Mädchenlose

Erstes Kapitel.

Heilige Stunden.

Eine zahlreiche Menschenmenge drängte sich um den Altar der alten ehrwürdigen Pfarrkirche zu D.; heute sollte die Einsegnung durch den ersten Geistlichen stattfinden, welchem vorzugsweise die besten Familien der Stadt ihre Kinder anvertrauten. Selten erregt eine andere kirchliche Feier so sehr die Teilnahme der weitesten Kreise, als diese Weihe junger Christen, und in der That giebt es kaum einen schönern herzbeweglicheren Anblick, als diese Schar in der Blüte der Jugend, welche, durchdrungen vom Ernst des Augenblicks, vor dem Altar versammelt ist, um die heiligsten Gelübde vor Gott und der Gemeinde abzulegen. Da wird auch das oberflächliche Gemüt von einem feierlichen Schauer erfaßt, da dringt auch in das leichtsinnige Herz eine höhere Ahnung, die oft nur zu schnell wieder verrauscht, aber für den Augenblick auch der äußeren Erscheinung einen verklärenden Schimmer verleiht.

Jetzt erbrausten die mächtigen Klänge der Orgel, die Thür der Sakristei öffnete sich, und heraus traten in feierlichem Zuge die weißgekleideten Mädchen. Voran schritt Hand in Hand ein anmutiges Paar; die eine war eine kleine zierliche Gestalt mit einem lieblichen Kindergesicht, das von krausen braunen Löckchen umrahmt war und dessen Rehaugen gewiß zu anderen Zeiten gar fröhlich glänzen konnten. Jetzt waren sie ernst zu Boden geschlagen, und die Kleine drängte sich fast schüchtern an die Gefährtin, als wolle sie bei ihr Schutz suchen gegen die vielen neugierigen Blicke rings umher. Höher und schlanker war die Freundin gewachsen, und die kleine Krone von dunkelblonden Flechten ließ sie noch größer erscheinen; in ihren dunklen Augen, die fest vor sich hinblickten, und auf der jungen Stirn lag ein reifer Ausdruck, als hätte sie schon der Ernst des Lebens mit Sorgen und Erfahrungen berührt. –

Die feierliche Handlung war beendet, noch einmal hatte der ehrwürdige Geistliche mit warmen und beredten Worten das Eine, was notthut, den jungen Herzen nahe gelegt, hatte ihr Gelöbnis der Treue empfangen und sie gesegnet; unter abermaligem Orgelspiel verließ der Zug in der vorigen Ordnung den Altar, und die Konfirmanden kehrten in die Sakristei zurück, um nach einem kurzen Abschiedswort des Predigers mit ihren Eltern und Verwandten das Gotteshaus zu verlassen. Fast stürmisch flog die Kleine, Elly von Mansfeld war sie vorhin aufgerufen, einem älteren Offizier nm den Hals und sagte mit einer Stimme, in der noch die ganze Bewegung der erhebenden Feier nachzitterte: »Lieber guter Papa, ich will dir immer eine gute Tochter sein, viel aufmerksamer, als bisher.«

Der Herr zog einen Augenblick das lockige Köpfchen an seine Brust und küßte es mit den innigen Worten: »Meine Elly, mein kleiner Liebling, Gott segne dich!« Dann führte er die Tochter zu ihrer Mutter, einer stattlichen Dame, welche Ellys Stirn nur flüchtig mit den Lippen berührte, indem sie ihr dabei zuflüsterte: »Fasse dich, mein Kind, hier sind zu viele Zuschauer«. So schnell es das Gedränge erlaubte, verließen alle drei die Kirche, ein Diener in herrschaftlicher Livree riß den Kutschenschlag auf, und schnell machte der davonrollende Wagen andern Harrenden Platz.

Zu gleicher Zeit hatte auch das andere junge Mädchen, Nora Diethelm war ihr Name, ihre Mutter gefunden: die schlanke blasse Frau, in deren seinen Zügen ein tiefer Kummer deutlich geschrieben stand, konnte sich inmitten der andrängenden Menge kaum aufrecht erhalten; sie zitterte vor innerer Bewegung und zog die Tochter an sich, ohne eines Wortes mächtig zu sein. Diese schlang den Arm um sie und führte sie liebevoll ins Freie, wo eine Droschke beide aufnahm. Kaum hatte sich die Thür hinter ihnen geschlossen, als Frau Diethelm erschöpft in die Kissen sank, ihr Gesicht mit ihrem Tuch bedeckte und in einen Strom von Thränen ausbrach. Nora ergriff die Hand ihrer Mutter und bedeckte sie mit zärtlichen Küssen.

»Weine nicht so sehr, meine einzige Mama«, bat sie, »ach gewiß, es wird noch alles gut werden!«

»O mein Kind«, erwiderte die Mutter, »warum müssen wir den heutigen Tag ohne deinen Vater verleben? warum durchbricht kein Wort der Liebe und Teilnahme das grausame Schweigen der letzten Wochen? – sicher ist er krank – vielleicht schon tot, – und wir wissen es nicht und können ihn nicht erreichen.«

»Liebe Mama,« erwiderte Nora tiefbewegt, »laß uns meinen heutigen Einsegnungsspruch recht zu Herzen nehmen: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal! Als unser lieber Prediger mir diese Worte zurief, da schienen sie mir vom Himmel zu kommen, und es kam zugleich eine frohe Zuversicht über mich, daß der liebe Papa gesund und wohlbehalten heimkehren werde, wenn wir nur nicht aufhören, für ihn zu beten und sein Kommen geduldig zu erwarten.«

»Du hast recht, meine geliebte Nora,« sagte Frau Diethelm, indem sie die Arme um die Tochter schlang und das erglühende Antlitz des Mädchens mit tiefer Zärtlichkeit küßte, »habe Geduld mit meiner Schwäche, du mußt jetzt mehr als je meine Stütze und mein Trost sein.«

Zweites Kapitel.

Frühlingsfahrt.

Einige Tage waren vergangen; auf die Einsegnung war die Feier der ersten Kommunion gefolgt, und nach so vielen erhebenden Stunden hatte das Leben wieder in die gewohnten alltäglichen Bahnen eingelenkt. – In Noras Stübchen saßen die beiden Freundinnen in eifrigem Gespräch beisammen.

»Meine Nora,« sagte Elly in klagendem Ton, »ich ertrage es gar nicht mehr, dich und deine liebe Mama immer so traurig und voll Sorge zu sehen. O, warum muß es so viel Trübsal in der Welt geben? Wenn ich der liebe Gott wäre, ich würde meine Menschenkinder durch lauter Güte erziehen und ihnen so viele köstliche Gaben in den Schoß schütten, daß sie wohl gut und dankbar sein müßten.

»Du vergißt, liebe Elly, die beiden Aussprüche, die uns Dr. N. so oft zu hören gab:

Nichts ist schwerer zu ertragen,
Als eine Reihe von guten Tagen,

und: Ein Leben voller Blütentage paßt nur für Engel.« »Ich habe den Mut, ihre Wahrheit trotz häufiger Wiederholung zu bezweifeln. Ich, obgleich sicher kein Engel, bin nie so zu allem Guten aufgelegt, als wenn ich von Herzen fröhlich bin.«

»Vielleicht bist du nie so fröhlich, als wenn du recht von Herzen gut bist.«

»O, du kluge Nora!« rief Elly aufspringend und der Freundin um den Hals fallend, »wo hast du nur all deine Weisheit her? Du bist doch kaum ein Jahr älter als ich, und doch komme ich mir, dir gegenüber, vor wie ein dummes, unerfahrenes Kind.«

»Meine Weisheit ist leider nicht der Rede wert,« entgegnete Nora, halb seufzend, halb lachend, »ebensowenig, wie deine Dummheit. Und doch wünschte ich mir gerade jetzt recht viel Verstand, um meine arme Mutter in dieser schrecklichen Ungewißheit zu trösten und mir Mittel und Wege auszudenken, um diesem Zustand ein Ende zu machen.«

»Wie lange ist es nun schon her, seit ihr deines Vaters letzten Brief erhieltet?«

»Schon fünf Wochen. Damals war er in Hamburg, aber er wußte selbst noch nicht, ob er nicht nach England, vielleicht gar nach Amerika würde reisen müssen. Immer neue Verwicklungen fanden sich, die ihm die Unredlichkeit seines Buchhalters bereitet hatte, überall waren die Geschäfte in Unordnung, und nur seine persönliche Anwesenheit konnte dem abhelfen. Der arme Papa! welch eine freudlose, unerquickliche Zeit muß auch er durchleben!«

»Wie schrecklich zu denken,« rief Elly, »daß vielleicht das Weltmeer zwischen dir und deinem Vater liegt! Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, mich je so weit von meinem lieben alten Papa zu trennen!«

»Ich fürchte, das Leben ist dazu angethan, uns vieles ertragen zu lehren, was uns zuerst unmöglich erschien,« meinte Nora nachdenklich. »Selbst meine zarte Mama, die bei Tag und Nacht keine Ruhe findet, steht doch noch immer aufrecht da, obgleich ich sie täglich bleicher und schmaler finde. O, es ist schwer, sie so bitter leiden zu sehen und nichts dabei thun zu können!«

Ein minutenlanges Schweigen folgte; Elly stand auf, um zu gehen. »Also darf ich wirklich nicht hoffen, dich morgen unter uns zu sehen, Nora? vielleicht würde eine kleine Zerstreuung dir gut thun.«

»Ich kann es nicht versprechen, liebe Elly, ich kann meine Mutter nicht verlassen, solange sie in so banger Sorge ist und jeder Augenblick uns irgend eine trübe Nachricht bringen kann. Nicht wahr, das siehst du ein?«

»Ich muß wohl,« seufzte Elly, »ich bin doch nicht dumm genug, um deine Liebe und Pflichttreue nicht zu begreifen. Lebewohl, mein geliebtes Herz, Gott gebe euch bald, bald eine frohe Kunde!« –

Als Elly gegangen war, suchte Nora ihre Mutter auf und fand sie eifrig beschäftigt an einem ihrer Schränke. »Was machst du, liebe Mama? darf ich dir helfen?« fragte Nora.

»Ich suche mein ganzes Haus für eine längere Abwesenheit zu bestellen, damit, wenn der Vater mich ruft, ich zu ihm eilen kann, ohne Zeit mit Vorbereitungen zu verlieren. Ich habe eine unwiderstehliche Ahnung, daß er irgendwo krank liegt und meiner bedarf. – Hier, Nora, nimm diese Servietten, sortiere sie sorgfältig nach ihrem Muster und schreibe genau auf, wieviel du von jeder Sorte gefunden hast.«

Eine Zeit lang arbeiteten beide eifrig und schweigend fort, dann sagte Frau Diethelm: »War nicht Elly bei dir?«

»Sie ist eben gegangen; sie lud mich ein, morgen an einer Ausfahrt teilzunehmen, doch habe ich es abgelehnt.«

»Warum, mein Kind?«

»Ich möchte dich nicht gern allein lassen, liebe Mama.«

»Meine treue Nora, du denkst immer an mich, und ich fürchte, der Egoismus des Kummers läßt mich zu oft dich und die Anforderungen deiner Jugend vergessen. Du bist in diesem Frühling noch kaum im Freien gewesen, nimm daher die Einladung an; sei einmal von Herzen fröhlich mit deiner Freundin, erquicke dich an der Frühlingspracht draußen und bringe mir abends einen Hauch von Freude und Sonnenschein mit in meine trübe Einsamkeit.«

Nora trennte sich am nächsten Tage mit schwerem Herzen von ihrer Mutter, und fast wollte es ihr doch wie ein Unrecht vorkommen, sie zu verlassen. Aber mit jeder Minute fingen ihre Augen an, heller zu glänzen, ihre Schritte wurden elastischer, frohe Erwartung spiegelte sich in ihrem Gesicht. Sie war erst sechzehn Jahre alt und besaß das glückselige Vorrecht der Jugend, Kummer und Sorge für eine Zeit lang zu vergessen und den gegebenen frohen Augenblick froh und ungetrübt zu genießen. Elly jubelte hell auf beim Anblick der Freundin. »O nun ist alles gut«, rief sie, indem sie Nora wieder und wieder küßte und umarmte, »du glaubst nicht, wie verstimmt ich war, nichts schien mir lockend, aber nun werden wir uns köstlich amüsieren. Denke dir, mein Vetter Axel Lilienkron, dessen du dich als eines unreifen Kadetten erinnern wirst, hat sich uns heute als neugebackner Lieutenant vorgestellt und wird mit von der Partie sein. Er ist ein hübscher schlanker Bursche geworden; du weißt, wir waren immer gute Kameraden und haben uns von Kind auf geneckt und zusammen amüsiert.« Bald setzte sich die Gesellschaft in Bewegung; Frau von Mansfeld mit einer befreundeten Dame, Nora und Elly, ihr Bruder Arthur, der sich als Sekundaner in der Gesellschaft junger Damen noch etwas schüchtern bewegte, und einige jüngere Mädchen waren die Teilnehmer, der Lieutenant sollte erst später zu ihnen stoßen. Die erste Strecke war mit der Eisenbahn zurückzulegen; schnell blieb die Stadt mit ihren Wällen und Thoren zurück; an Alleen und Gärten, die im Schmuck des zartesten Maiengrüns prangten, flogen sie vorüber; jetzt tauchte zur rechten Hand der erste Streifen der See auf, welche die strahlende Bläue des Himmels in zauberischem Glanze widerspiegelte. Mit durstigen Blicken nahm Nora die ewig junge Schönheit der Natur in sich auf – ach, es war doch köstlich, so in die Frühlingswelt hinauszufliegen, die liebste Freundin zur Seite; seit Wochen hatte sie sich nicht so froh und leicht gefühlt, wie heute. Sie nahm es für eine glückliche Ahnung, daß der geliebte Vater bald zurückkehren, daß alle Sorge sich in Dank und Freude auflösen würde!

In O. verließ man die Eisenbahn und begab sich auf die Wanderung; die beiden Freundinnen sonderten sich ein wenig von den übrigen ab, um ungestört zu plaudern, bald heiter, wie frohe Kinder, bald ernst, wie erwachsene Mädchen, denen sich die Bedeutung des Lebens aufzuthun beginnt.

»Ich habe in diesen Tagen alle die Briefe wieder gelesen, die ich zu meiner Einsegnung erhalten habe«, sagte Elly, »und war zugleich beschämt und gerührt über die Liebe und die gute Meinung, die aus allen spricht. Ich habe doch noch so wenig gethan, um beide zu verdienen.«

»Vielleicht sind sie gerade darum so schön und so beglückend, weil sie uns als ein freies Geschenk zufallen«, versetzte Nora. »Erwerben könnten wir sie wohl nie, aber wenigstens können wir suchen, uns ihrer nicht unwert zu machen.«

»Ich habe mich jetzt oft gefragt, Nora, ob mein Leben wohl schon einen rechten Inhalt hat, der seiner höhern Bestimmung entspricht. Aber steht all unser Lernen, unser Malen und Klavierspielen, unsere feinen Handarbeiten und sonstigen Beschäftigungen in irgend einer Beziehung zur Ewigkeit?«

»Direkt wohl nicht, aber auch nicht in Widerspruch. Ich denke, alles, was uns befähigt, andere zu erfreuen oder ihnen zu helfen, alles, was uns tüchtig macht, unsern irdischen Beruf nach allen Seiten hin auszufüllen, das hat auch seine volle Berechtigung, und an all diesen Dingen können wir uns in Selbstverleugnung und Treue üben.«

»O Nora, da müßte ich ja mit besonderm Fleiß die altmodischen Stücke üben, die ich gar nicht leiden kann und die Tante Cäcilie so gern hört! Wenn ich ihr einen meiner lustigen Märsche oder eine brillante Salonpolka vorspiele, sagt sie stets: recht hübsch, mein Kind, nur zu laut; die Kompositionen in meiner Jugend machten nicht so viel Spektakel, aber sie erfreuten das Herz mit ihrem sanften Wohllaut.«

»Ich glaube wirklich, meine süße Elly, daß eine solche Selbstüberwindung dir nicht schaden würde; Tante Cäciliens Zufriedenheit würde sicher auch dich befriedigen.«

»Versuchen wir's einmal«, sagte Elly mit einem halben Seufzer. »Aber hat denn gerade das einen besondern Wert, was wir gezwungen oder ungern thun, du weise Nora?«

»Wer würde dich zwingen, als dein eignes Streben nach dem Guten und Rechten? und ungern? – nein, wir müssen dahin kommen, das Gute von Herzen zu thun, auch wenn es uns zuerst Überwindung kostet.«

»Bist du wirklich schon so gut und erhaben, wie du sprichst?«

»Gewiß nicht, liebe Elly, vom Erkennen bis zum Thun ist noch ein weiter Weg, der mir ebensoviel Mühe macht, wie jedem andern.«

»Willkommen, meine Damen«, rief plötzlich eine heitere Stimme, »ganz famos, daß ich Sie hier schon finde!« Die beiden Mädchen schraken zusammen, sie waren so sehr in ihr Gespräch vertieft gewesen, daß sie alles um sich her vergessen hatten. Dicht vor ihnen stand ein junger Offizier, der Elly mit herzlichem Händedruck begrüßte und sich mit ritterlichem Anstand vor Nora verbeugte. »Ich weiß nicht, mein gnädiges Fräulein, ob ich mich noch des Vorzuges rühmen darf, von Ihnen gekannt zu sein.« –

»Ich erinnere mich sehr Wohl des Kadetten, der so unermüdlich mit uns tanzte«, entgegnete Nora mit lieblichem Erröten, »aber in dieser Gestalt hätte ich Sie wohl nicht gleich wieder erkannt, Herr v. Lilienkron, wenn mich nicht Elly darauf vorbereitet hätte.«

»Ja, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Lieutenant, indem er selbstgefällig den kleinen Schnurrbart kräuselte, »der glänzende Schmetterling hat immer wenig Ähnlichkeit mit der unscheinbaren Puppe, die seine Flügel gefangen hielt.«

»Bitte, lieber Vetter,« rief Elly lachend, »trübe unsern Blick nur nicht gleich zuerst durch ein Maß von Bescheidenheit, das deine glänzenden Eigenschaften in Schatten stellen könnte!«

»Solche Augen trüben zu wollen, Cousinchen, wäre doch ein eitles Unterfangen, sie würden ja mit ihren Strahlen siegreich jede Hülle durchdringen.«

Er wendete sich schnell ab, um die älteren Damen zu begrüßen, die inzwischen die jugendliche Gruppe eingeholt hatten.

»Höre, Nora«, flüsterte Elly schnell, »den Vetter müssen wir ein wenig zu ducken suchen; er hält uns für Backfischchen, die sich mit ein paar schönen Redensarten ködern lassen, aber so leicht wollen wir ihm den Sieg nicht machen.«

Unter Scherzen und Lachen wurde der Weg fortgesetzt, der zuerst in den schönen, ehemals bischöflichen Park führte. Die herrlichen Baumgruppen im frischesten Frühlingskleide, die schwellenden Rasenflächen, deren Grün stille, von Schwänen durchzogene Weiher anmutig unterbrechen, die geschorenen Hecken, die als Denkmäler einer früheren Gartenkunst mit Pietät konserviert werden und zwischen ihren haushohen, grünen Wänden weite Blicke über den blauen Spiegel der unfernen See gewähren, die üppigen Gruppen von Azaleeen und Rhododendron, die an geschützten Stellen ihre wundervolle Farbenpracht entfalten – das alles wurde beschaut und bewundert, kleine Hügel erstiegen, an lauschigen Plätzen beim Gemurmel des kleinen Wasserfalls und dem leisen Geplätscher der Fontäne geruht, in Scherz und Ernst geplaudert, bis die Mittagsstunde an leibliche Erfrischung mahnte, welche ein nahes Gasthaus gewährte.

Nach Tisch beschlossen die beiden Damen etwas zu ruhen; die kleineren Mädchen spielten im Garten, die erwachsene, Jugend aber, die keine Ermüdung kannte, bat um Erlaubnis, den nahen Karlsberg zu besteigen. Etwas mühsam erschien der Weg durch den tiefen Sand, doch der Blick von der Höhe belohnte reichlich für jede Anstrengung. Das Auge schwelgt in der reichen Schönheit, die sich auf allen Seiten bietet: vorn dehnt sich die weite Fläche der See aus, auf der tausend Wellen tanzen und glitzern; zu Füßen liegt das alte ehrwürdige Kloster mit seinem regelmäßigen Viereck von Gebäuden, tief eingebettet in die ragenden Baumwipfel des Parks; von fernher grüßen die wohlbekannten Türme der Stadt herüber, und im Hintergrunde liegt ein stilles idyllisches Thal, von waldigen Hügeln lieblich umkränzt und abgeschlossen.

»Hier ist's famos, hier laßt uns Hütten bauen,« rief Herr v. Lilienkron begeistert aus; »die Herren Mütter werden sicher nicht so bald aus ihrer Siesta erwachen, um uns zu vermissen, daher erlaube ich mir den Vorschlag, hier ein Stündchen zu rasten.«

Allgemeine Zustimmung folgte diesen Worten, die jungen Mädchen ließen sich zierlich auf ihre Plaids nieder, der Gymnasiast folgte treulich dem Beispiel des Vetters und streckte sich wie dieser auf dem moosbewachsenen Abhang aus. Eine träumerische Ruhe breitete sich über die kleine Gesellschaft aus, die Ellys lebhaftem Naturell nicht lange zusagte. »Ich fürchte,« bemerkte sie, »wenn wir lange in diesem dolce far niente verharren, so schlafen einige von uns ein. Wie wäre es, wenn wir körperliche Ruhe mit geistiger Bewegung vereinten? Axel, du hast Jahre lang in der Residenz gelebt, was spielt man dort für geistreiche Spiele?«

»Das einzige, was ich kenne,« war die gedehnte Antwort, »ist Wattepusten, aber das kostet zu viel körperliche Anstrengung.«

»O Vetter,« lachte Elly, »in was für Kreisen hast du gelebt, bei denen der Geist in der Lunge saß! Wenn ihr disputiertet, behielt natürlich immer der lauteste Schreier recht.« »Wohl möglich, meine holde Cousine, wenigstens kann ich versichern, daß man in der Residenz nicht leicht so viel Geist und Schönheit vereinigt findet, wie in der Provinz.«

Die Mädchen lächelten verstohlen. »Wir wollen Städte begraben«, schlug Nora vor.

»Ich hoffe nur, mein gnädiges Fräulein«, sagte der Lieutenant in klagendem Ton, »daß dazu nicht die Handhabung eines Spatens gehört, denn diese Stunde ist so schön, daß sie nur in göttlicher Faulheit genossen werden kann; und daß wir dabei nicht mit einem Taschentuch im Auge und einer Thräne in der Hand zu erscheinen brauchen, denn die Sonne lacht zu hell, als daß wir weinen könnten.«

»Seien Sie ohne Sorge, Herr von Lilienkron, so Schweres soll Ihnen nicht zugemutet werden; es handelt sich dabei nur um etwas Kombination beim Begraben und etwas Scharfsinn beim Auffinden. Die Sache ist einfach die, daß man die einzelnen Silben eines Städtenamens so in einen Satz einfügt, daß sie zwar in der richtigen Reihenfolge stehen, aber Teile anderer Worte bilden, z. B.: Lieber, lindre meine Qual. Darin liegt Berlin begraben.«

»Famos!« sagte der Lieutenant, »das kann ich auch. O Fenella, was tappest du im Dunkeln? – da haben Sie gleich zwei Städte in einem Grabe.«

»Ofen und Pest!« riet Elly; »nicht übel für einen ersten Versuch, doch liegt zu wenig Schutt über den Trümmern, man erkennt die Umrisse zu leicht heraus. Jetzt allgemeines Schweigen, damit jeder sich vorbereiten kann. – Alle fertig? Arthur fange an.«

»Ick kann de Kierls nich mehr in Ornung hollen, mag de Burgemester seggen, wat hei will.«

Eine Pause entstand, dann hieß es: »Magdeburg! Jetzt ist die Reihe an Nora«.

»Frage den großen Kant, wer Penthesilea gewesen.«

Diesmal kostete das Raten mehr Mühe, bis triumphierend der Sekundaner rief: »Antwerpen«.

Der Lieutenant richtete sich halb auf und grüßte militärisch. »Ganz famos, auf Ehre! damit erwerbe ich mir in meiner Garnison den Ruf eines höllisch geistreichen Menschen. Nun Elly, gieb deinen Scharfsinn zum besten«.

»Unser teurer Freund lebe hoch! und hoch alle seine Kinder und Enkel.«

Ein langes Hin- und Herraten begann, alle Kombinationen wurden durchprobiert, endlich fand es der Vetter: »Halle«. »Aber welche Berge von Schutt und Asche hast du auf den Ort gehäuft, grausame Base, er wollte gar nicht wieder ans Licht kommen. Doch das Ende krönt das Werk, hier ist mein Begräbnis: Hochgeehrter Herr Kuhl, an umstehend benannte Herren belieben Sie sofort je 1000 Mark auszuzahlen.«

»Herkulanum!« rief Elly. »wirklich, Vetter Axel, bei eifrigem Bemühen kannst du in diesem Fach mit der Zeit ganz Tüchtiges leisten.«

»Und das ist mein Lohn? Donner und Doria, das habe ich nicht verdient!« rief der Lieutenant in scheinbarem Zorn. Elly sah ihn einen Augenblick mit großen Augen betroffen an, sie wußte nicht, wie sie diesen Ausdruck deuten sollte. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht. »London!« rief sie und klatschte in die Hände, »dir sei verziehen, Vetter, obgleich du mit der Orthographie sehr souverän verfährst.«

Lautes Rufen von unten unterbrach die Unterhaltung; in atemloser Eile erschien der Knabe des Pförtners auf der Höhe und meldete, die Damen warteten schon lange am Fuße des Berges, es sei hohe Zeit, zum Bahnhof aufzubrechen. Erschrocken sprangen alle auf, und in lustigem Rennen ging es bergab. In wenigen Minuten stand die kleine Schar vor Frau v. Mansfeld, welche dem atemlosen Lauf mit mißbilligenden Blicken zugesehen hatte. »Beruhigt euch, ihr wilden Kinder,« flüsterte sie den Mädchen zu; »ich wünsche doch, daß wir alle einen civilisierten Eindruck machen.«

Nur zu bald war der Bahnhof erreicht, nur zu schnell führte der sausende Zug die Gesellschaft wieder in die Stadt zurück. Alle geleiteten Nora bis an die Thür ihres elterlichen Hauses, mit den wärmsten Dankesworten nahm sie Abschied und flog leichtbeschwingt die Treppe hinauf. Sie fühlte sich so froh, so glücklich, vielleicht gelang es ihr wirklich, der trauernden Mutter einen Hauch von Frühlingslust und Hoffnungsfreudigkeit mitzubringen.

Drittes Kapitel.

Trübe Zeit.

Als Nora die Thür des Wohnzimmers öffnete, blieb sie betroffen stehen und blickte mit Überraschung auf die Spuren einer ungewohnten Thätigkeit; Koffer und Schachteln standen in der Mitte, Kleider und Wäschestücke lagen auf danebenstehenden Stühlen. Ihr Herz fing heftig an zu klopfen, was konnte dies bedeuten? In diesem Augenblick erschien ihre Mutter auf der Schwelle des andern Zimmers: »Nora,« rief sie schmerzlich und streckte die Hände nach ihr aus, dann aber schienen ihre Kräfte sie zu verlassen, sie sank auf den nächsten Stuhl und verhüllte ihr Gesicht. Nora flog an ihre Seite, kniete neben ihr nieder und schlang die Arme um sie. »Meine liebe süße Mama,« rief sie unter Thränen, »was ist geschehen? hast du Nachricht vom Papa erhalten?« Frau Diethelm nickte.

»So lebt er? Gott sei Dank! aber ist er krank? reisen wir zu ihm?«

»Sehr, sehr krank, mein Kind; schon vierzehn Tage hat er besinnungslos in einem Hospital in England gelegen, erst jetzt hat man meine Adresse erkunden können. Der Arzt schreibt, es könne noch Monate dauern, bis er wiederhergestellt sein wird, aber er hofft, daß die Gefahr für sein Leben vorüber sei.«

»O Mama, wie wollen wir ihn hegen und pflegen, wenn wir erst bei ihm sind! Wann brechen wir auf?«

»Ich reise morgen früh, meine Vorbereitungen sind beinahe fertig, aber dich – dich kann ich nicht mit nehmen.«

»Mutter,« schrie Nora in heftigem Schmerze auf, »das kann nicht sein, du kannst mich in dieser Zeit nicht von dir schicken! O ich will so gut und verständig sein, ich will dir helfen und dich stützen, wie könntest du auch Tag und Nacht an Papas Krankenbett aushalten, du mußt eine Hilfe, eine Ablösung haben …«

»Meine Nora,« sagte Frau Diethelm, indem sie mit tiefem Ernst und unsäglicher Zärtlichkeit in das erregte Antlitz der Tochter blickte, »es gäbe für mich keinen größern Trost in dieser großen Not, als deine liebe Nähe, und niemand würde es so gut verstehen, wie du, deinen Vater zu erheitern und zu zerstreuen, wenn die langsame Genesung schwer auf ihn drücken wird. Und doch kann und darf es nicht sein, daß du mich begleitest. Sieh, mein Kind, wir haben bisher nie eine Sorge gekannt, wir haben stets in Fülle gehabt, was wir bedurften. Aber ich fürchte, daß durch die Unredlichkeit des Buchhalters unsere Verhältnisse schwer erschüttert sind und daß diese lange Krankheit deines Vaters uns auch äußerlich unermeßlichen Schaden bringt. Von der Summe, die er mir bei seiner Abreise zurückließ, ist schon ein bedeutender Teil verbraucht; was übrig ist, muß ich aufs äußerste zu Rate halten, denn viel Geld werde ich noch nötig haben, bis wir heimkehren, bis des Vaters Geschäfte wieder in Gang kommen werden. Du bist noch zu jung gewesen, mein liebes Kind, als daß ich dich mit solchen Verhältnissen schon früher hätte bekannt machen sollen, aber jetzt ist es nicht mehr an der Zeit, etwas vor dir zu verhehlen. Verstehst du mich, meine Nora?«

Gespannt hatte diese den Worten der Mutter gelauscht, jetzt verbarg sie das Gesicht schluchzend in ihrem Schoß. »Ich verstehe,« sagte sie leise, »o Mutter, Mutter, es ist schwer zu tragen!«

»Sehr schwer, sehr bitter! aber gedenke deines Einsegnungsspruches: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet! Dich trifft freilich die Trübsal früh im Leben, aber Gottes Güte kann alles zum Besten lenken und uns nach dieser Trennung ein glückliches Wiedersehen bereiten.«

Eine lange Pause entstand, endlich fragte Nora mit halb erstickter Stimme: »Und wo soll ich inzwischen bleiben?«

»Du wirst morgen an deine Tante in Z. schreiben und sie bitten, dich für einige Monate bei sich aufzunehmen; bis ihre Antwort eintrifft, findest du vielleicht bei Mansfelds eine Zuflucht. Ich muß dich verlassen, Nora, ehe diese Sache geordnet ist, ich muß ganz auf deine Umsicht, dein verständiges Wesen vertrauen. Du mußt es mit einem Schlage lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und für dich selbst zu sorgen. Etwas Geld lasse ich dir zurück, verwalte es mit gewissenhafter Klugheit und benimm dich in jeder Lage deines Lebens so, daß ich meine Tochter mit Freuden an mein Herz schließen kann, wenn ich mit dem Vater zurückkehre. Willst du das?«

»Ich will es,« antwortete Nora feierlich, »Gott gebe mir Kraft dazu.«

»Gott schütze dich, mein teures Kind; – und nun laß uns einpacken und die Ruhe suchen, denn meine Kräfte sind erschöpft, und ich habe schwere Tage vor mir.«

Elly saß mit ihren Eltern am Frühstückstisch und erzählte ihrem Vater von der gelungenen Partie des gestrigen Tages, als ihr ein Briefchen gebracht wurde. »Von Nora,« sagte sie überrascht, riß es auf und überflog die wenigen Zeilen, die es enthielt; dann sank das Lockenköpfchen tief herab, und sie fing an zu weinen. »Was ist geschehen, Elly?« fragte ihre Mutter.

»Meine arme, arme Nora,« schluchzte Elly, »ihr Vater liegt schwer krank in England – ihre Mutter ist heute abgereist – sie ist ganz ganz allein zu Hause – und bittet um Erlaubnis, ein paar Tage bei uns zu bleiben, – bis sie Nachricht von ihrer Tante hat.«

»Das arme Ding!« sagte der Oberst mitleidig, ebenso sehr gerührt durch den Kummer seiner Tochter, als durch das Leid ihrer Freundin. »Schicke doch gleich hinüber, Adelheid, und laß die Kleine holen, damit sie sich in der einsamen Wohnung nicht ganz verlassen fühle.«

Elly warf ihm einen dankbaren Blick zu. »Darf ich selbst gehen? und – und – o Mama« – sie faltete ihre Hände und sah mit einem flehenden Blick zu jener auf – »darf ich ihr nicht anbieten, so lange bei uns zu bleiben, bis ihre Eltern zurückkehren? ich weiß, daß sie ihre Tante kaum kennt, und ich könnte es schwer ertragen, mich auf so lange Zeit von Nora zu trennen.«

Frau von Mansfeld sah unschlüssig aus und antwortete nicht; ihr Mann aber sagte: »Das ließe sich ja auch wohl einrichten, nicht wahr, Adelheid?«

»Machen läßt es sich schon,« war die Antwort, »doch bin ich nicht sicher, ob eine solche Einladung zum Besten des jungen Mädchens dienen würde. Man fürchtet allgemein, daß ein Bankerott der Diethelmschen Handlung unvermeidlich sei; dann würde für Nora in kurzem die Notwendigkeit entstehen, sich selbst ihr Brot zu erwerben und eine Stelle anzunehmen. Ob nun ein längerer Aufenthalt in unserm Hause, wo ich sie Elly doch ganz gleich stellen müßte, eine richtige Vorbereitung für solche Zukunft ist, möchte ich bezweifeln.«

»Ich sollte meinen,« entgegnete der Oberst, »daß eine sorgenfreie Gegenwart immer ein Gewinn ist, wie sich auch die Zukunft gestalten möge, und daß die Erinnerung an empfangene Liebe unter allen Umständen nur heilsam sein kann.«

»O du lieber, alter, einzig guter Papa,« rief Elly und flog dem Oberst mit einer so stürmischen Bewegung um den Hals, daß ihr Stuhl krachend hinter ihr zu Boden fiel, »wie gütig bist du immer und wie unmenschlich lieb habe ich dich!«

»Elly, wann wirst du endlich begreifen, daß diese ungezügelten Aufwallungen sich für ein erwachsenes Mädchen nicht schicken?« sagte Frau v. Mansfeld in strafendem Ton. »Du erdrückst ja deinen Vater beinahe mit deinen Umarmungen; auch die Zärtlichkeit muß Form und Maß zu halten wissen.«

»Nun, liebe Adelheid«, versetzte der Oberst, »ihrem Vater gegenüber laß sie nur das unbefangene, warmherzige Kind bleiben, sonst mache aus ihr eine so feine Weltdame, wie es dir beliebt. Ich muß an meine Arbeit, adieu, meine Damen.«

Er strich noch einmal liebevoll über Ellys glühende Wangen und verließ das Zimmer. Etwas beschämt hob diese den Stuhl auf und brachte die Serviette in Ordnung, die sie vorhin arg zugerichtet hatte; dann küßte sie ihrer Mutter Hand mit einem bittenden Blick: »Verzeih, Mama, ich will mich besser beherrschen lernen. – Was darf ich Nora von dir sagen?«

»Lade sie vorläufig für eine Woche ein, dann wollen wir weiter sehen. Ich werde Nora gern bei uns haben, sie ist ein liebenswürdiges Mädchen, klug und bescheiden, und von ihrem feinen ruhigen Wesen kannst du manches lernen.«

»Ich danke dir, liebe Mama«, sagte Elly aufrichtig erfreut; »lebe wohl für jetzt, ich eile zu Nora hinüber,«

Die alte Köchin, die schon seit vielen Jahren im Diethelmschen Hause diente, öffnete auf Ellys Klingeln die Thür; dicke Thränen standen in ihren treuen Augen, als sie redselig wie immer ausrief: »Ach, Fräulein Ellychen, wie schön, daß Sie kommen, ich weiß auch gar nicht mehr, was ich mit unserem Fräuleinchen anfangen soll; seit die gnädige Frau abgereist ist, hat sie nichts gethan als geweint und geschluchzt, daß es einen Stein erbarmen könnte, kein Täßchen Kaffee will sie trinken und kein Semmelchen essen, und ich habe doch schon die feinsten geholt, die sie sonst so gern hat, und habe ihr so viel zugeredet und sie gebeten, sie möchte sich doch nicht unglücklich machen; ach, unser Norachen wird uns gewiß noch krank zu all dem Leid, was wir so schon haben, und die gnädige Frau hat sie mir doch so auf die Seele gebunden und gesagt, ich sollte gut für sie sorgen, solange sie noch hier im Hause ist.«

Auch Ellys Augen füllten sich mit stets bereiten Thränen, als sie diesen Bericht geduldig anhörte. »Wo ist Nora?« fragte sie.

