
Fenitschka

Es war im September, der stillsten Zeit des Pariser Lebens. Die vornehme Welt steckte in den Seebädern, die Fremden wurden scharenweise von der drückenden Hitze vertrieben. Trotzdem drängte sich an den
schwülen Abenden auf den Boulevards eine so vielköpfige
Menge, daß sie der Hochsaison jeder andern Stadt immer noch genügt hätte.

Max Werner flanierte nach Mitternacht über den
Boulevard St. Michel, als er in eine kleine Gesellschaft
ihm bekannter Familien hineingeriet. Sie hatten mit
durchreisenden Freunden ein Theater besucht, und wollten
nun diesen Herren und Damen ein wenig „Paris bei
Nacht“ zeigen, — nämlich erst in einem charakteristischen
Nachtcafé des Quartier latin einkehren, und dann, im
Morgengrauen, um die Stunde, wo die Stadt schläft,
den interessanten Trubel bei den Hallen betrachten, wenn
der verödete Platz sich mit den Marktleuten belebt, die
ihre Waren vom Lande einfahren und sie ausbreiten.

Nach einigem Zögern und Schwanken von seiten der
Damen entschied man sich für das Café Darcourt, das
um diese Stunde schon überfüllt war mit den Grisetten
und Studenten des Quartiers, und besetzte ein paar der
kleinen Marmortische draußen, die auf dem Trottoir,
mitten unter den Passanten, an den weitgeöffneten, hellerleuchteten Fenstern entlang standen.

Max Werner kam neben eine junge Russin zu sitzen,
die er zum erstenmal sah, — ihren langklingenden Namen
überhörte er bei der Vorstellung, doch wurde sie von den
anderen einfach als „Fenia“ oder „Fenitschka“ angeredet.
In ihrem schwarzen nonnenhaften Kleidchen, das fast
drollig unpariserisch ihre mittelgroße ganz unauffällige
Gestalt umschloß, und eine beliebte Tracht vieler Züricher
Studentinnen sein sollte, machte sie zunächst auf ihn keinerlei besonderen Eindruck. Er musterte sie nur näher,
weil ihn im Grunde alle Frauen ein wenig interessierten,
wenn nicht den Mann, dann mindestens den Menschen
in ihm, der seit einem Jahre doktoriert hatte, und nun
ein brennendes Verlangen besaß, in der Welt der Wirklichkeit praktisch Psychologie zu lernen, ehe er von einem
Katheder herab welche las: was ihm einstweilen noch keine
begehrenswerte Zukunft schien.

An Fenia fielen ihm nur die intelligenten braunen
Augen auf, die jeden Gegenstand eigentümlich seelen-offen
und klar — und jeden Menschen wie einen Gegenstand
— anschauten, sowie der slavische Schnitt des Gesichtes
mit der kurzen Nase: einer von Max Werners Lieblingsnasen, die da vernünftigen Platz zum Kusse lassen, —
was eine Nase doch gewiß thun soll.

Aber dieses gradezu blaß gearbeitete, von Geistesanstrengungen zeugende Gesicht forderte so gar nicht zum
Küssen auf.

Anfangs sprachen sie kaum miteinander, denn im
Innern des Lokals, neben demselben Fenster, an dessen
Außenseite sie saßen, spielte sich eine erregte Scene ab,
die aller Aufmerksamkeit auf sich zog. Dort befanden
sich zwei Pärchen am Tisch, die ihre Unterhaltung mit
Scherzreden und Neckereien begannen, und damit endeten,
sich fürchterlich zu zanken.

Das eine der beiden Mädchen — wenig schön und
am Verblühen, aber trotzdem ein unverwüstlich graziöses
Pariser Köpfchen — wurde schließlich vom Gegenpaar
mit einer Flut häßlicher Schmähreden überschüttet, ohne
daß ihr eigner Begleiter ihr auch nur im mindesten beigestanden hätte. Vielmehr stimmte er bei jedem erneuten
Angriff johlend in das brutale Gelächter der beiden andern ein, das sich bald auch auf die benachbarten Tische
fortpflanzte, wo neben den erhitzten halbbezechten Männern die geputzten Genossinnen des mißhandelten Geschöpfs mit lärmender Schadenfreude ihre Konkurrentin
niederjubelten.

Durch die schwere, dumpfe, vom Tabaksrauch und
vom Dunst der Menschen, Gasflammen und Getränke
erfüllte Luft des Lokals schallten die rohen Stimmen
laut bis zu dem Tisch draußen hinüber, an dem es ganz
still geworden war. Auf den Gesichtern der Damen
prägten sich deutlich Mitleid, Ekel, Entrüstung und eine
gewisse Verlegenheit darüber aus, einer solchen Situation
beizuwohnen; eine von ihnen knüpfte furchtsam ihren
Schleier fester. Niemand aber war so benommen von
dem, was er sah, wie Fenia.

Sie hatte von allem Anfang an mit sachlichem
Interesse um sich geblickt, jede Einzelheit, die ihr auffiel, mit großer Unbefangenheit beobachtet. Jetzt aber
wurde sie ganz sichtlich von einer so intensiven Anteilnahme
erfüllt, daß sie zuletzt, — offenbar ganz unwillkürlich, wie
außer stande länger passiv zu verharren, — sich langsam
erhob und die eine Hand gegen die Lärmenden ausstreckte,
als müsse sie eingreifen oder Halt gebieten. Im selben
Augenblick ward sie sich ihrer spontanen Bewegung bewußt,
hielt sich zurück, und errötete stark, wodurch sie plötzlich
ganz lieb und kindlich, und ein wenig hilflos aussah.

Während sie aber so dastand, traf ihr Blick den der
Grisette, die in ihrer Ratlosigkeit und Verlassenheit angefangen hatte zu weinen, so daß große Thränen ihr
über die heißen geschminkten Wangen rollten, und ihre
Lippen sich konvulsivisch verzogen. Unter dem langen,
eigentümlichen Blick, den sie mit Fenia austauschte, veränderte sich der Ausdruck des weinenden Gesichts; von
Fenias Augen schien eine Hilfe, eine Liebkosung, eine
Aufrichtung auszugehn, etwas, was die Einsamkeit dieses
getretenen Geschöpfes aufhob. Man konnte vom Tisch
aus deutlich den Stimmungswechsel auf ihren Zügen verfolgen, denn sie saß fast grade gegenüber am Fenster.
Ein Danken, Staunen, Nachsinnen, — ein momentanes Taubwerden für ihre lärmende Umgebung und
deren Schmähreden ließ ihre Thränen versiegen, und
sie achtete kaum noch darauf, daß das Paar neben ihr
sich erhob, um fortzugehn, und auch ihr Begleiter seinen
schäbigen Cylinder vom Wandhaken abhob.

Da stieß er sie brutal mit dem Ellenbogen an und
forderte sie auf, sich zu beeilen.

Sie schüttelte den Kopf und erwiderte einige Worte
im Pariser Argot, die man draußen nicht deutlich vernehmen konnte, die aber eine äußerst deutliche Gebärde
der Geringschätzung und Ablehnung begleitete. Er machte
eine verdutzte Miene und rief dadurch neues Gelächter hervor. Diesmal jedoch galt es ihm, dem Geprellten, der
mit wütendem Gesicht das Lokal verließ.

Das Mädchen nahm ihr fadenscheiniges Seidenmäntelchen von der Stuhllehne, hing es um, und schaute
dabei mit einem stolzen und leuchtenden Blick zu Fenia
hinüber, die unbeweglich stehn geblieben war, — eine
ganz wunderlich ernste, ergriffene Gestalt inmitten der
verschleierten Damen und der buntgekleideten, lachenden
Dämchen um uns her.

Gleich darauf sah man ihren Schützling aus der
Thür treten und am Tisch vorüberkommen. Aber da
geschah etwas allen ganz Unerwartetes: denn neben Fenia
blieb das Mädel stehn, öffnete die Lippen, wie um sie anzusprechen, und plötzlich, mit einer impulsiven Bewegung,
deren Natürlichkeit eine mit sich fortreißende Anmut besaß, streckte sie Fenia beide Hände entgegen.

Diese ergriff die dargebotenen Hände und schüttelte
sie mit herzhaftem Druck. Einige Augenblicke lang standen sie da und lächelten einander an wie Schwestern,
während alle verblüfft, interessiert, amüsiert um die
beiden herum saßen. Dann entfernte sich das Mädchen mit
einer Kopfneigung gegen die andern und verschwand im
vorüberhastenden Menschenstrom.

Man lachte über das kleine Drama, man scherzte
über Fenias „Erfolg“ und neckte sie nicht wenig. Sie
selbst war sehr einsilbig geworden.

Eine der Damen mißverstand ihren ernsthaften Gesichtsausdruck und bemerkte:

„Ja, chérie, eine ziemlich unerbetene und unbequeme
Freundschaft! Sie könnte Ihnen eines schönen Tages
recht peinlich werden, wenn dies Wesen Sie irgendwo
auf der Straße wiederfindet und Sie auf das intimste
begrüßt, — zur Ueberraschung derer, die vielleicht mit
Ihnen gehen.“

„Das brauchen Sie nicht zu fürchten,“ widersprach
Max Werner rasch, „ich wette darauf, daß dieses Mädchen ohne merkbaren Gruß an Ihnen vorübergehen wird,
falls es Ihnen je begegnet. Anderswo würden Sie
vielleicht von ihrer Dankbarkeit verfolgt werden, — die
Französin würde es für eine schlechte Dankbarkeit halten,
Sie eventuell dadurch zu kompromittieren. Das ist der
französische Takt, — der Takt einer alten Kultur, die
allmählich bis in alle Schichten eines Volkes durchdringt und ihm seine fast instinktive Intelligenz giebt.“

„Ich würde sie aber gern wiedersehen!“ sagte Fenia
leise.

„Um was zu thun?“

„Ich weiß es nicht. Aber was mich vorhin so entsetzte, das war das Gefühl, als ob diese Mädchen gleichmäßig sowohl von den Männern wie von den Genossinnen preisgegeben würden, — als ob sie gradezu wie
in Feindesland lebten. — Ich habe noch nie so viel höhnische Verachtung gesehen, wie in den Mienen der Männer, — so viel höhnische Schadenfreude wie in den Blicken
der andern Mädchen. — Und das ist hier im Lokal,
wo sie sozusagen bei sich ist, unter den Ihrigen. — Außerhalb nun erst! — O ich denke mir, ein solches armes
Ding muß nach einer freundlichen, einfach menschlichen
Berührung lechzen.“

„Das ist richtig. Manchmal sind sie sehr dankbar
dafür. Ich hab es mitunter auch schon bestätigt gefunden.“

„Sie?“ Fenia heftete voll Interesse ihre hellbraunen
Augen auf ihn. Sie war ganz und gar bei der Sache.

„Warum nicht ich?“

„Weil ich mir vorstelle, daß solche Mädchen einem
jeden Mann mit Mißtrauen begegnen, — müssen sie
nicht annehmen, er wolle von ihnen etwas ganz andres
als ihr Vertrauen?“

„Donnerwetter!“ dachte er und sah sich Fenia genauer an. Dieser Grad von Unbefangenheit, womit
sie über so heikle Dinge mit einem ihr ganz fremden
Manne sprach, hier, in Paris, in der Nacht, in diesem
Café, — und dabei ein Ausdruck in ihren Mienen, als
unterhielten sie sich über fremdländische Käfer.

Waren Grisetten, junge Männer, Nachtcafés und
Liebesabenteuer ihr wirklich dermaßen fremdländische
Käfer?

„Diese Annahme würde ihr Vertrauen dem Manne
gegenüber vermutlich gar nicht beeinträchtigen,“ entgegnete
er inzwischen Fenia auf ihre Frage, „denn daß er neben
seiner menschlichen Anteilnahme vielleicht auch von ihnen
als — als Frauen etwas empfangen will, das halten
sie für ganz natürlich. Das Gegenteil würde wohl gar
ihre Eitelkeit kränken und keinesfalls ihr Selbstbewußtsein heben.“

Er blickte bei seinen Worten um sich, ob der kleinen
Gesellschaft, die längst zu andern Gesprächsstoffen übergegangen war, die Unterhaltung vernehmbar sei, und
beugte sich näher zu Fenia, um mit gedämpfterer Stimme
fortfahren zu können.

„Es ist auch gar nicht so verwunderlich, wie es
Ihnen vielleicht scheint,“ bemerkte er, „denn Sie dürfen
nicht vergessen, daß es sich dabei nur um eine diesen
Wesen ganz geläufige Verkehrsform handelt, — um eine
so gewohnte und geläufige, daß sie in ihr unwillkürlich
alles und jedes zum Ausdruck bringen, auch Seelenregungen der Freundschaft, Dankbarkeit oder Sympathie,
die in die sinnliche Aeußerungsform nicht genau hineinpassen. Es ist eben ihre Art von Sprache geworden.“

Auch die vertrauliche Nähe, in der er das zu Fenia
sagte, und sie gleichsam mit sich isolierte, störte sie augenscheinlich nicht; sie senkte den Kopf und schien nachzudenken.

Nach einer kurzen Pause fragte sie lebhaft:

„Sie meinen also, auch diese Mädchen hegen oft
rein kameradschaftliche Gesinnungen Männern gegenüber
und äußern sie nur — nur — sozusagen nur falsch?
Das kann ich mir schwer vorstellen. Denn wenn es auch
die ihnen gewohnteste Sprache ist, worin sie alles und
jedes ausdrücken, — alle Menschen haben doch verschiedene Bezeichnungen für total verschiedene Dinge.“

„Glauben Sie? Ich meinerseits glaube viel eher,
daß auch in unsern Ständen sich eine ganz ähnliche Beobachtung machen läßt. Unsre Mädchen und Frauen
werden so daran gewöhnt, mit den Männern ihrer Umgebung eine rein konventionelle, ganz unsinnliche Verkehrsform zu üben, daß sie in dieser Sprache auch das noch
ausdrücken, was ganz und gar nicht so abstrakt gemeint
ist. Wie manches Mädchen meint mit einem Mann
nichts als Geistesinteressen und Seelenfreundschaft zu teilen, während sie, — oft unbewußt, — nichts andres
begehrt als seine Liebe, seinen Besitz. — Für eine kleine
Grisette ist die menschliche Anteilnahme eines Mannes
das bei weitem seltenere, gewissermaßen ausgeschlossene,
— für die Dame unsrer Gesellschaft ist es die rücksichtslose Auslebung des Weibes.“

Kaum hatte er diese Tirade vorgebracht, als unglücklicherweise die Gesellschaft aufbrach. Mitten im Stühlerücken und Durcheinanderreden faßte eine von den Damen Fenia unter den Arm und schnitt ihm ihre Antwort ab. Es kam nicht mehr über ein höchst uninteressantes Geschwätz aller mit allen hinaus.

Dennoch flanierte er neben ihnen her durch die
nächtlichen Straßen, machte im „Chien qui fume“ das
unvermeidliche Nachtessen von Zwiebelsuppe und Austern
mit, und beschaute sich mit den andern in der Frühdämmerung durch die breiten Spiegelfenster des Restaurants
das großartig malerische Bild der Wareneinfuhr in die
Hallen. Dabei erfuhr er von einem russischen Journalisten, der Fenias Eltern gekannt hatte, wenigstens
etwas vom äußern Umriß ihres Lebens. Von Geburt
war sie Moskowitin, begleitete aber schon früh ihren erkrankten Vater, einen ehemaligen Militärarzt, nach Süddeutschland und der Schweiz, wo sie ihre Universitätsstudien begann, — und nach seinem Tode mit Hilfe von
mühsamem Nebenerwerb, Stundengeben und Uebersetzungen
aller Art hartnäckig fortsetzte. In Zürich schien sie mit
lauter ihr befreundeten Männern zusammen zu studieren,
— einer von ihnen hatte sie in den Herbstferien auch
hierher, nach Paris, begleitet, war dann aber nach Rußland abgereist.

Kam daher dieser merkwürdig schwesterliche, geschlechtslose Anstrich, den sie sich gab, als gäbe es für sie auf
der Welt nur lauter Brüder? Oder war es nicht viel
wahrscheinlicher, daß dies unendlich unbefangene Betragen
nur den äußeren Deckmantel abgab für ein ganz freies
Leben? Sie mußte doch schon recht viel von der Welt
und den Menschen kennen, — mehr als eines der wohlbehüteten jungen Mädchen unsrer Kreise.

Immer wieder schweiften seine Augen und seine Gedanken zu ihr hinüber, von der er argwöhnte, sie
halte sich eine höchst kluge und gelungene Maske vor.
Steckte nicht hinter diesem Nonnenkleidchen, das unter
den andern Toiletten fast auffiel, etwas recht Leichtgeschürztes, — hinter diesem offenen, durchgeistigten Gesicht nicht etwas Sinnenheißes, worüber sich nur ein Tölpel
täuschen ließ? — Spielte nur seine eigne Phantasie
ihm einen Streich, oder erinnerte Fenia nicht an die
Magerkeit, Geistigkeit und stilisierte Einfachheit einer
modern präraphaelitischen Gestalt, die so keusch ausschauen will, und doch geheimnisvoll umblüht wird von
verräterisch farbenheißen, seltsam berauschenden Blumen — —?

Jedenfalls ging etwas Aufregendes von Fenia über
ihn aus und reizte ihn stark, trotz der Abneigung, die
ihm damals jede studierende oder gelehrte Frau einzuflößen pflegte. Ja, er nahm's fast als Beweis, daß
Fenia nur zum Schein eine solche sei —.

Beim Verlassen des Restaurants wurde noch der Vorschlag laut, die lange Nachtschwärmerei mit einer Fahrt
ins Bois de Boulogne abzuschließen, aber ein vielstimmiges Gähnen protestierte dagegen. Uebrigens ließ
sich auch an keiner Straßenecke ein Fiaker blicken. Endlich entschloß man sich, zu Fuß den Heimweg anzutreten,
jeder Herr begleitete eine der Damen nach Hause, und
Max Werner gelang es, Fenia auf seinen Anteil zu bekommen.

Schon drang die Sonne durch den Morgennebel
und übergoß Paris mit jenem köstlichen Frührotschein,
den die feuchte Luft über den Ufern der Seine erzeugt.

„Das ist ganz herrlich!“ rief Fenia und blieb mitten
auf der Straße stehn, setzte aber sogleich sehr prosaisch
hinzu:

„Wenn ich jetzt eine Tasse starken Kaffee bekommen
könnte! Dann brauchte ich mich zu Hause nicht erst
niederzulegen, und der Tag wäre nicht verloren.“

„Sie sehen nicht müde aus, sondern ganz wunderbar klaräugig,“ bemerkte er und sah sie an, „es wird
Ihnen offenbar leicht, eine Nacht nicht auszuruhen.“

Sie nickte.

„Ich bin's gewöhnt,“ sagte sie, „ich habe vorzugsweise nachts bei den Büchern gesessen. Wenn's um einen
her so still ist —“

„Das klingt doch wirklich rein wahnsinnig, wenn
man ein junges Mädchen so etwas sagen hört,“ erwiderte er fast gereizt, denn es mißfiel ihm heftig, „ich,
so wie ich hier stehe, bin eben erst der Bücherstudiererei
entlaufen wie dem ärgsten aller Frondienste. Und Sie
— ein Weib — spannen sich freiwillig hinein.“

„Warum soll denn das ein Frondienst sein?“ sie
blickte erstaunt auf — „das, was unsern Gesichtskreis
erweitert, uns das Leben aufschließt, uns selbständig
macht —? Nein, wenn irgend was in der Welt einer
Befreiung gleicht, so ist es das Geistesstudium.“

„Sie ist imstande und benutzt diesen Heimweg, —
mitten auf der Straße, im Morgennebel, — zu einem
philosophischen Disput über den Wert des Geistesstudiums für das Leben!“ dachte er fast erbittert, und
entgegnete im Brustton seiner festesten Ueberzeugung:

„Aber, mein Fräulein! da irren Sie sich nun wirklich! Es ist im Gegenteil das Beschränkendste, Einschränkendste, was es auf der Welt giebt! Und eigentlich versteht sich das ja von selbst. Die Wissenschaft
führt an der Wirklichkeit des Lebens, mit all seinen
Farben, all seiner Fülle, seiner widerspruchsvollen Mannigfaltigkeit, völlig vorbei, — sie erhascht von alledem
nur eine ganz blasse, dünne Silhouette. Je reiner, je
strenger und sicherer ihre Erkenntnismethoden sind, desto
bewußter und größer dann auch ihr Verzicht auf das
volle, das wirkliche Erfassen selbst des kleinsten Lebensstückchens. — — Deshalb ist der Wissenschafter, der ihr
dient, an so viel Selbstkasteiung gebunden, an so viel
bloße Schreibtischexistenz und geistige Bleichsucht.“

Während er redete, überlegte er sich zugleich, daß
der Weg bis zu Fenias Hotel sehr kurz sei, und machte
deshalb auf alle Fälle einen Umweg, obwohl der Himmel sich bezog. Sie bemerkte auch gar nichts davon,
weder von der Himmelstrübung noch vom Umweg.

„Für uns Frauen, — für uns, die wir erst seit so
kurzem studieren dürfen, ist es durchaus nicht so, wie Sie
da sagen,“ widersprach sie, ganz eingenommen von ihrer
Sache; „für uns bedeutet es keine Askese und keine
Schreibtischexistenz. Wie sollte das auch möglich sein!
Wir treten ja damit nun grade mitten in den Kampf
hinein, — um unsre Freiheit, um unsre Rechte, —
mitten hinein in das Leben! Wer von uns sich dem
Studium hingiebt, thut es nicht nur mit dem Kopf,
mit der Intelligenz, sondern mit dem ganzen Willen,
dem ganzen Menschen! Er erobert nicht nur Wissen,
sondern ein Stück Leben voll von Gemütsbewegungen.
Was Sie von der Wissenschaft sagen, klingt so, als sei
sie nur noch die geeignetste Beschäftigung für Greise, für
abgelebte Menschen. Aber vielleicht seid nur ihr greisenhaft. Bei uns begeistert sie die Starken, die Jungen,
die Frischen!“

„Ja, wissen Sie denn, was das beweisen würde,
wenn es wirklich so ist?“ fragte er ärgerlich, und studierte dabei mit verliebtem Wohlgefallen den Ansatz des
braunen Haares an ihren Schläfen, der eine reizende
kleine Linie bildete; „es beweist einfach, daß Ihr Geschlecht zurück ist, daß es da lebt, wo wir vor Jahrhunderten standen. Etwa da, wo wir für jede wissenschaftliche Erkenntnis auf den Scheiterhaufen gerieten, oder
mindestens in öffentlichen Verruf. Damals hatte allerdings das Leben für die Wissenschaft noch etwas verdammt Charakterstählendes und zog die ganze Existenz
eines Menschen in die abstraktesten Erkenntnisfragen
hinein. Aber solange das so ist, ist auch die feinste
geistige Kultur noch nicht möglich, — die Kultur von
heute, die über den Dingen schwebt, — und von der
die Frauen nichts wissen, wenn sie studieren.“

„Aber wenn sie nicht studieren?“ fragte sie spottend.

„Jawohl. Dann bekommen sie durch den Mann
eine Ahnung davon.“

„Bitte, — wo sind wir?“ unterbrach mich Fenia,
und blieb stehn.

„Werden Sie nicht böse! Im Eifer des Gefechts
sind wir von der kürzesten Heimwegslinie abgewichen.
— — Aber ich wußte wohl: hier muß schon ein kleines
Lokal offen sein, wo Sie Kaffee bekommen können,“
fügte er schnell hinzu und führte sie ein paar Schritt
weiter, — „ich konnte nicht vergessen, daß Sie so schmerzlich nach Kaffee verlangten.“

Das kleine Café, vor dem sie standen, wurde allerdings grade geöffnet. Aber auf so frühe Besucher war
es noch keineswegs eingerichtet. Der Besen, der drinnen
über die Dielen fuhr, fegte ihnen mächtige Staubwolken
entgegen, und die Stühle standen noch friedlich auf die
Tische gestülpt da, wie während der Nachtzeit.

„Ich glaube, es ist noch weit nach meinem Hotel,“
meinte Fenia bedenklich, — „ist nicht jetzt ein Fiaker —“

„Nach Ihrem Hotel ist es freilich ein wenig weit,“
fiel er ihr schnell in die Rede, „aber wenn Sie — — —,
ich kann es gar nicht ertragen, daß Sie um den ersehnten Kaffee kommen. Sie müssen jetzt ja noch viel
durstiger sein. Ich weiß einen Ort, wo Sie selbst um
diese frühe Stunde ganz vorzüglichen bekommen.“

„Wo denn? Ganz nah?“

„Ganz nah. Keine zehn Häuser weit. Denn wir sind
hier zwar etwas entfernt von Ihrem Hotel, aber desto
näher bei dem meinen. Und meine Hotelwirte sind auf
die merkwürdigsten Kaffeestunden eingerichtet. Gehen wir
hin. Ich lasse dann von dort einen Fiaker besorgen.“

„Bei mir wird, glaub ich, der Speisesaal nicht so
früh aufgemacht,“ meinte Fenia etwas verwundert, „aber
wenn es so ist — gehen wir meinetwegen.“

Ihre einfache Bereitwilligkeit irritierte ihn beinahe.
Die mit ihr durchwachte Nacht hatte seine verliebte Neugier bis zu nervöser Erregung aufgereizt. Wie, wenn er
sie gar nicht in den allgemeinen Speisesaal führte? konnte
sie denn das wissen? Höchst wahrscheinlich war dieser
wirklich noch nicht auf. Aber seine eignen Zimmer
lagen daneben.

Eine Art von stiller Wut kam in ihn, seine Unklarheit über dieses Mädchen quälte ihn. War es wohl möglich, daß sie einem wildfremden jungen Menschen so weit
entgegenkam, sich ihm so arglos anvertraute, wenn das
alles nicht bloßes Raffinement war? Lachte sie etwa
im stillen über ihn? Oder von welchem fernen Stern
war sie auf das Pariser Pflaster gefallen?

Ach, er war noch sehr jung damals! Die Weiber
taxierte er ganz besonders deshalb noch ziemlich falsch,
weil er Angst hatte, für einen leichtgläubigen Dummkopf
gehalten zu werden. Und was die studierenden Frauen anbetraf, gegen die er eine solche Abneigung besaß, so mußte
er sich gestehen, daß er sie eigentlich noch nicht kannte,
denn die Frauen seiner intimeren Bekanntschaft gehörten
ganz und gar nicht zu dieser Rasse.

Er führte Fenia in das Hotel garni, wo er
wohnte, ließ sie einige Stufen hinaufsteigen und öffnete im breiten Korridor die Thür zu einem Zimmer
neben dem Speisesaal.

Es war nicht sein Zimmer, sondern eine momentan
unbesetzte große, helle Hinterstube mit Saloneinrichtung,
die er zu benutzen pflegte, wenn bei ihm aufgeräumt
wurde. Als sie eintraten, kratzte jedoch nebenan sein
kleiner weißer Spitz, den er einer alten Straßenverkäuferin abgehandelt hatte, aufgeregt über die lang erwartete Rückkunft seines Herrn, unter leisem Gewinsel
an der Thür. Max Werner ließ ihn herein, und er
schoß unter freudigstem Wedeln und Bellen auf Fenia
und ihn zu, als gehörten sie zusammen.

Fenia war zaudernd stehn geblieben, nicht recht begreifend, wo sie sich hier befand. Sie bückte sich unwillkürlich zu dem Hund nieder, der sich indessen zwischen
ihnen hingesetzt hatte und sie befriedigt ansah, richtete
sich aber ebenso rasch wieder auf und wollte etwas sagen,
als ihr Blick Max Werners Gesicht traf.

Er hatte sie ohne irgend eine klare Absicht hier
hereingeführt. Wie sie jedoch nun wirklich dastand, in
diesem Zimmer, in dieser völligen Abgeschlossenheit mit
ihm allein, in diesem schlafenden Hotel, auf dessen Gängen
es noch so totenstill war, daß man hinter den halbgeschlossenen Fensterjalousien das vergnügte Zwitschern
eines Spatzen im Hofe hörte, — da, — ja, als Fenia
da aufschaute, sah sie ihn zitternd vor Erregung über
sie geneigt, ganz nahe über ihrem Gesicht, und im Begriff,
sie mit beiden Armen zu umfassen.

Sie schrie nicht auf. Sie zuckte nur zurück, bückte
sich schnell, um den Schirm aufzunehmen, der ihr bei
der Begrüßung des Hundes entglitten war, und wandte
sich zur Thür.

„Wie schade!“ sagte sie dabei.

Es entfuhr ihr fast bedauernd, zugleich im Ton
außerordentlichen Erstaunens.

Er stand einen Augenblick verdutzt da.

Dann schwoll eine plötzliche Raserei in ihm auf, —
ein blinder wütender Drang, ihr nur ja nicht den Willen
zu thun, und ohne noch selbst recht zu wissen, was er
eigentlich damit bezweckte, stürzte er an ihr vorbei zur
Thür, riß den Schlüssel heraus, drehte ihn von innen
im Schloß herum und steckte ihn darauf in seine Tasche.

Fenia war wie eine Salzsäule stehn geblieben. Sie
war furchtbar erblaßt. Ihre Blicke irrten durch das
Zimmer, durch das Fenster in den Hof, wo der Spatz
schrie, und blieben dann am hellen Klingelknopf der
elektrischen Glocke haften.

Aber konnte sie den Garçon herbeiläuten und sich
von ihm zu dieser Stunde in dieser Stube mit dem
Fremden finden lassen? — Und in den Hof hinunterspringen konnte sie ja doch auch nicht. —

Sie richtete ihre Augen, tief erschrocken, groß und
fragend, auf ihn, grade als frage sie ihn danach, was
nun zu thun sei. Einen Augenblick lang war etwas Hilfloses und Hilfeheischendes über ihrer ganzen Gestalt, wie
über einem im Wald verirrten Kind. — Aber nur einen
Augenblick. Dann siegte ein andres Gefühl. Ihr Blick
lief an ihm hinab, und ihre Lippen wölbten sich in einem
unaussprechlich beredten Ausdruck des Ekels, — der Verachtung —.

Seine Hand fuhr, ohne daß er es ihr im geringsten
anbefohlen hätte, in seine Tasche und zog, ohne sich um
den Lümmel zu kümmern, der dumm, rot und wie ein
Schulknabe dastand, den Schlüssel heraus. Als aber die
Hand Fenia den Schlüssel reichte, begleitete er diese unfreiwillige Gebärde mit einem Gemurmel:

„Ich — vorhin, als ich die Thür zusperrte, da
mißverstanden Sie mich, — ich wollte doch nicht etwa,
— nein, überhaupt nichts, — ich wollte ja nur, daß
Sie nicht in dieser Stimmung fortgehen sollten, — nicht
aufgebracht und zornig gegen mich.“

Die seltsame Logik dieser Worte schien ihr nicht
einzuleuchten. Ihr Gesicht trug noch immer denselben
Ausdruck, der es fast verzerrte, — als säße ihr eine
Raupe am Halse und kröche langsam weiter.

Sie ergriff den Schlüssel und ging sehr schnell, ohne
ein Wort, aus der Thür.

Er hinterdrein. Hinter ihm der Spitz.

Einen Hut hatte er nicht aufgesetzt, sie wäre ihm
entwischt, während er ihn vom Tisch holte. Und er fühlte
sich gänzlich unfähig, sie so gehen zu lassen, — auf immer, — ohne ein Wort, — lieber wollte er ihr nachlaufen, — ja das wollte er, — wie ein verliebter Pudel,
— verliebt in diesem Augenblick zum Närrischwerden. —

Ganz nah am Hotel standen ein paar Droschken.
Die ledernen Verdecke waren herabgelassen, ein feiner
Regen fing an, vom Himmel niederzurieseln. Im einförmig grauen Morgenlicht hasteten ein paar Zeitungsverkäufer, ein verschlafener Bäckerjunge vorüber. Die
Straße entlang klapperte ein Gemüsekarren.

Ehe es Fenia noch gelang, den Kutscher auf seinem
Bock wachzurufen und in den Fiaker einzusteigen, waren
sie schon zur Stelle, Max Werner und der Spitz, letzterer in höchster Aufregung dazwischen bellend.

„Hören Sie mich an!“ sagte er atemlos zu Fenia
und half ihr unter das Verdeck zu gelangen, „hören Sie
mich an! sehen Sie mich an! Nein, — sehen Sie mich
nicht an,“ verbesserte er sich, seines verwirrten Aussehens, seines hutlosen Kopfes gedenkend, — „aber Sie
sehen ja, daß ich über meine eigne, wahnsinnige Dummheit außer mir bin! Sagen Sie mir, daß Sie mir verzeihen, — sagen Sie mir ein Wort, — gehen Sie nicht
so, — ich meine: fahren Sie nicht so.“

Er wußte durchaus nicht mehr, was er eigentlich
sagte.

Der Kutscher war schwerfällig vom Bock geklettert,
hatte seinem Pferde den Futtereimer abgehängt, nahm
dem Tier die Schutzdecke vom Rücken und faltete sie bedächtig.

Fenia schaute indessen unter dem Schirmdach des
Verdeckes hervor, in sich zusammengeschmiegt wie eine
weiche Katze, und sah Max Werner ganz groß und
ernst an.

„Verzeihen?“ wiederholte sie, — „ich will Ihnen
noch mehr sagen: da ist gar nichts zu verzeihen. Denn
ich bin ebenso dumm gewesen wie Sie, indem ich Ihnen
folgte, ohne Sie und Ihren Speisesaal auch nur ein bißchen zu kennen. Ja, das war sehr dumm, und so sind
wir quitt, denn Sie sind auch nur so dumm gewesen,
weil Sie mich nicht kannten. — Wir haben beide dieselbe Entschuldigung dafür, daß wir es nicht besser wußten. — Denn obgleich ich so viel unter Männern gewesen bin, sehen Sie, so hat es sich für mich immer so
glücklich getroffen, daß es immer die anständigsten Männer von der Welt waren. Ja wahrhaftig. Sie sind
der erste unanständige — Mann, den ich —“

Sie brach ab, wie selbst erschrocken über das beleidigende Wort, womit ihre lange Rede abschloß. Der
Kutscher war auf den Bock gestiegen, der Gaul zog an,
und Fenia drückte sich errötend ins Dunkel des Verdecks,
während der Fiaker mit ihr davonrasselte.

Max Werner stand auf dem Straßendamm und fuhr
mechanisch, mit düsterm Gesicht, nach seinem Kopf, um
den Hut zu lüften, — der nicht darauf saß.

In den darauffolgenden Tagen drängte es ihn sehr,
Fenia aufzusuchen oder ihr zu schreiben, doch zauderte er
immer wieder und unterließ es. Erst nach längerer Zeit,
als er schon mit einigem Humor an seine Eselei zurückdachte, that er es trotzdem; aber da war Fenia, —
Fiona Iwanowna Betjagin hieß sie, — bereits wieder
nach Zürich abgereist.

Indessen schien es des Schicksals Wille, daß sie sich
wiederfinden sollten, als sie beide längst nicht mehr dran
dachten.

