Nannchen von Mainz

Erstes Kapitel.

Nannchen heißt sie, und ihre Geschichte erzähle ich gern.

Nannchen ist eigentlich kein besonderer Name in Mainz, es heißen gar viele Mädchen so. Aber Nannchen Becker ist ein besonderes Mädchen. Nicht wegen ihrer Schönheit und ihrer vollen, kräftigen Gestalt – es gibt gar viel schöne Mädchen in Mainz, zumal da draußen im Gartenfeld, wo auch unser Nannchen wohnt – aber sie hat ein besonders herzhaftes Wesen, und vor Allem kann sie lachen, daß einem dabei das Herz im Leibe vor Freude aufgeht, und wenn sie lacht, bekommt ihr Gesicht so viel kleine Drucker, besonders bei den braunen Augen, daß es eine wahre Lust ist, das zu sehen. Die mächtige Gestalt hat sie vom Vater, dem Stoßkarrcher Becker, der draußen am Rhein beim Verladen der Schiffe arbeitet und eine angesehene Figur ist; er handhabt den breiten kurzrädrigen Stoßkarren und so heißt er Stoßkarrcher. Er trägt einen langen, kragenlosen getheerten leinenen Rock, und das Schild an seiner Mütze ist immer nach der linken Seite gerückt; das gibt ihm fast etwas Verwogenes, ist aber doch nur dazu, damit die rechte Schulter immer bereit sei, Lasten aufzunehmen. Er wäre noch viel größer, wenn er nicht etwas vorgebeugt ginge von dem vielen Lastentragen; denn wo es etwas den Anderen zu Schweres zu heben gibt, heißt es: Laßt den Becker kommen! und er ist immer bei der Hand, und wo er anfaßt, ist's, als ob seine Finger Kneipzangen wären, und wehe dem, der den Becker neckt, daß er ihm einen Fünfthalerschein auszahlt mit seiner breiten Hand. Das thut er indeß äußerst selten, denn sein Ruf flößt den Genossen schon Furcht genug ein. Dabei ist er aber gutmüthig wie ein Kind und weiß an sich zu halten wie ein Mann, denn er hat vor sich selber Furcht, vor seiner eigenen Stärke; er weiß, er kann sie nicht meistern, wenn er sie losläßt.

Da draußen am Rhein ist ein seltsames Leben unter den Stoßkarrchern, auch Rheinschnacken genannt. Stundenlang liegen sie oft umher auf Waarenballen, auf Handkarren oder auch an einen Schuppen gelehnt und haben, wie man sagt, Maulaffen feil, und wenn ein Vorübergehender sie hänselt oder durch sein Aussehen zu Spott Veranlassung gibt, da hagelt's von allen Seiten spitze und klobige Redensarten. Der breite Becker that aber selten mit, nur wenn – denn wir sind in den sechziger Jahren – auf die Preußen losgezogen wird, steuert er Kraftworte bei, sonst aber nickt er nur mit seinem mächtigen, von dichten, buschigen Haaren bewaldeten Kopfe den Kameraden zu; er ist kein Freund von vielem Reden und er weiß auch, daß er etwas ungelenk darin ist. Sein besondrer Ruhm besteht darin, daß man ihm nacherzählt, er habe einmal eine Wette gewonnen. Es hieß, Niemand sei im Stande, einen Kanonenlauf auf der Schulter davon zu tragen. Der Stoßkarrcher Becker hat gewettet, daß er das vermag, und er hat die Wette gewonnen. Aber er hört auch von diesem Ruhme nicht gern reden und leugnet ihn fast gar ab, denn die Zeugen, die dabei waren, sind bereits gestorben. Der Stoßkarren, den Becker hat, ist ganz von Eisen, und er hat nicht nöthig, ein Kennzeichen daran zu machen, daß das der seinige ist, denn für jeden Anderen ist, ohne daß etwas aufgeladen wäre, der Karren an sich schon Last genug.

Wie gesagt, das Leben und Treiben der Stoßkarrcher ist ein seltsames. Oft stundenlanges Nichtsthun und dann binnen zehn, fünfzehn Minuten, so lange ein Dampfschiff anhält, das zu Berg oder zu Thal geht, eine Anstrengung, und zwar in Eile, so daß man sich nur wundern muß, wenn das Schiff wieder davon dampft, was hinein- und was herausgebracht wurde. Wenn Wein zu verladen ist, ist Becker selbstverständlich dabei, und er ist eben so behutsam als stark. Er behandelt den Wein bei aller kräftigen Handhabung mit einer gewissen Zärtlichkeit; denn was ist Leder und Getreide und Hausrath und was sonst die Menschen einander zusenden gegen den Wein! Das ist Alles gut, aber der Wein allein macht lustig, da steckt Musik drin, wie sie hier zu Lande sagen. Dann fährt er auch oft mit dem niederen, aus mächtigen Stämmen gezimmerten Verladungswagen, daran die breiten Burgunderbraunen der Direction gespannt sind, durch die Stadt und hat seine große lederne Schürze über die ganze Vorderseite des Körpers gespannt, und wenn er so auf der Deichsel steht, da passen Pferde, Wagen und Führer zusammen wie aus Einem Guß, Alles mächtig und gewaltig.

Er lacht und nickt – und das Lachen und Nicken dieses Arbeitsriesen hat etwas gar Seltsames – wenn man ihm sagt, daß er in seinem ganzen Leben noch keinen Tropfen Wasser getrunken habe. Denn es ist wahr. Und hat der Sohn des Rheines nicht Recht, daß er nur Wein trinkt, wenn er's aufwenden kann? Er hält das Sprichwort der Rheinländer: Wasser ist nicht gut in den Schuhen, wie viel weniger im Magen! Dabei ist er ein besonderer Feind des Cigarrenrauchens, er behauptet, das Cigarrenrauchen verderbe den Weingeschmack, eine gute Pfeife schade weniger.

Der Stoßkarrcher Becker hat schon vor zehn Jahren seine Frau verloren. Sein einziger Sohn Nicola ist Küfer in der Weinhandlung auf der hinteren Bleich und hat sich vor einem Jahr verheirathet. Und Nannchen – sie ist nur ein Jahr jünger als Nicola – führt draußen im Gartenfeld das Geschäft, und das ist ziemlich bedeutend und einträglich, denn sie hat die große Wäschanstalt, die die Mutter geführt, beibehalten. Man sagt, daß Becker ein vermöglicher Mann sei und sich Häuser kaufen könne; aber er legt sein Geld lieber auf Hypotheken an – da merkt die Welt nichts davon und es ist doch sicher.

Am Mittag – es wird aber der Mittag schon auf elf Uhr gesetzt, denn man muß vorher gegessen haben, ehe um halb Zwölf ein Schiff zu Thal kommt – am Mittag erhält Becker sein Essen immer von Nannchen; sie bringt es aber selten selber, sie schickt meist ein jüngeres Mädchen, aber auch ein Kind aus der Nachbarschaft. Wenn Nannchen aber einmal selber kommt, muß sie nach allen Seiten hin mit Antworten gerüstet sein; denn sie wird von älteren und jüngeren Kameraden des Vaters aufgezogen – das ist einmal so die Art der Rheinländer, immer soll es etwas zum Lachen geben. Nannchen weiß Jeden baar auszubezahlen, und der Vater, der dabei ißt und trinkt – er ißt eigentlich wenig, das Trinken ist die Hauptsache – nickt manchmal, während er ißt, und wenn er trinkt, winkt er mit der Hand, sie solle stillhalten, damit ihm vor Lachen der Wein nicht in die unrechte Kehle kommt.

Im vorletzten Sommer ging's aber seltsam her an einem hellen Morgen. Der Rhein wallte mit seinen grünen Wellen so still dahin und blitzte und funkelte, und drüben standen die Berge des Taunus wie hohe, stehen gebliebene grünblaue Wellen.

Nannchen stand beim Vater, der auf seinem Karren saß und seine Lieblingsspeise – ein fettes Stück Rindfleisch in dicker Meerrettigsauce, oder eigentlich in Meerrettiggemüse – aß. Da sagte der faule Wendel – ein Kamerad und weitläufiger Verwandter Beckers:

»Du – ist's wahr, daß du das Sprüchwort ändern willst?«

Becker antwortete nicht mit Worten, sondern richtete nur den Kopf auf und seine Mienen fragten: Was meinst du?

»Sonst hat man gesagt: Man bringt seine Tochter unter die Haube – du aber willst sie unter die Pickelhaube bringen?«

Im selben Augenblick pfiffen drei Eisenbahnen auf einmal: drüben die Taunusbahn, hüben die nach Darmstadt und die nach Worms führende. Man konnte vor Lärm nicht antworten.

Nannchen wendete sich ab und sah nach dem Rhein, und Becker, der eben noch einen guten Bissen hatte zum Munde führen wollen, steckte den Bissen mitsammt dem Löffel wieder in den Topf, stieß Nannchen an, übergab ihr den Topf und wischte sich den Mund ab.

»Hast du nicht verstanden?« fragte der faule Wendel, als die schrillen Pfiffe vorüber waren.

»Jawohl haben wir dich verstanden,« antwortete Nannchen. »Aber gib Acht, an den Pickelhauben sticht man sich.«

»Geh' du jetzt heim, Nannchen,« sagte Becker, hob ein Polster, das er zum Kohlentragen auf den Rücken geschnallt hatte, in die Höhe und legte den Kopf sammt Polster auf den Karren. Er hat nicht nöthig, dem Vetter viele Antworten zu geben; er braucht keinen Beistand, er wird mit der Sache schon allein fertig.

Nannchen ging davon und der Vater wendete sich nicht um, ihr nachzuschauen.

Becker seufzte in sich hinein und betrachtete eine kurze Weile seine Hände. Er hatte sie gestern aufgehoben, um seine Tochter zu schlagen, und er war doch froh, daß es nicht geschehen war, und er gelobte sich, daß es nie geschehen solle; aber eine böse Sache ist's und wieder brav ist's doch auch von Nannchen, daß sie heute am großen Bügeltage das Essen selbst gebracht hat. Sie sieht's ein, daß das eine Albernheit und eine Unmöglichkeit ist; sie ist immer ein gutes Kind gewesen, sie wird es bleiben – die Sache ist vorbei.

Hätte er zwei Blicke sehen und wenige Worte hören können, die da drüben nicht weit vom Dom zwischen einem Soldaten, der auf Posten stand, und Nannchen gewechselt wurden – er hätte anders gedacht. Denn der Soldat, ein baumlanger Mann mit gekrausten, dichten blonden Haaren, sagte zu Nannchen, als sie vorüberschritt:

»Wie steht's, lieber Schatz?«

»So gewiß du deinen Fahneneid hältst, so gewiß halte ich meinen Schwur,« erwiderte Nannchen rasch, kaum aufsehend, und schritt vorüber.

Draußen aber am Rhein dachte der Vater an das, was gestern geschehen war.

