allmächtigen Finanzministers, der Nichte des Senatspräsidenten, dessen jüngerer Bruder, ihr Vater, freilich mit der Familie zerfallen und von dem eigensinnigen Alten enterbt worden, weil er gegen das väterliche Verbot eine damals um ihrer Schönheit und ihrer Kunst willen sehr umworbene Tänzerin von übrigens tadellosem Rufe geheiratet hatte, eine Venezianerin, mit der er dann die kleine Erbschaft seiner Mutter abenteuerlich auf Löwenjagden und Forschungsreisen durchgebracht, um sie, jung verstorben, mit ihrem Kinde fast im Elend zurückzulassen. Seit dem Todessturz des Hauptmanns, dem bei seiner ungemeinen technischen Begabung eine große Zukunft gewiß gewesen wäre, sind sie jetzt auf die karge Pension und einen Zuschuß angewiesen, den ihnen der alte Bucek, ein Zahnarzt in irgendeinem kleinen böhmischen Nest, schickt, und lieber, als sich bemitleiden zu lassen, halten sie sich von allen fern. »Ich muß gestehen,« sagte Anton, »daß ich das sehr bewundere, mir imponiert die stolze kleine Frau, die mit dem Leben abgeschlossen hat und der ihre tiefe Frömmigkeit alles ersetzen muß. Sonst wär's mir auch gar nicht eingefallen, dir dreinzureden. Denn nicht wahr, du wirst mich doch nicht für zimperlich halten? Im Gegenteil: Wenn du hier irgendeine Bandelei hast, hätt ich die größte Freud, weil du dann desto sicherer hier bleibst. Aber erstens möcht ich nicht, daß du dich umsonst abzappelst, und ich fürcht, da wird nicht viel anzubandeln sein. Hauptsächlich aber tut mir leid, daß sie das mißverstehen wird, die kleine Frau ist empfindlich, sie hat einen wunderschönen Hochmut, und es tät mir sehr leid um sie – sie weiß ja nicht, daß du das alles ja gar nicht weißt, aber jetzt weißt du's und kannst natürlich machen, was du willst, du wirst schon das Richtige treffen! Also nimm mir's nur nicht übel, und – es gibt ja schöne Frauen genug bei uns, in allen Farben, mir ist gar nicht bang, da wäre zum Beispiel…!« Er hatte Lust, gleich mit einer ganzen Liste dem Bruder aufzuwarten, der ihn aber unterbrach, ungeduldig, wie er es denn am besten gut machen könnte, ob er ihr schreiben sollte, ob er sie besuchen dürfte. Sie beschlossen, daß ihr Anton antworten und den Besuch des Bruders ankündigen würde.

Sie wohnte wirklich in dem verwunschenen Schlößchen, öffnete selbst und ließ es gar nicht dazu kommen, daß sich Franz erst entschuldigte, sondern sie waren gleich im heitersten Gespräch, das sie mit Sicherheit anmutig zu steuern verstand, allerdings für sein Gefühl etwas künstlich; es schien ihm sozusagen ein bloßes Lippengespräch, an dem sie selbst nicht teilnahm, ihr hartes blasses Gesicht blieb unbewegt, ihre heißen Augen waren nicht dabei, eine Puppe sprach mit ihm. Er hätte sich gern entschuldigt, doch sie vermied das geschickt. Er kam nicht dazu, viel zu sagen, plötzlich aber schwieg auch sie und sah auf, nicht gerade nach der Uhr hin, aber so, daß Franz unwillkürlich hinsah. Die Frist eines ersten Besuches war vorbei. Er empfahl sich. Sie sagte: »Schönen Dank, daß Sie kamen! Und nun ist Ihre Neugierde befriedigt und Sie lassen mich künftig auf der Gasse hoffentlich ungestört.«

»Unter einer Bedingung,« erwiderte Franz.

Zwischen ihren Augen erschien eine liebe kleine Falte, als sie fragte: »Nämlich?«

»Daß ich wiederkommen darf,« antwortete Franz.

»Wozu?« fragte sie hochmütig.

»Wozu?« wiederholte Franz achselzuckend. »Ja! Wozu verkehren denn Menschen miteinander.«

»Wir haben keinen Verkehr, meine Mutter und ich, mit niemand,« sagte sie, »und wir wünschen uns keinen!«

Er war einen Augenblick verlegen, begann aber dann wieder: »Ich fürchte, gnädige Frau, Sie mißverstehen mich. Sie haben mein etwas törichtes Benehmen in der Kirche mißverstanden, und Sie deuten auch meinen Besuch wieder falsch. Ich bin Ihnen nicht, verzeihen Sie den Ausdruck: nachgestiegen, um ein Abenteuer zu haben, und ich bin auch wieder nicht gekommen, bloß um der Form zu genügen. Sie ziehen mich an, mir selbst unerklärlich stark, ich hätte den Wunsch, mich Ihnen nähern zu dürfen.«

Sie schüttelte den Kopf: »Dazu wäre nun aber notwendig, daß auch ich diesen Wunsch hätte.«

Er sagte bittend: »Wenn Sie mich erst ein bißchen kennen lernen, wird's schon gehen.«

»Ich wünsche keine Menschen mehr kennen zu lernen,« sagte sie.

»Sind sie Ihnen so widerwärtig?« fragte er.

»Sie sind mir höchst gleichgültig,« antwortete sie.

Er verneigte sich und schien sich schon entfernen zu wollen, fragte dann aber noch: »Auch wenn es sich um einen Menschen handelt, dem Sie helfen könnten?«

Sie richtete zum erstenmal ihre schwarzen Augen auf ihn. »Ihnen? Ich?«

»Ja,« sagte Franz leise. »Vielleicht ist es kein Zufall, daß wir uns in einer Kirche trafen. Ich bin seit Jahren in keiner mehr gewesen. Erst hier wieder, ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum. Eines Tages zog es mich in eine hinein. Auch das wird wohl kein Zufall gewesen sein. Und dann kam ich wieder, kam öfter, ging die Kirchen der Stadt ab. Weiß nicht, warum, aber es tat mir gut, ich gewöhnte mich daran. Ich will Ihnen nichts vormachen, und auch mir nicht. Ich kann nicht sagen, daß ich fromm bin, sondern nur, daß ich es gern wäre. Ich beneide die Leute, die's sind. Vielleicht ist nur im Glauben das zu finden, was ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. Aber wie gesagt, ich bin noch nicht so weit, noch lange nicht. Da sah ich Sie! Das wird mir immer unvergeßlich sein. Und es war auch wieder Neid, vor allem Neid, was ich empfand, denn so ganz von sich weg sein, von sich erlöst, wie Sie mir damals schienen, ja, das wär's! Und so bin ich Ihnen nach, halb aus Neid und halb in einem dumpfen Gefühl, Ihren Weg zu gehen, auf den rechten Weg zu kommen. Mir ist das freilich selbst erst später nach und nach bewußt geworden.«

Sie wendete sich von ihm ab. Er sagte leise: »Ich hatte nicht vor, Sie zu belauschen in Ihrer Andacht. Bitte, glauben Sie mir das! Es war für mich wie eine Erscheinung, ich erschrak fast, als Sie sich bewegten, aufstanden und ein lebendiger Mensch waren. Und dann kam mir der Gedanke, Sie könnten mich vielleicht retten. Aber viel später erst, und eigentlich war's auch gar kein fester Gedanke, sondern eher ein ungewisses Gefühl, ein kleines Licht in meiner Finsternis. Und retten ist auch wohl nicht das richtige Wort, es sagt zu viel und auch doch wieder nicht genug. Ich müßte halt ein anderer Mensch werden, von Grund aus. Und durch Sie oder in Ihrer Nähe, mit Ihrer Hilfe könnt ich das vielleicht!«

Er wartete lange. Sie schwieg. Er verbeugte sich und sagte förmlich: »Ich bin ungebührlich lange geblieben, und für einen ersten Besuch war es ein etwas ungewöhnliches Gespräch, aber da es ja auch der letzte sein soll, müssen Sie schon entschuldigen, wenn ich den Wunsch hatte, Ihnen halbwegs in guter Erinnerung zu bleiben.«

Sie sagte hart: »Sie sind aber an der falschen Adresse, Graf Flayn! Ich darf mir nicht anmaßen, Ihnen zu helfen. Sie sind auf dem rechten Wege, aber nicht ich kann Sie führen.« Er wollte noch einmal antworten, da wurde sie fast heftig: »Ich möchte nicht an Ihren Worten zweifeln müssen, und Sie wollen ja doch gut in meiner Erinnerung bleiben. Wenn das alles Ihr Ernst war, dann macht es mich sehr glücklich, aber dann müssen Sie selbst ja wissen, an wen Sie sich zu wenden haben. Oder Sie hätten eine Komödie mit mir gespielt, was ich durchaus nicht glauben will, Graf Flayn!« Und sie sagte noch: »Grüßen Sie mir Ihre Schwägerin und Ihren Bruder!«

Auf dem Heimweg dachte Franz darüber nach, ob er eigentlich gelogen hätte. Das wäre ihm jetzt unerträglich gewesen. Er hatte doch aber auch nicht gelogen. Es war ihm nur das alles freilich früher noch niemals so bewußt gewesen, er hatte, während er mit ihr sprach, selbst sein eigenes Gefühl erst erkannt, in dem er die ganze Zeit, wie in einem tiefen Traum, ihr nachgegangen war. Auf Abenteuer stand sein Sinn niemals, und Anton hatte ja recht, er hätte das doch auch wirklich bequemer haben können, er hatte bloß die Hand auszustrecken. Und war sie so schön? Sie war eigentlich schön in ihrer Art, aber fast eher ein schöner Knabe. Er konnte sich des Bildes nicht entsinnen, an das er durch sie dunkel erinnert wurde: Tobias, von einem Engel geleitet; er mußte es irgendwo in Venedig einmal gesehen haben. Diesem Engel glich sie. Ihre Züge waren zu hart, das Gesicht zu starr, um schön zu sein. Ihre Schönheit lag gewissermaßen hinter dem Gesicht, das nur einen schwachen Schein davon durchließ, freilich noch immer genug, um das ganze Zimmer hell zu machen. Der innere Mensch mußte wunderschön sein, das spürte man so stark durch, daß es fast auch zum äußeren Reize wurde. Nein, sie war sicherlich keine Frau, in die man sich verliebte. Er konnte sich denken, sie leidenschaftlich zu lieben, wenn er nämlich überhaupt jemals einer Leidenschaft fähig gewesen wäre, was er sich nun aber wieder gar nicht denken konnte; er hatte sich's früher zuweilen gewünscht, aber eigentlich niemals zugetraut, und in seinen Jahren holt man das wohl kaum mehr nach. Nein, was ihn zu ihr zog, war nicht Lust noch Laune noch Leidenschaft. Er hatte sie nicht angelogen. Es war der tiefe Wunsch nach einem Menschen, dem er sich anvertrauen könnte, der Mitleid mit ihm hätte, der selbst einmal aus Not und Verzweiflung emporgefunden hat und so den Weg kennt. Er hatte nicht gelogen, er hatte sich nur vielleicht sozusagen ein bißchen stilisiert, ganz unwissentlich. Das geschah ihm zuweilen. Neulich ja auch auf dem Gang mit dem Domherrn. Er sprach dann zu seiner eigenen Verwunderung aus, was offenbar schon längst in ihm da war, aber freilich ihm selbst noch unbewußt. Es ging heimlich in ihm vor und blieb ihm unbekannt, bis irgendein Gespräch es ihm unversehens entlockte. Er hatte bisher nur bemerkt, daß es ihn jetzt seit einiger Zeit in Kirchen zog. Er dachte aber darüber weiter nicht nach. Nachdenken half ihm auch nicht, dadurch fand er nichts. Es wuchs im stillen, um dann bei irgendeiner Gelegenheit, gerade wenn er am wenigsten darauf gefaßt war, laut zu werden! Er war dann, während er sprach, selbst auf sich neugierig, er hörte sich selbst staunend zu. Das war immer schon so gewesen. Er wird sich jetzt wohl kaum mehr ändern. Und eigentlich war er dann stets sehr froh, wenn er so wieder einmal sein inneres Programm erfuhr. Nein, er glaubte nicht verliebt zu sein, sondern diese Frau war offenbar nur die Gestalt seiner eigenen Stimmung. Er fand an ihr, was ihn schon, bevor er sie noch kannte, mit so seltsamer Gewalt sanft unwiderstehlich ins Dunkel geheimnisvoller Kirchen trieb. Er wußte keinen Grund dafür, er konnte sich's nicht erklären, es tat ihm nur wohl. Alles war still, und er hatte nur den Wunsch, selber auch so still zu sein. Am ehesten ließ es sich noch mit dem Gefühl in einem tiefen Wald vergleichen: Rings ist der Wald, und überall geht es noch tiefer hinein und man sitzt, weiß nichts, will nichts, und eigentlich geradeso saß er doch auch vor einer Stunde noch in ihrem Zimmer, sie sprach, er hörte kaum, was sie sprach, er hörte nur ihre flirrende Stimme, draußen schien der Tag, unten floß der Fluß, er aber saß und das alles war sehr schön, es tat ihm halt wohl. Er versuchte jetzt, sich des Zimmers zu erinnern, er hatte sich aber nichts gemerkt als ein gutes altes Bild einer verlarvten Dame, die sich von einer Alten wahrsagen ließ; es war vielleicht ein Pietro Longhi. Die Biedermeiermöbel waren alle dicht an die Wand gerückt, die Mitte frei, so daß das Zimmer vollgeräumt und doch geräumig, traulich und zugleich feierlich schien, was gut zu dem schlichten und doch auch wieder irgendwie künstlichen Wesen dieser in ihrer Anmut so strengen Frau paßte. Sie war schwarz gekleidet, halb Dame, halb Nonne. So einfach sie sich trug, sie hatte doch gar nichts Bürgerliches. Es roch in dem Zimmer seltsam, er erinnerte sich eines dalmatinischen Klosters, in dem ihm alte Spitzen, Meßgewänder und Stickereien gezeigt worden waren, seit vielen hundert Jahren aufbewahrt, schon fast gelb und einen eigenen Atem aushauchend, von einer gewissermaßen abgestandenen Süßigkeit. So lag auch auf diesem Zimmer etwas Verblichenes. Jetzt fielen ihm auch erst noch die beiden großen silbernen Lorbeerkränze mit ihren verschossenen bunten Schleifen ein, die sich die Frau Mama vor Jahren ertanzt haben mochte. Für das verwunschene Schlößchen hätte man sich das alles gar nicht besser ausdenken können. Und bei jedem Schritt schien das ganze Zimmer leise zu zittern. Und das alles zusammen hatte ihm halt sehr wohl getan. Jetzt ging ihm auch jene Kunst des schönen Seins erst auf. Er hatte sich, als ihm neulich der Domherr davon sprach, eigentlich dabei nichts Rechtes denken können. Jetzt fing er es zu verstehen an. In diesem Zimmer, wo er nicht den Mut gehabt hätte, auch nur einen Sessel umzustellen, konnte er sich denken, daß hier schön dazusitzen, mit geneigtem Haupt und gesunkenen Händen, während draußen der Tag schien und unten der Fluß floß, wirklich vielleicht ein Leben auszufüllen genügte. Er hätte sich das gewünscht. Ob es sich aber lernen ließ? Und eigentlich tat ihm nicht einmal leid, daß ihm verboten war, wiederzukommen. Er hatte ja die Erinnerung. Wenn er die Augen schloß, saß er doch immer gleich wieder bei ihr.

Daheim kam ihm der Verwalter aufgeregt entgegen. Das Bild seiner Schwägerin, das zu vollenden er auf einmal die Lust verloren hatte, war besudelt, ein Stück mit einem Messer abgekratzt worden. Der Verwalter, von der Magd gerufen, hatte gleich den Blasl verdächtigt, der auch gar nicht leugnete. Anton wußte noch nichts. Franz befahl, es ihm auch nicht zu melden. Der Schaden war nicht groß, er hätte das Bild doch auch jedenfalls noch ändern müssen. Er ließ den Alten holen. Er war neugierig. Er fragte den Alten in einem gleichgültigen, eher heiteren Ton: »Was hat Ihnen denn das arme Bild getan? Schön war's ja grad nicht, aber das ist doch noch kein Grund! Also?« Der Alte blieb stumm, seinen erloschenen Augen konnte man nicht einmal ansehen, ob er überhaupt verstand. Franz wurde verlegen. Anton hätte den einfach angebrüllt und, wenn er nicht antwortete, geprügelt. Franz fühlte, daß auch er nicht übel Lust dazu hatte, das verdroß ihn, er überwand sich, wußte nun aber nicht weiter, er konnte das doch schließlich nicht hingehen lassen, auch war er ja neugierig, er konnte sich's ja gar nicht erklären, er fragte wieder, der schweigende Trotz des starren Alten erbitterte ihn so, daß er sich nur gerade noch so weit beherrschen konnte, ihn fortzuschicken, er spürte, daß er sonst im nächsten Augenblick auf ihn losgeschlagen hätte. Er geriet immer mehr in Wut, und eigentlich am meisten darüber, daß er in Wut war. Warum denn? An dem Bilde lag ihm nichts. Daß es zerstört war, ließ ihn gleichgültig, zunächst war er nur neugierig gewesen, was den Alten dazu getrieben haben konnte. Bloß daß der Alte schwieg, aus Trotz, aus Angst oder vielleicht auch nur, weil es in irgendeinem plötzlichen dumpfen stupiden Zorn oder Wahn geschehen war, den sein Opfer selbst nicht verstand, brachte ihn auf. Also doch eigentlich nur, daß seinem Befehl nicht gehorcht wurde. Sein Herrengefühl also? Seltsam! Er glaubte sich davon ganz frei. War da doch noch ein Rest übrig? Und er wußte nicht, ob er sich schämen oder sich darüber freuen sollte.

Der Verwalter sagte: »Ich weiß nicht, was mit dem Kerl jetzt wieder ist. Seit einiger Zeit hat's ihn gar wieder arg. In der Nacht liegt er oft stundenlang auf den Knien, und wir hören ihn heulen. Und grad in solchen Zeiten packt's ihn dann oft, alles Beten nutzt ihm offenbar nix, er hat keine Ruh, bis er was zusammhaut. Nachher geht's dann wieder eine Zeit, da laßt er sich alles ruhig gefallen und sagt noch danke, wenn er geprügelt wird. Es ist grad, als war ihm nicht gut, wenn er nicht von Zeit zu Zeit ordentlich Prügel kriegt, dann geht's wieder, und er arbeitet für drei. Weiß der Teufel, was das mit ihm ist! Wie's Quartalsäufer gibt, so hat er seine Zeiten, wo ihn die Wut packt!«

Abends kam der blasse feine Mönch, den Franz damals beim Domherrn gesehen hatte. Er schien erst etwas verlegen, entschuldigte sich demütig, den Herrn Grafen zu stören, und bat dann dringend für den Alten, der seine böse Tat gewiß von Herzen bereue, ja vielleicht gar nicht daran schuld oder doch damit keiner bösen Meinung oder aber sich seines eigenen Willens jedenfalls nicht oder doch nur dunkel bewußt sei. Der junge Franziskaner sprach sehr schnell, nahm in jedem Satze wieder halb zurück, was er im vorigen gesagt hatte, schien noch mehr sagen zu wollen, zugleich aber in Angst zu sein, er hätte schon zu viel gesagt. Franz beruhigte ihn und versprach, es seinem Bruder zu verschweigen, wollte dafür aber wissen, wie sich denn der Mönch ein so lächerliches, sinnloses Attentat auf ein unschuldiges Bild erklärte. Der antwortete zögernd, schien durch die Frage verwirrt, ja fast bestürzt, und Franz hatte den Eindruck, er wisse mehr, als er sagen dürfe, er fürchte vielleicht, irgendein Geheimnis zu verraten oder lügen zu müssen, um es nicht zu verraten. Wie diese Furcht, der heftige Wunsch, den Alten zu schützen, und eine fast leidenschaftliche, doch scheue Verehrung für diesen wunderlichen Mann in dem blassen reinen durchscheinenden Gesicht des erregten frommen Knaben durcheinander spielten, das fand Franz so wunderschön, daß der Maler in ihm stärker als seine Neugierde war, er vergaß den Alten fast, um sich nur immer der unbeschreiblichen Zartheit dieser so stillen, andächtigen, offenen und doch ängstlichen, bekümmerten, ratlosen Miene zu freuen. Im Eifer dachte der Mönch oft sichtlich gar nicht mehr daran, daß er einen Zuhörer hatte, schrak zusammen, wenn er sich darauf besann, und schwieg plötzlich, mit einem unsicheren Blick auf den Grafen, wie um sich erst zu vergewissern, daß er nichts Unrechtes gesagt hätte. Eine solche Pause benutzte Franz, um ihn zu fragen, ob er sich denn für den Alten interessiere. »Sehr,« antwortete der junge Mönch rasch, um aber gleich, als ob er es abschwächen wollte, hinzuzufügen: »Ich interessiere mich ja für alle Menschen sehr.«

»Nun ja,« sagte Franz lächelnd, »das sollen wir freilich.«

»Nein,« widersprach der Mönch mit artiger Entschiedenheit, »nicht das meine ich. Wir sollen alle Menschen lieben, aber ich will noch mehr, ich möchte förmlich in jeden Menschen hinein, das ist so furchtbar interessant, wie es in den Menschen drin aussieht!«

»Interessant schon,« sagte Franz, »aber meistens nicht sehr schön.«

»O doch!« beteuerte der Mönch. Er sah fragend auf, sah Franz verwundert an und fuhr kleinlaut fort: »Ich meine doch! Ich weiß es ja nicht, ich bin noch jung, ich kenne die Menschen vielleicht noch zu wenig, das ist wahr, aber bisher waren alle noch so schön, so wunderschön, man bemerkt es nur nicht immer gleich, die meisten können es nicht zeigen, man muß sie sich erst gut anschauen, drum sag ich ja, daß ich in jeden hinein möcht, denn drin ist es in jedem schön, ganz gewiß!« Er schwieg, besann sich und sagte dann, in Angst, ob er nicht doch vielleicht zu viel behauptet hätte: »Ich glaub schon. Es kann aber ja sein, daß es noch andere Menschen gibt. Die muß ich halt erst kennen lernen.« Seiner Stimme wurde bang.

»Aber beim Blasl drin ist's also schön?« fragte Franz mit leisem Spott.

»Ja den kenn ich, da weiß ich's genau,« rief der arglose Knabe, hielt aber gleich wieder ein, als ob er Angst hätte, dem Grafen zu mißfallen, und sagte: »Freilich war das nicht recht von ihm, abscheulich war's, das mit dem Bild! Aber nicht wahr, das ist doch etwas anderes, das hat ja damit nichts zu tun, ein Mensch kann schlecht sein und doch kann es in ihm schön sein, das heißt, ich meine, daß oft, was ein Mensch tut, mehr bloß über ihn kommt und er halt selbst dagegen nur nicht stark genug ist, dann aber, wenn das wieder vorüber ist, wird es gleich wieder schön in ihm, und eigentlich ist es also schön in ihm, wenn das auch oft verdeckt wird, wie doch der Himmel immer blau bleibt, nur sieht man's nicht immer, weil oft Wolken vor sind, da sind aber die Wolken schuld, und wie die Wolken weg sind, ist der Himmel wieder da, genau so denk ich mir das bei den Menschen, ich weiß es aber ja nicht und es kann vielleicht auch falsch sein, ich weiß noch sehr wenig, und schon oft war das, was ich mir denk, ganz falsch, also bitte, glauben Sie mir lieber nicht, bestimmt kann ich es ja nicht sagen, und es war mir sehr leid, wenn sich zeigen sollte, daß ich falsch bin!« Er hatte sich heiß geredet, immer schneller und schneller, immer in Angst um das rechte Wort. Jetzt sah er Franz mit seinem lieben Lächeln an und bat: »Verzeihen Sie mir, Herr Graf!«

»Ich danke Ihnen,« sagte Franz. »Ich denke, Sie haben recht.«

»Ich habe gewiß nicht recht,« sagte der Mönch eifrig. »O, da fehlt's noch weit bei mir! Ich muß noch viel lernen!«

»Sie meinen es jedenfalls gut,« sagte Franz. Der Mönch dachte erst eine Zeit nach, bevor er langsam antwortete, jedes Wort überlegend: »Ich möchte gern es gut meinen. Und auch das genügt aber ja noch nicht, man muß auch gut tun! Denn den guten Willen hätte ja jeder. Mich tröstet nur, daß ich ja noch jung bin. Ich darf halt die Geduld mit mir nicht verlieren. Mir fehlt noch viel, hauptsächlich geistig. Ich habe nichts gelernt. Ich möchte gern mehr wissen, womöglich alles. Das muß schön sein!«

»Aber gefährlich,« sagte Franz.

»Glauben Sie, Herr Graf?« fragte der Mönch. »Ich glaube nicht. Man darf sich nur vom Wissen nicht stören lassen. Manche lassen sich stören, denen wird's gefährlich, das weiß ich schon. Aber ich würde mich nicht stören lassen, ich glaub sicher nicht. Ich würde nie vergessen, daß das Wissen doch nur auf der einen Seite gilt, hinüber reicht es nicht. Natürlich wer das vergißt, für den ist es besser, wenn er lieber gleich unwissend bleibt. Zum richtigen Wissen gehört doch auch, zu wissen, daß alles, was der Mensch weiß, doch nur vorderhand gilt.«

»Was soll mir aber ein Wissen,« fragte Franz, »das doch wieder aufhört?« Der Mönch antwortete lachend: »Da könnt ich auch fragen, was mir mein Leben soll, denn das hört ja auch gleich wieder auf! Das werden wir alles schon einmal erfahren. Wir müssen halt warten. Und eigentlich ist das ja auch sehr schön. Auch herüben schon. Und wenn man denkt, daß es dann noch schöner sein wird, besser kann man sich's doch eigentlich gar nicht wünschen!« Er sah plötzlich auf und sagte eilig: »Jetzt muß ich aber fort. Es ist schon die höchste Zeit.«

»Wohin denn?« fragte Franz. Listig sah der junge Mönch ihn an und sagte dann, indem er eine Flöte behutsam aus seiner Kutte zog: »Ich hab im Himmelbräu ein paar Freunde, denen ich einmal in der Woche, wenn Feierabend ist, was vorblasen muß. Es ist ihr einziges Vergnügen. Eigentlich gehört sich's ja nicht, es paßt sich nicht recht für mich, nicht wahr? Aber der Herr Graf Anton hat mir ausgewirkt, daß ich die Erlaubnis bekommen hab. Der Herr Graf Anton sagt, daß man jedem Menschen ein kleines Laster schon gönnen muß. Und es ist ja weiter nichts Schlechtes, nicht wahr?« Er bat noch einmal für den Alten, dankte demütig und glitt aus dem Zimmer.

Um nächsten Tag kam abends ein Bote mit einem Brief. Franz erkannte gleich die runde, feste, reine Schrift Klaras. Er freute sich so, daß er zögerte, den Brief zu lesen. Daß sie ihm schrieb, war ihm ein solches Glück, daß ihn alles, was immer sie schrieb, enttäuschen mußte, es wäre denn, sie hätte sich besonnen, das Verbot aufzuheben, aber das wagte er ja nicht zu hoffen, es sah ihr gar nicht gleich, und wenn er sie doch aber nicht wiedersehen durfte, dann war ihm selbst ihr Brief kein Trost! Eben in diesem Augenblick empfand er an seiner Freude, seinem Schrecken, seiner Angst erst, was ihm die kleine Frau war. Der Gedanke, ihr so nahe und doch von ihr verbannt zu sein, war ihm einfach unerträglich. Lieber abreisen, und wieder in die weite Welt!

Der Brief war schon gestern geschrieben, gleich nach seinem Besuch, dann aber nicht abgeschickt, heute früh fortgesetzt, nachmittag noch mit einer langen Nachschrift versehen und schließlich eilends bestellt worden. Franz mußte ihn zweimal lesen und war dann erst noch ungewiß, ob er wiederkommen durfte. Der erste Teil enthielt eine Art Abbitte. Sie habe ihm unrecht getan, bedauere das und danke ihm, daß er sich die Mühe genommen, sie darüber aufzuklären. Er müsse nur doch auch verstehen, daß sein eigenes Betragen Anlaß zu jener falschen Deutung gegeben, die ihr jetzt von Herzen leid sei, und er dürfe doch ja nicht ihre Weigerung, ihn wiederzusehen, mißverstehen und etwa gar dahin auslegen, daß darin noch ein Rest ihres Mißtrauens gegen ihn sei. Sie habe nach dem Tode ihres Mannes den festen Entschluß, ja fast ein Gelöbnis völliger Einsamkeit getan. Hätte sie die Mutter und das Kind nicht, sie wäre längst im Kloster. Es sei durchaus keine Laune von ihr, auch nicht etwa bloß die Rücksicht auf ihre äußeren Verhältnisse, nicht irgend ein falscher Stolz oder eine falsche Scham, wie man in der Stadt von ihr glaube. Sie bat ihn fast flehentlich, das nicht von ihr zu denken, und beklagte sich, es ihm nicht erklären zu können, weil sie da doch ihr ganzes Leben erzählen müßte. Nicht notgedrungen habe sie sich der Einsamkeit ergeben, oder jedenfalls nicht aus äußerer Not. Und nichts könne sie von einer Wahl abbringen, die zu treffen ihr wahrlich nicht leicht gewesen, leider selbst der Wunsch nicht, ihm zu helfen. Er dürfe sie doch aber auch nicht überschätzen, was vermöge sie denn für ihn? Beim besten Willen nichts, was nicht auch andere könnten, und wirksamer als ein selbst so schwaches, hilfloses, unberatenes Geschöpf wie sie, der es hart genug geworden, sich selbst halbwegs in Ordnung zu bringen, und die, selbst wenn sie wollte, ja gar kein Recht mehr hätte, über ihr Leben zu verfügen.

Hier hatte sie plötzlich eingehalten, vielleicht aus Angst, schon zu viel gesagt zu haben. Sie bemühte sich auch gleich, es wieder abzuschwächen. Sie machte sich ein wenig über sich selbst lustig und klagte sich einer törichten Eitelkeit an, so tragisch zu nehmen, was er sich ja hoffentlich längst aus dem Sinn geschlagen hat. Sie lege nur aber doch Wert darauf, nicht in einem falschen Lichte zu stehen. Irgendeinem Menschen, wer es auch sei, eine Bitte abzuschlagen, sei ganz gegen ihre Natur, und deshalb habe sie sich streng geprüft, ob sie sich nicht vielleicht doch übereilt hätte, im ersten Schrecken, denn das könne sie ja nicht leugnen, die Begegnung mit ihm hätte sie verwirrt, sein unerwartetes Bekenntnis und gar seine Bitte geradezu fast erschreckt. Nach reiflicher Überlegung müsse sie doch aber sagen, daß es ungebührlich von ihr wäre, ihm helfen zu wollen. Nichts Schöneres könne sie sich wünschen, aber ein solches Glück dürfe sie sich nicht anmaßen. Es sei gewiß das höchste Glück auf Erden, einem, der das Rechte sucht, die Hand zu reichen. Doch müsse das eine starke Hand sein, und sie habe nicht die Vermessenheit, sich diese Kraft zuzutrauen. Sie würde freveln und hätte Furcht vor der Strafe, deren Opfer ja dann vielleicht auch er werden könnte, als der wenn auch schuldlose Mitschuldige. Sie wisse doch aus eigener Erfahrung, wie in solchen Augenblicken einer inneren Wandlung oft ein einziges Wort alles entscheiden und, zu spät oder zu früh, zu laut oder nicht stark genug ausgesprochen, alles gefährden, ja wieder vernichten, Trost in Verzweiflung, Zuversicht wieder in Ungewißheit umkehren und den Geretteten, der sich schon erlöst glaubt, wieder in die Finsternis stürzen kann. Der beste Wille genüge da nicht, es fordere den reifsten Verstand, eine tiefe Kenntnis des ach so verderbten und arglistigen menschlichen Herzens und ein Vertrauen auf die eigene Sicherheit, was alles ihr doch fehle, ja was man von ihr doch eigentlich auch gar nicht verlangen könne. Kaum eine Woche vergehe, wo sie nicht selbst noch Rat und Trost in ihrem Schuldgefühl, in ihrer Schwäche brauche. Welche Vermessenheit von ihr, die selbst kaum erst recht geben gelernt, gleich andere führen zu wollen! Hier schien sich die Schreiberin wieder besonnen zu haben. Franz hatte den Eindruck, daß sie niemals dazu kam, das auszusprechen, was sie eigentlich sagen wollte, und daß sie das, was sie sagte, dann gleich wieder eigentlich lieber nicht gesagt hätte, doch aber auch wieder fast froh war, daß es jetzt ausgesprochen war. Und sie schien immer Angst zu haben, zu viel zu sagen, zugleich aber auch wieder Angst, noch immer nicht genug gesagt zu haben. Merkwürdig war an dem Brief auch die strenge Schönheit der gelassenen, gleichmäßigen, stolzen Schrift, die nirgends Unruhe oder Eile verriet und der sichtlichen Verwirrung oder doch Unordnung der Gedanken und Gefühle widersprach. Der Brief schien in höchster Aufregung von unbewegter Hand geschrieben. Hätte Franz nicht ihre Hand gekannt, er hätte vermutet, es sei diktiert oder von einem anderen gleichgültig abgeschrieben worden.

Es folgte dann eine Liste von Priestern, unter denen sich Franz einen Berater auswählen sollte. Manchen kannte er vom Sehen, und er bewunderte die kleine Frau, wie gut sie jeden zu schildern wußte, ganz unbefangen, nicht immer gerade schmeichelhaft, bisweilen mit einem leisen Spott von seltsamer Art, weil nämlich darin eine naive Lust an den kleinen menschlichen Lächerlichkeiten sich von einer tiefen Ehrfurcht und der reinsten Demut doch nicht ganz bändigen ließ. Auch der Domherr war auf der Liste, von dem sie mit besonderer Herzlichkeit sprach; ja Franz glaubte durchzuhören, daß sie diesem ihn am liebsten anvertraut hätte, so sehr sie das auszusprechen geflissentlich vermied, ja ihn eher fast vor ihm zu warnen schien. Ein Beiwort, das sie dem Domherrn gab, fiel Franz auf. Sie nannte ihn den allgerechten. Zweimal nannte sie ihn so, an ganz verschiedenen Stellen. Und jedesmal paßte das Wort eigentlich nicht recht, es kam gerade hier unerwartet und sagte gerade hier nicht viel. Sie schien nur gewohnt, in Gedanken unwillkürlich seinen Namen stets damit zu verbinden. Franz dachte lange darüber nach. Ihm wäre nie eingefallen, gerade dieses Wort auf den Domherrn anzuwenden. Aber er mußte sich auch gestehen, daß gerade dieses Wort ihm eigentlich überhaupt nichts sagte; er konnte sich dabei nichts denken. Dagegen fand er vortrefflich, daß sie, nachdem sie die Tugenden des, wie sie behauptete, arg verkannten Priesters der Reihe nach aufgezählt und seine hohe Geisteskraft, seine Herzensgüte, seine Macht über die Seelen mit Leidenschaft gerühmt, doch am Ende hinzuzufügen nicht unterließ, er verberge diese Tugenden gern und zeige sie nur, wenn es ihm dafür steht. So weit hatte sie, wie Franz aus der Nachschrift sah, noch gestern geschrieben, tief in die Nacht hinein, und es war ihm ein lieber Gedanke, sie sich dabei vorzustellen, an dem schmalen Tischchen in dem stillen entlegenen Raum, um sie die schlafende Stadt, unten der Fluß. Und indem er sie sich auf dem seinen zierlichen Sesselchen dachte, fiel ihm zu fragen ein, wie sie dabei denn wohl gekleidet gewesen sein mochte. Er konnte sie sich in einem Nachtgewande nicht denken. Er versuchte, worin Maler ja eine gewisse Übung haben, in Gedanken sie zu entkleiden. Es gelang ihm nicht. Er entdeckte, daß er eine seltsame Vorstellung von ihr hatte, als ob gleichsam unter ihrem Gewand gleich die Seele sein müßte. Sie schien ihm, wie sie da jetzt in seiner Erinnerung erschien, gewissermaßen entleibt. Seltsam war das. Und er erschrak, als er gewahrte, daß gerade das ihn sinnlich erregte. Die Vorstellung, ihre Seele zu besitzen, an sich zu drücken, zu genießen, gewann eine betörende, wild lockende Gewalt über ihn, der er sich schwelgend überließ, in einer glühenden, von Grauen und Ekel geschüttelten Trunkenheit, dabei ganz wach, ganz kalt, fiebernd und frierend zugleich, sich selber zusehend, als ob gleichsam bloß sein Blut vergiftet, sein Verstand aber verschont wäre; er riß das Fenster auf, die Nacht war kalt und sternenhell, er fand sich wieder. Es fiel ihm ein, daß er als Knabe zuweilen im Stift, wenn er abends noch über einer Schularbeit saß, auch so plötzlich aufgesprungen war, in einer verlangenden Angst vor dem heißen Dunst, der ihm in züngelndem Spuk aus dem braven alten Livius oder Xenophon entgegenschlug.

Er beeilte sich die Nachschrift zu lesen. Sie sagte nur dasselbe noch einmal. Klara fühle sich unwürdig und unvermögend, ihm anders zu helfen als durch ihr Gebet. Beten wolle sie für ihn und auf Gott vertrauen, daß er es erhöre. Mehr könne sie nicht, sie könne nicht. Sie habe sich gewissenhaft geprüft, um Erleuchtung gefleht und immer wieder dieselbe Stimme gehört, sie dürfe nicht. Und sie bat ihn, beschwor ihn, um seiner selbst willen und ein wenig auch um ihretwillen, damit sie sich keine Vorwürfe machen müsse und doch wieder zur Ruhe komme, ja gewiß gleich einen der frommen Männer aufzusuchen die den Geist, die Macht und das Amt hätten, ihn auf den ewigen Weg zu bringen. Ihn da zu wissen und seines Heils sicher sein zu dürfen, wünsche sie sich von ganzem Herzen, keine größere Freude könne sie sich denken, und sie werde dann die Begegnung mit ihm segnen, die zuerst für sie so kränkend, verwirrend und ängstigend gewesen, aber durch die Gnade Gottes ihr zum reinsten Glück geworden. Und vielleicht könnte dann auch ja später einmal eine Zeit kommen, wo sie sich wiedersehen dürften. Sie wisse das nicht, sie wisse nur, daß es jetzt nicht sein könne. Sie bat ihn wieder, es sich jetzt nicht zu wünschen, und bat ihn immer wieder, ihr doch zu glauben, daß es keine Laune von ihr, daß es gar nicht ihr Wunsch, daß es wirklich nur für ihn besser sei, sie nicht zu sehen, außer wenn er ihr zufällig begegne, was sich ja vielleicht nicht immer werde vermeiden lassen, was er auch gar nicht ängstlich vermeiden müsse, so sei das ja doch auch gar nicht gemeint, er dürfe sie nur nicht aufsuchen, dies sei für ihn besser, und vielleicht auch für sie, jedenfalls aber jetzt, wenigstens die erste Zeit, er werde das selbst sehen, wenn er nur ihre Bitte erfülle und sich bemühe, es wenigstens einmal zu versuchen, denn mißlinge der Versuch, so sei sie ja noch immer da, sie fliehe ja nicht vor ihm, er wisse ja jetzt, wo sie wohne, sie werde sich immer freuen, ihn wiederzusehen, wenn es nämlich sein müsse, besser aber sei für ihn gewiß, sie nicht zu sehen, wenigstens in der ersten Zeit nicht, aber er könne ihr ja schreiben.

