Leitsatz
zum Beschluss des Zweiten Senats vom 2. Mai 2012
- 2 BvL 5/10 Zum Vertrauensschutz gegenüber einer rückwirkenden Änderung der Rechtslage
bei noch nicht gefestigter höchstrichterlicher Rechtsprechung (hier zu Art. 17 Abs. 1
Dienstrechtsneuordnungsgesetz).

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BUNDESVERFASSUNGSGERICHT
- 2 BVL 5/10 -

Im Namen des Volkes
In dem Verfahren
zur verfassungsrechtlichen Prüfung,
ob Artikel 17 Absatz 1 des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes vom 5. Februar 2009
(BGBl I S. 160, 274) mit Artikel 20 Absatz 3, Artikel 33 Absatz 5 und Artikel 3 Absatz
1 des Grundgesetzes unvereinbar und nichtig ist
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 19. August 2010 - BVerwG 2 C 34.09 hat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat - unter Mitwirkung der Richterinnen und Richter
Präsident Voßkuhle,
Lübbe-Wolff,
Gerhardt,
Landau,
Huber,
Hermanns,
Müller,
Kessal-Wulf
am 2. Mai 2012 beschlossen:
Artikel 17 Absatz 1 des Gesetzes zur Neuordnung und Modernisierung des Bundesdienstrechts (Dienstrechtsneuordnungsgesetz - DNeuG) vom 5. Februar 2009 (Bundesgesetzblatt I Seite 160) ist mit dem Grundgesetz vereinbar.
Gründe:
A.
Das Normenkontrollverfahren betrifft die Frage, ob die durch Art. 17 Abs. 1 des Gesetzes zur Neuordnung und Modernisierung des Bundesdienstrechts (Dienstrechtsneuordnungsgesetz - DNeuG) vom 5. Februar 2009 (BGBl I S. 160) angeordnete
rückwirkende Änderung von § 14a Abs. 1 des Gesetzes über die Versorgung der Beamten und Richter des Bundes (Beamtenversorgungsgesetz -BeamtVG) in der Fassung der Bekanntmachung vom 16. März 1999 (BGBl I S. 322, 847, 2033), zuletzt

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geändert durch Art. 4 des Gesetzes vom 29. Juli 2008 (BGBl I S. 1582), mit dem
Grundgesetz vereinbar ist.
I.
1. § 14a BeamtVG greift die besondere Versorgungslage auf, in der sich bestimmte
Beamte befinden, die neben ihrem beamtenrechtlichen Versorgungsanspruch aus einer früheren Tätigkeit einen Anspruch auf Rente aus einer gesetzlichen Rentenversicherung erworben haben. Altersrente können diese Beamten in der Regel erst mit Erreichen der Regelaltersgrenze beziehen. Treten sie vorher in den Ruhestand - etwa
wegen Dienstunfähigkeit oder aufgrund einer besonderen Altersgrenze -, sind sie zunächst ausschließlich auf ihre beamtenrechtlichen Versorgungsbezüge angewiesen,
da sie die Voraussetzungen für den Bezug einer Rente wegen Erwerbsminderung
nicht erfüllen (vgl. § 43 Abs. 1 Nr. 2 SGB VI). Das kann sich für diese Beamten nachteilig auswirken, wenn durch eine späte Übernahme in das Beamtenverhältnis und
den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand nur wenige Dienstjahre für die Berechnung
der Versorgungsbezüge berücksichtigt werden können. § 14a BeamtVG wirkt dieser
„Versorgungslücke“ bei sogenannten gemischten Erwerbskarrieren durch eine vorübergehende Erhöhung des Ruhegehaltssatzes bis zum Beginn des Rentenbezugs
entgegen (vgl. BTDrucks 10/4225, S. 21; BVerwGE 111, 93 <96 f.>).

2

2. a) § 14a BeamtVG lautete in der Fassung der Bekanntmachung vom 16. März
1999 (BGBl I S. 322, 847, 2033), zuletzt geändert durch Art. 4 des Gesetzes vom
29. Juli 2008 (BGBl I S. 1582; im Folgenden: § 14a BeamtVG a.F.):

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§ 14a BeamtVG a.F.

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(1) Der nach den sonstigen Vorschriften berechnete Ruhegehaltssatz erhöht sich
vorübergehend, wenn der Beamte vor der Vollendung des fünfundsechzigsten Lebensjahres in den Ruhestand getreten ist und er

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1. bis zum Beginn des Ruhestandes die Wartezeit von sechzig Kalendermonaten für
eine Rente der gesetzlichen Rentenversicherung erfüllt hat,

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2. a) wegen Dienstunfähigkeit im Sinne des § 42 Abs. 1 des Bundesbeamtengesetzes oder entsprechenden Landesrechts in den Ruhestand versetzt worden ist oder

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b) wegen Erreichens einer besonderen Altersgrenze in den Ruhestand getreten ist
und das sechzigste Lebensjahr vollendet hat,

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3. einen Ruhegehaltssatz von 66,97 vom Hundert noch nicht erreicht hat und

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4. keine Einkünfte im Sinne des § 53 Abs. 7 bezieht. Die Einkünfte bleiben außer
Betracht, soweit sie durchschnittlich im Monat 325 Euro nicht überschreiten.

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(2) Die Erhöhung des Ruhegehalts beträgt 0,95667 vom Hundert der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge für je zwölf Kalendermonate der für die Erfüllung der Wartezeit
(Absatz 1 Nr. 1) anrechnungsfähigen Pflichtbeitragszeiten, soweit sie nicht von
§ 50e Abs. 1 erfasst werden, nach Vollendung des 17. Lebensjahres und vor Be-

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gründung des Beamtenverhältnisses zurückgelegt wurden und nicht als ruhegehaltfähig berücksichtigt sind. Der hiernach berechnete Ruhegehaltssatz darf 66,97 vom
Hundert nicht überschreiten. In den Fällen des § 14 Abs. 3 ist das Ruhegehalt, das
sich nach Anwendung der Sätze 1 und 2 ergibt, entsprechend zu vermindern. Für
die Berechnung nach Satz 1 sind verbleibende Kalendermonate unter Benutzung
des Nenners 12 umzurechnen; § 14 Abs. 1 Satz 2 und 3 gilt entsprechend.
(3) Die Erhöhung fällt spätestens mit Ablauf des Monats weg, in dem der Ruhestandsbeamte das fünfundsechzigste Lebensjahr vollendet. Sie endet vorher, wenn
der Ruhestandsbeamte

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1. eine Versichertenrente der gesetzlichen Rentenversicherung bezieht, mit Ablauf
des Tages vor dem Beginn der Rente, oder

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2. in den Fällen des Absatzes 1 Nr. 2 Buchstabe a nicht mehr dienstunfähig ist, mit
Ablauf des Monats, in dem ihm der Wegfall der Erhöhung mitgeteilt wird, oder

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3. ein Erwerbseinkommen bezieht, mit Ablauf des Tages vor dem Beginn der Erwerbstätigkeit.

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§ 35 Abs. 3 Satz 2 gilt sinngemäß.

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(4) Die Erhöhung des Ruhegehaltssatzes wird auf Antrag vorgenommen. Anträge,
die innerhalb von drei Monaten nach Eintritt des Beamten in den Ruhestand gestellt
werden, gelten als zum Zeitpunkt des Ruhestandseintritts gestellt. Wird der Antrag
zu einem späteren Zeitpunkt gestellt, so tritt die Erhöhung vom Beginn des Antragsmonats an ein.

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b) Die zur Ausfüllung der Formulierung „nach den sonstigen Vorschriften berechnete Ruhegehaltssatz“ in § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. heranzuziehende Regelung des
§ 14 BeamtVG lautet in der maßgeblichen Fassung durch das Versorgungsänderungsgesetz 2001 vom 20. Dezember 2001 (BGBl I S. 3926):

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§ 14 BeamtVG

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(1) Das Ruhegehalt beträgt für jedes Jahr ruhegehaltfähiger Dienstzeit 1,79375 vom
Hundert der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge (§ 5), insgesamt jedoch höchstens
71,75 vom Hundert. Der Ruhegehaltssatz ist auf zwei Dezimalstellen auszurechnen.
Dabei ist die zweite Dezimalstelle um eins zu erhöhen, wenn in der dritten Stelle eine der Ziffern fünf bis neun verbleiben würde. Zur Ermittlung der gesamten ruhegehaltfähigen Dienstjahre sind etwa anfallende Tage unter Benutzung des Nenners
dreihundertfünfundsechzig umzurechnen; die Sätze 2 und 3 gelten entsprechend.