Schon vor Wochen hatte ihm Nicola hinterbracht, daß Nannchen einen Preußen zum Geliebten habe. Becker lachte darüber. »Kann sein, daß sie einen zum Narren hat. Das schadet nichts, sie ist gescheit und brav – da müssen ganz Andere kommen, um der den Kopf zu verdrehen.«

Gestern Abend aber war's geschehen. Als er heimkam, war Nannchen nicht da, sie war auf dem großen Trockenplatz. Er geht ihr nach, und wer steht bei ihr und hilft ihr die Wäsche einthun? und wer faßt den großen Korb an der einen Seite an, während sie die andere nimmt? Ein Preuße.

Wie er ausgesehen hat, weiß er eigentlich nicht – er sah nur die preußische Uniform. Er ging auf die Beiden zu und schrie laut – er hatte eigentlich nicht so laut schreien wollen, aber er konnte nichts dafür:

»Wir brauchen keine Hülfe! Der Preuße kann gehen und du, Nannchen, gehst voraus!«

Er nahm den schweren Korb in beide Hände und trug ihn, als wär's ein Strickbeutel, ins Haus. Nur einmal schaute er um – der Preuße setzte seine Pickelhaube auf und schnallte den Säbel um, dann ging er nach der andern Seite davon.

Drin im Hause fragte Becker:

»Was treibst Du da für Narrenspossen?«

»Ich weiß nichts.«

»Was ist denn das mit dem Preußen da?«

»Er heißt auch Becker, Wilhelm Becker.«

»Geht mich aber nichts an, wie er heißt, ich hab' nichts mit den Preußen zu thun.«

»Ich auch nicht, aber mit dem Wilhelm.«

»So?«

Lange Zeit war Alles still. Nannchen stellte dem Vater das Essen hin, aber er aß nicht, sondern stopfte sich eine Pfeife und setzte sich auf die Bank vor dem Hause.

Nannchen ging ab und zu und gab Anordnungen wegen der Wäsche; in der großen hintern Stube sangen die Mädchen beim Bügeln, aber die Stimme Nannchens war nicht dabei. Nach einer Weile – auch die Abendpfeife schmeckte ihm heute nicht – kehrte Becker in die Stube zurück und sagte vor sich hin: »Der Preuße soll mir nicht auch noch das Essen verderben.«

Er begann zu essen.

Nannchen kam herein und fragte: »Vater, soll ich Euch das Essen nicht noch ein wenig wärmen?«

»Nein, es kann kalt sein, kannst mich auch bald kalt haben.«

Nannchen stand dabei und hielt die Thränen gewaltsam zurück. Der Vater aß Alles auf bis auf den letzten Bissen.

»Darf ich Euch jetzt berichten?« fragte Nannchen, nachdem Becker die still ineinander gefalteten Hände auseinander gethan.

»Bring' ein Licht,« erwiderte Becker.

Nannchen brachte ein Licht.

»Kannst Du mir noch mit gutem Gewissen ins Auge sehen?« fragte der Vater.

»Ja.«

»So erzähle!«

»Vater – ich hab' nicht viel zu erzählen.«

»Je weniger, desto besser.«

»Vater – es sind jetzt drei Wochen, da bin ich bei der Tante in Kostheim gewesen.«

»Hab' mir's denken können! Aber weiter! weiter!«

»Der Ohm hat damals seine erste Fahrt als Steuermann auf dem »Schiller« unternommen, und wie wir da so sitzen, kommt ein Preuße herein und sagt, er habe einen Gruß auszurichten von seinem Onkel, der Hüttenmeister auf dem Hüttenwerk da drunten bei Neuwied ist, bei dem die Tante früher gedient hat. Die Tante kennt den Soldaten noch, sie hat ihn früher gesehen, wie er noch ein kleiner Junge gewesen ist. Die Tante geht in den Keller, um Wein zu holen –«

»Den Wein will ich ihr schon bezahlen,« unterbrach Becker, und Nannchen fuhr fort:

»Wie wir nun so allein in der Stube sind, sagt der Soldat, und seine Stimme hat dabei gezittert: »Das ist ein Glück vom Himmel, daß ich Sie hier treffe, Fräulein Nannchen!« Woher kennen Sie mich? frag' ich ihn. Und er sagt ganz manierlich: »Erlauben Sie, daß ich ablege,« und er thut die Mütze ab und er hat ein Gesicht so schön und so gut und getreu – Ihr habt ihn ja auch gesehen, Vater –«

»Ich hab' ihn nicht gesehen.«

»So seht ihn Euch morgen einmal ordentlich an.«

»Wird sich zeigen. Erzähl' weiter.«

»Und da erzählt er mir, daß er schon lange ein Auge auf mich hat, aber er ist nicht so keck gewesen, mich anzureden. Und da sag' ich ihm, da hat er recht daran gethan, denn er wäre bös weggekommen. Und da haben wir Beide gelacht, ich weiß nicht warum, aber wir haben mit Lachen nicht aufhören können. Jetzt kommt die Tante mit dem Wein, wir stoßen mit einander an und er erzählt mir, daß er ausgekundet habe, wo wir wohnen und wie ich heiße, und daß er auch Euch kennt, Vater, so von Ansehen –.«

»Er soll mich schon noch anders kennen lernen! Aber erzähl' weiter.«

»Ja, ich bin eigentlich fertig. Die Tante hat immer zugeredet, wir sollen doch auch trinken, aber Wilhelm hat kaum ein halbes Glas getrunken und hat immer gesagt: er meine, er brauche jetzt sein Leben lang nicht mehr essen und nicht mehr trinken, und gut und ordentlich und brav hat er gesprochen und hat auch erzählt, daß er ein Schreiner ist – sie heißen's aber Tischler – und wie ich fortgegangen bin, hat er um die Erlaubniß gefragt, ob er mich begleiten darf. Und so sind wir mit einander gegangen. Wir haben einander nicht geführt, und was er gesagt hat, war rechtschaffen und schön, und wie wir hinauskommen an den Main, da hat er mich gefragt: »Erlauben Sie, daß ich einen Kahn nehme?« Ich habe nichts dagegen, und wie wir einstiegen, sagt der Fährmann: »Ich wünsch' Glück und Segen! Das ist einmal ein Paar, das zusammen paßt.« Wir sind Beide so erschrocken, daß der Kahn geschwankt hat, und wie wir in den Rhein hinaus kommen, geht die Sonne unter und wir fahren auf lauter goldenen Wellen dahin und er sagt: »Wenn Alles das lauter Gold wäre und Alles das wär' mein, möcht' ich doch keine Andere auf der Welt haben, als die da neben mir sitzt,« und da hat er zum erstenmal meine Hand angerührt und ich hab' sie ihm gelassen, und so sind wir dahin gefahren und haben kein Wort gesprochen, und so sind wir ausgestiegen und sind durch die Stadt gegangen und ich hab' ihn am Arme gefaßt und da draußen am Gartenzaun hab' ich ihm den ersten Kuß gegeben, und nie in meinem Leben geb' ich einem andern Mann einen Kuß, als Euch, Vater, wenn Ihr Ja und Amen sagt!«

»Weißt Du, was ich für ein Amen sage?« schrie da der Vater, richtete sich auf und hob beide Fäuste über das Haupt des Kindes empor. »Damit sag' ich Dir Amen, Dir –«

»Vater, das thut Ihr nicht, Ihr thätet es Euer Leben lang bereuen, wenn Ihr mich geschlagen hättet,« entgegnete Nannchen.

Becker ließ die Hände sinken, ging wieder still hinaus vor das Haus, setzte sich auf die Bank und rauchte bis Mitternacht. Die Sterne funkelten über ihm, die Nachtigall sang im Busch, fern vom Rhein herauf hörte man das Stampfen eines Schleppschiffes, als ob ein Ungeheuer herankäme, und von den Festungswällen her den Ruf der Wachen von Posten zu Posten. Er ärgerte sich, daß er so lange hier saß, während er doch schon um drei Uhr im Freihafen am Rhein zum Verladen eines Niederländer Schiffes sein mußte. Er legte sich nicht mehr zu Bette, sondern ging gerades Wegs nach dem Rhein und schlief noch ein Paar Stunden auf Kaffeesäcken im Schuppen.

An Alles das dachte Becker, bevor er einschlief, und es war ihm bang, was dadraus werden soll. Mit Gewalt ist da nichts zu zwingen, und andere Mittel kennt er nicht, wenn nicht Nannchen von selbst zur Einsicht kommt. Heute, zum erstenmal, überhörte er die Anlandungsglocke, man mußte ihn wecken, da eben das Schiff jene schöne, zierliche Drehung machte, um an der Landungsbrücke anzulegen. Becker war schnell auf seinem Posten.

Zweites Kapitel.

Als wieder Zeit zum Ausruhen war und unser Stoßkarrcher wieder müßig dasaß, wälzte sich eine Last auf ihn, die viel schwerer war, als alle, die er da aus- und eingeschleppt hatte.

Ja, die Frau, dachte er vor sich hin und betrachtete seine breiten, starken Hände – ja, die Frau, wenn die Einem wegstirbt, von Mann und Kindern weg, da ist's doch, wie wenn Einem ein Auge ausgeschlagen und eine Hand abgehackt würde. Er drückte sich mit der Hand eine Weile die Augen zu, und weiter gingen seine Gedanken und sprachen: Wenn sie noch lebte, wäre das nicht geschehen und Du säßest nicht da draußen und müßtest sorgen und denken, was daheim vorgeht. Ein Mädchen hüten! Ja, wenn es sich nicht selbst hütet, nützen alle Wächter, Schloß und Riegel nichts. Kannst ohne Sorge sein, Nannchen ist brav und stolz, sie vergibt sich nichts. Aber wer weiß, was so ein pfiffiger Preuße – denn pfiffig sind sie – –

Lange saß der Stoßkarrcher Becker da, machte bald die Augen auf, bald schloß er sie gewaltsam: wenn er die Welt umher sah, war's ihm nicht recht, und wenn er die Augen schloß und nichts sah, wurde er immer so ängstlich. Er war ärgerlich auf sich, denn er mußte sich bekennen, daß er zu solchen Sachen nicht gemacht sei.

Plötzlich stand er auf, ging auf einen Bettler zu, der nicht weit von der Anlände auf der Brücke saß und seine Krücke neben sich gelegt hatte. Becker schaute sich rasch um und gab dem Bettler eine Gabe.

Schon viele Jahre saß der Bettler da, Becker hatte ihn gesehen und kaum beachtet, wie viel weniger wär's ihm je eingefallen, ihm eine Gabe zu schenken. Heute that er's. Und ich kann sagen, warum, denn Becker hat es selbst erzählt: er war ärgerlich auf sich. Er hatte sich beim Ausschauen einmal plötzlich gewünscht, wenn er nur der lahme Bettler wäre, der Niemand auf der Welt hat, aber auch keine Sorgen. Und im schnellen Besinnen, daß das doch eine Versündigung sei, ging er auf den Bettler zu und schenkte ihm unversehens eine Gabe, als hätte er damit den sündhaften Wunsch abgekauft und gesühnt.

