Das Schloß im Moor 

Erstes Kapitel

Warmer Sonnenschein lachte über die braungrauen Flächen der Rieder Gegend, über den weiten silberschimmernden See und den weißen Kranz himmelan strebender Berge im Süden des Moorgrundes. Es lenzt langsam im Ried, des langen harten Winters Macht ist gebrochen, der Weitsee wie sein Brüderchen, der Kleinsee, ist seit Wochen von der Eisumkrustung befreit, die letzten Schollen sind unter den warmen Strahlen der Frühlingssonne zerflossen, der See ist eisfrei, dem Bootsverkehr wiedergegeben und dadurch die Bewohner der Seedörfer von erzwungener Abgeschlossenheit erlöst. Stürmend eilen die Bergbäche der schimmernden Wasserfläche zu durch das Moor, mählich wachsend und steigend infolge der Schneeschmelze, und langsam steigt der große See wie immer zu Lenzbeginn.

Von einer Abgeschiedenheit wintersüber spüren die Bewohner von Dorf und Schloß Ried am Ostufer des Weitsees nichts, sie sind durch eine Fahrstraße mit der Außenwelt und der Eisenbahn verbunden; für sie bringt der die übrige Bewohnerschaft erlösende Frühling eine Fessel in Gestalt der alljährlichen Überschwemmung, die geduldig ertragen und abgewartet werden muß. Noch hat es gute Weile damit, und flott entwickelt sich der starke Verkehr aus der Straße.

Schloß Ried mit seinen behäbigen Gebäuden beherbergt eine Brauerei, die ein anerkannt vorzügliches Produkt an zahlreiche Wirte der Seegegend wie tief hinein ins Gebirge bis zur Landesgrenze liefert. Einst fürstliches Eigentum, ging das große Anwesen mit bedeutendem Grundbesitz vor vielen Jahren durch Kauf an die Familie Tristner über, deren Haupt ein Fachmann auf dem Gebiete der Brauerei war und es verstand, nicht nur ein vortreffliches Bier zu erzeugen, sondern auch den Umsatz zu heben, so daß die Schloßbrauerei Ried sich eines allgemeinen guten Rufes im ganzen Bezirk erfreuen konnte und erklecklichen Nutzen abwarf. Wo früher jeglichem Sport gehuldigt wurde, entwickelte sich die rastlose Tätigkeit eines schlichten Bürgers und Brauers, der alltäglich Weib und Kind mahnte, einfachen Sinnes und arbeitsam zu bleiben.

Auf der Höhe des Lebens und Erfolges war Dagobert Tristner für immer abgerufen und im kleinen Kirchhof des Dorfes Ried begraben. Seiner Mahnung entsprechend erzog die Witwe ihre zwei Kinder Theo und Olga, ließ den Sohn sachgemäß ausbilden, praktizieren und übertrug ihm hierauf die Geschäfte der Brauerei. Das altgediente Personal, besonders der wichtige Posten des Braumeisters verblieben wie zu Vaters Lebzeiten, und hochgehalten wurde die Jahre hindurch des Vaters Devise: Bleib einfach und arbeitsam.

Im gleißenden Sonnenschein humpelte der hellgelbe Postomnibus auf der tiefgleisigen, ausgefahrenen Straße gen Dorf Ried, das altgewohnte Vehikel, das nun die Morgenpost von der Bahnstation für Dorf und Schloß Ried bringt und am Abend das zweitemal bringen wird. Ähnlich einem riesigen Zitronenfalter gaukelte der »Hellgelbe« auf der Straße dahin, bald die linke, bald die rechte Straßenseite nehmend, der frischen Beschotterung ausweichend wie den zur Bahn fahrenden Brauereifuhrwerken. Einem Postomnibus eilt es niemals, die Fahrzeit ist reichlich bemessen, eine Verspätung verschlägt auf dem Wege von der Bahn zum Dorf absolut nichts, während umgekehrt die Fahrzeit allerdings wegen der nicht wartenden Eisenbahnzüge ziemlich genau eingehalten werden muß. Lebensmüde Gäule trotten vor dem »Hellgelben« stumpfsinnig und gefühllos, hartmäulig, infolge Altersschwäche fallsüchtig, daher der weißhaarige Postillon beim Trabfahren die Stolperer fest im Zügel halten muß. Im Schritt jedoch gibt der »Schwager« Luft im Leder.

Heute im wohligen Sonnenschein des herrlichen Frühlingstages genehmigt der Posthans reichlich Schrittempo; die Straße ist sehr schlecht, frisch beschottert, und des Ausweichens kein Ende. Auch muß der Posthans die Zurufe vorüberfahrender Brauknechte beantworten, was bekanntlich nur im Schrittfahren möglich ist. Scherz und Spott enthielten diese Zurufe, die robusten Bierführer fragten, ob etwa ein besonders wichtiger Brief im Postbeutel sei, der das Fahrtempo mindere, den Postomnibus schwerer denn sonst mache; auch fragten die Knechte, ob der Hans seine »Stolperer« lebendig nach Ried bringen könne und die Ankunft selber noch erleben werde. Derlei Zurufe mußten drastisch, kräftig beantwortet werden. Hans war nicht mundfaul und gab jeglichen Spott reichlich zurück, so daß die Knechte lachend weiterfuhren. Als aber das mächtige zweistöckige Schloß in Sicht kam, fühlte sich der Postillon doch dienstlich, nahm die Zügel auf und animierte seine Rosse mit der Peitsche zu lebhafterem Tempo. Altgewohnt trotteten die Stolperer den bekannten Weg zum Posthause und blieben hier stehen. Am offenen Fenster tauchte die Expeditorin auf und rief dem Postillon zu, daß er schon wieder zehn Minuten Verspätung habe.

Gemächlich kletterte Hans vom Bock, schloß das darunter befindliche Kästchen auf, entnahm daraus den Postbeutel und überreichte ihn der Expeditorin mit den Worten: »Oh, mein, die Leut kriegen die paar Brief allweil noch früh g'nug! Wer weiß, ob es ihnen nicht lieber wär, wenn die Post gar nicht käm!«

»Damit ist die Verspätung nicht entschuldigt!« meinte die diensteifrige Expeditorin, nahm den Postbeutel und verschwand vom Fenster.

Hans fuhr um die Ecke in den Hof und schirrte ab.

Von der Schloßbrauerei kam alsbald ein Lehrling und holte die Briefpost für das Büro, die wie üblich Zuschriften von Gerste- und Hopfenlieferanten und ähnliches enthielt.

Im Schlosse selbst diente eine Flucht von Zimmern des Erdgeschosses geschäftlichen Zwecken; hier sind die Büros untergebracht, die Buchhaltung, Schreibzimmer und ein Privatbüro für den jungen Chef. Theo Tristner ist ein bleicher junger Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren mit einem blonden, kleinen Schnurrbärtchen auf der nervös zuckenden Oberlippe, auf der Nase sitzt eine Brille. Theo Tristner sieht eher einem Aristokraten ähnlich denn einem Brauer, der Wuchs ist schlank, die Kleidung modernen Schnittes; die Blässe der Wangen läßt nicht vermuten, daß der junge Mann auf dem Lande lebt.

Im Arbeitsgemach des jungen Herrn herrscht nahezu tropische Hitze, trotz des warmen Sonnenscheins draußen im Gelände ist übermäßig geheizt, und dicker Zigarettenrauch lagert in Schwaden in halber Zimmerhöhe, zum Husten reizend.

Proben von bayrischer und ungarischer Gerste, Spalter und Saazer Hopfen lagern auf dem breiten Schreibtisch, dazwischen Malzaufschlagsbolletten und amtliche Papiere, Briefe und Fakturen. Eine Zigarette qualmend, trommelte Theo nervös mit den Fingern auf der Tischplatte; es dauert ihm zu lange, bis die Morgenpost kommt.

Der Brauerlehrling Josef brachte die dem Postillon abgenommenen Postsachen ins Zimmer des jungen Chefs, und hastig öffnete sie Theo. Geschäftsbriefe übergab Tristner sogleich dem Lehrling für den Buchhalter, ohne die Briefe erst zu öffnen; dagegen behielt er Privatbriefe und Zuschriften, deren Absender nicht von außen kenntlich sind, zurück. »Albernes Gekritzel junger Pensionsgänse!« brummte Theo und legte die Korrespondenz für seine Schwester Olga zur Seite. Dann öffnete er einen Brief, dessen Schriftzüge eine ungelenke Hand vermuten ließen. »Nanu!« rief Theo halblaut und begann die Epistel zu lesen. »Hol dich der Geier! Der Kirchenwirt von St. Oswald will abspringen und Münchener Bier verzapfen! Natürlich, die dümmsten Bauern wollen schon ›Münchener‹, weil's nobler ist und mehr kostet! Oder hat es der Kirchenwirt auf eine Schröpfung abgesehen?« Theo unterbrach seinen Monolog und drückte auf den Klingelknopf.

Dem eingetretenen Angestellten befahl der Chef, es sollte der Braumeister Haferditzel sofort ins Privatbüro kommen.

»Sehr wohl, Herr Tristner!« antwortete er und verschwand.

Theo fand es plötzlich schwül im Zimmer, hastig riß er das Fenster auf und atmete gierig die wohlige, frische Luft ein. Dann überlegte der Brauherr, ob die Mutter von diesem Absagebrief des Oswalder Kirchenwirtes verständigt werden solle oder nicht. Frau Tristner hat es sich ausbedungen, vom Gang der Geschäfte bis zu jedem einzelnen Vorfall verständigt zu werden, die erfahrene Frau will mit überlegen, mitberaten, was zu Nutz und Frommen der Familie und des Geschäftes zu geschehen habe. Sagt nun Theo, daß ein »guter«, d. h. viel Bier verzapfender Wirt abspringen will, so setzt es ein ärgerlich Gejammer bei der Mutter ab, die dann den baldigen Ruin der Brauerei angebrochen sieht. Verschweigt Tristner junior jedoch den Brief, so wird der Absprung auf die Dauer kaum zu vertuschen sein, denn Mama kennt alle Hauptabnehmer des Rieder Gerstensaftes persönlich. Sie unternahm, wenigstens in früheren Jahren, zeitweilig Ausflüge, besuchte die Wirte und kontrollierte auf diese Weise den Gang der Geschäfte. Fiele der Oswalder ab, so würde im Sommer gelegentlich eines solchen Kontrollbesuches ein großer Verdruß nachfolgen. Es ist also klüger, die Mutter rechtzeitig zu verständigen, noch besser aber wird es sein, sofort einzugreifen und mit dem Oswalder Kirchenwirt zu reden. Briefe nützen in solchen Fällen gar nichts.

»Herr Tristner, Sie wünschen?« Mit diesen Worten trat der stämmige, gesunde Braumeister Adam Haferditzel in das Zimmer, ein mustergültiger Typus des bayrischen Brauers, groß, stämmig, ein Koloß von Mensch mit vorschriftsmäßigem Bäuchlein und üblicher Haarzierde an den Schläfen. Das dichte Haupthaar erinnert an den bayrischen Raupenhelm seligen Andenkens, und ähnliche buschige Schnauzbärte tragen mit Vorliebe die Feldwebel. Hände wie Füße groß, wuchtig, die dicken Wangen von ländlich gesunder Farbe, der ganze Mensch strotzend von Gesundheit, Kraft und – Trinkfähigkeit.

Theo sprach in seiner leisen Weise: »Eine unangenehme Nachricht, lieber Braumeister! Der Oswalder Kirchenwirt will abspringen und ›Münchener‹ verzapfen!«

»Oha!« rief mit fetter Stimme Haferditzel und hob die Rechte, als wollte er den Abtrünnigen beim Genick fassen.

»So schreibt er heute an uns! Was sollen wir mit dem Menschen nun beginnen?«

»Reden müssen wir! Der Kerl will etzliche hundert Mark rausschinden, weiter nix!«

»Glauben Sie?«

»Freilich, ist nicht anders! Den Rummel kenn ich! Und eine Zech will er, die sich sehen laßt!«

»Wieso? Eine Zeche, das verstehe ich nicht!«

»Entschuldigen Sie bitte, aber Sie sind noch jung im Geschäft und wissen daher nicht, wie man einen Wirt, der abspringen will, ›fürifangt‹, auf daß alles beim alten bleibt!«

»Na, so reden Sie!«

»Jawohl! Eine Hypothek auf den Kirchenwirt können wir nicht kriegen, er hängt zu stark bei der Bank. Wahrscheinlich hat ihm ein Münchener Brauer etzliches Geld versprochen, wenn der Oswalder Kirchenwirt sein Bier nimmt. Vielleicht aber will er etzliche Hunderter von uns herauszwicken und alles bleibt dann beim alten! Aus jeden Fall müssen wir heute noch hinfahren, was verzehren, dem Kirchenwirt die Mucken ausreden, und wenn's sein muß, eine größere Summe spendieren. Verloren ist das nicht, denn er ist ein guter Abnehmer und hat seit Jahren ziemlich pünktlich bezahlt!«

»Das sieht aber einer Erpressung ähnlich!«

»Mit Verlaub! Etwas Haarlassen muß von Zeit zu Zeit jeder Brauer, wenn er sich die Kundschaft erhalten will. Der Oswalder ist halt ein besonders geriebener Kunde und versteht es, wie man so alle fünf Jahr etzliche Hunderter vom Brauherrn herauskitzelt. Ich mein, wir geben dem die 200 Markl, dafür kriegt er aber keine Zugab auf Neujahr, und mit der Märzenzech halten wir ihn knapper als sonst. Auf diese Art kriegen wir die zwei Hunderter leicht wieder herein!«

»Ich kann mich mit diesen Geschäftsmaximen nicht befreunden. Hier Ware, hier Geld, das ist glattes Geschäft. Das Schmieren paßt mir nicht!«

»Ja mein', wer gut schmiert, fahrt gut! In unsrem Geschäft geht es absolut nicht anders. Und in einer Brauerei dürfen die paar Markl keine Rolle spielen, sonst ist's gefehlt. Lassen S' nur mich machen und reden, ich schau schon auf den Nutzen der Herrschaft. Ich laß gleich anspannen.«

»Nein, nein! Wir müssen doch erst zu Mittag essen!«

»Keine Spur! Nur gleich fort! Der Wirt in Lienhardsberg hat unser Bier, bei dem müssen wir einkehren, dort essen wir zu Mittag und hernach sausen wir durch die Dörfer, die alle uns gehören, bis nach St. Oswald im Grund, dort gibt es die Hauptzech. Ich laß den Schimmel anspannen!«

»Nein, der ist mir zu langsam. Wir nehmen die Jucker!«

»Aber Herr Tristner! Zum Zechfahren taugen die feurigen Jucker nix, da ist ein sicheres Roß besser!«

Theo fügte sich und stimmte den rasch getroffenen Anordnungen des Braumeisters zu, in der Erkenntnis, daß Haferditzel unzweifelhaft die praktische Erfahrung auf seiner Seite habe. Es hielt Theo solche Zechfahrt, weil er sie nicht kannte, für originell, nur die eigentliche Veranlassung der langen Wagenfahrt nach St. Oswald ist wenig erfreulich. Vielleicht aber gelingt es, den abfallustigen Wirt umzustimmen.

Die Abfahrt erfolgte so rasch, daß Mama Tristner nicht verständigt werden konnte; Theo ließ lediglich die Botschaft zurück, daß er in Geschäften weggefahren sei. Haferditzel hingegen hatte dem Stallpersonal aufgetragen, daß der Kutscher Johann bis zur Heimkehr um Mitternacht wachbleiben müsse.

Die erste Ahnung dessen, was eine Zechfahrt des Brauherrn zu seinen Wirten ist, bekam Theo im Dorfe Lienhardsberg. Ein schwacher Esser, empfand der junge Gutsherr bereits ein Grauen, als der kundige Braumeister das Menü zusammenstellte: Hühnersuppe mit gesottener Henne, Kitzbraten mit Kartoffelsalat, G'selchtes mit Sauerkraut, gedünstetes Kalbfleisch mit blinden Knödeln und Schweinebraten mit Kompott. Damit die Herren von der Brauerei frisches Bier bekommen, kaufte Haferditzel den am Zapfen befindlichen Banzen alten Bieres und schenkte den Inhalt des Fasses den zufällig anwesenden Gästen im Wirtshause. Ein Stündchen verfloß, bis das Mahl beginnen konnte. Mit wenigen Bissen vom Kitzbraten war Theo bereits gesättigt. Er erklärte dem einhauenden Braumeister, daß ein Weiteressen unmöglich sei.

»Wollen S' den Wirt verlieren?« keuchte Haferditzel kauend. »Wenn S' nicht essen, beleidigen Sie die Wirtin, und das kostet uns die Kundschaft! Zum wenigsten schneiden Sie jede Speise durch. Lassen S' einen Hund herein! Ist niemand in der Stub, füttern S' halt den Hund damit!«

Mit der Kellnerin kam ungerufen der ahnungsvolle Haushund, mit dem Theo sofort Freundschaft schloß und dem er heimlich die großen Fleischbrocken zusteckte.

Es haperte bei Theo auch mit dem Trinken; mehr wie zwei Glas vermochte er nicht zu bewältigen. Einem Weinkonsum widerriet der Praktikus Haferditzel, weil es nicht gut aussähe, wenn der Brauherr sein eigenes Produkt mißachte und Wein trinke.

Der Braumeister opferte sich für seinen Gebieter und aß, daß ihm schier die Ohren staubten. Den letzten Gang vermochte aber auch er nicht mehr zu bewältigen und verabreichte den Schweinebraten dem hochvergnügten Haushund.

»Jetzt gehen Sie zahlen!« mahnte Haferditzel und wisperte dazu, er solle mindestens zwanzig Zigarren vom Wirt kaufen, diese dann aber ja nicht mitnehmen, sondern auf dem Tische liegen lassen.

»Aber warum denn nicht mitnehmen?« fragte verblüfft der junge Brauherr.

»Damit der Wirt die bezahlten Zigarren noch einmal teuer verkaufen kann und doppelten Profit hat! Folgen S' mir, es geht nicht anders, das ist so Brauch bei uns!«

Widerwillig gehorchte Theo und bezahlte die hübsch angeschwollene Rechnung, wobei selbstverständlich die Kellnerin ein paar Mark erhielt.

Als angeschirrt war, machte der Hausknecht das übliche lange Gesicht zum Zeichen, daß ihm das »Fünfzigerl« Theos zu wenig Trinkgeld sei. Flink ergänzte Haferditzel das Trinkgeld durch ein zweites Fünfzigpfennigstück.

Die Wirtin jammerte, daß die Herren fast gar nichts gegessen hätten, und fragte, ob es denn nicht geschmeckt habe.

Auf den mahnenden sanften Rippenstoß Haferditzels reagierte Theo, indem er die Kochkunst der verehrten Frau Wirtin über den Schellenkönig lobte, und versicherte, daß er leider magenleidend sei, daher nicht viel essen könne.

Das Wägelchen ächzte, als der gewichtige Braumeister aufstieg. Flink kletterte Theo hinauf, der Schimmel zog an, gelenkt vom Haferditzel.

»Aufpassen, Braumeister, im Ahornwald ist schlecht fahren!« rief der Wirt nach.

Als das Gefährt den Bergwald erreichte und kein Lauscher in der Nähe war, machte Theo seinem gepreßten Herzen Luft. »Schauderhafte Verhältnisse! Einfach skandalös! Die wahrhaftige Erpressung!«

»Hüh, Schimmel! Geht nicht anders, Herr Chef! Ihr Herr Vater selig hat auch nichts dagegen machen können! Der Brauherr muß Haar lassen! Trösten S' Ihnen, es wird allweil noch genug verdient! Hüh, Schimmel!«

»Ich möcht es wirklich ändern!« stöhnte Theo, dem vom Wagenschütteln die Knochen schmerzten.

»Nicht einen Finger dürfen S' rühren, oder Sie verlieren die Kundschaft, und Tausende sind hin!«

»Gräßlich! Und in St. Oswald soll die Fresserei erst recht angehen?«

»Freilich! Na, beim Kirchenwirt können wir Schampuß springen lassen, das geht rascher in die Zech, was die Hauptsach ist!«

»Ich kann keinen Bissen mehr essen!«

»Die Straße ist so schlecht, daß Sie bis St. Oswald sicher einen Bärenhunger haben werden!«

Haferditzel jagte den Schimmel unbarmherzig auf der ausgefahrenen Straße dahin, fuhr in raschem Tempo durch die Dörfer und schrie den herausspringenden Wirten zu, daß man auf dem Rückweg einkehren werde.

»Unmöglich!« ächzte Theo, »das würde mein Tod sein!«

»Glauben S' doch das nicht! Ein Braumensch hält schon was aus! Ist halt eine Zechfahrt! Daheim kann der Brauherr tun, was er will und sparen, unterwegs muß er Silber springen lassen. Geht nicht anders! Hüh, Schimmel! Ich glaub gar, der Gaul wird faul!«

Das letzte winzige Dorf St. Ursula vor der Paßhöhe war durchfahren, die Steigung begann, die Bergeinsamkeit ist erreicht. Beide Männer stapfen zu Fuß, der Schimmel hat Arbeit genug, das leere Wägelchen den Steilberg hinaufzuziehen. Ringsum in Wald und Hang ist es tiefer Winter, Fels und Tann tragen Schnee auf Zinnen und Kronen, eine schmutzige Eiskruste, tief eingerissen von den Bremseisen der Holzfuhrwerke, lagert auf der Bergstraße. Das Wägelchen schwankt in den unebenen Fahrgleisen und droht umzukippen; die wuchtige Faust Haferditzels hält dem Gefährte die nötige Balance und verhindert des öfteren den Umfall.

Theo staunte, daß es hier in den Bergen noch tiefer Winter sei, doch verstummte er alsbald, denn je näher man der Paßhöhe kam, desto wuchtiger erhoben sich zu beiden Seiten der miserablen Straße die Schneewächten. Im Schnee steckten Lastwagen, die nicht mehr weitergebracht werden konnten und deren Gespanne nun zur Bergfahrt auf der andren Paßseite vereinigt waren. Vier, sechs und acht Pferde vor einem einzigen Lastwagen. Auf der Paßstraße lag der Schnee drei bis vier Meter hoch, mühsam genug quält sich der Wegmacher mit dem Ausschaufeln ab. Der Schnee ist nicht tragfähig, der Harst von den Sonnenstrahlen tagsüber aufgeweicht, Mensch und Tier sinken mit jedem Schritt ein; es ist der Verkehr nicht mit Schlitten, nicht mit Wagen möglich, aber die Leute müssen trotzdem mit den dringlichsten Frachten durch und über die Paßhöhe, die einen wahrhaft arktischen Anblick gewährt in der Schneeumarmung. Nur winzige Stellen, dort wo warme Quellchen in den Sauerwiesen aufsteigen, sind schneefrei, rostbraune Flecken, die zur ungeheuren Schneemasse scharf kontrastieren. Von der Jochhöhe herab rinnt in den Fahrgleisen der Bergstraße das Schneewasser, das die Schneedecke unterwäscht, zum Einsturz zwingt und dann einen nassen Brei von Kot, Eis, Wasser und Schnee bildet.

Das Firmament hat sich umdüstert, graue Wolken hängen herein in die Berge, die ersten Tropfen fallen klatschend in die Wüstenei. Theo keuchte und verwünschte sich und seine zierlichen Stadtschuhe, deren dünnes Leder völlig durchweicht ist. Ermattet erklärte er, nicht mehr gehen zu können in diesem entsetzlichen Brei.

Der bärenstarke Braumeister schwitzte für drei gewöhnlich gebaute Sterbliche, stapfte aber tüchtig aufwärts und half dem Schimmel bei der Arbeit, indem Haferditzel kräftig das Wägelchen berganschob. Wie nun Theo aufsitzen wollte, wehrte dies der Braumeister energisch. »Sie müssen jetzt gehen, im Schweiß dürfen S' nicht sitzen, würden sich auf den Tod erkälten. Gehen S' nicht so scharf, Sie rennen ja wie verrückt! Allweil langsam hinan, wir haben bald die Höhe!«

Noch eine Viertelstunde, dann war der Paß erklommen, die Straße weist hier eine richtige Schlittenbahn auf, in die es nun aber regnet und schneit. Und dennoch kündet ein Lebewesen selbst in dieser Schneewüste den nahenden Lenz: eine Singdrossel hoch oben auf einer Fichte jubelt als Herold des Frühlings das Preislied auf den Schöpfer . . .

Mag es wettern und stürmen, türmt sich der Schnee noch so hoch, es muß auch in der Bergeinsamkeit Frühling werden, freilich spät, sehr spät.

»Jetzt sind wir oben!« rief aufatmend der Braumeister und hielt den Schimmel an. Geschäftig und ob des Aussehens Theos besorgt, hüllte er seinen jungen Herrn in die Pferdedecke ein und ließ ihn aufsitzen. »Halten S' Ihnen jetzt warm, fest einhüllen, durch die Nase atmen, Mund zu!«

Scharf ließ sich das Gefäll an. Haferditzel wollte jede Gefahr vermeiden, bremste und fuhr im Schritt auf der verschneiten Straße abwärts, das Pferd mit kräftiger Faust führend, bis die gefährlichsten Stellen passiert waren.

Frierend saß Theo im schwankenden Wägelchen, das Ende der strapaziösen Fahrt ersehnend. Mählich ward die Talung erreicht, im Gesenke zeigte die Straße das gleiche Bild wie jenseits des Passes, es muß das Chaos von Wasser, Schnee, Mist und Eis durchwatet und durchfahren werden, langsam im Schritt. Trotzdem dampfen des Schimmels Weichen.

Je näher man dem Gelände »im Grund« kam, desto böser wurden die Schneeverhältnisse; St. Oswald steckte im Schnee; schier fünf Meter hoch ragt der weiße Wintermantel auf, und dennoch klingt es von den niedergedrückten Bäumen verheißungsvoll: »Fink, fink!«

Beim Kirchenwirt angekommen, ließ sich Theo sofort Glühwein bereiten und der frierende Brauherr bezog ein Zimmer, um sich des durchnäßten Schuhzeugs zu entledigen und die normale Körperwärme im Bett wiederzugewinnen.

»Etwas ein wehleidiger Herr, der junge Brauer!« meinte der Kirchenwirt, und der Ton drückte eine gewisse Geringschätzung aus. Daher beeilte sich Haferditzel, die Entschuldigung vorzubringen, daß der junge Tristner noch nie auf Zechfahrt war und den Strapazen einer Frühlingstour körperlich um so weniger gewachsen sein könne, als Theo ein Stubenhocker sei. »Wie ist es nachher mit dir, Kirchenwirt?« fragte der Braumeister, zur Sache übergehend.

»Was soll sein? Münchener Bier werd ich führen, euer Bier ist mir zu jung diemalen, die Leut klagen darüber, und bald's Bier lau ist, kann 's der Teufel selber nicht trinken!«

Ein richtiger Praktikus, ließ Haferditzel den Wirt stehen, sprach kein Wort und ging durch den Flur zur Kellertüre, wo der ganze Biervorrat der letzten Wagensendung achtlos aufgestapelt lag.

»Na, was suchst denn, Braumeister?« fragte verdutzt der Wirt.

»Deine Schlamperei such ich und hab sie schon gefunden! Wenn du so schlampig mit dem Bier umgehst, die ganze Sendung im Flur lagern lassest, statt im Eiskeller, darf es nicht überraschen, daß das Bier lau wird und die Leut darüber schimpfen!«

»Ja, mein, ich hab halt noch nicht Zeit gehabt zur Einlagerung im Keller! Und einem guten Bier darf das nichts machen!«

»Kirchenwirt, du hättest Mesner werden sollen, kein Wirt!«

»Warum denn?«

»Weil du von einer richtigen Wirtschaftsführung nichts verstehst! Bist du im Geschäft überall so nachlässig wie in der Bierbehandlung, so bist du sicher bald pleite!«

»Braumeister, halt dich fein ein bissel zurück! Herr im Haus bin ich!«

»Und was für einer! Ich seh schon, wir verlieren nichts, wenn du abspringst! Ist eher gut für uns! Du schädigst unser Bierrenommee, drum lieber weg von der Kundschaft! Wie der junge Herr fertig ist, fahren wir wieder heim! Wünsch dir viel Glück zum Münchener Bier! Wirst wohl wissen, wie viel Eis das ›Münchener‹ braucht! Haben deine Bauern den Frost im Magen, brauchst dich nicht kümmern um die Grobheiten! Ich mein, wir sind fertig miteinander, die letzte Rechnung kannst gleich mir zahlen, ersparst das Postporto, und frisch geliefert wird von uns nichts mehr!«

»Wär nicht aus! So geschwind wirst doch nicht das Geschäft abbrechen! Ich hab ja nur so gemeint!«

»Und wir meinen, daß an deiner Kundschaft nichts verloren ist! Hab allweil schon munkeln hören, daß bei dir das Bier schlecht behandelt wird! Aber geglaubt hab ich es nicht recht! Jetzt glaub ich 's aber und weiß, wie wir daran sind!«

»Geh, Braumeister, mach doch keine G'schichten! Ich laß die Fässer gleich einkellern und für dich frisch anzapfen! Was darf ich auftragen? Ihr werdet doch bei mir zu Mittag essen, wenn's auch schon etwas spät ist?«

»Von dem Bier? Na, ich dank schön! Und gegessen haben wir schon unterwegs!«

»Saxendi, das gang ja gegen allen Brauch! Weißt was, Braumeister, lassen wir's beim alten! Und wenn der Brauer ein bissel was springen laßt, bleib ich Kundschaft!«

»Nicht einen Pfifferling kriegst! Uns ist es um das Renommee unsres Bieres zu tun, nicht um deine Kundschaft!«

»Jesses, na, bist du aber heut schlecht aufg'legt! Schau, Haferditzel, ich hätt halt so etliche zweihundert Markl grad nötig braucht zum Roßeinhandeln, und wenn ich Kundschaft bleib, könnte doch der Brauherr mir die zweihundert Markl leicht zahlen, hab ich gemeint!«

»Die Meinung ist aber irrig! Nimm du nur 's Bier von München, was Besseres kannst gar nicht machen! Und sag dem Münchener Brauer gleich, daß du unregelmäßig zahlst, und für deine Kundschaft etlichemal im Jahr auch noch Bargeld haben möchtest! Du, der Münchener Brauer wird sich drum reißen, deine Kundschaft zu kriegen! Und das ›beste‹ Bier schicken die Münchener allweil aufs Land, das wirst wohl wissen! So, ich werd jetzt schauen, wie es dem jungen Herrn geht, und bald der Schimmel gefressen hat, fahren wir wieder heim!«

Jetzt erkannte der Kirchenwirt, daß er das Spiel sicher verlieren wird, und deshalb verlegte er sich auf das Bitten um Belassung des alten Zustandes im Geschäft.

»Gut, Kirchenwirt! Aber nur unter der Bedingung, daß du künftig das Bier sorgsamer behandelst. Kommt mir noch mal was zu Ohren, so kündigen wir dir die Kundschaft, verstanden! Und das Geldherauspressen laßt bleiben, die Rieder Brauerei bettelt nicht um Kundschaft! So, Freunderl, jetzt kannst, weil es Brauch ist, auftragen lassen, und weil unser Bier bei dir nicht zum Trinken ist, kannst drei Flaschen Schampuß einkühlen!«

Der Kirchenwirt atmete förmlich auf und sprang in die Küche. Haferditzel rieb sich die Hände und begab sich sogleich zu seinem jungen Herrn, um ihm den Erfolg seines glücklichen Schachzuges zu berichten.

Theo war vom heißen Getränk erquickt und fühlte sich wieder wohl und munter. Der gute Bericht brachte gute Stimmung. Die Kundschaft erhalten, der Erpressungsversuch vereitelt – das ist die Fahrt über den bösen Paß wahrlich wert.

Ähnlich wie in Lienhardsberg muß freilich Zeche gemacht werden, der alteingebürgerte Brauch fordert solche Konzession. So fütterte denn Haferditzel abermals, was das Zeug hielt und der Magen aufnehmen konnte, während sich Theo mit einem Gang begnügte und zum sündteuren Sekt minderster Güte Zigaretten rauchte. Die in der Kutscherstube befindlichen Gäste wurden anläßlich der Anwesenheit des Brauherrn mit einem Faß Bier und Zigarren beschenkt, so will es der Brauch.

Nach mehreren Stunden wurde die Fahrt zurück über den Paß angetreten, die insofern unter veränderten Verhältnissen vor sich ging, als inzwischen Frost eingetreten war und leichter Harst die jämmerliche Straße bedeckte. Doch der berggewohnte Schimmel trat sicher, griff wacker aus und brachte seine Herren glücklich über die Jochhöhe und jenseit hinab in die schneefreie Talung. Es dämmerte bereits, als das Gebirgsdorf St. Ursula erreicht wurde. Hier muß eingekehrt werden, denn der Wirt ist Rieder Kundschaft, noch dazu sicherer Zahler und versteht sich meisterhaft auf die Bierbehandlung. Ein Abendessen mit großem Bierkonsum läßt sich nicht umgehen, die Zechfahrt fordert ihre Rechte. Und auf solche Weise muß jeder Wirt der Rieder Brauerei besucht werden. Darob ward es spät, und als das Gefährte vom Wirt zu Lienhardsberg wegfuhr, schlug es von Kirchturm elf Uhr nachts.

Theo fühlte sich müde und schläfrig zum Umfallen; Haferditzel fand seine Aufopferung für die Herrschaft und das Geschäft mit einer gelinden Gehirnumnebelung belohnt, die sich in der kalten Nachtluft zunehmend steigerte und ihn veranlaßte, dem Schimmel die Sorge um den Heimweg zu überlassen und auf gut Glück zu duseln.

Dem Stall entgegen läuft jedes Pferd gerne, der Schimmel kennt den Weg trotz Nacht und Nebel, flink ging es der Heimat im Moorgelände zu. Der Seewind strich entgegen, die Rieder Dorfuhr kündete Mitternacht.

Plötzlich hielt der Schimmel an, im Dusel griff der Braumeister nach der Peitsche und hieb auf das Pferd ein. Ein Satz, ein Krach – der Gaul ist mit einem Sprung samt der abgebrochenen Deichsel im Straßengraben, der Wagen kippt um, im Bogen flog Theo hinaus, und Haferditzel kam unter das Wägelchen zu liegen. Von böswilliger Hand war quer über die Straße ein Strick gezogen, vor dem der Schimmel stehengeblieben war. Der bärenstarke Braumeister konnte trotz erlittener Quetschungen das Wägelchen wegschieben, sich aufrichten und dann den Schimmel auf die Straße bringen. Den verkehrhemmenden Strick hatte er rasch durchschnitten. Nun galt es, vom nahen Schloß Hilfe holen und Theo heimbringen.

Den Schimmel am Zaume führend, stolperte Haferditzel fluchend dem Schloßhof zu und requirierte Hilfsmannschaft.

Theo ward bei Laternenlicht bald aufgefunden, mit einem Rippenbruch brachten die Knechte ihn ins Schloß, worauf der Arzt aus dem nahen Dorf Ried geholt wurde. Der Transport Theos ließ sich nicht so geräuschlos bewerkstelligen, daß er unbemerkt bleiben konnte; eine Frauengestalt erschien in flüchtiger Umhüllung unter einer Türe des ersten Stockwerkes und fragte, was geschehen sei.

»Der junge Herr! Umg'schmissen – etwas 'brochen!« rief einer der Knechte mit rauher Stimme.

»Bringt ihn zu Bett! Ich komme gleich!« antwortete die Dame und verschwand.

In ihrem Zimmer kleidete sich Fräulein Eugenie, die »Seele des Hauses«, Gesellschafterin der augenkranken Mutter Theos und Olgas, die Hausrepräsentantin und Wirtschaftsdame, hastig an, um dem verunglückten Theo die erste Pflege angedeihen zu lassen. Ein nettes Persönchen von etwa fünfundzwanzig Jahren, schlicht im Wesen, von schlanker und elastischer Gestalt, mädchenhafter Anmut, bienenemsig, bescheiden, allzeit bestrebt, sich nützlich im Hause zu machen, dankbar für die gewährte Stellung und für jedes gute Wort, das ist Eugenie Dobler. Es ward die Repräsentantin schlankweg »Eugenie« genannt, ihre persönlichen Verhältnisse waren Theo und Olga Tristner unbekannt. Im engen Familienanschluß vermied man alles, was auf eine »dienende« Stellung Eugeniens hätte schließen lassen; der Ton war immer warm und vertraulich. Seit etwas über Jahresfrist waltete die schlanke, hübsche Eugenie zu aller Zufriedenheit ihres Amtes im Schlosse, jedermann gefällig, immer schlicht und bescheiden, allen sympathisch. Ihre Anstellung ist der einzige Luxus, den sich Frau Tristner gestattete, und dies auch nur infolge des Augenleidens, das die Gutsherrin hinderte, persönlich nach dem Rechten in Haus und Wirtschaft zu sehen.

Da es galt, dem jungen Herrn Hilfe zu bringen, besann sich Eugenie keinen Augenblick und eilte nun in das Schlafzimmer Theos. Unter den plump zugreifenden Händen des Ökonomieknechtes ächzte Theo.

Sofort nahm Eugenie die nötigste Arbeit vor, half mit, den Patienten zu Bett bringen, besorgte Kompressen und entwickelte die Tätigkeit einer Krankenschwester.

»Danke! Oh, das tut gut! Sie sind ein Engel der Barmherzigkeit!« flüsterte Theo.

»Stilliegen, bis der Arzt kommt, nicht rühren, nicht sprechen! Ich erfülle nur meine Pflicht!« erwiderte Eugenie, gab dem Knecht ein Licht und schickte ihn dem Arzt entgegen.

Alsbald erschien Doktor Freysleben, der junge Dorfarzt, bei Theo, sichtlich froh, endlich mal zu den Schloßleuten, die einen Landsberger Praktikus zum Hausarzt hatten, gerufen worden zu sein. Die Diagnose war nach den Angaben des Verunglückten nicht schwer zu stellen, ziemlich einfach die Tätigkeit des Arztes, der jedoch energisch darauf bestand, daß eine Schwester die Krankenpflege übernehme.

Eugenie erklärte sich bereit, die Pflege zu übernehmen, und da Theo herzlich darum bat, stimmte Doktor Freysleben schließlich bei, in Erwägung, daß ein Widerstand ihn um die Behandlung des Patienten und die Schloß-»Kundschaft« bringen könnte. Immerhin erklärte der junge Doktor, wegen dieser Privatpflege der Kontrolle halber täglich zweimal nachsehen zu müssen. So bekam denn Eugenie Verhaltungsangaben für die Pflege, und dann ging der Arzt.

Theo wollte herzlich danken, doch Eugenie schloß ihm mit der schön geformten, doch an Arbeitsspuren reichen Hand den Mund und leistete Pflegedienste, bis der Patient einschlummerte.

Wachend am Bette verbrachte die sanfte Eugenie die Nacht und verließ Theo erst am Morgen, da es nun galt, Frau Tristner in schonender Weise von dem Unglück der verflossenen Nacht zu verständigen.

Ein klarer, sonniger Frühlingsmorgen ist herangebrochen, Sonnengold umflatterte die nahen Berge, leuchtet aus dem jungen Grün der Wiesen, verklärt das sonst so trübe, öde Moor, es schimmert der See.

Frau Helene Tristner, die stattliche, großgewachsene Witwe, sitzt am offenen Fenster ihrer Schlafstube und blickt in die Landschaft hinaus, auf Eugenie wartend, die ihr beim Ankleiden behilflich sein und sie dann zum Frühstückstisch im Parterre geleiten wird. Früher war dies Aufgabe der Tochter, und Olga wollte lange nicht zurücktreten, die Pflege Mamas nicht fremden Händen übergeben. Doch Eugenie hatte bald nach ihrem Eintritt in das Haus so herzlich gebeten, auch dieses Amt übernehmen zu dürfen, daß Mutter und Tochter den Widerstand aufgaben. Frau Tristner hatte die Zustimmung nicht zu bereuen, ein sympathischeres und gewandteres Stubenkätzchen wäre nirgends zu finden, und so gewöhnte sich Mama Tristner an Eugenie, die ihr alsbald unersetzlich deuchte.

Leise trat Eugenie ein und begrüßte die würdige Dame: »Guten Morgen, gnädige Frau!«

»Danke. Guten Morgen auch, liebe Eugenie! Es ist wieder recht schlechtes Wetter heute, nicht? So nebelig draußen wie um Allerheiligen! Ach Gott, es ist trostlos! Und lesen kann ich gar nichts mehr!«

Frau Tristner saß in flutendem Sonnenlicht, das ihre weißen Haare mit goldigem Schimmer übergoß.

Eugenie richtete einen Blick voll innigsten Mitleides auf die alte Dame und beeilte sich dann, zu versichern, daß es tatsächlich sehr nebelig sei, ganz ungewöhnlich winterliches Wetter für diese Jahreszeit.

»Ja! Aber ich sitze doch am offenen Fenster, das ich mühsam genug durch Betasten geöffnet habe, und es ist mir auffallend, daß warme Luft hereinströmt! Bei Nebel ist es doch sonst kalt im Freien; ich friere aber nicht, wie kommt das?«

»Es ist doch schon Ende April, gnädige Frau, also vorgeschrittene Zeit, Frühling, die Wiesen sind schon grün . . .«

»So? Ich sehe alles grau, mir ist's, als hätte ich einen Nebel vor den Augen – – sie werden immer schlechter, diese alten Augen! O Gott, nur nicht blind werden, es wäre schrecklich! Lieber taub, gebrechlich, meinetwegen Gicht und Lähmung, nur nicht blind!«

»Das wird der gütige Gott verhüten!«

»Hoffentlich! Das ist ja auch eine so schöne Eigenschaft an Ihnen, liebe Eugenie, Ihr Gottvertrauen! Mir will manchmal statt Gottvertrauen die Verzweiflung in das Herz schleichen!«

»Der Mensch steht allzeit in der Hand Gottes! Darf ich Ihnen behilflich sein?«

»Ja, bitte, liebe Eugenie! Kommt Theo wohl zum Frühstück! Ist er glücklich von der Bergfahrt zurück? Ich hörte gestern, daß er mit dem Braumeister nach St. Oswald gefahren sei, um den Kirchenwirt als Kundschaft zu erhalten. Wird wohl recht spät heimgekommen sein! Diese Fahrten waren mir schon zu Lebzeiten meines Mannes selig ein Greuel; scharfe Zechen der Wirte wegen, scharfe Pferde, ein Unglück ist leicht geschehen.«

»Leider ja!«

Frau Tristner drehte aufhorchend den Kopf in die Richtung, in der sie Eugenie vermutete. »Sie sagen das in einem Tone, der mir Angst einflößt! Ist etwa ein Unglück geschehen? Reden Sie!«

»Der sonst sehr zuverlässige Schimmel . . .«

»Umgeworfen! Oh, meine Befürchtung! Was ist Theo geschehen?«

»Gottlob nicht viel! Zwei Rippen sind eingedrückt, sagt Doktor Freysleben. Bei entsprechender Pflege wird Herr Theo bald wiederhergestellt sein.«

»Machen Sie schnell fertig mit den Haaren und führen Sie mich dann zu Theo! Wo ist Olga? Sie soll die Pflege übernehmen!«

Während Eugenie Zofendienst verrichtete, bat sie Pflegerin Theos bleiben zu dürfen; es solle und werde der Frauendienst nicht besonders vernachlässigt werden, und der Arzt habe bereits eingewilligt.

»Immer dienstbereit sind Sie, das muß man anerkennen, liebe Eugenie! Aber Sie muten sich zuviel zu! Pflegerin Theos und zugleich meine rechte Hand und Stütze, das geht nicht, man kann nicht zweien Herren dienen. Rippenbruch, schrecklich! Der arme Mensch! Wenn es nur nichts Schlimmeres ist! Verbergen Sie mir wirklich nichts?«

»Nein, gnädige Frau! Ich bin mit der Frisur fertig, darf ich Sie hinunterführen?«

»Ich will zu Theo!«

»Der junge Herr schläft zur Zeit!«

»Dann bleibe ich hier oben, schicken Sie mir Olga und den Kaffee! Gehen Sie zu Theo und sagen Sie mir Bescheid, sobald er aufgewacht ist!«

»Sehr wohl!« Eugenie verließ das Gemach.

Die stattliche Matrone flüsterte ein Gebet für Theo und flehte zum Schöpfer, ihr den Nebel von den Augen zu nehmen.

In die lichterfüllte Stube wirbelte Olga herein, die zwanzigjährige Tochter mit rabenschwarzem Haar und einer sehr hübschen Figur, ein frisches Mädchen, das eine Schönheit genannt werden könnte, wenn nicht ein Fehler ihr Gesicht entstellen würde. Der Oberkiefer mit schrägen übergroßen Schneidezähnen ragt weit über den Unterkiefer vor, so daß die Oberlippe den Mund nicht normal schließen kann und oberhalb der Zähne zurückbleibt. An diesen Fehler hatte sich Olga wohl oder übel gewöhnt, und auch die Leute ihrer Umgebung fanden nichts Besonderes daran; nur Fremden fiel die Abnormität sofort auf, und jeder, der das sonst reizende Mädchen sah, empfand inniges Bedauern ob solcher Verunstaltung, die alle ärztliche und Dentistenkunst nicht beseitigen konnte.

Olga begrüßte die Mutter und sprudelte dann Vorwürfe gegen den Braumeister heraus, der nicht fahren könne und den armen Theo samt den Wagen umgeworfen habe. Die Tochter fügte bei, daß sie den Schimmel bereits besichtigt und völlig wohlauf befunden habe. Zu Theo könne man aber noch nicht kommen, da der arme Patient eben schlummere.

»Diese Braufahrten bieten immer eine Gefahr!« erwiderte Mama, starrte mit erlöschenden Augen vor sich hin und suchte mit der Rechten die Hand Olgas tastend zu erreichen. »Solange der Vater selig lebte, ward ich die Sorge nicht los, der Vater war ein guter Fahrer, aber immer nahm er junge, feurige Pferde.«

»Ist ihm aber bei all den vielen Fahrten nichts passiert! Ich glaube, Haferditzel hat sozusagen zuviel – Hafer im Leib gehabt. Theo wird mir schon nähere Auskunft geben, und dann werde ich mit dem Braumeister ein Wörtchen auf gut deutsch reden!«

»Olga, das lasse bleiben! Haferditzel ist eine grundehrliche Seele, treu und verlässig; für uns geradezu unersetzlich und ein tüchtiger Fachmann!«

»Ein netter Fachmann, der umwirft!« erwiderte spöttisch Olga.

»Wer weiß, was und wie es geschehen ist? Nach dem Frühstück schickst du mir Haferditzel herauf; ich will wissen, welchen Erfolg die Fahrt zum Wirt in St. Oswald gehabt hat. Hoffentlich bleibt der Kirchenwirt Kundschaft von uns.«

»Ganz wie du willst, Mutter! Aber das Getue um die Kundschaft finde ich übertrieben, fast lächerlich! Will einer abspringen, fremdes Bier führen, mag er's tun, wir sollten so einem Bauernwirt nicht nachlaufen; das haben wir wahrlich nicht nötig, auch sieht es nicht gut aus. Wir sind doch weiß Gott nicht auf die paar Wirte und Abnehmer angewiesen!«

»Das verstehst du nicht, Olga! Dir fehlt der praktische Sinn! Wenn auch an einem einzigen Abnehmer nicht viel liegt, die Mehrzahl bringt Geschäft und Gewinn; je größer der Umsatz, desto besser der Ertrag für uns. Und so bedeutend ist unser Geschäft keineswegs, daß uns ein Abspringer gleichgültig sein könnte!«

»Gott, nun fängt Mütterchen gar zu jammern an! Da fehlt nur noch die Jeremiade über das viele Geld, welches meine Pensionatsjahre verschlungen haben! Ich war der Meinung, wir seien vermögende Leute und brauchen uns keinen Pfifferling um die Kundschaft zu kümmern. Ich für meine Person habe auch wirklich kein Verlangen nach Geschäft und Wirtschaft.«

»Leider! Ich hätte es wissen können, daß die Pensionatserziehung solche Gleichgültigkeit erzeugen werde. Zur Hochnäsigkeit fehlt jede Berechtigung. Wir sind und bleiben einfache Leute, wir müssen die Groschen zusammenhalten, auf stetige, wenn auch langsame Vermehrung bedacht sein, denn der Mensch kann nicht wissen, welche Zeiten noch kommen. Oh, wenn ich nur besser sehen könnte! Mählich entschwindet mir jeglicher Einblick!«

»Verlier nur nicht den Mut, Mama! Es gibt in München sehr tüchtige Spezialisten, wir fahren hinauf, und in einigen Monaten siehst du wieder so gut wie früher oder noch besser!«

»Nein, nein! Einmal würde es nichts nützen, und dann könnte ich die Unkosten nicht verantworten!«

»Aber, Mutter! Für Bauernwirte haben wir Geld wie Heu; soviel ich gemerkt habe, wird an Kunden, nur damit sie treu bleiben, das Geld nur so hingeworfen – für dich selbst soll aber kein Pfennig bewilligt werden. Das ist Unsinn, eine lächerliche Knickerei!«

Das Stubenmädchen brachte den Damen das Frühstück, daher wurde das Thema abgebrochen. –

Vom Schlafe erquickt, fand Theo die sanfte Eugenie an seinem Bett bereit, die Anordnungen des Arztes zu befolgen und den Patienten zu pflegen. Ein wohliges Gefühl erwachte in Theos junger Brust beim Anblick Eugeniens, eine Sympathie, welche den Gedanken aufkeimen ließ, ob nicht just dieses sanfte Frauenwesen seine Gattin werden könnte. Auf Geld braucht der junge Schloß- und Brauherr nicht zu sehen, guter Ruf, Tüchtigkeit, Wirtschaftlichkeit und die richtige Liebe, das wäre die Hauptsache. Ob Eugenie aber Liebe zu Theo empfindet? Nicht das leiseste Anzeichen spricht hierfür, aus stets gleichmäßiger, freundlich ergebener Dienstwilligkeit kann nicht auf ein tieferes Gefühl geschlossen werden. Auch hat Theo nie ein wärmeres Wort gesprochen, er ging seit Jahresfrist eigentlich achtlos, wenn auch immer höflich an der Hausrepräsentantin vorüber, ohne Blicke für ihre Reize. Und jetzt im Krankenbett ist es Theo, als fielen Schuppen von seinen Augen; er ist sehend geworden und fühlend zugleich, eine unnennbare Sympathie erfüllt sein Herz so voll und stark, daß Theo die Vernunftsfrage, ob die soziale Kluft zwischen ihm und der Wirtschaftsdame überbrückt werden könne, energisch zurückdrängt. Aus anständigem Hause mußte Eugenie sicher sein, ihre Umgangsformen bezeugten dies zu jeglicher Stunde. Der Broterwerb ist an sich gewiß keine Schande, kann für den reichen Brauherrn kein Hindernis sein. Zweifellos wäre der Schloßherr von Ried berechtigt, sich eine Braut aus den besten Familien zu holen, ja selbst in adeligen Häusern könnte Theo Tristner anfragen. Doch eine Brautschau ist nicht nach seinem Geschmack, direkt widerwärtig der Gedanke, mit solchen Absichten Besuche abzustatten. So eigentlich nach Theos Sinn wäre, hübsch warm daheim zu sitzen und zu warten, bis die passende Braut anmarschiert kommt, nicht viel Umstände macht und ihm in heißer Liebe um den Hals fällt. Nun steht eine solche Verlobung nicht zu erwarten. Eine auf dem Präsentierteller angebotene Braut würde er unfehlbar ablehnen. Anders wäre es, sehr nett und bequem, wenn man die sanfte, reizende Eugenie umarmen, durch einen heißen Kuß zur Braut erküren dürfte. Entschieden wäre das auch sehr einfach; man kennt sich seit Jahr und Tag, die lästigen Besuche, die steifförmliche Werbung, der schnöde Handel um die Mitgift kämen in Fortfall. Und hat Eugenie wahrscheinlich kein Vermögen, es wäre das sogar angenehm, denn Frauen ohne Mitgift sind meist anspruchslos und sehr wirtschaftlich, zugleich dankbar.