Ein Jahr ging hin. Max Werner verbrachte es,
nach seiner Rückkehr aus Paris, in der österreichischen
Heimat, wo ihn seit einiger Zeit etwas Liebes festhielt
und seine Reiselust merklich abschwächte. Da erhielt er
eines Tages einen Brief seiner einzigen Schwester, die sich
den letzten Monat bei einer nach Rußland verheirateten
Freundin auf deren Gut aufgehalten hatte: sie zeigte ihm
ihre Verlobung mit einem in der Nähe von Smolensk
begüterten Landedelmann an, und sandte ihm zugleich
einen schönen Gruß von Fiona Iwanowna Betjagin, —
einer Verwandten ihres zukünftigen Mannes, die im
Auslande studiert und kürzlich promoviert habe.

Tief im Winter, Mitte Januar, reiste Max Werner
zur Hochzeit seiner Schwester in die russische Provinz.
Dort, auf dem Gut von deren Freunden, wo eine Unmenge fremder Gäste untergebracht waren, sah er mitten
im Trubel der festlichen Vorbereitungen Fenia wieder.

Als er sie zuerst erblickte, hätte er sie fast nicht
wiedererkannt, obgleich er nicht hätte sagen können, worin
die überraschende Veränderung gegen den Pariser Eindruck
liegen mochte.

Fenia saß in lässiger Haltung zwischen einigen Bekannten, ihre rechte Hand in träger Gebärde mit der
Innenfläche nach oben gekehrt im Schoß, und seltsam
festlich und feierlich im leuchtenden Weiß ihres seidenen
Kleides. Während sie heiter lachte und sprach, sah sie
doch zerstreut aus, als verträumten sich ihre Gedanken
ganz wo anders hin.

Ihre Gestalt schien voller herangeblüht zu sein, in
allen ihren Bewegungen lag etwas Weiches, Abgerundetes, was sie nicht besessen hatte, und was ihr eine harmonische Schönheit gab. Fenia war schöner geworden,
als zu erwarten stand.

Ja, schöner, — doch den beunruhigenden Reiz von
damals übte sie nicht mehr auf Max Werner aus, —
das Widerspruchsvolle, Geheimnisvolle, was ihn damals
an der fremden Studentin anzog und abstieß, schien von
ihr abgestreift zu sein, seitdem das Weib, das er so unruhig in ihr gesucht hatte, in ihrem Aeußeren voller
hervorgetreten war.

Das fühlte er trotz der herzlichen Freude, womit
er sich von Fenia bewillkommnet sah. Sie begrüßte in
ihm sogleich den neuen Verwandten, und beide lachten
sie miteinander über ihren gemeinsamen verblichenen Pariser „Liebesroman“, der gar so kurz gewesen.

Bei der Hochzeitstafel setzte Fenia ihn neben sich,
und sie tranken, zugleich mit vielen andern Paaren, sogar Brüderschaft, an der jedoch nie ordentlich festgehalten
wurde, Max Werner fiel der große Ernst auf, womit
Fenia ihm alle Einzelheiten und deren Bedeutung während der griechisch-katholischen Trauung, die der protestantischen folgte, zu erklären bemüht war. Ihn interessierten wohl die verschiedenen Zeremonien, die er da
sah, doch konnte er eine etwas ketzerische Bemerkung
über ihre Ueberflüssigkeit nicht unterdrücken.

„Ueberflüssig?!“ sagte Fenia erstaunt, fügte jedoch
schnell hinzu: „nun freilich, für einen Fremden, der's
mitmachen muß. Für mich ist es gradezu köstlich, so
unterzutauchen in Weihrauchduft und Gesang und Kindheitserinnerungen. Ich bin ja so viele Jahre fortgewesen.
— — Und jetzt erst fühle ich mich wieder zu Hause, wo
all dies Altvertraute wieder um mich ist. — — Rußland hat auch darin den großen Vorzug vor andern
Ländern, daß man ganz sicher ist, alles auf dem alten Fleck
wieder vorzufinden. Da ist kein Hasten von Fortschritt
zu Fortschritt, — es ist alles jahraus, jahrein dasselbe.“

Ueber dies vaterländische Kompliment mußte Max
Werner lachen.

„Auch ein Grund, seine Heimat zu verehren!“ bemerkte er heiter, „aber in diesem besondern Fall —
denken Sie — denkst du — doch auch nicht mehr wie
einst als Kind. Diese langen Trauungszeremonien sind
ihres tieferen Sinnes ja doch entkleidet.“

Fenia schüttelte den Kopf.

„Durchaus nicht! im Gegenteil! Streift man die
äußere Form ab, was ist der tiefere Sinn? Er lautet
etwa: da sind zwei Menschen, die sich zusammenthun wollen für immer, — vermutlich weil sie sich lieben, —
aber nicht nur zum Zweck ihrer persönlichen Verliebtheit,
sondern zu einer gemeinsamen Aufgabe, — sozusagen
im Dienst eines Höheren, Dritten, worin sie sich erst
unlöslich verbinden. Sonst ist die ganze Unlöslichkeit
zwecklos. Nein, sie wollen darin über das nur Persönliche, rein Gefühlsmäßige hinaus, — ob sie es nun
Gott nennen, oder Heiligkeit der Familie, oder Ewigkeit des Ehebündnisses, — das gilt dafür gleich. — —
In jedem Fall ist es etwas andres, — auch etwas
durchaus Anderwertiges, als nur Liebe zwischen den Geschlechtern.“

„Mein Gott, Fenia Iwanowna!“ sagte Max Werner
ganz konsterniert, „Sie können einem wahrhaftig das
ganze Heiraten verleiden! Mir läuft förmlich eine Gänsehaut über den Rücken. Zum Glück irren Sie sich.
Unlöslich ist die Geschichte wenigstens nicht. Es giebt
ja doch Aussicht auf Scheidung —“

Fenia zuckte die Achseln.

„Mag sein — bei euch. Da drückt eben die Form
den Inhalt nicht mehr voll aus. Hat also auch die ihr
zukommende Schönheit und Feierlichkeit nicht mehr. Da
kann ich mir ganz gut denken, daß ihr vielleicht leichtsinniger drauf los heiratet. — — Wir aber, — — ehe
wir es thun, werfen wir uns auf die Kniee — ganz so,
als ob wir das Entgegengesetzte thun und auf Lebenszeit unsre persönlichen Genußrechte in einem Kloster aufgeben wollten.“

Es war Max Werner noch ebenso angenehm und
anregend wie früher, mit Fenia zu disputieren, wenn
ihre Meinungen auch ebenso aufeinanderstießen wie damals in Paris. Aber wie in ihrem Aeußeren erschien
Fenia ihm auch in ihren Meinungen jetzt weit frauenhafter als früher, und vielleicht bewirkte es grade dieser
Umstand, daß sie sich in der kurzen Woche fast unausgesetzten Zusammenseins schließlich eng befreundeten.

Die einfache Schwesterlichkeit ihrer Umgangsformen,
die er damals mit so argwöhnischen Augen angesehen
hatte, wurde ihm hier im fremden Lande unendlich sympathisch, und sehr bald erkannte er auch im Schlichten,
arglos Vertrauenden des Benehmens einen spezifisch slavischen Zug der Mädchen und Frauen. Fenia unterschied sich von den andern nur wenig, — am wenigsten
durch den Umstand, daß sie ein so langes Studienleben
geführt hatte. Der Ausdruck ihres Naturwesens war viel
stärker als irgend etwas Angelerntes.

Endlich kam es sogar dazu, daß Max Werner Fenia
den größten Vertrauensbeweis gab, indem er ihr andeutete, was ihn jetzt so ganz an seine Heimat fesselte und
ihn dahin zurückzog. Sie erfuhr, daß er seit Jahresfrist heimlich verlobt sei.

Er gestand es ihr während einer großen Schlittenpartie, die alle Gutsgäste gemeinsam bei prachtvollem
Winterwetter in die verschneite waldreiche Umgebung
unternahmen. Fenia und ihr deutscher Freund kamen
zusammen in eine der niedrigen zweisitzigen „Salaski“
zu sitzen, die beim hellen Schellengeklingel der flinken
kleinen Pferde pfeilschnell über die hartgefrorene Schneefläche dahinsausten.

Auf Max Werners Geständnis bemerkte Fenia mit
lebhaftein Interesse:

„Eine wirklich ganz ‚heimliche‘ Liebe? Ich meine
so, daß wirklich niemand, selbst die Nächsten nicht, etwas
davon ahnt? Das muß ja sehr schwer durchzuführen
sein.“

„Das ist es auch. Doppelt schwer, weil Irmgard
eine Norddeutsche ist und das Leben nichts weniger als
leicht nimmt. Jede Heimlichkeit jagt ihr hinterher tagelanges Entsetzen ein. Kleiner norddeutscher Adel, der
in alten, festen Familientraditionen groß geworden ist.“

„Wie sind Sie denn miteinander bekannt geworden?“ fragte Fenia, „denn Sie, mein Lieber, machen
doch umgekehrt einen leichtlebigen Eindruck auf uns junge
Mädchen.“

„Bitte, bitte! Ich bin nicht immer wie in Paris.
Für Irmgard war ich anfangs eine Art Ausweg und
Rettung aus der etwas engen geistigen Atmosphäre ihres
Hauses. Damit fing es an.“

„Und deshalb hält Ihre Braut Sie für einen Tugendbold?“ fragte Fenia spottend.

„O nein! Sie hält mich im Gegenteil für viel
schlimmer, als ich bin. Das ist meistens so. Aber das
schreckt sie nicht ab. Sie liebt wie eine Königin, die
gewählt, ohne zu verlangen. Das ist die trotzigste Art von
Mädchenstolz.“

„Doch nur eine Maskerade für lauter übergroße
Demut,“ fiel Fenia lebhaft ein, „— ach, wie deutsch
ist das! Aber da bringt sie Ihnen doch lauter Opfer.
Leiden Sie denn nicht darunter?“

Max Werner machte unter seiner geliehenen Pelzkappe ein verlegenes und pfiffiges Gesicht.

„— Leider nein!“ bemerkte er kleinlaut. „In dieser
Selbstüberwindung und stolzen Demut liegt etwas, was
unsereinen entzückt. Es steigert die gegenseitige Liebe,
glaub ich —.“

Fenia schwieg einige Minuten. Irgend ein Gedanke
schien sie zu beschäftigen. Dann äußerte sie plötzlich:

„Und trotzdem, — trotz all diesen schwierigen Umständen, — will sie Sie noch nicht heiraten?“

Max Werner sah so verblüfft aus, daß Fenia zu
lachen anfing.

„— Nicht heiraten —? ja, wie denn? Das ist ja
nur — — eigentlich bin ich ja doch nicht recht in der
Lage dazu,“ entgegnete er, noch immer ganz verdutzt von
dieser unerwarteten Auffassung, „— sie würde natürlich gern so bald als möglich —. Ich habe meinen sehr
kleinen Vermögensanteil früher schon so sehr zu Reisen
und Studienzwecken angegriffen, daß ich erst eine Professur haben müßte.“

Fenia verfiel in Nachdenken. Sie saß mit gesenktem
Gesicht, als horche sie aufmerksam auf das Schellengeklingel der Schlittenpferde. Aber es mußten liebe und
angenehme Betrachtungen sein, die sie hegte, denn sie
saß so glücklich in sich zusammengesunken da, und auf
ihrem von der Kälte rotgehauchten Gesicht blieb ein
Lächeln stehn —.

Nach den letzten Hochzeitsfeierlichkeiten reiste Max
Werner zusammen mit Fenia nach St. Petersburg,
wo er sich noch etwas umsehen wollte, ehe er nach
Deutschland zurückging. Fenia mietete sich in einer
maison meublée des Rewskij Prospekts ein, um sich in
Ruhe für ihre künftige Lehrthätigkeit vorzubereiten. Ihn
führte sie gleich bei ihren einzigen Petersburger Verwandten ein, ins Haus ihres Onkels, des Mannes einer verstorbenen Schwester ihrer Mutter, weil man dort deutsch
sprach und deutsche Interessen pflegte. Der Onkel war von
baltischem Adel, Admiral in russischem Dienst und unterhielt mit seinen drei Töchtern die gastfreieste Geselligkeit.

Den größten Teil der ersten Tage seines Aufenthalts widmete Max jedoch eingehenden Besichtigungen
der Hauptstadt. Einmal, nachdem er so lange in den
Kunstsälen der Eremitage verweilt hatte, als das spärliche Winterlicht irgend zuließ, verlangte es ihn nach
einem ausgiebigen Spaziergang, und so ging er noch den
ganzen Newskij Prospekt hinunter, von dem man gewöhnlich nur eine gewisse Strecke, zwischen der Admiralität und dem Moskauer Bahnhof, zu sehen bekommt.
Hinter dem Moskauer Bahnhof ist es nicht mehr der
Newskij der vornehmen Nachmittagspromenade. Die
breite schnurgerade Straße mit ihrer Einfassung von
Kirchen und Palästen macht eine scharfe Wendung und
verändert plötzlich ganz ihren Charakter. Anstatt der
eleganten Spiegelscheiben der großen Magazine trifft
man gewöhnliche Warenbuden und billige Bazare, deren
niedrige Arkaden am Trottoir entlang laufen; anstatt
der europäischen Hotels, Wirtshäuser zweiten und dritten
Ranges und Schnapskeller mit grellen Plakaten über
der Thür. Immer weniger herrschaftliche Schlitten sausen über den festgestampften bläulichen Schnee, immer
volkstümlicher werden die Trachten der vorübergehenden
Menschen, — bis endlich von ferne, im blitzenden Schein,
den die Wintersonne den goldenen Kuppeln entlockt, —
das Alexander-Newskijkloster herüberschimmert.

Schon eine ganze Strecke vor dem Kloster wird die
Straße beinahe dörflich und erhält einen sozusagen geistlichen Anstrich. Weißbeworfene Gebäude mit goldenen
Kreuzen oder goldener Strahlenform über dem Thor,
Wohlthätigkeitsanstalten, Kapellchen, fromme Asyle erheben sich zwischen den kleinen, niedrigen, demütigen
Wohnhäusern, die auch nur noch weiße Kleidchen anzulegen wagen. Und darüber ragt die gewaltige weißgoldene Himmelsstadt mit ihren Klostermauern, Kuppeln
und Kirchen gegen den blaßblauen Winterhimmel empor,
— umhaucht vom Weihrauch, der aus ihren Heiligtümern dringt, umstanden von geweihten Buden, wo
Betperlen, Räucherkerzen und Kränze verkauft werden,
umklungen von Glocken und Chorälen, — das Ganze
eine unbeschreibliche Symphonie von Weiß und Gold inmitten dieser weißen Schneelandschaft unter den letzten
goldenen Sonnenstrahlen.

Und dahinter der weite, weite Klostergarten im tiefen
Winterfrieden.

Max Werner wollte grade in den Garten eintreten,
als er zu seiner Ueberraschung Fenia darin erblickte; sie
stand dicht am Eingang, an das goldblitzende Staket gelehnt, und wendete ihm den Rücken zu.

„Fenia Iwanowna, gehen Sie ins Kloster?“ sagte
er ihr über die Schulter.

Sie wandte sich verwundert, nicht erschrocken, um,
und entgegnete aus der Pforte tretend:

„Ich habe mir das Kloster angesehen — — Und nun
geh ich zu meinem Onkel, — jour fixe, Sie wissen ja!
Ich speise dort. Haben Sie nichts Besonderes vor? Dann
kommen Sie doch mit, Sie sind ja ein für allemal zur
Familientafel geladen.“

„Ich will es sehr gern thun, Fenia, schon um Sie
zu begleiten. Wollen wir bei diesem sanft sibirischen
Wetter die Promenade zu Fuß machen?“

Sie nickte, und indem sie ihr Gesicht mit dem vorgehaltenen Bibermuff vor dem scharfen Winde schützte,
schaute sie sich aufmerksam nach allen Seiten um. Dann
schritt sie eine Zeitlang einsilbig neben ihrem Begleiter her.

„Wie sind Sie nur darauf verfallen, grade hierher
zu kommen,“ fragte sie plötzlich, — „diesen Teil des
Newskijs besuchen so wenige. Man kann fast sicher sein,
daß man —“

„Wäre es nicht viel berechtigter, wenn ich Sie
dasselbe fragte?“ bemerkte er neckend, „ein Spaziergang
für eine junge Dame ohne Begleitung ist das doch gar
nicht. Ich glaubte Sie in die tiefsten Studien vertieft, habe Sie zartfühlend nur deshalb nicht aufgesucht,
— ich stelle Sie mir ja seit Paris immer noch wie besessen von Fleiß vor, — und statt dessen bummeln Sie
hier herum.“

„Ja, bummeln ist das richtige Wort,“ sagte sie in
zufriedenem Ton, — „wissen Sie, mit dem Fleiß ist es
ganz vorbei. Ich lebe jetzt ja auch in einer solchen
Uebergangs- und Zwischenzeit, — nicht wahr? Bis zu
der mir versprochenen Anstellung. Und wie genieße ich
das! Wissen Sie, es war Zeit, nach dem langen Arbeitsfieber. Jetzt strecke und recke ich mich, wie auf einem
rechten Faulbett, — ordentlich wie eine Rekonvaleszentin
fühl ich mich, — da lebt man ganz anders. — Passiver, lauschender, aufnehmender. — Man wacht nicht,
man schläft aber auch nicht. —“

„— Man träumt!“ ergänzte er aufs Geratewohl.
Fenia sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Dann
schwieg sie.

„Eigentlich haben wir also die Rollen getauscht,“
meinte er, „denn ich bin dieses Jahr recht fleißig gewesen. — — Aber wie wird es Ihnen denn schmecken,
nach dieser Zwischenzeit ein schwieriges Lehramt auszuüben, — graut Ihnen nicht davor?“

Sie lachte.

„So weit hinaus kann ich im Augenblick nicht vorwärts denken. — — Aber das wird recht schlimm sein,
denn es ist mir eigentlich stets sehr anziehend gewesen.“

Darauf schwieg sie wieder mit nachdenklichem Gesicht, als beschäftige sie etwas Unausgesprochenes. Sie
gelangten inzwischen auf den belebten Teil des Newskijs,
wo die sie umdrängende Menschenmenge, die sie jeden Augenblick trennte, ohnehin die Unterhaltung erschwert hätte.

Hinter der Polizeibrücke sank die Sonne. Lange
blaue Schatten liefen über den Schnee und schufen jene
nordische Winterdämmerung, in der man schon mitten
am Tage nichts mehr recht deutlich erkennt, und dennoch
fremdartig davon berührt wird, daß hier und da hinter
den Schaufenstern die ersten Flammen aufzucken.

Das vorüberflutende Leben und Treiben auf der
glänzenden Hauptstraße paßte sich der Stimmung dieser
Stunde wunderbar an, denn trotz all des Gewühles war
nichts Lautes, nichts Buntes, nichts Aufdringliches an
dem ganzen Bilde, sondern eine gedämpfte und diskrete
Eleganz; das fast lautlose Durcheinanderjagen der Schlitten, das etwas beinah Gespenstisches haben konnte, die
gleichförmige dunkle Kleidung der pelzvermummten
Damen, die langsam, ohne Hast, fast feierlich sich
vorbeibewegten, die Totenstille der breiten tief verschneiten Nebenstraßen, in denen die Welt plötzlich aufzuhören schien, gaben allem eine Art von verträumter
Poesie, die vom lebensvollern und trivialern Lärm andrer
Großstädte scharf abstach. Selbst die Ecken und harten
Umrisse der Häuser hatte der Frost mit blitzenden Eiskrusten abgestumpft und verwischt, und in der kalten,
krystallklaren Luft erstarb jeder Ton, — Menschenstimme
oder Schlittenglöckchen, — ganz eigentümlich hell und
fein wie ferner Gesang.

Fenia war gegenüber der Kasanschen Kathedrale vor
einem hell erleuchteten Schaufenster stehn geblieben. Sie
schlug den Schleier über ihre Pelzmütze zurück und betrachtete die neuen Auslagen der Pasettischen Kunsthandlung. Ganz vorn lagen die drei mittelmäßigen, aber
sehr populären Illustrationen zu Lermontoffs „Dämon“:
die Verführung Tamaras durch den Dämon, ihre Hingabe
an ihn, ihr Tod durch ihn.

Fenia wies mit dem Muff darauf hin
„Zur Höhe des Himmels will ich mich heben,
Zur Tiefe des Meeres senke ich mich,
Alles Irdische will ich dir geben!
Nur liebe mich! liebe mich!“
citierte sie lächelnd und ging weiter.

„Was ist das?“ fragte Max Werner.

„Improvisierte Uebersetzung,“ entgegnete sie, „so
spricht der böse Dämon, nachdem er den Engel Tamaras
in die Flucht geschlagen hat. — — Diese Bilder treffen
Sie hier in allen Häusern, — Photographien, Gipsstatuetten. — Ich entsinne mich ihrer so gut aus meiner
Kindheit, auch wir besaßen sie zu Hause. Es ist traulich, sie wiederzusehen.“

„Rechte Bilder für ein junges Mädchen,“ bemerkte
er, „haben Sie sich nicht auch die Liebe sehr dämonisch
vorgestellt? Kampf mit dem Engel, — höllische Seligkeiten, — bengalische Beleuchtung, — Weltuntergang.“

Sie sagte lachend:

„Ich? O nein. Ich stelle sie mir ganz — aber so
ganz — anders vor.“

In den großen milchweißen Glaskuppeln hoch über
der Mitte des Straßendamms erstrahlte urplötzlich das
elektrische Licht und übergoß mit einemmal die dämmerdunkle Straße mit seinem blendenden Mondschein.

Als Fenias Gesicht in dieser unerwarteten Helle
neben Max Werner auftauchte, erschien es ihm, mit dem
kindfrohen Blick und lachenden Munde, durchaus verschieden vom nachdenklichen Frauengesicht im Klostergarten bei den letzten Sonnenstrahlen. Ihre Mienen
wechselten im Ausdruck so sehr, daß sie fast auch in der
Form zu wechseln schienen; nur wie ein promovierter
Doktor sah sie niemals aus, eher wie alles andre.

„Ich wäre wirklich neugierig,“ bemerkte er, „wie
Sie sich die Liebe denken würden, wenn Sie daraufhin
examiniert werden sollten, anstatt auf Philologie, Geschichte ꝛc.“

„Wie ich sie mir denken würde? O ganz einfach.
So ganz einfach und gesund. Ich würde sie dann sicher
mit den Dingen vergleichen, die am allerwenigsten dämonisch und romantisch sind. Mit dem guten gesegneten
Brot, womit wir täglich unsern Hunger stillen, mit dem
frischen erhaltenden Luftstrom, dem wir jeden Tag unsre
Stube öffnen. Mit einem Wort: mit dem Wichtigsten,
Schönsten und Selbstverständlichsten, dem wir alles verdanken, und wovon wir am wenigsten Phrasen machen.“

„Das ist gar nicht übel gesagt! — Aber doch wohl
noch etwas andres erwartet ihr davon: die große Sensation des Lebens, — glauben Sie nicht? — vor allem
die Sensation.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich nicht. Dann ginge ja das Kostbarste, was
man damit empfängt, verloren, denk ich mir.“

„Was ist denn nach Ihrer Meinung das Kostbarste,
was die Liebe Euch geben kann?“ fragte er lächelnd.

Sie bog in die Admiralität ein und entzog ihm
damit den Blick auf ihr Gesicht.

„Frieden!“ sagte sie leise.

„Frieden!“ dachte er zweifelnd und folgte ihr in
das goldstrotzende, weitläufige Gebäude, wo der Admiral Baron Michael Ravenius einen Seitenflügel bewohnte. Irmgard würde ihm schwerlich eine solche Antwort gegeben haben, — sind die russischen Mädchen phlegmatischer, oder prosaischer? — fragte er sich. Oder sprach
Fenia nicht nur deshalb in dieser Weise, weil sie wie
ein Blinder von der Farbe sprach? Möglicherweise hatte
ihr Temperament hier seinen blinden Fleck.

Oben im Empfangssalon des Admirals war leider
noch der jour fixe im vollen Gange. Um die Gesellschafterin und die beiden älteren Töchter herum saßen
noch etwa ein Dutzend blitzender Uniformen und dunkler
Damentoiletten und machten jene überaus angeregt erscheinende und überaus langweilige und langweilende
Konversation, wofür die konventionell abgeschliffene
Eleganz der französischen Sprache sich so besonders gut
eignet. Es war ganz amüsant, den tadellosen Mechanismus dieses Kommens, Sprechens und Fortgehens der
durcheinandersummenden Menschen zu beobachten, von
denen jeder etwa eine Viertelstunde blieb, um dann
von der zweitjüngeren Tochter des Hauses durch eine
Flucht von Sälen bis in das Vorzimmer geleitet zu werden, wo zwei Diener in Matrosenlivree ihn in Empfang
nahmen.

Etwa noch eine Stunde lang vollzog sich das mit
der Regelmäßigkeit und Genauigkeit eines Uhrwerks.
Dann ging der letzte der Gäste, und der Baron Ravenius, ein hagerer alter Herr mit überaristokratischen
Händen und Füßen und stark gelichtetem grauem Haar
und Bart, reichte seiner Nichte Fenia mit altmodischer
Galanterie den Arm, um sie zur Mittagstafel zu führen,
wo er sorgsam den Stuhl für sie abrückte.

Max Werner folgte mit der ältesten Tochter Nadeschda,
— bereits verlobt mit einem Attaché der deutschen Botschaft. Hinter ihnen die Gesellschafterin mit den beiden
andern Mädchen, von denen die jüngste noch zur Schule
ging, — und ganz zum Schluß die persische Windhündin
des Barons, Russalka, die, silberhaarig, lang, schmal und
vornehm, eine unverkennbare Aehnlichkeit mit ihrem
Herrn besaß.

Während des Essens wartete man meistens auf die
Eröffnung der Unterhaltung durch den Hausherrn. Heute
sprach er nach genossener Suppe wie folgt:

„Man redet immer viel davon, daß in der deutschen — überhaupt in der ausländischen — Kolonie hier
der Klatsch zu Hause sei. Es hat natürlich so eine
Kolonie, selbst wenn sie noch so groß ist, im fremden
Lande leicht den Charakter einer Kleinstadt, Man wird
leichter in bösen Leumund geraten, als anderswo. —
— Wie hast du es zum Beispiel anderswo gefunden,
Fenia?“

„Darauf hab ich wirklich nur wenig geachtet, Onkel
Mischa,“ antwortete Fenia, „es mag sehr wohl der Fall
sein, daß auch ich oft tüchtig verklatscht worden bin,
weil ich mich absolut nicht um den Schein kümmerte,
aber ich hatte immer einen genügenden Schutz an echten
Kameraden, die das nicht bis an meine Ohren herankommen ließen.“

„Exponiert genug hast du dir freilich dein Leben
eingerichtet,“ bemerkte der Baron, „mir fast unbegreiflich sorglos. Aber man muß dir nachsagen, daß du es
verstanden hast, vortrefflich ans Ziel zu kommen. Alle
Achtung davor, — und vor dem Ernst, womit du
deine Jugend zugebracht hast.“

Alle warteten mit einiger Spannung auf die Pointe
dieses Gesprächs, denn wenn der Baron mit seiner würdevollen Umständlichkeit so weit ausholte und sich in allerlei geographischen oder sozialen Allgemeinbetrachtungen
erging, so beabsichtigte er meistens, etwas höchst Spezielles
vorzubringen. Umsonst hatte er sicher nicht die Klatschsucht der ausländischen Kolonien festgestellt und zugleich
seiner Achtung für Fenia vor seinen Töchtern so ostentativ Ausdruck gegeben.

Aber bei der Mittagstafel kam das „Spezielle“ nicht
mehr. Erst als nach aufgehobener Tafel die beiden jüngern Töchter mit der Gesellschafterin fortgegangen waren,
und man in einem kleinen Wohngemach neben dem
Speisesaal bei einer Tasse Kaffee Zigaretten rauchte,
wandte sich der alte Baron plötzlich an Fenia mit den
Worten:

„Mein liebes Kind, du siehst mich recht beunruhigt,
— ich schwankte wirklich, ob ich dir Mitteilung von der
Sache machen sollte, — aber ich möchte doch die Gelegenheit benutzen, wo Herr Werner zugegen ist, —
vielleicht wird er Rat wissen.“

Fenia hatte sich lässig in einem Lehnstuhl ausgestreckt und stemmte ihre Füße gegen den silberhaarigen
Rücken der Russalka, die vor ihr lag und, die lange feine
Schnauze auf die Vorderpfoten gedrückt, leise wedelte.

„Aber was ist denn nur los, Onkel Mischa?“ fragte
Fenia neugierig.

„Sage mir, mein liebes Kind, besitzest du Feinde?
Du weißt, es kann eine Ehre sein, Feinde zu haben!
— — Kennst du irgend jemand, der ein Interesse
daran hätte, dich zu verleumden?“

Sie schaute erstaunt und lächelnd auf.

„Ich?! — — sicher nicht. — Hat sich ein
solcher Bösewicht gefunden?“

„Das wird ja ordentlich interessant,“ bemerkte Max
Werner und stand auf, „da könnte ich am Ende noch hier
für Fenia gegen irgend einen sibirischen Drachen zu Felde
ziehen?“

Aber der Onkel teilte die heitere Stimmung nicht;
seine Miene blieb so feierlich und besorgt wie zuvor.

„Ich bitte euch, es ernst zu nehmen,“ sagte er, beide
Hände auf den Lehnen seines Sessels, — „laß jetzt das
Spiel mit der Hündin, Fenia! Es ist eine ganz abscheuliche Verleumdung, worum es sich handelt. Jemand
behauptet, dich gesehen zu haben, — zu sehr vorgerückter
Nachtstunde in einer entlegenen Straße, — zusammen
mit einem Herrn.“

„Wer ist es, der es behauptet?“ warf Fenia ein.

„Das eben möchte ich durchaus ermitteln: die erste
Quelle des Klatsches,“ erwiderte der Onkel unruhig, „mir
ist die Mitteilung vom schändlichen Gerücht durch einen
erprobten alten Freund des Hauses zugegangen, der sich
mit mir darüber aufregt.“

„Mein Gott! daß du das so ruhig nehmen kannst!“
murmelte Nadeschda, die neben Fenia saß, und langsam
ihren Kaffee schlürfte, „ich war ganz außer mir, wie ich
davon erfuhr. Wie schlecht ist die Welt! Ich zerbrach
mir dermaßen den Kopf darüber, daß ich fast meine
Migräne bekam. — — Bei dir wird es auch noch morgen nachkommen.“

„Ich zerbreche mir den Kopf nicht. Bis morgen
werf ich es weit — weit hinter mich!“ sagte Fenia,
und ihr Gesicht leuchtete auf.

Max Werner blickte auf sie.

Ihr Kopf lag an die Stuhllehne zurückgelehnt, die
Augenlider waren so tief gesenkt, daß sie den Blick ganz
verdeckten. Aber ihre Lippen wölbten sich ein wenig, —
ein wenig nur, doch so überzeugend beredt im Ausdruck,
als sei ihnen ein Trank zu nah gekommen, vor dem es
sie ekelte.

Urplötzlich erinnerte dieser Ausdruck der vollen
roten Lippen Max Werner an etwas, — an das Erlebnis im Hotelzimmer in Paris, — und durch diesen
Umstand umstrahlte in diesem Augenblick in seinen Augen
Fenia eine eisige, unanzweifelbare Reinheit.

Wie oft mochte sie in ihrem freien Studienleben im
Auslande Verachtung empfunden haben für die Menschen,
deren billige Klugheit ihre Freiheit mißverstand, und deren
weises Urteil auf den ersten besten Schein hereinfiel!

„Vielleicht löst sich die Sache als ein unglückliches
Mißverständnis auf,“ meinte Max Werner. „Ließe es sich
nicht feststellen, wie die Dame gekleidet gewesen sein soll?“

Der alte Ravenius blickte rasch auf.

„Jawohl! die Kleidung stimmt genau. Langer
Mantel, Fuchspelz, — Mütze, Muff und Kragen von
Biberfell.“

„Jawohl, es ist recht schlimm!“ bemerkte Max Werner,
„in Paris oder Berlin oder Wien könnte der Anzug einer
Dame schon ein Erkennungszeichen abgeben. Aber hier?
Hier sind die Damen auf das leichteste einer Verwechslung ausgesetzt. Denn sie sind alle gleichmäßig dunkel
vermummt, höchstens drei, vier Pelzsorten variieren. Jede
Dame muß eigentlich darauf gefaßt sein, ein paar Doppelgängerinnen zu besitzen.“

„Das ist wirklich wahr!“ bestätigte der Baron
ganz erfreut, „darauf vor allem müßte man hinweisen!
Darauf gründet sich vielleicht der Klatsch. — — Und
dann, denken Sie an die dichten Winterschleier, die
man hier trägt! Und oft sind es nicht einmal Schleier,
sondern die feinen, weichen Orenburger Wollgewebe, die
unsre Damen wie ein weißes Spinngewebe vor das Gesicht binden, wenn es stark friert, — namentlich abends.
— Reine Unmöglichkeit, dann jemand zu erkennen.“

„Lieber Onkel Mischa!“ unterbrach ihn Fenia, „bitte,
gieb dich mit dieser Geschichte nicht ab. Ich will es einfach nicht! Es ist mir fatal und gänzlich ungewohnt,
daß andre sich um meinen Ruf abängstigen, — wenn
der gläsern ist, — — ich bin's nicht!“

Der Baron erhob sich und berührte mit seinen langen
kühlen Fingern leicht, liebkosend Fenias Wange.

„Du darfst nicht so sprechen!“ verwies er ihr ihre
Worte; — „du weißt, dein guter Vater hat dich so frei
erzogen, wie ich es für meine Töchter weder gewünscht,
noch jemals gestattet haben würde. Aber du hast ihm
Ehre gemacht! Und du bist, wenn nicht meine Tochter,
so doch unser teures Familienmitglied, für das ich einstehe überall und in allem. C'est convenu. N'en parlons plus.“

Fenia drückte einen flüchtigen Kuß auf die liebkosende Hand ihres Onkels, als der alte Herr so einfach
und vornehm zu ihr sprach. Aber in ihre ruhige Stirn
grub sich die erste kleine Falte bei seinen guten Worten
ein. Offenbar empfand sie es nur peinlich, daß irgend
jemand für sie einstehen, verantworten, schützende oder
verteidigende Maßregeln ergreifen wollte. Sie begehrte
nicht nach dem Schutz der Familie, und erschien ihr
vermutlich ebenso lächerlich wie unbehaglich, mit einemmal wie zerbrechliches Glaszeug behandelt zu werden.

Unwillkürlich versetzten Max Werners Gedanken Irmgard in die gleiche Lage, und er sah, wie sie schon bei
der bloßen Vorstellung um vernichteten Mädchenruf litt
und blutete. Besaß sie wirklich so viel mehr Menschenfurcht, so viel weniger Seelenkraft als Fenia? Nein!
dafür kannte er sie zu gut. Aber was die öffentliche
Moral tadelte und lobte, das tadelte und lobte sie selbst
bis zu gewissem Grade auch. Wenn sie in Zwiespalt
mit der vorgeschriebenen Lebensführung geriet, dann
geriet sie auch mit sich selbst in Zwiespalt. Daher mitten
im Rausch eines Kusses das Erzittern geheimer Angst,
als besäßen die Wände Ohren, — daher das Gefühl,
daß die Liebe sowohl der Genius ihres Lebens, als auch
der allmächtige Dämon und Versucher sei, dem Gewalt
gegeben ist, den Engel zu verscheuchen. — Irmgard erwartete von der Liebe nicht — Fenias „Frieden“.

