Töchter

Erstes Kapitel

Berichtet von Leuten der verschiedensten Temperamente. Man macht die vorläufige Bekanntschaft verschiedener Haupt- und Nebenpersonen, vor allem einer Tochter.

Wenn die Julisonne anhebt, die Straßen Wiens mit dampfender Glut zu erfüllen, vorausgesetzt, daß ihr die Launen des Regengottes dazu Gelegenheit verleihen, hebt die große Stadtflucht all derer an, die »es dazu haben«, wohl oft auch nicht haben, die aber jedenfalls, dem Zuge der Mode folgend, den Aufenthalt in der Residenz mit irgend einem »Lande« zu vertauschen trachten.

Beim Anblick all der Fenster, deren Rouleaus herabgelassen oder die mit braunem Packpapier verhüllt sind, könnte man zu der Überzeugung gelangen, daß die Stadt ihre sämtlichen Bewohner aus ihrem Bannkreis gejagt habe.

Aber die Stadt läßt ihre ungezählten Scharen Arbeitender nicht los. Die Früh- und Abendstunden, da sie nach und von der Arbeit ziehen, vermitteln uns die wenig erheiternde Erkenntnis, daß die überwiegende Mehrzahl der Menschen gezwungen ist, ihre Erholung nur in der Arbeit zu suchen.

Da diese Erholung aber wie gesagt eine erzwungene ist und kein Zwang jemals in die Ergötzlichkeiten des Lebens gereiht wurde, so sei von ihrem Werte abgesehen.

Also die Stadtflucht hat begonnen und kann nicht verhüten, daß sie dem Bilde gewisser, am meisten betroffener Bezirke den Charakter der Verödung aufdrückt.

Es ist eine stille, ziemlich enge Gasse, die in eine belebte, verkehrsreiche Hauptstraße ausmündet und die selbst dann, wenn ihre Angehörigen eingerückt sind, nicht über ein temperiertes Maß von Lebendigkeit hinausstrebt. Nun aber allüberall geschlossene Fenster, herabgelassene Rouleaus oder die häßliche braune Packpapierhüllung, die den Eindruck nicht abwehrt, es liege hinter ihr eine aufgebahrte Leiche.

Auf einem neben dem Granitpflaster eingelassenen Asphaltstreifen stehen vormittags zehn Fiakerwagen. Nachmittags, wenn die Sonne den Asphaltstreifen zu erweichen beginnt, wird auf die gegenüberliegende Seite gerückt, die sich nun der Wohltat des Schattens erfreut.

Der Wasserer schüttet aus seinem Büttel phlegmatisch Wasser über die Hufe von zehn Pferden, die die Köpfe hängen lassen und sich vergeblich bemühen, mit den kupierten Schweifen den lästigen Fliegen zu wehren. Sie besorgen dies dann dadurch, daß sie den ganzen Körper in ein krampfhaftes Zittern versetzen.

Die Gasse ist in diesen Tagen das verkörperte Idyll. Denn dieses bedingt träumerische Ruhe, Tiere, zufriedene Menschen und vor allem ein kühles Gasthaus.

Die Kutscher liegen teils im Fond ihrer Wagen mit geöffneten Westen und über die Augen gezogenem Hute oder sie sitzen auf der vor dem Standwirtshause angebrachten Bank oder in jenem selbst, was eigentlich in steter Abwechslung den ganzen Tag der Fall ist.

Alles bedeutet süße, einschläfernde Trägheit, jenes wohlige Zufallen der Augenlider und jenes halbgehörte, sanfte Summen im Ohr, wie es eben nur die Stille eines Sommernachmittags zustande bringen kann.

Der Kellner besagten Standgasthauses, dem gegenüber in lieblicher Nähe ein Kaffeehaus winkt, sitzt an einem entlegenen Tische, hat das Haupt auf die von seinem Hangerl umhüllte Hand gelegt und schnarcht vernehmlich.

Der Schankbursche war mit dem Putzen der Messingbestandteile des Eiskastens beschäftigt. Nun hat er sich an diesen gelehnt und tunkt ein wenig im Stehen. Wirt und Wirtin haben sich in ihre kühle Wohnung begeben, um einem ausgiebigen Mittagsschlaf zu huldigen.

Nur der Kellnerjunge steht hemdärmlig mit einer vorgebundenen Schürze an einem kleinen Seitentisch und bemüht sich um das Putzen des Eßzeugs. Dabei macht er drollige Bewegungen mit Kopf und Oberkörper, die ihre Ursache darin haben, daß Schläfrigkeit und Furcht vor einem Kopfstück von dem vielleicht erwachenden Kellner sich in einem steten Widerstreit befinden.

Die Vorübergehenden versetzen die Gasse in nicht allzu große Aufregung. Man kann sie mit einiger, Astronomen, pensionierten Beamten oder Offizieren sowie Dienstmännern anhaftenden Geduld auf eine der Statistik sehr förderlichen Weise bis auf den letzten Mann, das letzte Weib oder das letzte Kind abschätzen. Und in diesem verschwiegenen, träumerischen Winkel der Weltstadt hallt seit ungefähr einer Stunde die schimpfende Stimme eines Mannes, ohne jedoch mehr zu erreichen, als die Schläfrigkeit des ganzen Nachmittags zu befördern. Wie eine Uhr, und wenn sie noch so laut ticktackt, oder ein Mühlrad, wenn es noch so klappert, unserm Ohre allmählich vertraut wird, so wirkte die Schimpffähigkeit des Mannes auf seine Umgebung.

Kein Pferd schlug mit dem Schweifstumpfen einmal energischer aus, als ihm unter gewöhnlichen Umständen rätlich erschienen wäre; keine Fliege ward weniger zudringlich, als mit ihren sonstigen Eigenschaften im Einklang stand; kein Fenster öffnete sich, um der Neugier des Horchens oder Schauens den geringsten Spalt zu gönnen; der Asphalt wurde weder mehr noch weniger erweicht, als er sonst der Sonne an Berechtigung zugestand, sich durch sie erwärmen zu lassen.

Aber vor allem: keiner der vor dem Standgasthause auf der Bank lungernden oder in ihren Wagenfonds schlummernden Fiaker verschwendete einen Teil seines Interesses auf diese Stimme. Der Wasserer rieb mit so ausdruckslosem Alltagsgesicht an dem Hinterrad eines Wagens, daß man bei allen auf das Gebrechen der Taubheit hätte schließen mögen.

Um diese Teilnahmslosigkeit zu erklären, sei die Ursache der heutigen wie unzähliger vorhergegangener Schimpforgien und die seit langem erzeugte Stumpfheit dagegen erklärt.

Der Sedlmaier Gustl, genannt die »Standratsch'n«, war mit seinem Fuhrwerkskollegen und Chef, dessen zweites »Zeugl« seiner Führung anvertraut war, heute ebenfalls in einen Widerstreit geraten. Dieser hatte wie noch alle anderen früheren seinen Ausgang vom Standgasthause genommen. Er war darin gezeugt, geboren und genährt worden und fand seine liebevolle Weitererziehung nun auf dem Standplatz und erwies somit eine unberechenbare Lebensfähigkeit.

Die »Standratsch'n« war durch ihren Namen in Beziehung auf Charaktereigenschaft hinlänglich gekennzeichnet. Ein Choleriker und Schimpfgenie ersten Ranges, wenn er einer längeren »Sitzung« im Standgasthause oder irgend einem anderen gehuldigt, war der Sedlmaier sowohl von Gemüt wie in nüchternem Zustand die beste Haut der Welt. Lang und hager, mit einem entsprechenden Halse und hervortretendem Adamsapfel; mit rotem, leicht pockennarbigem Gesicht, stieren, geröteten, wie stets erstaunt blickenden Augen und mit einem äußerst belebten Mienenspiel bildete er einen sonderbaren Gegensatz zu seinem Chef, Duzbruder und Herzensfreund, dem Fiakereigentümer Tobias Brückl alias »Toberl« oder »der Kellerlacher«.

Da Spitznamen meistens auf eine hervorragende körperliche oder geistige Besonderheit eines Menschen deuten, so bezog sich der »Kellerlacher« auf die vollständige physische Unmöglichkeit, selbst bei den anregendsten Situationen der Komik oder des Humors seinem Gesicht den Ausdruck zu verleihen, den wir mit Lachen, Lächeln oder Schmunzeln bezeichnen.

Bedeutend kleiner, dafür um so gedrungener als der Sedlmaier-Gustl, war Herr Brückl mit einem Antlitz bedacht, dessen Farbe tintenartig violett und dessen Form vollmondartig war. Im Gegensatz zu Gustls fast vollständiger Bartlosigkeit trug er unter der Nase zwei pechschwarze Wülste in der Vollendung zweier mathematischer Voluten, wie man sie auf griechischen Kapitälen sieht.

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die einen Fiaker ohne Hut gesehen haben. Ich für meine Person kann mich nicht erinnern. Daher vermute ich, daß Herrn Brückls Haar ungelichtet und ebenso pechschwarz wie sein Schnurrbart und Gustls Haupt so in ungefährer Anordnung wie sein Gesicht war.

Die heutige Entzweiung zwischen den beiden Rosselenkern hatte wie noch jede vorhergegangene einen ziemlich undeutlichen Hintergrund. Es spielten gekränktes Ehrgefühl, Lohnfrage, Kartenspiel und viel Wein eine Rolle, so daß das wirklich entscheidende Motiv schwer zu ermitteln war. Auch konnte man von einem Gegensatz im engeren Sinne nicht sprechen, weil in Wahrheit nur ein Streitteil vorhanden war, der Sedlmaier Gustl, während sein Widerpart sich gewohnheitsmäßig in ein unbrechbares Schweigen zu hüllen pflegte.

Kurz, Gustl schimpfte schon seit reichlich einer Stunde und erhitzte seinen Groll an der unzerstörbaren Ruhe Herrn Brückls, der breit im Fond saß und nur ab und zu einen kleinen Abstecher auf ein »Stehachtl« machte.

Die »Standratsch'n« nahm jedoch für ihren Unmut die Einrichtung von Stellvertretern insofern hin, als die gelegentliche Abwesenheit des Gegenstandes ihres Zornes keinerlei Einfluß auf ihre Schimpftätigkeit ausübte. Sie predigte der Sonne und den Winden, der Luft und dem Staube, dem Straßenpflaster, den Häusern, den teilnahmslosen Pferden, den noch teilnahmsloseren Kollegen und dem am meisten teilnahmslosen Wasserer.

Nach einem der besagten Abstecher in das Standgasthaus war Herr Brückl mit einer eben angezündeten Virginia herausgekommen und hatte es sich in seinem offenen Wagen in der ausgesuchtesten Form bequem gemacht.

Er lag behaglich zurückgelehnt in dessen Polsterung und stützte die dicken kurzen Beine gegen das niedere Geländer des Kutschersitzes. Die Rechte hielt die Virginiazigarre, während die Finger der Linken mechanisch eine Zündholzschachtel hin und her drehten. Auf dem breiten Gesicht lag ein Abglanz von Ruhe und Gefestigtsein.

In selbstverständlichem Gegensatz befand sich Gustl, der, den Wagen umkreisend, die wüstesten Reden ausstieß.

»Alter Lausbua, wamperter! Gelt ja, da halt'st dei' Gosch'n und tuast, als obs d' törrisch warst! Leutausziager! Bluathund, blaunaserter! Dreckbua überanand'! Stanbruader! Püls! A'g'schaffter Tasch'lziager! Plattner!«

Gustl versagte für einen Moment das Organ. Dann, nach einigem Bemühen, die Ohnmacht seines Grimmes durch eine Pause unbedingtesten Schweigens zu stärken, fuhr er fort:

»Aber mirk d'r g'nau den Tag heut! Und heut sag' i d'r's: es kummt amal der Tag, wo i di obizarr' vom Bock wia a alte Fuaßdack'n, und schmeiß' di in' Dreck wia an' o'g'matschkerten Tschick, den ka alter Branntibruader mehr aufhebn möcht'! Mirk d'r den heutig'n Tag, i bitt' di . . . mirk d'r 'hn! Glaubst, i laß mi von dir beleims'n? I von dir? Dös Bummerl sollt' mir g'hör'n? Aber g'schnitt'n! Den Liter zahl' i net und wann i mi unterm Galing losbeten müaßt!

I sollt' dir von aner Fuhr, dös d'r net amal 'n ölendigsten Kabskutscher anz'trag'n trauerst, a paar Krumpe reib'n? Und dann sollt' i am End dös verwardargelte Schinderzeug in Ordnung halt'n wia an' Krönungswag'n? Du manst, i bin aner von deme Roßfleischkramp'n, dös d' in mein Zeug eing'spannt hast? Aber i schwir' d'r's, alter Laufer: mir kumman amal z'samm'! I garantier' d'r, daß d' dann so kasweiß ausschaust, als d' jetzt bluatrot bist!«

Der also mit Liebenswürdigkeiten bedachte Phlegmatiker hatte als anregendes Detail seiner Zündholzschachtel ein Bild der Odilon aus besseren Tagen entdeckt und mit stets gesteigertem Interesse studiert, sofern ein blauroter Marmor eine solche Regung je zu äußern vermag.

Diese eisige, ablehnende Teilnahmslosigkeit erregte bei dem heißglühenden Gustl einen Paroxismus der Wut. Seine Stimme geriet in einen schrillen Diskant, kollerte hinab zur Kellertiefe, übernahm eine Wahrscheinlichkeitsform zur normalen Lage und endete schließlich in einem hohlen Gurgelton.

»Spiel' di net! . . . I bitt di, spiel' di net. Denn sunst . . . Schau mi net an, Schönbrunneraff, ausg'stopft's Muli . . . i sag' d'r nur, spiel' di net! Du kennst mi . . . Taxameter . . .«

Wenn je irgend ein Frevler den Beginn seiner Lästerung im Halse erwürgt fühlte, ehe noch der Blitzstrahl göttlicher Entrüstung niederzuckte – so war dies bei Gustl der Fall, dessen Schimpfsymphonie so urplötzlich abbrach, daß dieses Abbrechen einer Katastrophe glich. Man hatte die Empfindung, die uns beim Anhören einer Opernouvertüre ergreifen würde, da Pauken und Trompeten ihre Wirksamkeit auf das menschliche Trommelfell zu erproben haben, und irgend eine Macht jeden mechanischen Ton augenblicklich zum Gefrieren brächte.

Der ganze »Stand« horchte auf. Der Wasserer unterbrach seine eintönige Beschäftigung, die auf der Bank oder in ihren Wagen lungernden Fiaker fuhren empor, und einige schlaftrunkene Pferdeköpfe spitzten die Ohren.

Ich teile jedenfalls mit vielen die Meinung, daß wir einem gewaltigen Schrecken erliegen würden, machten wir im Anschauen irgend einer bronzenen oder marmornen Statue in einem Museum die Wahrnehmung, daß diese plötzlich Leben und Stimme erlangte.

Der »Kellerlacher« geruhte nämlich, seine wulstigen schwarzen Würste ober den Augen zu runzeln, die als Ergänzung zu den zwei volutenförmig geformten Würsten unter der Nase standen, und zu fragen:

»Wer is a Taxameter? . . . Red'! . . . Wer?« In der Art von Beruhigung, die eine Zwangsjacke oder eine kalte Einpackung auf einen Irren ausüben mag, wirkten diese wenigen Worte auf Gustl.

Er stammelte totenbleich:

»Hab' i di beleidinga woll'n?«

Diese Frage schien sehr angebracht in Beziehung zu den vielen vorhergegangenen Auswüchsen einer lebhaften Beredsamkeit.

Herr Brückl (um ihm durch diese volle Namensangabe stets seine Würde als Arbeitgeber und Oberherr zu wahren) schleuderte die halb abgerauchte Zigarre in den Kot.

»Wer fragt, obs d' mi beleidinga hast woll'n? Aber wer is a – Taxameter? Red' do amal! Kinderl – wann i d'r net deine Darm ausreiß'n soll, daß meine Roß a neuchs Latseil kriagn, so sag' endli: wer is a Taxameter?«

Unter den umstehenden Kollegen (denn der Zwist hatte sie augenblicklich zu einer Gruppe geformt) erhob sich ein bedeutsames Murren. Der Wasserer ergriff – um seine Verachtung zu zeigen – sein Schaff, stellte es nieder, warf sein Rehhäutl hin, spuckte aus und erklärte, daß er mit Menschen nichts gemein haben wolle, die einen Kollegen tief unter alle Menschenwürde herabsetzten. Er sei noch in die alte Schule gegangen, und diese sei noch immer die beste gewesen.

Die Frage des Herrn Brückl war eine so eindringliche gewesen. eine durch den Ernst und das Gewicht der Beleidigung so notwendig gebotene, daß das Murren der Kollegen und die Entrüstungskundgebung des Wasserers bei allen vollste Billigung finden muß.

Der Verhörte aber vermochte nur mit vollem Erstarrtsein zu antworten, indes der Fragende selbst die Beine herabzog, der halbgerauchten Virginierzigarre das leere, zerknüllte Zündholzschächtelchen folgen ließ und damit die schüchternste Vorstellung der getreuen Wiedergabe der Schauspielerin zerstörte. Dann grollte er weiter:

»Sixt, wann i net wußt, wers d' bist und daß d' a Familienvoda bist – Rotzbua niederträchtiger –, i zertretert di auf der Stell', daß d' ausschaust wia in Quargelsturz (dies der Spitzname des Wasserers) sein Rehhäutl. Wannst net auf der Stell den Taxameter z'rucknimmst, so pack' i di und wasch' mit dir mein Zeug, daß ka Faserl übribleibt.«

Der Sedlmaier Gustl fand sich endlich:

»Hab' i di beleidinga wolln? Sag' selber! Hätt'st mi ausred'n lass'n! I hab' nur sag'n woll'n Taxameterpülcher. Aber do net an' Taxameter. Na alsdann, sag' selber, ob i di beleidinga hab' woll'n. Dö andern werd'n's aa sag'n.«

»A so hast es g'mant?« forschte der »Kellerlacher« noch immer mit einigem Mißtrauen, aber schon bedeutend milder durch diese Auslegung gestimmt.

»Na – net wir i's so g'mant hab'n!« sagte Gustl mit dem Tone der Erleichterung eines Gemütes, dem unverdienterweise die Ehrenkränkung eines anderen zugemutet wurde. »I glaub', du kennst mi do zu guat . . . Und . . . (Gustls Stimme brach plötzlich) du wirst do net manen, daß i dir was Schlechts nachred'n kunnt. Toberl . . . i und du . . . i bitt' di wirkli . . .«

Dieser ungeheuchelte Anruf an die Güte eines ganz unbeabsichtigt Beleidigten rührte sogar die strengen Gemüter der umstehenden Fiaker, die sonst in Standesfragen keine Nachsicht kennen. Sie gleichen darin Offizieren, Beamten, Ärzten, Advokaten und Hausmeistern.

»All's was recht is!« sagte ein Kollege mit einer Stimme, die an alles, nur nicht ans Schluchzen der Nachtigall gemahnte, »wann die Standratsch'n aa manchmal a unrecht's Wartl verliert – nahtret'n tuat er aber kan'. I glaub' eahm (der weibliche Artikel wurde mit dem männlichen verwechselt), daß er's net so g'mant hat, wia's der »Kellerlacher« mant. A Unrecht hat d'r Gustl sei Lebtag no neamd tan, da kenn' i 'hn z' guat.«

Es wäre nur interessant, zu erfahren, was sich der wackere Kollege unter einem »unrecht'n Wartl« und einem »Unrechttun« vorstellte.

Das Merkwürdige an dieser anscheinend harmlosen Bezeichnung »Taxameter« und seinen Folgen und der nötigen Rechtfertigung Gustls lag in dem nur den Wienern bekannten Gegensatz des Wortes.

Das erste bedeutet die Kontrolluhr am Wagen, deren sich heute schon mehrere europäisch gesinnte Wagenlenker bedienen und die deshalb von einem großen Teil der kutschierenden Elite als verfehmt angesehen werden. Der andere Begriff »Taxameter« mit seiner Ergänzung »Pülcher« bedeutet einen schon sehr herabgekommenen Gentleman, der, mit einer blechernen Kasserrolle (dem »Taxameter« oder ganz kurz dem »Taxl«) bewaffnet, darein die vor den Gasthäusern zum Abholen bestimmten Bierfässer ihres letzten, schier ungenießbaren Inhalts entleert und diesen säuft.

Nach dieser erlösenden Aufklärung des Sachverhalts, die beiden Beteiligten sowohl wie dem »Stand« zur Ehre gereichte und dem aus Stimmungsumschlägen bestehenden Gustl fast die Tränen in die Augen trieb, schien sich die liebliche Fee Idylle, für einen Augenblick aufgeschreckt, wieder auf den Standplatz niedersenken zu wollen.

Aber von der Hauptstraße trippelte eine junge, elegant gekleidete Dame heran, die mit Kennerblicken die Wagenreihe musterte. Ihre Wahl war eine so offenkundig geläuterte im Geschmack, daß ihr deshalb einst vieles wird verziehen sein müssen.

Die junge Dame trat nämlich kurz entschlossen auf Herrn Brückl zu. Der hatte mit dem geschärften Blicke seines Standes sofort die »noble Fuhr« erkannt. Denn als die Dame, noch zierlicher trippelnd als zuvor, herangetreten war, stand er schon bereit, mit der Linken einladend auf den mit grauem Plüsch gepolsterten Sitz deutend, mit der Rechten ehrfurchtsvoll graziös den Stößer auf Armeslänge von sich haltend.

Und eben als der duftig schöne, seidenumhüllte Fahrgast einsteigen wollte, begegnete sein Blick dem Gustls, der die Erscheinung mit einer Art ungläubigen Erstaunens aus seinen geröteten Augen anstierte.

»Jessas, die Trümmler Tini!« rief er mit respektloser Außerachtlassung jeglicher Titulatur aus.

»Meiner Seel' . . . der Sedlmaier!« war der ebenfalls das ungemessenste Staunen ausdrückende Ausruf der jungen Dame.

Gustl, wie vom Zustand der Trance befangen, murmelte nochmals:

»Die Trümmler Tini. Is dös mögli?«

Der Gegenstand seiner geistigen Verwirrung erfreute sich dieser ganz offensichtlich. Sie war auch nur allzu berechtigt. Denn vor Gustls Augen stand eine Erscheinung, die sich im auffälligsten Widerspruch gegen eine ihm früher vertraute befand.

Das Bild der jungen Dame, das er jetzt vor Augen hatte, mit dem eleganten, wenn auch etwas auffallenden Kleide, dem riesigen Hut, der die Flora einiger Gartenbeete auf sich vereinigte, den köstlichen Lackschuhen und den beim Heben des Rockes ersichtlichen kostbaren Seidenstrümpfen samt knisterndem Unterzeug (nach der rohen Schätzung Gustls) – abgesehen von all dem Hals und Handgelenken sowie Fingern anhaftenden Schmuck von Gold und Edelgestein – wollte sich nicht mit dem Bilde einer jungen Dame vereinigen lassen, die, mit einem kurzen Röckchen und ärmellosen Leibchen bekleidet, den Urhebern ihrer Tage einstmals öfter bei häuslichen Verrichtungen, wie Stiegenreiben usw., eine nicht ganz unschätzbare Beihilfe geleistet.

Das Fräulein freute sich also über das Staunen eines unzweifelhaft alten Bekannten. War es doch so recht ureigentlich seine Lebensaufgabe, Neid und Staunen zu erregen. Ein Beruf, der so viele Tausende Hände in Bewegung setzt. Denn was täten diese sonst, die so vielem Nichtigen, Unnützlichen oft frevlerisch Wahnwitzigen die Fristung ihres Leben danken?

In der naiven Voraussetzung der meisten aus der Niedrigkeit der Armut zum Besitz Emporgestiegenen, daß der Luxus jede Quelle, aus der er geflossen, heilig und rein mache, meinte Fräulein Tini mit fürstlicher Herablassung zu handeln, als sie sagte:

»Na, Herr Sedlmaier, Sie hab'n Ihner ja damisch z'samm'klaubt. Wer hätt' das amal denkt?«

Gustl, um einen Gegenschlag nicht verlegen, beeilte sich zu sagen:

»Meiner Seel', auf Ihner Z'samm'klaub'n hätt' no weniger wer denkt.«

»Gelten S' ja,« versetzte die junge Dame keineswegs verletzt, viel eher geschmeichelt, »da hab'n schon gar viele g'spitzt. Jetzt, wann i an' dummen Stolz zag'n wollt' . . .«

Sie brach ab, um die Wirkung ihres Verzichtes auf »Stolz« so recht hervortreten zu lassen.

»Is dös Ihner Zeug?« fuhr sie nach einer Pause fort, die Gustl Gelegenheit gegeben hatte, die Flora des Hutes einer gründlichen Musterung zu unterwerfen.

»Mein's und aa net mein's. I fahr' halt damit. Mein eigenes Zeugl is 's net.«

»Gar net amal so schlecht«, sagte das Fräulein in einem Tone, der mit verbindlicher Güte einem Mangel die beste Seite abzugewinnen sucht. »No ja, alle könna ma kane Millionär sein. Ma muaß si strecken nach der Decken.«

»Sie hab'n Ihner aber damisch g'streckt«, meinte Gustl bissig. »A so a Streckerei laß i m'r g'fall'n. So recht der Läng' nach, wissen S' . . .« Hier machte Gustl eine Pause, um der Wirkung seiner zarten Anspielung keinen Abbruch zu tun.

Herr Brückl besaß einen gesunden Geschäftsgeist. Er wußte, daß Leute mit Geld, möge es aus welcher Kloake immer geholt sein, nicht lieben, von Leuten ohne Geld gekannt zu sein. Und wenn schon, daß man sie für das nimmt, zu dem sie sich aufgebläht haben. Der »Kellerlacher« bereitete dem unangenehm werdenden Gespräch ein Ende, indem er der »Standratsch'n« abermals einen Zeusblick zuwarf und »die gnä' Fräul'n« um das Ziel der Fahrt ersuchte.

Dieses ward auch bereitwilligst bekanntgemacht, ohne daß der nun duftig und schön im Wagen hingegossene Fahrgast es hatte unterlassen können, Manieren gegen Manieren zu vergleichen. Es leuchtete nicht ganz, aber sehr verblümt die Ansicht durch, daß es Schwierigkeiten besitze, einmal »jemanden« flüchtig gekannt zu haben, der es nicht verstehe, den Abstand von einst und jetzt zu wahren.

Herr Brückl aber schnalzte bedeutsam mit seiner Peitsche, ließ ein leises »Sßßt!!!« ertönen, dann ein Zungenschnalzen im Gegensatz zu dem der Peitsche, und wie ein schönes Märchen entschwand in kurzem der entzückende Hut samt der vollständigen Gartenflora, einem Nachschauenden nur das Bedauern zurücklassend, soviel Herrliches nur so kurze Zeit genossen zu haben.

Von weniger märchenfreundlicher Perspektive aus folgte Gustl der entschwindenden Lichterscheinung.

Sein rasch loderndes Gefühl vermochte von tränenreichster Rührung durch den schimpfbegabtesten Zorn zum wortlosen Grimme alle Stadien durchzumachen. Leicht besänftigt oder leicht abgekühlt, brannte seine Wut im nächsten Augenblick gleich einem Holzstoß.

Den anderen Fiakern waren an dem geschäftsarmen Sommerspätnachmittag der weibliche Fahrgast und sein Gespräch mit der »Standratsch'n« eine Abwechslung in der schläfrigen Eintönigkeit des Nachmittags gewesen.

»Wer war denn dös Ban?« fragte einer Gustl. Fiaker sind Menschenkenner und daher waren alle am Stand über die Eigenschaften der Trümmler Tini, als die sie Gustl den Lesern vorstellte, im klaren.

Gustl hatte nach langem, wie gebanntem Nachstarren endlich Worte gefunden.

»Der Schlampen, der Hatschen, der verdächtige!« rief er in fast erstickendem Grimme der teuren Last nach, die sein Kolleg-Chef entführte. »Der Transch, der Hausmasterbesen! . . . So a Tramperl, dös will mit obidrahn? Mi, in Gustl? In Sedlmaier Gustl will die obidrahn! Sie mant, i hätt' mi damisch z'sammklaubt. Aber das soll ihr ka Glück bringen, dös nöt, dös schwir i ihr.

»Himmelherrgottlaudon . …«, fuhr Gustl nach dem notwendigen Atemholen fort. »Dö will mi pflanzen? Mein Zeugl hat s' ang'schaut, wia wann's a Mistbauerwag'n war. Dö will mir impariern (Gustl wollte imponieren sagen) mit ihr'n Dach, unter dös dö Rotunde unterschliafen kunnt wia a Kucherl unter d' Henn? I hab' s' ja kennt, wia s' no in d' Schul gangen is. Dös nixnutzige Hausmastermensch. Wia oft hab' i s' auf mein früahrigen Stand, wia i no anspannig g'fahr'n bin, in' Wag'n setz'n lass'n, weil s' auf das ganz versessen war.

»Ihr Voda is a rarer Mann, soweit er mi net anmal beleidingt hat. Der hat ihr den Nackerten auspledert gnua, aber g'nutzt hat's nix. Dös habts ja jetzt g'seg'n. Wer kann s' denn sein? A Gnädige sicher net.«

Durch einige Tempi war Gustl in einen fast unaufgeregten, erzählenden Ton verfallen. Aber die bei ihm stets angesammelte Galle regte sich wieder.

»Und dö will mein Zeug beleidigen!« schrie er. »Schauts euchers an, ob i mit dem net zu jeder Stund' a Kavalierfuhr mach'n kunnt'. 's zweite Zeugl vom Toberl . . .« (In diesem Umstand lag so viel Zwingendes, daß die Kollegen zustimmend murmelten.) »Aber i laß m'r mein Zeug net verstinken von so an' ölendigen Parfum . . . der Toberl kann si sein's nachher urndli ausräuckern lassen. Pfui Teufel! I gratulier'!«

Jedenfalls nicht mehr länger imstande, so viel gehäuften und gerechtfertigen Groll gleich etwas Ekelhaftem noch weiter in sich zu spüren, und dem Drange nachgebend, etwas angenehm Nachspülendes zu sich zu nehmen, stürzte Gustl in das Gasthaus, dessen beruhigendem Einfluß es jedenfalls zu danken ist, wenn auf dem Standplatze jene mollige, verträumte Stimmung wieder Platz zu greifen beginnt, die heute schon zweimal unterbrochen wurde.

Zweites Kapitel

Bringt etwas von Dichter, Liebe, Rose, Abschied, Tränen, und zeigt eine Familie, die sich nicht auf der Sonnenseite des Lebens befindet. Schildert den Umstand, daß einzige Söhne nicht immer den Stolz der Ihren bilden müssen.

Es ist ein Samstagabend. Einer jener belebten Abende, der die Arbeitenden, Hastenden, Ermüdeten nach Hause treibt. All denen, die bei sitzender Arbeit in einem dumpfen oder von brennender Sonnenhitze erfüllten Raum einen ganzen Tag lang gezwungen waren, ihre Beschaulichkeit in der Arbeit zu suchen, ist dieses Heimkehren in der schon abgekühlten Abendluft ein köstlicher Spaziergang. Das heißt, wenn die Ermüdung nicht zu groß, die Entfernung nach dem Heim nicht zu weit ist.

Ein Paar kommt langsamen Schrittes die Vorstadtstraße herauf. Es ist kein Schlendern, das den Genuß des Beisammenseins zu verlängern sucht. Es sind die zagenden Schritte zweier, die das Erreichen eines gefürchteten Zieles hinauszuziehen trachten. Der Mann ist mit jener sommerlichen Saloppheit gekleidet, die dem Kenner Eleganz deutet.

Seine Begleiterin, in jeder Geringheit ihrer Kleidung die Nähmamsell verratend, ist ein Mädchen von einer so sanften und doch stolzen Schönheit, wie es in Wien so tausendfältig zu finden ist. Bei berufenen oder auch nicht berufenen Lobrednern dieser Stadt bildet das Lob der Frauenschönheit einen der Hauptpunkte.

Aber wer sieht sie doch in Wahrheit, all diese süßen holden Gesichter? Diese lachenden oder sinnenden Augen, diese koketten oder vornehmen Gestalten? Wer sieht sie alle diese lieben, plaudernden, hüpfenden und ach! so oft hungernden Schönheiten des Volkes? Der Frühaufsteher, der seinem Beruf nacheilt, oder der Abendflaneur, der meist Lust und Aufdringlichkeit genug besitzt, seine Jagden anzustellen.

Der Tag verschlingt sie alle, die Blonden, Braunen, Schwarzen, Schmachtenden, Koketten in den Fabriken, Bureaus, Modesalons und den anderen ungezählten Betrieben, die Mädchen beschäftigen. Die Frauenschönheiten des Ringes und anderer Korsostraßen sind die einzigen, die auch bei Tag gesehen werden und die ihren Modenarrheiten oft mehr Beachtung verdanken als ihrer wirklichen Schönheit.

Das Mädchen, das jetzt dem zögernden Schritte Halt gebot und den Begleiter zum gleichen zwang, holte eine Weile tief Atem.

»Jetzt aber kan' Schritt mehr weiter. Das is das Äußerste, was i no hab' zuageb'n können.«

»Kehren wir noch ein wenig um,« bat der junge Mann, »noch hundert Schritte. Vielleicht überlegen Sie zum letztenmal. Und – besser . . .«

»Es is scho lang gnua überlegt. Heut hat do endli die G'schicht müassen a End hab'n. Es is das beste für uns alle zwa.«

»Sie haben rasch entschieden«, sagte der Begleiter mit der Wehleidigkeit in der Stimme, die das starke Geschlecht beim schwachen oft so siegreich erscheinen läßt, weil sie eine unterdrückte Bewegung andeutet und damit die Köpfe armer Mädels verwirrt.

»Rasch? . . .« Das Mädchen zitterte vor wirklich unterdrückter Bewegung. »Julius, i bitt Ihner – martern S' mi net länger! I hab' mir alles gnua g'sagt, was Sie mir no zum sag'n hätten. Macht's Ihner a Freud', wann i no unglücklicher werd', als i schon bin?«

»Unglücklich! . . .« erwiderte der junge Mann. »Und Sie meinen, ich sei glücklich? Was ist eigentlich Glück, Poldi? Etwas sehr Relatives. Das Glück besteht im Wagen, im Niederreißen der Schranken, die uns vom Besitz trennen. Glück ist Erreichen. Stetes Erreichen. Und nur in der Unzulänglichkeit unserer Mittel sind wir unglücklich.«

Das schöne Mädchen, das eine Rose in der Rechten hielt, roch wie infolge einer gedankenlosen Bewegung an der duftenden Sommerkönigin.

Diese Äußerung nahm Herr Julius zum Anlaß, eine wehmütige Reflexion daran zu knüpfen, die ihn als in einem nahen Verhältnis zur Literatur stehend kennzeichnete.

»Ihre Bewegung war Symbol. Man vergleicht nicht umsonst die Blume mit menschlichen Schicksalen. Ein kurzes Erfreuen an dem Duft einiger traumhaft herrlicher Stunden, dann das Welken selbst der Erinnerung. Sie waren diese Blume am Wege, Poldi, die mich erfreuen sollte. Es wird mir nichts bleiben als das Gedenken an diese wenigen Stunden . . .«

»Hör'n S' auf«, scherzte das Mädchen, wiewohl sehr unglücklich, »mit solche Vergleich'. Die passen auf unseran', a arm's Mad'l! Desweg'n werd'n S' mir net die Rosen geb'n hab'n, daß S' sag'n woll'n: so abg'welkt wia morg'n die Blumen werd'n Sie in a paar Jahrln ausschau'n. Seg'n S', das wär' aber der richtige Gedanken. Mein Gott, heut glaub'n S' ja no selber, daß a Warten möglich wär'. Aber i waß's besser. Ja,« fügte die Sprecherin seufzend bei, »Rosen san in derer Art guat dran. Bei denen dauert's Abwelken höchstens a paar Stund'. Während bei unseran' . . .«

Sie brach ab. Das Schicksal vieler schöner, ehrbarer, armer Mädchen mochte im Augenblick vor ihrem inneren Schauen stehen.

»Das ewige Schwarzsehen, Poldi! Wären Sie doch so heiter und jugendfroh, wie Sie schön sind!«

»Heiter! Jugendfroh! Das gibt's für unserans net. Da wär's Leichtsinn. I kenn' ja gnua, die's Leb'n nehmen, wia's is, und si drum ka graues Haar wachsen lassen. Aber i kann's net.«

Im Verlauf des Gespräches hatten die beiden unwillkürlich das Stehenbleiben aufgegeben und wieder einen zögernden Schlenderschritt angenommen.

»Ja, mir san ja scho bald bei der Gassen und i hab' woll'n, daß mir in aller Freundschaft uns Pfiat Gott! sag'n . . . Nix mehr! Wann zwa Leut' narrisch werd'n woll'n, muaß do an's no so viel G'scheitheit hab'n, daß's Radl net fortlauft. Denn zwa ganz gleiche Narr'n richteten a schön's Unheil an.«

Poldi suchte jetzt vergeblich, ihr Schluchzen hinter einem mißglückten Scherze zu verbergen. Sie nahm ihren Gefährten fast gebieterisch beim Rockärmel und zwang ihn neuerdings, stehen zu bleiben.

»All's muaß a End' hab'n.« Die in Tränen schwimmenden Augen hoben sich zu dem finster gewordenen Gesicht des jungen Mannes. »Ja, all's muaß a End' hab'n. Die Dummheit wia die Schönheit. Für Ihner nur a Dummheit, herentgeg'n für mi . . . Julius, san S' do g'scheit! Was hat das Ganze für an' Zweck? Wann S' a Arbeiter wär'n . . . Aber so . . . um Gottes will'n, glaub'n S' denn, daß mir wirkli aufanander wart'n können? Glaub'n S' denn wirkli im Ernst dran?«

Der Befragte stand mit gerunzelter Stirn und zusammengepreßten Lippen in der Art trotziger, verstockter Buben da und schwieg, indem er es vermied, auch nur einen Blick in das schöne Gesicht zu tun, das in der Erregung bitteren Leides noch ungleich schöner war als im Sonnenglanz eines Lächelns.

O, er war gar nicht gewillt, zu warten in dem Sinne, wie es das Mädchen meinte. Er fand die einfache Vorstellung schon als lächerlich und demütigend. Herr Julius liebte nach der Art von Leuten seines Standes. Er liebte ganz einfach den Genuß und war wenig bekümmert darum, wer ihn bezahlte, wenn nur seine eigene Person es nicht war. Das Abenteuer war ihm in Anbetracht der von ihm allein empfundenen Lächerlichkeit zuwider geworden. Nur verwunden wollte er noch diejenige, die sich in bittersten Sorgen quälte, daß sie »aufeinander nicht warten konnten«.

»Die Bedenklichkeiten kommen sehr spät. Sie wußten ja, daß ich keine Existenz, wohl aber luxuriöse Gewohnheiten habe, die bis zum heutigen Tage mein Papa bezahlt. Was bewog Sie bisher, die Augen vor den leidigen Verhältnissen zu schließen? Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Minnegesanges. Was einst erhaben erscheinen mochte, ist heute ganz einfach absurd. Wollen Sie mich dem größten Fluche unserer Tage aussetzen, ein Illusionär zu sein, der es nicht wagt, nach dem Glücke zu greifen? Mag sein, daß Ihnen der Abschied trotz allem doch leichter kommt als mir . . .«

Poldi hatte einen Schutzgeist. Sie verstand nicht, was ihr Julius eigentlich meinte. Sie sagte nur ganz einfach:

»Julius . . .! Julius! Schau' S' mi an! Oder glaub'n S', daß i's wirkli so leicht trag'?« Und voll richteten sich die Augen auf das trotzige Gesicht ihres Gegenüber, bis dieses sich bequemte, auch die seinen aufzuschlagen. »I frag' nur, wohin soll denn die G'schicht' führ'n? I frag' net nur weg'n mir, sondern aa weg'n Ihner. I war zu leichtsinnig, daß i's so weit hab' kommen lassen. Unserans därf si net amal die klane Freud' vergunnen, an' Menschen gern z'seg'n . . . Julius! Pfiat Ihner Gott! . . . Alles Guate für Ihner. Adje! . . . Sie dürfen nimmer weiter mitgehn,« fügte sie zu dem etwas inkonsequenten Liebhaber hinzu, der offenbar in letzter Minute sein Heil von einem Weiterschreiten erhoffte. »Lassen S' mi,« bat sie, als er eine Gebärde machte, sie bei der Hand zurückzuhalten. »I hab' manche Nacht gnua desweg'n g'want. Vor dem heutigen Tag hab' i mi g'furcht'n. Aber es hat sein müass'n. Unser Herrgott is mein Zeuge, wia schwer als 's mir fallt. I wir an Ihner z'ruckdenken als an das Schönste in mein' Leb'n.«

Wie eigentlich viele Trauer- als Lustspiele beginnen, so fing auch das Leid einer armen Nähmamsell erst voll zu wirken an, als der Verabschiedete, die Nutzlosigkeit jedes weiteren Drängens einsehend, mit eisiger Miene und tadelloser Verbeugung die fürchterlichen Worte sprach:

»Dann . . . adjö, mein Fräulein!«

Und er wendete sich und er schritt von dannen, als ob ihm die fürchterlichste aller Kränkungen zugefügt worden sei und er auf seinen Schultern so ziemlich den größten Pack alles vorhandenen Weltleids mit sich zu schleppen bestimmt wäre.

»Julius . . .!«

Diesen Ruf, nein, diesen erstickten Schrei, er vernahm ihn nimmer. Und doch – er hätte ihn vernehmen müssen. Er sah auch nicht mehr. Hätte er nur noch einmal zurückgeblickt! Er sah nicht bebende Lippen, angstvoll geöffnete Augen, er sah nicht eine schöne zitternde Gestalt. Er sah nicht und hörte nicht. O Gott! Wie wir alle so oft nicht hören und sehen.

Wäre Poldi ein Mädchen der Gesellschaft gewesen, stünden der Ausmalung ihres Seelenzustandes die reizendsten Mittel zu Gebote: wie sie müde nach Hause schritt, wie daheim das Klavier entweder ungeöffnet blieb oder wie sie darauf in einem Schwall rauschender Akkorde ihr Leid in die Welt trommelte, wie abends die Teetasse leise in ihren Händen zitterte und ein flackerndes Rot die Wangen deckte, wie der biedere Onkel Medizinalrat liebkosend ihre Wangen tätschelte und dem »Kinde« eine Reise an die See anriet, oder wie die Jungfrau in den dunklen Gängen des Parks irrt und zufällig auf einen Referendar oder Leutnant stößt. Oder . . .

Unselig unerreichbare Gelegenheiten! Ich kann keinen Onkel Medizinalrat, keinen Leutnant auftreiben! Meine Helden spielen unglücklicherweise in einem wenig ästhetischen oder künstlerisch zu schildernden Milieu. Es sind mit Ausnahme Poldis und noch einiger anderer so gewöhnliche, simple Dutzendmenschen, daß nur die Liebe zu ihrer Schilderung die Feder in Bewegung setzen kann.

Und warum dies nicht? Die Reichen, Ästhetischen, Gebildeten, kurz die Klasse des Besitzes hat genugsam ihre Schilderer. Aber mein kleines, großes Reich, das sich nicht einmal bis zum Kahlenberg ausdehnt; die langweiligen, geraden Gassen und ihre in schwindelndhohen Vogelkäfigen hausenden Menschen haben ebensogut das Anrecht auf Schilderung wie ein Palais oder eine vornehme Familie. Denn meine Leute lachen und weinen gern und sind im Notfall nicht heikel, wenn es gilt, eine Tragödie auf die Beine zu stellen . . .

Aus der Kinderschar, die eine Gasse mit ihrer lebenden Gegenwart, ihrem gellenden Geschrei und Gekreisch erfüllte, trennte sich ein kleines Mädchen von ungefähr sieben Jahren und kam mit vom Spiel und Tollen erhitzten Gesicht auf die traurig Einherwandelnde gesprungen. Der blonde Zopf der Kleinen, der in der Frühe wohl geflochten sein mochte, war gelöst, das kurze Kleidchen flatterte mit einem nur noch lose an einem Strähn hängenden Band um die Wette und die bloßen Beine flogen im Laufe förmlich in der Luft.

»Poldi! Poldi! Grüaß di Gott!« rief das Kind, die jüngste Schwester, der Heimkehrenden zu und umfaßte deren Rechte mit beiden Händen. Dabei unterbrach es keineswegs sein Laufen, sondern löste es in ein stetes Vor- und Rückwärtshüpfen auf.

Der Anblick der Schwester zauberte auf Poldis stilltrauriges Gesicht ein Lächeln. Sie ließ sich willig den Arm schlenkern und sah mit mütterlicher Zärtlichkeit auf den kleinen Wildfang.

»Aber Katherl,« glaubte sie nach einer Weile tadeln zu dürfen, »wia schaust denn du nur aus? Ganz z'raft und erhitzt.«

Katherl hob ihr Gesicht zu dem der Schwester und mit dem Beobachtungsvermögen der Kinder hatte sie die noch nicht verwischten Spuren der vergossenen Tränen entdeckt. Und diese Entdeckung bewog sie, augenblicklich ihr Hüpfen einzustellen.

»Gelt, Poldi,« fragte sie mit liebevoller Neugierde, »du hast g'want?«

Poldi wurde über und über rot.

»Geh, Batsch, was du dir eigentlich einbild'st? Möcht wissen weg'n was. Die Aug'n hab' i halt rot vom viel'n Nah'n, das muaßt do einseg'n.«

Katherl schien nicht sehr überzeugt. Aber da sie fühlte, der Schwester eine Verlegenheit bereitet zu haben, unterdrückte sie eine weitere Äußerung. Dann drängte auch ein sie den ganzen Tag beschäftigender Gegenstand alle weiteren Forschungen in den Hintergrund. Sie riß etwas verschämt an der Hand Poldis und flüsterte:

»Aber heut hast mir nix mit'bracht, gelt ja, Poldi? Es is do Samstag.«

Wie unbedeutend diese echt kindliche Mahnung menschlicher Begehrlichkeit auch war, sie traf das junge Mädchen wie ein schwerer Vorwurf. Was sie sonst nie vergessen, der kleinen Näscherin irgendeine Kleinigkeit an Leckerbissen mitzubringen, heute war es der Fall gewesen. Und wie bei allen liebe- und gemütvollen Menschen war die Reue eine größere, als sie die kleine Unterlassung verdiente.

Der Schmerz der letzten Stunde war urplötzlich untergegangen in der Liebe und Sorge für ihre Familie. Poldi sah nur den erwartungsvollen Blick des Kindes auf sich gerichtet; sah im Geiste eine alte abgehärmte Frau, die in harter Wochenfron ihre Glieder verkrümmte, sah einen abgetanen, müden, mißmutigen Mann, der nur eine Erheiterung kannte: ein gelegentliches Betrinken; sah eine jüngere Schwester, die in jugendlicher Ungebundenheit heranwuchs; sah einen Bruder, der mit allen Anlagen ausgestattet war, der Familie ein dunkler Schatten zu werden.

Und sie selbst wehrlos gegen ein Geschick: des armen, braven, schönen Mädchens.

Ja, Poldi durfte sich nicht einmal der Schönheit eines Leides hingeben. Wie sollte ihr Zeit bleiben, einer gestorbenen Liebe nachzutrauern, wo um sie das Leben in seiner nüchternen Häßlichkeit die erste Beachtung erzwang? Und vielleicht wird die Liebe zur Familie nie vertiefter, als wenn uns das Leben in irgendeiner Art rauh mitgespielt hat.

Die schüchterne Mahnung Katherls rührte Poldi tief und sie versuchte ihre Vergeßlichkeit durch eine Notlüge gutzumachen.

»Ja waßt, Katherl, heut will i dir was b'sonders Guat's kaufen. Was glaubst? I geh' jetzt mit dir wohin. Rat amal!«

»I waß net, Poldi . . .«, sagte ratlos die Kleine.

»No, zum Zuckerbacker gengan m'r. Du därfst a G'frorn's und zwa große Schaumroll'n essen.«

»A G'frorn's? Und zwa Schaumroll'n? Is's wahr, Poldi?« Das liebliche Gesichtchen Katherls drückte höchste Freude, gemischt mit ungläubigem Staunen, aus. Die Armut ist stets mißtrauisch gegen Glücksfälle.

»Natürli is's wahr, mein Goscherl«, sagte Poldi lächelnd. »Jetzt glei gengan m'r. Ums Eck zum Zuckerbacker. Z'erst aber laß di a bißl herrichten. Mein Gott, wia du ausschaust . . .!« Und die Schwester begann in Eile das Haar des Kindes aufzulösen und zu einem Zopfe zu flechten. In einigen Augenblicken war die ästhetische Wiedergeburt des Äußern Katherls vollzogen und das Zopfband präsentierte sich wieder unternehmungslustig als Masche.

Der Weg bis zum Zuckerbäcker war bei Katherl ein unendlich stärkeres Hüpfen und Tanzen als vorher.

Und als die beiden wieder das Geschäft verließen, strahlte das Gesicht eines kleinen Mädchens und waren die letzten Spuren von Trauer aus dem Gesicht eines großen Mädchens getilgt, dessen Schmerz in Wahrheit nicht viel vernünftiger war als das Glück der Schwester.

Es ist eine Wohnung gleich vielen tausend anderen. Eine Zelle im Bienenstock der Großstadt. Sie ist so ärmlich wie die alte Frau, die auf einem wackeligen Stuhl an einem wackeligen Tisch sitzt und in eine Berechnung vertieft erscheint. Drei Betten stehen noch in dem Zimmer, ein Kasten, eine Kommode, eine grün verhängte Stellage, ein zerschlissenes und zerrissenes Sofa, einige weitere Stühle und an den von der ursprünglichen Malerei fast gänzlich abgescheuerten Wänden hängen einige alte Farbendrucke, ein gestickter Haussegen, einige Photographien und eine alte Pendeluhr.

Die Frau ist mit einem geflickten Rocke und einem sogenannten Wäscherleibchen angetan, das bis über die Ellbogen die hageren, wie mumifizierten Arme freiläßt. Der ganze Eindruck ist der einer vorzeitigen Greisenhaftigkeit, denn die Rechnerin mag kaum fünfzigjährig sein. Das graue Haar hängt verwirrt und unordentlich um den Kopf. Die Finger sind so dick, unförmlich und ausgewaschen, wie man sie bei Waschfrauen findet, die schon viele Jahre ununterbrochen ihrem Beruf obliegen.

Schon lange saß die alte Frau vor dem Papier, dem braunen Umschlag eines Schulheftes, und mühte sich, durch Verändern der Zahlen zu einem günstigeren Resultat ihrer Berechnung zu gelangen. Stets wieder strich sie mit mutloser Miene aus und suchte jedenfalls dem Problem nahezukommen, wie man aus einem bestimmten Betrag das Doppelte seines Wertes hervorbringen könne. Die Rechnerin war die Mutter Poldis und der kleinen Katherl. Kein Mensch hätte jemals ohne bestimmtes Wissen darauf verfallen können, sie als die Gebärerin des schönen, stolzen Mädchens und des lieblichen Kindes mit diesen in Verbindung zu bringen.

Das hastige, lärmende Hereinstürzen eines anderen Mädchens von etwa vierzehn Jahren nötigte die Frau zu einem unwilligen Umsehen. Und da zeigte sich etwas in den müden Augen, die aus faltigem Gesicht die Störerin anblickten, das an die älteste Tochter gemahnte. Wer weiß, wie schön die Mutter vor Jahren gewesen sein mochte. Aber welche Macht, Verwüstungen anzurichten, besitzt die Armut mit ihrem Gefolge allerorten!

Das hereinstürzende Mädchen war das drittälteste Kind. Aufgeschossen, mit den eckigen Bewegungen der bald Vierzehnjährigen, in Kleidern, die ihr zu kurz und zu schlotternd waren, schmutzig, zerrauft, hätte sie keinen günstigen Eindruck erwecken können, wäre ihr Gesicht nicht auffallend hübsch gewesen, wie es freilich der Vorzug der jüngeren Generation Schaumann war, so hübsch zu sein, daß es den Neid erwecken konnte.

»Muatta,« keuchte Reserl, »denk' d'r nur, was g'scheg'n is.«

»Mein Gott und Herr,« sagte die Mutter mit einer zitternden und weinerlichen Stimme, die Menschen eigen, welches stets in der Angst vor einem möglichen Unglück leben, »derschreck an' net. Es wird do nix mit'n Vodan sein?«

»Woher! Ganz was anders. Neamd von uns.«

Die Frau atmete erleichtert auf.

»Hörst, wia du an' an' Schrecken einjag'n kunnt'st. Wo bist denn wieder bis jetzt herumstrabanzt? Schau di nur in Spiegel, wias d' ausschaust. Jetzt kummt glei die Poldi ham, wann dö di sicht . . .«

Ein unwilliges Achselzucken war die Antwort Reserls auf die Bemerkung von dem baldigen Erscheinen der älteren Schwester.

»Und übrigens laß mi jetzt in Ruah mit deine Dummheiten, dös d' von der Gassen hambringst. I hab' da zum rechna, daß i net waß, wo ma der Kopf steht. Und übermuring is der Zins. Wann mi nur d'r Müller vielleicht heut net aufsitzen laßt. Steherten m'r sauber da. Zwa Täg' nach'n Erst'n is die Kündigung glei im Haus.«

»Aber hör' do zua,« sagte Reserl, noch immer halb keuchend; »dann vergißt d' aufs Rechnen. Also i sitz' heut im Park und da kummt a Frau zu mir und sagt: »Sie! Da hast fünf Kreuzer, wanns d' m'r an' Gang machen willst.« – »Ja, sag' i, wohin?« – »No, zu meiner Hausmasterin und sie soll mein' Mann sag'n, wann er hamkummt, daß i bei der Frau bleib'n muaß, dö ins Kindbett kumma is. Er soll ins Wirtshaus nachtmahl'n gehn. Aber daß d' m'r richti gehst! Denn sunst wann i di wiedersiech, is's Habe die Ehre mit deine Zott'n.« Waßt, Muatta, sie kummt öfters in'n Park und i glaub', sie is a Madam'«.

So wenig anregend die bisher vorgebrachten Tatsachen waren, so lauschte die Mutter dennoch dem Bericht mit einer Neugier, die das Um und Auf ihres zwischen bitteren Alltagssorgen und kleinlichem Klatschbedürfnis schwankenden Interesses bildete.

»No ja – wann's bei aner Wöchnerin bleib'n muaß, braucht s' grad ka Madam' z' sein«, meinte sie mit großer Nachdenklichkeit. »Denn i waß, wia i mit dir in dem Fall war, is aa a Nachbarin den ganzen Tag und aa die ganze Nacht bei mir g'west.«

Die mütterliche Erinnerung schien Reserl nicht zu behagen. Denn solche Abschweifungen waren imstande, ihre mit vorberechneter Bedächtigkeit aufgebaute Exposition allen Glanzes zu berauben.

»Jetzt'n – war s' a Madam' oder net, dös is Nebensach'. Alsdann, daß i dir sag' – sie wohnt im Trümmlerhaus. No, dö Adress' kenn' i do.«

Dieses neue Detail bewog die Mutter, mit vor fieberndem Interesse glänzenden Augen die Erzählerin anzustarren.

»Ah, geh! . . . Im Trümmlerhaus? – Was macht denn der Trümmler? – Waß er no nix von der Tini?« Und sie faltete die Hände mit der Andacht eines ein Wunder ersehenden Beters.

»Ob er was waß! I waß selber alles. Muatta, wanns du dabei g'wesen warst . . .«

Reserl betonte die persönlichen Fürwörter.

»Du waßt was von der Tini?«

»I sag d'r ja, da hätt'st dabei sein soll'n. Aber jetzt laß mi amal derzähl'n, sunst wir i ja zum End' net firti. Alsdann, i kumm hin. Triff i die Trümmlerin vor'n Haustor und richt' ihr die Post aus. Na, mant s', i soll a bißl einikumma, mir hätten uns scho lang net g'seg'n. So geh i mit eini. Drin is der Trümmler g'sessen und hat gerad a Schwarzplattl g'füattert; du waßt, er is ja sei' Lebtag a Vogelnarr g'wesen. Du . . . i sag' d'r Muatter, net mehr zum derkennen, der Man. So weiß is er ward'n . . . G'red't hat er gar nix.

»Die Trümmlerin hat m'r an' Kaffee aufg'wart't, dann is g'fragt word'n, wia's uns geht und so weiter.«

Reserl schien ihre Schilderung mit einer umständlichen Breite auszuspinnen, die zu ihrem ersten heftigen Losplatzen der Neuigkeitswut in Widerspruch stand.

»Und dann hat s' von der Tini erzählt?« forschte mit der Beharrlichkeit einer nur von dem Schicksal einer Person eingenommenen Frau die Mutter.

»Ah, was denn net no! Die hat g'rad so viel von ihr g'wußt als i und übrigens hat ma vorm alten Trümmler nix von der Tini erzählen därf n. Alsdann,« Reserl wälzte sich in der Behaglichkeit des Wortes, »i sitz' und trink mein' Kaffee. Aber auf amal hör'n m'r vom Hof a G'schra, a Massa Kinder stürzen eini und alle schrei'n: Die Fräul'n Tini! Die Fräul'n Tini!«

»Und richti . . . Wia m'r uns no anschau'n, war s' wirkli da. Du Muatta, i sag' d'r nur, so was hab i no net g'seg'n. Ganz wia a Prinzessin. Denk d'r nur, a Atlaskleid hat s' g'habt, gelbe Lackschuch, an' Hutt mit Federn und Blumen, goldene Ketten, Ring, Braßletts, Diamanten und Brillianten, und Handschuch . . .«

Reserl versagte bei Aufzählung all dieser Herrlichkeiten fast die Stimme. Auch befleißigte sie sich der Anwendung eines »Hochdeutsch«, das nur für Toilette- und Modegegenstände Gültigkeit hat. Aus einem »Huat« wird ein »Hutt«, aus einem »Schuach« ein »Schuch« und aus dem nasalen Hand wird in Verbindung mit Schuch der vokalreine »Handschuch«.

Die Mutter saß so überwältigt da wie ein Kind, das ein spannendes Märchen hört.

»Mein Gott! So a Glück . . . so a Glück . . .« vermochte sie nur zu stammeln.

»Gelt ja«, sagte mit einem Tone heiligster Überzeugung Reserl. »Aber wanns d' glaubst, daß der Trümmler an so was denkt hat, bist am Holzweg. Also – die Tini kummt eini und fallt ihrer Muatta um an Hals. Dann geht s' zum Vodan und sagt: »Grüaß di Gott, Vatta!« Der schaut s' an und mant: »Sie müassen Ihner in dem Haus g'irrt hab'n, Fräul'n. Bei uns herin' wohnen weder hohe Herrschaften no Hur'n.«

Auf das sagt die Tini: »Ja kennst mi wirkli nimmer, Voda? Was – da schaust halt! Dei Tinerl . . .,«

»Du Muatta . . . auf das hin geht er ins Eck, wo die Besen lahnen, packt an' und drischackt damit die Tini, was Platz hat. Die als a schreieter aussi – der Trümmler ihr nach. Unter d'r Einfahrt faßt s' no a paar Saftige aus. Vor'm Haustor steht a feiner Fiaker – Muatta, wirkli fein! Die Tini schmeißt si hinein. Der Fiaker laßt glei d' Roß rennen. Da haut der Trümmler no mit aller G'walt den Besen nach und der reißt der Tini den schön' Huat vom Kopf. Du . . . das Hallo von dö Leut' . . . Die Kinder san no langmächtig dem Wag'n nachg'rennt. I bin aa glei mit, aber nachkumma san mir den Zeug selbstverständli net. Jetzt . . . was sagst du dazua?«

Die Mutter sagte gar nichts, konnte gar nichts sagen. Ihr einfältiger Kopf hing an dem Gedanken, wie glücklich sie selbst wäre, käme ein Kind unter solchen Umständen nach Hause. In ihren Augen war der Besitz alles, seine Quelle ein Ding, nicht der Frage wert.

Stete, drückende Armut, die qualvolle Sorge von einem Tag auf den nächsten, die Plackereien in ihrem Beruf bei kärglicher Entlohnung – alles wirkte zusammen, um bei ihr in gewisser Art den Sinn für Rechtlichkeit und Reinlichkeit des Erwerbens zu trüben.

Sie war sonst wirklich und wahrhaftig eine brave, redliche Frau, die für ihre Person vor jeder Entgleisung zurückschreckte. Aber daß ein junges Mädchen aus armen Stande aus seiner Schönheit die höchst möglichen Vorteile zu ziehen suchte, schien ihr fast so erlaubt wie die Ehe. Gegen die Straßendirne hegte sie den Abscheu aller ehrbaren Frauen, vor der Mätresse knickte sie zusammen.

Reserl, die sich ihrer Neuigkeit entbunden fühlte, warf sich jetzt in das offene Fenster, indem sie die Hacken emporschnellte und mit gellender Stimme einen Gassenhauer sang:

»Kinder, wer ka Geld hat, der bleibt z' Haus' . . .«

Es gibt einen Unstern im Leben, der dem Talentlosen scheinbares Talent einhaucht. Da Reserl allen Neuigkeiten auf dem Gebiet des Couplets und Gassenhauers insofern gerecht wurde, als sie unleugbar ein musikalisches Gehör hatte, so fanden sich bald einige gutmütige und »gute« Nachbarinnen, die sich's angelegen sein ließen, auf die »emanente Stimm'« hinzuweisen, womit sie einigermaßen im Rechte waren, denn die schrillen Gesänge, mit welchen Reserl tagsüber das Haus erfüllte, konnten keinen Mangel an Stimmitteln bedeuten.

»Dös Mad'l g'hörert eigentli in die Oper oder auf a Theater!« Das war die Stimme des Hauses über die Stimme Reserls, und wußten die Ratschlagerinnen einen Unterschied zwischen Oper und Theater überhaupt zu machen, so stand der allgemeinen Auffassung nach, der Vorteil entschieden auf seiten des Theaters.

Oper war ein Abstraktum, ein Begriff – Theater war etwas zum mindesten schon einmal Genossenes, also Blut- und Lebensvolles.

»Muatta, wann ess'n m'r denn heute? I hab' schon an' Hunger!« sagte mit einem Über-die-Schulter-Neigen des Hauptes Reserl.

»Ja freili, was denn! Du wirst's versamen. Z'erst muaß die Poldi hamkummn, dann d'r Voda . . . wo der nur wieder bleibt?«

Schritte von der Küche, die den Erwarteten vermuten ließen, ertönten. Aber nicht der Vater trat ins Zimmer, sondern Schani, das Schmerzenskind der Familie, und nicht mütterliche Liebe begrüßte ihn, sondern ängstliches Mißtrauen. Denn das Erscheinen des Sohnes war, wie die Mutter wußte, ein zur Stunde ganz ungerechtfertigtes.

»Ja, sag' m'r nur,« begann sie denn auch mit ihrer zittrigen, vor steter Angst und Sorge weinerlichen Stimme, »was machst denn du heut daham? Hast do kan' Ausgang?«

»No, daham bin i halt«, war die ebenfalls nicht eine kindliche Zärtlichkeit atmende Antwort. »Kann i net hamkumma, wann's mi g'freut? Dürft' unserana net hamkumma könna.«

»Da bist also scho wieder aus'm G'schäft?«

»Schon wieder? . . . Was du aa nur immer hast? War eh lang g'nua auf dem Rackerposten.«

»Lang g'nua . . . Mein Gott! An' Monat!«

»Fünf Woch'n scho. Ah, i wir mi vielleicht von dem Flohbeut'l pflanz'n lass'n! Fallert m'r ein. Weil i den Kramp'n, den stößerten, heut a biss'l drischackt hab', macht er mir a Manöver. Um a Roß is eahm z' tuan, um an' Menschen net. Wahr is 's,« fügte er mit einem boshaften Aufleuchten hinzu, »sauber hab' i dö Bestie g'salzen, dö hamtückische. Sollt' s' eahm nur hinwerd'n, das Hundsfuatta, daß er an' Schad'n hat – auf zwa Tag' verschütt't werd'n kummert's m'r net an.«

»Ja was willst denn jetzt mach'n? Bis du wieder an' Platz find'st . . . Bist do scho überall bekannt.«

Schani war das Gespenst im Hause Schaumann. Untauglich zu allem, außer zu böswilligen, nicht mutwilligen Streichen, war er schon seit seinen Schuljahren eine ständige Qual der Familie. Zu einem Handwerk hatte er weder Lust noch Ausdauer gehabt, daher keines erlernt. So trieb er sich als Handlanger auf allen möglichen Plätzen herum, als Ziegelreicher bei Neubauten, als Taglöhner bei Erdaushebungen, dann als Helfer auf Märkten, als Möbelpacker, als Sandwagenkutscher und bei ähnlichen Verrichtungen von Leuten, die nichts erlernt haben. Trotzdem hätte er aber ein nützliches Glied der Gesellschaft werden können, hätte er es verstanden, auf einem Platze auch nur einigermaßen gutzutun. Aber roh, zügellos, zu Gewalttätigkeiten geneigt, hatte er allerorten Anstände.

Überall fand er ein Haar in der Arbeit oder der betreffende Arbeitgeber fand Schani nicht nur für unnütz, sondern manchmal geradezu gefährlich in seinem Dienste. Der schwerwiegendste Fehler des jungen Burschen war die gänzliche Nichtachtung des Besitzes anderer. Er war bis nun immer knapp der Katastrophe ausgewichen, daß sich das Gericht mit seinen Entgleisungen zu befassen hatte. Stets war ihm mehr oder minder sanft der »Wurf« gegeben worden.

Dabei hatte er ein bildhübsches, weibliches Gesicht, das schon bei vielen Mädchen Unheil angerichtet hatte. Mit seinen zwanzig Jahren war er jedoch schon des Weibes als Besitz überdrüssig und so tief verdorben, daß kein weibliches Wesen ihm was anderes dünkte als ein Geschöpf, das verpflichtet war, für seine Bedürfnisse zu sorgen. Bis jetzt waren es noch immer Mädchen der dienenden Klasse gewesen, die für einen Sonntagausgang mit folgendem Schäferstündchen die Kosten aufbrachten.

Schani war schon über die Linie geschritten, die die männliche Eitelkeit bezeichnet. Ihm war es nur noch darum zu tun, leben zu können, ohne Arbeit, ohne Sorgen. Kurz und gut, er hatte sich zum Beschützer einer Dirne aufgeworfen, hielt es aber nicht für angebracht, von seinem neuen Erwerbszweig zu reden. Auf die Frage seiner Mutter, was er nun beginnen wolle, zog er einige Kronen hervor, die er ihr reichte. Wenn noch etwas an Gefühl für die Familie in ihm lebte, so war es gerade nur die alte Frau. der er dieses Gefühl zuwendete.

»So, Muatta, da hast a paar Kranln, laß d'r's davon guat gehn. I hab' scho an' neuchen Platz und an' bessern, sunst hätt' i den jetzigen net fahr'n lass'n. I hab' jetzt an' Deanst g'numma, wo i lang net hamkumma wir. Denn Gott sei Dank, mir san net engbrüsti und wissen, daß das Leb'n an' Kern hat. Also pfiat di g'sund. In Vodan kannst ma aa schön grüaßen lassen. Er soll net so viel sauf'n, sag' eahm aa. Denn mit sein an' Flügel kunnt eahm amal d' Balanz o'gehn und dann is oha! Und dem Rotzmensch, der Poldl, sag' nur ans: wann i s' no amal mit an' so an' g'fehlten Gigerl derwisch' reiß i eahm ane, daß er an' Stern schlagt bis aufs and're Trottoar. Dö soll si an' ehrlichen Kerl aus 'n Volk nehmen, net so aa G'spiel, dös i mar aufs Hüatl steck'.«

In Schanis Worten war vieles bemerkenswert. Seine Schonung der mütterlichen Gefühle, seine Warnung an den Vater (das wegen des »Flügels« war eine ausgemachte Roheit) und seine Besorgnis um die Schwester, die diese Besorgnis weder verdiente noch beanspruchte.

Frau Schaumann hatte der Anblick der paar Geldstücke und die kindliche Abschiedsrede des Sohnes weich gemacht.

»Aber schau, Schani, alle vierzehn Tag' wirst di do amal anschau'n lassen können. Hab' immer a Freud', wann i meine Kinder recht beinand' hab'.«

»Is scho guat,« sagte der gemütvolle Sohn, »wann i die Zeit find', was i aber so bald net glaub'. Na alsdann, pfiat hab' i mi, dös bißl Wäsch und G'wand, was i da hab', kann d'r Voda trag'n, oba net wohin . . . Sunst is nix mehr zum sag'n.«

Reserl, die von Schani ziemlich unbeachtet, dessen Erzählung mit ungläubigem Gesicht zugehört hatte, schrillte jetzt in den Austausch von mütterlicher und kindlicher Zärtlichkeit.

»Net wahr is's, Muatta, gar net wahr is's. Aeui . . . fixt, i waß alles . .«

»Rabenviech, ölendig's, was waßt? Red', sunst derwürg' i di. Mistfetz'n! Was waßt?« Schanis weibisches Gesicht sah unheimlich aus.

Reserl ließ sich nicht einschüchtern.

»I hab's g'hört, Muatta. Der Kastranek Loisl hat's im Park denen andern derzählt. A Treiber bist . . Ja, mit der Paruck'npepi gehst. Destweg'n hast aa a Geld.«

Schani, außer sich vor Wut und ungezügelter Roheit, wollte sich auf die Schwester stürzen. Doch diese entschlüpfte ihm flink unter den Armen und stand nun in der Tür, von der sie höhnend gellte.

»Beinltreiber! Beinltreiber!«

Dann war sie draußen und lief wieder auf die Straße, eigentlich in den Pfuhl. Denn das ist die Straße für die Kinder der Armen. Man sieht, Reserl war so aufgeklärt, als es ein kaum vierzehnjähriges Mädchen nur sein konnte. Die Mutter war jedoch weniger von dieser Aufklärung als von der auf Schani Bezug habenden entsetzt. Ihr alter, verwirrter, selbst kupplerischer Kopf, soweit es sich um Mädchen handelte, die »Grafen und Fürsten« als Galans hatten, konnte den Gedanken nicht fassen, den einzigen Sohn einem so schmählichen Erwerb nachgehen zu sehen.

Etwas von der herben Ehrenhaftigkeit ihrer Mädchentage lebte wieder auf. Sie fragte mit einer ganz fremden, harten Stimme:

»Is das wahr, Schani? Sag' m'r, is das wahr? Sollt'st di so weit vergess'n hab'n? Dann nimm dein Geld. Na . . . liaber verhungern, als von so an' Geld leb'n!«

Schanis vorher noch so wutverzerrtes Gesicht war bleich geworden. Die ungewohnte Energie der Mutter verfehlte ihre Wirkung nicht. Es war vielleicht der Notschrei des eingekerkerten, schmachtenden, zweiten, besseren Menschen in ihm, dem er einem Atemzug lang lauschte. Denn er – log.

Diese Lüge war jedenfalls eine ehrenhaftere Handlung als die zynische Wahrheit. Er täuschte gutmütig die erregte Frau auf seine Weise.

»Muaßt denn so an' Mensch dös glaub'n? Trauri gnua, daß s' schon solche Sachen daherred't. Jetzt is s' dreizehn Jahr' vorüber und führt an' Dischkurs, wia wann s' selber ane war'. Daß d' ihr dös Strawanzen aa so erlaubst. So a Madl g'hört ham, net allweil in 'n Park.«

Wie sonderbar sich eine Moralpredigt von solchem Munde ausnehmen mochte, aber Schani hatte recht, bitter recht, wenn auch nicht gegen die Mutter, auch nicht gegen die Mütter im allgemeinen.

»Destweg'n, daß da alle Kinder schlecht werd'n müaßt'n, dö auf der Straßen herumlaufen, is do net notwendig«, verteidigte Frau Schaumann Reserl ihrem Sohne gegenüber. »I bin aa amal mehr auf der Gassen g'west als daham und bin do immer brav 'blieb'n. Aber du, Schani, tua m'r dö Schand' net an, nur die anzige Schand' tua m'r net an.«

»Was d' nur immer hast'« murrte Schani unbehaglich, »wann i d'r eh scho g'sagt hab' . . . Da pass' liaber auf d' Poldl auf, war' g'scheiter. I hab' s' heut vur net ganz aner Stund' g'seg'n mit so an' Lack'l, dem i 'n Wurf gabert, wann er si da no amal in der Näh' anschau'n liaßt. I kann amal die G'wissen nöt leiden, denen m'r grad guat san, wann s' uns're Mad'ln verzarr'n können. I hab' d'rs gesagt, und nomal Serwas.«

Hätte Schani die Wahrheit gesprochen und hätte er wirklich Besorgnisse wegen der Ehre seiner Schwester gehegt, wie seine Worte ausdrücken sollten, so wäre er bei all seiner Roheit eine ehrenhafte Natur gewesen. Aber Poldis Wohlfahrt lag ihm nicht im mindesten am Herzen. Im Gegenteil, wenn er jemanden aus vollster Seele haßte, so seine schöne Schwester.

Diese allein wußte in der Familie all die glänzenden Eigenschaften des einzigen Sohnes gebührend zu schätzen. Seine Arbeitsscheu, seine Genußsucht (wenn die Gier nach rohen Genüssen so genannt werden konnte), seine Tücke, Roheit und Feigheit. Besonders die letzte haßte das stolze Mädchen am meisten.

Schani meinte nun seinen kindlichen Regungen genugsam Freiheit gelassen zu haben. Er kehrte nun wieder das hervor, was er als männlichen Stolz empfand, indem er sich ohne jeden weiteren zärtlichen Gruß als mit dem kollegialen »Serwas« entfernte. Und dies mit dem wiegenden, auftretenden Gange, der auf naive Mädchen der untersten Schichten als der beste Beweis edler Männlichkeit wirkt.

Frau Schaumann war nach der kurzen Anwandlung ganz ungewohnter Energie in ihre alte Stumpfheit verfallen. Sie nahm wieder die alte Berechnung vor und dachte wieder nur an das alte Problem, wie aus einer Krone der Werteffekt zweier zu ermitteln wäre. Sogar die Angelegenheit der Trümmler Tini, so aufregend sie für einen Augenblick gewirkt, schien vergessen.

Aber wie, wenn in diese ärmliche Wohnung plötzlich der Frühling hereingestürmt wäre, so wirkte das Erscheinen der ältesten und der jüngsten Tochter. Zwar war dies nicht bei der Mutter der Fall, auf die sich Katherl stürzte.

»Muatta . . . Muatta, denk d'r nur . . .«

Diese Worte waren für die alte Frau gerade geeignet, sie vor die Wahl zwischen größter Besorgnis und brennendster Neugierde zu stellen. Zwei Extreme, denen sie außer ihrer gewöhnlichen Stumpfheit ausgesetzt war. Ihr kurzes Gedächtnis, das in einer Minute ein vorhergegangenes und zu erwartendes Ereignis in einen ziemlich unordentlichen Wirbel verflocht, zauberte mit Macht die Episode der Trümmlerschen Hausjustiz vor Augen, während sich zu gleicher Zeit die nie ruhende Furcht meldete, dem Vater könne etwas geschehen sein.

Katherl entriß sie gleich allen Mutmaßungen, indem sie ihr Zuckerbäckerabenteuer zum besten gab. Damit hatte sie aber wenig Glück bei der Mutter, die, nun selbst das: »Grüaß di Gott, Mutter!« Poldis ganz überhörend, sich entrüstete:

»Sag m'r nur, is das notwendi? So a Massa Geld! Um zwa Kreuzer Zuckerln hätten's aa 'tan. Mein Gott! Wann's Geld so aussig'schmiss'n wird . . .«

Poldi, die sich ihres Hutes entledigt und ihn auf das Bett neben die Rose gelegt hatte, besänftigte ruhig die Aufgeregte.

»Aber geh . . . weg'n die paar Kreuzer . . . Soll denn 's Kind net aa amal a Freud' hab'n? Gelt Katherl, guat war's.«

»O ja.« Die Kleine drängte sich nach Art von Kindern, die einen errungenen Vorteil der Gebelaune auszunützen gedenken, an die Schwester: »Aber gelt, Poldi . . . die Blumen schenkst m'r aa.«

»Die Hand von derer Blumen. Kinder brauchen net all's z' hab'n. Die Ros'n wirst in Ruah lass'n.«

Katherl blickte verschüchtert auf Poldi. Denn diese war plötzlich ganz rot und erzürnt geworden. Die Mutter schüttelte mißbilligend das Haupt.

»I begreif di wirkli selber net. Für Zuckerbackerei'n gibst a Massa Geld aus und die dumme Blumen neid'st ihr eini. Muring is s' eh verwelkt.«

Poldi wußte es nur zu gut. Morgen war alles verwelkt, selbst die dumme, träumerische Erinnerung, die nur etwas ganz Unnützes gewesen wäre, mußte mit morgen zu welken beginnen. Aber ihre Heftigkeit reute sie.

»Es is nur weg'n dem, daß a Kind net all's z' hab'n braucht, was ihm g'fallt. Was tät' s' denn aa mit der Ros'n? Für sie is no a Backerei 's beste. Und am allerbest'n is, sie waß amal nix von Ros'n, die . . . die . . .«

Und Poldi wendete sich ab, da ihr der Geber der Sommerkönigin und der letzte Abschied von ihm aufs neue in den Sinn kamen. So stark sie es unterdrücken wollte, es brach sich mit einigen verhaltenen Erschütterungen los.

Kleine Mädchen und alte verwirrte, gedankenlose Frauen werden oft hellsehend. Katherl, im Bestreben, die gute große Schwester zu trösten, sagte teilnahmsvoll:

»Gelt Poldi, sixt, i hab' do recht g'habt. Du hast heut scho g'want. Geh, warum denn?«

Und die Mutter erinnerte sich plötzlich der Worte Schanis, sie klangen ihr so im Ohr, als wären sie eben gesprochen worden. Weil aber Liebesgeschichten, mögen sie wen immer betreffen, auf alle Frauen eine besondere Anziehung ausüben, selbst auf sehr weißhaarige, so lautete die mütterliche Frage:

»Alsdann is do was dran? Gehst wirkli mit an'? Oder is 'scho aus? Kränk di net,« folgte die Tröstung, »d' Männer san's gar net wert. I hätt' an euchern Vodan aa nix verlur'n g'habt, kannst mir's glaub'n.«

Die liebevolle Darstellung des Verhältnisses zum Manne im allgemeinen und besonderen hätte Poldi ganz ruhig gelassen. Aber die Worte: »Gehst wirkli mit an'?« bekundeten den Hinweis auf die Kenntnis eines Geheimnisses, das Poldi als ihr heiligstes betrachtete.

Diese Erfahrung machte ihre Tränen rasch trocknen. Sie wendete sich jäh zur Mutter:

»Was waßt du? Wer hat dir was g'sagt?«

»No, der Schani hat di g'seg'n und hat g'mant, es war' besser, ma' gebert auf die acht als auf eahm. Und i bitt' di, laß di nur net wieder mit eahm vorm Schani anschau'n!«

In diesem einzigen Worte »eahm« lag die einfache Anerkennung eines Verhältnisses, die mütterliche Billigung desselben, unbekümmert darum, daß sie von dem Geliebten ihrer Tochter nichts als eine nebelhafte Vorstellung besaß. Nach der Schilderung Schanis schien er den besseren Ständen anzugehören und das schmeichelte wieder der mütterlichen Eitelkeit.

Poldi hatte das beschämende Gefühl, von einem beobachtet worden zu sein, den sie zu ihrer Schande Bruder nennen mußte.

»Also der Schani? Glaubt der vielleicht, daß er mir Vorschrift'n mach'n kann? Auf mi achtgeb'n . . . Am End', weil er a Mannsbild is, wia freili so leicht kan's mißrat'n sein kann? Wann hat er dir denn was d'rzählt?«

»Net lang, bevors d' kumma bist. Er war heut da. Er hat sein' Platz aufgeb'n . . .«

»Ah so . . . Also wieder amal? Und mir scheint, das is für den gnädigen Herrn Grund g'nua, auf mi aufz'passen. War' wirkli g'scheiter, er schauert auf si selber. Jetzt hast eahm wieder a paar Wochen am G'nack! I sag d'r nur an's, Mutter: z' Haus leid' i 'hn nimmer. Vielleicht sollst dir für eahm die Nägel vom Fleisch arbeiten, daß er z' Haus faulenzt? Der Schuft kummt mir nimmer herein.«

Poldi hatte es mit der größten Erregung gesagt, die nur zu deutlich ihren festen Willen bekundete, dem tagediebischen Bruder das Haus zu wehren.

»Da brauchst di net z' fürchten, daß mir 'hn daham hab'n. Er hat scho an' andern Platz, an' bessern, hat er g'sagt, und er wird lang net hamkumma. Da schau her, das hat er mir geb'n, ehnder als er weg is«, und Frau Schaumann zeigte voll Triumph die paar, ihr von Schani überlassenen Geldstücke. Mit der unverständigen, oft frevelhaften Liebe aller Mütter hing ihr Herz an dem einzigen Sohne, der sich bis nun dieser Liebe in keiner Weise würdig gezeigt hatte.

»Warum is er denn wieder weg von dem Platz?« forschte Poldi. »War aa a Platz! Wann man bedenkt, a Weanakind und a Ziagelkutscher, wo jeder zuagraste Böhm' bei uns den gnädigen Herrn spielt und blast, als wann eahm ka Mensch gleich war'.«

»Jekerl – a Roß hat er halt geschlag'n. Und da is sein Herr gifti word'n. Dürft' er an' umbracht hab'n.«

»Schaut eahm gleich«, sagte Poldi voll tiefster Verachtung. »Viecher martern is ka Kunst. Und was will er denn jetzt anfangen?«

Katherl fiel der Schwester in die Rede.

»Du, Poldi, die Reserl hat heut g'sagt, der Schani is a Treiber. Sag' mir nur, was is denn das?«

Wenn ein Engel eine Gotteslästerung ausgesprochen haben würde, die Wirkung auf Poldi hätte keine geringere sein können, als sie die wenigen kindlichen Worte ausübten. Sie sah fassungslos von der Schwester auf die Mutter, wie um die Bestätigung eines Unfaßbaren zu erhalten.

»Ja, Katherl,« konnte sie endlich hervorbringen, »wer hat dir denn so was g'sagt? Die Reserl? Um Gottes will'n! Wer lernt den Kindern solche Sach'n?«

Die Mutter fand an der Äußerung weniger Anstoß. »Aber so was hör'n s' halt red'n und plappern s' dann nach. Die Reserl hat mir aa so was g'sagt. Der Schani leugn't's aber. 's wird halt do nix dran sein.«

»Aber i bitt' di, Mutter, so was laßt d'r ruhig von die Kinder erzähl'n? Begreifst denn net . . .? Jetzt aber lass'n m'r das! Da drüber red'n m'r dann allan. Nimm z'erst dein Geld.« Poldi zog ihre Börse und überreichte der Mutter den armseligen Verdienst, den die Erzeugerinnen des Luxus gemeinhin für sich in Anspruch nehmen dürfen.

Frau Schaumann wurde durch den Anblick des Geldes wieder zu anderen Sorgen und Betrachtungen hingelenkt.

»Wann nur übermurg'n net der Zins wär'! Was i heut scho rechn', und rechn', es geht si für die nächste Woch'n umadum net aus. Wann nur der Müller net am End' heut sein' Tag hat. I hab' eahm in d'r Fruah so aufbot'n, er soll nur dö Woch'n g'scheit sein . . . Du liaber Himmel, was ma für a G'frett hat.«

Katherl gelüstete es nach der Straße. Ihre höchste Autorität war zur Zeit der Anwesenheit Poldis stets diese. Daher schmeichelte sie der Schwester.

»Poldi, gelt i därf no a bißl in 'n Park obigehn? Mir tan durt Indianer spiel'n. Ja? Waßt i bin a Squaff, die was g'raubt wird. Der »schwarze Grizzli« is mein Rauber und der »schleicherte Kojott«, dem wir i g'raubt. Ja, Poldi? Und dann wird der Bechner Toni am Marterpfahl an'bunden und die Indianer schiaßen alle mit Papierschleudern auf eahm. Und dann möcht' i aa derzähl'n, daß i a G'frornes 'gessen hab' und zwa Schaumroll'n. Gelt ja, Poldi, i därf obi? Zum Nachtmahl kumm i ham.«

Poldi wollte anfänglich in Hinsicht der vorgerückten Stunde die Erlaubnis verweigern. Kinder gehörten ihrer Ansicht nach um diese Zeit nach Hause. Dann überlegte sie jedoch, daß die Schani berührende Angelegenheit vor allem ins reine gebracht werden müsse, wobei Katherls Ohren entbehrlich waren. Und überdies hatte die kleine Schmeichlerin bettelnd und spielend ihre Finger in die der Schwester verflochten und hüpfte in ungeduldiger Erwartung der Erlaubnis unausgesetzt hin und her, so daß sie diese erhielt, mit der Mahnung, baldigst wieder zum Abendessen zu Hause zu sein.

