Dorfgänge

Der gottüberlegene Jakob

Die Frühmesse war vorüber, die Leute drängten aus der Kirche, verloren sich auf verschiedenen Wegen nach ihren Gehöften, oder verhielten sich wohl auch plaudernd, in Gruppen, auf dem großen Platze. Im Gotteshause blieben nur diejenigen zurück, die ein besonderes Anliegen auf dem Herzen hatten.

In der letzten Kirchenbank saß, in eine Ecke gedrückt, ein gar schmächtiges Bäuerlein; der große Hut, der neben ihm auf dem Sitzbrette lag, sah danach aus, als könne er sich über das ganze Männchen stülpen, daß nichts hervorsähe als die Schuhspitzen. Durch eine Rosette aus farbigen Gläsern, oberhalb eines Seitenaltares, fiel ein Lichtstreif quer in das Schiff der Kirche und machte die Weste des Beters in brennendem Rot aufleuchten; ein paar tiefe Falten durchfuhren sie, wie sie so schlotterig über seiner eingesunkenen Brust herabhing, und von den kugeligen, bleiernen Knöpfen fehlte einer; bleierne mußten's freilich sein, denn silberne auf einer »Armen-Leut'-Weste« haften nur an Spinnweben.

Jakob Wiesner hieß der Mann im Betstuhle. Er zeigte ein schmales, demütiges Gesichtchen, die Lider und Ränder der kleinen, beweglichen, grauen Augen waren gerötet und sahen wie verschwollen aus. Die Stirn war spitz, und über derselben hing ein dichter Schopf, der einer verkümmerten Locke glich: was sonst an Haaren gedieh, war vom Hinterhaupte nach vorn gebürstet, aber es waren ihrer nicht so viele, um den kahlen Wirbel verdecken zu können. Zwischen den Fingern hielt der Wiesner Jakob einen Rosenkranz, und sooft er mit einem Vaterunser zu Ende kam, wo andere Christen beten: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel«, murmelte er regelmäßig: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern mach mir meine kranke Kuh wieder gesund. Amen!«

Eine kranke Kuh ist eben auch ein Übel.

Vor der Kirche aber inmitten der größten Gruppe, zu der sich Landsleute von nah und fern versammelt hatten, da sprach nur einer: man hörte ihm andächtig zu, ließ sich abfragen, was er wissen wollte, und gab ihm aus Respekt nur kurze Reden, denn es war der reiche Fehringer. Ja, der kann leicht wohlgemut außer der Kirche stehen, der hat keine kranke Kuh daheim, sondern etwa fünfzig gesunde im Stalle, und würd' ihm auch eine krank, deswegen bemüht er unsern Herrgott gar nicht, sondern schickt zum Kurschmied, und soll sie ihm trotzdem verenden, so schreckt ihn auch der Wasenmeister nicht, wenn er ihm ins Haus kommt!

Ja, der Fehringer ist der Reichste, und dafür gibt er sich auch. Was alle Welt von einem weiß, das bleibt ihm selber doch nicht verborgen, und es steht jedem wohl an, wenn er weiß, wer er ist. Er war aber auch leutselig, der reiche Fehringer. Wenn er seinen Spaß hatte mit jemand, den er gut leiden mochte, so stieß er den mit der lockeren Faust in die Seite und klatschte sich dann mit der flachen Hand auf den eigenen Wanst. »So sag' ich. Nun lacht!« Da lachte er, und die andern lachten mit.

Das Rosenkranzgebet ist eine fromme Übung, wobei man ein gut Stück Zeit dem lieben Himmel opfert, vorausgesetzt, daß man überhaupt sonst etwas zu verrichten hat, aber über Schwätzen und Abhandeln, Abfragen und Zutragen, Anbieten und Abhandeln kann man sich wohl eben so lange verhalten: so geschah es, daß der Wiesner Jakob seinen Rosenkranz abgebetet hatte und über den Platz daherkam, als der Fehringer just auf sein Wägelchen steigen wollte. Wie der reiche Bauer des Alten ansichtig wurde, blieb er mit einem Fuße auf der Erde, mit dem andern stand er schon auf der Radnabe, um sich auf den Kutschbock zu schwingen.

»Na. Stiegelsteiger«, sagte er, »was ist's? Werden wir nie handelseins werden? Was macht die braune Lies'l?«

Es war das die einzige Kuh Wiesners.

»Dank' der Nachfrag', uns allzusamm' geht's gut!«

»Ist recht. Aber die Lies'l mußt mir doch noch einmal verkaufen. Die ist ganz braun und hat einen weißen Stern auf der Stirn, akkurat so hab' ich eine schwarze daheim, da mit dem weißen Tupfen« – er wies dabei die Stelle an seiner eigenen Stirn, und zwar mit so anschaulicher, dazwischen deutender Gebärde, als respektiere er auch da Hörner zu beiden Seiten –, »die zwei möcht' ich nebeneinander sehen, überleg's. Was ich schon einmal ausgesprochen hab', leg' ich dir bar auf die Hand, sobald die Kuh in meinem Stall steht. Magst sie heut oder morgen oder ein andermal hinführen, das gilt mir gleich.«

Er schlug an seinen Geldgurt. Der Wiesner Jakob lachte einfältig, wie eben ein Bauer, wenn er nicht ja oder nein sagen will, und wie er noch immer getan, wenn zwischen ihm und Fehringer die Rede auf die bewußte Kuh kam, und das geschah, sooft die beiden zusammentrafen: denn auch der Fehringer, als Bauer, meinte manches nicht oft genug sagen zu können, und geschäh' es auch mit den nämlichen Worten.

Er stand noch abwartend. »Nun was?« fragte er.

Der Wiesner fuhr sich mit den dürren Fingern unter den Hut, kraute sich seinen Haarschopf und sagte langsam: »Es möcht' schon wohl einmal sein können!«

»Ist auch recht.« Der Fehringer stieg auf und fuhr davon.

Eine Zeitlang starrte Wiesner dem Wägelchen nach, dann ging er seines Weges. Er schüttelte öfter den Kopf oder nickte vor sich hin. Es fiel ihm schwer auf das Herz, daß er den Handel mit Fehringer nicht beizeiten eingegangen war, aber bisher tat er sich nicht wenig darauf zugute, daß er dem reichen Fehringer etwas weigern konnte: doch jetzt liegt die »Lies'l« krank und wenn sie gar umsteht, so ist es der sträflichste Leichtsinn gewesen, sie nicht früher verkauft zu haben. Darum hat er gegenüber dem Fehringer so »rechtschaffen« gelogen, daß es allen gut gehe, um sich ein schadenfrohes Wort oder eine verweisende Lehr' zu ersparen.

An zwei Stunden war er gegangen, da änderte sich plötzlich die Gegend: bis dahin lagen, so weit man sehen mochte, Felder an Felder und Wiesen an Wiesen, so gerade und eben wie die Straße, die sich durch sie hindurchschlängelte, nur in der Ferne blauten hohe Berge; nun begann sich Hügel an Hügel aufzubauen, und der Weg wand sich hinauf und hinab. Wieder lag Feld an Feld und Wiese an Wiese, aber jedes Feld und jede Wiese war von einem lebenden Zaune umgeben, schmale Fußsteige durchschnitten sie der Quere nach, und wo ein Acker abschloß, stieß man immer auf etliche Stufen, die man entweder hinan oder hinab zu steigen hatte, um auf den benachbarten zu gelangen, je nachdem der höher oder tiefer lag, selbst bei den Grundstücken, die an der Straße lagen, fehlten die Stufen nicht. Auf diesen Fußsteigen hatte man oft stundenlang nach einem Gehöft zu gehen, und es ist kaum zu berechnen, welche Höhen und Tiefen einer dabei durchmaß. Darum hießen die hier Ansässigen »Stiegelsteiger« – wie der Fehringer den Wiesner angerufen hatte – oder auch »Treppelhupfer«.

Es war hoch am Mittag geworden, als der Wiesner das Grundstück erreichte, das vor seinem Anwesen lag, die vorletzten Stufen hinankeuchte und die allerletzten hinabstolperte. Es war eine gar ärmliche Hütte, auf welche er zuschritt, sie hatte bloß zwei kleine Fenster, dafür aber drei Türen: die eine neben den beiden Fenstern lag nach dem Wege zu und führte in die Küche, geradeüber, an dem Herde vorbei, gelangte man durch die andere in den Hof, die dritte öffnete sich linker Hand nach der Stube, in der hatte der Bauer nichts zu suchen, er trat in den Hofraum.

Da stand die Vroni, seine Tochter, sie zählte erst fünfzehn Jahre, aber man konnte sie leicht für zwanzig halten. Sie war gar nicht sonntäglich gekleidet, denn sie hatte nichts am Leibe als das Hemd und einen bunten Rock; sie wiegte sich in den breiten Hüften und schlenkerte den derben, runden Arm gegen die Hühner, denen sie ein paar Brotkrumen vorwarf. »Grüß Gott, Vater«, sagte sie.

Wiesner nickte. Er kam an dem Hofhunde vorüber, der an ihm hinanspringen wollte, von dem nahm er gar keine Notiz und ging nach dem Stalle.

Bei seinem Herankommen trat sein Weib unter die Tür. »Grüß dich Gott, Jakob!«

»Grüß Gott«, sagte er und sah sie fragend an.

Sie hob die Schürze nach den Augen und sagte: »Es wird nur allweil schlimmer!«

Der Bauer trat in den Stall, da lag die »braune Lies'l« auf der Streu, stöhnte und sah mit den großen Augen gar beweglich zu ihm auf.

»Jesus, Maria!« Er schlug die Hände ratlos ineinander. »Und ich hab' doch einen ganzen Rosenkranz gebetet!«

Sie gingen nach der Stube. Das Essen ward aufgetragen, das Tischgebet gesprochen, aber »es war heut alles zu viel gekocht worden«; die beiden Alten nahmen geringe Bissen und taten dazwischen schmermächtige Seufzer, nur die Vroni hielt es damit umgekehrt, denn sie wollte – wie sie sagte – nichts verderben lassen.

Gleich nach der Danksagung ging der Wiesner hinaus und sah wieder im Stalle nach. Der Rosenkranz hatte nicht gewirkt. Er trat in den Hof zurück und hob die Augen zum Himmel, als sähe er ihn darauf an, wie er es wohl mit ihm meine!

In der Tat, es hatten sich rings Wolken heraufgezogen, und es sah da oben ganz grau und recht verdrießlich aus. Ob nun das mithalf oder nicht, den Bauer kleinmütig zu machen, wer weiß es? Gewiß ist, daß er sich den hellen Schweiß von der Stirn wischte und murmelte: »Mir scheint, der Herrgott will mir dem Vieh nichts zuliebe tun!«

Er ging langsam nach dem Werkzeugschupfen, setzte sich dort auf die Schnitzbank und begann Späne zu spalten, eine Arbeit, die man sonst für den Winter aufspart und welche er wohl nur vornahm, um sich da »im Stadel« ungestört allein aufhalten zu können.

Nun brannte er seine Pfeife an, damit er auf Gedanken komme.

»Unser lieber Herrgott muß noch herumzukriegen sein, sonst ist's gefehlt. – Aber die lieben Heiligen sind ja extra zum Fürbitten da. – Die wird er doch nit aus leidigem Eigensinn um eine wohlvermeinte Ehr' bringen? – Ganz gottunmöglich! – Und dadrauf mögen sie sich wohl berufen, wenn ihnen einer nit mit leeren Händen kommt – –«

Er sah auf seine beiden eigenen, die waren allerdings nicht leer, in der Rechten war ein Schnitzmesser und in der Linken ein Span, das eine wie den andern legte er vor sich auf die Bank, die Pfeife, die ausgeraucht war, dazu, und saß stille und nachdenklich, sehr nachdenklich.

Etwa eine halbe Stunde mochte darüber vergangen sein, da spitzte er seine Lippen und begann leise einen Ländler zu pfeifen.

Ein klägliches Gebrüll unterbrach ihn.

»Heilige Mutter Anna! da gilt es Eil' und es ist keine Zeit zu verlieren!« Er hastete von der Bank empor und lief nach dem Stalle. Das Tier wand sich vor Schmerzen, er klopfte ihm begütigend den breiten Nacken und sagte: »Laß's gut sein, Lies'l, laß's gut sein, es soll schon alles noch recht werden!« –

Damit ging er zum Hause hinaus und ließ Weib und Kind und Kuh in einer Bedrängnis zurück, die »hellauf« zum Verzweifeln war; Mutter und Tochter waren vollkommen überzeugt, daß die Lies'l dieses Gefühl teilte, denn sie war ja auch »ein Weiberhaftes«.

Vorläufig ging der Wiesner allerdings nicht weit. Er entsann sich, daß eine kurze Wegstrecke ober seiner Hütte eine kleine Kapelle stand, dort wollte er fürs erste seinen Namenspatron anrufen.

Drei Mauern und ein spitzes Dach darüber bildeten eigentlich nur eine geräumigere Nische, in welcher die Statue des Heiligen und ein Betschemel Platz fanden. Es stand da das Bildnis des heiligen Peregrinus, der gegen Fußübel gut anzurufen ist, und es war ihm auch – wie aus einer Inschrift hervorging – von einem wohlhabenden Bauern aus der Gegend, dem er wieder auf die kranken Beine half, »dies Ort zu einer schuldigen Danksagung errichtet worden«.

In der Hauptsache war dem Wiesner um so ein »andächtiges Platzerl« und um den Betschemel; daß er dabei einen fremden Heiligen traf, an den er kein Gebet zu richten beabsichtigte, das war nebensächlich. Er kniete also hin, machte das Kreuz, faltete die Hände, und da er es nicht mit dem heiligen Peregrinus hatte, so blickte er auch nicht zu ihm auf, sondern sah zur Seite, während er betete:

»O heiliger Iakobus, du mein allerliebster Namenspatron! Ich bet' dir jetzt ein Vaterunser, daß du dich meiner armen Kuh annehmen möcht'st und die wieder gesund wird. Das tät' ich dich auf das allerinständigste recht schön bitten, und wenn ich die Kuh behalt', so will ich dir schon auch deine Fürsprach' gedenken!«

Wenn Heilige sich auf die Mienen der Andächtigen verstehen, so lag etwas in Wiesners verheißungsreich zwinkernden Augen, das den heiligen Iakobus wohl berechtigte, eine schöne Wachskerze zu erwarten, welche ihm zu Ehr' am Hochaltare brennen würde.

Wiesner betete vorläufig das erst versprochene Vaterunser, und als er damit zu Ende kam und nach dem Steinbilde vor ihm aufblickte, sagte er: »Schau, weil du gerad' da bist, könntest wohl auch gleich mit fürsprechen helfen. O lieber heiliger Peregrinus! Ich bet' dir jetzt ein Vaterunser, daß du dich meiner armen Kuh annehmen möcht'st und die wieder gesund wird. Das tät' ich dich auf das allerinständigste recht schön bitten, und wenn die Kuh mein bleibt, so will ich dir schon auch deine Fürsprach' gedenken!«

Ließ darauf gleich das andere Vaterunser folgen, erhob sich und ging langsam den Weg, den er gekommen, zurück.

Daheim konnte er gleich merken, daß er die Sache an dem rechten Ende angefaßt habe, denn er fand sein Weib und seine Dirn beruhigter neben der braunen Lies'l stehen, die still auf der Streu lag und keinen Schmerz äußerte.

An der Innenseite der Stalltür war ein kleines Bild aufgeklebt, aber der Dunst hatte das Papier gebräunt, den Druck und die bunten Farben bis zur Unkenntlichkeit verschmiert; das fiel jetzt dem Wiesner in die Augen, und er wußte wohl, daß es den heiligen Leonhard vorstelle, welcher den Gefangenen in ihren Leiden beisteht und gegen böse Seuche hilft. Diese aber scheint der Landmann weniger für sich und seine Angehörigen als für seine Nutztiere zu fürchten, denn ausschließlich diese hat er der Sorge des genannten Heiligen unterstellt und denselben, unter großmütigem Verzicht auf anderweite Hilfeleistung, zum »Viehpatron« erkoren.

»Teufel h'nein« – dachte Wiesner –, »auf ein Haar hätt' ich den vergessen, wo ich 'n doch in der nächsten Näh' hab'! Na, das wär' schön verfehlt, wenn ich den verabsäumen möcht', der sich schon schandenhalber da darum annehmen muß, und dem in derlei Sachen die Fürbitt' gewiß handsamer ist wie jedem andern!«

Er machte den Verstoß sofort wieder gut, bekreuzte sich und brachte sein Ansuchen vor, jedoch mit keinem Worte mehr oder weniger, als er vorhin dazu gebraucht hatte. Dann wandte er sich an seine Weibsleute und sagte: »Ich geh' jetzt in den Segen und bleib' hernach gleich in der Maiandacht; braucht mit dem Nachtessen nicht auf mich zu warten.«

Die Bäuerin schüttelte den Kopf. »O mein, ich denk' doch, du solllest uns zwei gehen lassen, weil wir heute noch keine Kirche gesehen haben.«

»Mir taugt es aber nit. In solcher Trübnis ist es immer besser, es verlegt sich ein einziges rechtschaffen auf das Beten, als betreiben's ihrer mehr' der Kreuz und Quer nach, wo das eine so sagt und das andere anders, daß der liebe Himmel irr und wirr wird und nimmer weiß, was für ein Gebitt' und Gelöbnis eigentlich gelten soll.«

Damit machte er sich auf den weiten Weg nach der Pfarrkirche, eben derselben, in welcher er heute früh am Morgen schon gewesen war.

Die Pausen zwischen den Gesängen und lauthergesagten Gebeten benutzte er, um im stillen für seine Privatangelegenheit himmlische Gönner zu werben; zuvörderst wandte er sich an die Gottesmutter, der zu Ehren eben die Maiandacht stattfand; dann nahm er einen der Heiligen nach dem andern vor, so viel ihrer eben in der Kirche vorfindlich waren, zu beiden Seiten des Hochaltares, der zwei Nebenaltäre oder in einsamer Mauernische inmitten des Schiffes. Jedem sagte er seinen Spruch auf, jedem nickte er verheißend zu: »wenn ich die Kuh behalte – wenn die Kuh mein bleibt –, so will ich dir schon auch deine Fürsprach' gedenken!«

Der Mond stand schon hoch am Himmel, als er wieder vor seiner Hütte anlangte. Er trat erst in den Hof und legte sein Ohr an die Stalltür: er vernahm nur ein leichtes Schnauben über den Blättern der Streu, die braune Lies'l lag also und schlief. Nun trat er in die Stube und sah nach den Seinen, er fand auch diese liegen und schlafen und schickte sich bald selbst zur Ruhe an.

Als er die Bettdecke über sich zog, da lag er und spitzte den Mund, daß sein Gesicht den Ausdruck einer kindlichen Zufriedenheit gewann, und sagte leise: »Nun hätt' ich einen ganzen Schwarm Fürbitter beieinander!« Im Schlafe aber überkam ihn ein gar prächtiges Traumgesicht.

Im lieben Himmelreiche oben war's, da saß an einer mächtig langen Tafel der Herrgott mit allen seinen Heiligen, um nach vollbrachtem Tagwerk vertraulich eins zu plaudern. Es war eine Tafel – es gibt nichts so Langes in der Welt, um es damit zu vergleichen –, und doch verstanden sich die Heiligen ganz gut, selbst von dem einen untern Ende nach dem andern. Es erinnerte den Wiesner, daß er vor Jahren ein Geschwisterkind im Tirolerlande heimgesucht, und wie dort von den hohen Bergen bei klarer Luft jeder Schrei weit durchs Land gehallt; nun war aber der Himmel wohl höher als alle Tirolerberge und hatte noch klarere Luft, so brauchte es da kein Schreien und ließ sich mit ruhiger Rede richten, was auch den Heiligen besser zu Gesicht stand.

Fürs erste hörte der Wiesner »unverlautbare Dinge in ganz unsagbaren Worten und unerdenklichen Gedanken«, aber nachdem sie sich ausgesprochen hatten, saßen die Heiligen eine kleine Weile wie verlegen, dann begann einer eine Fürsprache vorzubringen, um die er angegangen worden war.

Der aber war kaum zu Ende, da erhob sich St. Jakobus und St. Peregrinus und St. Leonhardus, und so einer nach dem andern, alle, der Reihe nach, wie sie angerufen worden waren, und legten ihr Wort ein für Wiesners kranke Kuh. Es wollte kein Ende nehmen. Da hielt sich der Herrgott die Ohren zu und rief: »Oh, ihr heiligen Himmelherrgottssakermenter! Wollt ihr wohl aufhören? Es ist gut. Soll sie in Gottes Namen wieder gesund werden die Lies'l? Hab' sie ja doch auch geschaffen!«

In der Freude darüber wachte Wiesner auf. Es begann eben zu grauen. Er kleidete sich an und trat in den Hof. Dort bückte er sich nach einem Grashalme, das obere Endchen wischte aus der Hülse und blieb ihm in der Hand. Es gilt für reinlich, so einen Halm durch die abgeschraubte Pfeifenspitze zu ziehen, und dazu ist er gut. Aber das hat Zeit, vorerst heißt es im Stalle nachsehen.

Das Tier lag ruhig, es hob bedächtig den Nacken und blickte den Eintretenden gleichmütig an. Er bückte sich nach der braunen Lies'l, sie haschte mit dem Maule den Halm, den er zwischen den Fingern hielt, und als er spielend ihr denselben wieder entziehen wollte, da warf sie unwillig den Kopf herum und begann das Gras zu kauen.

Da wollte es den Wiesner nicht mehr auf beiden Beinen leiden, er fing an herumzutrippeln, er rieb sich die Hände, und das Wasser schoß ihm in die Augen. »Oh, du lieb's Vieh« – er tätschelte der Kuh den Nacken und kraute ihr die Stirn – »oh, du lieb's Vieh!«

Plötzlich guckte er der braunen Lies'l gar schlau unter die Augen, und so laut, als sollte es »zu Gehör« geredet sein, sagte er: »Wirst mich viel kosten, wenn du wieder gesund wirst: nun schau nur dazu!«

Die Woche war vergangen, der Sonntag wieder gekommen. Die letzten Tage war die braune Lies'l schon mit den andern Kühen auf der Weide gewesen. Der Wiesner aber hatte so erschrecklich viel zu schaffen, daß ihn nicht einmal die Innenseite der Stalltür auf einen frommen Gedanken bringen konnte; übrigens war, wie bemerkt, das Bild des heiligen Leonhard leicht zu übersehen.

Heute schickte er sich dafür zeitlich zum Kirchgange an, und die Vroni muß ihn begleiten, denn er meint, eines wär' völlig ausreichend, das Haus zu hüten, während sich der weite Weg zu zweien unterhaltsamer gehe, und begehre etwa die Bäuerin nachmittags in den Segen, so schadet es der Dirn gewiß nicht, wenn sie ein zweitesmal mit in die Kirche geht!

Als die beiden auf dem großen Platze vor derselben anlangten, war noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der ersten Messe.

»Nun ist es doch gar zu zeitlich, um sich bis zum Läuten auf der Straße zu erhalten«, sagte der Alte, und damit schritt er querüber dem Gasthof »Zum roten Ochsen« zu. Vroni folgte in stillem Einverständnisse.

Der »Rote Ochse« Halle ein Gastzimmer für die »großen« Bauern und ein Schankzimmer, wo sich die »minderen« zusammensetzten. Wiesner nahm bescheiden in letzterem Platz, doch hatte er vorher einen Blick hinein nach den »Großen« getan, nur so Sehens und Gesehenwerdens halber. Es dauerte auch nicht lange, so kam der Fehringer heraus in das Schankzimmer, denn der Fehringer war – wie man weiß – leutselig. Er schritt auf Wiesner zu. »Ho, Stiegelsteiger, was machst du da? Ist das deine Dirn?« – Er faßte das Mädchen am Kinn und kneipte sie in den vollen Arm. – »Sapperment, ein mordsauberes Dirndl!«

Das Mädchen zeigte die weißen Zähne und zog den Besatz ihrer Schürze durch die Finger, obwohl der nicht glatter sein konnte, als er war.

»Schau«, fuhr der Fehringer fort und rückte vertraulich zu dem Alten auf die Bank. »Laß doch einmal dein' Lebzeit ein gescheites Wort mit dir reden. Was ist's, verkaufst mir deine Kuh?«

»Jesses«, sagte der Wiesner und stieß an sein Glas, daß ein paar Tropfen über den Rand schlugen. »Wie du redest! Wie du so reden magst und allweil das nämliche!«

»Jesses, was du wild sein magst, wie man von dir gar nicht gewöhnt ist!«

»Weil's wahr ist! Bei dem ewigen Gered' ist mir eh', als gehörte die Kuh nur mehr halb mein, mein' Seel', es wär' mir schon völlig gleich, wenn sie ganz dir gehören möcht', damit einmal Ruh' wird: aber mein Weib gibt sie nicht weg, das weiß ich!« –

»Darauf laß es ankommen!«

»Unsinn.«

»Es gilt!«

»Soll's gelten«, brummte Wiesner. Er zog die Hand, die Fehringer gefaßt hatte, langsam zurück. »Kriegst sie ja doch nicht!«

»Dafür laß mich sorgen. Ich fahr' gleich hin. Heut lass' ich Mess' Mess' sein. Handel und Wandel geht vor.

Erst muß der Bauer leben,
Dann kann er der Kirch' das Ihre geben.

Aber die Dirn muß mit als Zeugin, daß du gesagt hast, es gilt dir völlig gleich und alles käm' allein auf die Bäuerin an.« Er wandte sich zur Vroni. »Wir fahren über Kronberg, wo Kirchweih ist, und dort kaufen wir der Mutter ein sauberes Tuch für die Sonntäg'; für dich wird sich wohl auch was finden, daß dich da die Sonn' nit abbrennt.« Er legte seine breite Hand auf ihre runde Schulter, die sie bloß trug. »Wär' schad', Dirndl! Na komm mit!«

»Meinetwegen«, sagte Wiesner. »Du machst dir nur ganz unnötige Auslagen.«

Fehringer ging mit Vroni aus der Stube, und kurz darauf sah Wiesner die beiden auf dem Wägelchen vorbeirollen. Er duckte sich tiefer übers Glas. – Da erscholl vom Turme das erste Läuten. Er legte Geld auf den Tisch und ging bedächtigen Schrittes nach der Kirche.

Dort saß er ganz duchsig in einem der Stühle, blickte weder zu den Altären noch nach den Nischen auf, hielt sich aber zu denen, die am eifrigsten beteten und am lautesten sangen. Nach der Messe schlich er sich sachte davon, trieb sich mit den andern auf dem Platze herum und wagte sich erst wieder zur Kirchtür hinein, als Trompeten und Pauken zu Beginn des Hochamtes laut wurden.

Die Wandlung war schon vorüber. Er hatte den Kopf fast zwischen den Blättern des großen Gebetbuches stecken, tat manchmal einen unruhigen Ruck von der Ecke, wo er saß, nach der Bank hinein, zur Beschwer seiner Nachbarn, die dann immer einer an den andern stießen bis auf den letzten, der nach dem Schnitzwerk des Stuhles griff, als fürchte er herauszufallen. Da trat plötzlich etwas an seine Seite. Er warf so einen Blick neben, die Vroni war's.

»Vater«, sagte sie, »wir haben die Kuh doch verkauft.«

»Habt ihr schon das Geld dafür?«

»Bar im Kasten.«

»Hat er sie schon weggeführt?«

»Freilich. Er hält nur ein wenig im ›Roten Ochsen‹ und wartet.«

Wiesner nickte.

»Und, schau her, wegen der Tücheln hat er auch Wort gehalten.« Sie spreitete alle zehn Finger über ein buntes, halbseidenes Halstuch, das sie über den vollen Nacken geschlungen trug und das gerade groß genug war, um es kleiner zu wünschen, und gerade klein genug, um zu diesem Wunsche anzuregen. Ein gar gefährliches Ding das.

Die Orgel tönte aus, die Leute erhoben sich von ihren Sitzen, da wandte sich Wiesner zur Vroni, die an seiner Seite das Ende des Hochamts abgewartet hatte, und sagte: »Geh voraus, ich komm' gleich nach!« Als er sich allein sah, stand er im Stuhle auf, blickte frei um sich und sah die Heiligen der Reihe nach an, faltete die Hände und sprach also: »Meine lieben Heiligen, alle miteinander, müßt's nit bös sein, gleich als wär' ich ein schlechter Christ, der nit weiß, was er geredet; aber wenn ihr euch recht besinnt, ich hab' gesagt: wenn ich die Kuh behalt', wenn sie mein bleibt! Nun ist aber die Sach', daß sie verkauft ist, dem Fehringer gehört und mich nichts mehr angeht; ich leg' also, wie billig ist, alle Gelöbniss' auf die Kuh. – Und auch du, lieber Himmelvater, sei nit bös, daß du da hast nachgeben müssen, hast ja doch ein gutes Werk damit getan, was dir auch schon wieder vergolten werden wird. Und jetzt bet' ich euch in der Schnelligkeit paar Vaterunser und einen Glauben, dafür, daß mir wieder miteinander gut sein sollen!«

Dem kam er getreulich nach, dann verließ er die Kirche und ging nach dem »Roten Ochsen«. Dort im Hofraume saß der Fehringer schon breit auf dem Wägelchen, hinter welchem die »braune Lies'l« angebunden war.

»Siehst, Stiegelsteiger«, rief er schon von weitem dem Daherkommenden zu, »ich hab' sie doch!«

Wiesner trat erst zur Kuh. Er klatschte ihr auf den Hals. »Na, Lies'l, jetzt wirst gute Tage haben, hast dich zwar bei uns auch nicht beklagen können, aber jetzt wirst gute Tage haben. Behüt dich Gott!« Die roten Ränder um die Augen mochten ihn etwas brennen, denn er strich mit den Fingern darüber. Dann ging er vor, lehnte sich an den Kutschbock und sprach zu dem Fehringer hinauf: »Was ich dir hab' sagen wollen, ein paar Gelöbniss' liegen auf der Kuh, noch von ihrer letzten Krankheit her.«

»Der sie darauf gelegt hat, soll sie wieder wegnehmen. Was bekümmert's mich?«

»Möcht' etwa doch sein. Acht Stück Heilige, wie sie in der Kirche stehen, und drei, die mir gerad' zur Hand waren, hätten jeder rechtschaffen eine Wachskerze um die Kuh verdient.«

Und nun erzählte er dem Fehringer, wie die Gelöbnisse auf die Kuh gekommen und schließlich auf derselben liegen geblieben, »weil halt zu Anfang der liebe Herrgott nit hat daran mögen und er ihn erst hat bemüssen müssen«.

Der Fehringer hatte seinen Spaß und seinen Verdruß daran, man merkte es dem Gesichte ab, mit welchem er unverwandt den Wiesner anstarrte. Erst lachten die Augen und die Mundwinkel hingen sauertöpfisch nieder, dann wieder verzog er den Mund zum Lachen, und die Augen sahen verdrießlich dazu. Jetzt, wo der Wiesner zu Ende gekommen, hieb er mit der Peitsche durch die Luft und schrie: »Oh du gottüberlegener – –«

»Jakob ist mein'm Vater sein Name«, lachte Vroni.

Fehringer ließ den Atem breit aus der Brust strömen. »Oh, du gottüberlegener Jakob!« Mehr sagte er nicht und fuhr von dannen.

An dem nächsten hohen Festtage brannten auf dem Hochaltare in der Kirche statt der alten Stumpfen zwölf neue Wachslichter, der Fehringer hatte das Dutzend voll gemacht. Man konnte eben nicht wissen, wie die Heiligen es aufnehmen würden, wenn sie sich solchergestalt um das Ihre verkürzt fänden! An den Wiesner konnten sie sich nicht halten, der hatte selber nichts, wohl aber an die Kuh, und darauf mochte es der Fehringer nicht ankommen lassen, und es kam auch ihm nicht darauf an, die »braune Lies'l« war ihm immer noch so viel wert; die stand nun endlich mit ihrem weißen Stern auf der Stirn in seinem Stalle neben der kohlschwarzen, die auch so einen weißen Tupfen hatte, – er brauchte es dem Wiesner nun nicht mehr zu zeigen, wo!

Das Sündkind

Nun ja, sagte der Pechleitner, indem um seine Mundwinkel ein Lächeln spielte, das sogleich wieder verflog. Nun ja, das war damals eine verzwieselte Geschicht' mit meiner Frau Mutter, Gott hab' sie selig. Will's meinen, ganz eine unbeschaffene Geschicht'. Vor fünfunddreißig Jahren war's, ich hab' damals meine dreißig gezählt, meine Mutter hat ihre fünfundvierzig voll auf dem Rücken gehabt. Ja, da mögt ihr Augen machen wie ihr wollt, was hilft's? Es lebt keiner mehr, der es bezeugen könnt' aber damal, in der Zeit, von der ich red', da könnt' ich s' euch an den Fingern herzählen die Leut', die sich besonnen haben, wie früh meine Mutter mannbar war, und die sich nicht genug haben wundern können, wie lang sie sich ihr Alter hat gar nicht anmerken lassen. Ich war ihr Erster, das schwächste unter vielleicht einem Dutzend Geschwister, und hab' sie doch alle überlebt: daß ich also recht angib, vor fünfunddreißig Jahren war ich der einzig übrige, der Vater war vor drei Jahren verstorben gewest, und so haben wir, ich und mein Mutter, allein auf unserm Gütel gehaust. Es ist uns rechtschaffen vorwärts gegangen mit der Arbeit, na, ich war vollkräftig, und ich lüg' nit, viel hat nit gefehlt, 'leicht gar nur, um was allweil ein Weib in der Arbeit gegen ein' Mann zurückstehen muß, so hätt' sie mir's gleichgetan. Auf einmal aber ändert sich's in der Sach', sie wird lässig, nimmt um die Mitte zu, und das immer mehr, und ist auf die Letzt ganz unbeholfen. Na, sie war als eine ehrsame Witib ausgerufen, nachzureden hat mer sich ihr nichts getraut, hätt's auch keiner und keinem raten mögen! »Die Pechleitnerin ist siech«, haben die Leut' gesagt, »die hat schier die Wassersucht.« Dabei ist's eine gute Weil' geblieben.

So hab' ich damal alle Arbeit auf mir gehabt, und wie ich an einem Abend hundmüd' nach Haus treff', was find' ich? Ich hab' gemeint, ich brächt' vor Verwundern Maul und Augen gar nimmer zu. Die Stuben voll Weibsleut' aus der Nachbarschaft, die Hebmutter dabei, daß ich's kurz mach', 's ist auf einmal die alte Kindswäsch', die lang vergessen im Schrein gelegen hat, wieder in Gebrauch kommen.

Wie's nachtig worden ist, haben sich die Besuchweiber eine um die andere verloren, 'letzt steh' ich allein, steh beim Fenster und trommel' an die Scheiben und je länger ich so steh' und trommel', je verlegener werd' ich und das hätt' doch ich, weiß Gott, nit not gehabt, so kehr' ich mich mit brennrotem Gesicht um und sag': »Sollt'st dich doch schämen, Mutter. Schämen sollt'st dich!« Da sie nichts red't und nichts deut't, hab' ich meine Pfeife genommen und bin gegangen, wollt' natürlich in der Wochenstuben kein' Qualm verursachen.

Wie ich mit meiner Pfeife zu End' war, da hab' ich mir's überlegt gehabt. Das Reden hintennach, das frucht't rein gar nichts. So war's auch ganz ungehörig und dumm, daß ich meine eigene Mutter vermahnt hab'. Was möcht's auch helfen, wenn sie auf das verkehrte Wesen einging' und von mir eine Lehr' annähm'? Hat sie sich vorderher nit geschämt, zu was wär' das jetzt hintennach gut? Daß sie sich kränkt? Davon hat doch alle Welt nichts. Auch hab' ich mich besonnen, daß mir alle entgegengeschrien haben: »Dein' Mutter hat ein Kind 'kriegt!« Keins hat gesagt: »Du hast ein Brüderl 'kriegt!« Gegen der Leut' Reben war ich all mein Lebtag widerhaarig: was denken sie sich denn, die mit ihrem langen Zopfen und dem kurzen Verstand? Denken s' 'leicht, ich werd' dem unschuldigen Wurm was nachtragen? Und wenn ich gleich kein Herz hätt', so no just nit, schon der Leut' wegen, mein Bruder ist's! Höllsakermenter ös, die ihr die Kinder von einer Mutter auseinander scheiden möcht's!

Ich bin schön still nach der Stube 'gangen, tu' die Tür auf, da sind s' alle zwei gelegen und haben geschlafen, da hab' ich mich neben das Bett hingesetzt und zu dem Kleinen hinuntergebeugt, erst sauber mir mit dem Ärmel das Maul abgewischt und ihm das Zeichen, daß ich ihm gut Freund sein will, einen Schmatz 'geben; da hab' ich aber 's Richtige 'troffen gehabt, paar Tag' schon bin ich unrasiert 'gangen, das muß ihn wohl gekratzt haben wie mit einem Pferdestriegel und er hat ein Gezeter angehoben, wie nit gescheit. Darüber ist die Mutter auch wach 'worden, doch wie sie mich so neben sitzen sieht, wend't sie sich ent' hinüber, auf die andere Seite.

Und wie das halt doch schon gar eigen ist, wieder werd' ich ganz verlegen. Räusper' eine Weil' und sag': »Bleib nur in deiner Lag', das Hin- und Umwenden könnt' dir etwa schaden. Und – wie ich mein' – so ist geschehen geschehen. Und stark ist nit jeder. Und nit alle kriegt's Gleiche herum, aber jeder hat seine Schwäche!«

Da dreht sie sich langsam halb über und schaut mich so von der Seit' an; kein' Dirn mit siebzehn, die schon weiß, aber es nit aussagt, ob auf ihrer Kammer die Fensterriegel hart oder leicht schließen, kann so gottverbotene Augen machen, wie zur selben Stund' mein' Mutter. In dem Stück sind sie eins die Weibsleut', ob alt oder jung.

Wie die Mutter wieder außer Bett war, da haben mir uns wie voreh' in die Arbeit geteilt, sie ist uns sogar um ein Stück vergnüglicher vorkommen, denn nun hat's auch für den klein' Leopold gegolten. In der Sorg' um ihn sind wir eins gewesen und sind's geblieben bis zur Zeit, wo er schon ziemlich aufg'schossen war, so daß man hat fragen können, was mit ihm werden soll; da sind wir, ich und die Mutter, uneins geworden und geblieben, gleich vom erstenmal, wo sie es Rede gehabt hat.

Eines Abends ist's gewesen, der Bruder hat sich mit gleichalterigen Bürschchen im Ort herumgetrieben, ich saß auf der Bank vorm Haus und rauchte meine Pfeife, und die Alte verhielt sich eine geringe Weil' über in der Stube, dann kam sie heraus, setzte sich neben mich, faltete eine Zeitlang ihre Schürze auseinander und wie ihr die glatt genug mag geschienen haben, hebt sie an, aber ohne daß sie dabei mit einem Auge aufschaut:

»Mein lieber Martin«, sagte sie, »du bist ein guter Bursch, ich weiß das, und allen Leuten giltst du dafür, du hast rechtschaffen das Deine für den Leopold getan – vergelt dir's Gott – aber es wär' sündhaft, wenn man dich für deine Gutheit zu Schaden kommen ließ und ein himmelschreiend' Unrecht, wenn dir das Deine sollt' durch den Buben geschmälert werden.«

Der Eingang hat mir gleich nit gefallen, es macht mich immer stutzig, wenn einer mit einer Red angestochen kommt, die meinen Vorteil voranstellt, es ist das sonst nicht Brauch in der Welt, und jeder setzt den eigenen zuoberst. Meist soll einem damit der Wasserkübel gewiesen werden, in dem eine Hand die andere wäscht, oder es gilt, mir ein Scheuleder vors Aug' zu tun, daß ich nit seh', was einer knapp nebenan hantiert. Ich sag' also nichts, tu' einen richtigen Zug aus der Pfeife und hüll' mich in einen Nebel wie eine Bergspitz', die keinen guten Tag zu sehen vermeint.

Das war aber ungesundes Wetter für meine Alte, sie fing zu husten an. »Daß du aber den rauchen magst?« sagte sie. »Nun, es werden bessere Tage kommen, wo du dir auch bessern kaufen kannst, wenn mir erst den Poldel nimmer über der Schüssel liegen haben.«

»Ei, mag er darüberliegen, solang er will«, sagte ich, »er hat mich bis dato nicht arm gefressen und wird mich nicht arm fressen: jetzt noch weniger als voreh', wo er nun doch schon sein Teil sich rechtschaffen erarbeitet, 's gedeiht ihm auch, und das freut mich. Ich bin schon ein alter Kerl, viel älter wie er, der Jung' ist gesund, und es müßt' mit ganz verkehrten Dingen zugehen, wenn er mir nicht in die Grube nachsehen könnte und dann … Na, du weißt's ja, Mutter, aufs Heiraten hab' ich mich nie eingelassen, werd's auch nicht.«

»Sag das nicht«, meinte die Alle, »so was überkommt einen mit einem Male.«

Ich nahm die Pfeife langsam aus dem Maul, blinzelte die Frau Mutter schief über an und sagte: »Ich weiß davon nichts, aber wenn du es sagst, muß ich es wohl glauben.« Ich hab' sie damit necken wollen, meinte auch, sie würd' es nicht anders aufnehmen, denn ich dachte so wenig übles wie damals an Poldels Wiege und war mir die Jahr' über gegen sie ganz gleich geblieben, aber da merkte ich, sie war nimmer die frühere; statt mir, wie ich's erwartete, ohne ein sonderlich streng' Gesicht mein los Maul zu verbieten, hob sie die Schürze und begann darunter zu weinen.

Das ist mir von allem das Überquerste; ich mag einmal keines weinen sehen, geschweig' denn gar weinen machen, und hier wußt' ich mich gar nicht aus, zuweg' und warum eigentlich? Daß ich es da angestiftet hatte, das ärgerte mich in die Seel' hinein, weil ich mir aber keiner argen Meinung bewußt war, so brachte ich es nicht um alle Welt über mich, ein begütigendes Wort zu sagen, wenn mir auch eines oder das andere beigefallen wäre, was just nit der Fall war. So saß ich und hielt meine Pfeife beim Rohr, so handsam wie ein Kind seine Schellenrodel und mag dabei nicht gar klug ausgesehen haben.

»O mein Gott«, schluchzte die Mutter unter ihrem perkalenen Fürtuch. »Jetzt kommt mir's heim! Mein Älterer erlaubt sich unfeine Reden gegen mich und was werd' ich erst vom Jungen, von dem Sündkind, anhören müssen, wenn er bei Jahren sein wird und die Leut' ihn verhetzen, was gewiß nicht ausbleibt. Ja, ja, es gibt nur einen Weg, einen einzigen, wo mir der Bursch unverdorben bleibt und ich zu Fried' und Vergebung meiner Schuld komm'. Es muß sein.«

»Was muß sein?« frag' ich.

»Ganz muß ich ihn unserm lieben Herrgott hingeben, er muß geistlich werden.«

Geistlich soll er werden, deinetwegen? denk' ich. Nun das ist doch die leichteste Weis', eigener Sünden ledig zu werden, wenn man ein Fremdes dafür büßen läßt. Gesagt hab' ich das aber nicht; wer getraut sich so was der leiblichen Mutter ins Gesicht zu sagen? Ich duck' mich also ein wenig nach vorne über, daß ich nicht anzusehen brauch', was sie auf meine Red' für Augen macht, und sag': »Ich möcht' mir's an deiner Stell' doch erst noch eine Weil' überlegen, 'leicht möcht' das dem Poldel doch eine zu harte Nuß sein, der er sein Lebtag nicht auf den Kern kommt, denk nur, wenn er dein hitzig Blut hat …«

Mit eins war sie aufgestanden, geht nach der Tür und wörtelt dabei, ich sollt' nit so dumm daherreden, der Poldel war' noch zu jung, um da ein Arg zu haben, und ich wär' alt genug, um zu wissen, daß auf der Welt nie keines sein Lebtag auf so Hallodereien verfallen möcht', wenn man's nicht darauf führte, und das werd' hier Gottes Hilfe und frommer Leut' Aufsicht wohl verhüten. Damit war sie hineingewischt und seh' ich nur mehr ihren Rockzipfel zur Tür hineinschwänzen.

Solang sie noch hurtig wie ein Wiesel über Feld und Rain laufen konnte und ihr die Arbeit so flink wie voreh' von der Hand gegangen ist, die Zeit über hab' ich ihr – weiß Gott – kein unruhiges Gewissen anmerken können; aber mit einmal hat sie angefangen an der Gicht zu leiden und hat ganze Tag' lang, wenn alles nach dem Feld aus war, mutterseelenallein im Bett liegen müssen, und da schreibt sich's wohl her, daß ihr mein unverhoffter Bruder plötzlich so schwer auf die Seel' gefallen ist. Übrigens setzte sie ihre Worte so neuartig, daß ich nicht besonders aufzuhorchen brauchte, um zu wissen, es rede noch ein anderer aus ihr.

Könnt' mir's ja denken wer! Es war unsers Poldels Vormund, der Kirchendiener auf unserer Pfarre, ein so richtiger Betbruder wie nur einer, der hat sie wohl zuerst auf den frommen Vorsatz oder das gottgefällige Werk – wie man's just heißen will – gebracht und hinterher fleißig darin bestärkt. Ich hab' die Art nie recht leiden mögen, sie mengen sich allzugern in fremder Leut' Angelegenheiten, und ich denk', gerad' einer, dem es mit der Frommheit ernst ist, fänd' dazu keine Zeit und hätt' vollauf mit sich selbst zu tun. Mag mich freilich auch irren, und es kann ja sein, wenn so ein Frommer merkt, er käm' mit sich selber nie zurecht, daß er hergeht und auf fremdem Feld Dünger häufelt? man sollte sich aber vorsehen, denn hinterher können sie gelaufen kommen und sagen, es wär' alles auf ihrem Mist gewachsen.

Das mit dem Poldel war beschlossene Sach', die Mutter war damit einverstanden, der Vormund war damit einverstanden, und der Bub – was wohl vermocht' man so einem dummen Buben nicht einzureden? –, der war auch einverstanden. Was wollt' ich machen? Ich sagte: »Tut, wie ihr wollt, aber mich laßt dabei ganz aus dem Spiel; seit ich um die Sache weiß, hab' ich es gesagt und sag' es noch, von mir aus könnte der Jung' all mein Lebtag und darüber hinaus all sein Lebtag da auf dem Hof bleiben. Wenn es Unheil setzt, mir schiebt kein Sandkorn groß Schuld in die Schuhe!«

Sie spöttelten und sagten: ich würd' meine Füße heil behalten, sie würden mir kein Sandkorn groß Schuld in die Schuhe schieben, 's möcht' sich auch dergleichen bei einer so heiligmäßigen, gottgefälligen Sach' nit auffinden lassen.

Und als ein jeder im Ort wußte, der Pechleitner-Poldel würde geistlich, da kamen sie ihm zugestiegen und machten ihn hoffärtig, die ältesten Leute baten ihn, wenn er die Weihen hätte, ihrer nicht zu vergessen und sie in sein Gebet einzuschließen, Kinder waren darauf aus, zu erfahren, ob es wahr sei, daß ein Geistlicher mit unserm Herrgott und den lieben Heiligen wie mit seinesgleichen verkehre? Er ließ sie bei dem guten Glauben.

Bald hatte er gar keinen andern Gedanken mehr als den an seine künftige Geistlichkeit, und er mochte stehen und gehen, wo er wollte, da war ihm nichts zu gut oder zu schlecht, um ihn daran zu erinnern. Kam er durch den Garten und sah nach den Gesträuchen, da waren die schwarzen Blattläuse auf dem Holunderbusch Mönche, die grünen auf den Rosen- und anderen Stauden Weltgeistliche, und die Ameisen, die ihnen zuliefen, Laien, und wenn sie so aufdringlich mit den Fühlhörnern herumstrichen, so baten sie um Segen und Absolution. Ja, du weißt's, dummer Junge, dachte ich, melken tun sie sie und da weis' mir einen Pfaffen auf, der dazu still hielte! Wenn du den Spieß umkehrtest und ließest die Blattläus' die Laien sein und die Ameisen die andern, dann säh' es wie ein richtiges Gleichnis aus.

Er stromte einen ganzen Sommer herum und verstund sich zu keinem bißchen Arbeit, aber wenn ich mit Taglöhnern draußen auf der Wiese heuete oder auf dem Felde schnitt, da geschah es zum öftern, daß er unversehens aus einem Busch hervorbrach und ihnen vorpredigte: das war dem faulen Volk gerade recht, sie ließen die Arbeit liegen und stehen, scharten sich um ihn und hörten ihm andächtig zu und so 'ne ausbündige Frommheit durfte ich ihnen nicht übelnehmen. Die Mutter meinte das auch und fand sein unsinniges Daherreden recht zu Herzen gehend, jawohl und zwar kurzen Wegs, denn die Straße, die durch den Kopf führt, blieb dabei als ein Umweg seitwärts liegen.

Ich erschrak nicht wenig, sooft ich vom andern Ende des Feldes her meinen Bruder anheben hörte: »In der Zeit sprach der Herr Jesus zu seinen Jüngern…« Ei ja, der Herr Jesus sprach in der Zeit, mein Bruder Leopold aber außer der Zeit, ich merkt's, im Nu waren alle Tagwerkerleute davon; einer Arbeit gegenüber, die ihr volles Dutzend Hände brauchte, wußte ich auch nichts anderes zu tun, als die meinen in die Hosenlaschen zu stecken und zu warten, bis der dort drüben »Amen« sagte.

Am Ende war ich recht froh, als mit Herbstanfang die Mutter und der Vormund ihn zwischen sich auf den Wagen nahmen und nach dem Seminar fuhren. Ich gab ihm die Hand und sagte: »Poldel, bleib brav, auch wenn du ein Pfaff' wirst!«

Er lachte und damit fuhr er hin.

Sein sollte es einmal, er hatte kein Bang und ging blind auf ein Ziel los, von dem er so viel wußte, als eben ein Schuljung' davon wissen konnte. Es war besser nichts zu sagen und ihn bei Courage zu lassen. Ich mein' immer, darauf sollte man keinen lernen lassen, wie aufs Tischlern, Weben und Schneidern. Ei ja, was den Pfarrer in der Kirche ausmacht, das mag einer auf die Art wegkriegen, aber wenn ihm eines gerannt kommt, das in seinem Herzen kein heiles Fleckel mehr hat, und schreit: »Jetzt hilf du!« da muß er sich auswissen, die wundeste Stell' muß er herausfinden und gleichschalten muß es, als langt' er in' Himmel, faßte des Herrgotts Hand und legte sie auf das Gebrest. Das läßt sich nicht erlernen. Ich lob' mir meinen Pfarrer weit da drüben im Gewänd', den alten eisgrauen Mann, der erst mit der Welt fertig geworden ist, eh' er sich hat weihen lassen.

Nun, wie auch – der Mensch ist einmal so töricht, verlauft etwas hundertmal im Gleichen, da merkt er wohl, das war' so Regel auf der Welt, kommt ihm aber die Regel ins eigene Haus, so hofft er auf eine Ausnahm'. Der Arzt kann gleich siech sein wie der Kranke und doktert doch nicht an sich selber herum.

Hält' ich's damals wissen können, welch' Weges der Jung' eigentlich dahinfährt, ich hätt' als sein bluteigener Vormund den andern und die Mutter vom Sitzbrett gejagt und ihn bei mir behalten.

Sechzehn Jahr' hat er damals gehabt, und unsre Mutter war im umgekehrten Alter, das heißt, bei ihr ging der Sechser voran und der Einser hintennach. Wenn sich ab und zu eine Gelegenheit schickte, fuhr sie in die Stadt und sah im Seminar nach, wie es mit dem Poldel vorwärts ginge und ob er nicht schon einen kleinen Ansatz zu einem Heiligenschein hätte, wär's auch nur ein Fünkchen wie von einem Johanniskäferl, natürlich auf dem Kopf und nicht da, wo's diese Würmer haben, bei denen es auch gar nichts Heiliges zu bedeuten hat.

Zwei Jahr' war er vom Hause weg gewesen, da bettelte ihn die Mutter auf ein paar Tage los, brachte ihn zu uns, und da hab' ich ihn das erstemal wieder zu Gesicht bekommen. Zur selben Zeit befand sich auch eine entfernte Verwandte bei uns auf Besuch, ein dralles Stück Weibsbild, die Lustigkeit und die Gesundheit selbst, zu der hielt sich der Bursche am liebsten. Trotz seiner achtzehn Jahre sah er noch kindisch genug aus, und das machte er sich zunutze, kälberte mit ihr, und die zweimal so alte Ursel lachte über den »klein' Vetter Poldel«, wie sie ihn nannte, ich aber dachte mir mein Teil.

Weiß nit, wann es gewesen, als er seine erste Mess' las, aber Wägen waren nit genug im Ort aufzutreiben, alle, die ihn kannten, wollten dabei sein. Das hat also die Alte noch erlebt, auch das noch, daß man ihn in einem nahen Kirchsprengel einem kranken Pfarrer zur Aushilf' zuteilte. Nun war er ein richtiger Geistlicher, und dazu hatte er es in acht Jahren gebracht und gerad' in diesem achten Jahr legte sich die Mutter hin und starb. Zuletzt hat sie mir noch etwas sagen wollen – vielleicht wer Vater zu dem Poldel gewesen –, aber sie vermocht 's nimmer, und das war mir auch lieber, ich hab' es ihr nie antun mögen, daß ich dem nachgefragt hätt'- und einen Lumpen oder 'ne Letfeigen mehr auf der Welt zu kennen, um das war mir's nit zu tun.

Beim Begräbnis der Mutter war der Le'pold zugegen, auch die dralle Bäuerin war da, und etliche Dirnen, mit denen er seinerzeit barfuß durch die Stoppeln gelaufen, drängten sich an ihn, beileidshalber war ihr Vorgeben, wollten aber eigentlich nur hören, daß er sich ihrer noch entsinne. Er wich einer jeden scheu aus und gab keiner die Hand, wie zutulich sie sich auch gehaben mochte. Sonst immer hat er ausgesehen wie Milch und Blut, jetzt hatte er ein ungesund' Wesen, keine Farbe, eingefallene Wangen, und die Augen lagen ihm tief drin, er sturte damit nach dem Erdboden und hielt keinem fremden Blick stand. Mir gefiel's nicht. Als er nach der Leiche auf den Wagen stieg, faßt' ich seine Hand und sagte: »Was ist dir, Bruder?«

»Nichts«, sagt' er.

»Es dürft' dir doch was sein«, meinte ich.

Da verzog er das Gesicht, als sollte das gelacht sein, sagte noch mal, ihm wäre nichts, und setzte hastig hinzu: »Willst nicht einmal hinüberkommen nach Rodenstein auf unsere Pfarre? Es ist hübsch dort.«

»Werd' schon kommen«, sagt' ich. »Behüt Gott. Bruder!«

»Behüt Gott, Martin«, ruft er und fährt seines Weges.

Sonntags darauf bered' ich meinen ältesten Knecht, daß er heimbleibt und das Haus hütet, und geh' hinüber nach Rodenstein. Nun, es ist das ein gut' Stück Weg, und wenn man einmal, den Wald durch, zu höchst angestiegen ist, so geht er etwa eine Viertelstund' lang unter lauter Weißbirken dahin. Es ist mir das kein lustiges Holz. Wo es sein recht' Gedeihen hat, da ist der Boden locker, die Stamm' stehen einschichtig empor, die Sonn' brennt durch das wenige Laub und die weiße Rinde sieht aus wie gebleichtes Bein. Den Tag traf ich's gar übel, morgens war ein Strichregen niedergegangen und jetzt stachen glühheiße Sonnenstrahlen von einem Himmel nieder, der keine Farb' annehmen wollte, wie unter einem Schleier lag alles, aus der Erd' stieg ein Brodem auf, daß man in Schweiß und mit halbem Atem sich vorwärts mühte.

Freilich hätt' es mich fünf Viertelstund' Umweg gekostet, wenn ich unten um den Berg hätt' herumgehen wollen, aber dort führte ein Steig durch den Wald, beidseitig stand junges Holz und verästelte sich oben untereinander, daß man wie in einem Laubengang dahinging. Nun war ich aber einmal oben und dachte, Gott behüte jeden Christenmenschen vor einem birkenen Lebensweg, und es überkam mich wie eine Ahnung, ob nicht etwa mein Bruder auf einen solchen geraten wär' und sich seitab davon viel besser befinden möcht'?

Du lieber Gott, wieviel Dinge auf der Welt erwecken in dem Menschen ein Verlangen nach ihnen, und das kann bis zur unvernünftigen Begier anwachsen, daß sich einer dann nimmer aus noch ein weiß. Da stehen allen voran für die Burschen die Dirnen und für die Dirnen die Burschen. Hatt' auch mal einen Schatz, war mein Gespiel von Kind auf, und wir beide waren noch was zu blutjung, um ernstlich zu meinen, wir könnten's ernst meinen: aber wie sie mir einst vor meinen Augen im Weiher ertrunken ist und wie ich an ihrer Totenbahr' die lange Nacht über gesessen bin, wie sie lag, lang, bleich, kalt, die frohgemuten Augen eingefallen unter den halb zugedrückten Lidern, da hab' ich mir's ein für allemal bedeutet sein lassen. Noch hab' ich meinen Schatz, denk' nicht, ich hätt' ihn in die Erde gelegt: denn ich hab' sie mir nachmals immer vorgebildet, wie sie gelebt hat, so frisch an Farb' und Aussehen, so manierlich von Hand und Gebärd' und so tänzlich und hüpferisch in Schritt und Gang. Hab' nichts von ihr behalten als das Anschauen und hab' mich seither auch an allem und jedem damit begnügt. Verlang mehr, schon hast du Neid und Ungunst im eigenen Herzen, oder in fremden wider dich, laß dich ein, und es gibt schon Ungelegenheit, alles hat man im Anschauen, wenn man nicht eines für sich will, eines kann man auch wieder verlieren, aber alles haltet aus. Das ist mir gekommen von selbst, hat mir niemand gesagt: Du sollst nicht verlangen! Hat mir niemand gesagt: Du mußt entsagen!

Sag' ich einem: Sei zufrieden! Ei, so mach' ich ihn selber darüber grübeln, daß er etwa Ursach' hätt', es nicht zu sein, und grübelt er rechtschaffen, so findet er wohl bald eine heraus. Sag' ich einem: Entsage! Da mahn' ich ihn daran, daß er ein Verlangen haben könnt', und mag er bis zur Stunde keines gehabt haben, es wird sich einstellen. Ich bildete mir lange ein, keines zu haben, weil ich mich mit dem Anschauen zufrieden gab', aber da fiel mir ein, eben danach stund' mein Verlangen, ich braucht' nicht einmal das Augenlicht zu verlieren, nur in einer unschönen Gegend hausen zu müssen, wo mir unsaubere Leut' unter den Augen herumliefen, so war' mir das Leben verleidet. Nein, dem Verlangen entgeht keiner im Leben, und dem Entsagen kommt er nicht aus, und keine Lehr' und keine Predigt hilft dagegen oder dafür. Die Welt ist nicht da zum Verlangen und die Welt ist nicht da zum Entsagen, sie ist da – mein' ich – zum Arbeiten, und was einem zwischen Begehr und Verwehr werden mag, das soll man ihm nicht neiden und nicht verleiden.

Nun sitzt der jung' Mensch da unten auf der Pfarr' und weiß von all dem so viel wie ein zweitägiger Hund von der Farb', die sein Balg hat.

Ich kam nach Rodenstein, mein Bruder war noch in der Kirche, so ging ich dahin und sah ihn auf der Kanzel stehen und hörte ihn predigen.

Er wetterte gar nicht schlecht von Höll' und Teufel und mocht's schon eine Weile so getrieben haben, denn die Leute saßen alle da, als ob ihnen himmelangst wäre. Ei, du mein hochwürdiger Herr Bruder, dacht' ich, hebst du es auch beim verkehrten Ende an? Machst du auch die Leute fürchten? Furcht und Sorg' haben die so genug aus erster Hand, von Zeit ab, wo sie das Feld bestellen, bis wo sie die Ernte unter Dach bringen und darüber hinaus. Gibt's ein gesegnet Jahr oder Mißwachs? Kommt Frost, Schauer, Fäulnis, Dürre und Brand, oder bleiben sie davon? Und wenn, drückt der Überfluß die Preise oder schnellt sie der Wucher in die Höhe? Nein, Bruder, fürchtenshalber möcht' ich auf keiner Pfarre sitzen, Trost brauchen die Leute, guten Mut solltest du ihnen machen; wer hier auf Erden sein' Tag' nicht froh werden mag, der bleibt wohl auch im Himmel ein trauriger Narr.

Und dann redete er weiter im Texte von dem Teufel als Verführer und von all den seinen bösen Eingebungen. Ach, laßt alle Versuchung jedem aus dem eigenen Heizen aufsteigen, mit dem kommt er wohl zurecht und ringt es ihm ab, daß es noch zu letzter Stund' sich vom schlimmen Wege kehrt, setzt ihm aber keinen Teufel, der ihm überlegen ist und dem er alles Verschulden in die Schuh' schieben kann, zur Ausred'! Und als ich den Jung' so anhörte, wie er zu sagen wußte, was all für üble Gedanken dem Menschen kommen und wie sie ihn meistern können, da schüttelte ich den Kopf und dachte mir: Wenn du es anders woher als aus deinen Büchern hast, dann magst du dich nur selber fleißig bekreuzen und segnen!

Daran scheint er aber nicht gedacht zu haben, denn zum Schluß hat er noch ein groß' Geschrei erhoben, mit den Fäusten auf der Kanzel getrommelt und allen zusammen gedroht, der Teuxel werde sie holen – und die Leute haben dazu »Amen« gesagt. Ich hab' mir sagen lassen, das hieße auf deutsch: »So soll es sein!« Nun, wenn sie das zufrieden waren, dann gab es auf keinem Fleck der Welt einen unnützeren Menschen als meinen Bruder Seelsorger zu Rodenstein.

Als er von der Kanzel herabgestiegen war, drängte ich mich durch die Leute nach der Sakristei, dort ließ er sich das Chorhemd über den Kopf wegziehen. Wir gingen dann nach dem Pfarrhof, der lag ein klein wenig seitab hinter der Kirche, die frei auf dem Platze stand.

Es war noch nicht Essenszeit, so gingen wir denn eine Weil' im Garten auf und ab. »Nun«, sagte mein geistlicher Herr Bruder, »du hast mich heut mal wieder von der Kanzel gehört, mach' ich dir's nun besser zu Dank, wie einstmal auf dem Feld?«

»Hm«, brummte ich, »könnt's nicht sagen, damals war's Kindspiel mit großen Leuten, heut scheint's mir Leutspiel mit großen Kindern.«

»Du Krittler«, lachte er. »Nun, Gedanken sind zollfrei, nur laß dir davon nichts merken.«

»Nein«, sagt' ich, »das bin ich nicht willens. Ich werd' meines Bruders Gewerksweis' nicht verschimpfieren, möchtest du was immer für eine haben; wärst du beispielsweis' ein Schuster und ließest das ganze Dorf in engem Schuhzeug herumhinken, ich sagte nicht: ›Mein Bruder ist ein schlechter Schuster!‹ Aber da darauf möchten wohl die Leute von selbst kommen. Was predigst du auch gerade so, wie du tust?«

»Ei«, rief er ärgerlich, »lehr du unsereinem Bauern predigen!«

»So, so«, sag' ich und deut' ihm nach dem Fleck, worunter einer das Herz sitzen hat. »Du holst es also nicht von da heraus? Meinst du auch mit ausgetüpfeltem Wesen und gemachtem Wetter den Leuten in die Seel' hineinreden zu können? Ei, was doch euer einer sich wohl vorstellt, das die Leute für eine Seel' hätten?! Das ist mir ein stolzer Hammel, der nicht immer vorläuten will, und die Glock' gern zeitweis' in den Sack schöb', hätt' er einen. Bald werden alle so gescheit sein wie du, und du wirst ausgetüpfelte Sittenlehr' und gemacht' Christentum haben, soweit dein Sprengel reicht.«

Darauf legt er mir die Hand auf die Achsel und sagt: »Martin, das verstehst du nicht. Sag mir lieber, warum ihr Bauern es nicht der Gräfin von Thurnschart nachmachen wollt, die zwar in der Umgegend die närrische Gräfin genannt wird, aber ihre Felder so bewirtschaftet, daß sie auf magerem Grund des Jahres zweimal erntet.«

»Die närrische Gräfin«, sag' ich darauf, »hat leicht zweimal fechsnen, und wenn wir mehr auf einen Acker wenden wollten, als er trägt, dann träfen wir's auch. Aber, Bruder, das verstehst du nicht.«

Da schreit auf einmal eines: »Angericht' is!« Und unweit auf dem Gartenweg steht ein Frauenzimmer, so groß und stark, daß es für drei von gewöhnlicher Art ausgereicht hätt', hat auch ein dreifach Kinn gehabt. Mag einmal eine saubere Pfarrerköchin, gewesen sein, jetzt war sie nur Köchin auf der Pfarre, von Sauberkeit hätt' man ihr nichts nachsagen können. Hinter ihr ist ein langes, spindeldürres Ding dahergeschossen kommen, ein Dirndl, etwa sechzehn Jahr' alt, hat im Gesicht gelb und ganz verhutzelt ausgesehen, nur ein paar Augen brannten ihr darin, und die warf sie herum wie ein Falk'. War das einzige an ihr, was sie mit Vorteil gebraucht hat, denn mit Händen und Füßen hat sie sich nicht zu lassen gewußt, da täppte und läppte sie damit, so eckig und unbeholfen, daß es ein Jammer war.

Wie die Dicke sieht, daß mich mein Bruder nicht verabschiedet, sondern an der Hand faßt, kommt sie näher, und der Leopold sagt zu ihr: »Wir haben heut meinen Bruder Martin da.«

»Je, der Bruder Martin«, sagte sie. »Nun, versteht sich, daß er mitkommt auf einen Löffel Suppe.«

Ich mein', es tät' sich nicht schicken, daß ich jetzt mit zu Tisch käm', wo der Herr Pfarrer gar nit um mein Anwesendsein gewußt hätt', aber die andern sagten mir, der wär' gar nit dabei, der läg' krank.

»Macht's wohl auch nimmer lang«, sagte die Dicke und blinzelte meinem Bruder zu, und das Dirndl lachte vor sich hin.

So sind wir all' viere, wie wir waren, in das Pfarrhaus gegangen und haben uns zu Tisch gesetzt. Ich brauch' wohl erst keinem zu sagen, daß es den Tag mein Schnabel gut hatte, denn in einem Pfarrhaus ißt man nicht schlecht und nicht wenig.

Abends, wie ich bereit war zu gehen und mein Bruder, mich ein Stück Weges zu begleiten, nimmt mich die Dicke bei der Hand und führt mich ein wenig zur Seite. »Der Alte lebt nur mehr von heut auf morgen«, sagt' sie, »und dann soll es dein Bruder gut bei uns haben: sie werden ihm sicher die Pfarre geben, denn sie sind mit seinem Eifer recht zufrieden.«

Mit seinem Höll'- und Teufelseifer? denk' ich. Nun ja, wenn nur die Herren mit ihm zufrieden sind. – Sag' zu der Pfarrköchin, daß ich doch auch was rede: das wär' mir alles recht lieb zu hören. Damit wenden wir uns, und ich seh' die spindelige Dirn mit dem Leopold flüstern.

Wir gingen, und als wir Rodenstein hinter dem Rücken hatten und auf das freie Feld kamen, sagte ich: »Geht es deinem Pfarrherrn wirklich so schlecht?«

»Sehr schlecht«, sagte mein Bruder.

»Sag mir«, fragte ich weiter, »ist das dicke Weibsstück durch ihn auf den Pfarrhof gekommen?«

»Ja«, antwortete er, »die ist seinerzeit mit ihm gekommen, und er haust mit ihr seit fünfzehn Jahren.«

»So«, sagt' ich, »und wer ist denn das klebere Dirndl?«

»Ihre Tochter«, bescheidet er mich.

»Ist sie denn als Witwe bei dem Pfarrer in' Dienst eingestanden?« frag' ich ganz dumm.

»Nun«, schmunzelte mein Bruder, »du mußt gerade nicht alles wissen.«

»So, so«, sagte ich, »nun begreif ich freilich, daß sie sich noch gewichtiger macht, als sie schwer ist, und das will bei ihr was sagen. Sie tut ja just, als hätt' sie die Pfarre in Bestand und den jeweiligen Pfarrherrn dazu. Sagt' sie mir doch, du würdest für sicher darauf kommen, und meint dann auch ihrteils darauf verbleiben zu können.«

»Sie denkt sich halt aus, was sie wünscht«, brummte Leopold.

»Ja«, sag' ich, »und würd'st du sie denn bei dir behalten wollen?«

»Ei«, sagte er, »das ist leeres Stroh gedroschen, ich kriege die Pfarre ja doch nicht.« Und dabei sah er aus, als wäre er bei dem Gedanken, sie nicht zu kriegen, getroster, als bei dem, daß sie ihm werden sollte.

Unter den Reben waren wir zur Brücke gekommen, die über den Rodensteiner Mühlbach führt, von da an sollte mein Weg allein gehen. Hundert und einige Schritte weiter, den Berg hinauf zu, lag die Mühle, wir sahen durch das Laubwerk das weiß' Gemäuer hervorschimmern, das Rad hatten sie gestellt, es war nichts zu hören als das Rauschen des Wassers und einzelner Vogelruf, vor uns am Himmel hing der Mond, eine schmale, kaum sichtbare Sichel, und hinter uns standen tiefrote Wolken über der Sonne. Ich kann nicht immer darauf achthaben, was die Welt um mich für ein Gesicht macht, aber da konnt' ich's gerade, und es kam mir alles so friedsam vor, daß ich lange stillstand, so sacht Atem holte, daß sich mir kaum die Brust hob, und dachte, das Leben wär' doch eigentlich gar ein einschmeichelnd' Ding.

Als ich meinem Bruder die Hand darreichte, verspürte ich die Bretter unter mir leicht schüttern, merkt', da käm' eines von entgegengesetzt über die Brücke, eh' ich mich aber umsehen mag, wer es ist, daß ich ihn vorbeilasse, seh' ich meines Bruders Augen groß werden und die wenige Röte, die er hat, ihm ins Gesicht sieigen, ich wend' mich also, und vor uns steht eine Dirn', wie ich aus Gruß und Dank erfahr', desselbigen Müllers Tochter und Marie-Lies' geheißen.

Ja, das war 'ne Dirn'! Jed' Glied wie gedrechselt, wellig bauschte sich das goldgelbe Haar über der Stirn auf und fiel rückwärts in schweren Zöpfen herunter, aus großen, kornblumenblauen Augen hat sie ebenso klug wie treuherzig in die Welt geguckt, die Nase war ein ganz klein wenig oben gebogen und stand unten gar zierlich rundrandlig weg, ihr Mund war gar lieb, nicht größer und nicht blässer wie eine Kirsche, das ganze Gesicht so weißrot wie eine gesunde Apfelblüh', nicht rund als wollt's die Backen sprengen und nicht eingefallen, am Kinn hat sie ein Grüberl gehabt und auf einem Hals ist das Köpferl gesessen, der war so drall und doch so bewegsam –, ei ja, wenn mir's nur beifiele, wie der war! Aber so geht's, wenn sich so ein alter Schüppel wie ich darauf einlassen will, eine junge Dirn' zu beschreiben: aber ich vergess' es all mein Lebtag nicht, wie Müllers Marie-Lies' zu Rodenstein ihrzeit ausgesehen hat.

Nun, damal hat sie an ihrer Schürze ein wenig gedreht und gesagt: »Hochwürden, weil du schon da bist, willst nicht ein wenig zu uns hinein ins Haus kommen? Meine Eltern möchten sich freuen.«

Da hat er mir die Hand gedrückt und ist ohne ein Wort still mit ihr dahingeschritten auf dem Weg, der zur Mühle führte.

Ich hab' ihnen beiden nachgesehen, bis sie hinter den Bäumen verschwunden waren, und bin dann ausgeschritten. Ich weiß es nicht, was es war, aber es wollte mir den ganzen Weg über nimmer so froh werden, wie mir's gerade noch vor wenig Augenblicken gewesen war. Als ich auf der Anhöhe durch den Birkenwald ging, der jetzt in vollem Mondlicht lag, daß alle Stämme gleißten wie verkalkte Knochen, da fiel mir wieder mein Bruder ein und der birkene Lebensweg. Ja, da muß die Sonne schon hinunter und die Nacht kühl sein, wenn man da ohne Beschwer gehen will.

Der alte Pfarrer von Rodenstein hatte zwar nur von heut auf morgen zu leben, aber er teilte sich's so genau ein, daß er noch gut drei Wochen damit ausreichte und erst in der vierten starb. Zu seinem Begräbnis wurde ich von meinem Bruder eingeladen, ich ging hinüber und sah mir's an. Die dicke Pfarrköchin fuhr sich ein paarmal mit dem Sacktuch übers Gesicht, und die spindelige Pfarrdirn' warf wenigstens ihre Augen nicht, wie sonst, herum.

Mein Bruder segnete die Leiche ein. Es ist zwar sonst nicht Brauch bei uns Katholischen, daß man einem ins Grab nachredet, aber der Bruder meinte, es würd' die Gemeinde erbauen, wenn er ein paar Worte über den Seligen sagte, und so standen die Leute um das offene Grab her und Leopold zu Häupten und hielt eine Ansprache.

Anfangs schaute er in die Grube hinunter nach dem Sarg, als er aber das gute Beispiel, das der Verstorbene gegeben hatte, den Umstehenden ans Herz legen wollte, hob er den Blick und sah auf uns; mit einmal, mitten in der Red', blieb er stecken und fand sich erst mit Müh' weiter in seinem Text. Ich hatte gleichzeitig scharf aufgelugt und wußte, was es war. Unweit von ihm stand Müllers Marie-Lies', sie hörte andächtig zu und ließ kein Auge von ihm, gerad als hätt' er ein Empfinden davon, blickte er hastig nach der Richt', steht Aug' in Aug' mit ihr und vergißt auf das zweitnächste Wort.

Es war hoch am Mittag, als wir auf dem Pfarrhof zurücktrafen, der war heut was aus der Ordnung gekommen, und wir mußten mit der Mahlzeit zuwarten, so trieben wir uns denn im Garten herum. Mein Bruder lehnte sich zwischen den Büschen über den Zaun, und sein Schatten fiel über den schmalen Rasenstreif, der außen hinlief, und über den Fußsteig neben.

Leute gingen vorüber – immer eins hinter dem andern – und grüßten, es kam auch der Müller, die Müllerin und, als dritte der Reih' nach, Marie-Lies', die trat an den Zaun und setzte dabei die Füßchen gar sorglich, um dem Schatten meines Bruders nicht auf den Kopf zu treten. Sie zeigte ein wenig die weißen Zähne und die Grübchen in den Wangen und sagte: »Ich hab' dich heut verwirrt gemacht, hochwürdiger Herr. Verzeihst schon, aber ich hab' daran nicht gedacht, und ich will dich nimmer so angaffen.«

Er meinte, das hätte nichts zu bedeuten.

»Nein, nein«, sagte sie, »nit um alle Welt möcht' ich ein Gered' unter den Leuten, jetzt, wo du wohl der nächste zu der Pfarre bist und es dir schaden könnt.«

Er schüttelte den Kopf.

»Man sagt es«, meinte sie, »und nur davon soll man reden und weiter nichts zu sagen wissen. Wenn ich dir nicht zu gering bin für einen Rat, so möcht' ich dir wohl einen geben.«

»Nun, Marie-Lies'?« sagte er und faßte sie an der Hand.

Die drückt sie ihm, zieht sie aber dann hastig zurück, neigt sich gegen sein Ohr und wispelt ihm zu: »Mit denen da am Pfarrhof laß dich nit ein.« Und weg war sie.

Wovor läuft sie mit einmal weg? denk' ich. Ich wend' mich um und seh' die Pfarrdirn' knapp hinter uns stehen. Wie ich mir das magere Ding betracht', das so unhörbar angeschlichen gekommen ist, dünkt mich's nicht anders, als sie glich einer ausgehungerten Katz'.

Die Hände hat sie geballt gehabt und an den Hüften niederhängen lassen, aber allfort hat sie damit weggezuckt, als hätt' sie den Krampf darein, und wär' ich nicht neben gestanden, ich denk', sie hätt' meinem Bruder die Fäuste gewiesen. Ihre schwarzen Augen waren etwas feucht, aber die Augenbrauen zornig zusammengezogen. Einen Schritt tut sie nach meinem Bruder und hebt die Hand mit ausgespreit'ten Fingern, als wollt sie ihn in den Arm kneipen, und tief aus der Brust herauf holt sie's, wie sie sagt: »Gelt, das war wieder die Müllersdirn'?«

»Ja«, sagte er und kehrte ihr den Rücken.

Einen Augenblick hat's ausgesehen, als wollt' sie ins Schluchzen ausbrechen, dann aber lacht sie – es klang nit anders, als wie wenn eine Katz' bläst –, zeigt zwischen den Zähnen die Zungenspitz, kehrt sich ab und dreht die Ellbogen hinten h'naus.

Ich bin mit großen Augen dagestanden, die Frag' ist mir schon auf der Zunge gelegen, wie die Katz' dazu käm, sich gegen meinen Bruder so gebärden zu dürfen, er muß mich aber erraten haben, legt mir die Hand auf die Schulter und sagt: »Wenn du mich lieb hast, Martin, darüber kein Wort!«

Bei Tisch ist's diesmal recht still hergegangen, und wie ich mich später auf den Heimweg mach', und mein Bruder, um mich zu begleiten, hinter mir aus dem Haus treten will, hält ihn die dicke Alte am Ärmel zurück, zieht ihn in eine Ecke, und da haben sie beide eine Weile zusammengezischelt und dabei mit den Händen herumgefochten. Ich hab' davon nichts hören können, nur End' zu sagt die Alte lauter: »Du kannst sie ja doch nicht haben und glaub' auch kaum, daß sie dich wird haben wollen.« Darauf tuscheln sie noch eins hinüber und zurück, und dann sind wir gegangen.

Da ich gerad das nit Red' haben sollte, was ich gern zur Sprach' gebracht hätt', so stapften wir ohne viel Plauderns den Weg nebeneinander her und beredeten, daß der Feldmohn rot war' – und die Kornblume blau – und wie einer, der heuer Buchweizen baute, sich verrechnet haben dürft' – und wie die Menschen auf der Welt gemeinteils Gesindel wären –, alle Viertelstund' so ein Gesetzel, wobei das Maul leiert und das Ohr feiert, weil man seinen eigenen Gedanken nachhängen will.

Wieder an der Mühlbachbrücke haben wir uns die Hände gereicht, ich bin vorwärts der Straße nach, er ist aber nicht zurück ins Dorf gegangen, sondern seitab der lautklappernden Mühle zu.

Das war das zweite und letzte Mal, daß ich meinen Bruder zu Rodenstein besuchte. Bis der Entscheid kam, saß er freilich dort so warm wie ein richtiger Pfarrer, und zu so einem machten sie ihn auch, aber Rodenstein schien doch ein zu fetter Bissen für so junge Zähne, die sollten erst hart' Brot kauen; und so setzte man denn einen ältern geistlichen Herrn darauf, und mein Bruder kam paar Meilen weiter ins Land auf ein kleines Dörfel. Das schrieb er mir und schrieb mir's so kurz und gerad'zu, daß ich dachte, er hätt' damal wohl nur den Gleichgültigen gespielt, als von der Rodensteiner Pfarr' die Red' gewesen, und jetzt hinterher wurmte es ihn gewaltig, oder er schämte sich, daß es damit nichts geworden. Nach diesem einen Schreiben hörte und sah ich nichts von ihm drei volle Vierteljahr lang.

Da kommt mir eines Tages ein Brief ins Haus – Krakelfüße, wie sie Hühner in den Sand scharren –, und ich entnehme daraus, mein Bruder läge schwer krank und wünschte mich zu sehen.

Über Hinfinden, Verweilen und Rückfahren konnte wohl ein Tag vergehen, ich überlegte nicht lange, sorgte für unterweile Ordnung im Haus und fuhr nach Weißenhofen, so hieß der Ort.

Rauh war's dort, rauhe Luft, rauher Boden, rauhe Leut'. Das Dörfel lag auf einem Berge, ein Dutzend Häuser etwa, der steilen Straß' entlang, das war alles, und darüber weg guckte vom Bergkamm die Kirche weit ins Tal. Ich hab' mich oft gewundert, daß Kirchen einsam im Land verstreut liegen, in welchen die ganze Gemeinde Platz fänd, trüg auch jeder, wie eine Schnecke, sein Haus auf dem Rücken mit. War da einstmals eine Stadt herum, oder sollte eine werden? Wer kann's sagen? Waren es vergessene Gnadenorte, von denen mit der Zeit Wunder und Wallfahrer weggeblieben sind, die einen oder die andern vorerst und zuletzt alle beide? Wer weiß es?

Gerad so eine übermächtig große Kirche war die Weißenhofner. An der einen hohen Seitenmauer, rechts vom Eingang über Eck', war das Pfarrhaus angeklebt wie ein klein' Vogelnest unt' an einem Steinblock und war nur ein ganz winzig Gärtel, nach vorn heraus, dabei. Es mocht wohl auch da auf der Höhe nicht viel Wachstum leiden.

Das ist ein arm' Pfarrhäusel gewesen, das nämliche, dem ich zugeschritten bin, hat zwar ein Stockwerk aufsitzen gehabt, war aber alles so nieder und gedrückt, drei kleine viereckigte Guckerln oben, unten zwei und an des dritten seiner Stell' die schmale Tür; wie ich die auftu', ist das erste, was ich sehe, die dicke Pfarrköchin von Rodenstein und das zweite die ausgehungerte Katz'. Es wär' schön, daß ich gekommen, sagten sie. Die Alte bedeutete mir, mein Bruder läg' zwar rechtschaffen danieder, aber ich möcht' ihn nur fragen, ob er nicht all gute Pfleg' und Wartung hätt'. Und die Junge hüpft auf mich zu, schlägt mir in die Hände, als wären wir allzeit her die besten Freunde gewesen, und sagt: »Ich hoff', wir kriegen ihn bald wieder aus dem Bett, krank ist mir jedweder zuwider!«

Und nun werd' sie ihm's sagen, daß ich da wär'. Damit schießt sie die kurze Treppe hinan und wirft hinter sich zwei Türen ins Schloß, daß ein Gesunder dazu hätt' fluchen mögen.

Ich frag' indes die Alle, ob sie denn da heroben ganz allein wären, ob niemand kam', Nachschau halten?

Sie sagt darauf: sie wären wohl die meiste Zeit tagüber allein, aber gegen Abend käm' der Holzschnitzer aus 'm Ort herauf, der hätt' das Läuten über und tät' auch ministrieren. Wenn was nötig sein möcht', so säh' der dazu.

»Ei«, sag' ich, »kann denn der Bruder noch Mess' lesen?«

»Wohl«, sagt sie, das hätt' er bis jetzt noch Tag für Tag getan; von seiner Stube aus ging eine Tür auf einen kurzen Gang, über den wär' er mit paar Schritt' auf der Kanzel und – die Treppe hinunter – mitten in der Kirche.

Nun will sie just ein langes und breites anheben, wie das dem Bruder nur möglich war' bei all der guten Pfleg' und Wartung – aber da poltert die Junge herunter und sagt, der Leopold tät mich erwarten –, so sag' ich, sie soll das Schnattern für später sein lassen, und steig' langsam die Stiege hinauf. Ich mach' die Tür oben auf und komm' in ein kleines Kammerl, das voller Gerümpelwerk steckt, dann tret' ich an die zweite Tür und klopf' leis an, und matt, wie wenn ein verschlafenes Kind es reden möcht', sagt es drinnen: »Herein!«

Ich geh' hinein, und gerad gegenüber liegt der Leopold im Bett. Ausgesehen hat er, wie man den Christus auf 'm Kreuz malt. Ich bin dagestanden und hab' nit gewußt, was ich sagen soll, und kehre mich ein wenig um, damit ich die Tür hinter mir ins Schloß ziehe; und wie ich mich wieder aufricht' und ihm zuwend', da streckt er beide elend hagern Arme gegen mich, ein paar Schrei, tief aus der Brust herauf, erstickt es ihm, dann fängt er an hellauf zu weinen wie ein Kind. Da hab' ich meinen Hut mitten in die Stube geworfen und bin auf ihn zu.

»Jesus, mein Heiland! Leopold, was ist's mit dir?!« Hab' ich geschrien. Er aber hat mir mit seinen schmalen, schier durchscheinenden Fingern übers Haar gestrichen – war schon ein wenig graues darunter – und hat in ein'mfort gesagt: »Du bist mir wie mein Vater – Martin –, du bist mir wie mein Vater!« Und von Zeit zu Zeit hat er hinzugesetzt: »Verzeih mir!«

Ich aber hab' mir mit keinem Wort vermerken lassen, wie mich sein Hausstand betroffen und sein Aussehen erschreckt hat.

Und wie er wieder ruhiger worden ist, da hab' ich meine Arme müssen über seiner Bettdecke liegen lassen, und er hat mir meine rauhen Pfoten gedrückt und gestreichelt, die Händ' – hat er gesagt –, die ihm als kleinem Bub'n Brot erarbeitet hätten.

Da hab' ich mich zusammennehmen müssen, daß ich nicht wein'!

Auf einmal lehnt er sich zurück, schaut ganz heiter und sagt: »Ich möcht' wohl auch lieber solche Händ' haben.«

»Nun«, sag' ich drauf, »an denen ist doch nit viel Sauber's!«

Ein ganz klein wenig verzieht er den Mund zum Lachen, neigt sich was zu mir und sagt leis: »Du verstehst mich nit, Martin. Ich will dir was sagen, – Geistlicher hätt' ich nit werden sollen.«

Eine Weil' waren wir allzwei still, dann hat er wieder angehoben: »Martin, niemal hält' ich dann die andern kennengelernt«, – er hat nur die Hand ein wenig gehoben und keine drei Finger an ihr bewegt, und doch hab' ich wohl gewußt, wen er mit den »andern« meint – »niemal hätt' ich die andern kennengelernt, und nach der Rodensteiner Mühl' hätt' ich vielleicht doch hingetroffen, und es wär' alles gut geworden.«

»Denk nicht daran«, sag' ich. Darauf waren mir wieder eine Zeitlang still, mit einmal fragt er: »Weißt du, daß sie geheiratet hat?«

»Die Marie-Lies'?« entgegn' ich.