Theo hatte von Sehnsucht ergriffen die Arme ausgestreckt, wie wenn er seine Pflegerin an sich ziehen und umarmen wollte. Erglühend wich Eugenie zurück, bereitete eine neue Kompresse und legte dann den feuchten Umschlag auf die heiße Stirn des Patienten. Das wirkte in zwiefachem Sinne abkühlend. Theo dämpfte denn auch seine so plötzlich erwachte Sehnsucht und begnügte sich, mit den Augen die zierlichen Bewegungen seiner hübschen Pflegerin zu verfolgen, bis breitspurig Doktor Freysleben erschien. Eugenie wartete seinen Ausspruch über den Befund ab und eilte dann zu Frau Tristner.

Zweites Kapitel

In der ländlichen Stille um Schloß Ried mußte das Vorfahren eines Wagens am Schloßportal ein die Hausgenossen alarmierendes Ereignis sein; Mutter Tristner hörte das Wagenrollen sogleich am Fenster und fragte die Tochter, wer denn zur Morgenzeit schon komme.

Flink beugte sich Olga zum Fenster hinaus und meldete der augenkranken Mama, daß ein eleganter Herr anfahre und eben seine Karte abgebe.

»Ein eleganter Herr? Wer kann das sein?« murmelte die alte Frau.

»Weiß auch ich nicht! Sehr modern gekleidet. Na, ich bin nicht wenig neugierig!« rief Olga und trat vom Fenster weg, erwartungsvoll auf die Tür blickend, durch deren Öffnung Eugenie eintrat. Hinterdrein kam ein Dienstmädchen mit der Visitenkarte.

»Gib her!« herrschte Olga das Mädchen an und las den Namen ab: Baron Otto Hodenberg. »Nanu! Was will der Herr?«

Im breiten Dialekt der Moorgegend erwiderte das Mädchen: »Gsagt hat er was, ich hab' die spaßige Red' aber nicht verstanden; er redet ganz anders als wie bei uns die Leut! Die Brauerei möchte er anschauen, und wenn's erlaubt ist, hinterdrein die Schloßleut aufsuchen, weil's gleich ist und er Zeit hat!«

»Dumme Gans!« rief Olga, »dergleichen albernes Zeug wird ein Baron nicht gesprochen haben. Führ den Herrn in den Salon, ich werde ihn dort empfangen!«

»Aber Olga, zu so früher Stunde! Und ein wildfremder Mann!« meinte die Mutter.

»Soll vielleicht ich mit dem Herrn sprechen und ihm eine Begleitung aus dem Büro geben?« fragte Eugenie dienstwillig.

Die Neugierde war in Olga erwacht, ein adeliger Besuch war im langweiligen Schloß Ried ein Ereignis; schnell entschlossen erklärte die Tochter des Hauses, die Repräsentanz ausüben zu wollen, und demgemäß erhielt das Mädchen von Olga Auftrag, den Herrn in den Salon zu geleiten.

Die Mutter beschäftigte hauptsächlich die Frage, was der Besuch für das Geschäft bedeuten könne. Schloß und Grundbesitz sind so wenig feil wie die Brauerei, ein Käufer hat also nichts zu suchen oder zu hoffen, und ein Kunde könne der fremde Baron auch nicht sein.

Olga ließ sich auf eine Erörterung dieser Fragen nicht weiter ein und wirbelte fort.

Mutter Tristner nahm nun die Hilfe Eugeniens in Anspruch und schritt, von der Gesellschafterin geführt, hinüber zum Krankenzimmer des Sohnes . . .

Hochaufgerichtet stand die sehr elegante Gestalt des etwa dreißigjährigen Besuchers, ein blonder Mann von norddeutschem Typus, den fast weißlichen Bart aufzwirbelnd und dann wieder die Handschuhe glättend. Lässig trug er einen mit Krone und Monogramm im Futter geschmückten Mantel über den Arm. Baron Hodenberg wollte sich den Anschein absoluter Blasiertheit geben; doch musterte sein monokelbewaffnetes Auge sehr neugierig die Saloneinrichtung, gewissermaßen den Wert der Möbel prüfend, und damit die Vermögensverhältnisse der Schloßbesitzer. Das Ergebnis solcher Prüfung schien den jungen Mann zu befriedigen; es ist jedes Stück gediegen, der Reichtum unverkennbar, solide Verhältnisse, für die der mächtige Bau des Schlosses schon eine gewisse Bürgschaft leistet. Nicht minder scharf musterte der Besucher die großen Gemälde, Kunstwerke älterer Zeit, die wahrscheinlich von den jetzigen Besitzern übernommen worden sein dürften. »Ein fürstlicher Besitz!« murmelte der junge Baron.

Es währte geraume Zeit, bis Fräulein Olga erschien und mit fast zuviel Lebhaftigkeit den Besucher willkommen hieß.

»Baron Hodenberg aus Hannover!« stellte sich der junge Baron vor, unter tadelloser Verbeugung, und fügte bei: »Irre ich nicht, habe ich die Ehre, mit dem verehrten Fräulein des Hauses zu sprechen.«

»Verzeihen Sie, Herr Baron, jawohl, ich bin Olga Tristner, die Tochter, und beauftragt, Sie zu empfangen. Mama ist schwer augenleidend und läßt um Entschuldigung bitten. Womit kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Sehr gütig, gnädiges Fräulein! Verzeihen Sie nur mein frühes Erscheinen, wollte den Herrschaften erst später meine gehorsamste Aufwartung machen. Bin gekommen, um die vielgerühmte Brauerei zu besichtigen, falls dies gestattet sein sollte.«

»Aber natürlich, gern! Nur verstehe ich nicht, was an einer Landbrauerei Sehenswertes gefunden werden kann. Ein solches Etablissement gleicht dem andern, bei uns ist nichts los, die Langeweile gähnt zu jedem Fenster heraus!«

»Oh, gnädiges Fräulein fühlen sich in der Stille des Landlebens gelangweilt! An sich ja begreiflich, junge Damen wünschen Gesellschaft, Amüsement! Ich für meine Person würde mich just in diesem feudalen Ansitz sehr wohl fühlen; wirklich feudaler Sitz, städtischer Komfort verbunden mit den Annehmlichkeiten des Landlebens, unbelästigt von Schnüfflern . . .«

»Das wohl, Herr Baron! Zu uns kommt fast niemand.«

»Geradezu ideal! Wenn möglich, möchte ich mich in der Nähe ankaufen.«

»Wie? In unsrer entsetzlichen Moorgegend? Unbegreiflich! Ich trachte mit Händen und Füßen fortzukommen; habe es nie begriffen, wie sich Durchlaucht der Fürst just hier im Moor hatte festsetzen und bauen können.«

»Vielleicht ebenso Sonderling wie ich. Wenn gnädiges Fräulein die gehorsamste Bitte gestatten, würde ich das Ersuchen zu Füßen legen, mir einen Führer durch die Brauerei zu bewilligen.«

»Sehr gern. Ich werde Haferditzel beauftragen! Wenn es Ihnen genehm, begleite ich Sie.«

»Zu gütig, gnädiges Fräulein! Wird der Gang aber nicht eine Unordnung verursachen?«

»O nein! In keiner Weise!« Sie bat den Besucher, den Mantel im Salon zu lassen. Von Olga begleitet, begab sich der Besucher vor das Schloß, und im Hof rief die Tochter des Hauses mit scharfer metallisch klingender Stimme: »Haferditzel!«

Überrascht fragte der Baron, was der sonderbare Ruf zu bedeuten habe.

»Ein schöner Name, jawohl, unser Braumeister heißt Haferditzel! Netter Name, nicht?!«

Von Dienern verständigt, kam der bärenstarke, von Gesundheit strotzende Braumeister angelaufen. Er stellte sich dem Fräulein zur Verfügung, zugleich den fremden, eleganten Herrn begrüßend.

Fast barsch sprach Olga: »Herr Baron Hodenberg wünscht die Brauerei zu sehen. Sie übernehmen die Führung, ein Braubursch folgt uns und schließt hinterdrein ab. Avanti! Darf ich bitten, Herr Baron!«

Hodenberg konnte den Blick nicht abwenden von der graziösen, bezaubernden Gestalt Olgas, ihre Körperreize fesselten seine Sinne in besonderem Maße; doch wenn der Baron den verunstalteten Mund sah, die großen vorstehenden Zähne, mußte er sich zwingen, um den Widerwillen nicht merken zu lassen. Auf die technischen Erläuterungen des Braumeisters achtete Hodenberg in keiner Weise, ihn beschäftigten andre Gedanken. Im nahen Städtchen Landsberg hatte er davon gehört, wie gut situiert Tristners seien, ferner, daß die Tochter eine Schönheit wäre ohne die beklagenswerte Verunstaltung im Oberkiefer, eine geradezu glänzende Partie. Diese Mitteilungen reizten den beschäftigungslosen Baron, der, stetig auf Reisen, jede Gelegenheit ergriff, die Zeit totzuschlagen und dabei, wenn irgend möglich, Umschau nach einer passenden, reichen Braut zu halten. Der Wunsch nach Besichtigung der ländlichen Brauerei war Vorwand, ein Mittel, um mit Tristners in Fühlung zu kommen. Das wird allem Anschein wunschgemäß gelingen; es ist überhaupt vieles völlig nach Wunsch, die Abgeschiedenheit des wirklich fürstlichen Ansitzes, frei von jeder Belästigung, die Leute wahrscheinlich ländlich einfach, beschränkten Sinnes, vielleicht um den Finger zu wickeln und dankbar für die Ehre einer Beachtung seitens eines Barons. Aber des Fräuleins Oberkiefer forderte eine Selbstüberwindung, die ihm noch nicht möglich zu sein schien.

»Fachmann sind Sie, Herr Baron, nicht!« spottete Olga, als sie die Teilnahmslosigkeit Hodenbergs bemerkte.

»Doch, gnädiges Fräulein, das heißt: wir hatten, als wir noch auf hannoverschem Boden seßhaft waren, beim Rittergut eine Brauerei. Ich bin jedoch nicht für die Fabrikation ausgebildet worden, es fehlte an Interesse.«

Olga interessierte sich nun lebhaft für hannoversche Verhältnisse und fragte mit einem Eifer, der für Hodenberg bald lästig wurde und ihn veranlaßte, vom landwirtschaftlichen Thema zur Erörterung der persönlichen Verhältnisse überzugehen. Seufzend erzählte der Baron, es sei ihm leider die liebtraute Heimat verschlossen, sein altes, von Heinrich dem Löwen direkt abstammendes, uraltes Adelsgeschlecht sei untereinander schwer verfeindet, der feudale Besitz mußte verkauft werden. Stetig auf Reisen, sei er nach Bayern gekommen, und nun fahnde er nach einer Gelegenheit, sich in absolut ruhiger Gegend ankaufen und seßhaft machen zu können.

»Wie interessant! Es wäre reizend, wenn Sie sich, Herr Baron, in unsrer Nähe niederlassen würden; freilich wüßte ich nicht, welches Gut verkäuflich sein sollte. Zankstein ist nicht feil, die resolute Benedikte klebt an ihrer Scholle, obwohl – nein, ich will nichts weiter sagen.«

»Ist Zankstein ein Rittergut?«

»Das nicht, ein kleiner Besitz weiter drüben am See, einstöckiger Ansitz, der viel Geld schluckt durch ewige Reparaturen. Benedikte dürfte schon ein ganzes Vermögen in das Gut gesteckt haben und dennoch fast keine Rente herausbringen.«

»Nee, ich danke für solche Kaufgelegenheit!«

»Wäre auch nichts für Sie, Herr Baron! Die Abgeschlossenheit ist zeitweilig zu arg. Vielleicht finden wir etwas Passendes später. Aber nun dürfte es genug sein, in den Malztennen ist nichts zu sehen, der Gärkeller bietet kein Interesse; wenn es angenehm ist, begeben wir uns in die Stallungen . . .«

»Mit größtem Vergnügen, gnädiges Fräulein!«

»Pferde hatten Sie doch jedenfalls auf Ihrer früheren Besitzung?«

»Gewiß, fast konnte man Marstall sagen, Reitgäule und Wagenpferde edelsten Geblütes, im Wirtschaftsbetriebe Pferde Lütticher Schlages, es war herrlich zu schauen, ich vermisse den Marstall schwer, werde noch gemütskrank, wie es Heinrich der Löwe, mein Ahnherr, auch gewesen ist.«

»Was? Heinrich der Löwe, der Gründer Münchens, soll gemütskrank gewesen sein? Herr Baron, das dürfen Sie in Bayern nicht behaupten!«

»Weshalb nicht? Ich muß es doch wissen, ich, der von dem Löwenherzog direkt abstammt!«

»Das will und kann ich nicht bestreiten; aber Heinrich der Löwe war alles andere eher, nur nicht gemütskrank, das weiß ich von der Schule her. Möglich, daß man in Hannover das glaubt, in Bayern gewiß nicht.«

»Wir wollen nicht streiten, gnädiges Fräulein! Wenn es Sie interessiert und Sie mal nach Landsberg, wo ich zur Zeit wohne, kommen, will ich Ihnen meinen Stammbaum zeigen.«

Die Baulichkeiten der Rieder Besitzung waren praktisch angelegt, aneinandergereiht, es trennte nur ein Gartenstreifen das eigentliche Schloß von dem Marstallgebäude, daher gelangte das Paar rasch in die Pferdeställe.

Olga beobachtete ihren Begleiter scharf, doch unauffällig und zeigte ihm Pferde ungarischer Abkunft, sagte aber kein Wort über deren Abstammung.

»Prächtige Tiere, unverkennbar englisches Blut, freilich nicht hochgestellt genug!«

Das Lachen Olgas mahnte den Baron zur Vorsicht; eifrig wischte er sein Monokel mit dem Taschentuch, steckte das Glas ins Auge und versicherte, kurzsichtig zu sein, daher ihm die Verwechslung unterlaufen sei.

Fast schnippisch erwiderte das Fräulein: »Kurzsichtige tragen hierzulande Brillen!«

»Pardon! Ich bin nur auf dem linken Auge kurzsichtig, und bei uns ist das Brillentragen nicht üblich, geradezu verpönt seit . . .«

». . . Heinrich dem Löwen?«

»Das allerdings weiß ich nicht, werde aber im Familienarchiv nachforschen lassen.«

»O bitte, das wäre wirklich interessant, zu erfahren, ob Heinrich der Löwe auch bereits ein Monokel getragen hat.« So ernsthaft und treuherzig blickte Olga bei diesen Worten den Baron an, daß Hodenberg den Spott nicht merkte. Beim Verlassen des Marstalls händigte der Baron dem Personal ein überreiches Trinkgeld ein und erntete dafür begeisterten Dank der überraschten Leute.

Das Paar inspizierte die Spezialität der ehemals fürstlichen Besitzung, die Mastanstalt ungarischer Ochsen mit der praktischen Verwertung der Treber. Hodenberg konnte ungefähr abschätzen, welchen Wert die prächtigen Tiere hatten, und da die von ihm genannte Wertsumme annähernd stimmte, neigte Olga doch wieder zum Glauben hin, daß der Besucher Landwirt sei oder doch gewesen ist und sich im Marstall nur versprochen habe.

Olga führte den Besucher in alle Teile des herrlichen Besitzes, das Treibhaus mußte ebenso genau besichtigt werden wie schließlich der Eiskeller. Dann aber bat das Fräulein, es möge der Baron zur Nervenstärkung ein kleines Frühstück einnehmen, das im Speisesaal bereits ihrer harren dürfte.

Hodenberg nahm die Einladung dankend an und folgte Olga in den Schloßbau, nun überzeugt, daß es nichts Lohnenderes auf Erden geben könne, als in die Familie Tristner und den fürstlichen Besitz einzuheiraten. Zwar schien die Tochter des Hauses außer dem Schönheitsfehler noch zur Bosheit zu neigen, doch die zweifellos enorme Mitgift wiegt noch viel größere Fehler auf, und schließlich braucht der glückliche Gatte Olgas seine Lebenszeit ja nicht auf Schloß Ried zu verbringen. Hodenberg fragte, im Speisesaal angekommen, ob er das Glück haben werde, die übrigen Mitglieder der hochverehrten Familie kennenzulernen.

»Bedaure sehr, Herr Baron, sagen zu müssen, daß Mama infolge ihres Augenleidens nicht empfangen kann. Mein Bruder Theo liegt krank zu Bett, Sie müssen daher schon mit mir vorliebnehmen!«

»Oh, meine innigste Anteilnahme, gnädiges Fräulein! Sie haben nur einen Bruder?«

»Ja! Theo und ich sind die einstigen Erben der langweiligen Besitzung! Doch bitte, es ist serviert, lieben Sie Forellen?« Gewandt und in jeder Bewegung zierlich legte Olga dem Gast vor, goß goldnen Rheinwein in sein Glas und bat, nach Herzenslust zuzugreifen und zu tun, als sei der Baron hier zu Hause.

Diese Liebenswürdigkeit ermunterte Hodenberg zum Wagnis eines sentimentalen Seufzers und dann zum Ausruf: »O welches Glück, hier zu Hause sein zu dürfen!«

Geschmeichelt lächelte Olga, ihr waren Huldigungen ungewohnt, neu und darum süß klingend. »Kommen Sie nur öfter von Landsberg herüber, dann können Sie solches Glück auch öfter genießen!«

»Von Herzen gern würde ich diese entzückende Einladung annehmen, fürchte aber, daß Ihre Angehörigen ein Veto ob der Störung im Hauswesen einlegen werden. Auch würde mir jede Gelegenheit zur Revanche fehlen . . .«

»Ja, nach Landsberg zum Gegenbesuch kann ich nicht kommen! Es muß ja nicht alles Revanche finden. Sie kommen einfach herüber, bleiben so lange es Ihnen gefällt, und fahren zurück nach Belieben. Das Schloß ist groß und hat auch Appartements genug, falls Sie mal ein Stündchen zurückgezogen ruhen wollen.«

»Entzückend liebenswürdig, ich weiß nicht, wie ich danken soll! Doch für heute ist die Störung bereits übergroß, ich bitte, meinen verbindlichsten Dank der gnädigen Frau Mama und dem Herrn Bruder übermitteln zu wollen, mir einen Handkuß zu erlauben und dann Order zum Anschirren meinem Kutscher erteilen zu lassen.«

Ein Viertelstündchen später rollte das Fuhrwerk Hodenbergs auf der Straße durch das Moor zum Städtchen Landsberg. Im Salon tanzte Olga um den Tisch und lachte Tränen über Heinrich den Löwen mit dem Monokel. Der Übermut der Pensionatsbackfischlein regte sich in Olga wieder, die Freude über den Schabernack war groß. Schade, daß man über den Ulk nicht mit anderen Menschen reden konnte. Olga wirbelte aber doch in die Schloßküche und erzählte der alten Christine von dem Baron aus uraltem, gemütskrankem Geschlecht und wie sie ihn verulkt habe.

Wesentlich anders, fast kühl erzählte Olga über den Besuch des Barons aus Hannover der Mama und fügte hinzu, daß der vornehme Herr beabsichtige, sich in der stillen Rieder Gegend anzukaufen. Die Mutter schüttelte das weiße Haupt; solche Absicht war ihr unbegreiflich, sich im Rieder Moor ohne geschäftliche Hintergründe ansiedeln zu wollen, war doch Unsinn. Das stille, schalkhafte Lachen Olgas konnte die fast blinde Frau nicht sehen. Nach einer Weile gab Frau Tristner ihren Gedanken dahin Ausdruck, daß sie sagte, unter Umständen könnte das Erscheinen eines kapitalkräftigen Edelmannes von Bedeutung werden, doch werde es Gott verhüten, daß Theo arbeitsunfähig und die Familie dadurch gezwungen werde, das Besitztum zu verkaufen.

Olga äußerte leichthin, daß ein Wegzug von Ried niemals ein Unglück sein könne, denn ein langweiligeres Nest gäbe es auf Erden nimmer. Übrigens sei es mit Theo nicht gefährlich, es haben sich schon ganz andre Leute Rippen gebrochen, und schließlich könne man ja einen tüchtigen Verwalter anstellen. Es wäre ohnehin für das Geschäft besser, wenn Theo sich weniger im Büro und mehr im Außendienst beschäftigen würde.

»Nein, nein! Die Einstellung eines Verwalters bleibt immer eine gefährliche Sache, ich will einstweilen davon nichts wissen. Das aber ist richtig, das Außengeschäft muß mehr berücksichtigt werden; der Vater selig war fleißig unterwegs und ließ lieber den erprobten Haferditzel im Brauhause arbeiten. – Wie ist denn der hereingeschneite Baron im Wesen und von Gestalt?«

»Oh, Mama, ganz Kavalier, der echte norddeutsche Edelmann aus uraltem Geschlecht, sehr elegant, sein gebildet, sicher im Auftreten. Ich glaube, er ist sehr reich. Dem Stallpersonal hat er mindestens zwanzig Mark Trinkgeld gegeben.«

»Um's Himmels willen! Wie kann der Mensch soviel Geld so leichtsinnig wegwerfen! Sorge dafür, daß der Johann oder wer das Geld empfangen hat, es wieder zurückgibt! Mir die Leute so verwöhnen! Da wäre es kein Wunder, wenn unsre Knechte zu Weihnachten mit den Geschenken unzufrieden würden! Gefällt mir gar nicht, der Baron! Wer so unsinnig Geld wegwirft, hat es nicht ehrlich erworben, kennt den Wert des Geldes nicht!«

»Aber, Mama! Sag doch lieber gleich, der Baron hat das Geld gestohlen!«

»Das kann ich nicht behaupten, ich kenne den Mann nicht, weiß gar nichts. Gelegentlich werde ich aber unseren Freund in Landsberg fragen . . .«

»Den Amtsrichter Thein? Kommt der auch wieder heraus? Na, das kann ein genußreicher Abend werden! Stundenlanger Vortrag über Aktengeschichten, mein Geschmack ist das nicht; mir unbegreiflich, wie ihr, du und der Vater, an dem verknöcherten Aktenmenschen so großen Gefallen haben konntet!«

»Still, Olga! Thein war und ist ein echter Freund unseres Hauses, er hat es bewiesen. Du wirst deine Antipathie bezähmen und unterdrücken, den Amtsrichter mit gebührender Aufmerksamkeit behandeln, verstanden!«

»Jawohl, Mama! Ich werde seine Aufmerksamkeit auf den Baron lenken und Doktor Thein bitten, insgeheim zu recherchieren, ob der Löwenbaron wirklich unmenschlich viel Geld besitzt.«

»Laß den Spott, Olga! Du hast dich meinen Anordnungen zu fügen; noch bin ich am Leben, und hier gebiete ich. Oh, wenn ich nur besser sehen könnte!«

In aufquellender Herzlichkeit umarmte Olga die geliebte Mutter und tröstete sie mit innigen, teilnahmsvollen Worten.

Drittes Kapitel

Benedikte von Zankstein, die Gutsnachbarin der Tristners auf dem Sitz Zankstein im Seemoor, durfte hinsichtlich der Körpergestalt allein schon der personifizierte Gegensatz zur zierlichen Olga Tristner genannt werden. Groß und hoch gewachsen, derbknochig, energisch im Charakter wie in jeder Bewegung und – wieder ein Kontrast: himmelblaue Augen voll süßester Sanftmut dazu, aschblondes Haar, wachsfarbiger Teint und ein Gewimmel von Sommersprossen auf Nase und Wangen, ein ›Segen‹ der Landluft, der auch nicht im Winter weichen wollte und um Weihnachten lediglich etwas bleicher wurde. Benedikte war Waise, reich und geradezu versessen darauf, ihren Grund und Boden auf jegliche moderne Weise zu bearbeiten. Die Wirtschaft auf Zankstein wurde im ganzen Bezirk als mustergültig bezeichnet, doch ebenso war allenthalben bekannt, daß die etwa zweiundzwanzigjährige Gutsherrin schier jeden Pfennig ihrer Vermögenszinsen in das Gut steckte und nahezu mit Unterbilanz arbeitete. Alles war auf Verbesserung eingerichtet und zugestutzt; Benedikte ließ zur Veredelung des Viehbestandes teure Exemplare der Pinzgauer und Simmenthaler Rasse kommen, hielt Milchvieh bester Beschaffenheit und verwertete die Milch im eigenen Betrieb; für Fischzucht interessierte sie sich ebensosehr, doch hieß es trotzdem, daß die Zanksteiner Karpfen ungenießbar seien, weil sie einen moorigen Beigeschmack hätten. Wenn Benedikte von Zankstein ihre Kleider auch nicht gerade vernachlässigte, auf Schmuck und Putz hielt sie nichts, war in ungewöhnlicher Weise sparsam im Kleiderkonto, trug Hüte, die vor drei und vier Jahren in der Hauptstadt modern waren. Doch hatte die Gutsherrin ein edles Herz und Gemüt, sie sorgte für ihre Dienstboten geradezu mütterlich, forderte aber strengste Pflichterfüllung und duldete keine Liebeleien unter ihrem Dache. Das entschlossene Wesen brachte Benedikte mählich in den Ruf eines Mannweibes, das sie aber keineswegs war. An Werbern hatte es nicht gefehlt, doch Fräulein von Zankstein antwortete stets höflich dankend mit einem klaren Nein in der Erkenntnis, daß die Werbung nicht der Person, sondern dem Vermögen gelte. Auf dem elterlichen Gute wollte Benedikte unumschränkte Herrscherin sein und bleiben, sie liebte die heimische Scholle im Moor und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß auf eigenem Grund und Boden ein angeheirateter Mann etwa mit dreinreden oder Änderungen vornehmen möchte. Einen Gatten, der auf Zankstein nichts als der Mann seiner Frau sei, wünschte Benedikte sich nicht, ebensowenig wollte sie den Oberbefehl abtreten. Vom Gute wegheiraten war erst recht nicht ihre Absicht, und unter solchen Verhältnissen konnte es gar nicht anders kommen, als daß Benedikte von Zankstein eine alte Jungfer werden wird. Das sagte sich das Fräulein des öfteren selbst und belächelte vor dem Spiegel den Sommersprossenreichtum. Es muß ja nicht geheiratet werden um einer Versorgung willen, Vermögen wie Grundbesitz ist vorhanden und beglückende Zufriedenheit auch; wozu also ein Sehnen nach Mannesliebe und Kindersegen?

An langen Winterabenden in kirchenstiller Stube fühlte sich Benedikte freilich manchmal etwas vereinsamt, besonders in der Dämmerstunde, welche die Regsamkeit fleißiger Hände unterbrach. Kam aber der Lenz schüchtern in das Moor und wagten sich seine Sendboten zaghaft hervor, da erwachte in des Fräuleins Herz erneut die Freude an Natur und Leben, es verschwanden die trüben Gedanken, der Frühling brachte vermehrte Arbeit und mit ihr die Schaffenslust.

Der Nachbarschaft wegen war die Gutsherrin selbstverständlich Kundin der Rieder Schloßbrauerei, doch in so winziger Weise, daß Benedikte bei der vierteljährlichen Kontobegleichung sich nahezu beklommen fühlte. Im Drange, den geringfügigen Bierbezug entschuldigen zu sollen, war Fräulein von Zankstein an einem Quartalsersten nach Ried hinübergefahren, und dieser Besuch wurde grundlegend für einen etwas intimeren Verkehr zwischen Tristners und Benedikte, die insonders Sympathie für Frau Helene, die wackere Witwe, empfand. Auch mit Olga verkehrte sie gern, nur mißfiel Benedikte der Mangel an Heimatsliebe, die Sehnsucht Olgas nach einer Ortsveränderung. In ihrer resoluten Art hatte die Zanksteinerin es Theo auf den Kopf gesagt, daß der Schloßherr nicht soviel in den vier Pfählen sitzen, sich nicht bei Zigarettenduft und am warmen Ofen verweichlichen sollte. Da Theo sich willig bemuttern ließ, fand Benedikte Gefallen am jungen Schloßherrn, doch blieb der Verkehr durch längere Zeit beschränkt, die Arbeit auf Zankstein nahm die Herrin zuviel in Anspruch.

Die Kunde vom Unfall Theos war über das menschentrennende Moor doch auch nach Zankstein gedrungen, und freundnachbarlich fuhr Benedikte hinüber nach Schloß Ried, im ältesten Wagen und pferdeschonend hübsch langsam. Unter einem vorsintflutlichen Manilastrohhut sah sie fast matronenhaft aus. Eine alte, einst allerdings kostbare Spitzenmantille verhüllte ängstlich die Körperreize. Benedikte hatte beim letzten Blick in den Spiegel vor der Abfahrt hellauf über ihre Erscheinung in solcher Kleidung gelacht und ausgerufen: »Eroberungen werde ich in diesem Aufzug nicht machen! Ist auch nicht nötig!«

Nun humpelte der alte Wagen von klapperdürren kleinen struppigen Pferden gezogen nach Ried, und so mancher Wanderer auf der Landstraße murmelte in Verkennung der wirklichen Verhältnisse ein herbes Wort über die alte Schachtel im alten Karren.

Mutter und Tochter Tristner hießen Benedikte herzlich willkommen und boten nach Landessitte den Nachmittagskaffee mit Kuchen an. Lachend lehnte sie jedoch ab und verwahrte sich gegen die Zumutung, beizutragen zu einer Diskreditierung der Rieder Schloßbrauerei. Nach gut bayerischer Art einen Schluck frischen Bieres mit Schwarzbrot werde sie dankbar annehmen, aber nichts weiter; doch erst müßte, wenn erlaubt, der Kranke besucht und getröstet werden, ihm gelte der Besuch. Benedikte verfehlte aber nicht, sich nach dem Augenleiden der Frau Tristner zu erkundigen, und als Witwe Helene tief seufzte, sprudelte die scharfe Benedikte eine kleine Strafpredigt hervor über übelangebrachte Knickerei in wichtiger Angelegenheit. Auf Zankstein drehe man gewiß jeden Pfennig um, bevor er ausgegeben werde, doch in solchem Falle würden Hunderte von Mark selbstverständlich sofort und willig geopfert, um eine Heilung anzustreben.

Olga stimmte dieser Mahnung eifrig zu und bat, es möge Benedikte in bekannt energischer Weise eingreifen, denn alles Bitten und Reden der Familienangehörigen sei bisher vergeblich geblieben.

»Werde ich gerne tun und heute noch an einen Spezialisten in München schreiben, doch muß ich von Mama Tristner ermächtigt sein!« erwiderte Benedikte und ließ ihre Augen durch die Stube spazieren laufen.

Frau Helene lehnte jede Vermittlung dankend ab wegen der unerschwinglichen Kosten.

»Was? Unerschwingliche Kosten? Im reichen Hause Tristner? Das ist eine geradezu frivole Äußerung! Wie ich sehe, hat man Geld für kostbare Blumenbuketts; man treibt heillose Verschwendung, für die Mutter aber soll kein Geld vorhanden sein?«

Olgas Wangen färbten sich glührot, beschwichtigend hob sie die Hand empor.

Erstaunt rief Frau Tristner: »Wie? In meinem Hause ist niemals Verschwendung getrieben worden! Wir sind einfache Bürgersleute allzeit gewesen und werden es bleiben! Wo sollen kostbare Blumen sein? Gott, wie traurig, daß mein Augenlicht erlöschen will! Olga, woher kamen die Blumen, von denen Fräulein von Zankstein spricht?«

»Ach, ist ja nicht der Rede wert! Baron Hodenberg, weißt du, Mama, der norddeutsche Herr, der vor einigen Tagen uns besuchte, war so aufmerksam, mir die Blumen zu senden!«

»Wer ist das?« fragte aufmerksam werdend Benedikte.

»Wie konntest du solche Geschenke annehmen?« grollte Mama.

»Du lieber Himmel, da ist doch nichts weiter dabei, eine Aufmerksamkeit zum Dank für meine Begleitung. Mir konnte der Herr doch nicht wie dem Kutscher Johann ein Trinkgeld geben! Der Baron revanchierte sich eben durch Blumenspenden!«

»Die Sache gefällt mir gar nicht: in ein einfaches Bürgerhaus passen kostbare Blumenbuketts nicht, auch wäre ein einziger Strauß schon mehr als genug.«

Benedikte erklärte, nun den Kranken aufsuchen zu wollen, und verließ das Gemach.

Gegenüber dem Drängen Mamas um Aufklärung, mußte Olga eingestehen, daß seit dem Besuche Hodenbergs täglich ein Bukett aus Landsberg komme und selbstverständlich aus dem Grunde angenommen werde, weil zu einer Ablehnungsepistel die Adresse des Barons fehle.

»Aber du hättest doch sofort die Annahme verweigern können und sollen!«

»Verzeih, Mama, ich stehe doch nicht Posten am Hausportal! Die Blumen wurden einfach dem Pförtner übergeben und dann mir gebracht, der Bote war längst fort. Ich konnte also die Annahme nicht verweigern.«

»Das muß aber von heute oder morgen ab ein Ende finden! Ich dulde es nicht länger!«

Olga maulte, daß ihr selbst die kleinste Freude und Aufmerksamkeit verwehrt werde in diesem langweiligen Nest und daß der Herr einen netten Begriff von der Rieder Schloßherrschaft bekommen werde, wenn man seine Blumenspende brüsk zurücksende.

»Die Verweigerung braucht nicht auf scharfe Weise zu erfolgen; du schreibst ein höfliches Briefchen, das der Pförtner morgen dem Boten des Barons übergibt. Es schickt sich nicht für ein junges Mädchen, tagtäglich Blumen anzunehmen.«

»Junges Mädchen! Warum denn nicht gleich Baby, das nach der Milchflasche schreit! Es wird immer netter im Schloß Ried! Oh, ich wollte, meine Zeit wäre um und die Erlösung nahe!«

»Dummes Geschwätz! Du wirst wohl warten können, bis ein genehmer Werber vorspricht! Hast wohl Flausen im Kopf? Oder willst du mit dem nächstbesten ›Erlöser‹ gar durchgehen?«

Zornbebend rief Olga: »Unerhört!«, ergriff die Blumensträuße und warf sie zum Fenster hinaus. –

An Theos Krankenlager saß Eugenie, mit einer Stickarbeit beschäftigt, während der Patient den schönen Kopf seiner Pflegerin betrachtete. Auf das Klopfen an der Türe erhob sich Eugenie und schritt der Türe zu, durch deren Öffnung Fräulein Benedikte eintrat, den Blick forschend auf Theo gerichtet.

Der junge Schloßherr guckte verdutzt, erkannte aber das Fräulein von Zankstein alsbald trotz der Vermummung und winkte lächelnd zur Begrüßung.

Benedikte reichte der zierlichen Eugenie die Hand und wandte sich nun zum Kranken: »Lieber Theo Tristner, was machen Sie für Geschichten? Ich hörte gestern von Ihrem Unfall und bin heute da, um meine Anteilnahme auszusprechen! Gott, was haben Sie für eine schauderhafte Luft hier! Alle Fenster geschlossen! Frische reine Landluft ist das Beste auch bei Rippenbruch! Bitte, liebe Eugenie, lüften Sie, und wenn Sie schon durchaus parfümiert sein müssen, nehmen Sie Naturveilchen, die kosten nichts und duften echt; im Moor haben wir massenhaft davon! So, danke! Also der verehrte Schloßherr ist samt Wägelchen umgeworfen worden; wer hat denn kutschiert?«

»Bei Nacht und Nebel der Braumeister! Doch ich muß vorher meine opferwillige Pflegerin verteidigen! Eugenie ist am Parfüm völlig unschuldig, das Parfüm kommt auf mein Konto, es ist englisches crap apple, mein Lieblingsduft!«

»Freut mich für – Eugenie! Ein parfümierter Mann – Geschmackssache! Ein Glück, daß Sie nicht mein Mann sind, lieber Herr Tristner, die crap apple-Liebe würde ich Ihnen gründlich austreiben. Nun, wie fühlen Sie sich? Geht die Heilung normal vorwärts? Was sagt der Doktor? Sie haben doch den alten Hausarzt von Landsberg?«

»Nein, Fräulein Benedikte, der Eile wegen wurde in jener Nacht der Doktor Freysleben geholt, und natürlich blieb ich in seiner Behandlung.«

»So? Junger Mann, kurze Praxis, nicht mein Fall! Doch das ist Ihre Sache! Kann ich irgendwie dienen, etwas an Hausmitteln besorgen? Bitte, verfügen Sie über mich! Die alte Schachtel von Zankstein übt nachbarliche Freundschaft gern!«

»Aber, Fräulein Benedikte! Wie können Sie nur so was sagen?«

»Na, lieber Herr Theo, sehe ich vielleicht nicht wie 'ne alte Schachtel aus? Hier die Mantille, ehrwürdiges Alter, sage ich Ihnen, hat meine Mama in jungen Jahren getragen. Und mein Strohhut, respektable Antiquität, paßt wunderbar zur alten Jungfer Zankstein!«

Theo lachte: »Da hört sich doch alles auf! Ich habe zwar Ihren Taufschein nicht gelesen, weiß aber, daß Sie um gut vier Jahre jünger sind als ich, und meine Wenigkeit zählt erst sechsundzwanzig Jährchen.«

»Ja, mein lieber Theo Tristner, das wäre an sich ganz richtig, aber Sie haben meine Sommersprossen nicht mitgezählt, je hundert geben ein Jahr mehr, also zähle ich etwa zweiundfünfzig Lenze, bin daher mit Fug und Recht eine alte Schachtel! So, nun ist genug geplaudert, ich sehe, die Pflege ist gut, verlieben Sie sich nicht in die barmherzige Schwester Eugenie, bedenken Sie, daß Spitalflammen nicht geheiratet werden dürfen; werden Sie bald gesund, und erhalten Sie mir Ihr geneigtes Wohlwollen, womit ich die Ehre habe, mich Euer Gnaden gehorsamst zu empfehlen!« So drollig ernst brachte Benedikte das heraus, der Schalk lachte so schelmisch aus den himmelblauen Augen, daß Fräulein von Zankstein in das herzliche Lachen Theos und Eugeniens einstimmen mußte.

Theo dankte innig für den Krankenbesuch und versprach, seine erste Ausfahrt nach Zankstein zu machen.

»Bravo, lieber Theo, aber mit meinem Fuhrwerk! Meine Bummerln schmeißen niemals nicht um und sind für jedes Haferkörnel dankbar. Apropos, kennen Sie einen Baron Hodenberg in Landsberg?«

Theo verneinte, worauf sich Benedikte von beiden verabschiedete und das Krankenzimmer verließ.

»Bitte, liebe Eugenie, schließen Sie die Fenster wieder! Nein, wie man sich nur so altmodisch kleiden und absichtlich entstellen kann. Ist trotz Sommersprossen und vierschrötiger Gestalt ein sympathisches Wesen, jung und reich, freilich etwas resolut. Habe nicht gewußt, daß Benedikte Zankstein auch Witze macht. ›Spitalflamme!‹ Fühlen Sie sich nicht beleidigt, liebe Eugenie?«

»Durchaus nicht, Herr Tristner! Das Fräulein von Zankstein sprach nur die Wahrheit: Spitalflammen können nicht geheiratet werden!«

»Sie sagen das so ernst und wehmütig! Ist Ihre Hand wirklich nicht erreichbar?« fragte innigen Tones Theo, dem es warm im Herzen wurde.

…Ich glaube, der Arzt kommt! Bitte, entschuldigen Sie mich für ein Weilchen, ich muß nach Frau Mama sehen!« antwortete hastig Eugenie und schritt hinweg.

»Sie weicht meiner Werbung aus! Sollte ein Hindernis bestehen, das sie nicht offenbaren will?« flüsterte Theo und grübelte dann über dieses Thema weiter.

Im Speisesaal saßen die Damen beieinander. Benedikte nahm einen kräftigen Schluck des vortrefflichen Rieder Bieres, lehnte aber eine zweite Füllung des Glases ab. Inmitten des Gespräches wurde von einem Dienstmädchen der Baron Hodenberg gemeldet, und Olga wurde krebsrot im Gesicht.

»Der Wolf in der Fabel!« rief Benedikte, »sehr interessant, will mir den Herrn näher betrachten. Laden Sie ihn doch zum Kaffee ein, liebe Olga!«

Der blinden Mama war es ganz angenehm, daß die gutsehende Zanksteinerin den Besuch überwachen wollte; Frau Helena gab daher ihre Zustimmung, und Olga ging dem Besucher entgegen.

Baron Hodenberg, der einen großen Blumenstrauß trug, ward beim Anblick der Damen stutzig, scheu blickte er insbesondere auf Benedikte, deren Aussehen verblüffen mußte. »Ach, sehr überrascht – große Ehre – die gnädigsten Damen wollen geruhen, mich im Familienkreise zu empfangen – lege mich den verehrten Damen zu Füßen – ach – gnädiges Fräulein wollen die Gnade haben und diesen Blumen Obdach und etwas Wasser gewähren – gehorsamster Diener – Baron Hodenberg aus Hannover, der Letzte eines alten Geschlechts!« Der junge Mann überreichte Olga das Bukett, schritt dann auf Frau Tristner zu und küßte der blinden Dame ehrerbietig die Hand.

Wenn nun Benedikte die Sprechweise Hodenbergs unsympathisch fand, der junge Mann gefiel ihr, vielleicht sein flachsblonder Typus, gewiß aber sein Auftreten, welches stark zur Sprache kontrastierte. Benedikte fand die Sprechweise manieriert, fast wollte es ihr dünken, die Redensarten seien eingepaukt, sie waren nicht in Einklang mit den Körperbewegungen, dem Auftreten selbst zu bringen. Mit jähem Griff entfernte Fräulein von Zankstein das Monstrum von Strohhut und forderte durch einen Augenwink Olga auf, die Formalität der Vorstellung zu erledigen.

Das war rasch geschehen, doch weniger schnell vermochte der Baron der Überraschung darüber Herr zu werden, daß die altgeglaubte Dame nun durch die Hutentfernung in ein junges, aschblondes Fräulein aus adeligem Hause verwandelt war. »Ach, sehr erfreut!« stammelte Hodenberg.

Belustigt lachte Benedikte auf: »Glaub ich gerne, Baron! Ist meinerseits Vorspiegelung falscher Tatsachen gewesen, belieben sich zu überzeugen, daß ich eine – junge Schachtel bin, nur die Mantille weist ein ehrwürdiges Alter auf, auch der Strohhut, den ich Ihnen zu Ehren abgenommen habe.«

Frau Tristner bat den Besucher, mit einer bajuvarischen Jause vorlieb zu nehmen, es könne jedoch auch Kaffee oder Wein gereicht werden. »Olga, walte deines Amtes! Mich bitte zu entschuldigen, ich entbehre des nötigen Augenlichtes! Herr Baron finden Gefallen an unserm Besitztum?«

Olga ging zur Besorgung der Jause hinweg und nahm den kostbaren Blumenstrauß mit.

»Ein fürstlich Heim, um das die Herrschaft wahrlich zu beneiden ist. Habe, ach, nicht geglaubt, daß sich fern von den Verkehrsadern solch herrlicher Besitz befinden würde. Und alles in mustergültigem Betrieb!«

Frau Tristner hielt den Kopf in die Richtung, in der sie den Gast vermutete, sehen konnte sie ihn ja nicht, und horchte um so angestrengter. Als nun Hodenberg schwieg, meinte die Matrone: »Zu viel des Lobes, mein Herr! Wenn Sie eine Musterwirtschaft sehen wollen, müssen Sie Zankstein besuchen, das Gut unsrer Freundin, Fräulein von Zankstein!«

»Ach, noch besserer Betrieb? Wunderbar! Das Moor bietet eine Überraschung nach der andren!«

Nun wehrte Dikte energisch die Lobpreisung ihres Besitzes ab. Ein Besuch sei ihr zwar angenehm, müßte aber dem Gast eine heillose Enttäuschung bringen, denn ihr Moorgütl sei ein Schluckbesitz.

»Schluckbesitz? Pardon, gnädiges Fräulein, was ist das?«

»Ein Gut, das Geld schluckt und nichts abwirft.«

Das Gespräch drehte sich ein Weilchen um dieses Thema, und Fräulein von Zankstein amüsierte sich über die zunehmende Verblüffung Hodenbergs, der nicht begreifen konnte, daß man Bargeld fortwährend in ein unrentables Gut stecke. Sodann sprach der Baron aber so warmfühlig über die Liebe zur heimatlichen Erde, daß Dikte ihn geradezu lieb gewann und herzlich zu Gaste lud.

Olga kam just in diesem Augenblick, gefolgt von einem Mädchen, das die ländlich einfache Jause brachte. Ob der herzlich gesprochenen Einladung seitens Diktens empfand Olga ein Unbehagen, das sich rasch zur Eifersucht steigerte, denn der Baron nahm die Einladung mit begeistertem Dank an und pries sich glücklich, Zutritt in so hervorragende Familien finden zu können. Der Süden unterscheide sich in dieser Hinsicht vorteilhaft vom kühlen Norden.

So viel und eifrig sich Olga bemühte, zu Wort zu kommen, es konnte ihr nicht gelingen, da Fräulein von Zankstein den Baron immer wieder ins Gespräch zog und nicht müde wurde, sich über Sitten und Gebräuche im Hannoverschen Lande berichten zu lassen. Es mußte sich Olga gedulden und zum Zuhören zwingen; in der Seele aber regte sich Eifersucht und Haß zugleich; ihr gehörte der Baron und sein Besuch, Dikte war Gast und hatte kein Recht, ihr den galanten Kavalier wegzuangeln. Seit Jahr und Tag fand niemand den Weg zum langweiligen Schlosse Ried, und nun ein Edelmann gekommen und bestrebt war, der Tochter des Hauses Aufmerksamkeiten zu erweisen, wollte die sommersprossige Nachbarin dazwischentreten und den Baron kapern. Das empfand Olga für ebenso unschön als lächerlich; Dikte sollte nur bei ihren Kohlköpfen hocken bleiben und als lebendige Vogelscheuche wirken, nicht aber ganz unvermittelt auf Männerfang ausgehen. Unschön war es aber auch vom Baron, daß er nun alle Aufmerksamkeit der Zankstein weihte, fahnenflüchtig wurde. Ob der Löwenbaron etwa bei Dikte mehr Geld vermutete? Oder will er nur flirten, die Vogelscheuche zum Narren halten?

Fräulein Benedikte legte inmitten der lebhaften Unterhaltung die alte Mantille ab. Nun zeigte sich, welch herrliche Büste das Edelfräulein besaß. »Ich weiß nicht, ist mir im anregenden Gespräch so warm geworden, oder ist es heiß hier?«

Gereizt rief Olga: »Wir haben hier nie mehr als vierzehn Grad Reaumur! Bei so lebhafter Konversation wird einem allerdings warm!«

»Ach bitte, nur keine Differenz, meine Damen! Ich will auch nicht länger stören und lege den Herrschaften meinen gehorsamsten Dank für gnädigen Empfang wie für gastfreundliche Bewirtung zu Füßen.« Hodenberg erhob sich, mit ihm die Damen.

Es kostete Frau Tristner einen kleinen Kampf, die von den jungen Leuten sicherlich erwartete Einladung für Besuchswiederholung auszusprechen, den Baron um sein Wiederkommen zu bitten. Ein undefinierbares Etwas im Ton Hodenbergs wollte der blinden Frau nicht gefallen, doch vermochte sie sich über ein wachgerufenes Mißtrauen keine Rechtfertigung zu geben. Die peinliche Stille wirkte beklemmend; Frau Helene fühlte, daß die Blicke der jungen Leute auf sie gerichtet waren, sie mußte ein freundlich Wort sagen, zumal sonst ein Riß in der Freundschaft zwischen Olga und Benedikte klaffen würde. So zwang sich Frau Tristner zu einer Einladung, und dankbar küßte Hodenberg ihr die Hand.

Fräulein von Zankstein wollte keinen Mißton hinterlassen, sie bat Olga und den Baron um baldigen Besuch aus Zankstein, und zwar gleich für morgen nachmittag, ob schön ob Regen, in so gewinnend herzlicher Weise, daß Olga sich versöhnt zeigte und zusagte. »Brav! Sie, lieber Baron, kommen selbstverständlich auch und mit Blumen für Fräulein Tristner, nicht aber für mich, verstanden? Dagegen werde ich zur Beruhigung Mamas Tristner alle Pflichten der Gardedame übernehmen und peinlichst genau erfüllen, an antiken Kostümen hierzu fehlt es mir bekanntlich nicht! So, nun rasch die Mantille umgehangen, Strohhut auf das Denkerhaupt gestülpt – habe die Ehre, mich allseits bestens zu empfehlen. Auf Wiedersehen morgen nachmittag auf Zankstein!« Lachend küßte Benedikte die blinde Witwe, reichte Hodenberg und Olga die kräftige Patschhand und eilte in den Schloßhof, wo sie energisch nach ihrem Kutscher rief. Olga begleitete Hodenberg zum Portal, und auf diesem kurzen Wege nützte der junge Herr die Gelegenheit, um zu fragen, ob das Fräulein von Zankstein immer so originell sei.

Flüsternd erwiderte Olga: »In gewisser Beziehung absonderlich, ja, heute aber auffallend inkonsequent und intolerant!«

»Um so fester werde ich bleiben, wenn Sie es mir erlauben wollen!« sprach gedämpften Tones Hodenberg und drückte Olgas Hand. »Werden Sie, gnädiges Fräulein, morgen nach Zankstein kommen?«

»Erscheinen Sie, Herr Baron, gewiß?«

»Wenn Sie kommen, sicher!«

»Ja!«

»Innigen Dank! Auf Wiedersehen in Zankstein!« flüsterte Hodenberg und jubelte im Innern, als er den leisen Händedruck Olgas verspürte.