Während alle in der Plauderecke verstummt waren,
und Max Werner seine Gedanken so weit forttrugen aus
dem Kreise, worin er sich befand, stand Fenia auf und
trat, begleitet von der Russalka, an eines der hohen
Fenster ihm grade gegenüber.

Mit etwas erhobenen Händen faßte sie in die schweren
dunkelroten Damastvorhänge, die geschlossen vor dem
Fenster herabhingen, und schob sie ein wenig auseinander,
um hinaussehen zu können.

Max Werner fiel ihre eigentümlich schöne Rückenlinie in dieser Haltung mit gehobenen Armen und vorgeneigtem Kopfe auf, und seine Blicke blieben darauf
ruhen. Noch immer hatte sie die Vorliebe für dunkle,
schlichtfallende Kleider, und noch immer trug sie ihr Haar
in zwei lichtbraunen Flechten kranzförmig um den Kopf
geschlungen.

Irgend etwas trieb ihn, sich ihre ein wenig gezwungene Haltung gelöst zu denken, passiv geworden, —
er meinte vor sich zu sehen, wie ihre Hände den Vorhang zusammenfassen und vor das Gesicht ziehen, — wie
der Kopf sich tiefer und tiefer herabneigt in die schweren
tiefrotschimmernden Falten, — wie der Rücken gebeugt
ist, — die Schultern weiche, gleitende Linien bekommen,
— bis die ganze Gestalt in sich gesunken dasteht und,
das Antlitz im Vorhang geborgen, weint. —

Es war wie eine Zwangsvorstellung, aber nicht
durch seelische Eindrücke oder Mutmaßungen hervorgerufen,
sondern wie ein malerischer Zwang, der in den Linien
lag, die durchaus in dieser Weise zusammenfließen wollten, — hartnäckig, alle Wirklichkeit fälschend.

Aber dafür ging von dem Illusionsbilde eine fast
seelische Wirkung aus, — etwas von dem widerspruchsvollen
Zauber, den Fenia ursprünglich für ihn besessen hatte. —

Er fuhr sich über die Augen, die zu schmerzen anfingen, — nervös geworden.

Da sagte mitten in das Schweigen hinein Nadeschda in ihrem fest anerzogenen, ihr eingewöhnten Bewußtsein, daß es schicklich sei, sich irgendwie zu unterhalten:

„Heute abend muß draußen herrliches Wetter sein.“

Fenia wandte sich rasch zu ihr um.

Die Hände unwillkürlich noch ausgebreitet, den Vorhang wie einen schweren Flügel hinter ihrem Rücken,
stand sie da, ein Bild sorgloser Gesundheit und lächelnder Freude, und rief hell:

„Bitte, Onkel Mischa! nehmen wir eine große
Troika und fahren wir Schlitten!“

Das Hotel de Paris, wohin Max Werner bei seiner
Ankunft in Petersburg geraten war, befand sich zur Zeit
grade im Zustand einer teilweisen Renovierung, weshalb man seine schönsten Zimmer, diejenigen mit der
Aussicht auf den Isaaksplatz und die Isaakskathedrale,
sämtlich gesperrt hielt. Infolge der daraus entstandenen
Ueberfüllung in den übrigen Räumlichkeiten sah er sich
auf einen Winkel angewiesen, wo er, eingeklemmt zwischen
einem Ungetüm von Ofen und einem fest verklebten,
unaufschließbaren Fenster, fast zu ersticken meinte. So
zog er denn an einem der folgenden Tage aus, und
fand schließlich in einem echt russischen Gasthof, der
„Ssewernaja Gostiniza“, auf dem entferntern Teil des
Newskijprospekts ein ihn ansprechendes, preiswürdiges
Zimmer mit viel Licht und freiem Blick über den weiten
Platz vor dem Moskauer Bahnhof.

Den Abend nach seinem Umzug dorthin passierte ihm
etwas Seltsames.

Müde der Kramerei und der Scherereien des Nachmittags, flanierte er ganz ohne Ziel ein gutes Stück
jenes Newskijendes hinab, dessen unbelebte Straße er
kürzlich vom Moskauer Bahnhof bis zum Alexander-Newskijkloster hin mit Interesse studiert hatte.

Da, etwa zwanzig Minuten vom Kloster, in dieser
des Abends völlig vereinsamten Gegend, hält ein Schlitten mit drei Pferden und klingelnden Schellen am
Trottoir.

Ein Paar ist im Begriff hineinzusteigen. Der Herr
groß, elegant gewachsen, in eng anliegendem kurzem Pelz,
— die Dame von Fenias Wuchs, mit Biber an Kragen,
Muff und Mütze.

Sie wendete Max Werner beim Einsteigen den Rücken
zu. Nur sekundenlang erhaschte er ein Stückchen verlorener Profillinie im Licht der hier nur spärlich brennenden Gaslaternen, — und doch! — es mußte Fenia sein!

Er zweifelte nicht daran, — ja, er zweifelte so
wenig, daß er nicht wagte, seinen Schritt anzuhalten,
oder sie anzurufen, oder zu grüßen, — und im nächsten
Augenblick sauste der Schlitten in der Richtung des
Klosters nach den Stadtgrenzen hinaus.

Er zog die Uhr. Es war elf vorüber.

Eine ungeheure Spannung bemächtigte sich seiner.
Fenia! sollte Fenia ihn zum zweitenmal in seinem Leben
zum Dummen gemacht haben, — dieses Mal im entgegengesetzten Sinn wie damals? Er war jetzt genau so geneigt gewesen, in Fenia nur das herb Unschuldige zu
sehen, als sei es ein für allemal ihre Eigenart und
Signatur, wie er in Paris geneigt gewesen war, dahinter ein besondres Raffinement zu wittern.

Warum nur? Warum hatte er in beiden Fällen
ihr Wesen so typisch genommen, so grob fixiert? fragte
er sich. Es war ganz merkwürdig, wie schwer es fiel,
die Frauen in ihrer reinmenschlichen Mannigfaltigkeit
aufzufassen, und nicht immer nur von der Geschlechtsnatur aus, nicht immer nur halb schematisch. Sei es,
daß man sie idealisierte, oder satanisierte, immer vereinfachte man sie durch eine vereinzelte Rückbeziehung auf den
Mann. Vielleicht stammte vieles von der sogenannten
Sphinxhaftigkeit des Weibes daher, daß seine volle, seine
dem Mann um nichts nachstehende Menschlichkeit sich mit
dieser gewaltsamen Vereinfachung nicht deckte.

Am nächsten Morgen war es Max Werners erster
Gedanke, Fenia einen Besuch zu machen.

Sie wohnte etwa eine halbe Stunde den Newskijprospekt weiter zur Admiralität hinauf in einem ganz
aus chambres meublées bestehenden Hause. Unten im
behaglich durchheizten Treppenraum, der oft eleganter
zu sein pflegt als die Wohnungen selbst, nahm ein Portier mit prächtigen Silberlitzen auf seiner Livree den
Ankommenden die Pelze ab. Auf der teppichbelegten
Treppe begegnete man auch gewöhnlich der Wirtin, einer
Provinzlerin in losem, weit nachschleppendem Kattunrock,
die hier von früh bis spät umherstrich und überall eine
gewisse Unruhe und Unordnung um sich verbreitete. Außer
ihrem Russisch radebrechte sie nur noch ein fehlerhaftes
Französisch, Deutsch war ihr gänzlich fremd.

Fenia besaß einen eignen Eingang von der Treppe
in ihr Wohnstübchen, das sich in ein schmales Schlafgemach öffnete. Das Fenster war ganz vollgestellt mit
schönen Blattpflanzen, die in der gleichmäßigen russischen
Zimmertemperatur so vortrefflich gedeihen. Neben dem
Fenster, über eine Näharbeit gebeugt, saß Fenia, als
Max Werner eintrat.

Sie blickte auf und streckte ihm mit Herzlichkeit die
Hand entgegen.

„Das ist schön, daß Sie kommen. Setzen Sie sich
dorthin. Ich meinte gestern abend, ich würde Sie bei
meinem Onkel treffen. — Setzen Sie sich. Wollen Sie
rauchen?“

„Sie waren gestern abend bei Ihrem Onkel? Waren Sie lange da?“ fragte er mit schlecht verhehltem Interesse, und fügte deshalb schnell hinzu: „Nun,
hat er sich über die Klatschgeschichte beruhigt?“

„Bis zum Thee blieb ich. — Diese alberne Geschichte
hab ich ihm ziemlich ausgeredet,“ sagte Fenia ruhig,
und stichelte an ihrer Arbeit. Sie hatte heute eine weiße
Morgenbluse an, worin sie weit jünger aussah, kindlicher.
Ihre beiden Flechten hingen ihr den Rücken hinunter.

„Dann wird die arme Dame, die da gesehen worden ist, also wohl nicht weiter durch Nachforschungen
behelligt werden. Sonst hätte dabei noch das Drollige
herauskommen können, daß sie plötzlich irgend eine eigne,
vielleicht recht delikate Angelegenheit an die große Glocke
gehängt sieht, — um Ihretwillen, Fenia. Thäte Ihnen
das nicht leid?“ bemerkte er halb scherzend, halb ironisch.

Fenia hörte nicht auf den ironischen Ton hin. Sie
stützte das Kinn auf die Hand, sah ihn an und sagte
unwillig:

„Ja, wissen Sie, das ist doch wirklich etwas Abscheuliches! Ich meine, daß den Frauen in manchen Beziehungen die Heimlichkeit einfach aufgezwungen wird!
Daß sie auch noch froh sein müssen, wenn sie gelingt, —
und vom Mann wie etwas Selbstverständliches erwarten,
daß er sie durch seine Diskretion, seine Schonung, seine
Vorsicht schütze und beschirme. — Ja, es mag notwendig
sein, so wie die Welt nun einmal ist, aber es ist das
Erniedrigendste, was ich noch je gehört habe. Etwas verleugnen und verstecken müssen, was man aus tiefstem
Herzen thut! Sich schämen, wo man jubeln sollte!“

Sie erregte sich an ihren eignen Worten. Ihre
Wangen brannten, und ihre Augen wurden tief und
blitzend.

Die ein wenig frivole Spannung, in der Max
Werner heute zu ihr gekommen war, verlor sich mehr
und mehr; je länger er ihr zuhörte, desto menschlicher
kam er ihr nah. Er bemühte sich, ganz so zu thun, als
hielte er ihre Erregung für durchaus sachlicher Natur,
und als handle es sich für sie lediglich um einen ihrer
beiderseitigen ungeheuer philosophischen Dispute.

„Sie vergessen doch etwas sehr Wesentliches, Fenitschka,“ warf er ein, „nämlich daß die öffentliche Meinung
meistens doch nur die Hälfte der Schuld trägt. Denn
zur andern Hälfte liegt es ja doch schließlich im Wesen
aller intimen Dinge selbst, daß sie geheim bleiben wollen,
— daß ihnen jede Entblößung vor fremden Augen und
Ohren das Zarteste ihrer Schönheit nimmt. Manchen
sensitiven Menschen empört schon die offizielle Trauung
gegen die Ehe, — wie viel weniger könnte nun ein solcher eine andre Form der Liebe, eine nicht allgemein
anerkannte Liebe öffentlich bloßstellen, — wie könnte er
etwas so unendlich Intimes und Verwundbares mitten
in einen rohen Kampf hineinzerren, — sozusagen auf die
Straße stellen zwischen den Pöbel —“

Fenia hatte sehr aufmerksam zugehört.

„Ja,“ sagte sie langsam, „so mögen wohl Männer
urteilen, — — ihr, denen alles gestattet ist, und für
die darum auch kein andrer Beweggrund zu einer Geheimhaltung vorzuliegen braucht, als nur solch ein innerer.
Aber für uns ist das ganz etwas andres. Wir fühlen
das wohl auch, — ja sicher noch viel feiner und
scheuer als ihr, — —aber wir fühlen auch den Schein
von Feigheit, der auf uns fällt dadurch, daß wir der
Heimlichkeit zu bedürfen glauben. Eine jede Heimlichkeit scheint nicht aus Feingefühl, sondern aus Menschenfurcht da zu sein, — —und dann demütigt es uns auch,
wenn wir uns von Menschen achten und verehren lassen
müssen, deren ganze Anschauungsweise uns vielleicht verdammen würde im Falle unsrer Offenheit.“

„Das kann unangenehm sein!“ gab er zu, „aber
sobald es nur ein Opfer ist, das wir bringen, und nicht
ein erlogener Erfolg, den wir suchen, — kann man sich
doch wohl darüber hinwegsetzen. All dies ist ja nur der
Schein der Feigheit, — das klar zu erkennen und ruhig
zu tragen, wäre eigentlich erst die rechte Ueberlegenheit
über die menschlichen Vorurteile. Meinen Sie nicht?
Sonst ist man doch eigentlich nur ein Wahrheitsprotz.“

Fenia schüttelte den Kopf und blickte nachdenklich
in das Fenster hinein, wo zwischen den Doppelscheiben
dicke weiße Wattschichten jeden Luftzug absperrten, und
mit Waldmoos und bunten Papierblumen häßlich genug
ausgeschmückt waren.

Man konnte ihren beweglichen Mienen aufs deutlichste
ansehen, daß sie über irgend einen Gedanken mit sich
selbst ins reine zu kommen versuchte.

„Ach, Ueberlegenheit! Was soll mir die!“ sagte sie
darauf wegwerfend, „wir haben nun einmal das Verlangen, für das, was uns am teuersten ist, auch am
offensten einzutreten; und wir schätzen sogar ganz unwillkürlich den Wert einer Sache ein wenig danach ab, ob
wir sie zu einer Gesinnungssache machen würden, — ob
wir für ihr Recht kämpfen können.“

„Mein Gott! die Frauen sind jetzt aber auch so entsetzlich kampflustig geworden!“ bemerkte er lachend, —
„so entsetzlich positiv und aggressiv, daß es kaum zum
Aushalten ist! Sehen Sie, das kommt nun von all der
Frauenbefreiung und Studiererei und all diesen Kampfesidealen, — — — Die Frauen sind die reinen Emporkömmlinge! Verzeihen Sie, — — es liegt ja etwas
ganz Jugendliches und Kräftiges drin, aber es hat nicht
den vornehmen Geschmack. Alles zur Diskussion zu stellen,
selbst das Undiskutierbarste, alles in die Oeffentlichkeit
zu werfen, selbst das Intimste, — — finden Sie das
etwa schön? Ich nicht! Es vergröbert alle Dinge ungeheuer, fälscht sie ins Rationalistische hinein, wischt alle
zarten Farbennüancen fort, setzt allem gräßliche grelle
Schlaglichter auf —“

Obwohl Fenia gegen ihn stritt, so sah sie ihn doch
ganz unverkennbar so an, als ob sie sich ganz gern
widerlegt sähe.

Während er so schön sprach, dachte er an etwas ganz
andres: „Wer mochte dieser Mann sein? Ob er sie
schon lange liebte? oder ob es nur ein loses Liebesabenteuer war? Sie war so friedlich und glücklich, — der
Klatsch erst hat sie aufgestört,— — — ob sie seiner so
ganz sicher war —?“

Schließlich brach er, durch diese Nebengedanken behindert, seine Rede ab und platzte ungeduldig heraus:

„Aber das sind ja überhaupt doch nur Bagatellen!
Für zwei Liebende bleibt die Hauptsache doch immer,
wie sie zu einander, nicht wie sie zur Welt stehen.
— — — Wie lange das Glück währen mag, wie
gefestigt es ist, — oder ob man sich bei der ersten Not
wieder verläßt, — das quält viel mehr.“

Um Fenias Lippen glitt das sorglose unbefangene
Lächeln, das für sie charakteristisch war.

„Warum soll denn das quälen?“ fragte sie halb
verwundert und halb phlegmatisch, — „ich könnte mir
gar nicht denken, daß ich einen Mann, den ich lieb gehabt habe, grade in der Not verließe.“

Dermaßen naiv klang das, daß er fast hell aufgelacht hätte.

Er wurde sogar plötzlich ganz irre an seinen bestimmtesten Mutmaßungen. — —

An den verlassenen M a n n hatte er nicht grade gedacht! — — Führte sie ihn vielleicht doch hinters Licht?
Wäre sie nun doch wieder in Wirklichkeit die unschuldige
Fenia, so wäre das ja einfach, um aus der Haut zu fahren.

Etwas nervös griff er in Fenias Garnröllchen, die
auf ihrem Nähtisch herumlagen, spielte mit ihnen und
legte sie unschlüssig wieder hin. Er war gradezu verdrießlich.

Endlich stand er auf, um fortzugehn. Aber jetzt
konnte er sich doch nicht enthalten, zu bemerken:

„Wissen Sie übrigens, daß ich kürzlich Ihre Doppelgängerin ebenfalls zu sehen geglaubt habe?“

„Ach!“ machte Fenia frappiert, und fragte nach
kurzem Schweigen:

„Wann denn?“

„Gestern abend. Nicht sehr weit vom Kloster, wo
wir uns neulich trafen. Sie stieg mit einem Herrn in
einen Schlitten und sauste mit klingelnden Schellen davon.
— — — Ich habe sie übrigens nur von hinten gesehen,“ fügte er schnell hinzu, denn plötzlich zweifelte er
durchaus nicht länger, und schämte sich seiner unritterlichen Aufwallung. „Also vielleicht sieht sie Ihnen auch
nur von hinten ähnlich, Fenitschka.“

Sie erhob sich von ihrem Stuhl und las mit gesenkten Augen von ihrem Rock die Fäserchen und Fädchen
ab, die beim Nähen daran hängen geblieben waren.

Sie sah blaß und in sich gekehrt aus. Sehr lieb
sah sie aus.

Ihm that es weh, er verwünschte sich und blickte
mit Anstrengung fort.

Da reichte Fenia ihm zum Abschied die Hand.

„Nun, — und wenn sie mir auch von vorn geglichen
hätte, — Ihnen das Gesicht zugekehrt hätte, — mein
Gesicht, — was hätten Sie sich dann gedacht?“ fragte
sie und sah ihn dabei an.

Er hielt ihre etwas kalte, etwas nervös zuckende
Hand in der seinen, beugte sich darüber und drückte zwei
Küsse darauf.

„Liebe Fenitschka!“ murmelte er, — „ich würde mir
auch dann nichts weiter gedacht haben, als nur: welche
frappante Aehnlichkeit.“

Dies geschah am Vormittag.

Am Abend wollte Max Werner in die kaiserliche
Oper und kehrte nach sieben Uhr in seinem Hotel ein,
um sich dazu umzukleiden.

Sein Zimmer lag zwei Treppen hoch, dem Treppenaufstieg schräg gegenüber.

Als er im Hinaufsteigen einmal aufblickte, sah er
von oben herab eine verschleierte Dame kommen, die er
durch Haltung und Bewegung fast augenblicklich erkannte.

Es war Fenia.

Ihn durchblitzte förmlich der Schreck, ihr in den
Weg gekommen zu sein. Diese erste jähe Ueberraschung
in seinen Zügen konnte er hinterdrein nicht wieder gut
machen, mit so unbeteiligter Miene er dann auch, fremd
und harmlos, auf der Treppe an ihr vorbeizugehn suchte.

Sie zauderte einen Augenblick auf der Stufe, wo
sie einander begegnet waren.

Dann, blitzschnell, drehte sie sich um, eilte ihm die
übrigen Stufen nach, erreichte ihn grade noch, als er
im Begriff stand, ganz entsetzt in seinem Zimmer zu verschwinden, und riß den Schleier von ihrer Mütze.

„Mar!“ schrie sie leise, heiser, mit zugeschnürter
Kehle; „nein! das hier ertrag ich nicht!“

In höchster Bestürzung blieb er stehn, und seine erschrocken forschenden Blicke irrten über sie weg nach der
Treppe, ob auch niemand ihren Aufschrei gehört habe.

Dann stieß er die schon aufgeschlossne Zimmerthür
auf und schob Fenia so eilig er konnte hinein. Denn
vom untern Stockwerk wurden Stimmen laut, und einer
der Tatarenkellner geleitete fremde Herrschaften hinauf.

„Liebe Fenitschka!“ murmelte er fassungslos und
horchte gespannt nach dem Gang.

Sie stand, den Schleier in ihrer Hand zusammengekrampft, und zitterte am ganzen Leibe, während sie
mit einem wilden Blick um sich sah und hinter sich, —
als stände da irgend jemand.

„Nein! nein! ich will das nicht! ich ertrag das
nicht!“ rief sie außer sich, — „Sie glauben, mich mitleidig ignorieren zu müssen, — und jetzt wieder — — —
mich schützen, — ich bin doch keine Verbrecherin, die
man aus lauter ritterlicher Schonung nicht erkennt,
— — o nein, pfui!“

Und sie brach in leidenschaftliches Weinen aus.

Er schob den einzigen bequemen Lehnsessel heran und
drückte sie sanft hinein.

„Beruhigen Sie sich doch nur ein wenig, Fenitschka,“
sagte er, — „was sind denn das für Ideen — Verbrecherin, — Unsinn! Wollen Sie etwas trinken? Wein,
— Limonade? — Knöpfen Sie den Pelz ein wenig
auf, Sie ersticken mir sonst noch hier. Darf ich ihn
ein wenig aufknöpfen?“

Sie stieß seine Hand hinweg und weinte weiter.

Er kniete neben ihr auf den Teppich hin und bückte
demütig den Kopf.

„Ach, Fenia!“ sagte er lachend, „was sind Sie doch
für ein verrückter Kerl! — Wenn Sie wütend sind, so
zausen Sie mich, bitte, am Haar, — schlagen Sie mit
Ihren lieben Fäusten drein, — das dürfen Sie thun.
— — Aber mit solcher Hingebung zu weinen! — Werden Sie wieder ruhig und lieb, ja? — — Sonst sperre
ich Sie wahrhaftig ein, und stelle Sie in den Winkel.
— — — Wissen Sie nicht mehr, wie ich Sie mal eingesperrt habe in Paris? Ach ja, damals haben Sie mich
einigermaßen mißhandelt. Aber jetzt — jetzt sind wir
doch Freunde, feste, gute Freunde! Etwa nicht, Fenia?
Ich gehe für Sie durchs Feuer, wenn Sie wollen.“

Sie nahm ihr Taschentuch vom Gesicht und sah ihn
mit ihren nassen, geröteten Augen an.

„Wie sollte ich wissen, daß Sie hier wohnen,“ sagte
sie mit noch von Thränen erstickter Stimme, — „Sie waren
ja doch im Hotel de Paris. — — Sonst wäre ich —
hätte ich — —“ sie stockte und wurde verwirrt.

„Ja, das war eine entsetzliche Dummheit von mir,
es Ihnen nicht rechtzeitig zu sagen, daß ich jetzt hier — —
aber andrerseits, wissen Sie, konnte ich ja auch nicht
wissen, daß Sie —,“ murmelte er, und setzte in leichtem
Ton hinzu: „— nun, was macht es denn! Soll ich Ihnen
einen Schlitten besorgen? Waren Sie im Fortgehn?“

Fenia sprang auf, und eine Blutwelle ergoß sich
über ihr verweintes Gesicht. Sie sah zornig und beinah wild aus.

„Hören Sie mich!“ rief sie entschlossen, „wozu spielen
Sie Komödie mit mir, wozu fassen Sie mich wie eine
zerbrechliche Puppe an, der man gern was vormachen
kann, wenn man sie nur schön in Watte packt! Ich
weiß sehr gut, daß Sie alles wissen! Nun wohl, so
wissen Sie es denn! Ja, ja, ja, es ist so! Ich kam
hierher, weil ich neulich hier in meinem Zimmer etwas vergessen habe. Denn ich habe hier ein Zimmer. — — —
Und gestern nacht, — gestern nacht war ich es, die in
den Schlitten stieg mit einem Mann, den ich lieb habe!“

Er fand sie herrlich, wie sie mit fliegendem Atem
das sagte. Herrlich wie ein Mensch, der Gefahren trotzt,
wie ein Mensch im Todessprung, oder vor dem Feinde,
vor dem Schuß, den er nicht in den Rücken erhalten
will. In ihrem Gesicht prägte sich ein verzweifelter
Heroismus aus, und in ihren Blicken zitterte dennoch
das ganze Entsetzen vor der Heimlichkeit, vor der Verfolgung, — und vibrierte in ihrer Stimme.

Er faßte ihre Hände und küßte sie.

„Danke, Fenia!“ sagte er ernst, „ich danke Ihnen!
Nein, wir wollen keine Komödie spielen, — wir haben
es beide nicht nötig, — nicht wahr? Dafür aber nehmen Sie mich zum Freunde und Bundesgenossen an, ja?
— — Ich weiß wohl, daß nur der elende Zufall mich
zum Mitwisser gemacht hat. Aber lassen Sie es keinen
Zufall bleiben, machen Sie ein Vertrauen daraus! Darf
ich es so auffassen?“

Sie zog ihre Hände aus den seinen, hob sie an ihre
Schläfen, als sei ihr der Kopf am Zerspringen, und
schaute ihn ganz ratlos und kindlich an.

„Wissen Sie, das ist wie eine Erlösung! — Wie
eine Erlösung!“ sagte sie, — „wie eine Erlösung, daß
es ausgesprochen ist! Wenn ich es doch schnell hinausschreien könnte, — hinaus! hinaus! Allen in die Ohren!
So daß niemand es erst mit seiner Neugier zu erschleichen
braucht! — — — Ach, ein Grausen hab ich in letzter
Zeit bekommen, — ja, ein solches Grausen, als ob lauter
Gespenster um mich herumliefen, — ein Grausen, wie
ich es als kleines Kind manchmal im Traum gehabt
habe, wenn jemand hinter mir war, und ich lief und
lief, — — und doch nicht vorwärts konnte.“

Es durchschauerte sie, Ihre Augen öffneten sich
ganz groß und erschreckt.

„Sie müssen sich zusammennehmen, Fenia!“ sagte
Max Werner in bestimmtem Ton und faßte ihre Hand,
„augenblicklich sind Sie in einem Zustand, wo Sie sich
fortwährend selbst verraten würden. Ich lasse Sie so
nicht fort. — — Dies Grausen, wovon Sie sprechen,
müssen Sie beherrschen, es darf Ihnen nicht über den
Kopf wachsen, hören Sie? Es ist Nervenüberreizung, es
wird vorübergehn, Fenitschka.“

Sie hatte den Pelzmantel vorhin zurückgeworfen
und auf die Sessellehne hinter sich niedergleiten lassen.
Sie stand im Kleide, aber scheu, wie auf dem Sprung.
Ihre Blicke gingen flüchtig durch das Zimmer, über die
ihr fremde Umgebung, als frage sie sich nun erst, warum
sie eigentlich hergeraten sei, warum sie verweile.

Max Werner fürchtete, daß nach dem ersten, fast
willenlosen Ausbruch sie sich plötzlich von ihrer eignen
Offenheit kalt und peinlich berührt fühlen könnte, —
unter der Situation leiden, worin sie sich ihm gegenüber befand. Er fügte deshalb schnell hinzu:

„Sehen Sie sich nicht erst hier um, es ist kein
herrlicher Aufenthaltsort, das geb ich zu! Aber da Sie
einmal bei mir zu Besuch sind, entlaufen Sie mir nicht
gleich wieder, Fenitschka. Setzen Sie sich ein wenig her,
hier ist niemand, der Sie beunruhigen oder belauschen
kann, — denken Sie sich, Sie seien ruhig zu Hause. — —
Und wissen Sie, daß in diesem selben Zimmer Ihnen
jemand nahe ist, der auch ‚das Grausen‘ hat überwinden müssen — um meinetwillen, Fenia, — jemand, den
Sie innig lieben würden.“

Damit hatte er das richtige Wort getroffen. Sie
setzte sich wieder und blickte ihn erstaunt und erwartungsvoll an, — für den Augenblick von sich selbst abgelenkt —.

„Ist ‚sie’ hier? Wo?“ fragte sie leise.

„Nein, sie selbst nicht. Aber dort im Handkoffer, —
da liegen wohlverschlossen in einer Kassette alle ihre Briefe.
Und so sind Sie hier in feiner, lieber Menschennähe,
Fenia, das dürfen Sie glauben. Diese Briefe würden
Ihnen erzählen, wie gern auch sie offen gegen alle Welt
wäre, — und es doch nicht darf.“

„Ja, ja!“ fiel Fenia etwas hastig ein, — „genau
so ist es eigentlich auch bei uns.“

„Haben Sie ihn hier in Rußland getroffen?“

„Nein. Er ist mir hierher nachgereist.“

„Also kein Russe.“

Sie sah erstaunt auf.

„Kein Russe?! — — Ach so, — ja, warum sollten
Sie nicht meinen, daß es ein Ausländer sein könnte — —.
Kein Russe! nein, das wäre mir unfaßlich. Für mich
liegt eine ganze Welt darin, daß er ein Russe, —
mein Landsmann, mein Bruder, ein Stück von meinesgleichen ist.“

„Sie haben doch aber mit Ausländern schon so früh und
so vertraut verkehrt, studiert, — wie leicht hätte einer —“

„Ja, verkehrt, studiert!“ unterbrach sie ihn. „Und
damals dachte ich auch wohl: die Liebe, das ist sicher nur
die höchste Fortsetzung solcher kameradschaftlichen Freundschaft, wo man ja schon so vieles teilt —.“

„Aber keinen davon haben Sie geliebt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nie. Um manchen, der um deswillen fortging, trauerte ich. Aber was
konnte das ändern? Ich wartete darauf, daß die Freundschaft in mir bis zur Liebe stiege — —. Sie stieg auch
zuweilen, — immer höher und höher, — aber nicht in
die Liebe hinein, — sie wurde dann zugleich immer
dünner und spitzer, — — und eines Tages brach stets
die Spitze ab.“

„Also ist es schließlich auch gar nicht einer Ihrer
eigentlichen Geisteskameraden gewesen?“

„O nein!“ sagte sie lebhaft, — „es war einer, mit
dem ich noch nichts teilte. Den ich kaum kannte. —
Grade nach Beendigung meiner Studien, während einer

Erholungsreise. — — Ja, und im Grunde trieb es mich
auch nicht, mit ihm dies und das zu teilen, — oder
irgendwohin dort oben hinaufzuklettern, wo die Spitzen
doch immer abbrachen. — — Dazu war ich auch zu angestrengt und erholungsfroh. — — Aber mich trieb es fast
von der ersten Stunde an, zu ihm hinzutreten und ‚du!‘
zu ihm zu sagen.“

Sie hatte den Kopf gesenkt und sprach mit einem
glücklichen Lächeln um die Lippen. Sie sah bei ihren
Worten ganz weltentrückt und bräutlich aus. Er schaute
sie mit Entzücken an.

„Ja, so geht es nun im Leben zu,“ bestätigte er,
bemüht, sie in der schönen Stimmung zu erhalten, „man
macht sich große Theorien, man will geistig zusammenpassen und will sich auf Herz und Nieren prüfen, —
und schließlich wählt man einander doch in der Gunst der
Stunde, und ohne alle weitern Kennzeichen.“

„Aber das sind ja die allertiefsten Kennzeichen!“
rief sie erstaunt, — „das ist ja eben der ungeheure Irrtum, zu glauben, daß ,Geist‘ und ,Seele‘, und wie alle
diese schönen Dinge im Menschenverkehr heißen, etwas
Edleres oder Tieferes sind, als sie. Nein, das weiß ich
besser! Besonders der Geist, der ist schon durchaus nicht
edler, sondern das Gröbste und Pöbelhafteste ist er, und
saugt sich mit seinem kalten Interesse unterschiedslos an
die allerverschiedensten Menschen an, um sie loszulassen,
sobald er ihnen ihr Interessantes entnommen hat. Das
hab ich oft gethan, — pfui! — — Aber auch die sogenannten seelischen Freundschaften! Etwas wählerischer
sind sie, aber auch sie kann man zu mehreren Menschen
haben, mehrere können sich folgen, denn man bekommt
ja auch in ihnen nur ein Teilchen des ganzen Menschen,
und giebt nur ein Teilchen. — — Man bleibt bewußt,
— geizig, — genügsam.“

Was sie da sagte, kam ihr aus dem tiefsten überzeugten Herzen. Sie verkündete es wie eine jauchzend
errungene Lebenserkenntnis, — sie war stolz darauf.

„Sie sind ein rätselhaftes Mädchen, Fenia!“ sagte
Max Werner. „Und ich — ich habe Sie für kühl gehalten — —. Oder doch wenigstens nicht recht zugänglich für den wirklichen Rausch. Wer so jahraus, jahrein
mit Männern umgehn und studieren kann, ohne jemals
in das überzuschlagen, was — nun, was in solchen
Fällen doch wohl das Gewöhnlichste ist —“

„Das Gewöhnlichste?! Nein, das glaub ich schon
nicht. — Es ist ja das Seltenste und Vornehmste, was
es im Leben geben kann. So sehr, daß alles andre
daneben nur noch schäbig und gemein aussieht —“

„Sie meinen das wirklich — — — ?“

„Ja, sicherlich, mein Gott! Wie kann man daran
zweifeln! Wie können Sie es, der selber geliebt wird!“
rief sie, rot überflammt von Erregung, und sprang auf,
— „da kommt nun etwas und nimmt einen hin, und man
giebt sich hin, — und man rechnet nicht mehr, und hält
nichts mehr zurück, und begnügt sich nicht mehr mit Halbem,
— man giebt und nimmt, ohne Ueberlegung, ohne Bedenken, fast ohne Bewußtsein, — der Gefahr lachend,
sich selbst vergessend, — mit weiter — weiter Seele und
ohnmachtumfangenem Verstande, — — und das, das
sollte nicht das Höhere sein? Darin sollten wir nicht
unsre Vornehmheit, unsern Adel haben? — —“

Sie stand da, von ihren eignen Worten berauscht,
und sah so schön aus —.

Er hütete sich wohl, die Einwände laut werden zu
lassen, die ihm auf der Zunge saßen.

Fenia erwartete auch keine Antwort. Sie verstummte, besann sich einen Augenblick auf die Wirklichkeit und sagte dann mit ihrer gewöhnlichen Stimme:

„Helfen Sie mir in den Pelz. Ich will jetzt endlich nach Hause fahren.“

Er hielt ihr den Pelzmantel hin und bemerkte
bittend:

„Aber doch nicht allein? Soll ich Sie nicht nach
Hause begleiten? Sie sind jetzt doch in ganz beruhigter
und fröhlicher Stimmung, nicht wahr, Fenia, — ich
kann mich darauf verlassen?“

Sie nickte.