»Die Marie-Lies'«, sagt' er vor sich hin und weiter zu mir: »Martin, du machst dir keinen Begriff, wie hart einer lauft, der in einem Sack steckt, da kostet's rechtschaffen Müh, sich aufrecht zu halten, komm ihm noch mit Schlingen, so fällt er dahin. Für mich war die Kutte so ein Sack. Frei lüftig in Kniehosen wär' ich wohl mit allen andern einen Weg gegangen, so lieg' ich jetzt abseit von allen, keinem zu nutz und mir selber gram. Bruder – schreit er – ich bin unversehens, wie Wild in die Fanggrube, in die Schand' geraten, und ich hab' mich ihrer geschämt, wie vielleicht nit der ärgste Sünder dessen, was er mit Vorsatz und aus Bosheit getan. Ich wär' auch nit darin verblieben, hätt' sich nur fürs erste alles verheimlichen lassen, daß sich keines scheut, mir die reine Hand zu reichen, an der ich mich herausfind' und wieder der Welt und allen angehören mag; aber das wußten die andern recht gut, und die wollten mich für sich, und darum haben sie sich ohne Scheu und Scham gebärdet, daß bald alles offenbar war für ganz Rodenstein, vom Forsthaus an dem einen End' bis zur Mühl' am andern! Von da an hab' ich kein freundlich' Aug' mehr gesehen, und die blauen, ja, die blauen, die sind mir zu Trutz immer abgewend't geblieben. Und weil sie mir bös war, ist sie mit einmal einem gut geworden, den sie früher nicht hat ausstehen mögen. Die Leute haben die Köpf' geschüttelt und ihr wenig Gutes prophezeit. So ist die Zeit herangekommen, wo ich hierher auf die Pfarre mußte. Auf mir lag, was bald einen zu Boden drücken kann: Ehr' und Friede waren verspielt, die, die mir's abgewonnen, hingen wie Kletten an mir, und das bißchen Sonn'schein, das mir im Leben geworden, sollte ich in Rodenstein dahinten lassen, – als aber die Sorg' um sie, der ich's verdanke, dazukam, da brach ich darunter zusammen, und da griffen sie mich auf und führten mich hierher, und ich ließ mich führen.«

Unterdem mein Bruder so redet, klopft es an und ein vierschrötiger Kerl tritt herein, sagt: »Guten Abend, Hochwürden« und nimmt einen Schlüssel von der Wand und geht damit wieder fort. Es war das der Holzschnitzer und ist wegen des Aveläutens gekommen.

Eine Weil', nachdem der gegangen, sagt mein Bruder: »Und sie hat es auch nit gut getroffen.«

Indes hebt es zu läuten an, die Weiber unten beten laut: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft …«, und ich stimm' oben ein. Mein Bruder hat weder laut noch im stillen mitgetan, sondern sich zurückgelehnt und starr vor sich hingeschaut.

Nach dem Läuten kommt der Holzschnitzer wieder, hängt den Schlüssel an seinen Ort und sagt: »Hochwürden, wenn du mir 'leicht was wollen tätst …«

Mein Bruder hat den Kopf 'beutelt.

Der Holzschnitzer schaut ihn an, kraut sich hinterm Ohr und fragt: »Sollt' ich dir nit doch ein' von die andern Pfarrer da herum holen? Etwa den von Rohrhausen oder von Güldsdorf? 's sein die nächsten und ist ein Weg zu einem wie zum andern.«

»Laß mich mit Fried', Holzschnitzer-Veit«, sagt der Bruder. »Verlangt mich nach einem, werd' ich's schon sagen.«

»Ei mein«, sagt der Veitel noch unter der Tür, »der Leut' wegen sollt's halt doch geschehen, schon der Leut' wegen! Na, gut' Nacht, Hochwürden!«

»Ja, ja«, brummt der Leopold, »wir sollten wohl einer den andern abhören wie Schulbuben beim Auswendiglernen?!« Darauf verhält er sich mäuserlstill, eine geraume Weil', immer länger, und wie ich näher zuseh', liegt er mit geschlossenen Augen und schläft, da heb' ich mich sacht vom Stuhl, geh auf den Zehen über die Stube und sieig' hinab zu den Weibsleuten.

Die räumten mir für die Nacht die untere, ebenerdige Stube wo sie für gewöhnlich ihre Liegerstatt hatten. Ich wollt' es erst nicht annehmen und meinte, in der Küche war' ich gerad so gut aufgehoben, aber sie sagten, das ging' nicht an, da schliefe immer eines von ihnen, daß sie zur Hand wären, wenn etwa der Bruder was bedürft' und wenn sie für den Fall an mir vorüber müßten, so hätt' ich keine ruhsame Nacht.

Ich sagte noch, daß ich mir's aufbehalten hätt', morgen früh die Kirche anzusehen, weil ich nicht heimfahren möcht', ohne drinnen gewesen zu sein.

Sagt die Dirn, das zahle sich wohl aus. Damit gaben wir uns gute Nacht.

Mitten in der Nacht werd' ich geweckt, steht die Dirn vor mir, hat in der einen Hand eine kleine Latern' und in der andern einen großen Schlüssel.

Ich fahr' in die Höh': »Himmlische Mutter! Was ist denn geschehen?«

»Nichts«, sagt sie. »Komm die Kirche anschau'n.«

»Bist du närrisch«, sag' ich, »daß du solche Stückeln angibst? Hab' ich nit gesagt, morgen früh säh' ich sie mir noch rechtzeitig genug?«

»Geh nur mit«, sagt sie. »Die Kirch' macht sich im Mondschein viel schöner als im Morgengrau, und dann ist es just Zeit, wenn du was sehen willst, was man nur jetzt in der Mitternachtsstund' sehen kann.«

»Vielleicht gar einen Spuk?« frag' ich verdrießlich. »Dabei verlang' ich mir nit zu sein.« Mit den Worten kehr' ich mich auf die andere Seite.

Sie tut, als wollt' sie fortgehen und brummt: »Mein'twegen. Du willst also deinen Bruder nit predigen hören?«

»Predigen hören, jetzt um Mitternacht, vor leeren Bänken?« schrei' ich und bin mit einem Satz aus dem Bett. »Um des blutigen Heilands willen, da weis' mich doch zurecht …«

»Da schau du nur selber dazu«, sagte sie. »Versäumen wir uns nit länger, es möcht' sonst zu spät werden.« Damit stellt sie die Laterne weg, legt den Schlüssel neben, daß sie die Händ' frei kriegt, wirft mir vom Sessel meine Gewandstück' zu und hilft mir hinein. So unscheniert hab' ich bald kein älteres Weibsleut' gesehen wie dieselbe Junge.

Dann faßt sie das Weggelegte wieder auf, und wir gehen aus dem Haus. Außen ist heller Mondschein gelegen, und scharf ist der Wind über die Höh' gestrichen. Die Dirn ist vor mir her, die offenen Haar' hat es ihr nach vorn geweht, sie war barfuß und hatte nichts am Leibe als ein Hemd und einen Kittel, der hat bald geflattert, bald sich um sie geschlagen, das Licht in der Laterne hat sie mit der Hand decken müssen, die hat glutrot ausgesehen, als brennte sie, wenn ich knapp hinterher trat, und war wie verloschen, wenn ich einen Schritt zurückblieb. Da kam mir die Dirn' nimmer wie eine ausgehungerte Katze, sondern wie eine richtige Hexe vor und das mehr und mehr, nachdem wir um die Ecke herum waren und vor dem großen Kirchentor standen und sie den Schlüssel in das Schloß stieß und ich so neben stand und ihr ins Gesicht sah, darauf der Mond schien,' die Zähne hatte sie aufeinander gepreßt, ihre Augen glänzten, und damit sah sie vor sich hin, gerad'aus, als ob durch das schwere Kirchentor durch.

Als wir das offen hatten, traten wir ein. Es war ein großes, schönes Gotteshaus mit reichen Altären, an den Fenstern waren – wohl von alt her – farbige Bilder, aber mit der Zeit mochten einzelne Scheiben ausgebrochen sein, und an deren Stell' gab es jetzt welche von einer Farbe oder gar weiße, so daß die Schildereien geflickt und durchlöchert aussahen.

Ich hatt' mich kaum umgesehen, so schlug die Turmuhr raßlig und hart: zwölf, indem knarrt oben an der Kanzel das Türchen, und der Leopold tritt heraus. Gerad' über, durch eine weiße Glasscheibe, ist ein heller Lichtstreif hereingebrochen, hat sich quer über die Kanzel gelegt und meines Bruders Gesicht getroffen, und ich seh', der hat die Augen geschlossen, wie schlafend.

»Jesus, Maria«, sag' ich leis vor mich hin. »Er ist mondsüchtig.« Und fass' die Dirn' am Arm und frag: »Seit wann ist er so?«

»Seit wir da sind«, fagt die. »Von der ersten Nacht, seit wir da sind, treibt er's so und immer das gleiche. Ich bin ihm nit einmal nachgeschlichen.«

Indes kniet er oben auf der Kanzel, die gefalteten Händ' vor sich auf dem gepolsterten Rand, den Kopf darüber gesenkt, gleichsam wie in stillem Gebet und zur Sammlung, wie auch vor einer Predigt üblich ist. Mit einmal erhebt er sich, beugt sich ein wenig vornüber, als waren die Kirchstühl' unten voller Leut', und die wollt' er erst mustern, dann wirft er beidseitig die Arme von sich und steht da wie einer, der sagen möcht': »Schlagt mich tot, wenn ich euch ein Ärgernis gebe, aber ich kann nicht anders!« Das hat er nun wohl nicht gesagt, aber mit einer Stimm', wie eines wohl im Traume spricht, hat er die Worte geredet: »Ich weiß von nichts!« Und dann noch einmal – die Händ' gegen Himmel geworfen und dann dargelegt, als weis'te er damit auf alles inner und umher der Kirch'. – »Ich weiß von nichts!« Danach wandte er sich um und ging.

Mich hat es kalt überlaufen. »Poldel«, ruf' ich, »so weit bist schon?«

Da lacht die Hex' hinter mir.

»Wie magst du dazu lachen?« frag' ich finster. »Willst du vielleicht auch schon wissen um 'n Glauben?«

Da sagt sie rauh: »Meinst du, ich weiß nit, daß ich ein Pfaffenkind bin? Unsereins sollt' gar nit da sein. Gäb's ein' Herrgott, sein' Gnad' ließ die Eltern nit fehlen, oder sein Zorn müßt' so Kinder vernichtigen. Aber ich denk', ich bin gerad' lang genug gewachsen, daß ich dir bis unter die Nase reich', und so kann ich wohl nit übersehen worden sein.«

Am andern Morgen treff' ich meinen Bruder recht schlecht, den Tag hat er keine Messe lesen können. Ich weiß nit, ob er um sein Schlafwandeln gewußt hat, ich hab' mir nichts davon merken lassen, daß ich ihn dergestalt gesehen hab', bin aber eben deshalb eine Weil' ganz scheu neben seiner Liegerstatt gesessen, dann aber hat er angehoben von seinen Kindertagen zu reden; es war merkwürdig, wie er sich dabei auf das Allergeringste besonnen hat, und mir hat geschienen, als wenn ihn das, inmitten der Red', oft selber Wunder nähm'.

Da ich gesehen hab', daß ihn die Ansprach' mit mir aufheitert, so hab' ich das Heimkehren aufgeschoben und bin geblieben.

Stückl für Stückl hat er so seine Lebenszeit vorgenommen, und wir haben sie miteinander durchgesprochen, von der Zeit an, wo er im Kinderhemderl über Stube und Hof gelaufen ist, bis wo er in die Schul' kam, ins Seminar, nach Rodenstein …

Die Sonne war schon hinuntergegangen, als wir mit unserm Plausch da ankamen, wo wir waren – in Weißenhofen.

«Da hat's ein End'«, sagt' ich, »und es bleibt weiter nichts zu erzählen.«

»Ja, ja«, sagte mein Bruder nachdenklich, »da hat's ein End', und es bleibt weiter nichts zu erzählen.«

Ich schau' auf ihn.

Er läßt eine Weil' den Kopf hängen … »Martin«, fragte er mit einmal hastig, «bist du noch da?«

»Nah' bei der Hand«, sag' ich.

»Gib mir die Hand«, sagt er … »Du hör, Martin, mir ist – ich könnt' dir's gar nit sagen wie.«

»Geschieht dir hart?« frag' ich.

»Eben nit«, seufzte er, »aber mir scheint, 's End' dürft da sein.«

»Denk doch nit!« ruf' ich und will auf, damit ich uns einen Beistand such'.

Er aber hält mich an der Hand zurück. »Laß gut sein«, sagt er. »Hetz mir nicht die andern auf den Hals. Ich krieg's allein fertig.«

»Poldel«, dring' ich in ihn, »es wird doch nit sein, aber wenn's sollt', so vergiß nit auf Gott.«

Da drückt' er mir die Hand. «Du mein Herzbruder«, sagt er, »geh dir's gut, geh dir's nur recht gut! Um mich sorg dich nit. Gerate ich auch woanders hin als unter den kühlen Rasen, mir ist nit bang? ich denk', mit ein'm Gott im Himmel können wir uns wohl verstehen, und es braucht uns gar nit zu gut zu kommen, was wir um den auf Erden gelitten haben.«

»Bruder, Bruder« – bitt' ich ihn – »läster doch nit!«

»Du verstehst's!« sagte er und lächelt klein wenig. »Ich hab' lang kein' so andächtigen Gedanken mehr gehabt wie den.«

»Ja, ja«, stimm' ich zu, »mag schon sein, daß ich davon nichts versteh', aber jetzt verhalt' dich ein wenig ruhig«, denn ich hab' gemerkt, daß ihn das Reden angreift, wenn es auch kein lautes gewesen ist, doch hat er von früh ab fast in einem Zug weg gesprochen. Denk' ich, später bereden wir ihn wohl noch. Der Holzschnitzer-Veitl hat recht, schon der Leut' wegen soll er den letzten Trost nit zurückweisen.

So ist's mäuserlstill geworden in der Stube.

Nach einer Viertelsiund' etwa hör' ich ihn sagen: »Ja, ja, nun wären wir zusammen, nur mußt mich nit so fest um die Brust nehmen.« Damit wirft er sich mit einmal – link ist er gelegen – rechts über, tut ein' tiefen Atemzug, und aus war's.

Mich hat's vom Stuhl in die Höh' gerissen, ich hab' mich über ihn gebeugt, kein Hauch ist mehr von ihm gegangen. Ich war lang nit imstand', ihm die Augen zu schließen, so unsicher war ich in den Händen und ich wollt' ihn nicht hart anrühren. Endlich hab' ich's doch zuweg' gebracht. Dann bin ich fort, unter der Tür hab' ich mir ihn noch einmal betracht't, wie so still er daliegt, hab' »B'hüt dich Gott, Poldel« gesagt und das Schloß sacht hinter mir zugezogen.

Wie ich hinunterkomm', haben die Weibsleut' gleich aufgeschrien: »Mein Jesus! Was hast du? Was ist geschehen?« Sie hätten auch blind sein müssen, wenn sie mir nichts angemerkt hätten. Sag' ich darauf: »Der Bruder hat's schon überstanden.« Eine Weil' hat's gedauert, bis sie sich besonnen haben, was sie eigentlich gehört hätten, dann aber hat die Alte laut zu heulen angefangen und wollte auf mich zu, ich hab' sie aber abgewehrt, und sie ist die Treppe hinaufgerannt. Die Junge ist ganz erschreckt und scheu nach einer Stubeneck' zurückgewichen und dort gestanden, ohne Laut und Gebärd', wie von Holz. Ich bin vors Haus getreten und bin gegangen, fort und fort, bis ich heimgetroffen habe.

Am zweiten Tag darauf war des Bruders Begräbnis, da war ich ein zweites Mal in Weißenhofen – wie ich denn auch zweimal in Rodenstein gewesen bin –, da hab' ich die beiden Weibsleut' noch einmal gesehen, seither nicht wieder, weiß auch nicht, was aus ihnen geworden.

Gleich nach dem Begräbnis hab' ich mich auf den Heimweg gemacht. All mein Denken den weiten Weg über war auf den Leopold gerichtet. So hab' ich denn auch sein End' mit ansehen müssen, wie das so vieler meiner Geschwister! Aber ich mein' heut noch, das hätt' es nit not gehabt, hätt' ihm die Mutter sein Leben gegönnt, wie sich's frei von selber herausgewachsen hätt'! Die Kinder müssen sowieso für der Eltern Sünden büßen, gegen das Angeborne kommt einer gar nit, gegen das Angewohnte nur schwer auf und wie ihm das aufliegt für all sein' Tag', das müssen die Alten hinterher mit ansehen. Voreh' muß's die Mutter gerad' nit für eine so große Sünd' gehalten haben, denn sonst hätt' s niemal auf der Welt einen Pechleitner-Poldel gehabt, wenn sie sich's nach der Hand einbildet, es wär' eine, so hätt' s' dazusehen sollen, wie sie sich mit 'm Herrgott abfind't. Ei ja, in die Kutte hat er müssen, die hat freilich größere Säck' wie eine Bauernjoppe, und da geht alle fremde Sünd' hinein, aber da soll keiner auf eigene Faust eine begehn, wo brächt' er die auch unter?

Wenn ich nur damal meinen Kopf aufgesetzt hätt', wie das geplant worden ist, ich hab' doch Unheil vorhergesehen und hab' doch gewußt, die Mutter ist ein alt' Weib und bei vielen wacht das Gewissen auf, wenn der Verstand einschläft! Glaub', Ehr' und Fried' hätt' er nit verspielt, denn der Bauernstand kartelt nit mit so hohe Einsätz'. Heut noch lief mir der Bursch frischlebig auf meinem Hof unter den Augen herum und neben – Lieberes verlangte ich nicht – die Marie-Lies' mit kleiner War', und er sagte mir einmal »Behüt Gott« und es wär' ein groß' Kränken um den alten Onkel. Jetzt flennt mir wohl keine Katz' nach.

Und das wär', das wär' alles so geworden, wie ich sag', ich weiß das, denn die Marie-Lies', die hab' ich noch einmal wiedergesehen. Vierzehn Jahr' war's nach dem Bruder seinen Tod, anderthalb vor heuer. Handels und Wandels wegen war ich am Allerseelentag gerad' nah' bei Weißenhofen. Denk' ich, gehst hin, ein Vaterunser auf des Bruders Grab beten, und dort hab' ich sie getroffen, die Marie-Lies', ein stattlich Weib, schon seit acht Jahr' Witfrau, und sie hat auch nit wieder geheiratet bis auf den heutigen Tag, neben ihr ist ein Bürschel gestanden, das mit großen blauen Augen gar ernst darein gesehen hat, es war ihr Sohn . Wie ich hinzukomm', ist sie gerade nit verlegen geworden, das könnt' ich nit sagen, aber sie hat sich ein wenig zur Seit' gewendet, als sollten wir eins auf das andere nit achten.

»Müllerin«, sag' ich, »du kennst mich vielleicht nimmer, ich bin dess' Bruder, der da unter der Erd' liegt, und daß ich dich da betreff' – was mir gar eigen, wohl und weh zu Herzen geht –, da darüber hast du dich nit zu schämen.«

»Nein«, sagt sie, und wir haben uns über seinem Grab die Händ' gereicht.

Ei, du arm' Sündkind, du, wie mutwillig ist dir die Freud' am Leben zernicht't worden! Selbst vom Nächsten zum Nächsten findet sich wenig Einverstehen und Erbarmnis auf der Welt. Ich hab' an seine zwei Herrgötter denken müssen, der eine für auf Erden, der andere im Himmel; lang kann's nimmer dauern, so geh' ich auf Nimmerkehr, und da wär' mir wohl lieb, ich fänd' den zweiten und wär' dem gerecht. Nun, wie's wird, ich werd's schon inne werden, alle werden wir's inne werden, wie wir da sitzen. Rück mir einer das Feuerzeug herauf, die Pfeif' hat lang genug gefeiert, ich muß mir die Grillen ausräuchern, die wurlen mir jetzt so viel häufig im Kopf herum, seit ich auf siebzig zurück' und niemand hab', der sich darüber freut, denn selber tut man's ja doch nit.

Der Einsam'

Erstes Kapitel

Die Glocken hatten vor langem geklungen, dann sang die Gemeinde in der Kirche, und jetzt ist alles stille: jetzt ist die Predigt.

Am Fuße des Hügels, auf welchem das Gotteshaus über das weite Tal emporragte, lag eine kleine Schenke; Klang und Sang waren dort an das Ohr der Greisin gedrungen, die unter dem Vordache im Gärtchen saß, bald vor sich nach den leeren Tischen und Bänken blickte, bald seitwärts nach einem schmalen Blumenbeete. Es hätte weder des Läutens bedurft, unter dem Sanktus und beim Offertorium, noch des Singens der Leute, sie hätte es ohne das auch recht gut gewußt, wie weit die heilige Handlung vorgeschritten sein konnte, nach dem Schatten des Vordaches, wie derselbe über die Gelbveigelstöcke zu ihren Füßen hinschlich, ei ja, scharfe Sinne halte sie noch, aber an den Kräften, an den Kräften fehlte ihr's halt, sonst wär' sie heut auch nicht heimgeblieben, um das Haus zu hüten; sie mußte selbst darüber lächeln, daß sie dazu bestellt war, die es keinem hätte wehren können, das ganze Haus fortzutragen.

Aber heut will die Predigt kein Ende nehmen. Unter dem alten Pfarrer, der vor kurzem verstorben war, war lang schon die Kirche leer und die Tische und Bänke rings von lärmenden Leuten besetzt; es ist halt eben ein neuer, der will sein' Sach' besonders schön machen, sonderlich, daß er so viel Wort aufwend't und hat doch auch nur's liebe Christentum zu bereden, wird er doch nichts aus eigenem dazutun?

Jetzt sah die alte Frau, wie es oben an der Kirchentür rege ward, erst kamen einzelne daraus hervor, blieben nach ein paar Schritten zögernd stehen oder eilten hastig davon, dann quoll es in einem breiten, wimmelnden Strome hintennach, wie ein Schwärm aufgestörter Ameisen aus einer Erdritze. Allen vorauf aber war der Wirt, ihr Sohn, mit dem Enkel, dem kleinen Anton, an der Hand: die langen Schöße des Sonntagsrockes des Alten flogen im Winde, und der Junge machte gezwungen die gewagtesten Sprünge, hinterher lief die Kellnerin Liese, die mit ihren kurzen Beinen immer ein paar Schritte zurückblieb.

»Gotts Donner, Liesel, wo bleibst?« rief der Wirt in den Garten stürzend und sich behend wie ein Kreisel umdrehend. »Mein' Janker, mein Fürtuch! Lei, lei!« Dann wandte er sich zur Mutter. »Die Kirch' is aus.«

»Du Narrisch«, lachte die Alte, »seh's wohl. Nun, wie is er denn, der Neuche?«

»Ah, ein gescheiter Herr, ein rechter Herr schon, nur ein weng'l resch«, ein weng'l resch halt.«

Die alte Frau streichelte die erhitzten Wangen des Knaben, der zu ihr getreten war. »Hast dir auch g'merkt, Tonl, was der geistlich' Herr g'sagt hat?«

»Wer all's in d' Höll' kommt, hat er g'sagt«, antwortete das Kind.

»Na, wer denn all's?«

»Die Ketzer, dann die Freimaurer, dann die Juden, dann die … die…«

»Die Lauen, die Lauen«, ergänzte der Wirt, indem er das Vortuch umband und den Rock der Liese über den Arm hing.

»Ja«, lachte die, während sie ins Zaus ging, »nur die Warmen kommen in' Himmel, zum Auskühlen!«

Die Alte sah der Dirne, über die lose Rede mißbilligend den Kopf schüttelnd, nach, dann murmelte sie: »So, so, also wieder einer, der 'n Teufel z'schaffen gibt.« Sie saß eine Weile sinnend. »Unser alter Kaplan geht auch fort?« wandte sie sich an den Sohn.

»Ja, ich hör', morgen mit 'm frühsten.«

»So, so, schau, schau, muß der auch fort! War' mer doch lieb g'wesen, der war' verblieb'n, war ihn und den seligen Herrn Pfarrer schon so g'wöhnt, wenn ich amal doch hab' zur Kirchen hinkriechen können. Dreimal hab'n mich dö schon versehn, wer weiß, wie der Neuche mit ein'm herumtut? Ich schick' mich so viel schwer in fremde Leut'. Hätten's doch erwarten können die zwei, der eine mit 'm Versterb'n, der andre mit dem Fortgehn, hätt' kein so Eil' g'habt; zweg'n der klein' Weil', die ich's noch mitmachen kann, war's auch nit g'wesen.«

Indessen hatten sich Gäste eingefunden, es begann ein geschäftiges Hin- und Herrennen in der kleinen Wirtschaft, und an den Tischen erhob sich ein Gemurmel und Gesumme.

»Mir g'fallt er nit, gar nit g'fallt er mir, der Neuche«, sagte ein schmächtiger, bleich aussehender Bursche zu den umsitzenden, gleichfalls jungen Leuten. »Werdet sehen, jetzt kommt wieder eine Zeit, wo jed's zu Ostern wird sein' Beichtzettel aufweisen müssen.«

So leise er das gesagt hatte, so war es am Tische nebenan, wo eben der Wirt das Getränk auftrug und dadurch das Gespräch stocken machte, doch verstanden worden. Ein hagerer Mann, dessen schmales Gesicht scharfe Züge zeigte, wandte sich rasch nach dem Sprecher um. »Glaub's schon. Tomerl, daß dir das leid tut«, sagte er, »aber dem Z'samm'leben in der wilden Eh' mit deiner Kathl, dem dürft' jetzt a Ziel g'setzt sein, und auch d' andern soll'n sich g'freu'n, wie denen wird 's Gasselgehn abg'wöhnt werd'n! Hast ganz recht g'raten, wenn d' meinst, daß gegen 'n Vorherigen der Neuche ein' härtern Striegel führt.«

»Es hat's wahrlich auch schon not«, sagte ein andrer, »daß wieder ein' Zeit ins Land kehrt, wo die Sünder zum Zappeln anheb'n müssen.«

»Wo d'rent eh' Heul'n und Zähnscheppern is?« klang es vom Burschentische herüber. »Sollt' mer herent' noch 's Zapplete krieg'n? Dös is unbillig!«

»Ös Lotter, ös«, schrie ein Weißhaariger über ein paar Tische herüber, »spott's noch! So a Zeit, wie die jetzig Zeit is, hat's noch gar niemal geb'n! Was mer aus einer heutig'n Zeitung lest, wie's in der Welt zugeht, so was hat mer in mein' jungen Tag'n nit z'lesen kriegt!«

»Weil's in dein' jungen Tag'n gar kein' Zeitung geb'n hat!« schrie ein Bursche dagegen.

Da fuhr der Lange am Nachbartische wieder empor. »Wird euch schon vergehen der Spaß, und uns kann's nur lieb sein, wenn's wieder da am Ort ein' Zucht, ein' Ordnung und ein Christentum is.«

»Ich denk', an die drei hat's unterm Seligen auch nit g'fehlt«, sagte ein dickes, behäbiges Männlein, das neben dem Eiferer saß. »Ich hab' nix gegen den Neuchen – bewahr' – aber allz'scharf macht leicht schartig. Nur ein Einsehen! Der Alte hat sich allzeit um sein' Sach' rechtschaffen ang'nommen.«

»Ei ja«, lachte der Hagere, »daß du uns 'n Alten vorruckst, dös versteht sich. Hat er ja doch, wie dein' Dirn' Hochzeit g'halten hat, ein Aug' drüber zudruckt, daß die mit'm Kranzl und mit Begleitjungfern vor 'n Altar geht. Gelt, jetzt gibst dich? Is auch g'scheiter. Alle, die 'm Alten 's Wort reden, wissen wohl, warum sie's tun; freilich, du und deinesgleichen habt euch wieder ein' sein'sgleichen erhofft, aber 's hochwürdig' Konsisturi weiß schon auch, warum 's den Neuchen herg'setzt hat.«

»Wohl, wohl«, schrie der Dorfschuster, »so ein Herr taugt uns, der keine Übelständ' duld't, nit geistlich, nit weltlich, wie auch recht is. Denn wie da auf 'm Bühel 's Gotteshaus über dem G'meind'haus und über allem steht, so soll auch der Herr Pfarrer zuoberst in der G'mein' stehn! Die paar Tag' schon, seit er im Ort, hat er 'm Bürgermeister ganz gute Einschläg' in G'mein'sachen geben, und der, wie er g'scheit is, ordnet sich ihm auch unter; auch der Schulmeister darf sich nit sperren, schon in der Schul' muß der Grund g'legt werd'n …«

Der Dorfschneider wollte nicht zurückbleiben und fiel dem Schuster ins Wort: »Jawohl, schon bei 'n Kindern! Das laue Wesen und die laxe Moral, die sein am Rand, ein scharf' Regiment und ein' strenge Zucht hebt an, und mir, denen schon lang all die Neuerungen nit anstehen, wir sein jetzt die Herren da am Ort.«

«Nit nur am Ort«, nahm der Lange wieder die Rede auf, »laßt euch sagen. Manner, dös verbleibt nit in einem Sprengel, dös is für weiter ang'legt, nit nur da im Ort, bald im ganzen Land werd'n wir, die wir der Ärgerniss' müd' sein, die Herren spielen können, und dieselben, die's uns jetzt noch z' Trutz meinen möchten, soll'n's wohl verspüren!«

Da erklang vom Burschentisch eine Zither, und einer hob zu singen an:

«Geht's mer christlich nimmer z'samm.
Druckt's mich wie die Trud',
Heiß' ich mich halt Abraham
Und werd' a Binkljud'l«

Sofort sang ein zweiter:

»Und wenn eppa drauf ich kimm,
Daß ich da nix wirk'.
Heiß' ich mich halt Ibrahim
Und werd' gar a Türk'!«

Eben griff ein dritter Bursche präludierend in die Saiten, die künftigen »Herren im Lande« schimpften laut, und es dürfte nicht lange mehr angestanden haben, so hätte wohl mancher Gerechte manchem Sünder Neue und Leid erwecken gelehrt und mancher Sünder manches Gerechten Geduld im Leiden erprobt, wäre nicht plötzlich am Zaune ein Mann vorbeigeschritten, bei dessen Erscheinen sofort Stille eintrat.

Die Burschen standen auf und rückten die Hüte, die An- Hänger des neuen Seelsorgers neigten die Köpfe gegeneinander und begannen angelegentlich zu flüstern, um von dem Ankömmling keine Notiz nehmen zu müssen, und etliche Bauern, die, unbehaglich genug, mitten unter ihnen saßen, griffen an den Filz, ohne sich vom Sitz zu erheben, und lächelten verlegen; nur der vorhin geängstigte Wirt stürzte jetzt aufatmend herzu. »Ah, hochwürdig' Herr Kaplan, das is schön, daß mer dich noch sieht vor der Reis'. Also moring schon is's ernst, hör'n wir, moring schon? Na, nit a bissel hereingehn auf a Abschiedströpferl?«

Der Angeredete war ein kleiner, beleibter, alter Mann, ging in hohen Stiefeln, einem langen Rock von ziemlich grobem Tuche, wie ihn die Dorfschneider für die Landgeistlichen gewöhnlich fertigen, und das Kollare sah gerade nicht sehr reinlich unter dem verschobenen Kragen hervor, das runde, gutmütige Gesicht war von einem breitkrempigen Filzhute, wie ihn die Bauern tragen, beschattet, eine schwarzseidene Zipfelmütze guckte darunter hervor.

»Dank' schön«, schnarrte der Kaplan, denn er behielt auch unterm Reden den kurzen Pfeifenstummel, aus dem er qualmte, zwischen den Zähnen. »Bin stark 'gangen und lang kann ich mich nit aufhallen. Steig' seit früh in der Gegend herum, hab' mir nochmal all's ang'schaut und Abschied g'nommen. Von 'n Leuten hab' ich das nit not, is eh' denen meisten lieb, daß s' mich aus 'm G'sicht krieg'n. Na, geh' ich halt jetzt schön stad nach 'm Pfarrhof und fang' fein sauber langsam zum Einpacken an.«

»Nimmst deine Vieher auch mit?« fragte der Wirt.

»Meine Käfer und Schmetterling'? Die Fauna vom ganzen Viertel? Na, die werd' ich doch nit dalassen?«

»Ei mein, so Schachtel- und Kistelwerk mitschleppen, macht doch a 'mentische Ung'legenheit.«

Diesmal nahm der Kaplan gar die Pfeife aus dem Munde, eh' er den Wirt anfuhr: »Wo d' ein' blauen Teufel vom Wert einer Sach' weißt, red nit!«

Da kam die Mutter des Wirtes, auf den Stock gestützt, an den Zaun geschlichen. »Na, du«, sagte sie, »du bist mir ein schöner hochwürdig' Zerr! Mich laßt du da ganz alleinig und gehst in d' Stadt.«

»Je, alte Martha, was tust denn du dich hermühen? Grüß Gott! Na, brauchst mer's nit z'neiden, – wenn auch nach der Stadt, ins Priesterhaus, in d' Versorgung halt, geh' ich.«

»Dös kann ich dir wohl sagen«, flüsterte die Greisin, »mir geschieht völlig hart, daß du gehst, 'm Reben nach, obwohl viel' mit ihm einverstanden sein, weiß ich mich mit 'm Neuchen nit aus, eh' möcht' ich 'n schier fürchten.«

»Brauchst kein' Angst z'haben«, murmelte der Kaplan, »er is halt noch jung, sein' Jahr'n sind die unsern wie a Ratsel, da muß er erst auch so lang allweil im Kreis h'rumgangen sein, dann begreift er's schon, wie eins müd' wird, hinsitzt und der Welt zuschaut, wie's auch ohne seiner fortkommt. Er wird schon älter werd'n.«

»Ja, freilich wird er's amal, aber das erleb' ich nit und wie werd'n mer sich wohl in der Zwischenzeit reden?«

»Laß ihm halt sein' Freud' und red nix dawider.«

»Meinst 'leicht, ich soll mer denken, du red'st mer lang gut?«

»Gedanken sein zollfrei.«

»Gott verzeih mer d' Sünd', aber d' heilig' Weih' von euch abg'rechnet, da seids Ös wie weltliche Hallodri, einer 'm andern aufsässig.«

»Jetzt is Zeit, daß ich geh'«, sagte der Kaplan, und er reichte ihr die Hand. «Na, b'hüt Gott! Mach halt noch dein' Weil' mit und bleib fein riegelsam dabei. B'hüt Gott, Wirt! B'hüt Gott, Leuteln!« setzte er für die wenigen hinzu, die ihn grüßten.

»B'hüt Gott! B'hüt dich Gott, Kaplan!« Die Alte schlich nach ihrem Bänkchen zurück.

»Glück auf d' Reis' und ein schön' Wetter«, rief der Schuster.

»Is eh' gut, daß er fortkommt«, schrie der Schneider hintennach, »war sein' Zeit nix mit ihm und jetzt schon gar, ein Junger muß an sein' Stell', den sich der Herr Pfarrer zieh'n kann, wie er 'n braucht.«

»Ho«, sagte einer am Burschentisch und erhob sich und machte einen langen Hals. »Was beugt denn der Kaplan 'm Steig aus? Mein' Seel', er nimmt d' Straßen, rund um und um, um die ganze Anhöh'!«

»Siehst denn nit«, sagte ein andrer, »daß vom selben Steig h'runter der Pfarrer und der Bürgermeister daherkommen?«

»Na, daher werd'n s' doch nit kommen?« war die mehrstimmige Frage.

»'s macht aber keiner ein Trittl nach rechts oder nach links, sie halten sich grad zu.«

»Wirtshaus! Zahl'n!« lärmten die, Burschen, warfen das Geld auf den Tisch und flüchteten fast unter den Augen des Gefürchteten.

Der Pfarrer war eine stattliche Erscheinung, von hoher, kräftig gebauter Gestalt, die Härte seiner Züge wurde durch die Völle und die Frische seines Gesichtes gemildert; bleich und welk hätte dieses Antlitz mit den dunkeln, feurigen Augen, der scharfgebogenen Nase, dem starken Kinn und den weitabstehenden Backenknochen wohl Scheu erweckt, während es jetzt nur den Eindruck überlegener Willensstärke machte. Aber nur in dem Sinne, wie es der Kaplan gemeint hatte, der eben über zwanzig Jahre älter war, konnte der Pfarrer für jung gelten, denn er zählte wohl fünfundvierzig.

Gar kläglich nahm sich neben ihm der Bürgermeister des Ortes aus, trotz er über Mittelgröße maß, war er doch bei seinem gedrungenen Körperbau, dem Klotzigen und Ungefügen jedes einzelnen seiner Gliedmaßen eher für klein und zurückgeblieben anzusehen. Seine Augen hatten sich durch eine längere Übung gewöhnt, über den Wülsten der unteren Lider eine eigene Achsenstellung anzunehmen, welche, seiner Meinung nach, dem Ausdruck besonderer Pfiffigkeit entsprechen sollte; hätten nun auch nicht die Hängebacken und der breite Mund mit der vordrängenden Unterlippe dem entgegengearbeitet, die Nase allein würde alles verdorben haben, die fürchterliche Nase, so derb und so knollig, daß sie im ganzen Orte vertraulicherweise nur das »Heft« genannt wurde, und die so rücksichtslos aus dem Gesichte hervorsprang, als wollte sie aller Welt bedeuten, wie leicht der ganze Mann an ihr zu führen sei. Der Bürgermeister verdankte seine Ehrenstelle lediglich nur dem Umstande, daß er der »Schwerste«, das heißt, der Reichste, im Orte war.

Als die beiden in den Wirtshausgarten traten, schoß der letzte, der unbehendeste der Burschen, an ihnen vorüber, ärgerlich lachend den Kameraden: »Halt's aus! Halt's aus!« nachrufend.

Alle erhoben sich. Der Wirt behielt für eine Weile die Kappe in der Hand, die Kellnerin knickste und glättete ihre Schürze, selbst die alte Martha stand auf ihren Stock gestützt, sie mochte eben dem »reschen Neuen« keinen Anlaß zum Übelnehmen geben.

Der Pfarrer dankte mit einem kurzen Kopfnicken, einen scharfen Blick sandte er den Entflohenen nach, dann wandte er sich an den Bürgermeister: »Also das sind Eure Burschen? Von der Unmanierlichkeit will ich absehen, aber diese Eile, ihrem Seelsorger aus dem Gesichte zu kommen, deutet auf schlechte Gewissen und üble Aufführung. Sind alle so?«

Der Bürgermeister versuchte es, eine sorgenvolle Miene anzunehmen. »Es sein wenig anders«, sagte er. »Wär' eh' nit die Halbscheid von sö in der Kirchen z' sehen g'wesen, hätt' s' nit die Neugier h'nein'trieben, weil halt heut Euer Hochwürden erste Predigt war.«

»Auch das Kommen und Gehen der Leute hierorts gefällt mir nicht. Da tritt der eine verspätet ein, und der andere verliert sich mitten unter der heiligen Handlung. Ich sehe das sehr ungerne und werde es abstellen.«

»Schon recht, schon recht«, pflichtete der Bürgermeister bei. »Das ist alles so eing'rissen unterm Frühern, der hat derlei gar nit bered't; im Gegenteil, sein Wort war, wer nit freiwillig käm', der bleibet g'scheiter weg.«

Der Pfarrer runzelte die Stirne.

»Ja, und alles ist überhaps genommen worden«, fuhr der Bürgermeister fort. »Meßlesen überhaps, Beichthören überhaps. Predigen und Büßgang', alles halt überhaps. Na, und der alte Kaplan, der hat dabei gar nit zählt, der war nur froh, wann er mit sein' Flieg'nnetz hat recht fleißig herumsteigen können. Is a seltsamer Herr, mit all'm G'würm und Viehwerk, was sechs Fuß' und Flügel hat, is er auf meil'nweit bekennt, ordentliche Freithöf' – Gott verzeih' mer die Sünd' – hat er daheim fürs Unziefer eing'richt', da sein s' der Reih' nach auf Nadeln aufgespießt und wie große Herren haben s' a lateinische Grabschrift drunter stehn.«

»Ich weiß«, sagte der Pfarrer, »er ist ein leidenschaftlicher Entomolog.«

»Ja, ja, so einer is er, wie Euer Hochmürden sagen, ein leidenschaftlicher Entenmoloch. Gar kein' Zeit hat er übrig b'halten, daß er sich um was Rechts hätt' annehmen können. Ei wohl, durch die zwei sind wir dahin kommen, wo wir jetzt stehen? Hochwürden werden schwere Müh' hab'n, dös all's wieder aufgleich z'bringen.«

»Die scheue ich nicht und mit Gottes Hilfe will ich's bald dahin gebracht haben, daß ihm hier am Ort und unter meiner Seelsorge eine der eifrigsten und frömmsten Gemeinden im Lande dienen soll.«

»Ei wohl, da ist mir nicht bang, wir werden's schon machen.«

»Wir?« fragte der Pfarrer und sah den Vierschrötigen mit großen Augen an.

Dessen Nase zeigte sich mit einmal kupferig wie die eines Weinsäufers; das war seine Art zu erröten. »Bewahr«, stotterte er, »nit im Traum, daß ich dran denk', mich mit Hochwürden auf ein Staffel Zu stell'n, dös war' doch aus der Weis'; ich wollt' nur sagen, wir werd'n schon tun, was Hochwürden anschaffen, wir werden schon sorgen, daß in allem gehorsamt wird, wir, was mer die Ersten von der G'meind' sein.«

»Das erwarte ich auch«, sagte, sich hoch aufrichtend und im Kreise um sich blickend, der Pfarrer, »denn ich verlange, daß jedem einzelnen, wie der Gemeinde die Religion über alles geht, ohne die ja doch das ganze Leben nur ein wüstes Durcheinander wär', indem sich keiner auskennen möcht'; sie allein gibt uns durch ihre Offenbarung ein klares Bild von Zweck der Schöpfung und Bestimmung des Menschen, und zwar von Erschaffung der Welt an bis zum Jüngsten Tag, und nun weiß sich ein jeder aus, wozu eigentlich er und alles andre auf Erden ist. Und wenn wir die Obrigkeit fragen, warum wir ihr gehorchen sollen, muß sie sich nicht auch auf die Religion berufen, die uns lehrt, daß die Obern von Gott eingesetzt sind? Darum gehört auch geistlich' Regiment über das weltliche, und die Mächtigen sollten sich wohl hüten, ruhig zuzusehen, wie man täglich mehr und mehr Gott und die Vorsehung hlnwegzuleugnen versucht, war' man erst mit dem Herrn im Himmel und den göttlichen Einrichtungen fertig, dann würde man hinterher mit den Herren auf Erden und den irdischen Einrichtungen wenig Umstände machen.«

Unter den Anhängern des »Neuen« erhob sich ein beifälliges Gemurmel: »Wohl, wohl, is eh' a so!« – »Dös leucht' ein, dagegen kommt keiner auf!« – »Der versteht's halt, der hochwürdige Herr, der versteht's halt!«

»Darum die Religion über alles«, fuhr der Pfarrer fort, seine Wangen röteten sich, und seine Augen blitzten. »Es ist das eine notwendige und heilsame Unterordnung, und wie ich die mir anvertrauten Seelen zu leiten und zu führen gedenke, steh' ich nicht an, offen herauszusagen, und mag es ein jeder hören. Durch den Satan zu Gedankenhochfahrt und Sinnenlust verführt, hat der Mensch schon im Paradies sich diese Welt verderbt, daß er nun nicht durch Lauheit und Liederlichkeit auch noch die andere Welt verspiele, die ihm durch Christi Blut erkauft worden ist, dafür zu sorgen, ist die Kirche eingesetzt! Ich werde streng darauf achten, daß das Gebet im Hause nicht verabsäumt wird, daß jeder die Andachtsübungen in der Kirche mitmacht, daß keiner von Bitt- und Bußgängen fernbleibt, daß alle die gebotenen Fasttage halten und die Gnadenmittel, die heiligen Sakramente, in vorgeschriebenen Zeiten und bei sonstigen Anlässen gebrauchen. Darüber soll mir nur ja keiner Klage führen, daß er dadurch Zeit und irdische Freud' einbüßt: ein solches Opfer kann man ihm wohl auferlegen, da ihm dafür die Ewigkeit und himmlische Freud' in Aussicht steht. Räudige Schafe dulde ich in meiner Herde nicht, und ich hoff', daß wir darüber alle eines Sinnes sein werden. Wir wollen es nicht fehlen lassen an eifrigen Ermahnungen und eindringlichen Vorstellungen, will sich aber einer durchaus nicht bessern, so scheiden wir ihn lieber aus; ist es Bauer oder Bäuerin, so sollen sie unter uns keine Ansprache und nachbarliche Hilfeleistung mehr finden, ist es Knecht oder Magd, so soll ihnen der Dienst aufgesagt werden, ist es Sohn oder Tochter, wie hart es auch fallen mag, so soll ihnen nach den Worten der Schrift geschehen: Wenn dich ein Auge ärgert, so reiße es aus und werfe es von dir! Mögen sie in die weite Welt laufen, wo sie die Prüfung durch Not und Elend, wie wir hoffen, zu Gott zurückführt, und wenn sie reuig heimkehren, werden wir sie mit offenen Armen aufnehmen, aber Ärgernis und bös' Beispiel darf hier am Orte nicht zurückbleiben, wenn wir uns rechtschaffen des Widerchrists und der Widerchristen erwehren wollen!«

Er schloß mit einer kurzen Bewegung der Hand, gleich einer Abdankung der Hörer und ging mit raschen Schlitten auf den Tisch zu, den die Burschen verlassen hatten.

Bisher hatten sie alle gestanden, nun duckte einer nach dem andern nieder. »Amen« und »Vergelt's Gott« murmelten etliche, wie nach einer Predigt.

Die alte Martha zupfte die Kellnerin am Rocke. »Sag mal, Liesel, wie heißt er denn, der hochwürdige Herr?«

»Eisner!«

»No, schau, richtig Eisner«, flüsterte die Alte vor sich hin. »Kann ich mich halt doch noch auf meine Augen und mein Gedächtnis verlassen, da kenn' ich 'n wohl, da kenn' ich 'n eh'. Daß aber er's is!« Sie kopfschültelte. »Daß er's sein kann! Das macht mer erst recht bang'.«

Plötzlich verstummte an den Tischen das wieder laut gewordene Gespräch. Am Eingänge des Gartens zeigte sich ein etwa fünfundzwanzigjähriger Bursche, er ging barfuß und ohne Kopfbedeckung, trug lange, städtische Beinkleider und eine Jacke, beide Kleidungsstücke von grobem Tuche, stark abgenützt und stellenweise grob geflickt, doch reinlich gehalten. Er schleppte sich mit einem großen Tonkruge. Sein feingeschnittennes Gesicht, das bleich und finster sah, war von langen Haaren, die ihm bis auf die Schulter fielen, umrahmt, und ein Flaum, der an den Wangen spärlich gedieh, aber über den Lippen und am Kinne kraus und wollig sich entwickelte, gab ihm das Ansehen, als trüge er einen gepflegten Schnurr- und Kinnbart. Er hielt den Kopf gesenkt und die großen, dunkeln Augen unter den Lidern versteckt: nur jetzt, wo er unentschlossen stille stand, tat er einen einzigen raschen Blick vor sich hin, es war ihm der Eindruck nicht entgangen, den sein Erscheinen hervorbrachte, und es schien, daß nicht nur er vor den Leuten scheute, sondern auch diese vor ihm.

»Herrgotts Sakra«, brummte er, »vergiß ich wieder, daß heut Sonntag is und komm' da mitten in den Schwarm h'nein.« Er trat ein und ging, ohne einen Blick seitwärts zu werfen, geradeswegs auf den Wirt zu.

»Was willst denn du da?« fragte der unfreundlich.

»Der Proviant is mer ausgegangen. Füll mer mein' Krug und gib mir ein' Laib Brot mit: schau dir ja selber gern, daß ich wieder fortkomm'.«

Der Wirt nahm ihm den Krug ab und schritt, von dem Burschen gefolgt, in das Haus.

»So, so«, sagte der lange Eiferer, »da habts 'n Einsam' auch wieder herunt' im Ort. No heißt's wohl 'm Teufel ein' Kerzen anzünden, oder g'schieht bald a Unglück.«

»Wer ist denn der verwahrloste Bursche«, fragte der Pfarrer den Bürgermeister.

Der Gefragte seufzte tief auf. »Der? U mein, daß ich sag', das is wohl a Pfahl in unserm Fleisch, halt ja, a Pfahl! Wir heißen ihn ›den Einsam'‹, weil er sich da oben auf einer hohen Felswand in einer Höhl'n eing'wohnt hat, kein Ansprach' sucht, auch nit leicht eine fänd'. Er hat einmal ein' im Zorn erschlagen, und seit er aus 'm Strafhaus freigangen is, haust er in derer Weis': wohin er eigentlich zuständig is, danach hat niemal wer g'fragt, er auch nit, er hat sich halt daher g'macht.«

Der Pfarrer sah erstaunt auf. »Und das duldet die Gemeinde?«

»Ja, Hochwürden, da sein noch andre Sachen. Man traut sich nit gegen ihn. Wann ihm 's Geld ausgeht, tragt er sich wohl ein' Bauern zur Arbeit an, und die erst' Zeit hab'n wir g'meint, mer könnt' ihm von der Seit' zu und hab'n ihm 's Tagwerk verweigern wöll'n, wie aber paar Scheuern über Nacht in Feuer aufg'gangen sein, da hat ihm keiner mehr nein g'sagt.«

»Na ja, ja, Bürgermeister, schon recht«, mengte sich gutmütig der dicke Behäbige ein, der früher vom Langen so garstig abgeführt worden war, »nur mußt auch sagen, erwiesen is nix, kann leicht nur ein Zufall g'wesen sein.«

»Erwiesen is nix, weil er schlau ist«, rief es von mehreren Seiten. »Wär's erwiesen, wär'n wir 'n los!«

»Ihr hättet das eben von allem Anfange an nicht leiden und euch nicht einschüchtern lassen sollen! Wie kann man sich denn nur diese aufgezwungene Nachbarschaft und diese fortwährende Bedrohung des Eigentums gefallen lassen?« fragte erregt der Pfarrer, und seine feine, zarte Rechte krampfte die Finger in sich. »In der Kirche sieht man den Menschen wohl auch nicht?«

»Nie hat ihn keiner mit kein' Aug' drin gesehn, solange mer sich auf ihn besinnen.«

«Das geht nicht an! So ein Mensch, der weder nach Gott, noch Welt fragt und wie das liebe Vieh dahinlebt, gibt ein Beispiel, durch das die ganze Gegend verwildern könnte. Dem muß ein Ende gemacht werden! Ich werde den Burschen ins Gebet nehmen, und wenn er zu Kreuz kriecht –«

»Hochwürden, der kriecht nit!«

»Nun, wenn nicht, so könnt ihr euch darauf verlassen, daß ich ihn fortzuschaffen weiß.«

»Wenn das g'schäh'«, meinte froh der Bürgermeister, »dann saget ich wohl ›Vergelt's Gott‹ im Namen der G'meind'.«

Jetzt kehrte der Wirt mit dem gefüllten Kruge und einem Laib Brot unter dem Arme zurück, der »Einsam'« tänzelte um ihn herum. »So gib mer's doch her«, sagte er, »so laß mer's nur trag'n, laß mer's trag'n!«

»No, no, nur stad«, sagte der Wirt. «Da hast! Gib dein Geld und mach, daß d' fortkommst.«

»Fort werd' ich gleich sein«, sagte der Bursche. »Geld aber kann ich dir keins geb'n, weil ich keins hab', du weißt aber, daß d' es noch allmal kriegt hast. Muß halt wieder auf a Zeit ins Tagwerken gehn.« Jetzt hob er den Kopf, drehte den Hals und musterte mit einem schnellen Blick die Umsitzenden. »Ja, ja, ich muß ins Tagwerken gehn,' wer nimmt denn dösmal 'n Einsam'?«

»No, antrag'n wird dir keiner d' Arbeit«, sagte der Dorfschuster.

»Mußt dich halt ein'm anbieten«, sagte der Schneider.

Der Lange aber fuhr vom Sitze empor und schrie: »Tagwerken, sagst, tät'st du? Tagwerken, du Tagdieb? Unheil stift'st und 's Geld nimmst 'n Leuten dafür aus 'n Sack! Aber hüt dich, bald wirst nimmer der G'fürcht'te im Ort sein; der hochwürdig' Herr da, unser neuer Pfarrer, hat's grad Red' g'habt mit 'n Bürgermeister, wie mer dir dein Unwesen verleid't; jetzt kimmt a neu' Regiment.«

»Was kümmert mich der Pfarrer und der Bürgermeister?« sagte der Einsam'. »Oben in meiner Felslucken kenn' ich kein' Kirch' und kein' G'meind', und was 's neu' Regiment angeht, wenn's nur euch taugt, mir kann's gleich sein, ob alt oder neu, ob der Ochs im Joch oder im Kummet geht. Nur gegen mich darf sich keins z'viel herausnehmen, 's könnt' übel ausgehn, hüt's euch, hüt sich jeder, der 'n Einsam' noch nit kennt!« Er wandte sich zum Gehen.

»Halt, Bursche!« rief ihm der Pfarrer nach.

»Der Herr Pfarrer will mit dir reden«, schrie der Bürgermeister.

»Kann sein, aber ich will 'n nit hör'n.«

Da riß es alle in die Höhe. »Halten wir ihn auf!« riefen sich mehrere zu. »Halten wir 'n auf!«

»Haha«, lachte der Bursche. »Nur zu! Greift's mich! Kikeriki! Wer will sich denn 'n roten Hahn aufs Dach hetzen?!«

Der Pfarrer aber stieß die im Wege Stehenden zur Seite und stürzte bis zum Eingange vor. »Du lachst zu früh«, schrie er, »wir treffen uns schon noch!«

Da hielt der Bursche inne, wandte sein von Zorn und Trotz entstelltes Gesicht gegen ihn und rief heiser: »Wär' vielleicht besser für uns allzwei, es unterbleibet!« Damit kehrte er den Rücken und schritt unangefochten seines Weges weiter.

Zweites Kapitel

Als der Kaplan von seinem Morgenspaziergange nach dem Pfarrhofe zurückgekehrt war, hatte er in aller Gemächlichkeit begonnen, seine Habseligkeiten einzupacken; dabei verqualmte er eine ganz erstaunliche Menge Tabaks, nicht aus seiner Stummelpfeife, die ihn nur auf seinen Ausflügen begleitete, sondern aus einer mit einem langen Rohre, und er ward ihrer nicht überdrüssig, obgleich sie ihn in seiner Beschäftigung behinderte, und er verlor nicht die Geduld, wenn sie auch regelmäßig, sooft er sich bückte oder niederkniete, den Tonkopf gegen den Boden stemmte und ihm den Federkiel in den Rachen stieß.

Seine Insektensammlung hatte er in zwei großen Kisten untergebracht und auf deren Deckeln mit ungefügen Strichen eine Flasche und die Worte »nicht stürzen« hingepinselt, seine Kleidungsstücke und Bücher lagen in einem Koffer unter Verschluß: es blieb ihm nur noch übrig, all jene teils nützlichen, teils notwendigen Gegenstände unterzubringen, die zwar einen sehr kleinen Aaum einnehmen, aber für den augenblicklichen Bedarf im Hause wie auf der Reise eine desto größere Rolle spielen.

Als er aus einem Schranke ein Handkofferchen hervorzog, raschelle es im Innern, und als er aufschloß, lag eine Photographie auf dem Boden, das Brustbild eines Bauernmädchens, mit reichem Haar unter dem Kopftuche und kleinen blinzelnden Äuglein über dem Stumpfnäschen in dem vollen, runden Gesichte. Das Bild hatte durch Zeit und schnöde Behandlung arg gelitten, es war verblaßt und zeigte Fingerabdrücke. Der Kaplan griff das Blättchen auf und machte eine Bewegung, als wäre er willens, dasselbe in die Zimmerecke zum Kehricht zu werfen, aber er besann sich anders und legte es an seine Stelle zurück. »Dumm's Dirndl«, schmunzelte er, »wär' eine schöne Dummheit gewesen, wenn du damals dein' Willen g'habl hätt'st, freilich könnt'st 'n seither mit andern g'habt hab'n – ging mich nichts an – aber ich hoff' zu Gott, daß du heuttags auch wo als rechtschaffene Bäuerin sitz'st und dir ebensowenig vorz'werfen hast.«

Bedächtig griff er nun von den zurechtgelegten Stücken das eine um das andere auf, brachte es in das Kofferchen, reihte aneinander und schichtete übereinander, und als er damit zu Ende gekommen, klappte er zu und sperrte ab. Er atmete auf, streckte sich und trat an den Tisch, um sich eine frische Pfeife zu stopfen, die wievielte, wußte er selbst nicht, aber es machte ihn doch bedenklich, als er im Tiegel den Tabak bis auf einen geringen Rest dahingeschwunden sah, doch mit dem Gelöbnisse, daß es für heute die letzte sein solle, überwand er das Zögern und langte zu: dann setzte er sich in den Lehnstuhl, der an dem offenen Fenster stand und sah hinaus in die Gegend. Geflirre, Gezwitscher und Gesang der Vögel war verstummt, es war Abend geworden. Ganz in der Ferne verlor sich das Tal unter einem leichten, fahlen Flor: graue Wolken standen über diesem, und ein schmaler, lichter Saum verriet, daß hinter ihnen die Mondsichel aufsteige. In der Abendglut aber leuchteten die kahlen Schroffen, lagen die Wälder in goldigbraunem Dufte und brannten ganz nahe die Fenster einzelner Hütten des Dorfes. Feierliche Stille lag über dem allen.

Doch Friede ist nicht in der Natur. Wohl uns, daß wir kein Auge dafür haben, wie nicht für die Dauer eines Atemzuges, eines Herzschlages die bildenden und zerstörenden Kräfte ihre Betätigung aussetzen, daß wir in glücklicher Blindheit nicht sehen, wie kein Hauch verweht, kein Pulsschlag verrollt, ohne daß zahllose Wesen unter den Qualen des Werdens sich krümmen oder unter den Schrecken der Vernichtung vergehen! Nur die Menschenseele hat die Empfindung tiefen Friedens, selten und für kurze Zeit: sie wird ihn, der Verheißung nach, für immer haben, wenn die Brust über dem Herzen eingesunken sein wird, ob aber auch dann die Empfindung?

Der alte Mann, der da im Lehnstuhle saß, hatte sie in diesem Augenblicke voll und ganz, durch keine Frage, keinen Gedanken abgelenkt, durch keinen Schmerz, keine Leidenschaft beirrt, durch keine Erinnerung, keine Furcht getrübt. Ruhige Atemzüge hoben und senkten seine Brust, ganz im Schauen aufgegangen, genoß er rein das Gefühl des Seins, wo wir, des eigenen Selbst vergessend, plötzlich mit der Selbstlosigkeit des großen Ganzen in Harmonie treten und auch aller Widersprüche bar und ledig, in dem Anblicke seiner grüßten, wie seiner kleinsten Bilder sinnenden Auges uns verlieren.

Der Klang der Abendglocke schreckte den Kaplan auf, er stieß einen tiefen Seufzer aus und rieb sich die Stirn: ein grämlicher Zug überflog sein Gesicht, offenbar besann er sich auf etwas, was ihn gerade nicht angenehm berührte. Er erhob sich rasch, wechselte den Rock, verließ seine Stube, und nach wenigen Schritten über den breiten, aber kurzen Gang stand er vor einer Tür, an welche er pochte.

Innen blieb es still.

Der Pfarrer lehnte am Fenster und sah in die Ferne, wo einzelne Gipfel eines Gebirgszuges hinter den Bergen, welche das Tal einschlossen, emporragten und, vor der scheidenden Sonne stehend, sich dunkel und scharf umgrenzt am Himmel abhoben. Schon vorhin, als er noch mit hastigen Schlitten das Zimmer durchmaß, war ihm die eine Höhe aufgefallen, die zwei stumpfe, weit auseinanderstehende Zacken zeigte und aussah, als hätte der Berg einst mächtige Hörner getragen und die wären ihm abgesägt worden. Er kannte den Berg; an dessen Fuße mußte das Dörfchen Gutenhofen liegen: dort wußte er eine ärmliche Hütte mit einem dürftigen Gärtchen, in welchem mehr Klette als anderes wuchs, und daran floß der klare Bach vorbei. Er fand oft den Weg dahin, der Straße nach, in Staub und Sonnenbrand, dem Wasser entlang und über dasselbe hinweg, in der Abendkühle und wenn die Steine, die man trockenen Fußes beschritt, im Mondlicht glänzten. – Das alte Weib war gestorben, zur Vordertür trug man sie, das Tote, aus der Hütte hinweg und durch die Gartenpforte …

Der Pfarrer schüttelte mit dem Kopfe und streckte die Hände vor sich, als wollte er etwas abwehren, »Apage!« murmelte er. Er horchte auf, es pochte, und froh der willkommenen Störung rief er ein kräftiges »Herein!«

»Guten Abend, Herr Konfrater«, sagte der Kaplan. »Ich bitt' um Entschuldigung, falls ich belästig'. Ich komm' nur, Abschied nehmen: ich hab' mir gedacht, es ist besser, ich mach' das heut noch spät ab, morgen früh dürft' eben zu früh sein.«

»Wollen Sie Platz nehmen«, sagte der Pfarrer, indem er nach einem Stuhle deutete und sich selbst niederließ. Eine Weile saßen sich die beiden Männer schweigend gegenüber.

»Daß Sie den Entschluß gefaßt haben, sich zur Ruhe zu setzen, kann ich nur billigen«, hob der Pfarrer an. »Es bricht jetzt eine Zeit herein, wo es nach außen eines wahren Kampfeifers bedarf, um die Kirche gegen Anfechtungen zu schützen, und nach innen einer eisernen Strenge, um das festzuhalten, was sie unter den Händen hat. Nun scheinen mir aber Kampfeifer und Strenge nicht Ihre Sache zu sein!«

»Nein, das weiß Gott«, sagte der Kaplan, »wo sich was nit im Guten richten laßt, bin ich nit der Mann dazu.«

»Ei, ei, so eingenommen für Milde und Nachsicht?« Der Pfarrer hob drohend den Finger, es sollte wie schalkhaft aussehen. »Am Ende benötigen Sie selbst derselben?«

»Wer denn nit? Jeder hat so seine Schwächen, aber ich hoff', mein bissel Viehersammeln – ich tu's ja nit martern – und das saker… das Rauchen, halt das Rauchen, das rechnet mer unser Herrgott wohl nit für Sünd' an.«

»Das hoff' ich auch, habe mir ja nur einen Scherz erlaubt: jedoch im Ernst gesprochen, Gott mag Barmherzigkeit üben, dem Menfchen geziemt es strenge zu sein gegen sich und andre. An sich selbst lernt man das Bedürfnis nach Strenge fühlen, an sich selbst die Heilsamkeit derselben erproben. Ich habe mich einst ganz in die Hände der Obern gegeben, und sie haben mich in eine harte Schule geschickt, als Missionär nach einem andern Weltteile.«

»Oh, so weit herumgewesen in der Welt, Herr Amtsbruder?«

»Ja, ich habe jahrelang im Sonnenbrande Afrikas den Wilden das Evangelium gepredigt: bin noch nicht gar so lange Zeit von dort zurück.«

»Ei du mein, da ist mer halt doch ganz aus 'm Alten heraus, und es heißt, sich erst wieder drein eing'wöhnen: ich geb' zu, einige Mildling' sein schon auch da, aber es dürft wohl anders mit sö umz'gehn sein wie mit Wilde.«

»Oh ja, mit mehr Strenge! Die Wilden sind wie große Kinder, und es ist ganz merkwürdig, zu sehen, welche Einwürfe und Ausflüchte der Erbfeind den kindlichen Seelen zubläst, um sie gegen das Heil mißtrauisch zu machen und zu verhärten, aber am Ende bleiben sie doch Kinder und sind mit einigem Ernste eines Bessern zu belehren; hier aber habe ich es nicht mit Kindern, sondern mit großen Leuten zu tun, durch die Taufe in die Gemeinschaft der heliigen Kirche aufgenommen und von klein auf in deren Heilswahrhellen unterrichtet, und treffe ich darunter welche, die zu eigenem und fremdem Verderben sich gegen ihr Gewissen setzen und das andrer irreführen, dann bin ich der Mann dazu, der sie entweder zurecht oder der Gemeinde aus den Augen bringt, und damit tu' ich nur, was man von mir erwartet, denn meine Gesinnung war bekannt, eh man mich auf diesen Posten stellte.«

»Na ja«, seufzte der Kaplan, »ich merk' schon, daß schärfer drein 'gangen werd'n soll, das ist beschlossene Sach', und da hilft kein Reden: aber ich kann mer nit helfen, ein klein's Übergangl tat halt doch dazu not, wann das so auf ein' Ruck kommt, das vertrutzt und verstockt die Leut', und der Herr Konfrater soll halt nit gleich brechen wollen, was nit auf der Stell' biegen mag. B'sonders für zwei hätt' ich gern ein gut' Wörtl eing'legt, da ist der Bursch, den s' 'n Einsam' nennen, ja mein, der laßt sich, wie er ist, nit so leicht um 'n Finger wickeln, da braucht's bevor schon a Zeit und Weil', bis mer 'n weich macht, und da ist noch der Schneider-Tomerl, der Sohn vom Flickschneider, gar ein armer Teufel, der ledig mit einer Dirn' lebt, Not und Elend im Haus und ein klein's Kind dazu, ja, daß s' nit hätten z'samm' sollen, das haben die zwei von Anfang an g'wußt, das werfen sie sich heut gegenseits vor, und morgen will wieder keins vom andern lassen,' der Jammer hat den Leuten ganz den Kopf verwirrt, will mer s' z'samm' haben, so wollen s' auseinander, will mer s' auseinander, so woll'n s' z'samm' bleiben, da möcht halt auch ein blind' Dreinschlagen leicht vom Übel sein, und mein Denken war, man wart't zu, bis das Kleine ein wenig dreinplappern kann, dann ist mer doch zwei geg'n zwei und red't sich leichter, wenn man dem sein Sach' führt.«

»Das taugt nicht, Herr Konfrater«, rief der Pfarrer, «das taugt in Ewigkeit nicht, durch Zuwarten wird Ärgernis alt und übles Beispiel mächtig! Es ist leider nur zu lange zugesehen worden, und ich fühle mich verpflichtet, dem ein Ende zu machen, und werde ohne Zögern den beiden Burschen den Daumen aufs Auge drücken; der eine soll sich entschließen, zu leben, wie es unter Christenmenschen der Brauch ist, der andere soll die Dirne zu Ehren bringen oder er soll sie lassen! Was etwa aus den beiden werden mag, wenn sie sich nicht fügen und vom Orte müssen, darüber habe ich nicht zu grübeln.«

Der Pfarrer erhob, sich, der Kaplan, der seinem Beispiele folgte, trocknete sich mit einem bunten Sacktuche den Schweiß von der Stirn. »No, nit für ungut«, sagte er mit vor Erregung zitternder Stimme, »daß ich mir überhaupt erlaubt hab', etwas zu bereden, aber ich wollt' nit damit zurückhalten, weil ich g'meint hab', mein Wort, als von ein'm, der lang g'nug hierorts war, um sich auszuwissen, möcht' nit zu verachten sein, und weil ich darauf bedacht war, Unheil zu verhüten, das ich möglich kommen seh', wann…«

«Kein Wort weiter in der Sache, Herr Kaplan«, unterbrach ihn der Pfarrer, »ich handle, wie mir Pflicht und Gewissen vorschreiben, und übernehme vor Gott die Verantwortung!«

»No, so empfehl' ich mich halt, Herr Pfarrer, gehorsamer Diener!«

»Glückliche Reise! Noch eins…«

Der Kaplan blieb, die Hand an der Klinke, stehen.

»Da Sie nach der Stadt übersiedeln, so dürfte es Sie wohl nur wenig beschweren, wenn ich Sie ersuche, dort nach einer Person zu forschen, die seit Jahren für mich verschollen ist.«

»Gern, bitt' mir nur 'n Namen zu sagen und was ich sonst etwa zu wissen nötig hab'.«

»Hm ja«, dehnte der Pfarrer, er blickte nach dem Fenster, außen war düstere Nacht geworden, rings waren Wolken aufgestiegen, und der Berg mit den Hörnerstumpfen war verschwunden. »Mir sprechen noch darüber«, sagte er kurz.

»Es ist wenig Zeit mehr.«

»Ich kann ja auch schreiben.«

»Nun, ist recht, gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Kopfschüttelnd ging der Kaplan nach seiner Stube. »Vor Gott übernimmt er die Verantwortung!« murmelte er. »Die vor Menschen liegt doch näher; ich möcht' nix vorm lieben Herrgott zu vertreten haben, was ich nit vor d' Menschen kann!«

Bald stand der Pfarrhof im Dunkeln, alle Lichter waren verlöscht und die Inwohner zur Ruhe gegangen. Der Pfarrer lag in tiefem, ruhigem Schlafe und nur ein paar Schritte davon, in der Stube nebenan, quälten den Kaplan böse Träume – er sah den gehetzten »Einsam'« wie ein wildes Tier in das friedliche Tal einbrechen – auf einer endlos langen Straße ging der Schneider-Tomerl dahin und schlug mit seinem Wanderstecken nach großen, runden Kieseln, die am Wege lagen, wie auf geschorene, harte Pfaffenschädel, und bei dem einen Streiche rief er »just nit«, bei dem andern »zu Trutz« und »zwingen nit« – und weit unten, dort, wo sich der Bach ober der Mühle stauet, da fischten die Leute mit Stangen und Seilen den Leichnam einer Dirne aus dem Wasser, an deren Brust ein fahles, totes Kind angeklammert lag.

Er hatte eine recht unruhige Nacht, der gute, alte Mann.

Drittes Kapitel

Es war zur frühen Morgenstunde. Das Licht war noch nicht wach, und rings lag alle Farbe wie im Traum und sprach wie aus dem Schlafe. Es war um die Zeit, wo vor dem Tage ein leichter Schauer einhergeht. Ein Leiterwagen mit zwei Pferden bespannt, die schnaubend aus einer Futterbarre fraßen, stand vor dem Pfarrhofe, dessen beide Torflügel weit geöffnet waren: in dem Flur bewegte sich schwerfällig ein dickes Frauenzimmer, das bald nach dem Wagen, bald nach der Treppe sah, es war die Pfarrköchin, welcher die Abreise des Kaplans so nahe ging wie der Tod des früheren Pfarrers: beide, für deren Abfütterung sie doch eine so rechtschaffen lange Zeit gesorgt hatte, gingen ja auf Nimmerwiederkehr.

Jetzt ward es laut auf der Treppe, zwei Bauernbursche schleppten sich mit der einen der beiden großen Kisten. Der Kaplan wollte seine Kostbarkeiten nicht aus den Augen lassen; unter fortwährenden Ermahnungen zur Vorsicht zwängte er sich wiederholte Male zwischen Wand und Kiste vorbei und war den Trägern bald voraus, bald neben, bald hinterher und immer im Wege, und als im Flur die Dicke angerufen wurde und, statt zur Seite zu treten, kopflos gegen die Leute anrannte, und der Kaplan mit aller Kraft da anfaßte, wo nichts zu halten war, da geschah, was bei solcher mit störender Umsicht geleiteter Verhinderung zu erwarten stand, die Kiste fiel polternd zu Boden.

Wäre es zu Zeiten des Mittelalters gewesen, wo es noch fruchtete und man daher leichter darauf verfiel, der Kaplan hätte die beiden Burfchen sicher in Bann getan, so aber begnügte er sich damit, unter Anrufung von »Jesus und Joseph« die Hände über dem Kopfe zusammenzuschlagen.

»Ös verdangelten Dodeln«, sagte er zornig, »ös hauts mer ja alles z'samm'!«

»Na ja«, sagte der eine und kraute sich die Wange, »freilich, jetzt sein wir Dodeln. Wir täten sich ja eh' leichter, wenn nit d' Jungfer Sepherl im Weg stehn und ein'm der hochwürdig' Herr nit allweil unter 'n Füßen h'rum rennen möcht'.«

Die beiden Angeschuldigten ließen sich bedeuten. Die Pfarrköchin nahm, dem Kaplane wiederholt die Hand küssend und drückend, Abschied und ging vor sich hinnickend nach der Küche. Ja, ja, was man erlebt, wenn man alt wird. Der alte Herr stieg die Treppe hinan und blieb in seiner Stube, bis das letzte Gepäckstück hinweggetragen worden war, dann folgte er mit dem Handkofferchen.

Als er aus dem Tor trat, empfahl sich der eine Bursche mit vielen Kratzfüßen in ein gut' Angedenken bei dem hochwürdigen Herrn. Der gab ihm einige kleine Münzen. »Oh, so wär's nit g'meint g'wesen«, beteuerte der Beschenkte, »der'halb was anz'nehmen müßt' er sich ja frei schämen«, – dabei schloß er die Hand – »ganz für umsonst hätt's sein soll'n« –, und damit schob er sie in die Tasche.

Der andere Bursche befand sich auf dem Sitzbrette des Leiterwagens, knallte mit der Peitsche und machte sich recht schmal, denn neben ihm sollte Platz, viel Platz bleiben für den Herrn Kaplan; der reichte eben sein Kofferchen hinauf und war im Begriffe aufzusteigen, da schlich einer heran, der ihm vor wenig Stunden durch die Träume spukte, der Einsam' war es.

»Du fahrst fort?« sagte er.

»Wie d' siehst.«

»Schad', dich hab' ich leiden mögen. Hätt' da was für dich, weil d' schon a Freud' an solchenen Geziefer hast.« Der Einsam' zog aus der Hosentasche eine Tüte aus steifem Papier, voll Büge und Beulen.

»No, laß schau'n.« Der Kaplan rollte das Blatt auf und fand einen jener Käfer, die man, ihrer langen, schön geschwungenen Fühler wegen, Böcke nennt, und der vorliegende war einer der rarsten aus dieser Familie, man konnte lange suchen, ehe man einen solchen fand. Der alte Herr schmunzelte, als er aber das Exemplar dem Auge näher brachte und merkte, daß dem Holzbocke beide Hörner geknickt waren und die Hälfte der Beine fehlte, da ward er ärgerlich, zerknüllte das Ganze, wie er es in der Hand hatte und warf es von sich. »So zug'richt't«, brummte er.

»Na ja«, sagte der Einsam', »hab's ja g'wutzt, nit reden darf man mit euer ein'm.«

Da der Kaplan eine eigentümliche Bewegung im Gesichte des Einsam' wahrzunehmen glaubte, so bückte er sich rasch und nahm das Papier wieder auf. »Na, sei kein Esel«, sagte er, »'gift hab' ich mich halt ein klein wenig, weil d' mer das Vieh ganz aus der Form 'bracht hast, weiter nix! So ein Tierl is ja kein Ochs, hätt'st schon können auch heiklicher sein!« Gutmütig lächelnd schob er den Knäuel in die Tasche; alles, auch das Wegwerfen hat ja seine Zeit. »Werd' halt schau'n, wie ich 'n auf gleich bring'. Dank' dir schön: nun, b'hüt dich Gott!« Er klopfte ihm auf die Achsel. »Und sei jetzt fein g'schelt, du!«

Der Einsam' blickte mit geringschätzigem Lächeln nach dem Pfarrhofe und schüttelte den Kopf.

Der Kaplan war auf seinen Sitz geklettert. »Na, nit trutzen. lieber nachgeben, g'scheit sein! Vorwärts!«

Der Wagen fuhr dahin.

Der Einsam' stand, mit dem Rücken gegen den Pfarrhof, und sah dem Fuhrwerke nach. Plötzlich faßte ihn eine schwere Hand an der Schulter, rasch wandte er sich um und befand sich dem Pfarrer gegenüber, blitzschnell mit einem Sprunge kehrte er sich ab und wollte fort.

»Fürchtest du dich vor mir?« fragte der Pfarrer.

Da blieb der Bursche stehen.

«Sagte ich nicht, wir werden uns schon noch treffen?« fuhr der Pfarrer fort. »Nun hätten wir uns getroffen, ich denke aber, es wird für keinen von uns so gefährlich ablaufen, wie du dir einzubilden scheinst.«

»Mö'cht's schon selber glauben; wann nur du nix anfangst, ich nit!«

»Du bist gekommen, vom Kaplan Abschied zu nehmen, warst du ihm denn so zugetan?«

»Weißt, er hat mir eben nie nix woll'n. nit in Gutem, noch im Üblen.«

»Hättest du ihm denn übel genommen, wenn er dir Gutes gewollt?«

»Na schau, mir is halt lieber, es will mir einer nit so und nit anderscht.«

»Sage mir einmal, wie heißt du denn eigentlich?«

»Ich heiß' nit anders wie der Einsam'.«

»Du mußt doch Eltern gehabt haben, nennst du dich nicht nach ihnen?«

»Eltern? Hehe, no ja freilich, zwei müssen wohl dabei g'west sein, aber ich hab' nur d' Halbscheid von sö kennt, mein' Mutler, mit der ich d' längst' Zeit in Fried' g'lebt hab'; die andere Halbscheid, dö sich weniger um mich kümmert hat, war mir zu kein' Vierteil bekannt – und war dös z'viel – und war dös mein Unglück, der'halb die, von der ich g'wußt hab', nix mehr von mir hat wissen woll'n.«

»Sprich deutlich, rede dich aus.«

Der Einsam' sah dem Pfarrer gerade in das Gesicht, dann neigte er den Kopf nach der Richtung, in der vorhin der Wagen davongefahren war, und sagte: »Der war nit so neugierig wie du.«

»Es geschieht nicht aus müßiger Neugierde, daß ich dich zur Offenheit auffordere, meine Pflicht legt mir das nahe. Ich weiß, du bist eines schweren Verbrechens wegen in Haft gewesen, darum hat dich wohl deine Mutter verstoßen?«

»Aber sie war nit im Recht, wär' sie im Recht g'wesen, auf die Knie hält' ich mich vor ihr hing'worfen und ihr Verzeihen erbettelt, aber sie ist nicht im Recht g'wesen, und darum bin ich gegangen, wie sie mich wegg'wiesen hat, und bin ihr nimmer kommen, nit in ihrer Todesstund'!«

»Du bereust nicht eine so schwere Tat?«

»Nein!«

»Du sagst so kurzweg nein?«

»Weil ich nit kann.«

»Wie, eine so furchtbare Versündigung, die einem deiner Mitmenschen den Tod brachte, ihn vorzeitig aller irdischen Freude, ja vielleicht sogar der ewigen, beraubte, da sie ihn unvorbereitet vor den Richterstuhl Gottes führte, die gilt dir nichts?«

»Versteh mich recht, wenn man ein' in ein'm falschen Meinen aufwachsen laßt, da kann man wohl sein' Hand und sein Sinn beim Übeltun sein, aber sein Verschulden ist nit dabei; darum, was mir schwer auf der Seel' liegt, das is meiner Mutter aufs G'wissen g'fallen, das hat sie unter die Erd' bracht –, doch nix von ihr, soll s' in Fried' ruh'n! Meinst aber, daß ich's den Leuten übel nahm', wann sie sich von mir fernhalten? Bewahr', ich selber möcht' ja mit kein'm verkehr'n, wie ich einer bin. Ich und die Leut' wir taugen nit z'samm', und rechtswegen g'hör' ich gar nit da in d' Welt h'nein!«

»Doch! Vertrau dich meiner Führung an, ich will dich mit Gott, der Welt und deinen Mitmenschen wieder versöhnen.«

»Da machst dir ung'schaffte Arbeit und unternimmst ein unmöglich' Ding. Als der Einsam', wie ich bin, find' ich mich noch am gescheitesten in der Welt z'recht und mit 'n Leuten ab und dö sich mit mir. Mein Recht, wie im Buch steht, is mir word'n, auf ein Verzeihen, dös hab' ich g'sagt, steh' ich nit an, und mehr wie der Herrgott wirst du wohl auch nit imstand sein, selb' der kann Gescheh'nes nit ung'scheh'n machen, und dös wär's alleinig, was mer half.«

»Sei klug, laß dich zur guten Stunde bedeuten! Als eine Bitte von mir leg' ich dir's ans Herz, mache wenigstens den Versuch, hause nicht weiter in der Wildnis, wohne dich unter Menschen ein, lebe wie sie, suche da Trost und Erbauung, wo sie diese suchen, und du wirst dich beruhigter fühlen, und sie weiden dich wieder wie ihresgleichen betrachten.«

»Sei doch nicht aufdringlich. Wenn ich schon selber sag', ich nahm mich niemal mehr dafür. Glaub wohl, daß s' gegen mich heucheln möchten, dir z'lieb soll ja auch der ganze Handel, nit mir z'lieb sein! Wie der Förster d' jung' Hund' abricht', jetzt wichst er s', drauf streichelt er ihnen 's Fell, nur damit er, wenn Gäst' kommen, a Ehr' aufhebt mit der Dressur, so willst auch du, daß ich fleißig in d' Kirch' renn' und bet', damit d' a Ehr' aufhebst vor der G'meind': ich lass' mich aber nit dressier'n. Laß mich verbleiben, wie ich bin, ich tu' ja kein'm ein Übel.«

»Sagt man nicht, daß du Feuer an die Scheunen legst, um die Bauern fürchten zu machen, so daß dir keiner Arbeit zu verweigern wagt?«

»Sag'n tut mer's freilich«, grinste der Einsam', »aber g'scheh'n is's nie: doch red' ich nix dagegen und lass' die Leut' auch bei ein'm Glauben, von dem ich mein' Nutzen zieh', just wie du, Pfarrer?«

»Bursche! – Ich seh' wohl, mit dir ist im guten nichts zu richten, so sage ich dir denn kurz und bündig, ich werde dich nächsten Sonntag in der Kirche sehen –«

»Da müßt'st gute Augen haben.«

»Du wirst dich sonntags in der Kirche einfinden! In meiner Gemeinde soll sich keiner auf dich berufen, wie man wohlmeinenden Rat zurückweist und dahinlebt, ohne eine Pflicht gegen Gott noch Menschen anzuerkennen! Also entweder…«

»Spar dein Entweder! Ich komm' nit, da drauf kannst Gift nehmen.«

»Du gehorchst nicht?«

»Wer bist denn du?« schrie heftig der Einsam'. »Was hast denn du mir z'schaffen?«

Da faßte ihn der Pfarrer an der Brust. »Lump, soll keiner Herr über dich sein?!«

»Weißt, Pfaff«, keuchte der Bursche, »tu dein Pratzel da weg, es möcht' dich verdrießen, wenn ich dir eine draufhau'.«

Der Pfarrer fuhr zurück wie von einer Natter gestochen. So standen sie sich gegenüber, der Mann bleich, der Bursche glutrot vor Zorn.

»Elender«, zischte der Pfarrei zwischen den Zähnen hervor, »dann schnüre dein Bündel, falls du eines zu schnüren hast, deines Bleibens ist nicht länger. Du sollst fort!«

»Holst du mich vielleicht herunter?« höhnte der Einsam'.

»An dir mich besudeln?! Die Gendarmen werden dich schon auszutreiben wissen.«

»Soll'n nur kommen, zeitweis' bin ich ja auch Jäger, mein' Stutzen hab' ich gleich z' Hand.«

»Entsetzlicher Mensch, du sinnst darauf…?«

»Sinn du nit! Zu sein, wie ich bin und wie ich mag, wenn ich niemand was in Weg leg', das ist mein Recht und da drum wehr' ich mich gegen jeden, den d' auf mich hetz'st; denn du selber – wie ös allmal, ob ös eins ins Leben setzt's oder drum bringt's – du halt'st dich fern dabei, und a gute Nase hast schon, denn da müßt' doch der Teufel lachen, wenn sich a Pfaff' mit ein'm Pfaffenbankerten rauft!«

»Was sagst du?«

»Mein Vater war grad so ein heiliger Mann wie du!«

»Barmherziger Gott!« stammelte der Pfarrer, dann streckte er die Arme abwehrend von sich und schrie: »Hinweg! Fort! Weit fort, mir aus den Augen!«

Lachend kehrte der Einsam' den Rücken und wandte sich zähnebleckend wiederholt zurück, als er auf dem schmalen Fußsteige den Hügel hinabschritt.

Und die Sonne war über die Berge heraufgekommen, und das Tal lag im freundlichen, hellen Morgenlichte.

Viertes Kapitel

Daß sich die Burschen Montag abends im Wirtshause versammelten, war hergebracht, daß ein oder der andere Bauer dorthin kam, um seinen Abendtrunk zu sich zu nehmen, war nichts Besonderes, heute aber hatten sich auch die Frommen eingefunden, der Lange, der Schuster und der Schneider und die andern, deren Art das sonst nicht war, und darum gab es an dem Burschentische verwunderte Gesichter und lange Hälse, und die gewöhnlichen Gäste saßen ziemlich unbehaglich unter den seltenen.

»He, Wirt«, rief der Lange.

»Bin schon da«, sagte der Gerufene hinzueilend.

»Weißt's schon?«

»Was?«

»Wirst bald ein' Kundschaft verlieren.«

»Wär' mir nit lieb.«

»Wird dich nit kränken. 'n Einsam' mein' ich, der soll aus'trieben werd'n. Freilich, was d' ihm gestern noch auf Borg geben hast, das kannst wohl mit der Kohlen in' Rauchfang schreiben.«

»Soll's hin sein, ich büß's gern ein, wenn wir den nur los werd'n! Aber wieso geht denn dös mit einmal so schnell?«

»Der Bur'meister is weg'fahr'n«, sagte der Schuster.

»Heut fruh noch bei Zeit«, krähte der Schneider.

»Weiß ich eh'nder«, meinte der Wirt, »aber wohin denn?«

»Laß dir sagen, laßt euch sagen«, begann der Lange, »ich hab's vom G'meind'schreiber. Der Herr Pfarrer is heut früh auf d' Kanzlei g'rennt kommen und hat g'sagt, der Einsam' müßt' weg: in gutem, dasselbe hätt' er schon heraus, war' mit dem nix z'richten –«

»War eh' unser Reden«, brummten etliche dazwischen.