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(2) (weggefallen)

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(3) Das Ruhegehalt vermindert sich um 3,6 vom Hundert für jedes Jahr, um das der
Beamte

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1. vor Ablauf des Monats, in dem er das 63. Lebensjahr vollendet, nach § 42 Abs. 4
Nr. 1 des Bundesbeamtengesetzes oder entsprechendem Landesrecht in den Ru-

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hestand versetzt wird,
2. vor Ablauf des Monats, in dem er die für ihn geltende gesetzliche Altersgrenze erreicht, nach § 42 Abs. 4 Nr. 2 des Bundesbeamtengesetzes oder entsprechendem
Landesrecht in den Ruhestand versetzt wird,

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3. vor Ablauf des Monats, in dem er das 63. Lebensjahr vollendet, wegen Dienstunfähigkeit, die nicht auf einem Dienstunfall beruht, in den Ruhestand versetzt wird;

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die Minderung des Ruhegehalts darf 10,8 vom Hundert nicht übersteigen. Absatz 1
Satz 2 bis 4 gilt entsprechend. Gilt für den Beamten eine vor der Vollendung des 63.
Lebensjahres liegende Altersgrenze, tritt sie in den Fällen des Satzes 1 Nr. 1 und 3
an die Stelle des 63. Lebensjahres. Gilt für den Beamten eine nach Vollendung des
65. Lebensjahres liegende Altersgrenze, wird in den Fällen des Satzes 1 Nr. 2 nur
die Zeit bis zum Ablauf des Monats berücksichtigt, in dem der Beamte das 65. Lebensjahr vollendet.

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(4) Das Ruhegehalt beträgt mindestens fünfunddreißig vom Hundert der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge (§ 5). An die Stelle des Ruhegehalts nach Satz 1 treten, wenn
dies günstiger ist, fünfundsechzig vom Hundert der jeweils ruhegehaltfähigen
Dienstbezüge aus der Endstufe der Besoldungsgruppe A 4. Die Mindestversorgung
nach Satz 2 erhöht sich um sechzig Deutsche Mark für den Ruhestandsbeamten
und die Witwe; der Erhöhungsbetrag bleibt bei einer Kürzung nach § 25 außer Betracht. Bleibt ein Beamter allein wegen langer Freistellungszeiten (§ 5 Abs. 1 Satz 2)
mit seinem erdienten Ruhegehalt hinter der Mindestversorgung nach Satz 1 oder 2
zurück, wird nur das erdiente Ruhegehalt gezahlt; dies gilt nicht, wenn ein Beamter
wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand getreten ist.

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(5) Übersteigt beim Zusammentreffen von Mindestversorgung nach Absatz 4 mit einer Rente nach Anwendung des § 55 die Versorgung das nach Absatz 1 erdiente
Ruhegehalt, so ruht die Versorgung bis zur Höhe des Unterschieds zwischen dem
erdienten Ruhegehalt und der Mindestversorgung; in den von § 85 erfassten Fällen
gilt das nach dieser Vorschrift maßgebliche Ruhegehalt als erdient. Der Erhöhungsbetrag nach Absatz 4 Satz 3 sowie der Unterschiedsbetrag nach § 50 Abs. 1 bleiben bei der Berechnung außer Betracht. Die Summe aus Versorgung und Rente
darf nicht hinter dem Betrag der Mindestversorgung zuzüglich des Unterschiedsbetrages nach § 50 Abs. 1 zurückbleiben. Zahlbar bleibt mindestens das erdiente Ruhegehalt zuzüglich des Unterschiedsbetrages nach § 50 Abs. 1. Die Sätze 1 bis 4
gelten entsprechend für Witwen und Waisen.

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(6) Bei einem in den einstweiligen Ruhestand versetzten Beamten beträgt das Ruhegehalt für die Dauer der Zeit, die der Beamte das Amt, aus dem er in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden ist, innehatte, mindestens für die Dauer von
sechs Monaten, längstens für die Dauer von drei Jahren, 71,75 vom Hundert der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge aus der Endstufe der Besoldungsgruppe, in der sich
der Beamte zur Zeit seiner Versetzung in den jeweiligen Ruhestand befunden hat.

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5/22

Das erhöhte Ruhegehalt darf die Dienstbezüge, die dem Beamten in diesem Zeitpunkt zustanden, nicht übersteigen; das nach sonstigen Vorschriften ermittelte Ruhegehalt darf nicht unterschritten werden.
3. a) § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. wurde von der Verwaltung in Übereinstimmung mit
verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung und einem Teil des Schrifttums zunächst
dahingehend ausgelegt, dass der „nach sonstigen Vorschriften berechnete Ruhegehaltssatz“ nur ein auf der Grundlage der ruhegehaltfähigen Dienstzeit berechneter
(„erdienter“) Ruhegehaltssatz sein könne, insbesondere der nach § 14 Abs. 1 BeamtVG berechnete Ruhegehaltssatz. Kein Ruhegehaltssatz im Sinne des § 14a Abs. 1
BeamtVG a.F. seien dagegen das „amtsbezogene“ Mindestruhegehalt gemäß § 14
Abs. 4 Satz 1 BeamtVG und das „amtsunabhängige“ Mindestruhegehalt gemäß § 14
Abs. 4 Satz 2 BeamtVG, weil beide - ohne Bezug zur tatsächlich ruhegehaltfähigen
Dienstzeit - abstrakt gesetzlich vorgegeben und deshalb nicht „berechnet“ seien (vgl.
Anwendungserlass des Bundesministeriums des Innern vom 10. Juni 1994 - D III
4-223 100/28 -, juris; Niedersächsisches OVG, Urteil vom 11. Mai 2004 - 5 LC 4/03 -,
juris, Rn. 25 ff. m.w.N.; VG Berlin, Urteil vom 2. März 2004 - 7 A 207.02 -, juris,
Rn. 16; Schachel in: Schütz, Beamtenrecht des Bundes und der Länder, § 14a BeamtVG Rn. 11 <Oktober 2000>; a. A. Plog/Wiedow, Bundesbeamtengesetz, § 14a
BeamtVG Rn. 13 <Juni 2002>).

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b) Das Bundesverwaltungsgericht kam im Urteil vom 23. Juni 2005 (BVerwGE 124,
19 ff.) hingegen zu dem Ergebnis, dass es sich auch bei dem Mindestruhegehaltssatz nach § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG um einen „berechneten“ Ruhegehaltssatz im
Sinne des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. handele. Wortlaut, Entstehungsgeschichte,
Gesetzessystematik sowie Sinn und Zweck des § 14a BeamtVG a.F. sprächen dafür,
dass der individuell ermittelte und festgesetzte Ruhegehaltssatz stets „berechnet“
sei, auch wenn er sich auf der Basis der Vomhundertsätze des § 14 Abs. 4 BeamtVG
ergebe (vgl. BVerwGE 124, 19 <20 ff.>).

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c) Die Verwaltung betrachtete dieses Urteil, wenn auch nicht einhellig (vgl. für das
Landesverwaltungsamt Berlin OVG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 17. November
2011 - 4 B 72.09 -, juris, Rn. 21), als Einzelfallentscheidung, der über den entschiedenen Fall hinaus nicht zu folgen sei (vgl. Strötz, in: Fürst, Gesamtkommentar Öffentliches Dienstrecht - GKÖD, § 14a BeamtVG Rn. 21 mit Fn. 14 <April 2009>; Grunefeld, ZTR 2008, S. 122 <127>). Die Instanzgerichte schlossen sich der
Rechtsauffassung des Bundesverwaltungsgerichts überwiegend an (vgl. OVG
Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 27. September 2007 - 1 L 180/07 -, juris, Rn. 4 ff.;
Beschluss vom 14. November 2008 - 1 L 21/08 -, juris, Rn. 4 ff.; Beschluss vom
26. März 2009 - 1 L 25/09 -, juris, Rn. 5 ff.; OVG Mecklenburg-Vorpommern, Beschluss vom 13. Mai 2009 - 2 L 45/08 -, juris, Rn. 6 ff.; Sächsisches OVG, Urteil vom
14. Oktober 2010 - 2 A 430/09 -, juris, Rn. 23 ff.; OVG Berlin-Brandenburg, Urteil
vom 17. November 2011 - 4 B 72.09 -, juris, Rn. 18; VG Münster, Urteil vom 11. April
2006 - 4 K 558/03 -, juris, Rn. 34; VG Dessau, Urteil vom 30. August 2006 - 1 A 93/
06 -, juris, Rn. 14; VG Magdeburg, Urteil vom 6. März 2007 - 5 A 191/06 -, juris,

32

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Rn. 16; VG Berlin, Urteil vom 5. Juni 2008 - 5 A 60.07 -, juris, Rn. 17 ff.; Urteil vom
12. Mai 2009 - 26 A 68.07 -, juris, Rn. 18). Einige Verwaltungsgerichte erster und
zweiter Instanz hielten jedoch unter Hinweis auf den Sinn und Zweck des § 14a BeamtVG a.F. sowie aufgrund eines systematischen Vergleichs mit § 14 Abs. 5 BeamtVG daran fest, dass die in § 14 Abs. 4 BeamtVG geregelte Mindestversorgung nicht
Grundlage für eine vorübergehende Erhöhung des Ruhegehaltssatzes nach § 14a
Abs. 1 BeamtVG a.F. sein könne (vgl. OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 16. Januar 2008 - 21 A 2098/06 -, juris, Rn. 28 ff.; VG des Saarlandes, Urteil vom 17. März
2009 - 3 K 372/08 -, juris, Rn. 33 ff.). Auch die überwiegende Auffassung im Schrifttum widersprach der Rechtsauffassung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. Schachel, in: Schütz/Maiwald, Beamtenrecht des Bundes und der Länder, § 14a BeamtVG
Rn. 11 <September 2006>; Bauer/Zahn, in: Stegmüller/Schmalhofer/Bauer, Beamtenversorgungsrecht des Bundes und der Länder, § 14a BeamtVG Rn. 2 mit Fn. 2
<April 2008>; Grunefeld, a.a.O., S. 122 <127>; Strötz, a.a.O., § 14a BeamtVG Rn. 21
mit Fn. 14 <April 2009>; zustimmend dagegen Plog/Wiedow, a.a.O., § 14a BeamtVG
Rn. 14 ff. <August 2007>).
d) Das Bundesverwaltungsgericht hat in einem Urteil vom 12. November 2009
(- BVerwG 2 C 29.08 -, juris) an seiner Rechtsauffassung zur Auslegung des § 14a
Abs. 1 BeamtVG a.F. festgehalten.