„Ja. Mag's nun kommen, wie es Lust hat. Ich
kann nicht lange so gequält leben. Ich muß sorglos
leben, oder gar nicht. Darum sind Heimlichkeiten mir
so unsäglich wider die Natur. — — Froh bin ich, daß
ich jetzt wenigstens zu Ihnen offen sprechen kann. — —
Aber bitte, begleiten Sie mich nicht. Der Portier unten
wird mich in den Schlitten setzen. Ich möchte lieber
allein sein.“

„Wie Sie wünschen. Aber zum mindesten gehen
Sie nicht so fort, Fenia, — möchten Sie sich nicht erinnern — nach allem, was wir nun gemeinsam haben, —
daß wir schon einmal Brüderschaft getrunken haben?
Möchtest du nicht, wenn du nun zu mir sprichst, mich
ein bißchen weniger steif anreden?“

„Ja gewiß. Du — und Bruder — von heute
an!“ entgegnete sie herzlich und ernst. „Ich werd es
nicht vergessen. Ich nehm es als einen festen Bund.“

„Danke, — und die Bundesbesiegelung?“ fragte er
und hielt ihre Hand noch fest, als sie auf die Thür
zuging. Da hob sie den Kopf und gab ihm einen Kuß
auf den Mund, — einen herzlichen, unbefangenen Kuß.

Aber ihre Lippen brannten noch von den leidenschaftlichen Worten, die sie vorher gesprochen.

Max Werner blieb keine zwei Wochen mehr in Petersburg, aber in der Rückerinnerung kam es ihm immer
wie eine weit längere Zeitstrecke vor, so reichen Inhalt
empfingen diese Wochen durch seine neue Beziehung zu
Fenia.

Selten ein Tag, wo er sie nicht sah, selten einer,
wo er nicht den ungewohnten Reiz einer so zutraulichen
weiblichen Nähe ohne alle erotischen Nebengedanken durchkostete. Es schien ihm ein gradezu idealer Fall, geschaffen dank ihrer beiderseitigen Benommenheit von einer
andern Liebe, und ganz besonders begünstigt durch Fenias
Gewohnheit, sich Männern gegenüber zwanglos gehn zu
lassen.

„Ein Mädchen wie Irmgard erschließt sich nur, wo
es liebt, und hält sich sonst stets in der etwas kalten
Strenge ihrer Mädchenhoheit zurück, — verschlossen und
herb. Aber schließt sich denn ein Weib wirklich auf, wo
es liebt? Täuscht es sich nicht unwissentlich darüber?“
fragte er sich oft.

So zum Beispiel sprach Fenia sicher zu dem
Manne ihrer Liebe mit viel rückhaltloserer Intimität als
zu ihm, — aber that sie es nicht auch weniger einfach
und sachlich, — unbewußt bemüht, alles Verwandte in
ihm und ihr hervorzukehren und einander zu vermählen,
alles Störende zu beseitigen?

Ihm gegenüber fiel das fort, und er sah sie manchmal vor sich gleich einem Modell, dessen Seelenformen
er nur abzubilden brauchte, — nicht so, wie eine Geliebte
vor ihm stehn würde, deren seelische Reize so individuell
wirken, daß sie das klare Urteil bestechen und verwirren,
— sondern wie ein Stück weiblichen Geschlechtes in der
bestimmten Verkörperung, die sich Fenia nannte. Zum
erstenmal glaubte er, dem Weibe als solchem nah zu
kommen, indem er Fenia immer näher kam.

Persönliches aus ihrem Liebesleben erzählte sie ihm
nie. Sein Wissen um dieses Ereignis wirkte nur wärmend und belebend auf allen, was sie sonst miteinander
teilten. Seine Gedanken indessen kreisten mehr als einmal um den ihm fremden Menschen herum, dem dies
liebe Geschöpf zugehörte, und je nach Laune und Stimmung machte er sich von ihm die allerverschiedenartigsten
Vorstellungen.

Während einer Abendgesellschaft beim alten Baron,
wohin er Fenia begleitet hatte, erwähnte sie gegen ihn
zum erstenmal wieder der heimlichen Angelegenheit, wodurch sie Freunde geworden waren.

Das Souper war eben beendet, und man stand
oder saß zwanglos in kleinern Gruppen zusammen, wie
der Zufall es grade gab. Er hatte sich lange mit Radeschda und ihrem Verlobten unterhalten, — dem Typus
eines Brautpaars, das sich gern isolieren möchte, und
statt dessen seine Blicke und Worte an alle verteilen muß.
Jetzt näherte er sich Fenia, die im Augenblick allein,
— und wie immer in lächelnder Beobachtung des bunten
Menschenbildes, — hinter einer Palmengruppe am Fenster saß, und blieb vor ihr stehn.

„Weshalb schaust du mich so an?“ fragte Fenia.

„Ich vergleiche dich im stillen mit der andern
Braut hier im Saal; — an der armen Nadeschda ist heute
alles erzwungene Höflichkeit und verhaltene Sehnsucht;
sie hat rote heiße Flecken auf den Wangen, und ihre
Augen glänzen zu sehr.“

Fenia lachte.

„Hoffentlich bemerkt der Onkel das nicht!“ sagte sie.

„Und über dir, wie du da sitzest, ist eine solche
selige Ruhe ausgegossen.“

„Ich habe eigentlich gar keinen Grund, so selig zu
ruhen,“ entgegnete Fenia, aber ihre vollen warmen
Lippen lächelten immer noch, — „denn heute haben ‚wir‘
uns zum erstenmal — gezankt.“

„O das ist mir höchst interessant,“ bemerkte er
ziemlich eifrig und zog einen Stuhl heran — „darf ich
wissen, was der Anlaß war?“

Jetzt sah sie ernster aus, eine kleine Falte schob sich
sogar zwischen ihre Augenbrauen, die über der Stumpfnase ganz nah zusammenkamen.

„Der Anlaß ist ganz gleichgültig. Der Grund ist
einfach: er ist gequält und gereizt,“ sagte sie.

„Mein Gott! er, der es so gut hat?“

„Er leugnet eben, daß er es gut hat,“ fiel sie ein,
„aber die Wahrheit ist: er ist viel anspruchsvoller geworden. — — Wir haben uns immer nur stundenweise
gesehen — von allem Anfang an, — und nicht einmal
täglich. — — Sich zu allen möglichen Tagesstunden, im
Hellen, — — zu allen möglichen Beschäftigungen und
Ausgängen zu treffen, ist doch nun einmal einfach unmöglich.“

„Und das ist es also, was er will?“

„Ja. Er sagt, das sei das einzig Natürliche. Alles
andre sei Qual. Nach seiner Auffassung sollte man sich
überhaupt so gut wie gar nicht trennen. — — Dabei
sieht er ein, daß wir uns des entstandenen Klatsches
wegen eher seltener sehen sollten.“

„Sage mir nur, Fenitschka, warum machst du es
dir nicht leichter, — warum führst du ihn zum Beispiel nicht hier bei deinem Onkel ein, — wär er nur
anerkanntermaßen dein Freund, wie ich, — so — so —“

Sie sah ihm grade in die Augen.

„So könnte er insgeheim viel bequemer mein Geliebter sein, nicht wahr?“ vollendete sie.

„Mach doch nicht gleich solche Augen! was steht
dem eigentlich entgegen?“ warf er ein.

Sie sagte nur leise, ohne ihren Blick von dem seinen zu lassen:

„Es würde häßlich werden! Und ich will, daß es
schön ist.“

„Nun, streiten läßt sich über dergleichen ja nicht.
Aber dir selbst fällt es doch wohl ebenso schwer, wie ihm,
euren Verkehr nicht nach Belieben ausdehnen zu können,
— daher schlug ich es nur vor.“

Sie senkte die Augen und schien nachzudenken, wie
sie es so oft mitten im Gespräch that. Eine leichte Röte
stieg dabei in ihre Wangen.

„Ja, weißt du, für mich ist es ja eigentlich wieder
anders als für ihn,“ erwiderte sie darauf zögernd, „— ich
kann nicht recht sagen, woran das liegen mag. Aber
jedenfalls wär es ja für mich nichts so Seltenes und
Neues, mit einem Manne alle möglichen Interessen
und Beschäftigungen zu teilen, — alle Stunden des
Tages in anregender und geistig fördernder Weise zu verbringen. Ihm ist das neu. — — Ich — ja, ich sehne
mich lange nicht so stark danach. — — Würdest du
es thun?

„Ich?!“ fragte er etwas unsicher und dachte an
Irmgard, „— ich glaube, das würde außerordentlich
nach meinen Stimmungen wechseln. — — Aber vergleiche mich doch nicht mit deinem — — deinem — —.
Er ist vielleicht fürchterlich konsequent und ernsthaft?“

Sie lachte leise auf, voll Schalkhaftigkeit.

„Nein, das ist er nun doch nicht. Jung und lieb ist
er, — von allen meinen Bekannten und Freunden der am
wenigsten ernste. — Wir fingen nicht grade mit der Philosophie an, — er hatte keine Ahnung, daß ich mit der
was zu thun gehabt hatte. Im Gegenteil, er hielt mich
ursprünglich für recht leichtlebig, — weil ich so frei zu
leben schien. — — Ihr seid eben rechte Menschenkenner!“
fügte sie mit einer kleinen verächtlichen Grimasse hinzu.

„Was sagte er denn, als es ihm allmählich aufging, daß er einen promovierten Doktor vor sich hatte?“

„Ach, das ist ihm ja niemals aufgegangen. Davon
hat er nicht viel zu sehen bekommen. — — Aber doch
sagt er jetzt, er habe früher nicht gewußt, daß, man mit
einer Frau geistig so stark verschmelzen könne, — und
hätte er es nur geahnt, so würde er mich von allem
Anfang an so anspruchsvoll geliebt haben, wie jetzt, —
mit solchen Ansprüchen an alle meine Zeit und jeden
meiner Gedanken.“

Max Werner schwieg dazu und dachte sich im stillen
mancherlei. Ein paar Minuten ließen sie, ohne zu reden,
das Stimmengewirr der Menschen um sich herumsummen;
einer der Diener in Matrosenlivree kam zu ihnen mit
seinem silbernen Tablett voll Obst und Süßigkeiten, ein
paar der Gäste fingen an, sie in ihrem Versteck zu bemerken. Fenia schaute mit blinzelnden Augen in den
Kerzenglanz, sie beobachtete nicht mehr, sie träumte. Aber
immer noch lag die selige Ruhe über ihren Zügen ausgebreitet.

„Weißt du noch, wie du mir mal auf dem Rewskij,
vor Pasettis Kunstverlag, sagtest: das Kostbarste, was
Liebe giebt, das ist Frieden?“ fragte Max unwillkürlich.
Sie nickte und atmete tief auf.

„Ja! Vom ersten Augenblick an war es so. Dank ihm,
daß ich Frieden kenne! Ein so tiefes Ausruhen und Genügen. Nicht einmal Sehnsucht, — nicht Qual nach
mehr, — nicht alle diese innern Kämpfe, — wie er sie
jetzt durchmacht. Ich verstehe das einfach nicht. — —
Ich ruhe wie in einer Wiege, weißt du, — die leise geschaukelt wird, — darüber blauer Sommerhimmel, und
ringsherum blühende Wiese, — hochstehende, üppige
Wiese voll Klee und langen Halmen, so wie sie kurz vor
dem Mähen ist, — — hier in Rußland haben wir so
wundervolle solche Wiesen. — — Oder vielleicht lieg
ich auch nur wie eine Kuh im frischen Wiesengras mitten
unter den gelben Butterblumen, — so friedlich prosaisch.
Nein, ich kann nicht nachdenken. Ich bin so glückselig
verdummt. — Es langt grade noch, um drüben die blöde
Unterhaltung mitzumachen,“ fügte sie hinzu und erhob
sich aus ihrer lässigen Haltung, weil einige der Gäste
auf sie zukamen. —

Als Max Werner diesen Abend heimging, mußte er
viel an Fenia denken, und in der Nacht schlief er unruhig und träumte von ihr. Sie trug einen Kranz von
gelben Ranunkeln im Haar und saß im Gras. Wie er
sich aber zu ihr setzen wollte, wehrte sie ihn ab und sagte,
er solle bessere Haltung vor ihr bewahren, denn sie sei
die Wiesenherzogin. „Ach, Fenitschka, warum hast du
nur gelbe Ranunkeln auf dem Kopf, — Rosen würden
dir viel schöner stehn,“ bemerkte er zu ihr, auch noch
im Traum galant, und wagte nicht sich hinzusetzen.
Sie aber sah ihn mit demselben strengen Blick an, wie
gestern bei seinem Vorschlag, ihren Freund bei ihrem
Onkel einzuführen, und entgegnete mit herzoglicher Hoheit:
„Auch die Ranunkeln färbt dieselbe Sonne.“

Er erwachte durch die Anstrengung, dies tiefe Wort
gehörig zu enträtseln. Es war schon spät am Vormittag,
und er beschloß, in die Eremitage zu gehn. Unterwegs
jedoch traf es sich, daß er statt dessen zu Fenia in ihre
Wohnung hinaufstieg.

Zu seinem Bedauern fand er sie nicht zu Hause.
An diesem Morgen war er ein wenig verliebt in Fenia;
er wußte nicht, ob sein Traum hiervon die Ursache, oder
die Wirkung sei.

Langsam und etwas mißmutig ging er den Weg
nach seinem Hotel zurück. Es schneite schwach, in winzigen, harten Körnchen, die an Hagelgraupen erinnerten
und auf dem Sand, womit die Trottoirs bestreut
waren, weiß und rund liegen blieben wie Perlen. Der
Himmel hing tief, tief herab, grau und lichtlos, und
unter seinem gleichförmigen Schiefergrau ballten und
stopften sich noch große weiße Wolken gleich Federkissen;
es sah wahrhaftig aus, als habe der Himmel droben sich
gut auswattiert, um sich vor der Kälte bei den Menschenkindern unten zu schützen.

Unterwegs traf er Fenia. Er sah sie auf der andern Seite des Trottoirs und ging über den Straßendamm auf sie zu; sie bemerkte es, blieb stehn und wartete auf ihn.

„Ich hatte dir einen Besuch zugedacht,“ sagte er,
während sie sich die Hand schüttelten, „fand dich aber nicht,
und fürchtete schon, dich heute nicht mehr zu sehen. Daher bin ich dem Zufall jetzt doppelt dankbar.“

Sie sah ihn lächelnd und nachdenklich an.

„Ich bin ihm auch dankbar!“ entgegnete sie, —
„deinen Besuch hätt ich nämlich nicht angenommen —.
Keinen Besuch, der heute kommt. — Und nun, wo ich dich
unerwartet treffe, merk ich, daß ich mich drüber freue,
mit dir zu gehn und zu plaudern. — — So wenig
kennen wir uns selbst.“

„Woher kommst du denn?“ fragte er im Weitergehn.

„Von einem zwecklosen Hin- und Hergehn. Ich
ertrug's in der Stube nicht. Ertrag's aber auch draußen
nicht. Ich habe entsetzliche Sorgen, Max. — — Denke
dir, — vielleicht kann ich ‚ihn‘ nur noch wenige Male
wiedersehen.“

Er blieb stehn.

„Wie das, — warum?!“

„Es hat sich so zugespitzt — all das mit den Heimlichkeiten. Wir sind nicht mehr sicher, — nirgends mehr.
Es geht einfach nicht mehr. Es geht absolut nicht,“

„— Und gar kein Ausweg? man findet ihn ja doch
schließlich in solchen Fällen,“

Fenia schüttelte den Kopf.

„Im Auslande zu leben wäre einer, — ja. Aber
ich bin hier durch meine Stellung gebunden, und habe
keine andern Existenzmittel. Und im Ausland wär
es dasselbe — in einer Stellung. Es scheint, man muß
reich sein dazu. Lehrerinnen sind, scheint es, davon ausgeschlossen.“

„Aber deshalb könnt ihr doch nicht auseinandergehn?!“

Fenia lachte dazu unwillkürlich. Ihr ganzer froher
Unglaube an irgend ein Auseinandergehn lachte aus
ihren Augen. Aber die Augen waren gerötet wie vom
Weinen.

„Wir haben eben die Wahl zwischen zwei Unmöglichkeiten,“ sagte sie, noch lächelnd, und ging langsam
weiter, „— ich war so tief im Glück und Frieden, weißt
du, daß ich noch ganz dumm bin: ich begreif’s noch gar
nicht, daß es Sorgen giebt — im Himmel.“

Sie standen an ihrer Hausthür.

„Höre, Fenia,“ bat er, „laß uns doch noch ein
wenig zusammen bleiben, — kann ich nicht hinein?“ —

Sie hatte die Thür geöffnet, und der Portier mit
den Silberlitzen kam dienstbeflissen herbei, wollte hinter
ihr schließen, und händigte ihr zugleich zwei inzwischen
eingelaufene Briefe ein.

Fenia blieb auf der Schwelle stehn, besah die Briefadressen und bemerkte dabei zu Max:

„Ich beabsichtigte eigentlich noch nicht, hinaufzugehn,
wir können also gern noch ein wenig draußen bleiben,
— aber ich erwartete Nachrichten, und deshalb“ — sie
warf einen schalkhaften Seitenblick auf ihn und fügte
hinzu: „— Diesen einen, siehst du, der ohne Marke hergebracht worden ist, den muß ich gleich lesen. Es handelt sich um die Verabredung einer Stunde zu heute —
oder morgen.“

Er ließ sie lesen, während sie die Straße langsam entlang schritten, und musterte dabei ungeduldig
den Sand und Schnee auf dem Trottoir zu seinen Füßen.
Heute morgen kam ihm Fenias Auserwählter etwas in
die Quere.

Als Fenia aber den Brief eingesteckt hatte und, wie
ihm schien, Minuten vergingen, ohne daß sie sprach,
sah er scharf nach ihr hin.

Der Ausdruck ihres Gesichtes hatte sich ganz verwandelt, — zum Erschrecken verwandelt hatte er sich.
Sie war erblaßt, um den Mund ein gespannter, nervöser Zug, ihre Augen blickten mit einer gewissen verwirrten Anstrengung grade vor sich hin.

„Fenia!“ sagte er halblaut, „— was ist dir? was
ist denn geschehen? Steht im Brief irgend etwas
Schlimmes?“

„Ist er tot, — — — untreu?“ fuhr es ihm durch
den Kopf, und er konnte seine eignen Gefühle dabei
nicht recht deutlich unterscheiden.

„Nein, — nein!“ widersprach sie hastig, „— es ist
nur, — ja, etwas Schlimmes.“

„Kann ich es nicht wissen? — — Nein, natürlich
nicht, wenn du nicht magst.“ —

„Doch, — warum denn nicht? — — Es ist ja,“
— sie stockte, und setzte dann leise, fast scheu hinzu:

„Er will, daß wir uns heiraten sollen.“

„Heiraten!“

Er rief es zuerst ganz konsterniert; gleich darauf
bemerkte er aber selbst: „Ja, lieber Gott, warum auch
nicht? Das ist doch eigentlich ganz natürlich? Hast du
denn nicht selber schon an dieses Ende gedacht?“

„— Ich? — Nein, — ich, — es schien ja aus äußern Gründen zunächst so ganz unmöglich, — ich meine:
es ging eben noch nicht, — so daß man nicht daran
denken konnte, — — nicht zu denken brauchte,“ erwiderte sie, noch ebenso scheu und verwirrt, — bedrückt.

„Nun — und jetzt?“

„— Er hat irgend eine Anstellung im Süden erhalten, — was weiß ich, ach, ich weiß nicht. —
— Mir ist so furchtbar zu Mut,“ sagte sie hilflos, und
sah aus, als ob sie gleich anfangen wollte loszuweinen.

Max Werner bog in eine kurze breite Nebenstraße
ein, wo sie vor der Menschenmenge auf dem Newskijprospekt sicher waren. Nur ein paar Kinder rutschten
spielend und schreiend auf einem schneefreien Eisstreifen
längs dem Damm umher.

„Aber, Fenitschka, auf dem Gut, während der Hochzeit
meiner Schwester, warst du ja noch so vollgestopft mit
den allergraulichsten Ehebetrachtungen!“ sagte Max Werner
beruhigend, „— willst du denn nicht —“

Sie blieb stehn und sah mit ihren großen, klaren,
so eigentümlich seelenoffenen Augen zu ihm auf.

„Ist es dir jemals so vorgekommen, — in dieser
ganzen Zeit, — als ob ich heiraten wollte?“

„Nein, — das wohl nicht,“ gab er zu, „aber es
mußte schließlich —“

„Ich konnte es auch gar nicht wollen!“ unterbrach
sie ihn, „sage mir, will es denn etwa einer von euch,
— will es ein junger Mensch zum Beispiel, der seine ganze
Jugend drangesetzt hat, um frei und selbständig zu werden, — der nun grade vor dem Ziel steht, — auf der
Schwelle, — der das Leben grade um deswillen lieb gewonnen hat, — um des Berufslebens willen, um der
Verantwortlichkeit willen, um der Unabhängigkeit willen!
— Nein! Ich kann es mir einfach nicht als Lebensziel
vorstellen, — Heim, Familie, Hausfrau, Kinder, — es
ist mir fremd, fremd, fremd! Vielleicht nur jetzt, —
vielleicht nur in dieser Lebensperiode. Weiß ich's? —
Vielleicht bin ich überhaupt untauglich grade dazu. — —
Liebe und Ehe ist eben nicht dasselbe.“

Sie sprach rasch und erregt, sie vergaß ganz, wo
sie war, und lehnte sich einfach mit dem Rücken gegen
eine Hausmauer, vor der sie gerade standen. Dies war
sicher kein geeigneter Aufenthalt für eine solche Unterhaltung; Max Werner fürchtete, sie könnte mit ihrem
Tuchpelz an der weißbeworfenen Hauswand festfrieren,
und außerdem rieselten die kleinen, feinen, runden
Schneekörnerchen unablässig um sie nieder. Aber dabei war er selbst in einiger Spannung und Erregung;
er war, offen gestanden, bezüglich des Mannes, der da
soeben Fenia einen Heiratsantrag gemacht hatte, nicht ganz
ohne Schadenfreude, — — aber da hinein mischte sich
ein ganz sonderbares Gefühl, — fast ein verblüfftes,
beleidigtes, — fast, als sei er es, den sie abgewiesen
habe. — — Das war die Verblüffung über ihre Worte,
— Worte einer Frau, die ganz so sprach, als sei sie
ein Mann, und als sei es eine unerhörte Zumutung,
einen Mann, seinesgleichen, zu heiraten. —

„Das ist mir denn doch noch nicht vorgekommen,
Fenitschka,“ sagte er, und trat von einem Fuß auf den
andern, denn ihn fror sehr, „— diese spitzfindige Unterscheidung zwischen Liebe und Ehe. — Wenn du deiner
Liebe sicher bist, dann dürfen dich auch die Schwierigkeiten des Ehelebens nicht abschrecken, — die wahre
Liebe setzt sich drüber hinweg, — glaube ich. Und dann,
siehst du, soll es ja auch grade so schön sein, alles miteinander zu teilen, — und besonders, wenn es für immer ist, — und selbst wenn Krankheit, oder Sorge, oder
sonstige Unannehmlichkeiten mitunterlaufen, — nun, so
hat man doch dafür ein wahrhaftes, wirkliches Stück
Leben miteinander gelebt, — und grade das will die
Liebe, — sie will doch nicht etwa nur den Genuß? O
nein, bewahre! sie hat sozusagen die Tendenz zur Ehe.“

Fenia hörte ganz anfmerksam, mit zur Seite geneigtem Köpfchen zu; unendlich lieb schaute sie dabei
aus, mit ihren halbgeöffneten Kußlippen, — wie jemand
ungefähr, der einer gar erstaunlichen Mär und Kunde
lauscht.

„— Denkst du das wirklich?“ fragte sie zweifelnd
und erwartungsvoll, „— ich meine, denkst du so im
tiefsten Ernst? Hast du denn jemals diese Dinge so empfunden, wie du da sagst, — grade so?“

„— Ich? — — Nun, ich selbst grade nicht.
— — Aber ich hab es von andern gehört,“ bemerkte
er etwas kleinlaut.

Sie bückte enttäuscht den Kopf.

„Von andern gehört!“ wiederholte sie.

Sie that ihm leid. Offenbar hatte sie von seinen halb
ironisch gemeinten Worten eine Art von Hilfe in ihren Zweifeln erwartet, — war er doch ihr Freund! Es drängte
ihn über die Maßen, sie wieder beruhigt und heiter zu sehen.

„Aber Fenitschka,“ redete er ihr zu, „was kommt
denn auf mich an! Bin ich denn ein Vorbild auf diesem
Gebiet?! — Nein, — nicht wahr? Und überhaupt, was
so ein Mann darüber spricht! Ihr Frauen empfindet
schließlich doch anders, — besser, feiner. — Aus der
Ueberzeugung heraus sprach ich. Glaube mir, ihr wollt
im Grunde doch die Dauer und vollkommne Zusammengehörigkeit, — das weiß ich von der, die mich lieb hat,
Fenia. Denn wollte sie das im Grunde nicht, wollte
sie nicht so inbrünstig das ganze Leben mit mir teilen,
so wär es ja keine rechte Liebe, sondern nur eine —
eigentlich eine reine Sinnen —“

„Sondern nur eine rein sinnliche Leidenschaft, —
nur eine sinnliche,“ ergänzte Fenia mit bedeckter Stimme,
sah ihn an, und wurde plötzlich blaß.

„Ach Unsinn, Fenia, — ich —“

Sie antwortete nicht, sondern stand nur regungslos
da, und in ihren Mienen prägte sich etwas ganz Ergreifendes aus, das ihn verstummen machte.

Wohl schaute sie ihn noch an, aber sichtlich ohne
sich dessen bewußt zu werden, wohin sie gerade schaute;
ihre ganze Seele war nach innen gekehrt, — hielt gleichsam den Atem an.

Ihre Augen öffneten sich weit, eine Art von Entsetzen flog durch sie hindurch, es war, als schlüge eine
plötzliche Erkenntnis, einem Blitze gleich, ihr mitten durch
die Seele.

Und langsam ergoß sich über ihre Wangen, ihre
kleinen Ohren, über den Hals, soweit das Pelzwerk davon einen Fleck sehen ließ, — eine warme tiefe Röte,
— immer flammendere Röte. Und ehe Max Werner sich's versah, wandte sie sich von der Hausmauer
fort, an der sie lehnte, und enteilte ihm plötzlich mit
schnellen Schritten.

„Fenia! Fenitschka!“ rief er bestürzt, und griff unwillkürlich nach ihr. Aber er griff ins Leere. In wenigen Sekunden schon war sie um die Ecke gebogen, und
entschwand ihm unter den Menschen, die auf der Hauptstraße vorüberströmten.

Der Eindruck war ein ganz seltsamer. Obgleich sie
mit gesenkten Stimmen zu einander geredet, — und
mehr noch geschwiegen, als geredet hatten, war ihm mit
ihrem Verschwinden doch, als sei mit einemmal eine laute,
gewaltige Unterhaltung verstummt.

Still, ganz totenstill lag die breite Nebenstraße, wo
sie gestanden, plötzlich da, wie eine schlafende verschneite Welt.

Und ganz verwunderlich klang aus dem tiefen Schnee
jetzt wieder das helle Geschwätz der beiden umherrutschenden Kinder auf dem Fahrdamm und tönte hinter
Fenitschka drein.

Max Werner hatte das Gefühl, daß er Fenitschka
nach dieser Begegnung nicht gleich wieder aufsuchen dürfe,
— daß sie augenblicklich keinem Menschen Gesellschaft
brauchen könne. So ließ er den ganzen nächsten Tag
verstreichen, ohne sie zu sehen.

Ein Brief von Irmgard kam am Vormittag; er
beantwortete ihn sofort, und berechnete zugleich das
Datum seiner Ankunft in München.

Seine Abreise aus Rußland war von ihm längst
auf diese Tage festgesetzt worden, aber noch nie hatte
es ihn so gedrängt, wie heute, Irmgard wieder in die
Arme zu schließen. Und Fenia, trotzdem er sich erst
gestern ein wenig in sie verliebte, trug die Schuld daran.
— Denn plötzlich wollte es ihm weit weniger selbstverständlich erscheinen als bisher, daß Irmgard ihn so stark
und treu liebe, wie sie es that, — es drängte ihn daher, ihr das Geständnis ihrer Liebe aufs neue aus den
Augen und von den Lippen zu lesen.

Im Grunde wußte er wohl: der Zweifel, der über
Fenia gekommen, konnte über Irmgard niemals kommen, — ganz zweifellos liebte sie ihn und ging ganz in
dem Wunsch auf, mit ihm für immer das Leben zu
teilen, — in jedem Sinn es mit ihm zu teilen. Ja,
er wußte es, aber es beglückte ihn anders als bisher,
und stimmte ihn dankbarer, weicher.

Er sagte sich, daß er für Irmgard von vornherein
glücklicherweise mehr bedeute, als für Fenia ein Mann
augenblicklich bedeuten konnte. Er bedeutete für sie
zugleich das einzige sie belebende Geisteselement inmitten
ihrer konventionellen Familienkreise, — er hatte mit
ihrer Liebe, ihren Sinnen zugleich auch ihre geistigen
Bedürfnisse geweckt und angeregt, ihre geistige Sehnsucht
auf ihn und seine Entwickelung bezogen.

Das machte seiner Meinung nach einen gewaltigen
Unterschied! Wenn ein Mann mitunter eine Frau weniger
tief und absolut liebt, als sie ihn, so mochte es nicht zum
wenigsten damit zusammenhängen, daß sie für sein gesamtes Geistesdasein meistens eine geringere Bedeutsamkeit besessen hat, als er für sie. Er erholt sich mehr
bei ihr, als daß er ihrer außerhalb der Liebe bedarf. —
— — So erholte Fenia sich vielleicht von ihren eignen
geistigen Kämpfen und Anstrengungen bei dem Mann ihrer
Liebe. Nach Jahren konzentriertester Studien, asketischen
Lebens eine unbewußt vollzogene, ganz naiv hingenommene Reaktion —. Erst der Heiratsantrag rührte ihre
friedlich ruhenden Gedanken darüber plötzlich auf, ließ
sie erwachen, — sich klar werden.

Dem andern mußte die Vorstellung, daß sie ihn
nicht genügend liebe, um ihr ganzes Leben an ihn zu
binden, natürlich völlig fern liegen. Man nimmt ja
wohl von minderwertigen Frauen an, daß ihre Neigung
eventuell der Tiefe und Treue entbehren werde, — hochstehenden Frauen gegenüber erscheint es als ein Sakrilegium. Und doch, fragte sich Max Werner, können
dafür denn nicht dieselben Gründe maßgebend sein, die
den Mann so leicht dazu verführen, seiner Liebe nur
einen Teil seines Innern zu öffnen, ihr Grenzen zu ziehen,
sie neben, und nicht über seine sonstigen Lebensinteressen zu setzen? Die Frau, die ihr Leben ganz so
einrichtet und in die Hand nimmt wie der Mann, wird
natürlich auch in ganz ähnliche Lagen, Konflikte und Versuchungen kommen wie er, und nur, infolge ihrer langen
anders gearteten Frauenvergangenheit, viel schwerer daran
leiden.

Am Nachmittag traf er den alten Baron Ravenius
auf der Straße und erfuhr von ihm, das Fenia krank
sei, — wenigstens habe sie Hausarrest.

„Wahrscheinlich hat sie sich in ihrem Eifer überarbeitet!“ fügte der Baron bekümmert und kopfschüttelnd
hinzu.

Max ging sofort zu ihr. Noch während er die
Treppe hinaufstieg, öffnete schon die Wirtin im Kattunmorgenrock die Thür zum ersten Stockwerk und blickte
mit einem widerwärtigen Ausdruck spähender Neugier
heraus, wer da komme. Als sie ihn erkannte, veränderte sich ihre Miene, sie war etwas enttäuscht und wurde
zugleich wohlwollender.

Er gab ihr seine Karte und ließ fragen, ob Fenia
ihn empfangen könne. Der Bescheid kam sofort zurück,
er möge nur eintreten.

Fenias Zimmer war künstlich verdunkelt. Die Vorhänge vor dem Fenster waren niedergelassen, und sie selbst
lag, in einem Schlafrock von feinem weichem Stoff, auf
ihrer Ottomane ausgestreckt, das Haar in zwei hängenden Flechten und die Hände hoch über dem Kopf verschränkt.

„Was, Fenitschka, — du bist krank?“ fragte er beim
Eintreten und kam zu ihr.

Sie schüttelte den Kopf.

„Bin nicht krank. Möchte nur dafür gelten.
Menschen sehen, ausgehn, ausfahren, ist mir jetzt unleidlich, — nein, unmöglich. Ich danke dir aber, daß
du da bist.“

Möglich, daß sie nicht krank war, aber sie sah ganz
so aus. Selbst in dieser künstlichen Dämmerung sah sie
blaß und erschöpft aus, und unter ihren Augen zogen
sich tiefe Schatten. „Fenitschka,“ bemerkte er, indem er
einen Stuhl zu ihr heranzog, „mir öffnete vorhin deine
Wirtin die Thür, — widerwärtig schaute das Frauenzimmer heraus, — wie das schönste Exemplar von einem
Spion. Ist es dir nicht aufgefallen?“

„Ja, sie ist jetzt ganz besonders neugierig und mißtrauisch geworden. Sie achtet darauf, wer zu mir kommt.
— — Wenn jetzt ein Klatsch entsteht, so entsteht er von
hier aus. Ich habe selbst schuld dran.“

„Aber dann darfst du hier doch nicht bleiben! Den
Hals umdrehen werd ich der Kanaille! Seit wann ist
es denn?“

„Ich war unvorsichtig. — — ,Er' ist einigemal
hier gewesen,“ entgegnete Fenia apathisch.

„Das hättest du schon lieber vermeiden sollen,“
sagte er besorgt, „warum auch grade hier?“

Sie zuckte die Achseln.

„Uns auswärts zu treffen, ist uns ja auch schlecht
bekommen. — — Ach, laß doch! Es liegt so gar nichts
dran,“ fügte sie freundlich hinzu.

Ihre Stimme fiel ihm auf. So sanft und lieb
klang sie, daß sie Rührung in ihm weckte. Aber ein so
matter Ton klang darin mit, — — und weckte auch
Sorge, wie man sie etwa am Krankenbett von lebhaften Kindern fühlt, wenn sie plötzlich gar zu artig und
gut werden. —

Sie schwiegen eine Zeitlang.

Endlich sagte er:

„Ich war gestern nicht bei dir, weil ich nicht wußte,
ob du mich sehen wolltest. Aber gedacht hab ich an
dich — —“

Sie unterbrach ihn mit einem Lächeln:

„Ich auch an dich. Und an die erste Zeit unsrer
Bekanntschaft — weißt du? Denk' nur — mir hat
sogar in der Nacht davon geträumt.“

„Von Paris?“

Sie richtete sich etwas auf, stützte sich mit der
einen Hand auf das Polster der Ottomane und sah ihn
an. Das Stirnhaar hing ihr ein wenig wirr ins
Gesicht.

„Verstehst du dich auf Traumdeutung? — — ach,
übrigens Unsinn, — aber ich will dir erzählen. — —
Es war in Paris, ja. In dem Nachtcafé, weißt du?
Ihr saßet alle da am Tisch, — ganz wie damals. — —
Und ich war auch da. Aber ich war nicht bei euch am
Tisch.“

„Sondern?“

Sie legte sich wieder zurück, und schloß die Augen.