Wieder und wieder las Franz den Brief, als ob er ihn hätte zerlesen können, um dahinter zu sehen, durchs Dickicht der umspinnenden Reden. Er las und las, sie sprach und sprach, aber nicht, was er las, und nicht, was sie sprach, war's, was ihn beseligte, sondern ihre Furcht um ihn, vor ihm, für ihn und was der Brief gestand, indem er es verschwieg, und wovon der ganze Brief lichterloh brannte! Sie liebte ihn. Er sagte sich nur immer wieder vor: Sie liebt dich. Er war so vielen Frauen begegnet, hatte sich lieben lassen, hatte selbst zu lieben vermeint und schämte sich jetzt, diesen edlen Namen so weggeworfen zu haben, an bloße Hautempfindungen. Jetzt zum erstenmal empfand er die Seligkeit einer selbstlosen Liebe. Alle hatten doch auch in dem Geliebten immer wieder nur sich selbst gesucht, in dieser war jeder eigene Wunsch erstickt. Sie wollte nichts für sich, sie wollte nur sein Heil. So stark war ihre Liebe, daß sie sich in jedem Wort verriet, und doch ahnte sie selbst sie nicht. Sie hatte keinen Gedanken mehr für sich, nur an ihn. Die Liebe war ihm bisher ein erwiderter Selbstbetrug auf Gegenseitigkeit gewesen: man suchte sein Vergnügen und log sich dabei vor, man suche das des anderen. Ihn ekelte jetzt vor allen Frauen, ihn ekelte vor sich selbst. Er war ein anderer geworden. Er war wieder jung. Er hatte seinen Glauben an die Menschheit wieder, und an das Leben, an ein Glück, an einen tief verborgenen, alles erfüllenden, unschuldigen Sinn der Schöpfung. Er hätte niederknien mögen und die Hände falten, um den gnädigen Göttern zu danken, die ihn das noch hatten erleben lassen! In diesem Augenblick aber kam er wieder zu sich und mußte lachen. War das nicht merkwürdig, daß er in seiner Seligkeit den Göttern dankte, statt Gott? Und stand es einem solchen Heiden, dem unverbesserlichen Heiden, der er blieb, überhaupt an, die Hände zu falten, statt lieber einen lächelnden Eros mit Rosen zu kränzen? Aber war es der alle beglückenden, alles verzeihenden, alles vereinenden Gottheit in ihrer ewigen Höhe nicht gleich, unter welchem Namen, in welchem Zeichen, mit welchem Opfer sie der beseligt, entsündigt Dankende pries? Er hätte jetzt in seiner überströmenden Empfindung alle Götter aller Völker aus allen Zeiten auf dem ganzen Erdenrund anrufen mögen, um ihnen in allen Sprachen zu danken und ihnen ein Freudenopfer von allen Geschöpfen, Gestirnen, Gewässern, Gesteinen, Getieren, Gewächsen und Gewürzen auf und in und unter der Erde darzubringen, und seinem vermessenen Glücksgefühl wäre das alles noch viel zu wenig gewesen! Und in seinem Übermut sprach er da plötzlich laut vor sich hin: »Die arme Klara!« Da schrak er auf, vor seiner eigenen Stimme. Was war mit ihm? Es mußte spät geworden sein. Da lag noch ihr Brief. Wenn sie wüßte! Er schämte sich. Wenn sie sein unreines Verlangen, seine wilde Lust, die gierigen Flammen in seinem bösen Herzen erblickt hätte! Und er fragte sich: Wer bin ich denn eigentlich also? Bin ich der, dem sie diesen Brief schrieb, arglos seinen Worten vertrauend? Oder bin ich der sinnliche Schwärmer, der in der Erwartung von Liebeslust schwelgt? Log ich, als ich ihr gestern meine himmlische Sehnsucht gestand? Oder lüg ich jetzt? Oder bin ich so durch und durch verlogen, daß beides wahr ist und ich selber zuletzt nicht mehr weiß, wer ich bin, wohin ich will, was aus mir werden soll? Und bin ich im Gefühle meiner Schwäche schon so feig, daß ich, wenn mich eine Frau reizt, mich, statt sie mir ehrlich zu nehmen, in ihr Herz stehlen muß, mit Listen und Lügen, unter dem scheinheiligen Vorwand, mich belehren zu wollen? Und wenn der Begierde schon jeder Betrug für erlaubt gilt, entschuldigt das, daß ich ja nicht bloß sie, sondern in einemfort auch mich selber anlüge? Wenn ich nämlich überhaupt lüge! Was ich aber eben ja selbst nicht weiß! Ich habe doch weder sie noch mich anlügen wollen. Ich meine vielmehr die ganze Zeit auf dem Wege zu mir zu sein, zu meinem wahren Ich. Das will ich finden und finde mich – in einem Liebesabenteuer. Umgekehrt wie der in der Bibel, der auszog, seines Vaters Eselinnen zu suchen und ein Königreich fand! Da hielt er ein und prallte vor sich selbst zurück, denn er bemerkte, daß er in seiner blinden, ziellosen Wut daran war, auch sie nicht zu schonen; es fehlte nicht viel und er hätte sie verdächtigt, der Falschheit, eines listigen Spieles mit ihm, der widerlichsten Koketterie, aus deren frömmelnd niedergeschlagenen Augen feige Lüsternheit schielt! Er wußte nun wirklich nicht mehr, ob sie die reinste Frau, der er jemals begegnet, oder vielleicht eine verschmitzte kleine Heuchlerin war, der allerdings die Maske demütiger Entsagung allerliebst stand. Es ging ihm ja mit dieser ganzen klerikalen Gesellschaft so, alle blieben ihm doch immer eigentlich verdächtig! War der Domherr der weiseste, gerechteste, gütigste Mensch oder nur ein sehr kluger, kalt berechnender, ehrgeiziger Geschäftsmann, schlauer als sieben polnische Juden? Und sogar die Bettler, in der dumpfen Andacht ihrer stier betenden Augen so rührend, schienen ihm, wenn sie dann an der Kirchentür grinsend und speichelnd vor ihm buckelten und wedelten, auf einmal hämische Halunken. Alle diese Menschen hatten etwas Künstliches, sie hielten etwas versteckt, sie waren jedenfalls auch noch anders, den einen Menschen trugen sie zur Schau, sie hatten aber insgeheim irgendwo noch einen. Sie gingen, saßen oder standen wie jemand, der sich in einemfort beobachtet glaubt und sich aber nicht erwischen lassen will, am komischsten war das an den kleinen Ministranten, wenn sie heimlich in der Nase bohrten, aber dazu dreinblickten wie Engel Murillos. Und eigentlich hatte selbst sein Bruder Anton davon etwas, der ja geistliche Gespräche lieber vermied, aber wenn er sich doch einmal darauf einließ, in all seiner Treuherzigkeit und Geradheit auch auf einmal zurückhaltend oder doch irgendwie befangen und unsicher wurde, sein lustiges offenes Kindergesicht verschwand. Warum ließen diese Frommen Gott ihr natürliches Gesicht niemals sehen? Denn Anton war doch unfähig und auch viel zu stolz, sich vor irgendeinem Menschen zu verstellen; aber vor Gott gab er sich diese Mühe. Jedenfalls eine merkwürdige Art, Ehrfurcht zu beweisen! Aber so viel war Franz schon klar, daß man das ja nicht Heuchelei nennen konnte. Wie wenn jemand von Natur Locken hat, sie sich aber dann vom Friseur noch brennen läßt, so ungefähr war das vielleicht. Eigentlich lügt der ja nicht, er hilft bloß noch ein wenig nach. So logen vielleicht auch diese Menschen nicht, sie genügten sich bloß noch nicht, sie wollten, was sie waren, noch mehr sein, oder wollten vielleicht auch, was sie bloß in ihren guten Stunden waren, zu jeder Stunde sein können, so halfen sie sich ein wenig nach. Man konnte geradeso gut sagen, daß sie schwindelten, wie daß sie sich idealisierten. Ihm war jedenfalls nicht ganz behaglich dabei. Und ein solches leises Unbehagen empfand er doch auch an ihrem Brief, den er jetzt zum drittenmal las, jeden Satz überlegend: irgendwie hatte dieser Brief doch auch gebrannte Locken. Er konnte nur lange nicht entdecken, wo die Verlogenheit stak. Was sie schrieb, klang ergreifend wahr, auch nicht um einen halben Ton über oder unter der Empfindung. Er hatte nur den Eindruck, daß sie nicht alles schrieb. Sie log nicht, aber sie verschwieg. Und dann fiel ihm ein, daß zwar ihre Worte gewiß nicht logen, aber vielleicht log ihre Schrift? Ja, das war's, jetzt hatte er's, jetzt verstand er sein Unbehagen! Die Schrift, die doch gewissermaßen das Gesicht eines Briefes ist, stimmte nicht. Was sie schrieb, war voll Untiefen und stürmisch, aber sie schrieb es spiegelglatt und windstill. Wie war sie nun selbst? Wie ihr Wort oder wie ihre Hand? Wenn er sich erinnerte, wie sie gestern vor ihm saß und mit ihm sprach, das stimmte genau mit ihrer Schrift. Beide wie Mondlicht, sanft leuchtend, nicht wärmend. Wenn sie sprach, war man nicht ganz sicher, ob sie selber wußte, was ihr Mund sprach, und diese Schrift wußte sicher nicht, was darin geschrieben war, wie hätte sie sich sonst auch in solchem Sturm so zierlich halten können!

Wichtiger war ihm aber jetzt, ob er ihr und was er ihr antworten sollte. Höflich danken und dann gelassen warten, bis sie der Zufall ihm zuführt? Oder vielleicht auch ihren Rat befolgen, sich an einen der frommen Männer wenden und dies dann zum Anlaß nehmen, darüber wieder an sie zu schreiben? Zunächst aber mußte er sich doch vor allem erst darüber klar werden, was er selbst denn eigentlich wollte. War er einfach verliebt und also seine Neigung, fromm zu werden, auch nur der verkappte Wunsch, ihr zu gefallen? Er hatte sicherlich nicht bewußt gelogen, aber es konnte sein, daß ihn sein alles verklärendes Gefühl für sie jede ihrer Eigenschaften, ihrer Gewohnheiten begehrenswert erscheinen ließ. Dem geliebten Wesen möchte man unwillkürlich gleichen, und was ihm lieb und wert ist, wird es dem Liebenden auch. Aber das stimmte hier ja gar nicht! Er war doch schon auf dem Wege zum Glauben, bevor er sie noch kannte. Er hätte sie kaum je kennen gelernt ohne jenen seltsamen, ihm selbst ganz unerklärlichen inneren Drang, der ihn auf einmal sanft in die Kirchen zog und sie vor der Heiligen, selbst fast einer Heiligen gleich, finden ließ. Er hätte sie sonst gar nicht bemerkt, er liebte vielleicht auch gar nicht sie, sondern an ihr doch bloß die Erscheinung seiner eigenen Sehnsucht. Und es war gar nicht Liebe, nicht was ihm bisher Liebe geheißen hatte, es war die Seligkeit, fromm zu sein, die er empfand! War er denn aber fromm? Er wußte nur, daß er es sich wünschte, aber es gleichsam noch immer nicht wagte, vielleicht aus Furcht, sich wieder zu betrügen, wie ja noch jeder Wunsch ihn immer wieder betrogen hatte, und wenn er auch jetzt wieder enttäuscht würde, dann blieb ihm ja keiner mehr! Er wäre gern fromm gewesen, aber die Frage war freilich, ob er es konnte. Fromm wie jene Bettler, die er um das stiere Glück ihrer dumpfen Andacht so beneidete? Kaum. Er hatte dazu doch vom Baume der Erkenntnis schon zu viel genascht. Fromm wie Klara? Er war nicht mehr im Stande der geistigen Unschuld. Aber gab es nicht vielleicht eine Art zweiter Unschuld, wiedergewonnener Unschuld? Gab es nicht eine Frömmigkeit des seine Grenzen erkennenden, des gedemütigten Verstandes, einen Glauben der Wissenden, eine Hoffnung aus Verzweiflung? Lebten nicht in allen Zeiten einsame verborgene weise Männer, der Welt abgewendet, einander durch geheime Zeichen verbunden, im Stillen wunderbar wirkend mit einer fast magischen Kraft, in einer höheren Region über den Völkern, über den Bekenntnissen, im Grenzenlosen, im Raum einer reineren, Gott näheren Menschlichkeit? Gab es nicht auch heute noch, überall in der Welt zerstreut und versteckt, eine Ritterschaft des heiligen Grals? Gab es nicht Jünger einer vielleicht unsichtbaren, nicht zu betretenden, bloß empfundenen, aber überall wirkenden, alles beherrschenden, Schicksal bestimmenden weißen Loge? Gab es nicht immer auf Erden eine sozusagen anonyme Gemeinschaft der Heiligen, die einander nicht kennen, nichts voneinander wissen und doch aufeinander, ja miteinander wirken, bloß durch die Strahlen ihrer Gebete? Schon in seiner theosophischen Zeit hatten ihn solche Gedanken viel beschäftigt, aber er hatte offenbar immer nur falsche Theosophen kennen gelernt, vielleicht ließen sich die wahren nicht kennen lernen. Und plötzlich fiel ihm ein, ob nicht vielleicht der Domherr einer von diesen wahren Meistern wäre, von den verborgenen geistigen Weltregenten, von den geheimen Hütern des Grals? Er wurde sich jetzt erst bewußt, daß ihn der Domherr immer schon gleichsam durch ein Versprechen großer Offenbarungen angezogen, als ob da die Worte des Lebens aufbewahrt sein müßten. Das Ansehen; in dem dieser Priester stand, die Scheu, ja Furcht, mit der man von ihm sprach, der Gehorsam, den ihm auch Widerwillige bezeigten, die tiefe Einsamkeit, die ihn umgab, die rätselhafte Macht, Freunden helfen, Feinden schaden zu können, die man ihm nachsagte, wenn er auch lächelnd bedauerte, weder den Dank der Freunde noch den Groll der Feinde zu verdienen, das alles ging doch weit über die Bedeutung, über die Kraft, über die Würde seines Amts, seiner äußeren Stellung, und wenn es die einen mit den »guten Beziehungen, die er halt hat,« die anderen gar mit dem Gerücht seiner Abstammung von einem hohen Herrn erklärten, so blieb noch immer die magische Gewalt seines Blickes, seiner Gegenwart, ja seines bloßen Namens unerklärt. Es gab ein Dutzend Domherren in der Stadt, er aber war der Domherr. Wer vom Domherrn sprach, meinte ihn. Wer um die Exzellenz fragte, wurde gar nicht gleich verstanden. Sie konnten sich noch immer nicht daran gewöhnen, ihn so zu nennen, er blieb ihnen der Domherr. Er schritt im Zuge bescheiden hinter dem rotprangenden Kardinal, aber alle blickten nur auf ihn. Wenn er zur bestimmten Stunde seinen gewohnten Gang unterließ, gleich hieß es in der Stadt: Der Domherr ist verreist! Und wenn es dann wieder hieß: Der Domherr ist zurück, so schien das von der größten Wichtigkeit für die ganze Stadt. Franz erinnerte sich eines Gesprächs, vor Jahren in Rom, mit einem Engländer, der, nachdem er die ganze Welt durchreist, sich in der heiligen Stadt niedergelassen hatte, weil er behauptete, nichts Geheimnisvolleres gefunden zu haben als die Monsignori. Wer sie verstehen könnte, hätte den Schlüssel zum Schicksal der Menschheit. Es war ein kluger Mann in reifen Jahren, von guter Familie, reich, unabhängig, Junggeselle und ein richtiger Engländer, nüchtern, praktisch, unsentimental, ganz unmusikalisch, unkünstlerisch, ein derber, vergnügter Sinnenmensch, Angler, Ruderer, Segler, starker Esser, fester Zecher, ein Lebemann, den in seinem Behagen nur eine einzige Leidenschaft störte, die Neugierde, alles zu sehen, alles kennen zu lernen, überall einmal gewesen zu sein, eigentlich in keiner anderen Absicht als um schließlich, von welchem Ort immer man sprach, befriedigt sagen zu können: O ja!, das Hotel zu wissen, in dem ihn dort Cook untergebracht, und die Sehenswürdigkeiten, die er aufgesucht, die Menschen von Rang oder Ruhm, mit denen er verkehrt hatte. Um bequemer zu reisen und überall Zutritt zu haben, war ihm geraten worden, Freimaurer zu werden. Er lobte die Nützlichkeit dieser Verbindung, bis er entdeckt zu haben glaubte, es müsse noch eine ähnliche, doch besser geleitete, mächtigere Verbindung höherer Art geben, der er nun durchaus beitreten wollte, wie er ja, wenn irgendwo noch ein anderer, besserer Cook aufzufinden gewesen wäre, sich natürlich an diesen gewendet hätte. Er ließ sich nicht ausreden, die Welt werde von einer ganz kleinen Gruppe geheimer Führer beherrscht, die sogenannte Geschichte von diesen verborgenen Männern gemacht, die selbst ihren nächsten Dienern unbekannt seien, wie diese wieder den ihren, und er behauptete, den Spuren dieser geheimen Weltregierung, dieser wahren Freimaurerei, von der die andere bloß eine höchst törichte Kopie mit unzulänglichen Mitteln, folgend, ihren Sitz in Rom gefunden zu haben, eben bei den Monsignori, von denen aber freilich auch wieder die meisten ahnungslose Statisten wären, deren Gedränge bloß die vier oder fünf wirklichen Herren der Welt zu verbergen hätte. Und Franz mußte heute noch über die komische Verzweiflung seines Engländers lachen, der nun das Pech hatte, niemals an den richtigen zu kommen, sondern immer wieder bloß an Statisten, aber sich dadurch nicht irremachen ließ, sondern immer nur noch mehr Respekt vor einer so wohlbehüteten, undurchdringlichen Verbindung bekam, in die er schließlich doch noch eingelassen zu werden wettete, und wenn er bis ans Ende seines Lebens in Rom bleiben und wenn er die Kutte nehmen oder etwa gar sich beschneiden lassen müßte, denn da er überall den unsichtbaren Fäden einer über die ganze Welt gesponnenen Macht nachgespürt hatte, war er nicht abgeneigt, auch die Juden sehr zu schätzen, und er sprach gelegentlich stockernst den Verdacht aus, ob nicht vielleicht im letzten innersten Kreise dieses verborgenen Weltgewebes Rabbiner und Monsignori höchst einträchtig beisammen säßen, was ihm übrigens gleichgültig gewesen wäre, wenn sie nur auch ihn mitzaubern ließen. Franz hatte sich damals schon zuweilen gefragt, ob nicht in der Narretei des Engländers doch vielleicht irgendeine Wahrheit versteckt sein könnte. Das Leben, das der einzelnen wie das der Völker, auf den ersten Blick so sinnlos, aus der Nähe nichts als ein Wust von Zufällen, zeigt sich, aus einiger Entfernung von der Höhe gesehen, doch stets wohl geplant und fest gelenkt. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß Gott selbst unmittelbar eingreift, um mit eigener Hand den Unsinn, die Tollheit der menschlichen Willkür seinen Zwecken anzupassen, sind wir genötigt, uns gewissermaßen ein Zwischenreich, durch das sein Wille vermittelt wird, einen Kreis von still waltenden Menschen, durch den er auf die Welt einwirkt, sozusagen Stationen der göttlichen Kraft und Weisheit, zu denken, von denen aus ihre Strahlen in die dunkle Menschheit gehen und zuletzt doch alles immer wieder ordnen. Diese Linsen Gottes, den schaffenden Geist sammelnd und in die Welt zerstreuend, diese geheimen Ordner, diese verborgenen Könige wären es, durch die zuletzt doch aller Wahnsinn immer wieder zur Vernunft, die Leidenschaft zum Schweigen gebracht, Zufall zur Notwendigkeit, Chaos Gestalt, Finsternis hell wird, und wer wäre nicht in seinem Leben Menschen begegnet, die wirklich eine merkwürdige Hoheit und Entfernung haben, in dem Rufe stehen, durch ihren bloßen Blick verwünschen oder beglücken zu können und, so still sie sich halten, doch weit zu wirken scheinen? Es sind meistens gerade ganz einfach lebende Menschen, Hirten, Landärzte, Dorfpfarrer, oft auch alte Frauen oder auch frühreife Kinder, die bald sterben, und alle haben etwas, was sie den anderen unheimlich macht und was ihnen eine große Gewalt über Mensch und Vieh, ja, wie man immer wieder versichern hört, über die ganze Natur, auf Quellen, Erze, Wetter, Sonnenschein und Regen, Hagelschlag und Trockenheit gibt. Wenn wir ihren Weg kreuzen, haben wir, oft im selben Augenblick gleich, manchmal nach Jahren erst, das bestimmte Gefühl, daß dadurch über unser Leben entschieden worden ist. Sie selbst empfinden, scheint's, ihre Kraft eher als eine Last, vielleicht fast als einen Fluch, jedenfalls aber als eine Pflicht. Sie leben abgewendet und sind froh, wenn sie verschont werden. Es ließe sich schon denken, daß sie alle durch die weite Welt hin miteinander in Verbindung sind, sich Zeichen geben oder vielleicht auch die Zeichen noch mächtigerer geheimer Fürsten weitergeben, alles vielleicht ganz unbewußt, oder doch nur halb bewußt, mehr sozusagen inneren Aufträgen erliegend, triebhaft gehorchend, als sich selbst entschließend, wie sie denn überhaupt ihrer eigenen Kraft nicht mächtig zu sein, sondern selbst von ihr überwältigt zu werden scheinen; alle diese Fähigkeiten finden sich fast stets nur bei getrübtem oder vielleicht aussetzendem Bewußtsein. Franz hatte schon in jungen Jahren solche Menschen gekannt, in den Bergen sind sie ja nicht selten. Er erinnerte sich ihrer wieder bei den schwärmerischen Schrullen des Engländers. Und viel später erst war er auf den Gedanken gekommen, ob denn nicht vielleicht auch jemand, dem derlei Fähigkeiten nicht angeboren wären, ihrer teilhaft werden, ob man sich zu solchen Kräften erziehen, ob man sie durch Training erlernen könnte. Aber die theosophischen Übungen hatten ihn bald enttäuscht, und erst durch den Anblick der verzückten Beter in den dunklen Kirchen war er wieder daran erinnert worden. Diese Menschen hatten es durch Übung dahin gebracht, sich in einen Zustand versetzen zu können, wo das Leid, die Not, der Neid schwiegen; sie kamen vom Gebet beschwichtigt, getröstet und gestärkt zurück. Autosuggestion? Vielleicht. Wodurch und wie, war ja schließlich gleichgültig. Sie fanden im Gebet Rat. Auch sein Bruder Anton hatte ja die Gewohnheit, vor wichtigen Entschließungen zu beten, um, wie er sagte, sicher zu gehen. Das Gebet gab also manchen Menschen, vielen Menschen eine Sicherheit, die der Verstand keinem Menschen gab. Auch das Gefühl gab Sicherheit, auch Leidenschaft gab Sicherheit, aber Leidenschaften und Gefühle ließen sich nicht kommandieren, während der Fromme sich zum Gebet kommandieren konnte. Und diese Sicherheit war es, nach der Franz hungerte. Wenn er gemeint hatte, Erkenntnis zu suchen, so war das ein Mißverständnis. Er wollte nur wissen, was er zu tun hätte, also eigentlich gar nicht wissen, sondern gewiß sein! Gewiß sein, nicht mehr bei jedem Schritte wieder ängstlich werden, wieder fragen, wieder zweifeln, immer wieder wählen, immer wieder sich entscheiden und auch nach der Entscheidung sich erst recht wieder bedenken müssen, ob er denn nicht vielleicht falsch entschieden hätte! Auch er wollte, wie sein Bruder, sicher gehen. Er wollte keine Verantwortung mehr haben, er wollte nicht erst immer wieder wollen, er wollte müssen, er wollte gezwungen werden, er wollte getrieben sein. Irgendeinen inneren Befehl deutlich vernehmen zu können und diesem treu gehorchen zu müssen, wissentlich oder unwissentlich, willig oder unwillig, aber ohne zu fragen und ohne gefragt zu werden, ohne zu zweifeln, unabänderlich, wie der Fluß fließt, wie die Sonne steigt und sinkt, wie die Zeiten kommen und gehen. Ob er dieses sein Gesetz, diesen seinen Befehl unmittelbar von Gott oder etwa von jenem vermuteten Senat geheim wirkender, in einer unsichtbaren Loge verborgener Weltregenten oder vielleicht aus seiner eigenen Tiefe, aus dem Unterbewußtsein, also durch Inspiration oder durch Suggestion oder schließlich durch Autosuggestion erhielt, war ihm gleich, aber woher der Befehl auch immer kam, es hörten ihn nur die Frommen. Um sicher zu sein, gab es kein Mittel, als fromm zu werden. Dieser Wunsch, sich um jeden Preis in Sicherheit zu bringen, war vielleicht feig. Es war heroisch, in Ungewißheit zu leben, sie stolz zu tragen, auf Antwort zu verzichten, die wir uns nicht selber geben können. Er bewunderte Helden, die die Kraft zu dieser ewig blinden, ewig tauben, ewig stummen, ewig unbewegten und doch ewig ruhelosen Entsagung hatten, aber er war kein solcher Held, er wollte zu solchem Heldentum nicht länger verdammt sein. So blieb ihm nichts übrig, als fromm zu werden. Es war sein letzter Versuch, leben zu lernen. Er hatte sich offenbar übernommen, als er von der Vernunft zu leben versuchte. Seine reichte jedenfalls nicht, und sein Gefühl auch nicht. Wissenschaft und Kunst hatten ihn leer und kalt gelassen, in Sinnenlust war er immer traurig geworden, und eine Tat, zu der er sich aufgefordert gefühlt hätte, fand er nirgends. Er sehnte sich immer nach Ruhe und langweilte sich aber in der Ruhe zu Tode. Es blieb ihm wirklich nichts übrig, als fromm zu werden. Nach welcher Methode, darauf kam es wohl nicht so sehr an. Daß man glaubt, macht stark, nicht, was man glaubt, so dachte er und wäre mit demselben Vertrauen ein frommer Türke oder Jude geworden, nur daß es ihm, der nun einmal katholisch geboren war, albern anmaßend schien, sich einer exotischen Frömmigkeit zu bedienen, die heimische wird es auch tun.

Nein, er hatte Klara nicht angelogen, es war ihm ernst. Nur empfand er wenig Lust, ihrem Rat zu folgen und sich einem der Pfaffen anzuvertrauen. Die Erfahrung, die er mit dem Domherrn gemacht hatte, war ja auch nicht gerade sehr ermutigend. Und wozu denn? Sie konnten ihm nichts sagen, was er nicht selber wußte. Er wollte sich lieber der geheimnisvollen Macht der dunklen Kirchen anvertrauen, die sprach stärker als irgendein Menschenmund. Und gar, wenn er wieder hätte Klara beten sehen dürfen, nur ein einziges Mal noch!

Er hatte versprochen, ihren Frieden nicht mehr zu stören. Er war entschlossen, sein Wort zu halten. Er wird ihr für ihren Brief danken und sie nur bitten, daß er ihr schreiben darf, wenn er sich in seiner inneren Not selbst gar nicht mehr zu helfen weiß. Und er gelobt sich, wenn sie seine Bitte gewährt, das niemals zu mißbrauchen. Sie sich in ihrem stillen Zimmer vorzustellen, um ihn besorgt, an ihn denkend, für ihn betend, beglückt ihn tief, und er wünscht sich das mit der Zeit zu verdienen.

Achtes Kapitel

Er durfte ihr schreiben, sie antwortete freilich nur selten, und dann stets ganz unpersönlich, nur um zu raten oder zu warnen. Er begann darum für sie gewissermaßen ein geistliches Tagebuch zu führen, über seine Bemühungen um Gott, die Fortschritte, deren er sich etwa zu rühmen hatte, und die Zweifel, inneren Hemmungen und Schwächen, an denen er litt. Indem er sich angewöhnte, dies alles Tag für Tag getreulich aufzuzeichnen, war er selbst überrascht, bei dieser Selbsterforschung sich immer stärker von den Geheimnissen des Glaubens angezogen und ihr also mit jedem Tage wieder etwas näher zu fühlen. Auch das verschwieg er ihr nicht, es wunderte sie nicht, da sie viel für ihn bete. Er lächelte darüber, denn er konnte sich nicht gut denken, daß ein Mensch durch sein Gebet auf einen anderen einzuwirken vermöge, doch war es ihm ein lieber Gedanke, sie sich für ihn betend vorzustellen, er hätte sie gern dabei gesehen, er malte sie sich aus und, seinem Vorsatz getreu, ihr alles zu schreiben, schrieb er ihr auch das. Darauf kam keine Antwort, und auch auf seine nächsten Briefe nicht, so daß ihm mit der Zeit schon bang wurde, ob sie nicht krank wäre. Darüber beruhigte sie ihn, bat ihn aber zugleich, ihr jetzt eine Zeit nicht mehr zu schreiben, er müsse nun, um durchzudringen, einmal ganz auf sich selbst angewiesen und mit sich allein sein. Sie beschwor ihn, sein Tagebuch fortzusetzen, ja womöglich noch eifriger, strenger und gewissenhafter als bisher, es ihr aber erst zu schicken, wenn sie ihm das wieder erlauben würde, vielleicht sehr bald schon, jedenfalls sobald als irgend möglich, darauf könne er sich verlassen, schon weil sie selbst sich ja sehr darauf freue, denn er solle nur nicht denken, es werde ihr leicht, auf eine so große Freude zu verzichten, sondern doch wirklich nur um seinetwillen, nur weil es eben für ihn unerläßlich sei, nur um der heilsamen Wirkung willen, die sie sich davon für ihn versprach, wofern er sich nur nicht etwa dadurch, daß es jetzt nicht mehr gleich gelesen würde, abschrecken lasse, das dürfe er ja nicht, es ja nicht verschieben, ja nicht meinen, ein nachträglicher allgemeiner zusammenfassender Bericht genüge wohl auch, während es doch so notwendig für ihn sei, sich in jedem Augenblick über sich klar zu werden, und zwar genau, wie er den Augenblick im Augenblick selbst empfinde, was wir im nächsten ja meistens schon wieder vergessen haben. Sie forderte das mit Entschiedenheit, ja fast mit Heftigkeit von ihm. Ihm war leid. Er hatte, seit er täglich abends über sich berichtete, zu seiner eigenen Verwunderung erst bemerkt, wie viel in ihm vorging. Er sollte nun ja freilich nicht aufhören, über sich Buch zu führen, im Gegenteil. Und sie wird es auch lesen, später einmal. Aber das war doch nicht mehr dasselbe wie bisher, wo er, während er schrieb, wußte, sie hat es morgen und liest es gleich, wo er gleichsam unter ihren Augen schrieb. Jetzt bleibt's liegen, und wer weiß wie lange! Das lähmt ihn. Er setzt sich ja noch immer abends hin, er will sein Versprechen halten. Es gelingt ihm aber nicht. Der Tag, über den er berichten soll, schrumpft ein, er kann sich an gar nichts mehr erinnern. Es ist ihm nichts davon geblieben. Bloß ihr Anblick könnte ihm helfen! Sie hat es ihm sicherlich gut gemeint, wenn er auch freilich durchaus nicht erraten kann, was eigentlich damit bewirkt werden soll, doch er fragt ja gar nicht, so sehr hat er sich schon daran gewöhnt, ihr zu vertrauen, so gern läßt er sich von ihr lenken, es ist ein so schönes Gefühl, aber gerade dieses Gefühl hat er ja jetzt nicht mehr, sie ist jetzt zu weit weg von ihm, seit er nicht mehr die Stunden berechnen kann, wo sein Brief ihr gebracht wird und sie liest, was er ihr geschrieben hat, und er hat beim Schreiben das liebe Gesicht zu sehen geglaubt, das sie beim Lesen machen wird – das fehlt ihm jetzt! Ein Blick aus ihren Augen und er hätte das wieder! Wenn er sie nur sehen könnte! Er hat gelobt, sie nicht zu besuchen, er schämte sich, ihr aufzulauern, aber es hätte doch sein können, daß er ihr einmal zufällig begegnete! So zog es ihn immer wieder in die Stadt, er ging täglich ins Archiv, und indem er sich in die Geschichte seines Hauses vertiefte, wurden ihm auch die seinen Ahnen freundlich oder feindlich benachbarten Geschlechter lebendig, deren Nachkommen, an sich wirklich meistens nicht sehr interessant, ihn nun auf einmal nicht mehr langweilten, seit er in ihren glatten Mienen, in ihren unpersönlichen guten Manieren oft doch an irgendeinem verräterischen Zug noch den wilden Großvater oder irgendeine verruchte Tante wiederzuerkennen glaubt. So gerät er in Verkehr, macht Besuche, läßt sich einladen, wird gesellig und gewahrt nun staunend erst, wieviel Aufregung, Ehrgeiz, Neid, Haß und Leidenschaft doch in der Biederkeit und Behaglichkeit einer solchen lieben kleinen Stadt verborgen sind. Macht nicht selbst jeder dieser braven Spießbürger, der als Geselle beginnt, schweigen, gehorchen und sich verstellen lernen muß, durch unerwartete Erbschaft oder glückliche Heirat aufsteigt, Genossen, Schützlinge, Freunde findet, sein Geschäft, sein Ansehen, sein Einkommen wachsen, gleich aber schon auch wieder vom Neide bedroht sieht, an Vertrauen und Einfluß, aber auch an Eifersucht und Mißgunst zunimmt, sich den Stadttyrannen anschließt, mit dem Bürgermeister Bruderschaft trinkt, in den Gemeinderat, in den Landtag gewählt wird, ja vielleicht gar einmal mit einer Deputation zum Kaiser darf, freilich vor dem Zorn des radikalen Blättchens zittert, das es scharf auf ihn hat, dafür aber seinen Sohn studieren läßt, die Tochter einem Offiziere verheiratet und sich schon als Ahnherrn von Generälen, Hofräten, ja vielleicht Ministern träumt, macht er nicht schließlich auf seine Art alle die Stürme durch, von denen wir in alten venezianischen oder florentinischen Chroniken lesen? Sind diese platten Leute mit ihrem gleitenden Leben nicht ebenso reich an inneren Abenteuern, ja hat es nicht vielleicht eine noch stärkere Spannung und Ladung, wenn auch der Lärm von lauten Katastrophen fehlt und in den dunklen Gassen kein Dolch gedungener Mörder mehr lauert? Sie haben doch ihre Welfen und Ghibellinen auch, und wenn auch Romeo der Sohn eines Buchbinders, Julia die Tochter des reichen Lohnkutschers ist, es sind die alten Montagus und Capulets. Er kann so gut den zwinkernden Spott in ihren bauernschlauen Augen verstehen, wenn er vorübergeht, er mit seinem alten Namen und sonst nichts, ein Überlebsel abgestorbener Zeit, einer von den früheren Herren! Den jetzigen schmeichelt's, einen von den gestrigen zu grüßen, mit ihm zu reden, sich mit ihm zu zeigen, es schmeichelt ihnen vielleicht sozusagen retrospektiv, sie denken sich vielleicht, wie stolz ihr Urgroßvater sein muß, wenn er so vom Himmel herab auf den Enkel blickt, der sich aus einem Grafen gar nichts mehr macht, weil jetzt der Bürger hier herrscht. Und die Grafen und Gräfinnen fühlen's, ärgern sich gelb und versuchen aber nicht einmal mehr, nach Macht zu greifen. Franz weiß eigentlich in der ganzen Geschichte kein zweites Beispiel, daß eine Herrschaft so widerstandslos einfach geräumt worden wäre. Ihrem Ehrgeiz genügt's, wenn man ihnen nur noch das Kostüm läßt, mehr ist von ihnen ja nicht mehr übrig, als daß sie noch unter sich Adel spielen dürfen. Er wundert sich, daß man ihnen das Kostüm noch läßt. Sind diese Bürger so gutmütig, oder ist es ihnen nur gar nicht der Mühe wert? Aber die Grafen und die Gräfinnen scheinen sich das nicht zu fragen. Franz sitzt am liebsten noch beim Onkel Erhard, über den sie sich alle gern ein bißchen lustig machen, weil er die Marotte hat, ein liberaler Graf zu sein, vielleicht aber nur aus einem ganz naiven Trieb nach Macht. Er war arm, unwissend, faul und hatte glänzend das Problem gelöst, Geld zu verdienen, nichts dafür zu leisten und noch allgemein verehrt zu sein. Er verdankte dies alles einem einzigen Einfall: er war in jungen Jahren dem Turnverein beigetreten. Das vergaß ihm die Stadt nie, der rote Graf hieß er fortan, denn es gehörte doch eine Selbstlosigkeit der edelsten Art und ein hoher Mut dazu, so mit allen angeborenen und anerzogenen Vorurteilen zu brechen! Und er übte seitdem eine ganz persönliche, sozusagen rein moralische, rein geistige Macht aus, eine Macht, die sich gar nicht erst äußerer Gewalt bedienen muß, die Macht, die bloß der geborene Herr hat. Daß sie von allen gerade nur diesem nicht sehr begabten, nicht sehr gescheiten, in seinen Bedürfnissen und Gewohnheiten recht unbedeutenden, über alles schimpfenden und ewig raunzenden Onkel Erhard zufiel, konnte sich Franz nicht recht erklären. Anton sagte: »Er ist halt so dekorativ, die Leute brauchen einen zur Bewunderung und wer kann einem Grafen in der Ledernen und mit nackten Knien widerstehen? Alle Ladenmädeln sind heute noch in ihn verliebt!« Daß ein so leicht dankbares Volk dennoch den Adel überwunden hatte, bestärkte Franz gerade nicht in seinem Respekt vor diesem Adel, den er aber doch wieder, seit er ihn nun näher kennen gelernt hatte, besser fand als in irgendeinem anderen Lande. Sie waren voll innerer Anmut, Sicherheit und Takt, konnten sich gehen lassen ohne Furcht, je die Gewalt über sich zu verlieren, und hatten wirklich Stil, die Gabe sich darzustellen, die Kunst, durch ihre bloße Gegenwart schon zu wirken. Sie zu Pferde, im Wagen oder in einer Loge, auf der Jagd, bei jedem Sport, oder auch nur über den Platz gemächlich schlendern, nach der eleganten Elf-Uhr-Messe am Sonntag plauschend vor dem Dom beisammenstehen zu sehen, war ein Vergnügen, das freilich dann nachließ, wenn man sie reden hörte. Immerhin konnte Franz von ihnen lernen, den Tag mit nichts anzufüllen. Er wurde höchst angenehm die Zeit los und hätte nie sagen können, wie. Und er bemerkte meistens erst abends, daß ein solcher Tag doch eigentlich kaum dafürstand, am nächsten Morgen wieder aufzustehen und sich wieder anzuziehen.

Er verbrachte die langen Winterabende gern in der Arnsburg, oft ganz allein mit Gabsch, da der passionierte Skiläufer Anton bei schönem Wetter oft tagelang ausblieb und wenn er, die Wangen von der Schneeluft gegerbt, wiederkam, um in der Brauerei und ob auch das Eis richtig eingebracht worden, nachzusehen, gleich nach dem Essen schlafen ging und die beiden allein ließ. Franz fand an ihr eine Art Ersatz für das Tagebuch. Sie hörte so gut zu, mit allen Zeichen großer Aufmerksamkeit und ohne zu fragen. Es war eigentlich immer ein Monolog von ihm, belebt durch das Gefühl, einen Hörer zu haben. Er hatte sich nicht berechtigt geglaubt, ihr seine Begegnung mit Klara anzuvertrauen, sondern sprach nur im allgemeinen von seiner merkwürdigen inneren Wandlung und daß eine Frau daran beteiligt war. Die Schwägerin regte sich nicht, zuweilen hätte Franz fast meinen können, als ob es Klara wäre, zu der er sprach, in dem behaglichen großen Zimmer, unter so vielen Erinnerungen an seine Kindheit, während im alten Ofen die Scheite krachten und draußen alles verschneit lag, zuweilen schlug fern ein Hund an. Sie hörte gut zu und er hörte sich selber gern, er erfuhr da manches Neue über sich. Und selbst das leise Geräusch ihrer Handarbeit tat ihm dabei wohl; er war vielleicht zum Ehemann geboren. Bis Mitternacht blieb er oft und ging dann hinter dem alten Blasl, der die Laterne trug, voll Dankbarkeit und Zuversicht heim. Alles stimmte so gut: des Winters tiefe Stille, wie ein großes weißes Tuch über Stadt und Land, über Berg und Tal gebreitet, der Ernst der Fastenzeit, die ruhigen Stunden im Archiv, die langen Abende mit der schweigenden Schwägerin, der nächtliche Gang durch den erstarrten Wald und sein eigenes unentschieden verlangendes Gefühl einer freudigen Beklommenheit, alles war, um ihn und in ihm, voll Erwartung.

