
Die Rahl

Erstes Kapitel

»Nein, ist es denn möglich? Der Herr Professor, wirklich! Nein!« Und verwundert, verwirrt, verlegen ließ Frau Marie den Professor ein. Und da saßen sie nun einander gegenüber, nach so vielen Jahren. Der Professor sagte: »Ich störe hoffentlich nicht?« Und dann, als sie ihm den Hut und den Stock nahm, sagte er: »O danke! O bitte! Bitte sehr!« Und dann sagte er noch, durch die helle Stube sehend: »Sie haben es hier sehr freundlich. Ja, das haben Sie immer verstanden.« Er kam ihr plötzlich sehr alt vor, so traurig klang es.

Ihre Stimme sagte noch immer: »Nein, welche Überraschung! Nein, das ist aber schön!« Doch ihre Gedanken eilten weit herum. Und plötzlich fiel ihr ein, wie seltsam es war. Sie erschrak. »Es ist doch um Gotteswillen nichts geschehen? Oder hat Franz –?«

»Nein,« sagte Samon. »Beruhigen Sie sich nur, Frau Heitlinger! Sie haben keinen Grund, sich aufzuregen, es ist nichts geschehen. Aber es handelt sich allerdings um Franz, über den ich gern einmal mit Ihnen sprechen möchte.« Sein Gesicht veränderte sich, er schob den Kopf vor, faltete die Stirne, warf die Lippen auf und indem er über die Brille weg, ein wenig blinzelnd, nach der Decke sah, schien er sich ihr zu erheben, zu entfernen. Und plötzlich begriff sie, daß ihn die Buben nicht mochten. Das war also der Herr Professor Samon!

»Also bitte!« sagte sie, ängstlich ungeduldig.

»Nun ja,« sagte Samon, indem er, über sie weg, in die Wand sah. »Ich habe ja im allgemeinen über Ihren Sohn Franz bisher niemals zu klagen gehabt. Bei einer gewissen flatterhaften Neigung, die Dinge leichter zu nehmen, als es seinem Alter ansteht, er ist ja immerhin schon über sechzehn, hat er bisher doch stets einen anerkennenswerten guten Willen gezeigt, er faßt leicht auf, das Gedächtnis ist willig und da ich ihn bisher auch allen Ermahnungen und Ratschlägen stets zugänglich fand, war kein Anlaß, an einer günstigen Entwicklung zu zweifeln, wie Sie dies wohl aus seinen Zeugnissen entnehmen konnten.«

In seiner Stimme war etwas, das Frau Marie gegen ihn erbitterte. Wer gab diesem fremden Menschen das Recht, ihr Kind mit der Elle abzumessen, als hätte er es zuzuschneiden? Diesem Herrn Samon, den sie nur ausgelacht hatte? Und sie sagte: »Gewiß, Herr Professor, er ist doch der Erste in der Klasse. Und ich weiß ja, daß Sie sicher nicht besonders für ihn eingenommen sind. Selbstverständlich, nicht wahr?« Mit einem koketten Spott sagte sie das und ihr versorgtes, schon recht müdes Gesicht war nun vor Zorn ganz jung.

»Nein,« sagte der Professor, »ich bin ebensowenig für ihn, als ich gegen ihn bin. Ich darf das nicht kennen. In der Schule gilt nur die Leistung.« Er sah noch immer in die weiße Wand, aber seine Stimme hatte jetzt keine Strenge mehr, sondern eine sanfte Rührung. Und so floß es noch einmal von seinen Lippen: »Die Leistung! Das ist unser Gesetz, Frau Heitlinger! Persönliche Neigungen oder Abneigungen, wenn solche in irgendeinem Falle vorhanden wären, obwohl ich für meine Person gestehen muß, daß sie bei mir niemals, ich kann es getrost sagen, niemals vorhanden sind, was sich ja übrigens eigentlich von selbst verstehen sollte, aber jedenfalls: persönliche Neigungen oder Abneigungen beherrschen, ja völlig unterdrücken zu können gehört zu den ersten Forderungen, die mein Beruf an uns stellt. Und ich habe ja nichts als –.« Hier hielt er ein und die Würde, mit der er diesen Satz noch begann, sank. Und mit verdunkelter Summe sagte er: »Ich habe ja sonst nichts als meinen Beruf, Frau Marie!« Er erschrak und fügte begütigend oder entschuldigend hinzu: »Verzeihen Sie diese vielleicht etwas unpassend vertrauliche Ansprache, zu welcher ich mich aber in Anbetracht meiner früheren Beziehungen, insbesondere zu Ihrem von mir so hochverehrten Herrn Vater, immerhin berechtigt glauben darf. Nicht wahr, Frau Heitlinger?« Und jetzt, mit den harten Fingern beider Hände die Brille rückend, sah er von der Wand weg wieder auf sie und in sein starres Gesicht kam ein menschlicher Zug.

Ich kann ja auch tückisch sein, dachte Frau Marie. Denn jetzt war alles sonst aus ihr weg. Erinnerungen an damals, das leise Mitleid mit dem austrocknenden Manne, alle Zärtlichkeit für einst, alles plötzlich ausgelöscht. Sie fühlte jetzt nur noch den Feind. Und gegen diesen Feind galt es ihren Franz zu schützen. Nichts mehr wußte sie sonst. Und so begann sie, leise, lieb, vom Vater und von den alten Zeiten und wie der Vater den Herrn Professor geschätzt habe und wie der arme Vater, wenn er noch lebte, froh wäre, seinen Enkel unter der Führung des Herrn Professors zu wissen!

»Ja,« sagte Samon, »der Herr Rechnungsrat war ein vortrefflicher Mann. Und er meinte es Ihnen gut, Frau Heitlinger!«

Sie verstand den Vorwurf, ihr wurde heiß, der ganze Trotz ihrer Jugend stieg wieder auf. Aber, ihre Stimme verstellend, fuhr sie von den alten Zeiten fort: wie sie mit dem Vater an schönen Sonntagen in den Wiener Wald hinausgingen, oder sie sang Schubert und der Herr Samon begleitete sie, oder der Vater legte mit ihm abends eine Patience, ganz eifersüchtig, weil der Herr Samon immer noch schwierigere wußte. Und sie machte ihre Stimme ganz sanft, ganz weich und sagte, leise seufzend: »Ja das waren wohl schöne Zeiten!«

Und der Herr Professor Samon vergaß sich und sagte: »Bis dann der Andere kam.« Da hörte sie wieder den Haß, vor dem es ihren Franz zu schützen galt. Und es fiel ihr ein, wie »der Andere« sich freuen würde, den feindlichen Lehrer zu überlisten. Und als ob ihr der Andere zuhörte, über ihre Künste lachend, sagte sie noch einmal, mit versunkener Stimme: »Das waren wohl schöne Zeiten!« Und dann sah sie plötzlich auf, schien verlegen zu lächeln und sah weg. Und vor sich hin sagte sie: »Das ist mir immer noch der einzige Trost, daß ich den Buben bei Ihnen weiß, unter Ihrer Führung. So bin ich sicher, daß ihm nichts geschehen kann. Sonst würde mir wohl der Mut längst gesunken sein.« Sie freute sich, daß es ihr gelang, seinen Ton anzunehmen.

Im Gefühl seiner Würde jetzt wieder in die Wand sehend, über Frau Marie weg, sagte Samon: »An mir soll es nicht fehlen, Frau Heitlinger. Das heißt natürlich nur so weit es mir möglich ist, Ihren Knaben zu fördern, ohne dadurch den übrigen etwas zu entziehen. Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihn wie meinen eigenen Sohn halten will.« Hier wurde er unsicher und verbesserte sich: »Ich kann das nämlich von allen meinen Schülern sagen. Ich halte sie sämtlich so.«

»Wie viele sind es im ganzen?« fragte Frau Marie; es reizte sie, sich an ihm irgendwie zu rächen, ohne noch recht zu wissen wofür.

»Alle Klassen, die ich habe, zusammen gerechnet,« antwortete Samon arglos, »sind es fünfhundertundsiebzehn. Und alle umfasse ich mit demselben Ernst und mit derselben Liebe.«

»Fünfhundertundsiebzehn!« rief Frau Marie. »Und wenn ich denke, was mir der eine Bub schon Sorgen macht!« Sie hatte Lust ihn bewundernd anzusehen, fürchtete sich aber ihren Spott zu verraten.

»Ja?« fragte Samon. Und er sah sie durch die Brille forschend an. »Ja? Macht er Ihnen Sorge?« Es schien ihn zu befriedigen. »Ich finde nämlich, daß Eltern im allgemeinen von einem unbegreiflichen Leichtsinn sind. Ist das Kind nur gesund und hält es sich eben von den schlimmsten Ausschreitungen fern, so wird weiter nicht viel gefragt. Jugend hat keine Tugend, heißt's und niemand bedenkt, daß hier die Männer heranwachsen, auf welchen dereinst die sittliche Existenz des gesamten Staatswesens ruhen soll. Das mag sehr bequem sein, nur vergißt man, daß es sich später rächt.«

»Was hat Franz getan?« fragte Frau Marie beklommen. Ihr wurde plötzlich so bang. Vielleicht war es unrecht, den Lehrer zu verspotten. Er meint es vielleicht gut. Er kam ihr komisch vor, von jeher. Aber so waren wohl die ernsten Männer alle. Ihr Vater hatte sie schon immer getadelt, daß sie das nicht verstand. Franz mußte doch auch ein ernster Mann werden. Ja, wenn sie Geld gehabt hätten! Aber sie hatten ja kein Geld! Was also blieb ihm übrig? So liefen ihre Gedanken herum und sie kam sich furchtbar leichtsinnig vor. Es war ja wahr: wenn der Bub nur lustig war und ihm nichts fehlte, was fragte sie sonst? Aber da wuchs er groß und in ein paar Jahren sollte das sämtliche Staatswesen auf ihm ruhen. Diese Worte hatten ihr einen großen Eindruck gemacht. Das Staatswesen! Es klang so geheimnisvoll drohend. Daran hatte sie nie gedacht. Und jetzt stellte sich das plötzlich vor ihr auf und reckte sich empor, ein Ungetüm im Nebel, und griff mit seinen Tatzen nach ihrem Kind! Diese Dinge verstand doch Samon besser. Er kannte das Leben. Nein, der andere hatte das Leben nie gekannt! Und Samon meinte es dem Buben sicher gut, er war ein so rechtlicher Mensch. Er meinte es gut, er wollte ihr helfen, sie mußte ihm danken: Der Bub braucht es! Und in einem fort sagte sie sich leise vor: Der Bub braucht es! Und doch war es ihr wie ein Verrat an dem anderen, an dem geliebten Toten, dem man sie entreißen wollte und der sich nicht mehr wehren konnte. Aber der Bub braucht es! Das hatte doch seinen Grund, irgendwie, daß der Professor eigens kam, der seitdem ihr Haus nicht mehr betreten hatte, seit siebzehn Jahren nicht. Was war geschehen? Und in solcher Angst fragte sie, schrill: »Was hat Franz getan?«

Der Professor hob die beiden Hände flach gegen sie, wie es seine Art war, der Klasse Ruhe zu gebieten. »Nun, verehrte Frau, wie ich bereits bemerkt habe, liegt ein eigentlicher Anlaß, ein spezieller Anlaß nicht vor. Nein, irgend etwas greifbares liegt noch nicht vor. Dann pflegt es aber auch meistens zu spät zu sein. Die wahre Kunst des Erziehers wartet die Gefahr nicht erst ab, sie weiß ihr auszuweichen. Manche Neigungen, die, beizeiten erstickt, dem Knaben gar nicht einmal bewußt werden, schießen ungehemmt, zu den verderblichsten Leidenschaften auf.«

»Aber was,« flehte sie, »was, was hat er denn getan? Es muß doch irgend was geschehen sein, das Sie bestimmt –« »Nichts positives,« fiel der Professor ein. Und ganz ruhig, immer breiter die Worte wägend, fuhr er fort: »An seinen Leistungen ist vorderhand nichts auszusetzen. Sooft ich ihn vornehme, weiß er allen Anforderungen zu genügen und dies wurde mir auch von meinen Kollegen bestätigt. Was ferner sein sittliches Verhalten anbelangt, so hat sich auch hierin irgendein Anlaß zu Klagen bisher nicht ergeben. Aber wie gesagt, dies abzuwarten und es erst so weit kommen zu lassen, würde ich für einen schweren Fehler halten, den ich vor meinem Gewissen keineswegs verantworten könnte. Und darum bin ich hier. Es handelt sich, Gott sei Dank, nicht darum, Geschehenes gut zu machen, sondern Künftigem vorzubeugen. Was mich bestimmt hat, Sie, die Mutter, aufzusuchen, sind nicht irgendwelche Verfehlungen des Knaben, sondern mich bestimmen dazu ausschließlich gewisse Imponderabilien in seinem Betragen, die dem Kenner kindlicher Entwicklungen nicht unbemerkt bleiben können.«

»Imponderabilien?« wiederholte Frau Marie langsam, die Silben abteilend, jede dehnend. Wieder stand ein solches mystisches Wort vor ihr da, bei dem sich nichts denken, alles fürchten ließ. »Was meinen Sie damit?«

Der Professor deckte mit der linken Hand sein Auge zu. Er hatte diese Gewohnheit, wenn er nachsichtig sein wollte. Sie erinnerte sich, daß es ihr schon vor siebzehn Jahren unausstehlich war.

»Imponderabilien, verehrte Frau, das sind ganz unwägbar und unmeßbar feine Dinge, die sich nicht sehen und nicht hören und kaum spüren lassen, und doch regieren sie die Welt. Und so gibt es ganz winzige Fältchen im Wesen eines Menschen, die der Laie gar nicht merkt, wir aber verstehen sie. Und ich wiederhole: Tatsachen einer schon vollzogenen Veränderung in der Art des Knaben könnte ich keineswegs präzisieren, immerhin aber kann ich auf Grund langjähriger Beobachtungen und Erfahrungen indizieren, daß er sich unmittelbar vor einer jener inneren Krisen befindet, in welchen sich der Charakter junger Leute zu entscheiden pflegt. Leider steht uns Lehrern kein Recht zu, hier in die Entwicklungen der uns anvertrauten Schüler sozusagen operativ einzugreifen, wodurch mancher vor Verirrungen zu behüten wäre, die später, einmal ausgebrochen, unheilbar sind. Wie bereits bemerkt, steht uns dies leider nicht zu und so bleibt uns nichts übrig, als es der Aufmerksamkeit der häuslichen Erziehung zu empfehlen, die freilich dazu erfahrungsgemäß oftmals weder geistig noch sittlich die notwendige Eignung hierfür besitzt. In diesem Falle befinden wir uns mit Ihrem Knaben, Frau Heitlinger.«

Sie saß da, wehrlos diesen Worten ausgeliefert, die zu verstehen sie sich vergebens quälte. Bittend sagte sie: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Professor! Sie meinen es gut.« Daran klammerte sie sich fest. Aber nie hatte sie sich so verlassen gefühlt. Und niemand konnte ihr helfen, als dieser fremde strenge Mann, den sie mit seinen langen Erklärungen lieber ausgelacht hätte.

»Ich meine es dem Knaben wirklich gut,« sagte Samon. »Seine sehr erfreuliche Begabung, sein Eifer und der Gehorsam, mit welchem er bisher meine Warnungen oder Ratschläge stets willig aufgenommen hat, gewähren ihm ein gewisses Anrecht darauf. Ich bin der Überzeugung, daß er, richtig geführt, mit einer behutsamen Strenge, die deshalb ja eines ernsten Wohlwollens nicht entbehren soll, immerhin in den Besitz aller jener Eigenschaften gebracht werden könnte, die ebensowohl eine gedeihliche Tätigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft als eigene Zufriedenheit, soweit eine solche dem rastlosen Menschensinn beschieden ist, verbürgen können. Wir könnten uns somit der in vieler Hinsicht lobenswerten Begabung des Knaben vertrauensvoll erfreuen, wäre nicht inzwischen eingetreten, was ich den psychologischen Zwischenfall nennen möchte.«

Frau Marie horchte auf. Sie hatte plötzlich ein sehr merkwürdiges Gefühl. Irgend etwas warnte sie, irgend etwas spannte sie; wie man, in der Nacht gehend, plötzlich, ohne noch was zu sehen, weiß, in Gefahr zu sein. Der Professor beugte sich ein wenig, er legte die Hand wieder flach vor das Auge, mit dem anderen sah er in den Boden. So schien er über den Knaben nachzudenken. Sie aber wußte, daß er ihr auf Feindschaft sann. Dies wußte sie jetzt. Etwas war in ihr, warnend, spannend, von diesem wußte sie es. Und sie mußte lachen: Der wollte sie überfallen, sie, die längst auf der Lauer lag! Und der Tote war bei ihr und hielt seinen Spott schützend über sie.

»Ja, den psychologischen Zwischenfall«, wiederholte Samon, »könnte man es am richtigsten nennen. Pädagogen kennen ihn. Es findet sich nicht selten, daß Knaben, die bisher das Beste versprachen, in einem gewissen Alter plötzlich ohne jeden äußeren Grund aus der Art zu schlagen, ja förmlich aus ihrem ganzen Charakter zu fallen scheinen. Vielleicht läßt sich hierzu vermuten, daß ja, wenn auch freilich die Wissenschaft hierüber noch kein abschließendes Urteil zuläßt, unsere körperliche, geistige und sittliche Entwicklung aus Nachwirkungen unserer Vorfahren bestimmt wird und es also vielleicht abwechselnd bald die tüchtigeren und gesünderen Elemente unserer Herkunft, bald untaugliche und verderbliche sind, die sich in uns melden. Was man unsere Entwicklung nennt, ist ein großer Kampf im Inneren, der Kampf der guten und schlechten Ahnen um uns. Dies ist es, verehrte Frau!«

Er schwieg, in den Boden sehend. Sie dachte: Jetzt legt er an und gleich schießt er ab! Und sie stand auf. Er vernahm es und sah sie verwundert an. So maßen sie sich. Sie sagte: »Ich will nur Licht machen. Es dunkelt schon. Einen Augenblick, bitte!«

Dann sagte sie: »Nun, Herr Professor? Das leuchtet mir sehr ein, wie Sie mir es eben erklären.«

»Nicht wahr?« sagte der Professor, »obwohl Sie nicht vergessen dürfen, daß es vorderhand nur den Wert einer bloßen Hypothese hat.« Er nahm die Brille jetzt ab, putzte sie, wischte sich die Augen aus. »Wenn ich also nun in der letzten Zeit an Ihrem Sohne Spuren einer gewissen Flüchtigkeit, nicht unbedenklichen Sorglosigkeit, ja man muß wohl geradezu sagen: völligen Zerfahrenheit bemerkt habe, welche ernstliche Befürchtungen in mir erwecken müssen, so läßt sich die Annahme kaum abweisen, daß ihm, wenn ich es so ausdrücken darf, gewisse nicht ungefährliche Regungen sozusagen im Blute liegen.«

Bum, dachte sie, abgeschossen! Aber sie sagte nur: »Meinen Sie, Herr Professor?« Ihre Stimme war hart und wie zugesperrt. Sie ließ nichts durch, er konnte nichts aus ihr hören.

Er schwieg noch, um sich die Brille wieder aufzusetzen. Auf dem Tische war ein geflochtenes Körbchen mit Wolle. Dieses nahm er in die Hand, zog es her und betrachtete die Arbeit. »Ich meine,« sagte er dann, »daß es, wenn ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen darf, wozu ich als Lehrer des Knaben, also als, gewissermaßen, sein geistiger Vormund ohne Zweifel befugt bin, ohne daß es mir deswegen irgendwie beikommt, auf Früheres, das mich nichts angeht, zurückgreifen zu wollen –« Im Gefühl der Periode schwoll seine Stimme breit an, hier aber hielt er ein und setzte das Körbchen wieder hin. Dann nahm er denselben Ton wieder auf und sagte langsam, Silbe für Silbe vor sich ausbreitend: »Daß es jetzt an der Zeit wäre, in Ihrem Knaben gewisse Züge seines Vaters auszutilgen, bevor er denselben Weg einschlägt, was Sie wohl nicht wünschen werden.«

Sie regte sich nicht. Er wollte sie nicht ansehen. Einen Augenblick war ihnen, als ob sie sich, jedes das andere, schweigen hörten. Als ihm dies unerträglich wurde, wiederholte er: »Nein, das können Sie wohl nicht wünschen.« Aber seine Stimme war verändert, mit Leid beladen. Frau Marie stand auf. Sie haßte sein Mitleid. Aber sie konnte nichts sagen, weil sie nicht weinen wollte. Sie dachte nur: Ganz einsam bin ich in der Welt und jeder kann mich schlagen!

Samon begann wieder: »Nichts liegt mir ferner als jene so beklagenswerten Dinge zu berühren, Frau Marie.« Das gab ihr plötzlich Kraft. Nein, das sollte er nicht denken dürfen! Was war »beklagenswert«? Wer war »beklagenswert?« Nein, jetzt hatte sie sich wieder. Und ganz gelassen sagte sie: »Im Gegenteil, Herr Professor, sprechen wir nur davon! Ich bitte darum. Sie müssen jetzt schon so freundlich sein und mir erklären, was Sie denn eigentlich meinen. Ich verstehe Sie nämlich wirklich nicht.«

Samon wurde verlegen. Dies wich von seinem Plan ab. Er hatte sich vorgesetzt, ihr nicht wehe zu tun. Sie sollte fühlen, daß er verzeihen konnte. Er wollte doch nichts von ihr. Er gestand sich nicht einmal den Wunsch ein, Recht zu behalten, über den Toten. Es war nur für ihren Knaben nötig, daß sie dies endlich begriff. »Es ist mir peinlich,« sagte er.

Aber sie gab jetzt nicht mehr nach. »Welche Züge des Vaters meinen Sie? Welchen Weg soll ich dem Buben verwehren? Ich kann dazu nicht schweigen. Es wäre ja wirklich, als ob mein armer Mann –« Und nun konnte sie sich nicht mehr halten. »Was hat er denn getan? Was denn? Sagen Sie doch! Was denn? Sie mögen ihn nicht. Leugnen Sie es nicht, es ist Ihr gutes Recht, er hat Sie, auch nie mögen! Dies aber jetzt mein armes Kind entgelten zu lassen, da muß ich schon sagen, Herr Professor, das ist schlecht!«

Er stand auf. »Verzeihen Sie, daß ich, gewiß nur in der besten Absicht, in der allerbesten Absicht, im Interesse Ihres Knaben –«

Sie trat vor ihn hin, dicht an ihn heran. »Also was ist mit ihm? Was tut er? Was haben Sie an ihm auszusetzen?« Jetzt hatte Samon seine Würde wieder. »Es hat kaum einen Sinn, eine Erörterung fortzusetzen, die Sie mit einer Heftigkeit, welche ich durchaus ablehnen muß –«

»Weil ich einen Toten nicht schmähen lasse?«

»Dies ist mir nicht im entferntesten eingefallen.«

Sie hielt sich den Kopf mit den Händen. »Was wissen Sie denn von ihm? Was wißt Ihr denn alle von ihm? Wer von Euch kann denn verstehen, wie solche Menschen sind?« Sie ging ans Fenster, wie um Luft zu atmen. Dann sagte sie: »Das bißchen Schönheit und Güte, das unsereins hat, festzuhalten, das wird einem freilich nicht schwer. Wer aber so tief taucht, wer so hoch fliegt, um aus allen Enden der Welt das Höchste, das Tiefste zu holen, dem kann es dann schon einmal geschehen, daß er müd ist und die Arme sinken läßt. Und dann fallt Ihr über ihn her!« Sie schwieg plötzlich, denn sie schämte sich, diesem das zu sagen. Und dann hatte sie Furcht: Er wird es den Franz büßen lassen und ich bin schuld! Aber dann war wieder dieser Trotz da: Er soll kein Mitleid mit mir haben! Da hörte sie, daß der Professor seinen Hut nahm. Sie kam vom Fenster zurück. »Nein, lieber Freund,« sagte sie, »so wollen wir nicht auseinandergehen. Nun sieht man sich alle siebzehn Jahre einmal, und gleich wird wieder gezankt!« Sie sah ihn lächelnd an. »Sie sollten mich doch kennen! Nicht? Ein Pulverfaß!, hat der Vater immer gesagt, Gott besser's!«

Er mußte sich wieder setzen. Sie fand, daß es ungeschickt aussah. Wie töricht, sich von diesem erschrecken zu lassen! Es konnte doch nicht schwer sein, ihn einzusaugen. Und dann hatte der Bub das schönste Leben. »Sie müssen auch verstehen,« sagte sie. »Ich bin so viel allein, was sammelt sich da nicht alles in einem Menschen an! Dann bricht es halt einmal heraus. Deswegen wollen wir doch gute Freunde bleiben, ja?« Und sie hielt ihm über den Tisch die Hand hin.

»Gewiß, Frau Heitlinger, gewiß«, sagte er. Er mußte jetzt ihre Hand nehmen, es ließ sich nicht vermeiden. Er fand es auch ganz natürlich und ärgerte sich, daß es ihm so schwer wurde. Sie hatte den Arm auf den Tisch gestützt und die Hand hing noch immer wartend da. Er nahm sie und schüttelte sie. »Gewiß,« sagte er noch einmal, beteuernd. Da bemerkte er, daß er noch immer ihre Hand hielt, erschrak und zog seine zurück. »Um aber,« sagte er schnell, wieder über die Brille in das Tischtuch sehend, »auf Ihren Sohn zurückzukommen, um den es sich hier einzig und allein handeln kann, so ist, wie gesagt, ohne daß noch irgendein besonderer Anlaß zu einer Klage vorläge, ein gewisser Hang zur Flüchtigkeit, eine gewisse Zerstreutheit, ein gewisses Nachlassen der zum Studium so unerläßlichen inneren Sammlung und ein, ich möchte sagen: Laxwerden oder Laschwerden des ganzen inneren Menschen unverkennbar. Sie kennen den Ausdruck: geistesabwesend. Ich möchte für den Jungen einen ähnlichen Ausdruck wählen und möchte sagen, er kommt mir wie gemütsabwesend vor. An Begabung, dies sei nochmals betont, auch an Fleiß, selbst an der äußeren Aufmerksamkeit, soweit sie sich kontrollieren läßt, fehlt es ihm nicht, aber ich habe das Gefühl: sein Gemüt ist nicht dabei. Nein, sein Gemüt ist nicht in der Schule. Nichts aber muß ich, nach meiner langjährigen Erfahrung, gefährlicher für junge Leute finden als jene latente Krankheit, durch welche der Sinn sozusagen ins Flanieren, in ein untätiges Schaukeln gerät, das einwiegend, einschläfernd auf alle geistigen Energien wirkt. Diese Wahrnehmung glaubte ich Ihnen nicht vorenthalten zu dürfen, umsomehr, da dies einer jener Fälle ist, wo die Schule der häuslichen Beihilfe, ja, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, einer gewissen häuslichen Korrektur nicht entraten kann. Es bleibt Ihnen natürlich völlig anheim gestellt, verehrte Frau, ob Sie uns diese gewähren wollen. Irgendein Zwang, irgendein Druck soll keineswegs ausgeübt werden.«

»Gewiß will ich,« sagte Frau Marie, kleinlaut. »Wenn ich nur kann.« Sie fand nun doch, daß sich Samon mit dem Franz sehr viel Mühe gab. Ihr wäre ja dies alles nie eingefallen. Sie kam sich sehr leichtsinnig vor. Und alle diese Schwierigkeiten und Gefährlichkeiten, die sie noch immer eigentlich gar nicht verstand, erschreckten sie sehr.

»Es ist sehr dankenswert, daß Sie bereit sind, uns unterstützen zu wollen. Es soll unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, daß Sie es auch können. Ein vollständiges harmonisches Zusammenwirken der Schule mit dem Hause, des Hauses mit der Schule wäre ja das Ideal. Nun fragt es sich in unserem Falle wohl zunächst: Was ist an jenen unverkennbaren Ablenkungen des Knaben schuld? Wer oder was lenkt ihn ab? Haben Sie darüber eine Vermutung irgendwelcher Art zu äußern?«

Unwillkürlich sagte sie: »Gott, er ist ja schließlich kein Kind mehr.«

»Um so mehr müßte man verlangen, daß er, den Ernst des Lebens erkennend, sich völlig seinen Pflichten widmet.«

»Verlangen kann man's schon,« sagte sie lässig lächelnd. Und sie lehnte sich zurück und sah weg. Das breite, glänzende, triefende Gesicht des Lehrers war ihr widerlich. Was kroch er so an ihrem Kind herum? Und vor sich sah sie den lachenden Buben mit seinen großen lustigen Augen und seinen blonden fliegenden Locken! Aber sie begriff, daß sie dem Lehrer schmeicheln mußte. Sie sagte also nur: »Ich meine bloß, daß wir gegen unsere Kinder eigentlich viel strenger sind als gegen uns selbst und Forderungen an sie stellen, denen wir selbst niemals genügen könnten.« Indem sie dies aussprach, wunderte sie sich über ihre eigenen Worte, wie die sich ihr im Munde umkehrten; denn eigentlich fiel ihr ein, hatte sie ja doch ganz was anderes sagen wollen, viel mehr nach seinem Sinn. Deshalb fügte sie noch schnell hinzu: »Aber gewiß haben Sie recht und ich wünsche ja auch, daß Franz den Ernst des Lebens bekommt.« Dies schien ihr aber albern gesagt und sie schämte sich, dem Feinde so zu huldigen.

»Sie sind nun jedenfalls gewarnt,« sagte Samon. »Nehmen Sie sich den Knaben einmal vor! Forschen Sie ihn aus! Irgendeine Gefahr, darin glaube ich mich wohl kaum zu täuschen, scheint dem ruhigen Fortgange seiner inneren Entwicklung zu drohen. Halten Sie das fest, verehrte Frau! Es wird Ihnen vielleicht leichter als uns, jetzt, da Sie gewarnt sind, das Richtige zu erkennen. Denn eine Mutter sieht mit dem Auge des Herzens. Jedenfalls aber lassen Sie mich zum Schlusse noch bemerken, daß es vielleicht ratsam wäre, dem Knaben gerade jetzt die Zügel ein wenig anzuspannen. Diese jungen Leute streben ungemessen ins Freie, worin sie der zuchtlose Geist unserer Zeit ja leider nur noch bestärkt. Gibt man ihnen nach, so fordern sie immer nur noch mehr; des wilden Drängens, des Strebens ins Ziellose, des ewigen Begehrens ist dann kein Ende, sie rennen die Welt ab und finden noch immer keine Rast. Denn dem Menschen wird kein Glück gewährt, solange er sich nicht in seinen Grenzen bescheiden lernt.« Hier zauderte er ein wenig, aber er konnte es sich doch nicht versagen, noch zu bemerken, ganz leichthin: »Beispiele dafür dürften Ihnen ja bekannt sein.« Und nun erhob er sich wieder.

Nein, so wirst du mir nicht entkommen, das zahlst du mir noch, dachte Frau Marie, Sie stand auf und sagte: »Ich danke Ihnen jedenfalls sehr, es ist so lieb von Ihnen, daß Sie sich des Knaben annehmen.«

»Es ist nur meine Pflicht,« sagte Samon.

»Und an mir soll es gewiß nicht fehlen, das dürfen Sie mir glauben, Herr Professor.«

Samon nahm seinen Stock und sagte: »Alle menschliche Bildung besteht zuletzt nur darin, das Leben nach einem Plane zu gestalten. Dies allein unterscheidet den Menschen vom Tiere. Aber die Jugend läuft jeder blinden Regung nach.«

»Ich kann mir nur nicht denken,« sagte sie, »daß in dem Buben was schlechtes ist. Er könnte mir nicht mehr in die Augen sehen, ich würde es gleich wissen. Nein, das kann ich mir nicht denken, ich kenne doch meinen Buben.« Sie stand nachdenklich.

Samon war sehr zufrieden, seine Wirkung zu sehen. Er fühlte sich. »Nun,« sagte er, begütigend, »deswegen braucht er ja noch nicht gerade schlecht zu sein. Wir wollen das Beste hoffen. Planmäßige Leitung kann Wunder tun.«

Nun wußte sie plötzlich, wie sie sich rächen konnte. »Kommen Sie,« sagte sie schnell. »Ich will Ihnen sein Zimmer zeigen.« Und schon war sie dort. Samon folgte langsam. Er ärgerte sich. Wozu das? Es ging aber schließlich nicht an, ihr diesen Wunsch zu versagen. Kam er auch eigentlich als Lehrer her, so durfte er doch andererseits nicht übersehen, daß er, einmal bei ihr zu Besuch, die Pflicht hatte, doch in einem gewissen Sinne auch, wie man das so zu nennen pflegt, Mann von Welt zu sein. Dies dachte er, indem er ihr, unwillig, in die Stube folgte.

»Ist es nicht lieb?« fragte sie, zärtlich.

»Er mikroskopiert?« fragte Samon.

»Leidenschaftlich,« sagte sie. »Sehen Sie nur die wunderschönen Präparate! Und alles mit Nummern und genauen Zetteln. Das ist sein Stolz.«

»Immerhin,« sagte Samon nach einer Weile, »dürfen Sie nicht vergessen, daß naturwissenschaftliche Studien, so wertvoll und unentbehrlich sie sicherlich sind, im Übermaße die jungen Leute zu einem gewissen Hochmut verführen, als hätten sie nun schon alle Schlüssel der Weisheit in der Hand. Dies ist es ja vornehmlich, was ich für den Knaben befürchte. Das Selbstvertrauen wird zu stark und wer erst einmal glaubt, aller Autoritäten entraten zu können, wird dann bald ohne jeden sittlichen Anker sein. Womit, wie gesagt, der Wert solcher Studien keineswegs verkannt oder auch nur unterschätzt werden soll. Aber mit Maß, Frau Heitlinger, alles mit Maß.«

Sie trat ans Fenster. Da sah man über die Dächer durch Dunst in Wiesen und Wald. Dort war die weite Welt.

Samon sah die Bücher durch. »Nun ja,« sagte er, befriedigt. »Dies ist immerhin eine gewisse Schutzwehr, sozusagen. Wer sich rechtzeitig mit dem Geist unserer klassischen Dichter vertraut macht, kann in einem gewissen Sinne als immunisiert betrachtet werden. Dies ist auch der Grund, weshalb ich Ihrem Sohne seine Neigung, Gedichte zu deklamieren, ja ganze Rollen aus klassischen Stücken vorzutragen, wiewohl auch dies natürlich übertrieben werden kann, nicht verkürzen möchte, weil ich mir davon ein gesundes Gegengewicht gegen diesen Hang zu naturwissenschaftlichen Spielereien erwarte. Die Errungenschaften unserer Zeit in allen Ehren, aber der ideale Sinn bleibt doch die Hauptsache! Weshalb ich auch, was ich bei diesem Anlasse gleich noch zur Sprache bringen möchte, seinen, wie mir berichtet wird, ziemlich eifrigen, ja man kann wohl sagen intimen Verkehr mit seinem Mitschüler Beer nicht ohne gewisse Bedenken sehen kann. Ich weiß nicht, ob Ihnen davon etwas bekannt ist.«

»Sie lernen zusammen,« sagte Frau Marie. Sie wartete jetzt geduldig, nur manchmal nach den Bildern hin blinzelnd, an der Wand über dem kleinen Schreibtisch.

»Dieser Adolf Beer ist ohne Zweifel in einem nicht gewöhnlichen Maße begabt, auch ist sowohl gegen seinen Fleiß wie gegen sein Verhalten durchaus nichts einzuwenden. Alles deutet auf einen starken und entschlossenen Charakter hin, der seinen Weg machen wird, wenn er nicht an seinem Trotz, an einem gewissen fast fanatischen Zug, alles zu negieren, was sich nicht mathematisch beweisen läßt, scheitert, welche ich in ihm zu erkennen glaube. Es fehlt ihm leider, was ich die philosophische Ader zu nennen pflege. Ohne diese aber scheint mir eine gedeihliche Entwicklung nicht möglich, weil die Bildung des Verstandes versagt, wenn sie nicht durch die des Herzens ergänzt wird. Dies bitte ich Sie festzuhalten, Frau Heitlinger! Und so mögen Sie Ihr Augenmerk auch darauf richten, ob der Verkehr mit dem besagten Beer, den ich immerhin zu meinen besten Schülern rechnen muß, auf Ihren Sohn nicht etwa allzusehr nach der Seite eines einseitigen Rationalismus hin, ja vielleicht in einem gewissen Sinne sogar zersetzend wirkt.«

»Der Franz hat ihn halt gern,« sagte Frau Marie. »Und die anderen Buben sind so roh. Er hat eben das Bedürfnis, sich auszusprechen. Die anderen machen nur Dummheiten, sagt er. Und Sie sagen ja selbst, daß der Beer ganz ungewöhnlich begabt ist.«

»Es fragt sich nur,« sagte der Professor, »ob es gerade darauf ankommt, ungewöhnlich zu sein. Ich glaube, daß weder das Staatswesen ein Interesse daran hat, wie, gerade in unserer Zeit, manche Erfahrung lehrt, noch daß es dem einzelnen selbst immer zum Heile gerät, ungewöhnlich zu sein. Nun, Sie haben ja darüber auch ein Urteil, Frau Heitlinger!« Er hatte hier wieder seinen sanft klagenden Ton.

Warte nur, dachte Frau Marie.

Samon trat an den Schreibtisch. Zwischen den Büsten Goethes und Schillers stand, eingerahmt, das Bild einer griechisch gekleideten Frau. »Aha!« sagte er, »Die Rahl!« Er nahm das Bild, um es zu betrachten. »Als Sappho. Geht er viel ins Theater?«

»Der Beer gibt ihm manchmal Karten. Sie wissen, sein Vater ist Claqueur. Die Freude darf man ihm wohl gönnen, von Zeit zu Zeit,« Sie war unsicher, ob es der Professor billige.

»Gewiß,« sagte Samon lebhaft. »Glauben Sie nur ja nicht, daß ich irgendeinen verknöcherten Standpunkt habe! Tages Arbeit, abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste, gewiß! Ein edles Vergnügen, mit Maß genossen, wollen wir der Jugend wahrlich nicht versagen! Im Gegenteil, gerade was die Rahl betrifft, so verfehle ich nie, meine Schüler darauf hinzuweisen, welchen lebendigen Gewinn die Darbietungen dieser ganz unvergleichlichen Künstlerin dem denkenden Zuschauer bereiten. Sie ist die einzige, die noch durchaus den großen Atem der klassischen Überlieferung hat. Ich pflege sie mit einem mächtig kreisenden Adler zu vergleichen. Ihre Darstellungen, besonders der Iphigenie, der Sappho, der Medea, haben sich die Würde des idealen Stils bewahrt, die sonst überall im Schmutze der entarteten Scheinkunst unserer Tage zu ersticken droht. Hier ist noch wahre Anmut, hier ist Leidenschaft ohne Frechheit, Kraft ohne Lärm und eine erschütternde Wahrheit, die doch niemals die Grenzen des Schönen verläßt, niemals die Bescheidenheit der Natur vergißt. Eine geläuterte, durchaus maßvolle, von einer geschlossenen sittlichen Weltanschauung getragene Kunst spricht sich hier mit erhebender und befreiender Macht aus. Darin dürfen Sie den Knaben wohl bestärken, verehrte Frau!«

Er stellte das Bild wieder hin. Nun sah er auf. An der Wand hingen drei Bilder, über dem Tisch. Er beugte sich vor, um sie besser zu sehen. Dies erwartete sie. Das große Bild in der Mitte stellte Melchior Heitlinger dar, ihren verstorbenen Mann; auf dem Kopf ein grünes Hütl mit einer Feder, das weiße Hemd offen, in Lederhosen, die Knie nackt, mit einer Zither; so wie er gern herumgezogen war. Auf dem anderen Bilde war ein Obelisk, mit der Inschrift: Dem furchtlosen Helden der Gletscher. Auf dem dritten, das er selbst gezeichnet hatte, stand er als Turner, mit großem weichen Hut, im grauen Gewand, und unten war von seiner Hand geschrieben? Durch Kraft zur Lust!

Erklärend sagte Frau Marie, auf den Obelisken zeigend: »Das ist das Denkmal, das ihm seine Freunde gesetzt haben. Die sorgen auch für mich und den Buben. In ein paar Wochen war das Geld beisammen. Und was mich am meisten freut: fast von lauter kleinen Leuten, die selbst nichts haben. So geliebt und verehrt war er. Das hat nun der Franz täglich vor Augen. Nein, Herr Professor, um den braucht uns nicht bang zu sein.« Und dann zeigte sie auf die Zeichnung und las ab: »Durch Kraft zur Lust.«

Nach einer Weile sagte Samon: »Nun ja.« Und er betrachtete den Turner.

Nach einer Welle sagte Frau Marie, erwachend: »Aber auf jeden Fall bin ich Ihnen sehr dankbar. Es war sehr lieb von Ihnen.«

Und Samon wiederholte, noch immer den Turner betrachtend: »Nun ja. Jeder auf seine Weise.«

Und dann sagte er: »Es war nur meine Pflicht. Ich bin, wie gesagt, der Überzeugung, daß der Beruf des Erziehers nicht mit dem Glockenschlage zu Ende sein kann. Möge unsere Unterredung Ihrem Knaben gute Früchte tragen! Das wünsche ich uns beiden, Frau Heitlinger! Und wenn Sie irgend einmal einen Rat brauchen oder sonst einen Wunsch haben, ich meine: Ihren Sohn betreffend, so wissen Sie, wer Ihnen stets zur Verfügung steht.«

Indem er nun wieder in das andere Zimmer schritt, bemerkte sie, wie gebückt er ging. Sie rechnete nach. Er konnte kaum in den Vierzigern sein. Sie sah noch einmal nach dem Turner zurück. Dann folgte sie dem Professor und sagte, lächelnd: »Und soll man sich jetzt wieder siebzehn Jahre nicht sehen?«

Er sah erschreckt auf. »Inwiefern, meinen Sie?« fragte er. »Wie gesagt, ich bin immer bereit, Ihren Sohn betreffend –« Und indem er nun wieder seinen Ton gewann: »Ich bin immer bereit, Frau Heitlinger! Wenn es einen Zweck hat –!«

»Sie sind derselbe geblieben«, sagte sie, fast ein bißchen wehmütig. »Muß denn alles immer einen Zweck haben?«

Er sah über die Brille weg in die Wand. »Ja, liebe Frau Heitlinger, dadurch –«

»Ich weiß,« sagte sie. »Dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tiere. Leben Sie wohl.«

»Ich empfehle mich bestens,« sagte Professor Samon.

Zweites Kapitel

Frau Marie saß und sann. Ihr war bang. Und dies alles tat ihr weh.

Und den hätte sie einmal heiraten sollen! Das war der Wunsch des Vaters. Undankbar bin ich, dachte sie, wirklich undankbar gegen das Schicksal, davor hat es mich doch bewahrt! Und sie lachte. Frau Professor! Und »immerhin« und »wie gesagt« und »womit ich andererseits«! Und so das ganze Leben! Nein. Sie war wirklich undankbar. Sie hatte doch wenigstens gelebt! Einmal wird man eben alt. Früher, später, darauf kommt es nicht an. Jetzt war der Franz an der Reihe. Nein, sie klagte nicht, sie hätte nicht tauschen mögen. Was wußten denn die? Das Hütl schief, den Hals frei, die Knie nackt, wie auf dem Bild dort, so sah sie ihn, lachend und singend und die Zither schlagend und neckend und spottend, und die Menschen wurden froh und es war hell, was wußten denn die? Ein verbummelter Student, hatte der Vater gesagt. Der liebe gute Vater, der es halt nicht besser verstand! Was wußten denn die? Aber dann sollte der Franz nur auch so verbummeln! Ja, das wollte sie! Ihr ganzer Trotz war wieder da. Aber leise war ihr bang.

Und sie dachte weit zurück. An das stille Leben mit dem alten Vater. Und er sammelte Spieldosen und sie hatten einen Kanarienvogel und abends kam der Herr Major Klemm; und Allerseelen fuhren sie nach Grein, wo die Mutter begraben lag; und an schönen Sonntagen manchmal hinaus; und Herr Rechnungsrat hin und Herr Rechnungsrat her, das war die Hauptsache; und so Jahr um Jahr und das sollte Leben sein. Und dann vermieteten sie das kleine Zimmer und Herr Samon zog ein und er gefiel dem Herrn Rechnungsrat sehr. »Das ist kein solcher Springerl,« sagte er; »die heutigen jungen Leute sind ja lauter Springerln!« Herrn Samon aber fand er gediegen. An alles erinnerte sie sich noch so genau. Nur das fiel ihr auf, an sich selbst konnte sie sich nicht erinnern. Sie wußte gar nichts mehr von sich. Was war denn damals mit ihr? War sie froh? War ihr weh? »Wenn das Mädl nur nicht so bockig war', ein verstocktes Mädl!« pflegte der Vater zu sagen. Das hatte sie noch im Ohr, ganz deutlich, mit dem knurrigen Klang seiner alten Stimme. Aber es gelang ihr nicht, sich vorzustellen, wie sie damals war. So viele Jahre! Wie verging die Zeit? Kränkte sie sich? Sehnte sie sich? Den ganzen langen Tag, so viele Jahre; und abends kam der Herr Major Klemm, sie sang ein Lied, Herr Samon begleitete; und manchmal an einem Sonntag hinaus. Aber das war alles nur, wie man sich an einen alten Traum erinnert. Nein, sie hatte sich nicht gekränkt, sie hatte sich nicht gesehnt, nein, gar nichts. Sie stand geduldig wartend da, das Leben erwartend. Denn, das wußte sie, das konnte doch nicht das Leben sein! Deshalb war ihr alles so schwer und sie war träge und der Vater nannte sie verstockt, denn dies hatte ja doch alles keinen Sinn, alles war unnütz und es half nichts, solange das Leben noch nicht da war. Nur warten, die Geduld nicht verlieren, es muß ja kommen. Plötzlich wird es in der Ferne pfeifen und schnaubend ist der Zug da und sie steigt ein, in den Zug des Lebens! Und brausend fort und hinaus, über alle Berge! Denn hier war es ja nicht, das konnte das Leben nicht sein! Nein, Herr Samon nicht. Der Vater verriet ihr, Herr Samon würde ihr einen Antrag machen. Es klang so komisch! Aber sie glaubte das gar nicht: er hätte doch sonst schon etwas gesagt. Aber der Vater belehrte sie, daß man dies nicht tut, bevor man seiner Frau ein Heim zu bieten hat. Diese Worte wußte sie noch genau. Ein Heim! Ganz feierlich hatte der Vater das gesagt. Aber es reizte sie gar nicht. Nein, hinaus, fort! Und dann versank sie wieder und der eine Tag hieß Montag und der nächste Dienstag, aber sonst war kein Unterschied; und sie wartete.

Und dann er! »Ein verbummelter Student,« sagte der Vater. Aber er lachte und sagte: »Der Vater hat ja recht!« »Aus dem wird nichts,« sagte der Vater. Und er lachte und sagte: »Nein, aus mir wird nichts, ich bin schon genug!« Und er verteidigte sich nie. Er lachte und sagte: »Da bitte sich bei meinen Herrn Eltern zu beschweren. Ich kann nichts dafür!« Und später noch, als sie schon verheiratet waren und es ihnen manches Mal recht schlecht ging und ihr der Mut sank, und sie fragte dann ängstlich: »Solltest du nicht doch vielleicht versuchen –«, da ließ er sie niemals ausreden, sondern sagte: »Ich weiß nicht, was ich sollte, und ich frage nicht, was ich dürfte, sondern ich tue, was ich muß; und was ich nicht muß, aus mir muß, verstehst du: muß, das mag ich nicht, kann ich nicht, werd' ich nicht, Punktum und Streusand drauf, sagen's bei uns!« Und nahm sie und schwang sie und flog mit ihr im Zimmer herum. »Solang der Mensch«, sagte er, »noch springen und tanzen kann, hat's mit dem andern noch Zeit; das gescheit sein lassen wir uns auf die alten Tag', bis die Gicht kommt!« »Man kann mit ihm nicht streiten,« sagte sogar der Rechnungsrat, »man kann dem Menschen nicht bös sein!« Denn er war so froh, daß die anderen sich schämten. »Wenn man so sein dürfte,« sagte Samon, »dann wäre es freilich leicht.« Aber auch ihr wurde manchmal Angst vor ihm: es war zu schön. Da lachte er sie aus und sagte: »Morgen wird marschiert!« Das war sein Hausmittel für jedes Leid: den Rucksack und auf in die Berge! Tagelang durch die Felsen, im ewigen Schnee. Und ihr kam vor, daß er dort oben noch ganz anders war. Unten trieb er immer nur Spaß. Aber auf dem Winklerturm sagte er einmal zu ihr: »Nicht zu laut, Kind, du störst den lieben Gott!« Und so was seltsam Lauschendes hatte er dann und war ernst und schwieg. Und sie, ganz still neben ihm, hätte weinen mögen, vor Glück. Und sie dachte nur noch: Ein solcher Mensch ist auf der Welt! Und seitdem war es gut und schön.

Manchmal fing er zu lachen an und sagte: »Und da glaubt man, daß ich ein verbummelter Student, Turnlehrer in einer Privatanstalt, Preisjodler, Zitherspieler und Bergkraxler bin. Und so glauben sie, sie haben mich. Sixt es, das ist der Spaß, du gehst durch die Welt und hast einen großen Mantel um, den sehen sie! Und jetzt soll ich mir den Kopf zerbrechen, ob ihnen mein Mantel gefällt! Wer mich lieb hat, weiß es schon.«

Und eines Tages brachten sie ihn von der Rax, zerschmettert. Der Franz war gerade drei Jahre. Sonst hätte sie nicht weiter leben müssen. Nun war sie eine Witwe, die ihr verwaistes Kind erzog. In jenen dumpfen und leeren Tagen sagte sie sich das oft vor. Die Witwe, das verwaiste Kind! Und so war jetzt alles aus. So schnell geht es vorbei. So schnell. Aber jetzt fing das Kind an. Sie war jetzt nur noch für das Kind da. Bis vor ein paar Jahren, da hieß es immer: Der Vater, der alte Vater! Und jetzt wird es immer heißen: Das Kind, das kleine Kind! Und dazwischen, die paar Jahre nur, war sie gewesen, sie selbst. Und schon vorbei. So schnell! Eine Witwe! Wie traurig das klang! Eine alte Frau, denkt man sich dabei, mit weißen Haaren, die sitzt und näht und nichts mehr will, und die Hände sinken ihr und rings ist es ganz still. Nein, Gott sei Dank, der Bub machte Lärm. Was wollte sie denn? Da hielt sie doch das Leben in Armen, zappelnd und quiekend! Was wollte sie denn? Und ihr eigenes Leben war es, das da zappelnd und quiekend schlug!

Und nun die langen Jahre der stillen Sorgen um das Kind. Ihr Vater starb. Sie zog mit dem Fräulein Modl zusammen, einer Schulfreundin von ihr. Das Kind wuchs. Da hatte sie keine Zeit zu Gedanken mehr, immer war das Kind fordernd da. Eigentlich, dachte sie, war ich früher entsetzlich dumm. Was man von einem Kind alles lernt! Sie hatte doch gar nicht gewußt, wie schöne Märchen und alte Lieder es gibt. Und dann wollte der Bub alle Namen der Blumen wissen. Und dann lernte sie in der Schule mit. Und dann fing das Lateinische an, schwer für ihren harten alten Kopf. Manchmal dachte sie, vor dem Spiegel: Ich bin ja noch gar nicht so alt! Aber das war ja jetzt gleich. Der Bub kam, der Bub forderte, der Bub fragte. Der Bub hatte plötzlich eine Leidenschaft für Chemie. Da wußte sie nun gar nichts. Gab es denn das zu ihrer Zeit schon? Da merkte sie, daß sie doch alt war. Sie meldete sich zu den volkstümlichen Vorlesungen, an der Universität. Da saß sie nun abends und plagte sich und schrieb mit. Wenn sie dann den weiten Weg heimging, sank ihr wohl manchmal der Mut und es wollte in ihr klagen. Aber sie schämte sich. Der Bub braucht es, sei nicht undankbar, du hast doch schon alles gehabt! Und da war sie wieder stark und schritt tapfer zu. Sie hatte doch alles gehabt! Sie wußte doch: einmal war ein solcher Mensch auf der Welt! Das konnte sie nie mehr verlieren. Das blieb ihr. Das mußte sie bewahren, für den Franz. Wenn der Franz einmal groß war, sollte er es haben. Dann konnte dem Franz nichts geschehen. Und stundenlang saß sie oft und dachte an alles zurück, was er gesagt hatte und wie er gewesen war, um nur ja nichts zu vergessen. Denn, sagte sie sich, ich muß den Vater für den Buben aufheben!

Dies alles hatte Samon jetzt wieder in ihr aufgeregt. Sie haßte Samon. Die Menschen sind da, sagte ihr Mann immer, damit der liebe Gott ein Vergnügen hat! Das fand sie so schön. Seitdem war ihr eigentlich alles klar. Wenn sie manchmal unsicher war, sagte sie sich das vor: Die Menschen sind da, damit der liebe Gott ein Vergnügen hat! Und gleich wurde sie ruhig und wußte, was zu tun war. Aber Samon? Sie hätte sich als lieber Gott dafür bedankt. Nun sprach er aber immer so, daß er ihr, solange er sprach, recht zu haben schien; sie konnte ihm nichts entgegnen, er hatte bessere Reden als sie. Sie gab ihm also nach und das kam ihr dann so feig vor. Schon damals war es immer so, vor siebzehn Jahren. Es klang alles wahr, doch wußte sie, daß es falsch war. Das erbitterte sie so. Und solche Menschen waren es, die ihren Mann verkannten! Was wußten denn die von ihm? Aber nun strecken sie ihre plumpen Hände auch nach dem Buben aus! Einfangen wollten sie ihn, gemein machen, abrichten für ihre schwätzende, jammernde Weisheit!

Sie sprang auf und nahm von ihrem Tisch ein Bild. Darauf war der Franz als Kind, noch in Kleidern, die blonden Ringeln in die Stirne herein, die dicken kleinen Fäuste geballt, denn er wehrte sich und wollte nicht. Sie hielt das Bild und strich mit der Hand über das Glas und rieb daran, wie um es abzuwischen, als ob es von der Luft des Professors beschmutzt worden wäre. Und dann sah sie dem bösen Buben in das dicke Gesicht und mußte lachen und wurde ganz lustig. Aber nein, dachte sie, dich kriegen sie nicht, du wehrst dich schon, mir ist gar nicht bang!

Aber sie kam nicht los. Was wollte Samon eigentlich? War es nur die Lust, sie seine Macht fühlen zu lassen? Der alte Groll gegen den Vater des Buben? Nein, sie tat ihm Unrecht, so war er doch wirklich nicht, er war nicht schlecht. Es gibt Luft- und Lichtmenschen, sagte ihr Mann, und es gibt Stadt- und Staubmenschen. Ja, Samon war ein Stadt- und Staubmensch. Der konnte nun ihren Franz freilich nicht verstehen. Aber in seiner Art meinte er es mit dem Buben sicher gut. Schon aus Eitelkeit. Sie kannte das an ihm. Gerade weil er den Buben eigentlich nicht mochte, kam er sich sehr groß vor, gerecht gegen ihn zu sein. Und vielleicht, vielleicht war der Franz wirklich –? Ja, was? Samon wußte doch selber nichts. Was warf er ihm denn eigentlich vor? Wie hatte er es genannt? Laxwerden oder Laschwerden des inneren Menschen. Kein Wunder: seine gesalbten Reden anzuhören, ihr wurde davon auch lax und lasch, beim bloßen Gedanken! Und: gemütsabwesend! Sie mußte lachen. Wie er sich das dachte? Das Gemüt soll wohl auch auf Kommando flink aus dem Bett, um brav Punkt acht in der Schule zu sitzen, die Hände auf der Bank. Bereiten Sie sich gut vor, morgen wird Gemüt geprüft, es muß sonst am Ende nachsitzen! Das waren doch Flausen eines Pedanten. Nein, der Schulmeister wollte sich nur wichtig machen.

Warum aber erschrack sie dann so? Ja, sie war erschrocken. Gleich, als er kam. Ihr erster Gedanke war gleich: Der Franz! Was ist geschehen? Was hat der Franz getan? Denn seit Wochen schon, die ganze letzte Zeit schon ahnt sie, daß der Franz was hat. Er ist anders. Was geht mit ihm vor? Was verbirgt er ihr? Das hat es doch früher nie gegeben; sonst kam er mit allem gleich zu ihr. Er hatte gar keine Furcht, darauf war sie ja so stolz. Wie ihr Mann immer sagte: »Der Mensch muß von Zeit zu Zeit eine Dummheit machen, zur Erholung!« Darum lachte sie nur, über die Streiche des Buben. Und sagte höchstens einmal: Aber diesen Monat hast du jetzt schon dein Deputat! Und dann lachte der Franz auch und sah es ein. Und gar nie hätte sie sich denken können, daß er je vor ihr ein Geheimnis haben könnte. Und jetzt? Was konnte da sein? Sie wurde ganz eifersüchtig auf den kleinen Beer, bei dem er jetzt den halben Tag saß, bis in die Nacht hinein. Aber nein, sie lernten zusammen; und so junge Leute haben sich wohl auch manches zu sagen, wovon sie nichts mehr verstand, eine alte Frau. Konnte sie verlangen, daß er immer bei ihr hocken blieb? Wie lange noch, und er rannte fort, in die weite Welt hinaus! Dazu zieht man sie sich auf, mit so viel Not und Angst.

Daran durfte sie gar nicht denken. Es nahm ihr allen Mut. Dann sank alles in ihr und sie saß oft stundenlang, unfähig, sich zu regen, irgendwas zu denken oder zu wollen oder bloß die Hand zu heben. Das Leben war ihr zu stark, sie konnte nicht mehr; und wozu auch? Sie war dann in ihrer Schwäche ebenso trotzig. Und wenn sie, um was aufzuheben, sich bücken oder auch nur die Lampe anzünden oder was immer verrichten sollte, war ihr dies alles zu schwer und sie dachte: Es steht doch gar nicht dafür, es steht doch alles nicht dafür! So preisgegeben und ausgesetzt fühlte sie sich, was konnte sie denn machen? das rauschte doch alles über sie so hin. Soll alles geschehen, nur ohne mich, ich mag nicht mehr! Und da war es ihr schon geschehen, daß sie sich ein großes Unglück wünschte. So daß man gar keine Besinnung mehr hat und gar nichts mehr weiß, sondern es geschieht. Nur nicht das kleine Schicksal, bei dem man immer noch gefragt wird und antworten soll! Und doch bloß zum Hohn, es nützt ja nichts: wir werden in einem fort gefragt, aber dann hört man es nicht an. Sie war nicht feig, sie hatte Kraft, nur nicht diese kleine von Minute zu Minute, an tausend alberne Sorgen verteilt, bald dies, bald das, keine Rast und doch auch keine Tat, dazu kam es ja gar nicht, sondern sie wurde zerrieben, es stand wirklich nicht dafür.

Sie schüttelte sich. Da kam das wieder. Nein, nur das nicht! Das kannte sie. »Wenn ihm kalt wird, sagte ihr Mann immer, beutelt sich der Spatz und fliegt ein Astl weiter; o Mensch, flieg um ein Astl weiter!« Aber sie war halt so allein, da wird es einem schwer das Fliegen. Ich bin undankbar, sagte sie, ich hab' doch den Franz! Und plötzlich begann sie sich zu strecken und zu senken, in die Knie, mit geschlossenen Fersen, und wieder empor, genau nach der Regel. »Dreißig schöne Kniebeugen,« sagte ihr Mann, »und der Mensch hat sich wieder.« Er nannte das: den Teufel austreiben. Und sie mußte lachen, als sie sich im Spiegel sah. Ich bin ja noch ganz jung, dachte sie. Und setzte sich und fing vergnügt zu nähen an.

Nein, irgendwas war mit dem Franz. Das fühlte sie seit Wochen. Aber sie wollte nicht fragen. Das mochte sie gar nicht, in einem fort, wie manche Mütter tun, in den Kindern herumzustochern. Er wird schon selbst kommen. Er hat ja doch sonst immer alles gesagt. Sie reden doch über alles. Er weiß ja, daß sie ihn immer gleich lieb hat, auch wenn ihr einmal an ihm was nicht recht ist. Das sagt sie ihm halt und manchmal schreit sie schon auch ein bißl, aber er weiß ja, daß sie ein Pulverfaß! ist, und deswegen bleibt er doch ihr geliebter Bub. Und es war immer so, daß er ihr alles sagte und sie über alles mit ihm sprach. Über alles? Nein, lüg dir doch nichts vor! Das war es ja.

Und jetzt warf sie sich das vor. Feig war sie gewesen! Immer verschob sie es wieder, es hat noch Zeit! Sie las darüber viel. Ja, die Bücher hatten sicher recht. Sie wußte doch, was ihr Mann erzählt hatte. »Es ist ein Riß durch den ganzen Menschen, wenn er es auf eine häßliche und rohe Art erfährt; man merkt es einem noch nach Jahren an.« Wie sollte sie den Buben davor bewahren, in der großen Stadt? Nein, es war ihre Pflicht, ihn, wie die Bücher es nannten, sexuell aufzuklären. Sie fand nur den Ausdruck so gemein. Aber die Bücher hatten sicher recht. Sie war auch entschlossen. Sie stritt immer mit der Fanny Modl darüber. Die Fanny sagte: Das ist auch so eine Art Impfen, ich mag aber das Impfen überhaupt nicht, sonst hätte es der liebe Gott schon selbst erfunden! Nun, die Fanny war eine gute Haut, aber wenn man ihr zuhörte, wurde einem schon manchmal angst und bang. Das verstand sie auch nicht, sie steckte zu viel mit den Pfaffen zusammen. Nein, die Bücher hatten sicher recht. Nur die Mutter kann das. Sie nahm es sich ja auch tausendmal vor. Aber das war dann seltsam: sie konnte nicht. Beim ersten Wort schämte sie sich so, daß es ihr im Halse stecken blieb. Sie konnte nicht. Sie durfte gar nicht daran denken, sie wurde gleich ganz rot. Wie dumm! Aber sie konnte nicht, sie schämte sich so. Zum Umsinken. Überhaupt, auch sonst, es war eigen. Sie schämte sich so vor dem Buben. Wenn er ins Zimmer trat, während sie sich wusch, kroch sie schreiend hinter den Kasten. Er lachte sie aus und wollte nicht weg, bis sie ganz zornig war. Lieber hätte sie sich einem wildfremden Mann gezeigt. Wie dumm! Er war doch ihr Bub. Aber es half alles nichts. Ihr wurde heiß, wenn sie nur daran dachte. Ja, dumm! Aber sie konnte nicht, es war zu stark.

Sie ließ das Nähen. Es trieb ihr das Blut in den Kopf. Ihr war so heiß. Sie trat zum Fenster. Der Nebel war dick, das Licht der Laternen fast erstickend; und in diesem langsam niedersinkenden Dickicht von gelblichem Nebel war ein Zittern. Nun kommt bald der Frühling wieder, dachte sie. Und sie hatte Furcht. Sie fühlte sich umringt von bösen Dingen. Da draußen die Stadt in dem dicken Nebel, endlos ausgestreckt. Und da war ihr Bub irgendwo. Und sie hatte niemanden. So allein, so verlassen, unter den vielen Menschen in der großen Stadt. Der Nebel wurde so dick, daß er über das Fenster zu kriechen schien, wie ein langsames, fettes Tier mit schleimigen Augen. Wie ein tückischer alter Fisch, an die Scheibe gepreßt, starrte er auf sie herein. Ihr war heiß. Ihr war bang.