Inzwischen rollte Benediktens »Arche Noah« aus dem Schloßhofe; das Paar winkte freundliche Grüße. Als dann auch der Wagen Hodenbergs abfahrbereit an der Freitreppe vorfuhr, nahm der Baron vom Schloßfräulein Abschied – ein rasches Versenken der Blicke ineinander, ein nochmaliger Händedruck –, flink stieg er in den Wagen, und im flotten Trab ging es hinweg.

»Nun intrigiere so viel du willst, neidische Zanksteinerin!« murmelte Olga und begab sich zurück zu Mama, die wartend in der Stube stand.

»Darf ich dich auf dein Zimmer führen, Mama?« fragte Olga.

»Wenn ich den Mann nur sehen könnte! – Ja, führe mich auf mein Zimmer, und schicke mir dann Eugenie; die soll mir einen wichtigen Brief schreiben!«

»Kann das nicht ich besorgen, Mama?«

»Nein!«

Einigermaßen ob dieses Mangels an Vertrauen verletzt, schwieg die Tochter und führte Mama die Treppe hinauf.

Frau Helene saß in ihrem breiten Lehnstuhl und diktierte Eugenie den Brief an einen der Augenärzte Münchens mit der Bitte um baldiges Erscheinen und Untersuchung der kranken, wahrscheinlich unheilbaren Augen.

»Wir wollen doch die Hoffnung nicht aufgeben, Frau Tristner!« meinte, das Diktat unterbrechend, Eugenie warmen Tones.

»Bitte schreiben Sie nach meiner Angabe!« erwiderte bestimmt die Witwe und diktierte den Brief zu Ende. »Und nun schreiben Sie einen zweiten Brief an die Annoncenexpedition in Berlin und setzen Sie ein Inserat auf, in dem für die Verwaltung eines Schloßgutes und damit verbundener Brauerei in Bayern eine absolut tüchtige kaufmännisch gebildete Persönlichkeit gesetzten Alters mit feinsten Referenzen gesucht wird. Brausachkenntnisse nicht absolut nötig. Vermittler ausgeschlossen, Zeugnisse im Original werden prompt zurückgegeben. Persönliche Vorstellung im Falle vorzüglicher Referenzen unnötig.«

»Sie wollen einen Verwalter anstellen?« rief überrascht Eugenie aus.

»Zunächst soll der Versuch mit einem Inserat gemacht werden.«

»Ja, aber es wird doch in absehbarer Zeit Herr Theo wieder dem Büro vorstehen können?!«

»Ich hoffe auf baldige Wiederherstellung meines Sohnes; ist er so weit, dann muß er sich dem Geschäft im Außendienst mehr widmen, wir wollen es halten, wie zu Zeiten seines Vaters; das alte Rezept ist das bessere. Finde ich einen passenden Verwalter, so soll dieser den Bürodienst und die Leitung der Ökonomie übernehmen.«

»Wird sich Herr Theo nicht zurückgesetzt fühlen? Der junge Herr führte die Geschäftsleitung bisher doch zur Zufriedenheit, nicht?«

»Ich wünsche eine Geschäftsführung nach Vaters Muster; diese ist erprobt. Das Zimmerhocken Theos taugt nichts, verweichlicht den jungen Menschen völlig und bringt mehr Schaden im Geschäft draußen. Bitte schreiben Sie! Mißlingt der Versuch, so will ich in München annoncieren.«

»Unmaßgeblich möchte ich sagen, es dürfte überhaupt besser sein, in Münchener Zeitungen den Posten auszuschreiben. Für Ried paßt unbedingt ein Verwalter süddeutscher Abkunft eher denn ein Norddeutscher.«

»Das ist richtig! Gut, also inserieren wir in Münchens größter Zeitung.«

»Jawohl!« Gehorsam schrieb Eugenie und unterzeichnete »für Frau Tristner, Witwe«.

»Danke! Und nun bitte ich Sie, meinen Kindern von diesen Briefen nichts zu sagen und die Briefe persönlich am Postschalter abzugeben, der Diskretion halber.«

Viertes Kapitel

Der Rundgang durch die Besitzung Zankstein war beendet, Fräulein Benedikte führte die Gäste, die fast gleichzeitig in ihren Wagen angekommen waren, in das altväterlich möblierte, doch recht trauliche Wohngemach, wo der versprochene Imbiß der Gäste harrte.

Olga war in trefflichster Stimmung, nicht minder aufgeräumt Baron Hodenberg, dem nur die Wahl schwer fiel, falls er zwischen den jungen Damen entscheiden sollte. Hat Olga Tristner den Schönheitsfehler im Gebiß, eine lästige Zugabe bei Benedikte von Zankstein sind die Sommersprossen. Vermögend ist Olga, dito Dikte, letztere vielleicht die bessere Partie, weil Besitzerin eines schuldenfreien Gutes und wie es heißt, eines stattlichen Vermögens, ohne Anhang; könnte dem Fräulein von Zankstein abgewöhnt werden, alles Geld in das Gut zu stecken, müßte die Wahl auf ihre stattliche Persönlichkeit fallen. Die Marotte, alte Kleider aufzutragen, müßte dem Fräulein gleichfalls abzugewöhnen sein. Doch so weit ist man noch nicht, sagte sich Hodenberg und widmete alle Aufmerksamkeit den Damen.

Beim Anblick der Sektgläser rief Olga erstaunt: »Aber Dikte, was soll denn das heißen?«

Auch Hodenberg guckte überrascht.

»Auf Zankstein bekommt man doch ausgezeichnete Milch!« setzte Olga hinzu.

»Sekt kommt mich billiger!« erwiderte trocken Benedikte und bat Hodenberg um Öffnung der Flasche.

»Zu dienen! Gnädiges Fräulein treiben Verschwendung am hellichten Tage!«

»Durchaus nicht! Für die Gäste die beste Marke! Milch käme mich teurer zu stehen, Zankstein wirft noch immer nichts ab, ist ein Schluckgut; aber mit der Zeit werde ich siegen, und dann wird Zankstein den Fürstensitz Ried überholen. Nun bei schäumendem Glase willkommen auf Zankstein, Prosit!«

Die Kelche klangen aneinander; der gut gekühlte Champagner erzeugte eine prächtige Stimmung.

Hodenberg glaubte, den Ausspruch vom billigeren Sekt paradox nennen zu sollen.

»Durchaus nicht, Baron! Entspricht der Wahrheit! Ist übrigens nicht auf meinem Grund gewachsen, das Diktum entstammt dem Munde des unvergeßlichen Heinrich Vogl, der zu Lebzeiten so lange seine Groschen in das Gut Deixlfurt steckte, bis es endlich mit zwei Prozent rentierte. Der Unvergeßliche gab seinen Besuchern Sekt lieber als die teuere Milch.«

»Heinrich Vogl – hm – habe nie Gelegenheit gehabt!« meinte Hodenberg.

»Wie?« rief belustigt Fräulein von Zankstein aus.

»Wo stand sein Gut mit dem sonderbaren Namen? Was war der Mann sonst? Nur Gutsbesitzer bürgerlicher Abkunft?«

»Aber, Herr Baron!« mahnte Olga, der es peinlich wurde, daß ihr Verehrer von Heinrich Vogl, dem Meistersinger, keine Ahnung hatte.

Zu Fräulein Tristner gewandt, beteuerte Hodenberg, von genanntem Herrn wirklich bisher nichts gehört zu haben; es sei aber unzweifelhaft sehr interessant, daß jemand Sekt billiger denn Milch finde. Ob aber ökonomisch in höherem Sinn, bleibe allerdings fraglich.

Etwas maliziös fragte Benedikte: »Opernfreund sind Sie wohl nicht?«

»Ach gewiß! Der ›Zigeunerbaron‹ zum Beispiel hat mir trotz des einigermaßen befremdlichen Titels recht gut gefallen. Gestatten Gnädigste, einen Schluck der Dankbarkeit für so liebenswürdige Gastfreundschaft!«

»Ich schließe mich an!« rief Olga, froh über den Themawechsel.

»Sehr verbunden! Füllen wir die Gläser! Sie sind aus Hannover, Baron?«

»Ja, wir sind Welfen, mein Ahnherr ist Heinrich der Löwe.«

»Ah! Ein interessanter Stammbaum!«

»Jawohl, wir sind ein jahrhundertealtes Adelsgeschlecht, von Heinrich dem Löwen in direkter Folge abstammend, seit alten Zeiten befreundet mit altberühmten Geschlechtern.«

Olga bat den auf Löwenheinz so stolzen Baron um frische Füllung ihres Glases. »Sind Sie, Herr Baron, sich schon wegen einer Seßhaftmachung in hiesiger Gegend schlüssig geworden?«

»Nein, Fräulein Tristner! Ich trage zwar meine Kapitalien flüssig bei mir, doch konnte ich ein passendes Gut noch nicht finden.«

»Ihr ganzes Vermögen tragen Sie bei sich?« rief nun besorgt Olga, der ein solcher Leichtsinn ungeheuerlich erschien.

Auch Benedikte war sehr überrascht.

»Die verehrten Damen scheinen darob zu staunen; bedenken Sie, daß ich stets auf Reisen bin, in Hotels wohne, so werden Sie es begreiflich finden, daß ich mein Geld am sichersten bei mir selbst habe. So kann ich zu jeglicher Stunde disponieren, hänge auch nicht von Bankformalitäten ab, kann mich unbehindert bewegen, jeden Augenblick abreisen; das sind Vorteile, welche die Depotsicherheit unbedingt überwiegen.«

Benedikte als praktische Wirtschafterin schüttelte den Kopf. Und Olga konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß sie für ihre Person nicht schlafen könnte in der Nacht vor Angst und Sorge um das Vermögen.

»Oh, man gewöhnt sich auch daran! Das Portefeuille kommt unter das Kopfkissen, auf dem Nachttischchen liegt der geladene Revolver, ich habe einen leisen Schlaf – ein Dieb würde unfreundlich empfangen werden und wahrscheinlich das Leben verlieren, ha! Ich verstehe da keinen Spaß!«

Selbst der resoluten Benedikte gefiel diese scherzhaft sein sollende Bemerkung nicht besonders, sie mußte unwillkürlich an eine Art Menschenjagd denken, und ohne daß sie es recht wollte, sprach sie diesen Gedanken aus.

Hodenberg ward verlegen und schwieg.

»Nun haben wir uns richtig die Stimmung verdorben, und auch das Wetter will umschlagen, wir werden in einigen Tagen die um diese Zeit übliche Überschwemmung mit ihren Unannehmlichkeiten durchzumachen haben.«

»Oh, dann erhebt sich die Langeweile in Schloß Ried zur dritten Potenz!« klagte Olga.

»Pardon, Fräulein von Zankstein, bringt diese Überschwemmung nicht totale Verkehrsstörung, Abschließung der Seeorte von der Eisenbahn, Post und dergleichen mit sich?«

»Gewiß, Baron, auf zwei bis drei Wochen ist der Verkehr auf der Straße durch das Moor unmöglich. Zu Wasser kann man fahren, häufig bis zu den Häusern heran, und das Landen ist dann mit einigen Schwierigkeiten verbunden.«

»Das möchte ich aus eigener Anschauung kennenlernen!« rief Hodenberg, »eine solche Überschwemmung ist mir etwas Neues!«

»Nun, dann dürfen Sie, Herr Baron, nur bei uns im Schlosse Wohnung nehmen! Ich fürchte jedoch, Sie werden diesen Entschluß bald bereuen; die Langweile ist fürchterlich!« erwiderte Olga.

»Mit nichten, gnädiges Fräulein! Mit höchster Erlaubnis wird ja doch der Verkehr mit – den Schloßbewohnern möglich sein, und der Umgang mit gnädigem Fräulein gewährt Anregung, Freude und Unterhaltung in vollstem Maße!«

Benedikte verhielt sich reserviert; das Gebaren des Barons wies Widersprüche und Sonderbarkeiten auf, die ihr zu denken gaben. Sollte der doch noch junge Herr ein Sonderling oder geistig nicht völlig normal sein? Ein Vermögen stündlich am Körper herumzutragen, ist unbedingt verrückt; die Sehnsucht nach Abgeschlossenheit und absoluter Einsamkeit krankhaft, die Protzerei mit der Abstammung von Heinrich dem Löwen entweder gleichfalls krankhaft oder lächerlich und dumm.

Je kühler Benedikte sich zeigte, um so lebhafter ward Olga im Bestreben, dem Baron zuzureden, baldigst nach Ried zu übersiedeln. Es drängte Olga zum Aufbruch, sie prophezeite den Beginn der Überschwemmung schon für den nächsten Tag, daher eilige Heimkehr nötig sei.

Trotzdem die Übertreibung geradezu handgreiflich war, widersprach Benedikte nicht; sie freute sich ordentlich, den jungen Sonderling aus dem Hause zu wissen, hingegen hielt Fräulein von Zankstein es für Pflicht, Olga zu warnen. »Wird es nicht gut sein, wenn vorher Mama Tristner verständigt wird?«

Olga war aufgestanden und griff nach Tuch und Schirm; leichthin erwiderte sie: »Oh, Schloß Ried hat mehr als genug Raum, es ist ja der ganze zweite Stock unbewohnt! Mama wird nichts dagegen einzuwenden haben, und einmal wird in der Überschwemmungszeit auch mir eine nette Unterhaltung zu gönnen sein!«

»Wie's beliebt! Mich hat es ja nichts weiter zu kümmern! Wird auch Theo nicht gefragt werden?«

»Aber, liebste Benedikte! Gewiß werden Mama und Theo verständigt, das ist doch selbstverständlich. Nun besten Dank für freundliche Bewirtung. Ich werde anspannen lassen.«

Dikte schickte ein Mädchen zu den Kutschern und geleitete ihre Gäste vor das Haus.

Vom nahen See her tönte Wogenrauschen, durch vielfache Zuflüsse vom Gebirge her wuchs das Wasser, der Spiegel stieg, es züngelten die Wellen über das alte Seebett hinweg, die wachsende Flut ergoß sich in den Moorgrund. Trostloser, doch warmer Regen quoll stetig vom grauen Firmament, die Schneeschmelze im Hochgebirge beschleunigend, hochgeschwollen kamen die Bäche herab und führten entwurzelte Bäume, Triftholz, Strauchwerk im tanzenden Chaos in den See.

Zuvorkommend brachte Baron Hodenberg Olga an ihren Wagen, verabschiedete sich dann nochmals von Fräulein von Zankstein und fügte hastig die Bitte bei, es möge ihm nichts verübelt werden, denn er sei gemütskrank.

Dieses Eingeständnis verwandelte das Mißtrauen sogleich in Anteilnahme, Dikte wünschte von Herzen baldige Besserung und verabschiedete sich in liebenswürdigster Weise.

Wie toll jagte das Gefährte Hodenbergs auf der Straße gen Ried, es schien, als wollte der Baron Olga einholen.

Benedikte blickte dem Wagen ein Weilchen nach, zuckte dann die Achseln und ging in das Haus zurück.

*

Eine schlammgelbe Flut stand im Moor; so weit das Auge sah, war alles in der Niederung überschwemmt, das trübe Wasser reichte bis zu den Häusern des Dorfes Ried heran, überflutet war die Straße nach der Bahnstation Landsberg; nur die Spitzen der Binsen und Riedgräser ragten aus der schmutzigen Flut empor, demütig sich neigend, wenn vom weiten See neue Wogen sich in den Moorgrund ergossen. Stetig stieg die gelbbraune Flut, die Notstege längs der Straße, die den Fußgehern an tiefen Stellen den Verkehr ermöglichen sollen, standen im Wasser und waren überschwemmt, jegliche Verbindung war abgeschnitten, die böse Zeit der Isolierung Rieds wie andrer Orte im Seedistrikt war angebrochen.

Ein letztes Mal wurde es versucht, von der Brauerei Ried Frachten mit vorgespannten vier oder sechs Pferden auf der aufgeweichten Straße durch die Flut zur Bahnstation zu bringen. Doch in der Niederung wateten die Rosse bereits bis an die Brust im Wasser, die schwere Last hemmte, die Gefährte blieben stecken. Vom Schlosse wurde Hilfe mit weiterem Vorspann nachgeschickt; mühsam brachten die bis an die Achseln in der Flut stehenden Knechte die Pferde vor, schirrten an, und mit vereinten Kräften gelang es, einen Bierwagen durchzubringen. Reitend kamen die Knechte mit den abgehetzten Pferden von der Bahn zurück, die mühevolle Arbeit wurde nochmals versucht, ein zweiter Wagen fortgeschleppt, von acht Pferden gezogen. Dann hatte es ein Ende. In der Dämmerung konnte der Heimritt nicht gewagt werden, es mußten Pferde und Knechte samt den Wagen im Städtchen verbleiben. Die Verkehrsunterbindung bringt der Schloßbrauerei fühlbaren Schaden in jedem Frühjahr, das eine Mal durch längere Dauer der Überflutung mehr, ein andermal weniger; auf eine Verkehrsstörung von einigen Tagen müssen Tristners immer gefaßt sein. Menschliche Kraft kann diese Verhältnisse im Moorgebiet nicht ändern.

Baron Hodenberg war durch dringende Geschäfte verhindert worden, wie beabsichtigt, schon am nächsten Tage nach Ried zu übersiedeln; zwölf Stunden hatten jedoch genügt, die Niederung unpassierbar zu machen. Der Fuhrwerksbesitzer in Landsberg weigerte sich, Pferde und Wagen für eine Fahrt durch das Überschwemmungsgebiet herzugeben, er verblieb bei seiner Weigerung trotz der von Hodenberg angebotenen dreifachen Überzahlung des Fahrpreises. Fort und speziell nach Schloß Ried wollte der Kavalier unter allen Umständen, sein Herz drängt ihn zu Olga, Geld spielt bei ihm keine Rolle, kurz entschlossen kaufte er zwei Pferde nebst einem leichten Steirerwägelchen zu sehr hohem Preise, verstaute von seinem massenhaften Gepäck einen eleganten Koffer auf dem Gefährte und fuhr eigenhändig, begafft von der halben Bevölkerung des Städtchens, die den wagehalsigen eigensinnigen Baron für verrückt erklärte.

Durchnäßt, doch heil kam Hodenberg glücklich durch die Flut und landete vor Schloß Ried. Hatte der junge Kavalier einen freudigen Willkommen erwartet, so sah er sich enttäuscht, Olga kam nicht zum Empfang, auch sonst niemand von der Familie Tristner. Lediglich der Pförtner sprang herbei und erkundigte sich nach dem Begehr des Barons.

»Ist das gnädige Fräulein zu sprechen?« fragte der enttäuschte Baron.

Der Portier gab Auskunft, daß die Damen mit Ausnahme der alten Frau Tristner unten im Dorf bei den Rettungsarbeiten seien.

Hodenberg atmete befreit auf, übertrug dem Mann die Sorge um die Pferde und eilte in das nahe, im unteren Teile völlig überschwemmte Dorf. Die Damen überwachten die Bergung von Vieh und Hausrat aus den von den Fluten bespülten Häusern und dirigierten die Brauburschen an besonders bedrohte Wohnstätten. Olga rief dem heraneilenden Hodenberg herzlichen Willkomm zu, die zierliche Eugenie begnügte sich mit höflichem Kopfnicken.

»Sie sind also doch gekommen, Herr Baron, das freut mich!« erwiderte Olga und reichte Hodenberg die Hand.

Hastig erzählte der Baron von den Schwierigkeiten dieser Übersiedlung und seiner Fahrt durch das Überschwemmungsgebiet. Die gekauften Pferde seien einstweilen in der Schloßstallung eingestellt.

»Herr Baron, Sie werden bei uns wohnen, Mama ist verständigt, wird aber nicht zu sprechen sein, da der gestern gekommene Augenarzt mit der Untersuchung ihrer Augen beschäftigt ist und jeglichen Besuch oder Störung verboten hat.«

»Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Kann ich mich unter Ihrem Oberbefehl hier irgendwie nützlich machen?«

»Danke, nein, zur tatkräftigen Hilfe genügen unsre handfesten Brauburschen vollauf, hingegen steht es in Ihrem Belieben, dem Bürgermeister für die schwer heimgesuchte Dorfbevölkerung eine Spende zu verabreichen. Der Dank aller und auch meiner Wenigkeit wird Ihnen sicher sein!«

»Mit Freuden werde ich dieser Mahnung Folge leisten! Darf ich vielleicht bitten, mich zum Bürgermeister zu führen?«

Eugenie verabschiedete sich, als das Paar auf die Suche nach dem Vorsteher ging. In seiner Freude, nun doch im Schlosse untergebracht zu sein, spendete Hodenberg einen wahrhaft fürstlichen Betrag für die Überschwemmten, worüber Olga in helles Entzücken geriet und in herzlichster Weise dankte.

In lebhafter Unterhaltung kehrte das Paar ins Schloß zurück, wo Olga sich beeilte, dem Gast seine Zimmer anzuweisen. Hodenberg unterdrückte jede Gefühlsaufwallung und begnügte sich, für diese Freundlichkeit kurz zu danken. Als sein Koffer heraufgebracht war, richtete er sich häuslich ein, vergnügt dazu pfeifend. War doch alles nach Wunsch gegangen und die ersehnte Abgeschlossenheit von der lärmenden, hastenden Welt glücklich erreicht.

Im Gemache der Frau Tristner hatte der Augenarzt seine Untersuchung beendet; traurig ruhte des Spezialisten Blick auf der Dame, die nun das Ergebnis wissen wollte.

Der Arzt wich durch einige Gegenfragen einer direkten Antwort aus und sprach: »Sie werden vor längerer Zeit das Gefühl gehabt haben, als sei ständiger Nebel vor Ihren Augen?«

»Ja, Herr Doktor!«

»Sodann konnten Sie die Farben rot und grün nicht unterscheiden und sahen alles grau?«

Frau Helene nickte.

»Hatten Sie die Empfindung, als würden Sie durch eine Röhre sehen?«

»Das weiß ich nicht; geradeaus konnte ich verhältnismäßig noch gut sehen, was aber knapp vor mir und unten war, nicht.«

»War in jener Zeit nicht auch häufiges Stolpern und Fallen mit der Abnahme der Sehkraft verbunden?«

»Leider ja, sehr häufig!«

»Und Gegenstände selbst vermochten Sie nicht zu sehen? Nur noch Schatten, etwa hell oder dunkel?«

»Jawohl!«

Der Arzt verstummte.

»Oh, Herr, ich bitte Sie, sagen Sie mir die Wahrheit! Ich weiß, ich bin im Erblinden, aber eine kleine Hoffnung hege ich noch, und deshalb ließ ich Sie zu mir bitten. Ist Hilfe durch eine Operation möglich? Ich will mich einer solchen willig unterziehen, ich habe alles Vertrauen zu Ihrer ärztlichen Kunst!«

Mit Mühe unterdrückte der erfahrene Spezialist eine Äußerung innigen Mitleides. Seine Worte hatten einen heiseren Klang, als er sprach: »Eine Operation ist nicht angängig in Ihrem Falle, und leider kann ich Ihnen wenig Hoffnung auf eine Besserung machen. Wenn Sie gestatten, möchte ich mit Ihrem Herrn Sohn sprechen!«

Die feinfühlige Dame verstand die Situation sofort und bemeisterte sich mit erstaunlicher Willenskraft. Gefaßt erwiderte Frau Helene: »Ihr Wunsch, mit Theo zu sprechen, beweist mir, daß es für meine Augen keine Rettung gibt und ich völlig erblinden werde. Diese Wahrheit wollen Sie zweifelsohne meinem Sohne mitteilen. Ich fühle jedoch die nötige seelische Kraft in mir, die reine Wahrheit zu vernehmen, und bitte Sie, mir diese zu sagen!«

»Nicht doch, verehrte Frau Tristner! Es wäre unnötige Grausamkeit, wenn der Arzt dem Patienten jegliche Hoffnung nehmen wollte. Der Mensch pflanzt ja immer noch eine Hoffnung auf . . .«

». . . selbst am Grabe noch! Zu solchen Menschen zähle ich nicht! Bitte, keine Verheimlichung, ich will die Wahrheit wissen und bitte Sie ernstlich darum.«

»Es ist jede Aufregung gefährlich, jede Erregung bedingt eine Verschlimmerung!«

»Da ich nahezu gar nichts mehr sehe, kann eine Verschlimmerung nicht mehr von nennenswerter Bedeutung sein. Ich will die Wahrheit kennen! Wie nennt die Wissenschaft mein Augenleiden?«

»Es kann gnädiger Frau nicht frommen, den lateinischen Terminus technicus zu wissen!«

»Aber die deutsche Bezeichnung will ich kennen. Halten Sie mich nur nicht für schwächlich, ich war das ein langes Leben hindurch nicht und kann Schwereres ertragen.«

»Auf eine Verschlimmerung müssen gnädige Frau sich gefaßt machen, die Wissenschaft ist außerstande, Hilfe zu bieten. Besondere Verhaltungsmaßregeln sind nicht zu treffen. Gott der Herr möge Sie trösten und stärken! Ich bitte, nun mit Ihrem Sohn sprechen zu dürfen!«

Frau Helene senkte das Haupt und faltete die Hände.

Als die Tür ins Schloß gedrückt wurde und sie allein im Gemach war, flüsterte Frau Tristner: »So will es der Herr, daß ich völlig erblinde, lichtlos den Rest meines Lebens verbleibe. Blind, ganz blind! Oh, Herr, du strafst mich hart und schwer, doch dein Wille geschehe! Nacht um mich, immer trostlose Nacht! Die Kinder kann ich nicht mehr sehen, nicht mehr den Grabstein meines Mannes! Oh, läge auch ich schon unterm Rasen gebettet in ewiger Ruhe! Blind, blind für jeglichen Tag des erbärmlichen Lebens!«

Die lichtlosen Augen füllten sich mit Tränen, die hartgeprüfte Frau schluchzte, in bitterstes Weh aufgelöst . . .

Noch nicht gesund, mußte Theo wohl noch auf seinem Zimmer verbleiben, doch konnte er schriftliche Arbeiten dringender Natur erledigen. Mit fortschreitender Genesung fand die Pflege von Eugeniens zarter Hand ein Ende, und just diese liebevolle Bemutterung vermißte der zärtlich veranlagte junge Mann schmerzlich. Kaum daß Eugenie sich ein- oder zweimal des Tages blicken ließ, um nach etwaigen Wünschen zu fragen; jedem Versuch, sie zu einem Plauderstündchen zu bewegen, verhielt sich die stillgeliebte Dame ablehnend gegenüber, sie schützte häusliche Arbeit vor und entfernte sich immer so rasch, daß Theo seine Bettelei um ein kurzes Geplauder gar nicht vorbringen konnte. Dieses Ausweichen reizte, es reifte den Entschluß zur direkten Werbung um Eugeniens Hand trotz aller Gegengründe der Vernunft.

Sooft an der Tür geklopft wurde, glaubte Theo, es müsse Eugenie sein, die ihm Sonnenschein in die Stube bringt. Diesmal trat auf festes Klopfen der Augenarzt ein, dem Theo überrascht entgegenblickte.

Mit höflichen kurzen Worten stellte sich der Spezialist vor, und als Theo das gleiche getan, bat der Arzt um Gehör zu einer Mitteilung trauriger Art.

Theo zuckte erschreckt zusammen und richtete dann den fragenden Blick auf den Arzt.

»Ihre Frau Mutter ist von mir gewissenhaft untersucht worden. Sosehr sie in bewundernswerter Seelenkraft mich um Mitteilung der vollen Wahrheit gebeten, das Ergebnis meiner Untersuchung nahezu völlig erraten hat, als Arzt konnte ich der schwergeprüften Dame nicht die Trostlosigkeit der Erkrankung sagen. Ihnen, Herr Tristner, muß ich jedoch die Mitteilung machen, daß die Augenerkrankung Ihrer Frau Mutter Atrophie im letzten Stadium ist, Sehnervenschwund, der bis zur völligen Erblindung gediehen ist. Die Wissenschaft kann keine Hilfe bringen, es gibt keine Rettung mehr.«

»Allmächtiger! Völlige Erblindung?« rief schmerzerfüllt Theo.

»Leider muß ich Ihnen diese traurige Mitteilung machen! Sorgen Sie dafür, daß die schwer heimgesuchte Dame nicht viel allein und ihrem Jammer überlassen bleibt, sorgen Sie für Gesellschaft und geistige Anregung. Gespräche über die Natur des Leidens nützen nichts, bilden für die Kranke eine Qual. Vermeiden Sie und die Personen der Umgebung Ihrer Frau Mutter alle Äußerungen über Sonnenschein und Naturschönheit, es wirkt jedes Wort wie ein bohrender Stachel. Liebevolle hingebende Pflege auch in seelischer Beziehung ist die einzig mögliche Erleichterung, die Sie der armen Frau angedeihen lassen können, und daran wird es wohl nicht fehlen!« Der Arzt wiederholte die Versicherung seines Beileids und verließ Theo, der kaum seinen Dank auszusprechen vermochte und in einer Art Betäubung auf den Diwan niedersank.

Die liebe gute Mutter erblindet, rettungslos des Augenlichts für immer beraubt. Was nützt nun alle Wohlhabenheit, der fürstliche Besitz – –?

An der tiefernsten Miene des Arztes erkannte Eugenie, die sich um den im Hause fremden Herrn sogleich annahm, daß für Frau Tristner wenig oder keine Hoffnung mehr bestehen werde, und kaum vermochte Eugenie ihre Erschütterung zu verbergen.

Der Arzt mußte zu Schiff über die See und am nordwestlichen Ufer versuchen, an Land und zu einer Bahnstation zu kommen. Auf einen angebotenen Imbiß verzichtete der Arzt, der es eilig hatte, und schnell entschlossen geleitete Eugenie selbst den Herrn zur Schiffhütte unten am See.

Fünftes Kapitel

Nach trüben regnerischen Tagen flatterte jubelndes Sonnengold von den Bergen des Ostens herein in den Moorgrund, der Gutwind blies mit Macht, der Achenfluß kam von Stunde zu Stunde schwächer an Wasser, die Bäche murmelten im gewohnten Bett dem Weitsee zu, der nun auch zurückging. Dadurch konnte das Stauwasser von den Moorflächen ablaufen, die Überschwemmung fand ihr Ende, nur die gelbbraune und weißgraue Farbe des Riedgrases und der Binsen erinnert noch daran. Böse mitgenommen war die Straße von Schloß Ried zur Bahnstation, nahezu unfahrbar für schweres Fuhrwerk, und doch mußten die Transporte aus der Brauerei nun schleunigst verfrachtet und zur Eisenbahn gebracht werden.

Im Schloßbüro erschienen die Fuhrknechte, um die Frachtscheine und Fuhrzettel zu holen, und bei dieser Gelegenheit baten die erfahrenen Leute, es möge der Brauherr rasch eingreifen und für die Instandsetzung der Fahrstraße sorgen. Theo waltete seines Amtes im Privatbüro und hörte seine Fuhrleute an, doch wußte er nicht, wie ihrer Forderung entsprochen werden könnte. Es oblag die Straßenerhaltung den beteiligten Gemeindeverwaltungen, die Schloßbrauerei als Hauptfrequentantin der Straße mußte wohl einen erklecklichen Beitrag in Geld leisten, hatte aber in dieser Angelegenheit nahezu nichts dreinzureden. Die Dörfler taten hier wie anderswo kaum das Allernotwendigste, und daher war die Straße fast immer in schlechtem Zustande. Theo konnte nur Auftrag zur raschen Bierverfrachtung erteilen; die Knechte sollten sich selber helfen, Vorspann nehmen und, falls der Schloßmarstall nicht genügend Pferde habe, auf Kosten der Brauerei Vorspann entlehnen.

Von diesen Verhältnissen erhielt Baron Hodenberg alsbald Kenntnis, und sogleich stellte er sich und seine Pferde zur Straßenverbesserung zur Verfügung, indem er sich erbot, die Arbeiten der Beschotterung leiten zu wollen. Es müsse Theo nur sagen, wo Kies und Schotter genommen werden dürfe, und die nötige Anzahl handfester Arbeiter beistellen. Die Bedenken Theos, durch Selbsthilfe in die Kompetenz des Dorfbürgermeisters einzugreifen, wies der Baron lächelnd zurück, er werde mit dem Bürgermeister persönlich sprechen und die Angelegenheit hinterdrein schon in Ordnung bringen; zunächst aber handle es sich um die Fahrbarmachung der Straße, um die Transporterleichterung, und hierzu wolle der Baron um so lieber die Hand bieten, als er sich hierzu verpflichtet erachte.

Theo willigte nun mit Vergnügen ein und war froh, am Schreibtische verbleiben zu können.

Mit voller Energie griff nun Otto von Hodenberg ein; der Ortsvorsteher ward rasch verständigt und bereitete dem noblen Spender ausgiebiger Unterstützungen für die Überschwemmten keinerlei Schwierigkeiten, er gab ihm sogar Arbeitsleute mit. So konnte der Baron alsbald einige Fuhrwerke mit Schottermaterial anfahren und die Straße in den tiefgefurchten Gleisen beschottern lassen. Und so eifrig widmete er sich der Arbeitsüberwachung, daß er zum Mittagstisch gar nicht in das Schloß kam und die Straßenverbesserung auf einige Kilometer durchführte.

Hatte Frau Tristner insgeheim Bedenken gegen die Einquartierung des Barons gehegt, sein energisches Eingreifen, das unbedingt dem Frachtverkehr der Brauerei zugute kommen mußte, verscheuchte diese Bedenken nicht nur völlig, die Aufopferung des Barons verpflichtete die Familie zu Dank.

Als Hodenberg am späten Abend im Schlosse erschien, ließ ihn Frau Helene in den Salon bitten, und in Gegenwart Olgas sprach die blinde Dame dem Baron in herzlicher Weise ihren Dank aus. Nicht minder herzlich dankte auch Olga frohbewegt und Theo.

Bescheiden wehrte Hodenberg diesen Dankäußerungen, und er versicherte, daß die liebenswürdige Gastfreundschaft zu irgendwelcher Revanche verpflichte, und die übernommene Arbeit doch nur Zeitvertreib für einen Müßiggänger sei, daher von Dank keine Rede sein könne. In einigen Tagen hoffe er das Werk bis zur Stadtgrenze von Landsberg gefördert zu haben, das Weitere müsse dann allerdings den Gemeinden überlassen werden.

Im Kreise der Familie wurde der Abend verbracht; Hodenberg avancierte zum Familienmitglied, worüber Olga unverkennbar hocherfreut schien. Einmal zutraulich geworden, erbat Frau Helene sich seinen Rat in der Angelegenheit einer Bestellung eines Verwalters für Brauerei und Ökonomie. Auf die Anzeige hin seien Bewerbungen eingelaufen, die Olga gesichtet habe; eine Bewerbung scheine aller Berücksichtigung wert, wenngleich der Bewerber norddeutscher Abkunft zu sein scheine.

Hodenberg äußerte scherzend: »Ist norddeutsche Abstammung denn ein Verbrechen? Auch ich bin Norddeutscher und fand dennoch bei Ihnen ein trautes Heim!« Ein Glutblick auf Olga färbte des Fräuleins Wangen in leuchtendes Rot; Frau Helene erwiderte, daß norddeutsche Abkunft an sich gewiß kein Hindernis sein könne, es empfehle sich aber hier für den Verkehr mit dem Personal der Süddeutsche vielleicht besser; Art zu Art.

Theo fragte nun, woraus Mama auf norddeutsche Abkunft des Bewerbers schließe.

Die Antwort gab Olga: »Weil der Brief in Berlin aufgegeben wurde!«

»Das ist allerdings ein schlagender Beweis! Kann ich die Bewerbung sehen?« meinte Theo.

Auf Geheiß Mamas holte Olga die Schriftstücke herbei, die nun zuerst Hodenberg unterbreitet wurden.

Nach flüchtiger Lektüre meinte der Baron: »Knapp, präzis ist der Brief, eine vorzügliche Empfehlung enthält die amtliche Beilage. Eine andre Frage ist freilich, ob der adelige Bewerber in die hiesigen Verhältnisse passen wird. Der Mann war in Hofstellung! Bei Hof werden nur gut qualifizierte Leute genommen, diese Tatsache spricht für den Mann; sein Gehen ist mit dem Wunsche, rascher Karriere zu machen, motiviert. Richtig ist, daß Hofstellungen mager bezahlt werden. In Privatstellung ist besseres Gehalt zu erreichen. Der Mangel an sonstigen Referenzen wird wohl durch das amtliche Zeugnis aufgewogen!«

Frau Helene bat um Vorlesung dieses Zeugnisses.

»Mit Vergnügen!« Hodenberg las nun, ersichtlich ungewohnt solcher Beschäftigung und mit häufiger falscher Betonung vor:

»Nummer 1379a. Der Unterzeichnete bescheinigt hiermit dem Herrn Beda Wurm von Hohensteinberg, daß dieser durch sechs Jahre als Staatssekretär angestellt war, sich in Vollführung hoher Aufträge geschickt und taktvoll erwiesen hat und darob mehrfach belobt wurde. Die Erledigung von Geschäften wirtschaftlicher Natur ist stets zur vollsten Zufriedenheit erfolgt. Die Entlassung erfolgt auf Wunsch des Herrn Wurm von Hohensteinberg, welcher um rascherer Karriere willen einen Verwalterposten anstrebt. Seine Qualifikation hierzu erscheint zweifellos. Es wird hiermit dem Herrn Wurm von Hohensteinberg die Anerkennung für treu geleistete Dienste ausgesprochen und dies mit dem Amtssiegel bekundet.

Graf Dietrichstein, Oberhofmarschall, Berlin.«

Im Familienkreise entwickelte sich eine regelrechte Debatte über diese Bewerbung für und gegen. Hodenberg gab den Ausschlag dadurch, daß er Frau Tristner empfahl, den Mann zu einer persönlichen Vorstellung zu veranlassen und ihm das Geld für die Rückreise zu garantieren.

Wehmütig sprach Frau Helene: »Was kann mir sein persönliches Erscheinen nützen? Ich werde ihn ja doch nicht sehen, sein Äußeres nicht beurteilen können!«

»Wenn gnädige Frau gestatten, werde ich als Ihr Stellvertreter dem Manne auf den Zahn fühlen, den Bewerber prüfen und Ihnen nach bestem Wissen und Gewissen mein Urteil unterbreiten!« erwiderte Hodenberg.

Als Eugenie ins Zimmer trat, um Frau Helene zur Nachtruhe zu geleiten, fragte Theo, wie in Sachen einer Verwalteranstellung die barmherzige Schwester und Krankenpflegerin stimmen werde. Eugenie erwiderte: »Unbedingt mit ›nein‹!«

Überrascht fragten Tristners nach dem Grunde dieses ablehnenden Votums.

»Weil ein Verwalter ganz und gar überflüssig auf Schloß Ried ist und Zwietracht in das Haus bringen muß!«

»Ich will es mir doch noch überlegen!« flüsterte Frau Helene und stützte sich auf Eugenie.

Fast beleidigt erwiderte Hodenberg: »Ich werde zu prüfen wissen!«

»Davon bin ich überzeugt!« flüsterte Olga. »Sie besitzen mein vollstes Vertrauen.«

Da nun auch Theo sich verabschiedete und »Gute Nacht« wünschte, wurde die Familiensitzung aufgehoben und Abschied für die Nacht genommen.

Früher als sonst fand sich am Morgen der junge Brauherr im Büro ein, um gemäß des Beschlusses im Familienrat den Bewerber um den Verwalterposten zu einer persönlichen Vorstellung brieflich einzuladen; da Theo aber die Papiere jenes Bewerbers nicht im Büro vorfand, ging der junge Herr hinüber in das Speisezimmer und suchte dort nach dem Brief und Zeugnis. Sein Rumoren lockte Eugenie aus dem anstoßenden Gemache herbei, auf ihre Frage erfolgte Antwort, und nun bat Eugenie in bewegter Weise, den Mann nicht kommen zu lassen.

»Aber liebe Eugenie, warum sind Sie gegen den Familienratsbeschluß? Haben Sie denn persönliche Gründe gegen eine Anstellung?« fragte verwundert Theo. »Kennen Sie den Mann?«

»Nein!«

»Nun also! Jede Opposition muß doch begründet sein!«

»Ich habe nur das bange Gefühl, daß jener Mann Unglück ins Haus bringen wird!«

»Da Sie ihn gar nicht kennen, fehlt mir jedes Verständnis für das bange Gefühl, liebe Eugenie. Sind Sie vielleicht abergläubisch?«

»Nein, gewiß nicht! Mir schwant Unheil, ich möchte mit Bestimmtheit behaupten, daß über Schloß Ried und die Familie Tristner eine Katastrophe hereinbrechen wird, sobald jener Mann hier festen Fuß faßt, ja, sobald er nur erstmals hier erscheint.«

»Das klingt ja geradezu mysteriös? Entweder wissen Sie Dinge, die Sie nicht sagen wollen, oder Sie wissen nichts; in letzterem Falle fehlt Ihrer Warnung doch jegliche Berechtigung. Warum sind Sie gegen ein Hierherkommen des Mannes, das uns keineswegs zu fester Anstellung verpflichtet? Eine persönliche Vorstellung muß nicht zum Engagement führen! Weshalb opponieren Sie so seltsam hartnäckig?«

Eugenie zögerte mit der Antwort, brennende Röte flammte in ihren Wangen, ein Zittern lief durch den geschmeidigen zierlichen Körper. Bebend sprach die junge Dame: »Zufolge meiner Stellung im Hause habe ich allerdings kein Recht, irgendwie ein Wort zu äußern; ich kann nur bitten, es wolle die Familie Vorsicht üben und mir erlauben, meiner Sorge Ausdruck geben zu dürfen!«

»Alles ganz schön und gut, aber ich möchte doch wissen, weshalb Ihnen die keineswegs dem Abschluß nahe Angelegenheit Sorge bereitet!«

»Ich fürchte – nein, ich kann es nicht sagen!«

»Aber reden Sie doch, Eugenie! Sie gehören ja zur Familie, Sie stehen uns nahe, mir gegenüber werden Sie doch offen sein können, nicht?«

»Ihretwegen bin ich ja in größter Sorge!«

»Wie? Meinetwillen? Ich verstehe das nicht! Bitte, sprechen Sie!«

»O Gott, es wollen die Worte nicht über die Lippen! Ich fürchte nur zu sehr, daß –«

Theo ergriff Eugeniens Hand und blickte der Dame innig in die Augen. »Was fürchten Sie für meine Person?«

». . . die unausbleibliche Schmälerung Ihrer Herrenrechte!«

»Wie? Die Anstellung eines Verwalters soll mich um meine Rechte bringen? Das ist ja gar nicht möglich!«

»Doch! Jeder mit Kompetenzen ausgerüstete Verwalter wird versuchen, das Regiment an sich zu bringen, wird bestrebt sein, sich zu bereichern . . .«

»Ach so! Eine zarte Fürsorge also! Gott, sind Sie ein liebes Wesen! Keine Sorge, liebe Eugenie, ich bleibe Herr trotz Verwalter, und ich werde ihm schon auf die Finger sehen! Es rührt mich Ihre Fürsorge und Anteilnahme tief, sie beweist mir, wie herzlich Sie für uns fühlen! Und meinetwillen also wünschen Sie, daß kein Verwalter angestellt werde! Gott, Eugenie, nun sehe ich klar und fühle deutlich: In Ihrem Herzen lebt ein Gefühl für mich, ein Empfinden, das mich in höchstem Maße beglückt, das mich ahnen läßt, daß Sie mich lieben! Und ich will hochbeglückt gestehen, daß ich Sie liebe . . .«

»Halten Sie ein, Herr Theo! Es kann nicht sein, es ist unmöglich!« Schluchzend riß sich Eugenie los und enteilte weinend.

Verblüfft stand Theo, unfähig, sich diese Worte wie das Gebaren erklären zu können. Eine Flut von Gedanken wälzte sich durch seinen Kopf. Warum soll es unmöglich sein, daß zwei Liebende ein Paar werden? Was muß angesichts der Weigerung Eugeniens dazwischen liegen, nachdem kein Zweifel bestehen kann, daß das liebreizende Mädchen ihn liebt? Vielleicht nur die Angst, daß Mama Einspruch erheben könnte. Eugenie wird arm sein, wird befürchten, daß die dienende Stellung wie die Mittellosigkeit eine unüberbrückbare Kluft bilden müssen. »Na, ich brauche auf Geld nicht zu sehen, Gott sei Dank! Kommt Zeit, kommt Rat, ich werde auch noch hinter dieses Geheimnis kommen!« flüsterte Theo, nahm die Papiere vom Büfett und begab sich in das Büro, um nun den Einladungsbrief zu schreiben und zur Post zu schicken. Für Theo hatte die Opposition des geliebten Mädchens nun keinerlei Bedeutung mehr, eine liebenswürdige, aber trotzdem lächerliche Marotte, weiter nichts!

Während Theo diese Angelegenheit ordnete, fand sich im Salon Tristners der junge Doktor Freysleben, in ländliche Gala gekleidet und würdevoll steif, ein, nachdem er um Audienz beim gnädigen Fräulein gebeten hatte.

Olga erschien nach geraumer Zeit in Reittoilette, das lange Kleid gerafft tragend, und fragte verwundert, was der Herr Doktor just von ihr wünsche.

Doktor Freysleben stotterte: »Oh, Pardon! Ich bin zu unrechter Zeit gekommen, gnädiges Fräulein wollen ausreiten?«

»Allerdings, Herr Doktor! Doch wenn Ihre Angelegenheit nicht zuviel Zeit in Anspruch nimmt, bin ich gern bereit, gewünschte Audienz zu gewähren. Womit kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz!«

Freysleben stand wie angemauert und sprach schleppend: »Pardon! So schnell kann ich mein untertänigstes Anliegen nicht vorbringen, ich glaubte, ich meinte, hm – Pardon – es ist halt mein altes Pech, daß ich immer den richtigen Moment nicht erwischen kann! Wirklich schade, daß gnädiges Fräulein gerade jetzt ausreiten müssen!«

»Darf ich fragen, was Sie von mir wollen? Wünschen Sie wirklich mich selbst zu sprechen?« fragte ungeduldig Olga.

»Ja, Sie sind in meiner Angelegenheit die Hauptperson!«

Olga stutzte und rief: »Herr des Himmels, ich sehe jetzt erst, daß Sie in Gala sind! Sie wollen doch nicht . . .?«

Trübselig nickte der Dorfdoktor und seufzte zum Erbarmen.

»Bedaure sehr! Kann ich Ihnen sonstwie dienen?«

»Danke, nein! Die schönste Hoffnung meines Lebens ist vernichtet!«

»Meinerseits ist gewiß nichts geschehen, solche Hoffnung auch nur im geringsten zu wecken. Meiner Diskretion dürfen Herr Doktor sicher sein, ich werde meinen Familienangehörigen nichts davon sagen. Aber nun gestatten Sie, daß ich mich ergebenst empfehle, ich muß fort, ›Fanny‹ wird schon ungeduldig! Besten Dank für Ihre gute Meinung, es ist mir aber unmöglich!«

»Dürfte ich es wagen, auf einen Gesinnungswandel in späterer Zeit zu hoffen?« stammelte Freysleben.

»Nein, Herr Doktor! Das heißt, es bleibe Ihnen unbenommen, auf Unmögliches zu hoffen. Ein Wandel meiner Gesinnung zu Ihren Gunsten steht nicht zu erwarten! Guten Tag, Herr Doktor!«

Olga verbeugte sich graziös und schritt sporenklirrend aus dem Salon, um draußen im Hofe zu Pferd zu steigen. Freysleben konnte durch ein Fenster die herrliche Gestalt des Fräuleins hoch zu Roß erblicken, ein Augenblick, dann ritt Olga in scharfer Gangart des stallmutigen Pferdes aus dem Hof zur Landstraße.

»Abgeblitzt! Hätte es mir denken können!« murmelte Freysleben und schlich in gedrückter Stimmung aus dem Schlosse.

Fräulein Tristner jagte die Straße durch das Moor entlang in tollem Tempo und lachte vergnügt dazu. Die Werbung des Dorfdoktors kam ihr unsäglich komisch vor und reizte Olga zum Spott. »Ein Narr!« rief sie und bereute augenblicklich ihre Unvorsichtigkeit, denn Olga hatte sich, im Moment Trab reitend, infolge des Stoßes auf die Zunge gebissen. Ärgerlich gab sie dem Pferde einen Sporenstich, es ging sofort in Galopp über und raste den überweichen Moorgrund längs der Straße dahin. Fast hätte Olga Zügel und Sitz verloren, und nun hieß es alle Aufmerksamkeit dem Pferd widmen und die Herrschaft wiederzugewinnen.

Bis hart an das Bahngeleise kam Olga, doch von Baron Hodenberg war nichts zu sehen, die Erwartung, ihn irgendwo in Beaufsichtigung der Straßenverbesserungsarbeiten zu treffen, blieb unerfüllt. Wo mochte der Baron nun sein? Sollte er ins Städtchen gefahren oder etwa zum Sommersprossenfräulein geeilt sein? Olga riß bei diesem Gedanken so heftig an der Kandare, daß ihr Pferd zusammenzuckte und dann zu steigen begann. Auf den Hals klopfend und Luft gebend, beruhigte Olga das Pferd und flüsterte: »Du kannst ja nichts dafür!« Gleich darauf trabte sie aber scharf in der Richtung gegen Zankstein, gefoltert von peinigenden Gedanken der Eifersucht und der Befürchtung einer Fahnenflucht Hodenbergs, wenn nicht gar völliger Untreue. Auch die Erinnerung an die Szene mit Doktor Freysleben konnte nicht angenehm wirken; ist der Dorfarzt sicher kein Freier, auf dessen Werbung man stolz sein könne, ehrlich gemeint war seine Bitte, und der schlechteste Werber ist der Doktor sicherlich nicht. Ja, Olga mußte sich selbst sagen, daß sie gar nicht berechtigt sei, übergroße Ansprüche zu erheben mit ihrem Schönheitsfehler; dem Vermögen nach allerdings brauchte nicht der erstbeste Werber berücksichtigt zu werden. Den biederen Landarzt ließ sie abblitzen, ja nicht einmal ordentlich ausreden, um so schnell als möglich einem Manne nachzulaufen, der sich nun nicht finden läßt, womöglich bei der bedeutend vermögenderen Zanksteinerin sitzt und ihr den Hof macht. Jäh erinnerte sich Olga nun auch, wie auffallend Benedikte in Gegenwart Hodenbergs den entstellenden alten Strohhut entfernte, die Mantille ablegte, offenbar berechnete Absicht seitens der Zanksteinerin, die Komödie spielt mit ihrer Liebäugelei für ländliche Einfachheit und Sparsamkeit. Benedikte ist kaum einige Jährchen älter als Olga, also noch jung, üppig gebaut, reich, unabhängig, sie kann, wenn sie will, sich den schönsten jungen Mann kaufen, ist vielleicht just so recht nach Geschmack Hodenbergs. Gescheit, ja geistreich ist die Zanksteinerin auch, der Neid muß ihr das lassen, selbst Olga in wütender Eifersucht kann dies nicht abstreiten. Es wäre somit nicht nur kein Wunder, sondern sogar erklärlich, wenn der Baron bei Benedikten im warmen Nest sitzt, sie anschmachtet und schließlich um sie anhält. Was wird nun die Zanksteinerin sagen, wenn das Fräulein Tristner mit essigsaurer Miene angeritten kommt und den entlaufenen Werber einzufangen trachtet? Muß Olga da nicht blamiert erscheinen?