»Sie liegt in der Vorderstube auf dem Sofachen, und zuerst hat sie gestöhnt und geschluchzt, daß man's ein paar Stuben weit hören konnte, aber nachher ist sie ganz still geworden und hat nur immer geweint, geweint, und jedesmal, wenn ich zu ihr kam, waren ihre Äugchen röter und dicker und das liebe Gesichtchen blasser, ach Gott, unser armes Norachen, wenn sie uns nur nicht krank wird!«

»Lassen Sie mich allein zu ihr gehen, Mina,« bat Elly, »sie würde erschrecken, wenn wir plötzlich alle beide vor ihr ständen.«

»Ja, ja, Fräulein Ellychen, gehen Sie nur und sehen Sie zu, was Sie thun können, ich habe schon alles umsonst versucht. Und reden Sie ihr zu, ein Täßchen Kaffee zu trinken, denn Essen und Trinken hält Leib und Seel' zusammen, und essen muß der Mensch, auch wenn er traurig ist, ich hab' ihn auch auf Spiritus gestellt, damit er hübsch warm bleibt.«

Mit beklommenem Herzen öffnete Elly die Thür des Wohnzimmers und trat mit zögernden Schritten näher, denn die Jugend hat immer eine Scheu, mit einem großen Schmerz in Berührung zu treten, wie warm und aufrichtig auch die Teilnahme sei, die sie dafür empfindet. Nora lag auf dem Sofa, aber sie rührte sich nicht, um die Freundin zu begrüßen; nach einer schlaflosen Nacht, nach der heftigen Erregung des Morgens hatte sie sich endlich in Schlaf geweint. Leise trat Elly zu ihr heran, – war das wirklich ihre Nora? das verwirrte Haar, die schweren, von Thränen geröteten Lider, der halb vollendete Anzug – das alles entsprach so wenig der sonstigen zierlichen Erscheinung und gab ein solches Bild bittern, selbstvergessenen Kummers, daß Elly davon vollständig überwältigt wurde; sie sank neben dem Sofa auf die Kniee, legte ihren Kopf auf die Hände der Freundin und rief schluchzend: »Meine arme, arme Nora! o Gott im Himmel, hilf ihr und mache sie wieder froh!«

Nora erwachte und schaute mit einem trüben, müden Blick um sich: »Du hier, Elly?« fragte sie erstaunt. Sie richtete sich auf, aber nun kam auch das Gefühl ihrer Verlassenheit, die Erinnerung an den schmerzvollen Abschied von ihrer Mutter über sie, sie verbarg ihr Gesicht wieder in den Kissen und rief jammernd: »O Elly, wenn ich lieber nie wieder erwacht wäre! wenn ich mein Herzeleid für immer hätte verschlafen können!«

Was konnte Elly thun, als mit ihr weinen? Sie saßen eng aneinandergeschmiegt, wie zwei Vögel auf einem Zweig, und ließen ihre Thränen zusammen fließen, bis sich endlich die Gewalt des Kummers erschöpfte und der Strom versiegte. Die alte Mine, die nach einer Stunde hereintrat und den Kaffee immer noch unberührt auf der Spirituslampe fand, erhielt von Ellys Überredungskünsten keinen höhern Begriff, als von ihren eigenen, und wurde ordentlich böse auf ihr »Fräuleinchen«, das sich gar nichts sagen lassen wollte und auf keinen verständigen Menschen hörte. Die Natur machte endlich ihr Recht geltend, Nora ließ sich bereden zu frühstücken und fühlte sich kräftiger danach. Sie bat Elly, sie jetzt allein zu lassen, sie wolle die brennenden Augen kühlen und ihre Sachen ordnen, um gegen Abend zu ihr zu kommen, es sei sicher am besten, wenn sie sich erst beruhige und die Spuren der vergossenen Thränen vertilge, ehe sie in einem andern Hause erscheine. »Deine Liebe und Teilnahme, meine Elly, haben mir wieder den Mut gegeben, mich aufzurichten und vorwärts zu gehen, wie Gott es will und wie ich es meiner Mutter versprochen habe; habe Dank dafür, du treues Herz.«

Viertes Kapitel.

Friedliche Tage.

Schon längere Zeit war Nora im Mansfeldschen Hause, und niemand dachte an ihre Abreise. Ihr sanftes freundliches Wesen, das oft durch den Schatten einer rührenden Schwermut noch mehr gedämpft wurde, gewann ihr alle Herzen, und von Woche zu Woche erneuerte Frau von Mansfeld mit Wärme die Aufforderung, ihren Besuch noch länger auszudehnen, wobei allerdings stillschweigend der erste August als letzter Termin im Auge behalten wurde, da zu dieser Zeit eine längst beabsichtigte Reise angetreten werden sollte. Anfangs hatte Nora gehofft, ihre Eltern würden bis dahin schon zurückgekehrt sein, aber diese Aussicht verschwand; war auch die eigentliche Krankheit des Vaters überwunden, so schritt doch die Genesung unendlich langsam vorwärts, und immer wieder vertröstete Frau Diethelm Nora auf eine spätere Zeit, immer wieder ermahnte sie dieselbe, den Mut nicht sinken zu lassen, wenn ihr die Trennung unabsehbar lange dauern wollte.

Das Mansfeldsche Haus genoß den Vorzug eines kleinen Gartens, da es außerhalb des engen Wallgürtels lag, der die innere Stadt zusammenschnürt und die langen hohen Häuserreihen ohne namhafte Unterbrechung dicht zusammendrängt. Die Mädchen hatten sich mit Arthurs Hilfe ein lauschiges Plätzchen eingerichtet, wo sie manche ungestörte Stunde zubrachten, lesend oder plaudernd oder mit eifriger Arbeit beschäftigt; Frau v. Mansfeld war sehr erfreut über die ungewohnte Stetigkeit, welche Ellys Bestrebungen gewannen, über die Ausdauer, mit der sie ihre Studien betrieb, – sie hatte oft die ruhelose Flüchtigkeit rügen müssen, mit der die lebhafte Tochter von einem Gegenstande zum andern übersprang. Noras Gesellschaft und Teilnahme gab auch dem weniger Interessanten einen erhöhten Reiz, ihr Beispiel wirkte beruhigend und anregend zugleich. Elly erklärte oft, sie habe sich noch nie in ihrem Leben so glücklich gefühlt, wie jetzt, und drang scherzend ihrem Vater die Erklärung ab, daß zwei Töchter doch erst das wahre Glück eines Hauses ausmachten.

Der schüchterne Arthur, der im Gegensatz zu seiner muntern Schwester eine stille nachdenkliche Natur war, hatte von jeher eine geheime Verehrung für Nora empfunden, aber selten Gelegenheit gehabt, ihr einen Ausdruck zu geben. Jetzt bewies er sie dadurch, daß er sich auf jedem Spaziergange mit schweigender Entschlossenheit ihres Plaids bemächtigte und einen Schirm mitnahm, sobald sich nur ein Wölkchen am Himmel zeigte, um ihn bei ausbrechendem Regen über ihrem Haupte auszuspannen. Selten wagte er es, in Gegenwart anderer mit der Dame seines Herzens zu sprechen, und er errötete jedesmal, wenn sie ihn anredete, daher gab es Elly Stoff zu mancher Neckerei, als sie die beiden einmal in einer lebhaften Unterhaltung überraschte, die, wie es sich herausstellte, sich um Arthurs Steckenpferd, die Physik, gedreht hatte. »Du bist eine gefährliche Zauberin, Nora«, sagte sie und drohte ihr lächelnd mit dem Finger, »du verstehst es, die geheimen Lieblingspunkte aufzufinden, und wenn du sie berührst, verfallen die Herzen deiner Macht. Ich habe den guten Arthur früher zu manchem dummen Streich beredet, und manche Strafe hat er um meinetwillen getragen, aber stets hat er schweigend gehandelt und schweigend geduldet; erst du hast das Wunder vollbracht, seine Zunge zu lösen.«

Ein besonderer Liebling wurde Nora von Tante Cäcilie; die kleine feine Gestalt der alten Dame, ihr liebes mildes Gesicht, das stets im saubern Rahmen eines schneeweißen Häubchens erschien und Herzensgüte und Klugheit ausstrahlte, hatten immer schon Noras warme Sympathie erregt, und sie hatte oft gewünscht, der gütigen Frau näher zu treten, die so allein im Leben stand und sich doch einen freundlichen Humor, eine liebevolle Teilnahme für jeden bewahrt hatte, der in ihre Nähe kam. Jung und alt hing mit Zärtlichkeit an der alten Tante, die mehr durch das Band enger Freundschaft, als des Blutes mit dem Mansfeldschen Hause zusammenhing.

Die jungen Mädchen saßen an einem warmen Sommertage auf ihrem grünen schattigen Plätzchen, Tante Cäcilie hatte sich zu ihnen gesellt, Arthur war im Garten beschäftigt. Hoch errötend erschien er plötzlich am Eingang der kleinen Laube; er stutzte zwar, als er die Tante erblickte, trat aber auf Nora zu und überreichte ihr auf einem Blatt einige schöne große Erdbeeren. »Es sind die ersten von meinem Beet«, sagte er, »möchten sie Ihnen gefallen.«

»Wie freundlich, lieber Arthur, haben Sie besten Dank! Aber nun bleiben Sie hier und helfen sie uns, dieselben zu verzehren, dann werden sie uns sicher am besten schmecken.«

»Ich danke sehr – sie sind für Sie allein bestimmt«, stammelte er und eilte in großen Sprüngen dem Hause zu.

Elly lachte ausgelassen. »Die Leidenschaft dieses Knaben lodert immer heller empor«, rief sie lustig, »er brachte dir sein Geschenk so feierlich, wie ein Spendopfer, das ein Gläubiger auf dem Altar seiner Schutzgöttin niederlegt, und wären wir beide nicht als störende Zeugen dabei gewesen, er hätte dich sicher mit Versen angesungen, in denen sich Nora auf Aurora gereimt hätte.«

»Ich glaube, Elly wird eifersüchtig«, bemerkte die Tante schalkhaft, »der Tribut der Erdbeeren schneidet ihr ins Herz.«

»Liebe Tante, welche niedrige Meinung hast du von meinem Herzen! Ich gönne Nora das Schönste und Beste, was es auf Erden giebt.«

»Da thust du Recht daran, mein Herzchen; möchtest du nie eine so ungroßmütige, seelenverbitternde Regung, wie die Eifersucht, kennen lernen.«

»Es müßte doch schwer sein«, meinte Nora nachdenklich, »zu erfahren, daß ein Herz, auf dessen Liebe und Treue wir den höchsten Wert legen, sich von uns abwendet, um seine Neigung und sein Vertrauen einem andern zu schenken.«

»Schwer?« rief Elly, »ich könnte es nie ertragen; der, den ich liebe, soll mir stets sein ganzes Herz dagegen geben!«

»Und was würdest du thun,« fragte Tante Cäcilie, »wenn einmal das Gegenteil einträte?«

»O, ich würde schäumen, toben, mit den Füßen stampfen …«

»Würde dir das ein Herz zurückgewinnen, die erkaltete Liebe wieder anfachen? O Kind, mit Toben und Schäumen kommt man nicht durchs Leben, und der liebe Gott fragt nicht danach, wieviel wir glauben ertragen zu können, er hat sein eigenes Maß. Ich glaubte auch, ich könnte den Jammer nicht ertragen, als mir mein Mann nach zweijähriger Ehe starb, und ich, ganz jung noch, mit meinem Knaben zurückblieb – meine Mutter war schon lange tot, mein Vater bald nach meiner Heirat gestorben, Geschwister hatte ich nie gehabt. Mein Sohn war meine Welt – und als er zwanzig Jahre später von mir genommen wurde, er, die einzige Stütze, der einzige Trost seiner Mutter, und ich ganz einsam dastand, da habe ich wieder gedacht, ich könnte es nicht ertragen – und mußte es doch und fand auch wieder den Mut, weiter zu leben. Das ist nun lange her, viele Jahre habe ich Zeit gehabt, mit meinen Schmerzen, meinen Entbehrungen vertraut zu werden; sie thun auch nicht mehr weh, aber sie lehrten mich alles im Leben mit andern Augen ansehen und füllten mir das Herz mit Heimatssehnsucht.«

Die Mädchen waren tief ergriffen von der einfachen Erzählung; Nora beugte sich herab, um in schweigender Ehrfurcht die kleine Hand zu küssen, und Elly rief aus: »Dein Leben, meine geliebte Tante, kommt mir vor, wie eine rührende Illustration zu dem tief ergreifenden Verse:

Anfangs wollt' ich fast verzagen,
Und ich glaubt', ich trüg' es nie.
Und ich hab' es doch getragen –
Aber fragt mich nur nicht, wie.«

»Ganz richtig, liebe Elly, bis auf den Schlußsatz; ich will dir's genau sagen, wie ich es ertragen habe, und wie wir überhaupt die Schmerzen des Lebens allein tragen und überwinden können: indem wir sie aus Gottes Hand nehmen und auch in den dunkelsten Stunden unverbrüchlich an dem Glauben festhalten, daß Gott die Liebe ist und es unmöglich böse mit uns meinen kann. Geduld und Ergebung, das sind die heilsamen Kräuter, die zwar anfangs bitter schmecken, aber mit der Zeit uns Genesung bringen von allen Leiden dieser Erde.«

Fünftes Kapitel.

Eine Entscheidung.

Der Juli ging seinem Ende entgegen, im Mansfeldschen Hause war man eifrig mit den Vorbereitungen für die nahe Abreise beschäftigt, die eine vollständige Auflösung des Hausstandes bedingte. Der Oberst ging zum Manöver ab, Mutter und Tochter reisten ins Bad, Arthur sollte für einige Monate in eine Pension kommen. Elly jammerte laut, daß die schöne Zeit ein Ende nehmen solle, sie hätte am liebsten die ganze Reise aufgegeben, der sie doch früher mit brennender Sehnsucht entgegengesehen hatte. Nora schritt ernst und still umher, ihr war sehr weh ums Herz bei dem Scheiden aus diesem lieben Kreise, in dem sie vollständig wie eine Tochter und Schwester behandelt worden war; sie kam sich vor, wie ein losgerissenes Blatt, das vom Winde hin und her gewirbelt wird. Täglich erwartete sie den Bescheid ihrer Tante, wann ihr Kommen jener passend sei, aber ihr bangte vor dem Eintritt in ein Haus, das trotz der nahen Verwandtschaft ihr doch ganz fremd war. Doch wenn sie klagen wollte, dann trat das milde, freundliche Bild der Tante Cäcilie vor ihre Seele, und sie schämte sich ihres Kleinmutes; sie besaß ja noch alle ihre Lieben, die teuren Eltern, die lieben treuen Freunde, und all diese Trennungen sollten doch nur eine kurze Zeit dauern.

Eines Tages, als Elly in einer Lehrstunde und Nora mit Frau v. Mansfeld allein im Zimmer war, brachte der Diener mehrere Briefe, von denen er einen dem Fräulein überreichte. Sie erkannte die Handschrift ihrer Tante, aber als sie ihn las, entfuhr ihr ein Ausruf des Schreckens, und mit einem tiefen Seufzer ließ sie das Blatt fallen. »Was ist Ihnen, liebe Nora?« fragte Frau von Mansfeld und fügte, als sie die Blässe des jungen Mädchens bemerkte, teilnehmend hinzu: »Ich hoffe, Sie haben keine schlechte Nachricht von Ihren Eltern erhalten?«

»Der Brief ist von meiner Tante – sie schreibt, daß ihre verheiratete Tochter ernstlich erkrankt sei, sie müsse augenblicklich zu ihr reisen – auf unbestimmte Zeit – und könne mich daher …« Große Thränen füllten Noras Augen, die Stimme versagte ihr.

»Und könne Sie daher nicht bei sich aufnehmen«, ergänzte die andere. »Das ist in diesem Augenblick störend, aber seien Sie unbesorgt, es wird sich schon ein Unterkommen für Sie finden. Haben Sie sonst keine Verwandten?«

»Keine«, war die Antwort. »Papa hat nur noch diese einzige Schwester, und Mama hatte nie Geschwister.«

Frau v. Mansfeld überlegte eine Weile, dann sagte sie bedächtig: »Ich habe eben einen Brief erhalten, der mir zuerst zu sehr unrechter Zeit zu kommen schien, der uns aber vielleicht einen passenden Ausweg aus diesem Dilemma eröffnen könnte. Meine Cousine, eine liebenswürdige junge Frau, bittet mich, ihr ein junges Mädchen vorzuschlagen, das sich, gewissermaßen wie eine ältere Schwester, ihrer sechsjährigen Erna annehmen möchte. Die Betreffende soll aus guter Familie, von feinem Benehmen und so gebildet sein, um den ersten Unterricht zu erteilen, jung genug, um an dem Umgange mit dem Kinde selbst Gefallen zu finden, und so zuverlässig, daß Frau von Westheim ihr dasselbe ohne Sorge überlassen kann, wenn ihre geselligen Pflichten sie in Anspruch nehmen. Das sind keine leichten Bedingungen, doch in Ihnen, liebe Nora, fänden sich alle vereinigt. Überlegen Sie daher, ob Sie geneigt wären, diese Stellung zu übernehmen.«

Eine heiße Röte war in Noras Wangen emporgestiegen, doch bezwang sie sich und erwiderte nur zögernd: »Ich weiß nicht, ob ich mich ohne Wissen meiner Eltern so binden darf, – wenn sie zurückkehren, würden sie mich sogleich bei sich zu haben wünschen.«

»Diese Umstände würde ich meiner Cousine klar legen«, entgegnete Frau von Mansfeld; »überhaupt bin ich gewiß, daß sie sich wie eine Mutter Ihrer annehmen und für all Ihre Bedürfnisse sorgen würde. Denken Sie ruhig über die ganze Sache nach, mein liebes Kind, sie bietet Ihnen viele Vorteile, doch haben wir keine Zeit zu verlieren, und ich muß noch heute Ihre Entscheidung haben.«

Nora küßte Frau v. Mansfeld die Hand und eilte aus dem Zimmer; heiße Thränen stürzten aus ihren Augen. »O Gott,« schluchzte sie, »stehe ich denn so ganz allein in der Welt, daß man mich willenlos hin- und herstoßen und unter wildfremde Menschen schicken kann? Vater, Mutter, warum habt ihr euer Kind verlassen, warum sorgt ihr nicht mehr für mich? ach, ich bin eurer Liebe, eurer Fürsorge so bedürftig!«

Sie strengte ihre Gedanken an, um einen Menschen zu finden, an den sie sich in ihrer Not wenden könnte; sie dachte an den Geistlichen, der sie eingesegnet und ihr so viel väterliches Wohlwollen bewiesen hatte, an Tante Cäciliens liebevolle Teilnahme – aber es schien ihr undankbar gegen Frau v. Mansfeld, einen andern Rat als den ihrigen zu suchen. Sie konnte auch nicht an ihre Mutter schreiben, denn ehe deren Antwort aus England ankam, war längst der Tag der Abreise da. Dann dachte sie an ihren kleinen Schatz, den sie schon manchmal hatte angreifen müssen, was sollte geschehen, wenn er auf die Neige ging? Sie hatte keine Ahnung, wie die Verhältnisse ihrer Eltern ständen, ob nicht ihre Mutter selbst in Verlegenheit sei. Nein, nein, es mußte geschehen, wie schwer ihr der Schritt auch fallen mochte! Sie schickte ein Gebet empor um Licht und Kraft zu mutigem Entschluß. Als Elly nach Hause kam, war sie ruhig und gefaßt. Sie wußte es im voraus, daß die Freundin mit ihrer ganzen Lebendigkeit gegen diese Wendung ankämpfen würde, aber sie blieb fest dabei, daß es so am besten sei und kein anderer Weg ihr offen stände. So teilte sie denn Frau v. Mansfeld ihre Entscheidung mit und wartete mit zitternder Spannung auf die Antwort, die in wenigen Tagen einlief und Nora für den ersten August auf eine Station der Eisenbahn beschied, wo Herr v. Westheim selbst das junge Mädchen in Empfang nehmen wolle, um ihr die zweistündige Postfahrt bis M. zu ersparen.

Es war am letzten Abend vor der Abreise; die beiden Freundinnen saßen eng umschlungen in ihrem kleinen Zimmer und tauschten Abschiedsworte und Zärtlichkeiten miteinander aus. »Meine Elly«, sagte Nora, »nie, nie kann ich dir und den Deinen genug für die rührende Liebe danken, die du, die ihr Alle mir in dieser Zeit meiner Verlassenheit erwiesen habt. Für immer bleibt dieser Aufenthalt in eurem Hause ein Lichtpunkt in meiner Erinnerung, o wie oft werde ich daran denken, wenn wir getrennt sind!«

»Sprich nur nicht von Dankbarkeit, Nora, wenigstens nicht gegen mich; alles, was ich dir thun und erweisen kann, ist nur der notwendige Ausdruck meiner grenzenlosen Liebe für dich. Um wieviel ärmer wäre ich ohne deine Freundschaft! O Nora, Nora, ich möchte meine Fäuste ballen gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals, das mir alles Gute gewährt und dir alles Schwere auferlegt, das mich auf Reisen schickt und dich in die Verbannung!«

»Sprich nicht so, mein geliebtes Herz, es ist ja kein rauhes, fühlloses Schicksal, sondern der liebe Gott selbst, der uns auf verschiedene Wege führt. Wieviele Mädchen müssen meinen Weg gehen, wieviele würden mich beneiden um die leichte angenehme Stellung!«

»Du bist ein Engel von Sanftmut und Güte, meine Herzens-Nora; und ich wundere mich nur, daß dir nicht längst schon Flügel gewachsen sind, um dich über uns arme Sterbliche zu erheben. Wenn Tante Westheim, die ich fast gar nicht kenne, wenigstens den Schatz zu erkennen wüßte, den sie in ihrem Hause haben wird, aber ich hörte …«

»Nein Elly, sage mir nichts über sie, laß mich ihr vollkommen unbefangen gegenübertreten. Ich gedenke, will's Gott, meine Pflicht an der kleinen Erna treulich zu erfüllen, und gelingt es mir nur erst, mir ihr und ihrer Mutter Liebe und Vertrauen zu erwerben, so soll alles übrige mir nicht zu schwer fallen. Ich möchte doch so gern der Empfehlung deiner Mama Ehre machen«.

Schmerzlich war am nächsten Tage der Abschied, und heiße Thränen flossen auf beiden Seiten. Frau v. Mansfeld schloß Nora zärtlich in ihre Arme und erklärte, sie wolle ihr stets eine mütterliche Freundin bleiben und ihr in jeder Not und Verlegenheit mit Rat und That zur Seite stehen. Der Oberst und die Geschwister begleiteten Nora auf den Bahnhof; es war, als könnten die beiden Mädchen sich nicht trennen, und erst der gellende Pfiff der Lokomotive endigte ihre Abschiedsworte. Ein letztes Nicken und Winken – wehende Tücher und eine hochgeschwenkte Mütze – dann flog der Zug dahin, Heimat und Freunde blieben hinter Nora zurück – sie war allein.

Sechstes Kapitel.

In der Fremde.

Traurig und in sich gekehrt legte Nora die Strecke zurück. welche der Bahnzug durcheilte; ihr war zu Mut, als müsse sie Abschied nehmen von ihrer sorglosen Jugend, von allem, was ihr bisher lieb und vertraut gewesen war. Noch nie hatte sie die kleinste Reise allein gemacht, die sorglichste Liebe hatte bisher jeden ihrer Schritte behütet; jetzt trat sie in eine neue, fremde Welt ein, und niemand war da, um sie auf der unbekannten Bahn zu leiten und zu beraten.

Beklommenen Herzens verließ sie in K. das Coupé und sah sich nach Herrn v. Westheim um, der sie hier erwarten wollte, aber sie fand keinen, der Frau v. Mansfelds Beschreibung entsprochen hätte. Als sie ratlos auf dem heißen sonnigen Perron stand, trat ein Diener auf sie zu, fragte, ob sie Fräulein Diethelm sei und überreichte ihr eine Karte, auf der Frau v. Westheim ihr mitteilte, daß ihr Mann an der Fahrt verhindert sei, der Diener ihr aber das Gepäck und einen Platz in der Post besorgen würde. Nora übergab ihm ihren Gepäckschein und ging auf seinen Rat ins Wartezimmer, wo sie sich still in eine Ecke setzte und nicht verhindern konnte, daß Thräne auf Thräne aus ihren Augen rann. Das neue Leben begann mit einer Täuschung; gerade auf den Empfang von seiten des Herrn selber hatte Frau v. Mansfeld so großes Gewicht gelegt und ihn Nora als einen Beweis dargestellt, daß sie wie eine Tochter des Hauses betrachtet werden sollte. Wie viele andere Täuschungen sollten noch folgen? – –

Der Diener meldete, daß die Post bereit stände, und Nora folgte ihm vor die Thür. Mit Schrecken betrachtete sie den schwerfälligen, eng verschlossenen Postwagen, in welchem schon mehrere Herren sehr verschiedener Stände Platz genommen hatten: Hilfe suchend blickte sie umher, als eine Dame, die sie schon im Wartezimmer bemerkt hatte, auf sie zukam und ihr anbot, zu ihr in den Beiwagen zu steigen, ihr Sohn könne den Platz mit ihr tauschen. Dankbar folgte das junge Mädchen der freundlichen Aufforderung: die offenbare Teilnahme der Dame, die etwas ungemein Gütiges, Mütterliches an sich hatte, fiel wie ein warmer Sonnenstrahl in ihre tiefe Niedergeschlagenheit, und es dauerte nicht lange, bis sie ihrer Begleiterin die Hauptzüge ihres Lebens dargelegt hatte. Als sie erwähnte, daß sie ins Westheimsche Haus ginge, sagte die Dame: »Da werden wir Nachbarn sein, mein liebes Fräulein; mein Mann ist Pfarrer an der Kirche, die Westheims besuchen, und unsere Häuser liegen nahe bei einander. Herzlich soll es mich freuen, Sie zuweilen bei uns zu sehen, vielleicht würden meine jüngeren Kinder zu der kleinen Erna passen. Lassen Sie uns gute Freunde und getreue Nachbarn werden!«

Unter so freundlichen Gesprächen, bei denen Nora allmählich ihre gewohnte Stimmung wiederfand, erschien ihr die Fahrt nicht lang, auch gewährte ihr der halb offene Wagen manchen hübschen Blick auf die sonnige Landschaft. Der schöne Wald, der sich in mannigfachem Wechsel von Berg und Thal von beiden Seiten der Chaussee hinzog, erinnerte sie an die waldigen Hügel ihrer Heimat, und der breite Strom, den sie auf einer mächtigen Fähre kreuzten, erregte ihr lebhaftes Interesse. Nach kurzer Fahrt am andern Ufer machte die Pfarrerin sie auf die Stadt aufmerksam, welche vor ihnen emporstieg. »Sieht sie nicht glückverheißend aus mit ihren Türmen und den stattlichen alten Gebäuden? mit den grünumkränzten Häusern, die den sonnigen Abhang hinaufklettern? Glauben Sie nur, liebes Fräulein, auch hier wohnen gute und teilnehmende Menschen, auch hier waltet Gottes Vaterhand über jedem einzelnen, Ihm vertrauen Sie sich an, Er wird Sie sicher leiten!«

Die Wagen rollten dröhnend in den Posthof, die Passagiere stiegen aus; der Diener mußte noch zurückbleiben, um auf das Gepäck zu warten, so erbot sich die Frau Pfarrerin, Nora bis an die Thür des Westheimschen Hauses zu begleiten. Mit warmen Dankesworten schied die letztere von der unverhofft gefundenen Freundin, aber beredter noch, als ihr Mund, sprach der Ausdruck ihres Gesichts, ihre ganze Haltung von dem Trost und der Aufrichtung, die ihr zu teil geworden waren. Mutig und entschlossen überschritt sie die Schwelle des Hauses und trat in ein neues Dasein ein.

Ein nett gekleidetes Mädchen empfing Nora und führte sie in ein Zimmer im obern Stock; sobald sie abgelegt habe, werde die gnädige Frau sie rufen lassen. Es war ein kleines Stübchen mit zwei Betten, übrigens sehr einfach und sauber eingerichtet. Längst hatte Nora sich vom Staube befreit, ihr Haar geglättet und ihren Anzug geordnet, aber immer noch blieb die verheißene Botschaft aus. Sie trat in die halboffene Thür des Nebenzimmers, auch dieses war einfach, aber wohnlich ausgestattet; an einem der Fenster saß ein kleines Mädchen, tief über ein Buch gebeugt, – war es Erna? Nora erschrak fast bei dem Anblick; die schwarzen Haare hingen bis in die Stirn, die starken dunklen Brauen, die langen gesenkten Wimpern gaben dem Gesicht etwas Finsteres, Unkindliches. Sie trat näher und fragte freundlich: »Bist Du Erna von Westheim?«

Die Kleine blickte scheu empor, senkte aber die Augen sogleich wieder auf ihr Buch. »Ja«, sagte sie kurz, »wer bist du?«

»Ich heiße Nora, ich bin gekommen, um bei dir zu bleiben und dir eine liebe, treue Schwester zu sein.«

Wieder blickte das Kind scheu zu ihr auf: »Meine Schwester ist im Himmel. Du bist anders, als sie; viel größer. Aber ich darf nicht davon sprechen.«

Ehe Nora weiter fragen konnte, wurde sie gebeten, herunter zu kommen. Ihr Herz wollte wieder sehr bange klopfen, doch faßte sie sich schnell und folgte dem Mädchen, das sie in ein elegantes Zimmer führte, wo die Frau vom Hause ihr entgegentrat, – eine schöne, sehr modern gekleidete Dame, kaum über die Mitte der zwanzig hinaus.

»Seien Sie willkommen, Fräulein Diethelm«, sagte sie kühl »und nehmen Sie Platz. Haben Sie eine gute Reise gehabt?«

»Ich danke, gnädige Frau, ich fand sehr angenehme Gesellschaft, die mir . …«

»Sie sind noch sehr jung,« unterbrach die Dame.

»Ich werde in einigen Wochen 17 Jahre.«

»Sie haben viele kleinere Geschwister?«

»Nein, ich bin das einzige Kind meiner Eltern.«

»O!« sagte Frau v. Westheim mit gedehntem Ton und in offenbarer Enttäuschung. »Sie haben also gar keine Erfahrung im Umgange mit jüngeren Kindern?«

»Ich habe Kinder immer sehr lieb gehabt und mich gern mit ihnen abgegeben, wenn ich Gelegenheit dazu fand. Ich hoffe, gnädige Frau, guter Wille, Lust und Liebe werden meiner Unerfahrenheit zu Hilfe kommen und mich lehren, Ihre Wünsche zu befriedigen.«

»Wir müssen es hoffen. – Sie werden es nicht ganz leicht finden, Erna zu behandeln; sie ist ein sehr eigentümliches Kind von verschlossenem Charakter, und es erfordert große Konsequenz und eine gewisse Strenge, um ihren Starrsinn zu brechen – natürlich immer mit weiser Mäßigung gepaart.«

»Hoffentlich gelingt es mir, Ernas Liebe zu gewinnen, ich will mir alle Mühe dazu geben«, sagte Nora warm; sie fühlte, daß sich eine innige Sympathie mit dem einsamen Kinde in ihrem Herzen regte.

»Es liegt leider nicht viel Wärme in Ernas Natur«, versetzte die Mutter mit einem halben Seufzer, »seien Sie nicht zu sanguinisch in dieser Hinsicht. Doch wenn Sie stets mit dem Kinde zusammen sind, wenn es sich gewöhnt, alles von Ihnen zu empfangen, was es braucht, so findet sich vielleicht eine Zuneigung in dem verschlossenen Gemüt. Mir selbst erlauben leider vielfache andere Pflichten nicht, mich so ausschließlich mit Erna zu beschäftigen, daher suchte ich nach einer Stellvertreterin, der ich sie mit vollem Vertrauen übergeben könnte.«

»Ich will mich bemühen, mich Ihres Vertrauens würdig zu machen, gnädige Frau«, erwiderte Nora, indem sie unwillkürlich einen erstaunten Blick auf die Mutter warf, welche ihr Kind so ganz aus der Hand geben wollte.

»Ihr Name ist Eleonore?«

»Eigentlich wohl, doch bin ich nie anders als Nora genannt worden.«

»Entschuldigen Sie, der Name klingt zu romantisch für ein junges Mädchen in Ihrer Stellung. Ich werde Sie Lorchen nennen und Sie meinen Leuten unter diesem Namen vorstellen. Und nun kommen Sie, daß ich Sie mit Erna bekannt mache.«

Gesenkten Hauptes folgte Nora ihrer Gebieterin, welche in keiner Weise geneigt schien, sie wie ein Kind des Hauses zu betrachten; das Attentat auf ihren Namen that ihr bitter wehe, und doch wagte sie gegen die Entschiedenheit, mit der Frau v. Westheim sprach und verfügte, keinen Widerspruch.

»Komm her, Erna«, rief die Mutter dem Kinde in ernstem Tone zu, «und sage Lorchen guten Tag.«

Widerstrebend erhob sich die Kleine und ging langsam auf die beiden zu; es fiel Nora auf, daß ein Fuß nicht in Ordnung war, sie hinkte leicht, was ihren Bewegungen etwas Gezwungenes und Ungraziöses gab.

»Dies ist deine neue Gefährtin, Erna, sie wird mit Liebe für dich sorgen, dich unterrichten und mit dir spielen, du wirst ihr stets gehorsam sein und ihr Freude machen. Versprich mir das.«

Erna hob die Augen nicht vom Boden auf, in dem finstern Gesichtchen drückte sich ein stummer Widerstand aus. Wiederholt drang Frau v. Westheim auf eine bestimmte Zusage, endlich wendete sie sich ungeduldig ab. »Du hast heute wieder einen bösen unartigen Tag, und ich habe nicht Zeit zu warten, bis du besser geworden bist. Du wirst morgen deine Strafe dafür empfangen.«

»Bitte, gnädige Frau«, sagte Nora schüchtern, »erlauben Sie mir, mich allmählich mit Erna zu befreunden, sie fürchtet sich wohl vor der Fremden, aber sie wird mit der Zeit schon erkennen, daß sie keinen Grund dazu hat.«

»So will ich Sie mit ihr allein lassen, versuchen Sie Ihr Glück. Sie werden müde von Ihrer Reise sein, ich schicke ihnen den Kaffee nach oben, richten Sie sich hier nach Ihrem Belieben ein. Diese beiden Räume sind Ihr Reich, das Sie nur mit Erna teilen.«

Ohne das finster dastehende Kind eines weitern Blickes zu würdigen, verließ sie das Zimmer.

Mit schwerem Herzen, in trüben Gedanken blieb Nora zurück. Wie sollte sich ihr Leben gestalten in der Gesellschaft dieser herrischen Mutter und dieses unzugänglichen Kindes, die beide gleich arm an Liebe schienen? Sie dachte an ihr Elternhaus, in dem ihre Kindheit so sonnenhell und glücklich verflossen, wo die innigste Zärtlichkeit sie auf jedem Schritt begleitete; an das Mansfeldsche Haus, das von dem ihrigen so verschieden war, und in dem doch gegenseitige Zuneigung und Rücksicht jedes Verhältnis durchdrang. War sie wirklich erst seit Stunden von dort geschieden? War sie noch heute morgen der Gegenstand allgemeiner liebevoller Teilnahme gewesen? Es kam ihr vor, als lägen Monate zwischen damals und jetzt, als wäre sie um eine lange Lebenserfahrung reicher geworden. Sie fühlte sich müde an Leib und Seele, ein leidenschaftliches Heimweh überfiel sie, sie beugte ihr kummervolles Haupt und weinte bitterlich.

Plötzlich legten sich zwei weiche Händchen auf die ihrigen, und eine schüchterne Stimme fragte: »Worüber weinst du?« Nora blickte auf, undeutlich sah sie durch ihre Thränen Ernas blasses Gesicht, das mit einem gespannten Ausdruck in das ihrige blickte.

»Weil ich so allein und verlassen bin, soweit entfernt von meinen Eltern, von Elly, von allen, die mich lieb haben«, sagte Nora, ihrem Kummer freien Lauf lassend.

»Ich will dich lieb haben, weine nicht mehr«, sagte die Kleine mit tiefem Ernst. »Mich hat auch keiner lieb, aber ich darf nicht weinen.«

Gerührt von den seltsamen Worten zog Nora das Kind auf ihren Schoß, es schlang seine Arme um ihren Hals und schmiegte sich fest an sie. »Meine liebe kleine Erna,« sagte das junge Mädchen weich, »wir beide wollen uns recht innig lieb gewinnen und treu zu einander halten, dann werden wir beide wieder froh und glücklich werden.« Das Kind blieb eine Weile ganz still, dann hob es den Kopf empor: »Warum nannte die Mama dich Lorchen? du sagtest, du hießest Nora.« »So nannten mich meine lieben Eltern und Elly und alle andern zu Hause, aber deiner Mama gefällt der Name nicht, darum will sie mich anders nennen.«

»Aber Nora ist viel hübscher! ich will dich immer Nora nennen.«

»Aber nicht, wenn die Mama es nicht wünscht; du weißt, du mußt der Mama gehorsam sein.«

Wieder schwieg Erna eine Weile, wie in tiefem Nachdenken, dann fragte sie: Ist Elly deine Schwester?«

»Nein, sie ist meine Freundin, aber wir lieben uns so sehr, wie sich nur zwei Schwestern lieben können.«

Die Kleine blickte scheu umher, ob jemand sie hören könne, dann flüsterte sie leise: »Ist sie wie Adda?«

»Wer ist Adda? ich kenne sie nicht.«

»Adda ist meine Schwester, aber sie ist jetzt im Himmel, der liebe Gott nahm sie zu sich und zu seinen Engeln.«

»Und du hattest Adda sehr lieb, nicht wahr?«

»O so lieb, ich kann es dir gar nicht sagen. Sie hatte goldne Locken und glänzende blaue Augen, sie war immer fröhlich und sang und tanzte, und wenn Mama in die Stube kam, flog sie zu ihr wie ein Vogel, ihr gerade um den Hals. Und Mama küßte sie und tanzte mit ihr, und dann sagte Adda: nun küsse auch Erna. Aber solche Küsse mochte ich nicht leiden; wenn mich Adda küßte, war es mir viel lieber. Warum nahm der liebe Gott mich nicht lieber in den Himmel und ließ Adda bei der Mama? – aber ich war ihm wohl zu häßlich, er konnte mich nicht brauchen unter seinen schönen Engeln.«

Nora fühlte sich tief ergriffen; ihr war es, als schaue sie mit einem Blick in das ganze Geheimnis dieser verschlossenen Kindesseele. Ein Gefühl höchster Verantwortung überkam sie, sie sendete ein heißes Gebet empor um die rechte Weisheit und Liebe, um dieses Kind richtig zu leiten, das ihr so ganz ans Herz gelegt wurde. Sie küßte Erna zärtlich. »Du bist nicht häßlich, mein Herzblatt«, sagte sie innig und schaute ihr tief in die großen dunkeln Angen, die jetzt in feuchtem, wundersamem Glanze schimmerten, »niemand ist häßlich, der ein liebevolles Herz hat und gern gut und fromm sein möchte. Der liebe Gott hat alle Kinder lieb, auch dich und mich, und Ihm ist es ganz gleich, ob eins goldne oder schwarze Haare hat. Wir wollen beide recht gut und fröhlich sein, dann werden uns auch alle Menschen lieb haben.«

»Auch die Mama?«

»Gewiß, die zuerst, du mußt ihr nur immer ein freundliches Gesicht machen, wie es Adda that, sonst kann sie ja nicht wissen, daß du ihr gut bist.« –

Man brachte Noras Gepäck ins Zimmer, und sie begab sich ans Auspacken und Einrichten. »Willst du mir helfen, liebe Erna?« fragte sie freundlich, »trage dies Päckchen hierhin und dies dorthin; wenn ich alles allein thun soll, wird es mir zu schwer.« Erna war sehr bereit und that unermüdlich, was ihr aufgegeben wurde; ihre blassen Wangen röteten sich ein wenig, und ihr Gesicht sah heller und kindlicher dabei aus. Aber bei den schnelleren Bewegungen trat auch der Fehler ihres Ganges deutlicher hervor, und Nora begriff wohl, daß dieser Anblick Frau v. Westheim immer einen Stich ins Herz geben mußte.