Später als sonst kehrte Becker am Abend heim, er aß und trank aber wohlweislich vorher in der »Schippe« zu Nacht. Denn erstens wollte er's Nannchen nicht gönnen, daß sie ihm das Nachtessen herrichte, und dann fühlte er auch, daß es etwas geben könne, wodurch er gar nicht zu seinem Nachtessen komme. Denn wenn der Preuße wieder da ist – er weiß nicht, was er thut, er schlägt ihm »ein Gefach Rippen« ein.

Tief verschlossen ging er seines Weges. Er ärgerte sich, daß daheim etwas kocht, das ausgegessen werden muß, wenn er auch keinen Hunger und keinen Durst mehr hat.

Als er an der Hauptwache beim Dom vorüberkam, stand ein großer, krausköpfiger Soldat ledig an einer Säule. Es mußte etwas sein, was den Blick dahin gezogen hatte, und der Soldat that die Cigarre aus dem Munde, grüßte militärisch und sagte: »Schönen guten Abend, Herr Becker!«

Becker zuckte zusammen, schaute grimmig auf, ballte die Faust und ging weiter.

»Schönen guten Abend!« sagte er immer auf dem Wege vor sich hin. »Schönen guten Abend! Krieg' die Kränk' mit dem schönen guten Abend! Was ist das für eine Sprach!«

Jetzt hatte er etwas Bestimmtes, worauf sich sein Zorn richten konnte: er kann die hochdeutsche Sprache der Preußen nicht leiden!

Aber ein hübscher Bursch' ist es doch gewesen. Läßt sich denken, daß er einem Mädchen in die Augen sticht, und ein Maulwerk hat er gewiß auch wie ein Advokat, das haben alle Preußen, sie können Einen niederschwätzen, daß man meint, man wäre der dümmste Kerl von der Welt und sie hätten alle Weisheit mit Löffeln gegessen. Wart', ich will Dir! Und die Frechheit, mich auf dem Domplatz anzureden, wie wenn wir von Altersher Brüderschaft mit einander hätten.

Eine Beruhigung nahm indeß Becker mit nach Hause: der Preuße war heute auf Wache und für vierundzwanzig Stunden war das Haus im Gartenfeld sicher vor ihm, und derweil wird sich's schon fest machen lassen.

Als Becker heimkam, traf er seinen Sohn Nicola und seine Schwiegertochter im Hause. Er sagte mit milderem Ton, als ihm im Sinne lag, zu Nannchen, die ihm das Essen aufstellte: sie solle nur wieder abräumen, er habe schon gegessen. Die Schwiegertochter sollte nichts davon sehen und merken, was hier im Hause vorgeht. Er setzte sich vor das Haus auf die Bank, Nicola gesellte sich zu ihm und sagte, er habe schon gehört, was hier vorgehe, und der Vater werde ihm nun wol glauben.

»Ich will Dir etwas sagen,« erwiderte der Vater und rieb sich dabei mit beiden Händen die Kniee, in denen eine ungewöhnliche Müdigkeit saß – »mische Du Dich gar nicht in die Sache; das Nannchen und ich werden schon allein mit einander fertig!«

Und so ging der Abend still vorüber.

Als sich der Vater niedergelegt hatte, kam Nannchen noch einmal in sein Zimmer und sagte:

»Vater, ich will, daß Ihr um meinetwillen gut schlafen sollet. Und so sag' ich Euch, daß ich mit dem Wilhelm kein Wort mehr rede, bis Ihr mit ihm geredet habt. Gute Nacht.«

»Schönen guten Abend!« erwiderte Becker und legte sich auf die andere Seite, indem er in sich hineindachte: Da kannst Du lange warten!

Am Morgen, als er vor Tag aufstand, war Nannchen, wie immer, zu Wege; die Beiden sprachen kein Wort mit einander von der Hauptsache und Becker ging an seine Arbeit.

Tag um Tag verging, als wäre nichts geschehen.

Endlich am zweiten Sonntag sagte Nannchen:

»Vater, den Brief hat mir der Wilhelm geschrieben.«

»So? Also schreiben kann er auch?«

»Ja und prächtig, er ist gut geschult.«

»Ja ja, die Preußen können schreiben und schwätzen! Was schreibt er denn?«

»Leset selber.«

»Nein, Du weißt, ich bin mit dem Geschriebenen – lies Du vor!«

Nannchen las:

»Herzinnig Geliebte!«

Becker nickte – das fängt gut an!

»Ich vergehe vor Kummer, da ich Dich nicht mehr sehen und hören und Deine liebe Hand halten soll. Ich bin heute aus dem Arrest gekommen, wo ich bei Wasser und Brod habe vierundzwanzig Stunden sitzen müssen, weil ich's versäumt habe, vor dem visitirenden Major heraus zu rufen. Ich sehe und höre gar nichts mehr recht, ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Wenn Du nicht willst und Du willst das gewiß nicht, daß ich mir eine Kugel durch den Kopf schieße –«

»Pfui Teufel!« warf Becker ein und spie weit aus.

»– so veranlasse, daß ich Deinen Vater endlich spreche. Ich gehe heute Mittag zur Tante nach Kostheim. Dort kann er mich treffen, wenn Du mich nicht zu Euch ins Haus rufen lassen willst. Ich beschwöre Dich bei dem Andenken an Deine Mutter und bei Deiner Liebe zu mir, laß nicht länger verschmachten

»Deinen Dich bis in den Tod liebenden

Wilhelm Becker.«

Nannchen hatte gelesen. Der Vater saß lange stumm, die geballte Faust auf den Tisch gelegt, und sprach kein Wort.

»Was wollet Ihr thun?« fragte Nannchen endlich.

»Dunnerkeil! Der Preuße soll mich kennen lernen und die Tante auch!« erwiderte der Vater.

»Ihr werdet nichts thun, was nicht recht ist,« erwiderte Nannchen. »Ich kann mich auf Euch verlassen, wie Ihr auf mich. Und Vater, bringet die Sache in Ordnung! Ihr könnet ja nicht wollen, daß ich ungetreu an Euch bin.«

»So? Also daraus machst Du Dir nun eine Ehre, daß Du nicht ungetreu an mir bist? Ich hab' Dir zu lieb nicht wieder geheirathet, und jetzt seh' ich, es wär' besser, ich hätt's doch gethan, da hätt' ich doch eine Menschenseele auf der Welt, die bei mir bleibt.«

»Vater, ich verlaß Euch nicht.«

»Schon gut.«

Becker ging nach seinem Geschäfte an den Rhein, nahm aber in einem Bündel bessere Kleider mit, um sich draußen in einem Schuppen, wenn die Arbeit vorüber, sonntagsmäßig anzuziehen.

Nannchen saß zu Hause und ordnete die Bücher, aber oft gingen ihr die Augen über; doch sie duldete keine Weichlichkeit an sich, und nachdem sie ihre Arbeit vollendet hatte, ging sie noch einmal in ihre Kammer und wusch sich, als wäre sie eben erst vom Bett aufgestanden. Dann ging sie hinaus in den Garten. Die beiden Wächterhunde kamen zu ihr und schmiegten sich an sie; sie aber las den Brief Wilhelms aber- und abermals. Dann kehrte sie in die Stube zurück und betrachtete die guten Hemden, die sie für Wilhelm gewaschen hatte.

Er ist aus einem rechtschaffenen Hause, das sieht man den Hemden an, dachte sie vor sich hin, und als die Schwägerin zu Besuch kam, war sie so heiter mit ihr wie je.

Drittes Kapitel.

Spazierengehen hatte Becker sein Leben lang nicht geübt, und als er heute über die Brücke ging, war seine Haltung auch derart, als ob er einen unsichtbaren Karren vor sich her schöbe; und schwer geladen war er, und dabei meinte er noch, alle Leute müßten ihn fragen, oder sie hätten ihn eigentlich gar nicht zu fragen, sie hätten es ihm am Gesicht ablesen können, warum er heute die Festung verläßt. Staunend betrachtete er die Gebäude in Kastell, die abseits der Eisenbahn neu gebaut waren; denn seit Jahren war er, Frachtgüter führend, nur bis zur Eisenbahn gekommen, weiter nicht.

Eine eigenthümliche Sonntag-Nachmittags-Freude lag auf dem Dorfe Kostheim. Die Kirche war vorbei, zu Mittag gegessen hatte man auch, und jetzt liegen da Stunden, die gar nichts wollen, als was man selbst will.

In den Gärten saßen die Männer hemdärmelig und rauchten, die Frauen standen an den Zäunen und plauderten, Lustwandelnde aus der Stadt zogen fröhlich dahin, und im großen Wirthsgarten spielte eine Blechmusik, daß es weithin schallte.

Becker wurde von manchen lustwandelnden Familien, die ihn kannten, freundlich bewillkommt, und sein erster Gedanke war: Du bist eigentlich selber schuld, daß Dein Kind auf die Dummheit verfallen ist; du hast sie immer allein umhergehen lassen, besonders daherüber zu der Tante. Er nahm sich vor, wenn Nannchen von dem Preußen läßt, sie künftighin alle Sonntag zu begleiten, wohin sie will, und da wird man schon rechtschaffene Bürgerssöhne antreffen, und wer weiß, was daraus wird.

Als er am Hause des Schwagers ankam, schaute er durch die Fenster zu ebener Erde hinein und sah zwei Männer am Tische sitzen.

Vor ihnen stand ein blauer Steinkrug und zwei große gerippte Schoppengläser.

Vergnüglicher ist nicht leicht ein Mensch als ein Rheinschiffer am Sonntag Nachmittag daheim. Vielleicht ist der Rheinschiffer von Allen, die auf Strömen und auf dem Meere arbeiten, der Einzige, der Wein trinkt. Ein volles Bild des Behagens war der Steuermann. Da sitzt er in seiner Stube, hat die bequeme Kattunjacke an, wo auf grünem Grund sich rothe Blumen hin und her in einander schlingen, hat die blaugestickten Pantoffeln an, sie sind ein Geschenk von Nannchen. Der Vogel auf dem blühenden Birnbaum, dessen Gesang man durch das offene Fenster herein vernimmt, kann nicht so fröhlich sein als der Mann; denn er kann nur pfeifen und nicht auch Wein trinken, und noch dazu mit einem Andern, mit dem man anstoßen kann. Der Steuermann trank nicht gern allein. Um so willkommener war ihm der Gast, der gut zu sprechen verstand. Der Steuermann antwortete ihm kaum, er pfiff nur unhörbar vor sich hin, wie er das gewohnt ist, wenn er hoch oben auf dem Hinterdeck des Schiffes das Steuerrad dreht.

