Frühlingsstürme

I.

Die Sonntagsglocken läuteten.

Tiefe Stille lag über den Straßen der Hauptstadt, aber nicht die friedliche, erquickende Feiertagsruhe, wie sie voll heiliger Klarheit über Wald und Flur ausgebreitet liegt, sondern eine dumpfe Regungslosigkeit, ein Schweigen, wie dasjenige schwerster Erschöpfung, wie eine Todmüdigkeit, welche mit halboffenen Augen in bleiernen Schlaf sinkt. –

Glühend heiß brütete die Mittagssonne auf dem Häusermeer, – jeder Mauerquader schien unerträgliche Hitze auszuströmen, kein Hauch, – höchstens eine schwüle Duftwoge von Brand- und Gasgeruch, von all dem widerlichen Gemisch ungesunder Ausdünstungen, welche im Umkreis die Großstadtluft schwängern.

Die Droschkenpferde stehen mit tief geneigten Köpfen regungslos im Schatten, selbst der Futterbeutel hängt schlaff und noch halbgefüllt an den Mäulern, sie träumen melancholisch vor sich hin, und nur dann hebt sich müde lauschend ein Ohr am Kopfe, wenn der Kutscher das gewaltige Bierglas mit beiden Händen hebt und einen langen, gierigen Zug thut. –

Blasse, mattäugige Gestalten schleichen von Thür zu Thür, – an den Kellertreppen liegen und kauern elende Kinder, welche selbst zum spielen zu müde sind und mit zwinkerndem Blick an den Hausriesen emporstarren, deren grellbestrahlte Mauern mit den verhängten Fensterreihen die Augen blenden, daß sie schmerzen. –

Und hier ist noch ein besseres Stadtviertel, die elegantere Gegend, wo die Fabrikschornsteine noch nicht aufragen, wo Plätze mit bestaubten Anlagen die einförmigen Häuserreihen unterbrechen und kleine Vorgärten sich hier und da als wohlthuende Abwechslung zu dem schier schmelzenden Asphalt vorschieben.

Es ist eine gute Gegend, aber doch nicht das »Geheimratsviertel«, wo prunkende Villen den Stadtpark säumen und luxuriöse Gärten hinter hohen Goldgittern eine Idylle inmitten der Prosa endloser Steinwüste zaubern! –

Und dennoch stehen auch sie jetzt leer und verlassen, lediglich ein Erholungsplätzchen der Portiers und daheimgebliebenen Dienerschaft, deren reiche Gebieter sich an den Strand der See oder in die Waldesschatten des Hochgebirges flüchteten, um in elegantem Bad zu vergessen, daß zu Hause in der Residenz das Thermometer von Tag zu Tag höher steigt, so hoch, daß die Wirtschafterin in ihrem Wochenbericht mit der verzweifelten Klage schließt: »Es ist kaum zu ertragen!« –

Wer dem Molochrachen dieses Häusermeeres entrinnen kann, der enteilt, und manch seufzender Familienvater bringt schwere Opfer, um Weib und Kind während der Ferienzeit in Licht und Luft hinaus zu retten. Da bleibt kaum noch eine Familie zurück, – selbst für die Ärmsten gibt es Ferienkolonien, wo Waldesschatten und Seeluft Leib und Seele erquicken. Wohl dem, welcher reisen kann, welchen weder Pflicht noch Armut unter diese Bleidächer bannt! –

Langsam, den Kopf nachdenklich gesenkt, schritt ein halbwüchsiger Knabe durch die sengende Glut der Straße. Groß und schlank aufgeschossen, ein wenig vornüber geneigt, wie ein junger Stamm, welchem noch die Kraft fehlt, sich markig aufzurecken, die Glieder eckig und etwas unbeholfen in der Bewegung, zeigte er dennoch in seinem ganzen Äußern und Wesen die gute Kinderstube, in welcher er groß geworden.

Der Anzug war einfach, aber tadellos, und gutsitzende Handschuhe bewiesen, daß ihr junger Träger es gewohnt war, äußeren Formen zu genügen.

Seine Augen, groß und tiefblau, von dunkeln Wimpern beschattet und sehr energisch gezeichneten Brauen überwölbt, blickten ernst, beinahe kummervoll aus dem blassen, großgeschnittenen Gesicht, welches trotz seines jugendlichen Aussehens dennoch den Eindruck eines ernstdenkenden, gereiften Mannes machte.

Es lag ein feiner Leidenszug um die Lippen, welchen nur die Erfahrung und der volle Ernst des Lebens in junge Gesichter schneiden kann.

Mehr denn je trat er in dem farblosen Antlitz hervor, als der Sekundaner tief aufatmend in den hochgewölbten, mit der modernen Eleganz der Großstadt ausgestatteten Hausflur trat, an dessen Decke reicher Stuck seine vergoldeten Muster zeigte, und Ölgemälde an den Wänden auf zierliche Blattpflanzenarrangements niederblickten.

Hier war es kühl! Hier konnnte man etwas aufatmen, und wenn die Luft auch noch immer erstickend auf die Lungen fiel und durch die verschlossenen Entreethüren ein häßlicher Geruch von Kampher und Naphthalin drang, es war doch nicht die nervenmordende Glut, welche die Straßen und südlich gelegenen Zimmer unerträglich machte!

Der junge Mann seufzte tief auf, nahm das kleine Gebetbuch aus der rechten in die linke Hand, und fuhr mit dem einfachen, weißen Taschentuch, in dessen Ecke jedoch ein elegantes Monogramm unter siebenzackiger Krone von fleißigen Händen erzählte, über die feuchtperlende Stirn. – Es lag etwas Gemessenes, beinahe Pedantisches in seinem Wesen, etwas Umständliches, was ihn älter erscheinen ließ, als er war. Müde, mit beinahe schleppenden Schritten stieg er die teppichbelegten Stufen empor – eine Treppe – noch eine – und abermals eine. – Mechanisch schweifte sein Blick über die Thürschilder, an welchen er vorbeischritt. – Meist gute Namen – ein Oberst a. D. – ein Baumeister – ein Sanitätsrat – ein Hauptmann – glückliche Menschen, – sie sind alle fortgereist! – Hinaus in die schöne, – sommerliche, – herrliche Gotteswelt voll Harzduft und Vogelfang, voll Wellenrauschen und Seewind – ach, daß auch er die Arme ausbreiten und mit vollen Lungen einmal durchatmen könnte! – So wie früher in jenen besseren Zeiten, wo auch bei ihnen alljährlich die Koffer gepackt wurden, wo er auf die Berge steigen und im Dünensand wühlen konnte! O selige Erinnerung! Was gäbe er darum, könnte sie noch einmal wiederkommen, noch einmal Wahrheit werden!

Mit wehmütigem Lächeln bleibt er stehen und ruht einen Augenblick aus. Ja, auch für ihn wäre es eine Wohlthat! Aber wie gerne würde er dennoch darauf verzichten, könnte er nur für sein so heißgeliebtes, herziges Mütterchen solch' eine Erholung schaffen! – Für ihn wäre es nur eine Erquickung. Aber für sie wäre es neuer Lebensodem, für sie ist es eine Notwendigkeit! –

Mit beinahe bitterem Ausdruck mustert er das elegante Treppenhaus. Warum müssen sie in der teuren Wohnung wohnen? Warum ihr Geld für Dinge ausgeben, von welchen sie so gar nichts haben? Ware es nicht besser, anstatt all dieser Äußerlichkeiten lieber nützlichere und notwendigere Dinge zu bedenken? Wie erschreckt über sich selber schüttelt der junge Mensch den Kopf. Welch ketzerische Gedanken kommen ihm so plötzlich! Hat er ganz und gar die Grundsätze vergessen, in welchen er erzogen ist? – Noblesse oblige! – Dieses Wort ist ihm sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen, er hat an seiner schier heiligen Kompetenz nie zu rühren gewagt, er hat es anerkannt und respektiert, wie man sich die zehn Gebote ohne zu mangeln und zu handeln zum Gesetz macht. –

Noblesse oblige! – Seit er den Klang dieses Wortes kennen lernte, hat er es als Pflicht erachten müssen, als eine ernste, heilige Pflicht, als Vermächtnis seines Vaters und der Vorväter, welche diesem aristokratischen Begriff wohl noch andere Opfer brachten, als wie eine Badereise!

Und gleichsam, als müsse er jede Spur solcher frevelnden Gedanken fortwischen, strich er noch einmal hastig mit der Hand über die Stirn und trat mit energischem Schritt vor die eichengeschnitzte Entreethür des dritten Stockes, an welcher auf weißem Porzellanschild der Name der Bewohner zu lesen stand: »Generalleutnant Freiherr von Torisdorff.«

Die blauen Augen leuchteten unwillkürlich auf, als ihr Blick diese Worte traf, und gleichsam als ginge eine wunderbare, geheimnisvolle Kraft, welche Mark und Bein stählt, von ihnen aus, richtete und reckte sich die hagere Gestalt des Knaben, stolz und selbstbewußt hob sich das Haupt in den Nacken, und um die schmalen Lippen spielte ein Lächeln, welches auch ohne Worte zu sagen schien: »Ja, Noblesse oblige! – Der Name Torisdorff darf nicht auf dem Thürschild einer Mietskaserne stehen, er gehört in diese Umgebung und soll in derselben verbleiben! Die Sommerhitze bleibt nicht ewig, der Winter entschädigt uns für unsere jetzigen Leiden, aber der gute Klang unseres Namens muß beide überdauern!«

Der Glockenton schrillte auf dem Vorplatz, – ein paar Minuten vergingen, dann rasselte die Sicherheitsräte und ein sauberes Stubenmädchen in weißer Schürze und Hamburger Häubchen öffnete.

»Mama zu Hause?« – klang es ihr hastig entgegen. Das Mädchen knixte mit besorgtem Blick. »Ach, wie gut, daß Sie kommen, junger Herr! – Excellenz befinden sich heute wieder schlecht, – der Herr Doktor ist im Salon, und flüsterte mir zu, daß er nachher Herrn Josef gern ein paar Minuten sprechen möchte!« –

Ein jähes Erschrecken ging über die Züge des Sekundaners, sein Gesicht sah noch bleicher aus wie sonst, er preßte die Lippen wie unter physischem Schmerz.

»Lina – hat – hat Mama wieder einen Anfall gehabt?«

»Es war nicht schlimm! Durchaus nicht schlimmer als sonst! Das alte Asthma! Excellenz sind auch aufgestanden und befinden sich im Salon!« –

»Gott sei Lob und Dank!« – Josef schritt hastig an der Jungfer vorüber und wollte sich nach der Salonthür wenden, als dieselbe geöffnet ward und ein alter Herr ihm entgegen trat. –

»Ach, da kommt unser frommer Kirchgänger just zurück, Excellenz!« – rief er mit liebenswürdiger Geste in das Zimmer zurück, »gerade zur rechten Zeit! Darf mir wohl erlauben, die verstauchte Hand noch einmal zu untersuchen, ob sie völlig wieder intakt ist. – Auf Wiedersehen, Excellenz, in zwei Minuten soll ihr jüngster Verehrer Ihre Hand küssen, so lange beanspruche ich ihn noch! –

Lachend schloß der Sprecher die Thür, stellte den nach zartem Lavendel duftenden Cylinder auf die kleine Marmorkonsole und streckte Josef die Hand entgegen.

»Treff' ich den Junker hie? –
Zu Hause weilt er selten,
Bei mir erscheint er nie!«

recitierte er scherzend, und mit einem heimlichen Wink nach einer Seitenthür, schob er den jungen Menschen schnell durch dieselbe in ein kleines, einfenstriges Schlafzimmerchen, an dessen Wänden hohe Bücherregale von dem Wissensdurst seines Bewohners Kunde gaben.

Die Ausstattung der Stube war elegant und geschmackvoll und bewies, daß eine liebevoll sorgende Hand dem Sohn das warme Nestchen bereitete.

Der junge Torisdorff schob dem Arzt mit leicht bebender Hand einen großen, geschnitzten Sessel, welcher vor dem Schreibpult stand und als Erbstück des verstorbenen Vaters auf den Sohn überkommen war, zu, und bat Platz zu nehmen, der Hofrat aber wehrte eilig ab, legte beide Hände auf die Schultern Josefs und sagte kurz und eindringlich: »Ihre Mutter ist krank, mein junger Freund, kränker als wie mir lieb ist. Noch ist's Zeit, das Übel im Keim zu ersticken, aber es muß sofort etwas geschehen, – etwas Energisches –«

»Ach die Hitze! ich dachte es mir!« – stöhnte sein Gegenüber mit blassen Lippen auf.

»Die Hitze? – Im Gegenteil – die Hitze ist noch nicht das Schlimmste für Excellenz, der Winter ist mir bei weitem bedenklicher! Ich würde es ja sehr angenehm finden, wenn ich Ihre Frau Mutter auch jetzt in schöne, reine Waldluft schicken könnte, das ist selbstverständlich, sie würde ihr herrliche Dienste thun, – aber die Hauptsache, – sie müßte nicht nur jetzt – sie müßte auch im Winter in ein wärmeres Klima! Überhaupt müßte diese so zarte, leidende Frau ganz anders gepflegt werden! Nicht drei Treppen hoch wohnen, das ist bei ihrer schwachen Lunge Gift! Ferner ein geschützter großer Balkon, – am besten eine andere Gegend – etwas freier nach dem Park zu, – damit sie die Anlagen schneller erreichen kann! Wenn sie sich erst in den staubigen, heißen Straßen müde laufen muß, hat sie keine Erholung von ihren Promenaden! Ihre Frau Mutter denkt so gleichgültig über sich, – jeden Vorschlag, welchen ich ihr mache, weist sie in ihrer engelhaften Anspruchslosigkeit zurück, ja sie hat sogar die Absicht, weder im Sommer noch im Winter zu reisen! Das ist undenkbar! Das ist ihr Verderben! Sie muß etwas für sich thun, wenn sie gesunden will! Und darum wende ich mich an Sie, lieber Josef, und bitte Sie inständigst, mir einmal ehrlich Red' und Antwort

zu stehen! Ich darf Excellenz unmöglich sagen, wie ernst es mit ihrer Gesundheit steht, – Ihnen kann und muß ich es jedoch, denn ich bedarf Ihres Beistandes, um die Kranke zu den notwendigen Schritten zu veranlassen.«

Nach Atem ringend, mit niedergeschlagenen Augen stand der Sohn der verwitweten Generalin vor dem Arzt, – Röte und Blässe wechselten auf seinem Antlitz, tiefe Schatten senkten sich um die Augen. Als er nicht antwortete, neigte sich der Hofrat näher zu ihm hin, legte den Arm um den Nacken des jungen Mannes und sagte leise: »Verzeihen Sie mir, Josef, wenn ich indiskret erscheine, der ganze Schnitt Ihres Hauses macht mir nicht den Eindruck, als ob Excellenz aus finanziellen Rücksichten ihre Pflege vernachlässigt, – oder – pardon – mein lieber, junger Freund – ist dies doch der Fall?« –

Josef wechselte abermals voll tödlichster Verlegenheit die Farbe. »Ach – die teuern Eisenbahnfahrten!« stotterte er mit zuckenden Lippen.

»Teuer? – I wo sind denn unsere Bahnen teuer! Es giebt ja gottlob Damencoupés dritter Klasse.« –

»Dritter Klasse!« – wie ein Schrei des Entsetzens klang es, »darin fährt Mama nicht! Nie! O, Sie ahnen nicht, wie ungeheuer streng meine Mutter in dieser Beziehung denkt –!«

Ein feines Lächeln spielte um die bartlosen Lippen des alten Herrn: »Doch mein lieber Josef, doch ahne ich es und gerade darum wandte ich mich an Sie. Ich stehe Excellenz zu fern, um meinen Einfluß genügend geltend machen zu können, aber Sie als Sohn haben das Recht, gegen thörichte Vorurteile anzukämpfen! Und dieses Recht wird jetzt zur Pflicht! Es gilt Leben und Gesundheit Ihrer Mutter. Geschieht nicht so bald als möglich etwas Eingreifendes, ist ihre Lunge nicht mehr zu retten. Wollen Sie Ihre Mutter, das Liebste was Sie auf der Erde besitzen, einem Hirngespinst opfern? Wollen Sie es dulden, daß die zarte Frau zu Grunde geht, lediglich darum, weil sie nicht dritter Klasse fahren, nicht in einem bescheidenen Stübchen wohnen und in einem Hotel zweiten Ranges essen will? – Lächerlich! Ich bin ein praktisch denkender Mann und sage: es ist besser, nicht standesgemäß leben, als standesgemäß sterben! – Weg mit der falschen Eitelkeit, diesem wertlosen Plunder, welcher im neunzehnten Jahrhundert keinen Kredit mehr hat! – Huldigen Sie etwa selber den Ansichten Ihrer Frau Mama, so machen Sie sich frei davon, wenn Sie nicht die schwere, entsetzliche Verantwortung auf sich laden wollen, an dem Sterben und Verderben der kranken Frau mitgearbeitet zu haben! In Ihren Händen liegt es, sie dem Leben zu erhalten, – zeigen Sie, daß Sie ein treuer, opfermutiger Sohn sind, – lassen Sie Ihre Liebe größer sein, wie den in dieser Beziehung so falschen Wahlspruch: »Noblesse oblige« – welchen ich leider nur zu oft von Excellenz zur Antwort erhielt! – Reden Sie zur Vernunft, schnüren Sie ein einfaches Bündelchen und fahren Sie ruhig dritter Klasse zu einem billigen Landaufenthalt – ich schicke Ihnen Adressen. Brauchen ja die ›Excellenz‹ nicht in die Kurliste zu schreiben! So, nun nehmen Sie mir meine ehrlichen Worte nicht übel, – ich mußte sie zu Ihnen sprechen, wenn ich kein gewissenloser Mensch sein wollte! – Also frisch ans Werk! Sie haben Geist und Einfluß genug, um segensreich wirken zu können, also thun Sie es! – Gott befohlen!« –

Linden drückte die Hand des jungen Mannes, griff hastig nach dem Hut und war – eilig wie immer – im nächsten Augenblick hinter der Thür verschwunden. Josef aber preßte die bebenden Hände gegen das Antlitz und fühlte, wie heiße, brennende Thränen unaussprechlicher Qual aus seinen Augen stürzten. Seine Mutter, seine so innig, über alles geliebte Mutter krank, – so krank, daß sie nur kostspielige Reisen retten können, – o, dies war ein Gedanke, welcher ihn zu vernichten drohte!

Selbst die billigste Reise – selbst eine Fahrt dritter Klasse würde für die so bescheidenen Verhältnisse der Offizierswitwe unerschwinglich sein! Und würde sie auch wahrlich alle Vorurteile überwinden, würde sie sich auf sein Bitten und Flehen wirklich in Verhältnisse schicken, welche ihrer ganzen Natur als etwas Unerträgliches zuwider sind, es würde dennoch an dem Kostenpunkt scheitern. – Ach, der Hofrat ahnt es nicht, wie sehr sie sich einschränken müssen, wie ihre kleine Rente so völlig von all den Äußerlichkeiten, welche ein standesgemäßes Leben fordert, aufgezehrt wird!« –

Wie soll er da Hilfe schaffen? Was soll er thun, um das heißgeliebte, teure Leben der Mutter zu retten? Noch nie hat er den Fluch der Armut so furchtbar, so namenlos bitter empfunden wie in diesem Augenblick hilfloser Verzweiflung.

Was soll er thun, – er, dem es der Arzt zur Pflicht gemacht hat, zu helfen? –

Er kann noch kein Geld verdienen, – er kann nichts – gar nichts! – Wahrlich nichts? –

Sein Blick fällt auf das kleine Gebetbuch, welches noch vor ihm auf dem Tisch liegt, – und er hört plötzlich die Orgel spielen – er hört die Stimme seines ehemaligen Privatlehrers, des jungen Dekans, welcher in der Scheidestunde die Hände auf sein Haupt legte und mit seiner lieben, ernsten Stimme sprach: »Vergiß nicht, Josef, daß ich dich beten lehrte! – Es kommt wohl noch einmal die Zeit, da du nichts auf der Welt zum Trost hast im Leid, denn dein Gebet!« Konnte er wahrlich nichts für seine Mutter thun? O ja, das beste, was ein Sohn in Liebe thun kann, – beten. –-

Über seinem Bett hing das Bild der Mutter Gottes, sie, welche auch einen Sohn geliebt, – bis in den Tod.

Zu ihr hob er die thränenfeuchten Augen und betete.

»Hilf mir! – rette sie!« –

»Josef! – wo bleibst du?« –

Der junge Torisdorff erhob sich, strich über die Augen und atmete tief auf.

Es war ihm plötzlich so leicht und zuversichtlich ums Herz, und die Stimme der Mutter schien ihm wie ein Ruf der Erlösung. Man nannte ihn schon seit Jahren einen Schwärmer, und sein Vater hatte oft etwas mißbilligend die Stirn gekraust: »Der Dekan erzieht einen Kleriker aus meinem Sohn! Unsinn, ein Torisdorff taugt nicht für die Kutte, – Soldat soll er werden!«

Seine Frau aber hatte mit weicher Stimme geantwortete »Laß ihn gewähren! Gottesfurcht und Frömmigkeit sind auch für einen Soldaten gute Mitgift! Und der Dekan hat einen so vortrefflichen Einfluß auf Josef! Das allzuviel seiner kindlichen Schwärmerei wird die rohe Hand des Lebens schon bald genug abstreifen, und was bleibt, ist der gute Kern, welcher Sturm und Wetter überdauert!«

So war der Knabe unter zwei mächtigen Einflüssen aufgewachsen, – unter demjenigen des Vaters und demjenigen seines Privatlehrers. Der alte Generalleutnant war die Verkörperung soldatischen Ehrbegriffs und aristokratischer Korrektheit. Seine Ansichten wurzelten noch tief in der Vergangenheit, wo der Edelmann Träger von Idealen war, wo sich Ritterlichkeit und Noblesse nicht nur in der Gesinnung zeigten, sondern sich auch in Äußerlichkeiten bethätigen mußten, wo das, was am fin de siècle zum unnötigen Aufwand geworden, noch als Taktbegriff, ja direkt als Pflicht seine Ansprüche an den Adel stellte. –

In jener Zeit glänzten die Wappenschilder noch golden, und im Schoß der eigenen Scholle barg sich noch ein Segen, welcher dem schönen Worte »
Noblesse oblige« den nötigen Nachdruck verleihen konnte. Damals konnte der Adel seinen Verpflichtungen noch gerecht werden, und er that es mit höchstem Opfermut bis zur heroischen Selbstverleugnung, indem er all sein Hab und Gut, bis auf die Schmuckstücke und Zöpfe der Frauen und Töchter herab, auf dem Altar des Vaterlandes opferte, als die heiligen Flammen der Begeisterung während der Befreiungskriege emporlohten. –

Die Vaterlandsliebe und der Idealismus gingen Hand in Hand. Trotz des einschneidenden Wandels in den meisten Verhältnissen hielt die Pietät der Kinder dennoch an den Ansichten und Gepflogenheiten der Väter fest, sie waren ihnen zu Fleisch und Blut geworden, sie ließen sich nicht verleugnen, wie man nicht willkürlich die Gesichtszüge ändern kann, welche in ihrer Ähnlichkeit das Antlitz der Eltern spiegeln.

Auch Excellenz Torisdorff war in der Atmosphäre eines Grundbesitzes aufgewachsen, auf welchem noch der Geist vergangener Zeiten durch die so schlicht und einfach gewordenen Säle und Zimmer wehte. Die Titel waren geblieben, die Mittel aber von Jahr zu Jahr bedenklicher zusammengeschmolzen, so daß nur der äußerste Fleiß und die praktischste Ökonomie des Vaters, den ehedem so reichen Besitz der Familie erhalten konnte.

Die Lebensweise, die Erziehung der Kinder war schlicht und anspruchslos, dennoch wurde das einfachste Mahl von dem Diener in großer Livree serviert, und man setzte sich zu Pellkartoffeln und Hering mit derselben würdevollen Feierlichkeit nieder, wie ehemals die Groß- und Urväter in diesem Saal ihre opulente Speisenfolge eingenommen hatten. Die alte Kutsche hätte längst einem modernen, eleganten Landauer Platz machen müssen, und wer sie in ihrer ganzen, fadenscheinigen Dürftigkeit hätte stehen sehen, würde es nicht an Spott und Witz haben fehlen lassen, – wenn aber vier gut geschirrte Pferde davor gingen, und Kutscher und Diener in Gala darauf saßen, – wenn die hohen, imponierend stolzen Gestalten der Gutsherrschaft voll etwas altfränkischer Grandezza einstiegen – dann war das Ganze ein so harmonisches Bild, daß es nie seinen guten Eindruck auf den Beschauer verfehlte. Noblesse oblige! Die Töchter heirateten nicht unter ihrem Stand, sondern wurden – falls sich kein geeigneter Freier fand, – Stifts- oder Hofdamen, je nachdem es Neigung und Begabung bestimmten und die jüngeren Söhne hatten lediglich die Wahl zwischen Studium und Militärdienst, während der älteste das Gut übernahm und es im Sinne der Eltern weiterbewirtschaftete. –

Staatsdienst oder Militär! – Jeder andere Beruf war für einen Torisdorff ausgeschlossen, und wenn ein noch so eminentes Talent die glänzendste Künsterlaufbahn garantierte, oder besondere Passion oder Befähigung für den Kaufmannsstand sprach, – solch ein Gedanke allein wäre Verrat an den Traditionen der Familie gewesen.

Josefs Vater war der drittgeborene Sohn. Da zu dem Studium die Mittel nicht ausreichten, ward er für die militärische Laufbahn bestimmt. Sie sagte ihm zu, – er war ein geistvoller, strebsamer Offizier, welcher sich trotz seiner knappen Zulage als allgemein beliebter Kamerad in den besten Regimentern hielt und gute und schnelle Carriere machte.

Da ihm seine strenge Gesinnung eine Geldheirat als verächtlich, – ja geradezu ehrlos erscheinen ließ, und diejenigen Damen, für welche sein Herz in Liebe entbrannte, nicht in der Lage waren, einen mittellosen Leutnant heiraten zu können, so entsagte er der Ehe, bis ihm seine Einkünfte gestatten würden, ganz nach Neigung zu wählen. Er war bereits Oberstleutnant, als sich sein Schicksal entschied, und er das Ideal all seiner Träume in der reizenden Gräfin Ines Hagendorf verkörpert fand. –

Die junge Dame war früh verwaist und in einem königlichen Stift erzogen worden, – alsdann, sehr jung noch, der Kronprinzessin als Hofdame zuerteilt, mit welcher sie anfänglich längere Zeit auf Reisen und der Kränklichkeit der hohen Frau wegen in tiefer Zurückgezogenheit auf einem südlich gelegenen Schloß lebte.

Anläßlich einer Denkmalsenthüllung lernte Ines den Freiherrn von Torisdorff kennen, auf welchen die schlanke, so äußerst anmutige Blondine sogleich einen derart tiefen Eindruck machte, daß er voll glühender Leidenschaft um sie warb, und sie noch vor Schluß der ersten Saison als Braut in die Arme schloß.

Obwohl der Altersunterschied zwischen dem Paar ein sehr großer war, garantierte die gegenseitige sehr innige Zuneigung doch ein großes Glück, welches sich auch während der ganzen Ehe bethätigte. Dennoch war dieselbe eine jener unverantwortlichen, bei welchen nur an die Gegenwart, aber nicht an die Zukunft gedacht wird. –

Beide Ehegatten besaßen kein Vermögen, beide waren in mancher Beziehung verwöhnt und durch Namen und Stellung zu einem geselligen Leben gezwungen, bei welchem keine Ersparnisse zu machen waren.

Das hohe Gehalt des Freiherrn gestattete ja ein in jeder Beziehung behagliches Leben, und Ines, viel leidend und von einer sylphenhaften Zartheit, welche den besorgten und verliebten Gatten veranlaßte, sie auf Händen zu tragen, umgab sich gern mit einem Komfort, welcher ihrem eigenartigen Wesen erst die rechte Folie zu geben schien. –

Der einzige Sohn, welcher dem Ehepaar geboren wurde, wuchs, verhätschelt und verwöhnt wie ein kleiner Prinz, umgeben von zärtlichster Liebe und all den Huldigungen derer, welche in dienstlichen Beziehungen zu dem Vater und gesellschaftlichen zu der Mutter standen, als »Sohn des Regiments« gleich einem Bäumchen im Sonnenschein auf. –

Glückliche Kinderjahre! Seliges Genießen alles Schönen und Begehrenswerten, ohne Sorge, ohne Kummer, bestrahlt von dem Nimbus des höher und höher steigenden Vaters, – bis plötzlich die Nacht hereinbrach, welche all die blendende Helle in trostloser, grausamer Öde und Dunkelheit untergehen ließ! –

Ein Sturz von höchster Höhe in beklagenswerteste Tiefe!

Ein Schlaganfall machte dem Leben des Vaters ein jähes, unerwartetes Ende.

Die junge Witwe und ihr Söhnchen blieben ohne nennenswertes Vermögen, lediglich auf die spärliche Pension angewiesen, zurück.

Welch ein grauenvoller Umschwung! Unerträglich für eine Frau, welche so sehr des Sonnenscheins und des Glücks bedurfte, um ihre zarte Blumenseele zu erhalten!

Was sollte sie beginnen? Sich losreißen von allem, was ihr lieb und unentbehrlich war, und sich in einem bescheidenen Winkel verstecken, um kümmerlich ihr Leben zu fristen? – Nein, lieber sterben! Der Name Torisdorff durfte nicht im Armenviertel untergehen, – Noblesse oblige! –

Eine wohlhabende Verwandte nahm sich der jungen Frau an, – bei Hofe interessierte man sich voll warmer Teilnahme für die ehedem so glückliche, gefeierte Begleiterin der Kronprinzeß. Von allen Seiten erwies man ihr Freundlichkeiten und so wurde die Einsame voll doppelter Aufmerksamkeit in den ihr gewohnten Kreisen festgehalten.

Und Ines sagte sich abermals: »
Noblesse oblige!« – dieses Lieblingswort des verstorbenen Gatten, welches derselbe ihr und seinem Sohn so oft als Richtschnur fürs Leben gegeben, und sie richtete mit Hilfe der Tante ihr Leben ein, daß kein Schatten auf den blanken Schild der Torisdorff fallen konnte.

Eine Wohnung im guten Stadtviertel, in elegantem Haus, – ein Heim, in welchem man aus dem ehemaligen luxuriösen Quartier ein vornehm behagliches Nestchen einrichten konnte.

Die Menschen sehen ja nur, was vor Augen ist! Dementsprechend muß der Zuschnitt, das Äußere sein, – wie sie und Josef sich hinter den Coulissen einschränken, das wird nie jemand erfahren und ahnen. – Noblesse oblige« –

All die vielen, vorteilhaften Beziehungen, welche Excellenz zeitlebens kultiviert hat, dürfen nicht abgebrochen werden, – um des Sohnes willen nicht. Josef muß Konnexionen haben, wenn er dereinst als mittelloser Offizier in die Armee eintritt, – ohne thatkäftige Hilfe von oben kann nichts aus ihm werden, denn er ist leider Gottes allzusehr das Kind seiner kränklichen Mutter. Ines gab ihn auch darum nicht in das Korps, ihre ganze Seele hängt an dem Liebling, dem einzigen Glück, welches ihr noch geblieben!

Wird er überhaupt Soldat werden können? – Dieser Gedanke peinigt und quält die besorgte Mutter Tag und Nacht. – Was soll sonst aus ihm werden? Zum Studium reicht die Witwenpension nicht – und ein anderer Beruf? – Er ist ein Torisdorff! er kann und darf nichts ergreifen, was nicht standesgemäß ist! – Noblesse oblige!

Priester! – Ja, Priester, – das wäre noch die einzigste Möglichkeit, – die katholische Kirche sorgt für die Söhne ihrer glaubenstreuen Edelleute, und Josef würde gewiß zu Rang und Ehren steigen – – aber seine Jugend – sein Herz – sein Glück ist geopfert!

Die jugendliche Excellenz, welche selber so gern gelebt und so heiß geliebt hatte, schlägt bei solchen Gedanken die Hände voll Entsetzen vor das zarte Antlitz.

Ihr einziges Kind! – Ihr Liebling! – Nein, tausendmal nein! Er soll auch glücklich werden! Aber wie? Ach, daß sie es mit ihrem Herzblut erkaufen könnte, das Glück! – Wer aber handelt es ihr ein?

Voll bitterer Qual ringt sie oft die feinen, ringgeschmücktcn Hände, welche wie blasse Rosenblätter in ihrem Schoß ruhen; sie ist viel zu matt, viel zu kraftlos, um voll kühnen Muts den Kampf mit dem Schicksal wagen zu können, – für ihr Kind! –

II.

Josef folgte dem Ruf der Mutter.

Noch einmal hatte er sorgsam glättend über das wellige Haar gestrichen und voll peinlicher Genauigkeit den Staub von dem dunkeln Sonntagsrock gebürstet. Er war es so gewöhnt, den Salon der Mutter von Kindheit auf als ein gewisses Etwas anzusehen, welches Respekt und Achtung erheischt, welches seine Ceremonie vorschreibt und stets mit dem Gefühl: »Eine Auszeichnung dadurch zu erfahren« betreten wird.

Auch heute lag der Ausdruck würdevoller Feierlichkeit auf den schmächtigen Zügen des Sekundaners, als er die Portière teilte und in das süßduftende, dämmerig stille Zauberreich seiner angebeteten Mutter eintrat.

Excellenz Torisdorff lag auf dem Divan, welcher mit geschmackvoller Genialität unter die breiten Fächerblätter trefflich gepflanzter Palmen geschoben war. Der Salon zeigte noch unverändert die gediegene Eleganz, mit welcher der verstorbene General die geliebte Frau umgeben hatte.

Goldgestickte Decken, von einer Orientreise heimgebracht, drapierten mit starren Seidenfalten die Wände, sorglich jedes Fleckchen Tapete verhüllend, welches die prächtigen Gemälde, – Erbstücke aus der Ahnengallerie der Hagendorfs, – sowie die Meißner Figuren und Bronzevasen auf den Goldkonsolen, noch freigelassen hatten.

Krystallfunkelnde Armleuchter, mit dem großen Lüster harmonierend, genial gemalte Sessel und Tischchen, weiche Atlaspolster und schwellende, spitzenüberrieselte Kissen füllten den Raum, welcher trotz seiner prächtigen Ausstattung dennoch den Charakter außerordentlicher Gemütlichkeit trug.

Die vielen, kostbaren Hochzeitsgeschenke der Fürstlichkeiten und Hofgesellschaft, welche die so sehr beliebte Hofdame ehemals besonders reich bedacht, repräsentierten einen Kunstwert, welcher der ganzen Torisdorffschen Wohnung das Gepräge größter Wohlhabenheit verlieh und die glänzende Maske war, hinter welcher sich Frau Sorge mit dem Thränentüchlein versteckte. –

Der ganzen Umgebung angemessen war die Erscheinung der Besitzerin, welche trotz aller Einfachheit ihre Persönlichkeit mit einem Reiz zu umgeben wußte, wie es nur wirklich vornehmen Frauen eigen ist, welchen es zur zweiten Natur geworden, durch guten Geschmack zu wirken.

Die Sommerhitze machte sich selbst hier in dem so tief verhängten und geschützten Salon bemerkbar, darum trug Excellenz ein Morgenkleid von weißem Batist, – durchaus schlicht in Form und Ausschmückung, eine Arbeit ihrer eigenen, fleißigen Hände, welche mit Hilfe der einzigen

Dienerin die Nähmaschine handhabten, zur Verzweiflung Josefs, welcher diese Arbeit in hohem Grade schädlich für die zarte Frau hielt.

Aber was half es! Die teueren Schneiderrechnungen mußten gespart werden, überall da, wo keine fremden Blicke hindrängen, an Hauskleidern, Wäsche und Flickereien, – schlimm genug, daß die Gesellschaftstoiletten so tadellos gearbeitet sein mußten, – die konnte nur eine Schneiderin liefern, – Noblesse oblige! –

Aber selbst das Einfachste sah an der hochgewachsenen schlanken Gestalt der Generalin so chic und kleidsam aus, daß man schon früher in der Gesellschaft die scherzende Bemerkung gemacht hatte: Selbst in Sackleinwand bleibt Ines Torisdorff vom Scheitel bis zur Sohle Excellenz! –

Auch jetzt blieb ihr Sohn einen Moment in überraschtem Anschauen vor der noch jugendlichen Mama stehen, ehe er voll zärtlicher Devotion ihre Hände küßte, bis die schlanken Arme ihn innig an die Brust der Mutter zogen und Ines durch Küsse und Liebkosungen die Erlaubnis gab, wiederum von ihrem Liebling geherzt zu werden.

Selbst jetzt, mit übervollem Herzen, wahrten beide ein gewisses Ceremoniell, welches nie durch ein Ungestüm die Form und gute Sitte verletzte, und dennoch nicht als störend empfunden ward, weil es zu dem Natürlichen, Selbstverständlichen gehörte, welches dem ganzen Wesen der Torisdorff den Stempel aufdrückte.

Excellenz war eine verhältnismäßig noch junge Frau, wohl noch jünger aussehend als sie war, weil ihre mädchenhaft schlanke, weiche und biegsame Figur, mit den etwas müden Bewegungen, den Beschauer in jeder Berechnung irre führte. Auch ihr sehr schmales, feingeschnittenes Gesicht mit den großen, feuchtgläuzenden Blauaugen, welche meist etwas verschleiert und traumbefangen in die Welt blickten, –- das reiche, aschblonde Haar, welches kein Silberfädchen verrät, und schließlich der matte, so überaus zarte Teint, farblos und gleichmäßig wie bei einer Wachsfigur, trugen dazu bei, über das Alter zu täuschen, und die jüngsten Herren trugen noch mit Begeisterung die Schleppe der anmutigen Frau, wenn sie ihr in den Salons begegneten.

Josef hatte sich einen kleinen Sessel neben den Diwan geschoben. Er hielt die schlanken Hände der Mutter krampfhaft mit den seinen umschlossen und blickte ihr mit beinahe angstvoll forschendem Blick in das Antlitz,

»Lina sagte mir, du habest wieder einen leichten Anfall gehabt, Mütterchen! Aber ich finde zu meiner großen Freude und Beruhigung, daß du wohler aussiehst wie je! Du hast ja seit langer Zeit nicht so rosige Wangen gehabt wie heute, und deine Augen blitzen wie die Sterne zur Winterszeit!« –

Die feine Röte auf dem Antlitz der Frau vertiefte sich, beinahe verlegen wandte sie den Blick. »O, mit dem Anfall hat es diesmal absolut nichts auf sich, Darling!« – wehrte sie hastig ab, »es war nur ein wenig Herzklopfen, verursacht durch eine momentane Aufregung.« –

»Eine Aufregung?!« –

Excellenz schob mit nervös bebenden Händen die schmalen Goldreifen an dem Arm höher empor. »Nichts von Bedeutung – ein kleiner Ärger. – Ich wollte dir eigentlich gar nichts davon sagen, denn schießen kannst du dich doch noch nicht mit ihm, und da ist's besser, du regst dich nicht erst über solch eine unverschämte Frechheit auf! – Aber – vielleicht ist es doch besser, du weißt Bescheid – denn sein Sohn – ich weiß nicht, wie du mit ihm stehst – und – und – ach, Josef – es ist schrecklich!« –

Mit jäher Bewegung drückte die Sprecherin das Taschentuch gegen die Augen und schluchzte krampfhaft auf. Der junge Torisdorff war aufgesprungen, eine drohende Falte senkte sich zwischen seine Brauen und die knochigen Knabenhände ballten sich.

»Eine Frechheit – eine Beleidigung? – Mutter – es ist deine Pflicht – du mußt mir diesen Buben nennen!« – stieß er bebend durch die Zähne hervor. Erschrocken blickte Ines auf uud nahm hastig die bebende Rechte in die ihre. –

»Mißverstehe mich nicht, mein Herzenskind! Nein, keine Beleidigung in deinem Sinn – im Gegenteil – er denkt mir eine enorme Ehre anzuthun – aber – daß er es überhaupt gewagt – das –«

Und wieder erstickte ihre Stimme in lautem Aufschluchzen.

»Liebe Herzensmama, – ich verstehe dich nicht! – Erbarme dich meiner und laß mich alles wissen! –«

Da richtete sich die Generalin auf und deutete mit der Hand erregt nach einem kleinen Marmortisch in dem Erker. – »Sieh und lies es selbst, Darling, – ich kann so etwas nicht aussprechen!« –

Josef trat hastig nach dem Erker hin und schlug die Portière zurück.

»Ah!« – Ein Laut höchster Überraschung und Entzückens rang sich von seinen Lippen.

Ein wundervolles Blumenarrangement, so köstlich und eigenartig in verschwenderischer Fülle, wie er noch keins gesehen, bot sich ihm dar.

»Mama – das ist ja feenhaft!« stammelte er.

Excellenz drückte das Antlitz tiefer in die Kissen. »Lies nur erst!« stieß sie kurz hervor.

»Lesen? – was? – wo? –«

»Der Brief liegt – ach so – da – auf dem Teppich.«

Josef beugte sich und nahm das elegant couvertierte Schreiben, welches so verächtlich zu Boden geschleudert war, überrascht empor.

»Ich darf es lesen, Mama?« –

Eine jähe, zustimmende Bewegung der weißen Frauenhand.

Mechanisch setzte sich der junge Torisdorff auf einen der nächst stehenden Sessel nieder, klappte das steife Papier auseinander und überflog hastig den Inhalt des langen Schreibens.

Und während er las, stieg es rot und immer röter in seinem blassen Gesicht auf, und seine Hand bebte wie im Fieber und sein Atem stockte. Ein Heiratsantrag! – ein Heiratsantrag an seine Mutter! – und von wem?

»James Franklin Sterley, – Kommerzienrat.«

Der erhobene Arm sank schlaff hernieder, – weit offen, ins Leere gerichtet, starrten Josefs Augen – vornübergeneigt, wie versteinert saß er im Sessel.

James Franklin Sterley! Der reiche, schwerreiche Bankier, dessen Sohn Klaus sein Mitschüler in der Klasse war! Der vielbeneidete Klaus, welcher den Spitznamen »Nabob« erhalten, welcher so oft mit elegantem Viererzug den Schulweg zurücklegte, welcher ihm noch gestern, bei Schluß der Schule, gesagt hatte: »Josef – ich fahre morgen mit dem Expreßzug nach Tirol, – will dieses Jahr unsere Villa am Tegernsee bewohnen und ein bißchen auf Gemsen jagen! Sag', Josef – könntest du nicht mein Gast sein? – ich darf mir einladen, wen ich will, – und dich möchte ich am liebsten mitnehmen!« –

O, wie gern – wie leidenschaftlich gern wäre er dem Ruf gefolgt! Nach Tegernsee – in das Haus dieses Krösus, in die herrliche, köstliche Gotteswelt hinein!

Aber er hatte traurig den Kopf geschüttelt und die Hand des Freundes gedrückt. »Ich danke dir von ganzem Herzen, Klaus, und ich freue mich sehr, daß du an mich denkst und mir die Freude bereiten willst, – aber es geht nicht, – wahrlich nicht. Ich muß bei Mama bleiben. Sie ist so leidend, sie darf nicht allein sein, – sie kann diesen Sommer wohl gar nicht reisen und ich muß ihr selbstverständlich Gesellschaft leisten! Ich danke dir, Klaus!«

– Und nun? Nun hielt der Vater dieses Beneidenswerten um die Hand seiner Mutter an? War so etwas überhaupt auszudenken?

Er war im ersten Augenblick so fassungslos, so starr vor Staunen, daß er wie geistesabwesend vor sich hinblickte und seine Gedanken erst sammeln mußte.

Und dann kam ihm plötzlich das Verständnis für die Empörung seiner Mutter.

James Franklin Sterley! – Kommerzienrat – Bankier – ein reicher Mann, welcher nichts weiter hat, als seine Millionen – unadelig – Kaufmann – Gott im Himmel! wie wagt er es, um eine der vornehmsten Frauen der Residenz zu werben? Um eine Excellenz von Torisdorff! –

Ja, solch' eine Vermessenheit ist Beleidigung – ist mehr wie das. –

Josef zuckt zusammen. Wahrlich, ist es eine Schmähung? Wie nun, wenn es Hilfe und Errettung aus tiefster Not wäre, – wenn der liebe Herrgott im Himmel diesen Brief als Antwort auf sein heißes, inbrünstiges Gebet gesandt hatte? – Er drückt beide Hände gegen den Kopf und ringt nach Atem. – Nein, tausendmal nein! Wie kann es der getreue Gott wollen, daß ein Weib untreu werde! – Hat seine Mutter nicht ihrem verstorbenen Gatten die Treue bis in den Tod gelobt, und nun soll sie ihn vergessen? –

Da trifft sein Blick wieder den Brief. »Es sei ferne von mir, Excellenz, das Andenken Ihres teuern, verewigten Herrn Gemahls aus Ihrem Herzen reißen zu wollen! Im Gegenteil, es soll mir eine heilige, liebe Pflicht gegen den unvergeßlichen Entschlafenen sein, sein Andenken heilig und in den Herzen von Mutter und Sohn lebendig zu erhalten! Ich verlange nicht jene bräutliche Liebe von Ihnen, Excellenz, welche Sie dem Toten gezollt, ich bitte Sie nur um Ihre opfermutige Freundschaft, meinem verwaisten Hause eine neue Herrin zu sein, mir zu gestatten, Ihnen meine tiefe, innige Verehrung und Neigung beweisen zu dürfen, indem ich Ihnen alles zu Füßen lege, was ich mein eigen nenne. Gestatten Sie mir auch, Ihren Sohn, den Freund des meinen, mit Liebe und Sorge umgeben zu dürfen, und seien Sie versichert, Excellenz, daß ich mein ganzes Lebensglück darin suchen will, Sie auf Händen zu tragen und glücklich zu machen. – –

Wie ein Stöhnen entrang es sich der Brust des Lesenden. – Glücklich will er sie machen, glücklich und gesund! – Er will keinen Raub an den Rechten des Toten begehen, – er will nicht um eine zärtlich Liebende, – sondern nur um eine neue Herrin für sein verwaistes Haus werben, er sagt und bekennt es ehrlich, und doch verletzt diese Offenheit nicht, er ist ja selber Witwer, welcher vielleicht eine treue, unwandelbare Liebe zu der verklärten Gattin im Herzen tragt. Er sucht eine Repräsentantin für sein fürstliches Heim, – wer paßt besser dazu, wie eine Excellenz Torisdorff? Und wo bietet sich je wieder eine Möglichkeit, so viel, so alles was not ist, für Gesundheit und Leben der heißgeliebten Mutter thun zu können?

Sollte es doch die Antwort des lieben Herrgotts auf sein Gebet sein?

Wie ein Beben stiegt es durch die Glieder des Denkers, er preßt die eiskalten Hände in einander und sinkt noch tiefer in sich zusammen.

Frau Ines hat das Taschentuch vor den Augen sinken lassen; ihr Blick haftet groß und verwundert auf dem Sohn, in regungslosem Beobachten und Forschen. Zum erstenmal im Leben versteht sie ihn nicht. – Er hat den Brief gelesen und zerknäult ihn nicht voll Empörung und Zorn, ihn ebenso verächtlich von sich zu schleudern wie sie?

Er hat den Heiratsantrag, welcher im Grunde genommen nicht ein solcher, sondern ein kühl berechneter, geschäftlicher Vorschlag ist, gelesen, und er braust nicht auf in Entrüstung? Er fühlt nicht die Beleidigung, welche für das Weib in demselben liegt? – Kein heißes, himmelanstürmendes Liebeswerben, sondern nur das Ausschreiben einer vorteilhaften Stellung als »Herrin des Hauses!« – Josef ist noch kein Mann, aber er ist doch schon alt genug, um zu empfinden, wie solch ein Antrag der Eitelkeit der Eva Wunden schlägt! –

Ines ist eine weltgewandte, – aber keine geistreiche Frau, welche in Menschenherzen liest. – Was sie an dem Heiratsantrag verletzt, ist für das wehe Herz des Sohnes Balsam, es versöhnt seine Eifersucht, welche für den Vater sowohl wie für sich selbst Partei gegen jeden glühenden Liebhaber ergreifen würde, dem ernsten, entsagungsvollen Mann jedoch, welcher nur bietet, ohne zu fordern, welcher nicht als Räuber der Liebe, sondern als Mehrer derselben kommt, unwillkürlich seine Sympathie entgegen bringt. –

Immer ungeduldiger beben die Lippen ihrer Excellenz. Josef hat den Brief gelesen, – er las auch seine Unterschrift – James Franklin Sterley! – Und er bricht nicht in ein schallendes Gelächter aus, welches dem Antrag des Herrn Bankiers die Kritik spricht, welches ihn dazu stempelt, was dieser Brief ist? Eine Farce! eine freche Selbstüberhebung – eine … . – – Nein, Josef lacht nicht, – er seufzt tief auf und starrt regungslos vor sich nieder.

»Josef!!« – wie ein zitternder Aufschrei ringt es sich von den Lippen der Generalin.

Da zuckt ihr Sohn zusammen und erhebt sich hastig. Er streicht die Haare aus der Stirn und blickt die Mutter verwirrt an.

»Mamachen – ja – ich – ich habe gelesen.« –

»Und das ist alles, was du darauf zu erwidern hast?« –

Josef setzt sich schweigend an die Seite der Mutter und hält ihre bebenden Hände zwischen den seinen.

»Noch bin ich so überrascht, Herzensmutter, daß ich weder Worte noch Gedanken finde! Ich ahnte es ja gar nicht, daß du den Kommerzienrat Sterley überhaupt kennst!« –

»Mein Gott, Darling, ich habe es nie für der Mühe wert gehalten, dir von diesem Mann zu sprechen, oder doch – sagte ich dir nicht, daß er auf dem letzten Wohlthätigkeitsbazar für fabelhafte Summen Bücher bei mir kaufte? – Ich machte – dank seiner Freigebigkeit, die besten Geschäfte von allen Damen. Erzählte ich es dir nicht? – nein? nun, dann deuchte es mir wohl nicht interessant genug für dich!«

»Nur das eine Mal sahst du ihn?« –

»O nein! Bei dem letzten Diner auf der amerikanischen Botschaft führte er mich zu Tisch. – Er ist, so viel ich weiß, Amerikaner. – Ich war etwas indigniert über diesen Tischnachbar, ließ es aber als wohlerzogene Frau den unschuldigen James Franklin nicht merken, – was konnte er dafür! Im Gegenteil, ich erinnerte mich des Bazars und war so liebenswürdig zu ihm, wie zu den anderen Gästen auch. Diese Dankesquittung hat er wohl mißverstanden – – – «

»Machte er dir keinen Besuch? – –

»Gewiß, das hatte er schon früher gethan, als ich ihn einigemal im Salon der Gräfin Brütz getroffen hatte, – sie ist ja auch geborene Amerikanerin und er besorgt wohl ihre Geldgeschäfte, daher die Bekanntschaft.« –

»Und er zeigte dir nie, was er für dich fühlt?«

Excellenz Torisdorff lachte etwas nervös auf. »Ich bitte dich, Josef, wo nichts ist, kann man auch nichts zeigen! – Eine vakante Stelle als Repräsentantin spiegelt sich nicht in den Augen!! Immerhin war er sehr aufmerksam, soweit dies bei seiner Steifheit und Langweiligkeit möglich ist, – ich glaube sogar, er hat sich ein paarmal zu artigen Phrasen hinreißen lassen, – nun – und seine Blumen –.«

»Blumen? –«

Die Generalin errötete und senkte momentan die langen Wimpern über die Augen.

»Er schickte in der letzten Zeit öfters schöne Sträuße und Jardinièren.« – –

»Ach! Ich sah sie aber niemals!« –

Frau Ines neigte das Haupt noch tiefer. »Vergib mir, Josef, ich schämte mich, daß ich von einem Herrn Sterley Blumen annahm, – aber sie kamen mir so gelegen! Das erste Mal war gerade der Geburtstag der Prinzeß Helene, – ich wollte ihr so gern eine Aufmerksamkeit erweisen, gleichsam als Dank für alle Beweise ihrer Gnade, welche sie mir in der letzten Zeit gegeben, – da schickte ich die wundervolle Jardinière sogleich an sie weiter, und freute mich bei der Audienz über die Huld, mit welcher die hohe Frau meinen Morgengruß aufgenommen! – Nun – und das nächste Mal traf die Jardinère gerade am Morgen von Eva Dürings Hochzeit ein! Ich empfand es so sehr peinlich, daß ich ihr nicht die mindeste Liebenswürdigkeit erweisen konnte, wo ich so viel Güte in ihrem Elternhaus genossen!

Mein simples Schlüsselkörbchen, welches ich ihr gestickt, war doch überhaupt nicht der Rede wert! – Da kam das schier fürstliche Blumenarrangement Sterleys – und obwohl ich mir das erste Mal so bittere Vorwürfe gemacht hatte, Huldigungen von diesem Mann anzunehmen, war ich gerade an diesem Tage zu schwach, so energielos, – die Gelegenheit war so verlockend – o sich mich nicht so groß an, Josef, ich empfinde das Unpassende meiner Handlungsweise ja selbst am meisten. – Aber es ist so namenlos schwer, immer zu wollen und doch nicht zu können! Zu wissen, welche Pflichten Namen und Stellung uns auferlegen und doch nicht die Mittel zu besitzen, solchen Anforderungen genügen zu können! O Josef – ich habe es mir nicht so schwer gedacht, arm zu sein! Wahrlich keine Bettlerin empfindet die Mittellosigkeit so herb wie ich, die es nie gelernt und geübt hat, zu entsagen, die mit Ansichten und Begriffen ausgewachsen ist, welche ein Vermögen bedingen!« –

Excellenz Torisdorff drückte abermals das Taschentuch vor das Antlitz und neigte das Haupt schwer gegen die Schlüter des Sohnes.

Josef streichelte liebevoll das seidenweiche Blondhaar, welches in duftigen Wellen unter seinen Fingern glänzte, und atmete beklommen auf.

»Sterley ist reich, – sehr reich, – in seinem Hause kennt man kein Entsagen!« murmelte er durch die Zähne.

Ines zuckte leicht zusammen und richtete sich jäh auf. Ein beinahe entsetzter Blick traf den Sprecher.

»Josef – willst du damit sagen – – – o nein, das ist ja unmöglich! Wie sollte sich dein Fleisch und Blut so verleugnen! –«

Ein fast bitteres Lächeln spielte um die Lippen des jungen Menschen: »Ich kenne Sterley nicht. Welchen Eindruck machte seine Persönlichkeit auf dich?« –

Excellenz Torisdorff richtete sich unruhig auf: »Josef, – ich glaube bei Gott, du erwägst die Möglichkeit, seinen Heiratsantrag anzunehmen?« –

»Und wenn ich es thäte, Herzensmamachen?« – Das klang müde und resigniert, aber auch sehr bestimmt, »Es wäre zum mindesten ein sträflicher Leichtsinn, wenn wir uns solch einen ernsten Schritt nicht überlegen wollten. Bitte antworte mir doch – welch einen Eindruck machte der Bankier? – Sei ehrlich und wahr, Mutter!«

Die Generalin hatte sich hastig erhoben und schritt erregt im Salon auf und nieder. Sie preßte die bebenden Lippen zusammen und schlang die Hände ineinander, und dann faßte sie jäh die Rechte ihres Sohnes und zog ihn neben sich vor das Porträt des verstorbenen Gatten und fragte herb: »Wagst du es auch vor ihm, deinem Vater – dem Mann, welcher nichts höher hielt, als seine Ehre und seinen Namen – wagst du es auch vor ihm, deiner Mutter zuzumuten – eine – eine Frau Sterley zu werden?« –

Josef war tief erbleicht, ein schmerzlicher Blick tiefster Seelenqual traf die geliebten Züge des Verklärten, wie ein Zittern rieselte es durch seine schmächtige Gestalt, wie ein Schwächegefühl, welchem man nicht länger widerstehen kann. Und als er sich mit erlösendem Aufschrei an die Brust der Mutter werfen wollte, sah er plötzlich in ihr Antlitz, welches sich jetzt zum erstenmal von hellerem Licht beschienen, ihm zuwandte.

Er schrak zusammen. Wie elend – wie unsagbar leidend sah sie aus! – Welche Schatten um die Augen, welche feinen Linien des Schmerzes um Mund und Nase!

»Krank! – kränker als sie ahnt!« Die Stimme des Arztes klang plötzlich an sein Ohr: »Es muß bald etwas geschehen, wenn sie erhalten bleiben soll, und Ihre Pflicht als Sohn ist es, dafür zu sorgen!« –

Er legte den Arm um die Mutter und blickte abermals zu dem Bild des Vaters auf. Ja, Mama, auch vor ihm, den ich achte, ehre, liebe, wie keinen anderen Mann auf Gottes Welt, auch vor meinem Vater wiederhole ich meine Worte, und ich habe in diesem Augenblick sogar das wundersame Empfinden, als stünde ich an seinerstatt vor dir, – als wären meine Gedanken in dieser Stunde die seinen! Er hat dich geliebt, wie ich dich liebe, – – – er meinte es ebenso treu und selbstlos mit dir, wie ich es auch thue, – und könnte er es noch, so würde er dein teures Leben wohl auch schützen und schirmen und bereit sein, ihm jedes Opfer zu bringen! Sieh, Mutter, alles was uns kommt – das kommt von Gott, und wir haben nicht das Recht, aus Hochmut und Eitelkeit seine Wege zu durchkreuzen! – Sterley wirbt nicht um dich als Geliebte, sondern um die Herrin seines Hauses, – er will das Andenken deines Gatten nicht tilgen, sondern es respektieren, und in Ehren halten. Was anderes also macht dir seine Werbung unsympathisch, wenn es nicht der Stolz, der kaltherzige Stolz ist, welcher einen Herrn Sterley nicht für gleichberechtigt mit uns hält? – Ist er ein braver und rechtlicher Mann, ehrenfest und vornehm in seinen Gesinnungen, wie man es ihm allseits nachrühmt, – nun – so ist es deine Pflicht – ich wiederhole es – seinen Antrag reiflich zu erwägen!« –

»Josef! – Kind! woher nimmst du solche Worte und Gedanken, was hat dich so völlig verändert – welch ein unbegreiflicher Wechsel deiner Ansichten?!« –

Der junge Torisdorff legte den Arm um seine Mutter und führte sie nach dem nächsten Sessel, auf welchen sie wie gebrochen niedersank, – er selber kniete an ihrer Seite nieder und blickte ihr ernst in die Augen. »Du bliebst mir noch die Antwort schuldig, Mama, – welchen Eindruck machte Sterleys Persönlichkeit?« –

Ines starrte geradeaus. »Einen guten, sympathischen«, antwortete sie beinahe rauh, – »er trägt seinen Reichtum nicht protzenhaft zur Schau. – Aber ich bin keine Menschenkennerin – ich weiß nicht, was sich hinter der glatten Stirn eines solchen Zahlenmenschen versteckt, – ich kann nicht beurteilen, ob er nur Gentleman scheint oder auch wirklich ist!«

»Du bist eine sensible Natur, Mutter, du würdest es instinktiv fühlen, wenn der Kommerzienrat« – –

Excellenz schauderte leicht zusammen – »eine unfeine, brutale oder herzlose Natur wäre. Sein Brief spricht für ihn, – ehrlich, ohne Phrasen, treu gemeint. Wenn sein Sohn Klaus Ähnlichkeit mit ihm hat, so ist er ein in jeder Beziehung chevaleresker Mann.«

»Locken dich denn die Millionen so gewaltig, Josef?« Ines fühlte, wie die Hand des Sohnes in der ihren zuckte, – er antwortete nicht sogleich, dann aber fuhr er mit unverändert ruhiger Stimme fort: »Ja, sie dünken mir ein gar herrliches Geschenk, welches der liebe Gott uns in ihnen bietet!«

»Wer weiß, ob du jemals einen Dollar davon zu eigen bekommst! – Wie manch' schöne Illusion hat bei solchen Spekulationen schon betrogen!«

»Ob ich etwas davon habe, ist ja gleichgültig; du würdest auf jeden Fall den Reichtum genießen, und das ist die Hauptsache.«

»Wie genießt eine Madame Sterley das Leben? Es dürfte wohl kaum nach dem Geschmack einer Excellenz Torisdorff sein!« –

»Sei nicht so bitter, Mamachen! Laß uns doch ruhig die Für und Wider besprechen – und beharrst du bei deiner Weigerung – je nun – du bist ja deine eigene Herrin! Wie eine Frau Sterley das Leben genießt? In vollen Zügen. Vor allen Dingen stehen ihr alle Mittel zu Gebote, sich Leben und Gesundheit zu erhalten! Sieh mal, Mamachen, du bist leidend.« –

»Unsinn! – mir fehlt nicht das mindeste! Etwas bleichsüchtig und nervenschwach! – welch eine Frau des neunzehnten Jahrhunderts wäre das nicht?« –

»Der Doktor beurteilt dein Leiden ernster.« –

»Einbildung! er ist übertrieben besorgt! ich selber muß es wohl besser wissen, wie ich mich fühle, wie er!«

Josef seufzte tief auf und strich etwas nervös mit der Hand über die Stirn. Dann fuhr er ruhig fort: »Nun, so würde man die schönen Reisen zum Vergnügen machen! Denk, Mamachen, wenn wir jetzt aus dieser Hitze heraus könnten; eine eigene Villa am Tegernsee oder an der Nordsee beziehen könnten, wenn dort alles so reich – so üppig – zauberhaft schön wäre, – wenn du so ohne Not und Sorge jeden Wunsch befriedigen könntest – nur die Zaubergerte heben und vor dir sehen könntest, was dein Herz begehrt!« –

»Ja, es ist sehr heiß«, murmelte Ines mechanisch, »und frische Luft atmen« -

»Hier in der Residenz ein solch fürstliches Palais bewohnen wie das Sterleysche, muß im Winter ja auch schön sein, – aber eine Reise nach Kairo – oder Nizza – wäre wohl noch schöner! Du klagtest über die Kälte und den vielen Wind im Winter noch mehr, wie jetzt über die Hitze.« –

»Ja, eine Reise nach dem Süden wäre wohl das Ideal all meiner Wünsche, – das hiesige Klima mordet mich.« –

»Nicht wahr, das empfindest du selbst, Herzensmutter, und dann bedenke, wie gut es sich ausnehmen würde, wenn du deine Visiten nicht mehr zu Fuß bei Wind und Wetter machen müßtest, sondern mit den vier Vollblutrappen vorfahren könntest.«

Excellenz Torisdorff machte eine jähe, leidenschaftliche Bewegung, »Glaubst du, daß mau mich als Frau Sterley überhaupt noch in der Gesellschaft empfangen würde? – Siehst du, Josef, – dieser Gedanke – von den Menschen, welche jetzt meinesgleichen sind, über die Schulter angesehen, womöglich verleugnet zu werden, – mich selber aus der Gesellschaft derer, bei welchen all meine Interessen, all meine Lebensfasern – mein ganzes Sein und Denken wurzelt, auszuschließen – diesen Gedanken ertrage ich nicht, Josef! solch eine Demütigung würde mich töten!« –

Auch in die Stirn und Schläfen des jungen Torisdorff stieg bei solch einer Annahme das Blut und seine Augen flammten auf wie in drohendem Zorn, dann biß er die Zähne zusammen und ließ das Haupt tief zur Brust sinken, in diesem Augenblick durfte die Mutter am wenigsten sehen, welche Qualen heldenhafter Selbstverleugnung sein junges Antlitz spiegelte.

Momentan herrschte tiefe Stille. Dann fuhr Josef ruhig fort: »Wie kommst du auf solch seltsame Idee? Du, die so beliebt – so bekannt hier ist.« – –

Ines schüttelte erregt den Kopf und preßte ihre Hand auf seine Lippen: »Umsonst – hör auf, Josef – ich heirate ihn nicht, – ich darf es nicht, – um unseres Namens willen, – Noblesse oblige!« –

Und wieder ein Augenblick atemlosen Schweigens. Josef hatte die Hände zusammengekrampft, sein Blick irrte wie in flehender, verzweifelnder Angst zu dem Bild des Vaters. Was sollte er noch sagen – was noch ersinnen, um den moralischen Zwang auf sie auszuüben, welchen der Arzt ihm zur heiligen Sohnespflicht gemacht, ihr teures Leben zu retten! – Josef war noch zu jung, zu erregt, zu verzweifelt in dieser Stunde, um mit dem Verstand des Mannes die Situation zu ermessen und ihr gerecht zu werden. Mit der Zähigkeit übertriebenen Pflichtgefühls, gepaart mit der verzweifelnden Angst und Sorge um das Leben des teuersten Wesens, welches er noch auf der ganzen, weiten Welt besaß, erfaßte er den einzigen Rettungsanker, welchen ihm Gott selber, als Antwort auf sein Gebet, zugeworfen. Und wie sein Blick über des Vaters Bild irrte, fiel ein greller Sonnenstrahl über die Uniform desselben und mit ihm leuchtete es wie ein neuer, hilfreicher Gedanke in Josefs gequälter Seele auf. »Mutter!« –

»Was willst du?«

»Mutter, hast du mich lieb?« –

Wie weich, wie flehend dies klang! Ines richtete sich jäh auf und schlang laut aufschluchzend die Arme um den Sohn.

»Über Alles, – Josef, – bezweifelst du das?«

»Hast du mich auch lieber – wie – wie deinen Stolz?«

»Wie meinst du das?«

»Hast du mich so lieb – wie unseren Namen?« –

–»Josef! – um deinet- und des Namens willen entsage ich ja selbst Millionen!« –

»Und wärst du imstande ein noch größeres Opfer zu bringen?« –

Befremdet blickte sie in seine flehenden Augen.

»Welch eines?« –

»Nimm diese Millionen an! – um meinet- und meines Namens willen!« –

»Kind!«

Da preßte er das farblose Antlitz auf ihre Knie.

»Ich bin ein Egoist, Mutter, ich weiß es und schäme mich nicht, es dir einzugestehen, denn ich fordere nicht allein für meine Person, sondern auch für das Wappenschild, welches ich führe. Es gilt die Zukunft, Mutter! – Ich bin nicht stark genug, um Soldat zu werden, ich fühle es, meine Kräfte reichen nun und nimmer dazu aus! Studieren lassen kannst du mich nicht, also muß ich entweder Jugend und Glück opfern und Kleriker werden, ich, ein Torisdorff, deren es nicht mehr viele gibt, oder ich muß den Namen ganz ablegen und ein Handwerk erlernen, – denn als Freiherr – du verstehst mich – Mutter, auch ich sage: Noblesse oblige! und in meinem Mund hat das Wort einen noch ernsteren Klang als in dem deinen! – Du opferst ein wenig, den Klang des Namens für den Rest deines Lebens, aber du erkaufst demselben durch dein persönliches Opfer den alten Glanz, – ich jedoch würde alles hingeben müssen, ohne auch nur das mindeste dafür einzutauschen! Weißt du nun, um was ich bitte, Mutter? – James Franklin Sterley würde seinem Stiefsohn niemals die Mittel zum Studium verweigern, er würde es mir ermöglichen, später aus eigener Kraft und eigenem Fleiß ein Ziel zu erreichen, dessen sich kein Torisdorff zu schämen braucht, ein Ziel und Streben, welches meinen Vater noch im Grabe ehren wird! – Dein Opfer, Mutter, würde dich in deinem Sohn segnen! – Man sagt, die Liebe einer Mutter überwindet alles, sie versetzt Berge, sie gibt, sie duldet, – sie wagt alles für ihr Kind! - Ist das wahr, Mutter? – O, dann beweis es mir!« –

Ines lehnte das bleiche Antlitz zurück, ihre weitoffenen Augen blickten wie bei einer Träumenden, welcher durch selige Gedanken eine Offenbarung wird, ein Lächeln, süß und geheimnisvoll schwebte um ihre Lippen, Und dann preßte sie das Haupt ihres Sohnes an die Brust und flüsterte: »Vergib mir, Josef, daß ich auch nur einen Augenblick dich und dein Glück vergessen konnte!«

III.

Es hatte vor drei Jahren ungeheures Aufsehen in der Residenz gemacht, als der Amerikaner Mister James Sterley ein neues Bankhaus – die Filiale seiner Firmen in Chicago, London und Paris – in der deutschen Großstadt gründete, und sich für seinen Privatbedarf eine palastartige Villa erbaute, von deren fürstlicher Ausstattung man sich seiner Zeit Wunderdinge berichtete.

Schon das Äußere des Gebäudes fesselte jeden Blick, denn es war so geschmackvoll, so reich und eigenartig, ohne dabei überladen zu sein, daß es wohl nicht mit Unrecht von den Droschkenkutschern als Sehenswürdigkeit den Leuten gezeigt wurde. Die Skulpturen waren Meisterwerke erster und namhafter Künstler, und die wundervollen Malereien zwischen den Säulenfeldern der Vorhalle rührten von den Pinseln der bedeutendsten Meister her, welche ihr Bestes gegeben, um den verwöhnten und feingebildeten Geschmack des »Königs von Illinois«, wie man Sterley teils scherzend, teils neidisch spottend, nannte, zu genügen.

Des Hauses glänzende Schale barg einen noch glänzenderen Kern, und doch konnte auch der schärfste Kritiker nichts Protzenhaftes, Übertriebenes daran tadeln. Der Amerikaner zeichnete sich durch Takt und maßhaltende Würde aus, und dieser sympathische Grundzug seines Charakters öffnete ihm selbst in der guten Gesellschaft manche Thür, welche der Geldaristokratie für gewöhnlich verschlossen blieb.

James Franklin Sterley verstand es, sich Freunde zu machen. Auch er hatte sich einen Wahlspruch für sein Thun und Handeln erkoren, ein Gegenstück zu dem weltbekannten »Noblesse oblige« – mit der einzigen Variante, daß ihn nicht der Adel, sondern die Mittel, über welche er verfügte, verpflichteten.

Er war kein Harpagon, welcher nur die Reichtümer gierig aufhäufte, um sich selber an dem Anblick solcher Schätze zu weiden, nein, er erachtete sein Vermögen als ein Lehen des Schicksals, ihm zuerteilt, um bestmöglichen Gebrauch davon zu machen. Er gab gern und viel, – er knauserte nicht, höchstens gegen sich selber war er streng, für seine Person jeden unnötigen Komfort vermeidend, vernünftig, anspruchslos, nur auf den Gebieten der Kunst depensierend, wenn er sich durch diese einen wahren Genuß schaffen konnte. Dabei rastlos thätig, von eisernem Fleiß und unermüdlichem Erwerbssinn. Das Genie des Kaufmanns war ihm angeboren. Er spekulierte nicht in dem eigentlichen Sinn dieses Wortes, aber er ließ sich oft ein wenig waghalsig auf Unternehmungen ein, welchen sein scharfer Blick einen Erfolg garantierte, – er operierte mit namhaften Summen, aber niemals in einer Weise, welche auch nur den Schein eines Glücksritters oder Spekulanten auf ihn warf. Seine Bank war solide, und als solche im In- und Ausland geachtet und respektiert.

Abseits von den Prunkgemächern und der langen Flucht des Empfangssalons lag das Arbeitszimmer des Hausherrn, ein hohes, weites Gemach, welches seine kaum drapiert zu nennenden Fenster nach dem Park zu öffnete. Hier hinein schaute selten, fast niemals ein fremder Blick, es war das Heiligtum stiller Zurückgezogenheit, das Reich lieber Erinnerungen, in welchem einzig Vater und Sohn traute Stunden ungestörten Beisammenseins genossen.

Wunderlich genug hätte dieses Zimmer des Millionärs fremden Augen erscheinen müssen. Es wies in dieser Zeit »stilvollsten Stils« nichts auf, was irgendwie einheitlich oder charakteristisch hätte genannt werden können. Beinahe glich es einer Kramstube, in welcher alles sonder Wahl und Ansehen hingestellt und zusammengewürfelt wird, was in den anderen Salons und Räumen überflüssig geworden ist. Ein altmodisches Cylinderpult stand über Eck am Fenster, und zeigte es auf den ersten Blick, daß James Franklin Sterley es vielfach, wohl täglich, benutzte. Daneben, an das Fenster gerückt, erzählte ein entzückend gearbeitetes Nähtischchen von fleißigen Frauen- händen, welche ehemals an ihm geschafft. Noch steckten halbgespulte Zwirnwickel und Seidenröllchen in den kunstvoll eingelegten Fächern, und der silberne Fingerhut stand so blank auf seinem blauen Sammetpolster, als habe ihn eben erst ein rosiges Händchen vom Finger gestreift. –

Alte, unansehnliche Lederstühle hier und dort, und dazwischen wieder die zierlichen, hocheleganten Brokatmöbel eines Damenboudoirs, ein altmodisches Klavier, von verblaßter Seidendecke überhangen, Silhouetten und schmucklose Zeichnungen längst vergangener Zeiten an den Wänden, und in ihrer Mitte, mit verschwenderischer Pracht goldstrotzend eingerahmt, das lebensgroße Ölgemälde einer jungen Frau, künstlerisch gemalt, so lebensvoll, daß man unwillkürlich das Gefühl hat, sie wirft den gelbflockigen Pelz, welchen sie von den Schultern zurückhält, vollends ab, und eilt dem Beschauer mit frischem Lachen und strahlend heiterm Blick entgegen. Mehr denn je empfand diesen Zauber täuschender Lebendigkeit wohl der Mann, welcher auch heute wieder einsam und gedankenversunken vor dem Gemälde saß, – James Franklin Sterley.

Das Licht fällt grell durch die geöffneten Fenster und beleuchtet seine schlanke, sehr große, etwas knochige Gestalt in dem hellen Sommeranzug, welche vornüber geneigt, wie niedergebeugt von der Last schwerer Gedanken in das lächelnde Antlitz seines verstorbenen Weibes starrt. –

Der Amerikaner sieht noch nicht alt aus, trotz des ergrauten Haares und des fleischlos hageren Gesichts, welches mit energischen, sonst so scharf und lebhaft blickenden Grauaugen in die Welt schaut. Die Lippen decken blaß und bartlos die Zähne, nur an den Wangen zeigen sich schmale Streifen eines sehr kurz gehaltenen charakteristischen »John Bull«. Der Bankier hat die schmalen Hände, an deren rechter als einziger Schmuck ein schmaler Trauring glänzt, im Schoß zusammengelegt, und während er mechanisch den goldenen Reif am Finger dreht, schweifen seine Gedanken weit zurück, bis zu dem Tag, wo ihm jene blühende, anmutige Mädchengestalt zu dem Altar folgte, wo sie ihm den Ring an den Finger steckte. Damals! – O, wie glücklich, wie unbeschreiblich glücklich waren sie! Noch war der Goldregen nicht auf den jungen Bankbeamten herniedergeströmt wie jetzt, aber er war auch damals schon ein reicher Mann, reich durch Erbschaft und Lotteriegewinn, ein vielumworbener junger Mann, welcher getrost bei den verwöhntesten Erbinnen hätte anklopfen können, – aber sein Herz war größer wie sein Verstand und zog ihn an den Palästen vorüber, zu der stillen, engen Vorstadtstraße, wo die arme Doktorswitwe mit ihrem goldlockigen Töchterlein wohnte, wo beide von früh bis spät in rastlosem Fleiß die Hände rührten, all jene schimmernden Goldmuster in die Schleppen der Millionärinnen zu sticken.

James Sterley hatte die reizende Virginie zum erstenmal gesehen, als sie mit heißgeröteten Wangen und glückstrahlenden Augen ihren ersten Sparpfennig auf die Bank gebracht hatte. Da lachten ihn die blauen Kinderaugen durch das hohe Eisengitter an wie ein Stück Himmel, welcher stumm versicherte: »Hier wohnt die Seligkeit, – Hier findest du es wieder, das verlorene Paradies!« –

Und der junge Mann empfand eine heiße Sehnsucht nach diesem Paradiesesglück wahrer Liebe. – Unerklärliche Gewalten zogen ihn nach diesem blauen Himmel, – er suchte und er fand ihn. Und das gleißende Gold verlor seinen Schein neben dein blauen Glanz dieser Mädchenaugen.

Das Unglaubliche geschah, – James Franklin Sterley heiratete die arme Stickerin aus der Vorstadtgasse! Sie brachte ihm kein Geld und Gut ins Haus und machte ihn doch reicher wie einen König!