Später, als das junge Mädchen mit den einzelnen Gliedern des Hauses besser bekannt wurde, fragte sie einmal die Haushälterin nach dem verstorbenen Kinde. »Ach, liebes Fräulein«, sagte die gute Alte mit Thränen in den Augen, »unsere Adda hätten Sie sehen sollen! zwei verschiedenere Kinder sind nicht zu denken, als diese beiden waren. Sie war so schön – Gottes Engel könnte nicht schöner sein, und dabei solch ein lustiges Vögelchen, gut und freundlich gegen jedermann. Sie war unserer gnädigen Frau ihr Abgott, sie mußte sie immer um sich haben; natürlich waren dann beide Kinder bei ihr, denn Adda ließ nicht von Erna, sie liebten sich wie Zwillinge. Auf einmal, es ist nun wohl ein Jahr her, da erkrankte Erna am Scharlachfieber, und die Kinder wurden ganz getrennt, wegen der Ansteckung. Aber Adda weinte und bat, sie wollte nur einmal zu ihrem Schwesterchen gehen, und endlich ließ die Wärterin sie herein; da flog sie auf die Kranke zu und küßte sie. Nach drei Tagen bekam Adda auch das Scharlachfieber, und eine Woche darauf war sie tot. Wir dachten alle, die gnädige Frau würde den Verstand verlieren, so außer sich war sie; sie lag auch lange krank, und als sie wieder aufstand, da war sie ganz verändert, viel ernster und strenger, und zu Hause konnte sie es gar nicht mehr aushalten, sondern ging oder fuhr alle Tage aus. Niemand durfte ein Wort von dem verstorbenen Engelskinde sprechen, und seit der Zeit konnte sie die arme kleine Erna nicht mehr leiden; sie meint wohl, das Kind sei schuld an Addas Tode.«

Siebentes Kapitel.

Kleine Freuden.

Einige Wochen waren verstrichen, Nora hatte sich mit ihrem neuen Leben und seinen Pflichten vollkommen vertraut gemacht. Sie und Erna waren ein unzertrennliches Paar und lebten größtenteils in einer kleinen Welt für sich, welche außer ihren Zimmern auch den schönen schattigen Garten umfaßte, in dem sie täglich manche Stunde zubrachten. Die Liebe und das Vertrauen des Kindes hatte sie sich schon am ersten Tage erworben, sie waren ihre größte Freude; mit Rührung sah sie, wie das verschlossene Gemüt sich allmählich aufthat; mit Staunen beobachtete sie die oft seltsamen Ideen, welche in der Stille des kleinen Köpfchens gekeimt waren und nun kraus und bunt ans Licht traten. So wenig die Natur für Ernas Äußeres gethan hatte, so reich hatte dieselbe sie mit innern Gaben ausgestattet; sie lernte mit einem Eifer und Verständnis, welche für Nora selbst ein energischer Sporn zum Weiterstreben wurden, und reichlich fühlte sich diese für jede Mühe belohnt, wenn Erna einmal nach Kinderart hell aufjubelte oder ihr leises musikalisches Lachen ertönen ließ. Frau v. Westheim war mit Noras Leistungen zufrieden und sagte ihr zuweilen einige anerkennende Worte über den günstigen Einfluß, den sie auf Erna ausübe; im übrigen aber blieb sie ebenso kühl und zurückhaltend gegen das junge Mädchen, wie in der ersten Stunde. Nur zu den Mahlzeiten erschien Nora im Familienzimmer, wo ihr der Herr des Hauses, ein stattlicher Mann, dem die rabenschwarzen Haare besser zu Gesicht standen, als seiner kleinen Tochter, stets mit großer Höflichkeit begegnete; doch selten entspann sich ein allgemeines Gespräch, an dem sie hätte teilnehmen können, und wenn geladene Gäste erschienen, wurde sie niemals zugezogen. Doch fehlte es ihr keineswegs an Zeiten der Muße; in der Morgenstunde, die Erna regelmäßig bei ihrer Mutter verbrachte, oder abends, wenn jene früh zur Ruhe gegangen war, traten keine Ansprüche an sie heran, sie konnte lesen, schreiben oder sonst treiben, was sie wollte.

Jeden Tag sagte sich Nora, daß sie Grund habe, dankbar und zufrieden zu sein, und doch wollte oft ein Gefühl tiefer Entbehrung, heißer Sehnsucht sie überschleichen. Sie hatte kein Herz, das an ihr selbst und ihren eignen Verhältnissen teilnahm, sie vermißte jede lebendige geistige Anregung, sie mußte immer nur geben und mitteilen, ohne dafür zu empfangen. Zwar war sie einigemale der Einladung der lieben Frau Pfarrerin gefolgt und stets mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, aber es blieb doch bei flüchtigen Berührungen, da längeres Entferntsein offenbar nicht gern gesehen wurde. Einmal hatte sie es versucht, mit Frau u. Westheim darüber zu sprechen, ob es nicht gut für Erna wäre, sie mehr mit andern Kindern verkehren zu lassen, »die rührende Innigkeit und tiefe Sehnsucht, mit der sie von der seligen kleinen Schwester spräche …«, sie konnte nicht vollenden, denn die andere unterbrach sie mit einer hastig abwehrenden Gebärde und rief ihr heftig zu: »Sprechen sie nicht davon, die Wunde verträgt keine Berührung!« Da war Nora erschrocken verstummt, die Seelenqual stand zu deutlich auf dem Gesicht der beraubten Mutter geschrieben; sie hatte es auch nicht gewagt, diesen Gegenstand wieder zu berühren, von dessen Besprechung sie eigentlich einen regern Verkehr für sich und Erna mit dem Pfarrhause erhofft hatte.

Die einzige Abwechselung in Noras Leben bestand in den Briefen, die sie erhielt; die von ihrer Mutter sagten zwar noch nichts von einer nahen Heimkehr, klangen aber doch viel tröstlicher, als früher. Ihr Vater war hergestellt und konnte wieder seinen Geschäften obliegen; von ihrer Erledigung hing nicht nur die Rückkehr der Eltern, sondern auch die Sicherung ihrer Verhältnisse ab. Den hellsten Sonnenblick aber brachten Ellys Briefe, die ihr ganzes Wesen klar und lebendig wiederspiegelten. Einer derselben lautete:

Meine süße, heißgeliebte Nora!

Ach!! mit einem tiefen Seufzer muß ich beginnen. Könnte ich lieber mit Haut und Haaren in diesen Brief steigen, um auf eine einzige Stunde – nein, das würde doch nicht reichen – auf einen Tag zu Dir zu fliegen. Meine Gedanken gehen im Galopp davon und keuchend hinkt die lahme Feder hinter ihnen drein, ohne sie jemals einzuholen. Wie soll ich Dir dabei alles schreiben, was Dir Kopf und Herz erfüllt?

Meine Nora, ich vermisse Dich unbeschreiblich, der Gedanke an Dich steht mit mir auf und geht mit mir schlafen; die Menschen hier halten mich für eine melancholische junge Dame von gesetztem Wesen, und Mama fragt mich zuweilen, was mir fehle? Nora! seufze ich. Mitunter klagt sie über meine Schweigsamkeit, und Du weißt, das war sonst nicht der Fehler, den sie vorzugsweise an mir rügte.

Für Deinen Brief küsse ich Dich mit grenzenloser Zärtlichkeit, er ist wie Du selbst! nur einen Fehler hat er, daß er nicht zwanzigmal länger ist. Du schreibst mir viel, aber noch lange nicht genug; ich möchte Dich auf jedem Schritt begleiten, mich ganz in Dein Leben versetzen können. Du giebst mir zwar ein genaues Bild von Erna, aber Du sagst nichts von Westheims, nichts von neuen Bekannten, die Du doch sicher gewonnen hast. So eifersüchtig ich – trotz Tante Cäcilie – auf eine neue Freundin werden könnte, so sehr wünsche ich Dir doch angenehmen Verkehr, ohne den Dein Leben ja entsetzlich eintönig wäre. Du sagst auch kein Wort von Axel Lilienkron, der doch gewiß häufig in das verwandte Haus kommt. Ist der gute Junge Deiner Beachtung so gänzlich unwert geworden? Du konntest doch noch im Frühjahr so herzlich über seine Witze lachen. Werde mir nur nicht zu ernst, meine Herzens-Nora, zuweilen erfaßt mich eine Seelenangst, Du könntest mir in jeder Hinsicht so vollständig über den Kopf wachsen, daß Du Deine Elly nicht mehr so lieben könntest wie bisher – o Nora, wie sollte ich das ertragen?

Wenn nicht die Sehnsucht nach Dir und meinem lieben alten Papa, ja mitunter sogar nach dem braven Arthur über mich käme, so würden wir hier ein Götterleben führen. Die Gegend ist über alle Beschreibung schön, die dicht bewaldeten Berge mit ihren großartigen Felspartieen, die Schlösser und Ruinen mit ihrer Pracht und Romantik, die eleganten Promenaden mit ihrem bunten Gewimmel von Menschen aller Nationen – das alles bietet so unerschöpflichen Stoff zum Schauen, Staunen und Amüsieren, daß der Tag oft zu kurz erscheint, um alles recht zu genießen. Könntest Du nur mit mir beobachten, bewundern und – ein wenig medisieren, man kann wirklich nicht davon lassen, wenn man manche Gestalten erscheinen sieht. Da ist die schöne Französin, von der man sagt, daß der liebe Gott gar keinen Teil an ihrer Schönheit habe, sondern daß der Schneider, der Friseur und andere Toilettenkünstler sich in das Verdienst teilen. Aber der Effekt ist blendend, und die schwarzen Augen, die morgens am Brunnen so schläfrig aussehen, später aber so wunderbare Blitze schleudern können, die müssen doch echt sein, und die Grazie, mit der sie ihren Fächer handhabt und ihren Getreuen Winke erteilt – dem einen gnädiges Wohlwollen, dem andern kühle Abwehr – die ist jedenfalls unnachahmlich. – Ich könnte Dir zehn, zwanzig solcher Porträts charakteristischer Persönlichkeiten zeichnen, aber wozu? Bald scheiden wir von hier, die Schattenbilder erbleichen, es bleibt nichts davon, als eine bunte Erinnerung, die wohl nur für mich allein Interesse behält.

Aber eins muß ich Dir erzählen: ich habe neulich den ersten Ball mitgemacht! Eigentlich wollte Mama nichts davon wissen, ich sei noch viel zu jung und zu kindisch für solche Vergnügungen, meinte sie. Doch Tante Lilienkron ließ nicht ab, und so gab Mama endlich nach und schenkte mir eine reizende Toilette dazu. Duftiges Weiß, ganz mit zahllosen zarten Rosensträußchen übersät, ein Rosendiadem fürs Haar. Als ich den Anzug eines Tages auf meinem Bett liegen fand, mußte ich laut jubeln, er sah gar zu entzückend aus, und ich glaube, er stand mir nicht schlecht. Mir klopfte das Herz aber doch gewaltig, als wir in den Saal eintraten, der mehrere hundert Personen faßt. Welch eine bunte strahlende Menge erfüllte ihn! die deckenhohen Spiegel warfen den Lichtglanz und die Bilder der Personen vielfältig zurück. Wie sollte unter diesem Heer von eleganten Damen ich armes kleines Ding Beachtung finden? Es ging aber besser, als ich dachte; Herr v. W., der zuweilen an der table d`hôte mein Nachbar ist, und mit dem ich stets auf einem scherzhaften Kriegsfuße stehe, engagierte mich zum ersten Walzer und – zum Cotillon; mehrere andere, die ich kürzlich auf einer Partie nach dem alten Schlosse kennen gelernt hatte, folgten; Fremde ließen sich vorstellen, in wenigen Minuten war meine Tanzkarte gefüllt. Aber Nora – welchen Unsinn schwatzt man an solchem Abend zusammen; man kommt vor Lachen und Scherzen nicht zur Besinnung, man fliegt wie in einem wonnevollen Rausch dahin, aber wenn die bunte Seifenblase zerplatzt ist, bleibt wenig von ihr übrig. Ich glaube, im Grunde waren wir damals auf dem Karlsberg froher, als ich auf dem Ball. Ich muß übrigens bemerken, daß Herr v. W. immer klug und geistreich ist, auch wenn er scherzt. – Mama lobte mich nachher wegen meines Benehmens, was mir eine große Freude war.

Heute abend kommt Axel, ich erwarte ihn mit heißer Sehnsucht, nicht um seiner selbst willen, sondern um hundert Dinge von Dir zu hören. Ich will ihn ausquetschen wie eine Citrone, bis ich alles erfahre, was ich wissen will. Für heute lebe wohl, Nora, meine süße geliebte Freundin, morgen mehr.

Einen Tag später.

Axel kam erst heute an, ich konnte meine Ungeduld kaum noch bemeistern. Ich flog ihm entgegen und sagte ihm, wie sehnsüchtig ich ihn erwartet habe – der gute Junge wollte sehr geschmeichelt thun über den warmen Empfang, aber ich zerstörte schnell seine Illusion und machte ihm klar, daß er in diesem Augenblick nur deshalb Wert für mich habe, weil er aus deiner Nähe käme. Nora – wie soll ich meine Täuschung schildern – wie es fassen und begreifen, daß er versicherte, Dich noch nie gesehen zu haben?! er hätte mir am liebsten die Thatsache, daß Du bei Westheims bist, rundweg abgestritten. Ich zerbreche mir den Kopf um die Lösung dieses unerklärlichen Rätsels! Wirst Du so ganz als Kind des Hauses betrachtet, daß man Dich in die Kinderstube schickt, wenn Gäste kommen? oder wäre es möglich, daß Hochmut – nein, ich kann den unwürdigen Gedanken nicht ausdenken, er bringt mein Blut auf den Siedepunkt der Empörung, und ich wäre Axel beinahe ins Gesicht gesprungen, als er es wagte, so etwas anzudeuten. Es muß ja jeder vernünftige Mensch glücklich sein, Dich um sich zu haben, und einen lieblichern Schmuck kann er doch wahrlich seinen geselligen Kreisen nicht geben, als Deine liebe Gegenwart.

Lebewohl, meine Engels-Nora, schreibe mir bald wieder und sage mir, ob Du zuweilen eine Tarnkappe trägst, um Dich unsichtbar zu machen, oder ob Du Axel mit Absicht vermieden hast. Es grüßt und küßt Dich aus tiefstem Herzen

Deine

Dir bis in den Tod getreue Elly.

Achtes Kapitel.

Kleine Leiden.

An einem sonnigen Oktobertage ging Nora mit Erna auf der Promenade vor der Stadt spazieren; sie hatte noch nie diesen Weg eingeschlagen, denn bisher hatten sie sich immer im Garten aufgehalten, doch machte die kühlere Jahreszeit eine kräftigere Bewegung nötig. Sie waren noch nicht weit gegangen, als ihnen ein Offizier entgegenkam, der, als er sie erblickte, in freudiger Überraschung näher trat. Es war Herr v. Lilienkron, welcher erst vor ein paar Tagen aus B. zurückgekehrt war, und Nora konnte es nicht hindern, daß die helle Röte des Vergnügens in ihre Wangen trat und ihre Augen fröhlich glänzten bei diesem Wiedersehen, erschien er ihr doch wie ein Stück ihres vergangenen Lebens in der Heimat, kam er doch direkt von Elly.

»Mein gnädiges Fräulein, wie glücklich bin ich, Sie endlich zu treffen,« sagte der junge Offizier mit unverhohlenem Entzücken, »ich kann nur glauben, daß Sie bisher unter einer andern Gestalt hier umhergegangen sind, oder daß ein neidischer Dämon meine Augen blendete. Aber ich habe es Elly mit heiligen Eiden zugeschworen, daß ich zu Ihnen dringen wolle, selbst wenn Drachen und böse Geister mir den Zugang sperren sollten.«

»Es ist nicht so schlimm damit, wie Ellys lebhafte Phantasie es sich ausmalt,« erwiderte Nora, »ich bin nur meist im Hause beschäftigt. Aber erzählen Sie mir von Elly, wie geht es ihr und ihrer lieben Mutter?«

»Im Vertrauen, ich fand Elly als herrschende Königin in ihrem Kreise, man huldigt ihr enorm, und es ist, auf Ehre, ein Wunder, daß ihr der kleine Lockenkopf nicht arg verdreht wird.«

»Wirklich? – davon schreibt sie mir kein Wort.«

»Nein, sie ist noch gar nicht eitel, ganz derselbe famose Kamerad, der sie mir immer war. Und von Ihnen, gnädiges Fräulein, haben wir so viel gesprochen, daß ich meine, Ihnen müßten alle Tage die Ohren geklungen haben«

So plauderten sie fort und gingen immer weiter; Nora wurde nicht müde, zu fragen und zu hören, bis eine leise klagende Stimme sie in die unmittelbare Gegenwart zurückrief: »Ich bin so müde, Nora, ich kann nicht mehr.« Erschrocken blickte das junge Mädchen auf die kleine Gefährtin, die sich blaß und matt an ihrer Hand fortschleppte. »Mein armer Liebling,« sagte sie, »wir sind zu weit gegangen, wir müssen ausruhen. Leben Sie wohl, Herr v. Lilienkron, mich ruft meine Pflicht.«

»Und darf ich hoffen,« fragte der Offizier, »Sie auf diesem Wege öfter zu treffen?«

Nora zauderte; einen Moment hatte sie Lust, die Frage zu bejahen, war es doch so süß, in der alten Weise mit jemandem zu verkehren – aber schon im nächsten Augenblick erkannte sie die Gefahr. »Nein«, sagte sie ernst und bestimmt, »nur der Zufall giebt einem solchen Zusammentreffen seinen Reiz; jede Absicht würde ihn zerstören.« Sie verneigte sich und trat mit Erna in einen der kleinen Vorgärten ein, welche hier jedes Haus von der Straße abschließen. »Wir ruhen ein Weilchen aus, mein Vögelchen«, sagte sie ermutigend, »dann fliegen wir mit frischer Kraft nach Hause.« Aber es war ein mühseliger Flug, sie mußte das ermüdete Kind halb ziehen, halb tragen, und ganz erschöpft langten beide endlich zu Hause an. Nora brachte die Kleine früh zur Ruhe und saß voll Sorge und Selbstvorwürfen an ihrem Bett, bis sie einschlief. Erst als Erna am nächsten Morgen frisch und wohl erwachte, fühlte sie sich wieder beruhigt.

Zu ungewohnter Stunde wurde Nora zu Frau v. Westheim beschieden, sie fand sie nachlässig in einem Fauteuil ruhend; ohne das junge Mädchen zum Sitzen einzuladen, begann sie sogleich in herbem Ton: »Ich sehe mich genötigt, Fräulein Diethelm, Ihnen meine ernste Mißbilligung auszusprechen. Sie haben das Vertrauen, das ich Ihnen auf Frau v. Mansfelds Empfehlung schenkte, gemißbraucht.«

»Ich, gnädige Frau?« fragte Nora tief erschrocken, »womit habe ich diesen Vorwurf verdient?«

»Sie haben einen Spaziergang mit meiner Tochter, zu dem Sie meine Erlaubnis unter einem falschen Vorwand einholten, zum Deckmantel eines Rendezvous mit einem Herrn gemacht; Sie haben sich nicht gescheut, mit diesem Herrn eine lange Unterhaltung auf öffentlicher Promenade zu führen und dabei die Kräfte des schwächlichen Kindes über Gebühr anzustrengen. Was haben Sie darauf zu sagen?«

Jeder Tropfen Blut war bei diesen Anklagen aus Noras Gesicht entwichen; sie zitterte so sehr, daß sie sich an dem Stuhl in ihrer Nähe festhalten mußte, aber sie fühlte, daß sie ihre Fassung nicht verlieren dürfe, und die heftige Erregung ihres Innern niederkämpfend, antwortete sie in ruhigem Ton:

»Ich gestehe zu, daß durch meine Schuld Erna gestern übermüdet wurde, es thut mir herzlich leid. Ich habe Herrn v. Lilienkron zufällig getroffen, er brachte mir Grüße und Bestellungen von Elly v. Mansfeld, und da er sonst keine Gelegenheit hat, mich zu sehen, benutzte er diese. Aber ich habe ihm kein Rendezvous gegeben und seine Frage, ob er mich öfter so treffen würde, gänzlich abgelehnt. Ich freute mich, ihn zu sehen«, fuhr Nora mit fliegendem Atem fort, »denn er ist der einzige Mensch hier, der mich in meinem frühern Leben gekannt hat, das von dem jetzigen so himmelweit verschieden war, – als ich noch nicht einsam und verlassen war, sondern unter der Obhut meiner Eltern und lieber Freunde stand. O, was würde meine Mutter, was würde Frau v. Mansfeld sagen, wenn sie hörten, wessen man mich hier beschuldigt!« Ihr ganzer Körper bebte unter der Gewalt der unterdrückten Entrüstung.

»Regen Sie sich nicht unnötig auf, Fräulein,« sagte Frau v. Westheim kühl, aber doch weniger unfreundlich als vorher, »ich möchte die Sache ernst, aber nicht tragisch nehmen. Es ist mir lieb, daß Sie das Ungehörige Ihres gestrigen Benehmens schon selbst erkannt und einer Wiederholung vorgebeugt haben. Bedenken Sie, daß der Ruf eines jungen Mädchens ein Spiegel ist, den der leiseste Hauch trüben kann. Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen.« Sie neigte das Haupt zum Zeichen der Entlassung, schweigend verließ Nora das Zimmer.

Sie eilte die Treppe hinauf und war froh, ihr Schlafzimmer ungesehen zu erreichen; sie mußte die heißen Augen kühlen, ehe sie zu Erna ging, niemand durfte ahnen, was vorgefallen war; erst abends, wenn sie ganz allein war, konnte sie über das bittere Herzweh nachdenken, das man ihr angethan hatte. Aber Ernas scharfe Augen durchschauten bald ihre Stimmung: »Warum bist du so still, Nora, hast du geweint?«

»Ich bin sehr traurig, mein Liebling,« erwiderte sie unwillkürlich mit einem tiefen Seufzer.

»Arme Nora,« sagte das Kind liebevoll und streichelte ihr sanft die blassen Wangen, »hat Mama dich gescholten?« »Warum glaubst du das? ich habe ja kein Unrecht gethan.«

»Sie fragte mich so viel nach unserm Spaziergang und was Vetter Axel mit dir geredet hätte; ich wollte es ihr zuerst nicht sagen, aber da meinte sie, Lorchen hat dir wohl verboten, davon zu sprechen, und lachte, dabei so, daß es mir weh that. Da habe ich alles gesagt, was ich wußte. Bist du mir böse deshalb?«

»Gewiß nicht, meine kleine Erna, du mußt der Mama immer alles sagen, was sie wissen will; wenn wir nichts Böses thun, brauchen wir uns vor niemand zu fürchten. Und nun bringe mir unser Buch, ich will dir die schöne Geschichte weiter vorlesen.«

Mechanisch las Nora, ohne recht zu wissen, was; Ernas Zwischenfragen setzten sie zuweilen in Verlegenheit, aber wenigstens konnte sie nicht grübeln und denken. Endlich war die Kleine zu Bett gegangen, Nora war allein, und nun brach der Sturm in ihr um so heftiger los, je mehr er bisher zurückgedrängt worden war. Ein bitterer Haß gegen Frau v. Westheim, die sie so schonungslos und unbarmherzig verurteilte, so Schlimmes von ihr dachte, tobte in ihrer Seele; sie wollte fort, fort aus diesem Hause, wo man ihr so schnöde begegnen konnte, wo man ihr nur Pflichten, aber keine Rechte zuerkannte. So heftig war die Aufregung ihrer Seele, daß sie nach einer Weile selbst darüber erschrak, – wenn ihre Mutter, ihre Freunde, die oft ihre Sanftmut gerühmt hatten, sie so hätten sehen können! Sie faltete ihre Hände und betete inbrünstig um Kraft, den Groll und die Bitterkeit ihres Herzens zu überwinden. Allmählich legten sich die wilden Wogen, eine ruhigere Erwägung gewann Raum. Hatte nicht Frau v. Westheim ein Fünkchen Recht zu der Warnung, die sie freilich in der schroffsten Form ausgesprochen hatte? Und wohin sollte sie gehen? die Rückkehr ihrer Eltern war noch ebenso ungewiß, wie vor Wochen; Mansfelds mußten zwar gerade jetzt zu Hause angekommen sein, aber konnte sie bei ihnen um Aufnahme bitten, wenn sie hier mit Tadel und Unzufriedenheit entlassen wurde? Würde ihre Mutter sie mit Freuden in ihre Arme schließen, wenn sie in Zorn und Haß die Pflichten, die sie übernommen hatte, von sich schleuderte und Erna verließ, die mit so zärtlicher Liebe an ihr hing? –Nein! sprach ihr Gewissen, und: nein! sprach endlich auch der Wille nach. Geduld und Ergebung! schien ihr Tante Cäciliens sanfter Mund zuzuflüstern. Ja, sie wollte geduldig und ergeben ausharren und durch vermehrte Treue und Vorsicht alle Vorwürfe zu entkräften suchen!

Es war spät geworden, ehe Nora an dies Ziel gelangte, müde und zerschlagen von innerem Kampf, aber in sanfter, friedevoller Stimmung ging sie endlich zur Ruhe.

Neuntes Kapitel

Große Sorge

Mehrere ereignislose Wochen waren verflossen; Frau v. Westheim hatte ihr Benehmen gegen Nora nicht geändert, jedoch wollte es dieser zuweilen scheinen, als ob sie freundlicher und rücksichtsvoller behandelt würde, als früher. Seit einiger Zeit machte sie sich Sorge um Erna; das Kind, das eben angefangen hatte, ein wenig aufzublühen, das sich geistig erfreulich entfaltete, schlich matt und unlustig umher, ohne eigentlich krank zu sein.

Eines Tages sollte auf einem benachbarten Gute ein größeres Fest stattfinden, zu dem auch Westheims geladen waren. Als der Wagen schon vor der Thür stand, kam die Mutter noch einmal herauf, um nach ihrem Kinde zu sehen. »Erna gefällt mir heute nicht ganz,« sagte sie, »sie hat ein fieberhaftes Aussehen. Ich hoffe, es hat nichts zu bedeuten, doch wird es gut sein, sie früh zu Bett zu bringen und morgen nach unserer Rückkehr den Doktor holen zu lassen. Ich kann mich darauf verlassen, daß Sie in meiner Abwesenheit Erna keinen Augenblick verlassen, nicht wahr, Lorchen?« »Gewiß, gnädige Frau, ich bleibe auf meinem Posten.«

»Ich schenke Ihnen vollkommenes Vertrauen, liebes Fräulein,« sagte Frau v. Westheim mit Nachdruck und reichte Nora die Hand. »Adieu, meine kleine Erna; ich will dir etwas Schönes mitbringen, komm mir morgen frisch und froh entgegen.«

Nora hörte den Wagen fortrollen, ein Gefühl großer Einsamkeit kam über sie; die gute alte Haushälterin, die sonst wohl einmal ein Stündchen bei ihr saß, lag zu Bett und konnte ihr keinen Rat geben, keine Hilfe bei dem kranken Kinde leisten. Sorgenvoll beobachtete sie das von Stunde zu Stunde steigende Fieber, die immer vermehrte Unruhe; endlich, als Erna, aus unruhigem Schlummer erwachend, über heftige Halsschmerzen klagte, konnte sie die Angst nicht länger ertragen, sie klingelte dem Mädchen, das nach einer Weile, schon halb verschlafen, erschien.

»Ich fürchte, Erna ist sehr krank, Martha, schicken Sie gleich nach dem Doktor, damit nichts versäumt wird,« sagte Nora.

»Aber Fräulein Lorchen,« erwiderte jene ganz betreten, »wer soll gehen? Der Diener ist mit den Herrschaften fortgefahren, Amalie ist zu ihrer kranken Mutter gegangen und kommt erst morgen früh zurück, und ich allein kann doch in dunkler Nacht nicht den weiten Weg gehen, ich fürchte mich zu sehr.«

»O mein Gott,« seufzte Nora, »was sollen wir machen? ist denn niemand da, der in dieser Not helfen könnte?«

»Machen Sie sich nur nicht gleich solche Sorgen, Fräulein, « tröstete das Mädchen, »das sieht bei Kindern immer schlimmer aus, als es wirklich ist. Wir wollen warme Umschläge um den Hals machen, das wird helfen.«

Eilfertig trug Martha alles Nötige herbei; wirklich schien das Mittel etwas Linderung zu bringen. Doch nach kurzer Zeit stöhnte die Kranke wieder stärker, sie warf sich heftiger in ihrem Bett hin und her, die Augen glühten vor innerer Hitze, sie sprach wirre Worte und röchelte schwer. »Es hilft nichts,« sagte Nora mit plötzlichem Entschluß, »der Arzt muß geschafft werden; entweder Sie gehen, Martha, oder ich.«

»Ach Fräulein Lorchen,« jammerte das Mädchen, »verlangen Sie nur das nicht von mir, ich ängstige mich tot in der Finsternis, es ist ja Mitternacht vorüber.«

»So werde ich gehen, der liebe Gott wird mich beschützen. Aber erst schwören Sie mir, Martha, keinen Schritt vom Bett des Kindes zu weichen, bis ich zurückkomme.«

»Ich schwöre es,« sagte das Mädchen, ganz erschüttert von Noras feierlichem Ernst.

Zitternd eilte Nora durch die dunkeln Straßen, der Wind pfiff und heulte unheimlich, ein feiner Regen sprühte herab, sie achtete auf nichts, als ihren Weg, der hin und wieder von dem flackernden Schein einer Laterne matt beleuchtet wurde. Schon hatte sie den größten Teil zurückgelegt, schon atmete sie freier, als plötzlich laute, lachende Stimmen an ihr Ohr schlugen, offenbar kam eine Schar von Herren ihr entgegen. Sie drückte sich hart an die Mauer und hoffte unbemerkt zu entschlüpfen, als eine Hand sie berührte. »Was ist das – wen haben wir hier – ein pikanter Fang, holla, laß sehen,« so tönte es von allen Seiten. Im nächsten Augenblick flammte ein Streichhölzchen auf, eine kleine Laterne wurde angezündet und dicht vor Noras Gesicht gehalten. »Ei mein holdes Kind, wohin so spät? – mein schönes Fräulein, darf ich's wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?« Solche und ähnliche Scherze wurden ihr unter lautem Gelächter zugerufen. Einen Augenblick stand sie fassungslos vor Angst und Grauen, dann preßte sie die Hand auf ihr wild klopfendes Herz und trat mit einem kühnen Schritt auf einen jungen Mann zu, der sich mehr zurückzuhalten schien. »Mein Herr,« sagte sie mit bebender Stimme, »ich bin auf dem Wege zum Arzt, es handelt sich um ein kostbares Leben, sonst wäre ich nicht hier; helfen Sie mir, mein Ziel zu erreichen.«

»Gern, mein Fräulein,« war die schnelle Antwort; er faßte ihre Hand und zog sie aus der Menge. »Macht Platz,« rief er den andern gebieterisch zu; »seien Sie ohne Sorge, ich werde Sie sicher geleiten.« Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, ging er neben ihr her, bis sie am Hause des Doktors angekommen waren, und zog die Nachtglocke. »Ich warte, bis man Ihnen aufmacht, – leben Sie wohl.«

»Ich danke Ihnen von Herzen,« stammelte Nora, sie hielt sich kaum noch aufrecht. Es schien ihr eine Ewigkeit, bis der Doktor sich fertig gemacht hatte und sie mit ihm zusammen den Rückweg antreten konnte.

Voll Todesangst eilte Nora in das Krankenzimmer, händeringend kam ihr Martha entgegen. »Gott sei Dank, daß Sie da sind, Fräulein, ich bin fast vergangen vor Angst, ich dachte, Ernachen stürbe mir unter den Händen«.

Der Doktor machte ein ernstes Gesicht, als er die kleine Patientin untersuchte: »Es ist, wie ich dachte, Diphtheritis. Es ist die höchste Zeit.« Mit ruhiger Besonnenheit traf er seine Anordnungen und wendete die mitgebrachten Mittel an; als keine Veränderung eintrat, sagte er ernst: »Ich muß zur Operation schreiten.«

»Ist es nicht möglich, zu warten, bis die Eltern zurückkehren?« fragte Nora zitternd.

»Eine Stunde Warten kann den Tod bringen«, erwiderte er entschieden – und Nora widerstrebte nicht länger. – –

Totenstille herrschte im Zimmer; der Doktor saß am Bett und verwandte kein Auge von dem kranken Kinde; Nora war in einen Stuhl gesunken und vor Erschöpfung eingeschlafen, da rollte ein Wagen, die Eltern waren zurückgekehrt. Bald danach wurde leise die Thür geöffnet, Frau von Westheim trat ein. Beim Anblick des Arztes fuhr sie zurück. »Sie hier, Herr Doktor? wer hat Sie gerufen?« Er winkte ihr Schweigen zu und deutete auf Erna, die blaß wie eine Leiche mit verbundenem Halse dalag.

»Was ist geschehen?« flüsterte sie angstvoll – – »mein Kind –.«

»Danken Sie es dieser tapfern jungen Dame, daß Sie Ihr Kind noch am Leben finden, gnädige Frau; eine Stunde später und es war zu spät.«

Verwirrt blickte sie von dem Arzt auf Nora, aber dann heftete sie den zum Tode erschrockenen Blick wieder auf die Kranke. »Ist sie außer Gefahr?«

»Ich hoffe es, wenn alle Vorsichtsmaßregeln genau beobachtet werden; ich habe dem Fräulein alles eingeschärft, sie scheint mir zuverlässig und treu wie Gold.«

Frau v. Westheim setzte sich nieder und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Sie, die Mutter, hatte ihr Kind vernachlässigt und war ihrem Vergnügen nachgegangen, die Fremde hatte es durch Treue und Aufopferung gerettet – es war ein Augenblick bittersten Selbstgerichts. –

Eine Stunde verrann in stummer Beobachtung, dann stand der Doktor auf: »Für den Augenblick ist keine Gefahr, nur Ruhe, Ruhe! Lassen Sie nur diejenigen bei dem Kinde sein, an die es am meisten gewöhnt ist.« Er trat auf Nora zu und rüttelte sie leise am Arm. »Stehen Sie auf, mein Kind, Sie müssen auf Ihren Posten, im Lauf des Vormittags komme ich, Sie abzulösen.«

Nora sprang auf und eilte mit geräuschlosen Schritten, des Arztes Platz am Bett des Kindes einzunehmen. Frau v. Westheim saß regungslos, sie sah und hörte nichts, ihr Blick war ganz nach innen gerichtet.

Zehntes Kapitel.

Neues Leben.

Angstvolle Tage folgten; zwar war die Macht der Krankheit gebrochen, aber noch war die tödliche Schwäche zu besiegen, die sich infolge der Operation des zarten Körpers bemächtigt hatte. Es galt vor allem, bei Tag und Nacht kein Auge von der Kranken zu verwenden und auf jedes Symptom zu achten, um die nötigen Maßregeln danach zu treffen. Frau v. Westheim und Nora hatten sich ganz in die Pflege geteilt, von zwei zu zwei Stunden lösten sie einander ab. Es hatte keine Aussprache zwischen ihnen stattgefunden, es war auch keine Zeit dazu, jede fand ihr eignes Thun und das der andern selbstverständlich. Nur an dem warmen Druck der Hand, mit dem sie empfangen wurde, an dem herzlichen Ton der Stimme merkte Nora, daß eine Veränderung ihres Verhältnisses eingetreten sei.

Erna lag in tiefem, ruhigem Schlummer, als Nora zur Ablösung erschien. »Ich kann mich noch nicht trennen,« sagte Frau v. Westheim, nachdem sie jener den Platz eingeräumt hatte, »ich denke, dieser sanfte Schlaf bedeutet uns Gutes. Ich möchte so gern dabei sein, wenn mein armes Kind zum erstenmal mit vollem Bewußtsein erwacht.« Mit gefalteten Händen blieb sie am Bette stehen und blickte Erna mit einer tiefen Innigkeit an, die Nora früher nie an ihr gesehen hatte. Jetzt regte sich die Kleine und schlug die großen dunkeln Augen auf, ein glückliches Lächeln flog über das schmale, blasse Gesichtchen:

»Nora!« sagte sie mit zärtlichem Ton. Die Mutter wendete sich ab, um ihre Thränen zu verbergen. Nora beugte sich über das Bett und küßte das Kind: »Sieh mein Liebling, hier ist auch die Mama!«

»Meine Erna«, flüsterte Frau von Westheim, hast du für mich nicht auch einen liebevollen Gruß?«

»Warum weinst du, Mama?« fragte die Kleine, indem sie die Mutter aufmerksam betrachtete.

»Ich danke dem lieben Gott, daß du wieder gesund geworden bist!«

»War ich krank?«

»Ja, sehr krank, aber nun ist alles wieder gut, nun wirst du bald wieder ganz frisch und munter sein.«

»Freust du dich darüber? hast du mich denn lieb, Mama?« Die Frage schnitt der Mutter ins Herz.

»Wie kannst du nur so fragen, du bist ja mein einziges, zärtlich geliebtes Kind. Aber nun ist's genug, wir dürfen nicht so viel sprechen, es könnte dir schaden.« Sie küßte Erna und verließ schnell das Zimmer.

Von nun an ging die Genesung rasch vorwärts. Der Doktor rieb sich vergnügt die Hände und meinte, so glänzend wäre ihm selten eine Kur geglückt, aber freilich fände er auch nicht oft so treue Helfer. Er war sehr geneigt, das ganze Verdienst Nora zuzuerkennen, wogegen diese aber energisch protestierte; sie mochte überhaupt nicht gern von ihrer nächtlichen Unternehmung sprechen, die Erinnerung daran war ihr zu schrecklich.

Da die kleine Patientin die oberen Räume noch nicht verlassen sollte, so brachte Frau v. Westheim ganze Abende oben zu; sie warb förmlich um Ernas Liebe, und Nora hatte oft das Gefühl, daß sie sich zurückziehen und Mutter und Kind allein lassen müsse, aber die Kleine ließ sie nicht von ihrer Seite und war nur glücklich und zufrieden, wenn sie neben ihr saß. Mit Überraschung wurde Frau v. Westheim gewahr, wie lebhaft und unbefangen Erna plaudern konnte, welche originellen Ideen der kleine Kopf hervorbrachte; sie hatte ihre eigene Tochter für apathisch und uninteressant gehalten und mußte jetzt sehen, daß nur sie selbst es nicht verstanden hatte, die verschlossene Pforte zu öffnen, hinter der so reiche Schätze geistiger und gemütlicher Begabung verborgen lagen.

»Ich muß bei Ihnen in die Schule gehen, liebe Nora, und lernen, mein eignes Kind zu behandeln und ihm rückhaltloses Vertrauen einzuflößen«, sagte sie eines Tages, »das ist ein schweres Geständnis für eine Mutter. Aber mir scheint, ich habe ein Jahr in einem dumpfen Traume verlebt; der Tod meines Engelskindes hatte eine harte Rinde um mein Herz gelegt, durch die kein Gefühl der Liebe hindurchdringen konnte, weder von innen, noch von außen. Erst die Todesangst um Erna hat die eisigen Bande gesprengt. die mich gefangen hielten, ich erkenne deutlich Gottes Hand in dieser Fügung und sehe mit Schrecken, wieviel ich versäumt habe. Auch Ihnen, liebe Nora, habe ich viel abzubitten; Sie haben Böses mit Gutem vergolten! nie kann ich Ihnen genug danken für das, was Sie an Erna und damit an mir gethan haben. Wir haben viel gemeinsam durchgemacht, wir können einander nicht mehr fern stehen – lassen Sie uns Freundinnen sein!«

»O gnädige Frau«, rief Nora mit überströmendem Gefühl, »Sie beschämen mich und machen mich doch sehr, sehr glücklich! Haben Sie Dank für Ihre Güte, für Ihr Vertrauen, ich will es heilig bewahren!« Sie neigte sich, um Frau v. Westheims Hand zu ergreifen, aber diese zog sie in ihre Arme und küßte sie herzlich.