Mit einem freudigen »Huugh« stürmte die Kleine hinaus.

Poldi nahm das Wort.

»Weil m'r allan san: sag' m'r nur, was red't denn das Kind da z'samm'? Das sollt' s' von d'r Reserl g'hört hab'n? Denk' nur, das Madl is schon in an' Alter, wo vieles für sie nimmer paßt. In die Parks wird aa was z'sammg'redt, für das si oft die Alten schamen sollten. I merk's scho lang, daß die Kinder ganz verwahrlosen.«

»O mein Gott und Herr!« jammerte die Mutter, »wo soll i s' denn in ganzen Tag lass'n? Bin denn i daham? Nach der Schul is für die Kinder erst die Zeit, daß sie si a bißl austob'n. Was soll'n s' denn aa anfangen? Übrigens, bei unserer Rass' . . . da därf m'r net so hakli sein. Wer hat denn auf di achtgeb'n können? Hauptsach' is, daß s' a brav's Madl bleibt.«

Unter brav bleiben verstand Frau Schaumann eigentlich nur, daß ein Mädel kein uneheliches Kind nach Hause bringe und keine Straßendirne werde. Ganz anders verhielt sie sich aber zu dem Nichtbravbleiben, wenn damit ein Aufstieg wie der der Trümmler Tini verbunden war. Es war keine laxe Moral, die so denken hieß, sondern ganz einfach der Vergleich zwischen ihrer Armut und einem arbeitslosen, üppigen Wohlleben.

»Um das handelt si's ja«, erwiderte Poldi. »Wia kannst es an' Kind verarg'n, wann's net brav bleibt, wo's rundumadum nix hört und siecht als Schlechtigkeiten. Es is a Jammer, wann ma zuaschau'n muaß und kann net helfen. I hab schon dran denkt, daß i d' Katherl in a Kloster gib, wann's halt nur net so viel kostert. Sie lernert dort was, hauptsächlich a Manier, andererseits fürcht' i wieder, daß s' a Betschwester wird.«

Die Andeutung dieses Planes stieß aber bei der Mutter auf energischen Widerspruch.

»I begreif' di gar net, Poldi, wos d' nur hindenkst? Hab'n m'r's denn gar so dick? I zerbrich m'r 'n Kopf, wia i m'r's einteil, und du möcht'st 's Geld auf so a Art aussischmeißen.«

Poldi beruhigte die Erregte mit dem Hinweis auf die Undurchführbarkeit dieses Planes eben wegen der Kostenfrage.

»Lass'n ma's jetzt, Mutter, und hoffen m'r, daß 's ka schlecht's End' nimmt. Bei der Reserl wir i froh sein, wann s' aus der Schul' kummt. Die muaß glei in a Lehr'. Haßt, bis dorthin . . . I spekulier' scho die längste Zeit über was. Dann kunnt'st du daham bleib'n und die Wirtschaft führ'n und mir hätt'n an' anständigen Haushalt, wia er si g'hört.«

Die alte Frau horchte hoch auf.

»Du manst, i brauchet nimmer ins Waschen gehn?« Es verschlug ihr fast den Atem.

»No ja, waßt Mutter, es is ja nur derweil so a Idee, wia g'sagt. Vorderhand denk' liaber aufs Nachtmahl. Die Kinder werd'n bald z'ruckkommen und aa d'r Vota . . . Wo der nur so lang bleibt?«

»Jessas, heut is Samstag«, jammerte die Mutter. »Da find't er alleweit seine Spezi, die ihm was z' trinken geb'n, und 's Malör is firti. Er waß, er soll nix trinken, er vertragt nix, aber na! Justament! Herrgott, was i mit dem Mann g'straft bin.«

»Horch!« sagte Poldi, »da kommen schon die Kinder z'ruck!«

Reserl kündigte sich von draußen an, indem sie mit ihrer schrillen Stimme sang:

»Küssen ist keine Sünd' mit einem schönen Kind . . .«

Dann stürzten die beiden Mädchen herein und brachten die Nachricht, daß der Vater komme.

»Aber net ohne!« sagte Reserl mit Beziehung auf einen gewissen Zustand. Poldi erblaßte.

Schwerfällige, unsichere Schritte ließen nicht allzulange auf sich warten. Und auf der Schwelle stand eine Gestalt. Ein einarmiger Mann mit blassen, bis auf die Knochen eingefallenen Wangen, großen, fiebrigen Augen und hagerem, schlotterigem Körper. Und dieser Einarm hielt sich mit der Linken an den Türpfosten, alle Anzeichen der Trunkenheit zeigend.

Der Krüppel war Poldis Vater. Und das alles war Poldis Heim und Familie.

Drittes Kapitel

Erzählt von traurigen und lustigen Verhältnissen, von einer begrabenen Liebe, einem Lumpen und einem bürgerlich tugendsamen Menschen, und eignet sich für ein Lesebuch.

In der Tür stand also Poldis Vater und bot einen keineswegs schönen Anblick. Mit der allen Trunkenen (die ein schlechtes Gewissen fühlen) eigenen Hilflosigkeit versuchte er ein harmloses Lächeln, das auf Poldi herzzerreißend wirkte. Wenn wirklich einen Augenblick der Unmut sie übermannt hatte, vor dem jammervollen Anblick dieses Krüppels schmolz er in lauter Zärtlichkeit um.

»Grüaß di Gott, Vatta!« sagte sie so harmlos und liebenswürdig, als wäre nichts Außergewöhnliches an dem zu Empfangenden zu betrachten. Dabei ging sie ihm entgegen, reichte ihm die Hand wie zum Willkommen, während es doch nur zu einer verstohlenen Führung geschah. Dann geleitete sie ihn zum Sofa, in dessen Ecke sie den Vater sorgsam niederließ.

Frau Schaumann, die in steter Angst um den krüppelhaften Mann lebte, glaubte den empfundenen Druck dieser Besorgnis nicht besser lösen zu können, als indem sie zu schelten anheben wollte. Ein bittender Blick der Tochter brachte sie zur Ruhe. Aber an ihrer gefurchten Stirn konnte man den in ihr tobenden Sturm des Unmuts erkennen.

»Tummel di, Mutter,« sagte Poldi, die bemüht war, die böse Gewitterstimmung zu zerteilen, »daß das Nachtmahl bald am Tisch kummt. D'r Vatta wird aa an' Hunger hab'n.«

»Na, Poldi,« sagte der arme Vater, der, seiner Schwäche bewußt, sich sehr demütig zeigte, »i hab' wirkli . . . kan' Hunger. Waßt, sie hab'n mi beim Schwertner . . . ausg'halten. I . . . vertrag' halt nix . . . Därfts m'r net bös sein . . .« Es war wirklich schwer, dieses zu sein.

Nun konnte die Mutter, die mittlerweile einen Einkaufkorb genommen, sich nicht enthalten.

»Traurig von solche Freund', daß s' net g'scheiter san. Soll'n d'r liaber 's Geld geb'n, was die Trinkerei kost'. Fast jeden Samstag muaß m'r si für di fürchten, daß d' mit'n Rausch hamkummst.«

Diesen Moment hielt Reserl für geeignet, die Stimmung durch eine Coupletstelle zu illustrieren, wie sie überhaupt jede passende, öfter auch unpassende Gelegenheit wahrnahm, ihre Sangeskunst glänzen zu lassen:

A so a Räuscherl, dös is m'r liaber
Als wia a Krankheit und wia a Fiaber . . .

Im nächsten Augenblick brannte ihr eine Ohrfeige auf der Wange. Poldi war über die unkindliche Taktlosigkeit Reserls so ergrimmt, daß diese, bevor sie wußte, wie sie daran war, die Hand der Schwester zu fühlen bekam. Darob ein großes Geheul. Denn die Sängerin, die da vermeinte, es sei an ihrem Genius gesündigt worden, war im Weinen nicht minder laut als in der Ausübung ihrer Kunst.

»Den Augenblick wirst stad sein«, herrschte Poldi sie mit flammenden Blicken am »An dir is a bißl z' viel versamt word'n, was i aber nachhol'n wir. Wan' net lang, sondern nimm in Krug und geh mit der Mutter.«

»I mag net«, heulte Reserl.

»So? Du magst net? Wart', daß d' seg'n wirst, daß d' mög'n muaßt.« Damit nahm Poldi die Schwester beim Arme und führte sie zur Küche hinaus, wo ihr ohne weiteres der Krug aufgedrängt wurde.

Es ist anzunehmen, daß Energie am rechten Platz unter allen Umständen Wunder wirkt. Denn Reserl bequemte sich, wenn auch sehr unwillig, doch zur Begleitung der Mutter. Der Samstageinkauf bestand außer dem Nachtmahl, Wurst und Käse und einem Liter Abzugbier (Poldi hielt darauf, daß gewisse kleine Überschreitungen am Samstag stattfanden), noch aus den geringen Bedürfnissen an Mehl, Zucker, Kaffee usw.

Nach dem Abgang von Mutter und Reserl war Poldi durch einiges Aufräumen des Zimmers sowie durch Ausbreiten eines zwar geflickten, aber reinen und weißen Tischtuches bemüht, jene Stimmung zu erzeugen, die viele Arbeitende ergreift, wenn sie aufatmend das Handwerkszeug beiseite legen und es sich wohl sein lassen. Es sollte wohl immer so sein, aber in wie vielen Fällen geschieht es?

Der Vater war in der Ecke des Sofas eingeschlummert und Katherl, die mit einiger Scheu nach der sonst so gütigen Schwester geschaut, hatte in der Schultasche gekramt. Diesen Augenblick hielt Poldi für geeignet, der umstrittenen Rose ein würdiges Leichenbegängnis zu veranstalten. Sie öffnete eine Lade des Schubladenkastens und entnahm dieser eine Pappschachtel, die all die geringen Schätze bewahrte, die eine arme Nähmamsell zu hüten hat, und besäße eine solche selbst die Schönheit Poldis.

Noch einmal roch diese an der zum Begräbnis bestimmten Blume und dann wanderte das Opfer hinein mit all seinem süßen Duft, der oft nach Jahren in Augen alter Frauen Tränen hervorzulocken vermag und welche Tränen oft Kinder verwundert schauen. Großmutter hat geweint.

Poldi hatte hiermit ganz still und einfach ihre Liebe begraben. Ohne Zeremonie, ohne Geschrei, nur mit der Sucht, die Überreste von etwas Liebem aufzubewahren, mit der wir uns bestreben, die Gebeine unserer Teuren einem bestimmten Boden anzuvertrauen. Aber bei einem Begräbnis ist man still und traurig und beklommen. Sei es auch, daß man nur eine erste dumme Liebe begräbt. Und wenn man aufschaut von einem verscharrten Glücke in die Trostlosigkeit seiner Umgebung, in das Grau der Zukunft, so mag dann den Stärksten und Stolzesten ein Wanken befallen.

Jede Krankheit verlangt ihren Ausbruch, ihre Krisen voll Fieber, Verzweiflung, Hoffnungsverlangen. Man vergeht nicht an einer ersten oder zweiten oder dritten Liebe. Aber die erste Liebe gleicht dem Fieber bei Kindern, das der Arzt oft ernster beurteilt als bei vielen Erwachsenen.

Poldi, die nun einen stillen Abschied nahm von etwas, das sich in ihrem Falle mit dem Allgemeinheitsworte Schönheit nur notdürftig erklären läßt, verließ in diesem Augenblick ihre Kraft. Durch die sie umgebende Stille verführt, brach sie plötzlich in ein letztes stilles Schluchzen aus und stammelte einigemal vor sich hin.

»Julius! Julius! . . .«

Ihre zitternden Hände vermochten fast nicht den Deckel der Pappschachtel zu schließen, der perlende Vorhang vor ihren Augen hinderte diese, den Händen gefällig zu sein.

Jedoch so schnell, wie sie gekommen, war die Bewegung überwunden. Und ehe noch Katherl, aus ihrem Lesebuch aufschauend, in das sie sich vertieft, mit dem vorhandenen zärtlichen Mißtrauen das Geheimnis der Schwester ergründen konnte, war dieses Geheimnis eines tapferen Überwindens mit dem Dufte der Rose eingesargt. Katherl merkte nichts weiter, als daß Poldi, wie sie in Feierstunden öfter zu tun pflegte, in der Schublade herumkramte. Und als sich Poldi nach beendetem Herumkramen erhob und ihr Antlitz zeigte, war dieses so heiter wie immer. Selbst die Spuren vergossener Tränen mochten noch von früher stammen. Kinder machen sich keine lange währenden Skrupel über eine Sache, besonders wenn sie mit dem eigenen Wohl und Wehe in keinem Zusammenhang steht.

Da sich aber der Hunger meldete, gab es einen Zusammenhang mit dem Warten auf das Abendessen.

»Poldi, die Mutter kummt lang net mit'n Nachtmahl.«

»Sie muaß glei da sein, Herzerl«, tröstete Poldi. »Horch! D'r Müller kummt mit ihr.«

»D'r Müller!« jauchzte Katherl und stürzte nach der Küche, wo sich schon von der Gangtür eine Männerstimme vernehmlich machte.

»Gelt'n S', Muatta, a Mann, a Wurt. Was d'r Müller sagt, is Eisen. Da hab'n S' umasunst a Angst g'habt.«

»War' aa ka Wunder, wann m'r a Angst hätt'. Net um Ihna, o Gott, na! Unkraut verdirbt net, aber ums Geld«, war die Antwort Frau Schaumanns, die mit halbem Unwillen es duldete, daß ihr Begleiter ihren Arm in seinen gelegt, indes Reserl den anderen in Besitz genommen.

Die männliche Stimme, dem schon einigemal erwähnten Herrn Müller gehörig, brach sich in einem glucksenden Lachen. Das Trio betrat das Zimmer. Die Mutter schwankte halb zwischen Unwillen und ebenfalls einem Lachen, aber es stand in ihrem Gesicht die Befriedigung über die mit so viel Sorge erwartete Heimkehr Müllers zu lesen.

Dieser war ein etwas hagerer, aufgeschossener Jüngling von ungefähr vierundzwanzig Jahren. Seine Miene drückte, die der Frau Schaumann ergänzend, ebenfalls tiefe Befriedigung aus. Und zwar über die Durchführung eines Entschlusses, den er sich selbst äußerst hoch anrechnete.

»Na alsdann, Muatta, mir san hamkumma. G'sund san m'r, nix is g'scheg'n. Guat'n Ab'nd, Fräulein Poldi,« wendete er sich an diese, »hab'n S' ka Freud' über mi? Solid. Was? Wia g'sagt, a Mann, a Wurt. G'riss'n hat's mi, sag' i Ihner . . . an wenigstens zwanzig Wirtshäuser. Aber na, hab' i m'r denkt, d' Muatta laßt d' net sitz'n heut, da war'st do d'r ölendigste Schuft auf Gottes Erdbod'n.«

Herr Müller, dessen Arm sich mittlerweile Frau Schaumann entwunden und dessen Hand Katherl in Besitz genommen, blickte befriedigt über die Kraft seiner Entschlüsse und seines moralischen Empfindens im Kreise der Familie umher.

»O d'r Vatta schlaft'«, fügt er leise mit einem Blick auf das Familienoberhaupt hinzu. Dabei war seine Miene sehr ausdrucksvoll.

Frau Schaumann begnügte sich, bedeutend die Achseln zu schupfen, und ging an das Ausraumen ihres Korbes.

Müller war ein lustiger und lustiger Zimmermalergeselle und bewohnte mit einem zweiten Mieter, einem Fachkollegen, das von der Küche betretbare Kabinett. Er war der ausgesprochene Liebling der Familie. Die Kinder hingen an ihm wie an einem lieben Spielkameraden. Poldi tadelte ihn oft wegen seines Leichtsinns mit der herben Zärtlichkeit einer Schwester, der Vater lächelte aus seiner sonstigen Traurigkeit heraus der guten Laune des jungen Mannes zu und die Mutter schalt mit ihm, wie es nur eine eigene Mutter hätte tun können.

Ein lustiger, fremder Hausgenosse bringt in ein sorgenvolles Familienleben einen Hauch der Heiterkeit, den ein Angehöriger nicht zu bringen vermöchte. Die Sorgen verbergen sich einen Augenblick, denn sie scheuen ein fröhliches Gesicht, das nicht dem engsten Kreise angehört, aber ihm dennoch so vertraut ist.

»Heut bleib' i daham und trink mein Bier in der Familie, dazua san alle eing'lad'n«, sagte Müller, als er die Vorbereitungen für das Abendessen sah. »Nix reden«, fügte er hinzu, als Poldi protestieren wollte.

»War' grad nur für a Beleidigung g'rechn't. Ob i da unten in dem faden Wirtshaus mein Geld verjux oder i trink' daham a paar Glas'ln Bier, is do alles ans. He, Reserl! Kumm her!«

Reserl war so rasch und eingehend instruiert, ihre Auffassung eine so scharfe, daß selbst der ernsthafteste Protest lahm nachgezogen gekommen wäre.

In kurzem saßen alle um den gedeckten Tisch und ließen sich die samstägige Delikatesse von Wurst und Käse wohl schmecken. Dazu das Bier.

Der Vater hatte mittlerweile seine Augen aufgeschlagen. Wenn aber das Geschlossensein dieser allein jemals Schlaf bedeutet, so könnten wir uns diese herrlichste Gottesgabe jederzeit verschaffen.

»No, Vatter,« sagte Müller mit allem Zartgefühl, »guat'n Ab'nd. Lustig san m'r heut a bißl. Alle Tag is net Kirtag.«

Zwei fiebernde Augen eines Mannes hingen einen Moment mit einem so rätselhaften, alle Liebe ausdrückenden Blicke an der ältesten Tochter, daß nochmals gegen geschlossene Lider als Zeichen des Schlafes aufgetreten werden muß.

Da nun auch der Vater sich bequemte, an dem Abendessen teilzunehmen, und da der Krug Bier nebst zwei anderen die Gläser speiste, und da Herr Müller fortwährend in seiner trockenen Weise humorvoll schwatzte, hatte das Zimmer in all seiner Armseligkeit einen Anstrich von Heiterkeit bekommen, den nur die Anwesenheit einer vollzähligen, mit einem fröhlichen Gaste gesegneten Familie ihm zu verleihen vermag.

Schani wurde von niemandem vermißt. Müller hatte seine Brieftasche hervorgezogen und eine Banknote in die Hände Frau Schaumanns gelegt, die mit einem Blick voll Gier das Geld und einem Blicke der Dankbarkeit ihren Mieter anblickte. Im Handumdrehen war das Geld in einer Lade des Schubladenkastens unter einem Bündel Wäschestücke zu dem anderen versorgt.

Das Bier ging allmählich zur Neige, dank der Mithilfe Herrn Müllers, der Vater rauchte eine ihm von diesem angebotene Zigarre und hatte sich von der Betäubung des Alkohols durch den kurzen Schlummer hinlänglich erholt. Alle sahen befriedigt aus, und für eine Stunde war eine arme, fast wunschlose Familie vollkommen glücklich und aller Sorgen ledig.

Poldi in ihrer Liebe zu den Angehörigen, mit ihrem Sinne für reine bürgerliche Ordnung, fühlte sich im Augenblick den Miseren des Alltags entrückt. Sie wollte nicht mehr haben, als in steter heiterer Vereinigung mit ihren Lieben eine bescheidene Existenz verleben.

Man kann den Anfang des Verfalls eines Menschen oder einer Familie im Rückblick bis auf den Tag, oft bis auf die Stunde bestimmen. Arm waren Poldis Eltern stets gewesen, solange jene denken konnte. Sie hatten im Vertrauen auf ihre Jugend und ihrer Hände Kraft, ohne Berechnung, mit dem Leichtsinn derer, die nie etwas zu verlieren haben, ihren Hausstand begründet.

Was der Vater verdiente, genügte zu einem Durchkommen von einer Woche zur andern, wie es Millionen genügen muß. Man litt keinen Hunger, solange die Hände Kraft besaßen, keine Sorgen für den nächsten Tag und erübrigte sich sogar noch einige Gulden.

Schani war das erste Kind gewesen. Ein Jahr darauf folgte Poldi. Nun ging es schon knapper mit dem Leben und Ersparen. Doch folgten zwischen und nach Reserl und Katherl noch zwei oder drei, die es gleich beim Anblick dieser Welt zu frieren angefangen hatte, so daß sie sich schleunigst aufs beste empfahlen. Es muß gesagt werden, daß ihnen dies seitens der Eltern nicht als Unhöflichkeit verargt wurde. Daß höchstens die Mutter einige Zähren vergoß und es somit ein von beiden Seiten sehr wohlwollender Abschied war.

Bis nun war es nur erhöhte Sorge und Einschränkung gewesen. Aber das Elend hatte seinen Anfang genommen, als sich der Vater bei der Arbeit die Hand verletzte. Die Krankheitszeit war kurz und Schaumann selbst achtete der kaum geheilten Wunde nicht. Für Wehleidigkeit hat die »Arbeit« keinen Raum. Nebstbei gesagt, würden so manchem Militär die Knie schlottern angesichts der in den Zeitungen mit einer kurzen Notiz abgetanen Fälle von »Verletzungen«. »Minder schwer«, »schwer« oder »sehr schwer« liest sich so leicht. Nur Ärzte und noch mehr Wärterinnen sind sich über die Bedeutung der Zertrümmerung des kostbaren und doch so wohlfeilen Artikels Mensch bewußt.

Aber mit der rasch »verheilten« und nicht geschonten Hand wurde es allmählich immer schlimmer. Monatelang lief Schaumann zum Kassenarzt, der endlich als der Weisheit letzten Schluß achselzuckend das Spital anriet. Und dort ward unter weiterem Achselzucken erklärt, daß der Arm verloren sei und schleunigst amputiert werden müsse. Da solches Schauspiel zur heilsamen Übung für angehende Chirurgen ein seltener Fall war, wurde gleich dazu geschritten und nach Stunden erwachte der arme Mann als ein Krüppel. Bis zum Gelenk war der Arm ausgelöst worden.

Da die Verletzung als ein bei der Arbeit geschehener Unfall konstatiert werden konnte, so bezog Schaumann als Krüppel eine kleine Rente, die »zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel« war. Man ging bei ihrer Bemessung von gewissen geometrischen Voraussetzungen aus: daß ein Ding mit vier Teilen, zu einem Teile verkürzt, noch immer ein Ding mit drei Teilen sei, daher nur um den Gebrauchswert eines Viertels geschädigt erscheine. Ungeachtet des sonst noch atmenden, mittleren Korpus.

Aber ach! Es war der Schlachtarm, der dem Helden der Arbeit geraubt worden war. Der hammerschwingende, nervige, nie rastende Arm. Hätte man den Krüppel zum Überfluß noch eines Beines und eines Auges entledigt, er hätte nicht hilfloser sein können.

Was sollte er noch? Den ganzen Tag müßig herumstehen und sich in ohnmächtigem Schmerze über sein Schicksal verzehren? Anfangs, wenn er oft an Fabriken vorbeistrich und an sein Ohr der Klang niedersausender Hämmer drang, dann meinte er wohl, mit der Rechten weit und wuchtig ausholen zu müssen, in der Faust den Stiel eines solchen Werkzeuges. Er fühlte in dem Stumpf förmlich das Zucken der Finger . . .

Dann hatte er Beschäftigung gesucht. Irgendwo als Wächter oder dergleichen. Aber für den Krüppel fand sich nirgends etwas, wo so viele arbeitslose Leute mit zwei gesunden Armen herumrennen. Nun verfiel er darauf, Gesellschaft, Zerstreuung, Vergessen zu suchen. Alte Kameraden, die sein Schicksal dauerte, gaben ihm öfter einige Kreuzer und zahlten ihm einen Trunk.

Schaumann war weit entfernt davon, ein Trinker zu sein. Aber die Betäubung, das augenblickliche Hinwegsetzen über die Kümmernisse seines zertrümmerten Lebens lockten doch manchmal zu sehr, und da er wenig vertrug, erweckte sein Zustand den Anschein starker Trunkenheit.

Der erzwungene Müßiggang des fleißigen Handwerkers fühlte die Schwere des körperlichen Verlustes verdoppelt. Ein Philosoph würde darüber mit einem wehmütigen Lächeln hinweggegangen sein. Nämlich ein Philosoph, dem Lektüre und andere geistige Zerstreuung zu Gebote stand. Aber zum Teufel – den Verlust des Schwertarmes hätte selbst Don Quichotte nicht verwunden. Und die Rechte des Arbeiters . . .

Damals griff mit voller Energie die Mutter ein. Nicht mit Tröstungen und verweichlichender Zärtlichkeit, nein, mit rauher Arbeitstätigkeit. Dieses schwache Weib vermochte es, Jahre hindurch die Familie zu erhalten. Viele Nächte verweilte es in den Waschküchen und oft von vier Uhr früh bis zum nächsten Abend. Zu jener Zeit stand Poldi noch im letzten Schuljahr. Ihre dann später verdienten Kreuzer bildeten schon einen kleinen Zuschuß. Allmählich ward dieser größer, dank der freundschaftlichen Laune einer Kameradin, die im ersten Kapitel die Bewunderung, im zweiten die Teilnahme aller herausfordert: der Trümmler Tini, die weiter zu schildern einer anderen Stelle vorbehalten bleibt.

»Es gibt nix über a solides Familienleb'n, was, Vatta?« sagte Müller, indem er seine Uhr zog und zerstreut das Zifferblatt betrachtete.

»Daß S' es anmal einseg'n, Sie Lump,« warf Frau Schaumann ein. »Sie g'hörten aa scho bald untern Pantoffel. A bißl war' no was zum retten bei Ihnen, wann S' bald dazua schaueten.«

»D' anzige war' d' Fräul'n Poldi, und die mag net«, erwiderte Müller mit humoristischer Wehmut.

Die Bezeichnete lächelte.

»Die für Ihner geht no in d' Schul. Warten S' auf d' Reserl.«

»Hör'n S' denn net auf? Dös gebert das größte Lumpenpaarl. Was, Reserl? Mir zwa drahrerten erst die Welt abi.«

Reserl hätte ihre Natur verleugnen oder die Zurechtweisung durch Poldi hätte noch anhalten müssen, wäre ihr nicht der passende Coupletreim eingefallen:

Drahn m'r um und drahn m'r auf, es liegt nix dran,
weil ma 's Geld auf derer Welt net fressen kann . . .

»Bravo, Reserl! Auf di wart i. Du hast die richtige Idee vom Leb'n. Teufel!« unterbrach er sich, »i hab' ja ka Zigarr'n mehr. Da muaß i g'schwind an' Sprung in d' Trafik machen.«

Aber Herr Müller war gezeichnet. Es gibt Menschen, denen man selbst nicht das Totsein glauben will, da sie ihren Mitmenschen zu viel Enttäuschungen bereitet hatten. Frau Schaumann, mit allen Instinkten der Weiblichkeit, Mütterlichkeit und der Quartierfrau begabt, durchschaute das Manöver.

»Zu was san denn die Kinder da?« sagte sie voll Mißtrauen. »Reserl, hol' in Herrn Müller Zigarren.«

»Freili – so an' Kind hängt die Trafikantin all'n Dreck an. Die Zigarr'n muaß i mir scho selber aussuach'n. Net wahr, Vatta?«

»Ja, a Mannsbild, a b'soffenes, hilft den andern.« »Nix, nix! Brennen Ihna die paar Netsch, die S' no im Sack' hab'n?«

»Aber Mutter!« warf Poldi ein, die die Bevormundung eines erwachsenen fremden Menschen genierte.

»Halt's nur alle z'samm'. I man's guat mit dem Früchterl! Von mir aus soll er gehn, wo eahm d'r Wind hintragt, aber aufg'schriebn wird dann nix. Murg'n is d' Muatta wieder guat mit a paar Kreuzer auf an' Tabak. Schamen S' Ihner denn net?«

»Mutter!« . . . sagte Poldi wieder.

»Na ja, meinetweg'n!« . . .

»Aber Muatta, was denken S' denn eigentlich von mir?« fragte Müller ziemlich kleinlaut in der Art von Leuten, die sich durchschaut sehen.

»Was i denk? Daß S' abfahr'n und die paar Kranln, die S' in Sack spür'n, anbringen woll'n. Das denk' i. Und weil i a Frau bin, die's mit Ihner ehrli mant, desweg'n red' i.«

Alle Resolutheit der praktischen, schwer verdienenden Frau, zeigte sich nun, da das Zinsgeld geborgen im Kasten lag.

Und mit Herrn Müllers Freiheitsgelüsten hatte es seine Bewandtnis. Er besaß, wie die Mutter ganz richtig vermutete, noch Geld, das ihn in der Tasche brannte. Denn er besaß außerdem noch eine Art von Noblesse, die ihn drängte, fremden Zechkumpanen einen Liter um den andern zum besten zu geben, im Kaffeehause Animiermädchen freizuhalten und gewagte Kartenspiele zu machen.

Dann kam er meist am Sonntag früh oder vormittags, oft noch später heim, den Hut schief und zerdrückt auf dem Kopfe, die Krawatte verrückt, den Kragen vollständig verschweißt, verbogen und verschmutzt, jedoch die Taschen vollgepfropft mit Zuckerschachterln und Feigenkränzen, die er sich schmeichelte, den diversen »Kranern« »abgewonnen« zu haben.

Dafür konnte er jedoch Frau Schaumann den Betrag für die Wochenmiete, das Frühstück sowie die Wäsche nicht bezahlen.

Bei solcher Heimkehr pflegte Herr Müller mit schlauer Benützung der mütterlichen Gefühle erst die mitgebrachten Süßigkeiten auszuteilen und vor dem losbrechenden Sturm der wirtschaftlichen, sorgenden Hausfrau die Flucht nach seinem Kabinett und in sein Bett zu ergreifen.

Wenn er dann erwachte, mit einem grimmigen Kater gesegnet, Reserl und Katherl an seinem Lager fand, pflegte er beide mit einer Art düsterer Moralphilosophie zu erbauen, die vom allgemeinen stets auf seine Person lenkte: daß er, der bejammernswerte Müller, nichts anderes als ein unverbesserlicher Schuft sei.

Zu Frau Schaumann sagte er dann stets sehr reuevoll:

»Bin i a Viech, wia's kan's mehr gibt. Aber, Muatta (er gebrauchte stets den zärtlichen familiären Ausdruck), dös schwir i Ihna, heut war's wirkli 's letztemal. So a arm's Weiberl, wia Sie, muaß si um a paar nackerte Netsch die halberte Nacht o'rackern und i Fallot, i ölendiger, hau 's Geld am Schäd'l für nix und wieder nix.«

Und äußerst ergriffen von seiner moralischen Schwäche steckte Müller dann den Kopf tief unter die Tuchent und weinte, indes die Mutter fürchterlich schalt, Poldi vermittelte, der Vater den Indifferenten spielte und Reserl und Katherl, mit ihren Leckereien beschäftigt, den armen Herrn Müller zu trösten suchten.

Die heute bewiesene Festigkeit seiner Moral schien diesem jedoch als das höchste Zugeständnis, das man an menschliche Willensstärke zu stellen vermag. Die Absicht, vermittelst des Zigarrenholens spurlos entschwinden zu können, war vor dem allzuoft geschärften Blick der »Mutter« in ein Nichts aufgegangen.

Daher suchte er vor allem gute Miene zum bösen Spiel zu machen und völlige Gleichgültigkeit zu heucheln. In der Zerstreuung zog er einige Zigarren hervor, offerierte eine Herrn Schaumann und zündete sich dann selbst eine zweite an. Damit war der Vorwand des Zigarrenholens hinfällig geworden.

»Wia hab'n m'r's im G'schäft, Fräul'n Poldi?« fragte er nun voll blasierter Teilnahme.

»I dank' schön. So . . . so. Sie wissen ja, g'schenkt wird an' nix. Haßt halt arbeiten und wieder arbeiten.«

Eine Pause trat ein, in der Müller unerhörte Pläne im Kopfe wälzte, wie mit Anstand fortzukommen wäre. Er fühlte an der linken Brustseite förmlich das »Brennen«.

Seinen Nöten kam eine Art Vorsehung zu Hilfe. Denn es wurde an die Tür geklopft und herein trat Herr Hanisch, der zweite Mitbewohner des Kabinetts. Somit erschien der Haushalt Schaumann komplettiert. Herr Hanisch war einer jener Mustermenschen, die pünktlich ihren Obliegenheiten nachkommen (er war, wie erwähnt, ein Fachkollege des fidelen Müller), ihre Rückstände stets glatt berichtigen, keine Freude an geldraubenden Vergnügungen finden, ein Sparkassenbuch besitzen, sich aber im übrigen nicht im geringsten um das Wohl und Wehe ihrer Mitbürger kümmern. Herr Hanisch hätte (wienerisch gesprochen) »keiner schreierten Katz« was gegeben. Er war schon gekennzeichnet durch seine Augen, die etwas Fischähnliches in ihrer Starrheit besaßen und volle Gleichgültigkeit gegen die Leiden jedweder Kreatur ausdrückten.

Aber er war ein bis zum Extrem pünktlicher Zahler und Sparmeister, der sich durch diese zwei gesellschaftlichen Tugenden in das Herz der Mutter Schaumann eingeschlichen hatte. Nebstbei verband er mit diesen eine Art reservierter Höflichkeit, die wohl dem Unterrichteten in dieser Kunst ein Lächeln abrang, die jedoch allen, die mit Herrn Hanisch in Verkehr zu treten gewohnt waren, höchlichst imponierte.

»Guten Abend allseits«, sagte er nach einem von der Mutter gerufenen »Herein!« Als er die von der stattgehabten Mahlzeit zeugenden Teller sah, sagte er wieder: »Wünsch' allseits g'speist zu hab'n«. Der diensteifrigen Aufforderung zum Niedersetzen seitens Frau Schaumanns, die einen herbeigeholten Stuhl rasch mit ihrer Schürze polierte, begegnete er mit einem äußerst korrekten: »Danke ergebenst, ich bin so frech«. Dann zog er mit würdevoller Umständlichkeit seine Geldbörse hervor, zählte den Betrag auf den Tisch, überzählte ihn, überzählte ihn noch einmal und als Frau Schaumann mit ihren zittrigen Händen den Betrag einstrich, folgte er diesem Beginnen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, die einen etwa zu viel gegebenen Heller dank einer Art hypnotischen Kraft hätte nötigen können, in die Börse seines rechtmäßigen Besitzers zurückzuwandern.

»Auf Ihner kann ma si halt verlassen, Herr Hanisch«, sagte Frau Schaumann mit einer gewissen Ergriffenheit. »Das Zinsgeld is halt die Hauptsach'. Der Zins is a Heiligtum, d'r Hausherr braucht aa sei Geld, denn am End' hat er a Massa Steuern zum zahl'n, was herentgeg'n unserans net braucht.« Die arme, unwissende Mutter Schaumann! Sie bedachte nicht, daß ihre erarbeiteten und durch Miete hereingebrachten Kreuzer im Verein mit denen anderer Millionen Menschen die größte Steuersumme aufbrachten, ohne das sie und alle anderen sich dessen bewußt gewesen wären. Sie zahlte zwanzigfache Steuer. Beim Greisler, beim Kaufmann, beim Fleischhauer und am meisten beim »Zins«.

Herr Hanisch, dessen Herz nur am Metall und von Staats wegen bedruckten Papier hing, so man Staats- oder Banknoten heißt, hatte alle ihm verfügbaren Geisteskräfte auf dessen Erwerb und Festhalten konzentriert. Er hatte auch die eherne Philosophie all dieser Leute, die den Mitmenschen nur nach seinem Besitz beurteilen. Er gab dieser Weltanschauung auch gern in einer gravitätischen, diktatorischen Weise Ausdruck, die sich in gar nichts von der Herrn Weißmanns, Gustls Hausherrn, unterschied, den man später kennen lernen wird. Nur hatte er sich eine geschraubte Art der Rede angewöhnt, die er für die glücklichste Verkörperung von vornehmer Manier hielt.

»Jeder Mensch is eine Pflanze der Natur«, begann er nach einer Weile und sah voll Erhabenheit um sich. »Jede Natur braucht ihr Gegebensein. Wenn aber die Natur unsittlich im Menschen is, wia Kant beweist, is er a Unkraut am Stamme der Menschheit. Jeder Mensch is verpflichtet, daß er so wia a Mensch leb'n soll. Sobald a Mensch lumpt, Schulden macht und net zahlt, is er ka Mensch.« Diese Sentenz hätte eigentlich gegen Müller gerichtet sein sollen, den sein Wohngenosse als Lumpen und stets »stieren« Menschen in der tiefsten Tiefe seiner korrekten Seele verachtete. Aber wo war Müller? Auf seinem Platze nicht, im Zimmer nicht . . .

»Müller, alter Lump!« schrie plötzlich die Mutter, »wo san S' denn? Der is heili abg'fahr'n. Ja habts eahm denn gar net fortschleichen seg'n? Der hat no a paar Netsch im Sack, dö heut no hin sein müassen. Unser Herrgott wird wissen, was er da für a Früchtl auf d' Welt g'stellt hat. I bin nur froh, daß er überhaupt hamkumma is und sei' Sach'n zahlt hat. Murg'n hat er kan' Knopf Geld mehr und dann putzt er alle Reindeln aus, daß ma 's Abwaschen derspart. So was kann do net weitergehn.«

Poldi mußte wider Willen über das schemenhafte Verschwinden Müllers lächeln. Weit entfernt, seinen Leichtsinn und sein Drahrertum zu billigen, zog aber dennoch ihr natürliches Gefühl seine Lebensauffassung der des trockenen, pedantischen, geizigen Hanisch vor. Ein Sparkassenbuch und eine geregelte, ordentliche Lebensweise waren gewiß sehr schätzenswerte Dinge. Wenn aber dabei das Herz unter der Rinde einer zahlungsfähigen Wohlanständigkeit erstarrt, zieht man lieber den Bruder Leichtsinn vor.

Poldi fühlte schon oft mit Unbehagen die Fischaugen Hanischs auf sich gerichtet, wenn er zu kurzem Besuch im Zimmer weilte. Förmlich taxierend hingen diese Augen an Poldis schönem Gesicht, ihrem schönen Körper. Sollte sich dieser Sparmensch im Ernste in Poldi verliebt haben? Eine Vorstellung, die dieser zu absurd vorkam, als daß sie nicht darüber hätte lachen müssen.

Aber im Ernst. Herr Hanisch war auf seine Weise wirklich in Poldi verliebt. Wer hätte sich auch dem Einfluß ihrer Schönheit gänzlich entziehen können? Wer weiß, was Müller zu seinen Schlemmereien bewog? Vielleicht die Unmöglichkeit, dieses begehrenswerte Mädchen jemals erringen zu können. Er fühlte, trotz Poldis Armut, wohl die große Kluft, die beide trennte. Nicht so Hanisch, der, auf ein wohlausgefülltes Sparkassenbuch pochend, unerhörte Pläne in seinem Hirn wälzte, unter denen die nicht in letzter Reihe standen, Poldi könnte vermittelst eines vorgeschossenen Betrages selbständig werden und es zu einem Salon bringen. Eine gute Kapitalsanlage und ein schönes Weib – wer vermöchte derlei zu widerstehen?

Herr Hanisch machte nur nach Art aller Leute seines Schlages den Fehler vieler, selbst berühmter Mathematiker. Sie stellen eine falsche Voraussetzung auf und von dieser wirken sie unentwegt auf das Endergebnis hin, das sich zum Schluß zu ihrem ungemessenen Erstaunen als falsch erweist. Zur Stunde reihte aber Hanisch, unbewußt des grundlegenden Kardinalfehlers, Gleichung an Gleichung. Er war, wie er sich stolz einbildete, ein gründlicher Rechner, Menschen- und auch Weiberkenner. Wer wollte es ihm wehren, zur richtigen Zeit das rechte Fazit seiner Aufstellung triumphierend zu verkünden? Ach, hätte er etwas von einer welkenden Rose gewußt, etwas von stillen, heimlichen, heißen Tränen!

Nun aber sagte er mit der hochtrabenden Gravität, die die Mutter entzückte (deren Zukunftshoffnungen mit seinen zusammengetroffen wären), Reserl in eine mühsam zurückgehaltene Heiterkeit versetzte, Poldi aber geradezu mit Widerwillen erfüllte, mit Bezug auf den echappierten Müller.

»Die Lebensregeln san verschieden im Menschen. Aner taumelt um das Licht wie a Falter. Der andere is wia a Biene, dö was an' Honigseim einsammelt. Kant beweist uns das auffallenderweise folgendermaßen. Nix erfüllt mi so mit Bewunderung wia das G'setz. A leichtsinniger Mensch wird a nia a G'setz hab'n, weil die Voraussetzung, aus dö imperialistisch si die Moral erklärt, und dö in ihrer Gesamtheit grundsätzlich genommen wia der Pol in der Weltachse . . . Kurz und guat, daß die Moral vom G'setz abstammt und Unsolidität is der Feind vom G'setz, das uns Kant g'lernt hat.«

Noch manche Weisheitssprüche gab Herr Hanisch von sich, ehe er sich nach seinem Kabinett begab, das er für heute nimmer verließ. Reserl war in die Küche gelaufen, um ungesehen austoben zu können. Poldi hörte mit einem sehr gezwungenen Lächeln, die Mutter voll Andacht zu und der Vater war zum zweitenmal sanft entschlummert.

Viertes Kapitel

Unterbricht für eine Weile die Handlung. Es erzählt von drei Schulfreundinnen und will beweisen, daß der Teufel schon im Blute steckt und durch nichts ausgetrieben werden kann.

Einem Hause, das in einer alten Gasse gleich einem Bindestrich zwischen zwei Rufzeichen lag, welche Rufzeichen zwei Neubauten waren, stand in seiner Eigenschaft als Hüter von Ordnung und Ruhe und Gesetzmäßigkeit ein Herr Trümmler vor. Er hatte einen Stammbaum von Hausmeistern und daher einen berechtigten Stolz, wie er allen Trägern von Stammbäumen zukommt.

Seine Ehe war mit einer Tochter gesegnet und dieser Umstand gab Herrn Trümmler Gelegenheit, jeglichen Tag des öfteren zu beteuern, daß es heutzutage die größte Prüfung eines Menschen sei, Kinder zu besitzen.

»Heutzutage« und »zu meiner Zeit« waren beliebte Floskeln seiner kurzen, kernigen Standreden. Sie mußten auf die Vermutung leiten, daß es »seiner Zeit« nicht Menschen und Kinder gegeben, sondern Halbgötter und Engel.

Wenn er seine Tochter Tini durchzuwichsen Anlaß hatte, welcher Anlaß übrigens des Tages kein seltener war, pflegte er diese Handlung durch erläuternde Begleitreden in eine Betätigung der reinsten Humanität und väterlichen Liebe umzuprägen.

»Mein gottseliger Voda hätt' di in die Händ' hab'n soll'n; wann er an meiner Stell' g'west war', der hätt' d'r die Hax'n og'haut, du Besen, du niederträchtiger! Mistbruat, ölendige, überanand! Du wirst di mit mir no so lang spiel'n, daß mir mei Hand anmal urndli auskummt. Und wann der Galing auf mi wart't . . . liegt nix dran. Wenigstens ist die Welt a Unkraut los.«

Um Herrn Trümmler Gerechtigkeit (wenn auch sehr eingeschränkt) geschehen zu lassen, er fand für die Ausübung seiner Erziehungsmethode reichliche Entschuldigung in dem Verhalten seines Sprößlings.

In den ersten Jahren ihrer Jugend war Tini naschhaft, lügnerisch und zu allen Streichen veranlagt, die man schonenderweise kindlichem Übermut beizulegen pflegt. In den späteren Jahren war Tini, ohne die früheren Eigenschaften verloren zu haben, noch eitel, kokett, diebisch und frech.

Bei den meisten Kindern, insbesondere bei Mädchen, erstirbt nach Anschauung der Eltern die Nötigung, sie körperlich zu strafen, mit Schulaustritt. Diesen Gesetzen einer überkommenen Erziehungsmaxime glaubte Herr Trümmler sich nicht fügen zu dürfen. Er »wichste« noch seine Tochter in ihrem sechzehnten Jahre, wenn sie einen, wiewohl keineswegs mehr kindlichen Streich vollführte. Machten ihm Freunde oder gute Nachbarn deshalb Vorstellungen, da es sich doch nicht schicke, ein erwachsenes Mädchen noch zu schlagen, ob sie es gleich verdienen möge, und daß man für einen herausgeschlagenen Teufel neunundneunzig hineinschlage, pflegte Herr Trümmler zu sagen:

»Und wann s' hundert Jahr' alt is. I hab' von mein Vodan no a Fotz'n kriagt, wia i scho vom Militär z'ruck war. Und mei Voda hat vom Großvodan no a paar Saftige g'fangt, da war er schon verheirat't. Seinerzeit hat ma si no traut, seinen Kindern was z'sag'n. Dafür is aus uns aa no was wurd'n. Herentgeg'n heutingtags . . . Schau'n S' es an, dö Einbrecher und Menscher!«

Tini, bei ihrem vollständigen Mangel an Ehrgefühl und Sittlichkeit, schämte sich dieser Abstrafungen keineswegs. Sie erfüllte nur bei solchen Gelegenheiten das Haus mit einem Jammergeschrei, das Leute, die mit den Verhältnissen unbekannt waren, in Versuchung führte, nach Polizei zu rufen.

»O Gott, o Gott!« schrie sie dann. »O weh! o weh! Hör' auf Vatta! I bitt' di, hör' auf! Jessas Maria und Josef! O hör' scho amal auf! O weh! o weh! o weh! I halt's nimmer aus!« . . .

Man sieht, Herr Trümmler war noch vollständig von den Vorstellungen des Patriarchentums befangen. Als alter Römer hätte er vielleicht seine Tochter von Sklaven zu Tode peitschen lassen. Denn seine Meinung war: »I kann mit mein' Kind machen, was i will. Das geht kan' Menschen was an.«

Eine Ansicht übrigens über Würde der Persönlichkeit, die leider noch ungezählte Anhänger hat.

Herr Trümmler war einer jener Haustyrannen, die durch Verhältnisse stets aufs neue gezüchtet werden. Sein Zorn hatte stets etwas Zeushaftes. Wenn er auch keine Locken zu schütteln vermochte, so doch eine derbe Faust. Und seine Stimme, obgleich ihr nichts Olympisches anhaftete, erfüllte dennoch das Haus mit Schrecken.

In seinen ruhigen Stunden war er von einer objektiven Kühle, einer Abgeklärtheit, die einen seines sonstigen Charakters Unkundigen mit der Voreingenommenheit erfüllt hätte, Herr Trümmler besäße Fischblut.

Mit gespreizten Beinen, die Pfeife im Munde, gehalten von der Rechten, stand er mächtig vor dem Haustor und ließ seine Blicke auf jedem Ein- und Ausgehenden haften. Selbst des Zerstreutesten bemächtigte sich dann die Neigung nach einem artigen Gruße, was Herr Trümmler nachlässig mit einem Tippen seiner Pfeifenspitze an die Kappe quittierte.

Da es jedoch Leute gibt, die sich unter allen Umständen grobe Fahrlässigkeit zuschulden kommen lassen und die es für gänzlich unnötig finden, den Eintritt in ein fremdes Haus durch Komplimente an einen Davorstehenden zu erkaufen, so läßt sich denken, daß Herr Trümmler derlei Anmaßungen gebührend zurückzuweisen vermochte.

»Sö, Herr, wo woll'n S' denn eigentli hin?« Wehe dem Betreffenden, wenn er zufällig nach einer Wohnpartei forschte, die nicht im Hause wohnte. Diesen Umstand konnte der Hausmeister zu einem förmlichen Wogensturz von Sarkasmen ausnützen.

»So? Wia haßt der Herr? Und der soll in dem Haus wohnen? Hab'n S' aa richti g'sagt, wen S' manen? Tuat m'r lad. Den Nam' hab' i mei Lebtag net g'hört . . . Wia g'sagt, tuat m'r recht lad. Wann unser Herrgott net besser waß, wo der Herr wohnt, den Sie manen . . . adjes! Bitt' schön, verstell'n S' net das ganze Tor. And're Leut' woll'n aa no ein und aus gehn . . . I hab' Ihnen schon zwadutzendmal g'sagt, der ›Herr‹ wohnt net da. Habe die Ehre . . . Gern g'scheg'n. A Auskunft kost't ja nix. Zu dem bin i ja da . . . A andersmal wieder . . . Ja, bitte? . . . A Dank schön, a Hund oder Sau hätt'n S' schon kinna auslass'n . . .«

Wer nun fragt, wie die menschlichen Eigenschaften Frau Trümmlers beschaffen waren, den verweise ich auf einige Besen, Reibwascheln, Rehhäuteln, Ausreibtücher, Kaffeehäferln, Lotteriezettel, Wallfahrtsbildchen; einen Trauschein, der eine Ehe rechtmäßig verbürgt, einen Taufschein Tinis, der vor dem besagten Trauschein ausgestellt erscheint; einige Vorladungen zum Bezirksgericht und eine in zwei gelesenen Tagesblättern abgegebene Ehrenerklärung . . . »womit ich Abbitte leiste« usw.

Trotz aller »Wichsereien« seiner Tochter war diese doch der erklärte Liebling, dem er nur vermeinte, angedeihen zu lassen, was schon die Bibel den Eltern anbefiehlt: spare die Rute nicht! Ein minder verhärteter, väterlichen und erziehlichen Besorgnissen fremder Charakter als der Tinis hätte nach Maßgabe der erhaltenen Züchtigungen eine unbegrenzte Kindesliebe äußern und durch eine tadellose Aufführung rechtfertigen müssen.

Dem war aber nicht so. Tini saß noch in der ersten Volksschulklasse und saß schon in der letzten Bürgerschulklasse (in die sie trotz ihrer Faulheit ihre unleugbaren Talente gebracht) und rühmte sich ihrer Unkindlichkeit in so abschreckender Art, daß manche andere, nicht weniger geprügelte Kameradin meinte, ihre Wege von denen der Trümmler Tini trennen zu müssen.

Zwei Klassenfreundinnen besaß Tini in der Schaumann Poldi und der Sedlmaier Anna, deren Familien ebenfalls der väterlichen Fuchtel unterstanden, das heißt die Bewohner des glücklichen Bindestriches der Gasse waren, dem Herr Trümmler als Despot vorstand.

An äußerlicher Schönheit tat es damals Tini allen zuvor und ihre Reize, gehoben durch eine tadellose Toilette, verdunkelten die ihrer beiden Freundinnen. Poldi war stets dürftig, ja schlecht gekleidet und ihre Schönheit stak noch in der Hülle der Knospe, und Annerl hatte, trotzdem sie gut gekleidet ging, ein fröhliches Dutzendgesicht, das niemals auf wirkliche Schönheit Anspruch machen konnte.

Tini besaß das zweifelhafte Talent, ihre Lehrer in einen Zustand fast hypnotischer Wehrlosigkeit zu versetzen. Es waren, besonders im letzten Jahre ihrer Schulpflicht, oft förmliche Gerichtsverhandlungen, die den Klassenvorstand zwangen, auf Kosten des Unterrichts, Klagen und Zeugenaussagen gerecht zu werden. Von einem gestohlenen Gegenstand bis zu einem ertappten Liebesbrief oder einem skandalösen Rendezvous, abgesehen von Zänkereien und Feindseligkeiten mit den Kameradinnen, gab alles Anlaß zu Verzweiflungsausbrüchen seitens des Lehrkörpers.

Die schleunige Versetzung eines jungen Hilfslehrers und die eines ebenfalls blutjungen Katecheten wurde in Schülerkreisen dem verteufelten Augenspiel der Trümmler Tini zugeschrieben. Kurz, die Pädagogik mußte sich Glück wünschen, Fräulein Tini dem unwirksamen Einfluß ihrer Macht entrückt zu sehen.

Anders lautete ihr Urteil bezüglich Poldis, deren lautere Einfachheit und Natürlichkeit sowie sittsames und sanftes Betragen allseits gerühmt wurden. Die schönen, braunen Augen vermochten jeden Tadel zu entwaffnen, wenn sie sich fast vorwurfsvoll auf den hefteten, der den traurigen Mut fand, einen solchen zu versuchen.

Die Sedlmaier Annerl gab gerade zu so viel Tadel Anlaß, als es der Durchschnitt eines gutgearteten Schülermaterials bedingt.

Das Ende der Schulzeit trennte die Kameradinnen, wie die Hausgenossen schon früher getrennt waren. Poldis Vater hatte wegen Zinsnöten ausziehen und der Annas einer Entzweiung mit dem Hausgewaltigen weichen müssen. Diese, ursprünglich eine der Kinder, war dann von den Vätern übernommen worden. Von einer Seite wurde sie mit allem Temperament, von der anderen mit aller Zähigkeit des in seinen Gefühlen verletzten Vaters und Hausbesorgers geführt. Den Beschluß bildete die Kündigung an die Familie Sedlmaier, was Gustl Anlaß zu den fürchterlichsten Drohungen gab, welche wieder mit Anklagedrohungen nach allen möglichen Paragraphen des Strafgesetzes beantwortet wurden. Zum Schluß gab es nichts als einen äußerst geräuschvollen Auszug, der beide Familienväter nötigte, den gemeinsamen Wirt zum Zeugen ihrer Differenzen zu machen.

Dieser, der sonst keinem Gaste nahetreten wollte und stets gern zur Vermittlung bereit war, schlug sich nun aus Gründen der Politik ganz auf seiten des Herrn Trümmler. Dieser blieb nämlich Stammgast, während Sedlmaier durch seine Übersiedlung als solcher nimmer in Betracht kam. Da sich überdies Gustl durch sein hitziges Temperament selbst bei der gerechtesten Sache ins Unrecht setzte, war es kein Wunder, wenn sich alle Sympathien von ihm weg dem ruhigen, würdigen und einflußreichen Gegner zuwendeten.

Und in der Stunde verfluchte der Sedlmaier Gustl das Gasthaus, den Wirt, Herrn Trümmler, sämtliche Gäste – bis er an die Luft gesetzt wurde.

Poldi kam ganz einfach in eine Lehre, wie so viele Tausende von Mitschwestern, deren Bestreben oder Schicksalsnötigung es ist, so rasch als möglich zu verdienen. Und meist versuchen sie dies mittelst der Nadel. Poldi ging also ins Nähen und saß nun von früh halb acht bis halb neun Uhr an einem Schneiderbänkchen in Gesellschaft noch zweier Genossinnen.

Die Sedlmaier Anna trat in einen Dienst, um sich einmal zur würdigen Hausfrau eines Arbeiters oder Geschäftsmannes vorzubereiten.

Die Trümmler Tini aber besuchte einen »Salon«. Als Vorsteherin fungierte eine Dame, deren Alter ich nicht nachzuforschen wage und die Fräulein Direktrice benannt wurde. Sie zeichnete sich durch die fabelhafte Gabe aus, einen Blick der Unterscheidung für zahlende und nichtzahlende Lehrmädchen zu bekunden.

Da Herr Trümmler gemäß seinen unfehlbaren Erziehungsmaximen seine Tochter unter keinen Umständen als »nackerts Bettlermensch« in eine Anstalt geschickt hätte, deren Absicht einzig darauf gerichtet gewesen wäre, tüchtige Arbeiterinnen heranzubilden, und Fräulein Tini unausgesetzt bemüht war, ihren Kolleginnen die Meinung beizubringen, sie halte die Handhabung der Nadel für einen Spaß, den sich zuweilen selbst fürstliche Personen gestatten, so war ihr Ansehen ein gefestigtes.

Hinter ihrem Rücken wurden zwar Bemerkungen gemacht, die man nicht gern im Gerichtssaal vertritt. Besonders die »älteren Jahrgänge« hatte sich Tini sowohl durch ihr Pochen auf ihre Jugend und ihre Schönheit als auch durch wegwerfende, schnippische, selbst rohe Bemerkungen über »alte Schachteln«, »Sitzengebliebene« und andere zu Feindinnen zu machen gewußt.

»Dös dreckige Hausmastermensch!« rief einmal in berechtigter Entrüstung eine aus, da gerade das Fräulein Direktrice wie Fräulein Tini sich nicht im Arbeitsraum aufhielten, »der Ausreibsetzen, dös Trottoarkehrerluader . . . Gebts m'r a Spucktrücherl her, sunst wird mir schlecht. Mit so an' G'schau nimm i m'r ka ehrlich's Arbeitsbüachl. Da geh i zur Polizei und laß mi wenigstens ehrlich untersuach'n, wo i eigentli brustkrank bin. (Tini kokettierte gern mit einem interessant machenden Hüsteln.) Die wird ihr Lebtag net brustkrank, wenigstens von kaner Arbeit, i man' von kaner ehrlichen Arbeit. O pfui Teufel! Mit so was sitzt unserans beinand. Unserans, das ehrlich alt wird und net no amal im Trücherl vor Schand rot werd'n muaß – wann s' überhaupt no a ehrlich's Trücherl kriagt und a ehrliche Leich' . . .«

Da Fräulein Tini zur Stunde nicht im entferntesten weder an einen »ehrlichen« Sarg noch an ein Leichenbegängnis dachte und da ihrer Meinung nach alles, was zu ihrem Rücken (sie drückte es drastischer aus) gesprochen wurde, ein Fluch ohne Widerhaken war, blieb sie ebensosehr ihrer Faulheit, ihrem dreisten Augenspiel wie ihrer Unverschämtheit treu.

Aber so unaufrichtig, mißtrauisch, nachträgerisch sie auch war, eines mutete sie niemandem zu: daß man nämlich ihre Schönheit anders als mit Blicken des Neides und der Bewunderung anschauen könne.

Tini und Poldi hatten sich seit ihrem Schulaustritt nicht wiedergesehen, als sie einmal der Zufall sich begegnen ließ. Tini liebte auffällige Kundgebungen und lärmende Begrüßungen. Daher hatte sie kaum die ehemaligen Kameradin erblickt, als sie sich mit der Plötzlichkeit eines auf sein Opfer stoßenden Geiers auf Poldi stürzte und sie mit Umarmungen fast erstickte. Dann trat sie ein weniges zurück, ordnete ihr Haar und betrachtete die wiedergefundene Freundin mit Blicken, die die uneigennützigste Freude des Wiedersehens ausdrücken sollten.

Was Poldi betraf, ordnete sie gleichfalls ihr Haar, sah ebenfalls die ehemalige Schulkameradin an, aber nicht mit gleichen Blicken der Freude und Innigkeit.

»Poldi«, stammelte Tini geraume Zeit nachher, mehr aus Gründen einer physischen als psychischen Erregtheit. »Jessas, Poldi! . . . Ja sag' m'r nur, warum ma' von dir gar nix mehr hört und siecht? Mein Gott . . . seit ma' aus d'r Schul san, san mir nimmer z'samm'kumma. Na, die Freud' . . .« Und Tini ließ ihre Blicke mit so viel Liebe an der Freundin haften, als eitle Berechnung nur vermag.

Welche Untugenden Tini auch immer auszeichnen mochten, eine war ihr fremd: die des Neides auf körperliche Vorzüge, denn der wurde aufgehoben durch ein solches Überbewußtsein eigener körperlicher Reize (und seelische kamen bei ihr nicht in Betracht), daß Tini in diesem Punkte des weiblichsten aller Instinkte entbehrte. Ich fürchte, Tini so der Wahrheit gemäß geschildert zu haben, daß es fast einer Anschwärzung gleichkommt, aber an eine Bekrittelung ihrer Schönheit wage ich mich nicht heran.

Hätte diese mit der moralischen Häßlichkeit einen Ausgleich schließen können, so wäre für sie noch genug übrig geblieben, um die Wagschale zu ihren Gunsten zu neigen.

Poldi, obwohl äußerst überrascht und im Herzen keineswegs so erfreut über das Wiedersehen, äußerte sich dennoch sehr liebevoll über den Zufall und da ihr Herz kein Arg trug, einer ehemaligen Schulfreundin mit den Gefühlen allgemeiner Menschenliebe zu begegnen, stand einem Austausch von Herzensergießungen nichts im Wege. Es muß zugestanden werden, daß Tini der belebendere Teil war.

»Na, meiner Seel', die Freud'!« begann sie nach einer abermaligen Pause wieder, die sie benützt hatte, um ihre Frisur in einem kleinen Taschenspiegel zu besehen und dann über die Achsel ihre ganze Person in einer spiegelnden Auslagenscheibe zu mustern. »Du glaubst gar net, wia oft als i an di denkt hab'. Gelt ja, du waßt, daß mir zwa die besten Freundinnen in der Schul' war'n?«

Poldi kostete dieses Erinnern die kurze Anstrengung eines fruchtlosen Nachdenkens. Da aber kein Grund vorlag, die liebenswürdige Einbildung Tinis zu korrigieren, wurde also der »seit je« bestanden haben sollenden Freundschaft die Zustimmung erteilt.

»I glaub', mir hab'n uns immer guat vertrag'n«, meinte sie einfach.

»Gern hab'n m'r uns g'habt, Herzerl! Gern – und wia aa no! Ja, aber sag' m'r nur, wia schaust denn du aus?« rief Tini plötzlich in einem Tone mitleidigen Erschreckens, als wäre sie sich des Äußern der Freundin nun erst bewußt geworden. »Du tragst, wia m'r scheint, no das alte Fetzenwerk, das d' in der Schul' g'habt hast. Hörst, daß d' di net schamst . . . Armes Hascherl!«

Ein paar braune geduldige, aber auch stolze Augen lehnten das unerbetene Geschenk eines demütigenden Mitleids kurz ab.

Wenn Tini auch begriff, was sie begreifen wollte, so befand sie sich im Augenblick nicht in der Lage zu wollen. Das echt »Hausmasterische« in ihr drängte an die Oberfläche. War es gewiß nicht Böswilligkeit, die sie veranlaßte, ihre »beste Freundin« zu demütigen, so waren es doch liebloseste Selbstsucht und Eitelkeit.

»Na, na . . . brauchst di vielleicht vor mir zu schenier'n?« fuhr sie unbeirrt fort. »Armut is no lang ka Schand'. Aber für di san die Fetzerln ka Gluft. So sauber, als wia du bist, brauchst aa die nötige Ausstaffierung. I bitt' di – mit solche Schuach . . .!« Und Tini warf einen Blick natürlichsten Entsetzens auf Poldis Beschuhung.

»Waßt was?« sagte sie nach abermaliger Pause, in der sie ganz vergaß, ihrer eigenen Person eine Aufmerksamkeit zu gönnen. »Du gehst mit mir und i richt' d'r a paar Sach'n z'samm'. Ob i s' jetzt in Haderlumpenweib oder aner Fleckerljüdin verkauf', schenk' i s' liaber dir. Na – wann i das scho früher g'wußt hätt'! Du armer Batsch, du! I brauch' alle Jahr' mindestens vier Klader und a halbes Dutzend Paar Schuach. I sag' d'r, es geht net anders in unsern Salon. Da müassen mir was auf uns halten. Was glaubst denn, mit was für Kundschaften mir z' tuan hab'n! A Kostüm unter fünfhundert Guld'n liefern m'r gar net. So aner Kundschaft sag'n m'r net amal recht guat'n Tag. Zehnmal im Tag' halt a Hofeklipasch bei unsern G'schäft. 's letztemal hab i a Kostüm ang'habt, erst a halb's Jahr trag'n – laßt mi net die Direktrice ruf'n und schert mit z'samm', daß i a so dahergeh. Jetzt kannst d'r denken . . . Ja, was hast denn, Tschapperl?« unterbrach sie sich, mit erstaunter Miene die beste Freundin ihrer letzten Viertelstundenerinnerung anstarrend. »Was wanst denn?«

Poldis Augen hatten ein Tränenkleid angezogen. Auch der verwundete Stolz hat sein Blut, das um so schmerzhafter träufelt, als es salzig ist.

Die geschmacklose, alberne Renommage Tinis hätte Poldi unter andern Umständen lächelnd ertragen können. Aber die Wirklichkeit, die dieser Renommage ein Recht verlieh – der Umstand, daß sie die Macht besaß, sich geltend zu machen; daß dieses mehr oder minder alberne oder boshafte Mitleiden mit der Waffe des Besitzes gegen die Wehrlosigkeit unschuldigen Elends auftreten konnte – vernichtete für einen Augenblick den Stolz eines tapferen Mädchens und löste ihn in jener Flut auf, die wahrlich schon mehr Opfer gefordert als alle Meere des Erdballs zusammen.

Poldi dachte an ihre Familie, an den Jammer der Häuslichkeit; diese stete Aneinanderreihung von Sorgen, Mühsal und gelegentlicher Verzweiflung. Sie dachte an zwei noch unmündige Schwestern (wenn das Wort »Mündigkeit« bei der Armut je Sinn besitzt), an einen arbeitslosen, krüppelhaften Vater und eine unermüdlich arbeitende, abgerackerte Mutter, die mit ihrem steten Rechnen und Jammern die stärksten Nerven anzugreifen drohte.

Das Elend der eigenen Lage kommt dem Menschen selten so sehr zum Bewußtsein, als wenn er es an dem Übermut fremden Glückes mißt. Das Elend hat seine Scham, sein Kastenbewußtsein, es hat seinen Trotz, der uns manchmal Naturen entfremdet, die unter dem Wärmestrahl eines heiteren Geschickes unsere besten Freunde geworden wären.

Poldi rang mit dem Jammer der Alltagssorgen seit ihrer Kindheit (war sie doch eigentlich noch jetzt ein Kind an Alter). Aber sie rang härter, weil auf deren erste Tage sich ein Strahl der Sorgenlosigkeit geneigt hatte, gleich einem poetischen Falter, der eine arme, dürftige Blume an einer verfinsternden Mauer heimsucht. Erst- und Zweitgeborene sind meist ausgezeichnet. Wenigstens das zarteste Kindesalter hindurch. Deshalb empfinden sie den späteren ungünstigen Wechsel der Familienverhältnisse desto härter.

Also Tini äußerte ein gerechtes Erstaunen über die Tränenwelle in den Augen der Freundin. Und da sie auch plötzlichen Impulsen der Teilnahme nachzugeben vermochte, solange diese mit ihrem Vorteil nicht im Widerspruch stand, nahm sie mit einem letzten Blicke von der spiegelnden Auslagescheibe Abschied, um sich nun uneingeschränkt dem Geschäft der Freundschaft widmen zu können, legte ihren Arm in den Poldis, und diese mit sich fortziehend, bat sie auf dringendste Art um Aufklärung über den Kummer der Schulgefährtin.

Poldi nahm Tini für das, was edle Naturen am liebsten tun: für ein im Grunde gutes, bisher verkanntes Wesen. Daher ließ sie sich willig mit fortziehen und fand einen grausamen Genuß in der Schilderung ihrer bedrückten Lage.

Sie sei seit länger als einem Jahre in einem kleinen Geschäft gestanden, dessen Chef den Folgen aller finanziellen Miseren, die einen Kleinmeister zu überfallen pflegen, nicht standhalten konnte. Kurz gesagt, der Chef wurde gepfändet, gab mit einem leichtsinnigen Pfeifen alle Gedanken an jetzige wie künftige Meisterherrlichkeit auf und verdingte sich wie ein gewöhnlicher Sterblicher an eine Konfektionsfirma. Natürlich wurden die Lehrmädchen arbeitslos (der Zustand dauerte schon einige Wochen) und . . . Poldi konnte nur mit einem Schluchzen enden.

Tini ließ sich kaum Zeit, die traurige Schilderung zu Ende zu hören. War es ein Funke wirklicher Gutherzigkeit, war es die Sucht, als Schildherrin zu glänzen – kurz, sie versprach der Freundin, ihren allgewaltigen Einfluß aufzubieten, Poldi in den märchenhaften Salon zu bringen, der täglich von Hofequipagen belagert wurde.

Einem wehen, gemarterten Gemüt erscheint jeglicher dämmernde Strahl der Hoffnung als eine nicht vielleicht erst aufgehende, sondern schon blendend strahlende Sonne der Erfüllung. Unter dem belebenden Einfluß dieser Ausstrahlung wurde Poldi nun vollständig mitteilsam und gestand endlich zu, daß nur das armselige »Fetzenwerk« am Leibe ihr hinderlich sei, einen auch nur annähernd ähnlichen Platz zu finden, wie ihn Tinis Versprechen ihr in verlockendste Greifbarkeit gerückt.

Es mag unendlich verderbte und gemütlose Charaktere geben. Ein jeglicher hat doch eine, wenn auch noch so stumpfe Saite, an die Liebe und Mitleiden mit schüchternem Griffe zu rühren wagen. Tini scheint mir im folgenden die köstlichste Regung ihres sonst so liebebaren Daseins geäußert zu haben. Die arme, verzogene, verwahrloste, verprügelte und gänzlich unerzogene Tini.

Beide Mädchen waren im Weiterschreiten wieder einem die Erscheinungen widerstrahlenden Auslagenfenster nahegekommen. Und da dem Trümmler-Sprößling bei aller Erhabenheit über persönliche Eifersucht der Sinn für Vergleichung in ästhetischen Dingen nicht abzusprechen war, mag es Tini verziehen sein, wenn sie mit raschem Blicke ihre eigene Erscheinung und die ihrer Gefährtin in Vergleich zog.

Das Ergebnis war eines so sehr zugunsten ewiger Freundschaft (von der seit je bestandenen abgesehen), daß Poldi in der nächsten Minute mit so viel großmütigen Anerbietungen förmlich überregnet wurde, wie sie je Aufopferung zustande bringen mag.

Vor allem wurde ihren betäubten Sinnen allmählich klar, sie solle nicht ein Zeug als Geschenk erhalten, welches einem Handelsjuden oder einem Hausiererweib zugedacht war.

»Ja hast denn wirkli glaubt,« berichtigte Tini die vorgefaßte Meinung, »i trauert mir dir was anz'trag'n, was i nur a so hergib? Mein Gott! Halt was i a G'lumpert haß . . . Das is ja aber no a Prinzeßklad geg'n deine Fahnln. Jetzt sei stad und red nix weiter! A Gelt's Gott und a Busserl. So! . . .

Und morg'n kumm i zu dir, i muaß heut erst all's z'samm'richt'n . . . Jessas! Na, bin i derschrocken. Schau di net um, i bitt' di! . . . Dort steht scho wieder der Herr, der allweil mit mir zum Anbandeln anfangen will. Geh, schau nur net überi! Der Mensch is imstand und red't uns an. In dank' schön, da dürft d'r Vatta was merken von solche Sach'n! . . .«

Damit war die Brücke zu einem anderen, erheblich lieblicheren Gespräch geschlagen. Wenn Poldi in ihrer Unschuld sich noch dunkel einiger Tatsachen erinnerte, die Tini oftmals veranlaßten, ihre Schulbank als Anklagebank betrachten zu müssen, aus Anlässen, in denen das andere Geschlecht eine gewisse Rolle gespielt – zur Stunde war sie geneigt, Tini als ihrer Gönnerin vollsten Glauben zu schenken. Daher beschleunigte sie, ohne es zu wagen, sich umzuschauen, den Schritt.

»Du muaßt wissen, Polderl«, erläuterte Tini, »daß d' Mannsbilder auf mi damisch fliag'n. Warum, waß i selber net,« meinte sie mit der Heuchelei, die die vermeintliche Unanfechtbarkeit eines Besitzes, sei es der des Reichstums oder des Talents oder der Schönheit, in dem Menschen großzieht, »aber Tatsach' is's. Denk' d'r nur, wann da mei Vatta amal was hört oder erfahrt, geht's mir schlecht. Der is d'r so viel streng. Hör zua: Amal geh i aus'n G'schäft – red't mi a eleganter Herr an. I gib eahm natürli ka Gehör und sag' nur, er sollt' mi mit Ruah lass'n. Aber a fescher Mann war das, sag' i dir . . . (Tinis Augen glänzten lüstern.) Aber i waß net, wia d'r Vatta draufkumma is – kurz und guat . . .«

Mit ungeschminkter, nackter, ganz eindeutiger Ehrlichkeit, der einzigen, deren sie sich je befleißigt, schilderte Tini die Folgen, die es gehabt, daß ein Herr sich erlaubt hatte, sie anzusprechen. Was sie aber wohlweislich verschwieg, war der Umstand, daß sie mit dem Herrn tägliche Rendezvous gehabt. Sie erzählte also ganz offenherzig.

»Wia i damals hamkumma bin, hat m'r d'r Vatta a paar solche Tetschen einig'haut, daß i umg'fall'n bin. Und dann hat er mi g'haut . . . I sag' d'r, acht Tag war mein Buckel und meine Arm' ganz grün und blau. (Daß nichts anderes mehr grün und blau war, schien die einzige Zubilligung, die Tinis Vater ihrer Jungfräulichkeit und ihrem vorgeschrittenen Alter machte.) I hab' damals woll'n zum Fenster aussispringen.«

Wenn man sich dessen erinnert, daß die elterliche Wohnung naturgemäß ebenerdig gelegen war, so ist diese Absicht einer unausgeführten Verzweiflungstat für den damaligen Seelenzustand Tinis äußerst bezeichnend.

Tini war sich aller Widersprüche in ihren Erzählungen nie bewußt. Wenn es eine Kunst des Lügens gibt, die ihren Gipfelpunkt in der Möglichkeit der höchsten Wahrscheinlichkeit findet, so war bei Tinis Lügen das Gegenteil der Fall.

Sie plauderte also ungeniert von ihrer Schande, noch körperlich gezüchtigt zu werden, wie ein kleines Mädchen und bemühte sich nur, die gelegentliche Abstrafung als eine gänzlich unverdiente hinzustellen.

Poldi war zu arglos, zu gedrückt, zu dankbar und vor allem zu hoffnungsfreudig, um in dieser Stunde kritisch sein zu können. Sie war bald sechzehn Jahre alt, durch Renommage noch leicht zu bestechen und – wer möchte es einem Backfisch verargen – durch die Aussicht auf ein abgelegtes Kleid gewonnen.

Man war mittlerweile zu der Abmachung gelangt, daß Tini Poldi an einem der nächsten Tage besuchen und die versprochene Toilette mitbringen wolle. Diese Konstellation einer Zusammenkunft hatte ihre Ursache darin, daß Tini in ihrer Protektions- und Großmannssucht sowie in ihrem Bestreben, eine dankbare und dankschuldige Freundin zu finden, gar nicht die Absicht hegte, vielleicht ihre Großherzigkeit von der Zustimmung der Eltern abhängig zu machen. Sie beschloß, ruhig gesagt, das Nötige aus dem Kasten zu stehlen und die Ahndung des unfehlbar aufkommenden Vergehens geschickt mit der für ein anderes zu verbinden. Kaufleute nennen das mehrere Konti zusammenziehen.

An einem der nächsten Abende erschien Fräulein Tini in Begleitung eines Burschen, den sie sich zum Tragen eines aus der elterlichen Wohnung geschmuggelten Bündels um einen vorher bestimmten Betrag aufgenommen hatte, vor der Wohnung der Eltern Poldis.

Der Träger warf, auf dem Gange angelangt, den »Binkel« zu Boden und meinte, sich mit dem Hute die Stirn reibend:

»Dös war a Zahrerei, gnä' Fräul'n . . .«

»So, da ham S' Ihner Geld«, sagte aber das Fräulein, ohne die Demonstration zu beachten.

» . . . an' Flins werd'n S' do no zuageb'n.«

»Kan' Heller. Is Geld genua für das Packerl. Wann S' da davon scho schwitzen, tan S' m'r lad.«

»Sö, Fräul'n, wann S' das sag'n . . .« klang es im Tone gekränkter Biederkeit.

»I hab' nix weiter z' sag'n, als daß S' da Ihner Geld nehmen und abfahr'n soll'n. Vom Branntweiner hab' i Ihner g'numma und von mir aus gengan S' durt wieder hin. San S' froh, daß S' das verdient hab'n. Jetzt ziag'n S' o'!«

Der Träger, der seinen eigentlichen Gefühlen nur mit Widerwillen einigen Zwang angetan zu haben schien, entledigte sich dieses offenbar in der fröhlichsten Weise, mit der wir jede Erleichterung begrüßen.

»So? O' ziag'n soll i? Dös haßt, wann i will. Da nehmen S' vielleicht auf Ihnere paar Netsch no mei Hüatl, mei Röckl, meine Böck . . . Ham S' g'mant i trag Ihner dös G'lump zu mein' Privatvergnüg'n? Schöne Idee dös! Dann, wer waß, was i für Läus' von dem Binkl mit hamtrag'? Serwas! Solchene Kundschaften kunnt i no mehr brauch'n. Habs die Ehre! Pfiat Ihner d'r Schinder, Sö notige Fräul'n! . . . G'stätt'n krauperte . . .!«

Und wie in einer Anwandlung gerechter Entrüstung, deren Maßlosigkeit nur durch bessere Erwägungen einzuschränken war, spuckte er seine Fußspitze an, gab mit dieser dem Bündel einen Tritt, daß er gegen die Tür kollerte, spuckte dann auf die in seiner Hand befindlichen Münzen und schritt mit der lächelnden Miene des Siegers über die Stiege.

Der Wiener hat für gewisse Momente die bezeichnende Art zu sagen: »Es verschlagt an' d' Red'«. Genau so erging es Tini. Es überfiel sie angesichts so viel ruchloser Frechheit eine Art Lähmung. Denn bei schnellerer Gefaßtheit und bei dem sie auszeichnenden Temperament wäre ein Angriff mit dem Sonnenschirm nicht ausgeschlossen gewesen. So aber tat sich nebst den stets horchbereiten Nachbarstüren die Tür Poldis auf und Tini, die an dem Übermaß einer »verschlagenen« Erregung zu ersticken drohte, sank der fassungslosen Freundin laut aufweinend in die Arme.

Nach geziemend langem Schluchzen an Poldis Halse fand Tini endlich Worte:

»Halt' mi net für verruckt, Polderl! Aber was i wegen dir scho ausstehn muaß . . . Na – na!« wehrte sie ganz unnütz ab, denn Poldi gänzlich außerstande, eine Deutung der Situation zu finden, stand nur mit stillerstaunten Blicken und ließ sich ihren Hals durch Tinis volles Gewicht beschweren. »I sag' nix weiter. Für di ma i's ja gern. Du bist do mei beste Freundin. I will nix mehr wissen davon, daß m'r si für a guat's Werk von so an' Pülcher muaß a so behandeln lassen. Und da hast dein Versprochenes«, fuhr Tini nach ganz kurzer Pause des Leidversunkenseins fort und hob das Bündel, dessen Schwere weder die Beihilfe eines Trägers noch die Auseinandersetzung mit diesem, am allerwenigsten die unzeitige dramatische Pose rechtfertigte.

Poldi fand endlich die Geistesgegenwart, Tini samt dem Bündel in die Küche zu ziehen und die Tür zu schließen. Zum größten Leidwesen der horchenden Nachbarinnen, die der Grund der ganzen Angelegenheit interessiert hätte.

Im Zimmer angelangt, wo ebenso in vollkommener Unwissenheit über die Ereignisse auf dem Gange sich Poldis Mutter und Schwestern befanden, begann Tini nach erster Begrüßung und endgültigem Trocknen der Augen mit nervöser Hast das Bündel zu öffnen. Diesem entnahm sie ein hübsches Kleid, einen Hut, einen Kragen und ein Paar ganz klein wenig beschädigter Lackschuhe, breitete alles auf dem Bette aus und warf sich dann Poldi abermals in die Arme.

Wenn es zittrige, verschüchterte, ausgemergelte, unterwürfige Frauen darzustellen gibt, niemand würde diesem Bilde gerechter geworden sein als Poldis arme Mutter beim Anblick der ausgebreiteten Schätze. Sie war die geborene, durch Armut und Unwissenheit sich entmündigende Proletarierin. Mit welcher Demut, mit welcher untertänigen Zärtlichkeit betrachtete sie das Geschenk. Sie konnte sich nicht genugtun, die Ärmste, mit ihren ausgewaschenen Händen über die Arme und Schultern Tinis zu streichen und immer aufs neue die Tochter zu fragen, ob sie sich denn »wirklich schon recht – recht schön« bedankt habe.

Die zehnjährige zerzauste Reserl verlieh ihrem Gesicht einen Ausdruck, der zwischen staunendem Entzücken und grimmigstem Neid schwankte. (Das vierjährige Katherl, das mit einem Spielzeug eigener Erfindung, von den Ereignissen unberührt, in einem Winkel saß, war die einzige Nichtbeteiligte.) Mit den Mädchen ihres Standes und Alters eigentümlichen hungrigen Blicken starrte Reserl die in ihrem Sinne feenhaft gekleidete Tini und dann die der Schwester übermachten Kleider an.

Diese selbst strahlte in schüchterner Dankbarkeit. Weit, weit über ihre Wünsche und Sehnsucht war das Geschenk der Freundin ausgefallen. Zitterte sie vor Begierde, sich in dem Staat zu sehen, so taten dies verzehnfacht die Mutter und Tini und Reserl, wenn alle drei schon aus natürlich verschiedenen Gründen.

Die Umwandlung der Puppe zum Schmetterling erfolgte im Kabinett. Die vier weiblichen Wesen, Katherl nun inbegriffen, bildeten eine gespannte Versammlung, die einer Überraschung entgegenharrt. Und als nach nicht zu langer Zeit Poldi an die geschlossene Zimmertür klopfte, sie öffnete und eintrat, ertönte unwillkürlich ein Ah! des Staunens.

Nur die Kleider machten aus Aschenbrödel die Prinzessin.

Eine solche war Poldi wohl keinesfalls geworden. Aber Verhältnisse vergrößern oft den Maßstab. Den legten alle an die neue Erscheinung. Poldi war binnen weniger Minuten eine Schönheit geworden.

Die Mutter schlug verwundert die Hände zusammen. Reserl ließ ihr schmutziges Gesicht alle Äußerungen des Neides ausdrücken und Tini – nun diese, wie gesagt, des weiblichsten aller Instinkte bar, freute sich wie über eine schön aufgeputzte Puppe, als ein Geschöpf ihrer Laune, ihres Wohlwollens, ihrer hohen Protektion . . .

Und als solches lernte Poldi bald sich weiter fühlen. Dank dem Umstand, daß in Tinis »Salon« ein braves Lehrmädchen gebraucht wurde, und dank deren Eintreten für die plötzlich mit aller Leidenschaft geliebte Freundin fand sich Poldi in wenigen Tagen mit einem kleinen Wochenlohn in der beneidenswerten Stellung eines Lehrmädchens, das den Unterschied zwischen einem zahlenden und bezahlten kennen lernt.

Zwischen den beiden Freundinnen hielt das neuangesponnene, von Tini mit Ostentation als ein fast schwesterliches dargestellte Verhältnis ungefähr ein Vierteljahr an. Dann trat ein Ereignis ein, das, von allen als »längst vorauszusehen« bezeichnet, dennoch den ganzen »Salon« in Erregung, Poldi jedoch wie Tinis Eltern in gerechteste Trauer versetzte.

Tini blieb nämlich eines Tages nicht nur dem Geschäft, sondern auch der elterlichen Wohnung fern. Und kam in letztere nicht wieder bis zum heutigen Tage, da sie sehr unzeitgemäß sich von kindlichen Anwandlungen verleiten ließ, ihren Erzeugern unter die Augen zu treten, und diese Anwandlung mit der von Reserl geschilderten väterlichen Exekution büßte.

Fünftes Kapitel

Erzählt von dem unerhörten Aufstieg einer Nähmamsell zu gesellschaftlichen Regionen.

»Wann S' no a Wort red'n, so flasch'n i Ihner o', Sie Transch, Sie miserabler. Red'n S' nix, i bitt' Ihner, Sie Mistfetz'n, Sie krauperter! Sunst kumm i Ihna amal so saugrob, daß S' mi erst richti kenna lerna. A Feuerzangen bringen S' eini, hab' i scho amal g'sagt, und schmeißen S' den Scherm ins Misttrücherl, daß i ja nix mehr siech von eahm.«

Die Dame, die ihrem Unmut in dieser ein wenig drastischen Art Luft machte, als Fräulein Tini zu erkennen, dürfte nach allem Vorhergeschilderten nicht schwer sein. Denn der »Scherm«, der mit der Feuerzange in das Misttrücherl befördert werden sollte, war das phantastisch-ideale Gebilde aus Stroh, Draht, Seide, Gaze, Atlas, Federn und Blumen, dem Herrn Trümmlers profaner Besen ein so rauhes Ende bereitet hatte.