»Ganz unbotmäßig hätt' er sich gegen ihn, 'n hochwürdig' Herrn, aufgeführt und – dös hat mer der G'meind'schreiber g'sagt – nit schlecht muß er aufbegehrt haben, weil der Hochwürdig' nachträglich noch völlig g'sprungen is vor Gift. Na, der Alte wollt' erst a G'schrift aufsetzen und ans Schandarmerie-Kommanda schicken, aber der Pfarrer hat gleich g'sagt, selb' dauert z'lang, gäb' leicht a unnötig Schreiberei hin und her, g'scheiter, der Bürgermeister setzet sich selber auf, fahret nach der Kreisstadt und brächt' vorm Herrn Kommandanten die Beschwernis vor, so daß mer ohne viel Federlesen den Burschen aufgreift, zum Ausweis verhalt' und dahin abschiebt, wohin er zuständig is.«

»Ah, so mir nir, dir nix, laßt sich der nit aufgreifen«, sagte der Schuster, »ich hab' ja gehört, er hat sich verschwor'n, daß er auf sie schießt.«

»Und der halt' sein Wort, da gibt's Mord und Totschlag!« schrie der Schneider.

»Nur zu, nur zu«, rief der Lange, »soll sich nur zur Wehr setzen, wann s 'n dann krieg'n, lassen s' ihn nimmer so bald wieder aus!«

»Jesses, nein«, sagte der gutmütige Behäbige, »wann ich denk', wie leicht da eins zum Krüppel g'schossen werden kann, da bedauern mich doch die armen Leut', die Schtandari.«

»Ach was«, entgegnete der Lange, »das is ihner Brot, und ohne uns Bauern gab's gar kein Brot und drum muß der Kaiser auf uns schau'n und seine Leut' müssen uns beistehn.«

»No, ein' schweren Stand werden s' schon haben«, meinte der Schuster, »denn selb' ist g'wiß, was sich für G'sindel da in der Gegend aufhalt', dös wird all's 'm Einsam' zurennen und ihm helfen.«

»An die hundert finden sich sicher z'samm'!« schrie der Schneider.

»Laß dich nit auslachen«, sagte der Lange, »ein oder der andre möcht's etwa willens sein, wann er davon erfahret, dazu bleibt aber gar kein' Zeit, daß a Kundschaft auskommt, dafür is ja alles so eing'fädelt, daß vielleicht morgen schon der ganze Rummel vorbei is! Ah, der Herr Pfarrer, der weiß sich aus, der fackelt nit lang h'rum, dös is unser Mann, und dös sag' ich, Manner, daß mer sagen kann, von heut an hebt sein' Herrschaft an und die unsre, was wir zu ihm halten!«

Die Herrschaft derjenigen, welche zu dem Pfarrer hielten, war wenigstens schon so weit gediehen, als sie jetzt aufbrachen – weil kein anständiger Christmensch das Abendläuten im Wirtshaus abwarte –, daß auch jene, deren Mann der Pfarrer just nicht war, gleichfalls zahlten und gingen.

Die Burschen waren nun unter sich und der Schneider-Tomerl beugte sich über den Tisch und flüsterte: »Hört's Bub'n, sollt'n wir nit z'samm'halten und 'm Einsam' helfen, d' Schtandari verjagen?«

«Ah, daß mer etwa ein' Banganetstich in' Leib krieget oder ang'schossen wurd'?« sagte einer.

»Dazu sein mer uns z'gut«, meinte ein andrer.

»Und der Einsam' z'schlecht«, ein dritter.

»Und Kamerad is er ja nit zu uns!« erklärte der erste.

»Nein, er is kein Kamerad«, murmelten alle.

»Aber verwarnen sollt' mer 'n doch«, sagte der Tomerl.

»Das kannst schon tun«, sagte einer, »das tu nur, daß 'n nit unversehens überfallen und aus 'm Nest nehmen, wie ein' nacketen Vogel; er soll sich nur wehr'n für sein' Teil. Wieviel werden's ihm denn auch zutrau'n?«

»Zwei, mehr nit.«

»Hat er zu seiner Schneid' a wengerl Glück, wird er selb' alleinig mit dö fertig. Zahl'n Wirt!«

Auch die Burschen gingen, sie wollten nicht länger beim Weine sitzenbleiben, am Ende hätte doch die Rauflust erwachen und den klugen Entschluß, sich nicht einzumengen, rückgängig machen können, denn ein kluger Entschluß ist es immer, zuzuwarten, bis neu' Regiment älter wird und Klauen und Zähne, die es anfangs so bedrohlich wies, sich abstumpfen.

Der Pfarrer hatte den Tag über auf seiner Stube gesessen, Bücher lagen vor ihm aufgeschlagen, mochten ihn aber wohl nur wenig beschäftigen, denn oft hob er sich von seinem Sitze, ging mit raschen Schritten auf und nieder, hielt dann inne und blickte eine geraume Weile zum Fenster hinaus, von welchem man weit die Straße übersah; von Zeit zu Zeit zeigte sich auf derselben ein Gefährt, aber wenn die Staubwolken verflogen und es sich erkennen ließ, war es ein andres als das erwartete. Nun es Abend geworden war, griff der Pfarrer nach Hut und Stock, verließ den Pfarrhof und ging hinaus aus dem Dorfe, der Straße nach. Eine gute Strecke hatte er zurückgelegt, da hörte er ein Wägelchen heranrasseln, er blickte auf, der Bürgermeister saß auf dem Kutschbocke, er rief ihn an, und der Dicke riß die Zügel an sich. »Je, Hochwürden, da auf 'm beschwersamen Weg? Mein Jesus, ich hätt' mer ja doch selber die Ehr' genommen und heut noch auf 'm Pfarrhof zug'sprochen.«

»Laßt's gut sein. Was gibt's Neues?«

»Morgen kommen s'! Hab' selber den Befehl an den nächsten Posten ausfertigen und durch eine Ordinanz abschicken sehn.«

«Ist gut.«

»Hab' auch g'sagt, daß mer sich fein in acht nehmen möcht', sie hätten's mit ein'm rabiaten Kerl zu tun.«

»Schon recht.« Der Pfarrer rückte den Hut ein wenig zurück und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirne. »Es bedrückt mich, daß ich da Menschen in eine Gefahr schicke –«

»Io mein, wann's anders nit geht.«

»Aber der Bursche muß uns aus den Augen, ich habe es gesagt und mit ihm muß der Anfang gemacht werden; mögen sie ihre Pflicht tun, ich kann ihn da nicht mir zu Trotz sitzen lassen –«

»Das is sicher! G'wiß nit!«

»Sonst brächte auch für weiter Ernst und Strenge kein Gedeihen.«

»Freilich, freilich.«

»Also morgen! Wollen hoffen, es verläuft nicht so übel.«

»Beileib, wird nicht so arg werd'n. Woll'n Hochwürden nit aufsteigen?« Der Dicke rückte auf dem Kutschbocke zur Seite.

»Nein. Ich danke, Bürgermeister. Gute Nacht!«

»Küss' d' Hand, Hochwürden.«

Der Pfarrer schritt über die Straße und schlug einen Fußsteig ein, der ihn quer durch die Felder auf kürzerem Wege nach dem Dorfe zurückführte. Er nahm den Hut ab und setzte langsam Fuß vor Fuß. »Also morgen«, murmelte er, »gut, wenn das vorbei sein wird. Keine Schwäche! Schwäche ist sündhaft, denn sie führt zur Sünde!« Er seufzte tief auf, dann reckte er sich hastig empor, als würfe er etwas von sich ab, und begann die Felder aufmerksamer zu mustern: er sah nach den leeren und vollen Ähren, nach dem Stande des Klees, er streifte Käfer von den Rispen und schälte Körner aus der Hülse, bald aber warf er den Halm, der ihn eben noch beschäftigt hatte, achtlos weg und ging wieder im gewohnten, strammen Schritte dahin.

Der Steig führte an dem Küchengarten vorüber, der hinter dem Wirtshause lag, derselbe war nicht eingeplankt, aber von so dichtem, hohem Buschwerk umfriedet, daß man die Leute, welche sich daselbst aufhielten, nicht sehen, noch von ihnen wahrgenommen werden konnte, dagegen gestattete die grüne Wand das Horchen wie das Behorchtwerden und hatte Ohren wie manche andre.

Der Pfarrer blieb stehen.

»Das hab' ich ja gleich herausg'habt«, sagte der Wirt im Garten, »daß 'm neuchen Herrn Pfarrer sein' Reschen nit ohne is. Morgen schon jagen s' auf sein Anstiften 'n Einsam' davon.«

»Ei, du mein, was macht er sich denn auch mit dem Bub'n z'schaffen?« fragte die alte Martha.

»Wird doch kein Schad' sein um den?«

»No, schau, er is halt doch zeither in Ruh' und Fried' da g'sessen, wer weiß, wohin 's 'n führt und wozu 's 'n treibt, wann mer ihm hitzten mit einmal gröber kimmt als grob? Dasselbe hätt' ich mir nit erwart't von dem geistlich'n Herrn, von ihm schon gar nit!«

Da ließ sich die Kellnerin vernehmen: »Dö Ahnl red't, sie dürft' ihn kennen.«

»Ei, freilich wohl b'sinn' ich mich auf ihn. Hab' ich dös noch nit g'sagt? Ach, das is nit schlecht, daß ich dös noch nit bered 't hab'! Wohl, wie noch mein Alter g'lebt hat und wir drüben in Gutenhofen g'haust haben, zur selben Zeit, wo wir einig worden sein, daß wir da das Wirtshaus kaufen woll'n – selb' is wohl auch schon über fünfundzwanzig Jahr' her – da hab' ich 'n gut kennt 'n Eisner, 'n hochwürdigen Herrn, als blutjung's Kaplanerl Hab' ich 'n kennt. Ja.«

»Ah, da schau, is dös der nämlich'!« wunderte sich der Wirt.

»Derselb', der nämlich' nit! Damal war er anderscht. Je, da hab'n s ihn bissel gut leiden mögen, weil er halt gegen arme Leut' ein so viel erbärmlicher Herr g'west is. Einer guten Bekennten von mir, der Auhoferin, is er in ihren letzten Nöten beig'standen; mein, die arme Seel' hat a grimme Angst g'habt vorm Tod und vorm Teuxel, aber er hat ihr nit die Höll' heiß und 's Sterben bitter g'macht, gar lieb hat er ihr zug'red't, von der Erbarmnus Gottes und der himmlischen Freud', so daß s' getröst't und ergeben die Augen geschlossen hat. Ja, dasselb' hat 'n Leuten rechtschaffen g'fall'n, und weil er bis zum End' geg'n d' Mutter so gut g'wes'n is, hat auch die verwaiste Dirn', die Julian', zu ihm aufg'schaut wie zu ein' Heiligen.«

»Wird ihr nit schwer ankommen sein«, sagte die Liesel, »er is ja noch heut a sauberer Mann.«

»Geh zu, du Unend'! Freilich, da redst du denen ganz nach'm Maul, die ihm damal aufbracht hab'n, daß er öfter in der Dirn' ihrer Hütte zug'sprochen hätt'.«

»No, mein, wir sein alle sündige Leut', hätt' der Herrgott lauter Engerln woll'n, hätt' er d' Welt nit erschaffen. Mas hat denn der Pfarrer auch in der Hütte z'suchen g'habt? Wär' ihm ums Beten g'west, hätt' er ja bleiben können, wo er daheim war, in der Kirche.«

»Ei, Liesel, laß dir sagen«, lachte der Wirt, »ein Schelm denkt halt allmal, wie er is.«

»Frag'n mer doch voreh' d' Ahnl, ob der Schelm nit recht hat?«

»Ich kann da nix sagen«, entgegnete die Alte, »weil ich nix weiß, und man muß auch nit alles sag'n, was mer weiß, aber da wüßt' ich wirklich nix.«

»Aber eins wird d' Ahnl wissen, was s' uns wohl noch sagen könnt'. Was ist denn weiter mit der Dirn' g'schehn?«

»Mit der Auhofer-Julian'? No, bald hat sie 's kleine Anwesen verkauft und is nach der Stadt fort.«

»So?!«

»Was lachst denn da dazu so fletsch übers ganze G'sicht?«

»No, eins möcht' ich halt noch gern wissen. Ist s' leicht vom Ort weggangen, oder hat s' schwer trag'n?«

Da erschraken die im Garten, denn außen stürzte jemand hastig an den Büschen vorüber, einzelne vorstehende Zweige schnellten hinter ihm zurück, andre knickten.

Als der Pfarrer in der Stube angelangt war, schraubte er den Docht der Lampe empor und versuchte ihn anzuzünden; seine Rechte, in der er das Zündholz hielt, zitterte, er war bleich, und Schweißperlen standen ihm an der Stirne. Jetzt schlug die Helle auf. Aber heute war der Himmel wolkenleer, und zwischen den dunkeln Fensterrahmen erschien aufdringlich grell das Bild der mondbeleuchteten Gegend; hoch ragte der Berg an, dessen beide Zacken wie verkalkte Knochen gleißten. Der Pfarrer ließ rasch die Vorhänge herab. Dann saß er, den Kopf in beide Hände vergraben, über der Legende der Heiligen und da las er – Blatt für Blatt, von Tag zu Tag des Jahres, Namen um Namen – daß sie stark gewesen in der Gnade vor dem Herrn, ohne diese auch arm, schwach, reuig…

Die Lampe verflackerte im Frührot.

Fünftes Kapitel

Früh am Morgen hatte der Schneider-Tomerl das Dorf verlassen und war gegen das Gebirge gewandert. Nachdem er etwa eine Stunde rüstig ausgeschritten, erreichte er einen Berg: bis zur halben Höhe stieg derselbe mählich an, war mit dürftigem, buschigem Tannenwuchs bestanden, durch den viele Fußsteige liefen, wo aber diese sich verloren und der Busch ein Ende nahm, ragte eine mächtige Felswand steil empor. An dieser kletterte nun der Bursche auf einem schmalen, gefährlichen Pfade hinan, bis nahe dem Gipfel, wo eine steinige Fläche, nicht größer im Gevierte als die Dorfschulstube, vorhing, dahinter zeigte sich in der Wand eine Höhle, der Eingang derselben war mit Latten und Brettern verwahrt, Moos und Streu stopften Ritzen und Spalten, in der Mitte stand eine kleine Tür offen und ließ Luft und Licht ein, rechtsseit brach das Kniestück einer eisernen Ofenröhre aus der Verschalung hervor, und der Rauch hatte über ihr das Gestein mit einem manneshohen schwarzen Streif gezeichnet.

Der Schneider-Tomerl rief zur Tür hinein: »Guten Morgen! Beschwersam ist's zu dir anzusteigen.«

Da trat der Einsam' heraus und sagte brummig: »Es hat dir's ja niemand g'schafft, und ich Hab' auch nit nach dir verlangt.«

»Tu doch nit z'wider geg'n mich«, sagte Tomerl, »ich komm' nur, daß ich dich verwarn'. Es dürften dir heut leicht noch ein paar zusteig'n, die dir nix Guts wöll'n, geg'n die setz dich.«

»Ich erwart' s' eh'.« Der Einsam' verschwand für einen Augenblick in seine Hausung, dann kehrte er zurück, einen jener plumpen Karabiner mit Steinschloß in der Hand, mit denen vor Zeiten die Reiterregimenter ausgerüstet waren.

»Is ja gut«, sagte der Schneider-Tomerl, »aber wann s' dir einmal auf 'n Leib gerückt sein, dann nützt dir das Knallbüchsel gar nix. Solltst dich doch nit so beschleichen lassen, bin ja ich jetzt vor dir g'standen, wie vom Himmel g'fall'n.«

»Bild dir doch dös nit ein«, lachte der Einsam', »ich hab' dich wohl g'sehn, schon wie d' unten durch 'n Tann' h'raufg'schloffen bist.«

»Dann is's schon recht. Ich wollt' dir's nur sagen, daß du's weißt und dich danach richten kannst: erwart s' jetzt oder geh ihnen aus 'n Weg, wie dir's ansteht.«

»Darauf kannst dich verlassen, daß ich s heimschick'; mag's jetzt in gutem sein, oder, wenn sie sich nit bedeuten lassen, auch in üblem. Dasselbe kannst schon denen sag'n, die dich auskundschaften g'schickt hab'n.«

»Einsam'«, rief der Schneider-Tomerl beleidigt, »mich schickt niemand! Daß d' es weißt, ich komm' von freien Stücken, dich verwarnen, und ging's nach mir, stünd' ich nit alleinig da, sondern wär'n wir Bub'n alle zur Stell' und täten dir helfen, aber die Letfeig'n hab'n kein' Kuraschi nit und bleiben lieber daheim.«

»Hab'n eh' recht, dös is mein' Sach', die ihnere nit. Was soll'n sie sich einmengen? Ich half' ja auch kein' von euch.«

»Is dalket g'nug, nur Z'samm'halten hilft! Heut kommt d' Reih' an dich und nachderher kommt s' an uns.«

»Ah ja, du bist der nämlich' Schneider-Tomerl, von dem ich schon reden g'hört hab'! Du lebst mit einer Dirn' und die kriegt auch Kinder, ohne daß der Pfaff' sein' Seg'n dazu geb'n hat?! Hehe! Ei ja freilich wohl, da wird er dir schon zusteig'n der g'strenge Hochwürden, dös is g'wiß, und dö andern werd'n dich fein sitzen lassen, dös is auch sicher!«

»Wohl, sie trau'n sich da nit und anderswo nit, dös weiß ich eh', aber dös möcht' ich auch wissen, warum die Geistlich'n, in deren ihr' Sach' sich doch gar kein Mensch einmengt, in aller andern Leut' Sach sich einmengen?«

»Ja, 's mag ein' wohl wunder nehmen.« Der Einsam' setzte sich auf einen Steinblock und ließ den Hahn des Karabiners ein paarmal spielen, daß die Funken stoben, dann begann er die Waffe zu laden. «Aber, mein lieber Tomerl, dich bemüßt nix, daß du mit der Dirn' haust, und tust du's, so tust d' es ihnen z' Fleiß, doch bei mir da kommt eins aus 'm andern, ich braucht' mich jetzt da nit auf d' Hinterfuß' z'stellen, hätt' ich nit getan, was ich getan hab' und was nie g'schehn wär', wann nit um ein' von sö! – Mein' Mutter war, glaub' ich, Kleinhäuslerstochter, und wie sie sich als freiledige Dirn' in ihrer Heimat mich d'erwirtschaftet g'habt hat, ist s' nach der Stadt 'zog'n und hat mich dort auf d' Welt 'bracht. Sie wollt' sich wohl unter der Meng' verlier'n, die Stadtleut' sein auch nit braver und schlechter wie andre, nur weil ihrer so viel mehr auf ein' Fleck z'samm' hausen, so tragt sich unter sö auch häufiger zu, was einzelweis' da heraust auf 'm Land gleich ein groß' Aufseh'n macht – und mer nimmt dös gar nit hoch auf. Sie hat mich so rechtschaffen erzog'n, wie sie's verstanden hat, und wie ich soweit zu Vernunft kommen bin, daß mir aufg'fall'n is, anderne Kinder reden auch von ihr'm Vatern, da hab' ich auch nach dem mein' g'fragt, hat's g'heißen, der wär' im Himmel, aber ein Bruder von ihm lebet noch, ein geistlicher Herr, der für uns zwei, für mich und mein' Mutter sorgen tät'. Ich weiß, daß ein' Reih' von Jahren allmal zu b'stimmten Zeiten Brief mit Geld kommen sein, und jeden Tag vorm Schlafengeh'n is der hochwürdige Herr Onkel ins Gebet mit einbeschlossen word'n. No, weil mer mir ang'merkt hat, daß mir nix abgeht, ich auch 'm G'wand nach sauber g'halten war und fleißig in d' Schul' g'rennt bin, gleich als sollt nix anders aus mir werden wie a Student, so hab'n sich d' Leut' gegen mich gar nimmer ausgewußt, sollen s' ›Du, Bub‹ zu mir sagen, oder ›Sö, junger Herr‹. Aber wie mit einmal die Brief' vom hochwürdigen Herrn Onkel seltener word'n sein und mit ihnen auch 's Geld, da hat's gleich g'heißen: ›Du, Bub, du darfst deiner Mutter nit weiter zur Last fallen, du mußt in a Lehr'!‹ Na und da war ein Fleischhacker, der mich gern g'sehen hat, der hat mich aufg'nommen; 's Ochsend'rschlagen war just nit mein' Freud', aber es hat sich halt so g'schickt. Paar Jahr' hab' ich noch duckmausert, dann war ich mit einmal ein Lackl, so groß, wie ich jetzt bin, da hhab' ich mich zu mein'sgleichen g'halten, bin in d' Wirtshäuser und zu Unterhaltlichkeiten mit, oft sein wir auch an ein' Ort mit die Knecht' z'samm'troffen, drunter war einer, was 'n Aufhackknecht nennen, der war gegen uns Lehrburschen, ich mag sagen, was da ein Großknecht geg'n ein' Bub'n, der Schaf' halt' oder Gäns' hüt', und hab'n wir uns viel von ihm g'fallen lassen müssen, doch dös is so her'bracht; einmal aber war's, auf einer Kirchweih', ich will grab mit ein' mordsaubern Mädel zum Tanz antreten, da kommt er auf mich zu, schupst mich auf d' Seit' und fagt: ›Geh weg, Banker!‹ No, mich hat das sakermentisch verdrossen, 'so mehr, weil dö Saubere dabeig'standen is, und ich sag' ganz keck: ›Ein' selb'n gäb' ich ihm nit ab!‹ Da hat er wohl denkt, mit mir wurd' er gleich fertig sein, wann er mir vor all'n Leuten zuschreit, weil ich ja meiner Mutter ihr'n Nam' führet, hält' mich dö ledigerweis' geboren und kein' Vätern aufz'weisen g'habt, und ich war' also, was er mich g'nennt hat! Aber ich hab' wider ihn geschrien, ein' Durcheinander halt, wie man tut, wenn mer sich ärgert. Wie mein Vater, der's wohl ehrlich g'meint hat, zur Unzeit versterben sein dürft' – und wie mer's meiner Mutter wohl auch nit als Schand' hat aufrechnen können – sonst hält' g'wiß 's Vaters leiblicher Bruder, mein hochwürdiger Herr Onkel, die Hand von uns ab'zog'n.«

Der Einsam' stand auf, mit zitternden Händen legte er den Karabiner hinter sich auf den Stein und trat auf Tomerl zu. »Jetzt lach nit über das, was ich dir sag'. Da hat der Knecht ang'hoben, mich aufz'klär'n, was mer in der Stadt von ein' geistlichen Herrn Onkel halt', wie dös für g'wöhnlich sein eigener Bruder wär' und 's selbe Verschwägern mit saubere Weibsleut' nit unlustig fänd! Und nun hat er sein Schandmaul ausg'leert und kein Aufhör'n mehr g'wußt und dö, dö h'rumg'standen sein, die haben sich vor Lachen z'samm'buckelt und g'schrien, und daneben steh' ich, wie mer als Bub is, blitzdumm, ohne Arg und Falsch in der Seel', ohne eine Ahnung von dem säuischen Durcheinander, wie er auf der Welt vorkommt! – Mein' Mutter war in mein' Aug'n a Heilige, und der Onkel war mein hochwürdiger Wohltäter, und dö zwei einzigen Leut', zu denen ich aufg'schaut hab', wo ich g'meint hab', nach dö mußt' sich richten, was a braver Mensch werd'n will, dö mußt' ich jetzt heruntermachen hören, daß wohl kein Hund kein Stückl Brot von so g'nommen hätt', und wie der Knecht kein End' find't und sie fort und fort all's nennt, nur nit heilig und hochwürdig, da hab' ich 'n ein elendigen Lügner g'heißen, so er mer dö verunehrt, und hab' ihm 's Maul halten g'schafft! Auf dös schlagt er mich ins G'sicht, und drauf hab' ich nix mehr g'wußt, nit, was ich red', nit, wie mer a Messer in d' Hand kommt, und nit, wonach ich damit stich.«

Der Einsam' holte ein paarmal tief Atem, ehe er fortfuhr: »Aber maustot ist er vor mir g'leg'n, und ich mußt's wohl glauben, wie mer mir g'sagt hat, ich hätt' ihm 's antan. Gleich von der Stell' haben s' mich fortgeführt, aber im Arrest noch hat mich der Trotz aufrechtg'halten; er war selber d' Schuld, und ich Hab' nur meiner Mutter und 's Vaters leiblichem Bruder die Ehr' g'wahrt! Doch da is mein' Mutter zug'rennt kommen mit fliegende Haar und – Jesus, was ich 'tan hätt'? Und das wär' die Straf' Gottes für ihrer zwei Versündigung und für mein unrecht' ›Auf-der-Welt-sein!‹ Ah ja, dö Weibsleut', nit schrein können s' z' rechter Zeit, das gang' geg'n ihr'n Will'n und nachderher schießt ihnen d' Schamhaftigkeit ein und sie können auch nit rechtzeit' reden. Hätt' s' früher 's Maul aufg'macht, jetzt is's ihr freilich 'gangen, wie a offene Schleusen, und ich hab' alles erfahren, daß derselbe Geistliche wohl mein Vater wär', und sie und der nix anders, als wie's der Knecht g'heißen hat und ich eb'n auch! Das kannst du dir nit vorstellen. Tomerl, wie mir da g'wes'n is, wie ich eing'sehn hab', daß ich ja jed' Wort hätt' einstecken müssen, weil's bittere Wahrheit war, daß ich da a Ehr' hab' wahr'n woll'n, wo d' nackte Schand' an allen Enden fürg'schaut hat, daß kein Körndel Recht und kein Stäuberl Vernunft dabei war und ich ein' Menschen ganz für nix und wieder nix umbracht hab'!«

Der Einsam' rieb sich mit beiden Händen die Stirne. Mit leiserer Stimme sagte er dann: »Fünf Jahr' haben s' mich b'halten, aus Gnaden nur fünfe! Dann bin ich frei'kommen. Mein' Mutter hat mich von sich g'wiesen, ich bin 'gangen, und mir hab'n uns nimmer wieder g'sehn. Ich hab' g'hofft, sie wurd'n nuch zum Militari nehmen, war' mer recht g'west, in der Kasern' kann mer sich verkriechen und vor 'n Feind hätt' ich mich gern gestellt, aber der Arzt hat g'sagt, meine Füß' taug'n nit, und so konnt' ich wieder gehn. In der Stadt kann mer 'n Leuten nit ausweichen, da sein ihrer z'viel, so bin ich halt fort, daher, wo s' schütterer sein, denn mit sö will ich nix z'tun hab'n, und ich weiß ja recht gut, sö auch nit mit mir, und wer anders sagt, der red't falsch, z'samm'g'hörig sein s' amal, und jeder scheut den, dem einer aus ihrer G'meinschaft unter 'n Händen 'blieb'n is, und g'rat mer erst so weit außerhalb aller Z'samm'g'hörigkeit, dann paßt mer auch nimmer dazu; wie in einer Mauer ein lockerer Stein, den nix halt' und er selber nit, müßt mer bald wieder h'rausfallen. Zweifach bin ich von sö g'schieden, durch die unehrliche Geburt und durch mein Tun, aber meiner Geburt wegen, an der doch ich kein' Schuld trag', kann ich mich nit schämen, und mein Tun, auch durch die Lügenhaftigkeit andrer hellauf in Unsinn verkehrt, kann ich nit bereu'n? aber halt als ein Ganz's bedrückt's mich, dös bin ich nit los word'n und werd's nie los! – Nun weißt all mein Erlebt's, und ich hält' mer's wieder einmal von der Seel' h'runterg'red't, und jetzt tät'st mer wohl a Freundschaft, wann d' wieder gingst und mich allein ließ'st. B'hüt Gott! Und wann mer heut oder morgen was zustoßt, kannst's ja 'n Leuten sag'n, wie's mit 'm Einsam' b'schaffen war und wie sich der aus ganz ein' g'rechtem Einsehen, gegenseitig'n Fried's halber, da herob'n einb'schlossen hätt', wie a wild's Tier!«

»Du mein lieber Herr und Gott«, sagte der Schneider-Tomerl, indem er sich zum Gehen anschickte, aber erst zögernd Schritt für Schritt zurücktrat und mit großen Augen und unsicheren Blicken nach dem Einsam' starrte. »No, du, du hast schon auch dein schön' Teil Jammer d'erlebt! Halt ja, dein schön' Teil Jammer! – B'hüt dich Gott, Einsam'!«

Der stand eine geraume Weile, den Blick vor sich in das Leere gerichtet,- als er ihn wieder senkte, da sah er am Fuße des Beiges den Schneider-Tomerl wie toll durch den Tann' laufen, auf der Straße haltmachen und mit beiden Armen Zeichen heraufgeben.

»Der Narrisch', was will er mir denn?« brummte der Einsam', und ärgerlich darüber, daß er ihn nicht verstehen konnte, winkte er ihm, zu gehen, und wandte sich ab,' doch den schmalen Pfad seitwärts nahm er nicht in acht und gerade gegen die Wand reckte der Bursche da unten weisend und warnend die Hände, denn, kaum im Busch, war er von zwei Gendarmen angehalten worden, die er jetzt vorsichtig ansteigen sah.

Der eine war ein graubärtiger Mann von gedrungenem kräftigem Körperbau, der andre war jung und schlank und überragte seinen Gefährten wohl um eine Kopflänge. »Nur erst oben sein«, flüsterte der Alte, »denn wenn er uns früher wahrnimmt und es uns übel meint, so jagt er uns mit Steinwürf' da von der Wand, wie ein fauler Hüter die Geiß aus 'm Feld, und wir können uns nur auch gleich zum Hupfen und Springen anschicken wie die! Nur erst oben sein!«

Immer bedachtsam vorrückend, waren sie bis auf wenige Schritte dem Ziele nahe gekommen, da versah es der Jüngere für einen Augenblick, sein Seitengewehr schlug klirrend gegen das Gestein, der Graubart stieß einen halblauten Fluch aus, und der Einsam' raffte mit Hast seine Waffe auf und sprang hinzu. »Ho, Leut', was wollt's? Was soll's geben? Steht's, oder ich schieß'!«

»Das laß sein«, sagte der Alle, der voranstand, und blinzelte dem Einsam' vertraulich zu. »Ich mein' schon selber, daß ein'm da a klein Körndel Blei 'leicht 's Übergewicht gäbet, aber sei g'scheit und hab ein Einseh'n, wir kämen ja ganz unschuldigerweis' dazu, uns kann doch gleich gelten, haust du da oder anderswo, wir sein dir nit Feind, wir sein eb'n kommandiert, und schau, da müssen wir halt gehen, weil dös unser Pflicht is und unser Brot.«

»Ei, red du freundlich, weil d' ein' noch nit beim Kragen hast!« schrie der Einsam'. »Ob euch mein Einfangen a Vergnüg'n oder a Beschwernus macht, danach frag' ich nit, das gilt mer gleich, und red'ts mer nit von Pflicht und von Brot, verpflichts euch nit zu so was und freßts kein solch's! Woll'n mer dö Herrn vom G'richt was, soll'n s' selber kommen, handlangert ihnen nit, und wann euch ein jeder, wie ich, die Zähn' in' Rachen einischlaget, dann möcht' sich wohl bald im ganzen Land keiner mehr zu euern Brot melden, und wir wurden einmal statt die klein' Hund' die großen bellen hören, wann sich dö noch trau'n.«

Der Graubart war unmerklich ein paar Schritte vorwärts gerückt und hielt seine Flinte recht wie einen Gangstecken gegen den Boden gestemmt, jetzt schwang er sich mit einmal vornüber und stand mit einem Ruck auf der Steinplatte. «Gib dich!« rief er.

Da krachte ein Schuß, und der Alte brach zusammen. ,,Him> melherrgotlssakerment«, preßte er zwischen den Zähnen hervor, die er vor Schmerz zusammenbiß. »Ich hab's ja g'wußt, wo ein Pfaff dabei is, geht's nit gut aus.«

Der Einsam' aber wollte den einen Gegner vollends unschädlich machen, mit hochgeschwungener Waffe sprang er auf ihn zu, – und hat er ihn mit dem Kolben vor den Kopf geschlagen und ihm das Gewehr entrissen, dann…

Da stemmte der andre Soldat die Schulter gegen die Wand und die Füße wider den Boden, riß die Flinte an die Hüfte und gab Feuer. Der Einsam' schnellte empor, weit weg flog seine Wehr in das Gestein, lautlos überschlug er sich nach vorn und lag tot.

Sechstes Kapitel

Der Widerhall zweier Schüsse, der rings in den Bergen nachgrollte, hatte das weite Tal in Aufregung versetzt, das Dorf war belebter wie an einem Feiertage, es litt die Leute nicht auf dem Felde und nicht in den Stuben, und wer nicht durch die Gassen strich, der trat doch unter seine Haustür; in Gruppen, die sich wechselnd sammelten und lösten, besprach man sich lebhaft, und jeder versuchte in seiner Art und nach seinem Meinen das Geschehene vorherzusagen, und wer im Orte bei Amt und Ansehen war, vom Gemeindediener bis zum Bürgermeister, hatte diejenigen zu beschwichtigen, die überzeugt waren, der Einsam' habe beide Gendarmen von der Wand geschossen und käme sicher noch heut nacht zugeschlichen, um das Dorf in Brand zu stecken. Nur der Pfarrer ließ sich nicht blicken, und der Pfarrhof lag so ruhig auf seiner Höhe, wie wenn ein gewöhnlicher Tag wäre und als könne Furcht und Schreck, von denen die da unten bewegt werden, nimmer zu ihm ansteigen.

Spät am Nachmittage pochte es an die Stubentür des Pfarrers und, ohne den Zuruf abzuwarten, trat der Bürgermeister ein. »Schöne Bescherung«, keuchte er und ließ sich ohne Umstände in einen Stuhl fallen.

»Nun, was gibt's, Bürgermeister?« fragte der Pfarrer, von dem Buche, über dem er saß, aufblickend.

»Furchtbare G'schichten, Hochwürden, furchtbare Gschichten! Der Einsam' hat Wort g'halten und sich zur Wehr g'setzt,- ein' Schandar' hat er ang'schossen und wollt grad über ihn her, da hat der zweite auf ihn antrag'n und losbrennt und hat 'n nur z'gut 'troffen; hin ist er!«

»Der Bursche tot? Gott verhüt es!« rief der Pfarrer, sich rasch vom Sitze erhebend.

»Ei mein, da verhüt' sich nix mehr, maustot ist er.«

»Ach, daß das so Übel ablaufen mußte«, seufzte der Pfarrer. »Ich dachte nicht, daß er es im Ernste würde darauf ankommen lassen, aber wenn er sich zur Wehr setzte, dann wußte er auch, daß ihm das bevorstehen konnte! Da habt Ihr's, Bürgermeister, störrisch bis zum letzten, wider alle und wider alles, ganz ungefüg' für die menschliche Gemeine; wohin würde das auch noch am Ende geführt haben?«

»Na, das mag mer wohl sagen, Schad' is just keiner!«

»Es ist das traurig, sehr traurig, und wir können es beklagen, aber« – der Pfarrer hob die Schultern – »wir haben uns nichts vorzuwerfen, unser Vorgehen war gesetzlich und notwendig, und dieser Verlauf entzog sich eben aller menschlichen Voraussicht, der Bursche selbst hat alles getan, um ihn herbeizuführen; nun, es ist so, sei Gott seiner Seele gnädig!«

»Amen«, brummte der Bürgermeister, und nach einer Pause begann er wieder: »Aber 's Schönste – daß ich sag' – dös kommt erst nach! Der Schandar hat sein' verwund'ten Kameraden herunterschaffen, auf ein' Wagen bringen und nach 'm Kommando führen lassen, er selber aber hat sich mit der Leich' vom Einsam' auf 'n Weg g'macht, und jetzt bringt er uns 'n da her!«

»Wie, hierher nach unserm Dorf? Ja, wie konnte er das nur?«

»Na, trag'n ihm 'n doch vier Männer auf einer Bahr'.«

»Eh«, machte ärgerlich der Pfarrer. »So geradezu ist das ganz unüberlegt und voreilig –«

»No ja, jetzt hab'n wir 'n aber einmal da, und ich tät' recht schön bitten, Hochwürden möchten g'statten, daß er halt derweil, bis d' Beschau kommt, in der Totenkammer auf 'm Freithof beig'setzt wird: sonst leg'n s' mer'n frei ins G'meind'haus, und ich könnt' vor Graus dort nimmer verbleib'n.«

»Ich habe nichts dagegen. Der Mesner hat die Schlüssel in Verwahrung. Lassen Sie aufschließen. Aber den Gendarmen rufen Sie mir, mit dem Mann möcht' ich sprechen.«

»Werd'n ihn eh' gleich da hab'n und all's mit, was auf 'n Füßen is, ich bin nur vorauf, eb'n, daß wir d' Schlüssel krieg'n. Da hör' ich s' ja schon kommen!«

Von außen schlug das Gebrause einer nahenden Menge herein. Der Pfarrer und der Bürgermeister traten an das Fenster. Da wogte es von unten herauf, eine schwanke Tragbahre in der Mitte, vor der alle scheu zurückwichen, so daß sich um sie ein stetig freibleibender Fleck zeigte und rundum ein dunkler Ring, in dem sich alles drängte und wirrte und stieß, und so wälzte sich das Ganze langsam heran.

Als die Leute des Pfarrers ansichtig wurden, hielten sie stille und rückten die Hüte, und die Träger setzten ihre Last gerade unter dem Fenster ab. Der Pfarrer dankte, mit einem scheuen Blick streifte er die Bahre und trat zurück.

»Herr Schandar, sollts h'raufkommen«, rief der Bürgermeister zum Fenster hinab.

Wenige Augenblicke darauf trat der Gerufene in die Stube, und hinter ihm drängte sich ungebeten eine Schar ein, Männer und Weiber, Burschen und Dirnen, auch Kinder, die sich scheu in die Ecken drückten oder an die Kleider der Angehörigen klammerten.

»Guten Tag, Hochwürden«, grüßte der Gendarm.

»Guten Tag! Sagen Sie mir nur, wie konnten Sie denn, ohne eine Weisung abzuwarten, den Leichnam hierher schaffen lassen?«

»Entschuldigen, Herr Pfarrer, aber den konnt' ich ebensowenig oben lassen wie mein' verunglückten Kameraden, der mußte in die Pfleg', und der Tote muß vor die Beschau, und die Herren vom Gericht, die können wir nit da hinauf bemühen, den Kreisphysikus kenn' ich, das is schon ein alter Herr, dem hätt' man sowieso die Leich' beistellen müssen.«

»Gut, aber konnten Sie denn nicht vorläufig die Leiche dort in der Nähe in einer Hütte unterbringen?«

»Nein, Hochwürden, da scheuen sich die Leut' zuviel, bemüssen kann man's nit und bereden würd' man's nit, das wär' verlorene Zeit.«

»Nun, lassen wir's gut sein, es ist einmal geschehen. Aber sagen Sie mir, weiß man nun, wo der Bursche her ist und wie er heißt?«

»O ja«, der Gendarm griff nach seiner Brusttasche, »bei der Nachsuchung hat sich ein Taufschein gefunden. Er is von Gutenhofen, der uneheliche Sohn der Kleinhäuslerstochter Julian' Auhofer.«

»Jesus, Maria!« schrien plötzlich einige auf.

Das Gesicht des Pfarrers war fahl geworden, seine Züge, aus denen starres Entsetzen sprach, arbeiteten, als erstickte es ihm einen Schrei oder würgte ihm ein Wort; mit beiden Händen griff er hinter sich nach der Mauer, glitt an derselben nieder und schlug schwer zu Boden.

Man sprang ihm bei, und als er wieder zu sich kam und man ihn aufrichtete, da stammelte er: »Geht! – Ein Glas Wasser! – Es wird sich ja geben. – Geht – laßt mich allein!« Er wies die Leute fort, zögernd drängten sie nach der Tür, und langsam verließ einer um den andern die Stube.

And als er allein stand, da blickte er nach jener Ecke, wo das Bildnis des Gekreuzigten hing, lange starrte er auf dasselbe hin, plötzlich rang er die Hände ineinander und hob sie empor.

»O Herr! Strafst du an den Gefühlen, die wir verleugnen?!«

Dann wankt« er zu dem Betschemel, dort kniete er, zusammengekauert, und Schauer um Schauer schüttelte seinen Leib.

Und als der Mond heraufkam und durch das Fenster lugte, da saß der Mann beim Lampenlichte, seine linke Hand lag schlaff auf einem Blatte Papier, das seine zitternde Rechte in ungefügigen Zügen beschrieb.

«Euer Eminenz! Bei der väterlichen Huld und Gnade, die ich nie vergebens angerufen, beschwöre ich Sie –«

Die Flamme flackerte unruhig, durch eine eindringende Welle der Luft bewegt, die außen milde dahinstrich und in der alles badete in lauer Sommernacht; sie fächelte auch um den Toten, der einsam lag, ungerührt. O, daß nichts in seinem Wesen, seinen Zügen als verwandt gemahnte! – Der Schreiber fuhr jäh empor, und die Feder kreischte über das Blatt.

»Entheben Sie mich sofort meiner Stelle hier und lassen Sie mich in einem Orden strengster Observanz meine Tage beschließen. Von einem furchtbaren Geschicke ereilt, unwürdig befunden, ein Rüstzeug des Herrn zu sein, liege ich unter seiner Hand zerbrochen.« –

Er hob die Augen zum Himmel empor. – Wie bleich der Mond hersieht! So bleich und unbewegt ist wohl auch das Gesicht des Toten – und jetzt könnte man in dessen Zügen forschen, – wenn nicht der Blick vor Grauen versagte!

Noch einmal ermannte er sich und schrieb weiter: »Sobald ich von hier erlöst sein werde, eile ich zu Euer Eminenz, Beichte abzulegen, zerknirscht, doch ohne Hoffnung auf Sühne, denn mit furchtbarer Klarheit ist mir der Sinn dafür erschlossen worden, daß es Verschuldungen gibt, die, nach den Worten der Schrift, weder hier noch dort vergeben werden, weil wir selbst sie uns nicht verzeihen können und der milde Vaterblick des Allerbarmers durch das Düster unsrer Seele verschleiert bleibt.« –

Da versagte der Lampe die Nahrung, der Docht glimmte matt, einem Ölflämmchen gleich, wie eines jetzt zu Häupten des Toten leuchtete, und in einem Lichtkreise, schwank und ungewiß, wie er hier über der Tischplatte zuckte, starrte das Gesicht! –

»Ich komme ja«, rief der Pfarrer sich erhebend, »ich komme! Ich will dich noch einmal sehen mit andern Augen – mit andern Augen!«

Er brannte das Wachslicht einer kleinen Handlaterne an, verließ den Pfarrhof und trat hinaus in die sternenhelle Nacht, aber er blickte vorsichtig um sich und barg das Licht unter seinem Kleide, daß es seinen nächtlichen Gang nicht verrate, und mit hastigen Schlitten glitt er dahin, vorbei an der Kirche, um deren Ecke, nach dem eisernen Gittertor, das auf den grasbewachsenen Friedhof führte; hier schlugen schwanke Halme gegen seine Füße, nicht breite, schwere Blätter, wie damals, als er durch jenes Gärtchen, in welchem mehr Klette als andres wuchs, so verstohlen zur Mutler schlich – wie jetzt zu dem Kinde.

Als er die Tür der Totenkammer öffnete, da dröhnten die Eisenplatten, und mit einem langgezogenen, schrillen Tone drehte sie sich in den verrosteten Angeln. Und als er des Toten ansichtig wurde, da deckte er erst die Augen mit der Hand und zog diese mählich weg, als wollte er sich an den Anblick gewöhnen; er faltete die Hände, als bäte er dem bleichen Burschen etwas ab, dann streckte er, wie beschwichtigend, die Rechte gegen ihn und legte sie ihm auf das Haupt.

Er zog sie durchschauert zurück.

Und jetzt mahnte ihn dieses Antlitz mit den finster zusammengezogenen Brauen an ein anderes, das plötzlich lebhaft in der Erinnerung vor ihm stand, wie er es gesehen in jener Scheidestunde für dieses Leben, wo er, unmännlich genug, dem andern Teile die größte Schuld an der gegenseitigen Versündigung vorwarf. Ja – hier derselbe Mund mit den trotzig aufgeworfenen Lippen, zwischen denen die kleinen, ebenmäßigen Zähne vorblicken, und dem verachtenden Zuge um die Winkel, er dürfte sich eben geschlossen haben über den Worten – oh, wer sie beherzigt hätte, jene Worte:

»Ich denk', du hättest es verspielt, andrer Leut' Richter zu machen!«

Gott verloren!

(Zwei Geschichten in einer)

Im Pfarrhofgarten nickte der Goldregen über den Fliedersträuchen, die auch in voller Blütenpracht standen, und der Morgenwind wehte den fast berauschenden Duft der blaßvioletten, schneeweißen und rot angehauchten, traubenförmigen Büschel zu dem offenstehenden Fenster im Stockwerke hinein; dort schmetterte ein Kanarienvogel im Bauer, was er aus seiner kleinen Kehle bringen konnte.

Der Pfarrer, der am Frühstückstische saß, schwenkte ein Tuch gegen den Lärmer. »Pscht, Hansl! Sein eigen' Wort versteht mer nit.« Dann wandte der ältliche, behäbige Herr das runde, rote Gesicht mit den immer lachenden Augen und dem meistens lächelnden Munde gegen den jungen Geistlichen, der ihm gegenübersaß und eine Zigarre dampfte. »Wie Sie da ein so gottverbotenes Kraut rauchen mögen?« – er schnüffelte nach der hereinwehenden Luft – »wo's doch was Besseres z'riechen gibt!«

»Ach Gott«, sagte der überschlanke junge Kleriker, »es ist ein Laster, ich weiß es, und wenn Sie es etwa in Ihrer Stube nicht dulden wollen, so bitte, mir es nur freimütig zu sagen.«

Der Pfarrer machte eine abwehrende Bewegung. »Bewahr, so verzärtelt bin ich nit; unsere Bauern rauchen ein Blatt, da ist das Ihre Havanna dagegen. Aber wider mein Holler kommt nix auf, der is mir 's liebste G'rüchel.«

«Ja, er riecht wunderbar –.« Der Magere machte den Versuch, mit seiner ziemlich ausgiebig geratenen Nase auch einen der duftigen Luftströme aufzufangen, er schüttelte aber gleich darauf den Kopf und senkte ihn entmutigt. »Ich muß nur gestehen, daß ich so aus der Entfernung nur eine Ahnung davon habe; ich muß die Nase unmittelbar daran halten, um einen Genuß zu haben.«

»Das is schad', da hab'n Sie ein' Sinn weniger wie ein anderer Mensch. Nun, 's mag wohl manchmal auch sein Gutes hab'n, so bleibt Ihnen doch gleicherweis' mancher G'stank erspart.«

»Leider nein. Den riech' ich. Der dringt durch.«

»Dann bedaure ich Sie, Herr Kaplan. Nur versteh' ich nit, wie Ihnen die Zigarre da schmecken kann. Wenn in der Kuchel d' Milli überlauft, stinkt's im Haus auch nit viel anders.«

Der Kaplan hob den Glimmstengel nahe vor sein Auge und betrachtete ihn aufmerksam, dann sagte er leise: »Wissen, Herr Pfarrer, andere trägt mir's halt nit.«

»No ja, mein lieber Meißeder«, sagte der alte Herr gutmütig, über den Tisch langend und mit seiner fleischigen Rechten die dürre, knöcherne, langfingerige seines Gegenüber drückend. »Verzeihen S', daran hab' ich nit gedacht. Wohl bekomm's Ihnen – und apropos, weil wir vom Wohlbekommen reden, wie hat Ihnen denn Ihr gestriger erster Spaziergang in unserem Sprengel ang'schlagen? Ich denk', nit schlecht. Sie müssen ansprechende G'sellschaft g'funden haben, denn Sie sind erst spät heimkommen und haben die Stieg'n h'rauf noch mit sich selber g'red't.«

Der junge Mann errötete. »Ich hab' Sie doch nicht im Schlafe gestört?« Er schwenkte die Arme ln unbeholfener Verlegenheit.

»Gott bewahr. Aufg'weckt hätt's mich nit, wenn ich nit grad wach g'west wär'.«

»Ich kann versichern, ich habe mich mehr Aufhorchens halber unter die Leute gesetzt und nur ein Glas…«

»Aber Kaplanerl, wo denken S' hin, ich werd' doch nit –? Nein, dazu sind Sie zu gut empfohlen und sehen auch gar nicht danach aus, daß Sie sich, kaum zwei Tag' am Ort, übernehmen und was vergeben möchten.«

»Ich danke, Herr Pfarrer. Es traf sich eben, daß ich mit Bürgermeister, Förster und Lehrer ins Gespräch geraten, länger sitzen blieb, und dann gaben mir die Herren eine Strecke her das Geleit und ich danach ihnen eine Strecke hinwieder, und so mag es ja ziemlich spät geworden sein.«

»'s muß da ein' scharfen Dischkurs g'setzt haben!«

»Ja, allerdings, er hat mir g'nug zu denken gegeben, und davon hab' ich manches, dann allein auf der Treppe, laut werden lassen.«

»Da wär' ich doch neugierig. Von was war denn d' Red', wenn man's wissen darf?«

Dem Kaplan schoß plötzlich alles Blut ins Gesicht; er fuhr mit beiden Händen nach den Schläfen und kraute sich mit allen zehn Fingern in den Haaren. »Verzeihen Sie – aber ich hörte da Dinge – welche ich nicht weitersagen soll…«

Der Pfarrer lachte laut auf, dann erhob er sich, stemmte beide Arme auf den Tisch und neigte sich vornüber. »Beruhigen Sie sich, lieber Meißeder, Sie hab'n gar nit not, an Ihren Gesellschaftern von gestern abend Verrat zu üben; was Ihnen die gesagt haben können, das Sie – und mit Recht – aus 'm Häusel gebracht hat, das weiß ich.« Der alte Herr zog die Mundwinkel herab und runzelte die Brauen, während er eine Weile stumm nach der Tischplatte niedersah, dann hob er plötzlich den Blick. »Vom Holzknecht Valentin war die Red'.«

Der Kaplan nickte. »Und von der Lotteriesepherl.«

Der Pfarrer schlug in den Tisch. »Von derer verdangelten Narrin?!« schrie er. »Das kennzeichnet wieder meine Leut', daß s' d' Lotteriesepherl und 'n Holzknecht Valentin in ein'm Atem nennen mögen. B'halten S' Platz«, fuhr er gegen den Kaplan fort, der sich ebenfalls vom Sitze erhoben hatte, »b'halten S' Platz, die Sach' ist wichtig, insofern wichtig, als Klarheit hineingebracht werden muß, soll zwischen uns von vornherein jed's Mißverstehen ausg'schlossen bleiben. Sie, mein junger Freund, hab'n natürlich dem Ihnen so freundlich entgegenkommenden Kleeblatt hoch und heilig versprechen müssen, von allem, was g'red't word'n is, geg'n mich nichts verlauten zu lassen? Nit, Meißeder, rucken S' nit 'n Kopf – 's Kopfbeuleln wär' in dem Fall a Lug' – ich kenn' ja meine Leut'; setzen S' die Höflich- und Artigkeit nur beiseit', selbe is doch kein' Versündigung wert; Sie mußten Ihr Wort geben, keins gegen mich verlauten zu lassen, und Ihr Versprechen müssen Sie halten. Punktum! Im übrigen wüßten Sie mir ja gar nix zu sagen, was ich nit schon wüßt', während sich's mit mir, Ihnen gegenüber, anders verhalten dürft'. Sie brauchen also nit z'reden, sondern nur z'hören. Sie werden im Verlauf keine Ursach' finden, mich zu unterbrechen, denn daß nix geredet worden ist, was mir eine andere, 'ne bessere Meinung von dö drei Leuteln beibrächt', das schließt schon das Verbot des Weitersagens aus,- es is also gestern, wie allemal, der gleiche, nämliche Tratsch und Wasch g'west, dem hint'nach die drei Pfingstesel heut noch das nämliche röhren, wie vor Jahren: daß ich z'gut wär'. Jeder in seiner Weis: der mindeste, der Lehrer, heißt mich nachsichtig, der Bürgermeister nimmt sich schon mehr h'raus, der nennt mich nachgiebig, und der Förster, der ehemalige Soldat, dem bei 'n Menschen wie bei 'n Hunden d' Dressur über alles geht, verklagt mich als nachlässig.«

Der Kaplan konnte ein leichtes Schmunzeln nicht bemeistern.

»Oh«, sagte der Pfarrer, ihn mit lustigen Augen anblickend, »lehren Sie mich das Terzett kennen! Ich wollt', ich hätt' sonntags fürs Hochamt auf 'm Kirchenchor ein solch's, das so gut zusammenstimmet. Daß mir aber die drei Löllappen und noch andere die Lotterieschwester und den armen Teufel von Holzknecht in ein' Topf werfen und mein Verhalten geg'n die zwei aus ein'm G'sichtspunkt kritisier'n wollen, das wurmt mich! Die Sepherl is ein blöd's Weibsbild, die eines Unsinns weg'n trutzt und geg'n 'n Herrgott aufbegehrt, der Valentin aber is einer schweren Prüfung erlegen, hat Gott verloren und 'n seither mit 'm besten Willen nimmer finden können. Daß ich bei der einen gleichsam unsers Herrgotts Advokaten mach', als wär' der im Unrecht und ihm an der Kurdel was g'legen, das war' doch unschicklich, und der Tag bleibt nit aus, wo die Alte wieder z'Kreuz g'krochen kommt, und wenn 'm andern der Herr mit Gnad' und Eingebung schickt, so kann ich nix richten.

Nun, und weil ich in dem ein'n Fall so sicher bin, wie im andern unsicher, und dort d' Zeit abpassen will und da abpassen muß, so reden d' Ganzg'scheiten vom ›Z'gutsein‹ und langmütigem Zuwarten.«

»Hm, vielleicht könnte man doch –«, warf der Kaplan schüchtern ein, »die beiden Leute, um das Ärgernis in der Gemeinde zu beheben, zum Kirchenbesuche verhalten?«

»Soll s' etwa der G'meind'wachter in die Kirche eskortier'n?« brauste der Pfarrer auf. »Lieber gleich Juden und Heiden auch, wenn mer schon z'samm'treiben wollen, wem 's Christentum eingeht wie 'm kranken Roß d' Medizin! Rennen eh' g'nug Heuchler h'rum, soll mer noch welche dazu züchten? Wo denken S' denn hin, Meißeder? 's mögen g'nug sonntags in der Kirche h'rumlümmeln, die lieber im Wirtshaus säßen, doch ich kann nit jedem ins Herz schau'n; könnt' ich's und läset' bei ein'm drein die wunderlichen Heiligen: Goldener Hirsch, Roter Adler und Brauner Bär, so jaget ich 'n zum Tempel h'naus; daß ich mir aber welche ins Gotteshaus lad' für d' heilig' Handlung ohne Sinn und mein' Predigt leer' Wort wär', das vertragt sich weder mit meiner Amtswürde noch mit der Ehrfurcht vor dem, dem ich nach schwachen Kräften, aber immer ehrlich dien'. Daß wir uns nur auch ganz verstehen, mein lieber Meißeder, man wird Ihnen was von der Wahrung der Autorität vorgeplauscht haben, nun, um die wär' es da wohl arg bestellt und sie artet' in wahre Hochfahrt aus, wenn wir mehr richten wollten, als unser himmlischer Oberer selbst, und machten, daß einer nit 'n Herrgotten z'lieb zur Kirche lauft, sondern weil er Verdruß mit 'm Pfaffen fürcht't, das war' just so, wie oft mit 'n Kindern, die mir d' Hand küssen und sich dabei am geistlich'n G'wand, dem die Ehr' gelten soll, die Nase putzen: darum verlang' ich auch von d' Bäuerinnen, daß sie s' früher schneuzen.«

Der Kaplan kniff die Augen zusammen und bleckte die Zähne.

»Gelten S', da lachen S'? Bleiben wir also beim G'spaß, denn abg'sehn von den dummen, wüsten Schimpfereien der Alten, find' ich hinter der Affäre mit der Lotteriesepherl nix anderes: wie g'sagtt, mir is nit bang, daß die nit schleunig umsattelt, würf' s' mal ein Siechtum auf 'n Strohsack, oder käm' gar der Knochenhans. Nun hör'n S' nur auch, woher sich ihr Kirchenfeindtum schreibt. Die damische Kurdel wohnt drauß' vom Ort in der letzten Hütten, wenn man vier verbröckelten Mauern und ein'm löcherigen Dach drüber die Ehr' antun will, sie noch so z'benamen. Natürlich von Reparatur konnt' kein' Red' sein, denn der Botgänger mußt' alle Wochen die übrig'n Kreuzer die acht Stund' weit in d' nächste Lottokollektur trag'n. Fleißig war s' im Tagwerken, man hat s gern g'nommen, immer konnt' mer s', wenn schon nit für zwei, doch gut für anderthalb zähl'n; ein' oder 'n andern Groschen hätt' s wohl mög'n auf d' Seit' leg'n, aber ein' vernünftig' Sparsamkeit hat's für die nit geb'n seit f' vom Fünfnummerteufel b'sessen war, und das war, leider Gott's, fruh g'nug. Vorerst war ein' Liebschaft dran schuld, 's Geld hat g'fehlt zum Hochzeitmachen, 's blinde Glück hädt' soll'n aushelfen; der Terno, worauf s' g'hofft hat, wollt in Ewigkeit nit kommen, drüber hat der präsumtive Bräutigam d' Zeitlichkeit g'segnet, und so weit hätt' ein'm d' Sepherl wohl d'erbarmen können wie d' vielen anderen überständig'n Weibsleut', die sich einschichtig fortbringen und froh sein müssen, mit harter Müh' und Arbeit so viel auf d' Hand z'krieg'n, daß s' von der in 'n Mund leben können, aber die alte Dirn' is einmal mit Leib und Seel Lott'rieschwester g'west und drüber ein alt's Weib word'n, ihr' Hand hat 'm Maul abg'spart, was sie für ihr' Passion geopfert hat. Natürlich war's mit 'n erhofften G'winnsten nix, all halbe Ewigkeit 'mal ein Amberl, den d' Kollektur durch d' Einsatz' zehnmal schon h'rin g'habt hat; die Marter anz'schau'n, die sich die Alte mit ihrer Splelwut auferlegt hat, war schon weniger mitleidswürdig, es hat doch auch ein gar z' dumm's Ansehen g'habt, sie jeden Ziehungstag wie ein' verlaufenen Hund durchs ganze Ort um jedes Eck schnüffeln z'sehen, ob der Bot' schon kommt, dann ihr kreuzschichtig' Wesen, wann's wieder, wie allmal, nix war. Nit einmal hat s' 's Lottoamt der Betrügerei beschuldigt, daß's ihr just ihre Nummern gar nit ins Glücksrad h'neingab', oder früher h'rausnähm', öfter, wie nit, hat s 'n unschuldigen Waisenbub'n, was d' Nummern zieht, und dem seine noch unschuldigern Eltern ins Grab h'nein verflucht und was derlei unsinnig' Ausarten mehr is. D' Tag über hat s' jed's Papierfetzel vom Weg aufg'griffen und nach Nummern abg'sucht, jeder Todfall, jede Hochzeit, jede Geburt hat herhalten müssen, ja kein Ziegeldecker hat beim Schindeln vom Dach fall'n können, ohne daß er numeriert und g'setzt worden wär'; auf so ein', der zum Glück heil davon kommen is, hat s' hinterher ein' g'waltigen Zorn g'habt, er hält' ihr z' G'fallen sich sollen 's G'nick brechen, denn 's Hausnummer, wo er gearbeit' hat, und 's ›Vom-Dach-fall'n‹ is h'rauskommen, statt 'm ›Wiederaufsteh'n‹ aber ist der ›Todfall‹ zog'n word'n, so hat s' der Mensch um 'n Terno g'bracht! Nun, daß wir draufkommen: ein's Abends fallt ihr ein, da sie's schon vergebens mit ihrer heiligen Namenspatronin und 'n Vierzehn Nothelfern und der heiligen Korona, der Schatzewahrerin und 'm großen Christophel und wer weiß mit wem sonst noch allen versucht hat, 'n lieben Herrgott direkt um 'n Terno anz'gehn und ihn z'bitten, daß er ihr die drei sichern Nummern in der nämlichen Nacht möcht' träumen lassen. Die Alte legt sich nieder, und da s' eh' von frühmorgens bis spät abends nix wie Ziffern im Kopf hat, vielleicht auch nit ein' Nacht im Jahr war, wo ihr keine g'träumt hätten, so war's auch gar nit verwunderlich, daß ihr wieder welche geträumt haben. Drei war'n's diesmal und d' schönsten, was ihr ihr Lebtag ein Traum eingeb'n hätt', hat s' nachträglich behaupt't, und wie s' drüber erwacht, is sie aber gleich aus 'm Bett g'wischt, und daß sie's ja nit vergißt, hat s' mit ein'm Blei die drei Ziffern auf ein' Zettel hinkritzelt und dann sich wieder niederduckt und weiterg'schlafen, bis der Morgen grau wird, nun und da war ihr erst's, daß sie den Zettel nimmt und zur Tür hinrennt, 's is eine, wo d' obere Halbscheid alleinig für sich in Angeln hängt, sie stößt die auch auf und will grad die drei Glücksnumero lesen, sie is weitsichtig, und wie s' just die Hand mit 'm Papierl von sich streckt, treibt 's Nachbars jüngster Bub die Geißen vorbei, und ein so Vieh mocht' glauben, der Zetlel war' eine Leckerei, die ihm d' Alte anbiet't. Ich weiß nit, hat die Geiß wirklich ein' Gusto drauf g'kriegt, oder wollt' sie sich durch ein Refüs für ein andermal nit d' Kundschaft verderb'n und affektiert' nur die G'naschige – kurz, hast's nit g'sehn, hat s' 'n Zettel zwischen d' Zähn' und auch schon unten. Drauf Zeter und Mordio seitens der Alten, können Sie sich denken, Herr Meißeder; aber eins können Sie sich nit denken, nämlich wie das arme Vieh die Sach' hat ausbaden müssen.«

»Die Ziege?« kopfschüttelte der Kaplan.

»Ja, die Geiß«, lachte der Pfarrer. »Wie s' geht und steht, rennt die Sepherl hinüber zum Nachbar. ›Du, deine Geiß, das verhöllte Luder, hat mir 'n Zettel g'fressen' – und soundso – belfert die ganze G'schicht' h'raus, verlangt, daß der auf der Stell' die Geiß schlachten soll, damit mer noch zu dem Zettel käm', und bezahl'n würd' d' Sepherl, wie s' ihr'n Terno macht, woran nit zu zweifeln. Der Bauer war nit von den Dummen; er hat doch g'meint, der Terno wär' nit so ganz sicher und die lebendige Geiß ihm lieber wie eine tote, für die er sein Geld ›leicht bis auf St. Nimmerstag ausstehen hätt‹. Ganz g'scheit! Auch gibt er der Alten zu bedenken, daß man den Papierwisch wahrscheinlich in ein'm Zustand aus dem Magen des Tiers herausbekäm', daß man ihn ebensogut lieber gleich drin ließ'. Wieder ganz g'scheit, und selbst die Sepherl gibt sich damit z'frieden; zwei von den Nummern weiß sie überdem ganz sicher, nur vom dritten weiß sie nit gewiß, ob sie das auch recht behalten hat, hofft aber, daß ihr Gott die Gnad' g'schenkt haben werd' für ein richtiges Besinnen. Ja, mein lieber Meißeder, das war damals ihr' Red'; wann die Weibsleut' ein' Raps haben, sein s' von einer so bodenlosen Einfalt, daß s' selbst geg'n 'n Höchsten ganz despektierlich werd'n, wie ihn die Lotterieschwester das selbe Mal – Gott verzeih' mir d' Sünd' – fast auf ein' Stufe g'stellt hat mit der Kreuzspinnerin, die s' im Glas halt't, damit die Numero aufspinnt! – Macht ein Narr zehn, ist ihm's wohl ein leicht' Stückel, ein'n z'machen. Wie die Närrin g'gangen is, hat sie die andere zurückg'lassen. Die Bäuerin, durch den felsenfesten Glauben der Sepherl ang'steckt, fängt mit einmal an: ›Jesses, da könnt' mer am End' sein Glück machen – und – verabsäumt wär' verspielt – die Geiß hätt' gewiß 'n Zettel nit zerfressen, sondern nur hinabgeschluckt – und noch wär' das Vieh nüchtern, hätt' nix anders im Magen.‹ Und so ist's eine gute Weil' fortgegangen, wie es die Weiber auf der Zunge haben, vorab eine kurze Red', dann ein Wortschwall, daß ein'm Gehör und Gedanken vergehen, dann wieder fünf Wort', so gut wie ein Dutzend, bis der Mann müd' wird. Unser alter, vorerst so g'scheiter Adam hat endlich den Lockungen seiner Eva nachgegeben, und die arme Geiß ist in aller Heimlichkeit hingeschlachtet worden, der Terno hat ihr aber nimmer im Magen g'legen, dafür aber ein' Wochen über dem Hausg'sind ihr Fleisch, das man in Rauch g'hängt hat. Natürlich ist die Heimlichkeit durch die häufige Geißfleischkost aufg'kommen, und das ganze Dorf hat drüber gelacht, mit Ausnahm' der Sepherl, die drüber ganz kreuzschichtig war und ausgeschrien hat, wie der Bauer sie hätt' betrügen wollen; heut trägt sie es ihm noch nach und sollt' eigentlich froh sein, daß ihr der verständige Bauer die Kosten erspart und die unverständige Bäuerin sogar drauf gedrungen hat, daß nachgewiesen würd', wie unnötig das Geld aufgewandt gewesen wär'. Daß die zwei sicheren Nummern mit dem ein'm unsicheren Nummer, so hoch 's die Kassa der alten Sepherl zug'lassen hat, g'setzt wurden, versteht sich von selbst, und der Zufall hat g'wollt, daß die zwei sicheren herauskommen und das dritte unsichere um ein paar Augen drüber oder drunter g'fehlt war, und da hat sich die Alte von unserem Herrgott ›g'frotzelt‹ gefühlt und ist seither mit ihm faché, denn das hat ihr für ausgemacht g'golten, daß unter seiner Zulassung der Teuxel in d' Geiß g'fahren war' und ihr den Possen g'spielt hätt'. Reden S' mit so Leuten, die frei glauben, der Herrgott führet 'n Satan an einer Ketten mit ihm, zum Leuterschrecken und G'schöpfsekkier'n, so daß in ihr'n Augen unser Herr und der Gottseibeiuns schier ein G'sicht krieg'n. Ich bitt' Sie, lieber Meißeder, rekapitulieren Sie 's Ganze noch einmal, es liegt Humor drin. Es gibt manche Wege, die unglückliche Menschen von Gott ablenken, und wann ich auf so ein'm jemand hintaumeln seh', bin ich der letzte, der lacht, aber da kann man doch nit ernst bleiben, wo so 'n Wesen auf ein' wahr'n Knüppeldamm für d' g'sunde Vernunft durch d' Lottokollektur stolpert und mit 'm Schöpfer hadert, weil der nit 'n ›Mathematikprofessor'n‹ Konkurrenz machen will!«

»Es geht allerdings schwer an«, lächelte der junge Geistliche.

»Ich mein' 's halt ja auch«, sagte der Alle, mit der flachen Rechten über das Tischtuch streichend. »Nun haben S' all'n erdenklichen Bescheid über der Sepherl ihr' G'schicht'.«

»Und die des Holzknechts?«

Der Pfarrer preßte die Lippen aufeinander und zog die Brauen zusammen, dann sagte er kopfschüttelnd: »Die laßt sich nit so nacherzählen. Der Torheit mag man 's Maul verbieten, aber 'n Jammer muß mer sich ausreden lassen, kann mer 'm auch nit abhelfen, so lernt man doch was dabei. Nit die G'schehniss' machen die Leut' irr', und war auch schreckhaft g'nug, was der Valentin erlebt hat, so is's doch da in 'n Bergen nit gar so selten, daß eins von den Höhen abkugelt: das Einbilden und Empfinden über das, was g'schehn oder unterblieb'n is, bringt manchen Menschen aus 'm Häusel, und da gilt's wohl, daß man ihn selber in lebendiger Red' seine Wort' setzen hört, um zu ein'm Verständnis z'kommen. Mir liegt selber dran, daß Sie in der Sach' eins g'winnen und mir dann aufrichtig sagen, ob Sie ein Fleckel ausfinden, wo mer mit einer Aussicht auf Erfolg anpacken könnt', oder ob nit auch Ihnen g'scheiter scheint, da d' Hand davon zu lassen, wo nur der, der die Wunde g'schlagen hat, auch zu heilen vermag. Machen S' einmal den Gang hinters Dorf an der närrischen Sepherl ihrer Hütten vorbei, 'n Wald h'nauf, unter den Tannen finden S' 'n Valentin seine, dort sprechen S' ein.«

»Ja, wird der Mann gegen unsereinen gleich so redselig?«

»Fallt ihm nit ein. Natürlich bradelt mer ihm nur mit harter Müh' d' G'schicht' h'raus, aber wenn S' ihm ein' Gruß von mir auslichten und ihm sag'n, ich schickt' Sie und ließ 'n bitten, weil Sie neu da im Ort wären, und 's künftigen Einverstehens wegen, er möcht' nit rückhältig sein, so wird er Ihnen wohl Aufschluß geben.«

»Danke. Ich werde hingehn.«

»Tun Sie's, mein lieber Zerr Meißeder«, sagte der Pfarrer, sich erhebend und die Hand hinüberreichend, verabschiedete er sich: »Glauben S' mir, es klingt wie G'spött, wenn man ein'n z' gut heißt, weil er der menschlich'n Narrheit und 'm tiefen Elend kein' Herrn zeigen will, als ob die ein' Herrn kennten, als ob mer denen gegenüber nit ohnmächtig war'! Ich halt's für ein' Deuter zur Demut, daß Gott mitunter solche Fälle uns vorrückt, wobei wir die Unnötigen sein und sein' Sach' nit zu vertreten vermögen, weil er sich's als sein' selbeigene vorbehalt't«

Abendsonnenschein lag über der Gegend, als der Kaplan bedächtig dem Walde zuschritt.

Mit der Sepherl war nicht anzubinden, das sah er ein: schon was der Pfarrei über das wüste Geschimpfe des Weibes gesagt hatte, genügte, von einem Überredungsversuche abzusehen; wie leicht könnte sich die Alte zu einer Lästerung hinreißen lassen, die man nach Pflicht und Gewissen der Behörde anzuzeigen hätte, und der Gedanke an eine solche Denunziation widerstrebte dem Kaplan. Er hielt es daher gleichermaßen für erlaubt und geboten, keinerlei Anlaß zu geben, um so mehr, da er hierin der Ansicht des Pfarrers zustimmte, daß in einer Prüfungsstunde der Fünfnummerteufel den Schwanz einkneifen und aus der Alten fahren werde. Dagegen war der junge Kleriker, was den Holzknecht Valentin anlangte, gar nicht einverstanden mit dem Verhalten seines »Alten« – mit dieser mehr vertraulichen als respektuösen Bezeichnung meinte er nach Art unbedachter junger Leute seinen Vorgesetzten, den Pfarrer. Der Valentin war kein aufbegehrerischer Mensch. Zu der Hacke würde sich doch wohl ein Stiel finden lassen, dachte der junge Geistliche, war es ihm doch im Seminar bei Disputationen gelungen, geschulte Köpfe in die Enge zu treiben, worauf er schon damals große Stücke gehalten und heute noch hielt,' wie wenig Waffen aus dem geistigen Arsenale wird es brauchen, aus dem ungeschulten Kopfe eines Holzknechtes die unbotmäßigen Gedanken zu verjagen und an deren Stelle wieder die heilsamen, gottgefälligen zu setzen?

Der junge Eiferer hatte eine rege Einbildungskraft, und ehe er sich's versah, befand er sich schon im Geiste in lebhafter Disputation mit dem Holzknechte. Er formulierte dessen Reden und zugleich deren schlagendste Widerlegung: es ist dies bekanntlich die bequemste Art zu streiten und die lebendigste Form dafür die des Dialoges, deren sich schon manche Philosophen, besonders des Altertums, zum großen Vorteile für ihre leibeigenen Überzeugungen bedient hatten. Ein Umstand, der dem wirklichen Holzknechte gegenüber wohl jeden hätte stutzig machen, ja auf den argen Gedanken hätte bringen können, derselbe erlaube sich einen dem Ernst der Situation wenig entsprechenden Spaß, entging dem Kaplan vollständig, nämlich, daß der imaginäre Holzknecht sich herausnahm, wie ein Seminarist zu dem anderen zu sprechen. Kaplan Meißeder war aber so in das Fahrwasser seines philosophisch-theologischen Dialoges, der etwa »Von der Ergebung in den göttlichen Willen« zu betiteln gewesen wäre, hineingeraten, daß er nun auch mit den Armen zu rudern begann. Achtlos trieb er an der Hütte der Lotteriesepherl vorbei und nahm die wirrhaarige Alte gar nicht wahr, die aus der Tür trat und hinter ihm mit einem gemurrten Fluche die Faust schüttelte: er ruderte weiter, bis er vor der Hütte des Holzknechts Valentin auf den Sand lief.

Plötzlich, dem Ziele gegenüber, aus seinen Gedanken aufschreckend, empfand er wirklich etwas wie eine physische Erschütterung und brach sein halblautes Renommieren verdutzt ab.

Ein gekrümmtes, verkümmertes Weib schoß auf ihn zu, drückte die Lippen auf seine Hand und murmelte leise: »Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit!« sagte der Kaplan: seine Augenbrauen hoben sich hoch, und er fragte mit einer unsicheren Handbewegung, alle fünf Finger locker gehalten, nach der Hütte bedeutend: »Wohnt da der Holzknecht Valentin?«

Das Weib nickte, »'s ist mein Alter«, sprach es. »Wollt Ihr zu ihm, Hochwürden? Müßt's nit.«

»Ich will ihn sprechen. Der Herr Pfarrer schickt mich.«

Das Weib seufzte, dann stieß es die niedere Tür der kleinen Hütte auf und trat hinein. »Valentin, es fragt wer nach dir, vom Herrn Pfarrer!«

»Guten Abend!« sagte der junge Geistliche.

»Guten Abend auch!« antwortete der Holzknecht, ohne sich zu erheben: er saß auf der Ofenbank und rauchte aus einer birkenen Pfeife.

Ganz anders hatte sich der Kaplan seinen Mann vorgestellt. Das Objekt, an dem er vorhin im Geiste seine Überredungsgabe erprobte, war ein engbrüstiger, vorgeneigt sitzender Alter, auf dem Haupte, das er beim Zuhören gesenkt hielt und nur beim Sprechen ein wenig erhob, trug er, bis an die Ohren herabgezogen, eine schwarze Zipfelmütze, deren Rand lief über die niedere, gerunzelte Stirn, und darunter zeigte sich ein von Falten durchfurchtes Gesicht, die dunkeln Augen wichen entweder fremden Blicken aus, oder erwiderten sie starr, fast feindselig, und die Lippen waren bieitgezogen; dem jungen Kleriker dünkte es eine lohnende Aufgabe, den Trotz dieser Augen zu brechen und den Hohn aus diesen Mundwinkeln zu scheuchen.

Dieses Vornehmen erwies der Augenschein als gegenstandslos.

Der Holzknecht Valentin war ein breitschulteriger, rüstiger Sechziger, eine Fülle, wenn auch greiser, doch dichter Haarlocken ersparte ihm den Gebrauch einer Mütze, den Kopf trug er sogar höher als mancher andere, da er das Kinn etwas vorstreckte; diese Haltung, der stete, ruhige Blick der braunen Augen und der gleichmütig geschlossene Mund gaben seinem ernsten Gesichte den Ausdruck des Beobachtens und Zuwartens. Alles an dem Manne sah sich wie ausgeglichen an, nichts beunruhigt oder beunruhigend. Nur der linke Mundwinkel war merklich verzerrt, aber, wie leicht ersichtlich, nicht infolge einer Gemütsstörung, sondern der langjährigen Gewöhnung, dort die Pfeifenspitze einzuklemmen.

Die Alte hatte einen Stuhl mit der Schürze abgewischt und stand nun, ihn mit beiden Händen an der Lehne haltend; sie blickte fragend nach Valentin.

Der Holzknecht nickte ihr zu. »Tut Euch setzen!« sagte er zum Kaplan.

Die Frau rückte den Sessel hinzu, und nachdem sie noch einmal hastig mit dem Vortuch darüber gefahren, verzog sie den zahnlosen Mund zu einem nichtssagenden Lächeln. »Werdet uns wohl nit 'n Schlaf austragen. Hochwürden?«

»Weißt du das so g'wiß, Kathl?« fragte der Holzknecht.

Das Weib starrte ihn erschreckt an und streckte, wie abwehrend, die hageren Arme vor.

»Ich spreche bei Euch in der besten Absicht ein«, begann der Kaplan: »die Verantwortung, die mir mein Beruf auferlegt, die Verpflichtung, die er in sich schließt, nicht mit einer platonischen Auffassung der christlichen Nächstenliebe mich zufrieden zu geben, sondern diese Liebe auch zu betätigen, veranlagten mich, hierherzukommen …«

Es verwirrte den Sprecher, daß ihm gleich eingangs der einem Holzknechte wohl unverständliche Ausdruck »platonisch« entschlüpft war, er stockte und wiederholte: »Ich komme, wie gesagt, in bester Absicht.«

»Will's schon glauben, Herr«, erwiderte der Holzknecht, «wüßt' auch nit, was Euch für ein' üble könnt' herführen.«

»Da ich hörte, daß Ihr zur Mutter aller katholischen Christen, zur heiligen Kirche, Euch feindselig stellt…«

»Feindselig? Da seid Ihr irrig bericht't.«

»Präziser gesagt« – das »Präzise« machte den jungen Mann vor Unwillen über sich selbst erröten, und die Stimme erhebend, daß es fast nach Gereiztheit klang, verbesserte er sich: »Genauer ausgedrückt, wollte ich sagen. Ihr haltet Euch ferne von der Kirche.«

Valentin nickte.

»Doch in diesem Falle, wie in dem anderen, bleibt der Schaden, den Ihr selbst nehmt, das üble Beispiel, das Ihr anderen gebt, gleich schwerwiegend. Der Grund, der Anlaß Eueres Verhaltens mag in Eueren Augen den Schein einer Berechtigung haben…«

Hier legte der Holzknecht die große, rauhe Rechte auf das Knie des jungen Mannes. »Kennt Ihr ihn? Den Anlaß, mein' ich!«

»Dem Hörensagen nach, ja.«

Valentin zuckte unwillkürlich mit den Schultern.

»Ihr meint«, fuhr der Kaplan fort, »auf der Leut' Gerede wäre wenig Verlaß, und daraufhin würde ich klüger tun, zu schweigen. Das ist auch ganz meine Ansicht. Ich will die Geschichte von Euch selbst hören.«

Der Holzknecht neigte sich vor nach dem Sprecher und sah ihm in die Augen. »Herr, wißt Ihr auch, was Ihr damit verlangt?«

»Ich denke mir ja, daß es Euch schwer, daß es Euch sehr hart fällt, das setzt auch der Herr Pfarrer voraus, der Euch wohlgesinnt ist, und trotzdem schickt er mich her mit der Bitte, Ihr möchtet nicht rückhältig gegen mich sein. Sprecht Euch aus. Mann«, rief der junge Priester, emphatisch die Arme ausbreitend und schüttelnd, »sprecht Euch aus! Meiner Teilnahme für das Leid, das Euch widerfahren, seid Ihr gewiß? wenn Ihr aber Euer Herz ausgeschüttet haben werdet, wenn Ihr Eueren Grund ausgesagt habt, dann, o dann verschließet auch den Gegengründen nicht das Ohr!«

Der Holzknecht hatte den Kaplan mit großen Augen angestarrt, nun schüttelte er den Kopf. »Gegengründe? Herr, was einem ledig im Kopf sitzt und ohnehin nit zu Herzen will, das mag man ihm wohl ausreden, aber was vom Herzen in' Kopf g'stiegen is, das nimmermehr.«

»Davon später; laßt mich vorerst Euere Geschichte hören.«

Der Alte seufzte tief auf. »Ich hab' mir's ja denkt, 's muß wieder einmal sein; sooft ein' neue Kutte ins Ort kommen, is's allmal noch so g'west. No, es is, damit der freundliche alte Herr im Pfarrhof a Ruh' hat, ich will nit fragen, warum er nit fragt, was's mich a jed'smal kost't. Ihr, Herr, seid auch noch jung, so kann Euch a Lex – oder wie's d' G'studierten heißen – nit schaden.«

»Lektion.«

»Ja, wird schon richtig sein. So will ich's denn nochmal aufriegeln in mir – Vergessens is eh' kein' Red' – und abwarten, ob Ihr 's Herz habt, danach noch mit der klein' Hausapothek'n h'rausz'rucken, die ich lang schon kenn', wo nur zwei Pflaster drein sein, die geg'n jeden Schaden aufkommen sollen, ob er ein' Beul is oder a Riß, worein der Tod sitzt: ›die Prüfung‹ und ›der Ratschluß‹ Gottes! Was prüft er denn, wann er eh' von vorh'nein weiß, was dabei h'rauskommt? Und tröstlicher is mer wohl mein Unglauben, wie a Ratschluß, den ich nie und nimmer versteh'.«

»Valentin!« ächzte das Weib.

Der junge Priester erhob mahnend die Hände.

Der Holzknecht schüttelte beschwichtigend die erhobene Rechte. »Laßt's gut sein, jetzt sag' auch ich, davon nachher, bis ich mich ausg'red't hab'. Kathl, geh h'naus!«

Die Alte wehrte ab und deutete »nein«.

»Bleib du da, dann wird dir wieder wie allemal!«

Das Weib zog eine trotzige Miene und setzte sich auf einen Schemel in der Ecke.

»Bleib du da, meintswegen«, sagte der Holzknecht, aus tiefer Brust den Atem hervorstoßend, dann saß er schweigend eine Weile und kraute sich in den Haaren, plötzlich rückte er auf der Bank etwas näher nach dem Gaste hin, streckte den Arm ausdeutend nach seinem Weibe und dann zurückweisend auf sich: »Ein'n Bub'n hab'n wir g'habt. Herr. Ins neunte Jahr is er gangen vor sieb'nundzwanz'g Jahren: er war unser einziger. Aufs Lob'n und Beschreib'n lass' ich mich nit ein, nach der Eltern Reden gab's ja af der Welt gar keine unbeschaffenen Kinder, und uns war's unsere grad so lieb, wie 'n andern Leuten dö ihnern. Is gleichwohl a rechter Grasteufel g'west, das Kraxeln und H'rumsieig'n in d' Bergen war ihm völlig nit abz'g'wöhnen; es is nit zun sagen, wieviel Himmelangst sein' Mutter oft ausgestanden hat, wenn er ihr heimlich ausg'rennt und später Zeit erst heimkommen is, ein' Haufen Edelweiß und Almrosen in der Hand, und hat mer 'n g'fragt, woher hast es? so hat er ein'm oft Plätz' g'wiesen auf einer Wand, daß's einem beim H'naufschaun kalt über 'n Buckel g'loffen is. Ich hab' davon meist nachträglich g'hört, denn ich war damal in ein'm fern' Holzschlag, bin nur an Sunn- und Feiertäg'n bei Weib und Kind g'west, und wann mer da die Mutter klagt hat – wohl auch nur d' Hälfte von dem, was d' arme Seel' ausg'standen hat – so hab' ich freilich d' Schläg' nit g'spart. Es war an ein'm Feiertag, an Peter und Pauli, vor sieb'nundzwanz'g Jahr'n. Um eilf bringt mein Weib 's Essen af 'n Tisch. Jesses – sagt s', wie s' d' Schüssel niederstellt – wo is denn der Bub? Ich sag' noch drauf, sie sollt' sich kein' Sorg' machen, der Nixnutz bleibet uns nit aus, nur möcht' sie sich dösmal nit seiner annehmen, ich wüßt' schon was ich z'tun hätt', denn wann er gar 'n Tag, wo er 'n Vadern 'heim weiß, solche Stückeln angab, so müßt' ich mer 'n doch wohl hernehmen, daß ich ihm's auch für unter der Wochen verleid'. Hernach haben wir ›Aller Augen‹ g'bet't und zum Essen ang'hob'n, wollt' uns aber kein'm recht schmecken. Vom Tisch weg bin ich h'naus, 'n Buben suchen. Die Häng' und Schroffen vom nächsten Berg sein in hell'm Sonnlicht g'legen, und war nix Lebig's drauf sichtbar, kein schwarz's Pünktel, das s' überquert hätt'. Ich denk' mir 'n Buben af der abigen Seiten, und 's war mein g'ringster Kummer, daß ich 'n nit find'. So bin ich allfort ang'stieg'n, und wie ich af halber Höh' war, is a graue Wolken über d' Sonn' wegg'strichen und ein gacher Regen in schweren Tropfen niedergangen, war aber gleich wieder vorbei; stutzig g'macht hab'n mich a paar Schritt', wie glitschig af einmal der Boden g'west is. D' Steigeisen hätt'st d' doch mitnehmen können – denk' ich – und der Bub hat auch kein, der will h'nunter – beim Anstieg halt't ein'm der Berg auf, beim Abstieg muß mer sich dös selber – doch d' Sonn' trückert ja bald die wenig Näss'n wieder auf. Hat kein' G'fahr nit! Und da, wie ich mich zu einer Kuppen durch die klein' Stauden h'naufarbeit', hör' ich mit einmal ein' Schrei und ein Ausgleiten, da war mir, als höb's mich mit ein'm Ruck bei 'n Haaren in d' Höh' und ließ mich gleich drauf wieder af d' zittrigen Füß' fall'n. ›Tonl!‹ schrei' ich auf, und aus der Tiefen ruft's freudig: ›Voda!‹ Zun Rand bin ich hing'krochen, vornüber mit der halben Brust bin ich g'legen und hab' h'nunterg'schaut. Der Bub is an ein'm Stammerl G'strüpp g'hängt – drei Turm hoch über'm Tal – Herr, nur ein' Strick von nit mehr wie anderthalb Klafter Läng', den man ihm hätt' zuwerfen, oder ein' eb'nsolche Stangen, die man ihm hätt' darreichen können, und mein Kind wär' g'rett't g'west, aber woher nehmen? Wie er mich ansichtig wird, streckt er sein ein' Armerl geg'n mich. ›Voda‹, sagt er, ›nit hau'n. Hilf mer h'nauf!‹ Na ja, da war ja mit einmal am Ort der Voda, und der muß ja helfen können! ›Bub‹, sag' ich, ›pack fest an, halt aus, laß beileib' nit los! Ich renn' ins Tal abi, dich krieg'n mer wohl noch h'rauf, nur gib nit nach‹ – ›Schleun dich nur, Voda‹, sagt er, ›ich will schon –‹ und ich seh', wie sich seine Fäust' ankrampfen ans Astwerk. Herr, Zeit und Weil' hon ich vergessen in mein' Schreck und nit dran denkt, daß menschenunmöglich is, nach Hilf' erst talab z'laufen und wieder bergauf rechtzeit' an Stell' z'treffen; ich sollt' dran erinnert werden. Grad wie ich mich vom Boden erheben will, schreit der Bub ängstlich: ›Voda, da bleib, nit geh fort! Es lockert schon!‹

Es hat. An ein'm dünn' Wurzelgertl is er mehr zwischen Himmel und Erd' g'hängt. Und wie ich g'sehn hab', wie sich sein unschuldig Kindg'sicht zun Weinen verzieht, wie seine Lippen zun Jucken anheb'n und wie ihm in seine braunen Rehäugeln, mit dö er af mich h'raufg'starrt hat, 's Wasser tritt … jeder Tropfen Blut, jed's Faserl in mir hat h'naufg'bet't zun hohen Himmel: ›Mit mir mach, was d' willst, lad mer all' Elend af, nur mein Kind schon'!‹ – Oh, Herr, da hätt' ein' Hand vom Himmel langen müssen –! Wann eine drob'n wär'.«

Der Holzknecht drückte beide Handflächen vor die Augen, und von der Ecke her, wo das Weib saß, ertönte lautes Schluchzen.