»Liebe Nora«, sagte sie warm, »ich habe mich selbst am meisten beraubt, als ich Sie so fern von mir hielt. Ich weiß jetzt, was ich an Ihnen habe, und danke Gott, der Sie in mein Haus geführt. Ich hoffe, auch Sie sollen es von nun an nicht mehr beklagen dürfen, daß Sie zu uns gehören.«

Mit dieser Stunde begann ein neues Leben für Nora; zwar äußerlich betrachtet, veränderte sich nicht viel, und doch empfand sie es täglich und stündlich mit froher Dankbarkeit, daß alles anders geworden sei. Jetzt wurde sie wirklich wie ein Glied des Hauses angesehen, und wenn sie Ernas Liebe und Gesellschaft nicht mehr so ausschließlich genoß, wie früher, so gewann sie dafür die Liebe und Teilnahme einer Schwester, denn wie eine solche wurde sie fortan von Frau v. Westheim behandelt. Die größte Veränderung aber war mit dieser letzteren selbst vorgegangen. Der Gram um das verstorbene Kind, der nie durch Geduld und Ergebung überwunden, sondern nur gewaltsam zurückgedrängt war, hatte ihr ganzes Innere gleichsam verknöchert und ihrem Wesen etwas Herbes und Kaltes gegeben. Nun war der Bann gebrochen; ihre natürliche Liebenswürdigkeit, die durch Schmerz und Sorge geläutert war, konnte sich frei entfalten. Die gemeinsame Erinnerung an den verlornen Liebling war der sicherste Weg, auf dem sich die Herzen von Mutter und Kind zusammenfanden; sie wurden nicht müde, von Adda zu sprechen, und Frau v. Westheim erstaunte oft über die zähe Treue, mit der Erna alle Eindrücke ihrer frühesten Jahre festgehalten hatte. Längst war jene des übermäßigen geselligen Treibens überdrüssig, es hatte ihr nur als Betäubungsmittel für den nagenden Kummer gedient; jetzt bot ihr Ernas, immer noch der schonendsten Vorsicht bedürftiger Zustand eine willkommene Gelegenheit, sich für diesen Winter ganz davon zurückzuziehen. Auch ihren Mann gewann sie wieder für die stillen Freuden des häuslichen Lebens, das sie durch Musik, gemeinsame Lektüre und den Verkehr mit wenigen nahen Freunden angenehm zu beleben wußte. Nora nahm an allem teil und fühlte sich in diesem geistig anregenden Leben so glücklich und befriedigt, wie es ferne von den Ihrigen überhaupt möglich war.

Elftes Kapitel

Wiedersehen und Abschied.

So waren in schöner Harmonie die Wintermonate verflossen, und wieder zog der Frühling über das Land, mit seiner ganzen reichen Herrlichkeit von Knospen und Blüten. Nora stand am Fenster ihres Zimmers und blickte sinnend hinaus über die grüne Niederung, die dicht hinter der Stadt beginnt und sich weithin dehnt mit üppigen Feldern, schwellenden Wiesen und einzelnen, verstreuten Häusern. Wie ein silbernes Band zieht sich der Fluß durch die Ebene, träumerisch folgten ihre Blicke seinem Lauf; zog er doch nach demselben Ziel, das ihre Gedanken so oft aufsuchten, nach der lieben Vaterstadt, in deren Nähe er sich in den Schoß der blauen See ergießt. Längst war ein Jahr verflossen, seit ihr Vater von den Seinigen Abschied nahm, ein Jahr seit ihrer Einsegnung, seit der Abreise ihrer Mutter! Wenn sie es damals hätte ahnen können, daß es ein Abschied auf so lange, unabsehbare Zeit sein sollte, sie hätte auch wohl wie Elly gesagt, sie könne es nicht ertragen.

»So ganz versunken, Nora? – und Thränen in den Augen? woran denken Sie?« fragte Frau v. Westheim, die unbemerkt eingetreten war. »An die Heimat und an meine Eltern!« war die wehmütige Antwort.

»Armes Herz! aber nur getrost, auch dieses Wiedersehen wird kommen – früher, als es mir lieb sein wird. Inzwischen wenden Sie Ihre Gedanken freundlich der Gegenwart zu; wir haben eben eine dringende Einladung von Frau L. erhalten, sie auf einen ganzen Tag zu besuchen, um ihren schönen Garten in seiner Frühlingspracht zu genießen.«

»Auch ich?« fragte Nora zögernd.

»Auch Sie – ich argwöhne sogar, daß Sie eigentlich die Hauptperson, Erna und ich nur Anhängsel sind; Sie wissen wohl, welch herzliches Interesse Frau L. an Ihnen nimmt, sie ist sehr nahe mit meiner Cousine Mansfeld befreundet.«

Es war ein köstlicher Frühlingstag, als die beiden Damen sich mit Erna in den Wagen setzten, um nach dem L.'schen Gute hinauszufahren; der Weg war derselbe, den Nora damals im Postwagen zurückgelegt hatte, aber mit wie verschiedenen Gefühlen betrachtete sie jetzt die Gegend! Damals lag die nächste Zukunft vor ihr wie ein unbekanntes Land, in dem sie sich selbst einen Pfad suchen sollte; jetzt wußte sie, daß sie darin eine liebe, sonnige Stätte besaß, die dadurch nicht an Wert verlor, daß sie manches hatte thun und dulden müssen, um sie zu erwerben. Wie lieblich prangte heute der Wald in seinem Frühlingsschmuck, wie einladend blickte das behagliche Wohnhaus durch die es umgebenden Bäume und Gesträuche!

Sie stiegen die breite Freitreppe hinauf – da ward die hohe Glasthüre aufgerissen, eine helle zierliche Gestalt stürmte heraus und flog Nora um den Hals, während eine jubelnde Stimme rief: »Nora, meine Nora, hab' ich dich endlich wieder!« So konnte nur eine jubeln, nur eine umarmen!

»Meine süße Elly«, rief Nora – und mit lächelnder Rührung sahen die älteren Damen der zärtlichen Begrüßung zu.

»Nun möchte ich mir aber auch einen Gruß ausbitten«, sagte Frau v. Mansfeld, als das Küssen und Herzen kein Ende nehmen wollte.

»Und ich bitte mir einen Dank für die gelungene Überraschung aus«, sagte Frau L. –

»Und wir beide nehmen auch ein kleines Verdienst in Anspruch, weil wir nichts ausgeplaudert haben«, fügte Frau v. Westheim hinzu, »schwer genug ist es uns geworden, nicht wahr, Erna?«

Erglühend in glückseliger Verwirrung machte Nora sich los und begrüßte die Damen, während Elly sich zu dem Kinde wendete. »Bist du auch da, kleine Erna? den ersten Kuß bekommst du, weil du meine Nora so lieb hast, und den zweiten, weil du meine Cousine bist.« Die Kleine betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Bist du Noras eigene Elly?«

»Gewiß, und sie ist meine eigene Nora.«

»Nein, sie ist auch meine, sie hat mich nicht sterben lassen, als ich sehr krank war, und« – sie flüsterte es ganz leise und ernsthaft – »sie hat gemacht, daß meine Mama mich so sehr lieb hat.«

»Ja, sie ist ein liebes süßes Wesen, wie es kein zweites auf der Welt giebt«, sagte Elly gerührt und küßte das kleine Mädchen mit dem dankbaren Herzen doppelt innig. Es war ein glücklicher Tag; alle waren freundlich bereit, den Freundinnen ein ungestörtes Beisammensein zu gönnen. Nach Tische durchstreiften sie den schönen Park, suchten sich aber bald ein lauschiges Plätzchen, um ungehindert zu plaudern; trotz des lebhaften Briefwechsels war noch vieles für den mündlichen Austausch übrig geblieben, manche Lücke durch das lebendige Wort auszufüllen.

»Was macht der gute Axel?« fragte Elly, nachdem Wichtigeres besprochen war.

»Es geht ihm vortrefflich; wir sind sehr gute Freunde geworden. Er ist wirklich ein liebenswürdiger Mensch, und unter der leichten Außenseite steckt ein edler Kern.«

»Davon bin ich auch überzeugt, ich habe Axel immer für einen braven Jungen gehalten.«

»Nur dafür?« fragte Nora mit Nachdruck; »ich hoffte, du hättest eine höhere Meinung von ihm, denn es kommt mir zuweilen vor, als ob du sein Herz sehr ernstlich erfülltest.«

»Und du könntest wirklich glauben, Nora, daß er mir je etwas anderes sein könnte, als ein brüderlicher Kamerad? Nein, nein und dreimal nein! Wenn ich mir denken könnte, daß ich je einen Mann lieben und mich ihm ganz zu eigen geben sollte, so müßte er hoch über mir stehen und mir gründlich imponieren; mich ihm in irgend einer Richtung überlegen zu fühlen, das könnte ich nicht ertragen. Ich habe in B. einen Herrn kennen gelernt«, fuhr sie errötend fort, »der diesem Ideal einigermaßen entspricht, einen Mann von hohem, klugem Geist, der es nicht verschmähte, sich eingehend mit mir zu unterhalten. Aber wer weiß, ob er eine Erinnerung an das naseweise kleine Ding bewahrt, das ihm immer keck widersprach und doch im stillen fühlte, daß es stets den kürzeren zog. War es ihm nur eine flüchtige Bekanntschaft, die ihn im Augenblick amüsierte, ihn aber nicht weiter beschäftigte, so kann ich ihn auch wieder vergessen, für eine unglückliche Liebe bin ich nicht geschaffen.«

»War es Herr v. W.?« fragte Nora. Elly nickte.

»Ich glaube«, versetzte Nora sinnend, »ich könnte nie aufhören zu lieben, wenn ich einmal angefangen hätte. Das Wesen dessen, der unser Interesse im tiefsten Grunde zu erregen und zu fesseln vermag, wird doch dadurch nicht verändert, daß unsere Natur ihm nicht eine gleiche Teilnahme einflößen kann.«

»Du bist ein seltenes Geschöpf, meine Nora, und stehst hoch über mir. Der wäre auch wahrlich ein Thor, der eine solche Blume sein eigen nennen könnte und sich nicht bücken wollte, um sie an seinem Herzen zu bergen.«

Der schöne Tag nahm endlich ein Ende, wie alles Irdische, man trennte sich mit dem allseitigen Versprechen eines baldigen Wiedersehens, und in glücklichster Stimmung stieg Nora in den Wagen. »Ich habe das Glück einer Jugendfreundschaft nie gekannt«, sagte Frau v. Westheim, als sie durch den lieblichen, lauen Abend dahinrollten, »wie sie Elly und Sie verbindet, ich habe sie auch nicht vermißt, aber ich glaube doch, daß etwas Schönes und Poetisches darin liegt.«

»O es ist unsäglich süß und beglückend«, rief Nora, »auf die Liebe eines gleichgestimmten Herzens, auf seine Teilnahme am Größten, wie am Kleinsten, so sicher bauen zu können! zu wissen, daß es uns immer versteht, sich stets in uns hineindenken kann, unter allen Umständen unsere Partei ergreift. Ich habe von früher Kindheit an in einem so liebevollen und vertraulichen Verhältnis zu meiner lieben Mutter gestanden, wie vielleicht nicht viele Mädchen, und doch hätte ich Ellys Freundschaft nicht entbehren mögen; man sieht eben alles mit gleichen Augen an und vieles ganz anders, als ältere und erfahrenere Menschen. – Wie ist es dir denn gegangen, meine liebe Erna?« fuhr sie zu dieser gewendet fort, »bist du vergnügt gewesen, und hast du unter den kleinen Mädchen eine Freundin wie Elly gefunden?«

»Wir haben sehr schön gespielt«, erwiderte Erna mit ihrem gewöhnlichen Ernst, »aber eine Freundin brauche ich nicht, ich habe ja dich und die Mama!«

»Nichts vorgefallen?« fragte Frau v. Westheim, als der Wagen vor dem Hause hielt und der Diener den Schlag aufmachte. »Nichts, gnädige Frau, nur für das Fräulein ist eine telegraphische Depesche angekommen.«

»O Gott, was mag geschehen sein!« sagte Nora angstvoll, »muß denn jeder auserwählte Tag mit einer Unglücksbotschaft enden?«

Sie eilte die Treppe hinauf und betrachtete zitternd das verhängnisvolle Telegramm, ehe sie wagte, es zu öffnen. Sein Inhalt lautete: Alle Angelegenheiten glücklich geordnet, wir verlassen England, in acht Tagen zu Hause, komm so bald du kannst. Deine Mutter. Nora vermochte die frohe Kunde kaum zu fassen, sie kam so plötzlich und überwältigend.

»Nun, liebe Nora«, fragte Frau v. Westheim, die ihr gefolgt war, »ist es etwas Gutes?«

»Meine Eltern kommen, in acht Tagen soll ich sie wiedersehen und bei ihnen sein! O lieber Gott, ich danke dir!« stammelte Nora, die ihrer Worte kaum mächtig war.

»Das ist in der That eine frohe Botschaft, ich gratuliere Ihnen von Herzen dazu. Was wird es für Sie und für Ihre Eltern für eine Freude sein, daß diese lange Trennung ein Ende hat.«

»Aber Nora, wenn du ihnen guten Tag gesagt hast, kommst du wieder zu uns«, sagte Erna zuversichtlich, »du bleibst nur zum Besuch bei ihnen.«

»Nein, mein Liebling«, entgegnete Nora ernst, »dann bin ich wieder das Kind meiner Eltern und bleibe für immer bei ihnen.«

»Und wir bleiben hier allein?« rief Erna ängstlich, »o Mama, das kann doch nicht sein, sage Nora, wir können nicht ohne sie leben.«

»Meine kleine Erna«, sagte Frau v. Westheim, indem sie das Kind auf ihren Schoß nahm, »du wirst es auch lernen müssen, daß jedes neue Glück mit einem Schmerz erkauft werden muß, daß nur zu oft der Gewinn des einen einen Verlust für den andern bedeutet. Wir dürfen Nora nicht halten, sie gehört ihren Eltern, wie du uns gehörst. Möchtest du den Papa und mich verlassen und mit deiner lieben Nora gehen?« Die Kleine schlang ihre Arme um den Hals der Mutter. »Nein, meine Mama, ich bleibe bei dir. Nora hat ihre Eltern, aber du hast nur mich; ich will dich noch lieber haben, wenn Nora fortgeht.«

Mit gefalteten Händen und feuchten Augen stand Nora da, in Gedanken verloren. »Wie hätte ich es je für möglich gehalten«, sagte sie endlich, »daß bei der Aussicht auf die baldige Rückkehr meiner Eltern etwas anderes, als Jubel und Wonne mein Herz erfüllen könnte! Und nun will die Wehmut des Scheidens von hier den Jubel beinahe unterdrücken. Ich komme mir lieblos und undankbar gegen die teueren, geliebten Eltern vor, die mich sechzehn Jahre lang gehegt und geliebt haben, während ich hier doch nur wenige Monate lebte.«

»Nein, meine liebe Nora«, entgegnete Frau v. Westheim herzlich, »machen Sie sich keine Skrupel über ein natürliches Gefühl. Jede, die ihr Vaterhaus verließ, um dem Manne ihrer Liebe zu folgen, hat ähnliches durchgemacht, den gleichen Zwiespalt der Empfindungen zwischen dem Alten und dem Neuen. Jedes hat sein Recht; gönnen Sie uns die Wehmut des Abschiedes, die Sie fühlen, es ist die Anerkennung unserer herzlichen Liebe für Sie. Sind Sie erst bei Ihren Eltern, dann werden Sie es voll empfinden, daß das Ihr rechter Platz ist und alle anderen Ansprüche in zweiter Reihe stehen. Aber wir werden Sie sehr vermissen, meine liebe Nora!« –

Der Tag der Trennung war gekommen, mit thränenvollen Augen ging Nora umher, um Abschied zu nehmen; sie fühlte es an dem Kummer, der ihr Herz erfüllte, wie lieb ihr alles hier geworden war, wie heimisch sie sich gefühlt hatte. Frau v. Westheim und Erna begleiteten sie bis zur Bahnstation; weinend hing das Kind an ihrem Halse und wollte sie nicht von sich lassen; schmerzlich bewegt winkte Nora den beiden aus dem Coupéfenster die letzten Grüße zu. Aber je näher sie der Vaterstadt kam, um desto höher schlug ihr Herz, und als sie den Zug verließ und ihren Eltern in die Arme sank, da empfand sie nichts anderes, als höchste Freude und dankbares Entzücken, und fühlte es tief, daß hier ihre wahre Heimat sei. – –

Hier verlassen wir Nora. Ein Lehr- und Wanderjahr lag hinter ihr; sie hatte fremde Menschen und Verhältnisse kennen gelernt, Schwierigkeiten überwunden, Trübes erlebt und ernste Kämpfe durchgestritten. In allem hatte sie es bestätigt gefunden, daß Gottes Vaterhand allezeit über uns ausgestreckt ist, um uns zu schützen und zu leiten, um Trauer in Freude zu verkehren, – daß überall Menschenherzen voll Liebe und Teilnahme schlagen, wenn wir nur den rechten Weg zu ihnen zu finden wissen, und daß jedes Leiden, das in Geduld und Ergebung getragen und überwunden wird, schließlich zu unserm Besten dienen muß. Diese Erfahrungen waren ihr ein kostbarer Schatz, der sie durch ihr ganzes Leben begleitete und ihr in allen Wechselfällen ihres Geschickes Trost, Freude und wahre Erhebung brachte.

2. Buch

Erstes Kapitel

Alte Bekannte

An dem Fenster eines hochgelegenen Hauses zu M. stand ein junges Mädchen und ließ ihre Blicke mit gespannter Erwartung hinausschweifen über die Chaussee, die wie ein langes weißes Band im hellen Nachmittagssonnenscheine vor ihr lag. Jedes wirbelnde Staubwölkchen ließ sie schärfer hinsehen, aber stets war es eine Enttäuschung, der erwartete Wagen wollte immer noch nicht erscheinen. Die ernsten Züge des etwas farblosen jungen Antlitzes kommen uns nicht ganz fremd vor; diese großen, dunkeln Augen, diese schwarzen Haare, welche die niedrige Stirn scharf abgrenzen und dem Gesicht leicht etwas Finsteres geben, erscheinen uns wie gute Bekannte aus alter Zeit; aber freilich sind zehn Jahre vergangen, seit wir sie gesehen haben, und zehn Jahre sind eine weite Spanne Zeit, wenn es sich um die Entwickelung eines Kindes handelt. Es ist Erna v. Westheim, die vor uns steht; aus dem häßlichen Kinde ist ein schlankes junges Mädchen geworden, das auf den ersten Blick vielleicht nicht für hübsch gelten mochte, wenn ein aufmerksamer Beobachter es auch für interessant erklären würde. Jetzt hat sie den Wagen erblickt, der einen ersehnten Gast zu ihr führen soll; ein heller Strahl der Freude überfliegt ihr Gesicht und verwandelt es in einem Moment, wie ein Sonnenblick, der plötzlich über einer nebelgrauen Landschaft erglänzt; die großen Augen strahlen, die festgeschlossenen Lippen öffnen sich und lassen zwei Reihen blendend weißer Zähne sehen. – Erna ist doch hübsch geworden und mehr als das. Auch ihr Gang ist nicht mehr so schleppend, wie in der Kindheit; die sorgfältigste Pflege, die kunstgerechteste Behandlung haben den Fehler beinahe ganz überwunden; die fast unmerkliche Neigung erscheint mehr als eine Eigentümlichkeit, als wie ein Mangel an Grazie. Sie eilt die Treppe hinab und faßt Posto auf den breiten steinernen Stufen vor der Hausthür; aber ihre Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, die Pferde können die Strecke nicht so pfeilschnell durchfliegen, wie ihr forschender Blick; es dauert lange, bis sie den Wagen die steil ansteigenden Straßen emporgezogen haben und endlich vor der Thür halten. Der Diener springt vom Bock und hilft einer Dame heraus, welche Erna zärtlich in ihre Arme schließt, schnell verschwinden beide in der Thür des Hauses. Diesmal bereitet uns das Wiedererkennen keine Mühe; die zehn verflossenen Jahre haben in Nora Diethelm keine andere Veränderung hervorgebracht, als daß alles an ihr voller und gereifter, der sanfte friedliche Ausdruck des lieben Gesichtes vertiefter erscheint, doch ist nichts Verblühtes in ihrer Erscheinung, es ruht ein Hauch unberührter Frische darauf, der sie jünger erscheinen läßt, als sie wirklich ist.

Die beiden Mädchen – Freundinnen trotz der Verschiedenheit der Jahre – saßen in Ernas traulichem Zimmer beisammen. »Wie reizend sieht es bei dir aus«, sagte Nora, indem sie sich bewundernd umschaute, »welch ein echtes Mädchenasyl ist aus unserer lieben alten Stube geworden! überall erkennt man die zärtliche Liebe, mit der deine Mutter dir dieses Sanktissimum bereitet hat.«

»Ja, die liebe Mama hat es wunderschön gemacht«, erwiderte Erna, »und ich war ganz selig, als ich am Tage vor meiner Einsegnung hierher geführt wurde. Sieh nur den reizenden Bücherschrank, und meinen Stolz, diesen Schreibtisch und all meine schönen Bücher! hier verlebe ich glückliche Stunden ganz für mich allein.«

»Es kommt mir vor, als säßest du öfter am Schreibpult, als an dem zierlichen Nähtischchen; es sieht mit seiner eleganten Decke so überaus ordentlich aus, als würde es nicht oft gebraucht.«

»Wie schade«, fiel Erna schnell ein, »daß du nicht etwas früher kommen konntest, um Mama noch zu treffen! unsere süße kleine Nora wirst du nun gar nicht sehen. Du ungetreue Pate hast sie seit ihrer Taufe nicht wieder besucht, und wie würdest du dich an ihr erfreuen!«

»Deine Mutter schrieb mir, sie wäre das Ebenbild eurer seligen Adda?«

»Ja, sie entspricht so ganz dem Bilde, das ich von meinem Engelsschwesterchen im Herzen trage, daß ich die beiden Gestalten kaum noch unterscheiden kann. Ich könnte dir beinahe böse sein, Nora, daß du in zwei Jahren nicht Zeit gefunden hast, dich von ihrem Leibreiz zu überzeugen.«

»Es ist sehr schwer für mich, meine Erna, mich von der Heimat los zu machen; meine Eltern sind so sehr an meine Nähe gewöhnt, daß Papa immer scherzend erklärt, unser häuslicher Dreiklang könnte die Dominante unmöglich entbehren. Und meine Mutter ist so zart und oft so leidend, daß ich sie Monate lang nicht verlassen konnte.«

»O Nora«, sagte Erna mit tiefem Gefühl, »wie gut bist du! in meinen besten Stunden überkommt mich eine heiße Sehnsucht, dir ähnlich zu werden und wie du, selbstlos und hingebend für die Meinen zu leiden. Aber meine Anläufe dazu fallen immer so armselig aus, so unnatürlich und gezwungen! Wenn ich mir Mühe gebe, dem Papa kleine Dienste zu leisten, so lacht er mich aus und bittet mich, ihn nicht gewaltsam glücklich zu machen, und wenn ich mich einmal bestrebe, der Mama hilfreich zu sein, so verderbe ich sicher etwas durch Ungeschick oder Vergeßlichkeit. Dann fühle ich deutlich, daß ich für solche Dinge nicht geschaffen bin und kehre wieder zu meinen Büchern zurück, in denen ich mich viel heimischer fühle, als in der realen Welt. Aber zuweilen erfaßt mich doch ein tiefes Bangen, ob ich mich auf diesem Wege den Meinen jemals unentbehrlich machen werde.«

Sie sah bei diesen Worten so niedergeschlagen aus, daß Nora sie zärtlich umfaßte. »Vor allem wollen wir diese verzweifelte Falte fortschaffen«, sagte sie liebreich, indem sie mit der Hand über die Stirn der jüngeren Freundin strich. »Mit sechzehn Jahren hat man noch kein Recht, an sich selbst zu verzweifeln, man hat noch ein ganzes Leben vor sich, um alle Mängel abzulegen und nach allem Schönen und Löblichen zu streben. Wenn du deine geistigen Gaben mit voller Zustimmung deiner Eltern gewissenhaft ausbildest, so thust du Recht daran und kannst ihnen und deiner kleinen Schwester dadurch viel gewähren. Andererseits freilich möchte ich dich vor jeder geistigen Einseitigkeit bewahrt sehen …«

»Aber Nora, kann denn jemand etwas Rechtes leisten ohne eine gewisse Einseitigkeit? muß er nicht alle seine Kräfte auf einen Punkt, ein leuchtendes Ziel richten, um wirklich etwas Großes zu erreichen?«

»Für das Genie möchte ich dies gelten lassen, für gewöhnliche Menschen nicht, und für uns Frauen erscheint mir die volle Harmonie der Ausbildung als das höchste Ziel, nach dem wir streben können.«

»So verlangst du, daß wir uns mit Aufgaben abquälen sollen, für die wir weder Anlage noch Neigung haben, und darüber das vernachlässigen, wozu uns das Talent verliehen ist?«

»Ich meine, wir müssen für alles echt Weibliche Interesse gewinnen, und wo die natürliche Begabung uns versagt ist, um so eifriger Fleiß und Willen einsetzen, das Fehlende zu erwerben, denn jede von uns kann berufen sein, einmal einem Hause vorzustehen.«

»Ach Nora, ich will gewiß nie heiraten, ich möchte immer bei meinen Eltern bleiben, unsere kleine Nora erziehen und unterrichten helfen und in meinen geliebten Büchern leben, bis – – –«

»Nun, bis wann?«

»Bis ich selbst eine Schriftstellerin werde«, sagte das junge Mädchen mit Erröten.

»Also das ist dein leuchtendes Ziel?« versetzte Nora langsam und gedankenvoll, »Meine Erna, möchtest du dein Glück darin finden! ich muß gestehen, dein Wunsch erschreckt mich fast.«

»Warum das? O Nora, kann es etwas Höheres, Beglückenderes geben, als das, was unsere Seele mächtig bewegt, ausströmen zu lassen, die Gedanken und Bilder, die uns vorschweben, in eine schöne Form zu bringen, andere dadurch zu bilden und zu erheben, ihre Herzen für alles Große und Edle zu begeistern?«

»Es ist in der That eine herrliche Aufgabe, aber es gehört viel dazu, nicht nur Talent und Studium, sondern auch eine reiche Erfahrung, und ich fürchte, es wachsen auf diesem Wege neben den duftenden Rosen auch scharfe Dornen, die unsäglich verwunden können. – Hast du über diese Pläne schon mit andern gesprochen?«

»Mit Mama natürlich, vor ihr habe ich überhaupt kein Geheimnis, sonst bist du die erste und einzige, die davon erfährt.«

»Deiner Freundin sagst du nichts davon?«

»Meiner Freundin? ich habe keine, außer dir.«

»Ich dachte, du hättest dich mit der Tochter des Pfarrers befreundet.«

»Ach, die gute Marie«, sagte Erna etwas reuevoll, »nein, mit der spreche ich nie über solche Dinge, die würde auch kein Verständnis dafür haben.«

»Wovon sprecht ihr denn?«

»Von unsern kleinen Erlebnissen; sie erzählt mir viel von ihrem Leben, ihrer Sonntagsschule oder auch von ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit.«

»Ein tüchtiges, verständiges Mädchen, wie mir scheint; ich wünschte, du könntest mir auch recht viel von solchen Dingen berichten.«

»Du giebst dir den Anschein, beste Nora, als ob du ›solche Dinge‹ hoch über alle geistigen Interessen und Bestrebungen stelltest; aber auch du mußt zugeben, daß es etwas Höheres ist, ein Buch zu schreiben, als zu nähen oder zu kochen.«

»Ich wollte, ich könnte ein Gesetz geben, daß keine Frau ein Buch schreiben dürfte, die nicht nachweisen kann, daß sie einen Strumpf zu stricken und eine gute Suppe zu kochen versteht«, versetzte Nora halb scherzend. »Doch horch, da kommt dein Papa nach Hause; laß uns eilen, ihn zu begrüßen!«

Das angeregte Thema wurde nicht wieder aufgenommen, doch klang es in Nora noch lange nach und ließ sie abends nicht zur Ruhe kommen. Sie hatte Erna vor zehn Jahren mit zärtlicher Liebe in ihr Herz geschlossen und war mit warmer Teilnahme ihrer Entwickelung gefolgt. Kein Jahr war vergangen, in dem sie nicht einige Wochen mit ihr zusammen verlebt hätte, wenn sie als lieber, hochgeschätzter Gast im Westheimschen Hause einkehrte. Diesmal war eine längere Pause eingetreten, welche aber durch einen lebhaften Briefwechsel ausgefüllt wurde; dennoch überraschte sie die Wendung, welche Ernas Neigungen genommen hatten. Mit Freude, ja mit Stolz hatte sie die reichen geistigen Anlagen des Kindes sich entfalten sehen, aber heute konnte sie sich nicht freuen; heute fühlte sie den Wunsch in sich aufsteigen, ihre junge Freundin möchte alltäglicher geartet sein, möchte nicht so hochfliegende Pläne in sich tragen, sondern mehr Sinn für das wirkliche Leben zeigen und sich an dem gewöhnlichen Mädchenlose genügen lassen. Würde sie glücklich werden auf ihrem selbsterwählten Wege? –

Frau v. Westheim hatte, als sich die Notwendigkeit einer Badereise für sie herausstellte, den dringenden Wunsch gehabt, Erna möchte diese Zeit auf dem Lande zubringen, und Nora hatte zu diesem Zwecke das ihr verwandte Haus eines Herrn Klingemann vorgeschlagen, in welchem man öfter junge Mädchen, die sich erholen oder mit der Wirtschaft bekannt machen sollten, in Pension nahm. Es traf sich gut, daß Nora sich gerade jetzt von ihrem Elternhause losmachen und Erna bei ihren Verwandten einführen konnte, welche einige Meilen von M. auf einem schön gelegenen Gute wohnten. In der Frühe des nächsten Morgens stand der Wagen vor der Thür, der beide an ihren Bestimmungsort führen sollte. Erna nahm einen wehmütigen Abschied von ihrem Vater und erklärte, es käme ihr vor, als sollte sie nach Sibirien verbannt werden; der einzige Trost läge in der Person des Transporteurs. »Wenn ich nicht mehrere Dienstreisen vorhätte«, meinte Herr v. Westheim, »so hätte ich dich gern zu Hause behalten, mein Töchterchen, obgleich ich fürchte, ich hätte unter deiner Wirtschaftsführung zuweilen nur ein schönes Gedicht oder einen geistvollen Artikel zu Mittag erhalten.«

Der Morgen war so köstlich und taufrisch, die Lerchen jubelten so hell in der blauen, sonnigen Luft, daß Ernas melancholische Stimmung nicht lange standhielt; hatte sie doch auch ihre geliebte Nora zur Seite, die einzige, der sie, außer ihrer Mutter, volles Vertrauen schenkte und welcher sie durch mündliche und schriftliche Mitteilung einen Einblick in ihr innerstes Denken und Fühlen gestattete, »Nein!« rief sie und richtete sich aus ihrer Versunkenheit empor, »ich will mir diese wenigen Stunden, in denen ich dich noch für mich habe, durch nichts trüben lassen. Ach, geliebte Nora, welche himmlische Zeit hätten wir verleben können, wenn du in Mamas Abwesenheit bei uns in M. geblieben wärst.«

»Ich hätte schwerlich so langen Urlaub von meinen Eltern erhalten können und glaube außerdem, deine Mutter wünschte ausdrücklich, du möchtest einmal eine Weile unter fremden Menschen leben.«

»Aber warum? ich kann mir unmöglich denken, daß uns etwas heilsam sein kann, was so sehr unserer Natur widerstrebt.«

»Doch, doch, mein Liebling, ein Menschenkind kann nicht heranwachsen wie eine wilde Blume auf dem Felde; dürfen doch selbst die edleren Pflanzen nicht allein ihrer Natur folgen, sondern werden gezogen, wie es ihr Herr und Meister will. Wenn ich daran denke, welchen Segen mir einst der Aufenthalt in eurem Hause gebracht hat, wie bereichert und gereift ich zu meinen Eltern zurückkehrte, so möchte ich allen jungen Mädchen wünschen, eine Zeitlang in der Fremde zu leben; den einen, damit sie erkennen lernen, wie gut sie es zu Hause haben, den andern, damit sie einsehen, daß es auch außerhalb ihres engen Kreises Menschen giebt, die ihrer Beachtung und Teilnahme wert sind.«

»Zu den letzeren rechnest du mich, und vielleicht hast du recht damit. Aber ist es meine Schuld, wenn ich noch nie einen so klugen und ritterlichen Mann, wie meinen Vater, eine so schöne, gütige und geistvolle Frau, wie meine Mutter, ein so sonniges, goldlockiges, Kind, wie unsere Nora, gefunden habe?«

»Oder ein junges Mädchen, wie Erna, mit so hochfliegenden Träumen, so tiefsinnigen Gedanken?«

»Du spottest, Nora, und doch hast du auch hier ein Fünkchen recht; wirklich fand ich noch nie ein Mädchen, dem ich es zugetraut hätte, mit mir in dem zu sympathisieren, was mir das Höchste und Liebste ist. Sie interessieren sich für ihre Kleider, ihre Gesellschaften, für hundert kleine und erbärmliche Dinge, aber von ernstem, geistigem Streben sind sie weit entfernt.«

»Vielleicht hast du es auch noch nie der Mühe wert gehalten, sie für etwas Besseres zu interessieren; und sie ahnen gar nicht einmal, was in dir lebt. Auch ist das Kleine nicht immer unserer Beachtung unwert, sondern nur das Kleinliche.«

»Ach Nora, ich fürchte, du hast immer recht, und ich sehe, es ist unnütz, mit dir zu disputieren; ich werde mich künftig ein für allemal deiner weisern Erkenntnis auf Gnade und Ungnade ergeben.«

Nora lächelte nur zu diesem Vorsatz, der auch keineswegs zur Ausführung kam, denn Erna hatte über jeden Gegenstand ihre verschiedene Ansicht, die sie mit Eifer und oft mit Hartnäckigkeit verteidigte. Die verhältnismäßige Abgeschlossenheit, in der sie bisher gelebt hatte, die ausschließliche Beschäftigung mit geistigen Dingen hatten ihrem regen Gedankenleben fast zu reichlichen Vorschub geleistet, und daneben hatte es ihr noch an Gelegenheit gefehlt, ihre Anschauungen an andern zu messen und an der Wirklichkeit zu berichtigen.

Gegen Mittag näherten die Reisenden sich ihrem Ziel; langsam rollte der Wagen die stark ansteigende Chaussee hinauf, welche zu beiden Seiten von dicht bewaldeten Hügeln anmutig begrenzt wurde.

»Sieh, Erna,« sagte die Freundin, »hier ist zu deinem Besten auch die Romantik vertreten; der alte Turm, der dich dort vom Berge herab begrüßt, und das zerfallene Gemäuer rings umher stammt aus der Zeit der deutschen Ordensritter und hat gewiß manchen harten Strauß mit Polen und Heiden gesehen.« Endlich war die Höhe erreicht; an den Häusern des Dorfes vorüber führte der Weg in den Hof, wo inmitten der Wirtschaftsgebäude das schlichte Wohnhaus stand. Ein paar Hunde schlugen an, die Hausthür öffnete sich, und heraus quoll eine solche Menge von Personen, Kindern und Erwachsenen, daß es Erna schwindelte, – wie sollte sie sich je in diesem Chaos zurechtfinden!

Zweites Kapitel

Neue Eindrücke

Erna an ihre Mutter.

Lindenhorst, den 8. Juni.

Meine heißgeliebte Mama!

Acht Tage ist es her, seit Du von mir schiedest, aber mir scheint eine unendliche Zeit seitdem vergangen, und wie eine Ewigkeit dehnen sich die fünf Wochen, die bis zu Deiner Rückkehr noch verfließen müssen, vor mir aus. Seit gestern sind wir hier in Lindenhorst, und ich glaube mich in eine so gänzlich fremde Welt versetzt, daß ich ohne meine liebe Nora mich gar nicht zurechtfinden könnte. Ich zittere vor dem Augenblick, da sie mich hier allein lassen wird, denn bekannt und heimisch werde ich mich hier wohl niemals fühlen. Nie hätte ich geglaubt, daß das Leben unter gebildeten Menschen so ganz verschiedene Gestalten annehmen könne, aber hier erinnert mich nichts an unser schönes friedliches Leben zu Hause. Meine süße Mama, welche Seligkeit wird es sein, mit Dir in unserm traulichen Wohnzimmer, oder oben an meinem Schreibtisch zu sitzen – ich träume davon im Wachen und Schlafen, wie von einem verlorenen Paradiese. Hier scheint niemand das Bedürfnis der Ruhe und Sammlung zu kennen; das saust und braust den ganzen Tag, daß mir zuweilen angst und bange wird. Bei Tisch sind wenigstens zwanzig Personen, und ich werde wohl niemals dahin kommen, sie alle zu kennen und zu unterscheiden. Bis jetzt sind mir nur wenige Gestalten aus dem großen Wirrsal klar geworden, Herr und Frau Klingemann, die mich sehr freundlich begrüßten, und ein junges Mädchen, Rose Grund, die seit dem Frühjahr hier ist, um sich nach schwerer Krankheit zu erholen. Sie hat für mein Erstaunen über die unbekannten Verhältnisse nur Gelächter und Spott, und ich fühle mich wenig zu ihr hingezogen.

Die Gegend scheint hier sehr hübsch zu sein, der große Garten bietet viele schattige und anmutige Partieen. Heute hatte ich mir ein reizendes Plätzchen aufgesucht und mich eben in ein Buch vertieft – da kam die ganze Knabenschar angetobt, und mit der Ruhe war es vorbei. Die Kinder scheinen mir bis jetzt noch unzählbar; ein Knabe erregt meine große Teilnahme, er ist gelähmt und kann sich nicht selbständig bewegen, aber in seinem Gesicht liegt so viel Intelligenz und dabei ein so melancholischer Zug, daß man sich zu ihm hingezogen fühlt. Da er unter den lebhaften Geschwistern sehr allein steht und an ihren lärmenden Spielen keinen Teil nehmen kann, möchte ich mich gern mit ihm befreunden.

Ich nehme mir vor, ein Tagebuch für Dich zu schreiben, geliebte Mama; wenn Nora fortgeht, wird der tägliche Verkehr mit Dir das einzige Mittel sein, um mich vor schmerzlichem Heimweh zu bewahren. Ich verspreche Dir, für alles Gute, was ich hier etwa finden sollte, offene Augen zu haben, aber dafür gestatte mir auch, Dir rückhaltlos alles zu berichten, wie es mir erscheint, ohne Vorurteil, aber auch ohne Beschönigung.