Der weitere Gegenstand ihres Unmuts war die Zofe, die mit sicherem Blicke erkannt hatte, daß die Deformation des Wundergebildes keineswegs eine so gewaltige sei, um nicht eine annähernde Umänderung in den früheren Stand zu versuchen. Natürlich für das eigene unwürdige Haupt. Denn dem »gnädigen Fräulein« eine weitere Verwendung des mißhandelten, in der Mitte des Zimmers liegenden Objekts zuzumuten, wäre über jedes Maß von Ehrfurchtsverletzung gegangen.

Fräulein Tini rannte noch immer unentwegt auf und ab, wie sie es bei den eingangs geschilderten Worten getan.

»Der alte Esel«, schrie sie weiter, nun mit Hintansetzung alles kindlichen Respekts, »der an' Kucheltrampel als Tochter verdient hätt', aber net ane, die für was Besseres is! Von mir aus kann er mi lebenslängli buckelfünferln, i pfeif' eahm was und geh no amal in die Hütten . . . Was stengan S' denn da und schau'n mi an?« Die Frage galt aufs neue der Zofe, die ihre Herrin kannte wie ihre Tasche und wußte, welche Gefahr sie auf sich nehmen dürfe.

»Natürlich,« fuhr Tini fort, »wann d'r Voda ka G'fühl für sein Kind hat, soll ma's von d'r Dienerschaft aa net verlangen. Jetzt nehmen S' amal den Pintsch und schau'n S', daß S' damit endli aussikumman, sunst is sein Lebtag ka Ruah. I kenn' eh Ihnere Schmerzen. Aber das sag' i Ihner: seg'n lass'n därf'n S' Ihner damit net vur mir. Sunst reiß' i Ihner dös G'fraßt vom Schäd'l! Ziag'n S' o'!«

Die Zofe ließ sich diese Aufforderung nicht zweimal sagen. Sie nahm mit einer unterwürfigen Gebärde das Gartenmonstrum, dann von einem urplötzlichen Übermaß des Schmerzes und Mitleids erfaßt, küßte sie ihrer »Herrschaft« weinend die Hand.

»Arme . . . arme gnä' Fräul'n . . . !«

»San S' stad, Sie Batschachter« sagte diese, plötzlich von gleicher Rührung für sich erfaßt. »Wann Ihner schon an dem Wolkenschiaber, dem verdepschten, gar so viel g'leg'n is . . . Schau'n S' nach, es wird a Fetzen aa no da sein, der dazua paßt, und warten S' . . . die Schuach, die m'r da Schuaster 's letztemal so groß g'macht hat, dö nehmen S' in Gottesnamen aa dazua. Wenigstens a Mensch, der für an' a G'fühl hat.«

»Wann i mi für Ihner opfern kunnt, gnä' Fräul'n, wann i für Ihner sterb'n kunnt . . . wenigstens sterb'n . . .«

»San S' stad, Herzerl, i glaub' Ihner's ja. Und jetzt lassen S' mi, i muaß mi a bißl niederleg'n. Die Aufregung müaßt ja a Roß umbringen. A Kopfweh hab' i . . .«

Damit war die Entlassung gegeben und die Zofe entfernte sich mit dem Hute, der offenbar bestimmt war, in kürzester Zeit das farbenprächtige Bild des Praters um eine neue Tönung zu beleben.

Die Handlung spielt natürlich unmittelbar nach dem verunglückten Versuch der Trümmler Tini, ihren zürnenden Vater nicht nur in einen verzeihenden, sondern auch beglückten zu verwandeln. Leider hatte dieser neben sehr vielen unangenehmen Eigenschaften eine vorzügliche: ein wenn auch rauhes, so äußerst ausgeprägtes Ehrgefühl. Sein bürgerlicher Stolz war größer als die Befriedigung, der Vater einer gräflichen Hure zu sein. So wenig ihm eingefallen wäre, einen durch Unterschlagung zum Millionär gewordenen Sohn in die Arme zu schließen, so wenig Sinn besaß er für das Emporkommen seiner Tochter, die er seit dem Tage ihrer Flucht als verfehltes Erzeugnis seiner geläuterten Erziehungsmethode betrachtete und daher verdammte.

Niemand durfte seines entarteten Kindes mehr Erwähnung tun. In seinem Stammgasthause hatte er auf äußerst nachdrückliche Weise seinem Willen in dieser Richtung Geltung verschafft. Es ist in den Kreisen, denen Herr Trümmler angehörte, Gepflogenheit, gewisse Arten von häuslichem Unglück zum Kernpunkt gemütloser Frotzeleien zu wählen. Da die Wiener Gemütlichkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist, gehört auch solche Art von »Gemütlichkeit« unter sie.

Einer der besten Duzfreunde, dem die Familienaffäre gerade gut genug als Stoff für unzählige »heitere« Abende dünkte, daß man ein Opfer mit Frotzeleien fast zur Bewußtlosigkeit »steigen« lassen könne, büßte diesen Versuch.

Bei der ersten, mit einem behaglichen Grinsen vorgebrachten Anspielung lag er am Boden, Arme und Beine in die Luft reckend, längere Zeit unfähig, zu Atem zu kommen. Zu sich gelangt und Genugtuung heischend, ließ es ihm ein Blick aus Herrn Trümmlers Gesicht geraten erscheinen, die ganze Angelegenheit als auf einem brüderlichen »Jux« beruhend zu betrachten. Die anderen gaben der fatalen Angelegenheit ebenfalls die gewünschte Deutung und da Herr Trümmler sie annahm, so endete alles in einem Strom von Wein.

Aber in Wirklichkeit wußte jeder, woran er sich zu halten habe, und nicht die geringste, selbst zarteste Andeutung geschah mehr, um Fräulein Tinis Andenken aufrecht zu erhalten.

Der tyrannische, in großväterlichen Vorurteilen aufgewachsene Mann litt mehr unter dem Verlassen seines Kindes, als er zu zeigen für gut fand. Seine erziehlichen Mißgriffe beschwerten ihn keinesfalls. Diese Art von Erziehung hatte er zu Zeiten seiner Kindheit selbst genossen. Sie war ihm geheiligt durch Religion, Schule und Gesetz. Mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur rechnete er niemals. Er fühlte sich als der Mann, der das ihm übergebene Pfund keineswegs vergraben hatte, dem es aber gestohlen worden war.

Nun stand er fassungslos einem Unerhörten gegenüber. Dazu die unausgesprochenen Klagen seines Weibes, das, in erster Linie Mutter, in zweiter Linie unbewußte Kupplerin, ihrem Kinde gern einen Fehltritt verziehen hätte, der in ihren Augen so recht eigentlich ein Tritt auf den rechten Weg geworden . . .

Tini war ihrem Elternhause nicht vielleicht mit Vorbedacht entwichen, etwa nach innerem Kampfe oder nach Skrupeln irgendwelcher Art. Sie war ganz einfach einmal vom Hause weggegangen wie gewöhnlich, ohne allen Arg, daß sie am nächsten Morgen statt in ihrem jungfräulichen Bette in einem anderen erwachen könne. Sie hatte keinerlei Vorbereitung getroffen, sie war ganz einfach nimmer nach Hause gekommen. Und da der passende Anfang schon gemacht war, so lag der Gedanke an eine Fortsetzung nicht fern. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Furcht vor einem gehäuften Maß von Prügeln Tini die väterliche Schwelle verschlossen hätte; in der Art war sie nicht »brustkrank«, wie der Wiener eine Widerstandsfähigkeit gern zu rühmen pflegt.

Nein – Tini hatte etwas kennen gelernt, nach dem die Sehnsucht in ihr tiefinnerst seit Kindheit unbewußt stets gelauert hatte: die Ungebundenheit der Dirne. Sie war zu dieser vorherbestimmt, wie es Poldi zur Anständigkeit war, einem unerklärlichen Vorgang in der Natur zufolge, die ihre Gesetzmüßigkeit durch Abweichungen zu beweisen liebt.

Denn alles hätte Poldis Neigungen für einen leichtsinnigen Wandel eher begünstigen müssen als die Tinis, an die niemals eine Sorge herangetreten war. Tini war stets ein wohlbehütetes Kind gewesen. Ihr Vater, bei aller Strenge, liebte und verhätschelte sie, wenn auch auf seine eigene, unvernünftige Weise. Er ließ sie nicht nur an nichts Mangel leiden, sondern liebte es sogar, seine Tochter äußerlich vor anderen ausgezeichnet zu sehen, indem er sie durch die Mutter putzen ließ und dabei tat, als merke er nichts.

Trotz aller Prügel, die doch nur ein Ausfluß väterlicher Vorsorglichkeit waren, konnte Tini erreichen, was sie wollte. Sie war die »Hausmeisterische«, die zu beleidigen auch den Vater beleidigen hieß, den Hausgewaltigen, der in einem sonderbaren Widerspruch zu der Art, wie er die Würde seiner Tochter verletzte, dennoch diese von aller Welt respektiert wissen wollte.

Was hatte im Gegensatz zu Tini Poldi je erfahren? Das Elend des Proletarismus, das drückendste, graueste und unschönste. Wenn Herr Trümmler mit Stolz betonte, daß schon sein Großvater in derselben Wohnung, auf dem gleichen Sofa sein Mittagschläfchen gehalten, so hatte Poldis Familie kein Heim, das ein lieblicheres Echo zurückließ, als das folgende erwarten lassen konnte. Wer nahm jemals Notiz von ihrem Dasein, von dem Dasein ihrer Familie, wenn eine neue Wohnung ohne Lust an der Neuheit bezogen und die alte ohne Bedauern verlassen wurde?

Tini also hatte ihr Elternhaus ohne Abschied verlassen. Und das war so gekommen. Auf dem Heimweg vom Geschäft hatte sie sich ihrer sonstigen Begleiterin nach dem heimatlichen Bezirk, Poldis, zu entledigen gewußt, denn schon seit einigen Abenden war ihr ein Herr aufgefallen. der ihr unverkennbar »nachstieg«. Dann wartete sie auf das »Anreden«, das auch glücklich erfolgte. Aus der Anrede wurde eine Begleitung, denn der Herr stach sehr in Tinis sinnliche Augen. Die Bekanntschaft war alsbald eine so vollkommene, daß Tini erfuhr, ihr Begleiter sei Bildhauer und durch ihre Reize derart verführt worden, daß er keinen höheren Wunsch kenne, als diese Gestalt, dieses Antlitz durch Ton und Stein unvergänglich zu gestalten.

Der Nimbus des Künstlers versagte auch in diesem Falle nicht. Dazu gesellte sich bei Tini ein Wohlgefallen an dem halb jovialen, halb herrischen Manne, der förmlich im Namen einer höheren Gewalt Besitz nahm, ohne alle Flausen und den Firlefanz des gewöhnlichen Nachsteigers.

Tinis Naturkraft fand sich einer anderen gegenüber. Ein Bedenken nach dem anderen schwand, als sie sich herbeiließ, die Einladung zum kurzen Besuch eines Restaurants anzunehmen.

Aber wie dann alles gekommen . . .?

Am nächsten Mittag erwachte sie in einem ihr fremden Gemach, in einem fremden Bette, und die Spitze eines Schnurrbartes kitzelte eines ihrer sich öffnenden Augen.

Zuerst befiel das Mädchen ein leicht begreiflicher Schrecken. Man reißt sich nicht so ohne weiteres mit allen Wurzeln aus dem Boden einer seit zartester Kindheit gekannten Hausordnung und väterlicher Zucht. Aber – die Brücke war hinter Tini abgebrochen. Das wußte sie. Dieses Ausbleiben war ein öffentlicher Skandal, den keine väterlichen Rücksichten mildern, sondern im Gegenteil verschärfen mußten.

Von einem war Tini überzeugt: ihr Vater verzieh ihr niemals oder nicht so bald. Vorderhand machte sie sich kein Kopfzerbrechen.

Eigensüchtig und leichtsinnig, dabei erbittert über einen bisher so hemmenden Zwang, den sie sich schmeichelte nunmehr mutvoll abgestreift zu haben, nahm sie die neue Lage (fast bildlich) wie sie war. Sie zupfte die sie kitzelnde Schnurrbartspitze und freute sich kindlich über das verwunderte Gesicht ihres Bettgenossen, der wohl erst einen ersten Boxkampf mit einem »Kater« ausführte.

Dann prüfte er gähnend seine Genossin, und als er sie so frisch, so blühend und für sein Künstlerauge wohlgefällig fand, ward er rasch vollends ermuntert.

Bald saßen sie am Frühstückstisch. Und während der Zeit, da sie bei Tee und nötigem Zubehör plauderten, erfuhr der Künstler erst von den näheren Lebensumständen Tinis.

Sein Gesicht wurde immer besorgter. Das Abenteuer konnte ganz böse Wirkungen haben. Es war doch etwas anderes, die einzige Tochter eines wackeren Mannes verführt, als ein leichtfertiges Mädchen aufgelesen zu haben.

»Ja, was ist da zu machen?« meinte er endlich. »Nach Hause mußt du wieder. Ich begleite dich und reiße dich bei deinem Papa heraus, so gut es geht. Er braucht ja am Ende nicht alles zu wissen . . .«

Von dem aber mochte Tini nichts mehr hören. Der erste Schritt war getan. Einmal hätte er doch geschehen müssen; also besser früher als später. Und gar die Romantik eines Künstlerateliers! Alles war Tini neu. Sie hatte den naiven Drang aller Laien, dem Künstler sozusagen in die Karten zu schauen, wie er das alles mache, wie die Mittel beschaffen seien, mit denen man das schaffte, was sie ringsum sah und was ihr gewaltig imponierte. Denn im Grunde genommen erregt bei den drei Künsten, Bildhauerei, Malerei und Theater, gewöhnlich der verschleierte Schaffensapparat das Interesse des Fernstehenden . . .

Und so kam es, daß Tini blieb. In einer bei einem Bildhauer natürlichen Zweiteilung als Geliebte und Modell. Das Modell war es jedoch, das den Künstler am meisten verführte. Denn Tini hatte eine herrliche, unberührte Gestalt. Sie fand sich mit Leichtigkeit und Freude in einen ihr so völlig zusagenden Beruf. Das Ziel ihrer Wünsche, heitere Ungebundenheit, war erreicht. Der Künstler quartierte sie wo ein und in der Besorgnis, das kostbare Modell könne ihm in kürzester Zeit unter der Hand entwischen und zur Konkurrenz übergehen, arbeitete er fleißig nach Tini an einer Brunnenfigur, für die er schon lange nach einem passenden Modell ausgespäht.

Da Tini bei den Berufskollegen des Künstlers als dessen Geliebte galt, war sie allen als Modell heilig. Das heißt, es fiel keinem ein, es für sich zu kapern.

Ein Freund des Bildhauers, ein noch unbekannter Schriftsteller, der einen Überfluß an Zeit durch Mangel an Geld aufzuwiegen wußte, war der einzige, dem Tini nach anfänglichem Sträuben gestattet hatte, bei der Arbeit anwesend sein zu dürfen. Es war mit dieser Erlaubnis allen dreien gedient, denn durch die Anwesenheit des Dritten ward in die Monotonie des steten Zuzweitseins, der Arbeit und des ermüdenden Modellstehens ein befeuerndes Element gebracht.

Von der »Heiligkeit und Würde« der Kunst, so ernst sie übrigens von dem Bildhauer wie von dem Schriftsteller genommen wurde, war wenig zu spüren, wenn letzterer Geschichten erzählte, die Tini stets veranlaßten, zu erklären, sie höre nicht weiter zu, und zu deren Wiederholung sie gleich darauf anreizte.

Wenn das Modell begann, Zeichen der Langweile und Ermüdung zu zeigen, so lebte die bekannte Tini auf bei einem mehr originellen als zarten Witz oder der Erzählung einer besonders gepfefferten Anekdote. Und diese Augenblicke benützte der Künstler, um keine Bewegung, keinen Zug außer acht zu lassen.

Sein Freund mühte sich, ohne dies zu zeigen, im Dienst der Kunst. Ihm war Tini weiter nichts als ein schönes Modell, wie er deren hier schon so viele gesehen und die er alle schon oft unterhalten hatte. Je nach Veranlagung dessen Charakters.

Mit seinem Freunde im Einklang hielt er die Kunst für ein Handwerk wie jedes andere und haßte die sogenannte »Ästhetik« gründlich.

»Das vom Funken des Genies is a Holler«, ließ er sich manchmal herab, Tini seine Anschauungen zu erläutern. »Ma lernt so viel, als ma braucht, daß ma was anders macht, als was ma grad zum Leb'n braucht. Wia's an' oder dem andern besser g'rat . . .? So wia halt unser Herrgott in sein' Tiergarten gar viel's hat, was an' Unterschied zagt. Nur hat er an' a bißl mehr Hirnschmalz, an' andern a bißl mehr Herz geb'n. Dir (er duzte Tini) hat er zum Unterschied von an' Aschantiweiberl a schöne Gestalt und a schön's G'frieß geb'n. Und in derer Art bist du aa a Stück'l Künstlerin.«

Tini, die im Umgang mit Künstlern schon ein gewisses Interesse der Kunst als solcher entgegenzubringen gelernt, gab dieses in ebenso urwüchsiger Weise wie die erhaltene Belehrung kund.

»Sag'n S' m'r nur, wo zuzelt si denn a so a Dichter eigentli all's aussi? Do net aus 'n klan' Finger. Da muaß aner do damisch nachstudier'n, bis eahm so a Buach einfallt. Eigentli wieder, wann ma so was lest, sollt' ma glaub'n, es war' gar nix dran an so aner Schreiberei. Was g'hört denn da eigentli dazua?«

»Lesen und schreib'n g'lernt hab'n, Tinten, Federn und Papier – und no a klans bißl . . .«, lautete die ernsthafte Antwort.

»Und was is denn das klane bißl?«

»Das, was die meisten Kinder hab'n: 's Lachen und Wanen in an' Sackl . . . Und jetzt laß d'r'n neuchesten Witz derzähl'n . . .«

Aber es kam der Tag, der Tini aus einem Zustand reißen sollte, der für sie wie für ihren Geliebten anfing, unerträglich zu werden.

Tini war des Modellstehens und der Bildhauer des Liebhaberspielens überdrüssig. Tini muffelte es zu stark nach Arbeit, die ihr selbst vom Zusehen quälend war. Und da der Trümmler-Sproß keineswegs gesonnen war, die Langeweile einer Nähwerkstätte mit der einer Künstlerwerkstätte zu vertauschen, wurde er bockig.

Und der Bildhauer arbeitete mit Fieberhast. Er erhoffte sich von seiner Brunnenfigur einen mächtigen Erfolg. Gewisse, nur dem Kenner merkbare Schönheiten des weiblichen Körpers waren dank Tinis Naturgabe in voller künstlerischer Wiedergabe zum Ausdruck gebracht.

Er legte eben die letzte Hand an seine Arbeit, die ihm durch Tinis teils widerspenstiges, teils tolles Wesen zu einer Art Martyrium gemacht worden. Heute, als am letzten Tage des »faden Modellstehens«, war Tini ausgelassen lustig. Sie stand auf der Drehscheibe und brachte diese in Bewegung.

»Hör' auf!« rief der nervöse Künstler. »Wenn du herunterfällst, brichst du dir das Genick oder mir eine Figur.« Es war schwer zu unterscheiden, welche Möglichkeit mehr in die Wagschale des Schreckens gefallen wäre.

Aber Tini, die sich vom Mittagstisch einen leichten Schwips geholt hatte, lachte unbekümmert. Sie brachte die Drehscheibe in immer schnellere Bewegung, wobei sie äußerst geschickt balancierte.

»Weil i a Ritschi-Ratschi,
So a Hitschi-Hatschi,
So a Ausg'haute bin!«

sang sie nach einem zotigen Couplet.

»Bravo! Bravo! Bravissimo!« ertönte es plötzlich. Zwei Herren, ein sehr alter und ein junger, waren eingetreten, da sie die Tür unversperrt gefunden hatten. (Die Schuld trug der Dichter, der fortgegangen war, Wein zu holen, weil die Vollendung der Arbeit gefeiert werden sollte.)

Tini stand mit einem bewunderswert akrobatisch regelmäßigen Ruck still, dann flüchtete sie hinter die für Modelle zum An- und Auskleiden hergerichtete obligate Wand. Der Bildhauer hatte sich halb erstaunt, halb entrüstet umgedreht. Aber dann verbeugte er sich und sagte:

»O! Die Herren Grafen . . .«

Es waren zwei wirkliche und leibhaftige Grafen. Onkel und Neffe. Und Tini in ihrer paradiesischen Unschuldstracht hinter der spanischen Wand erschauerte: nicht vor Kälte, sondern vor Ehrfurcht vor dem gewaltigsten Titel, den sich das Volk vorstellen kann, außer dem eines Fürsten und Herrschers.

»Graf . . .!«

Welche Mißgeburt dieser Namen vergolden mag – stets bleibt die Vergoldung allein sichtbar. Natürlich noch das echte Gold des Besitzes vorausgesetzt.

Die beiden Edelleute waren erschienen, um sich über den Fortschritt einer in Auftrag gegebenen Arbeit zu erkundigen. Der ältere Herr war ein schon sehr alter Herr, der wie verzückt gegen die schützende Wand starrte. Der jüngere verriet den Reserveleutnant, Sport-, Klub-, Lebe- und andere Männer, nur keinen Mann darstellenden Herrn.

Im vorliegenden Falle war der alte Herr ein seniler Greis, dessen kindische Gelüste durch die unbeachtet aufgefangene Art der Trümmler Tini geweckt wurden. Der überfeinerte Mensch atmet oft tief aus vor Behagen bei dem Geruch von Scholle und Dünger. Und Tini strömte alle Herbheit aus, die beiden eigen ist. Die freche, graziöse Art des nackten Weibes hatte den würdigen Herrn mit Bewunderung erfüllt. Er war ein Erbonkel, dessen greisenhaft-kindliche Streiche eine Schar von Verwandten fürchten mußte und den man nie ohne Begleitung eines Familienanhängsels ausgehen ließ. Eine Entmündigung im gerichtlichen Sinne war nicht gut denkbar, da der alte Herr sonst ganz einfach so bei Sinnen war, wie es einem Mann seines Alters, seiner Erfahrung und seines Besitzes zustand.

Die Rolle des heutigen Begleiters war seinem fünften Neffen, in Kollegenkreisen der »blöde Xanderl!« genannt, aufgebürdet worden. Und Xanderl begriff mit dem Instinkt aller geistig Unmündigen, daß der Onkel ein Spielzeug in die Hand bekommen könne, durch das er zu lenken war. Und dieses Spielzeug hieß Tini.

Tini hatte ihren Grafen. Einen sehr alten zwar, dem sie eigentlich nur Lustigmacherin war. Aber sie hatte außerdem noch fünf andere Grafen, unter ihnen einen schönen Kavallerieoffizier. Und dann kam manchmal ihr Bildhauer zu Besuch, der sich im ganzen freute, einer überdrüssigen Geliebten ledig zu sein, und der nur den Verlust des Modells bedauerte. Der Schriftsteller war ausgeschlossen, da er fadenscheinige Kleider und zu robuste Manieren besaß, die Tini verletzt hätten, die sich manchmal bemühte, hochdeutsch zu sprechen und die Dame des Highlife zu spielen.

Im übrigen hielt sie einen förmlichen Salon, ließ sich gut soutenieren, streute die Strahlen ihrer Gnadensonne über alle, die Phryne zu befriedigen vermochten, und sang ihrem alten Galan zum hundertstenmal vor:

». . . a so a Ausg'haute bin . . .«

Tini war bei der Senilität ihres Aushälters eigentlich gar nicht recht das, was man Mätresse nennt. Der alte Herr konnte sich nur halb zu Tode lachen, wenn er die Urwüchsigkeiten zu hören bekam, die der Trümmler-Sprößling trotz aller höheren Ambitionen an sich herumtrug wie eine Auster ihre Schale und eine Schnecke ihr Haus. Besonders im Zorne, wenn sich Fräulein Tini so gewählter Ausdrücke zu bedienen pflegte wie der im Eingang dieses Kapitels geschilderten, gefiel sie ihm so ausgezeichnet, daß für den alten Herrn Grafen Schlaganfälle in Aussicht standen.

Der war, ihm selbst unbewußt, besser entmündigt worden, als das je ein Gericht hätte besorgen können. Tini war für die Verwandtschaft ganz einfach eine Perle. Zu indolent, um in höherem Sinne zu intrigieren, zu putzsüchtig, als daß man ihrer schwachen Seite nicht stets hätte beikommen können, zu launisch, zu dumm, zu robust, zu zufrieden mit ihrer eingebildeten Stellung – hätte sie nie befürchten lassen, was schon einige Vorgängerinnen getan: den alten Herrn zu beeinflussen, Heiratsgelüste zu hegen. Einmal war man der Gefahr eines außerordentlichen Skandals in letzter Stunde begegnet. Die betreffende Person verschwand auf Nimmerwiederkehr. Man beglückwünschte also den »blöden Xanderl« zu dem Funde, der dem Heben eines Familienschatzes glich.

Hatte Tini also ihre Vorzüge, so hatte sie für jeden einzelnen der betreffenden Verwandten einen Nachteil: sie war nicht zu bewegen, heimlich zugunsten irgendeines Mitgliedes der Familie zu wirken. Ihr unbewußt lebte ein Teil natürlicher Gerechtigkeitssinn in ihr, der sie hinderte, selbst dem »blöden Xanderl« einen Stein in den Weg zu werfen.

Dafür hatte sie genug Erwerbsinn, um alles zu nehmen, was ihr in den Schoß fiel. Tini war keine Verschwenderin, weil sie diese Kunst einfach nicht verstand.

Nämlich auch nur in höherem Sinne genommen. Ihr war die Marke Plebs zu sehr aufgedrückt. Ein durch Generationen überkommener Sinn für Pfennigfuchserei, der zwar zu Zeiten in laute Protzerei umschlagen konnte, war ihr eigen.

Wenn etwas ihren niederen Sinn vollständig beherrschte, war es das Bestreben, all denen zu imponieren, die sie einst als die »Hausmeisterische« gekannt, als die Trümmler Tini kurzweg, als die Tochter ihres plebejisch gesinnten Vaters (Tini bildete sich ein, aus eigenen Kräften über das Milieu gewachsen zu sein, dem sie entstammte), als die Nähmamsell – kurz als den Zweig eines ehrenhaften, aber in ihren Augen niederen Stammes.

Mittlerweile saß ein altes Ehepaar in einem niederen, altmodisch-»g'lumperthaft« eingerichteten Zimmer und gedachte jedes nach seiner Weise der verschollenen Tochter. Jedes mit Gram und Sehnsucht im Herzen, die unausgesprochen blieben, wie alles unausgesprochen bleibt, was uns im Innersten rührt, für das wir keine Worte finden, weil die Sprache meist nur der Ausdruck dessen ist, was uns empört, ärgert, kränkt oder mindestens unangenehm berührt.

Sechstes Kapitel

Gibt Mitteilung über das Los solcher Mädchen, die keinen gesellschaftlichen Aufstieg versuchen. Handelt von Sängerinnen, Fürstinnen und künstlerischen Dingen.

Die Tage armer Nähmamsellen, ob sie nun mit fleißigen Händen die Nadel führen oder als lebendes Modell die Phantasie von Seide, Samt, Atlas, Spitzen vor den Augen meist nur allzu kritischer Käuferinnen in das richtige Licht zu stellen haben, gleichen an Eintönigkeit einem öden Landregen, der kein Ende erwarten läßt. Ungesehene und unbegehrte Schönheit welkt bei dem Licht elektrischer Lampen oder dem fahlen Tagesschimmer eines öden Hofes. Jeglichen Morgen das Erwachen mit der lähmenden Aussicht auf ein neues Morgen voll grauer Eintönigkeit, ohne Heiterkeit, ohne Abwechslung und ohne den Schimmer einer fröhlichen Hoffnung.

Diese armen Heldinnen der Arbeit, die meist die guten Hausgeister der Familie sind – wer bewundert sie? Wer begehrt sie, außer zu dem Ergötzen einiger lustiger Stunden? Selbst die Poesie hat einen erlogenen Schimmer um sie gewoben. Man hat sie zu Geschöpfen gestempelt, die, von steter Liebeslust erfüllt, sich dem nächstbesten Stutzer an den Hals werfen und für ein Souper die Triebe der eleganten Herren befriedigen helfen. Ein wenig rührselige Schönrednerei, ein bißchen spitzfindiges Philosophieren und das arme Geschöpf ist abgetan als Begriff, der ebenso unwahr als unwürdig ist, wie meist alles, was die Seele des Volkes betrifft.

Poldi hatte einen weiten Weg nach ihrem Arbeitsort und um sechs Uhr früh verließ sie alltäglich ihre Wohnung, unbekümmert um Kälte oder Regen, und wanderte ihrem Ziele zu, das so viel an stündlicher Aufopferung, Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung, Arbeitsunrast und Entbehrung heischte.

Poldis heiteres, anspruchsloses Gemüt empfand die Bitternisse dieses Lebens nicht in dem Maße, als sie wohl von einer mehr quälerischen Natur aufgenommen worden wären. Sie war gleich allen Genügsamen dankbar für jeden kleinen Lichtblick ihres sonnenlosen Daseins, dem selbst die Häuslichkeit so viel an Kümmernissen bot.

Es wäre wahrhaft ein Wunder gewesen, hätte sich Poldis nun voll entwickelte, jungfräuliche Schönheit nicht eines Schwarmes jener zudringlichen Männlichkeit zu erwehren gehabt, die die Liebe in ihrer sinnlichsten Form nicht dieserhalb allein schätzt, sondern erst als Anlaß der unwürdigsten Renommage. Und wenn sich Vertreter dieser Männlichkeit Dichter heißen, ist diese Renommage noch unheilvoller, da sie gedruckt, belobt, empfohlen und gelesen und die Tochter des Volkes gleichsam als dankbar zu jagendes Freiwild geschildert wird.

Viele hatten es schon mit mehr oder minder empfehlenden Künsten der Unwiderstehlichkeit versucht, sich Poldi zu nähern. Aber diese wußte mit einer Abweisung von eisigster Kälte bis zum lebhaftesten Erzürnen allen Annäherungsversuchen entgegenzutreten. Da eine leider allzuverbreitete gute Meinung von sich selbst besonders jene Herren auszeichnet, die in buntes Tuch gekleidet sind und mit dem Säbel klirren, so fehlte es an Anfechtungen von dieser Seite am wenigsten. Aber Poldi war stolz. Dieser Stolz allein hätte sie bewahrt, das Thema eines Kasinoklatsches zu werden.

Da ihr Weg von zu Hause nach ihrem Arbeitsort auch durch einige Anlagen führte, durchschritt sie in Frühlings-, Sommers- und Herbstzeit stets diese. Mein Gott! Diese paar Anlagen mußten ihr mit ihrem Grün für karge Minuten das ersetzen, was man gemeinhin »Natur« nennt. Das heißt eine Abwechslung für den Städter im Banne der staubigen, heißen Straßen und dumpfigen Arbeitsorte. Ich glaube noch einmal, endgültig der Versicherung überhoben sein zu dürfen, daß ich nicht von den Städtern spreche, die ihre Erholung in den Schweizer Bergen oder in einem fashionablen Strandbad suchen.

Die letzte grüne Etappe auf Poldis Wanderung bildete der Rathauspark, der sich unfern ihres Arbeitsortes befand. Und die karge Mittagspause pflegte sie ebenfalls dort zu verbringen. Dort genoß sie unbeachtet ihr dürftiges mitgebrachtes »Mittagsmahl« und dann lauschte und träumte sie, wie arme Nähmamsellen zu träumen pflegen, von Schönheiten, die ihnen für Ewigkeit verschlossen bleiben, von der weiten, reichen Welt, die im letzten Sinne doch nur Müßiggängern ihre Wunder bietet, von der Erlösung durch einen modernen Prinzen und all dem wunderlichen Zeug, das neunzehnjährige Mädchen zu träumen pflegen.

Und in einen solchen Traum fiel Julius, der Julius des ersten Kapitels, der interessante, melancholische, gebildete Mann – der Dichter. Wie er es angefangen, die spröde, stolze, abwehrende Art des jungen Mädchens zu besiegen? Offenbar, weil er trotz aller Weltgewandtheit kein zudringlicher Laffe war und weil er ein Buch in der Hand hielt, das eigentlich vermöge einer Banalität des Zufalls zum Anknüpfungspunkt wurde – kurz, weil es sich erwies, daß dieses Bändchen lyrischer Eigenbau des jungen Mannes war.

Da besonders gedruckte Verse dem Volke als eigentlich wahre »Dichterei« erscheinen, konnte Poldi nicht anders, als den jungen, feinen Mann für eine Art von höchst bevorzugtem Wesen zu halten, zudem da er sehr bescheiden und nicht im mindesten zudringlich auftrat.

O diese Dichter,
Die Traumichnichter,
Das san halt G'sichter,
Das is a G'lichter . . .

sang einmal ein Volksbarde, der sich selbst »Dichter« fühlte.

Julius war ein junger Mann aus sehr gutem Hause, dem der väterliche Monatszuschuß gestattete, am Studium sozusagen zu naschen. Bisnun hatte er sich keiner Fakultät endgültig als Jünger in die Arme geworfen. Er hatte ja am Ende Zeit und der Verkehr mit der Muse der Dichtkunst und anderen ihrer Söhne war ein ganz hübscher Zeitvertreib. Solche Söhne aus anständigen Häusern hat die Kunst gar viele, bis sich jene als Erben des väterlichen Scheckbuches lieber dem Studium der Kurse hingeben und Erwartungen hegen, die mit Verwaltungsratsstellen und Ministerstühlen in Zusammenhang stehen.

Julius war kein sogenannter »heuriger Hase«. Im Gegenteil, er betrieb die Weiberjagd aus Passion, aber mit Geschmack. Er hatte unleugbares Talent, schöne Verse zu machen und eine kleine Stimmung auszunutzen. Auf mehr als auf schöngeformte Verse oder kleine Skizzen mit viel »Stimmung«, in denen immer und immer das Weib oder der Wienerwald die Hauptrolle spielte, langte es allerdings mit seiner Kraft nicht. Da er gleich vielen Dichtern nur sich selbst und daneben einen winzigen Ausschnitt des Lebens sah, war er formlos-weich, sentimental, kokett, manchmal aufhauend, aber nie gefühlvoll und männlich-kräftig. Der Salon war der Treibhausboden seiner Kunst. Ausflügen in das Reich der wahren Natürlichkeit wehrten seine Erziehung, seine verfeinerte Genußsucht, die er Ästhetik zu nennen liebte, und ein wehleidiger Egoismus.

Das Weib des Volkes war ihm des Anschauens wert, wenn es schön war. Doppelt, wenn seine Eroberung Mühe kostete. Mit dem Blicke des Kenners sonderte er zwischen leichter Ware und einer wirklichen »Eroberung«. Zu einer solchen zählte er Poldi. Pah! Wenn noch so spröde – aber nichts weiter als Nähmamsell. Die Aufzeichnungen solcher unwürdiger Verführungsjägerei nannte er Dokumente des Lebens und er bildete sich wirklich ein, Kunst zu betreiben, wenn er niedrige, sinnliche Sensationen in ein verlogenes philosophisches System kleidete und auf den Büchermarkt warf, was um so leichter geschehen konnte, als er für Druck und Ausstattung die Kosten trug.

Solcherart war Poldis Ideal beschaffen, das sie mit dem Maße maß, das wir an alle Ideale anzulegen lieben: dem unendlicher Vergrößerung. Aber endlich dämmerte ihrem einfachen Sinne das Verständnis auf, daß zwischen Mann und Weib ein »ideales« Verhältnis auf die Dauer ein Unding sei. Sie wußte, daß es nur zweierlei Lösungen gab, wenn sie eine dritte nicht kurzerhand von Anfang an von sich gewiesen hätte.

Die Geliebte im »rein menschlichen Sinne« zu werden, wäre Poldi nie eingefallen. Sie besaß neben natürlicher Keuschheit, wie schon gesagt, viel Stolz. Und dann – sie war nicht eigentlich in Liebe entbrannt zu dem Dichter, wie eine unschuldige Täuschung ihr vorsagte. Sie liebte nur mit unbewußter Sehnsucht in ihm den Träger einer verfeinerten Kultur, den Bringer und Genießer eines Teiles der Schönheiten dieses Lebens, den Anwärter auf mühelosen Aufstieg zu Höhen, die für die demütigen Augen Poldis dem gewöhnlichen Manne versagt blieben.

Also Poldi, die von der Unsicherheit eines weiteren freundschaftlichen Verkehrs und der Aussichtslosigkeit eines andern Verhältnisses überzeugt war, endete den kurzen schönen Frühlings- und Sommertraum, wie ihn das erste Kapitel an einer betrüblichen Stelle schilderte.

Um nun alle Leser, ob männlich oder weiblich, über die Nachwehen dieses Abschiedes für den Dichter zu beruhigen, sei mitgeteilt, daß dieser mit einem Groll verletzter Eigenliebe und Siegesbewußtseins beim nächsten Fiakerstandplatz einen Wagen bestieg und ins Café Zentral fuhr.

Dort sonderte er sich von seinen Bekannten ab (was, als auf Inspiration deutend, teilnahmsvoll respektiert wurde), ließ seine Melange unbeachtet kalt werden, verscheuchte den Kellner, der mit einer Armlast von Zeitungen herbeigerannt kam, machte unter vielem Stirnrunzeln Notizen in sein Taschenbuch, rauchte ein halbes Dutzend Zigaretten und erhob sich endlich mit der erleichterten Miene eines Menschen, der sich irgendeiner Last entbunden fühlt.

Seelische Schmerzen sowohl, als die Aussprache mit dem Genius lassen auch in einem Dichter das Gefühl des Hungers keine Unterdrückung leiden. Also ging man in Gesellschaft zu Mitzko, von dort brach man anderswohin auf und um vier Uhr früh tat sich im Café Riedl die Verheißung eines holden Wunders auf.

Der Dichter war sowohl mit seiner abgetanen Liebe, einem neuen Buche sowie dessen Titel ins reine gekommen. Dieser hieß, wie die Freunde erfuhren und die Blätter in den nächsten Wochen andeuteten, »Pfade ins Finster, eine Wiener Geschichte«.

Es war ungefähr dieselbe Stunde, als Poldi nach einem lautlosen Sichsattweinen in Schlummer gesunken war.

Auch an dem heutigen Tage begann die alltägliche, zur Gewohnheit gewordene Wanderung durch die Gassen und Straßen wie stets im Verein mit tausend anderen, die teils schlenderten, teils hasteten, aber alle mit dem einen Ziele vor Augen: dem Arbeitsort.

Plötzlich hörte sich Poldi von einer vertrauten, heiteren Stimme angerufen, die sie schon lange nicht gehört. Ein hübsches, junges, dralles Mädchen mit einem Gebäckkörbchen und einem »Milchhäferl« hielt die einsam und sinnend Wandernde an.

»Poldi, grüaß di Gott! So was Seltsam's . . .«

»Annerl!«

»Ja kennst mi denn no? Dürft' die Weanastadt die ganze Welt sein, daß ma si amal trifft. So lang scho net g'seg'n! A halbe Ewigkeit . . .«

Da seit dem letzten Wiedersehen etwa vier Jahre vergangen sein mochten, ließ sich die Zeitdauer der ganzen Ewigkeit mit acht Jahren berechnen.

Die als Annerl Erkannte war niemand anderes als die Sedlmaier Anna, die Tochter des Sedlmaier Gustl, die der Weiblichkeit besten Teil gewählt: sie war Dienstmädchen geworden. Und als solches, nicht a priori, sondern weil sie elterlicherseits nichts als reinen gesunden Wirklichkeitstrieb mitbekommen hatte, weil die Verhältnisse zu Hause und die Wünsche im eigenen Busen schlicht, klar und von Kümmernissen unbeschwert blieben, hatte Annerl ihr Herz nicht an einen Dichter verloren, sondern an einen robusten, rotwangigen, muskulösen, appetitkräftigen Fleischhauergehilfen, der in kurzem Ernst zu machen und sein Annerl von der niederen Sphäre eines dienenden Geistes zu der höheren einer Allgewaltigen im Bereich einer »Fleischbank« zu führen gedachte.

Ja . . . Annerl war glückliche Braut. Ihr Fleischhauerbräutigam, der einstweilen ebenso wie Annerl selbst in fremden Diensten frondete, war im Begriff, mit seinem Ersparten eine eigene »Bank aufzutun«, was in der Geschäftssprache der Zunft heißt, er wolle sich selbständig machen.

»Waßt,« erklärte die vor Freude rotglühende Braut im Verlauf ihrer Schilderung der Verhältnisse, »in drei Tag' bin i frei und dann bleib' i daham, richt' mei Ausstattung z'samm' bis zur Hochzeit. In acht Wochen is s' und du muaßt dabei sein, Poldi. Gelt ja, du versprichst mir's!«

Annerls Gesicht war so lautere Biederkeit und Aufrichtigkeit, ihre Einladung eine so herzliche und dringende, daß Poldi sich gezwungen fühlte, diese anzunehmen.

»Schau, Polderl,« fuhr Annerl fort, »kannst mir's glaub'n, daß i nia an di vergessen hab'. Es haßt sunst zwar, aus 'n Aug', aus 'n Sinn. Gar bei Schulkameradinnen. Aber di hab' i immer guat leid'n mög'n. Und net wahr, Poldi, du mi wohl hoffentli aa?«

Auch Tini hatte einmal Poldi an ein ehemals bestanden haben sollendes Freundschaftsverhältnis gemahnt. Wie verschieden aber war ihre Aufnahme damals gewesen von der heutigen. Annerls schlichte Treuherzigkeit und echte Gefühlswärme verliehen ihrem Anspruch auf Poldis Freundschaft alle Berechtigung.

»G'wiß hab' i di immer gern g'habt,« sagte Poldi mit Gefühl, »und wer hätt' di denn aa net leiden sollen? Warst allweil a lieber Batsch und i hab' a Freud', daß d' es so guat troffen hast.«

»Ane hat mi aber amal do net ausstehn können. Wirst wohl no wissen, die war m'r so guat g'sinnt, daß s' mir am liabsten Kronäugeln ein'geb'n hätt'.«

»Du manst die Trümmler?«

»Natürli. Aber hast net g'hört, was ihr g'scheg'n is, wia s' ihre Leut' hat hamsuach'n woll'n?«

Poldi erinnerte sich lächelnd. Ein klein wenig Bosheit lebt im reinsten Gemüt.

Denn am bewußten Abend, als Müller sich unsichtbar gemacht, hatte die Mutter Reserls Erzählung wiederholt. Poldi war nicht erstaunt gewesen. Sie hatte Tinis Aufstieg wohl geahnt. Und zum Entsetzen ihrer Mutter lobte sie noch die wackere Tat Trümmlers.

»Waßt,« fuhr Annerl fort, »der Toberl, in Vattern sein Freund, hat damals die Fuhr g'macht. Der hat die ganze G'schicht' am Standplatz derzählt. Du, was d'r Vatta trieb'n hat, wia er hamkumma is . . . G'lacht und g'want und tanzt hat er, daß mir glaubt ham, er is narrisch wurd'n. Er hat d'r an' Pick auf die Tini, weil s' eahm damals, glaub' i, sein Zeug beleidigt hab'n soll. Jetzt – unser Vatta« – Annerl lächelte schonungsvoll, wie man lächelt, wenn es die Schwächen einer uns lieben Person gilt – »is bald über was beleidigt. Mir lassen eahm aa a Ruah, wann er recht schimpft. Denn er is do der beste Mensch. Und wann er amal net schimpfen kunnt, muaßt er wirkli scho am Tod krank sein. Wia 'hn mei Peppi (der Bräutigam Annerls) no net kennt hat, wär s bald zu an' Skandal kummen im Wirtshaus. D'r Vatta weg'n nix und wieder nix haßt eahm an' Lausbuam und an' Dreckfink und alls mögliche. Du – i sag d'r, wann i net so g'red't hätt' und d'r Peppi mi net so gern hätt' . . . Glei drauf, kehren der Hand um, war all's wieder guat. Meiner Seel', mir hab'n allweil a Angst, daß d'r Vatta an an' g'rat, der's unrecht versteht.«

Poldi, die aus der Erinnerung her das Temperament Herrn Sedlmaiers kannte, mußte bei der bekümmerten Erzählung der Freundin herzlich lachen.

Da sowohl die eine als die andere es schon eilig hatte und Annerl bei einem kurzen Plausch soviel als möglich erledigen wollte, kam sie unvermittelt darauf, Poldi zu fragen, wann diese zu heiraten gedenke. Ein Thema, das sich bekanntlich in aller Kürze erledigen läßt, wenn der eine Teil, von seinem Glücke vollauf eingenommen, durch Anhören und Vergleichen eines fremden Glücks so recht eine Steigerung des eigenen Wohlbehagens erzielen will.

»So a schön's Madl wia du,« sagte mit voller neidloser Bewunderung Annerl, »muaß auf jeden Finger zehne kriag'n. A Fleischhacker war' freilich nix für di,« fügte sie mit unbewußtem Scharfsinn hinzu. »Du braucherst so was Feineres, an' Buchhalter oder an' Architekten oder so was Ähnlich's.«

Poldi war ein Weib wie alle. Und die kaum vernarbte Liebeswunde brannte aufs neue. Ja das wußte sie: ein Fleischhauer würde nicht in die Bresche treten können für einen Dichter. Auch ein anderer nicht, überhaupt kein anderer Mann, mochte er nun sein was er wolle. Die arme Poldi litt an den Impfblattern der ersten Zuneigung zu einem Manne. Die Reaktion des Organismus gegen das immunisierende Gift war noch nicht überstanden.

Aber mit bewundernswerter Fassung und mit einem lieben Lächeln reichte sie der Freundin zum Abschied die Hand.

»I muaß mi tummeln, Annerl, pfiat di Gott. Und was 's Heirat'n anbelangt – verschwör'n kann ma ja nix; obwohl i glaub', daß 's für mi gar nia dazua kommt. Sollts amal sein, so tanz'st du als die erste auf meiner Hochzeit. Vorderhand muaß i's bei dir tuan.«

Annerl, die in ihren letzten drei Diensttagen stand und es um ein geringeres weniger eilig hatte als Poldi, hätte gern an dem bei allen jungen Mädchen beliebten Garn weitergesponnen, aber die Rücksicht auf die Freundin, der eine Unpünktlichkeit Verdruß machen konnte, überwog das weitere Mitteilungsbedürfnis bis zum nächsten Wiedersehen.

Man trennte sich, nachdem Poldi noch einmal das feierliche Versprechen gegeben hatte, an der Hochzeit teilzunehmen. Annerl hatte ihr wiederholt versichert, daß keinerlei große Toilette erforderlich sei, daß sich alles in den gemütlichsten Verhältnissen abspielen werde, ganz wie es bei armen Leuten gang und gäbe sei.

Poldi war nach einigem Hasten glücklich bei der Stiege angelangt, die zu ihrem Arbeitsort im fünften Stock führte. Es war eine Stiege, zu der man durch einen übermäßig hohen Hausflur kam, so dunkel, groß, nüchtern und gruftähnlich still und kühl, daß es einen linde schauderte, wenn man, vom hellen Sonnenschein der Straße hereinkommend, genötigt war, die zahllosen Stufen zu ersteigen.

In den zwei unteren Stockwerken brannte selbst an den sonnigsten Tagen eine mäßig aufgedrehte Gasflamme, nur um notdürftig den Weg zu weisen. Jeder der Gänge hatte je rechts und links eine Tür und dann zwei Fenster, die als Lichtquellen gar nicht in Betracht kamen. Denn da sie in einen »Lichthof« genannten, gräulichen Schacht führten, waren sie statt mit durchsichtigen Scheiben mit geblendeten versehen. Die einzige Lichtquelle für die oberen Stockwerke bildete ein Glasdach, das jedoch durch lange Vernachlässigung schon sehr schmutzig geworden war und nur zur Erhöhung der trostlosen Düsterkeit beizutragen schien. Selbst die »Malerei« des Stiegenhauses, die einen farblosen, bleigrauen Charakter aufwies, ohne jegliche heitere, unterbrechende Farbe, erhöhte nur alle angeführten Zeichen des Traurigen, Frostigen.

Aber für Gefühlseindrücke war das Haus nicht gemacht. Es war ein Geschäftshaus und damit ist alles gesagt, was sich von einem Gebäude sagen läßt. Beim Eintritt entäußerten sich alle, die hier als Angestellte oder Arbeiter den Fuß über das Bereich des Tores setzten, für eine bestimmte Anzahl von Stunden des Rechtes, sich als freie Menschen zu fühlen.

Hier herrschte nur ein Prinzip: erwerben. Hinter jeder Tür, die zu den Räumen von Advokaten, Strickgarn-, Wolle-, Seidenhändlern, Modeateliers führte, lauerte der Erwerb, für sich selbst und für andere.

Im fünften Stockwerk linker Hand, gegenüber einem »Kunstblumensalon«, befand sich das Atelier der Maison Madame Adèle Reißer née Duval. Hier herrschte die Gestrenge über ein Heer von vierzig Frauen jeglichen Alters. Der »Salon« war ein Modekonfektionsgeschäft gleich hundert anderen, mit dem unverschleierten Prinzip möglichster Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, dem Streben nach schnellst erreichbarer Wohlhabenheit der Prinzipale, durch Schmutzerei, Strenge, Nörgelsucht, unterbrochen durch liebevolle Besorgnis für den Gesundheitszustand einer besonders tüchtigen, zur Saison unentbehrlichen Arbeitskraft.

Dieser Besorgnis wußte besonders die »Direktrice« heftigen Ausdruck zu geben.

»Tan S' Ihner net verwöhnen, aber schonen S' Ihner. Abends zeitli ins Bett und am Sunntag schön daham bleib'n. Net Landpartien machen, wo ma si verkühlt und in Mag'n verdirbt. Schaun S' mi an! I trink schon zwanzig Jahr mein' Brusttee, leg' mi um neune nieder und am Sunntag geh i Vormittag in d' Kirchen, dann Nachmittag a bißl nach Schönbrunn oder so wohin, wo's net weit is, und bin dabei pumperlg'sund. Hauptsach' is, bei der Arbeit bin i immer da. I man, die gnä' Frau wird's wissen.«

Die arme »Direktrice«!

Seit dreißig Jahren hatte sie so ziemlich auf alles verzichtet, was das Leben wert macht, gelebt zu sein. Durch Unterwürfigkeit nach oben, Unleidlichkeit nach unten hatte sie sich die beneidenswerte Stellung einer Sklavenaufseherin errungen. Sie war, wie das bei Fronvögten zu geschehen pflegt, gefürchteter und gehaßter als der Ausbeuter selbst. Madame pflegte auf Rechnung ihres Vorteils manches der »alten Dienerin« hingehen zu lassen, was einer anderen eine scharfe Rüge eingetragen hätte. Wohin ihr Auge nicht reichte, richtete sich das unleidlich geschäftige des »Fräulein Direktrice«. Stete Stichelreden begünstigten die Arbeitsluft und Hingabe an die Interessen des Geschäftes bei den armen Geschöpfen der Nadel.

»Fräul'n Leontin' . . . I wurd't an Ihnerer Stell' a Sterngucker, das haßt wann ma bei helliachtem Tag Stern' seg'n kunnt'. D' Aug'n niederschlag'n is unserm Herrgott liaber als d' Aug'n aufschlag'n. Gar bei der Arbeit.«

Ein sehnsüchtiger Blick nach dem Stück sichtbaren Himmels hatte die Rüge zur Folge gehabt.

»Fräul'n Eugenie . . . wann i bitten dürft' . . . nehmen S' a andersmal für den Atlas a Stopfnad'l, ja. Das san ja Stich' als wia mit aner solchen. Sie dürften in aner Sacknaherei das Lehrzeugnis g'holt hab'n Meiner Seel' . . . wann i mein Lebtag so g'wes'n wär', hätt' mir die gnädige Frau den Posten net anvertraut.«

So ging es den lieben langen Tag und alles duldete schweigend, wie seit Gedenken die Menschheit schweigend geduldet.

Diesem frohen Tagwerk aller Näherinnen entgegen stieg Poldi jeden Tag fünf Stockwerke, um in Madame Adele Reißers Salon zu gelangen. Und nun heben sich die Schleier von den rosigen Phantasien über Herrschaftswagen, erzherzogliche Equipagen der so gern und glaubhaft renommierenden Trümmler Tini, die als zahlendes Lehrmädchen insofern eine Begünstigung genoß, als sie für ihre Person so viel zu arbeiten brauchte, als ihr beliebte, aber mit ihrem Geplauder die anderen nicht von ihrer Arbeit abhalten durfte. Und da ein solches Abhalten seine Ahndung nie auf Tini selbst, sondern auf den jeweiligen Gegenstand ihrer Plauderlaune heraufbeschwor, so war es Sitte gewesen, Tini allein für alle Kosten der Konversation mit noch einigen zahlenden Mitgliedern der Lehrmädchengilde aufkommen zu lassen.

Denn sonst war nur ein gelegentliches Flüstern gestattet. Ausnahmen, selbst für einen lauten Zank, wurden allein Dingen zugebilligt, die das geschäftliche Interesse betrafen. In solchen Fällen, die alle Möglichkeiten menschlicher Klatsch- und Verleumdungssucht und Liebedienerei offenbarten, entschied Madame unter Assistenz ihrer unerbittlichen Stellvertreterin, des armen »Fräulein Direktrice«, das sich weder seiner unwürdigen noch seiner verhaßten Stellung bewußt war.

Poldi in ihrer ruhigen, stillen Art fühlte sich niemals in den Kreis der niedrigen Erörterungen gezogen. Nach Art aller wahrhaft Stolzen ertrug sie kleinliche Kränkungen mit Ruhe, und dieser Art stillen Protestes dankte sie mehr als allem lautgeführten Streite um einen Fetzen verletzten wirklichen oder eingebildeten Rechts.

An ihrer Seite saß stumm und gedrückt, schweigsam wie eine Statue, ein kleines Judenmädchen, von einer Zartheit und Schwächlichkeit, die es nur allein vermochten, ein brennend schwarzes Augenpaar als förmlich einzigen Bestandteil der ganzen winzigen Persönlichkeit darzustellen. Das arme Kind eines kleinen Gewerbsmannes trug schon an sich alle Spuren einer erschöpften und ganz unnötigen elterlichen Zeugungskraft.

Da die kleine Rachel das Unglück hatte, einem einst von Gott erwählten Stamme anzugehören, und weil sie eben Rachel hieß – und zuguter Letzt, weil sie genötigt war, mit dem erbärmlichen Erlös ihrer Fingertätigkeit zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, war sie das Objekt aller Sticheleien und aller böswilligen Mutwillensstreiche der Kolleginnen. Soweit Mutwillen eben gestattet war. Jegliche Verfehlung wurde auf die Schultern der »Jüdin« gewälzt. Kam etwas abhanden, so kennzeichneten ein hämisches Achselzucken und bedeutsame Blicke die Täterin.

Madame, die eine anspruchslose und billige Arbeitskraft wohl zu schätzen wußte, rühmte sich dennoch genug arischer Instinkte, um die ärmste und hilfloseste Angehörige eines ob mit Recht oder Unrecht gehaßten Stammes allen Demütigungen preiszugeben, die eine unwissende, durch Erziehung und Lebensschicksale grausam gewordene Frauenschaar nur zu verhängen vermochte. Am meisten aber in hämischen Bitterkeiten und galligen Sarkasmen tat sich die Direktrice hervor, die ihrer Abneigung ein moralisch-religiöses Mäntelchen umzuhängen pflegte.

»Wahr is',« pflegte sie manchmal zu bemerken, »daß Mensch Mensch is. Aber derentweg'n möcht' i do mit kan' Menschenfresser Bruaderschaft trinken. An' Unterschied muaß 's geb'n, sunst hätt' unser Herrgott die Leut' net' zeichn't. Und jetzt – wann ma imstand is, an' Herrgott selber z' kreuzigen, g'hört sehr viel dazua. I red nur so beiläufig, denn am End' bin i no allweil net die G'scheiteste. I hab' halt mein bissel Religion und schau auf mei Herrschaft, die mi net verhungern laßt. Tue recht und scheue niemand. Das Sprüchl hat mir mein seliger Vatta ein'prägt. Und i hab' aa, Gott sei Dank, niemand zum scheu'n. Mein Stolz is, ich bin a gute Christin. Mehr verlangt mein himmlischer Voda net, wann's amal zur großen Rechenschaft kummt.«

Es versteht sich, daß derlei Gespräche stets in Ohrennähe von Madame geführt wurden, die, wie (offenbar böswillig!) behauptet wurde, die Mittel zur Gründung ihres Salons einer stattlichen Abfindungssumme seitens eines Lebemannes dankte. Diese Summe verhalf der née Duval außer zu dem »Salon« zu einem Manne, der als Beherrscher einiger Kommis und Probierdamen über die Regionen des Verkaufsgeschäftes im Parterre verfügte. Er war ein ehemaliger Damenschneider.

Madame, die gleich allen alternden, abgelegten Mätressen sehr auf Gottesfurcht hielt, rechnete der dummschlauen Intrigantin solche Worte stets sehr hoch an.

Poldi, die es sich zur Pflicht gemacht hatte, lautlos ihre Arbeit zu verrichten, sich in keine Verbindung mit den Kolleginnen einzulassen, errötete oftmals, tief über ihre Arbeit gebeugt, vor Unwillen über diese rohe Heuchelei und die niedrige Behandlung des armen, schwindsüchtigen Geschöpfes an ihrer Seite, dessen Augen stets größer und flackernder und dessen Körper stets schattenhafter erschien.

Soweit sie konnte, tat sie dem Mädchen alle Freundlichkeit an. Ach, diese durfte oft nur in einigen geflüsterten Worten des Trostes, einem aufmunternden Blick und vor allem in dem tapferen Beispiel bestehen. Und Poldi, die nach Erfüllung ihrer Pflichten nicht geneigt war, über die verbrachte Zeit nach dem Geschäftsschluß sowie über ihren Verkehr Rechenschaft abzulegen, kam manchmal in die Lage, sich nachdrücklich gegen versteckte Vorwürfe zur Wehr zu setzen, daß sie die Begleitung des armen, gequälten Kindes angenommen.

Damals hatte die kleine Rachel auf dem Heimweg Poldi ihr Herz ausgeschüttet.

»Fräulein . . . ich halte es nicht mehr aus. Ich halte es nicht mehr aus . . .«

»Stad sein, Batscherl,« sagte Poldi mit angenommener Lustigkeit. »Alles muaß der Mensch aushalten. Schau'n S' mi an! I hab' aa mein Kreuz zum trag'n.«

»O . . . Sie . . . Sie sind so schön und stark.«

»Kind, wann ma arm is, nützt 's Schönsein und Starksein nix. Der dümmste Kerl mit Geld is do tausendmal mehr wia unserans.«

Dann hatte die Kleine von daheim erzählt, von vielen bösen Kümmernissen, Entbehrungen, ja grenzenloser Not.

»Armer Kerl,« sagte Poldi kopfschüttelnd. »Sie san g'rad recht zum Handkuß kommen. Arme Leut . . . und so viel Kinder . . . Es ist net gerecht. Das Volk is wirkli dumm. G'rad daß die Reichen immer mehr hab'n, die für sie arbeiten. Glaub'n S' mir, Kinderl, i hab's aa net besser wia Sie. Aber i beiß halt die Zähn' z'samm' und denk' mir, die andern san mir viel z' dumm. Recht an' Stolz zeig'n, das is das beste. Mir san do no jung. Gelt'n S' ja?«

Rachel hatte mit dem blinden Vertrauen, das der Schwache dem Starken entgegenbringt, ihre schöne Trösterin angeschaut.

»Wenn ich nur so sein könnte, Fräulein, wie Sie.«

»Kurasch' muaß ma hab'n, Herzerl, und auf 'n Herrgott a bißl rechnen. So, pfiat Ihner Gott, i muaß da rechts. Leb'n S' recht wohl!«

An dem heutigen Tage nach der Begegnung mit Annerl kam Poldi so pünktlich, daß diese Pünktlichkeit ein mißfälliges Stirnrunzeln auf dem Gesicht der Gnädigen hervorrief. Die Direktrice, gewohnt, auf solche Zeichen zu achten, bemerkte beiläufig: »Unser Uhr geht a bißl z'ruck.« Poldi, obwohl sich keiner Verspätung bewußt, sprach dennoch eine Entschuldigung, dann ließ sie sich zu ihrer täglichen Arbeit nieder.

Man rühmt der Arbeit eine Art Allerweltsheilkraft nach. Das ist in vielen Fällen eine platte Lüge, wie sie oft auf den Phrasenmarkt geworfen wird. Ein bedrücktes Gemüt wird in dem Zwange der Arbeit noch bedrückter. Die Seele möchte sich nur für kurze Zeit der Kette entraffen, die aber unbarmherzig festhält.

Kränkungen und Sorgen werden durch Ungeduld bis zur Pein verstärkt. Oft jedoch wirkt eine stumpfsinnige Hantierung besänftigend und gewährt der Phantasie volle Zeit, sich zu betätigen.

Poldi jedoch fand heute genügend Gelegenheit über ihre Begegnung mit Annerl nachzudenken. So sehr ihrem großmütigen Herzen jegliche Regung von Neid fernstand, so blieb doch ein gewisses Gefühl der Trauer und Bitterkeit zurück bei dem Gedanken an ihre eigenen Aussichten. Sie gestand es sich nicht zu, daß sie ein unschuldiges Opfer ihrer Familie war. Daß die Sorge für eine halbblöde Mutter, einen krüppelhaften Vater und zwei unmündige Geschwister eine zu schwere Last für die Schultern eines jungen, schönen Mädchens darstellte, das nur mit Entsagung, ob bitter oder heiterer, dem Verfall seiner Jugend entgegensehen konnte.

Und dieses Opfer noch stündlich mit dem Verlust seines Stolzes bezahlen müssen! Lächelnd dulden müssen, wenn der Wurm der Verzweiflung oft am Herzen fraß! Wie heiter, rein und glücklich stellten sich das Leben und die Aussichten der Freundin dar. Sie ging aus reinen Verhältnissen neuen reinen entgegen.

Annerl wird eine glückliche Geschäftsfrau, deren Arbeit nur ihr und ihrer künftigen Familie frommt. Sie wird umgeben sein von einer steten, wenn auch rauhen Zärtlichkeit. Der Kreis, in dem sie sich künftig bewegen wird, wird ein so enger, zu übersehender und doch so weiter sein. Die Eltern werden alt werden und mit Heiterkeit von hinnen gehen. Enkel werden noch ihr Alter erheitert haben und Annerl wird dann mit dankbaren Gedenken der eigenen Eltern ruhig einem solchem Gedenken der eigenen Kinder entgegenschauen.

Mein Gott! Das war, wie wenn man ein schlichtes Erzählungsbuch der Kindheit las. Und dieses Einfache, Natürliche wirkte fast wie ein Märchen, so wundervoll und dabei unerreichbar. Und wenn Poldi nun an ihr Heim dachte, ihr Heim, dem jede Faser ihres edlen Herzens galt, so vergaß sie das eigene Schicksal, und alle Inbrunst ihrer Seele verdichtete sich zu dem Wunsche: Möge es nur den Meinen einmal gut gehen!

Der Tag verstrich wie alle anderen und Poldi strebte nach Hause wie sonst. Dieselben Wege, dieselben Gassen und trotz allem, was sie daheim erwartete, erfüllt von der Sehnsucht nach den Ihren, an die ein einfaches Naturgefühl sie kettete.

Daheim angelangt, fand sie die Eltern und Katherl vor, das, dem Gebot der Schwester gehorchend, bei deren Ankunft schon anwesend war. Reserl war nicht zu Hause.

»Wo is denn die Reserl,« fragte Poldi, nachdem der einfache Abendtisch bereitet war.

Die Mutter nahm eine wichtige Miene an.

»Ihre Stunden nimmt s' halt«, sagte sie mit der gemachten Oberflächlichkeit, die auf Wichtiges vorbereitet.

»Stunden? Ja was für Stunden?«

Poldis Gesicht drückte ein Staunen aus, das man etwas Unverständlichem entgegenbringt.

»Na ja . . . halt Stunden! G'sangsstunden, wannst es so besser versteht. Sie lernt jetzt singen.«

»Singen? I glaub', das tuat s' sowiaso mehr als gnua. Was will s' denn da eigentli lernen? A neuch's Couplet? Und Stunden . . . G'sangsstunden? Is s' denn a Konservatoristin? Kan G'spaß, Mutter! Ös habts a Hamlichkeit vor mir.«

»Weils d' es scho durchaus wissen muaßt, leugnen täten mir's auf die Läng' der Zeit do net… D' Reserl hat zwa Lehrerinnen g'funden, die ihre Stimm' ausbilden, die ganz fäminal sein soll, wia s' behaupten. Und die ganze G'schicht kost't nix, rein gar nix«, schloß Frau Schaumann mit dem Bewußtsein, allen zu gewärtigenden Einwendungen den kräftigsten Riegel vorgeschoben zu haben.

Das Erstaunen Poldis schien trotz dieses Riegels ein immer größeres und unangenehmeres zu werden.

»Jetzt waß i nimmer, Mutter, wohin i mi auskennen soll. Wer san die zwa Lehrerinnen? Seit wann lernt d' Reserl bei ihnen, warum erfahr' i das erst heut? Und dann – was soll die G'schicht' für an' Zweck hab'n? Vatta – was waßt denn du davon, daß i an' g'scheiten Aufschluß kriag.«

Der arme Vater zuckte wehmütig mit der linken Schulter, wie um auszudrücken, daß er selbst ebensowenig Teilhaber des Geheimnisses sei wie Poldi, und daß er wohl nicht mehr der Mann sei, Dinge im Haushalt, die schief gehen wollten, gerade zu richten.

Katherl aber kam allen Beantwortungen auf Poldis Fragen zuvor.

»Das san zwa Fürstinnen, Poldi. Waßt?«

»Fürstinnen? Was red'st denn du wieder daher, Katherl! Wo san denn die zwa Fürstinnen? Bin i denn heut scho ganz narrisch?«

»No, bei uns im Haus wohnen s', im ersten Stock in der Fünfer-Wohnung. Es san kane ganzen Fürstinnen, waßt, sondern nur so halberte. Bis eahnere Fürsten kummen und daß s' nimmer fürchten müassen, daß s' eahner Onkel einsperren laßt nach Sibirien.«

Die Mutter nickte lächelnd bestätigend mit dem Kopfe, als wäre sie geneigt, damit einer kindlich-lallenden Erzählungskunst ermunternd beizuspringen.

Poldi, die von dem unsinnigen Geplauder nichts verstand, war wie vor den Kopf geschlagen. Aber das Hereinstürzen Reserls sollte ihr endlich Erleuchtung bringen. Reserl, augenscheinlich von Musik förmlich vollgesogen und alter Gewohnheit gemäß ihrem Genius durch das Singen einer Coupletstrophe Luft machend, schrillte:

Mondnacht is, Mondnacht is,
Alles is still . . .«

Als sie der Schwester ansichtig wurde, stellte Reserl ihren »Gesang« ein, nahm aber eine Miene an, die darauf hindeutete, daß ihr an einer kommenden Auseinandersetzung nichts mehr gelegen sei, gleich vielen, die eine endliche Befreiung vom drückenden Zwange und ein offenes »der Kunst in die Arme werfen« als die glücklichste Lösung eines unerquicklichen Zustandes betrachten.

Sobald Poldi anwesend war, versiegte die ohnehin schwache elterliche Autorität vollkommen. Man war geneigt, sich der Tochter und Schwester völlig unterzuordnen. Die Mutter rieb vor Verlegenheit die Hände in der Schürze, der Vater verriet in seinen ängstlichen Augen die schwere Besorgnis vor dem Zusammenstoß zwischen den beiden Töchtern. Eine durch Veranlagung schon passive Natur, hatte ihn seine Krüppelhaftigkeit und Nutzlosigkeit zu einem ängstlichen, stets sich scheu duckenden Menschen gemacht. In einem Alter, in dem andere Väter noch machtvoll in die Geschicke der Familie einzugreifen pflegen, war er an Willenstätigkeit einem Greise gleich geworden.

O – der Arm! Der Schlachtarm der Arbeit . . .!

Die ruhig bestimmte, wenn auch immer freundliche Art der ältesten Tochter beherrschte alle: die kindische Mutter, den krüppelhaften Vater, die kleine mit schwärmerischer Zuneigung an der großen, schönen Schwester hängende Katherl, die ungebärdige, frühreife Reserl, sogar Schani, der seinen verbissenen Respekt in eine Art Haß umgesetzt hatte.

Poldi zeigte ihre Autorität stets nur dann, wenn sie deren Äußerung für nötig hielt. Ihr stetes Bestreben war darauf gerichtet ihr Heim zu einem so weit als möglich sorglosen und friedlichen zu gestalten. Ihr war die Miene nicht entgangen, mit der sich Reserl trotzig gewappnet hatte. Indes beschloß sie, kein unvermitteltes Verhör anzustellen, sondern tat, als wüßte sie von nichts. Das ärmliche Abendessen wurde eingenommen wie sonst. Aber eine gedrückte Stimmung lagerte über der Familie.

Katherl in ihrer Unschuld löste den Bann.

»Du, gelt ja, Resi, die zwa Fräul'n san Fürstinnen. Sixt, die Poldi will's net glaub'n.«

Diese Katherl im Innern dankbar, forschte scheinbar gleichgültig:

»Fürstinnen? Bei uns im Haus? Da hat d'r d' Reserl an' Bär'n aufbunden. Die schau'n uns arme Leut' höchstens mit an' Blick an, wenn s' in der Equipage vorbeifahr'n. Für die san mir net amal so viel wia a schöner Hund oder a schön's Roß. So was gibt's nur in die Märchenbüacher. Aber heut . . .«

»Und do san s' Fürschtinnen«, platzte jetzt Reserl heraus, der ein ungeheurer Triumph auf dem Gesicht geschrieben stand. »Aber es san russische Fürschtinnen, bis eahnere Bräutigams kummen und sie heirat'n. Sie war'n alle zwa beim Theater in Petersburg. Und weil's der Onkel von die Fürscht'n net hat erlaub'n woll'n, daß s' die zwa heirat'n, hat er eahna die Polizei auf'n Hals g'hetzt, so daß s' bei Nacht und Nebel hab'n entflieh'n müassen. Alles hab'n s' müassen in Rußland z'rucklassen. An' Schmuck mit zwanzig Millionen, alle Toiletten und a paar Häuser, die eahna die Fürscht'n g'schenkt hab'n, und lauter edle Roß, mit die s' alle Tag' auf der Newa ausg'ritten san, und kostbare Pelzsachen und rote Saffianschuach und . . . derweil san eahnere Bräutigams beim Zaren bemüht. daß s' es heirat'n dürfen.«

Poldi hatte mit dem ungemessensten Erstaunen dem Geschwätz der Schwester gelauscht. Aber dann brach sie in ein helles Lachen aus. Sie fühlte sich angesichts des Grotesken beruhigt. Zwei Theaterdamen, und wohl solche letzter Sorte, hatten sich offenbar den Scherz gemacht, Reserl aufzuziehen.

»Hörst Reserl . . . für g'scheiter hätt' i di do g'halten«, sagte sie endlich. »So was glaubst du?«

»Natürlich glaub' i's«, entgegnete Reserl, deren Trotz angesichts der Ungläubigkeit Poldis den verletzten Enthusiasmus verdrängte.

»Is scho guat«, beruhigte die Schwester; »aber was san das für Stunden, die s' dir geb'n? G'sangsstunden?«

»Ja, alle zwa hab'n g'sagt, daß 's um mei Stimm' ewig schad' wär'. I hätt' Gold in der Kehl'n, das erst g'reinigt werd'n müaßt. Der Professor, der zu eahna kummt, hat g'mant, i hab' a pheminales Talent und es wär' unverantwortlich, wann's z'grund gehn möcht'.«

Die ganze Ausdrucksweise Reserls war eine so aufgeklebte, ihr fremde, daß Poldi bald den Eindruck des Eingelernten weghatte. Sie beschloß, einstweilen noch auszuforschen.

»Wer is das, der Professor?«

»A G'sangsprofessor, der Talente suacht und dann ausbild't. Es kummen no a paar Madeln zu die Fürschtinnen, die a Talent hab'n.«

»Hör' einmal auf, du Urschl!« erzürnte sich Poldi ernstlich. »I waß net, halten di die zwa wirkli für so dumm, oder . . . Die zwa »Fürschtinnen« muaß i mir erst näher anschau'n. Da paßt mir gar manches net. And're Madeln, sagst, kummen aa zu ihnen?«

»Jetzt, wannst mi allweil für so dumm halt'st, laß's bleib'n. I red' nix mehr. Glaubst, alle Leut' san so wia du? Unserans kann aa was Besser's erreichen, als in d' Naherei gehn. Wann ma a Talent hat, muaß ma's ausbilden.«

»Bitt' di . . . laß mi mit dein' Talent amal in Ruah'. Daß d' im ganzen Haus herumplärrst und die neuchesten Couplets bringst, daß find' i no net so großartig. Wann's Leut' gibt, die dir solche Sach'n in'n Kopf setzen, wir' i mi bei ihnen recht schön bedanken. I glaub', daß i da aa was von aner schönen Stimm' versteh'. Aber dei Singerei für waß Gott was ausgeb'n . . .«

Poldi, die gütige, für ihre Lieben sich opfernde Poldi hätte unschuldigerweise keinen größeren Mißgriff tun können, als an dem »Talent« ihrer Schwester zu zweifeln. Das Herz eines ungebildeten, vierzehnjährigen Dinges zu verhärten, braucht keiner besonders böswilligen Kunst. Nun erst bei Reserl, deren Phantasie sich Aussichten bemächtigt hatten, die eben nur bei solchem Alter gedeihen können.

Reserl stand auf, hochrot vor Erregung.

»Und do wir i d'rs zag'n, daß i a Künstlerin wir. Andre Leut' san net so neidig wia du. Und i wir erst recht singen. Unserans kann' s aa no weiter bringen als zu aner armseligen Nahterin. Schöne Aussichten für a jung's Madl! I dank dafür.« Und jedenfalls, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen und das Sieghafte ihrer Kunst so recht zur Anschauung zu bringen, schrillte sie nach ihrer bekannten Art:

»c d e f g a h c - c h a g f e d c«

Dann eilte sie hinaus, ohne zu sagen, wohin. Poldi, vielleicht in Ahnung ihres Mißgriffs, ließ Reserl gewähren. Und in einer Art von Reue beschloß sie, der ganzen Angelegenheit weniger Gewicht beizulegen, als sie im Anfang vermeinte, tun zu müssen. Die beiden »Fürstinnen« oder Sängerinnen kamen ihr so unendlich albern und abgeschmackt vor, Reserls kindische Wut so wirklich kindisch, daß Poldi nicht bedachte, daß sie vor wenigen Jahren Tinis Aufschneidereien ebenso gläubig gelauscht.

Ihre gefaßte Art und ihr geflissentliches Übersehen der ganzen Angelegenheit beruhigten die anderen. Man war ja so gewohnt, in Poldi die Lenkerin der Familienschicksale zu sehen.

Siebentes Kapitel

Erzählt von einer Hochzeit und deren lustigem Verlauf. Zwei neue Helden treten auf.

Wenn Eltern Töchter besitzen, sind sie nach uralter Sitte bestrebt, sie so rasch als möglich unter die Haube zu bringen. Und die Töchter beeilen sich ebensosehr, so rasch als möglich diejenigen zu verlassen, die bis nun ihre natürlichsten Beschützer und Freunde gewesen sind, um mit beiden Füßen in ein Dasein voll dunkler Fragen zu springen.

Da wir wissen. daß Gustl und seine Ehefrau in vergangenen Tagen bräutlicher Liebe eine Tochter gezeugt und bisher großgezogen hatten, und da diese Tochter ihr Herz an einen Geliebten verloren hatte, der bekanntlich Fleischhauer war, sich verheiraten und selbständig machen wollte, so geschah das einzig Vernünftige, vielleicht (wer weiß es) auch Unvernünftige: es wurde der Hochzeitstag angesetzt.

Und da das Verlöbnis geheimgehalten worden war, so erregte die Entdeckung der Tatsache in Bekanntenkreisen ein mit Unmut gemischtes Erstaunen. Der Unmut galt der »Geheimniskrämerei« und das Erstaunen dem Umstand, daß Annerl, wenn überhaupt, auch noch eine so gute Partie mache. Bräute werden stets unter die Lupe genommen.

Vor längerer Zeit schon hatte Gustl seinen Cheffreund durch sein bedrücktes Wesen mißtrauisch gemacht. Denn Herr Brückl kannte seinen Freund gründlich.

»Wannst von mir was willst,« sagte er, »so ruck aussi damit und tua di net so zarr'n wia a Anspannerroß.« Dieser Vergleich drückte alle Mißachtung gegen eine Kollegenschaft vom einspännigen Fuhrwerk aus, das er eigentlich gar nicht als existenzberechtigt erkannte, vor allem, wenn es sich noch des verhaßten Taxameters bediente.

Die Stunden der Berserkerwut Gustls fielen mit seltenen Ausnahmen stets auf den Nachmittag. Sie deuchten ihn das, was einem anderen für eine ausgiebige Siesta gegolten hätte. Der ihnen vorhergehende Zustand der Nüchternheit fand ihn stets als einen Menschen, dessen Unsicherheit von Reue über die Exzesse des Vortages zeugte. In diesem Zeitraum, der durch allmähliche Stärkungen seine Linderung fand, war er von allen Teufeln der Zerknirschung, Selbstanklage, Furcht und Scham gepackt. Diese Stimmungen kannten alle, am meisten der Kellerlacher.

Da nun zum allgemeinen Erstaunen die Standratschen seit einigen Tagen ihrer Art Siesta entsagte und sich verhältnismäßig großer Nüchternheit befleißigte, so war das Mißtrauen Herrn Brückls einigermaßen gerechtfertigt, der trotz aller scheinbaren Unverwundbarkeit dennoch eine heikle Stelle besaß: die Unlust, zu borgen. Er liebte es daher, sich für einen über und über verschuldeten Mann auszugeben, dem jeden Tag die zwei Zeuge samt Rossen gepfändet werden konnten.

Aber Gustl war doch ein derartiges Attentat auf die heiligsten Empfindungen des Freundes nicht zuzutrauen.

Daher fiel die Beantwortung der an diesen gestellten Aufforderung, eine Wünsche kundzutun, ganz verblüffend für Herrn Brückl aus.

»Waßt, Toberl,« hatte Gustl gesagt, »mein Madl heirat' in drei Wochen. Jetzt möcht' i di halt als mein' alten Spezi bitten, daß du ihr als zweiter Beistand gehst. Und dein' Mirzl sollt' Kranzeljungfer werd'n. 'n Ehrentag halten m'r da im Standwirtshaus ab. Waßt, es war' mir und 'n Madl a große Freud' . . .«

Herr Brückl versank in einen minutenlangen Zustand tiefster Nachdenklichkeit, währenddessen er dichte Rauchwolken seiner Virginia entlockte. Endlich meinte er mit der Unbeweglichkeit, die ihm eigen war:

»Von mir aus, es gilt. Und dann no ans: die Hochzeit halt i aus. Verstehst? Aber wannst irgend a Wurt drüber verlierst, so gib i all's auf und nimm d'r aa no 's Zeug weg. Die andern glauberten rein, i bin a Millionär. Alsdann Gosch'n halt'n, wannst net willst, daß i z'ruckschiab.«

Gustl, der wie alle schwachen Menschen vor dieser Bitte an den Freund gezittert hatte, die ja ursprünglich nichts zu bedeuten hatte und keinerlei Geldauslagen betraf, fühlte sich angesichts solcher Großmut überwältigt.

»Toberl,« hub er mit Tränen in seinen rotgeränderten Augen an, »Toberl, das vergiß i d'r auf mein'n Totenbett net. Das schwür i d'r . . . Das vergiß i d'r net. Und wann sie anmal aner reib'n wollt' an dir . . . nur a unrecht's Wurt . . . der braucht nimmer dran z' denken, wo er aufstehn will. Da brauch'n dö Straßenkehrer nur 's Bluat in 'n Kanal schwab'n. Schuft mein Nam', wann i . . .«

Herr Brückl, völlig unangetastet von diesen Ausbrüchen einer heiligen Freundschaftsempfindung, unterbrach ganz rauh:

»Du waßt, was i g'sagt hab': d' Papp'n halten! Jetzt kumm eini und schnaps'n mir uns an' Liter aus.«

Zwei Stunden später hatte Gustls Siesta begonnen, zur allgemeinen Befriedigung des Standplatzes, der an eine »melancholische Krankheit« der Standratschen zu glauben begonnen.

»Gelt, du Lausbua, du wamperter! Du Apach' du! . . .« usw.

Das Standlokal war festlich geschmückt. Als der Einzug des Brautpaares und der Hochzeitsgäste erfolgte, war das Gastzimmer von Berufsangehörigen dicht gefüllt. Das geräumige, durch eine Glaswand vom Gastzimmer getrennte Extrazimmer war als Festraum reserviert.

Lauter wetter- und weingerötete joviale Gesichter, lauter helle oder etwas zwinkernde oder auch gerötete oder mit Hängesäcken versehene, verschwommene Augen hefteten sich mit Blicken von Freundschaft und Teilnahme auf das junge Paar.

Die rundliche Braut und der untersetzte, muskulöse Bräutigam drückten allseits Hände, waren rot vor Freude und Aufregung, hatten als bestes Aushängeschild ihres Wohlbefindens blitzende Augen und blanke Zähne, die sie unbewußt bei ihrem Lächeln wiesen – und hatten den Widerschein von Gutmütigkeit, der eigentlich das Schönste an ihnen war, obwohl sie sich auch sonst nicht zu verbergen brauchten.

Kein Zeremonienmeister wies die Tafelordnung. Man setzte sich, mit Ausnahme des Brautpaares, wie es sich gerade schickte und überließ wünschenswerte Änderungen einer späteren Stunde.

Gustl hatte als Brautvater einen ziemlich vorsintflutlichen Frack an und strich überall herum, da es ihn nicht auf einem bestimmten Platze litt. In einer Ecke des Zimmers stand auf zwei Schragen, als Beitrag des Wirtes, ein volles Eimerfaß Bier, umhüllt von in Eiswasser getauchten Tüchern. Dahin lugte nun oftmals Gustl mit der Begehrlichkeit, die große und kleine Kinder beim Anblick eines Kirschbaumes erfüllt. Das Selbstpflücken des Obstes und das Selbsteinschenken aus einem Fasse sind Genüsse, denen nur wenige widerstehen können.

Frau Sedlmaier, die eine Dame von beträchtlichem Körperumfang und noch beträchtlicherer Energie war, erspähte ihren Gatten anläßlich seines Herumstreifens und Liebäugelns mit dem Bierfaß. Sie hielt ihn am Rockaufschlag fest, agierte lebhaft mit der erhobenen Rechten, deren Zeigefinger sie gestreckt hielt, und flüsterte so leise, als sie ihrem Organ an Schmiegsamkeit und Weiche abzugewinnen vermochte:

»Du, Alter, das ane sag' i dir: Wannst di heut vielleicht wieder ansaufst und fangst zum Skandalieren an und schimpfst als wia a Cabskutscher und beleidigst eppa 'n Beistand – so derlebst was von mir. Heut, am Ehr'ntag von unsern anzigen Kind, brauchst ka Viech z' sein. Wann heut was passiert, an so an' heiligen Tag . . . meiner Seel', ich geh von dir furt und laß mi scheiden auf unsre alten Tag'. Schau nur, wia überhaupt dei Krawattl sitzt! Scham' di a bißl! Ja! Und schleich' net immer so bei dem Faßl umernand! Hörst? Denn wannst di gar so still und dasig herumschleichst, is ma das so verdächtig, wia wann a klan's Kind ganz stad is. Weil's dann sicher recht wach im Dreck sitzt. Jetzt, i hab' vorderhand ausg'red't.«

Draußen im Gastzimmer, wo sich eine aufgeräumte Kollegenschar vom Kutschbock drängte, lachte, disputierte, aß und trank, hielt ein herkulischer Hochzeitsgast an einen jungen Fiaker mit unendlich spitzbübischem Gesicht eine nicht minder eindringliche Standrede.