»Sei getreu bis in den Tod!« klangen und sangen die Stimmen des Kirchenchors, wie seliger Jubel von Engelzungen, als er ihr den Ring an den Finger steckte! –

Ja, sie ist ihm treu gewesen, bis in den Tod, – sie hat ihren Eid der Treue gehalten – – und er?– Ein schwerer, tiefer Atemzug hebt die Brust des Bankiers, – er sieht zu ihr auf, seine Lippen regen sich. Leise, kaum hörbar, flüstert er, –

»Ich liebe dich, Virginie! ich liebe dich auch bis in den Tod! – Nichts soll zwischen unsere Herzen treten, auch nicht das Bild jener Andern, um deren Hand ich soeben geworben, auf deren Antwort ich hier warte, ruhig und kühl bis in mein erstorbenes Herz hinein. Das legte ich mit dir zu Grabe. – Warum ich dir jene andere, vornehme Frau zur Nachfolgerin geben will? – Verzeih mir, Virginie, ich bin ein Spekulant geworden, – ich treibe nicht mehr allein Handel mit dem Mammon, – ich treibe sogar Wucher mit Menschenherzen. – Meine zweite Ehe ist ein Geschäft, – eine Anleihe, welche Zinsen tragen soll, – für unser Kind, für Klaus! – Deinen Sohn, dessen Fürsorge du mir übertrugst. An ihn – an sein Kapital – an sein Vermögen denke ich bei dieser Ehe. – Ich habe mich bei dem Bau der neuesten Bahnen zu stark engagiert, es gilt Einfluß in maßgebenden Kreisen zu gewinnen, um das Ziel, welches zweifelhaft geworden, dennoch zu erreichen. Excellenz Torisdorff ist die Persönlichkeit, welche ich gebrauche. Sie, die frühere Hofdame, steht in besten und intimsten Beziehungen zu dem Königshaus, – sie ist befreundet mit all den maßgebenden Persönlichkeiten, durch welche ich so viel für mein Unternehmen erreichen möchte! – Sie ist eine Frau, welche mein Haus ahnungslos fördern wird, nicht zu klug und nicht zu beschränkt, eine natürliche Diplomatin, taktvoll, sicher und vertraut mit den Elementen, auf deren Kraft ich zählen muß. – Bist du noch eifersüchtig, Virginie? – Nein! gewiß nicht! Meine Ehe ist ein wichtiger, notwendiger Schachzug, durch welchen meine Partie und mein Gewinn gesichert wird. Ich vergesse dich nicht, um der Fremden willen, und ich habe kein falsches Spiel getrieben! Ich habe nicht aus Liebe um eine Geliebte geworben, sondern habe Excellenz Torisdorff gebeten, die Herrin meines Hauses zu werden, – als Lohn soll sie haben was mein ist, – und das ist mein Geld und Gut, meine Liebe nicht, denn die ist und bleibt ja dein in Ewigkeit, meine Virginie!« –

Das Bild lächelt auf ihn nieder, – kein Schatten huscht darüber hin, jugendlich, in siegesbewußter Schöne triumphiert die Tote über die Lebende. Und die Uhr tickt und tickt, und der Bankier träumt weiter, von dem glücklichen Einst und dem gleichgültig freudlosen Jetzt, welches nur noch ein Interesse für ihn hat, – sein Geschäft, welches nur noch einen Reiz auf ihn ausübt, das geistreiche, kecke Glücksspiel mit seinen wechselnden Zügen! Matt setzen kann ihn wohl keiner, aber schaden und nützen, einbringen und verlieren lassen, darum handelt es sich, und Mister Sterley ist viel zu sehr Kaufmann und Amerikaner, um nicht viel einzusetzen, wo sich viel gewinnen läßt. Seine Gedanken umkreisen wie im leisen Gespräch die verstorbene Gattin, und der Bankier glaubt ehrlich, ganz ehrlich zu ihr zu sein, eines aber vergißt der unverändert Gebliebene dennoch zu beichten, die ihm fast unbewußte Wandlung seines Charakters, welche aus einem ehedem gegen alle Äußerlichkeiten gleichgültigen, selbstbewußten Amerikaner, einen ehrgeizigen, eiteln Kommerzienrat gemacht hat, – einen Mann, welchen deutscher Kastengeist und europäische Titelsucht in wenig Jahren unheilbar angekränkelt haben. James Franklin Sterley lügt nicht, wenn er dem Bildnis seines ersten Weibes versichert, daß er nur aus Geschäftsinteressen und ohne Liebe um die Witwe des Generals, die ehemalige Hofdame, wirbt, aber er verschweigt, daß auch die Eitelkeit eine starke Triebfeder gewesen, welche ihm den Antrag an ihre Excellenz in die Feder diktiert hat. – Und die Eitelkeit ist es auch, welche ihn endlich von seinen Gedanken losreißt, besorgt nach der Uhr zu sehen. –

In früher Morgenstunde hat er seinen Brief an Ines von Torisdorff abgesandt, jetzt sinkt die Sonne bereits hinter die dunkeln Wipfel des Parkes, und noch immer ist keine Antwort eingetroffen. Überlegt es die arme Witwe so lange, ob sie die Gemahlin des mehrfachen Millionärs werden soll? Wiegt das kleine Wörtchen, das Adelsprädikat, schwerer wie seine Sacke voll Gold? –

O, dieser deutsche Hochmut! Diese eingewurzelten Vorurteile! Dieser zähe, starre und doch so imponierende Adelsstolz! –

Der junge Torisdorff lehnte es ab, Klaus nach Tegernsee zu begleiten, war es vielleicht der Schatten, welchen große Ereignisse vorauswarfen? Eine fiebernde Ungeduld bemächtigte sich allmählich des sonst so kühlen, stets gelassenen Mannes. Das Pflänzlein Eitelkeit schlägt seine Wurzeln tiefer und tiefer, es trägt Dornen, welche Wunden reißen. –

Noch nie zuvor ist dem Amerikaner der Gedanke gekommen, daß der Titel Kommerzienrat allein noch nicht genüge, ihm eine Stellung in der deutschen Residenz zu schaffen, jetzt in den Stunden des Harrens, des Hangen und Bangens, deucht es ihm ein unbegreiflicher Mangel, daß dem Namen Sterley das Wappenschild fehlt. – Er empfindet das Zögern der Generalin wie ein Bettler, welcher mit gezogenem Hut stehen bleibt, bis sie in ihrer Börse ein Almosen gesucht, –

Sie würde sich mehr beeilen, wenn der Freier seine Hand und seine Reichtümer auf einem Wappenschild anbieten könnte.

Ja, es fehlt ihm! – Es ist das einzige der Glücksgüter, welches Fortuna ihm noch nicht in den Schoß geworfen.

Ist es unerreichbar? – Gewiß nicht. Das fin de siècle ist mehr denn je das Zeitalter, in welchem Rittersporn neu ausgesät wird. Die jungen Pflanzen stehen infolgedessen nicht hoch im Preise bei den Kennern, – aber sie wachsen doch in dem Garten, zu welchem anderes Wegekraut keinen Zutritt hat. –

Mit unruhigen Schritten geht der Bankier im Zimmer auf und nieder, er wendet sich schließlich zur Thür und tritt im Nebenzimmer an das Fenster, welches den Blick auf die Straße gewährt. Wird die ehemalige Hofdame seine Gemahlin, so bleibt wohl der Platz über dein Portal, wo ein großes, steingehauenes Wappen so trefflich seinen Platz fände, nicht lange mehr leer.

Und James Franklin Sterley, welcher den Antrag an die Excellenz mit so kühlem Blut niedergeschrieben, steht plötzlich mit fiebernden Pulsen und wartet auf die Antwort, so ungeduldig und besorgt, als hinge von der Huld und Gnade der armen Offizierswitwe seine Daseinsberechtigung ab. –

Und dann zuckt er leicht zusammen und streicht langsam über die Stirn, wie ein Mann, welcher aus wirren Träumen erwacht.

Wohin führen ihn seine Gedanken!!

Will er sich denn hier in Deutschland naturalisieren lassen? Er, der eingefleischte Amerikaner, welcher kaum einen richtigen und klaren Begriff von dem Adel hat, er, der freie, selbstbewußte Selfmademan, welcher seit jeher zu stolz war, um anderen etwas zu danken? – Außer Gott nur ich! – Was ich werd' und bin, bin ich aus eigener Kraft durch des Allmächtigen Gnade! – So hat er noch vor wenig Monaten mit dem frohen Siegesbewußtsein der Unabhängigkeit triumphiert, als er widerwillig den Titel eines Kommerzienrates angenommen, mit dem festen Vorsatz, niemals Gebrauch von dieser Dankesquittung zu machen, welche man ihm aus Erkenntlichkeit für ein von ihm erbautes, dotiertes und der Stadt geschenktes Blindenasyl ausgestellt hatte!

Und nun? – Er hat unter seinen Heiratsantrag – nicht ohne ein Gefühl von Genugthuung – den Titel Kommerzienrat geschrieben, er hat dem Kammerdiener befohlen, den jüngst verliehenen Orden an dem Frack zu befestigen – den Orden, welchen er mit ironischem Lächeln in seinen Schreibtisch geschlossen und schier vergessen hatte. – Und jetzt steht er in fieberhafter Spannung und wählt schon einen Platz für das Wappen über der Hausthür aus. Wie ist solch eine Wandlung möglich gewesen, wie ist sie gekommen? –

Der Bankier seufzt tief auf, weil er ein Sklave seiner eigenen Werke geworden ist. Er, der freie Mann, empfindet eine Last auf seinem Nacken, welche ihn tyrannisch beugt, welche ihn der Notwendigkeit gefüge macht und jedes Mittel, welches zum Ziele führt, als recht und gut erachten läßt.

Der Reichtum, welchen er mit eigenen Händen zusammengetragen, wächst an zu einem Riesen, welcher nun den eigenen Herrn am Gängelband leitet, wohin es ihm just beliebt.

Der Bankier steht zu tief in dem breiten Goldstrom, welcher ihn haltlos mit sich fortreißt.

Er hat sich bei neuen Unternehmungen allzusehr engagiert, er ist viel zu sehr Geschäftsmann, um große Verluste gleichgültig zu ertragen, er bemüht sich, ihnen vorzubeugen. Er ist ein Spieler geworden, welcher keinen Schachzug scheut, um zu gewinnen. Und seine zweite Ehe, sein Titel – sein Orden – seine hochfliegenden Gedanken – sie alle sind Schachzüge, um auf diplomatischem Weg zu erreichen, was auf der geraden Straße nicht mehr eingeholt werden kann. –

Der Zweck heiligt die Mittel.

James Franklin Sterley zuckt gleichmütig die Achseln, sein geradliniges Gesicht wird steinern wie zuvor, – der jesuitische Grundsatz lullt die Skrupel ein, welche ihm plötzlich kommen wollten. Er wirft sich in einen Sessel, entzündet eine Cigarette und greift nach der Börsenzeitung. Die Zeit vergeht, violette Schatten fallen durch das Fenster und ein matter Luftzug weht durch die geöffnete Balkonthür, den letzten Gruß der scheidenden Sonne hereinzutragen.

Ein leises, respektvolles Klopfen.

Der Bankier hebt jäh das Haupt.

»Well!«

Ein Diener im schwarzen Frack und weißer Weste steht auf der Schwelle.

»Ein Brief von Ihrer Excellenz Freifrau von Torisdorff.« Noch einmal ein: »Well!« – es klingt etwas heiser, aber der Amerikaner bleibt regungslos im Sessel liegen, nur seine grauen, durchdringenden Augen richten sich nach der Thür, in welcher auf einen Wink des Kammerdieners ein Lakai erscheint.

Er tragt ein silbernes Tablett, auf welchem ein Brief liegt.

Bill nimmt es ihm ab und überreicht es seinem Gebieter. –

Abermals ein kurzes: »Well – thank jou!« –

Die Überbringer sind entlassen.

Sterley wartet, bis sich die Thür hinter ihnen geschlossen, dann nimmt er das Schreiben und starrt einen Augenblick darauf nieder, ohne es zu öffnen.

Das Papier ist leicht und schlicht, aber es trägt eine siebenperlige Goldkrone auf dem Umschlag.

Wunderlich, schon von ihm geht das gewisse feierlich vornehme Etwas aus, wodurch dem Amerikaner vom ersten Augenblick an die deutsche Baronin so gewaltig imponierte.

Er war doch so ruhig geworden, nun schlägt ihm das Herz wieder heftig in der Brust.

Mit leicht bebenden Fingern, wie mit einem gewaltsamen Entschluß, reißt er das Couvert auf. Nur wenige Zeilen; – voll atemloser Hast überfliegt er sie, und dann steigt eine feine Röte in Wangen und Stirn, – seine Augen blitzen auf wie bei einem Wettreiter, welcher unter wehenden Fahnen das Ziel gewonnen! Er springt auf, – wirft lächelnd den Kopf zurück und atmet tief – tief – auf.

Sein Blick streift den Spiegel und mustert mit einem Ausdruck stolzer Eitelkeit sein Bild. –

»Was bist du für ein Mann!« – liegt darin; »auch ohne Adelskrone bist du ihr begehrenswert – ihr – einer Excellenz, deren exklusive Gesinnung stadtbekannt ist. Selfmademan bist du, auch dieses Mal!« Und dann schreitet er gerade aufgerichtet, elastischer noch wie sonst, zu der elektrischen Schelle.

»Ich wünsche auszufahren, Bill! – Zuvor werde ich mich ankleiden, – full dress. – Stehen die Blumen bereit?«

»Es ist alles bereit, Herr Kommerzienrat.«

Zum erstenmal nennt der Kammerdiener – trotz des Verbotes – seinen Herrn mit dem Titel, und er bekommt keine Rüge, – Mister Sterley überhörte es wohl. –

Nach kaum einer Viertelstunde sauste der elegante Viererzug davon. In Mister Sterleys Händen liegen die schönsten Rosen, welche je einer Braut zu Füßen gelegt wurden. Der Besuch währt nicht allzulang, – der Amerikaner liebt und wahrt die etwas steife Form ebenso sehr, wie Ihre Excellenz. –

Es ist eine eigenartige Verlobung, ohne Illusionen, ohne Liebesschwüre, – ohne Zärtlichkeiten. Sie gleicht mehr einem konventionellen Abschluß, einem Pakt, welcher in höflich formellem Konversationston abgeschlossen wird. –

Mister Sterley bittet auch erst um die Erlaubnis, seiner Verlobten näher bekannt werden zu dürfen, und schlägt vor, dies durch einen gemeinsamen Aufenthalt in Ostende zu ermöglichen.

Er werde alles Nötige anordnen und für Excellenz und Josef Quartier in einer der behaglichen Villen besorgen, dieweil er selber im Hotel absteigen werde. Mit gütiger Erlaubnis werde er auch Klaus während der letzten vierzehn Tage der Ferien nach dort beordern. –

Excellenz Torisdorff reicht ihm dankend die schmale Hand und der Amerikaner drückt sie so ehrerbietig an die Lippen, wie ein Vasall seiner Königin huldigt. – Josef hingegen schließt er voll herzlicher Wärme an die Brust und hält den Blick des jungen Mannes, welcher wie in brennender Frage bis in sein tiefstes Herz zu dringen scheint, fest und lächelnd aus.

An dem Strand der See – im täglichen Verkehr und Sehen, sollen sich die Herzen finden, und gewinnt Excellenz die Überzeugung, daß ihre Verbindung mit Mister Sterley ein Glück für sie alle werden kann, so soll nach der Rückkehr die Verlobung veröffentlicht und baldmöglichst die Hochzeit gefeiert werden.

Ein müdes Lächeln zuckt um die Lippen der Generalin, es sieht beinahe aus, als wolle sie voll herber Resignation seufzen: »Wozu noch diese Komödie, diese Galgenfrist? – Warum wir uns heiraten wollen – und daß wir es thun werden, wissen wir ja beide! Ist für solche Motive ein Kennenlernen notwendig? –

Dennoch empfand sie die Feinfühligkeit dieses Mannes, welcher seiner Werbung der Äußerlichkeit nach wenigstens den geschäftlichen Anstrich nehmen wollte, sehr angenehm und sehr dankbar.

Ein täglicher Verkehr in dem fremden, leichtlebigen Seebad schlug wohl die beste Brücke von der Vergangenheit zur Zukunft und ließ den Wechsel ihrer gegenseitigen Beziehungen nicht allzu schroff empfinden.

So war der erste Eindruck, welchen Mister Sterley hinterließ, ein günstigerer und sympathischerer, als Frau von Torisdorff weder sich noch ihrem Sohn eingestand, und Josef forschte vergeblich in den unbeweglichen Zügen der Mutter nach einem Anzeichen, welches für die Persönlichkeit des Bankiers vorteilhaft gedeutet werden konnte.

Excellenz Torisdorff schien sich ohne Thränen, aber auch ohne Lächeln in ihr Schicksal zu finden, und ihr Sohn preßte schwer atmend das Antlitz auf die gefalteten Hände und dachte: »die Zeit wird ihr helfen, – sie wird die üppigen Blüten des Reichtums leichter und lieber pflücken lernen, als sie ahnt, und das künftige Leben, in all seinem sorglosen Behagen wird ihr eine unentbehrliche Gewohnheit werden, welche doch noch alle Opfer, welche ihm jetzt gebracht werden, aufwiegt. Die Hauptsache ist ja schon jetzt für mich erreicht! Die geliebte Kranke wird in der frischen Seeluft gekräftigt und gesunden, und dieses Bewußtsein stillt die Gewissensbisse, gegen meine bessere Überzeugung, gegen all meine Ansichten und Grundsätze gehandelt zu haben!«

Ja –, Josef von Torisdorff hatte unter dem Druck der Not und der Verhältnisse gehandelt, wie er es unter normalen Umständen nie gethan haben würde. Er hatte sich ohne Schuld zum Egoisten gemacht, er hatte der Mutter eine kleine Komödie vorgespielt, welche ihm mit jedem Gedanken fern lag! Er hatte sich eines unerlaubten Mittels bedient, sie in die unsympathische Ehe mit dem Bankier hinein zu zwingen! –

Nun heiratete sie den reichen Mann lediglich aus Pflichtgefühl, aus Liebe und Sorge um ihr Kind! – Um des Sohnes Leben günstig zu gestalten, opferte sie sich selbst, um für ihn zu gewinnen, gab sie sich selber hin, sich und alles, was ihrem Herzen teuer war! – Und war dies thatsächlich eine Notwendigkeit? O, nimmermehr! Josef fühlte Kraft und Energie in sich, seinen Weg auch ohne die Goldquellen jenes Amerikaners zu machen! Er wäre ohne Zögern Offizier geworden und seine Gesundheit hätte sich entweder in Arbeit und Dienst gestählt, oder er hätte das Los so vieler unbemittelter Standesgenossen geteilt, er wäre als Opfer seines Berufs ehrenvoll zu Grunde gegangen.

Dann hätte er als pflichttreuer Sohn seiner Väter das stille Kämmerlein unter dem Rasen bezogen, zugedeckt mit Schwert und Schild, dem reinen, fleckenlosen, welches er während seiner kurzen Pilgerfahrt mit der Kraft der eigenen Hände hochgehalten, – so lang, bis diese Kraft erlahmt war, bis er das Lehen seines Königs, welches ihm zu schwerer Last geworden, brechenden Auges zurück erstattet hatte. –

Und auch dieses kurze Leben wäre schön gewesen, schön und sonder Reue. – Das wehmütige Schicksal eines Mannes, an dessen Wiege nur ein prophetischer Segenswunsch erklungen: Noblesse oblige! – Beinahe deucht es ihm, als habe das Schicksal, welches er sich jetzt selber beschworen, weit weniger Reiz für ihn. Es wird ihm zeitlebens Bleigewichte an die Flügel hängen und ihre Flugkraft mehr noch lähmen wie die Anstrengungen des Militärdienstes. Er wird stets das Gefühl der Verpflichtung mit sich herumtragen, und das demütigende Bewußtsein, daß er, der Edelmann, die Almosen eines Fremden angenommen, um bestehen zu können. –

Dieser Gedanke treibt ihm die Schamröte in die blassen Wangen und er furcht trotzig die junge Stirn, hinter welcher solch unnatürlich gereifte Gedanken kreuzen. Er erwägt jede Möglichkeit, dieses Geld von seinem Stiefvater nicht als Geschenk, sondern nur als Darlehn erachten zu können, welches er ihm später mit Zinsen wieder zurückzahlt! –

Er will nichts von dem reichen Mann! Er persönlich bedarf seines Geldes nicht! Nur der Mutter soll er als Helfer und Retter kommen, soll ihr geliebtes, teures Leben hüten und erhalten, denn der einzige, welcher ein Recht dazu hätte, ihr Sohn, ist ein schwacher, ohnmächtiger Knabe, welcher nichts anderes hat, als sein grüblerisches Sinnen und sein Gebet! –

Und während Ines das thränenüberflutete Antlitz nachts in die Kissen barg und der einzige Trost, an welchen sie sich klammerte, der Gedanke war, ihrem Kind und seiner Zukunft ein lohnendes Opfer zu bringen, – während sie in dieser heiligen Aufgabe, in dieser edlen Selbstverleugnung die Kraft fand, sich zu überwinden, – brachte ihr Sohn ihr noch ein bei weitem größeres Opfer! – Er rang in dem Kampf übertrieben hoher Jugendideale gegen den Realismus eines bitteren »Muß«, er war ein Kind voll frühreifer Gedanken, welchem jedoch die Erfahrung und das klare Urteil des Mannes fehlten, er stand noch mit beiden Füßen fest in der Vergangenheit und den Prinzipien, welche man ihm in derselben anerzogen hatte, und nun rüttelte er selbst mit eigene» Händen daran, nun riß er das Gewesene nieder, ohne noch eine Zuflucht bei dem Kommenden zu finden. Diese Stunden bitteren Ringens gingen nicht spurlos an ihm vorüber, sie hinterließen ihre Narben, und wenn auch das milde Schicksal sich erbarmte und seine junge Seele von der Folter erlöste, indem es durch die Reise nach Ostende neue Eindrücke und Zerstreuung bot, so verkapselten sich jene wirren Ideen dennoch tief in seinem Herzen, eines Frühlingssturmes harrend, welcher sie zu neuem Leben aus der Tiefe emporwühlen wird, –

Zuerst glättete sich die bewegte Flut. – Der Reiz der Neuheit übte auf sein Kindesgemüt die unfehlbare Wirkung aus, – ein glückseliges Aufatmen folgte nach der langen Pein! –

Mit strahlenden Augen sah er, wie das leidende Antlitz der Mutter sich unter den Küssen frischer Meeresbrise rosiger und lebhafter färbte, wie sie voll stummen, aber doch merklichen Behagens all die Segnungen des Reichtums genoß, welche ihr Mister Sterley eben so zartfühlend wie warmherzig unterthan machte. –

Dazu kam, daß Josef den künftigen Stiefvater von Tag zu Tag mehr schätzen lernte. Voll tiefer Dankbarkeit empfand er seine Bemühungen, das Leben der Mutter so angenehm und beglückend wie möglich zu gestalten, und seine zarten Aufmerksamkeiten machten seltsamerweise auf den Sohn noch mehr Eindruck als wie auf diejenige, welcher sie galten. –

Das aber, was seine unsichtbaren Bande am festesten und wirksamsten wob, war die aufrichtige, herzliche Freundschaft und das schon jetzt vollkommene brüderliche Einvernehmen, welches zwischen den beiden Knaben herrschte.

So verschiedenartig wie Josef und Klaus auch beanlagt waren, so harmonisch gestaltete sich ihr Verkehr, ja es schien, als ob die Charaktereigenschaften des einen die des andern ergänzten. Josef ernst, grüblerisch, tief religiös und beinahe etwas pedantisch, fand für seine frühreifen und schwermütigen Ansichten ein wohlthuendes Gegengewicht in dem sorglos heitern, mit strahlenden Augen in die Welt hineinlachenden Klaus! Der junge Sterley war das herzgewinnende Abbild der verstorbenen Mutter. Lebenslust und ein ehrliches, braves Kinderherz spiegelten sich auf dem hübschen, rotwangigen Gesicht, welches nie allzu tiefe oder philosophische Gedanken hinter der Stirn hegen wird. Klaus war oberflächlich und geistig nicht sehr begabt, aber er war dennoch nicht ohne Talente, und die Geschicklichkeit der Mutter prägte sich bei ihm in auffallend graziöser Leichtigkeit aus, mit welcher er Stift und Pinsel führte. –

Das Malen war seine Lieblingsbeschäftigung, und da der Sohn des Millionärs gar keine Begabung für die kaufmännische Karriere, sowie keinerlei Interesse für die Börse und ihren Dunstkreis zeigte, wohl aber die Freiheit hatte, sich einen Beruf nach eigenem Wunsch zu wählen, war es schon jetzt zwischen Vater und Sohn ausgemachte Sache, daß Klaus nach absolviertem Abiturientenexamen die Malerakademie beziehen sollte.

IV.

Der Sturm, der wüste Geselle war daher gesaust und hatte mit seinen schweren Fittichen das Meer gepeitscht, daß es wild aufbäumte vor Zorn und Schmerz und vergeblich die weißen Gischtarme hoch empor warf, den Störer seiner Ruhe zu packen und herab zu reißen in modernde Tiefen. Vergeblich war sein Bemühen.

Der Sturmwind ballte noch einmal die düstern Wetterwolken zusammen und warf sie über die See, sein Gelächter schrillte noch einmal hell auf, er wandte sich und jagte weiter über das Festland, auch dort ein übermütiges Spiel zu treiben und seine Kräfte an hochgewachsenen Gegnern zu messen.

Das Meer aber hatte sich müde gekämpft, die weiche Wolkendecke breitete sich über ihm aus und verhüllte die Sonne, – da ward es müde, streckte sich weit aus und schlief ein. Selbst seine sonst so krause Stirn schmiegte sich glatt und friedlich an den gelben Dünensand, und nur dann und wann ging es noch einmal wie ein seufzendes Aufatmen, leise wogend über die spiegelnde Flut.

Einsam und menschenleer lag der Strand.

Die trübe Regenstimmung hielt die lebensfrohen Kurgäste in den Hotels und Sälen des Kurhauses zurück, wo Musik und heiteres Getriebe über jede Unbill des Wetters hinwegtäuschte.

Josef hatte vergeblich an der Zimmerthür seines Freundes Klaus angeklopft.

Der Salon stand leer und verlassen, und der junge Torisdorff vermutete wohl nicht mit Unrecht, daß sein künftiger Stiefbruder, der stets heiter beanlagte und die Geselligkeit liebende, den Konzertsaal aufgesucht habe.

Josef schätzte die Musik, aber nicht in diesem schillernden Rahmen üppiger Leichtlebigkeit, welche auf ihn, den so schwermütigen, streng denkenden Moralisten geradezu abstoßend wirkte, seit er beobachtet hatte, daß die meisten dieser holdduftenden Menschenblumen giftiges Unkraut waren, welche die Saat des Lasters in diesem Paradies ausstreuten. So drückte er den weichen Filzhut fester in die Stirn und wandte sich zur Thür, den Strand zu erreichen.

Ein Paar sehr laut lachende und scherzende Damen und Herren kamen ihm entgegen, Franzosen, welche durch ihr ganzes, sehr lautes Wesen schon anzeigten, daß sie nicht den besten Gesellschaftskreisen angehörten.

Namentlich die Damen fielen durch ihre extravaganten Toiletten und ihr freies Benehmen dem deutschen Auge unangenehm auf.

Just, als Josef an ihnen vorüber schritt, sah er, daß die Armspange einer der Damen hernieder glitt und lautlos auf den weichen Teppich aufschlug. Ihre Besitzerin bemerkte den Verlust nicht, und so eilte er höflich herzu, hob das Schmuckstück auf und überreichte es mit stummer Verneigung der Dame.

Laute Rufe der Überraschung, des Dankes, im Augenblick war Josef umringt und mit lebhaften Fragen über das »wie? und woher?« des Fundes bestürmt. Er antwortete kurz und kühl, aber gerade sein so reserviertes Wesen mochte die Gesellschaft, welche gut diniert zu haben schien, reizen.

»Halten sie an, mein junger Freund! Die schöne Fanchette muß erst Bringerlohn bezahlen!« rief einer der Herren, Josefs Arm fassend: »Eh bien, ma jolie avaricieuse – was zahlen sie dem ehrlichen Bringer?«

Die kleine Französin neigte das geschminkte Gesicht kokett zu Josef hinüber und blitzte ihn mit den schwarzen Augen herausfordernd an. »Er ist hübsch, mein junger Gläubiger!« lachte sie, »und da er noch keinen Schnurrbart hat, so darf man ihm wohl noch lohnen, wie es ihm am meisten nach Geschmack sein dürfte – mit baisers!« – Und sie hob die Hände, Josefs Kopf ungeniert herab zu ziehen und ihn zu küssen.

Mit flammendem Blick wich der junge Torisdorff zurück, brennende Röte der Scham und Entrüstung stieg in sein bleiches Gesicht.

Stolz und verächtlich warf er das Haupt in den Nacken. »Solche Münze kenne ich nicht!« sprach er kalt, wandte sich kurz um und schritt davon. Schallendes Gelächter tönte ihm nach und gellte ihm in den Ohren. Mit zornigem Griff faßte er die Thür und trat in das Freie.

Die Empörung schnürte ihm die Kehle zusammen. Er atmete auf, als ein Windstoß daher fuhr und seinen Mantel schüttelte, – es deuchte ihm, diese reine Gottesluft blase den Pesthauch davon, welcher ihn mit seinem widerlichen Parfüm leichtfertiger Dirnen noch immer umschwebte. Mit großen Schritten gewann er den einsamen Strand, immer weiter trieb es ihn, als könne er gar nicht genug Luft und Raum zwischen sich und die Pariser Modedamen legen. Endlich blieb er stehen, atmete hoch auf und starrte auf das blaugraue Meer – den düster drohenden Himmel hinaus.

Diese Farben, die Stimmung in der Natur paßten zu seiner eigenen Gemütsstimmung, ihr Anblick that ihm wohl.

Mechanisch setzte er sich auf einen der naheliegenden Steinblöcke nieder und stützte die Hände auf den Schirm, – das Haupt leicht vornüber geneigt, saß er einen Augenblick, dann zog er den Hut von dem Kopf, daß der Wind kühlend um die Stirn streichen und das lockige Haar zausen konnte, richtete den finstern Blick abermals auf die See und versank in grübelndes Sinnen, welches ebenso wetterschwül und grau seinen Geist umzog, wie die drohenden Wolken den Himmel.

Die Begegnung mit den Französinnen hatte einen Brand der Empörung in ihm entfacht, welcher noch immer in hellen Flammen aufloderte. Josef befand sich in einem Alter, wo ihm das Ewigweibliche so wie so fremd und unverständlich und darum höchst unsympathisch war. Er stand in den Jahren, wo sich »der Knabe stolz vom Mädchen« reißt, wo es verächtlich ist, für das schöne Geschlecht mehr zu empfinden, wie kalte Gleichgültigkeit, wo es im Jünglingsbusen noch grollt und sich auflehnt gegen die Existenz des Weibes, wo höchstens die Mutter, die »engelsgute, heilige« das Ideal verkörpert, welches der trotzige Knabensinn als Mittelding zwischen Himmel und Erde duldet und verehrt.

Die Liebe zu der Mutter ist ein Stück Religion, die Mutter ist ein so vollkommenes Wesen, so hoch über all den andern verächtlichen Backfischen und Mädchen stehend, daß sie es im Grunde genommen verdiente, ein Mann zu sein! –

Und diese Überzeugung sanktioniert sie in den Augen des weiberfeindlichen Knaben.

Die Mutter ist eben ein ganz besonderes Geschöpf für sich, – hoch erhaben über jede Kritik, darum läßt sich die Liebe zu ihr und der Haß gegen ihre Mitschwestern so wunderlich in den jungen Brauseköpfen vereinigen.

Sie zu küssen ist Himmelslust, – aber ein Kuß jener anderen – fremden – leichtsinnigen Person, der weht mit seinem glühenden Atem direkt aus der Hölle empor.

Josef empfindet es instinktiv, daß der frivole Kuß jener Lebedame einen Gifthauch über das reine, ideale Bild wirft, welches trotz allen Hasses gegen das Ewigweibliche, dennoch wie eine Perle in seinem tiefsten Innern ruht, der seligen Zeit harrend, wo ein Blick der Liebe – ein Blick aus keuschen Engelsaugen in sein Herz hinab taucht, diese Königsperle zu heben.

Jetzt rollen desto dunklere Fluten über sie hinweg und wiegen in ihrem Schoß den Weltschmerz, welchen jene kleine Scene im Hotel geboren hat. –

Die verletzte Eitelkeit, als Baby behandelt zu sein, spricht auch ein gewichtiges Wort dabei mit, und verschärft das Urteil über die verderbte Welt, welche dem sittenstrengen, deutschen Sekundaner in diesem Augenblick geradezu verleidet ist!

»Des Daseins ganzer Jammer« faßt ihn an und spiegelt sich in den finsteren Zügen, wobei sein bleiches Profil sich scharf gegen den düsteren Himmel abhebt.

Die großen Augen richten sich wie in brennender, vorwurfsvoller Frage nach dem Horizont, – ob es denn immer noch nicht rettend an ihm aufblitzen wird, einen Schwefelregen über dies entartete Sodom zu senden, und die Lippen pressen sich so herb zusammen, als müßten sie gewaltsam die große, sehnsüchtige Frage unterdrücken: »Wann kommst du, Herr, – den Weizen von der Spreu zu sondern und zu sichten?« –

Der Wind streicht durch das Riedgras wie ein leises Flüstern versöhnender Milde, und über die dunkle See zieht eine Möve mit weißen Schwingen, wie die Taube des Friedens, welche auch auf Noahs bange Frage ein Ölblatt zur Antwort brachte.

Die Minuten verstreichen, – die Flut schwillt an und strebt sehnsüchtig dem Land entgegen – und Josef will sich erheben und weiter wandern, ehe neue Regengüsse ihn gewaltsam heimwärts treiben.

Und als er sich wendet und nach dem Hut greifen will, schrickt er jählings zusammen.

Dicht hinter ihm ertönt eine Stimme.

»Halt! nicht rühren! bitte, Josef, bleib noch fünf Minuten so sitzen, dann bin ich fertig!«

Klaus' Stimme. –

Aufs höchste überrascht schnellt Josef herum und sieht nun erst seitlich, – halb versteckt an der Düne, welche Überwind gewährt, seinen Freund, die Leinwand vor sich und den eleganten Malkasten seitwärts neben sich, eifrig bemüht, ein Stimmungsbild zu fixieren.

»Klaus, du hier? Du malst bei diesem Wetter?« Mit wenigen Schritten steht er neben dem Genannten, und der junge Sterley nimmt hastig den Pinsel zwischen die Lippen und streckte dem Stehenden lachend die Hand entgegen.

»Das versteht sich! Ist ja eine großartige Färbung heute! So etwas von tiefvioletten und sammetgrauen Tönen habe ich noch nicht in der Luft gesehen! Welch eine Schattierung! Und diese wetterschwüle Ruhe, diese trostlose, – schier verzweifelte Stimmung in der Natur! Liegt die See nicht da wie ein zu Tode erschöpftes, unglückliches Weib, welches nur noch dumpf röchelt: ›ich kann nicht mehr – ich sterbe!‹ – Und kein Lichtblick am Himmel, kein Strahl – kein Stern! – Grau in Grau wie erstorbene Hoffnung!« –

Josef blickte den Sprecher betroffen an: »Wie poetisch du das sagst! Was du alles aus diesem Regenwetter heraus liest, Klaus! Wahrlich, du bist – du mußt ein Künstler sein, welcher überall mehr sieht und empfindet wie andere Menschen! – Laß mich, bitte, dein Bild sehen! – – –

Sterley wehrte fast schelmisch ab. »Noch nicht! Die Hauptsache muß erst noch mit ein paar Strichen vollendet werden! Mein böses Modell ist mir eben durchgebrannt, gerade im schönsten Moment! Sei so gut, Josi, und nimm noch einmal Platz und mach noch einmal genau das weltschmerzliche Gesicht wie soeben, – du ahnst gar nicht, welchen Effekt du damit gemacht hast!« –

»Mich? – mich hast du gemalt?«

»Ja, dich! regelrechter Funddiebstahl! Dein Gesicht kam wie gerufen; ich sah, daß du es in sinnenden Falten an jenen Steinen niederlegtest, hob es auf und steckte es flugs in meine Mappe! Da sieh nur her, ungläubiger Thomas, und sage mir ein Kompliment über meinen Geschmack. Gibt es eine größere Harmonie, als zwischen dir und diesem melancholischen Landschaftsbild? – Da kannst du nun sehen, welch eine Idylle der schwermütige Träumer mit dem sturmzerwühlten Haar und dem flatternden Mantel abgab! – Du gefällst dir? – Daß du zufrieden bist, sehe ich dir an den Augen an!« –

»Klaus … jetzt – ja jetzt verstehe ich deinen Vater,

wenn er dich Künstler werden läßt. – Ich habe mich zwar nie viel im Spiegel angesehen, aber ich habe die Überzeugung, daß mir diese Skizze, so flüchtig sie auch nur hingeworfen ist, zum Sprechen ähnlich sieht! – Hast du dich denn schon öfters im Porträt versucht?« –

Der junge Maler stippte den Pinsel von neuem ein, mit ein paar genialen Strichen die Möve zu fixieren, welche mit klagendem Schrei um die Steine flatterte.

»Ei gewiß! Das Porträtieren ist ja meine Hauptpassion, und wenn ich mich mal an die Staffage mache, so geschieht es stets in der heimlichen Hoffnung, daß mir der Zufall noch ein schönes Motiv hineinliefert! So wie heute! – Ja, Glück muß der junge Mann haben! Als ich das dunkle Meer mit dem unheimlich gewitterschweren Himmel malte, da zerbrach ich mir den Kopf, welch eine Figur wohl am packendsten und eigenartigsten in dieser Umgebung wirken möchte! Die junge Fischerin mit dem sorgenvoll ausspähenden Blick und den wehenden Röcken ist schon gar zu abgebraucht und regt kaum noch neue Gedanken an, – die ausfahrenden Schiffer – oder gar ein Wrack im Sande, sind bereits Allerweltscoulissen geworden. Da kamst du daher, du liebenswürdiger Retter in der Not, – ein Blättchen im Tagebuch des Zufalls, und du warst sogar so menschenfreundlich, dich mir als Modell vis-à-vis zu setzen! Nun soll einer sagen, in solch einem Bild sei keine Stimmung!« – Klaus klappte seelenvergnügt gegen den Blendrahmen, – »Menschengedanken, wie gleicht ihr dem Meere! – Menschenhoffnung, wie gleichst du dem Wind!« – das ist die Überschrift dazu. Oder wenn man deinen sehnsuchtsvoll brennenden Blick – welcher so träumerisch in die Ferne gerichtet ist, lyrisch deuten will, so heißt er: ›O du Entrissene, mir und meinem Herzen!‹ – Und wer in dir den Titanen und künftigen Himmelstürmer erkennen will, der ahnt die wetterschwangeren, großen Gedanken der Zukunft, welche hinter der düstern Stirn in dieser düstern Stunde geboren werden! – Du lachst? – untersteh dich, und werde mokant! Ich habe gerade den Pinsel voll Kremser Weiß, – und du stehst mir verlockend nahe!! –«

Nun lachten beide, und Josef legte mit einem Gefühl herzlicher Bewunderung und Anerkennung den Arm um die Schulter des künftigen Bruders.

»Nein, bei Gott, Klaus, – ich ziehe voll feierlichsten Ernstes den Hut vor dir, und wenn mir etwas an deinen Worten unglaublich vorkam, so war es deine Phantasie, welche solch hochfliegende Gedanken an meine armselige Person knüpft. Schon das Bild, – die schmeichelhafte Wiedergabe meines Gesichts – macht mich eitel.« – – –

»Schmeichelhafte?« – Klaus kniff mit leichter Grimasse das eine Auge zusammen und blinzelte schalkhaft zu dem Sprecher auf. »Na – es ist nur gut, wenn du dir selber gefällst! Ich finde nämlich, ich habe dich viel zu alt gezeichnet, – aber weißt du, nur mit ein paar Strichen – so in der Eile – da kann man sich auf Finessen nicht einlassen. Und du hast ein so markiertes Gesicht, – siehst so wie so viel älter aus, als wie du bist, aber auf dem Bild hält man dich für den Schubertschen Wanderer, welcher schon die halbe Welt nach dem Glück abgesucht hat!«

Der Sprecher warf den Pinsel und die Palette in den offenen Malkasten zurück und legte plötzlich die Hand auf die Schulter des Freundes: »Josef! ich glaube und hoffe, das Glück wohnt hier recht in unserer Nähe – und wenn wir von hier abreisen, haben wir es beide gefunden!«

»Klaus – wie soll ich dich verstehen?« –

Da warf sich der junge Sterley leidenschaftlich an die Brust des Freundes: »Josef – merkst du es denn nicht – zwischen deiner Mama… und meinem Vater? – O Josi, wenn ich deine reizend gütige, liebevolle Mutter auch die meine nennen könnte, wenn du mein Bruder würdest – ach wie lange habe ich mir schon ein solches Glück gewünscht!«

Wie ein heißer Strom flutete es nach Josefs Herzen. Welch eine ehrliche, ungekünstelte, innige Freude klang aus diesen Worten, strahlte aus den treuherzigen Augen des Sprechers! Wie uneigennützig war Klaus! Wie fern lag ihm jeder Gedanke an die Thatsache, daß nun zwei Fremde den Reichtum seines Vaters mit genießen, ja sein Erbteil möglicherweise dadurch schmälern sollten! Jede Regung des Egoismus schien dem Charakter des jungen Amerikaners fern zu liegen. Er mochte ebenso gern geben wie sein Vater, das hatte Josef schon unzählige Male auf dem Gymnasium beobachten können, wo man den gutmütigen und freigebigen Sohn des Millionärs oft in schamloser Weise ausbeutete.

Nein, Klaus erwog mit keinem Gedanken die Nachteile, welche ihm eventuell aus der zweiten Ehe des Vaters erwachsen konnten, er breitete voll warmherzigen Entzückens die Arme nach dem neuen Anverwandten aus und jubelte in dem Gedanken an das Glück, welches ihnen allen daraus erstand.

Und solch eine Hochherzigkeit verfehlte ihre Wirkung nicht auf Josef und trieb ihm das Blut beschämend in die Wangen, wenn er daran dachte, welch selbstsüchtige und engherzige Motive einzig ihn und seine Mutter bewogen hatten, den Antrag des Bankiers zu befürworten und anzunehmen.

In diesem Augenblick empfand er solchen Gedanken geradezu wie eine Schuld, und seine vornehme, brave Gesinnung revoltierte gegen dieselbe voll leidenschaftlicher Empfindsamkeit.

Er wollte nicht schlechter sein wie Klaus, bei Gott nicht! Er wollte ihm beweisen, daß auch er voll inniger Liebe und Treue in die Hand einschlägt, welche sich ihm so vertrauensvoll darbietet. Wie ein Schwur ging es durch seine Seele, dem Stiefbruder diese Stunde nicht zu vergessen, und er neigte sich und blickte in die glückselig leuchtenden Augen des Freundes, welcher ihm abermals leise zuflüsterte: »Wie will ich dich und Mütterlein so lieb haben!«

Diese Augen und Worte vergaß Josef nicht wieder.

In der Residenz erregte es ein ungeheures und berechtigtes Aufsehen, als die beginnende Herbstsaison die Gesellschaft noch mit einer verspäteten Myrtenblüte überraschte, mit der Verlobung Ihrer Excellenz der Freifrau von Torisdorff mit dem amerikanischen Bankier James Franklin Sterley.

Josef hatte voll banger Sorge diesem Tag entgegen gesehen und sein Herz klopfte zum zerspringen bei dem Gedanken, daß sich die ehemals gehegten Befürchtungen der Mutter bewahrheiten und die Mitglieder der Hofgesellschaft es der fahnenflüchtigen Frau allsogleich markieren würden, daß sie nicht gewillt seien, eine Miß Sterley in ihrem Kreise zu dulden.

Diese Demütigung hätte Josef der empfindsamen Mutter gern erspart, und darum erfüllte es ihn mit einem wahren Gefühl der Herzerleichterung, als Prinzessin Helene schon im Lauf des nächsten Vormittags persönlich vorfuhr, der ehemaligen so beliebten Hofdame ihrer Mutter die Glückwünsche der königlichen Familie mündlich auszusprechen. Die Prinzessin schien wohl mit den Verhältnissen zu rechnen und sich von Herzen zu freuen, daß der unbemittelten Witwe noch ein so sorgenfreies, glänzendes Loos beschieden sei, um so mehr, da sie nur das Beste und Rühmlichste von Mister Sterley gehört hatte.

Dem Beispiel der hohen Frau folgte die gesamte Gesellschaft, und während sich auf der Straße die Equipagen drängten, hörte das Brautpaar droben im Salon Ihrer Excellenz so viel schöne liebenswürdige Worte und so viel ehrlich gemeinte Glückwünsche, daß Josef wie verklärt neben Klaus in dem Erker stand, die Hand des neuen Bruders drückte, und flüsterte: »Wie lieb alle Leute meine Mutter haben, heute beweisen sie es!« –

Ein glänzendes Diner, welches nur die intimsten Freunde des Brautpaares vereinigte, unterbrach in erlösender Weise die Gratulationscour, und die Sterne funkelten längst an dem Nachthimmel, als Josef zum ersten Mal wieder mit der Mutter allein war.

Er schloß sie innig in die Arme und sein Blick brannte erwartungsvoll auf ihrem Antlitz. Seltsam, die Generalin sah weder triumphierend noch sehr selbstbewußt und zufrieden aus, die milde, etwas müde Regungslosigkeit, welche ihr seit dem Aufenthalt in Ostende eigen geworden, lag auch jetzt auf dem schönen Gesicht.

»Mamachen – freust du dich nicht, daß sie alle gekommen sind, daß man dich so gewaltig gefeiert hat? Siehst du wohl, daß jedermann deine Wahl billigt und dir keinen Vorwurf daraus macht?«

Ines strich mit der schlanken Hand liebkosend über das Haupt des Sprechers und drückte ihn fester noch an die Brust. »Ja, ich freue mich dessen, Josi, – um deinetwillen!«

»Nicht auch um deinetwillen, Mamachen?«

»Nein, – da ist es mir gleichgültig!« –

»Undenkbar – und ehe du dich verlobtest – – –«

»Es ist alles so anders geworden, Darling, – und ich habe mich wohl in der kurzen Zeit sehr verändert.

Ich bin ausgesöhnt mit meinem Schicksal, auch ohne den Heiratsconsens der Menge, James Franklin ist ein Mann, welchen seine Gesinnung adelt, ich habe ihn schätzen und achten gelernt, – und Klaus« – –

»Nun, und Klaus?«

»Wirst du eifersüchtig auf ihn sein?«

»Gewiß nicht, Mamachen! – O gewiß nicht! Sag, daß du ihn lieb hast!«

Ines lächelte wie im Traum: »Ja, ich habe ihn lieb, denn er verdient es, geliebt zu werden! er wird neidlos mit dir das Erbe des Vaters teilen, darum teile auch mit ihm das einzige Kleinod, welches du besitzt, mein braver Sohn, die Liebe deiner Mutter!« –

Josef küßte leidenschaftlich die Hände der Sprecherin.

»Gott helfe mir dazu, ich will brüderlich mit ihm teilen, und es dir zeitlebens danken, daß ich's kann!«

An die Thüre klopfte es.

Lina trat mit strahlendem Gesicht ein und trug einen wundervollen Blumenkorb.

»Ein Gutenachtgruß von Mister Sterley!« knixte sie, »der Brief liegt unter den Rosen.« –

Ines öffnete ihn lächelnd und überflog die wenigen Zeilen, und dann hob ein tiefer Atemzug ihre Brust. – »Josef – Josef – lies.«

Überrascht nahm der Genannte das duftende Blatt und überflog seinen kurzen Inhalt.

»Theuerste Ines! Der heutige Tag, welcher mich durch Deine übergroße Huld und Güte so unaussprechlich

reich gemacht hat, darf nicht enden, ohne daß ich Dir in einem sichtbaren Zeichen meine innige, tiefe Dankbarkeit beweise! Sonst ist es das Vorrecht des Bräutigams, die Geliebte zu schmücken, Du aber hast Dir so eindringlich Perlen und Brillanten verbeten, daß mir Dein Wunsch Befehl sein muß. So gestatte mir ein anderes Brautgeschenk: ›Lichtenhagen‹, der alte Besitz der Torisdorff, ist mir zum Kauf angeboten, und erlaube ich mir, Dir das Gut hiermit als Morgengabe zu Füßen zu legen, damit Du ein behagliches Ruheplätzchen in der Nähe der Residenz zur Verfügung hast. Wenn Du es wünschest, lasse ich den Besitz auf den Namen Deines lieben Sohnes in das Grundbuch eintragen.« –

»Josef, was sagst du dazu?« –

Die steinerne Ruhe war aus den Zügen der Generalin gewichen, mit leuchtenden Augen, atemlos, heiß erglühend vor Aufregung legte sie die Hände auf die Schultern des Sohnes: »Lichtenhagen dein Eigentum, Josef! – Hörst du es denn, Josi? … Dein Eigentum!«

Der junge Torisdorff stand regungslos, schwer atmend, die Augen gesenkt, die Lippen geschlossen. –

»Josef!!« –

Da blickte er auf und lehnte den Kopf an die Schulter der Mutter. Er sah ihre Freude, ihr Entzücken, er konnte ihr diese Stunde nicht trüben.

»Mutter, darf ich denn solch ein ungeheures Geschenk annehmen? – Wie soll ich je solch eine Schuld abtragen an Mister Sterley?« –

Ein herber, beinahe harter Ausdruck lag plötzlich auf dem Antlitz der Generalin. »Mister Sterley wird dein Vater sein, und ich hoffe, du wirst noch reichere Geschenke von ihm erhalten wie dieses Gut. Ich verlange nicht, daß er sein Vermögen zwischen dir und Klaus teilt, – dazu steht ihm das eigene Kind näher wie du, aber ich werde nie seiner Freigebigkeit wehren, wenn er nach Kräften für dich sorgen will. Das ist nicht nur sein Recht, sondern seine Pflicht, – und um ihm dies zur Pflicht zu machen – – –

»Verzichtest du für dich selber auf Perlen und Diamanten, – Mutter?«

Wie ein Aufschrei klang's.

Wieder irrte ein müdes Lächeln um die Lippen der Generalin, sie schüttelte langsam den Kopf,

»Laß gut sein, Kind, es ist ja kein Opfer für mich! Ich bin eine alte Frau –«

»Mama!«

»Die das Glück genossen hat und an sich selber dachte, so lange es noch Blüten zu pflücken gab, die Früchte gehören dir. – Ich habe noch nie so viel an dich gedacht, und so wenig an mich wie jetzt, wo die Welt wohl glaubt, ich sei darauf bedacht, mich für meine alten Tage weich zu betten! Daß ich dies thue, leugne ich nicht, und ich erkenne alles dankbar an, was mir so viel Annehmlichkeit und Behagen schafft. Aber all der Schimmer und Glanz, welchen mein Leben noch trägt, ist doch mir buntes Herbstlaub an ersterbendem Stamm, darum breitet er die Zweige desto sorgsamer über das junge Reis, welches neben ihm aus seiner Wurzel sproßt. – Warum siehst du mich so wunderbar an, Liebling? Ist es etwas Unnatürliches, alt zu werden!«

Josef schüttelte den Kopf, er lächelte plötzlich,

»Gewiß nicht, – und ich hoffe zu Gott, daß wir beide noch recht lange miteinander leben! Zum Herbstlaub ist es aber noch zu früh und ich denke, zuvor kommt noch der Johannistrieb neuer Lebenskraft und -freude, welcher auch wieder Wohlgefallen an sich selber finden läßt, wenn das Wurzelreis genugsam mit blinkendem Tau und blendendem Sonnengold überschüttet ist! Vorläufig ist es in gar guten Boden verpflanzt, und wenn ich thatsächlich Lichtenhagen von dir und … dem Pflegevater zu Lehen erhalte, so ist wohl in ausgiebigster Weise für mich gesorgt. Darum fort jetzt mit all den Schatten, welche immer wieder die Sonne verdunkeln wollen, weder Lichtenhagen noch alle Reichtümer der Welt können mir das Glück ersetzen, dich glücklich zu sehen! – Ich bin's nur, wenn du es bist, während mich Sterleys Glücksgüter zu Boden drücken würden, wenn auch du sie als Last empfändest!« –

Frau von Torisdorff blickte ihrem Sohn tief in die Augen.

»Du irrst« – sagte sie leise, »ich bin glücklich« – und in Gedanken fügte sie hinzu: »so glücklich, wie eine Mutter, welche ihre Pflicht gethan und für ihr Kind gesorgt hat.« –

»Ist es wahr, Mutter?« –

Sie lächelte und nickte. »Glaube es mir, – und nun gute Nacht, mein Liebling! mein – Erbherr von Lichtenhagen!« – Und Ines wandte sich hastig um, winkte ihm noch einmal zu und verschwand hinter der Portiere. Langsam trat Josef in das Nebenzimmer, lehnte sich an das offene Fenster und blickte in die stille, sternklare Nacht hinaus.

Er konnte noch nicht schlafen.

Die Gedanken fluteten hinter seiner Stirn und raubten ihm die Ruhe.

Das seltsam veränderte Wesen der Mutter ängstigte ihn. Hatte sie thatsächlich mit der Welt abgeschlossen, seit sie gewillt war, mit ihrem Namen ein Gewand auszuziehen, darin all ihr Glück, all die selige Erinnerung der Vergangenheit verwebt war?

Gewiß nicht! Ihre Nerven sind überreizt, sie hat sich in Wahnvorstellungen hinein gelebt, welche nur die Zeit heilen und zerstreuen kann. Noch steht sie zwischen dem Vergangenen und Künftigen, hier noch nicht losgelöst, dort noch nicht heimisch, – das wird alles sich ändern. – Sie achtet und schätzt Mister Sterley sehr hoch, sie sind sich beide in aufrichtiger Sympathie näher getreten, sie wird sich auch in seinem Hause glücklich fühlen, – darum sorgt sich Josef nicht, nein, im Gegenteil, etwas ganz anderes steht plötzlich als bleiches Schreckgespenst vor ihm. Die neuen Verhältnisse, die persönliche Liebenswürdigkeit des zweiten Gatten machen jetzt einen unleugbaren Eindruck auf die Mutter, wenn sie ihr Interesse und ihre tiefinnere Befriedigung auch noch so weit zurückweist, Josef sieht, wie sehr sie sich jetzt bemüht, ihrem künftigen, glänzenden Hausstande gerecht zu werden, wie schnell sie sich in Ostende all den Gepflogenheiten des Amerikaners anpaßte. Wird sie vielleicht völlig mit der Vergangenheit brechen? Wird sie am Ende auch die Erinnerung erblassen lassen, welche die Immortellen der Treue um das Bild des ersten Gatten flocht?

Es ist ihm aufgefallen, daß seine Mutter in letzter Zeit wenig, fast gar nicht von ihrem verstorbenen Mann gesprochen. Sonst geschah es, daß sie abends in trauter Stunde mit dem Sohn sein liebes, heiliges Andenken pflegte, – das ist lange nicht mehr erfolgt, selbst heute, an diesem so tief in ihr Leben einschneidenden Tag, fand sie keine Minute, mit dem Sohn von dem Vater zu sprechen. – Was bedeutet das?

Heiße, brennende Thränen steigen in Josefs Augen, Wird sie ihn vergessen? Wehe dann dem Sohn, welcher sie gewaltsam in diese neue Ehe drängte, er wird einst mit dem geliebten Toten darüber abzurechnen haben! Die Sterne glänzen wie freundlich tröstende Augen auf den gequälten jungen Mann hernieder, und hinter ihm knarrt leise eine Thür.

Die Mutter tritt in das Zimmer – sie sieht ihn nicht. Sie tragt in der Hand die Blumen, welche Sterley ihr als bräutlichen Gruß gespendet, tritt vor das Bild des verstorbenen Gatten und schmückt es mit der Liebesgabe des Fremden. Und ihre weißen Hände streichen über das Bild, zärtlich, liebevoll kosend – ihre Lippen regen sich lautlos und leuchtende Thränen perlen über ihre Wangen. –

Josef regt sich nicht, sein Herzschlag scheint zu stocken, nur seine Hände beben leise wie im Fieber.

Das Licht flackert und die weiße Gestalt der Mutter schreitet langsam zurück, – da sinkt er am Fenster nieder, legt das Antlitz auf die gefalteten Hände und weint bitterlich. – – –

V.

Die Hochzeit des Kommerzienrates Sterley war gefeiert worden, aber überraschenderweise nicht mit dem ungeheueren Pomp, welchen man erwartet hatte. Es fand eine sehr würdige Feier statt, zu welcher nicht viele Einladungen ergangen waren, welche aber einen Kreis der auserlesensten Menschen um das Brautpaar versammelte.

Von einem Polterabend hatte man völlig Abstand genommen, und die erwartungsvolle, enttäuschte Gesellschaft ward durch ein nur allzu eifrig kolportiertes Versprechen auf große und glänzende Feste der Saison vertröstet.

Man schrieb die Beschränkungen der Hochzeitsfeierlichkeiten der Generalin zu, und respektierte den schlichten Ernst, mit welchem sie ihre zweite Vermählung behandelte. Sie war keine Braut, welche voll überschäumenden Glückes diesen Festtag mit Rosen und Reigen schmücken wollte, der Witwenschleier wehte unsichtbar, als trüber Schatten

über das kostbare Spitzengewebe, welcher ihren jetzt merklich ergrauenden Scheitel im Verein mit weißen Rosen zierte, und wenn das Hochzeitspaar auch noch voll stattlicher Rüstigkeit zum Altar schritt, so war es doch keine maienholde, myrtengrüne Liebesfeier, welche es verband, sondern ein herbstlich stilles Finden und Binden, umrauscht von welkem Laub. –

Excellenz Torisdorff genoß große und aufrichtige Sympathien, darum konnte selbst die Enttäuschung der vergnügungssüchtigen Menge sie wegen solcher Zurückhaltung nicht in Mißkredit bringen. Um so mehr bedauerte man die Nachricht, daß die Neuvermählten eine mehrmonatliche Reise noch vor Weihnachten nach dem Süden antreten wollten.

Den Beginn der Saison aber benutzte Mister Sterley, um seiner Gemahlin Gelegenheit zu geben, den Glanz ihres neuen Hauses zu entfalten.

Die Diners jagten sich, und eine Gesellschaft, welche früher in dem Palast des Amerikaners fremd gewesen, versammelte sich jetzt in den Salons, welche seit den wenigen Wochen doch schon das Gepräge der aristokratischen Hausfrau trugen.

Man staunte, wie es bei aller Gediegenheit und tadellosen Eleganz doch so einfach und ohne protzigen Anstrich in dem Hause des Millionärs herging.

Ines hatte die Verwaltung des Hauswesens von der Stunde ihrer Vermählung an übernommen und ihr Gatte gab ihr volle Freiheit, dasselbe ganz nach ihrem Geschmack einzurichten. Er stellte ihr eine noch bei weitem höhere Summe zur Verfügung, als wie die Hausdame bisher zur Bestreitung der Menage bezogen hatte, und überwies seiner Gemahlin außerdem ein Toilettengeld, welches den außerordentlichsten Ansprüchen genügen konnte.

Dennoch richtete Frau Sterley gar vieles in dem luxuriösen Hausstand bedeutend einfacher ein, ohne daß der Bankier eine Änderung bemerkte; sie beschränkte das Küchenpersonal und stellte unnötige Ausgaben ein, sie führte eine scharfe Kontrolle über alle Einkäufe und fand es zur höchsten Überraschung und Empörung des Haushofmeisters und der Dienerschaft durchaus nicht unter ihrer Würde, sich um jede Kleinigkeit zu bekümmern und alle Fäden der Wirtschaft in ihren energischen Händen zu vereinigen.

Die guten Zeiten für die Bediensteten waren aus, und man kündigte voll Indignation der neuen Herrin, welche so ungewohntes Regiment einführen wollte,

Ines bewilligte jedes Abschiedsgesuch mit einer gewissen Hast, welche durchaus nicht den Anschein hatte, als ob sie durch dasselbe in Verlegenheit gesetzt sei, – ja, ein Ausdruck von Befriedigung und Genugthuung spiegelte sich in ihrem Antlitz, als der Tag ihrer Abreise näher rückte und das ungeheuere Personal auf die wenigen Leute zusammen geschmolzen war, welche das verwaiste Haus zu hüten hatten,

Josef und Klaus waren für die Zeit der elterlichen Abwesenheit bei der Tante Torisdorff einquartiert, gegen eine monatliche Pension, welche Ines fürstlich, der Bankier hingegen recht besorgt »sehr mager« nannte.

Die alte Geheimrätin hingegen fand es geradezu traumhaft schön, daß sie außer den zwei »lieben, netten Jungen« noch solchen Sack voll Geld in das Haus geschleppt bekam. –

»Wie praktisch, wie bewunderungswert du doch alles einzurichten verstehst, Ines!« sagte Sterley voll ehrlicher Verwunderung, die Hand seiner liebenswürdigen Frau ritterlich an die Lippen führend. Sie saßen beide vor dem behaglichen Theetisch, auf welchem der silberne Kessel über dem Spiritus sang, wobei die Hausfrau voll graziöser Ruhe und Sicherheit persönlich ihres Amtes waltete, nicht einen ganzen Troß horchender Lakaien mehr im Zimmer duldend.

»Die elektrische Klingel ist mir ja zur Hand, brauche ich Bedienung, so rufe ich dieselbe aus dem Vorzimmer herein. Es ist so ungemütlich, James, wenn wir nicht einmal die Theestunde zu ungenierter Aussprache für uns allein haben!«

Sterley war beseligt über diese Ansicht seiner Gattin, welche ihm bewies, daß sie sich im tête-à-tête mit ihm wohl fühlte.

Auch jetzt hielt er ihre schlanke Hand noch mit herzlichem Druck in der seinen.

»Weißt du auch, Teuerste, daß mich deine Ökonomie etwas besorgt macht?«

Sie sah ihn überrascht an. »Inwiefern das?«

»Ich fürchte, das Wirtschaftsgeld reicht nicht aus, und deshalb legst du dir derartige Beschränkungen auf, um das Fehlende zu ersparen!«

Sie lächelte, »O, ihr reichen Männer, wie ihr doch so völlig jeden Maßstab verliert! Wenn man mit einer Witwenpension seit Jahren auskommen mußte, so wird ein sparsames Haushalten zur Gewohnheit. Ich kann es nicht sehen, wenn das Geld für nichts und wieder nichts zum Fenster hinausgeworfen wird. Daß alles comme il faut und tadellos in deinem Hanse sei, James, habe ich mir zur Bedingung gemacht, gleicherzeit erachte ich es aber auch als meine Pflicht, über das Deine zu wachen, daß nicht Verschwendung und Unehrlichkeit ihre Ernte halten!«

»Tausend Dank, du Vortrefflichste aller Frauen! So bedarf es also wirklich keines Zuschusses mehr?« –

»Im Gegenteil; heut ist der letzte dieses Monats, und ich wollte dich so wie so nachher noch bitten, mit mir abzurechnen. Ich habe sehr schöne Überschüsse in deine Hand zurückzulegen, und hoffe, du wirst mich um dieser Ersparnisse willen recht loben!« –

Das Gesicht des Kommerzienrates strahlte vor Freude, abermals zog er die Rechte der Sprecherin an die Lippen, »Wie reich mich diese kleine Hand macht, erkenne ich von Tag zu Tag mehr; – sie schüttet so viele ideale Glücksgüter über mich, daß der schnöde Mammon nicht auch noch dazu kommen darf, das würde mich ja erdrücken! Nein, meine liebe Ines, was du in Haus und Hof sparst, das ist dein redlich erworbenes Eigentum, über welches dir freie Verfügung zusteht. Gebrauche es für deine Person, oder zur Unterstützung anderer, je nachdem es dir in den Sinn kommt. Ich habe dir das Nadelgeld und den Betrag für die Wirtschaftslage ausgesetzt und als festen Etat in mein Budget aufgenommen, – Zuschüsse können jederzeit aus einer Extrakasse bewilligt werden, Rückzahlungen nehme ich hingegen nicht an. Wenn du sparst, – so thust du es mir für dich!« –

Die Augen der Kommerzienrätin leuchteten, eine feine Röte stieg in ihre Wangen. Sie umschloß die Hand ihres Gatten mit heftigem Druck.

»Wie gut du bist, James! Wie sehr du mich erfreust! Hab' innigen Dank dafür! Ich gestehe es ehrlich ein, daß das Sparen mir eine doppelte Freude bereiten wird uud nehme dein großmütiges Geschenk dankbar an!« –

Und dann wandte sie sich zur Thür, durch welche ihre beiden Söhne eintraten, und begrüßte dieselben mit auffallend freudiger Erregung. – Als sie Josef in die Arme schloß, leuchteten ihn die Augen der Mutter so freudig an, wie seit langem nicht.

Ja, Ines sparte gern, – sie that es anfänglich mit freudigem Eifer, und der Kommerzienrat amüsierte sich darüber und war hochbeglückt, ein »Etwas« gefunden zu haben, wodurch er der anspruchslosen Frau angenehme Aufmerksamkeiten und ihr in wahrhaft erfreuender Weise seine Neigung und Verehrung darbringen konnte. Er neckte sie mit ihrer »Sammlung abgelegter Hundertmarkscheine

« und steuerte derselben bei jeder Gelegenheit bei.

»Sparst du eigentlich in den Strumpf?« lachte er einmal, als er ihr eine Rose auf den Teller legte, deren Stiel anstatt mit Staniolpapier mit einer hohen Geldnote umwickelt war, »oder kaufst du mir bald eine neue Eisenbahnaktie ab?«

Sie lachte, aber sie errötete. »Ich kaufe mir Bonbons dafür!« antwortete sie scherzend.

»Alle Achtung, für solche Ausgaben muß ich ja anständiger beisteuern!« –und er legte in bester Laune noch ein Zweipfennigstück neben diese Geldnote.

Ines schloß auch diesen Betrag in ihre Geldbörse ein und versicherte, daß es ein Wahrwort sei: »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Thalers nicht wert.« –

Sterley war überzeugt, daß es seiner Frau besondere Freude bereite, heimlich Wohlthaten zu erweisen, armen Verwandten oder verschämten Armen, welche nicht gern als Almosenempfänger von ihm erkannt werden wollten.

Er fragte darum diskreter Weise nie nach den Ersparnissen, um so weniger, als Ines niemals aus freien Stücken darüber berichtete. Daß die Gemahlin des vielfachen Millionärs für sich, oder für ihren Sohn zurücklegen könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Wozu das? Sie weiß, daß sowohl sie als Josef durch sein Testament aufs glänzendste versorgt sind, und so lange wie er lebt, haben sie ihm nur die Hände hinzuhalten, um dieselben goldgefüllt wieder zurückzuziehen.

Dennoch befand er sich in einem großen Irrtum. Ines trug jeden Groschen zu ihrem früheren Bankier, um dort, völlig getrennt von den Millionen ihres Gatten, ein geheimes Depot für Josef anzulegen.

Eine wunderliche Veränderung war mit ihr vorgegangen.

Seit jener Stunde, in welcher ihr Sohn voll leisen Vorwurfs an ihre opfermutige Mutterliebe appellierte, hatte sich ein Stachel in ihr Herz gesenkt, welcher ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ.

Sie mußte für ihr Kind sorgen, sie hätte es längst thun müssen!

Sie war nicht immer eine mittellose Witwe gewesen, als ihr Gatte noch lebte, da hatte sie im Überfluß, und es wäre nur recht und billig gewesen, hätte sie damals an die Zukunft und an ihren Sohn gedacht, anstatt ohne Bedenken zu verbrauchen, was ihr Gemahl ihr so reichlich an Wirtschaftsgeld zuwandte.

Ihre Jugend und Lebenslust kannte damals das Wort Sorge noch nicht, worum hatte sie sorgen sollen? – Und doch empfand sie die Worte ihres Sohnes als einen schweren Vorwurf, wie die heimliche, bittere Anklage: »Konnte damals nicht deine Mutterliebe ein Opfer bringen und für meine Studien sparen?«

Ines überkommt es plötzlich wie eine große Schuld und Verantwortlichkeit.

Damals brachte sie kein Opfer, – jetzt bringt sie eins. – und wie groß dasselbe ist, weiß nur der, welcher die

Gefühle eines stolzen Frauenherzens kennt, welcher weiß, was es der so exklusiv denkenden, vornehmen Frau kostet, sich plötzlich Frau Sterley zu nennen!

Da hieß es sein besseres Ich, sein ureignes Sein und Wesen aus dem Herzen reißen.

Excellenz hatte es gethan, aber der Todesstreich, welcher dabei ihren Stolz traf, schnitt tief in ihr innerstes Wesen, und ließ es an solcher Wunde rettungslos erkranken.

Was erst nur eine selbstquälerische Einbildung gewesen, ein eifriges Bemühen, Versäumtes nachzuholen, das ward bald zu einer fixen Idee, zu einer Krankheit, welche Leib und Seele ergriff.

Ines sparte, sie wollte diesmal sparen, so lange es an der Zeit war!

Was sie für ihren Sohn gethan, sollte nicht vergeblich sein.

Sie selber hatte einen geliebten Namen hingeben müssen, einen Namen, welchen ihr alles Gold und alle Millionen eines Mister Sterley nicht ersetzen konnten. Ein Schwan, welcher mit stolzen Flügeln hoch oben durch blaue Lüfte zog, und nun mit gebrochenen Schwingen in einem Palast in verschwenderischer Pracht gefangen gehalten wird, vergißt es doch nicht, daß er einst sein Haupt im Himmelsodem gebadet, und trauert, so lange er lebt, dem verlorenen Glück nach. Ines sorgte für ihren Sohn – und für ihres Sohnes Namen.

Was sie verlor, sollte er doppelt besitzen, den alten Glanz in alter Herrlichkeit.

Und diese geheime Arbeit, dieses ruhelose, unersättliche Ansammeln von Kapital, was ihr in erster Zeit nur eine wohlthuende Freude gewesen, bekam bald eine Gewalt über sie, welche aus der Sparsamkeit den Geiz gebar. –

Der Besitz Lichtenhagens genügte ihr nicht für Josef. Was nützt ein Landsitz ohne genügendes Kapital? Mister Sterley aber ist sehr jung und rüstig, bis sein Testament in Kraft tritt, vergeht die beste Lebenszeit ihres Sohnes.

Sie kennt Josefs stolzen Sinn, welcher sich schon zum Vorwurf macht, das Geld, welches sein Studium erfordert, von dem Stiefvater anzunehmen, – er wird als Besitzer von Lichtenhagen versuchen, in jeder Weise seine Schulden an den Millionär abzutragen, nie aber noch neue Kapitalien von ihm annehmen oder gar fordern. Aber das, was sie für ihn zurücklegt, das wird er annehmen und das bleibt ihm gewiß, wie auch das Leben seine Karten noch mischen sollte.

Ines hat so viel von Bankierexistenzen gehört, welche kometenartig auftauchen, durch den Goldglanz märchenhaften Reichtums alle Blicke auf sich zogen und blendeten, um plötzlich, über Nacht, spurlos wieder in dem Nichts zu verschwinden, aus welchem sie so rätselhaft emporgestiegen sind. Und diese Gründerzeit mit ihren Höhen und Tiefen lag noch nicht allzulange hinter ihnen und machte sie mißtrauisch.

Darum wollte sie das Eisen schmieden, so lange es heiß war, – und sie that es. –

Der Kommerzienrat ließ seiner Gattin in all ihrem Thun und Handeln völlige Freiheit.

Sein Haus war äußerst gewissenhaft verwaltet, die Sparsamkeit empfand er persönlich nicht, und wenn die Diners und Feste auch keinen solch opulenten Eindruck machten wie ehedem, so war ihnen jetzt eine so vornehme Reserve eigen, welche die Gäste, die sich seit seiner Verheiratung um die Tafel gruppierten, in jeder Weise sympathisch berührte.

Was Sterley bezweckt hatte, war erreicht. –

Die Beziehungen seiner Gattin waren auch die seinen geworden. Die einflußreichen und hochstehenden Persönlichkeiten, welchen er näher zu treten wünschte, verkehrten in seinem Salon, und bei einer köstlichen Cigarre und bei den echten Liqueuren, welche mit aller Anspruchslosigkeit serviert worden waren, hatte er schon manches geheime Ziel erreicht, und die maßgebenden Herren für Ideen gewonnen, welche ihre goldenen Früchte in die Säcke des Millionärs lieferten.

Dadurch war er kühner und unternehmungslustiger geworden, und was er früher als riskiert und unsicher zurückgewiesen hätte, das wagte er jetzt mit der Zuversicht eines Mannes, welcher auf völlig festen Füßen zu stehen meint.

So waren etliche Jahre vergangen.

Ines schritt in nonnenhaft einfacher Kleidung, welche anfangs als taktvolle Bescheidenheit sehr anerkannt, bald aber als outriert bespöttelt ward, in dem Palast des Gatten umher, mit krankhaftem Eifer spähend, wo ein Groschen abzuknapsen sei, und dabei ward sie sichtbar alt und jedem heiteren Leben gram.

Seit die Söhne das Abiturientenexamen gemacht und die Universität beziehungsweise die Malerakademie bezogen hatten, war es noch stiller und einfacher in dem Hause geworden. Denn Ines seufzte über die horrenden Summen, welche die »Borussia« sowohl, wie die Studien ihres Stiefsohnes Klaus verschlangen, welcher wie ein Prinz in München auftrat und nur zuviel Gelegenheit fand, bei seiner großen Gutmütigkeit Abnehmer für sein Geld zu finden. –-

Er unterstützte arme Kollegen, schickte jenen auf eine Künstlerfahrt nach Italien, bezahlte wieder anderen den Lebensunterhalt und diesem wieder teure Studien und Modelle – und da gerade durch die Modelle manche Woge verzweifelten Elends zu ihm getragen ward, gab er mit vollen Händen und dem glückseligen Lachen eines Menschen, welcher es im tiefsten Herzen empfindet, daß geben seliger als nehmen ist.

Dabei ließ er sich selber nicht zu kurz kommen. Leben und leben lassen! stand als leuchtende Devise auf seinem Banner, welches er durch die üppige Saison Münchens trug.

Er genoß das Leben in vollen Zügen, mit der frischen, idealen Empfänglichkeit einer Künstlernatur, welche sich an dem Kelch der Schönheit berauscht, ohne die Gifttropfen mit zu schlürfen, welche verderbendrohend auf seinem Grunde ruhen.

Klaus war eine viel zu edle und vornehm beanlagte Natur, ein viel zu rein und hochdenkender Mensch, um seine Genüsse im Morast zu suchen, und er bewies es seinen Freunden, daß man die volle Freiheit des Künstlers ausnutzen kann, ohne der Gemeinheit zum Opfer zu fallen.

Nach wie vor bestand seine innige Kameradschaft mit Josef, trotz der Trennung wurden sie einander nicht fremd.

Briefe voll ehrlich treuer Beichten flogen zu dem jungen Torisdorff, welcher in seiner schwermütigen, etwas pedantischen Weise mit guten Ermahnungen antwortete und sein günstiges Gegengewicht selbst über Berg und Thal geltend machte.

Öfters war es schon vorgekommen, daß Josef daheim bei eifrigem Studium saß, als plötzlich die Thür aufflog, zwei Arme sich jubelnd um ihn schlangen und der blonde Lockenkopf des Stiefbruders sich an seine Wange drückte. Dann war's, als sei ein Wirbelwind in das stille Zimmer gekommen.

Die Bücher waren in den nächsten zehn Minuten versteckt und Josef, vom Bann der Freude und der fascinierend liebenswürdigen Persönlichkeit des jungen Malers gefangen, fügte sich dem Leben, welches Sterley über ihn verhing. Ein Wandern und Schweifen durch das wonnige, sonnige Rheinland begann, hier ward ein reizendes, landschaftliches Motiv im Skizzenbuch festgehalten, und dort stahl der Künstler voll kecken Übermutes ein rosiges Mädchengesicht, welches ahnungslos unter dem Reblaub hervorlächelte.