Mit jähem Ruck hielt das Fräulein den Gaul an und kehrte, einem plötzlichen Entschlusse folgend, um. Nur keine Blamage! Lieber auf den leichtsinnigen, wankelmütigen Durchbrenner verzichten! Wer weiß, ob Hodenberg überhaupt so gut situiert ist? Die paar noblen Trinkgelder beweisen nichts.

»Pfui!« rief Olga sich selbst zu, »ich verdächtige aus Eifersucht den Mann, den ich liebe und zum Gatten mir wünsche!«

Sporenstich und Gertenhieb brachten das Pferd in sausenden Galopp, Fräulein Tristner kam auf dampfendem Tiere auf die Straße nach Ried just in dem Augenblick, da Baron Hodenberg vom Städtchen in hochbepacktem Wagen heranfuhr.

Vor Freude strahlend, überglücklich darüber, alle Befürchtungen mit einem Male zerstreut zu wissen, trabte Olga dem Wagen entgegen. Jetzt verschlug es nichts mehr, dem Baron zu zeigen, wie groß die Freude des Wiedersehens war. Aber das Begrüßungswort erstarb Olga auf der Zunge beim Anblick Hodenbergs, der für das Fräulein keinen Blick zu haben schien und angsterfüllt, verzerrter Miene, nach rückwärts gewendet, im Fond stand und die Straße zum Städtchen beäugte.

Was mochte das bedeuten? Befand sich der Baron auf der Flucht, befürchtete er nacheilende Verfolger? Und wenn dies der Fall, weshalb um's Himmels willen?

»Herr Baron!« rief Olga mit heiserer, bebender Stimme.

Jäh, erschreckt wandte sich Otto von Hodenberg um. »Ach so! Pardon! Gnädiges Fräulein hier und zu Pferd! Kutscher, halt!« Schnell verließ der Baron seinen Wagen und trat zum Pferde Olgas. »Bin hochbeglückt, gnädiges Fräulein unterwegs zu treffen, eine sehr angenehme Begegnung! Sind Fräulein Olga auf dem Heimritt?« sprach Hodenberg und schielte die Straße zurück.

»Ja, Herr Baron! Wie ich sehe, führen Sie großes Gepäck mit, Sie ziehen wohl von Landsberg völlig weg?«

»Richtig erraten, gnädiges Fräulein! Habe meine Effekten geholt, werde über den See tiefer hinein in die Einsamkeit ziehen.«

»Darf ich fragen, was Herrn Baron so plötzlich veranlaßt, das Städtchen und Schloß Ried zu verlassen?«

»Mein Gemütszustand, Fräulein Olga! Die Sehnsucht nach völliger Einsamkeit, Ruhe und Abgeschiedenheit! Doch hierüber können wir besser hinter verschwiegenen Mauern plaudern. Wenn angenehm, fahren wir ins Schloß!« Wieder blickte Hodenberg ängstlich die menschenleere Straße gen Landsberg entlang.

»Bitte, Herr Baron, helfen Sie mir vom Pferde!« rief Olga fast trotzig, entschlossen, diesem rätselhaften Gebaren auf den Grund zu kommen.

Hodenberg fügte sich, anscheinend ungern, leistete übliche Handhilfe, und alsbald stand Olga neben ihm und nahm den Trensenzügel ihres Pferdes in die Rechte, während sie mit der Linken das Reitkleid gerafft trug. »Bitte schicken Sie den Wagen nach Hause, wir gehen zu Fuß hinterdrein, ich möchte mit Ihnen sprechen.«

»Ganz zu Befehl, Gnädigste! – Kutscher, heimfahren nach Schloß Ried!«

Als der Wagen sich entfernt hatte, begann Olga erregt zu sprechen und zu bitten, ihr die Wahrheit zu sagen bezüglich der überraschenden Wohnortsverlegung. »Sie werden zugeben, Herr Baron, daß Ihr plötzlicher Entschluß, uns zu verlassen, ebenso überraschen, wie unangenehm berühren muß. Der Entschluß wirkt peinlich, weil wir keine Ahnung haben über das Motiv.«

»Verzeihung, Fräulein Olga! Ich sagte bereits: mein Gemütszustand bedingt Unstetheit, es ist eine Art Verfolgungswahn, momentan leide ich unter dem deprimierenden Gefühl, verfolgt zu werden, ich habe nun keine Ruhe mehr und muß fort. Daher holte ich meine gesamten Effekten, die unter anderem auch den kostbaren Familienschmuck und die Kleinodien meiner Mutter, der Baronin Hodenberg, geborene Komtesse Platen, enthalten, sowie weitere Wertgegenstände, die mir im Hotel nicht sicher genug aufbewahrt erschienen!« Hodenberg hatte dies hastig gesprochen und dabei mehrmals nach rückwärts Auslug gehalten!

»Herr Baron! Ich glaube kein Wort von dem, was Sie soeben sagten!« rief Olga und blieb mit dem Pferde mitten auf der Straße stehen.

»Wieso? Warum? Muß ich etwa gar mein Ehrenwort zur Bekräftigung verpfänden?«

»Sie sind nicht gemütskrank! Es fehlen alle sonstigen Anzeichen! Sie sind nicht einmal im landläufigen Sinne nervös! Sie erfreuen sich einer geradezu idealen Gesundheit! Weshalb schützen Sie Gemütskrankheit vor? Warum wollen Sie uns, mich verlassen?«

»Ist Ihnen denn mein Abgang irgendwie unangenehm?«

»Unangenehm – schmerzlich wäre mir Ihr Scheiden!«

»Schmerzlich? So dürfte ich vielleicht glauben, hoffen, Ihnen und Ihrem Herzen nicht – gleichgültig und bedeutungslos zu sein?«

Olgas Wangen erglühten, hastig schritt das Mädchen weiter und zog das Pferd nach sich.

Schritt haltend blieb Hodenberg an ihrer Seite. Er wiederholte die Frage dringlichen Tones.

»Ich muß Ihnen sagen, daß heute morgen ein Herr um meine Hand angehalten hat und von mir selbstverständlich diese Werbung zurückgewiesen wurde.«

»Und weshalb zurückgewiesen?«

»Weil mein Herz einen andern liebt!«

»Und dieser andere heißt?«

»Baron Hodenberg!«

»Olga! Welches Glück will mir erblühen! So dürfte ich wirklich hoffen, mit Ihnen verbunden zu werden für das Leben, glücklich zu werden an Ihrer Seite? Oh, empfangen Sie heißen Dank für das beglückende Wort! Ich vermag nicht auszusprechen, wie sehr mich Ihre Liebe beglückt! Oh, ich werde bis zum letzten Atemzug bestrebt sein, mich dieser beseligenden Liebe würdig zu erweisen, auf den Händen will ich dich tragen, du Herrliche! Du Göttin!«

»Halt, Herr Baron! Nicht bedingungslos will ich Ihre Gattin werden!«

»Bedingungen? Kann ein liebend Herz Bedingungen diktieren?«

»Gewiß! Es muß vorher alles klar sein zwischen uns! Bevor wir am Altar vereint werden, muß ich völlige Kenntnis Ihrer Verhältnisse haben, muß ich wissen, was Sie zu dem weltscheuen Wesen veranlaßt. Aus Ihren Augen spricht die Lebenslust der Jugend; der erwähnte Hang zur Einsamkeit ist nicht natürlich und darum nicht echt! Klarheit, Herr Baron! Ich bin als Ihre Braut der treueste Freund und verdiene Offenheit und Wahrheit!«

»Heißen Dank für Ihre Liebe, teuerste Olga! Besehen Sie zu Hause meine Effekten, die Ihnen Klarheit geben werden über meine Verhältnisse. Ich bin gut situiert. Nach einer reichen Frau zu angeln, hab' ich nicht nötig, doch ist eine Konsolidierung nicht unerwünscht. Bar und bar gibt immer guten Klang!«

»Sie rechnen auf bare Mitgift? Gewiß wird meine Mitgift beträchtlich sein, doch unser Vermögen steckt im Grund und Boden und in der Brauerei! Es wird nicht angängig sein, mein Kapital rasch herauszuziehen. Ich liebe Klarheit über alles, daher spreche ich auch hierüber mit aller Offenheit! Wir müssen uns ja klar sein über unsere Zukunft! Als Ihre Braut frage ich: Werden Sie nun Schloß Ried wirklich verlassen?«

»Ja!«

»Wie?«

»Verlobte dürfen doch nicht unter einem gemeinsamen Dache wohnen!«

»Das ist die Auffassung kleiner Leute! Wir wohnen in einem Schloß, das groß genug zu räumlicher Trennung ist, und sind erhaben über kleinstädtische Meinungen. Ich bitte, bleiben Sie wohnen in den bereits bezogenen Zimmern! Und als einstweilen heimlich verlobtes Paar – mit Mama spreche ich nächster Tage – wollen wir versuchen, das Gespenst Ihres Verfolgungswahnes zu bannen durch regen Verkehr mit der Nachbarschaft, durch häufige Ausflüge! Ich möchte nach erfolgter offizieller Verlobung namentlich bei der Freundschaft im Städtchen etwas prunken mit meinem Bräutigam, bitte nehmen Sie mir das nicht übel, Herr Baron; ein ›Landkonfekt‹ hat dergleichen Sehnsucht und Wünsche und kann solche nicht unterdrücken.«

Hodenberg beteuerte, überglücklich zu sein und sich ganz den Wünschen der heißgeliebten Braut fügen zu wollen. Die Verlobten tauschten Ringe zur Bekräftigung des Bündnisses. Hodenberg schwor abermals, des Lebens höchstes Glück errungen zu haben, doch hinderte ihn dieser Schwur ein Stündchen später nicht, seine Koffer statt ins Schloß, zum Postwirt im Dorfe Ried zu schicken und dort Quartier zu bestellen. Unauffällig dirigierte der Baron auch seine übrigen Effekten dorthin und war »ausgezogen«, ohne daß die Schloßbewohner dies merkten. Zu den Mahlzeiten erschien Hodenberg jedoch wie bisher im Familienkreise.

Sechstes Kapitel

Der kerngesunde wuchtige Braumeister Haferditzel hatte den »Neuen«, wie der zur persönlichen Vorstellung eingeladene Herr von Wurm-Hohensteinberg kurzweg vom Personal genannt wurde, von der Bahnstation abgeholt und mit dem Schimmelfuhrwerk ins Schloß gebracht. Vieles Reden war Haferditzels Gepflogenheit nicht, er ließ den »Neuen« im breiten Flur stehen, sagte trocken: »Sein S' so gut und warten S' da ein bissel!« und stapfte zur Meldung in das Privatbüro des jungen Herrn Tristner.

Theo warf die Zigarette in den Aschenbecher und fragte: »Nun, wo ist er denn, der Verbrecher in spe?«

»Unten steht er und macht einen Mordskopf!«

»Herr des Himmels! Haferditzel, Sie sind ein Kamel! Läßt der sackgrobe Mensch einen solchen Mann im Flur warten! Holen Sie ihn, nein, ich werde den Herrn selbst heraufgeleiten. Apropos, welchen Eindruck macht der Mann?«

»Mir gefällt er nicht, er hat was Besonderes im Aug, einen merkwürdig scharfen Blick, sonst ist er ein sauberer Mann, verflucht noblicht im Auftreten, so was wie: ›gelernt hab' ich nix, aber arrogant bin ich!‹«

»Eine feine Charakteristik! Na, ich werde ja gleich selber sehen! Gehen Sie in die Brauerei hinüber und halten Sie sich bereit, den Herrn herumzuführen!«

Unten im Flur begrüßte Theo den »Neuen« und bat, den Formverstoß Haferditzels entschuldigen und in den Salon treten zu wollen.

Herr Beda Wurm zeigte sich in Sprache und Haltung als Mann von Welt und gewann Theo schon in den ersten Minuten für sich. Nur der seltsam durchdringende Blick wirkte etwas unangenehm, doch hoffte Theo, sich daran gewöhnen zu können.

Die Herren saßen im Salon; Wurm aufrecht respektvoll, den Kopf etwas nach vorn geneigt, die merkwürdig aufgekämmten Augenbrauen zusammengezogen, so daß eine Art Schleier über das blitzende Auge gespannt zu sein schien. Theo saß lässig in der Haltung und insofern ungünstig, als das Tageslicht auf ihn fiel, während das Antlitz Wurms sich im Schatten befand.

Tristner äußerte das Bedauern, den Herrn von Hohensteinberg nicht sofort den Damen vorstellen zu können, da diese eine Wagenfahrt nach Heilbrunn unternommen haben und erst zum Abend zurückerwartet werden. Indessen könne auch ohne Damen ein Imbiß eingenommen werden; damit lud Theo den Besucher zum Frühstück ein.

In höflicher Weise bat Wurm jedoch, davon Abstand nehmen und ihm einen Rundgang auf der Besitzung sowie alle nötige Information gewähren zu wollen. »Immer erst Dienst und Geschäft, so bin ich es seit langen Jahren gewöhnt; man denkt auch bei Hof völlig kavalleristisch: erst der Gaul, dann der Mann!«

»Ah, Sie haben gedient?«

»Jawohl, auch den Krieg mitgemacht.« Anscheinend blickte Wurm Theo ins Gesicht, in Wahrheit aber musterte der Mann ohne merkliche Kopfwendung den jungen Herrn sehr scharf und blickte weit nach links und rechts im Salon umher, alles gründlich beobachtend.

»Sehr interessant! Wenn Sie gestatten, werde ich später darauf zurückkommen und Sie um detaillierte Erzählung bitten.« Theo ging nun auf das Geschäftliche über und erwähnte, daß speziell das Zeugnis die Veranlassung zur Bitte um persönliche Vorstellung gegeben habe.

»Freut mich, mein Herr! Graf Dietrichstein war mir ein gnädiger Gönner und geruht, mir hin und wieder zu schreiben.«

»Sie fanden wohl nicht volle Befriedigung im Dienst?«

»Nein, ich suche eine Stellung, die eine gewisse Selbständigkeit gewährleistet, dort war dergleichen ausgeschlossen; nur in bestimmten Fällen kann man selbständig handeln, und solche Aufträge erfordern bekanntlich ebensoviel Geschicklichkeit wie Takt, wenn die Zufriedenheit hoher und höchster Herrschaften erworben werden will.«

»Ist Ihnen klar, welche Aufgabe Ihrer hier harren würde?«

»Ein Verwalterposten, denke ich, Landbrauerei und deren Buchführungsüberwachung, im Nebenamte die Oberleitung des Landwirtschaftsbetriebes, Mast und dergleichen, nicht?«

»Richtig, Sie scheinen bereits alles erfaßt zu haben oder gut informiert zu sein.«

»Pardon, mein Herr, zur Vermeidung von Mißverständnissen sei gleich in der ersten Stunde gesagt: Buchführung nach streng kaufmännischen Prinzipien, das heißt das Amt des Buchhalters übernehme ich nicht, will nur der Vorstand und Dirigent sein, kaufmännischer Direktor sozusagen, Chef von det Janze, wie man in Berlin sagt.«

»Gut! Dann werde ich nach Wunsch meiner Mutter den Außendienst machen, wenngleich dies wenig nach meinem persönlichen Geschmack ist.«

»Mit Ihrer Zustimmung werde ich zur Orientierung diesen Außendienst mit Ihnen eine Zeitlang mitmachen; nach meiner Auffassung ist es nötig, klaren Blick über das ganze Geschäft zu gewinnen, in den einzelnen Zweigen sollen spezielle Arbeitskräfte wirken, und deren Kontrolle wird mir angenehme Pflicht sein. Ich werde nie außer acht lassen, daß Sie gewissermaßen der oberste Kriegsherr sind und ich, sofern wir zum Vertragsabschluß kommen, Ihr erster General.«

Theo nickte zustimmend.

»Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß Sie einer gewissen Schonung in gesundheitlicher Beziehung bedürfen, und daß solche Rücksichtnahme die Anstellung eines Verwalters wünschenswert erscheinen ließ. Bin ich einmal eingearbeitet, würde ich eine längere Badekur und im besonderen eine Reise nach dem Süden empfehlen.«

»Ich reise ungern, allein schon gar nicht!«

»Vielleicht gelingt es mir, Ihre Sympathien zu gewinnen, die Sie veranlassen werden, mich als Reisemarschall mitzunehmen. Habe Erfahrung und Gewandtheit für dieses Amt, kenne den Süden gut, spreche mehrere Sprachen.«

»Hm! Verlockende Aussichten! Aber Sie sollen ja daheim mich vertreten –!«

»Ein krankes Geschäft, das den Verwalter auf einige Wochen nicht entbehren kann! Doch bitte, bleiben wir beim Nötigsten! Ich bitte um Erlaubnis, den wie mir scheint hochherrschaftlichen Besitz besichtigen zu dürfen!«

Theo geleitete den Besucher zur Brauerei, entschlossen zum Engagement des ihm bis auf den heillos durchdringenden Blick sehr sympathischen Mannes. Für Noblesse und sicheres Auftreten hatte Theo immer Vorliebe.

Von der Biererzeugung verstand nun Wurm soviel wie nichts, das merkte der fachmännisch gebildete junge Brauherr rasch; aber der zukünftige Verwalter hatte gesunde Ansichten über Betriebserweiterung und bessere Kapitalanlage, insbesondere empfahl Wurm Verbindung mit einer reellen Bank, Ermäßigung des Bankdiskonts, kurz, billigeres Arbeiten und schärferes Eintreiben überlang ausstehender Guthaben. Gutmütigkeit räche sich, und unsichere Kantonisten stoße man lieber ab, einmal bleiben sie ja doch hängen, und das Geld sei verloren. Kürzung des Kredites könne aber der Chef selbst nicht gut vornehmen, Rücksichten aller Art binden ihm die Hände, ein Verwalter könne schärfer vorgehen und zugreifen.

Derlei klang Theo ganz erwünscht in die Ohren, das Geschäft arbeitete mit übergroßen Außenständen, und öfter als angenehm herrschte eine gewisse Geldknappheit.

»Produzieren Sie ausschließlich mit einheimischen Erzeugnissen wie Gerste und Hopfen?«

»Zum größten Teil, ja!«

»Ohne zwingenden Grund?«

»Je nach der Preislage!«

»Gut! Etwas böhmischen Hopfen würde ich befürworten, auch wenn der Saazer zufällig hoch im Preise steht. Doch bleibt das der Kompetenz des technischen Leiters überlassen, in die ich mich nicht einmischen will. Lediglich die Kontrolle soll Aufgabe meinerseits sein. Wohl ein trockener Mensch, dieser Bär von Braumeister?«

Theo lachte. »Bär ist gut, stimmt völlig! Treue Seele und tüchtig im Fach!«

»Produkt etwas leicht, hörte ich. Wird wohl auf dem Lande überall so sein mit Rücksicht auf den kleinen Bierpreis?«

»Ganz richtig! Wir müssen den Malzaufschlag wie die Großbrauereien bezahlen, können aber nicht so viel Bier aus dem gleichen Malzquantum erzeugen wie die Münchener!«

»Maschinen her, daran liegt es!«

»Das ist richtig, es steckt aber schon genug Kapital in der Brauerei!«

»Falsche Sparsamkeit, gnädigster Herr! Was ein Sedlmayer kann, wird auch Schloß Ried können. Doch das hat ja alles Zeit. Sie dürfen übrigens überzeugt sein, daß ich niemals eigenmächtig vorgehen werde, immer nur mit Ihrer Zustimmung und unter Anhörung des technischen Leiters, gewissermaßen nach erfolgtem Kronrat. Ich denke, wir werden bei solcher Behandlung der Angelegenheit gut miteinander auskommen und gut fahren!«

»Davon bin ich jetzt schon überzeugt!«

Man begab sich in die Abteilungen des Ökonomiebetriebes, und hier zeigte sich Wurm wesentlich vertrauter mit Wirtschaftsangelegenheiten, insonders mit Pferdezucht und Marstallwesen.

An die Besichtigung der Baulichkeiten schloß sich ein Spaziergang durch das Dorf Ried. Theo erzählte, daß sämtliche Dorfwirte selbstverständlich von der Schloßbrauerei mit Bier versorgt würden, und schlug vor, ein Glas in der »Post« zu trinken.

Als beide Herren in die allgemeine Schankstube eintraten, bot sich Theo eine große Überraschung insofern, als er Baron Hodenberg inmitten von Dörflern beim Sekt erblickte. Der Baron erzählte just von seiner direkten Abstammung von Heinrich dem Löwen, und daß er von seinem erlauchten Ahnherrn die Gemütskrankheit geerbt habe, weshalb er von Zeit zu Zeit Sekt trinken müsse. Hodenberg schien peinlichst überrascht von dem unerwarteten Eintreten Tristners, unterbrach seine Erzählung sofort und fixierte forschend den Begleiter Theos.

»Nun, lieber Baron, Sekt in allen Ehren, aber ich als Brauherr muß wohl oder übel beim Bier aus meinem Hause bleiben. Wollen wir uns im Herrenstübchen niederlassen?«

Hodenberg erhob sich nun und bat Theo um Vorstellung, die sogleich erfolgte, kühl und unter gegenseitiger schärfster Beobachtung. Es schien Theo, als mißtrauten sich die Herren in ungewöhnlicher Weise. Hodenberg kehrte den Edelmann heraus, als er hörte, daß Wurm der neue Verwalter sei. Dieser hingegen zeigte sich fast verletzend und frostig und äußerst wortkarg.

Theo spendierte den anwesenden Zechern ein Faß Bier zum Ersatz des abgebrochenen Sektgelages und trat dann mit beiden Herren in das Honoratiorenstübchen.

Da Hodenberg bat, beim Sekt bleiben zu dürfen, willigte Theo ein, einigen Flaschen den Hals zu brechen, bestellte aber vorher für sich und Herrn Wurm von Hohensteinberg Bier.

Als die Humpen auf dem Tische standen und Wurm den ersten Schluck genommen, fragte Theo: »Nun, was sagen Sie, Herr Feldmarschall in spe, zu Haferditzels Kunst im Biersieden?«

»Süffig, leicht, Neurasthenikerbier! Alle Achtung, ich möchte aber nicht schmeicheln, gnädigster Herr!«

Hodenberg warf ein: »In mancher Hinsicht an hannoversches Bier gemahnend, nur dunkler und bedeutend leichter! Trinke aber lieber Sekt zur Nervenberuhigung.«

Wurm hatte aufmerksam zugehorcht und sprach jetzt langsam, fast lauernd: »Sie sind Hannoveraner?«

»Die Hodenbergs sind wie die Hallermund, Platen uralter hannoverscher Adel!« erwiderte der Baron.

Eine peinliche Stille trat ein, die Herren fixierten sich gegenseitig sehr scharf.

Theo legte sich ins Mittel, bot Zigaretten an und bat um Stimmung. Wurm lachte, es blieb aber doch ein gewisser Mißton, eine merkliche Gereiztheit zurück, und Hodenberg entschuldigte seinen frühen Aufbruch mit Zwang, dringende Briefe schreiben zu müssen.

Nach seinem Weggang grinste Wurm höhnisch und spottete: »Der wird viel Briefe schreiben mit Sekt im Schädel!«

»Sie scheinen just keine Sympathie für unsern Gast im Schlosse zu hegen!« meinte Theo gutmütig.

»Nein! Ich habe das Gefühl, daß etwas an dem Manne nicht echt ist!«

»Nicht möglich!« rief überrascht Tristner aus.

»Doch! Beachten Sie nur die Situation, in der wir den Herrn getroffen haben: sitzt der Kerl – Pardon, der Baron, im Kreise gemeiner Bauern, kneipt mit ihnen Sekt und schwadroniert den Kerls vor, daß er von Heinrich dem Löwen abstamme! Glauben Sie wirklich, daß ein echter Baron sich soweit vergißt und in solche Situation bringen wird?«

»Sonderbar allerdings! Hodenberg sagt, er sei gemütskrank!«

»I wo! Psychisches Leiden äußert sich wesentlich anders. Nun, mich hat die Geschichte ja nichts zu kümmern, zur Zeit wenigstens nicht; als Fürstlich-Triestnerscher Beamter allerdings würde und wird es meine Pflicht sein, dem Herrn, solange er Gast des Hauses Tristner ist, auf die Finger zu sehen!«

»Huhu!« lachte Theo, »auf die Finger sehen! Sagen Sie doch gleich, der Baron stehle silberne Löffel! – Es freut mich aber, erneut zu sehen, wie sehr Sie bestrebt sind, unsre Interessen wahrzunehmen.«

»Bitte, nur meine Pflicht!«

Am Abend erschienen die Herren zu Tisch im Speisesaal, nachdem Wurm der blinden Frau Tristner von Fräulein Olga vorgestellt worden war. Die Aufnahme war bei den Damen kühl konventionell; um so herzlicher stellte sich Theo zum Verwalter, den fest zu engagieren er entschlossen war. Olga blieb ablehnend, frostig und gab einsilbige Antworten; Frau Helene versuchte, sich aus Ton und Sprechweise des Fremden ein Urteil zu bilden, da ja ihre Augen den Dienst versagten. Eugenie war nicht zu Tisch erschienen. Als Theo nach ihr fragte, gab Olga Auskunft dahin, daß dringende Arbeit Eugenie oben noch festhalte. Unvermittelt wandte sich Olga an den Bruder mit der Frage, weshalb Baron Hodenbergs Platz am Familientisch leer sei.

»Pardon, habe ganz vergessen, Hodenberg ließ sich entschuldigen, er muß dringende Briefe schreiben.«

An der Verbindungstüre, die im oberen Teile eine Glasfüllung hatte, tauchte ein Frauenkopf auf, neugierige Augen funkelten und musterten den fremden Gast am Familientische. Nur einen Moment, dann verschwand der Frauenkopf vom Türfenster.

Früh zogen sich die Damen zurück, es mußte Olga die Mutter hinaufführen, da Eugenie gegen alle Übung und Gewohnheit unsichtbar blieb, und Mama auch zu Bett bringen.

Theo ließ Wein bringen und verweilte in Wurms Gesellschaft noch ein Stündchen, um sodann den Gast in eines der Fremdenzimmer zu geleiten. Morgen sollte der Vertrag entworfen und unterzeichnet werden.

Siebentes Kapitel

Vom Weitsee herein steuerte ein Fischer seinen mit Beute beladenen Kahn am Morgen. Je näher es der schilfbewachsenen Buchtung zuging, desto kräftiger mußte der Fischer arbeiten, im Kleinsee nahe dem Dorfe war der Wasserstand gering, die Binsen standen dicht und hemmten den Nachen. Plötzlich ließ der Fischer das Ruder sinken, entsetzt fiel sein Blick auf einen Frauenkörper im Wasser mit ausgebreiteten Armen, das Gesicht dem Wasser zugekehrt. Vom Wellenschlag bewegt, schwankte die Leiche dem Ufer zu. Trotz des Schreckens wollte der Fischer, wenn noch möglich, Hilfe bringen. Er trieb den Kahn mit wuchtigen Ruderstößen vorwärts und steuerte auf den Frauenkörper zu, griff mit festem Griff in die vom Wasser aufgebauschten Kleider und zog den Körper in den Nachen. Jammernd erkannte der Mann in der Leiche die schöne Eugenie vom Schloß Ried.

Wie das arme Fräulein nur ins Wasser geraten sein mochte? Ob Hilfe möglich war?

Schnell brachte der Fischer den grausigen Fund an Land und barg den Körper in seinem Häuschen, wo er Wiederbelebungsversuche anstellte. Unterdessen lief sein Weib zum Arzt Freysleben im Dorfe, der alsbald erschien und nun seinerseits Wiederbelebungsversuche anstellte. Vergebliche Mühe, das Leben war entflohen, mußte schon vor vielen Stunden gewichen sein. An Selbstmord vermochte Doktor Freysleben nicht zu glauben, er für seine Person wüßte wahrlich kein Motiv anzugeben. Freilich kannte der Arzt die näheren Verhältnisse Eugeniens nicht, er wußte nur wie alle Dorfbewohner, daß die junge Dame wohlgelitten im Schlosse und allgemein beliebt gewesen war. Die Möglichkeit eines Selbstmordes verneinend, nahm Doktor Freysleben eine genauere Untersuchung der Leiche vor und wollte es ihm scheinen, als sei ein Druck auf die Luftröhre oder auf die Atmungsorgane bewirkt worden, demzufolge Erstickung hatte eintreten müssen. Demnach lag Mord vor, die Dame wurde bereits als Leiche in den Kleinsee geworfen.

Doktor Freysleben hielt sich verpflichtet, im telegraphischen Wege Anzeige bei Gericht in Landsberg zu erstatten und die Leiche einstweilen im Beinhaus des Friedhofes aufbewahren zu lassen. Im Schlosse meldete er das grauenhafte Ereignis persönlich Herrn Tristner, der soeben den Vertrag mit Wurm unterzeichnet hatte. Theo geriet vor Schreck außer sich und jammerte herzzerbrechend um Eugenie, die seinem Herzen so nahegestanden. Nicht minder entsetzte sich Olga, beherrschte sich aber doch so weit, daß sie den Dienern verbot, der Mama auch nur die geringste Mitteilung zu machen.

Inmitten der ihn umbrandenden Aufregung hielt es Herr Wurm für angemessen, ohne besonderen Abschied das Schloß zu verlassen. Seine Angelegenheit war durch Vertragsabschluß erledigt, den Vertrag hatte er in der Tasche, der zweifellos hier sehr angenehme Dienst war am nächsten Monatsersten anzutreten, die Kosten der Vorstellungsreise waren ersetzt, ein Verweilen hätte somit keinen Sinn und müßte angesichts des traurigen Ereignisses seinerseits geradezu taktlos erscheinen. Am Tode einer ihm unbekannten Repräsentationsdame hatte Wurm keinerlei Interesse, höchstens könnte man sich wundern darüber, daß sich ein Mörder just ein solch harmloses Opfer ausersehen habe. Wurm bat im Marstall um ein Fuhrwerk und wurde alsbald zur Bahnstation gefahren.

Ein Telegramm je an Doktor Freysleben und Theo Tristner befahl Aufbewahrung der Leiche und kündigte die Ankunft der Gerichtskommission für den Nachmittag an.

Alles war im höchsten Maße aufgeregt, weil die Kunde von einer Ermordung nicht geheimgehalten worden war. Seit Menschengedenken war ein Mord nicht im Moor vorgekommen, es war geradezu undenkbar, daß die harmlose, allgemein beliebte Gesellschafterin von Schloß Ried das Opfer eines Mörders sein konnte. Schmuck und Geld wird die arme Eugenie Dobler nicht besessen haben, was konnte also einen Menschen bewogen haben, sie ums Leben zu bringen?

Die Aufregung steigerte sich, als die Gerichtskommission angefahren kam, Doktor Thein, der Amtsrichter von Landsberg, mit einem Schreiber und zwei Gendarmen. Doktor Thein beauftragte den Rieder Arzt, die Stellvertretung des erkrankten Gerichtsarztes zu übernehmen und später die Obduktion durchzuführen.

Ein trockener Jurist dem Rufe nach, entwickelte Doktor Thein als Untersuchungsrichter volle Energie und Umsicht. Zunächst wurde die Augenschau am Kleinsee vorgenommen, die angrenzende Bewohnerschaft in den Gasthof zur »Post«, wo eine Stube als Kanzlei eingerichtet wurde, befohlen und bezüglich etwaiger Wahrnehmungen verhört. Niemand wußte aber auch nur das geringste anzugeben. Eugenie wurde auf dem Wege zum Kleinsee nicht gesehen, man hat sie auch nicht rufen gehört, es war niemand am Ufer. Aber auch von einer Mannesperson, die etwa der Mörder hätte sein können, wurde nichts wahrgenommen. Der aufgerufene Fischer erzählte dem Untersuchungsrichter, wie er auf der Heimfahrt den Körper im See gefunden und nach alter Praxis Wiederbelebungsversuche angestellt und sein Weib nach dem Rieder Arzt geschickt habe. Mehr wußte der Fischer nicht anzugeben.

Der Fall schien sonach rätselhaft zu werden. Doktor Thein ließ Theo kommen und fragte den befreundeten Schloßherrn nach etwaigen Selbstmordmotiven der Toten.

Theo beteuerte, davon keine Ahnung zu haben. Eugenie war wie immer seit ihrem Dienstantritt still, arbeitsam, bescheiden, taktvoll, wohlgelitten und beliebt, als Hausdame eine Perle. Über ihre Familienverhältnisse wußte Theo nichts anzugeben. Über seine Neigung zur Verstorbenen hütete er sich, ein Wort zu sagen.

Der Richter wollte an Mord nicht glauben und forschte daher hartnäckig nach Motiven zu einem Selbstmord. Ob irgendeine seelische Verstimmung in letzter Zeit wahrzunehmen gewesen, ein besonders aufregendes Ereignis eingetreten sei.

Da Theo absolut nichts dergleichen anzugeben wußte und über die Familienverhältnisse der Toten keinerlei Informationen hatte, beschloß Doktor Thein trotz der Bitte, Mama Tristner nicht zu verhören, sich an die blinde Dame um Auskunft über das Vorleben Eugeniens zu wenden. Vorerst aber sollte der Arzt die Obduktion vornehmen. Es wurde die Leiche in die provisorische Kanzlei geschafft, und Doktor Freysleben ging an das traurige Werk, wobei er seine Wahrnehmungen dem Schreiber diktierte. Die Hauptpunkte waren: Aus Mund und Nase sickert eine schmutzig rötlichgelb gefärbte Flüssigkeit, an der Zungenspitze bemerkt man Spuren von Zähneeindrücken, am Halse sind keine Spuren einer äußerlich angetanen Gewalt wahrnehmbar. Dagegen sei hinter der rechten Ohrmuschel die ganze rückwärts gelegene Gegend von der Epidermis entblößt, hellrot gefärbt mit einzelnen dunklen Flecken und etwas angeschwollen. Die rechte Ohrmuschel und der linke Teil der linken ist bläulichrot gefärbt, unter der an allen diesen Stellen eingeschnittenen Haut bemerkt man größere Blutunterlaufungen. Unter der Faszie, welche die Kopfnicker bedeckt, sowie am oberen Teile des Brustbeines bemerkt man gleichfalls ausgedehnte Blutunterlaufungen. Nach vorgenommenem Einschnitt zeigen sich beide Kopfnicker stark hyperämisch.

Eine ganze Reihe spezifisch ärztlicher Wahrnehmungen sowie den Befund der inneren Organe notierte Doktor Freysleben sich stenographisch und gab schließlich das Gutachten mit aller Bestimmtheit zu Protokoll: Aus der Obduktion ergibt sich, daß die Verblichene eines unnatürlichen plötzlichen Todes gestorben ist. Der Tod trat ein zufolge Verhinderung des Lufteintrittes in die Luftwege, die bewirkt wurde durch einen mit fremder Hand und großer Gewalt ausgeführten Druck auf die Luftröhre. Es genügte hierzu die Kraft eines einzigen Mannes; ob bei der Erdrosselung mehrere Personen beteiligt waren, läßt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden. Tod durch Ertrinken, eventuell Selbstmord durch Ertränken ist unbedingt ausgeschlossen. Was die Erdrosselungsart und das dabei benutzte Werkzeug betrifft, sei erklärt, daß der Mörder die Hände benützte, daß mit Daumen und Zeigefinger oberhalb des Schlüssel- und des Brustbeines auf die Luftröhre der Eugenie Dobler ein starker Druck ausgeübt worden ist.

Dieses Gutachten unterzeichnete Doktor Freysleben als Sachverständiger und erklärte dem Untersuchungsrichter gegenüber, daß er bereit sei, sein Gutachten zu beeiden.

Doktor Thein schüttelte den Kopf. Dieser Fall war rätselhaft; für einen Selbstmord nicht der geringste Anhalt, das ärztliche Gutachten behauptete Vorliegen einer gewaltsamen Tötung, von einem Mörder keine, nicht die geringste Spur. Soviel auch der Richter den Inhalt der Rocktasche im Kleide Eugeniens besah, nichts ließ auf Beraubung schließen, es war sogar noch ein goldenes Halskreuzchen an einer Schnur vorhanden, ein Schmuckstück von einigem, wenn auch nicht großem Werte, das ein Mörder sicherlich weggerissen und an sich genommen haben würde.

So leicht gab aber der Richter die Hoffnung auf Klärung nicht auf. Er ließ, nachdem die Leiche wieder in das Beinhaus gebracht worden war, den Fischer nochmals kommen und fragte ihn, wo er nach Bergung des Körpers die Wiederbelebungsversuche nach Fischerbrauch vorgenommen habe.

Der Fischer erwiderte, daß dies durch starkes Reiben hinter beiden Ohren geschehen sei.

Sofort machte der Amtsrichter den Doktor Freysleben auf diese Zeugenaussage aufmerksam, da diese eine Stelle im Gutachten zu erklären scheine, nämlich die Entblößung der Partie an den Ohren von Epidermis und Erzeugung von Blutunterlaufungen. »Herr Doktor! Haben Sie sich doch nicht geirrt? Bedenken Sie die Folgen Ihres Gutachtens für den Gang der Untersuchung! Durch das Zeugnis des einfachen Fischers ist die Blutunterlaufung an den Ohren und wahrscheinlich auch am Brustbein sehr glaubhaft erklärt. Finden wir noch einen Zeugen, der den angeblichen Druck auf die Luftröhre anders erklärt, so wird Ihr ganzes Gutachten hinfällig! Irrten Sie nicht?«

Gereizt erwiderte Doktor Freysleben: »Suchen Sie getrost einen weiteren Zeugen, ich bezweifle, ob Sie jemanden finden, der zugesehen hat, wie der Mörder die Eugenie Dobler erdrosselte. Übrigens bemerke ich, daß ich mein Gutachten zu beeiden bereit bin, ich bitte, meinen Eid zu respektieren! Ob mein Gutachten Ihren, eines Laien, Beifall findet oder nicht, ist mir gleichgültig. Sie können ja mein Gutachten Ihrem Gerichtsarzt und meinetwegen der Medizinischen Fakultät, dem Professor der gerichtlichen Medizin an der Universität in München unterbreiten!«

»Das werde ich unter allen Umständen tun!«

»Nur zu, Herr Amtsrichter! Ich konstatiere aber ausdrücklich, der Herr Schreiber ist mein Zeuge, daß ich mich nicht an Sie gedrängt habe, sondern daß Sie als Untersuchungsrichter mich mit der Stellvertretung des erkrankten Gerichtsarztes betraut und zur Vornahme der Obduktion beauftragt haben. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine Pflicht erfüllt, die Obduktion durchgeführt, deren Ergebnisse zu Protokoll gegeben und über mein Gutachten als Sachverständiger und praktischer Arzt den Eid angeboten. Ich verwahre mich gegen jede Anzweiflung der Richtigkeit meines Gutachtens und weise Laieneinspruch auf das entschiedenste zurück!«

Damit mußte sich der Amtsrichter wohl oder übel zufrieden geben. Doktor Thein begab sich nun ins Schloß und ließ Frau Tristner bitten, ihn zu empfangen.

Olga, die Mama Gesellschaft geleistet und schwere Mühe hatte, ihr das Fernbleiben Eugeniens einigermaßen erklärlich zu machen, gab dem Amtsrichter bei seinem Eintreten ein Zeichen, über das Ableben Eugeniens nichts zu sagen und Mama die Aufregung zu ersparen.

Da Doktor Thein bedauernd die Achseln zuckte, rauschte Olga tief beleidigt an ihm vorüber und verließ das Zimmer.

»Herr Amtsrichter, Sie kommen so selten und wollen doch ein Freund unsres Hauses sein! Reichen Sie mir Ihre Hand! Du lieber Gott, mein Augenlicht ist verloren, ich kann Sie nicht mehr sehen! Hoffentlich sind Sie noch unser Freund! Kommen Sie als lieber Gast, oder sprechen Sie auf Durchfahrt bei uns vor? Olga wird wohl alles Nötige für Ihre Bewirtung besorgen.«

Doktor Thein versicherte, der Dame die Hand reichend, daß in seinen freundschaftlichen Gefühlen zum Hause Tristner sich nichts geändert habe. Wenn in der letzten Zeit ein Besuch nicht stattfand, lag das an dienstlicher Verhinderung. Heute sei er dienstlich unterwegs und möchte er die freundschaftlichen Beziehungen dazu benutzen, um vertrauliche Auskunft über die Hausrepräsentantin Eugenie zu erbitten.

Erschreckt stammelte Frau Helene: »Um's Himmels willen! Was liegt gegen Eugenie vor? Es ist mir unerklärlich, daß sie sich seit gestern abend nicht bei mir eingefunden hat. Ist etwas vorgekommen? Bitte, reden Sie! Es wird doch das Gericht meine brave Eugenie nicht verfolgen?«

»Nein, Frau Tristner! Von Verfolgung ist keine Rede; ich kann Ihnen aber, weil durch das Amtsgeheimnis gebunden, nicht die Veranlassung sagen, weshalb ich Auskunft wünsche. Sind Sie über Eugeniens Privatverhältnisse informiert gewesen, als Sie die junge Dame engagierten?«

»Eugenie hat mir seinerzeit nur anvertraut, daß sie arm und durch einen Unglücksfall gezwungen sei, eine Stelle als Gesellschafterin anzunehmen.«

»Was war es für ein Unglücksfall?«

»Näheres weiß ich nicht mehr; es kann kaum von Bedeutung, für mich wenigstens, gewesen sein, da jene Angelegenheit aus meinem Gedächtnis geschwunden ist.«

»Hat Eugenie Empfehlungen gehabt, die Sie zum Engagement veranlaßten?«

»Ich glaube, sie wies einen Brief ihres Pfarrers vor.«

Doktor Thein rief überrascht: »Und das genügte Ihnen zur Aufnahme der Dame in Ihr Haus?«

»Bester Freund, soll diese Frage ein Vorwurf für mich sein? Ich glaube, aus dem Ton eine Rüge herauszuhören, bitte, Herr Amtsrichter, sagen Sie mir, was mit Eugenien vorgefallen ist, ich ängstige mich. Haben Sie Mitleid mit einer alten blinden Frau!«

Sofort lenkte Doktor Thein ein und bat, seine heftige Frage entschuldigen zu wollen. Es gelang ihm aber nur teilweise, die erregte Dame zu beruhigen, und unter der Zusicherung, sofort Fräulein Olga zu schicken, verabschiedete sich der Richter.

Olga schien auf ihn gewartet zu haben, denn sie kam rasch aus einer benachbarten Stube auf ihn zu und fragte, ob Mama nun von Eugeniens Tod wisse.

Der hagere Richter, der bedeutend älter aussah als er war, wurde herzlich im Anblick der zierlichen Olga, Freude und Hoffnung glänzte in seinen Augen, weich sprach er: »Ich habe nichts davon gesagt um Ihretwillen!«

»Danke, Herr Doktor! Was aber nun?« erwiderte Olga etwas freundlicheren Tones.

»Geweckt ist freilich in Ihrer Mutter die Sorge und eine Beunruhigung; geweckt durch meine dienstlichen Fragen nach Eugeniens Verhältnissen. Ich muß es Ihrer Geschicklichkeit überlassen, die Frau Mama wieder zu beruhigen und eine Erklärung für das Verschwinden der Gesellschafterin zu finden.«

»Das wird schwer sein! Haben Herr Amtsrichter einen Anhaltspunkt zur Erklärung des plötzlichen Hinscheidens? Ich kann an Mord nicht glauben!«

»Ich auch nicht, bin aber genötigt, einstweilen das ärztliche Gutachten zu respektieren. In einigen Tagen werden wir ja wissen, was die Sachverständigen der Universität zu dem ärztlichen Gutachten sagen. Möglicherweise hat sich der hiesige Arzt doch geirrt!«

»Sie meinen den Doktor Freysleben? Der ist ganz bestimmt kein Kirchenlicht!«

»Weshalb diese überraschende Geringschätzung Ihres Hausarztes?«

»Oh, Hausarzt ist Freysleben nicht, er wurde nur geholt, weil ärztliche Hilfe bei Theo damals dringend nötig gewesen. Wird lange genug geschmachtet haben, endlich mal ins Schloß gerufen zu werden, der Rieder Arzt!«

Doktor Thein nahm Abschied von Olga, die der Hoffnung auf baldiges Wiedersehen ohne dienstliche Veranlassung Ausdruck gab.

Lächelnd meinte Thein: »Mein Amt erfreut sich Ihrer Sympathie nicht, das weiß ich. Trennen Sie nur, bitte, Person und Amt! Adieu, liebes Fräulein Olga!«

Die Gerichtskommission beendete ihre Tätigkeit, es wurde die Beerdigung der Leiche Eugeniens angeordnet, die Akten und das ärztliche Gutachten nahm der Amtsrichter mit sich. Unzufrieden, geärgert reiste Doktor Thein vom Schlosse ab.

Theo erwies der Toten die letzte Ehre, ihm schloß sich die Schar der Schloß- und Brauereiangestellten sowie die Rieder Bevölkerung an im Zuge zur Grabstätte.

Der Hügel wölbte sich über den irdischen Resten, offen aber blieb die Frage, ob die arme Eugenie eines gewaltsamen oder freiwilligen Todes gestorben sei.

Achtes Kapitel

Mit der Tatsache, daß Baron Hodenberg sich ausquartierte und in der »Post« zu Ried niederließ, hatte Olga sich abgefunden und nach Überwindung des ersten Ärgers einverstanden erklärt. Daß aber Hodenberg nun seit mehreren Tagen den Verkehr mit seiner Braut eher mied denn suchte, diese Tatsache empörte Olga und bereitete ihr eine schmerzliche Enttäuschung, die zu völliger Verblüffung wurde, als eines Tages ein Brief an »Freilein Olga Dristner Hochwolgeporen Schlos Ried« abgegeben wurde. Handschrift und Orthographie mußten den Verdacht erwecken, daß der Baron sich entweder einen beleidigenden Witz erlaubte oder den Brief von einem Postboten schreiben ließ. Der Briefinhalt mit schauerlicher Orthographie entsprach der Adresse und besagte, daß Hodenberg, durch den plötzlichen Tod des Fräulein Eugenie sehr irritiert, sich außerstande fühle, das Schloß zu betreten. Sein Gemütszustand habe sich verschlimmert, erfordere strenge »Glausur«, ein völlig zurückgezogenes Leben. Vielleicht aber kehre er zurück, um die Braut zu holen.

Olga starrte auf die von ungelenker Hand geschriebenen Zeilen, die kein süßes Wort der Liebe enthielten; ein Widerwillen, ja Ekel erfaßte das Mädchen, eine Angst, die völlige Ratlosigkeit und Verwirrung erzeugte. Kann ein Edelmann aus vornehmem Hause schreiben wie ein Schafknecht? Soll dieser Brief ein »Witz« sein? Wenn ja, hat der Absender kein Gefühl dafür, daß solche Epistel in höchstem Maße beleidigend für die Empfängerin wirken müsse? Wenn Hodenberg wirklich gemütskrank ist, nie und nimmer darf er einen solchen Brief schreiben! Selbst ein Wahnsinniger wird nicht in gleicher Weise schreiben! Hat Hodenberg unfaßlicherweise den Brief diktiert, von fremder Hand schreiben lassen, so mußte den Baron der Takt abhalten, solches Gekritzel abzuschicken. Im persönlichen Verkehr war Mangel an Takt und Umgangsform nicht wahrnehmbar gewesen, es ist also undenkbar, daß dieser entsetzliche Brief von Hodenberg stammt. Wer aber konnte von den zarten Beziehungen Kenntnis haben, wer schrieb diesen, Absender wie Empfänger gleich blamierenden Brief? Hat ihn Hodenberg geschrieben, so steht der Baron auf der Bildungsstufe eines Roßknechtes, der Verfasser kann kein Edelmann, kein Gebildeter sein, er ist in diesem Falle nicht, was zu sein er behauptet.

Olga wollte schreien vor Angst und Zorn, zu Hodenberg eilen, ihn auffordern, Rechenschaft zu geben, ja sich zu legitimieren über seine Person und Abkunft. Doch die Vernunft wies diesen Gedanken wieder zurück. Es war unstatthaft, unmöglich, daß eine gebildete Dame aus gutem Hause einem Manne nachlief. Und selbst wenn Olga den Baron zur Verantwortung auffordern würde, welchen Gefahren für den guten Ruf würde sie sich aussetzen! Entlarvt Olga den Mann als ungebildeten Menschen, was war damit erreicht? Mit ihm hatte sie sich heimlich verlobt, ihm hatte sie das Jawort gegeben, an seiner Seite wollte sie glücklich werden! »Gott, was habe ich getan!« jammerte Olga in bitterster Seelennot. Unmöglich ist eine Aussprache mit der Mutter wie mit Theo; leiseste Andeutung eines Verlöbnisses müßte zum Bruch führen. Eine Olga Tristner verlobt mit einem Manne, der solche Briefe schreibt – undenkbar! Und das Undenkbare ist Tatsache! Kann die Verlobung rückgängig gemacht werden? Eine kurze Zeile an Hodenberg würde genügen. Aber darf man einem so ungebildeten Manne eine Zeile anvertrauen? Und noch dazu das Eingeständnis der Existenz früherer Beziehungen? Wer bürgt dafür, daß mit der Absage nicht Unfug getrieben wird?

Olga dachte an die Herrin von Zankstein, die vielleicht klar sehen, Rat erteilen könnte. Benedikte schien aber doch selbst an Hodenberg Gefallen gefunden, sich für ihn interessiert zu haben. Und so intim befreundet ist Olga mit der Zanksteinerin doch nicht, um das Geheimnis der Verlobung und des Hodenbergschen Briefes Benedikten anvertrauen zu können.

Auch an den ihr bisher nichts weniger denn sympathischen Amtsrichter, den verknöcherten Aktenmenschen, mußte Olga denken. Doktor Thein würde ihr sicher am besten raten können, doch wie blamiert müßte Olga vor dem Richter stehen!

Ist es wirklich undenkbar, daß ein in Umgangsformen sonst gewandter Mann schlecht schreibt, Fehler im Satzbau und Orthographie macht? Olga gestand sich selbst zu, daß auch ihre Briefe nicht völlig fehlerfrei seien, und sie noch im Pensionat mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß stand.

Diese Gedanken erweiterte Olga nach Art der nach Strohhalmen greifenden Ertrinkenden so lange, bis sie eine Entschuldigung für den Brief fand und daran glaubte. Die mühsam erreichte Einlullung des Gewissens zerriß wie Nebel im Nordwind, als Theo eines Tages erzählte, daß Baron Hodenberg im benachbarten Heilbrunn weile und unsinnig wirtschafte, das Geld mit vollen Händen von sich werfe, Sektgelage veranstalte, Hasard spiele, kurz der Löwe des kleinen Badeortes sei und gewaltig aufdrehe.