Valentin ließ die Arme sinken und fuhr fort: »Bei sein'm Absturz sein mir d' Sinn' vergangen, ich konnt 'n nit verfolgen, Berg und Tal hab'n um mich z' kreisen ang'hebt; wie ich heimkommen bin, weiß ich heut nimmer. Noch 'n selben Abend hab'n wir ihn im G'stein zusamm'geklaubt; wie wir 'n g'funden hab'n, beschreib' ich nit, mag Euch nit 's Abendessen verderben, ich hab' mir nix erspart, ich hab' selbst Hand ang'legt…Ah!« Es schüttelte ihn ein Fieber des Grauens, und er preßte die Rechte gegen die Stirne; nach einer Weile blickte er auf und schloß hastig seine Rede: »'n Tag darauf hab'n wir ihn mit Erd' zug'deckt. Es is wahr, Herr, seit damal war ich in keiner Kirche, heucheln vermag ich nit, für mich is dö ein leer's Haus, aber, Herr, ich red' keinem wider sein' Glauben und lass' jedem sein' Trost; nit anders halt' ich's mit mein'm eigen' Weib und nit einmal, in trutzen Stunden, wie sie ja wohl der Frömmste manchmal haben kann, und wovon ich weiß, es hat bei ihr kein' B'stand, schickt' ich sie selber dorthin, wo doch ihr leichter ums Herz wird. Nun, Herr, hätt' ich mich ausg'red't, Ihr habt all's erfahren und hitzt wär'n wir wohl fertig.«

Der Kaplan griff hinter sich nach dem Hut, der auf einer Gewandtruhe lag, und erhob sich rasch. »Gute Nacht«, sagte er leise. Bei der Schilderung des schmerzverzerrten Kindergesichtchens tauchte vor ihm, wie eine Vision, das auf Polstern gebettete Köpfchen eines kleinen Mädchens auf, das wachsbleiche Antlitz von hellblonden Haarsträhnen umflutet, die trockenen Lippen zuckend und aus den großen blauen Augen, die in hilflosem Jammer nach den wehklagenden Angehörigen starrten, troffen schwere Tränen … Emmy, sein Schwesterchen, das, elf Jahre alt, starb.

An der Türe hielt der Holzknecht den jungen Priester zurück. »Nix für ungut, Herr, ich verübel' Euch ja auch nix, Neugier hat Euch nit herg'trieb'n – aber verschweig'n mag ich nit, wie mer oft in bester Absicht doch nix Recht's stift't. Von mir will ich nit sagen, obwohl ich heut nacht schwerlich die Pfeifen kalt werd'n und die Hand' feiern lassen darf, damit mer 's Rauchen und Spanschneiden über meine Gedanken weghilft, bis vielleicht geg'n Fruh mich doch d' Müden hinwirft, oder g' wiß der Tag anbricht und d' schwer' Arbeit mich erlöst: aber der arme Hascher da drin, mein Weib, dö macht heut kein Aug' mehr zu und flennt laut und bet't in der Still'n, und das treibt's morgen und übermorgen, vielleicht d' ganz' Wochen. Dö tut mich bedauern.«

Der Kaplan faßte mit beiden Händen die Rechte des Holzknechtes. »Bei Gott, liebe Leute, das wollt' ich nicht, ihr müßt mir nicht zürnen.«

»Ei mein, nein, bester Herr, nein. Gute Nacht!«

Mit verschränkten Armen und gesenktem Kopfe schritt der Kaplan nach dem Dorfe zurück. Als er an der Hütte der Lotteriesepherl vorüberkam, sah er nicht, wie die Alte ihm über den Zaun zugrinste, und er schüttelte nur abweisend mit dem Kopfe, als er sie belfern hörte: »Na, Schwarzer, gelt, nix hast g'richt't? Ja, ich und der Holz-Valentinl, mir geb'n af kein' Glaub'n was, af kein'! Kannst lang warten. Bis ich mal ein Quartterno mach', nachher kimm!«

Er ging des Weges weiter. Dunkel und stille war es ringsum geworden, trübe und zag in seinem Innern. Vom Pfarrhofe her blinkte ein Licht, es konnte sich einer, der den Pfad verloren, danach zurechtfinden, und wenn er ihm folgte, so führte es ihn in die – Studierstube.

Wissen macht – Herzweh

Der Philipp Moser lebte mit seiner Bäuerin recht glücklich, und er ward es nicht müde, das bei jeder schicklichen und unschicklichen Gelegenheit auszusprechen, wenn im Wirtshause oder sonstwo – denn auch mit dem Ort nahm er es nicht genau – die Rede auf die Weiber kam. Nun ist zwar unleugbar das Sprichwort: »Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über« ein Wahrwort, und es mag dem, der sich in solcher herzausschüttenden Rede ergeht, eine große Erleichterung gewähren, aber ebenso sicher ist, daß der Philipp Moser durch sein Weiblob die zufriedenen Ehemänner und verliebten Burschen, denen er wenig Neues zu sagen hatte, gewaltig langweilte, während er bei unzufriedenen Verheirateten und unanwertigen oder schlechtbehandelten Ledigen so viel Neid und Unmut erregte, daß sie ihn mit seinem Geschwätz dahin wünschten, wo der Pfeffer wächst, allerdings ohne sich darüber ganz klar zu sein, wo eigentlich dieses scharfe Gewürz gedeihe, aber sie fanden ihre stille Genugtuung in der festen Überzeugung, daß dieses recht weit vom Orte und in einer schreckhaften wilden Gegend stattfinden müsse!

Der junge Bauer begann jedesmal mit der Schilderung seiner Verwaisung. Er verlor beide Eltern in kurzer Zeit; die Mutter war dem Vater nur allzubald nachgefolgt, und zwei Jahre hauste er allein auf dem ererbten, kleinen Anwesen, immer verdrossener, und je länger, je mehr sich verlassen fühlend; den Töchtern reicher Bauern war er zu gering, unter den Kleinhäuslerdirnen fand er keine aus, die ihm zu Gesichte gestanden hätte, und von den Mägden hielt er sich fern, er hatte zu ihnen kein Zutrauen, sie mochten sich gegen ihn freundlich anstellen oder zieren. Beileibe wollte er aber damit nicht gesagt haben, er hätte irgendeiner etwas zu verübeln gehabt oder Schlechtes nachsagen können.

Eines Vormittags, wie er in seinem Weingarten, der gut über Mannshöhe an der Straße liegt, sich redlich abschwitzt, wird's unten lebendig; ein kleines, aber gar artig gestaltetes Dirndl, braunhaarig und blauäugig, mit einem Gesichtchen wie Milch und Blut, kommt in ausgelassener Lustigkeit des Wegs, hüpft und singt und spielt dazu mit einem Bündelchen Fangball, und wie er auf sie herunterschreit: »Je, Dirndl, muß's dir aber gut gehn!« da schrickt das tolle Ding nicht schlecht zusammen und läuft dem Dorf zu wie ein gescheuchter Has'.

Je, wer mag die wohl g'west sein? denkt er sich noch, unb daß sie ihm nicht vermocht' ausz'kommen, sie tät' denn beim andern End' vom Ort auch hinausrennen, was dumm wär'!

Aber sie ist im Dorf geblieben, und von ganz nah' hat er sie am selben Abend noch zu sehen gekriegt, denn wie er heimgekommen war, da stand sie drüber 'm Zaun im Nachbarhof. Je, wer war's? Nie nit gedacht hätt' er sich's; die Paulin' war's von den Hackensellnerschen, was mit 'n Patzenhäusel und ein paar Joch Grund ans Mosergütel anrainen, dieselbe, mit der er in Schulkindzeit häufig gespielt hat und die vor dritthalb Jahren, um ihren Leuten nicht weiter auf der Schüssel zu liegen, sich einen Dienst in der Stadt gesucht hat, von wo sie jetzt wieder zurückgekehrt war.

»Ja, bist du's Paulin'«, rief er hinüber, «dieselb', was ich heunt vormittag so erschreckt hab'? Na, grüß Gott, daheim!«

Sie kam heizugelaufen. »Jesses, Philipp! Du bist 's selb' grausliche Plärrmaul g'west? Grüß dich Gott auch!«

Sie reichten sich die Hände.

Bald begannen sie sich immer häufiger zu grüßen und hatten sich immer mehr zu sagen und dachten immer weniger daran, sich »Behüt Gott« zu geben, so daß die nächsten Verwandten sich schließlich veranlaßt sahen, die beiden Leutchen an einen Ort zu bringen, wo allein der Pfarrer zu reden hat, der ihnen denn auch nur eine einzige Silbe und keine darüber zu äußern gestattete.

Die junge Moserin läßt sich nur zeitweilig anderen Bäuerinnen gegenüber zu dem Eingeständnisse herbei, »daß sie selber meine, es mit dem Ihren just nit schlecht getroffen zu haben«; denn sie ist anderseits der Überzeugung, volle Zufriedenheit dürfe man sich gar nicht merken lassen, das mache die Männer stolz, und dann wäre mit ihnen kein Auskommen mehr. Dagegen ließ es der junge Bauer nicht erst aufs Befragen ankommen, er beteuerte jedem und zu öftern Malen, »wie es ihn nie keine Stund' in den anderthalb Jahren gereut hätt', die Seine genommen zu haben«, schrieb ihr jede gute Eigenschaft zu und sprach ihr alle üble ab und brachte es bald dahin, daß niemand mehr darauf hören wollte und alle es satt bekommen hatten. Die mißgünstigen Seelen sagten: »Er tät nicht nur Lippl heißen, sondern auch einer sein!« In der trauten Sprache der Dörfler ist nämlich der Ausdruck »Lippl« sowohl das Kosewort für Philipp, als auch der Übelname für einen Menschen, dessen geistigen Fähigkeiten man nicht im geringsten schmeicheln will.

Den Moser-Philipp berührte übrigens die Teilnahmlosigkeit und Abgunst seiner Hörer gar wenig; daß sie laut gähnten und mürrische Gesichter zogen, vermochte ihn nicht von der süßen Gewohnheit abzubringen, sich seines ehelichen Glückes zu berühmen, denn seine Schuld war es doch nicht, daß es keiner so gut hatte wie er und daher auch nicht mitreden konnte. Er brauchte sich's nicht nah gehen zu lassen, wenn sie alle im Orte sich gleichmütig oder trutzig anstellten, wahrend sie heimlich neideten und mißgönnten, denn wenn ihm einmal darum zu tun war, jemand zu Gefallen zu reden und selbst über das liebe Hauskreuz gute Worte zu hören, so hatte er nicht weit, nur ins benachbarte Dorf zu gehen, wo seines seligen Vaters Bruder, ein ziemlich begüterter, angesehener Bauer, wohnte; dieser Onkel hatte, volkstümlich gesprochen, an der jungen Moserin einen Narren gefressen. Ab und zu lud er die Moserschen zu sich, öfter kam er selbst auf Besuch herübergefahren, und sein in schreienden Farben lackierter Wagen mit ein paar Prachtpferden davor gab dann jedesmal den Dorfkindern Anlaß zu lärmender Bewunderung und den Erwachsenen zu lebhaftem, sachlichem Gedankenaustausch. Der alte, lebensfrohe, stets gutgelaunte Mann ließ kein Kirchweihfest und keinen Jahrmarkt vorübergehen, ohne sich mit einem Geschenke bei der jungen Bäuerin einzustellen, welche er scherzhaft seinen Schatz nannte und bei solch guter Gelegenheit auch herzhaft um einen Schmatz anging, wobei er dem Philipp bedeutete, derselbe hätte es nicht not, dabei die Augen zuzudrücken, sondern sollt' nur ein wenig nach den Schindeln auf dem Dache sehen, kein ganz' Vaterunser lang, nur bis zur Bitte: Dein Wille geschehe.

Die Moserschen Eheleute hatten alle Ursache, sich auf die Verwandtschaft und den leutseligen Umgang mit dem reichen »Vetter« etwas zugute zu tun; es gab auch keinen im Dorfe, der das nicht ebenso selbstverständlich wie verständig gefunden hätte, und man achtete den reichen Onkel einem ganz wünschenswerten Besitze gleich.

Es mußte daher auffallen, als eine geraume Weil' über der reiche Bauer nichts von sich hören und sehen ließ und die Moserschen ungeladen und unbesucht blieben. Wie gewöhnlich, wurden auch hier zunächst die Unbeteiligten und zuletzt die Betroffenen aufmerksam; erst nachdem man sich schon im Orte mit bedeutsamem Kopfschütteln die Frage zuraunte: »Was denn nur los sein müsse, daß der reiche Moser sich gar nimmer um den hiesigen umschaue«, verfielen auch der Philipp und die Pauli darauf, zu fragen: »Was wohl der Vetter haben können tät', oder was ihm etwa sein möcht'?«

»Pauli«, sagte der junge Bauer zu seinem Weibe, »das Wegbleiben und Garnirxdergleichentun vom Vetter mag mir kein bissel nit g'fallen. Ich kann mir nit gut denken, daß er uns ganz ohne Post ließ, wann ihm was zug'stoßen wär'; Gott verhüt's auch! Übrigens kann er a Nachfrag' nit in Übel aufnehmen, sie kommt uns wohl zu und nimmt sich so schicksam wie g'hörig aus; dabei gibt ein Wort leicht 's andre und mer erfahrt 'n Grund, warum er sich nach all'm vorherigen freundlichen Bezeigen mit einmal so fremd geg'n uns anstellt. Schier mein' ich, wir verdanken's Ganze einer üblen Nachred' von Neindkräg'n, wie's g'nug da im Ort gibt. Geh du also lieber gleich morgen hin, kratz ihm a wenig 's Goderl, spiel d' Schmeichelkatz', kannst's ja so gut.«

Die Bäuerin lachte und gab dem Bauern einen jener sanften Stöße, wie sie unter Landleuten bräuchlich sind und meist einen zarten blauen Fleck hinterlassen, denn bei den schlichten einfältigen Naturkindern soll der Haß und der Widerwillen nichts vor der Liebe und der Zuneigung voraus haben, und darum nimmt man auch beiden letzteren einige Handgreiflichkeit nicht übel.

»Jesses, na, nachher eppa kannst es nit?« schrie der Bauer lustig. »Du wirst's schon herauskriegen, was 'm Vetter über d' Leber g'laufen is, und wir werd'n dann wissen, was wir – 'n wieder gutz'machen – z'tun hab'n. Nit unserthalb, Pauli; mir als zwei alleinige Leut' brauchten ihm wenig nachz'fragen, aber wann uns der Herrgott kleine War' ins Haus schickt, so kommt denen amal a solche vurnehme Verwandtschaft in vielen Stücken z'gut, der'ntweg'n schickt sich für uns kein' Bockköpfigkeit. Gelt ja?«

»Ich weiß nit«, sagte die Moserin und wand sich rasch aus dem Arme, den ihr der Mann um die Hüfte gelegt hatte.

Früh am nächsten Morgen verließ sie das Haus, um beizeiten im Nachbarort drüben zu sein, denn die Tage begannen schon heiß zu werden, und es ist so unlustig wie unnütz, sich beim bloßen Gehen hinunterzuschwitzen. Die Moserin war zwar etwas befangen, denn sie sagte sich's selbst, um nichts und wieder nichts könnt' sich der Ohm doch nicht losgesagt haben! Nach dem, wie er ihnen gut war und sie beide gern hatte, mußte es sich schon um ein rechtschaffenes Verleumden und ganz gehöriges Anschwärzen handeln. Aber eben der Gedanke an jenes Gutsein und Gernhaben ließ sie frischen Mut behalten und das beste hoffen; steht sie nur erst dem Alten gegenüber und kann ihm mit aufrichtigen Augen – bei Gott, sie wüßt' auch nit, wie ein Falsch dareinkäm' – in sein rotes Vollmondgesicht gucken.

Die Sonne schien so freundlich, und die Vögel sangen so freudig; das junge Weib strich die Locke zurück, die ihm beim nachdenklichen Gang in die Stirn gefallen war und es hinderte, munter um sich zu blicken, und sang bald so unbedacht wie die Vögel in den Tag hinein.

Erst angesichts des reichen Moserhofes schrak die arme Moserin zusammen und verstummte; wäre ihr Zeit gelassen worden, so hätte sie wohl die anfängliche Befangenheit, und vielleicht noch ein gut Teil darüber, befallen, aber gerade, als sie den einen Fuß neben den andern setzte und vor dem Hause stehen blieb, hörte sie sich beim Namen anrufen und sah auf der offenen Galerie unter dem vorspringenden Dache ein altes Mütterchen, das ihr freundlich zunickte, und dabei, wie groß sich wundernd, in die Hände schlug.

Und als die junge Bäuerin durch das breite Einfahrtstor hindurchgeschritten war, kam ihr auch schon die alte Moserin entgegen, mit der Frage: »Wohin mer denn so 'n seltsamen Besuch schreiben sollt'?« und mit der Beteuerung: »Daß sie nun wohl gleich 'n Ofen einschlagen müßt'!«

Bei diesem freundlichen Empfange seitens der alten Frau ward der jungen bedeutend leichter ums Herz. »Grüß Gott z'tausendmal, Moser-Mahm! Je, was du doch noch so viel riegelsam bist af deine Jahr'! Der Himmel behüt dich und erhalt dich noch lang in gleichem! Sag mir aber nur gleich: Wo is denn der Bauer?«

»Ei, hehe, du bist mer a feine! Grüß Gott und b'hüt Gott gibst mer in ein'm Atem und fragst stantap['e] nach mein'm Alten. I, du, schau, was willst ihm denn hinter mein'm Rucken?«

Die Moser-Paulin' zeigte lachend die blanken glänzenden Zähne. »Na, Mahm, eifern mußt nit! Ich will ihm nur nachschau'n; aber verlaß dich drauf, kein gut' Wort kriegt er von mir nit z'hör'n, das verdient er gar nit. Aber, gelt, es is ihm doch nix g'west?«

»Ka Spur! Der is frisch und g'sunt»wie a Fisch im Wasser, – wann er sein' Wein hat.«

»Schau, so was! Denk, wie wir uns sein'tweg'n schon ängstigen, weil er sich schier a halb' Ewigkeit lang mit kein'm Aug' bei uns hat blicken lassen.«

»Hab's eh' g'merkt, hab'n auch g'fragt, was das mitamalige Verfremden und Z'rucksetzen bedeuten soll?«

Die junge Bäuerin erfaßte die beiden Hände der Alten. »Und was hat er drauf g'sagt?«

»D' Achseln hat er g'schupft und ein breit' Maul gezogen, wie der Buldogg, den wir an der Ketten liegen haben, nur daß dem's von Natur so gewachsen is und wilder ausschaut, wie der Hund von Gemüt is. Nix angehn tat's mich – war d' kurz' Antwort – und 's Frag'n sollt' ich sein lassen, und Grund' hätt' er, dö wär'n aber d'selb' sein' und taugeten sonst für neamd.«

»Jesses« – die kleine Moserin faltete die Hände vor der Brust – »da muß ich mir ja erst recht schwere Gedanken drüber machen!«

»Na, sei du so dumm!« zankte die alte Moserin. »Lern du d' Monleut' voreh' g'nauer kennen. Was dö oft für Gründ' ohne Grund wissen, und wo's Gründ' g'nug gab, da finden s' nit ein'! Steig ihm nur zu, dem Alten, faß 'n nur ordentlich an beim Zwiefachl und laß nit locker; werd'n mer 'm schon d' Muck'n austreib'n!«

»Is er daheim? So ging' ich ihm gleich lieber jetzt unter d' Augen.«

»Was nit gar?« eiferte die Alte. »Du versäumst's nit. Er lauft dir nit davon. Hint' im Garten arbeit't er. Das fehlet noch, daß d' ihm merken ließ'st, wie eilig du's hätt'st und wie viel dir dran liegt! Kimm du jetzt mit mir af d' Stub'n, ruh dich a weng, nimm was zu dir, dann kannst's um so kuraschierter angehn. Na, mach keine G'schichten. Is's nit g'nug, daß du 'm Mon nachrennst, soll sich von dir a noch 's Weib 'n Schlaf austrag'n lassen, Nickel!« Sie gab der jungen Moserin einen Klaps auf die Schulter und trieb sie vor sich her.

Solange noch von dem frischgebackenen Pfannkuchen ein Stückchen auf dem Teller und ein Tropfen Wein im Glase war, mußte die junge Bäuerin auf dem Sitze und in der Stube ausharren, dann aber ward sie von der Alten an der Hand gefaßt und über den Hof nach dem Garten geführt.

Der alte Moser war eben damit beschäftigt, die Erde eines Gartenbeetes zu lockern. Er stemmte das Grabscheit vor sich an den Boden und drückte es mit dem Fuße hinein. Er sah die beiden Frauen nicht herankommen und blickte erst auf, als die alte Bäuerin ihm zurief: »Na, du Martin, schau 'mal, was sagst? Da bring' ich dir dein' Schatz!« worauf sie lachend sich umdrehte und hinwegging, die beiden allein lassend.

Der Bauer sah mit unmutsvollem, verdrießlichem Gesicht der jungen Moserin entgegen, als diese auf ihn zugeschritten kam.

»Mußt's nit für aufdringlich halten«, begann sie mit stockender Stimme, »daß ich dir nachschauen komm'! Wir waren schon in Sorg', es könnt' dir was zug'stoßen sein, freilich hab' ich's wohl da gleich erfragt und seh's jetzt auch selber, und Gott sei bedankt dafür, daß dir nix nit is, aber wir wußten uns dein lang' Wegbleiben nit z'd'erklären.«

Der Bauer blickte ihr voll ins Gesicht. »Schad', schad', schad'«, seufzte er und wandte sich kopfschüttelnd ab. Er stieß das Grabscheit, so weit es blank war, in die Erde und stützte beide Arme auf dem Stiele auf. »Dank' schön für d' Teilnahm'«, murmelte er, »und auch für d' Nachfrag'. Im übrigen hätt'st du dir 'n Weg und mir d' jetzig' Verlegenheit ersparen können. Wär' g'scheiter g'west! Es wurden dir auch anderweitig' Leut' g'sagt haben, daß mir nix fehlt, und wo einer ohne a Abhalten nit hinkommt, dort wird er halt eben fernbleiben wollen.«

Die Paulin' erhob bittend die Hände. »Warum denn nur, Vetter?«

Der Bauer fuhr sich mit den fünf Fingern der Rechten unter das Samtkäppel, das er aufhatte. »Wie's Leut' gibt, denen's von unserm Herrgott auferlegt is, daß mer ihnen nur schwer gut werd'n mag, so bist du von 'n andern eine, denenselben mer nit leicht seind sein kann; dasselb' war mein Empfinden vom ersten Anschau'n, hat sich auch nit verlor'n, seit ich dich nimmer unterm G'sicht g'habt hab' und frischt sich nur auf, wo d' mer jetzt wieder vor Augen stehst. Trotz ich nix mehr mit dir z'tun haben will, möcht' ich dir doch kein' häuslichen Unfried' stiften. Nachdem ich weiß, was ich weiß, könnt' ich nimmer so gegen dich sein wie früher, das müßt 'm Philipp auffall'n, und darum bin ich wegg'blieb'n und bleib' weg, denn wo kein Frager is, da braucht's kein' Sager!«

Der jungen Bäuerin schoß das Blut ins Gesicht, ja, die kleinen, kurzfingerigen Hände schlossen sich unwillkürlich zur Faust. Zornrot und mit blitzenden Augen fragte sie: »Und was nachher weißt denn du und willst du wissen, was Unfried' zwischen mir und mein' Philipp stiften könnt'?«

Nur für einen Augenblick zuckte ein launiges Lächeln über das Gesicht des Bauern, dann zog er wieder die Stirn in Falten und blickte seitwärts unter den buschigen Brauen. »Man sagt oft«, begann er mit grollender, verdrießlicher Stimme, »der Mensch dürft' sein' Sinnen nit alleweil trau'n; es sähet einer manchmal, was gar nit am Ort z'sehen g'west wär' und höret, wovon nie kein' Red' g'führt word'n is. Ich wär's ja in d' Haut h'nein froh, wenn ich mich derweis' sollt' geirrt haben!«

»Ja, was meinst denn eigentlich?« drängte die Moser-Paulin'.

»Kennst du die Lohmeier-Kathrein? döselbe, was zeitlebens mehr Jahr' im Strafhaus zug'bracht hat, wie heraußen in der Freiheit?«

Das junge Weib tat einen Schritt zurück, die Arme sanken ihm kraftlos herab, und jäh erbleichend starrte es mit weitaufgerissenen Augen den Alten flehend und fragend an.

»Na, ja, siehst!« fuhr der Bauer fort und streckte den rechten Arm aus und bekräftigte mit dem ausdeutenden, schwingenden Zeigefinger seine Rede. »Vor acht Wochen, kurz nachdem d' 's letztemal von uns weggangen warst, hab' ich dich dort, nit weit vom Gartenzaun, mit dem verrufenen Weibsbild stehn sehn. Nit mit Will'n, aus Zufall nur bin ich hinzukommen. War sie etwa nit zur Stell', oder bist du nit dö andere g'west?«

Die Bäuerin gab keine Antwort, einen scheuen Blick tat sie nach dem Alten, dann schlug sie die Augen nieder, unaufhaltsam liefen ihr die Tränen über die Wangen, und sie schluchzte leise.

»Na, ja, siehst«, wiederholte der Bauer, »du tust mir rechtschaffen d'erbarmen, aber verübeln kannst mer nix, und ich mag wohl sagen, ich gäb' weiß nit was darum, ließ sich G'scheh'nes ung'scheh'n machen, oder hätt' ich nit Wort für Wort g'hört, was dir die Alte in ihrer Bosheit h'neing'sagt hat.«

Da schlug die Pauli mit einem lauten Aufschrei die Hände vor das Gesicht und taumelte hinter sich an den nächsten Baum.

Der Bauer machte rasch ein paar Schritte auf sie zu und riß dabei das Grabscheit an sich, als wär' das das richtige Instrument, jemand, dem schwach wird, beizuspringen, als er aber die alte Moserin herzulaufen sah, blieb er stehen.

»Jesses, aber na«, schrie die Alle, »was tust ihr denn? Was habt's denn miteinander?«

»Ich hab' ihr weder was getan, noch will ich's!« sagte der Moser. »Weiberzufäll' und Anständ', halt! Führ s' mit dir. Laß s' zu ihr kommen und dann heimfahr'n. Der Sepp soll einspannen.«

Die Bäuerin, die sich mit dem jungen, zitternden und schluchzenden Weibe zu schaffen machte, gab dem Allen einen freundlichen Blick und sagte leise: »Seids doch wieder gut?«

Der schüttelte unwillig den Kopf, warf den Spaten über die Schulter und schritt hinweg.

Eine Viertelstunde später ging die Moser-Pauli aus dem Hause fort, nachdem sie auch die Freundschaft der Moser-Mahm verspielt hatte, der sie auf alles eindringliche Befragen keine Auskunft über den Grund des Zerwürfnisses mit dem Bauern geben wollte, so daß die erboste Alte, nachdem die Pauli den zur Heimfahrt gerüsteten Wagen ausschlug, ihr denselben nicht weiter aufdrängte und sie den Weg zu Fuß machen ließ.

Langsam und mit gesenktem Kopfe schritt sie auf der Straße dahin; manchmal blieb sie stehen, und es schüttelte sie, als ob sie vom Fieber befallen würde, darauf schlich sie wieder zaghaft weiter, als trachte sie gar nicht heimzu.

Als sie endlich nach Haufe kam, empfing sie Philipp mit den Worten: »Je, Pauli, wie siehst du aus? Na, grüß dich Gott. Hast 'n Vetter getroff'n?«

«Ja.«

»Was sagt er?«

»Nix.«

»Du wirst ihn aber doch befragt haben?«

»Wohl.«

»Na – und?«

Die Pauli zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf.

»Kreuzdividomini«, erboste sich der Bauer. »So red doch, Pauli! Gesagt wird er doch was haben? Und wissen will ich doch, wie wir dran sind! Wer tragt denn Schuld an der ganzen dummen G'schicht'? Bon uns zwei'n doch g'wiß keins?«

«Ich.«

»Du? Na, da schlag aber 's Wetter drein! Wieso denn?«

»Er sagt's.«

»Ja, was sagt er? Was kann er denn sag'n – ins drei Teufels Namen?«

Da wehrte das Weib mit beiden Händen ab. es sah gleich hilflos, wie trotzig aus. »Um Gottes willen, laß mich jetzt mit Ruh'! Frag nit! Ich kann dir das nit sagen!«

»Du kannst mir das nit sag'n?« wiederholte mit einem verwunderten Blick der junge Moser. »Ja, warum – na, das is doch merkwürdig. Ha, werd' ich 'n halt nächstens selber befragen gehn.«

»Das kannst ja tun«, sagte die Bäuerin mit zitternder Stimme und starrte dabei vor sich auf den Boden.

Am nächsten Morgen fragte der junge Bauer sein Weib: »Na, Pauli, bist heut in der Laun', mir z'sag'n, was eigentlich mit 'm Vetter deinetweg'n los is?« Die Pauli schüttelte den Kopf: »Wann d' mich lieb hast, Philipp, fragst du nie und nimmer danach!«

Da sah er sie mit großen mißtrauischen Augen an. Es verstrichen noch etliche Tage, während welcher die junge Bäuerin ihrem Manne scheu aus dem Wege ging und der junge Bauer mürrisch und verdrossen im Hause herumschlich, dann hielt es der letztere nimmer länger aus und machte sich auf den Weg zum reichen Vetter.

Er ward zu ihm auf die Stube gewiesen und traf ihn dort allein.

»Je, du bist's, Moser-Philipp?« sagte der Alle und machte dazu ein Gesicht, das deutlich genug zeigte, wie wenig ihn der Besuch erfreue.

»Ja, ich bin's«, antwortete Philipp, »und wann ich so keck bin und dich aufsuch', obwohl wir stark bei dir in Ungnad' stehn, so kannst dir wohl denken, daß 's ein' triftigen Grund hat, und mußt mer drum um so weniger bös sein, als du ja selber mein'm Weib g'sagt hast, daß nit ich, sondern sie an dein'm Fernbleiben schuld wär'.«

»Das hat sie g'sagt?« fragte der alte Bauer verwundert.

»Das war all's«, erwiderte der junge, »was aus ihr h'raus- z'bringen war, wie s' neulich von da heimkommen is. Möglich, daß ihr das schon z'viel g'sagt war – das kann ich eben noch nit wissen – und es mocht' sie nachträglich g'reut hab'n, denn weiter will sie drüber nix mehr verlauten lassen. Aber eben, um zu erfahren, was's damit für a Bewandtnis hat, bin ich h'rüber, denn ich denk', du wirst wohl nit anstehn, es mir z'sagen.«

»Da denkst du grundfalsch. War's nur a Launigkeit von mir, könnten wir uns drum herumstreiten, ob es billig und vernünflig sein tat: hätt' mir dein Weib in ein'm Stuck was zuwider g'tan, ließ sich's auch Red' haben: selbst wenn sich's um a Hinterg'brachts handeln tät', von einer Seiten, worauf was z'geb'n wär', möcht' ich sag'n: Schau, Philipp, leg'n mer sich d' Sach' z'recht und gehn wir ihr af 'n Grund. Das alles is aber nit der Fall, was mich fern halt't, is mer nit anvertraut word'n, und folglich darf ich's auch nit weitersagen.«

»Vetter, um Gottes willen, sag das nit! Was mein Weib angeht, das geht mich selber wohl zuallernächst an, es mag sein, was es auch will! Du kannst dir von der Bangigkeit und der Unruh', unter dö ich die Tag' her leid', kein Vorstellen machen! Ich muß's wissen, wissen muß ich's, sonst gibt mer mein Seel' kein Ruh' mehr, und ich kann mit mein'm Weib nit weiter froh und zufrieden hausen wie bisher! Vetter, mach mich nit unglücklich!«

»Philipperl, sei g'scheit! Glaub du mir altem Mon, es is just zu dein'm Glück, wann ich 's Maul halt! Schau, a Beichtvater sagt ja a nit 'n Monleulen d' Weibsünden und umgekehrt, und manch Paarl, wo eln'm oder 'm andern 's Wissen viel Kopfweh machet, lebt vergnügt sein' Tag' weiter.«

»A Beichtvater laßt sich aber auch nix vor 'n Leuten merken, er geht sein' Beichtkindern nicht aus 'm Weg, so daß mer von kein'm weiß, daß's überhaupt was z'wissen gab!«

»Traurig g'nug«, sagte tiefaufseufzend der Alte, »wie recht du hast, daß ich zu kein' Beichtvater taug'!« Er trat an den jungen Bauern heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Aber, Philipperl, nochmal, sei g'scheit, verlang nit danach, daß mer d'r sagt, was dir z'wissen nit taugt, und laß dir dran g'nügen, daß ich's nit sagen mag, weil du mir dazu z'lieb bist und sie mir's war.«

Der junge Moser schüttelte die Hand des Alten von seiner Schulter ab und trat einen Schritt zurück. »Das ist wällisch' G'red' und das müß'st du mir erst ausdeutschen. Bin ich dir noch lieb, während sie dir's nur g'west war, so bin ich dir jed'nfalls der Liebere. No, bezeig das aber auch geg'n mich! Hat dich das, was du von der Pauli weißt, b'wogen, daß du von ihr nix mehr wissen willst, wieviel weniger darfst du dann mich, der ich ihr zur Seit' leben soll, an ihr betrogen sein lassen!«

Ver alte Moser schüttelte unwillig den Kopf und sagte trocken, wie einer, der einem Gespräch ein Ende gemacht wissen will: »Du hast g'hört, ich will drüber nix reden, da bringst in gutem und Übeln nix h'raus, also is g'nug g'red't.«

Da trat der junge Bauer noch einen Schritt zurück und maß den Sprecher vom Kopf bis zu Fuß mit spöttischen Blicken. »So«, sagte er, »na ja, da muß mer sich freilich ganz b'sundere Gedanken machen! Ich bin dir also der Liebere, wann d' mich bei der Tür draußt weißt, und sie war dir so lieb, daß du jetzt noch zu ihr halt'st, weil d' wohl früher zu ihr g'halten hast, bis d' ihrer überdrüssig word'n bist? Das ließ sich freilich nit leicht ein'm andern sag'n, ihr'm eigenen Mon schon gar nit! Aber von dir erzählt mer ja, daß d' in dein' Bub njahr'n 'n jungen Bäuerinnen nit feind g'west wärst, und jung g'wohnt, alt g'tan – –«

»Hansnarr! Du bist wohl überhirnt?« schrie der alle Bauer.

»So g'scheit bin ich immer noch wie du!« schrie der junge. »Und ich rat' dir gut, gib du der Wahrheit die Ehr', sonst…«

Er ging mit geballten Fäusten auf den Alten los, der aber griff nach einem Stuhl und sagte mit vor Mut bebender Stimme: »Trau du dich nit heran! Kerl, wann auch a heller Unsinn is, daß du mir als altem Krauterer noch ein' sündig'n Mutwillen aus 'n Bub'njahr'n zumut'st, so kannst dich verlassen, daß ich aus denenselben noch das eine Stückl nit verlernt hab': Ein' af 'n Fleck niederz'schlagen, daß der Bader ihn voreh' z'sammenflicken muß, eh' 'r fortz'schaffen is!« Er stieß den Stuhl gegen die Diele und schöpfte eine Weile über keuchend Atem, dann begann er, noch vor Anstrengung stammelnd: »Aber bieten lass' i mir das nit von dir! Kein'm z'lieb, nit dir, noch ein'm andern! Möcht' wissen! Wann's dich gar so neugiert, z'erfahren, was wer dir zu dein' Besten vorenthalten wollt, so kannst's ja wissen und sollst's erfahren, aber ganz kurz, zun Erzählen bin ich nit aufg'legt. Vor acht Wochen, wie dein Weib von uns weggangen war, bin ich zufällig h'naus in 'n Garten kommen und hab' sie dort, unweit 'm Zaun, mit der Lohmeier-Kathrein stehn g'sehn…«

Philipp reckte den Hals hoch und fragte erstaunt: »Mit der Herumstromerin?«

»Und Diebin, ja, mit der nämlichen«, sagte der Alte, »und das verrufene Weib hat mit ihr ganz vertraut g'tan und auch die Red' drauf gebracht, daß sie vor anderthalb Jahren auf derselben Straßen aneinander vorübergangen wären; die Pauli, springend und jauchzend – 's war wohl 'n gleichen Tag, wovon d' mer oft erzählt hast, daß sie's dir angetan hätt' – und die Lohmeier-Kathrein von einem Schandar eschkortiert. Die eine is nach einer kurzen Freiheit von acht Tag'n wieder weg'n Diebstahl dorthin eing'liefert word'n, wo die andere herkommen und aus kein' andern Anlaß g'sessen is, kurz, sie hab'n sich auf 'm Weg nach 'm und aus 'm Strafhaus g'troffen. So. Jetzt weißt's!«

»Jesus, Maria und Joseph!« schrie der junge Bauer auf und rang die Hände ineinander.

»Ja, hitzt schrei du«, sagte ingrimmig der alle Moser, »nachdem d' ein'm voreh' um all's ruhige B'sinnen bringst, daß mer seiner Vernunft nimmer Herr bleibt und dir 'n Willen tut, obwohl mer weiß, was für a Dummheit mer damit angibt. Die Kathrein hat dein'm Weib versprochen, nix weiter z'sagen, und ich wollt' doch der alten Gaunerin nit nachstehn. Aber nein, da mußt's h'raus! Na und hitzt is dir leichter, gelt?«

»Ich muß heim, gleich muß ich heim!« stieß der junge Mann mühsam unter verhaltenen Tränen heraus, »ich will s' selber ins G'sicht h'nein fragen…«

»Halt du!« sagte der alte Bauer, ihn kräftig an den Schultern anfassend und von der Tür hinwegziehend, »du wirst hitzt so gut sein und warten, bis der Wagen ang'spannt is, ich fahr' mit dir h'nüber, und ös werd't's eng in mein'm Beisein ausreden. Ich hab' völlig an der ein' Dummheit g'nug und will jed' weitere verhüten.«

Er rief nach dem Hofe hinab, daß man den Wagen bereit machen solle, dann stand er am Fenster und sah dem Veranstalten zu, behielt aber den jungen Bauern im Auge, der auf einen Stuhl gesunken war und nun ein über das andere Mal den Kopf schüttelte und die Hände ineinander schlug und dazu unter tief aus der Brust heraufgeholten Seufzern stöhnte: »Na! – Na! Oh, du mein Gott! – Wer hätt' denn dös glaubt? – Wer ihr dös ang'sehn hätt'? Mei' Herr und Heiland!«

Nicht anders gebärdete er sich während der Heimfahrt die größere Strecke Weges über; erst nahe dem Dorfe begann er halblaut Verwünschungen zu murmeln und drohte oftmals mit geballten Fäusten nach der Richtung, wo er sein Haus wußte.

Als die beiden Männer in die Stube traten, saß die Bäuerin am offenen Fenster, das nach dem Hofe hinaussah. Sie wußte nach dem ersten Blick in das finstere, verlegen abgewendete Gesicht des Alten und das verzerrte und entstellte ihres Mannes, woran sie war. Sie erhob sich zitternd, die Arme gegen das Fensterbrett aufstemmend.

»Diebin, du Diebin! Bist du vielleicht keine?« schrie sie Philipp an und wollte mit geballten Fäusten auf sie zustürzen, aber der alte Mann hinter ihm war auf der Hut und riß ihn beim Rockkragen zurück.

»Bist du etwa nit im Strafhaus g'sessen?« zeterte der Bewältigte.

Der Bäuerin fielen die Arme, die sie erst wie bittend erhoben hatte, matt herab, sie streckte den Kopf vor und starrte ihren Mann einen Augenblick lang mit verglasten Augen an, dann schrie sie plötzlich mit ganz seltsam gellender Stimme: »B'hüt dich Gott, Philipp«, und war mit einem wilden Sprunge zum Fenster hinaus. Man sah sie über den Hof dem Garten zulaufen.

Der alte Moser gab Philipp frei, indem er ihn zugleich nach dem Fenster stieß. »Nach! nach!« schrie er, »hol s' ein! hol s' ein!«

»Laß s' laufen«, sagte Philipp.

»Dummer Kerl«, eiferte der Alte, »hält' ich nur a weng von meiner eh'maligen Flinken, so wär' ich schon hinter ihr her. Das G'schau, das G'schau, was das Weib g'habt hat! So schaut nur eins, was mehr kein' Furcht vor Gott und kein' Lieb' zum Leben kennt. Die tut sich heilig was an!«

»Diebische Leut' sein feig«, sagte der Philipp.

Bis die Nacht hereinbrach, hielt der alte Mann bei dem jungen Bauern aus, dann dachte er aber an die Heimkehr, um seinen Leuten keine Sorge zu machen, und bestieg seinen Wagen.

»Mir is nit bang, gar nit«, sprach der junge Moser zum Kutschbocke des Alten hinauf, »wenn auch heut nimmer, so kommt s' doch sicher morgen. Sie bleibt mer nit aus.«

»Ich will's hoffen«, sprach der alte Moser vom Kutschbocke zu dem jungen herab, »aber ich muß dir nur frei g'stehn, mir is bei derer G'schicht nit ganz g'heuer, und wenn's übel ausgeht, so sag' ich dir nur gleich, dann laß dich nimmer mit kein'm Aug' vor mir blicken. Bin ich da ganz unschuldig an was mitschuldig word'n, is's ledig dein Schuld, und ich will dann niemal nit, daß ich durch dein Anschau'n dran g'mahnt wurd'!«

Der Moser-Philipp durfte sich auch von dem Tag an nimmer bei seines Vaters Bruder sehen lassen.

Wenige Stunden nach der Heimfahrt des Alten waren verstrichen, da kam die Moser-Pauli wieder ins Haus zurück, aber sie wußte nicht darum, auch nicht um die Mühe, welche sie den Leuten verursachte, die sie an dem Wehr weit ober der Mühle herausfischten, heimschafften und in die Stube trugen. Sie war nicht feig gewesen, sie war aber auch keine Diebin, obgleich sie im Strafhaus gesessen, das schrie die Lohmeier-Kathrein sofort aus und brachte es unter die Leute, um der »Totgangenen« und der Wahrheit die Ehr' zu geben.

Und als der alte Moser davon erfuhr, da bewölkte sich seine Stirn, und er seufzte tief: »Oh, du mein Herrgott, wann ich damal statt ihr an Kopf z'werfen, was ich z'wissen glaubt hab', voreh' die alt' Stromerin zwing', daß s' mir Wort gibt und Red' steht, so wär's anders kämma! Aber freilich, all's weiß nur unser Herr im Himmel, vor dem sich all' Sünden und Guttaten af Erden gegeneinand' aufheben, und der drum auch ewig g'rechtsam bleiben kann geg'n Sünder wie geg'n G'rechte. Der Mensch darf sein' Sinnen halt wohl nit trau'n und soll früher eh' nach hundert Enden g'nau zuschau'n und danach hinhör'n, eh' er sich z'sagen g'traut: ich weiß! Oh, du mei' arme Pauli, du! Gott schenk dir d' ewig Ruh!« Und in seiner Erinnerung stieg das Bild des kleinen Weibchens auf, wie er es zum letzten vor sich gesehen, als es ihn einmal, ein einziges Mal noch, trotz seiner Gestrenge, flüchtig lächeln machte – das zierlich packschierliche Ding, zornrot, mit blitzenden Augen und die kurzfingerigen Hände geballt… Dem Alten mochte wohl etwas in die Augen gefallen sein, denn er fingerte an den Lidern herum. »Is mer doch, als hätt'st mer a ganz Mandel Sonnenstrahl'n mit fort aus der Welt g'nommen!«

Und wenige Tage nach dem Begräbnisse der Pauli kniete der Moser-Philipp schluchzend an dem Grabe und ging darauf zum Friedhoftore hinaus, ein für Lebzeit trübsinniger Mann. Er verkaufte bald darauf das Anwesen und zog ein Dörfel weiter, um nicht immer Ort und Stell' vor Augen zu haben, wo er das glücklichste Jahr und die unheilvollste Stunde durchlebte.

Die Geschichte aber, welche die Lohmeier-Kathrein von Ort zu Ort und von Haus zu Haus getragen hatte, war erfreulicherweise keine von den alltäglichen, sie gehörte jedoch leider auch nicht zu den ganz seltenen. Der Gnädigen, bei welcher die Pauli in der Stadt durch längere Zeit diente, war plötzlich ein wertvolles Schmuckstück abhanden gekommen, und in solchen Fällen ist es eine allgemeine, wenn auch nicht hübsche Gewöhnung, vorerst die Dienstboten zu verdächtigen und es der Polizei zu überlassen, mit den Leugnenden kurzen oder langen Prozeß zu machen. Der Pauli ihre Angelegenheil ward einem jener jüngeren Beamten zugewiesen, deren Eifer sich Personen niederen Standes gegenüber, je hilfloser und bedrückter sich solche zeigen, häufig bis zur Derbheit und Einschüchterung versteigt. Es ward ihm ganz leicht, mit dem völlig ratlosen und unerfahrenen Mädchen eine »interessante Amtshandlung« durchzuführen, nach welcher die Inkulpatin an das Landesgericht abgeliefert und dort – alle Umstände waren ihr widrig – wegen Diebstahls abgeurteilt wurde. Sie saß schon einige Zeit in der Strafanstalt, da fand die Gnädige in der Stadt, als sie sich anschickte, den ersten Ball im Jahre zu besuchen, den verloren gegebenen Schmuckgegenstand an der Stelle wieder, an der sie ihn im vorigen Fasching verlegt hatte. Die Unschuld der Pauli war damit bewiesen, ihre Freilassung wurde aber durch den Umstand verzögert, daß die Gnädige willens war, sich gar nicht zu rühren, da es sie doch ganz entsetzlich »genieren« und »chagrinieren« müsse, vor dem Herrn Polizeikommissär sich als so vergeßliche und unachtsame Person bloßzustellen, auch lohnte sich gar nicht mehr die Mühe, »denn das dumme Ding, das sie in diese Verlegenheit brachte, hätte ja schon den größten Teil der Strafe abgesessen und ginge ohnehin nächstens frei«. Nur der Mann dieser ebenso Kopf- wie herzlosen Dame dachte anders, und sie mußte sich zu dem schweren Gange entschließen, dessen Erfolg die sofortige Enthaftung der Pauli war, ein Akt, der allerdings ohne Sang und Klang erfolgte, aber die Dirne sang und sprang selbst auf dem Wege nach dem Heimatsort, der ihr nach den schlimmen Erfahrungen, die sie in der Stadt gemacht, nun als der beste Fleck auf der ganzen, lieben, weiten Welt erschien.

Daß sie aber trotz des Bewußtseins ihrer Unschuld in den Tod gegangen war, das begriff der alte Moser so gut wie der arme Philipp, das begriffen sie alle, die draußen im flachen Lande davon hörten; die Pauli hatte für ihre Unschuld kein Zeugnis in den Händen, es wußten gar wenige darum, und es blieb denen unverwehrt, die nicht davon wußten, an selbe zu glauben oder nicht, dagegen blieb ihr die Schmach, im Strafhause gesessen zu haben, voll anhaften, die hatte ihr niemand abgenommen, man hatte sie nicht nur Unrecht leiden, sondern auch Schande ertragen lassen, auf diese offene Wunde ward kein Pflaster gelegt, und das Bewußtsein der Unschuld machte sie nicht heil, es konnte nur darüber hinweghelfen, solange niemand daran rührte, ward der Schaden offenkundig, dann war es aus. Es war's auch!

Es brauchten nicht Kanonen zu donnern, noch Glocken zu läuten, wenn ein unschuldig Verurteilter die Mauern des Gefängnisses verläßt und, ehrlich wie er war, zu den ehrlichen Leuten zurückkehrt, aber die Schreiber im Gefängnisbüro und am Gerichtshofe könnte man doch niedersitzen heißen und flink ein Schriftstück schreiben lassen, das durch alle Zeitungen laufen müßte, das an dem Orte, wo der Unschuldige geboren, wo er verkehrt, an der Kirchtüre, an den Straßenecken anzukleben wäre, und die Herren Richter und Anwälte könnten sich versammeln, und so feierlich, wie sie zur Verurteilung geschritten waren, nun auch an die Ehrlichsprechung gehen. Nicht? O doch. Auch das ist nur mehr eine Frage der Zeit, wenn ihr nicht wollen solltet, ihr Herren! Aber wenn ihr wolltet, so könntet ihr noch viele eure Wohltat erleben sehen und eure Gerechtigkeit loben hören!

Unter schwerer Anklage

Ja die Liebe allein tut's nicht, wenn zwei Leute sich fürs Leben verbinden: sie mögen so viel Herz füreinander haben, als es irgend nur angeht, der Mensch hat leider daneben auch einen Magen, und der wird davon nicht satt, wenn man sich gleich gegenseitig zum Fressen gern hat, und der verlangt keine Liebkosung, höchstens leidet er's gerne, wenn er hübsch voll ist, daß man mit der flachen Hand behaglich über ihn streicht.

Daran mußten auch die Kleinhäuslersleut', der Peter Kirninger und sein Weib, die Rosalia, glauben. Sie waren vor dritthalb Jahren getraut worden, er hatte die Hütte von seinen Eltern her, sonst nichts, die Rosalia hatte überhaupt nichts und brachte daher auch, außer dem, was sie auf dem Leibe trug, nur ein sehr bescheidenes Bündel mit unter Dach. Die beiden jungen Eheleute mußten hart im Taglohne arbeiten, um sich durchzubringen, und sie gestanden sich bald in aller Stille, daß sie's besser hatten, als sie allein, jedes für sich, sorgten.

Wenn der Ehezwistteufel unter armem Volk Haber und Zertragen stiften will, so schickt er vorab zwei auserlesene Gesellen in das Haus und Herz derer, die er entzweien will: der eine ist ein einschmeichelnder Verführer, er stellt sich, als wär' er ein nächster Verwandter der tröstlichen, menschenfreundlichen Hoffnung, er verheißt goldene Berge von einer – Ziehung auf die andere, da ist es heraus, der saubere Patron heißt der Fünfnummerteufel, das Ternomännlein, und verleitet die armen Weiber, ihre wenigen Groschen in die Lotterie zu tragen. An den Mann macht sich aber ein wüsterer Teufel, der flüstert ihm zu: »Sie entträgt dir das Geld um nichts und wieder nichts, das dumme Spiel ist ihre Leidenschaft, laß du dir deine Groschen nicht auch mit fortnehmen, und da sie zu Hause doch nicht sicher wären, so tu dir dafür ein Gutes und sorg, den Ärger zu vergessen, den dir dein Weib macht, komm in lustige Bruderschaft!«

Das ist der Sauf- oder Branntweinteufel. Haben die beiden erst ihre Leute gefaßt, dann lassen sie auch nimmer locker, der eine zerrt den einen Teil dahin, der andere den anderen nach seiner Seile und nun findet der Zwietrachtsteufel Raum, dazwischen zu fahren und zu trennen, was sich auf zeitlebens verbunden glaubte.

Noch spielte die Kleinhäuslerin bescheiden, sie sparte sich von ihrem Verdienste ab, was sie im Lotto daranwagte, ebenso verhielt sich der Kleinhäusler, er zwackte sich von dem Seinen ab, was er in die Schenke trug, aber mit Spiel und Trunk wächst Leidenschaft und Durst dafür, und es hätte schließlich mit den beiden Leuten sicher das Ende genommen wie mit allen solchen vorm eigenen Verderben Verblendeten, wäre nicht etwas dazwischengekommen, was das Weib wohl auf die Lottoziehungen von Wien, Linz, Graz, Prag und aller Welt vergessen machen mußte und den Mann über eine ganz andere Schwelle stolpern ließ, als über die des Wirtshauses.

Der Kirninger hatte einen Vetter, von seines Vaters Schwester der Sohn; der alte Kirninger war von zwölf Geschwistern das jüngste, und die nämliche Schwester das älteste: sie heiratete mit zwanzig Jahren, ihr Bruder erst mit achtundzwanzig, so daß er mit neun Jahren Onkel wurde, und als sein Bub auf die Welt kam, dieser schon einen zwanzigjährigen Vetter darauf vorfand. Derselbe, Vinzenz Kallinger hieß er, war zum Herumstromer – Vaganten benamen's studierte Leute – geworden, Haus und Hof hatte er verwirtschaftet und trieb sich nun als angejahrter und herabgekommener Mensch auf dem flachen Lande herum und tat den Leuten Botengänge und Handreichungen, zu denen sie kein Geschick hatten, aber auf die er sich recht gut verstand: er wußte Uhren zu regulieren, wußte Zaun- und Giebelbretter zierlich zuzuschnitzen, daß sie dem Garten oder Hause ein Ansehen gaben, trieb auch bei Mensch und Vieh etwas Kurpfuscherei, kurz, er brachte sich halb geschäftig, halb bettelnd, schlecht und recht durch, mehr wohl auf erstere Art, denn ein Herumstreicher war er einmal. Er war auch ein Lotteriebruder und als solcher ein gewaltiger Kabbalist und angesehener Traumdeuter, und daher in der Kirningerschen Hütte dem Weibe mehr willkommen als dem Manne; da er den durch seinen Zuspruch ärgerte, so machte es ihm Spaß, öfter dort einzusprechen, und der junge Kleinhäusler dachte schon daran, ihm nächstens die Tür zu weisen, denn er war schon mehr als einmal in hitzigen Zank mit ihm geraten.

Doch dazu kam es nicht. Plötzlich blieb der Vinzenz Kallinger weg von dem Orte. Das konnte fürs erste gar nicht auffallen, der Mensch war bald da, bald dort zu sehen, stromte durch einen Ort, nächtigte in dem anderen, aber nach einiger Zeit fiel es auf, daß er nirgends mehr gesehen wurde; die Leute begannen mehr aus Neugierde als aus Teilnahme zu fragen, wo er geblieben.

Das darauffolgende Frühjahr brachte die Aufklärung, aber diese war von der Art, daß sie weit und breit die Leute in Aufregung und Schreck versetzte.

Noch lag über der Halde und auf den Wiesenflächen im Walde eine dünne Kruste Schnee, der langsam hinwegschmolz; die Kinder von einsamen Weilern und von abseits liegenden Gehöftegruppen mußten auf dem Wege zur Dorfschule den Wald passieren, es war immer dieselbe spektakulierende Schar, die sich stetig vergrößerte, wenn es zur Schule ging, und sich mählich verringerte bei der Heimkehr, wo ein Kind nach dem anderen sich nach dem Elternhause verlor.

Es blieben schließlich immer noch drei, zwei Knaben und ein Mädchen, die im letzten großen Gehöfte wohnten. Es war an einem sonnenhellen Vormittage, die Luft wehte lau, von dem schmelzenden Schnee rieselten zahllose Wasserfäden in Rillen und Mulden hastig den Senkungen des Erdreiches folgend, herab, die Vögel meldeten ab und zu ihr Hiersein, das stimmte die drei kleinen Wanderer heiter, sie sangen und schrien um die Wette. An einer Wegbeuge sah man durch eine Lichtung auf eine versteckt und lauschig gelegene Waldwiese, und mitten auf dieser, durch die bröckelnde Schneedecke sichtbar, lag ein dunkler Gegenstand. Ein Paar Stiefel ließ sich genau unterscheiden, und die Kinder lachten über die Entdeckung, daß hier einer seine Beschuhung habe im Schnee stecken lassen müssen, oder waren's gar durchlöcherte, verrissene, weggeworfene Trittlinge? Der couragierteste von den dreien vermaß sich, sie herbeizuschleppen, sein Kamerad riet davon ab: konnt' nicht eine Hexerei dahinter stecken und der Stiefelschaft, den man anfaßte, sich in eine Schlange verwandeln? Himmel, wie das kleine Mädel aufschrie, aber so etwas hätte es doch für sein Leben gern gesehen, und so sagte denn die Kleine zu dem Couragierten: »Gelt, hitzt traust dich nimmer!« Aber der Mutige brach durch das Gestrüpp und schritt auf den Gegenstand, der ihre Neugierde erregt hatte, zu, die beiden Zeugen seiner Waghalsigkeit sahen ihn einen Stiefel anfassen, dann hörten sie plötzlich den Gespielen einen erschreckten Schrei ausstoßen und, wie von Hunden gehetzt, kam er dahergerannt.

Dort läg' einer!

Nun war kein Haltens mehr, und die Kinder flüchteten in überstürzender Hast heim.

Es dauerte keine Stunde, so wußte es der ganze Ort, daß draußen im Walde einer läge, daß der kein anderer als der Vinzenz Kallinger wäre, und daß dieser, wie die zertrümmerte Schädeldecke auswies, erschlagen worden sei.

Er hatte winters über dort gelegen.

Die Leute kamen von dem Augenblicke an, wo diese Nachricht auftauchte, vor Aufregung nimmer zur Ruhe. Man sah die rasch herbeitelegraphierte Gerichtskommission dem Walde zufahren, man blickte scheu und fröstelnd nach dem zurückkehrenden Wagen, auf dem der Leichnam eingebracht wurde und unter der groben Pferdedecke die Füße und eine geballte Faust sichtbar waren, man umschlich die Totenkammer, wo der Ermordete vorläufig beigesetzt worden war, man sprach über nichts anderes als diese Schreckenstat, diesen Nachmittag, diesen Abend, und selbst in derselben Nacht, die manche wach hielt, die böse Träume, oder ein Ärgeres – sie wußten es nur nicht, was – fürchteten, und man begann am anderen Morgen von nichts anderem. Man flüsterte davon im Hause und lärmte in der Wirtsstube, oder man flüsterte am Wirtstische und schrie im Hause, je nachdem einem Gesellschaft Mut machte, oder Furcht – etwa unversehens neben dem unbekannten Missetäter zu sitzen – einflößte.

Wer hat es getan?

Und warum war es geschehen?

Doch das auszuforschen, war Sache der Leute vom Amte, und das ganze Dorf brannte in fieberhafter Ungeduld darauf, daß die Herren nur alsbald ihre Findigkeit zeigen möchten, denn es war ja kein Kleines, Mordgesellen um die Wege zu wissen, vor denen nicht einmal ein »halber Bettler« seines Lebens sicher war.

Wäre es nach den Leuten gegangen, so hätten sie am liebsten vorab Antwort auf die Frage: Wer hat es getan? gehört. Kannte man einmal den Verbrecher, so konnte man ihm ja leicht abfragen: Warum hast du das unternommen, und wie bist du dabei vorgegangen?

Die Herren vom Gerichte aber stellten sich die Sache weniger leicht vor; wenn man auch einen, als der Tat höchst verdächtig, aufzugreifen vermocht hätte, so würde derselbe ganz unzweifelhaft gelogen haben wie ein Spitzbube und Schuft, der er ja war; wollte man also nicht in die unangenehme Lage kommen, neben dem einen auf gut Glück noch andere in das Loch stecken zu müssen, die man schließlich wieder laufen lassen mußte, und worunter, wenn der Teufel sein Spiel hatte, sich auch der geschickt leugnende Täter befinden konnte, so blieb nichts über, als so viele Schuldbewelse auf eigene Faust zu sammein, bis man deren die ganze Hand voll hatte und dem Verbrecher unter die Augen rücken konnte, daß ihm grün und gelb vor denselben werde, und er wenig mehr aus eigenen hinzuzufügen hätte, als zu sagen: »Ich hab's getan!« Eben deshalb hielten aber die Heiren vom Gerichte fürs erste die Antwort auf die Frage: Warum war es geschehen? ungleich wichtiger als die andere.

So entschloß man sich denn auch hier, vorsichtig Masche für Masche an dem Netze zu knüpfen, in dem sich der Schuldige unentrinnbar verstricken sollte. Die Untersuchung wurde einem sehr eifrigen, jungen Kreisgerichtsbeamten übertragen, der schon manche Proben kriminalistischer Begabung abgelegt, und ihm war zur Dienstleistung ein Gendarmerieführer von langjähriger Erfahrung zugeteilt worden. Diese beiden arbeiteten mit hohem Interesse, ja – es war nun einmal ihr Amt – man konnte fast sagen, mit einer gewissen Freudigkeit an der Enthüllung dieses traurigen Falles.

Das Wichtigste, was man im Walde bei der Beschau entdeckte und auffand, war das Werkzeug, mit welchem der Mord geschehen, es war eine gewöhnliche Hacke, wie sie zum Holzspalten im Gebrauche ist.

Bei dem Alten fand man gar nichts vor, was irgendwelchen Fingerzeig hätte bieten können; ein sogenanntes ägyptisches Traumbuch und ein buntes Schnupftuch staken in seinen Rocksäcken, und in der Westentasche, wo andere die Uhr tragen, verwahrte er einen zerknitterten Zettel, auf welchem er mit eigener Hand fünf Nummern hingekritzelt halte, daneben einen Riskonto, nach dessen Datum man schließen konnte, daß der Kallinger Vinzenz nicht ohne Anhoffnung eines Lottogewinstes aus dem Leben geschieden war.

Daß der »halbe Bettler« kein Geld mit sich führte, schien natürlich; es wurde also erst die Frage aufgeworfen, lebte er mit irgend jemand in Unfrieden, in offener Feindschaft? Es wußte niemand, soweit man auch Umfrage hielt, darüber etwas Genaueres auszusagen. Der Alte war nach Angabe aller, die ihn kannten, den einen »nit so unz'wider«, den anderen ganz gleichgültig. Streit und Zank hätt' es mit ihm schon hie und da gegeben, aber das wär' »ledig so ein Warteln« gewesen, dess' man morgens darauf nimmer gedächte. Höchstens möcht' sein, daß ihn sein Vetter, der Kleinhäusler Kirninger, nicht leiden mochte, weil dessen Weib als Lotterieschwester zu dem alten Lotteriebruder hielt, welche Geschwisterschaft dem Kirninger wohl nicht recht »anstand«.

Dagegen ließ sich auf das bestimmteste erheben, wann der Kallinger Vinzenz das letztemal im Dorfe gesehen wurde, das war vor fünfthalb Monaten, in der zweiten Hälfte vorigen Novembers, und brauchte man nur im Kalender des vergangenen Jahres nachzublättern, so wußte man es auf den Tag, denn dieser war der zunächst nach dem fünfzehnten fallende Mittwoch, ein Tag, wo es den alten Spieler unaufhaltsam nach der Kreisstadt trieb, um dort auf dem Hauptplatze vor der großen Lottokollektur nach den eben eingetroffenen gezogenen Nummern zu sehen, die auf der ausgehängten Tafel angeschrieben standen. Das auf dem vorgefundenen Riskonto verzeichnete Datum der nächststattfindenden Ziehung stimmte auf den Tag mit dem Verschwinden des Ermordeten.

Eine hochwichtige Anzeige machte die Adlerwirtin: der Kallinger war an eben diesem Mittwoche, es mochte gegen zwölf Uhr mittags sein, bei ihr eingekehrt, hatte beim Zechemachen so beiher die Hand aus der Tasche gezogen und zwischen den Fingern ein »Schnipfel« zerknüllter Banknoten sehen lassen und gesagt, er habe vorige Ziehung in der Kreisstädter großen Kollektur einen Ambosolo gewonnen.

Der Gerichtsbeamte telegraphierte sofort dahin; der Bescheid, der bald danach einlangte, ergab, daß es mit dem Lottogewinste seine Richtigkeit habe, und daß derselbe auch von dem in der Kollektur als bekannter Kunde verkehrenden Kallinger behoben worden sei. Damit stimmte wieder ein anderer Umstand, der den Beamten gleich anfangs stutzig gemacht hatte, nämlich der gleichfalls auf dem vorgefundenen Riskonto ausgeworfene, verhältnismäßig hohe Betrag des Einsatzes,- aber nun war es erklärlich, wie der Mann dazukam, bare fünfzig Kreuzer an das Spiel zu wagen, er dachte wohl, es wäre eine Zeit gekommen, wo ihm das Glück wohlwolle, er hoffte noch einmal und dieses zweite Mal mehr zu gewinnen, und darum, weil er's vom Genommenen nehmen konnte, griff er tiefer in die Tasche; da er nun mit leerer aufgefunden wurde, so war das Geld, das er noch im Adlerwirtshause, als in seinem Besitze, aufgewiesen hatte, ihm abgenommen worden, es lag also ein Raubmord vor.

Es galt nun ausfindig zu machen: mit wem wurde der Kallinger zuletzt gesehen? Doktor Haidenreich, so hieß der junge Gerichtsbeamte, wurde durch den Gendarmerieführer Korb auf das beste bedient. Letzterer stellte sich schon am frühen Morgen des Tages nach der Auffindung des Ermordeten mit einer gewichtigen Zeugin ein, das heißt, deren Aussage hatte Gewicht, ihre Person dürfte auf der Waage die Hexenprobe bestanden haben, denn es war ein altes, zusammengeschnorrtes Weiblein, es hatte an jenem verhängnisvollen Mittwoch im Walde Holz geklaubt. Die Alte wußte auszusagen, wen sie zuerst den Hang gegen das Dorf niedersteigen, dann nach Begegnung mit dem Vinzenz in ziemlich lautem Wortwechsel wieder heraufkommen und im Walde verschwinden sah. Nicht lange danach ging sie mit ihrem Reisigbündel heimzu und sah nun von der Dorfstraße, wie den Waldweg oben der eine allein zurückkam.

Der Kallinger, dachte sie, hätt' wohl nach der Kreisstadt wollen, aber, du mein Herr Jesus, nun wüßt' man wohl, wo der geblieben. Nein, nit vorstellen kann sich eins, was für grundschlechte Leul' es auf der Welt gäbe.

Doktor Haidenreich entließ die redselig werdende Alte ziemlich barsch und verbot ihr, von dem Abgefragten etwas verlauten zu lassen. Als sich die Tür hinter ihr schloß, nickte er dem Gendarmerieführer befriedigt zu. »Korb, nun haben wir ihn fest. Der Fall liegt so klar, als ob wir dabeigewesen wären. Die Beweise schließen so hübsch aneinander, daß Leugnen eigentlich nur mehr Geschmackssache für den Inkulvaten bleibt; wir können auf sein Geständnis verzichten.«

»Zu Befehl, Herr Doktor«, sagte Korb, »wir verzichten darauf.«

»Ich denke«, fuhr der junge Gerichtsbeamte fort, »wir machen bei solchem Stande der Dinge die Sache kurz ab. Wir brauchen uns nicht länger hier aufzuhalten. Geben Sie Auftrag, Korb, daß mein Wagen instand gesetzt werde, und beschaffen Sie sich eine Fahrgelegenheit für die Eskortierung nach dem Kreisgerichtsgefängnisse. Dann bringen Sie mir unseren Mann ein, und nach dem Verhöre wollen wir fort. Gehen Sie jetzt.«

Korb legte die Hand an den Federhut, machte kehrt und ging aus der Stube. Als seine Schritte draußen im Gange verhallt waren, trat in dem Hause eine fast unheimliche Stille ein, Doktor Haidenreich erhob sich vom Stuhle und begann erregt im Gemache auf und ab zu schreiten. Manchmal rieb er sich die Hände. Er hatte Glück. Das Stück Arbeit, das er da für sich gebracht, wird von sich reden machen! War ihm auch der Zufall günstig, so konnte er sich doch der Umsicht rühmen, mit der er ihn ausgenutzt.

Doch die Pause, die jetzt nach der aufregenden Tätigkeit eintrat, war ihm peinlich. Die endlos lange Zeit, bis dort die Tür sich öffnen und seinen Mann einlassen wird!

Er warf eben einen ungeduldigen Blick nach der Türe, als an derselben geklopft wurde.

Auf des Doktors Aufforderung zum Eintreten schob sich ein kleiner, vierschrötiger Mensch über die Schwelle? er hatte einen ziemlich starken Höcker, was ihm aber an der Länge des Rückgrates mangelte, war ihm an den Armen zugesetzt worden. Sein Gesicht mit den stark vortretenden Backenknochen und dem spitzen Kinn nahm sich fast wie dreieckig aus, inmitten saß eine krumme Hakennase, er hielt es damit wie alle Leute und trug dieselbe an keiner anderen Stelle; was sie außer der Form von gewöhnlichen Alltagsnasen unterschied, das war die Farbe, ein sanftes, zartleuchtendes Weinrot: beiderseitig von ihr blinzten zwei kleine, dunkle Äuglein, die fast von den buschigen Augenbrauen überwachsen waren.

Diese Erscheinung war weder schön noch angenehm zu nennen, aber der Doktor war vorurteilslos genug, nicht nach dem äußeren Eindrucke zu schließen, sondern forschte nach etwa vorhandenen inneren Vorzügen.

Der Bucklige gab an, Zacharias Zach zu heißen, derzeit als Fuhrknecht beim Zimmermeister und Holzhändler Buchberger im Orte bedienstet zu sein. Nit, daß er ein' Menschen ins Unglück bringen möcht' – oh, du mein Gott, nein – aber der Wahrheit müßt' doch jeder die Ehr' geben, und da er auf 'm Weg die alte Birkhoferin getroffen hätt', die ihm anvertraut hätt', wie sie meint, auf wen der Verdacht sein tät' wegen dem Vinzenz, ja, so käm' er auch, eine Aussag' zu machen.

Die Birkhoferin war die eben zuvor entlassene Holzklauberin, welche, wie ersichtlich, dem Auftrage, zu schweigen, ganz in der Art entsprochen hatte, wie von einem alten Weibe zu erwarten stand. Der Doktor fluchte erst innerlich über sie, dann aber, da sie ja in der Angelegenheit mit ihrem Geschwätze nichts mehr verderben konnte, mußte er über sein eigenes Verbot lächeln, das doch der Natur der Weiber stracks zuwiderlief, denn schon das jüngste und zugleich älteste Weib, das es auf der Welt gab, die Eva, konnte es nicht unterlassen, der Schlange zu klatschen, was Gott Vater gesagt hätte, aus welcher Tratscherei bekanntlich alles Elend und alle Trübsal auf Erden herstammt.

Der Zacharias Zach schien in seinem verkrüppelten Brustkasten ein gutes Herz zu beherbergen, denn er brachte das, was er zu sagen sich in seinem Gewissen verpflichtet fühlte, sehr bedächlig und zögernd vor.

Er sei denselben Mittwoch vormittags – die Adlerwirtin könn' es bezeugen – in der Gaststube gesessen und habe es auch gesehen, wie der Kallinger Vinzenz das Geld aufgezeigt. Damals wär' er – der Zacharias – noch beim Müller Eistaler, gleichfalls als Fuhrknecht und bis Neujahr gedingt, im Lohne gestanden und hätte eben an dem Tage Mehl nach der Kreisstadt fahren müssen; das war wenig Stunden, nachdem er im Wirtshaus den alten Lotteriebruder gesehen. Nun mein' er wohl, wie die Geschicht' sich nachträglich herausgestellt hätte, könne er wohl beschwören, daß er den Vinzenz noch einmal zu Gesicht bekommen hätt'. Das wär' so gewest: er sei eben langsam den Hang hinan, die Straße nach 'm Wald hinaufgefahren – die Birkhoferin hätt' ihn gesehen, die könne es bezeugen…

Der Doktor sagte, das hätt' sie bereits angegeben.

Der Bucklige fuhr fort zu erzählen: Zwei Leute wären längere Zeit inmitten der Straße seinem Wagen weit vorausgegangen; bei einer Biegung hätten ihm die Bäume die beiden aus dem Gesicht gebracht und just, wie er dann an der Stell', wo sie verschwunden, vorbeigefahren sei, habe er von seither einen Schrei vernommen – nur einen – dann wär's gewesen, als ob man etwas Schweres durch das Gesträuch hinschleife, und nach einer Weil', während es wieder ganz still geworden, hätte es rückwärts im Gebüsch zu rascheln angehoben, und es kam nur der eine, der andere, hervorgeschossen und rannte wie unsinnig gegen das Dorf hinab. Damals, wo niemand eine Ahnung von dem hätt' haben können, was da vorgefallen wär', ist's auch dem Zacharias nicht in den Sinn gekommen, ein Arg zu fassen, meinte, es sei ein Raufhandel, wie es Jahr über mehr da in der Gegend setzt, und so sei er unbekümmert seines Weges gefahren.

Der Doktor befragte den Fuhrknecht, ob er bereit wäre, diese Aussage zu beeiden und sie dem Angeschuldigten ins Gesicht zu wiederholen?

Der also Befragte erklärte sich sofort bereit, den Eid zu leisten und – nachdem er sich ein wenig hinter den Ohren gekraut hatte – versprach er, auch das andere zu unternehmen, obwohl ihm ein'm Mörder gegenüber ganz »entrisch« werden würde.

Der Doktor hieß ihn in die Kammer nebenan treten, sich ruhig verhalten, und wenn er gerufen werde, flink heraustreten.

In der Hütte des Kleinhäuslers Kirninger ging es wieder einmal etwas laut her, aber die Nachbarn achteten nicht mehr darauf, es kam das zu oft vor.

Die beiden Eheleute waren eben im besten Unfrieden von der Schüssel aufgestanden.

Der Mann hatte sich vom frühen Morgen bis Mittag im Dorfe herumgetrieben, denn als Vetter des Ermordeten hielt er es für sein gutes Recht, sich die Teilnahme der Leute aussprechen zu lassen; – und wer jetzt mit einmal alles zu ihm kam, ihm die Hand bot und dann des Fragens kein Ende fand! Ja, über Nacht war er im Orte »wer« geworden! Leute, die ihn sonst über die Achsel angesehen und ihm keinen freundlichen Blick gegönnt hatten, nötigten ihn jetzt an ihren Tisch und hießen ihn erzählen, was er von dem seligen Vetter zu sagen wußte, und sie sorgten schon, daß ihm die Zunge dabei nicht trocken wurde.

Wenn er dann so festsaß zwischen Weinkrügen, Selchfleisch, Würsten und Tabaksbeuteln mit aufgeknüpften Schnüren, alles zu seinem Dienste, überkam ihn eine Art Dankgefühl gegen den allerdings unfreiwilligen Verursacher dieses Wohllebens, und er begann sich in der Schilderung guter Eigenschaften zu überbieten, von welchen er doch überzeugt war, daß sie der Alte nie besaß, und er sprach mit tränenumflorter Stimme nicht anders, als ob er den Schnupfen hätte, von dem herzlichen Verkehre zwischen dem Seligen und ihm, der, wie er wohl wußte, nie bestanden hatte, kurz, der Kirninger log, was das Zeug hielt, aber der Vetter und die Leute, die für das Traktament was beanspruchen konnten, kamen dabei gut weg.

Und nun saß er da zu Hause vor der Schüssel mit dampfendem Sterz, legte aber den Löffel bald hin und sank schweratmend in den Stuhl zurück.

Sein Weib, die dralle Rosl, die ihm gegenübersaß und mit gutem Appetite zulangte, blinzle ihn höhnisch an. »Warst wieder mit solche, die a leer's Glas lieber sehn als a volle Schüssel?«

Da stand der Peter vom Tische auf und sagte: »Mein heutig' Wirtshausgehen wirf du mir nit vor, wo es mich kein' lucketen Sechser gekostet hat, und ich mich dort nur verhalten hab', um 'm Vetter Vinzenz – Gott tröst' sein' arme Seel' – alle erdenkliche Ehr' im Tode nachzusagen.«

»Schön von dir, im Leben hast ihm so kein gut's Wort gegönnt.«

»Weil er dich ang'leit't hat, deine wenig' Groschen in der Lotterie zu verspiel'n.«

Da fuhr auch die Rosl in die Höhe. »Verlang du nit, daß ich 's meine spar', während du 's deine ins Wirtshaus trägst!«

»Davon hab ich doch was.«

»Ja, Räusch' und 'n Tag hernach 'n dummen Kopf!«

»Den hast du, soviel Wochen im Jahr sein, von einer Ziehung auf die andere, sonst aber auch nichts.«

»Das muß sich erst weisen! Jetzt setz' ich 'n seligen Vettern in d' Lotterie. – Jessas, wenn ihm das nit zug'stoßen wär', sicher hätt' er mir sein ägyptisch' Traumbüchl vermacht, daraus ich mir die richtigen Nummern hätt' h'rausziehn können: aber ich hoff' doch, ich mach' durch ihn ein' Treffer, er war mir ja allweil im Leben gut.«

»Ja, schön gut! Ich sag' nit, ich vergönn' ihm, wie ihm g'schehn is, aber das muß ich sag'n, wenn ich bedenk', wie der alte Halunk' – Gott verleih' ihm d' ewige Ruh' – dich zu einer Dreinummernärrin g'macht hat, die statt mit Heiligenbildeln 's Gebetbuch mit Riskonto voll hat, zu einer leichtsinnigen Geldaustragerin und verrückten Traumdeuterin, ja, da muß ich frei denken, es wär' ihm a Straf' Gottes g'west. Dein Verderb' war er im Leben, daß d' es weißt!«

»Oh, du toter Leut'-Schimpfer, du! Du solltest dich in d' Seel' h'nein schämen, ihm a solche Nachred' z'halten! Wirst du jetzt nit sein'twegen im Wirtshaus freig'halten? Was nimmst es denn an? Laß dir nit durch ihn die Gurgel waschen, wenn du über ihn ein ung'waschenes Maul haben willst! Aber ich seh's schon, das is nur ein Veranstalten von unserem Herrgott, der dir dein' Versündigung an dem armen Vetter heimbringen will! Du wirst mir jetzt nur noch mehr zum Suff ang'leit't, und wann du sagst, der Vetter war' mein Verderb' im Leben g'west, so schau du zu, daß er nit dein Verderb' im Tod wird!«

Die gute Kleinhäuslerin hatte keine Ahnung, welchen schwarzen Teufel sie da an die Wand malte.

Was den Kirninger betrifft, so erboste ihn die Drohung mit dem toten Vetter dergestalt, daß er, aus vollem Halse schreiend, erklärte, er werde sich weder von toten noch lebenden Vettern abhalten lassen, seinem Weibe den Fünfnummerteufel aus den Knochen zu schlagen, und die Kirningerin zeterte dagegen, sie werde ihm den Saufteufel bei dem Schopfe herauszausen, und beide Ehegatten begannen tatsächlich, an das Werk ihrer gegenseitigen moralischen Verbesserung zu gehen; das Weib hatte schon durch ein paar gellende Aufschreie die erhaltenen Püffe quittiert, während der Mann über die Art, mit welcher sich ihm, ohne sein Zutun, die Haare sträubten, manchen Fluch ausstieß, da wurde plötzlich diese sonderbare Teufelaustreibung durch das Eintreten des Gendarmerieführers Korb unterbrochen.

Ob hier der Kleinhäusler Peter Kirninger wohne? fragte der Führer.

Rosl zog die Joppe zurecht und strich die Schürze glatt und sagte: »Ja.«

Peter wischte sich die wirren Haare aus dem Gesichte und brummte währenddem gegen das Weib: »Schön hast mich zug'richt't, was soll'n denn d' Leut' davon denken!« Dann fragte er den Gendarmen, was er hier suche.

Die Antwort war kurz: Wenn er der Kirninger sei, ihn! Er habe Befehl, ihn zum Verhöre vor den Herrn Gerichtsadjunkten zu bringen.

Da war nichts anderes zu machen, als zu gehen.

Rosl gab dem Scheidenden als Abschiedsgruß die Versicherung mit auf den Weg, es würde sie wenig kränken, wenn sie ihn auf zwei oder drei Tage einsperrten.

Peter dankte mit dem Versprechen, daß er ihr diese Worte heimzahlen werde, sobald er wieder nach Hause käme.

Nach diesem Austausche von Zärtlichkeiten schritt der Mann an der Seite des Gendarmen der Straße entlang, und das Weib trat unter die Tür und sah den beiden nach.

Das Gemeindehaus, in welchem das Untersuchungsgericht für so lange, als seine Anwesenheit an Ort und Stelle erforderlich schien, seinen Sitz aufgeschlagen hatte, lag inmitten des Dorfes auf dem Platze. Die Strecke bis dahin war bald zurückgelegt.

Kirninger hätte wohl gern gewußt, was man eigentlich von ihm zu wissen verlange, und hatte, durch die Einsilbigkeil des Gendarmen zudringlicher gemacht, schon begonnen, hoch und teuer zu versichern, daß er, falls es den seligen Vetter beträfe, gar nichts von Belang auszusagen wüßte, aber da war ihm von Korb gar ernst bedeutet worden, das Schwätzen zu lassen und nur befragt zu reden.

Stumm und verstimmt folgte er dem Führer. Der ließ ihn im Gemeindehause die Treppe vorauf hinansteigen, oben auf dem Gange schritten noch ein paar Landjäger auf und ab, einer trat, als er des Führers ansichtig wurde, auf eine Tür zu, öffnete dieselbe, und Kirninger befand sich vor den Gerichtsherren.

Es waren ihrer zwei. Hinter dem großen mit grünem Tuche überzogenen Tische stand der Gerichtsadjunkt Doktor Haidenreich, und rechter Hand von ihm saß ein älterer Herr, der nur flüchtig aufblickte, dann sofort sich Papier zurechtlegte, die Feder in das Tintenfaß tauchte und den gesenkten Kopf ein wenig, wie aufhorchend, zur Seite drehte.

Doktor Haidenreich betrachtete sich seinen Mann.

Einen Augenblick war es so stille, daß man das Ticktack der Schwarzwälder Wanduhr deutlich vernahm.

Der Herr, der die eingetauchte Feder in der Hand hielt, spritzte diese aus und unterbrach die Stille, indem er sich leise räusperte.

»Treten Sie näher«, sagte Doktor Haidenreich. »Sie heißen Peter Kirninger, wohnen hier auf Ihrem eigenen Anwesen, Ihr Haus trägt die Orientierungsnummer 108, Sie sind von hier gebürtig – wie alt?«

»Achtundvierzig Jahre«, erwiderte Peter, er seufzte dabei und wußte eigentlich nicht, weshalb.

»Sie sind katholisch, verheiratet – haben Sie Kinder?«

»Nein«, antwortete Peter. Er sagte dies mit einer gewissen Befriedigung, denn die Frage war in einem Tone gestellt worden, als würde man es ihm übel genommen haben, wenn er Kinder gehabt hätte.

»Sie haben von klein auf mit Ihrem Vetter Vinzenz Kallinger verkehrt?«

Kirninger nickte.

»Wie war Ihr Verhältnis zu ihm? Ich meine, wie Sie sich mit ihm vertragen haben?«

»Ja, Herr Richter, das is a eigene Sach': vor meiner Verheiratung hab' ich 'n nur selten zu G'sicht kriegt, danach aber – aufrichtig gestanden – öfter als mir lieb war, er hat mein'm Weib 's Lotleriespiel in 'n Kopf g'setzt, 's war unser Unglück, sie hat 's Erübrigte in o' Lotterie tragen, und ich – allein sparen hilft doch keiner Wirtschaft auf – ich hab' das Meine im Wirtshaus angebracht. Ja!«

Der Doktor beugte sich ein wenig vor und sagte in ermunterndem Tone: »Ans Herz gewachsen war Ihnen also der Vetter gerade nicht?«

»Müßt's lügen«, lächelte der Kirninger. »Aufrichtig g'sagt, ich mocht 'n von Stund' an nimmer leiden.« Dabei dachte er: ein recht lieber Herr, der Herr Beamte da, er versteht ein'm doch gleich und hat ein Einseh'n.

»Wann haben Sie Ihren Vetter zuletzt gesehen?«

»An ein'm Mittwoch war's im vorig'n November.«

Der Doktor nannte das Datum.

Kirninger bestätigte, daß es damit seine Richtigkeit habe.