Schon mehrmals, während ich schreibe, ist Rose sehr ungeniert hereingekommen, um mich zu einem Spaziergang aufzufordern; ich habe gar keine Lust dazu, aber ich kann mich ihrer nicht erwehren, ohne unfreundlich zu sein. Wenn die Leute mich nur meinen eigenen Weg gehen ließen, ohne mir ihre lästige Freundlichkeit aufzudrängen!

Lebewohl, mein teure, einzige Mama! küsse unsere kleine süße Nora und denke mit Liebe und ein wenig Mitleid an Deine Erna.

Aus Ernas Tagebuch.

Lindenhulst, den 9. Juni.

Rose führte mich gestern abend auf den Schloßberg, der den alten Turm und manches ruinenhafte Gemäuer auf seiner Höhe trägt. Der große Garten ist ganz von einer alten Mauer umgeben, die teilweise zerfallen und zerbröckelt ist, an andern Stellen aber noch aufrecht steht und von dichtem Grün umrankt ist – lauter interessante Reste einer grauen Vergangenheit. Der Blick vom Schloßberg ist wunderhübsch, man sieht verschiedene bewaldete Hügelgruppen, dazwischen tief eingeschnittene, grüne Thäler mit rauschenden Buchen und klappernden Mühlenrädern. Plötzlich, als ich ganz versunken in den schönen Anblick war, rief Rose: »Da ist er! sehen Sie nur, Erna, ist das nicht ein Reiter auf einem Schimmel, der dort die Chaussee heraufkommt?« Ich bestätigte es, und nun geriet sie in ein wahres Entzücken. »Wir müssen ihn begrüßen,« rief sie und ließ ihr Taschentuch im Winde wehen.

»Aber sagen Sie mir nur, wer der Herr ist, dessen Nähe Sie so beglückt,« bat ich.

»Es ist Herr v. Rothenburg, ein vornehmer, reicher junger Mann, der hier als Volontär in der Wirtschaft ist, um später die großen Güter seines Vaters zu übernehmen; er ist die interessanteste Person in der ganzen Umgegend, und alle Mädchen sind in ihn verliebt. Er ist aber auch unwiderstehlich mit seiner schlanken Gestalt, seinem schönen Kopf und seiner hübschen Stimme, und das Leben hier im Hause hat einen ganz besonderen Reiz, wenn er anwesend ist. Sie werden auch von ihm entzückt sein, Erna.«

»Ich denke nicht daran,« sagte ich ganz entrüstet, »und ich finde es sehr unpassend, daß Sie einem fremden Herrn Grüße zuwinken; hoffentlich hat er uns nicht gesehen.«

»Thun Sie nur nicht so zimperlich,« erwiderte sie lachend; »in ein paar Tagen werden Sie ganz anders sprechen, falls Rothenburg Sie beachtet; manchmal ist er freilich sehr spröde.«

Ich konnte vor innerer Empörung kein Wort sagen, nur als sie mich aufforderte, auf dem kürzesten Wege nach dem Hof zurückzukehren, um »ganz zufällig« zu gleicher Zeit mit dem Reiter dort zu sein, lehnte ich es entschieden ab. Trotz alledem blieb sie in der besten Laune und sang und schwatzte so lustig, daß ich ihr nicht lange widerstehen konnte. Ob wohl in Rosens Seele jemals ein ernster Gedanke Platz findet? Ich glaube, sie hat vor Lachen und Scherzen keine Zeit dazu.

Als wir zu Hause ankamen, flüsterte sie mir zu: »Nun eilen sie nur, um sich zum Abendessen recht hübsch zu machen, der erste Eindruck ist oft der entscheidende«. Natürlich dachte ich nicht daran, ihr zu folgen, war aber wider Willen doch etwas gespannt auf den gerühmten Herrn. Er sah sehr müde aus, sprach kein Wort und gähnte nur verstohlen; nach dem Essen erschien er für einen Augenblick im Wohnzimmer, entschuldigte sich mit großer Ermüdung nach dem langen Ritt und verschwand. Der erste Eindruck seinerseits war kein besonders vorteilhafter, und es war jetzt an mir, Rose wegen ihres Helden auszulachen.

Abends erzählte ich Nora von Rosens Betragen auf dem Schlotzberg; sie fand es auch nicht mädchenhaft genug, bat mich aber, mich nicht zu schnell gegen sie einnehmen zu lassen. Ihr gutes, warmes Herz, ihre immer fröhliche Laune, ihr praktischer Sinn würden von den Damen des Hauses sehr gerühmt, sie besäße also manches, was mir fehle, und wir könnten uns gegenseitig ergänzen, da wir hier doch einmal aufeinander angewiesen seien. Noras Auffassung hat stets etwas Überzeugendes.

Den 11. Juni.

Allmählich fange ich an, mich besser zu orientieren, und um Dir ein deutliches Bild meiner Umgebung zu entwerfen, will ich Dir unsere ganze Tafelrunde vorführen.

Den Ehrenplatz an der Spitze nimmt die Mutter des Hausherrn ein, eine stattliche alte Dame von ernstem, etwas strengem Wesen; sie macht mir den Eindruck, als gehörte sie mit ihren Anschauungen und Gewohnheiten einer andern, längst vergangenen Zeit an, als blickte sie zuweilen mit Erstaunen, ja mit Mißbilligung auf das Treiben der jetzigen Generation. Ihre Enkel bezeugen ihr große Ehrfurcht, und es gilt für einen Vorzug, der Großmutter einen Dienst erweisen zu dürfen; aber noch nie habe ich gesehen, daß sich eines der Kinder an sie geschmiegt und ihr seinen kleinen Kummer oder seine Freuden anvertraut hätte, wie ich es stets bei Großmama Westheim thun durfte.

Ihr zur Rechten sitzt ihr Sohn, der Hausherr; er hat viel Ähnlichkeit mit seiner Mutter, und sein Auge nimmt zuweilen einen Herrscherblick an, den ich nicht auf mich gerichtet sehen möchte. Aber er kann auch sehr freundlich sein und so laut und herzlich über einen guten Witz lachen, wie ich es nie zuvor gehört habe. – Ihm folgt Herr Dr. Kron, der Hauslehrer, ein nicht mehr junger, jovialer Mann, der seinen Schülern das Leben gewiß nicht schwer macht. Er ist der einzige, der bei Tische ganz unbefangen spricht und bald den einen, bald den andern in die Unterhaltung zieht. Sein Nachbar ist Herr v. Rothenburg, der wirklich sehr gut aussieht, aber nicht immer besonders liebenswürdig zu sein scheint. Abwärts folgen nun junge Beamte, an die sich die vier Knaben anschließen; zwei davon sind Söhne des Hauses, die andern sind nur zur Teilnahme am Unterricht den Tag über hier und kehren am Nachmittag zu ihren Eltern zurück.

Dies ist die männliche Seite der Tafel; das vis-à-vis gehört dem schönen Geschlecht. Neben der alten Dame sitzen Nora, Rose und ich, es folgt Frau Klingemann, eine liebe, feine, blasse Frau, von der man nicht begreift, wie sie den riesigen Haushalt so ruhig und sicher leiten kann. Man sieht sie nie in Hast und Eile, immer hat sie ein freundliches Wort für jeden, der sich an sie wendet; selbst der steifen alten Dame begegnet sie stets mit einer sanften Zärtlichkeit. Neben ihr sitzt der arme kranke Bruno, der mit vierzehn Jahren kaum so groß ist, wie sein zehnjähriger Bruder; er hat jetzt eine gute Zeit, da er wenigstens nicht an Bett und Stube gefesselt ist, was leider oft der Fall sein soll. Alles Leben in ihm konzentriert sich in den großen, glänzenden Augen, die rastlos umherschweifen; jede Bewegung ist ihm eine Pein. Welch ein Schmerz muß sein Anblick für seine Mutter sein! Das ist es wohl, was sie so blaß macht und einen so wehmütigen Zug in ihr liebes Gesicht bringt. – Last, not least folgt, umgeben von drei kleinen Mädchen, Fräulein Lietzner, eine Verwandte des Hauses, welche meiner Meinung nach das geplagteste Wesen auf Gottes Erde ist. Sie scheint keinen Augenblick der Muße zu kennen, sondern hat stets alle Hände voll zu thun. Sie unterrichtet die jüngern Kinder, beaufsichtigt das Klavierüben, schneidet alle Butterbrote, stopft alle Strümpfe – und das will etwas sagen in einem so großen Hause. Bei Tische legt sie den Kleinen vor, schneidet den Braten, springt auch wohl auf, um etwas Fehlendes zu holen; ob sie Zeit hat, selbst zu essen, weiß ich nicht gewiß. Wer etwas braucht, oder einen Wunsch hat, wer etwas zerrissen oder verloren hat, wendet sich an Fräulein Lietzner – oder Tante Emma, wie die Kinder sie nennen. Dabei ist sie stets vergnügt und zum Scherzen aufgelegt, sie und Rose sind darin die treuesten Bundesgenossen. Rose steht ihr sehr hilfreich bei und ist beneidenswert geschickt in vielen Dingen, von denen ich keine Ahnung habe.

Mein Tag verläuft in folgender Weise. Wir stehen recht früh auf, denn um 7 Uhr findet eine Morgenandacht statt, die eigentlich für die Kinder bestimmt ist, an der aber jeder teilnehmen kann. Wir singen einen Vers mit Begleitung des Harmoniums, Frau Klingemann liest eine kurze Betrachtung, und eines der Kinder spricht das Vaterunser. Dann küßt die Mutter jedes Kind und spricht mit dem einen und dem andern ein liebevolles, ermahnendes oder aufmunterndes Wort. Das Ganze ist sehr einfach und kurz, aber es kommt mir immer vor, als ob jedesmal ein neues Band der Liebe und Eintracht sich um alle Teilnehmenden schlänge.

Nun folgt das Frühstück auf der Veranda, an dem aber nur Damen und Kinder teilnehmen; ein unbeschreibliches Stimmengewirr begleitet es. Inzwischen kommen die fremden Knaben angeritten, hier wird noch gelernt, dort erzählt oder gestritten, bis die Glocke ertönt, welche die Jugend in die Schulstunden ruft. Mit einem Schlage ist alles still; die Damen gehen an ihre häusliche Arbeit, ich wandere mit einem ernsten Buch in den Garten, zuweilen begleitet mich Nora, und wir haben manch schönes Gespräch miteinander. Um zehn Uhr ist die Pause für das zweite Frühstück, wieder stürmt die ganze Jugend heraus und stürzt sich auf die bereit stehenden Butterbrote, deren Zahl mir anfangs lächerlich groß vorkam, die aber im Umsehen verschwunden sind. Bin ich nicht gleich zur Stelle, so ertönt der laute Ruf: Erna, Erna! durch den Garten, denn seit ich ihnen einmal zur Beruhigung eine Geschichte erzählte, verlangen sie es täglich, und ich kann mit der gespannten Aufmerksamkeit meines Auditoriums wohl zufrieden sein.

Bis Mittag arbeite ich auf meinem Zimmer, und nach Tisch lese ich an irgend einem kühlen Plätzchen ein leichtes Buch oder schreibe an Dich und an Papa. Die Vesperstunde führt die ganze Gesellschaft auf dem Kaffeeplatz unter schattigen Linden zusammen; jetzt sind auch die Herren dabei, und es herrscht nicht die Ungebundenheit des ersten Frühstücks. Ich wünschte, ich könnte es Rose gleichthun, welche sich mit Fräulein Lietzner in die Bedienung des großen Kreises teilt und sich dabei sehr geschickt zu benehmen weiß; aber ich würde doch nur Unheil anrichten, und so versuche ich es lieber gar nicht, sondern begnüge mich damit, Bruno zu versorgen, neben dem ich immer einen Platz finde. Er hat das regste Interesse für alle geistigen Dinge und ein merkwürdig richtiges Urteil, obgleich seine Kenntnisse sehr mangelhaft sind; wir haben oft lange Gespräche zusammen, und die andern nennen uns die beiden Gelehrten. – Ein Teil der Gesellschaft bleibt nach dem Kaffee unter den Linden sitzen, man liest die Zeitungen, nimmt eine Handarbeit vor und unterhält sich, bis der kühler werdende Tag zu einem Spaziergange einladet. Es sind rings umher hübsche Partien zu machen, überall wechselt Berg und Thal, schmale Pfade führen auf und ab durch waldige Hügel, reizende Fernblicke öffnen sich. Ich hätte kaum geglaubt, daß unsere Provinz mitten im Lande so schöne, gebirgsartige Gegenden in sich schlösse. – Nach dem Abendessen geht man entweder in den Garten, oder es wird musiziert: Herr v. Rothenburg singt sehr gut, Rose hat auch eine allerliebste Stimme, gewöhnlich spiele ich die Begleitung.

So fließen die Tage hin, gleichförmig und doch voll Wechsel; das Leben hier erscheint mir nicht mehr so unsympathisch, wie in den ersten Tagen. Wenn nur Nora hier bliebe! sie ist mein Stab und meine Stütze!

Drittes Kapitel

Licht und Schatten

Den 13. Juni.

Gestern haben wir einen reizenden Sonntag verlebt. Der Morgen war so köstlich frisch, die Vögel schmetterten so fröhlich in den blühenden Gebüschen, eine so festliche Stille lag über dem Hof ausgebreitet, daß mir auf einem kurzen Gange durch den Garten weihevoll und froh zugleich zu Mute wurde. Als wir beim Frühstück saßen, erschien Herr Klingemann auf der Veranda und fragte, ob wir Lust hätten, nachmittag eine Spazierfahrt zu unternehmen, er könne uns heute jede beliebige Anzahl Wagen zur Verfügung stellen. Ein betäubender Jubel erhob sich unter der jüngern Gesellschaft, und eine Unzahl von Vorschlägen schwirrte sogleich durch die Luft. Mühsam gebot Fräulein Lietzner Schweigen und schlug nun ihrerseits vor, auf den Johannesplatz zu fahren, dort Kaffee zu kochen und danach auf der Wiese Spiele zu spielen; einige Jugend aus der Nachbarschaft könne dazu aufgefordert werden. Nun entstand ein neues, jubelndes Entzücken, das aber plötzlich gedämpft wurde, als Frau Klingemann erklärte, sie werde mit Bruno zu Hause bleiben, aber gern dafür sorgen, daß zu dieser Partie alles aufs beste vorbereitet werde. Einige Stimmen riefen: Bruno muß mit! andere: ohne die Mutter ist es kein Vergnügen! Die kleinen Mädchen hängten sich liebkosend an ihre Mama und sahen mit feuchten Augen flehend zu ihr auf. »Ich denke, Mutter, es geht, daß ihr beide mitfahrt,« sagte Herr Klingemann, »wir nehmen für euch das Coupé; gewiß finden sich Freiwillige, die für Bruno Decken und Kissen vom Wagen bis zum Lagerplatz tragen, ihn selbst übernehme ich. Der arme Bursche ist ja ziemlich wohl, das Wetter sicher und schön, es wird ihm selbst Vergnügen machen, und du kannst mit ihm nach Hause fahren, wann du willst.«

Lauter Beifall folgte; jeder war bereit, etwas für Bruno zu thun, die liebe Frau Klingemann gab ihre Zustimmung, und alles eilte auseinander, um für die Unternehmung thätig zu sein; die Knaben liefen nach dem Stall, um ihre Pferde zu satteln und als Boten zu einigen Nachbarn zu reiten, nachdem sie ermahnt waren, zu rechter Zeit zur Sonntagsfeier zu Hause zu sein. Es war eine belebte Scene, und ich hatte den Eindruck, daß ein so großer Familienkreis doch auch seinen besonderen Reiz habe.

Ich schloß mich Nora an, die mit Fräulein Lietzner und Rose in die große Speisekammer ging, die ich noch nie betreten hatte. Welche Vorräte sind hier aufgehäuft, es schien mir genug, um ganze Regimenter zu bewirten. Da waren unabsehbare Reihen von langen, dicken Broten aufgeschichtet; da standen große Körbe mit feinerem Backwerk, riesige Kuchen lagen auf großen Blechen, eine ungeheure Schüssel war hoch mit goldgelber Butter beladen. Rose hörte nicht auf, über mein Staunen zu spotten und zu lachen, und fragte, ob ich denn gewöhnlich im Monde lebte und gar keinen Begriff davon hätte, daß in einem so großen ländlichen Haushalt jeder satt werden wolle. Ich solle nur fleißig wiederkommen, dann würde ich sehen, wie schnell diese Vorräte ein Ende nähmen und immer neu ersetzt werden müßten. Unterdessen waren ein paar Körbe geholt und mit allerlei Eßbarem gefüllt worden, nach meiner Ansicht genug, um uns während acht Tagen zu sättigen.

Inzwischen war es neun Uhr geworden; die Glocke, welche zu den Lehrstunden und Mahlzeiten ruft, ertönte; alle versammelten sich in dem großen Wohnzimmer. Erhitzt und atemlos traten die Knaben ein; die Herren, auch Herr v. Rothenburg, folgten; jeder fand seinen bestimmten Platz; die Kinder scharten sich um Fräulein Lietzner, die das Harmonium spielt; einige Dienstboten stellten sich im Hintergrunde auf. Ein vollstimmiger Gesang, der durch die tiefen Männerstimmen eine wohlthuende Grundlage erhielt, eröffnete die Feier, eine schöne Predigt wurde von Herrn Klingemann vorgelesen, jedes der Kinder sagte ein Lied oder einen Psalm auf, dann sprach Dr. Kron, der eigentlich Theologe ist, ein freies Gebet, und abermaliger Gesang machte den Schluß, nach welchem sich die kleine Gemeinde still und ohne viele Worte zerstreute. Es war sehr feierlich und ging mir tief zu Herzen; es schien mir, als ob danach jeder dem andern noch liebevoller und herzlicher begegnete, selbst die alte Frau Klingemann sah milder und freundlicher aus, als sie mir je vorgekommen war.

»Nun müssen wir etwas zum Schmuck der Tafel thun,« sagte Rose, »wir wollen die großen Schalen mit Blumen füllen, man muß gleich sehen, daß es Sonntag ist.« Wir nahmen unsere Hüte und liefen in den Garten; es war eine wahre Lust, denn man braucht die Hand nur auszustrecken, so hat man den schönsten Strauß voll duftender Blütenpracht. »Die kleinen Mädchen müssen Kränze aufsetzen«, sagte Rose, »suchen Sie mir noch feine Gräser dazu, und für uns vier junge Mädchen, Tante Emma eingeschlossen, machen wir Sträußchen ins Haar und zum Vorstecken.« Ich sah ihr bewundernd zu, wie sie flink und zierlich alles arrangierte; ich versuchte es auch, ließ aber bald davon ab, denn was ich machte, sah steif und schwer aus.

»Wo haben Sie das nur gelernt?« fragte ich.

Sie sah mich lachend an. »O Sie Stadtkind! Wenn man mit den wilden Blumen in Wald und Feld zusammen aufwächst, lernt sich das ganz von selbst.«

»Ich glaubte, Sie lebten auch in der Stadt und wären jetzt nur zur Erholung aufs Land geschickt.«

»Nein,« erwiderte sie mit einem Seufzer, und ein dunkler Schatten flog über ihr heiteres Gesicht, »mein Vater besaß ein kleines Gut, nicht weit von hier, und ich habe meine Kindheit in goldener Freiheit genossen. Niemand fragte viel nach uns, meinem Bruder und mir; wir wuchsen auf wie die Hühner und Lämmer, man gab uns Futter und ließ uns laufen. Meine Mutter war früh gestorben, eine Tante hielt Haus bei uns. Der arme Papa hatte kein Glück, es ging immer weiter bergab mit uns – und eines Morgens erwachten wir als Waisen. Nun wurde alles verkauft, mein Bruder kam zu Verwandten am Rhein; seit acht Jahren habe ich ihn nicht wiedergesehen. Ich zog mit der Tante nach der Stadt, sie hatte ihr kleines Vermögen glücklich geborgen, ich habe es nicht schlecht bei ihr gehabt. Jetzt bin ich achtzehn Jahre alt und muß auf eigenen Füßen stehen; zum Herbst suche ich mir eine Stelle zur ›Stütze der Hausfrau‹ – wenn Sie einmal heiraten, Erna, so denken Sie an mich, ich werde Ihnen Ihr Haus hübsch in Ordnung halten.« Sie lächelte beim Schluß schon wieder; ich aber war so tief erschüttert von dieser Erzählung, daß ich kaum sprechen konnte.

»Arme Rose,« sagte ich leise, »wie ist es nur möglich, daß Sie immer so fröhlich sind?«

»Was würde es mir helfen, wenn ich jammern und weinen wollte? Die Sonne scheint doch auch für mich so hell, die Blumen blühen zu meinem Besten, und gute Menschen giebt es überall. Der liebe Gott richtet es schon so ein, daß er uns irgend einen Ersatz giebt, wenn er uns auch manches nimmt; mir gab er ein fröhliches Herz und einen leichten Sinn, und ich bin ihm aufrichtig dankbar dafür.«

Ich küßte sie herzlich – zum erstenmal – und bat ihr im stillen mein vorschnelles Urteil ab. Mit wieviel Gaben und Gütern hat mich Gott überschüttet! Ich kam mir plötzlich so undankbar vor, als hätte ich noch nie den vollen Wert meines Glückes empfunden.

»Was für Blumen soll ich für Sie nehmen?« fragte Rosa, »welche Farbe hat Ihr Kleid?« Es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich vergessen hatte, mein neues Batistkleid tags zuvor zum Plätten herauszugeben, obgleich mich Nora daran erinnert hatte. »Mein blaues Baregekleid,« sagte ich etwas kleinlaut, »denn ich fürchte, das andere ist nicht glatt genug.«

»Nein, das paßt nicht zu einer Landpartie,« erwiderte sie entschieden, »Sie müssen ein helles, luftiges Sommerkleid anziehen.« Ich gestand meine Vergeßlichkeit und fragte schüchtern, ob ich das Kleid jetzt noch einem Mädchen zum Plätten geben dürfe.

»Nein, das geht nicht, die haben genug zu thun, und wir dürfen den armen Dingern Sonntags keine Extraarbeit aufpacken. Sie müssen es selber plätten, Erna, das ist eine gerechte Strafe.«

»Aber das kann ich nicht,« sagte ich sehr erschrocken, »ich habe noch nie ein Plätteisen in der Hand gehabt.«

Sie brach in ein lautes Gelächter aus. »Sind Sie eine Prinzessin, die immer eine Kammerjungfer hinter sich hat? Dann müssen Sie sie aber auch auf Reisen mitnehmen, denn ein bürgerliches Haus kann Ihnen keine stellen. Aber ich will Erbarmen mit Ihnen haben und selbst Ihre Jungfer sein; tragen Sie die Blumen hinein, ich laufe auf dem kürzesten Wege nach der Küche.«

Ganz beschämt raffte ich Sträuße und Kränze zusammen und trug sie zu Fräulein Lietzner, die sehr entzückt davon war. Ich wies alles Lob zurück und eilte auf mein Zimmer, wo ich einige Thränen vergoß, aus vielen verschiedenen Gründen, die ich Dir nicht alle aufzählen will, vielleicht verstehst Du mich auch ohne Worte.

Nach einer Weile klopfte Rose an: »Die Bolzen sind rot, bringen Sie mir schnell das Kleid.«

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, liebe Rose?« fragte ich sehr niedergeschlagen. »Nein, nein«, sagte sie lachend, »nur setzen Sie keine Jammermiene auf und sehen Sie mir nicht auf die Hände. Lieber lesen Sie mir etwas vor, aber etwas Großes, Gutes.«

Ich hatte die Scheffelschen Bergpsalmen und las ihr die ersten Gesänge vor; Du weißt, wie ich sie liebe: die erhabenen Worte und Bilder übten ihren alten Zauber auf mich aus, ich hatte bald alles um mich her vergessen.

»Fertig!« sagte Rose auf einmal und hielt mir mein Kleid vor Augen, so frisch und duftig, daß ich ihr um den Hals fiel und ihr aufs wärmste für ihre Freundlichkeit dankte.

»Ich habe Ihnen auch zu danken, Erna,« sagte sie herzlich, »Sie haben eine Stimme, die zum Herzen geht, und es thut dem Menschen wohl, sich so ganz über das Alltägliche zu erheben. – Sie müssen mir mehr davon vorlesen.«

Wie niedrig taxierte ich Rose, und wie sehr beschämt sie mich fortwährend! Ich glaube, ich werde sie noch sehr liebgewinnen.

Ich wollte, liebste Mama, Du hättest unsern Tisch am Sonntag sehen können, es war ein reizender Anblick; Blumen auf der Tafel, Blumen in den Haaren, auch die altern Herrschaften fanden jeder ein Sträußchen auf seinem Teller, die Herren steckten es ins Knopfloch. Jeder war in bester Sonntagslaune, und es herrschte eine vergnügte Unterhaltung; nur wenn es unten gar zu laut werden wollte, sandte Herr Klingemann einen mahnenden Blick herab und räusperte sich bedeutungsvoll – das wirkte wunderbar beschwichtigend.

Nachmittag, als die älteren Personen ihre Siesta beendet hatten, fuhr eine stolze Reihe von Equipagen vor; Herr Klingemann verteilte selbst die Glieder der zahlreichen Gesellschaft in die einzelnen Wagen. Einer nach dem andern fuhr mit seiner Ladung ab, zuletzt blieben Rose und ich allein übrig; eine allerliebste leichte Droschke fuhr vor, Herr v. Rothenburg schwang sich aus den Bock und ergriff selbst die Zügel. Es war eine lustige Fahrt; ich habe selten so viel gelacht, Rose war gar zu spaßhaft, ohne jemals unzart zu werden, auch Herr v. Rothenburg machte viele harmlose Scherze. An einer verabredeten Stelle trafen wir mehrere Wagen aus der Nachbarschaft, einige junge Mädchen mit Brüdern und Vettern, Kinder in allen Abstufungen gesellten sich zu uns, wir waren wohl dreißig Personen im ganzen. Nach kurzer Wanderung erreichten wir ein kleines Plateau, grün umkränzt von jungen Birken und dichtem Gesträuch, von einem Halbkreis von Rasenbänken umgeben. Der Hügel fällt steil ab zum Thal, inmitten grüner Wiesen fließt ein kleines Flüßchen, gegenüber erhebt sich wieder dichter Wald – ein reizender, idyllischer Punkt. Nun ging's an große Thätigkeit; einige machten einen bequemen Ruhesitz für Bruno zurecht, den sein Vater so lange auf seinen Armen trug, andere packten die Körbe aus und stellten alles zum Imbiß zurecht; die Knaben sammelten Reisig und fachten seitwärts ein riesiges Feuer an; mehrere Herren kletterten mit Kesseln zu Thal, um Wasser zu holen. Fräulein Lietzner kommandierte die ganze Schar, jeder mußte ihrem Wink gehorsam sein; und in nicht zu langer Zeit brodelte der Kaffee auf dem Feuer, lagen die Kuchenberge auf weißen Tüchern ausgebreitet, war die ganze Gesellschaft rund umher gruppiert. Die älteren Personen saßen auf der Rasenbank, die Jugend lagerte sich auf dem grün bewachsenen Boden; Rose eilte geschäftig von einem zum andern, schenkte Kaffee und Sahne ein, scherzte und lachte mit Großen und Kleinen. Ich sah sie mit andern Augen an, als früher, fand sie sehr hübsch und anmutig und freute mich zu sehen, daß mancher bewundernde Blick ihr folgte.

Nach dem Kaffee stieg die junge Welt ins Thal hinab, die Knaben in tollen Sprüngen voran, die Erwachsenen vorsichtiger hinterdrein; ein paarmal reichte mir Herr v. Rothenburg die Hand und half mir über schwierige Stellen hinweg. Aus der Wiese wurden allerlei lebhafte Spiele unternommen: »Bock, Bock schiele nicht,« »Katze und Maus« und dergleichen; doch fühlte ich mich bald ermüdet und zog mich auf ein halb verstecktes Plätzchen hinter einem blühenden Dornbusch zurück, von wo aus ich das bunte Treiben übersehen konnte.

»Sie lieben es nicht, sich unter eine so lebhafte Menge zu mischen, gnädiges Fräulein?« sagte plötzlich eine Stimme neben mir – es war Herr v. Rothenburg.

»Ich liebe es, dem wilden Lauf der Welt, wie von dem Ufer ruhig zuzusehen,« erwiderte ich unwillkürlich.

»Das habe ich gleich bemerkt, daß Sie einen Zug der Prinzessin Leonore in sich tragen. Ich kann es immer in Ihren Augen lesen, wie etwas Sie berührt, diese Sterne reden eine sehr verständliche Sprache.«

Ich fühlte, daß ich errötete, und ärgerte mich darüber. »Wenn Sie dieselbe nur nicht mißverstanden hätten! Jetzt eben z. B. steht darin geschrieben, daß es viel tapferer wäre, dort unten den Dritten abzuschlagen, als hier vor der Zeit auf Ihren Lorbeeren zu ruhen.«

»Seien Sie doch nicht so grausam, gnädiges Fräulein«, sagte er bittend und machte es sich noch behaglicher auf seinem grünen Sitz, »dies Plätzchen ist wirklich zu schön, um es wieder aufzugeben.«

»Ja,« versetzte ich, »ich bin auch täglich aufs neue von der Lieblichkeit der Gegend überrascht und entzückt.«

»Sie ist mir bisher noch gar nicht so anziehend erschienen, ich messe die Schönheit einer Umgebung am liebsten an dem Wiederschein, den sie auf ein empfängliches Auge, ein anmutiges Antlitz wirft.«

»Dann müssen Sie in Fräulein Rosas sonnigem Gesicht schon lange ein reizendes Spiegelbild gefunden haben.«

»Ach, der ewige Sonnenschein ermüdet; ich liebe einen Himmel, der mit Wolken umzogen ist, aus denen in einzelnen Augenblicken die Sonne um so siegender hervorbricht.«

Schilt mich nicht thöricht, liebe Mama, weil ich diese Unterhaltung so sorgfältig aufzeichne, sie soll Dir nur ein Pröbchen von Herren v. Rothenburgs Art und Weise geben. Natürlich spricht er in dieser Manier zu allen jungen Mädchen und sieht sie mit eben solchen Blicken aus seinen schönen ernsten Augen an; das erklärt den Zauber, den er allgemein ausüben soll. Für den Augenblick klingt es sehr schmeichelhaft, aber es ist nichts dahinter, und ich will mich nicht so leicht durch ein paar Schmeicheleien fangen lassen, wie die andern.

Inzwischen hatte sich die Gesellschaft auf der Wiese in einzelne Gruppen aufgelöst, die Knaben trieben Turnkünste, die kleinen Mädchen spielten Reifen, die Erwachsenen lustwandelten und kehrten allmählich zum Plateau zurück. Ich nahm meinen Platz neben Bruno ein, dessen Augen noch größer und lebendiger zu sein schienen, als sonst, und plauderte vergnügt mit ihm und Dr. Kron, der mein sehr guter Freund ist. Er beschäftigt sich viel mit polnischer Sprache und Litteratur und hat mir schon manchmal recht Interessantes davon erzählt. Jetzt klagte er, daß ihm jede poetische Ader versagt wäre, er würde sonst gern einige polnische Gesänge und Balladen, die viel Eigenartiges hätten, in deutsche Verse übersetzen. Ich bot ihm meine Hilfe an, er möge mir nur eine genaue Übersetzung liefern, ich wollte dann versuchen, sie in eine poetische Form zu gießen. Er nahm es mit Freuden an, und ich bin recht begierig, ob es mir gelingen wird.

Die mächtigen Körbe hatten sich von neuem geöffnet – es ist erstaunlich, wieviel man auf einer Landpartie zu seines Lebens Nahrung gebraucht – und nachdem sich alle erfrischt hatten, wurde der Wunsch nach Gesang laut. Die musikalischen Kräfte waren zahlreich vertreten; Quartette und zweistimmige Lieder, Chorgesänge und einzelne Stimmen ertönten und klangen wunderlieblich durch die reine balsamische Luft, während das Echo von den gegenüberliegenden Hügeln leise, leise nachhallte. Wir wurden nicht müde, zu singen und zu lauschen, bis Herr Klingemann energisch zum Aufbruch mahnte. Auf der Rückfahrt waren wir viel ruhiger, als auf dem Hinweg, aber mir war innerlich so recht froh und befriedigt zu Mute. Nach dem Abendessen ging ich noch lange mit Nora im Garten spazieren; der Mond warf zauberische Lichter über die Wege, tief unten am Mühlenteich schlug eine Nachtigall ihre elegischen Weisen. Ich hatte viel zu erzählen, manches zu beichten, und Noras eingehendes Verständnis, ihre milde Art, die so fern von jeder Weichlichkeit ist, bildete einen harmonischen Schlußaccord zu diesem schönen, inhaltreichen Tage, der neben aller Heiterkeit mir so manche Lehre ans Herz gelegt hat, die ich hoffentlich nicht vergessen werde.

Den 16. Juni.

Gestern hat meine geliebte Nora uns verlassen! Ich hatte schon in unserm Zimmer von ihr Abschied genommen und konnte sie draußen dem Ansturm der übrigen Hausgenossen überlassen. Es schien, als sollten die Küsse und Umarmungen, die letzten und allerletzten Worte kein Ende nehmen, bis Herr Klingemann dem Kutscher heimlich ein Zeichen gab und der Wagen plötzlich abfuhr. Mir war recht wehmütig zu Mut, als er hinter dem Hofthor verschwand. Die Knaben, die sich eine Freistunde erbeten hatten, warfen sich auf ihre Pferde und jagten ihm nach, um die liebe Tante bis an die Grenze zu begleiten; wir andern eilten auf den Schloßberg, um ihr von dort die letzten Grüße zuzuwinken. Es war ein hübscher Anblick, als die ganze Kavalkade unten auf der Chaussee sichtbar wurde; Herrn v. Rothenburgs Schimmel sprengte auch noch heran zum Geleit des geehrten Gastes, und wie eine Fürstin, welche die Huldigungen ihrer Unterthanen empfängt, fuhr unsere Nora davon.

Mit mütterlicher Güte legte Frau Klingemann ihren Arm um meine Schulter und sagte liebevoll, sie fürchte, ich werde mir ohne meine Freundin sehr verlassen vorkommen. Ich versicherte ihr, daß ich mich in ihrem Hause schon sehr wohl fühle, nur anfangs hätte mich das völlig Ungewohnte und Fremdartige etwas beängstigt, aber das sei längst überwunden. Darauf meinte sie, es könne ja nicht anders sein, als daß in einem so großen Haushalt der einzelne sich dem Ganzen füge und unterordne, wenn ich aber einen besondern Wunsch oder eine Klage hätte, so möchte ich mich nur vertrauensvoll an sie wenden. Ob mir Roses Art und Weise auch nicht störend sei? Dem widersprach ich lebhaft und sagte ihr, wie freundlich Rose immer sei und wie lieb ich sie schon gewonnen hätte, besonders, seit ich durch ihre traurige Lebensgeschichte einen Einblick in ihr ganzes Wesen erhalten habe. Wie froh war ich, das alles mit voller herzlicher Überzeugung aussprechen zu können! – Ich gewann durch dies Gespräch ein rechtes Vertrauen zu der sanften, gütigen Frau, die mir als das Ideal einer Mutter und Hausfrau erscheint – das heißt, meine einzige Mama, als ein Ideal in ihrer Sphäre; für unsere ganz abweichenden Verhältnisse bist und bleibst du mein höchstes Vorbild! –

Heute beim Frühstück fragte mich Rosa neckend, ob ich Lust habe, tüchtig zu helfen, es sei großer Arbeitstag.

»Es wird ein Schwein geschlachtet, und wir machen Wurst; Sie können recht froh sein, Erna, daß Sie es so gut treffen, sonst ereignet sich das kaum im Sommer, es geschieht zu Ihrem speziellen Besten.« Ich sagte, ich wolle kommen, es mir anzusehen, meine Hilfe könne ich nicht versprechen. Rose lachte.

»Das nenne ich vorsichtig, kleine Prinzessin! Aber wenigstens können Sie mir beistehen, das zweite Frühstück zu besorgen, damit Tante Emma sofort an die Arbeit gehen kann. Binden Sie Ihre tüchtigste Schürze um und kommen Sie mit in die Speisekammer.«

Rose hat eine Art zu kommandieren, die zwar scherzhaft klingt, aber keinen Widerspruch aufkommen läßt; ich legte mein Geschichtsbuch hin und that gehorsam, wie sie befahl. Sie schnitt die zahllosen Brotstücke, und ich mußte sie streichen. Aber wieviel Lehren bekam ich dabei! »Für die Kinder dickes Brot und dünne Butter, das thut der Jugend gut und stärkt die Zähne. Bruno erhält ein feines Scheibchen und ein Stück Fleisch dazu; Großmama liebt grobes Brot und reichliche Butter, sie ist immer für das Solide. Herr v. Rothenburg schätzt Klappbrötchen, der Schinken dazwischen muß in feine Streifen geschnitten werden, er ist ein Aristokrat in allen seinen Gewohnheiten. Dr. Kron ißt gern Käse, die Beamten brauchen energische Stullen gegen einen ehrlichen Hunger.« Mir wurde ganz schwindlig. »Wie können Sie das nur alles behalten, Rose? Ich würde alle nach dem gleichen Zuschnitt behandeln.«

»Ja, Sie würden einen reizenden Haushalt führen,« sagte sie lachend, »friß Vogel oder stirb! ist eine bequeme Losung. Aber wer sich sein Brot unter Fremden erwerben will, muß lernen, auf ihre Eigenheiten zu achten, und mir macht es Spaß, den Leuten ihre kleinen Liebhabereien abzulauschen.« Endlich war alles fertig, mir that ordentlich die Hand weh, doch hütete ich mich, es zu gestehen.

Wir gingen in die Küche, wo Fräulein Lietzner mit einigen Mägden schon in voller Thätigkeit war, während Frau Klingemann der Wirtin ihre Anordnungen gab. Rose streifte sofort ihre Ärmel in die Höhe, ergriff ein Messer und fing an zu schneiden; mir graute, als ich die fetttriefenden Hände, die blutigen Fleischstücke sah, und ich konnte mich nicht überwinden, es ihr gleichzuthun. Frau Klingemann hatte Mitleid mit mir und gab mir einige Gewürze zu stoßen, das war wenigstens eine reinliche Arbeit. Nach einer Weile, die mir sehr lang erschien, hörte ich draußen meinen Namen wiederholt und mit steigender Ungeduld rufen. »Da sind die Kinder,« sagte ich, »sie suchen mich im ganzen Garten und werden nicht wissen, wo ich stecke.«

»Gehen Sie nur zu ihnen hinaus,« meinte Fräulein Lietzner gutmütig, »wir wollen hier schon ohne Sie fertig werden.« Als ich an der Thür war, rief mich Rose; ich sah, wie die andere eine abwehrende Bewegung machte, sie aber sagte schnell: »Wollen Sie nicht die Übestunde mit Max übernehmen, Erna? Dann könnte Tante Emma hier ungestört dabei bleiben.« Ich sagte mit Freuden zu, es war mir äußerst lieb, mich nützlich zu machen und doch dieser schrecklichen, fettigen Atmosphäre zu entfliehen.