Josef war der eifrigste Bewunderer solcher Schöpfungen, und wenn er auch oft mißbilligend den Kopf über Bruder Klaus und seine flotten Ungeniertheiten schüttelte, so versöhnte ihn dennoch der Erfolg, welchen der junge Maler in wohlgefüllter Mappe heimbrachte. –

Selbstverständlich besuchte er auch die Studentenkneipen und war bei Josefs Korpsbrüdern bald der beliebteste und stets gern gesehene Gast, und wenn Torisdorffs Einfluß bändigend und zügelnd auf den Brausekopf Sterley wirkte, so übte seinerseits auch Klaus eine günstige Gewalt auf den Stiefbruder aus, indem er den so ernst und grüblerisch Beanlagten aus seinen übertriebenen Studien herausriß und ihn der Jugend und dem Leben zuführte. Er seufzte oft tief auf: »Du bist eine unglückliche Natur, Josef! Du nimmst alles so schwer, du schleppst traurige Eindrücke jahrelang mit dir und quälst dich mit selbstgeschaffener Pein! Ich glaube, du wärest imstande, um einer vagen Illusion willen dein ganzes Lebensglück zu opfern. Du phantasierst dir Riesen und Drachen in den Weg, gegen welche du erbittert ankämpfst ohne siegen zu können, denn deine Gegner existieren nicht. – Bist du denn wahrhaftig nicht imstande, eine einzige Dummheit zu machen? – Du bist überhaupt kein Student, du bist ein alter Mann, schon mit fünfzehn Jahren warst du ein Greis gegen mich! – In abermals zehn Jahren, wenn ich ein junger Ehemann werde, bist du ein Methusalem. Ist so etwas in der Ordnung?! – Was soll diese Kopfhängerei und dieser Weltschmerz? – Du hast alles, was dein Herz begehrt! Genieße dein Glück! Danke dem lieben Herrgott, und zeige ihm, daß du es verdienst! Warum verliebst du dich nicht? Die schönen Mädels rennen dich über den Haufen und du siehst sie nicht im Wege an! Hast du schon einmal ein rosiges Mündchen geküßt? Bei Gott, ich glaube wahrhaftig, du Unmensch thatest es nicht! Was bezweckt so ein Weiberhaß, womit motivierst du ihn?«

Und Josef lachte und zuckte die Achseln. »Lediglich, weil mir noch kein weibliches Wesen so gut gefiel, um in mir den Wunsch zu erwecken, sie zu küssen; – wenn ich ein Mädchen küsse, so heirate ich es auch.« – –

»Grundgütiger, dann muß ich Türke werden! –«

»Schlimm genug, ich hoffe, nie in solche Verlegenheit des Reichtums zu kommen! Aber ich will dir keine Moral predigen, Klaus. Deine Küsse haben die Mädchen, so Gott will, nicht unglücklich gemacht. Wir sind so verschieden beanlagt! Was bei dir einen Scherz, eine Tändelei bedeutet, würde bei mir bitterer Ernst sein! Du bist ein Schmetterling, dessen Natur ihn von Blume zu Blume treibt, ich ward wohl ans dem Stamme der Asra geboren, welche sterben, wenn sie lieben!«

»Hoho, du brauchst ja keine Schöne aus dem Serail zu entführen!« –

»Nein, das verspreche ich dir, aber ich glaube dir auch schwören zu können, daß meine erste Liebe auch meine letzte sein wird,«

»Und ich fürchte, daß ich noch oft, noch recht oft eine

andere lieben werde, ehe meine letzte Liebe kommt, welche mit der Heirat schließt!« seufzte Klaus voll Humor, »ja, ich versichere dir, daß diese Überzeugung es mir recht schwer machen wird, mich überhaupt zu verloben, denn ich werde mir immer selber mißtrauen, ob es auch schon an der Zeit gewesen, mich ernstlich zu binden mit Herz und Hand!«

»Nun, dann wollen wir beide innig wünschen, daß auch du erst Methusalem sein mögest, ehe das entscheidende Wort auf deine Lippen tritt! Ich weiß wirklich nicht, Klaus, welcher von uns beiden der Beneidenswertere ist!« –

Nicht nur in diesem Punkte, sondern auch in den meisten anderen bildeten die beiden jungen Männer die ausgesprochensten Gegensätze, und doch herrschte eine vollkommene Harmonie zwischen beiden, ein Ineinanderaufgehen der herzlichsten Liebe und Achtung. Klaus war seit jeher ehrlich genug, den Fleiß und die Strebsamkeit Josefs anzuerkennen, auch imponierte ihm der eigenartige Charakter des so frühreifen Stiefbruders, wie eine gewisse Schwermut und eine bizarre Lebensanschauung niemals ihre Wirkung auf junge kindliche und harmlose Gemüter verfehlt.

Josef hingegen war sehr stolz auf das bedeutende Talent Sterleys, dessen herzliche Offenheit und Zuneigung ihm schon in der Schule sehr sympathisch gewesen und dessen selbstlose Liebe ihm schon in Ostende sein ganzes Herz gewonnen hatte. Bei der tiefen Empfindung und zähen Beharrlichkeit, mit welcher der junge Torisdorff alles festhielt, was er einmal ergriffen und zu seiner Überzeugung gemacht, wurzelte die Liebe für seinen Stiefbruder so fest in seinem Herzen, daß wohl kein Sturm des Lebens imstande sein konnte, sie zu lösen; und diese Sturmesprobe sollte sie nur zu bald bestehen.

Hatte James Franklin Sterley die Neigung seiner Frau, anfangs möglichst einfach und zurückgezogen zu leben, nur während etlicher Reisemonate im Süden lächelnd geduldet, so leistete er seit letzter Zeit dieser Marotte Vorschub, ja, er schlug Ines aus freien Stücken vor, bereits im Herbst in ein wärmeres Klima überzusiedeln, was der Arzt so dringend für ihre Gesundheit fordere. Frau Sterley war nicht genug Menschenkennerin und wohl auch zu apathisch, um die nervöse Unruhe ihres Gatten, welche sich schon seit längerer Zeit seiner bemächtigt hatte, zu bemerken.

Sie wunderte sich wohl, daß er längere Geschäftsreisen unternahm und angestrengter wie sonst auf dem Bureau arbeitete, aber sie fragte nicht nach der Ursache, denn sie hatte für kaufmännische Angelegenheiten zu wenig Sinn und Verständnis.

Eines Morgens, als sie in Kairo ihr Schlafzimmer verlassen und bereits auf der Terrasse des Hotel Shepheard saß, auf ihren Gatten und auf das Frühstück zu warten, trat Mister James ihr entgegen, und sie erschrak bei seinem Anblick. – Wie sah er aus! Leichenblaß, verfallen und greisenhaft, mit tiefen, dunklen Ringen um die Augen, die glanzlos zu ihr hernieder blickten. Er verneigte sich marionettenhaft und küßte ihr, wie immer, die Hand, aber die Worte, welche er sprechen wollte, klangen heiser, wie ein unverständliches Gurgeln.

»James, um Gottes willen, bist du krank? Du siehst so erschreckend bleich aus!«

Er schüttelte den Kopf, ein krampfhaftes Lächeln zuckte um seine Lippen, »Eine fatale Nachricht, eine Aufregung, aber nichts von Bedeutung – – –«

»Josef – Klaus! – Barmherziger Gott, ist etwas passiert?« stieß Ines bebend vor Schreck hervor, jählings den Arm des Sprechers umklammernd.

Er drückte beruhigend ihre Hand und schüttelte den Kopf: »Gott sei Dank, nein! Es ist nur eine geschäftliche Nachricht!«

»James, ich glaube es nicht! Du willst mich auf etwas Entsetzliches vorbereiten, erbarme dich, und sage mir die Wahrheit!«

Er zog ein Telegramm aus der Brusttasche und schob es ihr mit bebenden Händen zu. »So lies und überzeuge dich, es wird dich am besten beruhigen!«

Das Papier schwankte zwischen ihren Fingern, mit weit aufgerissenen Augen starrte sie darauf nieder: »Northern & Sons, sowie Veillard & Louis Brachfelder soeben Konkurs angekündigt!«

Ines atmete tief auf und blickte ihn verständnislos an.

»Ein Konkurs? Was gehen dich diese Ausländer an?« Sterley strich mit dem duftenden Batisttuch über die hohe Stirn,

»Der Konkurs dieser Ausländer kostet mich die Hälfte meines Vermögens!« antwortete er mit gläsernem Blick, »und wenn diese bedeutenden Börsenkrache noch weitere im Gefolge haben, so werden meine Verluste noch größer! Solch Fallissement eines großen Bankhauses ist wie eine Lawine, es reißt mit sich in das Verderben, was mit ihm in Berührung kommt!«

»Welch trauriges Schicksal!« Ines nahm voll warmer Teilnahme die Hand ihres Gatten in die ihre: »So muß es einem Landwirt zu Mute sein, welchem ein Hagelschlag die schöne, sichere Ernte vernichtet!«

Er preßte ihre Hand an seine Lippen, aufs höchste betroffen sah er in ihr so ruhiges, unverändertes Gesicht, welchem der Verlust von Millionen nicht ein Wimperzucken verursachte!

»Ines, du hochherziges, tapferes Herz!« stieß er durch die Zähne hervor. »Gott segne dich für deine Worte! O, jetzt sehe ich erst, welch ein Glück mir in dir ward! Der schwere Verlust hat mich dennoch reich gemacht durch dich, deren volle Freundschaft und warme Sympathie ich jetzt erst kennen lerne! Ach, Ines, Gott verhüte das Schlimmste. Ich bin seit dem heutigen Tage nicht mehr der reiche Sterley wie ehedem, aber ich bin, so Gott will, auch noch kein armer geworden! Die Hauptsache ist jetzt, daß ich so schnell wie möglich heimkehre, um mit allen Kräften für meine Interessen wirken zu können. Kann ich das Verlorene auch nicht gleich wieder einholen, so will ich doch das Gebliebene erhalten und so viel als möglich zu retten suchen!«

»Ich begleite dich, ich kehre mit dir heim, ich lasse dich nicht in diesem trostlosen Zustande allein, James!« – Wie ruhig sie sprach, wie freundlich sie ihn anlächelte!

Dem Kommerzienrat traten die Thränen in die Augen, – er wollte sich abermals in bebender Hast über ihre Hand neigen, sie inbrünstig zu küssen, eine Blutwelle schoß in sein fahles Antlitz – und jählings die Arme hebend, die gekrampften Hände gegen die Schläfe zu pressen, sank er mit einem tiefen Aufstöhnen vornüber.

Ehe Frau Sterley ihn umfassen und halten konnte, schlug sein Körper schwer auf den Marmortisch auf und glitt wie leblos an ihr nieder zu Boden.

VI.

Ein Unglück kommt selten allein.

Die ungeheuere Aufregung über die unerwartete Schreckensnachricht, welche die Depesche gebracht, und die gewaltsame Anstrengung, seine Erregung zu bemeistern, hatten wohl in dem Körper des alternden Mannes eine Krise herbeigeführt, welche sich schon seit einiger Zeit vorbereitet und nur auf den verderblichen Anstoß gewartet hatte, um gewaltsam hervorzubrechen.

Ein Schlaganfall hatte die rechte Seite des Bankiers gelähmt und ihn sowohl der Sprache wie des klaren Bewußtseins beraubt.

Die Ärzte hielten den Zustand für sehr bedenklich, wenn nicht hoffnungslos, und so trug abermals ein Telegramm Schreck und Sorge in die Welt, indem es Sohn und Stiefsohn an das Krankenlager des Vaters rief, und die traurige Nachricht dem Stellvertreter des Chefs im heimatlichen Bankhaus anzeigte.

Gerade in dieser Zeit schwerer geschäftlicher Wirren war die Erkrankung Sterleys ein doppelter Schicksalsschlag, und Ines, welche keinerlei Verständnis für die Lage der Dinge und den Gang der Geschäfte hatte, konnte auf all die telegraphischen Anfragen, mit welchen sie von den Angestellten der Bank bestürmt wurde, keine andere Antwort geben, als daß sie dem Stellvertreter ihres Mannes die unbeschränkte Vollmacht gab, nach bestem Wissen und Können die Geschäfte weiter zu führen.

Eine trostlose, schmerzensreiche Zeit begann für die Familie.

Der Zustand des Kommerzienrates hielt unverändert an, – seine gute Natur kämpfte gegen das Verderben und verlängerte seine Leiden in qualvollster Weise.

Ines pflegte den Gatten voll treuen Opfermuts und die Söhne standen ihr dabei helfend und stützend zur Seite.

Der Gedanke an das entschwindende Leben des Vaters drängte jedes andere Interesse in den Hintergrund, und während in Kairo Tag und Nacht die Sorgen an dem Schmerzenslager des Millionärs wachten, würfelte das Schicksal daheim über sein Hab und Gut, über seine Reichtümer, welche der Willkür fremder Menschen preisgegeben waren.

»Welch ein bitteres Geschick!« seufzte Klaus, die blauen Augen zum erstenmal im Leben voll tiefen, kummervollen Ernstes geradeaus gerichtet. – »Noch im Sommer sagte Papa, daß er sich im Laufe des kommenden Jahres zur Ruhe setzen und alle geschäftlichen Beziehungen lösen wolle, und nun muß ihn noch vor Jahresschluß der Axthieb solch eines Unglücks bis in das tiefste Mark treffen!«

Die starre, unheimliche Stille lastete auf allen. Keine Nachrichten mehr von daheim, bis endlich ein Brief an Ines eintraf, mit der resignierten Mitteilung, daß weit über die Hälfte des gesamten Privatvermögens durch die verschiedenen Konkurse erster Häuser verloren sei, daß man aber hoffe, den Rest zu erhalten und durch erneute Arbeit und doppelten Fleiß mit der Zeit den Verlust wieder zu decken.

»Willst du denn das Geschäft bestehen lassen, Mama?« fragte Klaus überrascht, und Josef schüttelte finster den Kopf, »Wie wäre das möglich? Keiner von uns versteht etwas davon, wir sind dem guten Willen Fremder überlassen, und das heißt übel bedient sein! – Wenn ich raten darf, so halte ich es für sehr notwendig, daß Klaus das Geschäft so schnell wie möglich schließt, oder sich mit den ausländischen Teilhabern einigt und den Rest seines Vermögens, welcher ja immer noch sehr beträchtlich ist, rettet.«

»Gewiß, das halte auch ich für das einzig Richtige, und sowie unser armer Vater erst wieder besser ist, daß ich reisen kann, will ich sehen, die Angelegenheit daheim zu arrangieren.«

»Ach, daß Vater so völlig hilflos liegt, daß er nicht denken, nicht sprechen und uns keinen Rat und keine Befehle erteilen kann. Es ist eine Zeit schwerer Verantwortung für uns, ein trostloser Zustand, wie er verzweifelter gar nicht gedacht werden kann!«

Voll banger Sorge hatte Josef anfänglich seine Mutter beobachtet und befürchtet, daß der Verlust der Millionen einen tiefen, vernichtenden Eindruck auf sie machen werde – um so erstaunter war er, als Ines wunderbar gefaßt und ruhig über diesen Wechsel der Verhältnisse sprach. Allerdings war für ihre Begriffe auch der Rest des Kapitals noch ein enormes Vermögen, immerhin war bei der jetzigen Lage der Dinge die Frage: »wieviel bleibt schließlich noch von dem Rest?« eine sehr gerechtfertigte.

Der Tod des Bankiers wäre für die ganze Familie eine Erlösung aus qualvoller Ungewißheit gewesen, aber Tag um Tag verging, und das leichenfarbige Antlitz lag unverändert, leise atmend, mit halboffenen Augen in den Kissen. Ja, es kamen sogar Zeiten, wo eine entschiedene Besserung eintrat, wo der Blick und die matten Bewegungen der linken Hand verrieten, daß er seine Umgebung kannte und verstand, was gesprochen ward. Die Ärzte schöpften neue Hoffnung und wandten alle Mittel an, die neu erwachenden Lebensgeister festzuhalten.

Es schien zu gelingen, und abermals vergingen Wochen voll zagen Hoffens und nagender Angst, während sich der Zustand des Kranken so merklich besserte, daß man das Schlimmste für überwunden hielt.

Da fuhr abermals ein Blitz aus blauem Himmel herab.

Eine Drahtnachricht der Polizeibehörde meldete Mister James Franklin Sterley, daß sein erster Kassierer nach Defraudation einer horrenden Summe spurlos verschwunden sei.

Wortlos reichte Ines ihrem Stiefsohn das Unglückspapier, und Klaus preßte schwer atmend die Lippen zusammen und starrte ohne Antwort vor sich nieder.

Dann sprang er auf und schritt voll nervöser Aufregung im Zimmer auf und nieder.

»Ich muß heim, Mutter, – ich muß! Sie machen uns sonst zu Bettlern!« stöhnte er.

Ines nickte mechanisch, »Reise, mein Sohn, ich sehe es selber ein, es ist eine Notwendigkeit! Vater soll deine Abwesenheit genügend erklärt bekommen; es wird mir schon ein triftiger Grund einfallen, welchen wir anführen können!«

Der junge Sterley stürmte in sein Zimmer, sogleich seinen Koffer zu packen und alles für die Abreise vorzubereiten, welche abends um acht Uhr vor sich gehen sollte.

Eiliges Klopfen ließ ihn von seiner Arbeit aufschauen.

Der Kellner stand atemlos in der Thür. »Die gnädige Frau lassen dringend bitten, sofort zu kommen. Der Zustand Mister Sterleys hat sich verschlimmert.«

»Vater verlangt nach dir, Klaus, – der Arzt ist bei ihm, – an Abreisen ist gar nicht zu denken!«

Der junge Mann strich momentan über die Stirn und lehnte das Haupt schwer auf Josefs Schulter.

»Unverzagt, Bruder!« flüsterte dieser ernst und strich zärtlich mit der Hand über das lockige Haar, »der liebe Herrgott will es so! – Seine Wege sind hoch und oft unbegreiflich, aber sie führen alle herrlich hinaus!«

Man erwartete schon in dieser Nacht das Ende, und doch vergingen noch fünf Tage, ehe der unglückliche Dulder die Augen zum ewigen Schlaf schloß.

Da senkte der bittere Schmerz abermals den Schleier der Vergessenheit über alles Unheil in der Heimat.

Klaus verschob seine Abreise bis nach der Beisetzung, und ließ dieselbe auch nicht beschleunigen, als neue Nachrichten aufregendster Art von zu Hause eintrafen.

Er kam wohl noch früh genug, um alle Pracht und Herrlichkeit einer Millionenexistenz in Rauch und Dunst zusammenschmelzen zu sehen.

Ines und Josef kehrten mit ihm zurück, und wenn sie auch auf das Schlimmste gefaßt waren, so ahnten sie doch noch nicht die ganze Bitterkeit des Leidensbechers, welchen sie bis zur Hefe leeren sollten.

An dem Tage ihrer Ankunft war auch über das Bankhaus James Franklin Sterley der Konkurs verhängt, ein doppelt furchtbarer Konkurs, welchen die Zeitungen voll herber, nackter Wahrheit einen betrügerischen Konkurs nannten.

Furchtbare, entsetzliche Tage brachen für die Familie an.

Wenn auch die persönliche Ehre des Toten nicht angegriffen werden konnte, sondern die Beweise klar und deutlich vorlagen, daß seine gewissenlosen, schurkischen Beamten die herrenlose, aufsichtslose Zeit allgemeiner Wirren benutzt hatten, um nicht nur das Privatvermögen des Amerikaners, sondern auch alle Depots, welche auf seiner Bank lagen, zu veruntreuen, so war es doch immer der Name Sterley, welcher in den Schmutz gezogen und von der öffentlichen Meinung mit Steinen beworfen ward.

Welch eine dunkle, trostlose Zeit der Verzweiflung!

Die Schmach, – die unverdiente und dennoch sie mittreffende Schande hatten die ohnehin zarte, durch die lange Krankenpflege völlig überanstrengte Frau auf das Krankenlager geworfen, und die erste und ernsteste Verordnung des Arztes war die, jede Nachricht über den Konkurs, jede neue Aufregung ihr fern zu halten.

Die Frühlingsstürme brausten um die Erker und Säulenhallen des Sterleyschen Palais. Unheimlich tiefe Ruhe lagerte über dem ehedem so glänzend belebten Hause.

In dem reich getäfelten Frühstückszimmer brannte die Lampe und warf matten Schein über all die Kostbarkeiten, welche an den Wänden, auf Konsolen und Prunkschränken blitzten.

Es war unwirtlich in dem Zimmer; der große Kamin, welcher sonst mit rotprasselnder Glut das Gemach heizte, stand schwarz und kalt, und doch waren die rauhen Lenzeslüfte noch nicht dazu angethan, das Feuer im Hause entbehrlich werden zu lassen.

Papiere und Aktenstücke lagen auf dem großen Eichenholztisch ausgebreitet und in den bequemen Ledersesseln davor saßen Klaus und Josef, beschäftigt, einen Überblick über die traurige Lage ihrer Angelegenheiten zu gewinnen.

Aufstöhnend wühlte Klaus die weißen, eleganten Hände in sein Lockenhaar.

»Wir sind ruiniert, Josef! Nicht allein daß Vaters ganzes Vermögen verloren und veruntreut ist, ja es bleibt nicht einmal so viel, daß die unglücklichen Menschen, welche der Bank ihr Hab und Gut anvertrauten, ihr Eigentum zurückerhalten können, und das, Josef, o das ist furchtbar, das ist schlimmer wie unser eigenes Unglück!«

Der junge Torisdorff hob das verstörte Antlitz, sein Blick flackerte, um die Augen breiteten sich Schatten wie bei einem Schwerkranken, »Lichtenhagen fehlt noch bei der Konkursmasse! Es wird die Zahlen nicht sehr bedeutend, aber doch um ein weniges günstiger verschieben!«

»Lichtenhagen?« Klaus machte eine Bewegung, als wolle er die Hände auf den Mund des Sprechers drücken: »Um alles in der Welt! Es fehlte gerade noch, daß dir und der Mutter auch dieses letzte, einzige Existenzmittel noch genommen würde! Gott sei Lob und Dank ist das Gut dein persönliches Eigentum, auf deinen Namen eingetragen und hat mit der Konkursmasse absolut nichts zu thun!«

»Und glaubst du, Bruder, ich würde auch nur einen Pfennig behalten, so lange es noch Opfer des Bankrotts gibt, so lange Vaters Gläubiger nicht sämtlich befriedigt sind?«

»Du wirst es nicht nur, sondern du mußt es, Josef! Was geht dich die Bank des Stiefvaters an? Nichts! Was hast du für Verpflichtungen? Keine!«

»Moralische!«

»Die habe ich, – und darum komme ich ihnen nach. Es genügt, wenn ich, der den Namen Sterley trägt, als Sühne für die Gebrandschatzten zum Bettler werde. Ich gebe alles hin, bis auf den letzten Heller, das genügt!«

»Für dich, aber nicht für mich!« – Josef erhob sich; sein Auge flammte. »Noblesse oblige! Ich gebe, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen, um meiner Ehre willen!«

»So; und was gibst du denn?« Klaus verschränkte sehr ruhig und gelassen die Arme über die Brust. »Du gibst einen Tropfen auf einen heißen Stein, eine Bagatelle, ein Nichts im Verhältnis zu den fehlenden Summen, um welche es sich handelt! Ja, wenn der Gauner, der Kassierer, gefaßt wäre, wenn seine defraudierten Gelder wieder zu erlangen wären, aber das ist so gut wie aussichtslos; die Vollmacht, welche Mama gegeben, hat ihn in jeder Hinsicht unterstützt. Was sollen also deine paarmal hunderttausend Mark angesichts fehlender Millionen? Sie machen keinen der Geschädigten glücklich, denn da sie unter alle geteilt werden müssen, bekommt keiner etwas Namhaftes!«

»Gleichviel, ich habe meine Schuldigkeit gethan und das Andenken des Vaters geehrt,«

»Und das Leben der Mutter geopfert! Glaubst du denn, Josef, die kranke, schwache Frau könnte diesen furchtbaren Wechsel zum Schlechten überstehen, jetzt, nachdem sie so ungeheuer verwöhnt ist? Der Verlust von Lichtenhagen wäre ihr Todesurteil, das schwöre ich dir!«

Ächzend sank der junge Torisdorff in den Sessel zurück. Er schlug die Hände vor das Antlitz, und seine schlanke Gestalt bebte wie unter einem Schüttelfrost, »Ich bin überzeugt, daß Mama derselben Ansicht sein wird, wie ich!« stieß er tonlos hervor, »ich hoffe sogar, daß sie selber die Anregung geben wird, Lichtenhagen zu verkaufen!«

»Du irrst!«

»Ich irre? Woher weißt du das?«

»Ich kenne die Ansichten der Mutter!«

Betroffen starrte Josef den Sprecher an. »Äußerte sie dir dieselben?«

»Ja!«

»Undenkbar, Klaus! Wann sprachst du sie?«

Sterley zerknitterte mechanisch die Papiere unter seiner Hand. »Mama ließ mich heute morgen an ihr Bett kommen und befragte mich über den Stand der Dinge. Ihre erste Frage galt Lichtenhagen.«

»In welchem Sinne?«

»Ob es dir erhalten bliebe! Sie schien wie von Centnerlasten der Angst und Sorge befreit, als ich es ihr versichern konnte.«

Josef nagte schweigend an der Lippe, der Ausdruck tiefster Seelenqual in seinem Antlitz verschärfte sich.

»Außerdem sprach ich den Doktor!« fuhr Klaus mit starrem Blick fort, und Josef hob den Kopf.

»Was sagte er? – Er versicherte mir, der Zustand der Kranken sei unbedenklich!«

»Nicht mehr. Er hat die Lungen untersucht, denn seit zwei Nächten hustet Mama wieder so stark.«

»Davon ahnte ich nichts!«

»Lina hat es dem Doktor, trotz Mutters Verbot, heimlich gemeldet.«

»Und das Resultat der Untersuchung?« – Josef hatte sich abermals erhoben und stützte sich mit beiden Händen schwer auf die Tischplatte, heiße Röte trat auf seine erst so farblosen Wangen!

»Nun, es ist gekommen, wie ich gleich fürchtete, und wie auch du besorgtest«, seufzte Klaus tief auf. »Der grelle Klimawechsel um diese Jahreszeit, – aus dem warmen Süden hierher in den nordischen, rauhen Vorfrühling voll Schneesturm und Hagelschauer – es war ja gar nicht anders möglich, als daß solch eine Parforcetour die arme Mutter krank machen mußte! Bedenke – sie ist seit Jahren keinen norddeutschen Winter mehr gewöhnt!«

»Und Linden konstatierte … ?«

»Ein Lungenspitzenkatarrh, für welchen sofort etwas gethan werden müsse. Mama soll nach Kairo oder Italien zurück, so schnell wie möglich. Für ihren Gemütszustand und ihre Nerven sei es auch dringend erforderlich, daß sie aus den unglücklichen Verhältnissen hier herauskommt!«

»Weiß Mama von dieser Forderung?«

»Ja, Linden sagte es ihr.«

»Und sie?«

»Schien völlig einverstanden. Sie will heute abend das Nähere mit dir besprechen.«

Josef schlug die bebenden Hände vor das Antlitz.

»Sie geht gern?«

»Ja, sie sagte mir, sie empfände es selber, daß sie hier zu Grunde gehe!«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Die Uhr tickte wie ein müder Herzschlag von dem Kamin herüber.

Josef fühlte, wie seine Knie zitterten.

Wovon soll der kostspielige Aufenthalt der Mutter bestritten werden? – Die Renten von Lichtenhagen ermöglichen es, – sie einzig und allein. Nun gibt es keine Wahl mehr für ihn, nun steht die furchtbare Notwendigkeit zum zweitenmal im Leben vor ihm, – grausam, unerbittlich seine Hände bindend, ihn knebelnd mit dem Worte: du mußt!

Er darf das Leben der Mutter nicht opfern, um der stolzen Ehre willen!

Er muß auch dies Mal sein höchstes, ureigenes Empfinden der Sohnespflicht opfern. Und gleichsam, wie ein Echo seines gemarterten Herzens klingt die Stimme des Bruders neben ihm: »Schon darum mußt du Lichtenhagen behalten! Laß die Leute reden, was sie wollen, – Leben und Gesundheit der Mutter gehen vor!«

Laß die Leute reden!

Josef wühlte wie ein Verzweifelnder die Hände in das Haar. Was werden sie reden. Steinigen werden sie den gewissenlosen, ehrlosen Mann, welcher voll Habgier seine Schätze aus dem Schiffbruch rettet, welcher anderen unglücklichen Menschen den letzten Heller nimmt. – Ist solch ein Bewußtsein zu ertragen? – Verflucht soll jeder Groschen sein, welchen Josef Torisdorff von diesen Gutsrenten für sich und seine Person verbraucht. Mag die Welt seine Ehre brandmarken, vor sich selber und seinem Gewissen will er rein und makellos dastehen, – nicht der Egoismus, nicht die Geldgier lassen ihn die Hände über Lichtenhagen breiten, sondern die Verzweiflung, welche den Sohn nicht zum Mörder der Mutter werden lassen will.

Der Klang einer Schelle läßt ihn aus seinen Gedanken aufschrecken.

»Mama scheint allein zu sein. Ich gehe zu ihr, Klaus. Bitte, sieh dieses Verzeichnis noch einmal durch, es sind die Kunstschätze aus Papas Sammlung, ihre Auktion muß auch noch einen bedeutenden Ertrag bringen.«

Josef wandte sich und schritt zur Thür, an das Krankenbett der Mutter zu eilen.

Ines blickte ihm mit tief umschatteten Augen entgegen.

»Bist du endlich wieder aus der Stadt zurück, mein Herzenssohn?« – fragte sie mit leiser, klangloser Stimme, »ich habe voll Sehnsucht auf dich gewartet. Ist schon etwas über den Verkauf dieses Hauses bestimmt?«

Josef küßte zärtlich die weißen, durchsichtig zarten Hände. »Ja, Mamachen, die Angelegenheit konnte glücklicherweise unter der Hand geregelt werden! Das Grundstück wird von dem Ministerium angekauft, und das Haus zum Museum für Völkerkunde eingerichtet.«

»Wann müssen wir es räumen?«

»Vor dem ersten April keinesfalls, und solltest du alsdann noch zu krank sein, wird leicht eine Verlängerung unseres Aufenthaltes zu bewirken sein!«

Ines lächelte matt. »Bis zum April? Ich glaube nicht, daß ich diesen Monat noch erleben werde, wenn ich hier bleibe. Linden will mich so schnell wie möglich nach Kairo zurückschicken.«

Josef nickte schweigend.

»Und ich selber habe das Bedürfnis, aus diesen mordenden Verhältnissen hier herauszukommen! Ich werde morgen versuchen aufzustehen!

»Ich beschwöre dich–übereile es nicht! Sei vorsichtig!«

»Gewiß, Darling, – Linden soll bestimmen. Aber vorher möchte ich noch einiges mit dir besprechen.« Sie hustete kurz auf und fuhr leiser fort: »Klaus sagt, daß Lichtenhagen dir erhalten bleibt?«

Josef senkte das Haupt tief zur Brust, er antwortete nicht gleich, denn Klaus betrat soeben auch das Zimmer und nahm zu Füßen des Krankenlagers Platz.

»Von Gerichtswegen kann mir die Herrschaft nicht streitig gemacht werden«, flüsterte Josef tonlos, »und wenn es sein muß, so werde ich sie behalten.«

»Denk dir, Mama, er hatte die sehr edle, aber höchst ungerechtfertigte und unpraktische Absicht, das Gut zu der Konkursmasse schlagen zu lassen! Gott sei Dank hat er aber eingesehen, daß die Renten für deinen Lebensunterhalt unentbehrlich sind!«

Ines blickte mit großen Augen auf. »Du wolltest, Josef? Alles opfern … ? O, das gleicht deinem edeln, großen Herzen, du braver Mensch!«

In den Augen des jungen Torisdorff leuchtete es momentan wie ein Funken der Hoffnung auf.

»Nicht wahr, Mütterchen, du gibst mir recht darin!« stammelte er heiß erglühend.

Ines streichelte seine Hände, – sie starrte einen Augenblick gerade aus, wie in tiefem Sinnen, dann fragte sie leise: »Sage auf dein Ehrenwort, Josef, du würdest unser altes Familiengut hingeben, wenn – wenn ich nicht mehr lebte … oder doch nicht krank wäre?«

Josef zuckte zusammen. »Mutter!!«

»Sage es ehrlich, mein Sohn, du behältst es nur um meinetwillen?«

»Ja, Mama!« warf Klaus heftig ein, »um dich vor Mangel und Not zu schützen! Das sagte er mir soeben selbst, und, bei Gott, dies ist seine erste und heiligste Pflicht! Er nützt durch den Verkauf des Gutes niemand, aber er schadet seiner armen Mutter an Leib und Leben!«

Und wieder blickte Ines ruhig, wie ernst erwägend, vor sich hin, während Josef sein Antlitz auf ihre Hand preßte. Ein seltsamer Ausdruck lag auf dem Antlitz der Kranken, Genugthuung und eine beinahe starre Entschlossenheit.

»Ich danke dir, Josef, daß du mir das Opfer bringst!« sagte sie dann schnell und leise, »ein Opfer, welches ich dankbar annehme; es ist so bitter hart, hilflos zu leiden. Außerdem brauchst du dir keine Skrupel zu machen, Lichtenhagen ist ein Geschenk deines Vaters, und ebensowenig, wie wir verpflichtet sind, jeden Bissen, welchen wir seit Jahren hier im Haus gegessen, jede Gabe, mit welcher uns Papa während der sieben Jahre erfreute, jetzt zurückzuzahlen, ebensowenig kann man von uns verlangen, daß wir unsere privaten Ersparnisse, resp. die Geschenke, welche wir erhielten, zurückerstatten. So wie die Verhältnisse liegen, müssen wir mit jedem Pfennig rechnen. Die Großmut und der Edelsinn sind schnell bereit, sich zu Bettlern zu machen, aber ein Leben voll bitterster Not und Entbehrungen schleicht gar langsam dahin, und darum muß man die Generosität auch nicht übertreiben. Mein lieber Klaus, hast du eigentlich schon darüber nachgedacht, wie sich deine Zukunft gestalten wird?«

Sterley senkte den blonden Lockenkopf einen Augenblick zur Brust, dann aber hob er ihn frisch und wohlgemut in den Nacken und lächelte: »Um mich sorge dich nicht, Mama! Ich bleibe der Kunst treu und werde mich schon durchschlagen! Ich habe an illustrierte Witzblätter ja schon früher manch kleine Skizzen geliefert aus Freundschaft, weil ich die Redakteure kannte, nun werde ich für Geld solche Beiträge arbeiten, und außerdem die Bilder, welche ich fertig malte, zum Verkauf ausstellen! Mit gutem Mut und Lust und Liebe zur Arbeit kommt man schon durch die Welt! Ich denke und hoffe, daß das Glück noch nicht das letzte Wort mit mir gesprochen hat und einen braven Kerl nicht im Stiche läßt!«

Josef hatte sich erhoben und legte voll inniger Herzlichkeit den Arm um den Sprecher.

»Halt, Klaus! Nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht!« sagte er mit müdem Lächeln und einem vergeblichen Versuch zu scherzen. »Wenn ich euch den Willen thue und Lichtenhagen behalte, so stelle ich auch meine Bedingungen. Diese Stunde ist schwer, bitter schwer für mich, und dennoch trägt auch sie ihren Segen in sich, sie gibt mir die Möglichkeit, dem lieben, seligen Vater und dir all die Liebe und selbstlose Güte zu danken, mit welcher ihr mein und Mutters Leben so reich gemacht! Das erste Jahr nach dem Examen, welches Vater mich in deiner Begleitung auf Reisen verleben ließ, dann die Studienjahre, welche er mir in freigebiger Weise ermöglichte, haben mich zeitlebens zu seinem Schuldner gemacht. Nun kann ich gottlob sagen: ›Wie du mir, so ich dir, und was er Gutes an mir gethan, das kann und will ich nun an seinem. Sohn vergelten!‹

Dein schönes, ideales Talent darf nicht in dem Kampf um das tägliche Brot untergehen, Klaus. Noch ein paar Jahre ernsten Studiums, ohne Sorge, ohne Not, werden deine Kunst zur Meisterschaft reifen lassen, und dazu werden die Renten von Lichtenhagen ihre Schuldigkeit thun! Was mein ist, das ist auch dein, mein Bruder, und wenn Mutter und du sich in die Revenuen teilen, so könnt ihr ohne alle Entbehrungen, frei und glücklich leben!«

»Josef! mein Josef!« Klaus umschlang den Stiefbruder mit beiden Armen und küßte ihn voll tiefster Ergriffenheit. »Wenn du dieses Opfer für mich bringen wolltest, mir nur noch ein paar Jahre fortzuhelfen, daß ich Stunden nehmen und die nötigen Reisen machen, daß ich als freier, ungebundener Künstler meine Studien vollenden

kann, o Josef, ich würde es voll herzlichen Dankes annehmen, und es dir, so Gott will, einst beweisen, daß du deine Güte an keinen Unwürdigen verschwendet hast!« Josef legte die Hand auf die Lippen des Sprechers. »Keinen Dank, Klaus, es ist deines Vaters Geld, welches du verzehren wirst, ich verwalte es ja nur für dich!«

Ines nickte ihm mit leuchtenden Augen zu und reichte ihm die Hand entgegen. »Das erwartete ich von dir, mein Sohn!« lächelte sie, »und ich weiß, daß dies Geld, welches du als Schuld empfindest, weil du es nicht als Tropfen im Meer untergehen lassen willst, doch seinen reichen Segen bringt!« –

Klaus hob plötzlich den Kopf. »Du sprichst nur von Mutter und mir, welche sich in die Rente teilen sollen, Josef, – und du? – was wird aus dir?«

»Er studiert weiter! – selbstverständlich!« –

»Nein, Mutter, das glaube ich nicht. Noch bin ich mir nicht völlig klar über meine Zukunft, aber ich werde den rechten und einzigen Weg finden, welchen ich gehen muß, um Ruhe, Frieden und Glück zu finden. Ich hoffe dir bald das Resultat meiner Erwägungen mitteilen zu können. Und nun, gute Nacht, du herzliebe, beste Mutter! Lina bringt dein Abendbrot, und es ist Zeit für dich, zu ruhen!«

Ines faßte seine Hände und blickte ihm tief in das blasse, schmerzgefurchte Antlitz. »Josef!« – flüsterte sie leise, wie in banger Frage.

Da neigte er sich und küßte zärtlich ihr Antlitz unter dem ergrauten Haar, Seine Hand umschloß in festem Druck die ihre: »Schlaf ruhig, Mutter I« – lächelte er, »schlaf sanft und süß!« –

Aber Ines schlief nicht. Sie lag mit weit offenen Augen in den Kissen und starrte mit brennendem Blick in das verschleierte Licht der Nachtlampe. Hatte sie recht gehandelt, indem sie ihrem Sohn verschwieg, daß sie Lichtenhagens Revenuen nicht gebrauchte, um im Süden genesen zu können? Ja, sie that recht daran, denn sie sorgte für ihr Kind. Das Kapital, welches sie in den sieben Jahren ihrer Ehe aus ihren Ersparnissen und den Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken, welche Sterley ihr in Form hoher Summen verehrte, erspart und zurückgelegt hatte, war der Notgroschen, welchen sie für böse Zeiten bewahrt hatte.

Nun kam diese böse Zeit und ballte die schwarzen Wolken unbeschreiblichen Elends über ihnen. War das Opfer, welches sie einst gebracht, wahrlich vergeblich gewesen?

Hatte sie nichts für ihr Kind erreicht, als den Fluch eines gebrandmarkten Namens, welcher sich durch den Stiefvater rettungslos auch auf einen Torisdorff überträgt und seinen Schatten auf Schild und Ehre wirft?

Ist diese furchtbare Zeit voll Kränkung, Schmach und Verarmung alles, was diese sieben Jahre an Sterleys Seite, diese Jahre voller Selbstverleugnung im Dienste der Pflicht, eingetragen?

Ist sie darum Frau Sterley – Frau Kommerzienrätin geworden, um nun im Verein mit ihrem Kinde unter den Keulenschägen, mit welchen das Schicksal auf das Haus des Gatten einschlagt, zusammenzubrechen?

Nein! tausendmal nein!

Starre, trotzige Erbitterung überkommt sie.

Sie will auch nicht umsonst geopfert haben! Ein Lohn soll ihr wenigstens werden und bleiben, – ihr Kind soll ein reicher Mann sein. Sein Edelsinn, seine jugendliche Phantasie wollen ihn zu unüberlegtem Schritt verleiten, – Ines aber breitet die Hände über das gefährdete Familiengut und spielt noch einmal die Vorsehung im Leben ihres Sohnes. Sie verheimlicht ihm ihr Privatvermögen, welches in ausländischer Bank sicher liegt und zwingt ihn, um der Mutter willen, an sich selbst zu denken! – Ines atmet tief auf, neigt das Haupt und schläft beruhigt ein.

VII.

Die Wolken jagten an dem Mond vorüber und warfen gespenstische Schatten durch die unverhüllten Fenster. Windstöße rüttelten an den Jalousien, und die sonst selbst nachts belebte Straße lag still und öde, in Regenfluten gebadet.

Das Licht auf dem Leuchter war längst herabgebrannt, und nun saß Josef in dem unwirtlich kalten Zimmer im Mondesdämmern, das Haupt in die Hand gestützt, und rang abermals in den schweren Seelenkämpfen, an welchen sein junges Leben so überreich war.

Wie ein steuerloses Schiff auf den dunklen Fluten des Meeres hin- und hergeschleudert wird, wenn der Sturm sich erhebt, und das hilflos gebrechliche Spielzeug in toller Laune von den Höhen in die Tiefen stürzt, so war auch Josef seit Jahren ein treibendes Blatt auf den Wogen des Schicksals, welches seine junge Seele durch alle Phasen selbstquälerischer Verzweiflung peitschte. Er war ein unglücklich beanlagter Charakter, das hatten schon seine ersten Erzieher den Eltern versichert, und der General hatte es geglaubt, während Ines versicherte: »Jedes Kind, welches einsam, ohne Altersgenossen zwischen Großen aufwächst, wird altklug und zeigt Hang zur Einsamkeit und Grübelei.« – Dennoch bewahrheitete sich diese Behauptung nicht, denn gerade der Schulverkehr ließ des Knaben Eigenart mehr denn je hervortreten.

Er urteilte schroff und voll übertriebener Strenge, er hielt harmlose Jungenstreiche für Verbrechen und das lindeste Vergehen gegen die mehr wie strengen Gesetze der Freundschaft für Verrat und Treubruch.

Je älter er ward und je schwieriger sich die Verhältnisse im Haus der verwitweten Mutter gestalteten, desto schwarzseherischer und übertriebener wurden seine Urteile über Welt und Menschen. Voll zäher Beharrlichkeit hielt er an den Ansichten fest, welche der General ihm über Ehre und Adel eingeimpft hatte, Ansichten, welche für das Auffassungsvermögen des Kindes berechnet, sehr grell und mit dicken Farben aufgetragen, ihm verständlich gemacht wurden.

So wurzelten sie fest, und so blieben sie in ihrer bizarren Form bestehen, wie ein heiliges Vermächtnis, welches man in Ehren halten muß. –

Dadurch ward ein Zwiespalt in seinem Innern geschaffen, welcher stets quälender und empfindlicher für ihn ward, je öfter das Leben an den Wahngebilden rüttelte, welche es in der Theorie allenfalls noch duldet, in der modernen Praxis aber unbarmherzig über den Haufen stößt. – Das bedeutete für Josef jedesmal einen Kampf auf Tod und Leben, und auch jetzt rang er in einem Zustand der Verzweiflung gegen die unerbittlichen Verkettungen des Geschicks, welches abermals die Forderung an ihn stellte, sein ureigenstes Ich zu verleugnen uud sich Verhältnissen anzupassen, welche er nun und nimmermehr als richtig anerkennen konnte.

Und dennoch mußte er sich für dieselben entscheiden. Er mußte! – So wie immer band ihm auch dieses Mal ein unbarmherziges »Muß« die Hände. Es gab keine Wahl.

Die Keulenschläge des Schicksals fielen auf ihn nieder und zermalmten den letzten Rest von Stolz und Selbstbewußtsein! –

Denkt er daran, was er thun muß und thun wird, so schnürt ihm die Scham die Kehle zusammen, so steigt ihm das Blut ins Gesicht und malt ihm das Kainszeichen der Schande auf die Stirn.

Er behält sein Vermögen! Er reißt den Reichtum an sich, während hunderte von unglücklichen Menschen durch den betrügerischen Bankrott der Bank seines Vaters zu Bettlern gemacht wurden!

Sie darben, sie hungern – und er genießt die Renten dieses Sündengeldes, er, der den Namen eines Edelmannes trägt, er, welcher mit dem Namen die Verpflichtung des Adels übernommen, einzustehen für Ehre und Recht. Des Feindes Trutz, des Schwachen Schutz!

Klingt das nicht wie Ironie? – Wie Spott und Hohn für sein Handeln?

Josef wühlt aufstöhnend die Finger in das wirre Haar, er möchte wild aufschreien in der Qual seines Herzens, er möchte vergehen in Ekel und Abscheu vor sich selbst.

Und gibt es dennoch keine Hilfe, gar keine Rettung für ihn aus solcher Herzensnot? Josef hebt voll leidenschaftlicher Erbitterung das Haupt.

O ja, es gibt eine Sühne für seine Schuld.

Es gibt ein heiliges Wasser, welches ihn rein wäscht von der brennenden Gewissensqual. Jenes Wasser des Himmels, welches ihn von Welt und Leben scheidet, fern in der Einsamkeit durch ein Leben voll Buße und Neue die Sündenlast abzutragen, unter welcher sie alle seufzen. Dort kann er die Seele seines Stiefvaters, welcher trotz allem und allem die Schuld an dem ganzen Elend trägt, freibeten, kann für Mutter und Bruder, welche in sündhafter Verblendung nach fremdem Geld greifen und seinen Überfluß genießen, derweil die betrogene Unschuld verhungert, – sühnen und abbitten durch das Hingeben seiner selbst. Er will Kleriker werden, Mönch oder Geistlicher, er will Geld, Ruhm, Stellung, Namen, sein ganzes Lebensglück hingeben als Opfer, und er wird Frieden für seine gehetzte Seele finden.

Er hat stets Interesse für den geistlichen Stand gehabt, wenngleich es ihn nie voll leidenschaftlicher Schwärmerei in die Klostermauern gezogen hat.

Auch jetzt ist sein Entschluß nicht die Ausgeburt heilig ernster Überzeugung und seliger Glaubenskraft, sondern

lediglich eine Eingebung seiner Verzweiflung, welche sich mit blinden Augen einer rettenden Zuflucht entgegenstürzt.

Was bleibt ihm auch sonst noch übrig in der Welt?

Er würde lieber zu Grunde gehen, ehe er auch nur einen Pfennig von jenem Gelde nähme, welches ihm nach Fug und Recht nicht mehr gehört. Studieren kann er nicht mehr, – von Lichtenhagen Besitz ergreifen und es bewirtschaften? – Nie!

Was also bleibt einem Freiherrn Torisdorff übrig?

Die Kutte, welche all die Wunden deckt, die die falsche, betrügerische, gemeine Welt schlägt, eine Welt, welche stets mit Fingern auf den Sohn des Bankrotteurs deuten wird, der schamlos genug war, reich zu bleiben, während andere durch seine Schuld verarmten,

O dieser mordende, furchtbare Gedanke! Wie unerträglich ist er!

Josef kommt sich vor wie ein Gebrandmarkter, welchem die Schande auf der Stirn steht! Er schämt sich, einem Menschen in das Auge zu schauen, er flieht das Sonnenlicht wie ein Geächteter, er bricht zusammen unter dem Fluch der Ehrlosigkeit, welcher auf ihm lastet, so lange Lichtenhagen in den Augen der Leute sein Eigentum heißt, so lange wie noch ein Pfennig der großen Schuldenlast des Hauses Sterley unabgetragen bleibt! –

Die Scham, die Verzweiflung treibt ihn in das Kloster!

Weit weg von hier, wo niemand ihn kennt, wo keiner ahnt, daß er Sterleys Stiefsohn ist! Dort will er vergessen und vergessen sein! Was verliert er in der Welt? Nichts!

Das Glück liebt er nicht, denn er kennt es nicht. Und das Glück der Liebe, von welchem er so viel holde Märchen gehört? – Dem glaubt er nicht.

Er fand noch kein Weib, welches sein Herz höher schlagen ließ in süßer Sehnsucht.

Er hat nur in allen die Satanella geschaut, welche die Teufelshörnchen unter Rosen versteckte. Er suchte die Frauen nicht, – und die, welche ihn suchten, widerten ihn an.

»Der keusche Josef« hat man ihn scherzend unter den Studenten genannt.

Scherzend und spottend. Keuschheit uud Frömmigkeit sind Tugenden, welche so fremd geworden sind, daß sie das fin de siècle für Requisiten aus der Rumpelkammer hält, man lacht darüber wie über einen altmodischen Hut, Auch über Josef lachte man, und in seiner mimosenhaften Empfindlichkeit zog er sich verletzt zurück. Nein, er verliert und versäumt nichts in der bunten, leichtsinnigen Welt, – er kehrt als müder, verbitterter und menschenfeindlicher Gast in dem Kloster ein und legt sein Herz und seine Seele, sein ganzes Selbst und Ich als Sühnopfer auf den Altar der Maria nieder.

Josef atmet tief auf, erhebt sich und streicht über die heißen, schlummerlosen Augen,

Dann greift er nach den Schwefelhölzern und entzündet ein neues Licht.

Er will schreiben an ihn, den vertrauten, lieben Freund seiner Kindheit, an den Dekan Duncaczy. Wie lange blieb er ihm einen Brief schuldig! Zuletzt erhielt er Nachricht von ihm aus Pest. Wie oft hat er früher den Kopf auf die Knie des treuen Lehrers gedrückt und ihm all die kleinen Sorgen und Ängste seines Kinderherzens gebeichtet. Und der milde, freundlich gute Mann, welcher in Wahrheit ein Sorger seiner jungen Seele war, fand stets das rechte Wort und den rechten Trost für die Verzagtheit seines Schülers. Er wird auch diesmal das Licht sein, welches erlösend den Bann der Dunkelheit bricht, in welchem ein Menschenherz ringt.

Josef nimmt voll bebender Hast die Feder zur Hand und schreibt.

Regungslos, wie eine Marmorstatue, saß Ines in dem Sessel vor dem Kamin und starrte mit ausdruckslosen, weit offenen Augen in die flammende Glut. Neben ihr, an dem dunklen Porphyrgesims, lehnte Josef und eröffnete der Mutter mit ruhiger, aber sehr fester Stimme den Plan seiner Zukunft.

»Priester willst du werden! Aus welchem Grunde?«

»Ich fühle schon seit längerer Zeit das Verlangen, mich diesem Beruf zu widmen, seit letzter Zeit mehr denn je, und so, wie die Verhältnisse momentan liegen, glaube ich sogar eine Berechtigung dazu zu haben, mein Leben in den Dienst Gottes zu stellen.«

»Eine Berechtigung? Die hat jeder Mensch, dem es mit seinem Glauben und der Entsagung alles dessen, was ihm sonst lieb und begehrenswert war, Ernst ist. – Ich bin zu strenggläubig, um je meinen Sohn wegen dieser Berufswahl zu tadeln, ich bin aber andererseits auch Mutter, verantwortlich für das Wohl und Weh ihres Kindes, darum steht mir das Recht zu, seine Pläne zu überwachen und zu prüfen. Du sagst, daß du seit längerer Zeit schon das Verlangen hegtest! – Ich habe nie an der Wahrheit deiner Worte gezweifelt, Josef, – in diesem Augenblick thue ich es. Du warst stets zufrieden und glücklich bei deinem Studium in Bonn, ja, du hast heimlich, aus Passion, noch im letzten Jahr verschiedene Bergwerksdistrikte bereist, weil dein Kommilitone St. ein besonderes Ingenieur-Genie in dir entdeckt zu haben glaubte. Wir fürchteten schon, daß du dich ganz und gar diesem Beruf zuwenden wolltest. Vom Kloster verlautete nie ein Wort. Welch eine Veranlassung ist es also, daß du dich ihm Plötzlich zuwendest?« Die grauen Augen der Fragerin ruhten fest, mit durchdringendem Blick auf dem übernächtigen Antlitz des Sohnes, und Josef wich diesem Blick aus.

»Nun, ich dächte, Mama, das furchtbare Schicksal, welches uns heimgesucht hat, wäre Veranlassung genug, den Sinn auf ernste Bahnen zu lenken.«

»Was geht dich das Schicksal der Sterleys an?« – Er schrak zusammen bei dem kalten Klang ihrer Stimme.

»James Sterley war mein Stiefvater!«

»Von dessen Blut kein Tropfen in deinen Adern kreist! – Du bist ein Torisdorff! Wer ist im Ausland von meiner Ehe unterrichtet? – Wir werden dort wohnen und leben, ohne daß ein Schatten dieser trostlosen Vergangenheit uns behelligen wird. Den Namen Sterley führe ich nicht mehr!«

»Mama?!«

Ines legte jäh verändert beide Hände wie in beschwörendem Flehen auf den erhobenen Arm des Sohnes. »Ich kann es nicht mehr! Ich gehe daran zu Grunde! Jeder anständige Mensch wird mir das nachfühlen und vergeben! Ja, wenn der Bankrott nicht den furchtbaren Beigeschmack des Betrugs gehabt hätte! Aber dieser Makel – nein, denn kann ich nicht als einziges Erbe dieses Mannes durch den Rest meines Lebens schleppen!«

Josef sah leichenhaft blaß aus, – seine bebenden Lippen öffneten sich zu leidenschaftlicher, rücksichtsloser Antwort, wie sie ihm die Erregung eingab, – gleichzeitig aber erschütterte ein Hustenanfall die zarte Gestalt der Mutter, so heftig, so unheimlich im Klang, daß Josef voll jähen Schrecks die Arme um die Ringende schlang.

Sie war krank, ach so krank! Darf man noch mit ihr rechten wie sonst? – Nein, gewiß nicht.

Krankheit macht so leicht egoistisch, bitter und ungerecht, und die Last der letzten Zeit war zu groß für diese schwachen Schultern.

Josef drückt die gebrechliche Gestalt an seine Brust. Er antwortet nicht, sondern streicht nur liebevoll über das silberstreifige Haar.

Sie blickt wie in erwartungsvollem Forschen zu ihm auf: »Josef! Sollen die sieben Jahre vergeblich durchlebt sein? Sollen sie gar nichts genützt haben? Sollen wir wirklich heute auf demselben Punkt stehen wie damals, – als du so ungern der Welt und dem Glück entsagen wolltest?«

»Die sieben Jahre waren nicht vergeblich, Mutter! Sie haben für deine Gesundheit alles ermöglicht, was dafür erforderlich war.«

»Für meine Gesundheit!« Ines lächelte bitter: »Um derentwillen hatte ich kein Opfer gebracht, Josef!« Sie neigte sich flüsternd naher: »Ich kenne dich ja so genau; ich weiß es ja, wie es in deinem Herzen aussieht, als blickte ich in einen Spiegel! Ich weiß, weshalb du plötzlich Kleriker werden willst, und ich verwehre dir diesen Wunsch nicht. Aber eine Bitte spreche ich dir aus, und wenn du mich lieb hast, wenn du mein folgsamer, treuer Sohn bist, erfüllst du sie!«

»Sprich, Mutter, sprich!«

Sie faßt seine beiden Hände und blickt ihm wie beschwörend in die Augen: »Das Kloster wird nun und nimmermehr dein Glück sein, denn das, was dich hineintreibt, ist nicht die Liebe zu Gott, sondern Haß und Verachtung für die Welt. Darum prüfe du dich selbst, ehe du dich für ewig bindest! Gelobe es mir in die Hand, wie einer Sterbenden, deren letzten Willen man erfüllt, dich fürerst nur in dem schweren Beruf zu üben, ehe du dich ihm dauernd hingibst! Schwöre es mir, noch drei Jahre zu warten, ehe du ein Gelübde ablegst, oder die hohen Priesterweihen empfängst! So lange laß den Weg offen, welcher dich an das Herz der Mutter und in die Welt zurückführt!«

»Ich weiß nicht, ob dies möglich ist, Mama!« stöhnte Josef leise auf, und preßte die Lippen auf die Hände der Sprecherin.

»Es ist möglich! Wenn du es nicht weißt, so weiß ich es, Josef – hast du mich lieb?

Da sinkt er an ihr nieder auf die Knie und drückt das Antlitz in die weichen Falten ihres Trauergewandes. »Ja, ich habe dich lieb, Mutter, lieber wie mich selbst, und darum gelobe ich dir, was du von mir verlangst!«

Klaus war in hohem Grade betroffen, als Ines ihm eine Stunde später die Mitteilung von Josefs überraschendem Entschluß machte.

»Und du billigst diesen übereilten Schritt, Mama?« fragte er beinahe vorwurfsvoll. »Das kann ich nicht glauben! Josefs momentane weltschmerzliche Stimmung ließ diesen Vorsatz reifen! Er handelt übereilt und unüberlegt! Wie kann ein Mensch von einundzwanzig Jahren, welcher die Welt noch gar nicht kennt, derselben voll innerster Überzeugung entsagen! Das ist Unnatur! Das wird sich rächen!«

»Ich hoffe nicht, daß er Mönch wird, sondern sich nur für den geistlichen Stand entscheidet!« seufzte Ines tief auf.

»Gleichviel, auch als Geistlicher schließt er mit dem Leben und seinen heiteren Genüssen ab, wenigstens, wenn

er ein gewissenhafter und frommer Priester sein will, welcher die strengen Pflichten erfüllt, die man von ihm verlangt.

Verzeih meine Offenheit, Mama! Ich spreche als Protestant, welcher die Entsagung und Vereinsamung, welche euren Geistlichen vorgeschrieben ist, nicht begreift und nicht billigt. Hat Josef denn trotz seiner Jugend schon eine unglückliche Liebe, welche ihn zur Ehelosigkeit prädestiniert? – Nein?! Nun, dann hat er überhaupt die Liebe noch nicht kennen gelernt, und wenn sie dann kommt, ist es zu spät und sie wird zum Fluch für ihn!«

Ines bewegte zustimmend den Kopf, Thränen rollten über ihre Wangen: »O Klaus, wie bange ich um meinen Sohn! Er sucht den Frieden und findet die schwersten Herzenskämpfe, welche ein Mensch durchleiden kann! Josef ist seit Kindesbeinen ein Pfadfinder gewesen, welcher sich Schritt um Schritt auf dem Lebenswege vorwärts kämpfen mußte, – auch jetzt steht ihm das Ziel, nach welchem er instinktiv strebt, noch fern, ferner wie je, denn die Befriedigung, welche er nach seinen Charakteranlagen von dem Leben und seinem Wirkungskreis verlangt, findet er im Kloster und in der Kirche nimmermehr!«

»Noch ist nicht das letzte Wort gesprochen, Mama, und ich denke mir, die Frühlingsstürme brausen noch einmal durch die Seele des Pfadfinders, um ihn in andere Bahnen zu verschlagen. Durch Kampf zum Sieg! – Gebe Gott, daß Josef ein rechter Kämpe sei!«

Eine einfache Mietsdroschke stand vor dem Palais des ehemaligen Nabob, und der magere Gaul senkte schläfrig den Kopf zu dem köstlichen Mosaikpflaster, welches früher die Hufe des eleganten Viererzuges ungeduldig gescharrt hatten.

Frau Ines Sterley reiste ab, – und sie nahm diesmal für ewige Zeit Abschied von all der Pracht und Herrlichkeit, welche sie hier willkommen geheißen, als vor sieben Jahren ihr Fuß die Schwelle zum erstenmal überschritten hatte.

Wie falsch hatte man Excellenz Torisdorff damals beurteilt, und wie falsch beurteilte man sie heute!

Ehemals war manch neidischer Blick der reichen Frau gefolgt, welche von all den Millionen ihres Gatten Besitz ergriff, welche als Herrin und Gebieterin in den fürstlichen Besitz einzog und gewiß voll Stolz, Glück und Genugthuung ihres Herzens Freude gar nicht zu lassen wußte!

Hatten die Leute recht? O nein! Keiner ahnte, wie schwer das Herz der reichen Frau war, wie ungern, wie widerwillig sie dieses Haus betrat, wie sie diesen Schritt nicht als ein Glück pries, sondern ihn in tiefinnerstem Herzen ein Opfer nannte!

Und jetzt, als mitleidige oder schadenfrohe Blicke der Witwe des bankrotten Bankiers folgten und jedermann überzeugt war, daß dieselbe als trostlose, verzweifelte Frau sich von Pracht und Reichtum trenne, daß diese Stunde die bitterste und entsagungsreichste ihres Lebens sei, daß der Sturz aus der Höhe blendenden Genusses in die Tiefen des Elends sie rettungslos zerschmettern mußte, – jetzt täuschten sich die Menschen ebenso sehr, wie sie es ehemals gethan hatten.

Leichten Herzens, aufatmend wie erlöst von einer erdrückenden Last, bestieg Ines die Droschke, dieses bescheidene, armselige Fahrzeug, in welchem sie so lange nicht gesessen, und welches sie früher doch so oft stolz und glücklich bestiegen, wenn es galt, zu Festen zu fahren, wo die Lakaien den Droschkenschlag ebenso respektvoll vor Ihrer Excellenz der Freifrau von Torisdorff aufrissen, wie sie später gleichgültig und gelassen die prunkende Equipage der Frau Kommerzienrätin Sterley öffneten.

Keine Thräne verschleierte den Blick der Witwe, als sie von einem Besitz Abschied nahm, welcher sie nie beglückt, sondern stets nur gedemütigt hatte.

Am Grabe ihres zweiten Gatten hatte sie ehrliche und schmerzliche Thränen aufrichtiger Trauer geweint, denn sie hatte James Franklin Sterley als braven und ehrenwerten Mann geachtet und geschätzt und ihm alles Gute, was er an ihr und Josef gethan, herzlich gedankt. Auch jetzt, als sein Name durch seine Firma an den Pranger gestellt war, machte sie die Person ihres Gatten für das Unglück nicht verantwortlich. Er hatte sich leichtsinnigerweise mit Bankhäusern eingelassen, deren Unreellität ihn mitriß und ihn schwere Opfer kostete; dennoch wäre der unglückselige Bankrott nie über seine eigene Bank hereingebrochen, wäre er gesund und am Leben geblieben. In den herrenlosen Besitz aber war eine Meute gebrochen, verbrecherisch in den Schmutz zu reißen, was lange Jahre hoch in Ehren gestanden.

Nein, James Franklin trug keine Schuld an dem Elend, welches hereingebrochen war, und dennoch atmet Ines erleichtert auf, als sie jedes äußere Band, welches sie noch mit ihm vor der Welt verband, abstreifen konnte, – So ist es einem Menschen zu Mute, welcher jahrelang unter dem Zwange der Pflicht eine schwere Arbeit gethan und nun endlich wieder das Joch von sich abschütteln kann, frei und glücklich zu sein.

Ines empfand es wie eine Erlösung, als sie der Zug abermals dem Süden zuführte. Josef begleitete die Mutter, um sie in Nizza behaglich unterzubringen, und da Lina, die treue, erfahrene Pflegerin, ihrer Herrin zur Seite blieb, so konnte Josef sie getrosten Herzens in diesem Paradies der Vergessenheit zurücklassen.

In der Heimat waren die traurigen Geschäfte bald geregelt. Klaus hatte alles, was er besaß, hingegeben, um das große Defizit decken zu helfen, aber zu seinem ehrlichen und großen Schmerz blieb dennoch gar manche Wunde ungeheilt, und dieses Bewußtsein folgte ihm als einziger Schatten in sein neues Leben hinein.

Alles Neue übt auf heiter und glücklich beanlagte Menschen stets einen angenehmen Reiz aus, und so empfand es auch Klaus als etwas recht Originelles und Künstlerhaftes, als er mit seinem kleinen Koffer, welcher die notwendigsten Effekten enthielt, seinem Malkasten und dem mageren Geldbeutel nach München zurückreiste. Am sympathischsten wäre es ihm schon gewesen, er hätte so ganz als Wanderbursch mit Ränzel und Stab zu Fuß durch die Welt ziehen können, dazu war aber das Wetter noch zu wenig einladend, und ohne Malstudien im Freien machen zu können, hatte solch eine Scholarenfahrt doch keinen rechten Zweck.

Außerdem trieb es ihn voll fieberischen Eifers an seine Arbeit zurück.

Er hatte wohl seine ganz besonderen und eigenen Gedanken dabei, wenn er so schnell wie nur möglich etwas Bedeutendes schaffen und ein renommierter, gut bezahlter Meister der Kunst werden wollte.

Josef hatte die ersten Nachrichten aus München recht mit Sorge erwartet.

Er begriff nicht, daß Klaus so harmlos und seelensruhig nach München zurrückkehrte, wo man ihn als Millionär gekannt und respektiert hatte, wo man genau über die entsetzliche Bankrottaffäre unterrichtet war und es den ehemals so viel beneideten Kunstschüler sicher empfinden ließ, daß das Glück und die Gunst der Welt gar wandelbare Dinge sind!

Um so überraschter und froher war er, als Klaus sehr zufrieden und wohlgemut von seinem Ergehen berichtete, es gar nicht genug rühmen konnte, wie rücksichtsvoll und unverändert treu seine Freunde ihm begegneten, wie er überall genau so liebenswürdig und gut aufgenommen werde, wie ehemals als Sohn des reichen Mannes. Noch empfinde er seine Verarmung in nichts, ja er bedürfe nicht einmal der ganzen Zulage, welche Josef ihm so großmütig bewillige. Er lebe jetzt so viel billiger, weil so gar keine Anforderungen mehr an ihn gestellt würden, und das Sparen und »sich nach der Decke strecken« habe doch auch einen großen Reiz!

Er habe sich ehemals nicht annähernd über eine Tausend- Pfund-Note so gefreut, wie jetzt über ein erspartes Markstück! Welch ein stolzes Hochgefühl werde es erst sein, wenn er selbstverdientes Geld ans den Tisch zählen könne! –

Ja, Klaus war eine besonders glücklich beanlagte Natur! Was er anfing, schlug ihm zu Glück und Freude aus. Selbst über die härtesten Schicksalsschläge setzte er sich ohne Kampf und Seelenpein, voll Freudigkeit und Frische hinweg, und wo er hinkam, flogen ihm die Herzen zu, gleichviel ob er als Sohn des Nabob oder als blutarmer Kunstschüler an die Thüren klopfte.

Klaus springt lachend über die Dornen hinweg und pflückt die Rosen vom Strauch, – Josef aber muß sich mühselig seinen Pfad durch die dornige Wildnis bahnen, muß ringen und bluten, muß sich die Hände wund und die Füße matt kämpfen, und wenn er glaubt am Ziel zu fein und die Blüten pflücken will, so entblättern sie zwischen seinen Fingern und machen ihn ärmer noch denn zuvor.

Dennoch neidete er dem Stiefbruder nicht den sonnigen Weg.

Im Gegenteil, er empfand diesen Ausgleich wie eine Genugtuung. Er liebte Klaus von Herzen und gönnte ihm das Glück, welches ihm selber versagt schien.

Das heitere Naturell und die schäumend frohe Lebenslust des Freundes war noch das letzte, schmale Band, welches ihn an die Welt fesselte und ihn unbewußt zu derselben zurückzog, wenngleich er voll schwermütiger Selbstkasteiung eigensinnig in einen Weg einlenkte, welcher weit ab von ihr und der rollenden Kugel des Glückes führte. Klaus kannte das Zauberfädlein, an welchem er das Herz des Bruders hielt, und bewachte es in fester, treuer Hand. –

Währenddessen hatte sich auch die neue Lebenswende Torisdorffs in ihren ersten Anfängen bewahrheitet.

Sein Brief hatte den Dekan Duncaczy nach längeren Irrfahrten aufgefunden, und seine Antwort traf umgehend und sehr eingehend und herzlich ein.

Es berührte den treuen Lehrer und Seelsorger des ehemaligen Knaben ganz besonders sympathisch und herzerquickend, daß der Zug frommen Glaubens und religiöser Schwärmerei, welchen er so sorgsam gepflegt und gehütet, nicht in dem breiten und wüsten Strom des Lebens untergegangen sei, sondern den jungen Mann voll heiliger, elementarer Gewalt doch noch dem Beruf entgegentreibe, auf welchen ihn sein ganzes Sein und Wesen seit Kindesbeinen an hingewiesen.

Dekan Duncaczy erachtete den Wirkungskreis eines Klerikers als den einzigen, welcher der bedrängten und bedrohten Menschenseele wahren Frieden und wahre Befriedigung geben könne.

Er selbst hatte alle Bitternisse und Tücken, alle Enttäuschungen und Härten des Lebens durchkostet, ehe er, schon als alternder Mann, noch den rechten Weg zum Schoß der heiligen Kirche gefunden. Ihm hatte sie Ruhe und Frieden gegeben.

Nun lebte er in gesegneter, ihm besonders zusagender Thätigkeit, er wachte über junge Menschenseelen und leitete sie bei Zeiten, ehe der Sturmwind des Lebens sie fassen und die Abgründe der Welt sie verschlingen konnten, auf den Weg des Heils. Er war dem Ruf eines ihm wohlwollenden Bischofs gefolgt, und hatte eine Stellung als Lehrer an einem geistlichen Seminar angenommen, in welchem junge Männer für den Priesterstand ausgebildet wurden.

Besagtes Seminar befand sich in K–burg, der einstigen Residenzstadt der Siebenbürger Fürsten, deren burgartiges Schloß von Kaiser Karl VI. erbaut ward.

Duncaczy bekleidete das Amt eines Präfekten und theologischen Professors in dem Institut, welches neben dem Rektor, als obersten Patronatsherrn dem Bischof unterstellt war.

Von dem Leben und Treiben der Anstalt, welche den Rang einer Universität einnahm, schrieb der ehemalige Dekan nicht viel, nur in einzelnen großen Zügen schilderte er, daß die Zucht und Ordnung eine sehr strenge und wohlgeregelte, aber das Leben ein überaus harmonisches, Herz und Seele erquickendes sei. Er stellte es Josef anheim, daß, falls er in Deutschland verbleiben wolle, er nach abgelegter Matura auf eigene Kosten die Universität weiter beziehen müsse. Falls er aber geneigt sei, nach Österreich überzusiedeln, so mache er ihm den Vorschlag, das Seminar in K–burg zu beziehen, um seine theologischen Studien dort zu beginnen. Daß dies als eine große, unbeschreibliche Freude von ihm, seinem alten Lehrer und Freund begrüßt werden würde, sei selbstverständlich, und darum schließe er diese Zeilen in der beglückenden Hoffnung, den teuren Schüler bald wieder als einen solchen in die Arme schließen zu können!

Heiße Glut freudiger Überraschung brannte auf Josefs Stirn, als er den Brief gelesen.

Welch eine erste Gunstbezeugung des Schicksals, ihm derart den Weg zu ebnen.

Konnte es Besseres und Verlockenderes für ihn geben, als seine Wege mit denen des teuren Freundes aufs neue zu vereinen? Konnte sich seine Zukunft jemals sicherer und gesegneter gestalten, wie unter dieser Führung? Und welch ein günstiger Umstand, daß Duncaczy ihn nach Österreich rief, nach diesem Land, welches ihm lieb und sympathisch war, welches er eine zweite Heimat für jeden Deutschen nannte. Dort ist er unbekannt und weltentrückt, dort wird er vergessen und bald von denen, welche er sticht, vergessen sein. Hier gab es kein Überlegen mehr, Josefs Schicksalswürfel war gefallen.

VIII.

Zwei Jahre waren vergangen.

Josef befand sich in K–burg und fühlte sich seinen Briefen nach zu urteilen, glücklich und zufrieden. Allerdings starrte Ines oft gedankenversunken auf die Zeilen, aus welchen sie viel mehr las, als der Schreiber wohl ahnte.

Durch all die eifrigen, beinahe allzu dringlichen Versicherungen, daß er hier die gesuchte Ruhe und eine ihn hoch befriedigende Thätigkeit gefunden, klopfte dennoch ein junges Menschenherz, an welchem ein heimlicher Gram nagte, in welchem ein ungestilltes Verlangen brannte.

Alle Einsamkeit, alles Studieren, alles Beten konnte die Erinnerung nicht löschen, und irgend ein geheimnisvolles Etwas in dieser Erinnerung quälte den jungen Kleriker noch ebenso, wie ehemals den Studenten.

Was aber war es – ? Was!?

Ines war krank, kränker wie je, und die rapide sinkenden Körperkräfte hatten auch den Geist ermatten lassen.

Sie hatte den Scharfblick verloren, eine müde Indolenz bemächtigte sich der Dahinsiechenden. Ihr Leben lag hinter ihr wie ein Traum, sie wischte die unangenehmen Jahre aus demselben fort, wie man eine störende Zeichnung löscht und klammerte sich mit all ihren Gedanken an eine Zeit, welche die Verkörperung alles Glückes für sie bedeutete.

Und in dem milden Dämmerlicht seiner Vergangenheit ging die Gegenwart unter. Selbst das Schicksal ihres Sohnes war nicht mehr die brennende Frage, welche sie ehemals Tag und Nacht beschäftigte. Sie hatte sich überzeugt, daß alles Menschenwerk nur unvollkommenes Stückwerk ist, daß unser Bemühen und unsere Plane Dunstgebilde im Hauch des Ewigen sind.

Sie hatte sieben Jahre an dem vermeintlichen Glück ihres Kindes gearbeitet, da kam Gottes Hand und stürzte über Nacht, was sie während dieser langen Zeit voll Fleiß und Opfermut ausgebaut.

»Meine Wege sind nicht eure Wege!« spricht Gott der Herr.

Nun hat sie den Lebensweg ihres Kindes ihm anheim gestellt.

Was ihr ein Unglück dünkt, wandelt sich unter der Führung des Herrn wohl zum Glück. Mag Josef darum ein Priester werden oder nicht, seine Mutter wird seine Pläne nicht mehr beeinflussen und nicht mehr zu kreuzen suchen.

Die Hände im Schoß gefaltet, wie ein bleiches, wesenloses Traumgebild liegt die Kranke in dem bequemen Rollstuhl, welchen sie kaum noch verläßt. Ihr Haar glänzt wie unter dem Rauhreif, welcher eine Blume traf.

Noch immer eine ideale Erscheinung, zart wie ein Hauch, vornehm und elegant bis in jede Regung ihrer wachsbleichen Fingerspitzen, träumt sie mit tief umschatteten; weit offenen Augen in den blauen Sonnenhimmel empor, welcher sich über Montreux und seinem leuchtenden See wölbt.

Die Alpen ragen voll stiller Majestät in die Sonnenglut empor, das Thal hat sein schimmernd weißes Narzissengewand abgestreift und sich in den duftig tiefgrünen Mantel des Juli gehüllt, berauschende Duftwogen strömen aus dem Garten der Printanière empor, in deren reizender Stille die Freifrau von Torisdorff Wohnung genommen.

Hierher hat man die Kranke vor dem allzu tropischen Klima Italiens geflüchtet, und nun steht ihr Rollstuhl auf dem großen, überschatteten Balkon, welcher ihre stille, einsame Welt bedeutet.

Niemand kennt sie in der Villa und auch sie kennt keinen.

Sie weiß nicht einmal, wer außer ihr unter diesem Dache wohnt.

Sie sieht niemand und wird nicht gesehen, weltfern, abgeschlossen von allem Verkehr, welkt sie einsam dahin. Wie eine Blüte, für welche der Herbst gekommen.

Seit vier Tagen ist Josef zum Besuch eingetroffen. Der Arzt hat ihm Mitteilung über den besorgniserregenden Zustand der Mutter gemacht und der junge Mann eilte unverzüglich zu der teuren Kranken, ihr den sehnlichsten Wunsch eines längeren Beisammenseins zu erfüllen.

Die ersten Tage saß er voll zärtlicher Liebe, die Freude des Wiedersehens in vollen Zügen genießend, neben dem Lager der Mutter, – wie viel gab es zu fragen, wie viel zu antworten! Und wenn die Lippe schwieg, so sprach doch das Auge all die Überfülle der Herzen aus.

Josef lebte nur für die geliebte Kranke, ihr kleines Reich auch zu seinem ausschließlichen Aufenthalt machend.

Voll Entzücken weilte Ines Blick auf dem stattlich schönen Sohn, bei welchem die Ähnlichkeit mit dem ritterlich eleganten Vater immer sprechender zu Tage trat.