„Sondern irgendwo da. — — Irgendwo unter den
Grisetten.“

„Ich verstehe nicht recht, Fenia. Das ist ja ein
ganz dummer Traum.“

„Nicht so dumm, wie du meinst — —. Aber
woher sollten Träume eigentlich auch klug sein? Ich
glaube, unsre klugen Gedanken wirken nur wenig mit
am Traumgewebe. — — Nein, alle die klugen Gedanken,
die wir uns so allmählich erwerben, alle die aufgeklärten
und vernünftigen Ansichten, die träumen wir wohl nur
wenig. — — Im Traum taxieren wir uns anders,
— uns und die Dinge, — verworren und wirr vielleicht,
aber doch so ganz naiv.“

„Aber was redest du nur eigentlich, Fenia? — —
Du taxiertest dich im Traum —? Nun, und?“

„Nun, und da fand ich offenbar, daß ich mitten
unter die Grisetten gehörte.“

Er sprang unwillkürlich auf.

Ein kurzer Laut des Unwillens entschlüpfte ihm.

Er wollte gegen sie aufbrausen, gegen diese Selbsterniedrigung, die ihn empörte und für sie beleidigte, aber
er besann sich.

„Du bist krank,“ sagte er, „du bist es wirklich, wie
könntest du sonst so ganz den Kopf verloren haben. —
Fenia, ich erkenne dich gar nicht wieder. Wußtest du
denn nicht, was du thatest? —“

„Nein, genau gewußt hab ich es erst im Augenblick, als ich mich binden sollte. Bis dahin verwechselte
ich es wohl — mit einer vollen, ganzen Liebe.“

„Ich glaube, du verwechselst es jetzt — mit etwas
zu Geringwertigem. — Denn über die Wirkung wenigstens war doch keine Täuschung möglich, — über alles,
was dich so schön und selig erscheinen ließ. Ich sah es
doch selbst, Fenia. Und du selbst, sagtest du nicht so
wunderschön: es gäbe dir Frieden?“

Sie verschränkte die Arme wieder über dem Kopf,
und schaute mit einem sonderbar stillen Ausdruck gegen
die Decke.

„Frieden!“ wiederholte sie. — „Sieh, er wußte
wohl, daß von der Liebe keineswegs Frieden zu erwarten
ist, — nein, durchaus kein Frieden. — Wie viel Schwanken
und Quälen, wie viel Seelenarbeit und Seelenwandlung
mag's geben, ehe ein Mensch sich so tief in den andern
hineinpflanzt, — ja, so tief, daß die beiden nun wirklich
aus einer Wurzel weiter wachsen müssen, wenn sie gedeihen wollen. — — So war's bei ihm, — und als
es nun so weit war nach allem Kämpfen, — da wurd
es ihm aber auch so klar und einfach, — so ganz klar,
daß wir eins sind und einander die einzige Hauptsache
im Leben. — — Mit so guten, leuchtenden Augen
spricht er davon. — — Wie willst du's da wohl ändern,
daß ich mich — daß ich mich schäme.“

Die letzten Worte stieß sie undeutlich heraus, und
sprang von der Ottomane auf.

„— Frieden —? Ja, es war so etwas, — ein so
träge seliges Ruhen war es. — Aber seitdem ich erwacht bin, — seitdem ich so klar weiß, was es ist,
und erkenne — — nein! ich kann's nicht ertragen!“
sagte sie plötzlich wild, „— mich selbst kann ich nicht
ertragen in diesem Zustand von —; fort muß ich, das
ist es! Das Schwerste, das Notwendigste —“

„Fort von ihm?“ fragte er bestürzt, „hast du daran
gedacht?“

„Es ergiebt sich von selbst, wenn wir uns nicht
offiziell binden wollen. So wie die Lage sich zugespitzt
hat. Heimlich können wir uns nicht mehr sehen. Dadurch ist er zuerst auf den Entschluß verfallen, um jeden
Preis die Heirat zu ermöglichen.“

„Und er weiß, — weiß er, daß du fort willst von
ihm — ?“

Sie sah ihn verständnislos an. Ihre Augen brannten
wie die einer Gestörten.

„Nein. Wissen darf er's nicht. — — Wie käm
ich sonst fort —? Das begreif ich jetzt. Aber doch
wollt ich's ihm sagen, — ich rief ihn dazu her.“

„Und was sagtest du ihm?“

„Was ich ihm gesagt habe?! Ich wollte ihm
sagen, ihn bitten: geh fort von mir, — geh auf immer von mir fort! Aber ich bat ihn nur: bleib bei
mir! bleib bei mir!“

Und sie warf sich in ausbrechendem Schluchzen über
die Ottomane und vergrub ihr Gesicht in den Polstern.

Max blieb daneben stehn, minutenlang, schweigend.
Er versuchte dann, ihr gut zuzureden, aber sie wehrte nur
mit der Hand ab, und hörte nicht auf zu weinen. Endlich murmelte sie:

„Laß mich allein, — bitte, laß mich ganz allein!“

Da verließ er leise das Zimmer und ging, aufs
äußerste besorgt und beunruhigt, nach Haus. Den ganzen
Abend kam ihm Fenia nicht aus dem Sinn, — diese ganz
neue Fenia, die er gar nicht erkannte. Kein Mensch konnte
ihr jetzt helfen, und doch schien es ihm ganz unmöglich,
sie in ihrer Seelenverfassung sich selbst zu überlassen.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Am Morgen
sprach er schon gegen zehn Uhr wieder vor. Er fragte
die Wirtin, ob Fenia zu sehen sei, und erhielt darauf in
ihrem schlechten Französisch die kriechend-freundliche Antwort: „ja, sie sei sicher zu sehen, denn sie erwarte ohnehin Besuch.“

In diesem Augenblick stieß Fenia die Thür ihres
Zimmers zur Treppe selbst auf. Als sie ihn erblickte,
stand sie wie versteinert. Sie war im Straßenkleide, blaß,
ernst, fast kalt im Ausdruck, — völlig anders als gestern.

„Das ist ein großes Unglück!“ sagte sie, als die
Wirtin in ihrer Wohnung verschwunden war, und ließ
ihn zaudernd auf der Schwelle stehn, „— ein wahres
Unglück ist es, daß du gekommen bist.“

„Mein Gott, Fenitschka! ich will dich doch nicht
stören! ich komme ein andermal. Ich geh also wieder.“

„Nein, nein! es ist unmöglich, daß du fortgehst,“
versetzte sie, und faßte ihn beim Aermel, als er sich wenden wollte, „— versteh doch! Er kommt gleich, — er
muß gleich eintreten —“

„Nun, und?“

„Nun, ich kann ihn nicht empfangen, wenn ich dich,
vor den Augen der Wirtin, nicht empfangen konnte.“

Er wollte etwas erwidern, da ging unten eine
Thür, jemand stieg die ersten Stufen hinauf.

Fenia zog ihn an der Hand in ihr Wohnzimmer.
Ueber ihr Gesicht flog etwas Aufblitzendes, das er nicht
verstand, — irgend ein Gedanke kam wie eine Erleuchtung über sie.

„Geh hier hinein!“ sagte sie, und öffnete zu seinem
grenzenlosen Erstaunen die kleine Thür zu ihrem Schlafstübchen.

„— Hier hinein —?!“

Sie blickte ihn mit tiefernsten, glänzenden Augen an.

„Bist du mein Freund?“

„Das weißt du, Fenia.“

„Dann habe Dank, daß du gekommen bist. Dann
leistest du mir vielleicht in diesem Augenblick den einzigen
Dienst, den ein lieber, — nur ein lieber, naher Freund
mir leisten kann. Bleib dort in der kleinen Stube,
bis — bis er wieder fortgegangen ist. Du darfst alles
hören, — es ist nichts, was nicht ein dritter hören
dürfte. — — Aber wenn du hier wieder durchgehst, —
beachte mich nicht.“

Er starrte sie an —. Etwas so Entschlossnes sprach
heute aus ihrem Wesen — —; sie kam ihm vor wie der
Fuchs, der sich die eingeklemmte Pfote selbst abreißt,
um sich zu befreien.

Hatte sie plötzlich erkannt, daß seine Anwesenheit
ihr helfen könnte, — etwa dazu helfen, „nur zu sprechen,
was ein dritter hören durfte,“ um nicht wieder in die
Worte auszubrechen: „bleib bei mir, bleib bei mir“ — —?

Es blieb nicht viel Zeit zum Sichbedenken. Kaum
hatte Max die kleine Schlafstube betreten, und war die
Thür hinter ihm zugefallen, als es schon an der Vorderthür klopfte.

Er sah sich in dem schmalen Raum, den das Bett fast
ganz einnahm, flüchtig um, und lehnte sich ans Fenster.
Dort stand zwischen rot und blau gestickten grauleinenen
russischen Vorhängen ein Rosenstock mit einer einzigen,
eben aufbrechenden Knospe. In der Wandecke daneben
brannte das ewige Lämpchen vor dem üblichen Muttergottesbild.

Max Werner fühlte ein heftiges Unbehagen. Welch
eine seltsame Rolle spielte er doch da in Fenias Leben!

Man vernahm nur undeutlich, was nebenan gesprochen wurde, überdies redeten sie russisch miteinander.
Trotzdem antwortete Fenia unwillkürlich mit halber
Stimme.

Daneben hörte man ein volles, weiches Organ,
— „seine“ Stimme. Er sprach und lachte, wie man im
Glück lacht und spricht.

Nach kurzer Zeit wurde irgend etwas auf dem
Gang draußen laut. Es begann jemand vor Fenias Thür
so eigentümlich zu schlürfen und herumzutreten. Vielleicht
war es die Wirtin in ihrer abscheulichen spionierenden
Neugier, — vielleicht auch nur ein Fremder.

Jedenfalls fingen sie drinnen plötzlich an deutsch
zu sprechen. Aber nun ließ Fenia ihre Stimme noch
mehr sinken.

„Warum sprichst du nur so leise heute?“ fragte
„er“ sie erstaunt, „— deutsch versteht ja hier keine
Seele. — Und weißt du wohl, grade daß du so rücksichtslos laut gesprochen hast, — manchmal, bei Gelegenheiten,
wo es gefährlich war, — das liebte ich so an dir. Du
wolltest nicht unvorsichtig sein, — aber du vergaßest es
immer wieder, — deine Stimme wußte von nichts Heimlichem, — sie klang so kindlich und hell. — — Deine
helle Stimme! Immer hör ich sie, wenn ich allein bin.
Deine Stimme — das bist du.“

Nach einer Weile sagte er:

„Nein, ich will nicht lange bleiben. Nicht, wenn
ich nur gewiß bin, — ganz gewiß, daß du in wenigen
Tagen zurückkehrst. Ist das ganz gewiß?“

„Glaubst du mir nicht?“ fragte Fenia.

Max Werner wollte nicht zuhören. Es war albern
und lächerlich, hier zu stehn und das anhören zu müssen.
Er lehnte sich gegen das Fenster und blickte hinaus. Die
Straße lag in sonntäglicher Vormittagsruhe da. Von
ungezählten Kirchen begannen langsam, eine nach der
andern, die Glocken zu läuten. Die verschiedenen Gottesdienste gingen zu Ende.

Es schien, daß drinnen Abschied genommen wurde.
„Er“ sagte, mit anderm Ton als bisher, schwer,
gepreßt:

„Ja, nur wenige Tage. — Aber ich weiß nicht,
wie mir ist. — — Könntest du jemals vergessen, was
wir uns sind, Fenia?“

In diesem Augenblick erst erinnerte Fenia sich nicht
länger jemandes Anwesenheit. Es war, als stürze sie
in die Kniee, oder an seine Brust, — in diesem Augenblick war sie nur mit ihm allein. —

„Niemals! niemals!“ sagte sie weinend, außer sich,
„niemals kann ich es vergessen, daß ich dein bin.“

Und mit einem Ausdruck, der Max durch alle Nerven
ging, fügte sie hinzu:

„Ich danke dir! ich danke dir!“ — —
— — — — — — — — — — — —

Ein Stuhl wurde fortgeschoben. Man vernahm
nichts mehr. Nichts als das Geläute der Glocken, das
lauter und lauter anschwoll und mit seinen feierlichen Klängen wie ein Lobgesang das ganze kleine
Zimmer erfüllte, — — und alle Glocken sangen und
klangen:

„Ich danke dir! ich danke dir!“
— — — — — — — — — — — —

Sie hatte sich in dieser Stunde für immer von ihm
getrennt, — getrennt aus einem unerträglichen Zwiespalt heraus, in den sie mit sich selber geraten war, aber
sie dankte ihm, — sie riß sich los, um entschlossen in eine
ganz andre Existenz zurückzukehren, aber sie dankte ihm,
— und wenn sie an ihn zurückdachte, vielleicht noch in
ihren spätesten Tagen, würde sie denken wie heute, über
allen Zwiespalt hinaus:

„Ich danke dir! ich danke dir!“
— — — — — — — — — — — — —

Als es nebenan längst still geworden war, und
Max die Thür öffnete und eintrat, stand Fenia am
Fenster.

Sie wendete ihm den Rücken zu. Mit den Händen
hatte sie in die Vorhänge hineingefaßt und ihr Gesicht
darin verborgen. Er sah nur die gebeugte Rückenlinie, und es durchfuhr ihn das Gefühl, als hätte er
dies alles schon einmal erlebt —.

Aber er hatte nur in seiner Phantasie Fenia schon
einmal trauernd und gebeugt gesehen. —

Stumm schritt er durch das Wohnzimmer, und ging
hinweg, wie sie es gewünscht hatte, ohne sie zu beachten
oder anzureden.

Zwei Tage später reiste er aus Rußland fort, ohne
Fenitschka wiedergesehen zu haben. Sie wollte es so.

Eine Ausschweifung.

Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur
Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders
durfte es auch sein, — denn von sämtlichen Männern,
die ich gekannt, gehörst du am engsten und intimsten in
alles das hinein, was mich als Künstlerin angeht: mehr
vielleicht noch, wie wenn du selbst ausübender Künstler
wärst. Wenigstens kommt es mir immer vor, als übte
ich mit Kunstmitteln das ein wenig aus, was du mit dem
ganzen Leben lebst, in deiner reichen Art, die Dinge voll
und ganz zu nehmen und ihnen zu lebendiger Schönheit
zu verhelfen. Für solch ein volles, ganzes Ding nahmst
du auch mich, und liebtest darum mich vor allen andern,
— ich weiß es wohl. In meinen Bildern und Skizzen,
denen niemand so fein nachgegangen ist wie du, schien
dir mein ganzes Ich enthalten zu sein, und dahinter
— ach dahinter lag nur eine alte Jugendschwärmerei,
die kaum von der Wirklichkeit berührt worden ist. Du
hast darin ja auch recht. Und doch — und doch —?
Warum trennten wir uns dann bis auf weiteres, warum
gehst du jetzt umher mit zögernder, halb schon versagender Hoffnung auf unsre Zukunft, — und ich, anstatt in
fröhlicher Arbeit vor meiner Staffelei zu stehn, warum
sitze ich hier am Tisch gebückt, tief gebückt, und schreibe
und schreibe, in allen Nerven gebannt vom Rückblick in
meine Vergangenheit? Oder warum dann dein Argwohn,
und mein Eingeständnis, daß ich nicht mehr kann, was
ich so heiß möchte, — nicht mehr mit voller Kraft und
Hingebung lieben kann, grade als ob ich ein ausgegebener,
erschöpfter Mensch wäre?

Handelte es sich um Ueberwindung von Vorurteilen,
um zu vergebenden Leichtsinn und Fehl im üblichen Sinn,
— o handelte es sich doch darum! Du, so ohne Bedenklichkeiten zweiten Ranges, du, der jegliches versteht
und mitfühlt, würdest mir dadurch nicht verloren gehn.
Aber das ist es nicht, und dennoch ist es so: mich hat
eine lange Ausschweifung zu ernster und voller Liebe unfähig gemacht.

Jetzt, wo ich mir das klar zu machen versuche, kommt
der Gedanke voll Erstaunen über mich: wie viel weniger
unser Leben von dem abhängt, was wir bewußt erfahren
und treiben, als von heimlichen, unkontrollierbaren Nerveneindrücken, die mit unsrer individuellen Entwickelung
schlechterdings nichts zu schaffen haben. Seit ich überhaupt denken kann, seit ich von eignen Wünschen und
Hoffnungen bewegt werde, bin ich der Kunst entgegengegangen, habe ich mich an ihr entzückt, oder um sie gelitten, und lange noch ehe ich mich ihr wirklich widmen durfte, in irgend einem Sinne schon im Umkreis
der ihr verwandten Sensationen gelebt. Und trotzdem
würde jetzt, wollte ich dir mein Leben erzählen, von der
Kunst kaum die Rede sein, und kaum würde sie ärmlichsten
Raum finden, riesengroß aber müßte in den Vordergrund
treten, was doch in meinem individuellen Bewußtsein
kaum existiert, und was mir selbst immer schattenhaft
undeutlich geblieben ist.

An einem heißen Sommertag, weit hinten an der
deutsch-galizischen Grenze, wo mein Vater damals in Garnison stand, saß ich einst als ganz kleines Mädchen auf
dem Arm meiner frühern Amme und sah zu, wie sie
von ihrem Mann über den Nacken geschlagen wurde,
während ihre Augen in verliebter Demut an ihm hingen.
Der kraftvolle gebräunte Nacken, den sie der Hitze wegen
offen trug, behielt einen tiefroten Striemen, doch als
ich im Schrecken darüber zu weinen anfing, da lachte
meine galizische Amme mir so glückselig ins Gesicht, daß
mein Kinderherz meinen mußte, dieser brutale Schlag
gehöre zweifellos zu den besondern Annehmlichkeiten ihres
Lebens. Und vielleicht war es in der That ein wenig der
Fall, denn weil sie sich, mit der fast hündischen Anhänglichkeit mancher slavischen Weiber, geweigert hatte, unser
Haus zu verlassen, nachdem sie mich neun Monate lang
mit ihrer Muttermilch genährt, fürchtete sie nun immer,
ihr Mann möchte einmal aufhören zu ihr zu kommen
und weder Liebe noch Zorn für sie übrig behalten. Jedenfalls prügelte er sie oft, wenn er kam, und niemals
tönten ihr die Volkslieder heller von den Lippen, als
nach solch einem festlichen Wiedersehen.

Viele früheste Kindheitserinnerungen vorher und nachher, — ja selbst noch jahrelang nachher, — sind mir spurlos verblichen. Aber etwas von der fast wollustweichen
Demut im Ausdruck der Blicke und Gebärden meiner
Amme in jenem Augenblick ist mir später oft noch im
Gedächtnis wieder aufgetaucht, immer zugleich mit dem
glückseligen Klang ihres gedämpften Lachens und mit dem
Eindruck der brütenden Sonnenwärme um uns. Wer
will abwägen, wie unendlich zufällig, wie rein äußerlich
bedingt es vielleicht ist, wenn mir bei dieser Erinnerung
zum erstenmal ein wunderlicher Schauer über den Rücken
gelaufen sein mag? Sind es aber nicht tausendfach Zufälle, die unser verborgenstes Leben mit heimlicher Gewaltthätigkeit durch das prägen, was sie früh, ganz früh, durch
unsre Nerven und durch unsre Träume hindurchzittern
lassen? Oder liegt es vielleicht noch weiter zurück, und
zwitschert uns, schon während wir noch in der Wiege
schlummern, ein Vögelchen in unsern Schlaf hinein,
was wir werden müssen, und woran wir leiden sollen?
Ich weiß es nicht, — vielleicht ist es auch weder eines
Zufalls noch eines Wundervögelchens Stimme, die es
uns zuraunt, sondern längst vergangener Jahrhunderte
Gewohnheiten, längst verstorbener Frauen Sklavenseligkeiten raunen und flüstern dabei in uns selber nach: in
einer Sprache, die nicht mehr die unsre ist, und die wir
nur in einem Traum, einem Schauer, einem Nervenzittern noch verstehn —.

Meine Eltern sah ich immer nur in wahrhaft musterhafter Ehe, — in einer jener Ehen, die gewiß selten genug
vorkommen, wo das heranwachsende Kind in seiner
intimen Umgebung fast nichts wahrnimmt, als wohlthuende Harmonie ohne Erregungen. Mit dieser Harmonie verhielt es sich aber so: mein liebes Mütterchen
that alles, was mein Vater wollte, er aber alles, was
ich wollte. Seiner ursprünglichen Abstammung nach
vielleicht wendischen Blutes, war er von beiden der Temperamentvollere, Glänzendere, voll von künstlerischen, wenn
auch vernachlässigten Anlagen und der unsinnigsten Zärtlichkeit für das einzige Kind, das auffallend seiner eignen
Familie mit ihrem dunkeln Ton und ihrer fast südlichen
Blässe nachschlug. Er gab mir mit Enthusiasmus den ersten
Zeichenunterricht und dispensierte mich von allen bürgerlichen Kleinmädchenbeschäftigungen. Meine gute Mutter
schüttelte wohl manchmal über uns beide den Kopf, doch
da ich an Heftigkeit des Temperaments und der Wünsche
dem Vater am meisten glich, so liebte sie mich am
hingebendsten grade in dem, worin ich ihr am fremdesten war, und hieß alles gut. Ich aber ging inzwischen
umher und diente glückselig jedem leisesten Wink dieser
Eltern, deren Liebe in mir zusammenlief, und alles nach
ihrem Willen aus mir hätte formen können wie aus erwärmtem Wachs, das dem zartesten Druck nachgiebt.

In meinem siebzehnten Jahre wurden wir von der
galizischen Grenze nach Brieg in Schlesien versetzt, und
bezogen dort die schöne Obristenwohnung im Villenviertel
unten am Fluß. Von Brieg aus sollte ich noch weiter
fort, ich sollte nun endlich unter der Leitung eines tüchtigen Lehrers der ersehnten Kunst zugeführt werden. Von
diesem Plan träumten mein Vater und ich auf das ernstlichste, doch kam es ganz anders, weil er zu kränkeln
anfing, so daß keine Rede davon sein konnte, ihn zu verlassen. Ich aber, — ich verliebte mich über Hals und
Kopf in meinen Vetter Benno Frensdorff.

Von Benno hatte ich seit meiner Kindheit viel im
Hause sprechen hören, und immer im Tone außergewöhnlicher Achtung. Er war, früh verwaist, mit Hilfe meiner
Eltern erzogen worden, und fiel schon als Knabe durch
den unheimlichen Fleiß auf, womit er, immer um bezahlte Nachhilfestunden bemüht, das Gymnasium absolvierte. Dann studierte er Medizin, und befand sich jetzt
als Hilfsarzt in der Kreisirrenanstalt von Brieg, wo ich
ihn zum erstenmal kennen lernte.

Die vorzüglichen Eigenschaften, die man an ihm
rühmte, hatten mir nur einen ganz vagen Eindruck gemacht. Aber eine andre seiner Eigenschaften that es mir
augenblicklich an: Benno war schön. Schöne Menschen
sind immer mein ganzes Entzücken gewesen, und wenn
auch mein künstlerischer Geschmack heute etwas andres
darunter versteht als damals, so muß ich doch Benno
auch heute noch zugeben, daß er in seiner jungen Männlichkeit, mit dem ernsten blonden Kopf und dem hohen Jünglingswuchs, wie man ihn nicht oft findet, ganz auffallend
gut aussah. Wenigstens stach er genugsam von den geschniegelten Referendaren und Lieutenants ab, die auf
der Eisbahn und in den Kaffeekränzchen uns jungen Mädchen den Hof machten, und es gab ihm schon etwas
Apartes, daß er durchaus keine Zeit fand, mit uns
Schlittschuh zu laufen und Kaffeekränzchen zu besuchen,
sondern schweigsam beiseite stand und durch seine Brillengläser jeden daraufhin zu beobachten schien, ob er nicht
auch in sein Narrenhaus gehöre.

An Benno bin ich in einem erotischen und ästhetischen Rausch zum Weibe erwacht; meine Neigung zu
ihm war so zutraulich und leidenschaftlich zugleich, daß in
mir, die ja auch nur Liebe gekannt hatte, nie der geringste Zweifel an seiner Gegenneigung entstand, obgleich
Benno mich nicht stark beachtete. Er hat mir später
gesagt, eine Werbung um mich sei ihm bei seinen
geringen Zukunftsaussichten und bei seiner scheuen Dankbarkeit gegen meine Eltern stets ganz toll und undenkbar erschienen. So kam es denn, daß im Grunde ich
um ihn warb; mit berauschter Zuversichtlichkeit ging ich
ihm entgegen, näher, immer näher, und in kurzem war
ich seine Braut.

Sich so zu verlieben, hätte wohl auch einer andern
passieren können, selbst mit anderm Temperament als
meines. Daß diese Liebe erwidert wurde und zur Verlobung führte, ist ein unglücklicher Zufall; hätten wir
uns nun rasch heiraten können, so wäre wohl für mich
die Enttäuschung auf dem Fuße gefolgt, oder aber
es würde die Mutterschaft mich vielleicht in meinem
ganzen Wesen stark verwandelt haben. Von alledem trat
nichts ein, wir konnten noch nicht bald heiraten, und
unter den gefährlichen Liebkosungen des Brautstandes
steigerte sich mein junger Liebesrausch zu einer Sehnsucht
und Gemütsspannung, die das ganze übrige Leben förmlich entfärbte.

Um diese Zeit starb mein Vater, indem er mit
tiefem Vertrauen meiner Mutter und mir Benno zum
Hüter und Berater bestellte. Monate voll schwerer Trauer
folgten; meine Mutter und ich, die beiden unselbständigen,
verwöhnten Frauen, warfen alle unsre Hoffnung auf
Benno allein.

Zunächst wurde die Wohnung im Villenviertel geräumt und ein Haus bezogen, das neben der Irrenanstalt stand, wo Benno sein Dienstzimmer hatte. Es
war ein altmodisch gebautes Haus, in dessen Erdgeschoß
außer uns einer der angestellten Aerzte wohnte, über
uns aber der Rendant der Irrenanstalt mit seiner Frau
und zwei Töchtern. Als wir dorthin umzogen, kam es
mir vor wie eine Uebersiedlung nach einem ganz fremden Ort, obwohl dieses Brieger Viertel gar nicht weit
vom ältesten Mittelpunkt der Stadt, vom Rathaus und
von den Gartenanlagen auf dem ehemaligen Wallgraben,
entfernt ist, und ich oft genug den mächtigsten Gebäudekomplex, den Brieg besitzt, zum Himmel hatte aufragen
sehen: die Kreisirrenanstalt und das Zuchthaus. Aber
erst jetzt sah ich sie wirklich: das erste auf zwei Seiten
von schönem Park umgeben, das andre von einer haushohen Mauer umschlossen, die einen Kranz spitziger
Eisenstacheln trug, und an deren Fuß Haufen schneidender Glasscherben lagen. Trotz dieser Verschiedenheit aber
glichen sie einander im düstern Gesamteindruck, den sie
machten, beides Gefängnisse leidender Menschheit, von
denen die ganze Straße einen eigentümlich schwermütigen
Anstrich erhielt.

Unsre Vorderfenster sahen gradezu auf das hohe
Mauerwerk mit den Eisenstacheln, durch die Seitenfenster
des Wohnzimmers aber erblickte man, über den parkumstandenen Hof des Irrenhauses hinweg, die vergitterten Scheiben der Abteilung für Tobsüchtige.

Am Abend nach unserm Einzug, während die alten
zierlichen Barockmöbel mit ihren Goldleisten und geschweiften Beinen noch ziemlich ratlos umherstanden und
nicht recht wußten, wo in diesen langen, niedrigen Stuben
unterzukommen, erfaßte mich ein Ausbruch wilder Verzweiflung. Meine arme Mutter war so erschrocken, daß
sie am liebsten gleich wieder fortgezogen wäre. Sie erwog in aller Geschwindigkeit ganz im Ernst schon einen
solchen Plan.

„Denn wir müssen ja nicht notwendig hier wohnen,
— nicht wahr, Benno? wir können es ja schließlich auch
in einer andern Straße,“ meinte sie.

Benno hatte sich kurz nach ihr umgewandt, er antwortete aber nichts, sondern ging nervös im Zimmer auf
und ab. Erst als meine Mutter hinausgegangen war,
um für das Abendbrot zu sorgen, hielt er inne, kam auf
mich zu und umfaßte mich rasch und heftig.

„Adine!“ flüsterte er heiß an meinem Ohr, „— wenn
ich nun hier, grade hier mit allen meinen Zukunftsaussichten Fuß fasse —? Und ich erhoffe das für uns!
Wirst du mich dann auch allein hier am Irrenhause
wohnen lassen?“

Ich sah ihn zaghaft an.

„—Könnte das sein? wird es — wird's so sein?“

Er nickte nur leise.

Ich schwieg, und drückte mein Gesicht gegen seine
Schulter und umschlang fester seinen Nacken. Ich war
schon besiegt, als er mich nur in die Arme nahm. Natürlich blieb ich auch jetzt schon, wo er war, natürlich
wollte ich, was er wollte.

Auch für die Zukunft. Aber unser gemeinsamer
Zukunftstraum, der sich nun hier verwirklichen sollte,
und etwas wie eine unverstandene Angst flossen seltsam
ineinander über in einem schwachen Gruseln, womit ich
mich leidenschaftlicher, banger an seine Brust schmiegte.

Meine Mutter trat herein, und als sie uns so zusammenstehen sah, seufzte sie erleichtert auf.

„Nun ist wohl alles wieder gut?“ bemerkte sie fragend, und sah Benno an wie einen, der für alles Rat weiß.

Benno ließ mich los und antwortete voll Heiterkeit:

„Von Rechts wegen und meinen Wünschen nach
müßte Adine in goldenem Königspalast wohnen. Aber
sie hätte mich ja nicht lieb, bliebe sie nicht hier.“

Die nächsten Tage ging ich umher und beobachtete
unausgesetzt ein jedes Ding in meiner neuen Umgebung.
Meine tiefste Aufmerksamkeit erregte das Zuchthaus uns
gegenüber. Bisweilen konnte man zu einer bestimmten
Morgenzeit einige Zuchthäusler sehen, die gefesselt schräg
über unsere Straße zu irgend welcher Arbeit in einen
der Gefängnishöfe hinübergeführt wurden. Seitdem ich
das bemerkt hatte, stand ich stundenlang mit müßig niederhängenden Armen am Fenster und wartete auf diesen
Anblick.

Benno traf mich dabei an und schüttelte unzufrieden
den Kopf.

„Du bist ein kleiner Faulpelz geworden, Adine,“
sagte er, „ich kann nicht begreifen, was dir dran liegt,
die Burschen anzusehen.“

„Ach, sieh nur hin,“ versetzte ich gequält, „sieh nur,
wie sie vorübergehn, ohne jemals den Blick zu heben.
Ich habe versucht, sie zu grüßen. Wir würden sie doch
so herzlich gern grüßen, nicht wahr? Aber sie sehen es
gar nicht, sie wollen es vielleicht gar nicht sehen, — —
vielleicht hassen sie uns im stillen? — — und leben doch
so dicht bei uns, — so dicht, — bis sie sterben.“

„Du mußt eine vernünftige Beschäftigung haben,“
antwortete Benno darauf, „du wirst doch keine krankhafte und sentimentale Pflanze werden, Adine? Das
kommt nur vom Müßiggang.“

Er hatte mehr recht, als er wußte: Jahre nachher
ist ein Sträflingskopf mein erster künstlerischer Erfolg
gewesen. Die Möglichkeit, mich künstlerisch in strenger
Arbeit zu entwickeln, und mich auf diesem mir einzig
natürlichen Wege von allen neuen Eindrücken zu entlasten, würde mich bald wieder froh gemacht haben.

Aber die Beschäftigung, die Benno für mich im
Sinne hatte, führte mich in die Küche und an die Nähmaschine. Meiner Mutter leuchtete das vollkommen ein,
es war ja auch die nächstliegende Vorbereitung für mein
zukünftiges Leben.

Am Kochherd und bei der Nähmaschine befreundete
ich mich mit der ältesten Tochter des Irrenhausrendanten,
der über uns wohnte, mit Gabriele, einem lang aufgeschossenen, rothaarigen, sommersprossigen Backfisch. Sie
hatte unendlich viel im Hausstand und für die kleine
Schwester zu thun; obgleich sie aber zwei Jahre jünger
war als ich, erledigte sie alles immer außerordentlich
rasch und gut. Deswegen bewunderte ich Gabriele, während sie mich, trotz einer gewissen Liebe, etwas verachtete.

Eines Abends, als wir bei einer Näherei in meiner
Stube saßen, sprach sie es ganz offenherzig aus.

„Es ist albern, daß du dich so mühst, da du ja viel
lieber malen und zeichnen möchtest,“ sagte sie, „ich will
dir nur sagen, daß mir diese Arbeiten ganz ebenso verhaßt sind wie dir.“

„Dir?! Aber Gabriele, dann machst du es ja grade
wie ich!“ bemerkte ich voll Sympathie mit dem unerwarteten Leidensgefährten.

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich thu's für ein Versprechen: daß ich dann später
zum Oberlehrerinnenexamen lernen darf — in Berlin,“
versetzte sie, und konnte ein Lächeln der Genugthuung
nicht zurückhalten. „Manchmal lerne ich jetzt schon heimlich des Nachts dafür vor — oder in Freistunden. Siehst
du, das hat einen Sinn! Aber du — du willst ja nur
heiraten.“

„Bin ja verlobt, Gabriele,“ sagte ich leise und selig.

„Man soll nicht verlobt sein,“ meinte Gabriele
geringschätzig, und betrachtete ihre langen rötlichen Hände,
„— ein Mann, huh! ich könnte davonlaufen. Warum
du nur alles thust, was er will?“

„Ich möchte gern ganz so werden, wie er will,“
entgegnete ich unruhig, und fühlte plötzlich deutlich, daß
ich gar nicht so war, wie er wollte, und daß Gabriele
mir gewaltig imponierte. Sie that ja nur zum Schein
Frondienste, in Wirklichkeit hatte sie ihr eignes Ziel
dabei.

Gabriele bemerkte halblaut und dringend:

„Mal du doch auch heimlich! Zeichne heimlich. Hat
er's verboten?“

„Nein, nein!“ rief ich heftig, „er hat mir sogar
vorgeschlagen, Stunden zu nehmen. Aber ich —“

„Nun?“ unterbrach Gabriele mich gespannt.

„— Ich glaube, ich liebe die ganze Kunst nicht
mehr, — nur ihn,“ sagte ich, fast zitternd während ich
es aussprach, aber im geheimsten Herzen war es doch nur
Furcht, die mich von meiner geliebten Kunst hinwegscheuchte, Furcht wie vor der großen Verführung, der
nichts widersteht: ich fühlte, daß sie mich losreißen würde
von allem, was Benno wollte, und was ich also selbst
wollte, und mich ihm ganz fremd machen würde —.

Ich konnte Gabriele nicht einmal um ihre sichere
Kampfesfreude gegen ihre ganze Umgebung beneiden,
denn ich war ja so leidenschaftlich bereit zu unterliegen,
und sollte ich selbst darüber in tausend Stücke gehn.
Das Ideal einer kleinen Brieger Hausfrau, das ihr nur
lästig und lächerlich erschien, und das sie deshalb nur so
nebenher, mit halber Kraft, verwirklichte, trug für mich
geheimnisvolle Märtyrer- und Asketenzüge; ich ging einen
Weg der gewaltsamen Selbstkasteiung aus lauter hilfloser Liebessehnsucht.