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4. Die Bundesregierung legte am 12. November 2007 den Entwurf eines Gesetzes
zur Neuordnung und Modernisierung des Bundesdienstrechts (Dienstrechtsneuordnungsgesetz - DNeuG) vor, der unter anderem eine Änderung des § 14a Abs. 1 BeamtVG vorsah (BTDrucks 16/7076). Der Deutsche Bundestag nahm den Gesetzentwurf am 12. November 2008 in zweiter und dritter Lesung an (vgl. Plenarprotokoll 16/
186, S. 19901). Am 11. Februar 2009 wurde das am 5. Februar 2009 ausgefertigte
Dienstrechtsneuordnungsgesetz verkündet (BGBl I S. 160).

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Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG sieht folgende Änderung
des § 14a Abs. 1 BeamtVG vor:

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In Halbsatz 1 werden die Wörter „den sonstigen Vorschriften“ durch die Angabe
„§ 14 Abs. 1, § 36 Abs. 3 Satz 1, § 66 Abs. 2 und § 85 Abs. 4“ ersetzt.

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Gemäß Art. 17 Abs. 1 DNeuG ist Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa
DNeuG mit Wirkung vom 24. Juni 2005 in Kraft getreten. In der Gesetzesbegründung
heißt es hierzu (BTDrucks 16/7076, S. 186):

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„Die aus Sicht der Verwaltung lediglich klarstellenden Änderungen zur Berechnung
von Ruhegehaltssätzen im Rahmen der Regelung des § 14a des Beamtenversorgungsgesetzes und des § 26a des Soldatenversorgungsgesetzes werden rückwirkend auf den Zeitpunkt einer entgegenstehenden höchstrichterlichen Rechtsprechung in Kraft gesetzt.“

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5. Mit Wirkung vom 1. September 2006 ging die Kompetenz für die Regelung der
Besoldung und Versorgung der Landesbeamten auf die Länder über (Gesetz zur Än-

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derung des Grundgesetzes vom 28. August 2006, BGBl I S. 2034). Zehn Länder
haben auf die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni 2005 mit
klarstellenden Regelungen reagiert, die Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG entsprechen, zwei Länder haben Regelungen in Kraft gesetzt, die den
Wortlaut von § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. aufgreifen, und weitere vier Länder haben
auf eine eigene Regelung zur vorübergehenden Erhöhung des Ruhegehaltssatzes
bislang verzichtet. Als exemplarisch für die Haltung der Länder, die sich der Neuregelung des Bundes angeschlossen haben, kann der Gesetzentwurf gelten, der § 4
Abs. 1 des Thüringer Gesetzes über ergänzende Bestimmungen zur Beamtenversorgung in der Fassung durch Art. 2 des Gesetzes vom 31. Januar 2007 (GVBl S. 1, 2)
zugrunde liegt (LTDrucks 4/2616, S. 11):
„Diese Bestimmung entspricht im Wesentlichen dem Wortlaut des § 14a BeamtVG.
Zur Klarstellung wurden in Absatz 1 Satz 1 die Worte ‚den sonstigen Vorschriften‘
durch die Verweisung ‚§ 14 Abs. 1 Satz 1, § 36 Abs. 3 Satz 1, § 66 Abs. 2 und § 85
Abs. 4 BeamtVG‘ ersetzt. Nach Artikel 125a Abs. 1 des Grundgesetzes kann die
bundesrechtliche Regelung durch eine landesrechtliche Regelung ersetzt werden.
Das das Bundesrecht ersetzende Landesrecht muss in sich abgeschlossen und aus
sich heraus verständlich sein. Daher ist es erforderlich, die bundesrechtliche Bestimmung zur vorübergehenden Erhöhung des Ruhegehaltssatzes vollständig durch
inhaltsgleiches Landesrecht abzulösen.

40

Die Notwendigkeit dazu ergibt sich aus der neueren Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts. Durch Urteil vom 23. Juni 2005 - 2 C 25.04 - wurde entschieden, dass beim Zusammentreffen von Mindestversorgung nach § 14 Abs. 4 BeamtVG und vorübergehender Erhöhung des Ruhegehaltssatzes nach § 14a BeamtVG
nicht mehr der nach den ‚sonstigen Vorschriften berechnete‘ Ruhegehaltssatz, sondern auch der Mindestruhegehaltssatz zu erhöhen ist. Bislang wurde § 14a Abs. 1
Satz 1 BeamtVG dahin gehend ausgelegt, dass der nach den sonstigen Vorschriften berechnete Ruhegehaltssatz derjenige Ruhegehaltssatz ist, der sich auf der
Grundlage der ruhegehaltfähigen Dienstzeit berechnet, also ‚erdient‘ ist. Die Mindestversorgung ist vom Gesetz vorgegeben, also nicht ‚berechnet‘. Demnach wurde
bislang der ‚erdiente‘ Ruhegehaltssatz erhöht, sodann erfolgte ein Vergleich der
sich daraus ergebenden Versorgung mit der Mindestversorgung, der höhere Betrag
wurde gezahlt. Das Urteil hätte zur Folge, dass nunmehr der Ruhegehaltssatz der
amtsbezogenen Mindestversorgung (35 v.H. der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge)
um bis zu 35 v.H. auf maximal 70 v.H. (Höchstgrenze nach § 14a Abs. 2 Satz 2 BeamtVG) erhöht werden könnte. Bei Empfängern der amtsunabhängigen Mindestversorgung (65 v.H. der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge aus der Besoldungsgruppe
A 4) könnte der Ruhegehaltssatz dagegen nur um maximal 5 v.H. erhöht werden.
Verglichen mit der bisherigen Verfahrenweise führt dies während der Zeit der Auswirkung des § 14a BeamtVG bei den erstgenannten Beamten zu einer erheblichen
Erhöhung, bei den letztgenannten dagegen zu einer erheblichen Reduzierung des
Ruhegehaltes. Bund und Länder behandeln daher das Urteil als Einzelfall und hat-

41

8/22

ten beschlossen, § 14a BeamtVG entsprechend klarzustellen. Dies erfolgt nunmehr
durch die Änderung in § 4 Abs. 1 Satz 1, da der Bund nicht mehr für die Länder regelungsbefugt ist. Die auslegungsbedürftigen Begriffe ‚nach den sonstigen Vorschriften‘ werden durch eine Aufzählung derjenigen Bestimmungen des Beamtenversorgungsgesetzes ersetzt, die nach der bisherigen Auslegung ein ‚berechnetes‘
Ruhegehalt ergeben haben.“
II.
1. a) Der 1948 geborene Kläger des Ausgangsverfahrens war seit 1992, zuletzt im
Rang eines Polizeihauptmeisters, als Polizeibeamter beim Bundesgrenzschutz beziehungsweise bei der Bundespolizei tätig. Er wurde nach Vollendung des 60. Lebensjahres mit Ablauf des Monats Februar 2008 wegen Erreichens der Altersgrenze
des § 5 Abs. 2 Satz 1 des Bundespolizeibeamtengesetzes in den Ruhestand versetzt. Die Bundesfinanzdirektion Nord setzte sein Ruhegehalt mit Bescheid vom
12. Februar 2008 auf 1.691,89 € fest. Dabei erhöhte sie den nach § 14 Abs. 1 BeamtVG berechneten Ruhegehaltssatz in Höhe von 32,64 v.H. gemäß § 14a BeamtVG
a.F. vorübergehend um 24,58 v.H. auf insgesamt 57,22 v.H.

42

b) Im März 2008 beantragte der Kläger unter Hinweis auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni 2005 die vorübergehende Erhöhung des Ruhegehaltssatzes auf Basis des Mindestruhegehaltssatzes gemäß § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG (in Höhe von 35 v.H.) auf 59,58 v.H. Dieses Begehren, das zu einem
Ruhegehalt von 1.761,68 € geführt hätte, lehnte die Bundesfinanzdirektion Nord ab.
Der hiergegen gerichtete Widerspruch blieb ohne Erfolg.