Hoch und stolz aufgerichtet, kräftig entwickelt und in feinen Bewegungen voll ruhiger Sicherheit, glich er in nichts mehr dem blassen schmächtigen Jüngling von ehedem, sondern schien die Soldatennatur der Torisdorffs dennoch geerbt zu haben und sie selbst in Soutane und Cingulum nicht verleugnen zu können.

Die dunkelblaue Reverenda kleidete die schlanke Gestalt vortrefflich, das schmale, vornehme Antlitz mit dem tiefernsten, durchgeisteten Ausdruck schien die ideale Vorstellung zu verkörpern, welche sich der Leser von einem Ekkehardt bildet, und es gab in K–burg wohl manches Auge, welches voll warmherzigem Interesse der einnehmenden Erscheinung des jungen Klerikers folgte.

Ines seufzte oft heimlich und schmerzlich auf, daß diese herrliche Gestalt, welche in Uniform oder Tressenkleid sicher eine hervorragende Rolle auf dem Parquet gespielt haben würde, nun in klosterhafter Stille und Einsamkeit, freud- und lieblos dahinschwinden solle, aber sie blickte voll schwelgender Ergebung zum Himmel, und war andererseits auch Schwärmerin genug, die wehmütig ernste Poesie, welche gerade in dieser Priestererscheinung lag, schmerzlich süß im tiefsten Herzen zu empfinden.

Es war ein schwüler Tag gewesen.

Die Sommerhitze lastete auf dem blendenden Weinberggelände und der See flimmerte und kräuselte wie eine Schale voll kochenden Wassers, welcher heiße, lähmende Dünste entsteigen. Die Kranke fühlte sich besonders matt und ruhebedürftig und zog sich früher noch wie gewöhnlich zur Nachtruhe zurück.

Sie streichelte liebevoll die Hand des Sohnes.

»Du hast die ganzen Tage so still bei mir auf dem Balkon gesessen, Josi, und bist doch gewiß weite Spaziergänge und nervenstärkende Bewegung gewohnt! Wenn ich zum Schlafen gehe, fängt für andere Menschen erst die erquickende Zeit der Abendkühle und Erholung an. Willst du nicht auch einen Spaziergang machen, Darling? Sieh dir Montreux mit all seinem bunten Hotel- und Bazarleben an, es wird dich amüsieren und zerstreuen! Auch ein Gang nach Hotel Byron ist lohnend, und unser interessantes Visavis, Chillon, sahst du überhaupt noch nicht in der Nähe! Geh, du lieber, braver Krankenwärter, und erfrische dich in Gottes schöner Natur!«

Josef küßte die mageren, durchsichtig blassen Finger.

»Einen Spaziergang unternehme ich wohl gern, Mama, und da du mich hier nicht mehr gebrauchen kannst, folge ich deinem guten Rat, Im Thal ist es aber wohl noch allzu schwül und dumpfig, es zieht mich mehr hinauf in die Berge, wo die Freiheit wohnt!«

»Du mußt aber nicht zu weit gehen, daß du dich nicht verirrst.«

»Unbesorgt! Ich bleibe auf dem Weg, suche mir ein schönes Plätzchen und nehme ein Buch vor. Ich war erschreckend faul in diesen Tagen und doch macht die Dogmatika so viele Ansprüche an mich. So schlafe wohl, mein Herzensmutterchen, träume süß und ruhe gesund und ängstige dich nicht um deinen baumlangen Kerl von einem Sohn, welcher bei dieser Temperatur wahrlich keine Gelüste für weite Bergtouren verspürt!«

Wenige Minuten später stand er, ein Büchlein über Kirchenrecht und Seelenhirtentum in der Hand, auf dem Kiesplatz vor der Villa Printanière und überlegte, wohin er sich am besten wenden solle.

Seitlich auf einer unter Rosenbüschen versteckten Bank saß ein älteres Ehepaar, anscheinend in heftigem Wortwechsel, denn die scharfe Stimme der Dame klang im höchsten Diskant zu ihm herüber, während der kleine, etwas verwachsene Herr mit dem pergamentfarbenen Gesicht voll verbissener Wut leiser vor sich hin zu raisonnieren schien.

Mit einem instinktiven Gefühl höchsten Unbehagens wandte sich Josef ab.

Vor ihm lag, tiefer unten an der stattlichen Gartenmauer entlang führend, die Chaussee, bunt belebt von zahllosen Spaziergängern, Reitern, Wagen und Weinbergarbeitern. Es hastete, drängte, schob sich in farbigem Schwarm vorüber, Staubwolken wirbelten hinter einer Kavalkade eselreitender Engländer auf, und eine Pension junger Mädchen wand sich als Schlangenlinie, lachend und scherzend, jenseits des Eisenbahndamms am Ufer des Genfer Sees entlang.

Dieser Anblick eines lebensfrohen und üppigen Landschaftsbildes hätte wohl jeden anderen jungen Manu angelockt, sich in diese farbig heitere Gesellschaft zu begeben, und mit dem Strom von Lust und Scherz mitzuschwimmen.

Den weltfeindlichen jungen Kleriker berührte dieser Anblick jedoch unsympathisch, wie ihm jedwede Fröhlichkeit als frevler Übermut, jede vergnügte Miene als eine Larve für Leichtsinn und Treulosigkeit erschien.

Er konnte solche Gefühle des Frohsinns nicht mehr teilen, seit die Vergangenheit so schwer und qualvoll auf ihm lastete und ihm jede sorglose Stunde vergällte. Er empfand die Daseinswonne anderer Menschen wie einen Vorwurf gegen sich, der die Opfer des väterlichen Bankrotts im Elend und in der Verzweiflung belassen, anstatt ihre Thränen mit seinem Geld zu trocknen.

Dieser Wurm nagte noch immer an seinem Herzen und entfremdete ihn mehr und mehr einer Welt, welche ihm schließlich zum Zerrbild krankhafter Wahnvorstellung zu werden drohte. Mit düsterem Blick wandte er sich von der menschenbelebten Chaussee ab und blickte in das Blütenmeer des stillen Gartens hinein. Er schien seine Anlagen weit an dem klüftigen Berg empor zu schieben, wild romantisch lockten die Felsenbildungen zwischen den rankenden Gebüschen, durch welche sich, schäumend in schroff abstürzendem Lauf ein Bächlein zu schlängeln schien.

Welch ein tiefer, wonniger Frieden winkt da oben unter den rauschenden Baumkronen des Waldes! Welch einen Ausblick muß der Felsvorsprung gewähren, welcher sich, überwuchert von Brombeerranken durch das tiefe sammetige Grün schiebt! –

Hochaufatmend wandte sich Josef dem einsamen Weg zu und stieg rüstig bergan.

Anfänglich schlängelte sich der wohlgehaltene Sandweg des Gartens in mäßiger Steigung empor, Gebüsche von Laurostinos, wilden Rosen, Lebensbäumen und Tollkirschen, von Pyrus und starkduftendem Geißblatt, graziösen Mandelblütenzweigen und breitblätterigen Feigen säumten ihn, weiche Rasenflächen dehnten sich, von blühenden Blumen übersät, zu den Seiten, und dann ging die Kultur in anmutige Wildnis über, hochragendes Gebüsch bildete dichtere Gruppen, Felsgestein baute sich malerisch auf und dazwischen plätscherte und schäumte es voll kecker Wanderlust zu Thal, – das schmale Silberband des Bächleins, welches hoch von der Alpfirne niederflatterte!

Welch eine Luft! –

Balsamisch und erquickend wehte sie um die Stirn, geschwängert von dem Duft bitterlich aromatischer Kräuter und herber Bergblumen, von dem weichen Hauch des Waldodems, welcher noch den Kuß der Sonne trägt!

Drunten dehnt sich gleich azurnem Grund, über welchen magische Silberlichter schießen, der See, und aus ihm empor wachsen die gewaltigen, imposanten Bergriesen, überhaucht von zartem Dunstschleier, gezeichnet mit rosigen, violetten und goldfarbenen Tinten, schattiert vom flaumweichen Taubengrau bis zu dem düsteren Dunkel gähnender Schluchten.

Rein und klar zeichnen sich die Konturen gegen den Himmel, welcher über den Savoyer Alpen wie eine fleckenlose Krystallkugel schwebt, – drüben aber – von Lausanne herauf – steigt eine blaugraue Wolkenwand, einen schmalen tiefdunklen Schatten auf den Spiegel des Sees werfend.

Josef steht still und schaut voll trunkenen Entzückens auf die Pracht vor seinen Blicken, welche so weit, so gewaltig, so göttlich schön ist, daß alles Menschentum wie ein Atom in solcher Unendlichkeit vergeht!

Kein Laut steigt zu ihm empor, welcher daran mahnt, daß Menschenwitz und Menschentücke dieses Paradies entweiht! Die Welt ist schön überall – wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual! –

Und hier wohnt weltferne, zauberhafte schöne Einsamkeit! –

Josef steht und schaut sich satt an dieser lichten Gotteswelt, und sein Herz wird groß und weit, es wachsen ihm Flügel und tragen es hoch empor in wonnesame Träume von Frieden und Glück. Welch eine Wehmut – welch eine Sehnsucht durchbebt ihn plötzlich? – Wie Heimweh überkommt es ihn, wie Heimweh nach dem Glück! – Wie ist er so allein! – Wie arm, wie elend in dieser reichen Welt.

O, daß seine Mutter hier neben ihm stünde! Daß er eine gleichgesinnte Seele fände, Worte des seligsten Empfindens, der reinsten Harmonie zu tauschen! Die Schönheit wird erst dann voll genossen, wenn die Lippe ihr Lob aussprechen kann, wenn zwei Menschenseelen in einem anbetenden Entzücken verschmelzen!

Seine Mutter!

Wie lange wird er noch in ihre Augen schauen können! Wie bald wird er das einzig Liebe, was ihm noch geblieben, dahingehen müssen, und dann – ist er ganz allein!

Ein tiefer, qualvoller Seufzer ringt sich von Josefs Lippen, er streicht mit der Hand angstvoll über die Stirn, er darf und will diesem Gedanken nicht Raum geben. Es ist genug des Schweren, welches sein Herz belastet.

Aber die Sehnsucht läßt sich nicht gebieten, die geheimnisvolle, wehmütige Sehnsucht nach dem Glück, welche in jedem Menschenherzen, und habe es sich noch so menschenfeindlich von der Natur abgeschlossen, wohnt.

Und so setzt er sich auf dem moosigen Felsen nieder und stützt das Haupt in die Hand, ohne das Lehrbuch aufzuschlagen, welches er mitgenommen.

Vor ihm liegt das paradiesisch schöne Land, über welches die ersten Schleier der Dämmerung wehen, und es hat für die selbstquälerische Art des jungen Mannes einen besonderen Reiz, sich der tiefen Melancholie dieser Einsamkeit hinzugeben. Die Gedanken ziehen hinter seiner Stirn wie ein Schwärm aufgescheuchter, schwarzer Vögel, welche mit ihren Schwingen die Sonne verdunkeln. Josef merkt es nicht, wie die Wolkenwand höher und höher an dem Himmel emporsteigt, wie sich die Flut des Sees immer dunkler färbt, wie ein leichter Windhauch durch die Wipfel streicht gleich einem Vorboten erlösend kühler Nacht.

Immer sehnsuchtsvoller und todtrauriger brennt das Herz in seiner Brust, und die Vereinsamung, das bleiche, leisschluchzende Weib, steht neben ihm und legt ihm die Hand auf das Haupt, schwer – schwer, wie Bergeslasten empfindet er sie, niederdrückend – als zwinge ihn schon jetzt unsichtbare Gewalt hinab in das kühle Kämmerlein, wo einzig der Frieden und die Vergessenheit wohnen.

Da bebt er unwillkürlich zusammen und blickt verwirrt auf.

Wetterleuchtend zucken die Blitze durch die fernen Wolkenmassen, und ganz in der Nähe klingt es plötzlich durch die schwüle Stille, – eine Stimme – weich, klagend, unbeschreiblich traurig und schmerzdurchbebt.

Wie kleine, goldene Hämmerlein schlagen die süßen Töne an sein Herz, so deutlich in der klaren Bergluft, daß er ein jedes Wort versteht. Wie ein Schauer voll wonnigen Wehes überrieselt es ihn, atemlos lauschend hebt er das Haupt.

»Aus der Heimat, hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her.
Aber Vater und Mutter sind lange tot.
Es kennt mich dort keiner mehr!
Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, uud über mir
Rauschet die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner kennt mich mehr hier!«

Leise, wie in Thränen erstickt, verklingt die Stimme, und Josef nickt wehmütig vor sich hin, tiefatmend, wie befangen von unsichtbarem Zauber.

Tiefe Stille, nur leis zirpende Laute im Gras, nur ein feines Blattgeflüster im Wind,

Josef macht eine unruhige Bewegung.

Warum singt sie nicht weiter?

Diese Stimme – diese traurigen Klänge thun ihm so wohl, sie lassen verwandte Saiten in seinem Herzen erzittern, – sie sprechen voll weicher Innigkeit just das aus, was er empfindet.

Horch, – abermals erklingt es so weh, so namenlos betrübt, daß es ihm durch Mark und Bein geht:

»Verlassen! verlassen – verlassen bin i –
Wie der Stein auf der Straßen –

Welch eine Melodie! welch eine schlichte Wahrheit, welch ein Empfinden zittert durch sie hin!

Josef lehnt das Haupt zurück und schließt die Augen.

Seine Hände ruhen gefaltet im Schoß, und seine Seele trinkt in tiefen, durstigen Zügen die wundersame Tröstung, Welche in solch gemeinsamem Herzeleid liegt.

»Da setz i mi nieder –
Und wein' mi recht aus! –«

Ja, weinen! – weinen! Auch ihm ist es plötzlich, als perle es heiß an seinen Wimpern, und doch ist ihm seit Jahren nicht so wohl gewesen, wie in diesem Augenblick.

Es liegt eine göttliche, geheimnisvolle Gewalt in der Musik. Sie webt unsichtbare Fäden von einem Menschenherz zu dem andern, – sie eint in süßer Harmonie, was sich ewig fern gestanden, sie führt einander zu, was sich fremd ist, sie überbrückt den Abgrund, welcher zwischen zwei schmerzgequälten Herzen gähnt und läßt sie voll heißen Empfindens zusammenschlagen in der einen großen, heilig leuchtenden Flamme innigen Verstehens. –

»O singe, singe weiter!« möchte Josef voll leidenschaftlicher Erregung rufen! »Wen möchten deine Lieder und Klagen tiefer ergreifen wie mich?« – Aber die süße Stimme ist verhallt, es bleibt still, nur fernher plätschert der geschwätzige Bach und durch die Laubkronen säuselt es wie ein Abendsegen, Das Haupt in beide Hände gestützt, verharrt Josef in regungslosem, sehnsüchtigem Lauschen. Noch klingt das Gehörte in seinem Herzen nach und erfüllt ihn mit unbeschreiblichen Wonnen der Wehmut.

Das, was er sich soeben noch voll unbezwinglicher Sehnsucht gewünscht, eine gleichgestimmte Seele, welche fühlt und empfindet wie er, die hat er wie durch holden Zauber gefunden.

Ein Herz hat sich ihm erschlossen, – unbewußt und ahnungslos, aber wahr und ganz – bis auf den tiefsten Grund.

Da quoll in geheimer Klage über die Lippen, was sonst wohl keines Menschen Ohr von ihnen vernommen, da spiegelten die todeswehen Lieder all das Elend, welches tief versteckt in der Brust der Sängerin ruhte.

Einsam! einsam und verlassen! lieblos und freudlos wie er!

O wie wohl es thut, zu wissen, daß es noch mehr Stiefkinder des Glückes gibt!

Gemeinsam Leid ist halbes Leid!

Warum aber – warum ist auch sie unglücklich?

Die Stimme klang so weich, so jung, – so von wärmstem Gefühl durchbebt, – wem gehörte sie an?

War die Unbekannte Frau oder Mädchen?

War sie schön oder häßlich?

O, thörichter Träumer, der er ist! Was ficht ihn ein solches an? – Eines weiß er ja bestimmt, das einzige, was er wissen will und zu wissen braucht – »sie trägt ein schweres, trostloses Geschick wie er!«

Stärker weht der Wind den dunklen Wolkenmassen voran, tiefer und tiefer sinken die Schatten.

Die roten Blitze zucken hin und wieder, und durch Josefs Seele zieht es wie ein traumverlorenes Echo: »Aus der Heimat – hinter den Blitzen rot – da kommen die Wolken her.« – Aber sein Haupt hebt sich freier, leichter wie zuvor auf den Schultern, die Vereinsamung steht nicht mehr neben ihm, sie ist Hand in Hand mit Frau Sorge weitergewandelt.

Nun atmet er auf, wie erlöst von schwerem Bann. Er weiß es selber nicht, warum ihn die süße Mädchenstimme so getröstet hat; er empfindet es nur wie eine unbewußte Ahnung, daß sie ihn verwandelte, daß etwas in seinem Herzen gelöst ist, wie vom eisbefangenen Waldsee die Starrheit dahin schmilzt, wenn milder Lenzesodem ihn umweht.

Seine Gedanken kreisen nicht mehr in schwerem Flug um sein eigenes Unglück, sie heben jetzt gleich weißen Tauben die Silberschwingcn, und umflattern das Gnadenbild einer heiligen Cäcilia, welches sein Auge nie geschaut, und welches ihn dennoch auf süßen Klangwellen umschwebt!

Wieviel tausend Lieder klingen tagtäglich an viel tausend Ohren, gehört und vergessen, sobald ihr Hauch verwehte, und dennoch, dringt zu rechter Stunde die rechte Weise an ein Menschenherz, so wird sie ihm zu einem segensreichen Vermächtnis, unauslöschlich und unvergeßlich für immerdar.

Josef forschte nicht nach der geheimnisvollen Sängerin.

Ihre Person stand ihm so fern und gleichgültig, wie all die anderen Frauen und Mädchen, welche seine Wege kreuzten, und für welche er kaum einen Blick übrig hatte.

Dennoch folgten ihm ihre Worte nach und schlichen sich selbst in seinen Traum.

Da sah er sie, die traurige Unbekannte, einsam wie er, auf moosigem Felsen sitzend. Ein schwarzes Trauerkleid wehte um ihren Fuß, düstere Schleier wallten um ein marmorbleiches Angesicht, und als er näher trat und in die weinenden Augen der Sängerin blickte, da legten sich die dunklen Schleiergewebe auch über sein Antlitz, und die Welt, welche eben noch in lachendem Sonnenschein vor ihm gelegen, versank in Nacht und Finsternis.

Das Gewitter war jenseits des Sees entlang gezogen, und der nächste Morgen hatte ebenso klar und strahlend hell in die Fenster der Printanière geschaut, wie all die Tage vorher,

Josef mußte während des Frühstücks von seinem Spaziergang erzählen und that es voll beinahe schwärmerischen Entzückens, ohne jedoch auch nur mit einer Silbe der unbekannten Sängerin zu erwähnen.

Seine Mutter ließ ein wenig enttäuscht das farblose Antlitz zur Brust sinken.

In die einsame Bergwildnis hatte es den absonderlichen jungen Mann gezogen! Wahrlich, das sah nicht danach aus, als ob die bunte, lebensfrohe Welt auch nur einen einzigen seiner Gedanken noch beschäftigte!

Sie war resignierter wie je, und darum fiel ihr die seltsame Unruhe, der eigentümlich belebte Blick des Sohnes nicht auf.

Es überraschte sie auch kaum, als er – halb abgewandt an dem rankenumsponnenen Gitter des Balkons lehnend, plötzlich fragte, »was für Fremde außer ihnen in der Villa Quartier genommen hätten?«

»Ich ahne es nicht, Darling. Glücklicherweise hat die heiße Jahreszeit die meisten Kurgäste vertrieben, und wenn ich mich recht entsinne, erzählte Lina einmal, außer den unseren seien nur noch drei Zimmer im Parterre bewohnt!«

»Und nannte sie keine Namen? – Sind es Deutsche oder Ausländer?«

»Ausländer wohl keinesfalls, – ich glaube … ja mein schlechtes Gedächtnis – aber, wenn ich nicht irre, sprach Lina von einem Reichstagsabgeordneten, einem Doktor so und so! – es sei eine so wenig angenehme Familie, sehr laut und zänkisch.«

»Ah! – kleine Kinder?«

»Nein, von denen hätte ich wohl mehr im Garten bemerkt, im Gegenteil, es muß ein älteres Ehepaar sei.«

»Richtig! Ich hatte das Mißgeschick, sie im Garten zu sehen und just zu einer kleinen, familiären Scene zurecht zu kommen! Beide machten allerdings schon par distance einen höchst unsympathischen Eindruck!«

»Je nun, Josi, so weißt du ja besser Bescheid wie ich!« lächelte die Kranke; »hoffentlich hältst du diese Gesellschaft nicht für meine Zerstreuung notwendig?«

»Gott soll uns bewahren!« Der junge Kleriker legte lachend den Arm um die Sprecherin: »ich denke, Herzens-Mamachen, unsere gegenseitige Anwesenheit genügt uns! Also diese beiden feindlichen Gatten sind unsere einzigen Hausgenossen? Nun, dann wollen wir unser Reich hier droben hermetisch abschließen und uns der herrlichen Ruhe freuen!«

Nach etlichen Minuten hielt Josef die Zeitung in der Hand und schien zu lesen. Aber seine Blicke schweiften gedankenverloren über das weiße Papier hinaus.

Die fremde Sängerin wohnte nicht in der Printanière? Seltsam, wie kam sie alsdann so allein in die Bergeinsamkeit hinauf? War sie vielleicht nur Touristin oder Malerin, welche zufällig von dem Weg abgeirrt war? Wird sie nicht wiederkommen, auf jenem stillen Fleckchen weltentrückter Waldeinsamkeit ihre Klagen in Liedern auszuweinen?«

Wie eine bange Unruhe überkommt es den jungen Mann. Noch einmal möchte er sie singen hören! Ihre Lieder sind Balsam für sein wundes Herz, sie wirken wie Suggestion auf ihn, er wird still und glücklich bei ihrem Sang, so traurig er auch klingen mag.

Seltsam, auch hier heilt Gleiches das Gleiche.

Als die Sonne zur Küste geht, überkommt ihn ein fast fieberischcs Verlangen, abermals zur Bergeshöhe zu steigen. Wie mit magischen Gewalten treibt es ihn empor, und diesmal greift er in der Eile nach keinem Buch, er schreitet voll sehnender Ungeduld durch den Garten, ohne rechts und links zu blicken.

Er wird heute lange warten müssen, denn er ist früher zur Stelle wie gestern.

Aber horch? – täuscht ihn ein Echo?

Hochatmend bleibt er stehen und preßt die Hände gegen die Brust.

Sie singt! Sie ist da!

Leise bahnt er sich seinen Weg zu dem gestrigen Ruheplätzchen, wirft sich in die duftigen Alpenkräuter nieder und stützt das Haupt in die Hand.

»Am Brunnen vor dem Thore, da steht ein Lindenbaum,
Ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum!«

Wie oft hat Josef dieses Lied gehört, – so noch nie. Er ist nicht musikverständig, er weiß nicht, ob er eine ausgebildete, wohlgeschulte Stimme hört, er weiß nur, daß ihm noch keine andere so zu Herzen gedrungen ist wie diese!

Und die weichen, seelenvollen Klänge umschmeicheln ihn und machen ihm das Herz so weich und weit, so sehnsuchtsvoll und dennoch zufrieden.

Ahnt jene Fremde, daß hier im entlegensten Stücklein Waldesfriedcn ein Menschenherz ihrem Singen lauscht? – daß es zuckt und bebt unter den Qualen süßen Wehs und herber Wonne, welche ihre Lippen zu ihm tragen? daß er mit ihr fühlt und bangt und klagt aus tief innerstem Grunde herauf, daß er mit ihr eins wird in diesen Liedern?

Nein, sie ahnt es nicht, sie weiß nicht, daß ihr, die nur den Blumen und Vöglein im Walde anvertraut, was sonst geheim in ihrem Busen schlummert, daß ihr die größte Kunst gelungen, daß sie mit ihren Liedern einen Erfolg gehabt, wie ihn wohl selten nur die Ersten unter den Sängerinnen aufweisen können!

Und während Joses sich widerstandslos dem Zauber hingibt, welcher ihn mit Sang und Klang umspinnt, tönt es voll schlichter Innigkeit und Wehmut weiter von den Lippen der Unbekannten, ein Volkslied nach dem andern, schwermütig und entsagungsvoll, – Lieblinge des deutschen Volkes.

Wer ist sie?

Wie ein ungestümes Verlangen überkommt es den Lauschenden, auszuspringen, die Büsche zu teilen und in das Antlitz derer zu schauen, welche ihm fremd ist, und welche er dennoch bis in die geheimsten Regungen ihres Herzens kennen lernte!

Er erhebt sich, er macht eine leidenschaftliche Bewegung und sein Blick streift wie zufällig sein dunkles Priesterkleid.

Da geht es wie ein kühler Schauer durch sein Herz. Der erhobene Arm sinkt nieder, – wie aus einem Traum erwachend blickt er auf. Warum will er sie sehen und kennen, – er, der Priester, – warum? Langsam wendet er sich und schreitet müde, wie ein Kranker, den Pfad zurück; die Soutane streift die Blüten am Weg, und der Abendtau glitzert wie Thränen in ihren Kelchen.

IX.

Welch eine schwüle Nacht!

Lange hatte Josef in die müde, träumerische Dämmerung hineingeblickt, vergeblich hoffend, daß ihr Frieden sich auch über sein ruhelos klopfendes Herz senken werde.

Noch nie war er sich seiner inneren Unruhe, des Zwiespalts seiner ganzen Empfindungen so bewußt geworden wie heute. Was war es nur, was ihn so quälte, er wurde sich selber nicht klar darüber,

O, dieses Grübeln und Sinnen! Es macht ihn noch verrückt!

Glückselig die Menschen, welche sich leichten Sinnes über Verhältnisse und Begebenheiten hinwegsetzen können, welche anderen als unüberwindliche Hindernisse den Weg sperren! Beneidenswert die Sorglosigkeit, welche keine Skrupel keimt. Gibt es ein Mittel dagegen?

Josef sucht danach, aber ein solches, welches wahrhaft heilt, findet er nicht, nur die Betäubung, die momentane Ablenkung durch sein Studium, und Trost und Selbstvergessen	im Gebet. Auch jetzt zündet er die Lampe an und greift nach den Büchern.

Durch die geöffneten Fenster weht ein feuchtheißer Brodem, der schwüle Düfte auf seinen bleischweren Schwingen trägt.

Insekten und Nachfalter umschwirren das Licht, ebenso unruhig hin und her zuckend wie die Gedanken hinter der jungen Menschenstirn, die sich tief auf die Hand stützt.

Die Worte und Zeilen verschwimmen vor Josephs Blick, – er liest sie, ohne zu denken und ihren Sinn zu erfassen.

Vor seinen Ohren klingt eine leise, klagende, traurige Stimme, die dringt hinab in sein Herz und wühlt es in seinen verborgensten Tiefen auf.	Wer ist die Sängerin – jene Fremde, die ebenso unglücklich ist wie er?

Gehören sie nicht zusammen? Schmelzen ihre Seelen nicht in einer einzigen, wehen, quälenden Not ineinander?	In jener Herzensnot eines einzigen Verlassen- und Verlorenseins? Welche eine große, heilige Sympathie verbindet sie! Welch eine	lastende Pein drückt sie beide zu Boden! Und er soll nicht voll leidenschaftlicher Sehnsucht alle Schranken niederbrechen, zu	ihr hinstürmen und sein Antlitz in die Falten ihres Trauerkleides drücken:	»Hier laß mich Tränen der Erlösung weinen! Vor dir schäme ich mich ihrer nicht, denn du verstehst mich! – Sieh mich an, – laß mich dein	bleiches Antlitz kennen – wer bist du?«

Joseph schiebt aufstöhnend das Buch von sich – sein Inhalt deucht ihm plötzlich wie ein Spiegel, und er sieht darin darin nicht die friedlich, mild und entsagungsvoll lächelnden Züge des Priesters, dessen Blick die Klarheit des Himmels zeigt, dessen sieghaft reine Stirn von keinem Gedankenwölklein mehr verdunkelt wird, nein, er sieht ein Zerrbild, unstät, grell wechselnd im Ausdruck – wirre, irre Schattenlinien, wie das Gebild des Fiebers oder des Wahnsinns. Er springt auf, er durchmißt mit hastigen Schritten das Zimmer,

Da wo du nicht bist – da wohnt das Glück! - Sang sie nicht so?

Welch eine bittere Wahrheit! – Wo ist für ihn ein »Land so hoffnungsgrün, ein Land, wo seine Rosen blühn?«

Da, wo du nicht bist, da wohnt das Glück! Welch ein Geisterhaft in seinem Herzen! Welch ein düster Rauschen um seinen Fuß!

Sein Priesterkleid!!

Glück! – Glück! wie heißest du für mich? Vergessenheit? Klosterfrieden oder Seelenhirtentum?!

Wie ein schwerer Seufzer streicht es durch das Fenster, wie ein Grollen und Murren antwortet der ferne Donner über dem See. Es blitzt, – und Josef starrt sekundenlang in das bläulich grelle Licht und tritt an das Fenster. »Bist du so leuchtend, so dräuend und göttlich, zuckst du so unerwartet hernieder. Glück? Blendest du die Augen? Bist du ein Funken, im Urquell des Lichts geboren und blind hineingeschleudert in das Weltall, zum Eigentum dessen, der dich just faßt? Bist du ein Spiel des Zufalls?

Ein Blitz, Welcher ohne Bahn und Ziel herniederflammt auf das Haupt dessen, der dich nicht gesucht?

Glück! Rätselhaftes Glück - in welcher Gestalt nahst du mir?

Abermals glüht der Himmel und wirft magischen Widerschein über den schweigenden Garten, und grell auftauchend aus der Nacht, den Blick des ungestümen Fragers wie mit unsichtbarer Gewalt anziehend, taucht ein Bild aus der Finsternis schattender Gebüsche.

Glück – siehst du also aus?!

Ein Weib ist es? Aber es schwebt nicht aus der rollenden Kugel, ihn mit erhobenem Füllhorn lockend, aus welchem goldfunkelnder Regen, Rosen und Lorbeern winken, nein, es ist die heilig ernste Statue der Arbeit, der Pflicht, der barmherzigen Sorge, welche das Antlitz seines Glückes tragt.

Wie gebannt starrt Josef in den Garten hinab. Eine schlanke Mädchengestalt steht hocherhobenen Hauptes und schaut in die lohende Pracht des Himmels hinein.

Ein weißes, faltiges Gewand leuchtet wie phosphorescierend in dem Licht des Blitzes, – sie hält mit kraftvoll energischer Hand einen Spaten, halb in die Erde gesenkt, den Fuß darauf gesetzt, sie schaut momentan von der Arbeit auf.

Sekundenlang tritt das wundersame Bild hervor, dann gähnt abermals die Finsternis vor Josefs Blick.

Regungslos, wie gebannt steht der Kleriker und starrte hinab. Er hört, wie die Erde unter den Spatenstichen knirscht, er hört gedämpftes Sprechen, eine angstvoll klagende Stimme, ein sanftes, liebevolles Beruhigen.

Minuten vergehen, das Geräusch der Arbeit verstummt, und die weiche Frauenstimme flüstert: »Stützen sie sich fest auf mich, Frau Palmbeck! Ich führe sie lieber unter das schützende Dach, das Wetter scheint heraufzukommen!«

Und wieder flammt es über den Himmel und wieder blickt Josef seinem Glück in das Antlitz. Wie ein lebendes Bild taucht es aus der Nacht, Diesmals steht die weißgekleidete Gestalt mild und opfermutig über ein altes, gebrechliches Weibchen geneigt, welches sich hinkend an den Arm ihrer Schützerin klammert.

Sie leitet sie unter ein schirmend Dach,

So schreitet die Barmherzigkeit, der lichte Gottesengel, neben dem hilflosen Elend her.

Nur sekundenlang taucht die Erscheinung auf, aber Josef hat dennoch ihr Antlitz mit brennendem Blick umfaßt, wie ein Verschmachtender den Kelch sucht, welcher ihm dargeboten wird. Das Antlitz, weiß und schattenlos unter der grellen Beleuchtung, macht den Eindruck einer Statue, um deren Stirn und Schläfen man dunkles Haar gelegt.

Regungslos, wie in tiefem, traumhaftem Frieden blicken die Augen in die sprühenden Strahlengarben des Himmels empor, ohne Angst, ohne Sorge, voll lächelnder Sehnsucht, wie man einem Licht entgegenschaut, welches dem wegmüden Wanderer aus seinem Vaterhaus entgegenwinkt.

Tiefes Dunkel, – die Schritte klingen leis auf dem Kies, die Stimmen flüstern, – und dann rollt der Donner wie die majestätische Sprache der Gottheit über die nächtige Welt.

Still, – totenstill. –

Die Lichtgestalt des Glückes hat sich seinem sehnenden Auge gezeigt und ist wiederum versunken in gähnender Finsternis, wie Erda, die Schicksalskündigerin, vor dem Auge Wotans entschwand.

Josef preßt die Hände gegen die Brust, ei atmet wie ein Mensch, der, zu Tode ermattet von Kampf und Lauf, endlich am Ziel steht.

Sein Gemüt, welches so leicht empfänglich für alles Hohe und Wunderbare ist, liegt wie in Zauberbanden unter dem Eindruck des soeben Geschauten. War diese seltsame Fügung ein Zufall?

War das Bild, welches er gesehen, eine Antwort auf seine Frage an das Glück?

Welch eine Antwort? –

Eine doppelte. Es zog die schwarzen Schleier von dem Bildnis eines Weibes und zeigte ihm nicht ein Wesen von Fleisch und Blut, sondern eine allegorische Figur, die Verkörperung eines Begriffes.

Welch eines?

Er sah sie stehen mit dem Spaten in der Hand, dem Attribut des Fleißes, welcher dem Boden seinen Reichtum abgewinnt!

Und abermals sah er sie, helfend, schirmend und das hilflose Elend stützend – die Urgestalt der ausgleichenden, versöhnenden Menschenliebe!

So hießest du Fleiß und opfernde Liebe, du fernes, langgesuchtes Glück?

Josef blickt mit weit offenen Augen in den Himmel, ein Seufzer ringt sich aus seiner Brust, Wie soll er das deuten und verstehen?

Ist er nicht schon fleißig von früh bis spät, – rastlos im Studium, unermüdlich in den vorgeschriebenen Gebetsübungen? Und ist sein Priesterberuf nicht die vollkommenste Nächstenliebe, welche alles dahin gibt und opfert, – sich selbst so ganz und gar?

Müde und trostlos sinkt sein Haupt zur Brust, und der Wind erhebt sich draußen und braust durch die Baumkronen, so wie auch der Sturm in seinem Innern nicht zur Ruhe kommt, sondern immer neu die düsteren Fittiche hebt.

Und als er das Auge schließt, sieht er das holde, engelsmilde Angesicht wieder vor sich, wundersam lebendig, als schwebe es vor ihm.

Wer war es? –

Und dann zuckt er empor und preßt die Hände gegen die Stirn.

Sie! Sie – die Fremde, – die Sängerin–! Gott im Himmel, könnte es möglich sein? –

Nein! Undenkbar! –

Dieses friedliche Engelsangesicht mit dem verklärten Lächeln und der wundersamen Ruhe im Blick gleicht in

nichts den schmerzdurchbebten, düsteren Zügen, mit welchen er im Geist das Antlitz der unbekannten ausgestattet, und doch würde ihm der Gedanke kein Ideal zerstören, wenn die Lippen, welche so traurige Lieder singen, so mild und friedlich lächeln könnten.

Ist denn die Wehmut etwa Verzweiflung?

Ist jeder Schmerz ein wilder, wahnwitziger, welcher seine entstellenden Furchen in das Antlitz reißt?

O nein, – ihm deucht es sogar, als ob die edelste und heiligste Empfindung des Weibes solch eine verklärte, Wundersam ruhige und milde Trauer sei!

So wie die höchste Seligkeit lautlos im Blick erstrahlt, so spiegelt die stumme Thräne den Schmerz, und ist's der Wehmut süßes Leid, so bricht es nicht in herben Klagen über die Lippen, sondern klingt als Lied, harmonisch und seelenvoll zum Himmel,

Josefs Augen leuchten, das Blut steigt ihm in die Wangen und eine Erregung bemächtigt sich seiner, welche nicht erschöpfend, sondern wohlthätig auf alle Sinne wirkt.

Und solche edle, gefühlsinnige, heilige Wesen gibt es wahrlich auf der Welt – auch dann noch, wenn seine Mutter, »die beste, vollkommenste von allen«, von ihm gegangen.

Warum hat er die Frauen nicht früher schon mit solchen Engelsschwingen geschaut und erkannt? Warum kreuzten sie nur als Irrlichter seinen Weg, als trügerische, tückische Flammen, welche über dem Sumpf tanzen und zur Tiefe reißen, wer ihrem Sirenenlocken folgt?

Horch, wie der Donner rollt, wie es zischt und knattert, – Regenfluten stürzen hernieder und spülen den erstickenden Staub von Gottes schmachtender Kreatur.

Im Hause wird es lebendig.

Man hört Thüren schlagen und Stimmen laut werden.

Die Dienstboten huschen scheu, auf leisen Sohlen aus den Mansarden herab, sich im Hausflur und auf der Treppe niederzukauern.

Auch an Josefs Thür klopft es.

Lina fragt an, ob der gnädige Herr aufgestanden sei, – die Kranke sei so beunruhigt.

»Ich komme!« antwortet der Kleriker hastig, schließt das Fenster vor dem eindringenden Regen, nimmt sein Brevier und eilt durch die Thür nach dem Zimmer der Mutter.

Welch ein Tag! –

Frisch und balsamisch weht es von den Bergen herab, strotzend in blühender Fülle heben sich die Gebüsche, die Baumkronen stauben noch immer demantenen Regentau, wenn ein Lufthauch ihr Gezweig berührt, und Matten und Moos breiten sich so schwellend, so smaragdgrün und goldbraun leuchtend über die Alpenhänge, daß der Blick sich nicht satt sehen kann an solch neugeborener Pracht.

Josef ist einer unbezwinglichen Sehnsucht gefolgt und schon in taufrischer Morgenfrühe emporgewandert zu jenem Plätzchen, welches ihm durch den lieben, geheimnisvollen

Zauber einer Mädchenstimme gar wundersam vertraut geworden ist,

Daheim in K–burgs Dormitorium ist es jetzt auch schon längst lebendig, das Glöcklein hat geläutet und die ehrwürdigen Brüder haben sich zu Gebet und Messe vereinigt.

Auch Josef will seine Andacht nicht versäumen, er hält sie unter der majestätischen Kuppel des ewigen Himmels, wo Gottes Allmacht sich selber die schneegekrönten Alpen zum Hochaltar aufgerichtet hat.

Die Seele des jungen Mannes ist erfüllt von der Heiligkeit des Odems, welcher ihn umweht; er hat sich noch nie mit so tiefer Inbrunst in sein Gebet versenkt wie heute, er hat es anfänglich nach vorgeschriebenem Wortlaut abgelesen, aber das Buch entsinkt seiner Hand, sein Blick hebt sich empor in unendliche Weiten, seinem Herzen wachsen Flügel, die tragen es empor in ewiges Licht,

Er betet – aber nicht jene Worte wie sonst, nicht nach dem toten Buchstaben, nicht um Dinge wie gewöhnlich, es ist ein Ausströmen seiner tiefsten, innersten Gedanken, seines ureigensten Ichs – nicht des Klerikers und angehenden Priesters, sondern des Menschen, wie er in seiner ganzen Wahrheit und unbemäntelten Ehrlichkeit, als sehnsuchtsvolle, nach Glück und Lebenswonne schmachtende Kreatur vor dem Antlitz seines Gottes liegt.

Und seine Gedanken: »Wo, Herr, ist Glück und Frieden, daß ich sie finden mag?« werden zu Seufzern, welche an des Ewigen Ohr schallen, »Zeige mir den Weg, Vater, welchen ich gehen soll, erlöse mich aus den Zweifeln, stehe mir bei im Kampf!«

Und wieder, immer wieder dazwischen wie ein Aufschrei lastender Herzensnot: »Wo hast du mir das Glück bereitet, mein Herr und mein Gott!« –

Wie still – wie weihevoll ringsum.

Leise Vogelstimmen jubeln im Wald, und Josef hebt mit leuchtendem Blick das Haupt und lauscht ihnen.

Eine seltene Freudigkeit erfüllt ihn.

Sonst haben seine Gedanken nach der Morgenandacht noch lange bei dem Ewigen und Göttlichen verweilt, in stillem Grübeln und Sichversinken, Heute flattern sie auf wie die Vöglein, welche ihrem Schöpfer die Ehre gaben, als sie ihr erstes Lied zu seinem Lob geschmettert, dann aber voll weltlich emsiger Sorge und liebesseliger Hast die Schwingen regen, zu eigener Lust und Fröhlichkeit!

Auch Josefs Sinnen und Träumen ist ein gar weltliches geworden, ihm selber unbewußt. Die Gestalt des jungen Mädchens, welche er gestern im Licht des Blitzes geschaut, umgaukelt ihn wie ein holder Traum, von welchem man sich nicht losreißen kann, den man selbst mit wachen Augen noch weiterträumt und ihn ausstattet mit all der Poesie und Phantasie, welche im Herzen schlummert.

Und während er in die tauperlenden Wipfel emporlächelt, sieht er ein schlankes Vöglein von Ast zu Ast herniederflattern, das schaut ihn mit klugen Äuglein an, wetzt das Schnäbelchen an der grünmoosigen Birke und zwitschert so hell und lockend wie … ja, wo hat er denn schon solch ein Klingen gehört! –

Leise lacht er auf! –

Siegfried! Süßes, wonniges Waldesweben! Umgibt es ihn hier mit seinem ganzen, geheimnisvollen Zauber, wie es auch Meister Wagner ehemals zu Herzen gedrungen?

Wie lang ist's her, seit er von Bonn aus nach Köln fuhr und seine begeisterte Seele in den goldenen Klangfluten des »Siegfried« badete!

Damals saß er in schwüler, erhitzter Theaterluft, und das Vöglein, welches den jungen Göttersohn mit lieblicher Botschaft von dem verzaubert schlafenden Weibe, umgeben von wabernder Lohe zu fernem Berge lockte, war ein Gebild von Pappe und gemalten Federlein, welchem die Sängerin hinter den Coulissen die süße Stimme verlieh, – heute liegt er tiefatmend in der wirklichen, sonnedurchflimmerten Bergwildnis, und die Baumkronen, welche über ihm rauschen, sind echt, und das Waldesweben, welches ihn umzirpt und umjubelt, ist wahr, und das Vöglein, welches ihm lockend vorausschwebt, ist von Fleisch und Blut!

Kann er es nicht verstehen? –

Horch – –: »Siegfried … Auf hohem Felsen sie schläft, ein Feuer umbrennt ihren Saal – – wonnig und weh' – web' ich mein Lied! Nur Sehnende kennen den Sinn!« ruft es nicht so?

Ihm hat kein Drachenblut die Zunge genetzt, und dennoch deucht es ihm, er versteht die liebliche Botschaft des Sängerleins.

»Komm mit, flieg mit mir hinein in die sonnige Welt! Ich weiß, wo das Glück wohnt – ich zeige es dir!« zwitschert es über ihm, und Josef richtet sich lachend auf, nickt dem Schelm heiter zu und tritt unter die Zweige, nach ihm zu greifen.

»Siegfried!« ruft es silberhell, wie Flötenton, nein, nicht Siegfried! »Josef« heißt es ja, er hört und versteht es ganz genau!

»Wohin denn? wohin soll ich dir folgen?« lacht er, wie von glücklichem Wahn befangen, und er thut es dem Sohn der Sieglinde nach, springt von Baum zu Baum und hascht nach dem befiederten, kleinen Schalk, welcher ihn weiter und immer weiter in den morgenfrischen Bergwald hineingelockt. Aber nein, allzu weit entfernt es sich doch wohl nicht von seinem Nestchen, wenn es auch eine Zeitlang im Zick-Zack den Berg empor ging, jetzt huscht es seitwärts, in weitem Bogen geht's zurück, und schließlich schaukelt es sich wieder auf dem Buchenzweig, von welchem es ausgeflogen.

Josef steht im schützenden Buschwerk wieder vor dem lieben, gewohnten Plätzchen, auf welchem er soeben noch gesessen, – aber was ist das?

Wie gebannt steht er und starrt auf die Felsen, als schaue er inmitten von Sonnenlicht und Blumenduft einen Spuk am hellen Tage.

Hochauf klopft sein Herz in der Brust, er neigt sich vor und umschließt mit entzückten, vollen Blicken das Bild, welches abermals wie eine Vision, unerwartet und jählings vor ihm auftaucht. Sein Glück, sein geheimnisvolles Glück, welches ihm der flammende Blitzstrahl enthüllte!

Da steht sie dicht vor ihm, an den Felsblöcken, auf welchen er soeben Rast gehalten, und sie hält ein Buch in der Hand, besieht es von allen Seiten und blättert erstaunt seinen Inhalt durch.

Sein Gebetbuch, sein Breviarium, welches vorhin, als er sich so hastig erhob, unbemerkt von seinem Schoß geglitten!

Ihre dunklen Augen ruhen überrascht auf den vergilbten Blättern, das zart rosige, wunderschöne Oval ihres Gesichts neigt sich im Lesen, und die Sonnenlichter flimmern über das nußbraune Haar, über welchem ein rötlichgoldener Glanz liegt, als brenne jedes einzelne der weichen Stirnlöckchen in grellen Fünkchen. Ist das die »wabernde Lohe«, in welcher das Vöglein diese Brunhild geschaut?

Wahrlich eine Brunhild!

Welch eine schlanke und dennoch kraftvolle, hohe Gestalt, nicht von mannbarer, streitbarer Art wie die schlafende Wotanstochter, sondern voll weicher Schmiegsamkeit und keuschen Stolzes, das Urbild herber, reiner Jungfräulichkeit, welcher nur die lichten Engelsschwingen fehlen, um hoch über allem Niedrigen, allem Staub und Sumpf der Welt zu schweben.

Auch heute tragt sie ein weißes Kleid, schlicht und anspruchslos, als einzigen Schmuck ein blühendes Zweiglein

Rhododendron an der Brust, dessen bräunlich dunkle, glänzende Blätter sich ganz besonders eigenartig von dem hellen Hintergrunde abheben.

Ihr Hut, ein großes, florentinisches Strohgeflecht, welches, jede Mode ignorierend, nur eine dicke Seidenschnur umwindet, durch welche beliebig ein frisch gepflückter Strauß geschoben werden kann, hängt an dem Arm, und Sonnenschirm und Handschuhe liegen seitwärts auf dem wirren Gerank wilder Himbeeren, welche ihre breiten Blattschlingen liebevoll schützend über den Felsblock geworfen haben.

Josef steht und blickt sie an, er würde es nicht bemerkt und empfunden haben, wenn Stunden darüber vergangen wären, er lächelt wie im Traum, er folgt in Gedanken ihrem Blick, welcher langsam, andächtig und in sich versunken die Gebete liest.

Und der Wind flüstert über ihm im Laub, und das Vöglein hat sich mit letztem, jubelndem Gruß empor in den blauen Himmel geschwungen. Da läßt die Leserin das Buch sinken und hebt das Haupt und schaut den Bergpfad empor und hinab, als suche sie jemand, und dann blickt sie wieder auf das Brevier, so nachdenklich und fragend, als dächte sie dabei: »Wem gehört es wohl?«

Und als sie sich unentschlossen umwendet, und zögert, ob sie das Gefundene wieder auf den moosbewachsenen Fels niederlegen soll, trifft ihr Blick, freudig aufleuchtend, die Gestalt des jungen Priesters, welche das niedere Buschwerk hoch überragt.

Sie ist nicht erschrocken oder verlegen, sie scheint nur erfreut, daß sie den Besitzer des Buches gefunden.

Mit einer Bewegung, welche so vornehm ruhig und doch so gewinnend liebenswürdig ist, wie bei einer Fürstin, welche höflich lächelnd auch den Gruß des Fremden erwiedert, tritt sie ihm einen Schritt entgegen und reicht mit weißer Hand das Gebetbuch dar.

»Sie suchen gewiß das Verlorene, Hochwürden!« sagt sie freundlich, und ihre dunklen Augen schauen unbefangen in die seinen.

Josef hat sich stumm verneigt, als ihr Blick ihn zuerst getroffen, jetzt teilt er mit kraftvollem Arm die Zweige und tritt zu ihr heran in den goldenen Sonnenschein.

Abermals grüßt er, während er das Brevier entgegennimmt.

»Verbindlichsten Dank, mein gnädiges Fräulein, daß Sie sich des verwaisten Buches so gütig angenommen!« antwortet er mit der steifen Förmlichkeit, welche seinem Wesen in Gegenwart Fremder eigen ist, und obwohl die Unterhaltung hiermit beendet und jeder seines Weges weitergehen müßte, beobachtet er zum erstenmal nicht die strenge Forderung seiner eigenen Ansicht, sondern fährt hastig fort: »Ich glaubte mich in der frühen Morgenstunde so ganz allein in dieser Bergeinsamkeit, daß ich die Blätter sorglos zurückließ, während ich selber waldeinwärts schritt; um so überraschter bin ich nun, daß dieselben während meiner Abwesenheit einen so freundlichen Schutzgeist fanden!«

»Eine so neugierige Forscherin, sagen Sie lieber!« antwortet sie mit heiterem Lächeln. »Ich war so indiskret, meinen Fund recht genau anzusehen –«

»Ich sah sie lesen und freute mich dessen.«

Sie errötete ein wenig. »So überschätzen Sie wohl meinen flüchtigen Einblick; der ernste Inhalt des Buches setzt eine andächtige Stimmung und ernste Sammlung voraus, welche mir in diesem Augenblick fehlt. Ein Spaziergang in der Morgenfrühe ist für mich eine so seltene Freude, daß ich sie mit dem Jubel eines Kindes genieße. Es drängt mich dann, mit frischem Blick um mich und über mich zu schauen; je höher ich steige, desto froher, wie ein Vöglein, welches, engem Käfig entronnen, empor in goldene, freie Himmelsbläue schweben kann! Meine Gedanken können sich in solcher Stunde nicht an den schwarzen Buchstaben binden, sie schweifen als Schmetterling von Blume zu Blume, und wenn sie dem lieben Gott für all die Schönheit ringsum danken wollen, so ist's mit Sang und Klang!«

Josef lächelte. »So singen Sie auch am frühen Morgen? Und singen dann fröhlichere Weisen wie in der stillen Dämmerzeit?«

Sie schaute ihn betroffen an, und die zarte Röte ihrer Wangen vertiefte sich noch mehr. Ihre Augen drückten die Frage aus, welche ihr auf den Lippen schwebte.

Josef atmete tief auf und blickte an ihr vorüber in die Ferne, wo der See wie geschmolzenes Gold in seinen Ufern wogte.

»Ich hörte Sie am Abend hier singen«, fuhr er leise fort, »all meine Lieblingslieder, welchen ich voll unbeschreiblicher Freude gelauscht habe.«

»Dann sind Sie sehr nachsichtig gewesen, Hochwürden«, schüttelt sie lächelnd den Kopf, »ich singe wie der Vogel singt, ohne jedwede Kunst und Schulung, nur so, wie es mir just um das Herz ist!«

»So wie es Ihnen und anderen um das Herz ist; darum geht es auch zu Herzen! Ganz recht!« fährt er fort, und dann schaut er jäh auf und sein Blick trifft den ihren. »Sie nennen mich mit einem Titel, gnädiges Fräulein, welcher mir noch nicht zukommt. Darf ich ihnen meinen Namen sagen, in der Hoffnung, ihn noch recht oft von ihnen zu hören, – Freiherr von Torisdorff!«

Sie reicht ihm unbefangen die Hand: »Ich freue mich, Sie als Hausgenossen begrüßen zu können! Seit ein paar Tagen weiß ich Sie bei Ihrer armen, kranken Mutter in der Printanière!«

»Sie überraschen mich! Sind Sie nicht erst seit gestern in der Villa anwesend?«

»O nein, wir haben schon den köstlichen Frühling hier genossen und werden wohl auch noch geraume Zeit verweilen!«

»Davon ahnte ich nichts. Meine Mutter glaubte sich ganz allein in dem Haus, bis auf ein altes Ehepaar, welches etliche Zimmer des Erdgeschosses bewohnt!«

»Ganz recht, meine Pflegeeltern, Regierungsrat Schaddinghaus! Ich heiße Charitas Neckwitz und befinde mich seit Anbeginn unserer Reise bei Onkel und Tante. Wie kommen Sie auf die Idee, daß ich erst seit gestern in der Printanière wohne?«

Er strich sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe Sie gestern abend zum erstenmal im Garten gesehen – –«

»Abends?« Sie lächelte. »Es war wohl Mitternacht vorüber!«

»Ganz recht! Aber ich sah Sie nie zuvor – und daß ich Sie hier droben singen hörte, – – je nun, es gibt ja viele Villen in der Nähe, und es war immerhin möglich, daß Sie erst am vergangenen Tage die Wohnung gewechselt und zur Printanière übersiedelten. Übrigens, nennen Sie es nicht müßige Neugierde, welche mich fragen läßt, was schafften sie noch so spät mit dem Spaten an dem Gebüsch drunten? Ich gestehe Ihnen ehrlich ein, daß mich diese ungewöhnliche Arbeitsstunde überraschte!«

Nun lachte sie laut auf, weich und melodisch. »Die alte Haushälterin hat im Laufe des Mai den Fuß gebrochen und ist noch sehr unsicher im Gehen, darum führte ich sie in die Laube hinab, weil es in den Zimmern so unerträglich schwül war. Die arme Seele fürchtete sich so sehr vor dem Gewitter, weil sie nicht schnell genug bei etwaigen Blitzschlägen flüchten kann, da bat sie mich so flehentlich, bei ihr zu bleiben, daß ich es gern that, schlafen konnte ich ja doch nicht. Müßig wollte ich aber auch nicht so lange sein, und so erinnerte ich mich der kleinen Alpblumen, welche ich gestern abend hier oben mit den Wurzeln ausgestochen hatte, um sie im Garten heimisch zu machen. Das Beet neben der Laube sah so dürftig aus, ich wollte dort für etwas Schmuck sorgen. Der drohende Regen kam den neugepflanzten Blumen sehr zu statten, und so entschloß ich mich schnell und pflanzte sie noch vor Beginn des Gewitters ein. Freilich sind sie in dem Dämmerlicht nicht sehr regelmäßig verteilt, aber dafür haben sie desto kräftiger Wurzel geschlagen und stehen nun so gerade und frisch wie die Grenadiere. – Wollen Sie sich meine Schützlinge ansehen, oder gehen Sie nicht nach dem Hause zurück?«

»Ich bin an keine Zeit gebunden, – und wenn es nicht unbescheiden ist, so bitte ich, daß Sie mich mitnehmen, gleichviel wohin Sie gehen!«

X.

Die Frage des jungen Mädchens hatte wohl bezweckt, die Unterhaltung, welche für zwei wildfremde Menschen schon ungebührlich lange gewährt, auf schickliche Art abzubrechen, um so betroffener blickte sie auf Josef, welcher so ruhig nach ihrem Schirm griff und ihn wie in selbstverständlicher Höflichkeit momentan in der Hand hielt, abwartend, ob ihn die junge Dame benutzen oder denselben ihm, als Träger, überlassen wolle.

Sie zögerte einen Augenblick und preßte wie in kurzem Überlegen die schön geformten Lippen zusammen. Dann traf ihr Blick Reverenda und Cingulum und sie atmete beruhigt auf.

Ihr Blick traf voll und ehrlich den seinen.

»Meine Pflegeeltern denken ganz außergewöhnlich streng und haben mir jedweden Verkehr mit Herren aufs entschiedenste untersagt; ich würde gewiß nicht gewagt haben, mit Ihnen zu sprechen, wenn sie zu dem großen Touristenschwarm der Landstraße gehörten! Aber ein katholischer Priester ist wohl nur ein Schutz und keine Gefahr für ein junges Mädchen, und ich denke, Onkel und Tante werden nichts dagegen haben, wenn Sie mich auf meinem Spaziergange begleiten. Ist es Ihnen recht, so steigen wir noch bergan, – der Blick ist von droben so wunderschön, ich erfreue mich jeden Abend daran.«

Sie faßte das Kleid etwas höher, daß seine weichen Falten die Gräser und Rispen nicht knickten, und wandte sich dem schmalen Pfad, welcher waldeinwärts führte, zu.

Eine Blutwelle hatte sich über Josefs Antlitz ergossen, als Charitas voll reizender Naivetät ihn für einen absolut ungefährlichen Menschen erklärte. Ihr treuherziger Glaube an seine priesterliche Würde rührte und beglückte ihn, und dankte er ihr von Herzen diese Worte, welche die Grundlage für einen harmlos erfreulichen und freundschaftlichen Verkehr bilden werden. –

Er lächelte und versuchte zu scherzen. »Nein, ein Heiratskandidat bin ich nicht, in dieser Beziehung können Ihre verehrten Pflegeeltern völlig beruhigt sein. Ich gebe Ihnen auch vollkommen recht, daß man an einem internationalen Badeort wie Montreux niemals vorsichtig genug mit dem Anknüpfen von Bekanntschaften sein kann. Wieviele Glücksritter machen die Straßen und Hotels unsicher, wieviel zweifelhafte Existenzen verstecken sich hinter gutem Namen und ehrbarer Maske! Ich denke es mir ja für ein junges Mädchen recht langweilig, ohne jedwede Anregung, nur auf sich selbst und seinen empfänglichen Sinn für Naturschönheit angewiesen zu sein, aber ich hoffe, daß die Heimat Sie doppelt für die Einsamkeit der Fremde entschädigen wird.«

Charitas schüttelte beinahe wehmütig das Köpfchen. »Wir leben auch in Eisenach ganz still und zurückgezogen. Onkel muß in seiner Eigenschaft als Abgeordneter die längste Zeit in Berlin sein, und währenddessen bleiben wir Damen einsiedlerisch daheim, nur auf den Verkehr mit ein paar alten Freundinnen der Tante angewiesen.«

Josef blickte die Sprecherin überrascht an. »Sie besuchen gar keine Bälle und Gesellschaften? Sie besitzen keine gleichaltrigen Genossinnen?«

»Nichts von alledem. Mein Leben verläuft so einförmig und einsam, daß mir die bunte, schöne Welt mit all ihrer Lust und Freude bisher ein verschleiertes Bild geblieben ist.«

»Welch eine Unnatur! Haben Ihre Angehörigen denn einen besonderen Grund, Sie so völlig von dem Leben abzuschließen?«

Charitas seufzte tief auf, ihr feuchtglänzender Blick traf momentan den seinen. »Nein, ich wüßte keinen! Tante ist kränklich und haßt alle Unbequemlichkeiten, welche ihr durch Geselligkeit ja unerläßlich bereitet würden, auch denkt sie zu viel an sich und ihr Leiden, und der ganze Tag geht in Pflege und Wartung auf.«

Und Ihr Herr Onkel?«

Ein seltsames Zucken ging um die Lippen der Gefragten. »Onkel ist ein sehr eigenartiger Charakter, sein Klub genügt ihm, er bedarf und verlangt keine weitere Anregung.«

»Und an Sie und Ihre Jugend denkt niemand?«

»O, wohl nicht im bösen!« klang es leise, sehr leise zurück. »Ich kann ja nicht verlangen, daß sich die alten Leute irgend welche Last um meinetwillen aufbürden sollen! Ich habe ihnen so viel Mühe und Unbehagen in meiner Kindheit bereitet, bin ihnen so ungewünscht unter das Dach geschneit, daß ich ja nur für alle Opfer danken, aber nicht neue beanspruchen kann.«

»Sind Sie schon lange im Hause der Pflegeeltern, Fräulein Reckwitz?«

»So lange ich denken kann, – meine Eltern habe ich nie gekannt.« Die Sprecherin atmete schwer auf; wie heimliches Schluchzen klang es durch ihre Stimme.

Josefs Hand umkrampfte den gewundenen Griff des Sonnenschirms.

»Und fanden Sie bei den Pflegeeltern nicht all die Liebe, welche Ihnen Vater und Mutter ersetzte?«

Da brach ein Blick aus ihren sammetfarbigen Rehaugen, welcher dem Frager durch Mark und Bein ging. Sekundenlang sah Charitas zu ihm auf, dann sank ihr Haupt wie eine tauschwere Blüte zur Brust.

»Es ist nicht jedermanns Sache, Kinder zu lieben und zu dulden; eigene sind wohl eine Wonne für jedes Frauenherz, fremde können gar leicht eine unbequeme Bürde werden. Aber darüber kann man niemand einen Vorwurf machen, die Menschen sind ja so verschieden beanlagt, es liegt in ihrer Natur. Meine Kindheit war wohl eine traurige, aber ganz so liebeleer und öde wie mein jetziges Leben war sie dennoch nicht. Ich ging zur Schule! O, mit welcher Freude, mit welcher Dankbarkeit gegen alle die, welche dort so freundlich und gut zu mir waren! Die Lehrer und Lehrerinnen hatten mich lieb, meine Freundinnen standen mir nah wie Schwestern, – ich konnte sagen und klagen, was mein Herz bewegte, – o, es war eine glückliche Zeit! – Dann siedelten wir nach meiner Konfirmation nach Eisenach über; ich war dort fremd und einsam, kannte keine Menschenseele, und je älter ich wurde, desto trostloser und qualvoller empfand ich diese Vereinsamung!«

Josef blieb stehen, seine Stimme klang durch die Zähne: »Nun verstehe ich Ihre Lieder!« stieß er kurz hervor.

Charitas strich die goldbraunen Löckchen aus der Stirn und wandte ihm mit kindlich offenem Blick das Antlitz zu.

»Klangen sie so traurig? Ich weiß es nicht. Ich hatte nur die Sehnsucht, meine Gedanken auszusprechen. Ich bin so viel allein. Mit den Blumen und den gefiederten Sängern des Waldes zu reden, kommt mir so thöricht vor, da bleiben nur die Lieder. Ich habe nicht singen gelernt, die Stunden waren so teuer, aber ich lauschte manche Weisen einer Sängerin ab, welche daheim neben meinem Zimmer wohnt. – Und ich singe so gern, namentlich hier, wo ich die Empfindung habe, meine Stimme klingt geradezu in den Himmel hinein, und der liebe Gott hört es besonders deutlich, wie es mir ums Herz ist. –- Ich habe es ja nicht alle Tage so gut, einem solch freundlich teilnehmenden Blick zu begegnen wie dem Ihren, – und daß ich Ihnen dies alles so ehrlich sage? – eigentlich schickt es sich wohl nicht, Sie sind mir ja fremd, aber dennoch weiß ich, daß es in Ihrer Kirche eine Ohrenbeichte gibt. Da sind Sie es gewiß gewöhnt, in der Leute Herz zu schauen, und verargen mir mein Geplauder nicht. – O wenn Sie wüßten, welch eine Wohlthat es für mich ist, mit Menschen zu reden, – selbst auf die Gefahr hin –« sie zögerte und blickte forschend in sein ernstes, beinahe finsteres Gesicht – »nicht ganz verstanden zu werden!«

Er schrak wie aus tiefen Gedanken empor. »Wie meinen Sie das?« fragte er hastig.

Ihre ganze Seele spiegelte sich auf dem lieben, treuherzigen Kindergesicht.

»Nun, ich denke, ein Mann, welcher selber die Einsamkeit und Abgeschlossenheit von allem Leben zu seines Daseins Ziel und Zweck erkoren, kann es nicht recht begreifen, wie ein junges, warmes Herz sich nach Welt und Leben sehnt. Ich thue es! Warum soll ich ein Hehl daraus machen? Ich jammere nach meinem toten Mütterchen; hätte ich sie, brauchte ich nichts weiter. Aber ich bin ganz allein. Draußen in dem Hasten und Treiben würde ich mein Leid wohl eher vergessen, ich würde vielleicht lustig und froh sein können, jung wie andere Mädchen auch, ich würde Freundschaft und Liebe finden und glücklich sein! – Ist es eine Schuld, sich nach dem Glück zu sehnen? Ist es eine Versündigung, wenn man den lieben Gott danach anruft? – Ich thue es, – alle Tage, – ist es nicht recht von mir?«

Charitas schwieg beinahe erschreckt; sie sah den seltsamen ungeheuren Eindruck, welchen ihre Worte auf den jungen Priester machten.

Josefs Lippen bebten, er wollte in leidenschaftlicher Erregung die Hand der Sprecherin fassen und rufen: »Ist es eine Schuld, so haben wir beide uns versündigt!« – Aber er preßte nur die Lippen zusammen und schüttelte mit jäher, heftiger Bewegung das Haupt. Vor ihnen lichtete sich der Wald, – smaragdgrün funkelnd im hellen Sonnenlicht, besät von Milliarden blitzender Tautropfen dehnte sich die Alpmatte am Bergeshang empor, zu ihren Füßen aber, schroff abfallend, gähnte die waldige Kluft, und über sie hinwegschweifend haftete der Blick auf dem überschwenglich schönen Bild des Genfer Sees mit seinem jenseitigen, alpenbegrenzten Ufer.

Das Haupt des Dent du midi grüßte mit schimmernder Zinkenkrone zu ihnen herüber, Glocken tönten empor und das fröhlich belebte, üppige Bild der villengesäumten Landstraße sandte mit wirren Klängen und gedämpftem Jubelschrei seinen Gruß hinauf.

Josef riß seine Kopfbedeckung vom Haupt und breitete in jähem, leidenschaftlichem Entzücken die Arme aus.

»Wie schön, wie zauberhaft schön ist Gottes Welt, in welcher trotz allen Leids dennoch das Glück wohnt! – Nein, Fräulein Charitas, Sie sündigen nicht, wenn Ihre süße Unschuld es von Gott erbittet! Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist! – Glauben Sie nur, so wird es auch erhört!«

Er sprach hastig, den Blick von ihr angewandt, so erregt und mit leuchtenden Augen, als rede er mehr zu sich selbst als zu ihr. Und der würzige Morgenwind strich über die Häupter der beiden einsamen Menschen, und ein leises Echo trug den Klang des Wortes zurück, wie eine prophetische Verheißung des Himmels.

Mit hastigen Schritten näherten sich Charitas und Josef der Printaniere.

Sie hatten sich bei all dem Plaudern und glückseligem Genießen der morgenfrischen Schönheit verspätet, und das junge Mädchen flog ihm schließlich wie ein flüchtiges Reh den letzten Abhang des Gartens voraus, als die Turmuhr von Neufville acht leis verhallende Töne über den See herüberzittern ließ.

»Wenn Tante aufwacht und ich bin nicht zur Stelle, ist sie den ganzen Tag ärgerlich auf mich!« flüsterte sie noch mit sorgenvollem Blick, reichte ihm herzlich die Hand entgegen und fügte leise hinzu: »Ich danke Ihnen für all Ihre guten Worte, welche mich lange begleite» werden!« Dann noch ein Lächeln und Nicken – und der Wind wehte die weißen Rockfalten um ihre graziösen Füße, als sie, ohne das Haupt zu wenden, durch Gras und Blüten hinabeilte.

Er folgte nicht, er blieb stehen und sah ihr nach, und ein Vöglein schwang sich jubelnd über seinem Haupt, dasselbe wohl, welches ihm vorhin den Weg gezeigt, und sang abermals:

Wonnig und weh'
Web ich mein Lied –
Nur Sehnende kennen den Sinn!

Die Villa lag noch still und traumbefangen in dem lauschig grünen Kranz von Bäumen, als Charitas atemlos über die Schwelle trat. Das Zimmermädchen stand seitlich am Vorplatz und bürstete Kleider, sie grüßte, freundlich lachend, zu Fräulein Reckwitz herüber und nickte beruhigend: »Die Herrschaften schlafen noch!«

Gottlob! Charitas preßte momentan die Hände gegen die Brust und blieb atemschöpfend stehen. Gerade heute hätte sie es doppelt schmerzlich empfunden, die Pflegeeltern schelten und tadeln zu hören, heute, wo ihre ganze Seele so leicht und froh war, wo ein Gefühl niegekannter Freude und Neubelebtheit sie durchströmte, wo alle ihre Gedanken noch bei der Begegnung mit dem Fremden weilten.

Dem Fremden? – O wunderbar! Er war ihr nicht fremd, obwohl sie zum erstenmal im Leben in seine Augen geschaut! Er stand ihr so freundlich und teilnehmend, so Vertrauen heischend und warmherzig gegenüber wie ein Bruder, vor welchem man keine Scheu und Zurückhaltung kennt.

Es lag eine solch harmonische Übereinstimmung in ihrem Denken und Empfinden, als ob sie schon jahrelang in treuer Freundschaft die Gedanken ausgetauscht hätten!

Die Wangen des jungen Mädchens blühen so frisch, wie die wilden Rosen am Strauch, ihre sanften Augen leuchten wie verklärt und die schlanken Hände beben, als sie geschäftig die Kakaobüchse herbeiholt, das Flämmchen unter dem Spirituskesselchen entzündet und die beiden Tassen für die Pflegeeltern auf dem Tablett zurechtstellt.

Sie war es von daheim gewöhnt, Mädchenarbeit zu verrichten und Onkel und Tante zu bedienen, sie that es ohne Murren und gern, mit dem Eifer und der freudigen Schaffenslust eines jungen Weibes, welches seine Kräfte gern nützt und sich vor keiner Arbeit scheut.

Was hatte sie auch anders als Arbeit!

Sie allein füllte die fürchterliche Eintönigkeit und Öde ihres Lebens daheim aus, sie half hinweg über die qualvollen Stunden des Verlassen- und Verlorenseins, sie war ihr zur Wohlthat, zur Freundin und Trösterin geworden. Auch hier, wo sie zum erstenmal die Pflegeeltern auf einer Reise begleiten durfte, blieb die Arbeit ihre Begleiterin bei Tag und Nacht.

Sie war ja nicht hergekommen, um sich zu erholen, um eine Freude zu haben, oder das Schöne zu genießen, sie war lediglich da, um den Pflegeeltern Unkosten zu ersparen, denn die Tante konnte ohne die weitgehendste Bedienung nicht zu Ende kommen, und eine Masseuse, welche stundenlang ihren Körper kneten und reiben sollte, hätte allein ein Kapital verschlungen.

Da entschloß man sich murrend, das »Ding« mitzunehmen, man hatte dann die gewohnte Bequemlichkeit und sparte das Trinkgeld für die Zimmermädchen.

Charitas hatte alles geordnet, sie setzte sich auf einen Stuhl nahe der offenen Balkonthür und blickte in die wonnevolle Welt hinaus!

Wie sonnig und duftig war sie plötzlich! Gar nicht mehr so leer und arm wie zuvor!

Seltsam, wie die große, weite Erde mit all ihren viel Tausenden von Menschen doch nur eine Wüste ist, wenn all diese Tausende fremd und kalt an uns vorübergehen, und wie reich, wie lebensvoll und traut sie ist, wenn nur ein einziges Herz uns freundlich und teilnehmend entgegenschlägt.

Gestern noch sah sie den jungen Freiherrn durch den Garten gehen, sie wähnte, er kehre von Chillon oder Montreux zurück.

Ihr Blick hatte lange und nachdenklich auf ihm geruht, diesem jungen Ekkehard im Priesterkleid, welcher sich freiwillig von dem bunten Leben und aller Daseinsfreude abgewandt, die sie mit jungem, glückzitterndem Herzen ersehnte.

Lina, die Kammerjungfer der kranken Baronin, hatte erzählt, ihr junger Herr wolle Mönch werden, das Priestergelübde habe er schon abgelegt, nun warte er wohl nur auf den Tod der Mutter, um vollends ins Kloster zu gehen.

Seltsam, so jung und so entsagungsvoll!

Charitas ist ja nicht vergnügungssüchtig, sie verlangt ja nicht Spiel und Tanz und berauschende Lustbarkeiten, nur ein paar frohe, heitere Menschen, mit welchen sie jung sein kann, bei denen sie Zerstreuung und Erholung findet, wenn die Last des Tages gar zu erbarmungslos auf ihr gelegen.

Torisdorff besitzt eine Mutter! – er besitzt in ihr den höchsten Schatz, das teuerste Kleinod, welches einem Menschen werden kann. Das freundliche Schicksal hat ihm einen vornehmen Namen und anscheinend doch auch genügende Mittel gegeben – warum verachtet er die Welt, wirft dies alles von sich und begräbt sich hinter Klostermauern?

Ein träumerisches, wehmütiges Lächeln geht über das Antlitz der Sinnenden.

Eine unglückliche Liebe! Nur die allein ist es, kann es sein! Er hat entweder die Erwählte durch den Tod verloren, oder andere unüberwindliche Hindernisse sperren ihm für ewige Zeiten den Weg zu ihr!

Darum auch seine Vorliebe für traurige Lieder, darum seine seltsame Erregung, als sie von dem Glück sprach, sein ernstes Sinnen und sein Hang zur Einsamkeit, welcher ihn, den jungen Mann, schon vor der Zeit zum Greise macht.

Ein tiefes, inniges Mitgefühl überkommt Charitas. Wie beklagt sie ihn! Wie ist er doch so viel, viel unglücklicher noch wie sie! Ein altes Wort fällt ihr ein: »Wer Freundschaft und Liebe nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor!«

Und dies Wort hat recht. Neben ihm schreitet durch alle Einsamkeit und alle Öde des Lebens dennoch eine lichte Huldgestalt, die Erinnerung an die Geliebte. Er nimmt ihr Bild mit sich in den Klosterfrieden und schmückt es voll treuer Liebe mit nimmer welkenden Immortellen. Er hat das süße Glück zärtlichen Empfindens kennen gelernt, er hat der Liebe süße Macht empfunden, sein Leben war kein vergebliches, es war in allem Leid dennoch gar reich an Glück. Sie aber geht ihren dunklen Weg so ganz allein. Kein Stern ist ihr jemals erstrahlt, kein warmer Lenzeshauch hat je eine Knospe in ihrem Herzen wachgeküßt, kein liebes, teures Bild hat sie voll Wonne oder Weh als Heiligtum in ihrem Herzen aufstellen dürfen – einsam, dunkel, kalt ist es um sie her geblieben.

Ist er wahrlich ärmer noch wie sie, er, der die Liebe kennen lernte – der noch eine Mutter besitzt?

Nein – und doch leidet er wohl noch mehr wie sie. Des Weibes ewiger Anteil ist der Schmerz; sie ist zur Dulderin geboren, sie trägt auf ihren schwachen Schultern doppelt so schwere Lasten wie der Mann, still, ohne Klage, lächelnd. Des Mannes Natur aber sträubt sich gegen Weh und Leid, wie gegen ein bitteres Unrecht. Er, der gewohnt ist, trotzig gegen alles anzukämpfen, was ihn in seiner Siegeslaufbahn hemmt, er verzweifelt gegenüber einer feindlichen Macht, welche er nicht mit Fäusten packen und niederzwingen kann. Seine Titanenkraft zerschellt an einem Körnlein wahren Leids, ein Thränentropfen wird zur unerträglichen Bürde für ihn, dieweil das Weib manch schweres Thränenkrüglein ungebeugt und kaum bemerkt durchs Leben trägt.

Der Mann widersetzt sich dem Schicksal, die weiche Frauenseele beugt sich ihm, und das macht eine gleiche Last gar ungleich.

Charitas verschlingt die Hände im Schoß und lehnt das schöne Haupt lächelnd zurück.

Eine unglückliche Liebe! Diese Überzeugung erfüllt sie mit einer großen Beruhigung.

Das Bild jener Anderen und das ernste Kleid des Priesters sind die Schranken, welche ihren Verkehr mit Herrn von Torisdorff aus das neutrale Gebiet echter und harmloser Freundschaft verweisen werden.

Sie braucht nicht zu fürchten, ihrem jungfräulichen Stolz und ihrer Würde etwas zu vergeben, wenn sie die seltene Freude eines Gedankenaustausches im öfteren Sehen mit ihm genießt.

Sie kann ihm mit aller Offenheit und ehrlicher Freude begegnen, sie kann sich ohne Scheu geben wie sie ist, ohne den häßlichen Nebengedanken, er könne diesen Verkehr mißdeuten.