Sie trat vom Fenster, ging zur Wand, klopfte. »Bist du da?« fragte sie horchend. Und krächzend kam es durch die Wand: »Nur herein, kannst helfen.«

Drittes Kapitel

Fräulein Fanny Modl stand aufgeschürzt, schnaufend vor Eifer, ihren grauen Mops waschend, einseifend, bürstend, indem sie ihn am Kragen in der Wanne festhielt. Auf dem Sofa lagen in Decken, ihr Pintscher, ihr Spitz und ihr Pudel. Diese waren schon gebadet. Als Frau Marie nun eintrat, fing der Mops noch kläglicher zu heulen an. Der Spitz, der Pintscher und der Pudel, in den Decken strampelnd, stimmten ein. Das ärgerte den alten Papagei und er schrie zornig. Fräulein Fanny blies ihr kurzes dickes Gesicht auf und krähte: »Also Ruhe!« Die Hunde winselten. Der Papagei schnarrte: Also Ruhe! Er hatte ganz ihre Stimme. Und sie sagte zur Frau Marie: »Das ist gescheit, du kannst mir den Florestan halten. Gib aber acht, er beißt. Das arme Tier weiß halt nicht, daß es notwendig ist.« Frau Marie kam, nahm den Florestan und hielt ihn.

Florestan hieß der Mops, den übrigens nur Fräulein Fanny für einen Mops hielt; er war vermischt. Auch der Spitz, der Sarastro hieß, war kein Spitz. Der Pintscher, der Zanga hieß, war kein Pintscher. Und der Pudel, der Kolumbus hieß, war kein Pudel. Fräulein Fanny hielt nichts auf Rasse. »Warum soll man denn die Tiere vergewaltigen?« sagte sie. »Die Menschen heiraten auch nach Belieben. Und es ist noch gar nicht ausgemacht, ob ein Tier nicht mehr wert ist als der Mensch.« Deshalb konnte sie auch nicht leiden, daß man den Hunden so läppische Namen gab. »Ein Hund ist doch kein Bedienter,« sagte sie. Und sie hatte die Gewohnheit, ihre Hunde nach geschichtlichen Helden oder verehrten poetischen Gestalten zu taufen.

»Er wird halt schon recht alt,« sagte Frau Marie, aus Mitleid mit dem ächzenden, gurgelnden Mops.

»Also sei so gut,« sagte Fräulein Fanny streitbar, »und fang mir nicht wieder an.« Sie stritten jeden Tag. Frau Marie begriff nicht, warum Fräulein Fanny sich immer gerade die ältesten und räudigsten Hunde nahm. Es müssen doch Tiere sein, an denen man eine Freude haben kann! Aber Fräulein Fanny fand: »Das ist die ganze menschliche Gemeinheit! Bist du dazu da, daß an dir die Hunde eine Freude haben? Also wie kommen dann die Hunde dazu, daß du an ihnen eine Freude haben willst?«

»Wozu hat man denn dann aber einen Hund?« fragte Frau Marie.

»Weil er einen braucht,« erklärte Fräulein Fanny. »Ich kann Euch gar nicht begreifen, daß Ihr das nicht versteht! Ein Hund, der mich nicht braucht – ich weiß gar nicht, was ich mit dem anfangen sollte! Wozu denn? Aber wenn ich weiß: dieses arme Vieh, das kaum mehr kriechen kann, wär' sonst verloren, ohne mich, also das hat dann doch einen Sinn.«

Sie hielt es mit den Menschen ebenso. Als Tochter eines Feldmarschall-Leutnants war sie vielen angesehenen und wohlhabenden Familien verwandt. Sie kümmerte sich um keine. »Wozu?« sagte sie. »Da kommt doch nur ein verlogenes Geschwätz heraus. Schade um die Zeit! Leute, denen es gut geht, sind mir zu fad. Die haben ja keine Ahnung! Schließlich hat jeder seine eigene Art eitel zu sein; meine ist, daß ich jemandem unentbehrlich sein will. Wer mich nicht braucht, interessiert mich nicht.«

Frau Marie war mit ihr auf der Schule zusammen gewesen. Aber sie mochten sich damals nicht. Marie hatte so was Feines. Als aber ihr Mann starb, kam Fanny an und schlug ihr vor, zu ihr zu ziehen. Als ob das ganz selbstverständlich wäre. Unter guten alten Freundinnen! Der Feldmarschall-Leutnant war tot, sie hauste seitdem allein. Das heißt: mit alten Hunden, Papageien, Katzen; oder wenn sie ein weinendes Kind auf der Gasse fand, wenn ihr ein Bettler erbarmte, die mußten mit. »Das Asyl,« sagten die Nachbarn höhnisch. Es wurde ihr deswegen auch immer wieder gekündigt. Man beschwerte sich, es kam so viel verdächtiges Gesindel ins Haus. »Ja,« sagte sie, »einem obdachlosen Minister bin ich in der Nacht halt noch nicht begegnet und für die kleinen Grafen reicht das Theresianum aus!« Sie nahm es übrigens den Hausherrn nicht übel. Die reichen Leute können das nicht verstehen, das ist das Unglück! Wie jeder seine Zeit bei Militär machen muß, sollte jeder seine zwei, drei Jahre betteln müssen, dann würden sich die Menschen kennen! Sie hatte dies in einer langen Schrift dem Minister vorgeschlagen. Sie ist schon ein bißchen verrückt, hieß es. Ihre Verwandten genierten sich. Man führte es darauf zurück, daß sie, kaum acht Jahre alt, als das Ringtheater abgebrannt war, von einer neugierigen Gouvernante mitgenommen wurde, die verkohlten Leichen anzusehen. Sie lag, vor Schreck, Wochen im Fieber. Und seitdem hatte sie so seltsame Gedanken. Übrigens war auch der Feldmarschalleutnant ein wunderlicher Herr gewesen, »ohne Manieren«.

»Gib mir das Tuch,« sagte sie jetzt. Frau Marie holte das Tuch vom Ofen, sie trockneten den Florestan ab und wickelten ihn ein. Dann kam er auch auf das Sofa, in Decken gehüllt. Es war aber nun ein solcher Dunst im Zimmer, vom warmen Wasser und von den triefenden Tieren und von der Seife, daß sie lieber in die kleine Küche gingen. Hier setzten sie sich, Fräulein Fanny durch den Spalt horchend, ob die Hunde nichts brauchten, Frau Marie von Samon erzählend.

»Er ist ein Esel,« sagte Fanny, »und du bist ein Schaf. Er ist wenigstens dafür amtlich angestellt. Aber du? Komm, es ist noch Wasser da, ich werd' dir den Kopf waschen. Und dann kannst dich auch aufs Sofa legen.«

»Es ist ernst,« sagte Frau Marie traurig. Und wieder begann sie von ihren Sorgen. Und wie der Franz verändert wäre; und: Der Bub hat was.

»Laßt ihn doch!« sagte Fanny. »Laßt ihn doch in Ruh! Das ist das Unglück, daß man immer an den Kindern zerrt, und hütt und hott; da müssen sie ja damisch werden. Ein Kind braucht Ruh, es findet sich schon selbst heraus.«

»Er ist jetzt in dem gefährlichen Alter,« sagte Frau Marie.

»Ja, meine Liebe, das Leben ist gefährlich, überhaupt. Beim Gehen kann man sich die Haxen brechen und beim Stehen fällt ihm ein Ziegel auf den Kopf. Da mußt ihn im Keller eingraben.«

»Mit jedem fremden Bettler hast du Mitleid,« sagte Frau Marie gekränkt.

»Wenn ich ihm helfen kann! Wenn sich der Franz die Nase zerschlägt, werde ich ihn pflegen. Wenn du mir aber vorjammerst, daß sich der Franz die Nase zerschlagen wird, was soll ich denn da tun? Warten wir es doch ab!«

»Ja so bist du,« sagte Frau Marie. »Aber man will es ihm doch lieber ersparen!«

»Du kannst einem Menschen das Leben nicht ersparen,« sagte Fanny.

»Dann hört überhaupt jede Erziehung auf!«

»Besser wäre es,« sagte Fanny trocken. »Ich habe noch nicht bemerkt, daß sie was geholfen hätte. Jeder macht alle Dummheiten wieder. Wie er damit fertig wird, darin zeigt sich, was er wert ist. Und das Leben muß doch irgendwie vergehen. Wenn es so weit käme, daß es keine Dummheiten mehr gäbe, ich möchte wissen, was dann die Menschen eigentlich anfangen würden. Laß ihn austoben, er soll nur auch seinen Puff kriegen! Tut's weh, dann wollen wir schauen, was sich machen läßt. Und ich sage dir, nichts fehlt ihm, als daß der Bub verliebt ist. Sei froh!«

»Glaubst du wirklich?« fragte Frau Marie, wie vor etwas Entsetzlichem. »Ist es denn möglich!«

»Kannst dich darauf verlassen, daß es möglich ist,« sagte Fanny. Aber da sie nun das Entsetzen in den Augen der Freundin sah, rückte sie neben sie und indem sie sie täppisch zärtlich in die Seite stieß, rief sie nur immer: »Marie! Schaf! So sei doch nicht – was hast du denn nur?« Aber Marie mußte weinen. Und das tat ihr gut. Sie weinte darauf los. Und Fräulein Fanny, Hand in Hand neben ihr, ließ sie gewähren und manchmal streichelte sie sie und sagte nur: »No ja, no ja.«

Plötzlich mußte Fräulein Fanny hinein. Der Florestan bekam seinen Husten. Immer wenn er sich langweilte, fing er auf einmal dumpf zu röcheln an, die stieren Augen quollen vor, sein kleiner fetter Leib zuckte, bis ihn Fräulein Fanny nahm und mit leisen Fingern hinter den Ohren zu kitzeln begann. Das half, langsam fing er sich zu beruhigen an, er atmete wieder, das Stöhnen ließ nach, bald war es nur noch ein langsam wogendes Schnurren, behaglich gedehnt, wie einer Katze. Und Fräulein Fanny hielt ihn wiegend; die Marie sollte sich einstweilen ausweinen.

Schnurrend schlief der Florestan wieder ein, Fräulein Fanny kam in die Küche zurück, Frau Marie sagte lächelnd: »Du hast schon dein Kreuz mit uns!«

Fräulein Fanny sagte: »Also jetzt werden wir dich halt auch ein bißl an den Ohren kratzen. Was ist denn? Der Bub gefällt dem Herrn Lehrer nicht? Um so besser. Das weiß man doch, wie die sind! Also da macht man dem Herrn Lehrer halt ein verlogenes Gesicht vor und tut ihm ein bißl schön, weiter wollen sie ja nichts, diese armen Hascher, und lacht ihn heimlich aus. Einverstanden?«

»Das schon,« sagte Frau Marie.

»Aber?« fragte Fräulein Fanny.

Leise sagte Frau Marie furchtsam: »Glaubst du denn das wirklich? Daß der Franz am Ende … daß er sich verliebt?«

»Merkwürdig sind die Menschen,« sagte Fräulein Fanny. »Ihr scheint gar kein Gedächtnis zu haben. Wie war es denn mit uns? Warum soll denn das jetzt plötzlich anders sein? Hast du dich gewundert, wie der Franz den ersten Zahn gekriegt hat? Bist erschrocken? Nein, der Mensch kriegt halt Zähne, darüber denkt man nicht mehr nach. Und später kriegt er die Liebe. Da gibt's eben auch nichts. Aber jede Mutter glaubt, das passiert alles nur ihrem Kind allein und macht ein Geschrei! Glaubst du, bei deinem Buben fängt eine neue Welt an? Nein, meine liebe Marie, die alte ist noch ganz gut.«

»Das hilft mir gar nichts,« sagte Frau Marie plötzlich erbittert. Das machst du mir immer so! Ich bin besorgt, da rechnest du mir vor, daß es gescheiter wäre, nicht besorgt zu sein. Ich glaube dir das schon, ich bin aber besorgt, also was nützt das? Hilf mir lieber! Aber alle sind gleich. Alle reden auf einen los und verstehen alles viel besser, das nützt mir doch nichts! Gut, du hast recht, du bist eben gescheiter als ich, da kann ich ja nichts dafür. Mir tut was weh, jetzt kommst du, und willst mir beweisen, daß das ein Unsinn ist; es braucht mir gar nicht weh zu tun, behauptest du. Ja aber Fanny, da habe ich nichts davon, es tut mir eben weh. Du glaubst nämlich, man kann einen mit gescheiten Worten an den Ohren kratzen. Nein, du irrst dich! Das ist gar nichts.«

Fräulein Fanny wurde ungeduldig: »Helfen! Helfen sagst du immer. Aber da muß doch erst was geschehen sein, nicht? Wenn du die Masern hast, kann ich dir helfen und wenn du die Blattern hast, kann ich dir auch helfen und wenn du den Scharlach hast, kann ich dir wieder helfen; für alles gibt es bestimmte Mittel und eine eigene Kur. Wenn du mir aber sagst: Ich habe solche Angst, einmal die Masern und die Blattern und den Scharlach zu kriegen, dagegen gibt es nichts. Da kann ich dir nicht helfen. Da kann ich dir nur sagen: Warten wir es doch erst ab! Es gibt aber Menschen, die sich jeden schönen Tag mit der Angst verderben, daß es morgen regnen wird.«

»Es regnet ja aber schon,« sagte Frau Marie. »Du sagst ja, er hat sich schon verliebt.« Und plötzlich den Ton ganz verändernd, fragte sie schreiend: »In wen denn?« Und immer drängender, immer ängstlicher: »Red' doch! Was weißt du?«

»Gar nichts weiß ich,« sagte Fräulein Fanny. »Das ist es ja. Ich denke mir: er ist im Alter, sich zu verlieben. Nun sagst du mir: der Bub hat was! Also wird es wohl das sein. Damit wissen wir ja aber noch gar nichts. Nein, Mariedl, es regnet noch nicht! Nehmen wir an, er ist verliebt; aber das muß doch deswegen nicht gleich Regen und Sturm, es kann ja auch Sonnenschein und blauer Himmel sein. Verstehst mich? Ich bin ja nur eine alte Jungfer, was weiß denn ich? Aber eigentlich macht ihr einem wenig Lust und es ist mir recht verdächtig, daß alle Mamas so besorgt sind, ihr Kind könnte sich verlieben. Es soll doch so schön sein, höre ich. Nun ihr müßt es ja wissen.« Mit einem leisen Hohn sagte sie das.

»Du verstehst mich gar nicht,« sagte Frau Marie. Dann schwiegen sie. Man hörte nur durch die Türe die Hunde schnaufen.

Und leise sagte Frau Marie: »Ich weiß es doch von meinem Mann. Ich habe dir doch einmal erzählt. Wir hatten uns so lieb. Und doch! Dann aber seine Reue! Er tat mir so furchtbar leid, daß ich an mich gar nicht dachte. Und daher weiß ich, wie das einem Mann durchs ganze Leben nachgeht, wenn es das erstemal häßlich und schmutzig ist. Davor habe ich solche Angst für den Franz.« Und dann sagte sie noch einmal ganz leise: »Hilf mir doch!«

Fräulein Fanny setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand und streichelte sie. »Wir werden schon acht geben auf den Buben! Du darfst nur nicht gleich die Geduld verlieren. Denn schau, das glaube ich, wäre, das Schlimmste, wenn du den Buben vor der Zeit aufweckst. Man soll einen Menschen nie fragen, was er hat. Denn dann hat er gleich was. Laß den Arzt holen und du bist krank! Und du mußt doch auch ein bißl Vertrauen in deinen Buben haben. Wenn man euch Eltern zusieht! Gar nichts scheint ihr von euren Sprößlingen zu halten. Wir wollen ja schon acht auf ihn geben. Zwei so gescheite alte Weibsbilder wie wir, denk' nur, da kann's doch nicht fehlen. Aber er darf es nur nicht merken. Glaub' mir! Und ängstige dich doch nicht! Das ist wirklich dumm. Du stellst dir sicher alles viel schwärzer vor. Der Mensch hält schon einen Puff aus. Es schadet ihm gar nicht. Vielleicht ist es ganz gut, wenn einer beizeiten gebeutelt wird. Einmal muß er doch erfahren, wie's im Leben und mit den Menschen zugeht; früher gibt das Schicksal keine Ruh. Und eigentlich, siehst du, glaube ich das gar nicht recht. Das was dir dein Mann gesagt hat. Ich weiß nicht, ob er sich da nicht täuschte. Was ihm gar nicht zu verdenken wäre. Der Mensch redet sich gern auf die Umstände aus. Ich glaub's aber nicht. Ich kann's nicht glauben, daß das eigentlich so wichtig ist, was der Mensch erlebt. Wenn an einem was ist, kommt er überall durch. Und sonst geht es doch nicht. Und wenn die Männer über die schlechten Weiber jammern, ich weiß nicht. Und den Weibern, die alles auf die Männer schieben, glaube ich es auch nicht. Man geht schon meistens an sich selbst zugrunde. Und es wäre doch auch sonst zu fad, auf der Welt. Im Widerstand zeigt einer erst, was an ihm ist. Ich sollte heute eine strenge Frau Generalin irgendwo sein, Patronesse auf den feinsten Bällen. Und jetzt bin ich eine alte verrückte Hundemamsell. Hat alles nichts genützt! Der Mensch ist stärker. Jetzt wollen wir aber die Hunde aus den Decken wickeln, komm!«

Dann sagte Frau Marie, auf ein Bild zeigend: »Kennst du denn eigentlich die Rahl?«

»Ich war einmal bei ihr wegen einer Vorstellung für die Bescherung der Findelkinder. Ich komme ja sonst nie ins Theater. Daß sich die Leute da künstlich was vormachen, wo's im Leben doch viel stärker zugeht, kann ich nicht recht begreifen. Aber das war schon schön! Donnerwetter! Mich wundert's eigentlich, daß man so was frei herumgehen läßt. Ich hätte Angst, sie zündet einmal die Stadt an. Sie war übrigens sehr nett mit mir. So zu Haus ist sie ganz zahm. Merkwürdig müssen solche Menschen übrigens sein! Wenn ich so wäre, nein, ich könnte mir das nicht bloß für den Abend aufheben. Da glaubt man, wenn sie anfängt, Mord und Tod ist los! Donnerwetter! Aber dann fällt der Vorhang und sie ist die Frau Gräfin, mit einem galonierten Bedienten auf dem Bock. Eine komische Gesellschaft!«

Nun waren die Hunde los. Frau Marie hielt noch immer das Bild der bekränzten Frau, sah es an und zitterte. »Ach so!« sagte Fanny mitleidig lächelnd. »Das glaubst du? In die sind sie ja alle verschossen, Buben und Mädeln. Laß ihm das doch! Das kennt man ja. Der Mensch braucht halt das Gefühl, daß es in der Ferne irgendwo was ganz Schönes und ganz Großes gibt. Als kleines Kind war ich schrecklich in den Kaiser verliebt. Und jetzt bin ich eine Betschwester. Nur ganz weit weg muß es sein. Und da hat der Bub halt die Rahl. Es kommt auf eins heraus. Mariedl, du bist dumm!«

Und sie nahm sie zärtlich.

Aber Frau Marie sagte: »Ich weiß nicht. Mir ist bang.«

»Mach' dich lieber auch ein bißl nützlich,« sagte Fräulein Fanny, »und hilf mir jetzt den Hunden die Zähne putzen.«

Viertes Kapitel

Die Buben mußten sich die Hüte mit den Händen halten. Der Wind riß ihnen die Worte weg. Atemlos liefen sie gegen seine Stöße. Schon fing es zu dämmern an. Die großen leeren Bäume schwankten stöhnend. In der Ferne hörten sie den Strom. Der Wind schlug wieder zu. Franz lachte, vorgebeugt gegen den Wind stehend. Er lachte den Wind an, den Kopf einbohrend. Vorwärts, schrie der kleine Beer ungeduldig; er schnaufte, mit dem Winde ringend. Und sie liefen wieder, Franz lachend vorgeneigt, gleichsam schwimmend wider den Wind, der kleine Beer aber in Sprüngen und Zacken, manchmal zornig aufstampfend. So liefen sie bis zur großen Brücke. »Komm,« sagte der kleine Beer, »da unten sind wir geschützt.« Sie kletterten die Böschung hinab. Am Pfeiler setzten sie sich. Franz bog seinen zerdrückten Hut aus. Er keuchte. »Schön war das,« sagte er, »im Wind.« Der kleine Beer hockte sich hin, ins Dunkel spähend. »Hier übernachten Leute,« sagte er in einem höhnischen und drohenden Ton. »So glänzend ist das eingerichtet! Dort stehen Paläste leer und in den weiten Sälen langweilen sie sich und haben die Gicht vor Gefräßigkeit. Aber die andere Hälfte darf unter den Brücken oder in den Kanälen hausen, wenn der Sturm heult, und muß betteln oder stehlen. Und Samon sagt, daß alles auf der Welt in Ordnung ist, und Samon ist ein ehrenwerter Mann.« Er sprach es mit dem kurranten Grimm eines Volksredners und freute sich, wie seine Stimme hart über das ruhige Rauschen des Stromes stieg.

»Horch!« sagte Franz. Drüben brach sich der Wind an der Mauer und barst. Ein Splitter sprang zurück, wie winselnd vor Schmerz. Einen anderen warf es in den Schotter und über den Hang auf die Weiden hinab, an welchen er zischend zerstob. »Ein Alter zankt mit seinen weinenden Kindern und die Mutter schluchzt. Hörst? Heidi!« Und er rieb sich seine heißen Wangen, die vom Wind zerbissen waren.

»Was ist der Mensch?« schrie der kleine Beer in den Strom. »Dies alles, die Macht der rauschenden Wogen, der Zorn des Sturms, die Sehnsucht der jagenden Wolken, ist im Menschen. Aber er hat es an Ketten gelegt. Auf! Los! Schäme dich, Mensch!« Er maß seine Stimme mit dem Lärm im Wasser und in der Luft. Und so sah er sich vor Tausenden, die die Fäuste ballten und zornig waren, aber die Macht seiner Rede stieg über sie, bis sie gehorchten.

Die Freundschaft der zwei Buben bestand darin, nebeneinander zu phantasieren. Jeder ließ sich hören. Der andere schwieg, bis es an ihn kam. Uneinig konnten sie nicht werden. Denn keiner entgegnete dem anderen. Jeder war so froh, einen neben sich zu haben, wenn es in ihm laut war. Ob der andere dem auch zuhörte, fragten sie nicht. Sie konnten reden, der andere widersprach nicht, sondern wartete, bis es wieder an ihm war, und deshalb hatten sie sich so gern.

Sie kannten sich erst seit zwei Jahren. Da war der kleine Beer aus einem anderen Bezirk in die Schule gekommen. Früher hatte Franz eigentlich keinen Freund. Er war mit den anderen ganz gut, ließ sich nichts gefallen, verdarb keinen Spaß, alle konnten ihn leiden. Aber er hatte die Neigung zärtlich behüteter Kinder, sich fern zu halten. Solche behalten immer ein wenig Heimweh. Sie lassen es sich nicht merken, als ob es eine Schande wäre. Sie haben deshalb fast ein schlechtes Gewissen vor den anderen. Sie geben sich auch alle Mühe, überall mitzutun, mit den Wildesten um die Wette. Doch wird ihnen dabei nicht wohl. Sie fühlen sich anders. Sie haben Angst, es zu zeigen. Sie zwingen sich, den anderen zu gleichen. Aber nachher sind sie traurig. Am schönsten ist es doch nur zu Hause! Es gelang Franz, dies den anderen zu verbergen. Er hätte sich sehr geschämt. Erst vom kleinen Beer lernte er, stolz darauf zu sein. Der kleine Beer verachtete die Masse. Nicht sich gemein zu machen, sondern ein Eigener zu sein, der keine fremden Satzungen braucht, weil er sein Gesetz in sich selbst trägt, wurde jetzt sein Ehrgeiz. Der kleine Beer gab ihm Stirner und Nietzsche zu lesen. Und nun sog er die Lust ein, hochmütig zu sein. Mit den Lehrern, mit den Schülern, eigentlich mit der ganzen Welt hatten diese zwei Buben nur Mitleid. Denn sie wußten, daß jetzt eine neue Zeit beginnt. Aber nur sich nicht verraten, sagte der kleine Beer. Sie lernten fleißig, sie gehorchten, sie gingen auf jede Laune der Lehrer, auf jeden rohen Spaß der Schüler willig ein. Es wurde ihnen leicht, weil sie doch über dies alles, voll Verachtung, erhaben waren. Sie blickten sich nur in der Schule manchmal insgeheim an und verstanden sich. Nachsicht mit den Menschen, sagte der kleine Beer, ist auch eine Art, sich frei zu machen. Und Franz empfand den Reiz, den ein tiefes Geheimnis hat. Er konnte das selbst seiner Mutter nicht sagen. Nein, sie würde sich nur ängstigen, sie war so gut. Aber jetzt begann eine neue Zeit der harten und ganz einsamen Menschen. Es berauschte ihn, sich ganz einsam zu wissen. Manchmal wurde das in ihm so stark, daß er es am liebsten laut in die Klasse gerufen hätte. Er ärgerte sich, daß die dummen Buben nichts von seinen Geheimnissen ahnten. Dann aber wieder war es ihm eine Lust, es ihnen gleich zu tun, den Lehrern ins Gesicht zu schmeicheln, um hinter ihren Rücken zu höhnen, und mit der Welt gemein zu sein. Alle Propheten, sagte der kleine Beer, waren Betrüger, die Menschheit will es so! Eigentlich aber, dachte Franz zuweilen, ist es doch sehr traurig, daß es unter den sämtlichen Lehrern und sämtlichen Schülern einer ganzen Klasse nur zwei Menschen gibt, die der Wahrheit auf der Spur sind; und die müssen sich förmlich miteinander verschwören! Doch hatte dies auch wieder sein Schönes.

Eine neue Zeit bricht an! Franz war es jetzt, als hätte er dies immer schon gewußt. Das Wort hatte ihm freilich erst der kleine Beer gebracht. Aber schon immer war eine solche Sehnsucht in ihm, die er nur freilich damals noch gar nicht verstand. Manchmal, wenn er abends, lernend oder lesend, mit der Mutter bei der Lampe saß, die Mutter hatte so ein liebes Gesicht und war schon müd und nickte halb ein, die Uhr tickte, über den Hof her klang ans Fenster ein altes Klavier, da wußte er so stark, daß es auf der Welt etwas Wunderschönes gab. Es stand vielleicht schon unten im Hof und wartete auf ihn. Es war da. Dann tat die Mutter die Augen wieder auf und lächelte. Und dann hieß es schlafen gehen; morgen ist auch noch ein Tag. Und er träumte davon. Oder wenn er von großen Menschen las, in manchen Büchern, da war es auch. Es war ganz gewiß irgendwo. Wenn er dann aber unter die Menschen kam, da war es nicht. Wenn er mit der Mutter im Frühling durch den Wald ging, die Sonne schien, der Kuckuck schlug, da war es wieder. Und alle Menschen, welchen sie begegneten, wußten, daß es da war; er sah es ihnen an. Und auch in der Stadt drinnen, gegen Abend im Winter, wenn sich in den Straßen so viele Menschen drängten und alles war hell und überall war Lachen, da war es auch. Aber dann war es wieder weg. Bei Tag in der Stadt war es weg. Und in der Schule war es nie. Und Samon wußte nichts davon; er sah es ihm an. Und jahrelang hatte ihn das gequält. Er folgte, er tat alles, aber: das konnte noch nicht das Eigentliche sein, es mußte noch was anderes geben, irgend etwas Wunderschönes war irgendwo versteckt! Bis du halt einmal groß sein wirst, sagte die Mutter immer. Aber nein, das war es sicher nicht. Und dann kam endlich der kleine Beer und sagte: Eine neue Zeit bricht an, die bringt es, und diese neue Zeit sind wir! Und seitdem war ihm jetzt alles klar und er lernte jetzt, wie der kleine Beer es nannte: hinter das Leben sehen. Und von vielem, das er bewundert hatte, nahm er jetzt Abschied. Und die Leute, die sich noch täuschen ließen, taten ihm leid. Und manchmal kam er sich jetzt eigentlich schon ganz alt vor. Denn er wußte zu viel, ihn konnte nichts mehr betrügen. Und es machte ihn oft ein bißchen ungeduldig zuzusehen, wie es die Menschen trieben. »Wahn, überall Wahn!« deklamierte der kleine Beer. Und nun waren sie vom Schicksal ausgeschickt, die neue Zeit zu bringen, die den Wahn vertreiben wird! Zu Haus hing ein Bild: Die Brücke von Arcole. So sah er sich jetzt immer: allen voran, die Fahne hoch, mitten ins Getümmel; und über Blut und Dampf geht die Sonne der Freiheit auf! Der kleine Beer aber sah sich immer in Versammlungen: unter sich eine ungeheuere Menge, atemlos lauschend, und er selbst, hoch über der schwarzen Masse, die gierig horcht, mit seinen harten Worten in sie schlagend! Franz bewunderte den kleinen Beer sehr, denn er lernte von ihm, höhnisch zu sein; das tat ihm wohl. Und der kleine Beer übte sich an ihm: er konnte seine Macht fühlen, den Freund, der um einen Kopf größer war, den Sohn des berühmten Turners, mit seinen starken Reden zu beherrschen. An Sonntagen lud ihn Frau Marie manchmal zum Essen ein. Aber dann kam er dem Franz ganz verändert vor. Er saß in ihrem hellen Zimmer und traute sich nichts zu sagen, sondern sah sie nur an und war ungeschickt. Frau Marie hatte ihn gern, weil sie sich freute, wie groß und froh neben ihm ihr blonder Bub war. Und dann mochte sie ihn, weil er einen so schönen weichen Mund hatte. Er sieht aus, sagte sie, wie ein altes Weib mit dem Mund einer jungen Frau. Aber eigentlich war sie doch immer froh, wenn sie dann wieder mit dem Franz allein war. Der kleine Beer fühlte das vielleicht. Einmal sagte er: Ja, deine Mutter ist sehr lieb, es tut einem fast weh! Franz verstand es nicht, er wurde neugierig. Der kleine Beer sagte: »Manche Menschen machen mich so hündisch demütig. Und das ist kein gutes Gefühl. Dir würde das ja nicht schaden, aber ich spüre, daß es mir meine Kraft nimmt. Nein, ich muß mich rächen. Zur Rache sind wir da, zur Rache!« Und dann wurde er ganz wild und sagte noch: »In ein paar Jahren, auf der Universität, wirst du eine bunte Mütze und Schmisse haben und wenn wir uns begegnen, wird es dir unbehaglich sein. Du hast es ja auch nicht nötig. Elend muß der Mensch sein. Das allein gibt ihm Kraft. Was weißt denn du?« Und dann fing er von seinen Leuten an. Der alte Salomon Beer war Agent, Vermittler, Claqueur, der älteste Sohn war ein berühmter Schachspieler geworden, die Tochter Selma schrieb bei einem Advokaten, dann war ein Bruder blind und dann war noch die kleine Laura, mit der wunderschönen Stimme: die muß eine große Sängerin werden. Aber der Vater ist alt und kann's nicht mehr leisten. Da sitzen sie nun alle da und warten auf mich. Sitzen nur beisammen, sagen nichts, warten. Und ich spüre, wie sie warten. Sie wären ja auch gern gut und lieb. Nur müssen sie noch warten. Komm nur einmal mit mir! Und er führte den Franz einmal hin. Der alte Salomon stand auf, nahm das Käppchen ab und verneigte sich fast feierlich. Und die alte Frau stand auf und begrüßte ihn furchtsam. Und die Mädchen standen auf und grüßten ihn stumm mit ihren großen dunklen Augen. Und der blinde Bruder streckte seine Hand aus. »Hast du bemerkt,« sagte der kleine Beer nachher höhnisch, »wie sie voll Ehrfurcht für dich waren? Denn es kann ja sein, daß du mir einmal helfen wirst! Und sie warten doch auf mich!« Oft dachte Franz an den Besuch zurück. Etwas sehr Ehrwürdiges, Dunkles, Unbekanntes blieb ihm in der Erinnerung, von traurig wartenden Menschen. Und manchmal fiel es ihm ein, wenn er lustig war, und er sah die vollen schwarzen Augen der Mädchen, die vor ihm aufstanden und sich schweigend vor ihm verneigten. Sie schienen ihm aber ganz in der Ferne zu sein, gar nicht in dieser Stadt; und es kam ihm sonderbar vor, daß sie doch sicher auch an Sonntagen manchmal aufs Land gingen.

Vom alten Salomon bekamen die Buben Karten ins Theater. Sie hatten dafür nur auf sein Zeichen zu achten. Er saß im Parterre, schwarz gekleidet, auf einen Stock mit goldenem Knopf gestützt, einem Patriarchen gleich. Er regte sich kaum und klatschte nie. Wenn er aber den Stock mit dem goldenen Knopf ein wenig hob, dann ging es oben los; das war das Zeichen für seine Leute. Bis dann der goldene Knopf wieder sank; da mußten sie verstummen. Er hielt auf gute Zucht und Anstand sehr. Er arbeitete nicht für jeden. Er hatte seine Kundschaft, der er seit Jahren diente, und er rühmte sich, daß es durchaus nur ideal gesinnte Künstler des edlen alten klassischen Stils waren. Auf die neumodischen Gebräuche ließ er sich nicht ein. Diese jungen Leute jetzt wollten gleich alle Himmel stürmen. Leider geht, pflegte er zu sagen, immer mehr der Takt verloren. Er hielt es für sein Amt, dem nach Kräften zu widerstreben. Die Alten konnten sich auf ihn verlassen. Und es war sein Stolz zu wissen, daß sie ihm das nicht vergaßen. Wenn er am Ersten zum alten Larinser kam, um sich sein Gehalt zu holen, sprachen sie gern von der Ungunst der Zeit, die keinen idealen Sinn mehr hat und nur verblüfft sein will. »Zirkus!« donnerte dann der alte Larinser. »Der Zirkus kommt! Ja, mein lieber Salomon, wir sind die letzten Säulen!« Abends, im Kreise der Seinen, erzählte das Salomon oft. Er sah mit Sorgen in die Zukunft der Kunst. »Wer ist denn noch da? Wer bleibt denn, wenn einmal die Großen hinsinken? Ja, die Rahl! Ja, das ist noch eine, die hat noch das heilige Feuer! Die Vestalin nennt sie der Larinser. In den Händen dieser edlen Frau ruht unsere ganze Hoffnung. Aber dann? Wie lange noch? Dann wird der alte Geist ruhelos durch die verödeten Hallen irren. Ich wünsche mir nur, daß ich es nicht mehr erleben muß.« So sprach er seinen alten Freunden nach und den horchenden Mädchen brannten die Augen.

Unter der Brücke war es jetzt ganz behaglich. Franz lag ausgestreckt, der Wind schnob, der Strom schwoll, der kleine Beer schrie stampfend, indem er von einem Fuß auf den anderen sprang, und Franz lag mit geschlossenen Augen und da klang ihm alles zusammen, der rüttelnde Wind und der rauschende Strom und der redende Freund, in ein einziges großes Brausen von ungeheuerer Macht. Die Stimme des Lebens, dachte er. Und wie klein bin ich da, wie schwach, wie wehrlos! Aber es war ein gutes Gefühl, so hier im Winkel geborgen zu liegen und warm zu haben und klein und schwach und wehrlos zu sein! Da hörte er den kleinen Beer höhnisch sagen: »Gute Nacht, mein Herr! Wünsche wohl zu ruhen, in der warmen Ecke! Das ist charakteristisch.« Der kleine Beer ärgerte sich immer, wenn er Franz so liegen sah. Das hat keinen Sinn, sagte er. Er konnte nicht liegen oder sitzen, vor Aufregung fing es ihm dann um den Mund und an der Nase zu zucken an. Und wenn er irgendwo stand, war es ein Wiegen von einem Fuß auf den anderen hinüber und er kratzte und scharrte.

»Ich weiß schon,« sagte Franz vergnügt. »Spannung, Spannung! Wo bleibt die Spannung?« Und, ohne sich sonst zu regen, stach er mit dem Zeigefinger in die Luft, wie der kleine Beer es immer tat, wenn er aufgeregt war. Denn Franz wußte, daß das jetzt wieder begann. Das predigte der kleine Beer ihm täglich: »Spannung, darauf kommt es an! Sich spannen, sich laden! Sich mit Sehnsucht, mit Begierden, mit Entschlossenheiten laden! Und seine Spannung nicht verschleudern, sondern sie zusammenhalten, bis es Zeit sein wird, daß die Tat aus ihr springt! Wehe dem, der sich in kleinen Erfüllungen, in flüchtigen Befriedigungen entleert! Dann hast du dich schon verloren. Alles oder nichts! Sich sammeln, sich bewahren, um bereit zu sein!«

Aber Franz behauptete, daß man sich auch im Liegen spannen könne.

»Weibisch,« höhnte der kleine Beer. Und da kam dann stets die große Rede gegen das Weib, das die Trägheit ist, die Zufriedenheit im Bestehenden, die Ergebung in jeden Zwang, jede Gewalt, jedes Unrecht! Und mit zorniger Verachtung sprach er von den Mitschülern, die nachts zu Kellnerinnen und Köchinnen schlichen. Das gibt dann die braven Ehemänner, die wohlgesinnten Staatsbürger, die zuverlässigen Hüter der Tugend! Verflogen ist der Spiritus!

Franz mochte solche Buben auch nicht. Es war ihm ein häßliches Gefühl, wenn sie mit ihren Abenteuern prahlten. Aber er traute sich nichts zu sagen; er hatte Furcht, ausgelacht zu werden. So machte er ein verlegenes Gesicht und tat einverstanden. Früher hatte er sich eigentlich sogar manchmal ein bißchen vor sich selbst geschämt. Bis ihm der kleine Beer zu Hilfe kam. Der gab ihm jetzt Mut. So war es doch überhaupt: er hatte das meiste immer schon selbst gedacht oder gefühlt, aber jetzt sprach der Beer es erst aus; und Franz hatte doch nie recht gewußt, ob er denn seinen Gedanken, seinen Gefühlen trauen dürfe, dazu verhalf ihm erst der Beer; auch war er in seinen Gedanken, seinen Gefühlen unsicher, sie wechselten und schwankten, aber der Beer nagelte sie fest; auch war ihm schwer, auszusprechen, was er eigentlich meinte, doch jetzt redete der Beer für ihn; und er konnte nicht wissen, wie eigentlich alles zusammenhing, aber der Beer hatte Grundsätze und an diesen wurde alles aufgehängt. Überhaupt erleichterte der kleine Beer ihm das Leben sehr. Denn allein kam der Franz meistens nicht weiter, als sich etwas zu wünschen. Er dachte: Man sollte wohl einmal –! oder: Ich möchte doch einmal –! Aber dann vergaß er es meistens wieder. Oder er dachte schon noch daran, aber nie zur rechten Zeit. Deshalb war er froh, jetzt den kleinen Beer zu haben, denn der vergaß nichts, was einmal beschlossen war. Er hielt ihm eine Rede darüber und dann mußte es geschehen.

Der Franz hatte schon vor ein paar Jahren die Rahl spielen gesehen. Das war herrlich! Tagelang sah er sie noch, langsam herab über die weiße Stiege schreitend, und hörte noch immer diesen schweren Klang, der von unbekannten Dingen drohend und lockend war. Tagelang ging er wie im Traum. Dann aber vergaß er es halt wieder. Es war nicht weg, sie war noch immer da, er sehnte sich oft ganz krank. Aber es kam immer etwas dazwischen. Bis er dann mit dem kleinen Beer einmal von ihr sprach. Franz erinnerte sich eigentlich nur noch: da war eine große weiße Stiege und sie schritt langsam über die vielen Stufen herab und dann hatten sich die Leute förmlich geduckt, als wenn es ein ungeheuerer wilder Adler wäre, von ihren Lippen auffliegend! Oder auch, erinnerte sich Franz, als hätte es sehr stark geblitzt und alle schlossen die Augen und hatten Angst vor dem Schlag! Aber jetzt erklärte der kleine Beer ihm erst, was sie war. »Ein Zeichen,« sagte er, »ist ihre Kunst, ein Zeichen und eine Gewähr, daß dem Menschen ein höheres Dasein möglich ist und wie hoch der Mensch gelangen kann, wenn er nur im Gemeinen nicht resigniert und sich nicht im Alltäglichen bescheidet! Vorwärts, auswärts, in die Zukunft zeigt sie! So kann der Mensch sein! Wie sie! Wie sie, wenn sie herab über die Stiege kommt, den Kranz in den weißen Händen! Da weiß man es! Und dann schau dich aber um! Dann schau dir die Grafen in den Logen an und die Weiber mit den Brillanten! Oder schau dir unseren Herrn Professor Samon an! Das sind die jetzigen Menschen! Und wer es dann noch nicht weiß, dem ist nicht zu helfen! Dazu ist die Kunst da: daß der Mensch weiß, was aus ihm werden kann, daß er sich schämt und daß er sich endlich entschließt! Aber sie haben die Rahl und verdienen sie nicht. Sie ahnen gar nicht, was sie will, und gaffen nur, wie beim Ballett. Erst wenn unsere Zeit kommt, die wird ihrer würdig sein.«

Der kleine Beer brachte Franz auch in den Rahl-Bund. Das war ein Verein von jungen Leuten, die immer, wenn sie spielte, auf der Galerie waren, mit Tüchern winkend und ihr zujauchzend. Das taten auch andere, es ließ sich nicht hindern. Aber die vom Rahl-Bund kannten sich untereinander, hielten immer eine ganze Reihe besetzt und nachher gaben sie dem Portier ein Sechserl, dafür ließ er sie hinten in den Flur, durch den die Rahl zum Wagen schritt, und sie konnten ihr noch die Hand küssen. Und alle trugen Veilchen, das Veilchen war die Blume der Rahl. Und sie verachteten es, wenn ihr aus den Logen und aus dem Parterre zugeklatscht wurde. Denn diese verstanden das doch gar nicht! Dazu mußte man von den Eingeweihten sein. Es war übrigens gar nicht leicht aufgenommen zu werden. Sie hatten Mißtrauen. Es genügte keineswegs, aufgeregt und begeistert zu sein. Für sie war das mehr. Eine Weltanschauung, sagte der kleine Beer, und eine Religion, ein Gottesbegriff, ein Lebensbegriff und eine Kriegserklärung, nämlich gegen die Vielen! Sie hieß ihnen die Einzige und das Gegenteil waren die Vielen, so teilte sich in diesem Kreis die Welt ein. Eigentlich ärgerten sie sich, daß sie auch anderen gefiel. Das durften diese gar nicht. Es sollte nur nicht jeder glauben, ein Recht auf sie zu haben. Dazu gehörte mehr. Was eigentlich, deuteten sie bloß mit geheimnisvollen Worten an, aus Furcht, es zu verraten. Wer unvorbereitet davon ißt, sagte der kleine Beer, holt sich den Tod! Zur Beruhigung setzte er hinzu: Es ist aber ja bloß der innere Tod gemeint! Und der Ton, in dem er dies sagte, ließ seine Verachtung der Vielen hören. Diese Verachtung der Vielen, ihrer Begeisterung für die Einzige beigemischt, dazu das Dunkel, in das sie sich hüllten, das Geheimnis, mit dem sie sich umgaben, der Hohn, mit dem sie sich wehrten, das Gefühl, unverstanden zu sein, ein Gefühl, mehr zu wissen, fast ein Gefühl, Verbotenes, Gefährliches, Vernichtendes zu wissen, das ein ganz Starker nur ertragen kann, dies alles zusammen machte sie zu selig Verschworenen. Und dadurch gelang es ihnen auch, die Rahl für sich allein zu haben. Mochten andere auch klatschen, aber ihnen gehörte sie, denn nur sie wußten. Dies berauschte sie.

Der kleine Beer fand zuweilen, daß es eigentlich dumme Kerle waren. Dies befremdete Franz, daß sein Freund, wenn er ausgeschwärmt hatte, oft, wie um sich zu rächen, einen hämischen Spott nicht bändigen konnte. Dann war plötzlich alles dumm und verlogen und lächerlich, was ihn eben noch hingerissen und beseligt hatte. Er sagte dann: »Natürlich ist das auch wieder nur ein Wahn, wenn wir uns einbilden, daß jetzt eine neue Zeit kommt. Warum denn? Woher denn? Hört der Mensch plötzlich auf, Mensch zu sein? Und dann wird es wohl beim Alten bleiben. Aber jede Zeit lebt davon, daß sie auf eine andere hofft, die sich dann wieder mit der nächsten trösten wird, so foppen sie sich durch, immer mit dem Wahn der Zukunft, während andere wieder der Wahn der Vergangenheit foppt, daß es vorher besser war, in der guten alten Zeit. Bald heißt es: Es war einmal! Bald wieder: Es wird einmal! Und zwischen dem War und dem Wird leben wir und es ist nichts. Es war vielleicht einmal und es wird vielleicht einmal, aber es ist nichts, darüber allein haben wir einige Gewißfreiheit. Weshalb vielleicht mein Bruder noch der gescheiteste ist, der Schachspieler: da läßt sich nichts leugnen, da ist alles wahr, weil ja nichts wirklich ist, alles spielt sich bloß im Ausgedachten ab und dabei vergeht der Tag und wer ein bißchen Glück hat und nicht unbescheiden ist, kann sogar ganz gut davon leben, mein Bruder hat recht und lacht uns aus. Denn siehst du, da kommt ja noch was dazu! Gescheit zu sein und den Wahn zu begreifen hilft uns nämlich erst nichts. Wahn, überall Wahn! Gut, so weit bist du. Ausgezeichnet! Aber was jetzt? Du begreifst, daß alles Täuschung ist und immer Täuschung war und immer Täuschung bleiben wird. Da du's nun als Täuschung erkennst, kann's ja für dich jetzt keine Täuschung mehr sein. Da doch aber alles Täuschung ist, die dich jetzt freilich nicht mehr täuschen kann, da der Mensch nichts als Täuschung hat, die für dich jetzt freilich keine Täuschung mehr ist, was bleibt dir eigentlich? Was bleibt uns? Aufhängen können wir uns. Manche tun es. Doch sind diese bei schwachem Verstande, weil nicht abzusehen ist, was sie dabei gewinnen sollen. Die Täuschung sind sie freilich los. Aber braucht's dazu den Tod? Die Täuschung ist jeder los, der sich nur nicht mehr täuschen läßt. Und so werden sie höchstens gewahr, daß auch der Tod ein Wahn ist. Was sie vorher wissen konnten: denn der Tod gehört auch zum Leben. Wozu also? Und noch dazu tut es unnötig weh. Wer aber, den Wahn wissend, am Leben bleibt, was soll der noch, was will der noch, was kann der noch, seit er weiß, daß alles für ihn doch nichts ist? Die Sonne scheint, der Wald rauscht, der Berg glänzt, alles ist schön und du bist so froh. Aber du weißt doch: Wahn, alles nur Wahn! Es ist nicht wahr, daß die Sonne scheint! Es ist nicht wahr, daß der Wald rauscht! Es ist nicht wahr, daß der Berg glänzt! Du machst dir das doch alles bloß vor! Du selbst nur bist es, der die Sonne scheinen und den Wald rauschen und den Berg glänzen läßt. Mit dir verlischt es, mit dir verstummt es. Sei blind und die Sonne scheint nicht mehr und der Berg glänzt nicht mehr. Sei taub und der Wald rauscht nicht mehr. Oder sei verrückt und der Himmel ist grün und du bist aus Glas. Es hängt alles nur von dir ab. Du bist es, der dich täuscht. Willst du dich noch immer täuschen lassen? Aber es wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben. Ist der Mensch, wie du nun erkennst, im Leben und im Sterben dem Wahn verfallen, der aus seinen Augen schaut, in seinen Ohren hört, mit seinem Herzen schlägt, was hilft's dir denn dann, es zu wissen? Das ist nur der Weisheit erster Teil, ein schlechter Anfang: erkennen, daß alles Wahn ist! Den zweiten hast du erst, wenn du zum Ende kommst und nun erkennst, daß du vom Erkennen auch nichts hast. Und dann geht es noch ein Stück weiter, bis du schließlich vergessen lernst, vergessen, was du erkannt hast, vergessen, daß alles Wahn ist! Das ist das Ringelspiel: erkennst du, daß der Mensch nichts hat als seinen Wahn, so erkenn nur auch, daß auch deine Erkenntnis wieder nur Wahn ist, und bist du gescheit, so kehrst du zuletzt nur schön in deinen Wahn zurück und gibst es auf gescheit zu sein! Und denkst wieder mit neuem Mut, mit neuer Lust, mit neuem Stolz: Es wird einmal! Und glaubst wieder und hoffst wieder und liebst den Glauben und die Hoffnung wieder! Und tust im Rahl-Bund mit und wenn die Burschen verrückt und die Mädeln hysterisch sind, ärgerst du dich nicht mehr, denn du weißt jetzt: der Mensch hat sonst nichts! Wahn, überall Wahn, da will ich wenigstens meinen eigenen, der mir Spaß macht! Geht's schief, was tut's? Ich weiß ja, daß es nur Wahn ist. Wenn er mir nur Spaß macht! Er macht mir aber nur Spaß, wenn ich vergesse, daß es nur Wahn ist. Das ist das Ringelspiel. Also los! Vorwärts, aufwärts, auf das Leben los, aufs neue Leben, auf unser Leben!«

Franz hätte dem kleinen Beer dann stundenlang zuhören können. Er war stolz, sich so klar zu sein, über die letzten Dinge; nichts blieb verborgen, es wurde einem ganz kalt dabei. Wie wenn er in der Früh aus dem Bett in das Bad stieg; und die Mutter rieb ihn dann ab. Nein, die Mutter hätte sich erschreckt, vor den letzten Dingen. Aber die Menschheit rückte unaufhaltsam vor! Übrigens war ja das auch nicht so, daß er dem kleinen Beer immer alles geglaubt hätte! Morgen sagte der doch auch wieder das Gegenteil. Darauf kam es nicht an. Es klang so schön und so stark, er hörte so gern zu. Er hörte gern den Wind brausen, daß das Dach ächzte, und den Regen regnen, daß das Glas klatschte, und den Frühling rufen, wenn in den Ästen das erste Rascheln und leise Knacken begann. Alles war immer anders, alles war immer schön. Er hatte seine Mutter lieb, er hatte die Rahl lieb, er hatte den Beer lieb. Und er war froh, daß es die Mutter und auch die Rahl und dann noch den kleinen Beer gab. Manchmal, wenn er abends mit der Mutter saß und sie von seinem lieben Vater erzählte, fiel ihm ein: Wenn jetzt noch die Türe aufginge und die Rahl käme herein, wie damals im Theater, den Kranz in den weißen Händen! Und da würde die Mutter sitzen, mit ihrem guten stillen Gesicht, und die Rahl würde den Kranz halten und der kleine Beer, mit den Füßen stampfend, könnte das Leben erklären. Dann wäre einmal alles beisammen. Ob es das eigentlich gab, daß einmal alles beisammen war? Das hätte Franz sich so gewünscht. Aber er fand es eigentlich selbst kindisch. Er mußte sich überhaupt mehr zusammen nehmen, denn er bemerkte, daß er sich immer noch wieder ins Träumen verlocken ließ. Jetzt, in den letzten Wochen vor dem Frühling, wo man ihn schon überall in der Erde stoßen und schnauben spürte, war dies wieder sehr stark. Und er hatte Furcht. Er wollte sich nicht mehr verlieren, er war so froh, über alles klar zu sein. Er hatte Furcht, aber in dieser Furcht war eine seltsame Lust. Er fürchtete sich vor drohenden Dingen, aber sie lockten ihn auch; er hätte gern gewußt, was ihr Drohen und ihr Locken war. Er fing einmal an mit dem kleinen Beer davon zu sprechen. Aber er wurde bald gewahr, daß er dann doch nicht davon sprach. Das ging ihm zuweilen so: er fing an, aber es blieb in ihm stecken. Dann kam er sich eigentlich recht unaufrichtig gegen den Freund vor. Der sagte ihm doch alles! Aber er war halt anders, er konnte nicht alles sagen. Er konnte auch seiner Mutter nicht alles sagen. Er nahm es sich oft ausdrücklich vor, doch umsonst. Wenn er allein war, nahm er sich manches vor, was er ihr sagen wollte. Aber wenn er dann mit ihr war, fiel es ihm nicht ein. Und so ging es ihm mit dem kleinen Beer auch. Er hätte sich gewünscht einmal jemanden zu haben, dem er alles sagen könnte, wie wenn er allein wäre.

Auf dem Heimwege hörte der kleine Beer den Franz in der Mathematik aus. Der Wind ließ nach, der Abend zog schwer und feucht herauf. Sie gingen langsam. Die Spatzen schrieen. Es war ein warmer Dunst. Heuer kommt der Frühling zeitlich, sagte der kleine Beer.

Fünftes Kapitel

Noch eine Woche,« sagte der schöne Hofrat Wax, »noch eine Woche, wenn's so bleibt, dann stellen wir die Tische hinaus und sitzen vor dem Café und dann werden Sie erst sehen, was das ist, der Wiener Ring im Wiener Frühling mit den Wiener Frauen! Wenn das wo anders war, gar in Berlin, das Geschrei! Aber wir sind halt bescheidene Leut'!« Und der schöne Hofrat Wax tunkte sein Wiener Kipfel in seinen Wiener Kaffee und fuhr fort, seine Wiener Stadt dem Herrn von Lerroy zu erklären. Dieser, ein bißchen gelangweilt, die langen Nägel an seinen weibischen Fingern betrachtend, müde vorgebeugt, hörte summend zu. Es schien ihn nicht sehr aufzuregen. Aber wenigstens verging der Tag. Und er rauchte russische Zigaretten und trank seinen eigenen Kognak dazu, Kognak Lerroy mit drei Sternen, in Eis. Herr von Lerroy war beim letzten Grand Prix von einem Zuhälter geprügelt worden. Er nannte das: die Affäre. Sein Vater wünschte, daß sie zuwachse. Es kam sonst zu teuer, den jungen Menschen zu verheiraten. So wurde er verschickt. Er sollte im Automobil um die Welt. Man gab ihm einen Journalisten mit, der darüber an französische Zeitungen schreiben würde. So hatte die Firma wenigstens auch eine Reklame davon. »Herr von Lerroy, ein junger Ästhet, der seine besondere Note hat, der Sohn des weltberühmten Kognakhauses Lerroy, der zurzeit in seinem Praxedes über Indien nach China reist –.« Und die Firma Praxedes trug einen Teil der Kosten. Der Abschied von Paris war sehr feierlich gewesen. Der unerschrockene junge Forscher, hieß es; man verglich ihn mit den Kreuzfahrern, und es wurden Betrachtungen angestellt, wie weit doch die Menschheit seit jenen Zeiten vorgeschritten sei. Ein Defekt an der Maschine hielt ihn in Wien auf. Abends ging er ins Theater, sah die Rahl und verliebte sich. Ein Herr von der Botschaft machte ihn mit dem Hofrat Wax bekannt, dem es gelang, ihn der Rahl vorzustellen. Sie lachte ihn aus, und als er dies nicht verstand, schlug sie ihm die Türe zu. Das war ihm noch nicht geschehen; er fand es herrlich. Er kam sich wie bei den Wilden vor! Auch bemerkte er, daß es ihm in der Stadt eine gewisse Stellung gab. Er war jetzt der Franzose der Rahl. Und er lernte zum erstenmal das Gefühl kennen, sozusagen einen Beruf zu haben. Der Journalist fuhr allein in seinem Praxedes weiter. Und während man in den französischen Zeitungen noch immer las, der bekannte Forscher und Ästhet Lerroy, vom weltberühmten Kognakhause Lerroy, sei nun mit seinem Praxedes in Tibet angelangt, ließ er sich vom Hofrat Wax die Wiener Stadt erklären. Dem schönen Hofrat Wax schmeichelte das sehr. Er war für jeden Fremden dankbar. Und dieser hatte gar gezeigt, was man hier doch nicht alles noch erleben kann! Dies erfüllte den Hofrat mit Stolz auf die Rahl und mit Stolz auf seinen neuen Freund und mit Stolz auf die Stadt, in der eben, sagte er, noch nicht alle Romantik erloschen ist. So zog er mit dem Franzosen in allen Gassen herum, sie fuhren in den Prater, sie gingen zu den Volkssängern. Die Leute stießen sich an und tuschelten: Das ist der Franzos' von der Rahl! Im Theater waren alle Gucker auf ihn gerichtet. Man fand ihn so bleich. Man hatte Mitleid. Und manche meinten, daß die Rahl wirklich schon einmal aufhören könnte, immer Reklame für sich zu machen. Der arme junge Mensch! Herr von Lerroy befand sich dabei sehr wohl. Nur dauerte das jetzt doch schließlich bald ein halbes Jahr. So fing es an, ihn ein bißchen zu langweilen. Auch fühlte er, daß man von ihm etwas erwartete. Man fand ja sein Abenteuer höchst spannend. Nun war man aber neugierig. Was wird geschehen? Was wird er tun? Wer wird siegen? Jetzt mußte doch die Fortsetzung folgen. Und er fühlte selbst, dies der allgemeinen Teilnahme schuldig zu sein. Es war nur nicht so einfach. Er hätte damals gleich etwas Ungeheueres vollbringen müssen. Er hätte sich töten können, im ersten Schmerz. Oder sich mit ihrem Mann schießen, in der ersten Wut. Ein bißchen altmodisch freilich. Aber hier unten, an der Türkei? Doch das war einmal versäumt. Oder jetzt noch mit dem Grafen anbinden? Im Theater, auf der Straße, irgendwo. Überfallen, herausfordern! Irgend so etwas erwartete man offenbar von ihm. Sie, mit Ihrem Temperament! hieß es immer. Obwohl er eigentlich gar keinen Anlaß gab. Und wenn sie, Arm in Arm, spazieren gingen, trällerte der schöne Hofrat Wax gern, sein Stöckchen schwingend: Das sind die Gascogner Kadetten! Er war übrigens in Bar-le-Duc geboren, im Departement der Maas, an der flandrischen Grenze; er hatte Verwandte in Frankfurt. Der Hofrat Wax aber sagte immer, sehnsüchtig: Ihr zügellosen Romanen! Er hätte damals einen Dolch zücken oder sie, vermummt, mit Gewalt entführen sollen. So irgend etwas. Er war nur damals doch darauf gar nicht gefaßt. Die Leute stellten sich das ganz anders vor. Er kam ins Theater, und als er sie so stark auf alle Menschen wirken sah und dieses Jauchzen, diesen Rausch vernahm, hatte er, aus angeborener Höflichkeit sozusagen, das Bedürfnis mitzutun, nicht zurück zu bleiben, es noch zu überbieten. Allen schmeichelte das sehr. Nun ließ er sich bei der Rahl einführen. Wie mußte es doch ihr selbst erst schmeicheln! Und er begriff heute noch nicht, wodurch er ihr eigentlich so sehr mißfallen haben konnte. Er wollte ja nichts. Nein, er wollte wirklich gar nichts. Einer gefeierten Künstlerin huldigen. Das darf man doch. Natürlich durch Leidenschaft. So sind sie es ja gewohnt. Oder weil sie eine Gräfin war? Aber er wollte ja nichts. Hinter ihr, in ihrem Gefolge, bewundernd, verehrend, manchmal von einem dankbaren Blick belohnt, durch die Gesellschaft ziehen. Ein paar Tage; bis das Automobil hergestellt war. Er begriff heute noch ihren Zorn, ihren Hohn nicht. Aber er hatte eben Pech. Seine Liane d'Artagnan kostete ein Vermögen. Und sie betrog ihn mit einem Kerl. Er nahm es ihr nicht übel, er fand es ganz im Stil. Er machte sogar ein Sonett darauf. »Dein Zuhälter«, hieß es, und dieser wurde da »der geilen Gosse behaarter Faun« genannt. Was aber doch natürlich eher ruhmvoll gemeint war. Und deswegen die Prügel beim Grand Prix! Er verstand die Menschen wirklich nicht, aber dies schien eben der Fluch der alten Rassen zu sein, der Enkel, der Erben. Immer war man plötzlich in einem Abenteuer! Und es ging nun doch nicht gut, den Leuten dann zu sagen: Es war ein Mißverständnis, Leidenschaft für diese Rahl ist es gar nicht, wirkliche Leidenschaft, keineswegs, sondern – Ja, was? Denn er war ja doch nicht sicher, ob es nicht vielleicht aber dennoch Leidenschaft war. Er konnte das nicht so genau wissen, weil er annahm, zu den komplizierten Menschen zu gehören, in welchen der spöttische Verstand mitten im Gewühle der heftigsten Empfindungen ein gelassener Zuschauer bleibt. Vielleicht war bei solchen die Leidenschaft so. Vielleicht hatte er auch nur einen zu großen, zu mächtigen Begriff von Leidenschaft, dem nun das eigene Gefühl freilich nicht entsprach, worin andere Menschen von geringerer Art gewiß geschwelgt hätten. Er verlangte nur zu viel von sich, das war es. Eine ganze Stadt sprach doch von seiner Leidenschaft! Und bewies er sie nicht? Er gab eine Weltreise dafür auf. Er saß hier, im Pontus, dem Ovid gleich. Er war traurig, er sehnte sich; er hatte schon daran gedacht, Morphinist zu werden, der Hofrat riet ihm ab. In solchen Momenten war es ihm unzweifelhaft, daß es eben doch die große Leidenschaft war, die bloß in den alten Rassen eben eine furchtbare Ruhe, eine drohend zusammengeballte Stille hat. »Meeresstille«, fiel ihm ein. Und er hegte dieses Wort. Meeresstille; kaum eine Welle, die Fläche lächelt, doch unten liegen Ungeheuer lauernd in der Tiefe. So war seine Natur. Offenbar. Er litt auch oft an einem nervösen Druck im Kopf, was offenbar von solchen verhaltenen Affekten kam. Er nannte das: seine Hemmungen. Und er war fast den kleinen Menschen neidisch, die davon nichts ahnten, wie dieser gute, stets vergnügte Hofrat Wax mit seinem schönen schwarzen Bart. Was wußten die? Meeresstille; dann aber wird es schwarz und der Sturm bricht los. Nein, die Leute hatten schon recht: so war er nicht, daß ihm ein Abenteuer in den müden Händen zerrann! Und er wurde selbst neugierig: auf sich. Auch das war, wie er wußte, ein solcher Zug der alten Rassen: gleichsam neben sich zu sitzen und sich abzuwarten und gespannt zu sein, was nun in einem, aus einem, mit einem geschehen wird. Und immer wieder bekam er Lust, es knallen zu lassen. Ein Überfall, ein Duell! Irgend etwas dieser Art erwartete man von ihm. Er wurde sonst lächerlich. So gutmütig ja diese netten Leute hier auch waren. Er glaubte doch schon manchmal, einen leisen Spott zu spüren. Ein Duell mit dem Gatten! Er hatte leider damals nicht daran gedacht. Jetzt war es eigentlich schon etwas spät. Aber ein Vorwand ließ sich immer finden. Er ging auch wirklich einmal in seine Loge. Doch der Graf hatte eine Art, abweisend höflich und unnahbar charmant zu sein, der nicht beizukommen war. Sie führten ein Gespräch über den neufranzösischen Vers, der Graf fand diesen Versuch, das Wogende der Empfindungen einzusaugen, mit den Absichten der pointillistischen Malerei verwandt, und nach ein paar artigen Bemerkungen über den sicheren guten Geschmack, der den Franzosen auch im verwegensten Experiment nicht verläßt, war er entlassen. Er erinnerte sich nicht gern daran. Gegen solche ganz zur Form gewordene Menschen war man wehrlos. Er fand ihn nachher auch eigentlich sehr hochmütig; er hatte das nur nicht gleich bemerkt. Schade, daß er gar nicht dazu kam, von der Rahl zu sprechen; aber da ging der Vorhang wieder auf. Immerhin machte es einen sehr starken Eindruck auf die Leute, die beiden zusammen in der Loge zu sehen. Die Neugierde nahm noch zu. Es mußte jetzt etwas geschehen! Nun spielte die Rahl ja nächstens ihre Sappho zum hundertstenmal. Man bereitete eine Art Jubiläum vor. Man sprach von einer hohen Auszeichnung. Und ihr Bild war für das städtische Museum bestellt worden. Der Hofrat Wax sagte schon täglich: »Da werden Sie erst einmal das Wiener Publikum sehen, das weiß ja niemand!« Das war die letzte Gelegenheit. Aber er wußte noch nicht. »Haben Sie heute vormittag,« fragte der schöne Hofrat Wax, »diese merkwürdige Luft gespürt? Diese wunderbar weiche Luft, in der einem plötzlich ganz warm ums Herz wird! Eine Luft wie Samt, und man greift sie förmlich! Und jetzt passen Sie erst auf! Jetzt kommt der Wiener März, das steht Ihnen noch bevor.« Der Hofrat Wax hatte die Gewohnheit, auch klimatische Vorgänge, alle Erscheinungen der Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, das Erwachen der Primeln, den Duft des Flieders und den Schlag der Amseln als ein besonderes Verdienst seiner Vaterstadt anzusprechen. Er war stets freudig bewegt, er war stets hoffnungsvoll erregt. Er sagte in einem fort: Passen Sie auf! Und er paßte selbst in einem fort auf. Dieser ganze Hofrat mit dem schönen langen schwarzen Bart schnupperte fortwährend; wie ein junger Hund, der eine Spur hat. Er schnupperte mit der kurzen breiten Nase, er schnupperte mit den munteren eiligen Augen, er schnupperte mit den großen spitzen Ohren. Für ihn ging immer etwas vor. Und alles war aufregend. Er fand aber, daß es die anderen nicht genug bemerkten. So nahm er auf der Straße jeden beim Knopf und, den Knopf drehend, fragte er: »No, was sagen Sie?« Aber er wartete niemals, bis man etwas sagte, sondern fing gleich zu erklären an: den Sturz des Wetters, ein neues Haus, das gebaut wurde, ein Feuilleton im Morgenblatt; alles war ihm ein Ereignis. Und er mußte immer jemanden haben, dem er sich widmen konnte; dann genoß er es erst. Seit Jahren schlug er im Ministerium vor, ein Departement für Fremde zu schaffen, »zur Entdeckung Wiens«. Der Anfang aber wäre dann mit den Wienern selbst zu machen, die doch ihre Wiener Stadt ja gar noch nicht kannten. Er sagte bei jeder Gelegenheit: »Das weiß man ja gar nicht! Aber ihr seid's undankbar!« Sie hätten den ganzen Tag auf der Straße stehen und bewundern und gerührt sein sollen. Gewissermaßen war er freilich doch auch wieder froh, daß nur er allein die Wiener Stadt verstand. »Da gehört halt auch ein ganz eigenes Studium dazu,« sagte er vergnügt. Er konnte zuweilen aber auch sehr melancholisch sein. Er fühlte sich verkannt. Zwar war er der schöne Hofrat Wax und bekam Orden um Orden, aber er fand noch immer, daß seine Verdienste um die Verdienste der Stadt nicht nach Gebühr gewürdigt wurden. Das meinte er, wenn er sagte: »Wir sind halt zu bescheiden, das ist unser altes Unglück!« Aber seit er jetzt Herrn von Lerroy hatte, lebte er wieder auf. »Ja, wenn man diese Luft,« sagte er, »schön in ein Postpaket stecken und ins Ausland schicken könnte! Hier aber sitzen die Leute in einem rauchigen Café! Wir wissen halt nichts zu schätzen!« Plötzlich aber stieß er den Franzosen, auf einen eiligen jungen Menschen zeigend, der ungeduldig eintrat und, an den Lippen kauend, sich ärgerlich umsah. Und schon hatte der unstete junge Mensch im Winkel einen alten Herrn entdeckt, dem er, an der Türe bleibend, heftig winkte. »Wissen Sie,« fragte der Hofrat Wax geheimnisvoll und triumphierend, »wissen Sie, wer das ist?« Und er sah den Franzosen an, als ob der sich bei ihm bedanken müßte. Aber der Franzose wußte es nicht. »Ja!« sagte der schöne Hofrat stolz, »das ist der Höfelind! Wissen Sie, der jetzt die Rahl für's Museum malt!« Herr von Lerroy wünschte sehr, ihn kennen zu lernen. »Wir werden schaun,« sagte der Hofrat, ein bißchen verlegen. »Der ist ja nämlich ein Narr. Da weiß man nie.« Er stand auf und ging auf Höfelind zu, der noch immer, schon rot vor Zorn und mit schwellenden Adern, nach dem alten Herrn hin winkte. Der alte Herr im Winkel aber lachte und winkte wieder, Höfelind solle kommen. »Erlauben Sie, verehrter Meister!« sagte der Hofrat und nahm seinen Arm, um ihn an den Tisch des Franzosen zu ziehen. Höfelind kaute: »Keine Zeit, Herr Hofrat! Ich habe nur dem Radauner versprochen, daß wir –« Er verstummte, keuchend. Der Hofrat sagte: »Der versäumt ja nichts!« Und er setzte geheimnisvoll hinzu, stolz: »Aber das wird Sie interessieren! Das ist der Franzos' von der Rahl! Wissen Sie?« Und er klopfte ihn lachend. »Ja, bei uns geht halt immer was vor!« Höfelind runzelte die Stirne, als ob er erst heftig nachdenken und sich sehr quälen müßte. Dann, sich plötzlich besinnend, daß es unklug wäre, es sich mit dem mächtigen Hofrat zu verderben, und erschreckend, stieß er aus: »Aha!« Der Hofrat stellte sie vor. Höfelind, ganz steif, daß es schien, als ob auf ein Stück Holz ein in einer Kerbe beweglicher Kopf aufgesetzt wäre, nickte mit diesem. Herr von Lerroy begann, in seiner langsam singenden oder sozusagen melodisch gähnenden Art, dem Maler zu schmeicheln. Er kannte Bilder von ihm aus einer Ausstellung der Elf in Brüssel und nannte ihn einen Mallarmé der Malerei. »Sehen Sie! Sehen Sie!« sagte der schöne Hofrat, als hätte Höfelind bestritten, etwas zu können. Dieser aber sagte nur, es mit Wut ausstoßend: »Sehr liebenswürdig, sehr liebenswürdig! Kenne ich aber nicht. Mallarmé? Weiß ich nicht.« Und indem er wieder grüßend mit dem Kopfe klapperte, wollte er fort, zum alten Radauner hin, der nun doch allmählich gemächlich aufgestanden war und seinen Rock nahm. Der Hofrat aber hielt den Maler an einem Knopf und fragte nach dem Bilde der Rahl. Der Franzose pries ihn, daß er auserwählt sei, die Seele dieser begnadeten Frau zu malen. Da kam eben der alte dicke Radauner angeschlürft und trat zu Höfelind, nachlässig grüßend, ohne den Schlapphut zu rücken, bloß durch eine kurze Gebärde seiner großen alten Hand, die dem Tische seinen Segen zu spenden schien. »Also?« sagte er zu Höfelind. Dieser aber, ohne auf ihn zu hören, ohne jemanden anzusehen, ganz steif und starr, das Gesicht verkneifend, das zwischen der zornig vorfallenden Stirne, die mit stachelichten roten Brauen über die zwinkernden Augen hing, und der aufgezogenen Lippe mit den borstigen roten Stoppeln völlig zu verschwinden schien, wiederholte: »Seele?« Und er nahm das Wort noch einmal, zerriß es und spie die Silben aus: »See–? Le?« Und dieses »Le« mit einem gellenden Ton, an dem er es gleichsam aufzuspießen schien. Radauner lachte herzlich bis tief in seinen großen Bauch hinab. »See–? Le? Nein, Herr–! Wie war der Name?« Und er fragte, wie man einen Beleidiger stellt. Herr von Lerroy nannte sich. Und der schöne Hofrat sagte tadelnd, indem er auf den Kognak wies: »Aber, aber! Abstinent!« Und Höfelind: »Nein, Herr von Lerroy! Das muß ich schon den Dichtern überlassen. Die See-Le!« Und er hatte plötzlich das Bedürfnis, sich zu schneuzen. Und Radauner sagte in seinem drohenden Baß: »Ja, wir Maler sind ein armes Volk, Herr von Lerroy!« Und er zog seinen ungeheueren schwarzen Hut. Höfelind aber sagte knapp und kurz, wie man eine Meldung vorbringt: »Ich habe weiter nichts zu tun, als die Stirnbildung, den Ansatz der Ohren und den Hals der Gräfin der Wahrheit gemäß darzustellen.« Und plötzlich seine Ruhe verlierend, stieß er heftig aus: »Und das ist wirklich gerade genug! Ich wäre ganz zufrieden.« Da fragte Herr von Lerroy fein: »Und, mein lieber Meister, wenn Ihnen Cäsar säße?« Er sah den Maler mit Befriedigung an. »Sehen Sie, sehen Sie!« sagte der schöne Hofrat zu Höfelind. Dieser antwortete gelassen: »Hatte Cäsar keine Nase? Das andere hätte mich auch an Cäsar nicht interessiert.« Und ungeduldig zu Radauner, indem er ihn mit sich zog: »Aber es ist höchste Zeit, entschuldigen Sie, meine Herrn!« Doch an der Tür ließ er den Alten warten, kam zurück und fragte den Hofrat noch geschwind: »Sagen Sie, Herr Hofrat! Da fällt mir ein: wird denn für den Radauner nie was geschehen? Es ist ja wirklich eine Schande. Und ein Mann wie Sie sollte doch, ein Mann wie Sie –« Er wurde rot, stotterte, schämte sich und wiederholte nur noch einmal: »Ein Mann wie Sie!«