Es fiel ihm ein, doch den Domherrn wieder einmal aufzusuchen. Er hätte jetzt vielleicht nur noch ein Wort gebraucht, er mußte nur leise geschüttelt werden und es ging in Erfüllung. Aber Klara gab ihm noch immer kein Zeichen und den Domherrn aufzusuchen fand er nicht den Mut, immer nahm er es sich vor, immer ließ er es wieder und erschrak fast, als er auf den nächsten Sonntag zum Essen beim Domherrn gebeten wurde. Das galt für eine hohe Auszeichnung. Er sah selten Gäste bei sich. Nur wenn er Besuch von auswärts hatte. »Unnütz,« behauptete der Onkel Erhard, mit dem Franz hinfuhr, »läßt der sich auf nichts ein, wir sind nur die Staffage, ich bin neugierig, wen er sich da wieder gefischt hat, aber du kannst sicher sein, er kommt auf seine Kosten!« Doch so sehr der Onkel schalt, um den schönen Tag betrogen zu sein, den er wahrhaftig lieber auf einem Berg zugebracht hätte, er konnte doch seine Befriedigung, seinen Stolz nicht verbergen. Ein alter Diener geleitete sie stumm in ein Vorgemach, wo ein robuster, schnaufender alter Herr, der aussah, als ob ihn gleich der Schlag treffen würde, gestikulierend mit einer Nonne sprach. Es war des Domherrn Nichte Viki, mit der Franz in die Tanzschule gegangen war. Er hätte sie nicht erkannt, alles schien aus ihrem Gesicht entwichen, nur die Augen waren noch übrig, diese verschreckten, irren, gierig horchenden Augen. Seit sieben Jahren hatte sie das Kloster kein einziges Mal verlassen, und sie hoffte, daß es dieses Mal zum letzten Mal wäre; sie war nur hier der Erbschaft nach der Großmutter wegen, bloß auf einen Tag. Franz erinnerte sich an das zerfahrene, lärmende, ruhelose Ding, das sie gewesen, jetzt bewegte sie sich kaum, stand gebeugt und behielt immer das gleiche starre Lächeln in ihrem großen ausgeräumten Gesicht. Der alte Herr war Exzellenz Klauer, einst Minister, der seit seinem Sturz immer wieder einen vergeblichen Versuch machte, sich in irgendeiner Provinzstadt zu verkriechen, fern von dem undankbaren Wien, was er aber niemals aushielt; beim ersten Vorwand fuhr er doch wieder hin, immer noch der geheimen Hoffnung, wieder einmal bemerkt und als Retter in der Not geholt zu werden, und nur wenn er gerade wieder übergangen und wieder um eine Enttäuschung reicher war, verschwand er wieder in sein Exil zurück, aber nur bis zur ersehnten Nachricht von den ersten Schwierigkeiten des neuen Ministeriums. Franz war ihm kaum vorgestellt, als ein neuer Gast erschien, ein hochgewachsener schlanker Mann, den Franz nach den lustigen, schlau flimmernden kleinen Augen, der dreisten Nase, die mehr ein Schnabel war, den vollen, ins Blaue glänzenden Wangen, dem lauernden Zug um den scharfen, spöttischen, gleichsam sprungbereiten Mund und der Siegesgewohnheit der ganzen, unwillkürlich nach Rampenlicht verlangenden Erscheinung für einen Schauspieler, wahrscheinlich einen Komiker von der scharfen, besonders für Nestroy verwendbaren Art gehalten hätte, niemals für den berühmten Kanzelredner, den gefeierten Pater Gorian, von dem zurzeit die ganze Stadt schwärmte. Er begrüßte den Onkel Erhard herzlich und zog ihn gleich in die Nische des Fensters, während sich Exzellenz Klauer jetzt auf Franz stürzte, um mit seiner Kenntnis der Flayns und seiner Belesenheit im Gotha zu glänzen. Mit dem Glockenschlag kam der Domherr, ein würdiges, sich freundlich nach allen Seiten verneigendes, lebhaftes Männchen geleitend, das ein zierliches weißes Bärtchen an den rosigen Wangen, Kinn und Lippen rasiert, kokett feierlich gekleidet, ein rotes Bändchen im Knopfloch, ernst, aber milde, steif und doch tänzelnd, Patriarch und Ballettonkel, die Mitte zwischen einem Oberkellner bei Sacher und einem Diplomaten der alten Schule hielt und mit der leisen Komik seiner anspruchsvoll banalen Erscheinung doch durch das eigene sichtliche Vergnügen an ihr und eine natürliche Herzlichkeit und Harmlosigkeit wieder versöhnte. Der Domherr hatte den Bankdirektor kaum vorgestellt, als sich die Flügeltüren ins Eßzimmer öffneten, einen zweifenstrigen, weißgetünchten, ungeschmückten Raum, in dessen Nüchternheit die Pracht der sorgsam gedeckten, von geschliffenen Gläsern, Karaffen und Vasen leuchtenden Tafel doppelt überraschte. Der Domherr nahm seine Nichte zur Rechten, den neugierigen kleinen Bankdirektor an seine Linke, die anderen lud er mit einer lässigen Handbewegung ein, sich selbst zu setzen. Jetzt erst kam noch der junge Franziskaner an, atemlos und etwas verlegen, sich verspätet zu haben. Aber auch die anderen schienen befangen und Franz hatte den Eindruck, daß der Domherr diese feierliche Stille, ja man hätte fast sagen mögen: Andacht seiner Gäste mit Behagen genoß, nur besorgt, dem Bankdirektor reichlich und vom Besten vorzulegen. Onkel Erhard brach das Schweigen zuerst mit einer kulinarischen Bemerkung. Er war ein Kenner, er aß und trank gern gut und viel. Der Domherr nahm die Gelegenheit wahr, aus seinen römischen Erinnerungen mit allerhand feinschmeckenden Gerichten aufzuwarten, die er sachkundig so genau beschrieb, daß dem liberalen Grafen dabei ganz heiß vor Gier wurde, er stöhnte schnaufend nur immer: »Ja das macht euch niemand nach, auf dem Gebiet gibt es keinen Kampf gegen die Kirche!« Und man wußte nicht recht, ob er vor Bewunderung, vor Neid oder vor Ärger schnaubte. Klauer, den es verdroß, daß nicht er neben dem Domherrn saß, worauf er ja kein Gewicht lege, sondern nur der Ordnung wegen, weil in anständigen Ländern eine Exzellenz wenigstens äußerlich immerhin noch mehr als ein Bankdirektor gilt, gar als einer, der noch dazu so geschmacklos ist, die Ehrenlegion zu tragen, erklärte Franz, man sehe daran nur wieder, daß es sich bei uns viel besser rentiert, ein Jud zu sein als das goldene Vließ zu haben. Er sprach so leise, daß es der Domherr unmöglich gehört haben konnte, der aber nun, immer noch nur zum Bankdirektor hin, mit seiner sanften Stimme laut das Einvernehmen zu loben begann, das die hohe Finanz jetzt allmählich doch mit der Kirche herzustellen trachte, gewiß beiden zum Vorteil, wofern man es nur gegenseitig an einer gewissen Duldung und Schonung nicht fehlen lasse, die ja klugen und erfahrenen Männern, ohne daß sie deshalb ihre Grundsätze verleugnen müßten, nicht schwer werden konnte. Er unterstrich das noch mit einigen dicken Schmeicheleien für den Bankdirektor, zum sichtlichen Vergnügen des förmlich aufblühenden Männchens, das nun in seiner Freude und in dem Bedürfnis, sich dankbar zu zeigen, auf einmal, obwohl dazu kein rechter Anlaß war, die neuesten Anekdoten aufzutischen und ein Füllhorn von Börsenwitzen auszuschütten begann, anfangs noch mit einer gewissen Vorsicht, nur versuchsweise, um erst einmal die Wirkung zu sehen, bald aber, durch ein gütiges Lächeln des Domherrn und das schallende Behagen Onkel Erhards ermutigt, immer zuversichtlicher und dreister. Da konnte Exzellenz Klauer, den das an die schönsten Zeiten seiner parlamentarischen Vergangenheit erinnerte, sich auch nicht länger halten, und bald überboten die beiden einander an Kalauern, Wortspielen und witzelnden Scharaden um die Wette, nur durch die Gegenwart der schweigenden Nonne noch bezähmt. Franz, dem diese Art von Geist ganz fremd und das Vergnügen daran immer unverständlich geblieben war, wunderte sich nur, daß ein Ton, der doch eigentlich nur dem kleinen Bankdirektor angestammt war, auch dem alten Minister und dem Onkel Erhard, also Männern aus einer anderen Weltgegend, so geläufig sein und eine so herzliche Freude bereiten konnte. Franz beobachtete alle. Der Bankdirektor schwamm in Seligkeit, er war unerschöpflich, man sah ihm das Entzücken, die Schadenfreude, den Triumph der Eitelkeit an, wenn er, während eben Klauer eine seiner Geschichten erzählte, bei sich im voraus den schon bereitgehaltenen Witz genoß, mit dem er jetzt gleich sie noch übertrumpfen würde. Des Domherrn strenges Antlitz blieb immer in demselben undurchdringlichen Lächeln versteckt, ihm machte vielleicht nur Spaß, einen Menschen vom Schlage des Bankdirektors einmal recht in Flor zu sehen, und wenn zuweilen sein Blick dem des Jesuiten begegnete, stimmte dieser dann auch wohl einmal mit in den Wettgesang der freien Geister ein, wie um zu zeigen, daß er das auch könne, sein Witz aber klang hart und kalt, gelangweilt und zugleich gereizt, ja Franz glaubte fast einen ungeduldigen Hohn herauszuhören. Die Exzellenz und Onkel Erhard aber merkten nichts davon, sie schwelgten bezaubert, sie hatten sich offenbar schon lange nicht mehr so gut unterhalten. Und Franz konnte sich nur durchaus nicht erklären, was denn in aller Welt den Domherrn bestimmen mochte, seine Zeit, seinen Koch, seinen Wein, seinen Witz und alle Lust und Laune seiner Liebenswürdigkeit an ein solches Nichts von einem Menschen zu verschwenden!

Sie nahmen den Kaffee im Arbeitszimmer. Die Nichte hatte sich entfernt, der Ehrengast aber, Onkel Erhard und die Exzellenz, in bequemen Stühlen andächtig der Verdauung ergeben, hatten noch immer nicht auserzählt, die Geschichten wurden bedenklicher, der Spott verwegener, die Anspielungen deutlicher, und unsere ganze Welt, Hof, Adel und Generalstab, zog in Anekdoten auf, nichts blieb verschont, es schien, daß alles überhaupt nur aus Anekdoten bestand. Franz trat angewidert weg, zur Bibliothek hin. Sie war nicht groß, aber gewählt. Von Theologie nur gerade das Nötigste, die Bollandisten, viel Franziskanisches, Meister Eckhart, die geistlichen Übungen, Katharina von Genua, die Mystik von Görres und Möhlers Symbolik. Philosophie schon mehr: der ganze Kant, samt den Schriften der Kantgesellschaft, Deussens Upanischaden und seine Geschichte der Philosophie, Vaihingers Philosophie des Als Ob, und sehr viel Erkenntniskritisches. Dann die griechischen und römischen Klassiker, Shakespeare, Calderon, Cervantes, Dante, Macchiavell und Balzac im Original, aber von Deutschen nur Novalis und Goethe, dieser in verschiedenen Ausgaben, seine naturwissenschaftlichen Schriften in der Weimarer. Einen Band davon nahm Franz und fand viele Randbemerkungen von der Hand des Domherrn, der in diesem Augenblick den jungen Mönch und den Jesuiten verließ und zu ihm trat. Er sagte: »Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt niemand. Leider! Da sieht der alte Heide, der er doch durchaus gewesen sein soll, auf einmal ganz anders aus und dann versteht man doch auch den Schluß des Faust erst. Ich habe mir ja nie vorstellen können, Goethe tue da bloß auf einmal katholisch, nur zur malerischen Wirkung. Dazu ist doch mein Respekt vor dem Dichter zu groß, vor jedem Dichter, um zu glauben, daß einer, gerade wenn er sein letztes Wort sagt, ein Kostüm anlegen sollte. Aber in den naturwissenschaftlichen Schriften steht ja auf jeder Seite, wie katholisch Goethe war, unwissentlich vielleicht und jedenfalls ohne den rechten Mut dazu. Es liest sich, als hätte da jemand, mit den katholischen Wahrheiten unbekannt, sie sozusagen unversehens auf eigene Faust aus sich selber entdeckt, wobei es freilich ohne manche Gewaltsamkeiten und Wunderlichkeiten nicht abgeht, aber doch im großen Ganzen nichts Entscheidendes, Notwendiges und Wesentliches fehlt, selbst der Schuß von Aberglauben, Magie oder wie man das nennen will, was den richtigen geborenen Protestanten an unserer heiligen Lehre stets so verdächtig bleibt, selbst das nicht! Ich habe ja oft meinen eigenen Augen kaum getraut! Ist man aber bei Goethe dem kryptogamen Katholiken nur erst einmal auf der Spur, so sieht man ihn bald überall. Sein Vertrauen zum Heiligen Geiste, den er freilich lieber ›Genius‹ nennt, sein tiefes Gefühl für die Sakramente, deren ihm nur noch zu wenige sind, sein Sinn für das ›Ahndevolle‹, seine Begabung zur Ehrfurcht, gar aber, daß er, ganz unprotestantisch, sich niemals mit dem Glauben begnügt, sondern überall auf die Anerkennung Gottes durch die lebendige Tat, durch das fromme Werk dringt, gar dieses so seltene, höchste, schwierigste Begreifen, daß der Mensch nicht von Gott geholt werden kann, wenn er nicht selbst sich Gott holt, das Begreifen dieser furchtbaren menschlichen Freiheit, selber wählen zu müssen und die dargebotene Gnade nehmen, aber auch ausschlagen zu können, durch welche Freiheit allein die Gnade Gottes dem Menschen, der sich für sie entscheidet, der sie sich nimmt, erst zum eigenen Verdienste wird, das alles ist auch in seinen Übertreibungen, auch in seinen Verzerrungen noch so stockkatholisch, daß ich, wie du siehst, oft genug an den Rand die Stellen aus dem Tridentinum schreiben konnte, wo zuweilen fast mit denselben Worten dasselbe steht. Und wenn Zacharias Werner erzählt hat, er sei durch einen Satz in den Wahlverwandtschaften katholisch gemacht worden, so glaub ich ihm das aufs Wort. Womit ich natürlich nicht leugnen will, daß es daneben auch einen heidnischen, einen protestantischen, ja sogar einen beinahe jüdischen Goethe gibt, und ihn durchaus nicht als das Muster eines Katholiken reklamieren will, was er übrigens immer noch eher war als der plattvergnügte Wald- und Wiesenmonist, den die neudeutschen Oberlehrer unter seinem Namen paradieren lassen.«

Aus der Ecke der Anekdoten schlug Gelächter herüber. Die Exzellenz wieherte scharrend, der Onkel Erhard grölte schnaubend, das Bankdirektorchen piepste – Franz fuhr zusammen. Der Domherr sah ihn lächelnd an und sagte, wieder, als ob er seine Gedanken erraten hätte: »Du müßtest dich eher wundern, daß er mit mir verkehrt! In der heutigen Realität steht er doch hoch über mir. Warum ich mit ihm verkehre, weiß ich. Er hat irgendeinen geheimen Fonds, aus dem er gute Beziehungen, die ihm wünschenswert scheinen, bar bezahlt. Wie, geht mich ja nichts an. Mir genügt, daß er immer eine offene Hand für unsere Zwecke hat. Anfangs war ich mißtrauisch. Do ut des, nicht wahr? Aber nein, ganz uneigennützig. Es ist ein reinliches Geschäft. Er verlangt nichts dafür, als daß er mich einmal im Jahre besuchen, bei mir essen, mir die neuesten Anekdoten vorsetzen und dann damit renommieren darf: Mein Freund, Exzellenz Domherr Zingerl, hat mir erst neulich gesagt, und so weiter, verstehst du? Doch eigentlich rührend bescheiden! Im Ernst: der Fall ist kurios genug, und ein rechtes Austrialum. Denn du darfst ja nicht meinen, daß er gerade nur für mich eine so kostspielige Vorliebe hat, nein, er hat sie für jeden, der sonst Menschen von seiner Herkunft und Erziehung nicht zugänglich ist. Das reizt ihn: die soziale Kletterpartie sozusagen. Er hat den Ehrgeiz, mit Leuten zu dinieren, die niemals in ihrem Leben auf die Idee gekommen wären, daß man mit ihm dinieren kann. Diese Leidenschaft beherrscht ihn. Eine der wenigen Zeitungen, die noch unabhängig von ihm sind, hat ihn, offenbar dadurch beleidigt, neulich sonor den Käufer Österreichs genannt. Das stimmt ja, nur macht's nichts! Ein Brigant der Börse von einem geradezu ruchlosen Glück, selbst dabei ganz bedürfnislos, Junggeselle, Kaffeehausmensch, ohne Passionen, ohne Laster, ohne Sinn für die Freuden des Daseins, auch nicht einmal geizig, auch das Geld reizt ihn nicht, nichts reizt ihn, er braucht für sich keine fünftausend Kronen im Jahr, er wüßte nicht wozu – was fängt er nun mit seinen Millionen an? Er rangiert verschuldete Minister, Adelige, Generale, Hofdamen, Abgeordnete, Beamte, verkrachte Zeitungen, bedürftige Klöster, fromme Stiftungen, Asyle, Heilstätten, er rangiert, er saniert, und es wird wirklich bald keinen bekannten Menschen in Österreich mehr geben, der nicht an ihn verschuldet ist. Die meisten haben ein schlechtes Gewissen dabei, ich gar nicht. Sie fürchten nämlich, er wird eines Tages die Gegenleistung einkassieren wollen. Ich kenne ihn besser; ich weiß, was er will: bei mir essen, um erzählen zu können, daß er bei Seiner Exzellenz dem Domherrn Zingerl gegessen hat. Hast du bemerkt, daß er unseren ganzen Hochadel bei den Vornamen nennt? Der Fürst Ferdinand, der Graf Leopold, die Gräfin Marietta, daß mir bei meinem elenden Namengedächtnis ganz wirblig wird! Aber das ist wirklich auch alles, was er für sein Geld verlangt. Ein ganz reinliches Geschäft. Er ißt bei mir, ich lasse mir das bezahlen; wie hoch, ist schließlich meine und seine Sache. Er ist mir nichts schuldig, ich ihm nichts. Ich muß doch nachher meine Wohnung ausräuchern lassen. Wie viel er sich aber meine Freundschaft kosten läßt, geht mich ja nichts an, ich finde, daß sich seine mir rentiert. Und welche Art von Ehrgeiz er hat, geht mich auch nichts an. Wenn ich der Sohn eines Schnapshändlers in einem mährischen Dorf wäre, hätt ich sie vielleicht auch. Es haben sie mehr Leute, als man denkt, nur meistens nicht so selbstlos, die meisten wollen auch noch ein Nebengeschäft machen dabei, auch fehlt ihnen meist die Courage dieser Anima candissima!«

Der Bankdirektor war aufgestanden und empfahl sich vom Domherrn. Er müsse leider schon fort, noch auf eine kleine Schlittenfahrt mit dem Grafen Erhard und der Exzellenz Klauer. Er versäumte nicht, das Menü noch einmal Gang für Gang mit Sachkenntnis zu preisen und lud den Grafen Franz dringend ein, es ihn ja wissen zu lassen, wenn er, hoffentlich bald einmal, nach Wien käme. Er setzte hinzu: »Schottenring genügt. Oder auch bloß der Name. Man kennt mich.«

Der Domherr gab ihnen das Geleit. Franz blieb, er hätte sonst am Ende noch mitfahren müssen. Der junge Mönch sah ihnen verwundert nach und sagte: »Das ist ein lieber alter Herr, und so lustig. Er kann so herzlich lachen. Ich hab nur leider nicht verstanden, worüber sie denn eigentlich so lachten; da muß noch ein Geheimnis dabei sein.«

»Das Geheimnis ist,« sagte der Jesuit, »der eine spielt auf der Flöte, der andere an der Börse, so verständigen sich die Menschen schwer. Es ist aber schließlich kein Anlaß, darüber traurig zu sein. Man muß ja nicht alles verstehen, lieber nicht!«

Als mit den beiden Priestern jetzt auch Franz sich verabschieden wollte, hielt ihn der Domherr zurück. »Wenn du noch einen Augenblick Zeit hast, wär's mir recht. Wir sehen uns ja leider so selten.« Jene gingen, der Domherr setzte sich auf das Sofa, Franz ihm gegenüber. »Ich möchte dir doch bei der Gelegenheit einmal sagen,« fuhr der Domherr fort, »wie sehr es mich freut, daß du dich zurechtgefunden hast.«

»Hab ich das?« fragte Franz überrascht.

»Hast du's nicht?« entgegnete der Domherr lächelnd.

»Ich weiß nicht,« antwortete Franz achselzuckend. Sie schwiegen eine Weile, dann begann der Domherr wieder: »Du beschäftigst dich mit einer Arbeit, die dir zusagt, auch dein Interesse verdient, und wenn sie dir gelingt, Wert für die Deinen hat. Es kann deinen Neffen und Nichten nicht schaden, wenn sie hören, wer und was ihre Väter waren, dir aber füllt's den Tag aus, und bevor du's merkst, wird der Winter vergangen sein, du hast dich eingewöhnt und gehst im Geschirr einer festen Ordnung, die anderen haben Vertrauen zu dir, du zu ihnen gewonnen, du bist aufgenommen und eingefügt, weißt, wohin du gehörst, und mußt nicht mehr jeden Morgen erst wieder fragen, was du mit dir sollst. Also was willst du noch mehr? Ist der Mensch nur erst einmal so weit, daß sein Leben sich von selber lebt und eigentlich ihn gar nicht mehr dazu braucht, so hat er das Ärgste bestanden. Daß aller Anfang schwer ist, gilt auch hier, nämlich: das Scharnier für sich zu finden. Gerade der Fähige, der Begabte braucht oft am längsten dazu. Du hast jetzt deins, sei froh!«

»Das hieße doch aber,« sagte Franz langsam, »nur dem Augenblick leben, vom Augenblick zum Augenblick und bloß im Augenblick.«

»Und das scheint dir nicht genug?« fragte der Priester.

»Das trifft schließlich jeder Spießbürger auch,« sagte Franz.

»Legst du solchen Weit darauf, keiner zu sein?« fragte der Priester.

»Ich bin aber nun einmal keiner,« erwiderte Franz. »Fast hätt ich gesagt: leider!«

»Goethe hat nur darum so viel wagen können,« sagte der Domherr, »weil er wußte, wie stark der Spießbürger in ihm war. Das gab ihm die große Sicherheit.«

»Die mir leider fehlt.«

»Vielleicht, weil du sie gar nicht willst, weil dir schmeichelt, daß du sie nicht hast.«

»Vielleicht,« sagte Franz eigensinnig. »Ich kann mich aber nicht anders machen, als ich nun einmal bin.«

»Ja das ist der große Irrtum. Ihr wißt nicht mehr, was der Mensch alles aus sich machen kann, deine ganze Generation hat das verlernt. Bei Gott ist nichts unmöglich, und Gott ist doch in jedem.«

»Ich suche meinen noch vergebens!« sagte Franz traurig.

»Weil du deinen suchst,« erwiderte der Priester. »Deinen besonderen Extragott, nur ganz für dich allein. Wenn du etwas bescheidener wärst –«

»Ich bin schon so bescheiden, daß ich mich manchmal fast vor mir selber schäme,« rief Franz ungeduldig.

»Du wirst dich noch viel mehr schämen müssen,« sagte der Domherr mit milder Strenge. »Denn sonst hört er dich nicht, glaub mir! Du beneidest doch die frommen Bettler und Weiber um die Seligkeit ihrer Einfalt so, diese Seligkeit möchtest du, doch mit Nachlaß der Taxen: ohne die Einfalt. Aber so lange dir deine Vielfalt noch so wert ist, bleibst du zur wahren Seligkeit verdorben. Da heißt es entweder oder!«

Franz blickte rasch auf, verschwieg aber seinen Gedanken, doch der Priester erriet ihn und sagte lächelnd: »Nein, du irrst. Ich bin einfältig wie nur irgendeiner deiner bewunderten Bettler, es täuscht nur, weil ich den Jargon der Vielfältigen beibehalten oder richtiger: wiedergefunden habe, mein Mund erinnert sich seiner noch. Aber erst muß man ihn einmal verloren, das Herz muß ihn vergessen haben. Ohne die dreißig Tage in der geistigen Wüste geht's nun einmal nicht. Ich red dir übrigens ja keineswegs zu. Es kommt uns, wie ich dir schon neulich gesagt zu haben glaube, nicht auf die Zahl der Gläubigen an, wir wirken nicht durch die Masse. Es kommt darauf an, daß die Kirche fest steht, daß Gott sein Haus hat in der Welt. Wer hingehört, findet dann schon hin. Zuträger und Zutreiber braucht's keine. Wir sprechen also ja bloß ganz akademisch, nicht wahr?«

»Leider,« sagte Franz unwillkürlich.

»Ja ich weiß,« antwortete der Domherr, »du möchtest überredet sein, das gerade suchst du, das wünscht ihr euch alle! Gepackt, hingerissen, fortgespült werden, berauscht, überwältigt und sich selber entführt, nur ein einziges Mal im Leben, um welchen Preis immer! Ich kann dich aber nur noch einmal warnen: es ist ein Irrtum, wenn du dich deshalb für fromm hältst. Du hast bloß Appetit auf Frömmigkeit, du hast, wie man bei uns sagt, einen Gusto darauf, du möchtest wissen, wie das schmeckt!«

»Und wenn es mir aber doch ernst wäre?« fragte Franz leise. »Der Schein trügt zuweilen. Wer weiß?«

»Wenn es dir ernst wäre,« sagte der Domherr, »würdest du nicht erst Rundfragen über den Glauben anstellen. Interviews sind nicht der Weg.«

»Sondern?« fragte Franz.

»Sondern du würdest beichten und zur heiligen Kommunion gehen,« sagte der Priester ruhig, ganz leichthin.

Franz schwieg. Nach einer Welle fuhr der Domherr fort: »Und da wir schon davon sprechen, muß ich doch auch sagen, daß Fromme nicht erst den Umweg über Liebesabenteuer zu machen pflegen. Mißversteh mich nicht! Seid ihr verliebt, ich habe nichts dagegen. Willst du sie heiraten? Meinen Glückwunsch, wenn sie dich nimmt. Ich sehe nur nicht ein, warum das gerade mit dem Aufgebot einer feierlichen Bekehrung unter Assistenz aller himmlischen Heerscharen geschehen muß. Nimm mir's nicht übel, ich will dir ja bloß erklären, was mir deinen frommen Eifer ein bißchen verdächtig macht, es ist sonst wirklich nicht meine Gewohnheit, indiskret zu sein. Und mir ist um die tapfere kleine Frau gar nicht bange, sie wird sich deiner schon selbst erwehren. Aber um deinetwillen wäre mir lieb, wenn du mehr auf Ordnung hieltest und dir klar würdest, was du eigentlich willst.«

»Ich habe mit ihr ein einziges Mal gesprochen,« sagte Franz, »und keinen Versuch gemacht, sie wiederzusehen.«

»Das ist wohl eher ihr Verdienst als deines,« erwiderte der Domherr. »Es geht mich übrigens auch gar nichts an. Auch schließt das eine ja das andere nicht aus. Gewiß kann jemand Gott suchen und unterwegs eine Frau finden. Aber vor Verwechslungen möcht ich dich warnen. Die sind mir unsympathisch. Da wir doch einmal auf das Thema kamen, was gar nicht meine Absicht war.«

Nach einer Weile sagte Franz: »Sie tun mir unrecht! Ich kann Ihr Mißtrauen verstehen, ich hätte es an Ihrer Stelle vielleicht auch. Ich habe mich selbst schon gefragt, ob ich nicht unehrlich bin, unaufrichtig gegen mein eigenes Gefühl. Ich fand aber, daß ich eher noch meiner Empfindung für diese Dame nicht ganz sicher bin, es könnte eher sein, daß der Wunsch, fromm zu werden, mein Gefühl für sie fälscht oder doch färbt, als umgekehrt. Das müssen Sie mir eben glauben! Und warum sollt ich Ihnen denn etwas vormachen?«

»Die Nachbarschaft der beiden Gefühle,« sagte der Domherr trocken, »ist mir jedenfalls nicht angenehm.«

»Mir auch nicht!« rief Franz. »Aber ist es meine Schuld?«

»Ihr seids schon merkwürdige Leute!« sagte der Domherr langsam. »Deine ganze Generation hat, scheint's, alle Herrschaft über sich selbst verlernt! Ihr steht gewissermaßen außer euch und seht verwundert von außen euch selber zu. Daß der Mensch nicht bloß ein empfindendes, sondern auch ein wollendes Wesen, daß er seinen Gefühlen ja nicht preisgegeben ist, daß er ihnen doch auch einmal nein sagen kann, was allein ihn erst vom Tier unterscheidet, scheint euch unbekannt. Ja ihr glaubt es euch noch schuldig und setzt wohl noch einen besonderen Stolz darein, euch treiben zu lassen, als wenn es eine Verlogenheit wäre, wenn ein Mensch von seinem Willen Gebrauch macht. In euch hat der Wunsch den Willen abgesetzt, der Mensch ist zu seinem eigenen Knecht geworden und die ganze berühmte Humanität endet damit, daß von menschlicher Würde, von menschlicher Freiheit, von menschlicher Entschließung nichts, vom Menschen nur das Tier übrig bleibt, aber freilich ein verdorbenes, schuldbewußtes, betrübtes, ein gefallenes, ein verlorenes Tier. Spürst du nicht, daß du dir ganz abhanden gekommen bist? Der Mensch hat doch den aufrechten Gang! Aber du, kannst du denn sagen, daß du deinen Weg gehst? Es treibt dich in eine Kirche, du fühlst dort irgend etwas und wünschest dir von diesem Gefühl noch mehr, es begegnet dir eine Frau, läßt dich etwas fühlen, macht dich wieder wünschen, und so fällt dir ein, ob nicht die beiden Gefühle, die beiden Wünsche, zusammenaddiert, noch schöner wären, noch stärker würden, du scheinst doch keinem von ihnen recht zu trauen, dir selbst aber schon gar nicht, von dir selbst ist ja, scheint's, überhaupt nicht mehr die Rede, du tust doch in deinem eigenen Leben gar nicht mehr mit, es ist nicht mehr dein, es gehört dir nicht, es wird an dir vollstreckt, du selbst siehst bloß neugierig zu, heißt das noch leben, seid ihr noch Menschen? Jedes Tier, ja die Pflanze selbst, hat mehr Willen als ihr, aus denen ein leeres Getriebe von Gefühl und Wunsch geworden ist! Daß er Gefühl und Wunsch kommandieren kann, macht doch den Menschen erst zum Menschen.«

»Kann er das?« fragte Franz.

Der Domherr sah ihn an und sagte dann, traurig lächelnd: »Ihr habt das Abc der Menschheit verlernt.«

»Kann er das?« wiederholte Franz. »Gibt es einen Menschen, der das kann? So beschämend es sein mag, ich muß gestehen, daß ich unfähig bin, mir das auch nur als möglich vorzustellen. Ich kann mir denken, daß jemand die Macht über sich hat, seinen Gefühlen zu widerstehen. Er läßt sie nicht zur Tat werden. Aber es ist doch ungenau, dann von ihm zu sagen, er kommandiere seine Gefühle. Seine Handlungen mag er kommandieren können, aber die Gefühle bleiben doch dieselben, auch wenn er ihnen nicht gehorcht. Oder kann einer, der liebt, auf sein Kommando plötzlich aufhören zu lieben? Kann irgendein Mensch irgendeines seiner Gefühle löschen?«

»Wenn die Menschheit das nicht mehr kann, wird ein Narrenhaus aus ihr,« sagte der Domherr. »Es scheint, wir sind auf dem Wege. Besinnt euch doch, um Gottes willen! Nicht zwei Menschen könnten auch nur eine Stunde nebeneinander leben, ohne fortwährend ihre Gefühle zu löschen. Alle Gesittung besteht doch darin allein, alle Gesellschaft beruht doch darauf allein, die verruchte Rasse, wie Friedrich der Große, der sie gekannt hat, die Menschheit zu nennen pflegte, wäre längst ausgestorben, hätte sie nicht ihre Gefühle löschen gelernt, so bis auf den Grund, daß es jetzt, Gott sei Dank, schon Exemplare genug gibt, die sich der wesentlichsten Gefühle des Menschen gar nicht mehr erinnern. Und eigentlich ist es fast rührend, wenn der Mensch, nachdem er den Mordinstinkt, das angeborene Bedürfnis, wehzutun, die Lust am Leide des Nächsten, das ganze Höllenfeuer seiner Urleidenschaften gelöscht hat, nun, statt im schwelgenden Bewußtsein seiner Willenskraft ihr alles zuzutrauen, auf einmal daran verzweifelt, ob sie denn auch nur das winzigste verliebte Gefühlchen wegzublasen vermag! Hast du dich denn niemals beobachtet? Du verbringst doch das ganze Leben damit, fortwährend Gefühle zu löschen, wenn du's auch gar nicht bemerkst. Denn alle die teuflischen Urgefühle der gefallenen Menschheit sind ja noch immer ungeschwächt lebendig, in jedem, sie sind da, sie kehren immer wieder, aber sie werden ausgehängt, abgestellt, weggedreht, sie sind auch dann im inneren Raum des Menschen noch immer da, doch versperrt. Sie sind noch, aber so, daß es ist, als ob sie nicht mehr wären. Wir haben die Gefühle, die uns unser Wille nicht erlaubt, alle noch, aber wir fühlen sie nicht mehr. Und wenn wir ein Gefühl, das unser Wille von uns verlangt, nicht haben, so wissen wir es doch zu fühlen. Wir wirklichen Menschen nämlich. Ihr freilich, denen durch eine unselige Erziehung alle inneren Verhältnisse zerstört worden sind, der Wille gelähmt und der Mensch auf den ohnmächtigen Verstand reduziert worden ist, seid so verkehrt, daß in euch der Herr den Knechten gehorchen muß. Die ganze neuere Geschichte, dem Anscheine nach ein Triumphzug des Geistes, ist in Wahrheit ein Pöbelaufstand schlecht bewachter Gefühle, die nur so groß tun können, weil ihr Wächter schläft, der Wille. Nichts ist mir charakteristischer als deine Frage: Kann man denn das überhaupt? Du bemerkst also gar nicht, daß damit ja der Mensch erst anfängt. Nur wer kann, was er will, ist doch erst ein Mensch. Kein sittliches Urteil über unsere Mitmenschen wäre sonst möglich, und wie könnten wir denn je von Recht und Unrecht, von Schuld und Strafe, von irgendeiner Verantwortlichkeit reden, wenn wirklich jedes Gefühl, jeder Trieb, jeder Wunsch mächtiger wäre als unser hochthronender Wille? Seit er vom Throne verjagt worden ist, treibt nun ein Gefühl das andere weg, nichts hat mehr Dauer, der Urstand kehrt wieder und scheint euch noch ganz natürlich, scheint euch unabänderlich, so sehr ist alles vergessen, was den gesitteten Menschen sonst vom Wilden unterschied! Kein Wunder, daß ihr euch langweilt, eine solche Sklavenexistenz muß entsetzlich sein, sie ist doch wider die Natur des Menschen, der nun einmal zum Herrn über sich geboren ist! Seinen inneren Pöbel zu bändigen, in Zucht und Ordnung zu halten und ein reinliches Regiment im Hause zu führen, ist doch das einzige bißchen Vergnügen, was man hier noch hat, der Rest steht wirklich nicht dafür. Es wundert mich, daß ein so kluger Mensch wie du das noch nicht bemerkt haben und nicht wenigstens aus Neugierde einmal versuchen sollte, seinen Haushalt zu regeln, schon der Abwechslung wegen. Du bringst dein Leben damit zu, bloß immer auf dein Gefühl zu horchen und bist unglücklich, daß du da meistens nichts hörst. Das muß doch auf die Länge recht langweilig sein. Lerne wollen, dann erst lebst du selbst, ihr Lebenskünstler kennt die Kunst des Lebens nicht!«

»Wollen lernen,« sagte Franz, »ja! Wer aber sagt mir denn, was ich wollen soll? Das müßt ich doch erst wissen, um das eben frag ich ja! Wissen, was zu wollen ist, das wäre doch das Erste!« »Nein,« sagte der Domherr mit ruhiger Entschiedenheit, »das kommt dann schon. Ich behaupte nicht, daß es von selbst kommt. Es will auch gelernt sein. Aber es kommt erst später dran. Und es ist dann gar nicht so schwer, wie du zu denken scheinst. Wärst du nur einmal so weit, wollen zu können, meinetwegen Böses, was mitunter sogar eine gar nicht üble Vorübung sein kann, zu der ich dir freilich keineswegs raten möchte, so hättest du schon viel gewonnen. Wie aber sollst du deinen Willen auf das Rechte richten, so lang du keinen hast?«

»Und wenn ich keinen habe,« fragte Franz, »wie kann ich ihn haben? Um das Rechte zu wollen, muß ich erst überhaupt wollen können. Ich kann es nicht, also muß ich es lernen. Das setzt doch aber dann schon wieder voraus, daß ich es lernen will, setzt also gerade das voraus, was mir doch eben ja fehlt! Da drehen wir uns immer nur im Kreise.«

»Du sprichst damit aus, worauf es ankommt,« sagte der Domherr. »Genau das ist es, das ist dein Problem! Wenn du dich nämlich nur lange genug in diesem Kreise drehst, bist du gerettet. Ist dir erst gewiß geworden, daß dir nichts nottut als das eine zunächst; wollen zu lernen, so kannst du's.«

»Wie denn?« fragte Franz gierig.

»Es gehört zu den Geheimnissen,« sagte der Domherr, »daß dem Menschen, was ihm nottut, nicht versagt bleibt, sobald er nur innegeworden ist, daß es ihm nottut. Er bittet nämlich dann darum. Und wer um das, was ihm nottut, bittet, wird erhört. Dem Verstande bleibt das unerklärlich, aber es ist durch Erfahrung bewiesen. Bitte um das, was dir nottut, und du hast es, du hast, was dir nottut, wenn es auch oft nicht gerade das ist, was dir not scheint, denn das mußt du schon dem Geber überlassen, er weiß es besser!«

»Wer weiß es? Wer gibt mir's? Wen soll ich bitten?« fragte Franz flehentlich.

»Frage nicht, sondern bitte!« sagte der Domherr. »Versuch's! Du hast ja schon manches versucht. Mißlingt's, so wär's nicht zum erstenmal. Gelingt's, so weißt du, daß deine Bitte erhört werden kann, das wird dir Vertrauen geben, du wirst wieder bitten, dann drehst du dich nicht mehr, du trittst in das Innere des Kreises, und dann können wir ja, wenn du Lust hast, gelegentlich einmal weiter darüber reden.«

Gehorsam erhob sich Franz, betrübt, schon fortgeschickt zu werden. »Bleib nur noch,« sagte der Domherr lächelnd. »So war's nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, daß es jetzt an dir ist, das Deine zu tun, denn erst, wenn es getan sein wird, kannst du selbst beurteilen, ob mein Rat gut war, und ich wieder kann dann erst wissen, was du noch brauchst. Wir sind hier nicht auf dem Gebiete des Betrachtens, des Besprechens, sondern du mußt dich entschließen, mußt dich einüben, dabei wird sich erst zeigen, welche Begabung du hast und wie dir etwa nachgeholfen werden kann. Dazu bin ich natürlich immer gern bereit. Ich lehne nur ab, der Ausrufer zu sein, der dich in die Bude locken soll. Und ich warne dich nochmals, Frömmigkeit als Opiat zu gebrauchen. Erstens ist sie keins, und zweitens hast du nicht nötig, eingeschläfert zu werden, sondern aufgeweckt. Die Menschen unserer Zeit glauben alle, sich nach Ruhe zu sehnen. Das ist aber ein Mißverständnis. Sie sind müde, doch nicht von irgendeiner Tätigkeit, sondern von ihrer Leere. Es ist die Müdigkeit von Verschlafenen. Versuch einmal zu wachen!«

»Geht denn das alles nicht am Ende darauf hinaus, daß ich mich vergewaltigen soll?« fragte Franz. »Ja darauf geht's hinaus, das sollst du!« sagte der Domherr trocken.

»Und ist das aber dann nicht eine Verlogenheit oder doch Unaufrichtigkeit,« fragte Franz, »wenn ich nur einen Teil von mir gelten lasse, den anderen aber nicht? Und für welchen soll ich mich entscheiden? Und warum gerade für ihn? Um mich entscheiden zu können, müßte mir ja schon ein Ziel gegeben sein, gerade das aber will ich ja nicht, sondern ich selbst will mir mein Ziel geben, aber ich selbst, das ist doch alles zusammen in mir, nicht bloß irgendein Teil!«

»Du scheinst dein Selbst für einen Wurstkessel zu halten,« sagte der Domherr. »Ich rechne nicht alles, was in mir herumschwimmt, zu mir. Meine Gefühle, meine Wünsche, meine Gedanken müssen gar nicht immer mir gehören. Wenn ich von meiner Krankheit spreche, heißt das, daß ich sie haben will, daß ich sie nicht verleugnen darf? Ich verleugne sie ganz und gar, loswerden will ich sie! Oder wirst du da auch sagen, es widerstrebe dir, dich zu vergewaltigen? Willst du vielleicht auch auf die Krankheit nicht verzichten, die doch auch ein Teil von dir ist? Wirst du sie los, so bist du in einem gewissen Sinn auch ärmer, der Arzt, der dich heilt, hat dich auch um ein Stück von dir verkürzt! Gerade nach deiner Meinung, denn für dich scheint ja dein Selbst nur der Sack deiner sämtlichen inneren Regungen zu sein. Nimmt man dir eine weg, so wird dir gleich angst, der Sack könnte leer werden, und selber ist ein leerer Sack ja nichts, selber ist dein Selbst nichts, scheint's! Mir aber ist mein Selbst gerade das, was übrigbleibt, wenn alles daraus weg ist. Gerade dann bin ich erst bei mir. Gerade dann hab ich erst mich. Und mir ist gar nicht bang, leer zu sein, denn ich fülle mich aus mir, und das, was ich aus mir in mich fülle, das ist dann erst wirklich mein. Aber du hättest da das Gefühl, dich zu vergewaltigen! Das willst du nicht und scheinst gar nicht zu bemerken, daß du nur die Wahl hast, dich zu vergewaltigen oder dich vergewaltigen zu lassen. Ich gehorche meinem Gewissen, du jeder Laune, die dich anfällt. Jeder leise Wind macht dich erzittern, mich kann nur ich bewegen. Dein Selbst ist ein Spiel seiner Triebe, meines ruht fest verankert in Gott!« Er wechselte den Ton und sagte leichthin: »Es wird dir hoffentlich nicht entgangen sein, daß ich nicht von mir spreche. Das sind keine Konfessionen, sondern wenn ich sage: ich, so ist damit nur die Antithese von dir gemeint. Du, wie fast alle, bei denen die herrliche moderne Erziehung geglückt ist, hast überhaupt noch nicht bemerkt, daß der Mensch ein Selbst hat. Ihr glaubt alle, die turbulente Volksversammlung von Instinkten, Begierden und Gelüsten in euch sei der Mensch. Nein, der Schaum ist nicht das Meer! Ihr würdet staunen, wie wenig euer Selbst, wenn es nur einmal erst zu Worte käme, mit euch zu tun hat, wie wenig ihr es angeht, wie wenig es um euch fragt! Man kann nämlich geradezu sagen: Mein Selbst fängt dort an, wo mein Bewußtsein aufhört. Ihr seid aber das genaue Widerbild des richtigen Menschen: rechter Hand, linker Hand alles vertauscht, wie's in dem schönen Liede heißt. Der richtige Mensch weiß nichts als zu leben, ihr wißt alles bis aufs Leben. Der richtige Mensch ist Tiefe, ihr seid Fläche, er Stille, ihr Tumult, er Tat, ihr Zufall. Alles, was euch an euch interessiert und auch an den anderen, ist Unwesen, ist im besten Falle Wirkung, niemals das Wirkende. Und selbst wenn einer von euch einmal sich zu besinnen versucht, so geschieht's falsch, nämlich von der Wirkung her, vom Ende, statt aus dem Anfang. Ihr müßtet euch erst vergessen, das wäre die wahre Bestimmung, denn das, was du wirklich bist, ist dort, wo nichts mehr von dir ist. Das klingt ein bißchen nach dem Hexeneinmaleins, aber solange du's nicht verstehst, ist dir nicht zu helfen.«

»Wer kann Unverständiges verstehen?« fragte Franz.