Der schrille Ton der Klingel läßt das junge Mädchen aus ihren Gedanken aufschrecken.

Sie eilt zur Thür und tritt ein.

Ihr erster Blick in das scharfe, grämliche Gesicht der Tante, welches ihr mit den bedrohlich funkeluden Augen unter der großen Rüschenhaube entgegenblickt, verrät ihr, daß die Fran Rätin schlecht geschlafen hat.

»Wirklich? Hörst du mich diesmal klingeln?« höhnt ihr die schrille Stimme entgegen. »Heute nacht hattest du wohl Pech in den Ohren, oder warst du zu faul, um dich zu erheben? Aber natürlich, was kümmert es dich denn, ob ich Hilfe brauche! Von Dankbarkeit ist ja keine Rede! Denkst wohl, ich hätte es als eitel Wonne empfunden, dich kleinen Schreibalg ehemals die halben Nächte herumzuschleppen, dich mit Aufopferung meiner eigenen Gesundheit zu warten und zu pflegen –«

Herr Schaddinghaus, welcher bei den letzten Worten in Schlafrock und Morgenkappe in der Thür des Nebenzimmers erschienen war und die letzten Worte hörte, konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. Frau Selma aber fuhr in höchstem Diskant entrüstet fort: »Und nun, wo man die kleinste Gegenleistung verlangt für all die Last, welche man gehabt, liegt die träge Person wie ein Murmeltier und rührt sich nicht!«

Erschrocken blickte Charitas in das unsympathische Gesicht der Sprecherin.

»Du hast geschellt, liebe Tante? Ach, ich bitte tausendmal um Verzeihung – ich begreife gar nicht, daß ich es nicht gehört haben sollte; ich war doch während des ganzen Gewitters auf.«

»Na natürlich, wirst wohl wieder mit dem halben Körper aus dem Fenster gelegen haben!«

»Was wünschtest du denn von mir, liebe Tante? Es thut mir gar zu leid – aber nach dem Gewitter habe ich wohl wirklich sehr fest geschlafen,«

Die Stimme des jungen Mädchens klang sehr weich. Sie kniete neben dem Bett nieder und begann den

Fuß, welchen die Frau Rätin gebieterisch hinstreckte, zu massieren.

»Ein Brausepulver solltest du mir anrühren, dummes Ding! Könntest es doch bald wissen, daß Gewitter mich aufregt und ich zur Beruhigung einer Limonade oder dergleichen bedarf. Aber natürlich, irgend welche Überlegung gibt es ja bei dir zerfahrenem Geschöpf nicht. – Au! Bist du rein von Sinnen? Du drückst mir ja den Fuß aus dem Gelenk!«

»Na, sie muß sich doch rächen für die kleinen Wahrheiten, welche du ihr sagst«, schallte die heisere Stimme des Rats aus dem Nebenzimmer herüber. – Die langen Fingernägel seiner Gattin gruben sich in den weichen Arm der Nichte.

»Unterstehe dich, boshaft zu werden, nichtswürdiges Geschöpf!« zischte sie, »ich werfe dich auf der Stelle zum Hause hinaus.«

Charitas neigte das tief erbleichte Antlitz wie ein Opferlamm, welches sich geduldig seinen Peinigern überläßt. »Ich gehe, wenn du es wünschst, Taute«, murmelte sie tonlos.

»Ei gewiß! Das könnte dir schlechten Person passen, uns jetzt den Bettel vor die Füße zu werfen!« höhnte Frau Selma, aber sie sah doch ein wenig betroffen aus. »Das würde ja aller himmelschreienden Undankbarkeit die Krone aufsetzen! Sich seit Kindesbeinen an bei uns durchfüttern und hegen und pflegen lassen, und dann, Wenn es gilt, genossene Wohlthaten zu vergelten, das Bündel zu schnüren! Was willst du denn werden, he? Komödiantin oder Straßendirne? – He?!«

Herr Schaddinghaus stand mit drohend erhobener Zahnbürste bereits auf der Schwelle.

»Vorläufig bedürfte es wohl noch meiner Erlaubnis, du saubere Mamsell, ob ich dich ziehen lasse oder nicht! Noch bist du nicht volljährig und unterstehst der Gewalt deines Vormundes, und der bin ich! – Verstanden? Hast ja später noch Zeit genug, ans Abenteuer auszuziehen, für jetzt aber will ich dir noch deine Wandergelüste austreiben!«

Charitas antwortete nicht, sie war so sehr an diese moralischen Mißhandlungen gewöhnt, daß sie das Unerträgliche schweigend duldete; jedes Wort reizte die Pflegeeltern, die Schale ihres Zorns aufs neue auszugießen. Demütig, auf der harten Erde kniend, massierte sie die Tante, Glied um Glied, den ganzen Körper, eine stundenlange Arbeit, bis ihr vor Anstrengung die Arme zitterten und feuchte Tropfen auf der Stirn perlten. Zwischendurch mußte sie das Frühstück zureichen, denn die Frau Rätin trank den Kakao im Bett, und wenn all diesen Ansprüchen genügt war – dreimal in der Woche wurden noch recht umständliche Waschungen und Abreibungen vorgenommen – dann ließ sich die »leidende« Dame ohne jedwede eigene Hilfeleistung ankleiden, frisieren uud bei schmutzigem Wetter im bequemen Sitzwagen durch den Garten fahren.

Glied um Glied reihte sich das mühselige, quälende Tagewerk zusammen, zu einer Kette, deren ewig gleichmäßiger Druck die junge Sklavin ihrer Pflichten beinahe zusammensinken ließ.

Hörte die Tante auf zu nörgeln, zu ironisieren und zu schelten, so begann der Rat, seiner ewigen Unzufriedenheit Luft zu machen. Er gehörte zu den unglücklichen Naturen, welche ewig mißvergnügt sind und beim besten Willen nie zufriedengestellt werden können. Schien am Morgen die Sonne in sein Zimmer, so ächzte und stöhnte er über die verfluchte Helle, welche ihn blende und geradezu krank mache, denn seine Augen seien bereits entzündet von dem Geblitze und Gefunkel, es sei eine klägliche, mangelhafte Welt, auf welcher ein anständiger Mensch gar nicht existieren könne. Und wenn der Himmel bedeckt war, so schimpfte er erst recht, dann war's ein regnerisches Sauwetter oder ein Wind, um die Schwindsucht zu kriegen, und ein Nebel, bei welchem sich der Gesundeste die Gicht holen müßte. Die paar Tage mit Sonnenschein seien nachgerade schon zu zählen!

Kam mittags Rindfleisch auf den Tisch, so sollte es lieber Hammelfleisch sein, und servierte man anderen Tags Hammelbraten, so hatte er just auf eine Kalbskeule Appetit.

Recht konnte es ihm nie gemacht werden, und seine Gattin behauptete voll kalter Anzüglichkeit, der Oppositionsteufel sei erst in ihn gefahren seit er zum Abgeordneten gewählt, – da müßten wohl die Ansteckungsbazillen in der Luft herumgeflogen sein!

Auch heute war dem Herrn Rat a. D. die Fliege an der Wand ein Ärgernis.

Die Frühstückssemmeln waren so steinhart, daß er sich eine Säge ausbat, um sie zu zerkleinern, und dabei hätte er gestern erst betont, daß er sie ganz besonders etwas weich liebe.

»Unsinn! Gerade im Gegenteil!« fuhr Frau Selma bissig auf. »Du hast neulich geschimpft, daß sie ›knatschig und plitschig‹ seien, wie sitzen gebliebener Pudding! Da sollten sie ja mit Gewalt rösch gebacken werden.«

»Weil du sie gern knusperig ißt und keine Rücksicht nehmen willst, legst du mir diese gemeine Lüge in den Mund«, fuhr Herr Schaddinghaus wütend auf.

»Eine Lüge? Ich lüge nicht!« gellte es ihm entgegen, »Charitas, du hast es auch gehört, du wirst mir beistimmen – «

»Ich entsinne mich wirklich nicht, liebe Tante!«

»Natürlich, du heuchlerische Person steckst ja immer mit ihm zusammen unter einer Decke! Wenn es heißt, gegen mich angehn, dann marschiert ihr immer Arm in Arm! O, glaubt ihr, ich wüßte nicht längst, was ich weiß? – Natürlich, um die Herren herumschwänzeln thut ja jedes Frauenzimmer und wäre es selbst so ein häßlicher, grauköpfiger Knickstiefel wie mein teurer Gatte!«

»Bildest du dir ein, – du wärest schön?« krähte der Rat mit wieherndem Gelächter, und Frau Selmas Teint färbte sich noch um einen Schein gelber.

»O ja, ich brauche mich nicht vor harten Semmeln zu scheuen, ich trage noch keine Porzellanfabrik im Munde!«

»Aber dafür eine Perrücke wie der große Kurfürst!«

»Das ist gleichgültig, – wenn nur noch Haare auf den Zähnen vorhanden sind, um die Brutalitäten des Herrn Gemahls abzutrumpfen!«

»Das hat man billig, wenn man das Blaue vom Himmel lügt! Gegen solche Waffen kämpfen anständige Menschen ebenso vergeblich, wie auch die Götter umsonst gegen deine Dummheit zu Felde ziehen würden!«

»Ja, du hast recht, dumm war ich, wenn auch nur einmal im Leben, als ich dich rüden Kerl zum Manne genommen!«

»Ja, du nahmst mich! – Da gab es leider Gottes kein Entrinnen mehr!«

»Soll das etwa heißen, ich hätte dich gefangen?« hohnlachte Frau Schaddinghaus und rückte die Brille zurecht, um den Geliebten ihrer Seele mit vernichtendem Blick zu treffen.

»Gefangen? – Mehr wie das! – Mit Leimstiebeln! Schon damals ward ich durch Vorspiegelung falscher Thatsachen getäuscht, belogen, ins Garn gelockt! Hahaha! – Die adelige Tante mit der großen Erbschaft, hahaha, das war auch so 'ne knatschige Semmel, was?«

»Unverschämtheit!«

»Wahrheit!«

Charitas hatte längst die Thür hinter sich zugezogen; mit einer leidenschaftlichen Bewegung, wie von höchstem Ekel und Abscheu ergriffen, preßte sie die Hände gegen die Brust, und ihr mildes Dulderantlitz hob sich wie in verzweifelter Frage zum Himmel: »Wie lange soll ich das Furchtbare noch ertragen, o Herr, mein Gott?!«

XI.

War der Streit zwischen dem Ehepaar Schaddinghaus entbrannt, so wogte er eine geraume Zeit hin und her, sich steigernd bis zu einer Erbitterung, welche weder Maß noch Ziel kannte.

Da der Austrag meist unentschieden blieb – die Gegner waren einander in jeder Beziehung gewachsen – so dauerte die Kampfesstimmung meist noch längere Zeit nach dem Abbruch des Wortgeplänkels fort, sich äußernd in grenzenloser Gereiztheit, in gegenseitig hohnvollem Ignorieren und machtvollem Zuschlagen der Thüren.

Die leidende Tante verfügte über einen erstaunlich hohen Grad von Kraft und Ausdauer, wenn es galt, den lieben Gatten bis aufs Blut zu schikanieren, und konnte sie ihn dadurch ärgern, scheute sie selbst die größte Anstrengung nicht; einen wichtigen Schlüssel, oder die Brille, oder gar die Zähne des Herrn Gemahls in der Tasche, konnte sie stundenweite Partien zu Wasser und zu Lande unternehmen, gestählt durch das erhebende Bewußtsein, daß der liebe Theodor daheim in Raserei verfiel.

– Während solcher Zeit, wo der Ehestandsbarometer bedenklich auf Sturm und bös Wetter zeigte, erging es Charitas anscheinend am leidlichsten, denn die feindlichen Parteien rissen sich um sie als Alliierte, und die sonst so seltenen guten Worte schwirrten honigsüß um sie her.

Der Herr Rat bemühte sich, die Gattin zu wilder Eifersucht zu reizen, indem er der Nichte die plumpsten Schmeicheleien sagte und sie mit Zärtlichkeiten verfolgte, welche dem jungen Mädchen noch tausendmal widerwärtiger waren, wie die brutalste, moralische Mißhandlung.

In solchen Stunden glaubte sie dem Elend ihres Daseins erliegen zu müssen.

Sie, deren Seele nach Frieden und stillem Glück lechzte, verschmachtete in dem Höllengefühl dieses ewigen Haders, dieser niederen Gesinnung, dieser herzlosen und gemeinen Feindseligkeiten, mit welchen jeder Tag in unerträglicher Gleichmäßigkeit begann und endete. Ein Gefühl des Ekels, des Abscheus vor diesen beiden Menschen erfüllte sie, voll Verzweiflung hob sie die Hände zum Himmel und flehte um Erlösung.

Ach, wie oft hatte sie, zum äußersten entschlossen, ihr Bündelchen packen wollen, um davonzufliehen in die weite Welt, aber ihr edles, braves Herz sträubte sich dagegen, sie verachtete den Undank von andern und sollte sich selber eines solchen schuldig machen?

Wurde ihr nicht täglich vorgehalten, was sie Gutes im Hause der Pflegeeltern genossen? Ach, daß sie jeden Bissen Brot, jedes Stückchen Zeug, jede durchwachte Stunde mit Gold hätte abzahlen können! Aber sie besaß kein Geld, sie war arm, sie war der Gnade und Ungnade dieser grausamen Egoisten anheim gegeben.

Wie ein freundlicher Lichtblick in ihre Verlassenheit kam die Reise nach der Schweiz.

Sonst hatte sie daheim bleiben und als Aschenbrödel das Haus hüten müssen, jetzt aber hielten es die Pflegeeltern für sicherer, sie mitzunehmen, denn der alte Drachen von einer Schwägerin, welche ehedem noch bei Rats lebte, und die besondere Aufgabe hatte, das junge Mädchen zu überwachen, war im letzten Winter gestorben.

Da geboten Vorsicht und Bequemlichkeit, die Nichte in diesem Jahre mitzunehmen und Charitas jubelte zum erstenmale vor Freude und genoß all die Wunder der Schönheit, welche sich ihr in dem herrlichen Schweizerland erschlossen, anfänglich mit Entzücken und Wonne.

Bald aber ließ gerade diese paradiesische Schönheit ihrer Umgebung, das lustige, glückselig sprudelnde Leben ringsum, die jauchzende Sprache eines ungetrübten Genusses, welche ihr jeder Luftzug entgegentrug, den schroffen Gegensatz zu ihrem freudlosen Reisen doppelt stark hervortreten, und mehr denn je empfand Charitas ihre namenlos traurige Vereinsamung inmitten der reichen, lockenden, lachenden Welt.

Da kam ein zweiter Sonnenstrahl und fiel leuchtend in ihr krankes Herz.

Sie fand, ohne ihn gesucht zu haben, einen Freund.

Jene erste Begegnung mit Josef von Torisdorff glich der Schwalbe, welche lieblichen Lenz verkündet. Ihr folgen mehr und mehr – in jubelndem Schwarm, bis der Sommer gekommen ist und die Rosen aus der Knospe brechen.

Droben auf dem lauschigen Pfad der grünen Bergwildnis erblühte ungeahnt und ungesehen für zwei junge Menschenherzen die Blume des Glücks.

Noch gingen sie blinden Auges an ihr vorüber, aber sie atmeten schon jetzt wie in süßer Ahnung ihren Duft, sie hörten das leise Klingen und Flüstern ihrer Blätter im Wind, und sie schlossen die Augen nur desto fester in bebender Angst, ein seliges Traumgebilde vorzeitig zu zerstören.

Es hatte keines zu dem anderen gesagt: »Komm wieder!« – Wenn aber die Bergfirnen unter dem heißen Kuß der Morgensonne purpurn erglühten oder wenn die ersten zarten Duftschleier träumerischen Abendfriedens um die dunklen Tannen wehten, dann erklang auf dem moosigen Pfad ein eiliger Schritt, das lichte Sommerkleid wehte wie winkender Gruß schon von fern, und der junge Priester stand mit verklärtem Angesicht droben unter den Platanen und bot der Nahenden mit festem Druck die Hand.

Ja, sie waren Freunde geworden.

Sie saßen nebeneinander auf den moosigen Felsen und verhehlten sich nichts von allem, was ihr Leben an Freud und Leid gebracht.

Zwar nannte Josef nie den Namen seines Stiefvaters, wie er über die unglücklichste Zeit seines Daseins sich unverbrüchliches Schweigen auferlegt hatte.

Aber er erzählte von seiner Kindheit, von dem so trauten Leben in der Residenz, ehe seine Mutter einen Wechsel in ihren Verhältnissen eintreten ließ, an welchem er leider Gottes die Schuld trage, eine Schuld und Verantwortung, welche all sein friedliches Glück gemordet.

Charitas blickte mit einem Ausdruck tiefster Ergriffenheit in sein Antlitz.

»Noch ehe ich Sie persönlich kannte, habe ich über das Unbegreifliche nachgedacht, wie es wohl gekommen sei, daß Sie sich dem ernsten, entsagungsvollen Beruf des Priesters zugewandt. Ist es indiskret, wenn ich diese Frage auch jetzt noch erwäge, ja, wenn ich sie Ihnen sogar ehrlich ausspreche? Ich habe ja versucht, sie mir zu beantworten, aber nach allem, was Sie mir soeben angedeutet haben, sehe ich doch ein, daß ich Sie nicht richtig beurteilt habe.«

Er lächelt. »Sie werden geglaubt haben, was die meisten Menschen als Grund meiner Sinnesänderung annahmen. Wenn ein Bonner Korpsstudent, der zwar nie ein Genußmensch, aber auch kein Duckmäuser war, sondern im gemäßigten Fahrwasser des breiten Stromes mitschwamm, wenn dieser Beneidenswerte, der über Titel und Mittel verfügt, um dem Leben abzugewinnen, was es begehrenswert macht, wenn der urplötzlich das bunte Band und den Schläger an den Nagel hängt, um Priester, oder gar Mönch zu werden, so kennt die große Menge nur eine Frage: ›où est la femme?‹ und diese Frage stellen auch Sie, Fräulein Charitas?«

Sie errötet ein wenig, weil er das Rechte getroffen, aber sie erwidert freimütig seinen Blick und nickt sehr ernsthaft.

»Gewiß, ich bin nicht sehr originell in meinen Gedanken, sondern zähle sehr zu den platten Philosophen, welche zuerst nach dem Nächstliegenden greifen. Ein bißchen Poesie und Romantik spukt ja stets in einem Mädchenkopf, und, ehrlich gestanden, es würde mich freuen, mich überzeugen zu können, daß es auch heute, am fin de siècle, in dem kaltherzigen, nüchternsten Jahrzehnt noch eine Toggenburgliebe gibt, welche alle Verleumdungen der Männerherzen Lügen straft!«

Wieder huscht ein Lächeln um seine Lippen, aber ein gar wehmütiges, und während er mit der Fußspitze die zarten Grasrispen hin und her neigt, schüttelt er langsam, gedankenversunken den Kopf.

»Vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen einen schönen Wahn zerstören muß. Auch Illusionen können beglücken, darum ist es grausam von mir, sie Ihnen zu nehmen. Aber Sie fragen mich. Freiwillig hätte ich Ihnen wohl nicht darüber gesprochen, da Sie mir aber nun bewiesen, daß mein Schicksal Ihnen wahrlich nicht gleichgültig, nicht nur eine Episode ist, amüsant zu hören und gut genug für kurzen Zeitvertreib, so sollen Sie erfahren, Charitas, was außer Ihnen nur noch Gott der Herr allein weiß. Nicht die Liebe hat mich in das Kloster getrieben, sondern die Schuld!«

Er blickt jählings auf, in ihr Auge. Sie schrickt nicht zusammen, sie weicht nicht entsetzt von ihm zurück, sie hebt nicht staunend, nicht beschwörend die Hände mit dem zitternden Ruf: »Welch ein Verbrechen begingen Sie?!«

Ihr Antlitz wird nur um einen Schatten bleicher, als sie tief aufatmet und leise fortfährt, als er noch immer schweigt: »Eine Schuld? – Dann war es doch wohl nur eine solche, welche kein irdischer Richter und wohl auch der ewige droben nicht anerkennt?«

Er springt empor, er schreitet vor ihr auf und nieder, als müßte er einen Sturm bekämpfen, welcher ihn plötzlich bis in jeden Nerv und jede Faser hinein schüttelt. Und dann bleibt er stehen, preßt die Hände gegen die Brust und blickt ihr in das Antlitz, so wundersam, so tief ergriffen, wie ein Gerichteter, welchem plötzlich ein Wort der Gnade das Leben wiederschenkt.

»Sie trauen mir nichts Böses zu, Charitas«, sagt er mit erstickter Stimme, »nicht mir und nicht jenem anderen! Ich danke Ihnen für diesen guten Glauben, welcher mich vor mir selber wieder wert macht, welcher meinem Leben einen neuen Inhalt gibt. Wenn man sich selber für einen Paria hält, so thut es wohl, Augen zu finden, welche kein Kainsmal, sondern nur das Gute an uns sehen. – Nicht nur Mord und Totschlag sind eine Schuld, Charitas, es gibt auch eine moralische, welche noch schwerer zu lasten vermag wie jene, denn sie bedrückt keine gewissenlose Verbrecherseele, sondern im Gegenteil, die empfindsamste, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Ehre!« Der Sprecher

sank auf den Felsblock zurück und stützte das Haupt schwer in die Hand. »Ein Mann, welcher mir nahe stand, dessen Namen die Welt in einem Atem mit dem meinen nennt, mein Stiefvater, hat den Anlaß zu einem schweren Unglück gegeben, durch welches viele Menschen in das tiefste Elend gestürzt sind. Und daß ich dieses Elend nicht von ihnen abwenden kann, daß ich nicht gut machen kann, was mein Stiefvater gefehlt, ist das qualvolle, erdrückende Schuldbewußtsein, welches mich in die Einsamkeit des Klosters getrieben. Verstehen Sie mich, Charitas? Können Sie jetzt mit mir fühlen und empfinden? Ich kann nicht leben und genießen, während andere durch die Schuld des Mannes, welcher vor der Welt mein Vater war, darben müssen. Es gibt keine andere Sühne, als von mir zu werfen, was ich besitze, als allem zu entsagen. Ich will abbüßen, was jener fehlte, ich will durch mein Martyrium seine Seele los und mein Gewissen frei beten!«

Es lag eine düstere Leidenschaftlichkeit, der Fanatismus eines jungen Menschen, welcher voll zäher Beharrlichkeit an einem Wahn – und sei es auch ein Irrwahn – festhält, in der Stimme des Sprechers, und sie verfehlte ihre Wirkung nicht auf die, welche ihr lauschte.

Ein tiefes, namenloses Weh bebte durch Charitas Herz – sie, die Weltfremde, Unerfahrene, an welche noch nie die großen Rätselfragen ernster Schicksalswirren herangetreten waren, konnte sich kein Bild von den Seelenkämpfen eines Mannes machen, welchen übertriebenes Pflichtgefühl und stolze Ehrenhaftigkeit zum Phantasten gemacht; sie hörte nur seine klaren, deutlichen Worte, daß er das Priesterkleid tragen müsse, wenn er nicht an verzweifelndem Schuldbewußtsein zu Grunde gehen solle.

Diese Worte rissen einen Schleier von ihren Augen, sie wußte von Anbeginn, daß eine Kluft zwischen ihnen lag – jetzt sah sie dieselbe in furchtbarer Deutlichkeit, wie sie sich aufrichtet zwischen ihm und ihr – für alle Ewigkeit.

Und ihr Herz zuckte plötzlich auf wie in herbem Schmerz, und in ihre Augen traten Thränen.

War es nur Mitgefühl, Anteilnahme an dem Schicksal des Freundes?

Sie wußte es nicht, sie gab sich auch keine Rechenschaft darüber, sie empfand es nur instinktiv, daß diese Stunde einen gar bedeutsamen Wendepunkt in ihrem Leben bilde.

Auch jetzt hatte Josef nicht den Namen des Stiefvaters genannt, und Charitas kam es nicht in den Sinn, ihn zu erfragen oder zu erforschen.

»Singen Sie mir wieder ein Lied!« bat Josef am anderen Tage, als er ihre Hand mit langem Druck umschloß, und sie senkte die dunkeln Wimpern und wich seinem Blick aus.

»Das wäre wie ein brennend Licht am Tage!« versuchte sie zu scherzen. »Warum mit mir selber plaudern, wenn ich so freundliche und anregende Gesellschaft habe? Meine Lieder sind nur ein Notbehelf.«

»Für mich sind sie mehr – sie sind Arznei, an welcher meine kranke Seele gesundet.«

»Sie täuschen sich. Trauer und Wehmut heilen keine Wunde. Die trüben Weisen waren Ihnen sympathisch, ein Spiegelbild Ihres eigenen Empfindens, darum thaten sie Ihnen wohl, wie ein milder Trost. Aber sie sind es nicht, sie sind heimtückische Klangperlen, welche das Herz, in welches sie fallen, ebenso schwer und krank machen, wie die Muschel, welche auch an ihrer Perle stirbt. – Nein, keine schwarzen Gedanken mehr, dazu ist die Welt zu schön und heiter und der Himmel hier droben zu nahe. – Waren Sie schon einmal auf jener Felskuppe? Nein? – ich bestieg sie auch noch nicht. Und darum frisch ans Werk! Und wenn wir droben sind, jodle ich einen Gruß zu Tinière hinüber, so frisch, fromm, fröhlich und frei, daß kein Sennerdeandel es besser machen soll!«

Er lachte mit ihr, und während sie eilig das Sommerkleid über den Füßen hochsteckte, um bequemer ausschreiten zu können, ruhte sein Blick auf ihrer schlanken, blühenden Gestalt, und es deuchte ihm, sie werde alle Tage schöner,

Charitas schien ängstlich darauf bedacht, jedes traurige Gesprächsthema zu vermeiden,

»Wir kennen ja nun einander! Wir wissen, wie es bisher so dunkel in unserem Leben war, darum wollen wir den Sonnenschein froh und dankbar genießen,«

»Und die Rosen pflücken, eh' sie verblühn!« fügte er scherzend hinzu, als seine Begleiterin sich bei den letzten Worten neigte, ein wildes Röslein vom Busch zu brechen.

»Manche Menschen nennen das Blumenpflücken eine Barbarei, und Tante ist jedesmal empört, wenn ich aus unseren Spaziergängen daheim ›Grünfutter raufe‹. Sie legt keinen Wert auf ein geschmücktes Zimmer. Ich thue es um so mehr, denn das düsterste Stübchen wird freundlich und wohnlich, wenn solch ein blühender Gruß vom Tisch lacht. Man muß die Blumen nur verstehen! – Sie sagen so viel …«

»Namentlich die Gretchenblume!«

»Sie sagt dummes Zeug, welches man sie gar nicht fragen sollte.« –

»Sollte? Also ›man‹ thut es doch!?« Sie wandte sich eifrig zur Seite und mühte sich mit einer zierlichen Brombeerranke ab.

»Wer weiß!« lachte sie, aber ihre Stimme bebte wunderlich; »wenn nicht jetzt, so doch vielleicht später! Man soll nichts verreden, denn seinem Schicksal entgeht man nicht. »Blüht Blümlein noch so tief versteckt, die Sonne hat es doch entdeckt!« versichert ja der Dichter, und mit den Blümchen meint er die Mädchen, und die Sonne soll die Liebe sein!«

Josef antwortete nicht, er stand plötzlich still und starrte auf das geneigte Köpfchen, dessen goldene Löckchen in der Sonne flimmerten.

Jetzt nicht! Aber später … dann kommt die Sonne, die große, strahlende Liebessonne, die geht über diesem einsamen, tiefverborgenen Mädchenherzen auf, und ein Mann, ein Fremder kommt, der legt den Arm um sie, der flüstert ihr trunken vor Glückseligkeit ins Ohr – –

Josef schrickt zusammen, über ihm im Gezweig schmettert ein Vögelein aus voller Kehle, sein lieber, kleiner Sänger, welcher ihm jüngst, gleich Siegfried den Weg wies. Ist er's?

»Jetzt wüßt' ich ihm noch
Das herrlichste Weib!
Durchschritt er die Brunst –
Erweckt' er die Braut –
Brünhilde wäre sein!«

Welch ein Gedanken! –

Wie ein feuriger Blitz zuckt es vor ihm nieder und blendet ihm plötzlich die Augen. Hat er es sich denn nicht von Anbeginn sagen müssen, daß dieses liebliche, anmutige Weib begehrenswert sein muß, jedem Auge, welches Verständnis für Schönheit, jedem Herzen, welches versteht in andern Herzen zu lesen? Ist es etwas so Unfaßliches, daß sie geliebt werden und auch wieder lieben wird? Hat er nie zuvor daran gedacht? Lagen seine Gedanken im Traum?

»Jetzt wüßt' ich ihm noch
Das herrlichste Weib!«

jubiliert es über ihm, ach, Sehnende verstehen ja den Sinn dieses Vogelliedes!

Ihm? Ihm weiß er das herrliche Weib? Bist du blind, kleiner Sänger? Siehst du nicht das dunkle Kleid, Reverenda und Cingulum? Weißt du nicht, was sie bedeuten wollen? Das Herz, welches unter ihnen schlägt, und sei es noch so jung und so heiß, ist tot für dich und kein holdes Locken, und kein Strahl jener Gnadensonne, welche die Liebe heißt, kann es rettend aus diesem Todesschlafe wecken!

Hat er sich dies alles nicht tausendmal zuvor gesagt? Ist er nicht fest entschlossen gewesen, der Liebe und ihrem Glück zu entsagen?

Ja, er war es, und es dünkte ihm kein schwerer Kampf, inmitten der Welt voll lachender, glutäugiger Weiber dennoch ein sittenstrenger und sittenreiner Diener des Herrn zu bleiben.

Warum starrt er das Bild dieser seiner eigenen Überzeugung plötzlich an wie ein Schreckgespenst, welches ihm mit eiskalten Händen nach dem Herzen greift?

»Wissen Sie auch, daß Sie sich das Leben recht bequem machen, auf Kosten aller Höflichkeit und Nächstenliebe?« lacht Charitas, sich mit glühenden Wangen von den Knien aufrichtend; sie hat die duftigen Alpenblumen aus dem Moos gepflückt und hält ihm nun Germer und Colchicum heiter entgegen: »Diesen ganzen Strauß lassen Sie mich im Schweiße meines Angesichts pflücken und Sie stehen ungerührt dabei, ohne auch nur ein einziges Blättchen beizusteuern?«

Er nickt zerstreut und sieht auf die Blumen nieder. »Und wenn ich Ihnen einen anderen Strauß pflücke, bekomme ich dann diesen?«

»Wenn der Ihre noch größer und hübscher ist, tausche ich ihn opfermutig ein!«

»Ich werde wenig Glück haben; die Blumen blühen nicht für mich schwarzen Gesellen, aber vielleicht gibt es dennoch ein Knösplein, welches sich nicht vor mir versteckt, also suchen wir! Bitterklee und Thränenweiden finde ich wohl,«

»Hier schwerlich!« Charitas zwingt sich, heiter zu bleiben. »Auf den Bergen wohnt die Freiheit und die Freude, und dicht vor Ihren Füßen lächelt eine blaue Enziane sehnsüchtig zu Ihnen auf; ich glaube, sie fürchtet sich weniger vor Ihnen, wie Sie sich vor ihr, – das Bücken ist auch gar zu sauer.«

Nun muß er lachen, und laßt sich nieder auf das Knie und folgt dem Wink ihrer weißen Hand.

»Sehen Sie, ob noch etwas in Greifweite blüht, daß ich gleich drunten bleiben kann!«

»O nein, so sehr arbeite ich der Bequemlichkeit nicht in die Hände. Jetzt heißt es, sich anstrengen. Denn – wie gesagt – wenn Ihr Strauß nicht sehr viel hübscher ist wie der meine, tausche ich nicht!«

»O Opfermut – dein Name ist Weib!«

»Mit Vornamen Charitas!«

»Ich hatte eine so gute Meinung von Ihnen!«

»Das war leichtsinnig; nun haben Sie die Enttäuschung, denn bei »Mein« und »Dein« hört jede Güte auf!« – Sie eilte leichtfüßig durch das wogende Gras eine kleine Anhöhe empor, wo die roten Steinnelken und der wilde Thymian ihr entgegennickten.

Er aber hob den Arm und pflückte das duftende

Jelängerjelieber, welches seine üppigen Blattschlingen bis empor unter das Gezweig der Bäume flocht.

Und dann sah er ihr nach, wie sie droben stand. Die schlanke Gestalt zeichnete sich gegen den steckenlosen Himmel ab wie ein Marmorbild, welches Leben gewonnen.

Der weiße Kleiderrock wehte, sie hob die Hand beschützend über die Augen und spähte weit hinaus ins Thal. Und das goldbraune Haar leuchtete wie das Laub des Edelweiß.

Ja, hier blüht's vor seinen Blicken.

Versteckt es sich auch vor ihm? – Nein, es winkt ihm sogar lächelnd zu: »Komm auch!«

Ach, daß er emporstürmen könnte …

Josef streicht plötzlich mit bebender Hand über die Stirn. Welche Gedanken! Wie fallen sie plötzlich über ihn her, gleich Wölfen im Schafspelz.

Was ficht ihn an? Tobt ihm das Fieber in den Adern und wirbelt ihm Wahngebilde durch das Hirn? Ach, warum sprach sie von dem andern, der einst kommen wird!

Der Schatten dieses Fremdlings ist in all den lichten Sonnenglanz gefallen und hat den Tag verfinstert. Darf es geschehen? Gehört es nicht zu dem Martyrium der Entsagung, daß er neidlos und wunschlos vor Gottes Altar steht, die Hände der Liebenden in ewigem Bund zu vereinen?

Der Liebenden! – Mögen sie kommen von nah und fern! Er will der Braut in das strahlende Antlitz schauen und ruhigen Herzens den Segen über sie und den Ring an ihrem Finger sprechen – nur Charitas soll es nicht sein, welche als Weib eines andern vor ihn tritt!

Wehe ihm! – Charitas steht ihm so fern – so ewig fern wie all die andern Weiber auch, – und wie er auch mit blutendem Herzen zu dem lichten Edelweiß emporschaut, – es gähnt ein Abgrund zwischen ihnen, über welchen kein Steg und keine Brücke führt.

»Warum kommen Sie nicht? – Sie ahnen nicht die Pracht, welche Ihrer hier harrt! – Ich werde Entree nehmen, wenn Sie nicht eifriger bei der Sache sind, – oder Ihnen den schönen Jodler, mit welchem ich Sie hier oben am Ende der Welt begrüßen wollte, vorenthalten!«

Wie heiter sie seit den letzten Tagen ist! Wie sie scherzt und gar nicht ahnt, welche Stürme in ihrer nächsten Nähe ein armes Menschenherz durchtoben. Wie fern liegen ihr die Gedanken, welche ihn plötzlich heimsuchen! Wie blind bleibt sie, wo ihm von Minute zu Minute die Augen sehender werden!

Gar schwer wird es ihm, auf ihr lustiges Geplauder einzugehen.

Seine Stimme klingt heiser und fremd, als er ihr antwortet, aber er umschließt die paar Blüten, welche er gepflückt, mit krampfhaftem Druck und steigt bergan.

Sie steht im goldenen Sonnenglanz, von Wind und Halmen umspielt und sieht ihm entgegen. Und als sie seine schöne, ritterliche Gestalt sieht, und das geneigte Antlitz mit den so wunderbar düstern und dennoch edeln, durchgeisteten Zügen, da fühlt sie wieder das heiße Weh im Herzen, welches sie sich nicht deuten kann. Verloren für die Welt, – verloren für das Glück!

Warum empfindet sie es so tief und schmerzlich? Ist es denn ihr eigen Glück, welches an diesem dunklen Priesterkleid zu Grunde geht?

Er ist ihr fremd, – er steht ihr ewig fern, – warum klagt sie?

Als sie den »Ekkehard« gelesen, zitterten ihr auch die Thränen an den Wimpern, Das war die bittersüße Wehmut solcher Poesie, welche die tiefsten Tiefen des Menschenherzens rührt. Ist's auch jetzt das gleiche Empfinden?

O nein, – Josef von Torisdorff ist nicht der Mönch vom hohen Twiel! Jener liebte, – und seiner Liebe bittere Not war sein Unglück.

Josef liebt nicht. Sein Herz schlägt kühl und leidenschaftslos in der Brust, einzig blutend an der Wunde, welche man seiner Ehre, seiner Gewissenhaftigkeit geschlagen!

Das ist keine Poesie, – wenigstens nicht in Mädchenaugen.

Warum beklagt sie ihn? – Bestimmte er sich sein Geschick nicht selbst?

Nein, ihr Herzeleid gilt nicht ihm.

Wem sonst? – ihr selbst? – ihr?

Charitas drückt plötzlich die Hand vor die Augen, als könne sie sich blind machen gegen ihre eigenen Gedanken.

Und dann flammt es in ihr auf wie eine tödliche Angst, wie eine spröde, jungfräuliche Scheu, welche vor dem traumhaften Geheimnis ihres eigenen Herzens zittert, und sterben würde vor Scham und Entsetzen, wenn gar ein anderer solch wahnwitziges Denken und Sinnen auch nur ahnen würde.

Die keuschen Frauen sind gegen den Mann Meisterin in der Selbstbeherrschung und tugendhaften Verstellung. Sie lächeln, wenn sie weinen möchten, sie kämpfen wie Heldinnen gegen sich selbst und ihre Leidenschaft, sie vermögen ein Antlitz zu zeigen, ruhig und friedvoll, während ihr Herz verblutet unter den Todesstreichen, welche es zerfleischen.

»Ist's nicht brav von mir gewesen, Sie zu rufen? Vielleicht bekommen Sie angesichts dieses Freundschaftsdienstes doch noch einmal die gute Meinung von mir, welche sie vorhin verloren haben?«

Sein Blick schweifte an ihr vorüber über das Bild unendlicher, landschaftlicher Schönheit, welche sich vor ihm entrollte.

»Eine schöne, große Lüge!« nickte er herb.

»Eine Lüge?«

»Sehen Sie, wie sonnig die Welt vor mir liegt! Sie spricht mit tausend blühenden Kelchen, mit tausend goldenen Sonnenstrahlen – mit all dem überschwenglichen Schimmer, welcher sie schmückt: Ich bin eine lachende, glückselige Erde! Ich bin die Heimat des Glücks! Ich liebe die Menschen und gebe ihnen, was ihr Herz begehrt! So spricht sie – ist es wahr?«

»Im allgemeinen ja' gerade die Ausnahme beweist die Regel, und Sie sind – Gott sei es geklagt – eine Ausnahme.«

»Und Sie?« – Wie er sie ansah – welch ein angstvolles Forschen in seinem Blick.

Charitas lächelte: »Bis jetzt sah mein Leben ja auch aus, als ob ich eine Niete in der großen Glückslotterie gezogen hätte – aber die letzten Tage haben mir schon gezeigt, daß nicht nur das Glück, sondern auch das Unglück wandelbar ist. Wäre ich nicht das undankbarste Geschöpf in der Welt, wenn ich in diesem Augenblick klagen wollte? Was fehlt mir? Ich bin so froh – so frei – so umgeben von aller Herrlichkeit Gottes, so treu geschützt durch einen guten Freund, daß ich mit keiner Kaiserin tauschen möchte.«

Voll inniger Rührung ruhte sein Blick auf ihrem lieben, lächelnden Kindergesicht.

»Und wenn diese kurze, schöne Zeit vergangen ist – wenn die Sonne wieder untergeht in Nacht und Leid?« murmelte er.

Da schlang sie die Hände ineinander und blickte empor zu dem blauen Himmel und antwortete leise und schlicht: »So werde ich auch dann noch nicht verzagen und den Glauben an die wahre göttliche Sprache dieser blühenden Welt verlieren – sie hat mir jetzt nicht gelogen und wird es auch künftighin nicht thun – meine Zukunft steht in Gottes Hand!«

Da ergriff eine bebende Rechte die ihre; – hastig, übermannt von einem Empfinden, welches sein ganzes Wesen und Sein zu verklären schien, neigte sich Josef und drückte die heißen, zuckenden Lippen auf diese kleine Hand.

XII.

Die Mondstrahlen fielen durch das geöffnete Fenster und übergossen die duftenden Blumen, welche auf dem Tisch standen, mit träumerischem Licht.

Josef schlief nicht.

Er drückte Augen und Lippen auf die kühlen, sammtweichen Blütenblätter, als könne er mit ihnen die fieberische Glut löschen, welche Leib und Seele zu verzehren drohte.

War denn sein Leben wahrlich nichts anderes, als wie ein unaufhörlicher Kampf, ein Ringen mit finsteren Schicksalsmächten? Gab es für ihn nichts anderes, als hin- und hergeschleudert zu werden, als ein verzweifeltes steuerloses Treiben auf hoher Flut?

Zum Unglück geboren!

Die Nornen, welche seinen Lebensfaden spannen, haben ihn mit Thränen genetzt!

Was ihm heute auf der Alp wie eine wonnig-wehe Ahnung durch die Seele schauerte, wird ihm in den stillen Stunden der Nacht, wo sein Herz offen vor ihm liegt. wie ein Geheimnis, von welchem Meisterhände die Siegel gelöst, zur furchtbaren Gewißheit. Er liebt Charitas.

Die Traumgestalt, welcher er aus dieser nüchternen, kaltherzigen Welt nie zu begegnen glaubte, ist Fleisch und Blut geworden, hat seinen Weg gekreuzt und ihm mit den so traurigen Liedern die Sehnsucht und die Liebe in das Herz gesungen. Warum kam sie nicht früher? Warum winkt sie ihm mit weißen Händen an das Ufer, wo seines Glücks, seiner Hoffnung Gräber stehen? Zu spät! Zwischen ihnen braust ein dunkler Strom, der reißt zu Grunde, wer den Rückweg über ihn erzwingen will.

Er murmelt die Worte mit blassen Lippen und schüttelt doch selber ungläubig das Haupt dazu. Nein, noch ist es nicht zu spät zur Umkehr, wenn er wollte, so könnte er noch zurück.

Aber er darf nicht wollen. Er darf nicht an seiner Ehrenhaftigkeit zum Verräter werden. Soll er sein eigenes Lebensglück auf den Trümmern all jener Hoffnungen aufbauen, welche durch seines Stiefvaters Schuld vernichtet wurden?

Soll er über das Elend anderer dahin schreiten zur Glückseligkeit?

Die Einkünfte von Lichtenhagen hat er an Mutter und Bruder abgetreten. Er ist arm, welch ein Los, welch eine Heimat kann er der Geliebten bieten?

Und würde ihr Besitz in Wahrheit ein Glück sein? Er, mit der ewigen, qualvollen Unruhe des Herzens, mit dem unbefriedigten Sinn, mit den nagenden Zweifeln und der grüblerischen Gewissenspein, kann er thatsächlich Ruhe an einem Weiberherzen finden, wenn die Unrast ihn abermals zum Wankelmütigen gemacht? Welch eine Beschämung, wenn er wieder den Beruf wechselt, wenn er das Priesterkleid nach einer kurzen Probezeit von sich wirft, als habe es nur gegolten, sich mit ihm für einen Mummenschanz zu putzen?

Josef preßt mit bitterem Lächeln die Lippen zusammen und läßt das Haupt müde auf die Brust sinken. Nein, es gibt keine Umkehr mehr! Sein verfehltes Leben ist abgeschlossen.

Was soll er thun?

Der Gefahr, welche er erkannt, entfliehen?

Ja, er muß es, – damit das Maß seiner Leiden voll werde.

Er darf Charitas nicht mehr sehen, – er wird einen Vorwand suchen, baldmöglichst abzureisen.

In den kühlen, dämmerigen Klosterhallen wird er auch diesen einzigen Sonnenstrahl, welcher sein Leben erhellte, vergessen.

Wie stark – wie süß die Blumen duften! Welch eine Sprache weht auf balsamischen Wogen ihm entgegen!

O, er versteht sie – und sein Herz schreit wild auf unter der Qual dieses Verstehens. –

Da erkennt er erst, mit wie tiefen, unlöslichen Wurzeln die Liebe es schon durchzogen hat.

Nein – er darf sie nicht mehr sehen, die leuchtenden Augensterne, welche den Weg zur Heimat zeigen, er bleibt ein Fremdling – überall. –

Und die Mondstrahlen weichen traurig zurück von dem blassen, friedlosen Männergesicht, und huschen hinein in ein anderes Stübchen, durch welches auch ein seiner Blumenduft zieht, wie träumerischer Hauch der Wehmut.

Eine blaue Genzianenblüte und ein paar Geißblattzweige neigen sich matt und welkend über den Rand des Wasserglases.

Die heiße, erbarmungslose Männerhand hat sie zu gewaltsam fest umschlossen, hat mit den Gluten, welche sie ausströmte, ihr junges Mark versengt. Sie sterben an der Leidenschaft, welche ihn durchzitterte.

Männer sollen keine Blumen pflücken, – sie morden die Zarten, Lieblichen.

Nun hauchen sie sterbend ihre Seele aus, – selbst das Wasser, welches in dieser schwülen Sommernacht keine Frische kennt, kann die Welkenden nicht neu erquicken. Sie vergehen wie Hoffnungen und Träume.

Und neben ihnen, auf weißen Kissen, liegt ein Mädchenhaupt in tiefem Schlaf.

Träume weben ihre Schleier über sie hin, aber sie wehen nicht wie rosige Wölkchen voll Licht und Glanz, sie senken sich schwer, schwer aus das Herz der Schläferin.

Wie ein Seufzer bebt es über die Lippen und an den dunklen Wimpern glänzt es feucht. – Sie träumt von einem jungen Priester, der Ruhe und Frieden im Kloster sucht, dort eine Schuld zu sühnen hat und die Liebe nicht kennen darf, zu seinem und zu ihrem Heil! –

Er wollte sie nicht wiedersehn, – und als die Stunde kam, wo er sonst leichtfüßig bergan geeilt war, die köstlichste Zeit seines Lebens zu genießen, da faßte es ihn mit übermächtiger Gewalt und zwang ihn hinaus in die wallenden Nebel. – Er wollte stark sein, aber er war schwach, er wollte ankämpfen gegen die Versuchung, aber sie war stärker als er.

Und eine Stimme flüsterte in ihm, die klang so überzeugend und wahr, daß sie nicht des bösen Geistes sein konnte.

Warum willst du dir selber unnötigerweise die harmlose Freude kürzen, diese einzige Blüte, welche dein armes Leben getragen, vorzeitig entblättern? Ist es eine Sünde, wenn du mit Charitas plauderst und dir an ihren treuen Worten die Seele erquickst?

Du liebst sie? – Ist diese Liebe eine Schuld? Du trägst sie geheim im Herzen. Charitas ahnt sie nicht.

Und ob ich dich liebe – was gehts dich an?

Du liebst sie wie die Sonne am Himmel, welche dich mit goldenem Strahl belebt, – du liebst sie wie das singende Vöglein im Gezweig, welchem du mit Entzücken lauschest, ohne räuberisch die Hände nach ihm zu heben.

Ist solche Liebe eine Schuld?

Nein, sie ist eine ernste, heilige Sabbatzeit des Herzens, welche es läutert und verklärt.

Die leise, freundliche Stimme hatte recht,

Josef folgte ihr. Wo die Morgennebel wie weißer Dampf aus dem See emporstiegen, wallten und wogten, wie die Wassermassen einer Sündflut, welche das blühende Land zu seinen Füßen verschlungen, – stand er und blickte ungeduldig den Pfad hinab, welchen sie kommen mußte. Nur seine letzte, kurze Windung war zu sehen, sie lag einsam und still, und der lichte Brodem wehte in feinen Silberstreisen über sie hin.

War er zu früh gekommen?

Im Wald ist's still, die Vogelkehlchen schweigen, bis es gilt, die ersten Sonnenstrahlen, welche sich durch den Nebel kämpften, jubelnd zu grüßen, – Josef schreitet ruhelos aus und nieder.

Und wenn sie heute nicht kommt?

Der Gedanke hat etwas Quälendes, er deucht ihm geradezu unerträglich.

So sehr hat er sich schon an ihre Anwesenheit gewöhnt, so unentbehrlich ist ihm das lächelnde, liebe Mädchenantlitz schon geworden?

Er schüttelt – als wolle er sich vor seinen eigenen Gedanken entschuldigen, den Kopf.

Es ist die Umgebung, welche bei Schritt und Tritt an sie gemahnt, wo jeder Baum, jeder Felsstein an ihre liebliche Erscheinung erinnert.

Kehrt er in die altgewohnten Verhältnisse, in die graue, eintönige Ferne zurück, so wird diese Sehnsucht und Unruhe verschwinden, ebenso wie die Alpenfirnen hinter ihm versinken und verschwinden werden.

Endlich hört er ihren Schritt und er wendet sich, als müsse er ihr – wie von lastender Sorge erlöst – entgegenstürmen.

Aber er beherrscht sich, langsamen Schrittes, gewohnten Gruß winkend, tritt er an den Abhang.

Da taucht ihre schlanke Gestalt aus dem Nebel auf, umwogt von weißen Duftschleiern, welche bräutlich hüllend von ihrem Köpfchen niederwehen.

Weiß in Weiß.

Wie die spukhafte Gestalt der schönen Königin Bertha, welche mit flatternden Schleiern durch das Land zieht, weiße Tücher über den Weg spannt und den Wanderer in die Irre lockt. Wie oft hat er diesem holden Märchen als Kind gelauscht, wenn er an der Wärterin Seite an dem Fenster stand und nicht begriff, daß plötzlich alle Wolken herniedergefallen waren, die Bäume im Garten zu verhüllen.

»Sie sind wirklich hier oben?« lacht sie schon von weiten. »Welch ein sträflicher Leichtsinn! Wissen Sie nicht, daß es ein übel Ding für einen jungen Mann ist, bei Nebel auf die Berge zu steigen?«

Er hält ihre Hand in der seinen.

»Ist die tückische Königin Bertha auch hier zu Lande zu Haus?«

»Königin Bertha? Ah richtig, ich entsinne mich, auch von diesem schönen Nebelspuk gehört zu haben. Aber nein, ich glaube, die hat zu viel in unserer nordischen Heimat zu thun, um auch noch Abstecher nach dem Genfer See zu machen. Die Alpenwelt hat ihre eigenen Geister, und da die Hexen und Zwerge zu solch ungewohnter Zeit ihre Süpplein kochen, so mußten sie wohl etwas ganz besonderes im Schilde führen.«

»Die kleinen Gesellen sind böse, daß Fräulein Reckwitz seit einiger Zeit keine Lieder mehr singt, sondern ihre Zeit an einen fremden Egoisten verschwendet!«

Charitas streicht über das Haar, an dessen Löckchen die Tauperlchen blinken, wie in einem Spinnennetz. Sie zieht den breitrandigen Hut etwas tiefer in die Stirn, daß Stirn und Augen beschattet sind.

»Ich glaube nicht, daß die Heinzelmännchen so sehr musikliebend sind, und wer über unterirdische Gänge zum Hörselberg fährt, ist wohl berauschendere Weisen gewöhnt, als wie ein paar alte Volkslieder, deren Lust und Leid nur dem Menschenherzen verständlich sind!« – Sie schritt gemächlich neben ihm her, den Waldpfad zu dem schönen Aussichtsfelsen entlang.

»So galt Ihre Besorgnis den Hexen, aus deren Revier wir gestern die Blumen stahlen? In diesem Falle sind Sie aber Mitschuldige, und ist Ihr Nebelspaziergang ebenso leichtsinnig wie der meine!«

»An uns Mädchen nehmen solche Spukgeister kein Interesse. Kennen Sie nicht die Sage von den Nebelfräulein, welche in den Bergen wohnen und die Männer hassen?«

»Nein, – aber ich würde sie unendlich gern kennen lernen!«

»Die Fräulein?«

Er lacht, »Nein; wer das Glück hat, mit Ihnen bekannt zu sein, Fräulein Charitas, verzichtet auf die Begegnung mit selbst den schönsten aller Huldinnen! Ich meinte die Sage!«

»Wie galant doch solch ein hochwürdiger Herr sein kann!« neckt sie und wendet sich etwas zur Seite, um den feuchten Kleidersaum zu schütteln, »Also die Sage! Da war einmal ein junger Alpjäger, der wollte bei Nebel zu Bergsteigen. Seine Mutter warnte ihn! ›Weißt du nicht, daß die weißen Fräulein heute ihre Schleier im Winde trocknen?‹ – Aber er verlachte den Spuk und scherzte: »Das könnte mir just gefallen, mir solch ein Feinslieb zu Thal zu holen. Ihre Händchen sind fein wie Wachs und die Perlenkronen auf ihrem Haupt viel tausend Thaler wert.« Und als er hinauskam an die Klamm, da sah er zwischen den Felsen ein Bergfräulein sitzen, so hold und bleich wie Schnee, – die webte einen Schleier, der lang hinabwallte zu Thal. Auf ihrem Haupt leuchtete die Perlenkrone, und bei deren Anblick erfaßte die Habgier des Jägers Herz, Er schlich sich behutsam hinzu, – sprang hinter dem Felsen vor und griff das Krönlein mit roher Hand, Das zerfloß wie Wassertropfen in seiner Hand, die Nebelfrau aber wandte das Antlitz und sah ihn an – mit Augen so dunkel und unergründlich tief, – so weh und todestraurig, daß dem kecken Räuber ein

Eisesschauer durch Mark und Bein ging. – Vor seinen Blicken zerrann die Spukgestalt, – die Sonne brach durch die Wolken und der Nebelschleier zerriß in kleine Fetzen. – Der Jäger stieg blaß und still zu Thal und hatte von Stund an das Lachen verlernt. Der Blick der Nebelfrau hatte es ihm angethan, er verzehrte sich in Gram und Liebe zu ihr. – Als abermals die Nebel um die Bergfirnen wehten, nahm er seinen Stutzen und stieg empor. Er wollte sein bleiches Feinslieb gewinnen. Und richtig, sie saß wieder an dem Felsen und webte die silbernen, wogenden Nebelschleier. Voll glühender Leidenschaft wollte er sie fassen und halten, sie aber hatte ihn erblickt und floh voll Entsetzen vor ihm her. Sinnlos vor Sehnsucht nach ihren dunklen Geisteraugen stürmt er ihr nach, sie hebt die schneeigen Arme und stürzt sich voll Verzweiflung in den Abgrund. Der Jäger schreit auf und sinkt ihr nach in Tod und Verderben. Die Sonne flammte auf und traf die schwebende Gestalt des Bergfräuleins, und der Wind, ihr Todfeind, brauste aus der Kluft hervor, ihre Höhle aber war fern, sie konnte sich nicht retten vor ihnen, und so zerfloß ihr Körper in tausend kleine Tropfen, sie sanken als Nebeltau auf das Land. Die anderen Nebelfrauen weinten um die gemordete Schwester, und sie haßten die Männer, welche alles Unheil verschulden. Wehe dem, welcher bei wallenden Nebeln zu Berg steigt, die Huldinnen erscheinen ihm und lächeln und winken und locken ihn hinab in den Abgrund, an dessen Rand die Blume des Todes blüht.«

Charitas hatte leise gesprochen, jetzt schwieg sie und wies geheimnisvoll lächelnd nach den grünen Felsbildungen, welche sich über dunklem Tannenwald, jenseits des tiefen Thales, vor dessen wallenden Nebelmassen sie standen, erhoben.

Die Sonne kämpfte gegen die Dunstmassen und zwang sie hernieder, die Berghäupter tauchten wie Inseln aus hochwogender Flut empor, und um die Steinzinken, auf welche das junge Mädchen deutete, kräuselte es wie zartes Gewölk in wundersamen Gestaltungen, just als ob eine Schar bleicher Geister mit lang wehenden Gewändern an ihnen vorüber flöge.

»Sehen Sie die Bergfräulein? Wenn man von dem Wolf spricht, lauert er hinter der Hecke! Nun hüten Sie sich, in die dunkeln Augen zu schauen, sonst sind Sie rettungslos dem Zauber verfallen!«

Er lächelte seltsam. »Nehmen diese grausamen Huldinnen nicht auch zuweilen Menschengestalt an, um einsamen Wanderern auf den Alpmatten zu erscheinen? Mich deucht, es gibt auch im hellen Sonnenschein dunkle Augen, welche den Männern Ruhe und Frieden rauben!«

Wie er sie ansah! Er wollte wohl seinen Worten und Blicken nicht den Ausdruck geben, welchen sie unwillkürlich annahmen, es geschah unbewußt.

Einen Moment starrte ihn das junge Mädchen fassungslos an, dann hob sie das Köpschen ein wenig höher und stolzer auf den Nacken und fuhr ebenso harmlos wie zuvor fort.

»Nein, das geschieht nicht, es würde wenigstens dem Spuk alle Poesie nehmen, und die gehört dazu!«

»Wie das Krönlein aus blinkenden Thränentropfen! Glauben Sie wohl, daß es jene Felsen dort drüben waren, an welchen die Huldin ihre Schleier webte? Mich deucht, sie sitzt auch jetzt wieder und läßt es weiß zu Thale wehen!«

»Wohl möglich, daß der arme Jägersmann in die schwarzen Tannen hinabstürzte, um nie wieder fröhlich bergauf zu steigen!«

»Der arme Jägersmann?«

»Gewiß, der arme! Oder beklagen Sie ihn etwa nicht?«

»Nein!«

»Wie hartherzig!«

»Schlimmer als das! Sagen Sie: wie neidisch!«

»Neidisch?«

»Ja, ich beneide ihn, denn sein Schicksal war ein sehr glückliches und gnädiges.«

Charitas schüttelte staunend das Köpfchen und sah ihn fragend an, er aber blickte an ihr vorüber nach den dunkeln Tannen und fuhr mit herbem Klang in der Stimme fort: »Ist es nicht besser, solch seligen Liebestod zu sterben, als Jahre und aber lange Jahre ein ungestilltes Sehnen mit sich herum tragen zu müssen? Solch ein Herzeleid ist bitterer und tausendmal beklagenswerter als der schnelle Sturz in die Tiefe. Wehe einem jeden, den ein Bergfräulein mit dunklen, traurigen Augen um den Verstand brachte, und sich doch nicht erbarmte, solche Qualen zu enden.«

Das junge Mädchen fühlte, wie heiße, schwindelnde Glut in ihre Schlafe stieg. Mißversteht sie ihn, oder ist er plötzlich ein anderer geworden wie zuvor?

Sie wendet sich um, greift nach einem schlanken Lärchenästchen, welches graziös über den Weg hängt und schüttelt es, daß diamantener Tau aus sie niederfällt.

»Ich schlage vor, wir lassen die bösen Nebelfrauen jetzt allesamt am Sonnenschein schmelzen und gehen so schnell wie möglich nach der Printanière zurück, um uns trocken anzuziehen! Sehen Sie doch, wie feucht und schwer mein Kleid an mir herniederhängt, selbst die Haare sind zum Auswinden – –«

»Undine!« Sein Blick glitt langsam über sie hin. »Haben Sie so böse Erfahrungen hier droben auf der Welt gemacht, daß Sie so eilig wieder in den wogenden Nebelsee hinab tauchen wollen?«

Sie lachte etwas gewaltsam. »Ja, ich bin recht unzufrieden mit meinem Freund! Er sagt mir Schmeicheleien und ist weltschmerzlicher als je gestimmt, zwei Kapitalverbrechen, welche mich die Flucht ergreifen lassen!«

Er blickt sie mit zusammengezogenen Brauen an. »Und Sie sind so heiter! – so heiter und glückselig – daß –«

»Nun? vollenden Sie! Ich glaube gar, Sie sind auch jetzt wieder mißgünstig und verargen mir meine frohe Stimmung?«

Wie ein leidenschaftliches Aufflammen geht es durch seine Augen.

»Ja, ich verarge es Ihnen! Nicht aus Neid, wohl aber aus Egoismus! Wissen Sie nicht, daß Ihre strahlenden Augen, Ihr Lachen, Ihr Frohsinn, aus welchem der volle Glauben an Glück und Zukunft klingt, Sie mir entfremdet? In Ihrer Trauer waren Sie mir nah. Da zog das gemeinsame Leid und Sehnen seine Zauberkreise um uns, da gehörten wir einander zu, wie zwei Opfer, welche die dunkle Woge des Schicksals gemeinsam zu Grunde reißt! Ich war nicht mehr einsam – Sie waren nicht mehr verlassen wie zuvor, wir verstanden einander! Nun wenden Sie plötzlich das Haupt und schauen nach der lustigen, glückverheißenden Welt zurück. Die Zukunft winkt Ihnen, und Sie lachen ihr entgegen. Ich aber – ich bin einsamer als je zuvor.«

Er schwieg. Er hatte sie nicht angesehen, sein Blick schweifte ab und irrte über die ziehenden Nebel, und seine Stimme klang wie ein Echo des verzweifelten Kampfes, welcher seine Seele durchtobte.

Sie antwortete nicht, sie verschlang die Hände wie in ratloser Pein und neigte das Köpfchen tief, tief zur Brust.

Wie bitteres Weh zuckte es um seine Lippen. Sie schweigt! Sie hat keine Antwort, keinen Trost für die traurige Wahrheit.

Er wendet sich und will sich gewaltsam zu einem heitern Ton zwingen. Was verlangt er denn von ihr? – Ist er von Sinnen in seiner Herzensqual? Was hat ihr junges, blühendes Dasein mit seinem verfehlten Leben, mit seiner Klosterzukunft zu schaffen? Nichts! Nichts! Sein Herz ist ungerecht im Schmerz, wie dunkle Schatten des Wahnwitzes zieht es durch sein Hirn, denkt er an die Möglichkeit, daß sie ein anderes Glück im Leben findet.

Wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus seiner Brust, er streicht mit der Hand über Stirn und Augen, er sieht sie an.

Und als sein Blick ihr holdes, plötzlich so bleiches Antlitz trifft, stockt ihm der Herzschlag, fliegt lohende Glut durch seine Adern und läßt ihn schwindeln.

Thränen tauen über ihre Wangen, heiße, unaufhaltsame Thränen! Und ein Ausdruck des Schmerzes bebt um ihre Lippen, – o, tausendmal beredter wie alle Worte, welche sie je zu sagen vermöchte.

»Charitas!« stammelt er und faßt jählings ihre bebende Hand und sie hebt die dunklen Wimpern und sieht ihn an.

»O wie ungerecht verurteilen Sie mich!« schluchzt sie leise; »Gott im Himmel weiß, was mich dieses Lachen kostet!«

»Charitas!« ringt es sich wie ein Schrei von seinen Lippen, er hört kaum, was sie flüstert, er sieht nur in ihre Augen und liest in ihrer Tiefe das wehe, süße Geheimnis ihrer Seele. Wie ein Rausch, ein Taumel namenloser Wonne erfaßt es ihn. Er sinkt an ihr nieder, er preßt sein Antlitz auf ihre Hand; er wiederholt nur das eine Wort, wie einen Laut unbeschreiblichen Entzückens: »Charitas! Charitas!«

Ihre bebende Hand streicht über sein Haupt, ihr Blick irrt wie in verzweifelndem Schuldbewußtsein zum Himmel und die weißen Nebelschleier wehen geheimnisvoll um sie her wie ein Brautschleier, welchen der Sturm zerfetzt hat …

»Charitas, hast du mich lieb?«

Da hebt sie sein Antlitz und neigt das Haupt zu ihm nieder. Blick ruht in Blick.

»Ja, ich habe dich lieb, Josef! Gott sei es geklagt!«

Wie in heißem, leidenschaftlichem Flehen brennen ihr seine Lippen entgegen.

Da zuckt sie zusammen und ringt sich frei.

»Nie!« stößt sie kurz und fest hervor, »Dieser Augenblick war genug des Glücks und genug der Schuld!«

»Charitas, ach nur ein Wort!«

Sie weist voll bitteren Wehs auf sein priesterliches Kleid, ihre schlanke Gestalt ringt noch einmal wie in dem leidenschaftlichen Verlangen, sich in seine Arme zu stürzen, dann schlägt sie, wie erschaudernd vor sich selbst, die Hände vor das Antlitz und flieht wie eine lichte Nebelgestalt in das Wogen und Wallen hinein.

Der Abgrund gähnt zur Seite.

Wie leises, wundersames Locken von Geisterstimmen klingt es empor.

Josef hebt das Haupt und lauscht. Seine Augen bekommen einen fast überirdischen Glanz.

»Rufst du mich, junger Jäger?« –

Er tritt näher an den Abhang – immer näher, wie von unsichtbaren Gewalten gezogen. Es bröckelt und knirscht unter seinem Fuß und poltert, von Kante zu Kante springend, in die Tiefe.

»Rufst du zu seligem Liebestod?! – O selig, unseliges Sterben! –«

Die weißen Bahrtücher, welche durch die Luft flattern, schlingen sich um ihn und ziehen und ziehen ihn … –

Da flammt ein goldener Blitz durch die Luft; wie ehemals die Dunkelheit, zerreißt er jetzt die gespenstigen Dunstschleier. Leuchtend in goldener Klarheit taucht das lachende Land vor seinen Blicken auf, wie durch gütige Feenhände hingezaubert.

Die Sonne funkelt am Himmel, der See strahlt ihr sieghaftes Bild wieder, und rechts und links zerstiebt der weiße Brodem, wie grausige Gedanken hinter einer Menschenstirn zerrinnen, wenn ein Strahl von Hoffnung und Liebe sie scheucht.

Wie geblendet starrt Josef in die Helle.

Kann ein einziger Augenblick die Erde so allmächtig verwandeln?

Herrgott, dich loben wir! –

Die Arme wie in sehnender Verzückung zum Himmel erhoben, weicht Josef von dem Abgrund zurück, sinkt nieder auf die Knie und weint Thränen seliger Erlösung.

Eine wundersame, tiefe Ruhe ist über den ehedem so qualvoll Erregten gekommen. Er sitzt über seinen Büchern und studiert. Zu dem Berge steigt er nicht mehr empor. Wenn die Morgensonne durch die Scheiben blickt, oder wenn sich die bläulich-violetten Schatten der Dämmerung über die Hänge breiten, tritt er wohl auf den Balkon und blickt empor mit stillem Gruß.

Sein Antlitz sieht wohl etwas bleich und übernächtigt aus, aber eine beinahe freudige Zuversicht und Ergebenheit verklärt es. Das Glück ist an ihm vorübergeschritten, so nahe, daß es seine bebende Hand fassen konnte; es hat mit zärtlichem Gruß über sein Haupt gestrichen und ihm freundlich zugenickt: »Ich gab dir alles, was ich dir geben konnte, – sei dankbar dafür!« – – Und er war es.

Charitas sah er nicht.

Manchmal klangen die schrillen, zankenden Stimmen des alten Ehepaars durch das offene Fenster und empörten ihn. Sein Herz blutete in dem Gedanken an die geliebte Dulderin. Einmal am Abend war es ihm, als sähe er eine weiße Frauengestalt an der Mauer, welche die Villa von der Straße trennt, lehnen. Er stand wie gebannt und umfaßte sie so lang und innig mit den Blicken, bis sie entschwand.

Ines lebte still und einsam auf ihrem verborgenen Balkon dahin; der Arzt war sehr zufrieden mit ihrem Befinden und sprach seine Überzeugung aus, daß Josefs Abreise unbeschadet erfolgen könne.

Und die Abreise war notwendig geworden, das Studium durfte außer den Ferien nicht unterbrochen werden, wie es jetzt bereits in diesem dringenden Falle geschehen war.

Er rüstete zum scheiden.

Und als er vor dem gepackten Koffer stand, überkam ihn eine namenlose, unbezwingliche Sehnsucht, Charitas Lebewohl zu sagen.

Noch einmal – zum letztenmal – empor in die Waldeseinsamkeit!

Einmal noch die teuren Stellen grüßen, ach, vielleicht zum letztenmal die Geliebte droben sehen!

Gesenkten Hauptes steigt er zwischen den nickenden Blüten und Halmen empor.

Wie still – wie grabesstill. Kaum daß ein Vöglein noch einmal im Gezweige auszwitschert.

Wie ist ihm sonst der Weg so kurz gewesen, wie fiel ihm das Steigen ehedem so leicht, – heute deucht ihm der Pfad ohne Ende, und er steht oft rastend still und atmet tief und mühsam auf, wie einer, welcher schwere Lasten trägt.

Endlich steht er droben an dem trauten Plätzchen, wo er zuerst die Einsamkeit gesucht, wo zuerst die süße Stimme der Geliebten den unerklärlichen Zauber auf ihn ausübte. Josef setzt sich nieder und stützt das Haupt in die Hand.

»O komm, Charitas! Noch einmal bin ich dir nahe! Noch bist du mir erreichbar, noch trennen uns nicht Berg und Thal und ewige Fernen! Fühlst und empfindest du es nicht, daß dich mein Herz voll herben Trennungsschmerzes ruft? – Du mußt es ahnen, du mußt es wissen, du bist eines Geistes und Sinnes mit mir!«

Horch – ist es ein Traum? Ein holder, bethörender Wahn?

Ganz wie damals klingt es zu ihm herüber, klagend in unaussprechlichem Leid, und doch ruhig ergeben, wie in tiefster Demut.

»Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden!
Obwohl doch nichts im Lauf der Welt
Dem Herzen, ach, so sauer fällt,
Als scheiden!«

Josef preßt die Hände gegen die Brust, seine Augen schließen sich, jeder Laut, jeder Ton findet einen Widerhall in seinem Herzen.

Und als die liebe Stimme schweigt, springt er empor und stürmt wie ein Trunkener durch den Tann. Er weiß, wo er sie zu suchen hat.

Bald steht er an ihrem Aussichtsfleckchen.

Still – grabesstill und leer.

Nur auf dem Felsen liegt ein Strauß frisch gepflückter Blumen. Es taut noch nicht, und dennoch zittern große, leuchtende Tropfen an den Kelchen.

»Charitas!!«

Fern aus den Bergen ruft ein Echo traumhafte Antwort.

»Leb wohl! Leb wohl! –«

»Leb wohl!« hallt's wie Geisterstimme zurück.

Da preßt Josef die Blüten an die Lippen. Er steht lange regungslos und schaut noch einmal hinaus in die herrliche Welt. – So nimmt ein Todgeweihter Abschied von dem Leben. – Und dann wendet er sich und schreitet müde bergab.

Es wird Nacht.

XIII.

Josef war nach K–burg zurückgekehrt.

Er hatte geglaubt, durch den Wechsel der Umgebung, durch angestrengte Arbeit und den Verkehr mit den Studiengenossen die Sinne zu betäuben, und der Sehnsucht zu gebieten, welche ihn voll unwiderstehlicher Gewalt in den Zauberkreis der Geliebten zurückzog.

Aber dieser Glauben erwies sich als trügerisch. Gerade die Ruhe und monotone Gleichförmigkeit des Seminars gaben ihm Zeit und Veranlassung genug, seinen Gedanken nachzuhängen, und das Feuer, welches in seinem Herzen entfacht war, flammte höher und gewaltiger empor wie je zuvor, seine ganze Seele mit den Gluten ungestillten Verlangens verzehrend. Anfänglich schlichen sich noch bittere Vorwürfe und Selbstanklagen in sein Herz.

Hatte er recht gethan durch den Ausbruch der Leidenschaft, welcher sein innerstes Herz mit all dem hoffnungslosen Lieben und Sehnen enthüllte, den Frieden eines Mädchenherzens zu morden?

In welche Wirren, in welche Seelenkämpfe hatte er Charitas gestürzt! Welch einen Abgrund hatte er vor ihr aufgerissen, indem er die hüllenden Schleier von ihren Augen nahm und sie in die Tiefen seiner ruhelosen Seele blicken ließ!

Die Ruhe, welche ihm fehlte, hatte er nun auch ihr genommen, den Todeskeim unglückseliger Liebe, an welcher er zu Grunde ging, pflanzte er auch in ihr Herz!

Diese Überzeugung machte ihn elender wie alle Qualen bitteren Entsagens, dessen Kelch er bis zur Hefe leeren mußte.

In einer Stunde solcher Gewissenspein setzte er sich nieder und schrieb an Charitas. Er mußte es, er konnte dem Schwarm dunkler Gedanken nicht mehr widerstehen.

Er bat sie um Vergebung für sein Verschulden, für die Leidenschaft, welche ihn in der Abschiedsstunde zum Schwächling gemacht. Er gestand ihr, daß seine verlorene Selbstbeherrschung, welche ihn zum Mörder ihres Herzensfriedens gemacht, ihn gleich einem schweren Fehl bedrücke. Sein Wort – das Geständnis seiner Liebe binde ihn für ewige Zeiten an sie. Er sei Ehrenmann genug, um sich zu sagen, daß er nach dem, was vorgefallen, nun um ihre Hand werben müsse, um das Elend einer hoffnungslosen Liebe von ihr abzuwenden. Sein Beruf verbiete es ihm, zu heiraten, und nun hieße es entweder hier oder dort eine gewaltsame Entscheidung herbeiführen. Er müsse sich losreißen von der Kirche oder von ihr. Einsam, ohne Trost und Zuspruch, ohne ein einzig ihn ermutigendes Wort, stehe er in diesem Kampf. Ihm dieses zu sagen, flehe er sie hiermit an. Er müsse ihrer Liebe und Treue gewiß sein, wenn er die Brücke, welche einzig zur Vergessenheit und zum Frieden führe, hinter sich abbrechen solle.

Es war wohl ein seltsam irrer und wirrer Brief, so recht das Spiegelbild der unklaren, krankhaften Gedanken, welche ihn durchtobten, immer noch jener großen, erlösenden Offenbarung harrend, welche sie nach einem Leben voll Kampf und Unbefriedigung endlich auf die rechte Bahn leiten sollte.

Und just, als habe Charitas diese seine schriftliche Rückkehr zu ihr geahnt, ging sie voll banger Sorge dem Postboten entgegen, Tag für Tag von der Ungewißheit geängstigt: »Schreibt er wohl, und gelangt der Brief auch richtig in meine Hände?«

Sie erhielt ihn und flüchtete mit dem teuren Kleinod hinauf in die traute Waldeinsamkeit, wo jedes Blättersäuseln, jeder Sonnenstrahl sie an den Geliebten gemahnte.

Und als sie seinen Brief gelesen, weinte sie bitterlich.

Er wollte sich von der Kirche, von dem Beruf, an welchen sich sein ganzes Seelenheil knüpfte, lossagen – um ihretwillen!

Und warum, weil er sie so über alles, so namenlos liebt? Nein, weil er sein Liebesgeständnis ihr gegenüber als Verpflichtung empfindet!

Ohne jene schmerzlich-süße Scheidestunde, welche seine Empfindungen stärker sein ließ, als die kalte grausame Vernunft, hätte er nie daran gedacht, das Priestergewand abzulegen.

Er will jetzt nur das Wort einlösen, welches er glaubte ihr gegenüber verpfändet zu haben!

Sie soll nicht unglücklich werden.

Wieder ist es sein übertrieben seines Ehrgefühl, welches diesen Konflikt heraufbeschwört. Adel verpflichtet! Schreibt er nicht: »Ich bin Ehrenmann genug, um zu wissen, was nun meine Pflicht ist?«

Unglücklicher Mann, wie schwer macht er sich selber das Leben!

Ein schmerzliches Lächeln bebt um ihre Lippen. Nein, bei Gott, sie will ihn nicht abermals aus einer Bahn herausreißen, welche wohl die einzig richtige für ihn ist – der Weg, welcher einzig und allein zur Vergessenheit und zum Frieden führt! – Schreibt er's nicht selbst? Dies Geständnis wiegt tausendmal schwerer als jedes andere.

So lange das Schuldbewußtsein ihn menschenscheu in die Einsamkeit treibt, wird die Liebe eines Weibes ihm die Seelenqual nicht lindern können. Sein Glück ist nicht die Liebe, sondern das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, und er erachtet es als heilige Pflicht, für die Schuld des Stiefvaters zu büßen.

Mit dem feinen Taktgefühl der wahren, echten selbstlosen Liebe empfindet Charitas das, was Josef trotz aller Kämpfe und Leiden noch nicht erkannt – sich selbst.

Und sie hebt voll tapferer Selbstverleugnung das bleiche, von Thränen übertaute Antlitz und blickt zu dem Himmel auf.