Olga erbleichte bis in die Lippen, ein Zittern lief durch ihren schönen, zierlichen Körper, sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Gemütskrank will Hodenberg sein und treibt es toll im Bad Heilbrunn! Lug und Trug alles! Frage um Frage drängte sich auf die Zunge, doch Olga schwieg und kämpfte ihren Schmerz wie die Seelenangst nieder.

Bei Tisch erzählte Theo diese Geschichte der Mama, die sogleich Gott dankte, daß dieser Sausewind ihr Haus verlassen habe.

Gereizten Tones warf Olga ein, daß die Aristokratie andre Lebensbedürfnisse hätte, an Müßiggang gewöhnt sei, und Bürgersleute kaum das nötige Verständnis für das Leben des Hochadels besäßen.

»Olgele, blamier dich nicht!« lachte Theo, »mit solcher Verteidigung kommst du sicher unter die Wagenräder, und dein Liebling wird in Ewigkeit kein Heiliger!«

»Ich will nicht daran glauben, daß meine Tochter auch nur in Gedanken eine Verbindung mit dem Baron, der mir ein Abenteurer zu sein scheint, für möglich gehalten hat!« rief tiefernst Frau Helene.

»Möchte mich auch schönstens bedanken! Meinen Herrn Schwager in spe stelle ich mir anders vor!«

Olga preßte die Lippen zusammen und senkte das Haupt. Es ward ihr zur Erlösung, daß in diesem Augenblick der Amtsrichter Doktor Thein gemeldet wurde.

Theo eilte zur Begrüßung in den Salon, und hier teilte Doktor Thein dem Schloßherrn die große Neuigkeit mit, daß von einer Ermordung der Eugenie Dobler nun keine Rede mehr sein könne, und daß Selbstmord durch Ertränken vorliege.

»Wieso? Warum? Doktor Freysleben hat doch . . .«

». . . das Gericht völlig irregeführt, sich selbst getäuscht und einen Kriminalfall heraufbeschworen, der gewöhnlicher Selbstmord ist. – Um nicht des langen und breiten schreiben zu müssen, sage ich Ihnen lieber mündlich, daß die Sachverständigen der Universität das Freyslebensche Gutachten umgestoßen und nachgewiesen haben, daß von einer Erdrosselung gar nicht die Rede sein könne. Ich kann nicht alle Punkte des Gegengutachtens anführen und will nur sagen, Freysleben ist bis auf die Knochen blamiert und wird sich hoffentlich in der Zukunft hüten, ein zweites Mal so leichtfertig Behauptungen aufzustellen. Also die schöne Eugenie hat sich ertränkt. Ich möchte nun sehr gern privatim wissen, nicht amtlich, denn der Selbstmord hat das Gericht nichts zu kümmern, weshalb die junge Dame plötzlich im Wasser den Tod gesucht habe.«

Theo versicherte, von einem Motiv keine Ahnung zu haben.

»Seltsam in der Tat! Haben Sie denn keine Spuren von Trübsinn, Melancholie wahrgenommen? Oder ist vielleicht ein Brief mit schlimmer Nachricht eingelaufen? Oder war jemand aus der Verwandtschaft Eugeniens zu Besuch an jenem Unglücksabend hier?«

»Ich weiß nicht das geringste, glaube auch nicht, daß meine Damen etwas wissen. Wir, das heißt Olga und ich, wurden in entsetzlicher Weise von dem Ereignis überrascht, es fehlt an allem, was auch nur ein Fingerzeig zu einer Erklärung sein könnte.«

»So! Nun dann verzichte ich auch als Privatmann auf eine Lösung des Rätsels, die freilich interessant wäre. Verzeihen Sie die Störung und entschuldigen Sie meinen Überfall bei den Damen. Ich fahre gleich weiter, habe in Heilbrunn zu tun.«

»Oh, Herr Doktor, tun Sie mir den Gefallen und schauen Sie sich den neuen Bade-Löwen an, den Baron Hodenberg, der eine Zeitlang unser Gast war, und wie ich höre, jetzt in Heilbrunn das Geld wie wahnsinnig unter die Leute wirft. Da Sie auf der Rückfahrt ja doch hart an Ried vorüber müssen, bitte kehren Sie auf einen Humpen Schloßbier zu und erzählen Sie mir, was Sie beobachtet haben.«

»Mit Vergnügen! Der Zugvogel aus dem Norden war auch einige Zeit in Landsberg, ich konnte ihn aber nicht in Gesellschaft zu Gesicht bekommen. Ist anscheinend nicht jedermanns Geschmack, mit einem Amtsrichter beim Bier zu sitzen!« lachte Doktor Thein.

»Meiner schon! Mich geniert die hohe Würde nicht!« erwiderte scherzend Theo.

»Hohe Würde ist gut, das Gehalt ist noch höher, beginnt mit zweitausendzweihundertachtzig Silberlingen! Haben Sie soviel Geld schon auf einem Haufen beieinander gesehen? Also auf Wiedersehen, Heuschoberer!«

»Wie? Was? Heuschoberer?«

»Na, niente di male! Tristner hat mit triste, traurig, nichts zu tun, wohl aber mit ›drist‹, ist gleich Haufen von Scheitern, Heu, Stroh, Getreide, also heißt Tristner soviel wie einer, der Haufen oder Schober mit Heu und so weiter besitzt. Womit ich die Ehre habe! Servus!«

Theo geleitete lachend den Amtsrichter zum Portal und kehrte nach Theins Abfahrt sogleich zu den Damen zurück, bestrebt, die große Neuigkeit zu erzählen. Ein Blick Olgas warnte ihn rechtzeitig. So sagte denn Theo, daß der Amtsrichter auf der Fahrt nach Heilbrunn sich für das Abendbrot bei seiner Rückkehr angemeldet habe.

»Das freut mich! Theins Verkehr im Hause ist mir lieb, der wackere Mann mir teuer! Gebe Gott, daß der Richter auch euch Kindern so wert werde! Olga, führe mich in den Garten!«

Gegen Abend kam in Hodenbergs Wagen ein Sendbote des Barons mit einem Prachtbukett herrlicher Rosen aus Heilbrunn angefahren. Im Strauß steckte die Visitenkarte Hodenbergs ohne handschriftliche Bemerkung. Der Bote entledigte sich seines Auftrages und gab das Bukett für das gnädige Fräulein Olga Tristner beim Schloßpförtner ab.

Olga war rasch versöhnt ob dieser Blumenspende und leistete dem Bräutigam insgeheim Abbitte für die bösen Gedanken.

Um so qualvoller ward für Olga die Stunde, die Amtsrichter Thein am Abend im Kreise der Familie zubrachte, des ausführlichen erzählend, wie Baron Hodenberg es in Heilbrunn treibe, insbesondere unsinnig viel Geld ausgebe, und Hahn im Korbe bei den Damen des Kurorts zu sein scheine. Thein versicherte, es noch nie gesehen zu haben, daß ein Mensch so toll mit Geld wirtschafte.

Frau Helene hatte aufmerksam zugehört und bemerkte nun: »Solches Geldverschleudern ist meines Erachtens ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Mann ohne tiefere Bildung ist und mühelos Geld bekommen hat. Möglich, daß der Baron das Geld gewonnen oder geerbt hat, vielleicht sogar auf nicht einwandfreie Weise zu einem Vermögen gekommen ist. Jedenfalls kennt er den Wert des Geldes nicht, hat es auch nicht durch mühsame Arbeit erworben.«

Thein stimmte bei: »Ganz richtig, gnädige Frau! Dem Manne ist das Geldausgeben zur Zeit Selbstzweck. Auffallend war mir bei scharfer Beobachtung, daß dieser Baron ausgelassen lustig sich zeigte, inmitten seiner unbändigen Fröhlichkeit aber plötzlich ein unsicheres, fast ängstliches Benehmen zum Ausdruck kommen ließ.«

Hastig warf Olga ein: »Hodenberg ist bekanntlich gemütskrank, hypernervös, daher diese plötzlich auftretende Angst und Scheu! Er sprach selbst davon, daß er zeitweilig an Verfolgungswahn leide!«

Freundlich erwiderte Thein: »Das will ich um so weniger bestreiten, da Sie, liebes Fräulein, es behaupten! Es liegt ja auch weiter nichts vor! Vielleicht ist Baron Hodenberg eine Art jugendlicher Tunichtgut, der das Vermögen eines allzu sparsamen Vaters jetzt so schnell als möglich vergeuden, unter die Leute bringen will. Das scheint der Baron famos zu verstehen!«

Theo meinte lachend: »So? Nun, dann werden wir wohl bald das Vergnügen haben, den Verschwender total abgebrannt wiederzusehen! Vielleicht spricht er dann vor und bittet um Verabreichung des Ortsgeschenkes!«

»Das ist eine Infamie!« rief zornbebend die Schwester.

Der Amtsrichter wollte vermitteln und bat, es möge Olga die Bemerkung Theos, die mehr ein schlechter Witz denn eine Bosheit sei, nicht weiter übelnehmen.

Olga blieb bei ihrem Ausspruch, wodurch die Harmonie für den Rest des Abends zerstört war. Thein ließ anspannen und fuhr nach herzlicher Verabschiedung nach Hause. Mutter und Tochter verfügten sich in ihre Zimmer. Als jegliches Licht im Schlosse erloschen war, ging auch Theo zur Ruhe.

Der herrliche Sommermorgen lockte den früh erwachten jungen Schloßherrn zu einem Spaziergang, der bei reichlicher Zeit bis zur Bahnstation ausgedehnt wurde. Eben fuhr der Münchener Personenzug ein, dem zu Theos Überraschung der neuengagierte Verwalter Wurm entstieg. Durchaus vornehm gekleidet, sah der ehemalige Hofstaatssekretär einem Lord auf Reisen sehr ähnlich, und hochnäsig rief Wurm nach einem Träger. Da es aber in der kleinen Station keine eigentlichen Kofferträger gab, war der Verwalter gezwungen, sein Handgepäck selbst aus dem Wagenabteil erster Klasse zu nehmen.

Theo, der auf Reisen nur zweite Klasse benützte, wunderte sich, daß ein Untergebener in erster Wagenklasse fahre, und trat nun auf Wurm zu und begrüßte ihn.

Hastig dankte der Verwalter, im Bestreben, den jungen Chef vom Waggon wegzubringen.

Dieses Drängen erschien Theo auffällig, doch sagte er darüber nichts. Der Zug fuhr ab, und für einen Augenblick ward am Fenster des Abteils, das Wurm verlassen hatte, ein Frauenkopf sichtbar.

»Aha!« dachte Theo und fragte hierauf, warum Wurm seine unerwartet frühe Ankunft nicht durch ein Telegramm angezeigt habe.

»Wollte nicht stören, gnädigster Herr! Hatte die Absicht, mein Gepäck auf der Station zu lassen und zu Fuß nach Schloß Ried zu gehen. Wollte Ihnen vorschlagen, mit mir weiter gen Süden zu reisen, so 'ne Schnellzugsfahrt durch die Alpen nach Triest und über Venedig zurück. Parforcetour allerdings, denn zum Dienstantritt muß ich rechtzeitig in Schloß Ried wieder eintreffen. Was sagen Euer Gnaden zu dieser Idee?«

»Topp, genialer Gedanke! Nur müßte ich daheim schnell im Kalender nachsehen, ob Wechsel fällig sind, und dem Buchhalter Anweisungen geben.«

»Besteht sonst kein Hindernis für eine plötzliche Abreise?«

»Ich wüßte nicht! Auf eine Woche könnte ich leicht fort!«

»Und die Damen?«

»Ach so! Nun, Mama dürfte ich allerdings nicht sagen, daß ich eine Spritzfahrt zum Vergnügen unternehme.«

»Vielleicht sagen Herr Chef, daß Sie in München geschäftlich zu tun haben, das klingt sehr wahrscheinlich!«

»Sehr gut! Wollen wir mal den Fahrplan studieren?« meinte Theo, dem die Idee einer Spritzfahrt ausnehmend gefiel.

»Nicht nötig, Herr Tristner! Der nächste Zug trifft um elf Uhr hier ein und fährt wenige Minuten später weg. Können der gnädige Herr bis elf Uhr reisefertig hier sein?«

»Gewiß! Handgepäck wird ja genügen für acht Tage! Also kommen Sie, wir springen heim!«

»Pardon! Ich möchte lieber hier auf Sie warten, in Schloß Ried einstweilen nicht gesehen werden.«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Gedanke doch sehr nahe liegen muß, daß bei einer Abreise des Chefs unbedingt der Verwalter daheim zu bleiben habe!«

»Stimmt! Gut! Bleiben Sie hier, ich werde Punkt elf Uhr angefahren kommen! Auf Wiedersehen!«

Kaum war Theo gegangen, gab Wurm eine Depesche auf, die dem zur Landesgrenze rollenden Personenzug nachgejagt wurde. Sodann stärkte sich der Verwalter in der Bahnhofsrestauration durch ein üppiges Frühstück und vertrieb sich die Zeit mit Lesen und Rauchen. Nach etwa einer Stunde kam mit fragend suchender Miene ein Angestellter des Telegraphenamtes in die Restauration mit einer Depesche in der Hand. »Hierher! Ich erwarte ein Telegramm!« rief hochfahrend Wurm, nahm die Depesche ab, gab dem Mann eine Kleinigkeit Trinkgeld und las das Telegramm: »Bin, wie gewünscht, morgen Hôtel de la ville!«

Zufrieden rieb sich Wurm die Hände, zerriß das Telegramm in winzige Stückchen und warf es dann unter den Tisch.

Als Theo prompt erschien, übernahm Wurm die Obliegenheiten des Reisemarschalls, bat aber zugleich um Überlassung der Reisekasse und Befehl bezüglich der Wagenklasse.

»Natürlich Zweiter! Hier einstweilen ein Hunderter! Sie sind mein Gast auf dieser Fahrt, auf die ich mich riesig freue!«

Sicher und gewandt erledigte Wurm die nötigen Geschäfte am Schalter, der Mann verstand sein Amt als Reisemarschall, und Theo hatte seine Freude daran, mit solcher Höflichkeit bedient zu werden. Sein neuer Verwalter ist zweifellos eine Perle, eine ausgezeichnete Akquisition. Es geht eben nichts über geschulte Angestellte!

Neuntes Kapitel

Die Fenster eines eleganten Salons im Hôtel de la ville zu Triest boten einen entzückenden Blick auf den Hafen, den Schornsteinwald vieler Schiffe und hinaus auf die blaue Adria. Drüben am neuen Kai die wuchtigen Orientdampfer, am Molo San Carlo griechische Zweimaster, die Triest mit Feigen versorgen, dazwischen Schoner und Kauffahrteischiffe aller Länder, und dann das Chaos von Gaëten, Misticos, Navicellos, Trabacolos, Brazzevas, Polaccas, wahre Nußschalen gegen die stolzen Lloydschiffe, winzige Boote, die gegebenenfalls vor der Bora flüchten wie die Spreu vorm Wind, sonst aber, das lateinische, vielfach geflickte Segel gehißt, kühn hinausfahren in die blaue See. Reges Leben herrscht im Hafen; wo immer zwei braune Gestalten zusammentreffen, wird gelärmt, als stecke einer am Spieß, die Lebhaftigkeit des Südens macht sich allenthalben geltend trotz der Hitze, die brütend über der reizenden Bai liegt.

Theo konnte sich von dem fesselnden Bilde nicht losreißen, immer wieder erquickte sich sein Auge daran, entzückt pries er den Gedanken Wurms, diesen Abstecher vorgeschlagen zu haben, denn wahrscheinlich nie im Leben wäre Theo ohne diesen Vorschlag an die Gestade der Adria gekommen. »Und Venedig soll noch interessanter sein?« fragte Theo seinen Begleiter, der gelangweilt am Fenster stand.

»Geschmackssache! Habe übrigens aus dem Fahrplan ersehen, daß Überfahrt zur Lagunenstadt nur nachts stattfindet, Ankunft in Venedig sechs Uhr früh! Das ist nichts für Sie, kostet die Nachtruhe! Ich schlage einen Abstecher entweder nach Korfu oder Brindisi auf einem großen Dampfer vor!«

»Auch recht! Aber können wir zum Monatsersten wohl rechtzeitig daheim sein?«

»Unbesorgt! Ich bürge dafür, allerdings vorausgesetzt, daß uns das Geld nicht ausgeht. Von Brindisi müssen wir Schnellzüge bis Verona, von da ab den Südnordexpreß benützen, um pünktlich in Schloß Ried zu landen!«

»Geld habe ich genügend mit, langen wir mit tausend Mark?«

»Gewiß! Nur muß deutsche Reichswährung hier in italienisches Geld umgetauscht werden. Ich werde das gleich besorgen. Darf ich bitten, nun mit mir zu einem echt Triestiner Frühstück zu gehen?«

»Das können wir doch auch im Hotel nehmen? Kann mich nicht trennen von dem Blick auf den Hafen!«

»Der Besuch einer Trattoria bietet auch etwas für Sie Neues! Kommen Sie!«

Einigermaßen widerwillig fügte sich Theo und ging mit. In der Halle des eleganten Hotels kam den Herren eine äußerst anziehende, elegant gekleidete schlanke Dame von reizenden Körperformen entgegen, die dem jungen Schloßherrn verführerisch zulächelte, als Theo unwillkürlich ehrerbietig grüßte.

Vor dem Hotel am Kai promenierend, fragte Theo, wer wohl die elegante Dame sein könnte, jedenfalls von Distinktion.

»Wünschen Sie Anschluß?« fragte Wurm.

»Wäre entzückende Reisegesellschaft, fürchte aber, daß mir der Spaß zu teuer kommen könnte.«

»Keine Angst! Sie brauchen sich keineswegs hoch zu engagieren!«

»Kennen Sie die elegante Schönheit?«

»Hm! Diskretion bindet mir eigentlich die Zunge, darf einen hohen Herrn nicht bloßstellen . . .«

»Wieso hohen Herrn? Dann wäre ja die Dame . . .«

»War Vorleserin bei einer Hoheit, hm, persona gratissima, mußte aber wegen Toleranzmangel der legitimen Gnädigsten die Segel streichen. Doch wir müssen dem Canale grande zusteuern, hübscher Blick, was?«

Für die griechischen Schiffe im Kanal, der bis zur Fruchthalle im Stadtinnern sich hinzieht, hatte Theo nun kein Interesse mehr, ihn beschäftigten Gedanken an die schöne Dame, die nach der Erzählung Wurms nicht mehr unerreichbar scheint. Ein galantes Reiseabenteuer wäre nicht so ohne, nur hegte Theo, dem dergleichen neu war, die Sorge, daß die Groschen zu früh alle werden könnten; ein Heimtelegraphieren um Geldnachsendung war aber undenkbar, müßte das Geheimnis dieser reizvollen Spritzfahrt aufdecken und einen heillosen Verdruß bei Mama erzeugen. Es hieß also sparsam sein und kostspielige Sprünge vermeiden.

Wurm geleitete seinen jungen Chef in die Trattoria Bisaldi, ein Restaurant, bürgerlich geführt und doch originell. Inmitten des Lokales befand sich die Küche, ein offener Herd mit Feuer unter den Rosten, am Büfett lagerten frische Fische zur Schau, Meerspinnen und Austern, eine Augenweide für den Südländer. Ein Duft von Öl, Fischen und Gulasch zog durch den Raum.

Die Herren ließen sich an einem Tische nieder, dessen ehemals weiß gewesenes Linnen breite Rotweinflecke aufwies.

Ein Kellner sprang herbei und schnatterte: »Die Erren sein Tedeschi, habe die Ehre, wünschen?«

»Wir sind erkannt!« lachte Theo.

Wurm bediente sich trotzdem der italienischen Sprache: »Portatemi vino nero Terano!«

»Si, Signor!« rief der Kellner und holte den verlangten tiefdunklen Istrianerwein. Als der Kellner mit zwei Porzellangefäßen, die eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Geschirren für Kaffee und Milch hatten, angerückt kam und diese aparten Gefäße schwarzen Wein enthielten, lachte Theo, daß ihm das Wasser in die Augen schoß. »Führ' ich bei meinen Wirten ein, Bier aus Kaffeekännchen, das wäre famos!«

»Die Erren wünsche su speis?«

»Pesce!«

»Aber tun Sie doch dem Kerl den Gefallen und bestellen Sie auf deutsch!« bat Theo, dem das gebrochene Deutsch des Kellners Vergnügen bereitete.

»Subito, Signori! Gleik!«

Von den Fischen in tadellos frischem Zustande wählten die Herren rotgoldene Orada, eine Portion Sepia fritte sowie Austern. Letztere wurden sofort vor den Augen der Besteller geöffnet und mit riesig großen Zitronen gebracht.

»Was? Die Austern sind ja nahezu schwarz!« rief Theo überrascht.

»Die Triestiner Auster ist immer dunkel, keine Natives, aber ebensogut, wenn frisch. Der Ruf Bisaldis gewährleistet frischeste Ware!«

»Nein, ich kann das schwarze Zeug nicht essen!«

Wurm zuckte mit den Achseln und schluckte mit Virtuosität das Dutzend eiligst hinunter.

»Das Austernessen haben Sie los, Herr Verwalter!« staunte Theo.

Ein schwerer Duft und Dunst von heißem Öl zog durch die Trattoria, es schmorte die Orada, mit Olivenöl begossen, auf dem Rost, und ein Teil Tintenfisch wurde in heißem Öl gebacken.

Theo hustete, und als ihm die Orada, wunderbar gebraten und garniert vorgesetzt wurde, mußte der Schloßherr sich zwingen, wenigstens einen Bissen zu kosten. Das Öl aber machte ihm den Imbiß ungenießbar. »Weg damit oder es geschieht ein Unglück!«

Grinsend trug der Kellner die Speise weg und lachte leise: »Tedeschi sempre!«

Theo glaubte, auch dem schwarzen Wein Mißtrauen entgegenbringen zu sollen, kostete aber doch und fand den Istrianer Rebensaft gut.

»Trinken Sie nach Herzenslust, Herr Tristner, der Wein ist echt und kann en gros an der Meeresküste genossen werden. Sie glauben gar nicht, was die Seeluft alles bewirkt!«

»Oh, das will ich nicht bezweifeln!« meinte Theo und bat hierauf, es möge Wurm die Zeche bereinigen und ihn zum Hotel zurückgeleiten. Ein Viertelstündchen später standen die Herren wieder am Hafen und pilgerten auf den Platten dem Hôtel de la ville zu, um hier auf deutsche Art zu frühstücken.

Die letzten Bedenken Theos gegen einen Ausflug zur See schwanden beim Anblick der reizenden Dame, die reisefertig das Hotel verließ und sich zum Hafen begab, um frühzeitig an Bord zu gehen. Zu Wurm gewendet, fragte Theo: »Wissen Sie denn, wohin die Dame fährt?«

»Das Reiseziel dürfte Korfu sein, denn der Eildampfer ›Venus‹, der um vier Uhr Triest verläßt, fährt direkt nach Korfu. Ich vermute, daß sich die Dame um eine Stellung bewerben wird.«

»Gut, fahren wir mit! Besorgen Sie alles Weitere! Ich gehe gleich an Bord!«

Wurm nickte sehr zufrieden, veranlaßte aber Theo, zu warten, bis im Hotel alles erledigt sei.

Gegen vier Uhr bestiegen die Herren den Dampfer, auf dem reges Leben herrschte.

»Hojo-tirra-hoj!« tönte es aus den Kehlen der Träger, die auf schwankenden Landungsbrettern die Lasten auf den schmucken Dampfer schleppten. Dicker Rauch qualmte aus dem Schlot und verfinsterte den Hafen, die Dampfkranen rasselten, es war ein fieberhaftes Hasten und Jagen.

Die Flut im Hafenbecken schimmerte perlmutterfarbig, silbern glänzte draußen die See. Auf der staffelförmigen Landschaft mit ihren immergrünen Gewächsen und den hellen Flecken, den palastähnlichen Häusern dazwischen, lachte goldiger Sonnenschein.

Schon wurden die Schiffsmagazine geschlossen, Fracht und Gepäck war verstaut, die letzten Passagiere kamen an Bord, die schweren Brücken waren an Land gezogen, nur eine schmale Brücke mit Seilgeländer verband den Bord mit dem steingefügten Ufer. Dumpf dröhnte der Pfiff der Dampfpfeife. Wer nicht mitfuhr, mußte nun das Schiff verlassen, das Abschiednehmen begann. Würdevoll begab sich der Kapitän auf die Kommandobrücke, die Offiziere nahmen ihre Posten ein; die schmale Brücke wurde, nachdem die letzten Begleiter an Land zurückgekehrt waren, eingezogen. Nur noch an vier schweren Seilen hing der Dampfer mit dem Lande zusammen. Da ertönte das Kommando des Kapitäns.

Der Offizier, dem die Bedienung des Sprachrohres hinab in den Maschinenraum oblag, gab augenblicklich den Befehl »Avanti!«, und im gleichen Moment schlug die Schiffsschraube das Wasser zu mächtigen rauschenden Wellen.

Langsam, majestätisch zog der Dampfer in See.

Hin und her tönten die Rufe: »Felice viaggio!« Tücherschwenken, letzte Grüße, Tränen, Freudenrufe.

Spitzflügelige Möwen umflattern das Schiff, als wollen auch sie Abschied nehmen, sie schwirren um die Masten, lassen sich in See fallen und küssen die weißen Perlenschnüre der Wellenkämme.

Wie gebannt blicken die Passagiere zurück auf die im Abendsonnenschein glühende Stadt und die verschwimmenden Konturen des Karstgebirges. Ein entzückend schönes Bild.

Ein Addio noch dem treuen Leuchtturm, einen Blick auf das einst venezianisch gewesene Capo d'Istria und das prächtig gelegene Pirano, dann versinkt der Golf von Triest mit der Silhouette des Kaiserschlosses Miramar; mattfarbene Dämmerung fällt ein, mählich erglänzen die Sterne am Firmament.

Vereinzelt schwimmen kleine Boote und Zollkutter auf der schwach irisierenden Meeresfläche, sie suchen das heimatliche istrische Gestade auf, bevor die Nacht einbricht.

Wie ein edler Renner geht der Dampfer in See.

Für Theo Tristner war alles so neu und fesselnd an Bord und um das Schiff, daß er auf seinen Begleiter wie auf das erhoffte Reiseabenteuer völlig vergaß. Der Abend auf hoher See nahm seine Sinne gefangen. Fast unwillig zuckte Theo zusammen, als der Ruf: »Ratazza!« ertönte, doch guckte Theo wieder neugierig auf das Vorderdeck, um zu sehen, was dieser Ruf zu bedeuten habe.

Der alte Brauch der Arbeitsverteilung zur Bordreinigung wird eben inszeniert, indem der Bootsmann die zwei jüngsten Matrosen auswählt, dem einen die Ratazza übergibt, dem andern einen Besen einhändigt unter entsprechender Belehrung.

Munter traten die Burschen, echt südländische Gestalten, ihren Dienst an; der eine wischt mit der angefeuchteten Ratazza alle auffindbaren Flecken an Bord sauber auf und achtet sorgsam auf jede Bewegung der Mannschaft. Spuckt ein Matrose den Priemchensaft im Bogen auf Deck, flugs ist die Ratazza in seinen Händen, es muß nun der Verunreiniger das Amt übernehmen und so lange verwalten, bis er seinerseits jemanden erwischt. So bleibt die Ratazza während der ganzen Reise in Tätigkeit und das Deck sauber. Der Besenmann hingegen fahndet nach Staub und Leuten, die Zündhölzer wegwerfen. Theo mußte lächeln, als er sah, wie flink der Besenmann sein Instrument los ward und einem Schiffsjungen einhändigte, der nun verblüfft den Besen betrachtete.

Auch zahlreiche Passagiere beobachteten die amüsante Szene, erfahrene Reisende mit großem Interesse, wissend, daß der »Grünling« an Bord, der Junge, nun das Opfer verschiedenen Schabernacks werden müsse. In der Tat nützte der Koch das letzte Licht und die zum Ulk reizende Situation und rief dem besenbewaffneten Schiffsjungen zu: »Gallina verde!«

Die Passagiere lachten hell auf, betroffen stand der Junge, der mit der italienischen Schiffssprache noch nicht genügend vertraut zu sein scheint. Doch »gallina« hat der Junge sofort verstanden, flink springt er dem Platz zu, wo die Hühnersteigen mit lebendem Geflügel sich befinden, eifrig prüft er die Hühner auf ihre Gefiederfarbe. Betrübt kam der Junge zurück und meldete dem Koch in holperigem Italienisch, daß ein grünes Huhn sich nicht in den Steigen befinde.

Belustigt ob des Reinfalles lachen die Passagiere, und die Mannschaft johlt vor Vergnügen.

Theo empfand trotz der Komik dieser Episode Mitleid mit dem Jungen; doch nahm das herrliche Naturschauspiel des aus den Fluten steigenden Mondes seine Aufmerksamkeit nun voll in Anspruch. Auch der Junge guckte wie verzückt, er mochte wohl seine erste Fahrt in See machen und vergaß auf die nie schlummernde Spottlust bocchesischer Schiffsmannschaft.

Hell glänzte das Silberlicht der keuschen Luna auf der schimmernden See.

Wurm kam in Begleitung der Dame nun zu Theo und machte die Herrschaften miteinander bekannt. »Fräulein Senta Camacero aus Florenz!« – »Herr Theo Tristner von Schloß Ried, Rittergutsbesitzer!«

Heiß drängte ihm das Blut zum Halse hinauf beim Anblick der reizenden, glutäugigen Dame, die liebenswürdig und ohne Ziererei lächelnd, so daß blendend weiße Zähne glänzten, dem jungen Herrn die Hand reichte. Wurms scharfer Blick beobachtete Theo, der in hilfloser Verlegenheit sich befand, weil er eine Konversation in italienischer Sprache, zweifellos der Muttersprache der Schönen, nicht führen konnte. Holprig stotterte Theo: »Grazie, Signora! Le sono molto obbligato della sua gentilezza, ma parlo solamente un poco italiano . . .!

»Bitte, Herr Tristner, wir wollen deutsch sprechen!«

»Mit Wonne, Gnädigste! Ich dachte, als Florentinerin würden Sie der deutschen Sprache nicht mächtig sein!«

»O doch, ich wurde in Florenz von deutschen Eltern geboren, habe sonst keine Gemeinschaft mit Italien, wenn ich selbstverständlich auch italienisch spreche. Sie reisen, wie mir Herr von Wurm sagt, gleichfalls nach Korfu?«

»Eigentlich bin ich über die Ziele unsrer Fahrt im unklaren, ich fahre, sehe, bewundere und fühle mich im höchsten Maße glücklich ob dieser Reise, so fremd mir auch alles ist.«

»Nun, dann gestatten Sie einer vielgereisten Dame, daß diese Sie etwas bemuttert, ja?«

»Mit größtem Vergnügen werde ich mich unter Ihre Fittiche begeben!«

»Gut! Ich schlage vor, wir feiern unser Zusammentreffen bei einem fiasco Chianti vecchio! Kommen Sie, meine Herren, in den Speisesaal! Mir wird es auf Deck nun doch zu kühl!«

Wurm ließ seinem Chef bereitwilligst den Vortritt, Theo reichte der feschen Dame seinen Arm und schritt mit der entzückenden Florentinerin voran. Wurm folgte hinterdrein und pfiff vergnügt, doch leise durch die Zähne.

Im luxuriös ausgestatteten Speisesaal bei Backwerk und ausgezeichnetem Chianti ward das Zusammensein eine Festlichkeit, deren Zauber sich Theo willig hingab. Er vermeinte, niemals im Leben eine so schöne, entzückende, reizvolle Dame gesehen zu haben, deren Liebenswürdigkeit fesseln mußte. Gewiß, Fräulein Camacero gibt sich frei, ungezwungen, das bringt aber das Reisen mit sich, eine gewisse Selbständigkeit ist das Ergebnis vieler Reisen; die Dame plaudert amüsant, taktvoll, geistreich, bekundet Wissen und läßt erkennen, daß sie einer gewissen Gemütlichkeit, wie der Süddeutsche solche liebt, durchaus nicht abhold ist. Faszinierend ist das Auge, sprühend, lodernd manchmal der Blick, wie sehnsüchtig verlangend. Doch nur selten traf ein sinnlich glühender Blick Theo, die Lider mit langen Wimpern senkten sich, verhüllten den Spiegel der Seele. Blauschwarz das üppige Haar, fast ohne Zugeständnis an moderne Frisur, eher absichtlich schlicht gehalten. Die Dame trug dunkle Seide, eng anliegend, eine wundervolle Büste wird knapp umspannt und läßt entzückende Reize erkennen. Ein leiser Veilchenduft weht von dieser Sylphidengestalt, die geschaffen ist, Männeraugen zu verwirren.

Theo schwamm in einem Wonnetaumel in Gesellschaft dieses herrlichen Weibes. Vergessen ist die arme Eugenie, die, selbst wenn sie noch lebte, nicht mit Senta, der Göttlichen, verglichen werden könnte. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Jener Hoheit Sympathie für dieses Götterweib begriff Theo, er fühlt ja selbst eine Sympathie, die vielleicht morgen schon zur lodernden Liebesglut gesteigert sein wird, ein Herzklopfen, so wild und stürmisch, daß er vor Lust und Verlangen schielen, das herrliche Weib an sich ziehen, drücken und küssen möchte, selbst wenn er im selben Augenblick mit Senta und dem Schiff versinken müßte in die Tiefe des Meeres.

Wurm mahnte zum Aufbruch. Er sagte zu Theo, daß schlechte See zu erwarten und es angezeigt sei, die Kajüten aufzusuchen.

Etwas besorgt erhob sich Fräulein Senta sogleich, und damit war auch für Theo das Signal gegeben, aufzubrechen. Heulende Windstöße empfingen die Passagiere, die »Venus« stampfte schwerer See, einem bösen Nachtgewitter, entgegen. Jäh wich alle Liebesglut, Theo vermochte sich kaum mehr zu verabschieden und wankte hinweg, dem Meergott den ersten Tribut zu entrichten und dann seine Kabine aufzusuchen, um darin eine Nacht des Jammers und physischen Elends zu durchwachen.

Marenda und Pranzo gingen, unbeachtet von den meisten Schiffspassagieren, vorüber, Theo fühlte sich so elend, daß er den ganzen Tag und auch am Abend unsichtbar blieb; er befolgte Wurms Rat und unterzog sich einer Hungerkur, die ein Heilmittel gegen die Seekrankheit sein soll.

Der dritte Tag brach an, die »Venus« befand sich am Eingang zur klippenreichen Meeresenge von Korfu, und unfreundlich präsentierte sich der Himmel Joniens, nebeldrohend, somit im Gebiete der prallen Felswände schwere Gefahr bietend.

Als Theo auf Deck kam, stand der Kapitän auf der Kommandobrücke, um persönlich scharfen Auslug zu halten und das Schiff in den schmalen Kanal zu bringen. Die ernste Miene des Kommandanten rief sowohl bei Theo wie bei anderen Passagieren Besorgnis hervor, auch Fräulein Senta, in einen eleganten Mantel gehüllt, verhehlte die Angst vor der Kanalfahrt nicht, als sie Theo zum Gruß die Hand reichte. Nur Wurm blieb gelassen, oder er heuchelte Gleichgültigkeit und qualmte eine Zigarette in frischer Morgenluft. Wohin das Auge streifte, nichts wie Felsen, die eine Höhe von fast 950 Meter erreichen, und Wasser ist zu sehen; die Steilstürze dieser Felskolosse scheinen so nahegerückt, daß man glauben möchte, es sei unmöglich für ein Schiff, durch diese Enge sich durchzuwinden.

Das Auge des Steuermannes ist nicht mehr auf den Kompaß gerichtet, der wetterharte braune Mann dirigiert das Steuer nur noch nach Weisung des Kapitäns, der jetzt neben der Sprachrohrmündung steht und das Falkenauge vorwärts richtet, dem grimmigsten Feind dieser Küstenfahrt, dem Nebel, entgegen. Die »Venus« fährt im tempo lento und nimmt, gehorsam dem Steuer, die erste Kurve im Kanal. Ein Fluch entfährt dem Munde des Kommandanten, voraus war Nebel in dicken Schwaden, ein Nebel, so dicht und schwer, daß man nicht mehr aus zehn Fuß vorausblicken kann.

Jetzt war die Gefahr da, die nächste Viertelstunde konnte den Tod aller bringen, denn fällt das Schiff vom Kurs ab, so fährt es an die Prallfelsen und muß zerschellen. Aber auch mitten im Kurs der Meerenge droht Verderben, wenn sich gleich der »Venus« ein andres vom Nebel überraschtes Schiff im Kanal befindet und nordwärts steuert, während die »Venus« gen Süden fährt. Auf einen Befehl des Kapitäns begann die Sirene zu heulen, markerschütternd, die Angst und Sorge vermehrend.

Senta flüchtete zu Theo und umklammerte seinen Arm, das schöne Weib suchte Schutz beim jungen Schloßherrn, dem vor Schrecken über die grauenhafte Situation die Zähne klappern. Selbst die Mannschaft stand unter dem Eindruck drohender, schwerer Gefahr und stiert bleichen Antlitzes in den undurchdringlichen dicken Nebel.

In unerschütterlicher Ruhe stand der Kapitän auf seiner Brücke, der jetzt die Uhr in der linken, die Spezialkarte des Kanals von Korfu in der rechten Hand hält und nach Zeit und Ortsberechnung genau und scharf seine Befehle gibt.

Mit eiserner Faust hält der Steuermann das Rad umklammert, und gespannt blickt und horcht er auf den Kommandanten. Das Leben aller hängt an einem Wort, an einer einzigen Drehung des Steuerrades, und das fühlt jedermann an Bord, daher eine geradezu wahnsinnige Aufregung alle erfaßt.

Selbst die Offiziere empfinden Sorge, ja Angst ob der Tollkühnheit des Kapitäns, der alles wagt im Angesicht des lauernden Todes.

Da plötzlich ein Windstoß, der ein klaffendes Loch in das Nebelchaos reißt, eine Brise steift sich auf, der Nebel steigt höher, blauer Himmel lacht dazwischen, der ganze phäakische Zauber ist mit einem Male da, der Dampfer liegt am Eingang zum Hafen vor Korfu, vor der Stadt des »Alkinoos«.

Ein Viertelstündchen später legte die »Venus« am Hafen zu Korfu an, die gefährliche Nebelfahrt ist glücklich beendet.

Theo verließ, bleich bis in die Lippen, das Schiff, und noch am Hafen stehend, erkundigte er sich nach der nächsten Schiffsgelegenheit zurück nach Triest.

Vergeblich suchte ihn Wurm zu einem, wenn auch kurzen, Aufenthalt in Korfu zu bewegen.

Fräulein Senta hielt sich an Theos Seite und erklärte mit aller Bestimmtheit, mit Herrn Tristner möglichst sofort nach Triest zurückreisen zu wollen; die Überfahrt habe sich auf ihre Nerven gelegt, sie verzichte auf jedes Engagement in Korfu und wollte nach Deutschland zurück.

Auf dem Dampfer »Poseidon« fuhren die Herrschaften noch am gleichen Tage durch den nun klaren Kanal gen Norden, erschauernd die Meerenge und Felsenwildnis betrachtend, die am Morgen bei dichtestem Nebel ohne Unfall durchfahren worden war.

Erst auf festem Lande, in Triest, fand Theo innere Ruhe und mit dem Humor die Lebenslust wieder, doch wollte er den Nachtzug nach Wien benützen, um möglichst rasch Schloß Ried zu erreichen, wohin zu kommen er aus Höflichkeit Fräulein Senta einlud.

»Möglich, daß ich gelegentlich komme!« meinte die schöne Dame, »zunächst fahre ich mit nach Wien!«

Wurm besorgte alles, ein reichliches Trinkgeld verhalf zu einem reservierten Abteil für Theo und die Dame. Wurm selbst löste sich ein Billett erster Klasse und richtete sich auf rotem Samt häuslich ein zu bequemer Fahrt, das Pärchen seinem Schicksal überlassend.

Zehntes Kapitel

Amtsrichter Doktor Thein saß in seinem kahlen Büro am aktenreichen Schreibtische und wollte einen Akt vom Obergericht lesen, doch die Gedanken weilten im Schloß Ried. Seit dem letzten Besuch bei Tristners war es dem hageren, als verknöcherten Amtsmenschen verschrienen Doktor seltsam um das Herz geworden. Zunächst erinnerte sich Thein, daß sein Leben nicht ausschließlich den Gerichtsakten und der Aburteilung straffälliger Mitmenschen gewidmet werden müsse, daß er eigentlich im allerschönsten Alter stehe und mit knapp zweiunddreißig Jahren berechtigt sei, sich nach einer Gattin umzusehen. Ist ein junger Mann bei solcher Erinnerung angelangt, pflegt auch das Herz eine um so lebhaftere Tätigkeit zu entfalten, wenn ein Fräulein vorhanden ist, dem Gefühle der Verehrung entgegengebracht werden können. Ganz plötzlich war über Doktor Thein die Erkenntnis gekommen, daß Olga Tristner eine herrliche Frau für ihn sein könnte, passend in jeder Beziehung. Ja, hätte Olga Tristner den von Mutter Natur verliehenen grausamen Fehler im Oberkiefer nicht, dürfte der hagere Mann kaum die Augen zu dem sonst entzückend schönen Mädchen erheben. Thein ist dem Schöpfer geradezu dankbar, daß Olga solchen Schönheitsfehler hat. Zu weiterem Dank besteht jedoch zur Zeit keine Veranlassung, denn Thein hat nicht die geringste Ahnung, wie eine Werbung um Olga im Hause Tristner aufgenommen werden könnte. Es ist die Zustimmung so möglich wie eine Ablehnung, letztere würde zwar nicht das Herz vernichten, immerhin aber unangenehm sein.

Eine kuriose Seelenstimmung, dieses Wägen und Hoffen, ein Sondieren der eignen Gefühle und dabei nicht wissen, wie die Stimmung im Herzen der Erkorenen sein wird. Viel leichter ist es, Motiven mancherlei Art im Menschenherzen nachzuspüren, die geheimsten Falten einer Verbrecherseele zu durchforschen, als die Frage zu beantworten, ob die wirkliche, echte Liebe im eignen Herzen wohne, und die Möglichkeit, wiedergeliebt zu werden, bestehe. Sympathie für Olga war vorhanden, eine wahre Sehnsucht, Fräulein Tristner zur Gattin zu erhalten. Ist aber solche Sehnsucht bereits Liebe, die alles wagt und alles erträgt? Das Gefühl, das die Dichter Liebe nennen und oft wundersam zu schildern verstehen, ein Gefühl, das erschüttert, aufregt, beseligt und tief unglücklich macht, der Götterfunke zum Springen bereit – hat solches Gefühl der über einem strohtrocknen Strafgerichtsakt brütende Amtsrichter wirklich im Herzen? Wahrscheinlich nicht oder nicht in der von den Dichtern vorgeschriebenen rechtmäßigen Weise, denn Doktor Thein muß immer mehr an die Möglichkeit einer Ablehnung seines projektierten Antrages denken, und dabei fröstelt es ihn. Einem gehörig Verliebten soll aber heiß um das Herz sein, der verliebte Mann soll zittern, vor Seligkeit schwitzen und Gedichte an die Geliebte machen. Doktor Thein friert aber bei 20 Grad Celsius im Schatten. Kann das Liebe sein?

Das Auge haftet an der eingedruckten Stelle im Akt: »Der Eusebius Krimpelstetter ist hinreichend verdächtig . . .«

Die Lippen flüstern aber das Diktum Anakreons; »Schlimm ist es, nicht zu lieben, schlimm aber auch, zu lieben.«

»Herrgott, welch ein Zustand!« brummte Doktor Thein und erwog die Frage, ob die Werbung nicht doch besser unterlassen werden sollte. Ja, wenn man die Angelegenheit schriftlich, sozusagen halbamtlich, in Fluß bringen könnte! Etwa mit der Anfrage des Bayrischen Amtsgerichtes, ob Fräulein Olga Tristner geneigt sei, gemäß § 254 des Bürgerlichen Gesetzbuches einen Vertrag zu schließen, und ob Frau Helene Tristner zu einer Vertragssanktion gemäß § 1305 BGB. bereit sei? Wie einfach wäre das für beide Teile! Die Antwort würde geradezu bequem sein, wenn beispielsweise Fräulein Olga auf das amtliche Schreiben brevi manu schreiben würde: »Nach § 254 BGB. genehmigt.« Die Fahrt im Zylinder würde Thein ja von Herzen gern bewerkstelligen und sich den Verlobungskuß holen. Aber Damen darf man bekanntlich nicht mit Paragraphen kommen, tut es einer trotzdem, fällt er sicher mit Trompeten und Pauken durch.

»Herein!« rief Doktor Thein, als energisch an seine Kanzleitür geklopft worden war.

Ein Gendarm brachte ein altes Weiblein zu Gericht und meldete, daß die Verhaftung wegen Landstreicherei und Bettels erfolgt sei. Papiere besitze das Weib nicht, auch will es taub sein.

Ärgerlich brummte Doktor Thein etwas dergleichen, daß der Gendarm auch etwas Gescheiteres hätte tun können, als eine ausweislose Landstreicherin aufzugreifen.

Stramm dienstlich erwiderte der Gendarm: »Verzeihen, Herr Amtsrichter, gemäß meiner Instruktion war ich zum Aufgriff verpflichtet!«

»Na ja, es ist schon gut! Wird halt eine große Schererei geben! Führen Sie das Weib zum Amtsdiener, dessen Frau das Weib einer Leibesvisitation unterziehen soll. Hernach wird die Landstreicherin mir wieder vorgeführt.«

»Sehr wohl, Herr Amtsrichter! Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Das Kopftüchel der Streunerin scheint nach Salzburg oder Oberösterreich zu verweisen!«

Doktor Thein notierte sich diese Mutmaßung und gab das Zeichen zum Abtreten.

Als nach Verlauf einer halben Stunde der Amtsdiener die Landstreicherin wieder in die Kanzlei führte, mußte Thein sich geradezu zwingen, um mit den Gedanken bei der nichts weniger denn angenehmen Angelegenheit einer Vernehmung zu bleiben. Eben hatte er zitiert: »Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, in der Gesundheit des Leibes und am Herzen des Weibes.« Ein Blick auf die Landstreicherin, die mutmaßlich weiblichen Geschlechtes ist, genügte, um den Dichter gründlich zu desavouieren, denn am Herzen dieses Weibes kann das Paradies der Erde sicherlich nicht gelegen sein.

Nach Entfernung des Amtsdieners begann Doktor Thein mit dem Verhör der Landstreicherin.

»I hear' nit gut!«

Unwillkürlich schrie der Richter bei Wiederholung der Frage, wo das Weib beheimatet sei, aus vollem Halse.

Die Antwort blieb die gleiche.

Doktor Thein kam auf den Gedanken, daß vielleicht Simulation von Taubheit vorliege; zur Erprobung nahm er das dicke Bleistück, welches als Aktenbeschwerer diente, und ließ es hinter dem Rücken des Weibes zu Boden fallen.

Die Landstreicherin blieb wie angemauert stehen und ignorierte den nicht geringen Lärm, welchen das schwere Blei beim Aufprallen am Boden verursachte und den ein wirklich Schwerhöriger oder auch ganz Tauber durch die Schalleitung des Bodens und Körpers hören müßte.

Also Simulantin! dachte Thein und sprach ganz leise: »Ja, Weibele, das ist eine böse Sach mit dir! Ich kann dich nicht behalten, Schwerhörige müssen ins Spital gebracht werden! Du bist ganz taub, also kommst du ins Irrenhaus! Zwangsjacke, wenig zu essen und viel Schläge!«

An der betroffenen Miene des Weibes konnte der Richter erkennen, daß jedes Wort verstanden worden ist.

»I hear' nit gut! Geh, schenk mir was!«

»Hm! Glaube nicht, daß dir der Bezirkshauptmann von Salzburg was schenkt! Und der von Zell am See erst recht nicht.

Die Landstreicherin zuckte fast unmerklich bei Nennung dieses Ortes, beharrte aber auf Simulation absoluter Taubheit.

»Ich muß dich also per Schub nach Zell am See transportieren lassen!«

Die Landstreicherin setzte sich auf den Boden, gestikulierte wie verrückt und tat dann, als falle sie in Ohnmacht.

Da war nun die Bescherung! Doktor Thein guckte im ersten Augenblick fassungslos auf die Landstreicherin; eine solche Situation war ihm in der Praxis, die manche Absonderlichkeit mit sich brachte, doch noch nicht vorgekommen. Aber halt! Das »Handbuch für Untersuchungsrichter« muß auch für diesen Fall Hilfe bringen. Flink holte Thein das praktische Buch hervor, suchte im Kapitel über Simulation, und ein Lächeln der Befriedigung huschte über sein Antlitz. »Gott segne dich! Du bist und bleibst unser Nothelfer!«

flüsterte Thein und wandte sich an die Simulantin, der er zurief: »So, Weibele, jetzt wirst du mit kaltem Wasser begossen, und hernach mußt du vierundzwanzig Stunden auf Eis sitzen!«

Das Wörtchen Eis wirkte Wunder: im Nu stand das Weib auf den Füßen und flehte um Barmherzigkeit.

»Wo bist du beheimatet?«

»In Zell am See! I hab' nix g'stohlen, nur um Almosen gebettelt!«

»Na also!« Flink schrieb Thein dieses Geständnis nieder, dann fertigte er einen Schubschein aus, schellte dem Amtsdiener und gab dem alsbald erschienenen Beamten Auftrag, die geständige Landstreicherin durch die Gendarmerie über die Landesgrenze schaffen zu lassen.

Der Fall war erledigt dank der Eisfurcht, wie sie Zigeuner und fast alle Landstreicher hegen.

Kaum hatten das Weib und der Amtsdiener die Kanzlei verlassen, trat der Gendarmeriewachtmeister von Heilbrunn mit – Baron Hodenberg ein.

Doktor Thein war darob weit überraschter als vorhin, als die Landstreicherin in Ohnmacht fiel. Verwundert fragte Thein, was diese Vorführung zu bedeuten habe.

»Herr Amtsrichter!« rapportierte der Wachtmeister, »der Herr hier hat, wie ich in Erfahrung gebracht, zu Heilbrunn mehrmals auffallend hoch Hasard gespielt. Ich habe den Herrn zur Ausweisleistung aufgefordert, die mir verweigert worden ist. Da der Herr daraufhin plötzlich abreisen wollte, erschien mir dies verdächtig, ich habe den Herrn daher verhaftet und liefere den Verdächtigen hiermit dem Gericht ein!«

Noch ehe Doktor Thein ein Wort gesprochen, erhob Baron Hodenberg Protest gegen seine Verhaftung und fragte entrüstet, doch artig, welchen Verbrechens man ihn bezichtige.