»Du Maxl, jetzt reiß' deine Künigllöffeln auf und los guat zua! Wannst heut an dem Ab'nd vielleicht die Standratschen wieder aufraz'n willst, daß er an' G'stanken macht und mit'n Toberl zum Schimpf'n anfangt, und machst aus der Hochzeit an' Wirb'l: dann heb' i di bei deine Uhrwasch'ln und mach' mit dir a Windradl. Z'erst g'hör'n deine Loser mir, nacha dir. Kannst s' muring mit Kren zum Gabelfruahstuck fressen, wannst no an' Appetit g'spürst. Denn deine Darm kannst d'r unter die Tisch' suach'n. Mirk d'r alsdann das, was i d'r g'schwor'n hab'.«

Diese beiden Standreden bezeichnen mit voller Deutlichkeit die verborgenen Quellen, aus denen der Groll und die Schimpfwut des Sedlmaier Gustl stammten . . .

Die Hochzeitsgesellschaft war die denkbar würdigste. Da war vor allem der Herkules, der Maxl, alias das »Erdzeisl«, in so liebevoller Form verwarnt hatte. Er war eigentlich die Zelebrität, der Clou des Abends. Denn außer hervorragenden Eigenschaften als Rosselenker besaß er noch die des Preisringers, preisgekrönten Schwergewichtsathleten und Preisschnapsers. Sein Erscheinen auf der Hochzeit galt als ganz besondere Auszeichnung und Ehrung des Bräutigams, den das Du-Wort seitens des erhabenen Mannes wie eine hohe Ordensdekoration dünkte.

Ferner zierten die Gesellschaft als zwei intime Spezis des jungen Ehemannes (nicht etwa Freunde schlechthin) zwei Fachkollegen, nicht weniger rotgesichtig und muskulös als dieser, nur mit einem minderen Zug von Gutmütigkeit, vielmehr dem einer rauflustigen Anmaßung ausgestattet, die sich noch erklären wird.

Der (nach Herrn Brückl) zweite Beistand, ein Vetter des Bräutigams und Kommis in einem Delikatessengeschäft, stand im grellsten Gegensatz zu den erwähnten Fleischhauerjünglingen und noch einer anderen Gruppe, dem gleichen Stande angehörig. Er hauchte förmlich Vornehmheit aus. Sein Haar, obwohl geteilt (und wie mit Messerschärfe geteilt), war nur andeutungsweise gewellt, und nicht so »umgangsmäßig« gelockt wie das des Bräutigams, den ich bei dieser Gelegenheit gleich mit seinem Namen, Brandstätter, nennen will und dessen Friseur seinem Klienten eine förmliche Negerwolle auf das Haupt komponiert hatte. Des weiteren besaß der Ladenadonis einen Schnurrbart, der in seiner Weiche und seinem Seidenglanz sowie seinem Schwung einzig dastand als Produkt sowohl der Natur wie der Inspiration eines sensitiven Friseurs.

Die Kleidung war kavalierswürdig, die Hände von unendlicher Zartheit und Gepflegtheit, mit einem kokett verlängerten Nagel des kleinen Fingers der Linken, dabei geschmückt mit einigen Ringen, die auch der Nichtkenner für echt halten mußte.

Die schon erwähnte Abwesenheit eines Zeremonienmeisters hatte ihn auf einen Platz verwiesen, der ihn von aller unmittelbaren Nähe junger Weiblichkeit, deren übrigens genug da war, ausschloß. Einstweilen schien er sich jedoch über diesen Umstand zu trösten, hüllte sich in eine blasierte Düsterheit und schien den Vorgängen um sich nur mit der beobachtenden Angeregtheit des Weltmannes gegenüberzustehen.

Ein Sitznachbar des Delikatessenjünglings war ein alter Mann, mit von Arbeit gekrümmtem Rücken, gichtischen Fingern und einem verhutzelten Gesicht. Er war ein Oheim des Bräutigams und ehemals Schweinestecher seines Zeichens. Er lächelte unaufhörlich sehr vergnügt, hielt halblaute Selbstgespräche und nippte mit unendlichem Wohlbehagen aus seinem Weinglas.

Trotz der Verwandtschaft beider mit dem jungen Ehemann waren sie sich bis jetzt vollkommen fremd geblieben, denn es war sonst eine Seitenverwandtschaft. Und da sie kaum im Lehmann, geschweige denn im Gotha standen, so waren sie sich über die Beziehungen ihrer beiden Häuser vollkommen im unklaren.

An der Seite der Braut leuchtete ein liebes, fröhliches Gesicht mit kohlschwarzen Augen, es gehörte der ersten Kranzeljungfer, der Tochter Herrn Brückls, der lustigen Mirzl, an. Sie schien ihrem Vater alles was an Lachen je vorher in diesem vorhanden gewesen sein konnte, abgenommen zu haben, zu ganz besonderem eigenen Gebrauch. Denn Mirzl lachte immer, zu jeder Zeit, wie ihr Vater niemals.

Jetzt also saß sie neben der strahlenden jungen Frau und ließ ihre schwarzen Augen lustiger blitzen als sonst. Und oft blieben diese Augen mit einem eigenen Aufleuchten auf einer diskret gewellten Frisur und einem seidenweichen, schön geschwungenen Schnurrbart haften, der von einer weißen gepflegten, beringten Hand zeitweise zurechtgewiesen ward.

Vielleicht hätte Mirzl ihr Feuerwerk schamhaft eingestellt, wenn es erwidert worden wäre. Jedoch der blasierte Held hatte eine andere ihn interessierende Entdeckung von Frauenschönheit gemacht. Er starrte unverwandt an einen etwas entfernten Platz der anderen Seite der Tafel. Und dort saß in ihrer süßen Schönheit Poldi und lauschte mit sichtlich gesellschaftlicher Freundlichkeit den Worten ihres Nachbarn. Dieser, ein alter Herr, der bei einem ihn offenbar äußerst anregenden Gesprächsgegenstand trotzdem sehr stumpf vor sich stierte. hatte außer seinem nichtssagenden, harten Augenpaar eine herabhängende trotzige Unterlippe, die ihm etwas verstockt Tyrannisches verlieh. Die derben Hände mit einigen verkrümmten Fingern (die dem Hörensagen nach im »Hakelziehen« gebrochen waren) hielt er nach Bauernmanier geballt vor sich auf dem Tisch, wenn die Rechte nicht, in keineswegs zu kurzen Pausen, das Weinglas nach dem Munde führte.

Der alte Herr war der Hausherr des Sedlmaier Gustl, der aus allzu durchsichtigen Gründen seinen Zinstyrannen zu Gaste gebeten hatte. Ursprünglich war dieser ein des Lesen und Schreibens unkundiger, vom Lande eingewanderter Maurergeselle gewesen. Geiz, Habsucht, bäurische Pfiffigkeit und Skrupellosigkeit, verbunden mit einer nie rastenden Energie des Erwerbens, hatten ihn endlich zum Besitzer einer erträgnisreichen Zinskaserne gemacht, für deren Bewohner und deren Hausmeister er ein täglich erscheinender Schrecken war. Denn jeden Tag um eine bestimmte Stunde erschien er mit seiner bäuerlichen Bedächtigkeit und inspizierte das Haus vom Keller bis zum Dachboden. Der kleinste Fehler entging seinen harten, grauen Augen nicht, und er war mit der Kündigung sowohl einer Partei wie des Hauszerberus gleich zur Hand. Besonders ein Zinsrückstand ward unerbittlich mit sofortigem Hinauswurf geahndet, soweit die Gesetze diesen Ausdruck zur Anwendung kommen ließen.

Dieser liebenswürdige, alte Herr war also Poldis Tischnachbar und brachte alle Künste der Unterhaltung, die bei einem jungen, schönen Mädchen am Platze sind, in Anwendung. Er warf eben einen fürchterlichen Blick nach einem äußerst verschüchterten Hochzeitsgast in einem schier unmöglichen »Salonrock«.

»Schaun's S' Ihner den an,« sagte Poldis liebenswürdiger Tischnachbar und glich in diesem Augenblick einer vermännlichten Erinnye; »der is mir an' ganzen Monat Zins schuldi. An' ganzen Monat«, betonte er mit hohler Stimme nochmals. »Und zum Pfänd'n hat er nix g'habt. Jetzt . . . sag'n S' m'r: g'hört so a Hundling net glei aufg'hängt?«

Die arme Poldi mit einem bedrückten Herzen und der Erinnerung an ähnliche Missetaten ihrer Familie mußte gleichwohl lächeln und konnte nur ihrer Meinung Ausdruck geben, daß die Strafe doch eine zu harte wäre.

»Wenn S' das manen, san S' am Holzweg, Fräul'n. Wo kummert unseraner da hin? Seg'n S', i hab' an' Bekannten g'habt, der leicht si amal zehn Guld'n von mir aus bis zum ersten, wia er g'schwor'n hat. Seg'n S', seit der Zeit san's zehn Jahr' und dö zehn Guld'n hab' i bis heut no net. Jetzt . . . sag'n S': g'hört so a Fallot net am Galing?«

In dieser Weise unterhielt Herr Weißmann, wie sich Gustls jovialer Hausherr nannte, eine geraume Zeit Poldi. Jeden Augenblick erkannte er eine Persönlichkeit des schimpflichen Galgentodes für würdig. Nicht allein, weil sie speziell ihm, sondern weil sie irgend jemand anderem etwas schuldete.

Der Blick der glücklichen Braut fiel endlich auf die Freundin und deren Nachbarn.

»Jessas, Poldi, wo sitzt denn du?« rief sie, aufspringend und zu Poldi eilend. »Du g'hörst do zu mir. I hab' mi bis jetzt wirkli net um di kümmern können. San S' net bös, Herr von Weißmann«, sagte sie mit vielem Takt, »wann i Ihner a Zeitlang der Nachbarschaft beraub'. Aber zwa alte Freundinnen hab'n so manches z' reden, was nur sie allan interessiert. Gelt ja, Polderl? Der Herr von Weißmann entschuldigt schon.«

Es war eine Schwäche des ehemaligen Maurergesellen, sich entweder Herr Hausherr oder Herr von Weißmann angeredet zu wissen. Die schlaue Annerl trug dieser Schwäche Rechnung. Herr »von« Weißmann brummte etwas, das einer herablassenden Zustimmung gleichen konnte, tat dann nach Entfernung der Freundinnen einen wackeren Zug aus seinem Glase und ließ die Blicke wieder mit einem tödlichen Groll auf dem unglücklichen Gast im Salonrock haften.

Diesem, einem armen Tagschreiber bei einer gerichtlichen Körperschaft, war die Ehre einer Einladung deshalb zuteil geworden, weil er dem Sedlmaier Gustl mit seinen Ratschlägen und Eingaben in einer Strafsache einst einen Dienst erwiesen, den der stets dankbare Gustl äußerst hoch einschätzte. Seit der Zeit hatte dieser eine Art juridischen Freund gewonnen. Hätte der juridische Freund jedoch die Vermutung hegen können, an dem heutigen, fröhlichen Abend seinen ehemaligen Hausherrn hier zu treffen, er hätte wohl auf die Einladung einen, wenn auch schmerzlichen Verzicht geleistet. Die Blicke des ehemaligen Tyrannen vergällten ihm den Appetit. Und dessen Befriedigung war das Hauptmotiv, das den gutherzigen, dankbaren Gustl bei seiner Einladung geleitet.

Außer Hörweite sagte die junge Frau zu Poldi: »Sag' m'r nur, i begreif' net, wer di zu dem grauslichen Kerl hat setzen können. Du waßt ja, grad weil's der Hausherr is . . . Sunst möcht' i dem alten Ruach am liabsten Kronäug'ln eingeb'n.«

Poldi beteuerte, daß nur sie allein an der Platzwahl die Schuld trage.

»Wieviel der nur aufhäng'n liaßt,« meinte sie lächelnd.

»Ah, das glaub i. I kenn' ihn. Ka' Ratenjud kann so grauslich sein wia der. Nur glei pfänd'n . . . Durt schau hin!« Und Annerl wies lachend und heimlich auf den Winkelschreiber und Herrn Weißmann. »Schau, wia der alte Wucherer eahm mit dö Aug'n fressen will. Aber jetzt bleib a bißl bei mir, bis si a besserer Tischherr für di finden wird. Schau, die Mirzl wird dir g'fall'n. Wia liab als s' nur is! . . .«

Und binnen kurzem saß Poldi an der Seite der lustigen, hübschen Mirzl und beide Mädchen hatten bald das Zutrauen zueinander gefaßt, das einfache, harmlose, reine Naturen verbindet.

Herr Brückl aber saß auf seinem Stuhle, unbewegt, wie er auf seinem Kutschbock zu sitzen pflegte, und drehte nach alter Gewohnheit ein Zündholzschächtelchen zwischen den Fingern. Eine Art Komiteeherr nahte sich ihm, flüsterte ihm etwas zu, worauf Herr Brückl geruhte, kurz zu nicken, ohne seiner Miene irgend etwas zu gönnen, das Anteilnahme an der Meldung verriet. Hierauf entfernte sich der Herr, der sich alsbald als fixer Klavierspieler entpuppte und einige rauschende Akkorde anschlug.

Eine gewisse moderne Art »seliger Schmälzl«-Literatur läßt die Wiener Lust von Tönen Beethovens, Schuberts, Mozarts durchklingen. Bei Gott! Wenn man von den Konzertsälen absieht, man spürt mit keinem Hauch etwas von dem Walten jener Großen. Ihre Kunst durchdringt nicht diese häßliche Zeit der Tingeltangel-, Operetten-, Nigger- und Zigeunermusik. Schrille Grammophons, gepfiffene importierte Gassenhauer scheußlichster Sorte durchgellen die Straßen. Dir arme, einfache Volkskunst stirbt mit ihren Vertretern aus. Wie lange noch – und die schlichte, süße Wiener Musik ist gewesen.

Aber die Kunst hat dennoch nicht allen Boden verloren. Und die Musik liebt einstweilen noch der echte deutsche Wiener vor allem, die entweder befeuernd oder sentimental, das heißt innig und gemütvoll wirkt.

Die ersten, rauschend gegriffenen Akkorde brachten erst wahre Festesstimmung unter die Versammelten. Das frühere Gelächter, Gesumme, Gekicher und Geschrei verstummte. Die Männer hoben die Gläser, tranken einander zu, ältere Frauen lächelten gerührt vor sich hin und die jungen Mädchen begannen leise den Takt mit den Füßen zu klopfen und blickten, ebenfalls lächelnd, in eine unbekannte Weite, voll Sehnsucht und Erfüllung. Braut und Bräutigam hatten sich bei der Hand gefaßt und saßen, die Helden des Abends, stillglücklich da.

Das Leben hat Augenblicke der reinsten Poesie selbst für den Rohesten. Warum also nicht für zwei harmlose, ungelehrte, derbe. aber gutmütige Menschen? Und das war, wie schon erwähnt, die Hauptzierde des jungen Ehepaars: seine Gutmütigkeit.

Da alles in der Natur eher stillsteht als das Mundwerk des Menschen, so mengten sich bald wieder in die Klänge des Klaviers heitere Stimmen, Gelächter und einige Versuche, bekannte Weisen mitzusingen. Nach dem Klavierspiel folgte eine Pause, die nur für einige Beteiligte etwas Aufregendes hatte.

Es ward nämlich nach dem Brautvater geforscht, dessen längere Unsichtbarkeit besorgniserregend wirkte, da man seine Exzentrizitäten kannte.

Die »Standratschen«, deren Natur ein längeres Stillsitzen nicht vertrug, trieb sich, sonst allen sehr bemerkbar, in der Schar der Gäste sowohl im Festsaale als auch im Gastzimmer umher.

Gustl fühlte sich heute als Herr des ganzen lustigen Wirbels, Hochzeit genannt. Sein »Madl« war jetzt junge Frau, er selbst war jetzt doppelter Vater; sein Spezi der »Kellerlacher« und er waren nun fast blutsverbrüdert und die lustige Mirzl dünkte ihm wie eine zweite Tochter. Solche Freuden ließen sich nicht an einen Platz gebannt völlig auskosten. Deshalb strich er überall umher. Zeitweise trat er auf die Schwelle und hielt mit einem vor der Tür des Kaffeehauses stehenden Markör über die Straße Gespräche, die von dem hohen Bewußtsein der Einführung der Ehe zeugten.

»Wett'n m'r, Josef, daß 's a Bua wird. So sicher als i da steh' und du dort. A Bua wird's . . . und was für aner aa no . . .«

Dann kehrte er wieder ins Schanklokal zurück, hielt Besprechungen mit seinen Kollegen und erschienenen Freunden, tat fleißig, von seiner Frau ungesehen, Bescheid und war der glücklichste aller Väter, die eine Tochter ausgeheiratet haben. Seine Pockennarben glühten, der Hals reckte sich immer höher und die schlau sein sollenden pantomimischen Zuckungen des Mundes, der Nase und der geröteten Augen waren eindrucksvoller als je.

In dem gelegentlichen Zustand, in dem sich der Sedlmaier Gustl jetzt befand, befleißigte er sich eines leisen Flüsterns, eines gewaltsamen Rollens der Augäpfel und einer Betätigung seines über die Schulter gestreckten Daumens, der stets die Richtung nach Toberl anzeigen sollte, in welcher Weltgegend sich dieser auch befinden mochte.

»Sauber lauft's,« hauchte er. »A Hochzeit hat mei Madl wia a Fürschtin. A Hochzeit, die s' am Totenbett net vergessen wird. I will ihr heut nur net die Freud' verderb'n . . . aber sunst müaßt i wanen . . . A so packt's mi. 's anzige Kind weggeb'n! Aber i will net dran denken. A Gaudi muaß 's heut geb'n . . . Und a Coupleterl wird steig'n mit 'n Toberl . . . . Und wann i für an',« die Stimme verstärkte sich, schlug vor Rührung um und endete in der Tonstärke eines Zephirhauches, »in n' Tod geh'n kunnt, so für 'n Toberl. Für eahm laß i mi massakrieren, ohne daß i Muh! sag'. Die ganze Hochzeit halt er aus . . . und seine zwa fermen Zeugln . . . Und er als Beistand . . . Und sein Madl . . . Und die Uhr die er mein' Madl umg'hängt hat . . .«

Also Gustl wurde voll Besorgnis von Eingeweihten gesucht. Und als er endlich gefunden wurde, geschah dies im Abwaschraum neben der Küche, wo er einem tellerreinigenden Hausmädchen alle vorhergegangenen Umstände erzählte und die Möglichkeit weit von sich wies, er könnte »a Madl werd'n«.

»Hörst, Gustl,« sagte der Sucher, »vergiß di net! Nacha kummt 's Duettensingen. Mit an Deabl därfst net vielleicht kumma.«

Gustl umarmte den Warner und schwur so fürchterliche Eide, zur Sekunde zur Stelle zu sein, daß dieser sich beruhigt entfernte und jedenfalls den Abwaschraum als das ungefährlichste Gebiet betrachtete, an dem die Standratschen weilen konnte.

Mittlerweile hatte sich an der Festtafel ein kleines Ereignis vollzogen, das der allgemeinen Heiterkeit die Würze des Pikanten verlieh. Und das war so gekommen:

Der Delikatessenkavalier, mit dem nicht zu erklärenden Duft von Vornehmheit, hatte sich plötzlich vereinsamt gefunden.

Bisher hatte er versucht, durch hypnotisierende Blicke die Aufmerksamkeit derjenigen zu erregen, die ihn seiner eigenen Aufmerksamkeit für einzig würdig gedeucht. Es war vergeblich gewesen. Nun war ihm durch einen schnöden Eingriff der Braut die weitere Möglichkeit genommen, seine Augenangriffe bis zu einem verheißungsvollen Erfolg weiterzuführen.

Daher klopfte er einigemal an sein Glas, um der Gesellschaft kundzutun, daß ein Trinkspruch an die Reihe käme. Als Beistand und einzige gesellschaftlich mögliche Persönlichkeit in diesem Kreise fühlte er sich verpflichtet, der guten vornehmen Sitte Genüge zu tun. Sein mit Würde gebrachtes Klopfen hatte endlich Erfolg. Es trat die wünschenswerte Stille ein. Man blickte auf den schönen Mann, der in erhabener Stellung erst mit gesenktem, dann weit umherschweifendem Blick dastand.

Da ein steter Zusammenhang zwischen Festzimmer und Schwemme bestand, drängte sich von außen an die geöffnete Tür eine Sammlung natur- und weingeröteter Gesichter, die mit gespannt blickenden Augen nach dem Sprecher starrten.

Nun kam eine Rede, wie sie in den »Ratgebern für Redner« reichlich zu finden sind. Herkömmlich gefühlvolle Redensarten, mit einigen witzig sein sollenden Einstreuungen versehen. Die ganze geschmacklose Zusammenstoppelung war eigentlich so ziemlich ganz für Poldi bestimmt, auf die der Redner an ihrem nun entfernten Platze am anderen Ende der Tafel manchen Glutblick warf.

Die Anwesenden, die gottlob zu urwüchsig waren, um an dem Schwulste viel Vergnügen zu finden, murmelten indes taktvoll nach Beendigung des »Speechs« einigen Beifall und nahmen diesen als alleinigen Anlaß, dem Brautpaar mit derberen Zügen als sonst Gesundheit zuzutrinken. Die ganze Rede war im übrigen eine vor dem offiziellen Feuerwerk losgegangene und daher wohl aufscheuchende, aber wirkungslos verpuffende Rakete.

Der erzürnte Löwe sah sich auf allen Seiten zurückgedrängt. Denn Poldi hatte keinen seiner Blicke aufleuchtend erwidert. Nur einem funkelnden Augenpaar, das mit förmlicher Verehrung an seinem Munde hing, war er nicht begegnet: dem der lustigen Mirzl. Diese fand offenbar an den witzigen und gefühlvollen Wendungen des mit einem entzückend schönen Schnurrbart und einer so tadellos gescheitelten wie vornehm gewellten Frisur versehenen Redners allein den reinsten Gefallen.

Aber der Löwe achtete noch nicht der Maus und es wäre für diese besser gewesen, er hätte nie von ihr Wahrnehmung gemacht.

Der Delikatessenjüngling fühlte sich also sowohl seitens der Gesellschaft als auch seitens Poldis im tiefsten beleidigt. Am meisten jedoch durch Poldi. Denn er war einer jener unseligen Männer, die durch ihre bloße Erscheinung verwüstend auf Frauenherzen zu wirken glauben. In dem Bestreben, eine fürchterliche Rache an der zu nehmen, die das Unglück hatte, sich nicht mit Gedankenschnelle in eine pomadisierte, geschniegelte Puppe zu verlieben, beschloß er von nun ab, mochte ihn die Gelegenheit später mit Poldi zusammenführen (so bei einem eventuellen Tanz), diese gänzlich als Luft zu behandeln.

Arme Poldi! Trotz ihres heiteren, lächelnden Gesichts war ihr Herz bedrückt und schwer und trug die Last seiner grauen Alltagssorgen auch in diese frohe Gesellschaft glücklicher, argloser Menschen.

Der gedemütigte Sieger ergriff das Mittel aller in ihrer Eitelkeit gekränkten Männer. Er warf sich nach dem gefaßten Entschluß der Demütigung einer Person der Unterhaltung mit der Gesellschaft in die Arme. Der links neben ihm sitzende, alte Verwandte des Bräutigams und seine Nachbarin zur Rechten, eine augenscheinlich auch der Fleischhauerzunft zugehörige Dame, die er beide bisher in ungezogenster Weise nicht beachtet hatte, erschienen ihm als die geeignetsten Werkzeuge der Rache an einer Undankbaren. Zu gleicher Zeit kitzelte ihn der Gedanke an die dankbare Verehrung der von ihm in eine Unterhaltung Gezogenen.

Den alten Herrn an seiner Linken hatte diese Nichtbeachtung seitens seines vornehmen Nachbarn nicht im mindesten gestört. Er hatte, wenn gesprochen wurde und er an dem Stoffe der Unterhaltung ein Interesse entdeckte, die Hand als Schalltrichter ans Ohr gehalten, oft sehr ohne ersichtlichen Grund gegrinst, indem er seine Augen verschwinden ließ und das Gesicht in Tausende Fältchen zog, aber jedenfalls sein Glas öfter geleert als einer in der ganzen Runde mit Ausnahme Herrn Weißmanns.

»Sie sind also ein Kollege des Bräutigams?« leitete der Beistand die Unterhaltung ein.

Ein vergnügtes Schmunzeln war die Antwort des Befragten, der abermals sein Glas zur Hälfte leerte und einem unsichtbaren Gegenüber zunickte.

»Ja, ja«, meinte er dann und verzog im Nachkosten des eben gehabten Genusses sein Gesicht, daß es einer übergebratenen Kartoffel glich.

»Ich meinte, Sie sind ein Fachkollege meines Cousins, unseres Bräutigams«, sagte der Delikatessenheld deutlicher und lauter.

»A so . . . Ja, i bin ganz g'wiß der Onkel.«

»Das weiß ich. Ich meine nur, Sie sind von seiner Branche.«

Der alte Herr begriff nicht. Er schüttelte wehmütig das Haupt und hielt dann die Hand ans Ohr.

»Sie sind doch ein Fleischhauer?«

»Ah so! Fleischhacker manen S', daß i bin. O beilei'. I war vierzig Jahr' Saustecher. Netta vierzig Jahr'!« war die mit Selbstbewußtsein gegebene Antwort.

»Na – ich denk', das ist doch dasselbe. Abstechen ist abstechen!«

Es ist merkwürdig, wie das Interesse für ein geliebtes und vertrautes Thema das Gehör schärft. Der alte sonst so taube Onkel Saustecher ward auf einmal ganz munter und plauderlustig und feinhörig.

»Aber woher!« meinte er. »A Saustecher is no lang ka Fleischhacker. Dös is Million und ans. He, he, he, he! Sie hab'n a schöne Idee!« Und der alte Herr kicherte, ja lachte ganz ausnehmend.

Zum Unglück für Herrn Zipfer (wie der Delikatessenhändler hieß) war er schon seit langem von den Fleischhauerdioskuren mit düsterem Mißtrauen beobachtet worden. Seine überhebende, hochnäsige Art, seine parfümierte Eleganz hatten das Mißfallen der beiden robusten Jünglinge erweckt. Und an ihr für Fachgespräche geschärftes Ohr waren die Worte des alten Onkels gedrungen. Nun konnten sie sich nicht mehr zurückhalten.

»Du, hörst das, Schanl! Der Herr da . . . hurch zua . . . halt an' Saustecher für an' Fleischhacker.«

»Du, Alberl, höchere Tanz kunnt der Herr bei aner Hochzeit nimmer auffistecken. An' Saustecher für an' Fleischhacker z' halten . . .«

Da diese von einem dröhnenden Gelächter begleitete Äußerung inmitten der Klavier- und einer eben eingetretenen momentanen Gesprächspause sehr laut getan ward, erreichte sie auch das Ohr des nicht allzu weit sitzenden Bräutigams. Sein junges Ehegemahl hatte gerade mit seiner linken Hand seine minder zarte in herzlichem Drucke umfangen.

»He! Alberl,« forschte interessiert der Bräutigam über den Tisch, »wer sagt, daß . . .«

»Da, dein Herr Beistand mant, daß a Saustecher und a Fleischhacker (nach einer teuflischen Pause) . . . alles ans war'.«

Die Bestätigung des Gehörten schien den jungen Ehemann fast zu erdrücken. Er wurde blutrot vor einem sich losringenden Gelächter.

»Hörst, Ederl,« rief er seinem Verwandten und Trauzeugen zu, nachdem sich die Erregung einigermaßen gelegt, »bist sunst so a fermer Kerl und verstehst aa was; aber all's was recht is: da hast di blamiert!« Dann schlug er sich im Übermaß des kitzelnden Vergnügens auf den Schenkel und gab zum Schluß seinem jungen Weibe ebenfalls einen gutgemeinten, obwohl ziemlich derben Schlag auf die ausgeschnittene rosige Schulter.

»Aber, Pepi!« war die sanfte Mahnung.

»Sei stad, Alte (die junge Frau errötete vor Vergnügen über die ihr Frauentum kennzeichnende Benennung), aber wannst sa was hörst . . . A Fleischhacker und a Saustecher, der Steffel und a Radiwurz'n . . . Hahahaha!«

Dieser uralte Vergleich erweckte allseits erneute Heiterkeit. Wie die Banalität ja immer Siegerin bleibt. Am meisten fiel mit einem dröhnenden Baß Herrn Zipfers Nachbarin zur Rechten ein. Sie vermochte längere Zeit nur immer zu sagen:

»Wann das mein Seliger wußt . . . Der drahrert si net amal, sundern zehnmal im Grab um.«

Dann erstickten Lachtränen ihre Mannesstimme.

Die Sache schien Flügel bekommen zu haben, Denn auch aus dem Schankzimmer dröhnten Laute unbezähmbarer Lachlust herein. Man hörte einen Fiaker sagen:

»Jetzt, wann so was mögli is, dann sag' i aa, daß 's zwischen an' Gasbock und an' Fiakerroß kan' Unterschied gibt.«

Die zwei Preisringkampfanwärter erörterten den Fall weiter mit fachmännischer Gründlichkeit.

»Du, Schanl, an' Ochsen stech'n und a Sau schlag'n . . .«

»No ja, es gibt ja Leut', die 'n Himmel für grean anschau'n!«

»Und dö manen, mir tan an' Ochs'n erst mit Chlorofurm einreib'n und geb'n eahm vielleicht an' kalt'n Umschlag aufs Hirn, daß eahm net schlecht wird! I hab' amal an' Ochs'n g'habt, dem hab' i so zuag'red't und so Tanz vurg'macht, daß m'r dös Viech vur lauter Lach'n war' hin wur'n und mi bitt hat, i soll's d'rschlag'n, aber net – o'stech'n, weil's ja do (hier folgte ein atembeschwerendes Stillhalten) ka Sau, sundern a Ochs is . . .«

Der alte verhuzelte Saustecher, die unschuldige Ursache all der famosen Witze, kicherte lustig in sich hinein. Dem Anschein nach hatte er schon seit langem keine Stunde so ungetrübter Heiterkeit ausgekostet wie heute. Er drohte den beiden Fleischhauern schalkhaft mit dem von der Gicht verunstalteten Zeigefinger,

»Ja, ja, ös habts leicht z' lachen heutzutags. Aber der alte Edinger hätt' enk no was aufz'lösen geb'n kinna vur a paar Jahrln. Marand . . . dö Säu, dö i mein Lebtag g'stoch'n hab' . . .«

»Aber nöt g'schlag'n«, fiel ein witziger Zwischenruf, der wieder schallende Heiterkeit hervorrief.

»Na, wann das mein Seliger derlebt hätt' . . .,« schluchzte eine tiefe Baßstimme.

Der eine Fleischhauer nahm in schöner Verehrung vor dem Fachveteranen das Wort:

»Wann ma 'n Vodan Edinger anschaut . . . der hat was mitg'macht. Wann er aa nur a Saustecher war sein Lebtag . . . aber der kunnt unseran no was aufzag'n. Alle Achtung! Der is no aus der alten Schul' und a Fotz'n von eahm war no a verdeante. Aber dö heutigen . . . Du, Alberl, was kann denn aner? Stech'n . . . ala bonör. Bluattret'n . . . ala bonör. Aber a Sau herricht'n, wia a Sau urndli herg'richt' g'hört . . .«

Jedenfalls außerstande, dem Niedergang der zeitgenössischen Saustechkunst bis zu seinen äußersten Konsequenzen zu folgen, nahm Schanl einen tüchtigen Schluck.

Alberl ergänzte den Gedankengang, indem er hinzufügte:

»Damals hat ma aber aa mit kan' Hackl g'arbeit't.«

Schanl, der den halben Mund noch voll Wein hatte, bekam in einem urplötzlich losbrechenden Lachkrampf den Rest in die »unrechte Kehle«, fuchtelte mit den Armen, ward rot wie ein Krebs und schrie entsetzlich:

»Net – sunst wir i a Laberl. Meiner Seel', daß i heut so lachen muaß, hätt i net denkt.«

Der arme Herr Zipfer, der Held, der mit den ausschweifendsten Gedanken an Herzenssiege zum Feste gekommen war, saß als Mittelpunkt aller Geselligkeit da, aber in anderer Weise, als er gedacht. Er ward rot und bleich vor Scham und Entrüstung.

Da plötzlich erstand ihm ein Beistand und eine Retterin, an die er nicht gedacht, die er bis nun gar nicht seiner Aufmerksamkeit gewürdigt hatte: die lustige Mirzl.

Sie erhob sich erregt. Ihr hübsches Gesicht glühte und ihre kohlrabenschwarzen Augen funkelten vor Entrüstung.

»Seids denn alle Narr'n 'word'n?« rief sie. »Was hat euch der Herr 'tan, daß er für euchere blöden Fleischhacker- und Saustecherwitz herhalten soll? 's dürft in der ganzen Welt nix Schöneres und Besseres geb'n als an' Fleischhacker,« fügte Mirzl mit großer Verachtung hinzu.

Die beiden Jünglinge fühlten sich durch das mutige Eintreten des hübschen Mädchens plötzlich ernüchtert und gedemütigt.

»Dö Fräul'n hat recht,« sagte Schanl. »Hörst, Alberl, jetzt is 's aus mit die Tanz. No ja . . . mir hab'n ja den Herrn net beleiding'n wollen, es war halt nur a G'spaß. Aber . . .« Hier mußte Schanl die Faust vor den Mund pressen, um nicht abermals loszubrechen.

»Weil's wahr is,« fuhr die kampflustige Mirzl fort, »wann a Herr was Besseres und Feineres is, mant ma scho, der is guat gnua für an' jeden Spaß.«

Dann, wie sich ihres Eintretens schämend, setzte sich Mirzl nun höchst verlegen und dennoch glücklich. Ihr Held hatte sie mit einem Glutblick bedacht, der das Herz der armen Mirzl nun vollends verwundete.

Zum Glück für alle Beteiligten ließ der Klavierspieler einen rauschenden Marsch ertönen. Ein Fiakerkollege nahm zwei Stühle, die er in der Nähe des Klaviers aufstellte. Eine Bewegung ging durch die Anwesenden.

»Bleaml und Blaml,« murmelte man allseits. Bald darauf, als der Pianist in einem betäubenden Fortissimo geendet, rief der, eine Art Komiteeherrn spielende andere Fiaker:

»Der Herr Brückl und der Sedlmaier werd'n sich die Ehre geb'n, eahnere berühmten Duette vurzutrag'n!«

Auf den einen Stuhl war eine Ziehharmonika, auf den andern eine Gitarre gelegt worden. Dann ging eine neuerliche Bewegung durch die Versammelten. An der Seite Herrn Brückls kam der Sedlmaier Gustl, der in voller Ahnungslosigkeit der vorhergegangenen Ereignisse bis jetzt im Abwaschraum geweilt und mitten in einer Darstellung eines lang vergangenen Ereignisses begriffen war. Er schilderte der Abwaschmaid nämlich das Erscheinen der Trümmler Tini auf dem Standplatz.

»Is das Ihner Zeug? fragt s' mi. Und wia s' mi dös g'fragt hat! Gar net so schlecht mant s'. Hab'n S' a Idee? Ob das mei Zeug is . . .«

Gustl mußte seine Schilderung unterbrechen und dem an ihn ergangenen Rufe folgen. Im Schankzimmer erwartete ihn schon Toberl, und mit der etwas gemachten Gleichgültigkeit, die Künstler zur Schau zu tragen lieben, wenn sie sich der Öffentlichkeit zeigen, erfolgte unter jubelndem Händeklatschen seitens der Gesellschaft der Einmarsch.

Toberl und Gustl ließen sich, nachdem jeder eines der vorbereiteten Instrumente an sich genommen, auf den Stühlen nieder.

Eine lautlose Stille war eingetreten. Einige noch nachdrängende Worte wurden mit einem unwilligen »Bßt!« zum Schweigen gebracht. Vom Schankzimmer drängte, was konnte, herein, belagerte die Tür und hielt den Atem an. Das berühmte Duettistenpaar »Bleaml und Blaml« sollte sich ja produzieren.

Herr Brückl gab dem ihn unverwandt betrachtenden Klavierspieler ein Zeichen. Einige gedämpfte Akkorde, ein Hinübergleiten in eine Melodie – dann erstarben die Klavierklänge und die Harmonika übernahm bis auf die Note genau die Fortführung, Gitarreklänge mischten sich ein und dann . . .

Ja, war es möglich? Das war die schimpfende Stimme der »Standratschen«, die mit einem so hellen, klingenden Tenor ein Lied begann? Und der schmelzende Bariton, der nun einfiel: das war das Stimmwerkzeug des »Kellerlachers«?

Es war ein liebes Wiener Lied, das sich den Hörern entgegenrang. Kunstlos – mag sein; aber mit so viel Kunst vorgetragen, daß es auch ein verwöhntes Ohr gefangennehmen mußte. Der Beifall brach nach Beendigung donnernd los.

Nun war erst die einer Hochzeit würdige Stimmung gekommen.

Es folgten in bunter Abwechslung Heiteres und Ernstes und dabei vollkommen Reines.

Eine Glanznummer bildete stets ein Couplet, dessen Refrain etwas Überwältigendes dadurch erhielt, daß die sich gegenüberstehenden Sänger mit den Fingern auf der Nase klimperten. Der Gegensatz zwischen den zwei Figuren der Vortragenden, das ernste, unbewegliche Gesicht des »Kellerlachers«, das bewegte Mienenspiel der »Standratschen« wirkte nämlich so unendlich komisch.

Nach einer kurzen Pause, in der man in Anhoffnung auf neue Kunstgenüsse einstweilen den leiblichen huldigte, stellten sich die zwei Sänger auf. Es folgte das von Gustl schon vorher so geheimnisvoll angekündigte »Coupleterl«. Es bildete eine Verherrlichung des heutigen Abends und eine schlichte Huldigung für das Brautpaar. Die letzten zwei Strophen lauteten folgendermaßen:

Die Liab soll uns halten
So fest und so g'wiß,
Wie ja do a Herrgott
Im Himmel drob'n is.
Und gebert's ka Treu' mehr,
Ka' Glaub'n mehr im Leb'n –
War's besser, wir taten
Den Abschied uns geb'n.

San wir a nur anfache
Arbeitersleut' –
Kann niemand uns wehr'n,
Daß es Leb'n uns so g'freut.
So recht wia zwa Spezi,
Voll Lieb und Vertrau'n,
Woll'n wir in Gott's Nam'
Unser Nest uns halt bau'n.

Weiß Gott, es war nicht das, was man eine Liederperle nennt. Es war kein Kunstwerk; Herr Brückl, sein Urheber, war kein Dichter, wenigstens hätte er sich nie für einen solchen gehalten. Und doch! Erschütterung erweckten diese einfachen Worte, getragen durch eine Melodie, wie sie nur das Wien des Volkes zu ersinnen vermag.

Die sonst so resche, energische Mutter der jungen Frau schluchzte laut. Ihrem Beispiel folgte mehr oder minder die ganze Weiblichkeit. Sogar an Herrn Weißmanns stumpfe, geldgierige Seele schien etwas gerührt zu haben, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben wußte, das sich nicht in Papier umsetzen, auf keine Bank tragen und durch keine Zinssteigerung erringen ließ. Die übrige Herrenwelt schneuzte sich lebhaft und in manchem zwinkernden Auge blinkte etwas, das nicht nur dem schnöden Weine zugeschrieben werden konnte.

Die junge Frau aber hatte den Kopf an die Brust des Gatten gelehnt, der sie mit derbem Arme umschlungen hielt und vor sich starrte, und sie sah ihn aus tränenüberquellenden Augen an. Und in diesen Augen war so recht der Schwur zu lesen, daß sie ihm die Treue und Liebe wie ein guter Spezi halten wolle für das ganze Leben . . .

Da eine Gesellschaft durch Rührung auf die Dauer nicht erhalten werden kann, kam der Pianist dem Lustigkeitsbedürfnis durch einige flotte Walzerweisen entgegen. Das offizielle Programm war beendet, alles andere kam auf Kosten der allgemeinen Geselligkeit.

Die beiden Fleischhauerjünglinge erachteten die Zeit für gekommen, mit ihrem großen Vorbild, dem Schwergewichtsathleten, Preisringer und Boxer anknüpfen zu können. Sie lavierten im Durcheinander von Aufstehen und Platzwechseln geschickt an seine Seite und brachten es so weit, sich als begeisterte Adepten der vorgeschilderten edlen Künste vorzustellen. Der große Gast war so gnädig, den beiden nicht nur Gehör zu schenken, sondern auch seinem Bedauern Ausdruck zu geben, daß er sein Handwerkszeug nicht mitnehmen konnte, sonst hätte er den Anwesenden Proben seiner Kunst gegeben, daß alles gestaunt hätte.

Da die beiden Dioskuren aber nicht nur dem edlen Sport der Athletik und des Ringkampfes huldigten, sondern auch andere Ambitionen hegten, die in der Hochschätzung des Duettistenpaares »Bleaml und Blaml« neue Nahrung fanden, begannen sie, G'stanzeln zu singen, kunstvoll zu jodeln und zu pfeifen.

Und weil sie, mochten sie sonst Amateure welcher Kunst immer sein, niemals ihren Beruf vergaßen, so kam dieser auch im Gesang nicht zu kurz, wie das folgende G'stanzel beweist:

Da fahr'n ma dann nach Nußdorf 'naus,
Da wohnt a klane Frau,
Die hat a schware Sau:
Die spirr'n ma dann in' Saustall ein,
Das wird für uns die harbste Gaude sein.
Halloh!

Und die Gesellschaft fiel im Chorus ein:

Die Deutschmasta, die Deutschmasta,
Die Deutschmasta san da.
Halloh!

Wie stets, wenn die Geister des Weines, der Musik und des Gesanges sich einer Gesellschaft bemächtigen, fängt jenes merkwürdige Gesumme, Gelächter, Geschrei und Gekreisch an, das die Festlichkeit des Volkes begleitet. Man hatte schon längst die alte Sitzordnung aufgegeben. Jedermann hatte den ihm zusagenden Nachbarn gefunden, vielmehr jeder Nachbar seine Nachbarin, und so kam es, daß Poldi, die sich mit der lustigen Mirzl so rasch angefreundet und gut unterhalten hatte, auf einmal wieder vereinsamt saß. Denn Mirzl konnte ihre Aufmerksamkeit nicht zwischen einer rasch errungenen Herzensfreundin und einem schön geschwungenen Schnurrbart samt gewelltem Lockenhaupt teilen, das die Gelegenheit wahrgenommen, sich der mutigen Verteidigerin zu nähern. Die Freundin mußte sich bescheiden, und sie tat dies auch in liebenswürdigster und gefälligster Art.

»Ja, Polderl,« sagte nach geraumer Zeit die Braut, als sie wieder Gelegenheit gefunden, sich um Poldi zu kümmern; »sitzt d' denn scho wieder ganz allan? Natürli . . .,« fügte sie mit einem schelmischen Blick auf die in ein Gespräch mit dem wunderbaren Produkt einer Friseurinspiration ganz versunkene Mirzl hinzu: »Armer Hascher, die hat ka Zeit mehr für di. Aber wart'. An' Tischherrn wirst kriag'n . . .« Sie schlug die Hände zusammen.

»Ja, Polderl, wann's ös beinand' sitzts, ös werd'ts das schönste Paar abgeb'n, das ma si nur denken kann. Na,« fuhr sie auf eine lächelnd abwehrende Bewegung Poldis fort, »i lug net, wanns ös zwa net das schönste Paarl seids, was i je g'seg'n hab'. Schau, Poldi,« und die junge Frau setzte sich neben die Freundin, »i hab' mein Pepi sicher gern und i rafert mit jeder, die ihn mir nehmen wollt'. Aber wann i zwa wußt, die i mitanand' Tag und Nacht einspirr'n kunt', ohne Angst wärts es du und der Pepi. Auf di wär' i net eifersüchtig, so schön als d' bist, Polderl. Waßt . . . du muaßt amal an' hab'n, der di verdient. Und kan' Fleischhacker oder so was. I hab' dir's eh scho amal g'sagt: Du bist ane, die an' Mann an' Respekt einjagt . . . du verstehst mi do, Herzerl, und a jeder Mann war' net für di. Du muaßt an' kriag'n, der so is, daß du so viel Respekt vor eahm hast wia er vor dir . . .«

Die liebe, in ihrer Ausdrucksweise ungelenke, junge, neugebackene Frau sprach unbewußt eine tiefe Wahrheit aus: gleich geselle sich zu gleich.

In diese Unterredung der Freundinnen, in jegliche andere Unterredung gellte plötzlich eine Stimme, die, jeden tenoristischen Reizes entkleidet, sich so gab wie an Tagen, da der Stand in sommerlicher Stille schlummerte.

»Gelt ja, du Lausbua, mi willst obidrahn? Mi? Ha, und warum? Weilst vielleicht mei Madl hast zur Hochzeit führ'n därf'n? Aber mirk d'r's. Dös vergiß i d'r net. Dös wird no a End' nehmen, daß d' di net umz'schau'n brauchst. Mirk d'r den heutigen Tag! Amal kummt die Zeit. An' jeden Bam laßt unser Herrgott net in Himmel wachsen. Was krump is, kann no allweil gradbog'n werd'n. Waßt, du Pülcher, du niederträchtiger, wann's ma net um mei Madl war', der i ihr'n Ehr'ntag net verderb'n will, kunnt'st von mir so viel Grobheiten hab'n als du's nur derleiden kannst. Du Gauner, du ehrloser . . . Alsdann, i bin's Karnikl. I bin derjenige, der dös g'sagt hab'n soll? Aber i schwir d'r's . . .«

In dem Schankzimmer stand der »Kellerlacher« und suchte mit ruhiger Sachkenntnis aus der Zigarrenschachtel, die ihm der Kellner entgegenhielt, eine Virginiazigarre heraus. Und ihm schleuderte die »Standratschen« die obigen wüsten Schimpfworte zu.

Ein Mann drängte rücksichtslos durch die um die beiden angesammelte Gruppe der Hochzeitsgäste. Es war der Fiakerathlet.

»Wo is der Erdzeisl?« keuchte er mit heiserer Stimme. »Wo is er? Gebts mar 'hn her, daß i 'hn auf der Stell' dertritt. Was hab' i eahm heut g'sagt: Er soll m'r die Standratsch'n in Ruah lass'n an dem heutigen Tag. Na! Justament net. Aber zarrt's mar 'hn her. D' Baz muaß aussa . . .«

Doch der »Erdzeisl« war schon lange mit seinem Zeuge davongefahren, nachdem er seinen mephistophelischen Gelüsten Genüge getan.

Indes gab es unter den Hochzeitsgästen eine fürchterliche Erregung. Diejenigen, die Gustl kannten, waren über sein heutiges Verhalten ergrimmt, während die mit seinem Wesen Unvertrauten an den Ernst der Situation glaubten und jeden Augenblick Tätlichkeiten befürchteten. Gustls Frau und Tochter hingen sich an ihn, die eine mit regelrechten Püffen, die andere mit tränenvollen Beschwörungen. Nur die lustige Mirzl blieb gänzlich ungerührt auf ihrem Platze und duldete es errötend, daß ihre Hand in der eines anderen ruhte, und lauschte voll Wonne Worten, die in einer Sardinenbüchse konserviert zu sein schienen, so ölig klangen sie.

Der Delikatessenheld hatte es, wie erwähnt, im Trubel des Plätzewechselns verstanden, seinen Platz an der Seite der lustigen Mirzl zu erringen, der er mit einer Art rachesüchtigen Hinterhalts gegen die unschuldige Poldi den Hof machte. Mochte er auch den Tausch für einen unvorteilhaften finden, was die Schönheit beider Mädchen anlangte, aber die geschmeichelte Eitelkeit erwies sich als sieghafter gegen den Geschmack, und die lustige Mirzl mit ihren schwarzen lachenden Augen, ihrem hübschen, lieben Gesicht konnte ebensogut ein Männerherz fesseln als irgendeine andere.

Und viele Verhältnisse würden nicht angesponnen, wäre die Ermutigung aus weiblicher Seite nicht. Das nennt man dann Liebe auf den ersten Blick . . .

Auf Gustl wurde also von allen Seiten eingedrungen, mit Vorwürfen, Beschwörungen, Bitten, Püffen und der Aufforderung »gescheit« zu sein, eine Aufforderung, die in solchen Fällen der, an den sie gerichtet ist, mit dem Justament-Nichtgescheitsein beantwortet.

Schanl und Alberl, denen der Wein schon beträchtlich zu Kopfe gestiegen war und die gern eine Probe ihrer körperlichen Tüchtigkeit gegeben hätten, fanden eine passende Gelegenheit, sich hervorzutun, besonders vor den Augen ihres großen Vorbildes. Sie hatten im Augenblick ganz vergessen, daß der Stänkerer doch eigentlich der Brautvater und kein beliebiger zugelaufener Gast war.

»Hörst, Schanl,« meinte Alberl, »manst net, daß ma mit dem a bißl Tauchen spiel'n sollten?« Sie hatten Gustl zwischen sich bekommen und begannen nun, ihn einer dem anderen sich mit der Schulter zuzuschupfen.

Aber wie erstaunten die beiden Athleten, als sie sich plötzlich jeder von einer Eisenfaust im Genick erfaßt und um sich selbst gewirbelt sahen. Schanl war von dem großen Vorbild, Alberl aber von Herrn Brückl gepackt worden.

»Büaberln,« sagte dieser mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, ohne alle Erregung und ohne einen Zug seines marmornen Gesichts zu verändern, »wer mir den Mann nomal angreift, is a Leich'.«

Der Ringkämpfer und leuchtendes Vorbild drohte mit ebensolcher Perspektive, indem er noch von nachherigem »Ausbanln« sprach, ein Fachausdruck, den die Jünglinge wohl zu würdigen wußten.

Ihre mit einer plötzlichen Ernüchterung erwachte Beschämung war grenzenlos. Aber zu ihrem Glück und zur Erleichterung der Gesellschaft machte sich Gustl abermals bemerkbar, jedoch in dem bei ihm bekannten überschwänglichen Gegensatz.

»Toberl,« schluchzte er ergriffen, »wann i d'r das jemals vergiß, so Schuft mein' Nam'. Dös vergiß t d'r net auf mein' Totenbett (eine merkwürdig häufig wiederkehrende Redefloskel Gustls), was d' heut für mi 'tan hast. I bin manchmal a bißl resch, aber i hab's nia net so g'mant. Toberl . . . was d' mein' Madl heut 'tan hast . . . die ganze . . . Hochzeit . . . deine Zeug'ln . . . die Uhr . . . dein Madl'« . . .

Der brave Gustl mußte innehalten, da ihn das Schluchzen zu ersticken drohte.

Aber in dem Augenblick erhob sich ein jubelndes Hochgeschrei. Der junge Ehemann, die junge Frau und viele Hochzeitsgäste drängten um einen großen, schönen, blonden Mann, der nach allen Seiten die Hände zum Drucke reichte und mit einem Lächeln, das jedes Herz erwärmen mußte, die Versammelten grüßte.

»Mir hab'n ja g'wußt, daß S' kummen!« sagte Annerl voll innigsten Vergnügens.

»Und wann i am Nordpol g'wesen war' . . . Gelt, Pepi, du erlaubst es schon?« Und ohne eine Erlaubnis Pepis abzuwarten, gab er der jungen, sich nicht im mindesten sträubenden jungen Frau einen herzhaften Kuß. Zu gleicher Zeit überreichte ein Fiaker, dessen Fahrgast der junge Siegfried gewesen, diesem ein prachtvolles Bukett voll dunkler Rosen. Das Bukett wanderte in Annerls Hände, die in freudiger Überraschung über die Pracht der Blumen dastand.

Dann drückte der Angekommene dem Bräutigam, mit dem ihn eine frühere Hausgenossenschaft und eine Schülerfreundschaft verband, die sich ins Leben fortsetzte, herzlich die Hände.

»Daß i euch all'n zwa'n das Beste wünsch', brauch' i d'r net erst sag'n. Sollts recht glücklich werd'n und g'sund bleib'n und a glücklich's Alter mitanand erreichen und viele Kinder soll'n euch a Freud' machen! D' Hauptsach' bei an' Wunsch is, daß er vom Herzen kummt. Alsdann no amal: Unser Herrgott g'segn' euch den Eh'stand! Jetzt gebts m'r a bissel was z' essen und z' trinken und dann könnts mi hab'n, zu was 's wollts!«

Achtes Kapitel

Erzählt, wie ein Siegfried eine Kriemhilde fand. Weiter von Nüchternheit des Alltags, von viel praktischem Christentum und seinen Folgen. Poldi verhindert eine Tat, die nie mehr ungeschehen gemacht hätte werden können, hält eine Standrede und sieht, daß auch Tyrannen schwach sind.

Die durch Gustls Geschimpfe für eine Zeitlang unterbrochene Festesfreude nahm durch das Erscheinen des Gastes neuen Aufschwung. Wie ein kleiner Wolkenbruch für einige Minuten fröhliche Menschen in Verwirrung zu bringen vermag, die aber nach dem ersten Lächeln der Sonne sich wieder legt, so war auch die durch das Geschimpfe der »Standratschen« erzeugte Aufregung angesichts der offenbaren Ungefährlichkeit dieser rasch vergessen worden. Am ersten vielleicht vom Urheber selbst, der jedermann ein schauerliches Ende zuschwur, der sich vielleicht über seinen Freund Toberl nur mit einem einzigen unrechten Wort auslassen sollte.

Man nahm wieder seine Plätze ein, lachte, plauderte, trank und benahm sich genau so, wie eine fidele Hochzeit es erfordert.

Annerl hatte den blonden Riesen zu seiner ihm bestimmten Tischdame geführt und machte die Vorstellung beider in vielleicht nicht gesellschaftlich tadelloser, dafür um so herzlicherer Art.

Atmete keiner dieser schönen Menschen einen Atemzug schwerer? Zitterte keine der einen Augenblick ineinander ruhenden Hände? Annerl hatte nicht zu viel gesagt, wenn sie Poldi von dem schönsten Paare sprach, das sie mit ihrem Nachbarn bilden werde.

»Sixt, Polderl, das ist unser Herr Julius«, hatte Annerl bei der Vorstellung gesagt. Und bei Nennung dieses Namens war Poldi etwas erblaßt. Sie mußte sich einer Rose erinnern, die mumifiziert im heiligsten Winkel der Lade schlummerte. Auch mit dem Versenken einer der Entsagung geweihten Liebe stirbt die Erinnerung nicht so rasch. Und Namen wirken oft so schmerzhaft aufstachelnd.

Herr Julius der Zweite aß mittlerweile ohne Ahnung dessen, was sein Name im Herzen der schönen Tischgenossin aufgeregt, seine tüchtige Portion, trank ein volles Glas Wein und erklärte dann, daß er nun genug habe, denn der hätte vom Konzert wohl einen Ohrenschmaus davongetragen, von dem allein jedoch ein Mann seiner Statur nicht satt werden könne.

Alles das geschah und wurde in so liebenswürdiger Art gesprochen, daß jede Handlung und jedes Wort einen neuen Anker für die Zuneigung der Festgäste bedeutete. Nur die arme, unrettbar in ein Gespräch mit dem schönen Ladennarziß verstrickte Mirzl achtete keiner anderen Männlichkeit mehr und war nur froh, ihr Ohr nicht weiter zwischen der lockenden Konversation des Ritters und einer im Grunde doch nicht so interessanten der neuen Freundin teilen zu müssen . . .

Allseitiges Zutrinken dem letzterschienenen Gaste – jauchzendes Auffordern zu einer Produktion und dann setzte sich dieser an das Pianino, das er erst mit der Souveränität des Meisters prüfte und in dessen Tasten er dann mit einem so rauschenden Akkord griff, daß alles mit schweigendem Atem und Herzschlag horchte.

»Treulich geführt, ziehet dahin . . .«

Dieser weihevollste aller Sänge, der jemals einer Vereinigung zwischen Mann und Weib ersonnen wurde, gestaltete sich mit Saitenklang und menschlicher Stimme für die schlichte, empfängliche Gesellschaft zu einem nie gehörten Wunder.

Es strich die erhabene Kunst mit einem flüchtigen Schwingenschlag vorüber, ihre Schwester grüßend, das harmlose, einfache Lied des Volkes, das vorher so viele Augen feuchtete.

Diesmal saßen Braut und Bräutigam in stummer Andacht und fühlten sich in ihrer Vereinigung so klein und doch so groß gegen die Erhabenheit des Ausdrucks der menschlichsten aller Künste.

Der Sänger und Pianist wurde mit Beifall förmlich überschüttet. Noch manches folgte und zum Schluß sang Herr Julius:

»Die Lotosblume ängstigt
Sich vor der Sonne Pracht . . .«

Lange schon war Poldi im Banne all der holden Töne dagesessen und in ihren Augen stieg eine Träne um die andere auf, ohne daß sie sich dessen bewußt gewesen wäre.

»Sie weint und duftet und zittert
Vor Liebe und Liebesweh . . .«

schloß der Sänger und klappte endgültig den Deckel des Instrumentes zu.

Als der Künstler zu seinem Platz zurückgekehrt, stand ihm Poldi gegenüber, in ihren schönen Augen noch die Tränen der Ergriffenheit, und reichte ihm die Hand, die in der Erregung des Aufgewühltseins stark zitterte.

Sie konnte nur stammelnd sagen, die arme, gefühlsreiche Poldi:

»So schön . . . so schön . . .«

Julius der Erste! Was bist du mit der Banalität deiner geschliffenen Verse? Was bist du mit deinem Spürsinn für die verborgenen Irrgänge der Frauenpsyche?

Von nun an unterhielt sich Poldi aufs angeregteste mit ihrem Tischnachbarn. In kurzem war eines und das andere vertraut mit den gegenseitigen einfachen Lebensschicksalen. Herr Julius Schobert hatte bis zum Tode seines Vaters, eines in mittleren Verhältnissen lebenden Geschäftsmannes, gute Schulbildung genossen und eine Zeitlang, seinem künstlerischen Drange folgend, das Konservatorium besucht. Der Zusammenbruch des Geschäftes, dem bald der Tod des Vaters folgte, die Sorge für eine gelähmte Mutter machten ehrgeizigen Künstlerplänen ein rasches Ende.

Julius wurde Pianist in Tanzschulen, bei Abendunterhaltungen besserer Art, bei Hochzeiten usw. Dabei verdarb er an seiner guten Schulung nichts. Was die Verhältnisse unterbrochen, holte er im Selbststudium nach. Er beherrschte einige Instrumente, schrieb Kompositionen und vertonte einen holperigen Volkstext ebensogut wie ein künstlerisches Gedicht. Dazu hatte er es verstanden, sich eine Schülerschar für Privatstunden zu sammeln, und führte nun ein auskömmliches, fast wohlhabendes Dasein.

An dem heutigen Abend hatte er in einem Konzert mitgewirkt, dem noch ein Kaffeehausbesuch gefolgt war, und daher das späte Erscheinen und der Wolfshunger, wie er seinen gesegneten Appetit lächelnd entschuldigte.

Und auch Poldi lächelte. Es war in beiden etwas so Treuherziges und beide zeigten ein so einfaches, unverkennbares Wohlwollen füreinander, daß sie sich sehr von einem Paare unterschieden, dessen einer Teil sich nur noch in geflüsterten Andeutungen erging, die vom anderen Teile mit Erröten und leuchtenden Blicken beantwortet wurden.

Die Kleinheit der Räume, die Gedrängtheit der Gäste gestatteten keinen Tanz. Aber wo in aller Welt wäre eine Wiener Hochzeit ohne solchen möglich, und wenn es nur der urväterliche, gemütliche Polsterltanz wäre! Der geschieht, für die beschrieben, die einen solchen nicht mitgemacht haben und daher nicht kennen sollten, was ich nur verwundeten Herzens annehmen müßte, folgendermaßen:

Die ganze Gesellschaft bildet, je ein Herr eine Dame an der Hand haltend, einen Kreis. Und inmitten dieses Kreises wird ein Herr gestellt, der einen Polster in Händen hält. In Familienkreisen ein Kaprizpolster vom Sofa oder auch ein Kopfpolster, in Gasthäusern gewöhnlich der Sitzpolster des Klaviersessels, wie im heutigen Falle. Dann beginnt der Klavierspieler, der sich ausnahmsweise ohne ein sein Unterteil schützendes Kissen behelfen muß. – Der Klavierspieler!

Könnte ich die alte, liebe, eintönige Melodie, die dieser immer und immer wieder zu spielen hat, auf das Papier zaubern! Sie endet stets mit einer Art Dissonanz, wenn der feierliche Augenblick herangekommen, wo der den Polster haltende Herr sich entschlossen hat, diesen vor einer von ihm erwählten Dame niedersinken zu lassen, sich daraufzuknien, indes diese ein selbes tut, ihr einen Kuß zu geben, dann den Polster unter dem Arm haltend, mit der Erwählten innerhalb des stets sich nach einer Seite bewegenden Kreises einige Walzertakte zu tanzen.

Dann übernimmt die Dame den Polster und erwählt einen Herrn. Und da sind stets Überraschungen beliebt, weil die jüngsten und schönsten Mädchen niemals den mit Herzklopfen harrenden Jüngling erwählen, von dem sie wissen, daß er am Flecke für sie zu sterben bereit wäre, sondern einen alten, griesgrämigen Herrn, der vielleicht schon seit Jahrzehnten nimmer den Genuß einer frischen Mädchenlippe gespürt. Die Sache mag unhygienisch sein, aber sie ist fidel und überliefert und ist traulich in unserer Zeit, die eine Überlieferung nach der anderen abtut.

Alle halten sich bei den Händen gefaßt und es wird gelacht, geküßt, gewehrt, gesträubt, und gleich einem Symbol geht der Kreis immer und immer weiter, sich stetig verringernd, denn jeder Erwählte hat auszuscheiden.

Das Glück küßt nur einmal im Leben . . .

Der Bräutigam eröffnete den Reigen und wählte natürlich diejenige, die er ein für allemal für das ganze Leben hindurch erwählt hatte. Und Annerl erwählte Herrn Weißmann und Herr Weißmann, wohl oder übel in den Taumel gezogen, wählte den »Baß« und der »Baß« wählte den Saustecher, der Saustecher wählte aber eine der jüngsten Kranzeljungfrauen, der alte Hallodri, der er war. Und Siegfried nahm seine Kriemhilde, Mirzl ihren Adonis, Frau Sedlmaier den »Kellerlacher«, und Wirt und Wirtin, Fiaker, Kellner, Köchin, Abwaschmädchen, sogar die Markörs vom Kaffeehause gegenüber waren erschienen und alle tanzten, knieten, küßten, wurden geküßt, bis der Kreis immer mehr zusammenschmolz und die Stunde des großen »Kehraus« kam.

Das ist der Höhepunkt der Lustigkeit. Der Letzte, von niemandem Erwählte, wird mit einem Besen unter allgemeinem Hallo hinausgekehrt. Und der Letzte war der arme Tagschreiber. Er, einer der Hinausgekehrten des Lebens, einer der Ärmsten, wurde jetzt symbolisch von der Bildfläche gefegt, sehr zum Ergötzen Herrn Weißmanns, der sich im Leben schon seine Erwählerin, die Allerweltshure Glück gesichert hatte.

Aber der Hinausgekehrte war heimlich von dem Brautpaar und Sedlmaier und Herrn Brückl für diese eingebildete Demütigung reichlich entschädigt worden, er, der im Leben für wirkliche Demütigungen niemals eine Entschädigung erhielt.

Die Festlichkeit nahm wie alle Festlichkeiten ein Ende. Man war allseits müde und schläfrig geworden. Noch den obligaten Schwarzen oder Likör im Kaffeehause gegenüber, dann hieß es für viele ohne die erquickende Nachtruhe ans Tagwerk gehen. Eine Aufgabe, die den Frauen wegen ihrer Mäßigkeit und der Enthaltsamkeit vom Rauchen leichter fiel als den Männern. Man hatte erst in den letzten Minuten des Aufbruches den Brautvater vermißt. Alles Suchen im Lokal war vergebens.

»Gustl!« – »Herr Sedlmaier!« – »Standratsch'nl« – »Vatta!« – »Schwiegervoda!« – »Tepperte Karnalli!« – »B'soff'ner Kerl, g'freu' di . . .!« tönte es durcheinander, bis einem die Erleuchtung kam. Und diese, wie ihr Name besagt, führte auf den richtigen Weg.

Im Abwaschraum schlief auf einem Stuhle der Sedlmaier Gustl, sowohl von den Ereignissen wie von den genossenen Flüssigkeiten überwältigt, und war nur durch einige kräftige Maßregeln, wie viele Püffe, in den Stand zu setzen, sich der Hochzeitsgesellschaft anzuschließen, die dem Kaffeehause zustrebte.

Offenbar mußte ihn ein schwerer Traum umfangen gehalten haben, denn schon, als er halbwegs zu sich gekommen war, lallte er;

»Toberl . . . dös vergiß i d'r net. Dö Uhr . . . dem Madl . . . Net auf mein' Totenbett . . . Toberl . . .«

Auch der Nachklang der Feier verhallte; man blieb wie gewöhnlich länger als »auf einen Schwarzen« und der Aufbruch war für viele unvermeidlich. Poldi wurde von Toberls Wagen aufgenommen.

Nun saß sie mit Mirzl im Wagen und beide waren ziemlich einsilbig. Die erlebte Festesfreude wollte noch im Schweigen festgehalten werden. Es waren wundervolle Eindrücke für zwei junge, empfängliche und noch für einfache Genüsse dankbare Mädchenherzen.

Vor dem Hause Poldis hielt der Wagen und nun folgte ein wortreicher Abschied zwischen den neuen Freundinnen. Man versprach sich ein häufiges Wiedersehen. Dann fuhr der »Kellerlacher« mit seiner Tochter heimwärts und Poldi stieg zu ihrer Wohnung empor, deren Ärmlichkeit, ja Verelendung in den kalten Frühstunden ihr noch niemals so zum Bewußtsein gekommen war wie heute.

Die Mutter kochte schon den schalen Frühstückskaffee und wollte von Poldi über alle Einzelheiten der Hochzeit unterrichtet sein. Ihrem schwachen Kopfe schien alles nur Bedeutung zu haben, was mit Verheiratung oder einem Verhältnis zusammenhing.

»Gott, Mutter! Wann's nur schon Feierab'nd wär'! Den Tag heut fürcht' i. Schlafen will i heut abend; glei, wann i z' Haus kumm, leg i mi nieder.«

Ein fröstelnder Schauer ergriff Poldi bei dem Gedanken an den heutigen Arbeitstag. Er beleidigte sie fast. So rücksichtslos rauh, ja gemein war ihr das Alltagsleben noch nie erschienen wie heute. Im Ohre summten ihr noch unablässig die gehörten Melodien.

. . . Woll'n wir in Gott's Nam' . . .

verschmolz sich mit:

. . . Vor Liebe und Liebesweh.

Nachdem sie sich erfrischt und umgekleidet und das Frühstück genommen, war es Zeit geworden, aufzubrechen. Reserl und Katherl wurden mit ihren Erwartungen auf die Schilderung der Hochzeit bis zum Abend vertröstet.

Menschen mit geringen oder viel traurigen Erlebnissen genügen einige heitere, schön verbrachte Stunden, um sie tagelang einzuspinnen in eine süße, träumende Sehnsucht, die das Gewirr und die Hast der Alltäglichkeit fast zitternd zu meiden sich bestrebt.

Als Poldi heute den hohen Hausflur durchschritt und die finstere, öde Stiege zu ersteigen begann, die von vielen lachenden und scherzenden Stimmen erfüllt war (wie stets regelmäßig viermal des Tages), blieb sie eine kleine Weile hochaufatmend in einem Gangwinkel stehen, um den Trupp der Emporsteigenden vorüberzulassen. Sonst war sie gewohnt, unter den Kolleginnen eingereiht, ihren Aufstieg zu unternehmen, Grüße zu tauschen oder sich von Herren anderer Branchen grüßen zu lassen.

Heute tat ihr alle geschwätzige Fröhlichkeit fast tätlich wehe. Das ohne ihren Willen sich aufdrängende Gewoge von Tönen, denen sie auf dem ganzen Wege mit vollster Innerlichkeit lauschen konnte, ward durch den Lärm jäh zurückgedämmt. Poldi glich einem Dürstenden, dem nach dem ersten köstlichen Schluck der Becher rauh vom Munde gerissen wird.

Als sie in das »Atelier« eintrat und sich dann an ihren gewohnten Platz begab, fühlte sie etwas von einem Ereignis. Die Mädchen tuschelten und nickten und sahen nach einem noch leeren Platze. Der Platz gehörte der armen Rachel an. Offenbar war etwas vorgefallen. Ein Zeitungsblatt wanderte von Hand zu Hand, irgend etwas darin mußte geeignet sein, alle Schauer eines Entsetzens zu erregen, das sich auf dem Gesicht der jeweilig Lesenden abspielte.

Endlich gelangte das Blatt auch in die Hände Poldis. Man wies mit hämischen Lächeln auf die betreffende Stelle, eine kurze Tagesnotiz:

Verhaftung eines Geschäftsmannes. Der im II. Bezirk wohnhafte Geschäftsmann Salomon Braunstein wurde gestern in seiner Wohnung verhaftet. Es hat sich herausgestellt, daß Braunstein in seinem Laden, einem kleinen Detailwirkwarengeschäft, Feuer gelegt hatte, um die Versicherungssumme von zweitausend Kronen beheben zu können. Braunstein, der bisher vollkommen unbescholten erscheint, ist der Tat geständig. Das Motiv soll große Notlage gewesen sein.

Das erste Empfinden Poldis war großer Schreck. Sie kannte Herrn Salomon Braunstein nicht persönlich. Sie war sich auch der Verwerflichkeit eines solchen Ausweges aus drängender Not bewußt. Aber – sie dachte an die arme, unschuldige Rachel, die allem Anschein nach für die Verfehlung ihres Vaters hier büßen sollte. Sie sah im Kreise herum. Nichts als verhängnisvoll lächelnde Mienen, die um nichts gefahrloser erschienen, weil sie eben sich lächelnd zeigten.

Fräulein Direktrice war ganz aufgelöst in Entrüstung, die endlich ihren Ausdruck in den Worten fand:

»Mit so was muaß unseraner z'samm'sitzen. I will mi net schöner machen, als i bin (gemeint war nur die seelische Schönheit, da über die körperliche keine Zweifel obwalten konnten), aber an's sag' i . . . i bin halt do a Christin. Gottesfurcht geht immer vor Menschenfurcht und weil i do a klans Funkerl Religion im Herzen trag', wir i nia auf solche ausbrennte Sachen kuman (das Wort »ausbrennte« erregte allgemeines, verständnisvolles Schmunzeln) wia a solcher . . . no i will mi net ausdruck'n. Jesum im Herzen, wird aner allerweil wissen, wia weit als er gehn därf. Was dein is, is net mein, und arm sein is ka Derlaubnis, daß ma an' andern an' Schaden macht. War' akkrat so, wir als wann i der gnädigen Frau, die uns alle ins Brot setzt, jetzt das G'schäft anzünden wollt' (allgemeine Rufe des Abscheues wurden laut) oder wann i mit an' scheinheiligen G'sicht dasitzert und denkert mir: a andrer, der's tan hat, hätt' recht. Die ganze Erbsünd' in der Welt is von die Juden ausgangen. Und mein anziger Dank zum Himmel is der, daß i in an' christlichen G'schäft arbeiten därf, wo d' Herrschaft waß, was a christlicher Diener is.«

Ausnahmsweise durften heute die jungen und alten Priesterinnen der Nadel lauschen, ohne diese in Bewegung zu halten. Madame hatte, in der Tür stehend, zugehorcht und war mit nachdenklicher, merklich verdüsterter Miene in das andere Zimmer gegangen. Und dabei zeigte die Uhr schon zehn Minuten über acht Uhr.

Und fünfzehn Minuten nach acht Uhr schob sich ein schmales Körperchen herein und huschte wie ein Schatten an seinen Platz.

Wie man im Dunkel nur die Laternen eines Wagens oder einer Lokomotive als das einzig Erkennbare sieht, ebenso leuchteten aus dem Schatten nur zwei brennende, große, überängstliche Augen, die ein einziges Flehen um Mitleid und Erbarmen ausdrückten. Madame war gerade nicht anwesend. Rachel bat daher mit leiser Stimme das Fräulein Direktrice um Entschuldigung für ihr verspätetes Kommen. Sie wolle dieses durch Längerbleiben einer Stunde zum Ausgleich bringen.

»No ja . . . mir kann's recht sein«, war die nichts Gutes verheißende Antwort.

Rachel richtete einen herzzerreißenden Blick auf Poldi, der ermunternd erwidert wurde. Dann arbeiteten alle unermüdlich und rastlos wie jeden Tag. Eine der Sitznachbarinnen hatte aber, als sich Rachel niedergelassen, ihren Stuhl mit merklicher Absichtlichkeit hinweggerückt und mit triumphierender Miene den Erfolg dieser Demonstration in den Mienen der Kolleginnen erforscht. Fräulein Direktrice hatte geruht, beifällig zu lächeln. Ein allgemeines Zurückschieben der Stühle begann, so daß in kurzem Rachel und Poldi ein vereinsamtes Paar bildeten. Darauf erscholl ein allgemeines Hüsteln, jene niederträchtige, scheinbar nichtssagende, aber den, den sie angeht, vernichtende Kritik seiner Persönlichkeit.

Madame hatte wieder zur Tür hereingesehen, mit einem Blick nach Rachel, der voll kalter, stolzer, unbarmherziger Verachtung war. Dann hatte ein Wink die Direktrice an ihre Seite gerufen und inmitten der Tür hatte ein flüsterndes Gespräch begonnen, dem zwei große brennende Augen voll entsetzensvoller Teilnahme zu lauschen suchten. Madame stöberte in den Taschen ihres Kleides und brachte jene verknitterte Zeitungsnummer mit der verhängnisvollen Notiz zutage, die zuvor durch alle Hände gegangen war.

Die Blicke aller richteten sich auf die zwei Damen. Man sah aus dem anderen Zimmer ebenfalls gereckte Hälse und ehrfürchtig neugierige Augen sich nach dem ausgezeichneten Platze richten. Dann erhob sich ein allgemeines Kichern und jenes verhängnisvolle Hüsteln von vorher.

Rachel hatte sich erhoben; taumelnd, zitternd an dem ganzen, ach, so ärmlichen Körperchen. Ihr Blick war nur von einer aufgefangen worden, von Poldi. In diesem Blicke aber mußte etwas Fürchterliches gelegen haben.

Denn als Rachel zur Tür nach dem Korridor, der zum Ausgang führte, hinausgewankt war, blieb Poldi eine Weile wie gelähmt sitzen. Sie schien über etwas nachzusinnen. Dann jedoch warf sie ihre Arbeit zur Seite und stürzte, unbekümmert um alle neugierig und verwundert aufschauenden Kameradinnen, Rachel nach.

Die kalten Augen Madames richteten sich auf zwei leere Plätze . . .

»Schlecht is ihr word'n, der Jüdin,« sagte eine Näherin wie zur Entschuldigung. »Is grad ka Wunder. Und d' Fräul'n Poldi is ihr, scheint mir, nach'gangen. Vielleicht will s' ihr helfen.«

»D' Fräul'n Poldi sollt' liaber auf ihr Arbeit schau'n, wär' besser. Wer si' mit der Rass' einlaßt, is eh verlurn für Zeit und Ewigkeit. Unser Herr Jesus hat die Schächer austrieb'n und unser' gnädige Frau will aa ka Unkraut dulden. D' Fräul'n Poldi kunnt si wirkli schön bedanken, wann s' vielleicht in den Wirbel eing'rat'n tät'. Sag' mir, mit wem du umgehst, dann sag' i dir, wer du bist!«

Alle Nadeln kamen wieder in Bewegung. Auf Madames Stirn hatte sich etwas wie ein unwilliges Runzeln gezeigt. Sie empfand offenbar das Abweichen von dem Gewöhnlichen sehr unangenehm, und zugleich chokierte sie sich über eine Teilnahme der ihr Untergebenen an einem Ereignis, das nur sie allein berühren durfte. Die Teilnahme mochte sich außerhalb des Geschäftes äußern wie sie wollte, aber kostbare Zeit durfte nicht verschwendet werden.

Mittlerweile war Poldi, von einer unruhevollen Ahnung gedrängt, Rachel nachgegangen.

Rachel war eben auf das Fenster gestiegen, das in den finsteren Schacht, »Lichthof« genannt, führte, und den oberen Riegel lösend, die Tiefe vor sich erschauend, gedachte sie, dem Unenträtselbaren in die Arme zu stürzen. Ihr erschrecktes Herz wollte Stillstand suchen, und wäre es da unten in der grauenvollen, von Mist und Glasscherben besäten Tiefe. Nur hinweg von diesen Augen voll Unbarmherzigkeit und Hohn. Was konnte sie dafür, das unnötige Produkt einer ins Maßlose erzeugenden Klasse, ob sie nun jüdisch oder arisch war, aber verfemt durch die schnödeste Schmach der Menschheit, der Besitzlosigkeit?

Rachel hatte die Augen geschlossen . . . Fünf oder mehr Sekunden . . . und alles, alles war ausgelöscht. Sie sank . . . Aber nicht in die schauervolle glasscherbenbedeckte Tiefe. Nein, zurück . . . Zwei Arme hielten sie und über ihr Haar, ihr Gesicht rollte etwas Feuchtes.

Und eine Stimme hörte sie, die nichts anderes sagte als: »Kinderl . . . Kinderl . . .!« Sie fühlte sich auf den Boden gestellt und sah nun in Poldis Augen, die vor Schreck und grauenvollem Mitleiden aus Tränen auf die kleine Gestalt sahen.

»Herzerl, was hab'n S' denn nur tuan woll'n? Gott! . . . was is Ihner denn nur eing'fall'n? Aber Kind . . . Kind . . .!«

Eine Weile sahen sich die beiden an. Die schöne, stolze Poldi und die kleine, schwache, verzweifelte Rachel. Beide atmeten hörbar schwer vor Entsetzen.

»Kinderl, Kinderl . . .!« stammelte Poldi noch immer.

»Fräulein Leopoldine, ich hielt es nimmer aus, o ich hielt es nimmer aus. Ich kann nicht mehr, o Fräulein . . . sie haben mir alle so wehgetan . . . ich hielt es nimmer aus . . . Was habe ich nur verbrochen? Ich hielt es nimmer aus . . .«

Im Überschwang ihres Schmerzes konnte die arme kleine Rachel nichts anderes hervorbringen als das stete: »Ich hielt es nimmer aus«. Sie hatte sich in den Winkel des Ganges gedrückt und wurde erschüttert von einem schier unstillbaren Schluchzen. Und Poldi weinte mit ihrer kleinen Freundin. Sie strich ihr über das Haar und die Wange, wie eine Mutter es einem Kinde tut, das in irgend welchem Schmerze sich zu verzehren glaubt.

Die Tür öffnete sich ein wenig und durch den Spalt lugte das Gesicht des Fräuleins Direktrice, voll Neugierde, Schadenfreude und Klatschfroheit.

Poldi ersah die Lauscherin und winkte sie mit einer herrischen Gebärde zu sich heran. Dann wies sie einfach auf das offene Fenster und die schluchzend in ihrem Winkel stehende Rachel . . .

Kaum war dem Fräulein Direktrice die Sachlage klar geworden, als es, einen Schrei ausstoßend, zurückeilte. Poldi, die das Mädchen an der Hand nach sich zog, folgte und schloß die Tür.

Mittlerweile mochten einige hastig hervorgestoßene Worte die ganze Näherinnenschar aufgeklärt haben. Denn alle standen mit erblaßten Gesichtern da und starrten den beiden Nachkommenden entgegen.

»Da,« sagte Poldi mit tiefbebender Stimme, »wenn's das Kind wirkli no sehts, is 's euer Verdienst net. An' Moment no – und jetzt könntets alle a Massa Bluat und paar armselige zerbrochene Banerl seg'n. Gehts alle hinaus und schauts hinunter, wer das Herz dazua hat! Ob aber an's von euch jemals mit Ruah hätt' schlafen können . . .!«

Bei Poldi löste sich nun erst der Druck des noch immer lastenden Entsetzens in ein volles Weinen aus. Nachdem sie sich einigermaßen gefaßt, fuhr sie fort:

»I frag' net weiter um euer Christentum. A jedes mag's halten, wia's will. Aber an's sag' i euch all'n: Wann's damit so bestellt is, will i weiter ka Christin sein. Was hat euch das Kind tan? Habts denn gar ka Erbarmnis mit so an' armseligen G'schöpf? So nix anders als Haut und Ban. Was tuat's euch denn? Schaut aus als wia a Hund, der allweil Schläg' fürcht'. Weil s' vielleicht a Jüdin is? Aber gelts ja, wenn a blade, g'schnaufte Jüdin mit lauter Brillianten daherkummt, fallts förmlich auf die Knia. Und wia mir da behandelt werd'n . . . Da seids ös ganzen Christinnen mitsamt für so ane kan' Pfifferling wert.«

Voll Hohn wendete sich Poldi an die nun ganz geknickte Direktrice:

»Und so ane hat ja aa Christum kreuzigt. Warum sag'n S' es der net? Wia a Hund, der nach an' Apportl rennt, san S' dabei beim Türaufmach'n. Und net amal a Dankschön, net amal an' Blick kriag'n S', wann si so a Gnädige amal herauf verirrt hat. (Vielfach kam dies vor, wo die Kundinnen es lieber mit Madame zu tun haben wollten, um ihre Sonderwünsche bekanntzugeben.) Aber das arme Judenmadl soll's dann büaßen. Grad nur, weil's arm is? Und weil's a Malör hat, das net größer sein kunnt', wenn ihr d'r Vota glei g'sturb'n wär'. Statt daß m'r das arme Häscherl a bißl tröst'n sollten, muaß's so weit trieb'n werd'n, daß . . . O Gott! I mag nimmer dran denken . . .«

Ein krampfhaftes Weinen erhob sich allseits. Man sah bittend und verzweifelt gefaltete Hände und die kleine unglückliche Rachel fand sich bald in so vielen, sie liebevoll umklammernden Armen, hörte so viel Worte der Teilnahme und des Trostes, daß ihr plötzlich zumute wurde, als sei sie in das Paradies versetzt worden. Die erschrockenen, großen brennenden Augen irrten erst ängstlich umher, dann schlossen sie sich wie in einem Lächeln, und das arme, überreizte Kind brach ohnmächtig nieder.

Madame, die, ebenfalls mehr eitel und dumm, als böswillig, in einer unverstandenen Wahrung ihrer Würde allen Lebensinhalt außer dem geschäftlichen Erfolg sah, glich einer Statue. So sehr hatte sie die Vorstellung des vorbeigerauschten Grausigen gelähmt. Zwar hatte sich gedankenschnell die Befriedigung über einen verhinderten Eklat, der ihr Geschäft gefährden konnte, mit dem natürlichen Entsetzen des Lebewesens gegen den gewaltsamen Tod gemischt; aber in letzter Reihe trat doch das natürliche weibliche Recht auf Äußerung des Mitleids hervor.

Als Rachel sich erholt hatte und sich aller, ach! bisher gänzlich entbehrten Liebesbezeigungen bewußt geworden war, richtete sie einen scheuen, Verzeihung heischenden Blick nach der gestrengen Gebieterin.

Diese aber, die nun Christentum mit Erbarmen zu verbinden gewußt hatte, trat mit nassen Blicken vor die Kleine und die née Duval, die vielleicht seit Jahren zum erstenmal natürlich war, und die wirkliche Tränen im Auge stehen hatte, brachte eine Revolution in die angesammelte Damenschar. Eine Revolution, die, entgegen dem hergebrachten Begriff von Getümmel, Geschrei, Gewoge, im Gegenteil alle diese Merkmale in ein Eis der tiefsten Erstarrung wandelte. Es war sozusagen eine Art negativer Revolution. Wie wenn über einen schnaubenden, feuerspeienden Krater sich plötzlich mit Blitzesschnelle die Eiszeit gelegt hätte.

Madame geruhte nämlich zu sagen:

»Jetzt . . . so a Dummheit war aa no net dag'wesen. Den Plumpser hätten S' sicher net überstanden, da garantier' i.«

Wie, Madame Reißer, geborene Duval? . . . O, es war nicht auszudenken! Ottakring, Lerchenfeld, Meidling oder was immer mochte deine Wiege sein, aber doch sicher nicht Paris, Bordeaux, Genève.

Selbst die kleine Rachel kam sich vor, als wäre das Fensterabenteuer kein verhinderter Akt der Selbstvernichtung gewesen. Es schien ihr, als stürze sie nun, lange, sehr lange und sie müsse in dem schaurigen »Licht«hofe mit einem »Plumpser« landen.