»Darauf allein aber kommt's eben an,« sagte der Domherr. »Der Verstand kann's freilich nicht. Vom Verstand ist es nicht zu haben. Hast du's aber erst, dann geht's auch dem Verstand ein, es wird dir dann weder unverständig noch unverständlich sein, das ist das Merkwürdige. Es widerspricht nämlich dem Verstande gar nicht, auch widerlegt es ihn nicht, es hebt ihn nicht auf, der Verstand ist bloß zu kurz dazu, er reicht nicht bis hinab, aber wird es zu ihm hinaufgebracht, so muß er es bestätigen.« Der Domherr sah ihn lächelnd an und fuhr fort: »Du siehst, daß ich alles tue, um deine Neugierde rege und dir Lust zu den Geheimnissen zu machen, die dich erwarten. Ich habe dir nicht zugeredet, sie zu suchen, aber da du nun einmal auf der Suche bist, will ich doch ungefähr den Ort abstecken, wo sie zu finden sind, freilich nicht für jeden. Bequemer ist's, auf Abenteuer auszugehen. Dann aber bitte geradezu und ohne die Augen fromm zu verdrehen.«

Etwas gereizt erwiderte Franz: »Soll ich noch einmal beteuern, daß das ein ganz ungerechter Verdacht ist? Ich weiß mich davon frei.«

»Daran zweifle ich nicht,« sagte der Domherr. »Du weißt dich davon frei, doch bleibt immerhin die Frage, ob du davon frei bist. Der Mensch ist dem Irrtum unterworfen.«

»Was ich nicht weiß, dafür bin ich nicht verantwortlich,« antwortete Franz.

»Nein,« sagte der Domherr, »aber mir handelt es sich hier noch um ein anderes Wesen, und mehr als um dich. Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Gute, du mußt aber schon entschuldigen, wenn ich gestehe, daß mir dein Gemütszustand nicht so wichtig ist wie die Ruhe dieser Frau, schon weil er, soweit ich darüber urteilen kann, sich eher ändern läßt, während sie zu den geheimnisvollen Menschen gehört, die an einem bloßen Stich verbluten können.«

Franz erschrak, aber bevor er antworten konnte, fuhr der Domherr fort: »Ich sage dir das mehr deinetwegen als ihretwegen. Ein so kostbares, so zerbrechliches Gefäß in deinen etwas groben Fingern ängstigt mich. Und nochmals: nicht so sehr ihretwegen. Sie kann nicht zerstört werden, auch nicht, wenn sie zerbricht. Aber ich möchte dich davor bewahren.« Und es klang fast zornig, als er, bevor sich Franz noch verteidigen konnte, fortfuhr: »Beteure mir nicht immer deine reinen Absichten! Ich kenne sie, für dein Gefühl sind sie wirklich rein. Es gibt aber eben Grade der Reinheit, und es könnte sein, daß das reinste Gefühl, dessen du fähig bist, das ihre schon beschmutzt. Begegnungen von Menschen aus verschiedenen Quartieren der Menschheit sind niemals ganz unbedenklich. Der aus dem schlechten hat meistens nicht viel davon, den aus dem guten aber kann der bloße Hauch oft verderben.«

Aber schon beherrschte der Domherr sich wieder, und seine tiefe Stimme klang wieder von ruhiger Güte, als er Franz, für seinen Besuch dankend, noch einmal mit leisem Spott des putzigen Bankdirektors gedenkend, freundlich entließ.

Neuntes Kapitel

Franz hätte nie geglaubt, wie genügsam er geistig doch eigentlich war. Er versimpelte jetzt ganz und das Schlimme war, daß er sich dabei noch wohl fühlte. Der Tag rann ab; und der nächste wieder, und dann noch einer. Und er schämte sich nicht, er langweilte sich nicht, er bangte nicht, er wurde nicht ungeduldig, er sehnte sich nicht einmal. Auch nach ihr nicht. Ihm fehlte nichts. Auch sie nicht. Seltsam! Vier Monate war es jetzt her, daß er ihr nicht mehr schreiben durfte, und sie schrieb ihm noch immer nicht wieder. Wenn er sie zuweilen von ferne sah, bog sie weg, bevor er sich ihr nähern konnte. Absichtlich oder zufällig? Wich sie ihm aus oder hatte sie ihn gar nicht bemerkt? Jedenfalls ging er ihr nicht nach. Sie wird sich seiner schon wieder erinnern, wenn es erst so weit ist, und das wird dann viel schöner sein, wenn er es ruhig abgewartet hat! Schon das Warten selbst war ja so schön. Und er hatte doch Zeit. Es fiel ihm auf, daß er sich jetzt zum erstenmal in seinem Leben Zeit ließ. Er hatte es sonst immer so eilig gehabt. Und hatte doch nichts erreicht, in all seiner Hast. Sich Zeit zu lassen ist vielleicht das ganze Geheimnis. Erzwingen läßt sich nichts: was uns nicht bestimmt ist, bleibt uns doch versagt, und was uns bestimmt ist, kommt von selbst. Das war allerdings recht spießbürgerlich gedacht, aber vielleicht hatte der Domherr ja recht: vielleicht war es anmaßend von ihm, kein Spießbürger zu sein. Er überließ sich seinem Schicksal. Er gab es auf, seinen eigenen Vormund zu spielen. Er hatte damit kein Glück gehabt. Die besten Vorsätze halfen ihm nichts. Als er auf sein letztes Gespräch mit dem Domherrn hin es mit dem Gebet versuchte, war er auch nur wieder enttäuscht worden. Sein Gefühl blieb taub und stumm. Er empfand nichts als Ärger über das schlechte Deutsch der Gebetbücher. Und als er sich entschloß zu beichten, war er im letzten Augenblick wieder weggerannt, vor Scham. Scham, dabei gesehen und erkannt zu werden? Scham, sich einem Unbekannten anzuvertrauen? Scham vor der sicheren Enttäuschung, die er ja schon bei dem bloßen Gedanken empfand, seine Sünden einem ermüdeten, zerstreuten, ungeduldigen, halbgebildeten, nach Weihrauch und Schnupftabak riechenden Kaplan zu bekennen? Was verstand der von ihm? Was konnte der ihm sagen? Was hätte das für ein Mensch sein müssen, um in das Herz eines anderen, in seine Not, in seine Sehnsucht sehen zu können, und gar noch alle fünf Minuten immer wieder eines anderen! Er wußte freilich, daß es ja nicht der Priester war, zu dem er in der Beichte sprach, aber das blieb ihm eine leere Fiktion. Vielleicht war es nur das erstemal so schwer, vielleicht ließ sich jene Scham, Bangigkeit oder doch Befangenheit ja mit der Zeit überwinden, aber er hätte dann, bis er sie überwand, jedenfalls diese ganze Zeit eine heilige Handlung in einem höchst unwürdigen Zustande verrichten, also entheiligen müssen! Sein Gefühl ließ sich nun einmal nicht kommandieren, was immer auch der Domherr sagte. Ja schon die bloße Vorstellung, ein Gefühl kommandieren zu wollen, es kommandieren zu können, schien ihm ein Frevel. Hier lag offenbar etwas zwischen ihm und dem Domherrn, worüber er sich nicht einmal begrifflich klar zu werden vermochte. Etwas zu tun ließ er sich von seinem Willen zwingen, auf eine Einsicht oder auf ein Gefühl hin, aber was er nicht einsehen konnte, einzusehen gegen seine Einsicht, und zu fühlen, was er nicht fühlen konnte, gegen sein Gefühl, dazu war er durch seinen Willen nicht zu bringen, während dem Domherrn offenbar, sobald er es nur willens war, Salz auch wirklich süß schmeckte. Franz mußte sich gestehen, daß ihm das nicht bloß unmöglich war, sondern daß es ihm auch unmöglich war, sich einen Menschen vorzustellen, dem das nicht unmöglich wäre, es schien ihm unmenschlich. Er zweifelte nicht, daß es dem Domherrn möglich war. Aber er hätte nicht den Mut gehabt, sich diese Fähigkeit zu wünschen. Darum hatte das Gespräch mit dem Domherrn ihn auch, statt ihm zu helfen, eher abgeschreckt. Er war ängstlich und mißtrauisch geworden. Irgend etwas in ihm warnte ihn. Ja fast schien es, als hätten selbst die Kirchen seitdem jenen Zauber für ihn nicht mehr. Vielleicht aber auch nur, weil jetzt die Tage schon länger wurden. Es dunkelte nicht mehr so bald, der Frühling trieb den Kirchen ihr Geheimnis aus.

Seit Jahren hatte Franz keinen Frühling mehr erwachen sehen. Der Großstädter wird ja vom Frühling überrascht, er findet ihn eines Tages fertig vor. Jetzt aber war Franz wieder einmal selbst dabei, wie, kaum daß der letzte braune Schnee verwich, unter seinen Augen das Wunder aus der Erde schoß, erst am Waldessaum ein blaues, von Leberblümchen, Veilchen und Küchenschellen, bald auch das gelbe der Primeln, das weiße der Anemonen, ein Rundgesang in allen Farben, überall dasselbe, jedesmal anders. Stundenlang konnte Franz immer wieder von neuem erstaunen, wie jede Wiese dieselben paar Blumen, Ranunkeln und frechen Löwenzahn, Maßliebchen und nickende Glocken, Nelken und den wuchernden Schierling, anders zum Kranze wand und so dieselbe Wiese zur Linken des Weges ein weißwehender Traum, zur Rechten ein schallendes Lachen in Gelb war. Er stand und staunte. Er war eigentlich nicht, was man einen Naturfreund nennt. Er hatte sich die großen Schaustücke der Natur angesehen, den Golf von Neapel, das Berner Hochland, den Rheinfall, Alpenglühen in den Dolomiten, Mondnacht auf der Akropolis. Alles sehr schön, unwahrscheinlich schön, fast schon unerlaubt schön, und man rief Ah und Oh dazu, wie bei einem Feuerwerk, man genoß es wie ein hohes C, genoß die Bravour, den Aufwand, die Schwierigkeit, die Seltenheit, das Kunststück. Hier aber war die Natur kein Tafelaufsatz, sie gab dem Menschen nichts zum Besten, er stand ihr nicht gegenüber, er stand in ihr, er gehörte selbst dazu, die braven Bürger, die sich Sonntags mit Kind und Kegel in ihr ergingen, gehörten auch dazu, alles war eins im Abendsonnenglanz. Vielleicht hat man die Wahrheit nie, solange man ihr nur von draußen zusieht und nicht selbst dazu gehört, solange man ihr gegenüber steht, statt drin. Und er söhnte sich im Freien selbst mit den dümmsten Menschen aus, die Sonne sog ihre Lächerlichkeiten auf, als bloße Farbenflecken wirkten sie ganz gut. Wie weidende Herden auf der Alm. Nichts störte das friedlichste Bild. Selbst ihr Lachen, ihr Lärmen hatte sozusagen keine menschliche Stimme mehr, es wurde zum bloßen Klang. Wie wenn auf der Alm die Kuhglocken läuten. Franz erschrak, es war weit mit ihm gekommen, wenn er jetzt selbst schon den Bürger poetisch fand! Er konnte sich aber nicht helfen, sie erinnerten ihn wirklich oft an den Osterspaziergang in Faust, an ihre Vorfahren in Hermann und Dorothea. Wenn er zuweilen im Vorübergehen ein Gespräch erlauschte, das stimmte heute noch alles aufs Wort! Sie waren immer dieselben, sobald der Dichter oder die Natur ihnen mit ruhiger Hand das Eigene nahm und nur das Allgemeine ließ. Sobald nicht mehr der Herr Meier sprach, sondern aus ihm der Mensch, das Urgefühl, der Urstoff des Menschen, noch unverarbeitet, gleich war alles gut, wie lächerlich sich auch so ein dampfender Hausvater, mit seiner ganzen Familie bepackt, sonst ausnahm, und das Wandern in Hemdärmeln mit aufgespannten Sonnenschirmen und abgeknöpften Kragen und Manschetten, und das Freudengeheul und das ewige Fragen, wer dich, du schöner Wald, aufgebaut dort oben! Er wunderte sich, daß ihn das nicht rasend machte. Es scheint aber nur darauf anzukommen, daß der Mensch sich irgendwie los wird. Enteignet, ist jeder schön. Die Alten wußten das: der Jüngling der griechischen Kunst ist ganz leer von sich, er ist nur Wesen, keine Person. Schönheit ist Selbstlosigkeit. Und so wäre das Geheimnis, selbst nichts, sondern bloß ein Spiegel der Ewigkeit zu sein? Franz konnte sich nicht verhehlen, daß er damit ja sein ganzes Leben widerrief, aber er fragte gar nicht mehr, wer recht hatte: sein einstiger Stolz, sich zu gestalten an der Welt, oder diese tiefe Lust, selbst zu verlöschen in der Welt. Er war nur sehr froh, jetzt von sich nicht mehr belästigt zu werden. Er ging so für sich hin und dachte nichts, wußte nichts, wollte nichts mehr und fühlte nur das Glück, nichts mehr zu denken, nichts mehr zu wissen, nichts mehr zu wollen, nur noch Aug und Ohr des Lebens. Und abends saß er gerne dabei, wenn der Hilari, der bleiche Mönch, die Flöte blies: die Sonne sank, die Berge verblaßten, der blies den Arbeitern vor, die, laß ausgestreckt, starr horchten, in Müdigkeit erloschen, und alle hatten jetzt dasselbe Gesicht, und nichts war zuletzt übrig als der kleine Klang der Flöte, durch die lauschende Dämmerung flatternd.

Dann aber kam der blühende Monat, der Monat Mariens, der Monat Mai. Da ging Franz abends gern zu den Nonnen auf dem Berg, ihre lieben Stimmen zu hören zum Orgelton im Lichterglanz. Eine von den Stimmen war so zart, daß er immer Angst hatte, sie müßte gleich zergehen, aber wenn dann nur noch ein ganz dünner Faden von ihr übrig war, der riß nicht, sondern wurde jetzt hart, und die verborgene Sängerin schrie dann die Mutter Gottes an, so klang es, wild verlangend und den ganzen Dom ausfüllend mit dem Flügelschlag einer begehrenden Seele, die vor Himmelslust sich selber entstieg, hoch über alle mitsingenden Stimmen, über den bang um sie seufzenden Orgelton, über alles empor. Und die bunten Fenster erglühten im Abendsonnenschein, der Glanz der Kerzen, der steigende Rauch, Priester und Meßner und die Betenden umhüllend, und die Flammen der Andacht ergossen sich ineinander, alles wurde schwebend, kreisend, fliehend, und wenn dann, nach kaum einer halben Stunde, der Gesang verstummte, der Priester sich entfernte, der Schwarm der Kinder zerstob, die Betenden sich erhoben und die kleine Kirche wieder still lag, war es Franz, als wenn er Ereignisse von Jahren erlebt hätte, deren er sich freilich, sobald er dann wieder draußen im Abend stand und über das entschlafende Tal sah, schon nicht mehr entsinnen konnte; doch wird er es ja morgen wieder erleben, und wenn er es freilich auch morgen dann gleich wieder vergessen haben wird, so weiß er doch, es erlebt zu haben, es erleben zu können, und das wird ihm jetzt auf allen seinen Wegen leuchten.

Er war das erstemal bloß aus Neugierde gekommen, weil ihm Gabsch vom Gesang der Nonnen vorgeschwärmt hatte. Nun kam er täglich, ging aber entweder vor Schluß oder blieb noch so lange, bis sich der Schwarm verlief denn er hatte gar keine Lust, dann noch den erlauchten Damen zu hofieren, die nach der Andacht draußen Cercle hielten. Er fürchtete das so, daß er meistens still in seiner Bank saß, ohne sich umzusehen. Als er in den letzten Tagen des Monats einmal früher fortging, kniete Klara mit ihrem Kinde in der dritten Bank hinter seiner. Er grüßte, sie war aber so versunken, daß sie nichts bemerkte. Er hatte nicht den Mut, draußen auf sie zu warten, sie wäre dann sicher nicht wiedergekommen. Ob sie heute zum erstenmal da war? Er hätte doch ihre Gegenwart fühlen müssen! Aber er hatte sie ja heute auch nicht gefühlt. Seltsam: ihr so nahe, sie nicht zu fühlen! Und gerade hier, wo seine Gedanken so oft bei ihr waren, immer nämlich, wenn jenes armselige, dünne, gierig flatternde Stimmchen erklang, das glich ihr irgendwie geheimnisvoll! Am nächsten Abend fand er sie nicht. Und er suchte sie seitdem vergeblich Tag um Tag. War es bloß ein Zufall gewesen? Oder kam sie seinetwegen nicht mehr? Aber welchen Grund hatte sie denn, ihn zu meiden? Daß sie nicht mehr an ihn schrieb und ihm verbot, an sie zu schreiben, damit hatte sie recht, das sah er jetzt selbst ein. Er war damals daran gewesen, sich in seiner unklaren Stimmung ein Interesse für sie, ja vielleicht eine Leidenschaft einzureden, schon in dem Wunsche, sich irgendeinem Menschen anzuvertrauen, und wohl auch in der ungewohnten Entbehrung, da es einem Mann in seinen Jahren doch noch nicht so leicht fällt, unbeweibt zu leben. Das wäre dann aber nur wieder eine jener unwahren oder halbwahren Beziehungen geworden, von denen er wahrhaftig schon genug hatte. Er konnte ihr dankbar sein, daß ihr weiblicher Takt diese Gefahr für ihn, und vielleicht auch für sie, noch rechtzeitig bemerkte und ihn erst mit seinem Gefühl ins reine kommen ließ. Nun war er doch aber im reinen damit, es hatte keine Gefahr mehr, das klarste, ruhigste, heiterste Verhältnis herzlicher Neigung und sicheren Zutrauens bot sich ihnen an, also warum zögerte sie noch? Er verdiente das wirklich nicht; beim ersten Wort, das er mit ihr sprach, hätte sie das jetzt selbst gefühlt. Und gab es eine schönere Gelegenheit als hier, nach einer solchen Andacht, im Abglanz der frommen Stimmen, angesichts der entschlummernden Landschaft? Aber sie kam nicht wieder. Der Marienmonat verging. Franz hätte ihr ja schreiben können. Aber er wollte jetzt alles seinem Schicksal überlassen. Was bestimmt ist, wird schon geschehen! Er war voll Zuversicht. Und in Erwartung zu sein, tat ihm wohl. Es kam der letzte Maientag. Nun vergeht ein Jahr, bis er das wieder erleben kann, ein ganzes Jahr! Was wird dann sein? Ob dann noch diese liebe, törichte, bange Stimme wieder singt? Ob sie dann noch dieselbe sein wird? Ob er noch derselbe sein wird? Mit seltsamer Gewalt ergriff ihn die Vergänglichkeit, Einmaligkeit, Unwiederbringlichkeit des Augenblicks. Unser Leben ist ein währendes Sterben, wir müssen in einem fort Abschied nehmen, auf Nimmerwiedersehen, von jedem Ding und von uns selber auch, wir finden es nicht wieder, und es findet uns nicht wieder. Die Kirche war an diesem Abend sehr voll, ein Gewitter kam herauf, vor das bunte Fenster zogen Wolken, Unruhe war, der Altar schien größer, der Priester ferner, das Gebet ängstlicher als sonst. Franz ärgerte sich, so sinnlos traurig zu sein, und es lag doch gewiß nur an der ungewohnten Beleuchtung! Als dann zum letztenmal die klagende Sehnsucht des kasteiten Stimmchens, einem gehetzten kleinen Vogel gleich, über die bangen Gebete fuhr, hätte er am liebsten aufweinen mögen. Er blieb nach der Andacht noch knien. Er konnte nicht fort, es hielt ihn zurück! Was? Er hatte das Gefühl, in Gewalt zu sein. In Gewalt wessen? Das wußte er nicht. Doch war es ein gutes Gefühl, zwar voll Angst, aber auch voll Zuversicht. Eine Macht war über ihm! Er gewahrte sie, er wußte sie, er wollte sie. Und sie wußte, daß er sie wußte und wollte. Und so war er geborgen. Er hätte sich jetzt nur noch gewünscht, beten zu können. Aber war nicht dieser Wunsch schon Gebet genug? Es fehlten ihm nur die Worte. Er horchte. Er fühlte, daß sonst niemand mehr in der Kirche war. Doch war er nicht allein. Niemand war da, doch er fühlte sich umrungen. Es war, als ob alle Gebete der Frommen bei ihm geblieben wären. Und sie beteten jetzt für ihn. Und er durfte sie nicht stören. So blieb er lange noch knien, ganz wach in seinem tiefen Traum, bis er dann das Tor knarren und einen Schlüssel rasseln hörte. Da stand er auf. Es fiel ihm ein, daß er sich einsperren lassen und in den Geheimnissen über Nacht bleiben könnte. Er wollte sich das aber lieber noch aufsparen. Er ging hallenden Schrittes. Die Leute hatten sich alle schon verlaufen, aus Angst vor dem Wetter, das an den Bergen hing, nur noch auf den ersten Windstoß wartend. Der aber kam nicht. Es war, als hätte die Natur schon zum Schlage ausgeholt, wäre dann aber plötzlich erstarrt, so stand sie jetzt mit geballt erhobener Faust, und atemlos vor Gier, niederzufahren, sobald der Sturm seinen Rachen aufreißen wird. Die ganze Landschaft schien in einen einzigen ungeheueren Entschluß zusammengefaßt, zum Sprung geduckt, auf das Zeichen bereit. Und in dieser lauernden Stille stand, vom Söller ausblickend, schwarz und starr wie die Landschaft, eine Gestalt, die Hand auf der Schulter des Kindes. Er blieb hinter ihr. Klara schien ihn nicht zu gewahren. So standen sie, des erlösenden Sturmes gewärtig. Franz wäre die ganze Nacht so gestanden. Da war es, als ob sie zitternd erwachte, sie sah sich um, und als er sie grüßte, lächelte sie wie im Traum. Aus dem Traum riß ihn aber der eingelernte Ton, in dem sie zu sprechen begann, gleichsam aufsagend: »Ist die Aussicht hier nicht reizend? Wir haben lange keinen so schönen Sommer gehabt. Aber der Ernte tut der Regen not.« Und sie sagte das auch mit einem richtigen Gesicht für Ballgespräche. Er schwieg. Diese verfahlende Spuklandschaft, in Angst getaucht, geladen mit einer dumpfen Wut, die gleich losbrechen wird, alles ein einziger Schlund des Verderbens, eine Landschaft vor dem Jüngsten Gericht! Aber diese starre Frau, in der gleichsam alles rings brütende Geheimnis versammelt schien, fand die Aussicht reizend, stellte Betrachtungen über Wetter und Landwirtschaft an und wird sich jetzt wohl noch nach dem Befinden seines Bruders, der verehrten Schwägerin und der sämtlichen Orgelpfeifen erkundigen, immer mit demselben albern girrenden Lächeln eines Puppengesichts und in demselben gläsernen Ton, der ihm unerträglich war, gar jetzt, wo sie vor ihm stand wie sein Schicksal selbst und als ob durch sie jenes wortlose Gebet in Erhörung ginge. Stumm sah er sie nur immer an, diese flirrende Stimme hassend, die doch gar nicht aus ihr kommen konnte, aus der strengen, stolzen, tief in Schweigen ruhenden Gestalt, um die das eilige Stimmchen nur wie eine widerliche Fliege zu schwirren schien. Er hörte nicht auf sie, er sah sie nur an. Er sah ihr in die Augen, die wußten nichts von ihrem Mund. Da legte sie die Hand um den Hals des Kindes, als hätte sie Furcht, oder um für das Kind zu bitten. Und sie sagte: »Wir müssen aber heim. Es wird gleich losgehen. Das Barometer ist schon gestern stark gefallen.« Er hätte diese lästige fremde Stimme, die sich immer zwischen ihn und sie drängte, zerbrechen mögen! Was log sie denn noch jetzt? Er geriet in Wut, eine gierige Lust fiel ihn an. Er sprach noch immer nicht und regte sich nicht. Da schrie sie: »Lassen Sie mich! Was fällt Ihnen denn ein?« Es war aber jetzt eine andere Stimme, das tat ihm wohl. Das Kind erschrak und fing leise zu weinen an, er trat zurück, sie konnte vorbei. Sie waren fort, er stand noch immer. Er wußte nichts. Wenn er unter Eid auszusagen hätte, was eigentlich geschehen war, er wäre selbst neugierig, was er antworten würde. Was war denn geschehen? Er hatte nichts gesagt, er hatte sie nicht berührt, er hatte sich nicht bewegt. Und er hätte doch, angeklagt, sie bedroht zu haben, und in Gegenwart eines unschuldigen Kindes, das nicht leugnen können, obwohl er schwören konnte, kein Wort gesagt, sie nicht berührt, sich nicht bewegt zu haben. Und doch hatte sie recht mit ihrer Angst, und es war nur ein Glück, daß sie zur rechten Zeit noch Angst bekommen hatte. Denn ihn hatte das so sinnlos überfallen, daß er es erst zu spät bemerkt hätte. Es war ein Glück, daß sie noch zur rechten Zeit aufgeschrien hatte. Da war er erwacht, und wie man sich zuweilen erinnert, so schrecklich geträumt zu haben, daß man noch bei dem bloßen Gedanken daran erschrickt, ohne sich doch aber des Traums entsinnen zu können, so war er jetzt nur sehr froh, noch zur rechten Zeit erwacht zu sein. Er erinnerte sich nur noch seiner dumpfen Wut über ihr tröpfelndes Stimmchen, dann aber war in diese Wut noch etwas dazu gekommen, und die Wut war ihm auf einmal zum Genuß geworden, es war ein plötzlicher Erguß von Schmerz, aber einem Schmerz, der ihm fast wohl tat, und den er eher als Wunsch empfand, als einen stechenden Wunsch nach mehr davon, als einen Wunsch, sich wehe zu tun, ihr wehe zu tun, und er erinnerte sich nur noch, daß ihm dann plötzlich die ganze Landschaft zu brennen schien, und dann – ja dann hatte Klara, Gott sei Dank, aufgeschrien, und es war besser, nicht mehr daran zu denken, denn er schämte sich und hätte sich vielleicht doch, wenn er noch länger daran dachte, jenen fliegenden Heißhunger wieder gewünscht! Er konnte nur gar nicht begreifen, wodurch sie gewarnt worden war, wahrend er selbst doch, erst durch ihren Schrei geweckt, jetzt erst, nachträglich, seine sinnlose Begierde sich eingestand.

Er wollte lieber gar nicht mehr daran denken, denn daß etwas, wovon wir gar nichts wissen, uns in uns auflauert, war ihm unheimlich. Und er mußte doch immer wieder daran denken; der erste Schreck, daß dies möglich, wich dem Erstaunen, wie es denn wohl möglich, und dann fast einer Art Schadenfreude, als ob er es sich insgeheim gönnen würde, so beschämt vor sich dazustehen. Und er hätte nicht gut sagen können, auf welchem Umweg es ihm vorkam, als wenn er gerade durch diese Beschämung ihr jetzt nähergekommen wäre. Er war über sich nicht weniger erschrocken als sie vor ihm, und was konnte zwei Menschen tiefer vereinen als ein solches gemeinsames Entsetzen, vor dem grauenhaft Unbekannten in uns? Ist das nicht der Liebe letzter Sinn? Solche Gedanken ließen ihn die leise innere Stimme, sich doch nichts vorzulügen, überhören, und er erwachte nach einer unruhigen, in einem aufgeregten Halbschlaf verbrachten Nacht entschlossen, sie gleich aufzusuchen. Es schien ihm unmöglich, auch nur einen Tag noch ohne sie zu leben. Er zweifelte nicht mehr, daß sie sein war, ja es hätte ihn nicht gewundert, wenn jetzt die Tür aufgegangen wäre, und sie herein und auf ihn zu, mit offenen Armen! Dieses Bild gefiel ihm so, er sah sie so deutlich vor sich, er war des schönsten Augenblicks so gewiß, daß er, um ihn nur ja nicht voreilig zu versäumen, lieber daheimblieb, in seliger Erwartung. Sie mußte ja kommen, sie mußte doch! Und wenn sie nicht kommt, wird sie schreiben, sie wird ihm ein Zeichen geben, sie selbst wird ihn rufen!

Sie kam nicht, sie schrieb nicht, sie gab ihm kein Zeichen. Ihn machte das ungeduldig lauschende Warten fast krank. Auf einmal verzerrte sich ihm jetzt alles. Er fand sich so furchtbar albern in seinem Anfall, der ihm jetzt, wenn er sich an alles erinnerte, an das aufziehende Gewitter, die fahle Landschaft, ihr unangenehm wohlerzogenes Musterkind und seine bei dem drohenden Regen sehr unzeitige Gier, eigentlich weniger ärgerlich als komisch schien. Er erlebte die ganze Szene wieder und glaubte noch immer die Glasperlen ihrer Stimme klistern zu hören. Und wenn sie selbst aber vielleicht ihrer Stimme glich und selber ein ebenso künstliches und geziertes Nichts war, bloß von seiner Phantasie dann ausgesponnen?

Er hielt das Warten nicht mehr aus, fuhr zu ihr und ward abgewiesen. Die Magd, offenbar gut abgerichtet, sagte deutlich: »Die gnädige Frau ist für den Herrn Grafen nicht zu sprechen.« Er mußte lachen, wie streng sie dabei drein sah. Er war nicht gekränkt, auch nicht erstaunt. Er hatte jetzt auf einmal das Gefühl, in eine Begebenheit geraten zu sein, in der es noch am besten war, sich einfach ruhig mitnehmen zu lassen. Er ließ seine Karte da, mit ein paar Zeilen, wann er sie treffen könnte; er hätte ihr Wichtiges zu sagen. Sie schrieb ihm darauf, sie könne sich nicht vorstellen, was ein Mann noch einer Frau zu sagen haben könnte, vor der es ihm an jeder Achtung fehle, sie sei nicht neugierig, es zu erfahren, und verbitte sich seinen Besuch. Der Brief klang ihm ganz falsch. In ihrem ungemeinen, von Anfang an niemals konventionellen Verhältnisse, auf das doch alle die hergebrachten Begriffe von Takt, Anstand, Schicklichkeit nicht angewendet werden konnten, war es, auch wenn er ihr Ursache dazu gegeben hätte, nicht möglich, auf einmal beleidigt oder entrüstet zu sein, sie standen von vornherein in einem ganz anderen Raume – wer es unternimmt, einem Mitmenschen innerlich aufzuhelfen, kann sich, selbst wenn er an ihm verzweifelt, nicht mit ein paar Redensarten begnügen, er muß mit ihm abrechnen, er muß ihn jedenfalls anhören, er muß ihm Rede stehen. So schrieb er ihr und setzte selbst die Stunde seines nächsten Besuches fest, zu der er auch Einlaß fand. Doch nicht sie, sondern ihre Mutter empfing ihn, die einst berühmte Tänzerin, deren damals viel gepriesene Schönheit freilich längst verkohlt war; sie sah jetzt unter dem langen schwarzen befransten Tuch mit dem Habichtkopf auf dem langen verwitterten, runzligen Halse, in dem merkwürdigen Gegensatz zwischen der tief ruhenden Gestalt und den immer bewegten Augen, den immer sprechenden Händen, nur noch irgendeiner Alten von Mamalocco oder Chioggia gleich, der nur freilich die Hoheit nicht recht stand, zu der sie sich anfangs zwang. Ihres Auftrages, dem Grafen zu bedeuten, daß es ihre Tochter ablehnen müsse, nach allem, was geschehen, ihn jemals wiederzusehen, entledigte sie sich pathetischer, als gerade nötig gewesen wäre, wobei sie das Vergnügen, in einer so wichtigen Szene mitzuwirken, so wenig als ihre natürliche Liebenswürdigkeit und den Wunsch, Eindruck zu machen, verhehlen konnte. Dies ergab eine hochdramatische Strafpredigt, der es doch aber an einer anmutigen, in sich selbst schwelgenden Koketterie nicht fehlte. Immer, wenn sich eben ihr beleidigter Mutterstolz ganz entfalten wollte, mischte sich die Gewohnheit, lächelnd zu bezaubern, das unschuldige Behagen an einer gewandten, von überraschenden Einfällen heiter belebten Konversation, die Lust zu gefallen, etwas störend ein. So scharmant und gleichsam mit einem Duft von Orangen abgekanzelt zu werden, ließ sich Franz nicht verdrießen, und er wartete neugierig ab, ob sie ihn schließlich grandios verfluchen oder zum Tee bitten würde. Daß er so gut zuzuhören verstand, stimmte sie sichtlich milder, ihrer Entrüstung ging bald der Atem aus, und bevor er sich noch entschuldigen, sich verteidigen konnte, schien sie schon halb versöhnt, wofern er sich nur durch ihre Beredsamkeit überwunden gab, sein Unrecht eingestand und abzubitten bereit war. Sie hätte dann wahrscheinlich gleich die Tochter gerufen und beide gerührt triumphierend umarmt. Er mußte der Jahre gedenken, die er in Italien verlebt, und wie glücklich er sich unter diesen ewigen Kindern des Augenblicks gefühlt hatte, denen alles immer gleich zum heiteren Spiel, zum glänzenden Fest wird. Aber Klara tat ihm sehr leid. Zu welcher furchtbaren Einsamkeit war sie mit dieser Mutter verdammt, die nichts von ihrer Tochter ahnte! Er fand hier sein eigenes Schicksal wieder. Ist es das Los aller Menschen, gerade ihren Nächsten am fernsten zu sein? Aber er mußte Klara vor allem diese Beschämung ersparen! Ihre Weigerung, ihn zu sehen, der Brief, ihrem Wesen so fremd, wie gar nicht von ihr geschrieben, und nun gar noch diese Torheit, die Mutter vermitteln zu lassen, das bewies ihm doch alles, daß sie von Sinnen war. Er hatte sie erschreckt, er verstand freilich nicht, daß sie ihn noch so wenig kannte, aber er selbst kannte sich doch auch nicht, er kannte ja selbst sein eigenes Gefühl für sie nicht, er hatte sich doch selbst immer wieder darüber getäuscht und sich immer wieder etwas anderes eingeredet, bald ein Bedürfnis nach ruhiger, klarer Freundschaft, bald Verliebtheit, bald wieder den Wunsch, geistig beraten zu werden, und was nicht alles noch? und nur das eine nicht, was er jetzt erst so selig erkannt, daß es dies alles ja nicht war, sondern dies alles zusammen, Freundschaft und Verliebtheit und das tief beglückende Gefühl, ein Wesen zu haben, an dem er alles hatte, daß es die Liebe war, zum erstenmal in seinem Leben einfach die wirkliche Liebe, an die er schon gar nicht mehr geglaubt hatte! Er konnte das doch aber unmöglich der Alten erklären! Und was immer er ihr auch sagen mochte, die Vorstellung, wie falsch es von ihr der Tochter überbracht werden, wie lächerlich es in ihrem Munde klingen und wie nur immer wieder ein neues Mißverständnis entstehen würde, steigerte seine Verlegenheit noch. Die Alte, er selbst, sie in ihrer unaufhaltsamen, doch immer fehlschießenden Beredsamkeit, er in seiner Ratlosigkeit, dieses ganze Hochgericht in dem lieben kleinen Salon, das alles kam ihm unheimlich grotesk vor. Er erhob sich auf einmal und sagte mechanisch: »Ich bitte mir zu erlauben, daß ich Ihrer Tochter, da sie mich leider nicht anhören will, schriftlich das Mißverständnis aufkläre, das –!« Weiter ließ ihn die Alte nicht, und sie war wieder ganz Mutter der Gracchen, als sie losfuhr: »Mißverständnis? Welche Verwegenheit, das ein Mißverständnis zu nennen!« Und schon sprangen alle Brunnen ihrer sittlichen Entrüstung wieder. Was ihn aber besonders verdroß, war, daß sie sichtlich keinem Manne verdachte, Lust auf ihre Tochter zu haben, was sich für sie von selbst zu verstehen schien, und ihm offenbar nur übelnahm, der Frau Hauptmann, einer geborenen Baronin, der Enkelin eines Ministers den gebührenden Respekt versagt zu haben. Für die Reinheit Klaras und die Unverletzlichkeit ihres Wesens hatte sie kein Gefühl, und er ließ sich, so aussichtslos es ja war, dennoch, gereizt, zu der Beteuerung hinreißen, daß doch nur ein Wahnsinniger gegen ein Geschöpf wie Klara sich einer unedlen Empfindung erdreisten könnte. Das kam der Alten unerwartet, sie schwieg, sah verwundert auf und fragte dann, auf einmal in einem ganz anderen Ton, noch halb ungläubig, doch schon fast zutraulich: »Wollen Sie damit sagen, daß Sie ernste Absichten haben?« Auf diese Frage war nun wieder Franz nicht gefaßt, und bevor er antworten konnte, verklärte sich ihr altes, großes, hartes Gesicht, ihre neugierigen Augen erglänzten, und ihre Stimme tränte, als sie begeistert seine Hand ergriff und lachend rief: »O verzeihen Sie! Nein das Kind! Ich wußte doch! Aber sie ist ja verrückt! Ich hab doch gleich gesagt: unmöglich, ein Graf Flayn, was denkst du! Es war ja aber mit ihr nicht zu reden, bis ich, um sie nur zu beschwichtigen, ihr versprechen mußte, Ihnen das Haus zu verbieten, und ich konnte ja nicht wissen, nicht wahr? wir kannten uns ja leider nicht, aber mein Blick hat mich nicht betrogen, welches Glück!« Und bevor er noch recht wußte, was geschehen war, saß sie neben ihm und begann ihm ihr Herz auszuschütten, über den Unverstand ihrer beklagenswerten Tochter, die noch immer den Tod des Gatten nicht verwinden, in das Unabänderliche sich nicht ergeben, von ihrem Schmerze nicht trennen könne, was Gott doch sicher ja gar nicht will, in so jungen Jahren noch dazu, ach das trotzige, das störrische Kind, aber jetzt, da sie das Vergnügen, ihn zu kennen, und keinen leisesten Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit mehr habe, der sie selbst übrigens immer schon vertraut, jetzt werde sie sie schon zur Räson zu bringen wissen, er könne sich darauf verlassen!

Als er ging, war er sozusagen verlobt. Er mußte lachen. Es sah ihm gleich, bei der Schwiegermutter anzufangen, sein Leben machte gern solche Umwege. Was Anton dazu sagen wird? Begeistert sein und ihn noch mehr bewundern! Alle werden begeistert sein, bis auf sie, bis auf die Hauptperson. Oder eigentlich: bis auf die beiden Hauptpersonen, denn auch über sich selbst war er sich ja noch keineswegs klar. Es kam ihm doch unerwartet. Er hatte zuweilen ans Heiraten gedacht, aber doch immer ohne dabei jemals an eine bestimmte Frau zu denken. Er wünschte sich, verheiratet zu sein, war aber noch keiner Frau begegnet, mit der er es sich gewünscht hätte. Am ehesten noch mit einer, die ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, etwa wie die Gabsch. Da hatte die Vorstellung etwas sehr Beruhigendes, da kam der Sinn der Ehe mehr zur Geltung. Aber Klara? Das war doch weniger beruhigend. Er erinnerte sich jetzt, daß ihn ja der Domherr auch neulich gefragt hatte: »Wollt ihr heiraten?« Der hatte das aber doch kaum ernst gemeint. Warum aber eigentlich nicht? Es war nicht gerade standesgemäß, immerhin aber auch keine Mißheirat. Und wahrscheinlich noch das Gescheiteste für ihn. Er mußte doch endlich erkennen, daß er es nicht ertrug, sich selbst überlassen zu sein. Er war ein Mensch, der sich schließlich in alles fand, in jedes Leben, welcher Art immer, wenn man ihm nur nicht die Wahl, nur nicht ihn selbst entscheiden ließ! Vielleicht hatte das Schicksal es ihm noch nie so gut gemeint, und ihn störte vielleicht dabei nur, daß sein Gefühl für Klara ja bisher doch mehr die Richtung auf die große Leidenschaft hatte, was ihm aber ja freilich auch wieder nicht ganz gewiß war. Es ging ihm ja merkwürdig mit ihr. Sie gefiel ihm aus der Ferne, wenn er an sie dachte, besser als in ihrer Gegenwart. Er liebte, philosophisch ausgedrückt, die Idee von ihr mehr als ihre Erscheinung. Vielleicht wurde das, wenn er nur erst mit ihr verheiratet war, anders. Wenn er nur schon mit ihr verheiratet wäre! Diese Ungewißheit aber, was eigentlich jetzt zunächst zu geschehen und besonders, wie er sich dabei zu benehmen hätte, war arg. Das beste wird sein, wenn er sich Anton anvertraut, der, mit seinem guten Hausverstand, sicherlich über das alles viel klarer urteilt als er selbst.

Es traf sich gut, daß Anton ihn im Schlößl erwartete, vom Verwalter geholt, dem es der Blasl wieder einmal gar zu toll trieb. Franz kam gerade dazu, als der wunderliche Alte zerknirscht um Verzeihung bat. Kaum waren sie allein, da fragte Anton: »Ist dir in der letzten Zeit an Gabsch nichts aufgefallen?« Und ohne erst die Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Es ist ja zu blöd! Eigentlich zum Lachen! Sie tut einem aber doch leid. Nämlich, gestern abends auf einmal, ich lag schon im Bett, macht sie mir eine große Szene, und weißt du, warum? Ja! Sie bildet sich plötzlich ein, daß sie verliebt ist, und zwar, erschrick nicht! in dich. Die Frauen sind doch alle gleich, wenn sie in die gewissen Jahre kommen.« Franz erschrak wirklich. Das fehlte ihm jetzt gerade noch! Er sagte: »Du glaubst mir hoffentlich, wenn ich dir mein Wort gebe, daß –!«

Anton ließ ihn nicht ausreden: »Unsinn! Ich weiß doch, ich bin ja kein Trottel. Natürlich ist kein wahres Wort daran, weiß der Teufel, was ihr einfällt!«

»Da werd ich wohl abreisen müssen,« sagte Franz.