Thein hatte ein peinliches Gefühl, die Pflichttreue des Wachtmeisters kam entschieden sehr ungelegen, und die Frage des Barons war ebenso begreiflich wie sein Protest gegen eine zunächst kaum zu rechtfertigende Verhaftung. Aber da diese nun erfolgt, Hodenberg dem Gericht eingeliefert war, hatte der Amtsrichter die beschworene Dienstpflicht, den »Fall« gewissenhaft zu untersuchen, den Verhafteten so lange in Gewahrsam zu behalten, bis sich entweder die Schuldlosigkeit ergibt oder der Häftling belastet der Strafkammer überwiesen werden muß. Doktor Thein befahl nun, es solle der Wachtmeister seinen Bericht sowie alle Nebenumstände der Verhaftung zu Papier und sowohl den Bericht als auch alles Gepäck Hodenbergs zu Gerichtshänden bringen. Unterdessen werde der Baron einem Verhör unterzogen werden.

Als sich der Wachtmeister entfernt hatte, erneuerte Baron Hodenberg seinen Protest im Tone höchster Entrüstung und fügte die Drohung bei, daß er Beschwerde beim Justizminister erheben werde.

Doktor Thein war wieder kühl und ruhig geworden, die Überraschung war verflogen, der »Fall« war an sich unangenehm, er mußte aber streng sachlich und dienstlich durchgenommen werden. »Bitte, Herr Baron! Wollen wir in Ruhe Ihre Angelegenheiten besprechen! Wir kommen auf diese Weise viel rascher ans Ziel und Sie zurück in die Freiheit, als wenn Sie drohen und protestieren! Es kann im momentanen Stadium der Angelegenheit der Justizminister auch nur das geringste für Sie tun. Nehmen Sie Platz, bitte, und beantworten Sie meine Fragen, die ich dienstlich an Sie zu richten habe. Herr Baron können übrigens den immer peinlich wirkenden Fragen dadurch ausweichen, daß Sie freiwillig mir vollen Aufschluß über Ihre Person und Verhältnisse geben.«

»Danke! Ich ziehe es vor, über meine Verhältnisse selbst zu sprechen.« Nun begann Hodenberg zu erzählen, daß er der Sohn des Barons Hodenberg, Rittergutsbesitzers aus Hannover sei, daß sein Geschlecht direkt von Heinrich dem Löwen abstamme und eng befreundet mit den Familien Platen, Hallermünde, Borries, Veltheim, Hammerstein sei. Er befinde sich seit Jahren auf Reisen, vergeblich Heilung von Nervosität und Gemütskrankheit suchend.

Thein hatte aufmerksam zugehört und mußte sich selbst sagen, daß das von Hodenberg Vorgebrachte durchaus glaubwürdig erscheine. Besonders gefiel es dem Richter, daß der Baron mit keinem Worte sein Verweilen auf Schloß Ried erwähnte, also mit den Beziehungen zu Tristners nicht prunken wollte, was entschieden zugunsten des Verhafteten sprach. Wäre Hodenberg ein Schwindler oder Hochstapler, so würde er sicherlich zur Erhöhung seines Ansehens auf Tristners sich berufen. Aber das Gericht mußte Beweise für die vorgebrachten Behauptungen haben. Höflich bat Doktor Thein, es möge der Baron ihm die Legitimationspapiere vorlegen.

Hochfahrend erwiderte Hodenberg: »Pardon, mein Herr! Mein Wort muß Ihnen genügen. Ein Mann meiner Herkunft pflegt Ausweispapiere à la Handwerksbursch nicht mit sich zu führen!«

»Hm! Wenn ich allenfalls begreiflich finden würde, daß Sie dem übereifrigen Gendarmeriewachtmeister die Ausweisleistung verweigerten, so ist es hier anders; Sie befinden sich als Häftling vor Gericht, es fordert Sie der Gerichtsvorstand auf, die Legitimationspapiere vorzulegen. Es ist dies lediglich eine Formalität. Bestätigen Ihre Papiere Ihre Angaben, so nehme ich keinen Anstand, die Haft aufzuheben und Ihnen die Freiheit wiederzugeben.«

»Ich führe keine sogenannten Legitimationspapiere mit, besitze solche auch gar nicht! Wußte übrigens nicht, daß in Bayern Paßzwang herrscht!«

»Wir haben keinen Paßzwang, wir fordern aber Ausweisleistung von Personen, die als verdächtig dem Gericht eingeliefert sind!«

»Fordern Sie nur! Ich habe die gewünschten Papiere nicht, kann sie also auch nicht vorlegen. Trauriges Land, das ein Ehrenwort nicht respektiert!«

»Mein Herr! Die Untersuchung wird ergeben, ob Sie ein Ehrenmann sind oder nicht. Inzwischen bleibt es für Bayern völlig bedeutungslos, ob Sie, ein wegen Hasardspieles und unsinniger Geldverschleuderung verdächtiger und deshalb verhafteter junger Mann, unser Land ›traurig‹ nennen oder ›lustig‹. Sie sind also nach eignem Geständnis ausweislos. Ich meine es gut mit Ihnen, wenn ich Ihnen vorschlage, mir die Adresse eines Familienmitgliedes anzugeben.«

»Wozu?«

»Zum Zwecke einer telegraphischen amtlichen Erkundigung bei Ihren Verwandten. Bestätigt jemand aus Ihrer Familie Ihre Behauptungen, so können Sie noch heute abend aus der Haft entlassen werden.«

Hodenberg erhob sich vom Stuhle und sprach in aller Ruhe: »Ich danke Ihnen, Herr Amtsrichter, für Ihren Vorschlag, lehne denselben jedoch ab, weil ich mich schämen müßte, wenn an meine durchweg hochgestellten Verwandten und Bekannten eine gerichtliche Anfrage käme, die zugleich meine ganze Zukunft ruinieren, meine Stellung in der Gesellschaft vernichten würde. Ich bin, wie Herr Amtsrichter ja selbst zugeben müssen, völlig schuldlos, die Untersuchung wird dies zweifellos ergeben, ich bleibe lieber in Haft, als daß ich in eine Belästigung meiner Verwandten einwillige.«

»Aber, Herr Baron, eine gerichtliche, in höfliche Form gekleidete Anfrage ist doch keine Schändung!«

»In Ihren Augen vielleicht nicht; in unsren Kreisen aber sicher. Lieber den größten Schaden erleiden, als mit dem Gericht zu tun haben!«

»Auch eine Auffassung! Und recht schmeichelhaft für die Gerichtsbehörden! Empfinden Sie denn nicht selbst, daß Ihre Weigerung auffällig, Ihre Bevorzugung einer vielleicht langen Haft unerklärlich und daher verdächtig ist?«

Hodenberg zuckte die Achseln und schwieg.

»Mit Ignorierung meiner gewiß gut gemeinten Vorschläge werden Sie Ihre Lage nur verschlechtern. Ich mache Sie aufmerksam, daß die Haft bis zu drei Monaten währen kann. Ergibt die langwierige Untersuchung, die mit aller Gründlichkeit durchzuführen ich verpflichtet bin, kein vollbefriedigendes Resultat, so ist damit noch immer nicht Ihre Freilassung gewährleistet. Ein einziges Wort, die Angabe einer Adresse kann Ihnen aber die Freiheit bringen!«

»Ich will nicht!«

»Dann bezweifle ich die Wahrheit Ihrer bisherigen Angaben!«

»Herr, Sie werden beleidigend!«

»Vergessen Sie gefälligst nicht, daß Sie vor Gericht stehen und sich verantworten müssen! Zwingen Sie mich nicht, Sie wegen Ungebühr vor Gericht aburteilen zu müssen! Und nun sagen Sie mir, wie das Wappen Ihrer Familie aussieht.«

»Wenn Sie die Wahrheit meiner bisherigen Angaben bezweifeln, kann eine Schilderung meines uralten Familienwappens keinen Zweck haben, Sie werden ja auch meine Schilderung anzweifeln müssen.«

»Das kommt darauf an! Bitte, reden Sie!«

Hodenberg überlegte, wie wenn er sich besinnen müßte. Zögernd sagte er, im Wappen sei oben ein Helm, unten ein Schild, ringsum Arabesken, und sehr viel Gold und Silber dabei.

»Das soll die Schilderung eines uralten Familienwappens sein? Heraldiker sind Sie offenbar nicht? Sie haben ja keine Ahnung von einem Wappen und behaupten, so solle Ihr eignes Familienwappen aussehen! Ein sonderbarer Baron aus uraltem Geschlecht, der von Helmkleinod und Wappenbild nichts zu sagen weiß!«

»Ich bin kein Fachmann und nie in der Heraldik unterwiesen worden, daher kann ich auch keine Spezialkenntnisse besitzen. Vielleicht ein Zufall, daß Sie gerade Amateur in der Heraldik sind!«

»Durchaus nicht! Dergleichen Kenntnisse hat jeder Gebildete. Ein Aristokrat, der von Heinrich dem Löwen abstammen will, muß sein Wappen sehr genau kennen und in der Lage sein, dasselbe eingehendst und überzeugend zu schildern. Sie können das nicht, also muß ich annehmen, daß Sie mich belogen haben. Rechnen wir hinzu Ihre auffällige Weigerung einer Namensnennung, so kommen wir zur unabweisbaren Notwendigkeit, Sie bis auf weiteres in Haft zu behalten. Legen Sie alle Ihre Effekten aus Ihren Taschen hierher auf den Tisch!«

»Belieben Sie vielleicht auch noch eine Leibesdurchsuchung?«

»Möglich! Ich handle nach Vorschrift! Fügen Sie sich nicht, so wird der Amtsdiener die Leibesdurchsuchung vornehmen.«

»Es wird ja immer hübscher! Sie halten mich wohl für einen Raubmörder, wie? Können mir aber nichts nachweisen!«

Auf den gebieterischen Blick Doktor Theins hin legte Hodenberg aber doch gutwillig Brieftasche, Geldbörse, Federmesser, Briefe auf den Tisch.

Doktor Thein stutzte, als er die dicke Brieftasche sah, nahm sie in die Hände und überzeugte sich vom Inhalt. »Das ist ja ein Vermögen in Wertpapieren und Bargeld deutscher und englischer Währung!«

Stolz nickte Hodenberg und lächelte geschmeichelt.

»Können Sie sich über diesen Vermögensbesitz ausweisen?«

»Lächerlich! Es ist mein Vermögen, das ich aus Sicherheitsgründen und wegen möglichst freier Bewegung ständig bei mir führe. Soll das vielleicht auch verdächtig sein?«

»Fragen zu stellen, ist meine Sache, nicht die Ihre!« rief Thein und klingelte dem Amtsdiener, der alsbald eintrat und den Baron mißtrauisch betrachtete.

Doktor Thein befahl die Internierung des Verhafteten mit Krankenkost bei Selbstverpflegung, täglich zwei Glas Bier gestattet, Rauchen verboten.

Höhnisch lächelnd verbeugte sich Hodenberg und ließ sich willig abführen.

Ärgerlich nahm der Amtsrichter eine Prüfung der Hodenbergschen Briefschaften und des Notizbuches vor, vermochte aber nichts von Belang zu finden, sofern nicht die äußerst plump gekritzelten Notizen hinsichtlich der ungelenken Schrift auffällig waren, weil sie absolut nicht zum behaupteten Rang des Besitzers stimmen konnten. Der Inhalt jener Notizen war völlig harmlos, ohne jede Bedeutung. Es fragte sich also, wer war der angebliche Baron Hodenberg? Und das scheint eine schwer zu beantwortende Frage werden zu wollen. Nicht minder schwer wird es aber auch sein, die Haftverwahrung gesetzlich zu begründen, nachdem nichts von Belang gegen den Mann vorliegt. Geldverschleudern ist kein straffälliges Verbrechen, und Hasardspielen ist Übertretung nach 360 Absatz 14, kaum § 284, denn aus dem Glücksspiel wird Hodenberg kein Gewerbe gemacht haben. Den Mann nun wochenlang in Haft zu behalten, wird nicht angängig, nicht zu verantworten sein. Ihn aber vorschnell zu entlassen, kann den Richter in die Gefahr bringen, einen möglicherweise gefährlichen Hochstapler der Freiheit übergeben zu haben, den andere Behörden eifrig suchen. Durch den übergroßen Pflichteifer des Wachtmeisters ist der Amtsrichter unzweifelhaft in eine sehr unangenehme Lage gebracht. Es ist nicht abzusehen, was daraus werden wird. Sicher ist, so argumentierte Doktor Thein, daß der Mann gelogen hat; wer lügt, kann stehlen. Ist das Geld gestohlen, so ist der angebliche Hodenberg ein Verbrecher, und das Amtsgericht hat die heilige Pflicht, festzustellen, woher der Verbrecher stammt, wo er gestohlen hat und wer sich hinter dem aristokratischen Namen verbirgt. Eine heillose Arbeit und Schererei harrt somit des Amtsrichters dank des hitzigen Zugreifens eines übereifrigen Gendarmen. Schon wollte Doktor Thein seinem Ärger durch einen Fluch Luft machen, da klopfte es zaghaft an die Kanzleitür, und auf das barsche »Herein!« trat Olga Tristner in das Zimmer, ersichtlich verstört und aufgeregt.

»Ei, Fräulein Olga, welch lieber Besuch! Herzlich willkommen im kahlen Gerichtszimmer! Womit kann ich dienen?« rief Thein und eilte Olga entgegen. »Bitte abzulegen und Platz zu nehmen!« Olga schüttelte den Kopf und rang nach Atem und Fassung.

»Um's Himmels willen, was ist denn passiert? Weshalb diese Aufregung, gnädiges Fräulein?«

»Herr Doktor!« ächzte Fräulein Tristner.

»Bitte, reden Sie. Kann ich Ihnen irgendwie dienen, behilflich sein, ich stehe zur Verfügung!«

»Danke im voraus! Helfen Sie, Herr Doktor, Baron Hodenberg . . .«

Überrascht blickte Thein auf Olga, blitzschnell fragte er sich, wie das Fräulein wegen der Verhaftung Hodenbergs in so große Aufregung geraten könne.

»Der Baron ist heute – verhaftet worden!« stöhnte Olga.

»Stimmt! Vor wenigen Augenblicken war der Mann hier.«

»Ist Hodenberg wieder in Freiheit gesetzt?«

»Nein, Fräulein Tristner!«

»Bitte, geben Sie ihn sogleich frei!«

»Bedaure sehr, das ist ganz unmöglich!«

»Was liegt gegen ihn vor? Ich beschwöre Sie, bitte, sagen Sie mir alles. Er ist krank, nervös, gemütskrank! Es ist undenkbar, daß er ein Verbrechen verübt hat!«

»Es ist mir schmerzlich, Ihnen, liebes Fräulein, nicht dienen zu können. Die ›Affäre Hodenberg‹ befindet sich im Untersuchungsstadium, das Amtsgeheimnis bindet mir die Zunge. Sollte der Verhaftete aber wirklich krank sein, wovon ich während des Verhörs jedoch nichts gemerkt habe, so werde ich sogleich den Gerichtsarzt beauftragen, den Baron zu untersuchen.«

»Verhört! Sie haben ihn verhört? Was ist geschehen? Mir ist ganz wirr im Kopf! Diese Aufregung, diese Angst . . .«

»Aber, gnädiges Fräulein, die Verhaftung kann doch nicht ein Grund sein, daß Sie in Angst und Sorge geraten! Hodenberg war meines Wissens einige Zeit Gast im Schloß Ried; diese Tatsache bedingt doch nicht, daß die Familie Tristner sich aufregt!«

Olga bemühte sich, ihrer wilden Erregung Herr zu werden und kämpfte die Angst einigermaßen nieder. »Alarmierend ist die Verhaftung immerhin.«

»Gewiß, auch ich war überrascht, als der Wachtmeister mir den Baron vorführte.«

»Weshalb erfolgte die Verhaftung?«

»Wegen Hasardspieles und Ausweisverweigerung. Mehr kann und darf ich nicht sagen.«

»Wird Hodenberg deshalb mit Gefängnis bestraft?«

»Ja, sofern die Untersuchung keine weitere Belastung ergibt.«

»Muß denn eine weitere Untersuchung stattfinden?«

»Selbstverständlich! Wir müssen doch vor allem feststellen, wer der Verhaftete eigentlich ist!«

Taumelnd klammerte sich Olga an die Stuhllehne und rief in bitterster Seelenqual: »Wer der Baron eigentlich ist? Um Gottes willen; wer soll er denn sein?«

»Das wird er wohl wissen, er sagt es aber nicht, und ich weiß es einstweilen auch nicht, hoffe aber im Laufe der Zeit das Geheimnis aufdecken zu können.«

»So glauben Herr Doktor, daß Hodenberg sich Namen und Rang nur beigelegt hat? O Gott, meine gräßliche Ahnung!«

»Wie? Sie haben dergleichen geahnt?«

»Nein, nein! Gott, mir ist so wirr im Kopf, daß ich nicht mehr weiß, was ich denke und spreche!« stammelte Olga in Verzweiflung.

»Pardon, Fräulein Tristner, auf Grund Ihrer Äußerung muß ich amtlich fragen, wodurch Sie veranlaßt wurden, an Namenfälschung zu denken.«

»Ich weiß gar nichts, Herr Doktor!«

»Das ist schwer zu glauben! Einmal sagen Sie: ›O Gott, meine gräßliche Ahnung!‹ – Sodann stehen Sie in auffälliger Erregung vor mir und fordern Hilfe, Freilassung des Verhafteten! – Ich muß Sie fragen, stehen Sie zu dem angeblichen Baron Hodenberg in irgendwelcher Beziehung, die Sie veranlassen kann, in solcher Weise für den Verhafteten einzutreten?«

»Allmächtiger Gott! Was denken Sie?!«

»Ich ziehe lediglich Schlüsse aus Ihrer Äußerung und Ihrem Verhalten! Steht der Verhaftete Ihnen fern, so haben Sie doch keine Veranlassung, für Hodenberg einzutreten und seine Freilassung zu fordern! Da Sie mich jedoch um die unmögliche Haftentlassung ersuchen, muß ich glauben, daß der ausweislose Häftling in besonderen Beziehungen zu Ihnen oder der Familie Tristner steht; es ist daher Amtspflicht, hierüber Klarheit zu schaffen. Wenn Sie infolge großer, mir ganz unerklärlicher Aufregung hierüber nicht sprechen können und wollen, werde ich dienstlich Ihre Frau Mutter und Ihren Herrn Bruder vernehmen müssen.«

»Entsetzlich! Schonen Sie meine Mama! Sie weiß ja von nichts!«

»Und Herr Theo Tristner?«

»Theo weiß auch nichts!«

»Gut! Bleiben nur Sie. Bitte, sagen Sie mir, was Ihnen über den angeblichen Baron Hodenberg bekannt ist!«

»Ich weiß so wenig über ihn wie Sie selbst!«

»Weshalb aber dann Ihr Erscheinen in der Gerichtskanzlei und diese hochgradige Aufregung?«

Verwirrt stammelte Olga: »Die Ehre unseres Hauses!«

Schon wollte Doktor Thein darauf hinweisen, daß die Ehre der Tristnerschen Familie doch in keiner Weise berührt sei, wenn Hodenberg irgendwie in den Maschen des Strafgesetzes hängenbleibe.

Olga stotterte: »Verzeihung, Herr Doktor, Luft, ich weiß nichts, entschuldigen Sie!« und eilte wie von Furien gejagt aus der Kanzlei.

Verdutzt stand der Amtsrichter inmitten der Stube, für den Moment außerstande, sich die Flucht Olgas erklären zu können. Mählich aber kam doch der Jurist wieder zur Geltung, ruhig kombinierte Thein, bis er an die Möglichkeit geriet, daß der verhaftete Baron Olga Tristner betört, ihr Herz geraubt haben könnte, und bei diesem Gedanken überlief es Doktor Thein eiskalt. »Herr des Himmels, wenn das wahr ist, dann erwürg' ich den Kerl!« ächzte der Richter und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Mit Ruhe und Überlegung, mit dem Aktenstudium war es für heute zu Ende, das Herz war alarmiert, wild jagten die Gedanken durch den erregten Kopf. »Luft, Luft, Clavigo!« rief Doktor Thein, verschloß Hodenbergs Effekten im Schreibtisch und eilte ins Freie.

Elftes Kapitel

In gedrückter Stimmung war Theo heimgekehrt, allein und über München, unzufrieden mit sich, ärgerlich darüber, den Meerbummel vollführt zu haben. Seine Rückkehr fand fast keine Beachtung, die Bewohner des Schlosses standen zu sehr im Banne des Ereignisses der Verhaftung Hodenbergs. Nur die Mama erkundigte sich, welcher Art die von Theo in München besorgten Geschäfte waren. Theo errötete im Angesicht der blinden Mutter vor Scham, tiefe Reue erfaßte ihn, doch eine Notlüge war geboten, es mußte geflunkert werden, um die arme schwergeprüfte Mama nicht in Unruhe und Sorge zu versetzen. Eine glaubwürdige Ausrede hatte sich Theo schon im Orientexpreß auf der Fahrt von Wien nach München zurechtgelegt, jetzt plapperte er sie herunter, und die Mutter glaubte jedes Wort, lobte den Geschäftseifer des Sohnes und trieb dadurch unbewußt den schmerzhaften Stachel bitterer Reue in Theos Brust.

Die Folge der Audienz war, als Theo im Büro saß, ein energischer Entschluß zu gründlicher Besserung und Sühne: Theo telegraphierte an Wurm Hotel Bristol Wien die Vertragskündigung unter Angebot einer Geldentschädigung von tausend Mark, an Fräulein Camacero schickte er eine Absagedepesche, Schloß Ried sei von Gästen besetzt, daher müsse die Besuchseinladung zurückgezogen werden.

Befreit von allen Qualen sittlicher Bedrückung, widmete sich Theo mit regem Eifer dem Geschäfte, in der emsigen Arbeit gewann er die alte Fröhlichkeit wieder, die ihn der Niedergeschlagenheit Olgas ebensowenig wie der Angelegenheit Hodenbergs achten ließ. Die gute Laune verwandelte sich tags darauf in Verlegenheit, als Herr Verwalter Wurm erschien und seinen Posten antreten wollte. Jetzt hieß es Farbe bekennen! Theo fand dem zielbewußten Manne gegenüber nicht den Mut, von der Kündigungsdepesche, welche offenbar den Adressaten nicht erreicht hatte, Mitteilung zu machen, er wagte nicht, die Kündigung auszusprechen aus Furcht, daß der darob beleidigte Verwalter die Spritzfahrt und damit auch das galante Abenteuer der Mama verraten könnte. Es blieb somit der Vertrag zu Recht, der Verwalter trat seinen Posten an; Theo selbst, wenn auch wütend über sich, mußte Wurm einführen in das neue Amt, ihn dem Personal vorstellen und bekunden, daß fürder Herr Wurm von Hohensteinberg Vollmacht in eigener Zuständigkeit habe. Damit verlor der junge Herr den unmittelbaren Einfluß auf alle Angestellten, Wurm nahm von der Stunde an die Zügel fest in die Hand und ging zielbewußt an die Arbeit.

Von dieser Tatsache nahmen die Damen Notiz, Mama seufzend, Olga gleichgültig, ersichtlich einen inneren Kampf führend, mit anderen Gedanken beschäftigt. Theo hatte früher wohl die Absicht gehabt, Wurm einzuladen, die Mahlzeiten am Familientische einzunehmen, nun aber war er froh, diese Absicht Wurm gegenüber nicht ausgesprochen zu haben. Andernteils schien der Verwalter auf familiäre Behandlung Gewicht zu legen, Wurm sondierte gleich nach Dienstantritt in diesem Sinne mit der Frage, wo er wohl speisen werde. Kühl erwiderte Theo, daß sich ein Abonnement im Posthause empfehle. In einer gewissen Befangenheit und Sorge hielt Theo den Blick gesenkt, er konnte nicht sehen, wie scharf und feindlich ihn Wurm beobachtete. Frostig klang das knappe Dankwort für die Empfehlung, begleitet von einem nichts Gutes kündenden Blick. Dann gingen die Herren ihrer Wege, Theo unzufrieden mit sich und der Welt. Wurm heuchelte immensen Geschäftseifer, schielte dabei aber nach Gelegenheit, Fräulein Olga zu treffen und sich der jungen Dame angenehm zu machen. Darüber vergingen die nächsten Tage, und an einem Abend, da Wurm langsam das Schloß verlassen wollte, erblickte sein Luchsauge die zierliche Gestalt des Schloßfräuleins im Park, anscheinend in Schmerz aufgelöst auf einer Bank sitzend. Der Verwalter schritt der Brauerei zu, umkreiste den Park und bog weit draußen in die Allee von Ulmen und Linden ein, die er langsam heraufpromenierte, um mählich Olga Tristner näher zu kommen.

Tief in Gedanken versunken, merkte Olga die Annäherung des Mannes erst, als Wurm wenige Schritte vor ihr entfernt war und überrascht den Hut grüßend abnahm, eine höfliche Entschuldigung ob der Störung vorbringend.

Unwillig, herb antwortete Olga, fast schien sie gewillt, den lästigen Menschen aus dem Park zu weisen.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich bin noch so fremd, daß ich mich auf dem Weg zur ›Post‹ hier im Park verirrte. Eine mir höchst peinliche Störung war gewiß nicht beabsichtigt, ich war außerdem zu sehr mit Gedanken an den Baron Hodenberg beschäftigt, achtete daher nicht auf den Weg.«

Überrascht horchte Olga auf und blickte gespannt auf den Verwalter. »Bitte, es hat nichts zu bedeuten, auch wird es für mich Zeit, ins Haus zurückzugehen.«

»Gnädiges Fräulein sind sehr gütig, Ihre Verzeihung beglückt mich, ich danke vielmals und werde bestrebt sein, mich Ihrer Gnade würdig zu zeigen. Der Fall Hodenberg . . .«

»Was wissen denn Sie von Hodenberg? Sie sind doch erst wenige Tage hier!«

»Das letztere ist allerdings richtig! Doch ich hatte schon bei meiner Vorstellungsvisite Gelegenheit, den Herrn kennenzulernen, daher interessierte es mich, zu hören, daß der Herr verhaftet wurde.«

Hastig erhob sich Olga, und erregt fragte sie: »Glauben Sie an ein Vergehen Hodenbergs?«

»Nein, gnädiges Fräulein, doch ein echter Baron Hodenberg ist der Herr nicht!«

»Mit welchem Recht erheben Sie eine solche Anklage?«

»Verzeihung, gnädiges Fräulein, zu einer Anklage würde mir jede Berechtigung fehlen. Es ist lediglich eine Vermutung, welche ich nicht auszusprechen gewagt haben würde, wenn ich hätte ahnen können, daß gnädiges Fräulein geruhen, jenes Herrn Anwalt zu sein.«

»Ich will wissen, wodurch Sie auf die Vermutung kamen, daß sich der Baron einen fremden Namen, Titel und Rang beigelegt habe.«

»Wenn der Baron behauptet, aus Hannover zu stammen, ist die Sache kaum richtig. Ein echter Hodenberg hätte es auch nicht nötig, sich vor Moorbauern auf Heinrich den Löwen zu berufen und seine Baronie mit Sekt unter Bauern zu begießen.«

Olga zuckte zusammen, wie wenn ein Peitschenhieb sie getroffen hätte. »Das soll der Baron getan haben?«

»Ja, ich war dessen Zeuge. Möglich, daß der Herr Hannoveraner ist, er spricht wenigstens annähernd hannoverschen Dialekt, ein Baron Hodenberg ist er aber nicht.«

»Er wird Sie zur Rechenschaft zu ziehen wissen!« rief erregt Olga aus.

»Bitte, ich stehe jeden Augenblick zur Verfügung, glaube aber nicht, daß der Herr Gelegenheit zu einer Forderung finden wird.«

»Weshalb nicht?«

»Weil er die Freiheit so schnell nicht wieder erlangen wird!«

»Gott! Was sagen Sie? Sie glauben an eine Verurteilung?«

»Nein, es liegt ja, wie ich höre, kein schwerwiegendes Verbrechen vor. Doch wird das Gericht diese Persönlichkeit ohne Ausweise kaum freigeben, solange nicht das Geheimnis der Herkunft gelüftet ist.«

»Aus Ihnen spricht Haß und Mißgunst!«

»Mitnichten, gnädiges Fräulein, ich kenne den Herrn ja fast gar nicht, weilte kaum ein Halbstündchen in seiner Gesellschaft; wie sollte ich in solch winzigem Zeitraum von Haß erfüllt werden? Ein Gefühl hege ich in der Brust, die Sorge, daß eine Entlarvung jenes Mannes unangenehm für das hochverehrte Hans Tristner werden wird. Freilich ist gegen Zudringlichkeiten niemand gefeit, in die feinste Familie von ausgezeichnetem Rufe kann sich ein Gauner eindrängen und Unheil stiften!«

»Mäßigen Sie sich in Ihren Ausdrücken! Hodenberg ein gewöhnlicher Gauner – undenkbar!«

»Ich will gar nichts gesagt haben, gnädiges Fräulein, und wäre unglücklich, wenn ich mir Ihre Ungnade zugezogen haben sollte. Gott ist mein Zeuge, daß ich mich den Herrschaften nicht aufdrängen will! Meine frühere Stellung und das erhaltene Zeugnis beweisen zur Genüge, daß mir alles ferner liegt als Taktlosigkeit und Aufdringlichkeit! Der Fall Hodenberg ist fatal in mehrfacher Hinsicht.«

»Wieso?«

»Die Klugheit gebietet, sich von dem Verhafteten loszusagen; ihn preisgeben in seiner momentanen Lage erweckt den Anschein eines Mangels an Noblesse und Mut, man schüttelt einen lästig Gewordenen ab, und das sieht niemals gut aus. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Hilfe kann aber andernteils dem Verhafteten nicht geboten werden, sie ist unmöglich während der Untersuchung, auch müßte jeder Interventionsversuch den Verdacht des Einverständnisses mit Hodenberg oder doch den Verdacht einer Sinnesgleichheit wachrufen. Die Gerichtsherren denken manchmal recht seltsam. Ich für meine Person möchte mich vom Untersuchungsrichter nicht als Freund Hodenbergs angucken und taxieren lassen!«

»Sie sagen also, daß Sie ein Feind des Barons sind, das glaube und fühle ich auch heraus!«

»Mitnichten, gnädiges Fräulein! Ich bin lediglich kein Freund des Verhafteten, hätte gar keinen Grund zu einer Freundschaft mit einem Unbekannten und Unechten. Von Feindschaft kann nicht gesprochen werden, weil auch hiezu jede Veranlassung fehlt. Kann ich aber gnädigem Fräulein irgendwie dienen, bitte über meine Wenigkeit zu verfügen. Vielleicht läßt sich der Gerichtsvorstand bewegen, den Verhafteten einem Gericht in andrer entfernter Gegend zur Aburteilung zu überweisen. Hier muß der Fall immer peinliches Aufsehen erregen, für die Nerven des gnädigen Fräuleins möchte ich den baldigen Eintritt absoluter Ruhe sehnlichst wünschen.«

»Ja, ich leide gräßlich! Vielen Dank für Ihre Anteilnahme! Gute Nacht!«

»Darf ich gnädiges Fräulein bis zum Schlosse begleiten, zur Sicherheit?«

»Danke, ist nicht nötig! Ich werde nachdenken darüber, ob Ihre Intervention nützlich sein kann. Ich danke Ihnen!«

Ehrerbietig grüßend verabschiedete sich Wurm und folgte langsamen Schrittes dem Schloßfräulein, um dann quer über den Schloßhof ins Dorf zu steuern, des Erfolges seines Anknüpfungsversuches sich freuend. Die Gunst Olgas zu erringen, ist der größten Mühe wahrlich wert.

Mit einer Neuerung in der Amtsführung wußte Wurm sich rasch die Sympathie Frau Tristners zu erwerben. Der Verwalter meldete sich jeden zweiten Tag zum Bericht bei der blinden Schloßherrin, hielt Vortrag über alle Maßnahmen, die zu treffen sind, erholte selbst für Kleinigkeiten die Zustimmung der Besitzerin und besprach Ein- und Auslauf der geschäftlichen Korrespondenz. Dieses freiwillige Unterwerfen unter die Kompetenz der Schloßherrin mußte Frau Tristner um so mehr gefallen, die Sorge vor Anmaßung und Übergriffen beseitigen, als Theo nur widerwillig dergleichen Berichte erstatten wollte. Jetzt hatte Frau Tristner trotz erloschenen Augenlichtes einen befriedigenden Einblick in den Geschäftsgang, sie zeigte sich für das Gebaren des neuen Verwalters dankbar und gewährte mählich wachsendes Vertrauen. Gelegentlich einer solchen Besprechung äußerte Frau Helene die Befürchtung, daß Theo zu wenig zu tun habe und auf dumme Gedanken kommen könnte; es wäre daher gut, wenn der Sohn sich dem Außendienst widmen, die Wirte aufsuchen, neue Kunden erwerben würde.

Vorsichtig stimmte Wurm zwar zu, gab aber seiner Meinung dahin Ausdruck, daß zu solchen Fahrten doch wohl der Braumeister besser geeignet sein dürfte, weil der völlig gesund und trinkfest sei. Herr Theo müßte eher in gesundheitlicher Beziehung geschont, vielleicht in ein Sanatorium geschickt werden.

Davon wollte die schlicht bürgerliche Frau der Kosten wegen nichts wissen, doch willigte Frau Helene in eine Hinausschiebung der strapaziösen Zechfahrten seitens Theos ein.

Wurm fuhr kurze Zeit nach diesem Bericht zur Bahnstation, um dort unbeobachtet eine Depesche aufzugeben; sodann ließ er sich ins Städtchen Landsberg fahren und stieg vor dem Amtsgerichtsgebäude ab.

Doktor Thein stand im Begriff, die Kanzlei zu verlassen, als Wurm erschien und um Gewährung einer kurzen Audienz bat. Im Amtsrichter regte sich der Kriminalist, da er den auffallend forschenden Blick des sich als Tristnerschen Verwalter vorstellenden Herrn gewahrte. Dieser Blick gemahnte Doktor Thein an eine Persönlichkeit, die er schon einmal irgendwo gesehen zu haben glaubte, nur wußte der Richter im Augenblick nicht, wo eine Begegnung stattfand, oder ob nur eine Ähnlichkeit vorlag. Damals handelte es sich um ein elegantes Individuum, um einen Müßiggänger, der feinste Manieren, sicheres Auftreten und einen eigentümlich lauernden, durchdringenden Blick hatte. Der Verwalter scheint etwas Eigentümliches zu haben, man kann das wohl empfinden, aber nicht definieren.

»Womit kann ich dienen?« fragte Doktor Thein und bot dem Besucher einen Stuhl an, zugleich Hut und Stock ablegend.

»Verbindlichsten Dank, Herr Amtsrichter! Mit Ihrer Erlaubnis werde ich stehenbleiben. Meine Mission ist sozusagen delikater Natur, als ich im Interesse einer Dame hier bin, jedoch keinen Auftrag der Dame besitze, auch keine Ahnung davon habe, ob meine Intervention von Erfolg begleitet sein werde.«

»Zur Sache!« mahnte Doktor Thein.

Wurm verbeugte sich höflich und äußerte sich dahin, daß es ihm darum zu tun sei, Fräulein Tristner von etwaigen Beziehungen zu Baron Hodenberg rechtzeitig frei zu machen.

In höchstem Maße überrascht, rief Doktor Thein: »Wie? Sie, ein Angestellter der Familie Tristner, unterfangen sich, ohne jeden Auftrag eine Angelegenheit ordnen zu wollen, die in höchstem Maße diskreter Natur ist?«

»Pardon, Herr Amtsrichter! Ich sagte bereits, daß mir jeder Auftrag fehle, daß ich keineswegs die Existenz von Beziehungen des Fräuleins Tristner zu dem verhafteten Baron Hodenberg behaupten möchte.«

»Was wollen Sie dann bei mir?«

»Mit Ihrer Genehmigung und in Ihrer Gegenwart möchte ich den Häftling sprechen, sondieren, ob Beziehungen vorliegen oder von dem angeblichen Baron behauptet werden, vielleicht auch den Erfolg erzielen, daß ein etwaiger Ring oder sonst ein Geschenk von zarter Hand ausgefolgt werde, bevor der Staatsanwalt den Verhafteten übernimmt. Ich möchte, falls dergleichen vorhanden, einer Bloßstellung des Fräulein Tristner vorbeugen.«

»Mit welchem Rechte wollen Sie sich einmischen?«

»Ich bin ohne jeden Auftrag, meine Intervention entspringt dem Gefühle, daß ich als Angestellter Tristners alles aufbieten solle, die Familie meines Chefs vor Diskreditierung oder möglicher Verunglimpfung zu bewahren. Dies erachte ich als meine heilige Pflicht, und daher stehe ich vor Euer Hochwohlgeboren und wiederhole meine Bitte, in Ihrer Gegenwart mit dem Gauner sprechen zu dürfen.«

Doktor Thein stutzte, die Bezeichnung des Untersuchungsgefangenen als Gauner verblüffte und veranlaßte ihn, zu fragen, ob der Verwalter den Häftling kenne.

»Nur flüchtig von einer Vorstellung durch Herrn Tristner her! Wenn ich Hodenberg gesprochen haben werde, kann ich Ihnen vielleicht wünschenswerte Aufschlüsse über seine Heimat geben.«

»Wieso? Sie sind der Sprache nach Norddeutscher?«

»Von Geburt nicht, aber lange Jahre in Norddeutschland gewesen, in Berlin in Hofstellung, vorher wohnte ich in Osnabrück und Hamburg.«

Nach Gewohnheit der Richterbeamten hatte Doktor Thein diese Angaben Wurms stenographisch fixiert; bei dieser hastigen Schreibart entging dem Richter der funkelnde, durchdringende Blick des Verwalters. Aufschauend sprach Doktor Thein: »Es will mir zwar nicht einleuchten, daß eine Aussprache mit dem Verhafteten ein Resultat für die Untersuchung ergeben könnte, doch vermag ich andernteils keinen Schaden für die Sache zu erblicken. Ich werde also den Verhafteten vorführen lassen!« Doktor Thein klingelte und gab dem eintretenden Amtsdiener entsprechenden Befehl.

Nach etwa einer Viertelstunde erschien Baron Hodenberg, der überrascht den Verwalter Wurm fixierte und sodann den Richter spöttisch fragte, ob vielleicht jetzt das Gericht in der Lage sei, nachzuweisen, welches schwere Verbrechen von ihm verübt worden sei.

»Der Herr hier will einige Worte an Sie richten, geben Sie auf seine Fragen Antwort!« sprach Doktor Thein.

»Bedaure, mit fremden Leuten verkehre ich nicht!« äußerte Hodenberg und drehte Wurm den Rücken.

Der Verwalter ließ sich durch diese Unhöflichkeit nicht einschüchtern und sprach: »Ji ward in korte Tid freeloten warn, wenn Ji dat junge Frölen freegewt un den Verlowungsring trügg gewt!«

»Halt! Eine Konversation in einer mir fremden Sprache ist nicht zulässig!« rief Doktor Thein.

Unschlüssig guckte Hodenberg den Verwalter an, schwankend zwischen Glauben und Mißtrauen.

Wurm begann ruhig ein harmloses Gespräch über Verhältnisse der Städte Hannover und Hamburg und mengte fast unmerklich die Worte ein: »Keine Fraselmahr! Alt Tschak! Gaterling spinnen!«

Hodenberg streifte einen Ring vom Finger und reichte ihn dem Verwalter. Doch Doktor Thein forderte Auslieferung an ihn selbst und nahm den Ring Olgas in Verwahrung. Dagegen wollte Wurm Einspruch erheben, und auch Hodenberg protestierte gegen die Beschlagnahme seines Eigentums, verstummte jedoch, als Wurm rief: »Schuffti!«

Der Gebrauch unverständlicher Worte veranlaßte den Amtsrichter, den Untersuchungsgefangenen in die Zelle zurückführen zu lassen.

Als beide Herren ungestört sich gegenüberstanden, fragte Doktor Thein, weshalb der Herr Verwalter in einer fremden Sprache zu Hodenberg gesprochen habe und was die Worte bedeuten.

Ein maliziöses Lächeln huschte über Wurms Gesicht, doch sofort war er wieder ernst und sehr höflich. »Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu versichern, daß der Verhaftete ein Gauner und der Gaunersprache völlig mächtig ist!«

»Wie? Was? Wenn Sie das behaupten, müssen doch auch Sie selbst der Gaunersprache mächtig sein und . . .«

». . . gleichfalls ein Gauner sein, wollen Sie sagen! Verbindlichsten Dank, Herr Amtsrichter, für diese liebenswürdig gute Meinung! Mitnichten! Ich interessiere mich seit Jahren für das sogenannte Rotwelsch und habe mir einige Ausdrücke angeeignet. In specie forderte ich den angeblichen Hodenberg auf, den Ring zurückzugeben, und erfreulicherweise verstand der Baron diese Worte und leistete der Aufforderung Folge. Dadurch ist bewiesen, daß Hodenberg den Ring von Fräulein Tristner erhalten hat, und daß der Häftling Rotwelsch versteht. Nun kombinieren Sie weiter: Ist es wahrscheinlich, daß der Angehörige eines uralten Adelsgeschlechtes Kenntnisse der Gaunersprache besitzt?«

»Schwer zu glauben! Solche Kenntnis würde beweisen, daß der Mann eben dem Adelsgeschlecht nicht angehört oder tief gefallen ist.«

»Logisch gefolgert! Ich habe des weiteren die Ehre, zu versichern, daß der angebliche Hodenberg allerdings hannoverschen Dialekt spricht; ich halte Hodenberg aber dennoch für einen Hamburger.«

»Weshalb?«

»Das ist freilich schwer zu sagen; wer lange in Hamburg gelebt, hat ein geschärftes Ohr für Hamburger Dialekt und spezielle Betonung. Auch gebraucht Hodenberg nach Hamburger Sprechweise das Wörtchen ›ach‹ in bezeichnender Weise. Ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, der Verhaftete ist gebürtiger Hamburger!«

»Das könnte wertvoll werden! Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilungen.«

»Bitte sehr, es freut mich, Herrn Amtsrichter dienen gekonnt zu haben! Nun aber möchte ich doch bitten, mir für Fräulein Tristner den Ring zu übergeben.«

»Die Rückgabe werde ich persönlich besorgen!«

»Pardon, Herr Amtsrichter! Gestatten Sie mir, daß ich Sie aufmerksam mache, wie peinlich es für Fräulein Tristner sein muß, von Amts wegen einen Ring, den Hodenberg getragen, zurückgestellt zu erhalten.«

»Ob vom Amt oder von Ihnen wird in der Wirkung gleichgültig sein!«

»Doch nicht, Herr Amtsrichter! Ich habe mich Fräulein Tristner in der Hodenbergschen Affäre zur Verfügung gestellt, das gnädige Fräulein weiß von meinem Gang zu Ihnen. Es wird sicher für Fräulein Tristner weniger peinlich sein, den Ring aus meiner Hand zurückzuerhalten, denn von Ihnen, weil das Fräulein in solchem Falle doch vermuten müßte, die Rückgabe sei das Ergebnis einer amtlichen Nachforschung oder eines auf den Verhafteten ausgeübten gerichtlichen Zwanges. Üben Sie Rücksicht auf das gnädige Fräulein!«

Thein überlegte rasch, ob er dem Ansuchen Wurms Folge leisten solle; der Gedanke, daß Olga, zweifellos von Hodenberg bestürmt, zum Ringaustausch gezwungen wurde, daher die amtliche Rückgabe des Ringes peinliche Gefühle wecken könnte, war entscheidend; der Amtsrichter übergab Wurm den Ring mit dem Bemerken, daß eine persönliche Rücksprache mit Fräulein Tristner in allernächster Zeit erfolgen werde.

Verwalter Wurm verabschiedete sich unter verbindlichen Dankesbezeugungen, mit Mühe seinen Triumph verbergend.

Kaum war der Mann weg, empfand Doktor Thein ein Gefühl quälender Reue und intensiven Ärgers über sein Tun. Eine Menge unangenehmer Fragen stürmten ihm durch den Kopf, darunter die Frage, ob amtlich richtig gehandelt oder gar eine Ungeschicklichkeit begangen wurde. Wer ist dieser Verwalter Wurm? Weshalb will dieser Mann die Interessen Olgas vertreten? War Fräulein Tristner vielleicht heimlich verlobt mit Hodenberg? Warum stellt Wurm den Baron direkt als Gauner hin? Mit welcher Berechtigung, da selbst der Untersuchungsrichter bis jetzt nichts Belastendes gegen den Baron vorzubringen vermag? Mißtrauen gegen Hodenberg ist zweifelsohne angezeigt, dennoch empfindet Doktor Thein noch eher Sympathie für den Verhafteten im Vergleich zu Wurm, und trotzdem hat sich Thein von dem Verwalter beschwätzen lassen. Oder entspringt diese Antipathie gegen Wurm der – Eifersucht? Wittert Thein einen Nebenbuhler?

Der Amtsrichter ließ sich trotz der vorgeschrittenen Stunde Hodenberg nochmals vorführen, und der Baron erschien mit so erstaunter Miene, daß Thein unwillkürlich als höflicher Mann bat, die abendlich späte Störung entschuldigen zu wollen.

Unter einer Verbeugung erwiderte Hodenberg: »Bitte sehr! Ich bin ja Gefangener und in Ihrer Gewalt, von einer Störung kann daher keine Rede sein! Herr Amtsrichter befehlen?«

»Ich möchte Ihnen nahelegen, durch offene Aussprache mir Gelegenheit zu Ihrer Freilassung zu geben.«

»Sie sind sehr gütig; vermutlich genügte Ihnen die Auskunft des neuengagierten Verwalters nicht?«

»Doch! In vierzehn Tagen wird von der Hamburger Polizei Bescheid hier sein.«

Hodenberg erblaßte, unsicher fragte er: »Hat jener Verwalter Ihnen gesagt, daß ich etwa gar in Hamburg beheimatet sei?«

»Wollen Sie das in Abrede stellen?«

»Gewiß! Ich war trotz der Nähe Hannovers nie in Hamburg!«

»Sie sprechen aber Hamburger Dialekt, Ihr Hannoversch ist nur beabsichtigter Aufputz und soll glauben machen, daß Sie Baron Hodenberg aus Hannover seien.«

»Herr Amtsrichter haben sich in den letzten Stunden erstaunliche Kenntnisse angeeignet. Oder verdanken Sie diese dem Tristnerschen Verwalter? Der Mann lügt besser als ich!«

»Sie geben also zu, mich belogen zu haben!«

»Keineswegs, die Redensart ist belanglos und mir nur unbeabsichtigterweise herausgerutscht.«

»Seltsam! Der Verwalter Wurm scheint doch besonderen Einfluß auf Sie zu haben, weil Sie so bereitwillig den Ring des Fräulein Tristner zurückgegeben haben. Damit hat Ihre Verlobung endgültig ein Ende.«

»Verlobung? Lächerlich!«

»Was ist lächerlich? Hatten Sie nicht die Absicht, Fräulein Tristner zu heiraten?«

»Anfangs ja!«

»Jetzt, das heißt in der letzten Zeit vor Ihrer Verhaftung, nicht mehr?«

»Nein!«

»Weshalb nicht?«

»Ich habe gefunden, daß unsere Charaktere nicht zueinander passen.«

»Das glaube ich allerdings auch, meine aber, daß Sie vielleicht die geringe Mitgifthöhe zu einem unausgesprochenen Verzicht veranlaßt haben werde. Ritterlich war Ihr Verhalten aber nicht.«

Hodenberg zuckte geringschätzig die Achseln.

»Sie wollten doch bislang ein Ehrenmann sein und für voll angesehen werden?«

»Wollen Sie mir, Herr Amtsrichter, sagen, was Ihnen der Verwalter über mich mitgeteilt hat?«

»Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen!«

»So viel haben Sie aber doch gesagt, daß der Verwalter meine Heimat nach Hamburg verlegt habe!«

»Das ist richtig.«

»Sonst sagte der Herr nichts über mich?«

»Direkt nicht!«

»Also indirekt! Aug um Aug, Zahn um Zahn!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Erst muß ich wissen, was indirekt der Mann über mich mitgeteilt hat.«

»Gut! Er warnte mich, Sie aus der Haft zu entlassen!«

»Das glaube ich Ihnen nicht!«

»Warum nicht?«

»Der Mann hat keine Veranlassung dazu, auch kann er nichts gewinnen, wenn ich hineingeritten werde.«

»Sie geben also die Möglichkeit zu, tiefer hineingeritten werden zu können!«

»Ach wo!«

»Das genügt für heute, und in vierzehn Tagen wissen wir genau, wer Sie sind! Der Schwindel mit dem Baron Hodenberg ist zu Ende.«

»Das wollen wir abwarten!«

Doktor Thein ließ den Häftling in die Zelle bringen und begab sich nach Hause.

Am nächsten Morgen wurde Hodenberg trotz seines Protestes zwangsweise im Hofe des Gerichtsgebäudes fotografiert. Sein Sträuben bestärkte den Richter im Verdacht, daß der Häftling große Sorge wegen der Einsendung der Fotografie an die Hamburger Polizeidirektion haben müsse. Ein ihm selbst unerklärliches Verlangen empfand Doktor Thein nach einer Fotografie des Verwalters Wurm, wenngleich der Richter nicht wußte, wem das Bild vorgelegt werden sollte.

Bis der Fotograf die Kopien liefern konnte, nützte der Amtsrichter die Zeit zur Anfertigung einer Personalbeschreibung Hodenbergs und eines Auszuges aus dem bisherigen Akt. Gewissenhaft wurde der Lebenswandel, soweit er gerichtsbekannt war, geschildert, das unsinnige Geldausgeben, ein Verzeichnis der Hodenberg abgenommenen Wertpapiere und des Inhalts seiner Koffer angefertigt und auch erwähnt, daß ein Verwalter Wurm nach Konfrontation mit dem angeblichen Hodenberg dessen Heimat nach Hamburg verlege.

Nach wenigen Tagen konnte der Akt mit Hodenbergs Fotografie nach Hamburg, Hannover, Bremen und Osnabrück abgeschickt werden.