43

c) Mit Urteil vom 26. Januar 2009 verpflichtete das Verwaltungsgericht Magdeburg
die Beklagte, das Ruhegehalt des Klägers ab dem 1. März 2008 vorübergehend auf
der Basis des Ruhegehaltssatzes von 59,58 v.H. zu erhöhen. Zur Begründung nahm
das Verwaltungsgericht auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni
2005 Bezug.

44

d) Auf die Berufung der Beklagten wies das Oberverwaltungsgericht des Landes
Sachsen-Anhalt mit Beschluss vom 1. Juli 2009 die Klage mit der Begründung ab,
nach der Gesetzesänderung komme nicht mehr der Ruhegehaltssatz nach § 14 Abs.
4 Satz 1 BeamtVG, sondern nur noch der „erdiente“ Ruhegehaltssatz nach § 14 Abs.
1 BeamtVG als Berechnungsgrundlage für die vorübergehende Erhöhung des Ruhegehalts in Betracht. Das durch Art. 17 Abs. 1 DNeuG angeordnete rückwirkende Inkrafttreten von Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG verstoße nicht
gegen das Rückwirkungsverbot.

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2. Auf die Revision des Klägers hat das Bundesverwaltungsgericht das Verfahren
ausgesetzt und dem Bundesverfassungsgericht gemäß Art. 100 Abs. 1 GG die Frage
zur Entscheidung vorgelegt,

46

ob Artikel 17 Absatz 1 des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes (DNeuG) vom 5. Februar 2009 (BGBl I S. 160, 274) mit Artikel 20 Absatz 3, Artikel 33 Absatz 5 und Arti-

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kel 3 Absatz 1 GG unvereinbar und nichtig ist.
Von der Entscheidung über die Vorlagefrage hänge das Ergebnis des Rechtsstreits
ab. Sei Art. 17 Abs. 1 DNeuG gültig, wäre die Norm zu Ungunsten des Klägers anzuwenden, was in vollem Umfang zur Zurückweisung der Revision führen würde. Sei
Art. 17 Abs. 1 DNeuG hingegen verfassungswidrig und nichtig, stünde dem Kläger
der mit der Klage geltend gemachte Anspruch auf Berechnung des erhöhten Ruhegehaltssatzes auf Basis des Mindestruhegehaltssatzes gemäß § 14 Abs. 4 Satz 1
BeamtVG zu, weil weiterhin § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. anzuwenden wäre; die Revision des Klägers wäre mithin erfolgreich.

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Das vorlegende Gericht ist überzeugt, dass Art. 17 Abs. 1 DNeuG mit seiner rückwirkenden Inkraftsetzung des Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG
verfassungswidrig ist. Bei Beamten, die - wie der Kläger im Ausgangsverfahren - bereits vor der Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes in den Ruhestand
getreten und deren Versorgungsbezüge noch nicht bestandskräftig festgesetzt worden seien, führe Art. 17 Abs. 1 DNeuG zu einer nachträglichen Kürzung bestehender
Versorgungsansprüche und entfalte insoweit echte Rückwirkung (Rückbewirkung
von Rechtsfolgen). Der mit der Zurruhesetzung entstandene Anspruch auf vorübergehende Erhöhung des Mindestruhegehaltssatzes gemäß § 14a Abs. 1 BeamtVG
a.F. in Verbindung mit § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG werde durch Art. 17 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG rückwirkend
vernichtet.

49

Die Rückwirkung sei verfassungsrechtlich nicht erlaubt. Das Vertrauen der betroffenen Beamten sei schutzwürdig, weil die rückwirkende Rechtsänderung, wie das Beispiel des Klägers zeige, zu einer spürbaren Kürzung der Bruttoversorgung führen
könne. Die rückwirkend geänderte Regelung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. sei generell geeignet gewesen, aus dem Vertrauen auf ihr Fortbestehen heraus Entscheidungen und Dispositionen herbeizuführen oder zu beeinflussen, die sich bei der Änderung der Rechtslage als nachteilig erwiesen. Es habe auch keine unklare und
verworrene Rechtslage vorgelegen, auf deren Bestand die Betroffenen nicht hätten
vertrauen dürfen. Die rechtliche Wertung des Gesetzgebers, es handele sich bei der
Änderung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. um eine bloße Klarstellung, sei unbeachtlich. Die vom Gesetzgeber in Anspruch genommene authentische Interpretation sei
für die Gerichte nicht verbindlich. Es liege keine Fallkonstellation vor, in der wegen
abweichender Auffassungen in der Kommentarliteratur und divergierender Rechtsprechung der Instanzgerichte nicht schon ein Revisionsurteil, sondern erst eine
langjährige gefestigte Rechtsprechung des Revisionsgerichts die unklare und verworrene Rechtslage beseitige. Dies setze voraus, dass der den Klarstellungsbedarf
auslösende Gesetzestext so lückenhaft, unsystematisch oder mehrdeutig sei, dass
nach Anwendung der hergebrachten Auslegungsmethoden mehrere Auslegungsergebnisse mit gleicher Überzeugungskraft vertretbar nebeneinander stünden. Das sei
hier nicht der Fall, da sich die im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni
2005 vorgenommene Auslegung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. aus Wortlaut, Ge-

50

10/22

setzessystematik, Sinn und Zweck sowie aus der Entstehungsgeschichte ergebe.
Auf die Änderung der Berechnung der vorübergehenden Erhöhung des Ruhegehaltssatzes hätten sich die Betroffenen nicht schon im Zeitpunkt der Einbringung des
Gesetzentwurfs des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes in den Deutschen Bundestag einstellen müssen. Mit einer Neuregelung müsse frühestens im Zeitpunkt des Gesetzesbeschlusses gerechnet werden. Überragende Belange des Gemeinwohls, die
eine Rückwirkungsanordnung rechtfertigen könnten, seien nicht erkennbar. Finanzielle Erwägungen taugten nicht als Legitimation für eine Kürzung der Altersversorgung. Im Beamtenversorgungsrecht werde ein besonderes, durch Art. 33 Abs. 5 GG
geschütztes Vertrauen auf den Fortbestand gesetzlicher Leistungsregelungen begründet. Wesentliche und grundlegende Änderungen zu Lasten der Beamten müssten durch gewichtige und bedeutende Gründe gerechtfertigt sein. Daran fehle es.

51

Für den Zeitraum nach seiner Verkündung greife Art. 17 Abs. 1 DNeuG in bestehende Versorgungsansprüche ein und kürze diese mit Wirkung für die Zukunft; die
Norm entfalte insoweit unechte Rückwirkung (tatbestandliche Rückanknüpfung).
Auch die unechte Rückwirkung des Art. 17 Abs. 1 DNeuG sei verfassungsrechtlich
unzulässig, da hinreichend gewichtige Belange des Gemeinwohls, die den durch
Art. 33 Abs. 5 GG gewährleisteten besonderen Vertrauensschutz der Versorgungsempfänger überwögen, vom Gesetzgeber weder dargelegt noch sonst erkennbar seien. Überdies verpflichte der durch Art. 33 Abs. 5 GG gewährte Vertrauensschutz im
Bereich des Beamtenversorgungsrechts den Gesetzgeber, Eingriffe in versorgungsrechtliche Rechtspositionen durch angemessene Übergangsregelungen auszugleichen oder abzumildern, woran es hier fehle.

52

Die Rückwirkungsanordnung des Art. 17 Abs. 1 DNeuG verstoße auch gegen Art. 3
Abs. 1 GG. Versorgungsempfänger, deren Versorgungsbezüge unter vorübergehender Erhöhung des Ruhegehaltssatzes gemäß § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. in Verbindung mit § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG - höher - festgesetzt worden seien, seien
durch § 52 Abs. 1 BeamtVG vor einer Rückforderung der Unterschiedsbeträge geschützt und daher von Art. 17 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a
Doppelbuchstabe aa DNeuG nur zukunftsgerichtet betroffen. Gegenüber dieser Personengruppe würden Versorgungsempfänger wie der Kläger nur deswegen schlechter behandelt, weil die zuständigen Behörden rechtswidrig von einem Festsetzungsbescheid auf der Grundlage von § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. in Verbindung mit § 14
Abs. 4 Satz 1 BeamtVG abgesehen hätten.

53

III.
Zu dem Vorlagebeschluss haben sich das Bundesministerium des Innern namens
der Bundesregierung, die Bundesfinanzdirektion Nord, der dbb beamtenbund und tarifunion, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) - Bezirk Bundespolizei - geäußert.

11/22

54

1. Das Bundesministerium des Innern hält Art. 17 Abs. 1 DNeuG für verfassungsgemäß. Die rückwirkende Gesetzesänderung habe allein der klarstellenden Präzisierung einer bereits bestehenden Rechtslage gedient. Sie sei erforderlich geworden,
nachdem die Auslegung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. durch das Bundesverwaltungsgericht im Urteil vom 23. Juni 2005 der bis dahin in Bund und Ländern einheitlich geübten Praxis den Boden entzogen habe.