»No sei so gut!« rief Anton. »Das wär das Dümmste. Nein im Gegenteil! Und nur darum erzähl ich dir's überhaupt, kannst dir ja denken, daß mir das gerade kein Vergnügen macht! Ich muß dich aber bitten, daß du mir den Gefallen tust, dich ihr in der nächsten Zeit möglichst viel zu widmen, geh mit ihr spazieren oder mal sie wieder und sei auf jeden Fall soviel als möglich mit ihr zusammen, es wird dich ja langweilen, aber tu's bitte mir zuliebe!«

»Gern,« sagte Franz erstaunt, »aber ich begreife nur nicht recht –?«

»Verstehst denn nicht?« fragte Anton ungeduldig. »Sie hätt mir da gleich einen ganzen Roman erzählen wollen, aber das hab ich mir natürlich verbeten und ihr einfach erklärt, daß es das nicht gibt, und damit Schluß! Für mich ist das ja wirklich der einzig mögliche Standpunkt. Ich kann auch nicht garantieren, daß ich nicht auch auf meine alten Tage plötzlich noch irgendeine Dummheit machen möcht, das weiß ich nicht, aber ich weiß, daß ich dann einfach Halt sage, von Anfang an: Halt, das gibt's nicht! Nicht: das darfst du nicht, das sollst du nicht, das wirst du nicht, du mußt widerstehen, mußt dich beherrschen, mußt entsagen und so weiter, o nein! Denn wer sich erst auf derlei Geschwätz einläßt, der ist schon halb verloren. Nein, von einem anständigen Mann, von einer anständigen Frau verlang ich mehr, da verlang ich, daß sie sich das von vornherein überhaupt nicht zugeben, sie dürfen gar nicht zugeben, daß das vorkommen kann. Wenn man weiß, daß es nicht vorkommen kann, kommt es dann auch nicht vor. Und dadurch allein unterscheiden sich ja die anständigen Frauen von den anderen. Wenn einer, der irgendwo ein Geldtaschl liegen sieht, erst überlegt, ob er es nehmen soll oder nicht, der ist schon ein Dieb, auch wenn er's dann schließlich vielleicht doch nicht nimmt. Und eine Frau, die dem Gedanken, ihren Mann zu betrügen, erst widerstehen muß, die hat ihn schon betrogen. Gewisse Dinge sind für einen anständigen Menschen überhaupt nicht vorhanden, und Menschen, für die diese Dinge überhaupt in Frage kommen, sind für mich nicht vorhanden. Und so hab ich ihr in aller Ruhe gesagt: Red keinen Unsinn, das gibt's nicht, und ich mag nicht einmal im Spaß davon hören! Und aus war das ganze Theater.«

»Warum meinst du dann aber,« fragte Franz, »daß ich jetzt viel mit ihr sein soll? Ich habe nichts dagegen, ich sehe nur den Grund nicht ein.«

»Damit sie sich gewöhnt, das Geldtaschl liegen zu sehen,« sagte Anton lachend. »Nichts dümmer, nichts so falsch, als vor einem Kind, was es nicht essen oder nicht trinken soll, zu verstecken. Ich stell den Kindern die Schüssel oder den Humpen vor die Nase hin und sage nur: davon wird nicht gegessen, davon wird nicht getrunken. Und Frauen bleiben in mancher Hinsicht immer Kinder. Darum möcht ich dich schon sehr bitten, daß du mir das Opfer bringst. Ich nehme die Geschichte nicht tragisch. Jede kommt an die Reihe, die eine ein bißchen früher, die andere ein bißchen später. Bei ihr tritt's ja noch ziemlich sanft auf. Die Hauptsache ist, daß man sich von vornherein nicht darauf einläßt. Wie bei Kindern, die sich fürchten, im Finstern allein zu sein. Man darf das einfach nicht anerkennen. Sie wird sich ja kaum trauen, dir davon etwas anzudeuten. Tut sie's doch, so mach's wie ich. Lach sie aus und red von was anderem. Wenn sie sieht, daß es ihr niemand glaubt, glaubt sie's am Ende selbst auch nicht mehr. Du tust mir einen großen Gefallen.«

»Soll ich ihr sagen,« fragte Franz, »daß ich vielleicht heiraten werde!«

»O!« rief Anton erfreut. »Da gratulier ich dir von ganzem Herzen!« Und er hielt ihm beide Hände hin.

»Und du fragst gar nicht wen,« sagte Franz, fast etwas ärgerlich.

»Nein,« sagte Anton lachend. »Wen denn sonst? Du hättest auch gar keine bessere finden können. So ein Glückspilz! Und in aller Heimlichkeit! Mein Junge, das hast du vortrefflich gemacht!«

»So weit sind wir ja noch nicht,« sagte Franz verlegen.

»Erzähl doch, Duckmäuser!« drängte der Bruder. Aber das war für Franz gar nicht so leicht, weil er dem geraden Sinn Antons kaum zumuten konnte, sich in so verflochtenen Stimmungen zurechtzufinden. Und dadurch, daß er manches weglassen mußte, was Anton ja doch nie verstanden hätte, gewann sein Bericht auch gerade nicht an Klarheit. Aber Anton schien nichts zu vermissen, und gar die Schilderung der Alten fand er entzückend. »Es ist nur ein Glück, daß es Mütter gibt, ohne ihre Nachhilfe kämen die meisten Ehen nicht zustande. Ich an deiner Stelle würde ruhig alles der Alten überlassen. Geh doch einfach morgen hin und halt in aller Form um ihre Tochter an! Sie wird das dann schon arrangieren, da ist mir nicht bang. Ich bin ja nur so froh, daß du dich endlich entschlossen hast, und glaub mir, du wirst es nicht bereuen. Einstweilen aber wollen wir das doch gleich mit einer Waldmeisterbowle begießen, ganz unter uns natürlich, im tiefsten Geheimnis, no Gabsch wird schauen, es trifft sich ja famos!«

Die Waldmeisterbowle ging glimpflicher ab, als Franz befürchtet hatte, dem doch Gabsch eigentlich leid tat. In solchen kleinen häuslichen Festen war Anton ein Künstler, unwiderstehlich in seiner harmlosen Heiterkeit und seinem kindischen Behagen an den einfältigsten Späßen. Ohne Gabsch vorzubereiten, fiel er gleich mit der Nachricht von der Verlobung ins Haus und ließ Gabsch erst gar keine Zeit zu Gefühlen, in seiner Ungeduld, ein Festmahl improvisiert, den Saal feierlich erhellt, einen Ehrensitz für den präsumptiven Bräutigam, einen zweiten für die leider noch ahnungslos abwesende Braut mit Blumen geschmückt zu sehen, wobei er alle so durcheinander jagte, zugleich aber auch alle so mit seiner eigenen Ausgelassenheit ansteckte, daß selbst die Kinder, selig, einmal länger aufbleiben zu dürfen, selbst die atemlosen Diener in dem allgemeinen Freudenrausch mitschwammen, dessen Grund ihnen unbekannt blieb. Wenn Franz Anton zusah, begriff er des Domherrn ihm unbegreifliches Wort, daß es immer nur auf den Willen ankommt. Bei Menschen wie Anton kam es wirklich nur auf den Willen an. Was sie wollten, war. Was sie nicht wollten, war für sie nicht. Von Tag zu Tag erschufen sie sich ihr Leben selbst und schufen dabei gleich auch das der anderen, und Franz sah das an Gabsch, die, bei dem halb feierlichen, halb närrischen Toast Antons auf das Glück einer wahren Ehe, so von Gefühlen ihres eigenen Eheglücks überwältigt wurde, daß sie sich der vermeintlichen Leidenschaft, von der es eben noch bedroht gewesen offenbar schon kaum mehr erinnern konnte. Für Menschen von Antons innerer Kraft war das Leben wirklich nur eine Turnübung ihres Willens.

Franz hatte den nächsten Tag Kopfweh, und nur weil er es nun Anton einmal versprochen hatte, fuhr er zur Alten. Es war ihm gar nicht gut zumut, und er bereute fast, sich Anton anvertraut zu haben. Er wäre noch auf der Stiege lieber umgekehrt und hatte schon angeläutet, als er sich plötzlich entschloß, dann doch lieber gleich mit Klara selbst zu sprechen. Zu seiner Verwunderung ließ ihn die Magd ein, zu seiner Enttäuschung fand er sich aber dennoch vor der Mutter, die noch beredter als gestern war, aber einigermaßen verlegen schien und einige Zeit brauchte, bis sie Franz gestand, daß ihre Tochter die Gewohnheit habe, zweimal in jedem Jahr geistliche Übungen zu halten, in welcher Zeit sie stets in völliger Einsamkeit zu leben pflege, wie jetzt eben wieder. Es sei vergeblich, sie davon abbringen zu wollen; das arme Kind habe nun einmal seit dem Tode des Gatten nichts auf der Welt als ihren Glauben, er dürfe sich nur aber um Gottes willen dadurch nicht abschrecken lassen, denn sie zweifle nicht, daß, sobald nur erst – Aber Franz hörte kaum mehr recht zu. Er war froh. Es lag nicht an ihm, wenn sich wieder nichts entschied. Er hatte den Rat Antons befolgt, er hatte das Seine getan. Die geistlichen Übungen wird auch Anton gelten lassen. Hoffentlich dauerten sie lange. Und er lebt in dieser unbestimmten Erwartung fort, so zwischen Furcht und Hoffnung, entschlossen, doch untätig, aber ja nicht durch seine Schuld, und sich dem Schicksal ruhig überlassend; wenn es ihn aber vergißt, kann er schließlich auch nichts dafür, ein Gewaltmensch ist er nun einmal nicht. Er war so guter Laune, daß ihm die Schwiegermutter heute viel besser gefiel als gestern, und ihre vagen Versicherungen, daß nur ein Mann, der nach ihrer Beschreibung ihm sehr ähnlich sah, ihr tief gebeugtes Kind erlösen könne, schmeichelten ihm. Es blieb ihm nicht erspart, daß sie schließlich auch noch ihre Enkelin rief und er sich an dem unerträglich wohlerzogenen Püppchen als Stiefvater üben mußte.

Wochen vergingen, bis seine Geduld durch ein Blatt von Klaras Hand belohnt wurde, das ihn zu ihr beschied. Er hatte sie fast einen Monat nicht gesehen, seit jener letzten Maiandacht, und erkannte sie kaum wieder. Er wußte gar nicht gleich, was sie so veränderte. Eine tiefe Müdigkeit, die wie ein schwerer Mantel auf ihr lag, ließ sie größer, frauenhafter und noch ernster erscheinen, als er sich ihrer erinnerte, und gab ihr etwas Abendliches, einen Schimmer von tiefer Ruhe, ja fast von Zärtlichkeit, und selbst ihre Stimme klang weicher. Da saß er wieder in dem stillen Raum auf demselben Stuhl vor ihr wie damals bei seinem ersten Besuch. Fast feierlich war ihm zumute, während sie heiter ihre Mutter zu schildern begann, die nun einmal in der besten Absicht stets die größten Konfusionen mache, vielleicht sind aber schon alle Mütter so! Doch habe das diesmal wenigstens das eine Gute gehabt, daß es sie beide genötigt, sich klar zu werden. Er wolle sie heiraten, eine Ehre, die sie zu schätzen wisse, leider aber ein für allemal ablehnen müsse, womit nun hoffentlich alle Mißverständnisse für die Zukunft erledigt seien.

»Ich fürchte,« sagte Franz, »das ist ein Irrtum, mir kommt eher vor, als wenn es schon wieder ein neues Mißverständnis wäre – hören Sie mir bitte nur einen Augenblick zu. Ich bin weder so dumm, zu meinen, daß eine Frau wie Sie zum zweiten Male lieben kann, noch der Geck, mir einzubilden, Sie könnten um mich Ihren Mann vergessen. Wäre das überhaupt möglich, so wären Sie nicht, was Sie mir sind! Aber nein, Sie sollen ihm ja nicht untreu werden, kein Verrat an dem Toten wird Ihnen zugemutet, sondern ich hätte niemals um Ihre Hand angehalten, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr Herz dem Toten bleibt, wenn ich mich nicht gerade dadurch sicher fühlte – verzeihen Sie den Ausdruck, aber ich muß jetzt schon ganz aufrichtig gegen Sie sein, also ich meine: sicher vor Ihrer Liebe, mißverstehen Sie mich bitte nicht! vor jener Art Liebe mein ich nämlich, wie Sie, denk ich mir, den Hauptmann geliebt haben müssen, denn so geliebt zu werden bin ich unwürdig, und nicht bloß unwürdig, sondern wahrscheinlich auch unfähig, ich will sagen, daß ich einer solchen Liebe sicherlich gar nicht gewachsen wäre, ich hätte Angst und würde davonlaufen vor ihr!« Er hatte rasch gesprochen und hielt jetzt ein, verwundert über seine eigenen, ihn selbst überraschenden Worte; er schien eine Zeit zu brauchen, um sich selbst erst darin zurechtzufinden. Sie sah ihn an und sagte dann spöttisch: »Sie sind wirklich sehr aufrichtig.« Er erwiderte: »Gott sei Dank! Ich fange jetzt an, mich allmählich kennen zu lernen. Ich habe bisher mein Leben in Gefühlen zugebracht, die gar nicht die meinen waren, sondern die ich mir nur sozusagen fertig kommen ließ, und entdecke jetzt, daß die meisten dieser Gefühle mich gar nichts angehen. Ich habe bisher innerlich weit über meine Verhältnisse gelebt, gewissermaßen auf Borg, und kann zu meiner Entschuldigung nur sagen, daß ich ja, wenn ich mich unter meinen Bekannten umsehe, keineswegs der einzige bin und mich doch von den anderen noch zu meinen Gunsten unterscheide, weil ich es wenigstens einsehe. Daß ich es aber jetzt einsehe und mich rangieren will, das verdank ich Ihnen! Seit ich Sie kenne, fang ich endlich an, zum erstenmal ehrlich gegen mich zu sein. Es gelingt mir noch nicht immer, so schnell zieht man ja seinen alten Menschen nicht aus. Auch ist in mir noch immer eine Neigung da, mein eigenes Gefühl zuweilen sozusagen aus dem Vokabular anderer zu benennen, aber seit ich Sie kenne, kommt dann doch stets wieder ein Augenblick, wo, wie jetzt eben, auf einmal alles in mir klar und keine Selbsttäuschung mehr möglich ist, und gerade dafür bin ich Ihnen ja so unendlich dankbar.«

»Und aus lauter Dankbarkeit,« fragte Klara, »wollen Sie mich heiraten?« Sie schien es auf einen Scherz abzusehen, der aber gelangweilt klang und fast etwas gereizt.

»Ich will Sie heiraten,« sagte Franz, »weil ich glaube, daß das eine wahre Ehe werden könnte. Mir hat es immer an inneren Grenzen gefehlt, ich verliere mich immer über mich hinaus, ins Weite, so hab ich eigentlich immer gewissermaßen auf einem fremden Fuß gelebt, und erst seit ich Sie kenne, weiß ich das, Sie weisen mich auf mich selbst, in mich selbst zurück, das ist es, was ich brauche, wie Sie wieder, Ihrem ganzen Wesen nach, einen Menschen brauchen, dem Sie etwas sein, den Sie lenken und innerlich vorwärts, aufwärts bringen, aus dem Sie den guten Willen, der in ihm steckt, hervorholen können. Sagen Sie selbst, ob damit nicht alle Bedingungen einer wahren Ehe gegeben sind, und im höchsten Sinne!«

»Sie überschätzen mich,« sagte Klara. Franz blickte verwundert auf. Sie fuhr fort: »Nein, ich danke!« Sie stand auf und trat ans Fenster. Er konnte sich nicht erklären, wodurch er sie beleidigt zu haben schien. Sie sagte: »Sie sind mir viel zu jung, Herr Graf! Sie haben ja ganz recht, Sie brauchen wirklich noch eine Gouvernante – denn darauf geht das ja schließlich doch hinaus. Aber Sie wenden sich an die falsche Adresse, mir fehlt dazu leider das Talent, ganz und gar.«

»Ich bin mir nicht bewußt, Sie gekränkt zu haben,« sagte Franz ratlos.

»Nein, Sie sind ganz unschuldig,« erwiderte sie, »das muß man Ihnen lassen, ich fürchte nur, Sie sind kein Menschenkenner, aber nehmen wir selbst an, eine solche Ehe, wie Sie sie schildern, die also darin bestehen soll, daß eins dem anderen seine Schulaufgaben machen hilft, wäre möglich und Sie wären der ideale Mann, was ich ja gar nicht bezweifeln will, so bin ich jedenfalls nicht die Frau dazu, wahrhaftig nicht!«

»Sie sind es, Klara,« rief Franz. »Sie oder keine!«

»Wahrscheinlich keine,« sagte Klara trocken. »Und somit nochmals vielen Dank, ich fühle, welche Ehre mir durch Ihren Antrag zugedacht wird, aber ich verdiene sie nicht.«

»Verzeihen Sie,« sagte Franz betreten, »aber Ihre Mutter hatte mir Hoffnungen gemacht, und offenbar hab ich mir auch in Ihren Briefen manches günstiger ausgelegt, als es, wie sich jetzt zeigt, gemeint war.« Er stand verlegen auf, da kam sie vom Fenster zurück und sagte langsam: »Ja Sie haben ganz recht. Ich darf mir's nicht gar so leicht machen wollen. Sie können verlangen, die Wahrheit zu hören. Und das soll doch auch meine Buße sein. Dazu bat ich Sie ja her. Nur Ihr etwas gar zu idyllischer Eheplan hat mich aus dem Text gebracht. Also bitte setzen Sie sich nur wieder und hören Sie, wie ich wirklich bin – anders kommen wir ja doch zu keinem Ende!« Und sie begann in Hast ihre seltsame, mit dem geliebten, herrlichen, doch verbitterten, vereinsamten, mißtrauisch, mürrisch und menschenfeindlich gewordenen Vater verbrachte Jugend zu schildern, ließ es aber gleich wieder und sagte: »Doch darauf kommt's ja gar nicht an, was kümmert Sie das? Ich will nur, daß Sie mich nicht noch länger ganz anders sehen, als ich bin. Durch meine Schuld, denn Sie mußten mich ja für verliebt in Sie halten!«

»Nein!« sagte Franz beteuernd.

»Nein?« fragte sie, nicht ohne Spott. »Sollten Sie die Frauen so wenig kennen? Aber wenn Sie's nicht glaubten, so fühlten Sie's doch und erwiderten es, mich allein trifft die Schuld, Ihre Empfindung war nur ein Echo der meinen!« Sie hielt einen Atemzug lang ein, bevor sie fortfuhr, ganz ruhig, ganz sachlich Bericht erstattend: »Ich habe mir als Buße auferlegt. Ihnen alles zu bekennen. Meine Verwirrung, als wir uns zum erstenmal sahen, meine Angst, als Sie mir folgten, meine Verlegenheit, als Sie mich besuchten, mein launisches, albernes, künstliches, mir selbst unausstehliches Wesen, der falsche Ton meiner Briefe – ja haben Sie denn nicht vom ersten Augenblick an gewußt, daß ich Sie liebte?«

»Klara!« rief Franz, der an sein Glück noch gar nicht zu glauben wagte.

»Gedulden Sie sich noch ein wenig,« sagte sie. »Ich darf jetzt davon sprechen, weil ich es überwunden habe, weil es vorüber ist, weil wir uns ja niemals mehr sehen werden.«

»Nein, Klara! Sie täuschen sich, mein Gefühl ist nicht bloß ein Echo des Ihren, das war es vielleicht anfangs, Sie mögen recht haben, aber jetzt, ich schwöre Ihnen –.«

»Schwören Sie nicht!« sagte Klara lächelnd, »ich würde Ihnen doch nicht glauben, und wenn ich Ihnen selbst glaubte, das würde ja auch nichts ändern. Es darf nicht sein, und seit ich erkannt habe, daß es nicht sein darf, ist es gar nicht mehr. Es ist vorüber. Das einzige, was mir mein Vater hinterlassen hat, hab ich mir bewahrt: die Kraft, wissentlich niemals unrecht zu tun. Seit ich weiß, daß es unrecht wäre, ist es weg. Ich fühle mich jetzt ganz sicher. Mein Herz konnte mir meinen Kopf ein bißchen verwirren, bis dann mein Gewissen zu schlagen begann, jetzt hab ich mich schon wieder. Und nicht aus Furcht, daß etwa mein Gefühl wiederkehren könnte, will ich Sie nicht mehr sehen, sondern bloß, weil es mir stets eine unangenehme Erinnerung wäre, an einen Augenblick der Schwäche, des inneren Versagens, einer häßlichen Untreue gegen mich selbst, deren ich mich sehr schäme.«

Nach einer Pause sagte Franz: »Ich verstehe, ich bewundere diese Treue, aber sollen Sie deshalb in so jungen Jahren verurteilt sein, Ihr ganzes langes Leben vertrauern zu müssen und um des Toten willen für keinen anderen Mann mehr empfinden zu dürfen? Wer gebietet Ihnen das? Unsere Religion nicht, wir sind nicht in Indien, wir verbrennen die Witwen nicht.«

Sie war sehr bleich, als sie mühsam antwortete: »Sie mißverstehen mich wieder! Ich handle, wie ich handeln muß, ich darf Sie nicht lieben, darf es nicht, aber nicht aus Treue gegen den Toten, das ist es nicht, nein! Wie soll ich's Ihnen nur erklären? Es wird mir schwer. Aber zu meiner vollen Buße gehört wohl, daß ich auch das noch überwinde!« Sie schwieg eine Zeit und wiederholte dann: »Leicht wird es mir nicht. Und wie soll das auch ein Mann begreifen können? Ich müßte Ihnen meine ganze Kindheit erzählen, Sie müßten meinen Vater gekannt haben! Er war ein tiefer Mensch, der so rein im Geiste lebte, daß er alle Wirklichkeit eigentlich immer nur als eine lästige Störung empfand, die man gar nicht anerkennen, auf die der Mensch gar nicht achten darf. Fromm erzogen, zum Gebet und zu den strengsten Übungen der Andacht angehalten, war ich bald den Umgang mit Gott so gewohnt, daß ich mich noch ganz gut des ratlosen Entsetzens erinnern kann, in das ich als junges Mädchen geriet, wenn in mein ängstlich bewachtes Paradies zuweilen doch einmal ein irdischer Laut drang und mich erraten ließ, daß wir auf der Erde, daß wir unter Menschen waren. Meistens geschah das, da wir ja ganz einsam lebten, nur durch irgendein unbedachtes Wort meiner Mutter, das die Arme dann immer bitter zu bereuen hatte, denn mein Vater konnte darüber in eine namenlose Wut, in einen wahrhaft heiligen Zorn geraten. Er hielt mich möglichst fern von ihr, in einer Art Eifersucht, die oft bis zum Haß ging. Warum er sie hassen mußte, hab ich viel später erst allmählich begreifen lernen, in meiner eigenen Ehe. Die Mutter konnte wirklich nichts dafür, und mein Trost ist nur, daß sie es ja wahrscheinlich gar nicht so stark empfunden haben wird. Ich glaube nicht, daß sie viel von dem erfuhr, was in meinem Vater vorging. Eigentlich war ich weit mehr seine Frau als sie. Auch durch seinen Tod verlor ich ihn nicht. Ich hatte nur abends vor dem Einschlafen mich zu bekreuzigen, die Hände zu falten und still an ihn zu denken, so war er gleich wieder da und sagte mir auf jede Frage deutlich, was ich zu tun hätte. Ich verlor ihn erst, als ich heiratete. Von dem Augenblick an, als ich meinen Mann kennen lernte, war ich eine andere. Ich hatte mich nicht mehr, ich verschwand, ich war nur noch für ihn, war nur noch in ihm, war nur noch er. Es ist die seligste Zeit meines Lebens gewesen, und die schrecklichste. Denn seit ich weg war, war mir auch Gott weg. Und ich bemerkte das aber nicht einmal! Ich kann mir ja jetzt, Gott sei Dank, gar nicht mehr auch nur vorstellen, wie das damals mit mir gewesen sein muß, ich bin es nicht gewesen! Alles warf ich in den gierigen Schlund meiner Leidenschaft, und sie fraß es auf, aber nichts konnte sie sättigen, erst verschlang sie mich, doch ihr Hunger blieb ungestillt, bis sie mir zuletzt auch das Leben des geliebten Mannes verschlang, in den Tod hinein hab ich ihn geliebt, ich war schuld, nur ich! Ein unglücklicher Zufall hieß es, und sein Leichtsinn, die Schrauben nicht nachzusehen! Ich weiß es besser: es war die Strafe.« Das Blut wich aus ihren Lippen, sie wurden so weiß wie ihr Gesicht, aber sie gab sich nicht nach, sie zwang sich, fortzufahren: »Nein, jetzt weiß ich noch mehr! Nicht die Strafe war es, nein, es war die Gnade. Gott hat mich nicht fahren lassen wollen, ich hatte Gott vergessen, er aber mich nicht, so riß er mich wieder an sich, indem er mir den Mann zerschlug, der mich ihm entrissen hatte. Das war es, nur ich bin schuld, ich ganz allein! Ich habe lange gebraucht, bis ich das einsehen lernte.« Nach einer Weile gelang es ihr erst, indem sie ihre ganze Kraft aufbot, noch zu sagen: »Und bis ich so weit war, von ganzem Herzen Gott dafür danken zu können. Es ist so schön, daß er mich mit niemand teilen will. Er sei gepriesen!« Sie schlug das Gesicht in ihre weißen Hände.

Franz, gewohnt, wenn er auf ein neues Problem stieß, stets darüber gleich sich selbst mit allen seinen Angelegenheiten zu vergessen, war schon wieder bereit, auch auf diesen interessanten Fall innerlich einzugehen, von dem er sich manche Belehrung versprach. Er sagte nachdenklich: »Der Gedanke, Liebe trenne den Menschen von Gott, überrascht mich. Ich muß sagen, daß dies doch allen unseren Denkgewohnheiten widerspricht. Hören wir denn nicht überall, daß sie mit Gott vereint? Ist sie nicht die höchste Tugend? Ist die Ehe nicht ein Sakrament?«

»Es ist ein teuflischer Einfall der Menschen,« sagte Klara, »daß sie für das reinste Gefühl dasselbe Wort haben wie für das infamste. Es gibt eine Liebe, die in dem geliebten Wesen Gott liebt und nur ihn. Aber so zu lieben, bin ich nicht fähig. Ich war es damals nicht und bin es heute noch nicht. Es scheint, daß auch ich mein Gefühl nicht teilen kann. Ich kann entsagen, ja, dann aber ganz. Das kann ich und das will ich auch, denn es macht mich selig. Damals war ich auch selig, aber unter den bittersten Schmerzen. Nie mehr, nie mehr! Ich hab's überwunden, ich habe mich besiegt, ich habe mich wieder, in Gott! Ich würde den erwürgen, der mich ihm wieder raubt.« Sie erschrak selbst, versuchte zu lächeln und hatte jetzt wieder diese gläserne Stimme: »Nein, lieber Graf, das wäre nichts für Sie! Sie haben sich das doch so schön ausgemalt, Sie sagten doch selbst, Sie brauchen eine Frau, bei der Sie sich sicher fühlen. Das wären Sie bei mir wirklich nicht. Ich wäre die unglücklichste Frau, aber auch, glauben Sie mir, ein Unglück für Sie!« Und ihre Stimme taute wieder auf, als sie noch sagte: »Und ich wünsche mir doch von ganzem Herzen nichts so sehr, als Sie glücklich zu wissen. Ich will Sie glücklich machen, indem ich mich opfere. Denn ich würde Sie hassen, wie mein Vater die Mutter gehaßt hat! Ich darf nicht, ich gehöre Gott. Nichts mehr! Schweigen Sie! Ich habe Ihnen dies alles doch nur sagen können, weil wir uns nie wiedersehen!« Und unwiderstehlich bittend hob sie die gefalteten Hände.

Es kam über ihn, sie fest in seinen Arm zu nehmen und fortzutragen, weit von ihr weg. Er dachte daran, indem er ging. Ohne ein Wort, ohne einen Blick auf die Stehende ging er und wußte nicht, ob das sehr edel von ihm war oder kläglich. Draußen kam ihm vor, als riefe sie seinen Namen. Er horchte. Da war alles wieder still. Er mußte sich getäuscht haben. Und er war eigentlich froh. Sie hatte ja wahrscheinlich recht. Und er konnte sich kaum ein stärkeres Erlebnis denken, als ihm diese Stunde geschenkt hat. Die Wirkung wird erst kommen. Das braucht bei ihm immer einige Zeit. Jetzt war er noch wie betäubt.

Zehntes Kapitel

Wie betäubt ging Franz durch die sonntäglich verödete Stadt heim. In den glühenden Gassen nirgends ein Mensch; alles hatte sich aufs Land geflüchtet. Aus den Toren schlug ein dumpfer Geruch in die Hitze, die Sonne stach, die Luft war klebrig vor Staub und Dunst. Seine Schritte hallten in der ausgestorbenen Gasse. Er schrak auf, als durch die Totenstille plötzlich ein Radfahrer um die Ecke bog, in rasender Eile, ohne Hut, den Kopf auf die Lenkstange vorgebeugt, halb liegend, fast überhängend, ihm entgegen und ihn, wenn er nicht noch rasch weggesprungen wäre, streifend, aber auch schon weg, schon wieder weiter, jetzt in einem fort sinnlos läutend, während er durch die tote Stadt raste. In ihrer Öde schien sie größer, die Häuser höher, die Gassen länger als sonst; und der blasse Himmel darüber wie ein Glassturz. Franz blieb aufatmend stehen, als er endlich im Freien war. Eben fuhr drüben ein Wagen der Elektrischen ein, ganz schwarz von gedrängten, flüsternden, aufgeregten Menschen. Warum kehrten sie schon heim? Es war noch früh und kein Wölkchen am erblaßten, wie leicht gepuderten Himmel, kein Anzeichen eines Unwetters, vor dem sie geflüchtet wären. Und was flüsterten sie so gierig? Aber schon war der Wagen wieder weg, in ungewohnter Eile. Oder bildete sich Franz das bloß ein? Alles war jetzt auf einmal so phantastisch heute. Er stand träge noch lange, und auch die ganze Landschaft rings stand starr, unter dem wolkenlosen, aber fahlen Himmel, an dem die Sonne, statt zu leuchten, qualmend hing. Die Blätter an den Bäumen der alten Allee sahen aus, wie wenn sie aus Blech wären. Der ganzen Landschaft war der Atem ausgegangen, als hätte sie plötzlich ein unerträglicher Anblick, eine furchtbare Drohung gelähmt. Unnatürlich heiß war es, und auf eine ganz ungewohnte Art heiß, von einer Hitze, die aus der Erde zu dampfen und in Manneshöhe qualmend hängen zu bleiben schien. Franz hatte das Gefühl, rings ganz in Gummi zu stecken, er konnte kaum mehr atmen, sein Herz tat ihm weh. Da sah er am Ende der langen schnurgeraden regungslosen Allee plötzlich einen schwarzen Punkt, der schwoll und auf ihn zu kam. Er ging ihm entgegen, es war ein geschlossener Zug, der sich langsam näherte, stumm, wie ein Leichenzug, aber vorn blitzte etwas, offenbar wurde jemand von einem Gendarm, der das Bajonett aufgepflanzt hatte, eingebracht. Langsam näherte sich der lautlose schwarze Zug, und jetzt sah Franz, daß es der alte Blasl war, der eingebracht wurde, mit gefesselten Händen, und es folgten ihm Bauern und Ausflügler, Männer, Weiber, Kinder, manche mit Feldblumen geschmückt, alle sehr ernst und still, doch offenbar stolz, mit dabei zu sein. Aber der Alte schritt unbekümmert und ruhig voran, ja wenn ihm nicht die Hände gefesselt gewesen wären, eher einem König gleich, der von seinen Getreuen feierlich eingeholt wurde. Er würdigte Franz keines Blicks aus seinen erloschenen Augen, ja Franz wußte nicht einmal, ob er ihn überhaupt bemerkte, so fest auf sein Ziel zu schritt der Alte rüstig. Aber der Gendarm, den Franz kannte, berichtete salutierend, der Blasl habe bei der Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers so gefährliche Reden geführt, daß er zunächst durchgeprügelt worden sei, dann aber verhaftet, um in die Stadt geführt zu werden, weil er ohne Zweifel auch zu den Verschwörern gehöre. Schon entfernte sich der Zug wieder, und Franz stand da. Was war denn mit ihm? Er hatte das doch mit seinen eigenen Augen gesehen, mit seinen eigenen Ohren gehört! Nein, er träumte nicht, er war auch nicht betrunken. Es konnte doch aber bloß irgendein unsinniges Mißverständnis sein! Er dachte nur darüber nach, wie denn ein so ganz unmögliches, sinnloses Gerücht entstehen und auch nur einen Augenblick hatte Glauben finden können. Denn zu denken, daß es wahr sein könnte, war er unfähig. Daß der Mann, den das Reich seit Jahren erwartet, auf den hin allein es noch lebt, von dem es die Kraft nimmt, wieder an sich zu glauben, daß der gottgesandte Mann plötzlich weg sein könnte, noch vor seiner Sendung weg, unerfüllt weg, nein, eher war denkbar, die Erde hätte sich aufgetan und den Berg verschlungen.

Franz hatte niemals Sinn für Politik gehabt. Er hörte gar nicht zu, wenn politisiert wurde. Es schien ihm der albernste Zeitvertreib, gar in einem Lande, das ja doch nur durch den Willen des Herrschers allein bestimmt wird; die Politiker machten höchstens die Zwischenaktsmusik, aber alle Geschichte war hier immer nur ein persönlicher Ausdruck des Herrschers. Und so hatten sich alle verständigen Leute seit Jahren angewöhnt, einstweilen ruhig zu warten. Das Volk ging seiner Arbeit nach, der Acker wurde bestellt, das Korn stand, der Wein wuchs, Schlote rauchten, Schiffe fuhren, jeder war am Werk, und im übrigen mußte man halt einstweilen warten. Man konnte das um so geduldiger, weil er ja schon da war, der Mann der starken Zukunft. Und wenn einem doch einmal bang wurde, der sagte still vor sich hin: Franz Ferdinand. Und gleich war ihm nicht mehr bang. Die zwei Worte gaben ihm wieder Mut. In den zwei Worten stand die neue Zeit da. Ob sie nun einen Tag früher oder später kam, war ja gleich. Man weiß, sie kommt. Ja sie ist schon da, man fühlt sie schon überall im Lande; sie ist nur gerade jetzt noch auf der Jagd oder fährt auf dem Meer, aber man weiß, sie ist da. Mehr weiß man freilich nicht. Denn niemand kennt ihn ja. Er lebt geheim. Viele fürchten ihn. Wer aber an das Leben glaubt, glaubt an ihn. Es ist ein Gefühl im ganzen Land, wie man es in der letzten Woche vor dem neuen Jahr hat: niemand weiß, was es bringen wird, der Griesgram prophezeit, daß es auch nicht besser sein wird, aber was es auch bringen, was auch daraus werden mag, auf das neue Jahr freuen sich doch alle.

Franz hat ihn niemals gesehen. Man kennt ihn ja bloß aus der Hintertreppenperspektive, man weiß nichts über ihn als den Klatsch entlassener Lakaien und unredlicher Beamten, aber auch diesem noch und gar der rachsüchtigen Erbitterung aller Schmarotzer im ganzen Lande fühlt man seine durchschlagende Kraft an. Alle Bequemlichkeit, Lässigkeit, Gleichgültigkeit sieht sich durch ihn in ihrem satten Behagen gestört. Er ist ein aufscheuchender Mann, den die Lauen hassen, denn er läßt sie nicht mehr lau sein. Aber aller Mut und alle Hoffnung und alles Zutrauen blicken auf ihn. »Bis nur erst der Franz Ferdinand kommt,« sagen sie sich immer im stillen vor, und schon sein bloßer Name tröstet sie, so von Jugend und Zukunft hallt dieser Name! Die nichts wollen und nichts wagen, überall mitlaufen, sich niemals entscheiden können, die Verantwortung scheuen, dem Leben nicht trauen, die Mißmutigen, Unmutigen, Kleinmütigen, die Kriecher, Kopfhänger und geborenen Pensionisten erschreckt sein bloßer Name, den Starken, Beherzten, Hochgemuten ist er ein Unterpfand ihres Glaubens an die Tat.

Franz fiel auf, daß er dies alles noch nie so stark empfunden hatte wie jetzt. Auf einmal stand jetzt dieser Mann leibhaftig vor ihm da, dieser entrückt lebende, von Geheimnissen umwitterte Mann des Schicksals, von dem alle nur im Vertrauen sprachen, unwillkürlich die Stimme senkend, und mit dem doch, wenn man bloß seinen Namen anrief, Österreich da war. In ihm war es, man rief ihn an, und es erschien.

Nein, das war unmöglich! Eher ließ sich denken, daß ein Erdbeben ein ganzes Volk verschlungen, der Blitz ein Reich erschlagen hätte. Franz hatte das Gefühl, mit offenen Augen wüst zu träumen und dabei ja zu wissen, daß es bloß ein Traum war, ein ruchloser, unsinniger, lächerlicher Traum, und aber doch nicht aufwachen, sich des albernen Spuks nicht erwehren zu können, wie gelähmt. Er lief fast, um nur endlich einen Menschen zu finden, den er fragen könnte, der wird ihn auslachen und für verrückt halten. Er fand aber keinen, bis er, schwitzend und atemlos, in der Arnsburg ankam. Und er wagte nicht, einen der Diener zu fragen, er hätte sich zu lächerlich gemacht. Er fragte bloß um Anton. Der war im großen Saal. Seltsam! Im großen Saal war sein tätig heiterer, so ganz unfeierlicher Bruder doch sonst nie? Der Saal, in seiner etwas steifen Pracht, mit der schweren Holzdecke, den gestrengen Ahnenbildern und dem massiven Staatssofa, das sein Vater auf einer Auktion erhandelt hatte, weil beglaubigt war, daß es einst Eigentum des Siegers von Aspern gewesen, wurde nur noch bei Festen benutzt, Anton fand ihn ungemütlich; es sei auch, pflegte er zu sagen, stillos, sich ohne Degen darin zu bewegen, oder vielleicht gar noch in der Ledernen, die er gern trug. Jetzt aber saß er in dem großen Saal, er saß auf dem Staatssofa, steif aufrecht, wie wenn er zu Besuch wäre. Sein rotes heiteres Kindergesicht sah stets etwas gelangweilt aus, wenn es sich eine ernste Miene gab. So saß er und schien zuzuhören. Es war Franz unheimlich, ihn so sitzen zu sehen, wie bei sich zu Gast, und ganz allein in dem weiten Saal und stumm zuhörend, den Geistern um ihn, und ohne nach dem Bruder aufzublicken, ohne Gruß, ohne ein Zeichen.

»Weißt du's schon?« fragte Anton.

»Ist's denn wahr?« fragte Franz.

Anton nickte. Und er konnte nur noch sagen: »Bitte laß mich jetzt!« Sein Gesicht veränderte sich nicht, es war teilnahmslos, aber die Stimme klang verweint. Franz ging. Draußen stieß er auf Gabsch, die, ratlos, voll Angst und zornig, fragte: »Wie lang wird er noch so sitzen? Was will er denn eigentlich?«

»Laß ihn!« sagte Franz heftig und ließ sie stehen. Er ging eilig weiter, suchend ohne zu wissen, was oder wen. Es war niemand zu sehen, er hörte nur Kommen und Gehen, aber einer wich dem anderen aus.

Im Hof fand er den Verwalter, der ihm nun erst alles erzählte. Am frühen Nachmittag war auf einmal das Gerücht ausgebrochen, der Erzherzog sei ermordet worden, alle wußten auf einmal davon, keiner konnte sagen wie, jeder hatte es auch schon gehört, und im ersten Schieck lief alles zum Kaplan, der nach der Stadt telephonierte und die Mitteilung, als sich aus allen Orten rings immer mehr Menschen aufgeregt versammelten, niederschrieb und am Kirchentor anschlagen ließ. Da stand es jetzt zu lesen, und die Leute standen herum, grabesstill. Die es schon gelesen hatten, blieben stehen, und immer neue kamen, lasen es auch und blieben auch. Niemand sprach ein Wort, sie warteten nur, was sie tun sollten. Während sie so beisammen standen und noch immer wieder neue kamen, trat aus der Kirche, wo er, wie jeden Sonntagnachmittag, im Gebet gelegen, der Blasl, verwundert, so viele Menschen zu sehen, und auch er las die Schrift, las sie dann langsam noch einmal, nickte befriedigt und sagte: »Gut! So hat er enden müssen. Ganz richtig.« Einige wollten sogar gehört haben, er hätte ganz laut ausdrücklich Bravo gerufen. Der Wortlaut ließ sich nicht mehr feststellen, weil sogleich ein Bursche zornig auf ihn losgestürzt, und während die meisten noch gar nicht wußten, was denn eigentlich geschehen, und einer den anderen erst fragte, einer dem anderen es erzählte, fielen schon alle über ihn her und bleuten ihn durch, auch dem Kaplan gelang es nicht, ihn zu schützen, bis der Gendarm geholt wurde, der den Verdächtigen gleich in die Stadt abzuliefern entschied, und alle zogen mit, als Zeugen. Auch habe der Gendarm nicht die Stube des Alten bloß, sondern das ganze Schlößl absuchen lassen, doch nichts Verdächtiges gefunden als im Rucksack Blasls ein paar Bücher und Schreibhefte, was auffällig, aber ja schließlich noch kein Beweis sei. Der Verwalter wollte nämlich an seine Schuld durchaus noch nicht glauben. Ein Narr, ja, das wußte man, und ein Wildling, im Zorn jeder Untat fähig, oder aus Verrücktheit, auch aus Dummheit, aber kein schlechter Kerl; ein Totschläger vielleicht, unter Umständen, aber niemals ein Mörder und zum Verschwörer jedenfalls ganz unbrauchbar, dazu gehört doch etwas Verstand. Nein, er habe seine Worte wahrscheinlich ganz anders gemeint oder vielleicht auch gar nichts gemeint, gar nicht gewußt, was er eigentlich sagte, das sehe ihm ja gleich, sie hätten sich alle längst daran gewöhnt, ihn manchmal so sinnlos schwafeln zu hören und, zur Rede gestellt und darüber befragt, war er dann, immer selber ganz erstaunt, konnte nicht antworten und lachte nur blöd. Wenn aber bei uns jetzt jeder, der blöd ist, verhaftet werden soll, wird die Gendarmerie stark vermehrt werden müssen.