Ist der Mann, der beim Schwager dasitzt, vielleicht der Preuße? Was ist da lang zu besinnen! Becker trat ein und der junge Mann im schwarzen Tuchrock und weißer Weste, der beim Schwager gesessen hatte und nun aufgestanden war, wurde flammroth im Gesichte. Auch Becker spürte etwas derart, aber er nahm, wie das so seine Gewohnheit war, seine große Nase in die Hand, als wollte er sich selber zurechtführen.

»Grüß Gott, Schwager!« sagte der Steuermann. »Du wirst wol den Herr Becker schon kennen,« fügte er bei, den jungen Mann vorstellend.

Der Stoßkarrcher Becker blinzelte, während er seine Nase in der Hand hielt, zu dem jungen Manne auf, denn der war gut um einen halben Fuß höher als er, freilich nur, weil er sich so gerade hielt.

Also das ist er? zuckte es ihm durch den Sinn. Er nickte und sagte:

»Ich habe nur im Vorbeigehen mit Deiner Frau ein Paar Worte reden wollen.«

»Sie kommt gleich, setz' Dich.«

»Ich habe Sie auch schon oft gesehen,« sagte der junge Mann, »erst gestern, als ich auf Posten stand.«

Der Stoßkarrcher fand es sehr bequem, nichts darauf zu antworten, und das sagt auch am meisten, das sagt am besten: wir haben nichts mit einander zu reden. Nur war's ihm höchst unlieb, daß der Schwager Steuermann zu Hause war. Er hatte sich arge Worte, wie Faustschläge, zurechtgelegt und wollte dem Preußen sagen, daß er ihm das Genick breche, wenn er noch ein Wort oder einen Blick zu Nannchen richte.

Jetzt war auf Einmal Alles anders.

»Ich hab' da mit dem Herr Becker überlegt,« sagte der Schwager Steuermann, »und Du kannst dabei am besten helfen.«

»Es wird mir eine große Ehre sein, wenn Sie so freundlich wären und es thun möchten,« fügte der junge Mann ein.

Er hat eine gute Stimme, aber er spricht so verteufelt preußisch Deutsch, daß der Stoßkarrcher seinen ganzen rechtschaffenen Zorn wiederbekam. »Möchten! Möchten! Wart': ich will Dir möchten.« Er schwieg indeß und der Schwager fuhr fort:

»Ja, also die Sache ist die: der Herr Becker hat auf drei Wochen Urlaub genommen und da will er gern auf seinem Handwerk arbeiten.«

»Ja,« setzte der junge Mann hinzu, »ich muß allerdings wahrheitsgemäß bekennen, daß ich gern Soldat bin, aber noch lieber bin ich in meinem Handwerk. Ich habe allerdings Heimweh nach meiner Mutter und meinen Verwandten, aber noch mehr nach meinem Handwerk, und so will ich nun die Urlaubswochen in meinem Handwerk daheim sein und Hobel und Säge und Meißel in die Hand nehmen.«

Ja, Maulwerk haben die Preußen, dachte der Stoßkarrcher, aber er sagte es nicht, sondern brummte nur: »Was geht das Alles mich an? Allerdings! Allerdings! Was für einfältige Worte haben die Preußen,« brummte er in sich hinein.

»Ich habe dem Herr Becker gerathen,« fuhr der Schwager wieder fort, »beim alten Knußmann Arbeit zu nehmen, da giebt's schöne Arbeit. Du bist ja ein Schulkamerad vom Knußmann und fährst ihm oft Hölzer zu. Jetzt, da sollst Du den Herr Becker empfehlen.«

»Der Preuße ist noch nicht bei Mir empfohlen und ich glaub' nicht, daß er's wird; ich kann nichts weiter geben, was ich nicht hab'! Wo ist Deine Frau?«

»Ich weiß nicht, sie steht wahrscheinlich irgendwo an einem Gartenzaun und hält eine Schwätzete. Kannst Du mir nicht sagen, was Du hast?«

»Meinetwegen. Ich will dem Preußen nur sagen, daß ich nichts von ihm will, und mein Nannchen will auch nichts von ihm.«

»Ich müßte denn doch verlangen, daß mir Nannchen selber das sagt.«

»Ich wüßte nicht, daß Er – daß Er –« sagte Becker zum Schwager über die Achsel sprechend – »von irgendwoher ein Recht hätte, irgend etwas zu verlangen. Denn doch! Denn doch,« spottete er nach.

Glücklicherweise trat in diesem Augenblick die Frau Schwägerin herein und war überaus glücklich, die Drei so gut beisammen sitzen zu sehen.

»Ich geh' schon,« erwiderte der Stoßkarrcher, »wir sind fertig. Und Dir hab' ich nur noch sagen wollen, daß Du Dich schämen solltest, so etwas anzubandeln. Weil Dein Mann da ist, sag' ich nicht noch mehr.«

»Und das ist schon zuviel!« rief der Schwager. Er stand auf, sein Gesicht wurde roth und die rothen Blumen an seiner Jacke schienen röther zu werden und sich wie im Zorne in einander zu schlingen, als er die Arme in einander legte und fort fuhr: »Ja, schau' mich nur an, ich fürchte mich nicht vor Deinen breiten Händen. Du dauerst mich, daß Du so im Unverstand dastehst. Du fangst's gescheit an, Dein Kind ungetreu an Dir zu machen! Hast denn Du Deine Eltern vorher gefragt, wie Du mit Deiner Frau angefangen hast?«

»Ich bitt' Euch, schreit nicht so, sprecht leise!« sagte die Frau.

»Jawohl, Alles recht heimlich, recht still!« spottete der Stoßkarrcher.

»Ich bitte um's Wort,« bat der Soldat. »Ich bin nicht dazu da, um Uneinigkeit in eine Familie und Schimpfereien über die gute Frau hier zu bringen. Ich verlasse das Haus und komme nie mehr hierher.«

»Sie bleiben!« rief der Steuermann, »in meinem Hause bin Ich Herr!«

»So kann ich gehen,« erwiderte der Stoßkarrcher mit großer Mäßigung. »Was gesagt ist, ist gesagt. Adjes beisammen.«

Er öffnete die Thüre, aber in der Thüre traf er auf Nannchen.

»Was? Du da?« schrie der Vater. »Hast Du mir nicht versprochen, daß Du ohne mein Wissen nicht mehr mit ihm zusammen kommen willst?«

»Ich thu's ja nicht ohne Euer Wissen,« erwiderte Nannchen, »Ihr seid ja dabei.«

Alles lachte und auch der Vater mußte lachen, obgleich er lieber geflucht hätte.

Nannchen zog ihn wieder in die Stube und er mußte sich setzen.

Geraume Weile war Alles still. Endlich begann Nannchen:

»Vater, ich weiß, was Ihr gegen Wilhelm habt. Ihr wollt nichts von ihm wissen, weil er ein Preuße ist.«

»Natürlich!«

»Und wenn nun Jemand von Euch nichts wissen will, weil Ihr ein Hessen-Darmstädter seid?«

»Ich bin kein Hessen-Darmstädter, ich bin ein Mainzer.«

»Recht so, aber ein Deutscher dazu! Ich werde Euer Gesicht nie vergessen, wie Ihr damals ausgesehen habt, wie Ihr Anno 48 die große Deutsche Fahne vorgetragen habt.«

»Ja, und wer hat die Deutsche Kokarde herunter gerissen und mit Füßen getreten? Das haben die Preußen gethan!« schrie Becker und schlug mit der Faust auf den Tisch – er war froh, seinen Zorn einmal los werden zu können.

»Ich nicht,« sagte der junge Mann, »ich war noch nicht dabei, und wer weiß, ob's Andere gethan haben.«

»Ja,« schrie Becker und seine Lippen bebten, »ein Preuße ist's gewesen, der auf der Brücke meinem Sohn, dem Nicola, er war damals ein Schuljunge, die schwarzrothgoldne Mütze vom Kopfe gerissen und in den Rhein geworfen hat! Wär' ich dabei gewesen, der Preuße wäre nachgeschwommen! Und eh' soll man mir den Kopf herunter reißen, eh' ich –«

»Laß gut sein,« hielt der Steuermann den Schwager an, »es ist seitdem viel Wasser den Rhein hinunter gelaufen. Sind wir nicht Alle miteinander Narren!« lachte er dann. »Was geht das uns jetzt an? Da steht der Herr Becker und hat seinen bürgerlichen Rock an und morgen zieht er wieder den Soldatenrock an, wie Jeder muß. Du bist Dein Lebtag da am Ufer gewesen, Schwager, und weißt nicht, daß hinter dem Berg auch noch Leute wohnen.«

»Du bist just mein Lehrmeister nicht! Das ist wahrscheinlich die neue Mode, daß der Vater nichts gelten soll bei dem, der um seine Tochter freit!«

»Er gilt soviel, als er werth ist und aus sich macht,« erwiderte der Schwager. Der Soldat streckte die Hand aus und rief:

»Ich habe allen Respekt vor Ihnen, Herr Becker, Sie sind ein Ehrenmann.«

»Bedank mich schön, Herr Allerdings!«

Die beiden Frauen verließen die Stube, aber sie standen draußen wie eine Schutzwache, daß keine Heftigkeit mehr aufkommen konnte. Kaum war eine Viertel Stunde vorüber, als der Schwager sie wieder hereinrief.

Nannchen suchte den Blick des Vaters; er richtete das Auge nicht auf, auch Wilhelm hatte den Blick zu Boden gerichtet. Der Onkel Steuermann war allein guter Dinge und sagte:

»Ja, da haben wir wieder alte Geschichten aufgerührt. Ich werde es auch nie vergessen – ich habe das Schiff gesteuert, das damals die Abgesandten des Deutschen Reichstages von Frankfurt nach Köln brachte, von wo sie dann nach Berlin sind, um dem König von Preußen die Kaiserkrone zu geben. O, was für prächtige Männer waren da beisammen! Wo sind sie jetzt? Größtentheils unter der Erde und über die weite Welt zerstreut. Man meint doch oft, man wär' schon hundert Jahre alt, und wenn ich hundert Jahre alt werde, nie kann ich's vergessen, was für eine Fahrt das damals war; so kommt keine mehr. Hüben und drüben hat Alles gejubelt und man hat gemeint, jetzt ist alles Elend vorbei. Und da sitzen wir nun und zanken uns um des Kaisers Bart und haben nicht einmal einen Kaiser, viel weniger, daß er einen Bart hat.«

Alles lachte und der Steuermann, der sich auf seine Politik was zu Gute that, fuhr fort:

»Was thut's? Es ist anders geworden, als wir's gewollt haben, aber was thut's? Es wird Alles noch gut. Nannchen, sei auch Du ruhig, es wird auch mit Dir noch gut.«

Es schien in der That der Fall zu sein. Es wurde kein lautes Wort mehr gesprochen, und der Stoßkarrcher trank von dem vorgesetzten Wein, aber mit dem Preußen stieß er nicht an; er zog sich in den passiven Widerstand zurück, denn er sah wohl, daß er jetzt und hier nicht durchgreifen kann, es waren zu Viele gegen ihn; er war freilich stärker, als die da Alle mit einander, aber hier hilft die Körperstärke nichts. Einstweilen that er also gar nichts und ließ sich den Wein schmecken.