Zwölftes Kapitel

Theo war rasch der Sorge vor einer Indiskretion Wurms über das galante Reiseabenteuer losgeworden, da der Verwalter jene Spritzfahrt mit keiner Silbe erwähnte, sie totschwieg, und in vollem Maße taktvoll keinerlei Zudringlichkeit an den damaligen Reisegenossen bekundete. Daher entschwand Theo die Erinnerung sehr schnell, und da ihm Wurm sehr viele Arbeit als selbstverständlich abgenommen, hatte der junge Schloßherr ausnehmend viel freie Zeit, die er zu Besuchen auf Zankstein verwendete. Bei der ersten Visite auf dem Moorgut spottete Fräulein Benedikte ob der spät erwachten Wiedererinnerung an die vernachlässigte Nachbarin in der ihr eigenen Weise, Theo wurde gehänselt; doch mählich fand Benedikte Gefallen am jungen Tristner, der sich wundernett bemuttern und päppeln ließ und nach Wunsch des langen und breiten über die Ereignisse in Schloß Ried erzählte. Für Fräulein von Zankstein war nahezu alles neu, und wenn Benedikte auch vom Tode Eugeniens Kenntnis hatte, wußte sie doch nicht, daß das Gericht nachträglich Selbstmord feststellte. Es wurde daher lebhaft zwischen Theo und Benedikte erörtert, was die Veranlassung zu dem rätselhaften Selbstmord gewesen sein könnte. Im Eifer beteuerte der junge Schloßherr, daß er ganz gewiß nicht den Anlaß gegeben und Eugenie im Gegenteil sehr lieb behandelt habe. Scharfsinnig reagierte Benedikte sofort auf dieses unvorsichtige halbe Geständnis, und was zur vollen Beichte fehlte, war der Zanksteinerin zu erraten nicht schwer. Das Sommersprossenfräulein setzte denn auch Theo scharf zu, trieb ihn immer mehr in die Enge, bis Tristner mit der Wahrheit herausrücken mußte. Einer Strafpredigt über leichtsinnige heimliche Liebelei setzte Theo jedoch sein Ehrenwort entgegen, daß nichts Unrechtes vorgekommen sei und Eugenie eine Heirat für unmöglich erklärt habe.

»Wäre auch ganz unmöglich gewesen!« betonte Benedikte.

»So? Weshalb denn? Ich brauche doch wahrlich nicht auf Mitgift zu rechnen!«

»Papperlapapp! Ein Tristner hat eine standesgemäße Frau zu wählen; das Andenken Eugeniens in Ehren, aber eine Gesellschafterin ist nie und nimmer eine Persönlichkeit, die ein Tristner heiraten darf!«

Theo mußte ob der ernsten und doch heitern Miene Benediktens lachen und erwiderte: »Na, bemuttern Sie mich weiter und suchen Sie mir eine passende Frau! Meine Selbständigkeit in Ihrer Nähe ist ja doch nicht weit her und zerfließt wie Butter an der Sonne.«

»Keine Schmeichelei, junger Sünder! Es bleibt dabei: allzeit standesgemäß! Und im ganzen Moorbezirk, von der Landesgrenze bis hinauf zum Sodom an der Isar, gibt es nur eine standesgemäße Partie für Theo Tristner, und diese Partie ist Benedikte von Zankstein, verstanden! Ich mag aber nicht heiraten!«

»O weh! Erst süßen Zucker, dann die bittere Peitsche!« jammerte Theo.

»Sie sind doch ein Kind! Glauben Sie denn, eine Dame wird Ihnen einen Heiratsantrag machen? So bequem dürfen Sie sich das Leben nicht vorstellen, das Leben ist ein Kampf! Auf Schloß Ried wird zu wenig gekämpft, die Leute haben zu viel Mammon! Für Sie wäre es wahrlich besser, wenn Sie tüchtig schaffen würden; die Anstellung eines Verwalters ist höchst überflüssig gewesen. Werfen Sie den Menschen sobald als möglich wieder hinaus!«

»So einfach ist die Sache nicht! Ich wollte allerdings gleich am ersten Tage des Dienstantrittes kündigen, wagte es aber nicht, der Mann hat so seltsame Augen. Und jetzt ist er trotz der kurzen Zeit seiner Tätigkeit Vertrauensmann Mamas; da käme ich übel an, wenn ich, der Wurm engagierte, ihn nun hinausbeißen wollte. Mit Mama ist zu Zeiten nicht gut Kirschen essen!«

»So? Muß wieder mal nachsehen, gucken, wie der Hase läuft!«

Das Gespräch änderte sich, da Benedikte Näheres über den Stand der Affäre Hodenberg wissen wollte. Theo vermochte aber keine Neuigkeiten zu bieten und ward alsbald auf drollig resolute Weise heimgeschickt.

Im Wagen hing Theo seinen Gedanken nach und fand, daß trotz der Sommersprossen Benedikte wirklich ausgezeichnet zu ihm passen, eine prächtige Frau sein würde, tüchtig, entschlossen und eigentlich ganz hübsch. Vielleicht läßt sich die Angelegenheit deichseln, das Diktum vom Nichtheiratenwollen wird nicht so ernsthaft zu nehmen sein. Damen, welche das Heiraten verschwören, greifen sehr gern zu, so der Rechte kommt. Im Grunde genommen konnte ja Benedikte nicht sofort einwilligen, eine eigentliche Werbung hatte Theo auch nicht vorgebracht. So beschloß denn der junge Schloßherr, Zankstein als Festung anzusehen und so lange zu belagern, bis Benedikte die Parlamentärflagge hissen wird.

Heimgekehrt fand Theo ein zierlich Brieflein mit dem Poststempel »Wien« vor, bei dessen Lektüre ihm schwül wurde. Jäh war die Erinnerung an das Reiseabenteuer wachgerufen. Fräulein Senta Camacero, die Reisegenossin, kündigte für morgen Besuch an, im voraus für freundliche Gastfreundschaft dankend und um Abholung von der Bahnstation bittend. Die Bescherung ist da, alles Fluchen hilft nichts mehr, die Reue über die unvorsichtig gegebene Einladung bringt keine Änderung der fatalen Situation. Nichtabholung wäre Brutalität und bildet keine Gewähr, daß die Dame auf den Besuch verzichten wird.

Theo zermarterte den Kopf, wie er Mama und Olga den Besuch erklären soll, ohne sich bloßzustellen oder das Abenteuer zu verraten. Nichts, nicht ein rettender einziger Gedanke will sich einstellen. Eine Riesenblamage ist im Anzug, der Verdruß wird heillos werden.

In seiner Angst suchte Theo den Verwalter, den er im Brauereitrakt fand und sofort um Hilfe in gräßlicher Verlegenheit bestürmte, des durchbohrenden Blickes wie des satanischen Lächelns Wurms nicht achtend.

Der Verwalter bemeisterte sich sofort und erklärte sich bereit, Fräulein Camacero als Kusine zu übernehmen, welcher die Familie Tristner jedoch Gastfreundschaft im Schlosse gewähren müßte, da er in seiner Junggesellenstube eine Dame nicht aufnehmen könne.

Theo jubelte ob dieser Rettung aus gräßlicher Verlegenheit und sicherte vollste Gastfreundschaft zu, nur müßte Wurm der Mama Mitteilung von der bevorstehenden Ankunft der Kusine machen und um Beherbergung für kurze Zeit bitten.

»Gut! Aber nur unter der Bedingung, daß Sie das Fräulein von der Bahn abholen und informieren. Die Camacero muß eingeweiht werden, auf daß sie ihre Rolle auch gut spielen kann und Sie nicht blamiert. Da man in solchen Fällen nicht wissen kann, wie lange der Schwindel durchzuführen ist, wird es gut sein, wenn Sie der Camacero einen größeren Betrag zu einer etwa nötig werdenden plötzlichen Abreise im voraus zustecken.«

»Wird sie denn das nicht übelnehmen müssen?«

»Die Camacero nicht!«

Der wegwerfende Ton dieser Äußerung war Theo auffällig, doch achtete er in seiner Freude, der Verlegenheit zu entrinnen, nicht weiter darauf.

Wunschgemäß begab sich Wurm zu Frau Tristner und bat die Gebieterin um gnädige Bequartierung seiner Kusine, deren plötzliche Ankunft ihn ebenso überrasche wie bedrücke. In ihrer Herzensgüte, dem Verwalter wohlgesinnt, sicherte Frau Helene freundliche Aufnahme der Kusine zu und gab Olga Auftrag, das Nötige zu veranlassen. Theo schlich herum wie der Fuchs um die Hasensaß und freute sich unbändig, als er die Arrangements zur Quartierung wahrnahm. Besser hätte die anfangs heillose Geschichte sich nicht gestalten können. Und für sein Vergnügen war durch Anwesenheit der pikanten Dame vortrefflich gesorgt. Er wird sich ihr selbstverständlich widmen, weil sonst niemand da ist; Mama blieb ob ihrer Blindheit außer Betracht, Olga ist, wahrscheinlich wegen der Verhaftung Hodenbergs, unzugänglich, also muß sich Theo opfern, und solche Aufopferung kann unter diesen Umständen in keiner Weise auffallen.

Glatt wickelte sich der Empfang am nächsten Morgen auf der Bahnstation ab; Fräulein Senta war hinreißend liebenswürdig, ohne die befürchtete lästige Vertraulichkeit zu bekunden. Die Kleidung allerdings elegant, viel zu auffallend für die Kreise in der Moorgegend, aber fesch, das ganze schlanke Persönchen entzückend. Theo lachte das Herz bei diesem Anblick, und alle guten Vorsätze, wie der Gedanke an Benedikte Zankstein, verflüchtigten sich mit rasender Eile.

Im Wagen stotterte der junge Schloßherr die Information für Senta hervor; er hatte doch große Angst, daß die Dame den Einführungsschwindel mit sittsamer Entrüstung zurückweisen werde. Senta zeigte sich aber keineswegs entrüstet, sie lachte und fand das Komödienspiel famos, viel Vergnügen versprechend. Den Wiener Dialekt spottend, fragte Senta: »Soll ich die Jungfrau von ›Allesans‹ spielen?«

Der kecke Blick wie die anzügliche Frage verstimmten Theo, der als junger Mann wohl zu einem tollen Streich gelegentlich gern bereit war, aber im Banne einer guten Erziehung doch vor Banalitäten zurückschreckte. Das Persönchen war gewiß eine willkommene Reisebekanntschaft in Triest, nicht aber im sittsamen Schloß Ried. Theo wurde einsilbig auf der Fahrt nach Hause und vergaß auch, der schönen Dame das von Wurm empfohlene Reisegeld zuzustecken. Fräulein Camacero merkte sofort die Verstimmung und nahm sie als Warnung vor forciertem Drauflosmarschieren; der junge Schloßherr schien ihr noch ein unverdorbener Grünschnabel zu sein, dem die Schneid fehlte, und der sich vor Damengunst einstweilen noch fürchtete. Einlenkend meinte Senta unter bezauberndem Augenaufschlag, daß Herrn Tristner wahrscheinlich der Wiener Dialekt nicht gefalle, und damit habe der Schloßherr ganz recht, sie werde diesen Dialekt nie mehr gebrauchen, um sich nicht die Ungnade des allerhöchsten Herrn zuzuziehen. »Ich würde tiefunglücklich sein und schwer darunter leiden! Kein Mann hat bisher so tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht, das dürfen Sie mir glauben! Mein Herzblut gäbe ich freudig hin, wenn es nötig wäre zu Ihrer Glückseligkeit!« flüsterte Senta und drückte Theos Hand.

»Zu gütig! Ich bin ein solches Opfer nicht wert!« sprach Theo leisen, bebenden Tones, rasch versöhnt und die Worte für tief empfundene Wahrheit nehmend.

Das elegante Juckergespann fuhr in den Schloßhof, mit schnellem Blick erkannte Theo, daß Mama mit Olga im Garten weilte, Empfang und Begrüßung also zur Bequemlichkeit der Mutter dort stattfinden mußte. Der Dame beim Aussteigen helfend, flüsterte Theo Senta zu: »Mama ist erblindet! Bitte folgen Sie mir in den Park!«

»Immer zu Ihren Diensten! Besuchen Sie mich bald, ja!« lispelte sie und schritt an Theos Seite in den Garten.

Verletzend frostig verhielt sich Olga bei der Vorstellung, doch Fräulein Camacero ignorierte den eisigen Empfang und widmete alle Aufmerksamkeit der alten Dame, der sie die Hand küßte und mit bewegten Worten für die Gnade, einige Zeit im Schlosse weilen zu dürfen, dankte.

Wohl wehrte Frau Helene solch demütiger Huldigung, der Ton echtklingender Bescheidenheit machte aber doch Eindruck auf die blinde Matrone, die Fräulein Senta herzlich willkommen hieß und sogleich ins Gespräch zog. »Sie sind die Kusine meines Verwalters, das ist eine sehr gute Empfehlung! Herr Wurm ist ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, der mein volles Vertrauen genießt. Ich hoffe, Sie werden sich bei uns heimisch, zu Hause fühlen. Wenn Sie sich etwas eingewöhnt haben werden, bitte, widmen Sie ab und zu ein Viertelstündchen einer alten blinden Frau, die Ihnen dafür dankbar sein wird. Sonst aber bleiben Sie völlig Herrin Ihrer Zeit.«

Wieder küßte Senta der Matrone die Hand und gelobte tiefste Dankbarkeit.

Da Olga sich entfernt hatte, übernahm es Theo, das Fräulein ins Schloß zu führen, Mama blieb im Gartenstuhl sitzen, wo sie den Verwalter nach erfolgter Begrüßung seiner Kusine erwarten wolle.

Auf dem Wege zum Schloß fragte Senta leise: »Nun, sind Sie mit mir zufrieden?«

»Sehr! Doch Vorsicht! Wer weiß, wo Olga steckt!«

»Fräulein Schwester mißtraut mir, oder sie ist sehr stolz!«

Im Flur erwartete Wurm maliziös lächelnd die Kusine und spielte die Begrüßungskomödie verabredungsgemäß mit aller verwandtschaftlichen Wärme.

Theo erklärte sodann den Wunsch Mamas, worauf Wurm sogleich in den Garten zur Frau Tristner eilte.

Das Pärchen pilgerte langsam die Treppe ins obere Stockwerk hinan, Senta konnte nicht genug die fürstliche Pracht dieses Herrensitzes loben.

Theo erklärte, daß hier die Zimmer der Familie liegen, am Schlusse des Korridors das Junggesellenheim.

»Und wo werde ich einquartiert?« fragte sie mit feurigem Blick.

»Bitte, eine Treppe höher residieren die Besuchsherrschaften!«

»So hoch? Ich steige nicht gern hohe Treppen, möchte lieber im ersten Stockwerk ›residieren‹!«

»Bedaure wirklich sehr, die Anordnungen Mamas nicht ändern zu können!«

»Schade! Doch ich füge mich selbstverständlich! Mohammed kommt ja zum Berge, wenn dieser nicht zum Propheten kommen kann, nicht?« lachte Senta und hing sich an Theos Arm.

Ein großer, elegant möblierter Salon mit Schlafgemach war für Fräulein Camacero bereit gehalten. Senta jubelte bei diesem Anblick und umarmte Theo, ihn jäh küssend.

»Gott, wenn wir gesehen würden!« stotterte errötend der Schloßherr und suchte sich aus der Umarmung zu befreien.

»Wir sind ja doch allein, und ich muß Ihnen meinen Dank bekunden! Bin ich Ihnen unsympathisch, weil Sie mich nicht küssen wollen?«

»Gewiß nicht, im Gegenteil! Ich fürchte ja nur – das Erwischtwerden!«

»Keine Sorge! Flink den Gegenkuß, dann wollen wir hübsch sittsam sein, geschwisterlich meinetwegen!«

Senta hielt hingebend das Köpfchen zu Theos Antlitz, hastig drückte der Schloßherr einen Kuß auf die lockenden, schwellenden Lippen und lief hinweg wie ein beim Äpfelstehlen ertappter Schulknabe.

Senta murmelte: »Täppischer Grünschnabel!« und besichtigte dann die Einrichtung, bis der Diener ihr Gepäck heraufbrachte. So umständlich kramte sie ihre Koffer aus und räumte deren Inhalt in Kasten und Laden, als gelte es, sich auf Monate hinaus seßhaft zu machen, und dazu war sie auch fest entschlossen.

Verwalter Wurm hatte der Gebieterin warmen Dank für gütige Beherbergung seiner Kusine und hierauf den gewünschten Geschäftsbericht erstattet, absichtlich in epischer Breite, damit Frau Tristner vergessen sollte, auf die verwandtschaftlichen Beziehungen näher einzugehen. Eine Frage sprach die Matrone aber doch aus: »Herr Verwalter, sagen Sie mir: Ist Ihre Kusine sehr hübsch?«

»Frau Tristner befürchten, daß Herr Theo Feuer fangen könnte? Bitte ergebenst, keine Sorge zu hegen, meine Kusine ist nicht hübsch, gut gewachsen allerdings, doch reizlos, tugendhaft bis zur Prüderie, so was wie ein ›Emporfrömmling‹ und für Männer absolut ungefährlich, eher abstoßend!«

»So? Mir kam es vor, als habe das Fräulein etwas Einschmeichelndes, Ton und Sprache nehmen für die Person ein, ich sympathisiere für Ihre Kusine, die mir bescheidener, dankbarer Art zu sein deucht.«

»Gnädige Frau sind wie immer huldreich und gütig. Ich werde dafür zu sorgen wissen, daß die Ehre des Hauses gewahrt bleibt. Es ist indes keine Gefahr, wer sich in Senta verliebt, müßte ein Narr sein. Reizlos und bettelarm, so was heiratet man nicht, ist selbst zum Flirten nicht geeignet.«

»Das klingt geradezu lieblos aus dem Munde eines Verwandten. Ich hätte Ihnen einen solchen Mangel an Zartgefühl nicht zugetraut!«

»Die reine Wahrheit, Frau Tristner, ich spreche die Wahrheit auch dann, wenn ich Gefahr laufe, verkannt zu werden und als Rauhbein zu erscheinen.«

»Genug davon! Bitte schicken Sie mir meine Tochter, ich will ins Haus geführt werden.«

»Zu Befehl! Darf ich vielleicht das Ehrenamt erbitten und gnädige Frau geleiten?«

»Danke sehr, Sie sind immer aufmerksam, ich will Sie nicht belästigen! Ist auch kein Genuß, eine alte blinde Frau zu schleppen!«

»Aber, bitte tausendmal! Gnädige Frau stehen in den besten Jahren.«

»Still! Kein Wort mehr! Ich glaube gar, Sie wollen mir Elogen sagen!« zürnte Frau Helene, lächelte aber doch etwas geschmeichelt. »Holen Sie mir meine Tochter!«

»Gehorsamster Diener!« rief Wurm, schnitt der Blinden eine Grimasse und enteilte. Im Schlosse erfuhr der Verwalter, daß Fräulein Olga im Musiksalon weile. Sein hastiges Eintreten schreckte das Mädchen aus dem Sinnen auf, unangenehm berührt fragte Olga, wie sich der Verwalter erkühnen könne, sie hier in ihrem Bereich zu stören.

Eine höfliche Entschuldigung vorbringend, übermittelte Wurm den Wunsch Mamas und blieb vor dem Fräulein stehen.

»Was wollen Sie denn noch?«

»Ich bitte um eine Minute Audienz in wichtiger Angelegenheit! Seit zwei Tagen bemühe ich mich vergebens, gnädiges Fräulein ohne Zeugen sprechen zu können . . .«

»Ich wüßte nicht, was wir zu besprechen haben sollten!«

»Doch! Ich war bei Gericht, es ist mir gelungen, von Hodenberg den Ring, welchen gnädiges Fräulein ihm geschenkt, zurückzuerhalten . . .«

Erregt sprang Olga auf, hastig rief das Mädchen: »Wie kommen Sie dazu?«

»Verzeihen, gnädiges Fräulein! Ich intervenierte allerdings ohne Mandat, glaube aber richtig gehandelt zu haben. Mit dem Ring, den ich zu übergeben die Ehre habe, ist jegliche Bloßstellung Ihrer verehrten Person unmöglich geworden, und dies zu erreichen, war mein Ziel.« Wurm überreichte Olga den von Hodenberg erhaltenen Verlobungsring, den sie sogleich in die Tasche verschwinden ließ.

»Hat der Baron den Ring – gutwillig hergegeben?«

»Ja! Ich sicherte ihm meinen Beistand zu, falls Hodenberg die Beistellung eines tüchtigen Advokaten benötigen sollte. Es wird aber der beste Anwalt keine Reinwaschung erzielen können . . .«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Verhaftete wirklich nicht Baron Hodenberg aus Hannover ist!«

»Was ist er dann?«

»Das vermag ich nicht zu sagen, dem Dialekt nach stammt er aus Hamburg. Der anscheinend tüchtige Amtsrichter wird wohl die völlige Entlarvung herbeiführen, und wir werden dann erfahren, welcher Gauner sich die Baronie Hodenberg beigelegt und unter falscher Flagge in das Haus Tristner eingeschlichen hat.«

»Sie sehen zu schwarz, ich kann es nicht glauben! Immerhin danke ich Ihnen für Ihre Bemühung und bitte Sie zugleich um Diskretion! Es darf niemand im Hause wissen, daß ich . . .«

»Meiner vollen Verschwiegenheit dürfen gnädiges Fräulein sicher sein, auch dann, wenn Sie noch weiter mich in gänzlicher Verkennung meiner guten Absicht schlecht behandeln werden.«

»Habe ich das getan? Bitte, es war nicht beabsichtigt, verzeihen Sie mir! Ich leide entsetzlich, bin manchmal wirren Sinnes, der Fall Hodenberg bringt mich noch um den Verstand, und in solcher Lage verkennt man mitunter die guten Freunde! Sie haben mir wirklich einen Freundschaftsdienst erwiesen, ich danke Ihnen vielmals! Also Diskretion! Ich eile nun zu Mama!« Olga reichte dem Verwalter die Hand und duldete seinen ehrerbietigen Kuß auf die schmale Rechte.

Ein triumphierender Blick folgte der graziösen Gestalt, und allein im Musiksalon rieb sich Wurm vergnügt die Hände.

Dreizehntes Kapitel

Durch Geschäfte unaufschiebbarer Art war Doktor Thein immer wieder vom beabsichtigten Besuch der Familie Tristner abgehalten worden und damit auch von einer Aussprache mit Fräulein Olga sowohl in eigener als auch in Angelegenheit Hodenbergs und des Verwalters. Und wenig angenehm waren die Gedanken, sofern das Studium dringender Akten ein privates Sinnieren gestattete. Die Persönlichkeit Wurms beschäftigte den Richter intensiver als die bevorstehende Entlarvung Hodenbergs, doch war alles Nachdenken darüber, was ihm Wurm so bekannt erscheinen ließ, vergeblich. Im eigenen Amt hatte eine Begegnung früher kaum stattgefunden, vielleicht aber zur Zeit, da Doktor Thein noch Praktikant an einem auswärtigen Gericht gewesen war. War dem aber wirklich so, dann müßte Wurm mit dem Staatsanwalt schon in Kollision geraten sein und als Angeklagter vor Gericht gestanden haben. Ein fataler Gedächtnisfehler, es wollte die Erinnerung sich nicht einstellen, weder an einen Gerichtsfall noch an den richtigen Namen. Ob der Verwalter unter seinem wirklichen Namen engagiert worden ist?

Theins Grübeln hatte keinen Erfolg, und schließlich verzichtete der Richter auf jede Gedächtnisauffrischung, da er nicht einer Marotte wegen um jeden Preis einen vielleicht hochanständigen Mann zum gerichtsbekannten Individuum stempeln wollte. Eines Tages lief nun ein Amtsschreiben der Hamburger Polizeidirektion ein, dessen Lektüre Thein einen Jubelruf entlockte. Schwarz auf weiß war die Kunde zu lesen, daß der angebliche »Baron Hodenberg« Otto Höpfner heiße, Gastwirt in Bergedorf bei Hamburg war, von Osnabrück wegen eines Totschlages, von Dresden wegen eines großen Diebstahls von Wertpapieren verfolgt werde.

Die Ernennung zum Landgerichtsrat hätte Doktor Thein kaum größere Freude bereiten können, als diese Lektüre eines trockenen, doch inhaltsreichen Amtsschreibens. Nun war der Schleier des Hodenbergschen Geheimnisses gelüftet und erklärt, warum der Gauner seine »hochgestellten Verwandten« in Hannover nicht nennen und belästigen wollte. Fast fühlte sich Thein versucht, den Otto Höpfner sogleich vorzunehmen und ihm auf den Kopf zu sagen, daß man nun alles wisse. Der Amtsrichter bezähmte diese Lust und wartete auf die Antwort aus Hannover, wo die Polizei vielleicht auch etwas über den glücklich Verhafteten zu erzählen wußte. Richtig brachte die Abendpost, die Doktor Thein in der Kanzlei erwartete, ein Schreiben der Hannoverschen Polizei, deren Recherchen ein nicht minder interessantes Resultat ergaben: Die Mutter des Otto Höpfner war früher Kammerzofe im Hause Hodenberg zu Hannover, Otto Höpfner habe den Namen »Hodenberg« angenommen. Von seiner Mutter dürfte Höpfner die Hodenbergschen Familienverhältnisse einigermaßen erfahren und zu seinen Abstammungsangaben verwertet haben. Daraus erkläre sich, daß der angebliche »Baron Hodenberg« keine genügenden Kenntnisse über Wappen und dergleichen der Hodenbergschen Baronie besitze, seine Mutter dürfte davon nichts gewußt haben, und der Sohn hielt es nicht der Mühe wert, heraldische Studien über »sein« Familienwappen zu betreiben. Ein Verbrechen des Höpfner in Hannover sei amtlich nicht bekannt.

Das war eine wonnige Nachricht für ein Richterherz. Alles in präziser Weise aufgeklärt! Und doch nicht alles, denn Doktor Thein erinnerte sich plötzlich, daß der »Hodenberg« mit dem Verwalter Wurm für einen Augenblick in unverständlicher Sprache redete, auf Theins Einspruch dies unterließ, daß aber Wurm dann noch einige fremdklingende Ausdrücke gebrauchte. Was kann das bedeutet haben? Dann noch eine Frage. Wurm wußte anzugeben, daß »Hodenberg« aus Hamburg stamme; ist das besondere Kenntnis des Dialektes oder Bekanntschaft Höpfners von früher her? Und sagte Wurm nicht vor der Gegenüberstellung mit »Hodenberg«, daß der Häftling ein Gauner sei? Woher konnte das Wurm wissen? Wenn man herausbringen könnte, welcher Ausdrücke sich Wurm zu »Hodenberg« bediente, wäre die Möglichkeit gegeben, den Verwalter Wurm etwas genauer zu besehen und seinem Vorleben nachzuforschen. Wie das aber herausbringen? Wird Höpfner sich zu einer Aussage bequemen, wenn ihm sein wahrer Name gesagt wird?

Thein nahm den Zettel zur Hand, auf dem er allerdings sehr flüchtig und unzuverlässig die ihm fremden Ausdrücke Wurms in der Gegenüberstellung zu »Hodenberg« stenographisch notiert hatte, und übertrug diese Worte in deutsche Schreibschrift. Inmitten dieser Arbeit überkam den Richter die Erinnerung, daß Wurm diese Worte als Brocken aus der Gaunersprache bezeichnete. Nun enthält doch das »Handbuch für Untersuchungsrichter« auch ein Vokabular der Gaunersprache, und in diesem dürfte eine Übersetzung der rätselhaften Worte zu finden sein. Rasch suchte Doktor Thein und fand zu seiner Freude wirklich die Deutung: Keine Fraselmahr! Alt tschak! Gaterling spinnen! – Keine Angst! Gut Freund! Ring hergeben! – Und das Wort »schuffti!« ist mit »schweig!« übersetzt.

»Schau, schau!« flüsterte Doktor Thein vor sich hin, »wenn Wurm nicht auch Berufsgauner ist, dann bin ich selbst ein Hochstapler!«

Der Richter kombinierte weiter: Die Kenntnis der Gaunersprache ist bei Wurm im höchsten Maße verdächtig, bei Höpfner-Hodenberg allerdings sehr erklärlich. Was mögen beide Gauner jedoch in jenem Augenblick gesprochen haben, da Thein die Unterhaltung in einer ihm fremden Sprache als unzulässig verboten hatte? Leider war eine stenographische Fixierung nicht möglich gewesen. Sprachen die Gauner auch in jenem Moment rotwelsch behufs Verständigung?

Doktor Thein ließ sich Höpfner-Hodenberg nun vorführen, der noch immer herrisch auftrat und den alten Protest gegen die Untersuchungshaft vorbrachte.

Der Richter mußte lächeln über dieses Beginnen, und gleichsam liebkosend fuhr seine Hand über die beiden Amtsschreiben der Polizeidirektionen von Hamburg und Hannover. »Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Untersuchungshaft in den nächsten Tagen beendet sein wird . . .«

»Endlich! Sie sehen also ein, mich ungerechterweise festgehalten zu haben!«

»Durchaus nicht!«

»Wie beliebt?« stotterte verblüfft der Häftling.

»Es wird Ihre Person sowie Ihr inzwischen recht interessant gewordener Akt zunächst dem Strafgericht in Osnabrück übergeben werden. Später werden Sie längeren Aufenthalt in Dresden nehmen, wo man sich lebhaft für Sie und Ihre Wertpapiere interessiert!«

Der Häftling erbleichte, ein Zittern lief durch seinen Körper, die Lippen zuckten, die Hände ballten sich zu Fäusten, es schien, als wollte sich der Entlarvte auf den Richter stürzen. Wütend schrie er: »So hat er mich verraten?«

»Recht weit scheint die Freundschaft allerdings nicht her zu sein! Es war Schwindel mit dem Zuruf: Keine Fraselmahr, alt tschak! Und das Gaterling spinnen hat Ihnen nichts genützt!«

»So hat der Schuft auch noch das verraten?«

»Was sagte Ihnen Herr Verwalter Wurm vorher, ehe er rotwelsch zu Ihnen sprach?«

»Wissen Sie das nicht?«

»Doch! Ich möchte lediglich eine Bestätigung aus Ihrem Munde haben, denn anscheinend lügt Herr Wurm mit jedem Wort!«

»Das wird stimmen! Er hat aber nicht rotwelsch gesprochen, sondern Hamburger Platt!«

»Und was sagte Ihr guter Freund?«

»Ich protestiere gegen diese Bezeichnung, der Kerl ist ein infamer Schuft!«

»Mir auch recht! Was sprach Herr Wurm?«

»Sie werden in kurzer Zeit befreit, wenn Sie das Fräulein freigeben und den Verlobungsring zurückerstatten!«

»Und das hat Sie bewogen, gehorsamst den Ring herzugeben?«

»Ja, ich war so dumm und habe auf Hilfe gehofft! Der Schuft hat mich aber im Stich gelassen, Gott verdamm ihn!«

»Wie heißt denn der ehrenwerte Herr mit seinem richtigen Namen?«

»Das weiß ich leider nicht!«

Doktor Thein eröffnete nun dem Gefangenen, daß Otto Höpfner alias »Baron Hodenberg« wegen Vergehens des Hasardspieles zu fünftägigem Arrest verurteilt, die Strafe aber durch die Untersuchungshaft verbüßt sei, und nach Osnabrück transportiert werde.

»So wissen Sie richtig alles! Für so helle hätte ich Sie wahrlich nicht gehalten! Freilich, Verrat erleichtert die Arbeit der Polizei! Na, die Komödie wäre also aus! Habe immer so was wie Antipathie gegen Bayern gehabt, und richtig haben die Bayern mich erwischt! Bitte, kann ich in geschlossenem Wagen zur übernächsten Bahnstation gebracht werden? Möchte von gewissen Leuten nicht gesehen werden!«

Schon wollte Doktor Thein diese Bitte rundweg ablehnen, da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß von Höpfner vielleicht doch noch Wissenswertes herausgefragt werden könnte. »Sie wollen von Fräulein Tristner nicht gesehen werden?«

»Ja, ich wäre Herrn Amtsrichter dankbar!«

»Unter einer Bedingung will ich Ihren Wunsch erfüllen, und die Bedingung ist das Geständnis, wie und wo Sie die Bekanntschaft des Herrn Wurm gemacht haben.«

»Auf der ›Post‹ in Ried; Herr Tristner hat mir den Wurm als Verwalter vorgestellt.«

»Ich meine, Sie müssen den Wurm schon früher irgendwo getroffen und kennengelernt haben.«

»Nein, Herr Amtsrichter!«

»Sie belügen mich!«

»Ich spreche die Wahrheit!«

»Das glaube ich Ihnen nicht! Wie käme sonst Wurm dazu, sofort, ohne nähere Bekanntschaft die Befreiung anzubieten, mit Ihnen rotwelsch zu sprechen?«

»Das ist doch sehr einfach: Genossen erkennen sich sofort!«

»Wie?«

»Wie sich Jäger immer sofort erkennen und aneinanderschließen, so ist es auch bei Leuten, die Ursache haben, dem Staatsanwalt auszuweichen. Übrigens sagt ja Wurms Blick schon, daß er zur ›Zunft‹ gehört. Die meisten Genossen sind zueinander aber ehrlich, helfen sich gegenseitig nach Möglichkeit, der Wurm jedoch ist ein miserabler Schuft und Verräter.«

»So würde also Wurms Gebaren gewissermaßen ein Beweis für seine Zugehörigkeit zur Verbrecherzunft sein?«

»Er muß ein Genosse sein! Was er aber auf dem Kerbholz hat, weiß ich nicht!«

Doktor Thein erkannte, daß von Höpfner nichts mehr von Belang zu erfahren war, klingelte dem Amtsdiener und ließ den entlarvten Verbrecher in eine andere, ausbruchsichere Zelle abführen. Sodann wurde ein Schreiben an die Staatsanwaltschaft in Osnabrück erlassen und darin der Höpfner zur Verfügung gestellt.

In Betätigung der längst gehegten Besuchsabsicht fuhr Doktor Thein nun hinüber zum Schloß im Moor, vorsichtshalber aber ohne Zylinder, denn jetzt, nach erfolgter Entlarvung des »Baron Hodenberg«, mußte eine Werbung um Olga inopportun erscheinen, dem zweifellos von bitterster Seelenqual heimgesuchten Fräulein Tristner Ruhe und zarte Rücksichtnahme gegönnt werden. Wie die übrigen Familienmitglieder im Hause Tristner war wohl auch Olga von Höpfner-»Hodenberg« getäuscht worden, der Verbrecher verstand es ja trefflich, sich in die Herzen ehrlicher, einfacher und gutmütiger Menschen zu schmeicheln. Und Olga dürfte bei dem Mangel an Menschenkenntnis das Opfer ihrer Leichtgläubigkeit und übergroßen Vertrauens geworden sein. In der Abgeschlossenheit zu Ried konnte ein junges Mädchen auch keine besondere Menschenkenntnis erwerben, der Reinfall mit einer heimlichen Verlobung war ebenso begreiflich wie entschuldbar. Doktor Thein kam mit dem festen Vorsatz, nun über Olga als treuer Freund zu wachen, einer neuen Gefahr vorzubeugen und zu gegebener Zeit zu sagen, daß ein gewisser Amtsrichter Doktor Thein sehr glücklich sein würde, wenn Fräulein Tristner ihm die Hand zum Ehebunde reichen möchte. Daß dieser Zeitpunkt einstweilen noch nicht gekommen, erkannte Doktor Thein sehr bald, denn Fräulein Olga bekundete geradezu Scheu vor dem Richter, vermied eine Begegnung der Blicke und verhielt sich verschlossen und wortkarg. Über die geglückte Entlarvung wollte Thein nicht sprechen, das Zartgefühl hielt ihn davon ab. Bis auf Frau Helene, die ihrer Freude über den Besuch des Amtsrichters wie immer liebenswürdigen Ausdruck gab, schienen die Familienmitglieder sich auffallend reserviert Thein gegenüber verhalten zu wollen; auch Theo war einsilbig, zerstreut, nicht wie früher offen und herzlich. Sollte die Anwesenheit des Richters auf die Tristnersche Jugend bedrückend wirken? Und wenn ja, weshalb?

Frau Helene fragte im Laufe der schleppend geführten Unterhaltung direkt nach dem Ergebnis der Untersuchung gegen den Verschwender Hodenberg.

Doktor Theins Blick streifte das erbleichende Fräulein Olga, und ihre Augen flehten um Barmherzigkeit. Die stumme Bitte veranlaßte den Richter, das zungenbindende Amtsgeheimnis vorzuschützen.

Zähe hielt aber Mama Tristner am Thema fest und gab der Verwunderung Ausdruck, daß diesmal das Gericht so lange zur Klarstellung des Sachverhaltes brauche. Wenn Baron Hodenberg unschuldig sei, müsse seine lange Haft geradezu als Grausamkeit bezeichnet werden.

Doktor Thein warf ob dieses indirekten Vorwurfes einer Verschleppung unwillig das Haupt auf, zu einer Entgegnung bereit; im selben Augenblick hob Olga die Hände bittend, ihr Blick galt dem Richter so innig flehend, daß Doktor Thein auf jede Verteidigung verzichtete.

Durch die offenen Fenster drang das Trällern eines Liedes aus glockenheller Frauenstimme.

Thein horchte verwundert auf, und nun wurde Theo unruhig, verlegen zupfte er an seinem Schnurrbärtchen.

»Sie haben wohl Besuch im Hause?« fragte Doktor Thein.

Mama Tristner erzählte lächelnd, daß Schloß Ried die Kusine des Verwalters beherberge, die Herr Amtsrichter kennenlernen müsse.

»Müssen, weshalb denn ein Zwang?« meinte Doktor Thein.

»Jawohl, Herr Doktor, es wäre mir nämlich angenehm, aus Ihrem Munde authentisch zu vernehmen, ob Fräulein Senta wirklich ein von Natur so stiefmütterlich ausgestattetes Geschöpf ist, wie der Verwalter mir seine Kusine geschildert hat. Wesen und Stimme wie das bescheidene Verhalten sind mir außerordentlich sympathisch, sehen kann ich ja leider nichts mehr, mich also nicht überzeugen, ob das arme Geschöpf wirklich verunstaltet ist.«

»Wollen wir den Kaffee nicht im Garten einnehmen?« warf Theo, dem das Gespräch Unbehagen verursachte, ein.

Mama willigte ein und bat den Richter um Geleit.

Rasch entfernte sich Theo, indes Olga die Anordnungen zum Kaffee in der Gartenlaube traf.

Frau Helene schritt am Arm Theins schlürfenden Trittes über den Schloßhof dem Park zu und erzählte des ausführlichen, daß die arme Senta ein geradezu häßliches Mädchen sei, verunstaltet und von der Natur verurteilt, hienieden gemieden zu bleiben; dazu gänzlich mittellos, zur Zeit ohne Stellung, weshalb man Erbarmen haben und dem armen Mädchen irgendeine Verwendung im Hause geben müsse.

Die Antwort blieb Thein im Halse stecken, als er eine leuchtend hübsche, elegante Dame in lebhafter Unterhaltung mit Theo erblickte. Wenn diese blendende Erscheinung die erwähnte häßliche Person sein soll, so ist Frau Tristner zweifellos in unerhörter Weise belogen worden. Gespannt blickte Thein auf das Pärchen, das zu streiten schien.

Als Theo gewahrte, daß er und Senta beobachtet wurden, brach er das Gespräch plötzlich ab und kam in den Garten, während die junge Dame sich in das Haus verflüchtigte.

Im Sorgenstuhl sitzend, fragte Mama, wo denn Senta bleibe.

Errötend und unsicher erklärte Theo, daß Fräulein Senta sich wegen Migräne entschuldigen lasse.

»Schade, hätte die Arme gern mit unserm Hausfreunde bekannt gemacht! So jung und schon Migräne, die Jugend von heute ist doch recht wehleidig! Kommt der Verwalter zum Kaffee?«

Diese Frage beantwortete die eben an den Tisch tretende Olga verneinend, Herr Wurm sei im Kontor mit dringender Postarbeit beschäftigt und habe soeben um Entschuldigung bitten lassen.

Thein fühlte eine gewisse Unsicherheit heraus, mit der Olga die Erklärung vorbrachte. Was mochte hier vorgehen? Mit dieser Frage beschäftigt, eifrig kombinierend, ward auch der Richter wortkarg, es mußte die blinde Matrone fast ausschließlich die Kosten der schleppenden Unterhaltung tragen.

Früher denn sonst verabschiedete sich Doktor Thein, dessen Versuch, mit Olga zu sprechen, mißglückte. Die Geschwister blieben bis zur Abfahrt am Wagen, grüßten ein letztes Mal mehr höflich als herzlich, und verflüchtigten sich sogleich, als der Wagen abfuhr.

Doppelstufen nehmend, eilte Theo in das zweite Stockwerk hinauf und prasselte, ohne anzuklopfen, in den Salon Sentas. Erregt sprach der junge Schloßherr auf sie ein: »Fort ist er glücklich, aber gesehen hat er uns!«

»Na, das wird wohl kein Unglück sein!«

»Aber fatal im höchsten Maße bleibt es, denn Mama hat Wurms alberne Schilderung über seine Kusine dem Richter erzählt, und nun ist der Schwindel aufgedeckt, die Bombe kann in den nächsten Tagen platzen! Und an dieser dummen Geschichte sind Sie schuld! Warum blieben Sie nicht hier oben im Salon, bis der Richter wegfuhr?«

»Aber, Herzel! Ich bin doch keine Strafgefangene, und verstecken lasse ich mich nicht! Warum denn nicht gleich stundenlang einsperren? Die Geschichte wird mir auf die Dauer langweilig! Bei Mama die demütige Magdalena spielen, immer heucheln, das ist fade! Und Sie, mein Herr, entsprechen auch nicht meinen Erwartungen!«

»Ich? Wieso? Biete ich denn nicht alles auf, um Ihnen Vergnügen zu verschaffen?« rief Theo aus.

»Ach wo! Gehen Sie mir weg mit diesen sogenannten Amüsements! Das bissel Fischen, Spazierenfahren, immer in Angst und Sorge vor dem Gesehenwerden, stets von Menschen abgesondert, das ist für mich kein Vergnügen! Ich will gesehen werden, Staat machen, prunken mit Toiletten und meiner Wenigkeit! Bin ich Ihnen vielleicht nicht hübsch genug, weil Sie vermeiden wollen, an meiner Seite gesehen zu werden? Oder sind Sie meiner bereits überdrüssig geworden, Sie sittsamer Toggenburg? Die Mondscheinpromenaden habe ich satt wie das Angeschmachtetwerden! Sie haben mich ja doch kommen lassen, um sich meiner Anwesenheit zu erfreuen! Seit meiner Ankunft haben Sie sich aber wie ein Eiszapfen verhalten! Hätte ich Sie nicht gleich bei meiner Einquartierung mal herzhaft geküßt, meine Lippen würden wohl niemals mit Ihrem Bart Bekanntschaft gemacht haben! Sie irren sich, wenn Sie glauben, ich wolle Nonne werden! Kurz und gut, ich mag nicht mehr länger warten, bis Sie den Mut finden, mich zur Geliebten und Braut zu erküren! Das ist mein Ultimatum! Entweder machen Sie mir heute noch den längsterwarteten Heiratsantrag oder ich werde packen und abreisen!«

Kleinlaut bat Theo, ihn nicht durch eine Abreise unglücklich zu machen. Den Heiratsantrag wolle er ja gerne stellen, es gäbe für ihn keinen sehnlicheren Wunsch als den Besitz der schönsten Dame der Welt, aber mit der offiziellen Verlobung müsse gewartet werden.

Heftig erwiderte Senta: »Gut! Ich nehme Ihren Heiratsantrag an, will aber den Termin offizieller Verlobung und rasch darauf folgender Vermählung genau festgesetzt wissen! Weshalb soll denn gewartet werden?«

»Ich muß doch erst vorsichtig die Mutter vorbereiten! Ebenso Olga!«

»I wo! Fräulein Olga wird sich wohl in Bälde mit Wurm verloben . . .«

»Was? Mit dem Verwalter? Nicht möglich!«

»Warum denn nicht? Herr von Wurm wird doch wohl eine feine Partie sein! Jedenfalls ein besserer Schwager für Sie als der Gauner Hodenberg!«

»Ich bin perplex!« stammelte Theo.

»Dazu ist gar kein Anlaß vorhanden! Der Wandel in Olgas Sinn vollzieht sich für den aufmerksamen Beobachter ganz deutlich, Fräulein Olga wird demnächst Wurms Braut werden, sie wird diese Wahl nicht zu bereuen haben, Wurm ist Kavalier, Hofmann durch und durch, ein nobler Mensch, dem anzugehören ein Weib geradezu beglücken muß! Das weiß ich! Ist Olga mal Wurms Braut, so geht es in einem Aufwaschen, wenn auch wir mit unsern Absichten herausrücken. Wir feiern dann eine Doppelhochzeit!«

»Ich trau' mich nicht, zu Mama mit solchen Neuigkeiten zu kommen!«

»Auch recht! Dann werde ich Frau Tristner von meinem Herzenszustand in Kenntnis setzen und mir ihre Zustimmung erschmeicheln! Meinem geliebten Ritter Toggenburg aber gewähre ich die Huld und Gnade, ihm zu sagen, daß er die Katze nicht im Sack zu kaufen braucht!« Senta warf sich in wilder Leidenschaft an Theos Brust und küßte seine Lippen mit verzehrender Glut.

»Gott, wenn wir erwischt werden!« stotterte Theo und naschte an Sentas Lippen.

»Tant mieux! Wir sind einmal füreinander geschaffen!« jauchzte das Fräulein, ließ Theo los und vollführte einen sinnverwirrenden Tanz.

Und haschend, trunken von jäh entfachter Sinnenlust, sprang der junge Schloßherr hinter Senta drein, die sich leicht fangen ließ und stürmisch an »Ritter Toggenburg« preßte.

Der scharfe, durch das Schloß gellende Ton der Pförtnersglocke riß Theo aus dem Taumel, erschrocken stieß er das üppige Weib von sich und beugte sich zum Fenster hinaus, um eiligst mit dem Kopf zurückzufahren.

»Die Zanksteinerin!« rief er und eilte hinweg.

»Zu dumm diese Störung!« grollte Senta und legte sich atemschöpfend auf den Diwan. »Aber angebissen hat er endlich, der langweilige, blödschüchterne Karpf!«

Benedikte von Zankstein hatte hinsichtlich ihrer Kleidung eine Wandlung vorgenommen, die sehr zugunsten der stattlichen jungen Dame war, und Theo in helles Entzücken versetzt haben würde, wenn Tristners Gewissen ganz rein gewesen wäre. Zur Begrüßung der Nachbarin erschien Theo wohl flink und rechtzeitig, fast atemlos, aber den herzlichen Ton echter Freundschaft und Verehrung konnte er nicht finden, er blieb in gedrückter Stimmung und erweckte den Eindruck einer gewissen Hilflosigkeit.

»Was stehen Sie denn, lieber Herr Tristner, wie ein ertappter Quartaner? Schlechtes Gewissen, he? Kein Wunder! Abbruch diplomatischer Beziehungen ohne Angabe der Gründe, was soll das heißen? Was trieb denn der junge Herr seit vierzehn Tagen?« forschte halb im Ernst, halb im Scherz Benedikte und behielt Theo fest im Auge.

Verlegen suchte sich der Schloßherr zu entschuldigen: »Alle Tage kann ich doch nicht in Zankstein vorsprechen! Was würde die Welt sagen?«

»Ei, wie kläglich ist doch solch eine Ausrede! Wer hat denn tagtäglichen Besuch verlangt? Ich gewiß nicht, würde mich auch schönstens bedanken, Tag für Tag in der Arbeit behindert zu werden! Aber völlig fernzubleiben, ohne ein Wort der Entschuldigung, das hätte ich von Ihnen nicht erwartet! Nebenbei bemerkt: ich tue niemals Unrechtes, es ist mir daher gleichgültig, was die sogenannte Welt, bei uns im Moor die Torfbauern und Bräuburschen, sagen! Was also trieb man in letzter Zeit?«

Die Ausflucht, Vorschützung von dringender Arbeit, verschmähte Theo, er vermochte aber auch nicht, die Wahrheit zu sagen, beklommen, zögernd meinte er, Schloß Ried habe Besuch und der Herr daher Hofdienst.

»Also eine Dame! Ist mir eine große Neuigkeit! Wer beglückt uns denn mit ehrender Anwesenheit? Doch nicht die Gräfin Pappendeckel?« spottete Benedikte.

Theo errötete und biß sich ärgerlich in die Unterlippe.

»Noch höherer Rang? Ich sterbe vor Ehrfurcht! Na, Scherz beiseite, wer ist denn zu Besuch? Ich werde Sie dann sofort von Schuld und Strafe freisprechen!«

»Eine Kusine unseres Verwalters!«

»Und deshalb hat der junge Schloßherr Hofdienst? Recht schmeichelhaft für die vernachlässigte Zanksteinerin! Wo finde ich Mama Tristner?«

»Ich bitte um die Ehre, gnädiges Fräulein zu Mama geleiten zu dürfen!«

»Danke sehr, ist nicht nötig, ich kenne Weg und Steg im Schlosse Ried, will der allergnädigsten Dame den Kavalier-Flügeladjutanten vom Dienst nicht rauben! Auf Wiedersehen, Sie Zitronenfalter!« Dikte führte spöttisch einen Hofknicks aus und rauschte in den Flur, einer beleidigten Göttin nicht unähnlich.

Theo brummte, wütend auf sich selbst und seinen Mangel an Entschlossenheit, die Schnurrbart-Enden kauend: »Recht hat sie, verdammt hübsch ist sie auch, und die Geschichte beginnt schief zu gehen! Wenn ich nur die Florentinerin vom Halse hätte!«

Vierzehntes Kapitel

Alsbald nach Doktor Theins Abfahrt war Olga in den Park gegangen und hatte die Tropfsteingrotte aufgesucht, wo man in angenehm kühler Temperatur ungestört den Gedanken nachhängen konnte. Unzufrieden war sie mit sich und der Welt, in einer Verbitterung, die sich nicht minderte, wenn sie daran dachte, daß nur durch übergroßes unüberlegtes Entgegenkommen die Verlobung mit Hodenberg möglich geworden war. Es durfte ein Glück genannt werden, daß sie den Verlobungsring unter erträglichen Umständen wiedererlangt hatte, und daß die Kunde der fatalen Verlobung nicht öffentlich bekannt wurde. Mißlich bleibt aber, daß das nun von dem Willen des Verwalters abhängt; ein einzig indiskretes Wort Wurms, und die Blamage wird größer denn zuvor sein. Es ändert nichts an der Situation, daß Wurm ohne Mandat den Vermittler spielte und Erfolg erzielte. Olga sagte sich, daß sie seine Intervention unter allen Umständen ablehnen, sich nicht in seine Gewalt hätte geben sollen. Gewiß war es nicht echte Liebe für Hodenberg, wohl nur die Sehnsucht, durch den Baron, der nach Wurms Versicherung ein gewöhnlicher Gauner sei, aus den langweiligen Rieder Verhältnissen gerissen zu werden. Damit war es nichts, wie aber wird sich die Zukunft gestalten? Bisher hat Wurm jede Zudringlichkeit vermieden, er bekundet volle Aufmerksamkeit ohne die geringste Belästigung, dennoch glaubt sie, eine Minderung des Respektes herausfühlen zu müssen. Oder ist dies eine Art Vertraulichkeit, hervorgerufen durch die Mitwissenschaft ihres Geheimnisses? Wie nun, wenn Wurm es wagen würde, die Augen zu ihr zu erheben? Was soll werden, wenn Wurm eines Tages für sein Schweigen ihre Hand zur Belohnung fordern würde? Für den Verwalter empfindet sie so wenig Neigung wie früher für den Baron, eher etwas wie Widerwillen; sein Blick ist ihr geradezu unheimlich, doch wirken seine Umgangsformen und Sprache sympathisch, ja fesselnd. Kann ein Mädchen aus gutem Hause sich ein zweites Mal binden, nachdem im Erstfalle mit knapper Not einem Unglück vorgebeugt werden konnte? Fordert die Erfahrung mit dem Hodenberg nicht zu größter Vorsicht auf? Darüber ist sie sich klar: aus eigenem Antrieb wird sie sich mit Wurm ganz gewiß nicht binden. Wenn jedoch der Verwalter seine Kenntnis ihres Geheimnisses nützen will, den Preis für ferneres Schweigen fordert, wie soll sie sich in diesem Falle verhalten? In dieser Frage sieht sie nicht klar, der Gedankengang ist verworren. Eine Zurückweisung muß zum Bruch, zu einem Krach führen; flüchtet sie aber zur Mama, gesteht sie der Mutter die unüberlegte und aufgehobene Verlobung mit Hodenberg ein, so wird es zweifellos auch ein Riesenverdruß, wenn nicht Schlimmeres geben. Solche Aufregung, die einen Schlaganfall bei Mama zur Folge haben kann, muß vermieden werden. Die Folgen sind also nach der einen wie der andern Richtung hin äußerst mißlich für sie, und das Warten, das Herankommenlassen der Ereignisse nicht minder qualvoll. Unmöglich ist es für sie, direkt mit Wurm zu sprechen, ihn zu fragen, welche Absichten er hegt.