Die Kinder empfingen mich mit einem Freudengeschrei. »Gut, daß Sie endlich kommen, Erna,« rief mir der zehnjährige Max entgegen, »ich dachte schon, Sie würden die ganze Pause vertrödeln.« – »Aber Max,« sagte seine Zwillingsschwester Marie vorwurfsvoll, »es ist doch sehr gut von Erna, wenn sie uns erzählt, du darfst sie nicht schelten.« – »Ach was!« versetzte er, »gut oder nicht, sie hat's einmal versprochen, und sein Versprechen muß jeder halten. Ich kann doch unmöglich in die langweilige Klavierstunde gehen, ohne zu wissen, was aus dem Ritter Telramund geworden ist.«

Ob ich wohl in spätern Zeiten jemals ein Publikum finden werde, das mit solcher Spannung auf die Fortsetzung meiner Geschichten wartet? –

Die Klavierstunde war nicht so angenehm, als ich erwartete; ich kam mehreremale in große Gefahr, alle Geduld zu verlieren und energisch dreinzuschlagen, wenn die ungeschickten Finger immer denselben Fehler machten. Und Fräulein Lietzner erträgt diese Qual alle Tage, und noch nie habe ich sie darüber klagen hören! Mir wurde es auf einmal ganz sonnenklar, daß ich noch nie etwas geleistet habe, daß mein ganzes Leben bisher nur Vorbereitung war. Gott gebe, daß einmal ein recht gutes Resultat davon zu sehen sein wird.

Nach der Vesper bat mich Frau Klingemann, ihrer Schwiegermutter etwas vorzulesen; dieselbe sei unwohl und könne ihr Zimmer nicht verlassen. Natürlich war ich gern bereit und las wohl eine Stunde aus der Zeitung vor – gerade keine anmutige Lektüre! Welch eine verschiedene Physiognomie können doch die Tage in demselben Hause und unter denselben Menschen tragen! Über dem letzten Sonntag lag ein unbeschreiblich festlicher, poetischer Hauch ausgebreitet, das Landleben erschien von seiner anziehendsten, sonnigsten Seite, – der heutige Tag dagegen stellte die nüchternste Prosa dar und wirkte sehr abspannend. Freilich fehlte uns Nora, die vielleicht auch diesem Tage einen Reiz verliehen hätte. Übrigens würde Rose meiner Ansicht nicht beistimmen; sie kam eben, um sieben Uhr abends, glühendrot von der langen Arbeit in der heißen Küche, zu mir gelaufen. »Wir sind fertig!« rief sie triumphierend, »nun kommen Sie, unsere Leistungen zu bewundern.« In der Speisekammer lagen in langer Reihe die verschiedenen Sorten von Würsten; sie klopfte dieselben mit einer wahren Zärtlichkeit und fragte, ob sie nicht prächtig wären; Tante Emma erkläre, so gut wären sie lange nicht geraten. »Aber warum kauft man die Wurst nicht lieber beim Fleischer?« wagte ich zu fragen, »und erspart sich all die häßliche Arbeit und Mühe?« Sie sah mich mit entsetzter Miene an. »O Sie eingefleischtes, unverbesserliches Stadtkind! Wenn dieser Anblick Ihr Herz nicht bewegt, so gebe ich Sie auf, Sie werden nie, nie eine echte Landfrau werden! – Aber es muß freilich auch solche Käuze geben«, setzte sie lachend hinzu, »denn was sollte aus uns armen Stützen werden, wenn niemand unsere Unterstützung brauchte?«

Viertes Kapitel

Der Sturm

Den 23. Juni.

Ich habe lange nichts in mein Tagebuch geschrieben, alle unsere Gedanken, unsere Zeit, unsere Hände waren in Anspruch genommen; ich konnte Dir nur den kurzen Brief schreiben, den Du inzwischen wohl erhalten hast.

Schon an dem Tage, als ich zuletzt schrieb, wehte ein rauher Wind, und Herr Klingemann prophezeite einen vollständigen Umschlag des Wetters, das bis dahin ungewöhnlich schön und beständig war. In der Nacht erwachte ich mehrmals von dem unheimlichen Heulen des Sturmes, der sich am Morgen zu einem rasenden Orkan steigerte. Es war ein trauriger Anblick, wie er in den Kronen der alten Bäume wütete und sie zerzauste, daß bald der ganze Boden mit Blättern und abgerissenen Zweigen bedeckt war; wie er die schlanken Stämme der jungen Bäumchen bog, bis sie die Erde berührten und mit wilder Wut alle Blüten von den Gesträuchen riß. Es war, als ob die ganze Natur in heftigem Schmerze ächze und stöhne; mir wurde sehr bange ums Herz, ich konnte es allein in meiner Stube nicht aushalten und flüchtete zu Rose. Sie war ernster, als gewöhnlich; lange standen wir schweigend am Fenster und sahen dem Toben des Sturmes auf dem Hofe zu, wo die Dächer der strohgedeckten Gebäude immer ärgere Lücken zeigten und dichte Staubwolken, mit Strohbündeln und kleinen Steinen vermischt, die Luft verdunkelten.

»Gott verhüte nur in Gnaden, daß heute irgendwo Feuer ausbricht«, sagte Rose, »ich habe es einmal erlebt, daß an einem ähnlichen Sturmtage ein halber Stadtteil niederbrannte, und mein Leben lang vergesse ich nicht den furchtbaren Anblick der lodernden Flammen und das entsetzliche Geschrei der Unglücklichen, die davon betroffen waren.« Sie hatte kaum ausgesprochen, als Herr v. Rothenburg auf den Hof gejagt kam, das Pferd mit Schaum bedeckt, das Haar vom Winde zerzaust. Er band den Schimmel in einer geschützten Ecke fest und kam, so schnell er konnte, auf das Haus zu. »Es ist ein Unglück geschehen«, rief Rose und lief nach der Hausthür, um sie zu öffnen. Ich hörte, wie Rothenburg atemlos nach dem Prinzipal fragte: »es ist Feuer im Nachbardorf, wir müssen sofort Hilfe schicken.« Rose sagte ihm, Herr Klingemann sei drüben im großen Stall – im nächsten Augenblick arbeitete er sich dorthin durch. Es dauerte nicht lange, so entstand ein Laufen und Rufen auf dem Hofe; nach kurzer Zeit rasselte die Feuerspritze ab, mit vier Pferden bespannt und mit zahlreicher Mannschaft versehen; Herr v. Rothenburg und ein jüngerer Beamter folgten auf einem Bretterwagen. Zitternd vor Angst und Schrecken gingen wir zu Frau Klingemann hinüber, wir fanden den Hausherrn dort, der mit ernster Miene im Zimmer auf und ab ging. »Ich selbst kann nicht fort«, sagte er eben, »auch uns kann ein Unglück treffen; wir müssen bei solchem Orkan auf alles gefaßt sein.«

Es war ein düstrer Tag; keiner konnte etwas Rechtes vornehmen, das Heulen des Sturmes störte jede Beschäftigung; man sah nur immer voll Angst heraus, ob auch nicht etwas Unerwartetes geschehe. Niemand wagte unbefangen zu sprechen, die Kinder drängten sich nach den Stunden zusammen, wie ein Häuschen geängstigter Küchlein; wer in ein anderes Zimmer gehen mußte, nahm sich noch jemand zum Trost mit. Der arme Bruno war sehr elend und lag zu Bett; Frau Klingemann saß fast immer bei ihm. Beim Vespern schlug Fräulein Lietzner vor, wir übrigen wollten alle zusammen bleiben und uns etwas vorlesen. Wir scharten uns um sie, Rose und ich lasen abwechselnd aus den »Erinnerungen eines alten Mannes« von Kügelgen, das fesselte die Gedanken und zerstreute uns etwas. Allmählich ließ der Sturm nach, doch war es draußen trübe und düster, obgleich die Sonne noch hoch am Himmel stehen mußte.

Plötzlich hörte man einen Wagen rollen und vor dem Hause halten; alle sprangen auf und eilten an die Thür. Es war der Bretterwagen, mit dem die beiden Herren fortgefahren waren; auf Stroh gebettet lag eine leichenblasse Frau darauf, ein kleines Mädchen kauerte zu ihren Füßen – das Ganze sah unbeschreiblich traurig aus.

»Was ist geschehen?« sagte Fräulein Lietzner.

»Die Frau ist schwer verletzt«, erwiederte Herr v. Rothenburg in fliegender Eile, »ihr Haus niedergebrannt, wenig gerettet, dort konnte sie nicht bleiben, kann sie hier untergebracht werden?«

Fräulein Lietzner eilte zu kurzer Rücksprache zu Frau Klingemann; schleunigst wurde in einer unbewohnten Stube ein Bett bereitet; wir alle halfen, so gut wir konnten; alle Dienstboten wurden gerufen, um die arme Kranke auf ihr Lager zu tragen. Sie stöhnte leise, wie in großen Schmerzen, und verlor das Bewußtsein.

»Hier können wir nichts thun«, sagte Rose zu mir, »wir wollen das Kind an uns nehmen.«

Die arme Kleine war auch fast ohnmächtig; wir trugen sie in Rosens Zimmer und legten sie auf das Sofa, rieben ihr Hände und Füße und flößten ihr etwas Wein ein. Sie brach zuerst in lautes Weinen aus, beruhigte sich aber allmählich und erzählte uns, so gut sie konnte, ihr Vater sei ein Zimmermann, der auswärts arbeite und nur zum Sonntag nach Hause käme. Was würde er sagen, wenn er nun käme und nichts fände? Das Haus wäre verbrannt und die Kuh auch; Mutter hätte sie aus dem Stall ziehen wollen, aber da sei das Dach heruntergefallen, und hätte der fremde Herr sie nicht hervorgezogen, so wäre sie auch verbrannt. Schon bei den letzten Worten fielen dem Kinde die Augen zu, und wenige Minuten später lag es im tiefsten Schlaf. Wir deckten es warm zu und setzten uns flüsternd ans Fenster.

»Wie ich darauf brenne, näheres von dem Feuer zu hören!« sagte Rose. »Ich könnte darauf schwören, Rothenburg hat sich wie ein Held benommen.«

»Meinen Sie? für gewöhnlich macht er doch einen recht blasierten Eindruck.«

»O, das ist nur ein Anschein, den sich diese vornehmen jungen Herren geben, welchen das Glück von der Wiege an gelächelt hat; in der Stunde der Gefahr entwickeln sie einen Löwenmut.«

Als wir abends zu Tische kamen, war Rothenburgs Platz leer; auf die Frage, wo er sei, antwortete der Inspektor: »Er schläft, und da er den ganzen Tag übermenschlich gearbeitet hat, so mochte ich ihn nicht wecken.« Rose nickte mir verständnisvoll zu. Auf Frau Klingemanns Bitte erzählte der Beamte ungefähr folgendes: »Es war die höchste Zeit, daß wir mit unserer Spritze kamen, das Feuer raste wie toll und drohte das ganze Dorf zu verzehren; die Leute hatten ganz den Kopf verloren, jeder war nur auf sein Eigentum bedacht. Herr v. Rothenburg stellte sich gleich an die Spitze, und da er zugriff, wie der geringste Mann, und die verständigsten Anordnungen traf, so fand er bei den Dorfbewohnern allmählich Gehorsam, und seiner Umsicht gelang es, das Feuer auf einen kleinen Teil des Dorfes zu beschränken. Als wir schon glaubten, die Gefahr sei vorüber, rennt auf einmal die Frau, die wir herbrachten, auf einen brennenden Stall zu, reißt die Thür auf und will ihre jämmerlich brüllende Kuh retten. Es war die höchste Thorheit, denn das Dach stürzte im nächsten Augenblick zusammen, und wäre nicht Rothenburg zugesprungen und hätte die Frau aus den brennenden Trümmern herausgerissen, sie wäre ebenso elend verbrannt wie die Kuh. Ihm selbst war der ganze Rock versengt, auch Haare und Bart, und es war ein Wunder, daß nicht ein größeres Unglück geschah.«

Wir drückten uns heimlich die Hände, und als Frau Klingemann uns beauftragte, dafür zu sorgen, daß Herr v. Rothenburg ein gutes Abendbrot erhielte, eilten wir hocherfreut in die Speisekammer und suchten das Beste zusammen, was wir finden konnten. Rose arrangierte alles aufs zierlichste, eine Flasche Wein wurde dazu gestellt und das Theebrett ringsum mit frischen Lorbeerblättern besteckt, die wir heimlich von Tante Emmas großem Baum abpflückten.

»Sehen sie, daß ich recht hatte?« sagte Rose mit leuchtenden Augen, »daß er wirklich ein Held ist? O ich wollte, ich könnte ihm meine Verehrung, meine Dankbarkeit für seine edle That irgendwie kundgeben! Es ist so herrlich, solchen großen Menschen zu begegnen! – Wenn nur die versengten Haare seiner Schönheit keinen Abbruch thäten! Aber nein, sie können sie nur erhöhen, sind sie doch die redenden Zeugen seiner Großherzigkeit.«

Rose erschien mir höchst liebenswürdig in ihrer Begeisterung, die ich innerlich teilte, ohne ihr einen so lebhaften Ausdruck zu geben. Ich hoffe nur, es ist nicht Liebe, was sie für ihren Helden fühlt, denn ich fürchte sehr, die würde doch nicht erwidert werden.

Am nächsten Morgen kam der Doktor und erklärte die Verletzungen der Frau Neßler, so heißt die kranke Frau, zwar für sehr bedeutend, aber nicht gefährlich, bei sorgfältiger Pflege könne sie in einigen Wochen hergestellt sein, doch wäre ein abermaliger Transport bedenklich. So wurde denn beschlossen, sie und ihr Kind hier zu behalten und sie vollständig auszupflegen. Ist das nicht schön und gut? Fräulein Lietzner war noch nicht einen Augenblick vom Krankenbett gewichen, sie hatte die ganze Nacht dort gewacht. Und das alles thun die Leute hier so einfach, als ob es ganz selbstverständlich wäre; deshalb wirkt ihr Beispiel mehr, als die eindringlichste Predigt über die Barmherzigkeit. Rose zog mich auf die Seite. »Was meinen Sie, Erna, wollen wir beide nicht das kleine Lieschen adoptieren, solange sie hier im Hause ist? Ich denke, Sie haben Geld, ich habe freilich nur Lust und Liebe zur Sache, aber ich will gern arbeiten. Die Leute haben ihr Hab' und Gut verloren, Lieschen hat nur die paar Sachen, die sie auf dem Leibe trägt, wir wollen sie ausstatten und wie ein paar rechte Mütter für sie sorgen.«

»Liebe, gute Rose,« erwiderte ich tief gerührt, »das ist ein herrlicher Gedanke, und ich habe Sie doppelt und dreifach lieb dafür. Aber nun müssen wir auch wie Schwestern zu einander stehen – bitte, nenne mich du.«

Sie fiel mir um den Hals und überschüttete mich mit einer solchen Flut von Küssen, daß ich dem Ersticken nahe war. Helle Thränen standen in ihren Augen, aber ihr Mund lachte. »O ich habe dich schon lange furchtbar lieb, sagte sie; anfangs hielt ich dich für eine hochmütige kleine Prinzessin, die hier mit Verachtung auf alles herabsähe; aber so bist du gar nicht, du bist nur so unwissend wie ein neugeborenes Kind in allem; was in einem großen Landhause vorgeht, und dein Erstaunen war nur die reine kindliche Unschuld. Du bist ein liebes, süßes, kluges Mädchen, und ich bin ganz glücklich, daß du mir auch gut bist.«

Ich holte mein Geld hervor, und wir machten einen Überschlag; Rose berechnete sehr verständig, was ich selbst davon brauchen würde, »denn,« sagte sie, »du darfst nur den Überschuß verwenden und nicht mehr von deinen Eltern fordern, als sie dir für diese Zeit zugedacht hatten; es ist aber auch übergenug, und unser Kind kann sehr zufrieden sein.« Wir gingen zu Fräulein Lietzner, um ihr unsern Plan vorzutragen; sie lobte uns freundlich, ohne von unsern Edelmut viel Aufhebens zu machen, ging bereitwillig auf unsere Gedanken ein und gab uns viele gute Ratschläge.

»Bittet nur um einen Wagen nach der Stadt,« riet sie uns, »und macht eure Einkäufe selbst, schriftliche Bestellung ist lange nicht so praktisch.«

Herr Klingemann bewilligte unsere Bitte, und wir rüsteten uns eben, am Nachmittag unsere kleine Reise zu unternehmen, als Frau Klingemann uns zu sich beschied.

»Meine lieben Mädchen,« sagte sie, »ich muß eine ernstliche Sache mit euch besprechen. Herr v. Rothenburg hat dringender Geschäfte wegen gebeten, mit nach der Stadt zu fahren, es wäre schwer, ihm das abzuschlagen. Leider bin ich durch Bruno, Tante Emma durch die Kranke gefesselt; keine von uns kann als dame d'honneur mit euch fahren. Könnt ihr mir nicht versprechen, euch so zu benehmen, daß niemand Ursache hat, sich über die Zusammensetzung eurer Gesellschaft aufzuhalten, so müßt ihr zu Hause bleiben; ich kann dann allenfalls die Wirtin schicken, um eure Besorgungen zu machen.«

Rose küßte der lieben Frau die Hand. »Die Ermahnung gilt doch nur mir, denn Erna ist gesetzt und verständig für zwei. Ich werde mich ihr ganz fügen; sobald ich die Grenze des Erlaubten irgend überschreite, braucht sie mich nur am Ärmel zu zupfen, ich verspreche pünktlichen Gehorsam. Wir möchten so gern selbständig für unser Kind sorgen.«

»Gut,« versetzte Frau Klingemann, »ich vertraue euch. Gieb deiner Bewunderung für Herrn v. Rothenburgs Thaten keinen allzu lebhaften Ausdruck, mein Röschen; man muß das wahrhaft Gute nicht durch zu lautes Lob entweihen. Nun fahrt mit Gott, ihr Lieben, auf glückliches Wiedersehen!«

Unser Kavalier, der auch diesmal nicht bei Tische erschienen war, kam erst, als wir schon im Wagen saßen, begrüßte uns sehr flüchtig und drückte den breitkrämpigen Hut tief ins Gesicht. Der Anfang unserer Fahrt war sehr still. Überall sahen wir die Spuren des furchtbaren Sturmes, viele Menschen waren beschäftigt, umgebrochene Baumstämme und herabgerissene Äste zu beseitigen; die kleinen Höfe, an denen wir vorüberkamen, sahen meist jämmerlich mitgenommen aus, die Strohdächer zerzaust, die Ställe zum Teil umgeworfen, in den Gärten, auf den Feldern traurige Verwüstungen, aber überall sah man fleißige Hände geschäftig, um die Schäden auszubessern. Die Sonne schien wieder hell, die Luft war still, aber auffallend abgekühlt, im Schatten war es ordentlich kalt. Rose brach zuerst das Schweigen.

»Ist Ihnen nicht kalt, Herr v. Rothenburg? wir haben mehrere Plaids und eine Decke hier und könnten Ihnen leicht etwas abgeben.« Er dankte ziemlich kurz.

»Ich hoffe, Sie haben bei Ihrem gestrigen Rettungswerk keinen Schaden genommen?« fragte sie weiter.

»Durchaus nicht, mein Fräulein.«

»Wir haben mit warmer Teilnahme davon gehört,« fuhr sie, unbeirrt durch seine Einsilbigkeit, fort; »es wird Sie freuen, zu hören, daß es Frau Neßler verhältnismäßig gut geht.«

»Wer ist Frau Neßler?«

»Die Frau, die Sie mit so edler Aufopferung gerettet haben! sie bleibt bei uns im Hause bis zu ihrer Genesung. Ob der Mann schon von seinem Unglück unterrichtet ist?«

»Ich weiß nicht.«

»O, ich dachte, Sie würden sich für die Leute interessieren, für die Sie so Großes gethan haben.«

»Ich habe nur Herrn Klingemanns Auftrag erfüllt, bei dem Feuer an seiner Stelle nach dem Rechten zu sehen.«

Es lag eine so herbe Abwehr in seinem Ton, daß ich Rose, die schon wieder den Mund öffnete, energisch am Ärmel zupfte. Sie sah mich mit komischer Verzweiflung an, gedachte ihres Versprechens und schwieg.

In der Stadt angekommen, verabredeten wir mit unserm Begleiter, uns nach zwei Stunden an einer bestimmten Stelle zu treffen. Wir eilten an unsere Besorgungen, und wieder mußte ich Rose bewundern, die alles so umsichtig einzurichten wußte, an alles dachte und für geringes Geld ganze Berge von Sachen einkaufte. Als wir an den Platz unsres Rendezvous kamen, war Rothenburg noch nicht da; Rose beschloß daher, noch einige vergessene Kleinigkeiten zu holen; ich wartete dort, damit man uns nicht vergebens suche. Nach einigen Minuten kam unser Kavalier, der ganz verändert aussah; offenbar hatte er Haare und Bart stark verkürzen lassen, auch trug er einen andern, weniger verschattenden Hut. Ich bat ihn, die Verzögerung zu entschuldigen, Rose müsse gleich kommen.

»Ich fürchte, gnädiges Fräulein, Sie haben oft sehr unter Fräulein Grunds Zungenfertigkeit zu leiden,« sagte er, »Sie sind so viel mit ihr zusammen.«

»Sie verkennen meine Freundin, Herr v. Rothenburg,« sagte ich ernst, »sie hat ein so liebes, warmes Herz, daß man ihr niemals böse sein kann. Ich begreife, daß es Ihnen widerstrebt, von den gestrigen Erlebnissen zu sprechen, aber wenn Rose danach fragte, geschah es sicher nicht aus bloßer Neugierde, sondern aus aufrichtiger, herzlicher Teilnahme für alles Gute und Edle.«

»Aber warum zeigt sie diese Teilnahme nicht lieber durch ein beredtes Schweigen, wie – andere Leute? es ist so viel wohlthuender.«

»Sie können nicht verlangen, daß wir alle nach einer Schablone handeln sollen; sie ist eben eine lebhafte Natur, und das Herz fließt ihr über.«

»Wie schön Sie zu verteidigen wissen, gnädiges Fräulein, Sie haben mich beinahe überzeugt.«

»Nur beinah? das ist sehr wenig – doch da kommt Rose.«

Seitdem ist Herr v. Rothenburg viel zugänglicher, als früher; schon auf der Rückfahrt zeigte er sich recht liebenswürdig und erzählte sogar einiges vom Feuer. Rose benahm sich aber sehr zart dabei und hielt ihre Bewunderung zurück, so daß wir in bestem Einvernehmen zu Haus ankamen.

Nun begann eine große Thätigkeit; mit Fräulein Lietzners Hilfe schnitten wir Wäsche, zwei Kleider und einige Schürzen zu und gingen mit Eifer an die Arbeit. Nur die Nähmaschine baten wir uns aus, jede weitere Hilfe wurde abgelehnt, wir wollten ganz selbständig für Lieschen sorgen. Ich allein hätte freilich keinen Rat gewußt, aber unter Rosens Anleitung fördere ich allmählich ganz brauchbare Dinge zu Tage. Rose hat Lieschen ganz unter ihre Obhut genommen, das Kind schläft bei ihr und sitzt wohl dabei, während wir nähen, und wir haben bei unserer Arbeit oft lange Unterhaltungen mit ihr. Für ihre sechs Jahre ist sie in vielen Stücken merkwürdig klug, doch hat sie noch nichts gelernt, und ich will sie in die ersten Anfänge des Lesens und Schreibens einführen. Rose wird sie nähen und stricken lehren, damit sie von ihren »Müttern« einen bleibenden Nutzen empfängt.

Heute trat ich um 6 Uhr in Rosens Zimmer – Du siehst, wir machen frühen Tag, – Lieschen schlief noch, sie selbst aber saß schon mit der Arbeit am offenen Fenster.

»Ich habe einen Gedanken, Erna«, sagte sie, als wir uns fleißig nähend gegenüber saßen; da unser erstes Kompaniegeschäft so gut ausfällt, wollen wir noch ein zweites unternehmen. Du hast offenbar sehr viel gelernt, ich leider ziemlich wenig, kannst du mir nicht von deiner Gelehrsamkeit etwas abgeben?«

Ich war ganz entzückt von dieser Idee, und wir verabredeten, die Stunden zwischen Mittag und Vesper dem gemeinsamen Studium zu widmen. O liebe Mama, wie glücklich würde ich sein, wenn ich Rose dadurch wesentlich nützen könnte! Es wäre der erste Anfang einer wirklichen Leistung, nicht wahr?

Den 27. Juni.

Gestern, am Sonntag, kleideten wir unser Kind in seine neuen Sachen ein, in denen es auffallend niedlich aussah, und führten es im Triumph zu Frau Neßler, welche von Kissen unterstützt im Bette saß und etwas weniger blaß aussah als seither. Sie dankte den lieben Fräuleins mit einer solchen Inbrunst und so vielen Thränen, daß ich ganz beschämt war, und bewunderte Lieschen dann mit solcher Ausdauer und Überschwenglichkeit, daß Fräulein Lietzner der Sache ein Ende machte. Vormittag erschien der Mann, um die Seinen zu besuchen; er macht einen recht intelligenten Eindruck und war sehr dankbar, aber auch sehr niedergeschlagen; der Verlust des Häuschens und der Kuh ist doch ein sehr schwerer für die Familie. Wer doch auch hier noch helfen könnte! Allerlei Pläne und Gedanken schwirren mir durch den Kopf. –

Zum Nachmittag hatten wir eine Einladung auf ein Nachbargut; Fräulein Lietzner fuhr mit uns beiden und den Kindern zum Kaffee hin, Herr Klingemann und Herr v. Rothenburg folgten später. Wir fanden all die jungen Mädchen und Herren dort, die an unserer hübschen Partie nach dem Johannesplatz teilgenommen hatten, doch fühlte ich mich ziemlich fremd unter ihnen und war herzlich froh, als mich Rothenburg zu Tisch führte. Er war ungewöhnlich gut aufgelegt, und wir unterhielten uns vortrefflich; wenn er seinen etwas blasierten Ton ablegt, kann er sehr interessant sein. Er erzählte mir manches von seiner schönen Heimat und seinen Eltern, deren einziger Sohn er ist, und sprach mit Zärtlichkeit von seiner jüngeren Schwester; sie wäre ein liebes kleines Ding mit großen blauen Kinderaugen, das mit einer ganz wunderbaren Liebe an ihm hinge. Ich sagte, daß ich das gar nicht merkwürdig fände; wenn ich einen älteren Bruder hätte, würde ich ihn auch unsäglich lieben, freilich müßte er aber auch ein Musterbild jeglicher Tugend sein, groß und schön an Leib und Seele.

»Also wohl ganz anders, als ich?« fragte er.

»Er dürfte Ihnen an Unerschrockenheit und Energie bei Feuersbrünsten ähneln, aber gegen meine Freundinnen müßte er viel liebenswürdiger und toleranter sein.« Er lachte, und wir sprachen von andern Dingen.

Fünftes Kapitel.

Verschiedene Stimmen.

Den 29. Juni.

Heute war ein fremder Herr hier, der uns bei der Vesper als Regierungsrat Freyenstein vorgestellt wurde, ein sehr stattlicher, gut und nobel aussehender Mann. Die Unterhaltung war lebhafter als gewöhnlich; es wurde viel von einer Verlobung gesprochen, die vor kurzem in der benachbarten Stadt gefeiert worden und der nur die Bekanntschaft eines einzigen Tages vorhergegangen war. Die alte Frau Klingemann sprach sich mit großer Entschiedenheit dahin aus, daß sie solche Verbindungen nur als verwerflichen Leichtsinn betrachten könne, von Liebe sei dabei keine Rede, denn die Liebe müsse langsam auf dem sichern Grunde genauer Bekanntschaft und gegenseitiger Achtung erwachsen.

»Verzeihung, meine gnädigste Frau, wenn ich Ihnen widerspreche,« sagte der Regierungsrat, »ich bin fest überzeugt, daß die Liebe in einem jungen empfänglichen Herzen oft nur eines Augenblickes bedarf, und alle Anforderungen des Verstandes kühn überspringt. Ich habe es an mir selbst erfahren, daß ich mich einmal in dunkler Nacht in eine Stimme verliebte, und wäre es mir nur gelungen, die Inhaberin aufzufinden, ich hätte mich, ohne weiter zu fragen, mit ihr verlobt, in der festen Überzeugung, daß diese Stimme nicht trügen könne.«

»In eine Stimme?« hieß es von mehreren Seiten, »wie ging das zu?«

»Es ist lange her,« erzählte er, »als ich einmal mit mehreren Genossen aus einer heitern Gesellschaft kam. Es war eine dunkle Novembernacht und die Straßenbeleuchtung sehr mangelhaft, da stießen einige von uns auf ein weibliches Wesen; man erlaubte sich allerlei Scherzworte und neugierige Fragen, auf welche das Mädchen keine Antwort gab. Plötzlich trat sie auf mich zu, der ich ein Paar Schritte entfernt stand, und bat mich, ihr zu helfen, sie müsse zum Arzt, es gälte ein teures Leben. Ich leistete diesem Appell natürlich bereitwillig Folge und führte sie bis an die Thür des Doktors, wo sie mir mit wenigen Worten dankte. Aber was lag nicht alles in den kurzen Worten, die sie gesprochen! Welch ein Heldenmut, welche Aufopferung, daneben ein ehrendes Vertrauen gegen mich und neben dem allen ein so rührender Ton der Hilflosigkeit und Angst, der von großer Jugend sprach. Sie konnte nicht mehr als sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein. Monatelang habe ich sie gesucht, aber wenn ich auch eine Gestalt fand, die mir zu jener Stimme zu passen schien, sie selbst hörte ich niemals wieder, obgleich sie sich unauslöschlich in mein Herz eingeprägt hatte. Ich glaube, ich würde sie heute noch wiedererkennen.« Die Geschichte erregte mich bis ins tiefste Herz – es kann nicht anders sein, die Stimme, die schmerzlich gesuchte und nie gefundene, muß – unserer Nora angehören. Liebste, beste Mama, ist Dir das nicht ebenso klar und einleuchtend, wie mir? Hast Du mir nicht oft erzählt, wie Nora in dunkler Nacht den Arzt holen ging und mich dadurch als kleines Kind vom Tode rettete? Ich habe zwar nie gehört, ob ihr dabei ein ähnliches Abenteuer begegnet sei, denn sie selbst mochte nicht von der Sache sprechen, aber es ist doch so möglich, sogar wahrscheinlich. Ich zerbreche mir den Kopf, auf welche Weise ich die Angelegenheit aufklären könnte, doch mag ich niemand ins Vertrauen ziehen, das käme mir unzart vor. Fräulein Lietzner meint, der Regierungsrat wäre unverheiratet, vielleicht, wenn er seine lang gesuchte Stimme fände – – o Mama, warum bist Du nicht hier, um mir zu raten? Bis morgen bleibt er hier, wenn mir nur ein guter Gedanke käme!

Den 30. Juni.

Heute war ich sehr früh auf, und da unsere Arbeiten für Lieschen beendet sind, machte ich einen Spaziergang durch den schattigen Waldweg, der sich dem Garten unmittelbar anschließt. Es war sehr schön und friedlich still, der Gesang der Vögel ist beinahe ganz verstummt; ich setzte mich am Rande des Weges hin und wollte etwas lesen, aber meine Gedanken schweiften fortwährend zu Nora und dem Regierungsrat hinüber. Auf einmal hörte ich Schritte und ein leises Pfeifen – wenige Augenblicke später stand Herr Freyenstein mir gegenüber. Er war augenscheinlich sehr überrascht und sagte höflich: »Ich hatte nicht geglaubt, hier schon jemand zu treffen; ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt, mein Fräulein?« Mir schlug das Herz: jetzt oder nie! Die Gelegenheit war zu günstig, um sie unbenutzt zu lassen.

»Ich dachte eben an Sie, Herr Regierungsrat,« begann ich mit etwas unsicherer Stimme, und an die Episode Ihres Lebens, die Sie gestern erzählten. Ich glaube, ich kenne die Stimme.«

»Sie, mein liebes Fräulein?« sagte er lächelnd, »verzeihen Sie, Sie waren damals wohl ein sehr kleines Kind, und ich wüßte in der That nicht, welche Kenntnis Sie von einem Erlebnis haben sollten, von dem ich bisher kaum gegen irgend jemand gesprochen habe.«

»War der Schauplatz nicht in M.?« fragte ich, »und sind es im November nicht gerade zehn Jahre her?«

»Ja«, versetzte er erstaunt, »aber ich begreife nicht …«

»Meine Eltern hatten damals ein junges Mädchen bei sich, welches seitdem durch die innigste Freundschaft mit uns verbunden ist. In Abwesenheit der Eltern erkrankte ich heftig, Nora ging in der Nacht, um den Arzt zu holen, wir sind ihr dafür für immer zu lebhaftem Dank verpflichtet.«

»Wer ist die Dame? wo lebt sie? wie alt ist sie?«

»Sie heißt Nora Diethelm, lebt in D. und ist etwa sechsundzwanzig Jahre alt«, erwiderte ich ebenso kurz.

»Natürlich längst verheiratet?«

»Nein, sie lebt bei ihren Eltern.« Es kam mir vor, als ob ein Strahl der Freude über sein Gesicht flöge.

»Sehr seltsam und überraschend in der That«, sagte er nachdenklich. »Wahrscheinlich haben Sie Ihre Mutmaßungen bereits den Herrschaften hier mitgeteilt?«

»Nein, ich habe zu niemanden darüber gesprochen.«

»Dürfte ich Sie bitten, auch ferneres Schweigen zu beobachten? Ich hatte die kleine Geschichte sicher nicht erzählt, hätte ich nicht geglaubt, sie wäre gewissermaßen begraben und nur eine Erinnerung aus der Vergangenheit. Es trifft sich merkwürdig, daß ich in wenig Tagen nach D. übersiedle, ich bin an die dortige Regierung versetzt. Vielleicht fügt es der Zufall, daß ich Fräulein Diethelm einmal begegne, darf ich mich in diesem Fall mit Grüßen von Ihnen bei ihr einführen?«

»Ich bitte sehr darum, Nora steht uns so nahe, daß herzliche Grüße von einem von uns nur etwas Natürliches sind. Außerdem ist sie eine Verwandte des hiesigen Hauses.«

»Bitte, mein liebes Fräulein, schreiben Sie auch Ihrer Freundin nichts von dieser Unterredung, vielleicht ist ihr die Erinnerung an jenes kleine Abenteuer nicht angenehm.«

Er reichte mir die Hand, die ich herzhaft schüttelte, zum Zeichen meiner Bereitwilligkeit, das erbetene Schweigen zu beobachten; dann grüßte er höflich und ging weiter. Ich raffte Hut und Buch zusammen und eilte dem Hause zu, um die Morgenandacht nicht zu versäumen; aber alle meine Pulse flogen so sehr vor innerer Erregung, daß ich eine Zeitlang im schattigen Buchengange auf- und abgehen mußte, um mich zu beruhigen und niemand etwas merken zu lassen. – Dir dies alles mitzuteilen, meine geliebte Mama, halte ich für kein Unrecht, es würde mir sonst auch das Herz abdrücken. O, wenn für meine Nora hieraus das Glück erblühte, das ich ihr so von Herzen wünsche, und ich hatte dazu mitgewirkt – wie glückselig würde mich das machen!

Den 4. Juli.

Jeden Morgen nach dem ersten Frühstück gebe ich Lieschen eine Stunde, sie lernt lesen, schreiben, rechnen, und zuletzt erzähle ich ihr zur Belohnung eine biblische Geschichte, wozu mir Frau Klingemann eine Bilderbibel gegeben hat. Manchmal thut die Kleine sehr komische Äußerungen. Als ich ihr das Bild des Paradieses zeigte, worauf Gott unter seinen Geschöpfen wandelt, sagte sie ernsthaft: »Ich habe den lieben Gott auch schon gesehen.«

»Wo denn, Lieschen?«

»Ich war einmal in der Kirche mit meinen Eltern, da stand er ganz oben und schrie so laut, daß sich alle Leute fürchteten, und manche fingen an zu weinen, ich konnte aber nichts verstehen.«

»Wie sah er denn aus?«

»Ganz schwarz von oben bis unten, nur unter dem Kinne hatte er einen kleinen weißen Bart.«

»Aber Lieschen, das war ja der Prediger; der liebe Gott wohnt im Himmel, den können wir nicht sehen.« Sie sah mich ungläubig an, und ich weiß nicht, ob ihre Vorstellung sich wirklich aufgeklärt hat. – Ein anderesmal erzählte ich ihr von Hagar in der Wüste und schilderte ihr die Freude der Mutter, als Gott ihr Gebet erhörte und Wasser aus dem Felsen rauschen ließ. »Warf er auch gleich ein Blechtöpfchen herunter,« fragte sie teilnehmend, »damit Hagar von dem Wasser schöpfen konnte?«

Manchmal habe ich Mühe, ernsthaft zu bleiben.

Die Nachmittagsstunden mit Rose machen mir große Freude, sie hat erstaunliche Lücken in ihren Kenntnissen, aber einen wahren Feuereifer zum Lernen. Wir treiben Geschichte, Geographie, etwas Litteratur und Französisch, und die zwei Stunden sind immer im Umsehen verschwunden. Überhaupt fliegen die Tage in wunderbarer Eile dahin, vier Wochen bin ich schon hier, und Deine Rückkehr, meine geliebte Mama, kommt schnell näher. So unaussprechlich ich mich auf Dich freue, so wundervoll ich mir unser Zusammenleben ausmale, so ist mir doch das Leben hier erstaunlich lieb und anheimelnd geworden. Ich fühle mich ganz als Glied des Hauses und empfinde es froh und dankbar, daß ich auch von allen so betrachtet werde. Mein Gesichtskreis, der doch recht eng und beschränkt war, hat sich sehr erweitert, meine Begriffe von den Pflichten, die das Leben uns auferlegt, sind klarer geworden, meine Menschenkenntnis hat sich bedeutend vermehrt. Ich hoffe, Du sollst die guten Früchte dieses Aufenthalts an mir erkennen.

Den 7. Juli.

Heute nach der Andacht hielt mich Rose durch allerlei Anliegen in der Stube fest; als ich endlich auf die Veranda heraustrat, standen alle Kinder, auch die fremden Knaben, im Halbkreis und sangen mir entgegen: Heut' ist der Tag, an welchem du bei uns erschienen, wobei sie eine lange Guirlande um mich schlangen. Dann trat Mariechen vor und sprach folgende Verse:

An einem Sommertage, da kam zu uns aufs Land
Ein lieber Gast und führte ein Mägdlein an der Hand;
Das machte große Augen zu allem, was es sah,
Und manchmal wüßt' es selber nicht recht, wie ihm geschah.