Am nächsten Tag wurde Franz in aller Früh zum Onkel Erhard ins Amt gerufen, sobald als möglich, es sei dringend. Er fand ihn in der übelsten Laune. »Das hat mir gerade noch gefehlt! Eine schöne Bescherung! Ihr seid's aber auch von einem Leichtsinn! Weißt du, wen ihr da beherbergt habt? Einen spanischen Anarchisten! Eine schöne Geschichte!« Er schlug wütend mit der Faust auf ein Bündel schmutziger Hefte. »Nach allem, was der Dolmetsch sagt! Ich weiß es ja nicht, woher denn? Nächstens wird man vielleicht von einem Beamten auch noch verlangen, baß er Chinesisch kann! Und immer, wenn sie sich nicht auskennen, kommens damit zu mir, ich soll's sein, der sich blamiert, weil sie behaupten, daß es mir ja nicht schad't! Meinetwegen, aber gerade jetzt, wo ich doch morgen auf die Alm will! Das schöne Wetter hält höchstens noch acht Tag!« Und er schrie: »Der Bericht muß auf alle Fälle heut noch fertig sein! Ich versteh nur auch den Anton nicht! So was nimmt man sich doch nicht ins Haus!«

Franz schlug eines von den Heften auf und sagte: »Das ist doch aber Italienisch.«

»Nein!« schrie der Onkel.

»Und,« fuhr Franz lesend fort, »es scheint eine philosophische Abhandlung zu sein, in der Form eines Gesprächs zwischen der Seele, dem Leib und dem Willen. Die drei disputieren da miteinander.«

»Aber nein,« schrie der Onkel. »Ein spanischer Anarchist. Wo hab ich denn den Akt von der Polizei?« Er suchte, konnte den Akt nicht gleich finden und geriet immer mehr in Wut. »Mach jetzt nur nicht du mir noch eine neue Konfusion! Ein spanischer Anarchist! So werden wir die Geschichte auch noch am schnellsten los. Sollen sie sich in Wien den Kopf zerbrechen, ich danke bestens! Denn der Dolmetsch erzählt's natürlich jetzt schon in der ganzen Stadt herum, die Leute kriegen Angst, solche Sachen mögen's gar nicht. Dann hab ich womöglich noch den Bürgermeister auf dem Hals, mit der berühmten autonomen Gemeinde bei uns ist nicht zu spaßen, ich kenn das! Also nur um Gottes willen so rasch als möglich weg damit! Ich hab gar keinen Ehrgeiz, mich da mit Lorbeeren zu bedecken, ich bin kein Jud, die Alm ist mir lieber. Da ist ja der Akt!« Er hatte ihn endlich gefunden und zeigte triumphierend auf die Stelle: »Daß wir es dem ganzen Inhalte nach vermutlich mit einem gefährlichen spanischen Anarchisten zu tun haben. Schwarz auf weiß! Bitte hier! Ich hab's ja gewußt. Ganz verkalkt bin ich ja doch noch nicht!« Er warf den Akt wieder auf den Tisch.

Inzwischen hatte Franz ein anderes der Hefte genommen und sagte: »Dieses ist allerdings Spanisch. Er muß aber ein ganz merkwürdiger Anarchist sein. Höre.« Und er las vor: »Mich, sprach Gott zu mir, suche nirgends als in dir, dich suche nirgends als in mir!«

»Waas?« schrie der Onkel. »Ist der Kerl besoffen oder verrückt? Aber wenn der Beschuldigte ein Narr und der Dolmetsch ein Esel ist, möcht ich wissen, was da herauskommen soll! Ich will doch aber die Geschichte heute noch in Ordnung bringen, ich bitt dich! Solang der gute Wind bleibt, hält das Wetter g'rad noch, aber wenn's jetzt zu regnen anfängt, hört's ja dann drei Wochen nicht zu regnen auf, ich kenn das. Wenn ich jetzt nicht auf die Alm komm, komm ich heuer überhaupt nicht mehr hinauf, also tu mir den Gefallen.«

»Ja was soll ich eigentlich dabei?« fragte Franz.

»Mein Gott,« erklärte der Onkel, »Mezzofanti haben wir halt keinen unter uns, es ist doch auch bei dem Gehalt nicht zu verlangen, dem Dolmetsch aber trau ich nicht, der kann von allen Sprachen nur grad so viel als ein Kellner braucht, und der Fall ist doch kitzlig, und ich hab mich in meinem Leben ja für meine Bedürfnisse schon grad genug blamiert, es liegt mir ja schließlich nichts dran, aber es muß ja doch nicht sein! Also mein erster Gedanke war natürlich der Domherr, da könnt ich ja ganz beruhigt sein, aber der ist verreist. No und da ist mir eingefallen, du bist doch so ein Weltreisender, dir muß es doch leicht sein herauszukriegen, was der Kerl eigentlich alles da zusammengeschmiert hat, nicht? Wenn ich berichten könnte, was in den Heften eigentlich steht, wenn sie beweisen, daß es wirklich ein Anarchist ist, dann bin ich gerettet, dann sind wir ihn los, das andere sollen sie sich dann in Wien selber machen, ich hab gar keine Ambition! Also schau dir's an und mach mir einen kleinen Auszug daraus, bis abends oder im schlimmsten Fall bis morgen früh, ich geh halt dann erst übermorgen auf die Alm, vielleicht hält das Wetter doch die Woche noch. Es ist heuer schon das drittemal, daß mir was dazwischen kommt, immer grad, wenn ich auf die Alm will, weiß der Teufel! Also wirst du so lieb sein? Nur natürlich ganz unter uns, es braucht's niemand zu wissen, dir kann ich doch vertrauen, und schließlich bin ich ein moderner Mensch und pfeif auf den bürokratischen Schimmel. Also tu mir den Gefallen!«

Franz, der in den Heften geblättert hatte, sagte: »Es scheint eigentlich eine Art Tagebuch zu sein, doch von einer exklusiv geistigen Sorte, nämlich bloß über Begebenheiten der Seele. Wie mag das nur aber in die Hände des Blasl gekommen sein?«

»Es ist doch von ihm,« sagte der Onkel.

»Was fällt dir ein?« rief Franz lachend.

»Von seiner eigenen Hand geschrieben,« sagte der Onkel.

»Unmöglich!«

»Gar kein Zweifel!«

»Dann,« sagte Franz, »jedenfalls abgeschrieben!«

»Nein, von ihm verfaßt.«

»Vom Blasl?« rief Franz lachend.

»Er leugnet es gar nicht,« sagte der Onkel.

»Dann lügt er,« versicherte Franz. »Nicht eine Zeile. Ich kenn ihn doch.«

»Jetzt, was eure Menschenkenntnis betrifft,« sagte der Onkel trocken, »deine und Antons, nimm mir's nicht übel, aber damit scheint's nicht weit her zu sein. Mir war der Kerl gleich verdächtig!«

»Verdächtig oder nicht, schuldig oder nicht,« sagte Franz, »darum handelt sich's gar nicht, aber diese Hefte, das sieht man auf den ersten Blick, kann nur ein ganz im Geistigen lebender Mensch geschrieben haben.«

»Ich danke für so ein geistiges Leben!« rief der Onkel. »Sei so gut!«

»Mißversteh mich nicht,« sagte Franz ungeduldig.

»Aber er hat doch gestanden,« brüllte der Onkel.

»Was?« fragte Franz.

»Daß es seine Schrift ist, daß er es verfaßt hat und daß er ein Spanier ist.«

»Der Blasl? Mit seinem Dialekt, den nur ein bayrischer Knecht oder Wilddieb versteht?«

»Ein spanischer Anarchist,« sagte der Onkel befriedigt.

»Ein Anarchist mit religiösem Wahnsinn?« fragte Franz.

»Das weiß ich nicht,« rief der Onkel ärgerlich. »Ich bin keiner, was weiß denn ich davon? Aber er leugnet 's ja gar nicht! Der Untersuchungsrichter hat ihm vorgehalten, daß er, nach dem Inhalt dieser Hefte zu schließen, offenbar ein Anarchist ist. Darauf hat er gesagt: ›Vielleicht!‹ Und hat noch frech gelacht. Also das genügt wohl, nicht? Dann scheint ihm aber die Sache doch nicht recht geheuer gewesen zu sein, und er hat sich auf eine andere Taktik verlegt, es war auf einmal überhaupt kein Wort mehr aus ihm herauszubringen.«

»Seltsam,« sagte Franz, der schon wieder in den Heften las.

»Also willst du? Nimm dir's mit! Aber ich muß mich darauf verlassen können?« sagte der Onkel.

Franz versprach es. Die paar Seiten, die er gelesen hatte, verrieten einen so hohen Geist, die Fragen, die hier gestellt wurden, kamen aus einer solchen Tiefe, daß er neugierig geworden war. Ja, er pries den glücklichen Zufall, der ihm eine Schrift einhändigte, die wie eigens für ihn, ja förmlich an ihn geschrieben schien. Was er seit so vielen Jahren in der Wissenschaft, in der Kunst, auf Reisen, bei Frauen, in Abenteuern, und immer vergebens, sein ganzes Leben lang gesucht, eben das suchten auch diese Hefte! Das beseligende Gefühl seiner ersten Jugend, in einer unsichtbaren Hand zu sein, und eine, seitdem fast verlernte Zuversicht, schon noch den rechten Weg zu finden, kehrten wieder, und er belustigte sich an dem Gedanken, daß hier am Ende das sonst überall verschwiegene Wort der Wahrheit stand, in diesen Heften eines stupiden Landstreichers, mit dem er jetzt schon bald ein Jahr ahnungslos unter einem Dache hauste. Noch immer schien es ihm unmöglich, daß sie dem Blasl gehörten. Der war gewiß nur das Werkzeug jener tief verborgenen Macht, die Franz so oft schon rings um sich gefühlt, gar in diesem letzten Jahr, aber freilich noch nie so nahe wie jetzt, in diesem Augenblick. Noch niemals war er so gewiß gewesen, noch aller Dinge gewiß zu werden. Er mußte selbst über sich lachen. Was war denn geschehen, daß er jetzt auf einmal wieder ein Jüngling von zwanzig Jahren war? Er sollte sich doch schon besser kennen! Schwieg denn die Sehnsucht, so oft enttäuscht, noch immer nicht, diese dumme Sehnsucht nach Gewißheit? Er konnte es kaum erwarten, endlich daheim und über den Heften zu sein.

Als er ins Schlößl kam, fand er auf seinem Tisch einen Strauß von Almrosen, mit einer Karte, darauf von Klaras Hand geschrieben stand: Auf Nimmerwiedersehen! Aber in seiner Stimmung war ihm jetzt alles ein gutes Zeichen. Er schloß sich mit den Heften ein und begann zu lesen, und las die ganze Nacht, und las bis tief in den anderen Tag.

Elftes Kapitel

Franz nahm zunächst das Heft vor, das mit den Worten begann: »Mich, sprach Gott zu mir, suche nur in dir, dich suche nur in mir!« Er fand bald, daß das offenbar ein Zitat war; andere folgten, begleitet von Einwendungen, Fragen, Betrachtungen, Erörterungen und zustimmenden oder widerlegenden Beispielen aus dem Leben von Helden oder Heiligen, zuweilen auch aus dem eigenen des Schreibers, der, wie es schien, weit herumgekommen war und die Großen der Welt aus der Nähe kannte. Dazwischen standen eilige Schilderungen, bald von Landschaften, bald merkwürdiger Menschen, deren Sitten, Gewohnheiten, Reden, Trachten, Wunderlichkeiten verzeichnet wurden, und neben einem geheimnisvollen Vers war oft ein Witz, mitten unter Namen von Bergen, Flüssen und Gasthöfen eine Anekdote, die Adresse eines Lords oder die Ankunft und Abfahrt von Zügen notiert. Das Heft war in Indien geschrieben, der Schreiber wollte nach Tibet; an den Rand waren zuweilen kindlich unbeholfene Karikaturen gezeichnet, von englischen Offizieren und Beamten, Bettlern, Mönchen und Tänzerinnen, doch schien ihm die ganze Reise bei weitem nicht so wichtig zu sein als das Buch, das er las und mit solchem Eifer auszog. Es ergab sich, daß es eine Schrift der heiligen Teresa war. Aber nicht bloß die Zitate daraus, sondern auch die Bemerkungen des Schreibers waren spanisch, nur zuweilen von einem deutschen Zwischenruf, gelegentlich auch einmal von einer französischen Einwendung unterbrochen, bis dann auf einmal ein Missionar auftauchte, den der Schreiber auf seinem Wege fand und dessen Gespräche nun den Verkehr mit der Heiligen allmählich verdrängten und bald ganz ersetzten. Diese Gespräche wurden englisch geführt, aber mitten darin hörte das Heft auf, und, die Fortsetzung suchend, mußte Franz vor allem erst einmal diese sämtlichen, an Format, Papier und Stärke ganz verschiedenen Hefte, Kalender und Notizbücher ordnen. Es wurde Nacht, bevor er so weit war, sie im Zusammenhang zu lesen, aber als er sie zum zweiten und gleich noch ein drittes Mal las; ging ihm die Bedeutung dieser vermeintlichen Planlosigkeit, der Sinn dieser scheinbaren Unordnung auf. Was auf den ersten Blick nur zufällig beisammen stand, aus Bequemlichkeit durcheinander geschrieben, bezog sich bald geheimnisvoll eins auf das andere, der indische Vers nahm gleichsam dem Missionar das Wort aus dem Mund, zur Landschaft, die beschrieben wurde, gab die heilige Katharina von Genua, zum Abenteuer, das erzählt wurde, gab die heilige Teresa den Text, und ein eigenes Erlebnis aus des Schreibers Jugend, scheinbar willkürlich eingestreut, bestätigte beide, den Gedanken der Landschaft und das Geheimnis der Heiligen: dieser Weltreisende schien immer nur seine eigene Seele zu bereisen, dieser gierige Leser las aus allen Büchern, dieser dringende Frager hörte allen Gesprächen immer nur die Antwort auf sein Schicksal ab. Ein ganzes Leben war hier völlig zu Geist geworden, indem jede seiner äußeren Tatsachen immer gleich zur inneren Begebenheit, aber ebenso aller Geist wieder immer gleich diesem Leben selbst unmittelbar einverleibt wurde. Die Hefte bezeugten einen Menschen, der unablässig sich selbst und seinen ganzen Inhalt rings in die Welt ausgoß, dann aber diese Welt, an die hin er sich zerstückt hatte, tief einatmend wieder in sich aufsog, bis nichts mehr von ihr übrig war als er, von dem eben noch, dem ganz Weggegebenen, ganz an sie Hingegebenen, schon nichts mehr übrig gewesen. Und der unsichtbare Punkt dieser geheimnisvollen Umschaltung, an dem bald er in die Welt zerfloß, bald die Welt zu ihm gerann, hieß in diesen Heften Gott.

Es mußte ein Mann von hoher Geburt sein, reich und fürstlich aufgewachsen, durch seine Herkunft wie durch seine Begabung für eine große Tätigkeit bestimmt, aber wie von einem Unstern verfolgt, maßlos, ziellos, zuchtlos, streitsüchtig und herrschsüchtig, unduldsam und gewaltsam, besonders aber einer bösen Lust verfallen, allen Menschen, die ihm gut waren und es ihm gut meinten, weh zu tun, sie wegzustoßen, sie zu peinigen, dann aber auch, als ob er sie an sich rächen wollte, wie zur Buße, mit derselben Heftigkeit gegen sich selbst zu wüten, wodurch er denn unter den Seinen unmöglich, ein gemiedener Sonderling und schließlich landflüchtig geworden war, in die weite Welt hinaus, gleichsam auf einen Kreuzzug gegen sich selbst, den niederzumachen und auszurotten seitdem seine Leidenschaft wird. Er verläßt Weib und Kind, wirft Rang und Reichtum weg, nimmt einen fremden Namen an, doch das alles genügt ihm noch nicht, damit hat er sich erst abgelöst, aber ihn verlangt, sich aufzulösen, und mit derselben Wut wie einst seiner Eigensucht frönt er jetzt der Wollust der Entselbstung. Sie sucht er in Leid und Schmach. Er lebt unter Bettlern, weil sie verachtet sind und er selbst sie verachtet; ihr ekler Atem, ihre Häßlichkeit, ihr Schmutz, gar aber ihre Habsucht, ihr Neid, ihr Geiz, ihre stieren Wünsche, stinkenden Begierden, schmierigen Gelüste widern ihn an, darum teilt er sie. Weil Arbeit ihm verhaßt ist, nimmt er Arbeit. Weil seinem herrischen Sinn jeder Befehl widersteht, verdingt er sich als Knecht und wird ein träger, ein fahrlässiger, ein untreuer Knecht, damit er überall gleich wieder mit Schimpf und Schande davon muß. Er beträgt sich unverschämt, um fortgejagt zu werden, und närrisch, damit ihm die Kinder nachlaufen und ihn verhöhnen. Wenn er insgeheim Gutes tut, tut er es mit bösen Worten, um keinen Dank dafür zu haben, sondern Fluch. Wird er weggetrieben, von Verwünschungen begleitet, so freut er sich, und um sich für diese Freude wieder zu züchtigen, um sie zu büßen, bittet er seine Quäler noch um Verzeihung, aber so dumm, so dreist, daß sie ihm Steine nachwerfen. Es ist ein spitzfindiges System, pedantisch ausgedacht, lächerlich konsequent; er tut einfach immer alles, was ihm weh tut, er lebt durchaus wider seine Natur, er will leiden, um durch Leiden seinen Willen auszuhungern. Er nennt das seine moralische Entfettungskur. Und wenn er dann überall vertrieben, von allen verlassen, verhöhnt, verachtet, jedem verdächtig, ein Kinderschreck und Kinderspott, entmenscht, vertiert, sich selber zum Ekel, auf fremder Erde draußen im Walde friert, bei Regen und Sturm mitten in der Nacht, mit seinem wilden Wahnsinn allein, dann glaubt er oft wirklich schon zu verlöschen, nur ganz leise schlägt in der Ferne sein böses Herz noch, nur eine ganz dünne Wand trennt ihn vom Tode noch, er entwird sich und erstarrt in tiefen Ohnmächten, und wenn er erwachend zurückkehrt, bleibt in seinen versunkenen Augen ein irrer Glanz von diesen Stunden, deren Seligkeit, wie er sich auch bemühen mag, sprachlos ist, aber ihm doch verbürgt, daß er recht hat, recht, sich zu vernichten, weil er daraus erst aufersteht. Dann gönnt er sich meistens eine Zeitlang Ruhe, wandert wieder, sucht irgendein abgelegenes Haus auf, das den wunderlichen, aber jetzt ganz stillen, demütigen und heiteren Gast aufnimmt, wartet ab, bis er allmählich wiederkehrt und dann wieder stark genug sein wird, sich von neuem noch grausamer zu züchtigen, und schreibt indessen Heft um Heft mit Beweisen voll, daß er noch immer nichts erreicht hat, daß er sich doch nur wieder selbst betrügt, daß gerade, wenn er sein Selbst vernichtet zu haben glaubt, es immer nur wieder desto frecher triumphiert. Lüge dir doch nicht vor, die Selbstsucht los zu sein, du hast sie bloß sublimiert! Und er schwelgt in Betrachtungen dieser sublimierten Selbstsucht, einer viel gefährlicheren und tückischeren, weil man sich vor der gemeinen, die wenigstens kein Hehl macht, immerhin noch schützen kann. Menschen, die sich aufopfern, sind ihm alle verdächtig. Denn wem opfern sie sich? Einem Wesen, das ihnen teuer ist, einer Idee, die dadurch siegen soll, also doch immer wieder nur ihrem eigenen Gefühl, ihrem eigenen Willen, sich selber. Einen Teil von sich bringen sie einem anderen Teil von sich zum Opfer, der ihnen offenbar mehr gilt als jener. Sie geben sich preis, aber doch nur, um sich dadurch erst recht zu behaupten. Sie sind bereit, für das Vaterland, für den Glauben, für den Freund zu sterben, aber doch nur für ihr Vaterland, ihren Glauben, ihren Freund, also doch auch wieder nur, damit etwas von ihnen lebe, noch über ihren leiblichen Tod hinaus lebe, also doch auch wieder nur für sich selbst. Denn wer hätte sich je für eine Idee, die er bekämpft, für den falschen Glauben, für seinen Feind zum Opfer gebracht, was doch allein erst ein wahres Opfer wäre, das Opfer seiner selbst? Aber das würde man ein sinnloses Opfer nennen. Das bringt keiner. Das Opfer muß einen Sinn für ihn haben. Dann ist's aber doch keins mehr! Denn dann opfert er ja sich nicht mehr, er gibt nur das Unwichtige für das Wichtige her, er tauscht für Unwesentliches das Wesen ein, er macht also noch ein glänzendes Geschäft. Schließlich bleibt's doch dabei, daß jedem er selbst über alles geht. Jeder sucht sich, der Unterschied ist nur, worin er sich sucht, einer in sinnlicher, ein anderer in geistiger Lust. Was er sucht, auch im Opfer, auch der Blutzeuge, auch im Heldentod, ist doch immer nur wieder er selbst; seine Wahrheit, sein Recht, sein Gefühl, seine Tat, seine Selbstüberwindung, die selbst ja schließlich doch auch wieder nur noch ein letzter Triumph für sein Selbstgefühl ist. Alle Kultur des sittlichen Empfindens, mit der wir prahlen, geht eigentlich doch nur auf ein immer feineres Maskieren unserer im Grunde noch ungeschwächten Selbstsucht. Auch wer das Gute, das Rechte tut, selbst wer es ganz im geheimen und unbelohnt tut, ja wer es auf die Gefahr hin tut, dafür Unrecht zu leiden, genießt doch in diesen Empfindungen seiner verborgenen Wohltat, des Undanks, der Erniedrigung, der unverdienten Schmach, des erlittenen Unrechts zuletzt auch wieder nur sich selbst! Und auch damit, daß einer das Schwerste lernt: ertragen, unbekannt, unangesehen, vergessen und verloren, ja verschmäht zu leben, ist noch immer nichts erreicht, er lernte denn auch so wider sich handeln, wider alle seine Begriffe, wider sein eigenes Gefühl, daß er sich selbst seiner schämen muß, daß er sich selbst verächtlich wird, daß er nicht mehr bei sich sein kann. Dann erst wäre der teuflische Stolz zerbrochen, der den Menschen von Gott trennt. Denn nur in Menschen, die sich ihrer entledigt haben, kann Gott einziehen. Der Mensch muß sich räumen, damit Gott Platz hat.

Aber da setzt dann in den Heften immer ein ganz anderer Ton ein, es wird auf einmal licht. Haben sie sich erst gar nicht genug tun können, die Verderbtheit der menschlichen Natur anzuklagen, gegen die selbst der beste Wille nichts vermag, so schwelgen sie jetzt in der Herrlichkeit des entwordenen, von Gott bezogenen Menschen, und kein Wort ist ihnen zu groß, keine Farbe zu stark, keine Stimme zu laut, um diesen Einzug Gottes zu preisen. Wenn der Mensch erst selbst aus sich weg und nichts mehr von ihm übrig ist als sein Raum, leer von allem eigenen Willen und Wesen, daß er ganz offen steht, dann schlägt die Stunde der Wiedergeburt ins Wahre, denn wenn Gott über ihn kommt, erwacht der Mensch vom Wahn der Wirklichkeit, die Selbsttäuschung fällt, das Irrlicht unserer Sinnlichkeit verlischt und, des bösen Spuks entzaubert, sieht er in aller Kreatur nur noch das Antlitz des einen Gottes. Seitenlang wiederholten die Hefte das mit fast den nämlichen Worten immer wieder, als wenn es doch noch immer nicht gesagt wäre und niemals genug gesagt werden könnte und jedesmal wieder zum erstenmal gesagt würde. Und man sah der immer größeren, immer breiteren, immer heftiger eilenden Schrift die Seligkeit an, daß ihr das diktiert wurde, zugleich aber auch die namenlose Angst, das Diktat zu versäumen. Es hatte fast etwas Monomanisches, wie da seitenlang oft immer wieder dasselbe stand, in allen Sprachen und mit Ausrufen des höchsten Entzückens, dick unterstrichen, unersättlich. Oft auf einer Seite nichts als immer wieder: »Gott zieht ein!« Und auf der nächsten wieder nur: »Werde Gottes Raum!« Und auf der nächsten: »Bis du nur erst bloß noch Raum bist!« Und wieder: »Räume dich Gott ein!« Dann aber: »Und wenn du jetzt aber nichts mehr als Raum bist, glaubst du denn, daß er da gleich gelaufen kommen muß? Schmücke, beleuchte, flagge! Er will festlich eingeholt sein!« Und in einem wahren Rausch taumelnder Verzückung war dann beschrieben, wie der ersehnte Gast endlich über die leuchtende Schwelle tritt und der Raum zur Flamme wird. Manches aber war dann auch später wieder ausgestrichen, und oft stand am Rande: »Literatur!« Und einmal: »Schönredner verachtest du, wann aber endlich wirst du lernen, auch Schönschreibler verachten?«

Und ein anderes Mal: »Stendhal hatte die Gewohnheit, eine Stunde jeden Tag im Code zu lesen, um sich so der verfluchten Schönschreiblerei zu entwöhnen!« Und nun, wie der Sprache plötzlich überdrüssig, folgten Seiten in der Mundart, die aber, unfähig, solche Gedanken auszudrücken, gleich immer wieder mit einer anderen vertauscht wurde, und so ging es baskisch, furlanisch und im Patois durcheinander, bis er am Ende verzweifelnd hinschrieb: »Natürlich alles ganz falsch, nämlich zwar wahr gefühlt und recht gedacht, aber zu wahr und recht, als daß es überhaupt ausgesprochen werden könnte; getreu können nur Lügen ausgesprochen werden!« Dieses immer wiederkehrende, gehässige Mißtrauen gegen die Sprache vertrug sich aber merkwürdig gut mit einer eigentümlichen, fast kindischen Vorliebe für gewisse Worte, von denen der Schreiber zuweilen wie bezaubert schien, freilich immer nur eine Zeitlang: sie tauchten plötzlich auf, überwältigten ihn, als ob ihnen eine magische Kraft eigen wäre, und waren dann aber ebenso schnell plötzlich wieder verschwunden. So stand auf einmal der eine Satz da: »Der Mensch ist bloß ein Apparat.« Auf der nächsten Seite hieß es: »Der Mensch als Meldeapparat oder Funkenstation Gottes.« Am Rande war später hinzugefügt worden: »Aber leider nicht bloß Gottes.« Und jetzt konnte man von Seite zu Seite dieses Gleichnis in ihm gären sehen. »Der Mensch bringt selber nichts Eigenes hervor, er nimmt nur auf und gibt wieder ab, er meldet nur, er ist nur ein Apparat, aber ein Apparat zwischen zwei Welten, eine Station an ihrer Grenze, dort wo sich diese beiden Welten berühren, so daß er Meldungen von beiden empfängt, er hat aber für beide doch nur einen Draht, auf dem sich ihre Stimmen also vermischen und durcheinander sprechen. Um verstehen zu können, was von der einen gemeldet wird, muß er erst die Verbindung mit der anderen auszuschalten wissen, wodurch aber sein Wesen zunichte wird, das ja darin eben besteht, mit beiden verbunden zu sein. Klare Menschen sind stets halbierte Menschen, sie bezahlen ihre Klarheit damit, daß sie sich entweder vom Himmel abschneiden oder von der Erde. Ein ganzer Mensch aber muß immer irre werden, weil er zwar von beiden Welten Nachrichten hat, aber von beiden zugleich, so daß er keine verstehen kann, es sausen ihm nur die Ohren.«

Nun scheint es, daß sich der Schreiber nicht entscheiden kann, ob er ein reiner Apparat der himmlischen werden will oder der Mensch die Meldungen beider aufzunehmen hat, dem elenden Vorwitz aber entsagen muß, sie nun selbst auch zu verstehen, statt sie bloß aufzunehmen und gleich wieder abzugeben, statt nur der Draht, der Leiter, der Apparat zu sein. Mitten in diese Betrachtungen fällt der Zweifel, ob es überhaupt zwei Welten gibt, ob sich nicht vielleicht in allem nur eine meldet, die geistige nämlich, die allein die wirkliche wäre, unser sinnliches Leben aber nur ihre von uns schlecht aufgefangenen Zeichen, die wir zu dechiffrieren hätten. Was das Auge sieht, das Ohr hört, der Verstand denkt, das Herz fühlt und der Wille will, das alles wäre dann nur eins: Strahl derselben uns unmittelbar niemals vernehmlichen, aber auch in uns selbst wesenden, freilich auch da noch uns verborgen bleibenden, doch uns bestimmenden Kraft. Und so wären diese Meldungen, zu denen uns, um sie entziffern zu können, ja der Schlüssel fehlt, alle schließlich ganz gleichgültig für uns, weil wir doch aus Impulsen handeln, die gar nicht erst eine dieser Meldungen brauchen, sondern direkt geschehen. All unser Sehen, Hören, Denken, Fühlen und Wollen wäre falsch, und es hätte keinen Sinn, wenn wir es uns zu deuten trachten. Trachten müßten wir vielmehr nur, nicht auch noch unser Tun dadurch zu fälschen, das unsere einzige Wahrheit sei, also niemals bewußt zu handeln, niemals mit dem Verstande, niemals aus einer klaren Empfindung oder durch den Willen, sondern immer nur in der tiefen Dämmerung. Die wahre Haltung des Handelnden, und nur handelnd erkenne sich der Mensch, die wahre Haltung sei, sich von Handlungen überwältigen zu lassen, für die er selbst den Grund nicht weiß, die er selbst gar nicht versteht, die er sich selbst gar nicht zugetraut hätte noch erklären noch rechtfertigen kann. In solcher Dämmerung sind alle großen Taten der Menschheit geschehen, unbewußt, ungewollt und unerkannt, von tief eingeschläferten Menschen, die wider Willen dem Diktat der unbekannten Macht gehorchen. Solange dir nichts diktiert wild, ist alles falsch, was du tust. Was du selber tust, ist immer falsch, wie recht du es auch meinen magst. Versage dich deinem eigenen Rat, widerstrebe deiner eigenen Empfindung, erwehre dich deines eigenen Willens, verstumme, entsinke dir und erstarre, bis es dir geschieht. Nur wenn der Befehl von oben in dich fährt, handelst du wahr. Deine Tat kannst du selbst nicht tun, sie muß dir angetan werden. Nur was mit solcher Gewalt über dich kommt, daß es dich wider deinen Willen zwingt, nur das ist deine Tat. Für sie spare dich auf. Du bist nichts als ihr Gefäß. Dann folgten Sätze, die später wieder ausgestrichen worden waren: »Ob du gut oder böse bist, fragt deine Tat nicht, deine Tat entgeht deinem Willen. Du meinst es gut und bist doch nie sicher, daß es auch gut wirkt, du meinst es bös und bist nicht sicher, daß es bös wirkt, also meine lieber gleich nichts, und laß mit dir geschehen, was dich überwältigt! Handle nur überwältigt!« Dies war wieder ausgestrichen und die Bemerkung beigefügt: »Könnte mißverstanden werden. Besonders das: Meine lieber gleich nichts! Es muß richtiger heißen: Meine stets Gott! Und ebenso dann wieder: Handle von Gott überwältigt! Aber wie soll einer wissen, ob es Gott ist, was ihn überwältigt? Es ruft so viel in uns und wir können die Stimmen nicht unterscheiden. Es ruft Gott, es ruft das Tier, es ruft Herkommen, Sitte, Gewohnheit, Beispiel und Menschenfurcht in uns, und alle so laut! Nur wer erst den anderen taub geworden ist, hört Gott. Auch mußt du warten lernen. Schlimm ist, wenn es der Mensch nicht erwarten kann, bis er gerufen wird. Auch die Selbstlosen kranken noch an dieser letzten Art von Selbstsucht oft: sie warten das Signal nicht ab. Wer stets glaubt, es gehe schon der Ruf an ihn, stört den Plan ebenso wie wer den Ruf überhaupt nicht hört. Ganz still werden, vom eigenen Verstand, eigenen Gefühl, eigenen Willen frei, selber stumm, taub der Welt, Ohr für Gott, und dann in Demut harren auf den Befehl, die so demütig ersehnte Tat aber, wenn sie dir dann endlich befohlen wird, wenn sie dich überwältigt, mit deiner ganzen aufgesparten und angestauten Leidenschaft, Kraft und inneren Fülle tun, daß du ganz zu deiner Tat wirst und nichts von dir übrigbleibt!«

Eine Zeitlang war dann in die Hefte nichts mehr eingetragen worden. Als er sich entschloß, das Tagebuch wieder aufzunehmen, hatte sich inzwischen seine Handschrift verändert. Es war jetzt eine deutliche, gleichmäßige, sehr sorgsame Rundschrift, mit Liebe die Buchstaben förmlich malend. Ort und Tag wurden nicht mehr angemerkt, auch Begegnungen, Landschaften und Menschen nicht. Was sich mit ihm begab und wo und wie, schien dem Schreiber gleichgültig geworden; es lohnte sich ihm nicht mehr, dabei zu verweilen. Auch die leidenschaftliche Dialektik war verstummt. Das Tagebuch verwandelte sich in eine Art Tabelle von kurzen Mahnungen, Anweisungen zum Leben oder Stoßgebeten.