»Mein Gott, verehrter Meister,« sagte der Hofrat. »Zaubern können wir im Ministerium auch nicht.«

Zornig sagte Höfelind, an der Lippe kauend: »Nachher aber wird ihm ein Denkmal gesetzt. Bis er verhungert ist.«

Der Hofrat erwiderte philosophisch: »Die einen werden Professoren, die anderen kriegen ein Denkmal. Alles kann man nicht haben. No, aber wir werden schon schauen!«

»Ja, schauen Sie!« sagte Höfelind und rannte dem Alten nach.

»Es ist merkwürdig,« bemerkte Herr von Lerroy, »wie wenig ein so großer Künstler selbst weiß, was er eigentlich bedeutet.«

»Halten Sie denn was von ihm?« fragte der Hofrat ganz überrascht. Aber gleich fuhr er fort: »No ja! Manche sagen: er ist verrückt! Und manche: er ist ein Genie! Da gibt's nur eins: Abwarten. Aber ein guter Kerl ist er! Wirklich!« Und er begann zu erzählen, daß Radauner bei Höfelind wohnte, sein schönes Atelier hatte, bei ihm aß, gar nicht billig, weil das den sehr empfindlichen und hochmütigen Alten gleich beleidigt hätte, aber niemals zahlte, sondern alles schuldig blieb und nur genau jeden Heller aufschreiben ließ, um es »später einmal« zu verrechnen; und heimlich ließ Höfelind manchmal auch ein Bild von ihm kaufen. »Ich bitte Sie,« sagte der Hofrat, »der Mensch malt seit Jahren immerfort dasselbe Kleefeld. Diese Leute haben eben keine Ahnung von dem Reichtum unserer landschaftlichen Schönheiten. Es ist ein Jammer.«

»Trotteln!« sagte Radauner. Sie gingen langsam über den Ring. Radauner schnaufend, den Oberleib zurück, um seinen Bauch auszubreiten, sehr auswärts schreitend, gravitätisch, den Knüttel ins Pflaster bohrend; Höfelind daneben, mit ungleichen Schritten, trippelnd, mit den Fingern schnalzend, um seine Hast auszuschütteln, manchmal plötzlich vorschnellend, dann wieder, indem er sich umdrehte, wartend, bis der Alte sich nachgeschoben hatte. Oft stand er auf einmal still, um, wie verstört, irgendein Haus anzustarren. Er streckte den Finger aus, wartete, bis Radauner neben ihm war, und sagte dann, auf die Karyatiden zeigend: »Bitte!« Und indem es ihn beutelte, wiederholte er: »Bitte, Euer Hochwohlgeboren!« Der Alte hielt an, hob seinen großen Kopf, sah hinauf und fing vor Vergnügen zu grunzen an. Höfelind lief davon, Radauner rief ihm nach mit seinem dröhnenden Baß: »Höre!« Und er wälzte sich bis zu ihm und fragte: »Wie geht das schöne Lied bekanntlich?« Und feierlich hob sein edler Baß an: »Vindobona, du reizende Stadt –!« Höfelind fiel ein und sie sangen beide, bis Radauner abmahnte: »Wir wollen keinen Aufruhr anzetteln! Das Gesetz wacht!« Und Höfelind lief wieder vor, Radauner schnob nach. Von Zeit zu Zeit aber, mit einer Gebärde nach hinten, zum Café zurück, als ob er es verfluchen wollte, sagte er: »Trotteln!«

Höfelind sog die laue Luft ein. Er war ganz rot, wie betrunken von ihr. Radauner wies auf eine Bank, schnaufend. »Setzen wir uns ein bißl! Ich darf das, ich bin kein Professor! Es hat auch seine guten Seiten.« Und er breitete sich aus, mit dem Knüppel in der Erde grabend. »O je!« sagte er plötzlich und hörte zu graben auf. Ein Polizeimann kam vorbei. »Was denn?« fragte Höfelind ärgerlich. »Das ist ja nicht verboten.« Als der Polizeimann, sie strenge musternd, vorüber war, sagte Radauner: »Weißt du, bessere Menschen sitzen überhaupt nicht auf einer Bank. Und einem, der so ausschaut wie ich, ist doch hier eigentlich alles verboten. Ja, bis ich einmal Professor bin! Dann wirst du sehen, daß ich auf den Händen über den Ring gehe. Dann darf ich.« Und nach einer Weile sagte er wieder: »Trotteln!«

»Ja,« sagte Höfelind.

»Überhaupt,« sagte Radauner, »alle Literaten sind Trotteln, es nutzt nichts!« Und er fing herzlich zu lachen an, schüttelte sich und grunzte: »Seele! Hahaha!«

»Und doch!« sagte Höfelind.

»Was hast du denn, armes Tier?« fragte Radauner.

»Euer Hochwohlgeboren können mich auslachen,« sagte Höfelind, »Euer Hochwohlgeboren können mich prügeln, Euer Hochwohlgeboren können mich anspucken!« und er hielt es nicht mehr aus zu sitzen, er sprang auf.

»Aber gern,« sagte Radauner. »Wenn es weiter nichts ist!«

Höfelind schnalzte mit den Fingern. »Natürlich ist der welsche Schuft ein Trottel! Und doch! Und alle unsere schönen Theorien helfen mir nichts! Es ist zum Verzweifeln.«

»Aha,« sagte der Alte grimmig.

»Darum war ich ja so wütend,« sagte Höfelind. »Denn der weiß doch nichts, der redet ja bloß. Aber der Teufel soll ihn holen: recht hat er! Euer Hochwohlgeboren, er hat recht!« Und er rieb sich seine roten Stoppeln, bis ihm die Lippen brannten.

»Aha,« sagte Radauner wieder, mit seinem Knüppel zustoßend. »Da sind dann immer die Theorien schuld, wenn einer nichts kann.« Und vor Zorn wurde sein Baß heiser und krächzend, als er wiederholte: »Nichts kann, mein lieber Herr! Nichts kann!«

»Möglich!« sagte Höfelind, kurz wie einer, der erschöpft ist und es aufgibt. »Vielleicht! Einpacken und ein anderes Geschäft anfangen; ein ehrliches! Vielleicht wär's gescheiter.«

»Dummer Kerl!« brummte der Alte hustend. »Das ist einmal so, das gehört dazu, das bleibt keinem erspart.«

Höfelind griff nach diesem Ton und hielt sich an. »Glaubst du?« fragte er bittend.

»Wehleidig seid's ihr,« schrie Radauner erbittert. »Und das ist es: an der Ehrfurcht fehlt's euch, an der Andacht vor der Natur! Ihr glaubt's, wenn ihr nur ein bißl lieb und schön mit ihr tuts, gehört sie schon Euch. Aber, mein Lieber, die ist ein Luder! Wennst du's ihr nicht jeden Tag wieder zeigst, hast du sie nie. Schon wieder weg! Ein Luder, ein Mistvieh!«

»Ich kann nicht mehr,« sagte Höfelind hoffnungslos.

»Junger Herr,« sagte der Alte langsam, drohend, schwer. »Ich kann schon seit fünfzig Jahren nicht mehr. Das weiß ich jeden Abend. Und jeden Morgen gehts dann wieder weiter. Schau dir die Natur an! Die kann nämlich auch nicht. Darum fängt sie immer wieder an. Und immer wieder. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Immer dasselbe. Sie gibt nicht nach. Einmal, denkt sie, muß es doch gelingen. Und immer gelingt's ihr wieder nicht. Sie hat's immer noch anders im Kopf. Aber sie gibt nicht nach. Da geh hinaus und lern'! Nicht nachgeben! Immer wieder und immer wieder! Und nicht nachgeben! Seit zehn Jahren kenne ich jetzt meinen Klee da draußen. Er lacht mich schon aus. Er soll nur lachen! Wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht. Aber Ihr seid's wehleidig und habt's keine Geduld, schäm dich!« Und dann fragte er gemütlich: »Was ist denn eigentlich? Die Skizzen waren ja ganz schön.«

Höfelind hielt es nicht mehr aus. »Gehen wir!« Er fing zu rennen an, dann blieb er stehen, um Radauner zu erwarten, es dauerte ihm aber zu lange, so lief er ihm entgegen, wieder zurück, an der Lippe kauend, die roten Borsten reibend, mit den Fingern schnalzend. Dann sagte er: »Skizzen sind immer schön. Das ist ja die Gemeinheit.«

»So weit ist es schon mit dir,« sagte Radauner. »No ja! An jeden kommt die Reihe. No ja! Reif werden, überwinden und zum – wie sagen die Literaten?« Er stand schnaufend, hielt den zappelnden Freund am Arm fest und schlug mit dem Knüppel aufs Pflaster. »Wie sagt der Schmock? Zum, hahaha, zum –« Er lachte gröhlend und fing zu röcheln, zu schnauben und zu husten an. »Zum geschlossenen Kunstwerk vordringen! Zum geschlossenen Bild! Bimbambum! No ja! Tuts nur fleißig überwinden! Aber da möchte ich dir raten, höre, wenn du schon einmal so weit bist, dann ist es wirklich gescheiter, daß du die Dame zum Photographen schickst! Der kann's besser. Es nutzt nix, der kann's besser.« Und er nahm ihn am Kragen und schüttelte ihn. »Menschenkind! Du auch? Haben sie dich auch schon feig gemacht?«

»So ist es ja nicht,« sagte Höfelind ratlos. Er machte sich los und ging langsam.

Radauner schob sich nach. »Es gibt nichts als die Skizze,« sagte er lebhaft. Dann gingen sie stumm. Nach einer Weile sagte Radauner wieder, fast traurig: »Es gibt nichts als die Skizze.« Und indem er über die kahlen Bäume weg, über die Häuser, wie suchend, mit seinen alten, bösen, grauen Augen in die Ferne sah, schrie er zornig: »Es gibt nichts als die Skizze.«

»Aber das ist es ja gar nicht,« sagte Höfelind leicht abwehrend, ungeduldig. »Aber nein!«

»Und,« sagte Radauner, ohne auf ihn zu hören, »und woher kommt das? Weil ihr gefallen wollt! Die Natur genügt euch nicht, ihr wollt sie noch übertreffen! Geschmackig soll alles sein, das ist so ein rechtes Wiener Wort! Noch schöner als schön womöglich! Nicht? Denn es kommt euch nicht darauf an, daß die Leute spüren, wie die Natur ist, wenn sie dafür nur spüren, was der Herr Höfelind für ein Kerl ist! Donnerwetter ja, der kann's! Aber wenn ich dir schon sag': der Photograph kann immer noch mehr als der Herr Höfelind, nutzt dir nix!« Und er blieb wieder stehen und nahm ihn wieder am Arm und sagte langsam, ganz andächtig: »Nein, junger Herr! Sondern hinsetzen vor die Natur und anschauen und Geduld haben und anschauen und fleißig sein und anschauen! Und nicht fragen, ob es schön genug ist, und nicht fragen, ob es wem gefällt, und nicht fragen, ob es sich nicht verändern, verbessern ließe! Dasitzen vor der Natur und anschauen mit deinen Augen und nachmachen mit deinen Händen genau wie es ist, weil es so schön ist, daß man es gar nicht oft genug haben kann! Aber genau, junger Herr, genau! Genau wie es ist; dann kann dir gleich sein, ob es gefällt, du bist ja nicht schuld! So genau, daß du jeden Zoll beweisen kannst! Jeden Zoll in deinem Bild mußt du beweisen können: an der Natur! Und dann kannst die Leute reden lassen, was liegt daran, da du doch dein Bild beweisen kannst, jeden Zoll beweisen? Aber sonst kommt heute der und morgen der und jeder will es anders und täglich plagst du dich wieder und allen machst du's doch nie recht, denn der Photograph schwindelt ja noch viel besser! Hinsetzen und anschauen und nachmachen und Geduld haben und dir keine Ruhe lassen, bis alles genau stimmt und jeder Zoll bewiesen werden kann! So sitz ich vor meinem Klee, so setz dich vor deine Gräfin, es ist das einzige! Aber natürlich, hahahaha, das kommt davon, wenn man sich in die vornehme Welt mischt, hast es nötig gehabt, hahahaha, denn ich kann mir schon denken, das kennt man ja: die möchte natürlich, die gefeierte Künstlerin, die Frau Gräfin möchte natürlich –«

»Garnichts,« fiel Höfelind heftig ein, abschneidend. »Gar nichts möchte sie! Sie sagt nichts, sie fragt nicht, es ist ihr alles recht. Darüber kann ich mich wirklich nicht beklagen.«

»No also,« sagte Radauner, brummend. »Dann hast ja so noch Glück. Was willst denn?«

»Nein,« wiederholte Höfelind, »sie möchte gar nichts. Sie liegt und raucht Zigaretten und schaut kaum hin; ich glaub', es ist ihr ganz gleich. Und der Graf, der übrigens wirklich was versteht, redet nur, wenn man ihn fragt; und eigentlich ganz gescheite Sachen. Nur, daß er mich oft ärgert, weil er auf alles eingehen und alles begreifen will. Da kommt doch schließlich auch nichts heraus.«

»Ein Graf!« sagte Radauner, entschuldigend, begütigend.

»Nein, nein!« sagte Höfelind nachdenklich. »So einfach ist er nicht! Ich denke mir oft, euch zwei möchte ich eigentlich gern einmal miteinander reden hören.«

»Danke,« sagte der Alte, schnaubend.

»Aber jedenfalls,« fuhr Höfelind fort, »beklagen kann ich mich nicht. Sie reden mir nichts drein. Dein Klee kann auch nicht geduldiger sein. Der Unterschied ist nur: dein Klee ist ein Klee und bleibt ein Klee, während meine Rahl – der Teufel soll sie holen!«

»No was denn?« fragte Radauner nach einer Welle.

»Ich weiß nicht,« sagte Höfelind höhnisch.

Nach einiger Zeit sagte Radauner, tröstend: »Zehn Jahre male ich meinen Klee.«

»Aber er ist da!« sagte Höfelind, verzweifelt. »Gestern, heute, morgen, einmal blüht er, einmal schneit es, aber es ist doch immer dein Klee, und du weißt, wenn der Winter geht und du kommst wieder, find'st du deinen Klee. Was möchtest du denn aber sagen, wenn du kämst und er wär plötzlich weg? Einfach weg! Überhaupt kein Klee mehr da! Nichts mehr da, nichts mehr, nichts! Und jetzt mal! Jetzt bitte gefälligst zu malen, Euer Hochwohlgeboren!«

Radauner lachte gröhlend. »Famos! Famos!« Und er schlug den zuckenden kleinen Freund auf die Schulter, daß es klatschte.

»Findest du?« fragte Höfelind, knirschend.

»Pass auf, das wird famos!« sagte der Alte, gläubig und zärtlich. »Wenn einen was so verrückt macht, so ganz verrückt, das wird immer famos.«

»Ja, die Skizzen!« sagte Höfelind nach einer Weile sehnsüchtig. »Damals in der Loge! Nur so hingehaut, während sie spielte! Da war sie da. Und jetzt noch manchmal, wenn ich im Theater bin: auf einmal ist sie wieder da. Und weg. Ich bin doch kein Blitzmaler! Denn du mußt dir das nur vorstellen! Du siehst eine ungewöhnlich große Frau, größer als alle, die neben ihr auf der Bühne sind. Und dann fängst du zu malen an, und es zeigt sich, daß sie klein ist, geradezu klein. Alle Leute sagen: dieses klassische Profil! Und es zeigt sich, daß sie eine böhmische Nase hat. Und es zeigt sich, während du malst, daß sie eigentlich überhaupt kein Gesicht hat. Wirklich, das kann man gar nicht anders sagen: sie hat kein Gesicht, sondern eigentlich ist das nur ein leerer Platz, wo dann abends ein Gesicht aufgestellt wird. Jetzt mal das! Wenn sie was sagt, ist plötzlich ein Gesicht da. Wenn sie schweigt, ist es wieder weg. Und du hast das Gefühl: das war ja nur die Stimme, die du gesehen hast! Ihre Stimme hat ein Gesicht, nicht sie! Jetzt mal das! Mal das Gesicht einer Stimme! Mal ein Gesicht, das man bloß hört! Kannst du mit den Ohren malen? Während du vor den Augen ein gleichgültiges, fremdes, unbekanntes Gesicht hast, das leer ist und gleich, wie du's anschaust, zu zergehen scheint?« Und da der Alte nun zu grunzen begann, um ihm zu widersprechen, schrie er heftig: »Nein, nein! Ich bitt dich, red nicht! Ich weiß alles. Kannst dir denken, daß ich mir das alles selber sage. Ausdruck! Ich weiß schon. Der Ausdruck wechselt! Brauchst du mir nicht zu sagen. Und: heute scheint die Sonne, morgen geht der Wind über den Klee! Ich weiß, ich weiß. Und: wenn du nur ein einziges Mal aber den Klee wirklich packst, im Wind oder in der Sonne, hast du den ganzen Klee, so daß man ihn zu riechen und auf der Zunge zu schmecken glaubt! Ich weiß, ich weiß. Meinetwegen, ja! Brauchst du mir nicht zu sagen. Hier aber, nein! Das ist anders. Anfangs habe ich auch geglaubt. Aber nein! Es ist anders. Ausdruck? Nein! Das kann man nicht Ausdruck nennen. Es ist nicht der Ausdruck, der wechselt, sondern sie selbst und – und das ist es auch wieder nicht, das ist auch wieder falsch, das stimmt auch wieder nicht!« Er blieb stehen. In den roten Borsten über seinen Augen und an der Nase waren dicke Schweißtropfen. Und sein Gesicht spannte sich, wie wenn einer sich zwingen will, über seine Kraft ein Gewicht zu heben und zu stemmen. »Nein,« sagte er wieder. Und dann noch einmal, mit Wut: »Nein.«

»No ja,« sagte Radauner, sich gemächlich neben ihm ausbreitend und zurück an seinen Knüttel lehnend, so daß er fast auf ihm zu sitzen schien. »No ja! Es gibt halt Sachen!«

Ohne den Freund anzuhören, sondern bloß immer noch sein inneres Gespräch verfolgend, sagte Höfelind langsam, jeden Satz wägend: »Es ist nicht der Ausdruck, der wechselt. Aber es ist auch nicht sie, die wechselt. Nein, das kann man auch nicht sagen. Denn dann müßte doch hinter dem Wechsel noch jemand sein. Es müßte jemanden geben, an dem der Wechsel geschieht. Das habe ich ja geglaubt! Das hat mich ja so gequält! Der Klee wechselt, schön. Er wechselt jeden Monat, er wechselt jeden Tag, er wechselt jede Stunde, schön. Aber es bleibt ein Klee. Es bleibt irgend etwas. Es bleibt doch eben das, woran der Wechsel geschieht. An ihr nicht. Nein, an ihr nicht. Das ist es! An ihr bleibt nichts, nichts, nichts. Und jetzt mal das! Mal eine Frau, von der, während du sie malst, auf einmal nichts mehr da ist! Gerade denkst du dir noch, weil es dir so schwer wird: der Teufel soll sie holen! Und richtig, da hat er sie schon geholt! Weg ist sie! Wie verschwunden. In die Erde hinein. Und da sitzt eine kleine dicke Person mit wässerigen Augen, die Zigaretten raucht und fortwährend an einer Parfümflasche riecht und immer kalt in den Füßen hat. Und der Graf macht dann ein hochmütiges Gesicht und lächelt vornehm und sagt so gewiß geheimnisvoll, daß man ihn lieber prügeln möchte: Vielleicht ist das eben ihr Reiz, ja vielleicht ist es der Reiz alles Lebens. Auch ein Literat! Auch ein Schmock! Die haben es leicht! Aber dann hat man Stunden, da wird man ganz blöd und denkt zuletzt: vielleicht haben sie recht! Und plötzlich sagt man dann selbst auch mit verglasten Augen: Seele! Blöd, was? Ich weiß, ich weiß. Seelenmaler? Schwindler, ich weiß. Ist man erst so weit, fängt der Schwindel an. Ich weiß, Euer Hochwohlgeboren! Aber ich kann mir manchmal schon nicht mehr helfen! Und zu denken, was für schöne Kühe, die ruhig weiden, was für rosige Schweindeln es gibt, die man einstweilen gemütlich malen könnte!«

»No,« sagte Radauner, »gar so gemütlich ist es auch nicht. Aber beim Theater mag das schon noch eine ganz besondere Rass' sein! Hahaha!« Schweigend gingen sie weiter. Dann sagte der Alte noch vergnügt: »Das wird sicher famos! Dich hat's ordentlich. Das gehört dazu.«

»Ein Luder,« sagte Höfelind abschließend, aufatmend.

»Ich bitt dich,« sagte Radauner, eifersüchtig. »Ich bitt dich, glaub nur nicht, daß der Klee kein Luder ist!«

Sechstes Kapitel

»Ist es schon so weit?« fragte der Graf, ganz erschreckt.

»Hast wieder gebüffelt?« sagte die Rahl. Und auf den Stoß von Schriften und Büchern zeigend, indem sie das Gesicht verzog, ehrfürchtig: »O je!« Sie schlug ihren großen schweren Mantel auf und knixte.

»Da sind nämlich jetzt die ganzen Berichte beisammen! Von der letzten Sonnenfinsternis, weißt? Und ganz unheimliche Sachen wieder, man würde das gar nicht glauben.« Er sprach sehr schnell, seltsam erregt und fast ein bißchen beklommen, wie es ganz jungen Leuten geschieht, die verlegen sind, von ihren Angelegenheiten zu sprechen. Und schon brach er ab, eilte zum Fenster und holte die Veilchen. »Ich will sie dir in den Wagen geben,« sagte er, zur Türe schreitend.

»Kommst du nicht mit?« fragte sie leichthin, die Zeichnungen in einem Buch betrachtend.

»Darf ich?« fragte er froh.

»Gewiß, Herr Graf,« sagte sie, noch bei den Zeichnungen. »Es wird mir ein Vergnügen sein.«

Er stand an der Türe, die Veilchen so zärtlich haltend, als ob er einen kleinen Vogel in den Händen hätte. Unschlüssig sagte er: »Das ist sehr lieb von dir.« Er sah nach ihr und zauderte noch. Dann sagte er: »Aber ich müßte mich erst umkleiden, das wäre dir zu lang. Und dann –« Er sah sie wieder an und sagte lächelnd: »Eigentlich ist es dir ja doch lieber, allein zu sein.«

»Ach,« sagte sie, »bei der alten Rolle!« Sie schüttelte sich und verzog den Mund. »Ich werde mich heute nicht besonders aufregen. Wenn du gescheit bist, bleibst zu Haus.«

»Nein, nein,« sagte er, »das kenne ich schon. Man kann bei dir nie sicher sein.«

»Heute schon,« sagte sie, während sie mit ihm über die breite Stiege schritt. »Der dumme Frühling steckt mir in den Gliedern. Und überhaupt wegen der Messalina, nein, danke, steht mir wirklich nicht dafür.«

Er half ihr in den Wagen, gab Decken um ihre Füße, Kissen an ihren Rücken, bis sie ganz eingehüllt und warm verwahrt war, und dann bedeckte er alles mit den großen Sträußen, bis sie wie in einem tiefen Wald von Veilchen saß. Dann küßte er ihr die Hand und sagte rasch, ein bißchen verlegen und eigentlich, als ob er sich dabei schämen würde: »Ich freue mich immer so, dich spielen zu sehen.«

»Immer noch?« fragte sie, leise.

»Immer mehr,« sagte er, sehr ernst.

Sie lächelte, und während er sorgsam den Wagen schloß, rief sie durch das Fenster noch: »Du mußt mir das morgen aber alles erzählen. Von der Sonnenfinsternis. Und was ihr da wieder Neues entdeckt habt.«

Er hielt den langen weißen Barsoi. Mit der anderen Hand deckte er sich den bloßen Kopf zu. So stand er, den langen Hals vorgestreckt, den heulenden Hund haltend, ihr nachblickend, so lang noch die weiße Hand, aus dem Fenster des Wagens winkend, zwischen den alten Pappeln hindurch zu sehen war, und hörte den Kies an den Rädern knirschen. Als aber der Wagen durch das Gitter fuhr und der Gärtner hinter ihm das Tor schloß, ging der Graf, das klagende Tier streichelnd, wieder hinein. In der Halle ließ er es los, und nun sprang es in großen Sätzen, sich duckend, sich biegend, sich reckend, sich einrollend, sich ausschüttelnd, schimmernd, bald einem schleichenden Wolf, bald einer weißen Schlange, bald einem aufschießenden Vogel gleich, über die breite leuchtende Stiege hinauf. Hinter dem Hunde rannte der Herr wie um die Wette. Dann aber lag der Hund am Kamin, eingerollt, leise zitternd, heftig atmend, und der Herr saß in einem großen alten Stuhl, die langen Beine gespreizt, vorgebeugt, die Arme auf die Knie und den Kopf in die Hände gestützt, nachdenklich, gedankenlos. Und man hörte nur den schnellen Atem des Hundes, und wie sein Herz in ungleichen Stößen durch den weiten Saal schlug.

Der große Wagen der Rahl fuhr langsam durch die Gassen der engen Vorstadt. Es dämmerte. Ein leiser warmer Regen tropfte. Sie lehnte sich zurück, den Dunst der Veilchen einsaugend. Von Zeit zu Zeit dachte sie: manchmal mag man halt gar nicht! Und sie wollte sich nicht zwingen. Wozu? Für wen? Wer verdient es denn? Wer versteht es denn? Sie wurde dafür bezahlt, sie war dazu angestellt, ein Geschäft wie ein anderes. Und manchmal mag man halt nicht, das kommt in jedem Geschäft vor. Und die werden ja doch begeistert sein! Wer bemerkt es denn? Wer weiß denn was? Also wozu? Es war genug, wenn sie über die Bühne ging. Für diese Leute war das ganz genug. Was wollten sie noch? Nein, sie wollten ja sonst gar nichts. Sie hatten genug, wenn sie nur über die Bühne ging. Das war es ja gerade, deshalb verachtete sie sie so. Was eigentlich sehr dumm von ihr war. Gott sei Dank, daß die Leute nichts verstanden! Denn es gibt nun einmal solche Tage, wo man einfach nicht mag; und es hilft nichts. Dann aber sagte sie sich wieder, daß das immer im Wagen so war; und dann ging es doch. Und sie lachte sich aus. Es war doch immer dasselbe. Jedesmal diese Schwere, diese Bangigkeit und Ode, dieses entsetzliche Gefühl, als ob sie zu schwach sei, auch nur die Hand zu heben, diese Leere, dieser Ekel und dazu noch dieses ewige: Warum, für wen denn? Und dann ging es doch. Wenn sie nur erst draußen war und wieder in das große schwarze Loch dort unten sah und diesen Dampf von Staub und Leim und Lack und Schminke und Puder und Kleidern und Farbe und Fleisch und Schweiß und Atem und Hitze und Fieber roch, dann ging es doch, das wußte sie ja. Es half aber nichts, es zu wissen. Nachher lachte man sich aus. Aber das nächste Mal kam es wieder.

Sie nahm das Buch und fing an, die Rolle der Messalina durchzulesen. Und plötzlich hatten ihr alle diese Worte gar keinen Sinn. Was war denn eigentlich? Was geschah denn? Und sie bekam Angst. Dann wird noch der alte Larinser neben ihr stehen, der manchmal plötzlich vergißt, welches Stück ist, und aus einer andern Rolle zu stottern anfängt, bis sie ihm aushilft und für ihn spricht, damit man es nicht merkt. Und es geht doch und man merkt nichts! Sie warf das Buch weg. Das steht einem auch noch bevor, sagte sie sich, an den armen alten Larinser denkend. Man wird alt und das Gedächtnis versagt und die Kollegen höhnen. Und unten merken sie noch immer nichts. Denn man ist berühmt. Welche Ehre! Aber den ganzen Tag sitzt der alte Larinser und lernt und lernt und lernt und hat Angst. Und schleppt sich abends doch wieder hin! Denn alles hat er vergessen, das aber hält sein leeres Gedächtnis noch fest, das weiß er noch: Nur nicht aufhören! Keiner will aufhören. Lieber Angst haben und sich quälen Tag und Nacht und ausgelacht werden und alles, alles, nur nicht aufhören! Nur doch abends wieder draußen stehen und in das große schwarze Loch schauen, das sich plötzlich auszudehnen und aufzuklaffen scheint, und diesen merkwürdigen, bösen, betäubenden Geruch spüren! Waren sie nicht alle verrückt? Sie hatte manchmal plötzlich solche Furcht. Sie dachte, daß alle verrückt waren, aber das Glück war, daß es keiner merkte; und sie hatte Furcht, daß sie es einmal, mitten drin, merken würde; und dann, wenn man es merkt, dachte sie, wird man wirklich verrückt. Sie hätte nicht allein fahren sollen! Da kamen dann immer solche Gedanken. Wenn jemand mit war, beherrschte man sich. Aber ihr Mann? Nein. Er machte sie nervös mit seiner demütigen Ehrfurcht vor ihrer Kunst. Sie hätte sich irgendeinen höhnischen und gemeinen alten Komödianten gewünscht, der den ganzen Schwindel kannte und schmutzige Geschichten wußte, irgendeinen spuckenden Clown mit wilden Späßen über ihr trauriges Geschäft!

Sie sah zum Fenster hinaus. Da waren solche häßliche große Häuser der armen Leute. Dort in einem Zimmer brannte Licht, eine blasse junge Frau saß nähend. Bettina fiel ein: So würde ich vielleicht auch sitzen, wenn sich damals nicht der junge Statist, im vierten Stock oben, in mich verliebt und mich nicht zum Chor gebracht hätte; es ist alles Zufall. Und dann hatte sich der Kapellmeister in sie verliebt und ließ sie ausbilden, und weil sie keine Stimme hatte, wurde sie Tänzerin, und als es mit dem Tanzen auch nicht ging, entdeckte der Direktor, der in sie verliebt war, ihre hohe tragische Kunst. Es ist alles Zufall. Und hauptsächlich hängt es davon ab, wer sich in einen verliebt. Sonst saß sie jetzt vielleicht auch in einem dieser großen gelben Häuser und nähte. Es ist alles Zufall. Und wer weiß? Fast war sie der blassen jungen Frau neidisch. Still so sitzen und arm sein und nähen und sich sorgen und sich was wünschen und sich sehnen. Ob das nicht eigentlich viel schöner war? Sich noch sehnen können! Noch glauben können, daß man es sich einmal verbessern wird! Sich noch was wünschen können! In ihr aber war es leer. Ich bin ja die berühmte Rahl! Nächstens ist mein Jubiläum! Und ich bin eine Frau Gräfin! Aber indem sie sich das sagte, schien es ihr eine ganz fremde Person zu sein, von der sie sprach. Und sie wiederholte: Die berühmte Rahl! Die Frau Gräfin! Aber etwas in ihr fragte plötzlich: Und? Und? Sie nahm den kleinen Spiegel, da sah sie sich mit den weißen Händen auf den vielen Veilchen. Und sie erschrak, wie bleich ihr leeres Gesicht war. Und etwas fragte noch immer in ihr, klopfend: Und? Und?

Der Kutscher riß plötzlich die Pferde zurück. Sie sah hinaus. Ein Schwarm von schimpfenden und stoßenden Leuten, die Stöcke und Schirme schwangen, um einen keuchenden jungen Menschen gedrängt, den ein Schutzmann am Kragen hielt. Der Kutscher schrie, die Leute wichen weg, die Pferde zogen; sie sah nur noch den jungen Menschen unter der Laterne, er hatte den Hut verloren und hielt sich die Hände vor, mit einer entsetzlichen Angst in den irren Augen. Es riß sie, aus dem Wagen zu springen und ihm zu helfen. Aber schon waren sie vorbei. Sie fing plötzlich zu weinen an, aus Schreck, vor Zorn, in einer furchtbaren Scham, dem Menschen nicht helfen zu können. Immer noch sah sie diese entsetzliche Angst in seinen flehentlich suchenden Augen. Und sie war voll Wut, daß Menschen so gequält wurden. Und voll Wut dachte sie: Ich aber muß ins Theater! Dann sagte sie sich: Es war vielleicht ein Dieb. Aber immer noch sah sie die furchtbare Not in seinen bittenden Augen. Ein Dieb; aber vielleicht aus Hunger! Und sie sah diese heulenden und stoßenden Menschen mit Stöcken und Schirmen auf ihn schlagen. Waren sie besser als er? Weil sie zu essen und ein warmes Zimmer hatten? Und es fiel ihr wieder ein: es ist alles Zufall. Und sie dachte wieder: Ich aber muß ins Theater, reichen Leuten die Zeit vertreiben! Und sie sah wieder hinaus über die vielen rennenden Menschen, an den großen Häusern empor. Überall stießen sich Menschen und hatten Not und hatten Angst und hatten Gier und litten und suchten und baten. Und dann waren einige, die saßen warm zu Haus und wußten nichts davon, wie das Leben ist, sondern dachten sich manches aus, und das hieß nun Wissenschaft und Kunst. Aber plötzlich sagte sie ganz laut: Ich bin ja dumm, das ist doch schon immer so gewesen, und was geht's mich an? Und sie begann wieder an die Messalina zu denken und den Text aufzusagen. Da gingen auf der Straße drei ganz junge Mädchen Arm in Arm, munter schreitend. Eine, mit einem langen blonden Zopf, erblickte sie, erkannte sie. Sie stieß die Freundinnen und schrie: Die Rahl, die Rahl! Und die Freundinnen drehten sich um und schrien: Die Rahl! Und die drei Mädchen winkten und lachten und schrien. Sie streckte den Kopf aus dem Fenster und blickte nach ihnen zurück und lächelte. So jung waren die! Sie hatte ihnen am liebsten ihre Veilchen zugeworfen. Jung sein und Arm in Arm dahin und lachen! Und wie diese Mädeln sie beneiden mochten! Und sie erinnerte sich. Und plötzlich war sie selbst wieder so ein junges Madl. Und ganz andächtig sagte sie: Da fahrt die Rahl ins Theater! Und ganz seltsam war es ihr, als ihr dann einfiel, daß sie ja doch selbst die Rahl war. Und sie sagte, horchend: Die Rahl! Merkwürdig klang es und ganz unheimlich. Und plötzlich zog sie das Fenster zu. Es wurde kalt. Ihr war auf einmal wieder so leer.

Der Diener sprang ab. Savladil, der alte Portier, trat aus dem Tor und wies die jungen Leute zurück, die vordrängten, um sie zu sehen. Bis er an den Schlag kam, dem Diener öffnen half und die Veilchen, die Decken, die Tücher nahm, saß sie still und hörte nur das Rauschen und Raunen der heißen Stimmen um sich, aus dem immer wieder, feierlich emporgetragen, ihr hallender Name schlug. Der große dicke Savladil, die Veilchen tragend, ging ihr voran. Der Bediente, stier vor sich hin, gelangweilt, regungslos, folgte, den Schirm über sie haltend. Sie schritt langsam, ein wenig gebeugt, wie von ihrem schweren weiten Mantel fast erdrückt, leise lächelnd, die gedrängte Schar mehr fühlend als daß sie jeden gesehen hätte, und doch geschwind die Getreuen gleichsam nachzählend. Und da war richtig auch wieder der liebe blonde Bub! Sie kannte Franz jetzt schon. Er stand immer ganz vorne, gleich beim Tor, und sie wußte, daß er nach dem Theater, während ihr Wagen um den Ring fuhr, quer durch die Gassen lief, um sie dann an der Ecke, wo der Wagen in die Vorstadt abbog, noch einmal zu sehen. Da stand er dann unter der Laterne, spähend, atemlos, und wenn sie nun kam, den Hut schwingend und winkend, mit lachenden Augen, während er sonst, unter den anderen, still und ganz ernst und scheu war. Sie verstand, daß er dem Wagen vorlief, um mit ihr allein zu sein; und es freute sie. Aber als sie jetzt, um den Mantel aufzunehmen, einen Moment vor den Stufen stand und in sein frohes Gesicht sah, war es so starr, daß ihr vorkam, es wäre bloß gemalt, nur mit zwei Löchern, durch welche sie ihm ins Herz der Augen sah; und eben von seinen Augen wären diese Löcher in der Leinwand ausgebrannt, auf der das alles gemalt war: das Tor mit den Säulen und die schwarz wogende Schar und der lange dicke Savladil.

Dann hörte man in den Gängen rennen, Türen schlugen zu, alles wurde laut. »Bagage!« schrie sie gellend. Der Schneider wurde von oben geholt. Sie drohte, nicht aufzutreten. Sie verlangte nach dem Regisseur, nach dem Direktor, nach dem Intendanten. Das alte Kostüm war ihr plötzlich nicht recht. Eilig kam der kleine Schneider über die Stiege gerannt. »Jekusch, jekusch,« sagte er, »was hat denn der Wildling heut wieder?« Er trug einen großen Pack von Stoffen, kostbare Seiden, schweren Samt, alte Meßgewänder, die er in der Eile zusammengerafft hatte; sie sollten sie versöhnen, er kannte das ja. »Es geht ihr halt,« sagte er, »nur leicht der Saft ein bissel über, der Frau Gräfin! Aber wennst ihr ein feines Tüchl zeigst, is's gleich wieder ganz populär.« Er nannte populär, wenn man ihm ein Trinkgeld gab. Nun begann sie leidenschaftlich zu schneidern. Heiße Würstel wurden gebracht, ein Paar für sie, eins für die Garderobiere, eins für den winzigen Schneider. So saßen die drei, zuschneidend, umsteckend, aufbindend, während der kleine Schneider ihre Kollegen kopierte, den brüllenden Ton des dicken Jank und Larinsers heiseres Schnauben, zu ihrem größten Vergnügen; sie hätte nur auch gern sich selbst von ihm gehört, aber das traute er sich nicht. »Das nimmt meistens ein schlechtes End,« sagte er. Schließlich fand sie das Kostüm vortrefflich in seinem hieratischen Prunk mit dem gleißenden schweren Geschmeide, wozu sie dalmatinischen Schmuck nahm. »Nur eigentlich,« meinte sie, »so mehr gewissermaßen assyrisch-katholisch ist es. Dem Chef des Ausstattungswesens muß man halt sagen, daß ja die Messalina nur ein Symbol ist. Dann glaubt er's.« Sie war jetzt sehr vergnügt. Blumen, Briefe kamen. Die Schleifen riß sie von den Sträußen, die Blüten streute sie herum, daß der Teppich einer seltsamen tropischen Wiese glich. Nur drei große weiße Rosen gab sie in ein Glas. Sie nahm eine Zigarette, der Rauch sank in den Duft der welkenden Blüten, sie sog es ein und, zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, hörte sie den Text ihrer Rolle, die sich jetzt meldete, Wort für Wort. Der liebe Herr ist da, nannte sie das. »Abends kommt ein lieber Herr, der fängt in mir an und sagt mir alles ein.« Sie ging noch hinüber ins Konversationszimmer. Auf der Bühne wurde gebaut, die Arbeiter ließen sie durch, vertraulich ehrfürchtig grüßend; sie war beliebt, man nahm sich in acht, weil sie gleich Ochs oder Viech sagte oder zornig zuschlug, aber dafür sagte sie auch Servus oder ließ ein Faß Bier holen. Im Zimmer drüben war die »junge Garde«, wie die Zeitungen sagten. Aber sie nannte sie die dramatischen Säuglinge. Sie trat ein, es wurde still, die Säuglinge standen auf und verbeugten sich. Keiner sprach. Man mußte erst sehen, welcher Laune sie war. Sie wurde sonst gleich sehr unangenehm und verstand bisweilen gar keinen Spaß. Sie fragte, wer Zuckerln hätte, setzte sich auf den Tisch und fing zu naschen an. »Nun, Härrr Jank, wie gäts, wie stäts?« fragte sie, sein helles Ostpreußisch ausspottend. Jank, im Kostüm des jungen Paetus, verneigte sich ernst und sagte sehr konventionell: »Danke, Frau Gräfin. Und Ihnen?« Er ärgerte sich, weil man in der Stadt von seinem Roman mit ihr sprach; er war diskret, aber er mochte den spöttischen Ton vor den lauernden Kollegen nicht. Sie schlug ihm vor, immer noch sein Ostpreußisch übertreibend, die Messalina heute zu sächseln, um, sagte sie, das künstlerische Gleichgewicht herzustellen. Und sie begann die große Szene sächselnd. Die Säuglinge lachten und halfen mit. Und sie gab nicht nach und sprach die Szene wieder in ihrem großen, breit einsetzenden, langsam anschwellenden Ton, aber jetzt jüdelnd. Jank sprach kein Wort, sondern sah sie nur mit umflorten Blicken an. »Ja,« sagte sie plötzlich, »die Augen wären noch ganz schön, aber man sieht ja nichts mehr, du wirst zu dick.« Und sie blies die Wangen auf, mit den Augen zwinkernd, um es zu zeigen. Die Säuglinge brüllten, Jank schwieg achselzuckend. Die Türe ging auf, der alte Larinser trat taumelnd ein, sah sich erschreckt und verirrt um und murmelte, mit den Händen fuchtelnd, bis er sich besann und die Rahl erkannte. Er schoß auf sie zu, nahm tätschelnd ihre Hand und küßte sie, die sich vor ihm neigte, auf die Stirne, langsam und feierlich. Und er räusperte sich und sagte mit seiner heiseren und geheimnisvollen Stimme: »Wie schön du bist! Wie schön du wieder bist, Bettina!« Er ließ sie los und stand verloren da, immer die Hände noch ausgestreckt. Und er wiederholte mit seiner unterirdischen Stimme rasselnd: »Bettina!« Dann sah er sich suchend um, erblickte die Jungen, nickte murmelnd, ging zur Türe, kam zurück, trat vor den Spiegel und betrachtete sein Kostüm, wie verwundert, sich allmählich erinnernd, lange. Wieder zur Türe gehend, hielt er an der Türe wieder und kehrte noch einmal um, durch das Zimmer sehend, mit suchenden und fragenden und irrenden Blicken. An der Rahl blieben sie zuletzt hängen. Er freute sich, winkte ihr mit den Händen wie aus weiter Ferne und sagte wieder mit seiner tief verschneiten Stimme: »Schön! Schön!« Dann zog er an der Türe, wurde zornig und stieß sie mit dem Fuß, bis ihm Jank half und öffnete. Er stand und sah die Türe verwundert an. »A so,« sagte er dann, freundlich lächelnd. »Hinaus! Sie geht hinaus.« Und sie hörten noch seinen schlurfenden Schritt durch den hallenden Gang. Jank schloß die Türe.

Die Säuglinge lachten. Einer sagte: »Armer Kerl!« Und ein anderer meinte tröstend: »Sehr gescheit war er ja nie.«

Die Rahl zog die Füße auf den Tisch und setzte sich türkisch. Sie sah die Säuglinge der Reihe nach an. »Katzen!« sagte sie dann verächtlich. Die Säuglinge duckten sich; man konnte bei ihr nie sicher sein. Sie fuhr fort: »Lacht's nur, Bande! Lacht's nur über ihn! Er steckt euch doch alle mitsammen heute noch ein! Gescheit? Nein, Gott sei Dank! war er nie, hast recht. Hat's nicht nötig. Gescheit seid's ihr!« Sie sah sie wieder der Reihe nach an. Sie schwiegen beklommen. Es war ihnen ungemütlich. »Ihr seid's gescheit! Euch muß man nur reden hören, im Wirtshaus, ja, mit den guten Freunderln oder hier auch, natürlich bevor's angeht! Gott, wie gescheit! Und der kann gar Gedichte machen und schreibt in den Journalen! Gott, wie gescheit! Aber dann muß man euch draußen sehen, wenn's angeht! Gehorsamster Diener! Na!« Sie warf rümpfend den Mund auf und schnalzte mit der Zunge. »Leid könnt's ihr einem tun! Katzen! Hascherln! Aber geht's dann hin und schaut's zu und hört's ihn an, den alten vertrottelten Larinser! Er kennt sich nicht mehr aus, er weiß nichts, er tappt herum. Aber dann! Macht's nur eure dreckigen Ohren auf! Dann dampft's und raucht's in ihm plötzlich wie aus einer heißen Quelle herauf, wenn er zu speien anfängt, daß man Angst kriegt, es verbrüht einen! Und man spürt: da unten brennt's! Heute noch!« Sie sprang auf, schritt die Reihe der jungen Menschen ab und sagte: »Das ist es! Ob's in einem brennt! Ihr gescheiten Herren!« Und an der Türe sagte sie noch: »Katzen! Professoren!«

Sie stand auf der Bühne, durch das Loch im Vorhang sehend. Von den drängenden, schiebenden, schwatzenden Leuten in knisternden Kleidern, auf klappernden Sitzen, kam ein Summen und Surren wie von fern sausenden Rädern. Von der Galerie hing eine schwere schwarze Masse, und die Gesichter, über die Brüstung vorbrechend, im grellen Licht, schienen zu schweben, schwankenden kleinen bunten Luftballonen an einer unsichtbaren Schnur gleich. Da war das kleine schwarze Mädl, das auch dann immer auf sie wartete; es war das letztemal vor sie gestürzt, zitternd und schreiend, die Hände ringend, auf den Knien vor ihr, bis sie sie mitleidig hob und ihr, um nur loszukommen, einen Kuß gab; da schlug das wilde Kind in Krämpfen hin, gellend und kreischend, lachend und weinend, nur immer: »Die Rahl hat mich geküßt, die Rahl hat mich geküßt, die Rahl hat mich geküßt!« Und daneben war ja der dicke schnupfende Pater Borromäus, der jedes halbe Jahr aus seinem Salzburger Stift kam, die neunte Symphonie zu hören und die Rahl zu sehen, was ihm Mut gab, dann wieder geduldig seinen schlimmen Buben den Ariost beizubringen. Und unten, feierlich und prophetisch, der ehrwürdige Kopf des alten Beer. Und ihr Anwalt und ihr Arzt; nun, die stellten das ja sozusagen in Rechnung. Und befrackte Herren und dekolletierte Damen in den Logen; nun, die kamen weniger sie zu sehen, als sich zu zeigen. Und in der ersten Reihe räkelte sich, mit einer grinsenden Orchidee, der Ästhet, ihr bleicher Franzose, den Begeisterung ausschwitzenden Hofrat Wax neben sich, der seinen langen blauen Bart strich. Sie wurde plötzlich zornig. So war sie als Mädl zornig gewesen, wenn sie stehen bleiben mußte, um eine Equipage vorüber zu lassen. Und sie dachte sich schadenfroh: »Gerade nicht! An manchen Tagen mag man halt nicht!« Aber da sah sie, ganz oben neben dem kleinen schwarzen Mädchen mit den gierig verstörten Augen, das ernste, stille, wartende Gesicht des lieben blonden Buben.

Sie saß in der Kulisse, das Stichwort erwartend, auf dem Stuhl neben der Feuerwehr. Sie hörte das Publikum rauschen. Sie husteten, sie wetzten, sie flüsterten: sie war ja noch nicht da. Der alte Larinser ging schlurfend neben ihr hin und her, die ersten Sätze seiner Rolle murmelnd. Der von der Feuerwehr hielt ängstlich die Hand vor sein Gesicht; er hatte Schnupfen und fürchtete sich, zu nießen. Der Inspizient stand, vorgebeugt lauschend, einen grünen Schirm über den alten Augen, die das Licht nicht mehr vertrugen. Plötzlich kam ihr dies alles unsäglich albern vor. Irgendwo sitzen und nähen, dachte sie. Jetzt soll sie hinaus und eine verstorbene lateinische Kaiserin sein! Es wehrt sich in ihr, alles wehrt sich, und sie weiß doch, daß es ihr nichts helfen wird. Der Inspizient wird gleich sagen: Bitte, Frau Gräfin! Und dann muß sie hinaus und sie spricht eingelernte Worte nach und sie weiß, daß diese paar eingelernten Worte sie ihr wegnehmen werden. Und sie weiß, daß sie dann plötzlich nichts mehr wissen wird, nichts mehr. Und sie wehrt sich, aber sie weiß, daß es nichts hilft. Und sie hat plötzlich Hunger. Auf irgendwas recht gemeines. Einen quälenden Hunger. Sie glaubt umzusinken, alles schwankt um sie. Linsen, fällt ihr ein, möchte sie. Sie erinnert sich, wie ihr, als sie noch ein Kind war, die Linsen schmeckten. Irgendwo sitzen und nähen und dann abends Linsen!

Der Beleuchter Simetsch trat neben sie, demütig grüßend. Sie fragte nach seiner Frau und den Kindern. »Mein Gott!« sagte er achselzuckend. Er war voriges Jahr in eine Versenkung gestürzt. Sie nahm ihn damals in ihrem Wagen nach seiner Wohnung mit. Daher kannte sie die Leute. Die Frau schwindsüchtig und sieben kleine Kinder. Sie sah ihn an, wie er jetzt neben ihr stand, mit ängstlich gierigen Blicken nach dem Inspizienten hin. Er durfte an dies alles jetzt nicht denken, an die kranke Frau mit den armen Kindern, sondern nur an das Zeichen, wann er das blaue Licht nehmen muß, zur mystischen Dämmerung, auf die der Chef so stolz war. Das ist wichtiger, dachte sie. Und ihr kam alles hier unsäglich albern vor: Nein, ich mag nicht mehr! Aber da hob der Inspizient die Hand und neigte sich, flüsternd: »Bitte, Frau Gräfin!«

Sie fühlte den Ruck im Publikum. Das ungeheuere schwarze Tier dort unten schien sich scheu zu ducken, ihren Schlag fürchtend. Sie sprach ganz leise, mit geschlossenen Augen. Es machte ihr Spaß, sie bangen zu lassen. Die Worte tropften langsam von ihren flackernden Lippen. Sie glaubte jedes zu hören, wie es in das schwarze Loch fiel, und horchte, wie wenn man einen Stein in einen sehr tiefen Brunnen wirft und hinablauscht, bis er auf das hallende Wasser schlagen wird. Und immer dachte sie nur, diese fremden Worte der verstorbenen Kaiserin aufsagend: Ich mag aber ja nicht, heute mag ich halt nicht! Und sie freute sich wie ein boshaftes Kind. Und sie wehrte sich. Etwas war in ihr, was sich wehrte, was nicht wollte, was widerstand. Sie fühlte den heißen Qualm aus dem schwarzen Loch. In der leeren Hofloge war ein Licht, sie konnte die roten Stühle und den Zeiger der Uhr sehen; also, sagte es in ihr, kann ich doch keine verstorbene Kaiserin sein! Und sie sah den Schweiß auf der Nase des dicken Jank, sie roch seine Schminke, der fette Hals schwoll ihm an. Jank wurde nervös. Er kannte diese Laune. Er wußte, daß sie sich dann, wenn er eben anlief, um loszulegen, plötzlich umkehrte und ihm, den Rücken zum arglosen Publikum, die Zunge zeigte oder Gesichter schnitt, bis er lachen mußte; dann aber sagte sie leise: »Zwergaffe!« und hob ihre Hand aus den weiten Ärmeln, die weißen Finger streckend, und unten erschauerten sie. Ich mag heute halt nicht! Und langsam schlichen die Szenen hin. Das schwarze Tier unten lag kauernd. Da kam der alte Larinser. Er hatte den Auftritt versäumt, weil er an der falschen Türe stand. Verwirrt, bestürzt, verlor er sich gleich im ersten Satz. Unten merkten sie noch nichts. Man hörte nur das Rasseln seiner entfernten Stimme, die unter einem ehernen Schild hervor zu stöhnen schien. Da streckte die Kaiserin die Arme aus und es war, wie wenn ein großer böser Vogel, der gefesselt sitzt, langsam die Schwingen öffnet. Und plötzlich wußte sie nichts mehr. Nichts mehr als eine ungeheuere siedende Lust, sich aufzubrechen und los zu sein und zu rasen. Und der alte Larinser reckt sich auf und nimmt seinen knöchernen Ton und haut auf sie los. Sie fühlt, daß das Blut aus ihr spritzt, und jetzt weiß sie nur noch: Blut, Blut! Überall ist Blut. Sie will Blut. Sie muß würgen, sonst erwürgt es sie. Ihre weißen Hände mit den schmalen Fingern, an welchen die schweren Ringe brennen, um einen Hals spannen und zuziehen und würgen. Sonst weiß sie jetzt nichts mehr als dies. Und dann ist es plötzlich wieder ihr eigener Hals, den die Stimme des Larinser jetzt in ihren Krallen hat, und jetzt wird sie gewürgt, und ihr kommt das Blut und sie hat es überall, und sie weiß, das ist der Tod, der jetzt aus ihrer erstickenden Kehle springt, in diesem Schrei, in diesem blutroten Schrei, in diesem lichterlohen Schrei, von dem jetzt das große schwarze Loch dort unten und alles bis ans Dach prasselnd aufzuflammen scheint. Und sie hört den Schrei und wundert sich und schaut: Wer schreit denn? Und plötzlich ist sie wieder ganz ruhig und es wird ihr nur jetzt sehr wohl. So leicht, so froh, so fliegend ist ihr. Und sie hört ihrer eigenen Stimme zu und hegt ihren weichen, warmen, wogenden Klang und spielt mit ihm, sich auf ihrer niedersinkenden und aufsteigenden Stimme schaukelnd und wiegend. So hört sie sich an und sieht sie sich zu. Und sie hat jetzt das Gefühl, jeden einzelnen unten deutlich zu sehen. Und sie sucht das ernste liebe Gesicht des blonden Buben. Und neben ihr ist eine, die noch immer rast. Und sie steht neben der und wundert sich. Sie steht wie auf einem hohen Berge und der Wind geht hell. Und es ist ihr sehr leid, daß jetzt plötzlich der Vorhang fällt. Da nimmt sie der alte Larinser bei der Hand und horcht, bis von unten das Brausen und Stampfen und Jauchzen herauf kommt. Dann nickt er und umarmt sie und sagt: »Gut is gangen.« Er horcht wieder auf das Dröhnen draußen. Dann schüttelt er sich, nachzitternd. »Famos. So mit dir zusammen zur Hölle fahren! Wär fein.« Er legt den Arm um sie und wird zärtlich. »Warum,« fragt er in einem dunklen Ton, »haben wir zwei uns nie geliebt? Wir wären es uns eigentlich schuldig, Bettina!« Sie sagt: »Hier werden wir aber jetzt gleich erschlagen.« Und sie zieht ihn sorgsam durchs Gewühl der umbauenden Menschen und übergibt ihn seinem Garderobier, der ihn schon erwartet, um ihn zu frottieren.