»Ich habe ihn lieb – lieber, als er es ahnte, lieber als mein eigen Glück, darum verzichte ich! Er soll und muß seinem Beruf treu bleiben, denn dieser allein kann ihm geben, was er sucht!« Und in stiller, einsamer Nachtstunde antwortete sie ihm. Voll ruhiger, freundschaftlicher Milde und Herzlichkeit. Er sei ihr durch nichts verpflichtet, sein Blick voll Liebe, ihr leis gestammelter Name seien kein Schwur, Auch die Freundschaft könne eine leidenschaftliche Sprache führen, und sie habe nie – selbst in der Abschiedsstunde nicht – an seiner Freundschaft gezweifelt. Unglücklich werde sie niemals durch dieselbe werden, das könne sie ihm versichern. Ihre flüchtige Begegnung im Leben sei eine jener Immortellen, welche Gräber schmücken. Das Glück habe wohl in ihrer beider Brust versargt gelegen, ehe sie einander in die Augen geschaut. – Nun trägt es eine liebe, unvergängliche Zierde, die Blume der Erinnerung. Diese mache sie reicher, als sie je zuvor gewesen. Sein Weib könne sie nicht werden. Die Verpflichtung, welche ihn, seiner Ansicht nach, an sie kette, sei eine nur eingebildete, nichtige, die Liebe eines Weibes aber, welche einen Priester zum Apostaten macht, sie ist eine Schuld, welche alle Glut der Liebe nicht von ihrer Seele brennen kann. Wollen Sie mich in die Gewissenspein stürzen, welcher Sie selber entrinnen wollen? Das wäre üble Freundschaft. Ihre Liebe nahm mir den Frieden nicht, ein Ehebündnis mit Ihnen würde ihn mir für alle Ewigkeit morden. Lassen Sie uns also beide die Wege gehen, welche Gottes Wille uns vorgeschrieben, und wir werden zum Ziel gelangen. Unsere Gedanken werden sich immer finden, auch ohne jedes äußere Zeichen des Gedenkens. Schreiben Sie mir, bitte, nicht mehr. Wir reisen in zwei Tagen von hier ab, und kämen Ihre Zeilen in unrechte Hände, möchten sie namenloses Leid über mich heraufbeschwören. Wenn die Nebel durch das Land wehen, sollen sie mir stets ein Gruß von Ihnen sein, und die Erinnerung wird mich beglücken. Leben Sie wohl und bleiben Sie Ihrem Berufe treu; nur die gewissenhafte, opfermutige Pflichterfüllung wird Ihnen Befriedigung und Ihrem Leben Ziel und Zweck geben.

So hatte sie geschrieben, und als der kleine, dunkle Spalt des Briefkastens die Zeilen verschlungen hatte, da deuchte es Charitas, als habe nur ein einziges Wort in dem Brief gestanden, der Todesschrei eines brechenden Herzens! »Leb wohl für immerdar!« –

An der Weinbergmauer, wo Josef seine Schritte hingelenkt, stand er still, öffnete den Brief und las.

Seine Hand bebte nicht, keine Schmerzenslinie furchte sein Antlitz; wie eine stille, selige Verklärung lag es darauf.

Er hatte diese Antwort erwartet. Die große, edle reine Seele der Geliebten konnte ihm nicht anders antworten. Wie lieb hatte er sie darum! Welch ein Gefühl demütig weihevoller Bewunderung erfüllte ihn! Wahrlich, einer Unwürdigen schlug sein Herz nicht entgegen! Sein Auge blitzte auf, sein Haupt hob sich stolzer auf dem Nacken. Sie liebt ihn! O, daß er solcher Liebe wert sein könnte! Sein Blick schweifte wie in sehnender Ungeduld hinaus über das herrliche Land, als müßte er ungestüm vorwärtsstürmen, mit der Kraft seiner Arme einen Weg zu brechen, auf welchem sie Hand in Hand, glückselig vereint und sonder Reu und Schuld zusammen wandern könnten.

Und dann wandte er das Haupt, sein Blick traf den ernsten düstern Bau, das Kloster der Trinitarier, welches seine Mauern wie voll stummer Mahnung vor ihm ausbaute: »In uns fandest du die Heimat, und uns gehörst du zu!«

Josefs Brauen falteten sich . »Noch nicht!« bäumten sich die Gedanken wild in ihm auf. »Weiß denn Charitas, daß ich noch umkehren kann, wenn ich will? Werde ich thatsächlich zum Apostat dadurch? Nein! Noch habe ich die Weihen nicht empfangen, noch bindet mich kein Schwur an die Kirche. Ihre reine Kinderseele sah nur, was vor Augen war, das Kleid des Priesters; sie wähnt, ein jeder, der es tragt, sei schon durch jene schmale Klosterpforte geschritten, durch welche es keine Rückkehr gibt.«

Horch … Das Glöcklein ruft zur Messe.

Langsam erhebt sich Josef und schreitet zum Kloster zurück.

Der Brief brennt wie Feuer auf seiner Brust, wie ein trotziges Auflehnen gegen fremde Gewalten zuckt es in seinem Auge.

An der Kirchpforte steht Duncaczy.

Sein Blick trifft wie in ernstem Forschen das heiß gerötete Antlitz des jungen Freundes. Josef weicht dem Blick aus.

Der Priester reicht ihm die Hand, in festem, mahnendem Druck umschließt er die bebende Rechte Torisdorffs mit seinen kühlen Fingern. Eine Blutwelle schießt in Josefs Antlitz und läßt es noch erregter erscheinen. Seine Hand zuckt auf, als empfinde er einen Schmerz. Hastig schreitet er an dem väterlichen Freunde vorüber in das Dämmerlicht der Kirche. Wie in wehmutvollem Verstehen verdüstert sich Duncaczys klares Auge, – über ihm, von dem Epheu, welcher sich an dem grauen Gemäuer emporspinnt, löst sich ein Blatt und fällt nieder, der Wind faßt es und treibt es fort, über die Klosternmuer hinweg, in die Welt hinein.

Heißt das Blatt Josef? –

Mit tief geneigtem Haupt sitzt Torisdorff und lauscht der Messe.

Aber er hört und versteht nichts; wie Frühlingsstürme braust und surrt es vor seinen Ohren, – mechanisch regt er die Lippen, hebt die Hand, den Kopf zu stützen … Aber seine Gedanken sind weit ab.

Er schrickt zusammen, als seine Studiengenossen sich erheben und gehen.

In dem dämmrig kühlen Lehrsaal mußte er Vortrag hören. Er saß, das Haupt in die Hand gestützt, und starrte ins Leere. Er hörte – aber nichts wie eine Stimme. Er sah – aber nichts wie den Wechsel von Schatten und Licht.

Der Brief der Geliebten schien Gluten auszustrahlen, welche ihn zu verzehren drohten. Er sollte ihn an seine Pflicht gemahnen, ihn seinem Beruf erhalten, und dennoch bewirkte er gerade das Gegenteil bei dem Empfänger. Nie war ihm ein Weib so edel, so tugendreich und begehrenswert erschienen, wie die Schreiberin dieser Zeilen.

Sie sagte ihm für ewige Zeiten Lebewohl, und doch schien Josef jedes Wort ein Schrei der Sehnsucht: Komm!

»Nur gewissenhafte, opfermutige Pflichterfüllung kann Ihrem Leben Zweck und Reiz geben –«, schrieb sie nicht so?

Was ist Pflichterfüllung? – Arbeit!

Jedwede Arbeit? – Nein, nur die, welche Gutes schafft, welche etwas Großes, wahrhaft Befriedigendes erwirkt.

Was wirkt er hier? Er lernt, betet, studiert, hört Messen … ist das der große, heilige Lebenszweck, welcher den Einsatz aller Kraft und aller Tüchtigkeit erfordert?

Wem nutzt er dadurch? Er kann wohl Gutes stiften, viel Gutes, – das Amt eines Weltgeistlichen ist eines der segensreichsten, welche es gibt – und doch! – und doch! – Noch nie hat es Josef mit solch vernichtender Gewißheit empfunden wie jetzt, daß ihn selbst das erfolgreichste Wirken auf dem Gebiet des Seelenhirtentums nicht voll befriedigt. Ein unbezwinglicher Durst nach dem frisch quellenden Lebensbronnen erfüllt ihn. Das Blut des kampfesfreudigen, thatendurstigen Geschlechts der Torisdorffs wallt auf, Arbeit! Arbeit im Schweiße des Angesichts, ein Abarbeiten aller Schuld mit dem Spaten in der Hand!

Seltsam, jenes Bild, die Verkörperung seines Glückes, welches er in dem Licht des Blitzes geschaut, verläßt ihn nicht mehr. Er hört den knirschenden Ton des Spatens, als das Eisen in die Erde stieß. Wie ein Alarmsignal deucht es ihm, wie ein Weckruf aus träger Unthätigkeit. »Ja, ich wache auf! – Mir ist's, als blende ein Strahl des Morgenlichts die Augen! Ich komme!! – – Wohin? – Ach wohin!« –

Wie ein Träumender schreitet Josef einher. In seinem Innern ist's wie vor Sonnenaufgang. Die Schatten kämpfen mit dem Licht; noch sieht und erkennt man nicht, man ahnt nur eine große, leuchtende, naturgewaltige Kraft, welche siegen wird.

An demselben Tage traf ein Brief von Klaus ein. Er schrieb oft und lang, seine Zeilen atmeten das Entzücken, die hohe Befriedigung, welche ihm sein Schaffen gewährte. Er hoffte, daß ein Bild von ihm sich in der nächsten Kunstausstellung einen Platz erobern werde. Am Schluß des Schreibens fragte er an, ob Josef bereits direkte Nachrichten über die neue Goldquelle von Lichtenhagen erhalten habe. Durch Zufall seien Braunkohlen bloßgelegt, beim Graben eines neuen Brunnens auf dem Vorwerk Krembs sei man in einer mäßigen Tiefe auf eine Kohlenschicht gestoßen. Er, Klaus, habe es für geboten gehalten, durch einen Sachverständigen eine oberflächliche Nachforschung anstellen zu lassen, welche ein ungemein günstiges Resultat ergeben habe. Zwar sei er von Josef mit der Vollmacht betraut, während seines Aufenthaltes

in K–bürg die geschäftlichen Angelegenheiten von Lichtenhagen zu ordnen, – in diesem Falle aber wage er es doch nicht, in die Rechte des Besitzers einzugreifen. Wie ungeheuer schwerwiegend die Entdeckung sei, könne Josef selber am besten ermessen, da er sich in letzter Zeit besonders gern mit Ingenieur-Arbeiten in Bergwerken beschäftigt habe. Der Grund und Boden von Lichtenhagen könne Millionen bergen; um dieselben aber zu heben, sei selbstverständlich vorerst ein großes Betriebskapital nötig. Schon die genaue und gründliche Erforschung des Lagers bedinge recht bedeutende pekuniäre Opfer. Er sei der Ansicht, daß man in diesem Falle, wo so viel auf dem Spiel stehe, wohl berechtigt sei, Kapital aufzunehmen. Auf jeden Fall bitte er, daß Josef der Angelegenheit persönlich näher treten möge.

Heiße Glut brannte auf den Wangen des Lesers. Hochatmend, wie unter der Einwirkung einer gewaltigen seelischen Erregung, schritt er in dem Zimmer auf und nieder, und die Gedanken stürmten durch sein Hirn. Kohlengruben! Auf seinem eigenen Grund und Boden ein Bergwerk! Solch eine Möglichkeit allein wirkte wie berauschend auf ihn!

Der Bergbau hatte ihn seit je auf das lebhafteste interessiert, er hatte nur seiner Passion Vorschub geleistet, wenn er während seiner Studienzeit in Bonn jede Gelegenheit wahrgenommen hatte, die Bergwerksdistrikte zu bereisen.

O wie reizte es ihn damals schon so unwiderstehlich an, auf diesem Gebiete thätig zu sein! Und nun birgt die Erde von Lichtenhagen das Material, welches solch ein Schaffen und Arbeiten bedingt!

Josefs Augen leuchteten, es zuckt in seinen Armen, als müsse er sie strecken und dehnen, ihre Muskelkraft zu proben!

Und dann stöhnt er auf und läßt sie schlaff herniedersinken! Er weiß, was es heißt, ein Bergwerk zu erschließen; er weiß, wie viel es kostet, seinen Reichtum zu erforschen.

Woher aber solch ein Kapital nehmen?

Leider Gottes mußten so wie so schon Hypotheken auf das Gut aufgenommen werden, weil kein Barvermögen da war, um Wasserschäden, Baufälligkeiten alter Stallungen und die gründliche Renovierung des Gutshauses vornehmen zu können. Das Gut war sehr heruntergewirtschaftet und durch einen gewissenlosen Pächter ausgesogen worden, nun arbeitete man daran, all die Löcher wieder zuzustopfen, welche eingerissen waren, und das hatte Hypotheken absolut unerläßlich gemacht.

Und nun neue Schulden auf den Besitz häufen, um einer Möglichkeit willen, welche sich vielleicht als ein Phantom erweist?

Undenkbar! Es wäre sündhafter Leichtsinn! Es wäre ein Hazardspiel, bei welchem der Einsatz zum Spielball des Zufalls wird!

So lange seine Mutter lebt, darf Josef sich nicht auf derartig gewagte Unternehmungen einlassen. Er muß Gott danken, wenn die Hälfte des Gutes für die Zeit ihres Lebens ausreicht, denn bei dem heutigen Stand der Landwirtschaft können ein paar Jahre die traurigsten Veränderungen für einen Landbesitz mit sich bringen.

Nein, nein! Nicht noch mehr Schulden machen! Es ist nicht abzusehen, ob sie jemals abgetragen werden können – und Geld leihen, ohne die feste Aussicht, es zurückzahlen zu können, ist in Josefs Augen gleichbedeutend mit Diebstahl.

Und Interessenten werben? Kapitalisten für das Unternehmen gewinnen?

Torisdorff beißt mit finsterm Blick die Zähne zusammen. – Unmöglich! Mit dem Sohn des Bankrotteurs Sterley wird sich keiner associieren, und eine ablehnende Antwort, womöglich gar in verletzender Form – er ertrüge sie nicht. Sie würde ihn treffen wie ein Peitschenhieb, welcher seine Ehre brandmarkt!

Also Abschied nehmen von dem schönen, lockenden Traum – wieder scheiden und entsagen! Heute wie immer.

Doch ob er auch entsagte und die Möglichkeit einer Kapitalsaufnahme entschieden von sich wies, – vergessen konnte er nicht.

Tag und Nacht verfolgte ihn die Vorstellung von den Lichtenhagener Kohlenlagern. Der Gedanke an Charitas selbst wird durch diesen zurückgedrängt.

Seine ganze Seele war erfüllt von dem lockenden Bild einer Thätigkeit, welche jeden Nerv, jede Muskel an ihm straffte!

Lag er nachts mit offenen Augen auf seinem Lager, so sah er im Geist, wie sich das Bergwerk daheim gestaltete. Er selber allen Arbeitern voran mit rastlosem Fleiß, mit leidenschaftlichem Eifer!

Da gab es kein Ermüden, kein Erschlaffen! Den spitzen Bergmannshammer in der Hand, stand er selber und riß die tiefen Narben in die Scholle, welche sein Geschlecht geboren. Dann hörte er das Knirschen des Erdreichs, scharf und sein, so wie es damals durch die Gewitternacht zu ihm emporklang, als er sein »Glück« in den Flammen des Blitzes geschaut.

Arbeit! Ja, das wäre eine Arbeit! Das wäre die heilige, große Pflicht, welche seine Ahnen ihm aufbewahrt, die Schätze zu heben, über welche seit Jahrhunderten der Pflug dahingeglitten, wahrend und hütend, bis einst die ernste Stunde kommen werde, wo ein später Enkelsohn jenes Schatzes bedarf, um seine Ehre frei zu kaufen!

Arbeit und opfermutiges Erbarmen! Wie eine Binde fällt's von Josefs Augen, wie eine große, wundersame Erleuchtung kommt es über ihn; er weiß es plötzlich, zu was ihn der Adel seiner Gesinnung verpflichtet, was die Schuld sühnt, was die Wunden, welche der Stiefvater geschlagen hat, heilen kann. Er sieht sich stehen in rastlosem Schaffen, er sieht sich im Schweiße seines Angesichts an einer Lebensaufgabe arbeiten, so edel, so groß, so wahr, daß sie eines Menschen Dasein reichlich füllt. Er träumt von dem Sieg, von dem Ziel, wo er durch eigene Kraft die schlummernden Millionen gehoben, nicht für sich, nicht für sein Geschlecht, sondern für jene, welche durch Sterleys Schuld an den Bettelstab gebracht sind.

Heilig, heilig die Stunde, wo er die Schuld an jene Menschen abzahlen kann, wo sein Schweiß den Schandfleck abwäscht, welchen der Bankrott des Bankhauses und das Zurückbehalten von Lichtenhagen auf den Schild der Ehre gezeichnet. Wie eine Offenbarung ist es über ihn gekommen und eine Begeisterung erfüllt ihn, welche ihn voll unwiderstehlicher Gewalt seiner Bestimmung entgegentreibt.

Dennoch trauert der Adler mit gebundenen Schwingen; das Geld, welches einzig die Pforten des Glückes erschließen kann, ist unerreichbar. Abermals vergehen Tage.

Eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit gegen alles, was ihm früher als Inbegriff des Lebens gedünkt, ergriff ihn; wie ein Frost hatte es die zarte Blüte phantastischer Jugendschwärmerei getroffen.

Wenn am Morgen der Gruß des Wöchners im Schlafsaal ertönte: »
Laudetur Jesus Christus, surgant omnes reverendi domini fratres!« (Gelobt sei Jesus Christus, wacht auf, ehrwürdige Brüder!) – so durchschauerte ihn ein Empfinden, als gehe ihn diese Anrede, diese Gemeinschaft nichts mehr an, als sei er ein anderer, ein Fremder geworden, dessen Körper wohl noch als wesenloses Etwas in diesen Mauern weilt, dessen Geist aber längst einen anderen Flug genommen – fernhin, wo ihm eine Heimat winkt! –

Duncaczy faßte seine Hand und schaute mit ernstem Blick in sein übernächtiges, verstörtes Antlitz. »Bist du krank, Josef?«

Torisdorff lächelte zerstreut und schüttelte den Kopf: »Sie wissen es ja, was mich quält, lieber Freund! Ich gab Ihnen mein Herz von Grund aus zu schauen, als ich ehemals kam.«

»Und die bösen Geister des Zweifels, der Ruhelosigkeit sind noch nicht gebannt?«

Josef biß die Zähne zusammen. »Sie werden es wohl nie!«

»Kleinmütiger! Arbeiten Sie! Beten Sie! Die Zeit hilft Ihnen.«

Arbeiten! O, daß er es könnte! Jenes tote, kalte Studium, jene Bücherweisheit, welche das Hirn nur belastet und den brennenden Durst dennoch ungestillt läßt, ist keine Arbeit für ihn; früher ahnte er es, jetzt weiß er es. Er schrieb an Klaus. Er beschwor ihn, auf Mittel und Wege zu sinnen, das Unmögliche möglich zu machen.

Und wieder verstrichen Tage.

Da klopfte der Depeschenbote an die Klosterpforte.

Ein Telegramm für den Freiherrn von Torisdorff. Es ist während des »
Silentium«.

Josef saß im Schatten der alten Kirchhofmauer und studierte.

Er sah mit glanzlosem Blick auf, als einer der Präfekten an ihn herantrat und ihm die Depesche mit fragendem Blick entgegenhielt. Der junge Mann zuckte zusammen, eine Blutwelle schoß ihm in die Schläfen. Seine Finger vermochten kaum das Papier zu öffnen. Er blickte darauf nieder, und alles Blut wich aus seinem Antlitz, Ein Aufstöhnen, ein leiser Aufschrei des Entsetzens – »Mutter! Mutter!«

Der theologische Professor nahm das Blatt aus Josefs bebender Hand. Er las:

»Ihre Frau Mutter durch einen Lungenschlag soeben von ihren Leiden erlöst. Erwarte Sie und Herrn Bruder hierselbst, alle weiteren Bestimmungen zu treffen. Charles Verdan, Doktor.«

Er legte die Hand auf die Schulter des Schluchzenden.

»Armer, junger Freund, – armer Freund!« murmelte er.

Und dann schritt er auf leisen Sohlen davon, dem Rektor die erschütternde Nachricht mitzuteilen, welche Aufschluß über das auffällig veränderte Wesen des jungen Klerikers gab. Er wußte wohl schon seit seiner Rückkehr, wie es um die Mutter stand, und die Qual seines Herzens hatte ihr gegolten.

Josef aber sank an der steinernen Bank nieder, barg das Antlitz in den Händen und weinte bitterlich.

Wie ein Keulenschlag, jäh, unerwartet hatte ihn die entsetzliche Nachricht getroffen, er brach momentan unter ihr zusammen.

Der Wind aber raschelte in den Blättern der Bibel und wandte sie leise um, Seite für Seite. Als Josef sich aufrichtete und sein verstörter Blick, voll Schmerz und Bitterkeit, mechanisch über die Buchstaben irrte, haftete

er plötzlich an einer Stelle: »Hiob! – Aus sechs Trübsalen will ich dich erretten, und in der siebenten soll dich kein Übel rühren!« – Wie eine tröstende Prophezeiung leuchtete es ihm entgegen.

Zurück nach Montreux!

War in der letzten Zeit das Bild der Mutter, welches in seinem Herzen bisher stets den ersten Platz eingenommen, durch das holde, liebverklärte Antlitz einer Charitas ein wenig verdunkelt worden, – jetzt leuchtete es mit all der Glorie, mit welcher trauernde Liebe ihr größtes Kleinod schmückt, und nichts drängte sich daneben; selbst das Andenken der Geliebten wich in diesen Stunden einer stillen Totenfeier.

Josef empfand es beinahe als Trost, daß Charitas nicht mehr in der Printaniere weilte.

Es hätte ihm ein Verbrechen gedeucht, wenn sich auch nur der Hauch eines Gefühls, welches nicht tiefste Trauer und Wehmut gewesen, in sein Herz geschlichen hätte.

Der Tod hatte eine noch viel engere Schranke um ihn und die Mutter gezogen, wie das Leben, jetzt gehörte er ihr allein, mit all seinem Denken und Empfinden. Welch schwere, namenlos schwere Stunden.

Wie übervoll die Welt an Leid und Schmerz, so lange ihm das bleiche Antlitz noch aus den Blüten des Sarges entgegenlächelte, und wie öde, wie leer, seit dieser Sarg in die kühle Erde gesenkt war.

Welch einen Trost fand Josef in diesen Stunden in der Treue seines Stiefbruders! Nie waren sich die beiden jungen Männer so nahe getreten, als in dieser Zeit der Vereinsamung, in den stillen, grauen Tagen, welche sie nach der Beisetzung noch zusammen in der Printanière verlebten.

Es galt, den kleinen Haushalt der Mutter, welche sich mit viel eigenem Hab und Gut die fremden Wohnungen heimisch gemacht, aufzulösen.

Sie konnten sich nicht allsogleich dazu entschließen, und diese bange Zeit des Verwindens und Harrens gewährte Klaus einen tiefen Einblick in das Herz des Bruders, was die Pläne und Hoffnungen betreffs des Lichtenhagener Kohlenlagers betraf. Über seine Liebe zu Charitas verlautete kein Wort. Es hätte Josef wie eine Entweihung seiner heiligsten Gefühle gedünkt, die Person der Geliebten, welche für ihn ein Bild der Gnade war, der leisesten Mißdeutung auszusetzen. Seine Liebe war für ihn die zarte Wunderblume aus Wala al Walhas Garten: traf sie ein fremder Blick als Knospe, so sank sie in die Tiefe, unwiederbringlich dahin mit all dem Zauber und Glück, welches sie verheißen.

XIV.

Noch hatten sich die Brüder nicht entschließen können, den Nachlaß der Mutter zu ordnen, da aber die Zeit verstrich und Klaus seine Studien nicht länger unterbrechen konnte, so mußte auch dieser traurige Schritt gethan und die kleine Häuslichkeit aufgelöst werden. Die eigenen Möbel – sie bestanden nur in Bett, Liegsessel, Krankenwagen und einer Badeeinrichtung – welche Ines stets mit sich auf Reisen geführt hatte, sollten ebenso wie ihre Koffer und sonstigen Effekten nach Lichtenhagen geschafft werden.

Lina erhielt Kleider und Wäsche, und Josef öffnete soeben die kleine Schmuckschatulle, um noch ein wertvolleres, passendes Andenken für die treue Dienerin herauszusuchen.

Als er den atlasgepolsterten Deckel zurückschlug, fiel sein Blick auf einen geschlossenen Brief, welcher zu oberst auf den verschiedenen Etuis lag.

»An meinen Sohn Josef. – Nach meinem Tode zu öffnen.«

Aufs höchste überrascht und betroffen nahm Josef das letzte Vermächtnis der Mutter empor. Sein umflorter Blick weilte voll tiefen Schmerzes auf den geliebten Schriftzügen, und seine Hände bebten, kaum vermochte er das Siegel zu lösen.

Dann sank er schwer in den Sessel vor dem Schreibtisch nieder und las:

»Mein einzig geliebter Sohn!

Wenn meine Lippen für ewig verstummt sind und Dir keine Worte zärtlicher Liebe mehr sagen können, sollen diese Zeilen statt meiner zu Dir reden und Dir den letzten Gruß und den Segen Deiner Mutter bringen. Lange habe ich mit mir gekämpft, ob ich Dir schon bei Lebzeiten eine Mitteilung machen solle, welche ich gewissermaßen als Geheimnis vor Dir bewahrte; Dein überraschender Entschluß, Kleriker zu werden, ließ mich schweigen, denn für einen Mönch oder Geistlichen hatte meine Mitteilung keinen Wert. Gelangt dieselbe nach meinem Tode in Deine Hände, so ist nur einer Pflicht genügt; ich verhehle Dir aber nicht, mein Josef, daß mein heißestes Gebet täglich zu Gott fleht, daß Du nach Ablauf der drei Probejahre mir und der Welt zurückgeschenkt werden mögest. Gott verzeihe mir die Sünde – aber ich bin überzeugt, daß der Beruf eines Priesters Dich für die Dauer nicht befriedigen kann. Das Mutterauge sieht scharf, und das meine blickte in des Sohnes Herz. So ist es mir plötzlich wie eine seltsame Vorahnung, als ob dieser Brief noch zur rechten Zeit in Deinen Besitz gelangen würde. Laß mich beichten, Josef. Als ich meine zweite Ehe mit Sterley einging, that ich es um Deinetwillen. Während meiner ersten Ehe hatte ich nur an mein Glück, nicht aber an das meines Kindes, nur an die Gegenwart und nicht an die Zukunft gedacht. Ich hatte weder gespart noch gesorgt für Dich. Das wollte ich in der zweiten Ehe gut machen. Ich dachte nicht mehr an mich, mein Josef, mein Leben war abgeschlossen; ich versagte mir alles Überflüssige, um für Dich zu sparen. Und es gelang mir. O, wie schwer wiegen in dem Hause eines Millionärs all die Brosamen, welche sonst sorglos in den Wind gestreut werden! Ich sammelte sie zu einem goldenen Berg. Mit den Jahren wuchsen sie zu einem beträchtlichen Vermögen heran, dessen Vorhandensein mich mit Ruhe und Zufriedenheit erfüllte, wähnte ich doch, daß der Besitz Lichtenhagen ohne Privatvermögen nicht gehalten werden könne. In diesem Briefe eingeschlossen liegt das Verzeichnis der Wertpapiere, welche als mein persönliches Eigentum in Bern auf der Nationalbank liegen. Die Depositenscheine befinden sich in dem versiegelten Packet zu unterst in diesem Kasten, ebenso alles Andere, was zur Hebung des Kapitals erforderlich ist.

Solltest Du, was ich inständig hoffe, den Beruf als Kleriker aufgeben und Lichtenhagen übernehmen, so wird Dir diese Erbschaft hochwillkommen sein, bleibst Du hingegen im Kloster oder wirst Du Weltgeistlicher, so daß eine legitime Nachkommenschaft ausgeschlossen ist, bestimme ich, daß mein hinterlassenes Vermögen an meinen Stiefsohn Klaus fällt, welchem Du dann wohl auch das Gut überlassen wirst. Ich betone noch einmal, daß besagtes Vermögen mein persönliches Eigentum ist, es sind die Ersparnisse von meinem Nadel- und Wirtschaftsgelde, sowie die Geschenke, welche James mir machte. Ich habe es für Dich gesammelt, und mein Segen ruht darauf. Walte Gott, daß es Segen bringe!«

Josef ließ das Briefblatt sinken, es wogte und wallte vor seinen Augen, alle Buchstaben tanzten wirr durcheinander.

Fassungslos, aufs höchste erregt, schlug er die Hände vor das Antlitz. »Mutter, Mutter, das thatest du für mich?«

Und dann kam es über ihn wie ein Rausch, wie ein Taumel ungeheuerster Aufregung. Ein Wunder hat sich begeben!

Er ist der Besitzer eines bedeutenden Vermögens geworden, er hat plötzlich Kapital in Händen, er vermag es aus eigener Kraft, die Kohlenlager von Lichtenhagen zu erschließen!

Diese Erkenntnis blendet ihn, läßt ihn bis zum tiefsten Herzensgrund erzittern, und als sich just die Thüre öffnet und Klaus über die Schwelle tritt, wirft sich Josef mit glühenden Wangen an seine Brust und schluchzt laut auf: »Lies, mein Bruder! Lies Klaus, was diese Stunde uns ermöglicht!«

Thränen glänzten an seinen Wimpern, ein wundersames Gemisch von tiefster Wehmut und Rührung, sowie von himmelhochjauchzender Dankbarkeit trieb sie in seine Augen. Wie ein Feuerstrom rann es durch seine Glieder, Er breitete die Arme aus wie einer, welcher durch Wetter und Frühlingssturm mühsam sich durchkämpfend, endlich des Lenzes lachende Gefilde vor sich sieht, wie einer, welcher die Welt anschaut, als habe sie ihm ihre verschlossenen Pforten neu aufgethan, wie einer, welcher mit blinden Augen irrend und ringend nach dem rechten Wege suchte und endlich ihn vor sich sieht, eben und sonnig wie eine Verheißung unendlich großen Glückes!

Auch Klaus empfand eine unbeschreibliche Herzensfreude bei diesem jähen Wandel der Geschicke, und Arm in Arm, mit leuchtenden Äugen schritten die beiden jungen Männer in dem kleinen Zimmer auf und nieder, die ersten, notwendigsten Schritte für die nächste Zukunft beratend.

»Ich kenne jetzt keine Zweifel und keine Unentschlossenheit mehr!« atmete Josef auf, »Die Frühlingsstürme meines jungen Lebens haben mich lange und grausam genug geschüttelt, nun ist ihre Macht zu Ende, auch sie weichen einem Wonnemond der Erlösung! Ich kehre nicht wieder nach K – burg zurück, ich scheide von einem kurzen Wahn, welcher für mich ein trügerischer war! Und dann eile ich nach Lichtenhagen, in rastlosem Fleiß die Hände zu rühren! Segnet der Allmächtige unser Werk, erweisen sich die Kohlenlager thatsächlich als Goldgruben, so sollen

bald die Thränen derer trocknen, an welche wir eine so große Schuld abzuzahlen haben!«

»Josef!« Mit bebenden Armen umschlang Klaus seinen Nacken. »Das willst du wahrlich thun? Du willst dein Geld und Gut opfern, um den Makel von Vaters Namen zu waschen, welchen Betrug und Schlechtigkeit anderer ihm aufgebürdet? O Josef – wie soll ich dir solch einen Edelmut, solch eine Seelengröße danken?! Sieh, ich will dir nun gestehen, warum ich in deinen Augen so ehrvergessen war, die Einkünfte von Lichtenhagen für meine Studien anzunehmen, – ich wollte ein berühmter Mann werden, ein Makart, ein Menzel, deren Pinsel schließlich zum Zauberstab wird, welcher die Schatzkammern eines Sesam öffnet! Bei Gott, Josef, ich dachte dabei nicht an mich selbst, an Ruhm und Wohlleben; ich dachte an meinen armen Vater, dessen Ehre die Welt steinigt, der gebrandmarkt im Grabe liegt! Wie trostlos und peinigend war der Gedanke für mich, daß vielleicht erst ein halbes Menschenalter verstreichen müßte, ehe ich den durch die Firma geschädigten Menschen ihr verlorenes Geld zurückgeben könnte! Aber ich verzagte trotzdem nicht, und nun kommst du, mein Josef, und bringst mir Hilfe, wo ich sie am wenigsten vermutete! Gott lohne es dir! Und kann ich jemals im Leben dir zu Diensten sein, fordere alles von mir, alles, ich gebe es und bleibe dennoch dein Schuldner!«

Nie war die Freundschaft und gegenseitige Zuneigung der Stiefbrüder eine herzlichere gewesen als in diesen Tagen, wo ein gemeinsames Ideal beider Seelen erfüllte, wo sie Hand in Hand auf einem Wege ein und demselben edlen und hohen Ziele entgegenstrebten.

Josef richtete ein Schreiben an den Bischof und zeigte ihm seinen Entschluß an, aus der Reihe der Kleriker austreten zu wollen, und nachdem er den inhaltschweren Brief abgesandt, stieg er zum erstenmale wieder empor in die stille Waldeinsamkeit, an all den trauten Platzen seliger Erinnerung eine ernste Herzensfeier zu halten. Wie wunderbar verwandelt stand er jetzt an derselben Stelle, wo er vor wenigen Wochen noch als unstäter, ruheloser, gequälter Mann, bar aller Hoffnung, ohne jeden Glauben an sich selbst und seine Zukunft zusammenbrach. Damals stand er noch mitten in dem tosenden Kampfe mit den Frühlingsstürmen, welche seinen Lebensbaum schüttelten; heute hat er die finsteren Mächte bezwungen, er hat sich selber und sein innerstes Wesen, den ehedem so unverständlichen Durst seiner Seele nach Frieden und segenbringendem Wirken verstehen gelernt.

Es ist still um ihn her und in ihm geworden, die wohlthuende, gesegnete Stille, welche der Lenz atmet, wenn sich der Blütenkelch aus dem Dunkel der Knospe gerungen, wenn die Zeit angebrochen, wo die keimende Saat der Ernte entgegenreift.

Wie schwer ist es ihm geworden, den Weg zu finden, welchen Klaus seit Anbeginn vor Augen gesehen. Bringt denn nicht ein jeder Lebensfrühling seine Stürme mit sich?

Nein! So viele Menschen wie da wandeln, so viel verschiedene Wege, so viel verschieden Wetter! Hier Sonnenschein vom frühen Morgen bis zum späten Abend, – dort Sturm und Ungemach, Hagel und Frost, Hitze und Kälte!

– Und dennoch ein Winterschnee für alle, – ein Ziel und Ende.

Josef blickt lächelnd auf die weite, herrliche, glückselige Gotteswelt hinab. Der heutige Tag hat ihn neu geboren.

Sehnsucht und stilles, gläubiges Entzücken schwellt sein Herz.

»Charitas!« flüsterte er – »Charitas!« – und durch das Laub geht ein leises Säuseln der Antwort, ein duftiger Hauch, als sei sie ihm nahe in all ihrer leuchtenden Schöne und Jungfräulichkeit. Nun liegt kein Abgrund mehr zwischen ihnen. Josef wird mit starken Händen eine Brücke darüber schlagen und den Weg zu der Geliebten finden!

Soll er ihr schreiben? All den seligen Wandel seines Geschicks?

Nein. Charitas bat ihn, es nicht zu thun. Empfängt sie den Brief nicht, gelaugt er in falsche Hände, kann er ihr ganzes Glück gefährden.

Er will der Zeit harren, bis er ihr keine Hoffnungspläne, sondern Thatsachen berichten kann. Noch sind die Kohlenlager von Lichtenhagen ein Buch mit sieben Siegel, – und ehe ihr Geheimnis nicht erforscht ist, darf er nicht handeln wie ein Mann, welcher für seiner Hände Arbeit des Herzens süßen Lohn erheischt.

Noch ist sein Nest auf keinen sicheren Grund gebaut, noch liegt ein unbestelltes Feld vor ihm, welches alle Kraft, alle Gedanken, alle Zeit eines Mannes beansprucht, um urbar gemacht zu werden.

Rauscht aber sein Lebensstrom zwischen breiten, sicheren Ufern ruhig und glatt dahin, ist das Werk im Gange und winkt der sichere Erfolg, – hat er ein sicheres Fundament für fremdes Glück gebaut – dann darf er auch an das eigene denken, und dann soll Charitas dieses Glückes lichter Engel sein!

Wird sie dieses Tages harren?

Ja, sie thut es; sie liebt ihn, sie ist treu.

Wie er an sich selbst und seine wandellose Liebe glaubt, so glaubt er auch an die, welche für ihn zum Inbegriff menschlicher Vollkommenheit geworden.

Hier, in der trauten Waldeinsamkeit ist er mit allen Gedanken, mit all der tiefen, innigen Sehnsucht seines Herzens bei ihr. Dann aber heißt es mit klarem Auge und festem Sinn die wirren Fäden lüften, welche sich vorläufig noch über seinen Weg spinnen.

Aufs neue geht es in den Kampf! Aufs neue werden Stürme ihn umbrausen; diesmal aber ist es nicht mehr jener Aufruhr der Natur, welcher dem »Werde!« vorangeht, sondern die Wetterschauer, welche ein Sommer voll Wachsen und Gedeihen mit sich bringt!

Und Josef schüttelt leuchtenden Auges das lockige Haar in den Nacken, und hebt und dehnt tiefatmend seine Arme, – er fühlt voll jauchzenden Mutes ihre Kraft und vertraut ihr.

– – – Etwa vierzehn Tage waren vergangen, als Joses Antwort aus K–burg erhielt.

Der Brief enthielt mehrere Schriftstücke. Als erstes fiel ihm ein Schreiben des Bischofs entgegen, welches an den Abt von K–burg gerichtet war, und welches Josef hochklopfenden Herzens las. Es lautete: »Hochwürdiger Herr Abt, Dechant und Stadtpfarrer! Josef Freiherr von Torisdorfs, Theologe der etc. etc. Diözese, ging vor kurzer Zeit anläßlich des Begräbnisses seiner Mutter nach Hause, von wo aus derselbe ein Bittgesuch an mich richtete, in welchem er aus unbekannten Gründen mir seinen Austritt anzeigt und um seine Entlassung bittet. Zum geistlichen Stande möchte ich niemand zwingen, weswegen ich Ew. Hochwürden bitte, obengenannten Bittsteller verständigen zu wollen, daß ich sein Bittgesuch als angenommen erachte und ihn aus der Klerik hiermit entlasse. Seine Zeugnisse und Dokumente kann er von dem Rektor, welchen ich heute ebenfalls verständigte, herausverlangen, wenn er die vom Seminar erhaltene Reverenda zurücksendet. Sonst bin ich, mich Ihren andächtigen Gebeten empfehlend, Euer Hochwürden wohlwollender Oberhirt …† Paul Aegidius m. p.«

Josef starrte schwer atmend auf die Zeilen nieder, er empfand den Riß, welcher mit diesem Briefe geschehen, wie einen körperlichen Schmerz.

Er deckte für einen Moment die Hand über die Augen und fühlte es erst jetzt, wie tief schon all sein Denken und Fühlen in dem damaligen Beruf Wurzel geschlagen hatte.

Dies Loslösen that weh, und Josef schämte sich nicht eines Gefühls von Heimweh, welches ihn beschlich. Aber er überwand es, er las den Brief Duncaczys, obwohl er sich im voraus sagen konnte, daß derselbe in diesem Augenblick keine geeignete Lektüre für ihn war. Ja, der treue, väterliche Freund machte ihm das Scheiden schwer, und dennoch deuchte es dem Lesenden, als spreche eine gewisse Resignation aus den Zeilen, als habe Duncaczy kaum noch auf die Rückkehr des jungen Mannes gerechnet. Er beklagte Josefs Austritt aus tiefstem Herzen, aber er zürnte ihm nicht. »Besser ein guter Soldat, als ein schlechter Priester!« sagte er zum Schluß, wohl in der Annahme, daß ein Torisdorff zur Fahne zurückstreben müsse. »Wer nicht den Beruf eines Seelenhirten gleich heiliger Mission empfindet, der soll weltlich bleiben, denn ein scheinheiliger und sittenloser Priester schadet der Kirche und Religion mehr als hundert Atheisten mit ihrer ehrlichen Gottesleugnung!«

Wieder und wieder las Josef diese Zeilen, und sein Auge leuchtete auf, und sein Herz ward still – was er am meisten gefürchtet, hatte Gottes Gnade ihm erspart – seine Freunde hatte er nicht verloren.

Noch einmal blickte er voll Wehmut auf die Reverenda, ehe er sie einpackte. Sie war eine jener dunklen Wolken gewesen, welche der Frühlingssturm vor die Sonne treibt – nun wich sie ihrem Glanz.

Auch dies war ein bitteres Scheiden, kein Tropfen seines Kelches ward dem jungen Mann erspart. Und als er, versunken in seine Gedanken, vor dem lieben, ernsten Kleide stand und seine Hand wie in zärtlichem Segensgruß immer wieder darüber hinstrich, da tönte plötzlich vor dem Fenster ein seltsames Geräusch, das scharfe Knirschen eines Spatens, welcher in die Erde stößt.

Josef zuckte empor, die Reverenda sank aus seinen Fingern in die Kiste nieder, das Papier raschelte darüber hin.

Torisdorff aber trat an das geöffnete Fenster, an dasselbe, von welchem aus er damals in die dunkle, blitzdurchzuckte Gewitternacht geschaut.

Der Gärtner grub drunten ein Beet um, Josef aber sah im Geiste wieder das wundersam prophetische Bild seines Glückes.

Nun verstand er es! Die Arbeit und die opfermutige Barmherzigkeit! Sie stehen vor ihm und winken ihn in das Leben zurück! Frische, klare Luft streicht um seine Stirn, und Josef hebt freudig das Haupt und schaut diesem neuen Leben voll mutiger Zuversicht entgegen!

Die Zukunft hat ihm ihre goldenen Thore weit aufgethan, und das Vergangene liegt hinter ihm wie ein schwerer Traum.

Der Schnellzug fuhr in die große Glashalle der Residenz ein, und Josef betrat wiederum die Stadt, von welcher er für ewige Zeiten hatte Abschied nehmen wollen.

Wie anders wür alles gekommen.

Hochaufgerichtet, voll strahlender Freudigkeit schritt

er durch die Straßen, und die Leute sahen überrascht in das schöne, energische Antlitz, welches so gar nichts von der Unzufriedenheit, dem Mißmut und der Nervosität des fin de siècle an sich hatte, sondern mit so hellen Blicken um sich sah, als habe er mit dem Glück einen ewigen Kontrakt geschlossen!

Und das hatte er auch!

Die Bohrungen hatten in Lichtenhagen stattgefunden, uud die Kohlenlager erwiesen sich als derart umfangreich, daß ihr Besitzer sich schon jetzt als sehr reicher Mann betrachten konnte.

Der junge Freiherr entwickelte eine fieberhafte Thätigteit, um die Bergwerksanlagen zu schaffen und so bald wie möglich in Betrieb zu setzen. Ein ungeheures Leben und Treiben begann in dem ehedem so stillen Lichtenhagen, und es deuchte Josef eine besondere Annehmlichkeit, daß das alte Gutshaus weit ab von all dem Getriebe lag, welches sich hauptsächlich auf dem Vorwerk Krembs entwickelte. Von früh bis spät war Torisdorff auf dem Arbeitsfelde thätig.

Er beaufsichtigte die Bauten, welche aufgeführt wurden, er stand dem Ingenieur zur Seite, ja er griff oft mit heißen Wangen selber zu Hacke und Schaufel, um persönlich Hand an das Werk zu legen.

Die Geschäfte führten ihn oft in die Residenz, so wie heute, wo er eilig durch die Anlagen schritt, welche der Spätherbst bereits entblättert hatte.

Die Luft pfiff ihm bitterkalt entgegen, kleine frierende Kinder trollten an ihm vorbei, die Händchen in die Schürze gewickelt, Ohren und Nase rot gefroren.

Die Wolken hingen so grau und schwer an dem Himmel, als wollten sie jeden Augenblick ein Schneegestöber herabschütten, und Josef gedachte der schweren Zeit, welche jetzt für die Armut hereinbrach.

Er seufzte tief auf, eine sehnende Ungeduld erfaßte ihn.

Ach, daß er schon jetzt hätte helfen können, daß er schon jetzt die Not derer zu lindern vermochte, welche der Bankrott der Firma Sterley zu Bettlern gemacht.

Seit dem Tode seiner Mutter ward nur die Hälfte der Lichtenhagener Rente von Klaus verbraucht, der Teil der Verstorbenen stand ihm zur Verfügung, und wie sicher voraus zu sehen war, genügte das ererbte Barvermögen vollständig zur Deckung des Betriebskapitals.

Ein jäher Gedanke durchzuckte den Freiherrn.

Mit dieser disponiblen Rente ließen sich gar viele Wohlthaten erweisen und mancher dringlichen Not könnte dadurch schon gesteuert werden.

Wahrlich, da ist keine Zeit zu verlieren!

Schnell entschlossen bog Josef in eine Querstraße ein, wo ehemals der eine der Konkursverwalter gewohnt hatte.

Richtig, noch glänzte das Weiße Porzellanschild mit Namen und Titel zur Seite der Hausthür, und Torisdorff betrat hastig den hohen, kasernenartigen Bau, dessen schmaler Hof mit den Hintergebäuden schon auf den ersten Blick all das Elend der Großstadt und ihrer kleinen Leute spiegelt.

Rechtsanwalt Hagborn empfing den jungen Gutsbesitzer etwas überrascht, und, wie es Josef schien, nicht mit dem verbindlichsten Gesicht.

»Darf ich Ihre Zeit für einen Augenblick in Anspruch nehmen, Herr Rechtsanwalt?«

Der alte Herr wies höflich auf einen Sessel. »Ich darf Ihnen gratulieren, Herr vou Torisdorff!« sagte er mit einem seltsamen Zug um die Lippen. »Die Zeitungen melden von neuentdeckten Kohlengruben in Lichtenhagen, welche ungeheure Reichtümer bergen sollen! Nun, da werden die Verluste, welche Sie durch die Insolvenz der Firma Sterley erlitten haben, schnell wieder ausgeglichen sein!«

»Das hoffe ich zu Gott, daß ich alle Verluste, welche die Gläubiger meines Stiefvaters betroffen haben, mit der Zeit daraus decken kann!«

Der Rechtsanwalt horchte hoch auf. »Wie, Herr von Torisdorff, Sie beabsichtigen –?«

»Die Schuld meines Vaters abzutragen, Herr Hagborn, und heute bereits einen schwachen Anfang damit zu machen, ist die Veranlassung zu meinem Besuch.« Josef streifte die Handschuhe ab, und begann, mit einer gewissen Hast seine Pläne klar zu legen, und je länger er sprach, desto heller glänzten ihn die Augen des alten Herrn unter den weißbuschigen Brauen an. Seine ganze Haltung, sein ganzes Wesen war plötzlich verwandelt, und als er Josef schließlich beide Hände entgegenstreckte, ihm mit warmen Worten seine herzliche Freude und Anerkennung über solch edles Vorhaben auszusprechen, da lag ein solcher Respekt in seiner Haltung, als habe sich vor ihm aus dem unscheinbaren und beinahe mit Nichtachtung begrüßten Gast urplötzlich ein Mann entpuppt, vor welchem man den Hut bis auf die Erde zieht,

»Gewiß, es wird mir ein leichtes sein, sehr verehrter Herr von Torisdorff, Ihnen die genaue Liste über die Gläubiger des Mister Sterley zu verschaffen, welche viel – ja zumeist wohl alles durch den Bankrott verloren haben. O, es war ein namenloses Elend damals. Ich bin an dergleichen Scenen gewöhnt; aber ich werde es nie lernen, kaltblütig dreinzuschauen, wenn die Witwen und Waisen vor mir Thränen der Verzweiflung weinen!

Ja, da werden Sie manch unglückselige Existenz wieder erträglich gestalten können! Und was die Rente betrifft – so, ich weiß jetzt schon gar manche, welchen eine jährliche Unterstützung wie ein Geschenk des Himmels kommen würde! Schon die Geheimrätin hier im Hinterhaus! Du lieber Gott – sie haben damals auch das ganze Vermögen durch Sterley verloren! Der alte Herr starb infolge der Aufregungen an einem Schlaganfall, und die beiden Damen, Mutter und Tochter, blieben im äußersten Elend zurück.«

»Und die Damen wohnen hier im Hinterhause?«

»Und wie wohnen sie! Daß Gott erbarm! Ehemals eine Bel-Etage und allen Luxus – und nun kaum ein Kämmerchen und trocken Brot! Die Mutter versteht keine Handarbeiten und darf auch ihres Leberleidens wegen nicht viel sitzen, da geht sie als Kochfrau zu kleineren Leuten. Wie oft gibt's aber da Taufe oder Hochzeit! Es ist beim besten Willen nichts zu verdienen!«

»Und die Tochter?«

»O, Fräulein von Damasus ist eine ganz reizende, junge Dame! Ein herziges, kleines Wesen, welches von ihrer früheren Gesanglehrerin unentgeltlich weiter unterrichtet wird. Sie soll zur Bühne, ein anderes Auskommen wissen sie nicht, denn seit zwei Jahren suchen wir umsonst eine Stelle als Kinderfräulein für sie, – alle nehmen Anstoß an der adligen Geheimratstochter und meinen: so ein verwöhntes Dämchen paßt nicht zu uns! – Verwöhnt! Du lieber Gott, das hat sie längst vergessen! Und nun das feine, liebe Ding auf die Bühne! An einem guten Theater kommt sie doch nicht gleich an, also heißt es, erst in die Hefe untertauchen, und was das in einer Großstadt besagen will, wissen Sie, Herr von Torisdorff. Sie wird moralisch gemordet! Und dieser Gedanke frißt an dem Herzen der alten Dame und bringt sie schier zur Verzweiflung. Aber der Hunger thut weh…«

Josef war aufgesprungen und durchmaß voll höchster Erregung das Zimmer.

»Unmöglich! Es darf nicht sein! Da muß Abhilfe geschaffen werden, ehe es zu spat ist! Die entsetzliche Verantwortung – um keinen Preis darf es geschehen!« Und er preßte die Hand gegen die Stirn und seine Augen irrten wie in hilflosem Suchen durch das kleine Arbeitszimmer.

Plötzlich blieb er vor Hagborn stehen und blickte ihm forschend in die Augen.

»Glauben Sie wohl, Herr Rechtsanwalt, daß die Geheimrätin eine Stelle als Hausdame annehmen würde?«

»Mit Kußhand! Es heißt nur, eine finden!«

»Sie ist gefunden. Ich empfinde die Einsamkeit und Unwohnlichkeit des alten Lichtenhagener Hauses sehr unangenehm, ich wollte schon in der Zeitung eine ältere Wirtschafterin suchen, da die jetzige mir nicht zusagt. Es würde doppelt angenehm für mich sein, eine gebildete Dame zur Führung des Haushaltes zu gewinnen, und könnte Frau von Damasus bei mir bleiben, bis ich in der Lage bin, ihr das verlorene Vermögen zurückzuzahlen.

»Herr von Torisdorff! Diesen Gedanken gab Ihnen der barmherzige Gott ein!« jubelte der alte Herr, stürmisch die Hände des Sprechers fassend. »Die unglückliche Frau wird Ihnen auf den Knien danken! Aber die Tochter? Fräulein Rothtraut, was wird aus ihr?«

»Nun, sie begleitet die Mutter, sie geht ihr im Haushalt hilfreich zur Hand! Die Damen sind ja völlig ungeniert in dem Haus! Ich bin fast den ganzen Tag in Krembs draußen, werde mir jetzt eine provisorische kleine Wohnung im Inspektorhaus einrichten, um durch das viele Hin- und Herreiten nicht zu viel Zeit zu verlieren! Platz ist also mehr als genug, und wenn sie sechs Töchter mitbrächte!«

Der Rechtsanwalt sah wie verklärt aus. »Gott im Himmel, welch ein Glück, welch ein unerwartetes Glück! Was wird meine Frau sagen, die liebt die Damen so sehr; kommen Sie, lassen Sie uns gleich hinüber gehen, teuerster Herr von Torisdorff, solch eine Freude darf man den Armen keine Minute vorenthalten.«

Josef wich zögernd zurück. Wie ein Zug der Verlegenheit schlich es in sein Gesicht. »Mein Besuch würde den Damen vielleicht peinlich sein, bester Herr Hagborn, und bitte ich Sie um die Güte, die Angelegenheit allein mit der Geheimrätin zu ordnen. Freie Wohnung, ein Gehalt … ja wieviel beträgt das? Ich bin absolut unerfahren darin! Bitte erkundigen Sie sich und bestimmen Sie alles Nähere! Wenn die Damen einwilligen, bitte ich um Nachricht in das Monopol-Hotel. Übermorgen reise ich zurück und würde mich freuen, wenn sich die Damen mir anschließen würden. Vielleicht läßt es sich arangieren, es wäre mir lieb!« – Noch ein kurzes, herzliches Lebewohl, und Josef stürmte mit hämmernden Pulsen die Treppe hinab.



Band 2

XV.

Josef hatte noch verschiedene Besuche zu machen und geschäftliche Abmachungen zu treffen. Als er nach etlichen Stunden in das Hotel zurück kam, empfing ihn bereits ein Brief Hagborns, welcher die über alles dankbare und frohe Zusage der Geheimrätin brachte!

»Wie ist es schön, der Bote eines solchen großen Glücks zu sein, mein lieber Herr von Torisdorff«, fuhr der Rechtsanwalt fort: »Sie können sich keine Vorstellung von der Freude machen, welche Sie zwei verlassenen und verlorenen Menschenkindern bereitet haben! Ich sah ehemals die Thränen der Verzweiflung in den Augen der alten Dame, heute – ihre Freudenthränen haben mich noch mehr ergriffen! Selbstredend sind Ihre beiden Schützlinge bereit, Ihnen übermorgen in die neue Heimat zu folgen, je eher sie der hiesigen Misere entrinnen können, desto besser! Frau von Damasus findet durch den freien Unterhalt in ihrem Hause schon überreichen Lohn für die wenigen Dienste, welche sie als Wirtschafterin und Hausdame zu leisten hat, sie wollte von einem Extragehalt absolut nichts wissen, doch bedarf sie meiner Ansicht nach ein kleines Taschengeld, um sich und die Tochter kleiden zu können. Ich habe ihr auch das klar gemacht, und fügt sie sich nun schließlich. Aber mehr als zwanzig Mark pro Monat wird sie keinesfalls annehmen. Also kann der Hauptteil der Rente noch anderen Bedürftigen zukommen; ich fürchte, wir werden sie schon in recht kleine Teile zerlegen müssen, um allen gerecht werden zu können, bei welchen schnelle Hilfe not thut.«

Josef lächelte mit strahlendem Blick. Noch nie im Leben hatte er ein solches Glück wahrer, innerster Befriedigung empfunden wie heute, wo er begonnen hatte, die ersten Steinchen von dem Felsen seiner Schuld abzulösen.

Glühender Eifer beseelte ihn. Er wollte der Geheimrätin nicht nur ein Unterkommen gewähren, sondern wollte ihr vor allen Dingen ein behagliches Heim schaffen. Mit Schrecken fiel ihm ein, daß das Gutshaus von Lichtenhagen in seinem jetzigen Zustande nichts weniger als behaglich und auf Damenbesuch eingerichtet war, und der erste Eindruck ist ein bleibender.

Seine dringendsten Besorgungen in der Residenz konnten bis morgen mittag erledigt werden; er that alsdann gut daran, direkt nach Hause zu eilen und die Wohnung für seine Gäste gemütlich herzurichten.

Er schrieb sogleich an den Rechtsanwalt und teilte ihm diesen Entschluß mit. Er überwies ihm das Reisegeld für die Damen und bat ihn, dieselben nach dem Bahnhof zu geleiten. Er selber werde auf Station D. mit dem Wagen anwesend sein, die Reisenden zu empfangen. Ein Gefühl der Erleichterung überkam Josef, als er diese Zeilen abgeschickt hatte. Es wäre ihm peinlich gewesen, gemeinsam mit den fremden Damen die Reise machen zu müssen. Er war solchen Verkehr nicht mehr gewöhnt, und außerdem war er willens, denselben auch in Lichtenhagen bis auf die äußersten und notwendigsten Umgangsformen einzuschränken.

Ja, wäre es die Geheimrätin allein gewesen. Aber ein Zusammenleben mit der jungen, hübschen Tochter ist kaum möglich, ohne die Kritik des Publikums und müßige Redereien herauszufordern.

Das durfte nicht geschehen. Es sollte kein, auch nicht der leiseste Schatten auf den Weg der Treue fallen, welchen er wandelte.

Charitas soll niemals Grund haben, an seiner Liebe und Ehrenhaftigkeit zu zweifeln; selbst der Schein muß vermieden werden, welcher zu falschen Deutungen Anlaß geben könnte. Er fuhr deshalb nicht direkt nach Lichtenhagen hinaus, sondern dirigierte den Kutscher vorerst nach dem Vorwerk Krembs, wo er für eine passende Junggesellenwohnung sorgen wollte.

Sehr verlockend war es nicht, in dem ehemaligen Bauernhause, welches dem zweiten Inspektor angewiesen war, zu wohnen, aber Josef kannte für sich und seine Person keine Ansprüche, und daß er nun mitten in all der Unruhe und dem Getriebe der neuen Bergwerksanlage leben sollte, deuchte ihm mehr eine Annehmlichkeit wie ein Opfer. Er wählte schnell zwei unbenutzt stehende Stäbchen aus, welche der unverheiratete Inspektor als Geschirrkammer eingerichtet hatte, gab Befehl, sie sofort herrichten und mit einem kleinen, eisernen Ofen versehen zu lassen. Seine Möbel schicke er schon morgen früh heraus.

Der Verwalter schüttelte bedenklich den Kopf.

»In diesen kleinen Buden wollen Sie hausen, Herr Baron? Du lieber Gott, ein so großgewachsener Herr paßt nicht unter diese Deckenbalken! Sie stoßen sich ja den Kopf daran ein! – Wahrlich! Ich glaube gar, Sie können nur gebückt darin einhergehen!«

Josef lachte. »Das hat man von seiner unnützen Länge! Nun heißt's, sich nach den Balken strecken. Wird nicht viel mit dem Stubensitzen werden, meine Promenaden mache ich draußen, und im Bett und am Schreibtisch komme ich ganz bequem unter!«

Die alte Magd kam bereits mit Wassereimer und Schrubber, um eine sündflutartige Thätigkeit zu entwickeln, und Josef flüchtete auf den Wagen zurück und sauste frohgemut dem Lichtenhagener Gutshaus entgegen.

Die Frau des Stellmachers trat ihm in der Hausthür entgegen.

»Guten Tag, Frau Menz! Ich bringe Ihnen eine Überraschung mit! Einquartierung! – Lichtenhagen soll eine Hausfrau erhalten! Vorläufig nur eine engagierte« – fügte er lachend hinzu, als er in das freudig staunende Gesicht der jungen Frau blickte. »Die legitime Herrin kommt erst später! – Und nun rufen Sie mal alle dienstbaren weiblichen Geister zusammen, derer Sie habhaft werden können, wir müssen in größter Eile eine Wohnung für die Damen herrichten!«

Frau Menz schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Na, das that auch not, Herr Baron! Es war ja gar zu einsam bei uns, und mußte wirklich anders werden! – Also mehrere Damen? – Zwei? – Nun, das ist ja schön! Je mehr, je besser, das Haus ist ja groß genug! Sind es zwei alte Damen?«

»Nein! Mutter und Tochter! Frau Geheimrat von Damasus – wenn es Sie interessiert!« – Josef warf einem Knecht die Zügel zu und sah nicht das pfiffige Lächeln, welches lauter kleine Fältchen um die Augen der Stellmacherin zog; er sprang zur Erde und eilte die steinernen Stufen empor, welche zu der uralten, rundgewölbten und wappengeschmückten Hausthür führten.

»Kommen Sie gleich mit, Frau Menz, wir wollen die Einteilung treffen!«

Der Sprecher sah sich in dem weiten, altmodischen Flur um, als sähe er ihn zum erstenmal. Eine hohe Uhr in buntgemaltem, kiefernem Gehäuse stand seitlich der breiten Steintreppe, welche in den ersten Stock führte.

Tick, tack, tick, tack summte sie, der Perpendikel stellte ein großes, lachendes Gesicht dar, welches voll neckender Beharrlichkeit an dem runden Guckloch erscheint und wieder zurückhuscht. Wie bei einer Turmuhr, tief und melodisch, klingt ihr Schlag.

Seitlich an der Wand stehen hölzerne Truhen mit verrosteten Beschlägen und bunter Wappenmalerei, es weiß wohl kein Mensch mehr, was darin aufgespeichert liegt. Eichenmöbel mit ungeheuer klobigen Füßen gruppieren sich um einen riesengroßen, offenen Kamin, welcher ehedem diese Vorhalle heizte und sie zum wohnlichen Raume machte. Ein paar Ölbilder – so gedunkelt, daß man sie wohl kaum noch erkennen kann, hängen an den Wänden gegenüber. Das eine stellt ein Abendmahl dar, – feierlich, steif und ernst, wie Hans Holbein seine Heiligen zeichnete. Nur die Gesichter und Hände heben sich noch hell von dem dunklen Hintergrund ab, und der Becher in der Rechten des Herrn glänzt noch in matter, vielfach abgesprungener Vergoldung. Gegenüber dehnt sich eine Landschaft in ehemals sehr saftig gewesenem Grün aus. Ein Herr in Allongeperrücke mit breit abstehendem Taillenrock und enormen Waden befehligt mit erhobenem Krückstock eine Schar Feldarbeiter, rechts wird ein Wald gefällt und im Hintergrund hält ein großer Planwagen, mit vier Ochsen bespannt. Dieses Bild stellt den alten Erasmus von Torisdorff dar, welcher Sumpfniederungen an der Weichsel urbar machte und durch seinen zweitgeborenen Sohn das Geschlecht nach dort verzweigte. Josef wendet sich rechter Hand nach einer niederen, geschnitzten Thür, auf deren Sims ein paar staubige Krüge und Becher stehen.

»Ist abgeschlossen, Frau Menz?«

»Nein, gnädiger Herr, ich habe heute morgen wieder gelüftet und wollte alle Fenster erst gegen Abend schließen.«

Die Klinke des altmodischen Schlosses sinkt kreischend nieder. Ein großes, viereckiges Zimmer, nicht sehr hoch, aber luftig genug. Eine gepreßte Ledertapete bedeckt die Wand, stellenweise schon recht defekt. Die Einrichtung ist sehr alt, die Stühle und Sophas stehen so steif da, als hätten sie die Gicht in allen Gliedern, verblaßte, fleckige Bezüge, eine bestaubte Glasservante mit wunderlichen alten Herrlichkeiten, Porzellanfigürchen, Döschen, glotzäugigen Möpsen, elfenbeinerne Spinnrädchen, Körbchen und Väschen, Flaçons und Riechdosen, – na, vielleicht macht es der Geheimrätin Spaß.

Der Krystallkronleuchter steckt in einem Mullsack, dennoch ist ein Arm abgebrochen.

Josef sieht sich nachdenklich um. Das Zimmer ist hübsch und würde bequem gelegen sein, aber die Einrichtung muß geändert werden. Nebenan noch ein schönes, luftiges Gemach mit wenig Möbeln und kahlen Wänden, deren großblumige Rosentapete neben dem braunen Kachelofen, um welchen sich eine gepolsterte Sitzbank zieht, hernieder hängt.

»O weh!«

»Das ist in einer Stunde angeklebt und trocknet heute nacht. Vielleicht nageln wir die Stücke auch an, damit der Kleister nicht riecht!«

»Das wäre schön. Diese beiden Vorderzimmer könnten die Damen bewohnen, hier diese Stuben nach dem Garten zu müssen Schlafzimmer werden!«

»Schlafen denn Mutter und Tochter nicht zusammen?«

»Das ahne ich nicht, und können es sich die Damen nach Belieben einrichten. Nebenan soll entweder die Mamsell oder ein Mädchen schlafen, damit stets Bedienung zur Stelle ist!«

Auf dem wurmstichigen Parquetboden polterte und stampfte es heran.

Mamsell und ein paar Mägde, sowie der alte Schaal, der Gärtner, erschienen.

Josef erteilte schnell seine Befehle. Alles sehr sauber machen! Die braunen Sammetmöbel aus dem Ecksalon der ersten Etage sollen hinunter in das Zimmer der Frau von Damasus gebracht werden: die zierlichen vergoldeten Rokokomöbelchen mit den Streublumen kommen in das Rosenzimmer für das gnädige Fräulein! »Wie steht es mit den Gardinen?«

»Wir haben gewaschen, oben ist alles sauber.«

»Gut, so hängen Sie die besten hier unten auf. Den Töpfer habe ich schon bestellt, er soll die Öfen nachsehen und Probe heizen!«

»Wird ganz gut gehen! Wir haben letzten Winter, als noch der Pächter die Schlüssel hatte, öfters hier im Erdgeschoß geheizt, um Wäsche zu trocknen!«

Aha! Daher die hängende Tapete und der zerbrochene Kronleuchter! Aber das ist momentan nebensächlich, die Thatsache, daß die Öfen in dem alten Haus wirklich noch ihre Schuldigkeit thun, ist eine sehr angenehme Überraschung. Josefs größte Sorge ist dadurch gehoben.

»Und die Zimmer des gnädigen Herrn jenseit des Flures? Bleiben die unverändert?« fragt Mamsell.

»Nein, mein Wohnzimmer soll zum gemeinsamen Speisezimmer eingerichtet werden. Es bleibt im Ganzen unverändert, nur der Tisch und die Lederstühle kommen in die Mitte, es speist sich im Winter gemütlicher in einem kleinen Raum als in dem Saal. Mein Arbeitskabinet und die Schlafstube bleiben unverändert und stehen für mich bereit; die Geheimrätin kann sie abschließen!«

»Abschließen?«

»Ja, ich wohne von morgen an in Krembs, um die Arbeiten persönlich zu überwachen!«

Große Enttäuschung auf allen ehedem so listig lächelnden und gespannten Gesichtern.

»Wie steht es mit Ihrer Livree, Schaal?

»Da ist man bloß das Kutscherzeug, gnädiger Herr.«

»Gut, ich verschreibe Ihnen heute abend noch alle notwendigen Sachen aus der Residenz. Sie schlafen von morgen ab auch hier im Hause, in dem Dienerzimmer. Wie steht es eigentlich mit den Klingeln?«

»Da ist wohl nichts mehr mit zu wollen, gnädiger Herr, die sind man alle verrostet und abgerissen.«

»So sollen ein paar elektrische Drähte gelegt werden. Ich schreibe sogleich einen Brief, den kann der Milchmann heute abend mit nach D. nehmen. Ich hoffe, dann kann die Leitung morgen schon gelegt werden! – Und nun ans Werk! Ich überlasse es Ihnen, Frau Menz und Mamsell, die Wohnung so gemütlich wie möglich für die Damen herzurichten, nehmen Sie aus den Salons der oberen Etage, was sie brauchen. Die Betten sind ja in den Fremdenzimmern gut und reichlich vorhanden!«

»Unbesorgt, Herr Baron, wir wollen es ganz nach Wunsch machen!« Und dann hub eine wilde Jagd durch das Haus an, daß die alten verschlafenen Herrlichkeiten jählings aus ihrem langjährigen Traum aufgeschreckt wurden. Frau Menz sauste mit rasselndem Schlüsselbund auf und nieder, der Staub wirbelte in dichten Wolken auf und ein Geruch von Kamphor und Naphthalin durchzog die Luft, bis es frisch und kräftig durch Fenster und Thüren blies, wie der Lebensodem einer neuen Zeit, welche dem alten Haus noch einmal ein Stückchen Jugend vorzaubern soll.

Die Mägde schleppten Betten und Teppiche auf den Hof und klopften und schüttelten wie die Goldmarie bei Frau Holle – und Josef saß vor seinem Schreibtisch und lächelte.

Wie wohl that ihm dieses muntere Treiben in dem sonst so grabesstillen Hause! Schade ist, daß er in Zukunft so wenig davon genießen kann.

In Zukunft?

Glühende Röte steigt in seine Wangen, und seine Augen strahlen auf. Gott sei Dank, die Zukunft gehört ja ihm und dem Glück! Und so es der Allmächtige will, kommt auch jene selige, wonnevolle Zeit, wo das Gutshaus von Lichtenhagen sich rüstet, eine junge Herrin zu empfangen.

Dann sollen die Rosen und Myrten es umranken, und die Zeit der Frühlingsstürme soll vorüber sein!–

Der nächste Morgen brachte den ersten Schnee mit. Langsam rieselten die weißen Flocken durch die Luft. Grau in Grau lag Himmel und Erde, und Josef stand an dem Fenster und blickte heiter in den kahlen Park hinaus, welcher sich in zarte, weiße Dunstschleier zu hüllen begann.

Das Herrenhaus war alter Sitte gemäß mit der Front nach dem großen Ökonomiehof gebaut und gewährte nur von den Seitenflügeln und Rückzimmern den Blick in den Garten. Josef hatte für sich eine Eckstube gewählt, von welcher sowohl Hof wie Park zu übersehen waren, und er freute sich solchen Auslugs, denn das geschäftige Leben und Treiben um ihn her that ihm wohl.

Die Gegensätze hatten sich wunderlich berührt. So sehr wie er ehemals die Einsamkeit und beschauliche Stille geliebt hatte, so suchte er jetzt die höchsten Wogen von Arbeit und Leben auf, um voll hohen Eifers und unermüdlicher Begeisterung die Kräfte daran zu messen. Welch ein herrliches Leben in diesem großen Wirkungskreis, wo er seiner Hände Werk wachsen und werden sieht, wo sich der Erfolg in greifbarer Form dem Auge bietet und das Ziel kein illusorisches, sondern eine reelle Verwirklichung all der schönen Pläne ist, welche dem Geist vorschweben.

Welch eine Befriedigung! Welch ein Glück! Und welch eine freudige Genugthuung, schon heute mit dem Vergelten und Sühnen beginnen zu können.

Josef dachte nicht an die Wohlthat, welche er den beiden hilflosen Damen erwies, sondern in erster Linie an sich selbst und die Herzensfreude, welche er an solchem Wohlthun empfand. Daß geben seliger ist, denn nehmen, empfand er jetzt in des Wortes vollster Bedeutung.

Stets von neuem trat er in die Zimmer, welche die Mamsell und Frau Menz ganz erstaunlich hübsch und behaglich hergerichtet hatten. Sauber und wohnlich! Vor den Fenstern leuchteten blendend weiße Mullgardinen, der Ofen strömte wohlthuende Wärme aus, und auf dem Blumentisch prangten die schönsten Töpfe, welche Schaal hatte auftreiben können.

Sogar das Knäuelkörbchen stand schon auf dem Fensterbrett bereit, wo der bequeme Sessel, von erhöhtem Tritt aus, so recht zum Sitzen und Ausschauhalten einlud.

Hier konnte die Geheimrätin ihr Regiment beginnen.

In Fräulein Rothtrauts Zimmer stand sogar das alte Tafelklavier, welches der Pächter ein wenig hatte herrichten lassen, damit seine Älteste darauf üben könne.

Josef lachte, als er es anschlug. Wie heiser und kurzatmig klang es! Aber es war immerhin besser als nichts, und Fräulein von Damasus brauchte ihre Studien nicht zu unterbrechen. So Gott will, kommt auch noch die Zeit, wo es durch einen schönen, neuen Flügel ersetzt werden kann, – vorläufig heißt es noch säen, damit später desto reicher geerntet werden kann.

Wie langsam die Morgenstunden vergehen!

Es ist Sonntag, Arbeit gibt es heute nicht, und da die Pferde zur Station müssen, will Josef eine doppelte Stallarbeit vermeiden. Er hat die kleine Strecke nach Krembs zu Fuß zurückgelegt, um dort nach dem Rechten zu schauen. Die frische, klare Winterluft ist eine Erquickung gewesen, und seine kleine Wohnung im Inspektorhaus sah auch schon ganz einladend aus.

Der Ofen ist zwar schon gesetzt, aber der Koks ist noch nicht zur Stelle.

Gleichviel, tagsüber kann Josef noch in Lichtenhagen sein und des Nachts bedarf er keiner warmen Stube.

Endlich ist es an der Zeit, zur Bahn zu fahren. Der Freiherr hat so wenig Erfahrung, er ist so selten mit Damen gereist, er hält den viersitzigen Landauer für völlig ausreichend.

Er steigt ein und die Pferde ziehen an.

Durch den munteren Tanz der Flocken geht es der Station entgegen. Die Landschaft bietet keine sonderlichen Schönheiten, sie ist flach und waldig, ein schmalspuriges Bahngeleise ist jetzt quer durch Wiesen und Acker nach Krembs gelegt, die Bergbauarbeiten zu fördern, heute am Sonntag ruht alles in tiefem, feierlichem Schweigen.

Man ist sehr zeitig von Hause fortgefahren. Josef schreitet harrend auf dem menschenleeren Perron der kleinen Bahnstation auf und ab.

Endlich das Signal.

Drei Minuten später blickt der Freiherr in das runde, frischwangige Gesicht einer Dame, welche sich spähend aus dem Coupéfenster beugt. Er tritt näher und grüßt empor: »Frau Geheimrat von Damasus?« fragt er höflich.

»O, Herr von Torisdorff – Sie bemühen sich selber?« klingt es ihm aufs freudigste bewegt entgegen. Der Schaffner reißt die Coupéthür auf, und die kleine, korpulente Dame steigt mit Josefs Hilfe aus. Sie hält seine Hand fest umschlossen, sie will sprechen –

»Bitte, meine Herrschaften – nur zwei Minuten Aufenthalt, – Ihr Handgepäck, meine Damen!«

»Und es ist dessen so viel!« klingt es lachend aus dem Wagen, zwei flinke Händchen werfen hastig eine Plaidrolle um die andere, Taschen, Kartons und verschnürte Pakete auf den Perron.

»Darf ich Ihnen helfen, mein gnädiges Fräulein?« Josef wartet die Antwort nicht ab, springt in den Wagen und hilft ausräumen. Himmel, welch eine Unmenge Handgepäck!

Schon schrillt die Signalpfeife.

»So, hier noch den Fußsack! Nun ist alles draußen!« Torisdorff schwingt sich zur Erde, atmet auf und reicht Fräulein Rothtraut die Hand entgegen, ihr zu helfen.

Jetzt erst findet er Zeit, sie anzusehen. Ein frisches, rosiges, lachendes Kindergesicht, mit großen, langbewimperten blauen Augen und hellblonden Löckchen, welche unter dem niederen Pelzbarett hervorquellen.

Ja, der Rechtsanwalt hat recht, sie ist ein reizendes, liebliches Kind, und der Gedanke, sie dem Schicksal einer vagabondierenden Künstlerin preiszugeben, ist entsetzlich.

Sie winkt ihm unbefangen zu, strahlend glücklich, voll unendlicher Dankbarkeit, welche beredter aus den Kinderaugen leuchtet, als alle Worte, welche sie dazu spricht.

»O wie gut von Ihnen, lieber Herr von Torisdorff, daß wir kommen dürfen! Wie freundlich von Ihnen, daß Sie uns aufnehmen! Sie glauben ja gar nicht, wie unsagbar wir uns freuen, wie von ganzem Herzen wir Ihnen danken! Ich habe vor lauter Aufregung die halbe Nacht wachgelegen, die ganze Nacht konnte ich mich nicht munter halten, ich war doch gar zu müde, aber es that mir ordentlich leid, als mir die Augen so schwer wurden; ich hätte mich gern noch weiter gefreut, ohne Aufhören, immerzu!«

Die Worte sprudelten der erregten Kleinen nur so von den Lippen, und dabei schüttelte sie ihm die Hand so aufgeregt und glückselig, daß Josef bei dieser Ehrlichkeit der Empfindung ein Gefühl der Rührung überkam. Aber kein sentimentales, er lächelte und schüttelte das kleine Händchen nach Kräften wieder.

»So Gott will, werden Sie all den versäumten Schlaf in Lichtenhagen wieder nachholen, mein gnädiges Fräulein!« sagte er, und der Versuch zu scherzen stand seinem ernsten Gesicht sehr gut. »Daß Sie sich freuten, zu uns zu kommen, ist mir schon im voraus eine Bürgschaft, daß es Ihnen in dem alten Gutshaus auch gefallen wird! Er wandte sich zu Frau von Damasus und reichte ihr verbindlich den Arm.