Der Schwager hatte eine eigene Gondel und er schlug, da noch gute Zeit war, eine Fahrt nach der Rheinau bei Biberich vor. Der Vorschlag wurde mit Freuden angenommen; der Stoßkarrcher zuckte mit den Achseln, aber er ging doch auch mit.

Man stieg ein. Nannchen setzte sich zum Vater, Wilhelm zur Tante ihm gegenüber, und der Onkel saß am Steuer. Leicht und behend schwamm die Gondel den Main hinab in den Rhein. Ringsum schwammen Gondeln mit hell gekleideten, fröhlich singenden Menschen und die Sonne schien so klar hernieder, die Wellen im Strome blitzten, die Ufer glänzten und der Stoßkarrcher Becker athmete tief auf und schaute strahlenden Antlitzes drein; es war ihm auf Einmal so frei und leicht zu Muthe, es faßte ihn etwas an, als ob es gar keine Lasten auf Erden zu schleppen und zu tragen gebe, Alles auf der Welt geht so leicht und schwimmt dahin, wie der Kahn hier auf den Wellen.

»O wie schön ist das, Vater,« sagte Nannchen, ihm ins Antlitz schauend.

»Ja,« sagte er, »und Du hast nur eine Minute dran denken können, von da fort zu gehen?«

Sie hatte nicht Zeit, etwas zu erwidern, denn Wilhelm stand auf und bat den Steuermann, ihn steuern zu lassen; er zog den Rock aus, that die Mütze ab und sagte, er habe in seiner Heimath auf der Havel auch viel gesteuert und gerudert und er pries die Schönheit seines heimathlichen Flusses mit beredten Worten.

»Pfui!« sagte der Stoßkarrcher vor sich hin und spie in den Rhein. Zu Nannchen gewendet sagte er leise:

»Da siehst Du, wie eingebildet und unverschämt die Preußen sind! Hat der die Keckheit, auf dem Rhein von der Havel zu reden, von seinem Sumpfwasser, mit dem man schreiben kann, wenn man die Feder eintunkt. Da siehst Du, in welch eine Patsche Du kommst, wenn ich Dich nicht herausziehe.«

»Ja, Vater,« erwiderte Nannchen, »das ist nichts Unrechtes. Jeder lobt sein Land, wo er daheim ist, und findet es schön, wo er jung gewesen ist, und das ist gut.«

Der Vater blickte nur mit einer bösen Wendung die Tochter an und schaute dann stumm in das Wasser. Es ist doch arg, wie ihm das Kind alle seine guten Gedanken umstößt, als wenn sie gar nie richtig gestanden hätten.

Er sah auf seine Tochter, aber sie sah ihn nicht, denn ihr Blick haftete an Wilhelm und der Vater selber mußte gestehen, daß das ein schöner Bursch war. Stramm, wie die Preußen sagen, und dazu gewandt und biegsam, die weiße Weste legt sich über einen festen Brustkasten, die Arme treten sehnig aus den aufgestreiften Hemdärmeln hervor, der Hals ist ein wenig lang, aber kräftig im Nacken, die blonden Haare sind dicht, darunter eine schneeweiße Stirne, helle, blaue Augen und wie abgezirkelt sind die rothen Backen gebräunt, und der Mund mit dem braunen Schnurrbart hat frische, rothe Lippen; das Glück, daß diese Lippen Nannchen geküßt haben, schien noch fröhlich auf ihnen zu schweben.

Man landete an der Rheinau. Die Insel lag still und menschenleer; nur ein einzelnes Gehöfte befindet sich darauf und es war Niemand daheim, als ein alter Knecht, der im Stall seinen Mittagsschlaf hielt. Der Onkel hatte aber mehrere Flaschen Wein mitgenommen, und man war bald fröhlich und guter Dinge im Grase sitzend, nur der Stoßkarrcher spottete die ganze Gesellschaft aus, die ihren Wein auf dem Boden sitzend trinkt und damit hinausfährt auf eine Insel, was man doch Alles viel bequemer in einer Wirthsstube haben kann. Am meisten ärgerte ihn dann noch, daß Nannchen und Wilhelm so gut mit einander singen konnten.

Als der Abend hereinbrach, fuhr man wieder heimwärts. Jetzt bei der Bergfahrt zeigte Wilhelm, daß er in der That gut rudern kann, und er sah schön aus, wie er so tapfer und wie spielend das Ruder regierte. Der Steuermann nickte ihm fröhlich zu, aber der Vater würdigte ihn kaum eines Blickes.

Man landete, der Vater nahm Nannchen bei der Hand, sagte »Adjes beisammen!« ließ die Anderen stehen und ging mit ihr heimwärts.

Am Abend daheim war der Vater brummig; denn es ärgerte ihn, daß die Sache nicht abgethan, ja vielleicht jetzt erst recht angefangen war. Er wußte nicht mehr, ob man ihn nicht überrumpelt habe: hat er nicht versprochen, mit Meister Knußmann zu sprechen?

Noch am Abend kam ein Brief von Wilhelm, worin dieser ankündigte: er danke sehr, daß der Vater sich erboten habe, mit Meister Knußmann zu sprechen, es sei nicht mehr nöthig; er habe durch einen glücklichen Zufall mit dem Ohm dem Meister am Ufer begegnet und er trete sofort morgen früh in Arbeit bei ihm.

»Diese schnabelschnellen Preußen haben Glück,« sagte der Vater, als er sich zu Bett legte.

Mehrere Tage war Vater Becker sehr verdrossen, und besonders ärgerlich war's, daß er in der Schippe, wo er seinen Zehn-Uhr-Schoppen trank, nicht mehr mit den Anderen auf die Preußen schimpfen konnte; er blieb dabei still, denn er wußte nicht, ob er nicht etwa doch in den sauren Apfel beißen und einen Preußen zum Schwiegersohn nehmen müßte.

Hätte er gewußt, wie viel schöne Stunden Nannchen und Wilhelm mit einander hatten am Feierabend, wie doppelt glücklich sie war, ihn nun in seiner wirklichen Lebensthätigkeit als Tischler zu sehen und wie wohlgemuth sich Wilhelm durch die Arbeit fühlte und er das Höchste hatte, was der Mensch sich wünschen kann, Arbeit und Liebe – und er wußte das ganz gut auszulegen – wie gesagt, hätte der Vater das wissen dürfen – er ahnte es vielleicht, wollte es aber nicht wissen – er wäre noch viel ärgerlicher gewesen. Schon fing Becker an, darüber zu grübeln, wie er sich am nächsten Sonntag verhalten solle; er wollte sich nicht mehr zum Spott der Menschen und seiner selbst so im Freien herumführen lassen, wo er eigentlich gar nicht dabei sein will, und doch wußte er nicht, wie er das anstelle.

Da kam am Sonntag früh, als er eben das Haus verlassen wollte, der Soldat Wilhelm Becker schön aufgeputzt, aber jetzt im bunten Rock, daher. Er grüßte soldatisch und sagte:

»Erlauben Sie, daß ich ein wenig mit Ihnen gehe? Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

»Ich mache aber große Schritte,« erwiderte Becker.

»Das kann ich auch,« entgegnete Wilhelm.

Und nun mußte der Stoßkarrcher mit dem Soldaten, der sich sehr manierlich auf die linke Seite hielt, am hellen Tage durch die Stadt gehen. Wilhelm erzählte, daß gestern Marsch-Ordre eingetroffen sei und zwar plötzlich; sein Regiment käme nach Magdeburg, es heiße, daß es Krieg gäbe in Schleswig-Holstein.

Becker sah spöttisch lächelnd auf den Soldaten.

»Die Preußen Krieg führen! Unsinn! Es ist nichts als Maulwerk. Die Preußen schlagen nie los –« Er hielt sich indeß nicht verpflichtet, seine Meinung zu sagen, stumm ging er neben dem Soldaten her, und als dieser sagte, er werde sich erlauben, noch bei Nannchen Abschied zu nehmen, nickte er – er kann's nicht wehren, ein Mädchen, das sich nicht selbst hütet, kann kein Vater hüten.

Zum erstenmal in seinem Leben stolperte heute Becker beim Ausladen und fiel platt auf den Boden.

»Das kommt davon,« sagte er, sich Kniee und Ellbogen reibend, »wenn man anderswohin denkt, als wo man ist.«

Draußen war indeß Wilhelm bei Nannchen. Sie saßen nicht müßig bei einander, Nannchen raffte dabei die Wäsche von den ausgespannten Leinen zusammen und vor Allem nahm sie die Hemden Wilhelms vor und bügelte sie dann außer der Reihe.

Nannchen nahm die Trennung mit Ruhe auf, nicht so Wilhelm. Sie versprach, zur Abfahrt mit an die Eisenbahn zu kommen; sie wollte dem Vater und aller Welt zeigen, daß sie Wilhelm zugehöre. Dieser mußte jetzt bald wieder fort, konnte aber am Abend noch auf eine Stunde kommen. Der Vater, der Steuermann und die Tante saßen in der Stube beisammen; als es Nacht geworden war, kam Nannchen und führte Wilhelm an der Hand. Sie verlangte, daß man jetzt kurz die Verlobung feiere; aber zum erstenmal fehlte ihr der Beistand des Oheims, der, bevor noch der Vater sprach, sich dagegen erklärte:

»Wenn Ihr einig seid, ist's nicht nöthig, und wenn doch vielleicht Eines vom Andern läßt, ist es besser, Ihr seid nicht verlobt gewesen.«

Dabei blieb's.

Trotz Zuredens der Tante – auch sie schien sie zu verlassen – ließ sich Nannchen nicht abhalten, noch in der Nacht zur Eisenbahn zu gehen. Der Vater sagte, er bliebe zu Hause, er schlich ihr aber doch nach. Abseits bei einem Schuppen steckte Wilhelm seinem Nannchen einen Ring an den Finger, sie küßten einander und als sie aufschauten, flog oben am Himmel eine Sternschnuppe in weitem Bogen dahin.

Die Regimentsmusik spielte lustig auf, Hurrahrufe erschallten und Nannchen sagte:

»Ich glaub' Dir und Du glaubst mir, daß wir treu zusammenhalten, und jetzt leb' wohl und halt' Dich brav und grüß' mir Deine Mutter und schreib' mir.«

Die Wagen rollten davon, das Hurrahrufen der Soldaten übertönte das Wagengerassel; dann war es plötzlich still und man hörte nichts als das Rauschen des Stromes in der Nacht, das man im Lärm des Tages nicht vernimmt. Jetzt erst weinte Nannchen, und sie wußte, daß auch Wilhelm dort im Wagen weine, aber sie wußte auch, daß er sich ebenso schnell wieder faßte, wie sie.