Vor Schweinen hat's ein Grauen, lebendig oder tot,
Und gar beklommen blickt es, wenn eine Kuh ihm droht.
Es ist wie eine Blume so zart, so hold, so rein,
Und tief in unsre Herzen stahl es sich bald hinein.

Heut' ist es grad' ein Monat, seitdem es zu uns kam;
Ach, blieb' uns doch noch lange erspart der Abschiedsgram!
Wer sollte Lieschen lehren? wer machen Rose klug?
Und wer erzählt uns Märchen von so phantast'schem Flug?

Und alle Rothenburger, und alle Klingemanns,
Rosa und Tante Emma, der Oskar und der Hans,
Des Hauses Kron daneben, sie alle rufen hoch!
Hoch sollst du, Erna, leben! bleib' bei uns lange noch!!

Bei den letzten Worten fielen alle ein, und es entstand ein großes Jubelgeschrei; ich flog willenlos aus einem Arm in den andern, so daß ich wirklich nicht wußte, wie mir geschah, und ganz froh war, mich endlich neben Frau Klingemann auf der Bank zu finden. Ich schlang meine Arme um die liebe Frau und sagte zwischen Lachen und Weinen, daß ich so viel Freundlichkeit gar nicht verdiene, daß es aber einzig gut und ich sehr glücklich wäre. Sie küßte mich mit ihrer sanften Herzlichkeit, die mich immer an Nora erinnert, und sagte, ich sei ein liebes Mädchen und sie freue sich von Herzen, mich in ihrem Hause zu haben. Das thut mir unbeschreiblich wohl! –

Über acht Tage ist der lieben Hausfrau Geburtstag, zu dem allerlei Vorbereitungen im Gange sind; wir üben einige Gesänge und Klavierstücke ein, Rose und ich arbeiten ein Paar hübsche Lampendecken, die Kinder sind gleichfalls eifrig beschäftigt. Doch findet eine eigentliche Feier nicht statt, auswärtige Gäste sind ganz verbeten. Vor Jahren starb an diesem Tage der älteste Sohn des Hauses, und daher schreibt sich auch Brunos Leiden, beides wurde durch irgend einen traurigen Unglücksfall herbeigeführt. – Ich bringe täglich ein Stündchen bei dem armen, lieben Bruno zu, lese ihm vor oder plaudere mit ihm; er kann das Bett wieder für Stunden verlassen, sieht aber wachsbleich aus und ist oft sehr matt. Für alle anderen Glieder des Hauses gehört dieser leidensvolle Zustand so sehr in den gewöhnlichen Lauf des Lebens, daß er auf ihre Stimmung kaum einen Einfluß übt, nur seine Mutter leidet immer mit ihm, und man kann es stets auf ihrem Gesicht lesen, wie sich Bruno gerade befindet. Immer wieder drängt sich mir die bange Frage auf: warum müssen gerade die guten Menschen so schwer leiden? –

Den 9. Juli.

Heute brachte ich Herrn Dr. Kron meine metrische Übertragung seiner Übersetzungen aus dem Polnischen, mit der ich mich in der letzten Woche viel beschäftigt hatte. Er schien sehr befriedigt und meinte, der Ton sei wunderbar gut getroffen; er wolle uns nächstens einen kleinen Vortrag halten und die Übersetzungen einschalten. Es freut mich sehr, daß er zufrieden ist; mir war es eine höchst interessante Arbeit, von der ich Dir eine Abschrift einlege.

Abend. aus dem polnischen von Adam Wieckiwiez

Vom Himmel flutet noch der Sonne letzter Strahl,
Nicht blendend, doch weithin beglänzt er Berg und Thal.
Die dunkle Röte gleicht dem frischen Angesicht
Des biedern Landmanns, der nach treu vollbrachter Pflicht
Der Ruh' entgegeneilt. Die Sonnenscheibe strebet
Dem dunklen Walde zu, und Nebelschleier webet
Die Dämmrung um das Haupt der mächt'gen Waldesriesen,
Daß ihre äst'gen Kronen ineinander fließen.

Und schwärzer wird der Wald, gleich riesigem Gemache,
Die Sonne glüht darin, wie Feuerschein am Dache.
Sie sinkt – nur hie und da ist noch ein Zweig erhellt,
Wie durch geschloßne Laden noch ein Lichtschein fällt;
Nun alles aus. – Und gleich verstummt der Sensen Klingen
Dort im Getreidefeld, der Harkerinnen
Singen Im Wiesengrunde dort. Es hält der Herr darauf:
Sobald der Tag sich neigt, hört auch die Arbeit auf.

»Es weiß der Herr der Welt, wie lang die Arbeit gut;
Und wenn Sein Arbeiter, die hohe Sonne, ruht,
Dann ist's auf Erden auch wohl Zeit für Ruh' und Stille.«
So sprach der Richter oft, und seines Herren Wille
Dem redlichen Inspektor heilig stets erschien.
Drum sieht man ungefüllt nach Haus den Wagen ziehn,
Der, als die Sonne sank, erst halb beladen war.
Es zieht die leichte Last mit Lust das Ochsenpaar.

Nacht.

Ein dichter Nebel hüllt den Wald, die Wiesen ein,
Der Wölfe Augen glühn, wie ferner Kerzen Schein.
Am Horizonte hie und da die Glut verkündet,
Daß Hirten sich zur Nacht ein Feuer angezündet.
Und endlich tritt der Mond aus Waldesschoß heraus
Und gießt sein Silberlicht auf Erd' und Himmel aus
Die beiden, länger nicht vom Dunkel zugedeckt,
Sieht man in süßem Schlummer friedlich hingestreckt.
Der Himmel hat die Erd' an seine Brust gezogen,
Und drüber fluten hin des Mondlichts Silberwogen.

Jetzt fangt ein Sternlein an, dem Monde zuzuwinken,
Schon sind es tausend, schon Millionen, die da blinken.
Zwei Schalen tauchen auf, der goldnen Himmelswage,
Auf ihnen wog der Herr, sagt man, am Schöpfungstage
Der Reihe nach die Erd' und alle Sterne ab,
Eh' er dem Reich der Luft die Lasten übergab.
Und nach vollbrachtem Werk setzt er ans Himmelszelt
Die Wage, wo sie dient zum Muster aller Welt.
Im Norden steht ein Sternenkreis, das Sieb genannt,
Dadurch warf Gott der Herr, sagt man, mit eigner Hand
Das Korn zur Erd' hinab, als aus dem Paradies
Zur Strafe seiner Sünd' er Vater Adam stieß.

Und höher oben noch der Davidswagen fährt,
Nach dem Polarstern ist die Deichsel hingekehrt.
Noch weise Alte giebt's, die wissen uns zu sagen,
Daß man mit Unrecht ihn nennt König Davids Wagen,
Der Engel Wagen sei's. Lucifer fuhr darauf,
Als die Milchstraße er durchmaß in schnellem Lauf
Bis an die Himmelsthür, um mit Gott selbst zu streiten;
Bis Michael herab ihn stieß und warf zur Seiten
Den Wagen, der nur noch zertrümmert weiter rollt,
Herstellen hat ihn nie des Engels Zorn gewollt.

Auch ist es wohlbekannt bei manchen weisen Alten,
Die von Rabbinern einst die Kunde wohl erhalten,
Daß jener große Drache dort am Himmelszelt,
Der seinen lichten Schweif zieht durch die Sternenwelt
Und den »die Schlange« nennt der Astronomen Schar,
Einstmals ein Riesenfisch, der Leviathan war.
Im Meere lebt' er einst, doch als der Sündflut Wogen
Verrauscht, da ward die Füll' des Wassers ihm entzogen.
So trugen Engel denn empor den Riesenleib,
Daß zum Gedächtnis er für immer dort verbleib'.

Im Walde.

Hoch überm Haupte wölbt sich grün der Heimat Wald,
So ernst und doch so hell von Vogelsang durchschallt.
Die Vogelkirschen stehn, von Hopfen grün umkränzt,
In bäurisch frischem Rot die Eberesche glänzt.
Den grünen Thyrsusstab schwingt hoch die Haselnuß,
Mit Früchten sie sich schmückt vom Kopfe bis zum Fuß,
Der Weihdorn zärtlich sich zur Berberitze bückt,
Brombeer' den dunklen Mund an den Hollunder drückt.
Es schließen Baum und Strauch sich eng zum grünen Kranz,
Wie holde Mädchen gehn mit Jünglingen zum Tanz
Ums hochzeitliche Paar. Es ragen aus der Menge
Zwei Stämme hoch empor aus dichtem Laubgedränge:
Weißbuch' und Birke sind's, in hochzeitlichem Kleide,
Sich gleich an schlankem Wuchs und Reiz der Färbung beide.
Und wie an Kindern sich und an der Enkel Schar
Die Alten schweigend freun, steht dort ein Buchenpaar;
Pappeln, Matronen gleich; vom moos'gen Bart umwallt.
Die Eiche, die gesehn fünfhundert Jahre bald.
Sie lehnt, als wäre sie uralter Gräber Wächter,
An die versteinte Spur versunkner Waldgeschlechter,

Und grüne Dämmrung rings; die Zweige dicht belaubt,
Sie wölben mauergleich sich über meinem Haupt.
Und drüber treibt der Wind sein unablässig Spiel,
Er wimmert, rauscht und seufzt, er klagt in Tönen viel,
Geheimnisvoll und märchenhaft. Mir aber träumte,
Daß über mir das Meer in wilden Wogen schäumte.

Unten ist Stille. Nur der Specht am Baume dort
Pocht mit dem Schnabel an, duckt sich – husch, ist er fort,
Man hört sein Klopfen noch, obgleich der Wald ihn deckt,
Dem Kinde gleich, das ruft: such' mich! wenn sich's versteckt.
Ein flinkes Eichhörnchen sieht man an Nüssen nagen,
Ein Büschel Haare muß es auf der Stirne tragen,
Dem Helmbusch gleich, der auf Soldatenhäuptern nickt.
Obgleich so halb verhüllt, es keck doch um sich blickt;
Sobald's den Fremden sieht, schwingt sich's von Zweig zu Zweigen
Als wollt' es seine Kunst als Waldestänzer zeigen.
Plötzlich im dichten Laub entschwindet es dem Blick,
Wie die Dryade kehrt in ihren Baum zurück.

Nun wieder Stille rings. Da raschelt's in den Büschen,
Wo traubenreiche Ebereschen stehn, dazwischen
Erglänzt in gleichem Rot ein frisches Angesicht,
Ein Mädchen ist's, das Beeren sucht und Nüsse bricht.
Ein Körbchen trägt's am Arm, von Rinde schlicht und rund,
Mit Beeren, schwellend rot gleich seinem Kindermund.
Der Knabe neben ihr schlägt auf die Haselzweige,
Damit sich ihre Last hinab zur Schwester neige.

Da tönet Hörnerklang, der Rüden laut Gebelle:
Es zieht die Jagd sich hin nach dieser Waldesstelle.
Die beiden horchen auf – und im Gewühl der Blätter
Verschwinden sie erschreckt, lautlos wie Waldesgötter.

Den 10. Juli.

Vormittag war Frau Neßler zum erstenmal draußen, sie saß in einem bequemen Stuhl vor der Thür und sah sehr zufrieden aus. Ich saß ein Weilchen bei ihr, als Herr v. Rothenburg vorüberging.

»Ist das nicht der liebe Herr, der mich gerettet hat?« fragte sie. Ich bejahte, sie faltete ihre Hände und murmelte Segenswünsche für ihn. Nach einer Weile kam er zurück und trat zu uns heran.

»Wie geht es Ihnen, Frau Neßler?« fragte er freundlich.

»O lieber, gnädiger junger Herr,« sagte, sie, »wie sollte es mir nicht gut gehen! ich lebe ja hier unter lauter Engeln. Nur noch ein bißchen schwach bin ich, sonst schon viel besser. Ach, wenn ich nur einmal die Hand küssen dürfte, die mich aus dem Feuer gezogen hat!« Sie richtete sich halb empor, über Rotenburgs Gesicht glitt ein unwilliger Schatten, er wollte eben den Mund zu einer abweisenden Bemerkung öffnen, aber ich sah ihn so bittend an, daß er sich besann. Er trat einen Schritt näher und reichte ihr die Hand, die sie ehrfürchtig küßte.

»Gott segne Sie tausendmal und lohne es Ihnen in Zeit und Ewigkeit, gnädiger Herr; der liebe Gott läßt Sie gewiß noch recht glücklich werden und schenkt Ihnen eine junge Frau, wie die lieben Fräuleins hier sind, wie die Engel so gut und so schön.«

Er errötete bis in die weiße Stirn hinauf, und ich fürchte, ich that dasselbe, dann ging er schnell davon. Als ich Rose nachher die kleine Scene erzählte, war sie außer sich vor Vergnügen.

»Natürlich bin ich gemeint, nicht wahr, Erna? Mich sieht ja Rothenburg immer mit so ernsten Augen an, als wollte er jede Linie auswendig lernen – mit mir spricht er immer so angelegentlich, mich sucht er bei jeder Gelegenheit auf – habe ich nicht recht? Wie gut, daß ich nicht erklärt habe, ich wollte nie von ihm entzückt sein, er sei ein blasierter Mensch u. s. w.« Sie tanzte in der Stube umher und benahm sich so thöricht, daß ich ernstlich böse wurde und sie ersuchte, mich mit so unzarten Anzüglichkeiten zu verschonen, ich sei dergleichen nicht gewöhnt und wolle es nicht ertragen. Es war die erste Mißstimmung, die zwischen uns entstand, und mir war sehr unbehaglich zu Mut, als wir in den nächsten Stunden fremd und kühl aneinander vorübergingen. Gegen Abend kam Rose zu mir.

»Sei mir nicht mehr böse, liebe Erna; ich vergesse es manchmal, daß du von anderm Schrot und Korn bist, als ich, seiner, zarter und daher leichter verletzlich. Bedenke, wie ich aufgewachsen bin, mutterlos von Kindesbeinen auf, ohne rechte Heimat: da hängt sich einem leicht etwas Unfeines an, ohne daß man's selber weiß. Ich wollte dich sicher nicht kränken.«

Der wehmütige Ton ging mir tief zu Herzen, wir küßten uns, und alles war wieder gut. Aber ich will mir doch aus dem kleinen Erlebnis die Lehre ziehen, daß man nicht gut thut, alles wiederzuerzählen, weil die Auffassungen gar zu verschieden sind.

Zu morgen ist Einquartierung angesagt, die Mannschaft wird im Dorf untergebracht, nur ein Offizier und ein Arzt werden im Hause aufgenommen. Es ist großer Backtag heute, niemand hat Zeit zu den gewöhnlichen Beschäftigungen; ich habe auch eine Weile geholfen, es ist nicht so unangenehm, wie die Schlächterei, und das Resultat ist poetischer. Die duftenden Kuchen, die frischen Brote sind wirklich ein hübscher, appetitlicher Anblick, und es geht alles dabei so sauber zu.

Sechstes Kapitel

Einquartierung

Den 12. Juli.

Das war gestern eine Überraschung! Das Militär rückte im Laufe des Vormittags in Quartier, die Offiziere wurden sogleich auf ihre Zimmer geführt und erschienen erst kurz vor Tische im Wohnzimmer. Ich kam erst etwas später hinein, und die Vorstellung mußte wiederholt werden.

»Herr Lieutenant von Lilienkron, Herr Dr. Mansfeld – Fräulein v. Westheim.« Wir sahen uns einen Augenblick erstaunt an, dann rief Axel: »Bei allen Göttern, es ist die kleine Cousine Erna! Aber allerdings wunderbar verändert in den fünf oder sechs Jahren, seit ich sie zuletzt gesehen!« Er reichte mir herzlich die Hand.

»Ich weiß nicht, Cousinchen, ob Arthur Mansfeld die Ehre Deiner Bekanntschaft genießt, obgleich er sich naher Verwandtschaft rühmen kann.«

»Ich glaube, ich hatte vor etwa acht Jahren das Glück«, sagte Arthur, »aber ich hätte die Cousine freilich niemals wiedererkannt.«

Beim Mittagessen saß ich zwischen beiden Vettern, doch war die Unterhaltung eine allgemeine; Axel erzählte eine Menge lustiger Geschichten, welche den ganzen Tisch in Heiterkeit versetzten; Arthur verhielt sich ziemlich schweigsam. Erst später im Garten kamen wir in ein ungezwungenes, lebhaftes Gespräch; auf meine Frage erzählte er mir viel von seiner Schwester Elly, für die ich durch Nora natürlich großes Interesse habe.

»Ich hätte nie geglaubt«, sagte er, »daß aus meiner heitern, etwas ungestümen Schwester jemals eine Frau werden könnte, die ihre Stellung im Leben so würdevoll ausfüllt. Sie ist eine vorzügliche Hausfrau und versteht es, ihrem Hause ein ideales Gepräge zu geben, welches höchst anziehend wirkt. Freilich hat sie eine ausgezeichnete Stütze an ihrem Mann, der ein äußerst liebenswürdiger Wirt und geistvoller Gesellschafter ist. Ich habe meinen Schwager Wietinghof eigentlich erst kürzlich bei meinem ersten längeren Besuch bei Elly kennen gelernt, denn als sie sich verlobte, war ich auf der Universität, und so habe ich auch erst jetzt erfahren, wie schwer sie sich eigentlich ihr Glück errungen hat.«

»Wirklich?« fragte ich erstaunt, »ich glaubte, es wäre ihr spielend in den Schoß gefallen, sie kam, sah, siegte und wurde besiegt?«

»Doch nicht; sie erzählte mir jetzt erst, wie es ihr ergangen sei. Sie lernte ihren Mann im Badeort kennen, als sie eben erst erwachsen war, und er machte gleich einen bedeutenden Eindruck auf sie, doch schien es nur eine vorübergehende Bekanntschaft zu sein. Vier Jahre lang hörte sie nichts von ihm, sie hatte mehrere Anträge, und meine Eltern konnten sich gar nicht erklären, warum sie sich so gleichgültig gegen alle Bewerber zeigte. Aber sie legte an jeden den Maßstab, den sie durch Wietinghof gewonnen hatte, und da konnte keiner die Probe bestehen. Ich glaube, dies waren sehr schwere Jahre für Elly, ihre Neigung war scheinbar gänzlich aussichtslos, und doch konnte sie dieselbe nicht aus ihrem Herzen reißen; meine Mutter war sehr unzufrieden mit ihr und drang oft in sie, die Partien, die sich ihr boten, nicht auszuschlagen. Endlich traf sie wieder mit Wietinghof zusammen, der inzwischen einer auswärtigen Gesandtschaft attachiert gewesen war, und die alte Bekanntschaft führte nun schnell zur Verlobung; auch er hatte das lebhafte junge Mädchen nie ganz vergessen, aber erst jetzt fand er in ihr eine ebenbürtige Gefährtin.«

Diese Geschichte gab mir viel zu denken; wie unrichtig beurteilt man doch oft Menschen und Verhältnisse, weil man sie nicht genügend kennt. Ich begreife jetzt Noras grenzenlose Liebe für Elly viel besser, als früher, wo ich diese für ein recht verwöhntes Glückskind hielt, der ein seltenes Glück zu teil geworden war, das meiner Nora versagt blieb. Jetzt denke ich ganz anders über sie und finde die Treue, mit der sie ihre Liebe in allen Stürmen bewahrt hat, wunderschön und liebenswert.

Ich sprach Arthur mein Erstaunen aus, ihn als Arzt im Vaterlande zu treffen, da ich gehört hätte, er wolle Naturforscher werden und arktische oder tropische Gegenden bereisen; er erwiderte darauf, die Medizin sei immer sein Hauptstudium gewesen, er habe auch seiner Militärpflicht als Arzt genügt, doch sei der Plan großer Reisen keineswegs aufgegeben, er bedürfe aber langjähriger Vorbereitungen und eingehender Studien, die noch nicht vollendet seien.

Du siehst, liebe Mama, wir haben sehr ausführliche Unterhaltungen miteinander gehabt; es ist wunderbar, was das Gefühl der Verwandtschaft thut: mit keinem fremden Herrn, den ich zum erstenmal sah, hätte ich so unbefangen und vertraulich plaudern können.

Nachmittag unternahmen wir einen Spaziergang zu verschiedenen schönen Punkten, die hier so zahlreich sind; Herr v. Rothenburg war auch dabei, er hatte aber seine unnahbarste Miene aufgesetzt und war äußerst zurückhaltend. Warum sind manche Menschen so wetterwendisch, heute freundlich und zuvorkommend, morgen fremd und unliebenswürdig? Man macht sich unwillkürlich Gedanken über den Grund für solch ein wechselndes Benehmen.

Die Soldaten brachen heute ganz früh auf; wir nahmen daher schon gestern abend Abschied von den beiden Vettern. Die andern sind alle sehr von Axel Lilienkron eingenommen, der freilich durch seine Witze und Geschichten viel zum allgemeinen Amüsement beitrug; Rose besonders ist ganz entzückt von ihm und citiert ihn beständig. Mir hat Arthur mehr zugesagt in seiner ruhigen Art, die etwas sehr Vertrauenerweckendes hat. Er ist gewiß ein gescheiter, gründlich gebildeter Mensch, obgleich er in Gesellschaft leicht verstummt.

»Darf jetzt auch ein Nichtvetter wieder auf gnädige Beachtung hoffen?« fragte mich heute Herr v. Rothenburg. Ich sah ihn erstaunt an. »Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.«

»Gestern hatte die Verwandtschaft eine so hohe Mauer um Sie gezogen, daß ein gewöhnlicher Sterblicher gar nicht wagen durfte, sie zu durchbrechen.«

»Sollten wirklich meine Vettern die Baumeister gewesen sein? und nicht vielleicht andere kleine Leute, welche die Engländer the blue devils nennen?«

Er biß sich auf die Lippen. »Halten Sie mich für launisch?«

»Das ist eine Frage, deren Beantwortung ich Ihrem eignen Gewissen überlasse. Mein Bruder, wenn ich einen hätte, dürfte so viele Launen haben, wie er wollte, aber es müßten lauter gute sein.«

»Ich will es auch versuchen«, versetzte er ganz treuherzig, »ich möchte Ihrem Herrn Bruder gern recht ähnlich werden.«

Ich berichte Dir diese kleinen Unterhaltungen, liebe Mama, nicht, weil ich sie für besonders geistreich hielte, sondern weil Du oft gesagt hast, daß gerade die kleinen Züge einem Bilde Leben und Ausdruck gäben. Das wirst Du längst bemerkt haben, daß Herr v. Rothenburg hier im Hause eine bedeutende Rolle spielt; man nimmt sehr viel Rücksicht auf ihn, wozu seine Stellung wohl einiges beiträgt. Mir ist er anziehend, weil er sein und klug ist; er ist viel gereist, hat viel gesehen und gelesen und weiß sehr hübsch davon zu sprechen. Unter den jungen Herren, die ich hier zuweilen sehe, glänzt er als ein Muster der feinsten Form, und sein vorteilhaftes Aussehen trägt natürlich zu dem angenehmen Eindruck bei. Ich könnte es mir sehr hübsch denken, solch einen Bruder zu haben.

Den 13. Juli.

Eben habe ich einen Brief von Nora erhalten und muß zu Dir eilen, geliebte Mama, um Dir davon zu erzählen. Ich bin ganz erfüllt davon und kann mich doch gegen niemand darüber aussprechen. Sie schreibt: Vor ein paar Tagen hatten wir einen Besuch, der uns zuerst in einiges Erstaunen versetzte: Regierungsrat Freyenstein stellte sich uns als Bekannter des Lindenhorster Hauses vor und brachte uns Grüße von Dir und Klingemanns. Wir haben sonst wenig Beziehungen zu den Beamtenkreisen, und sein Zusammenhang mit den lieben Verwandten scheint auch kein besonders enger zu sein, so daß ich mir vergebens den Kopf zerbrach, was ihn eigentlich bewogen habe, uns aufzusuchen. Doch erwies sich die Bekanntschaft als eine so anziehende, daß ich bald aufhörte, zu grübeln, und mich gern dem angenehmen Eindruck seiner Persönlichkeit überließ. Er scheint hier sehr fremd zu sein, hat uns schon mehrere Male besucht und einen Ausflug mit uns gemacht. Ich freue mich immer, wenn ich jemandem, der Sinn für die Natur hat, die Honneurs unserer schönen Umgegend machen kann. Herr Freyenstein erzählte, er habe eine Zeitlang als Assessor in M. gearbeitet, es muß gerade damals gewesen sein, als ich in Eurem Hause war, und wir tauschten mit Vergnügen unsere Eindrücke von dem lieben Städtchen aus.

Siebentes Kapitel

Große Pläne

Den 14. Juli.

Wir haben Frau Klingemanns Geburtstag heute still und einfach begangen, nur der Morgen trug ein festliches Gepräge. Schon am Abend vorher hatten wir eine Menge von Kränzen geflochten und damit die Veranda und das Grab des verstorbenen Sohnes ausgeschmückt, denn der erste Gang der lieben Frau an diesem Tage gilt dieser Stätte, niemand als ihr Mann darf sie begleiten. Als die beiden von ihrer stillen Trauerfeier zurückkehrten, standen wir andern alle im Wohnzimmer bereit und empfingen sie mit dem Gesänge: O, wie selig seid ihr doch, ihr Frommen, die ihr durch den Tod zu Gott gekommen. Nach der Betrachtung sangen wir, Tante Emma, Rose und ich, das Engelterzett aus dem Elias: Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von denen dir Hilfe kommt.

Wir hatten es sehr sorgfältig einstudiert, und ich glaube, es klang recht gut. Nun sprachen die Kinder ihre Gedichte, die Fräulein Lietzner und ich gemeinschaftlich zustandegebracht hatten, und überreichten ihre Geschenke; auch wir brachten unsere herzlichen Glückwünsche dar, und mit ihrer rührenden, sanften Freundlichkeit dankte die teure Frau jedem für seine Liebe, während doch eine unverkennbare Wehmut über ihrem ganzen Wesen lag. Die Mittagstafel war sonntäglich geschmückt, die Herren kamen in feierlichem Zuge zur Gratulation, sonst verlief der Tag wie alle andern. Bruno zuliebe wurde an eine Spazierfahrt nicht gedacht; der arme Bursche hätte ja doch zu Hause bleiben müssen, und dann hätte seine Mutter sicher kein Vergnügen daran gehabt.

Nach der Vesper bat Dr. Kron um die Erlaubnis, uns einen Vortrag über polnische Dichter halten zu dürfen; sie wurde mit Freuden gewährt, und er hielt eine wunderhübsche kleine Vorlesung, die mir ganz neue Gebiete der Litteratur eröffnete. Die eingestreuten Übersetzungen fanden so viel Beifall, daß ich Mühe hatte, jeden Ruhm von mir ab- und dem Dichter zuzuwenden, dem er doch allein gebührte. Unter der allgemeinen Zustimmung schoß mir plötzlich ein kühner Gedanke durch den Kopf.

»Wäre es nicht möglich, Herr Doktor,« sagte ich, »diesen Vortrag vor einem größeren Publikum gegen Entree zu halten?«

Alle Blicke kehrten sich mit höchstem Erstaunen mir zu, niemand faßte im ersten Augenblick, wo ich hinaus wollte.

»Ich habe oft daran gedacht,« fuhr ich fort, »ob es nicht möglich wäre, auf irgend eine Weise Neßlers zu einem Ersatz für die verlorene Kuh zu verhelfen; vielleicht könnte man eine Gesellschaft veranstalten, auf der den Leuten etwas Geistreiches geboten und wofür jeder gern etwas zu diesem guten Zwecke beisteuern würde.«

»Ein großer Gedanke!« rief Rose und klatschte in die Hände, »wir müssen lebende Bilder dazu stellen.«

»Und den Garten mit bunten Lampions und bengalischen Flammen beleuchten,« jubelten die Knaben.

»Gesang hinter der Scene muß die Bilder begleiten, alle Künste werden aufgeboten,« setzte Fräulein Lietzner hinzu.

»Fräulein Erna tritt als Muse auf und spricht einen Prolog,« sagte Dr. Kron. Es entstand ein unbeschreibliches Gewirr von Vorschlägen, die Kinder schrieen alle durcheinander, die Mädchen drängten sich um ihre Mutter, um zu jedem neuen Gedanken ihre Zustimmung zu suchen, bis Frau Klingemann sich endlich Ruhe ausbat.

»Meine Lieben,« sagte sie, »soll die Sache wirklich eine Gestalt gewinnen, so ist das erste Erfordernis, daß mein Mann seine Erlaubnis dazu giebt, das zweite, daß Herr Dr. Kron sich zur Wiederholung seines Vortrages bereit erklärt. Die ganze Idee kann ich nur billigen, unsere Nachbarn pflegen wir in dieser Zeit ohnehin einzuladen; könnt ihr ihnen etwas Hübsches bieten und sie für euren guten Zweck gewinnen, so habe ich nichts dagegen, sondern will euch gern hilfreich sein.«

Dr. Kron erklärte sogleich, er stelle sich mit all seinen Kräften der guten Sache zur Verfügung; darauf wurden Rose, Mariechen und ich als Deputation zu Herrn Klingemann abgeschickt. Mit klopfenden Herzen trugen wir unser Anliegen vor; er machte zuerst ein erstauntes, dann ein sehr zweifelhaftes Gesicht, meinte, es widerstrebe ihm, eingeladene Gäste zu brandschatzen, für Neßlers sei genug geschehen, die Leute hätten kein besonderes Anrecht an die allgemeine Mildthätigkeit u.s.w. Er wolle sich es aber bis morgen überlegen. Sehr kleinlaut kehrten wir mit diesem Bescheide zurück, der wie ein Guß kalten Wassers auf die allgemeine Begeisterung fiel. Fräulein Lietzner tröstete uns heimlich und sagte, Frau Klingemann habe schon manchmal in stillem abendlichen Zwiegespräch ihren Gatten zu ihrer Anschauung bekehrt. So hoffen wir denn noch auf morgen!

Den 15. Juli.

Triumph! Die gute Sache hat gesiegt! Heute früh sagte uns Herr Klingemann, er wolle unserm Plan nicht entgegen sein, doch müßte er möglichst anspruchslos auftreten, auch dürften wir kein bestimmtes Eintrittsgeld erheben, sondern die Beisteuer müsse jedem freigestellt werden. Wir waren glückselig und versprachen, alle Bedingungen getreulich einzuhalten. Sogleich traten wir drei, Fräulein Lietzner, Rose und ich, zum engeren Komitee zusammen; wir denken alles aus und tragen unsere Ideen der höheren Instanz, die aus Frau Klingemann und Dr. Kron besteht, zur Begutachtung vor. Nun gilt es zu sinnen und zu arbeiten! Himmel, gieb uns erleuchtete Gedanken, damit etwas Hübsches zustandekomme!

Den 17. Juli.

Unser Programm steht nun fest, auch der Schauplatz ist gefunden. Hinten im Garten steht ein alter geräumiger Pavillon, der etwas baufällig ist und nicht mehr gebraucht wird, der ist uns zu beliebiger Verwendung übergeben. Die Vorderseite wird zur Hälfte mit Grün verkleidet, so daß nur ein breites Portal in der Mitte offen bleibt, das durch einen Vorhang geschlossen werden kann. Aus der Hinterwand lassen wir einige Bretter herausnehmen, damit wir zwei Ausgänge gewinnen. Dies wird unsere Bühne sein. Die Vorstellung wird durch einen Prolog eröffnet, den ich dichten und sprechen soll; dann kommt Dr. Krons Vortrag, an den sich drei lebende Bilder anschließen sollen. Dies sind die ungefähren Umrisse, aber es fehlt noch viel zu ihrer Ausfüllung.

Ich fragte Fräulein Lietzner, ob es nicht besser wäre, wenn Rose den Prolog spräche, sie wäre doch größer, hübscher und viel bekannter als ich. Sie sah mich mit einem sonderbaren Blick an.

»Und wenn Rose ein Engel an Schönheit wäre«, versetzte sie, »so würde es doch immer einen passenderen Eindruck machen, wenn Fräulein v. Westheim die Leute zum Geben aufforderte, als die arme, elternlose Rose Grund!« – Liebe Mama, ich kann Dir nicht beschreiben, wie klein mich diese Antwort machte; wenn sich eine Spur von Eitelkeit in mir regen wollte, so wurde sie gründlich gedämpft durch das Bewußtsein, daß kein persönlicher Vorzug, sondern allein der Name meiner Eltern mir eine Bedeutung giebt.

Den 20. Juli.

Heute sind die Einladungen herumgeschickt. Sonntag den 24. soll das Fest stattfinden. Als Nachschrift ist jedem Billet die Notiz beigefügt: bei gutem Wetter findet abends eine kleine Vorstellung zu einem wohlthätigen Zwecke statt. Das klingt ganz bescheiden und bereitet doch die Leute im allgemeinen daraus vor, ihr Portemonnaie mitzubringen. In einer Stube ist eine wahre Schneiderwerkstätte etabliert, Fräulein Lietzner giebt alles an, Rose und Frau Neßler, die sich als sehr geschickt erweist und erfreuliche Fortschritte in der Genesung macht, führen uns; ich helfe auch, so gut ich kann. Die Kinder fertigen Dutzende von bunten Laternen an, sie haben glücklicherweise Ferien und gehen nur vormittags in einige Arbeitsstunden. Alle sind mit ganzem Herzen bei ihrer Arbeit, auch Bruno hilft nach seinen schwachen Kräften. Wir haben einen Künstler aufgefunden, der hier Thüren und Fenster strich; in seinen Freistunden malt er uns einige Hintergründe, die transparent beleuchtet werden können, – kurz, es ist eine allgemeine Thätigkeit, und wir haben alle nur Zeit und Gedanken für unsere Vorstellung. Zwanzigmal des Tages wird an das Barometer gelaufen und gesehen, ob es auch schön Wetter verspricht; wir hatten in den letzten Tagen manchen Regenschauer, welcher die Ernte störte und die Laune der Herren tief sinken ließ. Bei Tische darf nicht von unseren Plänen gesprochen werden; wir haben alle Kinder scharf ermahnt, zu schweigen, damit Herr Klingemann nicht mit der Sache belästigt wird. Je überraschender sie ins Leben tritt, um desto besser.

Achtes Kapitel

»Zu wohlthätigem Zwecke«

Den 25. Juli.

Alles ist vorüber! nach der Aufregung der letzten Woche, nach all der angestrengten Thätigkeit ist es heute wunderbar still. Wenn wir unsern klingenden Erfolg ansehen, der sich immer noch durch Zusendungen vermehrt, wenn wir an all die Lobsprüche denken, die uns zu teil geworden sind, so können wir nur dankbar sagen: es war gelungen! Laß Dir nun alles genau berichten, meine teure Mama, Du hast lange nichts Ausführliches von mir gehört, nur flüchtige Briefchen erhalten, und ich weiß doch, daß Du herzlichen Anteil an unserm Unternehmen nimmst.

Am Sonnabend verkündeten die Knaben mit großem Jubel, das Barometer steige von Stunde zu Stunde, der Himmel werde unserer Sache günstig sein. In der Nacht regnete es noch einmal tüchtig, der Sonntagmorgen aber war so wundervoll, wie man ihn sich nur wünschen konnte; alles prangte im funkelnden Geschmeide unzähliger Tröpfchen und sah köstlich frisch und duftig aus.

Gegen Abend versammelte sich die Gesellschaft, etwa 40 Personen, unter denen sich eine gewisse Spannung deutlich fühlbar machte. Wir hatten Herrn v. Rothenburg gebeten, sich der jungen Welt anzunehmen, damit unser Verschwinden nicht zu sehr auffiele; es war seine einzige Mitwirkung, mit der Sache selbst wurde er ebenso überrascht, wie die Gäste. Er soll seinen Auftrag mit seltener Liebenswürdigkeit erfüllt haben. – Als es endlich dunkel genug geworden war, wurden die unzähligen Lampions auf dem Platz um den Pavillon angezündet; sie glänzten wie Glühwürmchen im dunkeln Laube und verbreiteten ein magisches Halbdunkel, welches ganz geeignet war, unser Publikum in eine erwartungsvolle Stimmung zu versetzen. Nun erschien Hermann in der Tracht eines Heroldes, that kund, daß eine Künstlergesellschaft sich produzieren wolle, und lud die Gesellschaft ein, ihm zu folgen; Knaben mit bunten Laternen begleiteten den Zug zu dem Platze, auf dem Bänke und Stühle in Reihen aufgestellt waren. Als alles geordnet war, ging der Vorhang in die Höhe, und auf hellem Hintergrunde erschien ich in weißem Kleide, über dem ein dunkelroter Shawl malerisch drapiert war, einen grünen Kranz im Haar. Ich drängte alle Schüchternheit zurück und sprach mit lauter Stimme meine Verse;

Seid mir gegrüßt, vieledle Herrn und Damen,
Die huldreich unsre Bitte ihr erhört!
O zürnet dem nicht, was wir unternahmen;
Im voraus sei uns Nachsicht schon gewährt,
Es ist nicht eitler Ruhm, um den wir werben,
Was Mitgefühl nur gab uns kühnen Mut:
Wir sahen gähnen dräuendes Verderben,
Und rufen euch zu Hilfe – o seid gut!

Ihr alle wißt, wie jüngst entfesselt heulte,
Dämonen gleich, ein rasender Orkan;
Wie jeder angstvoll zu den Seinen eilte
Und rief den Himmel um Bewahrung an.
Euch allen hat er gnädig sie gewähret,
Schonend lenkt' seine Hand des Sturmes Wut.
Was schuldet ihr Ihm, daß Er euch erhöret?
Wie dankt ihr Ihm für seine treue Hut?

O schaut auf die, in deren dürft'ge Habe
Der Sturmesengel warf den Feuerbrand,
Und leget eures Dankes Opfergabe
Mit mildem Sinn in unsre offne Hand.
Ach, köstlich ist's, zu trocknen Kummerzähren,
Dem hart Betroffnen hilfreich beizustehn.
Dies stille Glück euch allen zu vermehren,
Laßt mich auch heute nicht vergebens flehn!

Nun hob sich eine zweite Gardine und ließ ein lebendes Bild sehen. Im Hintergründe ein brennendes Haus, das durch eine grellrote bengalische Flamme den Anschein der Wirklichkeit erhielt; zu beiden Seiten mit Retten beschäftigte Leute, vorn auf den Trümmern ihrer Habe kniete eine Bäuerin, an die ihr Kind sich angstvoll klammerte, während sie selbst die gefalteten Hände flehend zum Himmel emporhob. Das Kind war das wirkliche Lieschen, die Frau wurde durch Marie dargestellt, die sehr hübsch und ansprechend aussah. Dazu erklang hinter der Scene das Engelterzett, in welchem ein anderes junges Mädchen meine Stimme übernommen hatte. Lautlose Stille unter den Zuschauern – der Vorhang fiel, die letzten Töne verhallten, dann brach lebhafter Beifall aus, und da-capa-Ruf wurde laut. Hierauf betrat Dr. Kron eine kleine Estrade, die seitwärts aufgestellt war, und hielt seinen Vortrag, den er der Gelegenheit sehr hübsch und fein angepaßt hatte. Er knüpfte daran an, daß die Gegend hier noch zum großen Teil von Polen bewohnt sei, daß es also nicht uninteressant erscheinen dürfte, dieser Nation und ihrem Geistesleben einige Aufmerksamkeit zu schenken. Die von mir übertragenen Bruchstücke waren der lichtvollen Darstellung slavischer Kulturzustände eingefügt, und den Schluß bildeten einige kleinere Gedichte, denen sich, wie Illustrationen, mehrere lebende Bilder anschlössen. Besondern Beifall fand folgende Dichtung:

Die Berberitze. (Aus dem Polnischen)

Im Hain an des blauen Baches Rand
Eine schlanke Berberitze stand.
Der Tau ihre Speise, der Regen ihr Brunn,
Sie badet ihr Laub in der Maiensonn',

Und als der Sommer gekommen war,
Da flocht sie sich rote Korallen ins Haar
Und schmückte sich hold, wie ein Mägdelein,
Und schaut' in des Wassers Spiegel hinein.