»Weg Wahn, weg Wille, weg Wirklichkeit! – Durch Entselbstung, Entmenschung, Entwerdung zur Wahrheit! – Nur wer sich verlieren lernt, lernt sich finden. – In Freuden bang, in Schmerzen froh. – Erstirb zum Leben! Lebe tötlich! – Hilf mir, Herr, daß dein Wille mit mir geschehe! Hilf mir, daß er durch mich geschehe! Hilf mir, daß ich deinen Willen vernehmen, deinen Willen verstehen, deinen Willen begehren lerne! – Nimm mich an, nimm mich auf, nimm mich ein! – Gott um nichts bitten, weil ich ja nicht weiß, was ich mir von ihm erbitten soll. Denn ich weiß doch nicht, was für mich gut ist. Er aber weiß es, er ist mir gut und gibt mir's ungebeten. Was er mir gibt, ist für mich gut, ob ich es will oder nicht. Es ist desto besser, je weniger ich es will. Gott um nichts bitten, als was ich nicht will. Lerne wollen, was du nicht willst. Gott um nichts bitten, als um Gehör für seinen Befehl. Echo Gottes werden! – Ich bin nichts, es muß erst in mich fahren. Es fährt aber erst in mich, wenn ich ganz leer und offen stehe. Öffne dich, damit es herein kann! – Entnimm mich mir, o Herr! Mach dir Platz! – Das Ich ist der böse Feind. Es schließt mich ein, es schließt mich ab. Da kann ich nicht heraus, und Gott kann nicht herein. Durch Selbstverlust zu Gott! Je stärker mein Ich, desto schwächer mein Gott. Wenn es zerfließt, ersteht er daraus. Darum ist auch nichts so hassenswert als Gewalt, einem Menschen angetan, denn Gewalt treibt den Menschen in sich zusammen, engt ihn ein und sperrt ihn ab, Freiheit aber und Liebe reißt seine Dämme weg, er überflutet und verströmt in Gott. – Appetitus maximus mortis, weil wir in ihm erst aus uns erwachen. – Der Tätige, wie redlich er sich auch ums Rechte bemühe, wird doch immer zuletzt gewahr, daß er stets irgendeinem unrecht tut. Er bringt sich im besten Falle höchstens dahin, nicht mehr als das ihm unerläßliche Unrecht zu tun. Jede Tat ist eine Untat. Tu nichts, laß dir alles geschehen! Dadurch allein, daß du lebst, bist du schon schuldig geworden. – ›In diesem Leben ist alles Wahrheit und alles Lüge‹ heißt ein Stück Calderons. Wahrheit nämlich, weil alles ja von drüben kommt, aber Lüge, weil es in den Schein getaucht, nämlich in unsere Form gezwängt, ins Ich verzerrt wird. – Es gibt Menschen, die das Dasein einer wahren Welt, von der unsere irdische nur ein verworrener Traum ist, entweder selbst einmal erlebt haben und aus eigener Erfahrung kennen (Eucharistie!) oder doch auf das Zeugnis anderer, die es erlebt haben, hin daran glauben, und es gibt Menschen, die es weder selbst erlebt haben noch den anderen glauben, sondern die Wahrheit ableugnen. Daß diese dann doch wieder Wahres und Falsches unterscheiden wollen und überhaupt noch von diesen Worten Gebrauch machen, läßt sich nur aus einem Denkfehler erklären, denn woran, wenn es keine gibt, sollten wir die Wahrheit messen können? Wer aber das Dasein der wahren Welt einmal selbst erlebt hat, wird fortan entweder das irdische Leben, in das er aus ihr wieder zurücksinkt, als einen Wahn, den er ja jetzt durchschaut, als einen Trug, von dem er sich jetzt nicht mehr betrügen läßt, verabscheuen und sich daraus loszuwinden trachten oder aber, wenn er es jetzt gleich für Wahn und Trug erkennt, sich dennoch, weil uns nun einmal dieser Wahn und Trug zur Prüfung oder zur Strafe verordnet ist, gehorsam darein schicken, es als Traum ertragen oder gar als Spiel genießen, was er um so leichter kann, weil er ja weiß, daß einst auf das Spiel der Ernst, auf den Traum ein Erwachen, auf den Wahn die Wahrheit folgt, oder aber endlich wird, wer einmal das wahre Dasein erlebt hat, unser irdisches fortan überhaupt gar nicht mehr anerkennen, sondern es durch seine Tat überwinden, durch seine Tat ersetzen wollen, der er zutraut, den Himmel herunterzuholen und den Wahn durch ihre Wahrheit zu schlagen. Ich habe mich in allen diesen drei Möglichkeiten versucht, der Reihe nach. Aber die erste macht es sich doch zu leicht, sie drückt sich von der Schuld und von der Sühne, los werden wir das Leben ja dennoch nicht, und auch wer bloß in kleinen Zügen sündigt, bleibt in der Sünde, da scheint mir fast der Rat noch besser, sich tapfer durch die Sünde durchzufressen bis hinüber, wie jener durch den Reis ins Schlaraffenland. Und die zweite wieder belügt sich, denn keiner spielt sein Leben bloß, das ist nur eine Fiktion an heiteren Tagen und für Rentner, die der Krankheit oder dem Hunger nicht standhält. Die dritte gar vergißt, daß selbst die reinste Tat das Muttermal unserer menschlichen Erbärmlichkeit trägt; vollbracht erkennt sie sich selber nicht wieder und der Himmel auf Erden wäre keiner mehr, er kommt in unserem Klima nicht fort. Ich habe alle drei versucht, jede war eitel, und nichts blieb mir, als daß ich leiden muß. Ich habe zu leiden, dazu bin ich auf der Welt. Ich muß leiden, also will ich leiden. Das Leben ist mir auferlegt, des Lebens kann ich mich nicht erwehren, leben ist leiden. Leben zu lernen war immer mein Wunsch. Also leiden zu lernen. Seit ich zu leiden weiß, gern zu leiden, weiß ich erst zu leben. Und ich lebe desto mehr, je mehr ich leide. Schwer wird mir das nur dadurch, daß es mir immer leichter wird, weil mir nämlich jedes Leid immer mit der Zeit so lieb wird, daß es mich dann freut. Ich gewöhne mich so daran, daß ich es bald nicht mehr entbehren mag. Da muß ich mich dann immer wieder von ihm trennen, um ein neues Leid zu suchen, das mir noch weh tut. Das ist ein trauriger Abschied. O meine verabschiedeten Leiden, oft denk ich an euch zurück voll Dankbarkeit! Und vielleicht muß ich noch einst, wenn mir alle Leiden zu lieb geworden sein werden, wieder in die Welt, der ich entfloh, wieder in Glanz und Glück heim, zu meiner lieben Frau und den Kindern. Davor bangt mir. Wieder in Macht sein müssen, steht mir, wenn alles andere Leid erschöpft ist, vielleicht noch einmal bevor. Aber ich werde schon die Kraft haben, auch dazu noch, und bis ans Ende. Wenn ich einmal ganz in Kraft sein werde, kann ich aus mir alles in Leid verwandeln. Dann darf ich auch wagen, Lust nicht mehr zu fliehen. Erst muß mir alles gleichgültig und Lust von Leid unkenntlich geworden sein, so daß ich selbst allein es dann bin, der Lust und Leid ernennt, dann wird mein ganzes Leben, was es auch sei, nur noch ein einziges Opfer sein. Bis ich nur erst ganz in Kraft bin! Und ich hole mir ja jetzt täglich Kraft von Gott. Wenn ich ihn esse, bin ich stark, und was er auch immer von mir will, kann ich dann, nicht mehr ich, sondern in ihm und er in mir. Ich bin dann fort, ei hat mich geholt, dort bin ich wieder da und werde jetzt erst, was ich bin, werde jetzt wahr, bin erst. Ich sehe dann meinen armen Leib verwundert an, was will denn der noch von mir? Und auch meine Seele wird mir fremd, sie ist nicht mehr mein, sie ist schon sein, und bei ihm weiden wir uns erst kennen lernen, ich und meine Seele. Seit ich nur noch durch ihn geschehe, bin ich schon drüben. Ich wese drüben und wirke nur noch herüber. – Bote bin ich. Nicht bloß ein Apparat. Nicht bloß aufnehmend. Nicht bloß zum Registrieren. Die Pflanze, das Tier, die Natur, die registrieren bloß Gottes Herrlichkeit. Von mir verlangt er mehr. Mich hat er zur Freiheit erschaffen, daß ich wählen und mich entscheiden soll, für oder gegen ihn. Ich habe mich entschieden und ihm ja gesagt, und ja will ich jetzt unablässig sagen, mit jedem Atemzug. Bote bin ich, Sänger seiner Herrlichkeit, freier Täter seines Willens. Laß meine Stimme schallen, laut aus dem Chor der Ewigkeit hervor. Hand Gottes, will ich in die Menschheit greifen, Fuß Gottes, auf der Erde schreiten, ich nichts, alles durch ihn! – So wahr, als ich armer Sünder sein kann, sind diese Worte, doch sind es Worte. Was der Mensch ausspricht, ist falsch, in seinem Mund wird alles falsch. Alle Worte sind falsch. Aber sie sind verschieden falsch; je nach dem das Herz, aus dem sie kommen, rein oder arg ist. Auch mein Mund ist falsch, aber aus ihm spricht ein reines Herz, es kann nichts dafür. So gilt von allem was hier geschrieben steht, nichts, sondern nur was dahinter ist, gilt, das aber weiß nur, wer es geschrieben hat. Er hat es nicht geschrieben, damit es hier steht, sondern weil ihm erst beim Schreiben alles einfällt, was er weiß. Wenn er es aufschreibt, fällt ihm dabei das Richtige ein, aber was er aufschreibt, ist nicht das Richtige, sondern er weiß es nicht mehr. Was er weiß, kann er nicht aufschreiben; es fliegt weg. Das Richtige wirft einen Schatten und der Schatten gehört auch dazu, mit ihm zusammen ist es erst ganz das Richtige, mit ihrem Widerspruch zusammen wird eine Wahrheit erst wahr, mit ihrem Schreiber zusammen gilt eine Schrift erst, aber was bloß geschrieben steht, ohne ihn, für sich allein, das gilt nichts. Worte sind ja nämlich schattenlos, die wahre Sprache, die gleich auch den Widerspruch mitnehmen würde, der zur ganzen Wahrheit gehört, ist noch nicht erfunden. Leser, zu dem sich dieses Heft verirrt, lies es nicht, wenn du nicht selbst schon die gute Meinung hast, aber wenn du die gute Meinung hast, brauchst du's nicht erst zu lesen. Es meint, was unsere heilige Kirche lehrt. Nichts als das meint es und auch wenn es anders spricht, meint es doch nur das. Das andere sind Sprachfehler, die du dir in die gute Meinung übersetzen mußt, oder lies es lieber nicht! – Was ich schrieb, ist nicht etwa von mir am Leben ausgedacht, sondern ich darf eher sagen, daß es mir vom Leben zugedacht worden ist, von meinem Leben: also wer ein anderes Leben hat, hat nichts davon, denn diesem anderen denkt sein anderes Leben wieder anderes zu, dahinter aber ist erst die Wahrheit, doch wir reden vorne, jeder von seinem Platz aus, du stehst nicht auf meinem, ich nicht auf deinem, wir winken uns nur manchmal zu, das ist alles, was wir können: einander Zeichen geben, aber ich verstehe deine nicht und du verstehst meine nicht, es liegt auch nichts daran, Gott versteht alle. Zu wem immer wir reden, wir reden doch immer nur mit Gott, und keiner hört uns als Gott. – Daß Leid und Lust, die uns in diesem Leben begegnen, eigentlich des Aufhebens, das wir damit machen, nicht wert sind, bin ich schon in jungen Jahren gewahr worden. Ich versprach mir von den Freuden der Welt mehr, als sie hielten, aber auch ihre Schmerzen enttäuschten mich, in der Nähe zeigte sich stets, daß auch sie geprahlt hatten. Als ich kaum drei Wochen nach meines Vaters Tod wieder arbeiten und mein tägliches Geschäft verrichten konnte wie sonst, nur mit einem dünnen Flor um mein Wesen, aber tief in mir unversehrt, erschrak ich, wenn ich mich erinnerte, wie mir sonst, beim bloßen Gedanken, ihn zu verlieren, ganz undenkbar gewesen, ohne ihn weiterzuleben. Im Guten und im Schlimmen bleibt die Wirklichkeit hinter unseren Hoffnungen und Befürchtungen zurück; Lust und Leid gibt es eigentlich nur von weitem. Diese Erfahrung bestimmte mich zunächst, das Leben nicht mehr ernst zu nehmen, es stand ja nicht dafür. Doch war in mir ein Bedürfnis, etwas ernst zu nehmen. Es war eine Anlage zum Ernst da, die vom Leben unbefriedigt blieb. Sie gab mir die Gewißheit einer Bestimmung, die mich über das Leben hinaus wies. Ich zog zunächst aus meinem Leben weg, ich zog aus, um einen Ernst zu suchen. Ich fand keinen. Ich fand keine Lust und fand kein Leid, die mir standgehalten hätten. Sie vergingen immer gleich wieder und nichts blieb mir von ihnen. Irgend etwas in mir aber gab nicht nach, sondern bestand darauf, daß mir etwas bleiben müßte. Entweder war ich falsch angelegt oder die Welt. Das wollte ich herauskriegen. Und es war in Königsberg, der Stadt des alten Kant, an einem trüben Wintertag, ich langweilte mich, lag auf dem Sofa, schlief halb und fuhr plötzlich auf, weil ich sprechen hörte, doch war niemand im Zimmer. Aber eine Stimme sagte deutlich: Entweder bist du verrückt, oder es gibt einen Gott, du hast keine Wahl, ohne Gott kann der Mensch nicht recht behalten. Es war aber niemand im Zimmer. Ich saß mit offenen Augen und hörte die Stimme ganz deutlich. Sie sagte mir nichts, was ich nicht bei einigem Nachdenken über mich hätte selbst finden müssen. Was ich wollte, was ich zum Leben brauchte, was ich suchte, gab es entweder nicht, dann war ich verrückt und es blieb mir nichts übrig, als mich aufzuhängen, oder es gab Gott. Für mich gab es also Gott. Und ich mußte jetzt nur noch zu ihm finden, ich mußte die Verbindung mit ihm finden. Denn davon hätt ich auch nichts, wenn er vorhanden ist, aber mir unerreichbar. Erst seit ich ihn erreicht habe, hat mein Leben Sinn. Ein Gott, den ich nicht haben kann, interessiert mich gar nicht. Ob er zu mir kommt und bringt, was mir das Leben schuldig bleibt, ob er mir hilft und was ich tun muß, um gewiß zu sein, daß ei mir hilft, ob ich mich seiner Hilfe versichern kann und wie, darum geht's mir. Ein Gott in der Ferne, der nur einst das Werk in Betrieb gesetzt, sich aber längst vom Geschäft zurückgezogen hat, der nicht mitten unter uns ist, der mich mir selber überläßt, so daß ich doch ohne ihn auskommen muß, als wäre keiner, was soll mir der? Erst seit ich weiß, erprobt und experimentell entschieden habe, daß er seiner Kirche die Macht gegeben hat, ihn mir heranzuholen und in mich herein, daß ich ihn haben kann, sooft ich ihn brauche, daß meine Kirche mir ihn zu bereiten vermag, bin ich sein. Das klingt mir selber fast blasphemisch, ich weiß aber, daß es die Wahrheit ist. Wenn es aber nicht die Wahrheit wäre, soll es ungesagt sein. Denn ich könnte ja meine Kirche mißverstanden haben. Ich widerrufe dann im voraus. Denn ich meine stets nur, was meine Kirche lehrt. Und auch das was ich weiß, will ich nur so wissen, wie sie es lehrt. Was ich anders weiß, als sie lehrt, ist Dunst und Dünkel, der vor ihr zergehen muß. Und was ich immer meinen mag, ich meine damit, was sie meint. – Das Individuum ist ein Strahl des Ganzen, in einen Teil, ein Strahl der Ewigkeit, in die Zeit eingefaßt. Indem es sich nun erhalten will, strebt es zugleich wieder ins Ganze, wieder zur Ewigkeit zurück, aber auch, der Teil und in der Zeit zu bleiben. Dadurch entsteht das Absurde das jedem Individuum anhängt. Der Jüngling wird es mit Verwunderung, ja mit Schrecken gewahr, vergeblich setzt der Mann sich dagegen zur Wehr, der Greis kann von Glück sagen, wenn er sich in's Unabänderliche demütigen lernt und es als sein Gesetz erkennt. Die Gottheit hat sich verteilt, du kannst dir nicht helfen. Jedes Individuum ist ein Punkt, der einen Blitz der ewigen Kraft auffängt. Nicht also was du selber bist, macht deinen Wert aus, sondern was von dir aufgefangen wird, der göttliche Blitz, der ewige Strahl. Aber freilich kommt es dann auf den Punkt an, den aufgefangenen Strahl auch rein zu bewahren. Wieviel wir auffangen, scheint nicht von uns abzuhängen, etwa derart, daß manche von uns mit einer besonders stark anziehenden Kraft begabt wären. Der Beobachter der Menschheit hat den Eindruck, daß sich das Göttliche keineswegs ›nach Verdienst‹ auswählt, auf wen es sich setzen will, sondern eher ein fast ironisches Vergnügen daran hat, sich ganz unerwartet gerade dort zu zeigen, wo man am wenigsten darauf gefaßt ist; es begnadet mitunter die kläglichsten Menschen am liebsten, wie um zu beweisen, was es kann, auch mit untauglichen Mitteln. Wenn es freilich einmal einen Tüchtigen trifft, dann geraten die ganz großen Wunder, auf die noch nach Jahrhunderten der Enkel erschauernd blickt. Darüber, warum das Göttliche zum Besuch manche Menschen anderen vorzuziehen scheint, stehen uns keine Vermutungen zu. Doch wild es wohl kaum einen Menschen geben, den es niemals angeweht hätte. An manchen Punkten scheint es sich besonders wohl zu fühlen, und wo es einmal länger verweilt hat, dahin kehrt es offenbar gern wieder, doch ist auch das nicht ganz gewiß und die Begnadeten leben immer in der Furcht, ob denn die Gnade noch einmal wiederkommen wird. Es gibt aber freilich auch welche, die sich selber das Verdienst zuschreiben, als ob der Punkt, den das Göttliche berührt, der Raum, den es einnimmt, der Stoff, in dem es erscheint, der Schöpfer der Erscheinung wäre. Die Farbe malt nicht, doch wird freilich mit manchen Farben besser gemalt als mit anderen, aber wenn sich mit dir besser malen läßt, ist das denn dein Verdienst, wäre nicht auch das wieder bloß Gnade? Und doch ist alle Gnade, die dir wird, auch wieder dein Verdienst. Denn die Gnade sucht jeden, der sich nur finden läßt. Gott ist immer unterwegs nach allen Menschen; du mußt nur daheim sein, wenn er kommt. Und herein sagen, wenn er klopft. Er kommt immer, er klopft in einem fort. – Wenn ich bei Gott bin, bin ich von mir weg. Und eben dann bin ich erst. Wenn ich zurückkehre, von ihm in mich, ist es mir immer, als wenn ich's nicht mehr wäre. Ich lebe dann von mir getrennt. Der hier lebt, bin ich ja nicht, und der ich bin, zu dem kann ich nicht. Als mein Verkehr mit Gott begann, hat mich das sehr gequält. Jetzt ist das anders geworden. Ich bringe nämlich jetzt von drüben jedesmal ein Stück von dem, der ich dort bin, mit herüber in den, der ich hier bin. Und was ich mitbringe, wächst und wird immer stärker an mir, und je mehr ich herüber bringe, desto stiller wird der hiesige Mensch. Aber auch der andere spricht nicht, er weiß auch nichts, er will auch nichts, er kann nur und wirkt. Ich lebe herüben jetzt in zwei Teilen: der eine führt einen Auftrag aus, den er von drüben mitbekommen hat, und der andere, mit jenem unbekannt, aber ihm untertan, ihm gehorchend, ohne von ihm zu wissen, sieht Taten geschehen, die nicht ihm gehören, wenn er gleich es ist, der sie verübt. Mehr darf ich nicht sagen, weil das, was es ist, sich nicht sagen läßt; denn dort drüben sind keine Worte. Aber ich vermute jetzt, daß alles, was hier geschieht, unmittelbar von drüben geschieht, ohne unseren hiesigen Willen, uns unbewußt, von uns unbemerkt, weil uns unser eigenes Geräusch ganz erfüllt. Erst in dem Augenblick, wo unser Selbstgeräusch verstummt, im Tode, werden wir gewahr sein, was unser Leben gewesen ist, und, es erkennend, stürzen sich dann Feinde lachend in die Arme. Die ganz großen Menschen, auch im Altertum schon, Cäsar zum Beispiel, haben, vermute ich, immer gewußt, daß sie mit ihren eigenen Taten nichts zu tun haben, sondern von ihren Taten überwältigt werden, selber dabei neugierig, was noch alles mit ihnen geschehen wird, und darauf verzichtend zu begreifen, welchen Plan welcher verborgenen Macht sie verwundert vollziehen. Aber dies alles, was ich hier schreibe, will ich ja gar nicht schreiben, sondern ich schreibe jetzt schon die längste Zeit an meiner Meinung hin, um sie herum, ja wider sie, schreibe, was ich weder will noch weiß, schreibe bloß, um nur etwas anderes ja nicht zu schreiben, gerade das nicht zu schreiben, was ich doch so gern schreiben möchte, jedoch nicht schreiben soll, nicht schreiben darf, nämlich daß in demselben Maße, wie, sooft ich von drüben zurückkehre, mein himmlisches Teil wächst und immer reiner, immer stärker wird, in demselben Maße mein irdisches Drittel oder Viertel, der kläglich einschrumpfende hiesige Mensch immer noch tückischer, immer neidischer, immer arglistiger wird, der infame Zwerg, und allen Rest von Kraft ansetzt, um mich mit ruchlosen Versuchungen zu peinigen, deren ich kaum mehr Herr zu werden vermag.« Und so treibt es mich zu sagen, daß ich, je mehr ich mit Gott geladen bin, desto mehr in einem anderen Gebiete von mir dem Bösen verfalle. Nun steht also da doch geschrieben, was zu schreiben ich mich so gewehrt, es war zu stark, es zwang mich, es zu schreiben, obwohl ich weiß, daß es nicht wahr ist, sondern bloß so tut. Es ist aber vielleicht eine von den tiefen Unwahrheiten, die geheimnisvoll irgendwie zur Wahrheit gehören und ohne die sie noch nicht völlig wahr wäre. Wer es liest, hüte sich, es zu glauben. Man darf es wissen, darf es aber nicht glauben. Nur wenn man es nicht glaubt, weiß man es auf die rechte Art. Will ich denn aber, daß überhaupt, was ich schreibe, jemals jemand liest? Ich will das nicht! Der Gedanke wäre mir unerträglich. Ich schreibe das weder für mich noch für einen Leser. Ich schreibe, weil es mir verordnet ist. Ich kann nicht anders, ich muß. Und wenn, wie ich fürchte, vielleicht auch verordnet ist, daß es einst gelesen werden muß, dann, o Leser, bitt ich dich, vergiß nicht, daß das Wort Schall ist, die Wahrheit aber stumm, also wie sollen die beiden sich je treffen können? Und ich beschwöre dich, mir zu glauben, daß ich nichts meinen will, als was meine heilige Kirche lehrt. Wann immer also dir scheint, daß mein Wort von ihrer Lehre sich entfernt, so wisse, dieses Wort gilt nicht, es meint dann gar nicht, was es zu sagen scheint, es meint immer nur genau das, was sie lehrt. Alles was hier geschrieben steht, hat nur Sinn für den, der selber schon drüben war. Für den sind es Zeichen, die ihn daran erinnern. Sie sagen ihm: erinner dich. Was sonst könnte denn auch jemals ein Mensch dem anderen Menschen sagen? Lieber aber wäre mir, ich hätte das alles nie geschrieben oder daß es, da mir verboten ist, es zu vernichten, wenigstens ungelesen bleibt!«

»Vor allem,« sagte Franz am anderen Tage zum Onkel Erhard, »scheint es mir ausgeschlossen, daß der Blazl diese Hefte geschrieben hat, und wer sie geschrieben hat, ist jedenfalls kein Anarchist.«

»Das wissen wir schon,« antwortete der Onkel Erhard. »Der Domherr ist nämlich seit heute früh zurück, war eben hier und hat alles aufgeklärt. Der hätt einem auch einen Wink geben können, für alle Fälle! Gott sei Dank, daß er noch rechtzeitig davon erfahren hat! Um ein Haar hätten wir uns unsterblich blamiert! Denn weißt du, wer das ist, euer Blasl, dein Kutscher, unser Anarchist? Du hast doch die Hefte gelesen, also rate!« Und er lachte grölend. In diesem Augenblick trat der Domherr ein und sagte: »Er willigt ein, da ja jetzt doch schon zu viele davon wissen und es doch nicht mehr geheim bleibt.«

Jetzt erst Franz bemerkend, fragte er lächelnd: »Und was sagst du dazu?«

»Er weiß ja noch gar nichts,« schrie der Onkel.

»Ich habe übrigens den Auftrag,« fuhr der Domherr fort, »dich dann zu ihm zu bringen. Da du seine Hefte kennst, wünscht dir der Prinz selbst –«

»Der Prinz?« fragte Franz.

»Ja da schaust!« rief der Onkel, stolz, als ob er das arrangiert hätte.

»Don Tadeo,« sagte der Domherr, »der Infant, seit Jahren verschollen. Es hat damals Aufsehen gemacht, du wirst dich kaum mehr erinnern, du warst noch zu jung. Ich aber weiß es noch ganz gut, damals war derlei noch etwas Neues, seitdem ist es ja fast Mode geworden, und wir haben die Sorte von landflüchtigen Prinzen bei uns auch –«

»Prinz Adolar, zum Beispiel!« sagte der Onkel.

»Nur,« fuhr der Domherr fort, »mit dem Unterschied, daß unsere meistens tiefer in die Welt hinab fliehen, zum Ballett und Kabarett, der aber ist aus der Welt entflohen, und empor!«

»Total verrückt!« rief der Onkel.

»Ich weiß noch,« fagte der Domherr, »wie stark das damals auf mich gewirkt hat, als man erfuhr, der rote Prinz, durch seine volksfreundliche Gesinnung und die Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Verachtung für die Günstlinge des Hofes zur Schau trug, ebenso berühmt, wie durch seine Abenteuer, sein Glück bei Frauen und die Wildheit seiner Launen berüchtigt, habe plötzlich nach einem stürmischen Auftritt mit dem allmächtigen Minister den Hof, die Seinen, das Land verlassen, sich eingeschifft und in einem Schreiben, das den einen abgeschmackt, den anderen sublim schien, der Königin angekündigt, auf irgendeiner fernen Insel unter noch unverdorbenen Wilden ein neues Leben zu beginnen. Erst wollte man wetten, er werde nach drei Monaten reumütig heimgekehrt sein, um, ausgesöhnt mit den Unbilden einer fürstlichen Existenz, wieder das Kommando der Real maestranza zu übernehmen. Dann hieß es, das Schiff sei gescheitert. Das Gerücht blieb unbestätigt. Einige wollten ihn in einem sonnenverbrannten Farmer irgendeiner Insel erkannt haben. Bald war er ganz vergessen. Mir erzählte viel von ihm einer meiner Freunde, der mit ihm in Feldkirch studiert und auch einmal die Ferien bei ihm in Possenhofen verbracht hat, wo seine Mutter stets im Sommer war.«

»Und jetzt,« sagte der Onkel Erhard vergnügt, »hätten wir ihn beinahe hängen lassen, übrigens gar kein übler Abschluß für die Karriere eines Heiligen! Und da wär ich dann noch gewissermaßen sein Pontius Pilatus gewesen. Was einem alles passieren kann, ich danke!«

»Er will,« sagte der Domherr zu Franz, »vor allem seine Hefte wieder. Er hat Angst, sie könnten in unrechte Hände kommen. Auch wünscht er, dich zu sehen, um dich, falls du sie gelesen hast, noch ausdrücklich zu warnen.«

»No und geht er dann wieder ins Schlößl,« fragte der Onkel, »und spielt wieder weiter Theater?«

»Er hat mir ein Schreiben an den König übergeben,« sagte der Domherr, »das ich bestellen soll. Er will heim. Denn jetzt kommt eine Zeit, wo jeder an den Platz muß, für den er geboren ist.«

»Was heißt das?« schrie der Onkel wütend. »Woher wißt's ihr denn, was jetzt für eine Zeit kommt? Himmel Herrgott, ihr macht's einen wirklich noch ganz verdreht.«

»Das ist nun unsere Absicht eigentlich nicht,« sagte der Domherr höflich.

»Und jedenfalls,« schrie der Onkel, »kann ich doch aber jetzt ruhig auf die Alm? Nicht?«

»Das können Sie guten Gewissens,« sagte der Domherr.

»No dann ist mir ja alles recht,« sagte der Onkel. »Ich lasse mich seiner Hoheit schönstens empfehlen, meinen Segen habts ihr! Und ich hoffe, ihn ja noch zu sehen, wenn ich von der Alm komm!«

Während sie hinübergingen, sagte Franz zum Domherrn: »Es macht mich doch fast verlegen, einem Mann zu begegnen, neben dem her ich jetzt bald ein Jahr gelebt, und so ganz ahnungslos!«

»Ist dir das so sonderbar?« fragte der Domherr. »Geht's dir denn mit anderen Menschen besser? Wir leben doch alle nebeneinander her, ganz ahnungslos von einander. Was weißt du denn, wie oft schon dein Knecht ein verkleideter König war, oder vielleicht auch umgekehrt? Wenn einst die Verkleidungen fallen und wir uns einst alle nackt gegenüber stehen werden, da wird manch einer verlegen sein. Wenn wir das stets bedächten, wären wir behutsamer miteinander. Oder glaubst du denn, mit mir ahnungsvoll zu leben?« Und lächelnd sah der Domherr ihn an.

»Und Sie mit mir?« fragte Franz scheu.

»Vielleicht doch eher,« antwortete der Domherr. »Gewiß weiß ich es aber auch nicht. Und wir können ja noch von Glück sagen, daß keiner keinen kennt. Die Zumutung wäre zu stark für uns. Den Menschen kennen und doch ertragen kann wirklich nur der allbarmherzige Gott.«

Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, noch in seinen alten Kleidern und auch sonst ganz der alte, dennoch aber ein anderer, seit Franz wußte, daß es eine Verkleidung war, sagte lächelnd: »Vergeben Sie mir den Betrug, der ja für mein Gefühl eigentlich keiner war. Der Infant Don Tadeo bin ich längst nicht mehr. Wenn mich Umstände nötigen, ihn jetzt wieder eine Zeit vorzustellen, so fällt mir diese Rolle viel schwerer. Für mich war ich der alte Blasl wirklich, und wenn ich überhaupt log, so hätte ich mich belogen, nicht Sie. Daß ich Ihnen Ungelegenheiten bereiten würde, konnte ich nicht wissen. Es tut mir leid genug. Natürlich war's das albernste Mißverständnis. Ich habe den Thronfolger, ohne freilich ihm je begegnet zu sein, genau gekannt, er ist mir sehr wert gewesen, wir waren in Verbindung, wenn auch nicht auf die hiesige Art. Er hatte längst die Grenzen der irdischen Wirksamkeit überschritten und stand mit einem Fuß schon in dem anderen Raum des rein geistigen Tuns. Er mußte nun ganz hinüber, das wußte ich: um in Erfüllung zu gehen, hat er nicht mehr bleiben können. Von dort aus erst wird seine Tat geschehen. Ich wunderte mich nur, daß das Schicksal so lange mit ihm zögerte. Und als ich an jenem Sonntag aus der Kirche tretend, wo ich eben im Gebet wieder von neuem versichert worden war, die beklommene Menge fand, wußte ich gleich, daß er endlich befreit war. Was durch ihn zu geschehen hat, kann er von drüben erst verrichten. Hier hat er es nur versprechen können, sein Leben war nur eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich habe mir ihn nie als einen konstitutionellen Monarchen denken können, mit Parlamentarismus und dem ganzen Humbug. Dafür war sein Format zu groß. Aber so hat er nun mit einem Schlag die Tat an sich gerissen. Dieser Tote wird jetzt erst leben, und von Grund auf. Das empfand ich bei der Nachricht, das meinten meine Worte. Sie werden aber begreifen, daß ich wenig Aussicht hatte, mich darüber mit jenen Bauern zu verständigen. Ich ergab mich lieber stumm und wundere mich nur, daß sie mir nicht den Garaus machten. Ich war darauf gefaßt und es wär jetzt vorüber. Mir steht also noch ein Rest zu tun bevor. Sei's!« Er hatte dies alles immer in dem gleichen Ton gesagt, der gewissermaßen nicht interpungierte, und nur selten Franz einmal aus seinen abgestorbenen Augen stier anblickend. Dann bat er ihn noch, von seinen Heften nichts zu sagen und auch selbst sie zu vergessen. »Es steht darin die Wahrheit, aber nur für mich: dazu muß man meine Zeichensprache verstehen. Was darin steht, ist richtig, aber die Worte sind ungültig.« Franz konnte nicht unterlassen, ihm den Eindruck zu schildern, den er von den Heften hatte. Der Alte sagte: »Sie sind zu gütig, aber wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so würde ich Ihnen, soweit mir ein Urteil über Sie zusteht, doch lieber den kleinen Katechismus empfehlen, es ist sicherer.« Er wendete sich zum Domherrn und fragte lächelnd: »Ich bin also wieder frei und darf fort?«

»Wohin Sie wollen, Hoheit,« antwortete der Domherr.

»Ich werde heim müssen,« sagte der Alte traurig.

»In diesem Kriege muß jeder zu den Seinen stehen,« sagte der Domherr.

»In welchem Kriege?« fragte Franz erschreckt. Aber die beiden antworteten ihm nicht.

Als er abends daheim seinem Bruder alles erzählte, schien dieser nur halb zuzuhören, und sagte, sobald er zu Worte kam: »Ich hab aber auch eine Neuigkeit! Wir werden heuer doch wieder ein kleines Weihnachtsgeschenk haben. Ja denk dir!« Und sein rotes freudiges Kindergesicht strahlte. »Auf eine Orgelpfeife mehr kommt's schon nicht mehr an und es ist sicher die beste Lösung. So brauchst du auch keine Angst mehr zu haben! Übrigens ist es nicht schön von dir, daß du Geheimnisse vor mir hast! Während ich von Tag zu Tag eure Verlobung erwarte, höre ich heute, daß sie die Wohnung gekündigt und schon die Stadt verlassen hat. Was war denn?«

»Es war eben nichts,« sagte Franz trüb.

»Wir werden dir schon eine andere finden,« sagte Anton lustig.

Zwölftes Kapitel

Nachdem sich der Infant von dem Gefolge verabschiedet, den Statthalter mit einer Ansprache beglückt und dem Grafen Erhard noch einmal huldvoll gedankt hatte, herablassend, doch ohne Leutseligkeit, mit einem Wohlwollen, das nicht so weit ging, daß er sich die Mühe genommen hätte, zu verbergen, wie sehr es ihn langweilte, trat er, bevor er in den Salonwagen stieg, auf den Domherrn zu, der mit Franz abseits stand, überwand eine leise Verlegenheit und sagte zögernd: »Von Ihnen beiden zu scheiden wird mir nicht leicht, und daß einmal wahrhaft verbundene Menschen es auch in der Ferne bleiben, ist mir ein geringer Trost. Bewahren Sie mir ein gutes Andenken! Ich möchte, daß Sie die Wunderlichkeiten meines äußeren Betragens, die ja schließlich doch Notwendigkeiten meiner inneren Haltung sind, vergessen und Mitleid mit einem Manne haben, der nicht anders sein kann, als er ist, sich damit abgefunden hat und die Nachsicht, die er für sich erbitten muß, von Herzen erwidert.« Er hätte sichtlich gern noch mehr gesagt, fand aber offenbar das rechte Wort nicht und stand unentschlossen. Dann sprach er zum Domherrn: »Wir beide haben einander in einer Tiefe kennen und erkennen gelernt, daß uns fortan die Sprache nur eher ein Hindernis sein wird. Reichen wir uns also lieber die Hände! Wir wissen ja, was jeder vom anderen weiß.« Er nahm die Hand des Domherrn und hielt sie lange. Dann suchten seine verloschenen Augen Franz und er sagte: »Sie sind auf dem rechten Wege, lieber Graf Franz, nur Mut und aufwärts! Und wenn Sie zuweilen in stillen Stunden meiner einmal gedenken, so wäre mein Wunsch, für Ihr Gefühl immer der alte Blasl zu bleiben. Der enthielt weit mehr von mir, meine jetzige Verkleidung würde Sie nur irre machen, vergessen Sie sie, bitte.«

Der Bahnvorstand meldete die Abfahrt des Zuges. Der Infant stieg ein, und wie er jetzt, während der Zug langsam aus der Halle fuhr, im Fenster stand, lässig die Herren des Gefolges noch einmal grüßend, hätte niemand geglaubt, daß es einer so fürstlichen Erscheinung je gelingen könnte, unkenntlich zu werden. »Kleider machen Leute,« sagte der Domherr leise.

In diesem Augenblick fiel Franz ein, daß er jetzt auf derselben Stelle stand, wo sein Bruder Anton vor zehn Monaten den Heimkehrenden erwartet hatte, um ihn in den Wagen zu geleiten, zur Himmelfahrt.

Indessen hatten die Herren sich wieder bedeckt, das Gefolge des Infanten verließ die Halle. Onkel Erhard ärgerte sich, weil ihr Aufzug nicht ganz den Eindruck machte, der Würdenträgern gebührt. Er brummte: »Die Leut haben nichts mehr im Schädel als den dummen Krieg.«

»In drei Wochen ist ja hoffentlich alles vorbei,« sagte der Statthalter.

»Höchste Zeit!« erwiderte der Onkel. »Sonst kennt sich bald vor Schlamperei kein Mensch mehr aus.« Der Krieg verdroß ihn sehr, er bedrohte sein Gefühl, der Mittelpunkt zu sein. Auch als er mit dem Statthalter jetzt im Staatswagen durch die Stadt fuhr, achtete niemand auf sie: das Wichtigste war plötzlich unwichtig geworden.

Der Domherr sagte zu Franz: »Ich hätte Lust, ein paar Stunden zu wandern, willst du mit?«

Sie gingen am Flusse hin durch die Au. Lange schwiegen beide. Franz hatte gestern erfahren, daß Jeanne, sein entlarvtes Medium, als Spionin verhaftet worden war. Es fiel ihm erst jetzt wieder ein. Er wunderte sich nur, wie stumpf ihn die Nachricht gelassen hatte. Die kluge, feine, zierliche Jeanne, wie aus Luft und Licht gesponnen, ein Hauch, ein Strahl, das elfische Wesen, seine Jeanne! Sie hatten sie wohl indessen schon gehenkt. Und er nahm das so hin, es ging dabei gar nichts in ihm vor, er war eigentlich kaum erschrocken, er empfand nichts, es war für ihn wieder auch nur eine Nachricht mehr. Tag um Tag ging jetzt ein solches Ungewitter von Ereignissen auf ihn nieder, daß er keiner inneren Antwort mehr fähig war. Er hatte sich kaum von der letzten Nachricht erholt, da war sie schon von einer neuen und im selben Augenblick auch diese wieder verdrängt. Seine Mutter hatte der Krieg auf Wright übereilt, sie war gefangen, Anton, kaum eingerückt, schwer verwundet. Er kam mit seinen Gedanken, mit seinen Gefühlen nicht mehr nach, es stand alles in ihm still.

»Auch du,« sagte der Domherr, »hast dich, hör ich, gemeldet?«

»Ich habe mich gemeldet,« sagte Franz. Und er schwieg wieder lange, bevor er fortfuhr: »Ich habe nie gedient, es war mir damals unerwünscht, ich wollte das Jahr nicht verlieren, das ich in der Wissenschaft besser anzuwenden dachte, und es wurde mir ja nicht schwer, loszukommen.«

Er schwieg wieder, bis ihn der Domherr fragte: »Jetzt aber?«

Franz zögerte, bevor er antwortete: »Jetzt ist es doch meine Pflicht. Und vielleicht, wenn ich ganz aufrichtig bin, ist es noch mehr das Bedürfnis, auch dabei zu sein, auf irgendeine Art. Genau weiß ich es ja selbst nicht. Aber ich kann doch nicht, wenn sich alles in Bewegung setzt, allein in der Ecke stehen bleiben. Ich müßte mich vor mir selber schämen.«

»Und vielleicht,« sagte der Domherr, »ist es dir auch jetzt nur darum zu tun, wieder loszukommen.« Franz blickte fragend auf, er verstand es nicht. Der Domherr fuhr fort: »Damals hast du dich von dem Leben, das dir durch Geburt und Erziehung angewiesen war, losgemacht, um dir deines aus eigenem zu schaffen. Jetzt ergreifst du die Gelegenheit und machst dich wieder eben von diesem eigenen Leben los.«

»Und wenn es so wäre,« fragte Franz, »hätte ich denn nicht recht?«

»Gewiß hast du recht,« sagte der Domherr. »Ich kenne dein eigenes Leben nicht genug, ich kann darüber nicht urteilen. Aber daß du dich sozusagen verlassen willst für einige Zeit und aus dir verschwinden, wird dir auf keinen Fall schaden. Und es geschieht in einem großen Augenblick, geschieht aus einer reinen Empfindung, und daß es in aller Stille geschieht, ohne Heldenpose, freut mich von dir. Vielleicht findest du bei der Heimkehr dein eigenes Leben ausgesöhnt wieder, weißt dann erst, was du daran hast und lernst es schätzen. Der lange Friede hat uns alle zugleich übermütig und unmutig gemacht. Wessen er sicher zu sein glaubt, das mißachtet der Mensch leicht. Wird ihm wieder einmal dargetan, daß er nichts sicher hat, so lernt er sich auch mit dem Relativen begnügen. Es ist hohe Zeit, daß er wieder etwas bescheidener wird, wenn das selbst, wie er nun schon einmal ist, zunächst auch wieder mit einer gewaltigen Anmaßung beginnt.«

Franz, dem dies wie ein Vorwurf klang, sagte zu seiner Verteidigung: »Auch der Infant gibt ja sein eigenes Leben auf! Wenn er einen Rang wieder annimmt, der ihm nichts mehr bedeutet, wenn er in Verhältnisse zurückkehrt, denen er innerlich längst entwachsen ist, wenn er sich in den Dienst einer Welt stellt, die für ihn keinen Sinn, keinen Wert mehr hat, heißt das nicht auch, daß er auf sein eigenes Leben verzichtet, und auf das wahrste, auf eins, an das er glaubt, das ihn ausfüllt, in dem er, was er sucht, gefunden hat?«

»Gerade das ist aber doch der Unterschied,« sagte der Domherr. »Er, indem er sein eigenes Leben preisgibt, das für ihn die Wahrheit ist, und es mit einem vertauscht, dem er sich entfremdet hat, an das er nicht mehr glaubt, von dem er weiß, daß es ihm unerträglich sein wird, er entsagt, er bringt ein Opfer, er überwindet sich. Du, wenn du dein eigenes Leben aufgibst, verzichtest auf etwas, das dich niemals befriedigt hat und von dem du nicht mehr glaubst, daß es dich jemals befriedigen wird. Das kann man doch kaum ein Opfer nennen. Nimm mir's nicht übel und mißversteh mich nicht! Ich will dich in deinem Entschlusse nicht stören, im Gegenteil! Ich freu mich über jeden, der zu den Waffen eilt. Je mehr ihrer sind, desto besser für uns. Aber sie tun es, weil sie sich ihr Leben zu verbessern glauben. Wie noch immer und überall, ergreifen sie auch jetzt wieder das, wovon sie sich am meisten für sich versprechen, recht haben sie, nur soll mich der Feuilletonist mit dem Geschwätz von ihrer seelischen Umwandlung verschonen. Auch du hast recht, ja du noch weit mehr als die meisten, denn dich führt der Augenblick in eine Form des Lebens zurück, die dir von Anfang an zugewiesen war und der du vielleicht niemals hättest untreu werden sollen. Bewährst du dich jetzt, hast ein bißchen Glück im Krieg und kehrst als Rittmeister mit dem Signum laudis heim, so bist du ja schließlich nichts, als was du ohne deinen Eigensinn, deinen Ehrgeiz, dich abzusondern und auszuzeichnen, schon längst wärst: es wird nur auf Umwegen endlich doch zustande gebracht sein, was dir von Anfang an bestimmt war. Ich wünsch dir das von Herzen, nur auf den Infanten darfst du dich dabei nicht berufen, mit ihm nicht vergleichen, der hat ein anderes Format als ihr alle. Er lebt vom Geiste: was er denkt, muß gleich auch getan sein; er macht von seinen Gedanken Gebrauch. Das kommt sonst heute ja kaum mehr vor, die letzten Exemplare dieser Menschenart waren die Jakobiner. Wer etwa heute noch Geist hat, hat nur den Geist seiner Bedürfnisse, er lebt aus dem Bauch und macht sich die nötigen Gedanken dazu, er ist ein Tier, und sein Geist nur der Schatten, den das Tier wirft, während beim Infanten umgekehrt das Leben, das er lebt, der Schatten ist, den sein Geist wirft. Wer von euch anderen darf denn aber überhaupt noch sagen, er habe Geist? Die meisten nehmen sich nur einen. Ihr Geist ist weder primär, Leben bewirkend oder doch formend, noch auch nur die Folge, der Auslaut, ja nicht einmal ein Mitlaut ihres Lebens, ihr Geist ist überhaupt nicht der ihre, sondern sie leihen sich Gedanken aus, legen sich Gedanken zu, sie hängen sich Gedanken um, die nächstbesten, nächstschlechten, die gerade bei der Hand sind, und ihr Leben erfährt davon nichts, spürt davon nichts, weiß davon nichts, der Geist besorgt ihnen nur die Tischmusik des Lebens, er ist ein angenehm begleitendes, die Nerven beruhigendes oder anregendes Geräusch dazu, weiter nichts. Ich sehe jetzt schon der zweiten Generation Leben zu. Welche Fülle von Gedanken, die sich unablässig erneut! Man müßte meinen, die Menschheit hätte sich von Grund aus verjüngt. Ich merke nichts davon. Die Gedanken wechseln, aber ohne daß sich die Menschen veränderten. Und ganz verschiedene Menschen denken gleich, gleiche Menschen denken ganz verschieden. Ich habe mir das lange nicht erklären können, bis ich das Hauptmerkmal des heutigen Menschen entdeckte: daß sich nämlich seine Gedanken nicht auf sein Leben beziehen, und sein Leben nicht auf seine Gedanken, daß sein Geist mit seinem Leben nichts zu tun hat. Was er denkt und was er spricht, bedeutet nichts für das, was er ist und was er tut; zwischen dem Geist und dem Leben ist der Draht abgerissen. Es hat Zeiten gegeben, wo der Geist zum Leben, und andere Zeiten, wo das Leben Geist wurde; der Geist war entweder das Samenkorn, oder er war doch noch ein Ausschlag, ein Sekret des Lebens, er brachte Leben hervor oder ging aus dem Leben hervor. In unserer Zeit aber sind Geist und Leben von Tisch und Bett geschieden, sie geben den gemeinsamen Haushalt auf, und damit beginnt die scheußliche Selbstvermehrung der Gedanken, ohne Befruchtung vom Leben, durch bloße Parthenogenesis, wie bei den Blattläusen und Wasserflöhen. Und das Ergebnis: mehr Geist als je, doch unlebendig, mehr Leben als je, doch unbegeistet, alles nur Inzucht der ewigen Leere! Einer solchen Zeit kann selbst ein so rein aus dem Geiste lebender Mann wie der Infant nicht helfen, sie wird ihn gar nicht verstehen. Sie wird seine Gedanken abhören, auszählen und dann finden, daß sie ja doch alle diese Gedanken schon kennt, und enttäuscht sein, daß auch er ihr ›nichts Neues‹ bringt. Sie weiß ja nichts mehr davon, daß Gedanken nicht durch sich wirken, sondern bloß durch den Menschen, dem sie gehören, daß herrenlos herumlaufende Gedanken entarten, daß Gedanken selbst nichts, sondern bloß Zeichen und sozusagen Fingerabdrücke eines Menschen sind, und was soll sie denn also mit dem Infanten anfangen, der seine Gedanken nicht hat, sondern ist, dessen Gedanken Atemzüge seines Lebens sind? Darum hat er dich auch mit Recht gewarnt, denn du kannst dir seinen Geist so wenig aneignen wie seinen Gang, seinen Ton, seinen Blick. Das einzige was man von wahren Menschen lernen kann, ist: selbst einer sein. Willst du das, so vergiß ihn und erinnere dich deiner! Dazu verhelfen dir seine Hefte nicht, und es hilft dir nichts, wenn du hinter ihm herläufst, wie du dein ganzes Leben hinter einem hergelaufen bist, immer wieder, hinter einem andern, aber wenn du jetzt draußen im Felde einmal ganz allein sein wirst, allein mit dir und deiner Todesangst, Aug in Aug mit deinem Schicksal, ganz verlassen, ganz auf dich selbst herabgesetzt, ja das kann dir vielleicht noch helfen, ich würde dir's von ganzem Herzen wünschen.«

Nach einer Weile sagte Franz: »Ich möchte nur, wenn ich hinausgehe, besser ausgerüstet sein. Sie haben mir bisher nie getraut, und ich kann das schon verstehen. Sie haben den Verdacht, daß ich, wie früher in der Wissenschaft und in der Kunst, so auch jetzt in der Religion wieder bloß dilettiere. Das hat Sie gegen mich aufgebracht, und vielleicht mit Recht. Aber wenn ich jetzt, bevor ich ins Ungewisse gehe, gern noch ein bißchen Ordnung mit mir machen möchte, zweifeln Sie da noch, daß es mir ernst ist?«

»Ich habe nicht an deinem Ernst gezweifelt,« sagte der Domherr, »und auch an deinem guten Willen nicht, oder wenigstens daran nicht, daß du selbst stets der Meinung warst, es sei dir ernst und dein Wille gut. Und wenn ich, wie du ganz richtig bemerkt hast, aufgebracht war, so war ich es doch nicht so sehr gegen dich als gegen deine ganze Generation, die mich allerdings oft ungeduldig macht. Daß ihr alles bloß dilettantisch treibt, das wäre noch nicht das Schlimmste, aber ich sehe nichts als Überhebung an euch, und jede Art von Überhebung ist mir unerträglich.«

Franz sah verwundert auf. »Auf diesen Vorwurf,« sagte er, »war ich am wenigsten gefaßt. Gerade von aller Überhebung weiß ich mich ganz frei.«

»Von seinen schlimmsten Lastern,« erwiderte der Domherr, »glaubt man sich immer frei, sie sitzen so tief, daß nichts davon zu merken ist, und gar, wenn es Laster einer ganzen Zeit sind und ihr schon fast zur zweiten Natur geworden. Alle werden heute schon als Virtuosen geboren. Jeder will mehr können als die andern. Es gilt nicht, was er kann, sondern nur, wieviel er mehr kann. Jeder wünscht ungemein zu sein. An sich hat nichts, hat niemand Wert, sondern erst, wenn es auf etwas, wenn er auf einen bezogen wird. Ganz natürlich, seit das Maß an einer objektiven Welt fehlt. Einer gläubigen Menschheit ist gut, was Gott befiehlt, und schön, was Gott gefällt, sie mißt alles an Gott. Woran soll es eine ungläubige messen? Ihr ist nichts mehr an sich gut, nichts mehr an sich schön, sondern alles wird erst gut oder schön am andern, neben andres gehalten, auf andres bezogen. Gut ist dann nur noch, was besser ist, schön ist, was vorgezogen wird, es geht jetzt alles aufs Übertreffen, Übertrumpfen aus, es wird nicht mehr an sich, sondern um die Wette gelebt, und wer die meisten aussticht, hat gewonnen. Sonst lernte man Klavier spielen, um Klavier zu spielen, jetzt, um ein Pianist zu werden, unser ganzes Leben ist ein ›Konzert‹, ein Wettstreit. Einer solchen Zeit entspricht es nur, daß, wer sich zufällig einmal fromm gestimmt fühlt, sogleich daran geht, ein Heiliger zu werden. Du darfst mir nicht verdenken, wenn ich das Überhebung nenne.«

»Sie tun mir bitter unrecht,« rief Franz verblüfft. »Es ist mir wahrhaftig nicht eingefallen. Nie.«

»Du hast es nur selbst gar nicht bemerkt,« sagte der Domherr. »Ihr bemerkt es alle gar nicht. So fern seid ihr von wahrer Frömmigkeit! In jedem von euch steckt ein heimlicher Modernist. Was ist denn der Modernismus andres als der hoffärtige Wahn, Gott müsse sich in eigener Person um jedes winzige Menschlein bemühen, das ihn mit seinem Vertrauen beehrt? Hat er sich den heiligen Paulus selbst geholt, so kann der Herr Graf Flayn wahrhaftig das doch auch verlangen. Widersprich nicht, ich kenne dich besser, als du dich selber kennst, diese ganze Generation ist von Grund aus zum Glauben verdorben, ihr seid unfähig, fromm zu sein, und wenn euch dabei selber am Ende doch einmal angst und bange wird, so wird auch euer Gebet noch zur Lästerung, ohne daß ihr es wißt. Ihr seid alle so von Jugend auf überall einen reservierten Platz gewohnt, daß ihr natürlich nun auch zu Gott ein besonderes Verhältnis haben müßt. Der alte Glaube tut's nicht mehr, oder er soll wenigstens einen separaten Eingang für euch haben, das allgemeine Tor, das allen offen steht, ist euch nicht gut genug. Wenn schon, denn schon! Wenn der Herr Graf Franz Flayn, moderner Mensch, Mann der Wissenschaft, Künstler gar, sich zum Glauben herabläßt, muß der Chor der Erzengel Gala für ihn anlegen, und daß ein Wunder geschieht, ist das mindeste, was er erwarten darf. Fühlst du nicht, daß eure Manier, fromm zu sein, das Gegenteil aller Frömmigkeit ist, an deren Anfang immer die Demut steht, mit der Reue, dem Schuldgefühl und der tiefsten Zerknirschung?«

»Die hab ich doch,« sagte Franz leise.