In der Pause kam der Graf herauf. »Siehst du?« sagte er froh. »Man darf sich auf dich nicht verlassen. Du hast doch geglaubt, daß es heute nichts sein wird.«

Sie saß vor dem Spiegel, das Haar umsteckend. »Und?« fragte sie nebenhin. »War's denn was?«

Er zögerte scheu. Dann sagte er ganz leise, beklommen: »Mir ist, als hättest du doch noch nie so stark auf mich gewirkt. So groß, so rein, so –« Er fand kein Wort mehr und griff nur mit der Hand vor sich hinaus. Aber abschwächend, als ob es doch eigentlich undankbar und treulos an seinen Erinnerungen wäre, fügte er hinzu, verlegen lächelnd: »So kommt es mir wenigstens vor.«

»Dir kommt es immer so vor,« sagte sie spöttisch, fast ein wenig gereizt. Aber lächelnd schlug sie leicht mit zwei Fingern unter sein Kinn, als wäre der hagere lange Mann mit den grauen Haaren da vor ihr ein liebes törichtes Kind. Und sie sagte lustig: »Das ist ja das Nette von dir! Denn ein Mann, der was versteht, nein, das wäre wohl entsetzlich. Nicht acht Tage!«

Er sah erschreckt auf. Das warf er sich ja selbst immer vor! Er hätte ihr so gern raten und helfen mögen! Aber was konnte er ihr sein? Er ihr! Er fand es doch schon frech, ihr seine Bewunderung zu sagen. Er ihr!

Sie spürte, was er dachte. Sie sagte tröstlich: »Es ist ja keine Schand. Dafür kennst du wieder ›der Sterne Lauf‹. Das ist sicher schwerer. Und wenn ich ein Planet wäre, hätte ich eine schreckliche Angst vor dir und wär' dir längst durchgegangen.« Sie stand auf und strich leise mit der Hand über die glatten Haare des Grafen, der vor ihr saß. »Nein, nein!« sagte sie. »So ist es schon alles am besten. So wie es ist.« Und sie reckte sich. Sie ging auf und ab. Sie sah nach der Uhr. Sie war ungeduldig. Sie wollte schon wieder hinaus. Nur wieder draußen sein! In dieser seligen traumsicheren sinnlosen Klarheit und Stille! Nur das dampfende schwarze Loch vor sich und dann packen sie die Wogen und sie versinkt und es ist nur noch das ungeheuere Brausen um sie und in ihr rasen tausend Leben, aber sie sieht zu, sie hört zu, sie ist ganz still, alles jagt an ihr vorbei, sie weiß aber, daß es zum letztenmal ist, und gleich, weiß sie, wird alles aus sein und alles wird versunken sein und alles wird verloschen sein, sie spürt es schon, es zieht sie schon hinab, unten ist das Dunkel, unten ist das Schweigen, da wird sie nichts mehr wissen, da schlägt keine Sehnsucht mehr; und so, denkt sie, muß das Ertrinken sein!

Sie stand, mit geschlossenen Augen, aufgerichtet. Sie vergaß, daß der Graf noch immer auf dem Schemel saß. Sie stand, auf das Zeichen wartend, um sich wieder loszulassen, endlich wieder! Der Graf hatte Furcht, sie zu wecken. Sie schien ihm einer wilden Priesterin zu gleichen, einer Seherin, die harrt, bis der dunkle Geist, der schon in ihr lauert, sie quälen und segnen wird. Da kam der Intendant, um sie mit seiner Bewunderung anzumeckern. Sie fing zu schimpfen an, daß diese langen Pausen ein Skandal wären und ging auf die Bühne. Der Intendant war froh, lieber dem Grafen allein seine Verehrung auszudrücken. Er wunderte sich stets, daß er, der doch Diplomat gewesen war, niemals den rechten Ton für die von ihm so schwärmerisch verehrten Künstlerin zu treffen schien. Im ganz vertrauten Kreise pflegte er noch behutsam hinzuzufügen, als feiner Psychologe, es sei dies eben doch auch eine besondere Komplikation: eine Gräfin, in der eine ehemalige Hausmeisterische steckt!

Und dann war sie nur sehr müd. Sie lag im Sessel und ließ sich entkleiden. Man nahm ihr den schweren Mantel ab, tat den Schmuck weg, löste den Kranz. Und das kalte Wasser tat ihr wohl, als sie sich wusch. Da liegt jetzt dies alles auf dem Boden, dachte sie, und die Frau Gräfin fahrt nach Haus! Es war doch sehr seltsam. Sie wunderte sich immer wieder. Und sie war schrecklich müd. Aber schön war es, so müd zu sein. Und als wäre alles Böse draußen auf der Bühne liegen geblieben und würde jetzt mit den Kulissen weggeräumt. Manchmal als Kind, wenn sie zu viel herumgelaufen war und dann endlich abends in ihrem kleinen Bett lag, hatte sie das auch so gefühlt. Und hatte sich, schon halb im Schlaf, auch immer vorgenommen und so fest gewünscht, jetzt brav zu werden, gehorsam zu sein und niemanden mehr zu kränken. Eigentlich tat ihr jetzt der Intendant leid; er war dumm, aber er konnte nichts dafür. Dem Jank hatte sie noch zuletzt auf der Bühne gesagt, daß er doch unter den jungen Leuten der einzige sei; sie war darüber jetzt sehr froh. Sie ließ den Beleuchter Simetsch holen und gab ihm Geld für seine kranke Frau; die Kinder sollten doch wieder einmal zu ihr kommen. Dann setzte sie sich und schrieb noch Autogramme. Sie hätte so gern allen Menschen was Liebes getan. Aber sie war furchtbar müd. Sie nahm die drei großen weißen Rosen und streichelte sie. Sie fragte nach dem Grafen. Aber er war schon fort; er wußte, daß sie lieber allein fuhr. Er hatte sicher noch Veilchen in ihren Wagen gebracht! Sie lächelte dankbar; er war so gut! Ein ganz seltsames, fast schmerzliches Wohlsein und Frohsein fühlte sie. Es tat ihr leid, daß sie nicht fromm war; es müßte schön sein, jetzt beten zu können. Sie war so müd.

Dann schritt sie hinab. Der lange dicke Savladil ging voraus, den Weg bahnend. Der Bediente folgte. Sie schritt, in den Mantel eingehüllt, die weißen Rosen in der Hand, durch die jauchzende, kreischende, heulende, stoßende, dampfende Schar. Hinten stand ihr alter fetter Pater Borromäus neben dem wilden schwarzen Mädl, das gellend schrie; es hatte den fremden Pater am Arm gepackt und riß ihn, zuckend; er schämte sich. Aber sie sah jetzt gar nichts mehr, alles drehte sich vor ihr, Funken sprangen. Bis sie dann doch wieder im Wagen saß, der langsam über den leeren Ring fuhr, zwischen den einsamen kahlen Bäumen. Sie wußte nichts mehr, sie sank zurück, sie spürte nur noch den Hauch der Veilchen und hielt die weißen Rosen fest. Da bog der Wagen in die Vorstadt ein. Unwillkürlich, ganz aus der Ferne her, erinnerte sie sich. Sie setzte sich auf, ließ das Fenster herab und neigte sich vor. Da stand auch an der Ecke schon ihr lieber blonder Bub, atemlos. Wie der Läufer von Marathon, fiel ihr ein, bei uns im Garten; sie mußte lachen. Er zog den Hut, sie winkte lächelnd mit der Hand, nahm lächelnd eine der weißen Rosen und warf sie lächelnd dem Knaben hin, schon war der Wagen vorbei. Und sie wußte nur noch, daß sie sehr müd war, zum Umsinken müd, so wunderschön müd! Und sie trank den feuchten Dunst der warmen Nacht. Sie hätte gern noch an den lieben Buben gedacht, der jetzt die weiße Rose von ihr hatte. Aber sie war zu müd. Sie wußte nur, daß dies alles doch sehr schön war. Und sie roch die Veilchen und die feuchte Nacht und die weißen Rosen. Jetzt waren es nur noch zwei. Eine hatte der liebe blonde Bub. Das war doch alles sehr schön. Sie war aber sehr müd.

Siebentes Kapitel

Auf den Zehen, um die Mutter nicht zu wecken, ganz leise, schlich Franz in sein Zimmer. Die liebe Mutter schlief schon lang. Es fiel ihm immer wieder ein: Nebenan schläft die Mutter. Das war so gut, daran zu denken. Er saß und hatte das Bild der Rahl vor sich, und ihre weiße Rose. Und er ängstigte sich: denn jetzt und jetzt wird er aufwachen und dann wird es gar nicht wahr, sondern nur ein Traum gewesen sein! Aber das war ja dumm: er hielt sie doch, in seiner Hand hielt er die weiße Rose, in seinem Zimmer hier, die Lampe brannte, dort hing der Vater, es kam ihm vor, daß das frohe Gesicht des Vaters zu lächeln schien. Weil du träumst, dachte er wieder. Er stach sich an der Rose, es tat weh, er war froh. Die Rose stach, er saß an seinem Tisch und nebenan schlief die Mutter. Und er dachte plötzlich: Die liebe Mama! Er sagte sonst nie Mama, weil ihm das zu verzärtelt klang. Er sagte Mutter, es war männlicher. Nur in Gedanken, wenn er sie sehr lieb hatte, weil sie so gut war, sagte er manchmal heimlich Mama; sie durfte das aber gar nicht wissen, er hätte sich geschämt. Doch jetzt mußte er sie Mama nennen. Das klang so weich, wie wenn sie ihn manchmal an den Haaren zog. Und er hatte sie jetzt so furchtbar lieb. Da schlief sie nebenan und ahnte nichts! Aber nein, das durfte sie ja nicht wissen, nie. Er hätte es ihr gern gesagt. Nein. Er sah auf das Bild des Vaters, an der Wand über dem Tisch. Es war ihm so leid, daß er keinen Vater mehr hatte. Dem hätte er es sicher gesagt. Und er hielt die weiße Rose noch immer in der Hand. Und er wunderte sich eigentlich. Da saß er in seinem Zimmer und alles war wie sonst, da lagen die Bücher, da hing der Vater an der Wand, ihr Bild stand auf dem Tisch und es war alles wie sonst. Er aber hatte doch eine weiße Rose von der Rahl! Er war durch die Gassen zur Ecke gelaufen, da stand er dann, bis der Wagen kam, und gleich kam der Wagen wirklich, mit den schweren braunen Pferden, und neben dem alten Kutscher sitzt der rasierte Bediente und im Wagen sitzt sie und vielleicht wird sie ihn winken und grüßen sehen und wird nicken, wie neulich, denn neulich hat sie lächelnd genickt; und er wartet nun wirklich, sie sieht ihn, sie lächelt wieder, sie nickt und jetzt erschrickt er, weil sie jetzt eine der großen weißen Rosen nimmt, und sie wirft sie ihm zu und er fängt sie auf und der Wagen ist weg. So war es doch. Er wußte doch, daß es so gewesen war. Er hatte doch die Rose noch in der Hand. Jetzt aber saß er in seinem Zimmer und da war alles wie sonst. Das begriff er nicht. Und er wußte gar nicht mehr, was dann gewesen war! Er sah sie noch nicken und die Rose werfen. Dann sah er sie nicht mehr, er sah noch dem Wagen nach, den Wagen sah er noch in der Ferne. Und er sah, daß er die Rose hatte. Die weiße Rose hielt er in der Hand. Und jetzt saß er in seinem Zimmer und da war alles wie sonst und die weiße Rose hielt er noch immer in der Hand. Sie stach, er träumte nicht. Oder er träumte vielleicht auch, daß sie stach? Aber gar nicht mehr wußte er, was denn dann geworden war, wie denn das dann gewesen war, bis er in sein Zimmer kam. Er hatte doch so weit nach Hause. Aber er konnte sich gar nicht erinnern. Er muß eigens einen anderen Weg gegangen sein, um dem kleinen Beer nicht zu begegnen, der immer auf seinen Vater wartete, weil der mit seinen schlechten Augen nachts nicht mehr allein gehen konnte. Es muß geregnet haben, seine Kleider waren naß. Aber er wußte gar nichts mehr. Er konnte sich nicht erinnern. Er wußte nur, daß er die Rose hatte. Er war in seinem Zimmer und hatte die weiße Rose von der Rahl. Und nebenan schlief seine liebe Mama.

Er nahm ein Glas für die Rose. Nein, das Glas war häßlich. Aber er hatte keine Vase. Drüben war eine Vase. Eigentlich mehr ein kleiner schmaler Krug, mit einem Kränzel von Vergißmeinnicht bemalt. Die hatte noch der Vater einmal mitgebracht. Aber er hätte durch das Zimmer der Mutter müssen. Er wollte sie nicht wecken. Er lehnte die Rose an das Bild der Rahl. Aber da würde sie verwelken. Und jetzt fiel ihm erst ein, daß sie verwelken würde. Auch in der Vase. Er würde sie höchstens vier oder fünf Tage haben. Er erschrak. Es fiel ihm ein, daß er von Stecklingen gehört hatte. Vielleicht, wenn er sie in einen Topf mit der richtigen Erde gab. Vielleicht wuchs dann ein ganzer Strauch. Im nächsten Jahr. Ein ganzer großer Strauch von blühenden Weißen Rosen. Lauter Rosen von der Rahl. Aber dann war er wieder eifersüchtig, daß den auch andere Menschen sehen sollten. Nein, niemand darf sie sehen, seine weiße Rose von der Rahl. Die war nur für ihn ganz allein. Er gab sie in seine Lade und sperrte zu. Mochte sie welken! Sie war doch da. Sie blieb dann doch immer bei ihm. Und er hatte sie, ganz für sich allein.

Kindisch bin ich, dachte er plötzlich. Was ist eine Rose? Ist diese Rose mehr als irgend eine andere, wie man sie bei jedem Gärtner zu kaufen kriegt? Ja, für mich, weil ich sie von der Rahl habe. Eigentlich also nicht die Rose selbst ist es, die mir wert ist. Ein Schnupftuch, eine Nadel, irgendein Band von der Rahl wäre mir dasselbe. Es ist gar nicht das Objekt, das mich freut, sondern daß es mich an die Rahl denken läßt. Durch Assoziation also. Dieses Wort gefiel ihm so, daß er es auf einige Male wiederholte. Eigentlich bedeutet es nicht mehr, als wenn sie mir nur wieder, wie neulich, freundlich zugenickt hätte. Ich habe nur an der Rose jetzt ein sichtbares und greifbares Zeichen jenes Zunickens. Und eigentlich ist es eine Schwäche, dies zu brauchen. Die Rose war schließlich bloß sozusagen ein Eselsohr im Buche seines Lebens. Er freute sich über diesen Vergleich. Der kleine Beer hätte keinen besseren finden können. Und er freute sich, jetzt erst gar nicht mehr den kleinen Beer dazu nötig zu haben. Der war ja sicher sehr gescheit. Nur fand Franz zuweilen jetzt, daß er doch etwas stark damit prahlte. Franz hatte jetzt zuweilen so ein Gefühl, daß ihm der Freund zu nahe kam. Wenn sie zusammen gingen und der kleine Beer ihm was erklärte, war es Franz unangenehm, daß er, neben ihm stampfend, oft im Eifer seinen Ärmel streifte. Franz bog dann ein wenig aus, aber dies half nichts, gleich war der kleine Beer schon wieder dicht an ihm, so daß sie zuletzt, er immer ausweichend, der andere wieder nachdrängend, völlig in der Schräge gingen. Oft mußte Franz darüber lachen, aber dann war es ihm wieder fast unerträglich und er fing jetzt an, lieber allein zu sein, obwohl er sich zuweilen eingestand, daß dies eigentlich sehr undankbar von ihm war, gegen den kleinen Beer, der ja wirklich so gescheit und sich über alles klar war. Auch war ihm, wenn es ihm gelang, einmal ein paar Tage allein zu sein, doch gleich wieder bang nach ihm. Denn merkwürdig war dies: wenn er mit dem kleinen Beer ging und ihm zuhörte, kam ihm vor, das alles auch zu wissen und selbst ebenso gescheit zu sein. Nur hielt es nicht an; war er allein, so schien es plötzlich weg. Das gelassene Denken, das unerbittliche Folgern, das Zerlegen der Probleme mit chirurgischer Sicherheit, worauf er in ihren gemeinsamen Gesprächen so stolz war, dies alles verließ ihn dann. Er konnte nicht allein sein, ohne sich gleich zu verlieren. Der Regen an den Scheiben, ein ferner Ruf unten und wenn sonst gar nichts war, die Stille selbst, die rings lastende, brütende, lauernde Stille, lag dann so schwer auf ihm, daß ihm wurde, als sänke die Decke langsam ein und die Wände schöben sich lautlos zusammen; am meisten diese höhnisch drohende Stille, wenn er allein war, zog ihn immer wieder gleich ab, alles zerstreute sich, er konnte nicht denken, nichts hielt fest, er konnte nicht lesen, alles gab keinen Sinn, er konnte nicht sitzen, es trieb ihn auf, aber wenn er durchs Zimmer ging, war er gleich müd und wenn er auf die Straße lief, war alles verändert und so fremd, daß er sich schämte, weil er Angst hatte. Am liebsten war ihm dann noch, sich hinzulegen mit geschlossenen Augen und das Innere der Augen anzusehen: da tanzten die schönsten Farben. Große tiefblaue Ringe, ganz dünne lichte grüne Fäden, die sich schlängelten, winzige rote Kugeln, die spritzend zersprangen, und plötzlich wieder zischelnde gelbe Zungen, und wenn er die Finger drückend auf die Lider hielt, ungeheure, milchig gestirnte Nächte sah er da. Bis er schlaff war und in einen öden, unruhigen heißen Schlaf fiel, aus dem es ihn plötzlich mit einer aufstoßenden Angst riß, als ob er gestochen wäre und blutete. Und nur rasch zum Tisch, lesen oder lieber noch rechnen, ingrimmig verbissen rechnen, an einer jener alles lähmenden Rechnungen, auf die der kleine Beer so stolz war, bis er ganz heiß und ganz naß vor Aufregung, vor Anstrengung wurde, aber froh, nur nichts mehr von sich zu wissen, denn ganz beschmutzt kam er sich vor. Er schämte sich zu weinen; er war doch kein kleiner Bub mehr. So gern hätte er die Mutter gefragt. Aber er fühlte, daß er es nicht konnte. Er konnte sie nicht fragen. Was denn auch? Was hätte er sie denn fragen sollen? Die Schule mit den höhnischen Lehrern und den häßlichen Buben, das war es wohl bloß. Er sehnte sich hinaus. Draußen war das weite Leben. Ganz laut sprach er dies manchmal aus: Das weite Leben, die weite Welt! Wie das klang! Noch zwei Jahre, dann tat es sich auf. Wenn die Rahl spielte, dann dachte er die ganze Zeit nur immer daran. Das weite Leben! So wird es sein! Noch zwei Jahre! Dann gehört das alles mir! Nicht mehr mit dem kleinen Beer immer nur gescheit sein und sich den Kopf zerbrechen, aber doch bloß reden, reden können! Sondern hinaus, hinein! Und das Leben wird ihn nehmen! Und er dachte manchmal, daß dies ähnlich sein werde, wie wenn er jetzt, mit geschlossenen Augen, die Finger auf die Lider pressend, die Farben tanzen sah. Nur noch viel stärker und noch viel größer. Aber doch auch anders, so daß er dann nicht mehr ein solches Gefühl von Furcht und Reue hätte.

Dies alles war in ihm. Er saß noch immer an seinem kleinen Tisch. Die Rose war versperrt. Er hätte sie so gern noch einmal angeschaut. Aber nur nicht kindisch sein, nur nicht sentimental sein! Scharf denken, sagte der kleine Beer immer, dann kann einem nichts passieren. Da in der Lade die Rose war nichts als eben eine weiße Rose, wie man sie bei jedem Gärtner bekam. Er hatte gar keinen Anlaß gerührt zu sein. Wenn sie verwelkte, konnte man sich morgen eine andere kaufen. Sie hatte nur den Wert eines Zeichens. Aber zum Begriff des Zeichens gehört, daß es, einmal gegeben, einmal vernommen, nun nicht mehr nötig ist; es hat seinen Zweck erfüllt. Alte Jungfern heben solchen Kram auf. Wozu? Weil ihr Gedächtnis alt wird und ein Loch hat und rinnt. Was aber soll ihm die Rose? Ihn erinnern, daß er ein Zeichen hat? Sein Gedächtnis war noch kein Sieb. Und wenn er hundert Jahre alt ist, das wird er noch wissen. Er muß lachen, indem er sich vorstellt, wie es sein könnte, daß er das vergessen sollte! Ihre weiße Hand im Fenster des Wagens und wie sein Herz da plötzlich stand, als sie die Rose warf, und er dachte dann nur noch: wenn es mir jetzt bloß gelingt, daß ich wieder atmen kann! Er erinnerte sich noch ganz genau, daß dies zuerst, als es geschah, sein einziger Gedanke gewesen war. Nein, das wird er nie vergessen. Er braucht die Rose gar nicht. Sie war bloß ein Zeichen. Aber da fragte es jetzt in ihm: Wovon? Er zuckte zusammen. Wer fragte da, was fragte? Er saß in seinem stillen Zimmer, ganz allein. Es konnte nur in ihm sein. Und er hörte wieder fragen. Wovon war es ein Zeichen? Was zeigte das Zeichen denn? Er sprang auf. Er bekam Angst. Es war spät. Er wollte schlafen. Es war ein Unsinn; er konnte doch nicht schlafen. Und plötzlich erinnerte er sich genau, daß er eigens einen langen Umweg gemacht hatte, um nur dem kleinen Beer nicht zu begegnen, aus Furcht vor seinen Fragen. Denn der würde fragen. Es war seine Art, alles durchzufragen. Der hätte das gefragt. Und jetzt war ihm, als wäre der doch wieder da, fragend und fragend. Ganz so wie er dann meistens stand, etwas schief, den Kopf im Reden vorstoßend, ungeduldig wetzend und scharrend. Wovon? Wofür? Welches Zeichen? Was bedeutet es? Was soll es? Und Franz glaubte das ewige Was des kleinen Beer förmlich schnalzen zu hören. Der fragte doch immer: Was soll das? Und sie hatten neulich sehr gestritten, als Franz, dem die Geduld riß, behauptete: es muß ja nicht alles was sollen! Er hatte jetzt fast einen Haß auf den kleinen Beer. Immer kroch der ihm nach mit seinen Fragen und überhaupt, alle fragten. Samon fragte, forschend über die glitzernde Brille weg. Und die andern Lehrer fragten, gierig und hämisch lauernd. Und war das endlich aus, dann fing der kleine Beer zu fragen an. Überall war ein unablässiges höhnisches Fragen, mit schamlosen Fingern über sein Gesicht tastend, in seinen Ohren bohrend. Er haßte das. Er erinnerte sich: vor ein paar Jahren, als er krank war, hatte der Arzt ihm die Nase mit einem Instrument ausgespritzt, er schrie vor Wut und stieß mit den Füßen auf den Arzt. Er fühlte noch kitzelnd das entsetzliche spitze Rohr eindringen. Und ganz so war ihm dieses Fragen. Er wollte nicht. Er hielt es nicht aus. Und ihm war heiß und bang und wirr. Er konnte nicht mehr, er fürchtete sich, er lief zur Mutter.

Sie schrak auf… Sie dachte, es sei was geschehen. »Nichts,« sagte Franz, »nichts, Mutter! Ich hab dich nur so schrecklich lieb, laß mich ein bißl bei dir!« Und er nahm ihre Hand und fing bitterlich zu weinen an. Aber dazwischen sagte er immer: »Nichts, Mutter, es ist wirklich nichts, laß mich nur, ich weiß nicht, dumm bin ich!« Und sie hörte doch auch gleich, daß es ein gutes Weinen war. Und so hielt sie nur seine Hand und streichelte sie und ließ ihn weinen, bis er lachte. Dann nahm sie das Jäckchen vom Stuhl, zog es an und jetzt machte sie Licht, um in seinen Augen nachzusehen. Aber sie sagte nichts. Sie hielt nur wieder seine Hand und streichelte sie und ließ ihn lachen und weinen. Und er sagte: »Du bist so gut! Du bist immer gleich gut! Und ob ich brav bin oder schlimm, das macht eigentlich gar nichts aus bei dir, du bist doch immer gut! Und da schäm' ich mich oft so vor dir, es nutzt aber nichts, im Gegenteil, dann muß ich dich gerade kränken, weiß nicht, aus Trotz oder was das ist, aber ich muß, sei nicht bös! Ich möchte dir das oft so gern sagen, aber ich würde mir eher die Zunge abbeißen. Ist das grauslich, gelt?« Und sie streichelte nur immer seine gute Hand und dann sagte sie leise, lustig: »Glaubst denn, daß ich das nicht weiß, dummer Bub?« Aber ihr war sehr ernst, ganz heilig. Denn sie fühlte; daß in ihrem Buben etwas Großes, etwas Starkes aufgebrochen war. Und sie schwieg, in Furcht und Seligkeit. Da sagte Franz leise, ganz geheimnisvoll: »Weißt du, Mutter, was ich möchte?« Und sie fragte leise: »Was möchtest du denn, Franz?« Und er bat leise: »Erzähl mir vom Vater!« Und er küßte still ihre Hand. Und dann sagte er: »Schau, Mutter! Du mußt mir jetzt viel vom Vater erzählen. Das tust du nie mehr.« Sie sagte lächelnd: »Was denn noch? Du weißt doch alles schon. Nicht?« Er sagte: »Nein, Mutter, erzähl' nur.« Und ganz leise sagte er noch: »Ich möchte so werden, wie der Vater war.«

»Ja,« sagte die Mutter mit einem tiefen Atemzug; es war wie ein Gebet. Und Franz sagte: »Keinen Menschen weiß ich sonst, dem ich gleich werden möchte. Aber er muß was Wunderschönes gewesen sein. Da braucht man ja dich bloß anzusehen. Und ich spür's an den Leuten, wenn sie von ihm reden, heute noch. Erzähl mir!«

»Ja mein!« sagte sie. »Wenn sich das so erzählen ließ! Er war halt so, daß man eine Freud hatte, bloß ihn anzusehen. Ein anderer ist gescheit oder kann was besonderes und macht sich überall nützlich, nicht wahr? Das ist dann ja leicht für so jemanden. Er aber kam bloß zur Türe herein und man wurde schon vergnügt, ohne daß er erst was zu tun brauchte. Manchmal machte er so ein gewisses listiges Gesicht und sagte: ›Frisch anzapft is‹! Damit, weißt, meinte er, daß er besonders gut aufgelegt war. Und wirklich: wie lauter Schaum kam es dann von ihm heraus. Gott verzeih mir die Sünd, so von ihm zu reden, du wirst das am End gar nicht verstehen! Ihm aber wäre es sicher recht. Nur nicht sich spreizen, hat er immer gesagt, nur keine gespreizten Leut! Einmal war ein Fest und er wurde sehr gefeiert, einer hielt eine Rede auf ihn, da hieß es: Unser Heitlinger, dieser wirklich große Mensch! Er aber lachte den aus und dann sprang er auf und sagte: ›Kinder, jetzt paßt's auf, ich will euch was verraten, das gibts nämlich gar nicht, laßt's euch nur nichts vormachen, es gibt keine großen Menschen, wir sind alle gleich, wir sind alle arme Hascher, aber das Große, Kinder, das gibt es schon, das Große gibt's überall, es fliegt überall herum, es fliegt durch die Welt und manchmal setzt sich's auf den und manchmal auf den und da sitzt's dann eine Zeit, wie Spatzen auf einer Telegraphenstangen, bis es wieder wegfliegt, dann ist die Stangen wieder leer, da kannst gar nichts machen, es kommt schon wieder einmal, aber auf manche setzt es sich halt besonders gern, deswegen wollen wir aber nicht die Stangen leben lassen, sondern das Große, das in der Menschheit herumfliegt, und bald sitzt es da und bald sitzt es dort, das lebe hoch, hoch, hoch!‹ So merkwürdige Sachen hat er oft gesagt. Und so war's mit ihm auch wirklich, Franz. Wenn ich dir das nur beschreiben könnt! Aber jetzt wirst du's ja noch nicht verstehen. Denn ich kann's dir nicht erklären. Ich weiß es nur. Und jeden Tag fast, wenn ich den Menschen zusehe, muß ich an ihn denken und sage mir: Ihr wißt's ja nichts, nur er hat recht! Aber das kannst du jetzt noch alles nicht verstehen, Franz, glaub mir! Und für jetzt ist schon das beste, du tust, was von dir verlangt wird. Mußt halt schon noch ein bißl Geduld haben, die paar Jahr. Und wird's dir einmal gar zu schwer, so sagst es mir, nicht wahr, mir kannst du doch alles sagen, bist ja mein Bub!« Sie sah ihn ängstlich an. Aber sie fürchtete sich, ihn zu fragen. »Das Große fliegt durch die Welt herum, hat er gesagt?«, wiederholte Franz, nachsinnend.

Die Mutter nickte. »Man weiß nie, ob's nicht morgen in der Früh draußen am Fenster sitzt! Das Große und das Schöne und das Glück oder wie man's nennt, denn er hat gesagt, das sind alles bloß verschiedene Namen. Aber gib acht, wenn du das Fenster aufmachst, daß es nicht wegfliegt. Und dann darf man auch nicht traurig sein, vielleicht kommt's ja wieder, wer weiß? Du kannst doch nichts dafür!«

Dann sagte Franz: »Ich möchte so werden, wie der Vater war.«

Die Mutter schwieg und erinnerte sich. Nach einer Weile sagte sie, beklommen und wie mit Trotz gegen sich selbst: »Ja, Franz, das sollst du.« Dann riß sie sich aus ihren Gedanken los und sagte: »Jetzt aber schau, daß du in's Bett kommst, und schlaf dich ordentlich aus! Das wäre was Neues! Frische Augen und ein vergnügtes Gesicht ist die Hauptsache, hat er immer gesagt.« Und sie gab ihm einen Klaps.

»Wart, Mutter, wart noch,« rief er vergnügt und lief geschwind hinüber und kam mit der Rose zurück. »Ich hab dir was mitgebracht. Ja, da schaust du! Und die gehört dir. Mutter! Ich hab' dich so lieb!«

»Wo hast du denn die wunderschöne Rose her?« fragte die Mutter. Aber er lachte nur noch lustig und rief noch hell: Gute Nacht! und war schon hinüber.

Die weiße Rose lag auf der Decke vor ihr. Sie roch ihren seltsamen feinen fremden Duft. Und sie dachte, wie sein Vater manchmal kam, das Hütl mit Blüten bekränzt; und da hatte sie geweint, weil sie doch schon wußte. Und sie fand nach seinem Tod eine Lade ganz mit vertrockneten Blumen voll. Daran dachte sie jetzt im Duft der weißen Rose. Und ihr war bang.

Sie legte die Rose auf das Kästchen und löschte das Licht aus. Dann horchte sie noch, aufsitzend. Der Bub schlief schon. Dann schüttelte sie sich heftig und warf dies alles ab. Nein, dachte sie, er soll werden wie der Vater, er hat recht! Und das wiederholte sie sich immer wieder. Aber ihr war von den alten Zeiten weh und sie mußte sich an alles erinnern und sie konnte nicht einschlafen.

Achtes Kapitel

Höfelind warf den Pinsel weg. »Kreuzhimmellaudon,« sagte er, »Ihr könnts mich alle –« Er brach ab, knurrte und, die roten Borsten auf der Lippe reibend, sagte er: »Pardon, Frau Gräfin! Aber könnten Sie wirklich nicht lieber um einen Photographen schicken? Billiger ist er auch.« Er konnte vor Zorn nicht reden, er spie die Worte von sich. Er trat an das große breite Fenster des Saals. Der weiße Barsoi fuhr fletschend auf und fing zu heulen an, in langen Klagen, die, durch den Saal hallend, langsam sanken, langsam wieder schwollen, bis die Rahl das Tier zu sich rief. Es schlich hin, sie kraute seinen schmalen spitzen Kopf. Dann nahm sie ihr Fläschchen und gab ihm das Salz zu riechen. Der Hund erschrak, lief winselnd weg und verkroch sich. Sie lachte.

»Ja, lachen Sie mich nur aus, darauf pfeife ich,« sagte der Maler, der es nicht gesehen hatte, in den tiefen Garten starrend.

»Man weiß wirklich nicht, wer komischer ist von Euch zwei,« sagte sie.

Er verstand es nicht, drehte sich um und sah sie fragend an. Gleich aber vergaß er wieder, sie zu fragen, und sah nur auf sie hin, den roten Kopf vorgestreckt, mit bösen und gierigen Augen, die unter den dicken struppigen Brauen nur wie ganz winzige strahlende Stacheln waren. Er hatte den Mund auf, gleichsam nach ihr schnappend, und zog die Nase schnuppernd ein. So stand er und alles an ihm war lauernd. Ausgehungert und verdurstend stand er wie zum Sprunge da. »Man könnte sich vor Ihnen fürchten,« sagte sie lachend. Und dann, während er noch immer stand, sagte sie plötzlich: »Also hopp!« Und sie schlug auf das Sofa. Er wußte nicht, wen sie meinte. Das Tier kam hervor, sprang hinauf und leckte ihre Hand.

Sie lag, Zigaretten rauchend, die sie zerbiß und immer gleich wieder wegwarf, um an einer anderen zu saugen. Sie streichelte den Hund, sie streichelte Tücher und Polster, sie streichelte Blumen. Kriminalromane lagen herum, zerfetzt, denn sie riß die Bücher mit der Hand auf.

Höfelind trat vor das Bild, aber er hatte nicht mehr den Mut es anzusehen. Er fing wieder an. Er hörte wieder auf. Er zog an der Staffelei. Dann stand er wieder, unbeweglich, und vergaß.

Sie sah ihm neugierig zu. Es war lustig. Er tat ihr leid. »Kommen Sie her,« sagte sie, »und schimpfen Sie sich aus, das braucht man.«

Er wurde zornig. Er ging nicht hin. Er sagte, sich vor das Bild auf einen Schemel setzend: »Wissen Sie, Frau Gräfin, daß Sie gar kein Gesicht haben?« Und er lachte höhnisch.

Sie drehte sich um und, auf dem Bauche liegend, die Faust unter dem Kinn, nach dem Maler blinzelnd, lachte sie. Es freute sie, daß er so verrückt war; wenigstens verging die Zeit. Und sie fragte: »Was denn?«

Er sah sie jetzt mutig, ganz gelassen an. Er maß sie, Zug um Zug. Sie fühlte, wie er ihr gleichsam den Zirkel anzusetzen schien. Und dann sagte er boshaft, indem er seine Stimme recht freundlich machte: »Sie dürfen aber nicht beleidigt sein?«

»Nein,« sagte sie, lauernd, indem sie das Kinn vorschob.

»A ja,« sagte er, sich mit den spitzen Augen in ihr Gesicht einbohrend, »das wäre freilich gut! A ja, das wäre ein famoses Kinn! Aber nein, Frau Gräfin, gehns!«

Sie zog das Kinn zurück und sagte ärgerlich, heftig rauchend und blasend: »Was wollen Sie denn eigentlich?«

»Und dann,« sagte er, langsam die Worte dehnend »müssen Sie mir versprechen, Frau Gräfin, es keinem Menschen zu sagen! Es war schad.«

»Aber nein!« sagte sie ungeduldig.

Er sah sie noch immer an, auf dem Schemel sitzend. Dann nickte er befriedigt und sagte gelassen: »Sie haben überhaupt kein Gesicht, sondern da, wo das Gesicht sein soll, haben Sie bloß eine Null.« Er sah sie noch einmal an und nickte. »Eine Null.« Und dann sagte er noch zu seinem Bilde hin: »Wünsche wohl zu malen!« Er starrte das Bild an. Als er aber gar nichts hörte, war es ihm unbehaglich und ohne auf sie hinzublicken, sagte er, an den roten Borsten seiner Lippe kauend: »Sie haben ja versprochen, nicht bös zu sein.«

Sie lag unbeweglich. Es kam nur ein Hauch von ihr: »Nein.« Und dann kam noch ein solcher Hauch, langsam durch den Saal bis an die hohen Scheiben schwebend: »Vielleicht.« Er dachte plötzlich wieder: Diese tiefblaue Stimme! Ein tiefes Blau, mit goldenen Fäden darin! Diese Stimme malen! Ganz still stand er wieder auf. Ganz still trat er an das Bild und fing wieder an. Und er malte jetzt ganz brav.

Sie hob ein zerfetztes gelbes Buch vom Boden auf, las wieder, warf es wieder weg, gähnend, rauchend, das Riechsalz einatmend, den Hund krauend, an den Blumen zupfend. Sie streckte, dehnte, ringelte sich, die Polster ballend und wieder wendend. Sie schellte. Der Diener kam, im Kamin nachzulegen. Die Flamme pfiff, die Balken krachten auf, dann war ein Knacken und Sieden. Sie ließ sich noch einen Pelz über die Füße breiten, die sie, schief im Sofa kauernd, unter den dicken Decken heraufzog.

Höfelind dachte: Wenn ich ein Zimmermaler wäre! Wenn ich es übernommen hätte, das Zimmer auszumalen! Ich würde malen, malen, malen. Muß es mir gefallen? Was braucht es mir zu gefallen? Fertig machen; denn es ist bestellt. Ein braver Handwerker sein. Alles sonst ist Schwindel. Soll mir nur keiner nachweisen können, daß es unrichtig ist. Das andere geht mich nichts an. Bin ich ein Zeichendeuter? Bin ich ein Seelenhändler? Malen, malen, malen! Hoch Radauner! Es lebe der Klee! Sachlichkeit, Pflichtgefühl, Treue zur Natur; alles andere ist Schwindel. Malen, malen, malen, Zoll um Zoll, was du siehst. Du Pfründner! Ja: Pfründner oder Schwindler. Wähle! Es gibt kein Drittes. Handlanger oder Scharlatan. Malen, sagt der alte Radauner, ist Zeugnis ablegen vor dem ewigen Gericht. Willst du bezeugen, was deine Augen nicht sehen? Womit, meineidiger Schuft? Aber ich habe doch, ich habe sie doch anders gesehen, anders, mehr! Und das andere war wahr! Er wußte doch, daß das andere wahr war! Dort auf der Skizze; damals im Theater. Sie log ihn an, wie sie jetzt da lag! Wer war dieses dicke, mürbe, fröstelnde Weib mit den wässerigen Augen? Warum die malen? Wozu? War jene nicht ebenso wahr? Hatte er jene nicht auch gesehen? Mit eben diesen seinen Augen gesehen? So stark gesehen, daß er sie niemals vergessen konnte? Das war es ja doch! In seiner Erinnerung stand immer noch jene da. Hier auf dem Sofa lag die Frau Gräfin vor ihm, er aber sah nur jene. Jene suchend rang er. Das war seine Qual. Aber er wollte nicht mehr daran denken. Malen, malen, malen! Sich wund und weh malen, bis die Knie zittern und es in den Augen flirrt und man nichts mehr weiß! Malen und verblöden und sich dann einen ansaufen! Und er hieb auf das Bild ein. Wie im Prater, dachte er, beim Watschenmann, nur zeigen, daß man stark ist!

Sie lag und sah ihm zu. Sie sah den Schweiß aus seiner weißen gelbgefleckten Haut tropfen. Er erinnerte sie an Jank. Sie fand es ekelhaft, daß die Menschen schwitzen. Sie streichelte den großen Hund mit den langen weichen weißen Haaren. Auf der Stirne des Malers sah sie die dicken blauen Striche seiner Adern bis unter die Stoppeln der roten Haare. Sie hatte das Gefühl, förmlich in sein zuckendes Gehirn zu sehen, das sich vor ihr wand. Es war widerlich. Sie sah seinen offenen Mund. Auf den zerbissenen Lippen waren kleine weiße Punkte von Schleim.

Er sagte plötzlich: »Ich muß das Fenster ein bißchen aufmachen.«

Sie stand auf und trat zum Fenster an das andere Ende. Es war eine merkwürdige Luft, wie weit von braunen Äckern her. Aber sie ging zum Kamin und stieß in die prasselnden Scheite. Ihr war heiß und es fröstelte sie. Sie hätte sich ins Feuer setzen, aber auch in Schnee wälzen mögen. Sie wollte rauchen, aber es widerte sie. Sie wäre gern gelaufen, durch den Garten hinaus in einen weiten Wald, aber sie war zu müd. Sie legte sich wieder hin. Sie horchte, wie dem schlafenden Hund in ungleichen Stößen das Herz schlug. Manchmal schob er die lange spitze Schnauze vor und jammerte leise. Der Maler stand am Fenster, die Schultern hoch, so daß der kurze Hals nicht zu sehen war. Sie fand, daß er einem Bauer glich, der sich stemmt, um einen schweren Schiebkarren zu bewegen. Er war komisch. Da fiel ihr plötzlich ein: Ein Bauernbub aus der Weiser Gegend und eine Hausmeisterische von Ottakring! Das machte ihr Spaß. Eigentlich gehörten sie zusammen. Und in dicken alten Büchern studierte dann der Graf nächtelang über ihre Kunst nach! Alles war so komisch. Plötzlich tat ihr der Maler wieder leid.

»Es kommt doch auch davon,« sagte sie plötzlich, »daß ich ganz entleert und ausgeschöpft bin.«

Höfelind drehte sich um, mit einem gierigen Blick, als ob er sie jetzt ertappt hätte. Und indem er sich zwang und gleichgültig tat, um sich nicht zu verraten, daß er es ihr ablauschen wollte, sagte er: »Wie meinen Sie? In wiefern?« Und er sah von ihr weg und trat an das Bild.

Es sprach aus ihr; und sie wunderte sich selbst, wie die Stimme klang, als ob sie mit fremden Menschen in Gesellschaft wäre, so sprach es aus ihr, mit einer interessanten Müdigkeit: »Ich kann Sie so gut verstehen. Wir kennen das doch auch, diese Qualen der Kunst! Ja, mein Freund, es macht sich teuer bezahlt, das bißchen Kunst!«

Er fühlte, daß sie sich ihm wieder entwand. Er wurde zornig. »Bei uns sagen das nur die, meistens,« antwortete er, »die nichts können.« Und er setzte noch einmal hinzu, achselzuckend: »In unserer Abteilung.«

»Warum plagen Sie sich denn dann so?« fragte sie, boshaft lachend.

Er sah vor sich hin, plötzlich wieder entmutigt, und sagte: »Die Leute werden natürlich auch sagen, daß ich nichts kann. Und mit Recht!« Und indem er wieder heftig zu malen begann, wiederholte er: »Und mit Recht! Es ist ja wahr. Aber –« Er hielt ein, sah sie verwundert an, als ob ihm jetzt erst etwas aufgefallen wäre, und malte. Nach einer Weile trat er zurück und verglich. Dann sagte er: »Aber der Auftrag ist dumm. Er hat die Schuld. Malen Sie die Rahl! Aber dann schicken sie mich zur Frau Gräfin her. Gut, die Frau Gräfin kann ich malen, bitte! Die Leute werden aber bös sein. Denn die Leute werden wollen, daß es die Rahl sein soll. Hier sitzt aber die Frau Gräfin. A!« Er stampfte mit dem Fuß und rieb die roten Stacheln auf der Lippe. Dann sagte er, erbittert: »Es ist ja auch nur so geredet! Das ist es ja auch nicht! Es muß noch irgendwie ganz anders sein!« Und er senkte den Kopf und stand wieder gierig vor ihr.

»Spießen Sie mich nur nicht auf!«, sagte sie lachend. Es war ihr aber angenehm. Fast wie auf der Bühne war es, vor dem großen schwarzen Loch. Sie streckte sich und schien zu wachsen, und indem sie dies an seinen saugenden Augen bemerkte, dachte sie: Eigentlich ist das so, jetzt tritt mein Gesicht auf! Es kam ihr aber albern vor und sie ärgerte sich. Sie war müd und er langweilte sie! Sie wollte sich unterhalten und sagte: »Sie tun ja, als ob das zwei verschiedene wären.«

Er, schon wieder ganz im Malen, verstand sie nicht. Er fragte leise, als ob er plötzlich gar keine Kraft mehr hätte: »Was denn? Was meinen Sie denn?« Und er blinzelte, wie wenn ihm dunkel würde.

Sie sah jetzt, daß seine Lider an den Rändern ganz rot waren. Und die roten Borsten überall! Ein roter Stöpsel, dachte sie. Sie fand aber, daß das in dem weiten strengen feierlichen Saal ganz lustig war. Und, sich behaglich dehnend, sagte sie: »Nun, was heißt das: die Rahl und die Frau Gräfin? Was ist da für ein Unterschied?« Und sie freute sich, daß es so dumm klang, und sie machte ihre Stimme ganz klein und ganz lieb, als sie noch fragte, zirpend: »Bin denn das alles nicht ich?«

Da ging der Maler auf die Schauspielerin los, bis vor sie hin. Und es war, als ob er sie schlagen würde. Sie lag und regte sich nicht. Sie spürte den Dunst seiner Wut über sich. So lag sie wartend. Es fiel ihm auf, daß sie eigentlich grüne Augen hatte. Das gibt es aber gar nicht, sagte er sich.

Und laut sagte er: »Darf ich mir noch eine Zigarette nehmen?« Sie nickte. Ihr Gesicht sank ein. Er fand, daß es alt und wie ganz ausgewischt war. Der weiße Hund fuhr aus dem Schlaf und fletschte.

Höfelind ging auf und ab. Dann trat er zum Fenster, in den tiefen Garten blickend. Er sah die Statuen im Regen. Er dachte, daß der weiße Marmor in unsere Gegend nicht passe. Er ging wieder rauchend auf und ab. Aber, als er sie lachen hörte, blieb er stehen und sagte, ganz ruhig: »Ich habe mir schon manchmal gedacht, ob das nicht das einzige Mittel wäre. Glauben Sie nur nicht, daß ich mir aus den Weibern was mache! Aber vielleicht wäre das noch das einzige. Gar keine Geschichten machen, sondern Sie packen und einfach nehmen. Vielleicht, Frau Gräfin!« Und er sah sie ruhig an, wieder so vorgebeugt mit seinem kurzen Hals, als ob er zustoßen würde. Dann ließ sein böser Blick sie los und er ging wieder auf und ab, den brenzlichen Rauch verschluckend, und sagte noch, in einem höhnischen Ton und einen Prediger nachahmend: »Und er erkannte sie, heißts in der heiligen Schrift; und er erkannte sie.« Und als sie nichts sagte, fügte er nach einiger Zeit ganz lustig hinzu: »Also nehmen Sie sich gefälligst ein bißl in acht. Wir könnten sonst Unannehmlichkeiten haben, alle beide.« Und er ging wieder weiter und wiederholte noch einmal leise, nachdenklich: »Und er erkannte sie.«

Wie ganz weit kam ihre tiefe Stimme her, die sagte: »Glaubt man auch bloß.« Und dann klang es noch durch den Saal hin hallend: »Nein.«

Er sah sich erst um, ob es wirklich sie war, die sprach. Und er wußte nicht, warum er plötzlich Angst hatte. Aber, dachte er, das geht dich ja gar nichts an, du sollst malen! Er trat vor das Bild. Sei froh, dachte er, daß du kein Literat bist! In acht Tagen wird es abgeliefert und du hast Ruh. Nur kein Schmock sein, sagt der alte Radauner. Und er malte.

Lange war es still. Bloß das Schürfen an der Leinwand und das Keuchen des im Schlafe zitternden Tieres wehten durch den hohen Saal. Draußen kam durch den zergehenden Regen wieder die Sonne blaß hervor.

»Und vielleicht,« sagte die Rahl nach einer langen Zeit, als ob sie gar nicht geschwiegen hätte, sondern noch mitten im Gespräche wäre; »vielleicht, sehen Sie, ist es deswegen, daß wir so viele Dummheiten machen beim Theater! Nicht? Man sagt sich halt auch: Packen und einfach nehmen! Weil man halt auch glaubt – ja was glaubt man eigentlich?« Und sie wiederholte nickend: »Er erkannte sie.« Dann lachte sie. »Wer denn? Diese alten Juden müssen andere Herrn gewesen sein! Aber man glaubt doch immer wieder! Man hat ein so merkwürdiges Gefühl, gewissermaßen: Ich möchte mich öffnen! Denn da muß was wunderschönes noch verborgen sein. Deshalb vielleicht!« Ihre Stimme verdunkelte sich, als sie noch einmal sagte, die Worte gleichsam mit den Lippen streichelnd: »Ich möchte mich öffnen.« Und plötzlich wurde sie zornig: »O Ihr feinen Psychologen! Mein Mann doch auch! Aber da lach ich nur!« Sie setzte sich auf und sah den Maler an. »Was wißt denn Ihr? Ja, da!« Sie schnippte mit den Fingern. »Eine Null, nicht wahr? Der man abends erst den Einser vorsetzen muß: die Rolle? Denkt Ihr!«

»Ich habe nur Ihr Gesicht gemeint,« schrie der Maler.

Sie hörte nicht auf ihn. Es war ihr eine Lust alles auszuräumen. »Uns kennt ja jeder durch und durch! Nirgends lernt die Psychologie sich bequemer. Lassen Sie sich's vom Hofrat Wax erklären! Der auch! Jeder, der sich einen Sitz kaufen kann, kennt uns. Denn wir sind selbst nichts, wir können nur alles scheinen. Gelt? Und schwupps habt ihr die Lösung in eurer Hand. Bloßes Material wie Gips oder Ton. Aber dann haucht uns der Dichter an und bläst uns eine Seele ein. Alle Seelen lassen wir uns einblasen, welch ein Wunder! Natürlich, daß für uns selbst zuletzt keine übrig bleibt.«

»Seele, Seele!« ächzte der Maler höhnisch. »Ich will Ihr Gesicht! Möchten Sie jetzt nicht endlich einmal einen Moment ruhig halten?«

»O bitte!« sagte sie gleichgültig, lehnte sich zurück und war still.

Er sagte dann ungeduldig: »Nein, reden können Sie schon. Das ist ganz gut.«

»Sie sehen dann besser?« fragte sie spöttisch. »Nun und wenn Sie mir versprechen nicht zuzuhören –«

»Nein,« sagte er, »das ist nicht mein Geschäft.«

»Also um mein Gesicht etwas zu beleben, gut!« sagte sie. »Nicht wahr, eine Frau Bäckerin, ja das ist was anderes! Da weiß man doch, woran man ist. Und ob man spät abends oder in aller Früh oder wann immer man kommt, sie wird jederzeit die Frau Bäckerin sein. Wir aber schminken uns um elf Uhr ab. Und das ist euch unheimlich. Die Frau Bäckerin soll immer die Frau Bäckerin sein. Glauben Sie wirklich, daß das so schwer ist? Und glauben Sie wirklich, wir spielen bloß, um wenigstens von sieben bis elf was zu sein, die Frau Bäckerin oder die Frau Königin? Bloß aus, wie heißts? aus Lust an den Verwandlungen? Glauben Sie, ich könnte die Königin nicht im Leben sein? Nur daß man, wenn man sie spielt, noch eins voraus hat! Weil man dann nämlich spürt, daß noch mehr im Menschen ist. Ihr Tröpfe! Auf der Bühne spürt man, daß der Mensch mehr hat, als um immer nur sein ganzes Leben lang eine Bäckerin, eine Königin zu machen. Mehr, mehr!« Sie sprach es gierig und stand lauschend.

Er hätte sie gern gebeten, so zu bleiben, aber er fürchtete, sie aufzuwecken, so hob er nur unwillkürlich die Hand und schaute.

Ganz leise, ganz langsam sagte sie: »Es gibt einem plötzlich einen Ruck und dann weiß man es, daß noch mehr im Menschen ist. Die Bäckerin, die Königin, die Rolle, das alles ist es noch nicht, sondern im Menschen muß mehr sein, jetzt weiß man es. Und dann sucht man das.« Sie sah hinaus, dann erblickte sie Höfelind, ihre Augen erwachten und waren verwundert, ihn zu sehen. Und mechanisch, während sie sich langsam entsann, wiederholte sie: »Das sucht man dann überall. Wie seinen Herrn ein verlaufener Hund, sucht man das die ganze Zeit. Was man dort gespürt hat, dieses Mehr, das halt!« Sie griff mit ihrer weißen Hand in die Luft. Und dann sagte sie noch lustig: »Aber es scheint, daß es sonst nirgends zu finden ist. Darum muß man halt beim Theater bleiben. Schön ist es nicht.« Und indem sie wieder zum Divan ging und eine Zigarette nahm, fragte sie: »Jetzt kann ich mich doch aber hoffentlich wieder setzen?«

Nach einiger Zeit sagte der Maler: »Es ist merkwürdig, daß man in jedem Metier andere Flausen macht.«

Sie lag wieder und sagte: »Ja. Es ist merkwürdig.«

»Immerhin,« sagte Höfelind, »haben Sie ja schließlich recht. Ich auch, wenn ich male, und es geht mir zusammen – natürlich hat man dann das Gefühl, daß man mehr spürt, als im Leben je. Und daß man jetzt eigentlich erst alles weiß. Übrigens beim Radfahren, zuletzt beim Spurt, wenn man den anderen hinter sich schon förmlich riecht, hat man es auch. Es hängt vielleicht mit dem Schwitzen zusammen.«

Sie sagte nachdenklich: »Ja, Sie können aber schwitzen, wann Sie wollen.«

Er fragte: »Was meinen Sie?«

»Wir müssen warten, bis der Vorhang aufgeht. Natürlich wird da einem oft der Tag lang. Und dann stellen Sie sich vor, es müßten tausend Menschen zusehen, wenn Sie malen. Denn, Sie hätten das Gefühl, sonst geht es nicht.«

Er lachte. »Nein, das Gefühl hätte ich gewiß nicht. Im Gegenteil. Schrecklich.«

»Denn,« sagte sie, »sonst wären Sie ein Schauspieler.« Und sie sagte noch leise: »Es ist nicht schrecklich. Nein.«

Es klopfte. Sie rief. Der Graf trat ein. »Nein,« schrie Höfelind grob, »es ist noch gar nichts zu sehen. Gar nichts.« Und er stellte sich trotzig vor das Bild.

Der Graf sagte: »Verzeihen Sie! Ich will gar nicht stören.« Er blieb an der Türe und sagte zur Gräfin: »Das Theater fragt an, ob du morgen zu der Probe kommst.«

»Was fällt dir denn ein?« schrie sie zornig. »Ich bin ja nicht verrückt.«

»Ich wollte nur doch fragen,« entschuldigte sich der Graf. »Ich habe ja kein Recht, zu verfügen.«

»Nein,« sagte sie feindlich.

Der Graf sah nach dem Bilde hin und sagte dann: »Als Leonardo die schöne Frau des Messer Giocondo malte, ließ er gern Musik dazu machen, um ihr strenges Gesicht aufzuhellen, weil schöne Frauen leicht übler Laune sind. Was meinen Sie, Herr Höfelind?«

»Na, dös brauchen mer nöt, Herr Graf,« sagte Höfelind. Denn Radauner riet ihm stets, mit hohen Herrn im Dialekt zu sprechen, weil sie für das Volkstümliche sind. Und er setzte hinzu, mit einem bösen Blick auf das Bild: »Vorderhand schauts noch eher einem Pferd gleich.«

Sie sagte lachend: »Jetzt sehe ich, Sie haben mich wirklich erkannt. Ich bin überzeugt, daß ich in einem früheren Leben einmal ein Pferd war. Wie oft denke ich mir das!« Und indem sie sich zum Grafen wendete, sagte sie: »Erinnerst dich an die jungen Pferde, damals am Misurinasee? Im Wind auf der Wiese. Und sie sprangen auf und ließen sich kitzeln vom Wind.« Ihre Stimme war sehnsüchtig.

»Ja,« sagte der Graf leise, traurig, »ich erinnere mich. Aber ich will nicht länger stören.« Und er ging, leicht mit der Hand grüßend.

Neuntes Kapitel

Genug! Es ist gut,« sagte Herr Professor Samon. Er schrieb in sein Büchlein, der Knabe trat ab, in den Bänken war ein Rücken und Rascheln der Erwartung. Die Knaben hielten sich geduckt, fisperten und flackten und fragten, blätterten in den Heften um. Es waren nur noch zehn Minuten; jeder dachte: vielleicht gehts vorbei; und jeder kroch mit dem Kopf ins Buch und keiner sah auf, um nicht gesehen zu werden. Samon schrieb noch immer, dann las er nach, dann schien er in seinem Büchlein zu suchen, er blätterte, er schrieb wieder, er schlug zurück; und bisweilen sah er, nachdenklich aufblickend, über die ganze Klasse weg in die Wand. Franz sah ihm zu und mußte lachen. Er wußte doch, daß er jetzt kam. Er war gestern geprüft worden und Samon hatte ja jetzt seit einiger Zeit die Marotte, ihn dann stets am nächsten Tage gleich wieder vorzunehmen, aus dem Hinterhalt, wie der kleine Beer es nannte. Franz fand das so kindisch. Er wunderte sich, wie denn erwachsene Menschen an solchen Listen und eitlen Ränken eine Freude haben könnten, ohne zu bemerken, daß ihre Schüler doch wirklich wichtigere Sorgen hatten und, diesen albernen Spielereien entwachsen, davon nur nervös und trotzig und tückisch würden. Was tat der jetzt dort oben geheimnisvoll, in seinem Büchl suchend? Es waren ja nur noch zehn Minuten und Franz wußte doch, daß er ihn fangen wollte. Aber wozu? Schließlich wird es ja doch heißen: Franz Heitlinger, Sie! Und er dachte, daß die Unbildung der Lehrer, ihr lächerlicher Dünkel und diese kindischen kleinen Bosheiten schließlich alle noch erträglich wären, wenn sie nur ein Einsehen hätten und sie nicht immer noch behandelten, als ob junge Leute, die doch in zwei Jahren in's Leben entlassen würden, nicht bis fünfe zählen könnten. Aber da hob Samon, aus seinem Büchlein aufsehend, jetzt richtig den Finger, stach in die Luft und sagte, mit seinen leeren Augen über die spiegelnde Brille nach der Wand blickend, als wenn dort das Gesetz des Lebens abzulesen wäre: »Heitlinger, Sie!«

Franz nahm sein Buch und trat heraus, den kleinen Beer ansehend, der ungeduldig in seiner Bank wetzte; wie Verbündete blickten sie sich einverstanden an, voll Verachtung für die Schule. Die Knaben setzten sich erleichtert auf; nur noch zehn Minuten, jetzt konnte keinem mehr was geschehen. Es war ein Rieseln und Nippeln und Rumpeln in den Bänken. Samon hob beide Hände stach gegen die Klasse hin, was seine Art war, Ordnung und Ruhe zu gebieten. Das Rauschen hielt ein, die Knaben drückten sich nieder. Samon hörte nur noch ein Scharren in der Ecke der ersten Bank. Er wendete den Kopf hin, doch ohne den kleinen Beer anzublicken, den er in Verdacht hatte. Aber er fühlte, wie die heißen Blicke des kleinen Beer auf ihm lagen. Er bemerkte jetzt, daß zu stark geheizt war. Es roch, als hätte der Ofen geraucht. Und draußen der warme Regen, im Nebel! Die Buben waren in nassen Kleidern gekommen. Indem diese trockneten, war ein Dunst. Dem Herrn Professor Samon wurde der Atem schwer und dies alles empfand er, als ob die ganze Klasse mit Renitenz gegen ihn geladen wäre. Und er hatte bloß den einen Gedanken, es ihnen schon zu zeigen. »Also!« sagte er ungeduldig zu Franz, indem er sich mit der linken Hand das Auge verhielt, wodurch er den Eindruck inquisitorischen Aushörens zu machen hoffte; er wurde deshalb vom kleinen Beer auch der Kyklop genannt.

Franz begann erst den Text vorzulesen, worauf er, Wort für Wort, langsam übersetzte. Samon nahm einen langen Bleistift und stieß ihn, wenn ein Satz aus war, immer auf das Pult, als ob er dadurch dem Knaben nachhelfen würde. Als der dritte Satz aus war, fragte Franz, den Bleistift ansehend: »Wie meinen Herr Professor?«

Samon dachte wieder: Renitent! Er beherrschte sich aber, nickte nur und sagte: »Weiter!«

Franz sagte: »Ich habe nur geglaubt, daß vielleicht etwas falsch war, weil Herr Professor geklopft haben.« Und er stand wartend da, Samon ansehend, selbst verwundert, warum er heute so frech war; es machte ihm aber sehr viel Spaß und er hatte ein wunderbares Gefühl, ganz sicher und stark zu sein, weil ihm doch das alles jetzt gleichgültig war. Er wartete noch, neugierig, was der Herr Professor antworten würde.

Samon hatte das Gefühl, daß jetzt die ganze Klasse die Ohren spitzte. Er hob den Kopf, schob das Kinn vor und drückte die Brille fest; wie zwei Kanonenrohre waren die Gläser der blitzenden Brille gegen die Klasse gerichtet. Heuchlerisch aufmerksam sahen ihn die Buben an. Seine Blicke gingen die Reihen ab, ein Opfer suchend. Er fühlte sich plötzlich so verlassen und so verkannt. Warum hatte keiner Vertrauen zu ihm? Er meinte es ihnen doch gut! Warum lauerten sie so? Was tat er ihnen denn? War es nicht seine Pflicht? Wen hatten sie denn als ihn, um in den Gefahren der Jugend beschützt, vor Verlockungen gewarnt, in den Nöten ihres ja natürlich noch unreifen und zwischen so vielen Angeboten des Lebens unschlüssigen Gewissens beraten zu werden? Es gab natürlich Kollegen, die sich es leicht machten! Schmeichler der Kinder und sozusagen ihre Höflinge, welche, wie dies überall leichtsinnigen Charakteren bequem ist, pflichtvergessen die verderblichen Neigungen der ungestümen Jugend walten ließen, ja wohl noch darüber zu scherzen sich nicht entblödeten! Was aber hatte der Staat, was hatte das Volk, was das gesamte geistige und sittliche Leben der kommenden Zeit von einer Generation zu erwarten, an welcher es in den entscheidenden Jahren versäumt worden war, sie die höchsten Errungenschaften aller menschlichen Kultur zu lehren: Entsagung und Gehorsam? Und wie sollten diese jungen Menschen selbst dereinst gewappnet sein, die rauhen Stürme des Lebens zu bestehen, wenn sie nicht in sich gefestet waren und gewissermaßen gestählt, was eben nur in einer unerbittlichen Disziplin des Willens erreicht werden kann! Was halfen Kenntnisse, wenn sie bloße Fertigkeiten des Verstandes blieben, unfähig ins sittliche Gebiet einzugreifen, männliche Fassung zu gewähren und den Trost in Enttäuschungen, in Kränkungen, in Ermüdungen, den der Mensch nur in seinem sittlichen Bewußtsein allein finden kann, bereit zu halten? Ihn selbst, was hielt ihn aufrecht? Was gab ihm Kraft? Was half ihm die Widerwärtigkeiten von Zurücksetzung, Undank, Vereinsamung bestehen, wenn es nicht die früh im Verzichten geübte Geduld und der männlich entschlossene Gehorsam, der die Forderung des Tages immer wieder in neuer Demut auf sich nimmt, gewesen wären, die treugebliebenen Gefährten seiner Jugend? Er verlangte von den Buben nichts, was er nicht sein ganzes Leben von sich selbst verlangt hätte! Dies gab ihm ein Recht darauf. Wollten sie es besser haben als er? Ja, dies war jetzt der neue Sinn. Ja, diesen trotzigen und höhnischen Sinn einer zügellosen Empörung gegen jedes Gesetz, gegen alle Zucht, gegen die geheiligten Grundlagen jeder menschlichen Vereinigung spürte er, wenn er über die lauernd geduckte Klasse sah, nach der breiten weißen Wand hin! Dieser Sinn, unter allen Bänken versteckt, in allen Winkeln kichernd, jetzt in einem unbewachten Blick eines Buben, jetzt in einem frechen Lachen aufspringend, das war sein Feind! Ja, wie einen persönlichen Feind, der ihm an's Leben will, empfindet er ihn. Wenn der recht behält, dann ist sein ganzes Leben vertan, dann hat er verspielt. Wozu dann alles? Arbeit an sich selbst, Mühe jeden Tag, Sorgen, Erniedrigungen, Entbehrungen, und keine Freude je; nein, keine frohe Stunde hat er in seinem ganzen Leben gehabt! Wozu das alles, Opfer um Opfer, Verzicht auf Verzicht, Jahr für Jahr, bis er mit Vierzig graue Haare und Furcht vor den Anzeichen der Verkalkung hatte? Wozu, wenn es nicht das allmächtige Gesetz des menschlichen Daseins war, das in allen Ewigkeiten alle Menschen unter sich zwang? Er wäre betrogen gewesen. Nein, die Nachsicht bequemer Lehrer begriff er nicht. Ihm war es wie ein hohes Spiel, er hatte sein ganzes Leben eingesetzt. Und er kannte die Wutanfälle des Spielers, die plötzliche Todesangst, wenn das Spiel sich wendet, den Zorn, der entschlossen ist, alles zu wagen. Er hätte so einen renitenten Buben erwürgen können. Dabei tat ihm der eigentlich leid. Aber es ging zu hoch. Der Einsatz war: Wer hat recht?