Es kämmt ihr der Wind das lange Haar,
Es wascht ihr der Tau die Äuglein klar.
Und Hans am Rande des Baches sitzt
Und sich eine Flöte aus Weiden schnitzt.

Drauf bläst er lange wundersam,
Gelehnt an der Berberitze Stamm,
Er sang ein Lied so schwermutsvoll,
Das leis durch den tauigen Morgen scholl.

Die Berberitze im grünen Gewand
Gleich einem Mädchen lauschend stand.
Doch im Herbst, da senkte im dunklen Schrein
Mit schwarzem Kreuz den Hans man ein.

Wie hat ihn die Berberitze geliebt!
All' ihre Blätter ins Grab sie ihm giebt,
Ins Wasser warf sie voll Leid die Korallen –
Sie wollte nun keinem mehr gefallen!

Das Bild stellte einen Wald dar; in seinem Schatten saß, in Träumerei versunken, ein hübscher Bauerbursche und blies die Flöte. Hinter ihm ragte aus dem grünen Dickicht ein liebliches Köpfchen hervor, die Dryade des Busches verkörpernd; die blonden Locken mit einem vollen Kranz hochroter Berberitzen geschmückt, um die Schultern eine grüne Guirlande. Der Finger war lauschend auf die Lippen gedrückt, der Kopf ein wenig vorgeneigt, wie um keinen Ton zu verlieren. Ein grünliches Licht wob einen märchenhaften Schleier um die reizende Gruppe, die lebhaft applaudiert wurde. Zuletzt wurde die Feuerscene noch einmal gewünscht, sie bildete mit dem schönen Terzett wirklich einen hübschen, harmonischen Abschluß. Als das Publikum seine Sitze verließ, stellten Rose und ich uns mit Tellern an den Eingang des Platzes und nahmen die Spenden in Empfang, die reichlich flossen. Nach dem Abendessen wandelte man im Garten auf und nieder und genoß den wunderbar schönen Abend, als plötzlich eine neue Überraschung sich aufthat, nämlich ein reizendes Feuerwerk, das Herr v. Rothenburg heimlich besorgt hatte und durch einen Sachverständigen abbrennen ließ, während ein paar Spielleute ihre Weisen dazu hören ließen. Zuletzt zog man noch einmal ins Zimmer, und es begann ein munterer Tanz, der bis Mitternacht dauerte. Alle versicherten, es sei ein reizender Abend gewesen.

Heute erhielten wir mehrere freundliche Briefchen, die mit Gold und Silber beschwert waren; unser Schatz beträgt gegen 80 Mark; das ist eine hübsche Summe, und sollte sie zur Anschaffung der Kuh noch nicht ganz ausreichen, so wird für den Rest wohl noch Rat werden.

Den 26. Juli.

Der Juli geht mit starken Schritten seinem Ende entgegen und mein hiesiger Aufenthalt auch; täglich erwarte ich Nachricht von Dir, wann Du zu Hause einzutreffen gedenkst. O geliebte Mama, wie unaussprechlich süß wird es sein, Dich wieder zu haben; mich überfällt oft eine heiße Sehnsucht danach, besonders an ruhigen Tagen, wo nichts Besonderes Herz und Gedanken in Anspruch nimmt. Hat unsere kleine Engels-Nora mich auch nicht vergessen? Papa versprach mir, mich von hier abzuholen; welch eine Freude wird es sein, ihn wiederzusehen, welch ein Glück, wenn wir alle wieder daheim beisammen sein werden!

Heute nach dem ersten Frühstück wanderte ich mit meinem Zeichenbuch hinaus; es war mir lieb, daß niemand mit mir kam, denn nach der bewegten Zeit, die wir verlebt, fühlte ich ein Bedürfnis nach Stille und Einsamkeit. Der schattige Pfad lockte mich weiter und weiter, bis ich an seinem Ende ankam, wo der Hügel steil nach einer tiefen Schlucht abfällt, auf deren Grunde ein reißender Bach dahinbraust, während gegenüber der Berg, den oben dichtes Gesträuch krönt, eben so steil in die Höhe steigt. Es ist ein romantischer Punkt, den ich besonders liebe; ich setzte mich am Fuß einer Birke nieder und versuchte die Aussicht zu zeichnen, was mir einige Schwierigkeiten bereitete. Als ich einmal aufsah, belebte eine hübsche Staffage die andere Seite; Herr v. Rothenburg, die Flinte über der Schulter, den großen Hühnerhund neben sich, erschien auf dem Kamme des Berges und grüßte mit geschwenktem Hut herüber. Dann sprang er mit elastischen Sätzen die steile Wand herunter und kletterte auf meiner Seite in die Höhe. Ich sah ihm mit Spannung zu und war froh, als er glücklich oben ankam.

»Das war ein tollkühnes Wagnis, Herr v. Rothenburg«, sagte ich, »warum gingen Sie nicht bis an das Ende der Schlucht, wo man ganz bequem herüber kann?«

»Weil ich fürchtete, die holde Nymphe dieser einsamen Stätte möchte inzwischen entflohen sein, und weil ich gern einen Augenblick mit ihr sprechen wollte.«

»Das könnten Sie im Hause leichter haben – freilich fehlt da der nymphenhafte Nimbus.«

Er setzte sich in meiner Nähe auf das Gras,

»Wollen Sie mir erlauben, Fräulein Erna, Ihnen einen Beitrag zu Ihrer Sammlung einzuhändigen, oder sind die Listen schon geschlossen?«

»Keineswegs, der Wohlthätigkeit werden keine Schranken gesetzt.«

»Ihr Appell an die Opferfreudigkeit der Zuschauer hat auch mein hartes Herz gerührt – ich möchte Ihre Verse gern zum Andenken besitzen.« »Wenn Ihr Herz weich geworden ist, haben sie ihren Zweck ja schon erfüllt, und es bedarf dieser Erinnerung nicht mehr.«

»Soll ich sie erkaufen? oder wollen Sie sie mir freiwillig geben?«

Ich zauderte, die rechte Antwort war nicht leicht zu finden.

»Ihre Gabe hat nur rechten Wert, wenn sie von Herzen gegeben wird; schmälern Sie ihr denselben doch nicht durch Bedingungen.«

Er zog ein Päckchen, das in weißes Papier gewickelt war, aus der Tasche und reichte es mir, es wog schwer in meiner Hand.

»O, Herr v. Rothenburg«, rief ich ganz entzückt, »haben Sie tausend Dank! Dies reiche Geschenk giebt uns weit mehr, als wir noch bedürfen. Wie wird sich Rose freuen – und Frau Neßler – es ist prächtig!« Ich reichte ihm in meiner Herzensfreude beide Hände, die er an seine Lippen zog. »Nun sollen Sie auch die Verse haben, ganz freiwillig, ich will sie Ihnen aufs schönste aufschreiben.«

Er nahm seine Brieftasche heraus und reichte sie mir.

»Wollen Sie sie hier hineinschreiben? dann sind sie mir eine bleibende Erinnerung an diese Stunde.«

Ich konnte doch nicht anders, als seinen Wunsch erfüllen, nicht wahr, Mama? Als ich ihm die Brieftasche zurückgab, küßte er mir wieder die Hand.

»Darf ich einen Blick auf Ihre Zeichnung werfen?« frug er, »ich bin auch ein wenig bewandert in diesen Künsten.« Ich sagte ihm, welche Schwierigkeiten ich gefunden habe; er nahm den Bleistift und hatte mit einigen Strichen dem Dinge ein ganz anderes Ansehen gegeben.

»Darf ich auch ein Erinnerungszeichen hinzufügen?«

Ich nickte, und er zeichnete mit sicherer Hand einige kleine Figuren hinein, die ihn selbst mit seinem Hunde darstellten.

»Wenn Sie später einmal dies Blättchen ansehen, so werden Sie hoffentlich auch einen flüchtigen Gedanken für den Jäger haben,« meinte er. »Ich fürchte, Sie werden uns in kurzem verlassen, Fräulein Erna?«

»Ich hoffe, mein Vater kommt in den ersten Tagen des August, um mich abzuholen.«

»Ihr Scheiden wird ein Verlust für dieses Haus sein, den jedes Glied schmerzlich fühlen wird.«

»Doch nur für wenige Tage, dann schließt sich die unbedeutende Lücke, als wäre sie gar nicht gewesen.«

»Und Ihnen ist es auch nach wenigen Tagen, als wären Sie nie hier gewesen.«

»O nicht doch!« rief ich, »ich habe hier zu viel Gutes gelernt und zu viel Freundlichkeit empfangen, um jemals dieses Haus zu vergessen, samt all den lieben Menschen, die darin wohnen.«

»Von dieser gütigen Versicherung nehme ich einen bescheidenen Anteil auch für mich in Anspruch. Darf ich mir erlauben, Ihren Eltern meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach M. komme?«

»Sie werden sich sicher sehr freuen, Sie zu sehen,« erwiderte ich; »meiner Mutter werden Sie kaum noch ein Fremder sein, sie hat durch meine Briefe schon viel von Ihnen gehört.«

»Wirklich?« sagte er und machte ein so vergnügtes Gesicht, daß ich fast erschrak; hatte ich zu viel gesagt? Ich fragte schnell, wie lange er noch hier zu bleiben gedenke?

Im Herbst geht meine Lehrzeit hier zu Ende, dann will ich noch einige größere Reisen nach England und Frankreich machen, um die dortige Landwirtschaft praktisch zu studieren. Ein Jahr später soll ich nach dem Wunsche meines Vaters einen Teil seiner Güter übernehmen und mich an die Scholle binden. Früher erschien mir diese Aussicht wenig lockend, jetzt denke ich anders.«

Mich überkam allmählich ein Gefühl, daß dieses lange tête-á-tête nicht ganz passend sein könnte, daher stand ich auf und sagte, ich müsse nach Hause. Er seufzte und meinte, die schönen Augenblicke im Leben wären immer so kurz und flüchtig, doch machte er zu meiner Beruhigung keinen Versuch, mich zu begleiten. Ich eilte, so schnell ich konnte, um Rose die Bereicherung unseres Schatzes zu zeigen; als wir das Papier öffneten, fielen zehn Goldstücke heraus.

»Hundert Mark!« rief sie staunend und schlug die Hände zusammen; »nun können wir außer der Kuh noch den ganzen Hausrat kaufen! Rothenburg ist doch ein herrlicher Mensch, und dies zeigt ihn wieder in seiner ganzen Glorie! o, ich will ihn verehren und lieben nach Herzenslust, wenn er mich auch gar nicht leiden kann, er kann es mir doch nicht wehren!«

Morgen ist Jahrmarkt im nächsten Städtchen, da sollen die Einkäufe gemacht werden. Der Inspektor will uns die Kuh aussuchen, Fräulein Lietzner, die ohnehin Besorgungen zu machen hat, will für den Rest des Geldes das Nötigste zur Einrichtung des Hauses kaufen; Rose begleitet sie, ich bleibe hier.

Den 27. Juli.

Reich mit Schätzen beladen kamen unsere Damen gestern nach Hause. Tische, Stühle, ein Schränkchen, dann Schüsseln, Töpfe, ein Butterfaß und manches andere noch hatten sie für Neßlers gekauft, es war eine ganze Ausstattung. Alles wurde in einer Stube aufgestellt, Frau Klingemann fügte ein Bett hinzu, auch kleine Vorräte von Speck, Mehl und Grütze. Heute vormittag kam der Mann, um Frau und Kind abzuholen; er hat sein Häuschen einigermaßen hergestellt, gute Nachbarn haben ihm dabei geholfen. Frau Neßler ist gesund zu nennen, die gute Pflege hat ihre Kräfte wunderbar gestärkt; sie fand selbst, daß sie den gütigen Herrschaften nicht länger zur Last fallen dürfe. Der Mann sprach seinen Dank in hübscher Weise aus und wollte sein Lebewohl daran knüpfen, als ihn Rose plötzlich beim Arme ergriff und ihm sagte, hier sei noch einiges für ihn mitzunehmen. Fräulein Lietzner folgte mit der Frau, ich mit Lieschen; die Kinder liefen daneben, und so führten wir die Familie vor die aufgebauten Schätze. Es dauerte lange, bis sie begriffen, daß dies alles wirklich für sie sein sollte; dann hatte das Entzücken keine Grenzen, und Frau Neßlers Thränen flossen so reichlich, daß mir bange wurde. Nun brachten wir sie vor die Thür, die Knaben führten die Kuh vor, die einen Kranz auf den Hörnern und eine Glocke am Halse trug. Laut jubelnd sprang Lieschen auf sie zu und klopfte sie voller Freude; dem Manne traten die Thränen in die Augen, die Frau aber war ganz überwältigt, sie ließ sich auf die Bank sinken, schlug die Hände vors Gesicht und sagte nur immer vor sich hin: »es ist zu viel, es ist zu viel.« Fräulein Lietzner setzte sich neben sie und redete ihr freundlich, aber bestimmt zu, sich zu fassen, die Freude dürfe sie doch nicht krank machen.

»O, liebes Fräulein«, sagte sie, »wie soll ich nur jemals genug für all das Gute danken?«

»Danken Sie allein dem lieben Gott dafür«, versetzte Tante Emma in ihrer energischen Weise, »aber thun Sie es mit frohem Herzen und nicht mit lauter Thränen. Die Herrschaften, die neulich hier waren, haben zusammengelegt, um Ihnen Ihre Wirtschaft neu einzurichten, sie begehren keinen Dank dafür. Nun zieht mit Gott, lieben Leute, dient ihm treu und rechtschaffen, das ist der beste Dank.«

Herr Klingemann ließ einen Wagen anspannen, die beglückte Familie lud ihre Schätze auf und nahm einen zärtlichen Abschied. Ich sah ihnen mit bewegtem Herzen nach; zum erstenmal ist es mir vergönnt gewesen, an einem guten Werke mitzuwirken, Not und Sorge lindern zu helfen. Was ich selbst dabei gethan habe, ist ja nur wenig, aber ich durfte doch mit Hand anlegen zum fröhlichen Gelingen und empfinde eine tiefe, dankbare Freude darüber. Nie will ich gefühllos an fremder Not vorübergehen, nie vergessen, wie selig es ist, wohlzuthun und mitzuteilen.

Neuntes Kapitel

Was daraus wurde

Den 30. Juli,

Tage vergehen in stillem Abschiednehmen von allem, was mir hier lieb und teuer geworden ist; ich möchte jede schöne Stelle zeichnen, um wenigstens ein schwaches Abbild davon mitzunehmen. Gestern vormittag erhielt ich einen Brief vom Papa, der mir schreibt, er käme am 31., um mich abzuholen, ich möchte für einige Stunden die Gastfreundschaft des Hauses für ihn erbitten, abends führen wir weiter, um Mama entgegenzureisen. Eine reizende Aussicht! – Ich eilte mit dieser Botschaft zu Frau Klingemann, sie nahm die Anmeldung sehr freundlich auf und sagte dann in herzlich warmem Ton:

»So bald also wollen Sie uns verlassen, mein liebes Kind? Wir werden Sie alle sehr vermissen.«

Ich küßte ihr die lieben Hände und sagte ihr, wie dankbar ich ihre Güte empfände und welchen Segen ich aus ihrem Hause davontrüge; ich wäre hier in der Schule des wirklichen Lebens gewesen, während ich bisher nur in der Welt meiner eigenen Gedanken und Träume heimisch war. Ich kann sonst nicht leicht über das sprechen, was mein Inneres erfüllt; aber diesmal floß mir das Herz über, und ich sagte ihr rückhaltlos alles, was ich unzähligemale in diesen Wochen empfunden hatte. Sie verstand mich vollkommen, küßte mich herzlich und sprach so mütterlich liebevoll zu mir, daß ich's nie vergessen werde; sie dankte mir auch für meine Freundlichkeit gegen Bruno, die mir zuerst ihr Herz gewonnen habe. Es war eine schöne Abschiedsstunde.

Als die Kinder zum zweiten Frühstück kamen, sagte ich ihnen, daß ich nun bald fortführe; sie erhoben einen wahren Klagegesang, nur Max erklärte ganz trotzig, er ließe mich nicht eher fort, als bis die Geschichte zu Ende sei. Die Mädchen schmiegten sich an mich und machten betrübte Gesichter; darüber trat Rose ein, die in der Küche beschäftigt gewesen war.

»Was ist geschehen, Kinder?« fragte sie, »ihr seht ja alle zusammen aus, als ob euch die Petersilie verhagelt sei.«

»Erna will übermorgen fort«, riefen sie.

»Schon übermorgen?« sagte Rose langsam und schien ordentlich starr vor Überraschung, »da hat sie's ja entsetzlich eilig! und natürlich freut sie sich noch darüber.«

»Ich freue mich, meine Eltern wiederzusehen, aber der Abschied von hier wird mir sehr schwer.« Sie fiel mir um den Hals und lief ohne ein weiteres Wort zur Thür hinaus.

Beim Vespern fragte Herr v. Rothenburg, ob die Damen vielleicht eine Spazierfahrt wünschten, er könne sein Reitpferd in die kleine Droschke spannen. Ich hatte große Lust, einige Punkte zu besuchen, die zu Fuß schwer zu erreichen sind; Rose war auch nicht abgeneigt, und Tante Emma war freundlich bereit, ihre Begleitung zuzusagen, ohne die wir doch nicht fahren konnten. Die beiden saßen hinten, ich neben Rothenburg, der selbst kutschierte. Es war eine schöne Fahrt; ich rief all meinen Lieblingsplätzen ein Lebewohl zu und prägte die lieblichen Aussichten noch einmal tief in meine Erinnerung ein. Rothenburg war die Liebenswürdigkeit selbst und aufs freundlichste bemüht, mich überall hinzufahren, wohin ich es wünschte. Das war auch eine Abschiedsstunde!

Heute habe ich meine Sachen gepackt und alles zur Abreise gerüstet – mir ist sehr abschieds-wehmütig zu Mut. Lebewohl, du liebes Haus, wo Tüchtigkeit und Güte wohnen, wo jeder mit ganzem Herzen seine Pflicht thut, Gott fürchtet und seinen Nächsten liebt. Hier habe ich erkannt, daß in dem einseitig geistigen Streben ein starker Egoismus verborgen liegt und daß ein Mädchen noch andere dringende Pflichten hat, als seinen Geist zu bilden, wenn es seinen Platz im Leben mit Ehren ausfüllen will. Ich habe den festen Entschluß gefaßt, nicht eher meine Feder zu einer schriftstellerischen Arbeit – sonst, das höchste Ideal meines Strebens – anzusetzen, als bis ich mir die nötigsten praktischen Kenntnisse erworben habe, damit, wenn ich einmal heiraten sollte, ich im stände sei, meinem Hause mit Umsicht und Verständnis vorzustehen. Lebt wohl, ihr guten Menschen, unter denen ich so viel Liebe und Edelsinn gefunden habe; an euch habe ich gelernt, wie man mit seinen Händen arbeiten und rastlos schaffen, und sich doch dabei ein warmes empfängliches Herz für alles Edle und Schöne bewahren kann! – – –

Erna v. Westheim an Rose Grund.

M., den 10. August.

Meine liebe Rose!

Gestern sind wir zu Hause angekommen, nachdem wir eine wunderschöne kleine Reise gemacht haben. So überglücklich ich war, mit meinen Eltern vereint zu sein, so herrliche Eindrücke ich auf der Reise empfangen habe, so sind meine Gedanken doch oft in dem lieben Lindenhorst eingekehrt und haben Euch alle in dem wohlbekannten Kreise mit inniger Liebe und treuem Gedenken aufgesucht. Heute komme ich mit einer Anfrage zu Dir, liebe Rose, mit einem Plan, der mich schon in Lindenhorst lebhaft beschäftigte und der die volle Billigung meiner Mutter gefunden hat. Du sagtest mir einmal, Du wolltest zum Herbst eine Stelle zur Stütze der Hausfrau suchen – könntest Du Dich entschließen, sie in unserm Hause anzunehmen? Unsere alte Haushälterin kann ihr Amt nicht mehr versehen und hat schon lange gebeten, es niederlegen zu dürfen; ohne eine Hilfe aber möchte Mama ihre Wirtschaft nicht führen, und die meinige reicht doch nicht aus. Alles Nähere würde Mama selber mit Dir verabreden, ich möchte nur anfragen, ob Du überhaupt Neigung hättest, diesen Vorschlag anzunehmen, und Dich versichern, daß neben den Pflichten, die Du zu übernehmen hättest, meine Eltern immer meine Freundin in Dir sehen und daß Du vollen Anteil an dem Leben in unserm Hause nehmen würdest. Ich male es mir verlockend aus, unser Zusammensein in Lindenhorst hier fortzuführen, mit Dir zu studieren und zu musizieren und all die praktischen Künste von Dir zu lernen, in denen ich so weit hinter Dir zurück bin.

Ich reiche Dir mit herzlicher Liebe die Hand; schlage ein, liebe Rose, und gieb bald einen günstigen Bescheid

Deiner

Erna.

Rose Grund an Erna v. Westheim.

Lindenhorst, den 15. August.

Liebe süße Herzens-Erna! Als ich Deinen Brief gelesen hatte, habe ich mich hingesetzt und geweint, wie noch kaum in meinem ganzen Leben; es ging mir wie Frau Neßler, als sie die Kuh sah, ich konnte mich vor Freuden gar nicht beruhigen. Und dann habe ich an Tante Emmas weise Worte gedacht: dankt dem lieben Gott dafür, aber mit frohem Herzen und nicht mit Thränen, und ich bin herumgesprungen in der Wonne meines Herzens und habe es im Triumph dem ganzen Hause verkündet, welch ein Glück mir zu teil geworden wäre. O lieber Gott, wie gut bist Du, daß Du so für ein armes Waisenkind sorgst! – O Erna, wie einzig von Dir, so an mich zu denken und Deine Mama für Deinen liebreichen Plan zu gewinnen! Ich will arbeiten und schaffen, daß es eine Lust sein soll; ich will nur für Euer Wohl und Bestes sorgen und meine ganze Befriedigung darin suchen, die treueste, gewissenhafteste, anspruchsloseste Stütze zu sein, die es je gegeben hat. Daß Du auch künftig in mir Deine Freundin sehen willst, dafür segne Dich Gott und schenke Dir das höchste irdische Glück, denn Du verdienst es.

Liebe süße Erna, wie haben wir alle uns nach Dir gesehnt, und wie vermissen wir Dich noch heute! Es ist mit Worten nicht zu sagen, welch einen Riß Deine Abreise machte. Alle Poesie schien mir mit einem Schlage aus der Welt geschafft zu sein. Lache mich nur aus, daß ich hausbackenstes aller Wesen von Poesie spreche; ich glaube, ich habe erst durch Dich eine Ahnung von diesem Artikel erhalten. Jetzt scheint mir alles trocken und nüchtern, es ist niemand mehr da, der die wirtschaftlichen Vorgänge mit großen, erstaunten Augen betrachtet, niemand, der wie aus einer andern Welt in all unser Treiben hineinschaut. Bruno sieht noch viel trüber und bleicher aus, seit er seine gelehrte Freundin verloren hat; Dr. Kron findet kein Ohr mehr für seine litterarischen Untersuchungen; die Kinder langweilen sich ohne Deine Geschichten, und Herr v. Rothenburg – doch ich schweige ja schon still, da Du über manche Punkte leicht böse wirst. Alle senden Dir die zärtlichsten Grüße, manche auch nur warme oder respektvolle, je nach ihrer Stellung. Ich mache Deiner verehrten Mutter meine tiefste Reverenz und sehe ihren Wünschen mit vollem Vertrauen und unbedingter Zustimmung entgegen.

Lebewohl, Herzens-Erna! künftig werde ich dich gnädiges Fräulein nennen; aber heute bleibe ich noch mit Gruß und Kuß

Deine glückliche Rose.

Nora Diethelm an Erna v. Westheim.

D., den 20. Oktober.

Meine Erna!

Du gehörst zu den ersten, die mein Glück erfahren, bist Du doch auf so vielfältige Weise damit verbunden, hast Du doch, bewußt und unbewußt, so viel dazu beigetragen. Was mir für immer versagt zu sein schien, das ist mir nun in reiferen Jahren zugefallen, reicher, schöner, voller, als ich es je geahnt – das Glück, von dem edelsten, besten aller Männer geliebt zu werden. Seit wenigen Tagen bin ich Freyensteins Braut. Dir, mein Liebling, ist es nicht verborgen, daß ein geheimnisvolles Band zwischen uns bestand, lange ehe wir uns kannten; aber von Herzen danke ich Dir für die zarte Diskretion, mit der Du dies Geheimnis bewahrt und es auch gegen mich nicht angedeutet hast, so daß ich ihm mit voller Unbefangenheit entgegentreten und nur den Zauber seines ganzen Wesens auf mich wirken lassen konnte. O meine Erna, wie überreich hat Gott das kleine Wagnis belohnt, das ich vor zehn Jahren in Deiner Krankheit unternahm; erst schenkte Er mir dafür Dein teures Leben und die Freundschaft Deiner Mutter, und jetzt läßt er mich dadurch das höchste Glück meines Lebens finden! Ich preise Seine unendliche Güte und bete Seine wunderbaren Wege mit dankerfülltem Staunen an!

Zwei Jahre später.

Erna v. Westheim an Frau Klingemann

Teure hochverehrte Frau!

Ihnen darf nicht eine gedruckte Karte das Glück verkünden, das Gott mir beschert hat; bei Ihnen muß ich selbst anklopfen und um Ihre Teilnahme und Ihren Segenswunsch bitten. Als Braut trete ich heute vor Sie hin, als die unsäglich glückliche Braut Waldemars v. Rothenburg. Mir ist, als müßte ich Ihnen einen besonderen Dank sagen, denn unter Ihren lieben, mütterlichen Augen fing unsere Bekanntschaft an, die uns zu so hohem Glück geführt hat.

Schon vor zwei Jahren im Herbst hatte Waldemar sich meinem Vater erklärt, doch Papa hatte ihm erwidert, wir seien beide noch zu jung, um unsere Herzen zu kennen; vor meinem achtzehnten Jahre werde er seine Einwilligung zu einer Verlobung nicht geben, die später einen von uns noch gereuen könnte. Doch stelle er es ihm frei, an ihn, den Papa, zu schreiben, wenn sein Herz ihn dazu triebe, er wolle gelegentlich Grüße gern bestellen. Das hat er treulich gethan: aus England, aus Frankreich kamen Briefe, immer hörte ich von ihm und fing allmählich an, mir manches dabei zu denken. Im letzten Jahre, in dem er sich in der Heimat niederließ, besuchte er uns einigemale, und endlich trafen wir in diesem Sommer in Bad R. zusammen. Es waren wonnige Tage, die wir dort verlebten, ihr seliger Abschluß war unsere Verlobung.

Und nun soll ich wirklich eine Hausfrau werden und einen ländlichen Haushalt regieren! Wenn Sie an die Erna denken, die in Ihrem Hause war und in allen praktischen Dingen so fremd und ängstlich herumtappte – da möchte Ihnen wohl bange werden um das zukünftige Haus des Herrn v. Rothenburg! Aber seitdem habe ich manches gelernt; die Eindrücke, die ich bei Ihnen aufnahm, sind nicht verloren gewesen. Mit Rosens Hilfe habe ich mich sehr vervollkommnet, und ich habe wenigstens einen Begriff gewonnen, wie man haushalten muß.

Wie froh bin ich, daß wir Rose haben, daß sie meiner lieben Mama bleibt, wenn ich aus dem Elternhause scheide! Sie ist die treueste Seele von der Welt und hat reichlich erfüllt, was sie versprach. Mit ihr und unserer lieblichen kleinen Nora wird Mama nicht zu einsam sein.

In der Weihnachtszeit soll unsere Hochzeit gefeiert werden; wir alle hoffen, daß Sie, meine teure mütterliche Freundin, dabei sein werden. Waldemar sendet die innigsten Grüße; wir haben den sehnlichen Wunsch, uns Ihnen persönlich als Brautpaar vorzustellen und noch einmal alle die Stätten zu durchwandeln, an denen unsre Liebe begann.

In inniger Liebe und Verehrung bleibe ich für alle Zeit

Ihre

treu ergebene Erna.

Rose Grund an Fräulein Lietzner.

Meine liebe Tante Emma!

Nun wissen Sie schon, daß unsere Erna eine glückliche Braut ist, und sind ohne Zweifel ungeheuer gespannt, etwas Näheres zu hören; ist es da nicht sehr gut von mir, daß ich alle meine Arbeit stehen und liegen lasse, um Ihnen einen langen Brief zu schreiben? Ich male es mir ganz deutlich aus, mit welcher Ungeduld Sie den Postboten erwarten, mit welcher Spannung alle um die verschlossene Posttasche versammelt sind, die nur der Hausherr öffnen darf, und mit welcher Genugthuung Sie endlich sagen: von Rose! Ihre alte Rose läßt Sie doch nicht im Stich, Sie können allezeit auf sie bauen, denn wenn sie von Natur auch ein leichter Vogel war, so hat sie doch ein treues Herz und vergißt niemals das Gute, das ihr erwiesen ist.

Ihnen beschreiben, mit welchem Gesicht Erna hier aus dem Wagen stieg, als sie von ihrer Reise heimkehrte – das kann ich freilich nicht; es lag solch ein Glanz von Glück und Seligkeit darauf, daß ich auf den ersten Blick sah, es sei etwas Großes geschehen. Sie fiel mir um den Hals und flüsterte mir zu: »Rate, Rose, was ich gethan habe!«

»Du hast dich verlobt«, sagte ich, und als sie ganz glückselig nickte und so hold errötete, wie ein Röslein, da sagte ich ohne Besinnen: »mit Herrn v. Rothenburg!« – Ich habe es ja schon seit zwei Jahren gewußt, daß er sie liebte; aber was sie darüber dachte, darüber konnte ich nie recht ins Klare kommen, denn sie hatte eine Art, kleine Neckereien und Anspielungen zurückzuweisen, daß ich mir dergleichen nur selten erlaubte.

Ein paar Tage später kam Herr v. Rothenburg, Sie wissen, ich war immer eine Verehrerin von ihm, und er konnte mich zum Dank dafür nicht leiden; jetzt finde ich ihn noch viel schöner und interessanter, als vor zwei Jahren, aber wir sind gute Freunde geworden. Das Herz geht einem auf, wenn man die beiden zusammen sieht; sie sind so strahlend glücklich und haben doch dabei noch Sinn und Gedanken für andere Menschen. Es ist ein stolzes Paar, und wenn sie über die Straße gehen, bleiben die Leute stehen und schauen ihnen bewundernd nach; auch ich kann nur sagen: sie passen füreinander, als wären sie eigens einer für den andern geschaffen. Und das will etwas sagen, denn ich weiß nicht, ob es ein Wesen, wie unsere Erna, zum zweitenmal giebt, so klug und liebevoll, so gut und engelrein. Was hat sie mir in den beiden Jahren meines Hierseins gewährt, wie schwesterlich mich in alle fremden Verhältnisse eingeführt, wie zartfühlend mir den Weg gebahnt, um ihrer Mutter näher zu kommen! Wenn ich mich jetzt im Westheimschen Hause so heimisch fühle, als ob ich ganz und für immer hierher gehöre, so ist das zum größten Teil Ernas Verdienst, und nie kann ich ihr dafür dankbar genug sein. Sie meint zwar immer, ich hatte ihr alles reichlich vergolten, dadurch, daß ich sie in das praktische Leben eingeführt hätte, aber ich glaube, sie hatte das alles auch ohne mich gelernt, denn wenn sie sich mit ganzem Herzen einer Aufgabe widmet, so gelingt sie ihr auch, und sie ist viel zu klug, um das bißchen Wirtschaften nicht mühelos zu begreifen.

In drei Monaten soll die Hochzeit sein, und wir sollen den Schmuck und das Licht unseres Hauses verlieren! Für Mütter darf es gar keinen Egoismus geben, und wenn Frau v. Westheim die Trennung überwinden kann, so werden wir andern ihrem Beispiel wohl folgen müssen. Vorher wollen Westheims mit Erna nach Ostpreußen reisen, um die Braut den Schwiegereltern vorzustellen. Es soll dort wunderhübsch und besonders das Gut des Bräutigams eine Perle unter den Gütern sein, so daß unser Liebling aus ein schönes neues Heim rechnen kann. Und wie wird die reichste Liebe von allen Seiten bemüht sein, der jungen Frau ein weiches Nestchen zu bereiten! Erna hat mir schon gesagt, daß ich sie bald besuchen müsse – und Sie können denken, wie gern ich dieser Einladung folgen werde!

Eben steckt die Köchin den Kopf herein und verlangt energisch nach Rat und Anweisung; da muß ich flink meine Mappe zuklappen und in die Küche laufen, denn wenn das Abendbrot mißrät, laufe ich Gefahr, meine junge Freundschaft mit dem Bräutigam einzubüßen. Also ade, liebe Tante Emma! mit tausend Grüßen an das liebe Lindenhorster Haus bin und bleibe ich

Ihre

treue Rose.

Zehntes Kapitel

Im Myrtenkranz

Noch einen Blick werfen wir auf die uns wohlbekannten Personen, welche an einem der letzten Tage des scheidenden Jahres an der reich und festlich geschmückten Tafel des Westheimschen Hauses vereinigt sind, um Ernas Ehrentag zu feiern. An der Spitze sitzt das junge, eben vermählte Paar, und sein Anblick ist wohl geeignet, die Herzen der beiderseitigen Eltern mit Dank und Freude zu erfüllen. Erna ist eine holdselige Braut; aus den großen Augen strahlt volle, tiefe Befriedigung; ihre ganze Erscheinung ist umflossen von dem Zauber blühender Jugend und bräutlichen Glückes. Der schöne, hohe Mann an ihrer Seite blickt mit zärtlichem Entzücken auf sein junges Weib, das schon als kaum erschlossene Knospe sein Herz gefangen nahm, um es nie wieder loszulassen. Die zwei Jahre des Wartens haben seine Liebe vertieft, sein Inneres gereift und ihm den Stempel edelster, charaktervoller Männlichkeit sichtbar aufgeprägt. – Frau v. Westheim ist immer noch eine höchst anziehende Erscheinung; ihre Blicke ruhen mit mütterlichem Stolz auf der lieblichen Tochter, doch mischt sich schon die tiefe Wehmut des Scheidens darein; verliert sie doch an ihrem Kinde zugleich eine Freundin, mit der sie in den letzten Jahren jede Empfindung, jede Ansicht teilen konnte, bei der sie immer volles Verständnis und lebendigste Teilnahme fand.

Neben ihr sitzt Regierungsrat Freyenstein und beiden gegenüber Nora, die hübscher und anmutiger erscheint, als je. Obgleich das Paar seit zwei Jahren verheiratet ist, liegt doch ein Hauch bräutlicher Zartheit und Innigkeit über ihrem Verhältnis, und Noras Auge leuchtet jedesmal heller auf, wenn es dem ihres Gatten begegnet. Die zarte Gestalt der Frau Klingemann, die kräftige Figur ihres Gatten füllen ihre Platze würdig aus; am unteren Ende der Tafel sitzt Rose Grund, ein hübsches frisches Mädchen, das mit sicherm Blick den Tisch und die Dienerschar überschaut und unmerklich die Fäden zieht, welche das Ganze leiten, daneben aber noch Zeit behält, mit ihrem Nachbar, dem Hauptmann von Lilienkron, eine lebhafte und heitere Unterhaltung zu führen.

Schon mancher Trinkspruch ist ausgebracht, in Ernst und Scherz ist das junge Paar samt Eltern und Anverwandten gefeiert; verstohlen sieht der junge Ehemann nach der Uhr und flüstert seiner Frau zu, daß es Zeit zum Aufbruch sei. Geräuschlos verschwindet sie von der Tafel, nur von ihrer Mutter gefolgt, die ihr beim Ablegen ihres Brautschmuckes behilflich ist. In Ernas traulichem Mädchenzimmer halten sich die beiden noch einmal fest umschlossen.

»Lebewohl, geliebte Mama; ade, mein liebes Vaterhaus und du, meine ganze glückliche Mädchenzeit, ade auf immerdar!« sagte Erna unter heißen Thränen, »o Mama, warum ist das Scheiden so schwer, warum ist mir in diesem Augenblick so bange, das Wohlbekannte zu verlassen und in das unbekannte Leben hinauszutreten? Werde ich die Kraft haben, es würdig auszufüllen?!«

»Laß deine Thränen fließen, mein teures Kind«, erwidert die Mutter, »sie erschrecken mich nicht. Bald werden sie trocknen, wenn das neue reiche Glück die Oberhand gewinnt, wenn der Zauber des eignen Hauses dich umfängt. Du hast es längst erkannt, daß das Leben aus verschiedenen Elementen gemischt ist: Freude und Leid, Irdisches und Himmlisches, geistliche und leibliche Bedürfnisse, jedes verlangt sein Recht, und es ist vor allem die hohe Aufgabe der Frau, das scheinbar Widersprechende in Harmonie aufzulösen. Ein unablässiges Streben nach dem Höchsten und Besten, ein liebevolles Versenken in das Kleine – das sind die Wege, die uns zum Ziele führen, nur auf ihnen wird die Frau zu einer ebenbürtigen Gefährtin ihres Gatten und zu einer treuen Hüterin seines häuslichen Glücks. Ich vertraue dir, daß du sie mit Gottes Hilfe gehen, daß du auf ihnen glücklich sein und glücklich machen wirst. Zieh hin, meine Erna, Gott geleite dich in dein neues Leben!« –

Vor der Thür hält ein eleganter Reisewagen mit einem Postillon in höchster Gala auf dem Bock; rings umher aber bildet eine schaulustige Menge Spalier. Jetzt öffnet sich die Hausthür, ein paar Diener treten an den Wagenschlag, die Fenster oben füllen sich mit geschmückten Damen, unten erscheint das junge Ehepaar. Der Herr hebt seine schöne Frau in den Wagen und breitet sorglich die warmen Decken über sie aus; sie wechseln die letzten Händedrücke mit den sie begleitenden Herren, sie winken und grüßen noch einmal herauf – dann stößt der Postillon ins Horn, die Pferde ziehen an die Menge ruft hurra! und mit einem »Glück auf« verlieren wir den Wagen aus den Augen.