Madame war, wie gesagt, vielleicht seit vielen Jahren zum erstenmal natürlich gewesen wie beispielsweise zu der Zeit, da sie noch in dem Banne einer ersten Liebe stand. Oder da sie selbst noch Probiermamsell gewesen, oder da sie gleich der Trümmler Tini ihren ersten Kavalier gekapert. Es mag dahingestellt sein, wann dies war. Aber mochte Madame ihrer Entgleisung bewußt geworden sein oder nicht, kurz, ihre Geistesgegenwart mußte bewundert werden. Als ob die vorgesprochenen Worte eine Sinnesstörung für die Umgebung bedeutet hätten, fuhr sie, ohne mit der Wimper zu zucken, fort:

»Demoiselle Leopoldine, bitte sehr, führen Sie das Kind in sein Domizil, zu seiner Mutter . . . Ah! la pauvre! Aber sie soll nichts erfahren, von der affaire malheureuse, sie würde sonst krank werden vor Angst. Bitte, Fräulein, die Mama unserer Kleinen nichts wissen zu lassen von dem horreur, den wir erlebt haben. Und ich will Sie nach dem überstandenen Schrecken für heute nicht mehr herbemühen. Den Tag bringe ich natürlich nicht in Abzug.«

Poldi beeilte sich, von dieser gnädigen Erlaubnis mit ihrem Schützling Gebrauch zu machen. Eine solche vielleicht niemals wiederkehrende Gelegenheit eines bezahlten, freien Tages nicht auszunützen, wäre verbrecherisch gewesen. Manch neidisches, noch tränendes Auge folgte den beiden, um sich dann stumm und ergeben wie stets auf die Arbeit zu richten. Madame aber hatte die zitternde Direktrice in ihr Privatkontor gerufen, mit einem Blick und einer Geste, die nichts Gutes verkündete. Der arme Fronvogt! Ihm ward in aller sittlicher Erbauung alle Schuld aufgebürdet, weil er – den Bogen überspannt hatte . . .

Das Heim der kleinen Näherin lag in einer schmutzigen Gasse der Leopoldstadt, einem noch schmutzigeren Hause und einer allerschmutzigsten Wohnung.

Ein wirrer Haufen von Kindern trieb sich vor der Tür und in der Wohnung selbst herum. Ein scheinbar altes, ausgemergeltes, schlampig gekleidetes Weib mit einem Paar so großer, brennender Augen wie die Rachels trat den Ankommenden entgegen. Es war die Mutter.

Poldi schauderte einen Augenblick angesichts dieses Elends und der Verwahrlosung.

»Was ist?« fragte die Mutter, voll des Mißtrauens, das die äußerste Not gebiert.

Poldi erzählte in glaubhafter Weise, daß Rachel im Geschäft unwohl geworden sei und die Gnädige sie unter ihrem Schutze nach Hause gesendet habe.

»Sie wird doch nix sein entlassen?«

Poldi beruhigte die besorgte Frau. Im Gegenteil. Die gnädige Frau sei äußerst liebevoll gegen die Kleine, wie ja ihre Anordnung der Begleitung zeige.

»Hunger wird sie gehabt haben, Fräulein, Hunger. Und . . .?« Die unglückliche Frau fürchtete mehr zu sagen. Sie hatte keine Ahnung davon, wie schwer schon die Schwingen des schwarzen Engels an ihrem Kinde vorübergestrichen waren, eben um des von ihr als Geheimnis geglaubten Geschehnisses mit dem Gatten wegen.

Poldi hatte auf dem Wege zur Wohnung Rachels dieser eingeschärft, ja nichts zu verraten und selbst den Vorfall zu vergessen, so gut sie dieses eben könne.

»Sind Sie mir nix bös, liebes, schönes Fräulein, aber ich kann nix sog'n die Wahrheit,« fuhr die Frau fort. »Sie is jo so klan und schwach, mei' Rachel, mein Kind, und hot doch nix zu essen, wie es sollt hob'n so a Kind. Gott, was bin ich für a arme, geschlagene Frau! Und die anderen! O gutes, liebes Fräulein, i konn nix mehr wanen. Was is gekommen für a Unglück über mir!«

Poldi, deren Sinn für Reinlichkeit und Sauberkeit, die sie in der elterlichen Wohnung stets zu wahren gewußt hatte, sich durch das schmutzige Elend abgestoßen fühlte, fühlte aber auch das Mitleid in sich aufsteigen. Was war aller Jammer des eigenen Heims gegen den Jammer, der ihr hier entgegengrinste! Und der Ernährer nicht tot. Nein – eingesargt hinter Gefängnismauern wegen eines Verbrechens, das er aus Liebe zu seiner schier überzähligen Familie begangen. Was mochte er wohl an Qualen ausstehen?

Poldi war eine jener mutigen Seelen, die aus Abscheu vor Elend und Gesetzesübertretung sich nicht abwenden mit einem entsagenden Mitleid, das der angeblichen Schwäche, zu helfen, entspringt. Sie war sich ihrer Handlung wohl bewußt und konnte sie vor ihrem Gewissen voll verantworten, als sie ihre Börse zog und den geringen Inhalt der Frau in die Hand drückte. Poldi hatte nicht sich selbst beraubt, nein, ihre Familie: die arme, rackernde Mutter, den krüppelhaften Vater; aber ohne sich dessen bewußt zu sein, hatte sie den Kreis ihrer Familienfürsorge auf das schmutzige Judenweib aus Rußland ausgedehnt; ohne sich ihres »Jesu im Herzen« zu rühmen, hatte sie ihn mehr verehrt, als sie selbst ahnte.

»Gutes, liebes, schenes Fräulein, Gott soll Ihnen geben ä groißes Glück. Ich wer' beten für Ihnen, wonn der große Gott hört auf ä Gebet von ä ormen, verlossenen Jüdenweib.«

Poldi erwehrte sich nur mit Mühe der weiteren Danksagungen. Sie strebte hinaus von hier.

»Daß ich Ihnen sog',« wollte Rachels Mutter anheben, das Geheimnis von ihres Mannes Einkerkerung preiszugeben; sie hatte keine Ahnung von Lokalberichten in der Zeitung. Aber Rachel winkte der Mutter ab und geleitete Poldi zur Stiege.

»Fräulein,« bat sie, »nicht wahr, Sie erzählen nicht, wie es bei uns aussieht. Man würde mich vielleicht wieder verachten und heute waren alle so lieb zu mir, so lieb. O Fräulein . . .« Und Rachel ergriff eine Hand Poldis und küßte sie inbrünstig und feuchtete sie mit ihren Tränen.

»Nix erzähl'n, Kinderl? Da soll i nix erzähl'n? Passen S' auf, wia i denen no die Höll' haß mach'. Aber jetzt gengan S' z'ruck und leg'n S' Ihner nieder. Morg'n kummen S' ins G'schäft, wia wann nix g'scheg'n wär'.«

Und Poldi enteilte rasch, Rachel zurücklassend, die ihr mit einem Blicke nachstarrte, wie sie gläubige Seelen für eine entschwindende Vision haben.

Neuntes Kapitel

Poldi wird von einer Empfindung zur anderen gedrängt. Arme Mädchen dürfen nicht ungestraft schönen Erinnerungen nachhängen. Reserls Schicksal fängt an, sich zu entscheiden.

Es gibt Tage im menschlichen Leben, da sich die Ereignisse von Jahren in einige Stunden zusammenballen zu wollen scheinen. Ein Geschehnis verdrängt das andere: man vermeint, es müsse sich alles verschworen haben zugunsten oder Ungunsten, die Empfindung ist nur die, einer Reihe unerwarteter Tatsachen begegnet zu sein. Vielleicht daß eine an Eindrücken reiche verbrachte Nacht, die in den Tag hinüberglitt wie ein Spiel ohne Unterbrechung, uns allen Eindrücken gegenüber empfänglicher macht.

Poldi, deren in der Früh empfundenes Schlafbedürfnis angesichts des aufregenden Vorfalles gänzlich geschwunden war, und die sich von einem schönen Traume in eine öde, brutale, häßliche Wirklichkeit zurückgeschleudert fühlte, strebte nach Hause. Einmal wollte sie das Hochgefühl eines beinahe ganz freien Tages auskosten. Es trieb sie nach ihrem Heim wie nach etwas Köstlichem, verglich sie es mit dem eben verlassenen Haushalt Rachels. Auf die armseligen Kreuzer dieses Kindes wartete eine ganze Schar hungriger Magen . . .

Poldi, die mit allen Fasern ihrer Liebe an den Ihren hing, schwor sich zu, eher untergehen zu wollen, als nachzulassen in der von ihr erkorenen Pflichterfüllung.

Ein ganz freier Tag! Wer von all denen, die ihr Leben lang über freie Tage verfügen können, weiß, was es im Sein einer armen Nähmamsell heißt, über einige Stunden verfügen zu dürfen, ganz nach eigenem Gutdünken, die sie sonst an dem öden, trostlosen Werktisch verbringen mußte! Sie, deren manchmaliger schüchterner Ausblick zu einem kleinen Stück Blau über den Dächern mit einer hämischen Rüge bestraft wird.

Poldi hörte noch den Tadel, als eine Arbeiterin sekundenlang die Arbeit sinken ließ und dieses kleine, winzige Stückchen Blau mit einem Seufzer der Sehnsucht anstarrte. Damals hatte das Fräulein Direktrice mit Schärfe bemerkt:

»Fräul'n Karolin, woll'n S' vielleicht das Blaue vom Himmel obischau'n? Es is nix zum seg'n drob'n, herentgeg'n desto mehr herunt' auf Ihnerer Arbeit. Unser Herrgott siecht liaber an' demütigen Blick nach unten, als daß ma eahm so frech ins G'sicht schaut. Bet' und arbeit' – das war allweil mei Losung. Und der Herr hat mir's reichlich zahlt. Sunst sitzert i net da in an' so an' christlichen Haus.«

Poldi war sich bisher dessen nicht bewußt, worin das Aufreizende aller Reden des Fräulein bestand. Sie fühlte nur etwas Niedriges, Hämisches, Giftiges. Sie lebte in der ihr anerzogenen Anschauung, daß alles Vorgesetzte eigentlich ein Teil Göttlichkeit sei. Aber heute hatte sie das Gespenst erwürgt, das Gespenst der unbedingten Unterordnung ohne Sinn und Verstand. Einer Unterordnung, die allein einer ausbeuterischen »Madame« und zu einem Bruchteil deren hündischer Kreatur zustatten kam.

Sie wunderte sich nur, daß die Folgen ihres Mutes nicht andere waren, denn sie hatte harte Worte gesagt.

Aber bei ihrer Klugheit konnte sie sich auch nicht verhehlen, daß bei einer geglückten Ausführung der Tat Rachels die Firma auf das unheilbarste kompromittiert gewesen wäre. Die Zeitungen hätten über das Motiv der unseligen Tat berichtet, die Kunden hätten sich vielleicht zu einem Teil zurückgezogen, kurz, Poldi hatte nicht nur allein ein Menschenleben gerettet, sondern, was für Madame wohl mehr war, einen Eklat verhindert.

Nun strebte sie nach Hause. Unterwegs wollte sie für Katherl etwas zum Naschen kaufen. Da erinnerte sie sich ihrer geleerten, schmalen Börse. Aber kein nachträgliches Bedauern, wie wir es oft nach dem ersten Überschwang der Geberbegeisterung tun, ließ sie an sich herankommen.

Wenn auch die Ausgabe für Poldis bescheidene Verhältnisse eine empfindliche war, so entschädigte sie der Gedanke an den für wenigstens einen Tag gestillten Hunger der Kinderschar. Also schritt sie mutig und leichten Herzens weiter und war eben in der Durchquerung des Resselparkes begriffen. Da hörte sie in ihre Versunkenheit eine Stimme dringen.

»No, schöne Fräul'n, wo ras'n ma denn um dö Zeit umeranand?«

Vor Poldi stand Schani, der Bruder.

Es waren keine guten Blicke, mit denen sich die Geschwister ansahen.

Schani war das geworden, zu dem ihn ein Teil Naturanlage, ein Teil verwahrloster Erziehung gemacht: ein Plattenbruder. Der ganze Habitus kennzeichnete ihn als solchen. Das goldene Ohrringlein im rechten Ohr, eine karrierte Hose, ein Samtrock, detto Gilet, eine protzige goldene Uhrkette, ob echt oder unecht bleibe unentschieden, blank lackierte Schuhe und der bekannte, wie gefürchtete grünplüschene Hut. Am meisten jedoch kennzeichnete ihn der kalte, nichts schonende Blick des Strolches, der unbarmherziger blitzt als der Stahl, den er rücksichtslos in den Leib des Nächsten stößt, ohne Zorn, ohne Haß, ohne jede Erregung, nur um »a Hetz« zu haben oder aus Eitelkeit, um seinen Namen zu einem gefürchteten zu machen.

Längst schon wußte Poldi um das Schicksal dieses verlorenen Sohnes der Familie. Er war der Chef einer gefürchteten Margaretener Platte und dankte seinen Rang vor allem seiner unleugbaren, mädchenhaften Schönheit, die Dirnen aus Eifersucht in blutige Raufereien verwickelte, dann aber seinem kalten, grausamen Sinne, der, mit gutem Beispiel vorangehend, seine Horde stets mahnte: »Nur a Herz hab'n«. Und dieses liebliche Wort hatte in solchem Munde eine unheilvolle grausame Bedeutung. »Ein Herz haben« hieß nichts anderes, als die Herzlosigkeit besitzen, einem anderen das Messer ohne Bedenken in die Rippen zu jagen.

Bis jetzt war Schani noch nie als Messerstecher eruiert worden. Er und seine Bande besaßen eine fast tückische Schlauheit. Das Messer, das eine Tat vollbracht, wurde niemals bei ihm gefunden. Er bewies, daß er nur zum Brotschneiden sich eines »Gulitschkas« bediene, eines Messers primitivster Sorte, das, aus schwachem Eisen, in einer hölzernen, rotangestrichenen Scheide steckt, wie es herumziehende Slowaken feilbieten und wie man es ohne allzu große Besorgnis einem Kinde in die Hand geben könnte. Obwohl die Polizei stets auf den Richtigen riet, konnte man ihm nichts anhaben.

Also Poldi wußte schon um die Qualitäten ihres Bruders, dessen in der Familie auch nie Erwähnung getan wurde, und ging mit stolz abgewendetem Haupte an ihm vorüber.

Hatte Schani die Verleugnung durch seine Schwester boshafterweise vorausgesehen oder fühlte er sich wirklich in dem gekränkt, was er Ehrgeiz zu nennen liebte, kurz, er schritt Poldi nach.

»Wannst d'r net auf d'r Stell' stehn bleibst, d'rlebst was von mir, daß d' di net umschau'n brauchst.«

Poldi, erschreckt durch die Drohung, die einem angekündigten Straßenskandal glich, blieb stehen. Dem Bruder entging ein Zittern ihres Körpers nicht und er lächelte voll Befriedigung über sein, wie er vermeinte, herrscherhaftes Wesen. Er war gewohnt, Frauen vor sich zitternd stehen zu sehen. Freilich, was er unter Frauen verstand . . .

»Was willst eigentli von mir?« fragte Poldi, mit noch mehr Verachtung in der Stimme, als in ihrem Abwenden gelegen war.

»Was i will? Daß d' dein' Bruadan auf d'r Gassen anständig dankst für an' Gruaß. Dös will i. Und dann möcht' i wissen, was du um dö Zeit in dem Park umanandz'dübeln hast? Hast vielleicht a Randewuh mit dem langhaxeten G'stell, dem i amal in Wurf gib, wann i eahm no amal begegn'n, daß er kopfsteht am Trottoar oder auf d'r Straß'n – is ma all's an's. Alsdann sag', wo hatscht' denn in ganzen Tag umernanda? Is's mit'n G'schäft scho Habe die Ehre?«

Poldi starrte ihren Bruder durchdringend an.

»Wann jetzt i amal frag'n därf . . . Was treibst denn du den ganzen Tag? Für an' Cabskutscher is die Uniform zu schön. Möcht'st mir vielleicht Auskunft geb'n?«

»Dir? I . . . dir? Daß i net lach'! I, a Mann wir scho amal an' Weibsbild a Auskunft schuldi sein. Wo's d' in ganzen Tag umanandschlampst, möcht i wissen.«

Poldi wendete sich um und schritt weiter. Nicht Furcht, sondern Ekel trieb sie hinweg. Aber Schani, der plötzlich ein höheres Moralitätsgesetz entdeckt hatte, war nicht willens, sich so ohne weiters abschütteln zu lassen »wia a Bua«. Er faßte Poldi am Arme.

»Stehn wirst bleib'n, wann i mit dir red', Besen ölendiger. Manst eppa, weilst mei Schwester bist? In der Art kenn i kan' Schiedunter. A Weibsbild wia d' andere is a Karnalli. Wo hast denn dei Büachl, Strichmensch, ha?«

In dem Augenblick fühlte er eine Hand, die sonst so lind und leicht und liebevoll war, schwer auf seiner Wange. Poldi hatte zugeschlagen, ohne Besinnen, fast ohne Erregung. Sie glich dem kaltblütigen Duellanten, der seiner Ehre das Leben opfert. Und Poldi hielt ihre Ehre selbst den Anwürfen eines verrohten Bruders gegenüber für zu hoch, um sie nicht nachdrücklichst zu verteidigen. Der größte Schimpf, der einem ehrenhaften, braven, auf seinen Ruf bedachten Mädchen angetan werden konnte – der eigene Bruder hatte ihn ihr angetan. Waren die Bande geschwisterlicher Zärtlichkeit stets nur allzu lose gewesen, in dieser Sekunde waren sie vollkommen gelöst.

Schani war vor dem Schlage einige Schritte zurückgetaumelt. So war er noch nie gezüchtigt worden. Obwohl er zurzeit gerade keinen Zeugen seiner Schmach ersah, tobte das verletzte Ehrgefühl, fast bis zum Wahnsinn treibend.

Von Schonung des zarten Geschlechts hatte er nie etwas gewußt. Da er das zweite Geschlecht nur als solches zu betrachten gewohnt war, fehlte ihm der Sinn der Ritterlichkeit, der eine Beleidigung seitens der Frau nie als solche empfindet, wie sie nur der Mann dem Manne bereiten kann.

Mit aller Wut der verbissenen, heimtückischen Memme, die nicht zwischen Beleidiger und Beleidiger unterscheiden kann, wollte er sich auf die Schwester stürzen, um nach seiner Weise seinem gekränkten Stolze Genugtuung zu verschaffen.

Aber wie die klatschende Hand unerwartet gekommen, ebenso unerwartet fühlte er sich im Genick gepackt, herumgedreht, gestoßen, gepufft und in weitem Bogen in das Gras der Anlagen gesetzt, daß er geraume Zeit sich gliederreibend von seiner Verblüffung erholen mußte.

Wer würde noch nicht aus einem schönen Traume zur rauhen Wirklichkeit erwacht sein? Aber wem jemals geschah es, daß der Traum im Wachen seine holdselige Fortsetzung fand? Dies war nun bei Poldi der Fall, die in ihrem Ritter niemand anderen erkannte, als ihren Tischherrn der heutigen Festnacht, den reckenhaften, siegfriedsgleichen Sänger, dessen Melodien noch immer im Ohre nachklangen.

»I glaub', der hat für a klane Weil' g'nua,« sagte Herr Julius, auf Schani deutend, der sich eben von seinem Rasenfleck erhob. »I bin grad z'recht 'kommen, wia mir scheint. Solche Pülcher g'höreten wirkli für lebenslänglich unschädlich g'macht.«

Schani, der es nicht für geraten hielt, an Ort und Stelle Rache und ritterliche Genugtuung zu nehmen, zog es vor, von weitem seinem Besieger und seiner Schwester die wüstesten Schimpfworte zuzurufen. Das Lexikon der Plattenbrüder ist an solchen ja so unendlich reich.

Julius hatte die Absicht, Schani zu verfolgen, zwecks einer ausgiebigeren Züchtigung. Doch Poldi faßte seinen Arm.

»Net! . . . Lassen S' ihn laufen . . . es is mei Bruada.« Das erschreckte Staunen in des Retters Antlitz war ein so unzweideutiges, daß Poldi vor Scham über und über rot dastand, als wäre die nahe Verwandtschaft eine von ihr heraufbeschworene Schuld.

»Pardon, Fräul'n, wann i das g'wußt hätt' . . .«

»Bitt' Ihner . . . nur ka Entschuldigung! Für das, daß a Bruada a Fallot is, kann i nix. Die Schand' g'spür' i mehr, als i sag'n kann. Oh! . . . Was müassen S' Ihner denken von meiner Familie . . .«

Herr Julius, der sich von seiner Verblüffung erholt hatte, warf einen Blick auf das schöne Mädchen und erklärte dann ritterlich:

»Nix denk' i, Fräul'n. Es gibt weit bessere Häuser, wo so a Ausbund is. Mit Ihner kann ja die ganze G'schicht' nix z' tuan hab'n. Da stengan S' ja viel zu hoch drüber. Aber so a schöner Zufall . . . Daß i Ihner heut siech – meiner Seel', das hätt' i mir net im Tram einfall'n lassen. Haßt im Tram . . . i hab' heut no ka Aug' zuag'macht, jedenfalls so wia Sie.«

Poldi gestand mit einem leisen Lächeln zu.

»San S' dann vielleicht heut do a bißl marod?« forschte Julius mit Teilnahme. »Wissen S', i frag' grad . . .«

»Weil S' glaub'n, i sollt' im G'schäft sein? Na – entschuldigen S' Ihner net. Aber der heutige Tag hat sei' Bewandtnis.«

»Erlaub'n S', Fräul'n, daß i Ihner begleit'? Mir können ja im Gehn aa ganz guat red'n. Und übrigens – wer waß denn . . . Ihner Herr Bruader . . .«

»Gengan S' . . . Reden S' von dem net! I möcht' mi aa gar net fürcht'n vor eahm. Aber – im Gehn können ma ja aa plaudern, wia S' manen.«

Und Poldi und ihr Ritter traten mitsammen den Weiterweg an. Dann erzählte Poldi von den heutigen Ereignissen.

Es war ein Weg wie damals mit Julius dem Ersten. Nur in einer Vormittagsstunde. Aber wie ganz anders war alles! Mit welcher Ergriffenheit folgte der heutige Julius den Schilderungen seiner Begleiterin! Seine warmherzige Anteilnahme kannte keine Grenzen.

Er war voll Impuls und vergaß fast seiner schönen Erzählerin. In ihm lebte der wirkliche Künstler, nicht der gequälte, verseschreibende, nach Sensationen lüsterne jener Kreise, die es den Ihren gestatten können »Künstler« zu spielen.

In Julius lebte das Volk, das gibt, was ihm Gott verliehen zur Verschönerung und zum Troste seinesgleichen. Ihm war die Kunst nicht »Selbstzweck«, wie dilettierende Muttersöhnchen aus feinen Familien gern beteuern. Ihm war die Kunst Brot, Erwerb, Mittel zum Zweck, leben zu können. Aber im Bannkreis dieses Zwecks war er Künstler durch und durch, weil er Mensch war und voll von dem würzigen Odem der Natur, den keine Salon- und Kaffeehausluft noch verdorben.

»Und Sie . . . Sie war'n dem armen Madl der Engel?«

»Gengan S'! . . . Schauert liab aus, wann a Engel mir gleichseg'n tät! Mein Gott . . . a G'fühl hat ma halt . . .« sagte Poldi lächelnd auf den enthusiastischen Ausruf ihres Begleiters.

»Ja, seg'n S' . . . das is's ja eb'n. Wann alle Leut' für anand a G'fühl hätten, leberten wir ja a so wia im Himmel. Aber es is guat, daß S' mir das erzählt hab n. Wissen S', i bin bei mein' Klavierspiel'n und mein' Singen bekannt wia 's schlechte Geld . . .«

»Oh! Sie . . .« lächelte Poldi.

»Und da hab' i viel Bekanntschaften. Zum Beispiel gleich bei der jüdischen Kultusgemeinde. Und and're aa no. Herentgeg'n, 's Weanaherz war' gar net so ohne, aber halt . . . Man waß net z'erst wohin, und dann is a viel Unfug bei all'm Wohltätigkeitssinn. Jetzt . . . mir zwa werd'n 's net ändern. Aber a bißl was tuan kann ja schließlich jeder. Und Sie, Fräul'n Poldi, hab'n heut mehr tan, als wia wann ana a paar lumpige Sechserln hergibt (Poldi hatte die Angelegenheit ihrer geleerten Börse verschwiegen); aber a Menschenleb'n hat, wia mir scheint, do aa a bißl an' Wert. Und wann's aa nur so a klan's z'nicht's Judenmadl war. Mensch is halt amal Mensch.«

Damit hatte sich Herr Julius auf das schönste einer einfachen Philosophie entledigt, deren wir uns im ganzen zu wenig bewußt sind.

Die lange Strecke bis zur Nähe von Poldis Haus war im Nu verplaudert. Was heute nacht begonnen war an Sichkennenlernen und Erfahren der gegenseitigen Verhältnisse, fand auf diesem für beide so kurzen Wege ihre Vollendung.

Am Anfang der Straße trennten sie sich. Kein Wort von einem Wiedersehen war gesprochen worden. Julius der Zweite war kein Eroberer im Sinne Julius' des Ersten. Er gab sich nicht einmal Rechenschaft darüber, daß die Bekanntschaft des schönen Mädchens mehr Eindruck auf ihn gemacht als die so vieler anderer, körperlich gleich schöner Mitschwestern desselben. Es war etwas in seiner so kurz gefaßten Zuneigung gelegen, das mehr an Freundschaft und Kameradentum mahnte als an die Zuneigung des einen Geschlechts zum andern.

Aber nichtsdestoweniger wußte er nun doch genau, ohne alle wissentliche Verabredung, wann er gelegentlich seiner jungen, schönen Freundin über den Weg geraten konnte. Beide hatten ganz unschuldigerweise eine Diplomatie verfolgt, die im Gegensatz zur zünftigen, politischen stets noch von Erfolg begleitet war.

Julius hatte möglichst harmlos nach der täglichen Route geforscht und Poldi hatte ebenso harmlos den Weg bis auf jedes Gäßchen genau beschrieben, den sie zu nehmen gezwungen war . . .

Aber war Poldi ihrem ersten Idol nicht ungetreu? Hatte sie sich nicht zu dem Schwur verstiegen, jederzeit sein Andenken aufrechtzuerhalten? War die Rose wirklich schon vermodert, im hintersten Winkel der Schublade? Stieg kein interessantes, blasses Dichterantlitz empor aus dem Dämmer einer nicht allzu lange entschwundenen Vergangenheit? . . .

Ich würde Poldi unrecht tun, wenn ich sie auf das Blatt eines Familienblattromanes setzte. Den Kindern des Volkes wird die Sentimentalität nie gefährlich. Man ist zu sehr bemüht, selbst ihre heiligsten Gefühle zu töten in Sorgen, Entbehrungen, im Jammer des Alltags.

Und mit dem Andenken an Julius, den Dichter, hatte sich Poldi zu der Stunde abgefunden, wo sie es symbolisch mit der zum Welken bestimmten Rose begrub. Ein unnützes Trauern liegt den Töchtern der »niederen« Kreise fern. Das Leben stellt in jeder Beziehung so harte Anforderungen an ihre Willens- und Entsagungskraft, daß eine erste Liebe kaum weite Kreise ziehen kann.

Sie bleibt wohl den Sinnen wie eine vor langem gehörte liebliche Melodie, der man sich manchmal mit Rührung erinnert, die aber an dem Gange des harten, mitleidlosen Lebens nicht eine Linie zu rücken vermag.

Als Poldi nach Hause kam, fand sie Reserl und Katherl vor, die von einem Feigenkranz die Früchte abzogen. Der unglückselige Herr Müller war seit zwei Tagen, von Samstag abend gerechnet, nicht nach Hause gekommen. Er lag in seinem Bette in der dumpfen Betäubung übermäßig genossener, feuchtfröhlicher Begeisterung. Er hatte diesmal sogar die gewohnten Kanditenschachteln entweder nicht mehr kaufen können, oder er hatte sie verloren. Denn nichts weiter als zwei Feigenkränze hatten aus seinem Rocksack gelugt.

Jedenfalls war er durch Poldis Eintreten in die Küche aus einem durch Selbstvorwürfe erfüllten Schlummer geweckt worden, denn er fing, wohl in der Meinung, Frau Schaumann sei draußen, zu lallen an:

»Muatta – i – bin – a Viech! . . . Verzeihn S' ma's no – no – das anemol. Kan' Knopf hab' – i mehr – i – i Viech, i ölendigs. Muatta . . .«

Aber sein Appell an die Nachsicht der Mutter verhallte ungehört, vielmehr unbeachtet. Katherl und Reserl staunten ihre Schwester wie etwas Unleibliches an. Um diese Zeit war Poldi zu Hause?

Reserl, die für jede Situation einen treffenden Ausdruck fand, fragte ungeniert:

»Ham s' di aussig'schmissen vom G'schäft, weilst scho daham bist?« Dann ihrer gesanglichen Illustrierungskunst nachgebend, gellte sie:

»An' so an' Wurf, daß mar die Haxen streckt . . .«

Die Lieblichkeit von Reserls Anschauung über die frühzeitige Heimkunft Poldis fand weder Anklang noch Beachtung, denn Poldi stand unter dem Eindruck einer kaum verrauschten Stunde und dem eines glücklich abgewendeten Unheils.

Alles schlang sich förmlich ineinander. Hochzeitslust, Musik, süßer Gesang, eine hünenhafte Gestalt, ein frostiger Morgen, ein kleines, blasses, verängstigtes Judenmädchen, eine entsetzliche Minute und so fort, bis wieder der Sänger aufgetaucht war und bis zum Augenblick seinen Platz in dem Sinnen des Mädchens behielt.

»Wo is d'r Vatta?« fragte Poldi, um sich dem Verwundern der Schwestern etwas zu entziehen.

»Drin schlaft er,« antwortete Katherl. »Waßt,« fuhr sie fort, »er schlaft jetzt immer. Es g'freut eahm ka Aufstehn mehr, hat er 's letztemal g'sagt; er will nix mehr wissen von der Welt, hat er g'sagt, und dann hat er g'mant, so a Unkraut wia er g'hört net auf d' Welt. Was sagst da dazua, Poldi?« forschte Katherl mit vor Teilnahme sehr ernst gewordenem Gesicht.

Poldi sagte nichts. Ein Traum, der sich in die Wirklichkeit gerettet zu haben schien, verschwand wie eine rosige Wolke im Abendsturm. Festgeschmiedet wie an einen Fels stand Poldi da, und ihre sehnsüchtig ausgebreiteten Arme galten nichts anderem als dieser rosenroten, flüchtigen, sich rasch in fahles, häßliches Grau verwandelten Wolke. Und das tapfere Mädchen ließ wohl zum erstenmal trostlos die Arme und das Haupt sinken und grübelte wohl zum erstenmal so recht, recht tief über das Thema:

»Warum muß die Armut sein?«

Wahrhaftig – den Besten und Edelsten tritt einmal die Versuchung an: zerstöre, morde, vernichte! Nicht wahllos, sondern mit Bedacht.

Aber Poldi war ein ebenso kluges wie tapferes und mitleidiges Mädchen. Sie nahm das Leben, wie es Philosophen zu nehmen pflegen, als etwas Gegebenes, mit dem sich abzufinden der Gegenseite eine Position zu nehmen heißt. Der Fels bleibt starr, wenn man ihn mit dem Anrennen des Kopfes zu bezwingen vermeint. Aber es gibt etwas, was den dräuendsten Felsen im Laufe der Zeiten bezwingt: unablässige Ausdauer, der nie ermüdende Kleinkrieg der Massen gegen das scheinbar so Festgefügte, Unabänderliche; der lautlose und aller Ansicht nach jeder Siegeshoffnung bare Kampf, den winzige Organismen gegen den körperlich ungeschlachtesten Gegner führen und in dem sie diesen zu Falle bringen.

Wie Güte und mitleidsvolle Nächstenliebe und die einfachste Liebe, die zur Familie, einen winzigen Baustein zum Glück der Allgemeinheit tragen können, dessen war sich Poldi spekulativ nicht bewußt. Sie handelte, wie es ihrem Herzen entsprach, und tat damit viel mehr, als es große Worte vermocht hätten. Sie kannte noch nichts von einer Organisation der Kräfte im Hinwirken auf ein großes Ziel. Sie lebte von der Klasse losgetrennt und tat deshalb doch nichts Geringeres, als an dem Kulturwerk der wahrhaften Menschwerdung mitzuwirken. Ob ein Wirken bewußt oder unbewußt ist, bleibt sich für den Endzweck ganz gleich.

Poldi hatte also nur einen Augenblick mutlos die Arme sinken lassen. Aber ihr von allen Eindrücken der vergangenen Nacht und des heutigen Tages erregtes Gemüt schmolz dahin in einem unendlichen Mitleiden mit dem armen Krüppel, den nicht sein körperlicher Fehler, sondern den das Bewußtsein seiner Unnützheit innerlich zerfraß.

Sie öffnete, nachdem sie die Schwestern zur Ruhe angewiesen, die zum Zimmer führende Tür. Auf dem alten, häßlichen Sofa schlief der Vater. Poldi blieb plötzlich im Weiterschreiten stehen. Das unbarmherzige helle Tageslicht zeigte ihr den Schläfer in vollster Deutlichkeit. Kein einziges Zeichen der Verwüstungen des Kummers und eines verzweiflungsvollen Leides blieb ihren Blicken erspart. Die Wangen schienen noch hohler als sonst, die Farbe noch bleierner, die Falten und Furchen noch vertiefter und der wehe Zug um den Mund noch herber.

Eine Weile stand Poldi mit gerungenen Händen da und starrte auf den Vater. Wie Reue stieg es in ihr auf, daß sie es sich gestattet hatte, eine ganz kleine, kleine Weile glücklich zu sein; daß sie vor kurzem an einem kindischen Schmerz getragen, der ihr in diesem Augenblick unendlich albern, ja roh vorkam.

Dieser arme, geknickte, unselige Proletarier, dieser wider Willen aus allem Wirken ausgeschaltete Held der Arbeit, dieser Märtyrer des Bewußtseins, ein nicht nur unnützes, sondern geradezu hinderndes Element seiner Familie zu bilden – erschütterte Poldi durch seinen Anblick dermaßen, daß ihre heute schon an reichlichen Tränenverlust gewohnten Augen sich abermals füllten.

Der Schlafende war durch den Eintritt der Tochter, durch das leise Rauschen ihres Kleides erwacht und begriff nicht gleich die Situation. Auf seinem einen Arme richtete er sich empor und starrte das Mädchen an.

Er war um diese Zeit deren Anblick nicht gewohnt und mit der abgeschüttelten Schlafsucht regten sich Befürchtungen, denen Reserl so taktvollen und künstlerischen Ausdruck gegeben. Poldi begriff voll Zartgefühl. Daher beruhigte sie gleich den Vater.

»An' Extrafeiertag hab' i heut, Vatta, und i wir dir's gleich erzähl'n. Aber bleib' nur lieg'n und laß di net stör'n. I werd' derweil draußen in der Kuchel was richten.«

»Na laß nur, Poldi,« sagte Schaumann, der sich nun zurecht gesetzt hatte, »du waßt, daß i grad nur aus Zeitlang schlaf'. Was sollt' i denn sonst tuan?« fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu.

»Aber, Vatta, a bißl Freud' am Leb'n hab'n. Net so nachgeb'n . . . Net so verzweifelt sein, Vatta. Schau, es is so viel Elend in der Welt, daß ma wirkli net waß, wer am meisten zum trag'n hat.«

»I waß, wia i an mein' zum tragen hab',« murmelte der Vater voll traurigster Resignation.

»Net wahr is 's, Vatta, daß du der Ärmste bist. Schau, andere an deiner Stell' nehmen's net so fürchterlich wia du. Was für Leut' kräuln in die Gassen umeranand und san kreuzfidel dabei!« Poldi hatte mittlerweile ihren Hut und die leichte Jacke abgelegt und war an den Vater herangetreten, den sie mit einem Arme umfing, indes sie ihm mit der rechten Hand liebevoll über das schüttere Haar strich.

»Andre und i . . . O net, Poldi, weg'n mir, daß i a Krüppel bin. I gebert no an' oder alle zwa Füaß' her . . . Aber . . .« – und hier brach ein Schluchzen die Stimme des armen Mannes – »daß i das all's mitanseg'n muaß, die Mutter . . . di . . . die zwa Klan', wia's ös alle z'grund' gehts, du und die Mutter mit'n Arbeiten und die Kinder an Verwahrlosung. Und i muaß Tag für Tag zuaschau'n und kann net helfen. Polderl, i kann net helfen. O Gott! O Gott! Wann mi zwanzig Leut' z'ruckhalterten und ma werfert euch vor meine Aug'n in a brennend's Haus . . . es war' aa net viel fürchterlicher.«

»Aber Vatta, Vatta!« sagte Poldi erschreckt über einen solchen Ausbruch der fürchterlichsten Verzweiflung. »Was san das nur für Reden? Geh, geh! Sixt, das kummt nur von dein' ewigen Simulier'n. Geh a bißl hinaus, kauf d'r a Glasl Bier oder Wein, les' a paar Zeitungen! Aber net zu die Leut', die manen, sie tan dir was Guats an, wann s' dir was zum Trinken zahl'n, wo du ja do nix g'wöhnt bist. Schau', Vatta, sei g'scheit. Du tät'st es do aa für dei Familie. Mi g'freuert 's Leb'n nomal so viel, wann i wußt', du bist glücklich mit uns.«

Ein so jammervoller Blick traf die Tochter, so voll von Aufgeben jeder Glücksmöglichkeit, daß das zärtliche, warmherzige Mädchen ihn verspürte, als wäre es ein Stahl, in ihr Herz gebohrt. Aber tapfer widerstand Poldi der Rührung, nur zärtlicher schmiegte sie sich an den armen, unglücklichen Mann.

»Poldi,« sagte endlich Herr Schaumann, und aus seinem Auge rollte Träne um Träne, »waßt – wann i halt nimmer war' . . .!«

»Bitt' di, Vatta – versündig' di net! Unser Herrgott wird wissen, wia lang du leb'n sollst.«

»Na, na, Poldi. Wann er's wußt', hätt' er mi net so g'straft. Aber i bin a unnötiger Mensch, a Last für euch. Wann mi an's anschaut, glaub' i immer, daß er si hamli fragt: Is der aa no da? Poldi – mein' an' Arm no – a jede Stund' verfluacht, in der i net arbeiten tät für euch! I siech den ganzen langen Tag so viel's, was i vielleicht sunst net seg'n tät'. D' Reserl und d' Katherl – o Gott! o Gott! Dö verwahrlosen vor meine Aug'n und i kann, i kann net helfen. Vom Schani mag i gar nix reden . . . Aber aa er hätt' net so werd'n müass'n, wann die Verhältnisse andere g'west wär'n. Wia i no a Mann war, da hätt' i die Pflanzerln z'recht richt'n können. Die Pflanzerln – dö i in d' Welt g'setzt hab'. Waßt, a Arbeiter is förmli a Verbrecher, wann er so a Kinderzahl in d' Welt setzt. Für wem denn? Für die Fabriken oder Bordellhäuser oder fürs Kriminal und wann's guat geht, fürs Spital, wo er wenigstens in Ruah' sterb'n kann.

»Poldi, heirat' amal kan' Menschen, der nur auf seine zwa Händ' zum Verdiena ang'wies'n is. Liaba heirat' gar net, verdienst dir dein's und ersparst d'r was. 's Spital kummt allaweil no zeiti g'nua, aber es muaß do leichter z' gehn sein, wann ma waß, mit dir is's ganz allani aus. Du laßt ka Bruat z'ruck, die durch lauter Elend . . . Poldi! . . .«

Es ist für tapfere Naturen leichter, selbst zu leiden, als leiden zu sehen. Und Poldi litt jetzt so unsäglich, daß sie glaubte, es müsse ihr das Herz zerspringen. Sie konnte nichts anderes, als immer wieder das kahle Haupt des Vaters streicheln und Worte des Trostes stammeln. Worte des Trostes, die sie zur Stunde selbst so nötig gehabt hätte.

Julius eins und Julius zwei! In diesem Augenblick war es, als hättet ihr nie existiert. In diesem Augenblick rangen sich Gelöbnisse zum Himmel empor, die von einer so reinen, zarten, hingebenden Liebe eingegeben wurden, wie sie keine, auch die reinste, sinnliche Liebe nicht zu diktieren vermöchte.

Aber Poldis vorgesetzte Tapferkeit rang sich siegreich durch. Sie vermochte sie selbst zu einem Tone scherzhaften Vorwurfs.

»Geh! . . . Is das die ganze Freud', die du an' machen kannst, wann ma unausg'schlafener von aner Hochzeit kummt? Sixt . . . der Annerl ihr Mann hat aa nur zwa Händ', und was für Händ' . . . Aber die hat 's Leb'n so g'freut und i waß 's, die wird's immer freu'n, i glaub', wann er si amal beim Fleischhack'n alle zwa Händ' weghaut.«

Reserl und Katherl, die inzwischen mit ihrem Feigenkranz sowie den Tröstungen des Herrn Müller, der unter Schluchzen eingeschlummert war, endlich zu einem endgültigen Abschluß gelangt waren, stürzten nun plötzlich herein und machten der Unterredung ein Ende. Vorher schon hatte sich Reserl in der Küche nochmals zur Erprobung ihres Stimmaterials geübt: »c d e f g a h c . . .« Offenbar fürchtete sie, durch den Genuß des vielen Essens der italienischen Frucht den lauteren Schmelz des Organs beeinträchtigt zu haben.

»Gelt, Poldi, jetzt derzählst, wia die Hochzeit war.« Und Poldi, ergriffen von den Erinnerungen einiger Stunden, die in ihrer natürlichen Knappheit der Aneinanderreihung so vieles an Ereignissen bargen, kam dem Wunsche entgegen und erzählte. Erzählte von aller Festesfreude und Lustigkeit, allem Lachen und Sang und endete mit der tieftraurigen Geschichte der kleinen Rachel.

Daß Poldi manches in ihrer Erzählung verschwieg, soll nicht auf Hinterhältigkeit und mangelnden Sinn für Wahrhaftigkeit geschoben werden. Aber wer wollte auch Dinge gestehen, die man sich selbst noch nicht einzugestehen wagt . . .

Die beiden Schwestern lauschten je nach Temperament und seelischer Veranlagung. Reserl ließ sich aufs eingehendste die Toiletten der Braut und der Kranzeljungfrauen beschreiben. Dann brachte sie ihr Interesse dem gesanglichen Teile des Abends entgegen. Auch dem Bilde des schönen Sängers folgte ihre Phantasie.

Für Rachels fürchterliche Absicht jedoch fehlte ihr alle Teilnahme, ebenso für die Beschreibung des häuslichen Elends der Judenfamilie. Desto mehr erwärmte sich Katherl für diese Schilderungen, bis sie plötzlich in ein lautes Weinen ausbrach.

»Warum wanst denn?« fragte Reserl.

»Na, über das arme Madl, das beim Fenster hat aussispringen woll'n.«

»Geh', du Aff'! War' s' g'sprungen! War eh nur a Jüdin. A Nähmamsell . . . I bitt' di! Wann s' no a Künstlerin g'wesen war'! . . .«

Poldi wendete sich voll Entrüstung der Schwester zu.

»Laß mi so was nimmer hör'n! Was verstehst du von an' Elend? Da sixt erst, wia guat als 's dir no geht. Sollt'st unserm Herrgott dankbar sein, daß d' es no so hast. Ma find't immer no Menschen, denen 's weit schlechter geht.«

»I dank' schön für a so a Guatgehn. Wann man das aa schon Gutgehn haßt, dann – habe die Ehre! Wia mir gebaut san, rechna ma auf was Besseres.«

»So? . . . Und was war' denn das Bessere?« fragte Poldi mit leichter Ironie.

»Ah! Mit dir red' i da drüber nix. Du verstehst von so was ja gar nix net.«

»No, i man', a bißl versteh' i scho aa was. Wußt aber wirkli net, wia das Besserwerd'n amal ausschaun kunnt, wann net durch Fleiß und Arbeit.«

Reserl zuckte unmerklich verächtlich die Schultern.

»Oder,« fuhr Poldi in ihrer Inquirierung fort, »glaubst wirkli, daß dei Plärrerei, dös d' für a G'sangl ausgeb'n willst, dir anmal an' Berg von Gold eintragt? Täusch' di net, mei Liabe . . . Die Goldberg' san in unserer Zeit recht klanwunzige Häuferln. Und so viel i versteh', muaß a Stimm' scho recht außerg'wöhnlich schön sein, so schön – wia . . .« Poldi brach ab, da sie sonst vielleicht zu einem verräterischen Vergleich gelangt wäre.

Zum zweitenmale hatte sie unabsichtlich Reserl in ihrem eingebildeten, vielmehr ihr eingeredeten Künstlerstolz getroffen; bekanntlich die tödlichste und am wenigsten verziehene aller Beleidigungen.

Reserl ward blutrot im Gesicht.

»I wir dir's schon amal beweisen . . . Justamend! justamend! Dann wirst spitzen. Aber i wir di so weni anschau'n, als obst net auf d'r Welt warst. Und wannst auf die Knia vur mir liegerst, wann i in d' Eklipasch oder ins Automobül steig' . . . Justamend net!« kreischte Reserl mit aller Grellheit, die ihr zu Gebote stand.

»Du!« sagte Poldi erzürnt.

»Justamend! Justamend! Justamend!« Dann schnitt sie eine höhnische Grimasse und stob zur Tür hinaus.

Poldi wendete sich an den Vater.

»Sag' mir nur . . . was is denn . . . was is denn dem Madl in Sinn kommen? Is die Narrheit no net aus? Ja, glaubt der Batsch wirkli, was ihr a zwa verruckte Urscheln eing'red't hab'n? Für so was muaß i die zwa jetzt halten. Jedenfalls a paar verruckte Schauspielerinnen, die . . . oder am End' . . .«

Schaumann sah die Tochter ungewiß an.

»Sag's nur weiter. Ja, das fürcht' i selber. Das is mei Sorg' und mei Angst.«

»Aber um Gotteswill'n,« sagte Poldi erbleichend. »Du manst wirkli . . .?«

»Man lernt gar viel's glauben. I six, wia's kuma kann, aber was willst tuan dageg'n?«

»Das sagst mir heut erst? Ja, Vatta – und du red'st so daher. Was man tuan kann dageg'n? Es is do dein Kind. Aber Vatta – Vatta! . . .«

Schaumann ließ wie vernichtet den Kopf sinken. Er fühlte den Jammer seiner Schwäche, seiner Unfähigkeit und ward sich zum erstenmal voll ihrer Unwürdigkeit bewußt. Sein Leid war angekränkelt von Egoismus gewesen. Er hatte nur über sein Unglück gestöhnt und es teilnahmslos angesehen, wie er die von ihm Erzeugten, Unschuldigen mit in die Hölle seiner unmännlichen Verzweiflung riß.

»Da muaß do was g'schehn,« sagte Poldi nach einer langen Pause. »Die zwa Prinzessinnen oder Fürstinnen muaß i ma anschau'n. Heut hab' i grad die rechte Zeit dazua. O Vatta – wannst früher was g'red't hätt'st! Geh, Katherl,« forderte sie die Schwester auf, die voll Unverständnis gelauscht, »geh hinunter zu die zwa Fräul'n und sag', i möcht' gern an' Besuch machen. Zuvor soll aber d' Reserl heraufkommen. Sag' nur, sie braucht net glei so beleidigt sein, und i will nur desweg'n mit die Fräul'n reden, ob's wirkli wahr is, daß s' so a Talent zum Singen hat. Sonst brauchst di aber net aufhalten und nix red'n von dem, was i und der Vatta g'red't hab'n.«

Katherl gehorchte eilig. Nach einer kleinen Weile, die der Vater und Poldi stumm verbrachten, erschien sie wieder und meldete, daß in der Wohnung der Sängerinnen niemand daheim sei. Jedenfalls wäre Reserl in den Park gegangen, von wo sie zu holen die kleine Schwester sich erbot.

Zehntes Kapitel

Zwei Fürstinnen erscheinen in bedenklicher Beleuchtung. Wie man die »Plebs« zum besten halten kann. Ein dummer Falter kreist um das Licht.

Katherl war eine keineswegs scharfsinnige Botschafterin gewesen, sonst wäre ihr nach ihrem Anklopfen aufgefallen, daß sich schleichende Schritte der Tür näherten, daß sich der Schieber eines »Guckerls« verschob und ein spähendes Auge sich an den Spalt drängte . . .

Aber drinnen im Zimmer saß Reserl und vergoß Tränen der Wut, indessen eine der »Fürstinnen« bemüht war, sie zu trösten. Die andere »Fürstin«, die nach dem Anläuten Katherls hinausgehuscht war, kehrte bald zurück mit der Botschaft, daß nun die Luft rein sei.

»Sie dürfen hier nicht bleiben, liebes Kind,« sagte die eine Schwester. »Man würde glauben, wir wollten weiß Gott was von Ihnen. Mon Dieu – ein gutes Werk, das wir der Kunst zuliebe an Ihnen zu tun beabsichtigen . . . Aber Sie mit Ihrer Familie entfremden . . . Um keinen Preis! Wie schade! Das Gold in Ihrer Kehle . . . Nun, Wera, ich denke, wir taten doch nichts Unrechtes?«

Die Frage galt der Schwester, die lebhaft antwortete. »Nein, Odalska, wir können uns jederzeit rechtfertigen. Sagen Sie, liebste kleine Resi, haben wir je was anderes gewollt als Ihre künstlerische Ausbildung und Zukunft?«

»O na,« heulte Reserl, »aber der Trampel ob'n (damit war Poldi gemeint) will nix wissen von aner Kunst. Weil s' selber nix versteht von an' G'sang, will ma dös Luada mei Existenz verruinieren. I sollt aa a so a Nahterin werd'n wia sie. Jessas, bin i denn ganz verdammt auf der Welt, daß's grad mir so schlecht gehn muaß? Dös Gold in meiner Kehln,« wiederholte Reserl die so oft gehörte Phrase, »soll hin werd'n und i soll a g'wöhnliche Nahterin abgeb'n? In ganzen Tag die Nahmaschin' treten, daß an' die Haxen o'falln und daß ma brustkrank wird? Und der Genius in meiner Brust . . . das Schenie! O Gott! o Gott!«

Man sieht, daß Reserl schon gehörig präpariert war für den Aufstieg zu etwas Höherem. Sie hatte sich schon einem Genius in ihrer Brust angefreundet, dessen voraussichtlichem Verlust sie zur Stunde ohne Würde und Fassung gegenüberstand.

»Beruhigen Sie sich, ma chérise! . . . O Wera! Lassen wir doch die Kleine um Gotteswillen fort. Sie ist zu erregt . . . man könnte ihretwegen in mal crédit kommen. Gehen Sie fort, Süße,« wendete sich Odalska an Reserl, »wenigstens für eine Weile, und wir sagen nicht, daß Sie hier waren. Ja . . . wir sind überhaupt nicht zu Hause gewesen.«

»Mir is all's recht. Auffi geh i so bald net. Was sie nur dös Mistluada einbild't? Mei Kunst haßt s' a Plärrerei.«

»Ah! Wiederholen Sie ein solches Wort nicht! Wir nehmen uns nur solcher lieber, süßer Mädchen an, die ein Kapital in der Stimme tragen. Weinen Sie nicht so! Denken Sie, daß dies Ihrem Gesang schadet! Jetzt aber huschen Sie heimlich hinaus und sagen Sie nicht, daß Sie bei uns waren. Wie kommt es überhaupt, daß das Fräulein Schwester um die Zeit zu Hause ist?«

»Weil s' an' Sporn hat und a narrische Jüdin z'ruckg'halten hat, dö beim Fenster aussispringen hat woll'n.«

Reserl erzählte nun auf ihre Art von den heutigen Ereignissen.

»A so a Judenmensch is ihr mehr als i und mei Kunst!« schloß sie voll gerechtem Jammer.

Aber dann gehorchte sie dem Rate der beiden Pseudo-Russinnen, deren Wiege, wenn sie je eine solche besessen, weiß Gott wo gestanden, schlich sich über die Stiege, dann zum Tor hinaus und im Park fand sie Katherl, die, atemlos nach dem Verbleib der Schwester forschend umhergerannt war.

»Resi, d' Poldi fragt scho um di. Wo warst denn die ganze Zeit? I hab' di scho bei die zwa Fräul'n g'suacht, hat aber niemand aufg'macht.«

»Weil s' net daham san, du Mistmensch, du neugierig's. Wast hast du bei dö z'suachen?«

»No, d' Poldi hat mi g'schickt. Sie hat g'sagt, sie will si die zwa Fürstinnen amal anschau'n.«

»Nix wird s' tuan!« schrie Reserl aufgeregt und stampfte mit dem Fuße. »Die is ja gar net wert, daß s' nur bei der Tür einitritt. Die Fürstinnen schmeißen s' höchstens aussi, daß sa si d' Hax'n bricht. G'schechert ihr ganz recht!«

Katherl fühlte sich durch die Wut der Schwester eingeschüchtert.

»Waßt,« sagte sie nach einer Weile, »der Vatta und d' Poldi hab'n miteinand' so was g'red't, was i net verstand'n hab'.«

»Was hab'n s' g'red't?« forschte Reserl, der unheilvolle Gedanken über ihre künstlerische Zukunft aufzusteigen begannen. Poldi durfte um keinen Preis mit den Sängerinnen zusammenkommen, denn eine dunkle Idee, daß es mit der fürstlichen Herrlichkeit doch ein Häkchen haben könne, beherrschte sie schon längere Zeit. »Also, was hab'n s' g'red't?« wiederholte sie die Frage, da Katherl anscheinend gegen ein schlechtes Gedächtnis ankämpfte.

»Ja waßt, die Poldi hat die zwa Fräul'n frag'n woll'n ob's wirkli wahr is, daß du a so a Talent hast. Und du sollst nur hamkumma, sie will d'r nix in Weg leg'n, wann's a so is.«

Katherl hatte sich im letzten Moment nur des Auftrages an Reserl erinnert.

»Is das wahr?« fragte die arme, törichte Reserl mit vor Freude glühenden Wangen. »Is das wirkli wahr? Dann is die Poldi ja a Engel.«

Hätte sie eine Ahnung davon gehabt, in welcher Weise Poldi zurzeit ihre Engelrolle spielte! Gleich nachdem Katherl in den Park geeilt war, klopfte es an die Tür der Schaumann-Wohnung.

Ein offenbar der Arbeiterklasse angehöriger Mann bat um Entschuldigung über die Störung und rückte dann mit seinem Anliegen heraus. Er sei der Vater eines dreizehnjährigen, äußerst hübschen Mädchens, das, obwohl sich bisher keinerlei bedrohliche Zeichen irgendeiner Genialität gezeigt hatten, plötzlich daran sei, sich für eine künftige berühmte Sängerin zu halten. Kurz, die Diagnose der von plötzlichem Genialitätswahnsinn befallenen Tochter lautete so gleichartig mit der Reserls, daß Poldi nun wußte, woran sie war. Der Mann erzählte weiter, seine Tochter habe ihm gesagt, die Schaumann Resi, die im Hause der beiden Sängerinnen (angeblich von Rußland geflüchtete Fürstinnen) wohne, sei selbst Schülerin und daher komme er, der Vater, zu seiner Beruhigung mit der Bitte um nähere Aufklärung.

Poldi und der Vater sahen sich eine Zeitlang an. Die Sache hatte eine fürchterlich anschauliche Bedeutung erhalten. Poldi hatte doch schon einen zu tiefen Einblick in die Welt, um nicht die Gefahr zu erkennen.

Sie bot dem Besucher einen Platz an und dann teilte sie ihm ihre Besorgnisse mit.

»Wissen S', ans, was mir auffallt,« sagte sie nach einer eingehenden Besprechung, »is das, daß es lauter so Backfischerln und lauter saubere sein soll'n. D' Reserl hat in ihrer Dummheit oft was derzählt auf das i net so auf'paßt hab'. Aber jetzt kummt mir alles in an' andern Liacht vor. Sie erzählt, daß die zwa allweil davon red'n, daß in Rußland und in der Türkei Künstlerinnen mit Brillanten förmlich überschütt' werd'n, und solche Pflänz' no mehr. Wissen S', da kummt ma auf manche Gedanken.«

»Z'erscht wer i mit eahna red'n. Was s' so dummen Kindern weißmachen können, ziagt net bei mir,« erklärte mit ernster Stimme der Besucher. »I dank' Ihner schönstens, Fräul'n. Umasunst hab' i mir also die Zeit net freig'nommen, denn am Abend will i mi net eindrängen und aa dö zwa auspeitschten Fürstinnen dürften um dö Zeit – ka Zeit hab'n. G'spannt hab' i so was scho lang. Unserans lest aa seine Zeitungen und waß, wia die Madlfanger bei der Arbeit san. Jetzt schau i abi in 'n ersten Stock und weh' eahna, wann's a Hakerl hat.«

Poldi erklärte, daß ein Besuch zur Stunde keinen Erfolg hätte, da die beiden Damen nicht zu Hause seien. Ein bedauerndes Achselzucken seitens des Arbeitsmannes, das zum Teil Poldis Geistesschwäche gelten konnte, ergänzte die Antwort:

»Und wann i die Tür eintritt . . .«

»Dann begleit' i Ihna hinunter. I bitt' Ihna, nur ka Aufseg'n! Wann i mi net täusch', is d' Hausmasterin von dö zwa g'schmiert, daß s' ja ka unrechte, will sag'n rechte Auskunft gibt.«

»Mir liegt an mein Kind mehr als an an' Aufseg'n,« lautete die wenig verbindliche Antwort.

»Und mir grad soviel an meiner Schwester,« sagte Poldi mit einiger Schärfe. »Sie seg'n, daß i grad so dran bin, um der Wahrheit auf d' Spur z'kumma, wia Sie.«

»Entschuldigen S' vielmals, Fräul'n, wann i so ung'schliff'n daherred'! I waß ja, Sö san Partei da im Haus, und ma muaß Rücksicht nehma. Übrigens muaß so a Sach' in Ruah untersucht wer'n, sunst kunnt ma si blamier'n aa no.«

»No eb'n. Grad so was möcht' i net. Und zum Schluß, wir red'n grad so, als ob die ganze G'schicht'' scho erwiesen wär'. I möcht' do immer liaber glaub'n, die zwa san verruckte Theatergredln, die, weil s' selber schon nimmer recht ziag'n, gern Genies entdecken möchten. Aber ans versprich i Ihna, daß i der Sach' auf die Spur kommen werd'. Nur möcht' i do net gern vielleicht zwa ganz unschuldige Fräul'n mit an klan' Spleen im Kopf beleidigen, ohne daß i waß, ob i aa das Recht dazu hab'.«

Herr Handlgruber schien all das einzusehen, doch meinte er:

»Is 's wia immer . . . Wann mir aber a G'schicht' anmal in d' Nasen g'stieg'n is, so bin i vorsichti. 's Madl laß i vorderhand nimmer hergehn. Sicher is amal sicher. Ehnder soll ma das Kind no liaber sterb'n, so waß i do, wo's is, und i denk ma: is um a Engerl mehr. Wann's mi aa niederschmeißen möcht', denn i und mei Alte hängen an der Klan' wia nur was – so liaber unserm Herrgott als . . . Mir wird kalt, wann i nur dran denk'. Und wann s' aa blazt und vielleicht rebellisch wird – a paar g'sunde Pracker hab'n scho oft Wunder g'wirkt. Also besten Dank, Fräul'n, und nix für unguat, daß i Ihna belästigt hab'. Liegt ma nix dran, daß i, wia schon g'sagt, heut mi a bißl von der Arbeit freig'macht hab'. Jedenfalls bin i g'witzigt.«

Nach einem nochmaligen herzlichen Abschied von Poldi und Schaumann entfernte sich der Besuch. Am Gange des ersten Stockwerkes blieb er eine Weile zögernd, überlegend stehen, denn er wußte, daß die beiden Sängerinnen hier wohnten; aber da er jedenfalls mit sich über die ganze Angelegenheit ins reine gekommen war, unterließ er den erst gefaßten Vorsatz, sein Glück an der Türe zu probieren, und schritt weiter hinunter.

Im Hausflur hätten ihn bald zwei Mädchen überrannt, wenn das in Anbetracht seiner kräftigen Gestalt möglich gewesen wäre, besonders von zwei Mädchen wie Reserl und Katherl, denn diese waren die Heranstürmenden.

Es gibt Momente, in denen man an seinem Schicksal vorbeischreitet, ohne es zu erkennen. Spätere fruchtlose Reue deckt dann seine verborgensten Wege auf. Hätte Herr Handlgruber Reserl gekannt, mit ihr gesprochen. wäre er nochmals zurückgekehrt in ihrer Begleitung zu Poldi – lauter ganz unnützige Dinge für das, was wir als logische Handlung betrachten –, so wäre gar manches nicht geschehen. Das Schicksal liebt es bekanntlich, mit einem undurchdringlichen Schleier versehen, uns seine Besuche abzustatten, gleich einer Dame, die sich nicht kompromittieren will. So jedoch wich Herr Handlgruber gerade noch rechtzeitig aus, im stillen eine Verwünschung über »ungezogene Bankerten« murmelnd.

Reserl und Katherl kamen ganz erhitzt in der elterlichen Wohnung an.

»Is 's wahr, Poldi,« keuchte Reserl kaum nach dem Eintritt, »daß i singen lernen därf?«

Poldi sah mit tiefem Unmut auf zwei erhitzte Gesichter und zwei Köpfe voll zerraufter Haare.

»I bitt' di, was is das für a Manier, daß d' so in die Wohnung einistürzt?« zürnte sie. »Wo warst denn überhaupt die ganze Zeit?«

»Im Park,« log Resi, der daranlag, die Schwester zu versöhnen, »da hab' i d' Katherl 'troffen und die hat ma g'sagt, du willst mit die Fräul'n red'n, ob i a Talent hab'.«

»Das wir i mir erst überleg'n, ob i mit dö Fräul'n überhaupt no a Wort red'«, entgegnete Poldi, die Reserl gegenüber von allen guten Geistern der Einsicht verlassen zu sein schien. Ein wenig liebevolleres Eingehen auf die fixe Idee der Schwester hätte gewiß auf diese mehr Einfluß gehabt als die unvermittelte Strenge, die zu den erweckten Hoffnungen Reserls in grellstem Gegensatz stand. Alles Unglück des Mißverstehens rührt in erster Linie daher, daß bestimmte Meinungen zu erstarren, sich zu Stein zu bilden beginnen. Es gibt kein Hin- und Herfluten, kein Verschmelzen. Poldis Befürchtungen waren ihre Meinung und Reserls Hoffnungen deren Meinung, die vielleicht im Austausch mit der anderen Fluß und Bewegung bekommen hätte, nun aber zum Trotze erstarrte. Ach, beide waren eigentlich so schuldlos, die törichte verführte Reserl und die durch Liebe zu einer falschen Energie gezwungene Poldi.

Reserl, also von allen erträumten Himmeln gerissen, fand vorerst nicht anders Worte, als daß sie auf Katherl losfuhr:

»Was lüagst m'r denn solche Sach'n vur, du Mistfetz'n, du krauperta? Gelt ja, da im Park hast m'r d'rzählt, daß mi d' Poldi will singa lerna lassen, du o'draht's Mensch, du lugert's. Am liabsten gabert i dir a paar Watschen, du Bankert, du dreckiger . . .«

Katherl fing zu weinen an.

»Gelt ja, Poldi, du hast mi abig'schickt zu die Fürstinnen, i soll die Resi hol'n. Und das hast m'r auftrag'n, daß i 's sag'n soll. Gelt ja, Poldi, das is wahr?«

»Natürli is's wahr und i hab's nur sag'n lassen, daß i di herob'n hab'«, wendete sich Poldi vor Zürnen zu Reserl. »Und laß mi nimmer so a ordinäre Schimpferei hör'n. An für allemal – jetzt wird anders ang'fangt mit euch. Mit deine zwa Fräul'n, wia g'sagt, will i erst amal a anständig's Wort red'n. Entweder san s' narrische Fuchteln oder was Schlechter's. I trau' der ganzen G'schicht, mit an' Wort g'sagt, net. Bevor i net ganz überzeugt bin, daß hinter der ganzen Talentg'schicht ka Schwindel is, gehst m'r mit kan' Schritt mehr hinunter. Von heut ab wirst am Vattern aufpass'n. Der wird auf di schau'n, daß d' net ganz verwahrlost. I bitt' di – schau di nur in 'n Spiag'l. Mit so aner Frisur willst vielleicht a Sängerin werd'n? Na, das Publikum möcht si schön bedanken.«

Reserl, aus allen himmlischen Regionen einer kindischen, für sie aber ernstgenommenen Herrlichkeit gerissen, fand ihr dumpfes, unwissendes, mit falschen Vorstellungen vollgepfropftes Gehirn wie von einem übermächtigen Schlage betäubt. Sie brauchte eine geraume Zeit, um sich von diesem Schlage zu erholen. Bei der impulsiven, ein wenig natururwüchsigen Art solcher Erholung kam es zu einer höchst leidenschaftlichen Szene, die in ihrer Vollständigkeit zu beschreiben mir erlassen bleiben möge. Reserl heulte laut auf wie ein getretener, geschlagener, überfahrener oder sonstwie mißhandelter Hund. Um Poldis Schönheits- und Schicklichkeitsgefühl noch mehr zu verletzen, fuhr sie sich mit den Fingern beider Hände in das ohnehin nicht zu lieblich frisierte Haupt, riß sich die Schürze vom Leibe und begann einen Rundtanz der Verzweiflung, wie ihn eine moderne Tänzerin, die vielleicht »Elektra« tanzt, nicht charakteristischer aufführen könnte. Dann gellte sie in der ihr sowohl sprachlich als gesanglich eigentümlichen Art:

»O . . . O . . . O! Gelt ja, du willst net, daß i was Besseres wir. Du neid'st ma's eini, weilst du nix anders hast werd'n könna als a Maschintramp'l. Du . . . du Lausmensch, du niederträchtiges . . . Ja, du Fetzen du hatscherter. Du Krokodül . . . du . . . du Abfam . . . du . . . Feine (womit eigentlich nicht der wirkliche Begriff des Feinen, Zarten gemeint war), du . . . du . . . O weh! O weh! O weh! A so a Luader von aner Schwester muaß i hab'n? Und dir soll i eppa folg'n? Na . . . na . . . und nomal na, just – just – justamend net. Du Besen, du niederträchtiger . . .«

Und Reserl im Überschwange ihres Schmerzes fing noch einmal zu heulen an, diesmal wie ein Hund, der, an seine Kette angefestigt, einen Landstreicher ein Huhn vom Hofe forttragen sieht.

Vater Schaumann, Poldi und Katherl standen diesem Ausbruch wie einem schauerlichen Naturereignis gegenüber. Poldi vergaß über diese Flut von Schimpfwörtern, über diesen Ausbruch einer kindischen Wut ganz ihre gewohnte Autorität.

In ihrem Hirn tobten heute so viele Eindrücke, daß sie, kaum von einem losgelöst, einem andern zum Opfer fiel. Sie wollte sich ermannen, dem wütenden Gebaren der Schwester Einhalt zu tun. Mit ihrer sonst gewohnten, bei niemandem ihr Ziel verfehlenden Sanftmut wollte Poldi auf Reserl einwirken. Vergeblich. Der kleine Wildfang tobte um so ärger. Mit dem Sedlmaier Gustl im Verein hätte Reserl, was Schimpferei anlangt, weit mehr als ein Jahrhundert in die Schranken gefordert.

Da jedoch jede, selbst die höchste Aufregung nach Ausspannung drängt, so versiegte allmählich auch Reserls Heul-, Schrei- und Schimpfbedürfnis und glitt in ein Gewimmer hinüber, das sich anhörte, als jammerte irgendeine Kreatur in höchster Todesnot. Weiter, mit einem nochmaligen Hinweis auf den in schnöder Gefangenschaft gehaltenen Genius in ihrer Brust, keuchte Reserl noch:

»Und do wir i a Sängerin. Wia derwöll . . . Dös Gold in meiner Kehl'n schmeiß i net am Mist. Daß d' es waßt!« Und dann war sie zur Tür hinaus.

Die Zurückbleibenden standen eine Weile wie in einem fürchterlichen Banne. Der Schrecken über die stattgehabte Szene stak allen förmlich in den Gliedern. Katherl, die ein weiches, leicht erschrecktes Gemüt besaß, fing an heftig zu weinen und heftete sich an die Kleiderfalten Poldis. Der Vater war noch um einiges fahler geworden, als dies bei seiner ausgesprochenen Bleifarbe überhaupt möglich war, und ließ sich an seinen gewohnten Platz, die Sofaecke, fallen.

Und Poldi selbst stand mit bleichem Gesicht, fast blutleeren, bebenden Lippen und weit geöffneten Augen da. Endlich fand sie Worte.

»Da wird ma wohl anders kumma müass'n, Vatta. Das kann do net so fortgehn. Mein Gott und Herr! . . . Das Madl g'hört ja in Narrenturm. Na . . . so was . . .«

»Gelt, Poldi,« schluchzte Katherl, »d' Resi is net g'scheit. Im Park' sag'n alle, daß s' net recht bei'nander is.«

»Das is s' aa net, Herzerl,« sagte Poldi, »aber ma muaß schau'n, daß s' auf gleich kummt. Jetzt . . . sei net grad so narrisch und wan' net länger.«

»Waßt, Poldi . . . weil mi d' Resi so derbarmt . . .«

»Patscherl! Warum denn?«

»Na . . . weil s', weil s' halt narrisch is.«

Heute gab es ein Mittagessen, das Poldi selbst gekocht hatte, nicht Reserl unter Assistenz Katherls und des Vaters. Wahrhaftig, es war sonst immer äußerst schmal. Unausgequollene Hülsenfrüchte mit irgendeiner delikaten Beilage, wie einige Paar Würste vom Pferdefleischhauer, oder etwas, das Kaffee genannt wurde und seine Erquicklichkeit erst durch viel eingebrocktes Brot erhielt, manchmal ein anderes Etwas, das Suppe genannt wurde vermöge einiger Ringe auf der Wasseroberfläche, Fettaugen darstellend; dazu ein Stück zähes Fleisch, wie es nur unser treuester und leider nur zu geduldiger Freund abgibt. Manchmal eine Suppe von heißem Wasser, einigem Fett und zerriebenem Knoblauch; wienerisch gesagt, eine »Knofelsuppe« mit abermals viel Brot, und vielerlei andere Gerichte, die in erfreulichster Weise von unserem Volkswohlstand reden und für die spartanischen Tugenden unserer großen Massen ein höchst günstiges, für spätere Lesebücher vorbildliches Zeugnis abzulegen imstande sind. Und heute hatte sich das Mittagessen sehr – sehr lange verzögert.

Aber heute hatte Poldi gekocht. Sie war an den Schubladekasten getreten, hatte aus einem Winkel, der Herrn Julius des Ersten moralisches Gebein barg, eine Schachtel hervorgezogen in der eine Art von Wehrschatz lag. Es waren kreuzerhafte Ersparnisse, die sich zu dem horrenden Betrag von vielleicht fünf Gulden angewachsen hatten.

Und Poldi hatte Katherl zum Fleischhauer um »fünfunddreißig Deka Hinteres« geschickt, dann um Grünzeug, um Spinat, um – doch wozu die vielen Aufzählungen von Dingen, die Katherls Augen vor Erstaunen fast hervortreten ließen.

Als das Essen bereitet war und man nur Reserl erwartete, blieb diese aus. Poldi sah dem Trotze vieles nach, aber weniger dem Hunger, der, ihrer Meinung nach, die Schwester zum häuslichen Tisch zurücktreiben mußte.

Das köstliche Mittagsmahl verlief in gedrückter Stimmung. Keines der drei Anwesenden spürte rechten Appetit. Eine Art von Erleichterung brachte das Auftauchen Herrn Müllers, der mit verwirrtem Haar, glanzlosen Augen und einer beinahe unmöglichen Toilette auf der Bildfläche erschien. Der reuige Jammer stand so sehr auf seinen jungen, aber stark verfallenen Zügen, daß Poldi, die, dem Lumpenwesen im allgemeinen abhold, diese Abneigung gegen das spezielle Lumpenwesen Herrn Müllers stets sehr nachdrücklich hervorhob, sich eines gelinden Mitleides nicht erwehren konnte, zumal da sie einen hungrigen Blick auf die Suppenteller auffing. Gleich allen warmherzigen Menschen, die nur für einen Fehler eine Verdammung haben, jedoch die mit ihm behaftete Person großmütig pardonieren, war Poldi bereit, dem jammervollen Etwas, durch Herrn Müller dargestellt, mit ihrer Güte zu Hilfe zu kommen. Zu dem Zwecke bot sie dem erschienenen Gaste einen Teller Suppe an, bat ihn aber, vorerst Weste und Rock anzulegen.

Müller, der sich bisher Poldis Anwesenheit nicht bewußt gewesen war und deren Stimme in seine Betäubung geradeso geklungen hatte, als wäre es im Traume geschehen, folgte mit einer gewissen Beschämtheit dem Rate und fiel dann mit einem wahren Heißhunger über die dargebotene Suppe.

»Seg'n S', Sie Lump!« sagte Poldi nach einer Weile, »so muaß i scho wirkli sag'n, jetzt schmeckt Ihner das G'schlader; aber sunst is 's Bier und der Wein besser, gelten S? Net, das i Ihners einineid' . . . aber so kunnten S' jeden Tag anständig leb'n. Net die ganze Woch'n mit a paar Butterlaberln auskommen müass'n und dann wieder in zwa Täg' all's anbringen, was in aner Woch'n verdient is.«

Herr Müller, zu seiner Ehre sei es gesagt, gab den moralischen Defekt höchst bereitwillig zu. Dann aber vermißte er seinen Liebling Reserl.

»Wo is denn nur das Madl?« fragte er.

Müller war, abgesehen von seiner tadelswürdigen Aufführung an zwei oder drei Tagen der Woche, sonst ein sehr achtenswerter Mensch, der des Vorzugs teilhaftig werden durfte, in Familienverhältnissen mitzusprechen. Daher gab man ihm ungescheut Aufklärung über die heutige Szene.

Müller, dem Poldi einen Teller mit Zuspeise und einem Stückchen Fleisch und ein Brot angeboten hatte, war bei der Erzählung der ganzen Genialitätsgeschichte mitten unter dem Essen sehr nachdenklich geworden. Er stürzte vorerst ein Glas frisches Hochquellwasser hinunter (zur Dämpfung eines schier unstillbaren Durstes), dann sprang er erregt auf.

»Fräul'n Poldi . . . Vatta . . . Da muaß ma ja do was mach'n. Die zwa ›Fürschtinnen‹ oder Hochstaplerinnen oder no was Schlechteres g'hör'n bei der Polizei an'zagt. I wett' mit Ihner, um was S' woll'n, d' Reserl is bei denen unten und sie woll'n nur net daham sein.«

Poldi erklärte ihre Bereitschaft, nochmals, und zwar selbst ihr Glück zu versuchen und nach dem ersten Stock hinabzusteigen. Und Herr Müller erklärte, nach einer kleinen Restaurierung an Haupt und Gliedern, sich diesem Besuch anzuschließen.

»I bin a großer Fallot,« sagte er mit einer Art düsteren Freimuts. »A zweiter wird net so bald in Wean sein. Wissen S', Fräul'n Poldi, wissen S', Vatta (wie der Mutter äußerte er auch Vater Schaumann gegenüber rührende Gefühle von Kindlichkeit, die jedoch stets im Nachtreffen gegen die Hochachtung für Poldi standen), i kann mi auf vieles beruaf'n. Aber . . . daß i jemals an so an' armen Ding a Verbrechen begehn kunnt . . . Herrgott nomal, i will net drandenken, aber die zwa leichert i m'r so damisch aus, daß dö falschen Zott'n nur so in d'r Luft umanandfliagerten. Jetzt . . . i bin bald am Glanz herg'richt't, daß i a Audienz bei dö Fuchteln nimm . . . Dann gengan ma abi zu dö Fürschtinnen.«

In einer halben Stunde präsentierte sich Herr Müller wirklich als Mann, der Anspruch auf Respekt erheben konnte. Katherl hatte einige Krüge Wasser herangeschleppt, die seiner leiblichen Auffrischung zu Dienst gestellt wurden. Pusten, Plätschern, Röcheln, Gurgeln bezeichneten die Etappen, die Herrn Müllers Regenerationsprozeß nahm.

Dann stiegen die beiden nach dem ersten Stock hinunter zu der Wohnung der beiden Sängerinnen und Fürstinnen. Es war anzunehmen, daß sie schon zu Hause sein mußten. Poldi und ihr Begleiter hatten sich nicht getäuscht. Auf ihr Läuten wurde alsbald geöffnet. Fräulein Odalska stand in der Tür und blickte mit dem Ausdruck frostiger Verwunderung, die wir Zivilisationsmenschen allen uns Fremden entgegenbringen, die uns zu einem oft unerbetenen Empfang nötigen, auf die Besucher.

Poldi war verlegen und fand keine passenden Worte der Vorstellung. Anders Herr Müller, der kurz entschlossen, Poldi vorschiebend, mit dieser in das Vorzimmer trat. Denn Wera und Odalska besaßen eine für das Haus wahrhaft fürstliche Wohnung: zwei Zimmer, ein Vorzimmer und eine zu einem Dienstbotenzimmer umgewandelte Küche. Der Dienstbote, den eigentlich noch niemals jemand im Hause zu Gesicht bekommen hatte, war momentan abwesend. Daher hatte Fräulein Odalska selbst sich bequemen müssen, den dienstbaren Hausgeist zu spielen. Sie sah mit halb furchtsamem, halb hochmütigem Erstaunen die beiden Eingedrungenen an.

Poldi hatte sich genugsam gefaßt, um die Vorstellung in aller Form zu machen. Fräulein Odalska geruhte mit Freundlichkeit die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, Reserls Schwester, von der sie schon gehört, vor sich zu sehen. Desto indignierter richtete sie die Blicke auf Herrn Müller.

»'tschuldigen schon, wann i so frei war. Mein Nam' is Müller und i wohn' bei die Herrschaften Schaumann am Kaminet. I hab' d' Fräul'n Poldi nur abibegleit't, daß s' a bißl a Kourasche hat weg'n dem, was mir z' reden hab'n.«

»Bitte, in den Salon einzutreten«, sagte Fräulein Odalska mit der Würde, die ihrem mutmaßlichen Stand als künftige Fürstin so wohl anstand.

Der Salon war ein billig tapeziertes rotes Zimmer, mit einer Einrichtung, die die Naivität des Volkes so gern besticht. Ein den ganzen Boden bedeckender »türkischer« Teppich, eine sogenannte »altdeutsche« Einrichtung, Truhen, ein Diwan mit abermals türkischem Überwurf, Fauteuils, verschiedener anderer Krimskrams und einige Gemälde, deren höchster Vorzug darin bestand, mit »echter« Ölfarbe auf Leinwand gemalt zu sein; ein Umstand, der den Besitzer eines solchen Gegenstandes stets veranlaßt, auf die Provenienz von wirklicher Ölfarbe hinzuweisen.

Mit der Stirnseite gegen ein Fenster stand ein Klavier. Die Türen und Fenster waren schwer mit Vorhängen und Portieren verhängt. Kurz es war der Kitsch der Möblierung, die noch durch eine auf einem Holzpostament befindliche Gipsbüste Richard Wagners und eine auf einem Tischchen befindliche Gruppe, wie ein nackter Jüngling ein gleichfalls nacktes Mädchen küßt, ihre dem Kenner einzig allein auffallende Charakterisierung erhielt. Alles roch nämlich nach Abzahlungsgeschäft, nach einem Vertrag, bei dem der Lieferant bis vor Abzahlung der letzten Rate Eigentümer bleibt.

Aber auf Poldi wie auf Müller wirkte der ganze Pflanz wie gediegene Pracht. Beide hatten noch so wenig Gelegenheit gehabt, eine wahrhaft vornehme Wohnungseinrichtung zu sehen, daß sie vor stiller Bewunderung ganz starr waren.

Fräulein Odalska hatte mit dem Benehmen der feinen Dame ihrem Besuch Plätze angeboten und wartete mit dem stillen zurückgedrängten Erstaunen einer solchen auf die Eröffnung der Ursache eines so unvorhergesehenen Einbruchs.

Poldi, die allmählich ihre Befangenheit bezwungen hatte, begann:

»Es muaß Ihner eigentümli vorkommen, daß i und der Herr uns so eindrängen. Es is schwer zum sag'n, aber kurz und guat, i kumm wegen meiner Schwester, der Reserl.«

Eine Falte des Erstaunens zog sich über der schönen Nasenwurzel Odalskas zusammen.

»Wissen S', Fräul'n . . . i kenn' Ihner nur von jetzt erst und wia mir d' Reserl von Ihner erzählt hat. Jetzt . . . i glaub', Sie manen's ganz guat mit dem Kind, aber . . . es tuat ka guat net. Sie bild't sie auf amal ein, sie hätt' a Genie zum Singen und is' mit an' Wort ganz narrisch g'macht word'n. Sie verzeihn schon, Fräul'n. Aber heut, wo i zufällig untertags a Zeit hab', hab' i mi do erkundigen müassen, was an der ganzen Sach'n Wahres is. Denken S' Ihner, heut hat's zwamal so an' Skandal geb'n, daß das Madl beim zweitenmal auf und davon is und mir bis jetzt net wissen, wo 's nur sein kann. I denk' ma immer, Sie hab'n vielleicht aus Unterhaltung mit dem Fratzen was g'red't weg'n seiner schönen Stimm' und ihr a bißl was beibringen woll'n, daß die Stimm' net gar so grauslich klingt.«

»Jetzt, das muaß i schon selber sag'n,« fiel Herr Müller ein, »die Stimm' von der Reserl is grod ka Nachtigallstimm'. Und derentweg'n wundern wir uns halt damisch. wia S' dem Madl so a Idee in 'n Kopf setz'n könna. I, von mein' Standpunkt aus betracht't, i find', daß das Madl grad so viel Talent zum Singen hat wia a Roß oder a Uhudl. All's, was recht is, mir ham aa no a Gehör und glaub'n, daß a Stimm', die wirkli a Stimm' is, von dö Ohrwasch'ln g'hört wird wia a solche. Dös is mei Manung von der Sach'. Am End',« fügte er nach einer nochmaligen Rundschau über das Interieur und dann mit einem Blick auf die elegante, vornehme, distinguierte Odalska hinzu, »kann i mi ja aa irr'n. Vielleicht hat 's Madl a Stimm' für d' Oper, aber sunst – da tan an' d' Ohr'n manchmal damisch weh.«

Bis jetzt hatte Fräulein Odalska ihre Besucher sprechen lassen. Nun rief sie, die Portiere zum Nebenzimmer öffnend:

»Liebste Wera, hast du Zeit? Es ist Besuch hier.« Gleich darauf erschien Fräulein Wera. In ihrem Antlitz stand etwas wie verhaltene Neugierde. Im Gegensatz zu ihrer Schwester äußerte sie ein fast schüchternes Benehmen, wie es jungen, um ihren Ruf besorgten Damen so geziemt. Fräulein Odalska machte die Vorstellung zwischen der Schwester und den sich von ihren Sitzen erhebenden Gästen.

»Was will ich nur fragen?« hob Odalska an, als hätte sie einen Gedankenfaden verloren. »Ja, nun hab' ich's: Was hat Professor Robinson bei seinem letzten Besuch über die Schwester des Fräuleins gesagt?«

Wera mußte ein ganz erstaunliches Gedächtnis haben, denn sie begann, wie vom Blatte gelesen, etwas monoton:

»Phänomenale, nur gründlich verdorbene, aber durch Zucht und Studium rekonstruierbare Stimmmittel. Scharfes Timbre, zurzeit schrill und gellend (Poldi und Müller blickten sich an wie zwei, die nicht erst des Urteils eines Musikprofessors bedurft hätten), aber seiner vollen Anlage nach durch behutsame Schulung für das Heroische geeignet. Mozart, Schubert, kurz Komponisten für das Innige, Verhaltene, Schmelzende des Vortrages eigneten sich für die musikalische Psyche des Mädchens nicht. Desto mehr Goldmark, Wagner, Strauß (nicht der Wiener Strauß) und andere Vertoner elementarer Gefühle.«

Fräulein Wera hatte abgeschnurrt und blickte nun wieder mit der schüchternen Verwunderung, die ihr so wohl stand, Schwester und Besucher an. Diese saßen da, als hätten sie der Symphonie eines Neutöners gelauscht.