Dies alles fuhr jetzt wieder auf Samon los, während er den Rauch des Ofens, den Dunst der nassen Kleider und den bösen Willen der raschelnden Buben roch. Und er sagte zu Franz: »Worauf warten Sie noch, Heitlinger?« Den kleinen Beer riß es herum, als ob der Franz in's Gesicht geschlagen würde. Unwillkürlich sah Franz auf den kleinen Beer hin, er begriff das gar nicht. Was ging es ihn an, wie Samon aufgelegt war? Das ging ihn doch jetzt alles gar nichts mehr an. Er mußte nur acht geben, nicht laut aufzulachen. So komisch war der Samon! Aber er wollte keinen Verdruß, es stand nicht dafür. Und er begann wieder zu lesen.

»Lesen Sie nicht erst,« sagte Samon, »übersetzen Sie gleich!« Er forderte dies sonst nie, doch jetzt war er entschlossen, den Trotz des Buben zu brechen. Der sollte nur nicht glauben, weil er zufällig einmal die fünfzig Verse gelernt hatte, daß er ihm entkam!

»Gern, Herr Professor,« sagte Franz und fing schon an. Aber Samon fiel ein, indem er den Stift in das Pult stieß: »Diese Bemerkung muß ich zurückweisen! Wie Sie sich subjektiv zu Ihren Pflichten verhalten, hat uns hier gar nicht zu kümmern. Tun Sie, was man von Ihnen verlangt! Ob es gern oder ungern geschieht, ist eine Mitteilung, die nicht in die Schule gehört, welche wohl immerhin sich mit wichtigeren Aufgaben zu befassen hat. Haben Sie verstanden, Heitlinger?« Und er dachte, daß es wirklich weit wichtiger wäre, den Hochmut des jungen Menschen zu brechen, als ob er die fünfzig Verse wußte oder nicht.

»Jawohl, Herr Professor,« sagte Franz hell.

Der kleine Beer sprang auf und bat, austreten zu dürfen. Samon sah ihn an, über seine Brille weg, dann nickte er, obwohl er Mißtrauen hatte, da dies meistens doch eine List der Schüler war. Es hatte sich doch einteilen lassen, aber man gab ihnen zu viel Freiheit, daher kam alles. Der kleine Beer schlug die Türe zu, daß es krachte. Aber er öffnete sie gleich wieder und meldete, draußen auf dem Gang wäre das Fenster auf und so hätte der Wind ihm die Türe aus der Hand gerissen. Und er sah den Herrn Professor Samon an, bis dieser wieder nickte. Dann ging er wieder.

Franz übersetzte. Er war ganz sicher. Es kam ihm vor, er hätte heute auch aus dem Türkischen übersetzen können. Er sah dabei den Samon an, wie der lauerte. Es war lustig. Bald aber vergaß er es. Er konnte über sein Buch weg am Pult vorbei durchs Fenster in den Hof, auf den großen Kastanienbaum sehen. Der stand jetzt noch ganz kahl. Aber er wußte, daß er in vierzehn Tagen dicke schwitzende Knospen haben wird. Und dann später wird er auf einmal ganz voll von schweren roten Kerzen sein, die im Winde nicken. Daran dachte er, während sein Mund übersetzte. Da schlug es draußen, die Stunde war aus. Und jeder Schlag der Glocke tat einen Ruck durch die ganze Klasse hin und schien an ihr zu rütteln und schien sie zu schütteln, bis Samon wieder die Hände flach gegen sie hob, Ruhe gebietend mit seiner letzten Kraft. Und er sagte zu Franz, der schwieg: »Was ist? Ich habe noch nicht anbefohlen, daß wir aufhören.« Franz gehorchte. Und Samon lauerte, wer sich regen würde. Er wünschte sich das eigentlich, er wäre gern losgefahren. Dieser dumpfe Haß, der aus allen Bänken stieg, war ihm unerträglich. Er fühlte sich beschämt, sie jetzt freizulassen. Er haßte die Glocke, die mit ihren Schlägen seine Macht zerbrach. Wenn er jetzt seinen Rock nahm und auf die Gasse ging, wer war er dann noch? Und er spürte, daß die Buben das wußten. Er hatte das Gefühl, daß alle Augen jetzt voll Hohn waren, zur Tür blinzelnd, die er jetzt gleich öffnen muß, und damit legt er seine Macht ab und draußen ist er nur noch irgend ein Herr, nach dem kein Mensch fragt, die Buben aber lachen ihn dann aus. Und es ist ihm, als ob er nicht aufhören könnte, und er wehrt sich, so beschämt abzuziehen, und er lauert, ob unten keiner wetzt, ob Franz nicht einen Fehler macht, ob nirgends einer ist, den er packen kann, um sich zu rächen. Und dabei hat er ein solches Mitleid mit sich. Er fühlt, daß ihm Unrecht geschieht. Er wäre lieber der gute Freund seiner Schüler. Er nimmt es sich doch immer wieder vor. Er hat den besten Willen, das kann er wohl von sich sagen. Wie oft, abends zu Hause, denkt er darüber nach! Wenn er dann aber wieder vor den Buben sitzt und den Hohn überall spürt und die frechen Augen sieht, nein, da kann er nicht, der Zorn stößt alles weg. Er war schon der rechte Lehrer, aber es hätten auch die rechten Buben sein müssen, nicht diese Horde! Sie nahm ihm alle Kraft weg. Er hätte manchmal am liebsten geweint. Und da gab es dann nichts als die Zähne zusammenbeißen, daß sie nur ja nichts merkt!

Samon stand auf. »Genug,« sagte er. »Melden Sie sich morgen wieder, Heitlinger! Wir werden dann sehen, ob Ihre ja immerhin recht anerkennenswerte Übersetzung, die sich wenigstens ganz gut anhört, nicht am Ende etwa, was ich leider nach Ihren sonstigen Leistungen und wie ich Sie überhaupt kenne, befürchten zu müssen manchen Anlaß habe, bloß auf einem vagen Anempfinden des poetischen Gegenstandes beruht, das, bei einer oft merkwürdigen, man könnte mit einer Goetheschen Wendung sagen: fast nachtwandlerischen Sicherheit, es doch niemals über das Ahnen hinaus zu positivem Wissen bringt, oder ob Sie, wie ich hoffen möchte, in der Lage sind, auch wissenschaftlich Rechnung abzulegen, was allein doch hier unsere Aufgabe und unser Zweck sein kann, da nichts in der Welt auch die besten Anlagen so sehr schon im Keime schädigen muß als die leichtsinnige Neigung, den aufgeregten Sinn in eitlen Tändeleien zu vergeuden. Merken Sie sich dies alle, und die paar Minuten, die Sie heute an Ihrer Pause verlieren, werden Ihnen dann für Ihr ganzes Leben gewonnen sein!«

Als er fort war, kam der kleine Beer auf Franz los und sagte: »Ich muß gestehen, daß ich es manchmal schon kaum mehr ertragen kann. Ich weiß nicht, was ich einmal noch tue! Die ganze Sinnlosigkeit aller menschlichen Einrichtungen, welche bloß den Zweck zu haben scheinen, das Beste zu zerstören, wird an diesem boshaften Idioten bis zum Grotesken offenbar. Unsere lieben Herrn Kollegen sind ja meistens auch Ochsen. Aber man kann nicht leugnen, daß auch der Dümmste von ihnen noch, an unserm klügsten Lehrer gemessen, für ein Genie gelten darf. Wenn uns also der Staat acht Jahre lang in ein solches Zuchthaus steckt, kann sein Zweck nur sein, jede geistige Regung auszulöschen, bis wir so den notwendigen Grad von Verblödung für die bürgerlichen Ämter erreicht haben. Wenn aber einer unter uns noch einen Funken Ehrgefühl hätte oder auch nur den natürlichen Trieb der Selbsterhaltung, einer geistigen und sittlichen Selbsterhaltung, so hätten wir den Kerl längst vom Katheder geschossen. Ich tue das nur nicht, weil ich ein jämmerlicher Egoist bin, der sich die Aussicht auf eine Staatsanstellung mit Pensionsberechtigung nicht nehmen lassen will. Für ein solches Linsengericht geben wir unser Heil hin.«

»Ja, es ist lustig,« sagte Franz, der noch immer in den Hof hinaus nach der dunklen Masse des kahlen Kastanienbaums sah. Er war so zerstreut, daß er kaum recht wußte, ob noch immer Samon sprach oder ob es jetzt der kleine Beer war. Und er wunderte sich, daß ihm jetzt dies alles eigentlich fast gleich klang. Alles war so komisch! Und immer war ein solches Geschrei!

»Lustig?« sagte der kleine Beer, indem er stampfend auf ihn eindrang. »Lustig find'st du das? Aha!«

Franz setzte sich auf das Brett des Fensters, um, mit den Füßen baumelnd, den nahen Freund abzuwehren. Und er sagte: »Ich bin halt vergnügt.«

»Der Mensch ist aber nicht dazu da, vergnügt zu sein,« schrie der kleine Beer.

Lachend sagte Franz, vor sich hin: »Das könnte wirklich auch der Samon gesagt haben!« Und er dachte: Was wollen denn alle von mir? Merkwürdig, daß man einen nicht in Ruhe läßt! Und immer muß man wieder was neues erfinden, um sich durchzuschwindeln bei den neugierigen Menschen! Es war aber lustig. Sie hatten alle Verdacht und wußten doch nichts! Nein, sie sollten es nicht wissen! Und jetzt fiel ihm erst ein: er hätte es eigentlich dem kleinen Beer erzählen müssen. Aber nein, unmöglich! Dem Beer? Er sah ihn an. Nein, eigentlich war der kleine Beer doch sehr grauslich, mit seinen abstehenden Ohren! Obwohl er ja eigentlich den kleinen Beer sehr gern hatte, gewiß! Aber dies alles kam ihm jetzt so weit weg vor. Dies alles war dort drüben irgendwo. Er mochte den Samon nicht und er mochte den kleinen Beer sehr, aber beide, der Samon und der kleine Beer, und daß er den einen nicht leiden konnte und den anderen gut, dies alles mit dem ganzen Geschrei der Buben war auf irgend einer anderen Seite drüben, kam ihm vor. Es war ganz lustig, er war aber doch vergnügt, weg zu sein, und er sah lieber den kahlen Kastanienbaum an, er wußte selbst eigentlich keinen Grund dafür, aber das war jetzt so, wozu darüber erst nachdenken? Nein, er wollte nicht nachdenken, er war froh, nicht mehr nachzudenken, er wußte jetzt, daß dies alles nicht nötig war, und auf dem Fenster sitzen und mit den Beinen baumeln und manchmal nach dem Kastanienbaum sehen und dann wieder auf den zornigen kleinen Beer und alle samt dem Samon und samt dem Beer auslachen war ganz genug, um sehr vergnügt zu sein, obwohl ihm ja der kleine Beer eigentlich ein bißchen leid tat, aber dies ließ sich nicht mehr ändern, seit das gestern geschehen war, doch er wollte daran nicht denken, was gestern geschehen war, nein hier in der häßlichen Schule bei den dummen Buben nicht, auch war es nicht nötig, wozu daran erst denken? er wußte doch: es war immer da, es ging überall mit, es wich nicht mehr von ihm.

Der kleine Beer hörte noch immer den Franz sagen: Das könnte der Samon auch gesagt haben! Das brannte ihm noch in den Ohren. Er begriff ihn gar nicht. Was war das? Was wollte der Franz? Was hieß das, daß es der Samon auch gesagt haben könnte? Und der Franz saß auf dem Fensterbrett und ließ die Beine baumeln, der lange Bub, und war vergnügt! Der kleine Beer hätte ihn prügeln mögen. Auf keinen konnte man sich verlassen! Denn natürlich, das saß zu Haus und ließ sich hätscheln und konnte leicht lustig sein! Alle waren Verräter! Und der kleine Beer kam sich so dumm vor, daß er an diesen geglaubt hatte! Alle waren gleich! Geborene brave Bürger, wohlgesinnt bis in die Nieren! Herde! Herde! Das braust auf und schäumt und gebärdet sich, ja, fünf Minuten lang! Und das tut mit seinen blauen Augen und seinen blonden Locken, ja, fünf Minuten lang! Und wir sind immer gefoppt! Er hätte heulen mögen. Er rannte weg. Er fing in seiner Bank mit einem zu zanken an, sie schlugen sich, Franz kam und trennte sie. Noch keuchend, indem er seinen aufgerissenen Kragen schloß, sagte er zu Franz: »Was hast du? Sag mir, was du hast! Oder du sollst dich überhaupt um mich nicht mehr kümmern! Was mischt du dich in meine Sachen? Glaubst du, daß ich einen Ritter brauche? Aber ich verbitte mir das! Hast du gehört? Hast du gehört?« Er schrie sich heiser. Die Buben höhnten ihn krähend aus. Franz ging weg und setzte sich in seine Bank. Der kleine Beer tat ihm leid, aber er konnte ja nichts dafür. Samon schrie, die Buben schrien, der kleine Beer schrie, wie dumm das alles doch war! Aber er hatte das Gefühl, daß er jetzt nicht mehr zuzuhören brauchte.

Da kam ihm der kleine Beer nach. Er setzte sich neben ihn und legte die Hand auf ihn. Franz mochte das nicht. Doch ließ er es sich gefallen, weil ihm leid war. Ganz leise sagte der kleine Beer: »Was hast du denn heut?« Und als Franz nicht antwortete, bat er: »Sag doch, was du hast!« Und dann noch: »Was ist denn geschehen?«

»Du bist wirklich kindisch,« sagte Franz. Ihm war heiß, er rückte weg.

»Und du bist feig,« sagte der kleine Beer zornig. »Feig bist du. Feig bist du.« Und immer zorniger, weil Franz schwieg: »Wenn du was besseres gefunden hast, so sags! Wenn's dir nicht mehr paßt, so sags! Wenn du was gegen mich hast, so sags! Ich werde dich nicht halten. Du bist dein eigener Herr. Du kannst tun und lassen, was dir beliebt. Aber sei nicht feig und sags! Glaubst du, daß ich ohne dich nicht leben kann? Mein Lieber, ich bin nicht sentimental, das ist eine germanische Krankheit. Aber sag's! Man dreht sich nicht auf einmal um und geht von einem Menschen weg und: Adieu! Das ist feig, das ist schlecht, das hätte ich nie von dir gedacht!« Er flüsterte gierig und trommelte dazu mit den Fingern auf die Bank, damit die anderen nichts hören könnten.

Und am liebsten wäre Franz jetzt wirklich aufgestanden und von ihm weggegangen und: Adieu! Er begriff das eigentlich selbst nicht. Er hätte sich das nie denken können. Noch heute früh nicht. Nein, noch vor zehn Minuten nicht. Noch als er eben geprüft wurde, sah er zum kleinen Beer hin und es tat ihm wohl, einen Freund zu haben. Was war denn also jetzt auf einmal? Wie ging das zu? Denn er wunderte sich zwar noch, als der kleine Beer es aussprach, aber er hatte das Gefühl, daß es wahr war. Er wunderte sich. Denn wenn der kleine Beer es nicht ausgesprochen hätte, dachte er, hätte er es gewiß gar nicht bemerkt. Er wußte ja doch eigentlich auch jetzt noch nicht recht, aber seit der kleine Beer es ausgesprochen hatte, war es wahr. Der hatte die Schuld! Doch sagte Franz auch jetzt noch bloß: »Ich weiß gar nicht, was du willst.« Und er dachte sich, daß er auch keineswegs log: denn dies alles trieb sich in ihm herum, ohne daß er es anfassen konnte, und er hatte den kleinen Beer doch gern und wenn man einen gern hat, hört das doch nicht plötzlich auf und alles war doch nur die Schuld des kleinen Beer, weil es kein Mensch aushält, sich überall beriechen zu lassen; und trotzdem war er ja auf den kleinen Beer nicht bös, sondern dies alles war ihm jetzt eigentlich ganz gleich.

»Ich will gar nichts,« sagte der kleine Beer, und seine Stimme war hart und er stand auf. »Es ist ja dein gutes Recht. Ich würde doch an deiner Stelle nicht anders handeln. Es wäre Heuchelei.«

»Jetzt hör' schon endlich auf!« sagte Franz, erbittert, weil er plötzlich Angst hatte, daß der kleine Beer etwas wissen könnte.

Aber der kleine Beer wußte nichts, er fühlte nur, daß seine Macht gesunken war. Er stand noch in der Bank und sah Franz an. Er war sehr traurig. »Das ist doch alles zu dumm,« sagte Franz. »Was soll denn sein? Wenn ich dir doch schon sage, daß nichts ist!«

»Weil du nicht aufrichtig bist,« sagte der kleine Beer, ganz gelassen. »Vielleicht bist du's gegen dich selbst nicht. Ich mag aber halbe Menschen nicht. Und ich mag mit niemandem teilen. Nein, danke! Gaukle du nur auf täuschenden Empfindungen, mit schwärmenden Gedankenlosigkeiten herum! Ich ziehe die Klarheit vor. Wer einmal den Boden der Klarheit verläßt, ist schon auf dem Wege zur Lüge. Ich gehe nicht mit.« Und er trat aus der Bank, schon ein wenig getröstet, weil er fand, daß er es ausgezeichnet formuliert hatte.

»Aber die mathematischen Aufgaben wirst du mir doch noch machen?« rief ihm Franz lustig nach. Eigentlich war er roh. Denn er wünschte sich jetzt nur, ganz allein zu sein.

Zehntes Kapitel

Mein Gott!« sagte der Graf ganz bestürzt. »Und da haben Sie die ganze Zeit noch nichts gegessen? Seit vierundzwanzig Stunden?«

»Nix! Nix! Nix!« schrie Höfelind und lachte, auf die Kiste mit dem Bilde zeigend. Und er sprang lachend und drehte sich durch das Zimmer und schrie: »Ja, da schaun's! Nix, nix, nix, Herr Graf! Aber fertig! Aber fertig! Aber fertig!« Er sagte das und sang es, lachend und schreiend, und sprang, hopsend und wirbelnd, und wies das Bild. Er war ungewaschen und ungekämmt, in zerdrückten und ungeputzten Kleidern mit Flecken von Farben. Er schwankte, einem Trunkenen gleich, und seine kleinen Augen flackerten aus roten Lidern. Und er lachte wieder springend, auf die Kiste zeigend, immer wieder: »Fertig! Fertig! Fertig!« Und dazwischen immer wieder: »Aber jetzt gebt's mir was z'essen! I fall um!«

Der Graf war verlegen. Laute Stimmen ängstigten ihn immer und er wurde gleich schwindlig. Ein Mensch, der schrie, war ihm unheimlich. Er fand es höchst interessant, hatte aber dabei das Gefühl, sich nicht ganz richtig benehmen zu können. Und gar gegen den Dialekt war er völlig wehrlos. Er hatte eine Vorliebe für den Dialekt, las gern in Idiotiken und stand einem Vereine zur Erhaltung volkstümlicher Trachten und Pflege der alten Mundarten vor. Dies nahm er sehr genau, fehlte niemals in einer Versammlung und war eifrig bemüht, seine Kenntnisse der Mundart auszubilden. Er freute sich auch jetzt, deutlich zu hören, wie in das Wienerisch des Malers die breiteren und tieferen Laute seiner Heimat hereinklangen. Darauf war er sehr achtsam, nur störte ihn, daß es eigentlich in den Stil des ernsten und stillen, fast feierlichen Gemachs mit den zwei großen Gainsboroughs nicht recht paßte. Oder wie er das zu nennen pflegte: es ging mit dem Gemach nicht zusammen. Dies war aber immer seine größte Sorge: alles sollte »zusammengehen«. Wozu noch kam, daß er sich ja jetzt nicht der Beobachtung widmen konnte, sondern helfen und anordnen sollte, was ihm niemals leicht wurde. Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen. So lief er hinter dem springenden, fuchtelnden, taumelnden Höfelind durchs Zimmer her, klingelte dem Diener, rückte Stühle, redete beschwichtigend zu, klingelte wieder, war um den Maler besorgt, war neugierig auf das Bild, war ängstlich, die Festvorstellung zu versäumen, die doch in drei Stunden schon begann, und beruhigte sich erst, als der Diener kam, den er nun vor allem ein Essen auftragen hieß. »Aber geschwind ein bißl!« schrie Höfelind. »Was S' woll'n. Nur kane Geschicht'n. Mir san vom Land! Aber g'schwind, g'schwind!«

Er warf sich in einen großen Stuhl zurück, den Kopf in den Polster gedrückt, den Leib flach ausgestreckt, mit angezogenen Beinen, so daß die Knie hoch aufstanden. Er war so müd, daß er sich kaum mehr regen konnte, aber in seinem Kopf war es, als würden tausend kleine Räder gedreht. Er war so müd, aber er konnte nicht schweigen, er redete fort. Er wußte kaum mehr, was denn eigentlich mit ihm war. Was wollte der lange Herr da, auf seinen dünnen Beinen, mit dem albernen Respekt in den lauschenden Augen? Und er hatte Lust, auf den Tisch zu schlagen und zu brüllen: Heda, Wirtshaus! Aber was denn, fiel ihm plötzlich ein, was ist denn los? Und er dachte: Höfelind, internationaler Künstler, weltberühmt, der in London ausstellt, Mallarmé der Malerei, Feinster von den Feinen, was hast du, wie redst du denn, was ist denn los? Und er sah verwundert den Grafen an. Was war es, das ihn immer trieb, diesen zu höhnen? Was stieß ihm dann gemeine Worte von bäurischer Art aus dem Mund, von denen er sonst doch längst nichts mehr wußte? Und er hörte wieder die tausend kleinen Räder durch sein Hirn sausen und surren. Und ihm war, als wären dort viele Lichter angezündet. Und plötzlich sah er längst vergessene Gedanken dort. Erinnerungen flirrten aus alter Zeit. Er erinnerte sich plötzlich, daß er, noch als kleiner Bub, erzählen gehört hatte, wie einst unter der Haushamer Linde die Bauern geköpft worden waren, für ihren Glauben, der den Mächtigen nicht gefiel. Und er hatte sich, als er zu rauchen anfing, eine Pfeife mit dem Bilde des Stefan Fadinger gekauft. Warum fiel ihm das jetzt ein? Er mußte lachen. Der Graf war eigentlich so nett! Warum stand in seinem Hirn die Pfeife mit dem Fadinger da? Und die Räder schwangen sich und schwirrten. Aber er hatte doch das Bild fertig! Das Bild, das Bild! Und jetzt wird er sich ausschlafen, das alles geht ihn ja nichts mehr an.

Der Diener schob ihm ein Tischchen hin. Er aß gierig. Der Graf erschrak, als er gleich eine Traube nahm, vor der Suppe. Höfelind bemerkte das und sagte dem Diener: »Stellen's mir nur alles miteinander her!« Und er sagte zum Grafen: »Der Napolium hat das auch so g'macht. Prost!«

Der Graf fragte: »Darf ich dann jetzt vielleicht das Bild sehen?«

Höfelind sagte: »Decken's aber zuerst den Schwindel zu!« Und er nickte nach den beiden Gainsboroughs hin.

Der Graf nahm die Tischdecke, stieg auf einen Stuhl und bemühte sich, die Bilder zu verhängen. Es gelang ihm nicht gleich, weil er ungeschickte Hände hatte. Aber er wollte keinen Diener rufen.

Höfelind sah dem langen Herrn auf dem Stuhle turnen zu und wunderte sich wieder, indem er es sich schmecken ließ. Was war denn? Er mochte Gainsborough sehr. Er hatte selbst einen kopiert und war stolz darauf. Und der Graf war doch wirklich so nett! Also warum? Aber er konnte nicht widerstehen, es trieb ihn, etwas in ihm trieb ihn, während die sprühenden kleinen Räder durch sein Hirn schlugen, auszustoßen, roh zu sein, weh zu tun, jemanden zu kränken, sich zu rächen, weil er diese ganzen Tage her so gelitten hatte, an seinem verfluchten Bilde! Aber dabei schämte er sich eigentlich. Und jetzt war er satt, die Räder schienen nur noch ganz in der Ferne zu treiben, er lauschte hin und dachte sich: nur noch sozusagen am Horizont des Gehirns; und er freute sich über diesen Ausdruck, der alte Radauner wird lachen, wenn er es ihm sagt! Aber es wurde ihm dämmerig, die Räder verhallten, gut war es, in diesem stillen abgeschiedenen Gemach zu liegen, es schwamm wie Silber in der Luft und er wußte nur noch, daß er sehr müd war.

»Darf ich jetzt?« sagte der Graf, mit seiner artig gedämpften Stimme, die so weich wie diese silbern fließende Luft war.

Er öffnete die Kiste, stellte das Bild auf und trat zurück. Er näherte sich, er ging wieder weg. Er sah es von allen Seiten an.

Höfelind sagte: »Es war ein Unsinn, uns mit Sitzungen zu quälen, sie und mich. Das ging nicht. Erst als ich sie nicht mehr sah, da –« Er brach ab. Er sprach jetzt ein ganz reines, gewaltsam klares, klirrendes Deutsch. Und so sagte er nach einer Weile nickend: »Ja, so war es, genau. Es mag wunderlich klingen, aber es war so. Erst als ich sie nicht mehr sah, sah ich sie wieder. Weiß der Teufel! Da sah ich sie wieder wie damals, zum erstenmal im Theater. Und da ging's auf einmal. Nur fortwährend mit einer lausigen Angst, sie wieder zu verlieren. Aber es ging.« Er schwieg, tief atmend. Und nach einer Welle sagte er: »Und jetzt reden Sie!«

Der Graf erschrak und sagte ganz leise: »Wunderschön! Es ist wunderschön!«

Hüfelind wartete. Der Graf fühlte das und wiederholte: »Ich kann nur sagen, über alle Maßen schön! Schön und stark und groß! Was sind Sie für ein Künstler!«

Höfelind ärgerte sich. »Das weiß ich ja,« sagte er. Aber ob sie es ist? Ob sie das wirklich ist?« Und er fragte noch einmal, wie mit einem Messer stechend: »Ist?« Und traurig klang es, als er dann noch sagte: »Das kann ich nicht wissen. Ich nicht. Das sollten der Herr Graf mir sagen!«

Der Graf sagte: »Ich kann mich nur an meinen Eindruck halten, der, wie gesagt, ein wunderbar schöner und starker ist. Man fühlt auf den ersten Blick, wie Sie sie sehen!«

»Das ist ganz wurscht!« sagte Höfelind höhnisch. »Es handelt sich nicht darum wie ich sie sehe oder wie Sie sie sehen oder wie sie sich selbst sieht und gesehen sein möchte. Das fragen die Photographen. Das geht aber die Kunst nichts an. Und es handelt sich nicht darum, ob es schön ist oder stark ist oder groß ist und was die Literaten sonst noch für Flausen haben. Es handelt sich einfach bloß darum, ob es wahr ist. Steht sie da so, wie sie wirklich ist? Oder bin ich ein Schwindler? Genieren Sie sich gar nicht, Herr Graf!«

Der Graf sah noch immer das Bild an und sagte wieder, es mit seiner zärtlichen Stimme gleichsam streichelnd: »Wunderschön, wunderschön!« Dann riß er sich los, kam auf Hüfelind zu und sagte, rasch sprechend und als ob er keine Antwort erwarten, sondern eher jemandem diktieren würde: »Sollte das nicht vielleicht überhaupt bloß ein Scheinproblem sein? Ich meine: wenn man fordert, jemanden wirklich zu sehen. Was nennen Sie: wirklich? Ich denke dabei gar nicht daran, daß Ihre Augen anders als meine sind und jeder schließlich das Recht seiner Augen hat. Nein, das will ich gar nicht sagen, sondern es scheint mir noch viel tiefer zu liegen. Wann ist denn ein Mensch wirklich? Was er wirklich ist, spielt sich doch in der Zeit ab, es ist immer nur wieder ein Stück davon sichtbar und alle diese Stücke zusammen erst machen ihn wirklich aus. Wann aber wären sie denn zusammen? Bis zum Tode fehlt immer noch was, nicht? Und wenn dann der Tod das letzte Stück endlich bringt, so daß der Mensch sich nun erst wirklich ganz beisammen hätte, ist es auch schon wieder aus. Denken Sie doch, wie es in der Wissenschaft ist! Ich dilettiere seit Jahren überall ein bißchen herum, nicht wahr? Nein: die Wissenschaft gibt es gar nicht! In einer einzelnen Wissenschaft kann man erkennen. Versuchen Sie aber je die einzelnen zu verbinden, zum Ganzen, so zerrinnt Ihnen alles in den Händen. Jeder kann nur an seiner Ecke, in seinem Winkel erkennen und wissen. Das muß uns genügen.« Er stand nachsinnend. Dann sagte er noch: »Ich finde nie die richtigen Worte dafür, auch der menschlichen Sprache ist es eben versagt, das Eigentliche oder wie Sie das nennen: das Wirkliche auszusprechen. Man kann mit den Worten nur eigentlich immer nur sozusagen höchstens anklopfen. Mit allen Wissenschaften und mit allen Künsten kann man schließlich nur anklopfen, das ist es eben. Aber hoffentlich ist Ihnen doch ungefähr klar, was ich meine.« Er hatte sich sehr aufgeregt, weil er nicht gewöhnt war, so viel im Zusammenhang zu sprechen.

Höfelind sah sich den Grafen neugierig an. Der Graf wurde verlegen und indem er wieder vor das Bild trat, wiederholte er, um nur in der drückenden Stille etwas zu sagen: »Ist es Ihnen klar?«

»Wenn es mir klar wäre,« sagte Höfelind langsam, »glauben Sie, daß ich dann noch malen könnte? Glauben Sie, Herr Graf?«

»Allerdings!« sagte der Graf betreten. »Das kann ich schon verstehen.«

Höfelind, den sehr starken schwarzen Kaffee schlürfend, sagte lustig: »Aber was sind das für Wahrheiten, die keinen Zweck haben? Da hat man doch nichts davon. Wahr ist, was mir hilft. Daran erkennt man es. Wahr ist, was ich brauchen kann. Nicht? Wozu sonst?« Er hatte den Stuhl umgedreht, so daß er jetzt mit dem Rücken zum Fenster saß, um nur ja sein Bild nicht zu sehen. Er lag und trank und rauchte mit einem angenehm streichelnden Gefühl behaglicher Ermattung. Der milde Glanz, der durch das Zimmer rann, der Geruch von vielen Büchern in alten Einbänden, der Dunst des Kaffees, der brandige Geschmack der dicken schwarzen Zigarre, die scheue, gleichsam nur auf den Zehen schlüpfende Stimme des Grafen, in die sein eigener Ton wie mit knarrenden Stiefeln trat, dies alles tat ihm wohl, und dann war ja das Bild fertig! Nur jetzt nicht mehr an das Bild denken! Und nur nicht aufstehen müssen! So liegen und das Bild fertig haben und nichts mehr davon wissen und sich nicht mehr rühren und dem Grafen zuhören, es macht ja nichts, was er sagt, das ist gleich, die Stimme schläfert so schön ein, wie ein still an den Scheiben herabtriefender Regen!

»Nun ja,« sagte der Graf. Er stand vor dem Bilde, sah aber nach dem Maler hin, fast ein bißchen neidisch. Er dachte, wie merkwürdig doch die Menschen waren! Eigentlich konnte man mit ihnen nie reden. Bemühten sie sich denn gar nicht um den Sinn des Lebens? Und sie hatten offenbar auch gar nicht das Bedürfnis, gerecht zu sein. Er aber, der so rang, alles zu verstehen, um das Rechte zu finden, saß mit leeren Händen da. Sie behielten recht, wenn man schließlich ihre Werke sah. Und laut sagte er, indem er jetzt wieder auf das Bild sah: »Da steht sie! Und niemand auf der ganzen Welt kann Ihnen das nehmen! Es muß ein herrliches Gefühl sein.«

»Nicht wahr?« sagte Höfelind vergnügt.

»Was immer auch aus Ihnen wird, sie steht da, sie bleibt stehen! Wie wenn der liebe Gott heute stirbt – er weiß doch, es ist ja die Welt da. Ein göttliches Gefühl.«

»Na ja!« sagte Höfelind gähnend. »Hoffentlich hat er sich nicht so plagen müssen. Denn das pflegen die Herren zu vergessen: Was dazu gehört, bis dann schließlich etwas dasteht! Das ist meistens recht ungemütlich.«

»O nein!« sagte der Graf rasch. »Mir dürfen Sie das nicht nachsagen! Ich vergesse das nicht. Wahrhaftig nicht.« Und ganz leise fügte er noch hinzu: »Ich sage mir das immer und immer: es gehört dazu, es gehört eben dazu!« So traurig klang seine leise Stimme, daß der Maler aufstand, um ihm ins Auge zu sehen. Doch fiel ihm ein, daß er dann sein Bild erblicken würde. Da setzte er sich lieber wieder. Auch sagte der Graf schon, indem er seine Stimme veränderte, ganz leicht hin: »Ich meine, Herr Höfelind, ich beschäftige mich doch viel mit Kunst und Künstlern, nicht wahr? Und da dürfen Sie mir glauben, daß man immer zuletzt an eine Linie kommt, wo einem eben, ganz wörtlich zu nehmen, der Verstand still steht. Und es gibt dann wirklich keine andere Lösung und, für uns Laien, keinen anderen Trost, als sich zu sagen: es gehört halt dazu! Worauf Ihr freilich etwas stark zu sündigen pflegt, nicht? Manchmal wenigstens!« Und er lachte.

Er ist ein armer Kerl, das hört man, dachte Höfelind. Und er nahm sich vor, ihn besser zu behandeln. Aber da ging, blendend im dämmrigen Gemach, die rauschende Stimme der Rahl auf. Noch in der Türe sagte sie, den tragischen Ton nehmend: »Spalier, Ihr Herren! Der Jubilar erscheint!« Und sie hob die Hand, aus dem Gelenk die Finger reckend, mit der drohenden und vernichtenden Gebärde, welche die Menschen schaudern ließ. Höfelind fuhr auf. Das war ihm zu merkwürdig! Immer wenn er nur irgend einen Ton von ihr vernahm, sah er alles um sich blau. Ein tiefes, sehr dunkles, langsam in großen Wogen flutendes Blau, das nach einem starken heftigen Rot rief. Immer und überall. Ich werde daran noch verrückt, dachte er. Denn da war es wieder: die dunkelnde Luft wurde blau, ein blauer Strom floß, am Fenster stand der Graf ganz blau, wie eine Schießfigur an die Wand einer Kaserne gemalt. Trottelhaft, dachte Höfelind, ist mein Bild; ich hätte einen See machen müssen mit schwarzen Tannen am Ufer, die sich spiegeln; das wäre ihr Porträt, aber man denkt an die blöden Leute!

»Was haben Sie denn heute für ein scheckiges Gesicht?« fragte sie ihn.

»Er hat ein ganz neues Bild gemalt, denke dir!« sagte der Graf eilig und führte sie hin.

Sie sagte, langsam, mit verhüllter Stimme: »Das bin ich? So bin ich?« Und indem sie den schweren Mantel an den beiden Seiten hielt, knixte sie tief, nach höfischem Brauch.

»Es ist ja fürs Museum,« sagte Höfelind kurz. »Ihnen brauchts gar nicht zu gefallen, Frau Gräfin.«

»Ihnen gefällt's?« fragte die Gräfin.

»Weiß nicht,« sagte der Maler. »Ich werde mich hüten, es anzusehen.«

Die Gräfin betrachtete das Bild. »Aber wenn nur Ihnen dabei wohl war!« sagte sie. Der Graf war unruhig. Er fand es peinlich.

»Wie meinen Sie das?« fragte Höfelind feindlich.

»Recht haben Sie,« sagte die Rahl. »Ich doch auch! Ich sage mir auch: Wenn nur mir dabei wohl ist! Der Grillparzer mag sich im Grab umdrehen, aber mir tut meine Sappho wohl. Mir, nicht? Und daß man noch eine Gage dafür kriegt, das ist der Spaß dabei!«

»Hier im Haus wird viel philosophiert,« sagte Höfelind. »Ich bin noch nicht so weit. Ich male.«

»Ich muß es aber wissen,« sagte die Rahl. »Ich bin ein Jubilar.«

»Das kann einem auch noch passieren,« sagte Höfelind. Und besorgt fragte er plötzlich, vor den Spiegel tretend: »Warum haben Sie gesagt, daß mein Gesicht scheckig ist?«

»Sie sehen einer gefleckten Tulpe gleich,« sagte die Gräfin. »Oder auch den brennenden Dornbusch stelle ich mir so vor. Es steht Ihnen aber gut.«

»Ist es nicht Zeit?« fragte der Graf, leise drängend.

Als die Gräfin fort war und der Graf wieder kam, sagte Höfelind: »Ich kann mir schon denken, daß es schwer für Sie ist.«

»Wie?« fragte der Graf, aus seinen Gedanken aufgeschreckt.

Höfelind dehnte sich und sagte: »Ich meine nur, mit uns allen. Da gehört schon ein guter Magen dazu. Ich wundere mich eigentlich oft, daß uns die Menschheit frei herum laufen läßt. Noch immer! Aber sagen Sie, Sie wissen doch alles, gibt es kein Mittel gegen Sommersprossen?«

Er trat wieder vor den Spiegel und ärgerte sich und sagte: »Es kommt nur davon, weil ich so schwitze, bei dem verfluchten Malen! Wenn man aber nicht schwitzt, wird es nichts. Seien Sie froh, daß Sie's nicht nötig haben!«

Der Graf, wieder vor dem Bilde, dachte, daß man darüber schließlich gar nichts weiß; es ist eben immer wieder ein Wunder. Kindisch kam ihm der eitle häßliche kleine Mensch vor. Aber das Bild war da!

Elftes Kapitel

Halt mir einen Augenblick die Leier, Jank!« sagte die Rahl. Sie stand auf dem Wagen und richtete sich den Kranz. Und dem Bereiter, der die Schimmel hielt, rief sie zu: »Geben's mir heut auf die Rösser ordentlich acht! Das ging mir noch ab!«

Neben ihr schrie der Chor schon: Heil Sappho, Heil! Und draußen, auf der Bühne, stieß Larinser wie mit einem klirrenden Eisen zu: Jawohl, Heil Sappho, Heil du braves Volk!

Aber das Zirpen der sanften Melitta versank im Ächzen und Schnauben, das wogend und stöhnend aus dem dampfenden schwarzen Loch blies.

»Weißt du,« sagte Jank, »daß der Larinser Sonntag in Brunn ausgezischt worden ist?«

»Nein!« sagte sie mit hellem Entzücken.

»Und die Zeitungen sind schrecklich!« sagte Phaon.

»Hast du sie? Gib her!« rief sie.

Und stärker schrie der Chor: Heil Sappho! Sappho, Heil!

Die Schimmel scharrten. Sie mußte sich anhalten, um nicht zu fallen. Phaon gab ihr die Brünner Blätter.

Unten war ein Sieden von zischender Ungeduld, als ob der brodelnde Topf zerspringen würde. Der blassen Melitta schwand die Stimme. Wie Scherben schlugen die Worte des alten Larinser auf.

Im Wagen aufgerichtet, den Kranz der Siegerin um die leuchtende Stirne, die goldene Leier im Arm, las sie lachend die Brünner Blätter. »Nein,« sagte sie, »schrecklich! Nein, wie gemein!« Und sie las gierig und lachte.

Der Inspizient gab das Zeichen. Und nun schrie der ganze Chor neben ihr, klirrend, jauchzend, kreischend: Heil Sappho, Heil!

Und draußen schrie es, von den hell aufflatternden Stimmen der jungen Mädchen: Heil Sappho, Heil!

Und nun schlugen die Bläser ein. Die Schimmel sprangen. Der Bereiter riß an den Zügeln. Jank trat in den Wagen neben sie. Sie gab ihm die Zeitungen und sagte: »Jetzt denk dir, wie's erst dir gehn möchte, in Brünn!« Sie lachte wieder. »Denn der kann doch immer noch in der kleinen Zehe mehr als du!« Da wurden sie hinausgezogen.

Und jetzt schrie es auch unten: Heil Sappho, Heil! Rahl, Rahl, Heil! Das ganze schwarze Loch schien ein einziger ungeheuerer Mund, der schrie: Heil Sappho, Heil, Rahl, Heil! Und der Schrei sprang an die Wände, die Wände warfen ihn zurück und so zerbrach er, in tausend gischende Kämme verspritzend, die alle schrien: Heil Sappho, Heil Rahl, Heil! Und ein alter Mann hinter ihr im Chor fing laut zu schluchzen an, und da schrie der Chor wieder und es war ein Rasen und ein Tosen und ein Brausen: Heil Sappho, Heil! Und unten standen alle und alle trampelten und alle klatschten und aus den Logen bogen sie sich vor und winkten und schwangen Tücher wie Fahnen und alles schrie gellend, stöhnend, heulend, weinend, lachend, kreischend, knirschend, krähend, brüllend, platzend, schmetternd, jauchzend: Heil Rahl, Heil Rahl, Rahl, Rahl, Heil Rahl! Sie stand im Wagen aufrecht, unbeweglich, kaum ganz leise lächelnd. Sie sagte zu Jank: »Am Rheinfall in Schaffhausen, wenn man ganz unten steht, so klingt es.« Sie sprach es gelassen und hätte gern noch irgend einen Witz gemacht; denn sie dachte, das wäre doch zu dumm, gerührt zu sein. Da hörte sie nebenan rennen und rufen und, in die Kulisse blickend, sah sie, daß die kleine Melitta dort in Krämpfen lag. Armes Ding, dachte sie, schlechte Nerven, wird's zu nichts bringen! Und sie sagte zu Jank: »Von wirklichen Dingen darf man sich doch nicht aufregen lassen, das ist ganz falsch.« Aber da bemerkte sie, daß ihm die dicken Tränen über die feisten Wangen rannen; er schämte sich, er hielt sich gewaltsam, es stieß ihn. Nun hatte sie die gute Laune wieder. »Schaf!« sagte sie, »es ist doch alles nur Lärm! Beim Heurigen schreien sie noch mehr. Das macht halt dem Menschen Spaß.« Und plötzlich fiel ihr ein, ob eigentlich der Napoleon auch gerührt war, wenn die Garden schrien; es ist schließlich doch dasselbe. Und vielleicht unterschied sich das gar nicht, ob man Sappho war oder sie gab; vielleicht spürte die Sappho selbst damals auch nicht mehr. Und sie sah in der Kulisse den hohen dicken Savladil mit einem großen blauen Tuch, in das er sich fortwährend schneuzte. In der Loge des Intendanten ging die Türe; sie bemerkte, daß ihr Mann eilig verschwand, dem war es auch zu viel. Wie die kleine Melitta, dachte sie. Sie freute sich über Larinser, der neben ihr wie ein Schwert im Boden stak. Es tat ihm wohl, es war ihm wie eine Dusche, er biß die Zähne fest und streckte sich. Aber sie räusperte sich: gleich wird sie jetzt einsetzen müssen; und ihr war trocken vom Staub. Das Schreien ließ nach. Es war nur noch ein Knattern, das jetzt wieder schwoll, gleich wieder riß, zerplatzend, verpuffend. Die Leute konnten nicht mehr. Da stieß von der Galerie ein Gellen in den Saal, mehr ein Pfiff, wie eines aufgeschreckten Tieres in Verzweiflung. Und es war wie ein Peitschenhieb in die wankende Schar. Sie sprangen auf und fingen noch einmal an. Und indem die weißen Hemden der Herren und die wehenden Tücher aus dem schwarzen Loch blitzten, war es ihr, wie wenn man über den glatten See fährt und Fische springen. Und jetzt schlug in den Schwall ihre Stimme hallend ein: »Dank, Freunde! Landsgenossen, Dank!« Da brach es noch einmal los wie ein einziger ungeheuerer Schuß. Aber sie gab jetzt nicht mehr nach. Und wie ein Stern aus einer Rakete fuhr es von ihr auf, über den Saal empor fliegend: »Um euretwillen freut mich dieser Kranz!« Und alles war versunken. Und sie stand allein. Und sie fühlte nur: So stark bin ich! Sie fühlte nur den Sonnenglanz ihrer Stimme. Und alle lagen betend auf den Knien und verhüllten sich vor ihr, so war ihr. Und sie wußte nichts mehr. Als sie dann aber die Leier nahm und zur Aphrodite sprach, hätte sie weinen mögen. Und da fiel ihr plötzlich ein: Ihr habt es gut, Ihr könnt die Rahl sehen, das möchte ich auch einmal! Darüber mußte sie wieder lachen. Und als jetzt unten das Tosen wieder begann, war sie ganz ruhig und sagte zum alten Larinser: »Wenn die Leute nur eine Hetz haben! Wir sind Nebensache.« Aber der alte Larinser sagte mit seiner klirrenden Stimme: »No es is doch schön!«

»Also?!« sagte der schöne Hofrat Wax zum Herrn von Lerroy. »Wo haben Sie denn das noch? Wo gibt's denn das noch? Aber das weiß man ja nirgends, wie Wien ist! Und der Wiener selbst glaubt, das muß so sein. Wir sind zu bescheiden, sag ich Ihnen, wir wissen selbst nicht, was wir an uns haben. Ja, ja!« Und rühmend und klagend ging er durchs Parkett und sagte jedem, daß man eben doch wieder sieht, was es ist, wenn eine Stadt eine alte Kultur hat, und war gerührt. Herr von Lerroy blieb sitzen, auf den Stock gestützt, den Onyx an seinem Griff in der hohlen Hand reibend. Er war bleich. Es griff ihn sehr an. Er winkte seinen Freunden ab; in solcher Stimmung muß man allein sein. Sie verstanden es; er gehörte ja sozusagen dazu, er war doch »der Rahl ihr Franzos'«. Er empfand dies und es drückte ihn. Er hatte eigentlich ein schlechtes Gewissen. Da saß er nun auf seinem Sitz! Er fühlte, wie man sich ihn zeigte, wie man von ihm sprach, wie man erwartete. Was erwartete man? Was denn? Das war es ja, was ihn quälte. Er fand nicht mehr heraus. Er wäre lieber bei seinem Automobil in Japan gewesen! Jetzt war dort die Kirschblüte. Er aber zog hier mit einer Berliner Zirkusdame herum und ließ sich ausplündern. Der Hofrat Wax nannte das: in seiner Wunde wühlen. Und es war ja noch ganz angenehm, daß es so verstanden wurde: als die Tat eines gleichsam Wahnsinnigen, der seinen Schmerz betäuben muß und Vergessenheit sucht. Aber wenn er nur einen Abschluß gefunden hätte! Dies war jetzt die letzte Gelegenheit. Er konnte das ganze Fest sozusagen krönen. Alle die Tage her dachte er schon daran. Was lag ihm noch am Leben? Es waren seine schönsten Gedichte, in welchen er den Ekel vor der dumpfen Welt, die Sehnsucht nach Erlösung, die Seligkeit im Nichts verkündigt hatte. Natürlich wechselt das, man hat auch wieder andere Stunden. Aber er war jetzt manchmal schon fest entschlossen. Besonders in der Früh, wenn er wieder diesen entsetzlichen Druck im öden Kopf hinten hatte. Auch fand er den schönen Hofrat Wax mit dem blauen Bart allmählich schon ganz unerträglich. Der kam in der Früh und kam nachmittag und kam abends, und diese Leute hier hatten eine Art, immer da zu sein, mit der allergrößten Liebenswürdigkeit, gewiß, aber immer da! Er sehnte sich nach Paris, wo man doch allein auf der Straße gehen kann. Wenn er hier einmal dem Hofrat entrann, hieß es gleich an der nächsten Ecke wieder: »Ja, Herr von Lerroy, was machen denn Sie da?« Und man ging mit. Jeder hielt sich für verpflichtet, ihm die Schönheiten der Stadt zu zeigen. Überall lauerte diese Gastlichkeit auf ihn. Nein, er hielt es nicht mehr aus. Es mußte sein. Einfacher wäre ja gewesen abzureisen. Aber er hatte nicht die Energie dazu. Auch ließ ihn doch die Zirkusdame nicht los. Die wäre mitgekommen oder nachgekommen und seine Nerven hielten einfach dies alles nicht mehr aus. Und durfte er eine ganze Stadt enttäuschen? Es war zwar wirklich nicht seine Schuld. Sie hatten einen Helden aus ihm gemacht, ohne ihn überhaupt zu fragen. Doch tat ihm dies wieder sehr wohl. Wäre nur mit dieser Rahl vernünftig zu reden gewesen! Aber was war das für ein Weib! Er hätte damals gleich abreisen sollen. Damals hätte sich seine Leidenschaft noch ersticken lassen. Übrigens war es ja gewiß auch etwas Schönes, sich einer so ganz großen Leidenschaft fähig zu fühlen. Wie mußten ihn eigentlich alle die Tausende hier beneiden, wenn sie jetzt ihn so sahen, sehr bleich, auf seinen Stab gestützt, mit dem Onyx spielend! Und hätten sie nur erst gewußt! Ihm schwindelte. Noch war das Knattern und Krachen des Jauchzens und Johlens auf seinen Nerven. Er saß wie gelähmt. Auch so gefeiert werden! Und das hing ja wirklich nur von ihm ab.

In der Loge sagte der Intendant: »Lieber Graf, Sie müssen mir raten, wie wir das eigentlich machen. Jetzt dann beim Bankett, meine ich. Ich muß doch neben der Gräfin sitzen, es gehört sich doch, nicht? Aber sehen Sie, ich kann mir nicht helfen, ich habe stets ein bissel das Gefühl: ich mache die Gräfin nervös! Wo sie doch gewiß keinen wärmeren Bewunderer und Verehrer hat! Gewiß nicht! Wenn Sie mir das nur erklären könnten! Und da schaut sie mich dann immer so gewiß an, ich weiß dann gar nicht mehr, was ich reden soll, das ist recht peinlich. Gerade jetzt wieder, wie ich ihr den Orden brachte, bei meiner Ansprache – nun das muß ich doch, nicht? Das ist ja doch keine Überhebung, nicht? Und sie war ja ganz freundlich, aber ich weiß nicht, was sie gegen mich hat! Wissen Sie, das ist überhaupt für uns furchtbar schwer, beim Theater; das glauben Sie gar nicht! Man hat immer das Gefühl, als ob einer hinter einem lachen würde. Das ist nicht angenehm! Ich bin doch weit in der Welt herumgekommen, natürlich überall muß man sich erst langsam hineinfinden, aber das war nirgends! Nicht wahr? Nicht? Und man kann wirklich nicht mehr Begeisterung für die Kunst haben, glauben Sie mir, lieber Graf, ich geb mir wirklich sehr viel Mühe. Und also jetzt bei dem Bankett, denken Sie sich nur, wo doch auch die Journalisten dabei sind, also man ist ohnedies aufgeregt, jetzt denken Sie sich, wenn sie sich langweilt und haut plötzlich auf den Tisch, oder so was! Nein, nein, das kann man bei ihr ja nie wissen. Deswegen bleibt sie doch die große Künstlerin, ich nehme ihr das doch nicht übel, nicht wahr? Es scheint eben, das muß schon so sein, nicht wahr? Das kennt man ja. Aber es war halt peinlich, nicht? Sie verstehen mich doch, lieber Graf? Ich meine ja nur. Ich möchte ja bloß, daß es eine recht würdige und schöne Feier wird, nicht wahr? Also vielleicht fällt Ihnen was ein. Mir ist es ja natürlich eine große Ehre, neben ihr zu sitzen, und es geht ja doch auch eigentlich gar nicht anders, nicht? Aber ich muß Ihnen offen gestehen, ich habe direkt ein bißl Angst. Nicht wahr, Sie verstehen mich doch? Also jetzt sagen Sie mir aber nur, was wir da eigentlich machen sollen? Es ist eine schwere Geschichte.«

»Kommt denn die Fürstin Uldus nicht?« sagte der Graf. »Das wäre doch das einfachste.«

»Die Fürstin sitzt rechts von ihr,« sagte der Intendant, »aber links? Also da soll ich sitzen, links! Glauben Sie denn?«

»Gott,« sagte der Graf, »es könnte ja auch Höfelind neben ihr sitzen, er hat das Bild gemalt! Und der macht ihr Spaß. Oder Larinser, als Doyen des Hauses. Wenn Sie wirklich meinen –! Obwohl ich ja glaube, daß es nicht so gefährlich sein wird.«

»Nein nein!« sagte der Intendant eifrig. »Es wär mir schon lieber. Nicht wahr, es soll doch möglichst würdig und feierlich verlaufen, nicht? Nur sehen Sie, das ist doch auch wieder –! Daß es nur dann am Ende nicht wieder heißt, man hat sich gedrückt! Das müssen wir auch bedenken! Sie glauben ja gar nicht, wie die Schauspieler empfindlich sind! Da heißt's gleich: was glaubt denn der! Was tun wir denn, wenn sie dann beleidigt ist, daß ich nicht neben ihr sitze? Man weiß ja nie, nicht wahr? Da könnt ich Ihnen Geschichten erzählen! Deshalb ist es ja so schwer! Man weiß wirklich nicht mehr, was man machen soll. Redet man einen an, no so langweilt er sich, no natürlich, das kann man sich denken, ich verstehe ja seine Sachen nicht! Sagt man aber wieder nichts, so glaubt er, daß man hochmütig ist. So geht's den ganzen Tag, nie macht man's ihnen recht. Aber die Leute denken, daß das so einfach ist! Da gehört, ich sag Ihnen, da gehört außerordentlich viel Takt und Zartgefühl und dann noch eine ungewöhnliche Geistesgegenwart dazu! Und dann nutzt es erst nichts. Nicht wahr?«

Der Graf sagte: »Das beste wird sein, sie einfach zu fragen.«

»Wer denn?« sagte der Intendant, erschreckt. »Wer soll sie fragen? Nur nicht während einer Vorstellung etwas fragen. Glauben Sie mir!«

»Ich werde sie fragen,« sagte der Graf.

»Ja,« sagte der Intendant erleichtert. »Ja, ja! Nicht wahr?«

»Aber, Verehrtester,« sagte der Graf lächelnd. »Wenn sie sich dann vielleicht wirklich, es kann ja sein, für den Maler oder für Larinser entscheidet, dürfen Sie mir nicht beleidigt sein? Das kommt auch vor.«

»Ich?« sagte der Intendant verblüfft. »Ich soll beleidigt sein? Ich?« Und er lachte herzlich. »Aber ich bitte Sie! Ich bin doch nie beleidigt! Nein, das würde wirklich nicht gehen. Nein, nein! Nicht wahr?«

Höfelind hatte den alten Radauner mitgeschleppt, der die Rahl noch nicht kannte. »Sakrament!« sagte Radauner, schnaufend. »Das ist wohl ein Mordsweib! Jetzt bin ich erst neugierig auf dein Bild. Sakrament! Da wird einem ganz anders!«

Höfelind knurrte nur, an seinen roten Borsten nagend.

Radauner lachte. »Weißt du,« sagte er, »dann bist du eigentlich ein Schlachtenmaler. Hoho!«

Höfelind sagte: »Die blöden Lackeln habe ich ja nicht gemalt, mit ihrem Krawall! Pfui Teufel!«

»Das meine ich ja gar nicht,« sagte Radauner. »Aber das Weib selber! Herrschaft, das Weib! So stell ich mir eine Schlacht vor! Und hörst nichts mehr und siehst nichts mehr und weißt nichts mehr, aber herrlich ist es! Sakrament! Na ich bin neugierig. Eigentlich ist es eine Frechheit von dir, das muß ich schon sagen.«

»Ja,« sagte Höfelind keuchend. »Zum Ohrfeigen! Aber nie mehr, nie mehr!«

»Wie sie dreinfetzt!« grunzte Radauner. »Da kriegt man ordentlich wieder Lust. Daß es in dieser dreckigen Menschheit noch so was gibt, ist doch schön. Na ich bin neugierig. Freu dich, freu dich!« Und er stieß und puffte Höfelind vergnügt.

Franz fand endlich den kleinen Beer. Er suchte schon die ganze Zeit nach ihm. Der kleine Beer sagte nur kurz: »Servus!« Aber Franz bat: »Sei doch nicht mehr bös!« Der kleine Beer schwieg achselzuckend. »Sei nicht mehr bös,« sagte Franz, »ich bitte dich!« Sein Gesicht glühte, die Locken flogen. Der kleine Beer sagte: »Wir können uns ja darüber einmal aussprechen, wenn du willst.« Franz schrie: »Ich will, daß wir wieder gut sind! Heute, wo –« Und er streckte die Hand aus und zeigte zur Bühne hinab und konnte nichts mehr sagen, weil ihm zum Weinen war. Der kleine Beer sagte kleinlaut: »Bös bin ich doch gar nicht. Bös ist nicht das Wort.« Franz rieb sich die Augen aus und lachte. »Gelt?« sagte er. »Wenn man das zusammen erlebt hat!« Er wurde heiser, er konnte nicht mehr reden, er lachte nur, zur Bühne zeigend. Der kleine Beer nickte, zur Bühne sehend, und sagte beklommen: »Ja, die! Die!« Und, sich plötzlich schämend, griff er nach der Hand des Franz und drückte sie. »Nicht wahr?« sagte Franz. »Da muß doch alles andere vergessen sein.« Das bleiche schwarze Mädl schoß auf den kleinen Beer zu, schreiend: »Herr Beer, Herr Beer! Ich bitte Sie. Sie waren Zeuge.« Sie zog ihn in einen schnatternden Schwarm und schrie: »Herr Beer hat es gesehen, wie sie mich küßte! Erzählen Sie doch, Herr Beer! Hat sie mich nicht geküßt? Ich bitte Sie, Herr Beer!« Sie riß ihn am Arm, zuckend vor Zorn. Die Mädchen schwirrten lachend. Eine blonde Dicke sagte behäbig: »No sie hat halt eine geküßt!« Die kleine Schwarze schrie schrill: »Mich hat sie geküßt! Dich hat sie nicht geküßt! Mich hat sie geküßt! Herr Beer! Ich bitte Sie, Herr Beer! Hat sie mich geküßt, Herr Beer?« Die Blonde sagte breit: »No weil du halt grad die nächste warst! Das ist ihr doch ganz gleich!« Das bleiche schwarze Mädchen keuchte schluchzend: »Du, du, du!« Die Blonde fragte gemütlich: »No also was denn?« Da schrie das schwarze Mädchen auf: »Du neidischer Frosch, du!« Und sie hob die Hand, aber da schlug es sie hin, sie lag kreischend.

Professor Samon saß, ganz still vor sich hin, und hielt das Auge mit der linken Hand zu, nachsinnend. Er freute sich, noch so starker Eindrücke und einer ja wahrhaft jugendlichen Begeisterung fähig zu sein. Dies bewies ihm, daß er sich seine Ideale bewahrt hatte. Zuweilen, unter den täglichen Sorgen, bei Verstimmungen, in Enttäuschungen, war ihm oft schon selber Angst, gewissermaßen auszutrocknen, was ja bei seinem, ausschließlich der Pflicht gewidmeten Leben, dem es an jeder Erfrischung durch sozusagen geistige Zufuhr fehlte, wirklich kein Wunder gewesen wäre. Diese Menschen, welchen ein günstiges Geschick gewährte stets in lebendiger Berührung mit dem Schönen zu bleiben, hatten es leicht. Die Voraussetzung war aber doch, daß andere dafür sich selbst zum Opfer brachten. Denn hätten nicht diese, die Lehrer eben, die Erzieher der Jugend, die Hüter der Zukunft, in selbstloser Entsagung immer wieder den Keim zum Schönen ins Herz der heranwachsenden Menschheit gelegt, was wäre längst aus ihr, was aus aller Wissenschaft und Kunst, was aus den Grundlagen jeder menschlichen Gesittung geworden, ohne diese stillen, unverdrossen entsagenden Pioniere, welche die Lehrer sind? Uns gebührt wohl, dachte er, eigentlich uns ganz allein, gebührt der Name: Humanisten noch mit Recht! Und ihm kam, als er jetzt über die Brille weg in den Lärm dieser krabbelnden, schwatzenden, zappelnden Masse sah, das ganze Treiben eigentlich doch recht töricht vor. Gewiß war diese Rahl eine Künstlerin, der man es gar nicht genug danken konnte, daß sie in einer Zeit des flachsten Materialismus kühn das klassische Banner trug! Gewiß! Und er verkannte gar nicht, daß dieser Abend doch auch noch den tieferen Sinn einer öffentlichen Demonstration sozusagen für die so schwer bedrohten Ideale hatte, was immerhin eine weit ernstere Bedeutung beanspruchen konnte, als sonst theatralischen Aufführungen wohl zukommt. Gewiß! Aber er konnte sich doch einer gewissermaßen bittersüßen Ironie nicht erwehren, wenn er diese Huldigungen an die Kunst mit dem verschwiegenen Dunkel verglich, in welchem man die Wissenschaft ließ, wo dann gerade die wichtigste, die der Erziehung, welche doch sozusagen Wissenschaft und Kunst in einem ist, erst noch hinter allen anderen, schlecht gelohnt in jeder Beziehung, zurückstehen muß. Er empfand dies hier wieder sehr stark. Aber er mußte lächeln. War ihm dies so neu, daß die Welt ungerecht ist? Die Schmach, die Unwert schweigenden Verdienst erweist, sagt Hamlet. Wie oft hatte ihn dies Wort in Entlastungen getröstet! Man hätte dies Wort vom schweigenden Verdienst auf den Grabstein jedes Lehrers setzen müssen, und noch ganz besonders des Philologen. Das war nun einmal so, sie hatten nichts als das eigene Bewußtsein. Immerhin nahm er sich aber vor, den Eindruck, den ein solcher Abend auf das bewegliche Gemüt der jungen Leute machen konnte, auf eine angemessene Weise zu korrigieren, worauf dieses ja zweifellos für die Burschen keineswegs unbedeutende Erlebnis sicherlich beitragen mochte, in ihnen manches Erfreuliche zu zeitigen, wenn es nur mit Takt und Umsicht in die richtigen Bahnen geleitet wurde. Und so ging es ihm doch immer: aus jedem Vergnügen, das er sich einmal gönnte, aus jeder Erholung, aus jedem kurzen Genuß erwuchs ihm nur immer wieder eine neue Pflicht. Man schleppt eben, dachte er, seinen Charakter immer mit! Das war manchmal recht unbequem, aber es gab doch auch seinem ganzen Leben einen sicheren Halt. Und wer unter allen den Gaffern im glänzenden Hause hier konnte das wohl von sich sagen, immerhin?!