»Also wann sind Sie an diesem Tage mit ihm zusammengetroffen und wo?«

»Ja, mein, erlauben, daß ich mich ein bisse! drauf z'rückbesinn'! – Ja, es fallt mir schon ein, ich war 'n selben Tag recht verdrossen und bin gleich nach 'm Essen, eilf Uhr is dös, vom Haus weg, und daß ich mir was z'schaffen mach', in 'n Wald h'nein, Dürrholz klauben. Denk', ich werd' ein halb' Stündel rechnen können, was ich bis hin an Ort braucht hab', dann mag ich mich wohl ein klein's Stündel dort verweilt hab'n, dürften also mit 'm Heimweg zwei Stündeln g'west sein: sag'n wir, eins wär's g'west, wie ich z'Haus g'troffen hab', und da is der Kallinger Vinzenz just aus der rückwärtigen Tür von meiner Hütten h'rauskommen, wo er wieder einmal meiner Alten mit seine Lotto-Kabbalen den Kopf verrückt hat. Es hat mich erbost, und ich bin mit ihm umgekehrt und ein gut Stück mit ihm wieder in 'n Wald z'ruck h'neingangen, ihm mein' Meinung z'sagen.«

»Haben Sie gewußt, daß er kurz zuvor einen Lottogewinst gemacht hatte und bei Geld war?«

»Er hat mir's noch unten, keine drei Schritt vom Haus weg, g'sagt, weil ich ihm vorg'worfen, 's Lottospiel führt zu nix. Da hat er groß getan auf selben G'winn.«

»Als Sie mit ihm durch den Wald gingen, wußten Sie also, daß er Geld mit hatte?«

»Ja, da wußt' ich es freilich. Da sind wir eben auch strittig geworden, weil ich von ihm welch's z'leihen verlangt hab.«

»Sie brauchten also damals Geld?«

»Notwendig, Herr, wie ein' Bissen Brot. Der sakermentische Kramer wollt mich wegen fünf Gulden pfänden lassen.«

»Wie lange hatten Sie diese Schuld stehen?«

»No, über ein Jahr dürft's freilich gewesen sein.«

»Sie fürchteten also die Pfändung?«

»Ja, und darum hab' ich den Kallinger um das Geld ang'red't, hab' ihm g'sagt, er hätt' mir nix wie Unheil ins Haus g'bracht, so könnt' er mir einmal doch auch was Gut's erweisen. Es hat mich Müh' g'nug kost't…«

»Sie bezahlten den Krämer?«

»Tags drauf.«

»Und geben zu, daß das Geld, mit dem Sie Ihre jährige Schuld tilgten, von dem Vinzenz Kallinger herrührte?«

»Ja, von sein'm Darlehen. Ich könnt's nit anders sagen.«

»Ihr habt uns früher erzählt, Kirninger, daß es etwa ein Uhr gewesen sein mochte, als Ihr mit dem Kallinger bei Euerem Hause zusammengetroffen und nach dem Walde umgekehrt seid. Wie lange mögt Ihr mit ihm beisammen gewesen sein?«

»No, so kurze drei Viertelstund' rechn' ich, weil ich vor halb drei wieder heim war.«

»Also in der Zeit von eins auf zwei. Nun sagten Sie aus, daß Sie zuvor im Walde Dürrholz klaubten. Haben Sie sich dabei eines Werkzeugs bedient?«

»Mein' Hacken hab' ich mitg'habt.«

»Und haben Sie diese und das geklaubte Holz wieder mit in den Wald hinaufgeschleppt, als Sie den Vetter begleiteten?«

»Ah, nein, kein' Red'; 's Reisigbündel hab' ich über mein' Zaun g'worfen.«

»Und die Hacke?«

»Die hab' ich im Hosengurt stecken g'habt, die hab' ich in Gedanken mitg'nommen.«

»Und wo ist die geblieben?«

»Ja, Herr, das weiß ich nicht zu sagen.«

»Besinnen Sie sich, Kirninger!«

»Ich bitt', Herr Gerichtsrat, ich mein' nur, ich könnt' nit sagen, wo sie jetzt sein mag, denn ich hab' s' damal 'm Vettern mitgeben. Sie war an der Schneid' ganz schartig, daß s' kein Wetzstein mehr auf gleich bringen konnt', und er sollt' mer s' in der Stadt bei ein'm Schleifer schärfen lassen. Seit er s' in sein' Gurt g'steckt hat, hab' ich s' nimmer g'sehn.«

Der Doktor Haidenreich tat einen leisen langgezogenen Pfiff, dann nickte er wie einer, der denkt: Nicht übel! Es kommt nicht selten vor, daß sich bei Gerichtspersonen eine Art Wohlwollen gegen manche der unglücklichen Leute einstellt, welche durch eine dunkle Tat den Scharfsinn des Untersuchenden herausfordern, und besonders gegen jene, die nicht gleich in die Knie brechen, sondern sich gegen die angesammelten Beweise stemmen und so den Aufwand an eben solchem Scharfsinne nicht als unnütz erscheinen lassen. Es ist das eine Gattung geistigen Ringkampfes, bei dem der Ankläger sich im voraus des Sieges sicher hält und dem Gegner, der ihm denselben nicht allzu leicht macht, es Dank weiß und sich daher bestrebt, dessen unvermeidlichen Sturz durch leutseliges Vorgehen zu mildern.

Es war wieder ganz still geworden, wieder hörte man das Schwingen des Uhrpendels und das Knacken der Räder. Der Adjunkt hatte, nachdem er den Kirninger mit einem scharfen Blicke unter emporgezogenen Brauen gemustert, zu dem Schriftführer sich herabgebeugt und ihm etwas zugeflüstert, wovon Kirninger nur ungefähr die ersten Worte aufzufangen vermochte, die etwa »nach Vorhalt« lauteten. Jetzt erst fiel es ihm auf, daß alle seine Aussagen niedergeschrieben wurden, und es überkam ihn eine beklemmende Unruhe.

»Kommen Sie einmal her, Kirninger«, sagte der Adjunkt, und eine Lage Papier zur Seite streifend, holte er eine Hacke hervor, welche er dem Hinzutretenden darreichte. »Sehen Sie sich das an, ist es vielleicht die?«

Kirninger erklärte, sie wär' es.

»Irren Sie sich auch nicht?«

»Nein«, sagte Peter, »es ist die, welche ich 'm Vettern zum Schärfenlassen mitgegeben hab': ich kenn' s' an dem Brandzeichen auf 'm Stiel.«

»Ganz recht. Da steht: P. K. 1878. Mit dieser Hacke wurde der Vinzenz Kallinger an eben jenem Mittwoch erschlagen.«

»Jesus, Maria, Joseph!« schrie der Kirninger auf. Er war totenbleich geworden und starrte das Mordwerkzeug mit sichtlichem Entsetzen an.

»Nun, Kirninger, was hat er dazu zu sagen?«

»Ich? Herr? Ich will nur sagen – mein Gott, daß es mir leid tut –«

«Was tut Ihnen leid?«

»Daß so was damit geschehen ist – ja – jetzt getraut mer sich sie nimmer in d' Hand z'nehmen – und 's is schad drum.«

»Stellen Sie sich nicht so albern an, Kirninger! Damit helfen Sie sich nicht heraus. Hören Sie mir jetzt ruhig und aufmerksam zu, und dann können Sie tun, was Sie für gut halten. Sie haben Ihren freien Willen, und man kann Sie zu nichts zwingen, was Sie in Ihrer Lage für abträglich halten. Sind Sie aber das, wofür ich Sie halte – ein Mann, so machen Sie die Sache kurz und schicken sich ins Unvermeidliche. Gescheh'nes läßt sich nicht ändern.«

»Herr Gerichtsrat, ich bitt' –«

»Wollen Sie vielleicht gleich zum Geständnis schreiten?«

»Zum Geständnis? Herr, ich wüßt' doch um alle Welt nichts zu gestehen! Herr, Ihr redet so, als sollt' ich's g'wesen sein, der 'n Vettern umbracht hat!« Dem Kirninger schlugen, als er das sagte, die Zähne aneinander, und ein blöde staunendes und ungläubiges Lächeln, das er versuchte, wurde zur Grimasse.

»In dem Verdachte stehen Sie!« sagte der Adjunkt.

Da taumelte, wie von einer unsichtbaren Faust gegen die Wand geschleudert, der Kleinhäusler hinter sich.

»Korb, gebt ihm einen Stuhl«, befahl Doktor Haidenreich, »auch Wasser, wenn er welches verlangen sollte.«

Der Gendarmerieführer sprang dem Schwachgewordenen bei. Der saß dann eine Weile und stierte vor sich hin, oftmals mit dem Ärmel der Jacke über das Gesicht wischend, von welchem ihm Tränen und Schweiß reichlich herabrannen.

»Ja, Kirninger, dagegen hilft kein Weinen, das ist nun einmal, wie es ist«, sagte der junge Gerichtsbeamte, und nachdem er etwa fünf Minuten hatte verstreichen lassen, fragte er in gütigem Tone: »Sind Sie soweit gefaßt, Kirninger, um anhören zu können, was gegen Sie vorliegt?«

Der Gefragte sah mit ausdruckslosen Augen auf und senkte dann den Kopf wie bejahend.

»Wir wollen also das, was Sie selbst zugestanden haben, zusammenhalten mit den Aussagen der Zeugen und den Ergebnissen des Befundes am Tatorte. Ihr Vetter, der Vizenz Kallinger, war seit November vorigen Jahres verschollen, und es ist auf Tag und Stunde erhoben worden, wann er zuletzt hier im Dorfe gesehen wurde. Gestern hat man auf der Waldwiese unweit des Adamshofbauerschen Anwesens seine Leiche mit zertrümmerter Schädeldecke aufgefunden, er war somit gewaltsam um das Leben gebracht morden, und da er noch kurz vorher im Adlerswirtshause Geld aufgewiesen, während sich bei der Untersuchung des leblosen Körpers keines vorfand, so ist anzunehmen, daß der Täter die Barschaft an sich genommen und sonach einen Raubmord verübt hat.

Ferner ist als sicher anzunehmen, daß der Weg durch das Dorf bis zu der zunächst dem Adamshofbauerschen Anwesen gelegenen Waldwiese Kallingers letzter Gang war, und er wurde auch auf dieser Strecke in der Zeit von ein Uhr auf zwei Uhr mittags das letztemal gesehen, und zwar von dem Fuhrknechte Iacharias Jach, der mit seinem Wagen durch den Wald fuhr, und von der alten Birkhofer, welche dort Holz klaubte, und nicht nur durch die gleichlautenden Aussagen dieser beiden, sondern auch durch Ihr eigenes Geständnis, Kirninger, ist festgestellt, daß er nicht allein, sondern in Ihrer Begleitung war.

Sie geben zu, Kirninger, daß Sie mit Ihrem Vetter nicht auf freundschaftlichem Fuße verkehrten. Sie können es nicht leugnen, daß Sie sich in drückender Notlage befanden und eines geringen Betrages halber die Pfändung vor Ihrer Tür stand. Sie gestehen ein, schon auf dem Wege nach dem Walde gewußt zu haben, daß Kallinger Geld mit sich führe, Sie selbst sagen aus, daß Sie wegen des Geldes mit ihm streitend geworden wären, und die Birkhofer will es beschwören, sie hätte es deutlich gehört, wie Sie gesagt hätten: ›Dir geschäh' recht, Geizkragen, wenn dir einer den Schädel einschlüg' und die Taschen ausräumte!‹ Sie mochten die Hacke unvorsätzlich mitgenommen haben, aber Sie hatten sie nun zur Hand, nur Sie hat man aus dem Walde zurückkehren sehen, der alte Mann war, wie sich nun herausgestellt, tot daselbst zurückgeblieben, man fand ihn seiner Barschaft beraubt, und nicht nur aus den Geschäftsbüchern des hiesigen Krämers ist ersichtlich, daß Sie den Tag nach der Tat Ihre Schuld beglichen haben. Sie selbst geben das zu, ja, noch mehr, an jeder bemäntelnden Ausflucht verzweifelnd bezeichnen Sie geradezu das erlegte Geld als vom Kallinger herrührend. Man fand am Tatorte die Hacke vor, mit welcher der Mord vollbracht worden war. Sie mußten sie als Ihr Eigentum anerkennen. Es ist diese hier« – der Adjunkt hob sie bei diesen Worten empor – »sie mag allerdings durch den Rost gelitten haben, aber sie zeigt keine Scharte, und man braucht bloß mit dem Daumen über die Schneide zu streifen, so fühlt man, daß sie geschärft war – geschärft war, schon als sie zur Tat gebraucht wurde!«

Wieder war es still geworden, und man hörte das schwere, halb stöhnende Atemholen des Angeschuldigten.

»Nun, Kirninger, was haben Sie darauf zu sagen?«

Gurgelnd, als wenn der Mann im Begriffe wäre, an seinem eigenen Speichel zu ersticken, kamen die Worte heraus: »Ich bin unschuldig.«

Auch humane Nachsicht hat ihre Grenzen, und wenn ein Richter den Angeklagten einmal so weit hat, daß als der Mühe schönster Lohn nur mehr das reuige Geständnis zu erwarten steht, so wird Leugnen zum beleidigenden Unsinn! Doktor Haidenreich reckte sich hoch auf und sagte mit barscherer Stimme als bisher: »Korb, lassen Sie den Zach eintreten.«

Der Gendarmerieführer schritt nach der Seitentür und ließ den Fuhrknecht aus der Kammer.

»Zach, sehen Sie den Mann da genau an. Sie kennen ihn?«

Der Bucklige hielt es offenbar für überflüssig, der an ihn gerichteten Aufforderung zu entsprechen, denn er sah den Kleinhäusler gar nicht an, doch sagte er: »Freilich kenn' ich 'n, der Kirninger ist's!«

»Wiederholen Sie in seiner Gegenwart Ihre Aussage!«

»Jo, jo, mußt mer nit bös sein, Kirninger, ich will nit dein Unglück –«

»Lassen Sie das, sagen Sie nur, was Sie vorhin angegeben und als wahr zu beeiden sich bereit erklärt haben.«

»Jo, jo, es fallt mir nur schwer, wie ich's anfassen soll.« Der Fuhrknecht kraute sich ein wenig hinter den Ohren, dann aber trat er ziemlich nahe an den Kleinhäusler heran und sagte in kurzer, abgehackter Redeweise, es hörte sich wie vertrauliche Keckheit an: »Jo. da hilft nix. G'sehn hab' ich dich, Kirninger, weißt, damal im Wald. Mit 'm Vettern bist 'gangen, mit 'm Kallinger. Ich bin g'fahr'n hinter euch. Af amol wart's verschwunden, alle zwei. Gleich darauf hab' ich ein' Schrei g'hört. Ein' nur. Dann ist's grad so g'west, als tat eins ein'n durchs G'strüpp nachschleifen. Dann is Fried' word'n und nach 'r Weil' bist du geg'n 's Dorf abi g'rennt, wie unsinnig. Jo, das is alles.«

»Und ich denke, das ist genug«, sagte Doktor Haidenreich. »Was haben Sie darauf zu sagen, Kirninger?«

Der Angeredete starrte mit verglasten Augen um sich. Er schüttelte den Kopf. »Nix nöt«, stammelte er mit heiserer Stimme, »'s is aus! 's is gar; macht's mit mir, was 's wollts.«

Er folgte willenlos, als auf einen Wink des Beamten Korb ihn aus der Stube führte.

Nachdem der bucklige Fuhrknecht von dem Beamten entlassen worden war, schlenderte er durch das Dorf: sonst fand er wenig Ansprache, denn man war ihm dahinter gekommen, daß er den Leuten ins Gesicht gar anders redete als hinter deren Rücken, und daß er, um sich bei einem schön zu machen, gleich ein halb Dutzend schlecht machte, aber da es sich unterdem im Dorfe verbreitet hatte, der Zach wär' so lang beim Herrn Gerichtsdoktor oben gewesen, hätt' eine so viel wichtige Aussage getan, ja, wüßt' beinah anzugeben, wie es bei der Mordtat hergegangen, so liefen ihm diesmal die Leute geflissentlich in den Weg, und er ward es nicht müde, sobald ihn nur einer neugierig anblinzte, den rechten Arm bedeutsam auszurecken und langgezogenen Tones zu beginnen: »Jo – o Leuteln, hab'n tut mer den – mer hat 'n schon, den, der was 'n alten Kallinger umgebracht hat! Jo, und wer, glaubt's, is's? Du mein, kein anderer nit als sein leibhaftiger Vetter, der Kirninger! Jo! Was sagt's da dazu?«

Die Leute waren meist so ehrlich, anfangs einzugestehen: daß mer sich so was doch nit hätt' denken können, aber im weiteren Verlaufe des Gespräches versicherte fast jeder: daß er das auch gleich gedacht hätt'. No ja, der Mon versauft, 's Weib verspielt! Woher soll's kommen? Anderes war' eh nit zu erwarten g'west.

Als Zach in die Nähe der Kirningerschen Hütte kam, stand dort schon eine Gruppe von Leuten, die sich unter lebhaften Gesten halblaut besprachen. Man winkle ihm, aber er schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort bis zur Türschwelle, auf welche er einen Fuß stellte und nach der Küche hineinsah. Rosl war am Herde beschäftigt.

»Guten Abend, Kirningerin«, sagte der Fuhrknecht. Er sagte das sehr weich, es klang nach freundschaftlicher Teilnahme.

Es mochte aber auf Seite der Kleinhäuslerin wohl nur wenig Freundschaft für ihn bestehen, denn sie murrte auf das unfreundlichste zurück: »Guten Abend!«

»Bist wohl a arm's Weib, du«, fuhr der Bucklige teilnahmsvoll fort. »Tust mi recht erbarmen.«

»Reich bin ich nit«, erwiderte sie, »so arm aber doch nit, daß ich dir z'erbarmen brauch'.«

»Du weißt halt noch von nix, aber nimm dich z'samm', Kirningerin, tu dich z'samm'nehmen, daß dir nit schwach wird!

Dein' Mon b'halten s' bei G'richt, geb'n dir 'n schwerlich wieder h'raus; heunt führ'n s' dir 'n noch fort.«

»Soll'n s' 'n, dö zahl'n mer noch was drauf, wann ich 'n z'rucknimm.«

»G'spaß nit, Kirningerin,- bist wohl noch a jung' sauber' Weib, das sich getrösten kann, wann's ein' Mon verliert, daß sich leicht a zweiter fand, und sollt' sich keiner finden, wußt' ich dir 'n rechten, denn es liegt mer schwer auf, daß ich geg'n dein' Peter aussag'n mußt', und der jetzt dem Galgen zufahrt –«

»Was plausch'st, du verruckt's Krippelmandel, du?« schrie die Rosl und lief mit geschwungenem Rührlöffel herzu.

»Kein Plausch, Rosl«, sagte Zach, die Hände vor der Brust faltend. »Wollt's der liebe Gott! Aber kein Plausch! Der Peter hat 'n Kallinger erschlagen.«

Rosl lachte laut auf, und über den Kopf des Fuhrknechts weg sprach sie zu den Leuten, die mittlerweile ganz nahe herangekommen waren: »Habt's es g'hört, was der da red't? Was sagt's denn dazu?«

Da rückte sich ihr aus der Menge der silberhaarige Kopf des Lehrers entgegen, und er sagte mit seiner dünnen und nun merklich zitternden Stimme: »Klrningerin, er sagt nur, was wahr ist, die Herren vom Gericht sind überzeugt…«

Da warf die Bäuerin den Holzlöffel hinter sich, und so wie sie war, mit wirren Haaren, barfüßig, nur mit Hemd und Rock bekleidet, stürzte sie auf die Straße hinaus und in jagender Hast dem Platze zu.

Dem Doktor Haidenreich, der eben bei Tische saß, ward gemeldet, daß das Weib des Kirninger um die Vergünstigung bitten lasse, mit dem Manne reden zu dürfen. Er erteilte den Bescheid, daß dem nichts entgegenstünde.

Die Rosl fand ihren Peter in einer Stube mit vier kahlen Wänden, leichenblaß, auf einem Stuhle mehr hängend als sitzend und von zwei Gendarmen bewacht; unbekümmert um deren Gegenwart warf sie sich ihm an den Hals, und wären statt der beiden fremden Männer so viele in der Stube gestanden, als Platz darin gefunden hätten, es würde sie nicht eingeschüchtert haben.

»Peterl«, rief sie, »da bin ich! Nix darf dir g'schehn, mein Peterl! Ich wollt' erst zu dir, eh ich mit 'm Herrn Gerichtsdoktor red'. Gelt, mein Peterl, du hast's nit getan? Kannst's nit getan hab'n!«

Der Kirninger schüttelte den Kopf. »Was hilft's aber?«, begann er leise. »Mein' gute, liebe Rosl, wirst sehn, sie hängen mich doch auf oder sperr'n mich auf Lebzeit ein. Die Herrn vom G'richt sein so streng, wann mer anders red't, wie sie sich's vordenken – und daß ich dir nur sag', die G'schicht is wild. Da is all's so austipfelt und z'samm'g'richt't, daß das Wen'ge, was ich ausz'sag'n weiß, einer Lug gleichschaut, und was ein anderer lügt, einer Wahrheit; dageg'n komm' ich nit auf! Ich denk' mer, woher dös Elend rührt; der Kallinger will sich ein' ins Grab nachholen, und dazu sucht er mich aus. Sieht ihm gleich, dem Kerl – Gott laß 'n ruhn – daß er 'n wahren Halunken laufen laßt und dafür mich hinnimmt. Hab'n mer sich doch bei Lebzeiten nit ausstehn können.«

»Ah, nein, Peterl, der soll sich nur um ein' andern umschau 'n und 's G'richt sich den suchen, der 'n erschlagen hat. Wär' net schlecht! Gerechtigkeit wird doch noch z'finden sein!«

Und nun drang sie in ihn, daß er ihr alles haarklein beichten möge, was er gefragt worden sei, was er darauf gesagt habe, was man ihm nicht glaubte, und was er für gelogen hielt, und als er damit zu Ende gekommen war, sagte sie, glühend rot vor Erregung und Unwillen: »Was bist du für ein Hasenfuß, daß du, wo es dir an den Kragen geht, nix anders zu sagen weißt als: »Macht's mit mir, was 's wollts!? Frei muß ich mich jetzt an deiner Stell' schämen, wenn ich zum Herrn Gerichtsdoktor geh'.«

»Laß's lieber sein, Rosl«, seufzte Kirninger. »Weibereinmengen führt da zu nix.«

Sie war aber schon aus der Stube gegangen.

Doktor Haidenreich war, wie aus seinem früheren Verhalten ersichtlich, ein humaner junger Mann, und wenn es ihn auch höchst unangenehm berührte, daß er vom Tische aufstehen und das Geheul eines Bauernweibes anhören sollte, so entschloß er sich doch, die Kirninger vorzulassen. Ihn mußte ja das arme Geschöpf dauern, dessen Dasein an das eines anderen geknüpft war, welches nun das seine auf so grauenhafte Weise verwettet und verwirkt hatte! Er wollte dem Weibe den Trost nicht versagen, den es etwa in dem Glauben fand, mit einer solchen Rücksprache alles versucht zu haben, was eben noch zu versuchen war.

Die Rosl stand recht couragiert in der Amtsstube, sie schien noch kein Gefühl für den Ernst der Sache zu haben, sonst würde sie wahrscheinlich mit starrem Befremden nach dem Adjunkten gesehen haben, der jetzt eintrat und vor dem Gerichtstische die Serviette, die er in der Zerstreuung vorbehalten hatte, aufknüpfte und ablegte. Daß einer essen, sich's schmecken lassen konnte, nachdem er eben einen anderen für den Galgen zugerichtet – und gar ihren Peter?! – Doch daran, wie gesagt, dachte sie nicht. Das weiße Tuch stimmte sie nur zutraulicher, sie knickste und sagte: »Wünsch wohl gespeist zu haben, Herr Amtsdoktor! Und möcht's nit bös sein, daß ich Euch hab' rufen lassen und nehmt's es auch mein' Mon nit für übel, daß Ihr Euch die viele Müh' mit ihm umsonst gemacht habt. Er war vorhin, wie Ihr ihm so hart zug'stieg'n seid, völlig wie vor 'n Kopf g'schlag'n, das is aber auch kein Wunder, Herr, wir haben nie mit G'richten was zu tun g'habt, und er is eb'n von Haus aus so ein rechter Trauminöt; jetzt is er schon wieder so weit beinand, daß er sagen und recht schön bitten laßt, es möcht' zum andern Aufgeschriebenen dazu g'schrieben werd'n, daß er bei seine Aussag'n verbleibt, wie wahr is, daß ihm der Vetter die fünf Gulden g'liehen und unser Hacken zum Schärfen mitg'nommen hätt'. Er könnt' a Jurament vorm Kruzifix mit brennende Kerzen ablegen, daß derselbe lebig und heil von ihm gangen war'! Er vermöcht' wohl nit zu begreifen, wie die Hacken mit einmal g'schärft sein könnt', da möchten die Herren vom G'richt doch nur ja dazuschau'n, daß sich das aufklärt; aber das könnt' er sagen, daß der Zach g'logen hätt', wann der ein' Schrei und wie eins durch Gestrüpp g'schleppt wurd', will g'hört hab'n, wo mein Mon nix davon g'hört hat, der doch näher am Ort war.«

Der Adjunkt hatte sich darauf vorbereitet, ein verzweifelndes Weib zu beruhigen, aber nicht einer resoluten Schwätzerin, welche noch dazu die Sache auf die leichte Achsel zu nehmen schien, Rede zu stehen,' so sagte er nun mit mehr Nachdruck als Güte: »Daß Sie, beste Kirninger, als das Weib des Angeschuldigten, alles glauben, was der vorbringt und Ihnen einredet, das wird jeder erklärlich finden, aber dadurch wird für andere nichts in den Aussagen Ihres Mannes glaubwürdiger; weder Richter noch Geschworene werden an das ausgeliehene Geld und die anvertraute Hacke glauben, und damit steht die Sache so, daß wir allenfalls auf das Zeugnis des Zach, der übrigens auch zum Eide bereit ist, ganz verzichten können. Wird er angehört, so macht er nur ein Schaff überlaufen, das schon voll war.«

Die Kleinhäuslerin sah den Beamten erschreckt an. Jetzt dämmerte es in ihr auf, daß hier die heiligste Versicherung der Unschuld kein Gehör fände, und daß man der Wahrheit der eigenen Behauptung nur Glauben verschaffen könne, wenn man die Falschheit der fremden nachzuweisen vermochte; nun bekam die Sache mit einmal ein gar anderes Gesicht, und der Rosl wollte schier aller Mut sinken. Sie strich sich die Haare aus der Stirn und feuchtete mit dem Schweiße, der ihr auf derselben stand, die Hände, ehe sie diese bittend zusammenfaltete: »Herr, begeht kein Unrecht.«

Der Doktor warf ihr einen strengen Blick zu.

»Greift nicht fehl, wollt' ich sagen«, stammelte sie.

»Ich kann da, wie anderswo, nur handeln, wie mir meine Pflicht vorschreibt. Um den Ausgang der Sache habe ich mich nicht zu bekümmern, der hängt von der Verhandlung ab, und wenn der Kirninger glaubt, mit dem Leugnen etwas zu richten, so mag er ja dabei bleiben, er kann sich nach einem geschickten Verteidiger umsehen, und dessen Aufgabe ist es dann, die Anklage zu entkräften, und der hat auch zu sorgen – nicht das Gericht, das einen ganz anderen Standpunkt einnimmt – wie er aus der stumpfen Hacke eine scharfe macht.« Der Adjunkt deutete bei den letzten Worten nach dem Mordwerkzeuge, das noch auf dem Tische lag.

Rosl folgte mit einem scheuen Blicke dem weisenden Finger des Beamten. Plötzlich blieben ihre Augen starr auf dem Gegenstande, der sie eben fürchten gemacht, haften. Der Stiel der Hacke beschwerte einen Riskonto und einen mit Nummern beschriebenen Zettel, nach letzterem streckte das Weib die Hand aus und fragte stotternd: »Ich bitt' – ist der Zettel wohl vom Vettern?«

»Er wurde bei ihm vorgefunden«, sagte Doktor Haidenreich, und da er dem Interesse der Kleinhäuslerin, bei deren bekannter Leidenschaft, nur einen Grund zu unterlegen vermochte, so setzte er verächtlich hinzu: »Will Sie vielleicht Ihr Glück mit diesen Nummern versuchen? So kann Sie's ja ansehen.« Er zog das Papier hervor und schnellte es ihr hin.

Sie faßte danach, und im nächsten Augenblicke gellte ein wilder Schrei, der aber nach maßloser Freude klang, durch das Gemach. Dann sank Rosl neben dem Tische in die Knie, und mit beiden Händen an eins von dessen Beinen sich anklammernd, begann sie abwechselnd laut zu schluchzen und zu lachen, mitten darunter blickte sie mit den tränenden, freudig funkelnden Augen zu dem Beamten auf und rief ein über das andere Mal: »Ich bin nit narrisch, Herr! – Obwohl 's wär' kein Wunder! – Nur a bissel laßt Zeit, Herr. Gleich kann ich wieder weiter reden!«

Den Adjunkten beunruhigte dieser Auftritt sehr, er hob das Weib von der Erde auf und sagte eindringlich: »Um's Himmels willen, fassen Sie sich! Sie müssen reden, sonst versteh' und begreif' ich nicht, was mit Ihnen vorgeht.«

»Ja«, sagte sie leise, und dann stand sie eine Weile, beide Hände gegen die Brust pressend, und nun streckte sie plötzlich die Arme aus und reichte mit allen zehn Fingern den Zettel dar. »Solche Zettel hat er mir hundert ins Haus gebracht, und das ist der, den er mir noch auf d' Letzt zu bringen versprochen hat, und der Erweis für mein Peterl sein' Unschuld! Denn – Herr – wenn mein Mon 'n Vettern sollt' um'bracht haben, dann konnt' sich bei dem der Zettel da nit vorfinden, mit Nummern, die um die nämliche Zeit, wo man die zwei im Wald g'sehn hat, erst viel Meil'n weit vom Ort sein gezogen worden und erst viel Stund' danach in der Kreisstadt ang'schrieb'n war'n!«

Der junge Doktor hatte rasch nacheinander die Farbe gewechselt; erst war er blaß geworden, dann rot bis unter die Haarwurzeln, bald aber gewann er seine frühere Gelassenheit wieder, er nickte dem jungen Weibe zu, sich still zu verhalten, und schritt rasch im Zimmer auf und nieder, mit den Fingern der Rechten sich an der Stirn krauend.

Wie lag die Sache nun? Der Kallinger war also in der Kreisstadt gewesen, das wies der Zettel – der, ärgerlich genug, anfangs ganz übersehen worden war – unwiderleglich nach, das wies nun auch die Hacke nach, die der Alte dort hatte schärfen lassen, und mit der er entweder am Morgen des anderen oder noch am Abend desselben Tages erschlagen worden war: wenn man das letztere annahm, konnte er aber unmöglich in verhältnismäßig so kurzer Zeit den Weg hin und zurück zu Fuß zurückgelegt haben, er mußte also – gefahren sein! Es meldete sich niemand zur Aussage, daß er ihn auf den Wagen genommen habe, und daran, daß dieser Umstand verschwiegen bleibe, konnte nur dem Täter gelegen sein, und nur der konnte einen Vorteil darin ersehen, die Behörde durch eine falsche Anklage irrezuführen; der Fuhrmann Zach aber hatte gelogen, soweit es nämlich den Kirninger betraf, den Schrei, und nur den einen, mochte ei ja gehört haben, als er den Mann auf einen Streich niederschlug, und auch durch das Gestrüpp das Schleifen des schweren Körpers, an dem er selbst Hand angelegt hatte?

Doktor Haidenreich riß an der Klingelschnur. »Korb«, sagte er zu dem eintretenden Gendarmerieführer, »der Kirninger geht frei.«

Korb machte große Augen, aber Fragen war nicht seine Sache, übrigens hatte er es in diesem Falle auch gar nicht not, denn der Adjunkt fuhr in flüsterndem Tone fort: »Ohne Arrestanten gehen wir aber doch nicht von hier. Nehmen Sie allsogleich die Verhaftung des Fuhrknechts Zach vor.« Dann wandte er sich zur Kleinhäuslerin: »Gehen Sie nur mit dem Herrn Führer, er wird Ihnen Ihren Mann Zurückgeben.«

Rosl stürzte auf den Beamten zu: »Vergelt's Gott, Herr!« Sie preßte seine Hand an ihre Lippen, und er fühlte sie von ihren Tränen benetzt. Er sah sich mit einer Art hilfloser Verlegenheit nach Korb um.

»Kommen S', Kirningerin, kommen S'«, trieb der Führer, »freu'n Sie sich draußen.«

Der Soldat ging strammen Schrittes voran, stolpernd, da ihr vor Erregung die Knie zitterten, folgte Rosl: als sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, nahm der Adjunkt seinen Spaziergang durch die Stube wieder auf. Er wischte mit dem Tuche über die Hand, auf welcher die Küsse und Tränen des jungen Weibes gebrannt hatten. Wenn er nicht zu beschäftigt gewefen wäre, so würde es ihm vielleicht aufgefallen sein, wie unendlich dankbar Leute aus dem geringen Volke sich anstellen, wenn ihnen nur ihr Recht wird; ihresgleichen mochten eben lange Zeiten durchlebt haben, wo es ihnen vorenthalten wurde oder sie gar keines besaßen.

Dem Doktor Haidenreich blieb indes wenig Zeit, Betrachtungen welcher Art immer anzustellen, denn Korb hatte sich gar nicht weit nach dem Fuhrknechte umzusehen, er fand ihn in der Nähe des Bürgermeisteramts unter anderen Herumtreibern, welche sich die Wegfahrt des Kirninger mit ansehen wollten. Er brauchte also nur höflich eingeladen zu werden, in das Tor zu treten und sich die Treppe hinaufzubemühen.

Es heißt nicht umsonst: den schuldigen Mann geht das Grausen an; dem Buckligen machte es bange genug, noch einmal vor den Gerichtsbeamten zu müssen, und als ihm seine falsche Zeugschaft vorgehalten, und er daraufhin weniger gefragt, als vielmehr ihm bedeutet wurde, welcher Art Dinge und in welcher Weise sich dieselben zugetragen haben dürften, da ward es ihm je länger je bänger. Doch nahm er anfangs eine einfältige Miene an, wie einer, der eine Anschuldigung gar nicht zu fassen imstande sei, und eine Weile über versuchte er es unter Kopfschütteln, Beteuerungen und jammerigem Getue zu leugnen, worauf schließlich freilich alles ankam, nämlich, daß er mit dem Kallinger zusammengewesen. Als aber der Adjunkt ihn anschnauzte, er solle nicht so dumm sein, unsichtbar hätt' sich keiner von beiden machen können, und der Bäcker, dem er das Mehl ablieferte, der Wirt, bei dem er eingekehrt, der Mauteinnehmer, an dem der Wagen hin und zurück vorbeigefahren, würden ihn ja doch mit dem Alten zusammen gesehen haben – da warf es ihn hinter sich; auf dem Boden liegend, braunrot im Gesichte, rang er nach Luft, so daß Korb sich beeilte, ihm den Knoten der Halsbinde zu lösen.

Nachdem er wieder zurechtgebracht worden war, schritt er zum Geständnisse, er hatte wenig mehr zu sagen. Er traf den Kallinger außer dem Walde, und der bat, aufsitzen zu dürfen. Damals hatte er noch keinen Gedanken gehabt, den Alten zu berauben, der kam ihm erst auf dem Rückwege, als sie beide, den Hang hinab, neben dem Fuhrwerke hergingen, der andere voran. Auf dem Sitzbrette des Wagens lag die Hacke, sie war an dem riehsteine des Wirtes in der Stadt von ihnen beiden geschärft worden, um sich den Schleiferlohn zu verdienen: er faßte danach mit der Rechten, zugleich riß er das Leitseil mit der Linken an sich und brachte durch Zuruf die Pferde zum Stehen. Indem er vorgab, es sei an den Strängen etwas in Unordnung, veranlaßte er den Alten, danach zu sehen, und als sich der niederbückte, schlug er zu. Den Leichnam zerrte er durch die Büsche auf die nahe Waldwiese. Noch in derselben Nacht sei ein großer Schneefall gewesen, der alle Spuren vertilgte. Das Geld habe er vergangenen Fasching »verjuxt«.

Die Kirningerschen Eheleute waren von ganzem Herzen damit einverstanden, daß man sie, um alles Aufsehen zu vermeiden, durch ein Hinterpförtchen des Amtshauses entließ, und sie scheuten den Umweg um das ganze Dorf auch gar nicht; wie ein paar Kinder, Hand in Hand, liefen sie nach Hause.

Es war ziemlich spät in der Nacht, als vor ihrer Hütte Wagengerassel laut wurde; Rosl trat an das Fenster, dessen einer Flügel offen stand, und sah die Kalesche des Adlerwirtes herankommen, der Gerichtsadjunkt saß darin, die Kappe tief in die Stirne gerückt, der Wagen bog um die Ecke, der Waldstraße zu, hinterher kam ein sogenanntes Steirerwägel, das war von mehreren Leuten besetzt, Bajonette blitzten im Mondlichte – Rosl zog hastig den Fensterflügel zu und trat scheu zurück. Das Gefährt rädelte schnell vorüber, und wieder herrschte außen das Schweigen der Nacht.

Rosl hatte sich an Peter geschmiegt. Oh, wie froh waren sie, einander wieder zu haben! Sie hatten erst zusammen gebetet, nun tauschten sie gegenseitig heilige Gelöbnisse, Peter, das Trinken zu lassen, Rosl, das Spiel aufzugeben; kein Schlaf wollte ihre Augen schließen, der dämmernde Morgen fand die beiden glücklichen Leute noch wach. Nur das vermag ich nicht zu sagen, ob sie die ganze Zeit über gebetet und Gelübde abgelegt, denn ich war nicht dabei.

Der Schatzgräber

Humoreske

Zu erzählen wußte der Zirmhofer, wie schier kein zweiter, das galt für ausgemacht, und nie setzte er seine Rede anders, als daß es so herauskam, als wär', was er vorbrachte, lauter Selbsterlebtes. Es gelang ihm auch eine geraume Zeit über, die Leute bei gutem Glauben zu erhalten, bis seine Hörer anfingen, stutzig zu werden und nachzurechnen, wobei es sich denn herausstellte, daß der Zirmhofer, wenn man nur die Halbscheid dessen, was er mitgemacht, unternommen; gelitten und genossen haben wollte, gelten ließ, statt seiner fünfundfünfzig Lebensjahre mindestens doppelt so viele hatte zählen müssen.

Nachdem die Leute es einmal weg hatten, daß der Alte es mit der Wahrheit nicht gar genau nehme, wollten sie sich, als die Gefoppten, auch auf die Beleidigten hinausspielen; da aber der Zirmhofer davon gar keine Notiz nahm und nach wie vor Glaubhaftes und Unglaubliches mit dem ernstesten Gesichte von der Welt vorbrachte, nur daß er zeitweilig seinem nunmehr »aufgeklärten« Publikum die kleine Konzession machte, eine im treuherzigsten Tone gehaltene Erzählung mit einer Schnurre zu schließen, so einigte man sich bald dahin, die Eulenspiegeleien Zirmhofers anzuhören, und es jedem zu überlassen, ob er sie für wahr oder »ausgedacht« halten mochte.

Es war an einem Sonntagnachmittage, der Segen war vorüber, im Regen waren die Bauern in die Kirche getrabt, im Regen gingen sie aus derselben und saßen nun verdrossen in der Wirtsstube, in welcher sich der Qualm aus den Tabakspfeifen mit den Ausdünstungen der am Leibe trocknenden Kleider vermengte und eine Luftart erzeugte, in welcher es selbst für abgehärtete Naturen unbehaglich war.

Unter den zusammengepfercht sitzenden Gästen herrschte denn auch die erdenklich schlechteste Stimmung, denn der Regen kam den Landleulen, abgesehen davon, wie »ruinierig« er für ihren Sonntagsstaat war, auch sonst sehr ungelegen, da die Heumahd vor der Türe stand. Alle Gottesfürchtigkeit schien in der Dorfkirche zurückgelassen worden zu sein, denn von vielen Seiten wurden die lästerlichsten Flüche laut und die nachdrücklichsten Aufforderungen an den Teufel, dareinzuschlagen, alles zu holen, besonders das Wetter, obgleich man selbst gestand, daß dieses »'m Teufel zu schlecht wär'«.

Der Zirmhofer saß kopfschüttelnd dabei. Er war ein langer, wie ausgetrocknet aussehender Mensch, sein scheinbar gutmütiges Gesicht war so braun, wie seine breiten, dichtbehaarten Hände. Er trug keinen Hut, sondern jahraus jahrein eine Tuchkappe mit »Ohrlascheln«, im Winter band er letztere unter dem Kinn zusammen, im Sommer ließ er sie frei baumeln. Er rauchte aus einem mächtigen Fladerkopf »Ordinären«, eine Tabaksorte, die eigens erfunden zu sein scheint, um die Opferwilligkeit des Menschen darzutun, wo es gilt, lasterhaften Neigungen zu frönen; wäre Rauchen eine Tugend, so würde sich niemand dazu verstehen, dieses rohgeschnittene, oft mit Schuhnägeln und Spagatschnüren vermengte Kraut zu qualmen.

Die Pfeife begann zu schwingen, und die Lappen der Mütze flogen dem Zirmhofer um die Ohren, als er immer nachdrücklicher mit dem Kopfe schüttelte; endlich sagte er: »Ös befleißt's eng aber, 'n Gangerl herbeiz'rufen.«

»Laß s' 'n rufen«, lachte ein dicker Bauer, »er kimmtjadochnit.«

»Wohl, wohl«, nickte der Zirmhofer, »was sollt' 'r auch? Heuttags is sein' faulenzete Zeit. Es is so wenig Christentum in der Welt, daß er ruhig in seiner Höll' verbleiben kann, 's lauft ihm ja alles schar'nweis, von freien Stucken zu; aber in frühern Tag'n, wo noch Gottesfurcht im Land war, da hat er sich oft schwere Müh' nit gereuen lassen, um so a arme Seel' z'fangen. Und wer, in welcher Weis' immer, amal mit ihm z'tun g'habt hat, der erinnert sich all sein' Lebzeit dran. Ich bin ihm in meiner Bub'nzeit a af 'm Leim gangen, und ich kenn' ihn, ich tue 'n kennen. Halt ja.«

»Willst 'leicht mit 'm Leibhaftigen z'tun g'habt hab'n?« rief es von mehreren Seiten.

»G'wiß auch noch, Leuteln! Soll 's Hemd af 'm Leib nit mein sein!«

Die Gäste horchten verwundert auf, nur die Wirtin schmunzelte, sie hatte dem bis auf die Haut Durchnäßten ein Hemd aus dem Wäschespinde ihres Mannes geliehen.

»Guckt's so verwunderig, wie's wollts, aber ich sag' eng, fünfadreißig Jahrln mag's her sein, wie ich zwanzig zählt hab', dös is so g'wiß als was. Mir is's damals just nit schlecht gangen, aber auch nit gut, und so wie wohl a jeder Mensch, hätt' ich's halt doch lieber gut g'habt. Na, wann mer jung is, da is mer so viel unb'sonnen und meint, raucher wie der Bär kunnt der Teufel auch kein' Pelz haben. Kurz, ich hab' mir eing'bild't, der müßt' auch mit ihm reden lassen, wann mer's g'scheit anstellt, und ich hab' schon g'wußt, was ich ihm will. Dös war so. Wann gleich heuttags kein Glauben mehr drauf is, so weiß doch wohl jeder, 'm Hör'nsag'n nach, daß mer an einer Stell', wo nachtig Lichter herumg'tanzt sein, ein vergrabener Schatz vermut't hat. Ein' Öften, wann ich im Dunkeln ohne Monscheinlicht durchs G'hölz g'strichen bin, wo 's selbe die ertrunkene Wiesen säumt, Hab' ich dort immer an ein'm und den nämlich'n Fleck drei Irrwisch' tanzen g'sehn. Holla, Hab' ich mir denkt, da schildwachten die armen Seelen bei ihr'm z' Lebzeit Eingrab'nen, und weil ihnen in ihrer höllischen Livrei z'heiß wird, können s' nit stillhalten und hupfen h'rum. Na, wart's nur, Hascher, mit einsmal soll's Loch leer und der Tanz aus sein. Nämlich mir war um 'n Schatz, aber da ich g'wußt hab', die Lichter sein nit die einzige Hut, unter der ein solcher steht, sondern es haltet auch der Teuxel sein' Pratzen drauf, so wollt' ich dem ein gut' Wörtl geb'n, daß er seim haarete Pfoten davontut und mir das Vergrabene freigab'. No, is aber derselbe a hoher Herr, wie er denn auch ›Fürst der Finsternis‹ und ›Herr der höllischen Heerscharen‹ benannt wird, und es laßt sich nit so mit ihm reden, wie mit ein'm Michel oder Hans, und wer mit ihm anbandeln will, der muß's in dem seiner Sprach' und in der vorgeschriebenen Weis'. Das zu erlernen, war mir nit bang, denn daheim z'unterst in der G'wandtruhen hab' ich a alt's Zauberbüchl g'wußt, 's hat's a Zigeunerweib mit ihr g'führt, dö einmal bei meine Eltern über Nacht eing'kehrt is, a hinfällig' krank's Ding, das zu meiner Mutter Schreck 'n nächsten Morgen tot im Heustadl g'leg'n is. 's Buch war also a Vermächtnis von der Alten, es hat sich aber niemand damit abz'geb'n g'traut, weil d' Furcht war, mer könnt' unversehens a unrecht's Blattl aufschlag'n und der Teuxel stund' ›wie vom Himmel g'fall'n‹ vor ein'm und drehet ein'm 's G'nick um. So hat mein' Mutter dös g'fährlich Büchlwerk mit zmoa Fingerspitz' vorsichtig ang'faßt, in d' Truhen fallen lassen und 's G'wandzeug drüberg'worfen, no, und um dieselbe Zeit, wo mir's Schatzheb'n im Sinn g'legen is, hab' ich dem Doktor Fausti sein' Höll'nzwang aus'm alten G'lump, worunter er g'legen is, wieder hervorg'holt und hab' alles zum Lernen ang'hob'n, was einer, der a richtiger Schatzgraber werden will, erlernen muß. Jed'n Tag nach 'm Feierabend hab' ich mich in mein Bodenkammerl eing'riegelt und bin drüber g'sessen, ein jed'r Student hätt's mit mein' Fleiß zu was g'bracht, wann er 'n af G'scheiters ang'wend't hätt', wie ich, mich aber hat döselbe Studie nur allweil verzagter g'macht. Unser Herrgott im Himmel macht keine so Um- und Anständ', wann mer a Anlieg'n an ihn hat, wie der Teuxel in seiner Höll'. D' Beschwörungen auswendig lernen, war schon kein Spaß, aber doch noch der geringste im Vergleich zu den anderen Veranstaltungen und Erfordernis. Af einer Kuhhaut sollt' ich sitzen, ein bloß's Schwert in der Hand und a g'weihte brennende Wachskerzen in ein'm Leuchter z' neb'n mir; an dererselben hätt's freilich nit g'fehlt, dö hat mer heut noch in jed'n frommen Haus und gibt's ein'm, was verstirbt, in die Hand' z'halten, aber woher d' Kuhhaut nehmen, und wie käm' ich zun Schwert? Das hat mer nit wenig Kopfzerbrechen g'macht! Aber da ein's Tags geht unser' Kuh unter 'n Kalben z'grund', der Fleischer muß ins Haus kommen, Vieh aushäuten und zurichten, daß mer's g'nießbar' Fleisch in Rauch hängen kann, no, so denkt's, wie ich g'schaut hab', daß mit einmal d' Kuhhaut da war, und tags drauf hat unser Dorfwachter Vagabunden d'erwischt, oder dö ihn, denn sie hab'n ihn durchg'prügelt, sein Sabel ihm aus der Scheid' g'zogen und im Davonrennen über unseren Zaun ins Gesträuch g'worfen; es macht sich keiner ein' Begriff, wie mir word'n is, wo ich selben Abend im Dunkeln, zu einer Zeit, schon z' spat, ihn noch z'rückz'geb'n, den Wachtersabel auffind' und ihn über Nacht b'halten mußt'. No, hätt' ich's Schwert a g'habt!

Wohl hätt's mich sollen stutzig machen, daß sich der Teuxel mir in all'm so fördersam erweist, aber Schneid hab' ich einmal zur Sach' g'habt, jung und kuraschiert war ich, und wollt' ich dö Schatzgraberei ins Werk richten, so gab's kein lang Bedenken und Herumzipfeln, ich mußt' mich gleich in derselben Nacht noch dazu entschließen, wo ich all's Dazug'hörige bei der Hand g'habt hab'. Also, denk' ich, tust's! Bis so gegen a dreiviertel af zwölf in der Nacht hab' ich mich daheim in mein'm Stüberl verhalten, dann bin ich schön stad h'nausg'wischt. 's Zauberbüchl und 'n Wachtersabel Hab' ich mitg'führt, im Hof hab' ich d' Kuhhaut, die dort zum Trückern ausg'spannt war, zu mir g'nommen und sauber z'samm'g'rollt, dann bin ich auf 'n Zehen und mit verhaltenem Atem in d' Stuben, wo meine alten Leut' g'schlafen haben, zieh' sacht die Schublad' auf und nimm die g'weihte Wachskerzen und nachher pack' ich all das Zeug auf, steig' über 'n Zaun und renn', als jaget mich einer, 'm Waldl zu.

Erst in der Näh' der ersoffenen Wiesen hab' ich eing'halten, um ausz'schnaufen, und hab' mich umg'schaut. Es war heller Monschein, wo Wasser in Lacken überm Gras g'standen is, hat's g'blitzt und g'spiegelt, nix hat sich g'rührt, von nah und fern kein Laut z'hör'n. 's G'hölz is dunkel dag'leg'n, über'm Schatzgrund aber sein dö drei Irrwisch' wie verrückt auf und nieder und durchernander g'fahr'n. Es war völlig schauerlich schön.

Aha, is's mer durch 'n Kopf 'gangen, dö merken was!

Ich will's nur frei g'stehn, wie ich mich da so mutterseelenallein g'funden hab' am verrufenen Ort, in der ung'wissen Mondleuchten, all's wie ausg'storben, kein Hundbell'n, kein Hahnkräh'n, nur 'n Hall von mein'm eigenen Herzschlag im Ohr – sapprawolt, Leuteln, schleunig zun Hoamrennen is mer da für'n erst'n Aug'nblick word'n!

Aber schamen hätt' ich mich doch müssen, wenn vor niemand, so doch vor mir selber, und das is immer 's Schenierlichste. Eh' ich's denk', hebt schon af der Wiesen a Wasserfrosch zun Quarren an, das hat mer wieder Kuraschi g'macht; sein mer doch hitzt unser zwoa an der Stell' g'west. Ich hab's Maul g'spitzt und hab' g'pfiffen, denn 's Pfeifen is 'm Teuxel sein' Musik, koan bravere braucht er nit, unserm Zerrgott singt mer was und 'm Gottseibeiuns pfeift mer was.

Ich marschier' also af dö drei Irrlichter los. Dö sein aber nit schlecht af mich zug'fahr'n, nit anderst, als wollten sie sich meiner erwehren und mich verjagen, ein anderer wär' vielleicht a ausg'rissen, doch ich, ich wußt', was von dem G'lichter z'halten is, versengen können s' kein', so hab' ich's tun lassen, so wütig, als sie woll'n, nur hab' ich mich g'hüt't, daß ich mir ein unnötigen Grausen mach', und hab' nach kein' g'faßt, denn so mer eins erwischt, bleibt ein'm ein lediger Totenknochen in der Hand.

Ich hab' mich nit im g'ringsten durch sö irren lassen, hab' dö Kuhhaut af 'n Boden ausg'breit't, hab' dö g'weihte Kerzen ang'brennt und selbe af ein' Stein abtropfen lassen und draufgepickt, dieweil ich kein' Leuchter nit mitgebracht hab', dann nehm' ich's Schwert, 's Wachters blanken Säbel, in die ein' Hand und 's Zauberbüchl in die andere – 's war just an der Zeit, denn fernher vom Dorfkirchturm schlagt's Mitternachtstund' – und fang' zun Beschwören an.

's erst'mal ganz gelind, ohne viel Flüch' und Verwünschungen, denn es müßt's wissen, ohne Droh'n und Beleidigungen bringt mer 'n Teuxel nit zur Stell'. Umständ' macht mer wohl a Menge mit ihm, aber keine Höflichkeiten.

Auf dös erste Zitieren, wie 's in dö Magiebücher heißt, is aber völlig gar nix g'schehn, nur wollt's mich bedünken, es wär' daraufhin noch stiller word'n, wie voreh', und ein Wolken is über 'n Mond hing'strichen, dann war all's wie zuvor.

Du kommst mer schon, denk' ich; denn es fuchst ein' schließlich doch a bissel, wann ein'm so einer erst will a Weil' warten lassen! Ich vertu' dir schon dein Versteckenspiel! – Fang' also noch einmal, dösmal aber härter, zum Beschwören an.

Wie ich fertig bin, fahrt a Windstoß herwärts über die Wiesen und verlöscht mer fast 's g'weihte Licht, aber ich hab' noch rechtzeit die hohle Hand davorg'halten. Dös war a Anmelden, daß er in der Näh' is, und daß ich 'n jetzt völlig hervorkitzel', das war mir nit bang, nur hab' ich mich ganz in der Still' g'fragt, ob ich mich's doch unterstehn soll und es nit g'scheiter sein möcht', es sein z'lassen, aber eins wie's andere, was a orndlicher Mensch is, der führt 's einmal Angefangene z' End', und dann wußt' ich ihn nah, und da wär' nit g'raten g'west, von meiner Kuhhaut wegz'treten, er hätt' mer 's Läufel, wie ich's drüber h'naussetz', wurzabhau'n können, und so wurd' mer wohl af Zeit und Dauer auf der Kuh ihrer Haut um mein' eigene bang worden sein. ›Nein‹, sag' ich zu mir selber, ›machst a noch dö dritte Zitation‹.

Ich streck' mich also, wie lang ich kann, führ' mit 'm blanken Wachterschwert nach alle vier Weltgegenden einen scharfen Hieb und fang' an mit einer schneidigen Stimm', daß's rundum im G'hölz nur g'hällert hat: ›Vagoth osi gratiel naziel; wir erwarten hier wirklich ursion, ohel beatus nozel heoti Raphael osecht, komme bald!

Ariel heneche lolle heoti gratiosa Adonnai celibat Raphael heneche agra jod semele loi itos pant Zellianelle König Pagmon, komm, komm, komm!

Amon nazot frater noster amma.

Hiermit sollst du vor meinen Kreis zitieret sein!‹«

Nachdem der Zirmhofer dieses Kauderwelsch höchst wirkungsvoll herausgebrüllt, schlug er mit der Faust auf den Tisch, worüber sämtliche in der Wirtsstube anwesenden Frauenzimmer laut aufkreischten. »No, no«, sagte er, tief aufseufzend, «erschreckt 's nit, heut kimmt er nit, dazu braucht's anders und a Kuhhaut, da richten Gänshäut' nix.«

»No, is er damal kumma?« fragte die Wirtin.

Der Zirmhofer nickte ernst, nahm einen Schluck Wein und fuhr fort: »Kaum war's letzte Wort aus mein'm Mund, siech ich von fern a feurige Kugel, wie ein' zweiten Monschein, in einer riesigen Schnellen daherkämma und immer gerad auf mich zuhalten und immer größer is s' word'n, je näher s' herankommt, und die Erd' hat zun zittern ang'hob'n, und das Malefizding hat g'pfiffen, wie 's durch d' Luft g'fahren is.

Jesses und Joseph! denk' ich, das reißt dich in der Mitt' vonnand, wie mit einer Kanon'kugel, und kaum ich's denk', steht das Ding, groß wie a Wagenrad, vor mir still, drauf zerfahrt's mit ein'm Knall, wie ein Donnerstreich und sieigt ein schwarzer Mann daraus hervor, hab's gleich g'wußt, daß der der meine is, denn er hat Bockshörndel, ein' Geißbart, Pferdefuß', ein' rauchen Leib g'habt, und 'n Kuhschwanz hat er a nit dahoam lassen.

Ein' Weil' hab'n wir zwei ohne a Wartl uns geg'nseits beaug'nscheint, wie a Paarl, wo sich keiner vom andern was Gut's erwart', und ich für mein Teil hab' damit wohl groß recht g'habt, denn war' ich über sein schreckhaft's Veranstalten etwa aus mein' Bannkreis h'rausg'rennt, so hätt' ich mich in Handumkehr einmal auch von rückwärts betrachten können, so sauber wurd' er mir 'n Kragen umg'dreht hab'n.

Nachdem er g'merkt hat, daß's mit mein'm G'schrecktsein aus und vorbei is, fragt er mit einer z'widern Stimm', wie a Steuerbeamter, der ein' weg'n 'm Einkommen z' Protokoll nimmt: ›Was willst du?‹

Durch den heillosen Spuk und dös Getös', was 'r vollführt hat, ganz wild word'n, hätt' ich ihm bald was g'schafft, was mer unter unsersgleichen gleich oft selber sagt, wie z'hören kriegt, aber doch keiner tut, noch leid't, rechtzeit' is mer noch eing'fall'n, daß wohl g'scheiter sein wurd', mit ihm keine Mäus' z'machen, und ich sag' also kurz: ›Den Schatz will ich, der da vergraben liegt.‹

›Da drüber laßt sich ja reden‹, sagt er, ›aber wirst dran auch a G'nüg'n haben? Könnt'st anderswo leicht mehr finden!‹

›Papperlapapp!‹ sag' ich drauf, ›'s g'nügt mer vollauf. Was macht's denn aus?‹

›No‹, bescheid't er mich – ›'s is nur a irdenes Weinkrügel mit paar hundert Silbergulden.‹

Ah, denk' ich mir, der Kerl is a Lugner vom Anfang her, er will mich nur von da hinwegfoppen und gunnt mer nix, 's Krügl dürft' schier a Krug, wo nit gar a Faßl sein und dö silbern' Gulden statt in d' Hundert' in die Tausend'; darum sag' ich laut: ›Is schon recht, es steht mer völlig an‹

Auf dös sagt er: ›No gut, so red'n mer d'rüber‹

Ahan – war mein Denken – jetzt hebt der Seel'nschacher an! Aber d' meine verschreib' ich dir nit, a mein erst's Kind, wann ich mal eins gebären sollt', kriegst nit, ebensowenig, wie ich mich etwa drauf einlass', aus der Kirchen wegz'bleiben oder Gott und die lieben Heiligen z'lästern. Sag' ich also in der lauen Weis', wie unsereiner tut, wenn er beim Kauf 'n Preis drucken will: ›Freilich, reden können mer sich ja, a Wort is kein Faustschlag und a Bot kein Handschlag' – und brumm' noch für mich: ›Du Hundling, ich werd' dich schon zwiebeln!‹

Er aber knotzt vor mich auf 'n Boden hin und fangt mit seine Klebeln an der Kuhhaut zu zupfen an, ich aber versteh' kein' G'spaß, fahr' gleich mit meiner Kerzen hinzu und tropf' ihm g'weiht's Wachs af d' Pfoten, hui, is er da in d' Höchen und hat nit schlecht zun trompeten ang'hob'n und mit der Hand g'schlendert. ›Du sollst's ja hab'n‹ – hat er ganz giftig dazwischeng'schrien – ›du sollst's ja hab'n!‹

›Is mir ganz lieb‹ – hab' ich g'lacht – ›reich mir's nur a frei gleich da aus 'm Boden h'raus!‹

Spott bringt den Sakra am meisten auf, er hat 'n Rachen aufg'rissen und g'ring a paar Fäust' voll glühende Kohlen ausg'spuckt, ich hab' mer schon nix Guts versehn, aber mit einmal g'schleht was, was noch kein' Schatzgräber g'sehn is, seit die Welt steht! Der Teuxel hebt richtig an, mit seine Krampeln dö Erd' aufz'wühl'n. No hat aber noch jeder Beschwörer selber ans Graben müssen, höchstens hab'n sich dö vorgerufenen Geister zum Zureichen vom Schatz verstanden. Dabei dürft' aber kein Wort laut werd'n, sonst is der Kessel oder o' Goldtruchen, was's halt eben war, wieder klaftertief in d' Erd' h'neing'rumpelt. Wie 'r mit 'm Ausgrab'n fertig war und mir das Ding zuschiebt, so daß ich's mit 'm Sabel durch 'n Henkel fassen und zu mir ziehen kann, da hab' ich freilich g'sehn, daß der Teuxel a mitunter d' Wahrheit red't, wann d'selbe ein'm Ärgernis gibt, 's Schatzgut war richtig nur a klein's Weinkrügel und mit dö paar hundert Silbergulden und kein Groschen drüber hat's auch – 'm Augenmaß nach schon – sein' Richtigkeit hab'n müssen.

Wie ich so von mein' Töpfl aufschau', das ich, mit all' zwoa Händen ang'faßt, g'halten hab', nit anderst, Leuteln, wie das da vor mir af 'm Tisch, merk' ich, daß der Höllische an der Quasten von sein'm Schweif sich 's Lachen verbeißt. Ei, denk' ich, der Kerl meint wahrscheinlich, ich hätt' d' Abdankung vergessen, und wüßt 'n nimmer losz'werd'n, spring also in d' Höh', schwing' das Schwert und schrei ihn an: ›Maschilla, Jehova stuadisohilanus!‹

Da drauf sagt' er nix, wie: ›Servus!‹ – hat mich nit g'wundert, denn Lateinisch versteht der Teuxel über ein' Pfaffen, und Griechisch weiß er mehr, wie so einer d' Jahr her davon vergessen hat – sagt also: ›Servus‹, kehrt mer d' abige Seiten zu und fahrt ab, ein' G'stanken z'rucklassend, daß ich nit g'wußt hab', wohin mit der Nasen.

Aber, wie ich wieder zu Atem kommen bin, hab' ich mich mit aller G'walt z'ruckhalten müssen, daß ich nit ein' hellauten Juchezer tu'. Denn, meine lieben Leuteln, obgleich 's Schatzgut nit danach war, daß mer über sein' G'winn 'n Kopf vor Freud' hätt' verlieren können, so mußt' ich mir doch sag'n, es war a g'schenkt's Geld – und daß ich dasselbe 'm höllischen Erbfeind, so mir nix, dir nix, ohne jed's Verschreiben und Bedingen herauspraxelt hab', dös war mir a Hauptspaß und hat mer a damische Freud' g'macht, und nit träumen hätt' ich mir lassen, daß a so lustige G'schicht' ein' traurigen Ausgang nehmen könnt', aber trau' einer 'm Teufel!«

Der Zirmhofer schwieg, senkte den Kopf und starrte nachdenklich vor sich hin.

»Oh, Zirmhofer, mer kennt dich«, unterbrach ein vorlauter Bauernbursche die andächtige Stille, »hitzt willst uns wohl aufbinden, du hätt'st 'n Morgen drauf im Schatzhäferl nix wie Kohlen oder Glasscherben aufgefunden!«

Zirmhofer warf dem Sprecher einen sanft zurechtweisenden Blick zu und sagte: »Nein, Hiesl, weit g'fehlt. Der Gangerl hat ganz gut g'wüßt, wozu er 's Geld herschießt. Sechs Wochen danach war ich – verheirat't!«

Die Heimkehr

Die Sonne brannte hernieder, die Steine auf der Straße waren so heiß, daß kein Bettler sie aufgelesen haben würde, um damit nach bellenden Hunden zu werfen, wenn es an diesem Tage welche gegeben hätte, denn die Tiere hatten sich verkrochen und lagen mit lechzender Zunge, die Beine von sich gestreckt, längelang in irgendeinem Winkel. Feiner fahlgrauer Staub lag über allen Wegen, stob unter jedem Tritte, unter jedem Wagenrade auf, aber da die Füße sachte traten und die Räder langsam Speiche für Speiche sich umdrehten, so sanken die Wölkchen, welche Fußgänger und Wagen auf Steigen und in Geleisen aufjagten, schwerfällig und wie matt an der Stelle in sich wieder zusammen. Kein Lüftchen regte sich, es war ein Mittag zum Verschmachten und Erntezeit noch dazu. Die Felder waren belebt von Arbeitern, die mit Mühe ihrer Ermattung Herr blieben; die Häuser der Ortschaften standen verlassen.

Auf weite Ferne zeigte sich die Straße, die an den Dörfern vorüberführte, unbegangen und unbefahren, denn das einzige Gefährt, das ab und auf zu erblicken war, stand am Fuße eines kleinen Hügels wie angewurzelt; es war ein sogenanntes Steirerwägelchen, das braune, magere Pferd davor hielt den Kopf tief gesenkt, es schien von seiner Entschließung abgehangen zu haben, ob es weiter wolle oder nicht, und angesichts des ansteigenden Weges hatte es sich offenbar für das letztere entschieden und war stehengeblieben.

Auf dem Kutschsitze befanden sich zwei schlafende Männer: ein kleines, greises, verrunzeltes Bäuerlein, der Fuhrmann; seinen Händen waren die Zügel entglitten, die Peitsche lag im Straßenstaube, der Hut war dem Alten rückwärts ins Korbgeflechte gefallen, und sein Kopf mit der schwarzen Zipfelmütze lag quer über dem Magen des zweiten Schläfers, eines überlangen, robusten Menschen, der in einer ganz unglaublichen Körperverdrehung hintenüber und ein gut Stück seitwärts zum Wagen hinaushing.

Je länger er in dieser Stellung verharrte, je empfindlicher mußte sich ihm das Unbehagliche derselben merkbar machen. Plötzlich fuhr er mit einem Ruck aus dem Schlafe empor, wobei er den Kopf des Männleins etwas unsanft von sich stieß, so daß der Alte, der nicht gleich wußte, wie ihm geschah, in ein klägliches Gewimmer ausbrach.

»No, no, Hans Melcher«, beruhigte ihn der Lange, »sei nur gut. Komm zu dir. Es war nit bös g'meint, is nur ungern g'schehn. Schau, sein mir heilig all' zwei da eing'schlafen. Is kein Munder bei so einer einduseligen Hitz'. Ich glaub' gar, der Braun' halt't auch a Schlafert. Tut mir leid, das Vieh aufwecken zu müssen, aber das Büherl muß er uns schon noch h'naufziehen, dann könnt's weiterschlafen, wie's wöllt's.«

»Du wollt'st doch nach Elberfeld, wie d' g'sagt hast?« fragte der ermunterte Fuhrmann.

»Freilich will ich nach Elberfeld, aber ich hab' mir's überlegt: ich steig' enterm Bühel ab und geh' 'n Feldrain nach mein's Wegs.«

»Ah, beileib'«, meinte der Alte, »da fahr'n wir doch in einer klein' halben Stund' grad zum Ort ein; über dö Steig' gangst doch weitmächtig um und noch dazu mit der Kirchen ums Kreuz; kamst ja am verlor'nen End' hinzu, als wollt'st dich einschleichen.«

»Vielleicht is's eh' nit anderscht«, entgegnete der Lange. »Halt'n mer uns nit länger auf. He, suchst dein' Peitschen? Jo, dö liegt da drunten. Wart, müh dich nit, ich reich' dir s' schon h'rauf.« Er sprang vom Wagen, hob die Peitsche auf und schwang sich dann wieder auf den Kutschsitz. »So, hitzt laß's g'mach vorangehn, schreck mir dös arme Bräun'l nit mit ein' gachen Streich auf. Wohl, no, wohl, hiö!«

Sie fuhren den Hügel hinan und lenkten an der anderen Seite sachte hinab. Das Wägelchen hielt an einem Feldwege.

»Dös war' der Weg, den d' wohl meinen magst, wann dir's mit 'm Geh'n ernst is«, sagte der Alte mit einem forschenden Aufblick.

Der Lange stieg vom Wagen. »Mein völliger. No, dank' ich. dir schön und da hast dein Ausbedungen's. Er reichte dem Alten ein paar Münzen hinauf.

»No, vergelt dir's Gott und behüt dich«, nickte freundlich der Fuhrmann. »Wird nit alt werd'n im Westentaschel bei so einer dürstigen Zeit. Hehe!« Doch der andere schritt schon auf dem Feldwege dahin, und nun blickte das Bäuerlein ihm kopfschüttelnd nach. »Der will auch wohl mit Müh' hinzu, wo er gradwegs leichter hintreffen könnt', oder gang' er gar auf üblen Wegen, weil er 's Einschleichen nit verred't? No, so möcht' mer sich eh' nimmer begegnen, und 's geht mich um und auf nix an.«

Er schnalzte mit der Peitsche, und das Pferd trabte langsam weiter.

Der Mann, der das Gefährt verlassen hatte und nun, ohne nach selbem umzusehen, den Fußsteig über eine weite Wiese verfolgte, gehörte wohl der Sprache nach zu den Leuten in der Gegend, aber die Tracht machte ihn fremd, und er mochte von weit hergekommen sein.

Das breite, etwas derbe, aber gutmütig scheinende Gesicht, mit blassen, eingefallenen Wangen, beschattete ein grober, breitrandiger Strohhut, wie ihn die bei Bahnbauten und Erdaushebungen beschäftigten Italiener häufig tragen, eine leichte, graue Bluse saß ihm etwas stramm an den breiten Schultern und über dem weiten Brustkorb und hing dann faltig bis zu den Knien herab, die Zwilchhose, die darunter sichtbar wurde, hatte er in die hohen Röhrenstiefel geschlagen. Freihändig, ohne Bündel oder Stock, schritt er bedächtig dahin, der Sonnenbrand riet zu nachdrücklich von jeder Eile ab, und dem Wanderer schien auch nicht an solcher gelegen, denn sooft er auf einen der wenigen Sträuche traf, die an dem Raine wuchsen, streckte er sich auf den Rasen nieder und verschnaufte und wischte sich die perlende Stirne mit einem schreiend roten, gelbgeblümten Tuche.

So legte er in einer ziemlich geraumen Zeit die unter anderen Verhältnissen kurze Strecke bis Elberfeld zurück und erreichte schließlich den Ort, wie der Fuhrmann vorhergesagt hatte, bei dem »verlorenen Ende«, da wo nach der weiten Halde hinaus noch vereinzelte Gehöfte weitab voneinander lagen.

Auf eines dieser Anwesen, das ein wenig besser hersah wie die umliegenden, schritt er nun ziemlich rasch zu; schon von ferne sah er auf der Bank neben der Haustür eine Gestalt sitzen, und er hielt zögernd inne und machte einen langen Hals, dann murmelte er vor sich hin, als schelte er mit sich selber, und stand in wenigen Augenblicken vor einem alten, dürren Männlein. »Grüß Gott, Anzinger«, sprach er es an.

»Auch so viel«, sagte der Bauer mit einer feinen, dünnen Stimme; er blickte mit den tiefliegenden Triefaugen ungewiß auf. »Wer is's denn?«

»Denk' mir's«, sagte der Lange, »daß d' mich halt wohl nimmer erkennen magst. Der Tritz Poldl bin ich.«

Der alte Bauer wackelte mit dem Kopfe, der ihm wieder auf die Brust gesunken war, dann hob er ihn und hielt ihn mit Mühe auf dem vorgereckten Halse aufrecht. »Jesus, Maria und Joseph«, kreischte er, »der Tritz Poldl!« Er griff mit den zitternden Händen nach dem Stocke, der an seiner Seite lehnte, und versuchte sich zu erheben.

»No, fürcht dich nit, fürcht dich nit, Anzinger, ich tu' dir nix«, begütigte Poldl. »Nur sag'n sollst mir, ob dein Weib noch lebt.«

»Jo, jo, leb'n tat's wohl schon noch«

»Is mir recht lieb. Mit ihr hält' ich was z'reden, denn du bist all dein Zeitlang a g'schreckt's Simandl g'wesen, mit dem mer sich nit verstehn könnt', außer 's hat dir zuvor dein Weib dö Wörter, dö d' vorbringen durft'st, aus ihr'm Fürtuch zu'zählt. Sie wird wohl daheim sein?« Er machte Miene, in das Haus zu treten.

»Halt aus!« schrie der Alte und streckte seinen Stock quer über die Schwelle. »Du hast nix mit uns z'schaffen. Geh deiner Weg'! Ins dritt' Jahr liegt s hitzt schon, lahm an' Füßen, im Bett. Willst mir s 'leicht z' Tod' schrecken, wann d' h'neinkamst, so gach und unversehn?«

»Das bedauert mich«, sagte der Lange, »daß ich sie so siech und elendig betreffen muß. Aber geh du nur h'nein zu ihr, sag ihr, der Tritz Poldl wär' da und hätt' ihr manch's z'sagen. Weißt, ich denk' nit, daß sie sich vor mir fürcht't, sie muß doch denken, eher hätt' ich ein' Grund, sie z'scheuen. Also tu mir den G'falln, Anzinger, und richt ihr dös aus.«

»Nein, nein«, greinte der Alle, »eh' lass' ich bevor mich erschlagen, als ich s' dir preisgab'. Versündig dich nur gleich an mir auch! Nimm uns all' zwei aufs G'wissen!«

»Du bist a Narr, Anzinger, weder ihr noch dir will ich übel«, sagte der Poldl.

»Oh! han? Und warum denn kamst zu einer Zeit, wo d' 's G'sind af 'm Feld und uns zwei arme Hascher allein da weißt?«

»Weil ich allem mit der Bäuerin reden und lang, vor 's G'sind heimkehrt, wieder weg sein will. Also ich bitt' dich. Anzinger, sei so gut und bring ihr mein' Botschaft vor. Wann sie sich fürchten sollt', sie braucht's nur frei h'rausz'sagen, so geh' ich gutwillig wieder von da weg.«

»Ah, jo freilich, ich weiß, du rechenst halt af ihr verwogene Kuraschi. Döselbe hätt' s' noch heutigstags, jo, oh, wohl, aber da is 's Denken 'm Mon sein' Sach', und dös gibt's nöt, ewig nöt, daß ich ihr so ein' Mörder und Leutumbringer zuließ'!«

»Anzinger!« schrie der Poldl auf. Er erhob die geballte Faust, schlug sich aber sofort selbst vor die Brust, daß es dröhnte, und fuhr nach einer Pause in ruhigem Tone fort: »Anzinger, schau, sei nit dumm. An was könnt' mir g'legen sein? Geld brauch' ich keins. Wo ich war, mußt' ich arbeiten und hab' verdient, wenn auch nit viel, aber auf die Dauer kommt doch was z'samm'. Um 's Euere is mir wahrlich nit, um was denn nachher dann?«

»Oh, du Schlaucher, könnt'st uns nit unsre Zeug'naussag' vor G'richt heimzahlen wöll'n?«

»Aber, Bauer«, lachte der Poldl laut auf, »du bist doch noch der nämlich' Lippel, der d' voreh' g'wen warst. Denk doch nur a bissel nach. Wenn ich af so was ein' Gedanken hätt', krähet schon kein Hahn mehr nach eng zwei. Meinst, da stund' ich Zeit und Weil' h'rum und ließ' mich erst af ein' langen Plausch ein? Nur g'scheit sein, Anzinger! Hab dein' Will'n, geh h'nein zur Bäuerin und sag ihr mein' Post. Ich setz' mich derweil da af 's Bankel nieder und wart' 'n Bescheid ab. Will d' Anzingerin nit, so will s' nit. Magst ihr's auch gleich ausrichten, von Nutzen wär's ihr nit, was ich vorz'bringen hab', aber sie wurd' dann um all's wissen, wie 's hergangen is, und das dürft' s' vielleicht doch verinteressier'n.«

Der Alte erhob sich mühselig vom Sitze. »Jo, dös, dös tat's wohl mich aber auch.«

»Du kannst ja nebensitzen und zulosen sagte der Tritz Poldl, auf der Bank Platz nehmend.

Der Alte verschwand in dem Hausflur, man hörte das Aufstapfen seines Stockes, bis es hinter einer sich öffnenden Tür erstarb.

Der Mann, der da auf der Bank vor dem Hause saß, stemmte beide Ellbogen auf seine Knie, legte den Kopf in die hohlen Hände und versank in Nachsinnen. Er gedachte, wie oft er einstmals hier gesessen habe, den Blick in dieselbe weite Gegend gerichtet – vor langen Jahren – vor nahezu zwanzig – und wie weder zu hoffen noch zu glauben war, daß er jemals wieder an dieser Stelle sitzen werde. – –

Der alte Bauer war in eine geräumige, aber düstere, dumpfige Stube getreten, sie lag nach dem Hofe hinaus. Die kleinen vierscheibigen Fenster waren sorgfältig geschlossen, überdem durch kattunene, geblümte Vorhänge geblendet, trotz außen die Holundersträuche mit ihren dichten Zweigen davor schatteten. In der Ecke stand ein Bett, und darin ruhte die sieche Bäuerin; durch viele Polster, die ihr hinter den Rücken geschoben waren, unterstützt, hielt sie sich mit dem Oberleibe fast aufrecht. Die vielen Runzeln in dem fahlgelben Gesichte und noch mehr die faltige Haut an den abgezehrten Armen, die sie vor sich auf der Bettdecke liegen hatte, ließen darauf schließen, daß sie einst eine Frau von stattlichen, fülligen Formen gewesen sein mochte, jetzt war sie gar hinfällig und herabgekommen anzusehen, nur die großen, dunkeln Augen, die sich nach dem Gegenstände, der ihre Aufmerksamkeit herausforderte, mit einer gewissen Entschiedenheit richteten, verrieten, daß diesem der Auflösung nahen Körper eine starke Willenskraft innewohnte, die nun durch das schwere Siechtum niedergehalten, aber doch nicht gebrochen wurde.

Als der alte Bauer zur Tür hereingehumpelt war und diese hinter sich ins Schloß gedrückt hatte, sagte er, die Augenbrauen hochziehend und das Kinn schief haltend: »Du Mutter!«

»No, was gibt's denn?«

»Denk dir, wer jetzt da draußt sein tät'? Aber du kannst dir's gar nit denken!«

«Ei, so sag gleich, wer's ist!«

»Du därfst aber nit d'erschrecken, denn ich bin's nit schlecht, wie er af amal vor meiner g'standen is.«

»Schneid nit viel h'rum!«

»Der Tritz Poldl!«

»Jesses und Joseph! Wie kam' denn der her? Bist aber auch g'wiß?«

»No, wann er's selber sagt, wird er's wohl sein.«

»Und daher kimmt er, daher g'traut er sich, wo er sich doch denken mag, mer ließ' sich mit 'm leibhaftigen Gottseibeiuns grad so lieb ein, wie mit ihm? Was will er denn?«

»Reben will er, mit all'm G'walt reden mit dir und dir von all'm 'n Hergang sag'n. Ich – hat er g'sagt – dürft' auch dabei zulosen, jo!«

»So, na is ja recht. Der kimmt mer eben g'legen. Ruf mir 'n nur h'rein. Wann mer so in Tagen und Nächten daliegen muß und fort und fort selbeigene Gedanken sich machen und döselb'n auch allanig austragen wie ich armer Wurm, da trifft sich so a extraiche Neuigkeit wie g'wunschen, wann's ein'm auch dabei a bissel kalt über'n Rucken lauft und z'gleich in den Fäusten juckt. Hol 'n nur h'rein!«

»Aber, Mutter, so ohne Überleg'n –«

»Du weißt's nit, wie a öften ich mir schon in Gedanken vorg'stellt hab', ich kam' mit ihm noch amal z' Red' und könnt' ihm all's h'neinsagen, was ich von damal im Herzkammerl einb'schlossen b'halten mußt', samt was sich zeither hinzug'funden hat. Der klein' Bremsler von vorhin, wie ich hör', 's Geträumte wollt' mit eins leibhaft auf mich zu, is schon verwunden. Überlegens hat's weiter bei mir nit not. Laß 'n nit z'lang warten, bring 'n!«

Der Alte stolperte hinaus. Bald ließen sich neben seinen schlurfenden, von Stockgestampfe begleiteten Schritten die festen Tritte des Erwarteten vernehmen. Er trat mit dem Bauern zugleich ein.

«Grüß Gott, Bäuerin«, sagte er. »Es tut mir leid, daß ich dich so finden muß. D' Hand will ich dir nicht reichen, denk', du wurd'st s' nit annehmen.«

Die Bäuerin nickte ihm mit einem bösen Lächeln zu. »Du hast schon recht. Ich muß wohl sagen, ein Begegnen von uns zwei hätt' ich af derer Welt nimmer d'erwart't, und in der andern wär'n wir, wie ich von Gott's Barmherzigkeit wohl erhoffen darf, nit an ein'm Ort z'samm'g'troffen! Wie sich aber das schicken könnt', daß du jetzt doch da zur Stell' sein magst, möcht' ich wissen: bist ausgebrochen?«

»Nein, sie haben mich freigelassen. Der Kaiser hat ein' Bub'n g'kriegt, und da is, wie sie's benamen, a Amnestie ausg'schrieb'n word'n, und weil ich mich im Strafhaus brav g'halten hab', hat mich der Verwalter für dö Begnadigung empfohlen, und ich könnt' gehn und komm' grad noch z'recht, daß ich mich meiner alten, verlassenen Mutter annehmen kann, dö d' Leut' unschuldigerweis' für das hab'n leiden lassen, was doch nur ich getan Hab'. Zu ihr war mein erster Gang, ihr mein Eing'kauft's und Erspart's zutrag'n, mein zweiter war daher zu dir.«

»Und du hast dich nit lieber ins Erdwinkerl, wo 's selb' alte Weib haust, verschlossen, daß du von uns nix weißt und wir nit von dir? Macht dich dein unverhofft' Glück so weit übermutig, daß du mir aus Trutz unter d' Augen gehst, nit anderscht, als wollt'st mir aufweisen, daß ich dir damal nit g'nugsam g'flucht hätt'? Und du fürcht'st dich nit, daß ich's nachhol'? Gleichwohl, wann ich's unterlass', g'freu du dich nit, denn ich tu's nur meinetwill'n, kein' Sünd' mehr auf mich z'laden, wo ich – wer weiß wie bald schon – vor Gottes Thron muß! Doch sei sicher, daß ich da drob'n unfern Heiland fortzeit anliegen will, daß dir nimmer kein' ruhige Stund' af Erden g'schenkt sein soll!«

»Red' doch nicht so weibfahrig. Du wärst a rare Heilige, die d' Sünd' sich für 'n Himmel aufspart. Meister a weng dein' Zorn und hör mich an. Eb'n dein'm damaligen Fluchen wegen bin ich da, aber nit dir zum Trutz, sondern um dir z'sagen, du hätt'st zum wenigsten Not und Anlaß dazu g'habt.«

»Willst du vielleicht auch mir ins Gesicht leugnen, wie 'n G'richtsherrn, daß du 'n Scheibner Franzl erschlagen hast?« schrie das Weib erregt.

»Bewahr, dir will ich ja nix verschweig'«, dir will ich ja anvertrau'n, was weiter kein' lebende Seel' af Gott's Erdboden von mir erfahren soll! Dö G'richtsherr'n hab' ich freilich wohl ihr'n eigenen Weg gehen lassen, und dö hab'n mir schließlich auch alles sein und findig g'nug auf- und nachg'wiesen und mich af lebenslang verurteilt; vorm Eing'stehen aber hat mich der Doktor g'warnt, der mich verantwort't hat, denn af a solch's hin hätten s' mich auch aufhängen können, und das war' mir der Scheibner doch nit wert g'wesen. Und wie mir der nämlich' Doktor das Hölzl g'worfen hat, ich möcht' mich ausreden, wir wär'n zufällig strittig word'n und unversehen üb'reinand' g'raten, da hab' ich auch kein G'hör drauf geb'n, es war' a Lug g'west, und Sünd' wollt' ich keine, 's Scheibners weg'n, af mich nehmen.«

»Heilige Mutter Anna!« zeterte entsetzt die Bäuerin und schlug die mageren Arme über dem Kopfe zusammen. »Kein' Sünd', sagt er, kein' Sünd', wie a leichtverzeihliches Lugen is, wollt' er z'weg'n dem af sich nehmen, den er ums Leben bringt! Ja, rechenst du die Mordschaft an ihm, wie d' ihn vom breiten Weg in 'n Wildbach g'stürzt hast, für kein' Sünd', die dir sein'thalb af der Seel' brennen soll, du dreifach verhöllter Mordknecht, du?!«

Der Tritz Poldl winkte beschwichtigend mit der Hand. »B'halt nur deine Wort' im Gedenken, Bäuerin, wir kommen spater schon noch drauf z'ruck.«

»Oh, wohl behalt' ich alle meine Wort' im Gedenken, auch mein' ersten Schrei weiß ich noch allz'gut, wie damal dein' Mordtat ist offenkundig word'n: 'n Tag hab' ich verflucht, wo du uns unters Dach kämma bist!«

»Dadrauf kommen wir auch«, brummte der Poldl.

Aber die Bäuerin fuhr laut schreiend fort: »Wann du nit g'wesen warst, du Auswürfling, wann du nit der Viktel ihr'n Schatz vom Leben g'bracht hätt'st, so säß' s' jetzt af 'm Scheibnerhof als d' reichste Bäuerin im Tal!«

»Sie säß' nit, Anzingerin! Da kommen wir erst recht drauf!«

»Willst du mich narren mit dein'm ewigen Draufkommen? Laß dir sagen, worauf ich dir g'kommen bin, was du freilich dich ausz'sagen g'scheut hast, und was ich bis heut bei mir b'hallen Hab', weil ich's nit vor aller Welt vorbringen wollt'; es wär' uns nur a Schand' g'west. Aber dir ins G'sicht, du Schuft: verliebt warst in unser Viktel! Schon gleich anfangs hab'n mir die Augen nit g'fallen, mit dö du dös noch halbwüchsige Menscherl betracht't hast, und wie s' mannbar war, hab' ich wohl g'merkt, wie du um sie h'rumg'schlichen bist, aber Zeit hab' ich dir keine g'lassen und Gelegenheit hab' ich dir keine geb'n, daß du mit ihr hätt'st verkehren können, erst wie ich g'wiß war, daß du ihr so z'wider warst, wie sie dir lieb, hab' ich 's Lauern sein lassen. Aus Eifersucht hast du ihr 'n Scheibner Franzl erschlagen! Weil du nit, sollt' sie auch kein anderer haben, und weil s' nit mit dir dein Elend teil'n wollt', sollt' s' auch von kein'm Glück nix sagen können! Laugn's, daß's anderscht war, wann d' kannst!«

»Die Lieb' zu der Mklel laugn' ich dir nit, aber was d' mir an törichten Eifern und an schandbarer Bosheit zuschreibst, dös trifft nöt zu. Die Dirn' war mir lieb wie mein Leben. Wann ich dö neunzehn Jahr' und drüber, dö ich inner 'n Mauern g'sessen bin, freiledig h'rumg'loffen wär', ich hätt' mich doch um kein' andere umg'schaut, freilich – nachdem s' vom Scheibner mit ein' Kind 'gangen is – auch um sie nimmer, aber dazu hätt' mich nicht erst 's Strafhaus z'bemüssen g'braucht, daß ich ledig bleib'; ich wurd' nach keiner zweiten g'sucht hab'n.