Ein Knirschen des Sandes unter kraftvollem Männertritt schreckte Olga aus dem Sinnen auf, angstvoll blickt sie auf den Parkweg, den der Verwalter Wurm herankam. In unmittelbarer Nähe der Grotte blickte er auf und grüßte, überrascht, sie hier zu sehen. Einen Moment zauderte Wurm, ob er weitergehen oder in die Grotte treten solle.

Wider Willen rief Olga: »Suchen Sie mich?«

Jetzt trat Wurm ein, blieb respektvoll vor der jungen Dame stehen, und sprach: »Wenn ich die Wahrheit sagen darf: ja!«

»Sie wünschen?«

»Ich möchte die Bitte um eine Audienz zu Ihren Füßen legen!«

»Haben Sie etwas Besonderes mit mir zu besprechen? Der Fall Hodenberg ist für mich abgetan!«

»Doch nicht ganz, gnädiges Fräulein, und nur dann, wenn das Gericht zu Landsberg die sofortige Auslieferung an die sich für Hodenberg interessierenden auswärtigen Behörden verfügt. Jedenfalls wird der Amtsrichter in Landsberg volle Kenntnis erlangen, und der Mitwisser werden dadurch drei sein, der Richter, Fräulein Olga und meine Wenigkeit!«

»Entsetzlich! Ich kann mich vor Doktor Thein nicht mehr sehen lassen!«

»Als Fräulein Tristner allerdings nicht!«

»Wie? Was wollen Sie damit sagen?« rief, am ganzen Leibe bebend, Olga angsterfüllt aus.

»Gnädiges Fräulein wollen über mich verfügen . . .«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Jeglicher und unvermeidlicher Kompromittierung wird die Spitze abgebrochen, wenn mir die Berechtigung zusteht, die Ehre der Frau Olga Wurm von Hohensteinberg zu verteidigen!«

»Allmächtiger! Sie wollen mich . . .«

». . . heiraten mit allergnädigster Genehmigung! Ja, gnädiges Fräulein! Ich will helfen, retten, Sie mit meinem Namen decken, wenn nötig mit bewaffneter Hand jedem entgegentreten, der es wagen sollte, auch nur einen scheelen Blick auf Sie zu werfen. Verzeihen Sie, wenn ich es unterlasse, von meinen heißen Gefühlen inniger und ehrerbietiger Liebe zu sprechen. In jetziger Lage gilt es einzutreten für Ihren Ruf, für Ihre Ehre, die Kompromittierung zu verhindern, und das kann nur dadurch erreicht werden, daß Olga Tristner sich in Olga von Wurm verwandelt.«

»Großer Gott!« stammelte sie fassungslos.

Zynisch erwiderte der Verwalter, sie funkelnden Blickes musternd: »Lassen wir doch den Himmel aus dem Spiel, der sich sehr ungalant Ihnen gegenüber verhielt, da er Ihnen sonst die Blamage mit Hodenberg erspart haben würde. Doch es bleibe Ihnen die Anrufung unbenommen, vielleicht hilft und verzeiht er Ihnen. Wollen gnädiges Fräulein mir das offizielle Recht zur Verteidigung Ihrer Ehre erteilen?«

»Unmöglich!« rief schmerzbewegt Olga aus.

»Wie's beliebt! Falls gnädiges Fräulein aber auf eine Ehrenrettung durch den Richter hoffen, glaube ich sagen zu sollen, daß Doktor Thein kaum geneigt sein wird, eine in seinen Akten kompromittiert erscheinende Dame zu seiner Gemahlin zu erheben und sich in seinen Kreisen unmöglich zu machen!«

»Herr, das ist eine Unverschämtheit! Ich habe mir nichts vergeben, nichts vorzuwerfen! Hodenberg hat nicht einen Kuß von mir erhalten.«

»Bezweifle ich keinen Augenblick! Fatal wird es aber immer bleiben, wenn Hodenberg im Zuchthaus prahlt, daß das Schloßfräulein von Ried seine Braut gewesen ist!«

»Können Sie dem Menschen vielleicht die Zunge binden, wenn ich Frau Wurm bin?«

»Durch die Vermählung mit mir verschwindet der Name Olga Tristner aus der Welt! Darf ich um Antwort bitten?«

»Ich kann das schwerwiegende Wort heute nicht sagen! Geben Sie mir Bedenkzeit!«

»Mit größtem Vergnügen! Gnädiges Fräulein wollen aber gütigst beachten, daß schon der nächste Besuch des Richters Sie der Gefahr aussetzt, mit – sagen wir höflich – vermindertem Respekt behandelt zu werden, denn die völlige Entlarvung des Verbrechers Hodenberg dürfte amtlich bereits erfolgt sein!«

»Zuviel!« ächzte unter Krämpfen Olga und sank ohnmächtig nieder.

Wurm nahm das Mädchen in seine kraftvollen Arme und trug sie der eiligen Hilfe wegen in ein Burschenzimmer der nahe gelegenen Brauerei, wo er dem anwesenden Burschen Auftrag erteilte, Essig und Wasser zu beschaffen, im Schloß aber von dem Unfall des Fräuleins nichts zu sagen.

Als der Braubursch mit Essig und Wasser zurückkehrte, rieb Wurm die Schläfen des Mädchens eifrig mit Essig und erzielte durch seine Bemühung bald die Rückkehr des Bewußtseins.

»Gott sei gepriesen, die Rettung ist gelungen! Ich werde mit dem Burschen vor der Türe auf Sie warten!« Respektvollst verließ Wurm, vom Brauburschen gefolgt, die Stube.

Olga weinte Tränen der Wut und Scham, ordnete ihre Kleider und flüchtete so hastig an Wurm vorüber ins Schloß, daß von einem Folgen keine Rede sein konnte. Höhnisch lächelnd begab sich der Verwalter ins Kontor; er wußte die Fliege im Netz, das war für die lauernde Spinne die Hauptsache.

Im Zwiegespräch hatte Benedikte von Zankstein Dinge vernommen, die dem Fräulein nicht sonderlich gefallen wollten, so das begeisterte Lob des Verwalters aus dem Munde der sonst vorsichtig urteilenden Frau Helene. Allerdings ist Mama Tristner des Augenlichts beraubt, lediglich auf das Ohr angewiesen, und das Gehör kann trügen. Nicht minder mißfiel Dikten die Versicherung, daß die zu Besuch in Schloß Ried weilende Kusine Wurms häßlich bis zur Ungefährlichkeit sei. Dies glaubte die Zanksteinerin einfach nicht und weckte eine Neugier, wie sie sonst in gleichem Maße nur bei Polizeibeamten und Staatsanwälten zu finden ist. Wenn das Gebaren Theos, die Vernachlässigung Zanksteins, mit jener Häßlichkeit in Zusammenhang gebracht wurde, mußte sich Eifersucht und Verdacht mit geradezu zwingender Gewalt einstellen. Da nun Dikte den jungen Schloßherrn nicht haßte, sondern sogar gern hatte, war ein Gefühl von beginnender Eifersucht ebenso berechtigt wie der keimende Verdacht, daß etwas nicht in Ordnung sei. Zu alledem klagte Mama Tristner, daß von einer regen Geschäftstätigkeit Theos sehr wenig zu hören sei, es müsse der Verwalter alles besorgen. Dieser Äußerung gegenüber meinte Benedikte, daß ein entsprechender Befehl Mamas doch wohl Abhilfe schaffen könnte, da sich Frau Tristner doch ein Leben lang auf das Kommandieren vortrefflich verstanden habe. Eine Jeremiade über Erwachsensein großer Kinder schloß sich dieser Anregung an, es wußte sich Frau Helene keinen Rat, ihr kam Theo im Gebaren verändert vor, nicht minder Olga, beide fanden sich auffallend wenig bei der Mutter ein, Frau Helene fühlte sich vernachlässigt und werde deshalb wohl Fräulein Senta zur Gesellschafterin berufen.

Dikte horchte auf und fragte nach dem Namen.

»Camacero, glaub' ich, heißt die Senta, sie ist von deutschen Eltern in Florenz geboren!« erzählte Frau Helene.

»Halt, Mütterchen, da stecken Widersprüche drin! Wenn die Florentinerin von deutschen Eltern abstammt, kann sie nicht Camacero heißen. Waren oder sind die Eltern aber Welsche, dann haben sie ganz gewiß nicht Camacero geheißen; das Wort ist nicht italienisch.«

»Das vermag ich nicht zu beurteilen, Italienisch kann ich nicht, die Senta aber spricht Italienisch so gut wie andre Sprachen, dürfte also ein grundgescheites Frauenzimmer sein.«

»Kann ich diese Arche der Weisheit sehen und sprechen? Ich weiß nicht, was los ist im Schlosse. Theo, Olga und auch die häßliche Senta, niemand läßt sich blicken, auch den Musterverwalter kann man nicht sehen!«

»Ja, ja, es ist ein Kreuz! Hätte mich gern mit Doktor Thein ausgesprochen, der aber ist kürzlich so rasch aufgebrochen, ich fürchte, er fühlte sich verletzt, da Senta nicht erschien und mit Migräne sich entschuldigen ließ.«

»So? Man meidet also gewisse Leute, die zufällig die besten Freunde des Hauses Tristner sind? Das ist allerdings auffallend. Muß mal mit Thein darüber sprechen!«

Frau Helene bat darum sowie um baldigen Besuch des Richters, welche Bitte Benedikte Herrn Doktor Thein übermitteln solle.

»Das kann heute noch, sogleich geschehen, ich habe in Landsberg zu tun und werde im Amtsgericht vorsprechen.« Benedikte verabschiedete sich von Frau Tristner und suchte alsbald Olga auf, die sie in Tränen schwimmend im Kämmerlein antraf. Lustiges Zureden und herzliches Ermahnen, das Herz durch eine Aussprache zu erleichtern, half nichts; Olga weinte und schluchzte, nannte sich tiefunglücklich und verloren, sagte aber nicht, weshalb sie so unglücklich sei.

»Olga, zu einem feierlichen Schmollis mag ich Sie anjetzo nicht auffordern, sagen wir ohne Begießung du zueinander, und nun sage mir, was los ist! Ich will dir die treueste Freundin sein und dir helfen, so ich es vermag! Aber nun beichte, Olga!«

»Ich kann nicht reden! O Gott, wie hart suchst du mich heim!«

»Laß das Jammern, rede vernünftig und deutlich!«

Olga schüttelte das Haupt und schluchzte weiter.

Vergeblich forschte Benedikte nach den Ursachen dieses tränenreichen Elends. Plötzlich rief sie: »Um's Himmels willen, Olga, sprich, macht dich die Hodenberg-Geschichte etwa unglücklich?«

»Nein, aber die Konsequenzen!«

»Was, die Konsequenzen? Was soll denn das heißen?«

Hartnäckig schwieg Olga, nicht ein Wort mehr war herauszubringen.

»Dann behalte dein Geheimnis und Unglück, ich werde nun Doktor Thein fragen!« grollte Dikte und erhob sich.

»Nur das nicht!«

»Oho! Ei, ei! Nun aber erst recht! Will doch sehen, ob sich normale Verhältnisse bei euch herstellen lassen oder nicht! Adieu, Olga, ich komme schon hinter dein Geheimnis, ich, die Zanksteinerin, die fest zuzugreifen von jeher verstanden hat! Adieu!«

Dikte saß im Wagen und fuhr eben weg, da vermochte sie für einen flüchtigen Moment einen pikanten Frauenkopf an einem Fenster des zweiten Stockwerkes zu erblicken. »Ahem!« sprach Fräulein von Zankstein und dachte sich ein Teil. Diesmal mußten die Zanksteiner Pferde laufen, was das Zeug hielt, es eilte.

Über eine Stunde konferierten Dikte und der Amtsrichter miteinander sehr eifrig und ernsthaft, es ward ein Kriegsplan entworfen, beraten und schließlich durch Handschlag bekräftigt. Unmittelbar nach dieser Besprechung kaufte Fräulein von Zankstein einen Fotoapparat.

Täglich wurde daheim fotografiert, was einigermaßen stille hielt, Vierfüßler der Reihe nach, dann Mägde und Knechte, die nicht anders glaubten, als daß die Gebieterin übergeschnappt sein müsse. Sämtliche Knechte mußten sich aufnehmen lassen, doch ein fertiges Bild bekam niemand zu sehen. Mählich machte Benedikte doch solche Fortschritte, daß sie erträgliche Aufnahmen fertigbrachte.

Darüber verging einige Zeit. In aller Stille war Höpfner-Hodenberg von Landsberg nach Osnabrück verschickt worden; nur die Bahnbeamten wußten davon, hielten aber das Ereignis nicht für wichtig genug, um einen dienstfreien Tag zum Schwätzgang nach Ried zu opfern, um so weniger, als über dem Moor eine Glühhitze brütete.

Die Zwischenzeit nützte Wurm eifrig, um Olga hart zuzusetzen und dem Schloßfräulein das Jawort abzupressen. Olga wehrte sich verzweifelt, hoffte auf Hilfe und vermochte sich selbst nicht zu sagen, wer Hilfe und Erlösung bringen könnte.

Senta umschmeichelte die alte blinde Frau katzengleich, pflegte und betreute Mama Tristner mit wahrer Hingebung, um sich später zu kühler Dämmerstunde mit erquickender Neckerei des bärenstarken Braumeisters Haferditzel zu entschädigen. Die Florentinerin hatte Theo nach München geschickt, zum Einkauf des Hochzeitsgeschenkes, wiewohl Mama Tristner noch gar nicht um ihre Einwilligung gebeten worden war. Mit dem Kraftmenschen Haferditzel zu kosen, war für die schlanke, genußgierige Senta willkommene Abwechslung, ein köstlicher Scherz, den Wurm allerdings gefährlich nannte. Doch Senta hatte schnippisch erklärt, daß jedes Tierchen sein Pläsierchen habe und der Ulk mit der Rückkehr Theos sein Ende finden werde. So umgarnte Senta den bärenstarken Braumeister, lockte und wehrte ab, gewährte kleine Gunstbeweise, so daß Haferditzel wirr im Kopf wurde. So ähnlich mochte den Löwen eine schillernde Schlange umschlingen.

Der 31. Juli brachte Frau Tristners Geburtstag, der allzeit festlich begangen wurde. Früher, da Mama sich noch des Augenlichtes erfreuen konnte, ging dem Festtag eine venezianische Nacht im Schloßpark mit Feuerwerk und dergleichen Zauber voran, am Festmorgen brachte eine Musikkapelle ein Ständchen vor dem Schlosse dar, dann fand die Gratulationscour der Angestellten und Dienerschaft statt, und mittags gab es eine Festtafel für die Herrschaft und in den Restaurationsräumen der Brauerei ein Mahl für das gesamte Personal.

In der Voraussetzung, daß Theo und Olga wahrscheinlicherweise zum bevorstehenden Geburtstag keine besondern Vorkehrungen treffen werden, da die jungen Herrschaften sehr stark mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt schienen, hatte Benedikte eigenmächtig das Arrangement übernommen und sich einige Tage früher im Schlosse einquartiert. Theo war wie aus den Wolken gefallen, als er davon hörte; sein erster Gang galt Senta, um die Freundin zu größter Vorsicht aufzufordern und vor den scharfen Augen der Zanksteinerin zu warnen. Dann aber war Theo so klug, seine Dienste Benedikten zur Verfügung zu stellen, und die resolute Herrin von Zankstein nahm sie auch an, scherzhaft wie immer, nur hatten Diktens Augen einen Ausdruck, der dem jungen Tristner nicht gefallen wollte. Theo empfand Gewissensbisse, wenn er der ehrlichen Benedikte gegenüberstand, Reue nagte im Herzen, die Vernunft mahnte zur Umkehr, aber der Schloßherr fand den Mut nicht, die sein junges Leben vergiftende Circe aus dem Haus zu jagen. Der im Reden wie im Handeln tatkräftigen, schlagfertigen Zanksteinerin seinen Gemüts- und Herzenszustand einzugestehen, wagte Theo erst recht nicht, wiewohl er sich insgeheim sagte, daß Benedikte es meisterlich verstehen würde, reines Haus zu machen ohne viel Umstände. Dabei müßte aber für Theo eine Strafpredigt abfallen, die er lieber nicht hören wollte. So lief der Schloßherr mit dem Gefühl herum, daß die Zanksteinerin unzweifelhaft etwas im Schilde führe, eine Tat vorbereite und das Pulverfaß zum Explodieren bringen werde, wobei verschiedenes, vielleicht auch Tristner junior, werde mitfliegen müssen. Dennoch vermochte Theo keinen Schritt zur Verhütung der drohenden Explosion zu tun, unsicher genug ließ er den Dingen ihren Lauf und hoffte dabei insgeheim, daß die wackere Benedikte seiner sich doch vielleicht annehmen, ihn nicht unglücklich machen werde. Bei Tisch sprach Benedikte ausschließlich mit Mama und versprach ein schönes Geburtstagsfest; Einzelheiten müßten aber Geheimnis bleiben.

Frau Tristner wollte der Kosten wegen ablehnen, doch Dikte erklärte bestimmt, daß sie sich nichts dreinreden lasse und ihr Arrangement aus eigener Tasche bezahlen werde. Fräulein von Zankstein lehnte denn auch Wurms Anerbietungen ab und nahm nur Theos Beihilfe an.

Am Abend vor dem Fest kam Doktor Thein zur Gratulation ins Schloß und erhielt von Olga seine Zimmer angewiesen. Von einer venezianischen Nacht und Fackelzug war Abstand genommen, der Abend verlief still, ohne Festlichkeit, ohne Blumenspenden.

Den Frühgruß blies zur Überraschung Mamas eine Militärkapelle, und ein Morgenkonzert reihte sich dem Weckgruß an. In treuer Anhänglichkeit war die gesamte Rieder Bevölkerung erschienen, jung und alt drängte heran, und auf Ersuchen Diktens mußte der Verwalter Wurm Ordnerdienste leisten, die Leute gruppieren und auffordern, auf ein zu gebendes Zeichen in das Hoch auf Frau Helene Tristner einzustimmen.

Vor dem Schlosse saß auf einem Stuhl des eigens aufgeschlagenen Podiums Frau Tristner, umgeben von ihren Kindern; Fräulein Senta und der Verwalter Wurm standen hart am Podium, an dessen einer Ecke nun Amtsrichter Doktor Thein mit der Festrede begann.

Flink begab sich Benedikte in richtige Entfernung von der Gruppe, ließ sich von der Kammerzofe den Fotoapparat reichen, stellte ein, und knipps, eine Aufnahme der Herrschaften war gemacht.

Unruhig stand Wurm, der einen Widerwillen gegen Amateuraufnahmen zu haben schien. Auch Fräulein Senta zeigte sich nicht eben entzückt, und als Benedikte ein drittes Mal eingestellt hatte, streckte die boshafte Florentinerin die Zunge heraus.

Knipps, die dritte Platte ist versorgt.

Doktor Thein schloß eben seine Rede, und jubelnd stimmte die Bevölkerung und die unter Haferditzels Führung stehende Brauburschenarmee in das Hoch auf Frau Helene Tristner ein. Die Kapelle schmetterte einen brausenden dreimaligen Tusch, dann begab sich alles hübsch paarweise zur weinenden Frau, die Glückwünsche darzubringen unter Handkuß und Händedruck.

Benedikte trug, unbemerkt im Durcheinander, den Fotoapparat und die Platten persönlich durch den Hof auf die Straße hinaus, wo ihr Wagen wartete. Dem alten Kutscher wurde prompte Beförderung der Platten auf die Seele gebunden. Nun jagte das Zanksteiner Gefährt im sausenden Galopp nach Landsberg zum Entwickeln.

Die Gratulation der Rieder war beendet, da meldete die zum Podium zurückgekehrte, befriedigt lächelnde Benedikte, daß sämtliche Wirte und Kunden der Schloßbrauerei Ried ihre Aufwartung machen, ihre herzlichen Glückwünsche aussprechen möchten.

Das war für Frau Helene die größte Freude, sie lachte unter Tränen der Rührung, als die markanten Gebirglergestalten ihr die Hand reichten und nach guter alter Sitte sprachen: »I mach halt mei Gratulation, Schloßbräuerin!«

Ja, das mußte die alte Frau rühren, dieser alte Brauch und das altgewohnte Wort: »Schloßbräuerin«. So war Frau Helene jahrzehntelang genannt worden, der alte Titel in seiner Einfachheit weckte köstliche Erinnerungen an schöne alte Zeiten, da der Gatte noch lebte, und patriarchalische Sitten und Gebräuche herrschten in der Herrschaft, in der Brauerei und im Verkehr mit den Kunden.

Tief bewegt dankte Frau Helene, die der Stimme nach die alten Kunden genau erkannte, jeden einzelnen Gratulanten fragte, wie es erginge, ob die Leute zufrieden seien mit dem Rieder Bier und dergleichen mehr. Jedes Wort freute die Schloßbräuerin, die schließlich Theo zu sich rief und ihm herzlichst für diese Überraschung der Kundengratulation danken wollte.

»Nicht doch, Mama! Diese nette Überraschung ist nicht mein Werk, ich wäre auf den hübschen Gedanken gar nicht gekommen.«

»So? Vielleicht der Herr Verwalter?«

Wurm lächelte höhnisch und blickte unsagbar blasiert in die Luft.

»Nein, nein!« rief Theo, »das ist Benediktens Werk! Fräulein von Zankstein hat diese Gratulationscour arrangiert, die Wirte und Kunden eingeladen!«

»Dikte, Herzensfreundin, ich muß dich Tochter nennen, komm, nimm meinen innigsten Dank und laß dich küssen! O Gott, welch große Freude hast du mir bereitet!«

Senta schnitt Grimassen, als Benedikte ohne Ziererei Frau Tristner umarmte und vor allen Leuten herzhaft küßte.

Die Feier wurde mit Gesang der Schulkinder beendigt, nun konnten die Tafelfreuden beginnen. Benedikte leitete an Stelle der blinden Jubilarin die Herrschaftstafel, unterstützt von Olga, die dem Verwalter so offenkundig auszuweichen bestrebt schien, daß es Doktor Thein auffallen mußte und mit nicht geringer Freude und Hoffnung erfüllte. Willig unterstellte er sich dem Kommando beider Damen.

Fräulein Senta hatte sich bislang arg gelangweilt und über fade Familiensimpelei gespottet, sie taute erst auf, als sie merkte, daß an der Tafel ihr der Platz neben dem Schloßherrn angewiesen war. Theo leitete die zum Servieren beordneten Brauburschen, gab es doch heute Mama zu Ehren wahrhaftigen »Bock«, eigens gebraut für den Geburtstag, und auf diesen Trank freute sich ganz Ried, zumal dieser Trunk auch noch kostenfrei verzapft wurde.

Mit Luchsaugen hatte der Verwalter Wurm die Zettel, welche die Sitzfolge ordneten, gelesen und seinen Namen richtig gefunden, doch war Olga nicht seine Tischnachbarin, er kam neben den Amtsrichter zu sitzen. Eine lästige Nachbarschaft, die nicht geeignet war, seine ohnehin üble Laune zu bessern. Wurm kam von den Gedanken nicht los, daß Fräulein von Zankstein intrigiere, den Kampf gegen ihn aufnehmen wolle. So fein Wurm seine Pläne gesponnen, auf die Gegnerschaft dieser resoluten Dame hatte er nicht gerechnet; es war aber die Feindschaft der Zanksteinerin möglicherweise gefährlicher denn jede andre.

Programmgemäß wurde die Musikkapelle zuerst gespeist, damit sie die Tafelmusik besorgen konnte. Und Mama Tristner, der die Speisen zerkleinert werden mußten, löffelte im Stübchen das Wenige, was ihr die freudige Erregung zu essen erlaubte, unter Beihilfe der Tochter.

Der Festtafel, an der auch alle Gratulanten und Kunden der Schloßbrauerei teilnahmen, mußte Frau Tristner präsidieren, so gut und schlecht dies der blinden Dame eben möglich war. Unterstützt wurde sie dabei von Dikte und Olga.

An Stelle Wurms, der sich wegen Unpäßlichkeit entschuldigte, sollte der Braumeister Haferditzel den Trinkspruch auf Frau Helene Tristner ausbringen. Diese Zumutung brachte den bärenstarken Menschen vorzeitig zum Schwitzen, die Nähe der mutwillig kokettierenden Senta tat das ihrige, um Haferditzel um den Rest seines Verstandes zu bringen. Man hat noch nicht erlebt, daß ein Braumeister ein Redner ist; was Haferditzel auch vorbrachte, wirkte geradezu zwerchfellerschütternd auf die Gäste an der Herrschaftstafel. Mit fetter Stimme hub er an: »Frau Schloßbräuerin und ös Weibets und Mannerleut, hört's zu! Versammelt sein wir, und einen sakrischen süffigen ›Bock‹ haben wir auch, das Essen wird nicht schlecht sein, weil man im Schloß Ried allweil gut kocht! Später gibt's auch etliche gute Tröpferln Wein zum geöhrten Geburtstag von unsrer lieben guten Frau Schloßbräuerin! Das Reden ist meine Sach nicht, ist a Dummheit von die andren, daß sie mich dazu bestimmt haben, ich kann's nicht derpacken, lieber lupf ich alleinig a Mutterfaß und trink einen Hektobanzen auf einem Sitz aus. Auch scheniert mich, daß soviel und nudelsaubere Weiberleut, etwas z' dünn für mich freilich, da sein und mich so dreckig anlachen, mit Verlaub. Mit meiner Rederei kommt nichts Gescheites heraus, das merk ich bereits selber, also lebe hoch die Frau Schloßbräuerin, vivat hoch, hoch, hoch soll sie leben, dreimal hoch und die Herren Kinder daneben!«

Die Tafelgäste lachten aus vollem Halse und vermochten kaum in die Hochrufe einzustimmen.

»Haferditzel soll zu mir kommen!« rief Frau Helene.

Der Bär war eben von Senta in Beschlag genommen worden, die mit ihm übermütig »Schmollis« trinken wollte, er rief daher: »Gleich, Bräuerin, muß grad noch dem Dirndlfräulein Bscheid trinken, hat soviel Durst, die kleine Dingin!«

Das homerische Gelächter veranlaßte Senta, auf weitere Attacken gegen den tappigen Bären schleunigst zu verzichten.

Mit wuchtigen Schritten trollte Haferditzel zur Gebieterin, die ihm für seine gut gemeinte Ansprache herzlich dankte.

»Ist gern g'schehen, Bräuerin, die kleine Dingin hat aber den Teufel im Leib, das darfst mir glauben, Schloßbräuerin: Tu sie bald weiter, sonst setzt es was ab!«

Thein und Dikte wechselten bedeutungsvolle Blicke, Theo senkte betroffen den Kopf, Wurm musterte mit besonders scharfen Blicken die jungen Herrschaften. Der Naturmensch Haferditzel hat ein wahres Wort gesprochen, das empfand man deutlich.

Im Saal erschien nun festlichgekleidet, mit weißblauer Schärpe umgürtet, Schulmeisters Töchterlein, das »Braten-Verslein« zum Geburtstagsfeste aufzusagen. Das Kinderstimmchen zirpte vor Frau Helene:

»Alles Glück des Lebens, Heil und Wohne
Wünschet heut für Sie mein dankbar Herz;
Jede Abend, jene Morgensonne
Bringe Ihnen Freude, Lust und Scherz.
Keine Krankheit, keine Lebensplage
Trübe jemals Ihre Tapferkeit . . .«

»Oha!« rief Haferditzel, »stimmt nicht!«

Die Gäste schüttelten sich vor Lachen über den Lapsus der Gratulantin wie über den drolligen Zwischenruf des Braumeisters.

Das kleine Mädchen blickte hilflos und verlegen auf die lachenden Gäste.

Olga erbarmte sich des Kindes und ermunterte die Kleine, den zweiten Vers zu wiederholen.

Zaghaft schnatterte Kleinmäulchen:

»Keine Krankheit, keine Lebensplage
Trübe jemals Ihre – Heiterkeit;
Ihre vielen künft'gen Tage
Sei'n voll Wonne und Zufriedenheit!«

Gerührt dankte Frau Tristner der kleinen Gratulantin und fragte, was sich das Kind wünsche.

»Einen großen Zwetschkenkrampus möcht ich!«

Lächelnd meinte die Jubilarin: »Den kann ich dir allerdings nicht geben, weil ich einen Zwetschkenteufel nicht besitze, aber meine Tochter wird dich nach der Tafel zum Lebzelter führen, und dort kannst du dir nach Herzenslust wählen!«

»Ich dank', Frau Schloßbräuerin! Können wir aber nicht gleich zum Lebzelter gehen?«

Ein Diener überbrachte Fräulein von Zankstein einen Brief, den Benedikte hastig öffnete und las, um das Schreiben dann sogleich in der Tasche ihres Kleides verschwinden zu lassen. Dem Amtsrichter flüsterte Dikte zu: »All right!«

Die auf dem Lande bei solchen Anlässen unvermeidlichen Ehrungen mußte Frau Tristner geduldig über sich ergehen lassen, immer wieder danken und auch die Geschenke ihrer »Untertanen« entgegennehmen, bis endlich die späte Abendstunde ein Zurückziehen in die stille Witwenstube ermöglichte.

Doktor Thein hatte sich schon früher verabschiedet und war nach Landsberg heimgefahren.

Benedikte wollte nach Zankstein zurück, blieb aber auf inniges Bitten im Schlosse und nächtigte in Olgas Zimmer, da diese herzlich darum gebeten hatte. Dennoch kam es nicht zu der von Dikten erwarteten Aussprache, Olga gestand nur, von einer unbeschreiblichen Angst erfüllt zu sein, die ihr die Anwesenheit Benediktens hocherwünscht erscheinen lasse.

Senta blieb sehr lange aus und schien auf das Geleite Theos zu warten, doch der Schloß- und Brauherr war von den Kunden stark in Anspruch genommen und zog sich, als die Gäste weggefahren waren, in sein Zimmer zurück. Ihm hatte Haferditzels Ausspruch über die »Kleine Dingin« Senta doch mehr zugesetzt als alle eigenen Gedanken über das tolle Verhältnis. Wirksamer als die Reue war erwachte Scham, Theo schämte sich des Spieles und begann die Reinigung seines Elternhauses zu ersehnen. Der Himmel aber mochte wissen, wie diese betätigt werden konnte, Theo wußte es nicht.

Drei ruhige Werktage folgten dem Festtrubel, alles ging der gewohnten Arbeit nach. Wurm erledigte nur flüchtig seine dienstlichen Obliegenheiten, unterließ die gewohnten Rapporte und spähte unablässig nach Olga aus, die sich aber nur in Gesellschaft Benediktens blicken und sprechen ließ. Fräulein Camacero langweilte sich, verbrachte die meiste Zeit auf dem Diwan liegend und schickte mehrmals schlechtgekritzelte Episteln an Theo, ihn um seinen Besuch bittend. Tristner kam aber nicht und fand sich nur zu den Mahlzeiten im Speisezimmer ein, blieb wortkarg und ging stets vor dem Nachtisch weg.

Am vierten Tage forderte Senta aber direkt und persönlich eine Audienz, und Theo konnte diese, da Olga und Benedikte Zeugen der Aufforderung waren, nicht verweigern. Es geleitete Theo Fräulein Camacero höflich in den Salon des Parterregeschosses und harrte der Strafpredigt.

Auch der Verwalter Wurm ließ Fräulein Olga um eine kurze Besprechung bitten, erhielt aber abschlägigen Bescheid. Aufgebracht, ja wütend, alle Etikette ignorierend, kam Wurm in das Musikzimmer, wo sich Olga mit Benedikte eben befand, und rief heiseren Tones in wilder Erregung: »Ich muß Sie sprechen, Fräulein Olga, ich muß heute endgültigen Bescheid haben.«

Ruhig, doch bestimmt antwortete für Olga Fräulein von Zankstein: »Gewünschten Bescheid dürften Sie heute erhalten!«

Wurm wich betroffen zurück und rief: »Wie? Sie wissen?«

»Geduld, Herr Verwalter! Heute, spätestens morgen wird die Situation für alle geklärt werden! Jetzt aber befreien Sie uns von Ihrer nicht gewünschten Gegenwart!«

Mit einem halberstickten Fluch auf den Lippen entfernte sich Wurm.

Im Salon forderte Senta nicht mehr und nicht weniger, als daß Theo sogleich mit Mama rede und deren Zustimmung zur offiziellen Verlobung einhole. Im Weigerungsfalle werde Senta selbst mit Frau Tristner sprechen und ihre berechtigten Ansprüche geltend zu machen wissen.

»Ansprüche?« rief Theo.

»Jawohl! Ich habe berechtigten Anspruch auf Ihre Hand! Sie sind verpflichtet, Ihr Wort einzulösen und mich sofort zu heiraten. Sie haben mich kompromittiert, meinen guten Ruf geschädigt . . .«

»Ich?«

»Jawohl! Fragen Sie doch nicht so albern! Sie verkehrten in Triest und Wien mit mir bereits in einer Weise, die mich zur Erwartung einer Werbung berechtigte! Sie drangen ohne weiteres in meine Stube . . .! Jedermann muß glauben, daß wir Brautleute sind, ich bin nicht gewillt, auf die Ehe zu verzichten, und bestehe darauf!«

»Ach was! Die paar Küsse! Mehr ist Ihnen nicht genommen worden!«

»Sie irren, mein Herr, ich werde eine Entschädigung in Geld nicht annehmen; ich will Frau Tristner werden, ich werde Sie zu zwingen wissen, und wenn ich es in die Welt hinausschreien müßte!«

Theo hatte gehofft, mit einer Abfindungssumme die lästig gewordene Dame loszuwerden. Diese Hoffnung schien den Anzeichen nach zu Wasser zu werden. Hilflos stand Theo vor der Dame, die ihm nun nichts weniger denn begehrenswert erschien, und ratlos wußte er nicht, was er sagen sollte.

»Erklären Sie sich, oder ich gehe sofort zu Ihrer Mutter!« kreischte Senta.

Die Salontüre wurde geöffnet, Benedikte trat ein und sprach: »Die Herrschaften unterhalten sich sehr lebhaft, wahrscheinlich über Florenz?«

»Bitte, stören Sie unsre Auseinandersetzung nicht, Fräulein von Zankstein! Ich halte Abrechnung mit Herrn Tristner!«

»Ah! Sie wollen Ihre Rechnung gestellt haben? Belieben also abzureisen! O bitte, warten Sie doch bis morgen! Der Aufenthalt hier ist ja doch für Sie kostenlos! Es hat also nichts auf sich, wenn Sie einen Tag zugeben!«

Der spöttische Ton Benediktens reizte Senta, schon wollte sie scharf erwidern, da ward Theo abgerufen zum Empfang des Amtsrichters Doktor Thein, der mit Gefolge in dringender Angelegenheit erschienen sei und im Büro bei Wurm warte.

Fräulein Senta erbleichte und wollte den Salon verlassen.

»Dageblieben!« rief Benedikte energisch, »die Abrechnung beginnt!«

Mit jähem Sprung erreichte Senta die Flügeltüre, riß sie auf und flüchtete, bevor Benedikte zugreifen konnte.

Theo erstarb das Begrüßungswort auf der Zunge, als er Wurm gefesselt im Büro erblickte.

Dienstlich erklärte Doktor Thein: »Ihr Verwalter Beda Wurm recte Wurmdobler ist soeben verhaftet worden und wird an das Strafgericht in München ausgeliefert.«

»Verhaftet? Weshalb?« stotterte Theo.

»Steckbrieflich verfolgt als Falschspieler, Hochstapler, Urkundenfälscher und dergleichen mehr! Geben Sie die Papiere Wurmdoblers heraus!«

Als Theo diese Papiere dem Richter überreicht hatte, prüfte Doktor Thein hauptsächlich das Zeugnis und eröffnete dem völlig verblüfften Schloßherrn, daß dieses Zeugnis gefälscht sei.

»Nicht möglich!« rief Theo überrascht aus.

Der Amtsrichter ließ Wurm unter Bedeckung zweier Beamter in Zivil nach Landsberg bringen und sprach zu Theo in dessen Privatbüro: »Hätten Sie mir das Zeugnis gleich nach Einlauf gezeigt, würde das Engagement dieses Fälschers wohl nicht erfolgt sein. Und nun eine andere Frage! Wie hieß die frühere, verstorbene Gesellschafterin Eugenie mit dem Vatersnamen? Mir ist der Name nicht recht geläufig!«

»Dobler!«

»Stimmt! Er nannte sich kurzweg Wurm, sie wählte den zweiten Teil des Namens ›Dobler‹, beide werden Wurmdobler geheißen haben, verheiratet gewesen sein. Wahrscheinlich war die arme Eugenie sehr unglücklich darüber, an einen notorischen Verbrecher gekettet zu sein. Als die arme Eugenie merkte, daß ihr Lump von Gatten sich hier einnisten werde, hat sie, so folgere ich, lieber den Tod einer unvermeidlichen Entlarvung und Kompromittierung vorgezogen.«

»Die arme Eugenie!«

»Und nun zu der Kusine des Herrn Wurmdobler!« rief Doktor Thein und faßte den erblassenden Schloßherrn scharf ins Auge.

»Ist Fräulein Senta auch . . .?« stammelt Theo.

»Der Staatsanwalt in München interessiert sich lebhaft für die Dame mit dem kostbaren Namen!«

Theo wagte nicht mehr zu fragen, ein Chaos unangenehmer Empfindungen wogte in seiner Brust.

»Wissen Sie, was das sonderbare Wort Camacero heißt? Na, ich hätte es früher auch nicht gewußt und bin erst durch die Zuschrift der Münchner Polizeidirektion aufgeklärt worden. Die hauptstädtische Behörde hat auf Grund des von mir eingeschickten Festgruppenbildes in Fräulein Senta Camacero eine wegen Diebstahls und sonstiger tugendreicher Dinge gesuchte Sängerin mit dem klangvollen Namen Ursula Kasbeizer erkannt. Dieser Dame werden wir jetzt einen amtlichen Besuch abstatten und Quartier im Gerichtsgefängnis anweisen!«

Theo glaubte versinken zu müssen, er bedauerte in diesem Augenblick die gediegene Festigkeit des Parkettbodens im Kontor. Ächzend stotterte er: »Ursula Kasbeizer – gräßlich! Oh, welch ein Schaf war ich!«

»Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung!« meinte lächelnd der freundliche Richter und fügte bei: »Na, Kopf hoch, Herr Tristner! Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar und mitunter von größerer Leichtgläubigkeit und Liebestollheit wie Sie! Die Ursula ist verdammt hübsch, könnte auch ganz anderen Männern in reiferen Jahren den Kopf verdrehen und Goldstücke entlocken. Hoffentlich war Ihre Beziehung nur ein Flirt! Wollen Sie mich begleiten und der Verhaftung beiwohnen?«

»Ich bitte um Dispens! Übrigens, glaube ich, daß Fräulein Senta das Schloß bereits ohne Abschied verlassen haben wird!«

»Das würde ich lebhaft bedauern! Haben Sie von Vorbereitungen zu plötzlicher Abreise etwas gemerkt?«

»Ich befand mich mit den Damen im Salon; Fräulein von Zankstein wollte Senta zum Bleiben veranlassen, doch die Camacero flüchtete ganz plötzlich, und im selben Augenblick wurde ich zu Ihnen gerufen.«

»Dann wird der Vogel wohl bereits entwischt sein!« rief Doktor Thein und bat, ihn zu den Zimmern der Kasbeizer zu führen.

Nun Theo die kompromittierende Freundin geflüchtet glaubte, konnte er sich zum Führer anbieten. Beide Herren begaben sich in das zweite Stockwerk und fanden die Zimmer Senta-Ursulas leer. Weitere Nachforschungen Doktor Theins ergaben, daß die Dame ohne Hut ein zufällig nach Ried fahrendes Fuhrwerk zum Umkehren gen Landsberg veranlaßt hatte.

Der Amtsrichter ließ sofort Verhaftungsbefehle an die Gendarmerie nach Landsberg depeschieren, verständigte die Bahnstation telegraphisch und sandte eine weitere Depesche nach München behufs Empfangnahme des Fräuleins bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt.

Ins Schloß zurückgekehrt, fand Doktor Thein Fräulein Benedikte in reger Unterhaltung mit Theo, und diskret zog er sich in das Musikzimmer zurück, wo er Olga antraf, die ihm demütig und gesenkten Blickes entgegen ging und mit bebender Stimme sprach: »Sie haben mich aus Not und Elend gerettet! Ich möchte Ihnen aus tiefstem Herzensgrunde danken, vermag aber nicht die rechten Worte zu finden! O Gott, was müssen Sie von mir denken?«

»Keinen Dank, liebes Fräulein Tristner. Ich habe ja nur meine Pflicht als Beamter erfüllt! Was ich von Ihnen denke, will ich Ihnen offen sagen: Sie waren leichtgläubig und haben sich umgarnen lassen. Diesen Fehler haben Sie überreichlich gebüßt die letzten Wochen hindurch, Qual wahrlich genug ausgestanden! Es ist alles gesühnt, danken wir Gott, daß der zweite Gauner noch rechtzeitig abgefangen werden konnte. Wir wollen über das Vergangene kein Wort weiter verlieren, blicken wir hoffnungsvoll in die Zukunft! Es würde mich freuen, wenn auch Sie, liebes Fräulein Olga, mich als Freund anerkennen wollten!«

Beklommen erwiderte Olga: »Müssen Sie sich denn nicht meiner schämen?«

»Wüßte nicht warum! Ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie sich entschließen könnten, eines strohtrocknen Amtsrichters geliebte Gemahlin zu werden! Herrgott, nun ist's geschehen, ich habe Ihnen meine Liebe im Dienst erklärt! O Gott, was werden nun Sie von mir denken?«

Erglühend, glückstrahlend rief Olga: »Welch lieber, herzensguter Mann sind Sie, mein Retter!«

»Hol der Geier das Gerichtsverfassungsgesetz und die ganze Strafprozeßordnung, ich werbe mitten im Dienst! Olga, wollen Sie meine Frau werden!«

Olga Tristner vermochte im Übermaß des Glückes und der Erlösung aus Qual und Sorge nur zu nicken.

Flink nahm Doktor Thein, diesmal keineswegs strohtrocken, das Mädchen in seine Arme und küßte seine Braut herzhaft, tüchtig, immer wieder.

Im Empfangssalon wurde Theo von Benedikten gehörig der Text gelesen, sein Sündenregister aufgerollt, soweit Fräulein von Zankstein davon Kenntnis haben konnte. Dikte kombinierte dabei einiges scharfsinnig und erklärte, einen solchen Bruder Leichtfuß noch nie gesehen zu haben. Man müsse sich als anständige Frau wahrhaftig zurückziehen und den Sausewind seinem verdienten Schicksal überlassen. Auf Besserung sei nicht zu hoffen, denn der bekundete Leichtsinn müßte himmelschreiend genannt werden, zu bedauern sei nur die alte blinde Mama, die von den Vorgängen keine Ahnung hatte und schmählich hintergangen worden sei.

»Ich auch!« stotterte Theo. Das war seine ganze Verteidigungsrede. Stumm, demütig stand er vor Benedikte gesenkten Hauptes.

»Ist das alles, was Sie vorzubringen haben?«

Theo nickte und schwieg.

»Und Sie wollen ein Mann sein? Steht der Mensch vor mir und wagt es gar nicht, sich zu verteidigen! Da muß man ja glauben, daß Sie ein hartgesottener Sünder oder ein betrogenes armes Hascherl sind!«

»Mehr Hascherl!« stotterte Theo.

Dikte lachte auf: »Nun, ich will ans Hascherl glauben! Es ist aber höchste Zeit zum Beginn eines anständigen Lebenswandels, den Bruder Leichtfuß darf man nicht mehr aus den Augen lassen, der Sausewind muß ständig bemuttert und überwacht werden. Da Mama Tristner dieses Amt nicht führen kann, werde ich es übernehmen . . .«

»Ich bitt' schön darum!« bettelte Theo herzlich und reumütig.

»Na, beim Schloßbräuer scheint Hopfen und Malz doch nicht verloren zu sein! Aber freisprechen kann ich Sie noch nicht ganz, denn es fehlt die volle Beichte. Raus mit der Sprache, Sie Hascherl! Wieweit ging die Beziehung mit Ihrer famosen Braut?«

»Sie hat mich ›fürig'fangt‹ und mit Küssen närrisch gemacht! Sonst ist gottlob nichts passiert. Zum Heiraten hat sie gedrängelt, ich gewiß nicht! Lieber sterben!«

»Ist das wahr?«

»Ja, gestrenge Richterin! Ich glaube, es hat der Wurm alles eingefädelt und ich Gimpel bin auf seinen Leim gekrochen!«

»Erzählen Sie mir alles von Beginn an!«

Gehorsam beichtete Theo, und immer freier ward ihm dabei das Herz; er begann zu hoffen, daß Dikte doch verzeihen werde, in dieser Hoffnung wuchs die Schneid, und am Schluß seiner Beichte fand er den Mut zu sagen, daß er eines Haltes im Leben bedürfe und nach seinem schauerlichen Reinfall schleunigst heiraten müsse, und zwar diejenige, die immer und trotz alledem seine Herzenskönigin gewesen sei: Benedikte von Zankstein!

»So eine Frechheit!« zeterte Dikte, lachte aber dabei.

»Es geht nicht anders! Bitte, sagen Sie ja, sonst entgleise ich richtig und werde abermals ›fürig'fangt‹. Ein zarter Mensch wie ich, muß von seiner Gebieterin bemuttert werden!«

»Schluß, Schluß! Ein Brauherr und zarter Mensch – schauerliche Behauptung!«

»Aber wahr! Sie verwechseln mich momentan mit dem Bären Haferditzel! Betrachten Sie mich gütigst, bin ich nicht fast sylphidenhaft?«

»Schrecklicher Mensch! Man kann ihm nicht böse sein! Also ich vergebe Ihnen unter der Bedingung, daß von den Fotos der Festgruppe diejenige, auf der die verflossene ›Braut‹ so nett die Zunge herausstreckt, während unserer Verlobungszeit auf Ihrem Schreibtisch paradiert!«

»Gnade, Gnade! Ich bin bestraft genug!« wimmerte scherzhaft der junge Schloßherr.

»Nein, ich bleibe unerbittlich, Strafe muß sein! Am Hochzeitstage kann jenes Bild vernichtet werden. Und nun genehmige ich in Gnaden die Annahme Ihrer Werbung. Mit dem Verlobungskuß wird aber gewartet, bis Mama uns ihren Segen erteilt hat. Hascherl wird mich jetzt zur Mama begleiten!«

Küssen mußte Theo nun im heißen Drange der Befreiung und Dankbarkeit, er haschte nach Diktens Hand und drückte einen Kuß darauf.

»Na, da mein Hascherl so hübsch folgsam ist, kann man nicht so sein!« sprach Dikte lächelnd, nahm Theo beim Kopf und küßte den längst geliebten Freund und Sausewind herzhaft auf die Lippen.

Beim Geräusch der Türöffnung wollte das Paar erschreckt auseinanderfahren.

»Bitte sich nicht stören zu lassen! Wir sind in gleicher Lage!« rief Doktor Thein und fügte bei: »Als Verlobte empfehlen sich Amtsrichter Thein und Olga Tristner!«

»Gratuliere!« jubelte Theo, »ich habe, nein, Dikte, hat sich mit mir soeben verlobt!«

Nun gratulierte Doktor Thein dem Paare, und Olga weinte und lachte vor Freude.

Vier glückliche Menschen fanden sich im Zimmer Mamas ein. Erstaunt horchte die blinde Matrone auf, den Kopf mit den erloschenen Augen dem Geräusch der Schritte zugewendet. »Wer kommt?«

Doktor Thein berichtete summarisch über die Ereignisse, deren Schauplatz Schloß Ried geworden, hinsichtlich der abgefaßten Gauner und der Flucht Sentas. Das Haus sei nun gereinigt und beherberge, falls Frau Tristner ihre Zustimmung erteilen werde, zwei Brautpaare.

»Wie, was?« rief Frau Helene, »zwei Brautpaare? Ich verstehe Sie nicht!«

Rasch war auch hierüber berichtet, und nun weinte Frau Tristner Freudentränen und segnete die vor ihr knienden Paare.

Um die Zeit, da die Gerichte sich mit den eingefangenen Schwindlern beschäftigten, fand zu Ried die Hochzeit der Paare statt; der Trauung im Dorfkirchlein folgte ein Mahl im Schloß, zu dem wiederum alle Kunden der Schloßbrauerei sich einfanden, galt es doch zu Ehren des jungen Herrn, der die Leitung der Geschäfte im Sinne des verewigten Vaters wieder übernommen hatte.

Benedikte fand einen Käufer für ihr Gut Zankstein, der den geforderten Preis ohne viel zu makeln bar erlegte.

In Olga vollzog sich ein Wandel; so gerne sie früher von Ried weggekommen wäre, nun sie dem Gatten folgen mußte, bereitete der Abschied ihr einigen Schmerz. Doch blieb die Amtsrichterin ja in der Nähe der Heimat, und somit war ihr viel Gelegenheit gegeben zu besuchen das Schloß im Moor.