Poldi bemerkte nach einer Pause, daß sie wohl dem Professor nicht nachempfinden könne, wenigstens was ihre Begriffe von Kunst anlange, daß sie aber nicht abgeneigt sei, die musikalische Autorität des Künstlers anzuerkennen. Nur hätte alles gar keinen Sinn und Zweck, denn ihre Familie sei zu arm, ein kostspieliges Studium der Schwester bestreiten zu können, besonders wenn die Stimme Reserls so verdorben wäre, daß eine Reparatur sich eventuell höher stellen würde, als vielleicht doch die ganze Stimme wert sei.

»Vielleicht vom viel'n Zuckerl und Feig'nessen«, glaubte Herr Müller den Verfall von Reserls Stimmmitteln erklären zu können. Er gedachte des erst heutigen Konsums dieser Ware aus dem Korbe des »Kraners«.

»Is 's wia immer«, sagte Poldi resolut. »Die Fräul'n werd'n mir desweg'n net bös sein, wann i überhaupt von so aner Opernspielerei für mei Schwester nix wissen will. An- und für allemal net. Was dem an' gut is, is dem andern schlecht. Wia i unser' Reserl kenn', so liegt ihr weniger der G'sang am Herzen als das, was drum und dran hängt. Es tuat ka guat, wann so a Fratz, der no nix von der Welt versteht, das kennen lernt, was ma zum Schluß oft a glänzend's Elend haßt. Sie red't immer nix anders als von Schmuck, kostbare Klader, Fürsten und Grafen, desweg'n – möcht' i die Fräul'n bitten lassen S' das Madl!«

Die beiden Künstlerinnen hatten mit einem nicht mißzuverstehenden Staunen Poldis Erklärung gelauscht. Wera war auf einen Wink der Schwester nach einer verabschiedenden Verbeugung durch die Portiere in das nächste Zimmer geschwebt.

Fräulein Odalska sann eine Weile stumm vor sich hin.

»Also – Sie gestatten mir die Freiheit des Ausdruckes – Sie wollen sich auf jeden Fall dem künstlerischen Aufstieg Ihrer Schwester entgegenstellen?«

»I siech net ein, wo von an' Aufstieg die Red' sein kunnt, wann arme Leut' das net erschwingen können, was so a Studium kost't. Heut is der Fratz knapp vierzehn Jahr' alt, grad daß s' no die paar Wochen in d' Schul' geht – war' schön, a arme, alte Wäscherin und a Nahrermensch, wia mi mei Schwester g'haßen hat, sollten a Konservatoristin aushalten. Wia g'sagt – vielleicht täten mir das Unmögliche. Aber bei der Stimm' . . . Fräulein, san S' net bös' – aber bei der Stimm' müaßt i beinah' an a Wunder glaub'n, wann was draus werd'n sollt'. Und so an' Luxus können si reiche Leut' erlaub'n, unseran's net. Wann s' was werd'n kunnt . . .?«

»Vielleicht a harbe Volkssängerin . . .« schaltete Herr Müller ein.

»Na, am End' amal a Lavendlweib. I hab ka recht's Vertrauen zu der Sach'; net, daß i Ihner nahtreten wollt'«, begütigte Poldi ein erregtes Aufwerfen des Hauptes Fräulein Odalskas.

Aber diese bewahrte geschickt die aristokratische Ruhe. Sie kräuselte nur die Lippen etwas verächtlich, wie ein beliebter Ausdruck lautet, und dann sagte sie mit eisiger Kühle, aber laut vernehmbarer, fast überlauter Stimme:

»Es steht Ihnen, Fräulein, zu, über das Geschick Ihrer Schwester zu entscheiden. Aber hoffentlich werden Sie uns nicht das Recht bestreiten, über die Talente des Mädchens unser Urteil zu bilden. Daß dieses ein festgegründetes und durch eine Autorität gestütztes ist, brauche ich wohl nicht zu wiederholen. Bitte . . . nein, keine weitere Entschuldigung! Lassen wir die Sache auf sich beruhen. Einfach gesagt – Sie wünschen unsere Initiative nicht, wo wir nur rein künstlerische Absichten verfolgen. Gut. Wir werden unsere Finger künftig wohlweislich von Familienverhältnissen zurückziehen. Ich danke bestens, Fräulein, für Ihre Offenherzigkeit. Ich weiß, auch die besten Absichten können manchmal mißdeutet werden.«

»Wann m'r nur wußten, wo das Mistmensch si jetzt aufhalt«, fiel abermals Herr Müller ein. »Meiner Seel', wann's ma heut in 'n Wurf kommt, pack i 's bei dö krauperten Zöpf' und statt dürre Feig'n gibt's bei mir saftige Birn'.«

Und Müller stand in seiner stattlichen dürren Länge auf, geneigt, bei Reserls Erscheinen zu Hause dieser klarzumachen, daß selbst der dümmste Spaß ein Ende haben müsse. Auch Poldi hatte sich erhoben. Mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln und mit dem süßen Blick ihrer braunen Augen bat sie den Schwestern ein förmliches Schuldregister ab. Sie fühlte nur, daß sie etwas Notwendiges getan habe.

»Ja, denken S' Ihner nur, sie is bis jetzt wirkli net hamkumma . . . ganz ohne Essen is s' bis jetzt . . .«

»Wir wollen keinerlei Verantwortung für den Verbleib Ihrer Schwester übernehmen. Unsere Absichten waren die besten. Echtes Gold ist schwer zu erlangen und das Gold der Stimme . . .«

Poldi mußte wider Willen lachen. Sie verbesserte sich:

»Entschuldigen S' vielmals, Fräul'n! Aber das ›Gold in der Stimm‹ oder ›Kehle‹ is so etwas, was mi zum Lachen bringt, weil's d' Reserl immer am Tapet hat, wann i ihr sag', sie soll mit ihr'n G'schra aufhör'n. Jetzt . . . wia g'sagt, i versteh' von solche Sach'n nix, aber mir is das Gold immer mehr wia Blech vorkommen. Jetzt empfehl'n ma uns und no amal: nix für unguat. Aber wann s' aa wirkli Gold in der Kehl'n hätt' – es nutzert ihr nix. Mir san kane Millionär', die si so an' Luxus leisten können! Adje . . .«

Im Hinaufsteigen fragte Poldi Herrn Müller, was er nun von der ganzen Sache denke.

»Kunnt wirkli nix Recht's sag'n. Aber a Benehmen hab'n die zwa, wie wann s' echte Fürschtinnen wär'n. Jedenfalls glaub' i, daß dö d' Reserl beim Tempel aussi komplimentier'n wia uns zwa.«

Zur selben Zeit tobte Reserl, die während der Unterredung nur mit Mühe von Wera im Zaume gehalten werden konnte, daß sie ihre Anwesenheit im zweiten Zimmer nicht verrate, wie eine Furie. Sie hatte nun erkannt, wer ihre Feinde waren. Selbst Müller hatte sich unziemliche Äußerungen über ihr Talent gestattet.

Abends jedoch kehrte sie heim mit einem fröhlichen, unbekümmerten Gesicht, ließ den Tadel Poldis ruhig über sich ergehen und erklärte ihr Fernbleiben mit dem Besuch bei einer Freundin, wo sie schon zu essen bekommen habe. Nur Herr Müller, der infolge absoluten Geldmangels die Idylle eines Familienabends verstärken half, wurde von Reserl höchst ungnädig behandelt. Man ging zeitiger als sonst zu Bett. Und Poldi war geneigt, ihr Tagewerk als ein wohlgetanes anzusehn.

Elftes Kapitel

Einige arme Falter fallen ins Licht. Reserl schreibt einen Brief, der zur Herzensberuhigung der Ihrigen dient. Herr Handlgruber ist gezwungen, die Sorgen der Familie Schaumann zu teilen, gleich Herrn Müller, den Gewissensbisse plagen.

Poldi war am Abend doch vom Schlafe bezwungen worden und hatte eine frühe Nachtruhe gesucht. Am nächsten Morgen war sie in aller Frische erwacht wie immer und hatte sich auf den gewohnten Weg gemacht. Es war schon viel Alltagsstimmung über sie gekommen. Die Erinnerung an Festesfreude und Gesang war merklich abgeblaßt, dafür waren der Abscheu und der Widerwille des gestrigen Tages gegen das Betreten ihres Arbeitsortes völlig geschwunden. Es war wieder ein Arbeitstag wie so viele frühere und das Bewußtsein der gewohnten Pflicht machte sich geltend.

Im »Salon« angelangt, fand sie schon Rachel vor, die mit fieberhaften Wangen an ihrer Arbeit stichelte. Aber aus den Augen war das Fieber gewichen. Es blitzte drinnen jetzt etwas wie Freudigkeit. Sie nickte ihrer Freundin dankbar zu und schien allen Eifer entwickeln zu wollen, durch ihre Arbeit den gestrigen Tag um das Zehnfache hereinzubringen.

Bei den anderen hatte die gestrige Hochstimmung auch schon abgeflaut. Vielleicht regte sich manch leises, uneingestandenes Bedauern, die kleine Näherin so wie jeden Tag vor sich zu sehen. Die Katastrophe mit ihren kitzelnden Reizen hatte sich leise, wenn auch für gestern schaurig genug, nur angemeldet, ohne in ihrer erhabenen Größe zu weilen. Verlorener Gesprächsstoff für mindestens acht Tage war zu beklagen. Abgesehen von allem, was drum und dran hängt. Zeitungsberichte, Untersuchung (heute fühlte alles solidarisch, daß ein anderes moralisches Moment herangezogen worden wäre), die »schöne Leich«, die Rolle der Kolleginnen als Begleitung beim Leichenbegängnis, da sie tieferschüttert einer lieben, lieben Freundin folgten, das Sammeln für einen Kranz und nicht zuletzt der freie halbe Tag. Man wende nicht ein, daß solche, selbst ganz unklare Spiegelungen von Ereignissen in der Seele, der Menschheit unwürdig sind. Die Menschheit begeht alltäglich, ob mit grinsender Fratze und lächelndem Gesicht, so viele Schandtaten, daß ihr die verwirrten Gedankengänge einiger armer, harmloser Näherinnen nicht allzuviel an Schande hinzufügen könnten. Dazu kam die gewisse Verlegenheit, die jeden Kulturmenschen nach einem Überwallen seiner edelsten, wirklichen Menschengefühle erfaßt, wenn er die kurze Spanne dieses Überwallens mit der der folgenden Tage und Jahre vergleicht. Der gebildete Mensch findet den Übergang mit Leichtigkeit durch ein gütiges Lächeln, ein Scherz- oder Begrüßungswort, das so natürlich klingt, als wäre es immer so erklungen.

Alles in allem, bei Rachels natürlichem Gefühl für Bescheidenheit und bei ihrer fast hündischen Unterordnung war eine ganz annehmbare Linie für das künftige Verhalten gegeben. Mit ganz besonderen Freundlichkeiten brauchte man die »Jüdin«, die Rachel trotz allem blieb, auch ferner nicht zu bedenken. Man brauchte sie ganz einfach nur in Ruhe zu lassen. Dieser schöne Vorsatz hätte schon gleich im Anfang gefaßt werden können. Der Tag verlief also wie jeder andere und Poldi war ebensosehr bemüht, durch angestrengte Arbeit einen möglicherweise üblen Eindruck ihrer gestrigen Standrede abzuschwächen. Abends ging sie eine kleine Strecke mit Rachel und erzählte ihr, daß sich ein ihr befreundeter Herr erbötig gemacht habe, durch seine Verbindungen das Los der armen Familie etwas zu erleichtern. Die Kleine konnte nur mit vor Verehrung strahlenden Blicken und einem Druck auf Poldis Arm danken . . .

Reserl störte heute die Heimkunft der Schwester nicht durch einen schrillen Gesang. Sie saß beim Fenster und war gänzlich in das Studium ihres Schulatlasses vertieft. Das hatte sie übrigens schon den ganzen Nachmittag, kaum daß sie aus der Schule gekommen, getan. Sie war weder in den Park, noch zu den Sängerinnen gelaufen. Ihre Finger bezeichneten die Routen über ganze Breitegrade. Auf Poldis teilnahmsvolle Frage über solch einen Lerneifer erwiderte Katherl für Reserl, daß der Lehrer einen Preis, bestehend aus einem schönen Buche, für die beste seiner Schülerinnen in Geographie ausgesetzt habe.

Die Sache war zwar im Hinblick auf Reserls frühere Neigungen und Abneigungen, wie zum Beispiel das Lernen aus einem Schulbuche, etwas merkwürdig, doch machte sich die Schwester über eine so ungefährliche Konkurrenz kein Arg. Nur die Blicke des Vaters beobachteten mit sorgenvollem Mißtrauen die Umwandlung seines Kindes. Seine Einsamkeit und erzwungene Muße ließen ihn Dinge ahnen. Aber noch fand er sie nicht so reif, als daß er schon jetzt mit Äußerungen einer bestimmten Besorgnis hervortreten wollte, zumal er sich durch Poldis Auftreten bei den »Fürstinnen« einigermaßen beruhigt fühlte.

Poldi, die geneigt war, die ganze »dumme Singerei« als eine kindische Grille zu betrachten, die vielleicht über Nacht einer anderen viel harmloseren gewichen, suchte durch verdoppelte Freundlichkeit und Güte ihre Strenge von gestern gutzumachen. Daher ermunterte sie die Schwester selbst, ihrer Herzensneigung nachzugehen.

»Was is Reserl, singst heut gar nix?«

Reserl fuhr in ihrem Studium wortlos weiter.

»Geh, dummer Batsch! Von mir aus kannst ja singen wias d' willst. Nur auf die dummen Witz von deine Fürstinnen bin i net g'flog'n. Waßt, Kind, i war gestern bei ihnen unten. Wann's auf's Ausschau'n allan ankummert, kunnt ma s' für Fürstinnen halten. I glaub' ja nix Unrechts von ihnen, aber i denk' ma, daß s' a paar narrische, dumme, guate Frauenzimmer san, trotz eahnern Hochmut.

»Und wär's wia immer – schau, Reserl, so g'scheit muaß ma sein, daß ma einsiecht, wann si was net machen laßt. Denk' dir nur, unsere Leut' brauch'n a Hilf' von ihre Kinder. Hast du denn a Ahnung, was so a Studier'n kost't? Oder zahleten dir die zwa Urschln das, was d' braucherst? Alles . . . verstehst? Alles?«

Diesmal kam Leben in Reserls starrköpfigen Trotz.

»Natürli taten s' es«, platzte sie hervor, um jedoch, als hätte sie schon zuviel gesprochen, sich wieder in das Studium ihres Atlasses zu vertiefen.

»So? Davon hab' i nix bemerkt. Sunst hätten s' wenigstens a Andeutung g'macht. So aber hab'n s' mi und in Müller auf a so a feine Weise aussikomplimentiert, daß i jetzt no net waß, ob ma das net hinauswerfen haßen soll. Natürli auf die noblichste Art, die's gibt.«

Reserl schien nach ihrer rasch entzündbaren Natur auffahren und etwas erwidern zu wollen. Aber gleich darauf biß sie die Zähne aufeinander, jedenfalls in dem Bestreben, ein ihr nicht alleingehöriges Geheimnis hinter sie zurückzudrängen, dann wurde ihr Interesse an dem geographischen Studium noch eifriger.

Poldi, die eine Weile auf Antwort geharrt, wendete sich ungeduldig und mißmutig ab.

»Wann a Fratz boshaft sein will, laßt ma 'hn in Ruah. 's kummt sunst wieder nix als Verdruß heraus. Vielleicht siechst es amal ein, wia guat als wir dir's alle manen. I jedenfalls am besten, denn i will, daß aus meine Schwestern anständige, brave Madln werd'n. Wann das net . . . is für sie im Haus ka Platz. I möcht' aa waß Gott was geben, wann's anders, schöner wär'. Aber leider . . .!«

Und Poldi wendete sich einer häuslichen Verrichtung zu. Man erwartete noch das Eintreffen der Mutter, die nach ihrer Arbeitseinteilung heute um die Abendstunde zu erwarten war, um das Nachtessen einzunehmen. Auch Herr Müller, der wie stets nach einem »schweren Drahrer« sich seiner Liebe zu trautem Familienglück bewußt geworden, hatte sich nach Feierabend eingeladen zu einem Nachtmahl, um dem während des ganzen Tages knurrenden Magen eine Beruhigung zu gewähren.

Reserl, dumme kleine Reserl! Welche Macht diktierte dir den unheilvollen Brief, dessen Orthographie und Stil übrigens dein Eigengewächs sind? Wer veranlaßte dich, mit ruhiger Hand nach dem Herzen derjenigen zu zielen, die mit zitternder, wenn auch rauher, ungelenker Liebe an dir hingen? Wer veranlaßte dich, das so kleine, ärmlich gepolsterte, aber trotzdem wärmende Nest zu verlassen wie ein unflügger Vogel, der seinen erst halbbefiederten Schwingen die Spannkraft zu weiter Lebensreise zutraut, um in nicht allzu fernem Umkreis die Speise eines Räubers zu werden?

Reserl! Die Vögel kennen ihn und zittern vor dem Raubvogel! Er lockt nicht mit süßen Klängen, er stößt rauh und jäh herab. Sie vermögen ihm aber oft zu entfliehen; nur den verschmachteten Nestling frißt jede Katze, jedes kleine, kriechende Tier des Erdbodens. Man hat dich fortgelockt, einfältige, trotzköpfige Reserl, deren kleines, unwissendes Hirn schon über das eigene Schicksal entscheiden wollte. Man hat dein vierzehnjähriges Herz betört mit goldenen Aussichten, die in Wahrheit nur zu einer häßlichen, stinkenden Kloake führen . . .

Als sich Poldi nach einigen Tagen abends ihrer Wohnung näherte, eilte und winkte ihr schon von weitem Katherl entgegen. Die Kleine war zerrauft wie immer, aber verweint, und ein fürchterlicher Ausdruck des Entsetzens lag auf ihrem durch Tränen und Schmutz grausam verschmierten Gesicht. Poldi, die sich im Anfang über das Aussehen des Kindes erzürnen wollte, stand plötzlich still und sie fühlte, wie ihr Herz in jagenden Schlägen zu pochen anfing. Sie mußte einige Sekunden atmen, ehe sie die keuchende Katherl mit einiger Ruhe fragen konnte, was es denn gebe.

»Poldi . . . d' Reserl . . . d' Reserl . . .«

»Um Gottes will'n, Katherl, marter' mi net länger. Was is denn mit ihr? Mach' m'r ka Angst, i bitt' di!«

»D' Reserl is abg'fahren mit die zwa Fürschtinnen«, schluchzte Katherl.

Poldi, die die Unheilsbotschaft bereits erraten hatte, wurde bis in die Lippen weiß und sie zitterte so, daß sie sich an das nächste Haus anlehnen mußte. Also doch! Alle Befürchtungen waren nicht grundlos gewesen, das wirklich Vorauszusehende war eingetroffen. Blind – blind waren sie alle hineingetaumelt wie harmlose Spieler, die einem Falschspieler aufsitzen, vor dessen Finten Erfahrene vielfach warnen. Sie selbst hatte sich hinters Licht führen lassen, sie, die es der jüngeren Schwester so sehr verargt hatte, daß sie den beiden »narrischen Urschln« so viel Glauben schenkte. Sie und der gewitzte Müller, der seine Weltkenntnis so schnöde abgeführt sah. Welche Schlauheit gehörte aber auch dazu, welches Wirken von langer Hand her!

Stand die menschliche Ware denn gar so hoch im Preise, um zu ihrer Erbeutung solche Vorbereitungen zu treffen? Stand es denn wirklich dafür? Ein junges Ding aus dem Volke zu gewinnen, dazu bedurfte es solchen Aufwandes?

Endlich hatte sich Poldi gefaßt.

»Wann war's denn, Katherl?«

»No, waßt, Poldi, heut vormittag is d' Reserl net aus der Schul' z' Haus kumma zum Essen. Mir hab'n g'wart't bis nachmittag, weil ma glaubt hab'n, sie hat vielleicht aus Straf' über Mittag hierbleib'n müassen. Derweil bringt der Briefträger an' Briaf, der gestern in der Fruah aufgeb'n war . . .«

»Und in dem Briaf . . .«

»D'r Vatta hat 'n, Poldi. Er is glei damit zur Polizei g'rennt.«

»Schau'n m'r, daß m'r z' Haus kommen«, sagte Poldi, die sich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Vernommenen überzeugen wollte. Das Haus war bald erreicht. Nachbarn standen vor dem Tor und besprachen lebhaft ein Ereignis. Denn Polizei war dagewesen, hatte die Wohnung der Fürstinnen aufsperren lassen und sie so gefunden, wie Poldi und Müller sie gesehen hatten. Sogar die würdevollen Bildnisse des »Elternpaares« hingen noch an den Wänden. Auf dem Klavier lagen Notenblätter, das Pult war aufgeschlagen, wie wenn eine der schönen, distinguierten Spielerinnen eben davon aufgestanden wäre. In einem Aschenbecher lagen einige Zündhölzer und Zigarettenreste. Die Kasten waren versperrt gewesen. Als man sie öffnete, fand man sie vollkommen leer. In einem der schwedischen Öfen, die den Wohnungen des ersten Stockes als hohe Auszeichnung zugedacht waren, fand sich sorgsam zerstörte, zerstäubte Asche von verbrannten Papieren, sonst nichts, soweit der polizeiliche Scharfsinn reichte, rein gar nichts. Ich denke, selbst der fabelhafte »Sherlock Holmes« hätte auch nichts gefunden, was aus den falsch ausgefüllten Meldezetteln und der absoluten gähnenden Leere jedes Behälters auf die Spur des nächsten Aufenthaltes der Bewohnerinnen dieser »vornehmen« Räume geführt hätte. Es wären denn einige unbezahlte Rechnungen, lautend auf Fräulein Wera oder Fräulein Odalska Komizzow, sowie das Zinsbüchel, für den Beitrag zum Staatseinkommen mit einem »Viertel« berechnet, gewesen oder die Aufforderung des Möbelhändlers. die seit zwei Monaten fällige Rate für Abzahlung der gelieferten Wohnungseinrichtung ehestens, bei eventueller Klage und sofortiger Pfändung zu bezahlen. Aus dem schönen Dokument war auch ersichtlich, daß der »Ratenjud« die Klausel offen gelassen, daß bis zur letzten fälligen Rate der Abzahlung das gesamte Mobiliar uneingeschränktes Eigentum des Lieferanten bleibe. Armer Lieferant! Deine Kundinnen magst du dir suchen, wo du willst und extra noch die Transportspesen für Weglieferung deiner Ramschmöbel bezahlen. Das heißt erst über Gerichtsbeschluß.

Poldi eilte, unbekümmert um die teils teilnahmsvollen, teils neugierigen Blicke der Angesammelten, zur elterlichen Wohnung hinauf. In der Mitte des Zimmers fand sie den Vater, aufrecht, wie sie ihn schon lange nicht gesehen. Eine Zuversicht leuchtete Poldi entgegen, die sie in diesen sonst todtraurigen Augen nie erblickt. Er hob gleich an:

»Wirst seg'n, Poldi, mir derwischen s'. Die Spur is g'funden, sagt der Kommissär auf der Polizei. Alle Bahnhöfe, alle Stationen san verständigt. Es san internationale Mädchenjäger, die scho lang g'suacht werd'n. Tröst' di, Poldi, mir werd'n unser Reserl bald wieder hab'n.«

Der Arme, er wollte vor allem seiner Tochter Mut zusprechen.

Poldi nahm sich gar keine Zeit, abzulegen.

»Wo is der Briaf, Vatta?«

»Da is er.«

Poldi nahm das Schreiben mit zitternder Hand entgegen. Es war auf einem abgerissenen Blatt aus einem Schönschreibschulheft und lautete:

Libe Eltern!

Wann ihr das lest bin ich wegen meiner Kunst über alle berg. Ich weis, das ich nicht zu einen Nahtamensch daug wie di Poldi, die mich imer eine faulle Schlampn und haschen und alls mögliche ghaßen hat und nix als die Nahrerei kent. Ich wil mit Gotes Hillfe mein Goldt in der Keln nicht zugrundt gehn laßen. Menschen san mir alle. Libe Eltern trösts euch, ich bin gut aufgehobn ich werdt nomal hamkuma wie die Trimlertini mit Brillanten und Schmuk und einen künstlernahmen und einen feinen Hutt und einen Automobil, das ihr staun werdst Den der genus in meiner brust ißt gotseidank net todt wi di Poldi meindt, weil si so eifersüchti isst auf mir. Libe Eltern ich reiße in ein unbekantes Land wo mir glick winckt. Seit nicht bös ich komm bald wider

Eiere Reserl.

Sagt der Poldi ich weis was für eine falsche Kretur si is und der Müller ebenfalls.

nochmals eire Reserl

libe Eltern.

Der Schani sol brav werden. Die Parukentoni is nichs für ihn. Und die Platn is gfärli, weil die Polizei aufpast. Und di Katerl sol net so vil in Park gehn, weit da so manchs gschicht. Dann hat sie doch keinen Genus in der brust wie ich

eire nochmals libende Reserl.

Reserl hatte es mit zweimaligem Repetieren bis zur ersten Bürgerschulklasse gebracht. Alle Achtung vor ihrem Genius, der sie bis zu dieser schwindelnden Höhe geleitete. Aber der Genius mußte, was Orthographie anlangt, höchst schwindsüchtig gewesen und auf der Höhe mit seinem Schützling angelangt, zusammengebrochen sein.

Poldi starrte wie abwesend diese ungelenken Zeilen an, aus deren jeder förmlich eine Reserl schrie. Der Schlag war so betäubend gekommen, so unerwartet, und dennoch – jetzt, mit blitzschneller Erleuchtung erfaßte sie den ganzen unseligen Zusammenhang. Nun ward sich Poldi all der Fehler bewußt, die sie in gutgemeintem Autoritätsgefühl begangen. Sie verstand auch den Schlußsatz, sie und Müller betreffend. Das unselige Kind war tief in seiner Eitelkeit, in seinem eingebildeten Künstlerstolz getroffen worden. Die beiden Mädchenhändlerinnen hatten ihr förmlich die verhängnisvollen Worte in die Seele geschrieben. Sie war in eine Falle geraten. Reserl war verborgen im Nebenzimmer Zeugin der Unterredung gewesen, hatte die vernichtende Kritik des »Goldes ihrer Kehle« und des »Genius in ihrer Brust« seitens der Schwester und Müllers gehört. Was gehörte weiter dazu, ein törichtes Kind zu einem Schritte zu bewegen, der sie ins Unheil führen und den Ihren namenlosen Jammer bringen mußte.

Die Familie Schaumann war arm, bitter arm. Die Verwahrlosung der Kinder in einer dem Vornehmen unerhörten Art konnte beim besten Willen nicht hintangehalten werden. Nichts führt so rasch bergab wie die Armut. Sie bändigt den Stolz des Künstlers, zermürbt die gleichmütige Seelenruhe auch des lachendsten Philosophen, macht aus Weisen grinsende Narren, aus ihres Wertes bewußten Menschen Lakaien. Aber die Armut zieht ihre Grenze. Diese heißt Ehrenhaftigkeit. Mag die sittliche Verwahrlosung (immer vom Standpunkt des Vornehmen) noch so groß sein, die Armut, ja das Elend selbst hält sich respektvoll innerhalb der Marke. Diebstahl und Prostitution liegen jenseits der Grenze und wirken wie ein Brandmal.

Reserl war geraubt worden (ein anderer Ausdruck ist nicht am Platze), um mit ihrem Körper für die Lüste besitzender Herren aufzukommen. Die arme Reserl, die ja gar nicht wußte, was sie tat.

»Vatta,« sagte Poldi endlich, »wir werd'n unser Reserl nimmer seg'n.« Und im Übermaß der Qual, die nur ein Weib für die Geschlechtsgenossin aufzubringen vermag, warf sie sich über das Bett und schluchzte so fassungslos wie niemals noch.

»Polderl, i schwör' d'r's, mir werd'n s' bald wieder hab'n. Es gebert sunst ka Gerechtigkeit im Himmel und auf d'r Erd'n. Polderl – geh, tröst' di a bißl. Schau mi an . . . Denk an d' Mutter!«

»Um Gottes will'n die Mutter . . .!« Poldi fuhr rasch empor. Ja – die Mutter! Die arme, zittrige, für ihre Lieben stets fürchtende, die abgearbeitete, proletarische, häßliche, alte Mutter! Wie ihr es beibringen, wenn sie in der Frühe heimkam und wenn die alte Henne ein unflügges Küchlein vermißte? . . .

Eine Stimme ließ sich in der Küche laut vernehmen. Poldi kannte diese Stimme. Es war die Herrn Handlgrubers. Der kam ohne Anklopfen, ohne Aufforderung hastig hereingestürzt. Poldi begriff.

»Ihner Klane – die aa?«

Der starke, wohlgenährte Mann war blaß und schien wie vom Fieber geschüttelt. Er schluchzte:

»Mein Lentscherl . . . mein Lentscherl! Um Gottes willen, mein Lentscherl! Leutln, wann i hamkumm ohne ihr . . . Gott sei mir und meiner Alten gnädig! Mein Kind will i hab'n, mein anzig's Kind!«

Herr Handlgruber war nach dem Heimkommen von seiner Arbeit von größtem Schrecken erfüllt worden, als ihm seine Frau die Mitteilung machte, daß ihr Lentscherl in der Frühe zur Schule gegangen und bis zur Stunde noch nicht heimgekommen sei.

Des Vaters erster Gedanke war der an die zwei Sängerinnen, welche das Kind trotz des Verbotes besucht haben mochte. Nun war er hergeeilt und hatte das Entsetzliche erfahren.

Er sah in keine trostreicheren Gesichter, als seines war. Poldis Augen waren noch rot vor Tränen und der Vater trotz seiner aufrecht erhaltenen Zuversicht brach bei dieser neuen Bestätigung der Katastrophe zusammen. Katherl hing sich, laut jammernd, wie stets, in die Rockfalten der Schwester.

»Mein Lentscherl,« fuhr Herr Handlgruber fort zu schluchzen, »mein Anzigs, was i hab'. Fräul'n, wann i das g'wußt hätt' – dö Händ' hätt'n a Arbeit an dem klan' Halserl g'habt. Wia i schon amal g'sagt hab', liaber unter der Erd', als so was . . . O Gott! O Gott!«

»Warten mir's nur ab, Herr,« unterbrach Vater Schaumann, »warten mir's nur a bißl ab. Die Kinder san uns ja no net verlor'n, i hab' alles mögliche 'tan und die Polizei tuat aa ihr möglichstes. Ma is auf der Spur, Herr, ma is auf der Spur.«

Er hüllte sich förmlich in den Trost dieser letzten Worte.

»Leicht g'sagt. Glauben S', dö san im Powidlland aufg'wachsen, daß die a Spur z'rucklassen? Wann ma a G'schicht' so fein einfadelt, so is anz'nehmen, daß die Leut' Helfershelfer hab'n. Und so a arm's Waserl is ja bald zu was ang'lernt. Herrgott im Himmel! Wann a Galing notwendi is . . . so für solchene Leut'. Wann s' m'r mei Wohnung ausbrennt hätten. Wann s' mi umbracht hätten . . . aber . . . mein Lentscherl! . . . Du, liaber Gott! Mein Lentscherl.«

Es gibt Gefühle, mit denen ganz einfach gerechnet werden muß, mögen sie auch solche der Familien Schaumann und Handlgruber sein. Derlei Dinge ereignen sich zwar nicht allzu selten, nur erfährt die Öffentlichkeit (wenn sie überhaupt davon Notiz nimmt) durch sehr gemessene Zeitungsberichte davon, während der Unfall irgendeines Sportgigerls so breit als möglich getreten wird. Also, wie gesagt, es gibt Gefühle, die der Beachtung wert sind. Eine muhende Kuh, ein heulender Hund, eine jammernde Katze, die um ihr Junges klagen, sind unserer Beobachtung und gelegentlichen Teilnahme würdig, wie ich annehme, also darf auch auf den Schmerz der vereinigten Personen hingewiesen werden, der noch eine Ergänzung in dem des eben heimkehrenden Herrn Müller fand.

»Aufstöbern müass'n ma s', die Bagasch. Jessas! Bin i denn gar so vernagelt, daß i den Pflanz net g'rochen hab'? Aber i hab' mi halt aa a bißl auf d' Fräul'n Poldi verlassen. Na – wann die nix g'neißt hat . . .«

Und Herr Müller senkte angesichts der Tatsache, daß selbst Poldi keinerlei Ahnung der kommenden Tatsachen besaß, ergeben sein Haupt.

»Wann i dran denk', wia s' no von dö Feigenkränz' gessen hat, wia ihr die Zuckerln g'schmeckt hab'n, die i ham'bracht hab' und dö i irgend an' Kraner a'gwunna hab' (Müllers Selbsttäuschung im Punkte des Gewinnens war unausrottbar), so möcht' i wanen wia a klan's Kind. Herrgott no mal! Wo werden sie s' denn hinzarrt hab'n? Vielleicht nach Rußland oder in die Türkei . . .«

Zu teilweiser Beruhigung Herrn Müllers und allzu zarter Leser sei berichtet, wo Reserl mit ihrem Genius gelandet. Weder in Rußland noch in der Türkei, sondern ganz einfach in – Budapest. In Budapest, jener sonderbaren östlichen Donaustadt, die ihrer westlichen Schwester ihre Taschendiebe, ihre hazardierende Gentry, ihre erpressenden Politiker, ihre nervenzerreißende Zigeunermusik und ihre abgebrauchten Dirnen schickt.

Arme Reserl! Lebe wohl! Wenn du jemals wieder heimatlichen Boden betrittst, so wird dein Auftauchen ein geschändetes sein. Und auf eingesunkenen Hügeln wirst du um die Erwecker deiner Tage trauern. Und nicht gellend wie einmal wirst du das Wiener Couplet hinausschreien, dessen einige Zeilen so urwüchsig traurig klingen:

Vogerl fliag' zum Friedhof 'naus,
's Muatterl, das find'st nimmer z' Haus.
Schließ' mich ein in dein Gebet!
Die Reue kommt zu spät . . .

Zwölftes Kapitel

Herr Trümmler muß sich Ehren erweisen lassen, die er im Leben bescheiden ablehnte. Tini zeigt viel Kindlichkeit und einen entwickelten Sinn für die darstellende Kunst. Noch vielerlei, das zur Erschütterung des Lesers beiträgt.

Der alte Trümmler hatte die »Batschen gestreckt«, wie die Nachbarschaft liebevoll behauptete. Er hatte lange herumgezogen, wie es oft bei sehr kräftigen Menschen der Fall ist, die mit Stolz behaupten konnten, ihr Leben lang nicht krank gewesen zu sein, und die plötzlich ohne äußerlich ersichtlichen Grund zu siechen anfangen.

Niemand wußte recht, woran der alte Trümmler gestorben. Er war einer Krankheit erlegen, wie sie in Balladen und sentimentalen Volksliedern vorkommt. Es war bildlich gesprochen ein gebrochenes Herz gewesen. Der alte, rauhe, ja rohe Hausmeister, der sein Kind ebensoviel geliebt, als er es gezüchtigt, war von dem Tage an, da dieses ihn verlassen, ein anderer. Äußerlich nicht. Herr Trümmler war einer jener Männer vom Grund, die sich durch ein überflüssiges Wort der Mitteilsamkeit etwas zu vergeben meinen.

Er wußte, daß man ihn wegen seiner würdevollen Schweigsamkeit mehr respektiere als irgendeinen noch so geistreichen Windbeutel, dem alle bürgerlichen Qualitäten, deren sich Herr Trümmler rühmen durfte, mangelten.

Er hatte seinen streng reservierten Platz im Gasthause, ein eigenes kunstvolles Deckelglas mit dem Bildnis des von ihm angebeteten Bürgermeisters. Seine Wünsche wurden erraten und nicht erfragt, und wehe dem Kellner oder gar dem Kellnerjungen, der es mit etwas versah!

Das Gasthaus war der Sitz einer Zahlstelle eines Militärveteranenvereins und Herr Trümmler war der Obmann besagter Zahlstelle und Kommandant des Korps.

Es waren seine insgeheim stolzest empfundenen Augenblicke, wo er als Kommandant bei dem Leichenbegängnis eines Kameraden martialisch vor der Front stand und seine knappen Befehle erteilte. Ein Nichtklappen der »Ausrückung« konnte ihn in die maßloseste Wut versetzen.

Also der Kommandant war tot, sein Korps verwaist, und er hatte sich wohl auf diesen letzten Moment am meisten gefreut, wo alle Ehrungen einer Art fortgezeugten Militarismus auf seinen Sarg niederprasseln sollten. Er wußte alles, das kleinste Zeremoniell der Bestattung: den Aufmarsch des Korps, seine Aufstellung, die Kommandorufe, den dumpfen Trommelwirbel, die Schläge auf die große schwarzverhüllte Trommel, die feierlichen Klänge der Musik, dann das Rangieren des Zuges nach der Einsegnung unter dem Hausflur, der Marsch zur Kirche mit Musikbegleitung – ich glaube, Herr Trümmler, mochte er auch gebrochenen Herzens gestorben sein, trug doch ein Lächeln der Befriedigung mit in seinen Himmel hinauf.

Es mußte wundernehmen, wie diesem harten Manne der Streich seines Kindes nach dem Innersten gezielt hatte. Aber die Trümmlers hatten seit Gedenken ein zwar rohes, doch ausgeprägtes Ehrgefühl gehabt. Sie bildeten eine Aristokratie niederer Handwerker, aber – und das war ihr Stolz immer gewesen – ehrlicher, christlicher, patriotischer Handwerker.

Als damals, vor zwei Jahrzehnten, in die entlegensten Gasthäuser der Werberuf des genialen Agitators, nachmaligen Bürgermeisters und Seiner Exzellenz gedrungen, da hatte Trümmler hoch aufgehorcht. Das war ein Klang nach seinem und Tausender anderer Sinn. Das war ein Klang von Rechtlichkeit, Biederkeit und Treue, eine Auferweckung aller Tugenden der Vorfahren.

Ein Lied vom Bürgertum, Handwerk, Österreich, Christentum, Deutschtum, welch letzteres durch viele Navratils, Woperschals, Brezinas zwar damals keineswegs beeinträchtigt wurde.

Man hatte auf die Bürgertugenden so vieler vom Schlage Trümmler spekuliert und mit den Instinkten des verbohrten Pfahlbürgers gerechnet.

Das edlere Material, das bloßgelegt hätte werden können, ward aufs neue umhüllt mit den Nebeln eines verlogenen Christen- und Deutschtums und eines Patriotismus nach Art Radetzky-Marsch.

Aber Herr Trümmler ist tot. Lassen wir ihm das Bewußtsein seiner Unfehlbarkeit, das ihm das Leben erträglich machen half, und rechten wir nicht mit seinen Anschauungen, die viele Tausende gleich ihm als Evangelium betrachteten. Auch der große Führer ist tot.

Aber damals lebte er noch und tat seinem Getreuen eine Ehre an, von der ich noch berichten werde im Verlauf dieses seltsamen Kapitels.

Frau Trümmler hatte seit dem letzten Besuch ihrer Tochter samt seinen unangenehmen Folgen mit dieser in Beziehungen zu treten gewußt. Ohne Wissen des Gatten hatte sie der Tini einen Besuch abgestattet, der angesichts der vorhergegangenen Ereignisse ein befriedigender genannt werden mußte. Bei der Mutter spielte neben der Liebe zu ihrem Kinde eine gewisse kupplerische Eitelkeit, bei der Tochter neben einem unleugbar vorhandenen kindlichen Gefühl eine Art Drang mit, sich in Bitterkeiten über ihren Erzeuger zu ergehen, die Gattin gewissermaßen gegen den Gatten aufzuhetzen und so eine Art kleinliche Privatrache auszuüben . . .

Frau Trümmler war ohne alle Bedenken stolz auf ihre Tochter. Das war ein Aufstieg so recht nach ihrem Herzen gewesen. Als sie das erstemal schüchtern die elegante Wohnung Tinis betreten hatte, drohte ihr fast das Herz stillzustehen vor ehrfürchtiger Freude. So weit hatte es ihr Kind gebracht! Das, was man so in Romanen über die Pracht der Ausstattung las, hier war es überboten.

Und Tini, ihr Herzenskind, war nicht einmal stolz geworden, ein Vorzug, den die Mutter später niemals mit Stillschweigen übergehen konnte.

Die niedrigen Instinkte beider Frauen trafen sich hier. »Nur kan' Stolz net!« wie der Wiener sagt, wenn es oft gilt, sich gemein zu machen; diese Sentenz befolgte die Trümmler Tini mit allem Raffinement ihrer natürlichen Mitgabe Weiblichkeit.

Sie war nicht stolz. Im Gegenteil. Es lag ihr daran, mit dem Boden in Fühlung zu bleiben, in dem sie wurzelte. Tini wollte nicht allein die Bewunderung der Ringstraße, der Kärntnerstraße, des Turfs, des Theaters – nein, Tini wollte am meisten die Bewunderung der Kreise, aus denen sie hervorgegangen.

Sie hatte sich ihr erstes Auftreten anders gedacht. Welche Aufregung, welche Wonne im Elternhause mußte ihr Erscheinen erregen. Und vor allem, welche Bewunderung, welchen Neid der anderen . . .

Es war anders gekommen. Der unsentimentale Mann, den eine ganze Gartenflora auf einem breitrandigen Hut nicht zu rühren vermochte, hatte die Illusion Tinis gestört. Es war roh, gemein, ja mehr, es war taktlos gewesen. Aber der alte Trümmler handelte damals aus einem alten Herzensbedürfnis und aus dem tiefsten Gefühl für Ehrbarkeit, als er seinem Besen eine Handlung aufbürdete, für die ihn sein Verfertiger selbst im Traume nicht bestimmt hätte.

Herr Trümmler hatte ein, wenn auch ungehobeltes, so doch ausgebildetes Ehrgefühl. Sein Christentum mochte wohl in manchen Punkten nicht mit dem des Nazarener's übereinstimmen (gegen Leute zum Beispiel, die nicht wußten, wo sie ihr Haupt betten sollten, hatte der alte Hausmeister tiefgegründete Abneigung), aber er dachte doch, ihm gerecht zu sein, wenn er sich nach den Anordnungen hielt, die ihm Kirche, Schule und bürgerliches Gesetzbuch vorschrieben.

Seinen größten Abscheu hegte er jedoch gegen die Hure. Und er war in diesem Abscheu konsequent. Ob sie nun geduldet durch die Straßen strich oder in einer Equipage die Ringstraße verunzierte, er machte keinerlei Unterscheidung zwischen Dirne und Mätresse, wie die feinen Differenzierungen des Gesamtstandes lauten.

Herr Trümmler hatte sich seine Tini einst als rechtschaffene Ehefrau eines Handwerkers gedacht, in Verbindung mit einem einträglichen Hausmeisterposten. Am liebsten wäre ihm als Eidam ein Zimmermaler gewesen, dem die schwiegerväterliche Protektion allein die Arbeiten des ganzen Hauses und noch vieler Häuser der Nachbarschaft zugebracht hätte.

Aber es war anders gekommen. Sein Kind hatte ihm Schande gebracht und deshalb hatte er sich von ihm abgewendet mit dem harten Nieverzeihen, das dem Ehrbegriff des Volkes als die größte Art Heroismus gegen das natürliche Gefühl dünkt.

Kaum hatte er die Augen vor einer Welt geschlossen, die ihm keine Freude mehr bereitete, als Frau Trümmler zu ihrer Tochter fuhr (sie gestattete sich einen Komfortabler), um diese mit der Mitteilung zu erschüttern, daß sie nun eine halbe Waise sei.

Tini hatte sich glänzend benommen. Sie war in ein Geheul ausgebrochen, hatte sich die Frisur zerrauft und unaufhörlich nach ihrem »Vatterl« gerufen. Dann aber hatte sie bald die Herrschaft über sich und die Situation gewonnen und bei wohlbesetztem Tische mit der Mutter das Nötige verabredet. Das Leichenbegängnis sollte ein derartiges werden, daß die ganze Straße in Aufruhr kommen mußte. Es wurde schon erwähnt, daß Tinis Pfennigfuchserei zurzeit in laute, kostspielige Protzerei umschlagen konnte.

Dann fuhren die beiden Damen in Tinis Wagen fort, um die nötigen Besorgungen zu machen.

Am nächsten Tage wunderte sich männiglich nicht wenig, das Haustor reich in Trauer drapiert zu sehen. Es war, als ob ein Hausherr gestorben sei, nicht ein simpler Hausmeister, obwohl es den alten Volkswitz stets in Bewegung setzt, wenn ein außergewöhnliches Trauergeläute stattfindet, von der »Leich eines armen Hausmasters« zu sprechen.

Ein schwerbehangener Trauerportier stolzierte mit seinem Stabe vor dem ebenso schwer behangenen Haustor umher und lockte die ganze Kinderschaft und Weiblichkeit an, stehen zu bleiben und ihn anzustarren. Breit schwarzgeränderte, vornehme Parten flogen förmlich nach allen Seiten und wurden in allen Gasthäusern aufgehängt. Sie schilderten das untröstbare Leid einer Witwe und Tochter und die Titel des Verewigten. Herr Trümmler war, wie sich erst nach seinem Tode für alle Welt herausstellte, nicht allein Kommandant des ersten Militärveteranenvereins FZM. X Nr. . . . ., sondern auch Mitglied des Vereins christlicher Hausmeister und Portiere, des Lueger-Bundes, mehrerer humanitärer Spar- und Geselligkeitsvereine und des Pfeifenklubs »Vesuv«. Weiter war er Inhaber einiger mit vieler Umständlichkeit genannter Militärmedaillen und Inhaber eines usw. . . .

»Sollt' ma glaub'n, daß so a Mann weg'n so an' Hatsch'n ins Gras hat beißen müassen?« meinte im Vorbeigehen eine alte Frau, die vielleicht einzig mit dem Instinkt des Alters den wahren Beweggrund kannte, der Herrn Trümmler genötigt hatte, »ins Gras zu beißen«.

»Jetzt'n, daß ma scho sein' Vodan net mit'n Schinder bei der Nacht aussiführ'n laßt, begreif' i. Aber a so an' Pflanz . . . wissen S' weg'n an' Hausmaster . . . no und von wem? . . . In dreckigsten Rockbram laß i net an sie anstraf'n.«

»Ah was! A Geld hat s'! Und damit basta und firti! Die lacht uns alle aus, Frau Nachbarin. Manen S' die kümmert si, was heut der Kilo Erdäpfel kost't? Oder a Stückel Fleisch oder a Zuaspeis?«

»Oder was der Bund Wasch'ln kost't und a Ausreibfetz'n und a Bes'n? . . . Hahaha! Weil mir just der Bes'n einfallt . . . Sie wissen eh, den i man'.«

Es war angesichts des schwarzverhängten Tores mit so viel liebenswürdigem Freimut gesprochen worden, daß Herrn Trümmlers Unsterbliches die lebhafte Billigung seiner irdischen Handlungsweise nur mit einem seligen Lächeln von oben quittieren konnte.

Der schweigsame, gelangweilte Portier schritt mit der steifen Geradheit eines auf Posten stehenden Soldaten vor dem Haustor auf und ab und zählte wohl im Geiste die Minuten, die sich nicht zu Stunden reihen wollten und die hier auszudauern ihn sein mit der Leichenbestattungsunternehmung eingegangener Vertrag zwang.

Der Tag der Bestattung war gekommen. Im ausgeräumten und schwarzverhangenen Zimmer lag in Prachtparade aufgebahrt der alte Hausmeister. Die Brust war ihm wirkungsvoll mit allen Medaillen bedeckt, die er in seiner aktiven und nichtaktiven Dienstzeit erhalten.

In seinen gelben Fingern, die wie die weißen Tasten eines jahrelang gespielten Klaviers aussahen, hielt er ein kostbares elfenbeinernes Kruzifix, das in Verkennung seines Kunst- und Verkaufswertes seine Frau ihm mitgegeben.

Rings um den auf ein stufenartig erhöhtes Podium gestellten Sarg brannten in »silbernen« mächtigen Leuchtern Kerzen von der Stärke, wie sie bei feierlichen Gelegenheiten den Hochaltar der Kirchen zieren. Der »silberne« Weihbrunnkessel mit einem ebenso »silbernen« Instrument zu ausgiebigem Besprengen der sterblichen Reste Herrn Trümmlers befand sich über einem mit schwarzem Samt überzogenen Gebetpult. An den Wänden waren Gestelle, die die eingelaufenen Kranzspenden trugen.

Mächtige Schleifen kündeten von letzten Grüßen, ewiger Trostlosigkeit und ewigem Gedenken.

Zu beiden Seiten standen mit der Regungslosigkeit von aufgestellten Puppen je drei Leichenbestattungsbedienstete. Das war besonders wirkungsvoll.

Im komischen Gegensatz zu all der unsinnigen Pracht stand die Küche mit ihrem armseligen Aussehen. Unordentlich, unaufgeräumt und proletarisch. In einer Ecke lehnten Besen, Aufhackeisen, Schaufeln, Weißingstangen usw., kurz all das Zubehör einer Hausmeisterwohnung, deren Inhaber zugleich Maurer ist.

Ein wackeliger, lange nicht blank geriebener Küchentisch zeigte defektes, einige Tage nicht gereinigtes Geschirr, die Tür des stellenweise ganz seines Ölfarbenanstriches entblößten Küchenkastens hing schief in einer Angel – kurz, man konnte sich keinen größeren Gegensatz, als den zwischen der unnötigen Lumpigkeit der Küche und der noch unnötigeren Pracht des Aufbahrungszimmers denken.

Beide Räume waren stets erfüllt von Trauergästen, die persönliche Anteilnahme oder deputative Nötigung hergeführt hatte. Der große Hof war gedrängt voll von Leuten, die die eintreffenden Personen und ihre Kranzspenden kritisierten.

Zwei Diener der Leichenbestattungsunternehmung schleppten einen Kranz von unheimlicher Dimensionen heran. Die seltensten Blumen waren in das dunkle Grün des Lorbeers, des Tannenreisigs und der Palmen verwoben. Er konnte erst in letzter Minute fertiggestellt werden. Auf den breiten, schwarzen Atlasschleifen glänzten in Goldbuchstaben die Worte, die von der Sinnigkeit und Kindlichkeit eines Tochterherzens in beredter Weise sprachen:

Ihrem teuren lieben Vaterl
seine untröstliche Tintscherl.

Die Aufschrift wurde mit gemischten Gefühlen beurteilt.

»Tintscherl! Hab'n S' es g'lesen? Wann unser Herrgott da kan' Blitz abifahr'n laßt, glaub' i an ka Gerechtigkeit mehr von ob'n. Tintscherl! Das aus'peitschte Luader dös! Am End' hat s' die Kuraschi und kummt no zu der Leich'. Aber da sollt' s' g'stampert werd'n, daß s' in dö Gegend a dritt'smal si nimmer einitraut.«

»No ja – wia ma's halt nimmt. Am End' is's do schön, daß s' wenigstens im Tod ihr'n Vottan no die Ehr' gibt. Is allweil besser, als sie bleibert dickschädlert und verzeiht eahm die G'schicht' gar nia net – Sie wissen do . . .! Das war von dem Alten – Gott gib eahm an' ewigen Fried' und laß 'hn seli' ruahn – aa a bißl zu viel. Kind bleibt Kind und Votta bleibt Votta. Ans wia 's andere muaß wissen, was si g'hört.«

»Leicht z' reden. A Kind muaß sie erst benehmen, daß a Votta waß, wia er si benehmen soll. Recht hat er g'habt und die Frau hat aa recht, wann s' mant, ma sollt ihr die Frisur a bißl auf grad richten. Na – meine sollt m'r amol so hamkumma!«

»Und schau'n S' Ihna – i bitt' Ihna – schau'n S' Ihna die Alte an! Hab'n S' je schon so was g'seg'n? No, wann da net dö Trauerroß scheuch werd'n und durchgengan mit eahnera Fuhr' . . .«

Die letzte Äußerung galt Frau Trümmler, die wirklich einen sonderbaren Anblick bot. Ihre kleine, rundliche Gestalt war in einen Berg von schwarzem Zeug und Schleiern gehüllt. Sie glich einem etwas hochlehnigen Fauteuil, über den eine ganze Kleiderlast eines Trauermagazins geworfen worden war.

Die untröstliche Witwe hatte eigentlich heute einen ihrer schönsten Augenblicke. Alles betäubte sie förmlich. Die wundervolle Aufbahrung, die vielen Menschen, das Aufsehen in der Straße, das notwendig gewordene Aufgebot Sicherheitswachleute zu Fuß und eines zu Pferde, um den Verkehr aufrecht zu erhalten – das alles wirkte auf die gute Frau Trümmler wie eine persönliche Ehrung.

Sie machte überall die Honneurs – im Leichenzimmer, in der schmutzigen Küche, im Hofe – und entwickelte eine ausgedehnte Zungenfertigkeit bei Schilderung der Krankengeschichte, besonders der letzten irdischen Tage ihres Gatten.

»Ja, um Gottes willen, Frau Trümmler . . . Sagn's S' mir nur, was dem Mann eigentli eing'fall'n is? Wia i gestern dös Partazett'l kriag', hab' i g'mant, das is vielleicht a dummer Witz vom Fasching no her. Aber na, da steht wirkli drauf: Herr Johann von Nepomuk Trümmler. Aber ma soll't auf Ahnungen was geb'n. Umasunst hab'n net vur a paar Täg die Kästen bei mir so 'kracht. Stirbt d'r wer, der d'r nah'steht, denk' i m'r, und hab' allweil a Kreuz g'macht. Aber jetzt sag'n S' mir nur, was dem Mann eigentli g'fehlt hat.«

»Soviel i waß, nix Recht's. Er hat aber scho die längste Zeit so umeranandazog'n. Bitt' Ihner: wann an' Mann amal 's Pfeiferl und der Wein nimmer schmeckt! . . . Schmerzen hat 'r so net recht g'habt, nur g'stochen hat's eahm allweil in der Seiten und manche Nächt' hat er net schlafen können, weil er kan Atem kriagt hat. Aber an so was is bisher no ka Mensch g'sturb'n. Der Doktor hat g'mant, es liegt an der Nier'n und am Herzen, und hat eahm was verschrieb'n. Da hat er aber mein Alten schlecht kennt, wann er g'mant hat, der sauft das G'wascht. Hör'n S' m'r auf mit die Dokters. I hab' gnua von eahna. Helfen kann aner sowiaso nix und mit die Apotheker san s' Bruader im G'spiel. I hab' halt Haarlinsenumschläg' g'macht, recht haß natürli, und an' russischen Tee mit hübsch stark Rum. Das hat eahm, scheint mir, recht guat tan, und es hätt' 'hn aa aussibatzelt. Kummt aber net amal d'r Dokter dazu und macht mir in meiner Wohnung an' Bahöll. Wia si der sein' g'studierten Brotlad'n ausg'laart hat . . . Na pfiat di! I hab' eahm aa mei Manung zum Riach'n geb'n. Da is di Tür, sag' i. Wann S' manen, Sie hab'n 's Patent auf die Dokterei, lassen S' Ihna das Lehrgeld z'ruckgeb'n. Mit die Marschierpulver is no kan' Menschen was g'holf'n wurd'n. A jede Natur hilft si selber, wia s' kann, und ohne Dokter stirbt si's billiger und schöner als mit an' Dokter.

»Ang'schaut hat er mi . . . no, i will net sag'n wia! Zum Auffressen, aber net vur Liab'. Das mit die Marschierpulver hat eahm am meisten g'rissen. So was hör'n dö Herrn . . . Herrn . . . i will mi net näher ausdrück'n, die Herrn Doktores net gern. ›Deshalb kaan ich Sie vor Gerücht belangen‹, mant er. Nur zua, sag i, dö große Angst hat neunzig. Beim Gericht kenn' i mi scho aa a bißl aus und waß, wia ma mit an' Richter z' reden hat. Und lesen S' amal den Perspekt von dö Naturheilkündler, dö aa mit 'n Tee kuriert hab'n und scho Halbtote pumperlg'sund g'macht hab'n.

»Auf das hat er weiter nix g'sagt, nimmt sein' Huat und geht. Viel Glück und a schön's Wetter denk' i m'r. Am nächsten Tag schickt er sei g'schmalzene Rechnung, dö i zitta 'zahlt hab. Daß mir je was schuldi blieb'n war'n, ham mir no nia notwendi g'habt.

»Am Ab'nd fangt der arme Mann zum Achaz'n an und mant, eahm is so viel schlecht. I geh und denk' m'r, no, eahm fehlt sein Tee. Wia i damit ins Zimmer kumm', schaut er mi so eigentümli glasi an. Schani, sag' i, da hast . . .

»Aber mit an' Schra laß i den Tee fall'n, war'n guat um zehn Kreuzer Rum drin, und stürz' aufs Bett.

»Er hat mi nimmer g'seg'n. Derweil i in der Kuch'l war, hat er mir das antan.«

Diese Erzählung wirkte bei den Zuhorchenden, meist Damen in schwarzen Toiletten, die oft schon arg vom Zahn der Zeit benagt schienen, wie die Tätigkeit einer Wasserpumpe.

Es wurde viel salziges Naß vergossen und viele Sacktücher wurden in Tätigkeit versetzt. Allgemein neigte man der Meinung zu, der Doktor mit seiner aufgeblasenen Unwissenheit wäre die direkte Schuld an Herrn Trümmlers Tode.

»Mir kummert kaner ins Haus,« erklärte eine mit viel Bestimmtheit, »und wann's auf d' Letzt gangt. A alt's Weib kennt sie oft mehr aus als so aner, der die G'scheitheit mit 'n großen Löffel g'fress'n hat. A Sympathie? Da lachen dö Herr'n unserans aus. Wia viel'n als s' aber scho g'holfen hat, das woll'n s' net wissen . . .«

Unter den erschienenen Leidtragenden befand sich auch der Sedlmaier Gustl. Er stak in einem Salonrock, der noch aus seinen Brautzeiten zu stammen, und trug auf dem Kopfe einen Zylinder, der mehr Haare gelassen als behalten zu haben schien.

Gustl war zu der »Leich« seines ehemaligen Hausgenossen und Hausmeisters in frommer Pietät erschienen, obwohl die beiden Väter vor Jahren ein Zwist getrennt, den, wie Herr Sedlmaier behauptete, das »Raubersmensch«, die Tini, und wie Herr Trümmler behauptete, das »g'scheerte Affenmensch«, die Mirzl heraufbeschworen. Herr Trümmler hatte gegen außen stets schon aus Gründen der Rechthaberei die Partei seiner Tochter gehalten, wenn er sie auch nachträglich in der väterlichen Wohnung gehörig zu wichsen pflegte.

Die »Standratschen« hatte immer einen Groll zu hegen, es war ihr ein Herzensbedürfnis. Aber dieser Groll lagerte so dünn auf der Oberfläche des Gemüts, wie eben gefallener Neuschnee auf der Steindecke, den ein laues Lüftchen zum Schmelzen bringt. Anders der Groll des Hausmeisters, der nie etwas vergab, am wenigstens eine Ehrenkränkung. So kam es, daß aus dem Streite wegen der Unart eines oder zweier Fratzen ein Zwist der Männer für immer eintrat, der um so unheilbarer war, da er von Herrn Trümmler mit all den kleinlichen Mitteln geführt wurde, die einem verwundeten Hausmeistergemüt zur Verfügung stehen. Unter ihnen stand, wie schon berichtet, die Kündigung der Wohnung obenan.

Der gutmütige Sedlmaier Gustl hatte diese Jahre zurückliegenden Ereignisse längst vergessen und im Augenblick vollständig verziehen. Aber da er, wie gesagt, ohne irgendeinen nennenswerten Groll nicht bestehen konnte, so hatte er diesen mit voller Wucht auf Fräulein Tini geworfen. Er erzählte eben einem Bekannten weitschweifig, wie sie vor kaum einem Jahre auf den Standplatz gekommen und sich einen Wagen ausgesucht habe.

»Is dös Ihner Zeug?« rezitierte er die damalige nichtssagende Frage in einem bedrohlichen Tone. »Is dös Ihner Zeug?« wiederholte er nochmals, um das bodenlos Verworfene, Boshafte der Frage so recht drastisch zu illustrieren. »Wia s' dös g'sagt hat, dös Luada; dös hätt'st hör'n soll'n! Ob dös mei Zeug war'! Hast d'r a Idee? Dös g'spannt do a Kind. Aber es wird ihr ka Glück bringa, dös waß i,« und er rollte bedrohlich die Augen in ihren Höhlen.

Aus den geheimnisvollen Andeutungen über irgend etwas, was ein Kind ahnen könne, wußte sich der Bekannte offenbar viel zu machen. Er sagte daher mit Beziehung auf Tini:

»A Karnali war s' von jeher, dös steht. Derer trau' i dös scho zu. Wann i ihr scho nix anders zuatrauert.«

Eine Antwort, die ebenso unergründlich wie der Groll Gustls wegen der harmlosen Frage nach dem »Zeug« war.

Dieser hatte schon ein bedenklich rotes Aussehen, das mit dem Abschied vom Standgasthause in einem ursächlichen Zusammenhang stand.

Trotzdem bemerkte Gustl wie beiläufig zu seinem Bekannten:

»Kummst mit umi auf a Viertl? Dös Herumsteh'n unter die alten Weiber wird an' auf die Dauer zu öd.«

»Hab' nix dageg'n. Aber daß m'r d' Einsegnung net versama. Hast eahm übrigens scho ang'schaut?«

Mit »eahm« war der Tote gemeint.

»No freilich. Manst, i gib an' alten Freund net die letzte Ehr'? I hab' eahm ang'spritzt, wia si's g'hört, und aa a Vaterunser bet't.«

Unter»Anspritzen« verstand Gustl das Besprengen mit Weihwasser, das er in ausgiebigstem Maße besorgt hatte, als handelte es sich noch in letzter Stunde um ein förmliches Abspülen des letzten Restes eines Mißverständnisses, das zwischen ihm und Herrn Trümmler bestanden haben könne.

Zwecks eines anderen Abspülens zog sein Bekannter mit nach dem Gasthause, das bis vor nicht zu langer Zeit dem nun Verblichenen als jahrelanges Standquartier gedient.

Hier war der Sitz der Zahlstelle des Militärveteranenvereines Feldzeugmeister Y, Reg.-Nr. . . ., hier der Sitz eines der Spar- und Geselligkeitsvereine. Hier war der Sitz einer periodischen Vogelschau, wo die armen eingekerkerten Sänger in winzig kleinen, dazu verhängten Käfigen ihre Lieder zum besten geben mußten zwecks Erzielung eines Preises für den Besitzer. Herr Trümmler, der einer jener unbewußten Barbaren der Vogelnarrheit war, spielte im Preisrichterkollegium stets eine ausschlaggebende Rolle.

»Dös Ziroll i ferm« oder dergleichen entschied immer zugunsten eines umstrittenen Preisjägers.

Heute war das Gasthaus überfüllt. Neben »Leidtragenden« in Schwarz und kreppumhüllten Zylindern drängten sich die Kutscher und Träger des Kondukts, die alle in Anhoffnung eines guten Trinkgeldes auch sehr aufgeräumt waren. Für sie bedeutete ja der Tod das Leben, denn das Handwerk kennt keine Sentiments.

Die kräftigste Note, wie ein schöner Ausdruck lautet, gaben dem Lokal die Veteranen. Die Musikanten standen plaudernd, unter dem linken Arme das Instrument, mit der Rechten das Bier- oder Weinglas haltend. Der Wirt, selbst der kriegerischen Gilde angehörend, stand schon in vollem Waffenschmuck (wenn bei der trostlosen Waffenlosigkeit der Institution bis auf den heutigen Tag das Wort gestattet ist), den Tschakko auf dem Haupte, hinter der Schank und füllte unablässig Glas um Glas, indessen der Zahlkellner in weiser Voraussicht des unvermittelten Aufbruches durch die Reihen der Gäste strich und nach Bezahlung drängte.

Hauptgegenstand der heutigen Diskussion war selbstverständlich Herr Trümmler.

»Ob mi nit sagt ham, daß mi wähl'n zu Ehrenmitglied.«

»No und wer war in der Ausschußsitzung so dageg'n? Hör m'r auf! Von an' Böhm' hört m'r ka ehrlich's Wurt. Wer hat in d'r Ausschußsitzung dageg'n g'stimmt? Ha? Du!«

»Mi? Geh, sog's no mol! Mi? Wannst mia beleidingens willst . . . Sag'! Wer hat dageg'n 'stimmt? Hundsfutter, dreckige! Ha, sag'!«

»Wer g'stimmt hat? Schauts auch eahm an! Hört's, dös is guat! Weninger, du waßt do, wia die Abstimmung war. Kannst di do no erinnern? Es hat g'haß'n auf der Tagesurdnung: »Ernennung des Kameraden Trümmler zum Ehrenmitglied.« No, jetzt sag' m'r, Wostrzil, wer war eigentli so dageg'n? Du! Nur du!«

Der Kamerad Wostrzil war jedoch solchen Ermahnungen, in seinem Erinnerungsschatz zu stöbern, unzugänglich.

Mit all dem schönen Temperament seiner Nation empörte er sich gegen den Vorwurf einer Vergeßlichkeit. Er hob drohend die geballte Faust.

»Du . . . du! . . . Graninger! Du! . . . Sag' mi nit no mol! Du Lausbu dreckige, verdächtige! Wer hat nit 'stimmt?«

Die Kollegen warfen sich zur Vermittlung ein.

»Jetzt'n, Wostrzil . . . an' Wirb'l gibt's net. No, und du, Graninger . . . laß 's sein! D'r Wostrzil hat damals, wia i waß, net mitg'stimmt, aber hat aa net dageg'n g'stimmt. All's was recht is! Werd'ts do net vielleicht vur da Leich' an' G'stank'n anfangen! Schamt's enk!«

»No, mir is 's ja recht,« sagte der gutmütige Graninger. »Wann si d'r Wostrzil aufhalt, is er a Esel. G'mant war do die G'schicht net so. Aber an' Lausbuam hab' i eahm aa no net o'geb'n. Jetzt damit is 's guat, daß dös Gwiaxst a End' hat.«

Herrn Wostrzils Groll war jedoch noch nicht beschwichtigt. Er hatte die nachträgliche Gemütsart seiner Rasse, der eine Versöhnlichkeit wenig gewachsen war.

»Daß d' mi nit no mol sagst,« und er hob bedeutsam drohend den Zeigefinger, »nit no mol. Du, i sag' di's . . . Nit no mol . . . Wer hat nit 'stimmt? I oder du?«

Die zwei uniformierten Kampfhähne wurden in der bei solchen Gelegenheiten üblichen Form getrennt, indem man jedem ein gefülltes Literglas dicht unter den Schnauzbart hielt. Diese Tathandlung verfehlte nicht, den Siedegrad des Grolls auf den Taupunkt der Versöhnlichkeit zu mäßigen.

Herr Wostrzil tat einen Schluck, der seine Nation mit der deutschen mindestens paritätisch machte. Dann schlug er seinem Widerpart derb freundschaftlich auf die Schulter.

»Mi Böhm sans mi a bißl hitzige Natur; aber mi sans mi seelensgut. Dreckbu lausige, niederträchtige.«

Alles lachte beifällig. Denn der »lausige, niederträchtige Dreckbu« war diesmal nur humoristisch, also höchst freundschaftlich gemeint. In diesem Sinne nahm es auch Herr Graninger, der, die Hand des wiedergewonnenen Kameraden herzlich schüttelnd, meinte:

»No, laß ma das. Denk'n ma liaba an 'n armen Trümmler. War do a fermer Kerl. No a Weana nach 'n alten Schlag. An' besser'n Vurstand kriag'n ma nimma. Ehrli und rechtschaff'n! Hand aufs Herz: A Mann, wia er nur dasteht!«

Herr Wostrzil, jedenfalls unter dem Einfluß des Stimmungsumschlages stehend, den gehörige Quantitäten Bier und Wein auszuüben pflegen, wurde plötzlich tränenweich.

»War mi alte Spezi,« sagte er mit einer Stimme, die nur mühselig unterdrücktes Schluchzen kennzeichnete. »War mi beste Freund am Welt. Hat mi imme sagt: Wostrzil, biste anzige Freund, wu i mi kanns verlassen drauf, wanne ankummt drauf.«

Es lag in Herrn Wostrzils Worten zwar viel Vergeßlichkeit, die die Erinnerung an alte, durch Vereinsmeierei genährte Mißgunst erwürgte. Auch lag in ihnen viel Eitelkeit und Selbstgefühl und vor allem eine unangebrachte Herabsetzung der Kameraden, die sich mindestens mit demselben Rechte der Freundschaft des Verewigten rühmen durften.

In dem Augenblick trat Gustl mit seinem Begleiter ein.

Gustl hätte kein Fiaker sein müssen, um nicht in aller Welt bekannt zu sein. Abgesehen von der alten Bekanntschaft mit dem Lokal, das Gustl seinerzeit mit seinem Fluche bedacht hatte und das er unbilligerweise als Auswürfling verlassen mußte.

Daher erregte sein Eintritt bei vielen großes Hallo. Ein Leichenbegängnis bildet eine Art Zusammenkunft. Man hat sich oft jahrelang aus dem Gesicht verloren, bei dem Anlaß des Ablebens eines gemeinsamen Bekannten trifft man sich. Je nachdem man sich aufgelegt fühlt, über die Nichtigkeit alles Irdischen allgemeine Bemerkungen auszutauschen, gesteht man, daß man mit den Jahren immer älter werde, daß sich die Reihen der Bekannten schon bedenklich zu lichten anfangen, und daß es der Verewigte gut habe, nun er es überstanden.

Da der Zwiespalt der beiden »Veteraner« dank dem ebenso energischen wie aussichtsvollen Einschreiten der Kollegen ein Ende gefunden hatte, konnte sich der Sedlmaier Gustl vielfacher liebevoller Teilnahme erfreuen. In kurzem stand er in einem Kreise von »Bekannten«, die er seit Jahren aus seinen nichts weniger als faszinierenden Augen verloren hatte, in einem ernsten und angeregten Gespräch.

Es war gerade auf die Minute, daß der Veteranenhauptmann (der einstmalige Stellvertreter) hereingestürzt kam und die »Ralliierung seiner Truppe« anordnete (wie viele studentische »Kuhschlucke« da geleistet wurden, will ich nicht nachrechnen), als Gustl gerade in der Erzählung seines Abenteuers auf dem Standplatz mit Fräulein Tini bei der Stelle angelangt war, wo diese eine ebenso unnütze wie aufreizende, ja geradezu verbrecherische Frage getan hatte.

»Wißt's, wia s' dös g'sagt hat: Is dös Ihner Zeug? . . . Versteht's?«

Die ernsten Mienen der Zuhörer bewiesen Gustl aufs neue und aufs schlagendste, daß die Verletzung seiner Gefühle eine unheilbare sei.

Doch der Hauptmann hatte gerufen, alles stürzte hinaus, die Musikanten probten in der Eile ihre Blasinstrumente und bald war die kriegerische Schar wohl eingeteilt und gerichtet, vor Herrn Trümmlers im Hausflur bereits niedergesetztem Sarge aufgestellt.

»Haaabt Aaachchtht! Rrrührt euch! Grrradaus!« Trommelwirbel ertönte, die Krieger blickten geradeaus, wie das Kommando vorschrieb, und die Musik setzte mit dem Kaiserlied ein.

»Habt aaacht!«

Dann kam der Beethovensche Trauermarsch . . . Mittlerweile hatte sich jedoch eine höchst aufregende Szene ereignet gehabt. Eben war der Metallsarg von den noch zögernden Bestattungsbediensteten, die von dem Erscheinen einer Tochter wußten, verschraubt worden, da die Zeit drängte, als sich vom Hofe her hysterisches Weinen und Schreien vernehmen ließ.

Die Trümmler Tini war nämlich im letzten Moment angerast gekommen. War es wirkliche Verspätung, war es Berechnung – kurz, sie konnte keinen letzten Blick mehr auf die Züge ihres toten Erzeugers werfen. Nun erfüllte sie das ganze Haus mit ihrem Geschrei.

Gleich ihrer Mutter starrte Tini nur von »Schwarz«. Aber da sie eine schöne Figur besaß, kleidete es sie vortrefflich, wie ja Frauen, wenn sie schön sind, in der Kleidung der Trauer mehr zu unserem Herzen sprechen, sich fast überirdischer für den Augenblick machen, als in jeder sonstigen Toilette. Tini konnte vor herabwallendem Schleierwerk kaum vorwärtswanken. Die Rechte hielt ein duftiges, gesticktes, mit Aufdringlichkeit zur Schau getragenes Taschentuch.

Im Hofe hatten sich Mutter und Tochter lange Zeit schluchzend umschlungen gehalten. Dann wurden beide voneinander getrennt und viele schwarz gekleidete und verschleierte Damen nahmen sich das Vorrecht, die eine oder die andere zu trösten.

Tini setzte von allem Anfang an solchen Versuchen einen energischen Widerstand entgegen. Sie wand sich mit der Geschmeidigkeit eines Ringkämpfers von einer Umarmung zur andern. Dabei schrie sie unausgesetzt:

»Laßt's ma mei Vatterl anschau'n! I bitt euch, laßt's ma mei Vatterl anschau'n! Nur amal muaß i 'hn seg'n, o Gott! o Gott! Das allerletztemal . . .«

»Johann, Johann!« kreischte Frau Trümmler im Übermaß der erwachten Gattenliebe. »Du kannst 'hn nimmer seg'n,« wendete sie sich zur Tochter, »du bist scho z' spät kumma . . . O Gott! o Gott! Daß i das derleb'n hab' müass'n!«

Mittlerweile war man halb schiebend, halb geschoben in einem schwarzen, wirren Knäuel im Aufbahrungszimmer angelangt.

Hier entfaltete Tini die vollste Blütenpracht zärtlicher Kindesliebe. Mochte angesichts des geschlossenen Sarges wirklich etwas an ihr Herz rühren oder war es nur die alte, grelle, laute Tini, die aus ihr herausschrie, kurz sie machte nach späteren Mitteilungen der Leichenbestatter einen »Wirbel«, wie sie ihn im Leben noch nie erlebt, und das will was heißen.

Kaum in das Zimmer getreten, stieß Fräulein Tini einen Schrei aus.

»Vatterl!« jammerte Tini in höchst natürlicher Art und sank in die Knie. »Vatterl! Dei Tinerl is da. I bitt' di, schau mi nur no amal an! Dei Tinerl is da. Hörst mi net, Vatterl?« Und sie schlug mit der Stirn hörbar gegen den Boden.

Man bemühte sich rasch um sie. Aber Tini schaute mit verstörten Blicken in der Runde umher und jammerte weiter:

»Is denn niemand da, der mir mei Vatterl anschau'n laßt? (In Wahrheit hegte sie gar nicht den Wunsch dazu.) Is denn niemand da, der mir hilft? (Man hielt sie aufrecht.) Is denn gar niemand da, der a Herz für a Kind hat? (Das Kind sah ein wenig zu sehr aus den Kinderschuhen gewachsen aus.) Is denn gar niemand da? . . .?« Hier verließen Fräulein Tini alle Anrufungsmöglichkeiten an lebende Personen und sie gellte laut: »Vatterl! Vatterl! Wannst dei' Tinerl seg'n kunnt'st . . . I bitt' euch, Leut'ln, macht's die Truch'n nomal auf! I will mei Vatterl seg'n!«

Vergebens. Dem natürlichsten aller Gefühle konnte nicht Rechnung getragen werden, aus dem einfachsten Grunde, daß nämlich ein Metallsarg nur mehr über Gerichtsbeschluß zu öffnen war. Da aber Gerichte bis nun noch keinem gebrochenen Herzen mit ihrer Neugierde nachgeforscht, so war ein Öffnungsgrund nicht vorhanden.

Die letzte, fürchterlichste aller Zeremonien begann. Der Sarg wurde auf die Schultern von sechs Bediensteten der Leichenbestattung gehoben und der Gast, der durch mehr als fünfzig Jahre in diesen Mauern geweilt, schickte sich an, diese auf ewige Nimmerkehr zu verlassen.

Unter dem Hausflur wurde der Sarg niedergesetzt und unter Assistenz dreier Priester erfolgte die Einsegung. Vom Turme der Kirche erscholl unausgesetztes Geläute. Die kirchliche Zeremonie war beendet, die Musikkapelle des Veteranenvereines stimmte den Trauermarsch von Chopin an, dann wieder Kommandorufe, die eine fast unzählbare herbeigeströmte Menge zu Äußerungen einer linden Heiterkeit nötigten.

Der Trauerzug ordnete sich. Hinter dem Sarge schwankten Mutter und Tochter, von gefälligen Hausparteien unterstützt. Tini markierte mit schauspielerischer Größe die Gebrochenheit des zu spät heimgekehrten Kindes und die »bebenden Schultern«. Die Mutter zog es vor, sich mehr schleifen zu lassen, was sie wohl für die dem feierlichen Anlaß ziemlichste, zweckdienlichste und beobachtenswürdigste Äußerung der Trauer hielt.

Bemerkenswert waren die verschiedenen erschienenen Korporationen, die Herrn Trümmler zu Lebzeiten als eines ihrer verehrungswürdigsten Mitglieder zu betrachten gewohnt waren. Jede mit ihrem Abzeichen und manche mit einem Banner versehen.

Die Weiblichkeit stellte auch eine Art von Korps auf: den christlichen Frauenbund, dessen Mitglieder vermöge ihres unkorpsmäßigen Trippelns und gelegentlichen Innehaltens (da sich einige asthmatische Damen darunter befanden) den vor- und rückeilenden Vorbeter fast selbst außer Atem brachten.

Endlich war die Kirche erreicht. Die Veteranen nahmen in militärischem Spalier Aufstellung, ein Musikstück der Kapelle setzte ein und der mit Kränzen fast zur Unerträglichkeit für die Leichenträger überladene Sarg ward hineingetragen.

Kaum war dies geschehen, mischte sich in das volle Glockengeläute (das nach dem höchsten Tarif alle vorhandenen Glocken in Bewegung setzte) donnerndes Hochrufen von der Straße. Eine gewisse Erregung der Trauergäste, die diese Hochrufe wohl kannten und vielleicht zum Teil erraten wie auch erwartet haben mochten, tat sich in der Kirche kund.

Diese betrat ein hochgewachsener, bald weißbärtiger Mann, geleitet von einer kleinen Eskorte befrackter Herren. Es war ganz einfach der – Lueger. Nicht vielleicht bloß der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, was schließlich bald einer fertig bringt. Nein, es war der Lueger, der von seinen Anhängern buchstäblich angebetete Bürgermeister, der mit dem kleinen Korsen eines gemeinsam hatte: seine Mitwelt in einen Taumel von Hingebung und Haß, von fanatischer Verehrung wie Abscheu zu versetzen.

Kurz, er war da, der Bürgermeister, um einem seiner hingebendsten Verehrer, der der alte Hausmeister gewesen, die letzte Ehre zu erweisen. Der General einem seiner toten Getreuen. Welche Beweggründe den großen Demagogen veranlaßt haben mochten zu dieser Teilnahme an Herrn Trümmlers Einsegnung, kurz, er war da in seiner stattlichen Männlichkeit, vor der so manche Mannheit kläglich zusammengeschrumpft war. Und ich glaube, Herr Trümmler wäre, wenn er um diese Ehrung hätte wissen können, freiwillig noch zehnmal eines schmerzhaften Todes gestorben.

D'r Lueger!! . . .

Tini vergaß im Erschauern über dieses große Ereignis ganz ihrer vorgenommenen Rolle. Sie fühlte sich im Augenblick nur erschüttert von dem Wunderbaren und in ihr sonst so liebearmes Herz war etwas wie Liebe für den nach seinem Tode so hochgeehrten Vater gezogen, dessen Blick auf ihr niemals wieder ruhen, dessen Hand, ob strafend oder verzeihend, sie in aller Ewigkeit nicht mehr berühren sollte . . .

Auf der Fahrt nach dem Friedhof nur vermochten Tini und ihre Mutter sich einigermaßen zu einer zungenfertigen Würdigung des Ereignisses aufzuraffen.

»D'r Lueger!!! . . .«

Der Leichenzug war durch das Tor in die mächtige Totenstadt eingefahren, minutenlang rollten die Wagen durch die Alleen. Dann ward der Sarg auf die Trage geschnallt, aufgehoben und die Trauergäste ordneten sich so gut als möglich zu einem Zug.

Diesen Augenblick glaubte Tini für gekommen, ein markerschütterndes Geschrei anzustimmen. Darin wurde sie nicht nur durch die Mutter, sondern auch von einem bestimmten Teil der Weiblichkeit unterstützt. Der Gang zur Grube glich einer Art von Prozession, die sich mit einer Rauferei vergnügt. Tini bäumte sich wie schon während des Weges vom Trauerhause mit aller Macht gegen die sie führenden und tröstenden Begleiterinnen. Ihre Mutter glaubte ihr nicht nachstehen zu dürfen und glich im Gegensatz zur Tochter, die einer vom Sturme geschüttelten Tanne gleich sich ausnahm, einer gerollten, schwarzen Kugel.

Die letzte, dem Lebenden so schaurig dünkende Station war erreicht. Ein rechteckig ausgehobenes Stück Lehm – die Mutter Erde, die zeugt, gebärt und verschlingt. Es ging alles zu wie bei allen Leichenbegängnissen, nur daß Tini ihre Theatralik zur Virtuosität steigerte.

Am Rande des Grabes gellte sie unaufhörlich:

»Vatterl – Vatterl! Hörst net dei Tintschi? Geh, i bitt' di, Vatterl, nimm mi mit! O du liaber Heiland, laß mi zu mein' Vatterl! Leutl'n laßt's mi! I will obi, i will neb'n mein' Vatterl lieg'n! . . . O Gott! O Gott! O Gott! Was hab' i d'r denn 'tan, du liaber Himmel? Warum hast mi denn so schwer g'straft? Hab' i denn was ang'stellt? Vatterl, geh, i bitt' di, hör' mi do an!«

Frau Trümmler glaubte es ihrer Würde als Gattin schuldig zu sein, nicht hinter der Tochter zurückzustehen.

»Johann,« kreischte sie schrill, »nimm mi mit! Ohne dir leb' i aa nimmer. Johann! Geh, i bitt' di, laß mi net allani!«

Poldi, die sich einen halben Tag freigenommen hatte, um dem Vater ihrer einstigen Freundin bis zur Einsegnung in der Kirche das Geleite zu geben, war infolge vieler bei solchen Gelegenheiten erfolgenden Nötigungen seitens ehemaliger Nachbarinnen und Bekannten zur Mitfahrt nach dem Friedhof bewogen worden. Wider ihren Willen war sie mehr in den Vordergrund getreten, wie dies ja bei dem Stoßen und Drängen an einem Grabe öfter der Fall zu sein pflegt, und wurde in einem unglücklichen Moment von Tini erspäht, als sie für ihren Tränenquell neue Nahrung suchte.

»Polderl!« und Tini hing dieser aufgelöst am Halse, wie zu einer Zeit, da ein Bündel und dessen schnöder Träger sie zu solcher Tätigkeit bewogen. »Polderl, er sieht mi nimmer. Er liegt da unten und will von seiner Tintschi nix mehr wissen. Hörst es, Polderl, Mein Vatterl liegt da unt' und will mi net abilassen.«

Dann aber ließ Tini endlich von ihrer Freundin ab, die, obwohl von keinen Zweifeln mehr angekränkelt, sich wohl oder übel die Komödie gefallen ließ, hielt die Rechte vor die Brust, die Linke an die Stirn und bat alle ringsum inständigst, ihr zu helfen.

»Leut'ln, helfts m'r. Sechts denn net? Hat gar kan's a Erbarmnis? O – i kann nimmer. O du mein liaber Heiland! . . .«

Gustl, der mit Stärkungen, Unwillen und alten Erinnerungen vollgesogen war, bei dem Wehmut um den Verstorbenen (den er allen als seinen besten Freund geschildert hatte) mit einem verbissenen Haß gegen Tini in einer Art widerstreitendem Einklang stand, war nach seiner Weise Zeuge der erschütternden Szene.

Er flüsterte, was er so zu nennen liebte, seinem Spezi zu: »Ja . . . Vatterl, Vatterl! Geh, hörst d' es? Vatterl! . . . Geh, i bitt' di, halt' mi z'ruck. Sunst gib i ihr an' Tritt hinten eini, daß s' in d' Gruab'n obisaust. Da unt' tät' ihr d'r Vatta damisch die Frisur richt'n. Waßt, wia das Luader, das damals g'sagt hat: Is das Ihner Zeug? Gar net amal so schlecht. Ob das mein Zeug is . . .«

Gustls Blatternarben glühten vor gerechter Entrüstung, wie auch in Nachwirkung der verschiedenen Stärkungen, feuerrot. Denn der Sedlmaier hatte sich keineswegs des Genusses vom Safte jener Beeren enthalten, die auf Stöcken großgezogen werden, die wieder auf sanften Abhängen stehen und die meist wieder in Grinzings Bereich liegen. Auch dämpfte er seine Stimme nur so weit, was er dämpfen nannte, und erregte das höchste Mißfallen der nächsten Trauergäste. Sein Spezi sprang korrigierend mit einem »Stupfer« in die Rippen und einem ebenfalls nicht gehauchten »Halt d' Goschen!« ein.