Mir war die Dirn' so heilig«, fuhr der Tritz Poldl fort, »daß's mir ganz unvorstellig war, wie mer ihr mit ein'm unehrbar'n Zumuten unter d' Augen gehn könnt': aber auch mein' ehrbare Lieb' ihr anz'tragen, hat mir d' Kuraschi g'fehlt, und maniche schlaflose Nacht hat mich 's Nachsinnen g'kost't, af welche Weis' ich mich wohl am g'schicktesten dazu anstellen möcht'. Doch just wie ich mir's so halbwegs z'rechtg'legt g'habt hätt', wie ich's angeh', war's z'spat; da war s' schon mit 'm Scheibner Franzl verbandelt. Mir is's schwer g'nug g'fallen, dö Dirn' verloren z'geben, noch härter war mir's aber, daß es um den Bub'n g'schehn mußt', doch von Eifern war kein' Red', da müßt' ich drauf ausg'west sein, sie ihm wieder abwendig z'machen, und a Weib nimmt mer nit aus zweiter Hand, je lieber ein'm 's selbe sein mag, je weniger versteht man sich dazu. Wer aber nit amal 's Zeug hat, 'm andern d' Dirn' strittig z'machen, der hat's wohl noch weniger dazu, daß er 'n selben aus Eifersucht umbringt, und darauf, daß ich der Viktel all's Glück von der Welt vergunnt Hab' und heunt noch vergunn', darauf, Anzingerin, siehst mich d' Hand af 's Herz leg'n! Dein' Reden nach tut s ja noch leb'n, sag mir, wie geht's ihr denn?«

»Dank' der Nachfrag'. Der Wirt von Braunstetten hat sich bald danach in sie verliebt. Der war nit so heiklig wie du und hat s' g'heirat't und auch ihr'n Bub'n zu ihm g'nommen. Unang'sehn d' viel' Arbeit, geht's ihr ganz gut, und sie lebt recht z'frieden mit ihr'n Mon.«

»Und der Bub – macht er ihr und 'm Pflegevater wohl recht a Freud'?«

»Ei jo, er is a hellauf brav's Bürschel word'n.« »So, so? No, das is ja recht, das is wohl recht recht!«

Der lange Tritz Poldl wirbelte seinen Strohhut rasch zwischen den Fingern herum und hob bald das rechte, bald das linke Bein. »So war's doch nit umsonst! Das einzige, was mich oft fürchten g'macht hat, war, daß 's etwa umsonst g'wesen sein möcht'.«

»Was?« schrie die Alte, die sich unterdem bewußt geworden war, daß sie in ihren letzten Reden eine gewisse Sanftmut hatte merken lassen, und nun darüber in um so größeren Zorn geriet. »Du lügnerischer Schuft und Erzheuchler, tust du nit, als möcht'st d' dir gar noch af dein' himmelschreiende Sünd' was z'gut tun! Wann dich nit Eifersucht noch Bosheit afg'stift't hat, wann du 's nit uns z'leid und dir z'lieb g'tan hast, z'weg'n was wär's denn dann nachher überhaupt g'schehn? Warum, wenn dir an der Viktel ihr'm Glück was g'legen g'west wär', hast ihr dös zernicht't, was ihr schon aufg'spart war?«

Der Tritz Poldl richtete sich auf, so lang er war, und sagte nachdrücklich: »Mein' liebe Anzingerin, 's Glück könnt' deiner Dirn' damal keiner mehr zernichten, und was ich unternommen hab', das war nur geg'n 's Elend, was ihr aufg'spart g'wes'n wär'!«

Die Bäuerin starrte ihn mit offenem Munde an; der Bauer stöhnte Töne der Verwunderung heraus.

»Ös verlaubt's schon«, sagte der Tritz Poldl, sich einen Stuhl herbeiziehend. »Ich bin müd', daß ich nimmer warten kann, bis ös mich sitzen heißt!«

Er setzte sich an den Tisch, der in der Mitte der Stube stand. Vor sich niederblickend trommelte er mit den Fingern einen kurzen Wirbel auf der Platte, dann hob er den Kopf und fuhr fort:

»Jo, Anzingerin, da bist wohl nach der g'fehlten Seit' hin af der Lauer g'leg'n! Hast auch recht scharf g'sehn, wie alle Mütter, wo ihnen a Freier nit ansteht, aber herentgegen, wann ihnen einer in d' Augen sticht, da rinnen ihnen döselben völlig aus. Du hast das Nachlaufen von dem Burschen und das H'rumziehn mit ihm für a G'spiel g'halten, wobei dein Viktel 'n Scheibnerhof g'winnen muß, und nit bedacht, daß sie dabei auch ihr Ehr' verlieren könnt'! Du, dö nah' hätt' zusehn können, ob 's wohl ehrlich zugeht, hast dich fern g'halten, und ich, der ich mich schicklicherweis' fern halten mußt', könnt' nit nah' hinzusehn; du hast aber auch dann noch wie d' blinde Kuh in 'r leeren Eck', wo nix z'haschen is, mit 'n Händen nach der Luft g'faßt, wie schon lang 's G'sind hat zun Munkeln ang'hob'n über der Viktel ihre eing'fallenen Aug'n und über ihr sichtlich's H'nunterkränken, weil der Scheibner Franzi angefangen hat, allweil seltner zuz'sprechen und immer häufiger ausz'beugen, wann sie ihm 'n Weg hat kreuzen woll'n. No und da war's an dem Kirtag vor neunzehn Jahr'n, wo einer mit mir vom Tanzboden heim'gangen is, und der sagt zu mir: ›Poldl‹, sagte er, ›wann mir recht is, hätt'st du a Schneid' auf dein' Bauern sein' Viktel.‹ – ›Du Narr‹, sag' ich ihm drauf, ›dö is ja 'm Scheibner Franzl seine‹ – ›No‹, sagt er wieder, ›dem wär's recht lieb, wann ihm jetzt einer ins Gäu gehn möcht'.‹ Er wüßt', er hätt' was ang'stellt, und er käm' gern in gutem davon. Ich brauchet mir da nix dran g'legen z'sein lassen, denn wann ich nit Ernst machen wollt', hätt' ich, als zweiter, 's Sitzenlassen immer leichter wie der erste; würd' ich aber aus ein'm Knecht 's Bauern Schwiegersohn, so könnt' ich mich wohl dazu verstehn, z'neb'n der Kuh auch 's Kalb ins Futter z'nehmen. – Da hab' ich mein' Faust aufg'hob'n und ihm bedeut't, wann er noch weiter a Weil' so schandbar von mein' Bauersleuten und schlechtanwürfig von mir reden möcht', so schlaget ich ihm wohl alle Zähn' 'n Hals h'nunter. Drauf hat er sich nit mehr vernehmen lassen. Dö Nacht aber hab' ich wenig schlafen können, es ist mir wach und im Traum d' Viktel vorg'kommen und was aus der jetzt wohl werd'n mag.

Und bald a Nacht drauf weckt mich af amal 'gen Mittnacht zu a laut's Weinen vom Garten her. Ich krall' in d' Höch', geh' zum Fenster hin und siech nah' davor d' Viktel mit der Oberdirn', der Regerl, stehn, und das alte Frauenzimmer hat mit all' zwei Händen 's junge bei'n Kopf ang'faßt g'halten und g'streichelt und g'schmeichelt und gute Wort' geb'n und g'tröst't. Ich hab' d' Fensterriegel schön stad z'ruckg'schob'n und a Hand breit 'n Flügel aufg'macht, und da hat grad dö Viktel zum Reden ang'hob'n, und ich hab' g'hört, wie sie sagt, wann s' der Scheibner Franz in der Schand verlassen würd', so tat' sie sich selber a Leid's an, – bei all'n Heiligen im hochen Himmel drob'n, dö ihr dann in ihrer letzten Not beistehn mög'n!

Darüber bin ich so erschrocken, daß mir d' Händ' zum Zittern ang'hob'n hab'n, ich hab' hart geg'n a Scheib'n g'stoßen, und das Scheppern hat die zwei draußen fortg'scheucht. Bis in d' Fruh' wollt' ich mir einreden, es war' 'leicht nur a wüster Traum g'west oder a ein'bildt's G'sicht, aber wie ich mir dann spater d' Regerl auf d' Seit' g'rufen und zur Beicht g'zwungen hab', da mußt' ich mich wohl für wach geb'n, und ich und dö alte Oberdirn' war'n einer Meinung, daß, wann sich ereignet, was d' Viktel fürcht't, dö ganz g'wiß Ernst machen würd'!

Von der Stund' ab hab' ich mich mit dem Gedanken g'tragen, wie das Unglück z'verhüten wär'. Volle acht Tag' hab' ich mich jed' freie Zeit an den Lumpen h'rang'macht und ihm von nix anderm vorg'red't als von der Viktel. Unter Lachen, das mir wahrlich nit vom Herzen g'kommen is, hab' ich ihm erzählt, wie s' gar so unsinnig in ihm verliebt sein tät', und allein aus Erbarmnis schon sollt' er das arme Hascherl nit verlassen, und dadrauf könnt' er sich doch auch kein' Rechnung machen, daß er a zweit's Mal af derer Welt so a verschamerierte Katz' wiederfand'! Ein andermal hab' ich ihm zur Abwechslung ernst ins G'wissen g'red't, beiläufig auch, daß nit eine wie d' andere wär' und schon manche in dem Fall Hand an sich selber g'legt hätt'. Drauf sagt der Schandkerl, das tät' die eine wie die andere in jedem Fall, wenn sie sich vorm Schlafengeh'n ausziehen. Kurz, ganz zum Verkehrten is's mir ausg'schlag'n, zu meiner Ernsthaftigkeit hat er g'lacht und zu mein' Spaßigtun a finster' G'sicht g'zog'n. Es war umsonst und er meiner bald überdrüssig, war' ich nit der stärkere g'west, ich glaub', er hätt' mich am liebsten hinwegg'prügelt, so hat er mich neben seiner herzotteln lassen, bis ich's müd' worden bin, kein G'hör z'finden und Grobheiten einz'stecken.

Mit ihm war auf kein' Weis zum Ziel z'kommen.

No und wie ich wieder amal so a Nacht mit 'm bleischweren Schädel wachsitz', da schießt mir der Gedanken ein, wie aber, wann er mit amal versterben tät'? Wann den Malefizlumpen unversehens der schönste Teufel holet, dann hätt' d' Viktel kein' Anlaß zu ihr'm sündig' Vornehmen und kein' Ausred' dafür; denn du mußt wissen, Anzingerin, ein' Brauch hat er noch bis af d' Letzt an ihm g'habt, für den ich ihm jed'mal an d' Gurgel springen und 'n hätt' würgen mögen; wann er nämlich dem armen Mensch nimmer ausz'weichen vermocht' und ihr standhalten mußt', dann hat er s' an sich h'rankommen lassen, dö zuckersüßest' Grinslarven dazu g'schnitten, all ihre Vorwürf' ang'hört, als wären die 's unverdienteste Beschulden, hat s' begütigt, ihr d' besten Wort' geben und alles versprochen, was sie verlangt hat. Hinterm Rucken hat er s' freilich gleich drauf ausg'lacht. Sie aber is nach jedem solchen Z'sammensein ganz glückselig heimg'kommen, zur Regerl g'laufen und hat ihr vom Scheibner Franzl erzählt, als von ein'm, den ganz ung'rechteiweis' üble Nachred' trifft, und war wieder af Tag und Wochen lang voll Zutrau'n und Freudigkeit.

Dös niederträchtig' Spiel, ob dem mir all'mal d' Arm von Fäusten bis zu d' Achselhöhl'n zum Schütteln ang'hob'n hab'n, war sein Verderben; denn ich mußt' mir sag'n, wenn ich dem, ohne daß 's aufg'deckt wurd', mit dem falschen Spieler z'gleich a End' mach', so is das der Viklel ihr Rettung; dann is und bleibt er in ihr'n Gedenken der brave Bursch, den nur der Tod verhindert hat, seine Versprechungen einz'lösen, dann halt't sie sich nit für in der Schand', sondern im Unglück, wie viele Dirnen, denen a getreuer Verlobter vorzeit wegstirbt. Und in Unglück würd' sie sich z'schicken wissen, und in der Meinung, daß der Vater von ihr'm Kind sie nit verlassen hätt', könnt' sie auch dösselbe nit verlassen und sich, 's Vaters wegen, leidig und freudig zur Mutterschaft bekennen, des letztweiligen Befremdtuns nit anders gedenk', als wie einer Launigkeit, und getröst't: daß halt nit sein wollt', was g'west wär', daß sich aber das nur derweis' g'schickt hab'n wurd', als 's sein sollt'!

All das hat mir von Ur bis z'End eing'leucht't schon d'selb' Nacht, wo ich mir's z'recht g'legt hab', und is mir immer einleuchtender wordn, je länger ich drüber sinniert hab'; aber wenn's völlig stimmen sollt', Anzingerin, dann mußt' a blutig' Z'samm'raiten bevor gehn. Nit nur der Gedanken, wie schwarz mich so a Schrecktat vor 'n Leuten hinstellen wurd', noch mehr der, daß ich in der Viktel ihr'n Augen für all' Ewigkeit schwärzer wie der Teufel gelltn müßt', hat mich zagen und zaudern g'macht. Aber eben, weil 's ihr Leben und das vom unschuldigen Kind gölten hat. weil kein' Zeit zu verlieren war, denn ich könnt' ja nit wissen, wie lang dem Lumpen 's Verstellen noch Spaß macht, ob er nit von heut af morgen d' Larven abtut, weil s' ihm nimmer z'G'sicht steht, so hab' ich mich entschlossen zum Austrag, und um mir selber kein Loch zum Durchschlupf z'lassen, hab' ich festg'setzt, wie z'nächst wieder so a Z'sammenkunft stattfand, wo der Spotter dem armen Ding sein falsch' Lied vorpfeift, 'm selben Tag noch dreh' ich ihm sein' verlogenen Hals um!

Drei Tag' nach mein' B'schließen hat sich das Vorg'seh'ne ereignet, und nun mußt' ich auch der Mann sein, der 's Wort, was er ihm selb'n drauf geb'n hat, redlich einlöst.

Mit 'm Mittagläuten war'n dö zwei voneinander'gangen, mit Vesper war ich draußen mit ihm af 'm breiten Weg; ich hab' ihn af Steigen, der Kreuz und Quer nach, dorthinz'führen g'wußt. Noch einmal versucht' ich's, ihm der Viktel halber z'Herzen z'reden. Er hat mich groß ang'schaut, denn bisher unter'm Geh'n hatt' ich von all'm Erdenklichen Rd' g'führt, nur von ihr nit, daß er mir nit etwa auswischt. Er steht also a Weil', dann lacht er und meint: weil ich mir so viel Müh' gäb', ihn mit der Dirn' zu verheiraten, so müßt' mir die wohl ein' g'hörigen Kuppelpelz versprochen haben, und wie ich mich um die Sach' annähm', so verdient' ich eigentlich schon ein', wozu mer 's Maß vom Kirchturm abnehmen müßt', wann's nach Recht und Billigkeit ging. Damit wend't er sich ab, spuckt aus und nennt mich ein' Kupplerkerl. Ich Hab' unterdem das Tuch, worein ich ein' Stein eing'bunden g'tragen hab', in meiner Taschen g'lockert, das hat er g'sehn und ist auf mich zug'stürzt und wollt' mir's nit h'rausziehen lassen, schreiend, er sähet nun wohl, wo's h'naussollt', und paarmal nach Hilf' rufend: danach haben wir eine Weil' über ohn' Laut mit aufeinandergebissenen Zähnen gerungen. Bald aber konnt' ich mich seiner ledig machen und 'n Stein schwingen, und da hab' ich ihm zwei Streich' über 'n Kopf versetzt, mit 'n Worten: ›Jas is für d' Vitel, dö d' für Zeit und Ewigkeit verderben wollt'st, und das für 'n Kupplerkerl!‹ Ob er das ganz oder nur mehr zum Teil verstanden hat, weiß ich nit, denn er hat gleich unterm ersten Hieb zun Taumeln ang'hob'n und is nach 'm zweiten ohne B'sinnen hing'fall'n; dann hab' ich ihn ang'faßt und übers G'länder in 'n Wildbach h'nunterg'worfen. Ich hab' g'sehn, wie's ihn dort unten zwischen zwei Steinklötz' einklemmt, und bin so lang am Wegschranken lehnen blieb'n, bis ich sicher war, er kommt nimmer herauf, dann bin ich heimzu.

Ich hab' mir g'sagt, nit mein'twill'n, sondern der Viktel halber hat das g'schehn müssen, und viel ruhiger, wie all die Nächt' her, wo ich in Gedanken daran g'legen bin, hab' ich döselbe Nacht zug'bracht, wo 's vorüber und g'schehn war.

Wie mer 'n Morgen drauf sein' Leich' h'rausg'fischt, d' Schädelbrüch' entdeckt, neb'n sein' Tabaksbeutel mein Messer aufg'funden und auf der Straßen d' Trittspur'n vom Ringen vermerkt hat, das, so wie all's andere, was drauf g'folgt is, wird dir wohl noch erinnerlich sein, Anzingerin? Aber wie ich jetzt mit einmal durch Zufall freig'kommen bin, war mein erst's Denken, dich afz'suchen und zur Red' z'bringen, wovon du nit weißt; denn schon a Weil' her ziemt mich, es war' nur recht und billig, daß auch eins aus euerer Sippschaft weiß, was ich der Viktel willen auf mich g'laden hab', und was wohl nur selten einer um ein anders, und war' ihm das noch so lieb, af sich lad't. Sie selber mußt' da aus 'm Spiel bleib'n, g'setzt auch den Fall, sie hätt' 'n Franz so weit vergessen, oder danach g'nauer erkennen g'lernt! Auch brave Weiber bewahren oft ein'm Halunken, der sie vormal drang'kriegt hat, a bessers Gedächtnis, als ein'm ehrlichen Kerl, der sich d' längst Zeit in der Still' für sie aufopfert. So sein halt so viel schwer wahrnehmbarig, Uneracht't aller Reden, bleibet ich für sie doch der Teufel; für dich werd' ich wohl auch zu kein'm Engel, aber von dir kann ich a Einseh'n verlangen. Mit der Welt wär' ich afgleich: dö Straf', was döselbe über mich verhängen z'müssen glaubt hat, hab' ich abg'büßt,- daß s' bei dem Handel – für ein' Menschen ihr' zwei – im Vorteil war, is ihr verschwieg' g'blieb'n, aber vor Gott war's offenbar seit mein'm ersten nächtigen Drangsal, daß 's zwei Seelen um eine gilt, und was er mir dafür in seiner Barmherzigkeit oder seiner Gestrengheit auferlegen wird, das werd' ich wohl tragen müssen, doch is das a Sach' ledig zwischen ihm und mir und hat weder dö Welt noch dich, Anzingerin, was z'bekümmern. Wann mich dö vom Scheibnerhof lieber aufg'hängt wüßten, als s' mich lebend herumgehn sehn, so wär' mir 's wohl begreiflich, aber du, Bäuerin, hast's weder damal not g'habt, der Stund' z'fluchen, wo ich unter euer Dach g'kommen bin, noch hast 's heut, 'n Herrgotten anz'rufen, daß er mir mein kümmerlich' Leb'n noch kümmerlicher machen möcht'!«

Die Bäuerin sah vor sich auf die Bettdecke nieder und sagte leise: »Nein, Tritz Poldl, lieber will ich dir wohl jetzt fleißig fürbitlen bei ihm, daß er dich in seiner Gnad' nit all's z'viel mit der Reu' beschwert.«

»Reu' is für ein', der unternimmt, was er hint'nach nit das eine einzige Mal möcht' unternommen haben; wer aber tut, was er unter nämlich'n Umständen nit anders wieder tät', dem kann wohl, was ihn dazu bemüßt hat, schwer af d' Seel' fallen, doch das Verricht'te kann er nit ung'schehn wünschen! Sei also für dein' gut'n Will'n bedankt, Bäuerin, aber dein' Fürbitt' kannst dir erspar'n. Ausg'red't hätt' mer sich, was ich dich wollt' wissen lassen, das wüßt'st jetzt, so sag' ich dir denn b'hüt Gott für Zeit und Ewigkeit; af Erden beschwer' ich dich nimmer, sollt' mer sonst amal drüber oder drunter der Welt, oder gar seitwärts davon z'samm'treffen, so können mer uns ja erzählen, wie 's uns weiter ergangen is. Willst mir d' Hand reichen, ich achtet 's für billig, so tu's, wann nit, mag ich auch so gehn.«

Die Alte rührte mit den Fingerspitzen an die dargereichte Rechte und zog dann die Hand rasch zurück.

»Gut' Nacht, Anzingerleut'!«

Der Tritz Poldl kehrte ihnen den Rücken zu und ging aus der Stube.

Die Bäuerin sank in die Polster zurück und schloß die Augen.

Der Bauer trat besorgt hinzu. »He, Mutter, was hast denn? Is dir was?«

»Nix nöt. Alter. Laß mich jetzt. Ich denk' 'm heutigen Tag nach und 'n vergangenen Jahr'n. Du lieber Herr im Himmel! Was doch all's af deiner weiten Welt da vorgeht!«

»Jo«, krähte der alte Bauer, »frei völlig mag mer sagen, daß all's g'schieht, was nur g'schehn kann!«

Außen in der Flur verhallten die Tritte des Heimgekehrten.

Wenn einer es zu schlau macht

Eine schwänkige Geschichte

Das Trauerjahr der verwitweten Wirtin zum »Blauen Stern« in Oberndorf war um, sie hatte nach ihres Mannes Tod Zwei Kinder, einen Buben und ein Mädel, zu erziehen und das große gangbare Einkehrwirtshaus zu führen; das war wohl Überlast für eine alleinstehende Frau, und im Orte war man überzeugt, »daß sie nicht alles miteinander werde d'ermachen können« und bald trachten müsse, wieder unter die Haube zu kommen, und niemand zweifelte daran, daß sie um Freier nicht zu sorgen brauche, denn ihre Person, die einer stattlichen Dreißigerin, war ganz danach angetan, mehr als einen anzulocken, alle Last mit ihr zu teilen.

Es war natürlich, daß keiner, der auf die schmucke Wirtin oder das gute Geschäft, oder auf beide Absichten halte, die ganze Trauerzeit verstreichen ließ, ohne der Witwe merken zu lassen, wie gut er ihr sei, und wie lieb es ihm wäre, wenn ihm von ihrer Seite gleiches widerführe. Kurz nach dem Todesfalle, der die Frau zum Herrn des »Blauen Sternes« machte, hatten die beiden anderen Gastgeber im Orte den Verdruß, manchen ihrer Stammgäste plötzlich zu verlieren, sie wußten aber recht gut, wo derselbe zu finden war; bald jedoch kehrten die Treulosen wieder zurück, nicht wenig erbost über den Empfang, den sie bei der trauernden Witwe gefunden, die in rückhaltloser Weise zu verstehen gab, es möchte nur jeder bleiben, wo er sich bei Lebzeiten ihres Seligen verhalten hätte, und sie gebe nichts auf »so 'nen Kalfakter«. Sie gestand nur ihren Stammgästen das Recht zu, sie zu trösten und ihr zu raten; dafür erhielt sie von ihren zwei Konkurrenten den Titel eines Ehrenweibes, und es ward ihr von denselben nichts in den Weg gelegt.

Mit Trost und Rat trifft es eben nicht jeder gleich, und so konnte es nicht fehlen, daß einige ihrer Stammgäste den anderen den Rang abliefen. Bemühung, die keinen Dank findet, verdrießt bekanntlich bald jedermann, und so überließen nach wenigen Wochen all jene, die das Maulwerk nicht so »bei der Hand« hatten, den also bevorzugten das Feld. Eigentlich waren es, nach Zahl der guten Dinge, nur drei, denen die Wirtin für derartige Teilnahmsbezeigungen ein freundliches Gesicht zeigte; der erste war der »Räuberferdl«, stand aber durchaus nicht im Verdachte, daß er «ein freies Leben führe«, und nur höchst ausnahmsweise, wenn er sehr spät vom Wirtshause heimging, »war der Mond seine Sonne«, er hieß eben: Ferdinand Räuber, war ein verwitibter Winzer, ohne Kinder; er besaß ein weiches Gemüt, daher er es am besten traf, der verlassenen Witwe in Stunden, wo sie ihre Vereinsamung empfand und beklagte, nach dem Herzen zu reden; an Trösten war er allen anderen über, es kam ihm ja auch der sympathisch stimmende Umstand zugute, durch ein gleiches Leid geprüft worden zu sein. Es hieß zwar, er sei etwas dem Trunke ergeben, aber das behaupteten nur etliche Nachbarsleute, die es von seiner Seligen gehört haben wollten, und denen er zu oft in den Keller stieg und zu lange in demselben blieb; wer nicht selbst Hauer ist, hat ja keine Ahnung davon, wie der Wein auch noch im Faß betreut und gepflegt werden will, und wie nicht allein der Mensch den Wein, sondern auch der Wein den Menschen braucht! Im Wirtshause, überhaupt unter Leuten, hat man den »Räuberferdl« nie betrunken gesehen.

Der zweite war der Fleischhauerssohn im Orte, ein geriebener Bursche, wie das sein Geschäft mit sich brachte, denn er trieb sich Jahr über in allen vier Vierteln des Landes auf Ochsen- und Kälberkauf herum. Er kannte sich in der Welt aus und wußte mit den Leuten umzugehen, denn um zu seiner Ware zu kommen, mußte er an diesen vorüberdrängen und richtete das stets so geschickt ein, daß nicht er es war, der dabei blaue Flecke abbekam. Wenn die Witwe häusliche oder geschäftliche Sorgen drückten, wußte er ihr nach dem Kopfe zu reden und war ihr bester Berater. Man wußte ihm im Orte weder Gutes noch Übles nachzusagen, da er, wie bemerkt, seine Zeit wohl öfter auswärts, wie daheim zubrachte, indem er nicht nur seines Vaters, sondern auch anderer Geschäfte im Viehhandel besorgte. Nur einige übelgesinnte, die leicht an jedem was zu tadeln fanden, wollten gehört haben, daß der »Fleischerwastl« auf seinen Wanderungen nach getaner Arbeit nicht ruhe, sondern sich nach geschlossenem Handel aufs Kartenspiel lege, und das so unchristlich treibe, daß es schon mehr als einmal vorgekommen sein soll, daß er einen eben gekauften Ochsen verspielte, wieder gewann und abermals verspielte. Gesehen hatte es aber keiner, und wenn der Wastl im »Blauen Stern« oder sonst daheim wo »kartelte«, trieb er es Geselligkeit halber und um wenige Groschen.

Es kann nicht geleugnet werden, daß die Frau Wirtin schon lange für sich im stillen ebendasselbe dachte, was alle Leute im Orte dachten, nämlich, daß sowohl der Tröster, wie der Berater, ein Auge auf sie habe, und es kann weiters nicht geleugnet werden, daß sie sich beide schon eine Weile auch daraufhin angesehen hatte und sich mit der Antwort auf die Frage: wen nehm' ich? trug, doch war hier die Wahl mit keinerlei Qual verbunden, denn der Person nach waren weder der Ferdl noch der Wastl »uneben«, und ins Geschäft paßte der Winzer wie der Fleischer, da konnte sie nicht fehlgreifen, wohin sie auch langen mochte, und ganz nach ihrer Laune handeln.

So eben und glatt wäre die Geschichte gestanden, hätte sie es nur mit den zweien zu tun gehabt, so aber war da noch der dritte, der »Buchfelder Dieter«, der machte die Sache etwas verwickelt, der war erst kurz nach dem Tode des »Blauen-Stern-Wirtes« nach Oberndorf gekommen, und zwar als Pfleger auf das Gut des älteren, kränkelnden Kleehofbauern; er hatte als Kavallerist gedient und als Wachtmeister seinen Abschied bekommen, seine Eltern sollten »da drüben irgendwo« ein großes Anwesen besitzen; dieser »Dieter« war nun ein gar stattlicher Mensch und trotz seines nun doch schon etwas gesetzten Alters ein rechter Schnurribus und wußte die Leute lachen zu machen, sie mochten dazu aufgelegt sein oder nicht.

Kurz, der Dieter war das Zünglein an der Waage zwischen dem Ferdl und dem Wastl, und kam die ins Gleichgewicht, so stand er oben auf! Das stand fest, Geld, wenn er welches besaß, hatte er nicht so viel wie einer von den beiden anderen, aber auf die Wirtschaft – das sagte ihm sein Bauer nach – verstand er sich, und ungleich angenehmer war es doch, statt sich vom Ferdl mit mitleidigem Getue und jammeriger Stimme trösten zu lassen, wenn einem der närrische Mensch die Bangigkeit hinweglachen machte, daß die Augen, die anfangs vor Trauer feucht waren, zuletzt voll Lachtränen standen, und angenehmer war es auch, statt den Wastl seine Findigkeit überlegen auskramen zu hören, durch einen als Scherz hingeworfenen Kniff und Pfiff über die Sorg' hinweggetragen zu werden. Was gab' der Mann für einen leutlustigen Wirt? Und schließlich säubrer wie der Ferdl und der Wastl war er auch!

Trotzdem kam die Waage nicht zur Ruhe, die Schalen für Ferdl und Wastl schwankten beständig, und das Zünglein kam dabei immerfort schief zu stehen, denn der Fleischhauerssohn brachte nicht nur was ins Geschäft, sondern verdiente noch außerdem, der Winzer kam auch nicht mit leeren Händen und hatte volle Keller und tragende Weingärten; die Wirtin vermied selbst in ihren eigenen Gedanken jede Entscheidung und schob sie hinaus bis auf die Zeit, wo sie eben nimmer zu umgehen sein werde, dann würde sich ja alles schicken, der Zufall sollte entscheiden, wer es von den dreien über die beiden anderen davontrüge, sie ging ja für alle Fälle sicher, da ihr alle gleich anständig waren! So zeigte sie sich denn jedem gleich gut.

Dieses Verhalten der Wirtin aber machte es den drei Stammgästen vollkommen klar, wie die Sache für jeden von ihnen stand. Den beiden Nebenbuhlern die Wirtin zu verleiden, daran konnte keiner denken, denn jeder mußte darauf aus sein, von ihr nur Gutes verlauten zu lassen und ernstlich bös zu tun, wenn nur ein zweideutig Wort über sie fiel; so blieb nichts über, als der Wirtin die beiden Nebenbuhler zu verleiden, und da das schlaue Weib es darauf abgesehen hatte, es mit keinem vorzeit zu verderben, so war das ein hartes Stück Arbeit.

Die dreie bewachten sich gegenseitig; sie waren sich stets auf der Spur, wie es, der Redensart nach, die Polizisten den Verbrechern sein sollen, und stets voreinander auf der Hut, wie es, leider tatsächlich, die Spitzbuben vor der Polizei sind. Trat der eine in die Gaststube, so kam der zweite schon um die nächste Ecke, und der dritte – saß schon am Tische. Sie setzten sich allabendlich zusammen. Wenn sich zwei zufällig, was freilich außerordentlich selten geschah, früher zusammenfanden, so hätte ein frommer Christmensch, dem es vergönnt gewesen wäre, ihr Gespräch mit der Wirtin zu belauschen, die auferbauliche und tröstliche Bemerkung machen können, daß Gott in seiner Weisheit das schwache, menschliche Herz so einzurichten wußte, daß es selbst in Lastern und Untugenden das anstreben muß, was die Tugend vorschreibt, denn sooft sich von den drei Nebenbuhlern ihrer zwei trafen, so war es doch nur die Feindschaft gegen den dritten, welche sie die gegenseitige Abneigung siegreich überwinden und Freundschaft schließen ließ, und wenn sie auch dann den Abwesenden zusammen nach Kräften verleumdeten, so strebten sie schließlich damit doch nur die Erfüllung des Gebotes an: Liebe deinen Nächsten, denn der war die Wirtin, die neben dem Tische stand.

Schade nur, daß diese mit Redensarten, wie »Hinter dem Rücken sagt man ein'm oft viel nach«, und »'s is nit alles z'glaub'n, was d' Leut' reden« – sich immer des Abwesenden annahm. Mit diesem Hinhalten verging die Zeit, und es war schließlich ganz erklärlich, daß es den drei Gesellen vor ungeduldiger Erwartung in ihren Jacken schier zu enge ward, als eines Abends die Wirtin, früher wie sonst, den Keller schloß und aus der Gaststube ging, nachdem sie zuvor gesagt: »Heunt ist der erste Gedenktag von mein'm Mann sein'm Versterben.

Da schickt sich doch, daß ich seiner armen Seel' im Gebet gedenk' und auch die Kinder dazu verhalt'. Jemerl, wie die Ieit vergeht! Mein', ich hält' nit gedacht, daß ein Jahr in der Trauer so schnell um wär', wie ein anderes. Bin nun neugierig, was mir das jetzige bringen wird? Na, wie Gott will! Gute Nacht, Leuteln!«

Sapperment, jetzt kann mer doch reden! dachten der Ferdl und der Wastl und der Dieter. Früher wär's nit schicksam g'wesen und hätt' können übel aufg'nommen werden, aber morgen is's erlaubt, und Eil' zeigen, ist da besser, als sich Weil' lassen!

Und jeder dachte: Morgen red' ich, und es gilt nur, früher aufzustehn als die anderen zwei.

Der Ferdl und der Wastl zogen eilends ihre Geldbeutel und riefen nach der Kellnerin, um die Zeche zu begleichen, der Dieter aber bestellte eine Flasche vom »Besten« und sich behaglich auf dem Sitze reckend, sagte er: »Leuteln, so dumm sind wir wohl keiner, daß wir nit wüßten, wie es mit jedem von uns bestellt is, ich mein' im Absehen auf selbe mudelsaubre und kreuzbrave Wirtin. So jung wie heunt kommen wir nimmer zusammen und wohl auch nit so zugünstig und unneidig, denn hitzt muß sich ja doch bald weisen, wer der Hahn im Korb is. So woll'n mer denn den Wein da gemeinschaftlich trinken – zahl'n tu' ich 'n – auf der Wirtin ihr Wohlsein und auf dasselbe vom künftigen Wirten ›Zum blauen Stern‹; noch wissen wir nit, wer derselbe sein wird, und kann sich jeder denken, er laßt dabei sich selber hochleben!«

Als die Flasche leer war, und Dieter noch keine Anstalten zum Heimgehen traf, sondern nach einer zweiten vollen Flasche rief, da wurden der Ferdl und der Wastl stutzig, und als gar der ehemalige Wachtmeister der Dirne, als sie den Wein brachte, zuraunte, aber so, daß es auch die Nebensitzenden leicht hören konnten: »Was meinst, Nandl, wer sich gar nit niederlegt, braucht nit erst aufz'stehn, und wer gleich am Ort bleibt, erspart sich 'n Gang danach?« Da hatte er die beiden anderen auf ihren Sitzen festgenagelt und keiner dachte mehr daran, sich davon zu heben und zu gehen.

Das war es, was der Dieter wollte. Das Gehen hatte er ihnen verleidet, und das Bleiben gedachte er ihnen so einzutränken, daß sie sich daraufhin des Kommens zu schämen hätten!

Wer als Wirt auf den Gasthof »Zum blauen Stern« zu sitzen gekommen wäre, wenn an jenem Abende der Dieter sich keinen Streich gegen seine Nebenbuhler ausgesonnen hätte, das vermochte wohl niemand zu sagen, aber hintennach konnte jeder die Wirtin versichern hören, daß ihr der »Buchfelder Dieter« damals einen rechten Dienst getan.

Als am anderen Morgen die Wirtin die Treppe herabstieg und, wie es ihre Gewohnheit war, vorerst im Hofe Umschau hielt, da saß ihr in den hellen, braunen Augen und auf den vollen roten Lippen der Schalk, denn das gottlose Weib dachte gerade daran, daß es durch die gestern getane Äußerung drei Mannleute in all die Unruhe, Eifersüchtelei und Schmachtlappigkeit gestürzt habe, welche so eine Werbung, mit anderen um die Wette, zur Folge hat.

Die alte Stalldirne, welche eben die Milcheimer scheuerte, rief vom Brunnen her den Morgengruß.

Die Frau Wirtin dankte mit freundlichem Nicken und schrie dann hell und gell nach der Kellnerin, der Nandl.

»Darauf hört die heunt wohl nit, Wirtin«, sagte die Alte, »wirst s' schier selber aufbeuteln müssen.«

»Na, wär' nit übel«, meinte die junge Frau.

»Mein'«, sagte die alte Magd, »mußt's nur wissen, daß s' von gestert abend bis heunt früh nit weiter z'bringen waren und da g'sessen sein, und alles auf'gessen haben, was sie nit ißt, und alles getrunken, was sie nit trinkt.«

»Jo, wer denn?«

»No, der Räuberferdl, der Fleischhauerwastl und der Buchfelder Dieter.«

»So?« sagte die Wirtin und runzelte die Augenbrauen. »So?« wiederholte sie. »Da muß ich doch gleich die Nandl drüber befragen.«

Sie ging rasch nach der Wirtsstube und quer durch diese nach der Schlafkammer des Mädchens und hatte alle Mühe, dieses zu erwecken und bis zur vernünftigen Red' zu ermuntern. Da bekam sie denn zu hören, daß das saubere Kleeblatt vor anderthalb Stunden erst weggegangen, der Dieter aber noch nicht heim sei, sondern nur ein wenig in der freien Luft sich herumtreibe, um der Wirtin, wenn sie wach wäre, über all das während der Nacht Vorgefallene Bescheid zu sagen.

Die Wirtin schüttelte den Kopf, aber der Unmut wich aus ihren Zügen; sie trat an das Fenster und blickte durch die Scheiben hinaus auf den Platz, da sah sie auch den Dieter wie eine Schildwache längs der Häuserzeile dahinschreiten, als er aber näher kam und ihrer ansichtig werden konnte, da war er in wenigen Sprüngen Wegs herüber und klöpfelte an die Scheiben und pochte an der Türe. Als ihm die aufgetan ward, trat er ein und sagte: »'n Morgen herein, so schön wie du selber bist, Wirtin, und wenn dir mein' frühe Kundschaft lieb und recht ist, so gibst mei schnell ein Stamperl Kräutergeist.«

Da blickte die Wirtin schon wieder etwas unfreundlicher und ließ den Kräutergeist durch die verschlafene Nandl herbeischaffen.

»Wär' mir lieber g'west«, sagte der Dieter, »du hätt'st mir 'n eingegossen, schmecket mer dreimal so gut! Bist mir wohl gar harb, weil ich heunt nacht von da gar nit heimg'funden Hab'! Oh, Wirtin mein, dös war' ja mein Traum und mei' Leb'n, daß ich von demselben Haus nie h'raus müßt' und drein verbleiben kunnt'.«

»No, wer weiß, was g'schieht«, sagte die Wirtin.

Der Dieter machte dazu ein so rundes, leuchtendes Gesicht, wie der Vollmond, wenn er hinter den Bergen aufsteigt. »So allein, wie ich hitzt dasteh'«, fühl die Wirtin fort, »vermag ich eh' mit der Wirtschaft nit aufz'kommen, und gib ich s' weg, magst sie ja kaufen.«

Wie jetzt der Dieter betrübt den Kopf neigte und zur Seite sah, war er im letzten Viertel. »Hast du's not, z'verkaufen? Hast du's not, allein z'bleiben?« murmelte er. Nach dem Mittel, zu dem er griff, um seine Betrübnis zu lindern, schien dieselbe jedoch nicht so ernstlich, denn er goß den Kräutergeist darüber. »Dein Wohl, Wirtin!«

»Dank schön! Du meinst also, ich sollt's wieder mit 'm Heiraten versuchen?«

»G'wiß! A Weib wie du, Wirtin, braucht nur die Hand ausz'strecken, so hat's af jed'n Finger a paar hängen! Für a Weib, wie du, war' 's Ledigbleiben völlig a Sünd'!«

»Geh mer zu! Aber wann d' meinst und glaubst und weil d' mein Freund bist, so sag nur auch, zu welchem möchtest mir raten, zum Räuberferdl oder zum Fleischhauermastl?« neckte sie.

Der Dieter stützte den Kopf auf den rechten Arm und zog ein sehr ernsthaftes Gesicht, das nur von den lustig blinzelnden Augen Lügen gestraft wurde.

»Wen ich dir vermein', wenn ich dir's gut mein', meinst?« fragte er. »Jo freilich, so leicht geht das nit zu sagen, das will überlegt sein – 'n Räuberferdl, den wirst wohl kaum mehr mög'n –«

»Ei, warum denn nit?« fragte die Wirtin dazwischen.

Aber der Dieter redete, ohne darauf zu achten, weiter. »Doch wann dir der Fleischhauerwastl recht sein tät', so wünschet i mir nix Besser's.«

Die Wirtin machte große Augen, dann sagte sie spöttisch: »Hat er dich 'leicht zu sein'm Freiwerber b'stellt und is dir um ein' Kuppelpelz?«

»Wirtin, o du mein', Wirtin, du!« rief der Dieter lustig. »Wie kannst nur so ein' Frag' tun? Eh' ließ ich mir ja d' Zähn' ausbrechen und d' Zung' abschneiden, eh' ich ein'm andern 's Wort bei dir redet' und nahm' da kein' Kuppelpelz und wann er gleich so groß war', daß mer mit ihm a Joch Land zudecken kunnt' und an jed'n Haarl a Dukaten hänget!«

»Dalk, du«, lachte die Wirtin, »das kannst leicht verschwör'n, denn's gibt gar kein Vieh nit, was in so 'n Pelz dreinsteckt. Aber sag ernstlich – denn neugierig hast mich g'nug g'macht – wieso möcht'st dir nix Besser's wünschen, als daß ich 'n Fleischhauerwastl nähm'? Und warum sollt' ich 'n Räuberferdl nit mehr mögen mög'n? Darauf bist mer a noch d' Antwort schuldig.«

Darauf begann der Buchfelder Dieter gar lieblich zu improvisieren, denn er hatte die Gabe, seine Reben zu reimen: »Darum, Wirtin, tu mir's gewähr'« – setz dich nieder, mich anzuhör'n – so will ich dich wohl aufklär'n – was sich gestert zutrag'n hat vom Ungefähr'n – und dann laß reden mit dir in Zucht und Ehr'n! – Ich hab' g'glaubt, ich werd' a Narr – wie d' g'sagt hast, um is 's Jahr – und dö Trauer gar – und siech da neben mir das Paar – das a in dich g'schossen war; – vor Lieb' ganz krank – könnt' ich mich nit erheb'n von der Bank – und bis zum Morg'n war d' Zeit mir z'lang – und mei' Herz mir bang – daß einer mir z'vorkäm' mit 'm Gang – daß einer mir z'vorkäm' am heutigen Tag – an dich mit der Frag' – an dich mit 'm Wurt – mir war frei nit guat!«

»Reit' dich der Gangerl?« lachte die Wirtin hellauf. «Wirst gleich reden wie a vernünftiger Mensch!«

»Oh, Wirtin du weißt nit, wie vernünftig Reben schwar is – wann der Mensch vor lauter Lieb' a Narr is – weil aber, dich falsch z'machen, hitzt die G'fahr is – no, so erspar' i's, und red' nur, wie's wahr is.«

»Und ich renn' dir gleich davon, wann's nit bald gar is!« reimte lustig die Wirtin.

»Aber wann d' dich auf dös Reden verstehst, was tust denn nit lieber mit?«

»Na, nix da. Laß amal ordentlich hör'n, was's eigentlich geb'n hat.«

»No, so hör, Wirtin – oh, du Wirtin mein, wann ich dich so betracht', mein' ich, daß mer zu dir gar nit reden kann wie zu andere Leut' und daß a andere Sprach' und a Musik in der Stimm' dazu g'höret – – aber schau nit harb, ich fang' schon an! Mir war gestert nach deiner Red' wirklich bang, daß mer der Ferdl oder der Wastl bei dir zuvorkam', und da hab' ich mir denkt, wann d' hitzt sitzenbleibst, so geht dir auch keiner von dö andern fort, und wann sö sich da im Wirtshaus verhocken, g'lingt's dir vielleicht doch, sö in ein'm Zustand heimz'schick'n, wo sö 's Nachtleibel für a Unterziehhosen anschau'n und bevor d' Sunn' nit bei dö Fenster h'reinbrennt, an der Jacken kein Ärmelloch finden.

Es is noch weit besser kommen, wie ich erwart't hab', und dö Nandl kann sag'n, daß ich dir nur d' reine Wahrheit bericht', denn sie war dabei, und daß du's nit warst, das is recht g'scheit g'west, denn in dein'm Beisein hätt' mer sich nit so z'trinken g'traut, wie mir g'trunken hab'n – g'mischt – hitzt weiß, dann rot, dann ein' Schilcher mörderisch sag' ich dir – und der Räuberferdl hat af kein' Trunk 'n Bescheid verweigert, 's is mir warm g'nug word'n dabei! Nebenher hab' ich auch g'merkt, wie sich der Wastl auf 'n Schlauen h'nausspielt und sooft mer 'n aus 'n Augen laßt, a Restl Wein nach 'm andern auf 'n Fußbod'n ausgießt. Einer nach 'm andern, denk' ich mir, dich verspar' ich mir af d' Letzt, ich weiß schon, womit ich dich fang'!

Mitten im schönsten Schlucken und Füllen schaut mich af amal der Ferdl von der Seit' an und drauf lacht er mir ins G'sicht. ›Gaunervogel‹, sagt er zu mir, ›meinst, ich merk' nit, wo d' h'naus willst, unler'n Tisch möcht'st mich trinken? Das bist aber du nit imstand‹ und niemand im Ort da. Den Wein aus mein'm Keller und wieviel davon ich alle Tage vor'm Schlafengeh'n trink', vertragt jo keiner von euch!‹ Darauf sauft er weiter wie a Loch, und ich tu mit, obwohl ich schon z'fürchten ang'hob'n hab', 's kunnt' am End' doch schief gehn. A Weil' danach sagt er zu uns zwei'n, zum Wastl und mir: ›Ös seids Narr'n, daß ihr mir d' Wirtin nit vergunnt! Tät' ich der Herr da sein, möcht'n mer alle Tag' so lustig wie heunt beisammsitzen, nur mit ein'm weit bessern Tropfen. Halt ja! Gilt's?' Der Wastl hat 'n Kopf beutelt, und ich sag' – nur um was z'reden, Wirtin, nit, daß ich ihn auf dö Red' hätt' bringen woll'n – ich sag' also: ›Dös war kein Handel net, Ferdl, da hätt' mer leicht 's leere Nachschau'n, denn d' Wirtin leidet das in d' Nacht H'neinsitzen und Saufen g'wiß nit‹ ›Was denkst?‹ sagt er drauf. Mußt mir nit bös sein, daß ich seine unb'schaffenen Wort' in 'n Mund nimm, aber d' Nandl kann's bezeugen, daß er g'sagt hat: ›‹Papperlapa‹, hat er g'sagt, ›mir soll kein Weib 's Trinken verleiden, das hat die erste nit können, und die zweite soll's a nit! Solang ein'm um eine is, hat mer wohl Heimlichkeiten vor ihr, sobald mei aber amal da Mon is, hör'n sich dö auf. Laßt's mich nur erst 'n Wirten da sein, so husten mer af dö Wirtin!‹ Da hat der Wastl g'lacht und af d' Nandl deut't, was daneb'n g'stand'n is. No is der Ferdl noch röter word'n, wie er eh' schon g'wesen is, wie a Folioblatt af d' lebzelternen Zigarren, was mei z' Kirchweih' 'n Kindern beim Standl kauft, hat sein G'sicht g'leucht't. A paarmal hat er dumm g'lacht und ›G'spaß, G'spaß‹ h'rausg'würgt, und dann hat er schleunig wieder zum Glasel griffen und ang'fangt, 'n Wein gach h'nunterz'schütten, hitzt hab' ich Kurasch kriegt. ›Tu mer das nach und das!‹ und ein Trunk hat 'n andern g'jagt, und da is er bald fertig g'west. Af amal rappelt er sich vom Sessel auf, halt't sich am Tischeck an und zuckt und ruckt so mit der rechten Seiten, als wollt' er sein' Körper zur Tür h'nausziel'n, und richtig, wie er loslaßt, schießt er a schon quer über d' Stuben und fliegt af d' Straßen, da is er ung'fähr a sechs Schritt weit af alle viere fortg'krochen, dann is er mühselig in d' Höh', und wie er so dag'sianden is, mit vorgebohrtem Kopf, h'naufg'zogene Schultern und dö langabehängenden Arm', da hat er ausg'schaut wie dö g'wissen haareten Bamkraxler in der Menagerie, was sich, ohne d' Füß' aufz'heb'n, kommod dö Wadeln kratzen können, wann sö's jucken. Dann hat er zun torkeln ang'fangt, und daß er an 'n Häusern d' Eck stehn lassen und kein' Mauer eindruckt hat, is nit sein' Schuld. No, und wie er in d' Nacht h'nein verschwunden is, hab' ich mir denkt, der kann heimbleiben, den nimmt dö Wirtin nit.«

Die Wirtin sah ziemlich ernst zu dem lustigen Erzähler hinüber und fragte: »Na, und wie steht's denn nachher mit 'n Wastl?«

»Nach 'm Wastl fragst? Nach 'm Wastl fragst?« fragte, wie ein Papagel schwätzend, der Dieter dagegen; denn die Art, wie die Wirtin seine Geschichte aufnahm, behagte ihm nicht und ihn beschäftigte eben der Gedanke: Was das Donnersweib nit dazu lacht? »Ja, richtig«, fagte er, sich mit beiden Händen durch sein krauses Haar fahrend, »das will ja auch noch erzählt sein. Also, daß ich sag', wie wir den Ferdl los waren, lass' ich ein Spiel Karten hergeben; denk' mer noch, g'trunken wär' schon mehr als z'viel, und der Wastl haltet' da eh' nit mit, ihm zu ein'm Zeitvertrelb, denk' ich, denn daß er so ein Spielratz wär', wie sich nachher h'rausg'stellt hat, das konnt' ich mir nit denken, Wirtin! No, gut, der war gleich dabei, und mir spiel'n, erst um die Zech', aber ich hab' mein' Widerpart gleich d'erkannt als ein', den der G'winn hitzig macht und der Verlust ganz unbesinnt; so laß ich ihm denn die Freud', solang mir die Karten schlecht g'fallen sein, mich nach Herzenslust ausz'sackeln, mit 'm ersten guten Blatt in der Hand heb' ich aber an, 'n Einsatz z'verdoppeln, ich g'winn' einmal und wieder und ein anders Mal, jetzt hätt'st 'n Wastl sehn soll'n! Vor Wut und Hast kennt sich der nit aus, mit Blättern, worauf d' Sau kein' Eichel gäb', dupliert er, und endlich sitzt er da, nachdem er sein' alten Leuten 's Dach überm Kopf und 'n Boden unter 'n Füßen und 's Vieh aus 'm Stall verspielt hat und ihm selber Hut, Rock und Stiefel vom Leib, so daß ich ihn in Haar, Hemdärmeln und Strümpfen hätt' h'nausjagen können. Weiß is er g'wesen wie d' Wand, und der Schwitz is ihm von der Stirn g'loffen, d' Zähn' hab'n g'knarrt, wie er s' auf'nand' g'bissen hat, und sein G'schau war völlig schreckhaft, aber noch hat's ihn nit ruhn lassen. ›Nix oder alles!‹ schreit er. – ›Jo‹, sag' ich, ›aber was is dein Einsatz?‹ – Sagt er: ›Dieter, wann der Teufel d' Hosen holt, brauch' ich 'n Gurt a not, der mir 'n Leib z'sammenhalt't. Ich setz' die Wirtin.‹ – No, no, Wirtin, brauchst keine so finstern Augen z'machen. Wirst's ja hitzt wohl nerstehn, daß ich g'sagt hab', war' dir der Wastl recht, wünschet ich mir nix Besser's, denn der müßt' dich mir ausfolgen, dem hätt' ich dich abg'wonnen, aber seel'nvergnügter machet mich doch, wann d' von kein'm von dö zwei was wissen wolltest…«

Die Wirtin hatte sich nach diesen prosaischen Auseinandersetzungen hastig von dem Stuhle erhoben, auf dem sie vorhin, der poetischen Einladung Dieters folgend, sich so bedächtig niedergelassen, »'s is schon gut«, sagte sie rauh und strenge, »'s weitern verlang' ich mir nichts zu hören. Ich bin dir zwar Dank schuldig dafür, daß du aufg'wiesen hast, in welch Elend ich mit ein'm wie dem andern von dö zwei g'raten war' –«

»Na, siehst, na siehst«, sagte der verdutzt dareinglotzende Dieter, »'n Dank sollt'st eb'n bedenken!«

»Aber in Wahrheit muß ich dir doch sagen«, fuhr die Wirtin fort, »daß auch du mich in der heutigen Nacht vertrunken und verspielt hast.«

»No, sei g'scheit, Wirtin! Warum denn?« Der Exkavallerist fuchtelte ratlos mit beiden Armen in der Luft herum. »Das waren doch döselben – ich nit – döselben!«

Die Wirtin trat ganz an ihn heran. »Ja, fragst du das im Ernst, warum? Hast du dich nit den beiden überlegen g'zeigt? Hast du nit g'zeigt, daß du dich noch besser wie die zwei aufs Saufen und Spielen verstehst?« Hierauf kehrte sie ihm den Rücken zu und ging aus der Stube, ohne auf diese doch sehr eindringlich gestellten Fragen eine Antwort abzuwarten, und falls sie nicht Zeit verschwenden wollte, tat sie ganz recht daran, denn dem Buchfelder Dieter hatte es die Rede gründlich verschlagen.

Er stand lange wie verdonnert, erst das schallende Gelächter der Nandl brachte ihn wieder zu sich. »Simmelkreuzslernelement!« fuhr er auf. »Was lachst? Mit Lust gäb' ich dir paar Ohrfeigen, boshaftes Mensch! – Verzweifelte Dummheit! Hitzt weiß ich's, mer is a nit schlau, wann man schlauer sein will wie schlau!«

Ehe er aber – und zwar für immer – aus dem »Blauen Stern« hinwegging, erinnerte er sich, was er seiner Reputation schuldig sei, und beging in aller Eile, wie er später oft eingestand, zu der vorhergeleisteten eine neue – Dummheit.

»Nandl«, sagte er, »laß dir sagen, du magst's glauben oder nit, mir war eigentlich wenig an der Wirtin g'leg'n.«

»Wann d' mir's schon freistellst«, entgegnete die Dirne schnippisch, «so glaub' ich's nit.«

»Laß dir sagen«, fuhr er gewichtig fort, »lieber wie dös hochnasete, aussucherische Weibsbild wärst mer schon du. Schau, könnt'st 's Maul halten über d' heutig' Nacht – 's käm' nix drüber unter d' Leut', denn die andern zwei werd'n sich hüten, davon z'reden – so nähm' ich dich zum Schatz.«

»Ei, mein Jegerl, was frag' ich nach so ein'm. – Schätz' g'nug!«

»I Heirat' dich. Das macht auch die Wirtin irr' am Glauben und nimmt ihr die Lust, was drüber z'verlauten.«

»Ernst?!«

»Wann d' verschwiegen bist!«

»'s gilt, Dieter, von mir kriegt kein Mensch a Sterbenswörtel davon z'hören, und auch für die Wirtin steh' ich dir, die laßt 's Berühmen sein, wenn ich sag', wir wären längst bevor schon handeleins g'wesen. Aber, wann d' nit Wort halt'st, Dieter, Spaß versieh' ich kein', so schrei' ich dir d' ganze G'schicht af offenen Platz aus!«

Ein leiser Schauer fuhr dem Dieler über den Rücken, als er seine aufrichtigen Absichten wiederholt beteuerte, dann ging er und wälzte in seinem weinschweren Kopfe den zweifelträchtigen Gedanken herum: ob es wohl »schlau« gehandelt war, nur damit andere nichts zu lachen hätten, sich durch ein Weib, das keinen Spaß versteht, in die Lage zu bringen, daß man selbst nichts zu lachen hat?

Hier wäre eigentlich der Schwank zu Ende; da sich aber unter den geneigten Lesern sicher manche befinden, die der schwergeprüfte Wirtinwitwe, welche auf einen Schlag drei Freier verlor, ihr Mitgefühl nicht versagen, so soll noch in aller Kürze erzählt werden, durch welchen raschen Entschluß diese resolute Frau allen weiteren traurigen Erfahrungen vorbeugte.

Am selben Tage noch, nach Tische, saß sie über einem langen Schreiben an einen entfernten Verwandten, der fern auf einem kleinen Anwesen mit einem zweijährigen Dirndl, dessen Mutter unter der Geburt starb, vereinsamte. Sie berief ihn zu sich, als Tröster und Berater, als Geschäftsleiter für den »Blauen Stern«.

Und während sie so langsam Zeile für Zile niderschrieb, tauchte in ihrer Erinnerung immer leibhaftiger das Bild dessen auf, an den der Brief gerichtet war. – – In einem Dorfe mit ihm aufgewachsen, hatte sie als mutwilliges Mädel oft mit dem etwas schüchternen, unbeholfenen Jungen herumgetollt, als mannbare Dirne empfand sie die Überlegenheit des Burschen, welche ihm seine Tüchtigkeit zur Arbeit und sein ernstes, rechtschaffenes Denken verlieh, aber der anfängliche Widerwille dieser Anerkennung ihrerseits schwand, als sie merkte, daß er ihr gut sei, und schließlich befriedigte diese stille Neigung ihren Stolz, als sie sah, wie er sie in Ehren hielt und auf ihre Ehre hielt.

Noch erinnerte sie sich genau, wie er vor ihr stand, als sie mit dem Wirte vom »Blauen Stern« vom Altare weg zu dem bereitstehenden Wagen ging, um den Heimatsort für immer zu verlassen. Wie brav, wie treu, ehrlich und aufrichtig er ihr alles Gute wünschte, und wie er niemand die Träne sehen ließ, die ihm, als er sich abwendete, über die Wange lief, niemand als seine alte Mutter, die es erst nach Jahren, als er selbst Hochzeit machte, erzählte.

Das war aber nicht die letzte Erinnerung an ihn. – Die Wirtin lächelte, als sie daran dachte, sie könnte etwa noch darauf rechnen, ihn als kraushaarigen, rotbackigen Burschen wieder zu sehen. Nein, vor paar Jahren hatte er sie ja auf paar Tage heimgesucht, ein rüstiger, vielleicht ein bißchen zu ernster Mann, hätte ihn nicht das grundehrliche, frischblickende Auge freundlicher erscheinen lassen. Seither wird sich wohl wenig an ihm geändert haben.

Ei, sie hätte schon früher daran gedacht, ihn zu rufen. Aber eben, daß sie ihn rufen sollte! Hielt ihn als Mann der Stolz zurück, den ersten Schritt zu tun, weil ihn der des Eigennutzes verdächtigen konnte, so hielt sie als Weib die Scheu davon ab, »nachläuferisch« zu erscheinen. Sie mußte wieder lächeln, wenn sie dachte, wo nun er, nachdem sie die Scheu verwunden hatte, mit seinem Stolz wohl bleiben werde?

Und da streicht sich die Wirtin über die Stirne, denn ein Gelärme, das die in der Stube spielenden zwei Kinder machen, erinnert sie an diese ihre Kleinen. »No, Hans! und Mirzl«, sagte sie, »möcht's wohl wieder ein' braven Vater hab'n?«

Der Hansl steht überlegend, und die kleinere Mirzl steckt behufs reiflicherer Erwägung den Finger in den Mund. Vermutlich war aber die Frage in so einladendem Tone gestellt, daß ein »braver Vater« als ein sehr begehrenswerter Gegenstand erschien, und so entschlugen sich denn die Kinder im nächsten Augenblicke des Denkens und sagten beide: »Ja!«

»No, vielleicht kriegt's 'n Loisl Vetter.«

Da tauchte auch in den Kinderköpfen das Bild des großen Mannes mit den freundlichen Augen auf, der so schöne Geschichten zu erzählen wußte, der gar lieb zu ihnen war, ja mehr als die Mutter, die, wenn sie lärmten, sie gleich hinausschicken wollte, aber der Loisl Vetter behielt sie dann immer da und ließ sie nicht weg.

Als der Brief geschlossen war, ging die Wirtin, beide Kinder an der Hand führend, über den Platz nach dem Postkasten, die kleine Mirzl trug das Schreiben, und die ward emporgehoben und schob den Brief durch den Spalt.

»G'segn's Gott«, sagte die Wirtin.

Wo der Mensch aus reinem Sinne und vollem Herzen heraus etwas unternimmt, da hat er den Segen schon vorweg hinzugetan. Übers Jahr hatten sie im »Blauen Stern« den Loisl Vetter als braven Vater.

Nit gehn tan tat's

Humoreske

Erstes Kapitel

Der Krautschneider-Jokl und die Simmerl-Sephin.

Mitten in einem sogenannten Steinfelde, das von der fruchtbaren Ebene sacht hinanstieg, bis es den Kamm einer niederen, mit Föhren bestandenen Zügelkette erreichte, lagen zwei einsame Hütten, zwischen beiden floß im steinigen Bette ein schmaler Bach; der Boden bildete dort eine kleine Mulde, und da mochten durch lange Zeit Stürme den Humus dahingetragen oder das austretende Wasser ihn abgelagert haben, so daß um die dürftigen Behausungen etliche Obstbäume zu tragen, ein paar AckersTreifen zu gedeihen und eine magere Wiese zu grünen vermochten.

Die eine Hütte trug Landestracht, eine Lodenjoppe und einen grünen Hut, sie hatte nämlich graue Mauern, und auf den vermorschten Schindeln wuchs Moos; die andere zeigte sich, mit allzeit nachgebessertem Dache und frisch getünchten Wänden, in grauer Haube und weißem Gewände, und das grüne, mit Blumen bestellte Vorgärtel sah wie ihr buntes Fürtuch aus.

Die graue Hütte gehörte dem Krautschneider-Jokl, es war das ein etwa vierzigjähriger, lediger Mensch, er hieß seinem Geschlechtsnamen nach so, denn er hatte weder eigenes Kraut zu schneiden, noch schnitt er fremdes; er war ein kleines, breitschulteriges, derbknochiges Männchen, hatte einen spitzen Kopf, ein Paar dunkle Äuglein blitzten zu beiden Seiten der knolligen Nase, der breite Mund war etwas eingekniffen und die Wangen faltig und hohl. Von seinen Haaren war nichts zu sehen, diese und die obere Halbscheid der Ohren bedeckte eine schwarze Zipfelmütze, man wußte nur, daß er sich selbst über den Kamm schor, und daß er sich allsonntäglich die Stoppeln des Schnurr- und Kinnbartes säuberlich wegrasierte, den braunen Backenbart ließ er dagegen wachsen, wie es dem gefiel, und der stand ihm denn buschig von den Backen hinweg und krauste sich auch bis unter die Augen.

In der weißen Hütte hauste die Simmerl-Sephin, ein rühriges, flinkes Weib, das darauf hielt, daß seine Arbeit wie seine Person sich immer sehen lassen könne, das heißt, reinlich und nett sei. Die Simmerl-Sephin war groß gewachsen und just nicht mager geraten, sie hatte reiches, schwarzes Haar, dunkle, feurige Augen und schöne weiße Zähne, dagegen einen sehr großen Mund und trotz der stark hervortretenden Backenknochen runde, wie aufgeblasen aussehende Wangen, zwischen denen eine kleine Nase mit einem geraden, glänzenden Rücken fast verschwand.

Seit alther hatte zwischen den Inwohnern der beiden Hütten gute Nachbarschaft bestanden, auf die mußten sie auch bei der Weltabgeschiedenheit ihrer Anwesen allen Wert legen, denn nur um das im Umkreise zunächstliegende Dorf zu erreichen, brauchte es einen zweistündigen Marsch, und nur an Sonn- und Feiertagen, beim Kirchenbesuch, bekamen die mitten im Steinfelde Hausenden andere Menschen zu Gesicht, im Winter aber, wenn die Wege verschneit lagen, waren sie oft wochen-, ja monatelang auf den Fleck gebannt, aufeinander angewiesen und konnten sich mutterseelenallein auf der Welt glauben.

Die beiden Wirtschaften hatten gewissermaßen einander immer ergänzt; in dem Stalle bei dem weißen Häuschen hatte stets eine Kuh gestanden und der Hof von Geflügel gewimmelt, und im Stalle des grauen Häuschens sich allzeit neben der Ziege ein Gaul befunden, der ging vor dem Pfluge her über den eigenen und den fremden Acker und befolgte, vor ein Wägelchen gespannt, den Verkehr mit der Welt, insbesondere, wenn der Nachbar Butter, Eier, Hühner oder anderes Federvieh auf den Markt zu bringen hatte; dafür bekam selbstverständlich der jeweilige Krautschneider nebst den guten Worten zwar selten Bargeld, doch oftmals Ware, manchen Stritz Butter, manch Ei in die Pfanne, manch Huhn in den Topf.

Der Krautschneider-Jokl und die Simmerl-Sephin waren die Letzten ihres Stammes. Der Jakob war Zeit seines Lebens auf dem Elterngut gesessen, die Jofepha hatte gar früh weggeheiratet. Als halbwüchsiges Dirnchen trieb sie sich oft tagelang, die schmale Zehrung in der Tasche, im fernen Walde, Erdbeeren klaubend und Schwämme suchend, mit anderen Mädeln und Buben herum und vergaffte sich mit eins in einen riesigen Holzknecht, dem sie mit Ausdauer, die ja bekanntlich stets zum Ziele führt, nachlief; schließlich war der Waldbär gutmütig genug, daß er sich bereit fand, an dem »packschierlichen Ding« allen Schaden wiedergutzumachen und sie zu heiraten. Nahezu fünfundzwanzig Jahre war die Simmerl-Sephin, wie sie ihrem Manne nach hieß, in der Fremde daheim und daheim fremd, als kurz nacheinander sie und ihre Mutter verwitweten, und da fanden sich die beiden vereinsamten Frauen zusammen, um gemeinsam zu hausen.

Herr, du mein Jesus! Wie schlug die Alte die Hände verwundert zusammen, als sie ihres Kindes wieder ansichtig wurde, und sie vermochte es kaum zu glauben, daß das staat'sche Weib im vierzigsten, das vor ihr stand, dasselbe sei. Auch der Krautschneider-Jokl wurde herbeigerufen, verwundern helfen, und er kam über den Steg herzugelaufen. Ei, je, ja, ei, du mein, er hätt' nie die Simmerl-Sephin erkannt, wenn sie nicht selber sagte, sie wär's! Wie ein klein', kleber' und zernicht's Ding die gewesen, als sie fortgegangen, und nun kam' sie so heim, nein, aber so! Gott, meiner Treu'! Völlig nit zu denken!

Ja, meinte die Alte, ihr fiele ein Stein vom Herzen, so groß wie die Simmerl-Sephin selber, denn sie hab' schon gefürcht't, die wär' nit viel mehr geworden, als s' war, und damit wär' wenig geholfen gewesen, denn sie – die Alte – vermöcht' völlig nimmer nichts mehr zu verrichten. Na, gut, daß 's ihrer Arbeit gar nit gebraucht.

Das alte Weiblein aber schwand von Tag zu Tag zusehends dahin, und nach einem halben Jahre schlummerte es ruhig ein. Solange ein Hauch in der Kranken lebte, hielt die Sephin getreulich bei ihr aus, hegte und pflegte sie; neben dem starren, kalten Leichname jedoch litt es sie keine zwei Minuten; sie lief verstört aus der Hütte, über den Steg und rief nach dem Krautschneider, daß er komme, mit ihr wache und fürchte, denn zu zweien ließe sich alles in der Welt leichter ertragen, da auf keinen so viel käme, wie auf den einzelnen.

Der Jakob benahm sich, wie ihm als gutem Nachbarsmann zukam. Er half das Leichenbegängnis der Alten zurüsten, er fuhr mit der Jungen zu öfteren Malen in die Kreisstadt, wenn es galt, bei dem Herrn »Notarjus« wegen des Heimfalls des elterlichen Gutes an die Sephin Auskunft zu geben oder einzuholen, und jedesmal, wenn das Geschäft abgetan war, ging es zur »Goldenen Sonne« auf dem Marktplatze, wo ihn die Simmerl-Sephin traktierte. Das tat seinem Magen und seinem Herzen wohl, denn er war nicht wenig stolz darauf, sich neben der sauberen Witwe sehen zu lassen.

Oft nachtete es schon, wenn sie von diesen Fahrten heimtrafen, und dann half die Sephin dem Jakob das Pferd ausgeschirren und das Wägelchen in den Schupfen schieben, dafür aber mußte er sie mit einem brennenden Kienspan hinüber nach ihrer Hütte begleiten und dort nachschauen helfen, ob alles in Ordnung, besonders unters Bett leuchten, ob da nicht etwa ein Räuber liege, der sich eingeschlichen, und je ängstlicher sich die Simmerl dabei anstellte, desto couragierter zeigte sich der Krautschneider.

In freundnachbarlichem Zusammenleben verging die Zeit. An einem Herbstmorgen in aller Frühe – es jährte eben der Tag, an dem die Simmerl-Sephin heimgekommen war, hörte diese mächtige Hammerschläge, und als sie unter die Haustür trat, sah sie den Krautschneider-Jokl, wie er auf einer Seite des Steges, der aus einem einzigen breiten, über den Bach gelegten Balken bestand, ein Geländer anbrachte.

»Du Narrisch!« rief sie hinüber. »Was machst denn? Is dir nit ums Holz und d' Müh' leid?«

Jokl lag eben inmitten des Balkens auf dem Bauche, um unten einen Nagel einzutreiben. Er erhob sich auf allen vieren und sagte in dieser keineswegs anmutigen Stellung: »'s werden jetzt bald früh und abends dö Nebel einfall'n. Weißt, daß mer kein' Fehltritt tut und sich leicht hinüberleiten kann.«

»Geh zu, du Kommodrian!« lachte das Weib. »Ich steh' dir net af dein G'lander. Werd'n wir ja sehn, wer sich öfter von uns zwei dran hinüberleit't.«

»Na, wie du schlimm sein magst, Sephin«, grölte der Jokl und verfiel in einen Lachkrampf, bei dem er alle Mühe hatte, die kurze Pfeife im Maul zu behalten, daß sie ihm nicht ins Wasser hinabschoß.

Paar Tage danach führte er die Sephin zur Einantwortung ihres Erbes in die Stadt. Auf dem Rückwege, als sie ihrer beiden Anwesen von ferne ansichtig wurden, legte er den freien linken Arm um die Hüfte der Witwe und sagte: »Sephin, schau, liebe Sephin, heunt hab' ich mir denkt, wie mir so in der Kanzlei neb'nand' g'standen sein, es wär' doch bald Zeit, daß wir zwei 'n Notarjus auch was z'schaffen gäbeten.«

»Schau, Jokl«, sagte die Simmerl-Sephin, »das wär' doch nur h'nausg'worfen's Geld, das, wie 's andere für d' Kopulation, 's selbe muß wohl sein, wo a Haufen Leut' unteranand' wohnt, daß jeder weiß, was 'm anderen zu- und ang'hört und es ihm nit streitig macht, und daß nit einer, der nix af d' herg'brachte Weis' halt't, all'n a Ärgernis gibt, dö drauf halten, aber wir, was mir so seitab von aller Welt lieg'n, wir brauchen in Sein' und Dein', in all'm und jed'm bei niemand erst anz'fragen. Nit amal a G'sind hab'n wir, was d' Augen groß und 's Maul bös aufreißen könnt'. Was d' Gäns' schnattern, d' Kuh brüllt und d' Geiß meckert, bringt nix unter d' Leut, und dein Bräunl wird af seine alten Tag' a nimmer reden lernen, daß 's 'm Hausknecht von der ›Goldenen Sunn‹, wann er ihm Heu vorschütt', was z'verzähl'n vermocht'.«

Der Krautschneider lachte, bis ihm ein Hustenanfall die Luft und die Lust dazu benahm. »Ei, je, ja«, sagte er dann ernst, »weißt du, der Mensch muß doch af Leben und Sterben denken; wenn heut eins von uns 's Zeitliche segnet, so hat dann mein oder dein Gut kein' Herrn, oder weit weg, weiß der liebe Gott in welchenem Wellwinkel, stecket' so ein weitschichtig', wildfremd's Anverwandt's, das sich meld't, und wer von uns hinterbleibt, hält' 's leere Nachschau'n. Darum mein' ich nur, weißt. Sephin!«

Die Simmerl-Sephin wäre nicht die tüchtige Hauswirtin gewesen, die sie in der Tat war, wenn ihr das nicht eingeleuchtet hätte. Sie ließ sich daher nach einigen kurzen Widerreden von der Notwendigkeit des Hochzeitmachens und der Aufrichtung eines Ehepaktes überzeugen, in welch letzterem gegenseitig ein Teil dem anderen für den Todesfall alle bewegliche Habe und Liegenschaften zu verschreiben hatte. Ein tiefes Geheimnis bleibt es wohl für immer, denn sie wird sich ebensowenig, wie solchenfalls irgendein Weib, dazu verstehen, es zu verlauten, ob sie all diese Fürsorge für den geliebten Mann oder für sich wohlangebracht hielt.

Das aber stand fest, daß ihre Einwilligung eine auffällig beruhigende Wirkung auf den Hustenreiz des Krautschneider-Jokl übte; war dieser bisher einigemal genötigt gewesen. Auseinandersetzungen wegen Luftmangels zu unterbrechen oder wegen Halskitzels nur stoßweise und flüsternd vorzubringen, so stellte sich ihm nunmehr kein Hindernis entgegen, seiner sichtlichen Freude lauten und lautesten Ausdruck zu geben.

Er pfiff, jodelte und sang mit unterlegtem Text die »Landler« und »G'strampften«, die an dem Ehrentage aufgespielt werden sollten, seiner künftigen Krautschneidern vor, dazwischen plauderte er von der Gasterei, die in der »Goldenen Sonne« stattzufinden hätte, was er dabei für Gerichte auf dem Tische und für Gäste in der Stube haben wollte; dagegen meinte die Sephin, er trage zu gut und für zu viele an, was man dafür aufzuwenden gedächte, bekäm' der Wirt im vorhinein, und mehr als ausgemacht worden, dürfe es nicht kosten, daher je mehr Leut', je weniger Traktament oder umgekehrt.

Umgekehrt war' ihm lieber, meinte der Jokl, dann schnippte er mit den Fingern und schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie und beteuerte, daß sie, um rechte Bauersleute zu sein, doch auch ein Gesinde haben müßten.

Die Sephin runzelte die Brauen. Die Arbeit, die zu verrichten wäre, hätten sie beide bisher immer noch zu bewältigen gewußt, würden s' wohl auch noch fürder bewältigen können. Gesinde koste Geld.

Da erklärte der Jokl, erst verheiratet könne er sich dazu verstehen, wozu früher nicht, nämlich, ein verwaist' Dirndl, von einem Geschwisterkind seiner Mutter selig, eine Bruderstochter, ins Haus zu nehmen. Damit baue man sich eine Staffel in 'n Himmel, und da niemand so ein'm Zascherl nachfragt, kann man's mit ihm halten, wie man will. Lohn kriegt's eh' kein', Kost wird ihm zugemessen, und draußen in der Einschicht umherzurennen, ist bald ein Fetzen gut genug zur Gewandung, für all das muß 's noch »Gott's Lohn« sagen und froh sein, daß 's nit unter fremden Leuten, sondern unter lieben Anverwandten ist.

»Wann d' damit einverstanden bist«, schloß der Krautschneider-Jokl, »hätt'st gleich billig für dein' Kuh a Dirndl.«

Die Simmerl-Sephin nickte vor sich hin. »And schau«, sagt sie nach einer Weile, »gleicherweis' wüßt' ich dir für dein Roß ein' Knecht.« Sie erzählte nun, auch sie sei letzter Zeit gebeten worden, ein Anverwandtes auf den Hof zu nehmen, von ihres seligen Mannes ältester Schwester ein unehlich' Kind, einen nicht gar zu jungen Burschen, dem die Arbeit nicht recht von der Hand ginge, wenn man nicht immer hinter ihm stund', und den es daher in keinem Diensie lange gelitten, weil da eben jeder, ohne zu fragen und ungeheißen, das Seine verrichten solle.

Der Krautschneider-Jokl war es zufrieden, daß die Simmerl-Sephin ihm den Knecht für das Roß kommen lasse, und die Simmerl-Sephin, daß der Krautschneider-Jokl ihr die Dirn' für die Kuh beistelle.

Man einigte sich also, den beiden zu schreiben. Mochten sie kommen, wenn sie wollten, oder es bleiben lassen, man hatte wenigstens ein gutes Werk zu tun versucht, und der Himmel sieht gewiß auch auf den guten Willen.

Vorab sollte aber über alles Schnee fallen und nach dessen »Auflahnen« Knecht und Dirn' ins Haus kommen, der Ehepakt geschlossen werden und die Hochzeit stattfinden.

Über das waren die beiden ins reine gekommen, als das Wägelchen vor dem grauen Häuschen stille stand. Man hörte die Stränge mit der Querstange fallen, das Pferd nach dem Stalle traben, und eine Weile danach kam es über den Steg getrappelt, voran der Krautschneioer-Jokl mit dem qualmenden, gelblohenden Kienspane, ihm folgte auf dem Fuße die Simmerl-Sephin, sie gingen nach dem weißen Häuschen – »Rauber« suchen.

Zweites Kapitel

Der Schnee »lahnt« auf. Hans und Grete. Es ereignen sich Dinge, die nicht vorauszusehen waren, aber sehr erklärlich sind.

Der Schnee war noch im Schmelzen und die Wege nicht die besten, da meldete sich schon der Knecht fürs Roß, und der Krautschneider-Jokl mußte nach der Kreisstadt fahren, um den jungen Hans Simmerl einzuholen. »Der Bursch hätt's wohl auch erwarten können«, meinten die beiden Anwesner auf dem Steinfelde; als aber der Schnee längst hinweggeschmolzen und der Boden hübsch trocken geworden war, ehe die Dirn' für die Kuh, die Grete Krautschneider, von sich hören ließ, da meinten sie wieder: »Das Mensch hätt' sich orndlich Zeit lassen!«

Für so lange oder – wie die beiden Nachbarsleute dachten – so kurze Zeit, als sie noch getrennt zu leben hatten, war es ganz selbstverständlich, daß der Hans bei der »Frau Mahm« und die Gretl beim »Herrn Vettern« Unterkunft fand, und daß sowohl der Krautschneider-Jokl als auch die Simmerl-Sephin, jedes das Seine, einschließlich des Gesindes, wohlweislich für sich behielten, bis zwischen ihnen alles völlig und förmlich abgemacht sei.

Indes hatten die beiden älteren Leute an den beiden jungen gehörig zu schulmeistern, um sie einigermaßen anstellig und nützlich zu machen, und sie beklagten sich oft gegenseitig über die Plage, die sie da auf sich genommen, doch wenn auch in allererster Zeit einige harte Worte über die begriffstützigen Zöglinge fielen, bald einigte man sich in der milderen Beurteilung: »So scheu wären halt die zwei, 'n guten Willen hätten s' schon, aber gar so viel scheu wären s'.«

Nicht lange, so galt es der Simmerl-Sephin für ausgemacht, daß der Hans »ein guter Lapp« sei, und der Krautschneider-Jokl hatte die Überzeugung, die Gretl wär' »ein gutes Tschapperl«. Der Entwicklung der guten Eigenschaften des Burschen und des Mädchens stand also anscheinend nichts als deren angeborenes scheues Wesen entgegen; man mußte sich mehr mit ihnen abgeben, sie zutraulicher machen.

Der Hans halte wohl schon seine achtundzwanzig Jahre auf dem Rücken, aber man sah ihm das nicht an, er war ein etwas breitschulteriger Knirps, hatte ehrliche blaue Augen und unter der Stumpfnase einen blonden Schnurrbart, der in zwei dünne kurze Spitzen verlief, die sich eben noch ein wenig »aufwichsen« ließen. Er war sehr bedächtig in allem, was er unternahm oder unterließ, entschloß sich aber doch eher noch fürs Unterlassen, als fürs Unternehmen.

Die Gretl war ein kleines dralles Ding; von ihrem reichen Blondhaar, mit dem sie nichts anzufangen wußte, guckten nur ein paar Strähnchen im Nacken hervor, aber das dunkle Kopftuch, das sie darüber gebunden trug, nahm sich wie ein Turban aus, darunter befand sich ein rundes, vollwangiges Gesichtchen mit kleiner gerader Nase, ein wenig eingekniffenen Lippen, die den Mund sogar schief erscheinen ließen, was er jedoch nicht war, wenn sie ihn geöffnet hielt: die großen braunen Augen, mit denen die Gretl in die Welt lugte, waren aber keineswegs jene lustigen Schelmenaugen, deren Blick man so oft begegnet und ihn so gerne erwidert, sondern sie hatten etwas so beobachtend Treuherziges und so zaghaft Erwartendes, daß man schließlich zugeben mußte, so gar unrecht hätten die Kameradinnen in den früheren Dienstorten der Gretl just nicht gehabt, wenn sie deren Augen neckend als Hundsaugen bezeichneten. Manchmal entwickelte die kleine Dirne eine überraschende Beweglichkeit, aber es läßt sich nicht leugnen, daß diese von derselben Sorte war, wie die Bedachtsamkeit des Hans, sie äußerte sich nämlich auf einen herzhaften Zuruf lieber durch Davonlaufen als durch Herzueilen.

Eine harmlose Leidenschaft beseelte die beiden jungen Leute, sie frönten ihr, sooft sie nur konnten, und man ist zu der Annähme gezwungen, daß sie sich hierdurch in einen beneidenswert wonnigen Zustand von Weltentrücktheit versetzt fühlen mußten, denn sonst wäre es ganz unerklärlich, warum sie an sonnigen Tagen von irgendeinem Winkel aus stehend, lehnend, kauernd, liegend, stundenlang zum klaren Himmel empor den ziehenden Wolken nachblicken mochten.

Seit der Hans in dem weißen Häuschen unter Dach war, hatte das »Raubersuchen« aufgehört, nur ab und zu kam der Krautschneider-Jokl in vorgerückter Abendstunde herüber zur Simmerl-Sephin berichten, daß die »Seine« schlafe, und sich erkundigen, ob das auch bei dem »Ihren« der Fall wär'. Von der Zeit an aber, wo sich die beiden Alten vorgenommen hatten, sich mehr mit den Jungen abzugeben und sie zutraulicher zu machen, beschränkte sich der nachbarliche Verkehr zusehends, was ganz erklärlich war, denn dieselbe Erziehung nahm alle Müh' und vollends alle Zeit in Anspruch, weil man die zwei »Wolkengucker« gar nicht allein lassen durfte.

Die beiden Pädagogen aus Neigung, der Krautschneider- Jokl und die Simmerl-Sephin, ertrugen stillschweigend die zeitweilige Entfremdung und schienen gegenseitig die Gründe, durch welche diese verursacht wurde, zu achten. Gewiß ist, daß sie bei ihren kurzen, ungesuchten Begegnungen eine seltene Übereinstimmung äußerten.

So rief die Simmerl-Sephin eines Tages über den Bach herüber: »Der Meine macht sich schon, ich bin recht zufrieden.«

Und der Krautschneider-Jokl erwiderte: »Könnt' über die Meine auch nit klagen: wirst's sehen, dö bring' ich dir bald völlig auf gleich.«

»Und ich dir den Mein' auch, verlaß dich drauf«, sagte sie. «Voreh'. das wirst ja einsehn, laßt sich nit Ernst machen, bis mer mit 'm Gesind' in Ordnung is.«

»Ei, freilich«, gab er zu, »aufs G'sind' muß erst ein Verlaß sein!«

So war denn in beiderseitigem Einverständnisse der Hochzeitstag auf später verschoben worden. Es verstrich eine geraume Weile, während welcher die beiden Alten sich weder aufssuchten, noch sich auswichen, plötzlich aber begann zwischen ihnen ein ganz eigenartiges Verhalten, vermutlich geschah es aus Neugierde, wo nicht gar aus Neid, daß sie den Erziehungsresultaten des anderen nachspürten, und aus Verlegenheit über diese unwürdige Spionage, daß sie sich lieber mieden, als sahen – kurz, sie fingen an, einander aus dem Gesichte zu gehen und hinterm Rücken nachzuschleichen.

Eines Abends umschlich die Simmerl-Sephin das graue Häuschen und riß dessen Tür gerade in dem Augenblick auf, wo der Krautschneider-Jokl der Grell unter der gewiß vom Standpunkte seiner Lehrtätigkeit zu rechtfertigenden Vermahnung: »Ei, Dirndl, mußt nit dumm sein«, einen Schmatz auf die Lippen zu drücken versuchte, der indes infolge des Schrecks über die Überraschung jäh auf der Nase der Dirne ausklang.

»Ah, so. ja, du alter Lotter«, schrie die Sephin, »da eilt dir's freilich nit! Da hast du's ja gar nit not, daß d' über 'n Steg kommst!«

»Du ja auch nit«, höhnte der Jokl. Er sah weit weniger wegen des Überfalls erschreckt, als über die Störung erbost aus. »Du ja auch nit, wo d' jetzt 'n Raubersucher im Haus hast!«

»Weder du noch ich brauchen mehr hinüber noch herüber!« belferte die Sephin und stürzte davon. Eine Weile danach hörte der Krautschneider ein Gekrach und Gepolter, und als er vor die Hütte lief, sah er eben noch, wie die Simmerl-Sephin mit dem Hans drüben unter der Tür verschwand; der Steg, den die beiden abgeworfen hatten, lag im Bache, und das Wasser schoß darüber hin.

Noch in derselben Nacht sagte der Kraulschneider-Jokl zur Gretl: »Ich bin froh, daß 's mit der Alten da drüben aus und gar is! Jetzt nimm ich dich zum Weib, wann dir's recht is, und hoff', daß d' dich dafür auch brav halt'st.«

Und am anderen Morgen sagte die Simmerl-Sephin zum Hans: »Ich dank' Gott, daß ich den Allen da drüben los bin. Jetzt nimm ich dich zum Mann, wann dir's recht is, und erwart' mir dafür, daß d' allzeit gut tust.«

Die beiden jungen Leute bedauerten lebhaft, daß der gute Steg weg war, sie wären so gerne zueinander gelaufen und hätten sich das große Glück, das sie betroffen, mitgeteilt und eins das andere befragt, daß es ihm – aber Hand aufs Herz – sagen möchte, ob man sich denn getrauen dürfe, ein so großes Glück anzunehmen?

Aber der Steg lag leider im Bache. Übrigens war' ja das Gefrage auch nur gewesen, um des anderen erstauntes Gesicht zu sehen und sein lautes Verwundern zu hören, »sonst doch zu nix nit«. Der Krautschneidervetter und die Simmerlmahm waren nicht die Leute, die erst lang herumfragen, wenn sie es einem gut meinen. »Da gehst her«, heißt's, »und läßt dich glücklich machen«, und was will man da machen? Man muß nehmen, was einem bestimmt ist, und Glück wie Unglück kommen dem Menschen ungefragt zu. Besser doch 's erst' wie 's letzt'!

Wenige Tage darauf, nachdem sich alle Beteiligten über die neue Lage der Dinge beruhigt hatten und in selbe einzugewöhnen begannen, fiel der erste Schnee, und wenn der kommende »Auswärts« den letzten hinweggeschmolzen haben wird, dann sollte es, statt des einen, zwei Ehrentage auf dem Steinfelde geben.

Drittes Kapitel

Trotz der Trutzheiraten gute Nachbarschaft. Es ereignen sich Dinge, die ebenso leicht vorauszusehen waren, als sie erklärlich sind. Dieses Kapitel schließt mit einem Schattenspiele, über das wieder der Schnee fällt.