Sie ging heimwärts. Am Gauthor, wo nur der kleine Ausgang geöffnet wurde, begegnete ihr der Vater. Er tröstete sie und behauptete steif und fest, daß es keinen Krieg gäbe, und doch wünschte er eigentlich im Herzen, daß er Unrecht habe, und er war fast bös auf sich, daß er wünschte, der Preuße möge erschossen werden; er hatte sonst nie im Leben einem Menschen etwas Böses gewünscht. »Aber so wird man,« sagte er vor sich und knöpfte dabei seinen Rock zu, »so wird man, wenn man in unnöthige Dummheiten geräth.«

Von Magdeburg aus kam ein Brief Wilhelms mit der Nachricht, daß sie einstweilen hier in Garnison lägen, vom Kriege sei es wieder still. Als aber die Blätter von den Bäumen fielen, kam ein Brief, worin es hieß: Morgen marschiren wir! – Nannchen ging arbeitsam umher und unwillkürlich sang sie leise das Lied: Morgen marschiren wir, ade, ade, ade.

Viertes Kapitel.

Der Winterfeldzug war hart, aber viele warmherzige Briefe gingen hin und her zwischen Altona und Mainz.

Nannchen war voll Kummer über den harten Winter, in ihren Träumen sah sie oft Wilhelm erfroren im Schnee liegen, immer aber kamen aufs Neue tröstliche Briefe; sie wollte dem Vater solche zu lesen geben, er aber wollte nichts davon wissen, er war ärgerlich auf die Preußen, die so gut schreiben können.

Vom Tage vor der Erstürmung der Düppeler Schanzen kam ein Brief in das Gartenfeld bei Mainz, darin hieß es am Schlusse: »Ich gedenke Deines Wortes »halte Dich brav« – darauf kannst Du Dich verlassen. Im Kugelregen werde ich das Wort immer im Herzen sprechen, und wenn ich falle, so grüß' ich Dich im Tode viel tausendmal, und ich will nicht, daß Du Dein Leben dann wegen meiner vergrämen sollest; mache dann einen andern Mann glücklich, aber so glücklich wie mit mir wirst Du doch mit keinem, und wenn ich sterbe, so wirf den Ring, den ich Dir gegeben, in den Rhein, an dem Tag, an dem wir Alle zusammen nach der Rheinau gefahren sind. Jetzt und hier meine ich, es sei ein Traum; daß je so ein Tag über der Welt war, so herrlich und so glückselig. Ich vertraue dem Himmel, daß solch ein Tag wieder und wieder kommt. Und nun leb' wohl und gräme Dich nicht zu sehr, es kann ja, will's Gott, noch Alles gut werden. Manchem Mann geht manche Kugel vorbei, haben wir ja oft gesungen. Leb' tausendmal wohl, und wenn ich sterbe, sag' auch Deinem Vater, er soll mir verzeihen, wenn ich ihn je beleidigt habe. Leb' tausendmal wohl.«

Diesmal mußte Vater Becker den Brief auch anhören. Er sagte lange nichts, und als ihn Nannchen mit thränenvollem Auge anstarrte, brummte er endlich:

»Ich hätt's nicht geglaubt, daß ein Preuße so viel Herz hat.«

Tage und Nächte vergingen, es kam keine Nachricht. Die Siegesbotschaft war in Aller Munde, aber von Wilhelm war nichts zu erfahren. Nannchen wagte es, auf die Commandantur zu gehen; sie erbebte innerlich, als der Fourier die Liste der Verwundeten und Gefangenen vor sich hin murmelte und dabei manchmal über das Blatt weg auf die Harrende sah. Einer Namens Becker war gefallen, aber er hieß nicht Wilhelm und war nicht von der Havel. Weiter wußte man ihr keinen Bescheid zu geben. Sie schrieb nun an die Mutter Wilhelms nach der Havelstadt, aber auch diese erwiderte, daß sie ohne Nachricht und voll Sorge sei.

Auf dem vom Eis befreiten Rhein ging wieder das erste Dampfschiff. Wenn die Schiffsglocke wieder zum erstenmal klingt, ist Alles voll Fröhlichkeit; alles Leben ist wieder aufgethaut, die Welt ist wieder offen. Der Frühling war so schön, die Bäume blühten, die Vögel sangen – nichts konnte Nannchen trösten, und sie war dem Ohm bös, da er behauptete, Wilhelm sei gewiß gefangen, er habe es gescheit gemacht, sich lieber gefangen zu geben, als sich erschießen zu lassen.

»Das thut er nicht,« rief Nannchen, »lieber stirbt er.«

Endlich am Sonntag nach Ostern kam ein Brief aus Flensburg. Er war von fremder Hand und lautete:

»Liebes Nannchen! Verzeihe, daß ich Dir nicht schreiben kann. Ich habe Dir keine Nachricht geben wollen, bis es so weit vorbei ist.«

Nannchen legte es sich wie Spinnweb vor die Augen, als sie das las, aber sie wischte sich mit der Hand über die Augen und las weiter:

»Dir zu lieb habe ich lieber sterben wollen, als ein Krüppel sein. Ich weiß, Du hättest auch nicht von mir gelassen, wenn ich ein Krüppel wäre. Gott wird's mir verzeihen, ich habe weniger an meine Mutter als an Dich gedacht. Also die Sache ist so. Ich habe einen Schuß in den rechten Arm bekommen. Und es war so, daß sie mir den Arm haben abnehmen wollen. Ich habe aber fest darauf bestanden: lieber sterben, als ein Krüppel sein. Heute haben nun die Doctoren gesagt, mein Arm sei gerettet. Ob ich ihn wieder gehörig brauchen kann, das weiß man noch nicht. Liebes Nannchen, betrübe Dich nicht zu sehr, denke daran, daß ich hätte sterben können. Sei auch ohne Sorge, ich werde gut verpflegt. Die Dir diesen Brief schreibt, ist eine Frau von einem Doctor. Sie ist aus Berlin und ist eine Jüdin. Aber im Kriege sind alle Menschen gleich, sie sollten es auch im Frieden sein. Sie sieht ganz aus, wie Deine gute Freundin, die Fränz von der Gaugasse; sie hat auch kurze schwarze Locken und auch so ein gutes Herz. Und sie nimmt mir's ab, wenn ich von Dir erzähle. Sie kann aber nicht lange bei mir bleiben. Also in acht Tagen, sagen die Doctoren, kann ich von hier fortgebracht werden. Ich habe gebeten, daß man mich zu meiner Mutter bringt. Schreib' mir gleich hierher und heute über acht Tage an meine Mutter. Ich hoffe, daß Du keinen Krüppel zum Manne haben sollst. Aber es kann sein, daß ich nicht mehr auf meinem Handwerk arbeiten kann. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sag' Du mir, was Du dazu denkst und auch Dein Vater.«

Als Nannchen diesen Brief gelesen hatte, saß sie nicht still, sie ging schnell in den Garten an die Arbeit; aber kaum war sie ins Haus zurückgekehrt, als sie den Brief wieder und wieder las. Es kam ihr Alles wie ein Traum vor, und doch mußte sie sich endlich drein finden, daß es Wahrheit sei.

Als am Abend der Vater kam und Nannchen ihm den Brief vorgelesen, sagte er wiederum lange nichts, bis er sich endlich zu den Worten verstand: »Der Preuße versorgt seine Invaliden gut. Jetzt kann der Wilhelm Amtsdiener oder Chausseegeldeinnehmer in der Wasserpolackei werden, wo die Menschen zehn Monate des Jahres in Schafpelzen herumlaufen. Hast Du auch Lust dazu, Frau Amtsdienerin oder Chausseegeldeinnehmerin zu werden, wo man das ganze Jahr nichts hört als das Pfeifen des Windes und nichts sieht als einmal ein Fuhrwerk mit einem ausgehungerten Rößlein? Daß es Wein auf der Welt giebt, das ist da hinten in der Polackei ein Aberglaube.«

Nannchen betrachtete staunend den Vater, wie er so hartherzig sein kann. Sie ging aber, bevor die Festung geschlossen wurde, zur Tante nach Kostheim, übernachtete bei ihr und weinte sich aus.

Fünftes Kapitel.

Es vergingen stille Tage, Nannchen sprach kein Wort mehr von Wilhelm. Der Vater sah sie manchmal staunend an und freute und ärgerte sich über ihre Verschlossenheit. Aber sein Hauptgedanke war doch: »Es ist doch ein Kernmädel, sie läßt sich in Nichts helfen.« Er sollte auch erfahren, daß sie sich in Nichts widerstreiten läßt. Denn eines Tages, als ein Brief aus der Havelstadt gekommen war, worin es hieß, daß Wilhelm sich bei seiner Mutter befand, sagte Nannchen:

»Vater, ich habe Alles eingerichtet, das Geschäft kann fortgehen ohne mich; morgen reise ich zu Wilhelm.«

»So? Du reisest zu ihm und fragst mich gar nicht?«

»Lieber Vater, was soll ich fragen, wo ich mir doch nicht abrathen lasse?«

»Sag' nicht: lieber Vater! Wenn man das sagt, braucht man nicht mit lieber Vater anfangen. Hast Du mich verstanden? Was ist jetzt Dein Schneppepperles-Mäulchen so still? Ist denn das, was ich gesagt habe, so einfältig? So red' doch. Was weinst Du? Weinen ist keine Antwort.«

»Vater, ich möcht' nicht in Streit von Euch gehen,« brachte endlich Nannchen hervor.

»Und ich leid's nicht, daß Du so mir nichts dir nichts von mir gehst.«

»Dann muß ich's heimlich thun.«

»Heimlich?«

Er stand auf und stemmte beide Hände in die Seiten. Es kämpfte seltsam in seinem Gesichte, und endlich sagte er: »Du gehst nicht heimlich und gehst nicht allein! Du gehst mit mir, ich geh' mit Dir. So lang meine Augen offen stehen, will ich sehen, wo Du hingehst und wo Du bist und wo Du bleibst. Sei ruhig. Laß meine Hand. Was brauchst Du meine Hand zu küssen? Das ist dummes Zeug. Ich bin Dein Vater, ich geh' mit Dir. Aber red' nichts vorher davon; laß die Leute schwätzen, wenn wir fort sind. Pack' Du mir still ein, was ich brauch', morgen früh mit dem ersten Schiff gehen wir den Rhein hinab. Ich will doch auch einmal sehen, wie dort um die Ecke herum bei Bingen der Rhein aussieht. – So, jetzt ist's gut, jetzt hast Du wieder Dein gutes Gesicht. So war's bei Deiner Mutter auch. Ich hab' sie nur zweimal weinen sehen, und nachher war's so schön, wie nach einem Gewitter. So, jetzt ist aber genug geschwätzt, und wir haben ja unterwegs noch Zeit zu Allem.«

Nannchen ordnete Alles bedachtsam in Haus und Garten. Und einmal erschrak sie vor sich selber, als sie merkte, daß sie sang. Sie singt, während Wilhelm so schwer darniederliegt! Aber sie hatte ein Gefühl der Zuversicht, daß nun Alles gut werde, es kann nicht anders sein, und das Glück, daß sie mit ihrem Vater so wunderbar wieder eins und einig geworden, strahlte von ihrem Antlitze, so daß die Tante von Kostheim, die sie zu trösten gekommen war, sie staunend betrachtete. Sie wollte kaum glauben, daß der Stoßkarrcher so gut sein könne; aber sie war auch klug und sagte sofort, die Rheinreise solle wenig kosten, sie gebe dem Schwager die Freikarte ihres Mannes, der als Steuermann gar nichts für die Fahrt auf dem Schiffe zu zahlen habe.