Die Folgen blieben nicht aus. Ich wurde blaß
und mager, und von immer krankhafterer Unsicherheit
und Reizbarkeit. Benno, der ohnehin die Grenzen des
Normalen allzu eng steckte, und bei all seinen eingeheimsten
Kenntnissen doch noch wenig Lebenserfahrung besaß,
schien besorgt, meine Mutter fing an ratlos zu trauern.

Der ärztliche Ausdruck, der zuweilen in Bennos ohnehin so ernstem Gesicht vorherrschte, machte mich noch
scheuer; ich war ja jetzt seiner Liebe keineswegs mehr
so naiv sicher wie einst: je untauglicher ich mir selbst
für alles vorkam, was er mit mir vorhatte, desto unfehlbarer und autoritativer kam er mir vor, und seine
Liebe als etwas nur durch Selbstüberwindung sicher zu
Erringendes.

Durch diese gewaltsame Unterordnung unter ihn
vermischte sich in meiner Leidenschaft das Süßeste mit
dem Schmerzlichsten, fast mit dem Grauen. Das ist ja
gewiß nicht der Fall, wo ein Weib schon an sich viel
untergeordneter ist als der Mann. Sonst aber kann es
zu einer furchtbaren Würze der Liebe werden, zu einer
so ungeheuren Aufpeitschung der Nerven, daß das seelische
Gleichgewicht notwendig verloren gehen muß.

Oft wenn ich abends schon zur Ruhe gegangen war,
hörte ich an den gedämpften Stimmen, die bis zu mir
herübertönten, wie Benno und meine Mutter noch lange
im Zwiegespräch bei einander blieben. Ich ahnte nicht,
was sie miteinander berieten. Ich erfuhr es erst, als geschah, was endlich geschehen mußte: als Benno unsre
Verlobung auflöste.

Seltsamerweise habe ich von diesem entscheidenden
Vorgang keine bis in die Einzelheiten präzise Erinnerung
behalten. Kaum weiß ich noch, was er mir sagte, —
nur meine eigne Stimme höre ich noch, und wie ich aufschrie in Schmerz und Entsetzen, wie ich niederstürzte
vor ihm und die Hände zu ihm aufhob —.

Von jener Stunde aber ging zwingend eine Macht
aus, die in meiner Phantasie Bennos Bild übertrieb
und fälschte, die ihn hart und grausam, streng und stark
bis zur Ueberlebensgröße erscheinen ließ. Konnte es anders
sein? Wär er sonst dazu imstande gewesen, mich trotz
aller meiner demütigen Bemühungen unwürdig zu befinden und hinwegzustoßen?

Meine Mutter weinte viel, gab ihm jedoch in allen
Stücken recht, und reiste mit mir ins Ausland, wo ich
mich erst erholen, dann aber ganz meinen alten Wünschen gemäß entwickeln sollte. Als ich von Benno fortkam, meinte ich, daß er mich zu lauter jämmerlichen
Scherben zertreten habe. Lange Zeit litt ich halb besinnungslos. Dann aber siegte das Glück, meiner Kunst
leben zu dürfen, und erwies sich als stärker als die alte
Jugendleidenschaft. Einem Traum gleich, den man beim
vollen Erwachen nicht mehr festzuhalten vermag, sank
sie ins Schattenhafte hinab.

Meine Mutter zog später wieder zu Benno nach
Brieg, und nur im Sommer sah ich sie auf Wochen,
oder auch auf Monate bei mir. Ich selbst verbrachte etwa
sechs Jahre in tüchtiger Arbeit, bei manchen Entbehrungen
und Anstrengungen, dann richtete ich mir hier in Paris
mein kleines Atelier ein, — und das war eine schöne
Zeit: eigentlich die erste ganz sorgenfreie, ganz erfolgreiche Zeit. Zum erstenmal atmete ich auf und nahm
das Leben endlich auch wieder von seiner heitern Genußseite.

Da, — vor einem Jahr ungefähr, es war gegen
Weihnachten, — entschloß ich mich plötzlich zu einer kurzen Heimfahrt.

Meine Mutter hatte schon in ihren Briefen dringend
darum gebeten, aber den Ausschlag gab ein Brief von
Benno selbst. Ich empfing ihn während eines kleinen
Einweihungsschmauses in meinem Atelier und konnte ihn
nur rasch, in Gegenwart von andern, durchlesen. Dennoch
machte der Anblick der altvertrauten Handschrift mit ihren
festgefügten runden Buchstaben einen ganz seltsam aufregenden Eindruck auf mich.

Benno schrieb unter dem Vorwand, den Wunsch
meiner Mutter auch seinerseits noch zu unterstützen. In
Wirklichkeit trieb ihn jedoch etwas andres zu diesem
Brief: auf Grund von allerlei umlaufenden Gerüchten
schien er beunruhigt über meine „allzufreie“ Lebensgestaltung, wie er sie nannte, und hielt sich für verpflichtet, mich vor Verleumdungen zu warnen, — oder
auch vor mir selbst.

Ganz klar war es nicht, was von beidem er meinte.
Seine Worte enthielten viele philiströse Bedenklichkeiten,
über die ich lächeln mußte, auch viel Unkenntnis des
Provinzlers und Fachmenschen hinsichtlich des Lebens in
Weltstädten und unter Künstlern. Ja, das wußte ich ja
nun längst: Benno verkörperte nicht gerade den Begriff
eines unfehlbaren Idealhelden, sondern mochte das Prachtexemplar eines eingefleischten Pedanten und Moralisten
sein. Ungefähr das Gegenteil von all dem, was jetzt
meine leicht gefesselte Phantasie entzücken und verführen
konnte. Aber daß er sich erdreistete, so zu schreiben,
daß er sich für verpflichtet hielt, so zu kontrollieren, was
ich thun durfte und nicht thun durfte, — er, der mich
ja nicht einmal geliebt, — nein, geliebt hatte er mich
nicht, sondern fortgestoßen —.

Ich konnte über eine unerklärliche Erregung nicht
Herr werden, während ich unter meinen Gästen umherging, und lachte und scherzte.

In diesem Augenblick fiel mein Blick auf eine aufgeschlagene Mappe, worin ich einige wertvolle Kunstblätter aufbewahrte und die eben von einer jungen Malerin
besehen wurde. Obenauf lag die bekannte Radierung
Klingers „Die Zeit den Ruhm vernichtend“. Wie
manches Mal schon hatte ich den gepanzerten Jüngling angeschaut, der, eherne Allmacht im Antlitz, dem vor ihm
niedergeworfenen Weibe erbarmungslos mit dem Fuß in
die Lende tritt ——.

Plötzlich weckte er irgend eine Ideenassociation in
mir, plötzlich rührte er an irgend etwas, — und eine
lang, lang vergessene, eine tote Sensation meines eignen
Lebens regte sich dunkel —.

Ich kann mit Worten nicht deutlich schildern, wie
es war. Ich glaube nicht, daß ich dabei an eine bestimmte Situation gedacht habe, zum Beispiel an Bennos
brutale Lösung unsrer Beziehungen, oder daran, daß ich
mich damals von ihm „zertreten“ fühlte, oder überhaupt
an seine Person, — aber doch hing es mit ihm zusammen, als mir ein Schauer über den Rücken ging, —
ein Schauer von so lähmend intensiver Erschütterung,
daß ich unwillkürlich vor dem Bilde die Augen schloß.

Ich nahm nur noch mechanisch an der Unterhaltung
teil, innerlich blieb ich tief benommen, denn mir war,
als starrte ich durch meine ganze Umgebung hindurch auf
etwas, das sich nur lange verborgen gehalten hatte, aber
doch immer dagewesen sein mußte, gleich schattenhaftem
Hintergrund, — oder als sänke mein ganzes glückliches
gegenwärtiges Leben langsam zu meinen Füßen nieder,
wie ein dünner blumengestickter Schleier, und dahinter
stände hoch aufgerichtet das Wirkliche, Wesenhafte, —
— ja was? etwas wie die Silhouette eines gepanzerten
Mannes? oder Benno selbst, der mich in den Armen
hielt und mich den ersten Liebesrausch lehrte, und das
erste Grauen vor der Abhängigkeit der Liebe? — —
oder lag es nicht vielleicht weit, weit zurück in jener
fernsten Kindheit, wo ich noch auf dem Arm meiner galizischen Amme saß, und die Sommersonne heiß um uns
brütete, und wo von der erhobenen harten Hand des
Mannes ein feuerroter Striemen auf dem demutsvoll
geneigten Frauennacken blieb —? — —

Einige Tage später befand ich mich auf der Reise
nach Brieg. Während der langen Eisenbahnfahrt erzählte ich es mir selber wohl hundertmal, wie wunderlich eng und klein mir alles in der Heimat vorkommen
werde, aber zugleich freute ich mich all dieses Engen und
Kleinen, als des heimatlich Vertrauten, was ich nun
wiedersehen sollte; es durfte sich nicht weiterentwickelt
haben, sondern mußte, um zu wirken, genau so geblieben
sein, wie es war, grade wie eine alte Kinderfibel, die
ohne ihre naiven Lehren und Verschen auch nicht mehr
ein Erinnerungsbuch wäre.

Es reute mich nicht mehr, Paris verlassen zu haben,
trotzdem ich grade jetzt dort den Winter hatte genießen
wollen, — und doch lag in der Stimmung, worin ich
diese Reise unternahm, mir unbewußt, ein tieferer Leichtsinn, der von dunkeln Sensationen träumte, als in allen
Genüssen, zu denen ich mich dort hätte verleiten lassen
können.

In Brieg langte ich am Abend nach neun Uhr an.
Den Tag meines Eintreffens hatte ich absichtlich nicht
gemeldet, ich ließ mein Gepäck am Bahnhof und ging
langsam über den Wallgraben unsrer Steinstraße zu.

Es schneite. Ein mächtiger Wind, von Norden
daherfahrend, fegte über die Oderniederungen und die
schlesische Ebene hin, das kleine Brieg lag förmlich eingesargt im tiefen weißen Winterschnee. Bei diesem
Wetter waren die winkligen Gassen trotz der Weihnachtszeit noch stiller, noch menschenleerer als sonst, und in den
Häusern brannten die Lampen hinter fest zugezogenen
Vorhängen.

Man konnte in dem von Schneeflocken umtanzten
Laternenschein nicht gerade viel erkennen, aber das sah
ich doch mit lebhaftem Bedauern, bis zu welchem Grade
die alte charakteristische Stadtphysiognomie sich im Lauf
der Jahre verjüngt zu haben schien. Schon vermißte
ich an den schmalen alten Häusern hier und da das
köstlichste Giebelwerk, und überall hatte die schlechte Glätte
billiger Modernisierung begonnen, die verfallende Schönheit zu ersetzen. Auch Brieg ging also vorwärts! es
war nicht mehr ganz das alte, vertraute Städtchen, auf
dessen winklige Enge ich mich gefreut hatte. Der Fortschritt des Lebens mit seinen praktischen Anforderungen,
der häufiger das Banale nützlich findet als das Seltene,
hatte auch hier manches Schöne als Hindernis aus dem
Wege geräumt.

Als ich bei unsern großen, einförmigen Anstaltsgebäuden anlangte, sah ich ganz nah am Eingang unsers
Hauses einen Mann stehn, im weiten Mantel und eine
Fellmütze auf dem Kopfe.

Er stand ganz regungslos da, und blickte mir entgegen,
während ich mich am Parkgitter des Irrenhauses entlang
ihm mehr und mehr näherte. Der Laternenschein fiel
ihm in den Rücken, so daß seine Züge im Dunkeln
blieben, aber ich wußte doch sofort, daß, es Benno war.
Mich ergriff eine kindische Freude, so groß, wie ich sie
nie für möglich gehalten hätte, zugleich mit dem Verlangen stehn zu bleiben.

Aber das erlaubte der Sturm nicht; er blies mich
von hinten an, als wehe er mich ihm einfach entgegen.
Ich konnte merken, wie an meinem Reisehut der zurückgenommene Schleier zerrte und flog, gleich einem ungeduldig aufflatternden gefesselten Vogel.

Und jetzt kam Benno mir langsam entgegen.

„Dina!“ rief er mit unterdrückter Stimme, noch
eh ich bei ihm war.

„Da bist du ja!“ sagte ich froh, ließ achtlos meine
kleine Reisetasche auf den Schneeboden gleiten und streckte
ihm beide Hände entgegen, „— hast du mich denn erkannt?“

„Adine! so unerwartet und unangemeldet, — von
niemand empfangen!“ äußerte er wie in tiefem Staunen, und dann: „Erkannt — ja, erkannt, noch eh ich
wußte, daß du es sein könntest. An deinem Gang.
Nur grade am Gang. Dies sorglos wiegende Schlendern, — nur du gehst so, — es sieht aus, als ob es
auf der Welt nur lauter geebnete Wege gäbe, oder als
schritte ein unsichtbares Wesen vor dir her, das sie dir
ebnet. — — Und du kommst im Schnee — — zu
Fuß?“

„Ja freilich, zu Fuß, von Stein zu Stein, über
das bekannte alte Pflaster. Es war ja noch früh. Schön
war's. Der Schnee, der fiel so dicht; — das alte
Brieg! wie es aussah im Schneesturm!“

Dabei blies uns der Wind immerzu die breiten
Flocken ins Gesicht, während wir dastanden und sprachen,
wie wenn ich bereits zu Hause wäre, wie wenn ich dazu
nicht erst einzutreten brauchte.

Benno hob meine Reisetasche vom Boden auf und
bemerkte:

„Deine Mutter, Tante Lisette, wird ganz außer sich
vor Freude sein. Sie konnte es kaum noch erwarten.“

„Ich gehe leise zu ihr hinein, — gieb mir den
Schlüssel,“ sagte ich und trat neben ihm ans Haus,
„— oder kommst du mit?“

Er schüttelte den Kopf und wies nach der Irrenanstalt hinüber.

„Ich muß noch dorthin, — stets um diese Stunde
noch einmal inspizieren —. Also auf morgen. Schlaf
gut daheim.“

Ich gab ihm beim Eintreten noch einmal die Hand.

„Auf morgen!“ wiederholte ich heiter, „da seh ich
dich also eigentlich wieder. Denn heut haben wir uns
ja noch keineswegs wiedergesehen. Zwei Stimmen im
Dunkeln! Zwei Stimmen, die dem Wiedersehen vorausgelaufen sind. — — Und die nun aufhören müssen zu
schwatzen.“

„Gute Nacht, Adine, Nimm die Hand fort, du
klemmst dich,“ sagte er beim Schließen der Thür. Das
klang so nüchtern und ängstlich, daß ich unwillkürlich
noch einmal zwei Finger in die Thürspalte steckte. Ich
rief hinaus:

„Ich muß dir noch sagen: es ist schön, daß
wir uns getroffen haben — im Schneegestöber am
Hause. Es ist ja nur ein Zufall, aber grade darum
ist's schön.“

Die Thür fiel ins Schloß. Einen Augenblick lang
schien Benno draußen noch still zu stehn, wie wenn er
lauschte, — dann knisterte der Schnee unter den langsam sich entfernenden Schritten.

Auch ich, drinnen im schwach erhellten Hausflur,
stand noch und horchte, — ich horchte noch auf die beiden verklungenen Stimmen im Dunkeln, als ob sie mir
ein langes Märchen erzählten, und eigentlich ein neues
Märchen, — meine frohe, fast übermütige Stimme,
die weit heller als die seine, und dann seine gedämpfte,
zögernde Stimme, aus der so vieles — so seltsam
vieles unter den alltäglichen Worten hervorsprach, und
die Worte förmlich leer und sinnlos machte durch diesen
Unterklang —.
— — — — — — — — — — — —

Am nächsten Tage wurde ich durch einen langgezogenen schrillen Glockenton geweckt, der aus einem der
Arbeitshöfe des Zuchthauses herüberschallte.

Meine Mutter, im großen Ehebett an der gegenüberliegenden Längswand, schlief noch, oder that so, um
mich nicht zu stören. Durch das Fenster schimmerte hellgrau das Morgenlicht über die ausgeblichenen Cretonnevorhänge mit ihren lustigen grünen Blumen und Vögeln,
und jedes einzelne der alten Möbelstücke sah mich vertraut
und grüßend an.

Ich dehnte mich voll Behagen in meinen Kissen. In
dieser süßen Indolenz der Stimmung war es herrlich,
sich hier ein wenig pflegen und verziehen zu lassen. Bald
genug kam ich ja wieder in mein eignes Leben draußen
zurück, in mein eignes Schaffen und Genießen.

Mein Blick fiel auf das liebe faltige Gesicht im
weißen Nachthäubchen, das über der verblaßten grünseidenen Steppdecke herausschaute. Ohne diese gute Mutter
mit ihren bereitwilligen Liebesopfern hätt ich mir nie
meine freie, glückliche Künstlerexistenz erringen können.
Damit mir das gelingen möchte, saß sie nun hier so geduldig und einsam ohne Tochter, und mühte sich heimlich damit ab, sich für Malerei zu interessieren, was doch
so ganz hoffnungslos war. Der Offizierskreis in Brieg,
ihr einstiger alter Gesellschaftskreis, äußerte sich ziemlich
tadelnd über diese fernlebende Tochter, und ich wußte
wohl, daß meine Mutter mich dann verteidigte wie eine
Löwin ihr Junges, und daß die Leute sich des Todes verwunderten, bis zu welchen modernen Anschauungen sie
sich dabei zuweilen verstieg. Aber in Wirklichkeit war
sie weder eine Löwin noch ein moderner Bahnbrecher,
sondern ganz einfach eine einsame alte Frau, deren
Lebensauffassung himmelweit von der ihres Kindes entfernt war —.

Ich glitt geräuschlos aus dem Bett, kam auf nackten
Sohlen zur Halbschlummernden und umhalste sie stürmisch.

„Mama, meine liebe Mama! wie bin ich froh, bei
dir zu sein, und wie dank ich dir für alle diese schönen
— schönen Jahre! Jetzt auf einmal fällt es mir aufs
Herz, wie viel du mir geschenkt hast, — immerfort geschenkt, und nichts dafür bekommen, du liebste aller Mütter du!“

Meine Mutter streichelte mich beschwichtigend über
den bloßen Arm, und öffnete ihre blassen blauen Augen
mit einem Ausdruck voll zärtlichen Glücks.

„Ich wurde schon ganz müde vom Liegenbleiben, du
Langschläferin,“ sagte sie, sich ermunternd, „ich glaube
wirklich, mir sind die Glieder eingeschlafen. Jetzt laß
mich rasch in die Kleider kommen, Kind.“

„Wo steckt denn eigentlich Benno am Morgen?“
fragte ich, und fuhr in die Strümpfe.

„Ich habe ihn nebenan im Wohnzimmer gehört, ehe
du wach wurdest. Er wollte dich wohl schon begrüßen.
Jetzt aber könntest du zu ihm gehn, während er seinen
zweiten Thee bei sich im Zimmer nimmt, — das ist
bald. Es wäre freundlich von dir, — du mußt gut
gegen ihn sein, hörst du? Er ist ein so vortrefflicher
Mensch, Adine. Du mußt dich nicht dran stoßen, wenn
er dir einmal ein wenig schroff vorkommt.“

„Dran stoßen? ach nein, Mama, im Gegenteil.
Das gehört ja so unabänderlich zu ihm. Ohne das würde
es gar kein Wiedersehen sein.“

„Du bist es nicht gewöhnt. Bist verwöhnt, mein Kind.“

„Eben darum, Mama,“ bemerkte ich, und kam vor
den Spiegel, um mein Haar aufzuflechten. Unwillkürlich
riß ich an den dunkeln Strähnen, die sich eigenwillig
unter dem Kamm lockten, denn ich hatte, was ich eigentlich nie habe: Eile.

Die Mutter saß halb angekleidet, mit im Schoß
gefalteten Händen, daneben und betrachtete mich mit besorgter Zärtlichkeit im Gesicht.

„— War es schön, — der Einweihungsschmaus in
deinem Atelier?“ fragte sie zerstreut.

„Ja, schön — und lustig! Später erzähl ich
dir —“

„Aber lieber nur mir allein, Adine, denn Benno —“

„Nun, was ist mit Benno?“

„Ja, stell dir vor, er macht sich so leicht Gedanken
deinetwegen, — weil du so frei für dich lebst, und weil
du so viel mit dem Tomasi bist, der Atelier an Atelier
mit dir wohnt, — und überhaupt —“

„So. Thut Benno das?“ bemerkte ich, und fühlte,
wie eine Blutwelle mir ins Gesicht schoß.

„Ja. Aber warum errötest du denn darüber? Du
bist ja ganz rot geworden, — wirklich, Adine. Was ist
es mit dem Tomasi?“ fragte die Mutter ängstlich.

„Aber nichts! Du kennst ihn ja. Wir sind eben
Kollegen.“

„Nein, sage mir nur eins: du glaubst doch nicht, daß
du dich in jemand verliebt haben könntest in dieser Zeit?“

„Das kann ich wirklich nicht so genau wissen,
Mama.“

„Aber Jesus, Kind! so etwas weiß man doch! — —
Nun, übrigens, dann ist es auch nichts,“ sagte die Mutter
beruhigt, und griff nach ihrem Kleide.

Ich ließ den Kamm sinken und betrachtete im Spiegel
nachdenklich mein eignes Bild. Mir fuhr der Gedanke
durch den Kopf, daß ich Benno auf seinen eigentümlichen Brief ziemlich wahrheitsgemäß hätte antworten
können: „wenn die Gerüchte unrecht haben, und du mit
deinen geheimen Zweifeln auch, so ist das nur dein
eignes Verdienst. Du hast mich vielleicht auf lange
Zeit für mancherlei untauglich gemacht durch den allzu
stark gewürzten Wein, den ich bei dir getrunken habe.
Dagegen fällt jeder andre Rausch ab.“

Laut sagte ich:

„Ich bin übrigens ganz unschuldig dran, daß ich
mich nicht einmal gehörig verliebe. Es ist sonderbar
genug.“

„Das kommt, weil du malst, mein Kind,“ bemerkte die Mutter so resigniert, daß ich anfing zu lachen.

„Nun ja, wenn du nicht maltest, so würdest du
wohl verheiratet sein, — und ich würde einen kleinen
Enkel haben!“ fügte sie etwas verdrießlich hinzu.

Ich nahm sie beim Kopf und küßte sie.

„Ach, beim Malen ist man eigentlich immer etwas
verliebt. — — Man malt immer irgend etwas Verliebtes aus sich heraus, scheint mir. — — Aber all das
ist so fein und flüchtig und wunderlich, und heiraten läßt
es sich nicht. Wie schaff ich dir also einen kleinen
Enkel?“

Meine Mutter hatte brummend ihren Kopf freigemacht, sie seufzte nur, und sah schweigend nach dem
Kaffeetisch. In ihrem heimlichen Innern war sie so froh,
daß wir wieder zusammen dasaßen und unsern Morgenkaffee tranken, daß ihr kein Unsinn, den ich sprach, etwas
anhaben konnte. Manchmal mochte sie allerdings ein wenig
verwirrt werden über das viele, was ich ihr schon vorgeredet hatte, und was von ihrer Mutterseele ganz friedlich neben ihren eignen Ansichten und Auffassungen beherbergt und verarbeitet wurde. Mutterboden mag wohl
ein fruchtbarer Boden sein, worauf die verschiedensten
Dinge durcheinander wachsen und gedeihen können, aber
Mühe mocht es ihr wohl bisweilen machen, sich in diesem
zärtlichen Krautgarten zurechtzufinden, über dem, alles
segnend, eine so große Sonne der Liebe schien —.

Nachdem ich mein Frühstück beendet hatte, ging ich
sofort zu Benno hinüber. Seine Zimmer waren von
denen meiner Mutter durch den weiten, ganz primitiv
mit roten Ziegelsteinen ausgelegten Hausflur getrennt, und
wurden früher von einem andern der Hilfsärzte bewohnt.
Seit längerer Zeit bekleidete Benno eine sehr angesehene
Stellung an der Irrenanstalt, als eine Art von Bevollmächtigtem des Direktors, der alt und kränklich war, und
ihn zu seinem Nachfolger vorgeschlagen hatte. Die Briefe
meiner Mutter erzählten mir stets Wunderdinge von
Bennos Tüchtigkeit und fieberhaftem Berufsfleiß.

Ich pochte leise an die Thür seines Studierzimmers,
doch niemand antwortete darauf. Ich öffnete sie und
blickte hinein. Niemand war anwesend.

Vor dem Kaminofen, worin ein helles Feuer brannte,
stand zwischen zwei Sesseln ein Metalltischchen, worauf
alles zum Theetrinken vorbereitet war. Ein blankes
Kesselchen dampfte über einer Spiritusmaschine. Jedenfalls war Benno schon hier gewesen und wieder abgerufen
worden.

Ich setzte mich in einen der Sessel und schaute mich
um. Sehr viel behaglicher sah es hier aus als in dem
häßlichen, kahlen Dienstzimmer, das Benno ehemals im
Irrenhause innegehabt, und das ich immer nur mit Grausen besucht hatte, denn jedes Geräusch dort und jeder Anblick entsetzten mich. Und dennoch that es mir jetzt fast
leid, daß ich ihn hier wiedersehen sollte, und nicht in dem
Rahmen, der dort zu ihm gehörte. Ich behandelte ihn in
dieser pietätvollen Regung unwillkürlich ganz als Bild —.

Da ging die gegenüberliegende Thür auf, und Benno
trat aus seinem Wartezimmer herein.

„Grüß dich Gott!“ sagte er mit seiner verhaltenen
Stimme und kam, fast etwas ungeschickt, mit ausgestreckter
Hand auf mich zu. Als ich meine Hand hineinlegte, hielt
er sie einige Sekunden lang fest und hinderte mich dadurch, mich aus meiner halbruhenden Lage aufzurichten.

„Bleib sitzen! grade so, wie du gesessen hast, aber
den Kopf hebe, und gegen das Licht; ich muß dich doch
deutlich wiedersehen,“ sagte er wie entschuldigend.

Ich fand keine Entgegnung und gehorchte nur, den
Kopf zurücklehnend und den Blick zu ihm hebend, während ich fühlte, daß ich unter dem seinen errötete.

„Wie gesund und hell und glücklich du ausschaust,
— — und wie schön!“ sagte er treuherzig. Aber zugleich wurde er befangen und trat etwas zurück.

Ich überflog seine ganze Gestalt und sein Gesicht.
Das Gesicht erschien mir zu sehr gealtert in diesen sechs
Jahren. Die unausgesetzte, nervenaufreibende Thätigkeit
hatte verfrühte Falten in seine Stirn gezogen und das
weiche aschblonde Haar an den Schläfen ein wenig gelichtet. Ob er wohl noch die interessanten, furchterweckenden Irrenarztaugen hat? dachte ich und suchte seinen
Blick. Aber auf den Gläsern der Brille blitzte und
glitzerte das Morgenlicht, und mir kam der Gedanke, wie
viel öfter ich überhaupt dieses alles verdeckende Brillenfunkeln gesehen hätte, als den dahinter vermuteten Augenausdruck.

Das Wasser im Kesselchen zwischen uns brodelte heftig,
und um das Schweigen zu brechen, bemerkte ich heiter:

„Ich bin zu deinem Frühstück hergekommen, wie
du siehst. Wirst du mir auch zu trinken geben?“

Er deutete auf eine zweite Tasse, die bereit stand,
und äußerte zögernd:

„Ich hoffte, du würdest kommen. — — Willst du
nicht, — — wenn es dir nicht — — willst du
mir nicht die Freude machen, uns den Thee zu bereiten?“

Ich erhob mich und griff nach dem Theetopf. Aber
während ich mit dem Geschirr hantierte, trat wieder das
Schweigen ein, und ich fühlte mit Verlegenheit, wie
Benno, der stumm dasaß und rauchte, den Blick nicht
von meinen Händen ließ.

Es war etwas so ganz andres, sich im vollen, nüchternen Tageslicht wiederzusehen, als am Abend vorher in
der Schneenacht. Man scheut sich unwillkürlich vor all
den leise mitflüsternden Erinnerungen, die schwer sind
von alten Träumen, und die sich in der hellen Wirklichkeit des Tages nicht zurechtfinden können, sondern
allem unversehens phantastische dichter aufsetzen, — blasse,
mystische Lichtlein —.

„Es geht nicht an, daß wir hier stumm dasitzen,“
dachte ich unruhig und sagte schließlich hoffnungslos, nur
um irgend ein lautes Wort zu finden, scherzend:

„Du willst wohl aufpassen, ob ich bei meinem Farbenkleckserberuf noch zur geringsten weiblichen, häuslichen
Arbeit tauglich geblieben bin.“

„Ach nein,“ versetzte er so ernsthaft erstaunt, daß
man seiner Stimme anhörte, von wie weit er eben
herkam, „— du bist ja, — du hast ja andres zu thun
gehabt. Jedenfalls Interessanteres. Besonders Paris ist
ja die große Stadt aller Genüsse.“

„Das ist sie gewiß, aber die große Stadt der Arbeit
ist sie auch, des rastlosen Weiterarbeitens,“ versetzte ich,
und schob ihm sein Glas Thee zu.

Er rührte mit dem Löffel darin herum, dann fragte
er unvermittelt:

„— Der Tomasi, — wie ist denn der?“

Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken über die
unbeholfene Art, wie der Pedant und Moralist aus ihm
herausrückte.

„Von meinen Kollegen ist er mir der liebste Genosse,“
gab ich zu, „ich danke ihm viel Anregung und Freundschaft. Als ich mir den linken Arm verstaucht hatte und
der Ausstellung wegen so eilen mußte, um doch noch
fertig zu werden, da hat mir der Tomasi die besten hellen
Morgenstunden geopfert, und mir den Arm untergeschoben
und mir die Palette gehalten. Das kann nämlich nur
ein sehr lieber Freund thun.“

„Den Arm so ausdauernd unterschieben, — das
glaub ich,“ meinte Benno, und rauchte so stark und unausgesetzt, daß eine Wolke um ihn stand.

Ich lachte, ganz lebhaft geworden.

„Nein, aber die Palette halten,“ verbesserte ich,
„denn der linke Arm mit der Palette arbeitet mit, mußt
du wissen, er muß lebendig zu einem selbst gehören.“

Benno stieß gewaltsam die Asche, die sich kaum noch
an seiner Zigarre angesetzt hatte, am Glasteller ab.

„Lebendig zu einem selbst. So kann natürlich nur
ein Künstler zu dir gehören,“ bemerkte er, und stand unmotiviert auf, ohne mich anzusehen.

Dabei sah ich plötzlich das Finstre, Gequälte in
seinem Gesicht. Mitten aus der Plauderei heraus, wobei ich für den Augenblick gar nicht mehr an ihn gedacht hatte, sah ich ihn plötzlich so, wie ihm wirklich zu
Mute war: in mühsam verhaltener Erregung, — in
zorniger Eifersucht —. Daher also sein Brief! Das
war nicht pedantische Moralisterei gewesen, — nein, —
Liebe —.

Es kam ganz unerwartet über mich, ein Blutstrom,
der rasch und heiß zum Herzen quillt, und ein Erschrecken.
Ja, eigentlich ein nachträgliches Erschrecken: denn wenn
ich das geahnt hätte in der ersten Zeit unsrer Trennung, — geahnt, daß auch er leide, und daß er mich
liebe, — ich wäre ja besinnungslos zurückgestürzt zu ihm.

Jetzt freilich konnte ich das nicht mehr wollen. Aber
auch er sollte es nicht wollen. Nein, auch er soll es nicht,
dachte ich, und mein Herz schlug zum Zerspringen. Denn
ihm, seinem Willen, diesem harten, engen, bewußten
Willen, bin ich schon einmal erlegen.

Die Erinnerung daran durchrieselte mich heiß und
beinah lähmend.

Benno blickte mich staunend und ungläubig an. In
meinem Mienenspiel mochte sich etwas von dem verraten,
was in mir vorging. Eine Möglichkeit mochte in ihm
aufdämmern, mich wieder zu fassen. Wenigstens schien
es mir so, — und da schien es mir gradezu, als käme
er mit einer Riesenkeule bewaffnet auf mich zu, um mich
niederzustrecken.

„— Benno —!“ sagte ich schwach, erschrocken, wie
jemand, der sich wehren soll, und nicht kann.

Der schwache Ausruf durchzitterte ihn förmlich. Mein
Gebaren mußte ihn in eine Zeit zurückversetzen, wo mir
dieses furchtsame Gesicht und diese furchtsame Stimme
ihm gegenüber natürlich waren. Unwillkürlich, wortlos,
fast ohne zu atmen, beugte er sich über mich —.

Da streckte ich angstvoll meine Hand gegen ihn aus,
sie mit einer unsichern Bewegung zwischen seine und
meine Augen schiebend, als müßte sie ihm meinen Blick
verdecken und mich seinem Blick entziehen, wie einer unkontrollierbaren Macht, die noch einmal mich mir selber
rauben könnte.

„— Nein — nein! — nicht! zu spät!“ murmelte ich.

Er richtete sich auf und legte die Hand über die
Augen.

Ohne ein Wort der Erwiderung verließ er das
Zimmer.

Ich starrte ihm nach. Ich weiß nicht, wie lange
ich da noch sitzen blieb, in seinem Zimmer, in seinem
Sessel.

Ich war ja heimgekommen, um Reminiscenzen zu
feiern. Um in ein paar alte Erinnerungen niederzutauchen. Ich wollte mich sogar an all dem freuen, was an
ihnen meinem jetzigen Geschmack widerstand, — denn all
das gehörte ja zu ihnen, und auf mein wirkliches Leben
hatte es keinen Einfluß.

Dies da aber war keine Erinnerungsgewalt gewesen.
Nein, dies da war eine Lebensgewalt, eine Wirklichkeitsgewalt, die mich selber bedrohte. Konnte ich nicht fort?
konnte ich denn nicht fliehen? kannte ich denn nicht die
Folgen, den Zusammenbruch von allem, ja von allem,
was meinem Wesen und meinem Leben Wert gab?

Ja, das alles wußte ich. Ich wußte auch, daß sich
mein Leben niemals wahrhaft mit Benno verknüpfen
ließ, — und daß es keine Liebe zu ihm war, die mich
hielt.

Keine Liebe, — etwas Dunkleres, Triebhafteres,
Unheimlicheres — —.

Wie ein Blitz, — Warnung und Symbol zugleich, —
glitt an meiner Seele das Bild der Klingerschen Radierung vorüber —.

Nein, — ich konnte nicht fort.

Am Nachmittag besann ich mich darauf, daß ich seit
meiner Ankunft Gabriele noch nicht begrüßt hatte, und
stieg die Treppe zur Rendantenwohnung hinauf.

Fast gleichzeitig betrat Gabriele von der Straße her
den Hausflur unten, am Arm ein großmaschiges Marktnetz, aus dem sich allerlei Gemüsesorten hervordrängten.
Sie lief rasch ein paar Stufen aufwärts, ehe sie mich
aber oben stehn sehen konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit durch Benno abgezogen, der grade über den Flur
schritt, um aus seinen Wohnräumen zu meiner Mutter
hinüberzugehn.

Gabriele beugte sich über die Treppenbrüstung.