»Darf ich die Damen zu dem Wagen führen, gnädigste Frau? Es zieht gewaltig hier auf dem Perron, und das Gepäck wird uns sofort nachbesorgt.«

Die Geheimrätin blickte mit feuchten Augen zu ihm empor. »Wie gütig Sie für uns sorgen! Mein lebhaftes Töchterchen ist mir mit Wort und Dank zuvorgekommen, da bleibt mir nur die That, es Ihnen zu beweisen, wie sehr erkenntlich ich Ihnen bin!« Sie schritten dem Wagen entgegen, und der Freiherr zog die Hand der Sprecherin respektvoll an die Lippen. Er sah wieder so ernst aus wie zuvor.

»Sie haben mir nicht zu danken, meine hochverehrte gnädige Frau, sondern mir viel zu vergeben und zu gestatten, daß ich die schwere Verschuldung meines armen Stiefvaters nach Kräften auszugleichen suche!«

Frau von Damasus schüttelte mit mildem Lächeln das Haupt. »Ihren Herrn Stiefvater trifft keinerlei Vorwurf, Herr Baron! Das Unglück, welches über uns hereinbrach, hat er nicht verschuldet, das wissen wir!«

»Dennoch knüpft sich das Geschehene an seinen Namen, und verpflichtet uns, die wir ihm nahe standen, dieses Namens Ehre zu retten! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre milden Worte, meine gnädige Frau, und für die Willfährigkeit, meiner Bitte zu folgen und mir Gelegenheit zu geben, schon jetzt in bescheidener Weise für Sie sorgen zu dürfen!«

Er half der Geheimrätin in den Wagen und wandte sich zu Rothtraut zurück, welche hochbeladen mit Gepäckstücken herzueilte.

»Werden wir all die sieben Sachen unterbringen?« fragte sie munter. »Nicht wahr, der reine Auszug der Kinder Israel! Aber Sie dürfen keine falschen Schlüsse daraus ziehen, als ob wir so besonders gern der Unsitte solcher ›Äppelfuhren‹ fröhnten, es ist diesmal bittere Notwendigkeit! So, nun hole ich eine neue Auflage, stopf derweil die Ecken voll, Mutterchen!« und wie der Wirbelwind flog sie zurück.

Josef reichte just einen kleinen Handkoffer auf den Kutschersitz, und die Geheimrätin griff nach einem Schirmpaket.

»Wir führen all unsere Habseligkeiten mit uns, Herr von Torisdorff!« sagte sie wie entschuldigend, »und da ich die Überfracht gern sparen wollte, mußten wir so viel zu uns in das Coupé nehmen.«

»Aber selbstverständlich, meine gnädigste Frau! Ich mache mir nur Vorwürfe, daß ich unbeholfener Junggeselle nicht an solche Eventualität dachte, und einen besonderen Gepäckwagen schickte. Es wird nun das einfachste sein, wir laden den Landauer so voll wie möglich, und ich folge den Damen zu Fuß nach.«

»Um keinen Preis«, wehrte die Geheimrätin ab, und Rothtraut, welche abermals neue Schachteln und Taschen heranschleppte, hob ganz erschrocken das gerötete Gesichtchen.

»Das wäre noch besser! Nur diesen Handkoffer gebrauchen wir für heute nacht, alles andere hat lange Zeit! Können die Sachen morgen hier abgeholt werden, Herr von Torisdorff?«

»Natürlich, nötigenfalls heute abend noch!«

»Nein, die Sonntagsruhe behauptet auch im Pferdestall ihr Recht. Wir gebrauchen die Sachen wirklich nicht. Was wir aufladen können, nehmen wir mit, und das andere kommt morgen nach!«

»
Tu l'as voulu, George Dandin!« lächelte Josef. »Ich hoffe nur, daß Sie sich um meinetwillen keine Entbehrungen auferlegen! Wenn Sie gestatten, meine gnädige Frau, werde ich das Notwendige veranlassen, und bitte dazu um Ihren Gepäckschein.«

Er schritt hochaufgerichtet durch den wirbelnden Schnee davon und Frau von Damasus sah ihm mit langem Blick nach.

»Welch ein lieber, prächtiger Mensch!« sagte sie leise, »möge Gott es ihm lohnen, was er an uns thut!«

Rothtraut schob die letzte Schachtel unter den Sitz; sie richtete sich auf und schlang voll stürmischen Jubels die Arme um die Mutter. »Ach Mamachen! nun sind wir bald da! Haben wieder eine hübsche, warme Stube, und keine Sorge und Not mehr! Ach, mir ist's, als müßte ich immer laut in die Welt hinaus jubeln, die Wonne erstickt mich! Ich möchte mit den Schneeflocken tanzen und mit dem Sturm um die Wette jagen!«

Die Geheimrätin streichelte zärtlich die rosigen Wangen ihres glückseligen Kindes. »Gott sei gelobt dafür, mein Liebling! Ach, der junge Mann ahnt es gewiß gar nicht, wie sehr er uns beglückt!«

»Junger Mann?« fragte Rothtraut erstaunt und riß die Augen weit auf, »meinst du Torisdorff?«

»Gewiß, wen sonst?«

»Den nennst du jung? Auf den Gedanken wäre ich nie gekommen.«

Frau von Damasus lachte. »Du wirst ihn mit seinen fünf- oder sechsundzwanzig Jahren doch noch nicht alt nennen?«

»Sechsundzwanzig? O ja, das ist doch schon recht alt!« versicherte die Kleine treuherzig; und dann ist er so furchtbar groß und so ernst – so merkwürdig ernst wie ein guter, alter Onkel – selbst wenn er lächelt und scherzen will. Das ist etwas Ungewohntes für ihn, man merkt's gleich. Siehst du, Mama, Herrn von Torisdorff werde ich stets für einen sehr würdigen Herrn halten, so einen, vor dem man gar nicht verlegen zu werden braucht. Und das ist riesig nett! Ich werde ihn darum doppelt gern haben!«

Wie treuherzig und kindlich lachten die großen Augen die Mutter an! Die Geheimrätin drückte voll aufwallender Empfindung ihr Kleinod an die Brust. Wie ein heißes Dankgebet stieg es aus ihrem Herzen gen Himmel! Was war ihr das warme Zimmer, das tägliche Brot, welches Torisdorffs Barmherzigkeit ihr gab, gegen die Seelenrettung ihres Kindes! Daß sie dieses junge, reine, unverdorbene Kinderherz noch rechtzeitig aus dem Sündenbabel der großen Stadt retten, daß sie Rothtraut das beste und heiligste Gut, welches sie besaß, ihre Unschuld, erhalten konnte, das war ein Gnadengeschenk, welches jede andere Wohlthat tausendfach überwog.

Und wenn der junge Besitzer von Lichtenhagen ihr wahrlich mit der Zeit das verlorene Vermögen zurückerstattete, es war ein Nichts gegen den Reichtum, welchen er ihr schon heute gab, gegen die bewahrte Seele ihres Kindes.

Und während das Backfischchen mit glühenden Wangen weiterplauderte von all der köstlichen Freiheit in Feld und Wald, welche sie nun so in vollen Zügen genießen sollte, als sie dem zurückkehrenden Freiherrn in all ihrer quecksilberigen Beweglichkeit entgegennickte und grüßte, standen in den Augen der Mutter helle Thränen, welche langsam über die lächelnden Wangen hernieder auf die gefalteten Hände rollten.

XVI.

Als der General von Torisdorff noch lebte, hatte Josef am Weihnachtsabend ein paar armen Kindern bescheren dürfen.

Er wählte voll freudigen Eifers alles von seinen eigenen, alten Spielsachen aus, was ihm noch schön und gut genug für Christleins Tisch deuchte, und schon dieses geschäftliche Vorbereiten erfüllte sein Kinderherz mit all der Genugthuung, welche ein fröhlicher Geber fühlt.

Auch der feierliche Moment des Aufbauens selbst gehörte zu seiner schönsten Weihnachtsfreude, wenngleich er es stets wie eine Art Enttäuschung empfand, wenn die so reich bedachten Kleinen still, scheu, bis zur Versteinerung schüchtern vor all den Herrlichkeiten standen und kaum wagten, den Blick zu heben.

»Aber Mama, warum freuen sie sich denn gar nicht?« hatte er oft recht betrübt gefragt.

»Sie freuen sich ja, Herzenskind! Sie sind nur von all dem fremden Glanz befangen! Ihr Jubel kommt, wenn sie wieder daheim sind!«

Das beklagte Josef jedesmal sehr schmerzlich. Wenn er jemand eine Freude machen wollte, so verlangte er dieselbe auch zu sehen!

Als er jetzt die Wohnung für Frau und Fräulein von Damasus hergerichtet hatte, kam es ihm wie eine selige Kindererinnerung an ferne Weihnachtszeiten, wo er auch für Fremde den Tisch bereitet, und wie ein Nachhall an das Ehemals zitterte auch jetzt ein Klang durch seine Seele, der beinahe sehnsüchtige Wunsch: »Ach, wenn sie sich doch auch darüber freuen möchten und mir solche Freude zeigen!« – –

Jetzt, als er seine Schützlinge von der Bahn abholte, als er den Damen im Wagen gegenüber saß, sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen, sollte er eine jubelnde, überströmende Freude und Dankbarkeit erleben, nach welcher ehemals sein Kinderherz so sehnsüchtig und so vergeblich verlangt hatte. Die Geheimrätin schien anfangs ein wenig verlegen über die sprudelnde Lebhaftigkeit ihres Töchterchens und suchte dieselbe mit dem Umstand zu entschuldigen, daß Rothtraut so unmittelbar und rückhaltlos in ihrem Empfinden und Denken sei, da sie stets eine so ungeheure Liebe für das Landleben besessen. Ehemals, als die Großeltern noch lebten, habe sie jeden Sommer auf dem Gut derselben verbringen können!

Als sie aber in die glänzenden Augen des jungen Freiherrn sah, welcher ihr mit warmen Worten versicherte, solch ein Sonnenstrahl ansteckender Fröhlichkeit sei seltener Gast in seinem dunklen Leben gewesen, er empfinde ihn darum desto wohlthuender, da wehrte sie dem Plaudermäulchen nicht mehr, und Rothtraut triumphierte: »Siehst du, Mama? Herr von Torisdorff ist gar nicht nervös! Er erträgt die Geister, welche er gerufen hat, mit Würde!« Und dabei saß sie keinen Augenblick auf ihrem Platze still, jeder Baum, jedes Gebäude, jeder Acker interessierte sie, alles mußte ihr benannt und erklärt werden, auf den Anblick der geheimnisvollen Bergwerksarbeiten »brannte« sie, und auf Lichtenhagen, seine Pferde-, Kuh- und Schafställe freute sie sich so, so, – es gab gar keine Worte, zu sagen wie!

Und Josef freute sich mit ihr; auch ihm fuhr der Wagen plötzlich viel zu langsam, und als er endlich vor der steinernen Treppe des Gutshauses hielt und Rothtraut voll stürmischen Entzückens die Arme so jählings ausbreitete, daß die Geheimrätin bis in die äußerste Wagenecke flüchten mußte, da rüttelte er ebenso ungeduldig an dem etwas verquollenen Wagenschlag, wie das Backfischchen mit den kleinen Füßen zappelte! Endlich konnte sie zur Erde springen, und sie stand und starrte ungeniert den imposanten, altertümlichen Bau an und stieß so recht aus tiefstem Herzen hervor: »Mama! sieh doch, wie wunder-, wunderschön! Noch viel schöner, als ich gedacht habe!« Und ihre lebhaften Augen blitzten in dem frisch geröteten Gesichtchen und ließen die Blicke umherschweifen, so viel kindlich froher und entzückter, wie ehemals all die Kleinen zusammen, welche vor seinem Christbaum standen.

Josef konnte sich gar nicht satt an so viel ehrlicher und reizender Freude sehen.

Handgepäck, Mutter, Torisdorff, alles war vergessen! Rothtraut stand vor ihrem Weihnachtstisch und schaute – schaute!

Josef winkte der herbeieilenden Mamsell und Schaal zu, die Sachen aus dem Wagen zu nehmen; dann bot er Frau von Damasus respektvoll den Arm, sie voll ritterlicher Zuvorkommenheit nach ihren Zimmern zu führen.

Dieses Benehmen des Hausherrn räumte der Geheimrätin von vornherein die Stellung in Lichtenhagen ein, welche ihr gegeben werden sollte, und die alte Dame empfand diesen Takt ihres jungen Beschützers voll unbeschreiblichen Dankes.

Sie, welche für ein Markstück bei Schuster und Schneider am Herd gestanden, um ein Gevatteressen zu kochen, brauchte das in den Augen des Freiherrn von Torisdorff nicht zu entgelten; er gab ihr die Ehren, welche ihr gebührten, als etwas durchaus Selbstverständliches. Rothtraut sprang, fiebernd vor Neugierde und Interesse, die Steinstufen empor.

Zuvor nickte sie mit herzigem Lächeln der Mamsell und Schaal zu, rief dem knixenden Mädchen an der Thür ein beinahe übermütiges »Grüß Gott!« zu und staunte dann, einen Moment still stehend, die Halle an, in welcher zu Ehren des Tages ein helles Feuer in dem Kamin prasselte.

»Mama! Mama! Hast du gesehen?« Aber Frau von Damasus war schon in ihr Zimmer getreten und Rothtraut stürmte ihr nach.

Josef blickte ihr bereits entgegen, erwartungsvoll, mehr noch beglückt wie die, welche er erfreuen wollte.

Und er fand seinen Lohn. Die alte, verträumte Herrlichkeit des so lange Jahre verlassenen Lichtenhagen wurde wie mit einem Zauberschlage lebendig, als der helle, ungestüme Jubel der frischen Mädchenstimme sie durchhaute.

So erwachte wohl das Dornröschenschloß nach langem Zauberschlaf!

Welch ein Bewundern! Welch ein Danken! Welch ein Fragen kreuz und quer!

Während Frau von Damasus nur in übermächtigem Gefühl dem jungen Mann beide Hände entgegenbot und mit feuchten Augen flüsterte: »Gott lohne es Ihnen, was Sie an uns thun!«, kannte Rothtraut keine Rührung oder Ergriffenheit; sie jubelte durch die schönen, behaglichen Räume, sie war in dem einen Augenblick hier, in dem andern dort, sie sah mit hundert Augen, sie schwelgte wie ein Kind in dem Rausch interessanter Neuheiten. Und dann klappte sie mit einem silberhell jauchzenden Lachen das Klavier auf, unbekümmert um alle, welche ihr lachend mit den Blicken folgten, schlug ein paar Akkorde an und sang mit schallender, glockenheller Stimme: »Sei mir gegrüßt viel tausend Mal! Sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt!«

Ja, das stille Haus war lebendig geworden, und die Schneeflocken tanzten so toll draußen durch die Luft, als hätten sie durch die Scheiben gelugt und sich dieses Wandels unbändig gefreut. Josef trat mit strahlendem Gesicht neben das Klavier.

»Können Sie wirklich darauf spielen? Paßt es wirklich zu Ihrem Gesang?«

»Und ob es paßt!« nickte Rothtraut eifrig. »Finden Sie es etwa schlecht? Na, da hätten Sie mal den Rumpelkasten hören sollen, den Mama mir in der Stadt gemietet hatte! Da gingen immer nur drei Töne nebeneinander, und dazwischen klang es immer: pff – pff – als ob einer durch 'ne Zahnlücke pustete!«

»Und darauf mußten Sie üben?«

Rothtraut nickte und spielte mit kolossaler Vehemenz weiter. »Volle ein und ein halbes Jahr! Seit ich konfirmiert war, ging's mit der Musik los!«

»Schon vor so langer Zeit sind Sie konfirmiert?« lächelte er.

Sie sah ihn einen Moment prüfend an. »Ich war ja schon fünfzehn Jahre damals alt! Jetzt werde ich schon siebzehn. Ist das eigentlich noch jung oder schon alt? Mir ist nämlich beides ganz gleichgültig. In die Schule brauche ich nicht mehr zu gehen, und mehr verlange ich vorläufig nicht.«

»Musik studierten Sie gern?«

Sie zog das Näschen ein wenig kraus. »Man muß auch dabei so lange auf einem Fleck sitzen und mir macht es hauptsächlich Freude, im Haus herum zu wirtschaften! In unserm kleinen Stübchen hatte ich gar keinen Platz dazu – aber hier! – Ach, hier ist Freiheit! Hier kann ich mich doch bewegen!« – Und den Worten sogleich die That folgen lassend, sprang sie auf und dehnte voll Wonne die Arme.

»Und dieses prachtvolle, große Zimmer soll wirklich für mich sein? Ich habe meine eigene Stube?«

»Gewiß, mein gnädiges Fräulein!«

»Du großer Gott! Das muß ich heute abend sofort noch an Hagborns schreiben! Natürlich nur per Postkarte – zu einem Brief fände ich unmöglich schon Zeit! – Schreiben Sie gerne Briefe? – Gewiß nein! Ich auch nicht! Und… ach… hier steht ja noch ein Schreibtisch! – Auch für mich? – Mama! Mama! Ich habe einen eigenen Schreibtisch für mich! – Dann schreibe ich natürlich auch Briefe! – An wen denn nur? – O, ich werde mich schon auf genug Menschen besinnen, – vielleicht führe ich jetzt ein Tagebuch, dem Schreibtisch zu Liebe! Prachtvoll, das thue ich! – Und dieser süße, kleine Schrank! Welch eine seltsame Façon! Mit ganz schiefen Füßen, wie ein Teckel! Aber reizend, wonnig! Ganz von Gold und mit Perlmutter… Wo wohnen Sie eigentlich? – Dort? – Darf ich Ihre Zimmer auch sehen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht, stehen Ihnen alle Schlüssel zu dem ganzen Hause zur Verfügung.«

»O Sie lieber, guter Herr von Torisdorff! Sie sind wirklich furchtbar nett! Ach, wie bin ich so glücklich, so sehr glücklich! Ob wohl die Kaiserin ebenso glücklich ist wie ich? Ich glaube, ja, die Kaiserin ist's! Aber sonst kein Mensch weiter auf der ganzen Welt!«

Frau von Damasus trat herzu und legte die Hand auf den Arm des aufgeregten Töchterchens.

»Nun beruhige dich erst einmal, du Wildfang, und lege deinen Mantel ab. Du siehst, daß Herr von Torisdorff gerufen wird.«

Schaal trat in die Thür und fragte in strammer Haltung an, ob das Mittagbrot allsogleich serviert werden solle.

»Ach ja, bitte, ich habe tollen Hunger!« flehte Rothtraut leise und ohne alle Prüderie.

Josef lachte, und empfahl sich mit der Versicherung, daß diesem Übel sofort abgeholfen werden solle.

»Aber, Kind, genierst du dich denn gar nicht?« entsetzte sich die Geheimrätin.

Die Kleine sah sie erstaunt an: »Vor Torisdorff? Nein! Muß ich mich vor ihm genieren? Ach, das ist so langweilig! Warum denn? Er ist ja so alt gegen mich, und bei Onkel Theodor habe ich mich auch nie geziert! Ich habe doch wirklich Hunger, wirklich schrecklichen Hunger, Mama!«

Frau von Damasus lächelt und durch ihre Gedanken zieht es wie ein trautes Wort: »Betend, – daß Gott dich erhalte, so jung, so hold und rein!«

– – – – – – – –

Welch einen Wandel hatten die wenigen Wochen für Lichtenhagen mitgebracht! Neues Leben flutete durch das Haus.

Die milde, aber sehr umsichtige und vortreffliche Leitung der Geheimrätin schaffte bald eine Ordnung und ein Behagen, welches dem ganzen Haushalt einen neuen Stempel aufdrückte, und Josef freute sich immer mehr auf die Stunden, welche er in Lichtenhagen zubringen konnte.

Die Arbeiten in Krembs schritten der Kälte wegen nur langsam vorwärts, und der junge Gutsherr hatte viel freie Zeit, welche er seinen Gästen – denn als solche erachtete er die Damen – widmen konnte.

Sein Verkehr mit Rothtraut gestaltete sich immer erquicklicher.

Die Gegensätze berührten sich in wohlthuendster Weise.

Der tiefe Ernst seines Wesens, welcher sich auch in seinem Äußeren ausprägte und nie ganz zu verwischen war, wenn er selbst auf den heitern Ton des Backfischchens einging und mit ihr scherzte und lachte, bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrer sonnigen Kindlichkeit und gestaltete den Verkehr zwischen ihnen so harmlos, wie zwischen einem gereiften Mann und einem kleinen Mädchen.

Rothtraut hatte von Anfang an das ruhige und gesetzte Wesen Torisdorffs »alt« genannt, und dieses Empfinden hielt alles fern, was auch nur den leisesten lyrischen Gedanken in ihr hätte wecken können.

In diesem Falle berührten sich die Gegensätze nicht. So gern und viel beide zusammen verkehrten, so erfrischend Rothtrauts Wesen auf Josef – und so veredelnd wie sein Einfluß auf ihre Oberflächlichkeit wirkte –, es lag doch zwischen ihnen ein unbewußtes Etwas, welches kein anderes Empfinden als das einer herzlichen Freundschaft zwischen ihnen aufkommen ließ. Josefs Herz gehörte mit all seiner Liebe und seinem treuen Sehnen Charitas, und je mehr die Zeit verstrich, ohne daß er Nachricht von ihr erhoffen durfte, um so quälender empfand er diese vollkommene Trennung von ihr. Nach Weihnachten erfaßte ihn eine so leidenschaftliche Sehnsucht, daß er mit bebender Hand den Federhalter umkrampfte, um ihr zu schreiben und sie wenigstens von dem ganzen Wandel der Verhältnisse in Kenntnis zu setzen, aber mit verzweifeltem Aufstöhnen warf er die Feder wieder aus der Hand.

Er durfte ihr nicht schreiben! Er mußte es sich selbst sagen, daß sein Brief, falls er von den Pflegeeltern abgefaßt wurde, der armen Geliebten namenlose Unannehmlichkeiten bereiten würde.

Ihr Leben war jetzt schon eine Hölle, – sollte er es noch trostloser gestalten?

Noch könnte er die Geliebte nicht als Weib heimführen, noch stand sie unter der Gewalt des Vormundes, welche erst im kommenden Herbst ihr Ende erreichen wird.

Freiwillig gibt Schaddinghaus nie seine Erlaubnis zu ihrer Ehe, denn Josefs Scharfblick ist es nicht entgangen, daß das Ehepaar die Nichte aus gemeinstem Egoismus an sich fesselt und sie aus Berechnung von aller Welt und allem Verkehr zurückhält.

Warum also unnötige Kämpfe heraufbeschwören! Charitas Mündigkeitserklärung wird eine ruhige und glatte Lösung bringen. Also in Geduld bis zum nächsten Herbst aushalten. Aber die Geduld war eine schwere Übung, und die Sehnsucht zeigte sich stärker als sie.

Im Januar mußte Torisdorff eine Reise antreten, geschäftliche Beziehungen anzuknüpfen.

Als er vor dem gepackten Koffer stand, kam es voll unwiderstehlicher Gewalt über ihn.

Er reiste nach Eisenach.

Vielleicht gelang es ihm, Charitas unbemerkt zu sehen, sie zu sprechen, ihr alles mitzuteilen. Ach, wie wird ihnen beiden nach einer solch seligen Aussprache das Warten leicht werden!

Er fand die kleine Villa im Marienthal, welche Regierungsrat Schaddinghaus bewohnte. Aber die Auskunft, welche er von der Dienerschaft des Nachbargebäudes erhielt, war trostlos.

Herr Schaddinghaus befand sich als Abgeordneter in Berlin, und seine Frau und Nichte hatten eine Reise nach dem Süden angetreten.

Ein Mädchen behauptete, die Regierungsrätin verbringe den Winter bei Verwandten auf einer ganz einsamen Oberförsterei, wohl der armen Pflegetochter zum Trotz, welche ja wie eine Gefangene gehalten werde.

Etwas Genaues wußte niemand.

Auch auf der Post kannte man keine Adresse der beiden Damen.

Es kamen keine Briefe zum Nachsenden.

Sehr niedergeschlagen setzte Josef die Reise fort. Es blieb keine Möglichkeit, sich der Geliebten zu nähern, er mußte den Herbst abwarten, um sein Glück zu erringen und zu eigen zu nehmen.

Rothtraut stand auf dem Perron und empfing ihn voll Jubel.

»Ich bin heimlich mit herausgefahren!« berichtete sie ihm strahlenden Blicks. »Mama würde es nicht erlaubt haben! Sie findet es unpassend – als ob Sie nicht alt genug wären, um mich chaperonnieren zu können! Ich mußte Ihnen aber entgegenkommen! Ich hielt es gar nicht aus vor Ungeduld. Denken Sie doch, Borbeck ist am Fieber krank geworden. Der Doktor meint, er habe sich bei der Erdarbeit erkältet, es war so naß in den letzten Tagen, – fünf Grad Wärme plötzlich! Aber Mama pflegt ihn, und der Doktor meint, wir bekämen ihn bald wieder hoch! Und der Förster hat jetzt einen prachtvollen Bericht erstattet, zwei kapitale Rehböcke stehen am Steinkopf, und von den königlichen Forsten sind Wildschweine übergetreten. Hasen gab's auch noch in schwerer Menge, wir mußten die paar Tage im Januar noch benutzen und abschießen! Darf ich wieder mit hinaus und treiben helfen? – Ach bitte, bitte, nicht wahr, Sie nehmen mich mit, lieber, allerbester Herr von Torisdorff?«

Josef war ein wenig betroffen, als er den kleinen Wildfang vor sich sah. Ihre große Freude und Munterkeit berührten ihn so sympathisch wie immer, aber er hielt es für ebenso wenig passend wie die Geheimrätin, allein mit dem jungen Mädchen eine verhältnismäßig weite Strecke durch Dorfschaften und die kleine Provinzialstadt, wo er noch vorsprechen mußte, zu fahren.

»Wie freundlich, daß Sie mich abholen, Fräulein Rothtraut«, sagte er und schüttelte ihr herzlich die Hand, »und wie sehr schade, daß ich nun doch nicht mit Ihnen heimfahren kann. Ich habe noch in der Stadt zu thun und darf Sie unmöglich so lange aushalten, Ihre Frau Mama würde sich ängstigen!«

Sehr enttäuscht sahen die großen Kinderaugen zu ihm auf.

»Und ich hatte mich so sehr gefreut!« sagte sie leise.

Und warm ward es ihm bei solch herzlicher Naivetät ums Herz. Sein Blick umfaßte mit der Zärtlichkeit eines Vaters ihr junges Gesichtchen.

»Wir werden ja nun alle Tage wieder zusammen sein, Domino spielen, musizieren und auf die Jagd gehen«, lächelte er. »Sie wissen, daß mir Ihr Gesang so lieb ist, kleine Heidelerche, daß er mir so frohe, hoffnungsfreudige Gedanken vorzaubert, und deren bedarf ich jetzt recht viele, also wird es wohl oft heißen: »Bitte etwas Musik, Herr Kapellmeister!« –

Er scherzte, und doch lag dabei der alte ernste Ausdruck auf seinem Gesicht.

Auch Rothtraut lachte – und ihr Lachen war wie Sonnenschein. Sie nickte lebhaft und schritt an seiner Seite zu dem Gepäckschalter.

»Ich möchte Ihnen so gern etwas erzählen – ich kann's ja gar nicht mehr auf dem Herzen behalten, so recht albern wie ein ungeduldiges Kind, nicht wahr? Aber ich bin nun leider Gottes so, hinterher wird es mir meist klar, wie thöricht ich handle, aber dann ist es schon zu spät!« Sie seufzte so schmerzlich auf, daß Josef abermals lächelte: »Ist es denn gar so wichtig, daß Sie nicht ein Stündchen länger in Lichtenhagen warten konnten?«

»Furchtbar wichtig!« – Sie warf einen Blick hinter sich nach dem Schalter, ob auch niemand das Geheimnis erlauschen könne und fuhr hastig fort: »Wissen Sie noch, an dem ersten Tag, als wir ankamen, erlaubten Sie mir doch, daß ich alle Zimmer in dem Hause sehen könnte – auch die Ihren –, nicht wahr? Sie erinnern sich!«

»Gewiß! selbstverständlich!«

»Mama hat es nun nie erlaubt, daß ich Ihre Wohnung auf dem linken Flügel betrat, nicht mal, wenn Sie weg waren, wo Sie doch gar nichts davon gemerkt hätten! – als ob ich etwas anfassen und entzwei schlagen würde! So klein bin ich doch wirklich nicht mehr! Vor ein paar Tagen nun – als Sie verreist waren, stand die Thür von dem Eßzimmer nach Ihrer Wohnstube offen, und ich sah, daß die Mamsell darin rein machte. »Soll ich Ihnen ein bißchen helfen, Linchen? Vielleicht Staub wischen?« – fragte ich, und der dicken Pastete war das natürlich sehr recht. Also ich kam nun doch hinein und wischte Staub. – Und da … da …

»Gab es Scherben?« – Er amüsierte sich herrlich.

Voll Entrüstung hob sie die Hände. »Gott bewahre! Es war ja gar nichts Zerbrechliches da! Nein – ich kam auch an Ihren Schreibtisch –«

Sie senkte das Köpfchen sehr tief, glühende Blutwellen fluteten über die Wangen.

»Sie kippten die Tinte um?«

»Nein!« – – Ein schnelles Kopfschütteln. »Aber ein kleines Malheur gab es doch!«

»Nun? – Sie haben schon im voraus vollste Absolution!«

»Da stand eine Photographie – von einem jungen Herrn – ach, ein bildschöner Mensch! So schön wie ich noch gar niemand gesehen habe –« ihre Stimme klang stockend, ein strahlender Blick flog zu dem ernsten Mann empor – »und da nahm ich es – und wollte es besehen – und da –«

Er lächelte noch mehr. »Und da? – Was konnte dem Bildchen geschehen –?«

»Es fiel auf die Erde…«

Rothtraut hatte das Köpfchen noch tiefer gesenkt, sie atmete sehr schwer und die dunklen Wimpern blieben tief gesenkt.

»Was schadet das einer Photographie?« – fragte er erstaunt.

»Nichts! – Sie ist wirklich unversehrt!« – stotterte sie.

Nun lachte er schallend auf: »Und dies ist das ganze Unglück, welches sich ereignete?« –

Fräulein von Damasus blieb merkwürdigerweise recht ernst.

»Sie war doch hingefallen – auf die feuchte Erde – den Schreck hatte ich doch weg, denn ich wußte ja gar nicht, wen das Bild vorstellt, – ob es Ihnen nicht sehr lieb und teuer war?« – Abermals ein seltsam forschender, beinahe flehender Blick zu ihm auf. Josef war so gar kein Frauenkenner, er hatte nie Gelegenheit gehabt, in Mädchenaugen und Mädchenherzen zu lesen, er blieb völlig harmlos und lachte noch immer.

»Nein, mein Wort darauf, ich nehme die schlechte Behandlung des Bildes wirklich nicht übel!« – Ihre Fingerchen zupften ungeduldig an dem langhaarigen Muff.

»Mamsell wußte auch nicht, wen das Bild vorstellt!«

»I bewahre, woher soll sie das auch wissen, Klaus war noch niemals in Lichtenhagen!«

Ihre Augen flammten auf. »Klaus?« – wiederholte sie hastig.

Der Gepäckträger trat hinzu und meldete, daß der Koffer auf den Wagen geladen sei.

Herr von Torisdorff wandte sich zur Seite, zog die Börse und lohnte den Mann ab; und während er noch ein paar Worte mit ihm wechselte, stand Rothtraut erwartungsvoll, mit glühenden Wangen, sich schier verzehrend vor Ungeduld.

Endlich trat Josef zu ihr zurück. »Es ist so weit alles in Ordnung, mein gnädiges Fräulein, darf ich Sie zum Wagen bringen?«

Sie nickte. »Und wer… wer ist er also?«

»Wer? – Von wem sprechen Sie?«

Ihre scharfen, weißen Zähnchen schnitten in ihre Lippe. »Nun jener Klaus, – Sie wollten mir doch sagen, wer er eigentlich ist!«

»Ah so! Der Mann, welcher Ihnen zu Füßen gefallen!« – lachte Josef harmlos und ein wenig zerstreut, sein Blick musterte die Pferde, welche ein Stückchen abseits an der Chaussee hielten. »Habe ich Ihnen noch nicht von meinem Bruder erzählt?«

»Ihr Bruder?«

»Mein Stiefbruder, – Klaus Sterley! Ich dachte, wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, und bin selber erstaunt, daß ich Ihnen meinen liebsten Kamerad noch nicht – in effigie wenigstens – vorgestellt habe!«

»Nein, das thaten Sie noch nicht!« versicherte Rothtraut sehr lebhaft, und es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichtchen, welcher wohl jedem anderen Manne aufgefallen wäre. »Wo wohnt denn Herr Sterley?«

»Zur Zeit in München!«

»Was thut er da?«

»Er malt.«

»Als Künstler? – Er ist Maler?« Wie ein Schrei schwärmerischen Entzückens klang es. Aber Josef bemerkte es nicht.

»Jawohl, Künstler! Und so Gott will, ist er einer von Gottes Gnaden, welcher noch viel Bedeutendes und Meisterliches schaffen wird!« versicherte er stolz. »Mögen Sie schöne Gemälde gern, Fräulein Rothtraut?«

Sie preßte den Muff stürmisch gegen die Brust, ihre frischen Lippen bebten. »Es gibt ja gar nichts schöneres! – Ach wie viel lieber hätte ich malen anstatt singen gelernt! Aber mein Vormund meinte, es sei eine zu brotlose Kunst, ich könne nicht schnell genug damit verdienen!«

»Haben Sie denn Talent?«

»Ich glaube wohl, ich habe immer gern gezeichnet und als Kind Bilderbogen angetuscht, ob es aber etwas taugt, weiß ich nicht! So ein Maler ist ein gar zu interessanter Mensch, – ich habe mal ein Buch gelesen, wo ein Maler der Hauptheld war, ach so geschwärmt wie für den habe ich noch nie wieder! –« Und dann senkte sie das Köpfchen wieder und blickte zur Seite. »Ist Ihr Herr Bruder schon lange verheiratet?« – forschte sie diplomatisch.

»Schon lange? – Nein, er ist überhaupt noch nicht vermählt!«

»Aber verlobt?«

»Daß ich nicht wüßte! So, wie ich Klaus kenne und taxiere, denkt er auch noch nicht daran, sich zu binden!«

»So; und wenn ihm nun Eine so recht, recht gut gefällt?« Wie leise sie sprach, er verstand es kaum.

»Nun, dann muß er sich auch erst eine sichere Existenz gegründet haben, ehe er ans Heiraten denken darf.«

»Er sieht so lustig auf dem Bilde aus –«

»Das ist er gottlob auch!«

»Fabelhaft nett?« –

»Ein Prachtmensch! Ein vortrefflicher Charakter!«

Josefs Augen leuchteten selber bei dem Gedanken in so stolzer Genugthuung, daß ihm das strahlende Lächeln Rothtrauts gar nicht auffiel.

»Kommt er nicht einmal nach Lichtenhagen?«

»Für den Sommer rechne ich bestimmt auf seinen Besuch!«

Ein leiser Jubellaut an seiner Seite, – die Kleine warf ausgelassen den Muff in die Luft und fing ihn wieder auf.

»Dann soll er Ihnen gewiß Malunterricht geben?« fragte Torisdorff amüsiert.

Sie schüttelte übermütig das blonde Köpfchen.

»Was thut König Ringangs Töchterlein?« sang sie schelmisch: »was thut sie wohl den ganzen Tag, da sie nicht sitzen und malen mag – thut fischen und jagen!«

»Ich glaube, damit ist Klaus ebenso einverstanden, denn das Streifen durch Feld und Wald ist ihm eine große Passion!«

»Ich würde mich auch viel zu sehr genieren, bei ihm zu malen, – ich kann ja noch nichts!«

»Wollen Sie sich ein wenig darin üben? Das Zeichnen verstehe ich zur Not, und könnte Ihnen dabei wohl behilflich sein!«

»O, das wäre schön!«

»Probieren wir's einmal!«

»Herrlich! Wann fangen wir an?«

»Wenn es Ihnen paßt! Ich habe jetzt noch viel freie Zeit, wenn aber der Frühling über die Berge steigt, ist's aus damit.«

»Gut, – morgen nach Tisch, in Mamas Zimmer, ja!«

»Ich stehe zur Verfügung; Was soll zuerst gezeichnet werden? – Landschaften?«

»Etwas ganz, ganz leichtes! Ich kann ja noch nichts.«

Seltsam, vor ihm geniert sie sich nicht.

Nein, Josef ist gar kein Menschenkenner, sonst hätte ihm solch ein Widerspruch wohl auffallen müssen.

Er hebt die Kleine in den Wagen und reicht ihr die Hand zum Lebewohl.

Da blickt sie ihn plötzlich mit flehendem Blick an und wird ganz ängstlich.

»Sie fahren also wirklich nicht mit? Ach, ich verstehe, ich weiß warum! Lieber, bester Herr von Torisdorff, seien Sie mir, bitte, bitte, nicht böse! Ich empfinde es jetzt selber, wie unpassend es war, Ihnen entgegen zu fahren! Aber… ich war wieder so im Eifer… um des Bildes willen vergaß ich alles! – Wirklich nur um des Bildes willen! Nicht wahr, Sie sind nicht böse, und Sie sagen auch nichts Mama und Ihrem Bruder?«

»Klaus? Daß Sie das unerhörte Verbrechen begangen und sein Bild auf die Erde geworfen haben? O, wie sollte ich Sie derart verketzern! Nein, das bleibt für ewige Zeit ein Geheimnis zwischen uns! Und nun Gott befohlen, ich kann Ihnen weder heute noch jemals böse sein! Zufahren, Schaal! Sie bringen das gnädige Fräulein nach Hause und holen mich dann hier ab. Vor der ›Traube‹ können Sie auf mich warten! Addio, Fräulein Rothtraut! Auf Wiedersehen!«

***

XVII.

In einer stillen, kleinen Seitenstraße, vier Treppen hoch, nach einem Garten hinaus gelegen, befand sich das Atelier Klaus Sterleys, ein hohes, luftiges Zimmer, mit breiter Glaswand und Oberlicht, welches mit all dem eleganten und üppigen Geschmack eines Millionärsohnes eingerichtet war.

So, wie ehemals James Franklin Sterley das Künstlerheim seines Sohnes eingerichtet hatte, war es im großen und ganzen erhalten worden, wenn Klaus seine vorderen, fürstlichen Räume auch gegen ein sehr bescheidenes, kleines Logis umgetauscht und die kostbarsten Stücke der Ausstattung verkauft hatte, um in der ersten Zeit des furchtbaren Wechsels über etwas mehr Bargeld verfügen zu können.

Als Josef und er ehemals das Abiturientenexamen bestanden hatten, schickte der Bankier die beiden Söhne für zwei Jahre auf Reisen, die Welt kennen zu lernen und die köstliche Freiheit zu genießen, ehe sich dieselbe unter der Signatur »akademische Freiheit« unter die selbstgeschaffenen, recht strengen Gesetze des Korps beugen mußte.

Während des zweiten Winters hatten sich die jungen Leute auch unter dem Schutz ihres Reisebegleiters nach Indien und Bangkok begeben, und von dort hatte Klaus eine wunderliche Sammlung von Raritäten heimgebracht, welche seinem Atelier einen ganz eigenartigen und interessanten Anstrich gaben.

Als Josef sich für den geistlichen Stand entschied, hatte er dem Stiefbruder auch seine Sammlung zum Geschenk gemacht, und nun strotzten die Wände des großen Lichtraumes und des anstoßenden Wohnzimmers von den herrlichsten Waffen, deren sametene, goldfiligrangeschmückten Scheiden oder Griffe es am deutlichsten zeigten, daß sie schon in manch brauner Faust blutigen Dienst gethan. Zwischen krummen Säbeln, deren breite, geschweifte Klingen wie Silberbänder gleißten, schoben sich seltsam schlanke, bunte Beduinenflinten, Rüststücke, greuliche Teufelsmasken und Bronzewaren, ragten die Elephantenzähne aus den Gewinden leuchtend farbiger Seidenshawls, kunstvolle Ampeln tragend, wie sie in Götzentempeln leuchten oder, an gebogenem Schiffsschnabel schaukelnd, ihr rotes Licht über die Fluten des Meeres werfen. Wunderlichkeiten aus Teakholz, Bambus, Nachbildungen kleiner Pagoden, Tierfelle, ausgestopfte Krokodile und fremdartige Kleidungsstücke, goldgestickte Decken und Schleier einigten sich zu origineller Schaustellung, und zwischendurch nickten schlanke Palmenwedel, schimmerten die weißen Marmorleiber der Antiken, lugten halb versteckt die Skizzen und Studienköpfe, frisch und flott, genial entworfen und frappierend durch eine Farbenharmonie, welche den seinen und doch in recht eigenen Bahnen wandelnden Geschmack des jungen Künstlers verriet.

Der Koksofen, welcher hinter dem mächtigen geputzten und goldgemalten Lederschirm versteckt stand, über dessen Rand eine wahre Wildnis von frischem Lorbeergrün, durchglänzt von den weißen Sammetkelchen künstlicher Lotosblumen, emporwucherte, strömte nur noch geringe Wärme aus, denn die Märzsonne schien vorzeitig warm und hell durch die Scheiben. Inmitten des Ateliers, auf hoher Staffelei stand ein vollendetes Gemälde, vor welchem Klaus Sterley gedankenvoll, weit zurückgelehnt im Sessel lag.

Seine Hand hielt noch Palette und Pinsel – und sein Blick schweifte prüfend, forschend und kritisierend über das Werk, ob sich nicht doch noch daran feilen und verbessern ließe.

Ein schönes, ungeheuer stimmungsvolles Bild.

Eine düstere, hochwogende See – grau in grau verschwimmend, mit einem wetterschwangeren Himmel, über welchen sturmzersetzte Wolkengebilde jagen. – Die Möve flattert auf, man glaubt ihren angstvollen Schrei durch Brandung und Sturmgebraus zu hören, – ein greller Lichtblitz zuckt über die eine ihrer weißen Schwingen.

Und im Vordergrund, im flatternden Riedgras, auf halbversandetem Runenstein sitzt die mantelumhüllte Gestalt eines Jünglings, das melancholisch ernste Antlitz zeichnet sich scharf ab gegen den drohenden Himmel, und in den Augen drückt sich eine so gewaltige, wundersame Sehnsucht – ein so düsteres Verlangen aus, – als habe der Sturm nicht nur die Tiefen des Meeres, sondern auch die einer jungen Menschenseele aufgewühlt, sie ringen zu lassen im verzweifelten Kampf gegen sich selbst.

Josef?

Jene Skizze, welche Klaus einst am Strand von Ostende so flüchtig und doch so treffend entworfen, hat er ausgeführt und ein Werk daraus geschaffen, welchem seine Lehrer voll Anerkennung und staunender Freude zugenickt haben.

Die Atelierthür öffnet sich: »Bist du noch daheim, Klaus?« und dann klingen Schritte näher.

Sterley hat nur gedankenvoll gelächelt, er streckt, ohne sich umzublicken, die Hand zurück. »Ist's schon Zeit, dear Schorsch?«

Ein Händedruck. »Donnerwetter! Famos! Da bläst einem ja eine nette Brise ins Gesicht, wenn man in den Rahmen guckt!«

»Auf Wort? – Kommts wie Seeluft?«

»Du bist ein genialer Kerl, Klaus! Du hast nicht nur die spielende Leichtigkeit der Technik, du hast auch Phantasie! Und das ist die Hauptsache. Ein Bild, bei welchem man sich nichts denken kann, ist kein Kunstwerk, das ist ein Stück Tapete. Du bist kein Realist, und doch trägt das Stück Leben und Natur, welches du auf die Leinwand bringst, den vollen Schein der Wirklichkeit, das ist der Tric, welcher dich berühmt machen wird! Der graue Mensch da ist dein Bruder? Ich habe ihn nur einmal vor Jahren bei dir gesehen, aber die Ähnlichkeit ist frappant. Herr des Himmels, wäre mir solch eine Idee bei seinem Anblick gekommen! Aber das ist's eben, du verstehst es, die Eigenart auszunutzen. Das Gesicht paßt nur zu einer solchen Staffage – und wie großartig wirkt es darin! – Donnerwetter ja! – Also die eine Hälfte ist fertig, wann beginnst du die zweite?«

»Eine Hälfte? – zweite? – Was meinst du damit?«

Der junge Maler, von seinen Freunden »
dear Schorsch« genannt, zog den breitrandigen Filzhut von dem Kopf und fuhr mit gespreizten Fingern durch das aufbäumende Haar.

»Na – dies Bild ist doch gewissermaßen eine Frage, das Publikum wird nun auch eine Antwort darauf verlangen.«

»Mensch, entschleiere deine Seele! – Eine Frage?«

»Gewiß, oder willst du einen anderen Titel in den Katalog drucken lassen?«

Klaus lachte. »Ich wollte das Bild »Frühlingsstürme« nennen. Sturm außen und Sturm innen. Findest du das nicht gut?«

»Nee! – Nimm's mir nicht übel, der Gedanke liegt zu sehr auf der Hand, um noch ausgesprochen zu werden. Zu dem Bilde gehört ein viel originellerer Titel, so was, worüber die jungen Mädchen seufzen, die Kenner lächeln und die Kollegen schimpfen, was absonderliches, mein ich.«

»Teufel ja! Du magst recht haben. Aber woher nehmen und nicht stehlen. Ein Titel, ein Titel, ein Königreich für einen Titel!«

»Wenn du es nun »Eine Frage« nennst? Eine Frage, welche der einsame Grübler an das Schicksal richtet, vielleicht über seine Zukunft? Er hat hochfliegende Pläne, er will empor! Er will mit kühnen Schwingen zur Sonne. Und nun ein Pendant dazu – Die Antwort! – Na, da sieht man eben, wie das Schicksal antwortet, vielleicht mit strahlendem Sieg, oder auch düster, unheimlich – gebrochene Schwingen und der Rest ist Schweigen … weißt du, so eine ganze Lebenstragödie mit ein paar Pinselstrichen! Donnerwetter ja! 's ist ja dein Bruder, aber im Sterben müßte sich der Kerl patent ausnehmen.«

»Hm – so male ich ihn aber nicht, – nein, das könnte ich nicht; ich ginge selber zu Grunde an solch einer Phantasie.« Klaus sprang auf und schritt, die Hände in die Taschen seiner Sammetjoppe versenkt, mit erregten Schritten auf dem echten Perserteppich hin und her.

»Na, es kann ja auch eine gute Antwort sein. Blick in eine kleine Hütte, freundliche Gattin, sieben hoffnungsvolle Sprossen, ein paar realistisch gehaltene Windeln am Herd – und in der Thüre der Geldbriefträger…« Dear Schorsch setzte sich schmunzelnd auf den verlassenen Sessel nieder und schlug das Bein über, während Klaus lachte und ihn im Vorüberschreiten am Schopf packte: »Die Zukunft male ich für dich, du Teufelsbraten!« –

Gleicher Zeit wieder ein Schlag auf die Thürklinke. Breitschultrig, hochgewachsen wie ein Riese, mit rötlich wallendem Haar und kühn gebogener Adlernase, stand Aloys Strauffinger auf der Schwelle.

»Na natürlich! Wieder mit dem akademischen Viertel Verspätung! Wenn ich nicht die christliche Nächstenliebe besäße und hier täglich den Wecker spielte…« Er verstummte, trat heftig vor, stieß einen leis zischenden Pfiff durch die Zähne und starrte auf das Bild. »Endlich ist das Geheimnis enthüllt – Teufel ja – da gratuliere ich!« Und er zog mit tiefer Reverenz gegen Klaus den Hut und applaudierte.

»Na, was sagst du denn zu dem grauen Schwerenöter hier?« blinzelte ihn dear Schorsch an und stieß ihn mit dem Malstock in die Seite, »wird der auf der Ausstellung Herzen knicken? Ja oder nein?«

Aloys Strauffinger heftete einen langen Blick auf die mantelumhüllte Gestalt, dann breitete er schwärmerisch die Arme aus und sang mit weicher, schwermütiger Klangfärbung: »Er träumt von einer Palme – Die fern im Morgenland – Schweigend und einsam trauert – An brennender Felsenwand!« –

Klaus war stehen geblieben und hob das Haupt. Ein Aufleuchten ging durch sein Auge – ein tiefer Atemzug hob seine Brust.

»Er träumt von einer Palme!« wiederholte er leise, und dann faßte er dear Schorsch bei beiden Schultern und lachte ihm schier übermütig in das Gesicht.

»Ja, Kleiner, du hast recht. Das Bild ist eine Frage – und es soll auch seine Antwort bekommen!« –

Es dämmerte, – Klaus Sterley saß wieder vor seinem Bild und lächelte ihm zu, wie eine junge Mutter sich über die Wiege ihres Erstgeborenen neigt.

Neue, große, leuchtende Ideen kreisten in seinem Hirn. Er war heute in seltsamer Weise angeregt worden, und wie die künstlerische Erkenntnis gleich einem Blitz aufflammt und die Seele durchleuchtet, so hatte auch Klaus eine Inspiration gehabt. Alle seine Gedanken kreisten um diesen Götterfunken, und je länger er vor seinem Bilde saß und sich in seinen Anblick vertiefte, um so klarer ward es ihm, daß dear Schorsch recht hatte, – es war eine Frage, oder doch nur die Hälfte eines großen, einheitlichen Gedankens.

»Er träumt von einer Palme …«

Ist dies nicht schon eine Unterschrift für die sehnsüchtigen Augen dieser Jünglingsgestalt, für diesen schwermütigen Träumer des nordisch kalten, sturmdurchtosten, einsamen Meeresstrandes? Soll er noch ein paar Schneeflocken durch die Luft rieseln lassen, soll er das Riedgras mit einem leichten Rauhreif übertönen, soll in den Furchen des Feldgesteins eine feine Eisschicht lagern?

»Er träumt von einer Palme …«

Und dann neben diesem Nordlandsbild voll düsterer Poesie ein anderes – die Verkörperung jenes Traumes!

Glühende, italienische Sonne, ein Himmel, so blau, so wolkenlos, so intensiv leuchtend, daß er die Augen des Beschauers blendet, und unter schweigsam starrenden Palmen, »an brennender Felsenwand« eine Mädchengestalt, ebenso hold verträumt, ebenso sehnsüchtig in unermessene Fernen blickend, die Arme leicht erhoben und ausgestreckt, als wolle sie eine ferne, nebelhafte Gestalt voll bebenden Verlangens umfangen.

Zwischen beiden aber das Meer, das urewige, trennende, blauglänzende und grauwallende Meer …

Er träumt von einer Palme!

Ja, das ist sein Traum.

Mit der glühenden, leidenschaftlich arbeitenden Phantasie des gottbegnadeten Künstlers hat sich Klaus in diesen genialen Gedanken versenkt, er kann nicht anders – er greift zu Pinsel und Farben, er streut in den Lichtstrahl, welcher die Schwinge der Möve trifft und die sitzende Männergestalt seitwärts streift, die glitzernden Schneeflocken! Hier leuchten sie grell auf, dort verschwinden sie wie Nebelflöckchen im Schatten.

Die einbrechende Dunkelheit zwingt ihm den Pinsel aus der Hand, aber er sitzt vor seinem Gemälde und sieht es dennoch im Geist! Und daneben taucht ein zweites Bild auf – greifbar deutlich, die Staffage, die Gestalt und das Antlitz! O dieses herrliche Mädchengesicht, welches ihn anblickt, in Thränen glänzend, mit dem Blick der Dolorosa, und dennoch jungfräulich herb und priesterlich rein, wo findet er auf Erden solch eine lieb- und schmerzverklärte Lichtgestalt? Seine Phantasie spiegelt sie ihm, nun heißt es, sie suchen!

Wie im Fieber wirbelt es durch sein Hirn, aber je länger er überlegt, desto klarer reift sein Plan.

Ja, er malt dieses Doppelbild.

Er gibt dem nordischen Strand noch ein frostiges Kolorit, er läßt einen echten, rechten Frühlingssturm wehen, welcher dem Wanderer den letzten Gruß des Winters entgegenbläst, und ist dies Gemälde vollendet, was in wenig Tagen der Fall sein kann, dann schnürt er sein Bündel und zieht hinab unter heißeren Himmel, das Urbild jener Palme zu suchen, von welcher dieser Jüngling mit krankem Herzen träumt.

Josef hat ihm von dem ererbten Kapital der Mutter eine kleine Summe zugesandt, mit der Bitte, sie zu einer Studienreise zu verwenden. Klaus hat diesen Gedanken weit von sich gewiesen und das Geld auf die Sparbank getragen. Jetzt leuchten seine Augen auf bei dem Gedanken an diesen Schatz, welcher eine Reise ermöglicht.

Er muß das italienische Bild auf heißem Boden malen! Er muß sein Auge sättigen an der glänzenden Farbenpracht, welche er spiegeln will. Es gehört Stimmung dazu! Neben dem Koksofen findet er die nicht. Gott sei gelobt, daß er voll begeisterter Schaffenskraft hinab wandern kann in das Mutterland aller Kunst! Seine schlanke Gestalt wächst und dehnt sich, er hebt den Kopf mit den dichten, blondschimmernden Haarwellen in den Nacken wie ein junger Gott, welcher auf rollendem Siegeswagen vorwärts stürmt.

– – – – – – – –

In Lichtenhagen wird es Frühling.

Die ersten Gänseblümchen heben die roten Knospenköpfchen über zarte Grasspitzen und ein kräftiger Erdgeruch weht durch das Gartenland, wie geheimnisvolle Botschaft von all dem neuerwachenden, keimenden Leben, welches sich in und unter den dunklen Schollen regt.

Das große Fest der Auferstehung hebt an; wie die Strahlen der Sonne lange vorher den Himmel färben, ehe die Weckerin alles Lebens selbst am Horizont emporsteigt, ebenso leuchtet auch jener eine große Tag des Lichtes, welcher die Gräber öffnen und das Tote neu erwecken wird, seiner fernen Stunde weit voraus.

Jeder Lenz ist das Morgenrot jenes letzten, ewigen Frühlings, welchem kein Winter mehr folgen wird, und jedes junge Blättlein, jeder treibende Keim – jede brechende Knospe ist ein Mene Tekel, welches die Hand des Schöpfers für seine Menschenkinder in das offene Buch der Natur schreibt! Ein liebliches, verheißungsvolles Mene Tekel, welches von einem Ende spricht, welches doch nur der Anfang eines ewigen Lebens ist, – ein Mene Tekel, welches keine düstere Mahnung, wohl aber eine selige Prophezeiung birgt, welches nicht sein »Wehe!« und »Fürchtet euch!« mahnt, sondern aus tausend Blütenkelchen jubelndes »Hoffet und freuet euch!« in die Welt duftet.

Und diese Gottesahnung von Hoffnung und Freude erfüllt die Brust der Menschen. »Frühlingsstimmung«, »Werdelust« heißt das Jubilieren und glückselige Aufatmen, die Realisten sehen darin nur eine Genugtuung, die Not und Härte des Winters nun überstanden zu haben, aber die Leute mit den glänzenden Augen und den fühlenden Herzen, die Optimisten und Sonntagskinder, die Poeten und Liebenden, welche dem Himmel näher stehen wie andere, die wissen, daß in dem Frühlingsweben und -Stürmen mehr liegt, wie ein brutaler Kampf der Naturmächte, ein Klang des Ewigen, ein Hauch jenes jungen Lebens, welches nie vergeht. –

Auch durch Josefs Seele zog dieser Widerhall und erfüllte sie mehr denn je mit heißem und ungeduldigem Sehnen.

Das milde Wetter förderte alle Arbeiten ungeheuer, die Augen sahen, was da geschaffen ward, der Erfolg wuchs mit dem Werk.

Welch ein überreiches Aussäen und Vorbereiten!

Wie ein Feldherr stand Torisdorff auf seinem Posten, erfüllt von namenloser Freudigkeit, von Schaffensdrang und Arbeitslust, welcher ein unbegrenztes Feld der Thätigkeit eröffnet war.

Sein Aufenthalt im Lichtenhagener Gutshaus ward immer seltener und kürzer, und Rothtraut, welche große Freundschaft mit den zahlreichen Pächterkindern geschlossen, überraschte den jungen Gutsherrn gar oft bei den neuen Schachten, wo sie, den Strohhut in der Hand und das wehende Kleidchen zierlich geschürzt, oft stundenlang an seiner Seite stand, um zuzusehen.

Ihre Trabanten tobten währenddessen in Feld und Wald umher, und erst die knurrenden Mäglein trieben sie zu Fräulein von Damasus zurück, energisch auf dem Heimweg zu bestehen.

Es war Josef aufgefallen, daß trotz aller Harmlosigkeit des Verkehrs dennoch Bemerkungen über ihn und das so auffallend hübsche und liebenswerte junge Mädchen gemacht wurden.

Er sah, daß die Arbeiter sich verständnisvoll zulächelten, wenn sie kam, daß verstohlene Blicke sie beobachteten, wenn sie zusammen plauderten. Auch das seltsam wohlgefällige oder pfiffige Schmunzeln der Lichtenhagener Dienstboten fiel ihm auf, wenn er zufällig nach dem gnädigen Fräulein fragte, oder sie durch den Hof, Stall oder Garten begleitete.

Er vermied es seit jener Zeit, mit dem Backfischchen allein zu promenieren, wie es früher so harmlos und heiter geschehen war. Ja, die plötzliche Erkenntnis, daß über Rothtraut und ihn Redereien in Umlauf gesetzt wurden, erschreckte und verstimmte ihn.

Daß er nie an solche Konsequenzen gedacht hatte! Seine Freude, den armen, verlassenen Damen ein Heim bieten zu können, war größer gewesen als sein Erwägen und Deuteln.

Dem Reinen ist alles rein! Da er selber mit keinem Gedanken an eine Neigung zu Rothtraut dachte, schien es ihm unmöglich, daß andere Menschen auf solch eine Idee kommen könnten, daß sie von Verloben und Heiraten sprechen würden! – Inmitten all der großen Arbeitskraft überkam ihn plötzlich eine quälende Unruhe.

Schon das müßige Gerede deuchte ihm eine Beleidigung für Charitas, ein Vorwurf für ihn selbst.

Glühender als je sehnte er eine schriftliche Aussprache mit der Geliebten herbei.

Soweit er die Zukunft überblicken konnte, lag sie klar, geregelt und zuverlässig vor ihm, kein Hindernis sperrte ihm mehr den Weg, er mußte schon jetzt eine Entscheidung herbeiführen, die Verhältnisse in Lichtenhagen bedingten es.

Nicht, daß er gefürchtet hätte, Rothtraut könne sich in ihn verlieben! Nichts lag dem ganzen Wesen und Benehmen des jungen Mädchens ferner als lyrische Empfindungen. Im Gegenteil, ihre ehrliche Ungeniertheit, ihr Vertrauen, welches ihn gewissermaßen zu einem guten, alten Onkel stempelte, bewies ihm stets von neuem, daß dem Backfischchen eine tiefere Neigung absolut fern lag.

Aber es galt ihren Namen und ihre Ehre zu schützen! Es ist nicht angenehm für eine junge Dame, verlobt gesagt zu werden, wenn die Verlobung nicht eintritt, sondern eine andere vorgezogen wird.

Und für ihn ist es geradezu ehrenrührig, mit einer Fremden verlobt gesagt zu werden, während all seine Gedanken, sein treuestes Sehnen der fernen Geliebten gelten.

Es mußte Klarheit geschaffen werden, schon jetzt, um jeden Preis. Wie aber zu Charitas gelangen? – Der Zufall kam ihm zu Hilfe.

Zur Aufsetzung etlicher Kontrakte und Abschlüsse hatte er den Rechtsanwalt Hagborn aufgesucht. Derselbe war Strohwitwer, seine Frau war zu der erkrankten Mutter gereist.

Josef bat den alten Herrn, bei ihm in dem Hotel zu speisen.

Hagborn lehnte voll lebhaften Bedauerns ab. Er hatte sich bereits mit einer kleinen Gruppe von Parlamentariern verabredet, in einer süddeutschen Weinstube »saure Nierle« und »Spätzle« zu dinieren.

»Schaddinghaus ist auf die seltsame Idee gekommen, alle Spezialitäten durchzuprobieren!« fuhr er lachend fort, »er ist ein merkwürdiger Herr, welchem es nirgends länger wie zwei Tage behagt! – Nun zieht er ruhelos und über alles schimpfend von einem Restaurant und Hotel in das andere und wir folgen, teils aus Interesse, teils aus Gutmütigkeit, den Wunderlichkeiten des alten Herrn gerecht zu werden.«

»Schaddinghaus! – Regierungsrat Schaddinghaus?!«

Hagborn lachte. »Ganz recht! Und Sie sehen so betroffen, ja entsetzt aus, als ob Sie den alten Krakehler kennten!«

»Nicht persönlich, – nur vom Hörensagen!«

»Na, das mag allerdings eine üble Konduite gewesen sein! Unter uns gesagt, ein unerträglicher Mensch. Es scheint sich aber darum zu handeln, die Stimme des Starrkopfs in irgend einer wichtigen Frage zum Schweigen zu bringen, darum die Geduld und Ausdauer der anderen Herren!«

»Ist… ist seine Frau auch hier in der Residenz?«

»Gott bewahre! Die Ehe muß trostlos sein, nach all den satyrischen und brutalen Andeutungen, welche er selber macht. Er will sich hier ohne Hausdrachen amüsieren!«

Josefs Hand, welche er auf den Tisch stützte, bebte.

»Und ahnen Sie, wo sich Frau und Pflegetochter aufhalten?«

»Das kann ich Ihnen zufällig ganz genau sagen!«

Hagborn strich sich über den kurzen, graumelierten Kinnbart: »In einem kleinen Städtchen an der sizilianischen Küste, – wenn ich nicht irre, Catania mit Namen! Wenn Sie es aber interessiert, kann ich es Ihnen genau sagen, ich habe die Adresse notiert, da ich an die Pflegetochter, Fräulein Charitas Reckwitz, ein kleines Schriftstück zurücksenden muß.« – Der alte Herr neigte sich vertraulich näher: »Es scheint mir nämlich, als ob das arme Kind die Zinsen seines Vermögens ein für allemal an die Pflegeeltern abliefern mußte, man scheint hauptsächlich von ihrem Gelde zu leben… na – das wird Sie wohl nicht sonderlich interessieren! Aber die Adresse… ah – da liegt ja schon der Briefumschlag – hier… da können Sie lesen! Catania – Villa Favorita …«

»Der Brief ist noch nicht geschlossen?«

»Nein – wie ich sehe, noch nicht.«

»Verehrtester Herr Rechtsanwalt – darf ich Sie um eine große, ungeheuer große Gefälligkeit bitten?«

Hagborn blickte überrascht in das glühende Antlitz des jungen Mannes, in welchem sich eine seltsame Aufregung spiegelte.

»Gewiß, mein teurer Herr von Torisdorff – alles was in meinen Kräften steht –!«

»Darf ich diesem Brief einen kleinen Zettel – nur ein paar wenige, kurze Worte beifügen?« stieß Josef hochatmend hervor.

»Gewiß… ich stehe gern zur Verfügung – aber ich verstehe nicht…«

Josef faßte beide Hände des Sprechers mit leidenschaftlichem Druck. »Später! Sie sollen alles später erfahren, lieber, verehrtester Freund! Lassen Sie mich schreiben – ich thue es ohne Namensunterschrift – und sollte Frau Schaddinghaus den Brief öffnen und Sie wegen des Zettels interpellieren, so beschwöre ich Sie um einen Dienst der Nächstenliebe – sagen Sie, der Zettel sei aus Versehen in das Schreiben gelangt und durchaus nicht an Fräulein Reckwitz gerichtet gewesen! Kann ich mich darauf verlassen?«

Hagborn drückte lächelnd die Hand des Freiherrn.

»Sie können es, – schreiben Sie!« – nickte er, schob den Sessel vor den breiten Diplomatentisch und trat mit einer Verbeugung bei Seite, vor das Fenster.

Josef griff nach der Feder. Seine Hände flogen wie im Fieber. Endlich! Endlich!

Charitas kennt seine Schrift, sie weiß, wer den Zettel geschrieben.

Mit hämmernden Schläfen, in fliegender Eile warf er die Zeilen auf das Papier.

»Geliebte! In unveränderter Treue gehört dir jeder Pulsschlag und Atemzug! Ich kann nicht leben ohne dich. Ich bin willens, alles für unser Glück zu wagen! Hindernisse gibt es nicht mehr. Ich beschwöre dich, gib mir Nachricht, wohin ich dir sicher schreiben kann – postlagernd – ich muß dir die wichtigsten Mitteilungen machen! O sage mir, daß du mich noch lieb hast! Dies Bewußtsein soll mir den Weg zu dir bahnen und dich erringen helfen! Ich harre in Qualen deiner Antwort – o sende sie bald! Den du im Nebel gefunden, laß jetzt die Sonne des Glückes sehn!«

Diese Worte waren nur ihr verständlich.

Josef schob sie in den Brief und schloß denselben.

»Lassen Sie mich ihn zur Post tragen!« bat er.

Wie in einem Rausch stürmte er die Treppe hinab.

Endlich! Endlich! Und vor ihm lag die Welt im ersten Frühlingssonnenglanz neugeboren wie sein jauchzendes Herz.

Ist's denn wahrlich schon Frühling? – jetzt – in den ersten Märztagen?

Dort steigt eine dunkle Wolke auf, die drängt sich vor die Sonne und verdunkelt sie.

Wie Schnee dräut es von ihr nieder, und um die Straßenecke braust ein kalter Windstoß, der faßt und schüttelt die Bäume im Park.

Ist die Zeit der Frühlingsstürme doch noch nicht um?

Lächelnd bietet Josef ihnen die Stirn.

An dem Fenster aber lehnt Hagborn und blickt trübselig in den Straßenlärm hinaus.

Welch eine Überraschung! Wer hätte das gedacht! Arme kleine Rothtraut! Wie schön hatte er schon von ihrem künftigen Glück geträumt, nun verfinstert sich die Sonne.

Und der Traum zerrinnt.

XVIII.

Starr und regungslos ragen die Lorbeerbäume in die heiße Luft empor.

Betäubend starker Duft strömt aus den blühenden Gebüschen, der Rasen ist besät von Veilchen, Anemonen und Narzissen.

Wo die weißglänzende Mauer steil gegen die Fahrstraße abfällt, ragen schlanke Dattelpalmen, breiten sich mächtige Kakteen aus, träumen knospende Mandelbäume im Schatten dichtblätteriger Feigen.

Noch ist es Frühling – und doch, wie heiß!

Die Bergkonturen verschwimmen in blendendem, zitterndem Licht, um die eigenartigen Konturen des Ätna schweben Wolken, welche in blaugrauem Dunst zerrinnen, und das Meer liegt so blau, so wunderbar blau und leuchtend, ausblitzend in Milliarden Wellenfunken, sich leise hebend und senkend in seiner ewigen Bewegung.

Welch eine Farbenglut ringsum!

Die weißen Mauern werfen die Flammengarben zurück, Ölbaum und Citronenwäldchen stehen in fahlem, graugrün bestäubtem Kleid so verkrüppelt und lechzend am Wege, wie totmüde Wanderer, welche sich kraftlos niederwerfen möchten!

Fernhin wimmelt und surrt das geschäftige Treiben im Hafen; Schiffe kommen und gehen; weiße oder in der Sonne blutrot leuchtende, spitz zugehende Segel ziehen nahe am Strand dahin, große Masten ragen hoch und schlank empor und dunkle Rauchfahnen liegen wagerecht still in der Luft.

Vom Meeresstrand hebt sich eine Straße bergan, sie führt durch die schmalen, mit breiten Platten gepflasterten Straßen, wo Obst und Fische auf niederen Holztischen lagern, von buntgestreiften, weit vorgeschobenen, leinenen Sonnendächern überspannt. Muscheln, Tintenfische, Seespinnen und Korallen türmen sich auf, ein brenzliger Ölgeruch durchzieht die Luft, und dazwischen auf den zerbröckelten Fliesen lungern halbnackte Kinder herum, zierliche, dunkeläugige, anmutige Geschöpfchen, voll natürlicher Grazie und Geschmeidigkeit.

Weiber – in grelle, meist sehr bunte Farben gekleidet, hocken schwatzend vor den Hausthüren oder schreiten langsam – etwas träge mit Krug und Korb einher, und die Männer, meist in phantastischen Posen hingelehnt oder gelagert, spielen mit goldfarbenen Orangen Boccia, rauchen und gestikulieren. – Bettler belästigen die Passanten, Mönche und Nonnen huschen einher und strecken, Almosen heischend, die Hände aus, – und wo die Kinder einen wohlgekleideten Fremden erblicken, da umringen sie ihn, stoßen einen wunderlichen, zischenden Ton aus, als sei eine Schar Schlangen aufgestört, und halten die zerlumpten Röckchen hin, lachend, anmutig, zudringlich – bis eine kleine Münze geflogen ist.

Musikklänge dort und hier, – schmutzige Betten zum Sonnen auf den Balkons, und gackernde Hühner, selbst da, wo man sie nie vermutet – und zwischendurch drängen sich kleine, schwarze Ziegen, welche so wohlerzogen sind, oft zwei, drei Treppen hoch zu klettern, um sich droben von ihren Kunden geduldig melken zu lassen…

Über allem aber der azurblaue, lichtflammende, südliche Himmel…

Und die Straße windet sich hindurch, durch all die Mauern und Winkelchen, hinaus, wo Oleandergebüsche und stachelige Dornenhecken den Weg säumen, wo steifästige Pinien über breite Mauern von Quadersteinen ragen und Orangenduft aus den Gärten herüber weht, – wo die Luft immer freier und klarer und die Aussicht immer weiter und schöner wird.

Dort stehen in heimlichem Grün die weißglänzenden Villen im Sonnenglanz.

Die Gartenmauer der Favorita fällt steil ab gegen die Straße – und da, wo die Dattelpalmen ihre graziösen Blätter wiegen, und der Lorbeer und die Schwester unserer deutschen Eiche Schatten spenden, sitzt eine schlanke Mädchengestalt auf der Brüstung und blickt wie eine schmerzversteinerte Niobe hinaus über das freie, lockende – trennende Meer.

Charitas!

Es ist geschehen. Sie hat den schwersten Kampf ihres Lebens gekämpft – aber sie hat gesiegt.

Dort in der Ferne verschwindet der Dampfer, welcher ihre Antwort an den Geliebten mit sich führt, und je mehr er sich entfernt, desto brennender wird das Weh ihres Herzens, desto mehr empfindet sie den Riß, durch welchen jener Brief für ewige Zeiten das Glück und sie getrennt hat!

Ihre Antwort auf seine Zeilen!

Vor zwei Tagen ist es gewesen, als Josefs kleiner Zettel ihr wie ein unfaßliches Wunder entgegen gefallen ist.

Sie hat ihn angestarrt wie eine Vision, sie hat ihn mit leisem Schrei namenloser Wonne an die Lippen gepreßt, unfähig, etwas anderes zu denken und zu fühlen, als nur den einen Begriff höchster Seligkeit: von ihm!

Und dann, als sich das Hämmern in ihrer Brust etwas beruhigt, als ihre Blicke wieder zu sehen vermögen, liest sie seine Worte.

Welch eine Stunde! – So recht ein Sturmwind jählings über die Erde.

Sie lacht und weint vor Glück, sie weiß nur noch das eine: »Er liebt dich noch immer!«

Und dann wird sie ruhiger, und als der erste Rausch verflogen, kommen die Gedanken.

O was für wehe, qualvolle Gedanken!

Er liebt sie, er will sich frei machen, um ihretwillen, er will alle Hindernisse überwinden, um sie zu besitzen!

O was bedeuten diese Hindernisse im Wege eines katholischen Priesters!

Charitas ist viel zu unerfahren, viel zu fremd solchen Verhältnissen gegenüber, um sie richtig zu beurteilen. Sie kennt nur die phantastische, so unendlich traurige Mönchs-Poesie, welche den Träger des Priesterkleides der Welt für ewig verlustig erklärt.

Und sie glaubt, daß Josef ein Kleriker sei, welcher die oberen Weihen bereits empfangen.

Welch einen verzweifelten Schritt würde für ihn ein Loslösen von seiner Kirche bedeuten!

Ausgestoßen und verfehmt würde er sein, und wenn er das Entsetzliche auch im ersten Rausche jungen Glücks überwinden würde, so käme die Ernüchterung, die Erkenntnis seiner That dennoch nach, – zermalmend – vernichtend für einen so spröden, empfindsamen und ehrenhaften Sinn wie den des Geliebten!

Und ist seine Liebe zu ihr wahrlich so groß?

O nein, die Liebe brennt als stille, ruhige Flamme, entsagungsvoll und brüderlich in seinem Herzen, aber das Pflichtgefühl ist der Stachel, welcher ihm keine Ruhe läßt und ihn zum äußersten treibt!

Schrieb er ihr in jenem ersten Brief nicht selber, er empfinde das Geständnis seiner Liebe als ein schweres Vergehen, als große Verpflichtung gegen sie?

Nun will er sein Wort, das nie ausgesprochene, das nur geahnte und empfundene, bei ihr einlösen!

In welch einem Zwiespalt ringt seine Seele – durch ihre Schuld!

Sie weiß, daß nur die Klostereinsamkeit ihm Frieden geben kann. Wehe ihm und ihr, wenn sie sein großmütiges Opfer annehmen und ihn losreißen wollte von dem Anker, welcher seine Seele vor Sturm und Untergang bewahrt!

Charitas hat während der langen, stillen Nacht die Hände gerungen und unter heißen Thränen nachgedacht, wie sie dem Geliebten mit einer einzigen Nachricht und für immer die Ruhe zurückgeben könne.

Er wähnt, daß er sie unglücklich gemacht hat, sie muß ihn von diesem aufreibenden Vorwurf befreien.

Aber wie – wie? –

Drunten im Gebüsch schlagen die Nachtigallen, von dem Meer herauf schmeicheln süße Gondolierenklänge und künden von traumhaftem Liebesglück – und die Blüten duften…

Da schreibt sie ihm mit schier brechendem Herzen die erste, große Lüge ihres Lebens, welche ihr in diesem Augenblick seine Schuld, sondern ein heiliges Martyrium deucht.

Sie dankt ihm in kurzen Worten für seinen Gruß, welcher sie durch sein freundliches Gedenken tief gerührt habe. Sie hoffe, daß ihm lediglich das Pflichtgefühl die Worte in die Feder diktiert habe. Jene liebe, traurige Stunde in Nebel und Bergeinsamkeit sei für sie noch eine Erinnerung, ein Schmerz, welcher überwunden sei. Das Leben habe seine Ansprüche an sie gestellt, sie sei seit wenig Tagen die Braut eines Mannes, welcher sie nach ihrer Mündigkeitserklärung heimführen wolle. Sie sei glücklich und zufrieden mit ihrem Schicksal, und sie hoffe, daß dieses Bewußtsein auch ihm die verlorene Ruhe zurückgeben werde. Sein Andenken werde sie wie ein treuer Segen durch das Leben geleiten und ihr Gebet werde dem Frieden seiner Seele gelten.

– – – – – – – –

Wie ein Aufschrei verzweifelter Herzensnot ringt es sich von ihren Lippen, als sie diese unwahren, falschen, trügerischen Worte noch einmal liest. Ihre Finger krampfen sich, das Papier in tausend Stücke zu zerfetzen, es durch einen einzigen Schrei der Sehnsucht zu ersetzen: »Komm, komm! Ich habe dich lieber als mein Leben!«

Er würde kommen, er würde die Brücke hinter sich abbrechen, ein kurzes Himmelhochjauchzen… und dann?

Dann hat sie einen Mann für sein ganzes Leben tief elend gemacht.

Nein, nein, das darf nicht geschehen. Sie muß jetzt stark und fest sein, um seinetwillen.

Und während drunten die Liebesklänge heißer und heißer werben, während der Mond einen flimmernden Streifen über die See malt, als wolle er der Sehnsucht die rettende Brücke bauen, schließt Charitas den Brief.

Wie Furcht vor ihrer eigenen Schwäche überkommt es sie, wie ein Mißtrauen gegen sich selbst und ihren Opfermut. Wird sie das Geschriebene nicht vielleicht bereuen, wenn eine lange, einsame Nacht voll Thränen und Seufzer ihre Energie gebrochen hat?