55

Art. 17 Abs. 1 DNeuG sei mit dem Vertrauensgrundsatz vereinbar. Schutzwürdiges
Vertrauen in eine bestimmte Rechtslage aufgrund höchstrichterlicher Rechtsprechung könne allenfalls bei gefestigter, langjähriger Rechtsprechung entstehen. Daran fehle es. Literatur und Rechtsprechung hätten nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni 2005 überwiegend an ihrer - davon abweichenden Auslegung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. festgehalten. Bund und Länder hätten
bereits im September 2005 über die Konsequenzen der Entscheidung diskutiert und
einhellig die Auffassung vertreten, dass dem Urteil über den entschiedenen Einzelfall
hinaus nicht gefolgt werden solle und eine gesetzliche Klarstellung in § 14a BeamtVG erforderlich sei.

56

Art. 17 Abs. 1 DNeuG verstoße auch nicht gegen das Alimentationsprinzip gemäß
Art. 33 Abs. 5 GG. Der Gesetzgeber dürfe Versorgungsbezüge kürzen, wenn dies
aus sachlichen Gründen gerechtfertigt erscheine. Sachgerecht sei es, bei rentebeziehenden Versorgungsempfängern eine Kürzung der Versorgungsbezüge anzuordnen,
um eine Überhöhung der Gesamtversorgung zu beseitigen, die nicht durch eine Eigenleistung des Versorgungsempfängers entstanden sei, sondern - wie hier - durch
eine unzureichende Abstimmung von Rentenrecht und Versorgungsrecht.

57

Art. 17 Abs. 1 DNeuG sei auch mit Art. 3 Abs. 1 GG vereinbar, da das Verhalten des
Dienstherrn rechtmäßig gewesen sei.

58

2. Auch die Bundesfinanzdirektion Nord hält Art. 17 Abs. 1 DNeuG für verfassungsgemäß. Das Rückwirkungsverbot des Art. 20 Abs. 3 GG greife mangels schutzwürdigen Vertrauens nicht ein. Die Rechtslage sei unklar gewesen. Bis zum Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni 2005 habe es der flächendeckenden Verwaltungspraxis, der Kommentarliteratur und der Rechtsprechung der Instanzgerichte
entsprochen, eine vorübergehende Erhöhung der Versorgungsbezüge lediglich auf
der Grundlage des erdienten Ruhegehaltssatzes vorzunehmen. Die davon abweichende Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts sei im Schrifttum, von der Verwaltung und von wenigstens einem Oberverwaltungsgericht kritisiert worden. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 12. November 2009 habe nicht mehr
vertrauensbildend wirken können, weil zu diesem Zeitpunkt das Dienstrechtsneuordnungsgesetz bereits verkündet gewesen sei. Mangels schutzwürdigen Vertrauens
seien auch Abmilderungs- und Übergangsmaßnahmen nicht erforderlich gewesen.
Art. 17 Abs. 1 DNeuG verstoße auch nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG.

59

3. Der dbb beamtenbund und tarifunion teilt die Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts. Es liege eine unzulässige Rückwirkung vor. Selbst wenn man die zu

60

12/22

§ 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. ergangene Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts hinsichtlich des Ergebnisses in Zweifel ziehe, könne eine unklare oder gar verworrene Rechtslage nicht angenommen werden, da der Wortlaut der Norm die Auslegung des Gerichts gestützt habe. Die rückwirkende Gesetzesänderung betreffe keine
Bagatellen, sondern nennenswerte finanzielle Werte und Dispositionen der betroffenen Beamten. Überragende Gründe des Gemeinwohls, die die Rückwirkung rechtfertigen könnten, seien nicht ersichtlich. Der Kreis von Beamten, die zum Zeitpunkt der
Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes bereits in den Ruhestand getreten gewesen seien und bei ihrem Ruhestandseintritt einen Anspruch auf Mindestversorgung sowie auf vorübergehende Erhöhung des Ruhegehalts gehabt hätten, sei
überschaubar.
4. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) - Bezirk Bundespolizei - halten
Art. 17 Abs. 1 DNeuG für verfassungswidrig; zur Begründung nehmen sie auf den
Vorlagebeschluss Bezug.

61

B.
Art. 17 Abs. 1 DNeuG ist mit dem Grundgesetz vereinbar. Die Norm verstößt nicht
gegen die verfassungsrechtlichen Anforderungen an den Vertrauensschutz aus
Art. 20 Abs. 3 GG und Art. 33 Abs. 5 GG (I.). Sie steht auch im Einklang mit dem allgemeinen Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG (II.).

62

I.
Art. 17 Abs. 1 DNeuG, der das Inkrafttreten von Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG mit Wirkung vom 24. Juni 2005 anordnet und dadurch in die
geänderte Fassung des § 14a Abs. 1 BeamtVG auch Beamte einbezieht, die vor der
Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes in den Ruhestand getreten sind,
begegnet keinen durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken. Die Vorschrift
enthält keine verfassungsrechtlich unzulässige Rückwirkung und verletzt nicht das
durch Art. 33 Abs. 5 GG geschützte Vertrauen versorgungsberechtigter Beamter darauf, im Alter amtsangemessen versorgt zu sein.

63

1. Mit dem vorlegenden Gericht kann davon ausgegangen werden, dass Art. 17
Abs. 1 DNeuG sowohl echte Rückwirkung als auch unechte Rückwirkung zukommt.

64

a) Eine Rechtsnorm entfaltet „echte“ Rückwirkung („Rückbewirkung von Rechtsfolgen“), wenn ihre Rechtsfolge mit belastender Wirkung schon vor dem Zeitpunkt ihrer
Verkündung für bereits abgeschlossene Tatbestände gelten soll (vgl. BVerfGE 109,
133 <181>; 114, 258 <300>; 127, 1 <16 f.>). Bei Art. 17 Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG ist dies - die Auslegung des
§ 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. durch das Bundesverwaltungsgericht als maßgeblich unterstellt - im Hinblick auf Beamte der Fall, die nach dem 24. Juni 2005 und vor der
Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes am 11. Februar 2009 in den Ruhestand getreten sind und die Voraussetzungen der vorübergehenden Erhöhung des

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13/22

Mindestruhegehaltssatzes gemäß § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. in Verbindung mit
§ 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG erfüllt haben. Insoweit kann Art. 17 Abs. 1 DNeuG zur
nachträglichen Kürzung bestehender Versorgungsansprüche führen, wie das Beispiel des am 1. März 2008 in den Ruhestand getretenen Klägers des Ausgangsverfahrens zeigt. Im maßgeblichen Zeitpunkt des Eintritts in den Ruhestand hatte der
Kläger bei einem nach § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. in Verbindung mit § 14 Abs. 4
Satz 1 BeamtVG vorübergehend erhöhten Ruhegehaltssatz von 59,58 v.H. einen
Versorgungsanspruch in Höhe von 1.761,68 € zu erwarten. Nach der rückwirkenden Gesetzesänderung errechnet sich für den Kläger ein vorübergehend erhöhter
Ruhegehaltssatz von 57,22 v.H. und damit ein Versorgungsanspruch in Höhe von
(lediglich) 1.691,89 €. Im Zeitraum zwischen Eintritt in den Ruhestand und Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes wurde der bestehende Versorgungsanspruch des Klägers damit, gemessen an der vom Bundesverwaltungsgericht angenommenen Rechtslage, nachträglich um insgesamt 837,48 € (12 Monate x 69,79 €)
gekürzt.
b) Soweit belastende Rechtsfolgen einer Norm erst nach ihrer Verkündung eintreten, tatbestandlich aber von einem bereits ins Werk gesetzten Sachverhalt ausgelöst
werden („tatbestandliche Rückanknüpfung“), liegt eine „unechte“ Rückwirkung vor
(vgl. BVerfGE 72, 200 <242>; 97, 67 <79>; 127, 1 <17>). Art. 17 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 Nr. 11 Buchstabe a Doppelbuchstabe aa DNeuG entfaltet - wiederum
auf der Grundlage der Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts - unechte Rückwirkung, soweit danach bestehende Versorgungsansprüche von Beamten, die vor
der Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes in den Ruhestand getreten
sind und die Voraussetzungen der vorübergehenden Erhöhung des Mindestruhegehaltssatzes gemäß § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. in Verbindung mit § 14 Abs. 4 Satz 1
BeamtVG erfüllen, für die Zeit nach der Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes gekürzt werden. Beim Kläger des Ausgangsverfahrens, der die Regelaltersgrenze am 28. Februar 2013 und damit 48 Monate nach Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes erreicht, verringert sich der Versorgungsanspruch damit
um insgesamt 3.349,92 € (48 Monate x 69,79 €).