Larinser saß bei der Rahl in der Garderobe. Sie sprachen von ihren Anfängen. Er war sehr vergnügt, weil er aus jener Zeit noch alles wußte. Er erzählte lustig. Und er tätschelte sie zuweilen auf den Arm und sagte dann immer wieder: »Es ist halt doch schön.« Als er es noch einmal wiederholte, sagte sie plötzlich gereizt: »Ich weiß nicht.« Er verstand es nicht und fragte: »Was meinst du?« Und sein Gesicht sank ein und er lauschte furchtsam. Sie sagte hart: »Ich weiß nicht, ob es schön ist. Den ganzen Abend denk ich schon darüber nach. Ist es schön? Ich weiß nicht, vielleicht ist es schön. Ich habe mir eben vielleicht das Schöne falsch gedacht. Kann ja sein. Ich habe mir es anders gedacht.«

Larinser zog schnuppernd die Nüstern auf und runzelte die Stirne. Ihm wurde das zu schwierig. Sein Kopf dunkelte. »Höre!« sagte er. »Höre, Kind! Höre, was ich dir rate! Glaube mir! Mir kannst du vertrauen! Also höre mich an, mein gutes Kind!« Er sprach es breit und voll, auf den Schall der tönenden Worte horchend, an dem er sich gleichsam wie an einem Strick hielt, bis ihm wieder etwas einfallen würde. Dies hatte er sich von der Bühne her angewöhnt. Dann schwieg er, sah sie mit glimmenden Augen an und wartete. Sie sagte ungeduldig: »Ja, ja!« Dabei dachte sie: Das kommt auch noch, das auch noch! Er tat ihr leid und sie hatte Furcht. Plötzlich griff er zu, wie nach einem Balken, da schwamm er nun wieder: »Die ganze Stadt! Denke nur, eine ganze Stadt! Eine ganze mächtige Stadt in allen Höhen und Tiefen huldigt dir! Die Majestät eines ganzen Volkes huldigt dir! Zu deinen Füßen liegt sie stehend und stöhnend hingestreckt! Gilt dir das so wenig, törichtes Kind? Mich berauscht es! Mich macht es trunken! Mich, einen alten Mann!« Seine Stimme zitterte schellend. Es rührte ihn, daß er ein alter Mann war und daß seine Stimme zitterte. Und dann sagte er, einen aufdämmernden Gedanken haschend: »Und! Und, Bettina! Und vergiß nicht! Ja, das haben wir allein, nur wir ganz allein! Und das ist das Höchste! Ich bin ein alter Mann, siehst du! Und doch, siehst du! Und doch! Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann in bösen Nächten, manchmal ist es bös, Bettina! Aber nein, aber! Aber ich setze mich in meinem Bett auf und weiß: irgendwo weit in der Welt ist jetzt ein junger Mensch wach und das Blut schlägt ihm, denn er denkt an Hagen Tronje, Hagen Larinser, Larinser Tronje, ha! Vielleicht hat er eine Ansichtskarte mit Hagen Larinser, weißt du! Das läßt ihn nicht schlafen, die Pulse fliegen. Und das nimmt er sich ins Leben mit hinaus. Und einst wird er auch ein alter Mann sein und weiß nichts mehr und sitzt irgendwo. Aber das bleibt ihm, Hagen Larinser bleibt ihm. Mich haben dann schon längst die Würmer verspeist, guten Appetit zu dem Brocken! Aber Hagen Larinser bleibt! Siehst du, Bettina! Verstehst du? Und! Und so! Und vergiß nicht –!« Und er rang wieder haschend, aber es kam nichts mehr. So stand er auf und nahm den Kranz der Siegerin und er stand und hielt den Kranz und sprach, an den alten Schild seiner Stimme schlagend: »Hagen Larinser!«

»Ich weiß nicht,« sagte sie ins Leere.

Er erschrak, erwachte, erinnerte sich nicht mehr recht, wunderte sich, den Kranz in seiner Hand zu sehen, ging suchend und wußte nicht, wohin er ihn legen sollte. Sie nahm ihm den Kranz ab und sagte: »Mach dich nicht zu müd! Morgen ist auch noch ein Tag.«

Er wurde wild und schrie: »Nein, das gibt es nicht.«

Sie sah auf und fragte: »Was hast du denn?«

Er wiederholte, mit suchenden Augen, trotzig: »Gibt es nicht.«

Er war ihr unheimlich. »Was gibt es nicht?« fragte sie beklommen.

Er sagte starr: »Morgen gibt es nicht! Schäm dich, daß du das noch nicht weißt! Morgen gibt's hier nicht!« Und er setzte sich schwer und saß vor ihr wie geharnischt. Und es lallte von seinem versteinten Mund: »Gibt's hier nicht, gibt's hier nicht, gibt's hier nicht.« Und immer so hin. Lallend saß er.

Sie kannte das an ihm von der Bühne her. Es blieb dann nichts, als ihn zu lassen und nur zu reden, bis ihn irgendein Wort traf. Das riß ihn schon wieder empor.

Und mit dem Gefühl, daß es ganz gleich war, was sie sagte, wenn es nur schallte, begann sie: »Die ganze Stadt! Das war ja sehr schön. Wenn ich nur nicht den Verdacht hätte, daß einen nicht ein einziger Mensch wirklich hört. Sie wollen sich aufregen. Ob es aber die Burgmusik ist oder rote Fahnen oder ein Feuerwerk, nein, ich glaube nicht, daß das einen Unterschied macht. Wir sind die großen Trommeln, bum, bum, bum, bis ihnen Hören und Sehen vergeht. Das wünschen sie sich. Diesen Zustand braucht der Mensch offenbar. Wie, fragt er nicht lang.« Es tat ihr wohl, dies einmal jemandem zu sagen; und ohne daß es doch gehört wurde. Und so fuhr sie fort: »Also meinetwegen. Auch gut. Nur wissen muß man es. Eigentlich sind sie ja die Betrogenen. Wir machen bum, sie regt es auf, aber was sie dann aufgeregt alles spüren, das ist ja gar nicht von uns. Seine eigene Aufregung nur spürt jeder. Und wir kriegen dafür noch das Geld und den Ruhm. Was eigentlich ja sehr lustig ist, wenn man sich erst einmal damit abgefunden hat und nur nicht mehr glaubt, daß sie uns je verstehen. Das gewöhnt man sich halt aber nicht so leicht ab. Obwohl es doch schließlich gleich ist. Wozu denn? Was geht's uns an? Wenn der junge Bursch nur begeistert ist: Hagen Larinser! Was geht's dich an, was er dabei spürt? Woher er es hat? Von dir nicht! Von uns nicht! Ich glaube schon: kein Mensch kommt zum anderen hinein! Es spürt wohl jeder immer nur sich. Aber er nennt's halt zum Beispiel: Hagen Larinser! Sei froh! Seien wir froh!«

»Ja!« sagte Larinser, durch seinen Namen plötzlich aufgeweckt. »Ja, Bettina!« Und er stand auf und sagte feierlich: »Das ist ein gutes Wort. Seien wir froh! Und seien wir stolz! Denn dies ist heute wahrhaftig ein Ehrentag für uns alle, für das ganze Haus, für unser edles Haus, in dem der Sinn für die große Kunst niemals erlöschen soll, dies wollen wir heute geloben!« Er sah sich um und bemerkte, daß sie ja ganz allein waren. Und er sagte: »Nun, ich werde ja dann beim Bankett noch sprechen. Auf Wiedersehen, Kleine!«

Sie mochte den zweiten Akt nie. Diese brave Sappho kam ihr da ganz albern vor. Worte, nichts als Worte, statt loszustürzen! Und was für Worte!

»Wir wollen
Ein andermal noch diesen Punkt besprechen!«

Wenn sie lustig war, machte sie sich zu Hause gern den Spaß, mit ihrer Jungfer in solchen Versen zu verhandeln; es war gar nicht schwer. Und Jank fürchtete sich schon immer, er durfte sie da gar nicht ansehen, solche Grimassen schnitt sie dazu. Er ängstigte sich besonders vor der Stelle:

»Ich pflege diese Stunde sonst den Musen
In jener stillen Grotte dort zu weihn.«

Er stand dann immer abgewendet. Denn er wußte, daß sie zur »stillen Grotte« das Gesicht so infernalisch verzog, daß er lachen mußte. So konnte sie manchmal ganz unschuldigen Worten den Klang von Zoten geben. Ließ er sich aber merken, daß er es verstand, so wurde sie bös; sie hatte sich erst neulich in einer ausführlichen Zuschrift an die Intendanz heftig über ihn beschwert. Und nun wurde sie heute noch durch die wieder und wieder klatschende, heulende, jauchzende Menge gereizt. Sie hörten unten gar nicht mehr zu, sie wollten nur immer rasen. Sie ließen sie kaum reden und nach ein paar Versen brach es immer wieder los, brausend, rüttelnd, dröhnend. Ihr tat schon der Kopf weh. Sie sagte zu Jank: »Das ist mehr eine Bauernhochzeit als eine Vorstellung!« Wirklich wie das Stampfen betrunken im Tanz gröhlender Burschen war es. Und die Hitze wurde unerträglich. Es stieg wie aus einem Stall herauf. Und dann immer wieder plötzlich ein Schnauben, ein Sprudeln, ein Stöhnen und dann brach das Knattern des hagelnden Klatschens wieder aus und Schreie flogen wie Steine nach ihr. Sie stand dann mit unbeweglicher Gebärde still, wie man sich bei Gewitter unterstellt. Und plötzlich war ihr jetzt so leid. Plötzlich erinnerte sie sich, wie sie selbst noch dort oben war, in dieser schwarz von der Galerie niederhängenden Wolke. Wie hatte sie sich damals gesehnt, als sie selbst noch eine von den Bebenden, Bangenden, Lechzenden dort war! Damals wußte sie ja noch nicht. Und plötzlich war ihr so leid, daß sie es jetzt wußte. Und immer mehr erinnerte sie sich. Der Vater schlug die Mutter, alle stießen sie herum, es war ein grausliches Leben. Aber sie konnte sich noch sehnen. Und unheimlich klar erinnerte sie sich jetzt, wie sie sich damals immer sagte: Es macht nichts, es macht alles nichts, denn einmal wird etwas geschehen, einmal wird etwas kommen, einmal wird etwas sein, mußt nur halt noch ein bißl warten! Und sie wartete Tag um Tag, wie jetzt die dort oben warteten, auch wieder. Sie verstand die, sie wußte, was sie diesen war: sie versprach ihnen. Dies alles, worauf sie warteten, versprach sie ihnen. Sie versprach ihnen: einmal wird etwas geschehen, einmal wird etwas kommen, einmal wird etwas sein! Und deshalb ächzten und schäumten und stampften sie vor Ungeduld dort oben. Ihr aber war jetzt so leid. Wozu wird dem Menschen das ins Herz gesetzt? Dieser Wahn, daß einmal etwas kommen wird! Und nie! Und nie! Und er schleppt sich hin und läßt nicht ab und hofft immer noch: einmal wird etwas sein! Und nie! Und nie! Kann denn das, was in allen Menschen ist, was sie hält und trägt und drängt und treibt und über alles stark ist, was sie froh und gut und stolz und ausharren und alles bestehen macht, kann denn das, kann denn das lügen? Und es log! Sie wußte doch jetzt, daß es log! Sie wußte doch jetzt: Nie! Die wußten es nur noch nicht, dort oben, in ihrem Taumel! Und sie wurde zornig auf sie. Sie hätte hinauf schreien mögen: »Nie, nie! Foppt euch doch nicht! Nie, nie! Da bin ich und ich weiß es! Nie!« Aber nein, sie wird ihnen das nicht sagen und sie werden sich weiter sehnen, sie nach ihr, wie sie wieder sich nach ihnen sehnt, nach jener Zeit des ungestörten Wahns zurück, nur daß die noch an ihre Sehnsucht glauben können, während sie jetzt die Ohnmacht ihrer Sehnsucht schon weiß, und so sehnt sich der eine vor und der andere sehnt sich zurück und dazwischen ist das Leben eingeklemmt, aber sie wird es ihnen nicht sagen, denn das würde sich nicht schicken, sondern sie wird jetzt ihren geliebten Vers sagen, mit dem sie ihren armen Mann immer quält, der doch wirklich nichts dafür kann, und jetzt kommt er schon, der herrliche Vers, sie muß nur acht geben, daß man doch ihren Hohn nicht merkt, und sie holt den gurrenden Ton einer Taube heraus, Nummer Eins-A, drittes Fach links unten, wie der Larinser sagt, der den Schwindel kennt, und sie spürt, wie es ein Fluten von warmem Glanz durch das ganze Haus ist, indem sie spricht:

»Mein Freund, du bist jetzt nicht gestimmt. Wir wollen Ein andermal noch diesen Punkt besprechen!«

Und dort biegen sie sich unter der Lust ihrer Leid klagenden Laute, aber dann gäschen die Salven der prasselnden Verzückungen gleich wieder los.

Der dritte war ihr großer Akt. Da verschwand immer alles um sie. Da wußte sie nichts mehr. Da war sie fort. Langsam sank sie, anfangs war es, als ob sie zu schwer würde, und sie hatte so kalt in den Füßen. Und es zog sie, sie fühlte sich ermatten, es würgte sie. Dann aber, plötzlich, war nichts mehr. Nur dies empfand sie noch: Nichts ist, nirgends, und ich bin weg, aber es fliegt, bin ich das, die fliegt? es ist ein Fliegen, es ist ein Rauschen durch die Weite hin, durch die Leere hin, und so leicht, so weiß, ein leichtes, leise rauschendes, weißes Fliegen, in einem Wind von Wellen und Wolken, so leicht, so weiß! Und dann stieß sie plötzlich an. Sie hatte das Gefühl, im Fliegen plötzlich an ein ungeheueres Licht zu stoßen, das hart wie Stahl war. Dies betäubte sie und das war so gut. Da war jetzt alles betäubt. Es war nur noch ein seliges Schweigen überall. Und dann, in diesem seligen Schweigen überall, hörte sie sich. Sie hörte lauschend ihre Stimme jetzt. Sonst war das doch gar nicht ihre Stimme, wenn sie sonst sprach; nein, sonst nicht. Erst jetzt stieg ihre verborgene Stimme durch die weißen Wellen an den Wolken her, über den Wind. Und das war ihr Schmerz, der aus dieser Stimme sprach. Ihr Schmerz flog da mit schwarzen Flügeln auf. Ihr Schmerz trug sie durch Wellen, Wind und Wolken hin. Und das war so gut, sich tragen zu lassen, von ihrem ruhigen, starken, großen Schmerz. Denn während ihr Schmerz sie trug, stand sie zugleich unten und sah zu. Und die dort unten stand, wunderte sich, sie konnte nichts begreifen, sie wußte nur, daß es jetzt schön war. Und die dort unten stand, dachte ganz still über alles nach, das konnte sie. Das ist mein heiliger Schmerz, dachte sie, den ich den Menschen bringen muß, zur Erlösung! Und dann fiel ihr ein, daß der große Kritiker geschrieben hatte, ihre Stimme habe das Weh der ganzen Welt auf sich geladen. Aber da fragte sie sich, woher denn ihr Schmerz eigentlich war. Woher nahm sie den Schmerz? Sie hatte ihn doch gar nicht! Hier kommt er plötzlich. Woher? Sonst doch nie! Traurig ist sie manchmal, es ekelt ihr, dann möchte sie wohl weinen. Aber dieser Schmerz ist das nie. Der kommt nur auf der Bühne. Und vielleicht ist es deshalb, daß sie manchmal weinen muß. Vielleicht ist es nur der Schmerz, der ihr draußen fehlt. Ein einziges Mal dies auch draußen spüren und so fortgetragen sein, auf schwarzen Flügeln durch die Luft hin! Etwas so Starkes über sich spüren! Warum hat sie das draußen nie? Warum ist der Schmerz dort stumm? Sie hat ihn doch! Jetzt ist er wieder da! Und alle hören ihn und sind erlöst. Sie muß ihn also doch haben. Oder woher kommt er? Woher sonst? Aus diesen Worten, die man ihr eingelernt hat? Sie sagen ihr gar nichts. Sie hört jetzt zu und gibt acht, indem sie sie spricht. Nein, dies alles, was diese Worte wollen, weiß sie gar nicht. Sie hat doch das niemals gefühlt. Diese Wut von Furcht um einen geliebten Mann? Nein, sie kann sich das gar nicht denken. Sie muß lachen, während immer noch ihr Schmerz tönt. Ihr Schmerz ist es, ihr eigener, tief aus ihr empor, ein ganz anderer, als diese Worte haben! Was weiß sie von diesen Worten? Nein, dies alles hat sie nie gefühlt! Hat sie denn je geliebt? Sie hat es sich immer nur gewünscht. Man liegt und wälzt sich und hat heiß; und dann kommt einer und wenn man erwacht, ist es wie nach einem häßlichen, albern ängstigenden Traum! Da stand doch der Jank neben ihr, mit den seidenen Augen in seinem schwammigen Gesicht, von welchen sie vor einem Jahr drei Tage ganz toll gewesen war! Und immer so! Und alle gleich! Und man schämt sich dann nur so und kann es gar nicht mehr begreifen! Ihr Mann war der einzige. Aber hatte sie den geliebt? Wie Sappho hier den Phaon liebt? Gab es das? Wunderschön war es gewesen, als er damals in ihr Leben kam. Etwas sehr Zärtliches, Weiches, Stilles hatte sie seitdem bei sich, was sie früher nie kannte. Ein solches Gefühl, ganz eingehüllt und fest geborgen zu sein. Und wer weiß, wenn er nicht so scheu gewesen wäre, fast wie ein junges Mädchen, heute noch mit seinen grauen Haaren! Aber sie schämte sich vor ihm. Und dann konnte diese Stille, dieser Ernst in seinem arglosen Wesen sie so trotzig machen, daß sie manchmal Lust hatte, laut ein recht gemeines Wort, zu sagen, um nur nicht mehr so beklommen zu sein. Auch dachte sie, daß vielleicht in einem so reinen und ganz andächtigen Gefühl, wie sie für ihn in guten Stunden hatte, jede Leidenschaft erstickt. Oder war Leidenschaft wie Schmerz und kam nur immer, wenn sie hier auf der Bühne stand? Aber da brachen sie jetzt unten wieder schmetternd los und weckten sie, da war es weg. Und sie stand und hörte nur das Brausen. Und sie konnte sich lange nicht finden. Und sie wußte gar nicht gleich, was denn eigentlich war, sie hatte doch so viel erlebt, jetzt eben noch, aber sie wußte nichts mehr, sie lächelte nur, sie trat hinaus, jetzt war der Saal auf einmal so hell, sie lächelte, das galt alles ihr, da stand sie, rings in Blumen, sie lächelte nur immer und sie kam sich so furchtbar verlassen vor, aber jetzt wird ihr Mann kommen und wird ihr mit seiner stillen streichelnden Stimme was Liebes sagen und sie wird ihn auslachen, weil er dann doch immer ein so dummes Gesicht macht. Und sie ruft dem Diener zu: »Lassen Sie mir aber jetzt keinen Menschen mehr in die Garderobe! Außer wenn der Graf kommt. Ich hab grad genug.« Sie saß vor dem Spiegel, ungeduldig wartend. Warum kam er denn nicht? Ihr war auf einmal so bang. Sie hatte dann immer solche Mühe, alles wieder aufzufinden, sie konnte sich gar nicht entsinnen. Es kam ihr vor, es müßte Jahre her sein, seit sie zum letztenmal hier gesessen war, vor dem Spiegel. Aber sie wußte doch, daß es noch kaum eine Stunde her war. Konnte denn in einer Stunde so viel geschehen? Denn es kam ihr vor, daß unendlich viel mit ihr geschehen war. Und doch wußte sie, daß es noch kaum eine Stunde her war: hier saß doch eben noch der alte Larinser und faselte! Und dann war sie nach der Bühne gegangen und hatte die Sappho gespielt, zweiten Akt, dritten Akt, ja. Und sie wunderte sich, daß sie dazu noch die Sappho spielen konnte. Zu diesem allem, was mit ihr geschehen war. Und doch konnte sie noch indessen die Sappho spielen. Aber jetzt wußte sie ja schon, daß doch gar nichts geschehen war. Sie wußte ja, daß es nur der Trance war; der wirkte noch nach, sie hatte noch immer nicht die Kraft ihn abzuschütteln. Der Trance, sagte sie laut vor sich hin. Sie hatte das Wort vom Grafen, mit dem sie gern davon sprach. Er konnte ihr es aber auch nicht erklären. Eine Zeit hatten sie viel Spiritismus getrieben mit berühmten Medien aus England, bis der Arzt es ihr verbot. Der Trance, sagte sie noch einmal, näselnd, und das machte ihr Spaß, sie hatte das Wort so gern. Da war man dann eigentlich schon am Rand, dachte sie. Und sie dachte langsam: am Rand der Geheimnisse. Sie wußte doch aber, daß sie jetzt nicht mehr dort war. Sie war zurück. Sie war ja wieder hier, vor dem Spiegel in der Garderobe. Warum kam ihr Mann denn nicht? Oft hatte sie das auch in der Früh: sie war schon wach, sie wußte genau, daß sie nicht mehr schlief, sondern wach war, sonst hätte sie ja das doch gar nicht denken können, es war nur, als ob der Schlaf noch auf ihr im Bette knien und sich über sie beugen würde, so daß sie, den Kopf zwischen seinen aufgestützten Händen und von seinem Atem heiß, sich nicht regen konnte, wie gelähmt und ohnmächtig, ihn wegzustoßen, bis endlich dann die Jungfer ins Zimmer kam, da zerrann er. Warum kam denn ihr Mann noch immer nicht? Aber sie wußte doch, daß es sicher noch kaum eine Minute her war. Sie wußte doch, wie die Minuten sich dann dehnten und unendlich wuchsen. Sie wußte dies alles doch, es half nur nichts. Und um sich zu beweisen, daß sie wach war, fing sie laut zu zählen an: eins, zwei, drei, vier, fünf, ganz langsam. Und dunkel hörte sie draußen die Stimme des Dieners, der vor der Türe Wache stand, mit dem dicken Savladil. Sie hörte Larinser zornig schelten und die schmetternden Fragen der unwirschen Fürstin Uldus. Sie hörte die schmatzende Stimme des schönen Wax, die gleichsam immer mit einem Trinkgeld in der Tasche zu klimpern schien. So saß sie, vorgebeugt, eingesunken, ungeduldig wartend. Und auf einmal fiel ihr ein: Wie eine Braut sitz ich da! Aber sie mußte lachen, weil es doch keinen Sinn hatte. Er tut mir halt wohl, dachte sie, wenn ich müd bin, seine gute Stimme tut einem wohl!

Der Graf trat ein und sagte: »Ich möchte dich nur, bevor die anderen kommen, etwas fragen.«

Sie lehnte sich schlaff zurück und sagte: »Ja.«

»Es handelt sich nämlich darum,« sagte er bittend, »ob du beim Bankett neben dem Intendanten sitzen willst oder Larinser oder etwa Höfelind vorziehen würdest. Auf der anderen Seite wirst du die Fürstin Uldus haben.«

»Bankett?« fragte sie mit leerer Stimme.

»Ich bitte dich wirklich,« sagte der Graf, »nicht ungerecht gegen den Intendanten zu sein. Du darfst mir glauben, daß er dir wohl will, du hast wirklich einen ehrlichen Freund an ihm.«

»Ja ja,« sagte sie. »Ich hab überhaupt Glück.« Jetzt war sie ganz wach. Sie sah den Grafen an und fand, daß er entschieden zu lange Beine hatte; da stand er dann immer so geknickt!

Der Graf erschrack. Er war noch atemlos von der Hast, sich durchzudrängen. Und er schämte sich jetzt plötzlich. Immer noch kam es ihm manchmal wieder ganz monströs vor, mit ihr einfach so zu reden. Er mit ihr, mit der Rahl! Und vor allem hätte er ihr ja jetzt so gern gesagt, was das doch heute für ihn war! Und er sagte, ganz leise, ganz langsam: »Du bist heute, du bist heute… einfach –« Er hielt ein, achselzuckend. Er sah sie hilflos an. Dann sagte er traurig: »Nein, das wäre doch eine Lästerung und Entheiligung, da noch überhaupt etwas zu sagen.«

»No wenn nur der Intendant zufrieden ist,« sagte sie. »Das ist doch die Hauptsache.« Und sie äffte das Meckern des Intendanten nach: »Nicht wahr? Nicht? Nicht?«

Er sagte nichts. Er hob ihr Tuch vom Boden auf, strich es glatt und gab es zärtlich auf den Stuhl. Dann ging er, vorgebeugt, durch die Garderobe hin und her. Er war hier immer ein wenig verlegen. Plötzlich stand er vor ihr still und sagte: »Weißt du, was ich einmal gelesen habe?« Und er sah sie lächelnd an und fuhr fort: »In San Onofrio in Rom ist Tassos Grab und darüber an der Wand eine Inschrift, die heißt so: ›Dem teueren Gedächtnis des Torquato Tasso widmet der Doktor Bernardini das folgende Gedicht: O du!‹ Ist das nicht schön? Sag! Ist das nicht schön? Er will ein Gedicht machen, um das Gedächtnis des Tasso zu ehren. Aber es enthält nichts als dieses: O du! Weiter kommt er nicht. Und spürt man nicht förmlich, wie er seine ganze Seele, dieser brave Mann, in das einzige Wort preßt: O du? Und erschrocken stockt er aber und sagt nun kein Wort mehr, er würde sich zu sehr schämen! Und was soll er denn auch noch sagen, nach diesem: O du? Ist das nicht schön?« Er lachte froh. Und dann sagte er noch ganz leise: »Siehst du, und so geht's mir mit dir! Genau wie dem armen Doktor Bernardini. Was nehme ich mir nicht immer an einem solchen Abend alles vor dir zu sagen! Kann's aber nicht. Jedes Wort ist daneben doch leer und schal. Kann am Ende dann nichts sagen als halt auch nur: O du, o du!« Wie betend sprach er es aus.

»Das hast du wo gelesen?« fragte sie mit dunkler Stimme.

»Robert Browning, glaub ich, erzählt es einmal, um es auf seine Elisabeth anzuwenden.«

»Aha!« sagte sie. »Und der hat's auch wieder wo gelesen.«

»In San Onofrio selbst, wahrscheinlich,« sagte der

Und sie sagte: »Und der Doktor Bernardini wird's auch schon wo gelesen haben. Sicher!«

Er hörte ihrer Stimme die Wut an. Er verstand aber gar nicht, was sie hatte; sie war manchmal so seltsam! Und er fragte beklommen: »Wie meinst du denn das?«

»Aber nein!« sagte sie. »Ich bewundere solche Menschen, die alles wo gelesen haben.«

Da hörten sie einen Knall vor ihrer Türe. Sie schrak auf. Und noch einen. »Was ist denn?« schrie sie zornig. »Das war doch wie ein Schuß,« sagte der Graf und rannte hinaus. Und noch ein Schuß fiel. Sie stand zitternd. Sie hörte rennen und rufen vor ihrer Türe, den engen Gang hin und her, und schieben und stoßen und drängen von aufgeschreckten Menschen. Sie schrie zornig und schellte. Sie hörte den Hofrat Wax: »Den Arzt! Schnell! Schnell!« Und wirre Stimmen und überall das schrille Klingeln. Sie hatte noch immer die Hand auf dem Knopf der Klingel, schellend. Sie hörte die weiche Stimme des Grafen: »Aber bitte doch um Platz! Platz!« Und dann alle Stimmen durcheinander, wirr: »Platz! Platz! Platz!« Und den fetten Baß des jammernden Savladil: »Aber so was! Nein so was! Nein so was!« Und dann hackte durch den hallenden Gang her die Stimme Larinsers, wie mit einer Axt: »Da ist schon der Arzt! Platz für den Arzt! Da ist ja der Arzt schon! Platz für den Arzt! Platz für den Arzt!« Und nun duckten sich die Stimmen und es wurde still. Sie stand an der Türe, lauschend. Sie hielt die Hand auf der Klinke, gierig. Aber sie hatte nicht den Mut aufzudrücken. Sie zitterte. Was war denn nur geschehen? Und warum kam denn niemand? Warum ließ man sie hier allein mit ihrer entsetzlichen Angst? Und sie schlug mit der Hand und sie stieß mit dem Fuß an die Türe, toll vor Angst, und sie schrie wieder gellend nach dem Diener. Da hörte sie, wie langsam ein Körper gehoben und getragen wurde. Und ein Flüstern und ein Schlürfen durch den engen Gang hin. Und dann war es still. Sie trat zurück. Was war denn nur geschehen? Und warum ließen alle sie hier allein? Jetzt fing doch der Akt gleich wieder an! Und sie wurde zornig und schellte. Der Diener kam.

»Warum kommen Sie denn nicht, wenn ich klingle? Haben Sie nicht gehört?« sagte sie scharf.

Der Diener war bleich und stotterte: »Der, der – der Herr von Lerroy!« Mehr konnte er nicht sagen.

Sie stand unbeweglich. Dann setzte sie sich vor dem Spiegel. Dann fragte sie: »Was ist mit dem Herrn von Lerroy?«

Der Diener sagte nur: »Mit einem Revolver hat er sich –« Er brach ab, schluckend. Er hielt sich ein Tuch vor den Mund, als ob ihm übel würde.

Ihr ekelte. »Es ist gut,« sagte sie, nickend. Der Diener ging.

Draußen war es noch immer ganz still. Und sie saß noch immer unbeweglich vor dem Spiegel. Und sie dachte, daß sie sich dann ja jetzt eigentlich abschminken könnte; wo blieb denn die Garderobiere? Und dann dachte sie, wie wunderlich es doch eigentlich war, daß sie nur daran dachte, sich abzuschminken. Man hätte doch etwas empfinden müssen! Und sie hatte das Meckern des Intendanten im Ohr: »Nicht? Nicht?« Es machte sie nervös; sie sagte sich vor: Der war jetzt tot! Und sie sagte sich wieder: Ein Toter! Und sie sagte sich noch einmal: Tot! Und sie sah im Spiegel, wie das Wort von ihren Lippen abgeschossen wurde. Da setzte sie sich auf und reckte sich. Und sie dachte zornig: Was geht mich denn der alberne Narr an? Jetzt hörte sie Lärm und Lachen vom Gang her. Der Graf trat ein. »Wird man mich hier ewig warten lassen?« fragte sie heftig.

»Du weißt es schon?« fragte der Graf, froh. »Gott sei Dank! Das war ein schöner Schreck!«

Sie sagte kurz: »Erzähl!«

Der Graf ging auf und ab, mit den Knien einknickend. »Mein Gott, der arme Mensch, jetzt wird er natürlich noch ausgelacht werden.«

Sie sagte: »Er hat sich erfolglos erschossen?«

»Ich weiß ja nur, was der Hofrat Wax erzählt. Er kam mit ihm herauf. Sie wollten nämlich zu dir. Er soll ja nun den ganzen Abend schon wie verstört gewesen sein. Du weißt doch! Als sie nun nicht eingelassen wurden, schlug Wax ihm vor, einstweilen zum Intendanten zu gehen, ob er nicht vielleicht doch noch für ihn eine Karte zum Bankett haben könnte. Aber er wollte durchaus nicht zum Intendanten mit, sondern hier auf den Hofrat warten, neben deiner Türe hier, an die Wand gelehnt. Kaum aber hatte der Hofrat sich umgedreht, hört er zuerst einen Fall, er blickt erschrocken zurück, der Franzose liegt auf dem Boden, der Hofrat weiß noch gar nichts, da kracht ein Schuß, es ist ein wahres Wunder, daß er nicht den Hofrat getroffen hat; der rennt davon, noch ein Schuß, und jetzt kamen schon alle herbei, Savladil war der erste. Es läßt sich gar nicht anders erklären, als daß er schon mit dem Vorsatz kam, sich etwas anzutun, dann aber im entscheidenden Moment wahrscheinlich die Besinnung verlor, ohnmächtig umfiel und nur noch die Kraft hatte, in der Betäubung mechanisch loszudrücken. Gott sei Dank! Ich bin so furchtbar erschrocken. Es ist ihm aber schon wieder ganz wohl. Der Hofrat bringt ihn eben in sein Hotel. Du kannst ganz unbesorgt sein. Manchmal ist es halt ein Glück, schlechte Nerven zu haben.«

»Ich muß auf die Bühne,« sagte sie. Sag aber, bitte, dem Intendanten, daß ich nicht zum Bankett komme.«

»Ich kann das ja verstehen,« sagte der Graf traurig.

»Sag ihm, daß mir sehr leid ist.« Sie traten in den Gang hinaus. Sie blieb stehen und zeigte hin. »Da könnte jetzt Blut kleben,« sagte sie langsam.

»Denke nicht mehr daran!« bat der Graf. »Es regt dich zu sehr auf.«

»Nein,« sagte sie, zur Bühne gehend.

Jank kam ihr entgegen und fragte: »Was kostet das beim alten Beer: Ovation mit Selbstmord?«

»Ja,« sagte sie lachend. »Das hab ich mir gleich gedacht! Jetzt werd'ts ihr das alle haben wollen!«

»Du bist eben stets originell,« sagte Jank, »das muß man dir lassen.«

»Ja, originähl!« sagte sie, sein Ostpreußisch nachäffend.

Sie kniff die kleine Melitta, die bleich in der Kulisse stand. »No, Lamperl!« sagte sie. »Was machst du für ein dummes Gesicht?«

Die kleine Melitta wurde ganz rot und stammelte: »Ich bin es doch noch nicht gewohnt, Frau Gräfin!« Und plötzlich stieß sie auf sie zu, griff nach ihrer Hand und küßte sie schluchzend. »Sie haben alles! Ja, Sie haben alles! Alles, alles!«

»Glaubst?« sagte die Rahl. Da kam Larinser, packte sie und schwang sich mit ihr hopsend herum, indem er sang: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage!« Dann ließ er sie los und fing auf dieses entartete Geschlecht zu schimpfen an. »Ein Geschlecht von Wachs!« sagte er. »Können sich nicht einmal ordentlich erschießen! Wie soll das enden?« Und er zählte die Mädchen auf, die, als er noch Liebhaber spielte, aus unglücklicher Liebe zu ihm gestorben waren. »Ja, Kinder!« sagte er. »Mir war wohl der Weg zum Ruhm völlig mit Leichen besät! Aber das ist jetzt ein verweichlichtes Geschlecht! Was will man da machen? Es wird nicht mehr geschändet, es wird nicht mehr erdolcht und wenn's doch einmal knallt, war's blinder Lärm. Wo sind die Ideale hin?«

»Jetzt bin ich neugierig,« sagte Jank, als der Vorhang aufging. Er streckte sich horchend vor.

»Ja,« sagte Larinser, neben ihm horchend. »Wäre schon möglich! Bei diesen Wienern heißt's doch immer: nur nichts übertreiben! Feige Bande!« Und er reckte sich. Er war ganz verjüngt, seit dem Schießen.

Jank sagte: »Es wurde ja annonciert, daß ihm nichts geschehen ist. Aber es kann auch sein, daß ihnen vielleicht gerade das wieder auch nicht recht ist. Hier weiß man doch nie!«

Da schlug Larinser ihn mit der Faust auf die Schulter. Jank taumelte. Drohend stand der Alte da, die Faust geballt, und röchelte mit dumpf anklagender Summe: » Panem et circenses« Und einen Fluch über das ganze Haus breitend, wieder: » Panem et circenses!« Und noch einmal, ganz leise, dem Jank ins Ohr, geheimnisvoll beschwörend: » Panem et circenses!«

»Gewiß, gewiß! So ist es! Das läßt sich nicht leugnen!« sagte Jank, um nur den Alten zu beschwichtigen, lebhaft zustimmend, obwohl er eigentlich fand, daß es nicht ganz paßte.

Sappho trat jetzt aus der Grotte, langsam vorschreitend. Alles still. Kein Hauch, keine Hand. Das große schwarze Loch ein tiefes Grab. Und sie begann:

»Bin ich denn noch? und ist denn Etwas noch?«

Aha, dachte sie, sie machen jetzt einen Kondukt, sie müssen immer mitspielen; es ist doch das herrlichste Publikum der Welt! Das half ihr sehr, sie war gar nicht mehr müd. Und es freute sie, daß sie das Bankett abgesagt hatte. Nun wird sie gleich in ihrem Wagen sitzen, von Blumen eingehüllt, und fährt durch die stille Nacht und dies alles ist dann weg!

Aber der alte Larinser ärgerte sich. »Hunde!« sagte er. »Solche Hunde! Aber denen will ich's schon zeigen.«

Nach dem vierten Akt kam der schöne Hofrat Wax zurück. Er stand im Parkett, umringt. »Nix ist g'schehen!« sagte er immer wieder. »Wir sind zuerst noch ein bißl spazieren gefahren, da war ihm gleich wieder gut. Da sieht man wieder, daß so eine sanfte Wiener Nacht mit der gewissen Luft die beste Medizin ist, die's gibt! Und jetzt kuriert er sich halt mit Kognak Lerroy noch völlig aus, hahaha!« Und dann nahm er jeden beim Knopf und fragte, den Knopf drehend: »No was sagen Sie? No was sagen Sie? Da kann eins hundert Jahr alt sein, Wien lernt man halt nicht aus!« Und, wieder von dem Franzosen erzählend, sagte er: »Ich hab ihn gern. Er ist ein braver Bursch. Nur halt –« Er lachte, mit dem Finger auf die Stirne zeigend: »Halt ein bißl schwach auf der Brust, meine Herrn! Aber ich hab ihn gern. Ganz ein braver Bursch! Und mit einem Fremden muß man schon ein bissel Rücksicht haben! Dafür ist ja die Wiener Stadt bekannt.« Und er lachte, rings um ihn wurde gelacht, man drängte sich her, einer sagte es dem anderen und bald war das Lachen überall, hell durch den ganzen Saal hin; und in allen Gruppen hieß es: »Der Hofrat Wax hat gesagt, ein bißl schwach auf der Brust!« Und man lachte. Und es rauschte: »Ein bißl schwach auf der Brust!« Und man lachte, man lachte.

In seiner Loge sagte der Intendant zum Grafen: »Ich verstehe das ja! Ich verstehe das gewiß! Nicht wahr? Nicht? Es beweist nur wieder den Takt und das Zartgefühl der Gräfin. Aber jetzt tritt die Frage an uns heran, ob man das Bankett überhaupt absagen soll, weil sie nicht kommt. Bedenken Sie doch aber, lieber Graf, ob das nicht auch wieder falsch gedeutet werden könnte! Nicht wahr? Nämlich als ob man ihr vielleicht gar einen Vorwurf daraus machen wollte, was doch wahrhaftig nicht der Fall ist, nicht? Und auf der anderen Seite muß ich doch wieder befürchten, daß ein solches Bankett ohne diejenige, welche man feiern will, doch fast einen lächerlichen Beigeschmack bekommen könnte, nicht? Das will eben alles reiflich erwogen sein, es ist halt in solchen Fällen wirklich schwer. Ja die Leute denken immer, daß das so einfach ist! Glauben Sie aber nur ja nicht, lieber Graf, daß ich den Standpunkt der Gräfin verkenne! Ich begreife vollständig, daß sie nicht in der Stimmung sein kann. Das steht für mich fest. Aber auf der andern Seite, lieber Graf, auf der andern Seite, nicht? Das müssen Sie mir doch zugeben! Nicht zu vergessen, daß ja doch auch die Herrn von der Presse geladen sind! Und wer kann erraten, wie sich die Presse dazu stellen wird? Nicht wahr? Ich habe direkt ein bißl Angst. Also was glauben Sie, daß wir da eigentlich machen? Und kann ich mich wenigstens auf Sie berufen, daß auch Sie der Meinung waren, das Bankett trotzdem abzuhalten, wenn auch ohne die Gräfin, deren Gesinnung ja gewiß jedermann teilen wird? Kann ich mich da eventuell auf Sie berufen? Das wäre mir sehr wertvoll. Nicht wahr? Es ist schon eine schwere Geschichte!«

Höfelind erzählte dem alten Radauner den ganzen Fall Lerroy. Radauner sagte: »Ein Trottel!« Höfelind sagte: »Literaten!«

Samon dachte, daß dies ein wahres Schulbeispiel dafür war, wie sehr die Kunst ein starkes moralisches Gegengewicht nicht entbehren kann, auch die höchste nicht! Und er war entschlossen, seine ganze Kraft einzusetzen, daß es den jungen Leuten an der notwendigen Korrektur der, wie man hier wieder sah, doch gar nicht so unbedenklichen jugendlichen Begeisterung nicht fehlen sollte. Dies schwor er sich zu.

Das bleiche schwarze Mädchen stritt mit der blonden Dicken. Das schwarze Mädchen behauptete: »Alle Männer sind Feiglinge!« Die blonde Dicke sagte: »Du hast dich auch noch nicht erschossen.« Die Schwarze sagte: »Ihr werdet schon noch sehen!« Die Blonde sagte: »Ich bin neugierig.« Die Schwarze schrie: »Das ist eine Gemeinheit! Pfui!«

Franz saß ganz still. Neben ihm hatte jemand früher gesagt: »Ja, ja, die Liebe!« Das klang ihm immer noch nach. Er fühlte sich so seltsam. Er dachte: so muß einem Taucher auf dem tiefen Meeresgrunde sein! Er wußte nicht, warum er das dachte. Aber immer wieder mußte er an einen Taucher denken. Und immer wieder klang es ihm: »Ja, ja, die Liebe!« Ganz gemächlich hatte der das gesagt. Ihm aber war bang. Und er stellte sich den rauchenden Revolver vor. Der arme Mensch! Hätte der die weiße Rose gehabt! Er sah den rauchenden Revolver und die weiße Rose beisammen. Und er hörte wieder: »Ja, ja, die Liebe!« Warum klang das so gemein? Und warum lachten denn alle den armen Menschen aus? Was konnte denn der dafür? Es muß doch entsetzlich sein! Und auch für sie! Und jetzt hatte sie vielleicht den armen Menschen sehr gern, seitdem? Ihm wurde heiß. Dies alles stand drohend um ihn herum, wie fremde Tiere mit seltsamen Larven um einen Taucher auf dem grünen Grunde stehen. Er saß ganz still in sich.

Als im fünften Akt Larinser hinaus zu seiner großen Szene ging, sagte er noch: »Aufgepaßt! Ich will's ihnen schon zeigen! Hallunken!« Dann trat er vor. Bis ganz an die Rampe trat er watend vor. Da stand er. Er hörte nichts. Die paar ersten Worte warf er wie mit einer Schaufel aus, scharrend und kollernd. Er wußte nichts. Er stand wartend. Sappho ging, Jank sprach. Er stand. Bis Jank sagte:

»Fest halt ich diese, lachend ihres Zorns,
Sie selbst und ihre Drohungen verachtend!«

Und Jank schwieg. Aber da war es, als spränge jetzt ein ehernes Tor auf, da Larinser begann: »Verachten? Sappho'n?« Und die Worte stürzten wie schwarze Schlangen aus seinem rauchenden Schlund und schlugen wie mit klirrenden Sporen in die taumelnd aufgeschreckte Schar ein. Er stand, sein Mund war höhnisch, die brandige Stimme stieß immer zu. Dann aber, plötzlich verstummt, trat er noch weiter vor, ganz hinaus, bis er ganz vorne stand, und er war wie ein rauchender Schlot und allen war, als ob es Feuer regnen würde, und so sprach er jetzt:

»Hoch an den Sternen hat sie ihren Namen
Mit diamantnen Lettern angeschrieben,
Und mit den Sternen nur wird er verlöschen!«

Da ging es unten wieder los mit Heil, Rahl, Heil, und klatschend und stampfend und krachend, und überall Heil, Rahl, Heil! Ihn aber hielt nichts mehr, seine Stimme stieg und stieg und stieg, unaufhaltsam durch alles Branden durch, über alles Brausen hin, über alles Rasen weg, unaufhaltsam empor, mit stäubenden Schreien, unaufhaltsam immer wieder oben auf dem tosenden Lärm, wie ein weißes Segel weit im Meer, das immer wieder aus den zerstürzenden Fluten springt, tanzend und tanzend und tanzend. So stieg seine Stimme, schlagend und schlagend und schlagend, und stieg immer noch. Er aber stand wie ein Pfahl mit rauchendem Pech, in die Rampe gerammt.

In der Kulisse drängten sich alle scheu. Die Säuglinge bogen sich vor, atemlos lauschend und schauend. Alle hatten Angst. Einer sagte: Wie wenn man ein Automobil ankurbeln und dann loslassen würde, ohne Lenker, dahin, dahin, dahin, bis es zerschellt! Alle hielten sich geduckt, vor Angst. Die Rahl fing laut zu schluchzen an, vor Angst.

Als der Vorhang fiel, sagte sie zu Larinser: »Recht hast! Schön ist es! Es ist halt doch schön!«

Larinser sagte vergnügt: »Gelt? Man muß es ihnen nur zeigen! Sonst werden's ja zu frech!«

»Aber jetzt kann ich nicht mehr,« sagte sie. »Ich bitt Euch, laßt's mich jetzt! Ich kann nicht mehr, ich kann nicht!« Die Augen waren ihr ausgetrocknet und sie hatte das Gefühl, daß die Haut an den Lidern zersprang. Jetzt nur den Kopf in kaltes Wasser stecken! Sonst wußte sie nichts mehr. Sie taumelte zur Garderobe. Und nur fort und in die stille kalte Nacht hinaus!

Jank hatte plötzlich das Bedürfnis, auch bemerkt zu werden. Er rief die Säuglinge her. »Kollegen!« sagte er. »An unserer großen Freundin ist eine grobe Taktlosigkeit verübt worden! Ich will es bloß eine Taktlosigkeit nennen. Es weiß ja wohl jeder von uns, was er von diesem Herrn Franzosen zu halten hat. Ich denke, das genügt. Also schweigen wir lieber davon!« Die Säuglinge lachten. Einige riefen: Bravo, Jank, bravo! Andere, den Lärm der Galerie parodierend: Heil, Jank, Heil, Jank, Jank, Heil! Von draußen schlug es noch immer tosend her, an den Eisernen tobend. Jank gebot den Säuglingen Ruhe. »Keine Scherze, meine Herrn,« sagte er, »wenn es sich um die Würde des ganzen Standes handelt! Erlaubt mir, der ja das Glück hat, unserer großen Kollegin näher zu stehen, ich meine: näher als die meisten anderen von uns Jüngeren –«

»Bravo, bravo!« schrie einer vorlaut.

»Weil sie,« sagte Jank in einem drohenden Ton, »weil sie vielleicht in meinem künstlerischen Streben einen gewissen verwandten Zug sieht. Jedenfalls, Kollegen, hört mich an, was ich vorschlagen will! Soll denn der Künstler wirklich gezwungen sein, sein ganzes Privatleben diesem Moloch von Publikum preiszugeben? Ist es wirklich schon so weit, daß, um die zehn Kronen für einen Sitz, jeder das Recht erkaufen darf, sich vor unseren Garderoben anzuschießen? Nun davon wird in der Genossenschaft noch zu reden sein. Seid überzeugt, daß Eure Delegierten nichts versäumen werden, wenn es gilt die beleidigte Würde des Standes zu rächen! Aber beweisen wir doch heute einmal, daß wir selbst imstande sind, uns Ordnung zu schaffen! Oder wollen wir dulden, daß sich diese beschämenden Szenen einer wahrhaft skandalösen Begeisterung in unseren Hallen wiederholen? Ich mache den Vorschlag, daß wir eine Art Wache oder Garde bilden, die Stiege hinab, bis zum Tor, bis an ihren Wagen, damit sie wie eine Königin hindurch schreiten kann, von keinem Hauch der Menge berührt. Wollt Ihr eine solche heilige Mauer sein? Eine edlere Huldigung, meine ich, ließe sich nicht denken! Es wird gleichsam der Genius des Hauses sein, der, in uns verkörpert, ihr schützend zur Seite steht! Wollt Ihr?«

Lachend stimmten die Säuglinge zu. Der Zug rangierte sich. Die Arbeiter mußten auch her. Feierlich standen sie bis an den Wagen. Einer sagte: »Das ist gleich eine Probe zu ihrer Leich!«

Erst wurden die Blumen zum Wagen getragen. Körbe, Kränze, Sträuße. Immer noch wurden Blumen gebracht. Endlich erschien der lange dicke Savladil. Da setzten die vom Rahl-Bund wieder ein: Heil, Rahl, Heil, Rahl, Rahl, Rahl, Heil! Da hob Jank, noch im Kostüm und geschminkt, gebietend die Hand. Es wurde still, er sprach: »Vergeßt nicht, was geschehen ist! Ehrt den frommen Schmerz unserer großen Freundin! Hat nicht der Tod seinen schwarzen Fittich über unser Fest gestreckt?« Da kreischte das kleine schwarze Mädchen entsetzt auf. Dann war ein dunkles Murmeln durch die fiebernde Schar. Dann rief einer: Bravo, Jank, sehr richtig! Dann schrien sie: »Heil, Jank, Heil!« Jank dankte durch eine große Gebärde. Und er öffnete das Spalier und ließ die Journalisten vor, denen er flüsternd den Sinn dieser Huldigung erklärte. »Was wollen Sie denn?« sagte einer. »Der Franzos' ist ja schon wieder pumperlgesund!« Jank sagte: »Man kann aber von einem moralischen Tod sprechen!« Die Reporter notierten es.

Jetzt kam sie. Janks erhobener Arm hielt den Schrei der zuckenden Schar zurück. Es kam nur ein Stöhnen, ein Ächzen her. Aber plötzlich streckten sich alle Hände nach ihr aus. Am Arm des Larinser schritt sie langsam durch, sie sah nur lauter Hände. Dann mußte sie lachen. »Katzen!« sagte sie zu den Säuglingen. »Ihr macht's Euch als Veteranen ganz gut! Danke schön!« Der Graf hob sie zu den Blumen in den Wagen, der langsam über den stillen Ring fuhr, zwischen den großen leeren Bäumen.

Sie riß das Fenster auf. Sie hatte solchen Durst. Sie hätte sich gewünscht in einen recht kalten Apfel zu beißen. Langsam zogen die schweren Pferde den großen Wagen. Jetzt ist das auch vorbei, dachte sie. Sie war nur froh, doch nicht noch zum Bankett zu müssen. Noch immer hörte sie die blakende Stimme Larinsers. Aber sie hatte Durst. War das nun wirklich schön oder war es eigentlich dumm? Sie wußte jetzt gar nichts mehr. Sie roch nur die Blumen und hörte die schwärende Stimme noch und fühlte die Nacht und war nur sehr müd und hatte Durst. Da bog der Wagen in die Vorstadt ein. Sie erinnerte sich. Heute hatte sie den blonden Buben noch gar nicht gesehen! War der heute nicht da? Sie neigte sich vor und sah hinaus. Da stand er an der Laterne. Sie ließ halten. Er trat an den Schlag. »Komm mit!« sagte sie lachend. Er stand und sah sie nur an. Sie fragte noch: »Magst?« Er sagte nichts. Sie zog ihn in die Blumen. Der Wagen fuhr. Er stand hockend, ungeschickt ängstlich, die Blumen zu zerdrücken. »Dummer Bub!« sagte sie lachend. Sie nahm ihm den Hut ab und strich sein Haar. »Die lieben blonden Locken,« sagte sie. Er wollte sprechen, sie hielt ihm den Mund zu. »Still!« sagte sie. »Still! Ich bin müd.« So fuhren sie. Sie lachte nur manchmal und strich sein Haar und sah ihn an. Ihm aber, unter den vielen Blumen überall, neben ihr, die gurgelnd lachte, war bang und froh. Und er dachte nur: Es kann ja gar nicht sein! Er wäre jetzt eigentlich gern wieder ausgestiegen. Er schämte sich vor ihr, so zu sitzen und nichts zu sagen. Aber er konnte nichts sagen, er hätte gleich geweint. Mit fest geschlossenen Augen, um nicht aufzuwachen, saß er und sah große grüne Funken springen, weiße Bänder tanzen. So fuhren sie. Ihm kam es vor, sie fuhren die ganze Nacht. Manchmal lachte sie. Es war wie das Schnurren einer Katze.

Der Wagen hielt. Sie sagte dem Gärtner: »In den Pavillon!« Die Pferde zogen wieder an. Franz hörte den knirschenden Kies. Neben dem Wagen sprang ein weißer Hund, heulend. Die Pappeln standen steil in die schwarze Nacht. Sie schob ihn in ein Zimmer. Da war er jetzt allein. Und er dachte: Was ist denn eigentlich? Er erinnerte sich, daß er voriges Jahr einmal beim Schwimmen einen Krampf gehabt hatte. So war es. Die Türe ging, der weiße Hund kam, schnupperte, lief weg, kam wieder und leckte seine Hand. Ihm wurde von der feuchten Zunge heiß. Er konnte nicht mehr stehen. Er hatte Furcht sich zu setzen. Er ging auf und ab. Ein Mädchen brachte die Körbe mit den Blumen. Das Mädchen sah ihn lächelnd an, die Blumen ausstreuend. Er wurde rot. Er hatte Lust, ihr ins Gesicht zu schlagen. Er schämte sich. Er lockte den weißen Hund und strich ihn, spielend. Und er hörte hinter sich ihre Stimme. »Dummer Bub!« sagte sie. Und wieder war dieses surrende Lachen. Der weiße Hund sprang ihr zu, sie warf sich auf das große Tier und wälzte sich mit ihm. Atemlos sagte sie: »Denn weißt du, ich bin eine Drude, die den kleinen Kindern das Blut aussaugt! Armer Bub!« Und er hörte das heimliche Lachen wie eine große Hummel um die welkenden Blumen schwirren. Sie ließ den Hund und holte Franz. Sie nahm ihn an beiden Händen und hielt ihn und sah ihn nur immer an. Und wieder war das schwarz flatternde Lachen durch den schwülen Raum. Er stand mit geschlossenen Augen. Die Kehle schwoll ihm zu. Sie sagte: »Du hast so einen lieben dummen Hals!« Und sie riß ihn nieder und biß in seinen Hals. Er schrie. Und er hörte nur ihr gurgelndes Lachen noch immer.

Zwölftes Kapitel

Der Gärtner brachte Franz zurück. Sie lehnte weiß im Fenster. Er sah sie noch winken. Er hörte noch ihr schwirrendes, schlürfendes, schaukelndes Lachen. Er hörte noch das letzte: Dummer Bub! Dann fiel das Gitter hinter ihm zu, der Gärtner schloß das Tor. Franz ging durch die Nacht. Er wußte nicht, wohin er ging. Er ging nur zu. Die Nacht war gut. Er dachte nichts. Er fühlte die Nacht und schritt aus. Immer schneller schritt er aus. Die Nacht war still und leer. Da schritt er wie der Herr der Welt. Die Nacht blies ihm die Locken. Die Nacht drang in seinen Mund. Hier waren keine Häuser mehr. Er ging an Mauern von Gärten. Da bog ein Weg ins Feld ein. Über Ackern stieg ein Hügel auf. Da saß er dann, ausschauend, wie langsam rings die Nacht entwich. Er sah dort unten die Pappeln stehen und wußte, dort war der große Garten, dort war das grüne Häuschen versteckt, dort war sie, weiß im Fenster. Er hörte noch immer ihr Lachen. Er hörte noch immer: Dummer Bub! Aber er konnte nichts denken. Jetzt flog von den braunen Äckern ein heller Wind auf. Es raschelte durch das Land. Ein leises Nicken, ein langsames Rücken war rings. Der Acker schien sich zu dehnen, gelber Dunst quoll, es roch naß. Die Ferne wurde licht. Vor ihr stand der schwarze Qualm der Stadt. Hier hielt sich die vertriebene Nacht noch fest und saß gleichsam reitend auf der Stadt. Aber jetzt sprang Franz auf. Brannte dort der Garten? Da teilten sich die Flammen und flossen aus. Franz stand und sah in die rote Sonne, die dort über der dampfenden Stadt aus einem gelben Meer zu steigen schien. Franz stand wie im Traum. Langsam floß das goldene Feuer ab, der frohe Tag trat heraus und schien durch die Stadt von Dach zu Dach zu springen. Franz stand schauend, wie jetzt alles auf einmal wohlbekannt und freundlich war. Da fiel ihm ein: Ich muß ja nach Haus', ich muß in die Schule! Er lachte. War das nicht dumm? Der kleine Beer und die Buben und Herr Samon! Gab es das immer noch? Aber ihm konnten sie jetzt nichts mehr tun! Er war gefeit! So lief er den Berg hinab, über Wiesen, der Stadt zu, springend, und pfiff und sang. Dann, auf der Landstraße, fing er an, fest auszuschreiten, marschierend. Er kam auf das Pflaster, die Schritte schlugen hallend auf, er zählte: Eins, Zwei, Eins, Zwei, Eins, Zwei! Und indem er stampfend ins Pflaster trat, fingen die Zahlen in ihm zu singen an, und es war ein Strom von Stößen, der ihn trug, und plötzlich sang er laut im Takt: Ich bin der Geliebte der Rahl! Und er trommelte: Ich bin, ich bin, ich bin! Und er blies schmetternd hinauf und hinab: Der Geliebte der Rahl! Und indem er mit der Hand den Takt dazu schlug: Der Rahl, bum, bum, der Rahl, bum, bum, der Geliebte, Geliebte, Geliebte der Rahl, bum, bum! So schritt er im Takt, es singend und jauchzend und summend, trommelnd und blasend: Ich bin der Geliebte der Rahl! Manchmal schwieg er plötzlich still, aber in ihm sang es immer fort. Einmal blieb er stehen und dachte nach, ob er nicht verrückt war. Dann aber, mit einer Verbeugung nach links und einer Verbeugung nach rechts, als ob er mitten in einer großen Schar wäre, sagte er laut, ganz langsam: »Ich kann euch aber nicht helfen, meine verehrten Herrn! ich bin wirklich der Geliebte der Rahl, mein Ehrenwort, wirklich!« Und lachend schritt er wieder und sang es im Marsch. Er schritt in der Mitte des Wegs. Hinten kam ein Lastwagen. Er hörte nichts, schreitend und singend. Der Kutscher knallte, der Kutscher schrie. Das schwere Roß stieß ihn an, er sprang weg. Der Kutscher schimpfte. »Den hat's ordentlich!« sagten die Burschen hinter dem Kutscher und lachten. Franz ballte die Faust auf sie drohend und rief dem Kutscher nach: »Du! Du! Ich bin der Geliebte der Rahl!« Da schrak er zusammen und wurde rot. Aber sie hatten nichts gehört. Und er sagte sich: Sei doch gescheit, wach auf, kein Mensch auf der Welt darf es wissen! Er hatte doch jetzt ein Geheimnis. Das war auch wieder schön, ein Geheimnis zu haben, von dem aus der ganzen Welt kein Mensch weiß! Und er lachte wieder und blies und schritt. In die Stadt hinein. Verschlafene Menschen rannten. Sie kamen ihm dumm vor. Alles kam ihm dumm vor. Er dachte: »Was wißt's denn ihr?« Einer alten Frau, die humpelnd einen schweren Korb trug, gab er Geld. Er war ganz verlegen, als er es ihr bot. Sie wunderte sich über den lustigen Buben. Er hätte gern gehabt, daß alle froh wären.

Er schlich in sein Zimmer. Er hatte Angst, daß die Mutter schon wach wäre. Gleich schlief er ein. Er schlief fest, traumlos, ausgelöscht. Die Mutter weckte ihn. Er konnte nicht erwachen. Sie sagte: »Aber, Franz, es ist die höchste Zeit!« Und sie strich sein Haar und sagte: »Hörst du, dummer Bub!« Da fuhr er auf. Sie mußte lachen, weil er so erschrocken war. Ganz entsetzt sah er auf sie. Sie ließ ihm Zeit, sich zu besinnen. Dann fragte sie: »Was hat dir denn geträumt?« Er konnte sie nicht ansehen. Er sprang aus dem Bett und sagte nur: »Mutter, Mutter, ich hab dich lieb, gelt?« Und rannte fort.