»Meinst du?« erwiderte der Priester. »Aber auch deine Demut, oder was du dafür hältst, ist noch so voll Hoffart und Eitelkeit, daß du dir gleich wieder ungeheuer interessant vorkommst, als ein ganz besonderer Fall, dessen sich Gott persönlich annehmen muß. Und du bist enttäuscht, daß sich nicht gleich der Himmel öffnet und etwas Außerordentliches mit dir begibt! Worauf wartest du denn sonst noch? Was hält dich ab, einfach deine Pflicht zu tun und zu beten, zur Messe zu gehen, das Sakrament zu empfangen wie jeder andre auch? Wissenschaft, Kunst und Leben haben dich enttäuscht, du bist unbefriedigt und ziehst ratlos durch die Welt, da begegnen dir Menschen, die haben, was dir fehlt, du beneidest sie, gewahrst, daß sie fromm sind, und willst es auch sein, weil du dir davon den inneren Frieden versprichst, den du sonst noch nirgends gefunden hast als an ihnen, also sei's doch, sei doch fromm! Wer hindert dich? Was zögerst du? Was erwartest du noch? Daß ein Wunder geschieht? Ist denn das Wunder nicht schon an dir geschehen? Daß du noch immer suchst und nirgends findest und immer wieder suchen mußt, daß du nicht ruhen kannst, daß du die tiefe Seligkeit in den Augen der Gläubigen vernimmst, daß es dich geheimnisvoll in die Kirchen lockt, daß dich der Wunsch quält, fromm zu sein, ist dir das alles denn noch immer nicht Wunder genug? Spürst du darin noch immer die Gnade Gottes nicht? Hörst du noch immer die Stimme Gottes nicht? Was willst du denn noch von ihm? Soll er mit dir schreien? Dir Gewalt antun? Immer schwärmt ihr von Freiheit, aber die wahre, daß nämlich Gott keinen Menschen zu sich nimmt, der nicht, wenn Gott ihn ruft, den vernommenen Ruf dann auch will, selber will, aus eigener Kraft will, die Freiheit der Entscheidung und eigenen Wahl versteht ihr nicht! Gott ist auf dich zugekommen, er steht vor dir, nur noch einen Schritt von dir getrennt, aber diesen Schritt mußt du jetzt selber tun, den letzten Schritt, den einen Schritt ihm entgegen, der über Leben und Tod entscheidet! Den kann kein anderer für dich tun, du mußt es selbst, tun mußt du's, Glaube muß getan sein, das kann dir nicht erlassen werden, aber du tust ihn nicht und wartest immer noch, was mit dir geschehen wird. Warum? Das will ich dir sagen: Weil es dir gar nicht um den Glauben geht, sondern auch jetzt noch wieder bloß um eine Sensation. Wie immer! Wie euch allen! Wie ja deinem närrischen Freund Höfelind auch, der mir jetzt einen erzverrückten Brief geschrieben hat, mit der Ankündigung, daß er Trappist wird, für seine Redelust gewiß das Richtigste. Solange aber ein Mensch das nicht losgeworden ist, daß er sich zum Ungewöhnlichen, zum Außerordentlichen, zum Weltereignis berufen glaubt, solange er sich für auserwählt hält, auch im tiefsten Gefühl seiner Nichtigkeit noch, ja dann gerade erst recht, solang er selbst auf Gott wieder noch Eindruck zu machen, selbst mit seinen Sünden noch zu glänzen, selbst im Himmel noch eine Rolle zu spielen denkt, ist ihm nicht zu helfen. Schließlich kommt das alles bloß daher, daß ihr euch vom Volke getrennt habt. Das hat es ja vorher nie gegeben, daß jemand sein Volk verläßt. Der König selbst, und wie hoch gefürstet einer auch immer war, er blieb doch Volk; er stand den andern voran, doch in demselben geistigen Raum mit ihnen. In unsrer Zeit erst treten einzelne ganz aus dem allgemeinen Raum aus, diejenigen nämlich, die ihren Verstand in gewissen Kunststücken eingeübt, die mehr gelernt haben als die andern, die zu wissen glauben, die »Gebildeten«, und die nun deshalb verlangen, daß alles erst ihrer eigenen Prüfung, ihrer eigenen Entscheidung unterworfen und vor ihrem eigenen Gericht erledigt werden muß, auch was schon längst entschieden ist, auch was von Menschen gar nicht entschieden werden kann, auch was Gott sich selbst zur Erledigung vorbehalten hat. Dieser entsetzliche Wahn der Gebildeten, die Geheimnisse des Volkes, in denen die Weisheit von Jahrtausenden aufbewahrt lebt, nicht mehr nötig zu haben und durch Kalkül ersetzen zu können, der furchtbare Wahn, als ob ein einzelner Mensch je die ganze Menschheit sein könnte, noch einmal von Anfang an und auch gleich im voraus bis ans Ende, der dann also freilich aller Geschichte ledig, der das absolute Sein wäre, in einen Oberlehrer destilliert, dieser teuflische Wahn einer vollkommenen Unbedingtheit und, wie ihr es so gern nennt, VoraussetzungsIosigkeit ist es, der euch, auch wenn ihr durch ein Wunder einmal zur Wahrheit kommt, selbst an der Wahrheit noch wieder verzweifeln läßt, weil ihr auch von der Wahrheit noch wieder verlangt, daß sie sich erst vor euch rechtfertigen und beglaubigen soll, vor eurem Verstande, dem doch für die Rechtfertigung, die sie mitbringt, für die Beglaubigung, die sie vorweist, jedes Organ fehlt. So geht's dir, so geht's euch allen. Euch hungert nach Glauben, aber statt nun euren Hunger zu stillen wie das Volk, indem es hingeht und sich sättigt, zufrieden, satt zu werden, auch wenn es sich nicht erklären kann, wie, versagt ihr euch das, ihr wollt gar nicht gesättigt sein, wenn es euch nicht vorher bewiesen ist. Daß es der Gebrauch beweist, genügt euch nicht, solang ihr es nicht begreift. Ihr wollt Geheimnisse, aber die durchschaut werden können. Ihr wollt Wunder, aber die sich berechnen lassen. Ihr sucht eine Wahrheit über euch, aber ihr sucht sie in euch, ihr Narren des Verstandes! Ich weiß wirklich nicht, was ihr von uns wollt. Denn entweder steht es so, daß der Mensch wirklich das Maß aller Dinge, die höchste Instanz unseres Lebens ist, dann kann ich durchaus nicht einsehen, was Religion soll und wozu man sie verwenden will. Oder aber er braucht sie, weil er allein nicht mehr weiter kann, dann ist es an ihr, ihn zu führen. Wer einen Führer nimmt, kennt offenbar selbst den Weg nicht und traut dem Führer zu, daß er ihn kennt. Er wird ihm folgen. Wer aber den Führer erst noch auf dem Wege bei jedem Schritte wieder ins Verhör nimmt, ob er denn auch recht geht, und wer das an jeder Ecke erst wieder bewiesen haben will, wird nicht weit kommen.«

Behutsam, fast ängstlich, sagte Franz: »Es gibt doch aber viele Führer, und jeder geht einen andern Weg.«

Der Domherr erwiderte: »Ich glaube, daß es nur einen Führer gibt, und nur einen Weg. Doch will ich dich ja nicht nötigen. Es steht dir frei, Türke zu werden oder Jude.«

»Sie mißverstehen mich,« sagte Franz. »Für mich gibt es nur einen Glauben, den katholischen, in dem ich geboren bin. Ich kann wählen zwischen Glauben und Unglauben, aber wenn ich den Glauben wähle, hab ich keine Wahl mehr, es kann für mich nur der katholische sein. Warum, weiß ich eigentlich selbst nicht, aber wenn ich an Religion denke, meine ich immer nur die katholische. Sie ist für mich die Religion. Das war sie mir immer, auch alle die Jahre, da ich ohne Religion auszukommen glaubte. Und eist als ich nicht mehr auskam und mich also wieder zu der einzigen kehrte, die es für mich ist, bin ich an ihr irre geworden, weil ich da nämlich zu meiner Überraschung, zu meiner größten Verwirrung fand, daß der Katholizismus ja in jedem Katholiken ein andrer ist! Sie sind ein guter Katholik, mein Bruder Anton ist einer, der Infant ist einer, der junge Franziskaner, der Flötenspieler, ist einer, ich hatte ja Gelegenheit, eine ganze Reihe kennen zu lernen, und von den besten, aber jeder von ihnen ist anders katholisch, jeder ganz anders.«

»Ich verstehe,« sagte der Domherr. »Ich fange jetzt an, dich erst zu verstehen. Aber sprich weiter, es wird dir gut tun, dich einmal auszusprechen, und vielleicht kann ich dir antworten.«

»Nehmen wir nur zum Beispiel meinen Bruder und den Infanten,« sagte Franz. »Was haben diese beiden Katholiken miteinander gemein? Mein Bruder lebt in der besten aller Welten, kennt seine Pflichten und seine Rechte genau, zweifelt nie, freut sich des Daseins, wehrt sich seiner Feinde, steht fest auf der Erde, kann sich gar nicht vorstellen, daß er einmal im Unrecht wäre, jemand einmal gegen ihn recht hätte, ist immer vergnügt, immer tätig, immer seiner Sache gewiß, und wenn er sich, wozu er kaum Zeit haben wird, je Gedanken über das himmlische Leben machen sollte, stellt er sich wahrscheinlich vor, daß er auch dort auf die Jagd gehen, Ski laufen und mit Glück irgendein großes Unternehmen leiten, ein Herr sein und Knechte haben wird. Ist er ein guter Katholik, so muß ich annehmen, daß der Katholizismus eine ganz aufs Diesseits, auf irdische Tätigkeit und Tüchtigkeit gerichtete Religion ist, die sich nur die Kraft dazu von drüben holt. Sehe ich mir dann aber diesen andern guten Katholiken, den Infanten, an, so muß ich denken, daß der Katholizismus die Verneinung unseres irdischen Lebens ist. Und sehe ich Ihnen zu oder erinnere mich, wie Sie mir einmal die Frau Hofrätin, Ihre Mutter, geschildert haben, dann erscheint mir ein Katholizismus, der die Fähigkeit einer geheimnisvollen Doppelexistenz hat, die Fähigkeit, hier schon zuweilen dort zu leben und dann von dort aus etwas mit herüberzubringen, etwas, wodurch unser irdisches Dasein nun neben seiner, zu seiner oder über seiner sozusagen wörtlichen Bedeutung noch einen tieferen Sinn und gewissermaßen ein zweites Gesicht, erst sein wahres Gesicht bekäme. Nun frag ich mich, wer hat recht? Denn wenn der eine recht hat, müssen doch die beiden andern unrecht haben, nicht? Wer von ihnen ist also der wahre Katholik? Oder wenn man von demselben Katholizismus aus am Ende nichts erreicht, als daß jeder schließlich wieder doch nur zu sich selber kommt, was braucht er dann erst den Katholizismus? Das hätt er ja allein auch können!«

»Meinst du?« sagte der Domherr mit leisem Spott. »Ist das so gewiß? Erinnere dich doch! Du hast ja den Versuch gemacht! Bist du denn zu dir selbst gekommen? War es nicht gerade, weil du dich überall vergeblich gesucht und dich nirgends gefunden hast, war es nicht deshalb gerade, daß du vor Angst begannst, dich um einen Führer umzusehen? Wenn unser Glaube wirklich nichts vermöchte, als am Ende nur jeden zu sich selber, in sein eigenes Wesen, auf das ihm eingeborene Gesetz zu bringen, war das so wenig? Eine Schule der Persönlichkeit, sollten wir die nicht brauchen können? Und nehmen wir einmal an, du hast recht, und es gleicht wirklich kein guter Katholik dem andern, was beweist das? Solltest du wirklich erst jetzt die Entdeckung gemacht haben, daß der Mensch subjektiv auf alles abfärbt, was er berührt? Natürlich auch auf die Wahrheit! Die Wahrheit wird, von dir erfaßt, anders sein als dieselbe Wahrheit, von mir erfaßt, wie du denselben Baum anders siehst als ich. Und niemals kann meine Wahrheit oder deine Wahrheit die Wahrheit selbst sein, wie der Baum den du siehst, den ich sehe, niemals der Baum selbst ist, sondern immer nur Dein Bild, mein Bild von ihm. Wie der Baum, den ich sehe, ein Geschöpf ist, das zum Vater den Baum selbst und zur Mutter meine von seinem Strahl befruchtete Sehkraft hat, so ist auch meine Wahrheit immer nur ein Kind, das ich von der ewigen Wahrheit habe. Keines Menschen Wahrheit ist die Wahrheit selbst, alle stammen von ihr ab, man sieht ihnen an, daß sie denselben Vater, aber auch, daß sie nicht dieselbe Mutter haben. Und so, wenn du mich fragst, wer von allen den Katholiken, die du kennen gelernt hast, der rechte sei, muß ich dir antworten: so wie du's meinst, ist es keiner, und auch alle zusammen sind es noch nicht, die Summe sämtlicher Katholiken ist noch immer der Katholizismus nicht, er ist mehr, denn er ist drüben. Und auch so verhält es sich aber nicht, als ob etwa dem einen nur ein geringeres, dem andern ein größeres Stück der ewigen Wahrheit zugemessen wäre, sondern jeder gläubige Katholik empfängt sie ganz, nur wird in jedem, je nach der Kraft, mit der er begnadet ist, etwas anderes aus ihr, und wieviel davon er dann erst noch zum Vorschein bringt und uns sehen, auf uns wirken läßt, das reicht so tief in das Geheimnis hinab, daß wir uns nicht vermessen dürfen, es zu begreifen. Auf einem Relief des della Robbia umarmt der heilige Franziskus den heiligen Dominikus, sie neigen sich einander zu, die Hand eines jeden berührt des andern Arm, schon scheinen sie fast ineinander zu sinken, jeder will es, indem er sich doch immer noch irgendwie wehrt, und betrachtet man die beiden Köpfe lange genug, so kommt ein Augenblick, wo man dann nur noch einen Kopf zu sehen glaubt, denselben Kopf zweimal, nur jedesmal in einem andern Lichte. Nichts kann rührender sein, nichts läßt uns so tief empfinden, was sich in Worten kaum aussprechen läßt: daß nämlich alle Frommen dasselbe Antlitz haben, das nur an jedem gewissermaßen eine andere Miene macht. Und wir können von unserer eigenen Miene nun doch einmal nicht lassen und sollen es wohl auch nicht.«

Der Domherr schwieg einen Augenblick, dann fuhr er leise fort, mehr bloß so vor sich hin, für sich hin, und wie halb gegen seinen Willen: »Wer es heute so weit bringt, seiner selbst überdrüssig zu werden und aus sich selbst weg zu verlangen, hält dies dann immer gleich für Religion. Es ist jedenfalls nicht die unsere. Augenblicke der Auflösung ins beseligende Nichts hat bald einer, jenes überirdische Vergnügen Fausts in Wald und Höhle, ›verschwunden ganz der Erdensohn‹! Aber die Monisten verwechseln das Nichts mit Gott. Sich verlieren, heißt noch nicht Gott finden. Erst wer dann wieder auftaucht und aus dem Nichts in sich zurückkehrt, wer sich nicht bloß überwinden, sondern dann auch wieder gestalten lernt, wer nicht bloß die Nichtigkeit unsres irdischen Wesens erkannt hat, sondern auch, daß eben diese Nichtigkeit uns angewiesen ist als der Raum, um Gott aufzunehmen, nur der hat unsern Glauben erst. Ich vermesse mich nicht, unsern heiligen Glauben, der nur unmittelbar erlebt werden kann, in Worten auszusprechen, aber so viel weiß ich doch und so viel darf ich davon sagen, daß er die Persönlichkeit durchaus bejaht. Wer sich in den Glauben stürzt wie ins Meer, um darin unterzugehen und zu ertrinken, der ist nicht auf unsre Art fromm. Was euch dazu treibt, ist auch gar nicht, wie ihr meint, Demut, sondern Hoffart, und von der ärgsten Sorte, der nur freilich der Atem ausgegangen ist und die selbst an ihrer Kraft verzweifelt. Weil ihr nicht stark genug seid, alles zu sein, wollt ihr dann lieber gar nichts sein, aber nur ja nicht der arme kleine Mensch bloß, zu dem ihr bestimmt seid und der eurem Größenwahn nicht genügt! So bequem macht es euch unser Glaube freilich nicht, mit dem Kopfsprung ins Unendliche ist es da nicht getan. Auch unser Glaube löst den Menschen erst auf, aber in Gott, und das ist bloß der Anfang, denn dann stellt er ihn aus Gott noch erst wieder her und in die Zeit zurück, als Gestalt, Gefäß und Gerät zum Gebrauche Gottes. Aber ein jeglicher, sagt der Apostel, hat seine eigene Gabe von Gott, einer so der andre so. Dies alles aber, sagt er, wirkt derselbe Heilige Geist und teilt einem jeglichen seines zu, nach dem er will. Wie an einem Leibe, sagt er, viele Glieder sind, jedes aber eine andre Verrichtung hat. Wer so weit käme, ganz davon durchdrungen zu sein, daß er ein Glied am Leibe Christi ist, aber nicht bloß er, sondern ebenso sein Nachbar auch, und sein Feind auch, und er für seine besondere Verrichtung und der Nachbar und der Feind wieder für eine besondere, jeder für eine andre, der allein hätte dann bei tiefster Ehrfurcht vor der eigenen Persönlichkeit auch noch die Andacht vor jeder andern, der hätte die Liebe! Bitte Gott, daß er dich lehre, was er mit dir will, bitte Gott um die Gnade, seinen Willen zu vernehmen, zu verstehen und zu verrichten. Und vergiß nie, daß er aber auch den andern ebenso will, jeden andern, auch deinen Feind! Begreifen werden wir das ja nie. Daß ich recht habe, mein Feind aber, der mich vernichten will, dasselbe Recht, und daß wir alle, jeder auf seine Art, die doch aber alle andern Arten auszuschließen und aufzuheben scheint, gleich notwendig und unentbehrlich im Dienste des verborgenen göttlichen Plans sind, das, wenn wir es auch niemals einsehen werden, doch ertragen zu lernen, und nicht bloß ertragen, nicht bloß uns darein ergeben, sondern selber einwilligen und beherzt zustimmen durch unsre eigene Tat, es nicht bloß gehorsam erleiden, sondern uns dazu selbst aus freier Wahl entschließen, das ist uns das Schwerste. Ich hab auch lange genug dazu gebraucht, auch mir ist mein Glaube nicht geschenkt worden, und wenn mich deine Schmerzen nicht sehr interessierten, so war es, weil ich sie zu gut kannte, aus eigener Erfahrung. Ich wurde Geistlicher, weil's der Wunsch meiner Mutter war, und auch wohl aus Ehrgeiz, was hätt ich denn werden sollen, der Sohn eines unvermögenden Schulrats? Ich verachtete die Bedientenexistenz, die mich sonst überall erwartete. Ich wurde Geistlicher ohne innere Berufung, zunächst hauptsächlich bloß, um aus dem kläglichen Bürgertum weg und in eine bessere Gesellschaft zu kommen. Die fand ich denn auch, aber freilich, wo ich sie am wenigsten gesucht hätte, nämlich auf dem Land, als Kaplan, an den Bauern. Das Erlebnis, das über mich entschieden hat, war die Entdeckung wirklicher Menschen, die Entdeckung des Volkes. Auf dem Lande fand ich, was es ja sonst heute fast nirgends mehr gibt: zusammenhängende Menschen, Menschen aus einem Stück, Menschen mit einem Schwerpunkt. An ihnen gemessen, kam ich mir selber höchst jämmerlich vor. Damals hab auch ich das alles durchgemacht, bis zur völligen Selbstauflösung. Ich hatte mich schon als Student mit Kant herumgeschlagen, jetzt geriet ich an Mach und verfiel ihm mit Haut und Haar. Er zerbrach mir auch noch mein stolzes Ich, da saß ich nun auf meinen eigenen Trümmern, und nichts blieb mir von mir übrig als ein Gespinst von zerfließenden Sensationen. Eigentlich bestand ich zuletzt nur noch aus einem gesunden Appetit, und außerdem war der Anblick meiner Bauern da. Beide zusammen bestärkten mich in dem heimlichen Instinkt, daß alle diese Wahrheiten unsres Verstandes zwar unwiderleglich sind, aber falsch. Und, einmal so weit, folgerte mein Instinkt daraus: Wenn ich weiß, daß das Ich eine bloße Fiktion ist, mich aber dadurch nicht stören lasse, in dieser Fiktion zu leben, weil ich ja nur von ihr leben kann, anders nicht, ohne sie nicht, leben aber, wenn auch ohne Grund, will, weil ich leben muß, weil irgend etwas in mir, das stärker ist als mein Verstand mit allen seinen Gegengründen, mich zu leben zwingt, so will ich jetzt aber auch konsequent sein und überhaupt in allen Fällen ebenso verfahren und jede Fiktion, die mir vielleicht irgendwie helfen kann, zu Hilfe nehmen, ich will alle Fiktionen versuchen und ausprobieren. Wenn ich, obwohl ich weiß, daß es kein Ich gibt, dennoch an mein Ich glaube, so kann ich mit demselben Recht auch an Gott glauben, obwohl ich nicht weiß, ob es ihn, gibt. Ich weiß, daß es kein Ich gibt, und lebe dennoch, als ob es eins gäbe, weil ich damit besser lebe. Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich kann ja so leben, als ob es ihn gäbe, und ich will einmal so leben, um zu sehen, ob sich's nicht vielleicht damit besser lebt. Die einzige Frage ist, ob mir diese Fiktion ebenso behilflich sein wird als jene, das kommt auf den Versuch an. Und ich habe den Versuch gemacht. Nun muß ich dir aber, damit du mich nicht mißverstehst, gleich sagen, daß ich bloß erzählen will, auf welchem Weg ich zu Gott kam, daß ich aber keineswegs meinen Weg für den richtigen halte, nein im Gegenteil, dieser Weg ist falsch. Und wenn ich auf meinem falschen Wege dennoch Gott gefunden habe, so darfst du dich dadurch ja nicht verlocken lassen, ich warne dich! Also, ich beschloß, dasselbe Experiment wie mit dem Ich nun auch mit Gott zu machen. Ich machte es, und der Erfolg war überraschend. Es ergab sich nämlich nicht bloß, was ich mir davon versprochen hatte: eine Hilfe zum Leben, zur inneren Ordnung, zur Tätigkeit, an der ich allmählich schon ganz verzweifelt war, es ergab sich nicht bloß, daß mein so sinnloses Leben auf einmal wieder einen Sinn bekam, daß ich den archimedischen Punkt fand, festzustehen und um mich die Welt zu bewegen, daß ich auf einmal endlich Gewißheiten hatte, es ergab sich noch mehr, es geschah ein Wunder. Indem ich glaubte, die Gebote der Kirche hielt und von den Sakramenten Gebrauch machte, geschah ein Wunder mit mir. Nicht etwa durch mein Experiment, sondern bloß gleichzeitig mit meinem Experiment. Ich kann keinem zu meinem Experiment raten, denn ich kann ihm nicht dafür haften, daß, wenn er mein Experiment macht, an ihm dasselbe Wunder geschieht. Das Wunder geschah ja nicht durch mein Experiment, es war nicht das Resultat, nicht die Folge, nicht die Wirkung des Experiments, es wäre gewiß auch ohne das Experiment geschehen, es hätte mich überall treffen können, es hängt mit dem Experiment nur durch mich zusammen: ich bin es, der das Experiment gemacht hat, und ich bin es, an dem das Wunder geschehen ist, das ist die einzige Beziehung, in der sie stehen. Zu meinem Experiment kam nämlich noch etwas dazu, nicht aus ihm kam es, es traf sich nur mit ihm, ich sollte vielleicht gar nicht sagen, daß es dazu kam, daß es sich mit ihm traf, sondern bloß, daß es zur selben Zeit ankam, zur selben Zeit eintraf, denn es hat gewiß mit meinem Experiment nichts gemein als die Zeit. Zur Zeit meines Experiments traf mich die Gnade. Durch sie fand ich Gott und wurde seiner Realität gewiß, sinnlich gewiß, nämlich durch innere Berührung, so gewiß, ja mehr, als ich des Sternenhimmels, der Stimme des Gewissens und jetzt auch wieder meiner selbst bin. Denn ich machte damals auch noch eine zweite ungeheure Entdeckung, sobald ich Gott hatte, nämlich die, daß Gott ein konstitutives Element des Ichs ist, ja das Element, das allein den Menschen erst konstituiert. Mein mir entrissenes, zerstücktes, verstreutes Ich, das in Fetzen um eine bloße Fiktion herum hing, wuchs in Gott wieder auf und wuchs an ihm fest. Ich hatte keine Fiktionen mehr nötig, weil ich ja jetzt die Wahrheit hatte, durch meinen Glauben und seine Gnade. Es gilt nur, den Menschen an Gott zu hängen, und er hängt zusammen. Hängt er aber in Gott zusammen und hält sich an ihm fest, so kann ihm von außen her nichts mehr geschehen, keine Lust und kein Leid, er ist gefeit, weil er, Gott in sich, Autarch ist. Höchstes Glück der Erdenkinder ist wirklich die Persönlichkeit. Es fragt sich nur, wo sie zu finden ist. Ich habe sie nirgends gefunden als in Gott. Und wer unter den Menschen, die ich kenne, sie hat, der hat sie nur in Gott. Erst in Gott kommt der Mensch zu sich. Aber wie kommt der Mensch zu Gott? Unserem Augenschein nach kommt Gott dem einen entgegen, dem andern nicht, und den einen holt er sich, den andern läßt ei. Der hinfällige Menschenverstand in seiner Ärmlichkeit ist zu schwach, das Walten der göttlichen Gnade zu fassen, er kann von ihren Gründen nichts wissen. Dies aber weiß ich aus Erfahrung: wer reinen Heizens zu Gott will und die Gnadenmittel unsrer Kirche recht gebraucht, verfehlt ihn nicht. Bei Gott ist nichts unmöglich, dies aber ist gewiß. Er kommt auf allen Wegen, seine Wunder sind überall, aber da keiner sich vermessen darf, des Wunders würdig zu sein, tut jeder am besten, den sicheren Weg unsrer Kirche zu gehen.«

Der Domherr schwieg einen Augenblick, dann sah er Franz lächelnd an und fuhr fort: »Und nun kannst du dir denken, wie du mich oft ungeduldig gemacht hast mit deinem törichten Verlangen, dir einen Extrazug beizustellen. Ich sah, daß ich dir nicht helfen konnte, weil dir nicht zu helfen war. Denn du wolltest ja nicht zu Gott, das hast du dir bloß eingebildet. Zu Gott wollen heißt nichts andres mehr wollen als ihn, weil nur er allein wirklich ist und alles andre nur in ihm erst wirklich wird; zu Gott wollen heißt die Wahrheit wollen, um jeden Preis. Du aber, wie deine ganze Generation, ihr habt niemals die Wahrheit gewollt, denn ihr wollt überhaupt nichts, ihr wollt nichts haben und wollt nichts sein, sondern von allem haben und an allem schmecken, zur Sinnenlust und zum Zeitvertreib! Und da du nun schon überall gustiert hattest und sonst nichts mehr übrig war, fiel dir ein, schließlich doch auch einmal von Gott zu kosten. Du bemerktest gar nicht, wie, was dir Frömmigkeit schien, eigentlich das ärgste Sakrileg war. Ihr denkt ja, man könne Religion treiben wie Malerei, Schach oder irgendeinen Sport, und was ihr die neureligiöse Bewegung nennt, ist wirklich nur, damit ihr ein bißchen Bewegung macht, weil ihr spürt, daß euer Geist fett und faul geworden ist. Ich muß dir gestehen, daß du mir höchst lächerlich warst. Gewiß tatest du mir auch leid! Aber was hätt ich mit dir anfangen sollen? Ich konnte dir nicht helfen. Fecit te sine te, non te justificat sine te, heißt es, und noch immer, noch überall ist mir das bestätigt worden. Ich traute dir aber nicht mehr zu, jemals wieder irgend etwas wirklich wollen zu können, dir nicht und keinem von euch. Vielleicht kann ich es jetzt. Vielleicht darf ich jetzt wieder für dich hoffen. Vielleicht ist es der Sinn dieser furchtbaren Zeit, vielleicht hat Gott die gräßliche Prüfung dieses Krieges über die Menschheit geschickt, ein verlorenes Geschlecht im letzten Augenblick noch zu retten. Vielleicht bricht dort draußen dieser bloß ausgedachte, ganz entseelte, mechanische Mensch, den ihr euch künstlich aufgesetzt habt und in dessen luftleerem Raum eure Natur erstickt ist, vor dem Ungeheuren zusammen und ihr werdet noch wieder wahr! Es ist meine letzte Hoffnung für dich und deinesgleichen. Vielleicht wenn du jetzt im Schützengraben mit Bauern, Knechten, Landstreichern liegen und den Atem wirklicher Menschen spüren wirst, vielleicht erwachst du da. Denn dein Elend, das Elend von euch allen ist ja nur, daß ihr nicht mehr Volk seid. Der innere Mensch hat nur so viel Kraft zur Wahrheit, als er noch Volk in sich hat. Verstehe, was ich meine! Ich meine nicht dieses oder jenes, weder unser noch irgendein andres, sondern das eine Volk, das in allen Völkern steckt, aus dem alle Völker wachsen, das sie dann freilich alle bald überwachsen und so mit allerhand Ausschlag umspinnen, daß zuletzt nichts mehr davon zu sehen ist. Dieses künstliche Gespinst, das überall das ewig eine Volk bedeckt, trennt eine Nation von der andern. Aber unter dieser bloß ausgedachten, dem wirklichen Menschen vom Verstande zugefügten, durch Erziehung, Sitte, Gewohnheit eingelernten fiktiven Menschenart ist in der Tiefe doch in allen Völkern immer noch das Volk, dasselbe schweigende, leidende, gottergebene Volk. Es gehört ja zu den Errungenschaften des demokratischen Zeitalters, daß darin die Stimme des Volkes verstummt ist, auch das Volk selbst hört immer mehr auf, Volk zu sein, und ist noch stolz darauf. Im finsteren Mittelalter gab es Herren und Knechte, doch Herren und Knechte hatten alle noch ein inneres Gebiet gemein, in seiner Seele war der Herr gerade so Volk wie der Knecht; es gab die Christenheit. In unserer aufgeklärten Zeit kommt das Volk nirgends mehr zum Vorschein, es erscheint nur, soweit es sich verleugnet, indem es selbst ja auch schon das Fiktive des künstlichen Menschen annimmt, also nicht mehr Volk ist. Aber wo du noch Volk findest, bei Fischern und Schiffern unsrer dalmatinischen Inseln, einsamen alten Bauern auf entlegenen Höfen, Steinklopfern, Pennbrüdern und Strolchen der Landstraßen, überall ist es dasselbe Volk in allen Ländern, das Volk ist unnational, übernational, zwischennational. Volksmenschen im Lungau, auf Malamocco oder in der Bretagne, Basken, Friesen oder Slowaken, gleichen einander alle; eigentlich sind sie stets Dostojewskifiguren. Sie haben, welcher Rasse, welcher Zone, welcher Vergangenheit oder Gegenwart immer, alle das miteinander gemein, daß ihnen höchstens außen gleichsam ein Individuum angeschrieben oder aufgeklebt, keiner aber eine Person ist, sondern noch jeder nichts als Mensch, oder um es ganz richtig auszudrücken: nichts als Menschheit, bloßer Menschenstoff, Rohmaterial. Jeder von ihnen enthält potentiell die ganze Menschheit, die nur aber noch in keinem von ihnen auf ein besonderes Exemplar abgezogen ist. Es fehlt ihnen noch die Form, wie den Gebildeten wieder, die ganz Form geworden und nur noch Form sind, der Stoff fehlt! Der Volksmensch ist noch ungestalt, der Gebildete schon entmenscht. Schon geformte, aber in der Form noch ihre Natur bewahrende Menschen, feste Gestalten, die doch noch einen geheimen Gang ins Chaos hätten und wieder einmal in Fluß und Flammen geraten könnten, gibt es kaum mehr. Vielleicht bringt sie der Krieg uns wieder. Vielleicht zerbricht er die Macht der Unwirklichkeit, vielleicht reißt er euch aus der erstarrten, allen Willen zur Wahrheit lähmenden, den schaffenden Geist erstickenden Form und macht wieder lebendige Menschen aus euch. Vielleicht kommt die Nation aus den Schlachten als Volk zurück. Vielleicht kehrst du heim und hast draußen beten gelernt. Denn beten kann nur, wer erst in einer gewaltigen Not oder aus tiefster Seligkeit alles abgeworfen hat und ein ganz demütiger, entlassener, verlorener Mensch ist, der sich von Gott empfangen will. Du hast Gott immer draußen gesucht, aber dort ist er niemals. Vielleicht kommt dir jetzt einmal die ganze Welt abhanden, und nichts bleibt dir als deine Tat. Wenn dir das geschähe, dann hättest du Gott. Aber dann glaube nur nicht, weil Gott in deiner Tat enthalten ist, du wärest es, der ihn hervorbringt. Du bringst ihn bloß zum Vorschein, aber er war schon da. Er ist immer schon in dir da, du mußt ihn nur entdecken, er muß sich dir nur enthüllen, wie der Künstler sein Werk entdecken muß, das doch von Anbeginn schon immer in ihm liegt, wie sich dir deine Tat enthüllen muß, die zu tun du bloß wähnst, während sie sich in Wahrheit selber tut und dich bloß dazu benutzt. Denn der Künstler ist immer bloß ein Werkzeug seines Werks und dem Täter wird seine Tat angetan. Philosophisch ausgedrückt: Was der Mensch sucht, ist alles nur im Subjekte zu finden, aber was er da findet, ist etwas Objektives, von dem dann auch das Subjekt erst seine Gültigkeit erhält. Selber sind wir doch alle gar nichts, ich kann nicht einmal den Mund auftun, wenn mir nichts einfällt. Der Ausdruck ist sehr aufrichtig: es fällt mir ein, es fällt in mich herein, ich also tue nichts dazu, ich empfange bloß, es fällt herein, und ich bin also bloß der Ort, in den es fällt, und auf mich selbst kommt es also dabei nur insofern an, als ich ein guter Ort sein kann, in dem es gedeiht, oder ein schlechter, in dem es verdirbt, so daß schon jeder meiner Gedanken schließlich beides ist, er ist immer Gnade, aber niemals bloß Gnade, sondern immer dazu dann auch noch mein eigenes Verdienst. Ich kann nichts denken, was mir nicht zugedacht ist, ich kann nichts tun, was mir nicht angetan wird, dann aber muß doch schließlich ich es sein, der den mir zugedachten Gedanken denkt, der die mir angetane Tat tut. Und eben das gilt, wie von jedem Gedanken schon, wie vom Werk, wie von der Tat, ganz ebenso vom Glauben auch. Auch der Glaube fängt damit an, daß er dem Menschen sozusagen einfällt, aber bei dem einen auf fruchtbaren Boden, bei dem andern ins Leere. Nun ist es aber das Geheimnis unsrer Kirche, daß sie von Gott eine Kraft hat, auch leeren Boden zu befruchten. Die Gnade steht allen immer bereit, und die Kirche reicht dir nun dazu dann auch noch die Gabe der Empfänglichkeit. Du hast sie nur zu nehmen. Du mußt nichts als wollen, aber nehmen mußt du sie dir selbst, wollen mußt du selbst, der Wille kann dir nicht erlassen werden, es muß deine eigene Tat sein, die kann niemand für dich tun. Vielleicht lernst du's da draußen. Das wünsch ich dir von ganzem Herzen!«

Und nach einer Weile sagte der Domherr noch: »Du darfst aber, wenn du gelegentlich über meine Worte nachdenkst, nur nie vergessen, daß die Sprache sehr unbehilflich ist, im Angesichte der Geheimnisse wird sie lallend, kein Menschenmund kann die ganze Wahrheit sagen, auch wär's vergebens, denn kein Menschenohr vernimmt sie recht, aber die Menschenhand kann die Wahrheit tun. Du hast bisher immer nur dem Leben zugeschaut. Vielleicht wirst du da draußen jetzt mitten im Tode selber leben lernen.« Er gab dem Grafen die Hand und sie schieden.

Auf dem Heimweg kam Franz zum Dom. Er trat ein. Niemand kniete vor der Heiligen Jungfrau, sie war mit dem flackernden Licht allein. Es zog ihn in das Seitenschiff, seine Schritte hallten. Er kam an einen Beichtstuhl. Ein alter Priester saß darin, den Kopf in die Hand gestützt, beim Schein einer Wachskerze betend, wartend. Franz blieb stehen, der Priester sah nicht auf. Sie waren ganz allein in der ungeheuren Stille des weiten Doms. Franz stand und dachte nichts und wußte nichts. Plötzlich fand er sich im Beichtstuhl knien und sagte das längst vergessene Gebet auf. Es war geschehen, er wußte nichts davon.