Aber plötzlich kam eine von niemandem vorausgesehene Wendung: Tini, die schon seit langem alle ihr erreichbaren Umstehenden beschworen hatte, ihr beizustehen, die, hundertmal durch Trost aufgerichtet, hundertmal der Sehnsucht Ausdruck gegeben, in der Grube neben ihrem Vatterl gebettet zu werden, erspähte in ihrem hoffnungslosesten Augenblick das liebliche Gesicht des Sedlmaier Gustls.

Diesen zu sehen und sich den sie umklammernden Armen zu entwinden, war das wunderbare Werk eines Augenblicks. Im nächsten hing sie schon am Halse der »Standratschen«.

»O Herr Sedlmaier,« schluchzte sie neuerlich, »daß i Ihner no hab'. Sie war'n ja der anzige Freund von mein' armen Vatterl. Ihner hat er ja allani gern g'habt. Und i und Ihner Annerl . . . O Gott, o Gott, o Gott! Wissen S' no, Herr Sedlmaier, wia m'r g'spielt hab'n mitanand, wann Sie und mei Vatterl mitanand plaudert hab'n . . . und alle zwa a Freud g'habt hab'n an uns zwa . . . Durt unt' liegt er und niemand laßt mi . . . abi zu eahm . . . Allan muaß er bleib'n . . . und i därf net mit eahm . . . unten lieg'n . . . i muaß dableib'n . . . i wir' aber . . . i wir' bald . . . bei eahm lieg'n . . . i g'spürs . . . den letzten Schlag . . . überwind' i net' . . .«

Ob sich Tini des letzten Schlages mit dem Besen erinnerte oder ob sie den Entschluß beklagte, den ihr »Vatterl« gefaßt, sich endgültig und für alle Ewigkeit von ihr zu trennen – ich vermag mich weder für das eine noch das andere auszusprechen.

Gustl, dessen Groll bekanntlich nur wie eine hingehauchte Schneedecke auf hartem Gestein ruhte und jedem hergelaufenen lauen Lüftchen zu weichen stets bereit war, fühlte diesen ein Jahr lang gehegten Groll schwinden, und zwar mit dem bei ihm üblichen Resultat des Extrems.

Im Augenblick zerfloß auch er in Rührung um die vaterlose Waise, die sich in feierlicher Stunde an ihn als alleinigen und berufenen Schützer gewendet. Sein Schluchzen gab dem Tinis nichts nach. Er wurde zwar körperlich um kein geringes schöner. Denn wenn Tränen einer zarten Frauenwange einen erhöhten Reiz verleihen, so bewirkten sie bei Gustl das Gegenteil. Aber – der Himmel erbarme sich der Häßlichkeit seines narbigen Gesichtes – er wird seinem gutmütigen, kindlichen Herzen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Man rüstete zum Abschied vom Grabe, das schon geschäftige Hände auszufüllen begannen. In einer geringen Entfernung harrten spalierbildend, mit ernsten, feierlichen Mienen die Leichenträger. Tinis wirre Blicke hasteten an ihnen wie geistesabwesend. Da gewahrte sie einen der schwarzen Männer, wie er mit seiner weißbehandschuhten Rechten verstohlen eine blinkende Träne abzuwischen bestrebt war.

Diese schlichte Demonstration brachte sie der Wirklichkeit zurück. Sie hielt im Weiterschreiten mit einem Ruck inne und wendete sich an die sie sorgsam umgebende schleierumhüllte Eskorte:

»I bitt' euch, Leut'ln, hebts mir a bißl den Schleier auf, daß i in mein' Sack g'läng (die Bitte war in Anbetracht der förmlichen Einhüllung sehr gerechtfertigt) und mein Geldtaschl aussinimm. Die armen Männer, die mei Vatterl z'letzt trag'n hab'n, verdienen aa a bißl was.«

Man willfahrte voll Ergriffenheit ihrem Wunsche und Tini brachte endlich ihre Geldbörse zum Vorschein.

Zwölf oder mehr Augen schwarzuniformierter Männer hingen in diesem Augenblicke an der Geldbörse. Tini, die sich nicht des Wortes erinnerte, daß die Linke nicht zu wissen brauche, was die Rechte tue, zog mit aller Umständlichkeit aus einem Haufen eingepferchter Banknoten eine größere Note hervor und reichte sie dem Manne mit der blinkenden Träne.

»Da habts, Leut'ln, auf a Glasl Wein. Und denkts heut aa manchmal an mein armes Vatterl. Gelts – das versprechts mir.«

Und ob sie es versprachen! Vater Trümmler! Wenn sich dein Sarg im Augenblick nicht bedenklich dem Umkippen nahe befand, indem du Anstalt trafest, dich darin umzukehren, dann niemals wieder.

Ehe die Trauergäste die harrenden Wagen bestiegen, wendete sich Tini nochmals an die im Friedhof-Rondeau Versammelten:

»I dank' allen vielmals recht herzlich für die Ehr', die die Herrschaften mein' Vatterl erwiesen hab'n. I waß, er bet't jetzt im Himmel für an' jeden. Und i waß, daß er a Freud' hätt, wann er alle beinand sitzen seg'n kunnt, durt, wo er immer war. I lad' die Herrschaften ein, wann s' woll'n, in sein alt's Stammgasthaus z' geh'n auf a klane Stärkung. Der Wirt waß alles.«

Es ist allgemein üblich, bei oder nach Leichenzeremonien keine Hochs auszubringen. Aber es ist nicht verboten, eine Trauermiene in die freudiger Rührung zu verwandeln. Die Trauergäste waren sämtlich solche aus des Entschlafenen Kreisen, die es als schicklich und würdig erachten, das Andenken an den Dahingegangenen ausgiebig zu begießen. Man dankte daher allseits in mehr oder minder gewählten Worten und bestieg die Trauerwagen, Fiaker und »Stellwagen«.

Die Rückfahrt begann. In dem ersten Wagen beratschlagten Mutter und Tochter über das Ende des heutigen Tages. Tini erwartete Gesellschaft. Der »Ihre« hatte sich für heute angesagt und durfte absolut nicht wissen, daß Tini einen Hauch Vergänglichkeit in ihren Kleidern mitbrächte.

»Waßt, der alte Bamschabel möcht gern no zwahundert Jahr zu seine fünfasechz'g leb'n. Von an' Toten därf ma eahm nix red'n. 's Trauerg'wand muaß i glei daham ausziag'n. I schenk's mein Madl. Wann's m'r aa 's Herz o'druckt . . . i muaß heut no dö Fidele spiel'n.«

»Und i,« sagte die Mutter, »hab mi mit a paar Freundinnen z'samm'g'red't auf a Jausen bei der Lesser (einer Hauspartei). An' Oberskaffee und an' Guglhupf. Wirst do einseg'n, so allani in der Wohnung kann i heut net bleib'n.«

Das sah Tini ein und übergab der Mutter einen größeren Betrag für die »nächste Zeit«.

Nichtsdestoweniger, da sich die beiden schon über das Abendprogramm geeinigt hatten, gab Tini, beim Trauerhause angelangt, vor den ausgestiegenen Trauergästen und den wartenden Nachbarn des Hauses und der nächsten Umgebung eine neuerliche Probe ihres hochentwickelten Schauspielertalentes ab.

Als es zum Abschiednehmen von der Mutter kam, die mit Festigkeit erklärte, ihr Platz wäre dort, von wo man vor wenigen Stunden ihren Gatten hinweggetragen, schrie Tini wild auf:

»Na, Muatterl, das därfst net. Heut no net. I waß ja, daß dein Platz immer bei unsern armen Vatterl war, aber die erste Nacht . . . na! Du kummst mit mir, Muatterl!«

Aber der siegreiche Wille der im ersten Schmerze erstarkten Gattin drang durch.

»I fürcht' mi net,« erklärte sie. »Mein Schani is ja bei mir.«

Und so fuhr die Tochter nach allgemeinem Verabschieden fort, im Geiste die Kosten des heutigen Debüts überschlagend. Alles in allem gerechnet hatte sie nicht draufgezahlt. Man hat nicht täglich Gelegenheit, einen Vater zu begraben.

Vater Trümmler, »schau obi!«

Es sei nur noch mitgeteilt, daß Frau Trümmler bei einem festlichen Jausenkaffee und nachfolgendem Nachtmahl in einer Nachbarswohnung sich des breiten über die Schönheit der Wohnung und Ausstattung ihrer Tochter erging; daß sie mit vielem Behagen ihren Gästen von den vornehmen Besuchen im Salon der Tini erzählte (Vater Trümmler, wo ist dein Besen?) und daß sie bewies, nur wenige Töchter wären imstande, ihren betagten Eltern solche Freude zu bereiten, wie die ihre.

Weiter sei mitgeteilt, daß es im Stammgasthause des Beerdigten sehr lebhaft herging; daß die Gastzimmer zum Ersticken voll waren und daß Gustl beinahe in eine Rauferei geraten wäre, da manche Gäste eine hämische Hindeutung auf die Person der Bestgeberin nicht unterlassen konnten; daß fleißig musiziert wurde und am nächsten Morgen Bruchteile von Musikinstrumenten, wie Mundstücke usw., unter den Tischen gefunden wurden.

Weiter sei einer fidelen Kneiprunde erwähnt, deren Mitglieder in silberbetreßten Uniformen und mit sehr erhitzten Gesichtern stets einen Toten hochleben ließen, welch besagter Toter niemand anderer war als Herr Trümmler.

Daß man den Mann mit der perlenden Träne im Auge allseits beglückwünschte und ihm empfahl, den gelungenen Trick öfter zu produzieren.

»Nutzt net überall,« entgegnete der wackere Philosoph. »Bei feine Leut' ziagt so a Marker net, bei arme hat er kan' Zweck. Nur bei so an' Ban, dö mit ihr'n Geld aufhauen will. Laßts es aber leb'n! So ane is m'r liaber, als alle anständigen Leut'. Selber wird's unseran eh nix mehr zum verdienen geb'n, denn die kummt amal mit'n Arimathäatrücherl aussi.«

Schlafe wohl, Herr Trümmler! Dein Ende hat ein Stück Komödie bedeutet, für die du zu wenig Sinn besaßest. Man stirbt nicht mehr altmodisch an einem gebrochenen Herzen, eher an einer Entartung der Niere oder des Herzens.

Dreizehntes Kapitel

Zeigt, welch traurige und andere Folgen eine lustige Hochzeit nach sich ziehen kann. Die lustige Mirzl bereitet ihrem Vater ein unstillbares Herzweh. Poldi erlebt eine freudige Überraschung und gibt ein bindendes Wort.

Was ist Liebe? Es gibt so viele Erklärungen, als es Leute gibt, die diese müßigste aller Fragen aufwerfen. Am meisten ist die Erklärung der von diesem seltsamen Zustand betroffenen Personen in Betracht zu ziehen: daß nämlich die Liebe ein unerhörter Zustand der Glückseligkeit sei, der die halbe, wenn nicht die ganze Wonne des Himmels bedeute.

Da ich leichter geneigt bin, einem Betrunkenen zu glauben, sein augenblickliches Befinden sei ein über alle Maßen befriedigendes, als den Nörglern, die dieses Befinden als eine Art »Selbst-unter-das-Tier-geraten« bezeichnen (als ob ein Tier relativ und positiv etwas so Widernatürliches wäre), so leihe ich mein Ohr auch lieber denen, die von höchster Seligkeit sprechen, als jenen ausgebrannten Gehirnen und Herzen, die die Liebe ganz einfach »wissenschaftlich« werten wollen; wie eine witzige Einrichtung der Natur, die einem Untergang der Rasse vorbeugen will.

Also mag auch nicht über die Berechtigung der lustigen Mirzl gestritten werden, sich in weiter nichts als ein wohlfrisiertes, leichtgewelltes, duftdurchzogenes Haupthaar und einen über alle Maßen schön geschwungenen Schnurrbart verliebt zu haben.

Mirzl war schon seit ihrer Kindheit eine mutterlose Waise. Eine in Monatslohn genommene Bedienerin hatte sich ihrer Erziehung und des Haushalts anzunehmen gehabt. Als aber Mirzl schulfrei geworden, übernahm sie aus eigener Machtvollkommenheit das häusliche Ressort. Sie war eines jener blitzblanken Mädchen, die selbst ohne besondere hervorragende Schönheit ein ästhetisches Wohlbehagen bei jedem Beschauer erregen. Zwei kohlschwarze Augen und zwei schneeweiße Zahnreihen schienen es auf eine Wette angelegt zu haben, welche von ihnen schöner und begehrenswerter sei.

Dem Vater war sie das, was Schneewittchen den sieben Zwergen gewesen sein mochte. Wenn er aus Hitze oder Kälte, aus Sturm oder Regen in sein kleines Heim kam, immer lachten ihm eine kleine schwarzäugige Fee und herzerfreuende, reinliche, blanke Häuslichkeit entgegen.

Die lustige Mirzl hatte ihren Namen erhalten, weil sie stets, im Gegensatz zu ihrem Vater, mit einem lachenden Gesicht gesehen wurde. Man konnte sich ihre Züge durch keine Grämlichkeit oder gar durch Tränen entstellt denken. Plauderlustig, aber nicht tratschsüchtig, war sie ein Liebling sogar ziemlich bissiger Vertreterinnen ihres Geschlechts. An ihren Ruf wagte sich keine Verleumdung heran. Mirzl hielt auf ihre Ehre und wußte gewissen Nachsteigern, die in ihr ein leicht zu eroberndes Dienstmädchen vermuteten, wohl zu begegnen.

Herr Brückl vertraute seiner Tochter. Wenn man ihm gesagt hätte, die »Standratschen« werde einmal ihrer Schimpfgewalt müde werden, oder daß der Taxameter einmal eine obligatorische Einführung würde, oder daß . . . nun viel gewichtigeren Unglaublichkeiten hätte Herr Brückl ein geneigtes Ohr geliehen. Aber in seine Mirzl jemals irgend einen Zweifel zu setzen, wäre ihm gleichbedeutend mit dem zwangsweisen Verkauf seiner zwei Zeugeln gewesen. Mit letzterer Möglichkeit übrigens flunkerte Toberl gern. Er war ein Knicker und Sparmeister und Raunzer über die schlechten Zeiten. Wiewohl das Wort »raunzen« mehr in der moralischen Bedeutung genommen werden muß. Das heißt, auf teilnahmsvolle Fragen nach seinem Befinden und dem Geschäftsgang pflegte Toberl knurrend mit »ölendige Zeiten«, »höchste Stierität« und »ganz auf der Erd' sein« zu antworten.

Also Herr Brückl vertraute seiner Mirzl in dem Maße, als wäre sie sein gesetztes, behäbiges Eheweib gewesen.

Aber der »Kellerlacher« war eine innerlich gefestigte Natur, an die dank ihrer natürlichen phlegmatischen Veranlagung keine Sonderwünsche heranzutreten pflegten. Auch war für ihn die Zeit der Liebe und Rosen lange vorüber, über welchen einstigen Zustand ich reichlich Gelegenheit fände, mich zu verwundern.

Wie immer! Mochte die lustige Mirzl etwas von einer äußerst lebensfrohen Urahne geerbt haben – kurz, sie fühlte ihr junges, achtzehn Jahre lang pulsierendes Blut plötzlich in eine Temperatur versetzt, die kaltsinnige Gelehrte auf einen erhöhten, durch verschiedenerlei Bedingungen erzeugten Blutdruck zurückführen, gegen den schließlich die erleuchtetsten Leuchten der Wissenschaft eine christliche Ehe als Allheilmittel ins Feld führen, besonders wenn es sich um Persönlichkeiten handelt, die ich niemals in das Reich meiner Betrachtungen zu ziehen mich unterfange. – – – – –

Die lustige Mirzl wurde von Tag zu Tag unlustiger. Sie ließ das Köpfchen hängen wie ein frischgefangener Sänger des Waldes, plauderte nimmer so heiter mit den Nachbarinnen, dem Fleischhauer, der Milchfrau, dem Greisler, dem Bäcker, wie sonst und erregte allseitiges Kopfschütteln der Umgebung.

»Dem Madl muaß was fehl'n,« erklärte mit viel Einsicht in die menschliche Natur eine Nachbarin.

»Ob s' net am End' a hamliche Liab hat . . .«

»D' Mirzl? Da hätten S' Ihner damisch g'schnitten. Wann i für ane d' Hand ins Feuer leg', so für das Madl. Wissen S' . . . i hab' scho was mitg'macht auf der Welt und i waß aa, was in ihr vorkummt. Aber wia g'sagt, für das Madl . . . Machen S' das Ofentürl auf, daß i mei Hand hineinhalt.«

Mochte die Aufforderung nicht so überzeugend geklungen haben oder wollte die zweite Frau Nachbarin, die eben beim hocherhitzten Küchenherd stand, sich die Mühe ersparen, das Ofentürl zu öffnen – ich weiß es nicht; aber das Gottesurteil blieb unausgeführt, zum Glück für die Dame, die sich die Hand nicht mit heiler Haut gerettet hätte.

Denn die lustige Mirzl war nimmer das, was sie sonst gewesen. Die lustige Mirzl war eine junge, vergrämte Frau geworden und hütete ihr Geheimnis mit der Ängstlichkeit, die nur Verbrechern zusteht.

Wie war denn all das gekommen? Wie konnte Mirzl von ihrem Engel verlassen werden, der sie bisher so treu behütet? Ach! Fleisch und Blut hatten eben ihr gewichtiges Wort gesprochen und ein mit dem Teufel im Bund stehender Friseur hatte eine so wundervolle Frisur komponiert und einen so raffiniert schönen Schnurrbart »ausgezogen«. Wahrhaftig, das waren die Klippen, an denen die arme, nun nimmer lustige Mirzl zerschellt war. Wie nach jedem Rausch, stellte auch hier sich der Katzenjammer bald ein. Wo Rettung suchen? Wo sie finden? Beim Vater?

Merkwürdig genug, daß in solchen Dingen die Väter immer das Schreckgespenst sind. Dieselben Väter, die mit keinem unbeladenen Gewissen einhergehen, die gleich dem Löwenzahn ihre Sporen in alle Winde getragen haben, da und dort ein neues Leben ersprießen lassend. Ein Leben, um das man sich gar oft nicht zu kümmern in der Lage, noch Laune ist.

Herr Brückl war Soldat gewesen. Wenn ihm die Gabe des Schmunzelns und der Renommage zuteil gewesen wäre, er hätte oft unter ersterem im Kreise guter Freunde von seinen einstigen Eroberungen sprechen können. Und ebenso Herr Trümmler, der es in früheren Zeiten mit Dingen der Moral sicherlich nicht so genau genommen, wie an dem Tage, da ihn seine Tochter verließ. Erinnerte sich keiner von beiden wie so viele Tausende anderer Väter jener Töchter, durch die sie einstens andere Väter in Jammer gestürzt? Keiner jener Töchter, die vielleicht irgendwo in Verzweiflung für den Rausch einiger schöner Stunden zahlten? Was war es, das die ehrbaren Besitzer weiblicher Nachkommenschaft so streng sein ließ? Gerechtigkeit? Nein, die war es nicht, denn sonst hätten sie sich reumütig an die Brust schlagen und beteuern müssen: ich, ich habe selbst große Schuld auf mich geladen, vielleicht kommt sie mir an meinem Kinde heim.

Also die arme Mirzl wagte sich an niemanden um Rat, Trost und Hilfe zu wenden. Hätte sie sich doch der Freundin erinnert, der braven Annerl! Und derjenigen, die so rasch ihre Freundin geworden war und die sie in undankbarer Weise niemals mehr zu treffen versucht hatte. Seit dem Abschied an jenem verhängnisvollen Hochzeitsabend, wo sich Poldi und die Mirzl beim Abschied Gelöbnisse eines Wiedersehens gemacht hatten, war es zu einem solchen nimmermehr gekommen. Denn der Ladenadonis hatte nicht nur jeden ihrer Gedanken, sondern jede ihrer freien Stunden in Beschlag zu nehmen gewußt. Vielmehr unbewachte Stunden, denn an Zeit mangelte es Mirzl keineswegs.

Erst war ein verstohlenes Stelldichein geworden, dann immer mehrere und dann – man lese im »Faust« nach!

Es war ein Nachmittag am Standplatz, wie einer stets dem andern gleich. Nur herrschte vollkommene Stille, denn Gustl war mit einer »Fuhr« unterwegs. Die Fiaker, die nicht gerade auch in Ausübung ihres Dienstes begriffen waren, vertrieben sich die Zeit in allbekannter Weise entweder auf der Bank vor dem Standgasthause oder in diesem selbst.

Der »Kellerlacher« stand bei seinem Zeugl und richtete einiges an dem Geschirr der Pferde. Die starren Mienen seines Gesichts drückten nichts weiter von Zufriedenheit aus, aber allem Anscheine nach, wenn von dem Zustande der zwei Rappen geschlossen werden konnte, mußte sich Herr Brückl in einem Zustande befinden, der auf äußerste Befriedigung deuten ließ. Oder war doch etwas wie Besorgnis vorhanden? Hatte das Auge des Vaters bemerkt, daß sein Kind nicht mehr die lustige Mirzl war? Daß die kohlschwarzen Augen nimmer lachten und die zwei weißen Zahnreihen sich nimmer enthüllten? Mochte dies alles der Fall sein – das unglückselige Maskengesicht Herrn Brückls, des »Kellerlachers«, war verdammt, weder Besorgnis noch Kummer, weder Leidenschaft noch Lust ausdrücken zu können.

Also Toberl stand bei seinen Pferden, als vom Ende der Gasse eine Frau herbeigeeilt kam. Es war eine Nachbarin. Diese zeigte ein hochgerötetes Gesicht, das einem eiligen Laufe oder einer großen Erregung zugeschrieben werden konnte. Bei Herrn Brückl angelangt, hielt sie keuchend an, um einige Augenblicke Atem zu schöpfen, dann rief sie dem Vater Mirzls einige Worte zu.

Und was war es? Welch fürchterlichen Inhalt besaßen diese wenigen Worte? Man sah den »Kellerlacher« ein wenig wanken, bleich werden, soviel das die Kupferfarbe des Gesichts zuließ, und plötzlich niedersinken. Die Kollegen waren im Augenblick zur Stelle. Man hob den Ohnmächtigen auf, knöpfte ihm die Weste auf, spritzte, vielmehr schüttete ihm Wasser ins Gesicht und tat all das bei solchen Gelegenheiten Schickliche.

Mittlerweile hatte man aus der Frau, die in ein lautes Jammern ausgebrochen war, die inhaltsschwere Mitteilung herausgeholt, die imstande war, einen Mann vom Schlage Herrn Brückls wie einen vom Blitze getroffenen Baum niederzuschmettern.

»D' Fräul'n Mirzl hat si vergift't! O Gott! Wann i das g'wußt hätt', daß 's den Mann so packt . . . I hab' daham alles lieg'n und steh'n lassen und bin mit der Elektrischen herg'fahr'n, daß er sein Kind vielleicht do no seg'n kann. O das arme, arme Madl! Das anschau'n müassen, wia sie si g'wunden hat . . . Den ganzen Mund verbrennt . . . An' so an' Jammer möcht i bei an' Kind amal net derleb'n.«

Es war mehr die robuste Natur Herrn Brückls als alle Erweckungsversuche, die ihn in kürzester Zeit aus seiner Bewußtlosigkeit emporraffte. Er blickte einige Augenblicke verwirrt um sich, ersah die Hiobsbotin und war nun wieder der alte »Kellerlacher«, der mit seiner tiefen, teilnahmslosen Stimme fragte:

»Wo hab'n sie s' hing'führt?«

»Ins Triesterspital!«

Herr Brückl fragte nichts weiter. Mit der methodischen Genauigkeit, wie bei Gelegenheiten, da er einen Fahrgast bekommen, richtete er die Pferdedecken zurecht, schwang sich auf den Bock, und der wohlbekannte leise Zungenschlag und ein Wehen der Peitsche ließ die zwei Rappen ausgreifen. Dann flog das Gespann dahin, als ob es keine Polizeiverordnung gegen wahnsinnig einherfahrende Fiaker gäbe.

Durch die Allee, die zum Spital führt, ging es noch – der bekannte Kutscherpfiff für den Portier, der das Gittertor weit öffnete – und zitternd und schweißtriefend hielten die Pferde mit einem jähen Ruck vor dem Hauptgebäude.

Herr Brückl wäre kein Fiaker gewesen, um nicht in alle seine Aktionen etwas von Ruhe, Überlegung und Sichauskennen zu legen. Vor allem wurden die dampfenden Pferde zugedeckt und die Decke festgeschnallt. Dann holte sich Herr Brückl in der Anstaltskanzlei die nötige Auskunft, wo sich seine Tochter befinde. Da der Besuch ein dringlicher war, wurde die Auskunft trotz der verspäteten Zeit erteilt und der arme »Kellerlacher« ging, um sein Kind womöglich noch lebend zu sehen.

Im Saale angekommen, trat ihm eine Schwester entgegen. Er brauchte nur einen Namen zu nennen – und die Schwester führte ihn mit einem mitleidigen Blicke durch eine Reihe von Betten, in denen lauter weißgekleidete Frauengestalten lagen, nach rückwärts.

Und da in einem Bette lag die lustige Mirzl. Ja, sie hatte es getan, die Unglückliche. Hatte die Tat verübt, deren sich so oft verzweifelte, kopflos gewordene, arme Dinger schuldig machen; die Tat, die statt eines, zwei Leben hinweg tilgt. Was mochte alles vorhergegangen sein an fürchterlicher Angst, an Grauen vor der Zukunft, daß es das Grauen vor dem Tode überwand? Welche Nächte und einsame Tage, verbracht in einem Zustand der Fieberangst – und warum all dieses? Weil der »Kellerlacher«, so gut er in seiner Art zu seinem Kinde stand, plötzlich als ein fürchterlich drohendes Gespenst erschien: als der rächende, strafende, nie verzeihende Vater. Mirzl fühlte sich in Armut und Schande hinausgestoßen in eine düstere, verhängnisvolle Zukunft. Sie kannte ihren Vater nicht; wer weiß denn, was hinter dieser Maske lauerte an Strenge und Unerbittlichkeit. Und zudem die Schande, die Schande . . .

Dann, wie immer in solchen Fällen: der Geliebte hatte plötzlich all die schwere Bürde auf ihren schwachen Schultern allein gelassen. Denn Mirzl galt als armes Mädchen und der Delikatessenhändler, bei dem Ehrgeiz, Eitelkeit und Gewissenlosigkeit einander aufwogen, verwünschte dieses Abenteuer, bei dem sich ihm ein liebevolles Mädchen an den Hals geworfen. Sollte er in jungen Jahren mit einem Weib und Kind als Last, genötigt sein, fortan in dienender Stellung als einfacher Kommis zu verbleiben?

Herr Brückl hatte seine vorgebliche Armut (denn nur als solche konnte der Delikatessenhändler den kleinen Wohlstand für seine Verhältnisse und Interessen betrachten) nur allzu gut allen plausibel zu machen gewußt. Was ist ein Fiaker, dessen einziger Besitz in seinem Wagen- und Pferdematerial besteht, wenn er gezwungen ist, damit die Bedürfnisse des einzelnen Tages zu verdienen?

Nicht daß Herr Zipfer Mirzl in bündigster Form den Abschied gegeben hätte. Er war nur ein Feigling, der sieht, daß eine »Dummheit« böse Folgen nach sich gezogen, und der sich durch Einstellung dieser »Dummheit« über die Schwere der Nachwirkungen zu täuschen sucht. Er war nun fast stets verhindert, denn Mirzls beschwörende Klagen waren unangenehm. Seitdem sie nicht mehr ihren Beinamen verdiente, war der Verkehr mit ihr keine Unterhaltung mehr. Wenn Mirzl irgendeine erfahrene Frau zur Seite gehabt hätte! Aber sie hatte seit jeher, trotz ihrer Beliebtheit, einsam gelebt. Die kleine Wohnung war ihr Reich, in das noch nie irgendeine Nachbarin die Nase zu stecken Gelegenheit hatte. Mirzl war isoliert durch ihre Anständigkeit.

Und so hatte sie in einem Augenblick jenes Wahnsinns, der aller Selbstvernichtung vorangeht, das Tötungsmittel der meisten Frauen aus dem Volke genommen. Sie trank Laugenessenz. Ihr Ächzen und Wimmern hatte die Nachbarn alarmiert. Man erbrach die Tür und fand Mirzl sich windend auf dem Boden der Küche, in die sie sich noch herausgeschleppt hatte.

Herr Brückl sah auf Mirzl. Herrgott im Himmel . . . Aber war das noch seine Mirzl? Dieses wachsgelbe Gesicht mit den verbrannten Lippen, dieser Körper, den manchmal das Zucken eines unerhörten Schmerzes durchbebte . . . Die Unglückliche hatte die Augen geschlossen.

»Mirzl!« sagte Toberl nach einer Weile regungsloser Betrachtung. Das Mädchen schlug schwer und langsam die Augen auf. Es trat ein Erkennen in sie. Der arme, sonst so plauderlustige Mund war stumm geworden. Aus dieser verbrannten Kehle, über diese verbrannten Lippen gelangte kein Laut mehr. Nur ein Verständigungsmittel war dem gemarterten Körper geblieben.

Mirzl faltete bittend die Hände und sah den Vater an. Die Schwester hatte inzwischen Toberl einen Stuhl gereicht und sich leise entfernt.

»Mirzl,« fuhr der Vater mit seiner tiefen, ausdruckslosen Stimme fort, »warum hast mir das nur an'tan?«

Die Befragte vermochte nichts anderes, als nach Art kleiner Kinder, die sich durch Bitten eine Gabe verdienen sollen, die Hände zu falten. Aus ihren Augen rollten schwere Tränen.

»Es war so unnötig, Mirzl, so unnötig! Hast denn vielleicht vor mir a Angst g'habt? I hätt' dir nix 'tan. Und hast denn gar net an dein' Vodan denkt, Mirzl, der di so gern hat g'habt, dem du sei Anzig's warst?«

Ein Pause trat ein.

»I hab' eigentli allani schuld, daß i 'glaubt hab', a jung's Madl is wia a alte Muatter,« begann Herr Brückl wieder, »und das is jetzt mei Straf'. Töchter sollt' man hüat'n wia a Bleamal, gar wann s' ka Muatta nimmer hab'n . . .«

Es ist unnötig, zu erklären, daß die Blicke aller Insassinnen des Zimmers auf die interessante Gruppe von Vater und Tochter gerichtet waren. In jedem Herzen lebte ein Verdammungsurteil für den unnatürlichen Vater, der in einem solchen Augenblick mit so unbewegtem Gesicht an dem Sterbelager seiner Tochter saß.

Ach, wären auf alle diese Herzen die Tränen getropft, die der »Kellerlacher« in sich hineinweinte! Wie alles Lachen, durch die Maske gehindert, sich in das Innerste Herrn Brückls verbreitete, so auch das Weinen, dem neidische Augen keinen Austritt gönnten.

Längere Zeit saß er wieder schweigend da. Ein Zusammenziehen der Wülste über den Augenbrauenhügeln schien allein die folgende Frage vorzubereiten:

»Wer war's?«

Mirzl war wieder für einige Augenblicke in Teilnahmslosigkeit versunken. Bei dem Klange der Stimme des Vaters riß sie die Augen auf.

»I frag' di, Mirzl,« wiederholte dieser die Frage, »wer war's? Sag', is 's der, den i man' von der Annerl ihrer Hochzeit her? Wannst a net reden kannst, Kind, deut' mir's mit die Aug'n und i waß g'nua.«

Aber diese Dolmetscher richten sich mit einem jäh erschreckten Ausdruck auf den Vater, und Mirzl hob die gefalteten Hände so rührend, daß diese Geste, von einem Mieter produziert vielleicht sogar Herrn Weißmann von einer Pfändung abgebracht hätte.

Der »Kellerlacher« verstand und neigte das Haupt. Der Verführer war begnadigt.

Nun begann der große Kampf gegen den endlichen Bezwinger. Herr Brückl hielt die eine Hand seines Kindes in seinen zwei roten Fäusten. Nicht eine Sekunde des Anblickes ersparte er sich. Die Schwester, die herangetreten war und das Ende gekommen sah, wollte Herrn Brückl in sanfter Art darauf aufmerksam machen, daß seine Anwesenheit der Scheidenden nimmer zum Troste, ihm selbst jedoch zur Pein sei. Umsonst. Der »Kellerlacher« hielt aus.

Dann nahm er mit einem langen Blicke Abschied von dem Körper, über den die Schwester ein weißes Tuch zu breiten begann, legte für die Wohltätigkeitszwecke der Anstalt einen größeren Geldbetrag auf das Kästchen neben dem Bette und entfernte sich nach kurzem Gruße.

Nur bei der Stiege angelangt, mußte er sich eine Zeitlang an dem Geländer halten. Jetzt flossen wohl unaufhaltsam die heißesten Tränen, die geweint werden konnten, in das Innere Herrn Brückls.

Vom Spital fuhr er wieder zurück auf seinen Standplatz. Die Kollegen umdrängten ihn, man wollte Beruhigung über das Schicksal Mirzls haben. Sonst, wenn es ein anderer Mann gewesen wäre – ein Blick in sein Antlitz hätte genügt; um alles zu wissen.

»Wia geht's d'r Mirzl?« keuchte Gustl, der aus dem Gasthaus herausgestürmt kam. Die Nachricht, als er von einer Fuhr zurückgekehrt war, hatte ihn fast ebenso niedergeschmettert wie Toberl. Gustl war eine schwache, weichherzige Natur, die in natürlicher Feigheit bestrebt war, das Unangenehme oder Schmerzliche eines Vorfalls durch irgendein Mittel zu lindern. Dieses Mittel fand die »Standratschen« stets in einem oder mehr Vierteln Wein. Er hatte vor der Rückkehr des Freundes gezittert, vor der Botschaft, die er bringen werde. Und zur Stärkung seiner Bereitschaft, vielleicht was Schreckliches hören zu müssen, hatte sich Gustl in das Wirtshaus geflüchtet.

»Wia geht's der Mirzl? . . .«

»Derer geht's guat,« klang es so teilnahmslos als Antwort, als hätte Herr Brückl eben zuvor sein Kind zu Hause gesund verlassen. Es mochte aber doch in einem gewissen Zittern des Tones was gelegen sein, das die anderen nicht mit einem »Gott sei Dank!« aufatmen ließ.

Gustl mußte das Entsetzliche erraten haben, denn er erhob urplötzlich ein Geheul.

»Toberl . . . du wirst do net sag'n, daß dein Madl am End' tot is? Toberl . . . die Mirzl . . . dein Madl . . .«

»Vur aner Stund' grad,« kam es mit einer schauerlichen Ruhe aus Herrn Brückls Tiefen.

Die Bestürzung war eine allgemeine. Man stand etwas so Elementarem, Unfaßbarem gegenüber, daß in den ersten Sekunden ein starres Schweigen herrschte. Dann löste sich der Bann in eine tumultarische Bewegung auf. Denn nicht nur Gustl war beim Nahen von Toberls Wagen herausgestürzt, ihm folgten das Wirtspaar, das Personal, anwesende Gäste. Die Wirtin, die Köchin, das Küchenmädchen brachen in lautes Weinen aus. Die lustige Mirzl tot! Unmöglich!

Herr Brückl berichtete in seiner kurzen Art über die letzten Augenblicke seiner Tochter.

»Jessas, Maria und Josef,« schluchzte die Wirtin, »warum hat s' das 'tan?«

Die Frage lag offen und war nur allzu berechtigt. Herr Brückl schwieg und man ehrte sein Schweigen. Man wußte genug. Wenn junge Mädchen, die sich bisher der Bezeichnung »lustig« als schmückenden Beinamens rühmen durften, in den Tod gehen, so gibt es nur eine einzige einwandfreie, einleuchtende, durch nichts zu widerlegende Begründung: der Mann.

Es besteht eine mathematische Erklärung für das, was wir Zufall nennen. Daß sich nämlich zwei Ereignisse in zwei exzentrischen Kreisen bewegen und daß beim Zusammentreffen dieser Ereignisse oder auch Vorfälle im Schnittpunkte der zwei Kreise das entsteht, was wir, wie gesagt, Zufall heißen.

Wohl in diesem Sinne kann es genommen werden, daß zur selben Stunde, als Herr Brückl einsam auf dem Bocke seines Wagens sitzend (man hatte seinen Schmerz geehrt und ihn allein auf seinem Lieblings- und Sorgenplatze gelassen) wer weiß welche Gedanken in seinem Hirn kreisen ließ und ohne von seinem Posten zu wanken, sich in Trauer um sein Kind zerfraß, ein Paar durch eine Straße schritt.

Von diesem Paar sprach der eine Teil sehr eindringlich, während der andere, der weibliche Teil, zwar ernst, aber doch mit stiller Beglückung zuhörte.

Diese zwei Tatsachen: der auf seinem Bocke einsam trauernde Vater und das dahinwandelnde Paar hatten von einem einzigen Punkte ihren Ausgang genommen. Dieser Ausgangspunkt war das Standgasthaus gewesen, zur Zeit der Hochzeit von der Tochter des Sedlmaier Gustl. Zwei Ereignisse hatten im gleichen Augenblick ihren Flug in der einmal in sich selbst zurückkehrenden Linie des Kreises genommen. Kurz, um nicht mehr »mathematisch« zu sprechen: an bewußtem Abend hatte die lustige Mirzl ihren Adonis und Poldi ihren Siegfried kennen gelernt. Und zur selben Stunde, wo der Körper der ersten auf einer Bahre in der Prosektur seiner Zerschneidung entgegenharrte, gab Julius seine feste und unumstößliche Absicht zu erkennen, Poldi zu seinem Eheweib zu machen.

Ja, es war so gekommen, wie es im Interesse einer schönen menschlichen Rasse zu hoffen wäre, daß solches öfters geschähe. Daß Menschen von so sieghafter Schönheit sich paarten und ein Geschlecht erzeugten, das eine Kampfkraft gegen unsere ausgemergelte Zeit des Hungers, der Tuberkulose, der Syphilis bilden würde. Abgesehen von den Eigenschaften nichtkörperlicher Natur.

Julius' Mutter war vor einigen Wochen gestorben mit der Sehnsucht, ihren Platz möge eine ihres Sohnes würdige Frau einnehmen. Ihr letzter und bester Segenswunsch war dies gewesen, da sich die alte, gelähmte Dame der Gefahr sehr wohl bewußt war, die ein so schöner und junger Musikant lief, ohne irgendeine ordnende weibliche Hand in seiner Häuslichkeit, sei es nun die einer Mutter, Schwester oder Gattin. In diesem Sinne hatte sie den Sohn in letzter Zeit oft beschworen, auf vier Dinge bei der Wahl einer Frau zu achten: Reinheit, Reinlichkeit, Güte und Geist.

Das jähe, unvermittelte Abscheiden der alten Dame hatte den Sohn verhindert, von einer zu sprechen, die in seinen Augen und in Wirklichkeit diese Tugenden besaß.

Julius, der pietätvoll war, wie es ein Sohn nur sein kann, hatte sich entschlossen, einige Wochen über das Begräbnis hinaus mit seiner Werbung zu warten. Andererseits fühlte er, daß eine endgültige Erklärung notwendig geworden sei, um bei Poldi kein Mißverständnis über seine ernsten Absichten aufkommen zu lassen.

Und zur Stunde geschah es. Und es geschah ganz einfach, nicht vielleicht im Stile des Abschiedes Julius des Ersten.

». . . I kenn' Ihner, Polderl, reden S' nix! Ehrlich g'sagt, kenn' i überhaupt die Weiber. No halt . . . no ja . . . wissen eh . . . hm! . . . was ma' halt Weiber haßt, die net zum Heirat'n san. Und wann s' no so nobel san. I hab's meiner seligen Muatter am Totenbett versprochen, daß i mi net wegwirf. Jetzt können S' seg'n, was mei' Muatter für a Frau war und was Sie für a Madl san, daß i glaub', mein Wort halten z' können. Also werd'n S' ja sag'n?«

Dieser Auftritt hatte mit der Abschiedsszene von Julius dem Ersten insofern etwas verblüffend Gemeinsames, als Poldi plötzlich stehen blieb, ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters legte, ihn zum Stehenbleiben zwang und sehr ernst sprach:

»Herr Julius . . . was a arm's Madl, wia i, jemals hätt erhoffen können, heut trag'n S' mir's an. Aber i bitt Ihna um an's: täuschen S' Ihna net! Sie wissen do, wia's bei mir z' Haus steht. Mei' Familie is, so ehrenhaft als s' is, bis auf mein' Bruadern, ka Zuawachs, den man si gern wünschen möcht'. Andererseits san meine Leut' aa mein all's und anzig's. So wia Sie an Ihrer Muatter g'hängt san, häng' i an die Meinen. Und auf ihr'n Tod vielleicht warten? . . .«

»Ah! Wer red't denn von so was? Wissen S', i werd' Ihnen aufrichtig was sag'n. Schwiegereltern passen nia in an' Haushalt von junge Leut'. Es is schon a alte G'schicht, bleibt aber doch ewig wahr. Sag'n S', was hab'n Ihnere Leut' z' Haus? I kann mir's vorstell'n. Die zwa armen Hascher! . . . Jetzt . . . aber derschrecken S' net! Mir tan die zwa Leut in d' Versorgung. Lanz is ka Bäckernhäusl mehr. Auf meine Kosten kriag'n s' a Zimmer für Eh'leut. Und dann extra no, was d' Muatter für a Schalerl Kaffee, der Vater für a Glasl Wein, a Packl Tabak oder a Zigarrl braucht. Abgeh'n soll eahna nix, Fräul'n Poldi, das schwör i Ihner. Hamsuachen können s' uns, wann's eahna g'freut. Was sag'n S' dazua?«

»Und d' Katherl?«

»Bleibt bei uns. A jung's G'sichterl hab' i no immer vertrag'n. Scherz beiseite . . . daß 's ihr net am End' so geht wia . . . Sie wissen ja . . .« Er meinte Reserl.

Poldi blieb eine Weile sinnend stehen.

»Und Sie glaub'n, daß 's Ihner nie reu'n möcht' mit mir? San S' net harb . . . aber unserans is immer a bißl mißtrauisch . . .«

»Mißtrauisch? Geg'n mi', Fräul'n Poldi?«

»Geg'n Ihner? O na. Aber geg'n 's Schicksal, das uns arme Leut' immer a Zeitlang für an' Narr'n halt und dann . . .«

»Ihner Schicksal bin jetzt i,« sagte Julius wohl mit mehr Anmaßung, als ihm zustand, die ihm aber unendliche Würde verlieh, und die glückliche Poldi in Tränen ausbrechen ließ.

»Geh'n m'r weiter,« sagte sie und zog Herrn Julius etwas heftig an sich. »Was i g'sagt hab' und Einwendungen g'macht hab', war weg'n Ihner. Daß i aber in mein' Herzen tausend und hunderttausendmal ja sag' – Julius, können S' mir ehrlich glaub'n.«

Es war viel später als sonst, da Poldi heimkam. Vor allem hatte sie es für notwendig gehalten, auf ihrem Spazierweg ihrem Bräutigam das Geheimnis ihrer ersten Zuneigung zu einem anderen Julius zu gestehen, einer Zuneigung, die nun schon so lange welkte als die Rose in der hintersten Ecke der Schublade. Und Julius der Zweite war sonderbarerweise gar nicht unangenehm berührt. Die welkende Rose schien ihm zu behagen. Wenn ein Mädchen keine anderen Geständnisse zu machen hat, als die des zweiten Kapitels, ist es für einen Bräutigam gut . . .

Zu Hause fand Poldi zu ihrem Erschrecken Annerl mit verweintem Gesicht vor. Die junge Frau war in der Fassungslosigkeit ihres Schmerzes gleich zu Poldi geeilt. Diese, in ihrem Liebesglück, erfuhr es jetzt, das grausame Schicksal der armen Mirzl . . .

Vierzehntes Kapitel

Macht eine tausendmal gesagte Prophezeiung wahr und trennt zwei Freunde auf immer. Ein Testament und ein Brief, der beweist, daß man auch innerlich sehr lustig sein und lachen kann. Gustl legt die »Standratsch'n« endgültig ab.

Die Idylle webt um die Gasse wie immer. Wieder mühen sich viele kupierte Pferdeschweife vergebens, die Fliegen abzuwehren. Wieder sitzen die Kutscher entweder auf dem Bock oder in dem Fond ihres Wagens, auf Fahrgäste harrend, oder auf der vor dem Standgasthause befindlichen Bank oder in diesem selbst.

Derselbe Kellner träumt in sein Hangerl, derselbe Schankbursche »tunkt« am Eiskasten, nur ein anderer, ganz kleiner, ganz neuer Pikkolo macht beim Eßzeugputzen drollige Bewegungen.

Aber eines fehlte heute: die »Standratschen« ist verstummt und sitzt grämlich auf der Bank. Ja, Gustl hat zur Bestürzung und Betrübnis aller Kollegen seit langem seiner Zähigkeit im Schimpfen entsagt. Er umkreist gewöhnlich den »Kellerlacher« mit der scheuen Zärtlichkeit, die es vermeidet, sich aufdringlich zu machen, sich aber dennoch stets bemerkbar macht.

Seit dem traurigen, ach so todtraurigen Ende der hübschen, lustigen Mirzl war der alte Sedlmaier tot. Was übrig geblieben, war ein lebender Automat, dem keine Seele innewohnt.

Die Blicke der Liebe und Freundschaft sehen schärfer als die des besten Weidmanns. Gustl hatte erkannt, daß bei seinem Freunde etwas gebrochen, unheilbar ruiniert worden war, das keine irdische Gewalt mehr instand setzen konnte.

Herr Brückl erschien dem Unbefangenen wie stets. Seinem Steingesicht konnte man ja keinerlei Regung anmerken, weder früher noch heute. Aber Gustl täuschte sich nicht. Er sah aus seinen rotgeränderten Augen nach dem Freunde, wie vielleicht ein alter, triefäugiger Hund nach seinem Herrn, dem er einen Kummer anmerkt. Er sah förmlich, wie ein erstickter Gram diesen wuchtigen Körper zerfraß, aber nach innen, allen unsichtbar, nur dem einen nicht, der mit der Sorge einer mütterlichen Kreatur beobachtete. Aber – die »Standratschen« sah mit Augen, die leider Gott so wenigen gegeben wurden, sonst täten wir uns einander alle so viel weniger Leid an. Und deshalb verstand man den armen Gustl ebensowenig wie den armen trauernden Vater.

»'s stirbt an' jeden wer,« sagte der Kollege, dessen im ersten Kapitel erwähnte Stimme an alles andere eher mahnte als ans Schluchzen der Nachtigall; »aber daß 's just an' andern so packt, versteh' i net. Die Standratsch'n is a guate Haut und a fermer Kerl, der si um mehr kümmert, als eahm angeht. Wann er wenigstens wieder amal schimpfen tat'. Paßts auf, das tat eahm aufriegeln und 'n Toberl machert's aa a Freud' denn i muaß sag'n, der Mann g'fallt ma net recht. So gar nix dergleichen tuan, als ob ma ka Kind verloren hätt', kommt m'r net recht geheuer vur. Dafür, wann vielleicht die Standratsch'n wieder amal möcht' . . .«

»Der Erdzeisl sollt' 'hn wieder amal raz'n. I waß 's no von früher her. Da hat's a Wort 'tan.«

»Leicht g'sagt. Waßt do eh, daß er 's amal probiert hat. Da hätt's aber Watschen g'regn't vom Gustl, daß der Erdzeisl net mehr 'braucht hätt'. Abfahr'n hat er müass'n.«

Die letzte Äußerung bezog sich auf das Bemühen des jungen, spitzbübischen Kollegen, wie in früheren Tagen seine mephistophelischen Künste spielen zu lassen, indem er eine angeblich verletzende Äußerung Herrn Brückls gegen Gustl vorbrachte. Das alte bewährte Belustigungsmittel versagte jedoch nicht nur gänzlich, sondern schlug in sein Gegenteil um.

Der wackere Gustl hatte diesmal, zum erstenmal im Leben, kein Wort für seine Wut gefunden, sondern den lustigen Verleumder an der Kehle gefaßt und sich bereit gemacht, ihn gehörig abzuohrfeigen. Der »Erdzeisl« hatte von der Stunde an den Grimm der teuren, verletzten Freundschaft respektiert. Alle fanden, daß da ein seelisches Ereignis sich vollzog, das zu ehren war . . .

Heute nun saß der Kellerlacher wie gewöhnlich auf dem Bock seines Zeugls, rauchte eine Virginia und drehte nach alter Gewohnheit eine Zündholzschachtel mit der Linken. Was er wohl dachte? Was in seinem Innern vorging? O – unendlich vieles. Gleich dem alten Trümmler zerfraß ihn der Gram. Aber nicht der um einer wirklichen oder eingebildeten Schande willen, die sein Kind über ihn gebracht.

Hätte es nur gelebt! Die Schande hätte sich tilgen lassen. Heute könnte seine Mirzl eine lustige Delikatessenhändlersfrau sein, gleichwie die Sedlmaier Annerl eine lustige, gesunde Fleischhauermeisterin. Was wäre daran gelegen, wenn sie den Pomadenkopf geheiratet hätte? Ein Schwiegersohn, nach der Lieblingsvorstellung Herrn Brückls, wäre es wohl nicht gewesen. Aber Brückl war zu klug und menschlich, um seine Vorliebe in die Wagschale zu werfen. Nur leben hätte sein Kind bleiben sollen, nur leben, um seinem Vater bei dessen Wiedersehen blanke Zähne und blitzende Augen und einige Enkel zu weisen. Und nicht so hätte es scheiden sollen . . . lieber Gott! So nicht . . .

Und in diesen Gram mischte sich noch ein anderer, den Außenstehende vielleicht belächeln mögen, der aber mit der Sinnesrichtung eines Mannes im Einklang stand, der mit Blut und Seele und Stolz – Fiaker war; das greuliche Gespenst Taxameter wollte nicht zur Ruhe kommen. Man wollte die »höchste Spezialität der Welt«, den Wiener Fiaker, ganz einfach vernichten. Man wollte aus einer Seele einen Automaten machen, wie man aus lustigen Wirtshäusern Automatenbüfetts zu errichten sich bestrebte.

Nach Ansicht Herrn Brückls (der glücklicherweise den Autotaxi nicht mehr erleben sollte) war eine solche an den Wagen angebrachte Maschine etwas, das dem Brandmal ehemaliger Sträflinge glich. Es kam gleich (oder stand in gleichem Range) wie der geschorene Kopf eines Zuchthaussträflings.

Es war wahrhaftig ein lächerliches Vorurteil; aber Vorurteile sind Pflanzen, die man mit Bedacht ausrotten muß. Sonst rächen sie sich durch eine Saat, die niemand voraussieht. Verletzte Vorurteile haben die Weltgeschichte gar oft bestimmt.

Es liegt eigentlich nur an Liebe und Verstehen, wie bei allen Dingen, die das Hin- und Herrennen unseres Ameisenhaufens regeln sollen.

Vorurteile bedeuten eigentlich genau genommen Zähigkeit. Und diese wird nie in einem Anprall erschüttert. Also mag auch nicht mit der Gemütsverfassung Herrn Brückls gerechtet werden, die neben dem Kummer um eine auf so grauenvolle Art dahingeraffte Tochter noch den über die Zukunft seiner Fuhrwerkszunft aufkommen ließ. Dieser Kummer war vorhanden, also Ehre ihm, denn . . .

Ich glaube, in der Zeit, in der ich diesen kurzen Betrachtungen nachhängen konnte, war der Kellerlacher nimmer. Er war von seinem alten Standplatz, seinem Fuhrwerk, seinen Rappen, den Kollegen und von Gustl für alle Ewigkeit getrennt.

Er griff nämlich plötzlich mit beiden Händen in die Luft, dann nach seinem Herzen (Virginia und Zündholzschachtel fanden ihren Besitzer niemals wieder), ließ das Haupt tief auf die Brust sinken und machte Anstalt, von seinem Bocksitz herunter zu fallen. Aber Gustl hatte gewacht. Er hatte den raschen Vorgang bemerkt, ein jähes Erbleichen des sonst tintenartig violetten Gesichtes und rasch hinzuspringend kam er gerade recht, seinen Freund, Chef und Fuhrgenossen in den Armen aufzufangen.

Herr Brückl hatte im letzten Kampfe die seinen um den Hals des sonderbarsten und treuesten Freundes geschlungen . . .

Was die »Standratschen« so oft und als letzte Steigerung ihres meist unerforschlichen Grimmes ausgestoßen – nun hatte es sich erfüllt. Gustl zog den »Kellerlacher« »wia a alte Fuaßdack'n« zur Erde und der war »so kasweiß, wia er amal bluatrot ausg'schaut hat.«

Andere Kollegen waren auf den Vorgang aufmerksam geworden und Gustl zur Hilfe beigesprungen. Man bettete Herrn Brückl in seinen Wagen, riß ihm Rock, Weste und Hemd auseinander, besprengte, überschüttete ihn vielmehr mit rasch aus dem Stammgasthause geholtem Wasser – aber alles vergeblich. Unter zwei kohlschwarzen Wülsten starrten zwei verglaste Augen empor zur blauen, wolkendurchschifften Ferne . . .

Es gibt eine Tragik und Lieblichkeit der Ereignisse, die von der Form, in der sie sich abspielen, gar seltsam abstechen. Gustl, der mit schreckensstarren Blicken die Wiederbelebungsversuche verfolgt hatte, umtanzte, zu sich gekommen, den Wagen wie in früheren Tagen und machte seinem Namen »Standratsch'n« alle Ehre.

»Toberl,« brüllte er, »Toberl, i bitt' di – tua ma das net an! Du, i sag' d'r's, Toberl, geh, mach' kane faden Tanz!«

Gleich, als wäre es seitens Toberls ein unziemlicher Scherz gewesen, zu sterben.

»Schau, Toberl, wann i di net für allweil wia an' alten Lausbuab'n anschau'n soll, mach' kane Witz'! I bitt' di . . . spiel' die net! Du waßt, i versteh' a bißl an' Gspaß . . . Toberl . . . geh, Toberl, schau mi an!«

Er ersah die weggeschleuderte Virginierzigarre, und wie wenn er das Mittel gefunden hätte, den sich breitmachenden Tod zu bannen, hielt er dem Freunde die Zigarre entgegen.

»Da rauk weiter, Toberl, hörst . . . Da hast dei Zigarrl. Am End' is d'r vielleicht drauf schlecht wurd'n?«

Lustigkeit, Ehrlichkeit, Würde, Liebe, Freundschaft – alles kann bis zur Täuschung ähnlich als wahr vorgespiegelt werden. Aber echte Verzweiflung äußert sich und scheidet sich wie Gold von unechtem Metall. Es war sonderbar, zu sehen, wie komisch sich der arme Gustl im Übermaß seines Schmerzes ausnahm und wie ernst allgemein diese Äußerung von den Umstehenden aufgenommen wurde. Unaufhörlich brüllte er:

»Toberl . . . Toberl, tua m'r das net an! Schau, hab i d'r jemals was Schlecht's nachg'sagt? Hab i di amal beleidigt? Du, Toberl, hurch zua, da kummt dei Mirzl . . .«

Wer weiß, welcher fabelhaften Erfindungen sich der arme Sedlmaier Gustl noch weiter schuldig gemacht hätte, würde ihm der Schmerz nicht endlich die Stimme gebrochen haben.

Aber Mirzl brauchte durch keine Vorspiegelungen ihrem Vater beschworen werden. Sie stand leibhaftig vor der lichten Pforte, von der unsere Dichter uns sagen, und die wir in Wahrheit ja alle einst betreten wollen; sie stand da, schön und lieb wie einst, und lächelte ihrem Vater entgegen. Und wenn der Kellerlacher wohl nie im Leben vermocht hatte, sein Kind zu überzeugen, daß er ihr Lächeln erwidern könne – nun tat er es jedenfalls.

Wenn ein komischer Anblick eines Menschen rührend und der rührende Anblick komisch zu wirken vermag, diese Darstellung war durch Gustl gegeben, der unter einer Flut von Tränen um sich blickte. Er selbst hätte wohl zuletzt behauptet, daß er schön wäre; aber in diesem Augenblicke war er von der Schönheit wie ungefähr ein kleines Mädchen, das seine von Leid überfließenden Augen zu einem Strafenden oder Peinigenden erhebt. Die Blicke Gustls wanderten so jammervoll und hilflos umher, daß man ihn tröstete, wie man vielleicht eine Mutter zu trösten pflegt, die ihr Kind an den Tod abgeben mußte, wenn auch diese Art von Tröstung etwas an sich hatte, das empfindsamen Naturen als roh, unziemlich und dem erhabenen Moment unangebracht erscheinen mag.

»Halt' dei Goschen! Was blazt denn? Er hat's überstanden. Denk' d'r, er hat's jetzt guat. Schau, er is halt seiner Mirzl nach'gangen. Sei ka Tepp und geh liaber eini und schwab was abi. Manst, dir, dir allani tuat's lad? Geh, Murl, zarr 'hn eini (gemeint war das Standgasthaus) und laß eahm an' halben Liter beißen. Z'erst müassen m'r do wissen, was mit'n Toberl wird. D' Rettung nimmt eahm net. Denn so viel ist sicher: da hilft ka Rettung mehr.«

Unter »Rettung« war die Rettungsgesellschaft gemeint, die ihrem Namen und Beruf nach nur an Menschen amtshandelt, die noch etwas von Leben in sich bergen, was aber im vorliegenden Falle keine Anwendung mehr finden mochte. Selbstverständlich war eine telephonische Verständigung gleich erfolgt, man brauchte zu diesem Behuf ja nur in das Kaffeehaus gegenüber dem Stand zu eilen.

Dieses wie das Gasthaus waren im tiefsten aufgeregt. Wirtin, Köchin und Abwaschmädchen weinten und kreischten, die anwesenden Gäste hatten sich zu der Gruppe gesellt und besprachen erregt das Ereignis.

Es heißt, daß, durch eine geheime Witterung angezogen, Aasvögel den Galgen umkreisen, ehe noch der arme Sünder den letzten Atemzug verhauchte. Bei Unglücksfällen scheint eine ebensolche Witterung seitens der sich sonst um nichts kümmernden, hastenden, mit dem jeweiligen Einzelschicksal beschäftigten Menge zu bestehen. Denn die stille, sommerlich-idyllische Gasse war urplötzlich von Neugierigen belebt, die einen steten Zuzug erhielten.

»Was is denn g'scheg'n?«

Diese bei jedem Auflauf gang und gäbe Frage ertönte allseits. Die Nächstbeteiligten umstanden den Wagen und waren ebensosehr mit der Beruhigung Gustls als der Abwehr der müßigen Belagerer beschäftigt.

Man half sich einstweilen mit Vermutungen, die gleich einem Luftgift ansteckend wirken, sich blitzschnell von der Wahrscheinlichkeit zur feststehenden Tatsache verdichten und das Ungeheuer Gerücht erzeugen; die in manchen Fällen, da ein öffentliches Interesse berührt wird, Extraausgaben der Blätter, Kursstürze oder ähnliches zur Folge haben.

»Was is denn g'scheg'n?«

Der von einem Neugierigen also Befragte zuckte im Bedauern über seine Unwissenheit die Schultern.

»Zwa Fiaker ham g'raft,« erklärte ein dritter, der sich den Hals ausgerenkt hatte, um einen Blick nach dem Knäuel der Ursache des Aussehens werfen zu können, »und aner hat'n andern derstochen.«

»Woher . . . A Dienstmadl hat si beim Fenster abig'stürzt,« behauptete mit der ruhigen Sicherheit des Eingeweihten ein vierter.

»Sö, Herr,« nahm ein fünfter das Wort, »schau'n S' da aussi, und wann S' manen, daß durch a zuag'macht's und mit an Packpapier verpicktes Fenster a Dienstmadl durchkann, dann empfehl' mi bestens. Was da z'samm'g'red't wird . . . A winniger Hund is ins Wirtshaus einig'rennt, dös is 's Ganze . . . Haßt das, wann er überhaupt winni is . . .«

Endlich drang die richtige Lösung im Wirrsal so vieler Versionen durch.

»Mein Gott, an' Fiaker hat der Schlag 'troffen!« Wir können Freude finden an der Schlechtigkeit (soweit sie nicht uns wehgetan), wir ertragen mit Gelassenheit, der sich aber ein nicht unangenehmes Gruseln beigesellt, die Schilderung eines Unglücks (soweit es nur uns verschont hat), wir folgen mit Spannung und Schauer dem Delinquenten auf seinem letzten Gang – wir armen, gebrechlichen, aller Liebe und Duldung bedürftigen Geschöpfe, wir lieben alles, was unschön, nervenerschütternd, gräßlich, menschenunwürdig ist (immer in der löblichen Voraussetzung, daß es uns nicht persönlich betrifft); aber wir lieben ganz offen die Banalität, die Einfachheit nicht.

Die Einfachheit des Sterbens wird in uns neben den unbehaglichen Schauern des Todes nur rasch erwachte Langweile erwecken. Und da man endlich erfuhr, auf welche Art der arme Toberl sein leibliches Ende genommen, verflüchtigte sich das Interesse daran so rasch, wie es erregt worden war.

»Jessas na! Weg'n dem bleib' ich beinah' zwa Stund' steh'n und versam a Massa Zeit. No, so hat eahm halt a Schlagerl 'troffen. Meiner Seel', auf dö Art möcht' i aa amal geh'n.«

». . . Seg'n S', so red'n dö Leut' an' Quargl z'samm, den s' selber net glaub'n, und halten no andre für an' Narr'n. Daß an' der Schlag trifft, so was kummt alle Tag vur. Derentwegen versam' i mein G'schäft und sollt scho waß Gott wo sein.«

»Gehst d'r, Spreizerl . . . Da hört si do scho all's auf. Manen mir: a urndlicher Raubmurd, derweil . . . Desweg'n stengan ma da und versamen derweil wo anders was Int'ressantes. Is halt a Hengst weniger. Geh . . . schiab'n ma!« . . .

Und das Gemüt der edlen Plebs schien angesichts der einfachen, reinen, versöhnenden Äußerung der erhabensten Majestät, die wir kennen, so unheilbar verletzt, daß es sich einige Zeitlang nicht zu beruhigen wußte.

Mittlerweile war die verständigte Rettungsgesellschaft erschienen, die nur bestätigen konnte, was schon alle anderen um Herrn Brückl Beschäftigten längst wußten: daß keine Macht mehr imstande sei, dem Gesetz der Vergänglichkeit entgegen zu treten. So ward der Leichnam Toberls in den Hausflur des Standgasthauses gebracht, der abgesperrt wurde, bis der schwarze unheimliche, kastenartige Wagen zur Stelle war, bei dessen Anblick uns klar wird, wie gar so wenig Raum wir in Wirklichkeit beanspruchen dürften.

Es dauerte nicht allzu lange, dann war Toberl beseitigt, der Auflauf vergangen. Ein kutscherloses Gespann stand unter einigen anderen, die noch einen lebenden Lenker besaßen, und die Idylle der Gasse, wieder einmal aus dem Schlafe gescheucht, schloß die Augen wieder und stammelte im Entschlummern: es war nichts . . .

Aber im Standgasthause, umgeben von vielen teilnahmsvollen Freunden, Spezis und Kollegen, saß Gustl und bot einen erbarmungswürdigen Anblick. Er war so rücksichtsvoll, als es einige Paare tröstender Kutscherfäuste vermögen, in die Wirtsstube gebracht und auf seinen Stammsitz gepreßt worden. Man war allseits bemüht, Gustl in eine Stimmung zu versetzen, die dem ihn umflutenden Leben etwas angemessener war.

»Hörst d' Gustl – wannst a klans Kind oder a alt's Weib warst, sagert i nix. Aber a so z'mörschert sein, verstehst? Dös versteh i net. Manst, daß i eppa net aa liaber blazen kunnt? Der Toberl a Leich! Wann uns das aner g'sagt hätt' vur a zwa Stund'. Aber mit'n Zauna bringen ma 'hn alle z'samm net mehr lebendi. Da hast . . .« Und der teilnahmsvolle Kollege drückte Gustl den Henkel eines gefüllten Halbliterglases in die Hand.

»Dös is die beste Kur,« äußerten mit vielem Ernst und Sachverständnis einige andere; »dös ramt a jede Traurigkeit weg.«

Gustl versuchte, mit zitternder Hand das Glas zum Munde zu führen, wobei er einigen Wein verschüttete.

»I kann net . . . i kann net . . . i denk' immer dran, wia i mit'n Toberl aus an' Stutz'n trunk'n hab'.«

Man ist gewohnt, beim Manne natürliche Weichherzigkeit für unmännlich zu halten, besonders wenn sie noch von Tränen erfüllt ist. Aber mag ihr das fehlen, was wir als »zu einem Manne gehörig« bezeichnen, so ist sie doch eine der Welt köstlichere Gabe als die harte, grausame und unbeugsame Männlichkeit, die wir an Tyrannen, Menschenschlächtern und kühlen Geschäftsleuten nur allzusehr bewundern.

Was uns oft hindert, einem angeborenen Gefühl der Weichheit nachzugeben, ist die Feigheit vor der Öffentlichkeit, der Gesellschaft, die kalte Gelassenheit unter allen Umständen als »korrekt« erklärt.

Gustl kannte in seiner Naturgeradheit diese Bedenklichkeit nicht. War er nicht eitel auf seine unleugbar äußerst zweifelhafte körperliche Schönheit, so war er's auch nicht in bezug auf seine sogenannte »männliche Würde.«

Allmählich tröstete sich die »Standratschen« gleich einem sattgeweinten Kinde, wischte seine verschwollenen Augen mit einem serviettegroßen, blau- und rotkarierten Taschentuch, nippte erst, trank dann, und nachdem der halbe Liter Wein in zwei Zügen die Gurgel passiert hatte, verlangte er noch ein neues Quantum, das ihm mit so heiterer Bereitwilligkeit hingestellt wurde, wie eine Mutter wohl ihrem Augapfel in der Rekonvaleszenz eine Lieblingsspeise darbringt. Dann setzte sich Gustl tiefer in seine Kutscherecke und blieb traurig und nachdenklich, aber schon ganz gefaßt und ruhig sitzen.

Man ehrte seine Gefühle und ließ ihn unbelästigt. Ich will dem Beispiel folgen und bis zum Leichenbegängnis des Kellerlachers warten, das vom Leichenhof des Allgemeinen Krankenhauses aus stattfinden sollte.

Daß Herr Brückl, der »Kellerlacher« oder zärtlichkosend von seinen Spezis Toberl genannt, unter seinen Standesgenossen sich eines großen Ansehens erfreute, ist bekannt, und so war alles erschienen, was über einen freien Nachmittag oder eine Stellvertretung verfügte.

Das große Allgemeine Krankenhaus mit seinen vielen Höfen verfügt über einen, der jedem seiner Obhut Anvertrauten die Entlassung nur mit einer Weisung gibt: der nach dem Friedhof. Über drei Tore springen drei Art Regendächer vor, jedes geziert mit einem dürftigen Kreuz. Es sind die Aufbahrungsräume, die sich so nach außen kenntlich machen. Im mittleren lag, von der Liebe seiner Kameraden behütet, der tote »Kellerlacher«, noch ungedeckt von dem einfachen Holzgefüge, das zwei Welten zu scheiden bestimmt ist.

Man drängte um den »Katafalk«, wie ein Fiaker das schwarzverhängte Gerüst benannte, auf dem der Sarg stand. Man betrachtete mit Rührung, Ergriffenheit, stummer Teilnahme oder leisem Grauen den Toten. Und ganz seltsam: er, dessen Mienen im Leben so eigentümlich starr dem leisesten Schmunzeln standhielten, schien jetzt zu lächeln.

Vielleicht Mirzl entgegen, die vor dem strahlenden Vorhang winkte . . .

Während des Wartens auf den Geistlichen wurden von den Kollegen nach Betrachtung des traurigen Haupthelden des Tages die tiefsinnigsten Erinnerungen angestellt.

»Sixt,« erklärte einer voll Wärme, »der Toberl war der fermste Kerl, den's gibt. Aber i an seiner Stell' hätt' halt do auf das Madl a biss'l mehr aufg'schaut. A paar urndliche Flasch'n, links und rechts ane – i sag' d'r, der Toberl und 's Madl leberten heut' no pumperlg'sund.«

Das war in Beziehung auf die unglückliche Mirzl gesagt. O – Herr Trümmler hatte dieses angepriesene Mittel mehr als gründlich versucht. Und was war der Erfolg? – Kinder geraten meist selten nach dem Willen ihrer Urheber.

Ein anderer Kamerad versank in nachdenkliche Betrachtungen, die die Berufstätigkeit angesichts eines verstorbenen Genossen in jedermann wachruft.

»Wer das Zeug und dö zwa Rapperln kriag'n wird? Und der Standratsch'n ihr Zeug?«

»No . . . verlizitiert werd's s' halt' werd'n. I glaub', es is wohl sunst neamd mehr da. 's Madl is weg, 's G'richt wird halt all's verlizitier'n und 's ganze Gerstl g'hört 'n Staat. Außerdem, er hätt' a Testament g'macht . . .«

»Was i grad net glaub'. Der Toberl is mir z' schnell gangen. Aber was seine Roß anbelangt . . . i stellert s' glei in mein' Stall ein. So zwa Rapperln . . .!«

»Mein Liaber, dö brauchen so ka Fuatter . . .! Aber um tausend Guld'n war'n s' net überzahlt. Meiner Seel', wann i 's Geld hätt', i nahmert s' glei.«

»Ewig schad' drum. Wer waß, wer s' in d' Händ' kriagt. I sag' d'r: dö Roß fress'n net so leicht aus jeder Hand. Das muaß ma in Toberl lass'n . . . an' Gusto hat er mit seine Roß g'habt.«

»Nur . . . 's Reamzeug . . .,« warf einer voll Mitleid ein. »Waß der Teufel, auf das hat der Toberl nia net viel g'halten. Net grad, daß sein Reamzeug nix wert war' g'west. Verstehst mi? Aber a jeder Mensch hat halt an' andern Gusto. Der arme Toberl hat halt amal aufs Reamzeug net so viel g'halten, als was die Rösser verdient hätten. Er hat g'mant, Roß bleibt Roß, aa ohne Reamzeug. Und i man' halt, a urndlich's Roß soll aa sei urndlich's Reamzeug hab'n. Sunst manert i, es is ka urndlich's Roß net, weil a Reamzeug aa aus an' halberten Krampen no a halbwegs anständiges Roß macht. Obst es glaubst oder net . . ., aber dafür laß i mi aufhängen, wann's gilt.«

Diese tiefgründige Erörterung über das Reamzeug der beiden nun verwaisten Rappen fand eine Unterbrechung. Es machte sich eine Bewegung kund, die auf ein erwartetes Ereignis hindeutete.

Die »Standratschen« war erschienen mit einem Kranze, fast so groß wie sie und von einer Schönheit, die ihrer persönlichen die Wage hielt.

Alle, die Gustl kannten, bangten vor diesem Moment des Abschiedes. Denn der Sedlmaier war eine jener im tiefsten Innern feigen und zurückbebenden Naturen, die, vor jedem Schicksalsschlag zitternd, sich mit einer Dosis von Heiterkeit oder Mut zu versehen streben. Diese Dosis lieferte außer dem Standgasthause jedes andere, in das Gustl sein Weg führte.

Die »Standratschen« hatte sich tagsüber »gestärkt«, was die Röte ihrer Lider sowie der Pockennarben und der mehr als sonst stiere Blick der Augen bewies. In Begleitung seiner Alten, seines »Madls« und seines Schwiegersohnes war Gustl angefahren gekommen. Nun erschauerte er im Innersten vor dem letzten Abschied von dem heimgegangenen Freunde.

»Paßts a bißl auf'n Gustl auf,« sagte ein Fiaker zu einer Schar Kollegen, »daß er ka Theater macht. Er is wia a alt's Weib und a klan's Kind z'samm'. Sollt' er Tanz' machen, zarrt's 'hn aussi und schmeißts 'hn in sein' Wag'n.«

Voll scheuer Gefühle war Gustl an den Sarg seines Freundes herangetreten und sah nun zum letztenmal in das ihm so wohlvertraute Antlitz. Alles an diesem war noch wie sonst, die Wülste über den Augen, die Wülste unter der Nase – aber von dem »blaunaserten Rotzbuam« war nichts mehr vorhanden.

Der Kellerlacher lag da in so wächserner Starre wie seinerzeit Herr Trümmler, denen beiden eine Tochter ein unheilvolles Herzeleid zugefügt.

Gustl stierte und stierte lange nach dem Freund. Erst war es Entsetzen über die Veränderung, die der Tod scheinbar an den uns Liebsten anrichtet. Dann sich der Bedeutung eines Abschiedes für ewig bewußt werdend, brach die »Standratschen« in einen Jammer aus, der ihrem Namen alle Rechtfertigung verlieh.

»Toberl! Toberl!« schluchzte Gustl wie eine wehklagende, untröstliche Witwe an dem Sarge des Gatten, »daß d' mir das an'tan hast . . .«

Er wendete sein nun tränenvolles Antlitz im Kreise der angesammelten Kollegen.

»Hörts, d'r Toberl will von uns geh'n . . . Er laßt mi allani . . .«

Alle, die Gustl kannten, nahmen diese komische Schmerzensäußerung mit ernsten, unbewegten Gesichtern auf. Es waren ja die meisten gründliche Kenner des so sonderbaren Freundschaftsverhältnisses dieser beiden im Leben so unähnlichen und doch einander ergänzenden Naturen.

Gustl schien plötzlich eine grauenvolle Erinnerung zu übermannen.

»Toberl!« heulte er, »verzeih' m'r an's: den Taxameter! Du waßt, daß i di nia beleidig'n hab' woll'n. Du hätt'st mi seinerzeit soll'n ausred'n lass'n. Verzeih' m'r, Toberl, pfiat di Gott! Pfiat di Gott! Grüaß m'r dei' Mirzl! . . .«

Ich weiß es nicht und wage kaum eine Äußerung darüber, ob der tote Kellerlacher die Worte seines Freundes verstanden. Aber ich denke, wenn diese Möglichkeit vorhanden, so hat Toberl wohl die Empfehlung an diejenige ausgerichtet, die ihm das Herz gebrochen.

Gustl wurde in dem Moment von Freunden hinausgezogen, als man dranging, den Sarg zu schließen. Die Einsegnung ging so rasch wie jede andere vor sich und dann wurde der »Kellerlacher« wie ein Kollo in dem schwarzen Gefährte verladen, und er, der im Leben so viele Fahrgäste befördert, bildete diesmal und zum allerletzten Male selbst einen solchen.

Nachdem alles die bereitstehenden Wagen bestiegen hatte und Gustl unter Anwendung vieler freundschaftlicher Püffe an seinen Platz befördert worden war, begann die lange Fahrt nach dem großen Totenfelde in Simmering, das der Wiener halb vertraulich, halb schaudernd den »Zentraler« nennt . . .

Ich will von einer weiteren Schilderung der letzten traurigen Ereignisse absehen. Vater und Tochter waren nach kurzer Trennung vereint. Das heißt, das eine hölzerne Gefüge wurde auf das schon früher vorhandene, mit den modernden Resten der einst lustigen Mirzl gestellt und mit Erde bedeckt. Gustls reuevolle Beschwörungen des toten Freundes nahmen einen fast lästigen Charakter an und erforderten seitens der Kollegenschaft ein energisches Einschreiten.

Im Standgasthause fand die trübe Feierlichkeit ein für die andern einigermaßen aufheiterndes Ende. Denn die »Standratschen« trank mehr, als der Gelegenheit angemessen war, und geriet zuerst mit ihrem Schwiegersohn, dann mit dem »Erdzeisl« in Streit. Der Schwiegersohn hatte sich herausgenommen, zu sagen: »Aber Voda, sei do g'scheit« und der »Erdzeisl« brachte durch seine bloße Gegenwart das Blut Gustls in Wallung, der sich nun der zwischenträgerischen Rolle des jungen, spitzbübischen Kameraden bewußt wurde. Ja, nur dieser war die Schuld gewesen, daß er zu Lebzeiten Toberls diesem so manchmal ein »unrechtes Wort« gesagt, zwar ohne jegliche Absicht der Beleidigung, das aber dennoch zeitweise verstimmend auf die Freundschaft gewirkt haben mochte.

An einem Orte, der in Gasthäusern nur von Herren aufgesucht zu werden pflegt, wollten sich einige Fiaker fast krank lachen über den schimpfenden Gustl.

»Meiner Seel' . . . a größere Freud' hätt' die Standratsch'n dem Toberl scho nimmer machen können. I man', der hat si das eigens so ang'schafft, wia zu Lebzeiten. Das hat der dumme Gustl nia g'neist, daß eahm der Toberl eigens hat aufraz'n lass'n, daß er recht schimpft, weil das 'n Kellerlacher sei' anzige Hetz war.«

Einige Tage später erschien Gustl mit der Vorladung zu einem Notar auf dem Standplatz. Er war in der größten Bestürzung, denn Notar und Gericht erschienen ihm in sachlichem Zusammenhang bezüglich der Ahndung gewisser Vergehen. So sehr Gustl stets beteuerte, daß er niemanden beleidigen wollte, stiegen ihm doch düstere Bedenken auf, ob sich nicht am Ende doch jemand beleidigt gefühlt und die Sache einem Advokaten behufs gerichtlicher Austragung übergeben hatte.

Die Kollegenschar deutete die Zuschrift wohl anders. Für sie war es abgemacht, daß Gustl von seinem Freunde in einem Testament bedacht worden war. Nichtsdestoweniger konnten alle es in einer Anwandlung freundschaftlicher Gefühle nicht unterlassen, die Bedenken und Befürchtungen der »Standratschen« zu verstärken.

»Wia heut' die G'setzer san,« sagte einer mit wichtig-ernster Miene, »steht auf a Ehrenbeleidigung 's Landesgericht. Brauchst nur an' an' blöden Hund haßen und der nimmt si an' Doktor – liegst schon drin. Zwa Monat Schmalz nimmt d'r kaner abi. Und wer waß, was d'r Gustl am End' daherg'red't hat . . .«

Der erinnerte sich wohl keiner direkten Ehrenbeleidigung seit den letzten Zeiten, da er noch Toberl gekränkt haben mochte. Aber, wie das Volkswort sagt: an' schuldigen Mann geht 's Grausen an. Und das Volkswort gleicht, nebenbei erwähnt, den süßen Kindergoscherln, die eine Erfahrung mit unbarmherziger Schärfe zu prägen lieben, ungestört von Reue über verletzte Gefühle oder Empfindlichkeiten.

»Auf das, was i d'r g'sagt hab', kannst Gift nehmen,« hatte der trostspendende Kollege noch hinzugefügt. Gustl aber nahm daraufhin trotzdem kein Gift, sondern drei »Viertel Gespritzte« und fuhr dann zum Notar.

Obwohl die beiden Zeugeln Herrn Brückls von Gerichts wegen mit Beschlag belegt worden waren, hatte man Gustl bis auf weiteres das von ihm gelenkte in einstweiligem Besitz belassen. Zu der Trauer über den Tod seines Freundes und Brotherrn hatte sich Sorge und Niedergeschlagenheit wegen seiner Zukunft gesellt. Wem sollte er sich nun verdingen? Ein alter Fiaker ohne eigenen Besitz ist ein alter, ausgemusterter Arbeiter, der suchen kann, wo seines Bleibens länger ist. Wie alte, weißhaarige Kellner, die, auf müden, gichtischen Beinen einherhumpelnd, sich bemühen, so viel Energie früherer Tage als möglich aufzubringen.

»Wann eahm net vielleicht der Toberl das Zeugl vermacht hat,« riet ein Fiaker. »War' d'r Gustl für sein Lebtag aus 'n Wasser.«

Indessen war dieser beim Notar angelangt, dem er nach Vorweisung seines Aufforderungsschreibens zugeführt wurde. Der Mann des Rechtes konnte nicht umhin, vorerst die komischen Züge Gustls einer interessierten Prüfung zu unterwerfen, dann drückte er ihm die Hand und wünschte ihm herzlich Glück zu der ihm zugefallenen Erbschaft.

War Gustl schon mit gewissen Hoffnungsgefühlen erschienen, die die anfänglichen Gefühle der Furcht fast zum Schwinden gebracht hatten – nun stand er und vergaß, die Augäpfel zu rollen. Sie standen so starr wie die eines Frosches, der eine an der Glaswand spazierende Fliege belauert. Er war geistesabwesend, verstand nicht recht den Zusammenhang zwischen dem Vernommenen und seiner Person, sondern stierte nur. Erst als das beginnende Rollen seiner Augen, das zuckende Mienenspiel seines Gesichtes, das Strecken seines Halses die Wiederkehr der gelähmten Geisteskräfte anzeigten, war der Sedlmaier imstande, alles in sich aufzunehmen.

Er war der glückliche Erbe von Toberls zwei Zeugeln und einer Summe von zehntausend Gulden, die ich statt der unvolkstümlichen zwanzigtausend Kronen anführe. Auch die Wohnungseinrichtung, die Schmucksachen der armen Mirzl – alles hatte Gustl mit einem Vorbehalt zugunsten eines andern geerbt.

Nun überreichte der Notar dem mit so unverhofftem Glücke bedachten Erben einen verschlossenen Brief des Erblassers.

Gustl erbrach mit zitternden Händen das Schreiben und begann zu lesen. Da er des Lesens von Manuskripten und Herr Brückl der Kunst des Schönschreibens ungewohnt war, dauerte es eine Weile, ehe der Wortlaut in seiner Gänze halbwegs flüssig geworden. Der Brief begann mit der gleichen Anfangsfloskel wie einst der Reserls und lautete:

»Lieber Gustl!

Wann Du das lest bin ich tod. Seit meine Mirzl weggangen is, freut mich nix mehr. So was sollt a Kind an Vodern net anthuen. Wanns no am Leben geblieben wär, i hätt i ihr alls verziehn. Jede Dummheit laßt sich ausbessern, nur's Sterb'n net. Und wann i stirb, is niemand da, der meine Sach'n erbn kunnt. Die Verwandschaft, die i irgendwo hab, geht mi nix an. Mir habn uns unser Lebtag nia umanand kümmert. Alsdann nimm das was i dir vermachen thue von dein alten Spezi. Das Zeug, was du bis jetzt gführt hast, soll der Erdzeisl führn und du gibst ihms auf Abzahln. Er is a braver Mensch und möcht auch gern heiraten. Mein Einrichtung in der Wohnung ghört ihm. Grad gnug für a jungs Paar. Das bisl Schmuck von meiner Mirzl ghört deiner Annerl.

Und mach Dir kane Vorwürfe wegen Dein schimpfen. Wann ich auch der Kellerlacher heißen thue so lach ich einwendig und der Erdzeisl hat Dich immer müssen razen das Du einen Viehszorn krigst, und ich hab mein grösste damische Hetz g'habt. Wann Du das lest bin ich bei meiner Mirzl und meiner Alten. Gott hab s' selig. Bet für uns manchesmal und hab a rechte Freud an Dein Annerl. Ja alle Töchter sind net gleich. Serwuss.

Dein alter Spezi und Bleaml

Toberl.«

Eine Nachschrift folgte noch, wie sie des Schreibens ungewohnte Menschen lieben, die ihre Gedanken nur allmählich und schwerfällig einmal zu Papier bringen und sich oft immer erst im letzten Moment einer Herzenssache erinnern. Das für die Kollegen vom Standplatz wichtige Anhängsel lautete:

»Und der ganze Stand soll auf meine, das heißt eigentlich schon auf die Deinigen Kosten leben. Du wirst ka Schmuzian sein wie Dich kennt

Dein Toberl.«

Gustl hatte, wie bekannt, einen Vorrat an Tränenflüssigkeit, der für ein Klageweib und ein stets plärrendes Kind ausgereicht hätte. Aber in diesem Augenblicke fühlte er wohl das Wasser hervorquellen und er sah wie durch ein Sturzbad – nur erfolgte keine weitere Demonstration der Erschütterung, die den mit dem Standratschentemperament unvertrauten Rechtsfreund hätte veranlassen können, die »Rettung« herbeizurufen.