Als er in die Schule trat, stand der kleine Beer auf dem Katheder. Die Buben waren um ihn versammelt. Franz ging in seine Bank und hörte zu. »Bubokratie,« sagte der kleine Beer, »Bubokratie nennt es Herr Samon, wenn wir uns wehren, rechtlos zu sein. Bubokratie meint er höhnisch. Ich aber frage mich oft, ob es nicht das vernünftigste wäre, den Hohn zur Wahrheit zu machen. Versteht ihr mich? Ob es nicht für die Menschheit, für unsere ganze Entwicklung, für das Gedeihen aller großen und kühnen Ideen ein Segen wäre, wenn jetzt einmal einige Zeit die Jugend herrschen würde, die Buben, statt der Greise. Macht keine dummen Gesichter! Ihr steckt auch alle noch selbst von Vorurteilen voll! Warum sollen alte Menschen, die die Gicht zwickt, senile Menschen mit verkalkten Adern, morsche Menschen, die kaum mehr kriechen können, das Schicksal der Welt bestimmen, während die Kraft der blühenden Jugend schweigen muß? Alexander der Große hat Generäle von siebzehn Jahren, Napoleon Marschälle von vierundzwanzig gehabt. Und mir scheint, es ist ganz gut gegangen! Unsere sind wacklige Mumien, und wenn einer aufs Pferd soll, muß eine Division antauchen und helfen. Und mir scheint, mir scheint! Hab ich nicht recht? O je!« Die Buben lachten trampelnd. Franz hörte vergnügt zu. Es tat ihm wohl, so mit Worten begossen zu werden. Der kleine Beer begann wieder: »Der größte Feind der Menschheit ist das Alter. Im Alter schrumpft der Mensch ein, im Alter wird der Mensch feig, im Alter knickt der Mensch zusammen. Eine schleichende Krankheit ist das Alter. Der beste Beweis dafür ist, daß man ja daran stirbt. Habt ihr schon gehört, daß einer einmal an Jugendkraft gestorben ist? Aber täglich hört man, daß einer an Altersschwäche stirbt. Ist euch das klar? Und ist es euch also klar, warum unsere ganze Menschheit sozusagen im Sterben liegt? Ist das ein Wunder, wenn sie sich von Sterbenden regieren laßt? Ist das nicht die verkehrte Welt, wenn der Tod über das Leben regiert? Wenn es für ein Verbrechen gilt, jung und stark zu sein? Denn was wirft man uns sonst vor? Was ist der Grund, weshalb die kräftige, tätige, mutige Jugend schweigen muß vor dem ängstlichen, schwächlichen, zittrigen Alter? An Erfahrung fehlt's uns, sagen sie! Was heißt denn aber Erfahrung? Seht euch doch unseren erfahrenen Samon an!« Die Buben klatschten. »Was hat er erfahren? Er hat erfahren, daß es klüger ist, sich zu ducken. Er hat erfahren, daß man sich nach dem Winde drehen muß. Er hat erfahren, daß es ratsam ist, seine Meinung zu verschweigen. Erfahrung heißt müd und feig und klein geworden sein und nichts mehr wagen und den Schwanz einziehen wie ein verprügelter Hund! Erfahrung heißt Triefaugen haben, die kein Licht mehr vertragen! Erfahrung heißt in die Hosen machen, wenn ein Schuß fällt, der Schuß irgendeiner beherzten, erlösenden und befreienden Tat! Das ist Erfahrung! Aber wißt ihr, was Genie ist? Wißt ihr, worin jede schöpferische Begeisterung besteht? Wißt ihr, was allein dem Menschen Zuversicht zu mächtigen Entschlüssen gibt? Die Kraft, unerfahren zu sein, jawohl! Die Kraft, die todesmutige Kraft, aller Erfahrungen nicht zu achten, macht den Helden aus, und Genie wird immer nur sein, wer sich rein von allen Erfahrungen hält, das merkt euch! Und ich dächte doch aber, die Menschheit hätte nun gerade lange genug die Probe mit dem Alter gemacht! Es ist auch danach! Jetzt könnte sie's wirklich einmal mit der Jugend versuchen! Was riskiert sie denn? Schlechter kann's doch nicht mehr werden! Oder glaubt ihr, daß das noch möglich ist? Und ist's nicht ein Jammer, welches Kapital an Mut und Kraft vergeudet wird, indem wir murrend in der Schule hocken, statt draußen zu streben und zu wirken und zu schaffen? Bis wir auch wieder schlaff und lahm geworden sein werden und uns der Mut gesunken ist und unser Wille zerbrochen ist! Der Wille nur macht Nationen groß und die Jugend nur hat Willen! Und darum, wenn der Herr Samon wieder einmal sagt: Bubokratie! dann wollen wir ihm antworten: Jawohl, Herr Samon, hoffentlich erleben wir sie noch, allen anderen Kratien zum Trotz, die längst verwirtschaftet haben und mit ihrer Weisheit am Ende sind, es lebe die Bubokratie! Und hoffentlich erleben wir es noch, daß dann die Samons in den Bänken sitzen, und wir stehen hier, es wird ja wahrhaftig kein Vergnügen für uns sein, ich wünsche mir es nicht, aber was tut man nicht für die Menschheit? Denn wir haben eins, was ihnen allen fehlt, wir haben, was die Menschheit braucht: Impuls!« Wie eine Rakete fuhr das Wort in die Klasse. Die Buben trampelten, lachend und gröhlend. Einer schrie schrill durch den Lärm, schnarrend: »Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht für das ganze Gymnasium!« Da vernahmen sie Samons bedächtig durch den Gang stappelnden Tritt. Der kleine Beer sprang rasch in die Bank. Alle saßen still. Sie wußten gleich, daß Samon heute seinen bösen Tag hatte. Er setzte sich, schlug das Buch auf, sah über die Klasse weg in die Wand, plötzlich ließ sich sein Blick auf einem Buben nieder. Der hob sich schon, die anderen waren erleichtert, da sagte Samon, indem seine Hand den Buben sich setzen hieß: »Was ist mit Ihnen? Wollen Sie spazieren gehen?« Der Bub erschrak, war aber froh. Nun stach Samon mit seinen Augen in eine andere Bank, um einen anderen Buben aufzuspießen. Doch der bohrte sich in sein Buch ein, um nichts zu merken. Samon rief seinen Namen an und sagte: »Sie müßten das eigentlich von selbst fühlen, wenn man etwas von Ihnen braucht.« Als aber der Bub sein Buch nahm und aus der Bank trat, sagte Samon: »Nein, lassen Sie's nur! Ich will Euer Gnaden in Ihrer Bequemlichkeit nicht stören!« Die Buben lachten, beflissen. Und Samon fuhr wieder mit seinen angelnden Augen über die geduckte Klasse hin. In der letzten Bank nieste einer. Samon rief ihn und sagte höhnisch: »Also schön! Zeigen Sie gleich, was Sie können! Wir werden ja sehen!« Die Buben lachten, dienerisch. Sie waren vergnügt, sie hatten jetzt eine Viertelstunde Ruhe.

Franz schrieb auf einen Zettel: Und wie stimmt das mit Homer und Sokrates zu Deiner Bubokratie? Der Zettel flog zum kleinen Beer. Dieser schrieb: Die Region der Tat gehöre der Jugend, aber Dichten und Trachten mag dem Alter bleiben! Franz schrieb darunter: Und den Schiller an Schwung, Goethe an Weisheit und Stil übertrifft doch noch Adolf Beer! Der kleine Beer zerriß den Zettel und antwortete nichts. Franz schrieb noch einen: Und wird dann das Parlament in Windeln tagen? Unten schrieb der kleine Beer mit breiten und prahlenden Buchstaben hin: Daß Du ein Verräter bist, weiß ich längst! Franz lachte, als er es las. Er fand den kleinen Beer so komisch. Der übte sich in einem fort! Was er immer sprach, schrieb oder tat, alles war für später berechnet, er exerzierte sich ein. Franz verstand das ja jetzt so gut. Nur kam es ihm recht kindisch vor. Später war doch alles dann ganz anders. Und er sah durch die Klasse hin und wunderte sich nur über die Buben und über die Lehrer und daß er das jetzt noch ertrug. Nein, es war doch zu dumm. Aber draußen schien ihm jetzt alles wunderbar klar und hing von nickenden Früchten voll und er wußte sich stark und er fühlte sich froh und es war schön. Er bückte sich auf sein Buch, hielt die Hand mit dem langen Bleistift vor und schloß die Augen zu, bis er das grüne Häuschen sah, mit dem winkenden weißen Schein im Fenster.

In der Stube war ein dumpfer Dunst. Der Bub am Pult sprach stammelnd. Langsam sickerten die Worte. Wenn der Satz aus war, stach Samon jedesmal mit dem Stift in das Pult. Dann hob er den Blick auf, sah zur Wand und ließ die Brille glitzern. Da neigten sich die Köpfe der Buben nieder. Die Sonne schien herein. Ein silberner Staub schwamm durch den warmen Raum. Es blendete Franz. Er hatte heiß. Sein Kopf sank. Er hörte wieder die langsame Stimme des übersetzenden Buben tröpfeln.

Plötzlich schrie Samon: »Heitlinger!« Franz erwachte. Was war denn? Er fand sich gar nicht gleich zurecht. Samon schrie: »Hören Sie nicht, Heitlinger? Worauf warten Sie?«

Franz nahm sein Buch, trat aus der Bank und ging an das Pult. Er schlug das Buch auf. »Was blättern Sie denn?« schrie Samon.

Franz sah auf, sah Samon an und sagte: »Ich muß erst die Stelle suchen.« Es riß Samon herum. Aber er schwieg. Sie maßen sich.

Unten malte der kleine Beer in der Luft die Zahl des Verses auf, bei dem sie waren. Franz bemerkte es. Er blickte weg. Er blätterte noch und sagte dann: »Bitte, Herr Professor, bei welchem Vers sind wir?« Er sagte das sehr artig.

Samon sah über die Brille weg in die Wand. Die Buben hielten sich geduckt. Von den Scheiben sprang das tanzende Licht.

Samon fragte langsam: »Sie wissen den Vers nicht, bei dem wir sind?« Und er setzte sich auf, legte die Hände gefaltet vor sich auf das Pult und sagte, gerade sitzend, indem er das S zischen ließ: »Ssosso!« Und er ließ die Finger knacken, indem er die Handflächen bald öffnete, bald wieder schloß, und wiederholte: »Ssosso! Sie wissen den Vers nicht? Ssosso!«

»Leider nein, Herr Professor,« sagte Franz.

Die ganze Klasse saß gesträubt. Der kleine Beer biß an seiner Feder, er war dem Franz neidisch. Aber jetzt ging es los! Seine Rede hatte doch gewirkt. Er zwickte seinen Nachbar vor Aufregung.

Samon ließ die Finger knacken und sagte: »Ich könnte Sie jetzt einfach hineinschicken, wissen Sie?«

»Ja, das können Sie, Herr Professor,« sagte Franz.

Samon öffnete die Hände, deckte mit der einen das Auge zu und sagte mit einer leidenden und gütigen Summe: »Also gut. Vers 273! Aber Sie sollten aufmerksam sein.«

»Ich war nicht unaufmerksam, Herr Professor,« sagte Franz. »Ich habe geschlafen, ich bitte um Entschuldigung.«

Ein Bub in der letzten Bank lachte laut auf. Der kleine Beer machte wütend: Ssst. Samon hob die flache Hand und streckte sie mit gespreizten Fingern vor.

Franz las den ersten Vers. Samon schlug auf das Pult und schrie: »Warten Sie! Was fällt Ihnen ein?«

»Ich dachte,« sagte Franz.

»Ah?!« schrie Samon. »Es wird immer schöner! Erst schlafen Sie und dann denken Sie und nächstens, nächstens, nächstens –« Er stand krähend.

»Ich habe ja schon um Entschuldigung gebeten,« sagte Franz.

Außer sich schrie Samon: »Aber warum? Warum haben Sie geschlafen? Warum, will ich wissen!«

»Weil ich schläfrig war, Herr Professor,« sagte Franz. Die Buben lachten. Er fügte hinzu, leise: »Ich bin gestern etwas spät nach Hause gekommen.« Er mußte lächeln. Mehr konnte er doch dem Samon leider nicht sagen.

»Ssosso,« sagte Samon. »Ssosso.« Ihm war plötzlich wieder so leid. Alle verkannten ihn! Was hatten sie gegen ihn? Fühlten sie denn nicht, wie gut er es ihnen meinte? War es denn nicht seine Pflicht? Er hatte keine Schuld, er hatte die Mutter des Knaben noch ausdrücklich gewarnt. Jetzt zeigte sich, daß er recht hatte! Was half denn alle Begabung des immerhin fleißigen und strebsamen Knaben, wenn es nicht gelang, diesen störrischen und zuchtlosen Sinn zu brechen, der sozusagen ein Hohn auf jede menschliche Satzung war? Wie sollte das erst später werden? Er hatte recht gesehen, er hatte das Gespenst erkannt: es war der ruchlose Geist des Vaters, der in dem unruhigen Knaben spukte! Ja schlafen, wenn man schläfrig ist, und denken, was einem nur so durch den Kopf fährt: gewissermaßen unsere ganze Zeit mit ihren aufrührerischen Gelüsten, mit ihrer Zügellosigkeit, mit ihrem Trieb aus allen Schranken stand in diesem Knaben verkörpert vor ihm da! Er tat ihm eigentlich leid. Doch war es nicht seine Pflicht? Galt es hier nicht sozusagen den großen Kampf seines ganzen Lebens? Und war es nicht noch ein Glück für den Burschen, seine strenge Hand zu fühlen, die vielleicht ihn noch retten oder doch immerhin vor der äußersten Not einer völligen sittlichen Verwahrlosung vielleicht noch bewahren konnte? Es war dies einer jener Momente, wo sozusagen das Weltauge auf den Erzieher blickt, der in seiner gerechten Hand die Wagschale hält, um vielleicht einer ganzen Generation ihr Schicksal auszuteilen! So fühlte er es. Aber er wollte es noch einmal mit Milde versuchen.

Der kleine Beer sagte zu seinem Nachbar: »Ich habe ja immer gewußt, daß er feig ist.«

»Ssosso!« sagte Samon noch einmal. »Und da meinen Sie nun, daß die Schule der Ort ist –?«

Franz fiel ungeduldig ein: »Ich habe ja schon um Entschuldigung gebeten, Herr Professor.«

»Und damit,« sagte Samon, »glaubt ihr heute, muß alles erledigt sein? Man bittet um Entschuldigung und damit ist es gut! Sehr bequem! Und Strafe soll wohl überhaupt nicht mehr sein? Strafe scheint ein Begriff, den eure wehleidige Zeit wohl überhaupt nicht mehr hat? Und keiner denkt daran, daß es sozusagen ein Recht auf Strafe gibt, weil doch durch die Strafe nur die Schuld getilgt werden kann. Das spüren Sie nicht, Heitlinger? Das spüren Sie nicht, daß ich Ihnen Ihr Recht verkürze, wenn Ihr Vergehen ungesühnt bleibt?«

Franz sagte nichts. Er sah nur das schwitzende Gesicht. Er dachte: Das ist mir ja jetzt alles so gleich!

»Aber nun hören Sie!« sagte Samon. »Es ist mir ganz lieb, daß ich einmal einen Anlaß habe, es Ihnen vor der ganzen Klasse zu sagen. Es gibt da noch manchen, der alle Ursache hat, sich auch eine Lehre daraus zu ziehen. Wen es angeht, der wird es schon wissen.« Und er sah, über die Brille weg, wieder in die Wand, an der die Strahlen tanzten. Dann hob er den Zeigefinger und sagte: »Dieses Schlafen nämlich, dieses Schlafen während einer Unterrichtsstunde, abgesehen davon, daß es eine Ungezogenheit gegen den Lehrer ist, der euch seine beste Kraft und, ich kann wohl sagen, manche durchwachte Nacht weiht, dieses Schlafen ist außerdem gewissermaßen ein Signal, das mir die tiefe Gefahr, die Ihrem Charakter droht, in dem grellsten Lichte zeigt.«

Franz sah auf. Es war ihm plötzlich, als ob die Rahl beschimpft würde. Er wunderte sich selbst, wie ihm denn das jetzt auf einmal einfiel. Er hatte das Gefühl: Ich kann mir das nicht gefallen lassen, ihretwegen! Aber er wunderte sich selbst und wollte schweigen.

»Ich habe gewiß,« sagte Samon, »Ihre Begabung, der es ja auch an einem gewissen, freilich sozusagen mehr stoßweisen Fleiß nicht fehlt, niemals verkannt. Und ich habe es mir auf alle Weise angelegen sein lassen, diese, wie ich noch ausdrücklich hervorheben will, nicht gewöhnliche und mir also gewiß nur erfreuliche Begabung mit allem Nachdruck zu fördern, obwohl ich schon seit geraumer Zeit ein allmähliches Auftauchen eines recht bedauerlichen Mangels an rückhaltloser Offenheit, an dem so notwendigen Vertrauen des Schülers zum Lehrer bemerken konnte, worüber ich Ihnen ja auch die nötigen Andeutungen zur rechten Zeit zukommen ließ. Nun aber wäre es, meine ich, die höchste Zeit, daß Sie endlich aufhören, ein begabter Bub zu sein, und daß Sie sich entschließen, ein Mann zu werden. Verstehen Sie: ein Mann.« Er sah über die Brille weg die Buben an und wartete die Wirkung ab.

Der kleine Beer schlug vor Zorn sein Buch zu. Sein Nachbar sagte leise: »Das ist Tusch!«

Franz biß die Zähne zusammen und sagte: »Herr Professor –«

Aber Samon hob die Hand und fuhr fort: »Ersparen Sie sich jede Bemerkung! Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mit allem Nachdruck nochmals zu sagen: es ist Zeit! In zwei Jahren sollen Sie ins Leben hinaustreten! In zwei Jahren wollen Sie ein vollberechtigter akademischer Bürger sein! Es ist Zeit, daß Sie endlich daran gehen, sich, wie der Dichter mit Recht sagt, zum Manne zu schmieden! Das haben Sie bisher immer versäumt! Die ruhige männliche Arbeit am eigenen Charakter, die strenge sittliche Selbstzucht, die hingebende Übung in der so notwendigen Entsagung haben Sie versäumt! Sie lassen sich von jeder Laune treiben, Sie schaukeln mit geschlossenen Augen dahin! So werden Sie niemals ein Mann! Vielleicht erinnern Sie sich später einmal an diese Stunde! Ich wünsche nur, daß es dann nicht zu spät sein wird. Ich meine es Ihnen wirklich gut. Ich biete Ihnen noch einmal hilfreich die Hand. Ergreifen Sie sie nicht, raffen Sie sich nicht sozusagen in der letzten Stunde noch auf, gehen Sie nicht endlich ernstlich in sich, dann können Sie mir glauben, daß niemals ein nützliches und wahrhaft tragendes Glied der menschlichen Gesellschaft aus Ihnen wird, wozu Sie doch, ich wiederhole es, vielfache Anlagen hätten! Dann werden Sie Ihr ganzes Leben lang, glauben Sie mir, der Ihnen Beispiele nennen könnte, im besten Falle immer nur höchstens ein netter Junge sein! Sie hätten ein Beispiel ganz in der Nähe. Aber ich biete Ihnen noch einmal die Hand!«

Franz sah auf. Er wußte nicht, daß Samon seinen Vater meinte. Er fühlte nur eine hämische Drohung.

Samon sah über die Buben hin. Alle Buben sahen auf Franz. Der kleine Beer rieb mit den Nägeln an seinen Zähnen.

Und Franz sagte: »Ich danke, Herr Professor!«

Samon hob die Hand abwehrend und nickte.

Da sagte Franz noch: »Ich danke: nein.« Und er horchte, wie sein helles Nein flatternd durch den weißen Staub zu schweben schien. Die Buben schnauften.

Unwillkürlich fragte Samon kurz, ohne noch zu verstehen: »Wie meinen Sie? Wie meinen Sie, Heitlinger?«

»Ich meine,« sagte Franz, »daß es gewiß sehr freundlich von Ihnen ist, Herr Professor, mir, wie Sie das nennen, Ihre Hand zu bieten. Ich muß es aber dankend ablehnen. In der griechischen Syntax oder Metrik will ich mich pflichtgemäß stets gern von Ihnen unterweisen lassen. Die Sorge um meinen Charakter aber oder meine Bildung zum Manne und dergleichen bitte ich schon, mir zu überlassen. Mit dem Leben werde ich am besten allein fertig, denke ich.«

Franz wunderte sich selbst, woher seine Worte kamen. Er hatte das Gefühl, nur nachzusprechen, was ihm diktiert wurde. Und er dachte: wenn sie jetzt ihn hätte hören können!

Samon dachte: Was spricht er denn da? Wer spricht denn da? Wo sind wir denn? Übrigens war der Lehrplan daran schuld, der immer nur auf Wissen drang, statt zum Ganzen der allgemeinen Erziehung zu streben; da mußten sich solche Verirrungen in den Jungen festsetzen. Er hatte das immer vorausgesagt. Jetzt zeigte sich, daß er recht behielt. Insofern gewährte die Frechheit dieses Heitlinger ihm ja sogar eine gewisse Befriedigung. Immerhin mußte sie jedoch zurückgewiesen werden. Er war nur darauf nicht vorbereitet.

»Darf ich also jetzt anfangen?« fragte Franz, ins Buch sehend.

Da fühlte Samon Haß und Hohn aus allen Bänken steigen. Alle Augen standen gegen ihn. Und er hatte das Gefühl, wenn er jetzt nur einen Moment wegsah, gesteinigt zu werden. Er sagte sich: Das ist eine dumme Nervosität! Es half aber nichts. Dieses schwimmende Licht mit dem tanzenden Staub und dahinter die lauernden Augen wie kleine schwarze Pöller, mit Rache geladen, und neben ihm der ruhig fragende Bub, der ja heute ganz verändert und jetzt plötzlich viel größer schien – es war ihm unerträglich. Er konnte nicht mehr. Er schlug das Buch zu. Er steckte sein Heft ein. Er nahm den Bleistift. Er stand auf und sagte, nach seiner Gewohnheit die Hand über die Klasse streckend: »Dies geht über meine Befugnisse hinaus. Darüber werden Sie sich mit dem Herrn Direktor auseinanderzusetzen haben. Es tut mir leid um Sie, Heitlinger! Aber Sie haben es sich selbst zuzuschreiben. Es muß einmal ein Exempel statuiert werden. Ich habe jedenfalls die Pflicht, diesen unerhörten Vorfall von Unbotmäßigkeit, ja von, wie ich es wohl geradezu nennen muß: Aufruhr, man kann da gar nicht anders sagen als Aufruhr, sogleich dem Herrn Direktor zu melden. Die Folgen mögen Sie sich selbst zuschreiben!« Er verließ das Pult und nahm seinen Hut. Plötzlich schrie er: »Setzen Sie sich, Heitlinger!« Und als Franz gehorchte: »Und daß sich keiner untersteht, seinen Platz zu verlassen! Bleibe jeder an seinem Platze! Es ist Zeit, daß dies eiternde Geschwür von Ungehorsam und verstecktem Trotz einmal aufgestochen werde.« Und er ging. Aber draußen blieb er noch horchend an der Türe. Die Buben wußten es. Der kleine Beer sprang auf die Bank und hob warnend die Hand, zur Türe zeigend. Alle schwiegen, zur Türe horchend. Erst als sie seine knarrenden Stiefel durch den Gang sich entfernen hörten, brach das Lachen schallend los.

»Famos!« sagte der kleine Beer. »Jetzt sollst du aber auch sehen, daß die ganze Klasse zu dir steht! Wie ein Mann!« Er sprang zum Katheder und wollte beginnen: »Aufgepaßt, jetzt gilt's!« Da sah er, daß Franz seine Bücher und den Hut nahm und zur Türe ging. Er wunderte sich und fragte: »Was machst du denn?«

Franz sagte: »Regt's euch meinetwegen nur nicht auf! Es steht nicht dafür. Ich esse meine Suppe schon selber aus.«

»Aber was hast du denn?« fragte der kleine Beer enttäuscht.

Franz sagte: »Ich habe gar keine Lust, mich hier verhören zu lassen. Bei so einem schönen Wetter! Sie sollen machen, was sie wollen. Ich lasse mich dem Herrn Direktor schön empfehlen. Servus!«

»Du! Weißt du, daß das eigenmächtige Entfernung ist?« rief der kleine Beer entsetzt.

»Ja«, sagte Franz und ging. Er ging langsam durch den hallenden Gang. Vor der Türe des Direktors fiel ihm ein, er könnte hineingehen und dem Samon sagen: »Wissen Sie denn, daß ich der Geliebte der Rahl bin?« Es schrie in ihm: »Ich bin ja der Geliebte der Rahl!« Er hätte es überall ausschreien mögen: »Ich bin der Geliebte der Rahl!« Jetzt aber ging er, um sich irgendwo zu setzen und ein Gedicht aufzuschreiben, das er die ganze Zeit schon hörte. Das wollte er ihr schicken, in einem Korb von Veilchen. Da fiel ihm aber ein, daß er gar kein Geld mehr hatte. Ein ganzer Korb mit Veilchen war sicher sehr teuer. Und er wollte die Mutter nicht anlügen. Nein, er hatte jetzt fast Angst vor der Mutter. Es war so traurig, daß er keinen Vater mehr hatte. Dem Vater hätte er gewiß alles gesagt. Dem Vater hätte er alles sagen können. Er wünschte es sich doch so, jetzt jemanden zu haben, dem er es sagen könnte. Und indem er auf der Straße ging, sah er sich die Menschen an. Alle liefen und hatten es eilig. Und alle waren ernst. Wenn sie stehen blieben, um mit einem Bekannten zu reden, lachten sie. Gleich aber, wenn der Bekannte sie verließ, wurde ihr Gesicht wieder traurig und schwer. Hatten sie denn nichts? dachte Franz. Er hatte jetzt immer laut lachen mögen. So froh war er. Sie hatten halt Sorgen! Aber er hatte doch auch Sorgen. Diese dumme Geschichte mit Samon und dem Direktor; die Mutter wird sich kränken. Und er kann es ihr doch nicht sagen! Sie muß ihm aber doch ansehen, wie froh er ist! Und dann wird ihr schon alles recht sein. Nein, sie wird nicht fragen. Er hätte es ihr ja so gern gesagt! Aber das konnte er sich gar nicht denken. Er hätte sich zu sehr geschämt. Warum denn schämen? Er war doch so stolz! Er wunderte sich eigentlich, daß die Menschen so an ihm vorbeigingen. Sah man es ihm denn nicht an? Er mußte lachen, daß sie gar nichts merkten. Und er dachte: Die mit ihren ernsten Gesichtern! und jeder tut wichtig, ich aber bin der Geliebte der Rahl! Aber der Mutter hätte er es nicht sagen können. Merkwürdig war das. Er verstand es nicht. Es kam ihm vor, daß jetzt alles um ihn wunderbar klar war, aber zugleich sah er alles von Geheimnissen voll.

Es fiel ihm ein, zur Tante Fanny zu gehen. Der log er was vor, sie half ihm gewiß. Er konnte ja die Hunde bewundern.

»Du kommst mir gerade recht«, sagte Fräulein Fanny Modl. »Das ist eine schöne Bescherung! Jetzt weiß ich mir schon bald wirklich keinen Rat mehr. Aber du kennst ja die Elvira noch gar nicht! Da schau! So was Liebes gibt's ja auf der ganzen Welt nicht mehr! Aber mein Gott!«

Die Elvira war eine dicke Dackelin, doch sah man ihr an, daß sich die Mutter mit einem Setter vergangen hatte. Die Mutter gehörte dem Hausmeister, der Setter der Baronin nebenan. Der Hausmeister hatte die Schande vertilgen wollen, aber Fräulein Fanny ließ den Mord nicht zu, kaufte die Jungen und verschenkte sie in ihrer Familie, wo man hoffte, einmal von ihr zu erben. Aber Elvira wurde doch überall nach einigen Tagen zurückgeschickt, bis schließlich Fräulein Fanny sich entschloß, sie selbst zu nehmen, weil offenbar die Leute sie gar nicht zu würdigen wußten. Fräulein Fanny fand sie bezaubernd schön und klug. »Nur weißt du,« erklärte sie dem Franz, »sie ist halt noch jung, da kennt sie sich noch nicht aus und gibt den anderen keine Ruh. Die anderen aber sind halt schon ein bißl alt und verstehen keinen Spaß mehr. Sie will ja nur spielen! No und da beißt sie den Florestan ins Ohr und ohrfeigt den Kolumbus mit ihrem lieben gelben Pratzl. Sie will wirklich nur spielen, das ist sicher! Schau dir nur die lustigen Augen an, da sieht man's doch gleich. Aber die verstehen das halt nicht und da geht's manchmal zu, daß ich oft schon glaub, sie fressen sich alle miteinand auf! Ja, und jetzt kommt noch dazu, daß sie mich so schrecklich gern hat und halt immer eifert. Wenn sie mir auf dem Schoß sitzen kann, ist es gut. Aber wehe, wenn ich einmal aufstehen will oder gar ein anderes bloß anrühre! No eigentlich ist das ja doch rührend! Aber wenn sie ihnen nur nicht alles wegfressen möchte! Na nutzt aber nichts, man kann ihr noch so viel geben, daß sie zuletzt schon gar nicht mehr schnaufen kann, sie kommt doch und tragt's den anderen weg und grabt's irgendwo ein. No, sie will halt spielen oder es ist, weil sie mit ihnen eifert. Also was soll man da tun? Die Leut sagen immer: Hauen, hauen! Sonst wissen's nichts. Das war doch aber wirklich ungerecht, ein Tier zu hauen, bloß weil's einen halt so gern hat! Aber ich kann doch die anderen halt auch nicht verhungern lassen! Und der Florestan hustet schon den ganzen Tag vor Wut, daß es ein wahrer Jammer ist. Das geht doch auch wieder nicht. Das Unglück ist eben, weißt: Die Elvira hat halt viel mehr Temperament als die anderen! Da darf man aber doch die anderen nicht darunter leiden lassen, sie können ja nichts dafür! Aber die Elvira kann ja auch wieder nichts dafür, es ist im Gegenteil doch schön, daß sie kein solcher Latsch ist! Ich aber komm schon gar nicht mehr aus dem Haus, ich steh da, mit dem Kochlöffel in der Hand, damit nur doch ein bißchen Ordnung ist! Ja, das geht ja auch wieder nicht! No, jetzt sag, was du tun möchtest! Da kannst zeigen, was du gelernt hast!«

»Aber Tante Fanny!« sagte Franz lachend, indem er, sich setzend, Elvira auf den Schoß nahm. »Da möchte ich mich doch nicht sorgen. Das sollen die Herrschaften unter sich ausmachen! Ein jedes kann sich ja wehren.«

»Das wär schön,« sagte Fräulein Fanny. »Da beißt mir die Elvira am ersten Tag alle zusammen!«

»Wenn sie die Stärkere ist,« sagte Franz achselzuckend. »Dann hat sie ja recht.« Elvira klopfte dankbar mit dem Schweif.

»Du hast schöne Begriffe,« sagte Fräulein Fanny. »Dazu ist doch schließlich der Mensch da, daß der Schwächere auch ein Recht hat. Gelt, mein armer Florestan? No ja, no ja! Es geschieht dir ja nichts, ich geb schon acht.«

Elvira fletschte, Florestan hustete, Zanga stöhnte. Franz streichelte das Tier auf seinem Schoß. »Hast schon recht,« sagte er, »laß dir nur nichts gefallen, hast schon recht, nur sich nichts gefallen lassen!« Es antwortete mit dem Schweife klopfend. Dann hob es ein wenig den spitzen gelben Kopf und schob sich unter seinen Arm in den Rock und lag ganz still.

»Schau schau,« sagte Fräulein Fanny. »Der junge Herr versteht's, mit Weiberln umzugehen.«

Franz wurde rot. Er hätte sich lieber abgewendet. Es ging aber nicht, um Elvira nicht zu stören.

»No ja,« sagte Fräulein Fanny. »Das ist ja keine Schand, dummer Bub!«

Da lachte Franz lustig laut auf, weil es ihn erinnerte. Elvira klopfte im Schlafe. Fräulein Fanny sah ihn an. Es fiel ihr auf, wie schnell die Menschen wachsen. »Aber,« sagte sie dann, »was verschafft mir denn eigentlich die Ehre?«

»Ich darf doch auch einmal nachfragen,« sagte Franz unschuldig, »wie's dir immer geht.«

»Lug nicht so!« sagte Fräulein Fanny. »Wer zu mir kommt, braucht was. Dabei wollen wir schon auch bleiben. Besser als umgekehrt. Also los!«

Sie sah ihn an. Da konnte er nicht lügen. Aber er sagte zuerst noch, Elvira leise streichelnd: »So lieb warm fühlt sie sich an! Wirklich ein herziges Viecherl!«

»Du bist ein Schlauer,« sagte Fräulein Fanny lachend.

Jetzt sah er ihr ins Gesicht und sagte mit ernsten Augen: »Ich muß Blumen kaufen und hab gar kein Geld, denk dir.«

»Wieviel brauchst denn?« fragte Fräulein Fanny.

»Viel,« sagte Franz kleinlaut. Und er sagte noch einmal couragiert: »Möglichst viel.«

»So teuere Blumen müssen's sein?« fragte Fräulein Fanny.

»Ja, Tante Fanny,« sagte Franz. »Die allerteuersten Blumen müssen's sein.« Und er sah sie lachend an und war ganz stolz.

Fräulein Fanny stand in Erinnerungen, und ihr altes Gesicht wurde hell. »No ja,« sagte sie. »Dann freilich!« Sie stand vor ihm und sah ihn zärtlich an und freute sich. Leise seufzend sagte sie, nickend: »Hast ja recht.« Und dann sagte sie noch ein wenig ängstlich: »Aber sag der Mutter nix davon!«

»Nein, nein, ich schwöre,« sagte Franz lachend.

»Eigentlich ist es eine rechte Schand,« sagte Fräulein Fanny, »wenn eine alte Person wie ich noch Geheimnisse mit einem solchen Hudriwudri hat.«

»Eigentlich schon,« sagte Franz, der es komisch fand, daß sie ganz aufgeregt war. Sie merkte es und ärgerte sich. »Du fängst gut an. Die Koketten sind die ärgsten.« Und sie ging zum Schrank. Florestan verstand dies falsch und dachte, daß sie Zucker holen ging. Er schlich wedelnd her, da fuhr Elvira aus dem Rock auf ihn los und verbiß sich in seine Ohren, die anderen kläfften, Fräulein Fanny schrie, bis Franz Elviren am Schwanze in die Luft hob und zappeln ließ. Sie quiekte, rings kläffte und stöhnte und ächzte der feindliche Chor, Fräulein Fanny schrie: »Du tust ihr ja weh! Aber um Gotteswillen! Du tust ihr ja weh!«

»Sie tut ja den anderen auch weh,« sagte Franz lachend und ließ sie los, die sich winselnd und quietschend verkroch.

»Sie weiß es doch nicht,« sagte Fräulein Fanny. »Wenn man es nicht weiß, kann man doch nichts dafür! Ich bitt dich! Du hast mir noch gefehlt! Schau schon lieber, daß du zu –« Sie brach ab und sah ihn an. Dann sagte sie mit einem seltsamen Ton, der fast ein wenig nach Neid und doch auch wieder von Mitleid klang, ein wenig gereizt und ein wenig gerührt: »Daß du halt zu deinen Blumen kommst! Aber sag der Mutter nix!«

Nachdem Franz die schönsten Veilchen ausgesucht hatte, schrieb er unter das Gedicht seinen Namen und seine Wohnung und dann noch ein großes: Wann? Er bat den Gärtner, den Brief mitzuschicken. Der Gärtner fragte wohin. Franz sagte nichts, sondern schrieb ihren Namen auf den Brief. »Oh!« sagte der Gärtner und nickte und war geschäftig. »Ja,« sagte Franz stolz. Er hätte den Gärtner am liebsten umarmt.

Als er abends heimkam, war die Mutter sehr still. Erst nach dem Essen sagte sie: »Franz! Der Herr Professor Samon war bei mir.« Dann faltete sie die Hände, saß schweigend und wartete.

Franz sagte nichts, stand auf und trat ans Fenster.

Nach einer Weile sagte sie: »Was wird denn jetzt geschehen? Du mußt es doch einsehen.«

Sie schwieg wieder eine Weile. Dann sagte sie schüchtern: »Ich war dann auch beim Herrn Direktor. Der hat dich sehr gern, Franz! Er meint es dir wirklich gut.«

Am Fenster sagte Franz ungeduldig: »Wenn es nur nicht alle gut mit mir meinen möchten! Das hält man auf die Dauer schon nicht mehr aus.«

Kleinlaut sagte Frau Marie: »Er meint, um dich wär's schad! Und er meint, es wird ja nicht so schrecklich sein. Er ist wirklich ein sehr netter und vernünftiger Mensch, Franz!« Sie hielt ein und wartete wieder. Sie hörte nur das Ticken der Uhr. Dann bat sie leise: »Du sollst nur dem Professor Samon Abbitte leisten, hat er gesagt. Schau, das muß halt sein!« Sie wartete wieder. Dann sagte sie, fast etwas spöttisch: »Und was liegt dir denn daran? In zwei Jahren bist dann dein eigener Herr. Gelt?«

Franz stand, bog den Kopf vor und zog den Rücken herauf, durchs Fenster sehend. Sie dachte an seinen Vater. Der konnte dann auch so einen störrischen und bösen Rücken machen.

»Gott,« sagte sie, »mit den Männern ist es schon ein Kreuz!«

Franz lachte. Dann kam er leise zur Mutter, strich ihr Haar und sagte: »Du bist ja so lieb!« Und er lachte wieder und sagte: »Aber da hast schon recht, mit uns Männern ist es ein Kreuz.«

»Geh weg!« sagte sie und tat gekränkt. Und sie freute sich, einen so großen Sohn zu haben. Doch dann fing sie wieder an. Aber er ließ sie nicht. »Nicht, Mutter!« sagte er leise. »Nicht heute! Heute ist der allerschönste Tag.« Und schon ging er wieder von ihr weg und sagte lustig: »Morgen kannst mich schimpfen! Soviel du willst. Morgen, morgen!«

»Es ist fast unheimlich,« sagte Frau Marie, »wie du manchmal dem Vater gleich siehst!« Und ihr war bang und sie war froh. Dann schrieb sie dem Direktor einen langen Brief, der Franz werde sicher alles tun, genau nach den Wünschen des Direktors, der sich nur ein paar Tage noch gedulden möge, weil der Franz jetzt vor Aufregung ganz krank sei, weshalb es ihr besser scheine, ihn einige Tage daheim zu lassen.

Franz wartete. Er saß den ganzen Tag zu Haus und wartete. Wenn es läutete, lief er hinaus; es mußte doch endlich der Briefträger sein! Der kleine Beer kam, er ließ ihn nicht ein; die Mutter mußte sagen, er wäre wirklich krank; denn er hatte Furcht, daß, während der kleine Beer da war, ihr Brief kommen könnte. Er wartete den ganzen Tag. Er konnte nichts tun, nicht lesen, nicht sitzen, er wollte nicht bei der Mutter sein, er ging in seinem Zimmer herum und wartete. Er schrieb an sie. Aber dann strich er alles aus. Er fand die Worte nicht. Alle Worte waren zu gemein für sie. Plötzlich fiel ihm ein: Vielleicht hatte sein Gedicht sie beleidigt, sein dummes Gedicht, so dumm, er schämte sich jetzt, sie fand es gewiß lächerlich! Am zweiten Tag hielt er es nicht mehr aus. Er rannte zu ihr. Sie war nicht zu Haus. Wo war sie denn? Wo konnte sie denn sein? Was war denn? Er hatte solche Angst um sie. Er fragte den Diener aus. Der Diener wußte nichts. Franz ärgerte sich über das unverschämte blöde Gesicht. Er suchte den Gärtner auf. Der Gärtner wußte nichts. Das war doch der Gärtner, der ihn nämlich in der Nacht durch das Gitter ließ! Erkannte der Gärtner ihn nicht? Aber er schämte sich, den Gärtner zu erinnern. Er schrieb wieder an sie. Er kam wieder. Sie war nicht zu Haus. Sie war nie zu Haus. Und keine Antwort kam. Er schrieb wieder und trug den Brief selbst hin. Er haßte diesen frechen Bedienten. Endlich spielte sie wieder. Er stand am Tor. Sah sie ihn denn nicht? Auch als er nachher wartete, sah sie ihn nicht. Er wurde zornig. Aber vielleicht schämte sie sich vor den vielen Menschen. Zornig lief er, um dem Wagen vorzukommen. An der Laterne stand er, keuchend, spähend, auf ihr Zeichen bereit. Da sah er ihre weiße Hand, sie ließ den Vorhang herab, der Wagen fuhr vorbei. Er schrie, er lief, die Leute lachten. Ja, was war denn nur? Was war denn? Das konnte doch nicht sein! Als er am andern Tag wiederkam, sagte der gräßliche Bediente: »Die Frau Gräfin ist zu Hause, aber sie empfängt nicht.« Franz schrieb einen Zettel, den der Diener achselzuckend nahm. Franz ging unter den Pappeln auf und ab; dort war das grüne Häuschen! Er freute sich. Dort war doch das grüne Häuschen! Er hatte nicht geträumt. Alles wird sich aufklären. Er sah auf das grüne Häuschen. Alle Läden waren zu. Franz ging unter den Pappeln auf und ab. Da sprang der weiße Hund aus dem Tor. Der weiße Hund kam auf ihn zu, roch an ihm und erkannte ihn, wedelnd. Franz schmeichelte ihm. Der weiße Hund stellte sich auf, mit den Vorderfüßen an seinen Schultern. Der Bediente kam zurück, das Tier knurrte den Bedienten an. Der Bediente sagte: »Die Frau Gräfin läßt sagen, daß sie nicht zu sprechen ist.« Der Bediente rief das knurrende Tier, das Franz mit seinen Händen hielt. Der Bediente ging ins Haus zurück. Franz stand, das Tier streichelnd. Auf der Stiege pfiff der Bediente. Der weiße Hund zitterte, Franz ansehend, aufhorchend. Der Bediente pfiff wieder. Das Tier schüttelte sich und entsprang ins Haus. Franz suchte den alten Gärtner auf. Der alte Gärtner kam ihm entgegen und sagte gleich: »Bitte nur im Hause zu fragen!« Franz sah ihn bittend an und sagte: »Ist denn die Frau Gräfin krank?« Der Gärtner sagte verlegen: »Ich weiß nicht.« Franz bat: »Sagen Sie mir doch, was sie denn eigentlich macht!« Der alte Gärtner sagte traurig: »Ich weiß wirklich nicht.« Franz wollte noch fragen, aber der alte Gärtner ging weg, indem er sich mit seiner Arbeit entschuldigte und noch einmal sagte, immer so traurig: »Ich weiß nicht, junger Herr!« Franz trat durch das Gitter. Dort war der Weg ins Feld! Dort war, auf dem Hügel, die Bank! Dort war er neulich und die Sonne ging auf, rot über der dampfenden Stadt! Was war denn nur? Was war nur? Plötzlich fiel ihm der Graf ein. Er wußte doch, daß sie verheiratet war. Er hatte noch nie daran gedacht. Aber vielleicht war es der Graf. Vielleicht wußte der Graf. Vielleicht hielt der Graf sie gefangen. Er schrak zusammen. Ja, dann ließ sich alles erklären. Das war es gewiß. Er konnte nicht mehr zweifeln. Und der Bediente war vom Grafen bestochen. Aber sie lag gefangen. Und er stellte sich vor, wie der Graf sie peinigte, um sich zu rächen. Er mußte sie befreien. Er kannte den Grafen nicht. Er hatte den Grafen nie gesehen, aber er wußte doch vom kleinen Beer, daß diesen Menschen alles zuzutrauen ist. Er hatte gehört, daß der Graf Rittmeister bei den Dragonern war. Und er stellte sich ihn vor, mit gezücktem Säbel, wahrscheinlich betrunken, wie er seine rasende Eifersucht an der Wehrlosen ausließ. Er mußte sie befreien. Aber wie nur? Wie denn nur? Wie nur? Er dachte, wie das Klärchen, um den Egmont zu retten, die Bürger anruft. Aber die Bürger sind feig und es hilft nichts. Und dann paßte das doch auch in die heutige Zeit nicht mehr! Das waren nur solche Kindereien vom kleinen Beer. Obwohl ja gewiß, wenn die Menschen gewußt hätten, daß die Rahl gefangen war, die Rahl, die Rahl –! Aber nein, er gönnte das den Menschen auch gar nicht. Er brauchte die Menschen nicht. Er ganz allein wollte sie befreien. Ihr Franzos' war bereit gewesen, sich zu töten, weil sie ihn verschmähte. Ihn aber liebte sie, was galt ihm da sein Leben noch? Er war bereit. Aber wie nur? Wenn sie doch nach dem Theater den Wagen angehalten hätte, um ihm alles zu sagen! Aber vielleicht hatte sie sich geschämt. Vielleicht war auch der Kutscher bestochen. Seine Briefe, seine Blumen bekam sie nicht. Vielleicht dachte sie, daß er untreu war. Wie kam er nur zu ihr? Und der Graf war sicher feig und ließ ihn nicht vor. Sollte er es unter einem fremden Namen versuchen? Da war doch aber der tückische Bediente, der ihn kannte! Wie denn nur? Wie? Er kam sich plötzlich so furchtbar verlassen und arm vor. Kein Mensch half ihm. Er hatte keinen Menschen. Wenn sein lieber Vater noch gelebt hätte! Sein Vater wäre nicht verzagt. Aber er wollte zeigen, daß er wie sein Vater war. Der hatte der ganzen Welt getrotzt. Jetzt erlebte er zum erstenmal, wie das war. Nein, er fürchtete sich nicht. Er stand seinem Vater nicht nach. Er war ganz stolz, es jetzt zeigen zu dürfen. Die Rahl befreien! Wie das klang! Ihn hatte doch das Leben sichtlich sehr lieb. Die Rahl befreien! Wer denn als er, wer denn sonst als er, er, der Geliebte der Rahl! Und er sah sich auf schwarzem Rosse mit ihr nachts durch den Garten sprengen, im knirschenden Kies unter den Pappeln. Da fiel ihm aber ein: Ich kann ja gar nicht reiten! Und er mußte lachen. Er blieb stehen und erwachte. Er war so durch die Straßen gerannt! Jetzt fand er es lächerlich. Er dachte: Daran ist aber nur der kleine Beer schuld mit seinen Deklamationen; der macht einen ganz irr! Er hatte eine Wut auf den kleinen Beer. Er fühlte: Das paßt jetzt alles gar nicht mehr zu mir. Er schämte sich eigentlich ein bißchen. Wenn es ihm jemand angemerkt hätte! Hatte denn der Samon nicht eigentlich recht? Blieb er nicht wirklich noch immer ein Bub? Auf schwarzem Rosse mit verhängtem Zügel durch den Garten sprengen, das war echt beerisch. Er aber weiß doch jetzt, daß das Leben anders ist. Was nutzt das schöne Reden und das viele Denken? Und plötzlich muß er wieder an seinen Vater denken, wie er über seinem Tisch hing, mit den spöttischen Augen. Wie der ihn ausgelacht hätte! Nein, er wird nicht auf schwarzem Rosse durch den Garten sprengen! Nein, kleiner Beer, so ritterlich bist nur du! Er wird einfach mit dem Grafen reden. Ganz ohne Romantik. Wenn nicht doch noch ein Brief von ihr kommt, geht er morgen hin und redet einfach mit dem Grafen, von Mann zu Mann.

Dreizehntes Kapitel

»Das ist heuer der erste wirklich schöne Tag,« sagte die Fürstin Uldus.

»Und auf einmal ist der ganze Frühling da,« sagte der Graf.

»Und man weiß es doch und doch kann man es immer wieder kaum glauben,« sagte die Rahl.

»Unerlaubt schön ist es,« sagte Höfelind, unwirsch.

»Ja,« sagte da Hofrat Max, andächtig. »Ja, Wien!«

Sie saßen auf der Terrasse frühstückend und sahen hinaus. An der Mauer schlich der wilde Wein auf roten Zehen. Die flimmernden Wipfel der Pappeln raschelten. Vom nickenden Flieder fiel ein linder Duft. Grasmücken blähten sich im Busch, Baumlerchen stießen zippend auf. Der Wind war wie in Schleiern. Sie schwiegen.

Als der Diener die Teller wechselte, sagte Höfelind zornig: »Dann blühen noch ein paar Tage die Bäume, aber in fünf Wochen ist alles beim Teufel. Und, habe die Ehre! Auch nur ein Schwindel.«

Die Rahl sagte: »Es war doch aber.« Sie trug ein schweres, faltiges, dunkles Kleid. Ihre Stimme floß langsam.

»Wie meinen Sie das?« fragte Höfelind gereizt.

»Natürlich.« sagte die Fürstin Uldus. Sie war klein und dick, mit Ketten und Ringen behängt, in einen bunten Schal gewunden, aus dem der Schnabel ihrer heftigen krummen Nase sprang. Wie ein Papagei saß sie, schmatzend.

»Es war doch,« wiederholte die Rahl.

»Das meine ich auch,« sagte der Graf mit seiner leise streichelnden, traurigen Stimme. »Der Mensch darf nicht unbescheiden sein.«

»Meinetwegen,« sagte Höfelind achselzuckend.

»No und der Wiener Sommer?« fragte der Hofrat mit dem blauen Bart. »No und dann der Wiener Herbst? Ist das vielleicht nix? Da muß ich doch bitten! Sie sind wirklich undankbar!«

Die Fürstin blinzelte mit ihren winzigen schlauen Augen den schönen Hofrat an. Dann wischte sie sich den Mund ab und krähte: »Jetzt sagen Sie mir nur, Hofrat, wer das denn eigentlich eingeführt hat! Mich geht's ja nichts an. Ich bin eine alte Böhmin, wir haben ja bei euch hier nichts mehr drein zu reden. Ist schon gut! Ich bin ja froh, wenn die paar Wochen um sind, daß ich wieder nach Haus kann. Denn, mein lieber Hofrat, dort ist auch noch ein Land.«

»Gewiß, gewiß, Durchlaucht!« versicherte der Hofrat eilig.

Die Fürstin hackte schnarrend zu: »Daß Sie's nur wissen! Da draußen ist auch noch ein Land. Ihr macht's einen ja schon ordentlich nervös. Früher war das nicht. Wir sind aber auch noch auf der Welt, Ihr werd'ts es schon noch merken.«

»Wer leugnet denn das?« fragte der Hofrat, verlegen lächelnd.

»Ihnen kann das gewiß niemand bestreiten,« sagte der Graf.

»No ja,« ächzte die Fürstin. »No ja! Ich weiß schon. Ich bin eine alte Böhmin. Wir haben das Maul zu halten. Aber das sag ich Ihnen, Hofrat, das können's in Ihrer Kanzlei erzählen, was ich Ihnen sag, wär vielleicht ganz gescheit, wenn die dort einmal ein bißl aufmerken möchten, was eine alte Frau sagt, die schließlich auch noch auf der Welt ist, umbringen könnt's mich ja nicht! Also: ich find nicht, daß das gut für Wien ist, ich find nicht.«

Es war eine Weile ganz still. Die Rahl lehnte sich zurück, mit geschlossenen Augen. Der Diener brachte das Obst.

Die Fürstin warf das Messer auf den Teller und sagte noch einmal: »Ich find nicht.«

Der Graf erschrak ein wenig. Die Rahl fuhr aus Gedanken auf und fragte verwundert: »Was ist denn eigentlich?« Und lächelnd sagte sie zur Fürstin: »Pardon, liebe Freundin, ich war ein bißchen weg.« Sie hob die Hand hinaus, über den weißen Flieder zeigend. »Weg. Weit. Da beim Frühling draußen.«

»Sie werden auch schon affektiert, meine Gute,« krähte die Fürstin.

Die Rahl lachte. Die Fürstin sagte vergnügt: »No ja, bei Ihnen liegt aber nichts daran. Bei Ihnen gehört's dazu! Aber, aber, äh!« Sie blies blähend durch die Nase.

»Was denn?« fragte die Rahl lachend.

»Ich ärgere mich,« sagte die Fürstin schnaubend. »Ich ärgere mich.« Sie trank ihr Glas aus, stieß es auf und wischte sich den Mund ab. »Ihr wart's früher wirklich eine nette Stadt. No also wirklich, es war ein Vergnügen. Aber jetzt kriegt man ja schon kein ordentliches Paar Schuh mehr, seit –« Sie hielt ein und sah den Hofrat grimmig an, dann sagte sie: »Seit, seit ein jeder Schuster in die Betrachtung der Wiener Schönheit vertieft ist. Alle sitzens da und bewundern sich. Ja, Kinder, das hält man ja nicht mehr aus!« Sie sah wieder den Hofrat an und sagte: »Wenn ich nur wüßt, wer das eigentlich eingeführt hat. Ihr wart's so eine nette Stadt.«

»Natürlich läßt sich alles übertreiben,« sagte der Hofrat, beschwichtigend. »Ich bin doch der letzte, der Übertreibungen billigen wird. Es ist auch gar nicht wienerisch, zu übertreiben. Aber seien Sie nur auch gerecht, Durchlaucht! Wo gibt's denn das sobald wieder? Wo denn?« Er wies mit der Hand über den Garten hin.

»Drei Stückeln, bitte, drei!« sagte die Fürstin zur Rahl, die den Kaffee zuckerte. Und zum Grafen, der Zigarren brachte, sagte sie: »Haben's nichts Stärkeres? So recht schwarz mag ich sie.« Sie fing zu paffen an, das Ende der breiten Zigarre mit dem Daumen quetschend.

»Ist es denn nicht wirklich schön? Man muß doch nur gerecht sein,« sagte der Hofrat, noch immer die Hand über den Garten hin ausgestreckt. Höfelind sprang auf, ging weg und steckte den Kopf in den Flieder.

»Paris ist auch schön,« sagte die Fürstin, langsam paffend. »Aber die Pariser finden das selbstverständlich. Wissen Sie, wie Ihr mir vorkommt's?« Sie wurde rot vor Zorn, blies steil hinauf den Rauch aus, den Kopf zurück, mit angeschwollenem Hals, und krähte: »Wissen Sie, wie?«

Dem Hofrat war es peinlich; er hatte Angst, daß sie der Schlag treffen könnte. Höfelind dachte: So stelle ich mir den Ätna vor. Der Graf dachte: In diese gigantische Nase hätte sich Leonardo verliebt.

Die Fürstin sagte: »Wie die gewissen Männer, die ihre Frauen immer vor den Leuten abtatscheln müssen! So kommt's Ihr mir vor. Das ist nicht das richtige, Herr Hofrat!« Und nach einer Weile sagte sie noch, sich in das Schicksal ergebend: »Aber da sind ja doch auch wieder nur die Juden daran schuld! Ich wett!«

Der Hofrat beeilte sich halb zuzustimmen: »Gewiß, wenn es übertrieben wird! Übertreiben darf man es natürlich nicht. Da bin ich der erste, Durchlaucht, der Ihnen recht gibt.«

»Und so sind Sie wieder fein heraus,« sagte Höfelind zum Hofrat.

Der Hofrat schmunzelte, für die Anerkennung dankbar.

»Warum lachen Sie denn so verschmitzt?« fragte die Fürstin den Grafen.

»Ich freue mich,« sagte der Graf, »daß wir glücklich wieder bei den Juden sind. Ob man von Gott anfängt oder vom Wetter oder von der Teuerung, am Ende kommt man immer auf die Juden.«

»No ja,« sagte die Fürstin. »Da wird dann wenigstens nicht mehr gestritten.«

»Ja,« sagte der Graf, »es ist das einzige, worin wir einig sind. Es wär schrecklich, wenn wir die Juden nicht hätten.«

Die Fürstin hob ihren Schnabel schnuppernd aus dem dicken Rauch und sagte: »Man weiß bei Ihnen nie, wie Sie's eigentlich meinen. Sie Sterngucker! Sie sind imstand und lachen uns alle aus.«

Der Graf legte die Hand auf das Herz, seinen Ernst beteuernd. Die Fürstin drohte mit dem Finger. »No, no!« sagte sie. »Aber das hab ich ganz gern. Das hab ich gern.« Sie lachte krächzend. »Das ist noch das Gescheiteste. Zu allem ein freundliches Buckerl machen und alles heimlich auslachen. So geht's noch am ehesten.« Und sich wieder zum Hofrat wendend, wies sie mit dem Finger auf den Grafen und sagte: »Das, sehen Sie, Hofrat, das ist Wien, das echte.« Sie nahm die Hand des Grafen und tätschelte sie: »Denn Sie! O Sie kenn' ich ganz genau.« Der Graf sagte: »Da beneide ich sie. Ich kenne keinen einzigen Menschen ganz genau.« Er war plötzlich sehr ernst.

»A freilich!« sagte die Fürstin. »Es ist gar nicht so schwer. Das bildet man sich nur ein.«

Die Rahl sagte: »Du wolltest doch den Herren noch das neue Fernrohr zeigen. Die Fürstin entschuldigt euch gewiß. Oder wenn Sie vielleicht auch –« Sie sah die Fürstin fragend an.

»Nein, nein,« sagte die Fürstin. »Stiegen kraxeln ist nicht mein Fall. Und eure Wirtschaft mit den Sternen ist mir unheimlich. Ich kann's schon noch erwarten, bis ich in den Himmel komm. Geht's nur! Ich krieg' noch einen Kaffee und wir plauschen.«

Die Herren stiegen in den Turm. Der Graf erklärte das Fernrohr. Der Hofrat sagte stolz: »Die Fortschritte der Wissenschaft sind unbezwinglich. Das muß wohl ein herrliches Gefühl sein, Herr Graf!«

»Ich bin ja nur ein armer Dilettant,« sagte der Graf. »Es ist mehr eine Spielerei. Ich komme halt immer aus einem ins andere. Wie wenn man auf dem Land geht und glaubt: Jetzt nur noch über diesen Berg und dann bin ich da. Aber über dem Berg drüben ist dann wieder ein Berg. Ich weiß schon, daß das dilettantisch ist. Man müßte sich bescheiden lernen, statt es überall wieder zu versuchen. So weit bin ich aber eben noch nicht. Ich mache ja auch keinen Anspruch, ein Mann der Wissenschaft zu sein. Das doch gewiß nicht! Es ist mehr eine Liebhaberei.«

»Sie haben es ja auch nicht nötig,« sagte der Hofrat, »nicht wahr? Haha!«

»Nein,« sagte der Graf. »Leider!«

»Aber geh'ns, Herr Graf!« sagte der Hofrat, herzlich lachend.

Höfelind rannte herum und sah sich alles an. Jetzt schoß er auf den Grafen zu und fragte: »Darf ich, kann ich einmal in der Nacht kommen? In der Nacht?!« Er stand erregt, an seinen roten Borsten kauend.

»Sie würden mir die größte Freude machen,« sagte der Graf. »Ich habe jetzt einen jungen Assistenten, einen Schüler von Wilhelm Meyer. Der erklärt und man sitzt und schaut ins Märchenland. Und alle die Märchen lassen sich aber ausrechnen, denken Sie! Sie müssen einmal kommen.«

»Wo haben Sie denn das Ding eigentlich her?« fragte der Hofrat, auf das Instrument zeigend.

»Von Zeiß in Jena,« sagte der Graf.

Der Hofrat war gekränkt. »Das ist alles recht schön,« sagte er, »aber muß denn unser gutes Geld ins Ausland gehen? Und der Adel gibt noch das Beispiel. Dann wundert man sich!«

Der Graf sagte zu Höfelind, flüsternd, als ob es ein Geheimnis wäre: »Und dann werden Sie sehen, wenn man da so sitzt und schaut in der Nacht, rings ist es dunkel und alles ist still und man schaut in diese leuchtenden Welten, wie man sich da ganz klein vorkommt, ganz kleinwinzig und komisch! Das ist ein wunderbares Gefühl. Demütig wird man und es tut einem nichts mehr weh.« Und sich an das Ohr des Malers beugend, sagte er ganz leise, wie zum Troste: »Es tut einem nichts mehr weh, es ist einem alles recht, denn man weiß dann, daß das alles doch nicht so wichtig ist und daß das doch eben alles sein muß.« Und er faßte sich und sagte mit seinem gutmütigen, immer etwas künstlichen Lächeln: »Sie sehen, ich betreibe das recht dilettantisch. Kommen Sie wirklich bald einmal!«

Höfelind lauschte gierig, an den Lippen nagend. Plötzlich riß er sich los und sagte heftig: »Nein, nein! Das wäre nichts. Demut kann ich nicht brauchen!« Er rannte weg, trippelnd, den roten Kopf beutelnd, mit den Fingern schnalzend. Plötzlich kam er zurück und sagte: »Glauben Sie nur nicht, Herr Graf, daß ich das nicht verstehe! Ich kann mir das schon denken. Schön muß es sein! Aber wenn einer malen soll! Ich will malen. Ich soll malen. Glauben Sie, daß man malen kann mit dem Gefühl, kleinwinzig zu sein? Nein, das kann ich nicht brauchen! Das kann ich nicht brauchen!« Er rannte weg, kam wieder und sagte noch, die roten Borsten kratzend: »Sie haben sicher recht. Aber mir tragt's das nicht, verstehen Sie? Ein Maler ist ein Maler. Und ein Maler ist nicht dazu da, daß er gescheit ist, sondern daß er malt. Und es kommt gar nicht darauf an, daß einer recht hat, sondern es kommt nur darauf an, was einer braucht. Sie können das nicht verstehen, weil Sie's nicht nötig haben.«

»Vielleicht verstehe ich Sie schon,« sagte der Graf langsam. Dann nahm er wieder sein artiges Lächeln vor und sagte: »Vielleicht bin ich Ihnen sogar ein bißchen neidisch, wer weiß? Aber wie Sie wollen. Mich würde es jedenfalls sehr freuen.«

Der schöne Hofrat strich seinen blauen Bart und sagte melancholisch: »Ja, Sie haben's gut, Herr Graf! Wenn ich nicht den ganzen Tag in meiner Kanzlei sein müßt! Aber man opfert sich halt, man opfert sich!«

Die Frauen schwiegen, die Uldus rauchend, die Rahl mit einem Zweig vom weißen Flieder spielend. Endlich sagte die Fürstin: »So ein Plausch ist mir das liebste.«

»Ja,« sagte die Rahl, »ich bin nicht sehr unterhaltsam.«

Die Fürstin sah verwundert auf. Dann sagte sie: »Nein, im Ernst! Ich mein es ganz im Ernst. In der guten Luft sitzen, mit einem Zigarrl und einer Schalen Kaffee neben einer Person, die –« Sie sah die Rahl an, blies den Rauch aus und sagte dann: »No, die einem halt nicht zuwider ist. Sehen Sie, das hat man zu meiner Zeit einen Plausch genannt. Und sehen Sie, das hat's halt nirgends so schön gegeben wie in Wien. Jetzt reden sie mir hier zu viel. Und diese neuartige Kreuzung von Jud und Burggensdarm, aus der's jetzt die Hofräte machen, find ich nicht nach meinem Geschmack. Warum ladet man eigentlich so was ein?«

»Gott,« sagte die Rahl, den Flieder einatmend. »In unserem Geschäft braucht man das. Der Wax ist wie eine Kuh, der man ein Glöckerl umhängt. Er lauft dann in der Stadt herum und macht bimbim für einen. Wissen Sie? Reklame!«

Nach einer Weile sagte die Fürstin: »Eigentlich tun Sie mir recht leid.«

»A man gewöhnt's,« sagte die Rahl hochmütig. Sie deckte das Gesicht mit dem Zweig zu.

»Nein, nicht deshalb,« sagte die Fürstin. »Das wär ja schließlich gleich.«

Nach einer Weile fragte die Rahl, unter dem weißen Flieder hervor: »Also warum meinen Sie dann, daß ich Ihnen leid tu?«

Die Fürstin sagte: »Kommens einmal zu mir, auf unser Gut in Böhmen! Das wär für Sie gut. Da können wir den ganzen Tag dann so beieinander sitzen. Und überall sehen Sie weithin nichts als Wiesen und Felder. Und so versumpert man schön langsam.«

»Versumpern,« sagte die Rahl, das Wort liebkosend.

»Ja,« sagte die alte Fürstin. »Glauben Sie mir! Das wär's.«

Nach einer Weile setzte sich die Fürstin auf, sah die Rahl an und sagte: »Mein liebes Kind! Jetzt habe ich Sie wieder ein paarmal spielen gesehen. Schön ist es wohl. No, ich werd Ihnen doch keine Komplimente machen. Aber mein liebes Kind! Sie tun mir eigentlich so leid.«

Die Rahl drückte den weißen Zweig in ihr Gesicht und lachte leise.

Die Fürstin sagte: »Ich war auch einmal jung. Das kommt Ihnen komisch vor, was? Aber sehen Sie, da kenne ich das. Ich kenne das ganz genau. Es gibt dem Menschen einen Schupps, da fliegt er wie hinausgeschossen. Bei mir war's beim Reiten. Eine halbe Stunde reiten, und ich hab auf einmal nichts mehr gewußt. Nur so dahin! Und daran muß ich immer denken, wenn ich Sie spielen seh. Es ist sicher genau dasselbe, ich möcht' wetten. No es ist ja sehr schön! Ich denk mir jetzt oft: es war doch sehr schön! Es ist nur ein Wunder, daß ich nicht verrückt geworden bin. Ja, da schauen Sie! Jetzt sieht man mir halt nix mehr an. Aber mein armer Mann hat nichts zu lachen gehabt. Gott hab ihn selig! Denn natürlich –« sie hielt ein und sagte lächelnd: »No, das werden's ja selber wissen.«

Die Rahl zerbiß eine Blüte, saugend. »Bitte!« sagte sie. »Erzählen Sie's doch! Das tut mir gut.«

»Bei mir,« wiederholte die Fürstin, »war's immer beim Reiten. Merkwürdig. Plötzlich kriegt man einen Schupps und dann weiß man nichts mehr und das ist so schön. Merkwürdig. Wer schuppst? Was schuppst? Unbekannt. Und wo ist man denn dann eigentlich? Man sitzt doch auf seinem Pferd, man weiß es auch noch, man sagt sich: Du reitest ja da! Aber man wundert sich: Bin denn das ich? Alles unbekannt. Anders wird einem halt, anders wird einem! No, schön ist es, schön. Nicht wahr? Es ist doch sicher bei Ihnen genau so.«

»Ähnlich,« sagte die Rahl.