Am frühen Morgen waren Vater und Tochter draußen am Rhein und schauten über den Strom und in die helle Landschaft. Der Vater bekam leicht Urlaub; denn er hatte ihn eigentlich noch nie in Anspruch genommen. Es waren viele Kameraden da und Becker nahm nur eine Fahrkarte bis Bingen; das war doppelt gut. Denn erstens merkten die Kameraden nicht, wohin es geht, und dann – er erklärte das Nannchen auf dem Schiff – wollte er in Bingen, wo man ihn nicht kennt, die Weiterfahrt unter dem Namen des Schwagers Steuermann machen.

»Ja Vater, könnt Ihr denn das? unter fremdem Namen reisen, und die Menschen –«

»Sag' das Wort nicht, Du hast recht, ich hab' mir auch nur eingeredet, daß ich's könnte, es ist wahr. Mag's jetzt kosten, was es will, ich bezahl' meine Personenfracht. Und die wird nicht nach dem Gewicht gerechnet,« setzte er lächelnd hinzu. »So, jetzt ist's gut. Steck' Du die Karte vom Ohm Steuermann zu Dir, damit ich sie nicht verliere.«

Und weiter ging's den Rhein hinab.

Bis nach Bingen stand Becker oben beim Steuermann und half ihm das Rad drehen. Er ist froh, daß er was thun kann.

Nannchen saß still auf der Vorkajüte. Sie las aber und abermals den Brief, dann wischte sie sich mit dem unentfalteten weißen Tuch scharf über das ganze Gesicht, als müßte sie alle Trauer daraus weg wischen, und schaute frei um. »Wie ist die Welt so schön und weit, und da droben liegt ein guter Mensch in einer stillen Kammer und hat Schmerzen ohne Ende. Aber jetzt muß er auch schon Alles leicht verwinden. Denn heute, just um diese Zeit – Nannchen hat genau auf der Post nachgefragt – erhält er den Brief mit der Nachricht, daß wir kommen. O wie schön ist es doch, daß man einander schreiben kann.«

Von Bingen an setzte sich der Vater zu seiner Tochter und sagte:

»Willst Du nicht auch ein gut Glas Wein trinken? Der Capitän hat einen guten Tropfen. Er hat mich nur die Hälfte des Fahrgeldes zahlen lassen, und ich bin dabei ein ehrlicher Mann geblieben. Jetzt bin ich einmal auch ein Engländer und sehe mir unsern Rhein an.«

Der Vater war überaus lustig und ließ sich von einem jungen Mann, der ein rothes Buch aufgeschlagen in der Hand hatte, die Städte und Burgen hüben und drüben benamsen. Nannchen war ganz glücklich, daß der Vater so munter war. Und der Tag war so schön, kein Wölkchen stand am Himmel, und der Vater rief einmal: »Riechst du nicht auch was? Ich mein', ich rieche die Weinberge, die jetzt in Blüthe stehen. Jetzt gerade vor dreißig Jahren hat's auch einen Prachtwein gegeben, damals haben wir geheirathet.«

Es lag ein feuchter Glanz in seinem Auge und er blinzelte mit den Wimpern. Denn der starke derbe Mann dachte innig an die verstorbene Frau.

Als das Schiff bei Neuwied anlegte, sagte Nannchen: »Da im Thal wohnt der Vetter Wilhelms.« Sonst sprach sie nicht von ihm; sie wollte dem Vater, der überaus heiter war, die Stimmung nicht stören.

So lustig er auf dem Rhein gewesen war, so unlustig und ärgerlich war er während der Eisenbahnfahrt.

»Da hast Du es,« sagte er zu Nannchen. »Da siehst Du, wo wir hinkommen. Und in solch einem Land willst Du bleiben?«

»Ja, was ist denn, Vater?«

»Du kannst ja lesen. Lies doch.«

Nannchen las auf dem Bahnhofe die Aufschrift: »Vor Taschendieben wird gewarnt!« und sie lachte.

»Da lachst Du?« rief der Vater, »und ich komme mir vor, wie wenn immer fremde Hände in meinen Taschen wären, und wie wenn sie mir das Herz aus dem Leibe stehlen wollten. Dunnerkeil! – das war sein Lieblingsausruf – wo sind wir hingerathen!«

Er knöpfte seinen Rock fest zu, aber ihn wieder aufreißend, rief er: »Sie haben mir schon Alles genommen, meine Brieftasche mit dem Geld ist fort!«

»Vater, was seid Ihr so aus dem Häuschen? Ihr habt sie ja mir gegeben.«

»So? ja. Du hast sie doch noch? Aber guck', ich bin Dir ganz verwirrt. Da laufen die Menschen herum, und Jeder kann ein Taschendieb sein.«

»Das kann daheim auch sein.«

Der Vater war eine Zeit lang still, dann aber schimpfte er wieder beständig auf die Preußen, die immer so eilig thun, als ob in der nächsten Minute die Welt unterginge. Nannchen hörte ihn geduldig an und bat nur, nicht so laut zu sprechen. Ein Mann aber, der im Wagen saß, hatte doch gehört, was der Rheinländer vorgebracht hatte. Der sagte ihm: »Ihr Rheinländer kommt uns fahrig vor, wie wir Euch als zu herb und streng erscheinen. Wenn wir Euch so am Rhein da draußen stehen sehen mit den Händen in den Hosentaschen, so meinen wir, in diesem etwas französisch angehauchten, leichtlebigen Wesen wäre keine rechte Arbeitslust, und doch seid Ihr in Eurer Art auch fleißig.«

»Dank' schön,« erwiderte Becker.

»Ja, Sie kommen zum erstenmal nach Norddeutschland, und ich sehe es wieder, wir Norddeutsche haben nur einen einzigen Freund.«

»So? Und wer ist das?«

»Unsere Arbeit. Die ist unser einziger Freund. Geben Sie Acht, und Sie werden sehen, wie Alles emsig ist. Man hat nicht Zeit und nicht Lust zu gutmüthigen Lässigkeiten. Wir sind hart gegen Andere, aber auch hart gegen uns.«

Der Mann stieg unterwegs aus, aber das Wort, das er gesagt hatte, blieb bei dem Rheinländer im Wagen. Die Norddeutschen haben keinen andern Freund als ihre Arbeit! Da ist doch was drin!

Als der Vater darüber loszog, daß man nirgends mehr einen guten Tropfen Wein bekäme – sie hätten nichts als Schnaps und fabricirten Wein, den sie spanischen nennen, und der französische Rothwein sei eigentlich Medicin und gar kein Wein; zudem ließen sie Einem kaum Zeit, das gebrannte Zeug zu trinken – nahm Nannchen eine große Flasche aus ihrem Handkorb und ein Glas dazu.

»Der ist noch von Daheim,« sagte der Vater. »Und Du hast doch viel von der Art Deiner Mutter. Ich weiß nicht, mir ist's, wie wenn ich jetzt den weiten Weg zu ihr reiste in die andere Welt.«

Zum erstenmal erzählte er nun der Tochter, wie er die Mutter kennen gelernt. Sie war mit dem Marktschiff angekommen, das damals noch den Main herunterkam. Er trug ihr ihre Kiste, und unterwegs sprachen sie gut mit einander. Und als sie ihm den Trägerlohn geben wollte, weigerte er die Annahme und sagte: »Nun bist Du mir was schuldig, bist Du mir gern was schuldig?« Sie nickte.

Als sich Beide was erspart hatten, kauften sie das Häuschen im Gartenfeld. Es steht freilich nur auf Zeit da; denn wenn Krieg kommt, müssen diese Häuser abgebrochen werden.

»Aber es ist ja Alles in der Welt nur auf Zeit da,« schloß der Vater, und war dann lange still.

Vater und Tochter, die immer so gut mit einander gelebt hatten, meinten, daß sie erst jetzt auf dieser Reise einander recht im Herzen hegten.

Der Vater sprach das einmal aus, indem er sagte: »Es ist doppelt hart, daß wir gerade jetzt, wo wir einander so haben, von einander lassen sollen. Sag', bin ich ein hartherziger Vater?«

»Nein, gewiß nicht.«

»So versprich mir, wenn er ein Krüppel bleibt, daß Du von ihm lässest.«

»Vater, das kann ich nicht versprechen.«

Von da an war der Vater wiederum still.

Als sie nicht weit von der Havelstadt waren, sagte der Vater, sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirn wischend: »Als was kommen wir denn eigentlich da her?«

»Vater, ich versteh' Euch nicht.«

»Die verdammten preußischen Eisenbahnen machen einen Lärm, daß man sein eigen Wort nicht hört. Nannchen, jetzt was sagen wir denn, warum wir da sind?«

»Um den Wilhelm zu besuchen.«

»Und als was?«

»Ich bin seine Braut.«

»Und was bin denn ich?«

»Sein Schwiegervater.«

»Also Du bleibst fest, auch wenn er ein Krüppel ist und den einzigen Preußenfreund nicht mehr hat? Du hast ja gehört, sie haben keinen andern Freund als die Arbeit.«

»Dann hat er mich und wir wollen schon was umtreiben. Wenn's nicht anders ist, pachten wir ein Wirthshaus.«

Als sie der weiten breiten Havel ansichtig wurden, rief Nannchen: »Vater, seht die vielen schönen weißen Schwäne!« Der Vater nickte und Nannchen fuhr fort: »Sie sind gar nicht schwarz.«

»Warum sollten sie denn schwarz sein?«

»Weil ja die Havel so schwarz ist, daß man die Feder eintunken und damit schreiben kann.«

»Du machst Dich lustig,« sagte der Vater. Er wollte sagen, Du machst Dich über Deinen Vater lustig, aber er freute sich eigentlich, daß sein Kind so gut aufgelegt sei, und er neckte sie, indem er sagte: »Die Preußen machen das Alles aus Blech, das sind blecherne Schwäne.«

Sie trafen Wilhelm schon im Stuhle sitzend an. Er rief: »Ich kann Dich nur mit Einem Arm um den Hals nehmen, aber warte nur, der andere kommt schon wieder.«

Der Vater freute sich doch über das stattliche Haus und über die gute Art der Leute und besonders über die Mutter. Ein Hauptspaß war es, als sie ihm Bierkaltschale auftischte. Einen ganzen Tag hatte er seine Lust daran, über die Ungeheuerlichkeit, daß man Biersuppe esse, zu spotten; aber er sah doch, daß es den Leuten wohlschmeckte, und es war ihm nur lieb, daß sie ihn nicht durch Zureden zwangen, das auch zu genießen. Ueberhaupt fand er, daß die Leute hier zu Lande Einem gar nicht so zum Essen und Trinken zureden. Sie stellen's hin, sagen ein kurzes Wort oder auch gar nichts; und wenn man's nicht genießt, ist's ihnen auch recht. Sie machen da nicht viel Worte: »Versuchen Sie's einmal! Sie werden sehen, es wird Ihnen schmecken,« und wie die Zuthulichkeiten heißen.