66

c) An der (echten und unechten) Rückwirkung von Art. 17 Abs. 1 DNeuG fehlt es
nicht deshalb, weil die rückwirkende Änderung von § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F., wie
es in der Gesetzesbegründung heißt, aus Sicht der Verwaltung lediglich klarstellender Natur sei (vgl. BTDrucks 16/7076, S. 186). Zwar liegt grundsätzlich keine Rückwirkung vor, wenn die Neuregelung deklaratorischer Art ist, also nur bestätigt, was
von vornherein aus der verkündeten ursprünglichen Norm folgte (vgl. BVerfGE 18,
429 <436>; 50, 177 <193>; 126, 369 <393>). Dies ist hier aber nicht der Fall.

67

Die verbindliche Auslegung von Rechtssätzen ist Aufgabe der Gerichte. Eine vom
Gesetzgeber etwa beanspruchte Befugnis zu „authentischer“ Interpretation der rückwirkend geänderten Norm ist daher nicht anzuerkennen (vgl. BVerfGE 65, 196
<215>; 111, 54 <107>; 126, 369 <392>). Deren Regelungsgehalt ist vielmehr nach
allgemeinen Grundsätzen zu ermitteln. Dabei genügt für die Beantwortung der Frage,

68

14/22

ob eine rückwirkende Regelung konstitutiven Charakter hat, die Feststellung, dass
die geänderte Norm von den Gerichten nach den anerkannten Methoden der Gesetzesauslegung in einem Sinn ausgelegt werden konnte und ausgelegt worden ist, die
mit der Neuregelung ausgeschlossen werden soll. So liegt es hier.
Das Tatbestandsmerkmal „nach den sonstigen Vorschriften berechnete Ruhegehaltssatz“ in § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. konnte unterschiedlich ausgelegt werden.
Während die Verwaltung sowie die Instanzrechtsprechung und ein Teil der Literatur
zunächst davon ausgingen, dass damit nur der auf der Grundlage der ruhegehaltfähigen Dienstzeit berechnete („erdiente“) Ruhegehaltssatz gemeint sei, gelangte das
Bundesverwaltungsgericht zu der Überzeugung, dass es sich auch bei dem Mindestruhegehaltssatz nach § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG um einen „berechneten“ Ruhegehaltssatz im Sinne des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. handelte. Da nichts dafür
spricht, dass eine der beiden Auslegungsalternativen - etwa wegen Überschreitung
der Grenzen richterlicher Rechtsfindung (vgl. BVerfGE 96, 375 <394 f.>; 113, 88
<103 f.>; 122, 248 <257 f.>) - auszuscheiden gewesen wäre, hat der Gesetzgeber
mit der Neuregelung eine Streitfrage abweichend von höchstrichterlicher Rechtsprechung in einem bestimmten Sinne und damit konstitutiv entschieden.

69

2. Art. 17 Abs. 1 DNeuG ist im Hinblick auf die verfassungsrechtlichen Grenzen
rückwirkender Gesetzgebung nicht zu beanstanden.

70

a) aa) Wenn der Gesetzgeber die Rechtsfolge eines der Vergangenheit zugehörigen Verhaltens nachträglich belastend ändert, bedarf dies einer besonderen Rechtfertigung vor dem Rechtsstaatsprinzip und den Grundrechten des Grundgesetzes,
unter deren Schutz Sachverhalte „ins Werk gesetzt“ worden sind (vgl. BVerfGE 45,
142 <167 f.>; 63, 343 <356 f.>; 72, 200 <242>; 97, 67 <78 f.>). Die Grundrechte wie
auch das Rechtsstaatsprinzip garantieren im Zusammenwirken die Verlässlichkeit
der Rechtsordnung als wesentliche Voraussetzung für die Selbstbestimmung über
den eigenen Lebensentwurf und damit als eine Grundbedingung freiheitlicher Verfassungen. Es würde den Einzelnen in seiner Freiheit erheblich gefährden, dürfte die öffentliche Gewalt an sein Verhalten oder an ihn betreffende Umstände ohne weiteres
im Nachhinein belastendere Rechtsfolgen knüpfen, als sie zum Zeitpunkt seines
rechtserheblichen Verhaltens galten (vgl. BVerfGE 63, 343 <357>; 72, 200 <257 f.>;
97, 67 <78>; 109, 133 <180>; 114, 258 <300 f.>; 127, 1 <16>).

71

bb) Die „echte“ Rückwirkung („Rückbewirkung von Rechtsfolgen“) ist verfassungsrechtlich grundsätzlich unzulässig. Erst mit der Verkündung, das heißt, mit der Ausgabe des ersten Stücks des Verkündungsblattes, ist eine Norm rechtlich existent. Bis
zu diesem Zeitpunkt, zumindest aber bis zum endgültigen Gesetzesbeschluss (vgl.
BVerfGE 97, 67 <78 f.> m.w.N.), muss der von einem Gesetz Betroffene grundsätzlich darauf vertrauen können, dass seine auf geltendes Recht gegründete Rechtsposition nicht durch eine zeitlich rückwirkende Änderung der gesetzlichen Rechtsfolgenanordnung nachteilig verändert wird (vgl. BVerfGE 63, 343 <353 f.>; 67, 1 <15>; 72,
200 <241 f.>; 97, 67 <78 f.>; 114, 258 <300>). Ausnahmsweise können aber zwin-

72

15/22

gende Belange des Gemeinwohls oder ein nicht - oder nicht mehr - vorhandenes
schutzbedürftiges Vertrauen des Einzelnen eine Durchbrechung des Verbots einer
„echten“ Rückwirkung gestatten (vgl. BVerfGE 72, 200 <258>; 97, 67 <79 f.>; 101,
239 <263 f.>).
cc) Dagegen ist die „unechte“ Rückwirkung („tatbestandliche Rückanknüpfung“)
nicht grundsätzlich unzulässig, denn die Gewährung vollständigen Schutzes zugunsten des Fortbestehens der bisherigen Rechtslage würde den dem Gemeinwohl verpflichteten Gesetzgeber in wichtigen Bereichen lähmen und den Konflikt zwischen
der Verlässlichkeit der Rechtsordnung und der Notwendigkeit ihrer Änderung im Hinblick auf einen Wandel der Lebensverhältnisse in nicht mehr vertretbarer Weise zu
Lasten der Anpassungsfähigkeit der Rechtsordnung lösen (vgl. BVerfGE 63, 343
<357>; 105, 17 <40>; 114, 258 <301>). Der verfassungsrechtliche Vertrauensschutz
geht insbesondere nicht so weit, den Staatsbürger vor jeder Enttäuschung zu bewahren (vgl. BVerfGE 63, 312 <331>; 67, 1 <15>; 71, 255 <272>; 76, 256 <349 f.>). Soweit nicht besondere Momente der Schutzwürdigkeit hinzutreten, genießt die bloß allgemeine Erwartung, das geltende Recht werde zukünftig unverändert fortbestehen,
keinen besonderen verfassungsrechtlichen Schutz (vgl. BVerfGE 38, 61 <83>; 68,
193 <222>; 105, 17 <40>; 109, 133 <180 f.>; 125, 104 <135>).

73

Der Gesetzgeber muss aber, soweit er für künftige Rechtsfolgen an zurückliegende
Sachverhalte anknüpft, dem verfassungsrechtlich gebotenen Vertrauensschutz in
hinreichendem Maß Rechnung tragen. Dabei sind die Interessen der Allgemeinheit,
die mit der Regelung verfolgt werden, und das Vertrauen des Einzelnen auf die Fortgeltung der Rechtslage abzuwägen (vgl. BVerfGE 30, 392 <404>; 50, 386 <395>; 67,
1 <15>; 75, 246 <280>; 105, 17 <37>; 114, 258 <300>) und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu wahren (vgl. BVerfGE 72, 200 <242 f.>; 95, 64 <86>; 101, 239
<263>; 116, 96 <132>; 122, 374 <394>; 123, 186 <257>). Eine unechte Rückwirkung
ist mit den Grundsätzen grundrechtlichen und rechtsstaatlichen Vertrauensschutzes
daher nur vereinbar, wenn sie zur Förderung des Gesetzeszwecks geeignet und erforderlich ist und wenn bei einer Gesamtabwägung zwischen dem Gewicht des enttäuschten Vertrauens und dem Gewicht und der Dringlichkeit der die Rechtsänderung rechtfertigenden Gründe die Grenze der Zumutbarkeit gewahrt bleibt (vgl.
BVerfGE 127, 1 <18>).

74

dd) Der rechtsstaatliche Grundsatz des Vertrauensschutzes hat in Art. 33
Abs. 5 GG eine besondere Ausprägung erfahren. Die hergebrachten Grundsätze des
Berufsbeamtentums sollen dem Beamten Rechtssicherheit hinsichtlich der durch
Art. 33 Abs. 5 GG geschützten Güter gewährleisten und insbesondere verhindern,
dass versorgungsberechtigte Beamte in ihrem schutzwürdigen Vertrauen darauf, im
Alter amtsangemessen versorgt zu sein, enttäuscht werden (vgl. BVerfGE 76, 256
<347> m.w.N.). Die für die Beurteilung rückwirkender Rechtsänderungen zulasten
der Beamten und Versorgungsempfänger nach Art. 33 Abs. 5 GG heranzuziehenden
Maßstäbe unterscheiden sich jedenfalls in der vorliegenden Konstellation nicht
grundsätzlich von den Maßstäben, die auch sonst für rückwirkende belastende Ge-

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16/22

setze gelten.
b) Der rückwirkenden Inkraftsetzung des § 14a Abs. 1 BeamtVG steht kein schutzwürdiges Vertrauen der betroffenen Beamten entgegen. Daher bedarf es auch keiner
nach „echter“ und „unechter“ Rückwirkung differenzierenden Würdigung.