„Guten Abend, Herr Doktor!“ rief sie ihn an, „ich
bin ganz böse auf Sie. Gestern und vorgestern nacht
brannte ja wieder so spät Licht in Ihrer Studierstube.
Ich kann den Schein sehr gut von oben bemerken! Sie
arbeiten aber wirklich zu spät.“

„Ich muß wohl, Fräulein Gabriele,“ antwortete
Benno, „übrigens geben Sie mir gewiß an Fleiß nichts
nach. Aber ich verspreche Ihnen, heut abend früher
auszulöschen und mich brav schlafen zu legen.“

Das ist ja ein drolliges Versprechen! dachte ich, innerlich belustigt, als Gabriele aufschaute, mich bemerkte
und mir nun eilig die Treppe nachsprang.

„Gott, wie lieb von dir, zu kommen!“ rief sie atemlos und umarmte mich mit der alten Mädchenherzlichkeit,
„ich wäre schon selbst bei dir gewesen, mochte euch nur
nicht gleich stören.“

„Wie hübsch du geworden bist!“ sagte ich und
betrachtete sie voller Freude. Gabriele glich gar nicht
mehr dem langen, rothaarigen Backfisch von ehedem; ihr
rötliches, sehr feines und krauses Haar umsprühte förmlich leuchtend ein Gesicht von den zartesten weißroten
Farben, und von den Sommersprossen schienen nur ein
paar ganz pikant wirkende Tupfe über der Nasenwurzel
übrig zu sein. Größer als ich, auch von derberm Knochenbau, bot sie ein Bild blühender Kraft.

Sie hatte die Thür aufgeschlossen und führte mich
in das wohlbekannte Eßzimmer mit der karrierten Wachstuchdecke auf dem langen Tisch und dem Nähtisch am
Fenster. An diesem Fenster, das von der starken Zimmerwärme leicht beschlagen war, lehnte ihre jüngere Schwester Mathilde, Mutchen genannt, zwischen den weißen
Mullvorhängen und malte mit dem Zeigefinger mystische
Buchstaben auf die Scheibe.

„Mit dem bißchen Ordnen der Tischwäsche hättest
du auch fertig werden können, scheint mir,“ bemerkte
Gabriele verdrießlich, und warf einen Blick über die
Stöße von Servietten, die neben einem halbgeleerten
Wäschekorb auf den Stühlen umherlagen, „es giebt ohnehin vor Weihnachten noch viel zu thun.“

Mutchen fuhr bei unserm Eintritt ein wenig zusammen und drehte sich so geschwind herum, daß der
kurze Mozartzopf in ihrem Nacken mitflog. Sie war eine
ganz allerliebste kleine Person von etwa achtzehn Jahren,
und der heiterste Uebermut blitzte aus ihren hübschen
Augen. Als ich sie herzlich begrüßte und sie fragte, ob
sie sich meiner auch noch erinnere, da sah sie mich mit
großen, listigen Augen an und atmete tief auf.

„O ja!“ sagte sie, „aber damals waren Sie anders —. O, so wie Sie, — ja, so möchte ich aussehen!“

„Aber warum denn, Mutchen? was ist denn mit
mir?“ fragte ich verwundert über diesen Ton.

Sie flog auf mich zu, küßte mich und flüsterte
lachend:

„Ich meine nur, weil Sie so aussehen, daß jedermann — jeder Mann — Sie gern haben muß.“

„Wirst du aufhören, mit solchen Dingen zu tändeln!“ rief Gabriele aufgebracht, die eben ihre Sachen
abgelegt und nur die letzten Worte recht gehört hatte, „du
bist das unnützeste Geschöpf auf der Welt. Es ist nicht
das geringste Vernünftige mit ihr aufzustellen,“ fügte sie
unwillig, zu mir gewandt, hinzu, während Mutchen
trällernd entfloh.

„Ich kann mir denken, daß sie dir auch jetzt noch
zu thun giebt,“ sagte ich, „überhaupt hab ich dich innig
nach dem Tode eurer Mutter bedauert. Denn nun bist
du natürlich hier gebundener als je. Und du hattest doch
ganz andre Pläne.“

„Ich habe sie noch — für einen gewissen Fall, wenn
der eintritt,“ antwortete Gabriele und setzte sich zu mir,
„aber es ist mir einstweilen recht, hier zu sein und den
Hausstand weiterzuführen. Das kann ich dir nicht erklären. Doch sei gewiß, gegen meinen Willen thät ich's
nicht.“

Ich schaute sie nicht ganz ohne die alte unwillkürliche Bewunderung an, wie sie das so fest und ruhig aussprach.

„Das glaub ich von dir,“ erwiderte ich, „mir
wärs unmöglich, etwas so gegen meine intimste Umgebung
durchzusetzen.“

„Dir —?!“ Gabriele lachte; „du hast ja grade
dein Ziel gegen deine ganze Umgebung durchgesetzt.“

„Durchgesetzt? — nein, nichts. Alles nur geschenkt
bekommen,“ bemerkte ich leise.

Sie zuckte die Achseln.

„Du bekommst es eben geschenkt, — wir andern
müssen es erobern. — — Aber nur eine thörichte Heirat
hätte dich aus dem Geleise werfen können.“

„Das könnte auch dir noch passieren, Gabriele.“

Sie wurde sehr rot und entgegnete heftig:

„Du meinst doch nicht etwa, daß die Brieger Herren
dafür in Betracht kämen? Die sind heute noch genau
so schlimm, wie sie damals waren.“

„Wie denn: schlimm?“ fragte ich.

„Noch ebenso anmaßend und dünkelhaft und zurückgeblieben in ihren Anschauungen, angefangen vom kleinsten Beamten bis hinauf in die Offizierskreise. Nur die
Form ist je nach ihrem Stande verschieden, das Wesen
ist dasselbe. Glaubst du, auch nur einer von ihnen ahnte
etwas davon, daß wir doch nicht mehr denken wie unsre
Mütter und Großmütter? Daß wir nicht mehr lauter
Käthchen sind, die wimmern: ‚mein hoher Herr!’ sondern
daß wir unser eigner Herr geworden sind? — kurz, daß
wir mit den alten knechtischen Vorstellungen aufräumen —.“

„Ach, thun wir das wirklich?“ fragte ich ganz erstaunt, „nein, denke nur! wer thut denn das eigentlich?“

„Das weißt du nicht? Adine, du scherzest wohl!
Du, die so weit herumgekommen ist, du, die sich so frei
entwickelt hat, — ja, was hast du denn die ganze Zeit
gethan?!“

„Ich? ich habe ja gemalt!“ sagte ich ganz betreten.

„Nun ja, gemalt! Aber während man malt, denkt
man doch an etwas! Hast du denn dabei nie über
Liebe und Ehe nachgedacht, und wie die sich zu unsern
persönlichen Rechten verhält? Das ist sehr unrecht von
dir. Und dir lag das doch nah genug: denn eigentlich
ist doch deine Verlobung daran gescheitert. Nur daran:
denn wenn irgend ein Mann dazu imstande gewesen ist,
sich in diesem Punkt vernünftig erziehen zu lassen, so ist
es jedenfalls Doktor Frensdorff.“

Ich schüttelte verwundert den Kopf.

„Darin irrst du dich, Gabriele. Seine zauberhafteste
Wirkung war seine Tyrannei. Und so ist es wohl meistens.“

Gabriele warf einen forschenden Blick auf mich.

„Du redest wie deine eigne Urgroßmutter!“ bemerkte sie kurz.

„Unsre armen Urgroßmütter!“ sagte ich lächelnd,
„die wußten freilich rein gar nichts von solchen Neuerungen.
Die einzige Form ihrer Liebe war wohl Unterordnung,
— in dies Gefäß schütteten sie alle ihre Zärtlichkeit.
Sollte nicht auch in uns was davon übrig sein? was
machen wir dann mit solchem ererbten kostbaren alten
Gefäß?“

„Wir stellen es meinetwegen in den Nippesschrank
zu andern Kuriositäten, wenn es nicht schon so löcherig
ist, daß wir es hinauswerfen müssen,“ antwortete Gabriele und stand unruhig auf, „ich hasse alten Plunder!
er paßt doch nicht zu den Anforderungen des praktischen
Lebens.“

„Vielleicht nicht. Aber er kann den praktischen Gerätschaften so unendlich überlegen sein durch seine Schönheit,“ bemerkte ich, stand aber gleichfalls auf, um nicht
all das zu sagen, was mir auf dem Herzen lag. „Wir
reden darüber heute nicht zu Ende, Gabriele, aber ganz
außerordentlich fortgeschritten seid ihr ja hier in Brieg!“

Gabriele kämpfte mit etwas, was ihr nicht über die
Zunge wollte. Sie äußerte nur noch zögernd:

„Du bist eben eine Künstlerin, Mine. Ich sage ja
nicht, daß du mit Gefühlen spielen würdest, aber ihre
Tauglichkeit fürs Leben ist dir doch nicht alles, — wenn
sie dich irgendwie künstlerisch anregen. Aber — — du
kannst damit leicht Menschen unglücklich machen.“

Sie errötete, ihre Stimme wurde unsicher, und sie
ging schnell zu alltäglichern Gesprächsstoffen über. Während wir weiter plauderten, mied sie meinen Blick, und
ich den ihren. Aber ich that es ohne die geringste
Ahnung von dem, was sich in ihrem Herzen an Befürchtungen regte: sie jedoch begriff aus meinem Schweigen
alles. —

Ich verspätete mich bei Gabriele so sehr, daß bei uns
meine Mutter und Benno schon mit dem Abendbrot auf
mich warteten, als ich herunterkam.

„Das thut mir leid; ich wußte nicht, daß ihr so
genau die Minute einhalten müßt,“ bemerkte ich etwas
erschrocken und nahm eilig meinen Platz am Tisch ein,
„wie du siehst, bin ich noch immer unpünktlich, Benno.“

„Es ist nur an mir, mich zu entschuldigen,“ versetzte
er, ohne mich anzusehen, „denn es ist sehr Iästig, daß
man um meinetwillen so genau sein muß. Das ist eben
der Sklavendienst. Sklaverei von früh bis spät, und
keine Möglichkeit, einmal frei und menschenwürdig aufzuatmen.“

Meine Mutter blickte mit Befriedigung vom einen
zum andern, seelenfroh, daß ihre beiden „Kinder“ sich
in Liebenswürdigkeiten überboten. Sie hatte im stillen
davor gezittert, daß wir uns am Ende schlecht vertragen
würden.

Ich sah unverwandt Benno zu, wie er zerstreut und
hastig aß, was er grade auf dem Teller hatte. Endlich konnt ich mich nicht enthalten zu bemerken:

„Wie seltsam, daß du so von deinem Beruf sprichst,
Benno. Grade als ob er dich zum Sklaven, und nicht
zum Herrn machte. Oder als ob du ebensogut einen
ganz andern Beruf haben könntest, oder auch gar keinen
Beruf, oder —“

„— Und warum scheint es dir denn so ganz undenkbar, daß ich einen andern Beruf ausfüllen könnte,“
unterbrach mich Benno nervös.

„Warum? Das weiß ich nicht. Ich kann es mir
einfach nicht anders vorstellen, als daß du Irrenarzt in
Brieg, — oder sonstwo — bist. Ich meine, das ist kein
Zufall, sondern ein Beweis, wie dein Beruf mit dir verschmolzen ist.“

Er erwiderte gereizt:

„Es ist vielmehr ein Beweis, wie sehr ein Mensch
bei strenger, einseitiger Berufsarbeit verstümmelt, in seiner vollen Entwickelung verkürzt wird. Deshalb nehmt
ihr so ohne weitres den Berufsmenschen in uns schon
für den ganzen Menschen.“

„Verstümmelt, verkürzt?“ wiederholte ich staunend,
„aber Benno, entwickelt ihr euch denn nicht dabei so
sehr, daß schon die Frauenzimmer es euch neidisch nachthun wollen? Schließlich wählt ihr ja den Beruf.“

„Um in ihm irgend ein paar Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubilden, — ja,“ fiel er ein, „um mehr als
das zu thun, dazu gehört Zeit und Geld, also ist es nur
für die wenigsten. Was meinst du wohl, was von
unserm ganzen nicht beruflichen Innenleben zur Entwickelung kommt, wenn man in solchem Zeitmangel lebt,
wie etwa ich gelebt habe? Mir kommt es vor, so lange
ich zurückdenken kann, schon von der Schulbank her, als
hätte ich niemals Zeit gehabt, und als wären daraus die
schlimmsten Fehlgriffe entstanden, die ich je begangen habe.“

Ich schwieg. Ich wußte ja von seiner überbürdeten
Studienzeit, seiner rastlosen Arbeit bei geringsten Mitteln, fast ohne Muße, und ich gab ihm recht. Aber daß
es Benno war, der so sprach, konnte ich nicht begreifen.
Wann hätte er sich je mit Mängeln seiner Entwickelung
herumgeschlagen? Wann sich je in seiner selbstbewußten
Sicherheit beirren lassen?

Meine Mutter fragte dazwischen:

„Wie ist es denn morgen mittag, Benno? ißt du zu
Hause?“

„Wahrscheinlich nicht. Es ist weit über Land, wo
ich hin muß. Wir bringen den Kranken wohl gleich
mit,“ entgegnete er zerstreut, beendete etwas hastig sein
Abendessen und stand auf.

„Du entschuldigst wohl, es wartet jemand auf mich,“
bemerkte er zur Mutter, und dann, schon bei der Thür,
wandte er sich noch einmal zu mir und sagte zögernd:

„Ich wollte dich noch fragen, ob du nicht — ich
wollte dich bitten, morgen vormittag, — natürlich falls
du nichts andres vorhast, — ob du mir nicht wieder
etwas Gesellschaft leisten willst. So wie heute. Es ist
meine liebste Stunde.“

Dabei sah er eilig und beschäftigt aus und sah niemand an, während er redete.

„Gewiß! ich will kommen,“ sagte ich ein wenig
leise. Dabei schlug auch ich die Augen nicht auf. Meine
Glieder wurden mir bleischwer. Ich stützte die Arme
auf den Tisch und den Kopf darauf. „Wenn ich doch
aus dem Hause ginge und den Nachtzug nach Paris
nähme!“ dachte ich.

Meine Mutter hatte von Benno wieder auf mich
geblickt; ihre Augen leuchteten, und wer kann wissen,
welche Hoffnungen in ihr aufstiegen und welche Mutterwünsche, während sie umherging und das Dienstmädchen
beaufsichtigte, das den Tisch abräumte. Dieses war eine
arme entlassene Insassin des Irrenhauses, wie meistens
unser Gesinde.

Nach einer Weile schien in einer Droschke Besuch
vorzufahren. Meine Mutter trat in den Flur hinaus
und kam bald darauf mit einer kleingewachsenen jungen
Dame zurück, die an einem Krückstock ging.

„Die Baronesse Daniela hatte gehofft, Benno anzutreffen,“ bemerkte die Mutter, indem sie uns miteinander bekannt machte, „ich habe sie gebeten, bei uns ein
wenig zu warten, weil Benno nur vorübergehend in
Anspruch genommen ist.“

„Ich wollte Herrn Doktor Frensdorff nur einen Augenblick sprechen,“ sagte die Baronesse mit einer höchst wohllautenden sanften Stimme zu mir, „nur um zu hören,
ob ich morgen kommen darf. Denn ich kann nicht immer
von Hause fortkommen. — Aber vielleicht wissen Sie
überhaupt gar nicht, daß ich seine Schülerin bin?“

„Nein! Davon wußte ich allerdings nichts,“ versetzte ich, sie ins Wohnzimmer geleitend, wobei ich sehen
konnte, wie stark sie in den Schultern und Hüften verwachsen war, „— aber unmöglich studieren Sie Medizin?“

Die Baronesse Daniela mußte bei dieser Zumutung
lachen, und ihr blasses, schmales, merkwürdig altblickendes
Gesicht verjüngte und verschönte sich dabei. „Nein, nein!“
wehrte sie ab, und setzte sich mühselig hin, „richtig studieren kann ich ja überhaupt nicht. Aber Herr Doktor
Frensdorff treibt viel Schönes mit mir, Litteratur, Geschichte, sogar etwas Philosophie.“

„Was Tausend! Benno thut das?“ unterbrach ich
sie überrascht, „aber wann kommt er denn dazu?“

„Ja, er thut es aus Güte für mich. Ich bin nämich seine Patientin gewesen. Eh ich zu ihm kam, war
ich ganz entsetzlich unglücklich. Er aber hat mich gelehrt,
glücklich zu werden.“

„Indem er Ihnen solche Studien erschloß?“

Sie schüttelte den blonden Kopf.

„Nein. Indem er mich darüber aufklärte, daß das,
woran ich kranke, unheilbar ist, und daß ich mich damit
abfinden muß. Unheilbar verwachsen bin ich, — nein,
werden Sie nicht verlegen für mich!“ fügte sie sehr lieb
im Ton hinzu, und legte ihr kleines blaugeädertes Händchen auf meine Hand, „Sie sehen ja, ich kann so ganz
ruhig davon sprechen.“

Und als ich ihre Hand umfaßt hielt, und sie die
stumme Anteilnahme, das große lebhafte Interesse in meinen Augen lesen mochte, da fuhr sie vertrauensvoll fort:

„Mich haben die Menschen so sehr damit gepeinigt,
daß sie mir aus lauter Mitleid vorredeten, ich würde
mich bis zum erwachsenen Alter grade wachsen und werden wie andre auch. Aber je älter ich wurde, — ich
bin jetzt neunzehn, — desto besser begriff ich, daß sie
mich betrogen, und wagte doch nicht, es irgendwen merken
zu lassen oder mich gegen irgendwen auszusprechen. Denn
bemitleidet leben zu müssen, das ist doch wie Tod, nicht
wahr? Ueber diesem innern Zwang und erstickten Kummer wurde ich zuletzt schwermütig. Und nun wurde Herr
Doktor Frensdorff ins Haus gerufen. Er brauchte nicht
lange, um die Sachlage zu durchschauen! Er fing damit
an, mich die Wahrheit ertragen zu lehren. Ach, er hat
es nicht leicht gehabt, das können Sie glauben! Ich
habe bei ihm geweint und geschrieen, und schließlich lernte
ich bei ihm wieder lachen.“

In mir wurde alles Wärme und Zärtlichkeit, als
ich so dem feinen, sympathischen Stimmchen zuhörte. Das
beseelte Gesicht da vor mir, mit seinem Ausdruck von
Mut, Glück und Leiden, wirkte so stark auf meine durch
alle Eindrücke leicht erregten Sinne, daß ich die kleine
Verwachsene am liebsten an mich gezogen und geküßt hätte.

Auch gemalt und für mich behalten hätte ich gern
dies interessante kleine Gesicht. Darüber achtete ich nur
noch zerstreut auf ihre Worte.

Um es nicht merken zu lassen, sagte ich:

„Ich kann mir sehr gut denken, daß in dieser kleinen
Provinzialstadt mit ihrem Mangel an geistigen Interessen
Benno Ihnen durch sein Eingehn auf alles ein wahrer
Halt und Trost ist. Aber wahrscheinlich sind Sie es ihm
nicht minder.“

„Nein, ich bin ihm wohl nichts,“ sagte sie sehr ernsthaft, „oder richtiger: ich wäre ihm wohl nichts, wenn
ich nicht ein Krüppel wäre, der ihn braucht und ihm leid
thut. Aber das ist ja grade das Herrliche und Merkwürdige: daß es so glücklich macht, sich ihm gegenüber
klein und gering vorzukommen und nur sein Mitleid zu
verdienen. Daß er sich zu mir herabbeugen muß, und
daß ich alles nur durch ihn habe, — das hab ich eben
vor all den glücklichen, gesunden, ansehnlichern Menschen
voraus, nicht wahr? Dafür gönn ich ihnen gern ihre
Schönheit und Kraft, und bin zufrieden mit meinem Gebrechen und meiner Schwäche. — Aber ich weiß gar
nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle,“ fügte sie
lächelnd hinzu, „Sie sehen so gut aus: vielleicht lachen
Sie nicht darüber.“

„Nein, ich lache nicht darüber,“ sagte ich aufs
tiefste ergriffen und schloß die kleine Schwärmerseele
in die Arme, wie ein Schwesterchen, das ich bis auf den
Grund ihrer seligen thörichten Romantik verstand. Ob
sie wohl eine Ahnung davon hat, daß sie ihn liebt?
dachte ich mit furchtsamem Herzen.

Da fuhr sie plötzlich in meinen Armen zusammen,
so sehr, daß ihr ganzer armer kleiner Körper erzitterte.

„Was ist — ?“ fragte ich erschrocken und stand auf.

Sie lauschte.

„— Es ist sein Schritt!“ sagte sie leise.

Als ich am nächsten Vormittag zu Benno hinüberging, war er schon da, aber ein Angestellter des Irrenhauses war noch bei ihm und stand wartend neben dem
Schreibtisch, an dem Benno saß und einige Papiere
ordnete.

Ich zündete den Spiritus unter dem Theekesselchen
an, und setzte mich auf eine breite mit Leder überzogene
Ottomane an der Hinterwand des Zimmers. Auf einem
dicht heran geschobenen niedrigen Tisch lagen durcheinander allerlei Bücher und broschierte Schriften. Nach
dem gestrigen Gespräch mit der kleinen Baronesse wunderte ich mich nicht mehr, zwischen der Fachlitteratur
die verschiedensten andern Geisteswerke zu finden, von
denen ich früher nie geglaubt hätte, daß sie sich bis zu
Benno verirren würden.

Zweifellos war diese Bereicherung und Vermehrung
seiner Interessen ein vorteilhafter Wechsel; nur zu seiner
ganzen Eigenart, von der Schroffheiten und Engen
mir völlig unabtrennbar schienen, wollte er nicht recht
stimmen.

Nachdenklich langte ich einen abgegriffenen kleingedruckten Band hervor, der zu einer ältern Schillerausgabe
gehörte; offenbar durchstöberte Benno den alten Familienschrank im Wohnzimmer, um sich litterarisch zu bilden,
und war jetzt also bei Schiller angelangt.

Diese Bemerkung kam mir ohne allen Hohn, — ich
freute mich drüber, daß er im Grunde doch noch ganz
derselbe blieb, — Pedant und unmodern.

„Wallensteins Tod“. Mitten im Band knisterte
ein breites trockenes Epheublatt und ließ das Buch sich
dort von selbst öffnen. Ein langer feiner Bleistiftstrich
den berühmten Monolog an Max entlang:

Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,
Und kalt und farblos seh' ich's vor mir liegen.
Denn er stand neben mir, wie meine Jugend,
Er machte mir das Wirkliche zum Traum,
Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
Den goldnen Duft der Morgenröte webend —
Im Feuer seines liebenden Gefühls
Erhoben sich, mir selber zum Erstaunen,
Des Lebens flach alltägliche Gestalten.
— Was ich mir ferner auch erstreben mag,
Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder.

— — Ich las es ganz arglos; mir fiel nicht ein,
daß jemand hier „sie“ für „er“ gelesen haben könnte.
Aber auch zu mir sprach es wie ein Liebesgedicht —.

Benno war aufgestanden, er hatte den Mann abgefertigt und wandte sich mir zu.

„Ach laß das,“ bemerkte er mit einem Anflug von
Verlegenheit, als er mich mit dem Buch in der Hand
sitzen sah, „hier giebt es nichts, was dich interessieren
könnte. Wir redeten ja schon gestern davon, daß man
in allem unwissend und ein Stümper bleibt, was nicht
zum Beruf gehört. Ich kann nur wieder sagen: leider!
Denn auch in meinem Beruf wäre der Tüchtigste, wer
zugleich Welt und Leben mit umfassen könnte.“

Ich legte das Buch aus der Hand, besorgte den
Thee und entgegnete zögernd:

„Früher dachtest du doch ganz anders darüber,
Benno. Du urteiltest über alles als Mediziner ab und
ließest keinen Einwand gelten. Wodurch ist denn das
nur so gekommen?“

Er war an das Fenster getreten und blickte auf die
verschneite Straße hinaus, die von den gegenüberliegenden Gefängnissen verdunkelt wurde.

„Dadurch, daß ich dich verlor!“ sagte er halblaut.

Ich wagte nichts zu erwidern. Ich verharrte
regungslos. Aber ich dachte bei mir: „Das war ja durchaus dein eigner Wille, dieser Verlust.“

Ohne sich vom Fenster abzuwenden und ohne nach
mir hinzusehen, fuhr er mit halber Stimme fort:

„Ja, dadurch allein. Sonst wär ich wohl lebenslang so geblieben wie damals: für meine eigne Person gewiß nicht anmaßend, sondern voll Bescheidenheit, aber
voll Ueberschätzung und Dünkel hinsichtlich meiner unfehlbaren Weisheit, als Fachmensch. Aber da erkannte
ich allmählich, wodurch ich dich verloren hatte: durch den
Mangel an Einsicht in das, was dir not that, durch
Mißverstehen alles dessen, was kraftvoll und gesund in
dir war, und nur deshalb krankhaft erschien, weil man
deine Entwickelung unterband, weil man dich nicht in den
Stand setzte, es künstlerisch aus dir herauszugeben —“

„— Das war gut so,“ unterbrach ich ihn mit Anstrengung, „— die Zukunft hat es bewiesen. Sie hat
bewiesen, wo meine Tüchtigkeit. liegt. — — Nicht da,
wo wir sie suchten —.“

„Scheinbar: ja,“ versetzte er fast heftig in unterdrücktem, gequältem Ton, „scheinbar hatt ich ja recht,
aber warum? Nur, einzig und allein nur, weil wir von
vornherein einen entsetzlichen Fehler gemacht haben. Ich
meine in deinem Verhalten zu mir. Anstatt dich durch
die Grenzen und Schranken meiner Unerfahrenheit einzuengen, hätt ich mich durch dein reicheres Wesen hinausleiten lassen sollen ans ihnen, — grade wie es mir ja
durch dich während unsrer Trennung geschehen ist.“

„Nein, o Benno, nein!“ fiel ich ein, „dann wärst
du ja gar nicht du selbst gewesen.“

„Ich spreche dich ja bei diesem begangenen Fehler
durchaus nicht von Mitschuld frei!“ sagte er eindringlich, „nein, wie sehr, wie sehr warst du selbst schuld
daran! Schuld durch deine Folgsamkeit und Fügsamkeit,
schuld durch deine leidenschaftliche Selbstunterwerfung und
den kritiklosen Glauben an meine thörichte Unfehlbarkeit.
Hättest du mich nur nicht über dich gestellt, sondern
neben dich, — ach, lieber noch unter dich, als so hoch
hinauf.“

„Dann hätt ich dich nicht geliebt,“ sagte ich leise.

„Ach Kind,“ versetzte er mit gedämpfter Stimme
und wendete sich vom Fenster fort, „— warum liebt
ich dich denn? mir selbst unbewußt doch um deswillen,
worin du thatsächlich über mir standest, etwas Selteneres,
Feineres, Glanzvolleres warst als ich. Ich kam aus der
Dürftigkeit, aus der Dunkelheit zu dir wie ins Licht.
— — Sieh, warum soll das auch nicht sein? Es sind
ja grade solche Frauen, die uns vor der Seelenöde retten, die unsre Berufsmonotonie ergänzen —. Im Beruf,
da mögen wir ja die Ueberlegenen sein, mögen bestimmen, befehlen, unterweisen, was uns unterstellt ist, —
aber der Frau gegenüber, die wir lieben: glaube mir,
da fällt dieser schlechte Ehrgeiz fort. Da werden wir
wieder gut und einfach und Kinder, und wollen uns gern
beschenken, uns gern die schönsten Träume erzählen lassen,
— mit unserm Kopf in eurem Schoß.“

Ich hatte mich in dem Sessel niedergelassen, die
Arme aufgestützt und das Gesicht in den Handflächen vergraben. Er sollte mir nicht in das Gesicht sehen, das
nichts zu verschweigen verstand. Er sollte nicht sehen,
wie seine Worte auf mich wirkten — gleich einem feinen,
langen, schmerzenden Stich durch alle Nerven.

Eine staunende und enttäuschte Traurigkeit legte
sich über mich, als er so von seiner Liebe sprach, —
eine Traurigkeit, als gölte diese Liebe gar nicht mir,
sondern als liebte er sozusagen an mir vorbei ins Leere
hinein.

Als ich noch immer schwieg, kam Benno näher,
setzte sich mir gegenüber an das Kaminfeuer und sagte
nach einer Pause:

„Siehst du, von diesen innern Umwälzungen ist
auch meine äußere Existenz beeinflußt worden. Du mußt
nicht denken, daß ich ewig hier bleiben will. Ich will
nicht den Direktorposten hier, und habe Aussichten in
einer größern Stadt — —. Nun, davon ein andres
Mal. Ich wollte dir nur sagen, weshalb ich hier so unsinnig viel gearbeitet habe, — du dachtest wohl, weil
ich ganz aufgegangen wäre hier im Winkel. Aber das ist
nicht so. Mit einem Ziel vor Augen, einem einzigen
Ziel, hab ich wie verrückt gearbeitet — und auch gespart und gegeizt, — der reine Hamster —.“ Er bückte
den Kopf gegen das Feuer und lächelte ein wenig: es
sah beinah kindlich froh aus.

Ich hatte die Hände sinken lassen und schaute auf
ihn, und eine unaussprechliche Weichheit kam über mich.
Ich sah den blonden Kopf mit dem gelichteten Haar an
den Schläfen, dem nervösen Zug um den Mund, und
mit dem etwas angestrengten, gespannten Ausdruck,
der fast nie mehr von seinem Gesichte wich. Und ich
sah vor mir die Oede, durch die er gewandert war,
die Summe von Arbeit und Einsamkeit, die hinter ihm
lag. Wie ein neuer, zuvor nie in seiner Wirklichkeit
von mir geschauter Mensch kam er mir vor; der „gepanzerte“ Mann meiner Backfischromantik legte seine
Rüstung ab, und dahinter stand ein kindguter, liebebedürftiger Mensch, der keinen, — nein keinen, mit hartem Fuß niederzutreten vermöchte.

„Um den Hals fallen sollte man ihm, und ihm alles
Liebe anthun!“ dachte ich weich und erschüttert. Aber
in meinem Herzen blieb dennoch dieselbe große Traurigkeit und Enttäuschung, wie wenn er mir etwas Bitteres
zu leide gethan hätte.

Er stand in seiner Unruhe wieder auf und sagte befangen:

„Was es mich damals gekostet hat, — nur deine
Mutter weiß es, was es mich gekostet hat, dich fortzulassen. Du durftest es ja nicht wissen. Und um deinetwillen mußte es sein. Ich schuldete deinen Eltern so
viel, — ich hätte ja auch nie um dich zu werben gewagt, — ich konnte dich nicht kranken und verkümmern
lassen. Jetzt, — jetzt würd es anders sein, Adine.“

„— Benno — !“ sagte ich leise, verwirrt, wie gestern,
und auch in abwehrender Furcht wie gestern, vor den
Worten, die nun kommen mußten. Aber es war doch
nicht dieselbe Furcht, und nichts erzitterte in mir dabei
in lähmendem Unterliegen, und nichts durchschauerte mich,
wie gestern. Ich dachte in diesem Augenblick überhaupt
nicht an mich, sondern nur allein an ihn, und alles, was
ich fürchtete, war, ihn leiden zu sehen, ihm weh thun
zu müssen.

Nie, noch nie bin ich ihm menschlich, in menschlicher Anteilnahme, mitempfindend so nahe gewesen, —
nie aber auch war ich gleichzeitig so fern von ihm, so
weit, weit fort, — als Weib.

„Ja, vielleicht hast du recht!“ sagte ich atemlos,
überstürzt, und richtete mich auf, „— vielleicht hätten
wir von allem Anfang an anders miteinander verschmelzen können, ohne Kampf, ohne Hemmnis, auch ohne
Unterordnung oder Ueberordnung des einen oder des andern! Einfach in der Freude und im Rausch unsrer
frischen Jugend. Ja vielleicht! Vielleicht giebt es eine
solche Liebe, und ist sie möglich und ist sie schön,“ —
ich stockte, und ein Schmerz, den ich selbst nicht begriff,
machte mir die Brust eng; ich fügte mühsam hinzu:
„— aber das ist verscherzt, das ist für mich zu spät —“

„Nein, — nicht! bitte, sage nichts!“ bat er hastig
und durch meinen plötzlichen Ausbruch erschreckt, „— du
sollst gar nicht so übereilt — du sollst dir Zeit lassen,
— prüfen —; nur mir von der Seele sprechen mußt ich
es gegen dich —“

Er brach ab, weil im anstoßenden Wartezimmer eine
Thür knarrte; ein leichtes Geräusch, wie von einem Stock,
der den Boden berührte, wurde hörbar.

Benno blickte unruhig auf die kleine Standuhr auf
dem Kaminsims.

„Unmöglich kommt sie so früh,“ murmelte er verwirrt, „ich habe ihr doch gestern abend die Stunde
genannt.“

Doch schon pochte es leise, und er öffnete die Thür
ins Wartezimmer. Vor ihm, ganz hell vor Freude, Erwartung und Ungeduld, stand die kleine Baronesse.

Sie begrüßte mich wie eine alte Bekannte, ohne
irgend etwas von der Benommenheit zu merken, worin
sie Benno und mich vorfand; sie war dazu selbst zu
benommen.

„Wir sind gestern schon ganz schnell die besten
Freunde geworden,“ erklärte ich Benno, der ihr den
Krückstock aus der Hand nahm und ihr den bequemsten
Sessel heranrückte.

„Das wundert mich gar nicht,“ erwiderte er mit
der ruhigen und beruhigenden Stimme, die er als Arzt
zur Verfügung zu haben schien, wie eine bereitliegende
Maske, „du würdest auch in ganz Brieg schwerlich einen
zweiten Menschen finden, mit dem du so gut zusammenpaßt, wie die Baronesse Daniela.“

„Nicht in allem!“ sagte die kleine Verwachsene lächelnd, „man dürfte uns zum Beispiel schon nicht zusammen
auf der Straße sehen; wie schön würd ich da nachhumpeln müssen.“

Benno warf ihr durch seine Brille einen forschenden
Blick zu.

„Grade deshalb!“ bemerkte er, „denn wären Sie
so schlank gewachsen wie eine Tanne im Walde, so würden Sie in andrer Hinsicht schwerlich so hoch in die Höhe
gewachsen, sondern recht oberflächlich ausgefallen sein,
und unsrer Dina in allen Stücken nachhumpeln müssen.“

Sie strahlte ihn statt jeder Antwort mit ihren dankbaren, glücklichen Augen an, und ich sah es ihr an, wie
völlig geborgen sie sich vorkam, — auf eine Stunde
vor allem Ungemach geborgen, und mit ihm zu zweit
allein.

„Ich gehe nun hinüber,“ äußerte ich und gab ihr
die Hand, „ich denke aber, daß wir bald wieder miteinander plaudern.“

„Bald, ja!“ versetzte sie zerstreut und blickte unversehens Benno an, statt mich, „— wenn man mich nur
bald wieder herläßt. Jetzt gibt es so viele Abhaltungen
vor Weihnachten. Deswegen mußt ich heute schon so
früh kommen, — später käm ich nicht frei.“

Ich verließ das Zimmer fast mit einer wunderlichen
Regung von Neid. Ja, ich beneidete beinah die kleine
Verwachsene um die harmlose Romantik, womit sie da
drinnen bei Benno ihren Anteil an Menschenglück sich
vorweg nahm. Sie konnte ihn hoch über sich stellen,
sich selbst demütig unter ihn, ohne daß diese halb erträumte Situation sich jemals zu ändern brauchte, ohne
daß die Wirklichkeit des Lebens sie jemals in ihren Illusionen und Phantasien stören würde, — denn Leben und
Wirklichkeit blieben ihr doch wohl immer fern.