Lange bevor das Hochwasser kam, das ihm hätte gefährlich werden können, war der Steg aus dem Bache heraufgeholt und an seine frühere Stelle gebracht worden und hatte sich auch der für eine Weile abgebrochene Verkehr zwischen den beiden Anwesen wieder angesponnen, und es war nicht etwa nur Leckerei nach in Butter geschmorten Eiern, welche den Krautschneider-Jokl bewog, nachgiebig und versöhnlich zu sein, sondern er dachte zu christlich, um gegen die Nachbarsleute eine Feindschaft zu nähren, die nicht nur deren zeitliche Interessen vielfach schädigen, sondern sogar deren ewiges Verderben herbeiführen konnte, denn wenn er, der Krautschneider-Jokl, in der ungangbaren Winterszeit die Simmerl-Sephin und den Hans nicht auf den Schlitten nahm, so bekamen die zwei keine Kirche zu sehen und mußten die heiligste Zeit des Jahres über wie die Heiden leben.

Man war es im Dorfe schon gewöhnt, sie selbviert ankommen zu sehen, und an einem schönen Frühlingstage kamen sie wieder gemeinsam angefahren und hielten vor dem Pfarrhofe stille, um sich als Brautleute, der Krautschneider-Jokl mit der Grete und die Simmerl-Sephin mit dem Hans, einschreiben zu lassen.

Als man darüber im Orte herumsprach, da meinten die einen, die alles gleichmütig hinnahmen oder lustig auffaßten: »Recht haben sie, so ist's für alle besser, wie allein bleiben! Die Alten nehmen sich lieber ein Junges, und die Jungen können sich mit Hab und Gut, was an den Alten hängt, zufrieden geben.« Die anderen, gewöhnt, die Dinge, je weniger sie dieselben angingen, um so ernsthafter und nach Gemütsart entweder bemitleidend oder scheel anzusehen, waren der Ansicht, es könne nicht viel taugen, wenn man alt, was noch der Hafer sticht, und jung, was schon der Geiz verblendet, zusammen in einen Sack steckt!

Auch der hochwürdige Herr Pfarrer schüttelte den Kopf über die ungleichen Brautleute und nahm den jungen Bräutigam der Simmerl und die fast noch kindliche Braut des Krautschneider beiseite und forschte sie aus, ob sie auch völlig freien Willens den ernsten Schritt unternähmen; aber er bekam von beiden nur die Versicherung zu hören, daß sie sich ganz unbemüßigt zum Heiraten entschlossen hätten. »Und wie sollt' ich nit«, schloß die Grell ihre Rede, »wann mich der Herr Vetter nimmt?« – »Und wie könnt' ich anders«, sagte Hans, »wann mich d' Frau Mahm will?«

So wurden sie denn an drei Sonntagen von der Kanzel verkündet und kurz darauf vor dem Altare getraut.

Da beide Paare gemeinsam beim »Goldenen Sonnenwirte« das Hochzeitsmahl einnahmen, wobei sich die Simmerl-Sephin nicht spotten ließ und den größeren Teil der Zeche auf sich nahm und auch beim darauffolgenden Tanzvergnügen ihre Silbergulden auf den Musikantentisch warf, so entsprach der Ehrentag in Wirklichkeit ganz dem Traumbilde, das dem Krautschneider-Jokl an jenem Abende an Seite der Sephin vorgeschwebt hatte, nur mit dem angenehm berührenden Unterschiede, daß die Braut eine jüngere war.

Schon während der Heimfahrt bezeigte der Krautschneider-Jokl der Simmerl-Sephin seine dankbare Rührung über die genossene Gastlichkeit; oftmals wandte er sich auf dem Kutschbocke, wo er neben seiner Gretl saß, nach der neuvermählten Witwe um und faßte sie an den Händen. »Bist wohl a brave Nachbarin, ja, du mein' liebe Nachbarin, du!« sagte er mit schwerer Zunge, und wenn dann die Sephin hellauf: »Schon gut, schon gut, laß's sein!« rief und alle lachten, da besann er sich, ergriff eilig die Peitsche, und der Wagen, der bei jeder solchen Gelegenheit stehenblieb, rädelte wieder weiter.

Daheim angelangt, ließ der Jokl den Braunen in den Strängen stehen, als er seine lieben Nachbarsleut' sich entfernen sah, er drängte den Hans von der Simmerl-Sephin weg und hielt die inmitten des Steges an der Hand zurück, begann davon zu reden, wie schön doch der heutig' Tag gewesen wär', dazu nickte die Sephin stolz und sagte, daß sie das »halt« auch meine – der Jokl besprach nun eifrig Stück für Stück, was ihn am meisten erfreut und vergnügt hatte – die Sephin gab ihm in einem recht, beim andern erklärte sie, sich »Lieberes« zu wissen –, und bald lehnten die beiden Alten nebeneinander an dem Geländer über dem Bache und führten ein angelegentliches Gespräch.

Hans und Grete standen verlegen an dem Ufer, wußten nicht, was man von ihnen wollte, noch was sie selbst sollten, auch hätte keines von beiden mit Bestimmtheit sagen können, wer zuerst mit dem Zeigefinger gegen die Hand des anderen gestoßen, worauf sie sich mit einem kurzen, weisenden Kopfnicken nach der plaudernden Gruppe launig zublinzten; sie häkelten die Finger ineinander und waren just im unterhaltlichsten Armschlenkern begriffen, als sich die Simmerl-Sephin zufällig ihnen zuwandte; einen Augenblick stand die wackere Frau starr, dann kam sie um so behender herzugestürzt und gab ihrem jungen Gatten eine Ohrfeige, die ihm den Hut vom Kopfe und in den Bach warf, und ehe sich noch der Betroffene vom ersten Schreck erholen konnte, fühlte er sich hinterher in das Wasser gestoßen. »Lotter, du«, belferte die Sephin, »fängt bei dir d' Wirtschaft damit an, daß d' dein neuchen Hut fortschwemmen ließ'st!«

Der Hans fischte den breitkrempigen Filz heraus und gedachte schon, über die erlittene Unbill in rechtschaffenes Schimpfen und gewaltiges Sakramentieren auszubrechen, aber ein Blick auf den noch immer ausgereckten Arm der Sephin, dessen Kraft er eben erprobt hatte, ließ ihn von dieser Lungenübung abstehen, und leise fluchend und ausgiebig triefend schlich er sich ins Haus.

Gretl, vom Krautschneider, der brummig auf sie zugetreten war, in die Seite gestoßen, flüchtete nach der anderen Seite.

Nun standen sich die beiden Alten allein auf dem Stege gegenüber, sahen sich eine Weile lautlos mit großen Augen an, dann sagten sie sich leise »Gute Nacht«, kehrten einander den Rücken und gingen.

»Es ist kein Vorwärtskommen mit ihnen«, sagten der Krautschneider-Jokl und die Simmerl-Sephin, wenn der eine von seinem Weib, die andere von ihrem Manne sprach.

»Schau«, sagte der Jokl zu seiner Gretl, wenn ihr manche Verrichtung in Feld und Haus gar nicht nach seinem Willen geriet, »schau, wie die Simmerlin da drüben wirtschaftet!«

»Das hast ja gewußt«, sagte die Gretl trotzig, »daß ich 's Wirtschaften nit so versteh' wie die da drüben!«

Damit hatte sie recht, und darüber erboste sich der Jokl nur um so mehr. »Aufbegehr'n sollt'st du nit«, schrie er, »bedenk'n sollt'st lieber, was ich mir dein'tweg'n hab' entgehn lassen! Schau, wie die Simmerlin den Ihren halt't und füttert, von Tag auf Tag wird der Kerl feister: so gut hätt' mir's auch werden können.«

Und er wußte doch, daß der Hans, was ihn feist machte, nicht von der Person der Sephin herunterbiß, sondern von deren Anwesen aufgefüttert wurde, kein Wunder, daß hierauf Gretl, die sich durch folche Reden ihre Armut vorgeworfen fühlte, weinend ausrief: »So hätt'st s' doch nur g'nommen, die da drüben!«

Da hatte sie wieder recht, und das versetzte den Alten vollends in Wut. Er begann dann stetig im Hause herumzurumoren und unter unvernünftigem Geschrei: »Keifen – zanken – keppeln – willst du – du«, sich an allerlei nützlichem Haus- und Küchengerät tätlich zu vergreifen und dasselbe – wahrscheinlich zur Aneiferung wirtschaftlichen Sinnes – zu zertrümmern.

»Du«, sagte die Sephin zu ihrem Hans, wenn er, wie gewöhnlich, tagüber zwar langsam, aber desto weniger gearbeitet hatte, »du sollt'st dir den Krautschneider zum Beispiel nehmen, der tut sich um.«

»Der hat's auch not«, erwiderte der Hans, »denn sein Weib versieht nit 's Hausen wie du.«

Aber die Sephin war taub für diese ihr ganz ungelegen kommende Schmeichelei. »Du Läpp«, schrie sie, »bedank' mich für die gute Nachred'! Von dir aus könnt' ich allein mich hinunterschinden. Da schau dir den da drüben an, wie der auf die Seine schaut, die braucht an gar nichts zu rühren, die hat a Leb'n wie a Prinzessin, wie ich's halt' hab'n können!«

Und sie wußte doch, daß ihr als des Krautschneider-Jokls Weib auch nicht ein Handgriff von ihrer jetzigen Arbeit erspart geblieben wäre; daher ärgerte es sie über die Maßen, wenn der Hans darauf sagte: »Ei, mein, für was d' Gretl weniger kann, is s' jünger und muß sich 'n Alten g'fallen lassen.«

»Und du dir d' Alte, gelt?« kreischte die Sephin. »Und d' alten Eseln soll'n für d' jungen Faulpelz' sich h'runterrackern? Gelt ja? Dazu sein s' da? Gelt?« Damit hatte sich jedesmal die Simmerl-Sephin in Fragen und Geduld erschöpft, und der stumme Hans fühlte sich durch irgendeine leichte körperliche Verletzung zur Rede aufgefordert, er begnügte sich meist damit, in Tönen gekränkter Manneswürde und örtlichen Schmerzgefühles, welche zusammen ein unmelodisches Halbgeheul ergaben, auszurufen: »So hätt'st 'n g'numma – so hätt'st 'n g'numma – den von da drüb'n!« worauf er sich eilig davonmachte.

Nun begann die Sephin mit Gezeter hinter ihm her zu jagen. »Vorwerfen tät'st mir etwa noch mein' Gutheit? – du? – Mein' Gutheit, mir? – Na, wart, du Nixnutz!« Aber sie opferte dem häuslichen Zwiste keine Topfscherbe, keinen Sesselfuß, das wußte der geängstigte Mann und erschwerte und verzögerte seine Ergreifung stets dadurch, daß er alle zerbrechlichen Gegenstände, deren er habhaft werden konnte, seiner Verfolgerin in den Weg schob; er kam aber nie zur Einsicht, wie fehlerhaft diese Taktik sei, durch welche er sich selbst das Terrain zur Flucht mehr und mehr einengte, er hielt fest an ihr, trotzdem er sich schließlich immer in einen Winkel getrieben fand, wo ihn das Weib, nicht allzu zärtlich, in die verlangenden Arme schloß.

Es ging also manchmal in den beiden Hütten ziemlich laut her.

Zu Anfang, da sie sich kennenlernten, dachten Hans und Gretl, es wäre wohl klug, wenn sie als Dienstleute gegenüber den Herrenleuten zusammenhielten, als sich aber der Knecht von der Bäuerin, die Magd vom Bauern bevorzugt sah, da schien doch eines dem anderen zu »minder«, und nun wieder in gleicher Stellung, selbst als Bauer und Bäuerin, bewirkte es die zunehmende Unzufriedenheit der Alten, daß sie anfingen, einander zu bemitleiden.

Manchmal nahm sich der Hans das Herz, ging zu dem Jokl hinüber und sagte: »Mußt mir mein Einmengen nit verübeln, Nachbar, aber dir kann's ja am End' gleich sein, wer tut, was z'tun is, wann nur g'schieht, was z'g'schehn hat. Laß mich das und das verrichten, deiner Gretl fehlt's dazu an Kräften, daß sie 's auch recht macht.« Oder die Gretl lief zur Sephin: »Nimm mer's nit ungut, Nachbarin, daß ich mich aufdräng', aber gern tat ich dir das und das, denn dein Hans is dafür zu tollpatschig.«

Bald ließen die wirtschaftlichen Alten, was an Arbeit auf beiden Anwesen den Jungen zugedacht war, von diesen abwechselnd und gemeinsam verrichten.

»Denn ich mein'«, sagte der Jokl kopfschüttelnd zur Sephin, »es stellt sich hitzt allmeil mehr und mehr h'raus, daß ich dumm war und du nit g'scheit. Dafür hilft nix, als daß mer der Sach' noch schnell ein' Dreher nach der linden Seiten hinüber gibt. Allein taug'n uns dö zwei amal nit, z'samm'g'nommen kann mer s' doch noch für eins gelten lassen.«

Dabei merkte die Simmerl-Sephin so gut wie der Krautschneider –Jokl, daß den jungen Leuten die gemeinschaftliche Arbeit gar merkwürdig flink von der Hand ging und daß sie während derselben oft fast ausgelassen lustig wurden, aber davon sagte keines der beiden Alten dem anderen.

Dagegen sagte die Simmerl-Sephin zu Hans: »Du, das hat's nit notwendig, daß d' dich unter der Arbeit mit der Gretl neckst. Sei g'scheit, sonst leiht uns der Krautschneider sein Weib nimmer.«

Und der Krautschneider-Jokl sagte zur Gretl: »Du, blinzl' und lach mer unterm Schaffen nit alleweil 'n Hans zu, das ziemt sich nit, und wann's d' Simmerl-Sephin merkt, so borgt s' ihr'n Mann nimmer her.«

Das waren für die Zeit, da es sich um Arbeit im Freien handelte, ersprießliche Vermahnungen, um närrischen Eifersüchteleien vorzubeugen, weil doch ernstlich keine Ungebühr zu befürchten stand, wo man sich allorts vom hohen Himmel herunter durch Gottes Auge bewacht wußte; bei der winterlichen Haus- und Stubenarbelt aber blieb man sich ohnehin gegenseitig unter Augen.

Die rauhe Jahreszeit kam allmählich heran, und der Jokl und die Sephin setzten das Ehehälften-Leihgeschäft fort. Sooft sich der junge Nachbar, einer Verrichtung halber, beim Krautschneider einstellte, war dieser nicht in der Lage, irgendwelche auffällige Bemerkung zu machen; Hans und Gretl gaben sich kurze Reden, und beim Verabschieden unter der Tür drückten sie sich kaum die Hand. Die beiden zeigten sich ebensowenig gesprächig in Gegenwart der Sephin, wenn Gretl zur Aushilfe in das weiße Häuschen herübergekommen war, aber da erforderte es dann doch die Schicklichkeit, daß beim Heimgange der Nachbar die Nachbarin wenigstens bis über den Steg begleite; dieser mußte jedoch von einem auf das andere Mal an Länge zunehmen, denn sonst war es nicht gut erklärlich, warum Hans zu solchen Geleitgängen immer mehr Zeit gebrauchte und immer später zurückkam.

Für diese naheliegende Annahme schien aber die Simmerl-Sephin gar nicht empfänglich, denn sie empfing den Zurückkehrenden mit spöttischen Blicken und spitzen Worten. »Ich schau' dir nur so zu«, keifte sie, »ich schau' dir lang zu und bered' nix. (Die gute Frau widersprach sich hier mit der ihrem Geschlecht eigenen Neigung, das Gegenteil von dem Gesagten zu tun und vom Getanen zu sagen.) Mach du Dummheiten auf dein' eigene Faust, wie s' aber für mich amal auf der flachen Hand liegen, dann sein wir g'schiedene Leut', und du kannst gehn, wie d' kommen bist, als Bettelbub.«

Der Hans lächelte dazu jedesmal so tölpisch, daß seine Beteuerung, er denke nicht daran, Dummheiten zu machen, kein volles Zutrauen erweckte.

Während sich also die alte Henne ihres jungen Hahnes versichert hielt, so daß sie es nicht einmal für nötig fand, um das Ausfliegen zu hindern, ihm die Flügel zu stutzen, und nur für den Fall, als es ihm auf fremdem Miste besser behagen sollte, sein ökonomisches Verderben in erschreckende Aussicht stellte, machte sich der alte Hahn wegen seines jungen Huhnes viel schwerere Sorgen.

Etliche Male schon hatte der Krautschneider-Jokl vom Fenster aus die beiden jungen Leute beobachtet, wie sie langsam im eifrigen Gespräche, nach je ein paar Schritten innehaltend, an den Steg herankamen, sich auf dessen Geländer stützten und nicht eher von einer Stelle rückten, bis das Holz unter ihren Händen warm geworden war, und dann nicht weiter als um etliche Spannen. Ieit und Geduld verlor der Alte darüber, er trommelte an den Scheiben und erging sich in ungeduldigen Ausrufen, sooft er eines von beiden einen Fuß vor den anderen setzen sah. «No – – no – – wird's! – – Was dö sich Zeit lassen! – So – wieder a Ruckerl! – Und noch a Schrittl! – Was s' doch z'verhandeln haben miteinand'? – No, endlich! – Geht's doch füri? – Werd'n mer doch noch vor Morgen z' Haus treffen?«

Möglich, daß der Krautschneider-Jokl moralischer dachte wie die Simmerl-Sephin, wenn auch, gleich den meisten Männern, nicht nur für seine Person, sondern nur was die Ehehälfte anlangte, möglich, daß er instinktiv auf den Gedanken verfiel, der so instruktiv in fast allen »Psychologien der Liebe« behandelt wird: daß das Weib, dessen Leibesleben sogar durch das Liebesleben verändert werde, durch letzteres noch »tiefere Eindrücke empfange«, und daß er dieses Empfangen fürchtete, kurz er beschloß, der Sache nimmer länger ruhig zuzusehen, sondern ihr ein Ende zu machen und für künftighin seine Gretl von der Simmerlin abzuholen und selbst nach Hause zu führen.

Bei der nächsten dazu schicklichen Gelegenheit aber, er mochte sich verspätet haben, oder sein Weib früher als sonst von da drüben weggegangen sein, waren schon Hans und Gretl aus dem Häuschen gegenüber getreten, als er den Fuß über die Schwelle setzte. Noch kam dieser Zufall dem Jokl nicht ungelegen, denn er dachte, nun könne er leicht erhorchen, was eigentlich die beiden miteinander zu verhandeln hätten und worauf begreiflicherweise seine Neugierde schon lange gespannt war. Er mochte sich das nicht entgehen lassen und schlich im Schatten des Pferdestalles, der nahezu bis an den Steg reichte, vorsichtig dahin.

Das erste, was er zu hören bekam, war ein tiefer Seufzer des Hans, dem dieser alsbald die Worte folgen ließ: »Nimmer zum Aushalten, sag' ich dir! Wußt' ich, wohin gehn und woher was nehmen, ich rennet auf und davon.«

»Na eben«, sagte darauf die Gretl in verweisendem Tone, »wann d' nit weißt, wohin gehn und woher was nehmen, so bered lieber nix!«

»Ich kann's aber nix wie bered'n und drum will ich dös auch; 's wär' ja ganz gut zum Auskommen miteinander, wann nur mein Weib anders sein möcht', wie die is! Sie is so viel gach, daß s' nit amal schaut, ob s' ein'm mit der Hand in d' Haar oder in d' Augen g'rat't, und tut so überg'scheit, als müßt' s' mich erst aufklären, daß der Gans, was af ein'm Fuß steht, der andere nit fahlt, und alt wird s' von Tag zu Tag mehr; ich mag mer nit vorstell'n, was dös für a Anseh'n kriegt, bis ich in d' besten Monjahr' kumm.«

»Du tust ihr unrecht, sie schaut noch sauber g'nug aus.«

»Ah, du siehst s' nie, wie ich s z'sehn krieg'.«

»No, und is's, wie's wär', und wär's, wie's is! Hätt' mer von all dem früher wissen können, so möcht' mer sich's überlegt haben, und es wurd' anders kommen sein: so is mer aber ohne a Ahnung h'neintappl und hitzt, wo amal ja und amen g'sagt is, heißt's halt stillhalten und parier'«. Half' hinterdrein a Lamento, hätt' ich vielleicht a zu ein'm solchen Anlaß g'nug.«

»Denk' mer wohl, daß's dir da dran nit fahlt. Wir hör'n ja oft 'n Lärm h'rüber, was dein Alter schlagt, is a so a Rechthaber und Besserwisser und d' Schönheit plagt 'n noch weniger wie d' meine.«

Der Jokl spitzte die Ohren, er erwartete, daß ihn seine Gretl gegen den kecken anzüglichen Nachbar in Schutz nehmen werde, aber er hörte sie weiter nichts sagen als: »Es hat jed's sein Kreuz, mer muß sich's nur nit selber schwerer machen.«

Hans und Gretl waren bis in die Mitte des Steges gelangt und lehnten jetzt eine Weile schweigend nebeneinander und sahen in den Bach hinab.

Abermals tat der Hans einen tiefen Seufzer. »Wann nur bald d' schön' Zeit wiederkam'!«

»Das wär' mir auch lieb«, sagte die Gretl, gleichfalls seufzend.

»Und weißt, warum ich mir's wünsch'?« fragte er vertraulich.

Sie antwortete nicht und rückte eine Spanne weiter von ihm weg.

»Weil mer's dann so gut wird«, fuhr er fort, »'n lieben langen Tag über mit dir im freien Feld z'sein.«

»Ja und mich z'necken«, schmollte sie.

»Du kennst ja 's Sprichwort.«

»Du kannst dir für dein Teil was für welchene Gedanken machen, als du willst, mir verschlagt's nix.«

»Und mir a nit, denn ich weiß, ein ganz klein' bissel wengerl bist mer doch gut, und ich war' a Spitzbub', mehr z'verlangen.«

»Du bild'st dir selb'n das ganz klein' bissel Wengerl ein, wo hätt'st 'n Erweis?«

Hans rückte ganz nahe an Gretl heran. »Amal hast dir doch a schön's Bussel abbetteln lassen.« Er wollte seinen Arm um ihre Hüfte legen, aber sie entwand sich ihm rasch und richtete sich auf, beide standen sich nun gegenüber.

»Es reut mich eh'«, rief sie aus, »und nie wär' ich so dumm g'west, hält' ich g'wußt, daß du, was mer im Spaß gibt, als Ernst nimmst!«

»Gretl«, sagte Hans bestürzt, «lieber hätt' ich mir d' Zung' abgebissen, als die einfältig' Red' g'tan, wenn du meinst, ich wollt' durch selbe dich verunehr'n und mich prahl'n. Ich bin ja nur froh, um dich z'sein, und du weißt nit, Gretl, was ich mir jed'smal für ein G'wissen g'macht hab', wenn mir mit einmal word'n is, als müßt' ich jetzt und jetzt af dich zu, dich anfassen, auf d' Arm' nehmen und forttragen…«

»Na und nachher?« fragte schneidig das kleine dralle Weibchen.

»Nachher halt nix«, erwiderte stotternd der junge Mann.

»Denk's selber! Gute Nacht! 's is Zeit für heunt, daß ich geh.«

»Nein, Krautschneiderin!« rief Hans, indem er sie an beiden Händen faßte und zurückhielt, »so in Übelnehmen und Mißversteh'n lass' ich dich nit von mir! Du magst bös sein, weil ich dir ins Gesicht hab' verlauten lassen, was dir doch im stillen kein' Neuigkeit mehr sein kann, daß du in mein'm Herzkammerl drein sitzt, aber hör' nur auch an, was dich wieder gut machen wird: wie d' in selben einb'schlossen warst! Warum hast denn früher auch so verquer dazwischen g'fragt: ›Na und nachher?‹ daß mer d' Red' in der Gurgel is stecken g'blieben, warum hast denn nit g'fragt, wohin ich dich hätt' tragen mögen? Da drauf hätt' ich dir frei Antwort sagen können, weil mer sich nit zu schämen braucht, einen Traum z'verzählen, und Träumen weder a Sünd' noch a Schand' is und mir ja auch nur mit offenen Augen g'träumt hat, die zwei Alten hätten, wie sie z' Anfang willens waren, einand' g'heirat't und wir es ihnen nachgetan, die säßen af 'm d'renteren Anwesen und uns gäben s' 's herentere in Pacht, und ich braucht' dich nur in dasselbe graue Häusel da herz'tragen und all's möcht' gar anders sein, dö anderen lebeten gerechter und zufriedener, und wir – wir würden's leicht noch viel besser treffen! Meinst nit a?«

»Ja, Hans – das wär' freilich – so uneben nit«, flüsterte unter einem langgedehnten Seufzer die Gretl, und sie duldete es, daß der junge Nachbar sie in seine Arme zog, und einen Augenblick lehnte sie mit dem Kopfe an seiner Brust, aber rasch machte sie sich frei und sagte kopfschüttelnd und mit beklommener Stimme: »Nein, das tut kein gut. Brlng'n mer uns nit af Gedanken, wo eins z'letzt nimmer aus noch ein weiß. Aufrühr'n, was nit is, nit sein kann und soll, is doch allweil nur a Unsinn.«

»Und a schwermächtiger dazu«, sagte herantretend der Krautschneidet, der es in seinem Verstecke nicht länger auszuhallen vermochte.

Die Gretl stieß einen lauten Schrei aus und lief unter seinem ausgestreckten rechten Arme weg nach der Hütte.

Hans trat einen Schritt vor und holte mit der Faust aus.

Der Alte tat einen Sprung hinter sich. »Ich tu' dir nix, ich tu' dir nix«, murrte er. Es war das eine sehr überflüssige Versicherung seinerseits, da ja er befürchtete, der junge Mensch möchte ihm zu Leibe gehen.

Wenn der Mond an den Vorgängen auf Erden Anteil nehmen würde, was aber wohl nur Liebenden in begreiflicher Selbsteingenommenheit glaublich erscheint, so hätte er seinen Spaß an dem nachäffenden Gebaren der zwei schwarzen Gesellen haben können, welche sein Licht den beiden biedern Nachbarn an die Fersen heftete. Der eine spindelbeinige und dürrarmige Schatten focht erst mit Händen und Füßen wie ein Hampelmann, während der prallwadige und rundarmige nur ab und zu die Hand erhob, einmal mit ausgespreiteten Fingern, begütigend, dann mit geschlossenen, bedrohlich. Allmählich verlor sich bei beiden die Beweglichkeit, sie standen steif, lüpften nur die Schultern auf und nickten oder schüttelten mit den Köpfen, plötzlich hoben sie die Hände, schlugen in selbe ein und rüttelten sie sich, worauf der Spindelbeinige über den Steg stelzte und drüben in der dunkeln Türumrahmung des weißen Häuschens verschwand. Kurz danach huschte vom grauen Häuschen ein Schatten herzu, der bildete auf dem Sande ein kleines, dralles Figürchen in kurzem, fliegendem Röckchen, und nun zappelte der Prallwadige mit Händen und Füßen sich gegen diesen ab, und der Kleine erhob die Arme und schlug sie zusammen wie vor Verwunderung, dann hielt er sie vors Gesicht, endlich schwenkte er sie heftig, als gälte es, einen Schwarm Fliegen abzuwehren, und damit kehrte er sich eilig ab und verschwand dahin, von wo er gekommen. Nun stolperte drüben der Spindelbeinige winkend aus der Tür, und der Prallwadige stapfte über den Steg, und beide verschwanden.

Eine lange Weile lagen nur die Schatten unbeweglicher Gegenstände über den beiden Anwesen, dann strich wieder eine Gestalt, groß und dick, vom Gürtel abwärts wie eine Kirchturmglocke anzusehen, in der zwei Klöppel sich bewegten, eilig querüber vom weißen nach dem grauen Häuschen; abermals nach einer geraumen Zeit kam die große, dicke Gestalt den Weg zurück und zog das kleine, dralle Figürchen in kurzem, fliegendem Röckchen an der Hand hinter sich her.

Der Mond stand schon hoch am Himmel. Auf dem Gehöfte der Simmerlin krähte verschlafen der Hahn. In der Ebene stiegen drohende Wolken auf, vor denen ein brausender Wind einherging; er begann eben an den Türen und Fenstern der beiden Hütten zu rütteln, da lief der kleine, dralle Schatten, wie gejagt, über den Steg, und hinterher stolperte der Prallwadige, er konnte den ersten nicht einholen; erst klebte er nun auf dem Fenster des grauen Häuschens, gegen dessen Scheiben er die Hand mit gekrümmtem Finger hob, dann machte er sich klein, sank auf die Türstaffel und saß dort mit geneigtem Kopfe und hängenden Armen. Da blies der Wind aus vollen Backen und trieb stäubende Schneeflocken vor sich her, der Schatten rappelt sich empor und schüttelt sich und strampft mit den Beinen, noch einmal streift er das Fenster, dann spreitet er die klopfenden Finger wie zu einem Schwur, und dann fällt er mit dem fahlen Mondlichle zugleich zur geöffneten Tür hinein.

Und nun rieselt reichlicher und reichlicher der erste Schnee hernieder; auf der weißen Unterlage aber hebt sich kein Schatten mehr ab, es läßt sich keiner wieder blicken, weder der spindelbeinige, dürrarmige, noch der prallwadige, rundarmige, ebensowenig die große, dicke Gestalt, die vom Gürtel abwärts wie eine Kirchenglocke anzusehen, in der zwei Klöppel sich bewegen, als auch das kleine, dralle Figürchen in kurzem fliegendem Röckchen; sie blieben alle am Orte, wohin sie verschwunden waren.

Viertes Kapitel

Das Schattenspiel kommt an das Licht der Sonnen, worüber einem Herrn Notarius der Verstand stille stehen will und worin wieder der Jokl keine Vernunft finden kann.

Als die Wasser in der Ebene wieder mächtig zu rauschen begannen und die Wässerlein von den Höhen um die Wette herabgeschossen kamen, fuhr der Krautschneider-Jokl nach der Kreisstadt, um den Herrn »Notarjus« aufzusuchen, der ihm von der Erbschaftsangelegenheit der Simmerl-Sephin her bekannt war.

Im Pfarrdorfe wurde er unversehens von dem Pfarrer, der des Weges kam, angerufen und wollte, den Hut rückend, rasch vorüber, aber der hochwürdige Zerr reckte den Arm mit steifgehaltenem Zeigefinger gegen ihn aus, was nicht anders zu verstehen war, als: »Halt da!« Und so hielt denn der Jokl.

Der Pfarrer trat an den Wagen heran. »Krautschneider«, sagte er, »ich hab' über euch Leuteln da drauß' auf 'm Steinfeld was munkeln hören, dem ich vorläufig noch kein' Glauben schenken mag, ja, das ich kaum z'glauben vermöcht', wann sich's auch ausweiset! Ich hoff', es is nix Wahres dran!«

»Ei, mein, Hochwürden«, erwiderte der Jokl, »d' Leut' red'n Wahr's und Falsch's durcheinander. Unser' Sach' wird bald in der rechten Ordnung sein. Könnt Euch verlassen!« Er hob beteuernd die Peitsche in die Höhe, schlug aber sofort mit derselben auf das Pferd los, daß dieses ausgreifend den Wagen hinter sich her riß.

Er war ja auf dem Wege, alles in rechte Ordnung zu bringen, aber dazu brauchte er keinen Pfaffen.

In den ersten Nachmittagsstunden langte er in der Kreisstadt an, er stellte im Gasthofe »Zur goldenen Sonne« Roß und Wagen ein. Im Weggehen blieb er einen Augenblick im Hausflur stehen und sah durch die offene Tür in das Gemach, wo vor kaum einem Jahre die Doppelhochzeit gefeiert worden war; er kraute sich mit beiden Händen in den Haaren und schüttelte »kaum glaubwürdig« den Kopf. Nun lief er nach der Kanzlei des Herrn »Notarjus«, erklärte dort, er habe unter vier Augen mit demselben zu reden, und ward in dessen Arbeitsstube gewiesen.

Doktor Schnepf war ein kleines, dürres Männlein mit einem seiner Gestalt entsprechenden Köpfchen, das aber eine große Glatze aufwies; ein Büschel Haare über der Stirne, zwei ebensolche an beiden Schläfen, das war alles, was ihm von einer einst fast widerborstigen Fülle braunen Gelockes zurückgeblieben. Seine Gesichtshaut war gelb und schien wie eingetrocknet, da sie Hunderte von Fältchen durchfurchten; er trug eine große, runde Hornbrille, über deren Einfassung er jetzt mit den pechschwarzen Sternen nach dem Krautschneiderjokl hinüberäugelte, der an der Tür stehengeblieben war.

»Werd'n mich wohl gar nimmer kennen, Herr Notarjus?« sagte der Jokl und versuchte eine städtische Verbeugung; er knickte mit der unteren Hälfte des Leibes so plötzlich ein, daß man glauben konnte, er sei willens, die obere abzuschütteln und zu Boden fallen zu lassen.

Der Doktor schüttelte den Kopf, nicht wegen des wunderlichen Bücklings, sondern um anzudeuten, daß er sich wirklich der Bekanntschaft mit Krautschneider nicht entsinnen könne.

»War schon öfter da«, erklärte der Jokl, »mit der Simmerl-Sephin, derer ihrer Erbschaftsg'schicht' halber.«

»Ah ja, weiß schon.«

»Wir hätten sich ja heiraten sollen.«

»Na«, schnarrte der Doktor, »warum ist denn da nichts daraus geworden? Sie hatte doch was zuzubringen und war, soweit ich mich darauf verstehe, noch eine ganz annehmbare Person.«

Der Jokl lächelte blöde. »Jo, hehe, uns zwei beiden hab'n halt jüngere g'fall'n.«

»Auch gut«, das faltige Gesicht des Notars verzerrte sich, und er grinste wie ein Affe.

»Nein, gut is dös nit g'west, Herr Notarjus, mir hab'n bald mit dö jüngern Leut' nit ausz'kommen g'wüßt und dö nit mit uns. Na und da möchten halt hitzt mir Alten es hab'n, wie's früher hätt' sein soll'n, und dö Jungen verlangen's a anders.«

»Ah, hehe! Wird aber nicht angehen.«

»Was nit gar, Herr Notarjus! Ich hab' mer doch sagen lassen, in gutem gang' alles. No und wann der Simmerl-Hans und mein' Gretl einverstanden sein, daß mir und der Sephin all's verbleiben soll, wann mer ihnen nur 's kleine Gütl in Pacht ließen, so wüßt' ich nit, wo die G'schicht' noch ein Haken hab'n könnt.«

»Da kennt sich kein Teufel aus, Vetter. Ihr müßt Euch deutlicher ausdrücken.«

»Ich mein', ich bin doch eh' deutlich g'nu'! Aber wann's 'n Herrn Notarjus verinteressiert, so erzähl' ich 'n ganzen Hergang, so werd'n mer sich nachher besser verstehn und leichter reden. Alsdann, daß ich sag', dö G'schicht' war so: An ein' Abend, z'vorigen Winteranfang triff ich 'n Nachbar bei mein'm Weib stehn und hör' nach denen Zwei'n ihnere Reden, wie ihnen lieber wär', ich und die Sephin wär'n af unsern Willen verblieb'n und hätten sich g'heirat't, dann möchten so 's uns nachtan hab'n und verlangeten sich nix, als daß s' af mein'm Anwesen in Pacht sitzen kunnten; drauf bin ich hinzu und hab' s' auseinandeig'scheucht, und mein Weib hat ein' Schroa 'tan und is in d' Hütt' g'rennt, und der Nachbar is stehn' blieb'n, und da hab'n wir erst zun Warteln ang'hob'n, und dann sein wir ganz vernünftig Red' word'n über den ganzen Handel. Ich bin zur Sephin, no, vertraut war ich ja eh'nder von früher mit der, die war bald einverstanden, und drauf hab' ich 'n Nachbar herbeig'rufen, der erzählt hat, es wär' mittlerweil' mein Weib zu ihm h'rauskommen und hätt' sich vor unserm Fürnehmen bekreuzt, drum hat, sobald wir Männer all's abg'red't g'habt hab'n, dö Sephin hinüber müssen, der Gretl zured'n und sie herbeiführen, und da hab'n wir ihr ernsthaft bedeut't, was wir Rat's word'n wär'n, und da hat sie sich schließlich dreingeb'n. Dö jungen Leut' sein miteinand' in d' andere Hütten und 'n Winter über drein verblieben, wie wir in der unsern.«

Der Notar grinste wie vorhin, er rieb den Rücken der linken Hand mit der Fläche der rechten, spitzte die Lippen und sagte: »Hübsch!« Dann fragte er, den Kopf nach dem Klienten, der ihm so viel Vergnügen zu bereiten schien, hinüberdrehend: »Wer wir und in welcher Hütte?«

»No, ich und die Simmerl-Sephin in der ihren.«

»Na, also, die gehört auch noch ihr. Euch nicht?«

»Aber nein. Herr Notarjus, wie wir's untereinander vereinbart haben, g'hör'n ja hitzl die zwei Anwesen g'meinschäftlich uns, mir und der Simmerl-Sephin, und 's kleinere verpachten wir an 'n Hans und d' Gretl, und drum bin ich ja da, und tat schön bitten, der Herr Notarjus mö'cht' so gut sein, und da drüber a Pachtvertragerl aufsetzen zwischen uns alten und den jungen Leuten, und nachher braucht's nur noch eins, damit all's in Ordnung is; zwischen mir und 'm Simmerl-Hans a klein's Tauschkontrakterl.«

»Ja, was wollt 'r denn eigentlich tauschen?«

Der Krautschneider-Jokl sah den Doktor einen Augenblick verdutzt an, als ob ihn dessen Begriffstutzigkeit in einer ganz alltäglichen Sache überrasche, und sagte dann mit überlegenem Lächeln: »Aber, Herr Notarjus sein a bissel schwer verständlich. Dö Weiber, natürlich, dö Weiber!«

Doktor Schnepf warf sich in den Stuhl zurück, daß dieser unter ihm erkrachte. Er schnitt ein Gesicht wie ein Faun und lachte laut auf, was wie ein heiseres, stoßweises Gebell klang. »Eh-he-he! Wei-ber – – tauschen!« Er mußte lange ringen, bis er wieder zu Atem kam, um ihn gleich abermals zu verlieren. »Mensch, macht, daß Ihr fortkommt oder Ihr tragt Schuld an meinem Tode! – Eh-he – ich ersticke!«

Dem Jokl schmeichelte dieser außerordentliche Frohsinn, denn er hielt ihn für eine Anerkennung der Findigkeit, mit welcher er sich in schwieriger Lage zurechtzufinden und seinen Vorteil zu wahren wußte, er lachte herzlich mit und ließ dabei seinen breitkrempigen Hut um den Finger schwingen.

»Na. Er hat da gar nichts zu lachen!« fuhr plötzlich Doktor Schnepf auf. »Es sind mir schon manche so bösköpfige Kerle, wie Er einer ist, ins Haus gelaufen, die auch geglaubt haben, bei Gott und dem Notar wär' alles möglich, man brauchte nur ihren heillosen Unsinn niederzuschreiben und das Amtssiegel darunter zu drucken, aber so ein Hornochs, der meint, Weiber tauschen ginge an, ist mir doch noch nicht vorgekommen!«

»Was? Nit gehn tan tat's?« schrie der Jokl.

»Ihr seid doch schon so ein alter … Mensch, daß man Euch das noch sagen muß!«

»Nein, aber Herr, das kann doch nit sein.«

Doktor Schnepf fuchtelte mit beiden Armen über dem Kopfe. »Aber wenn ich's einmal sage!« belferte er. »Denk Er doch nur daran, wo und von wem ihm sein Weib überantwortet worden ist! Nicht in der Gaststube vor'm Biertisch vom Wirt, sondern im Gotteshaus vor'm Altar vom Priester!«

»No ja, geb'n tut ein'm der Pfaff' wohl 's Weib, aber was einer mit 'm selben anfangt, das is sein' Sach' und sein' Sorg'! Ich frag', g'hört mein Weib mein oder nit? Wann's mein g'hört, muß ich a damit anfangen können, was mit all'm andern Meing'hörigen, und was mein g'hört, kann ich a vertauschen und dös schon ganz g'wiß, wann's selber a damit einverstanden is, und dazu muß mer d' Gerechtigkeit werd'n, und wann mer dö bei Herr Notarjus nit verschaffen will, so schau' ich halt um a Häusel weiter.«

Der Notar faßte ihn beim Arme und schob ihn gegen die Tür.

»Na, na«, sträubte sich der Jokl, »nur nit gleich verübeln, lieber g'scheit mit sich reden lassen, durchs Reden kommen d' Leut' z'samm'. Sagt's halt, was meint's denn, daß sich nachher da machen ließ?«

»Gar nichts läßt sich da machen. Ihr habt Euer Weib zu behalten und der andere das seine.«

»So? Ah, ja freilich, hitzt, wo's bei dö zwei Jungen enten bald a Tauf' gibt?«

Der Doktor fletschte vor breitem Grinsen die Zähne und sah so anmutend wie einer der fidelsten »Toten« aus, die je in einem Totentänze mitgehüpft. »Die Taufe werdet Ihr halten, Vetter«, kicherte er, »denn nach dem, wie Ihr die Sache eingefädelt habt, dringt Ihr nicht einmal mit einem Ehescheidungsprozeß durch.«

»No, hitzt weiter kein' G'spaß«, sagte siirnrunzelnd der Krautschneider, »wenn Euch an meiner Kundschaft was liegt; sonst geh' ich frei gleich im Ernst zu ein'm andern.« Er fühlte sich aber sofort nachdrücklich vor die Tür geschoben. Nachdem er noch an ein paar Orten der gleichen Behandlung unterzogen worden war, trachtete er heim.

Auf dem Wägelchen, das langsam in die grauende Nacht hineinrollte, saß er kopfhängend, ein Opfer allzufreier Selbstbestimmung und ländlicher Unkenntnis der Gesetze.

Wie sich die Leute da draußen auf dem Steinfelde die Sache zurechtgelegt, ist nicht bekannt geworden. Obgleich es seit dem Gemunkel, das bis zum Herrn Pfarrer gedrungen war, gar manchen während der schönen Jahreszeit zu den Simmerlschen und Krautschneiderschen hinaustrieb, entdeckte doch keiner einen Anlaß zu einer weiteren Munkelei. Im Winter aber fand jeder solche Neugierde zu beschwersam und man ließ jedes Jahr Schnee darüber fallen.

Die Märchen des Steinklopferhanns

Erstes Kapitel

Die breite Straße lief eine geraume Weile neben gelben Kornfeldern hin, bis ihr die Augen weh taten, da war sie recht froh, daß der Tannenwald bis zu ihr hinrückte und sie eine andere Weile im Grünen und im Schatten laufen konnte. Die Felder bogen aber da von der Straße ab und Zogen weithin an dem grünen Walde, und das Korn sagte zu den Tannen: »Was so ein Wald für ein unnütz' Ding ist, höchstens umgehauen mag er das zu Ende führen, was wir begönnen, mag backen helfen und die Leute wärmen, denen wir Leib und Seel' zusammenhalten.« Die hohen Tannen schüttelten die Köpfe und sagten: »Muß sich einer nie einbilden, er richt's allein auf der Welt? wir stehen hier auf der Wacht, daß nicht der kalte Wind über die Niederung weht und euch verbläst, daß ihr die grünen Halme verfroren auf den Boden sinken laßt, und wir ziehen den Regen herbei, der euch tränkt, und laßt uns einmal ausgehauen sein, dann wächst die weite Niederung hinab nicht halb so viel und der Kies und das Geröll und die nackte Erde rücken gegen das Dorf, um dem Bauer gute Nacht zu sagen.«

Ob die Bauersleut' manchmal so dachten vom Walde wie das Korn? Heute taten sie es nicht, sie hatten bis an den Mittag geschnitten, jetzt war's heiß geworden, kaum zu ertragen, nun sollte Rast gehalten werden und da lobten sie sich den Wald, setzten sich in seinen Schatten nieder, aßen und ließen sich's die kleine Weile der Ruhe wohl sein.

Zuweilen saßen auch ein Bursch und eine Dirn' abseits von den andern allein, es ist sonderbar, daß sich das oft trifft, und daß alle Burschen und alle Dirndln sich fast immer das nämliche Zeug vorreden, eines wie das andere, seit unvordenklichen Zeiten und will das Ding nicht anders werden bis heut. Gegen die Straße zu saßen auch ein Paar so Verliebte, beide nicht mehr gar zu jung, aber recht saubere, stramme Leute.

»Mein Gott«, sagte die Dirn' – wie denn die Weibsleute immer die Sache von der praktischen Seit' anfassen – »mein Gott«, sagte sie, »jetzt gehn wir schon als Knecht und Dirn' sieben Jahr' miteinander, wenn's nur zu was führen möcht', so war' ja alles gut.«

Darauf sagte der Bursch mit einem schweren Seufzer:

»Freilich wär' dann alles gut, aber daß wir halt so viel arm sein müssen.«

»Mein' alte Bas' nähm' uns prob'weis' als Pfleger auf ihr klein' Anwesen«, sagte die Dirne.

»Prob'weis'«, sagte der Bursch und strich sich die Haare aus der Stirn, »prob'weis' freilich wohl«, dabei fischte er mit dem Löffel einen Brocken aus der Schüssel, die er auf seinen Knien hatte, »glaub's schon, gibst du den Spatzen in der Hand für die Taub'n am Dach? Wenn die Prob' übel ausfällt, so ist alles verfahren. Es hat der Bauer dieweil schon andere Leut', – wir möchten uns nit ein' Dienst auffinden, du möcht'st da, weiß der liebe Gott wo, dann ein' Unterkunft finden…«

Die Dirne langte zitternd den Löffel aus der Schüssel.

»Hast halt recht, daß grad wir so viel arm sein müssen.«

Mittlerweile schallten von der Straße herauf von Zeit zu Zeit einige Hammerschläge.

»Sie schlag'n wieder Steine für die Straß'«, sagte die Dirne leise und sah zur Seite, sie wollte gerne von etwas anderem reden als von ihrer gemeinsamen Not.

»Da ist gewiß auch der Steinklopferhanns nit weit«, meinte der Bursch.

Da sang es unten auf der Straße:

»'s Salz tut ma z'bröseln
And gibt's in ein Faß,
Und die Berg' tut ma z'bröckeln
Und streut's auf die Straß',
So müssen so alle.
Auch d' vurnehmsten Herrn,
Ob s' wöll'n oder nit wöll'n,
Doch Bergkraxler werd'n.
Dem ein' verreißt's die Stiefeln und
Den andern schupft's in Wagen,
Das schaut sich so viel lustig an
Beim Steinerschlag'n! – Juhe!«

Der Knecht und die Dirne oben im Walde waren aufgestanden.

»Dös is er selber«, lachte der Bursch.

Die Dirne kicherte.

Beide traten in die Lichtung, an der ein schmaler Weg in Mannshöh' über die Straße führte, und sahen hinab. Unten stand der Steinklopferhanns, das war ein lediger Mensch, schon nah' an die Sechzig, er trug einen Filzhut, weiß Gott, wo er den einmal gefunden hatte, für den Regen mochte er gut sein, denn in der Krempe waren viele Löcher, durch die das Wasser sogleich ablaufen konnte, unter dem Hut fiel langes, schon etwas grau gemischtes Haar bis auf die Schultern herab, das hätte ihn, den Hanns nämlich, nicht den Hut, recht ehrwürdig erscheinen lassen können, hätte nicht ein wahres Spitzbubengesicht daraus hervorgeschaut; einen Bart trug er, der war vor nicht gar kurzer Zeit einmal rasiert gewesen und sah sich an wie ein Stoppelfeld: einen gewaltigen Brustfleck hatte er um – eine Weste mochte ihn zu sehr spannen bei der Arbeit – und geflickte Hosen hatte er und Schuhe nicht von den feinsten. Jetzt fuhr er sich mit dem Hemdärmel übers Gesicht wegen der Hitze, damit machte er's aber nicht besser, denn den Schweiß wischte er wohl weg, den Staub aber strich er sich vom Ärmel ins feuchte Gesicht.

»Steinklopfer!« riefen die von oben.

Er sah nach den beiden hinauf.

»Haha«, lachte er, »die ewig' Liebsleut'. grüß eng Gott!«

»Mußt heut nit deßweg'n spotten, Sleinklopfer«, sagte oben der Bursch, »'s liegt uns grad schwer auf 'm Herzen, daß 's so is und wir, wer weiß wie lang, ›d' ewig' Liebesleut‹ sollen heißen müssen, 's is halt nit anderscht, wenn man so viel arm is!«

»No, no«, sagte der Sleinklopfer unten auf der Straße und legte den schweren Hammer zur Seite, »tut eng d' Frotzlerei auf einmal weh? Hätt's nit denkt, sollt's schon g'wohnt sein, denk' ich; wollt's nit ›d' ewig' Liebesleut‹ heißen, macht's a End', tut's eng z'samm', is doch ›s Gered‹, ös sollts als Pfleger auf der Bas' ihr Anwesen kommen.«

»Ja, prob'weis«, brummte oben der Bursch.

»Is amal a Bauer g'west«, sagte der unten auf der Straße, »der hat sich einmal was an die Knöpf' abzählen wollen, hat aber dreihundertfünfundsechzig Westen g'habt und hat von ein' Morgen zum andern g'wart', was die ander' Weste dazu sagt, hat 's ganze Jahr zählt und nichts z'weg'n bracht.«

Der Bursche oben stampfte in den Boden. »Meinst doch nit, ich bin a Letfeig'n!«

»Gar nichts mein' ich«, sagte der Steinklopfer, »was vertrittst denn die Grashalm' mit 'n Füßen, die haben dir doch nichts getan?«

»Geh, Hanns«, sagte die Dirne, »komm 'rauf in Tann! Verzähl' was. Rast is noch a Weil', du arbeit'ft ja eh'nder jetzt auch nicht.«

»Dös war' recht«, sagte der Bursch, »verzähl'n kann er so viel schön.«

»No«, sagte der Steinklopfer unten und streckte sich höher, »dös mein' ich wohl selbst, ich mag euch schon was verzähl'n.« Damit ging er ein Stück die Straße hinunter, wo der schmale Weg hinanging, und trat in den Wald zu den »ewigen Liebsleuten«. Dort streckte er sich nieder ins Gras, setzte seine kurze Pfeife in Brand und sagte: »Ich will eng verzählen.«

1. Vom Hanns und der Gretl.

Dort, wo der Wald niedergeht und ein' Spitz wie eine Nasen ins Land streckt, dort is vor undenklichen Zeiten einmal a Häusel g'standen, drin hat a kluge Frau gewohnt, 's liegen dort in der Näh' drei Dörfer, die war'n in der Zeit, von der ich red', auch schon da, 's mag 's eine mehr Häuser g'habt haben als das andere, 's eine mag mit der Zeit von der Straß' z'ruckgangen sein, und 's andere bis hervor zu ihr, das macht nix. – Den Örtern geht's wie den Leuten, sie versterben und lassen eins dahinter, das ihren Nam' fortführt, und ist kein Brösel von ihnen selber mehr auf der Welt, als was so das Kind von ihnen überkommen hat? so ist wohl wenig mehr von dö alten Dörfer da, als daß neue Höf' stehen an der Stell', wo einmal die alten gestanden sind und ein oder der andere Stein mit hinein vermauert ist. Na; so war's halt, auf der Waldnasen hat die weise Frau g'haust und rundum waren drei Dörfer, in ein' Dorf war ein Knecht, der hat Hanns g'heißen, in andern a Dirn, die hat Gretl g'heißen, und in der Mitten is das dritte Dorf g'legen. Das dritte Dorf war das reichste, und 's hat oft dort im Wirtshaus Tanz und Unterhaltung geb'n, und da hat der Hanns die Gretel kenneng'lernt, all' zwei war'n arme Teufeln, hätten gern g'heirat', aber haben's immer überlegt, müßt' amal a Glück kommen, daß sie's riskier'n könnten, haben s' denkt, 's Glück is jahrlang ausblieben, sie sein d' Jahr' lang miteinander gegangen, und da haben s' halt die Leut' – ihr müßt es nit in Übel aufnehmen, aber die Leut' war'n allemal so boshaftig und nixnutzig wie heut – da haben s' halt die Leut' auch die »ewig' Liebsleut'« g'nennt.

Einmal aber nimmt sich der Hannsl ein Herz und sagt, sie könnten doch auch die weise Frau um Rat frag'n, denn warum net? Viele haben's schon getan, kein'm seine Sach' wär' dadurch schlechter word'n, im Gegenteil' hätt' sie bei den mehrern den Nagel auf 'n Kopf g'troffen – na und so – freilich warum denn nit?

Freilich, meint die Gretl, ein rechter Rat wär' doch immer was Recht's, und wann s' einem zu was Waghalsigem verleiten wollt', müßt' man's ja doch nit tun und könnt's bleiben lassen. Und so viel wird's ja auch nit kosten, und es wird zum d'erschwingen sein.

Nichtig, kosten wird's auch was, meint der Hanns. Umsonst ist der Tod, und der kost's Leben – leben will so a kluge Frau doch auch, und wann man's verhungern ließ, tät' man völlig allen guten Rat im ganzen Gau aushungern. Wird net so viel sein. Ihr guter Rat tät' doch gleich sein' Dienst und braucht man net so lang z'warten, wie aufs liebe Himmelreich, für das sich die geistlich' Herr'n doch auch zahl'n lassen. Und die Gretl sollt' nur auf die nächste Vollmondnacht hingehn.

Das taugt aber der Gretl nit, denn sie tat' sich so viel fürchten, und der Hannsl war doch a Mannsleut' und der Kuraschiertere.

»Dös schon«, sagt der Hanns und wird um zwei Fingerbreit höher, kratzt sich aber gleich wieder hinterm Ohr und wird a Trümmerl kleiner wie er eher war? »aber«, sagt er. »weißt Gretl, allein kann ich's nit d'ertun.« No, er hat sein' Lohn stark an'griffen g'habt die Woch', auf Bier oder Tabak – wann s' auch schon g'raucht hab'n vor die undenklichen Zeiten, von dö ich verzähl'? – Was weiß ich!

Z'letzt kommen s' halt überein, daß jedes die Halbscheid von die Kosten tragt und daß der Hannsl hingeht.

Der Hannsl is halt so viel kuraschiert g'west, und wie der nächste Vollmond kommen is, macht er sich auf 'n Weg: durchs Dorf an die Felder vorbei hat er sich noch eins 'pfiffen, wie er aber auf die verrufene Waldnasen zukommt, da is er ganz stad word'n, der Mond hat so durchs Gezweig g'schienen, daß der Schatten von die Äst' wie kohlschwarze Samtbandeln über 'n Weg g'legen is, und der Hanns hat sich eing'red't, er könnt' über eins oder 's andere stolpern, und hat fleißig auf die Erd' g'schaut – burr, fliegt ihm ein' Nachteul' eine Spanne über 'n Hut weg – na, er war aber recht kuraschiert, und wie er erst g'wußt hat, was es war, hat er nach einer Weil' über den »Malefiz-Vogel« ein recht's Maul g'habt.

So kommt er zur Waldfrauhütten. Dort hat er erst sich ein bissel b'sonnen und hat sich eingeredet, wie er so schnell müßt' gegangen sein, weil ihm das Herz so schlagt. Und wie er schon das drittemal sein' Finger krumm macht – nie is er ihm recht ang'standen – und will anklopfen, da tut sich die Tür von selber auf, und die kluge Frau steht vor ihm und sagt: »Na, bist einmal da, ich hab' dich schon lang erwart'!«

»Jesus«, sagte der Hanns – ich weiß zwar nit, ob die Leut' in dö unvordenklichen Zeiten, wovon ich d'erzähl', schon Jesus g'sagt hab'n, aber das tut nix. »Jesus«, hat also der Hanns g'sagt und sich verwundert, daß die Waldfrau weiß, daß er zu ihr will. Und er hat's doch schon die ganze Wochen im Dorf ausg'schrien, wo er mit nächstem Vollmond hingeht.

Die kluge Frau hätt' also nit g'scheit sein müssen, wenn sie das nit g'wußt hätt'! So sagt sie zu ihm: »Komm h'rein!«

Der Hanns geht also in die Hütte, dort brennt auf 'm Herd ein großes Feuer, und wie er so seitwärts hinblinzelt, ist am Boden ein großer Kreis von Totenbeiner und Totenköpf', und da hat's ihm ein' klein' Rucker nach der Tür hin 'geben, und er hätt' recht gern »Gute Nacht« g'sagt, wenn ihm nit auf einmal gar so trocken im Hals worden wär', und so ohne »Behüt dich Gott« davonrennen, das wär' doch unschicksam, b'sonders gegen a kluge Frau, mit der man's schon gar nit verderben darf.

»Na«, sagt die Waldfrau, »da marschier hinein und setz dich!« Und meint in die Mitten von den Totenknochen, wo ein Schemel g'standen is.

Das war eine rechte Not, hat sich doch der Hanns gefürchtet, er tritt so ein' Toten auf 'n Kopf, und wer weiß, wo die Alte die Köpf' aufg'lesen hat, es haben die schönsten Leute darunter sein können, die ihr'n Respekt verlangen, vielleicht sein eigener Urgroßvater.

So tappte er halt in Gotts Nam' hinein in den Zauberkreis, und 'vor er sich auf den Schemel setzt, meint er: Es würd' sich doch nicht recht schicken, und er is net kommen, um ihr Beschwer zu machen, und will er sich halt doch ein klein wengerl niedersetzen, daß er der klugen Frau 'n Schlaf nit austragt, und will ihr schnell sag'n, was er eigentlich will.

»Das weiß ich schon«, sagte die Waldfrau und gibt ihm ein großes Stundenglas in die Hand, geht dann von ihm weg, langt ein' Laib Brot von der Stellen herunter und schneid't die Gottesgab' an…

Der Hanns hat diewell die Tolenköpf' ang'schaut und die ihn, und denkt sich der Hanns: »Was das für a Zeit sein wird, wo du auch wirst keine Nasen hab'n und so viel große Augen und doch nix sehen damit?! Und wie lang wird wohl hin sein?«

»Jetzt bist noch stämmig und rüstig, und die Leut' nennen dich ›kein uneb'nen Bub'n‹. Die Gretl ist auch so ein mordsauberes Dirndel. Die Jahr' her, die ich mit ihr geh', is s' nur säubriger word'n.«

»Ah geh«, sagt die Gretl, »du schmeichlerische Katz'. siehst denn nit, daß ich doch schon bissel abfall', und auf der Stirn kommen schon die Falten, wenn s' auch noch so fein sein wie die Spinnweb'n.«

»Na«, sagt der Hanns, »laß gut sein, du taugst mir dess'wegen noch alleweil, meinst, mir bleibt aus, was dir blüht? Und so is's gut und so is's recht, so hab'n wir uns doch die Unsäubrigkelt nicht vorzuwerfen.«

»Aber, Hanns«, fagt die Gretl, »das alles wär' schon recht, aber die Kräfte verlassen ein' doch auch.«

»Teufel h'nein«, sagt er, »freilich, an das hab' ich nit denkt, aber zum verspür'n fang' ich's auch schon an.«

»No, no«, sagt die Gretl, »dann is's Rest, wann wir nimmer arbeiten können wie früher, dann is's gar, gar!«

»Es will nimmer weiter«, sagt die Gretl, »mein Bauer hat g'sagt, ich taug' ihm nimmer, ich verdient nimmer 's Wasser mit meiner Arbeit, ich sollt' schon lieber zum Betteln schau'n.«

»Oh, du mein Gott«, sagt der Hanns, »dasselb' hat mein Bauer heut auch zu mir g'sagt.«

»So, na schön«, sagt die Gretl, »da komm nur gleich und laß uns zur Kirchtür herstell'n.«

»Gut – gut – la – la«, lacht der alle Hanns und stellt sich zur Kirchtür. »Hihi, Gretl, wie du ausschaust!«

»Du alter Schüppel«, sagt die Gretl, »meinst, du schaust lieber aus? Taug' ich dir 'leicht nimmer? – Gelt, als jung' Ding war ich dir recht, daß ich die Jahr' neben dir herlauf'? – O du!« – Dabei gibt sie ihm mit der geballten Faust ein' Renner.

»Du Bisgurn«, sagt der alte Hanns und hebt sein' Stock.

Da fahrt ihm das wüste Weibsbild in die Haar', und sie balgen sich vor der Kirch', und die Leut' weichen aus und schimpfen und lachen.

»Gretl«, sagt der Hanns keuchend, »laß gut sein, du verreißt mir mein wenig Haar – krallt hast mich auch, du wilde Katz' –, mir sein rechte nette Bettelleut', in dem Kirchspiel halten s' uns schon für versoffen, da geben s' uns nix.«

Und die alte Gretl schleicht mit ihm weg von der Kirchtür, und sie setzten sich all' zwei auf ein Grab nieder, wo ein großer Stein davor in der Kirchmauer war und drauf ein großer Totenkopf mit Beiner übers Kreuz; »Jesus«, sagt der Hanns, »wie lang wird's noch dauern, so schau'n wir auch nit anderst aus!«

Die Gretl trocknet ihm mit 'm Tüchel 's Blut vom G'sicht, wo's ihm nach ihrem Kratzen herg'loffen is. »Ich wollt', 's war' schon am End'«, sagt s', »wann nur früher a schöner Leben g'wesen war'.«

»O du mein«, seufzt der Hanns. »Wohl, wohl, wir hab'n uns halt verpaßt, was liegt dran, wann's auch am End' so kommen wär' und nit anderster, könnt' mer doch sagen, mer hätt' g'lebt; Kinder könnt' mer hab'n, dö was taug'n und 'n alten Eltern zeitweis' was vergunnen und zukommen ließen, und wer weiß, hätt's grad so kommen müssen? Hätt' der Himmel nöt können sein' Segen drein geben, wann wir ihm vertraut und auf unsere arbeitsam' Hand' baut hätten?!«

»O freilich«, sagt die Gretl.

»Ja«, sagt der Hanns, »bei sündigem Fürnehmen geht's ›Hüst und Hott‹ und bei rechtschaffene Vorsatz' ist's ›Öha!‹ Mir hätt'n uns all die Spottred'n verspar'n und a g'scheit' Leb'n führ'n können, so hab'n wir alles verpaßt! Wie ruhig könnt' mer dasitz'n auf 'm Grab und frag'n: ›Wann kimmt die Reih' auf uns? Mann werd'n wir so ausschau'n wie der Boanerbartl dort an der Wand?‹ Wann wir so g'lebt hätten wie ander' Leut'! So hab'n wir uns nie z'leben traut und hitzt soll's ans Sterben gehn, – wann s' uns mal ausgrab'n, mir müssen ganz verdrehte Köpf' hab'n! Im Himmel laßt sich auch nix einhol'n, der Pfarrer sagt, dort gibt's keine Mand'ln und Weib'ln, wir hab'n's für Zeit und Ewigkeit verhaut. Oh, Herrgott, gabst, daß wir nochmal jung wurden, ich wüßt', was ich tät'!«

»O du mein Herr und Heiland«, sagt die Gretl, »dös wird halt nimmer sein«, und dabei weint die Alte, daß 'n Hanns, so wie er neben ihr sitzt, auch mit beutelt.

»Du bist doch a gute Seel'«, sagt der Hanns, und wie er mit seine zittrigen Hand' hinüberlangt, damit er die Alte um die Achsel nehmen und trösten kann, fallt ihm sein Stock aus der Hand… und…

»Du Sakra, du«, schreit die Maldfrau, »verbrich mir die Sanduhr nit!«

Und er schaut auf, da sitzt er auf 'm Schemel, neben ihm auf der Erd' liegt die Sanduhr, die er hat fallen lassen, und rundum sind die Totenköpf' – – er ist in der Hütten der Waldfrau, und alles war nur so ein einwendig's G'sicht.

Die Waldfrau aber is grad mit 'm Messer um 'n ganzen Brotlaib herumkommen? – nit länger hat's Ganze dauert, als sie ihr Stücke! Brot g'schnitten hat. – Jetzt nimmt sie 's in die eine Hand, beißt ein rechtschaffen' Stück ab und hält die andere Hand offen hin.

Der Hanns sucht mit zitterndem Finger aus all seine Säck' seine Kreuzer zusamm', nit ein' hat er b'halten, alle hat er der klugen Frau geben. Ganz aufrecht is er dag'standen, als ob er das Dach von der Hütten traget und wär' ihm nur a Spaß! Die Augen hab'n ihm geleucht', und die Zähn' hat er übereinander gebissen.

Und die Waldfrau hat 's Maul voll g'habt und g'kaut und geschluckt.

Keins hat ein Wörtl g'red't.

Der Hanns ist fortgangen, und die Waldfrau hat hinter ihm zug'riegelt. Dann is es lang still blieben draußen in der klaren Nacht, bis einer beim letzten Baum, wo die Waldnasen aufhört, ein Juchezer 'tan hat, daß die Blatteln auf 'm Baum und 's Gesträuch auf 'm Boden zitternd word'n sein, und drüben hat er einen schlafenden Berg aufg'weckt, daß der auch mit ein'm Schrei munter mord'n is.

Dann ist der eine auf das Dorf zutrabt, wo die Grell haust: – an der Straßen sind die Wegschranken hingelaufen, da hat er sich ang'stemmt und einen Balken ausg'hoben und über die Achsel geschultert, wie die Riesen mit die Wiesbäum' getan haben sollen, er ist sich wohl so vorkommen, als wär' er heut so ein halbgewachsener Riesenkerl, und wie er zur Gretl ihr'm Fenster kommt, tupft er ganz säuberlich mit sein'm Wiesbaum an die Scheiben an.

Das Glas war gescheiter und hat nachgegeben, und ein handgroßes Stück is ausgebrochen und im Mondlicht, wie eine Sternschneuze, ins Gras herunter geschossen.

Und oben hat die Gretl geschrien.

Und unten hat der Hanns gelacht.

And wie sich die Gretl erholt hat von ihrem Schrecken, fragt sie, was die weise Frau gesagt hat.

»G'sagt hat sie nix«, sagt der Hanns, »aber geheirat' wird!«

»Und geheirat' is word'n und aus is die G'schicht«, sagte der Steinklopferhanns, klopfte sein Pfeifchen aus und machte Anstalt, wieder nach der Straße hinabzusteigen. –

»B'hüt euch Gott«, sagt er, und geht ein paar Schritt, dann bleibt er stehen. »Ist doch schad'', daß es heuttags kein' Waldfrau mehr gibt!«

Mittlerweile hatte auch auf den Feldern die Arbeit wieder begonnen, und die »ewigen Liebsleut'« beeilten sich, auf ihren Arbeitsplatz zu kommen.

Der Bursch spuckte in die Fäuste, und nachdem er den ersten Sensenschwung getan, sagte er über die Achsel hinüber nach der Dirne, die in seiner Nähe arbeitete: »Ich geh' doch prob'weis!«

Die beiden sprachen nicht ein Wort weiter, aber die Arbeit ging ihnen so flink von der Hand; hätte sie die alte Base sehen können, sie hätte ihre helle Freude über diese Probeleute haben müssen.

Nun, die hatte sie auch bald.

»Und geheirat' is word'n und aus is die G'schicht.«

Abend war's geworden. Der Sleinklopferhanns tat den letzten Schlag, warf die schweren Hämmer über die Achsel und machte sich auf den Heimweg; durch das Dorf ging er nicht, aber an den letzten Häusern, die an der Straße lagen, mußte er vorüber. Die letzte Hütte sah gar armselig aus, und wenn ihr Inwohner, der »Gruß-Franzl«, wie jetzt nach Feierabend, vor derselben auf der hölzernen Bank saß, so sah dies wie ein gerechtfertigtes Mißtrauen gegen das Gemäuer aus, das, statt Schutz zu verheißen, im Gegenteil durch seine Dachlücken mit aller Ungunst des Wetters im Bunde zu stehen schien und mit seinen Sprüngen, Rissen und Senkungen sich so bedrohlich ausnahm, als wollte es seinem Eigner die wenigen Atemzüge in der freien Luft noch gestatten, um dann nachts über ihm zusammenzustürzen. Ob er das wohl recht übel genommen hätte?!

Er sah selbst verfallen und vom Wetter und Schicksal hart mitgenommen aus. Er hieß der »Gruß-Franzl«, weil er im Gebrauche hatte, jedermann, der die Straße vorüberzog, er mochte ihm bekannt sein oder nicht, demütig mit abgenommener Mütze zu glüßen, das sollen nun oft Fremde mißverstanden haben, und sie ließen ein oder die andere landesübliche Münze in die vorgehaltene Mütze gleiten; die Leute im Dorf sagen es dem »Grutz-Franzl« nach, daß er sich nie die Mühe nahm, dieses Mißverständnis aufzuklären, sondern die kleine Gabe lieber in seine Tasche schob. Neidische Leute! Er hatte recht, er war ein höflicher Mensch und wollte den mitleidigen Seelen die Verlegenheit ersparen, einen ehrlichen Arbeiter, der seine artige Angewohnheit hatte, für einen Bettler angesehen zu haben. Wie leicht hätten dann diese braven Leute auch bei wirklichen Bettlern nur dankend an den Hut greifen können, um nicht einen gleichen Verstoß wie bei ihm zu begehen?! Darum ließ er jegliche Aufklärung unter Wege. Ja, die leidige Aufklärung, sie war hier so beschämend für den Fürsten wie abträglich für den Bettler!

Er ließ großmütig die Welt in ihrem Irrtume.

Er war allerdings ein ehrlicher Arbeiter, er hatte nichts als seine Hütte, die Felder ringsherum gehörten anderen, und wollte er von denselben etwas genießen, so mußte er dieses fremde Eigentum bearbeiten helfen. Ah, das trug spottwenig ein, und es nahm den Menschen recht mit, an Kraft und auch an Mut.

Und so, mit der Zeit recht zaghaft geworden, auf sich selbst gar wenig mehr bauend, hatte sich der »Gruß-Franzl« angewöhnt, alle Welt zu grüßen; die um ihn lebten und die er kannte, damit sie ihm freundlich bleiben und ihm nichts in den Weg legen möchten, und die Fremden, weil er die Leute gar sehr bewunderte, die so in Geschäften oder zu ihrer Lust in aller Welt herumkamen! Wie achtbar war ihm der Krämer mit der Kraxe auf dem Rücken, dem flinken Fuß- und dem noch flinkern Maulwerk! Der Mann mußte Courage haben, daß er sich's getraute, so auf sich allein gestellt in der Welt hinzuleben. Dem Lustreisenden, der rüstig den heitern Bergen zuschritt, blickte er immer kopfschüttelnd nach; wie gut mußte es so einem gehen, daß er in hellem Übermut nach den Höhen kletterte, wo der »Gruß-Franzl« doch froh war, wenn ihn diese »Beschwer« nicht oft im Jahr traf. Ja freilich, als Bub hat es ihm oben gleichwohl gefallen, aber das ist lang her, seitdem ist so viel anders geworden, und da droben ist's immer gleich geblieben, was war daran zu sehen?

Auch der Bettler auf der Straße war ein rechter Mann; den Leuten mit dem Maul die Groschen aus der Tasche langen ist keine kleine Kunst. Freilich, am Jahrmarkt, in der Tierhütte, da hat er einmal ein Untier mit langem Rüssel gesehen, das machte auch das Kunststück, was aber der Groschen wert war, den es damals einem reichen Bauer aus der Tasche zog, das wußte es wohl nicht.

Ja, ja, alle Leute, wie sie die Straße vor ihm vorbeiliefen, waren ihm höheren Ranges, darum grüßte er sie, und wenn sich ja einer dazu verstieg, ihm ein Almosen zu reichen, so fand er, daß die Menschen doch nicht so schlecht seien, als die Welt sie ausschreie, und er habe es ja gewußt, die so in der Welt herumlaufen können, die hätten leicht schenken, der Hausgesessene sei der eigentliche Arme!

Wie alle Welt, so bekam auch der Steinklopferhanns, der jetzt, wie jeden Abend, an der Hütte vorbeiging, seinen Gruß. Das war auch einer von den Couragierten, die sich allein für sich zu leben getrauten, ohne nach den anderen Leuten zu fragen.

»Guten Abend, Steinklopferhanns.«

»Guten Abend, Franzi, ruck zu auf dein' Bankl und laß mich hersetzen, Hab' heut rechtschaffen gehammert, hab' mich vielleicht bissel übernommen; wenn die Steiner gar so hart von 'nand' gehn, da klopf' ich wie wütig drauflos! Ein klein's wenig mag ich schon gern rasten.«

»Na, fürs Sitzendürfen könnt'st schon was d'erzähl'n. Weißt nix?«

»Was fragst denn? Ich sollt' nix zum Verzähl'n wissen? Ich? Na, könnt' keiner mehr was verzähl'n, wenn ich net. Ich kauf' 'n Schullehrer aus mit samt seine Bücher. Er meint gleichwohl, 's wär' alles wahr und verbrieft, was drin stund', aber mein' Seel', mein letzt's Stäuberl Tabak, wie ich's jetzt in die Pfeif' stopf', setz' ich dageg'n, daß seine G'schichten nit a Haar besser sein als die mein', a bisserl was Austipfelt's, a Brocken Lug' und a Bröserl Wahrheit und fertig ist die Verzählung. Soll freilich, sagt der Schulmeister, alles vorzeit passiert sein; na, wer hat's denn g'sehn, wie's da zugangen is? Von uns keiner. Und dö von damal hab'n auch keiner mehr g'sagt, als s' gewußt haben; is wohl auch viel Ausdenkt's dabei, wie's hätt' sein können, wenn man grad nit g'wußt hat, wie's g'wesen is? Der Müller im Ort hat auch sein Jüngsten, 'n Jakoberl, g'fragt, wie er 's erst'mal in der Kirch' war, was er g'sehn hat. Sagt der: ›Ein' Menge steinerne und aufg'mal'ne Leut‹, vor dö man sich nix z'reden 'traut hat, und dann hab' ich g'sehn, was wir ganz klein in der Kammer hab'n, großmächtig, ich hab's gleich d'erkennt, weißt, wie die zwei Leut' vom Baden kommen, und 's Vieh hat ihnen derweil die Äpfel vom Baum g'fressen. Haha, 's war aber Adam und Eva im Paradies! – Und der Bub hat's g'sagt, wie's ihm expliziert word'n is, für 'n Adam und d' Eva war er 'n Eltem noch z'jung. – No, was soll ich dir denn d'erzähl'n?«

»Weißt, Hanns, was Trostreich's, wo gut drauf z'schlafen is.«

»So? So werd' ich dir halt d'erzähl'n, wie's mir am jüngsten Tag 'gangen is.«

»No, is doch nit schon der jüngste Tag vorbeig'west?«

»Dös nit, aber träumt hat mer davon. Los' nur zu. Hab's noch kein'm erzählt.

2. Die G'schicht' vom Jüngsten Tag.

Da sein wir so alle nacheinander herg'leg'n, wir Toten, drunter und drüber, einschichtig, paarweis', z'dritt und z'viert und wie sich's halt 'troffen hat – ich weiß nit, war'n's 3000 Jahr' – 2000 Jahr', sechs Wochen, oder was für a Zeit war, nach mein'm Versterben, die allerältesten wie die jüngsten Toten führ'n kein' Kalender. Auf einmal is mir, als wurd' 'blasen – aber schon wie! Du weißt noch, wie die böhmischen Musikanten bei uns war'n im Ort und sein ins G'meinwirtshaus in die klein' Gaststub'n kämma, wie da, sooft der kleine Dicke mit der großen Blechblasen ang'hob'n hat, die Wänd' zum zittern ang'fangt hab'n, just a so war's, tief bis in die Erd' h'nein hat sich alles 'beutelt.

Na, du weißt, unsereins schind't sich gehörig und man hat sein g'sund's Stückl Schlaf. Na, so denk' ich mir, is dös dumm, is g'wiß wieder so a Malefizball beim Wirten im Dorf unten, daß man kein' Ruh' hat – und will mir die Aug'n reib'n – heilige Mutter Anna, war das a Schrocken, wie ich mir mit die dürren Beiner in die leeren Augen einifahr' – und am ganzen Leib zum scheppern anfang'!! – Jessas, denk' ich, du bist ja vorlängst verstorb'n – und hitzt dürft etwa gar schon der Jüngste Tag sein. Wann ich nur g'schwind' mein' Hosen zum h'neinschliefen bei der Hand hätt' –! So kannst doch nit unter die Leut' gehn! –

Ich tapp' h'rum, greif' aber nur dort und da ein' Knopf von der Hosen, in derer sie mich vorzeit beig'setzt hab'n, und wo ich an mich ankomm', g'spür' ich's deutlich, ich muß ausschau'n wie der ang'mal'ne Tod an der Kirchhofmauer. Brauchst gar kein G'wandstuck, denk' ich mir, hast ja eh' nix Unanständiges an dir, wenn dich aber nur nit der Spodiumbrenner aus der Kreisstadt d'erglengt, da gang's dir übel!

Ich überleg's noch, sollst h'naus oder nit? Aber es is so a Hundsmüdigkeit über mich kämma, daß ich zum tunken ang'fangt hab'. Und wie ich mich so ausstreck', gespür' ich noch, daß sich an die Beiner was ansetzt, nit anderst wie der Feuerschwamm an die Bäum'.

Dann schlaf ich wieder.

Wie ich munter werd', scheint die Sonn' in mein' Truhen, rundum is die Erd' aufg'wühlt, als wie von einer Million Maus' und Maulwürf'; ich schau' mich an, o fix h'nein, da is derweil der Feuerschwamm rundum sauber nachg'wachsen, ich bin a mordsauberer Bursch word'n, ich heb' mich, ich guck' h'rum – alle Gruben sein leer! Jesses Maria, Hab' ich dir 'n Jüngsten Tag verschlafen g'habt.

Ich war dir ganz verzagt.

Schau' in mein' Grub'n, sieh noch die schweren Hämmer, nimm s' auf die Achsel, denk' mir, gilt's oder gilt's net, schaust halt, wo du zum ewigen Leben dein Brot hernimmst; wann sie 's himmlische Jerusalem bauen, werden s' wohl auch a Straßen hinführen, müßt's doch im Himmel mit 'm Teufel zugehn, wann's da keine Steiner zum Klopfen gab'!

Wie ich noch so spintisier', kommen zwei Engerln daherg'flog'n, fledern um mich herum. Dös war so sauber, daß ich mein' guten Hamur wieder krieg' und sag': Na, ös himmlisch's Geziefer, was pfnurrts mir denn um 'n Kopf? Was wollts ös?

Sag'n s': Hanns, du sollst zum Gottvatern kommen.

Sag' ich: Eh'nder muß ich mich doch a weng waschen und anziehn.

Sag'n s': Dös gibt's net unter die Selig'n.

Sag' ich: Dös is unscheniert: aber ös werds uns doch nit 's ewige Leben neiden, wann mir im Schmutz d'ersticken, was nutzt uns die ganze Seligkeit?!

Sag'n s', ich soll keine Umständ' machen und mitkommen.

Einer packt meine Hammer und tragt mir s' nach und der andere führt mich, und wir kommen zum Gottvatern.

Und wie er uns sieht, hebt der Gottvater die Hand mit den drei ausg'streckten Fingern in d' Höh', wie im Bild am Hochaltar, und sagt: Grüß dich Gott, Hanns!

Sag' ich: Grüß dich Gott, Gottvater!

No, sagt er, wie g'fallt dir denn die aufg'wärmte Welt?

Sag' ich drauf: Lieber Gottvater, du mußt's für kein' vorlaute Red' nehmen, aber ich kenn' mich halt eben da noch nit aus. Die frühere Welt war auch kein schlecht's Stückl Arbeit – Gott bewahr' – a jed's hat was drein g'funden, was ihm g'fallen hat, und die meisten hab'n g'meint, die Dirndl wär'n dir so viel gut g'raten. Aber a bissel Zeit hätt'st dir schon lassen können, – was richt' eins in sechs Tägen? Es war ja sein' g'friemte Sach', dö auf 'n Tag hätt' fertig sein müssen! Ich hab' mich auch nit recht mit allem abfinden können – so tat ich dich rechtschaffen bitten, wann mir's etwa da auch wieder nit anstehn sollt, tu mir den G'fall'n und mach', daß ich auch im ewig'n Leben wieder versterb'n kann.

Räsonierhannsl, sagt der Gottvater und lacht, tu wie's d' willst. Ich hab's aber gleich gestern g'merkt, wie ich eng G'lump aufg'weckt hab', ös seids nit anderst word'n, wie 's g'wesen seids; seid's noch alleweil nit g'scheit!

Mein Gott, sag' ich, hätt'st uns g'scheiter g'macht!

Sagt er: Ja, glaubst, ich hab' mein Allmacht g'stohl'n, wollts ös gar nix dazu tun? In d' tausend und tausend Jahr' schau ich eng schon zu, und seid's noch alleweil so dumm! Wöllts ös nit 'leicht a ganz andern Herrgott'n? Tauget grad zu euch! – He, liegt da unten nit auch noch der Gruß-Franzl und schnarcht in Jüngsten Tag h'nein? Na, dem is da auch 's Grüßen verspart!

Lieber Gottvater, sag' ich, dös legt der nit ab.

Herob'n trag'n wir keine Haub'n, sagt er.

Da nimmt der ehender 'n Kopf 'abe, als er's sein laßt! Ich kenn' ihn, sag' ich.

Na, so sagt es der heiligen Veronika, sie soll ihm was zurichten für sein Kopf, lacht der Gottvater. Na, was sag' ich denn, muß der nit sein Mützen hab'n, daß er im ewigen Leben fortgrüßen kann, und dir muß ich wohl auch dein Pfeifen d'erlaub'n, daß d' doch meinst, du bist es!? Was half euch die g'scheiteste Welt? Jetzt mach, daß d' h'nunter kommst zum Gruß-Franzl, und sag ihm, ich nehm' eng nix in Übel auf, die andern, die sich's da unten meist hab'n wohl sein lassen, die hab'n freilich a leicht' Auferstehn g'habt, die war'n ausg'schlafen, ös habts aber auf Erden schwer gearbeit'! Also sag ihm, es macht nix, wenn er 'n Jüngsten Tag verschlaft, und im ewig'n Leb'n soll er auch sein' himmlische Mützen hab'n! –

»Da wär' ich recht froh«, sagte der Grutz-Franzl, »wann der Traum so ausging!«

»Warum sollt' er nit? Gute Nacht!«

Der Steinklopferhanns ging seiner Wege.

Zweites Kapitel

Waren sie heute neugierig gewesen im Ort! »Horch, was ist das?« und »Horch, was mag's sein?« hieß es schon früh morgens, denn überm Berg drüben hat es so gepfustert und gerädelt, als ob eine Eisenbahn wär' – so sagten nämlich einige, die schon eine solche probiert hatten.

Der Ort lag im Tal, und hinter den Bergen fing ein hübsch groß' Stück Flachland an, dort war es, wo es heut nicht recht geheuer schien, aber wie groß auch die Neugier sein mochte, es ging eben ans »Schneiden«, und da hatte keines Zeit für einen halbstündigen Aufstieg oder gar um den Berg herum anderthalb Stund' nach der Ausmünd' zu rennen und in die Ebene zu gaffen.

Um Mittag zur Rastzeit erst kam ein Paar zurück, die eher ihrer Neugier ein Opfer bringen konnten, da sie gar nichts Zu schaffen wußten. Die alten Ausnehmer, der »Leopold« und sein Weib waren schon frühmorgens die Straße dahingehumpelt, wobei sie den Weg mit ihren Stöcken schlugen – wahrscheinlich weil es ihnen nicht nach Wunsch vorwärts ging – der aber kehrte sich gar nicht daran, blieb ruhig liegen, so lang er war, tat wohl gar boshafterweis' manchmal unversehens ein Loch vor den alten Leuten auf, in das sie sodann mit kindischem »Hopperla« regelmäßig hineinstolperten.

Und als die beiden endlich doch, abgehetzt und hundemüde, das Talende erreichten und vor sich in die weite Fläche hineinlugten, da kannten sie sich noch weniger aus. Denn dort und da stieg über den Feldern kohlrabenpechschwarzer Rauch auf, es gab aber keinen Feuerlärm von all den Kirchtürmen rings in der Weite, und dazu pfusterte und rädelte es fort und fort. Eisenbahn war über Nacht keine ins Land gekommen – nein, nein, das geht nicht so schnell, das hat ihnen einer gesagt, der selbst an einer solchen mitgegraben und geschaufelt hatte.

»Nun, und was ist's denn?« und »was war's denn nachher?« fragten die Leute, nachdem sie den verwirrten Bericht gehört hatten.

Da waren ihrer zwei am Ort, die sich heute schon oftmals mit einem überlegenen Blinzeln angesehen hatten, und das war der reichste Bauerssohn und das ärmste Dorfkind. Der eine so reich und der andere so arm, daß ihnen das an ihre Rufnamen angehängt wurde, und so hieß der eine »der reiche Lois« und der andere »der arme Melcher«. Und sonderbar, der arme Melcher wußte es so gut wie der reiche Lois, was da über'm Berg vorging, und wenn er's aus Bescheidenheit oder Demütigkeit vor den andern nicht aussagte, so war doch der reiche Lois, so gern er sich auch sonst überheben mochte, diesmal auf die Bekräftigung seiner Worte durch den armen Melcher angewiesen.

Als es vor'm Jahr hieß, »in Wien hätten sie alles, was in allen vier Enden der Welt gearbeit', gehandelt und gebaut würde, unter ein großes Dach gebracht, und da könnt' jeder hineingehn und sich's anschau'n«, da litt es weder den reichen Lois noch den armen Melcher mehr daheim, der eine ließ sich von seinem »Alten« das Reisegeld und einen schönen Zehrpfennlg geben, der andere hat sich bis Wien durchgebettelt und dort Verwandte – der Himmel weiß wohl wievielten Grades! – aufzufinden gewußt; ob es denen zur großen Freude geschah, tut nichts zur Sache, eine Woche herbergten sie ihn doch.

»Was wird's sein?« sagte der reiche Lois und streckte sich so hoch er war, und sah stolz um sich. »Was wird's sein? Der Ökonomiker, der Herr Graf enter 'n Berg schneid't mit Dampf – nit wahr, Melcher?«

Melcher nickte bekräftigend so leichthin mit dem Kopfe, als wäre das »Schneiden mit Dampf« der geringsten Kleinigkeiten eine, die er zu bestätigen wüßte, lohn' sich kaum der Müh' und wüßte »ihrer einer« noch gar andere Sachen.

»So, so«, sagten die, die ins Tagwerken gingen. »So, so«, und schüttelten die Köpfe. »Kämen s' richtig schon mit den Malefizmaschinen angerückt?«

Sie zweifelten gar nicht an dem, was der reiche Lois aussagte, sie hatten schon lange gefürchtet, davon hören zu müssen, und nicht nur, was der Mensch hofft, auch was er fürchtet, glaubt er leicht!