Eines Morgens sagte der Vater zu seiner Tochter: »Da, jetzt hab' ich's heraus, Du kannst nicht hier bleiben; hier gedeiht kein Rebstock.«

»Ich bin kein Rebstock.«

»Du weißt schon, was ich meine. Aber gieb Acht! Die beiden besten Dinge auf der Welt haben sie hier nicht und kennen sie nicht. Weißt Du, was ich meine?«

»Nein.«

»So gieb Acht! Sie haben keinen Wein und können nicht lachen.«

»Es freut mich, Vater, daß Ihr so lustig seid.«

»Lustig? Ich bin gar nicht lustig.«

Das war volle Wahrheit. Denn er ging im Städtchen und am Ufer der Havel umher, wie wenn ihm jeder Mensch danken müßte, daß er vom schönen Rhein dahergekommen sei; aber es dankte ihm kein Mensch, im Gegentheil, er wurde gar nicht beachtet.

Als er längere Zeit dabei stand und zuschaute, wie ein größerer Kahn, hier Schuite genannt, am Ufer gezimmert wurde, und er seine Bemerkungen machte, wie man das am Rheine ganz anders herrichte, sahen die Schiffszimmerer kaum auf den Mann und arbeiteten weiter; er glaubte sogar, daß sie höhnisch über ihn sprachen.

Wenn er dann nicht umhin konnte, Nannchen zu klagen, daß die Menschen hier gar unzutraulich seien, stutzte er, wie Nannchen ihm darlegte, daß er jetzt selber sehe, wie es Einem zu Muthe sein müsse, wenn man als Fremder betrachtet werde. Er habe daheim es den Preußen ja auch nicht anders gemacht.

Wilhelm war in den wenigen Tagen der Anwesenheit Nannchens wunderbar schnell in der Genesung vorgeschritten.

Der Vater sah, daß da nichts mehr zu ändern war, und er ging nun mit der Sprache heraus: Er habe nichts mehr gegen die Sache, aber Wilhelm solle zu ihm nach Mainz ziehen. Die Mutter aber erklärte, daß Wilhelm ihr einziges Kind sei, und sie könne ihn nicht auswandern lassen.

»Wenn er aber im Krieg gefallen wäre?« entgegnete der Vater, »dann hätten Sie ihn doch auch lassen müssen.«

»Das ist was Anderes, da kann man nichts für und wider. Der König hat ihn verlangt und unser Herrgott hat über ihn verfügt, das ist ganz anders.«

Der Vater sah die Frau verwundert an. Sie bittet ihn gar nicht, sie redet so feldwebelmäßig mit ihm. Auch in den Weibsleuten hier oben steckt was vom Soldaten.

Aergerlich ging er hinaus an das Werft, wo heute der Kahn vom Stapel gelassen werden sollte.

Wunderlich! Hier ist gar keine Lustbarkeit bei solcher Sache; sie vollführen Alles so still und trocken.

Der Stoßkarrcher trat näher.

»Gehen Sie hier weg, Männeken, Sie gehören nicht hierher,« sagte ihm einer der Arbeiter.

Der Stoßkarrcher sah ihn groß an. Soll er den Menschen in Grundsboden hineinschlagen? Aber das wollte er seiner Tochter nicht anthun. Er that nur, als ob er's nicht verstanden habe, und blieb ruhig stehen. Der Mann geht auf die andere Seite. Jetzt kommt ein Bursch, der eine Stütze anhakt.

Becker findet, daß der Mann zu nahe kommt und schreit mit mächtiger Stimme: »Geh' davon, Du! Dunnerkeil!«

Der Mann wendet sich auf den Schrei des gewaltigen Rufers, und im selbigen Augenblick bricht die Stütze, er liegt unter dem Kahn.

Ein Schreien durchdringt die Luft. Aber Becker ist schnell bei der Hand, hebt den Kahn mit übermächtiger Kraft in die Höhe, und der Eingeklemmte steht auf. Becker hält noch den Kahn eine Minute frei auf der Schulter, dann giebt er ihm einen Stoß, daß er ins Wasser rollt, das spritzend aufschäumt. Der Rock ist Becker von oben bis unten in Stücke gerissen. Da steht er nun verschnaufend und schaut sich um. Jetzt kommt der Mann, der ihn vorhin weggewiesen, auf ihn zu und sagt: »Männeken, was haben Sie hier zu thun? Sie gehören nicht hierher.«

»Männeken! Dunnerkeil! Ist das mein Dank?«

Er wettert und flucht und schimpft auf die Preußen, was er nur auf der Seele hat. Da kommt der Hafenmeister, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt: »Seien Sie ruhig, Herr Becker, ich kenne Sie noch von Mainz her, wo ich als Feldwebel in Garnison war. Es ist richtig, Sie haben den Mann angerufen, und vor Schreck ist er unter den Kahn gekommen. Aber Sie haben sich auch wieder tapfer gehalten, aller Ehre werth. Sie haben eine Kraft bewiesen, wie sie nicht leicht zu finden ist. Kommen Sie mit in mein Büreau. Ich schicke ins Haus Ihres Schwiegersohns und lasse Ihnen einen andern Rock holen.«

Als der Stoßkarrcher im Büreau saß, kam der Mann, den er gerettet hatte, und dankte ihm. Er sagte, zum Hafenmeister gewendet: »Ich glaube, der Herr verdient die Rettungsmedaille.«

Der Stoßkarrcher wußte nicht, war das Spott oder Ernst? Aber der Hafenmeister fuhr fort: »Allerdings. Und wenn Herr Becker es wünscht, so mache ich darüber Bericht an die Regierung.«

»Ist schon gut, brauch' weiter nichts.«

Und als der Stoßkarrcher in seinem andern Rock in das Städtchen ging, war er ein anderer Mensch, und alle Menschen waren anders. Die Leute nickten ihm zu. Im Hause seines Schwiegersohnes, wohin die Nachricht bereits gedrungen war, wurde er mit Jubel bewillkommt.

Der Hafenmeister kam und mit ihm noch mehrere Männer; sie luden Becker und die ganze Familie ein, da noch heller Mittag war, die erste Lustfahrt in dem neuen Kahn nach der Insel Werder zu machen. Der Arzt des Städtchens kam auch hinzu und gestattete Wilhelm bei der Fahrt zu sein. Und Nannchen rief: »Vater, seht, heut' trägt Wilhelm zum erstenmal sein Ehrenzeichen auf der Brust in die freie Luft hinaus.« Der Vater nickte zufrieden. Man ging wie im Triumphe nach dem Werft. Die schwarzweiße Fahne war auf dem neuen Schiff aufgezogen, und die Gesellschaft fuhr fröhlich von dannen.

»Das Wasser ist schön blau,« sagte Becker, mit der Hand hineinlangend, »ich hab' mir's gar nicht so gedacht.«

Nannchen und Wilhelm nickten einander zu.

Jetzt wurde auch gesungen, aber eigentlich nur Soldatenlieder, denn andere kannte die Mannschaft nicht; aber Wilhelm und Nannchen sangen mit.

Vom Wasser aus schien die neunthürmige Kirche des Städtchens hoch zu liegen, aber der Hafenmeister erklärte, daß man sich auf dem Wasser immer leicht täusche. Viele Schiffe, die ihnen begegneten, führten die rothen Backsteine, die in den überall sichtbaren hochschlotigen Ringöfen gebrannt worden. Ein Schleppdampfer kam von Hamburg her, und Becker ließ sich die Tiefe der Havel erklären. Auf der Insel staunte er nicht wenig, hier so fruchtbares Land zu finden. Der Hafenmeister legte ihm gut aus, wie das ringsum wol ehedem nichts als See und Sumpf gewesen, und daß vor Zeiten viele Holländer hier eingewandert seien, und wie man noch heute mit Fleiß und Zähigkeit Alles bebaue. Becker mußte gestehen, daß selbst am Rhein nicht schönere und reicher tragende Obstbäume seien als hier.

»Und du bist auch da?« sagte er zum Weinstock, der an den Hügeln empor kräftig stand.

»Das habe ich bei uns daheim noch nie gesehen,« sagte Becker sogar einmal, als er inmitten des Städtchens die schöne Reihe der Obstbäume sah und dahinter die wohlgepflegten reinlichen Häuser.

Mau saß unter den Linden am Marktplatz wohlgemuth beisammen. Es wurde vom heimischen Biere getrunken und Becker zu liebe, da ihm das gute, aber etwas süßliche Gebräu nicht recht munden wollte, schließlich noch Wein. Und Becker bekam nochmals ein gutes Wort, das zu dem auf der Eisenbahn sich paßte. Denn der Hafenmeister sagte:

»Merken Sie sich's, Herr Becker, es ist auch ein Gleichniß. Bei Euch am Rhein wird der Wein aus offenen Fässern, bei uns nur aus verkorkten und versiegelten Flaschen getrunken. Aber der Wein ist derselbe. Und das Menschenherz, das er erfreut, ist auch dasselbe.«

Becker stieß fröhlich mit dem Manne an.

Daheim erzählte Becker, daß da droben im Preußenland auch ganz ordentliche Menschen seien. »Und auf der Havel gehen auch gute, rechte Schiffe. Aber freilich, so lustig wie am Rhein ist es doch nicht.«

Die Reben, die schön abgeblüht hatten, gaben im Herbste wieder einen guten Wein. In Kostheim bei der Tante wurde die Hochzeit gefeiert; die Fränz von der Gaugasse war Brautjungfer.

Kurz vor der Abreise des jungen Paares erlebte der Vater nochmals einen Aerger, der sich indeß schnell wieder in das Gegentheil verwandelte.

»Wilhelm,« sagte er zu seinem Schwiegersohn. »Eins ist doch wenigstens gut, Du brauchst nun nicht mehr Soldat zu sein.«

»Ich bin Gottlob nicht invalid,« entgegnete Wilhelm, »ich stehe noch bei der Landwehr. Und das soll so sein.«

Wie gesagt, das verdroß anfangs den Vater, dann aber sagte er wie umgedreht zum Schwager Steuermann: »Es ist doch eine hartkernige und gute feste Art in den Preußen.«

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So ist diese Geschichte geschehen und aufgeschrieben vor zehn Jahren. Man könnte auch sagen, vor hundert Jahren; denn haben wir seit 1864 nicht ein Jahrhundert erlebt?