Sie setzte jetzt den Becher an die Lippen und
nippte von derselben Sklavenseligkeit, woran ich mich
einst Benno gegenüber so bis zur bewußtlosen Selbstvernichtung berauscht hatte, — und die es für mich ihm
gegenüber nun nicht mehr gab. Und arglos hielt er ihr
diesen betäubenden, gefährlichen Trank an die Lippen.
Von mir aber, die damit bis in die letzten Nervenfasern
vergiftet gewesen war, heischte er ebenso arglos, daß ich,
mit ernüchtertem Herzen und ernüchterten Augen, ihn lieben sollte —.

Bei uns im Wohnzimmer traf ich Gabriele. Meine
Mutter schien eben erst von Weihnachtsbesorgungen in
der Stadt heimgekehrt zu sein; sie stand noch im Hut
da und trug die einzelnen Ausgaben in ihr Notizbüchelchen ein.

Gabriele drehte sich rasch nach mir um und rief:

„Ich bin nur da, um dich zu fragen, ob du nicht
heute abend ein wenig zu uns heraufkommen willst? Es
sind lauter alte Bekannte bei uns, die neugierig sind,
dich wiederzusehen, wie du dir wohl denken kannst.“

„Ja, danke. Vielleicht. Nimm es lieber nicht als
gewiß,“ entgegnete ich, von der Vorstellung erschreckt,
den Abend gesellig verbringen zu sollen, und setzte mich
an den Tisch, auf dem mehrere aufgeschnürte Pakete mit
blitzenden Anhängseln zum Christbaum lagen.

„Auf mich mußt du keine Rücksicht nehmen,“ bemerkte die Mutter und legte ihr Notizbuch neben mich
hin, „so früh, wie ich's gewohnt bin, kannst du dich ohnehin nicht zur Ruhe begeben. Aber ich wache nicht davon
auf, wenn du später ins Schlafzimmer kommst.“

Ich langte nach dem kleinen abgenutzten Bleistift
am Notizbuch und begann zerstreut auf dem harten grauweißen Paketumschlag zu zeichnen.

„Doktor Frensdorff kommt wohl sicher nicht mit
herauf?“ fragte Gabriele zögernd.

„Schwerlich,“ versetzte die Mutter, „er fährt mittags weit über Land und kehrt erst spät zurück.“

„Also nicht!“ bemerkte Gabriele in so merkwürdig
resigniertem Ton, daß ich unwillkürlich aufblickte.

Ich vermochte in dem gesenkten Gesicht, das von
feinem Kraushaar wie von einer leuchtenden Wolke umschattet wurde, nichts zu lesen. Aber jetzt nachträglich
fiel mir Gabrielens fortwährendes Erröten bei unserm
gestrigen Gespräch und manches ihrer Worte auf.

Fast kam mir ein Lächeln. Wenn sie wirklich in
Benno verliebt war, so mußte man es humoristisch nennen, um wie verschiedener, ja einander ausschließender
Eigenschaften willen wir drei uns für ihn interessiert
hatten. Was ist nun ein Mensch wesentlich andres, als
was wir uns aus ihm zurechtmachen?

Aber von uns dreien traute ich Gabriele das beste
Urteil über ihn zu. Vermutlich hatte sie ganz recht damit,
daß sie eine passende Frau für Benno wäre, von der
er sich dann sicher auch genau so erziehen ließe, wie es
sich nach Gabrielens Meinung für die Frau von heute
schickte.

Da bemerkte Gabriele:

„Doktor Frensdorff ist überanstrengt und überbeschäftigt, daher geht er nirgends hin. Jemand sollte
ihm das ausreden. Das solltest du thun, Adine.“

„Er hört doch nicht drauf,“ meinte die Mutter und
ging hinaus, um ihren Hut abzulegen.

„Auf dich würd er wohl hören,“ sagte Gabriele
halblaut.

Ich ließ überrascht den Bleistift fallen und sah
sie an.

„Wär es dir denn im Ernst angenehm, wenn ich
mich drum kümmerte oder ihn beeinflussen wollte?“

„Ja. Wenn es zu seinem Wohl dient,“ versetzte
Gabriele finster.

Etwas von meiner alten Bewunderung für sie regte
sich in mir. Und eine warme Bereitwilligkeit, ihr zu
helfen. Sie sollte wissen, daß ich ihr nicht in den
Weg treten würde.

„Meine Sache ist das aber gar nicht,“ sagte ich
rasch und in leichtem Ton, während ich fortfuhr zu zeichnen, „du weißt ja: ich gerate lieber selbst unter jemandes Einfluß. Ich will aber beides nicht. Es ist
also besser, wenn dir das zugehört, und niemand anders
teil dran nimmt.“

Gabriele stand auf.

„Ich muß hinaufgehn, um nach unserm Mittag
zu sehen, auf Mutchen ist kein Verlaß,“ bemerkte sie
ruhig, dann aber, als ich ihr die Hand gab, sah sie mir
fest und fast etwas hochmütig in die Augen und fügte
ernst hinzu:

„Was uns wahrhaft gehört, Adine, das nimmt niemand uns fort. Was uns wahrhaft gehört, das fällt
uns zu, früher oder später. Daher sind alle kleinlichen
Sorgen um Dein und Mein niedrig. Alles was wir zu
thun haben ist, selber vorwärts zu gehn; wer zu uns
gehört, geht mit, wer das nicht thut,“ — sie hielt inne
und atmete tief auf, — „der — ja der darf uns auch
nicht aufhalten.“

Ich beugte mich, etwas verdutzt, über mein Paketpapier. Leidenschaftslosigkeit und Ueberzeugungskraft sind
gewiß hohe Tugenden. Und ich —? Ach, ich!

Ich blickte erst wieder verwundert auf, als die Mutter
wieder eintrat und mir über die Schulter sah.

„Aber das ist ja die kleine Baronesse!“ rief die
Mutter überrascht, „nur gar so schön, wie du ihren Kopf
gezeichnet hast, ist sie doch nicht, Kind.“

„Nicht schön —? — Uebrigens ist es eigentlich
auch nicht grade die Baronesse Daniela. Es ist nur das
Glück, Mama.“

„Das Glück — ?!“

„Ja. So ungefähr schaut es aus. Aus solchen
Augen schaut es das Leben an.“

„Arme Daniela,“ meinte die Mutter, „sie hat es
schwer genug im Leben. Weißt du, daß sie auch grade
eine Majorstochter sein muß, wo so viel laute Geselligkeit im Hause herrscht —. Man möchte ihr schon ein
wenig Glück zu Weihnachten wünschen, als Christgeschenk.“

„Ach Mama, kein Mensch weiß ja so recht, was der
andre sich wünscht. Ich könnte mir zum Beispiel Danielas Schicksal wünschen. Oder einfach zu Weihnachten
einen schön gewölbten Buckel, Mama.“

„Aber Dienchen! so sündhafte Scherze soll man
nicht machen.“

Das Dienstmädchen kam herein und brachte die eingelaufene Post. Sie überreichte die paar Kartenbriefe
mit einer Würde auf dem Präsentierteller, als wären es
mindestens hochwichtige Depeschen.

„Ich möchte wohl wissen, warum die Anna immer so
feierlich thut,“ bemerkte ich, nachdem sie wieder hinausgegangen war, „wenn sie abends die Lampe bringt,
trägt sie sie auch vor sich her wie eine Gottesfackel.“

„Sie ist krank gewesen. Das ist ihr von der Krankheit verblieben.“

„Was — die Feierlichkeit?“

„Die Wahnvorstellung, als ob alles, was sie thut,
die feierlichste Bedeutung hätte. In ihrer Geisteskrankheit war sie nämlich ganz glückselig. Da hat sie gemeint,
beim Kaiser von China zu dienen. Das kann sie sich in
ihren Manieren noch nicht recht abgewöhnen. Aber Benno
meint, das schade nichts.“

„Und das nennt man nun Wahnsinn!“ sagte ich
seufzend. „Eine Fähigkeit, so beglückende Illusionen einfach festzuhalten. Ich glaube, Mama, ich wünsche mir
zu Weihnachten außer dem Buckel auch noch einen ganz
niedlichen kleinen Wahnsinn.“

„Aber, Kind! Du redest ja schon den reinen Wahnsinn!“ meinte die Mutter unwillig, und las ihre Kartenbriefe.

Ich legte die Arme auf den Tisch und den Kopf
darauf. Der Kopf war mir so leer, und das Herz
so schwer, wie nach einer Vergeudung und Erschöpfung
aller Kräfte. Und dabei war der Morgen doch so idyllisch
friedlich verlaufen. Ohne Not hatte ich mich vor den
Morgenstunden bei Benno gebangt, als drohte mir in
ihnen eine Gefahr, die heimlich anzieht, wie Schwindel
und Abgrund —. Da war gar kein Abgrund. Flache
grüne Wiese, eine Landschaft geschaffen zum Schäferidyll — —.

Und Sehnsucht und Enttäuschung und ein Widerwille
gegen alles, was nicht Abgrund und Gefahr sein wollte,
wachten in mir auf. In mir erwachte ganz dieselbe
Gemütsstimmung und Gemütsspannung, in der ich mich
damals von Benno losriß, — weil mir der volle Becher
zwischen den Lippen zerschellte.

Ungern entschloß ich mich gegen Abend, zum Rendanten in die kleine Gesellschaft zu gehn. Aber es wäre
mir ebenfalls schwer gefallen, diesen Abend neben meiner
Mutter im Wohnzimmer zu sitzen und mit ihr heiter und
eingehend zu plaudern. So kleidete ich mich denn auf
ihr Zureden um und schickte mich an hinaufzugehn, um
Gabriele nicht zu kränken.

Als ich aus unsern Stuben in den Hausflur trat,
fand ich seltsamerweise die Thür nach der Straße weit
offen. Eh ich sie zumachte, blieb ich einen Augenblick lang auf der Schwelle stehn und schaute hinaus.
Draußen war es unwirtlich und häßlich. Der Frost
zeigte Neigung, in Tauwetter überzugehn; die Schneeschicht lag nur noch dünn und klebrig auf der Straße,
und ein feiner Winternebel verschleierte das gelbe Licht
der Laternen.

Da, wie aus der Erde gewachsen, ging ein junger
Mann draußen vorüber und grüßte. Die Straße war
er nicht herabgekommen, ich hätte seinen Schritt durch
den getauten Schnee hören müssen.

Ich schloß die Thür, von der feuchten Kälte durchschauert, als im selben Augenblick jemand von der Hofseite durch das Hinterpförtchen in den Flur huschte.

Ich wandte mich um und erkannte Mutchen.

Mutchen sah erschrocken aus; in einen Mantel gehüllt, aus dem das helle Gesellschaftskleidchen hervorleuchtete, stand sie wie verstört da und horchte nach
oben, wo das Geräusch herabkommender Schritte hörbar
wurde.

Dann lief sie plötzlich auf mich zu, faßte mich am
Arm und flüsterte hastig und ängstlich:

„Ach, lassen Sie mich um Gottes willen zu Doktor
Frensdorff hineinschlüpfen, — er ist nicht zu Hause, —
bitte, bitte, ich erkläre Ihnen gleich —“

Ich stieß die Thür zu Bennos Wartezimmer auf
und zog Mutchen dort hinein.

„Was ist denn geschehen? vor wem fürchtest du dich?
wer bedroht dich?“

„Ich glaube, das Mädchen geht nach Bier,“ flüsterte
Mutchen atemlos; „— bitte, bitte, sagen Sie nur Papa
oder gar Gabriele nichts, — nein? Sie haben's ja gesehen, Sie standen ja an der Hausthür, als Doktor
Gerold vorüber mußte.“

„Doktor Gerold? war das der, der eben vorüberging? wer ist es denn? und wozu heimlich?“

Mutchen schmiegte sich in der dunkeln Stube an
mich und flüsterte halb schüchtern, halb schelmisch:

„— Wozu?! — ja, wie soll man denn anders?
Haben Sie denn nie einen lieb gehabt? Ich kann ihn
doch nicht plötzlich da oben hinstellen zwischen Papa
und die Tanten und Verwandten. Sie würden ja auf
den Tod erschrecken. Abgesehen davon, daß Gabriele
mich — na!“

„Ihr seid wohl heimlich verlobt, Doktor Gerold
und du?“

„Ich glaube,“ sagte Mutchen zögernd.

„Du glaubst es nur?! Du weißt nicht, ob ihr verlobt seid?“

„Ja, kann man denn das so ganz genau wissen?“
Mutchens Stimme klang kläglich, „wir sind noch so jung
alle beide, er kann ja eigentlich noch gar nicht etwas so
Festes — — ach du, kann man denn daran denken,
wenn man jung ist und einen lieb hat?“ setzte Mutchen in
raschem Stimmungswechsel resolut hinzu und merkte nicht
einmal, daß ihr das vertrauliche „Du“ entschlüpft war.
„Laß mich jetzt schnell hinauf, ehe die Guste mit dem
Bier wiederkommt. Und ich danke dir! Nicht wahr,—
o nicht wahr, du verrätst es nicht? Von dir glaub ich's,
eine andre würd ich nicht einmal erst drum bitten.“

„Warum dann mich, Mutchen?“

„Ich weiß nicht. Du schaust so aus. So, als
müßtest du's verstehn.“

„Nun, Mutchen, verraten werd ich dich nicht. Aber
unter einer Bedingung, hörst du? nur wenn du mir alles
sagst, — wenn du mir morgen sagst, was eigentlich
zwischen euch ist. Versprichst du mir das?“

„Ja, ja!“ murmelte Mutchen, küßte mich hastig und
schlüpfte aus dem dunkeln Zimmer.

Ich stand und schüttelte den Kopf.

„Ich bin wirklich eine schöne Autorität für solchen
Mutchen-Fall!“ dachte ich ratlos, „was soll das nützen,
wenn sie mir auch alles erzählt? kann ich etwa entscheiden und eingreifen? Gewiß thut sie unrecht mit diesen
Heimlichkeiten. Gewiß, — vielleicht. Vielleicht hat sie
auch ganz recht.“

Ich tappte mich in die daneben gelegene Studierstube, wo die Zündholzschachtel stets auf dem Rauchtischchen lag, und machte Licht.

Jetzt, nach diesem Zwischenfall, mochte ich nicht,
wenigstens nicht gleich, zu Gabriele hinaufgehn, — am
liebsten hätt ich es ganz gelassen.

Auf dem Kaminsims, zu beiden Seiten der kleinen
Standuhr, standen zwei Bronzeleuchter mit dicken Wachskerzen, die durch die Länge der Zeit förmlich von
Staub vergraut waren. Ich zündete eine davon an
und sah in Gedanken versunken in die gelbe ruhige
Flamme.

Welch ein keckes, leichtblütiges Ding dieses Mutchen
mit ihren achtzehn Jahren sein mußte! Ich selbst war
anders gewesen zu dieser Zeit, trotzdem sie eben versichert
hatte, ich schaute grade so aus, „als verstände ich das“.

Und wer weiß! vielleicht hatte es auch nur der Zufall so gefügt. Der Zufall, der mich in eine rechte
Schwärmerei voll Traumromantik führte, weil er mich
von rascher Erfüllung der Liebeswünsche fernhielt.

Mutchen aber war nicht in lebensfremden Träumen
groß geworden, sie war ein rechtes Kind ihrer Zeit, das
das Leben allzu früh so gesehen hatte, wie es ist, und sich
nun mit heitern, listigen Augen einen Ausweg erspähte
aus den sie beengenden strengen Mädchensitten. Heute
liebte sie Doktor Gerold, wie sie behauptete; aber vielleicht hatte sie sich schon in der Tanzklasse heimlich mit
halbwüchsigen Gymnasiasten angestoßen und sich auf die
künftigen Liebesabenteuer gefreut wie auf ihr allerschönstes Jugendvergnügen.

Man konnte das bedauern. Man konnte in solchem
Fall sie selbst bedauern, die ein kostbares Kapital unachtsam in kleiner Münze verstreute. Aber warum bedauerte man dann nicht wenigstens auch den rasenden
Gefühlsverbrauch, die erschlaffende Gefühlsausschweifung
in den jugendlich romantischen Marlittiaden von uns
andern? Verliefen die etwa harmloser als ein Leichtsinn
wie der Mutchens, nur weil man durch sie am Leibe keinen
Schaden nimmt, und weil ihre feinern und intimern
Korruptionen des seelischen Lebens nach außen unmerkbarer bleiben? In Wahrheit ist es vielleicht minder gefahrvoll, sich bei oberflächlichen Genüssen zu zerstreuen,
als hinabzusinken in allerlei schwüle, dunkle Tiefen alter
Gefühlselemente, gegen deren Ueberreizung die gesunden
warmen Reize des Lebens nicht aufkommen —.

Ich hatte mich auf das Fußende der Ottomane gesetzt und horchte unentschlossen nach oben, von wo das
Gesumme durcheinanderredender Stimmen zu mir drang,
und wo jetzt gar ein lustiger Walzer auf dem Klavier
gespielt wurde.

Da trat jemand von draußen in den Hausflur, man
hörte, wie er sich den lockern Schnee von den Stiefeln
stampfte, ein Männerschritt näherte sich, — dann wurde
die Thür zur Studierstube geöffnet, und Benno stand
auf der Schwelle.

Ich wandte den Kopf nach ihm und sagte entschuldigend:

„Ich meinte, du kämst erst spät heim. Verzeih, daß
ich hier sitze. Mama glaubt mich oben in der Gesellschaft. Ich soll auch hin. Zauderte aber hier, und blieb.
Es war so schön still hier.“

Er antwortete nicht. Im Thürrahmen stand er
still und schaute herüber zu mir. Seine Augen hingen
an dem elfenbeinfarbenen Wollkleide, das ich angezogen
hatte, und langsam stieg sein Blick daran herauf bis zu
meinem Gesicht. Das seine erschien mir blaß und
seltsam.

Von seinen Lippen kam ein Laut, — kein Wort,
nur ein schwacher, kurzer Laut, — und eh ich es noch
hindern, eh ich noch aufstehen konnte, lag er vor mir
auf dem Teppich und umfaßte mich mit ausgestreckten
Armen und geschlossenen Augen, und bedeckte meine Hände,
meinen Hals, meinen Schoß mit Küssen.

Er küßte mich, ohne mich loszulassen, ohne in seinem Ungestüm nachzulassen, ohne mir Atem zu lassen.
Er küßte mit einer Gewaltsamkeit und Benommenheit,
womit er mich fast brutalisierte, während er mich liebkoste. Er küßte so, wie jemand trinkt, der, an der
Stillung seines Durstes verzweifelnd, schon verschmachtend
am Boden gelegen hat. Er küßte mit der Sehnsucht,
Inbrunst und Dankbarkeit jemandes, der sich mit unaussprechlicher Wonne vom Tode freiküßt.

Ich regte mich nicht und wehrte ihm nicht. Ich
gab leise seinen Bewegungen nach, ohne sie zu erwidern.
Ich fühlte mit staunendem Mitleid diesen Ausbruch einer
lange, lange und mit entsagender Kraft zurückgedämmten
Leidenschaft, die sich in diesem Augenblick blindlings
sättigte. Und während ich seinen unsinnigen Küssen nachgab, regte sich in mir etwas Wunderliches, ganz Zartes
und beinahe Mütterliches, — die Hingebung einer Mutter,
die einem weinenden Kinde lächelnd ihre nahrungschwellende
Brust öffnet.

So ruhte ich, fest von seinen Armen umschlossen,
die Augen weit offen zur Decke emporgerichtet, und dabei
ging es mir still und beinah ehrfürchtig durch den Sinn,
— wie keusch wohl das Leben dieses Mannes hingegangen
sei —.

Benno ließ mich endlich frei, mit einem ächzenden
Laut, als ob er sich eine Wunde zufügte. Zugleich sprang
er zitternd vom Boden auf und sagte mit einem Ausdruck leidenschaftlicher Verzückung auf seinem Gesicht:

„Ich danke dir! Du mein einziger, geliebtester aller
Menschen, ich danke dir! Ich wäre erstickt und zerbrochen,
wenn du mich zurückgestoßen hättest!“

Es fiel ihm nicht ein, nicht einen einzigen Augenblick lang fiel es ihm ein, daß ich vielleicht seinen Rausch
nicht geteilt haben könnte. Um ins Mitempfinden des
andern einzugehn, dazu gehört gewiß Liebe, aber bei
einem gewissen Grad der Liebesleidenschaft schlägt sie
zurück in so besinnungslosen Egoismus, daß sich daraus
keine Fühlfäden mehr in die äußere Welt erstrecken, sei
es auch die Gefühlswelt des geliebten Menschen, und daß
ein störender Mißton einfach dadurch unmöglich gemacht
wird, daß man ihn eben nicht aufnimmt und nicht vernimmt. Liebesleidenschaft ist wie die letzte und äußerste
Einsamkeit.

So befangen Benno noch heute morgen geschwankt
und gezweifelt hatte, so siegessicher fühlte er sich jetzt.
Alle ängstliche Ueberlegung, alle Mutlosigkeit war von
ihm genommen. Ich richtete mich langsam auf, ohne
die Augen von ihm zu wenden.

Sonderbarerweise beschäftigte mich dabei eine ganz
gleichgültige Kleinigkeit. Benno hatte, während er auf
den Knieen lag und mich küßte, seine Brille verloren.
Sie lag auf dem Teppich neben der Ottomane, und die
Gläser, die sonst seinen Blick verdeckten, glänzten im
Kerzenlicht.

Und da schauten mir nun seine Augen brillenlos
entgegen, so wie sie in Wirklichkeit waren, — blau und
treuherzig, mit dem etwas unsichern, etwas starren Blick
derer, die sich immer scharfer Gläser bedienen — — .

Benno machte eine gewaltige Willensanstrengung,
um sich zu fassen und zu beruhigen, trat zurück und sagte:

„Verzeih mir. Ich wollte dir Zeit lassen, — ich
hätte es vielleicht sollen, aber ich konnte nicht länger,
Adine. Sieh, den ganzen Tag, den ganzen schrecklichen
Tag trug ich eine sinnlose, würgende Angst mit mir
herum. Eine Angst, weil du heute früh etwas gesagt
hattest von ‚zu spät‘, oder — oder ‚verscherzt‘ hast du
gesagt, — etwas Aehnliches; — siehst du, der Zweifel
brachte mich von Sinnen.“

Und er griff hastig, wie um mich nun auch wirklich
sich nicht entgehen zu lassen, nach meinen Händen und
setzte sich neben mich, dicht zu mir gebeugt.

„Liebste! — sag' mir ein Wort,“ bat er mit einem
glücklichen Lächeln, — und mein Blick mied scheu den
seinen.

Diese leuchtenden treuherzigen blauen Augen, dieses
ganze von Glückszuversicht verklärte Gesicht klagte mich
laut an.

Ich selbst klagte mich an, und erschrak über das
Geschehene. Und doch hätt ich nicht anders zu handeln
vermocht, auch wenn es gegolten hätte, noch einmal zu
handeln in den tollen vorübergestürmten Minuten seines
Rausches. Besser, tadelloser wär es zweifellos gewesen,
ihm zu sagen: „Küsse mich nicht! täusche dich nicht! ich
liebe dich nicht!“ Aber wie konnte ich ihn im Dursten
und Darben zurückstoßen und sorgsam abwägen, was
das Richtigere, das Tadellosere war —

„Vielleicht fehlt mir jeder Stolz! vielleicht jede
Scham!“ dachte ich, „und jetzt? und hinterher? was soll
ich thun? wie ihn aufklären und kränken? Ach, ich kann
ihn nicht kränken! Kann ihn nicht durch Mitleid beleidigen. Ich bin ein feiges — ein ganz feiges Geschöpf!“

Jetzt fiel Benno doch meine Stummheit und innre
Ratlosigkeit auf. Etwas wie eine dunkle Unruhe ging
durch seine Augen und machte sie rührend, wie erstaunte
Kinderaugen.

„Adine, — ich — — sprich zu mir!“ rief er fast
laut, „ich halt's nicht aus! Warum sprichst du nicht?“

„Lieber Gott!“ dachte ich, „hilf mir doch! gieb mir
ein, was ich thun soll. Niemals, niemals kann ich ihm
die ganze Wahrheit sagen! niemals, niemals ihn vor
mir demütigen, — ihn, den ich einst, ach einst — !
Lieber laß mich klein und verächtlich werden in seinen
Augen, daß er selber mich nicht mehr will, nicht mehr
liebt. Laß mich lieber ganz zunichte werden, — Staub
zu seinen Füßen —.“

„Dina —!“ sagte er mit erstickter Stimme, und
man konnte sehen, wie ihn ein Schreckgefühl durchrieselte.
Ich mochte ja vor ihm dasitzen wie ein Bild der Selbstanklage und Verwirrung. Und da mochten seine Zweifel
plötzlich heraufsteigen, — Zweifel, die er mit sich herumgetragen, — Zweifel, die ihm erst vor einer Woche den
Brief an mich diktiert hatten, — Zweifel an der Unberührtheit meines Mädchenlebens.

„— Nein nein!“ entfuhr es ihm wild abwehrend,
grade als widerspräche er jemand, „— nein, es kann
nicht sein! Nicht das kann es sein, — Adine, auf meinen
Knieen will ich es dir zuschwören, daß du mir das Höchste,
das Reinste bist, das, wovor ich kniee, und das schon
der leiseste Schatten eines Mißtrauens entstellen würde.
Was liegt an der ganzen Welt! Wenn du nur bist, die
du warst!“

Ich stieß einen Seufzer aus, mir war wie einem
Erstickenden, der Luft bekommt. Unwillkürlich falteten
sich meine Hände. Ja, dies war ein Ausweg, — der
Schatten von Mißtrauen, der Zweifel, der Brief, —
wenn Benno an all das glaubte, dann war es ein Ausweg. Allzu hergebracht streng dachte er doch in diesem
einen Punkt, und allzusehr hatte seine Phantasie mich
verklärt, um darüber mit seiner Liebe hinwegzukommen —.

Benno war aufgesprungen, er starrte mich an und
atmete kurz.

Er hatte nach der Lehne des zunächststehenden Stuhles
gegriffen und umfaßte sie gewaltsam mit beiden Händen,
als wollte er sie zerbrechen. Der ganze Mann zitterte.

Mit heiserer rauh klingender Stimme brachte er
hervor:

„Wenn du — — hast du — — ist ein andrer — —“

Und als ich noch immer schwieg, ging er langsam
auf mich zu, und leise, ganz leise, als fürchtete er sich vor
seiner eignen Stimme, sagte er mit herzerschütterndem
Ausdruck:

„Dina! — Dina! sage, daß es nicht wahr ist!
daß du keine —“

Es durchfuhr mich in diesem Augenblicke doch, wie
von einem elektrischen Schlag. Ich hörte nichts mehr und
sah nichts mehr, ein seltsamer Schwindel schien mir alle
Gegenstände und alle Gedanken zu verrücken und zu verwandeln.

„Staub zu seinen Füßen, — jetzt bin ich ihm das
wirklich!“ dachte ich mir noch dumpf, und irgend eine
unklare Vorstellung dämmerte dunkel in mir auf, daß
sich da soeben etwas Sonderbares begäbe: irgend eine
wahnsinnige Selbsterniedrigung und Selbstunterwerfung,
— irgend ein sich zu Boden treten lassen wollen —.

Und doch löste sich dabei etwas in meiner innersten
Seele, was sich bis zum äußersten gestrafft und gespannt hatte wie ein Seelenkrampf, — und es überflutete mich mit einer zitternden Glut, und es schrie auf
und frohlockte — —.

Und dennoch war diese ganze Situation kein wirkliches, kein wahrhaftes Erleben, sondern sie war von
mir nur geschaffen, von Benno nur geglaubt, — sie war
nur ein Schein, ein Bild, ein Traumerleben, — ein
Nichts. — — — — —

Ich weiß nicht, ob ich auf der niedrigen Ottomane
sitzen blieb, oder ob ich in die Kniee sank und mein Gesicht
in die Hände drückte, — jedenfalls hab ich dies meinem
innern Verhalten nach gethan und habe so verharrt. Damit
schloß für mich diese Scene; damit schloß meine Beziehung
zu Benno.

Trotzdem würde ich ja nie, im ganzen Leben nicht,
imstande sein, die Liebe eines Mannes zu ertragen, der
mich wirklich auf die Kniee festbannen oder mich in
meiner Individualität ähnlich vergewaltigen wollte, wie
Benno es ehedem unwissentlich versucht hatte. Aber was
hilft mir diese Erkenntnis? Hilft sie mir etwa dazu,
nun auch voll und stark und wahrhaft hingebend zu lieben
ohne diese furchtbaren Nervenreize? Nein! Wenn ich das
seitdem je geglaubt habe, so erwies es sich sofort als
ein bloßes Trugspiel, ja eben als ein unwillkürliches
Spiel ohne Dauer und Tiefe. Es ist, wie wenn ich
mich festgenagelt fühlte zwischen der Oberflächlichkeit Mutchens und der hysterischen Romantik der kleinen Verwachsenen, dazu bestimmt, zwischen diesen beiden Polen
des Gefühls hin und her zu pendeln wie zwischen Leichtsinn und Wahnsinn —.

Denn ich kann wohl als Künstlerin entzückt und
erregt werden, und zugleich mit tiefster Sympathie nach
einem mir teuren Menschenwesen langen, — aber alles
was dem Weib in mir an den Nerv greift, alles was
instinktiv tiefer greift, als Freundschaft und Phantasie zusammen vermögen, — alles das ist dunkel jenem letzten
Schauer verwandt, der vielleicht eine lange, unendliche
Generationen lange Kette duldender und ihres Duldens
seliger Frauen in mir wunderlich und widerspruchsvoll
abschließt — —.

Auch meine Mutter gehörte ja in irgend einem
Sinne zu diesen Frauen.

In der Nacht, die der Scene mit Benno folgte,
wachte sie plötzlich von dem unterdrückten Weinen auf,
das aus meinem Bett hinüberdrang.

Sie richtete sich auf und horchte besorgt.

„Gute Nacht, mein liebes Kind?“ sagte sie leise,
fragend.

„Gute Nacht, liebe Mama,“ erwiderte ich.

„Wann bist du denn von Rendants gekommen? Hast
du noch gar nicht geschlafen?“

„Ich war gar nicht oben, Mama. Ich war bei
Benno im Arbeitszimmer.“

„Aber Kind, du weintest ja! — — War Benno
zu Hause?“

„Er kam nach Hause.“

Meine Mutter verstummte. Sie mochte erraten, daß
es zwischen uns eine Aussprache gegeben hatte, denn nach
einer längern Pause hob sie wieder an:

„Adine, mein Kind, du verlangst zu viel vom Leben
und von den Menschen. Du bringst dich noch um dein
Glück. Alles in der Welt kostet Opfer, und am meisten
das Glück. Mag sein, daß Benno manches anders will als
du. Den heutigen Frauen scheint es schwer, dem Mann
dienstbar zu sein, aber glaube mir, es ist noch das Beste,
was wir haben, und ich bin es deinem lieben Vater auch
immer gewesen. Auf die Länge lieben wir keinen Mann
so recht, wie den, der uns befiehlt —“

„Ach Mama, das glaub ich gern.“

„Nun, — aber —?“ meiner Mutter Stimme klang
ängstlich gespannt.

„Aber Benno ist ganz andrer Meinung darüber,
Mama.“

Meine Mutter verstummte wieder, diesmal völlig
verblüfft. Sie hatte mir ja so gut zureden wollen, und
hatte mir nun, ohne es zu wissen, abgeredet. Lange ertrug sie das nicht, mein liebes Mütterchen. Und im
Drange ihres Herzens, zu helfen und das Glück zu bauen,
wie sie es meinte, verleugnete sie heldenmütig alle ihre
heiligsten Ueberzeugungen für mich und sagte etwas unsicher:

„Ach Kind, Schattenseiten hat am Ende ja auch
eine Ehe, wo der Mann herrscht. Du kannst dir doch
denken, daß das nicht immer grade leicht für die Frau
ist. Wenn ich so zurückdenke, ist es auch nicht immer
angenehm gewesen.“

Ich mußte in all meiner Betrübnis lächeln, und
ihre fromme Lüge rührte mich. Und plötzlich überfiel
mich die Angst, die Mutter könnte jemals, durch einen
unseligen Zufall, aus Bennos Wesen erraten, was ich
diesen glauben ließ.

Darauf durfte ich es nicht ankommen lassen, dieser
Möglichkeit mußte ich vorbeugen.

Und ich glitt aus dem Bett und schlich mich zu ihr
hin. Ich tastete nach dem lieben Kopf im Nachthäubchen.

„Mama!“ flüsterte ich, „gieb mir noch einen Kuß.“

„Ja, mein Herzenskind. Weine nur nicht mehr.
Ich kann's nicht ertragen.“

„Nein, Mama. Aber höre, was ich dir sagen will.
Sollte Benno einmal — du hast mir ja erzählt, weißt
du, gestern morgen wie wir aufstanden, daß Benno sich
Gedanken macht über mein Leben draußen. Nun, sollte
dir einmal vorkommen, als ob er das wirklich thue, so
achte nicht drauf. Laß ihn dabei, streite nicht mit
ihm, — aber du, laß dich nicht davon anfechten.“

Die Mutter hatte sich hastig aufgerichtet. Sie griff
ängstlich nach meinen Händen und zog sie an sich, wie
um mich zu schützen.

„— Benno —? — — was ist geschehen? Sage
mir, was geschehen ist! Hat Benno dir unrecht gethan?!
Weintest du deshalb? Das darf er nicht! Sag es mir,
mein Kind. Wie darf er das thun! Kein Mensch soll
dir ein Haar krümmen, hörst du? Und ich — ich lag
hier so getrost und ruhig, und als ich schlafen ging, da
dachte ich an euch beide, und ich dankte in meinem
Herzen Benno, und betete zu Gott für sein Glück, für
ihn und für dich. Und er — er ging hin und that dir
unrecht!“

Ich legte leise meine Hand auf die Lippen der
Mutter und barg das Gesicht in dem Kissen neben ihrem
Kopf. Mir wurde plötzlich so klar, — so ganz klar, daß
was ich Benno nur glauben ließ, ja doch eine Wahrheit
war, wenn nicht heute, so doch morgen, und daß, gleichviel was ich als Künstlerin erreichen würde, aus meinem
Liebesleben, aus meinem Leben als Weib, der Ernst verloren gegangen war.

Und mich überkam heimlich und heiß eine kindische
Sehnsucht, mich zur Mutter zurückzuretten und zurück
in die erste Jugend, die nicht wiederkam.

„Mama!“ flüsterte ich, „Benno ist gut, du mißverstehst das: ihn mußt du lieb — sehr lieb mußt du
ihn haben. Bete du nur getrost weiter für sein Glück,
und hilf ihm zu einem Glück. Und für mich bete, —
ach bete, Mama, — daß er unrecht behalte — !“