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aa) Das durch das Rechtsstaatsprinzip und Art. 33 Abs. 5 GG gewährleistete Vertrauen auf die geltende Rechtslage ist nur schutzwürdig, wenn die gesetzliche Regelung generell geeignet ist, ein Vertrauen auf ihr Fortbestehen zu begründen und darauf gegründete Entscheidungen - insbesondere Vermögensdispositionen herbeizuführen, die sich bei Änderung der Rechtslage als nachteilig erweisen (vgl.
BVerfGE 13, 39 <45 f.>; 30, 367 <389>). Ist das Vertrauen des Bürgers auf den Fortbestand einer bestimmten Rechtslage sachlich nicht gerechtfertigt und daher nicht
schutzwürdig, ist ein rückwirkender belastender Eingriff ausnahmsweise zulässig.
Das ist etwa dann der Fall, wenn das rückwirkend geänderte Recht unklar und verworren war (vgl. BVerfGE 13, 261 <272>; 50, 177 <193 f.>; 126, 369 <393 f.>) oder
wenn ein Zustand allgemeiner und erheblicher Rechtsunsicherheit eingetreten war
und für eine Vielzahl Betroffener Unklarheit darüber herrschte, was rechtens sei (vgl.
BVerfGE 72, 302 <325 f.>).

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bb) Ein hinreichend gefestigtes und damit schutzwürdiges Vertrauen, dass es sich
bei dem Mindestruhegehaltssatz nach § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG um einen „berechneten“ Ruhegehaltssatz im Sinne des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. handele,
konnte sich unter den gegebenen Umständen nicht entwickeln.

78

(1) Der Regelungsgehalt des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. war in dieser Hinsicht
nicht eindeutig. Die Vorschrift wurde von der für die Beamtenversorgung zuständigen
Verwaltung sowie von der Instanzrechtsprechung und einem Teil der Literatur zunächst dahingehend ausgelegt, dass der „nach sonstigen Vorschriften berechnete
Ruhegehaltssatz“ nur ein auf der Grundlage der ruhegehaltfähigen Dienstzeit berechneter („erdienter“) Ruhegehaltssatz sei, insbesondere der nach § 14 Abs. 1 BeamtVG berechnete Ruhegehaltssatz. Vom Anwendungsbereich des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. ausdrücklich ausgenommen wurden die Mindestruhegehaltssätze
gemäß § 14 Abs. 4 Satz 1 und Satz 2 BeamtVG, weil beide - ohne Bezug zur tatsächlich ruhegehaltfähigen Dienstzeit - abstrakt gesetzlich vorgegeben und deshalb nicht
„berechnet“ seien.

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(2) Zwar kam das Bundesverwaltungsgericht im Urteil vom 23. Juni 2005 unter Hinweis auf Wortlaut, Gesetzessystematik sowie Sinn und Zweck des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. zu dem Ergebnis, dass auch der Mindestruhegehaltssatz nach § 14
Abs. 4 Satz 1 BeamtVG ein Ruhegehaltssatz im Sinne des § 14a Abs. 1 BeamtVG
a.F. sei. Schutzwürdiges Vertrauen auf den Fortbestand dieses Normverständnisses
konnte allein aus dieser Entscheidung indes nicht erwachsen.

80

(a) Entscheidungen oberster Gerichte, die vornehmlich zur grundsätzlichen Auslegung und Weiterentwicklung des Rechts berufen sind, wirken zwar über den ent-

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17/22

schiedenen Einzelfall hinaus als - freilich nur richtungweisendes - Präjudiz für künftige Fälle. Die höchstrichterliche Rechtsprechung erzeugt aber keine dem Gesetzesrecht gleichkommende Rechtsbindung (vgl. BVerfGE 84, 212 <227>; 122, 248
<277>). Weder sind die unteren Gerichte an die höchstrichterliche Rechtsprechung
gebunden, noch sind es die obersten Gerichte selbst. Kein Prozessbeteiligter kann
daher darauf vertrauen, der Richter werde stets an einer bestimmten Rechtsauffassung aus der bisherigen Judikatur festhalten (vgl. BVerfGE 78, 123 <126>; 87, 273
<278>). Schutzwürdiges Vertrauen in eine bestimmte Rechtslage aufgrund höchstrichterlicher Entscheidungen kann daher in der Regel nur bei Hinzutreten weiterer
Umstände, insbesondere bei einer gefestigten und langjährigen Rechtsprechung entstehen (vgl. BVerfGE 72, 302 <326>; 122, 248 <278>; 126, 369 <395>).
(b) Bis zur Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes war nicht sicher davon auszugehen, dass das Bundesverwaltungsgericht an seiner Auslegung des
§ 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. festhalten würde. Eine in dieser Richtung gefestigte
Rechtsprechung bestand nicht. Vielmehr wich das Urteil vom 23. Juni 2005 von der
bis dahin bestehenden Verwaltungspraxis sowie von der in Rechtsprechung und
Schrifttum überwiegend vertretenen Auslegung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. ab.
Zwar schlossen sich in der Folgezeit einige Instanzgerichte dem Bundesverwaltungsgericht an; zumindest ein Oberverwaltungsgericht folgte dessen Rechtsprechung jedoch nicht (vgl. OVG für das Land Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 16. Januar 2008
- 21 A 2098/06 -, juris, Rn. 30 ff.), auch stieß das Urteil auf erhebliche Kritik im
Schrifttum (vgl. Bauer/Zahn, a.a.O., § 14a BeamtVG Rn. 2 mit Fn. 2 <April 2008>;
Grunefeld, a.a.O., S. 122 <127>).

82

Im Rahmen dieser Kritik wurde darauf hingewiesen, dass die vorübergehende Erhöhung des Mindestruhegehaltssatzes nach § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG zu Ergebnissen führen kann, die über den Regelungszweck des § 14a BeamtVG hinausgehen.
§ 14a BeamtVG soll versorgungsrechtlichen Nachteilen entgegenwirken, die sich wegen der unterschiedlichen Voraussetzungen von Ansprüchen aus der gesetzlichen
Rentenversicherung und der Beamtenversorgung für den Zeitraum ergeben können,
in dem ein Besoldungsanspruch nicht mehr besteht, die für Invalidität und Alter vorgesehenen Leistungen aber noch nicht in vollem Umfang ausgeschöpft werden können (vgl. BTDrucks 10/4225, S. 21; BVerwGE 111, 93 <96 f.>; Strötz, a.a.O., § 14a
BeamtVG Rn. 1 <April 2009>). Diesem Ziel wird die vom Bundesverwaltungsgericht
vorgenommene Auslegung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. zwar gerecht. Sie vermeidet insbesondere, dass § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. in den Fällen leerläuft, in denen die Versorgungsbezüge trotz des vorübergehenden Ausschlusses des Beamten
von einer gesetzlichen Rente auch bei Einbeziehung der Pflichtbeitragszeiten nach
Maßgabe von § 14a Abs. 2 BeamtVG die Mindestversorgung nicht überschreiten.

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Sie greift jedoch über das Ziel des Gesetzgebers hinaus, soweit ein Beamter durch
die vorübergehende Erhöhung des Mindestruhegehaltssatzes nach § 14 Abs. 4
Satz 1 BeamtVG vor Erreichen der Regelaltersgrenze eine höhere Gesamtversorgung erhält, als er aufgrund von § 14 Abs. 5 BeamtVG bei Erreichen der Regelalters-

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grenze erhalten wird. Im Zeitraum zwischen dem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand bis zum Beginn des Rentenbezugs ist der Beamte dadurch quasi „überversorgt“ (vgl. OVG für das Land Nordrhein-Westfalen, a.a.O., Rn. 38; Grunefeld, a.a.O.,
S. 122 <127>). Mit diesem Aspekt setzt sich die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni 2005 nicht auseinander.
Kritik hat diese Entscheidung auch deshalb erfahren, weil die vorübergehende Erhöhung des Mindestruhegehaltssatzes nach § 14 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG zu einer
Besserstellung von Beamten, die zunächst in einem versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis tätig waren, gegenüber Beamten, die ausschließlich in einem
Beamtenverhältnis standen, führen kann, ohne dass hierfür ein sachlicher Grund ersichtlich ist. In Fällen, in denen letzteren lediglich Ansprüche auf die Mindestversorgung gemäß § 14 Abs. 4 BeamtVG zustehen, könnte bei ersteren, die Pflichtbeitragszeiten für die gesetzliche Rentenversicherung vorweisen können, trotz gleicher
Arbeits- und Dienstzeit der Mindestruhegehaltssatz vorübergehend erhöht werden.
Den versorgungsrechtlichen Nachteilen gemischter Erwerbskarrieren wird insoweit
mehr als nur entgegengewirkt, weil die Betroffenen vorübergehend eine höhere Gesamtversorgung erhalten, als ihnen zustünde, wenn die relevanten Pflichtbeitragszeiten ruhegehaltfähige Dienstzeiten wären (vgl. OVG für das Land NordrheinWestfalen, a.a.O., Rn. 31 ff.; Bauer/Zahn, a.a.O., Rn. 2 mit Fn. 2 <April 2008>). Das
Bundesverwaltungsgericht war davon ausgegangen, dass dies wegen der erheblich
abweichenden Staffelung der Sätze nach § 14 Abs. 1 BeamtVG und nach § 14a
Abs. 2 BeamtVG nur in besonderen Ausnahmefällen vorkommen werde und zudem
einer Korrektur in Anwendung des Rechtsgedankens aus § 14 Abs. 5 BeamtVG zugänglich sein könnte (vgl. BVerwGE 124, 19 <25>).