»Schneiden mit Dampf?« sagten die andern, denen die Sache nicht so naheging, und schüttelten zweifelnd die Köpfe.

Das war dem reichen Lols an die Ehr' gegriffen. »Ihr Fexen, seid ihr dabei gewesen, wie unsereins, daß ihr so red't? Schneiden mit Dampf? – Warum nit? Man pflügt, man säet, man schneid't, man drischt mit Dampf! Meint man doch nit, man könnt' seinen eigenen Augen trauen, wenn man's mit ansieht, was man alles betreibt mit Dampf! Spinnt und webt man nicht, wäscht und mahlt man nicht, und weiß was sonst noch, alles per Dampf? Gelt, Melcher?«

Melchei nickte wieder bekräftigend und sagte aus: »man pflüge, säe, schneide, dresche, spinne, webe, wasche und mahle, und weiß was sonst noch, alles per Dampf.«

»Schaut man so eine Maschin'«, fuhr der reiche Lois fort, »glaubt man erst', das sei ein wahrer Höllenspuk, aber sieht man näher zu, kriegt die Sach' Hand' und Fuß' und Kopf obendrein. Seht, obenaus geht der «Rauch von der Feuerung in die Höh'« – Lois zeigt dabei nach seinem Hut, um den Leuten den Schlot der Maschine zu versinnlichen – »und hintenaus entweicht der Dampf.« – Alle drängten sich herzu, um dle Erklärung recht würdigen zu können, als aber gar der Lois ihnen zeigte, wie zur Seite rechts und links an langen Stangen die Sensen ins Korn hineinfahren und während die Maschine langsam vorwärts sich bewege, herumfuselten, solange noch ein Halm auf dem Acker stünde, und als er bedauerte, ihnen das nur mit seinen zwei alleinigen Armen vormachen zu können, da der Sensen rundum wohl an fünfzig oder hundert, wenn nicht gar mehr wären, und als sich in dieser Not der Melcher ihm anschloß, und beide gar belehrend mit den Armen fuchtelnd über das Feld hinschritten, da zweifelte keiner mehr, die Mähmaschine stand leibhaftig als unantastbare Tatsache vor ihnen. Ganz unbestritten wie der Telegraph und ebenso einleuchtend wie der, so was Alltägliches, daß eigentlich keiner zu sagen wußte, warum ihm das nicht schon längst selbst eingefallen fei, obwohl keiner seinem Buben widersprach, wenn er gelegentlich die Meinung an den Tag legte, daß an den langen Drähten gezogen würde und die Depeschen demnach aus lauter kleinen »Ruckerln« bestünden, die der Beamte am Arm oder Fuß, wo der Draht eben befestigt sei, verspüre.

War das Bescheidenheit, um vor den eigenen Kindern nicht mit dem Besserwissen zu prunken? Ach, die meisten Leute lassen sich noch heuttags die ungereimtesten Wunder, die niemand und nirgends erlebt, als glaubwürdig einreden und an denen, inmitten derer wir leben, gehen sie gleichgültig vorüber; da seht zu, denn da sind lauter begreifliche Wunder, und da ziehet fromm den Hut, denn das hat der Menschengeist erdacht und errungen, und das ist Geist von eurem Geiste, und der heitere Stolz, der euch beschleicht, wenn ihr still vor euch hinsagt: »Das hat der Mensch erdacht!« Das ist der Gruß Gottes an die strebende, ringende Menschheit!

Mittlerweile aber ging es gar sonderbar auf dem Felde zu, wo der reiche Lois und der arme Melcher den Leuten die Mähmaschine vormachten, denn nicht lange währte es, so fühlte jeder große Lust, zu zeigen, daß an ihm die Belehrung nicht nutzlos aufgewendet worden wäre, und daß er das Ding jetzt schon »weg« habe, und so schloß sich erst einer, dann der andere dem voranschreitenden Lois an, und bald schritten alle Mannleute in einer langen Kette hinter dem Führer daher und fuchtelten also anschaulich mit den Armen, und da waren jetzt wirklich rundum wohl an fünfzig oder hundert, wenn nicht gar mehr Sensen in Arbeit und so mähten sie über das leere Feld, daß es eine Freude war.

Ja, wenn einer was Neues lernt, so ohne Müh', das gibt viel Lust und Freud' und geht nichts über einen wackeren Lehrmeister, etwa wie der reiche Lois einer war.

Abseits standen die Weibsleute und wußten nicht, sollten sie lachen oder erschreckt tun, denn die Männer arbeiteten sich ganz rechtschaffen ab, freilich ohne Nutz, und taktweis' war's immer ein Streich, wenn ihre Arme durch die Luft fuhren, und keiner zeigte eine Falte im Gesicht – der Augenblick war zu ernst.

Himmel, wie erschraken sie und wie fuhr die Kette anseinander, als plötzlich ein geller Pfiff ertönte, als sollle es der Maschine an gar nichts fehlen.

Da war mit einmal die ganze Maschine hübsch in alle Teile zerlegt. – Die Weiber lachten wie toll, und der letzte, der sich unbemerkt dem Zuge angeschlossen, der fuchtelte noch fort und fort mit den Armen, schnaubte und stieß dann wieder jenen schrecklichen Pfiff aus.

Jetzt aber lachten alle und riefen: »Der Steinklopferhanns!«

Der war es auch, er ließ jetzt die Arme sinken, stellte die Arbeit ein und sagte »Grüß eng Gott! Ich hab' schon g'meint, ös seids alle miteinander narrisch word'n.«

»Ah na«, sagte einer, »was d' g'sehn hast, dös war nur die Mähmaschin' von drüben, vom Herrn Grafen, wie s' uns der reiche Lois erklärt hat.«

Man sieht, Undank ist der Welt Lohn; daß der arme Melcher sie mit aufgeklärt hatte, daran dachte keiner mehr.

»Ah«, sagte der Steinklopferhanns, »dös war also die Mähmaschin'!? Na, is a schön's G'spiel!«

»Ich find' nix Lustig's an so einer Maschin'«, sagte ein Tagwerker, »dös bringt uns noch um unser Brot; was verbleibt uns hernacher? Dem feurigen Untier nachrennen und die Garben binden. Selb' werden s' a bissel Müh' nennen gegen früher und a nur a bissel Lohn zahl'n woll'n dafür.«

»Freilich wohl«, sagte der Lehnerferdl, das war auch einer vom Tagwerk und nebenbei im ganzen Ort als verwegener Bursche bekannt, war keine Rauferei oder kein Unfug ohne ihn. »Freilich wohl«, sagte der, »so kommt's und anderscht nit. Ich wüßt', was man tun sollt', aber ös seids lauter Letfeig'n und eins allein richt' da nix. Hinüber sollt' man, mit des Grafen Tagwerkern sollt' man reden, mit ihnen übereins werden und die höllischen Maschinen herausholen aus 'm Stadel und zurichten, daß s' kein Teufel mehr auf gleich bringt.«

»Und d' Schandarmerie?« warf einer bedenklich ein.

»Ho«, sagt der Lehnerferdl, »wegen der besinn' ich mich nit lang, bis sie kommt, ist die Tenne rein, dö Arbeit vorbei; folgt's mir, dö soll'n die wenigsten von uns erwischen. Wir woll'n keine Maschinen, hitzt is's Zeit, daß man ein' Weiser gibt, eh's zu spat wird und z'viel schon in der Gegend sein, als daß man s' auf ein' Streich abtun könnt. Nit wir Taglöhner allein, a Bauersleut' vom alten Schlag mögen die Maschinenwirtschaft net. Arbeit' so ein Großer billiger, so druckt er alle Klein' mit 'n Preis.«

»Wohl, wohl«, sagten mehrere, die kleine Wirtschaften hatten.

»Wer weiß, was uns so a Maschin'zeit alles noch brächt'? Hat's doch der reiche Lois selber g'sagt, man traut sein' eignen Augen kaum, was hitzt alles mit Dampf betreibt.«

»Was frag' ich danach«, sagte der Steinklopferhanns, »eins können s' doch nicht mit der Maschin'!«

»Was?« fragte der Lehnerferdl.

»Leut' in d' Welt setzen«, sagte der Steinklopfer.

»Du bist allweil der unzeitig' Spaßmacher«, schrie der Lehnerferdl. »Allmal! Mit dir können s' auch noch fertig werden, die Steiner werd'n s' doch mit Dampf verschlagen können?«

»Täten 's vielleicht eh' schon lang«, lachte der Steinklopfer, »wann sich nur die Kohlen dafür auszahleten. D' Maschin' kann doch nit, wie ich, nebenher betteln oder ins ›Basteln‹ und Aushelfen gehn?!«

»No spaß' du, no spaß' du«, ärgerte sich der Aufhetzer.

»Besser ein lustiger Spaß als ein trauriger Ernst«, sagte der Hanns, »wie einer is, in den du die Leut' hineinhetzen möcht'st! Dir war' doch nur zu tun um den Wirrwarr und um das Gaudium, wenn alles drunter und drüber ging, so weit kenn' ich dich, und wenn du sagst, die Schandarm' sollten die wenigsten fangen, so mein' ich selber, daß sie nur die g'ringsten erwischen möchten, du wärst schon lang übers Eck. Und was wär' 'leicht damit gericht'? Kämen die Maschinen dess'twegen nicht ins Land? A wohl, wer s' braucht, der ruft s, und da sind s'. Halt' einer ein' Eisenbahnzug auf! Der bringt s' hergeführt, und wollt' s' unsereiner hab'n so a Maschin', möcht' s kein'm g'fallen, wenn man ihm's möcht' in Übel aufnehmen, daß er sein Geld drein legt. Aber Blitz h'nein, was red' ich euch, mir liegt kein' Maschin' net auf und euch tut sie's auch nit. ös Lalli, verstund's was davon, so wüßt's, selb' kann 'm Grafen drenten von Nutz' sein, aber da für kein' Bauer gibt's a Maschin', die über'm Krumpen Erdboden, über die Lehnen und Anstieg' hinauf und hinunter was ausricht'. Kind und Kindskinder verleb'n wohl noch euer Tagwerkerleb'n, für dös ös eng so wehrts, eh dös anderschter wird. Aber nachater kimmt a Zeit, wo noch kein Mensch a Idee hat davon, als wie ich, der Steinklopferhanns, denn mir is's die vergangene Walpurgisnacht auf'gangen wie dös Buch mit die sieben Siegeln; no, ös wißt's, ich bin a Neusonntagskind, für unsereins hat's kein Geheimnis in die Rauhnächten, 's ganze Jahr über und danach a noch net.«

Einige stießen sich leise mit den Ellbogen an und lachten einander zu, andere aber, die noch abergläubisch waren, blickten beinahe ehrfürchtig auf den Steinklopferhanns hin, da er versicherte, daß es für ihn kein Geheimnis habe, »'s ganze Jahr über und danach a noch nit«. Da aber der Hanns während dieser Zeit des ehrfürchtigen Schweigens das Maul zutat, als ob er's nimmer aufmachen wollte, so fiel diesen gläubigen Seelen ein Stein vom Herzen, als ein vorlauter Bursche aus der Zahl derer, die meinten, der Hanns sollte eigentlich Prahlhanns heißen, mit der Frage losbrach:

»No, und was war denn zu Walpurga?«

»Bist recht vorlaut für dein Alter«, fagte der Steinklopfer. »Was geht's dich an? I mag's seit der Zeit nit leiden, daß man über d' Maschin' schimpft.«

»Verzähl doch, Steinklopfer, verzähl«, rief es jetzt von allen Seiten.

»Dös hab' i mir eh' denkt«, sagte der Angerufene, »daß ös mir wieder eine von meinen wahrhaften G'schichten 'rausbrateln wöllts, um hinterdrein z'sag'n, es wär' alles d'erlog'n und aus'tipfelt. Gleichwohl liegt mir nix dran. Lost's zu.«

3. Die G'schicht von der Maschin'.

Vergangene Walpurgisnacht war's – natürlich erst wie der Tag vorbei war, tagsüber ist's aber laut her'gangen, ein'm Fabriksherrn in der Gegend sein seine Arbeiter z'wider word'n, er hat sich an ihrer Stell' Maschinen ang'schafft, die Lärmmacher fortg'schickt und dö braven Leut' zu dö Maschinen g'stellt. Dös war am Vormittag. Nachmittag aber sein die Ab'dankten alle von dö Wirtshäuser, wo sie sich »Trost im Leiden« g'holt haben, aus'zogen, der Fabrik zu; hinter ihnen her und mit ihnen Tagdieb', Hausierer, Tagwerker, kurz allerhand G'sindel – ich war a dabei.

Wie wir zu der Fabrik 'kommen sein, sein wir ganz keck hineingegangen, dö braven Leut', die noch drin in Arbeit waren, haben uns zwar dös verwehr'n woll'n, aber wie s' g'sehn hab'n, daß wir die mehrern sein, und wie s' zum Verkosten a noch a paar Puffer 'kriegt hab'n, da sein s' auf das, was nachkommt, nimmer neugierig g'west, sondern sein gutwillig davong'rennt; der Herr und sein Buchhalter sein derweil vors Haus g'rennt und haben bald dort, bald da ein Träuperl Leut' mit schöne Reden beschwichtigt. Derweil dö draußen zu dö Ung'fährlichen schön g'red't haben, hat's drin im Haus zum krachen und poltern ang'fangt – dös waren mir von drinnat, wie wir uns über die Maschinen hergemacht haben. I bin so a Weil' dabeig'standen, hab' zug'schaut, und wie's grad wieder über so ein Ding geht, da reißt's mich – tust a mit! – und i heb' da so a Trumm Eisen auf, hol' aus und hau' zu, dös Ding macht no ein' Keuchezer, und hin war's!

Daß ich sag', dös war so ein schöner Durcheinander etwa noch a Viertelstund', dann heißt's auf einmal: Aushalten und verschwinden, von der Kreisstadt kommt a ganz's Bataillon Jäger. O du schmerzhafter Sebastian! Kaum sagt das einer zum andern, so hör'n wir s a schon blasen! No, jetzt ist der Wirrwarr an'gangen, 's Treten und Drucken, 's Arretieren, Kolbenstöß' – ich weiß nur mehr, daß ich mit genauer Not durchgerutscht bin; mit ein' Jager, der mich hat aufhalt'n woll'n, bin ich in 'n Graben h'nunter'kugelt, und wie mir uns all' zwei aufhelfen, kommt ihm die Bajonettscheid', die langmächtig' Leberwurst, zwischen die Fuß', und eh' er sich noch wieder auf gleich zappelt hat, war ich schon lang im Wald.

Und im Wald war's schon nachtig, und wie ich mir grad so denk': Teufi h'nein, jetzt hast noch a gut Stuck Weg heim, fallt mer ein: Heunt is Walpurga! Mir wird da glei nit recht g'heuer, no kein b'sunders ruhig's G'wissen hab' i grad a net g'habt, was ich in der Fabrik drin 'tan hab', war ja a grad kein b'sunder's rechtschaffen's Stuck Arbeit, und daß ich zuletzt die Obrigkeit sich nach mir hab' abezappeln lassen, war auch nit schön; aber da hat mich doch eins ›tröst‹: warum hat a die Obrigkeit so ein langen Überschwung g'habt.

Sollst auf 'm Fahrweg verbleib'n? Gehst die einsamsten Steig'? Gehst lieber gar außi aus 'm Wald auf die mondhelle Wiesen? Was tust, was is g'scheiter? So hab' ich spintisiert. Und wie ich mich noch so bedenk', komm' ich von freien Stücken aus 'm Wald außer, wißt's ja alle den Fleck enter der Rieslermühl', wo rechts und links die Weidplätz' in der Höh' lieg'n und mitt'durch führt ein kleiner Hohlweg nach der Straß'; von weitem hat man die Mühl' g'hört, sonst war alles mäuserlstill, dö Bäum' sein bocksteif dag'standen, kein Lüftel, aber der Mondschein, ich sag' euch's, der war anderschter als sonst, der hat so aufdringlich g'leucht, als wüßt' er über jedes Steindl am Weg was zu sagen, um die Grashalm', wie s' am Hohlwegrand herunterg'hängt sein, hat er g'spielt, und die Schatten haben völlig zittert in sein' Glanz, es war frei ein laut's Licht!

Und grad, wie mir dös zum g'fall'n anfangen will, wird mir auf einmal ich weiß nit wie? inmitten vom Hohlweg war ich, sonst wär' ich glei wieder z'ruckg'rennt. Da kommt's a schon von weitem her auf mich zu – ein mächtig groß' Ding, glänzt, daß ein'm völlig die Augen weh tun, aus sein' Hut is Rauch aufg'stieg'n, auf der ein' Seiten hat's mit ein' Arm in ein' eisern' Stiefel g'langt, und is dabei allweil hin und her g'fahren, grad wie wenn unsereins in einer Taschen nach Geld sucht und kann keins finden und gebärd't sich wie net g'scheit, und auf der andern Seiten hat's ein Radl g'habt, da war ein mächtig langer Schwungriem' dran, und wie's so auf mich zurogelt, und ich schau' so auf den Sappermentsriem', denk' ich, jetzt is's letzt' End', wenn d' ein' so ein' Wixer kriegst, tut dir kein Bein mehr weh!

Hitzten steht das Ding auf einmal still, pfnaust Dampf aus, und laßt den Schwungriem' fallen. Da is mir glei leichter g'west. Und sagt das Ding zu mir: Kennst du mich?

Sag' ich drauf: Nein, aber mir wär's lieb' für ein anders Mal, wenn's sein könnt', denn heut is mir nit recht gut, und ich bin zu solchen Dummheiten nit aufg'legt.

Drauf sagt dös Ding nit ein' Bissen, sondern tut ein Keuchezer und steht still.

Jesses und Joseph, da Hab' ich's d'erkennt – war dös dö selige Maschin', dö ich heunt in der Fabrik um'bracht hab'!! Ös kennt's eng denken, wie mir da war, allein, in der Walpurgisnacht mit so ein'm Spuk, 's Herz hat mir völlig aus 'm Leib heraus wollen vor Angst.

Sagt die Maschin' noch immer so rauh und stoßweis' wie vorher: Fürcht dich nicht. Tu, was ich dir sag', da hinten an mir hängt ein Kandl mit Öl, schmier mich.

So viel auch meine Händ' 'zittert haben, was mir jeder glauben kann, so hab' ich doch die Kandl h'runterg'nommen und hab' halt, so gut ich's 'troffen hab', das Maschin'gespenst geschmiert.

Und wie's geschmiert war, hat's auf einmal mit milder Stimm' ang'hebt zum reden: Hanns, hat's g'sagt, du warst heut auch einer von dö dummen Simpeln, dö sich nichts G'scheiters z'tun g'wußt hab'n als anderer Leut' Sachen zu ruinieren, und die kein' Respekt haben für das, was von braver Arbeit und rechtschaffenem Studieren in mir liegt! Aber dös versteht's ös net, und da muß man stillhalten und sich zerschlagen lassen. Ös wollt's halt nit verstehn, nit begreif'n, überhaupt nix lernen, es »glaubt« sich halt so viel leicht und es »weiß« sich halt so viel schwer, und so lang's a so bleibt, geht die ganze Aufklärerei wie a Kindertanz um 'n Maibaum allweil rundum und ohne daß man eng g'scheit machen kann, sag mer eng nur allweil: »Wie ös dumm seids!«

Da sag' ich drauf: Vergelt's Gott, aber dazu brauch' mer kein' Maschin', dös sag'n wir uns selber untereinander all' Tag. Ah, so g'scheit sein mir schon, daß mer dumm sein! – Denn wie vorhin der Spuk so freundlich und eindringlich g'red't hat, hab' ich mir a Herz g'faßt g'habt, is mir aber glei wieder abig'rutscht, wie 's Maschin'g'spenst anhebt: Hitzten steig auf mein' Rucken, du mußt mit!

Ich will grad alle Heiligen zu Zeugen anrufen, daß ich seit der Kavallerie kein Roß mehr ang'schaut hab', daß ich Maschin'reiter schon gar keiner bin…

Aber da stoßt dös Ding fuchtig sein' eisern' Arm in den Stiefel auf der ein' Seiten und draht 's Radl auf der andern, daß der Schwungriem' fliegt.

In Gott's Jesus Nam', hab' ich mir denkt und bin halt aufg'stieg'n, und wie ich sitz', geht's a schon furt, daß mer der Atem und die Sinn' ausgeblieben sein, ich könnt' eng's drum a nit sagen, wohin mich der Malefizspuk g'führt hat.

's war mir aber so, als saß' ich auf 'm höchsten Berg von der Welt, wie er heißt, könnt's ja 'n Schulmeister frag'n, g'nug, daß ich drob'n war in der Walpurgisnacht vergangen's Jahr.

Und wie ich so herunterguck' auf dö Welt unter meiner, sagt die Maschin': So ist's jetzt!

Ich schau', da kommen s' daher in ein' langen Zug, Arbeitsleut' aller Art, alle verkrüppelt, bresthaft oder vorzeitig alt und ausgemergelt durch 'n strengen Erwerb, durch die ung'sunde Hantierung, durch Trübsal um ihre allen Täg' – und wie ich so in der Rund' schau', seh' ich die anderen, die noch geschaffen haben, sich hinunterrackern wie die Viecher mit der schweren Arbeit, sich 's Blut vergiften mit Staub, und so Farb', und andere Patzerei'n und wieder völlig z'samm'schrumpfen auf ein' Fleck, von dem s' die Sorg' ums Brot nit weglaßt, nit a wengerl in die frei' Luft, kaum im Jahr amal! Wie ich so das Elend da vor meiner sieh, schlag' ich die Händ' z'samm' und sag: Himmlischer Vater! Du triffst doch allmal die rechte Mischung zwischen Herzload und Herzensfreud', daß 'm Menschen nit z'gut und nit z'übel wird auf der Welt, und er 's Leben aushalten kann, denn Übermaß von ein'm oder 'm andern tut niemal a gut! Wie magst denn a so viel Mühsal auf ein' Fleck z'samm'trag'n?!

Sagt die Maschin': Strapazier dich nit, möcht' der Herr allen Fragern z'G'hör sein, Verbraucher! er sein' ganze Ewigkeit zum Antworten. Derweil wir da reden, geht die Welt wieder ihr Ruckerl weiter. Schau lieber, wie's einmal sein wird.

Ich schau' wieder. Is die ganze Welt wie verändert g'wesen, alles, was man denken und sinnen kann, das nur möglich ist, es rührt der Mensch nit selber mit seine Hand' dran, das haben Maschinen geschaffen, und an den Maschinen sind sie g'standen die neuchen Leut', unverkrüppelt, unverkümmert, schön groß, stark, und hat ihnen die Gesundheit und die G'scheitheit aus dö Augen g'leucht, ist jeder wie ein König an der Maschin' g'standen, die er gemeistert hat bis aufs letzte Radl.

Und über die Welt war ein großer Arbeitstag mit lauter saubre lustige Arbeitsleut'!

Und wie ich das siech', da hab' ich mich in die Höh' g'streckt und hab' g'juchzt: Juche! Hitzt is 's Brotkörbl nieder, und das sein meine Leut', dö halten doch ein' Puff aus, und so stehn s' mir an!

Und wie ich so schrei', verschwind't dös ganze G'sicht, d' Maschin' packt mich wieder auf und setzt mich nachert ab, no ös kennt's ja dös Platzl, enter der Rieslermühl' inmitten vom Hohlweg? und wie's mich da los is, sagt's: Servus!

Ich sag': B'hüt dich Gott und halt a fein Wort, Maschin'!

Und fort war s'!

Na also, dös war zu Walpurga vorig's Jahr, und sider der Zeit mag ich kein' Maschin' schief anschau'n, 's tut mir völlig schon um a Lichtschneuzen leid, wann s' a kleiner Bub verbricht. No, wo is denn der Lehnerferdl hin'kommen, schau, ich hätt' grad g'meint, der wurd' mich gern Lugen strafen mögen! B'hüt Gott miteinander, hitzt muß ich wieder h'nauf nach mein' Steinbruch!

Drittes Kapitel

Es war ein abscheuliches Verbrechen, das da draußen, eine Stunde Weges vom Orte, in der einsamen Mühle geschah. Der alte Müller, der darauf saß, war vor Jahren verwitibt und hatte eine junge Magd in Dienst genommen, die ihm sehr gefiel; als er nun merkte, sie werde in gutem ihm nicht zu Willen sein, so brauchte er Gewalt. Es hätte ihm übel bekommen können, wäre die Dirne damals in die Gerichte gegangen, aber was getraut sich so ein armes Geschöpf? Sie demütigte sich vor dem Alten, beschwor ihn um Jesu willen, sie nicht in der Schande zu lassen; das war es, was er haben wollte, er machte sie zu seiner Müllerin, die Leute fanden das für ganz ausnehmend brav gehandelt und lobten und rühmten ihn – aber es bekam ihm übler!

Wie sich ein Ding anläßt, so wächst sich's auch aus, was mit Schande, Angst und Heimtücke begann, konnte nicht mit Ehr', Fried' und Offenheit enden. Es kam da ein junger Knecht auf die Mühle, und den mochte die Müllerin leiden. Um ihre Jugend war sie betrogen worden, aber das junge Blut behielt sein Recht. Wohl wußten beide, es war nicht recht, was sie da im geheimen spannen, sie wußten es, gleich wie es anhob, die Müllerin wußte es, als sie dem Burschen zulächelte, und der Bursche wußte es, als er verlegen das Lächeln zurückgab, aber das sah sie doch ganz unschuldig an, und man konnte sich ja hüten, aber so blieb es bei jedem Schritte, mit dem sie sich mehr und mehr näher rückten, und zuletzt erschien den beiden selbst das Ärgste unverfänglich. Ihre Liebe war freilich nicht wie die anderer Leute, sie durften nicht stolz aufeinander sein, sie mußten darauf achten, daß man nicht merke, wie gut sie einander seien, und daran war nur der Alte schuld, sie hofften, er werde doch bald versterben. Einmal wallfahrte die Müllerin, ein andermal der Knecht nach einem nahen Gnadenorte und baten die Muttergottes, sie möchte sie erlösen, sie beteten – um den Tod eines Menschen!

Aber die Wallfahrer hatten kein Glück, der Alte blieb rüstig und gesund, als sollte er ewig leben.

Das war hart für sie; wie lange sollten sie denn noch warten und harren, um es zu gleichem Ende wie andere Liebesleute führen zu können? Immer unleidlicher ward ihnen der Zwang und das Geheimtun, und so fielen sie denn in einer Nacht gemeinschaftlich über den Alten her und ließen nicht ab von ihm, bis er tot war, dann setzten sie die Mühle in Gang – das klapperte plötzlich weithin durch die Stille der Nacht, als wollte es das ruhende Tal aus dem Schlafe schrecken, aber ihnen taugte das Getöse, es ließ sie nicht klar werden über das Geschehene und nicht an den kommenden Morgen denken. Den Leichnam warfen sie in das kreisende Rad.

Die Sonne, die sie weckte, war eine andere als die alte; was war das für ein abscheuliches Licht, das in alle Winkel spähte, durch jeden Bretterspalt fiel?! Dort stahl es sich durch die verhangenen Fenster in die leere Kammer, und ein wirbelnder Streif tanzte über die Polster des Bettes, fand aber nicht, wie sonst, einen Schläfer zu wecken. Wie glitzerte das Wasser am Mühlrade und – oh, wer sich hineinzuschauen getraut hätte! – wie es den toten Mann mit jeder Umdrehung hervor an das Licht schleifte! Aber da galt kein Säumen, lebendig wird es schon rings im Tale, die Leute werden kommen, daß sie auch kommen müssen, daß doch die Welt diese Nacht über ausgestorben wäre! Was sagen? Was tun?

Die Mühle wurde gestellt, die Müllerin stürzte mit Jammergeschrei, verwirrt und entsetzt in das Tal nach der nächsten Hütte, um den Leuten zuzuschreien, daß heute nacht ihr Mann verunglückt sei.

Aber die Sonne, die böse Sonne mit ihrem aufdringlichen Lichte ging nicht unter, ohne alles an den Tag gebracht zu haben.

Der Mond fand die Mühle leer, dafür sah er dort, fern in der Kreisstadt, als er die Schatten der Gitterstäbe in die Gefängniszellen warf, ein junges Weib mit verweinten Augen und einen Burschen mit stieren, glanzlosen Blicken schlaflos vor sich hinstarren.

Das war eine Aufregung im Orte, als man die beiden festnahm, das wogte ab und zu nach der Unglücksstäite und nach dem Gemeindekotter, wo die Täter und die Landjäger, die sie zu bewachen hatten, auf eine Fahrgelegenheit warteten, und als schon lange der unbeholfene Leiterwagen über die ausgefahrene Straße dahingepoltert war, standen die Leute noch überlaut redend vor ihren Türen. Das Gemeindewirtshaus war überfüllt von erregten Gästen, die sich durch den Trunk noch mehr ins Feuer brachten; was wollte da jeder schon lange gesehen und gehört haben, das ihm bedenklich vorkam? Da war keiner, der es nicht schon früher gemerkt hätte, wie in der Mühle nicht alles richtig gewesen, und schier alle hätten es vorhersagen mögen, daß das kein gutes Ende nehmen könne. Da war keine üble Nachrede, die nicht ihre zustimmenden Hörer gefunden hätte.

Und es war allwege nicht denkbar, daß an dem Weibsbild und dem Burschen jemals ein gutes Haar gewesen wäre, die mußten von Kind auf verderbt und verworfen gewesen sein, waren gar niemal wie andere Leute gewesen, denn rechtschaffenen Leuten – jeder schmeichelte sich zu denselben zu zählen – könne so eine gräßliche Tat gar niemals beifallen.

In einem Winkel der Stube trank auch der Steinklopferhanns sein Gläschen und rauchte seine Pfeife, jetzt war sie ihm aber ausgegangen, er klopfte die Asche in derselben an der Tischkante aus und sagte: »Ös seids recht christlich – recht christlich!«

»Werd'n wir's doch nicht gegen so Mordgesellen sein sollen?«

»Warum nit«, sagte Hanns, »wer sich für christlich ausgibt, soll allezeit dabei bleiben, und wann ich mich recht besinn', so steht doch geschrieben: Richtet nicht, daß ihr nicht gericht' werd't!«

»Es wird auch kein ehrlicher Christmensch ein'm andern was nachtrag'n, aber so ein Mordgesindel zählt doch nit dazu!«

»War wohl auch a Zeit«, meinte der Steinklopfer, »wo sie kein Brösel anders waren als eins von uns da!«

«Na, hör auf, Hanns, das is kein Reben, so ein Stück brächt' wohl keiner, wie wir da sein, übers Herz, dazu muß man schon ganz gottverlassen auf die Welt kommen, dazu muß eins schon bestimmt sein.«

»Dann is auch dazu bestimmt, wer heut sich ein' Rausch trinkt! Ihr betet doch alltag paarmal 's Vaterunser, und bei der Rosenkranzandacht schon gar, weiß nit wie oft, aber wohl weil's unserm Herrgott'n vermeint is, leiert's ös herunter, daß 's kein Teuxel versteht, ös selber aber auch nit: sonst möcht' euch doch bei einer Bitt' einleuchten, selb' wär's gescheiteste Beten, was 's jemalen af derer Welt geb'n hat, dö Bitt', was ich mein', heißt: Führe uns nicht in Versuchung! Es is schon so, daß sich einer recht brav halt't, wann ihn kein' Verlockung betrifft, und geht mancher als ehrlicher Mann sein' Weg, weil ihm die Versuchung nie begegnet. Kommt's aber einem über die Quer, so gibt's ein hart' Stück Arbeit, da soll sich keiner aufwerfen und vermeinen, er wüßt', was da aus ihm wurd'; often kommt's ruckweis und führt 'n Trittl für Trittl, er denkt sich's dabei selber nit aus, wohin. Often kommt's mit ein'mmal, und er tut, was er augenblicks drauf nöt für möglich halt't, es war' sein Tun und hat wohl auch vor kurzer Weil' g'fagt: So a Stück brächt' wohl keiner, wie wir da sein, übers Herz! – 's Menschen-Einwendige muß mer kennen, heißt, mer muß sich sagen, mer kennt's eigentlich net, dann is mer sein ganz b'scheiden ruhig und find't a Mitleid auch mit dö, wo man nit meint, sie verdienen's, dies aber z'notwendigst brauchen, soll's mal mit dö besseren Zeiten anheb'n, wo man von Kind auf schon der Leidenschaftlichkeit ausbeugen und 's G'scheitsein lernt und statt: sei fromm, sagt: sei brav!«

»Hört's 'n Steinklopfer! Der hat wieder a neu' Evangeli in' Kopf.«

»Is eh' a rechter Heiland, nimmt Eh'brecher und Mörder in Schutz!«

»In Schutz nehm' ich's nit«, sprach Hanns, »daß ich etwa saget, es war' recht, aber ich sag', einstmal war'n 's net andere Menschen wie mir, und wann's uns dö gleichen Weg führet wie sie, möcht' wohl keiner sagen können, ob er heut nit da stund' wo die zwei!«

»Ah, selb' kann man wohl sag'n, was man nie wurd' imstand sein«, riefen etliche junge Burschen.

»Na«, lachte verschmitzt der Steinklopfer, »mir steht mer's wohl auch nit an, noch hätt' ich's selber g'laubt, aber doch hätt' ich bald ein' um'bracht.«

»Geh zu – was d' sagst!«

»Na wohl, war's a so.«

»Verzähl – verzähl!« Alles rückte zu.

»Na lost's zu. Verzähl' ich's halt.«

4. Die Versuchung.

Bald is's gar nimmer wahr, so lang ist's her, aber ich besinn' mich noch, es war ein schöner Herbsttag g'wesen, mir hat aber nit zu Sinn woll'n, denn damal is's mir grad grimmig schlecht gegangen, was braucht mir auch d' Sunn' so freundlich in' leeren Sack und in' hungrigen Magen z'scheinen, hab' ich mir denkt, was hab' ich davon? Is a boshaftig's Ding! Die Rauch' hab'n mich geärgert, die aus die Schornstein' gradauf g'sftieg'n sein, 's Obst af dö Bäum' – mein war's net – und af der Gmeinwiesen hätt' ich mögen 's ganze Gras ausreuten, na, ich war ja kein' Kuh, dah ich's hätt' mögen fressen. Teufi h'nein!

Ich war froh, wie die Sonn' ein' Anstalt macht zum Untergehn und bin noch fort ins Gebirg, bin durch Schluchten ang'stieg'n, daß ich vor ihre letzten Lichter sicher bin, bis 's Monad 'raufkimmt, was nit so aufdringlich is mit sein Licht.

Wie ich später so forttapp', denn 's sakrische Mondschein is hinter dö Wolken blieb'n, riegelt sich was in der Finstern, kommt hervor aus 'm Schatten und steht a schmächtig's Bürschel vor mir, so wie man's sieht auf der Wanderschaft.

Er fragt nach 'm Ort, was überm Berg enten liegt, G'scheiter's wußt' ich mir grad nit zu tun, denk' ich mir, führst ihn bis hin, vielleicht zahlt er dir dafür doch a Glasl Wein.

Sag' ich also zu ihm, wann's ihm recht wär', könnten wir ein' Weg gehn, ich selbst möcht' nach Tappental.

Er sieht, schaut mich eine Weil' an, auf einmal sagt er, es wär ihm lieber, ich gäbet ihm die Weisung, daß er sich allein hinfinden könnt'.

Ahan, denk' ich, selb' is a notiger Kerl, der fürcht' sich z'weg'n einer klein' Derkenntlichkeit, und sag' deswegen zu ihm: Ich steh' af nix nöt an, ich führ' eng schon umsonst.

Da sagt das Bürschel ganz wegwerferisch: Ich hab' eng gebeten, mir 'n Weg z'beschreiben, wollt's net, so such' ich mir 'n halt selber.

Auf dös sag' ich nöt freundlich: Na, na, wo ich z'wider bin, dring' ich mich nöt auf! – Wels ihm die Steig', sag', von da geht's a so und von dort a so nach Tappental zu, halt, daß er nit irr' geht, dreh' mich dann um und b'hüt Gott!

No gibt er mir dö Hand, bedankt sich recht schön und meint, ich söllt's ihm nöt in Übel aufnehmen, aber er wär' noch in tausend Angst und Schrecken.

U mein und wie er das sagt, schau' ich ihm ins G'sicht, er war käs'weiß.

Je, je, lieber Herr, sag' ich, was is eng denn zug'stoßen?

No erzählt er mir, es hätt' sich ihm heut auf 'm Weg a wilder Kerl ang'schlossen, der wär' schon 'm Anschau'n nach zum fürchten und nit von der Seit' z'bringen g'west, wie's aber in finstern Wald kämma, fallt der Kerl über ihn her, und wann nöt a alte Holzklauberin dahertappt und zum schreien und zetern anhebt, wer weiß, was g'schehn wär'! Nöt gar weit von da und von a klein' Halb'nstund' hätt' sich dös zutrag'n. Selb' hätt' 'n ganz scheu und verzagt g'macht, er wußt' sich kaum aus in sein Sinn, gern möcht' er allein gehn, doch noch lieber mit ein' ehrlichen Menschen.

No, sag' ich, da seid's schon recht, ich bin, soweit ich warm bin, a ehrlicher Kerl, von was nit mein war, hon ich all mein Lebtag nit was schwarz unterm Nagel is wegg'nomma!

Jo, lacht er, freilich, um was schwarz unterm Nagel is, zahlt sich's net aus, in der Weis steckt die ganze Welt voll lauter ehrliche Leut', aber wann's mehr gilt, da probiert sich dö Ehrlichkeit.

Kreuzsakra, sag' ich, nöt um 'n Kaiser sein G'schloß tat ich a Schlechtigkeit.

Glaub's wohl, meint er, a G'schloß kann mer halt wieder net leicht in' Sack schieb'n, was z'g'ring is, oder was einer nit aufheb'n mag, laßt a jeder lieg'n, um z'wenig und z'viel belobt sich a jed's der Enthaltsamkeit von fremdem Gut, aber, mein lieber Hanns (ich wußt wahrhaftig net, woher er mein' Nam' g'wußt hat, aber g'nennt hat er 'n), mein lieber Hanns, es is ganz a andere Sach', wann's um a schwermächtig Stück Geld hergang', und dös kunnt eins nehma und war sicher vor Klagen und Fragen und wüßt kein' lebendige Seel' drum.

Na, na, sag' ich, ehrlich währt am längsten, und wann's wollt's, ich soll weiter noch mit eng gehn, so tut's ein' andern Dischkurs anheb'n, sonst müßt' ich frei glaub'n, ös halts mich net für besser wie den Schubjak, der eng vorhin hat ausraub 'n wöll'n.

Ah, sagt das Bürschel und lacht dabei so spöttisch, daß ich ihm hätt' eins versetzen mög'n. Ah, beileib, Hanns, ich weiß schon, du bist a ganz a andrer Mann, übrigens is's a Glück für mich, daß der Rauber von vorhin sich wohl auch denkt hat, es zahlt sich net aus, hätt' er g'wußt, was ich weiß, ich mein', er war' dabei 'blieb'n und hätt' mich und dö alte Holzklauberin spediert.

No, was is's denn nachher, was ös wißts? brumm' ich, daß ich nur was red', obgleich ich von dem dummen Dischkurs gern los'kommen wär', aber ich mag net so z'neben ein' hertorkeln und mein' Gedanken nachhänga.

No, sagt er, was ich bei mir führ', wär' schon ein' Mord und ein' Totschlag wert g'wesen. Was meinst?

Was weiß denn ich, um was sich ein Mord und Totschlag auszahlt, schrei' ich, glaubt 's, ich bin a g'lernter Rauber?

Na, sagt er, Hanns, a dreißiglausend Gulden sein doch a Geld!

Dreißigtausend Gulden! Liebe Leut', wie er dös sagt, is mer völlig schwindlig word'n, denkt's, so viel Geld und ich nöt ein Groschen im Sack, auch kein' Aussicht für morg'n oder übermorg'n und noch weiter, daß ich zu a bissel was komm'.

Dreißigtausend Gulden, sagt er, und alles in kleine Bankanoten, was sich leicht verzetteln lassen und wo kein' Frag' is, wie kommst dazu?

Bei der Red' kommen wir über 'n hochen Kamm, der Weg is kaum für zwei, turmhoch, steilauf steigen da die Felsen übers Tal an; dort bleib'n wir a Weil' stehen, denn das Bürschel schnappt an wen'g nach Luft, dann hebt es wieder an:

Dreißigtausend Gulden, Hanns, kein groß's Papier dabei, wo dich der Kramer oder der Wirt drum groß anschaut; langsam, mann Jahr drüber hin'gangen sein, kann mer's nach und nach zum Vorschein bringen, mer gewinnt in kleine Händel, es wird mehr und mehr, dö Leut' können ein'm doch nit jeden Posten nachrechnen, auf einmal, alle Welt muß meinen, es is mit rechten Dingen zu'gangen, sitzt mer af ein Bauerngut, kujoniert sein G'sind, is wer und stellt was vor, hat Gründ' und Liegenschaften, Geld im Kasten; all dös, was kost's? Ein Griff nach meiner Taschen und ein' Ruck, daß ich da h 'nunterflieg' – und morgen is weiter kein Reden drüber, als daß a armer Handwerksbursch verunglückt is.

Höllteufel, verfluchter! schrei ich auf.

Da lacht er und sagt: Und wann d' noch weiter wüßt'st, Hanns, das Geld alles hon ich noch dazu selber g'stohl'n; ich bin in einer großen Handlung g'west, da is's mir g'lungen. Wär' doch a Narr, der in die Gericht' rennet, kann er mich doch selber b'strafen und fand' mer mich morg'n da unt' lieg'n und d'erkennet mich auch, mer denket, ich hätt' all dös Geld sauber durch'bracht.

Du elendiger Dieb, schrei' ich, du hast Lohn und alles g'habt, ich hab' nix, gar nix als 's nackete Leb'n, teil dein g'stohlen's Gut mit mir, oder –

Kein' Red', sagt er, alles oder nix is mein' Wahl!

Da hab' ich mich nimmer ausg'wüßt, der Teuxel hat mich bei jedem Haar g'habt – kein' Seel' weiß's, was du tust – es kann gar nit aufkommen – Liegenschaften – Geld im Kasten – bist wer, auf Lebzeit geborgen –! Das geht mer durch 'n Kopf wie a Spinnradl schnell. Alsdann nix, schrei' ich und stürz' mich af ihn, reiß' ihm die Taschen weg und gib ihm gleichzeitig ein' Renner.

Da lacht er wie der leidige Teuxel auf, und nöt wie a anderer Mensch kopfüber abisausi, langsam, ganz langsam wie a Federn fallt er hinunter, und dabei lacht er fort und fort und schreit: Hanns, du ehrlicher Mann, du! Und unten fallt er schwer auf, und noch mal hör' ich von unt' ganz tief, wie aus der Höll' auffer, sein' Lacher: Hanns, du ehrlicher Mann, du!

Ich schrei' aber auf: Jesses und Joseph! und fall' – aus 'm Bett.

«No is's halt wieder a Traum g'west«, sagten die Zuhörer. Hanns zwinkerte mit den Augen. »Als a Wacher bracht ich ja kein Hendel um, freilich war's a Traum, aber Leuteln, es is mir lieb g'west, daß's nix Wirklich's war, und ich mein', es därf jedem lieb sein, er hätt' an meiner Stell' auch nur 'träumt.«

»No und was beweist dös af dös Heutige?« fragte ein junger Bursche.

»Die Müllerin und der Knecht«, sagte der Steinklopfer, »dös sein verlorene Leut', laßt's dö Richter mit dö fertig werd'n, sein wir froh, daß wir froh sein könna, aber überheb'n mer uns net; freu'n mer uns, daß wir g'sund sein, sorg'n wir allfort für die G'sundheit von Leib und Seel', aber vergessen wir nöt, daß doch unser jeden ein Übel anfall'n kann, und sollt' uns vor ein Siechtum auch grausen, so dürf'n mer doch mit dö Kranken a Barmherzigkeit hab'n.«

Viertes Kapitel

Weit außerm Ort in einer armseligen Hütte, die an eine Felswand angebaut war, und so recht bescheidentlich ihrem Erbauer die Errichtung einer vierten Mauer erspart halte, wohnte der alle Lehnerfranzl und führte ein recht beschauliches Leben. Wie lange schon? Je nun, böse Leute im Ort – es gibt aber doch überall böse Leute! – meinten, gar so lange wäre das nicht her. Eben diese bösen Leute behaupteten, daß sein Sohn, der Ferdl, dem Vater völlig nachgerate; der sei einmal gerade so ein Raufbold und Störenfried gewesen, hätte seiner Zeit gleich tief in das Glas geguckt wie derzeit sein Junge und hätte es auch gern mit den Dirnen gehabt, wenn eine so unvorsichtig war, ihm den kleinen Finger zu zeigen, so nahm er gleich die ganze Hand; aber das wäre nicht so schlimm gewesen, die ehrlichsten Burschen halten ja um die Hand ihrer Mädeln an, aber er nahm etwas mehr und ließ dann die Hand der Betrogenen fahren, und diese mußte recht froh sein, wenn sich später noch ein gutmütiger Bursche fand, der nicht nachfragte, was der Lehnerfranzl etwa vorweggenommen. Wollte man den bösen Leuten alles glauben, so kannten die Jägerburschen gar gut auch den »Wilderer« Lehnerfranzl, der aber stets so gerieben war, der Ehre einer gar zu nahen Bekanntschaft auszuweichen, und sich nie erwischen ließ.

Aber da kam denn die Zeit, wo der bisher im Rufe der Unbezwinglichkeit Stehende nicht mehr gefürchtet wurde, wo man ihn spottweise schon fragte, »in welches Eck er geschupft sein wolle, und ob er lieber rücklings oder kopfüber dorthin fiele«. Und – o Schmerz – man stellte nicht nur diese beleidigenden Anfragen, sondern man löste auch die in drohendst abweisendem Tone erteilten Aufgaben auf das glücklichste, »prompt und billig«, wie die Kaufleute sagen.

Ja, es kam die Zeit, wo ihn ein Trunk über den Durst zum Gespötte der Jungen machte und wo die willigsten Dirnen des Kirchspiels nimmer den kleinsten Finger ihm reichten, sondern – einem andern. Eine Zeit, wo sein Auge nicht mehr scharf auslugen und sein Arm nimmer gehorchen wollte, je nun, gar so lange war das nicht her, aber seit dieser Zeit war ihm die Beschaulichkeit eingeschossen, und seit es auf dieser Welt nicht mehr recht mit ihm fort wollte, verlegte er sich auf das »andere Leben«, und da er nicht zweifelte, dort in Gnaden angenommen zu werden, natürlich auf die »ewige Seligkeit«.

Sonderlich ist's schon, daß Leute, die oft für die Welt zu schlecht oder wenigstens zum übelsten Beispiel waren, sich noch immer gut genug für den lieben Gott halten; oder daß andere, so unverträglich und grillenhaft, daß kein Mensch ihrer begehren möchte, sich in ein Kloster versperren, zur »himmlischen Brautschaft«. Nur soll nicht damit gesagt sein, daß nicht in letztgenannten Mauern manch Herz Zuflucht gesucht, dem in all seinem Hoffen und Träumen die Welt nicht Wort gehalten hat, aber kommt die entsagende Demut wohl da zu dem gleichen Gespann, wenn sie zur geistlichen Hochfahrt kommt?

Ich möchte wohl ein solches Herz fragen, aber es würde schweigen und – brechen.

Aber der Lehneifranzl schwieg nicht von allen den Herrlichkeiten, deren er sich sicher glaubte; er besuchte fleißig die Kirche, er las in allen Büchern, deren er habhaft werden konnte und in denen etwas stand vom »lieben Himmelreich«, und schließlich wußte er jedem, der es Lust zu hören hatte, mehr davon zu sagen, als selbst der Herr Pfarrer.

Nun geht es aber noch sonderlicher zu auf der Welt, weiß nicht, woher es kommt, aber es ist einmal fo, das läßt sich nicht abstreiten; wie einer einmal seinen Himmel sich recht sauber erbaut und ausgezimmert hat, da leidet es ihn nimmer allein drin, und wär' der Himmel auch so schmal geraten, daß er nur einen Bettgeher darinnen aufzunehmen vermöchte, so wird er wenigstens den suchen. Größere Etablissements werden natürlich mit mehr Komfort und größerem Belegraum ausgestattet, und gibt es da auch mehr Türsteher und Ordnungsmacher. Nun weiß man zwar wieder nicht, woher das kommt, aber es ist einmal so, gleichwie der Mensch nicht gerne allein ist, nicht einmal im Himmel, so ist es auch ein menschliches Gefühl, daß ein jeder auf seine Kosten kommen will, und ist er erst einig, daß er etwas von seinem Himmelreich zu vermieten gedenkt, so kommt er auch auf einen gewissen Tarifsatz, und so viel kostet dann der mit Wolken gepolsterte Sitz und so viel der ordinäre Stuhl. Und nun wird jeder eingeladen, sich das Himmelreich zu betrachten und einzutreten; soweit wäre alles gut, aber, wie gesagt, jeder will auf seine Kosten kommen, und da wird einer nicht lange gefragt: Willst du ins Himmelreich? Nein, da heißt es: Du mußt in das Himmelreich, und das ist vom Übel.

Es ist recht nutzbringend auf dieser Welt, daß der Mensch aus allem, was man weiß und wissen kann, seinen Vorteil zieht und daher seinen Beruf nimmt, vom Arzt bis zum Hundedoktor, vom Forstmann bis zum Holzfäller, vom Bergmann bis zum Steinklopfer, vom Maschinisten bis zum Rastelbinder, ja vom Chemiker bis zum Lumpensammler usw., aber daß der Mensch auch Vorteil aus dem zieht, was man nicht weiß und wissen kann, das ist mehr scharfsinnig als nutzbringend und war von jeher mehr betrübend als erfreulich.

Was soll mit dem allem gesagt sein? Wenn's so ist, man weiß zwar nicht warum, aber es läßt sich einmal nicht abstreiten, daß jeder, der sich mit dem Himmel abgibt, zugleich ein kleines irdisches Unternehmen damit verbindet, so wird doch nicht der alte Lehnerfranzl eine himmlische Kleinkrämerei betreiben?!

Und warum nicht? Jeder in seiner Art. Da war im Orte eine Bäuerin, gehörte als Dirndl auch zu denen, welche dem Lehnerfranzl den kleinen Finger gezeigt; der war es so gut geworden, einen gutmütigen Burschen zu finden, der sie heimführte, und das mußte man der Baltzerliese nachsagen, sie ist ein braves Weib geworden, und er hat's bis auf seine letzte Stund' nicht bereut, daß er sie genommen hat. Seine letzte Stund' war aber vor kurzem, kaum drei Monate her, und so war sie Witwe geworden.

Schlimmer noch war's, daß sie, obwohl die Ehe lange Jahr' unfruchtbar blieb, zuletzt vor sechs Monaten niederkam – bei ihrem Alter wohl das erste und letzte Kind – und jetzt mit dem atmen Würmlein verlassen in der Welt stand.

Das arme Kind, das ohnedies etwas zu spät für die Mutter zur Welt kam, kam also auch zur schlimmsten Zeit. Die Bäuerin hatte keine Augen für ihr Glück, keine Hände, zu schaffen für das kleine Ding. Sie brauchte die Augen zum Weinen, die Hände zum Ringen, und als man ihr Trost zusprach von allen Selten, da hob sie Augen und Hände zum Himmel, gedachte des Seligen, und wenn ja einer sie auf das arme, verlassene, verwahrloste Kind aufmerksam machte, da sagte sie: »Der arme Wurm! Ich kann ihm wenig mehr helfen, denn ich werde bald hinaufgehen zu meinem Jakob in das himmlische Reich, hier bin ich zu nichts mehr nütze.«

Das war gewiß recht fromm gesprochen, aber die Leute ärgerten sich darüber. Und wenn mich einer fragen würde, so würde ich sagen: Gott hatte gewiß seine Freude an diesem Ärger.

Indessen verwahrloste das arme Kind und nebenbei die kleine, aber doch einträgliche Wirtschaft, die Leute waren geärgert und zogen sich ohne weiteres Zureden zurück, und das war wieder nicht gut getan von den Leuten. Nur einer kam jetzt in das Haus, erst ein paarmal in der Woche, dann Tag für Tag, der alte Lehnerfranzl.

Wär' sonst zu einer Witwe im Ort ein früherer Liebhaber so häufig auf Besuch gekommen, die Leute hätten das gewiß recht sündlich und schandbar gefunden, aber da beide über die Jahre der »Löffelei« hinaus waren, so dachte man allgemein, die Bäuerin würde dadurch auf andere Gedanken kommen, man wollte es selbst dem alten Lehnerfranzl gönnen, wenn er mit ihr die Wirtschaft erheiratete und rechtschaffen darauf hausen und arbeiten wollte, und das alles, damit es mit dem armen Kinde anders würde. Was doch so ein klein unschuldig' Ding über alle Lästermäuler vermag! Und wie die »bösen Leute« oft gut sind, wenn sich's nur der Mühe lohnt.

Aber dem alten Lehnerfranzl Arbeit zuzumuten, das war wohl ein wenig zu weit gegangen, ihr lieben Leute! Er kam ja nur, weil er hörte, daß sie so gottseliger Gesinnung geworden sei und bald da hinaufgehen wollte zu ihrem seligen Jakob in das himmlische Reich, und da er da oben so gut Bescheid wußte, so wollte er sie nicht ohne Weisung lassen. So kam er denn in der ersten Woche ein paarmal zu plaudern vom himmlischen Reich und nebstbei etwas Kuchen zu essen und ein Gläschen Wein zu trinken. Und als er sah, daß seine Gespräche Beifall fanden, daß er als »Wegweiser in das neue Jerusalem« bereits unentbehrlich geworden war, da kam er alle Tag', um die einzelnen Stationen der großen Reise eingehend durchzusprechen und – – sich ausfüttern zu lassen. So gut war es ihm schon lange nicht geworden, aber daß sich alles aufzehrt, wo nichts gearbeitet wird, daß er's einer Witwe und einer Waise von der Schüssel fräße und der Tag nahezu vorher zu bestimmen war, wo er mit einem heuchlerischen »Vergelt's Gott« von der leeren Schüssel weggehen würde auf Nimmerwiederkehr, und wie dann die Schüssel allnächster Tage leer bleiben würde und Mutter und Kind hungernd davor sitzen würden, das bekümmerte ihn wenig, oder, wenn wir ihm viel Ehre antun wollen, das vergaß er über dem frommen Eifer gottseliger Gespräch- und Gebetstunden!

Nun war den Leuten die Geduld gerissen, sie hatten einmal ausnahmsweise, wie sie meinten, Gnade für Recht ergehen lassen – hatten das Bessere über ihre Nebenmenschen gedacht und gesprochen und sahen sich jetzt getäuscht. Sie schämten sich förmlich ihres guten Herzens, nannten es eine Schwachheit und wurden, wie es in solchen Fällen geht, ärger wie je, ja einige verschworen es sogar im stillen: Einmal gut gewesen und nie wieder.

Aber hoffentlich werden sie alle wieder einmal eidbrüchig, und dann sollen die lieben Englein, was ich ihnen sonst immer, der braven Leute auf Erden wegen, nur höchst ungern gestattet habe, über einen von ihnen mehr Freude haben dürfen als über neunundneunzig Gerechte, und ich will selbst mittun, wenn sie mich früher unterweisen wollen, wie sich Engel freuen.

Jetzt aber war der Teufel los an allen Enden und Ecken, die Wirtschaft wurde mit den unsaubersten Namen belegt, die Gespräch- und Betstunden in ihrer »Gottseligkeit« arg beanstandet, die Bäuerin alles, nur keine brave Frau, und der Lehnerfranzl dafür alles geheißen, was sich an wortreichen Zusammensetzungen haarsträubender Eigenschaften ersinnen ließ.

Dieses Gewitter mit seinem vernichtenden Grollen und zornigen Aufleuchten konnte nicht unbemerkt über dem Haupte der Bäuerin wegziehen, und als der Lehnerfranzl, der für derlei eine härtere Haut hatte, zunächst zu einer Gesprächstund' wieder bei ihr einsprach, fand er sie mit verweinten Augen auf ihrem Stuhle und zugleich zu seinem Mißvergnügen den Steinklopfeihanns, den »Ketzer und Spöttler«, neben ihr sitzen.

»Grüß Gott… miteinander!« sagte der Fromme mit einem aufrichtig bösen Seitenblick auf den unerwarteten Gast; dann sah er sich in der Stube um, da mußte etwas vorgegangen sein! – Da war ja aufgeräumt, und auch das Kind in der Wiege sah so frisch darein, das war offenbar einmal nach langer Zeit wieder gewaschen und gestriegelt worden, und die Bäuerin sah auch nicht so versudelt aus, hatte wenigstens in der Eil' einen reinen Rock übergeworfen und sich die wirren Haare glatt gestrichen; war da der »Geist der Eitelkeit der Welt« wieder eingezogen? Dann ade, du lieb' Himmelreich, und ade, du schon so hübsch angewöhnte tägliche Atzung samt dem erfreulichen Tröpfchen Wein!

Der Fromme tat einen wehmütigen Seufzer.

Wie das Zorn- und Schimpfgewitter gerade im Ort am ärgsten tobte, kam auch der Steinklopfer wieder einmal des Weges daher und mußte sich, da er sich früher nicht darum bekümmert hatte, die ganze Sachlage vorschimpfen lassen. Das Schicksal des armen Weibes ging ihm nah, er und ihr verstorbener Mann mochten einander gut leiden, und bei sich dacht' er, getröst' ist sie word'n, erbaut ist sie word'n und nix genutzt hat's, gelacht hat sie aber noch nicht!

Und so sann er hin und her, wie er's anstellen möchte, ihr zu helfen, verfiel aber auf nichts Rechtes. »Blitz, Dunnerstreich«, sagte er, »zersinnt sich einer, kommt er erst recht auf nix. Da fass' ich lieber grad an; hab' ich sie nur so weit, daß sie mir lacht, so ist's richtig, ein lachendes Gesicht vor mir verspart alle Müh', da fällt mir 's närrischste und richtigste Zeug ein.« So ging er schnurstracks vor die Hütte der Witwe, klopfte an und trat ein.

Ein Blick zeigte ihm die ganze Schmutzfinkwirtschaft, die dort eingerissen war.

»Grüß dich Gott, Baltzerlies«, sagte er, »einmal, hab' ich mir denkt, müßt' ich dich doch heimsuchen.«

Sagte sie: »'s ist schön von dir, Steinklopfer, daß d' dich auch einmal umschaust, mein Alter hat noch die letzte Zeit oft von dir g'red't.«

Sagt der Hanns drauf: »Gott tröst' ihn, dös freut mich, mir hab'n uns allzeit gut z'samm' vertrag'n.«

Drauf fangt die Bäuerin zum Weinen an. »Daß d' heut kommst«, hat s' unter Schluchzen vor'bracht, »das zeigt, daß d' mir Freund gesinnt bist. Oh, mein Gott, mein Gott, was s über mich für Reden führ'n…«

»Wenn nur nix Wahr's dran ist«, tröst' sie der Steinklopfer.

»Kein Tipferl«, sagt sie und legt die Hand aufs Herz, »aber völlig verfeinden tut sich jeder mit die Leut', der mit mir red't – und doch bist zu mir kommen, vergelt dir's Gott. Sag aber, Hanns, was halt'st denn dein Hut in der Luft und legst ihn nit af 'n Tisch und was setzt dich denn nit nieder?«

Na, weißt Bäuerin«, sagt der Hanns, »viel is an mein' Hut net z'ruinieren, aber mutwillig riskier' ich 'n doch nit und leg 'n do in den Schmier h'nein.«

Da hat die Bäuerin kein Wörtel g'sagt, is rot worden und hat mit ihrem Vortuch die Tischplatte sauber abg'wischt.

»Leicht mö'ch'st mir 'n Sessel a a bissel abstaub'n«, sagt der Hanns.

Die Bäuerin tut auch das, und der Steinklopfer setzt sich, und wie er sitzt, so fahrt er so mit 'm Fuß über 'n unsaubern Stubenboden, da is gleich der Staub aufg'flogen und der Mist hat unter seinen Sohlen geknistert. »Ich siech schon«, sagte er, »du bist heut noch nit zum Auskehr'n kommen, laß dich nit aufhalten, derweil d' mit 'm Besen hantierst, können wir ak'rat so gut reden, als ob d' neben meiner sitzest.«

Da holt die Bäuerin den Besen und kehrt aus.

»No«, sagt der Hanns, »was du riegelsam bist, du zeppelst um wie a jung's Reh, nimmt man dich von rückwärts, könnt' man glauben, d' jüngst' Dirn' schwänzelt durch die Stub'n.« Da war's der Bäuerin doch, trotz aller Kümmernis, als müßt' sie ganz still vor sich hinlachen, aber sie unterdrückt's und sagt: »Du bist a närrischer Ding.«

»Dös sag'n eh' dö mehrern«, sagt der Steinklopfer. »Aber, Liesl, mein' Treu', du warst allmal a rechte Schafferin, selb' hat dir a dein Mann bei Lebzeiten viel tausendmal nachg'sagt und dich drum belobt, und wie er kein' zweite hätt' finden können, die ihm 's Seine so z'samm'halt'. Drum hat er wohl a in Frieden seine Augen zu'tan, wenn er gleich sein arm's Waserl da z'rucklassen mußt', denn du wirst ihm nix verwirken, ehender bleibt ihm amal mehr, als der Vater hinterlassen hat.«

Da war der Bäuerin, als ging ihr ein schneidiges Messer durch die Brust. »Jesses und Joseph«, sagt s, »na, na. Steinklopfer, er is zur Unzeit versturb'n, ich taug' auf derer Welt zu nix mehr.«

»War nit übel«, sagt der Hanns. Wie er aber das desperate Gesicht der Bäuerin sieht, denkt er, da mußt umsatteln, sonst kommst vor Traurigkeit selber nit auf. Sagt er: »Aber sag mal, Bäu'rin, wo hast denn dein Klein's, möcht' doch sehn, ob's dem Selig'n a weng gleichschaut.«

Da schaut ihn die Bäuerin groß an. »Aber z'neben deiner steht ja die Wieg'n, wo's drein schlaft.«

»Jesses, Jesses!« sagt der Steinklopfer und bückt sich tief herab, wie einer, der nicht weiß, ob er seinen Augen trauen darf. »Das wär's? Ich Hab' schon lang sinniert, was das sein möcht', und hitzt is dös dein Kind! Mö'ch'st es nit a bisse! säubern, daß man's anschau'n kann?«

Da hat die Bäuerin erst ein trotziges Gesicht gemacht, dann hat sie gesagt: »Du schaffst aber heut viel an in meiner Hütten.«

»Gang mir a schwer, wann ich's in der meinigen sollt'«, lacht der Steinklopfer. »Weil wir aber grad dabei sein, möch'st mir nit a Glasel Kornbranntwein schenken, a bissel Herzstärkung kunnt' ein'm net schaden, du hast wohl lang 's Kleine verabsäumt, und dös hat sich nit brav aufg'führt, es riegelt ein'm d' Seel' auf.«

Jetzt ist die Bäuerin ernstlich bös worden. »Wann d' mich bloß heimsuchst, daß d' mich h'runtermachst, wär' mir glei' lieber, du warst nit kommen.«

Sagt der Hanns drauf: »Begehr nit auf, gib mir mein' Herzstärkung, so mach' ich dir a Kindsdirn' und wasch dir 's Kleine.«

Drauf hat die Bäuerin wieder lachen müssen, und wie sich der Hanns dann nach der Herzstärkung übers Kind hermacht und hat's waschen wollen, wie man ein' Holzkübel scheuert, und wie das gründlich bös geworden ist und gegreint und gestrampft hat, und wie ihm der Hanns wieder zugeredet hat mit dem Spruch vom seligen Vater: Ob d' haltst oder net! da hat die Bäuerin doch lachen müssen und ganz laut noch dazu; völlig erschrocken ist sie darüber und hat um sich geschaut, ob es niemand hört, aber das Kind hat sie dem Steinklopfer aus seinen Fängen genommen und hat's selbst gewaschen, und wie das bei der Mutter war und der Steinklopfer hat ihm immer im Spaß gedroht, daß er wieder mit dem Striegel käm', da hat das Kind gelacht wie toll, und die Mutler hat gelacht und der Steinklopfer hat die närrischsten Gesichter nach beiden geschnitten.

Und wie das abgetan war, da hat der Steinklopfer sich im Zimmer umgeschaut, hat gesagt: »Na, hitzt sieht's doch brav und manierlich aus und braucht sich kein anständiger Besuch zu beklagen, wenn d' jetzt noch ein' säubern Rock überwerfen und a bissel Ordnung mit deine Haar machen möch'st – denn du trägst a Frisur, Bäu'rin, wie die Sunn' im Kalender aufg 'mal'n is – so hätt'st mir alle Ehr' an'tan, und ich wär' z'frieden.«

Nachdem auch das geschehen, sagte der Hanns: »Na, so meint man doch wieder, man ist bei eng wie Vorzeit und kunnt' der Jakob – Gott tröst 'n – glei' bei der Tür h'rein kommen und sag'n: ›Heim sein mir wieder, ob's halt' oder net‹«

»Jo, mein armer Jakob!« sagt die Bäuerin, und wie sie und der Steinklopfer wieder niedersitzen: »Jetzt red aber von was G'scheiten!«

»Ja, ja«, sagt der, meint aber, 's wär' ihm lieber von allem andern eher zu reden, als was etwa die Bäu'rin g'scheit nennt.

Und all' zwei sind lang stillgesessen, und gerad zur Zeit ist die Tür aufgegangen und der Fromme ist hereingekommen.

»Grüß Gott… miteinander!«

»Auch so viel«, hat der Steinklopfer g'sagt und hat den Willkomm' recht ehrlich gemeint, denn mehr zur Rechtzeit hätt' ihm keiner kommen können und kein Erwünschterer schon gar nicht als der alte Lehnerfranzl.

Da hat der Fromme wehmütig geseufzt: warum, haben wir vorhin gehört. Dann aber ist er zornig worden und hat barsch den Steinklopfer gefragt: »Was machst denn du da?«

»Bissel Ordnung!« hat der gesagt.

»Geh zu denen, die dich rufen«, hat der Alte drauf gesagt.

Und drauf der Steinklopfer: »Grad dö mich brauchen, rufen mich oft nöt.«

Mittlerweil' war die Witib wieder melancholisch worden und hat sich jetzt ins Mittel gelegt. »Wartelt's nit miteinander«, hat sie gesagt, »ös seids mir all' zwei lieb und wert, mein Seliger war immer mit 'm Hanns gut, du (den Lehnerfranzl hat sie gemeint) darfst mer 'n nit in mein' Haus verunehr'n. Er is a billiger Mon, und wenn ich dich bitt', du sollst mir vom ewigen Leben was d'erzählen, so kennt er schon a a Art und hört manierli zu.«

Der Lehnerfranzl warf einen Blick, der besagte, daß er das sehr bezweifle, auf den Steinklopfer, schüttelte den Kopf und sagte: »Und spott halt, und spott nachher!«

»Nachher, möglich, aber a erst nachher. Fang nur an, beim wievielten Himmel seid's denn letzthin stehn'blieb'n?« so sagte der Steinklopfer und lehnte sich in seinen Sessel zurück.

Der alte Lehnerfranzl faltete die Hände, blickte salbungsvoll zu den Balken auf, die querüber an der Decke der Stube hinliefen, und verfiel in tiefes Nachsinnen.

Er dachte aber in diesem Augenblicke nicht an das Himmelreich, sondern nur, wie er den Steinklopfer wegbringen möchte, und da hatte er einen frommen Wunsch, der mehr an das Gegenreich der Seligen gerichtet war, daß nämlich jenen der Teufel holen möchte, natürlich mit Zulassung Gottes.

Der Sleinklopfer aber war im Innern von den freundschaftlichen Gesinnungen des Lehnerfranzl ganz durchdrungen und wurde durch den stillen verzweiflungsvollen Ärger desselben in die heiterste Laune versetzt. Er fing an, sich höchst bedenklich hinter dem Ohr zu krauen, faltete gleichfalls die Hände und sah ebenfalls salbungsvoll in die Luft und sagte in dieser Stellung: »Lehnerfranzl, sag mir einmal, um welche Zeit herum hast denn du die letzten Nachrichten aus 'm Himmel kriegt?«

Keine Antwort.

Der Steinklopfer aber fuhr, ohne sich zu rühren, fort: «Weißt, ich möcht' nicht gern, daß einer wider Wissen und Willen die Leut' irrführt und Sachen sagt, wo er freilich selbst nicht weiß, daß sie schon lang nimmer wahr sein. Von was für ein' Himmel verzählst denn der Baltzerin, vom allen oder vom neuchen?«

Diesmal brummte der Lehnerfranzl in die Luft: »Dumm's G'red', 's gibt doch nur ein': vom alten, natürlich! Möchts ös Ketzer 'leicht gar ein' neu'n einführ'n?«

»No, so is's richtig so, wie ich mir denkt hab'«, sagte der Sleinklopfer, »du weißt halt nix davon, daß vor etwa drei Monat' alle alten Himmel kassiert worden sein!«

Da zuckle der Lehnerfranzl zusammen, rückte die fromm gefalteten Hände voneinander und ballte sie zu sehr weltlich schlagfertigen Fäusten und richtete den Blick, aber nicht salbungsvoll, auf den Sprecher. »Du Höllenbraten!« schrie er, »wo steht das geschrieben, wo is's geoffenbart? Halunk'! Red!«

»Was braucht's geschrieben zu stehn«, sagte sehr gelassen der Steinklopferhanns, «hab' ich's doch von ein', der dabei war.«

»Der dabei war? Du Narr, wer kann dabei gewesen sein, der's wieder hätt' auf der Welt aussag'n können? Wer denn?«

»Geduld dich a bissel, alles nach der Reih', nix durcheinander, so geht's nach der Ordnung. Vor a drei Monaten ist der Baltzer-Jakob – Gott Hab 'n selig – verstorben, und kurz drauf, wie's eng erinnern werd'ts, is a armer Teufel von Handwerksbursch ins Ort kommen, siech und elendig, und den hat man so h'rumkugeln lassen – um ›Gotteslohn‹ – in ein' Heuschober (so wie damal mich auf 'm Steinbruch, wie mir gleich übel 'gangen is) und hat sich kein Teufel um ihn umg'schaut, und so hat er a paar Tag hin'zog'n und is verstorben. Am dritten Tag hat man ihn eingrab'n woll'n, na, ös werd'ts eng noch auf den Schrocken entsinna, wie er da auf einmal wieder lebendig wird. Dann hat er sich nach und nach z'samm'klaubt, und wie er wieder ganz bei'nander war, is er fortzog'n aus der Gegend. Na, der wird doch dort g'wesen sein? Von dem hab' ich die G'schicht', und war auch a Auftrag vom seligen Baltzer dabei, – aber mir hab'n 's immer verschob'n, z'weg'n, ös könnt' die Witib z'stark angreifen.«

«Von mein' Jakob?« sagt die Bäuerin halb freudig, halb ungläubig.

Da hat der Lehnerfranzl laut aufgeschrien: »Lies', laß dich nit betör'n um dein Seelenheil, das ist wieder eine von dö höllischen Lugengeschichlen, mit denen er die Leut' verwirrt!«

»Möch'st ein'm nur du nit ins Handwerk pfuschen mit die himmlischen G'schichten, wobei dir weniger um die Leut' als um das Ihre is! übrigens is mein' G'schicht' wohl a net besser und a net schlechter als a andere und kann man s' wohl anhör'n. Und was die Botschaft an die Baltzerlies angeht, so mein' ich, du wart'st 's ab, ob sie meint, es wär' verlog'n und aus seiner Art, oder ob sie's dafür nimmt, es hätt' ihr seliger Mann zu ihr g'red't. Und no kusch dich, los zu oder laß's bleiben, für dich reu't ein'm die Müh', daß man sich eins ausdenkt, und für dich is's a net.«

5. Die G'schicht' von dö alten Himmeln.

Nämlich hat der Handwerksbursch g'sagt, wie er von sein' Begräbnis als a Lebendiger wieder z'Haus' 'kommen is in sein' Heuschober. Grüß dich Gott, bucklete Welt, hat er g'sagt, hon schon g'meint, wir wär'n fertig miteinander und fahr' a grab nit vor Freud' aus der Haut, daß wir hitzt wieder weiter miteinand' fortwursteln söll'n, aber um dös, was i alser Toter erlebt hab', reut's mich nöt, daß ich auf der Welt war, nöt', daß ich veisturb'n und a nöt, daß i wieder lebendig word'n bin. Nur lustig. Halt's oder halt's nit!

Sikra h'nein, sag' ich, woher hast dös Sprüche!?

Sagt er: Von ein' Bauern, den ich da drent' troffen hab', Baltzer-Jakob heißt er, acht Tag' vor meiner war er verstorb'n.

Is alles richtig, sag' ich. Hast 'n im Himmel troff'n?

Ja, Himmel, sagt er, wann 's mehr ein' gab!

Du Höllenbraten, sag' ich, warst doch selb' drenten und bringst solche Lugen aus. Halunk'!

Sagt er: Halt 's Maul, laß dir verzähl'n und nachher red! Wie ich da übri komm', hab' ich gleich g'merkt, da is was los; dö Seel'n – es war'n lauter frisch verstorbene, von a acht, höchstens vierzehn Tag her, alle ohne Unterstand – sein durcheinand' g'rennt wie Ameisen, wenn man in ihren Haufen h'neinstört. Ich frag' nach, was g'schehn wär', sagen s', der himmlische Herr hätt' die Himmel inspiziert und sider gestert wär'n s alle versperrt.

So wie man halt im Gedräng' leicht a Ansprach' find't, so bin ich auf 'n Baltzer 'troffen, und der hat mir verzählt, wie dös alles her'gangen is.

Vor undenklichen Zeiten, manche meinen gar gleich nach der Schöpfung der Well, hätt' der liebe Gott a Reis' g'macht; dö so sag'n, berufen sich drauf, wie er die Welt so sorglich eing'richt' hätt', daß sie sich von selbsten schon a Weil' forthelfen könnt'; na, is's so oder nit, g'wiß wird sein, und grundg'scheite Leut' sein schon lang drauf käma, daß unser lieber Herr a auf dö andern Stern' was zu schaffen und zu verrichten hätt, und so is er halt a gute Weil' ausg'wesen, und wie er wieder heimkommt, so find't er alle Wolken angeräumt mit lauter Himmelreicher; wie sich's die Menschen derweil erricht' haben.

No, er schaut nach in allen Himmeln; in türkischen hat er hinein'schaut, wo dö Muselmänner fleißig g'raucht haben, sein dabei in die Jasminlauben g'sessen und hab'n sich da gleich dö Pfeifenröhrln schneiden können, und is alle Tag zu ein' jeden ein' Jungfrau auf B'such 'kommen.

Pfui Teufel! hat der Gottvater g'sagt, is das ein Himmel? Und, sagt er zum Erzengel Michel mit 'm feurigen Schwert, daß d' mir dö Menscher gleich ausjagst, ich hab' das Läppeln und Täppeln doch nur g'stift' und verlaubt, daß mir die Leut' nit z'weni werd'n auf der Welt, so a Löffelei ohne Zweck stund' mir an.

Dann schaut er h'nein in unsern Himmel, wo die Selig'n auf dö Wolken herumliegen und Lobgesang und Harfenspiel war. Sagt er, da is's schon solider, aber langweilig, dös halt' kein' Christenseel' auf die Dauer aus.

Und so is er alle Himmel durch'gangen, a den hannakischen, wo die Bauern an ein' Bach voll Met g'leg'n sein, und über 'n Berg h'runter sein ihnen dazu d' Knödln ins Maul g'rollt. Kurz, der Gottvater hat g'sagt: Sein dös Himmeln? Wann s' ma unt' a bissel g'scheiter werd'n, verlangt sich eh' kein' Seel h'nein, dös is alles Menschenwerk und folglich nit ewig! Und also hat er die Himmelreicher zug'sperrt. Und dann hat er g'sagt: Also soll es sein, dö Menschheit soll sich ohne Himmel behelfen. Jeder soll seine Pflicht vorerst auf Erden redlich erfüllen, eh' er nachfragt, was nachher kommt und mit ihm geschieht! Und wer da gelebt hat kreuzbrav und grundehrlich auf Erden, der braucht mein Gericht nicht zu fürchten und mein' Lohn nit zu erbetteln, der wird auch im guten Vertrau'n die Augen schließen, daß, wie auch mein B'schluß ausfallt, ich, der Allvater, weiß, was mein' Kindern frommt und taugt.

Dazu haben die Engel »Amen« g'sagt. –

So hat mir der Handwerksbursch verzählt, daß ihm der selige Baltzer verzählt hätt'!

Und wie s' no so reden, kommt ein himmlischer Bot' und sagt zu dem Burschen: Du mußt's nit in Übel aufnehmen, aber den Wirrwarr heroben wirst g'sehn hab'n; der Todesengel hat sich an dir vergriffen, was kein Wunder is, denn du heißt »Huber«, er hätt' ein' andern nehmen sollen, schau also dazu, daß d' wieder auf die Erden h'nunter kommst!

Da hat sich der Huber aufmachen wollen, der selige Baltzer aber hat g'sagt: Schau Huber, bei der Gelegenheit, wann d' wieder abi kimmst, tust mir ein' G'fallen, halt's oder halt's net?

Es halt schon! hat der Huber g'sagt.

Geh zu mein' Weib, hat der selige Baltzer drauf g'sagt, und sag, ich lass' s' schön grüßen, und sag ihr, was mein' Hoffnung is. Sag ihr: ich hoff', wie sie war, wird s' a für ihr Lebzeit verbleib'n, sie soll um Gotts will'n auf ihr Hauseesen schau'n wie früher, damit 's nit heißt, ich hätt' s' vielleicht erst zur Arbeit und Reinlichkeit antreiben müssen, wo sie doch mein' brave Hauswirtin war, so ihr Gott vergelt und ihr weiter Kraft und Stärke gäb'! Und nur recht soll sie wirten und fürs Kind soll s' sorgen, damit das nit an der Mutter irr wird, sundern sich denkt: Hab' so a brave Mutter, wird wohl der Vater a brav g'west sein! Was mich ins Grab hinein g'freun möcht'! Und aufzieh'n soll sie das Kind durch ihr Beispiel, und das war bisher und so soll sie's auch ferner bestehen lassen: redlich die Pflicht auf Erden erfüllen, ohne Nachfrag', was nachher kommt und g'schieht, kreuzbrav und grundehrlich. Halt's oder halt's net!

Da is der Huber lebendig wor'n – i weiß nit, ob sich der Baltzer selig ausg'red't hat …

»'s halt' schon«, sagte die Bäuerin, welche dem Steinklopfer die eine freie Hand reichte, denn am andern Arm trug sie das Kind.

»Ketzerlump«, sagte der Lehnerfranzl, »taugt dir kein Himmel? Die Höll' mit ihrer ewig'n Qual wirst du schon verspür'n. Du bist 'm Teufel sicher.« Damit rannte er auf und davon und hat sich auch später nimmer blicken lassen.

Zufällig oder nicht trafen sich der Steinklopfer und der alte Lehnerfranzl gegen Abend im Walde; der letztere hatte es sicher nicht darauf angetragen, denn es wurde ihm nicht ganz wohl bei dieser Begegnung. Der zehnte mag's nicht leiden, daß man ihn so mir nichts dir nichts dem höllischen Erbfeind zuspricht, und wenn's in seine Macht gegeben ist, so tränkt er's gewiß dem Gelegenheitsmacher des Teufels ein, und wer wollte das wohl jetzt dem Steinklopferhanns verwehren? Ja, wenn nur der Ferdl dagewesen wär', da hätte seinem alten Vater leichter ums Herz sein mögen, aber der »Himmelsakermenter« saß um die Zeit für sicher im Dorfwirtshaus oder… weiß der Himmel, wo sonst!

Nicht umsonst ging das im Geiste dem alten Lehner vor, denn der Steinklopfer hatte sich richtig vorgenommen, extra für ihn auszutipfeln.

6. Eins vom Teufel.

»Lehnerfranzl«, sagte der Hanns, »is mir lieb, daß ich dich treff' –«

»Hm«, brummte der Alte, was ebensogut heißen konnte: »Mir auch«, oder gleichwohl das gerade Gegenteil davon.

»Er war bei mir«, fuhr der Sleinklopferhanns fort, »und laßt dich schön grüßen.«

»Wer?« fragte der Lehner.

»Na, der Teufel«, sagte der Sleinklopferhanns. »Seit d' verwichen zu mir g'sagt hast, wann mir kein Himmel taugt, wurd' mir d' Höll' mit ihrer ewigen Qual nit ausbleib'n und ich war' 'm Teufel sicher, hab' ich kein' ruhig' Nacht mehr g'habt, so fürchtig is mir bis in die Seel' h'nein word'n.« –

Gott sei Dank, hat sich der Lehner denkt, er verzählt mir nur wieder eine von seine dummen G'schichten.

»Vergang'ne Nacht war's, ich sitz' auf mein' Bett, die Tür war nit versperrt; na, du weißt, ich versperr' niemal die Tür, forttrag'n kann mir kein Mensch was, 'leicht trifft sich's doch einmal und bringt mir einer was h'rein.

Ich sitz' also auf mein' Strohsack, tut sich die Tür auf und kommt der Höllische herein. Magst dir denken, daß ich net wenig erschrocken bin und g'meint hab', hitzten is's vorbei, er holt dich und abi geht's in' Erdboden, weiß wieviel tausend Meilen, wo der siedige Schwefel brennt.

Aber der höllische Zuspruch tut nix dergleichen, nimmt sich mein dreihaxels Stockerl aus 'm Eck füri, setzt sich an mein Bett, und wie er da sitzt, sagt der Teufel: Grüß Gott!

Sikra h'nein, wie ich g'sehn Hab', daß der Seel'nkramer so höllfreundli war, denk' i, da mußt auf der Hut sein, der führt was im Schild.

Der aber lacht und sagt: Brauchst kein Hirnschmalz aufz'wenden, ich kenn' ja deine Gedanken, und mußt mich net so dumm halten, da d' mir eh' sicher bist, daß ich mir no viel Müh' um dich gab.

Selb' hat mich g'margelt, sag' ich: Der Teufel is dir sicher, net i!

Bitt' dich gar schön, sagte er, laß dö Sponponaden und mach dich net groß, da sein no ganz andere Leut', weißt, Großkopfete, dö mir a net auskönnen und dö viel weniger G'schichten machen als wie du g'ring's Mandel.

Wann i dir z'g'ring bin, sag' i, so steh halt nit auf mi an.

Sagt er: Dös tu i eh' net; aber ös könnts mir ja doch nit aus, ös armen Hascher. Seid's ja doch alle dressiert vom Kind auf, daß 's hübsch vertraglich mit mir lebts. Meinst denn, es wär' nach 'm Gottvatern sein' Sinn, daß ös all' Ostern die Sünd'n abbeutelts wie der Hund d' Flöh, daß danach wieder neuche zuspringen mögen; oder 's Kirführten in schön' Summerszeit, wo da und dort a Mandl und a Weibl z'ruckverbleibt und sich ins Grüne verliert; oder wann alle Heiligen anrufts, allemal in ein' Brummer, daß man einschlafen könnt' drüber? Ös arme Waserln, dös g'lengt nit da auffi, aber es lebt sich unschenierter dabei und was verbleibt eng danach über – da ös doch sunst nindascht auswüßts – als daß 's mir in mein' Höll' rennts und eng a bissel abwarmts. Man kriegt völlig a Erbarmnus über eng, und wann's a nit recht erlaubt is von der himmlischen Polizei, so muß mer engs doch stecken, daß 's mit der Höll' nit gar so arg is, wie's die Leut' machen – – Sagt er: Greif mich amal an, Hanns.

Ich greif' zum Bett h'raus und tapp 'n ab, hat der Kerl a feine Woll' und is drunter wutzerlfett.

Na, sag' ich, du bist fest beinander, was ein' wundert, wenn man denkt, daß d' in der ewigen Marter und in der Pein ohne Aufhör'n und End' bist.

Sixt, sagt der Teufel, dös is's ja, daß 's allweil so gleichmächtig fortgeht, drum g'wöhnt man's und kriegt a harte Haut.

Drauf hat der Teufel »B'hüt Gott« g'sagt und is 'gangen, und ich bin, weil's schon amal nit anderscht kommen kann und doch so is, alser weng vertröster z'ruck blieb'n. Aber, hat der Teuxel g'sagt, eh'nder er 'gangen is, ein' G'fall'n könn'st mir doch erweisen, wann d' den Lump wieder siehst, dem ich früher die sündigsten Stückeln hab' nachsehn müssen und der jetzt so über mich schimpft, den alten Lehnerfranzl, dann tu mir die Freundschaft…«

Jetzt fing einer zum Laufen an, denn es knackte und krachte im Gezweig, der andere mochte aber nicht zurückgeblieben sein, denn das Laufen hatte mit einmal ein End' – –

In der Nacht kam der Ferdl heim und fand seinen Vater im Bette liegen, den Kopf hübsch in Tücher gehüllt. «Was ist Euch denn?« fragte er.

»Der Steinklopfer is über mich 'gangen«, sagte der Alte mit weinerlicher Stimme.

»G'schieht Euch recht«, sagte der gute Sohn. »Ist's ums Himmelreich her'gangen? Denk' mir's. Ich wollt', er hätt' Euch 's aus 'm Kopf verschlag'n, weil Ihr doch anderen nur jede Freud' damit verleiden wollt!«

's kommt vor, daß ein oder der andere Himmelsvermahner das tat, aber es waren auch nicht »unschuldige Freuden«, die der Lehnerferdl meinte, und doch mußte sich der Alte das von seinem Jungen sagen lassen; der war sein »Jugendspiegel«, und er gefiel sich nicht darin; traurig ist nur, daß der Spiegel, der den Eltern die Torheiten ihres Lebens zeigt, dabei selbst nicht rein verbleiben kann!

Mittlerweil' stieg unser Steinklopferhanns, nachdem er also dem Teuxelsauftrag gerecht geworden war, den Steig zu seinem Steinbruch hinan, und er sang:

»Ich fürcht' net 'n Teufel,
Ich fürcht' net dö Höll'.
I bleib' mer stets gleich.
Ob a kummt, was d'r wöll.

Kreuzbrav und grundehrli'
Auf all unsern Weg'n,
Was frag' i viel weiter?
Es kann uns nix g'schehn!«