Die ungelenken, biederen, schlichten Worte hatten auf den Sedlmaier Gustl mehr gewirkt, als es die erhebendsten, beschwingtesten und innigsten eines Literaturerzeugnisses vermocht hätten. Diese rauhe Äußerung einer Freundschaft über das Grab hinaus ließ ihn keinen Laut hervorbringen. Vergessen war zur Stunde die ganze Erbschaft. Gustl horchte nur auf die Stimme seines toten Spezi . . .

Er würgte endlich mühselig die Frage hervor, ob der Brief ihm allein gehöre. Auf die bejahende Antwort steckte er das Schreiben mit vieler Umständlichkeit und liebevoller Sorgfalt in seine Brusttasche, zog sein bekannt großes Taschentuch behufs Trocknung der Augen, nahm seinen Hut und wendete sich, zu gehen.

Der Notar wollte noch Formelles erledigen.

»Murg'n . . . übermurg'n . . . a ander's Mal,« sagte der sonderbare »lachende Erbe«. »Was i z'wissen brauch', waß i, und das andere versamt's für a paar Täg' net. Adjes! Besten Dank derweil . . .«

Am Stand angelangt, wehrte Gustl vor allem der Neugierde der Kollegen bis zu gelegener Zeit. Dann zog er sich mit dem Wirt zu einer Privatbesprechung zurück. Die ehemalige »Standratschen« schien wie verwandelt. So was Feierliches, männlich Ernstes hatte sie noch nie zur Schau getragen.

Am Abend hob zu Ehren des toten »Kellerlachers« ein Pokulieren an. Bei der Gelegenheit erfuhren Gustls Freunde alles, auch den Inhalt des letzten der so seltenen Briefe, die Toberl in seinem Leben geschrieben haben mochte. Zu den Glückwünschen, die man fast neidlos Gustl darbrachte, gesellten sich Worte der uneingeschränktesten Huldigung und Verehrung für das Andenken an den nun Ruhenden.

Und als Gustl das »Erdzeisl« bei Gelegenheit zur Seite nahm und einige Vorschläge zu machen schien, konnte man wahrnehmen, daß die Augen des Spitzbubengesichtes einen ganz eigenen Schimmer bekamen. Toberl hatte sich bei Abfassung seines letzten Wunsches wohl nicht umsonst auf den verlassen, dessen sonderbare Freundschaft und Treue er allein am besten zu würdigen gewußt hatte.

Frau Sedlmaier und Tochter und Schwiegersohn, die schon gleich nach der Rückkunft vom Notar das große Glück des großen Kindes und Schimpfers geteilt hatten, waren abends auch bei dem von Toberl befohlenen Erinnerungsmahl, das sich gegen vorhergehende Zechabende durch Würde und Ernst der Teilnehmer hervortat, und das bei Gustl weder Geschimpfe noch Tränen und Ausbrüche von Reue hervorrief.

Er hatte die »Standratschen« ein für allemal ausgezogen. Diese ziemte sich nicht mehr für einen Zeugbesitzer und Kapitalisten. Nur eines konnte er sich nicht entledigen: seines braven, teilnehmenden Herzens.

Fünfzehntes Kapitel

Poldi landet in einem glücklichen Hafen. Schani taucht nochmals auf, um sich von seiner Familie für immer zu entfernen. Julius der Zweite hat einen Glücksengel besessen.

»Wissen S', i hab' scho' manche Hochzeit anag'schaut. Seit a dreiß'g Jahr', wo i da am Grund wohn', hab' i m'r ka halbwegs anständige Hochzeit auskumma lass'n. Aber an so ane wia dö heutige, wer' i no lang z'ruckdenken. I will von der Hochzeit allani net red'n; denn da hab' i schon viel schönere g'seg'n. Amal ane mit dreiß'g Wäg'n. Heut' san's nur fünfe. Aber wissen S', a so a Brautpaar hab' i no net g'seg'n, außer amal im Theater. No, und da san s' alle ausg'stopft, g'schminkt und herg'richt't, daß 's grad ka Kunst is, schön zum ausschau'n. I will mit an' Wurt nur sag'n: so a schön's Brautpaar hab' i, seit i mi erinnern kann, no net g'seg'n, und das is viel g'sagt.«

Diese Worte einer alten Frau, einer derer, die bei jeder Gelegenheit Staffage bilden, sei es bei einer christlichen, jüdischen oder auch Negerhochzeit, galten der Erscheinung des Brautpaares Poldi und Julius.

Die Berichterstatterin hatte nicht zu viel gesagt. Man stelle sich Poldi vor in ihrem Brautkleid von Atlas, dem wallenden Schleier, die Füße in ihr ach! so ungewohnte Atlasschuhe gesteckt – ihr zur Seite Julius, Siegfried in Frack zwar, aber über alle Maßen schön und männlich, so mag man sich ein Bild der Phantasie vorstellen, wie es hier zur Wirklichkeit geworden ist.

Ich habe, genötigt durch mein strenges Amt als Schilderer wahrheitsgetreuer Vorfälle, so manches Tieftraurige zu berichten gehabt. Daher berichte ich mit besonderer Freude von Poldis Hochzeit. Wenn es eine göttliche, vergeltende Ordnung gibt, diesmal offenbarte sie sich aufs schönste.

Die Trauung in der Kirche wurde bedeutungsvoll gemacht durch Leute in tadelloser Toilette (wirklichen Zylindern und Frackanzügen) mit meist glattrasierten Gesichtern oder Köpfen mit Künstlermähnen.

Katherl glich in einer Wolke von Weiß einem kleinen Engel und ihre künftige, an die Schwester mahnende Schönheit trat nun recht zutage.

Und die glücklichen Eltern Schaumann! Der Vater stak in einem schwarzen Salonrock, die Mutter in einem Kleide, das sie bisher vielleicht nur bei mancher »Gnädigen« zu bewundern Gelegenheit hatte, für die sie schmutzige Wäsche reinigte.

Und alle drei vermeinten, der Himmel habe sich aufgetan oder sie wandelten in einer Welt des Märchens, Katherl sowohl als auch die zwei Alten.

Was war es aber so Wunderbares? Daß ein schönes, braves Mädchen einen ihr ebenbürtigen Gatten erhielt?

Sollen Tugend, Schönheit, Klugheit, Aufopferung für die Lieben, Barmherzigkeit für die Nächsten nicht einmal triumphieren über die Schmach der Armut? (Wer diese nicht als solche jemals empfunden, schweige und rede mir nicht vielleicht in mein Konzept!) Sollten Stolz und Güte verdammt sein zu Demütigung und Verbitterung, zu altjungferlichem Hasse gegen alle Bevorzugten, die leider selbst in den meisten Fällen keine solchen sind?

Und hatte Poldi einen Prinzen aus dem Märchenland geheiratet? Einen, der Gold um sich verstreute? O nein! Nur einen besseren »Musikanten«, dessen größter und gediegenster Vorzug der war, ein über den Durchschnitt gehendes, fast bürgerliches Einkommen zu besitzen. Ob er von seiner Kunst was verstand? Wer fragte danach? Der Wertmesser war dafür gegeben. Herr Julius hatte ein Einkommen, das ihn zu höheren Ansprüchen anwies als zu dem, ein armes »Nahrermensch« zu erwählen.

Julius der Erste hatte eine »Mesalliance« zu begehen gefürchtet, mochte Poldis Schönheit allein schon gegen solche Bedenklichkeiten streiten. Auf Grund dieses Besitztitels werden noch ganz andere »Mesalliancen« geschlossen, die irgendeine künstlerisch unscheinbare Theaterdame zu ganz respektablen sozialen Höhen heben.

Aber Julius der Zweite, der wahre Künstler, hatte eine Poldi erwählt, die äußerlich auch minder schön hätte sein können.

Wenn etwas in den Kreisen Poldis Mißfallen erregte, so war es nur die »gute Partie«. Nicht der Neid wegen des schönen Bräutigams bestimmte das Urteil all derer, die sich in solchen Fällen überhaupt ein Urteil machen, sondern der Neid, daß ein armes Mädchen eine voraussichtlich glänzende Versorgung erhielt.

Poldi hatte das Märchen mit dem Prinzen erlebt. Mit dem wirklichen, ritterlichen, schönen – nicht einem knieschwachen, hüstelnden, verlebten Prinzen des genealogischen Kalenders. Einem Prinzen aus dem Reiche der Schönheit, der Kraft und der Kunst.

War es wirklich ausgleichende Gerechtigkeit seitens irgendeiner unbekannten, lenkenden Macht: war es eine Sühne für das traurige, obzwar teils selbstverschuldete Schicksal Reserls, die weiß Gott in welchem Pester Bordell ihre Nächte vertrank und ihre Tage verschlief vielleicht reuig, vielleicht in ihre Lage freudig sich findend – kurz, das seltene Märchen hatte eine schöne Auferstehung gefunden.

Ich will nicht über die häßlichsten Giftblüten am Geistesstamme der Menschheit: Neid und Verleumdung, mich weiter aufregen. Ich kann nur mit Bedauern konstatieren, daß Poldi sowohl wie ihr Gatte diesen unsichtbaren, aber oft tödlichen Pfeilen nicht entgingen.

Nicht jedes Leben eines armen Mädchens muß ja in Entsagung oder gar Verkommenheit enden. Oder sich zu einem neuen Gliede schlingen an der bisherigen Kette zwar ehrenhafter, aber bleiern schwer empfundener Armut. Es gibt auch einen Aufstieg zur Höhe. Zur Höhe, die ich meinem Volke wünsche. – – – –

Poldi war einem unbewußten Instinkt gefolgt, als sie ihre Anschauung vom Leben, ihren Begriff von menschlicher Glückseligkeit demjenigen der Trümmler Tini und ihrer verlorenen Schwester entgegensetzte.

Reinlichkeit! Sich bewußt zu sein, daß jeder Schritt den wir getan, ein unbeirrter zu einem unbekannten Ziele strebender gewesen ist, sich bewußt zu sein, für seine Lage das möglichste getan zu haben und ohne Reue einmal ein Glück genießen zu dürfen.

Poldis Leben hätte keinen Zusammenhang mehr mit Aufregungen gehabt, wenn ihr nicht am letzten Ende bei der Gratulationscour in der Sakristei eine Wolke von Pelz, Spitzen, Federn, Seide, Parfüm und glühenden Umarmungen entgegengewallt wäre.

Und diese Wolke bedeutete nichts anderes als ganz einfach – die Trümmler Tini. Auf welchem Wege sie Kenntnis von der Hochzeit ihrer besten und einzigen Freundin erhalten, weiß ich nimmer anzugeben. Kurz, sie war da, laut und aufdringlich und schön wie immer. Schluchzend hing sie, wie einmal bei Gelegenheit der Überreichung des hochherzigen Geschenkes, und am Grabe ihres »Vatterls«, an Poldis Halse.

»Gelt ja, Herzerl, jetzt bist endli erlöst von der Marterei. I wünsch' d'r tausendfaches Glück und Seg'n zu dein' Ehr'ntag I hab' selber amal das Leb'n mitg'macht wia du. I waß, wia si a so a Leb'n in an' Salon mitmacht. Herentgeg'n, Polderl, wann ma net wußt', daß ma für was Besser's auf der Welt is, war' ma nah' dran, daß ma sie vom Fenster abistürzt. Du waßt, was i mitg'macht hab'. Du warst ja bei der Leich' von mein' armen Vatterl dabei. Du kannst di erinnern, wia i in die Gruab'n hab' hineinspringen woll'n. O Polderl! I vergunn' d'r net, daß d' das amal mitz'machen hast.«

Diese Erinnerungen waren angesichts des Ortes, der eben vollzogenen freudig-feierlichen Handlung und der ganzen Festgesellschaft so sehr am Platze, daß es wahrlich nur die Trümmler Tini zustande bringen konnte, ihnen Ausdruck zu geben.

Poldi war, wie gar nicht wundernehmen kann, ganz fassungslos über einen Überfall, den sie am wenigsten vermutet. Daß ein ganz loses Band der Zusammengehörigkeit von Tini anläßlich des Todes ihres Vaters aufs neue um die ungesuchte Freundschaft geschlungen, war bisher das einzige Zeichen einer solchen gewesen. Aber Tini liebte es, sich in Szene zu setzen. Vielleicht meinte sie, der ganzen heutigen Feier ein Relief verliehen zu haben, gleichwie damals in derselben Kirche der greise Bürgermeister, der erschienen war, um die Leiche ihres Vaters zu ehren.

Tini hatte einen flammenden Blick der Bewunderung auf Poldis Bräutigam nicht zu zügeln vermocht. Vielleicht zum erstenmal im Leben ward sie von einem ihr bisher unbekannten Gefühl erfaßt: dem der Eifersucht. Heute sah sie zum erstenmal, wie schön Poldi eigentlich war. Diese arme, protegierte Poldi, die einst froh war, einiger abgelegter »Fetzen« teilhaftig zu werden. Und dieser schöne, blühende, jungendfrohe Mann war nun der Gatte derselben Poldi. Der Gatte! Tini, bei aller Unbekümmertheit um die Würde eines Verhältnisses, täuschte sich im Augenblick über diesen Umstand nicht im geringsten.

Aber diese Regung war doch nur eine flüchtige. Tini hatte das Los gezogen, das ihr allein zustand. Und Tini wird einmal nicht unglücklich werden. Sie wird in ihren alten Tagen eine Rente besitzen und Rettungshäuser für gefallene Mädchen protegieren. Sie wird Beiträge für fromme Stiftungen leisten und mancher Weihnachtsbeteilung für arme Kinder vorstehen.

Tini war das glückliche Opfer einer unglücklichen Erziehung. Sie entwuchs ganz einfach dem Willen ihres Erzeugers, der, von bürgerlicher Moral beschwert, für das »Höherstreben« seiner Tochter keinen Sinn besaß. Sein Spießbürgertum war an der Natur seines Sprößlings auf Strand geraten.

Und von diesem Spießbürgertum unangetastet, hätte Tini, wenn es nach dem Willen des Vaters gegangen wäre, ein besseres Los treffen können? Sie hatte eines verstanden: eben das für sie beste Los zu ziehen. Im Gegensatz zur armen Reserl war sie katzengleich auf weiche Pfoten gefallen. Tini und Poldi bedeuteten zwei Weltanschauungen. Und jeder war die ihre gerecht geworden.

Beide waren in ihrer Art Starke. Poldi durch ihre Sittlichkeit, Tini durch ihre Unbekümmertheit um die Gesetze der Moral.

Auch Reserl hatte höher gestrebt und die lustige Mirzl war von denselben reinen Instinkten erfüllt gewesen wie Poldi. Beide waren gescheitert, weil sie vielleicht zu schwach gewesen. Die arme, trotzköpfige Reserl; und die noch ärmere Mirzl durch ihre Ungeduld, vom Lebensbaum das zu pflücken, was ihr als das Köstlichste dünkte, und dann durch ihre Bekümmertheit um die Moral. Starke müssen reuelos sein.

Also Tini hatte ihre Freundin in der Art begrüßt, wie nur sie die Gabe besaß, Trauer oder Freude zu äußern. Aber über sie dürfen noch andere Zeugen der Traufeierlichkeit nicht vergessen werden.

Vor allem der erste Beistand, der Sedlmaier Gustl, mit Frau und Tochter und Schwiegersohn. Dann Müller, der, auf der Suche nach einem neuen Quartier begriffen, offenbar verschiedene Gasthäuser als die beste Auskunftstelle angesehen, und der am Vortag der Hochzeit der ihn nun allein tröstenden Katherl und der einmal nicht scheltenden Mutter mit den Tränen der Reue über sein Drahrertum auch die über ein lange verborgenes Liebesleid vermischte.

»Wissen S', Muatta . . . waßt, Katherl, die Fräul'n Poldi hab' i gern g'habt, wia ma nur an' Menschen gern hab'n kann. Aber i Viech, i b'soffenes, hätt' mi ja gar nia trau'n dürfen, an so was z'denken. Muatta, gestern bin i wieder umg'fall'n; verzeih'n S' mir's! Das war aber ka so a g'wöhnlicher Rausch, das war a Gedankenrausch, a Verzweiflungsrausch, verstengan S', Muatta? . . . I hab' m'r mei ganz' Leb'n in Kopf g'setzt und so recht drüber nachdenkt, was für a Viech i bisher g'wesen bin. O Poldi . . .«

Und zum letztenmal in dieser Wohnung, mit Poldi unter einem Dache, barg Herr Müller das Haupt unter der Decke und weinte wie gewöhnlich. Und Katherl tröstete ihn wie sonst.

In einer Bank saßen einträchtig nebeneinander Rachel und das Fräulein Direktrice. Diese als Vertreterin der Firma, jene auf eine Bitte Poldis für den Nachmittag freigegeben. Ohne mich in diesem Augenblick in eine Art von Betrachtung über Konfessionen einzulassen (was nur beschränkter Gemüter würdig ist), will ich doch die Frage zur Entscheidung stellen, welches Gebet für die christliche Braut ein inbrünstigeres war: das der armen, kleinen Jüdin oder das des Fräulein Direktrice mit Christum im Herzen?

Herr Hanisch hatte sich grollend ferngehalten. Sein Groll war mit einem gewissen Staunen gemischt, als er von der Beschäftigung des Herrn Julius hörte. Sie stand in seiner Vorstellung auf gleicher Höhe mit einem Kunstpfeifer oder Tanzmusiker. Ein Mensch offenbar, der, was er nachts verdiente, auch regelmäßig durch die Gurgel jagte, der nicht auf spätere Zeiten dachte und der vor allem dem Begriff eines Sparkassenbuches vollständig fremd gegenüberstand.

Herrn Hanischs Gefühle, soweit von solchen die Rede sein kann, waren tief verletzt. Sie erstreckten sich auf den Verlust eines schönen Weibes, des einzigen, das seine Fischaugen jemals zu betasten geruhten. Dann beklagte er eine ihm entrissene Spekulation, die schon erwähnt wurde. Hanischs Sparkassenbuch, Poldis Geschicklichkeit, Schönheit und Liebenswürdigkeit hätten einen Salon gegründet, dem in Kürze hohe Herrschaften zustreben mußten.

Der kniffige Zögerer hatte die Gelegenheit einigemal versäumt über Berechnen und Überlegen. Es gab Stunden, wo Poldi schweren Herzens zwar, das Opfer für die Ihren gebracht hätte, das Weib eines sparsamen Handwerkers vom Schlage Hanischs zu werden. Aber ihr guter Engel hatte sie vor einer Hölle bewahrt, die Männer mit Sparkassen, Scheckbüchern, eisernen Tresors und Safedepots einem jungen, schönen Weibe im Laufe der Zeit bereiten können . . .

Als die Trauung beendet war, sang ein wohlgeschulter Künstlerchor den Brautmarsch aus »Lohengrin«.

Vater Schaumann neigte sich zu seiner Frau und sagte mit vor Schluchzen heiserer Stimme:

»Waßt, Muatta . . . Jetzt wär's am schönsten, mir könnten am Fleck sterb'n. Wann 's kan' Himmel drob'n gibt, so gangerten mir wenigstens von an'. Wann ma a so a schöne Freud' mit aner Tochter derleb'n kann, wünschert i mir nix anders als Töchter.«

»D' Reserl hat uns es anders 'zagt . . .« meinte die Mutter ebenfalls weinend.

Die Sonne der Seligkeit war verdüstert worden durch eine finstere Wolke.

Ja, Reserls Schatten lagerte sich auf alle Freudigkeit des Tages; flüchtig zwar, aber der Schatten war dennoch da. Wäre Reserl doch wahrlich tot gewesen!

Nur einer wurde von niemanden vermißt: Schani.

Es war ein Kaffeehaus: Schilder mit drei Billardkugeln und gekreuzten Queues, sowie der Ankündigung von Frühstück-, Tages- und Nachtpreisen, kleine Fensterrahmen mit gelben Vorhängen, im Innern eine rote Tapete mit Goldbronzeornamenten, ein automatisches Werkel, eine Kredenz, rotgepolsterte Bänke an den Wandseiten und die üblichen Marmortische samt Stühlen, sowie ein geflicktes Billard in der Mitte des Zimmers – das alles ließ die Bezeichnung »Tschoch« gleich auf den ersten Blick als gerechtfertigt erkennen.

Mehr noch drei Mädchen, deren eines eine Gürteltasche trug, als Zeichen ihrer Kassierinnenwürde.

Die drei langweilten sich.

»Gehts, hört' m'r auf! A so a stiere Zeit jetzt! Hat scho gar ka Mensch mehr a Geld?« sagte die mit der Tasche.

»Die Zeiten werd'n immer schlechter. Und dann lassen die Frau und der Herr ihr'n Grant an uns aus. War' mir eh liaber, mir hätten jeden Tag feine Wurzen.«

»Geh! Da herin! Wann a besserer Herr hereinkummt, nimmt 'hn ane von draußt mit. Das Lokal sollt' für solche verboten sein. Dö ham eahna Straßen. Wann i das will, wir' i ka Kassierin herin. Bis i das verdien', was di mit amal hat . . .«

»D' Alte kummt! Der Feuerdrach'! Wann i nur dö wohin trag'n kunnt'! . . .«

»Küß' d' Hand, gnädige Frau,« scholl es von allen dreien der Besitzerin des Lokals, der Bös-Mutter, entgegen. Es gibt Schwammgeschäfte, die ihren Produkten mit mehr oder minderer Naturähnlichkeit die Form einer menschlichen Gestalt für Auslagenzwecke verleihen. Einer solchen minder gelungenen Wiedergabe glich die Gestalt der Bös-Mutter. An der Seite der Kredenz stand ein alter, wackeliger, zerfetzter Lehnstuhl, der Herrschersitz der Gefürchteten. Feuerwasser schien in ihren Augen nicht nur für die Gäste im »Kognakzimmer« (einem kleinen Nebenraum, in dem man bei Damenbedienung für unerhörtes Geld das unerhörteste Gesöff bekam), sondern auch für sie selbst von größter Wichtigkeit zu sein.

Gewöhnlich war sie schon damit gefüllt, wenn sie aus der Wohnung nach einem Nachmittagsschlaf in das Lokal herabkam. Es handelte sich nun darum, welche Gefühle die belebende Flüssigkeit auf sie ausgeübt. Manchmal zänkische, manchmal wohlwollende und manchmal solche sentimentaler Natur.

Zu Zeiten, wo die Mädchen im Lokal mit den Gästen zechten und sich im Dienste des Geschäftes ihre Gesundheit unheilbar ruinierten, leuchtete die ganze oberste Schwammpartie vor Wohlwollen. Die Bös-Mutter verdiente dann ihren Beinamen mit vollstem Rechte. Sie war von einer zugleich würdevollen und zärtlichen Mütterlichkeit.

»Albin' . . . Albin'! Sie g'fall'n m'r heut' gar net. Schaun S' Ihna in 'n Spiagel! Was red' i und sag' i immer: Essen S' mehr z' Mittag und gengan S' mehr spazieren. Aber natürlich . . . so junge Flitscherln verstengan das besser. Sie! . . . Sie! D' arme Bös-Muatta wird scho längst im Grab' lieg'n und dann erst werd'n S' auf meine Red'n kumma.«

Wenn ihre sentimentale Stunde gekommen war, saß die sonderbare Mutter auf dem Wrack eines einstigen Lehnstuhles, die Mädchen auf Stockerln um sie, und dann gab sie mit tränenden Augen Erinnerungen aus alten Zeiten zum besten. Dann glich die Szene bedeutend einem Bilde, wo Großmütterchen ihren Enkelchen wundergoldene Märchen erzählt.

Das heißt, bis der böse Riese, nicht des Märchens, sondern der Wirklichkeit erschien. Das war der »Bös-Vatta«. Nicht vielleicht, daß er der leibliche Ehegemahl der »Mutter« gewesen wäre. Er war ganz einfach ihr halbehelicher Beistand, ihr »Gschwuf«, ihr Sklavenhälter, das rohe, männliche Element des Betriebes, das, durch kräftige Muskeln unterstützt, vier betrunkene und krakeelende Gäste mit einem Wurf zur Tür hinauszuwerfen vermochte. Nichtzahlende wurden erst gewaltig geohrfeigt (an welcher Ausübung gerechter Vergeltung sich auch die jeweilige Kassierin beteiligte), dann einem oft merkwürdig schnell auftauchenden Wachmann zu weiterer Amtshandlung übergeben.

Also wenn der »Bös-Vatta« auf der Bildfläche erschien und die Idylle betrachtete, wurde sein von Wein erhitzter Kopf noch gewaltig röter. Er fühlte sich verantwortlich dafür, daß die Mädchen ihre Zeit nicht mit bloßem Herumlungern ausfüllten. Das konnte nur geschehen, wenn kein Gast anwesend war. Und dieser Umstand allein vermochte es, daß er aus seiner schönen, im Gasthause geholten Ruhe aufs schnödeste gerissen ward.

»No, ös Menscher, für das werd't's g'füattert, daß ös um dö alte, b'soffene Banistiererin sitzts? Derer hau i noch amal was auf dös ausbrennte Hirnkastl, daß 's ausananderfliagt. Schauts, daß 's auf eure Plätz' kummts! Setzts enk zum Fenster, sunst kummt sein Lebtag ka Mensch eini.«

Die Mädchen gehorchten dann erschreckt, indes sich »Bös-Vatta« und »Bös-Muatta« so saftige, unzweideutige Grobheiten und Unflätigkeiten sagten, daß sogar die rote Tapete noch um einiges röter zu werden schien.

War aber die »gnä' Frau« einmal in der Laune der Bissigkeit, dann konnte sie allen die Erde zur Hölle machen. Den Mädchen wurde gekündigt, oft wurden sie, und wenn es mitten in der Nacht war, hinausgeworfen. Gerade, daß sie ihre Habseligkeiten zusammenpacken konnten.

Am fürchterlichsten konnte der »Herr« werden, wenn ein neu eingetretenes, ihm zu Gesicht stehendes Mädchen seinen Anträgen nicht gleich ein geneigtes Gehör schenkte. Er betrachtete das weibliche Personal als seinen Harem, eine Ware, über die er verfügen konnte, wie es ihm beliebte. Ein Anlaß zu Äußerungen der Wut war bald gegeben. Da so ein mit den Verhältnissen oft unvertrautes, junges Ding, das vermeinte, einen anständigen Bedienungsposten gefunden zu haben, gegen die Gäste gleich spröde war wie gegen den »Herrn«, so war der Grund zur Ausmusterung bald gegeben. Auf die verletzendste und schamloseste Art wurde es auf die Straße gesetzt, indes »Mutter« von ihrem Lehnstuhl her in der erbaulichsten Weise auf das abziehende weinende Mädchen einsprach.

»Seg'n S' es, seg'n S' es! So is's, wann a jung's Madl nix annehmen will. Ja, ja, Kinder! Von Ältern is no immer was z' lerna. Mir hab'n das scho längst hinter uns, was ös no mitmachen müaßts. So is aber das junge Bluat heutingstags. Nix annehmen von and're Leut', von seine Dienstherr'n und dann geht's halt z'grund. In Gott'snam'! Mir halten Ihna net z'ruck. Bei jeden Posten muaß g'arbeit't und g'folgt werd'n. Ihnere Eltern, wann S' no solche hab'n, können a Freud' über so a Töchterl hab'n. Wann a Gast was will, net auf eahm schau'n, wann der Herr oder d' Frau was sagt, an' kecken Schnabl hab'n, faulenzen woll'n: ja, liab's Kind, das geht net. Pfiat Ihna Gott! Vielleicht treffen S' es wo anders besser . . .«

Heute war die »gnädige Frau« nach einer offenbar richtig dosierten Mischung in wohlwollender Laune, trotz des noch leeren Lokals. Denn um diese Zeit kamen gewöhnlich »Lebemänner«, die was springen ließen. Über die Vorgänge im »Kognakzimmer« wurden beide Augen zugedrückt, wenn die Mädchen nur fleißig Bestellungen bei der Kredenz machten.

»No . . . wia ham mr's? Gar neamd da heut'?«

»Das wissen S' ja, gnä' Frau, jetzt vur 'n Zins . . . Allweil stierer werd'n die Leut'. Aber murg'n is a Samstag.«

»Hör'n S' m'r mit 'n Samstag auf! Dö paar Flasch'ln Bier mach'n an' net fett.«

»Aber 's Werkel lassen S' in aner Tour spiel'n. Jede Minuten an' Kreuzer. Grad mir hab'n nix davon, gnä' Frau,« sagte die Kassierin.

»Mad'ln, versündigts euch net. Mit der Unzufriedenheit hat no kaner a Haus baut. Schauts nur, daß enk net der Herr so reden hört. Und zwa könnts euch zum Fenster setzen. Wia a Mannsbild a Madlg'sicht siecht, denkt er net so ans Spar'n. Dö letzten fünf Guld'n laßt er dann springen.«

Zwei der Mädchen begaben sich der Ordnung gemäß an ein Fenstertischchen und setzten sich gegeneinander. Die Kassierin, die sich gern Liebkind machte, blieb bei der in ihrem Lehnstuhl gelandeten Schwammfigur, um sich etwaiger Belehrungen und mütterlichen Tadels zu erfreuen.

»Hab' i d'r schon g'sagt,« meinte das eine des Mädchenpaares, »daß m'r mei Liebhaber g'schrieb'n hat? Den Briaf muaß i d'r zag'n. Der Blödigl g'spannt nix und meint, i bin in an' Dienst. Jetzt, wia mir gebaut san . . .«

»Mir hab'n meine Leut' g'schrieb'n. Sie glaub'n aa dasselbe. Sie woll'n, i sollt hamkumma und eahna wieder bei der Wirtschaft helfen. Hörst, so alte Leut' hab'n a Idee. Unserans soll wieder im Kuhstall arbeiten!«

»A Lustigkeit und a Geld, höcher geht's net auf der Welt. Wann mi der meine heirat'n möcht', sollt' i aa mit eahm a Wirtschaft führ'n. I bitt' di . . . kannst d'r mi mit aner Mistgabel vorstell'n? Vorderhand schickt er m'r alle Monat' was. A schön's Strumpfgeld und brauchst di net o'tapp'n z' lassen.«

»Wann er aber draufkummt? So a Mostschädel hat d'r no Gusto.«

»No . . . so kriagt er 'n Wurf, daß er mit d' Fersch'n in Himmel einischau'n kann.«

»Warst du . . . Ah!« unterbrach sie sich aufspringend. »Serwaß, Schani! Geh' spiel bei uns an' Gast, daß d' Leut' an' Respekt hab'n.«

»Geh furt, sag' i d'r! Ziag o!« war die liebenswürdige Antwort des Erschienenen.

»Jessas, Schanerl, warum denn heut gar so schief g'wickelt?« beeilte sich die Kassierin herbeieilend, zu fragen.

»O, Herr Schani! Habe die Ehre! No so kumman S' nur zu d'r alten Bös-Muatta. Wann s' aa so haßt, aber dös is s' nia. Am wenigsten mit Ihner«.

»Halts d' Goschen alle mitanand'. War gestern d' Nettel da?«

»Mit kan' Aug' hab'n m'r s' g'seg'n bis zwa, wo m'r zuag'sperrt hab'n.«

»No wart, Bestie! Bis i di wieder anmol in d'r Leih' hab'. Sauber wird's kleschen. Das schwir' i der Karnali. Also gar net war s' da?«

»Wia ma sag'n. Aber ka so a brummiger Kerl sein, Schanerl. Geh mach' a Bussikatzig'sicht. Dös steht d'r jetzt gar net guat.«

Aber Schani gab dem Mädchen einen ziemlich rücksichtslosen Stoß und ließ sich an einem Tische nieder.

»Schwarz laßt s' mi sein, dö Hur' dö. Gestern hab' i die letzten Düppeln verspielt und heut' bin i stier. Dabei hab' i ka Schneid'. No, so schauts net lang und bringts ma was z' trinken. An' Schwarzen mit Kognak z'erst zum Aufwarma. Dann werd'n ma weiter seg'n. San dö Weibsbilder alle so Tepp'n? Meiner Seel', i hätt' guate Lust und derlaubert mir anmal in der Hütt'n an' Spurt. Serwaß! Braucherts enk net umschau'n um dö Marmorplatt'n. Dös Hurenwerkel wurd' am ersten hin. Dann müaßt dö Alte durt an' Luftsprung mach'n, daß ma glaubert, sie fahrt am Blocksberg. Viel Kognak eini, sonst habts dös G'schwascht in G'frieß.«

»Aber . . . aber, Herr Schani. Heute siecht ma, daß S' mit 'n link'n Fuaß aufg'standen san. Daß i aber net lach'. Mit d'r Bös-Muatta werd'n S' do net so umspringa? Wo finderten S' denn wieder so bald a zweite? Sie! Sie! Weil er a bißl an' Zurn hat, möcht' er schon uns aa was antuan.«

Ja, es war Schani, Schani, der Poldis Bruder war. Schani, der der roheste Dirnentreiber und Plattenhäupling geworden. Zur Schande unserer kulturellen Zustände sei es gesagt: vor Schanis Zorn zitterte alles, was mit ihm in Berührung kam. Besonders Geschäftsleute. Und unter diesen wieder Schankgewerbetreibende. Die Polizei selbst in ihren einzelnen Organen bog lieber von dem Wege ab, der mit der Horde kreuzen konnte.

Schani war nur Befehlshaber einer »linken« oder »gefehlten« Platte, die daher relativ klein war im Verhältnis zu einer rechtmäßigen. Zu solch einer aber wären einige Brüder erforderlich gewesen. Es ist sozusagen eine Dynastie in der Breite. Bei Unfällen, die sich infolge einer trotz alledem bestehenden Rückständigkeit und Lückenhaftigkeit der Gesetzgebung und infolge des Wahrspruches eines schlecht belehrten Geschworenenmaterials auch auf Jahre ausdehnen können, muß immer ein Bruder bereit sein, für den andern einzuspringen, damit die segensreiche Wirksamkeit der Genossenschaft keinerlei störende Unterbrechung erfahre. Ja . . . wären Poldi, Reserl und Katherl Jungen gewesen! Welche Ausblicke in die Zukunft!

Schani, der mit größter Beschleunigung bedient worden war, von einer Bezahlung verstand sich selbstverständlich nichts, war durch den stark mit Kognak versetzten schwarzen Kaffee in eine erheblich bessere Stimmung gelangt. Es schmeichelte ihm überdies, daß sein Herrentum so respektiert wurde, und wie Große einmal sind, sie lieben es manchmal, den nackten, einfachen Menschen zu zeigen, unbelastet von aller Würde, die, wie oft nur, grausame Bürde ist. Also auch Schani tat einige Schritte von seiner olympischen Höhe.

»Gelt, alte Koberin, da kriagst do dö Federn. Wann i anmal so guat ausg'legt war' . . . Jetzt, gebts a Bier her, aber a Pilsner! Wann si ane in d'r Flasch'n vergreift . . . für das, was kummt, gib i kan' Garantieschein. Jetzt laßts enk was derzähl'n. Geh, mach' erst dös Bier auf! Tepperte Sau! Den ganzen Tisch machst mit 'n Fam naß! Wisch' mit d'r Schürz'n o! So . . . Jetzt'n . . . Also, losts zua; Heut' hat mei Schwester Ehr'ntag.«

»Schanerl, laß d'r gratalier'n! Bist eing'lad'n?«

»No a so blöde Frag' und i vergiß, daß i a Kavalier bin und hau' d'r a Tetsch'n eini! . . . Eing'laden wir i aa no sein? Habts a Idee? Da kennts mein' Schwesterl z' weni. Dö hat d' Nas'n so hoch, daß s' gar nimmer z'ruckfind't.«

»Wem heirat' s' denn?« forschten die Mädchen mit der Neugierde des Weibes, für das unter allen Umständen der Mann den Mittelpunkt des Interesses bildet.

»Wem s' heirat'? An Fallotten, dem i was g'schwur'n hab'. Habe die Ehre! Daß dö net Aug'n mach'n werd'n.«

»Weg'n was denn, Schani?«

»No, wann s' an' Gast finden werd'n, den s' zum einlad'n vergess'n hab'n.«

»Geh weg! Du willst hingeh'n? I bitt' di . . . dö werd'n d'r alle a Laberl.«

»Das will i manen. Dö werd'n im Extrazimmer singen und mir heraußt. Habts a Idee? Mir alle, d' ganze Mannschaft. Wißts, er is a so a Art Sänger und Klavierspieler. Geh! An' anständigen Rum auf das kalte G'schlader. An Hamur will i mir mitnehma von da. Dem Hundling hab' 's ja g'schwur'n. Schuldi bleibt der Schanl neamd nix.«

Dieser schöne Vorsatz erstreckte sich jedoch keineswegs auf die Begleichung der Zeche, sondern auf den Umstand, daß sein hochentwickeltes Ehr- und Männlichkeitsgefühl eine angetane Beleidigung niemals vergaß. Schani wußte, daß Rache bekanntlich ein Gericht sei, das man kalt genießen müsse. Die ihm ebenso verhaßte Schwester mußte ebenfalls getroffen werden. Tief – blutig . . .

Das Glas Rum (und ein nicht kleines) war dem Bier gefolgt. Die Mädchen hatten sich an Schanis Seite gesetzt und hingen an seinem Munde mit der unverhohlenen Bewunderung, die das weibliche Geschlecht ausgezeichneten männlichen Gestalten entgegenbringt, besonders wenn sie Menschenschlächter im großen oder im kleinen sind.

Schani war ob seines locker sitzenden Messers gekannt, gefürchtet und – bewundert. O Welt! . . . Wäre er seinen Anlagen nach ein nützliches, sich in die Millionen einreihendes Glied der Gesellschaft geworden, ein Tischler, Schuster, Schneidergeselle, ein armer Kommis, ein kleiner Beamter; Leute, die für die Allgemeinheit stündlich mehr an Heldentaten verrichten in ihrer Arbeitsfron; die alle Nichtstuer zu speisen haben, die großen und die kleinsten; alle, die siech und krank sind, und alle, die gespeist werden müssen – wäre Schani einer jener nützlichen, Aufbauenden, Ernährenden, Erhaltenden gewesen, hätte er sich mit dem Zoll von Bewunderung ebenso bescheiden müssen wie alle Genannten.

Aber Schani war einer derer, die schon Blut vergossen haben. In seinem kleinen Kreise galt er dafür ebenso wie andere in sehr hohen. Man wußte es übrigens nur von dem Plattenhäuptling, aber man hatte ihm noch nichts beweisen können.

Das fürchterliche: »Jessas! I bin g'stochen . . .« kam mehr auf Schanis Rechnung, als andere vermuteten. Einer seiner Komplizen war einmal dabei abgefaßt worden und erhielt eine Strafe, die einer bald für den schäbigsten Konkurs, von Diebstahl gar nicht zu reden, erhält. Überschreitung der Notwehr. Das war die Bezeichnung für einen feigen, heimtückischen Mord gewesen.

Also Schani war durch das nachgeschüttete Glas Rum in eine Stimmung geraten, die zwei Extreme bedeutete. Im Augenblick fühlte er sich wohlig angeregt, mitteilungsbedürftig, ja fast zu einem Liebesschäkern bereit. Aber eine Kleinigkeit konnte diese Stimmung in die der fürchterlichsten, rohesten Wut verwandeln. Früher waren diesem Umschwung arme, ausgemergelte, hilflose Pferde zum Opfer geworden. In den niederen Regionen gilt dieses, aller menschlichen Selbstzucht bare, dem stumpfen Instinkt eines wütend gemachten Tieres würdige Toben für männlichen Zorn. Und je beschwichtigender, beschwörender die Worte sind, die man an einen solch unmenschlich tollgewordenen Hampelmann verschwendet, desto anfeuernder in Wirklichkeit sind sie. Eine gesunde Tracht Prügel, an Ort und Stelle solch einer alkoholisierten Bestie verabreicht, würde die menschliche, anständige Gesellschaft von vielen Tragödien befreien.

»Schau'n werd'n s',« fuhr Schani fast elegisch fort, »wia i meine Schulden abzahl'. Da spießt si nix bei mir. Dö ganzen Köpf soll'n an 'n Schanl glaub'n lerna. Weh eahna, wann eahna was net recht is. A Spritzen und an Stichling ham m'r no allweil.«

Und Schani, der schon bedenklich mitteilungsbedürftig geworden, griff in die rechte Hosentasche und zog ein fürchterliches Schnappmesser hervor. Dann zog er aus einer sogenannten Revolvertasche den Gegenstand hervor, der ihr zu dem Namen verhalf.

Die Mädchen kreischten laut auf.

»Geh, steck' das ein! Gnä' Frau! Gengan S', sag'n S' eahm, er soll das Zeug wegtuan. Wann das losgeht . . .« Aber die gnä' Frau schlief.

Schani fühlte sich sichtlich durch den von ihm erregten Schreck belustigt und geschmeichelt. Er legte auf eines der Mädchen an, das vor Angst kreischend in das Kognakzimmer lief.

»Was plärrst denn a so? D'r Revolver is ja versichert. Da schauts her! Der kann derweil gar net losgeh'n.«

Und er demonstrierte den Versuch, ihn gebrauchsfähig zu machen.

»Laß eahm in Ruah'. Laß 'hn, wie er is.«

»Von mir aus. War' aa schad', wann i a so ane von euch knallt hätt'. Das is aber für andre herg'richt'.«

In dem Augenblick öffnete sich die Tür und ein Mädchen trat ein, das auf den ersten Blick die Straßendirne erkennen ließ. Ein breiter Hut mit nickender, falscher Straußenfeder, eine ebensolche, ein paarmal um den Hals geschlungene und dennoch fast bis zur Erde reichende Boa, ein Handtäschchen, ein hoher, stockdünner Schirm, eine mächtig aufgedonnerte, sichtlich rot gefärbte Haarfrisur, rot und weiß geschminktes Gesicht, das alles ließ keinen Zweifel über den Beruf der Besucherin aufkommen.

Schani, der sie schon lange erwartete, gelangte nun zu dem Punkte, wo sich seine Roheit betätigten konnte. Der Blick, den er der Eingetretenen zuwarf, war kein beruhigender. Welche Mißhandlungen nur verriet er? Aber statt, wie er geglaubt, ihm ängstlich entgegenzueilen, setzte sich das Mädchen, ohne ihn zu beachten, an einen entfernten Tisch gegenüber dem Ausgang zur Kaffeeküche und bestellte laut einen Kaffee. Schani stieg das Blut zu Kopfe, teils von dem genossenen Getränk, aber am meisten aus der sich anerzogenen Wut, die sich über alles verbreitete, das seiner stets geschmeichelten Eitelkeit widerstrebte.

Er stand langsam auf und ging mit langsamen, eine bedrohliche Schwerheit ausdrückenden Schritten auf das an seinem Platze zwar ruhig, doch immerhin ängstlich harrende Mädchen zu. Die drei anderen Mädchen, die mit Zittern einer aus früheren Beispielen ihnen genügsam bekannten Szene entgegensahen, wagten keinen Laut. Wer wollte zwischen den Löwen und sein Opfer treten?

»Wünsch' guat'n Ab'nd, Fräul'n. Vielleicht därf i so frei sein, daß i mi da an Ihnern Tisch niedersetz'. Sie kummen m'r so bekannt vur . . .«

Die Ärmste erzitterte unter diesem ironischen Tone, der nichts Gutes verhieß, und einen scheuen Blick warf sie nach der Tür, die zur Küche führte.

Schani bemerkte den Blick und deutete sich ihn auf seine Weise.

»Aber Fräul'n . . . durt is zwar aa a Ausgang, aber wer wird denn durt hinausgeh'n woll'n, wann i Ihna, bei der Haupttür vurn hinausbegleiten will, das haßt, wann mei Begleitung angenehm is?«

Eine tiefbange Pause folgte. Endlich änderte Schani den angenommenen ironischen Ton. Seine Stimme kündete nun nichts mehr Gutes.

»Hast übrigens a Geld bei dir?«

Abermals wars das Mädchen einen scheuen Blick nach der Küchentür.

»Nutzt d'r nix, du Ruaß. Aussi kummst m'r net, wann i net will. Also . . . hast a Geld?«

»Na.«

»Was? Na? Du . . . i bin zu kane Tanz jetzt aufg'legt. Hast eh scho was am Rubisch bei mir steh'n. Jetzt, derweil hab' i ka Zeit. Aber aufgeschob'n . . . Also reib umi. I brauch Maßen. I lieg' d'r wegen dir, du Karnali, alsa stierer auf der Erd'.«

»Wann i d'r sag', i hab' ka Geld,« war auf einmal die wie von aller Pein der Angst befreite Antwort. »I hab' gestern kan Herrn mit mir g'numma.«

»Was . . . du warst gar net . . .«

»Na und geh aa nimmer. Wenigstens für di net, du Schuft!« rief das Mädchen aufspringend aus. »Und waßt, seit wann nimmer? Seit d' mi 's letztemal g'haut hast, nur desweg'n, weil i net leid'n hab' woll'n, daß d' mei selige Muatta das g'haßen hast, was i bin. Mit mir hast machen können, was d' woll'n hast. Aber an meine Leut' trau di net an! Meiner Seel', eher derwürg' i an', der mir das nomal sagt. Es gibt Sachen, mit die i net g'spaßen laß.«

»Hörst, Nettl, laß di erst amal anschau'n! Bist über d' Nacht vielleicht vertauscht wur'n? Du Beschtie, du ölendige! Du haßt mi an' Schuft'n? Nur weil i die Alte a Hur' haß? I sag's no amal.«

Eine Weile sagte Schani gar nichts mehr. Das erbitterte Mädchen hatte ihn einige Male ins Gesicht geschlagen, mit aller Kraft, die äußerste Wut zu verleihen vermag. Man hatte dieser Verlorenen das einzig Heilige geschmäht, das sie besaß; das, was für jeden Gebildeten das Verehrenswerteste unter Menschen ist, war diesem armen, geschminkten, geputzten, mißbrauchten, verachteten und oft geschlagenen Geschöpf all das, was andere Gott und Religion benennen.

Der Schmutz, der um das Mädchen aufgesprüht war, hatte nie die väterliche Schwelle erreicht. Verführt, gefallen – die Eltern hatten von dem Abstieg ihrer Tochter nie etwas geahnt. Die Unterstützungen wurden, als von einem braven, ehrlich verdienenden Mädchen stammend, entgegengenommen. Und beide Alten waren mit einem Segenswunsch für ihr Kind dahingegangen.

Diese durch den Schmutz gezogene Seele hatte eine heilige Stelle, an der sie tief verwundbar war.

Schani konnte sich erst langsam von den Schlägen in sein Gesicht, noch langsamer von seiner Verblüffung erholen. Dann wollte er auf das Mädchen.

»Ferdl! Hilf!« gellte dieses.

Schani drehte sich instinktiv um. In der Küchentür stand sein gefährlichster Feind, der, ebenso nie verzeihend wie Schani, eine einstige, in seinen Augen blutige Beleidigung zu rächen hatte.

Wer den in der Tür Stehenden so ansah, würde ihm nie dessen mit der Schanis auf einer Stufe stehenden Gefährlichkeit angemerkt haben. Klein, unter dem Begriff männlicher Kleinheit, gedrungen, mit einer gebogenen, spitzen Nase, lebhaften, kleinen Augen, mit einem Samtrock bekleidet, den spitzen Kopf wie mit einer Art Heiligenschein von einem Plüschhut bedeckt, machte er dem Unbefangenen einen keineswegs bedrohlichen Eindruck.

Aber Schani wußte es besser. Der Krieg war erklärt bis zur Vernichtung, denn Ferdl hatte ihm seine »Geliebte«, das heißt seine Melkkuh weggenommen. Weggenommen, nicht vielleicht in freiem Tausch errungen: nicht auf einem Wege, der freien, würdigen, gefestigten Männern vom Schlage Schanis und Ferdls ziemte, war dieser in das Heiligtum der Liebe eingebrochen. Nein, feigerweise, und hatte vorher noch die Sklavin gegen den Herrn gehetzt.

Im Nu war das Lokal erfüllt von Gekreisch und Gebrüll. Die Schankmädchen rannten auf die Straße und gellten um Hilfe. Die längst erwachte »Bös-Mutter« verkroch sich in eine Ecke.

Schani hatte rasch nach dem Revolver gegriffen. Aber – es war zu spät. Der war ja dummerweise versichert. Nur noch das Messer . . . Eine schreckerfüllte Frauengestalt stand bebend an dem Tische und sah mit großen, leeren Augen auf die Kämpfenden.

»Schani!« gellte es, »gib acht!«

Schani hatte gut achtzugeben. Einmal war das Messer des Gegners zwischen die Rippen gedrungen, herausgezogen worden und hatte sich noch einmal rief eingebohrt.

Ferdl nahm wie nach einer gelungenen Arbeit den Hut ab, wischte sich damit über das Gesicht und setzte sich dann nieder. Entfliehen? Wozu? Er würde doch bald eingeholt werden. Und am Ende . . ., was war es denn? In einem Nachbarstaat hätte man die Sache einen unglückselig verlaufenen Ehrenhandel geheißen, an dessen verhängnisvollen Ausgang kein vernünftiger Mensch denken konnte. Natürlich nur für bestimmte Persönlichkeiten. Für Ferdl und Schanl lautete die Losung anders: »Aner muaß dran glaub'n, entweder er oder i«.

Dieser Anschauung gab auch Ferdl Ausdruck, als er zu den eindringenden Passanten, dem heimkehrenden »Bös-Vatta« und dem Polizeimann ruhig sagte: »'s Herz muaß ma hab'n. Sunst liegert i jetzt durt.« Dann ging er ruhig, als ob nichts geschehen wäre, ohne irgendwelche Erregung, geschweige denn Renitenz mit dem Wachmann durch das rasch angesammelte Publikum, dessen drohende Stellungnahme ihn nicht im mindesten angriff. Er stand unter dem Schutze des Gesetzes . . .

Mittlerweile lag ein Hut neben, eine Boa samt dazugehörigem Frauenleib über der Leiche und eine Stimme jammerte unausgesetzt:

»Schani . . . o! Schani! Verzeih mir's do!« . . . Die Unglückliche hatte ihren Peiniger noch geliebt.

***

Die Hochzeitstafel fand in dem schönen, behaglichen Extrasaal eines Stadtrestaurants statt.

Es war ein gänzlich verschiedenes Publikum gegen das bei der Hochzeit der Sedlmaier Anna. Es ging lustig, auch laut, aber nicht so laut zu wie auf dieser. Es gab keine Fiaker, mit Ausnahme des Sedlmaier Gustl, der sich aber so gesittet und still verhielt, wie früher einmal unmenschlich und brüllend. Es gab keine kampflustigen, ironischen Fleischhauerjünglinge, keine Preisathleten, keine Duettensänger. Es gab auch kein schöngelocktes Haupt und keinen idealen Schnurrbart, aber ach! auch keinen Kellerlacher und keine lustige Mirzl mehr . . .

Poldi war in dem von ihr ersehnten Lande der Schönheit und Reinheit angelangt.

Indes es drinnen lustig zuging und Toaste stiegen, Tränen freudiger Rührung vergossen wurden und Kellner aus und einflogen, hatte sich draußen im Schankzimmer allmählich eine kleine Schar von Gästen niedergelassen, die Wirt und Personal wie die anderen Gäste nur mit Besorgnis betrachteten. Man kannte sie an ihren Hüten, ihrem Gehaben und ihren Mienen. Wenn diese Gäste was vor hatten, dann war es mit der schönen Hochzeitsfeierlichkeit vorüber. Wirt und Kellner taten daher alles mögliche, um den »Herren« keinen Anlaß zu einer berechtigten Unzufriedenheit zu geben. Ja, der Wirt erschien alsbald, stellte einen Liter Wein auf jeden Tisch und bat die Herrschaften insgesamt, dies als eine Spende des Brautpaares zu betrachten und auf dessen Wohl zu trinken.

Es wäre wohl alles umsonst gewesen. Einer der mit so viel Unbehagen betrachteten Gäste wendete sich an seinen Nachbarn.

»D'r Schanl kummt no net«, flüsterte er. »Jetzt um die Zeit hätt' bald die Hetz' angeh'n soll'n. Dö Güll, was d'r alle da ham. Allani könna ma nix tuan.«

»Waß net, wo er bleibt! Herb'stellt san m'r. Maßen sollt' er aa a bißl mitbringen. Wann er net bald kummt, gengan m'r. Als a stierer sitz i do net gern. Net weg'n da allani. Da san s' froh, wann ma ohne G'stank'n o'ziag'n. Aber a paar Kranln möcht' i gern wieder im Sack g'spür'n . . .«

». . . vor Liebe und Liebesweh'«, hatte der junge Gatte geendet. Brausender Beifall lohnte seinen Vortrag. Dann, nach einigem Gesumme, ward es, wie es öfter geschieht, urplötzlich still. Wie wenn alles sich verabredet hätte.

Die schöne Braut meinte lächelnd:

»Jetzt geht a Engel durchs Zimmer . . .«

Poldi – es war dein und deines Mannes Rettungsengel. Für diese Stunde war der Revolver in Schanis Händen bereit und in eben dieser Stunde wärst du Braut und Witwe zugleich gewesen . . .

Sechzehntes Kapitel

Zwei alte Freunde finden sich unter eigentümlichen Umständen. Die Rückkehr der verlorenen Tochter. Poldi bewährt sich bis zum Ende.

Wie im ersten Kapitel webt die Idylle um die stille Gasse des Kutscherstandplatzes. Es ist im Äußern noch alles wie einst. Nur keine schimpfende Stimme befördert mehr die Schläfrigkeit eines heißbrütenden Sommertages. Und außer Herrn Brückl haben noch zwei oder drei den Standplatz verlassen, um ihn mit einem Liegeplatz zu vertauschen. In sechs Jahren gibt es gewaltige Änderungen. Und diese sind seit den letztgeschilderten Ereignissen verflossen. Der ehemalig hemdärmelige Kellnerjunge ist nun schon ein flotter Kellner geworden, das Küchenmädchen hat sich verheiratet, Wirt und Wirtin sind röter und umfangreicher geworden: das sind in Summa die Ereignisse der letzten Jahre für den Standplatz und sein Gasthaus.

Gustl thront, wie er immer tat, auf der Bank, nicht wie sein Zeugvorgänger auf dem Bocke oder im Fond des Wagens. Herrscher werden geboren und der Sedlmaier hatte Zeit seines Lebens weder Beruf noch Neigung zu irgendeiner herrschenden Tätigkeit verspürt, es sei denn über seine Pferde.

Und diese waren zurzeit noch die beiden wackeren Rappen des weiland »Kellerlacher«, von Gustl mit der Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit betreut, die man Kleinodien angedeihen läßt.

Gustls körperliche Schönheit hatte noch einige Schritte in absteigender Linie getan. Aber das hinderte nicht, daß er allseits als Respektsperson betrachtet wurde. Denn Gustl war Besitzender geworden, und diese Rolle in der Gesellschaft ist bekanntlich diejenige, die sich vorzüglich auf jeden Leib schreiben läßt und ihren Träger unter allen Umständen des Beifalls sicher werden läßt. Aber der Sedlmaier verdankte seine Beliebtheit nicht allein diesem Umstand, sondern seinem Charakter, der in seiner Lauterkeit, Treue und Hingebung an Freunde alle körperlichen Mängel weit aufwog.

Das zweite Zeug war nun Besitztum des »Erdzeisl« geworden. Gustl hatte solche Zahlungsbedingungen gestellt, daß der Kauf einem Geschenk sehr nahe kam. Er wußte, daß er in Toberls Sinne handelte, der dem Freunde ganz einfach, ohne Verklausulierung die Ausführung seiner letzten Wünsche übertragen hatte. Zum erstenmal im Leben hatte Gustl seiner »Alten« und seinem »Madl« einen energischen, unbeugsamen Widerstand entgegengesetzt, da beide nach Frauenart von Großmut in Geldsachen nichts wissen wollten.

»Das is 'n Toberl und mei Sach'n, verstanden! Was d'r Toberl will, is m'r heilig und wann alle Weiber was anders sagerten!«

Der gutmütige Schwiegersohn, der mit dem Schwiegervater im besten Einvernehmen lebte, hatte zugestimmt. Und so hatte der »Erdzeisl« ein Zeug und eine Frau und einen reichen Schatz von Dankbarkeit gegen die ehemalige »Standratschen«, die seit dem bewußten Testamentstag niemals mehr Gelegenheit nahm, ihrem Namen Ehre zu machen.

Also Gustl saß auf der Bank und sah mit zärtlichen Blicken auf seinen Wagen und seine Rapperln. Da störte ihn eine kindliche Stimme auf.

»Otatta! Otatta!«

Annerl war gekommen, an der Hand einen dreijährigen Knaben, der nach dem Großvater hinstrebte. Ja – es war ein Bub geworden, etwas verspätet zwar, aber der Erbe war vorhanden. Gustl eilte dem Kleinen entgegen, hob ihn hoch und ließ ihn strampeln. Nachdem er ihn wieder zur Erde gestellt, warf er auf die teilnahmsvoll herbeigeeilten Kollegen Blicke voll Triumphs.

Der Kleine war nämlich Liebling des Standplatzes und so oft seine Mutter mit ihm auf einem Spaziergang am Standplatze anlangte, bemühte sich alles um die Gunst des Knirpses. Es schien zu einer Art erheiternden Programmpunktes zu gehören, den Enkel des Sedlmaier-Gustl um seine Absichten wegen seiner künftigen Berufstätigkeit zu befragen.

»Feischacker und Faker« lautete die äußerst bestimmte Antwort, die den Großvater jedesmal dermaßen in Entzücken versetzte, daß er sich auf die Bank niederlassen mußte, um vor Lachen nicht umzufallen. Dann ward der mittelbare Sproß aus seinen Lenden auf einen der Rappen gehoben und er durfte »Hotto« machen.

Und die Mutter, die äußerst rund geworden war und das Ebenbild ihrer Mutter zu werden versprach, strahlte in einem Übermaß von Wonne.

»Standratschen« (der ich diesen Namen zum allerletztenmal verleihe)! Annerl! Standplatz! Standgasthaus! – ich verlasse euch mit Beruhigung. Lebt wohl! Lebt herzlich wohl!

Ich bin ihnen oft begegnet, den einst schönen Mädchen, mit einem noch koketten Hute, auf dem eine traurige Feder nickte, einem abgelaufenen Schuhzeug und dem mit Kot verbrämten Saum des Kleides der ihrer durch alle Pfützen geschleppten Seele glich. – Ihrer Seele? O nein! Nur ihrem Körper oft ganz allein, denn die arme, noch ungeweckte Seele ahnte gar nichts davon, wie hoch der Saum ihres einst lichten Kleides mit Schmutz beworfen ward. Mit Schmutz, aufgewirbelt durch die unselig hastigen Schritte, die einem vermeintlichen Glücke entgegenführen.

Die Menschheit träumt gleich ihnen noch den Schlaf der Kindlichkeit wie die von Zivilisationsmenschen so schauernd genannten »Wilden«. Aber wie diese unter ihren scheußlichsten Opfermahltänzen unbewußt einem höheren Prinzip der Sittlichkeit zu dienen streben, so auch unsere armen Opfer einer sogenannten verfeinerten Kultur.

Durch Lachen von Blut und Tränen, heißt es, soll der Menschheit ihre Läuterung werden. Welcher Gott, welches Gesetz das geboten – die Erfahrung weist es uns stets aufs neue, daß wir diese Wege wandeln müssen. Und seien es still verblutende Herzen oder zerschmetterte Gebeine.

***

»Madl'n, schenkts ein! D'r Müller will heut amal lusti sein. Meiner Seel . . . geh laß das Werkl in Ruah'! Da hast dafür a Sechserl . . . aber heut bin i voller Hamur. Das haß i do dichten.«

»Geh, Muzi, gib ma was in'n Strumpf! Schau i hab' heut no nix verdient. Bist der erste, dem i a Busserl gib . . .«

»No glaubst, mir graust vor gar nix mehr? Da hast a Kranl und gib an' Fried'n.«

»Mausi . . . mir kaufst Zigarett'n o', gelt ja? Daß i aa a G'schäft mach'. A gar a so a stierer Tag is heut. Ka Mensch will mehr was auslassen. Und du bist a so a fescher Kerl . . . Geh laß d'r dein Schnurrbart a bißl drahn . . .«

»Da hast. A Kranl für Zigaretten. D'r Müller is heut amal hamurisch, net kramutisch, denn sunst . . . meiner Seel, wer in Müller kennt . . . Was is 's denn aber? Seids heut nur zwa? Sonst seids eucher drei?«

»Dö ane hat der Herr heut aussig'schmissen, weil s' fad' war im G'schäft. Waßt, Herzerl, beim G'schäft därf kane stier sein.«

»Das steht. Zu was kummert m'r denn eini?«

»Na und in letzten Moment is ane kumma. Du Herzerl . . . wann du dö sixt . . .«

»So hautschiach?«

»Was dir net einfallt! Sauber, daß d' uns gar nimmer anschau'n wirst. Aber – mir vergunnen ihr 's Saubersein. Waßt eh . . . 's Bluserl zerrissen, ka rechte Stimm' mehr, mit an' Abonnementschein am . . . waßt eh wohin. Gott sei Dank, mir san aber no g'sund am Brüsterl. Kan' anzigen Huaster no net. Jetzt waßt d', was i man' . . . Da kummt s' grad . . .«

»Reserl!!« – – –

Ja, es war Reserl, die dumme, törichte, verführte Reserl von einst. Und der sie auf den ersten Blick erkannt, trotz der Veränderung von Jahren, war Müller, der alte schlemmende Müller, dem Reserl und Katherl so manche Zuckerl- und Bonbonschachtel und so manchen »Feigenkranz« zu danken hatten.

Und der Ort des Wiedersehens war eines jener Kaffeehäuser, in deren einem Schani sein Ende gefunden.

»Müller!! – – –«

Reserl hatte es gerufen und war wie erstarrt stehen geblieben. Ja, sie war schön geworden. Die Familienähnlichkeit mit Poldi war frappant. Aber Reserl sah krank aus, sehr krank. Ihre Augen waren fiebernd. ihre Stimme hatte heiser geklungen, als sie »Müller!« gerufen hatte.

Dieser stand eine Weile ebenso starr als Reserl und beide sahen sich mit Blicken an, in denen ein ganzes Reich plötzlich erwachter Erinnerungen zu liegen schien.

Müller faßte sich zuerst.

»Madeln,« sagte er zu den beiden Heben, die vorher noch seine Beteuerungen gehört hatten, daß er heute ausnehmend lustig sein wolle, »ziagts enk z'ruck. Mit derer hab' i allani z' reden, und hübsch viel. Reserl,« wendete er sich an diese, »da setz' di zu mir her. Daß i dein alter Freund bin, wirst do wissen, du dummer Batsch, der amal das net glaub'n hat woll'n.«

Reserl, wie in einem Banne, folgte der Weisung und setzte sich zu Müller an seinen Tisch in dem um diese Zeit leeren Lokal. Die beiden anderen Mädchen, so sehr ihnen an der »Wurzen« zu liegen schien, begriffen doch, daß sich hier etwas Ernstes begab. Da sie im Grunde gutherzig und mitleidig waren und weibliche Eifersucht nicht ins Spiel kam, räumten sie die leere Bierflaschenbatterie hinweg und begaben sich in das andere Zimmer. Denn das hier war das Extrazimmer gewesen.

Lange Zeit starrte Reserl vor sich hin und Müller blickte sie mit großer Rührung an. Der Schwelger die Dirne mit so menschlicher Teilnahme, wie sie ein solcher sonst nie aufzubringen vermag.

»Seit wann bist du in Wien?« nahm Müller endlich das Wort.

»Seit zwa Monat'. Das is mein dritter Posten.«

»Und hast di gar net um jemand kümmert, der si amal um dir die Aug'n ausg'want hat. Um gar niemand?«

Reserl rührte sich nicht. Alle ihre einstige schrille Lebhaftigkeit schien hinweggetilgt. Man sah, daß ihre Kunst des Animierens nur in ihrer Schönheit bestehen mußte, außer wenn sie vielleicht reichlich getrunken hatte und die Trauer ihres zerschellten Lebens vergaß.

Die arme Reserl war ihrer Anlage nach nicht eine Dirne gewesen. Verruchte hatten ihre künstlerische Eitelkeit zu ihrem Falle ausgebeutet. Reserl hatte von einem Aufstieg zu den sonnigen Höhen der Kunst geträumt, und zwar von Höhen, die alle irdischen Genüsse des Luxus und Wohllebens verbürgten. Als sie im Netze zappelte, war es zu spät. Ein Kind in einer fremden Stadt, die Gefangene der sie Beaufsichtigenden, war sie bald ein wehrloses Opfer geworden. In den verschwiegenen Salons des Bordells, trunken gemacht, sang sie ihre heimatlichen Couplets, die von immer derberen, gepfefferten abgelöst wurden. Und die Ärmste . . . sie vermeinte noch in solchen Stunden ihrem »Genius« zu huldigen, wenn betrunkene Advokaten, Offiziere, Börsenjobber und Getreideagenten sich an ihrem falschen Gesang ergötzten und in einem noch falscheren Magyarisch über die dumme »Schwobin« Witze rissen.

Aber ihr Körper war begehrt. Wenn die Eltern und Poldi oft aus dem Schlummer schreckten in der rasenden Angst um den verirrten, verlockten Vogel, ward die arme Reserl von einer Gemeinheit an die andere abgegeben.

Schmuck hatte sie sich nicht erworben. Herrliche Toiletten wohl, für die sie mit ihrem Körper zahlte, die nie ihr Eigentum waren und die sie zur Schuldnerin und Sklavin erniedrigten.

Endlich hatte sie einer der berüchtigten ungarischen Spielergrafen nach einem guten Beutezug ausgelöst ganz zu eigenem Gebrauch.

Reserl hatte sich unter der Pflege, die kostbarem Menschenfleisch wird, so schön entwickelt, daß der edle, ritterliche Ungar in einer sentimentalen Anwandlung beschloß, das »Madl« zu retten. Die »Rettung« erfolgte zwar in der Art, daß Reserl für eine bestimmte Summe gleich einer Sklavin an ihn verkauft wurde, aber sie war wenigstens die Sklavin nur eines Herrn. Und verhältnismäßig fühlte sich das arme Ding noch glücklich. Es hatte sich mit seinem Lose abgefunden, wie so viele tausend andere seiner Schicksalsgenossinnen aller Länder.

Eines Tages, vielmehr Nachts, hatte der edle Spielgraf einen enormen Verlust, der ihn zwang, diesen mit einem Schuß durch den Schädel auszugleichen. Nun war die Sklavin frei, aber von jener Freiheit, die wir im Leben alle besitzen, nämlich der, zu verhungern. Aber schöne Mätressen verhungern nicht. Es fand sich ein anderer Liebhaber für Weiberfleisch, der nach einiger Zeit bankerottierte, dann noch einer, ein Advokat und Abgeordneter, der schließlich mit den Gerichten in Konflikt kam und an einen Ort gelangte, an dem er sich jeglichen Luxusgegenstandes zu begeben hatte.

Dann kam rasch ein Abstieg. Reserl wurde krank, mußte ins Spital, und als sie halbwegs genesen und ihre Ersparnisse aus besseren Tagen aufgezehrt waren, kam die Etappe des Animiermädchens in einem eleganten Hurenlokal mit Zigeunermusik bis in die Frühstunden.

Und eines Tages hatte sie das Heimweh erfaßt. Nach einem abermaligen Anfall der Krankheit, nun aller Mittel entblößt, war sie in die Stadt ihrer Kindheit gekommen. Was sie in der ihr und ihrem Wesen fremden Stadt sein mußte, konnte daheim im wohltuenden Schatten des Stephansturmes ebenfalls geschehen. Aber heim zu den Ihren wollte sie nimmer.

Es war nicht Reue, nicht Scham, die sie abhielten. Es war, so sonderbar es auch nach allen Erfahrungen, die Reserl gemacht, klingen dürfte, noch immer ein verstockter Trotz.

Das herbe Urteil über ihre Stimme, das »Gold in der Kehle«, den »Genius in der Brust« – sie hatte es noch nicht überwunden. Trotzdem sich die Lügenhaftigkeit und Schurkereien der »Fürstinnen« und des Professors so klar erwiesen hatten, in dies törichte Herz hatte sich der Glaube an eine künstlerische Sendung einmal eingenistet, um nie mehr ganz zu verschwinden. Den Sängerinnen billigte Reserl noch manches entschuldigende Moment zu. Der Schwester und Müller nicht.

War die Wunde auch schon lange minder schmerzend geworden – aber Reserl litt an einer moralischen Krankheit, die oft unheilbarer ist als eine körperliche: an einem verbissenen Trotz, der, durch Eitelkeit genährt, im stillen immer weiterfraß.

Reserl wollte in Wien bleiben, unter Umständen, die ihr das Schicksal vorgezeichnet (wie sie sich gern einredete, gleich allen, die an ihrem Schicksal die schwerste Schuld tragen) und denen sie nun unter keinen Umständen mehr entrinnen konnte.

Nachfragen, die sie durch eine Berufsgenossin anstellen ließ, zeigten, daß die Eltern gestorben seien, der Bruder das Opfer eines Raufhandels geworden und daß Poldi eine glückliche, schöne Frau sei. Die Frau eines Künstlers.

Das verhärtete das arme, ohnehin verbitterte Herz noch mehr. Reserl wollte ihren Weg gehen, unbekümmert darum, ob sie der Schwester damit Schande bereite. Ja vielleicht sogar mit einer selbstsüchtigen, wehleidigen Schadenfreude.

Reserl also saß mit niedergeschlagenen Augen da und gab auf Müllers Frage keine Antwort. Der hub nach einer Pause wieder an:

»Du, Reserl, bei Gott, i schwör' d'r's – wia du damals uns all'n das antan hast – mir aa, verstehst mi? – da hab'n m'r glaubt, der Himmel is über uns eing'fall'n. Du dummer Batsch hast g'mant, dei Schwester und der Müller war'n deine ärgsten Feind' g'wesen. Schau mir hab'n uns ja alle denkt, daß so was dahinter sein kann, aber geg'n so a raffinierte Schufterei hat weder die Poldi, no i was ausrichten können. Der Müller is a Lump, a Drahrer, a Mensch, der eigentlich gar kan' richtigen Zweck hat. Aber wann er aa a Diab. a Mörder war', so verzeihert eahm unser Herrgott no eher, wia er denen verzeih'n kann, die mit junge, unschuldige Madln solche G'schäft' machen. Die Poldi is a Heilige – red' mir nix dageg'n, und du warst a Bosnickl. I sag' d'r, wia's wahr is, weil i di gern g'habt hab', seit i di als klan's Madl kenn'. Sag' also Reserl – das was war, is vorbei; du hast an dem Ganzen nur die Schuld, wia wann si a Fratz d' Finger verbrennt, weil er justament zum haßen Ofen will – aber i man' nur, hast gar niemanden g'habt außer derer Butik?«

Reserl meinte hart: »Na – gar niemand.«

Müller war trotz allen Leichtsinns Menschenkenner genug, um die so leicht zu durchschauende Reserl in ihrem Groll zu verstehen.

»Und wann schon niemand, so deine alten Eltern, wann s' no am Leb'n war'n. Erinnerst di nimmer an a arme, alte Frau, die für di Tag und Nacht g'wasch'n hat, und an an' Mann, der amal für seine Kinder, zu dö du aa g'hört hast, in Arm verlur'n hat? Reserl – Schuft mein' Nam', wann i net heut no allweil an sie denk'. Deine Leut' war'n Ehr'nleut.« Und Müller, der nach Art aller Zechbrüder in jedem Lokal den Hut aufbehielt, lüftete diesen mit vieler Ehrfurcht.

»Sixt,« fuhr er nach dieser stillschweigenden Ehrung des Andenkens von »Muatta« und »Vatta« fort, »wann i a Lump und a Drahrer bin, geht's auf Gottes Erdboden kan' zweiten Menschen was an. I hab' neamd auf d'r Welt, ka schreierte Katz', als nur mi allan. Aber – wann i so Eltern g'habt hätt' wia du, überhaupt nur Eltern, i war' ka Lump word'n. Um mi hat sie nia a Mensch so kümmert wia um di. Arm wart's, das is richti. Aber Schand' über die Familie hab'n nur zwa 'bracht: der Schani und du.«

Der sonderbare Strafprediger war seines Erfolges sicher. Er mußte erschüttern und die guten Instinkte des einst mißleiteten Kindes erwecken auf dem Wege einer ehrlichen Grobheit, gepaart mit Hinweisen auf das »Muatterl«, das dem rohesten Wiener Gemüt für heilig gilt. Ich denke, Schani hätte eine Beschimpfung seiner Mutter ebenfalls blutig gerächt, aus einer überwallenden schönen Empfindung heraus, er, der bei anderen diese Empfindung aus Mißachtung nicht voraussetzte.

»I hab's mit ang'seg'n,« fuhr Herr Müller nach einer gedankenschweren Pause fort, »wia ös armen Henderln verwahrlost seids. Und euchere Leut' hab'n das aa mit anseg'n müassen, ohne daß s' euch helfen hab'n können. Und damals . . .«

Müller, der den vorher abgenommenen Hut weit ins Genick gerückt hatte, zog ihn plötzlich tief über die Augen.

»Damals . . . wias d' das 'tan hast . . . i möcht' den Abend ka zweit's Mal mehr derleb'n, Reserl. Ös warts mei Familie, und was euch betroffen hat, hat aa mi betroffen. Aber was damals deine Leut' trieb'n hab'n um di . . .« Seine Stimme brach.

Es war eigen. Mit welchem Überschuß von Lebensfreude, wie er es nannte, war Herr Müller in dieses Lokal gekommen, der unverbesserliche Lump und Drahrer, wie er ja in so vielen Exemplaren täglich und nächtlich zu sehen ist! Welche »Sensationen« erhoffte er sich von dem unsinnigen Heranschleppen von Getränken, die eigentlich weder ihm noch den bedienenden Mädchen mundeten, sondern die nur kraft eines geheimen Paktes hinuntergegossen wurden, um sich in Stimmung zu versetzen. In Stimmung für offiziell verbotene, aber heimlich geduldete Unsittlichkeit. In dieser liegt der Reiz, der von den Besitzern der betreffenden Lokale in unerhörter Weise ausgebeutet wird.

Also Herr Müller war gekommen, um in seiner Art Lebensfreude zu genießen. Was kümmerten ihn die, die ihm solche bieten mußten? Hätte er Reserl nicht gekannt, sie hätte auf sein Begehren, vom Alkohol gepeitscht, lustig, ausgelassen, gefügig werden müssen. Was hätte er sich darüber weiter den Kopf zerbrochen, welches verlorene Leben dem seinen für einige Stunden der Unterhaltung dienen mußte?

Hätte er es bedacht, daß es vielleicht auch Töchter seien, um die sich Mütter blind weinten und die Väter in tiefen, stummen Gram versenkten?

Reserl war nie das gewesen, was man gefühllos nennt. Sie war nur von kindischer Gedankenlosigkeit; unerzogen, unbeaufsichtigt, ungeleitet. Die reinen Triebe, die in Poldis Brust schlummerten, waren ihr zwar fremd, aber gewiß ebenso die Verderbtheit, die beispielsweise die Trümmler Tini beherrschte. Es waren wohl an sich ganz belanglose Ereignisse, die ihren Fall vorbereitet hatten. Vielleicht das erste, das Auftauchen der Trümmler Tini gelegentlich ihres geschilderten Debüts als Wohltäterin. Glücklichere Verhältnisse hätten aus Reserl eine wohl eitle, lebenslustige, seichte, aber bei allem ehrbare, junge Dame gemacht.

Reserls Geschichte war eine Geschichte der Töchter des Volkes. Jener Geschöpfe, die erzeugt zu sein scheinen, um Sklavinnen entweder eines Berufes, eines Eheherrn oder eines Bordellwirtes zu werden. Ach, sie sind gar so arm, diese Töchter des Volkes, deren viele sich nur allzu früh dessen bewußt sind, daß ein schöner Körper die Anwartschaft auf ein luxuriöses Leben bedeute. Und trotz alledem – wie wenige von all den ungezählten Tausenden treten eigentlich aus dem Geleise der Ehrbarkeit heraus . . .

Also Herrn Müllers Stimme brach bei dem Gedenken an den damaligen fürchterlichen Augenblick, da Reserls kindischer Brief und ihr Verschwinden eine Familie in unfaßbaren Jammer versetzten. Wo mochte Herrn Handlgrubers kleine, geliebte Lentscherl weilen? Hatten er und seine Frau den Ausflug ihres nie mehr wiederkehrenden Zwitschervögelchens verwunden?

Reserl war krank, war mehr als das, sie war müde, und ihr Trotz war kein starker, festwurzelnder Baum mehr. Vielleicht hätte kein anderer und an keinem anderen Orte so auf ihre Erinnerungen zu wirken vermocht als gerade Müller, der »alte Lump«, mit dem die Mutter so oft schalt und den Reserl mit Katherl im Verein so oft tröstete.

Wenn ein Mann (ich denke beileibe nicht an Herrn Sedlmaier) weint, ist es Ausdruck höchster Qual. Weint aber ein Weib, ist es Erlösung. Und wenn auch Herr Müller sonst im Erzeugen von Tränenflüssigkeit manchmal mit dem Sedlmaier Gustl wetteifern konnte, diesmal waren seine Tränen wackere Mannestränen und diese schossen in Reserls Augen über.

Sie hielt die Rechte vor die Augen und mit der anderen Hand tastete sie hilfesuchend nach der Müllers, ihres alten, guten Kameraden, dem sie einst so viele Zuckerschachteln und Feigenkränze zu verdanken hatte, und dem sie so oft in Zeiten katzenjämmerlicher Not liebreich beigestanden. – – –

»Jetzt hab'n m'r nur an' Weg: zur Poldi. Obwohl i scho a Jahr beinah' net durt g'west bin. Waßt d', Reserl, das war so: Du kennst mi do. A fermer Drahrer war i seit jeher, das steht. Aber amal, an an' Sunntag, reißt's mi Viech und i suach s' mit an' Mordstrum Kittel auf. Waßt d', net daß s' m'r was Unrechts g'sagt hätt'; aber ang'schaut hat s' mi, so herzlich und traurig, daß i momentan bin nüachtern word'n. Seit der Zeit hab' i mi nimmer hintraut. So g'schamt hab' i mi. Aber wann der Müller heut hinkummt, waß er, warum. Und d' Poldi, so haß i s' halt no immer, wird in Müller a gern seg'n an dem heut'gen Tag. Pack' di z'samm', Reserl! Ka Stund' bleibst mehr in der Butik. Kündigung hast kane, das andre is mei Sachen.«

***

»Gnä' Frau, sans Herr da mit Frail'n. Sagte, haßte Mille und will redens mit gnä' Frau selbe.«

»Aber gengan S', Sie Tschapperl . . . wia oft hab' i Ihner schon g'sagt, daß S' do a bißl an' Unterschied machen können zwischen an', der betteln geht, und zwischen an' Besuch. Hab'n S' die zwa vielleicht wieder richtig draußt am Gang stehen lassen?«

»Gehte su viel G'sindel um. Bin ich nachsichtig.« Fräulein Ludmilla glaubte, ihrer Wachsamkeit nur Genüge zu leisten, wenn sie jedem fremden Besucher die Tür vor der Nase zuschlug und dann ihrer Gebieterin von der fremden bevorstehenden Invasion Mitteilung machte. Das »nachsichtig« bedeutete in ihrer Ausdrucksweise vorsichtig sein.

Die schöne, junge Frau, die mit Recht einen Fehler des wohl schon längere Zeit aufgenommenen, aber vermöge seiner Urwüchsigkeit und Unbodenständigkeit mit den einfachsten Dienerregeln unvertrauten Hausgeistes ahnte, eilte zum Vorzimmer.

An die Falten ihres Kleides hing sich ein Püppchen von etwa vier Jahren, so lieblich, daß sein Anblick wohl das Herz des einbruchs- und mordgierigsten Gesellen gerührt hätte.

Am Gange harrten zwei auf das Wiederöffnen der Tür. Die schöne Frau tat selbst auf und erblickte vor allem Herrn Müller. Mit dem reizendsten Lächeln empfing sie ihn.

»Ja, Herr Müller, Sie san's? So selten machen S' Ihner? So kumman S' nur herein!«

Dann erblickte sie die von Müller getrennt abseits stehende Begleiterin. Nur einen Augenblick tat sich in den Zügen der jungen Frau ein stilles Erstaunen kund. Dann – ohne einen Laut, geschweige denn einen Schrei – hatte sie die weibliche Gestalt erkannt und, das kleine Püppchen sanft von sich loslösend, umfing Poldi nach langen Jahren Reserl, die verschollene, so lange beweinte Schwester. Deren Trotz, wenn noch irgend eine Spur davon vorhanden, ward unter der Liebe und Schlichtheit dieses Empfanges hinweggetilgt.

Arme Reserl! So verwirklichten sich deine Träume von Heimkehr im Automobil, mit Schmuck, Diamanten und Brillanten behangen, nicht zu vergessen des Hutes der eigentlich der Hauptgegenstand zu sein schien in allen rosigen Zukunftshoffnungen kindischer Tage. Wie verschieden war die Wertung, die drei Väter dem Straucheln ihrer Kinder gegeben. Herrn Trümmlers verletzter Stolz, dieser nie verzeihende Spießerstolz auf den guten Namen, hätte seine Tini lieber im Sarge als in der Equipage gesehen. Der arme Herr Brückl hätte sein Kind lieber entehrt gewußt, wenn es ihm nur geblieben wäre. Und die Eltern Schaumann? . . .

»Waßt,« sagte Poldi zu Reserl später einmal in einer Stunde reuiger Beichte seitens letzterer, »d' Eltern san z'frieden 'gangen und haben dir alles verzieh'n. Und alle zwa war'n überzeugt, daß du wieder z'ruckkommen wirst und hab'n mir auftrag'n, i sollt' di guat aufnehmen. Das war bei mir net notwendig. Denn du warst ja damals so dumm und kindisch – und i hab aa viel Schuld dran g'habt, Reserl. Aber i hab's ja nur guat g'mant.«

Das war aber erst nach langer Zeit gesprochen worden, da Liebe und Sorgfalt die kranke Reserl dem Würgengel entrissen hatten. Denn zur Stunde, als Poldi und die Schwester und Müller vereint in einem wirklichen, kleinen, aber künstlerisch vornehmen Musiksalon saßen, sah man erst die Zeichen der Verwüstung, die ein sechsjähriges Dirnenleben zurückgelassen. Ab und zu hüstelte Reserl und rote Flecken zeigten sich auf den Wangen.

Poldi berichtete über ihren Mann, dessen Ruf und Beliebtheit stetig zunahmen und dessen Einkommen sich immer mehr erhöhte. Ab und zu forschte Reserl gegen die Türe. Wo war Katherl?

Und dann tat sich die Tür auf, ein wunderschöner Backfisch stürmte herein, stutzte bei dem ihm fremden weiblichen Besuch und dann – ein Blick des Erkennens, ein Schrei und unter Schluchzen hing Katherl, deren natürliche Weichherzigkeit ihrer Kinderzeit sich nicht vermindert hatte, an Reserls Hals.

»Reserl,« schluchzte sie glücklich, »daß d' nur wieder z' Haus bist bei uns. Daß d' nur wieder da bist. O, daß m'r di nur wieder hab'n. Reserl . . . Reserl . . .«

Dann kam Julius heim, noch schöner, männlicher als jemals. Vor dem Schwager, den Reserl nicht kannte, hatte sie am meisten gezittert. Aber mit welcher Herzlichkeit empfing er die Schwester seiner geliebten Poldi. Mit welchem Takt überging er alles, was irgendwie beschämend auf den Gast wirken konnte.

Lange konnte Reserl nicht im Hause der Schwester weilen. Es war höchste Zeit – sonst wäre sie aus den Armen der Liebe und des Verzeihens in die eines trüben Engels geglitten. Reserl mußte fort, rasch fort. Dem Süden zu. Julius, zu dem Reserl mit Bewunderung, fast Andacht aufschauen lernte gleich wie zu ihrer Schwester Poldi, dem einstigen geschmähten »Nahrermensch«, hatte alles veranlaßt.

Reserl genas. Nicht nur am Körper. Aus der ehemaligen schrillen Sängerin von Couplets war eine sinnende, stille Frau geworden.

Es gibt Familien, die im Mannesstamm enden wie die Familie Schaumann, deren letzter Sproß nie mit einem, nie mit dem kleinsten Gedenken bedacht wurde.

Und auch Poldi schien Neigung zu haben, das männliche Element in ihrer Familie auszuschalten. Sie hatte nun ein zweites Töchterlein!

Vielleicht entwickelt sich dereinst wieder eine Tragödie von Töchtern, aber die Geschichte der in vorliegendem Buche geschilderten Töchter hat ein fröhliches