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(c) Die für die Beamtenversorgung zuständigen Behörden haben zudem ganz überwiegend keinen Zweifel daran gelassen, dass dem Urteil vom 23. Juni 2005 über den
entschiedenen Einzelfall hinaus nicht gefolgt werden solle und eine gesetzliche Klarstellung erforderlich sei. Demgemäß wurden in der Folgezeit Anträge auf vorübergehende Erhöhung des Ruhegehalts auf der Basis des Mindestruhegehaltssatzes gemäß § 14 Abs. 4 BeamtVG abgelehnt, darunter auch Anträge von Bundesbeamten,
die - wie der Kläger des Ausgangsverfahrens - beim Bundesgrenzschutz tätig waren
(vgl. VG Magdeburg, Urteil vom 6. März 2007 - 5 A 191/06 -, juris, Rn. 4; VG Berlin,
Urteil vom 5. Juni 2008 - 5 A 60.07 -, juris, Rn. 8). Jedenfalls durch die entsprechenden verwaltungsgerichtlichen Verfahren war die Haltung der Verwaltung auch allgemein bekannt. Hinzu kamen Gesetzesinitiativen auf Bundes- wie auf Landesebene,
mit denen die unveränderte Verwaltungspraxis gesetzlich abgesichert werden sollte
(vgl. BTDrucks 16/7076, S. 186; ferner etwa für Brandenburg LTDrucks 4/5154, S. 7;
für Thüringen LTDrucks 4/2616, S. 11) und die in den Ländern teilweise bereits im
Jahr 2007 zu entsprechenden Bestimmungen führten (vgl. etwa § 3 Abs. 1 des brandenburgischen Beamtenversorgungsergänzungsgesetzes, gemäß Art. 6 des Gesetzes vom 21. November 2007 <GVBl I S. 158, 162> in Kraft getreten am 27. November 2007; § 4 Abs. 1 des Thüringer Gesetzes über ergänzende Bestimmungen zur

86

19/22

Beamtenversorgung, gemäß Art. 4 des Gesetzes vom 31. Januar 2007 <GVBl S. 1,
3> in Kraft getreten am 1. März 2007).
(d) Unter diesen Umständen lag es - trotz der Gefolgschaft der Mehrzahl der Instanzgerichte - nicht fern, dass das Bundesverwaltungsgericht seine Rechtsauffassung korrigieren werde. Dementsprechend fehlte es an einer hinreichend sicheren
Grundlage für ein Vertrauen in den Fortbestand der auf dieser Entscheidung beruhenden Rechtslage. Zwar hat das Bundesverwaltungsgericht letztlich an seiner Auslegung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. festgehalten und diese gegen Kritik verteidigt
(vgl. BVerwG, Urteil vom 12. November 2009 - 2 C 29/08 -, juris, Rn. 9 ff.). Diese Entscheidung erging jedoch nach der Verkündung des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes und konnte deshalb nicht mehr vertrauensbildend wirken (vgl. BVerfGE 72, 200
<254>; 97, 67 <78 f.>; 114, 258 <300>).

87

cc) Art. 17 Abs. 1 DNeuG stößt auch unter Berücksichtigung der besonderen Bedeutung des Vertrauensschutzes im Bereich der Beamtenversorgung (oben B. I. 2. a
dd) nicht auf rechtsstaatliche Bedenken. § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F wurde rückwirkend in einem Sinne geändert, der der Verwaltungspraxis sowie der zunächst überwiegenden Auslegung dieser Norm in Rechtsprechung und Schrifttum entsprach. Die
von der Rückwirkung Betroffenen hatten sich während des ganz überwiegenden
Teils ihrer Dienstzeit darauf einzustellen, dass nur ihr „erdienter“ Ruhegehaltssatz
vorübergehend erhöht werden kann. Vor diesem Hintergrund konnten sie das Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juni 2005 nicht ohne weiteres zum Anlass
für erhebliche Dispositionen im Vertrauen auf dessen Bestand nehmen, zumal die
vorübergehende Erhöhung des Ruhegehaltssatzes auf die Zeit zwischen dem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand und dem Beginn des Rentenbezugs beschränkt ist
und spätestens mit Erreichen der Regelaltersgrenze wegfällt (vgl. § 14a Abs. 3 BeamtVG), es also um zeitlich begrenzte Dispositionsmöglichkeiten ging. Auch liegt die
mit der Rechtsänderung verbundene Rückführung der Versorgungsbezüge - beim
Kläger des Ausgangsverfahrens monatlich 69,79 €, entsprechend 3,96 v.H. der Bruttoversorgung - in einem von den Betroffenen beherrschbaren Rahmen und lässt eine
Unterschreitung des von Art. 33 Abs. 5 GG geschützten Kernbestandes der Alimentation nicht besorgen. Daher war der Gesetzgeber auch nicht verpflichtet, die Änderung des § 14a Abs. 1 BeamtVG a.F. nach Maßgabe angemessener Übergangsregelungen in Kraft zu setzen.

88

II.
Art. 17 Abs. 1 DNeuG verstößt auch nicht gegen den allgemeinen Gleichheitssatz
des Art. 3 Abs. 1 GG. Nicht durchgreifend sind die vom Bundesverwaltungsgericht im
Hinblick darauf erhobenen Bedenken, dass die rückwirkende Änderung von § 14a
Abs. 1 BeamtVG a.F. nicht eingreift, wenn Versorgungsbezüge bereits gemäß § 14a
Abs. 1 BeamtVG a.F. in Verbindung mit § 14 Abs. 4 BeamtVG festgesetzt worden
sind.

20/22

89

Bei der rückwirkenden Kürzung gesetzlicher Ansprüche steht der Gesetzgeber generell vor der Frage, wie er mit bereits rechtskräftig festgestellten oder bestandskräftig gewordenen Ansprüchen umgeht. Insoweit stehen sich zwei in gleicher Weise mit
Verfassungsrang ausgestattete Prinzipien gegenüber: Das Prinzip der (Einzelfall)Gerechtigkeit, das es gebietet, auch rechtskräftig festgestellte oder bestandskräftig
gewordene Ansprüche von der Begünstigung auszuschließen, und das Prinzip der
Rechtssicherheit, aus dem die grundsätzliche Rechtsbeständigkeit rechtskräftiger
Gerichtsentscheidungen und sonstiger in Bestandskraft erwachsender Akte der öffentlichen Gewalt folgt. Es ist Sache des Gesetzgebers, welchem der beiden Prinzipien im konkreten Fall der Vorzug gegeben werden soll (vgl. BVerfGE 15, 313 <319>;
19, 150 <166>; 29, 413 <432>; 48, 1 <22>; 72, 302 <327 f.>).

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Danach ist es nicht zu beanstanden, dass der Gesetzgeber für die Gruppe der Versorgungsempfänger, deren Versorgungsbezüge bereits rechtskräftig festgesetzt und
ausbezahlt worden sind, der Rechtssicherheit den Vorrang gegenüber der (Einzelfall)Gerechtigkeit eingeräumt hat. Dies gilt umso mehr, als diese Gruppe ohnehin vor
der Erstattung der aufgrund der rückwirkenden Änderung des § 14a Abs. 1 BeamtVG
a.F. zuviel gezahlten Beträge geschützt wäre (vgl. § 52 Abs. 1 BeamtVG).

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Voßkuhle

Lübbe-Wolff

Gerhardt

Landau

Huber

Hermanns

Müller

Kessal-Wulf

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Bundesverfassungsgericht, Beschluss des Zweiten Senats vom 2. Mai 2012 2 BvL 5/10
Zitiervorschlag BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 2. Mai 2012 - 2 BvL 5/10 Rn. (1 - 91), http://www.bverfg.de/e/ls20120502_2bvl000510.html
ECLI

ECLI:DE:BVerfG:2012:ls20120502.2bvl000510

22/22