Die Fürstin nickte. »Aber dann! Dann kommt man zurück. Plötzlich schuppst's nicht mehr. Und jetzt ist das Schreckliche, daß man sich durchaus erinnern möchte, wie das eigentlich war, man kann's aber nicht, man weiß nur noch, wie schön es war, und deshalb ist einem alles andere jetzt fad und es kommt einem alles andere daneben zu dumm vor. Jetzt soll man aber Kinder kriegen und das Haus halten und alle diese Sachen, ja das ist ja schließlich wichtiger, so viel Verstand hat man ja noch, jetzt bitt ich Sie! No, ich wär gewiß verrückt geworden. Ich hab das Reiten einfach aufgeben müssen. Bei Ihnen ist das ja sicher ganz anders, das weiß ich schon. Aber ich hätt doch eine große Freud', wenn Sie einmal zu uns kämen. Denn, wissen Sie, eigentlich, das ist auch merkwürdig: wenn man das längst nicht mehr hat, so wie ich jetzt, und sich nur noch daran erinnert, dann ist es nämlich eigentlich noch schöner. Deshalb druckt's mich auch so, daß ich manchmal davon reden muß. Aber denkens nicht erst viel darüber nach, wär wirklich schad! Es plauscht sich nur halt mit Ihnen so gut.«

Die Rahl fragte plötzlich, aus ihren Gedanken: »Wieviel Kinder haben Sie?«

»Elf waren's,« sagte die Fürstin. »Vier sind gestorben, der Eduard ist Generalmajor, der Adalbert im Kloster, die Mädeln verheiratet. Also fürchten Sie sich nicht, wir wären im Schloß ganz allein.«

»Nein,« sagte die Rahl, »ich denke nur nach. Denn dann kann man freilich, dann ist es nicht so schwer, sich –« Und die Blüten ausspuckend, schloß sie lachend: »Sich das Reiten abzugewöhnen.«

»Sie sollen's ja gar nicht,« sagte die Fürstin. »Gott bewahre!«

»Denn das ist ja falsch,« sagte die Rahl. »Es heißt immer: Sie müssen Ruhe haben! Der Arzt quält mich auch damit. Aber nein, die Ruhe macht mich unruhig! Ich muß mich herunterbringen, dann ist mir erst wohl. Deshalb ist halt doch wahrscheinlich das Theater noch das einzige für mich. Drei Wochen bei Ihnen und passen Sie auf: ich zünde sicher das Schloß an. Ja, wenn Sie mir geschwind elf Kinder leihen könnten! Dann vielleicht. Aber da macht einem das Theater doch noch weniger Umstände. Jeder hat halt seine eigene Methode, zu versumpern.« Sie warf den weißen Zweig weg und dehnte sich, in den tiefen Garten sehend. »Mir geht's ja dabei noch eigentlich ganz gut. Es kommt ja doch immer wieder der Frühling und dann kommt der Sommer und dann kommt der Herbst und man glaubt jedesmal, daß es was Besonderes ist, und auf einmal ist das Jahr wieder um und man hat wieder ein paar Dummheiten mehr gemacht und freut sich, daß das alte Jahr vorüber ist, und dann fängt ein neues an und es ist dasselbe und so geht's, so geht's halt.«

»Und doch möchte man nie,« sagte die Fürstin, »daß es aus war.«

»No,« sagte die Rahl, »wer weiß? Man möchte vielleicht schon. Aber man traut sich halt nicht. Es ist doch auch unsicher. Das hier hat man wenigstens sicher.«

Die Fürstin nickte zustimmend und goß sich noch Kaffee ein. »Das sag ich ja auch immer. Es ist halt doch unsicher, da mag eins noch so fromm sein. Ich hab einen riesig netten alten Beichtvater, da reden wir oft davon. Denn sehen Sie, ich glaub ganz fest an den Himmel, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich darauf freu, ich müßt lügen. Und dann, was gar das merkwürdigste ist, das werden Sie erst sehen, bis Sie ein bißl älter sind: man gewöhnt sich mit jedem Jahr mehr an das Leben. Warten Sie nur!«

Die Rahl sagte: »Ja, es wird wohl das beste sein, zu warten.« Und ihr flimmerndes Lachen flatterte durch den weichen Wind.

Der Graf kam und entschuldigte die Herren, die schon nach der Stadt waren. »Ich habe sie nicht sehr genötigt, noch zu bleiben,« sagte er, sich die Hände reibend. Und er sagte lächelnd zur Fürstin: »Nicht wahr?« Die Fürstin krähte. Und er fragte seine Frau, plötzlich unsicher: »Es ist dir doch recht?«

Die Rahl ließ die Lippe hängen und sagte zur Fürstin ungeduldig: »Alles war recht, wenn man nur nicht immer gefragt würde, ob es einem recht ist. Glauben Sie nicht?«

Der Graf stand unschlüssig. Er hätte sich so gern zu den Frauen gesetzt. Es kam ihm aber vor, daß er störte. So blieb er an der Türe. Dann fiel ihm ein, den Hund zu rufen; der machte ihr doch immer Spaß. Er trat in den Saal zurück und pfiff. Das Tier sprang atemlos über die Treppe, hielt schnuppernd an der Fürstin und streckte sich vor die Gräfin hin. Sie rieb ihre Füße in seinem weißen Fließ.

»No?« fragte die Fürstin. »Und was hat der blaue Hofrat zum Wiener Firmament gesagt? Das gehört doch sicher auch zu den Errungenschaften der Kultur, die Ihr vor uns voraus habt's.«

Der Graf lachte. »Er meint es ja gut,« sagte er.

»Wie's einer meint,« sagte die Fürstin, »ist mir ganz gleich, wenn er mir auf die Nerven geht. Soll's einer schlecht meinen, mich aber unterhalten!«

»Man muß Geduld haben,« sagte der Graf achselzuckend.

»Aber lieber Freund!« krächzte die Fürstin. »Wird Ihnen denn das nicht fad?«

»Schwer wird es einem schon manchmal,« sagte der Graf mit seinem gefälligen Lächeln.

»Und wozu?« fragte die Fürstin schnaufend. »Wenn man sich nicht täglich wenigstens ein paarmal ordentlich ärgert, was haben's denn dann vom Leben?«

»Ja,« sagte die Rahl mit ihrem plätschernden Lachen. »Der Graf ist ein Philosoph.«

Die Fürstin sah auf, verwundert über den seltsamen Ton, und sagte beschwichtigend: »No, das ist ja weiter keine Schand.«

»Ich weiß nicht,« sagte der Graf, »vielleicht ist es eigentlich eine Schand.« Und er lächelte, wie wenn es ein Witz wäre.

Der Bediente trat verlegen zur Gräfin. »Was ist denn?« sagte sie, zornig. »Machens nicht so ein geheimnisvolles Gesicht!«

Der Bediente sagte leise: »Nämlich, Frau Gräfin, der –«

»Laut!« sagte die Rahl.

Der Bediente meldete: »Herr Heitlinger fragt; ob er die Frau Gräfin einen Augenblick sprechen kann.«

»Heitlinger?« sagte die Rahl, achselzuckend.

Der Bediente sagte: »Der Herr, der schon gestern und vorgestern da war. Er hat auch geschrieben. Ein junger Herr –« Er hielt ein und wartete.

Die Rahl erinnerte sich. Sie sah nachdenklich auf den Grafen. Dann sagte sie: »Nein.«

Der Bediente nickte. Ungeduldig fragte sie: »Was warten Sie denn noch?«

Der Bediente meldete: »Der Herr hat gesagt: wenn die Frau Gräfin nicht zu sprechen ist, möchte er mit dem Herrn Grafen sprechen.«

Die Rahl schob das Kinn vor, mit offenen Lippen. Dann lachte sie gurgelnd. Und sie sagte: »Führen Sie den Herrn in die Bibliothek. Der Graf wird gleich kommen.« Sie nickte noch und sagte zum Grafen: »Sei so gut!«

Der Graf wartete, bis der Bediente fort war. Dann trat er an den Stuhl der Rahl. Die Fürstin sah sie lachend an und sagte: »Wissen Sie, da gibt's jetzt ein Plakat mit Ihrem Bild, ich glaub für eine Zahnpasta, da möchte man eher glauben, daß Sie bei der Operette sind. Aber jetzt sehe ich: wenn Sie so gewiß pfiffig blinzeln und den Mund aufmachen, schauen Sie wirklich so aus.«

»Schad, daß der Höfelind nicht mehr hier ist,« sagte die Rahl. Und dann zum Grafen: »Sei nett mit ihm. Es ist sehr ein lieber Bub. Nur bildet er sich ein, daß er mein Geliebter ist!« Sie dehnte das Wort »Geliebter«, leise die flache Hand ein wenig hebend und sie wieder senkend und es gleichsam darin wiegend. Und indem sie näselnd lachte, sagte sie: »Ja, ja! Auf meinem Tisch liegen die Briefe, mit langmächtigen Gedichten. Also du kannst ihm das ja viel besser erklären als ich. Und er soll auch sehen, daß es nicht wahr ist: du willst mich ja doch gar nicht knechten.« Sie hob das letzte Wort langsam, daß es auf einem Stengel zu schweben schien. Und sie wiederholte es: »Knechten, schreibt er.« Wieder zog sie die Lippen auf, ein leises Lachen durch die Nase blasend. Dann sagte sie noch langsam, in den Garten hin: »Ich möchte ganz gern wissen, wie das eigentlich ist. Knechten!« Sie schloß die Hand, das Wort einfangend wie einen zitternden kleinen Vogel. Und leicht ungeduldig sagte sie zum Grafen, der hinter ihrem Stuhl stand: »Nun? Laß den armen jungen Herrn nicht zu lange warten. Er hat's eilig.«

Der Graf sagte zur Fürstin mit seinem bereit stehenden Lächeln: »Wir sehen uns dann ja noch.« Und er ging, mit der Hand grüßend.

Die Rahl rief ihm noch nach: »Nimm doch den Hund mit!« Sie stieß das Tier und sagte, nach dem Saal zeigend: »Geh' schön mit dem Herrn! Geh mit dem Herrn!« Es stand langsam auf, ihr die Hand leckend, träg nach dem Saal blickend. Sie wiederholte, den langen schmalen Kopf streichelnd: »Geh schön mit dem Herrn.« Der Graf, der draußen wartete, rief das Tier. Es sprang ihm nach. Sie lachte. Dann streckte sie die Arme aus, faltete langsam die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich zurück, mit geschlossenen Augen, den Duft des tiefen Gartens einatmend.

Nach einer Weile nickte die Fürstin und sagte mitleidig: »No ja, mein armer Mann hat auch nichts zu lachen gehabt. Es hat halt keine den Rechten.«

Unbeweglich liegend, sagte die Rahl: »O nein. Er wär schon der Rechte.«

Die Fürstin sah auf, neugierig die Nase blähend.

Unbeweglich liegend, sagte die Rahl, mit geschlossenen Augen: »Er wär schon der Rechte gewesen.«

»Er ist ja sehr nett, eigentlich,« sagte die Fürstin.

»Ja,« sagte die Rahl, »das ist es ja!« Sie sprang auf und sagte, die Dame von Welt affektierend: »Und so macht man sich Konfidenzen, ma chère!« Und lustig fügte sie hinzu, höfisch knixend: »Entschuldigen Sie! Ich kenne ja den feinen Ton bloß vom Theater, Euer Gnaden!«

Die Fürstin schüttelte sich lachend und ächzte: »Das hab ich gern! Das hab ich gern!«

»Sagen Sie einmal aufrichtig!« fragte die Rahl, immer spielend. »Finden Sie mich eigentlich comme il faut?«

»Viel mehr als ihn,« sagte die Fürstin lachend. »Sie können sich darauf verlassen.«

Die Rahl sagte: »Aber sind Sie jetzt lieb und kommens mit mir! Nur ein paar Schritte, gleich hinter dem grünen Gartenhaus dort! Ich zeig' Ihnen meine Schweindln.«

Vierzehntes Kapitel

Franz stand in der Bibliothek. Er kam sich in diesem sehr hohen und breiten Saal mit den massigen schwarzen Schränken ganz klein vor. Einen solchen Urwald von Büchern hatte er nie gesehen. Die schweren schwarzen Schränke waren reich geschnitzt und wurden von großen Gestalten getragen, welche den Koren des Erechtheions nachgebildet waren. Das tief schwarze Holz schloß Reihen von dicken Bänden in einem matten dunklen Grün ein. Ein breiter flacher Tisch mit Mappen stand auf dem schwarz grünen Teppich; dahinter, frei in der Mitte, ein sehr langes, niedriges Sofa aus schwarzem Leder, mit schweren hohen schwarzen Stühlen. Die Fenster waren dicht verhängt, so daß nur ein schmaler Strahl auf den milchigen Gips des Barberinischen Fauns fiel, von hinten her in den Flaum der rechten Wange und an den schnarchenden Mund des verlorenen Schläfers schleichend. Über der Türe war an der Wand die Maske der Rahl. Franz stand, bald zur Maske, bald auf den Faun sehend. Die Maske war ihm unheimlich. Er erkannte die Züge der Rahl; aber als wäre sie tot. Der nackte Leib des vom Wein gepeinigten Knaben zog ihn an, aber er schämte sich. Wenn es nur nicht so still und feierlich gewesen wäre! Aber das schwarze Holz, die langen Reihen der grünen Bände, der hohe schweigsame Saal mit dem matten Glanz des Trunkenen und dem bösen leeren Mund der toten Rahl, es machte ihn ängstlich. Was wird er denn dem Grafen sagen? Auf dem ganzen Weg hatte er es sich vorgesagt, Wort für Wort; es war alles bereit. Dort auf der Straße hätte er es ihm sagen mögen, vor allen Leuten ins Gesicht; er hätte sich nicht gefürchtet. Hier aber war es so still. Es war zum Ersticken still.

Er hörte die Türe. Er wendete sich um und stellte sich auf, aus dem schweren Vorhang sprang der weiße Hund auf ihn zu, duckte sich erst, heiser heulend, und hob sich dann, um den langen schmalen Kopf an seiner Brust zu reiben und seinen Hals zu lecken. Franz wehrte sich, das stürmische Tier streichelnd. Er war verlegen, weil es sich doch geschickt hätte, auf den Grafen zuzugehen, der den Vorhang schloß. Auch fiel ihm ein, was sich der Graf denn eigentlich denken mochte! Und er wußte ja nicht, ob der Graf wußte! Denn wenn der Graf noch nichts wußte, mußte er doch zuerst – ja, was? Was eigentlich? Konnte er denn –? Und durfte er denn –? Dies alles hatte er ja noch gar nicht überlegt.

»Die Gräfin läßt Sie grüßen,« sagte der Graf. »Sie kann nicht abkommen, wir haben Gäste. Aber bitte, setzen Sie sich doch!« Er wies auf das schwarze Sofa. Franz setzte sich. Der Hund streckte sich neben ihn hin, die Schnauze auf seinem Schenkel. Der Graf sagte lächelnd: »Sie rauchen doch natürlich?«

Franz hätte lieber nicht geraucht, doch wußte er nicht, ob es nicht unhöflich gegen den Grafen wäre. Sie konnten das ja mit aller Ruhe besprechen, in aller Form. Er dachte, wie kläglich und ungeschickt sich sicher der kleine Beer benommen hätte. Nein, das wäre kindisch. Der Graf sollte sich nur nicht einbilden, bessere Manieren zu haben. Man konnte deswegen doch unerbittlich sein.

Der Graf gab ihm Feuer. »O danke,« sagte Franz. »O danke sehr!« Und er verneigte sich. Aber das Sofa war ihm unbehaglich, weil er auf dem glatten Leder rutschte.

Dann setzte sich der Graf in den hohen schwarzen Stuhl und sagte, nach der Ritze sehend, durch welche, vom Fenster her, das weiße Licht in den ernsten großen Raum floß: »Es ist heute der erste wirklich schöne Tag heuer!«

»Ja,« sagte Franz unwillkürlich. Er ärgerte sich dann aber, daß er nicht gleich begann. Er sah, wie das Licht einen kleinen weißen runden Schein auf die Stirne des Grafen warf, an der Wurzel der Nase, wo die hohen Brauen verwuchsen; es war wie ein silberner Buckel, und das Flirren erregte Franz, er mußte aber immer hinsehen.

»In der Stadt mag es heute schon ganz tüchtig warm sein,« sagte der Graf.

»Herr Graf!« sagte Franz entschlossen und streckte sich, auf dem glatten Leder ein wenig rutschend.

Der Graf hob die Hand und sagte: »Nur noch eins zunächst!« Er blickte Franz an, das Lächeln erlosch. »Nicht wahr? Nicht wahr, Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich meine Frau –« er hielt ein, sich erinnernd, in welchem Ton sie »knechten« gesagt hatte. Er sah Franz noch immer an und fuhr fort: »Ich meine, daß ich der Gräfin irgendeinen Zwang auflege oder irgendeinen Druck auf ihre Entschließungen ausübe?«

Franz schwieg. Nach einer Welle sagte der Graf: »Ich kann mir nicht denken, daß Sie das im Ernst glauben. Sie kennen sie doch.«

Der Graf blickte nachdenklich vor sich hin. Franz sah immer den weiß tanzenden Buckel auf seiner Stirne. Der Graf wiederholte langsam: »Nein, das können Sie doch nicht im Ernste glauben!«

»Nein,« sagte Franz rasch. Und er wunderte sich im selben Augenblick, daß er es sagte. Die Stimme des Grafen konnte doch lügen. Aber er hörte noch immer das: Sie kennen sie doch! Hatte der Graf denn nicht recht? Sie knechten, die Rahl! Wie kindisch, das zu denken! Die Rahl!

»Nicht wahr?« sagte der Graf.

Rasch ermannte sich Franz und war froh, dringend zu fragen: »Ich möchte doch aber gern wissen, wieso Sie vermuten –?«

Der Graf sagte schnell leise: »Sie schrieben es doch. Nicht wahr?«

Franz erschrak. Der Graf kannte seine Briefe? Er zwang sich, gelassen zu sagen: »Sie hat also meine Briefe bekommen?«

Der Graf fragte: »Haben Sie Anlaß, an der Zuverlässigkeit der östreichischen Post zu zweifeln?«

Unwillkürlich nahm Franz jetzt den unbefangenen Ton des Grafen an. »Ich war nur schon etwas besorgt, weil ich keine Antwort bekam. Ich fürchtete schon, sie wäre krank.«

»Gott,« sagte der Graf. »Briefe schreiben, das ist nun einmal ihre schwache Seite.«

»Mir mußte sie doch antworten!« schrie Franz. Der hohe Raum, das schwarze Holz, der tanzende Schein an der Nase des Grafen, seine langsam träufelnde Stimme, die Stille rings, es machte ihn toll. Er wiederholte: »Mir mußte sie schreiben! Wie wir zueinander stehen, mußte sie.« Er hatte Lust, dem Grafen ins Gesicht zu schlagen.

»Ja,« sagte der Graf, »darüber steht mir wohl ein Urteil nicht zu.«

»Nein,« sagte Franz.

»Sie haben doch aber gewünscht, mit mir zu sprechen,« sagte der Graf. »Nun also!« Der Graf saß aufrecht, mit den Händen in den Hüften; es war von den Ellbogen zum Hals eine gerade Linie. Der hohe Kragen und das kreisende Weiß auf der Stirne schimmerten.

»Sie kennen meine Briefe?« fragte Franz atemlos.

»Meine Frau hat mir erzählt,« sagte der Graf.

Es traf den Knaben seltsam: wie das klang, meine Frau! Aber er nahm sich zusammen und sagte: »Sie wissen also, Herr Graf–« Und er wartete. Er war ganz ruhig. Er war nur neugierig, was jetzt sein würde.

Der Graf stand auf, ging an den Schrank und schob ein Buch hinein, das ein wenig aus der Reihe hervorstand. Dann sagte er leise, noch an den Schrank gelehnt, die Hand auf den Büchern, indem er, von Franz weg, auf den weißen Faun sah: »Ich kann es mir denken.«

»Und?« fragte Franz, aufstehend.

»Und?« sagte der Graf, den Ton des Knaben aufnehmend, wie sein Echo.

»Ja,« sagte Franz mühsam. »Wir müssen doch –«

Der Graf wendete sich um und sah in das helle Gesicht. »Bitte,« sagte er dann, »wir wollen aber doch lieber dabei sitzen bleiben.« Er kam, artig lächelnd, zum Stuhl zurück und setzte sich. Es war Franz unangenehm, aber er setzte sich auch wieder.

»Es hat wohl keinen rechten Zweck,« sagte der Graf. »Sie sind zu jung, oder richtiger: ich bin zu alt. Wir würden uns kaum verstehen.« Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Sie würden mich gewiß nicht verstehen. Nein. Und es ist wohl auch eigentlich gleich. Jedenfalls wünscht die Gräfin nicht, Sie jetzt zu sehen. Ich glaube, auch in der nächsten Zeit nicht. Dies soll ich Ihnen von ihr ausrichten. Es gibt einen sehr schönen Vers, in der Antigone glaub ich, wo es heißt, daß man den Boten nicht die Botschaft entgelten lassen darf.«

Ganz leise sagte Franz: »Sie hat mich doch –« Aber er schämte sich, es auszusprechen. Hatte sie ihn denn nicht mehr lieb? Er sah den Grafen an und sagte: »Wenn Sie denn schon alles wissen! Sie hat mich doch mitgenommen. Damals.«

Ganz leise fragend sagte der Graf: »Sie?« Es klang mitleidig spöttisch.

Verwundert aufblickend sagte Franz: »Ja. Mich.«

Der Graf streichelte den weißen Hund, der neben Franz lag. Dann sagte er: »Ich weiß ja nicht. Aber vielleicht waren es gar nicht Sie.«

Franz sah lauschend auf. Er verstand das gar nicht.

Der Graf bog sich vor und strich über den langen schmalen Kopf, als ob er mit dem Tiere reden würde. »Wer weiß? Vielleicht war es nur einer aus der dunklen Schar der Jauchzenden, ein bißchen von diesem Jauchzen selbst, ein bißchen Jugend, ein bißchen Rausch, von dem sie sich nicht trennen konnte, und so nahm sie sich das in Ihnen mit.«

»So versuchen Sie sich zu trösten?« sagte Franz plötzlich höhnisch. Er erschrak selbst. Aber er haßte den Grafen, er verachtete den Grafen.

Der Graf blieb über den Hund gebeugt.

Franz stand auf und sagte: »Haben Sie mir noch etwas mitzuteilen, Herr Graf?«

Der Graf sagte: »Es war gewiß nicht meine Absicht, Ihnen wehe zu tun.«

Franz war zornig, weil er sich schwach gegen diese Stimme fühlte. Er sagte höhnisch: »Aber gar nicht! Warum soll es mir denn weh tun? Ich habe mich eben offenbar geirrt.« Er verneigte sich und hatte nur ein unangenehmes Gefühl, daß es so weit bis zur Türe war. Während er das noch in Gedanken abmaß, sah er jetzt plötzlich den Grafen in seiner ganzen Länge vor sich, der aufgesprungen war und, mit den Fingern an seinem Kragen zerrend, den Kopf vorstoßend, keuchend nur immer sagte: »Was, was, was –?« Bis es ihm gelang, den Satz auszuwerfen: »Was fällt Ihnen denn ein? Sie wagen es, Sie wagen es –« seine Stimme schlug um, er packte den Knaben, jetzt aber, plötzlich erwachend, hielt er ihn am Arm fest, sein Lächeln kam langsam zurück und indem er nun auch den anderen Arm des Knaben ergriff und, sich über ihn beugend, seine horchenden Augen auf ihn ließ, sagte er, schluckend: »Ich könnte doch Ihr Vater sein, nicht wahr? Das müssen Sie mir zugute halten, wenn ich einmal heftiger werde, als sich wohl eigentlich gehört!« Und ihn immer noch ansehend, wiederholte er zärtlich: »Ich könnte doch Ihr Vater sein.« Er nickte, leer lächelnd, ließ ihn los, stand noch nachdenklich, trat dann weg, langsam an das Fenster gehend, und fragte plötzlich unvermittelt: »Was ist Ihr Herr Vater? Erzählen Sie mir!« Der weiße Hund hatte sich feig in die Ecke gedrückt. Jetzt fing er, schief den langen schmalen Kopf ausstreckend, wimmernd zu klagen an. Franz kniete neben ihn auf das Sofa hin, um ihn zu streicheln, bis er nur noch, mit aufstoßendem Herzen zitternd, leise stöhnte. Dann sagte Franz: »Ich habe doch keinen Vater mehr. Wissen Sie denn nicht, wer mein Vater war?« Er konnte sich das gar nicht denken. Als er das Unglück auf der Rax erzählte, erinnerte sich der Graf. In einer Zeitung war damals zu lesen gewesen, wie dieser merkwürdige junge Turnlehrer an Sonntagen gern, Zither schlagend, mit Liedern und lustigen Geschichten, singend und sagend, turnend und tanzend, Groß und Klein betörend, durch die Dörfer zog, »ein Troubadour des Wienerwalds«. Das Wort, das er damals komisch fand, fiel ihm jetzt wieder ein. Er konnte sich solche Menschen eigentlich gar nicht vorstellen. Wenn er in früheren Jahren manchmal auf der Jagd war und man abends die Jäger singen ließ oder auch wenn er, um es Gästen zu zeigen, einmal zum Heurigen fuhr, kam es ihm immer wie schlechtes Theater vor und ihm wurde vor dem sinnlosen Lärm der blökenden Leute fast unheimlich. Er konnte sich nicht erklären, was ihr Geschrei denn eigentlich wollte, und eine Freude, die laut ausschlug, statt den Menschen still zu machen, verstand er nicht. Er sagte sich freilich, daß dies sicher unrecht von ihm war, weil vielleicht gerade, was er an dem verhaßten Treiben gemein und roh fand, nur ein unreiner Ausdruck der hilflosen Sehnsucht sein mochte. Er erinnerte sich dann oft an ein Wort der Fürstin Uldus, das ihn so merkwürdig ergriffen hatte, daß er es nie mehr vergessen konnte. Sie hatte gesagt, daß die Wege der Menschen doch noch viel wunderbarer sind als Gottes. Vielleicht war es falsch, die Roheit der Leute zu verachten. Vielleicht hätte man ihnen nur helfen müssen, sich zu finden. Und vielleicht war das ein solcher Helfer gewesen, der wunderliche Vater, von dem der Knabe da mit heißen Augen jetzt erzählte. An dies alles dachte er, zuhörend, den Blick auf dem schmerzhaften Antlitz des schlafenden, von dunklen Träumen überwältigten Fauns. Und er dachte wieder, daß sicher auch der letzte Mensch noch gut und groß war. Nur wußte man es nicht von den anderen. Und das machte dann die Menschen bös, daß es die anderen nicht wußten. Und er wünschte sich sehr, es von allen zu wissen. Er gab sich doch solche Mühe.

Alles was er von seinem Vater wußte, erzählte Franz. Plötzlich sagte der Graf: »So sind Sie, nicht wahr?, eigentlich adelig. Denn dies wäre es ja: zu fühlen, daß man von einem besonderen und auserwählten Menschen abkommt und daß man dies durch nichts im Leben je verlieren kann. Ja, dies wäre es doch, nur kommt es im Adel jetzt kaum mehr vor.« Er lächelte, gleichsam entschuldigend, weil ihm jetzt erst einfiel, daß Franz zuhörte, für den es gar nicht recht paßte. Franz sah verwundert auf. Er verstand nicht, was der Graf jetzt meinte. Er hatte nur wieder auf einmal ein leises Mißtrauen. Er war so froh, von seinem Vater erzählen zu dürfen. Er hatte darüber schon alles ganz vergessen. Aber die Stimme des Grafen riß ihn zurück. Er wehrte sich gegen diese Stimme mit ihrem lässig zunickenden Klang. Er hatte das Gefühl, daß es sehr hochmütig war, so höflich zu sein. Er dachte: sein Vater hätte sich das gewiß nicht gefallen lassen. Nein, dies kam ihm von der Mutter her, die gleich immer bereit war, nachzugeben, um jedem gefällig zu sein. Von ihr hatte er das. Er wäre viel lieber dem Vater gleich geworden. Aber was half es, sich das zu wünschen? Er geriet der Mutter nach. Und er hatte die Mutter auch so lieb, für sie paßte das ja. Aber auf einmal kam er sich da jetzt ganz kläglich vor. Da saß er und ließ sich alles gefallen und war wehrlos. Gegen den kleinen Beer war er doch auch wehrlos. Dann freilich, wenn er allein war, fand er seinen Stolz. Aber was half es? Wenn einer redete, war er wehrlos. Er wünschte sich, zu Hause zu sein, bei der Mutter. Und er sagte plötzlich ungeschickt: »Entschuldigen Sie, Herr Graf, daß ich Ihre kostbare Zeit so lange belästigt habe.« Er fand es angemessen, dies zu sagen, und kam sich erwachsen dabei vor, aber er ärgerte sich eigentlich doch auch wieder darüber. Der Mut war ihm entsunken. Als ob er es gar nicht gehört hätte, kam der Graf auf ihn zu und sagte: »Ist denn das nicht das einzige? Ist es nicht das einzige für den Menschen, etwas zu haben, was er nie mehr verlieren kann? Etwas so festzuhalten, daß keine Macht der Welt es ihm entreißen kann? Etwas Schönes, etwas Starkes, das er einmal erlebt hat? Dies scheint mir, nach allem, was Sie mir erzählen, die Kraft Ihres Herrn Vaters gewesen zu sein. Die meisten Menschen erinnern sich nur. Das ist zu wenig. Die Menschen erinnern sich nur: es war einmal, in meinem Leben war einmal etwas Schönes. Aber sie haben es nicht mehr, sie geben es wieder her, sie lassen es aus. Nein, das muß man nicht! Nein, festhalten! Die Hände schließen und es sich nicht mehr nehmen lassen! Wie Ihr Herr Vater. So denke ich mir Ihren Herrn Vater.« Er lächelte verlegen, achselzuckend. Es regte ihn immer sehr auf, so viel im Zusammenhang zu sprechen. Er trat noch näher und hob ein wenig die Hand, wie um dem Knaben die Locken aus der Stirne zu streichen. Franz trat zurück. Der Graf setzte sich auf das Sofa, zog den Hund an sich, und indem er das Ohr des schnaufenden Tieres in die Hand nahm, sagte er: »Ihr Vater hat das sicher gehabt. Das Festhalten! Nichts auslassen, was man einmal hat! Geizig sein mit seinem bißchen Glück, mit dem bißchen Freude, mit dem bißchen Schönheit, das einem der Wind manchmal zuweht! Wer kann es Ihnen denn nehmen? Wer denn? Es war doch! Wer kann Ihnen denn nehmen, was einmal war? Sie haben es doch, es gehört Ihnen, es ist Ihr Eigentum! Liebes törichtes Kind!« Er neigte sich auf den Hund herab, sein Ohr streichelnd.

Franz sagte bittend: »Aber es ist doch –« Er hielt ein und sah den Grafen an. Dann sagte er, leise fragend: »Nein, Sie lachen mich nicht aus?«

Der Graf sagte traurig, ohne Franz anzusehen: »Nein, das gewiß nicht. Eher Sie mich. Vielleicht.« Und er hatte wieder sein leeres, mutloses, zuckendes Lächeln.

Der Knabe schüttelte langsam den Kopf. Dann sagte er ganz leise: »Aber es ist doch, es war doch meine –« Und wieder hielt er ein und sah suchend auf und sprach es in den großen stillen feierlichen Saal hinaus, langsam, mit seiner jungen, hellen Stimme: »Es war doch meine erste Liebe.« Und seine junge, helle Stimme klang verwundert und voll Fragen.

Der Graf sah auf. Franz blickte weg. Durch den hohen weiten Raum schlug das stoßende Herz des weißen Hundes.

Dann sagte der Graf: »Ja, das nennt man die erste Liebe.« Er saß sinnend. Nach einiger Zeit sagte er: »Nun ja. Festhalten. Das Schöne festhalten! Und nicht nachdenken! Oft muß Häßliches geschehen, damit etwas Schönes entsteht. Aber lieber darüber nicht nachdenken! Was liegt denn auch daran? Behalten Sie sich nur das Schöne! Später wird Ihnen ja vielleicht noch manches klar. Später wird einem ja vieles klar. Aber wünschen Sie sich das lieber nicht! Genau weiß man es doch nie. Wozu denn auch? Es ist vielleicht nicht gut, den Menschen zu kennen. Behalten Sie sich nur das Schöne, woher es auch kommt. Fragen Sie nicht. Fragen Sie lieber nicht. Wozu denn?«

Franz stand horchend. Es tat ihm wohl, wie die weiche Stimme des Grafen langsam durch den Saal glitt.

Dann sagte der Graf noch: »Nun ja. Die erste Liebe. Aber glauben Sie mir, es ist nicht so arg. Man verschmerzt sie. Glauben Sie mir, sie heilt zu. Was die Liebe wirklich ist, erlebt man, wenn einem auferlegt ist, es zu erleben, wohl erst viel später. Sie haben noch Zeit. Und es kann auch sein, daß es Ihnen erspart bleibt.« Er sah den blonden Knaben lächelnd an. Und er senkte den Kopf und sagte: »Den meisten bleibt es erspart. Eigentlich sollte man es auch wohl lieber anders nennen, weil es wirklich wenig Sinn hat, zwei so verschiedenen Dingen denselben Namen zu geben, zwei so ganz verschiedenen Dingen, die wirklich nichts gemein miteinander haben, gar nichts, als daß sie beide halt Beziehungen zwischen Mann und Frau sind.«

Franz fing es zu langweilen an. Er dachte, wie sehr doch der Graf eigentlich seinem kleinen Beer glich, indem auch er, einmal im Reden, sich von einem Wort zum anderen treiben ließ. Franz aber begann zu vermuten, daß hinter den Worten, weit draußen, erst irgendwo die Welt liegt, anders.

»Nun ja,« sagte der Graf, dem es ein Bedürfnis war, sich einmal auszusprechen. »Da wir nun aber einmal keinen anderen Namen dafür haben, mag es auch Liebe heißen, jenes ganz andere Gefühl nämlich, das wohl erst der reife Mann, der mit vielem abgeschlossen hat, erleiden kann, das Gefühl, das einen zwingt, einen anderen Menschen so zu verstehen, daß man nichts an ihm, wie nun sein Wesen einmal geschaffen ist, nichts, was es auch immer sei, an ihm entbehren könnte, auch das nicht, was häßlich ist, auch das nicht, was einem weh tut, nein, gerade solche Flecken und Makel an ihm schon gar nicht, weil man spürt, daß es dazu gehört, ja daß dies alles zusammen erst diesen Menschen und seine Schönheit ausmacht, gerade das Häßliche zusammen mit dem anderen erst, wie doch oft ein Muttermal einem Gesicht erst seinen eigentlichen Reiz gibt. Und diese Liebe, diese spätere Liebe verschmerzt man dann nie. Denn man möchte gar nicht, nein. Aber ich glaube, daß sie den meisten erspart bleibt, wie ich ja glaube, daß überhaupt die Liebe viel weniger verbreitet ist, als man denkt. Die Leute hören nur so viel davon, und weil nun der Name schon da ist, wenden sie ihn auf jedes Gefühl in der Umgebung an. Wenn ein Arzt plötzlich eine neue Krankheit entdeckt, von der man nichts wußte, hat sie dann auf einmal die ganze Welt. Der Name tut viel.« Und er sah wieder den Knaben lächelnd an, indem er wiederholte: »Der Name tut viel. Und der Arzt braucht dann eigentlich nur den Namen zu kurieren.«

Immer wieder dachte Franz: Wie der kleine Beer! Es war doch merkwürdig: alle Menschen übten sich in einem fort; alles andere war ihnen offenbar gleich, wenn sie sich nur üben konnten. Und es fiel ihm ein, daß vielleicht auch Samon gar nicht so ein schlechter Kerl war, sondern vielleicht sich auch nur übte. Er mußte lachen. Die Menschen übten sich, so einfach war das Leben? Und natürlich, fiel ihm ein, Schauspielerinnen müssen sich natürlich in Zärtlichkeit üben! Ein bitteres, häßliches, kitzelndes Gefühl stieg in ihm auf, und er freute sich, daß es so häßlich war; er freute sich, alles zu verachten. Nein, er ließ sich jetzt nicht mehr foppen! Man mußte das nur wissen, um sich danach zu halten. Er war kein Kind mehr. Es tat ihm fast ein bißchen leid. Aber er fühlte sich doch auch wieder stolz, jetzt über alles im klaren zu sein.

Der Graf sah noch immer den blonden Knaben an, aber er fühlte, daß alles umsonst ist, was ein Mensch dem anderen sagen will; sie kommen nicht zusammen.

»Also,« sagte Franz, »besten Dank, Herr Graf!« Er wollte noch etwas sagen, fand aber nichts und verneigte sich nur. Indem er zur Türe ging, sprang ihm der Hund nach. Franz wendete sich um, um das Tier zu streicheln, es stellte sich auf, den langen schmalen Kopf am Halse des Knaben reibend. Als ob es ihn umarmen würde, dachte der Graf.

»Noch einen Augenblick, bitte!« sagte der Graf. Er trat an den Tisch, öffnete die Lade, nahm einige Bilder heraus. »Es sind ihre neuesten Aufnahmen, mit der Unterschrift von ihrer Hand. Sie besorgt das, wenn sie gerade Zeit hat, gern gleich im Dutzend. Darf ich Ihnen eine mitgeben? Diese scheint mir die schönste.«

Franz nahm das Bild. Sie hatte darunter geschrieben: Himmel und Hölle sind dasselbe! Und ihren Namen mit ihrer großen, festen, männlichen Schrift.

Leise las es Franz ab: Himmel und Hölle sind dasselbe!

Der Graf sagte mit seinem aufwartenden Lächeln: »Die gewöhnlichen Menschen haben aber nichts davon, sie bleiben im Fegefeuer.«

»Danke schön!« sagte Franz.

»Zur Erinnerung,« sagte der Graf und zog den Vorhang von der Türe zurück.

»Danke,« sagte Franz. Der weiße Hund sprang vor ihm über die breite Treppe hinab.

Der Graf stand vor dem schlafenden Faun, nachdenklich über den bösen, von Wut besessenen Mund geneigt. Er dachte: Schläft er oder will der Künstler ausdrücken, daß er lebt, daß ein solcher dumpfer Traum in Trunkenheit unser Leben ist? Und er sagte sich, traurig lächelnd: Siehst du, da hast du ja wieder ein schönes Problem für dich, es geht schon.

Er öffnete das Fenster. Da sah er, am grünen Gartenhaus, in der Sonne, seine Frau, lachend, unter dem großen Strohhut einer Schäferin gleich, mit der humpelnden, schnaufenden, pustenden Fürstin Uldus. Er wußte, sie kamen von ihren lieben rosigen Schweindeln. Franz aber ging zur Stadt. Überall waren geputzte Menschen, überall Blumen, überall war der Frühling. Er ging im leisen Wind und ging, das Gehen tat ihm gut. Soldaten kamen vom Felde her. Er schloß sich an. Die Trommel schlug. Es nahm ihn mit. Kinder liefen zu, Männer folgten, alles schritt im Takt der Trommel mit. Franz war froh. Er wußte nichts, er dachte nichts, er fühlte nichts. Nur die Trommel schlug. Und der Tritt der vielen Menschen zog ihn mit. Er wäre gern nur immer so gegangen, nur immer dahin, im gleichen Schritt, nichts wissend, nichts denkend, nichts fühlend als den Schlag der Trommel und den Stoß der unbekannten Menschen. Immer so dahin, im gleichen Schritt, mitgefühlt! Und die Trommel schlägt und die Tritte hallen, während im leisen Wind der Frühling geht.

Fünfzehntes Kapitel

Das ist wie die Masern,« sagte Fräulein Fanny. »Das muß eins überstehen. Und je eher, je besser. Hat er's wenigstens hinter sich! Den Kopf wird's nicht kosten. Ich mag's gern, wenn eins zeitlich merkt, ob's ein Manndel oder Weibel ist. Möcht'st, daß er ein Duckmäuser wär? Da hätt'st du den Herrn Samon heiraten müssen. Ich sag dir: sei froh! Das zeigt wenigstens, daß er kein Latsch ist. Froh kannst sein.« Aber Frau Marie wollte nicht getröstet sein. Ihr war bang. Sie hatte sich so vor Franz erschreckt. Sie konnte sich noch immer gar nicht fassen. War denn das noch ihr Franz?

Er war sehr vergnügt nach Hause gekommen und sie freute sich noch, was für einen schönen Buben sie hatte, während er lustig allerhand erzählte, Geschichten und Späße, daß sie nur immer mahnen mußte: »Jetzt iß aber schon endlich, es wird ja ganz kalt, du mußt doch Hunger haben!« Und sie dachte, wie gut es dem Buben tat, einmal ein bißchen vom dummen Lernen zu verschnaufen; und wenn er dann nur erst seinen Zorn auf Samon vergaß, fand sich schon ein Mittel, er war ja nicht schlecht und der Direktor half ihr doch, der war klug und hatte ihn gern. So saß sie mit ihm und sie kamen auf die Tante Fanny zu sprechen, die wieder, die ganzen Tage schon, über solche Stiche im Rücken klagte. Da lachte Franz. Frau Marie sah auf, das böse Lachen tat ihr weh, sie verstand es nicht. »Na ja,« sagte Franz. »Ich weiß schon, was sie sticht.« Frau Marie fragte verwundert: »Was denn?« Franz sagte höhnisch: »No was sticht denn die Weiberleut? Der Doktor soll ihr einen Mann verschreiben.« Er lachte wieder und sagte noch: »Es braucht ja nicht für die Ewigkeit zu sein. Die Weiberleut sind alle gleich.« Und lachend fing er zu deklamieren an: »Es ist ihr ewig Weh und Ach, so tausendfach, aus einem Punkte zu kurieren.« Und er sprang auf und schrie: »Das hat der Weise gemeint, als er sagte: Gib mir einen Punkt und ich werde die Welt bewegen! Jetzt hab ich den Punkt! Jetzt paß auf!« Und er sprang durch das Zimmer und rief nur immer: »Ich werde die Welt bewegen. Es ist gar nicht so schwer. Wenn man's nur erst weiß. Man muß es nur wissen. Aber ich weiß es ja jetzt. Arme Tante Fanny! Ja weiß sie denn nicht? Die Weiberleut sind alle gleich.« Und er schrie lachend. Frau Marie war erst so bestürzt und so beschämt, daß sie gar nichts sagen konnte. Die Gabel in der Hand, saß sie zitternd da, mit offenem Mund, bis es plötzlich aus ihr schrie: »Du frecher und unverschämter Bub! Was glaubst du denn?« Und im Schrecken über sich selbst, weil sie noch niemals so zornig gewesen war, fing sie vor Wut und Scham zu weinen an. »Hinaus! Ich will dich gar nicht mehr sehn! Ich kann dich gar nicht sehen, wenn du so bist!« Und sie schrie zornig auf, drohend: »Wenn du so bist –!« Und schluchzend wiederholte sie, klagend: »Wenn du so bist!« Erst sah er sie nur ganz erstaunt an. Dann fragte er leise: »Mutter?« Und ihm wurde bang und er bat: »Mutter! Mutter!« Und er fiel vor ihr hin und sagte ganz leise, ganz langsam: »Mutter! Ich kann nichts dafür. Denk' dir nur –« Seine Stimme brach und er weinte. »Ich kann ja nichts dafür. Ich kann ja nichts dafür.« Da wußte sie, was ihm geschehen war. Sie nahm ihn wie ein kleines Kind. Sie dachte seines Vaters; so kehrte das jetzt wieder! Dann erzählte Franz ihr alles. Und sein ganzes Leid brach aus und er klagte und höhnte und weinte und wollte nicht mehr leben, wenn es so war. Sie saß ganz still und hörte zu. Dann sagte sie: »Jetzt geh ins Bett, ich komm dann noch zu dir.« Als er lag, kam sie, setzte sich ans Bett und nahm seine Hand. Dann sagte sie: »Weißt, mein lieber Franz, jetzt mußt aber auch ruhig anhören, was ich dir sag. Versprich mir!« Er schloß die müden Augen zu und sagte leise: »Ja, Mutter.« Sie hielt seine Hand und sagte: »So einfach geht das aber nicht. Ich muß es mir erst alles zusammen suchen. In meinem alten Kopf.« Sie lächelte. Er nickte, schläfernd. Sie sah es und hielt seine Hand und saß still, bis er eingeschlafen war, ruhig atmend. Dann schlich sie leise weg und ging hinüber zur Tante Fanny.

Aber jetzt hatte sie solche Furcht. War denn das noch ihr Franz? Sie hörte noch immer, wie er das über die Tante Fanny gesagt hatte. Sie hörte noch immer den schmutzigen Hohn in seiner Stimme. Ganz besudelt war ihr Bub! Sie haßte diese schändliche Frau, diese Diebin! Ja, wie Diebinnen schleichen sich solche Weiber ein! Gab es denn keinen Schutz? Die anständigen Frauen sollten sich wirklich zusammen tun! Sie hatte Lust, zu der Person zu gehen und es ihr zu sagen! Soll denen denn alles erlaubt sein! Warum denn? Was ist denn an ihnen so Großes? Als ob es nicht schwerer wäre, mit tausend Sorgen ein Kind aufzuziehen, als sich das Gesicht anzuschmieren und aufs Brettel zu springen! Und dafür wurde denen dann alles verziehen! War das nicht ungerecht? Und wohin kam man denn, wenn sie das Gemüt der Jugend ungestraft vergiften durften? Sie redete sich heiß vor Zorn. Aber die Tante Fanny lachte sie aus.

»Also was willst du denn eigentlich?« sagte sie. »Hätt sie den Buben heiraten sollen? Vor der Matura, glaub' ich, geht das gar nicht. Sie ist an die vierzig, eine schöne G'schicht'! Stell dir den armen Kerl nach ein paar Jahren in seinem Käfig vor!«

»Daran denkt doch niemand,« sagte Frau Marie.

»Also dann sei doch froh,« sagte Fräulein Fanny, »daß es so schnell gegangen ist! Ist denn das nicht noch ein Glück? Hätt sie mit ihm ein Jahr herumziehen sollen, daß er die ganze Zeit nichts lernt und alles versäumt? Stell dir das nur vor! Und schließlich wär es ja dann doch dasselbe gewesen. Jetzt hat er's in drei Tagen wenigstens hinter sich. Es ist ja noch ein wahres Glück! Oder was willst du? Willst einen Geistlichen aus ihm machen? Er schaut mir nicht danach aus. Also wer weiß, ob es nicht noch das beste für ihn war. Und sie hat dir ja nix ruiniert an ihm!«

»Das ist es ja,« sagte Frau Marie traurig.

»Was?« fragte Fräulein Fanny.

»Schlecht hat sie mir ihn gemacht,« sagte Frau Marie.

»Aber geh!« sagte Fräulein Fanny ungeduldig. »Schlecht macht sich der Mensch nur selbst.«

Frau Marie hörte gar nicht auf sie. Sie wiederholte: »Schlecht! Das ist es. Und ich hab es ja immer gewußt! Ich hab mich ja immer so gefürchtet davor! So war's bei seinem Vater, so wird's beim Buben auch sein, ich hab das ja immer gewußt! Allen lauern schlechte Weiber auf.«

»Sagen die Männer, das ist bequem,« sagte Fräulein Fanny gereizt.

»Du hätt'st ihn nur hören sollen!« sagte Frau Marie und indem sie sich erinnerte, fing sie wieder zu weinen an.

»Er hat einen albernen Spaß gemacht,« sagte Fräulein Fanny. Der Mensch redt viel.«

»Nein,« sagte Frau Marie schluchzend. »Was Böses und was Tückisches, was Grausliches ist in ihm, was er nie gehabt hat! Du hätt'st ihn nur hören sollen!«

»Vielleicht!« sagte das Fräulein. »Es ist ja möglich. Aber dann wird wohl die Schauspielerin nicht schuld sein. Die Männer schieben's auf die Frauen, die Frauen schieben's auf die Männer, und ich denk, die Männer können nichts dafür und die Frauen können nichts dafür, aber der beste Mann mit der besten Frau zusammen, die beste Frau mit dem besten Mann: wenn's zusammen kommen, dann wird's bös, da ist der Teufel los, für alle zwei. Ich denk mirs. Denn ich kann's ja nicht wissen. Was weiß denn ich? Eine alte Jungfer! Gott sei Dank!« Sie ging durchs Zimmer und wiederholte: »No Gott sei Dank! Schön ist es ja nicht, aber ich bin froh. Ich bin doch ganz froh.« Sie blieb stehen und sagte lachend: »Aber für deinen Buben war das ja doch nichts. Sicher nicht. Also mußt schon die Kosten zahlen, nutzt nix!«

Nach einer Welle sagte Frau Marie leise vor sich hin: »Ich hätt ihn noch so gern behalten, eine Zeit.«

»Siehst, jetzt bist wenigstens aufrichtig,« sagte Fräulein Fanny. »Eltern sind die größten Egoisten. Du willst den Buben nicht hergeben, darum geht's dir! Aber wenn's die nicht wär, wär's eine andere, sei nur ruhig! Weg muß der Bub von dir, da kannst nichts machen. Ich versteh' schon, daß es dir schwer wird. Es ist halt das Letzte, was du von deinem Mann noch hast. Und jetzt geht das auch noch weg! Ich versteh dich schon. Eine Mutter hat dann immer das Gefühl, als ob der Bub ihr untreu würde. Das ist es, eifersüchtig seid's! Ganz gemein eifersüchtig! Aber da darfst nicht auf den Buben bös sein, und nicht auf die Rahl, der das übrigens gleichschaut, man sieht's ihr an, daß sie keine langen Geschichten macht, Donnerwetter, du kennst sie nicht, aber ich kann mir das schon denken, die ist so! Aber wie gesagt, da mußt auf den lieben Gott bös sein, der das alles so verordnet hat, er wird's schon wissen.« Sie setzte sich, legte die Hand auf die traurige Frau und sagte: »No schau! Ein bißl gescheit sein, Mariedl! Denk dir, der Bub war ins Wasser gefallen, herausgefischt hat er sich ja selbst und du hast ihn schon trocken gelegt. Jetzt ist die Hauptsache nur, daß er keinen Schnupfen davon kriegt.« Sie sah die Freundin lachend an und sagte dann: »Verstehst, was ich mein? Wenn ich so den Menschen zuschau, denk ich mir oft, es kommt vielleicht gar nicht so sehr darauf an, was einem geschieht, als was daraus wird. Kennst den Lumpazivagabundus? Drei gewinnen das große Los, aber bei jedem schlagt es anders aus. Es kommt halt auf den Menschen an. Und wozu hat denn schließlich einer eine alte Mutter zu Haus, als daß sie ihm ein bissel dabei hilft? Gib acht, daß es deinem Buben gut anschlagt! Dann kann es noch der größte Segen für ihn sein. So!« Sie gab ihr einen Klaps und stand auf. »Und jetzt sei so gescheit wie er und schlaf dich auch zunächst ordentlich aus! Reden hilft nichts, weinen schon gar nicht, aber täglich in der Früh fangt ein neuer Tag an. Gute Nacht, Tschaperl, meine Hund wollen auch ihre Ruh.«

Beim Frühstück sprach Franz kein Wort. Die Mutter ließ ihn. Manchmal sahen sie sich an, er war ein wenig verlegen, sie lächelte. Nachher sagte er: »Ich werde ja aber doch wieder einmal in die Schule müssen. So geht das ja nicht weiter. Nicht wahr, Mutter?« Sie sagte: »Nun, davon können wir ja noch reden. Heute ist es ja doch schon zu spät. Geh lieber ein bißl aus, bei dem schönen Wetter, oder hol nachmittag den Beer ab.« Er antwortete: »Nein, Mutter, ich bin lieber allein.« Er saß den ganzen Tag in seinem Zimmer. Sie sah manchmal nach und fand ihn fleißig; eigentlich war es ihr seltsam, aber sie sagte nichts. Als es dämmerte, kam sie wieder und setzte sich. Er las noch. Sie saß wartend. Nach einiger Zeit sagte sie: »Verdirb dir nicht die Augen!« Er schloß das Buch. Er stand auf, ging zum Fenster und sah über die Dächer hin. Sie sagte leise: »Komm doch ein bißl zu mir! In der Dämmerung sitzt es sich so schön.« Er kam. Sie nahm seine Hand. So saßen sie. Dann sagte er: »Ja, Mutter! Liebe, liebe Mutter!« Sie drückte still seine kalte Hand. Dann strich sie das Haar aus seiner Stirne und sagte: »So widerspänstige Locken hast du.« Und dann noch, ganz leise: »Weißt du, Franz, ich möchte dir was sagen.« Er antwortete: »Ich dir auch.« Sie fragte: »Was denn?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, zuerst du, Mutter.« Sie ließ sich noch ein wenig bitten, dann sagte sie: »Weißt, was ich mir heut gedacht hab? Wenn jetzt der Sommer kommt und wenn dann alles gut ausgegangen sein wird, dann könnten wir heuer eine kleine Reise machen, vielleicht in die Schweiz. Reisen ist jetzt so billig, etwas haben wir ja gespart, es wird schon gehen. Und du könntest dich einmal ein bissel in der Welt umschauen und für mich wär's wohl auch gut, einmal herauszukommen, sonst wird man alt und hat gar nichts gesehen. Gelt?« Er sagte nur: »Ja.« Er hörte geduldig hin, ohne sich zu freuen. Sie schilderte nun, nach Erzählungen seines Vaters, die Wanderungen in den Gletschern des Roseg und des Bernim. »Angst wird mir schon sein, während ich unten auf dich warte. Aber das bin ich ja gewohnt.« Sie schwieg, sich erinnernd. Leise sagte sie: »Ich mache halt jetzt alles noch einmal durch.« Und dann erklärte sie den Plan der Reise, Tag für Tag, wo sie fahren und wo sie gehen und wo sie rasten sollten, alles ganz genau. Und sie fragte bittend: »Ist's dir recht, Franz?« Er sagte nickend: »Wenn du willst, Mutter!« Sie sagte: »Also jetzt red aber du! Was hast du mir sagen wollen?« Da sah er sie lächelnd an und sagte: »O nein, zuerst du!« Und bevor sie noch antworten konnte, fuhr er fort: »Denn ich weiß doch, das war es ja gar nicht, du hast noch ganz was anderes auf dem Herzen.« Sie tat verwundert, er ließ es nicht gelten. »Ich weiß es, Mutter, ich seh dir das am Nasenspitzl an. Sag's doch! Sei lieb und sag's!« Sie wurde verlegen, ärgerte sich ein wenig und sagte lachend: »Man kann sich vor dir nicht verstellen, das hast du auch vom Vater.« Und sie fing wieder vom Vater an, schnell erzählend, weil ihr bang war. Franz aber saß wartend und sie fühlte, daß er es ihr nicht erlassen würde. Sie hielt ein und sah vor sich hin. Er sagte: »Sei lieb.« Sie stand auf und trat an den Tisch, auf das Bild des Vaters blickend. Dann sagte sie: »Ich kann mir nicht denken, daß noch jemand einen Menschen so lieb hat. Und heute noch. Ich hab ihn noch immer genau so lieb. Nicht ein bissel ist es schwächer geworden in den langen Jahren. Eher noch mehr. Wenn das möglich wär!« Dem Knaben tat es weh, so traurig war ihre Stimme. »Und nie hätt mir ein anderer Mann gefallen können. Ich war doch noch so jung, als er starb. Und oft hat man mir gesagt, ich hätte schon deinetwegen wieder heiraten sollen. Aber nein! Wie war denn das möglich gewesen?« Sie kam zurück und setzte sich wieder. »Und er,« sagte sie langsam, »ja! Er hat mich wohl auch sehr gern gehabt. Das weiß ich. Aber –« Sie sah Franz an und lächelte still. Dann nickte sie und sagte: »Ja, du sollst es wissen. Von deinem Vater braucht man nichts zu verheimlichen. Er war einmal so. Er hat so sein müssen. Halt deinen Vater in Ehren, Franz!« Und dann lächelte sie wieder so still und sagte: »Ich war aber damals recht dumm und da hat's mich furchtbar gekränkt, wie ich gemerkt hab, daß ihm andere auch gefallen. Er war eben so. Nachher hat er es immer sehr bereut und da sind wir oft gesessen und haben beide geweint. Er hat dann immer gesagt: Lieb hat er doch nur mich. Und ich weiß, daß es wahr war. Er hätte gar nicht lügen können. Verstanden habe ich es ja nicht. Nein, ich kann es nicht verstehen. Aber ich weiß doch, wie er war. Ich weiß, daß er so was Großes und Schönes war, wie ich es an keinem anderen Menschen gefunden habe. Und da muß man sich halt fügen. Denn ich glaub das nicht mehr, daß ein Mensch schlecht sein muß, wenn er einmal was Schlechtes tut. Und gerade solche Menschen, wie dein Vater war, vielleicht müssen die, vielleicht –« Sie schwieg erschreckt. Er bat leise: »Sag' mir alles.« Sie lächelte wieder. Und achselzuckend sagte sie: »Ich weiß ja nicht. Aber manchmal, wenn man so sitzt, jahrelang, und zurück denkt und sich die Menschen anschaut, da kommen einem schon ganz sonderbare Gedanken. Vielleicht ist es so, weißt, wie man von einem Kind sagt: Es muß austoben, dann geht's wieder! Vielleicht gilt das nicht bloß von den Kindern. Und je mehr in einem ist, desto mehr braucht er das vielleicht. Und es ist vielleicht besser, als wenn es einer zurückhält und hinabwürgt, das Wilde, das Schlechte, oder wie man das nennt, was im Menschen halt einmal ist. Ich weiß nicht. Ich sollt dir das wahrscheinlich gar nicht sagen. Aber den ganzen Tag hab ich mir gedacht, daß es dir vielleicht hilft. Und das ist doch die Hauptsache, gelt? Mir wäre es ja viel bequemer, wenn ich dir auch einfach sagen möchte: Das darfst und das darfst nicht, das ist recht und das ist falsch, das ist verboten und das ist erlaubt! Aber dann fällt mir immer ein, wie dein Vater oft gesagt hat, wenn wir im Wirtshaus waren, und es war schon spät und ich wär schon gern nach Haus, weil es ja doch auch nicht gesund für ihn war, aber da hat er mit seinen lieben Augen immer gesagt: »Laß mir diese schöne Viertelstunde! Der Mensch weiß nie, ob er noch eine hat. Drum ist es eine Todsünde, sie ihm zu stören!« Das habe ich mir gemerkt für dich. Merk du dir's auch!« Sie stand auf und ging zum Fenster. Nach einer Welle sagte Franz: »Ja, vielleicht muß man alles so nehmen. Eine schöne Viertelstunde!«

Frau Marie wendete sich um und sah den Knaben besorgt an. Dann sagte sie langsam: »Hoffentlich bist du der richtige Mensch dazu. Denn es paßt nicht für jeden.«

»Sorg dich nicht Mutter,« sagte Franz. »Ich finde mich jetzt schon in die Welt. Mir scheint, es ist gar nicht so schwer.«

»Franz,« sagte Frau Marie, leise bittend. Sein Ton tat ihr weh.

»Aber was denn, Mutter?« sagte Franz lachend. »Ich bin ja ganz vernünftig. Was willst denn noch?«

Es tat ihr weh. Und zum erstenmal dachte sie, daß er vielleicht anders als sein Vater war. Und sie wußte nicht, ob es für ihn zu wünschen oder zu fürchten wäre.

»Und,« sagte Franz, »jetzt will ich dir auch sagen, was ich mir vorgenommen habe.«

»Ja?« sagte Frau Marie, beklommen.

Franz fuhr fort: »Das geht doch so nicht weiter. Ich will morgen wieder in die Schule.«

»Da muß ich aber zuerst noch zum Direktor,« sagte Frau Marie, »damit wir genau besprechen, wie man das eigentlich ordnen könnte. Du hast doch den Professor Samon sehr beleidigt.«

»Ich werde ihn einfach um Verzeihung bitten,« sagte Franz.

Die Mutter kam auf ihn zu und als ob sie falsch gehört hätte, fragte sie: »Wie denn? Wie meinst du denn das?«

Ungeduldig sagte Franz: »Gott, ich werde sagen, daß ich im Unrecht war, daß es mir sehr leid tut, daß ich es einsehe, daß ich bereit bin, ihm abzubitten, und daß ich verspreche, es nicht wieder zu tun. Das wird wohl genügen. Denn vor der ganzen Klasse will ich das sagen. Das schmeichelt Herrn Samon und alles ist gut. Ich kenne ihn, er wird noch froh sein und wir werden noch die besten Freunde.«

»Kannst du denn das?« fragte Frau Marie. »Wirst du denn das können, Franz?«

»Warum denn nicht?« sagte Franz leichthin.

»Was wird denn aber der Beer sagen?« fragte die Mutter. Ihr war leid.

»Der Beer,« sagte Franz, »und meine Herren Kollegen, die können mich alle gern haben! Ich weiß es jetzt, ich kenne mich aus. Man redet manches zusammen, aber schließlich ist es doch besser, vernünftig zu sein. Ich bin kein Bub mehr. Ich will vernünftig sein. Was nutzt denn das alles? No ja, man hat ein Ideal. Aber es geht halt nicht. Soll ich so dumm sein, mir Unannehmlichkeiten zu machen? Es steht mir nicht dafür. Das Ideal kann man ja zu Hause haben. Nein, der Samon hat ganz recht gehabt. Aber jetzt bin ich kein dummer Bub mehr. Nein, Mutter, nein!« Er sagte das hell und lachend.

Ihr tat es weh. Aber sie dachte: Ich muß doch eigentlich froh sein, daß der Bub auf einmal so vernünftig ist! Aber es tat ihr weh.

Nach einer Weile fragte sie: »Wirst du wirklich –?«

»Ja, Mutter!« sagte Franz. »Du kannst ganz ruhig sein. Ich werde dir keinen Verdruß mehr machen. Das ist vorbei.« Und er sah die Mutter an und wiederholte: »Das ist jetzt alles vorbei. Mit der Zeit wird man schon gescheit. Ich werde dir keinen Verdruß mehr machen.«

»Aber Franz!« sagte Frau Marie. »Da liegt doch nichts daran, wenn du mir Verdruß machst. Wozu hat man denn ein Kind?« Und sie lächelte, bittend.

Nach einer Weile sagte sie: »Ich muß aber jetzt das Essen richten. Wir können ja darüber noch reden.«

»Nein,« sagte Franz. »Wir brauchen nicht mehr darüber zu reden.«

Sie ging langsam. Sie dachte, daß er sie zurückrufen würde. Sie sagte sich immer: Sei doch froh, daß er so vernünftig ist! Es half ihr aber nichts, sie war nicht froh. Er rief sie nicht zurück.

Er trat an den Tisch. Da stand das Bild der Rahl. Er sagte vor sich hin: Die Rahl! Ganz langsam sprach er den hallenden Namen aus: Die Rahl! Er wunderte sich, wie das klang. Ganz weit her, aus der Ferne klang es. Und er dachte sich: Jetzt weiß ich erst, was das heißt, ein Ideal haben! Er lachte. Er war traurig. Eigentlich aber war er doch froh.

Und er sagte noch einmal leise vor sich hin, wie zum Abschied von vielen Dingen: Die Rahl!