Die Feigheit kommt nicht daher in ihrer nackten Häßlichkeit und verräterischen Blöße, sie hüllt sich ein in einen geborgten Mantel von verschiedenster Farbe. Sie naht als Mitleid, als gleißnerische Scheu vor böser That.

Wird sie nicht auch an Charitas herantreten im frommen Büßergewand und sagen: »Du sollst nicht lügen – die Lüge ist eine Sünde?«

Und ohne diese Lüge, was soll sie ihm antworten? Darum schnell, schnell, das letzte überwunden, sich selber treu geblieben.

Lautlos wie ein Schatten flieht das junge Mädchen die Treppe hinab, durch den Garten, zu dem nahen Briefeinwurf.

Sie beißt wie im wilden Schmerz die Zähne zusammen, aber sie geht den schweren Weg. Kein Mensch sieht sie.

Die Villa ist so gut wie unbewacht, nur ein altes, englisches Ehepaar ist vor der Hitze nicht geflüchtet, während alle anderen Wintergäste die italienischen Seen als Übergangsstation aufgesucht haben.

Frau Schaddinghaus wählt aber mit Vorliebe die Aufenthaltsorte, für welche die Saison vorüber ist. Die Preise befriedigen sie alsdann und unter der Hitze leidet sie nicht. Auch huscht ein boshaft befriedigtes Lächeln um ihre gekniffenen Lippen, wenn sie Charitas in die menschenleeren Häuser und auf die stillen Promenaden führen kann.

Und still, still und einsam ist es auch jetzt. Nur die Sterne flimmern am Himmel, und das Mondlicht umfängt sie wie mit weicher, kosender Silberflut.

Ein Schritt schallt auf dem harten Boden.

Charitas hört ihn nicht.

Sie flieht an der schlanken Männergestalt, welche ihr langsam entgegentritt, vorüber, ohne einen Blick, ohne jeden Gedanken an ihre Umgebung.

Sie preßt die gefalteten Hände gegen die Brust und gebietet nicht den Thränen, welche über ihre Wangen fluten. Sie weiß nur, daß es nun vorbei ist – alles Glück – alles Hoffen – ihr Leben ist ausgelebt. Welch ein Schmerz, welch ein tropfenweises Verbluten an solcher Todeswunde!

Sie bemerkte nicht, daß der Fremde jählings zurückweicht und in ihr mondbeglänztes Antlitz starrt, – sie ist wie versteinert, sie wankt achtlos vorüber.

Und als sie in dem Schatten des Lorbeergebüsches verschwindet, hallt ein tiefer, leiser Laut ihr nach, halb Betroffenheit, halb jubelnde Freude.

Klaus Sterley steht regungslos und schaut noch immer auf die Stelle, wo die schlanke Gestalt ihm gegenüber gestanden.

»Gefunden! Ich habe sie gefunden!« atmet er mit leuchtenden Augen auf. »Josefs banger Frage am nordischen Strand ist eine Antwort geworden! Welch ein Ausdruck in diesem schönen Mädchenantlitz, welch ein wahrer, gewaltiger, heiliger Schmerz! Vergeblich hat er in ganz Italien die einsam trauernde Palme gesucht, – Elend und Herzeleid genug, aber nirgends die keusche Reinheit, die überwältigende Majestät eines seelischen Leides.

Und jetzt, als er hinab nach dem Hotel gehen will, mit dem festen Vorsatz, morgen nach Messina zu reisen, jetzt kommt es über ihn wie eine Offenbarung. Seine Muse hat den Zauberstab gerührt und ihm ein Bild entschleiert, welches er als leuchtende Huldgestalt im Traum gesehen. Nun hält es ihn hier.

Aufjauchzen möchte er, wie ein Mann, welcher nach langem, vergeblichem Suchen eine Königsperle aus der Tiefe hebt, und doch überkommt ihn ein Gefühl wehmütiger Rührung und Empörung über sich selbst.

Der Ausdruck dieses tiefen Grams, welcher jedes andere Herz in Mitleid erbeben ließe, versetzt ihn in einen wahren Taumel des Entzückens. Aber nein, nur der Blick des Künstlers leuchtete auf, nur die Freude an der Verwirklichung seiner Ideale war es, welche jählings in ihm aufloderte, – jetzt steht er erschüttert vor dem erleuchteten Eckfenster der Favorita, welches hinter dem Taxus und Oleandergebüsch zu ihm herüber schimmert, und er fragt sich wieder und immer wieder: »Warum weint sie?« Noch sieht er das bleiche, wunderholde Antlitz vor sich, schön wie die Rose im Tau, und sein Blick fliegt wie in brennender Frage abermals zu dem Fenster empor: »Warum weinst du, Schönste von allen?«

Die Gartenthür steht offen, eine Flut von Duft strömt ihm entgegen und die Cikaden zirpen im Dämmer der Gebüsche, das Haus aber liegt einsam und still wie ausgestorben. Ist es zum Grab für ein junges Menschenglück geworden?

Lange noch steht Klaus Sterley, und sein Schatten fällt düster auf den grellweißen Staub der Straße.

Nun steht die Sonne wieder am Himmel, es ist heiß, – heiß wie alle Tage zuvor, und Charitas ist mit müden, langsamen Schritten durch die blühende Pracht des Gartens geschritten, sich auf die niedere Mauerbrüstung unter die Dattelpalmen zu setzen.

Ihr Blick ist geradeaus auf das Meer gerichtet, sie hat kein Interesse für ihre Umgebung, sie sieht nicht, wie drüben an der Straße, halb versteckt hinter der Taxushecke, ein junger Maler vor der Staffelei steht.

Und hätte sie ihn gesehen, würde es sie nicht überraschen, denn die fahrenden Künstler sind gar wohlbekannte Gestalten hier.

Charitas aber wähnte sich allein, ganz allein.

Da leidet sie noch einmal alle Qualen der gestrigen Abendstunden.

Drunten kräuseln die kleinen Rauchwölkchen aus dem Schornstein des Dampfers, die Pfeife schrillt, und dann beginnen die Schaufeln ihre Arbeit.

Das Wasser schäumt neben dem rotleuchtenden Bug auf, mehr und mehr wirbelt und sprüht es, ein breiter, weißer Streifen zeichnet das Wasser, als habe ein Peitschenhieb es getroffen.

Und langsam wendete sich der schwere Schiffskörper meereinwärts.

Nun ist es geschehen, nun fliegt das unglückselige, weiße Blatt unaufhaltsam seinem Ziele zu. Für ihn die weiße Taube des Friedens, aber für sie?

Ein Aufstöhnen tiefster Herzensnot.

Charitas richtete sich jählings auf, sie hebt wie in Todesangst die Arme, als könne sie das enteilende Schiff halten, und über ihr starren die schlanken Blätter der Dattelpalmen in sengende Sonnenglut empor, und die Mauer blendet den Blick.

Klaus Sterley aber starrt wie gebannt, als schaue er ein Wunder.

»Herrgott, kann's denn möglich sein!« murmelt er; aber es ist möglich, sie streckt wahrlich die Arme nach dem Meer aus, und die verzehrende Sehnsucht in ihrem Antlitz sucht er in gleichem Ausdruck wohl vergeblich in einem andern Menschengesicht.

Träumt er, oder ist es Wahrheit? – Wie konnte ihm seine Phantasie dieses Bild schon Wochen vorher im fernen, hohen Norden vorspiegeln?

O welch traurige Wahrheit.

Wen mag das Schiff drunten dem armen, verlassenen Kinde entführen?

Aber Klaus hat jetzt keine Zeit zum Sinnen, voll fieberhafter Eile führt er Stift und Kohle und zeichnet.

Zug um Zug tritt das junge, schmerzverklärte Antlitz auf der Leinewand hervor.

Aber die Sonne steigt höher, und ihre Strahlen treffen den Maler.

Eine kurze Weile erträgt er in seinem Eifer die entsetzliche Hitze, aber bald wird es zur Unmöglichkeit.

Er streicht über die glühende Stirn. Was soll er thun? Die Hauptsache ist wohl fixiert – aber welch ein Glück, könnte er die Zeichnung noch mehr ausführen!

Und die junge Dame sitzt so still, so traumhaft still und regungslos – was thun?

Da durchzuckt ihn ein jäher Gedanke, wie er seine Zeichnung vollenden und sich aus gute Manier der Fremden nähern kann, ihr Antlitz noch in unmittelbarer Nähe zu studieren.

Geräuschvoll klappt er seinen Malkasten auf, packt Bild und Staffelei zusammen und wendet sich der Straße zu.

Wie von ungefähr schweift sein Blick empor und trifft die weiße Mädchengestalt an der Mauer. Und richtig, der müde, thränenverschleierte Blick trifft ihn, ausdruckslos, mechanisch folgt er seinen Bewegungen.

Er tritt jählings näher und zieht höflich den Hut. »Verzeihung, meine gnädige Frau!« sagte er auf gut Glück in deutscher Sprache. »Die Sonne vertreibt mich von meinem Platz, und ich möchte so sehr gern mein Bild vollenden, – würde es mir wohl gestattet sein, in den Garten der Favorita einzutreten?«

Ganz unwillkürlich hat sie aufgelauscht bei dem Klang der lieben, trauten, deutschen Worte, ein Schimmer rosiger Überraschung färbt ihr Antlitz.

»Gewiß, mein Herr! Ich bin überzeugt, daß die Besitzerin der Villa nichts dagegen einwenden wird!« antwortete sie leise und freundlich.

In Sterleys Augen leuchtet es freudig auf, als das stereotype italienische »Ich verstehe nicht« – ausbleibt, als anstatt englischer oder französischer Antwort die teuren Laute seiner Muttersprache an sein Ohr klingen.

»Sie sind eine Deutsche?« – jubelt er.

Ein wehmütiges Lächeln huscht um ihre Lippen, sie neigt bejahend das schöne, schmerzversteinerte Haupt.

»Es ist stets eine Freude, hier im fremden Lande ein Stücklein Heimat zu finden! – Aber bitte, treten Sie näher. Hier zur Seite befindet sich eine kleine Gitterthür!«

Sie sagt es höflich, aber ein gewisses Etwas in ihrer Geste und Stimme läßt die Unterhaltung als beendet erscheinen.

Er grüßt abermals sehr verbindlich und schreitet eine kleine Strecke weiter zu der bezeichneten Thür.

Nach wenig Augenblicken steht er wieder vor Charitas.

»Pardon, meine gnädigste Frau – die Pforte ist leider verschlossen – und übersteigen darf ich doch wohl nicht als ehrlicher Mann?«

Sein lachender Blick, seine bittende Stimme verfehlen ihre Wirkung nicht, die junge Dame erhebt sich.

»Ich werde Ihnen sogleich öffnen!« sagt sie, und ihre hohe Gestalt verschwindet hinter dem Gebüsch von Citronen und Tollkirschen.

Ein paar Minuten später drehte sich unter ihren schlanken Fingern der Schlüssel im Schloß.

»Dies ist nicht der offizielle Eingang zu der Favorita?« fragte er, abermals mit höflichem Dank den Hut ziehend.

»Nein, – die Einfahrt liegt nach der Strada glorici. Wollen Sie sich, bitte, einen geeigneten, schattigen Platz aussuchen, – ich glaube, diese gewährte Gastfreundschaft der Wirtin gegenüber vertreten zu können.«

»Unbeschreiblich liebenswürdig, meine gnädige Frau. Ich würde besonders dankbar sein, mich in der Nähe jener Mauer, an welcher Sie soeben standen, etablieren zu dürfen! Man hat dort wohl den besten Überblick und der Platz ist meinem vorherigen Standpunkt am entsprechendsten.«

»Gewiß, wollen Sie sich überzeugen!«

Sie wendet sich hastig um, ihre rotgeweinten Augen scheinen sie zu genieren, – ihm voranschreitend zeigt sie den Weg.

Sein Blick umfängt die stolze, kraftvoll schöne Figur, welche mit der unbewußten, hoheitsvollen Grazie ihrer Bewegungen jedes Künstlerauge entzücken muß.

Ungestümer als je schlägt das Herz in seiner Brust.

Der Weg steigt ein wenig bergan.

Schmetterlinge und Libellen schwirren um die Blumenkelche, oder hängen wie trunken vor Seligkeit und Genuß an den duftenden Blüten, große, schillernde Fliegen schießen im Sonnengold hin und her, und zwischen den heißen Mauersteinen huscht der glänzende Leib grüner Eidechsen. Von der See herauf weht ein frischer Hauch und läßt die goldbraunen Löckchen um Charitas Stirn zittern.

Sie bleibt stehen und wendet sich halb zurück. »Dies wird der Platz sein, welchen Sie meinen. Soviel ich bemerkte, malten Sie vorhin gerade hier gegenüber unter dem Ölbaum dort. Wollen Sie selber die Stelle auswählen, welche Ihnen paßt.«

Sie spricht kurz, mit etwas verschleierter Stimme. Ihr Blick schweift müde, als seien ihre Gedanken weit entfernt von hier über das blau glänzende Meer.

Klaus kann sich gar nicht satt an ihr sehen.

Er schiebt den leichten Strohhut aufatmend aus der Stirn zurück und scheint ganz Interesse für das landschaftliche Bild, welches sich vor ihm entrollt, zu haben.

»Ja, hier ist es schön, wunderbar schön und wie geschaffen für mich! Wie dankbar bin ich für das Passepartout, welches gnädige Frau mir ausstellen!«

Sie blickt ihn ruhig an. »Sie nennen mich gnädige Frau, aber ich verdiene diesen Titel nicht. Ich bin nicht verheiratet.«

»Noch unverheiratet!« möchte er enthusiastisch ausrufen, aber das Wort erstirbt ihm auf der Zunge, dieser Mädchengestalt gegenüber deucht ihm jede Eloge profan.

Er verneigte sich kurz. »Gnädiges Fräulein wohnen in der Favorita?«

Eine bejahende Bewegung ihres Kopfes. Klaus lüftet abermals den Hut. »Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen bekannt mache: Klaus Sterley!«

Wieder ein kurzes; leichtes Neigen ihres schönen Hauptes. Sein Name scheint ihr völlig gleichgültig, sie nimmt nur aus Höflichkeit von seiner Vorstellung Notiz.

»Ich glaubte, in Ihnen einen deutschen Landsmann zu begrüßen, und bin erstaunt, wie englisch Ihre Visitenkarte klingt!« sagt sie mit einem Versuch, auf seinen heiteren Ton einzugehen, aber ihr Dulderlächeln schneidet ihm in die Seele.

»Ich bin von Geburt Amerikaner, mein gnädiges Fräulein, habe aber in Deutschland meine zweite Heimat gefunden und bin durch eigene Wahl jetzt ein Sohn der Germania geworden – ein recht begeisterter sogar und in diesem Augenblick auch ein sehr stolzer, – stolz auf die gütige Schwester, welche mir Italien beneiden muß!«

Da – es ist ihm doch über die Lippen geschlüpft, was er denkt, – und das war thöricht. Fast unwillkürlich weicht sie einen Schritt von ihm zurück, und die Bewegung ihres Kopfes hat etwas Unnahbares.

»Ich hörte vorhin, daß Sie eine eilige Arbeit zu vollenden haben, und ich möchte Sie nicht länger aufhalten. Verfügen Sie über diesen Platz. Ich hoffe nicht, daß Sie gestört werden!«

Noch einen kurzen Gruß und sie wollte an ihm vorüber nach der Villa zurück schreiten. Mit bittendem, unwiderstehlich bittendem Blick seiner Blauaugen vertrat er ihr halb den Weg.

»Sie wollen gehen, mein gnädiges Fräulein? Ich vertreibe Sie von Ihrem Lieblingsplätzchen? Um keinen Preis der Welt. Verlassen Sie den Garten, sehe ich darin mein Urteil als Eindringling und verlasse ihn auch!«

»Aber ich bitte Sie, mein Herr… welch ein Gedanke! Ich bin schon lange hier, die Pflicht ruft mich in das Haus zurück!«

Er schüttelt heftig den Kopf. »Dort auf der Mauer liegt ein Buch, Sie hatten die Absicht, noch zu lesen! Ich beschwöre Sie, mein gnädiges Fräulein, mir zur Beruhigung bleiben Sie noch ein kleines Weilchen hier! Ich will auch ganz brav an die Arbeit gehen und Sie mit keinem Wort mehr belästigen! Sie setzen sich unter die Dattelpalme zurück, und ich etabliere mich dort hinter dem Oleander … Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein gnädiges Fräulein! Mir zur Beruhigung!«

Wie er bitten kann!

Wie ehrlich und treuherzig sein hübsches, frisches Gesicht sie anblickt!

Charitas empfindet es ihm in ihrer Feinfühligkeit nach, daß es ihm peinlich sein muß, sie von hier zu verdrängen.

Sie versucht abermals zu lächeln.

»Wenn Ihnen mein Bleiben allein die Gewißheit gibt, daß Künstler bei der Wirtin der Favorita gern gesehene Leute sind und ihr Garten denselben stets zur Verfügung stehen wird, so bleibe ich noch ein paar Minuten! Aber das verpflichtet Sie zu nichts. Ich lese und Sie malen! Bonne chance!«

»Nochmals Dank! Nun wird meine Muse versöhnt sein!« grüßt er in seiner eleganten, einnehmenden Art; und während Charitas zu der Mauer zurückschreitet, sich niedersetzt und zum Schein das Buch aufschlägt, geht er mit prüfendem Blick umher, den vorteilhaftesten Platz für seine Staffelei zu erspähen.

Und er operiert sehr geschickt dabei.

Anscheinend hat er nur Augen für die Landschaft, welche er nach Charitas Meinung malt, aber unvermerkt huscht sein Blick zu der Lesenden hinüber, und er stellt seine Staffelei so auf, daß er durch eine Lücke des blühenden Bosketts ihr Antlitz genau und bequem sehen kann.

Und dann vertieft er sich voll Feuereifers in die Arbeit, die Striche fliegen auf die Leinewand, und wenn das junge Mädchen zufällig einmal aufsieht und mit flüchtigem Blick das Gebüsch streift, so sieht sie die hohe Männergestalt kaum hinter den Blütenzweigen stehen, geschweige, daß sie eine Ahnung davon hat, wohin er schaut. Er scheint in der That ganz und völlig in sein Werk versunken, und das Gefühl, jetzt ebensowenig beobachtet zu sein wie zuvor, hat etwas Wohlthuendes für sie.

Die Gedanken, von welchen sie sich für ein paar Minuten gewaltsam losreißen mußte, stürmen aufs neue auf sie ein. Langsam sinkt das Buch in den Schooß. Der thränenglänzende Blick richtet sich auf das Meer, und das Haupt neigt sich wie im Traum gegen den Stamm der Palme: »die schweigend und einsam trauert, an brennender Felsenwand.«

Wie eine Fieberphantasie klingt die Melodie durch Sterleys Sinne.

Er malt mit fliegenden Pulsen, und je länger er das bleiche, schmerzverklärte Dulderantlitz ansieht, um so mehr brennt das Herz in seiner Brust in der schier leidenschaftlichen Frage: »Warum weinst du?«

Nicht nur die Freude ist schön in dem Menschengesicht, nicht nur der Ausdruck strahlender Heiterkeit fesselt, auch der Schmerz übt eine magische Gewalt auf den Beschauer, weil seine Größe und Heiligkeit der Inbegriff aller Poesie ist.

Nicht jedes Leid, nicht jede Seelenqual verschönt ein Antlitz, es ist sogar selten, daß Thränen ein Antlitz schmücken, und dennoch gibt es Frauen, die weinen, daß ihr Antlitz wie eine Blüte im Tau erscheint.

Den gemeinen Menschen macht der Schmerz und die Verzweiflung zum Tier, roh, hervorbrechend in wilder Zügellosigkeit, eine edle Natur aber duldet, ohne zu klagen, weint, ohne das Angesicht zu entstellen.

Solch stille, todestraurige Marmorschönheit ist aber selten, und weil Klaus Sterley in dem Lande des Dolorosa-Urbildes wochenlang vergeblich nach ihr gesucht hatte, ergriff und bewegte ihn die endlich gefundene desto mehr.

Er griff zu den Farben, er mischte, probierte voll leidenschaftlicher Hast das seltene Gut festzuhalten, und Charitas, welche in Wahrheit nicht eilig gewesen, da Tante Schaddinghaus mit dem englischen Ehepaar einen Ausflug nach dem Innern der Insel unternommen hatte, zu welchem die Nichte nicht aufgefordert ward, da die Regierungsrätin mit süßlichem Lächeln fand, daß »die Gute« zu elend und hohläugig aussehe, – Charitas versank mehr und mehr in ihre schmerzlichen Träume.

Beinahe hatte sie es vergessen, daß dort hinter der grünen, blütendurchwirkten Coulisse ein fremder Künstler arbeitete.

Glockenläuten schallte aus der Stadt empor, die Hitze der Mittagsstunden ward immer empfindsamer, und eine jähe Müdigkeit senkte sich auf die Augenlider des jungen Mädchens.

Sie schrak empor, griff hastig nach dem Buch und zog die kleine Uhr aus dem Gürtel.

Schritte klangen über den Weg herüber.

Klaus Sterley stand abermals mit dem Hut in der Hand vor ihr. Seine Augen strahlten.

»Welch ein köstliches Atelier hat mir dieses Plätzchen erschlossen! Bis in die Mittagsstunden hinein der Herrlichste Schatten! Wissen Sie auch, mein gnädiges Fräulein, daß ich nicht übel Lust hätte, mich in der Favorita einzuquartieren, wenn ich nicht in meinem Hotel gebunden wäre? Was soll ich Ärmster nun thun, um Ihre gütige Wirtin anzuflehen, mir dieses Malerheim auch für kommende Tage zu erschließen?« Wie in flehender Bitte traf sie sein Blick, und Charitas lächelte freundlich: »Nichts sollen Sie thun, als morgen früh wiederkommen! Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen die Thüre jederzeit gastlich geöffnet steht!«

Noch ein Gruß, – ernst, gütig und sehr reserviert, und die lichte Gestalt verschwand hinter der buschigen Lorbeerhecke.

XIX.

Klaus verbrachte den Tag in einer völlig ungewohnten Erregung und Unruhe.

Die heiße Sonne Siziliens, welche er gestern noch unerträglich gefunden, genierte ihn nicht mehr.

Die Holzjalousien geschlossen, verbrachte er die Mittagsstunden auf der rohrgeflochtenen Chaiselongue seines Hotelzimmers.

Er rauchte und wollte lesen, aber seine Blicke glitten über das Buch hinweg, und seine Gedanken schweiften weit ab von den Schicksalen der Romangestalten, sie beschäftigten sich mit seinen eigenen.

Und er griff wieder und wieder zu dem begonnenen Studienkopf, nahm ihn aus dem Malkasten und vertiefte sich immer mehr und inniger in den Anblick dieses schönen, sehnsuchtskranken Mädchengesichts.

Welch eine Dolorosa! Welch ein Ausdruck!

Sein Herz hämmert bei dem Anblick, denn trotz der flüchtigen Anlage des Ganzen ist die Ähnlichkeit eine erstaunliche, und der Zug des Schmerzes, der todestraurigen Sehnsucht tritt in wunderbarer Wiedergabe hervor.

Es ist ihm jetzt schon geglückt! Wie erst wird sich dieses Bild gestalten, wenn er es nach dem Leben bis in alle Details ausführen kann! Das hohe Selbstbewußtsein des Künstlers erwacht in Klaus Sterley, das Vertrauen auf seine eigene Kraft und seine gottbegnadete Meisterschaft. Zum erstenmale entfaltet der junge Aar seine Schwingen und steigt voll trunkener Wollust des Schaffens zum Himmel der Kunst empor!

Was er bisher geleistet, war das Resultat fleißiger Studien. Was er aber heute morgen auf die Leinewand gebracht, war eine schäumende Woge aus dem Quell der Unsterblichkeit, hervorbrechend aus seinem tiefinnersten Sein und Wesen, der volle Herzschlag seines Genies, die unmittelbare Äußerung jener Götterkraft, welche in jedem wahren Künstler lebendig ist!

Er hatte mit wenig Strichen den Entwurf zu einem Meisterwerk geschaffen, das fühlte und empfand er selbst mit vollglühender Begeisterung, nun heißt es, das Begonnene vollenden zu vollem Sieg und vollen Ehren!

Wird es gelingen?

Ja, es wird, es muß!

Eine geheimnisvolle Macht hat ihn diesen Weg geführt, sie wird auch weiter ihre Wunderkraft bethätigen und ihm das idealste aller Modelle aufs neue zuführen, und angesichts ihrer – o dann wird es an nichts fehlen!

Seine Augen leuchten, das frische, hübsche Männergesicht scheint in überirdischen Glanz getaucht.

Er glaubt an sich selbst!

Und neben dieser rein künstlerischen Begeisterung schleicht sich noch ein anderes Empfinden in sein Herz, ein weiches, schwärmerisches Interesse für dieses schöne, thränenbetaute Antlitz. Warum weint sie? Nach wem sehnt sie sich? Wie glühende Funken sind diese Fragen in sein Herz gefallen und haben gezündet. Wer anders könnte ein solches Leid und Weh schaffen als die Liebe? Nur sie allein.

Dies dünkt ihm nur allzubegreiflich.

Welch eine Anmut, welch ein Zauber keuscher Jungfräulichkeit ruht auf dieser blühenden Mädchengestalt! Muß sie nicht jedes Auge fesseln, dessen Blick sie trifft?

Sie liebte!

Und jenes Schiff, welchem ihr umflorter Blick folgte, nach welchem sie in qualvoller Leidenschaft die Arme ausstreckte, wen hat es davongetragen über die blaue, treulose Flut?

Eine Jünglingsgestalt wie jene, welche droben am schneeumwirbelten Nordlandsstrand von der fernen, einsam trauernden Palme träumt? Wer weiß es! –

Wer kann ihm Antwort geben? –

Oder täuschte er sich? Ist es vielleicht die Kindesliebe, welche um enteilende Eltern klagt? Ist es ein anderer schwerer Verlust?

Hat das Meer nicht den Geliebten entführt, sondern sucht ihr stummer Blick der Sehnsucht fern – fern hinter jenen wogenden Massen ein Grab, welches einen jungen, blühenden Traum von Glück und Hoffen verschlungen? Wer antwortet ihm, und wenn er sein Hirn noch so sehr mit Fragen martert?

Langsam streicht er die blonden Lockenringel aus der Stirn.

Vielleicht lüftet ein Zufall jene Schleier.

Er muß es abwarten.

Aber es ist wie ein Zauberspuk, der all sein Denken an sie bannt!

Und es träumt sich so süß in dieser schwülen, blütendurchdufteten Stille seines Zimmers. Soll er einen Versuch machen, in die Favorita überzusiedeln?

Klaus seufzt tief auf. Die Wohnungen in den Villen sind stets doppelt so teuer wie in den Gasthöfen, wo er sich sein Unterkommen bescheiden einrichten kann.

In den Familienpensionen ist er genötigt, alle Mahlzeiten in dem Hause zu nehmen, und das fällt besonders schwer für ihn ins Gewicht, denn bei seiner Genügsamkeit kann er viel billiger leben. Er will sparsam sein, er will mit seinen Mitteln haushalten.

Und doch, wenn es keinen anderen Weg gibt, die holde Fremde wiederzusehen, so muß und wird er das Opfer bringen und übersiedeln. Vorläufig vertraut er noch seinem guten Glück.

Endlich sinkt die Sonne, das Straßenleben erwacht in neuen, schrillen Tönen, und auch Klaus fürchtet die schrägfallenden Strahlen nicht mehr, sondern drückt den leichten Panamahut auf das Haupt und steigt ungeduldig die kleine, schmale Holztreppe nach dem Garten hinab.

Unter dem Leinwandzelt sitzen ein paar Fremde und radebrechen ein furchtbares Italienisch mit den zerlumpten Kindern, welche ihnen unter den problematischsten Klängen einer Guitarre, ein sehr verdrossenes und seinen Namen mit voller Berechtigung tragendes Meerschweinchen vorführen. Eine hübsche Italienerin, der Wirtin Töchterlein, welche die Füßchen in den weißen Strümpfen recht kokett unter der rotgetupften Falbel des Kleides hervorstreckt, lächelt den blauäugigen Maler verheißungsvoll an. Ihre Arme, geschmeidig und rund wie zwei glänzende Schlangen, bewegen sich in absonderlichem Dehnen und Recken, ehe sie sich zu süßem Nichtsthun hinter dem Köpfchen verschränken.

Krauses, blauschwarzes Haar bäumt sich über der Stirn und legt sich in dicken Puffen zurück; dickknopfige Korallennadeln leuchten darin, ebenso rot und leuchtend wie die Lippen des nicht allzu kleinen Mundes, in welchem grellweiße Zähne blinken …

Sie ist hübsch, und gestern abend noch hat ihr Klaus lachend zur Seite gesessen und ihr den Hof gemacht!

In seiner Skizzenmappe lacht ihr Gesicht bereits zwischen fruchtbeladenen Apfelsinenzweigen hervor, während ihr schlanker Arm sich durch die Zweige streckt und eine Frucht darbietet.

»Willst du?« steht darunter.

Es kann ein hübsches Bildchen geben. Jetzt grüßt der junge Maler auch heiter zu ihr hinüber und ruft der niedlichen Ninetta ein heiteres Wort zu.

Aber er hastet nach der Pforte und stürmt die Straße hinab.

Ninetta lächelt wohlgefällig. Warum bleibt der hübsche, blonde Mann mit der hohen Germanengestalt noch hier? Er wollte doch heute morgen abreisen! Und als Peppo ihn weckt und schlaftrunken die Stiefel reicht, da wirft sich der Signor auf die andere Seite und sagt: »'s ist gut, Peppino, ich reise nicht, ich bleibe noch eine Weile bei euch!«

»Warum bleibt er plötzlich? – Warum?

Ninetta lächelt noch mehr. Hat sie ihm nicht gestern abend noch gesungen? Hat sie ihm nicht das Glas gefüllt? Und dufteten die Orangenblüten an ihrer Brust nicht so stark – so stark, daß er – o, hätte nicht die Laube voll Menschen gesessen, er hätte sein hübsches, lachendes Gesicht wohl ganz nahe auf die Blumen geneigt! Nun bleibt er da… und heute abend? Ninetta schließt zwinkernd die Augen wie ein Kätzchen, welches ins Licht schaut.

Klaus Sterley aber stürmt eine kleine Strecke weiter, und dann geht er plötzlich langsam, ganz langsam.

Er ist immer ein lustig Blut gewesen. Er hat voll leichten Künstlersinns der Schönheit gehuldigt, wo sie ihm in den Weg trat. Er liebt die lachenden Schelmengesichter und küßt wohl auch ein dargereichtes Mündchen – alles in Ehren! Alles mit Maß und Ziel! Er ist ein anständiger und charakterfester Mensch, welcher die Kunst zu heilig hält, um sie durch die zügellose Freiheit, welche die meisten ihrer Jünger als berechtigt von ihr fordern, zu entweihen. Und vollends heute würde ihm ein Schäkern mit der glutäugigen Italienerin wie ein Verbrechen an seiner weihevollen Stimmung dünken.

Seine Gedanken fliegen ihm voraus zur Villa Favorita.

Soll er ihnen folgen?

Nein, sein feines Taktgefühl sagt ihm, daß die trauernde Dolorosa eine Menschenblüte ist, welche den warnenden Namen »Noli me tangere!« führt.

Durch die kleinste Unschicklichkeit, durch die leiseste Andeutung eines Interesses für sie kann er sich alles verscherzen.

Ein Mädchenherz, welches unter solch tiefen Wunden von Leid und Sehnsucht blutet, hat keinen Sinn für Huldigungen, und was anderen zur Ehre gereicht, das kann bei ihr zur Beleidigung werden!

Nein, er darf nicht schon wieder ihre Nähe suchen, er muß die Majestät ihres Schmerzes respektieren!

Langsam wendet er sich dem Hafen zu. Dort findet er wohl ein Boot, welches ihn zu seelischem Genuß über die blaukräuselnde Flut dahin trägt.

Wie schön ist Italien, wenn die ersten Sterne blitzen!

Die Sonne ist geschieden, aber sie hat dennoch einen goldenen Strom von Licht zurückgelassen, der flutet als heißes, schnell pulsierendes Leben durch die Adern der Menschen, der glüht als Funken und Flamme aus liebestrunkenem Blick.

Musik, Tanz, Gesang!

Man sollte wähnen, es gibt keine unglücklichen Menschen hier, selbst in Lumpen jubiliert und lacht man, und selbst das große, verkrüppelte und aussätzige Elend, welches tagsüber an den Kirchentreppen liegt und die Hände aufhält, das verschwindet im Dunkel der Nacht, und was da bleibt unter sternbesätem, dunkelazurblauem Himmel, das ist das leichte, bunte und lustige Leben der Liebe und des Genusses! Die Fremden in Catania durchwachen die halbe Nacht und verschlafen den halben Tag.

Auch Klaus Sterley hat die köstliche, frische Nachtluft lange um seine heiße Stirn streichen lassen. Von der Dunkelheit geschützt, ist er im Schatten der Gebüsche vor der Favorita hin und her gewandelt, bald vorüber an dem matt beleuchteten Straßenportal, bald vorbei an der Mauer des Gartens, über welche die Dattelpalmen und die breitgeschweiften, starren Kaktusblätter regungslos im silbernen Mondlicht emporragen.

Die er sucht, findet er nicht.

Und so ist er einsilbig und gedankenvoll heimgekommen, wo die bunten Windlichter zwischen den Blütenzweigen des Hotelgartens schaukeln, wo eine übermütige, lebensfrohe Gesellschaft bei Mandolinenklängen und Gesang den Becher leert.

Klaus will unbemerkt sein Zimmerchen erreichen, aber Ninetta lehnt an der Thür und blitzt ihn mit ihren Glutaugen schier ungeduldig an.

»Wo bleiben Sie, Signor? Ich habe Ihnen die besten Stücke vom Reishuhn zurückgelegt!«

»Nun, so bring sie, Ninetta. Ich habe Hunger und werde deinem Mahl alle Ehre anthun!«

Eigentlich will er auf seinem Zimmer essen, aber die Lust weht ihm erstickend heiß aus dem Hause entgegen, und vom Garten her wogt es wie balsamischer Duft.

»Ich habe an jenem Tisch für Sie gedeckt!« flüstert der Wirtin Töchterlein voll bestrickender Anmut. »Es sind die Touristen, welche gestern aus Siracusa kamen! Der eine ein Maestro der Musik, der andere ein Bildhauer. O was für lustige Gesellen! Aber keck, Signore Sterley – ich gehe nicht allein wieder zu ihnen! Wenn Sie aber mit mir gehen und mich beschützen – dann, ja dann mag's sein! Wir wollen dann alle zusammen lachen! Aber küssen – ah küssen darf mich nur einer!«

Welche Augen! Welch ein verführerisches Lächeln, und sie legt kichernd ihre Hand in die seine und zieht ihn mit sich fort in den Garten.

»Wißt Ihr, Signore, – heut bin ich noch frei, heut kann ich noch scherzen und mich necken mit Euch, – aber morgen ist's vorbei! Kennt Ihr Giuseppe? Der Schönste, welcher je eine Gondola geführt! Er ist mein Schatz – und morgen kommt er heim aus Comiso, wo man seine Mutter – die liebe Seele – möge die heilige Jungfrau ihr gnädig sein! – begraben hat! Giuseppe ist eifersüchtig, er darf Euch nicht zu viel bei mir sehen, denn Ihr seid ebenso schön wie er, nur daß Euer Haar gelb und die Augen blau sind! O und seine Eifersucht. Man fürchtet ihn auf ganz Sizilien! Habt Ihr auch einen Schatz, Signore Sterley?«

Er hat nicht viel verstanden von all dem, was sie sagt, er freut sich aber, zu hören, daß Giuseppe keine Herrengesellschaft für sein kokettes Bräutchen wünscht, und daß dies ein Grund ist, ihre Gesellschaft etwas zu meiden. Ihre letzte Frage errät er.

Beinahe schrickt er zusammen.

»Einen Schatz?«

Wunderlich, er hat daheim schon oft die Schönheit und Anmut angeschwärmt und oft geglaubt, dieses oder jenes holde Kind habe es ihm angethan, in diesem Augenblick fällt ihm aber keines all der lachenden Gesichtchen ein, sondern ein blasses, thränenbetautes Antlitz steigt in rührender Schöne vor ihm auf.

Nein – er hat keinen Schatz – noch nicht!

Dennoch wirft er jählings den Kopf zurück und lacht. »Ja, Ninetta, ich habe auch einen Schatz, der ist auch so schön wie du, und so eifersüchtig wie Giuseppe, und dieses Liebchen wird bald hier sein und durch die Lorbeerbüsche lugen! Hüt dich vor ihr! Sieht sie dich allzu nahe bei mir, ist's um deine blanken Äuglein geschehen!«

Der Wirtin Töchterlein ist nicht sehr angenehm überrascht von dieser Neuigkeit, sie macht den blonden Maler für ihre Begriffe recht uninteressant. Aber sie trauert nicht, im Gegenteil, sie lacht desto heller auf und drückt seine Hand.

»So gehört uns beiden nur noch der heutige Tag evviva l'amore! Laßt Euch einschänken!«

Die beiden fremden Künstler schwenken ihnen jubelnd die Hüte entgegen, und es währt nicht lange, so hallt die stille Nacht wieder von Musik, Gelächter und Gläserklang.

Und diese Nacht währt so lange, bis flammend rote Strahlen am östlichen Himmel emporzucken, bis Vogelstimmen dem jungen Tag entgegen schmettern.

Nun ist man müde – ehrlich müde, und die Augen schließen sich zu bleiernem, traumlosem Schlaf.

Als Klaus Sterley erwacht, glüht die Sonne schon wieder gegen die Fenster, es ist bereits eine vorgerückte Stunde, und der junge Mann sucht das Versäumte durch fliegende Eile nachzuholen.

Er stürmt den Weg zu der Favorita empor. Der Garten liegt still und einsam, der Platz auf der Mauer ist leer.

Ein Gefühl angstvoller Sorge überkommt ihn.

Er tritt an die kleine Gartenpforte und legt die Hand auf den Drücker, – sie öffnet sich.

Er tritt ein, – sein Blick irrt suchend umher. – Still und einsam.

Die gelben Jonquillen duften vom Rasen empor, und in den Citronenzweigen raschelt es, zwei kleine »Oscines« flattern auf, in den entfernter stehenden Maulbeerbäumen Schutz gegen den Eindringling zu suchen.

Von einem menschlichen Wesen ist weit und breit nichts zu entdecken, selbst die hellen Mauern der Favorita stehen mit geschlossenen Augen, wie im Schlaf, die Läden sind zumeist zum Schutz gegen die Sonne geschlossen.

Langsam steigt Klaus die kleine Anhöhe empor, wo er gestern sein luftiges Atelier aufgeschlagen, der Kies knirscht als einziger Laut unter seinen Schritten.

Ein Gefühl der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit überkommt ihn.

Unschlüssig steht er und überlegt, was beginnen.

Soll er an dem Entwurf weiter arbeiten?

Nein, in dieser Stimmung nicht. Aber gehen darf er nicht, – kann nicht jeden Augenblick ihre schlanke Gestalt hinter den Büschen auftauchen?

Was soll er aber während dieser Zeit beginnen? Wenn man ihn überrascht, muß er bei der Arbeit sein!

Mit nachdenklichem Gesicht blickt er auf die weit hingebreitete Stadt und das Meer hinaus, und er bemerkt, daß die Aussicht von hier wirklich schön ist.

Sie trägt das echte, farbensatte Colorit eines südländischen Küstenbildes; er sieht bis Palermo.

Vielleicht kann er diesen Ausblick noch einmal gebrauchen, im Vordergrund Catania; die Mauern der Kathedrale leuchten im Sonnenschein, im Hintergrunde ragt der Ätna.

Mechanisch, beinahe etwas gelangweilt, nimmt er seinen gestrigen Platz wieder ein, läßt seine köstliche Dolorosa-Skizze im Deckel des Malkastens ruhen und stellt ein anderes Stück Malpappe auf, mit schnellen, genialen Pinselstrichen, ohne Kohle oder Bleistift zu benutzen, das neue Landschaftsbild zu entwerfen.

Und kaum daß er die Konturen fixiert, und den Himmel in sein leuchtendes Gewand gehüllt hat, erklingen leise, langsame Schritte hinter ihm auf dem Wege.

Klaus fühlt, wie seine Hand erbebt, aber er zwingt sich zu größter Gelassenheit und malt weiter, – erst als die Schritte so nahe erklingen, daß er sie nicht ignorieren kann, wendet er den Kopf, und in seiner Betroffenheit und abermaligen Enttäuschung reißt er erschrocken den Hut ab und macht eine tadellose Verbeugung. Aber seine Augen starren die fremde Erscheinung an wie eine Vision, und zwar wie eine der weniger erfreulichen.

Vor ihm steht eine unförmige, kleine Fleischmasse, von jenem schrecklichen Embonpoint der Südländerin, welche gereiftere Jahre erreicht hat. Verschwimmende Wellenlinien markieren ihre Figur, umspannt von einem buntgeblümten Mousselinekleid, welches in seiner Mitte einen schwachen Einschnitt zeigt, etwa wie eine Fischblase, deren beide Hälften sanft gegen einander gedrückt werden.

Die kleinen Fleischwülste von Händen liegen behaglich auf dem Hochplateau des Leibes, und über die etwas fettigen Spitzen des Halsausschnittes quillt ein wohl vierfaches Kinn, so rund und glänzend wie der Ring, welcher die leuchtende Scheibe des Saturns umgibt.

Und freundlich wie der gute, ferne Planet lächelt das feiste Antlitz mit dem großen, flachen, ersichtlich rot geschminkten Mund, den dunklen Äuglein, welche nur noch durch eine schmale Ritze aus den Specklagen und Thränensäcken hervor blinzen. Die Nase ist wohl niemals groß gewesen, jetzt hat sie sich vollkommen in ihr nichts zurückgezogen.

Und um dieses gelbrote Gebilde kraust sich schwarze Negerwolle, auf welcher ein schwarzer Spitzenshawl mit hohem Goldfiligrankamm festgesteckt ist, während sich in den lang herabgezogenen Ohrlappen mächtige Ohrringe von lapis lazuli schwingen.

Mit huldvollem Lächeln nickt die Signora dem fremden Maler zu und tritt mit Kennermiene hinter das entworfene Bild.

»O scharmant! Recht brav gemacht!« lobt sie mit einer Stimme, welche schon durch ihre Klangwellen Fettflecke hinterläßt. »Ich freue mich, daß Sie in meinem Garten so gute Aussicht gefunden haben. Fräulein Reckwitz sprach mir bereits von Ihnen und bat mich, Ihnen das Bürgerrecht für dieses Plätzchen zu verleihen, was ich hiermit sehr gern und in aller Form thun will!«

Eine leichte, noch immer graziös kokette Neigung ihres Hauptes, welche Klaus durch eine mehr galante als respektvolle Verbeugung erwiderte. Er kannte die Signoras, die alten wie die jungen, und hatte gefunden, daß sich alle untereinander zum Verwechseln ähnlich waren.

Seine erste bittere Enttäuschung, ja sein Schreck waren einem schier eifrigen Interesse gewichen. Fräulein Reckwitz! Nun wußte er schon den Namen, und gewann er die freundliche Matrone hier zur Bundesgenossin, so erfuhr er auch noch viel mehr von seiner schönen Dolorosa!

»Ich habe den Vorzug, Signora Julia Livornesi gegenüber zu stehen?« fragte er mit einem Blick seiner blauen Augen, wie ihn selbst Ninetta in seiner vollen Unwiderstehlichkeit noch nicht zu sehen bekommen hatte. »Welch ein Vorzug, hochverehrte Frau, von Ihnen selber in dieses kleine Paradies der Favorita eingeführt zu werden! Wo der Geist schöner und gütiger Frauen waltet, da fühlt sich der Genius besonders gern heimisch, und darum bin ich überzeugt, gerade hier, unter Ihrem Patronat, Signora Julia, ganz Außerordentliches zu leisten!«

Sie knickte, so gefühlvoll sie es vermochte, in der markierten Taille zusammen und reichte dem bildhübschen, galanten Schlingel sehr huldvoll die Hand entgegen, welche Klaus mit wahrem Heroismus und sprechendstem Blick an die Lippen führte. .

Das war der Signora lange nicht mehr passiert, sie blies die Backen auf und pustete vor Genugthuung.

»Ich liebe die Maler, vornehmlich die deutschen; es sind Menschen von Lebensart und gutem Geschmack. Auch mag ich die Fröhlichkeit gerne, sie macht jung und erhält frisch! Und Ihre Augen verstehen zu lachen, Signor; das ist die gefährlichste Waffe, welche Sie gegen Weiberherzen führen können! Sind Sie schon längere Zeit in Catania? Ich sah Sie bisher noch nicht, und doch entgeht mir selten etwas Fremdes hier!«

»Die Favorita liegt etwas abseits von der Straße, Signora!« kokettierte Klaus mit seinem allerlachendsten Blick, und obwohl ich schon einmal ahnungslos meiner scharmanten Gönnerin« – wieder eine Verbeugung – »Fensterparade machte, mußte ich doch zu ungelegener Zeit gekommen sein!«

Die Livornesi sah ganz echauffiert aus vor Freude. Sie watschelte seitwärts nach einer Bank, welche unter den Maulbeerbäumen stand, und winkte Klaus zu folgen.

Es sah sehr spaßhaft aus, sie gegen das Licht zu sehen. Die Unterkleider waren bedeutend kürzer als das dünne Mousselinegewand, welches in spitzer, kleiner Schleppe hinterher wedelte und einer indiskreten Gardine glich, durch welche man hindurch sehen kann.

Da die Fußbekleidung etwas bequem und die Strümpfe der Hitze wegen gespart waren, so bekam Klaus Dinge zu sehen, welche eine etwas weniger durchsichtige Robe gnädig mit Nacht und Grauen bedeckt haben würde.

Nein, eine Venus war Donna Julia nicht an Gestalt, und daß sie etwas über die große Zehe ging, war ein Umstand, welcher Sterley als großen Geist nicht genieren durfte.

Dennoch glaubte er an seinem innerlichen Gelächter ersticken zu müssen, und es war gut, daß sich die massige Schöne von Catania nicht umsah, sie hätte doch vielleicht ein recht verräterisches Spitzbubenlachen in den schönen Augen ihres neuen Verehrers wahrgenommen. Die Bank ächzte unter der Ehre und Last, welche ihr angethan wurde, und Klaus lehnte sich vorsichtshalber an den Baumstamm zur Seite, derweil die Signora einen Fächer von ungeheurer Dimension, welcher sich an einem roten Band vor ihren Knien schaukelte, zur Hand nahm und sich mit all der Koketterie verflossener, schöner Tage Kühlung zufächelte.

»Sie heißen… ja, Fräulein Reckwitz wußte Ihren Namen auch nicht mehr genau –« hub die Italienerin mit beinahe neckischem Aufblick an, und Klaus beeilte sich, die versäumte Vorstellung nachzuholen.

»Ein schöner, wohlklingender Name!« lobte die Livornesi, »obwohl unsere Zunge sich schwer an das Deutsche gewöhnt. Ich spreche diese Sprache nicht und freue mich doppelt, daß Sie so gut italienisch gelernt haben!«

»Aber Signora haben so viele deutsche Gäste im Haus.«

»Pah… nicht viel. Die Damen Schaddinghaus und Reckwitz – puh – und die sind nicht mein Geschmack, daß ich um ihretwillen eine Sprache lernen möchte.«

»Ah – Sie mögen Fräulein Reckwitz nicht leiden?«

Die Signora zuckte so lebhaft die Achseln, daß alles an ihr wogte. »Die schon eher als die gräuliche Tante Schaddinghaus, welcher sie Gesellschaft leisten muß. Die Charitas ist…«

»Charitas?« –

»Ja, ja, das ist Fräulein Reckwitz! Sehen Sie, die Charitas ist ein hübsches Mädchen, alles was recht ist, das ist sie! Aber eine Thränenweide! Nichts als Trauer und Seufzen und einsames in der Ecke Hocken! Soll das Jugend sein? Ja? Wenn sie nicht mit den jungen Leuten mitthun will, mag sie doch in ein Kloster gehen! Ich kann solch lamentabeles Gethue nicht leiden!«

»Nun Signora, nicht alle Menschen sind solche Lieblinge des Glückes wie Sie! Vielleicht hat das arme Mädchen ein schweres Schicksal oder einen Herzenskummer…«

»Herzenskummer?« Die Speckmassen ihres Gesichts legten sich in beinahe verächtliche Falten. »Woher denn? Sie sieht ja keinen Menschen im Wege an! Der hübsche, flotte Ernesto hat Abend für Abend unter ihrem Fenster gesungen. Glauben Sie, daß sie nur einmal die Gardine gelüftet hätte? – Gott strafe mich, wenn es geschah. Nein, Fischblut! – Fischblut! – Da ist nichts mit Liebe! Aber ein schweres Schicksal hat sie, das weiß und sehe ich, obwohl sie nie klagt. Die Tante ist eine Satanella, ein bitterböses Weib und quält das arme Kind noch zu Tode! Du lieber Gott, ich wollte ihr heimlich zu ihrem Recht verhelfen, sagte ihr: ›Die Julia Livornesi ist die Schutzpatronin aller Liebenden, sie können sich bei mir sehen, so viel sie wollen…‹ Aber glauben Sie, daß sie auch nur die kleinste Liebelei mit Ernesto anfing? Maledetto! Nein!

»Hat sie keine Eltern mehr?«

»Nein, sie steht ganz allein und verlassen in der Welt!«

»Und ist Signor Ernesto gestern abgereist?«

»Wie wird er! Der liebe Mensch ist mein Neffe, er wohnt in der Villa Mercedes, welche seinen Eltern gehört.«

»So, so! Welch eine gute Partie also! Unbegreiflich. In die Familie der Signora heiraten zu können, wäre doch für jedermann ein Glück!«

»Sie Schelm! Ich habe graue Haare!«

»Man sieht dieselben nicht, Signora Julia! Aber hat es denn Fräulein Reckwitz so schwer bei der Tante, daß sie nicht einmal hier in den Garten kommt? Dann könnte Signor Ernesto sich ihr wohl mit mehr Erfolg nähern!«

»Hier in den Garten? O was denken Sie! Die Tante bewacht das arme Kind wie ein Cerberus, ununterbrochen muß sie ihr zu Diensten sein, flicken, nähen, massieren, ihr jede Tasse reichen! O, wenn die Frau Schaddinghaus erst die Augen auf hat, kommt sie aus Schelten und Mißhandeln gar nicht mehr heraus! Armes Teufelchen, die Charitas! Nur am frühesten Morgen, wenn wir alle noch schlafen, schleicht sich das liebe Seelchen einmal hierher in die Einsamkeit – ach ja, man muß sie bedauern, sie führt ein elendes Leben, und wenn in acht Tagen der Onkel noch herkommt, dann soll es noch trostloser werden! Um so wunderlicher, daß sie bei solchen Menschen bleibt! Wenn man so hübsch ist! Diavalo! – Sehen Sie, Signor Sterley, als ich vierzehn Jahre alt war, bin ich auch meiner Großmutter davongelaufen, weil sie mich zu streng hielt! Da ging ich mit Pietro nach Napoli! Du lieber Gott, es war ja kein sonderliches Glück, erst lebten wir wie die Zigeuner, bis das Geld alle war, da hatten wir auch genug von einander. Pietro nahm Dienste auf einem Schiff, und ich sang abends in den Kaffeegärten. Nach Hause wollte ich nicht zurück; es ging mir auch gut; ich war damals noch jung und hübsch! si signor« – blinzelte sie neckisch hinter dem Fächer hervor und bekam plötzlich etwas ganz Naives in Ausdruck und Wesen – »ich war sehr hübsch!«

Klaus legte beteuernd die Hand auf das Herz und die Sprecherin fuhr befriedigt fort: »Es ging ganz lustig vorwärts mit mir, gute Tage und gute Nächte! Meine Stimme fiel auf, ich fand einen Kunstfreund, welcher sie ausbilden ließ, von der Chansonnette arbeitete ich mich bis an die Oper hinauf. Ich verdiente viel Geld und war frei, o, so frei und so jung und so glücklich! Das Leben habe ich genossen. Dann kamen die Jahre. Ach, wo sind Taille und Stimme geblieben! Ich kaufte mir die Favorita und finde nun mein Vergnügen darin, für fremde Menschen zu sorgen. Die Künstler liebe ich besonders, gehöre ich doch selber zu ihnen, und sie gefallen mir besonders, Signor Sterley! Charitas sagt, daß Sie noch im Hotel gebunden seien. Schade, die Lamprellos sind eine üble Sippe. Aber hilft nichts, wenn Sie frei sind, wohnen Sie bei mir! Und nun avanti an die Arbeit, Sie werden bald ein Maëstro sein – und morgen erzählen Sie mir von Ihren Schicksalen! addio!«

XX.

Als die ehemalige Chansonnette nach huldvoll innigem Händedruck davon gewatschelt war, atmete Klaus auf.

Nein, die Favorita bewohnen wollte er nicht. Für zehn Minuten läßt man sich einmal den Scherz gefallen, der ungeheuerlichen Schönen die Cour zu machen, aber auf die Dauer eine solche Farce in Scene zu setzen, widerstrebte seinem ehrlichen Sinn. Der Zweck war ja erreicht, er durfte jederzeit den Garten der Villa betreten und seine Staffelei aufstellen, und das Glück wird ihm auch ferner günstig sein.

Charitas befindet sich nur in frühester Morgenstunde im Garten – gut; so wird auch er in frühester Morgenstunde dort malen.

Signora Julia träumt währenddessen noch von schönen, vergangenen Tagen – um so besser, kein Mißton wird die reine Symphonie dieser Arbeitszeit stören, und der Genius wird seine leuchtenden Schwingen in die Morgenröte tauchen.

Langsam schreitet Klaus nach seiner Staffelei zurück. Wie gut war es gewesen, daß er die harmlose kleine Landschaft begonnen hat. Sie wird die Muschel sein, welche seine Perle verbirgt.

Und während er mechanisch weiter arbeitet, sind seine Gedanken weit ab.

»Charitas Reckwitz!« Wie paßt dieser schöne Name zu dem schönen Antlitz. »Charitas!« Er ist ihm nie zuvor unter all den vielen Mädchen und Frauen, welche seinen Weg kreuzten, begegnet, und doch steht er in dem Kalender und ist so sinnreich und anziehend.

»Charitas!«

Wieder und wieder spricht er den holden Klang in Gedanken aus.

Und welch ein schweres, trauriges Los ist der armen Waise zu teil geworden!

Klaus fühlte, wie sein Herz in Mitleid und innigster Teilnahme erbebt, und doch flutet dabei etwas Warmes, unendlich Wohlthuendes durch dasselbe hin. Nun kennt er den Grund und die Ursache ihrer Thränen, nun weiß er, daß Charitas nicht um verlorene Liebe weint.

Sie sehnt sich nach Erlösung, nach Befreiung aus dem trostlosen Elend ihres Daseins!

Sie streckte voll stummer Verzweiflung die Arme nach dem Schiffe aus und seufzte aus gepeinigtem Herzen: »Nimm mich mit! Entführe mich in seligere Gefilde! Erbarme dich und nimm mich auf!«

Gleichgültig – ahnungslos all des Leids, welches hier eine Menschenbrust durchtobt – führt der Kapitän sein Fahrzeug über die blaue Flut.

Charitas liebt nicht – sie fühlt sich nur unglücklich in ihrer Umgebung.

Warum läßt die Überzeugung seine Pulse schneller schlagen?

Warum erfüllt ihn plötzlich eine solch heitere Zuversicht?

Er kennt Charitas kaum, kann er schon jetzt mehr für sie empfinden als Interesse?

Klaus weiß es selber nicht und legt sich auch keine Rechenschaft darüber ab.

Er, der stets lebensfrohe, so glücklich beanlagte Mann, diese echte Künstlernatur voll Sonnenschein und Wärme, empfänglich für die Schönheit und begeistert für das Edle und göttlich Erhabene, und doch voll tiefen Verständnisses für alle Menschenschwäche und Fehler, er hat bisher die Blüten seiner Kunst im wolkenlosen Himmelsglanz gepflegt, und Frohsinn und Heiterkeit waren das Element, in welchem er sich wohl fühlte.

Lachende Lippen, strahlende Augen übten einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus, und je frischer, jugendlich kecker und sonniger das Weib ihm entgegentrat, desto unmittelbarer und mächtiger der Zauber, welchen es um seine Seele spann.

»Gleich und gleich gesellt sich gern!« hatten ihn seine Kollegen oft geneckt, wenn sie ihn im Vollgenuß solch sprudelnden Lebens in den Banden eines lachenden Gesichtchens sahen, und er selber hätte wohl darauf geschworen, daß nur eine solche Frau zu ihm passen und ihn wahrlich beglücken könne.

Und nun taucht ein marmorkühles, schmerzverklärtes Antlitz vor ihm auf, der Inbegriff alles sehnenden Leides, aller Melancholie, und er bannt die leuchtenden Thränen auf die Leinwand, und fühlt plötzlich, daß sie wie zehrend Feuer in sein Herz fallen!

Wie ist das möglich? Was hat ihn plötzlich so ganz verwandelt?

Ist es Mitleid oder Liebe, was er für Charitas empfindet?

Er weiß es selber nicht. Die feine Linie, welche diese beiden Gefühle trennt, ist so weich und kaum erkenntlich, daß man nicht weiß, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

Beide verschwimmen in einer einzigen großen, poesievollen Schwärmerei.

Und auch diese Empfindung ist neu für Klaus und beherrscht ihn darum desto mächtiger durch den Reiz solcher Neuheit.

Und je höher die Sonne steigt, desto öfter und verlangender trifft sein Blick die stillen, verschleierten Fenster der Favorita.

Er nimmt das begonnene Bild Charitas' aus dem Malkasten und betrachtet es mit leuchtenden Blicken.

Ein ungestümes Verlangen treibt ihn, daran zu malen, aber er bezwingt es, aus Furcht, etwas an dem wunderbar ergreifenden Ausdruck dieses Gesichts zu verderben.

Seufzend packt er seinen Apparat zusammen, tritt noch einen Augenblick an die Mauer, wo ein Eidechslein ihn erschreckt mit goldenen Augen anlugt und blitzschnell in der moosigen Steinspalte verschwindet.

Im Hafen wird es stiller, das Straßenleben verstummt, die Mittagszeit naht und macht sich schon hier im Schatten der Bäume recht empfindlich.

Langsam schlendert Klaus den weißstaubigen Weg nach dem Hotel hinab.

– – – – – – – –

Ninetta hat den blonden Maler an diesem Abend nicht zu Gesicht bekommen. Er hat am Domplatz gezeichnet, dann in einer Osteria nahe dem Strande sein Nachtmahl genommen und bei seiner Heimkehr Peppo aufs strengste befohlen, ihn zu bestimmter Zeit am kommenden Morgen zu wecken.

Mehr hatte Ninetta nicht erfahren.

Aber es kümmert sie wenig.

Der schwarzäugige Giuseppe sitzt auf der kleinen Bank, welche heimlich unter den buschigen Laurostinoszweigen steht, hält die kichernde Schelmin auf dem Schoß und schmückt sie mit all den blinkenden und bunten Geschenken, welche er dem Liebchen mitgebracht.

In solchem Augenblick fragt sie nach keinem andern.

Und Klaus Sterley freut sich, daß sich die weißen Schlangenarme nicht nach ihm ausstrecken, und benutzt solch gute Zeit.

Er ist müde und legt sich zeitig zur Ruh.

Am andern Morgen donnert Peppo rechtzeitig gegen die Thür, und Klaus erhebt sich voll so freudigen Eifers wie ein Kind am Geburtstagsmorgen.

Ein feiner, violetter Nebel liegt noch über der See und den fernen Bergkonturen, und über den Himmel ziehen sich rosenrote und safrangelbe Lichtstreifen.

An den Gräsern und Blättern blinkt es, und in den Spinnennetzen funkeln die hellen Perlen, wonnevoll frisch und balsamisch streicht ein Lufthauch durch die Palmblätter, und die weißen Häusermauern und Kirchdächer der Stadt erglänzen in mildgedämpftem Sonnenlicht.

Leise knarrt die Pforte, langsam steigt Klaus den Weg zu dem Mauerplatz empor.

Noch ist es still und einsam hier, und das ist ihm lieb.

Er wählt einen noch etwas versteckteren Platz hinter dem Gebüsch, wo er selber nicht gesehen wird, und wo er doch die nächste Umgebung bequem überblicken kann.

Und kaum, daß er seine Utensilien ausgepackt und die Staffelei aufgestellt hat, zuckt er jählings zusammen und alles Blut schießt ihm nach dem Herzen.

Von dem Hause her naht Charitas.

Ihr weißes Kleid leuchtet durch die Büsche, ihr Schritt verklingt auf dem weichen Sand.

Wie in trunkenem Aufatmen neigt sie das Haupt in den Nacken zurück – ihr Blick haftet am Himmel, die Hände sind leicht verschlungen. So sah wohl Homer seine Göttinnen auf Erden schreiten.

Langsam, zögernd fast, die schöne, kraftvoll stolze Gestalt in wonniger Weichheit und Träumerei gelöst.

Man sieht es ihrem Blick an, wenn er über die Blütenpracht streift, daß er alles sieht und – nichts.

Sie empfindet es, wie schön – wie frei – wie friedlich es ist.

Sterleys Herz klopft zum zerspringen; sie wendet sich dem gewohnten Platz auf der Mauer zu. Wird sie ihn bemerken?

Nein, sie wähnt sich um solch frühe Stunde allein, ganz allein!

Und da sie hinausblickt auf das Meer – da kommt er wieder, der Ausdruck herzbethörender Sehnsucht und Trauer, diese verkörperte Klage um ein nie gekanntes Glück… und Klaus greift mit bebenden Händen zum Pinsel und zaubert ihn auf die Leinwand.

Rastlos, voll fiebernden Eifers malt er – und sein schönes, ahnungsloses Modell sitzt so still und traumverloren, als bannten es unsichtbare Gewalten auf diesen Platz.

Unter der Hand des Künstlers gestaltet sich das Werk, aber es ist und bleibt noch skizzenhaft; denn die Entfernung und Unbequemlichkeit des Sehens erschwert die Wiedergabe sehr.

Im ersten Augenblick hat Klaus den Plan gefaßt, seine Anwesenheit völlig zu verheimlichen und jeden Morgen ungestört an seinem Werk zu arbeiten, er sieht aber ein, daß die stets wechselnde Beleuchtung stört, und daß er unmöglich auf den seltenen Zufall rechnen kann, Charitas jeden Morgen diese Stellung einnehmen zu sehen.

Er könnte das Bild jetzt voll freier Phantasie vollenden, eine Ähnlichkeit, streng und absolut, ist ja nicht notwendig.

Solche halb gekünstelten Bilder machen aber leicht den Eindruck des Unwahren, Puppenhaften, während ein Porträt, bis in alle Details nach dem Leben ausgearbeitet, von ganz anderem Wert ist und viel impulsiver wirkt.

Ach, daß er Charitas bewegen könnte, ihm ein paarmal tatsächlich zu dem Bild zu sitzen.

Der Ausdruck ihres Gesichtes würde vielleicht nicht so seelenvoll und unbeeinflußt sein, aber dessen benötigt er nicht, es gilt jetzt hauptsächlich die Ausführung der Einzelheiten. Wie aber wäre daran zu denken? –

Bei dieser Sprödigkeit und Unnahbarkeit, welche ihre Persönlichkeit vor dem fremden Mann wie mit einem Eiseshauch umgibt. Klaus seufzt leise auf. Nein, er will nicht allzuviel verlangen, er will für das seltene Glück, welches ihm bereits zuteil geworden, von Herzen dankbar sein!

Die junge Dame auf der Mauer regt sich und sieht nach der Uhr, ihrer Unruhe ist es anzumerken, daß die Minuten ihres Bleibens gezählt sind.

Hastig packt Klaus seine Sachen zusammen, so flink und lautlos, daß er auch jetzt nicht bemerkt wird, und eilt dann auf leisen Sohlen hinter dem Boskett hin, um plötzlich, ganz wie von ungefähr, mit hallendem Schritt des Weges entlang zu kommen.

Überrascht wendet Charitas den Kopf, erhebt sich sofort und will mit flüchtigem Gruß vor ihm her in den Seitenpfad schreiten.

Aber der junge Maler schwenkt so fröhlich den Hut und ruft ihr so heiter seinen »Guten Morgen, wie geht es, mein gnädiges Fräulein?« entgegen, daß es unhöflich wäre, weiter zu schreiten.

»Ich freue mich, Sie wieder hier zu sehen!« sagt sie freundlich, aber sehr reserviert: »Sie machen also wirklich Gebrauch von unserer Aussicht hier? Hoffentlich mit bestem Erfolg!« Und wieder will sie weiter schreiten.

Schon aber steht er vor ihr und bietet ihr mit dem treuherzigsten Gesicht von der Welt die Hand entgegen.

»Welch eine Herzensfreude, deutsche Heimatsklänge zu hören!« sagt er voll Wärme, und seine blauen Augen strahlen sie an: »O, Sie glauben nicht, mein gnädiges Fräulein, was das für einen einsamen Wandersmann in der Fremde besagen will! – Sie besitzen gewiß Ihre Angehörigen hier, welche Sie das Ausland gar nicht empfinden lassen, aber ich muß mit meinem Schatten plaudern, wenn ich deutsche Worte hören will!«

Sie nickte ihm voll Teilnahme zu. »O dieses Leid der Vereinsamung kann ich Ihnen nachfühlen! Man kann wohl nirgends so traurig gestimmt sein wie in diesem lachenden, jubilierenden Land der Sonne, dessen Götter nicht die unseren sind!«

»Sinnbildlich gemeint – gewiß. Sie können mir nachfühlen, mein Fräulein, aber gewiß nicht zwischen Ihren Angehörigen dasselbe Heimweh empfinden wie ich großes Kind, welches so viel im Leben schon ertragen lernte, nur nicht das Verlassensein!«

Ein seltsames Beben geht um ihre Lippen.

»Das Heimweh! Und ob ich es kenne, Herr Sterley. Ich bin eine Waise, – und die, welche mit mir hier sind, stehen mir nicht nahe.« –

Leise, sehr leise sagte sie es, wie heimliches Schluchzen klingt's durch ihre Stimme.

Er tritt einen Schritt näher zu ihr heran, er blickt ihr in das Auge und wiederholt mit zuckenden Lippen: »Eine Waise wie ich! Auch ich stehe allein auf der Welt, auch ich habe von dem Liebsten, was ich besaß, scheiden müssen.«

Wie ein jähes Erschrecken geht's über ihr Antlitz, inniges Mitgefühl spiegelt sich in ihrem Blick.

»Haben Sie Ihre Eltern noch gekannt?«

»Den Vater kannte ich, Gott sei gelobt dafür, an die Mutter habe ich nur eine unklare Erinnerung – aber ganz und gar entbehre ich die Erinnerung an sie doch nicht. Ich kann mich noch entsinnen, wie ich ihr vor dem Kaminfeuer auf dem Schoße saß, wie sie mir liebe Märchen erzählte und mit der weichen, kleinen Hand über meine Locken strich! – O diese zärtliche Liebkosung fühle ich noch oft im Traum, und dieses selige Empfinden ist zum Segen für mein ganzes Leben geworden!« –

Thränen glänzten in Charitas' Augen, sie blickte den Sprecher nicht mehr an wie einen Fremden.

»Wie glücklich sind Sie! Ich besitze nichts, – nicht einmal eine Erinnerung an meine Lieben.«

»So früh verloren Sie die Eltern?

»Mein Vater verunglückte bei einer Schnitzeljagd am Hubertustag – er war Artillerieoffizier – drei Wochen bevor ich geboren ward, und Mütterchen überlebte das Herzeleid nicht lange, – ich bin fremd und verlassen gewesen, so lange ich denken kann!«

Da neigte er sich, faßte ihre Hand und drückte sie stumm an die Lippen, und Charitas verstand ihn recht.

Ein wehes Lächeln dankte ihm. »Sie haben es aber verstanden, Ihr Leben glücklich zu gestalten?« fuhr sie ruhiger fort.

»Ich kämpfe um das Glück, Fräulein Reckwitz! In den Schoß fällt es wohl keinem, und die Schicksale, welche hinter mir liegen, sind schwer. Aber ich habe den Glauben an mich selbst noch nicht verloren, und denke mit Shakespeare: »Das Glück 'nes braven Kerls kommt wohl einmal ins Stocken!« Man muß dann nur Geduld und Gottvertrauen haben, um das gestrandete Schifflein wieder flott zu machen!

»Sie sind Maler von Beruf?«

»Ich möchte ein Menzel, Makart oder am liebsten ein Raffael werden!« scherzte er mit einem Anflug seiner alten Heiterkeit.

»Es wird nicht am Erfolg fehlen! Könnte man ihn mit guten Wünschen herbei zaubern, er sollte Ihnen sicher sein.«

Die hellen Klänge einer Uhr schallen durch die offene Balkonthüre der Favorita, und Charitas schrickt empor.

»Ich muß gehen!« sagte sie schnell. »Mein Dienst beginnt. Und Sie werden ungeduldig sein, den Grund zum künftigen Ruhm zu legen! Glück auf zur Arbeit – möchte Ihr Gemälde ein Meisterwerk werden!«

Sie legte noch einmal ihre Hand in seine dargereichte Rechte.

Klaus zieht respektvoll den Hut. »Auf Wiedersehn!« Er vermeidet es, ihr nachzusehen, wie er alles unterlassen möchte, was ihr unangenehm auffallen könnte.

Mechanisch packt er seine Malutensilien zusammen und schreitet nach dem Meer hinab.

Dort setzt er sich auf einen Kahn, welcher im Sande liegt und starrt in das Gekräusel der kommenden und gehenden Wellen, bis die Sonnenglut ihn zwingt, heimzukehren.

Er hat nur noch einen Gedanken: »Armes, armes Mädchen!« und nur noch ein Interesse: »Wie könnte sie glücklich werden?«

Zu Hause sitzt er vor dem Bild und sieht regungslos in das traurige, sehnsuchtsvolle Angesicht.

»Armes, armes Kind!«

Und dann überkommt ihn wieder die selige Begeisterung, die stolze Freude an seinem Werk. Es muß gelingen! Und Signora Julia wird recht haben: Dies Bild wird ein Meisterwerk, welches ihn zum Maestro macht.

Am andern Morgen hastet er wieder dem lieben Ziel entgegen.

Diesmal schimmert ihm das weiße Kleid schon von der Mauer entgegen, er hat sich verspätet.

Sie macht keinen Versuch zu gehen, als er kommt, sie blickt ihm freundlich entgegen und heißt ihn willkommen.

Ein breiter Strohhut überschattet ihr Gesicht, das ist fatal.

»Wissen Sie auch, daß Donna Julia gestern böse auf Sie war, weil Sie ihrer Meinung nach nicht zum Malen gekommen waren?« lächelt sie. »Bis zur Mittagsstunde hat sie dort auf der Bank gesessen und auf Sie gehofft, heute darf sie keine Enttäuschung wieder erleben!«

Der Schalk blitzt aus seinen Augen. »Es malt sich so schlecht um so vorgerückte Zeit – und muß die Signora etwas früher aufstehen, wenn sie porträtiert sein will! Übrigens – Sie haben eine liebenswürdige Wirtin, Fräulein Reckwitz, und wenn sie anfängt zu erzählen, gleicht sie der Königin von Navarra – es gibt kein Ende.«

»Wenn ihre Märchen so fesselnd sind wie jene der schönen Königin, kann man es sich ja gern gefallen lassen! Ich für meine Person dürfte es ihr nicht nachthun wollen, darum ist es gut, daß wir in unserer Unterhaltung gleich mit dem Ende beginnen! Sie malen und ich lese!«

»Kann ich Ihnen zuvor noch behilflich sein, die Staffelei aufzustellen?«

»Tausend Dank, mein gnädiges Fräulein, ich will heldenhaft auf solche Verwöhnung verzichten, sonst würde ich sie ein ander mal desto schmerzlicher vermissen. Also ich soll fleißig sein. Gut, ich gehorche, Sie sollen Freude an mir erleben. Lesen Sie ein sehr interessantes Buch?«

»Ungeheuer interessant, – es enthält lauter italienische Vokabeln!«

»Hut ab; also sind wir beide fleißig«, und währenddessen packte er den Malkasten aus und begann in ihrer nächsten Nähe seine Vorbereitungen zu treffen, ganz harmlos und ruhig dabei weiter plaudernd, als müßte das so sein.

Charitas schaute erstaunt auf: »Hier wollen Sie heute malen? Ihr Platz ist doch hinter jenem Boskett dort?«

Mit prüfendem Blick schaute er auf die Landschaft hinaus, nur Sinn und Interesse für diese habend. »Ja, ich glaube, dieser Platz hier ist noch günstiger«, meint er nachdenklich, »man schaut freier um sich! Ich werde mal von hier aus versuchen.«

Sie erhebt sich von der Mauer. »Dann störe ich aber! Sie müssen doch den vollen Rundblick haben!«

Er wehrt hastig ab. »Um keinen Preis gestatte ich, daß Sie gehen, – jene Seite male ich ja gar nicht! Wenn ich Sie etwa vertreiben sollte, retiriere ich sofort wieder hinter meinen Laurostinos!« Sie nimmt ruhig wieder Platz.

»Schön; Sie sehen, ich kann auch gehorchen!«

Er stellt sich vor sein Bild, welches seine Brust und das halbe Gesicht verdeckt, nur die Augen schauen darüber hinweg, – und beginnt die Palette vorzubereiten.

»O ja, – gehorchen! Uns beiden hat es das Leben wohl beigebracht!« nickt er ernster und anscheinend ganz in seine Vorbereitungen vertieft. »Sie glauben gar nicht, mein gnädiges Fräulein, wie sympathisch mich unsere Schicksalsverwandtschaft berührt. Mir ist's, als hätte ich eine Schwester gefunden, welche das gleiche Los mit mir getragen. ›Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!‹ – und ich glaube, Sie kennen die Sehnsucht auch!«

Ihr Blick schweift wieder mit demselben feuchten Glanz wie die Tage zuvor über die See.

»Es gibt so viel Verschiedenes, was ein Menschenherz ersehnt! Ich denke oft, wenn solche Sehnsucht ungestillt bleibt und uns unglücklich macht, so ist es unser eigenes Verschulden. Wir sind wohl zu unbescheiden in unseren Wünschen gewesen.«

»Daß es Leute gibt, welche unersättlich wünschen und verlangen, glaube ich wohl, es gibt gewiß auch solche, welche phantastisch genug sind, direkt Unmögliches und Unerfüllbares zu ersehnen. Wir beide rechnen aber gewiß nicht zu dieser Species, wir würden wohl schon mit den Brosämlein zufrieden sein, welche von des Glückes reicher Tafel fallen.«

Charitas' Lippen beben, sie zwingt sich ersichtlich, einen harmlosen Plauderton beizubehalten. »Gewiß, ich für meine Person wollte schon für einen Tropfen Lethe und ein stilles, friedliches Winkelchen dankbar sein, – und wäre es selbst im ernsten, tiefsten Thal gelegen. Für Sie kann ich allerdings nicht garantieren« – sie lächelt – »denn man sagt, daß wahre Künstlernaturen unberechenbar sind!«

»Schön, – ich wünsche mir momentan zweierlei Dinge! Ich will es ehrlich bekennen! Nr. 1: daß mein Bild, welches ich auf der nächsten Kunstausstellung produzieren möchte, einen Bombenerfolg hat.« –

»Bombenerfolg –? Nun, allzuviel Entsagung drückt dieses Wort gerade nicht aus!«

»Unter dem thue ich's nicht. Bombenerfolg! Mögen Sie es noch so anmaßend und unverschämt finden, dieser Wunsch ist meiner Ansicht nach sehr bescheiden gegen den, welcher ihm folgt!«

»Nun bin ich auf alles gefaßt. – Also was verlangen Sie zum zweiten?«

Seine Augen blitzten beinahe übermütig zu ihr hinüber: »Daß Sie die große Gnade haben und Ihren Hut ein Weilchen abnehmen möchten!«

Zuerst starrt sie ihn betroffen an, dann muß sie laut auflachen, sie muß es.

»Meinen Hut?«

»Ja, er ist ein unausstehliches Ding!«

»Erlauben Sie – ich bin sehr stolz auf ihn.«

»Sie mögen wohl auch dazu berechtigt sein, ich hingegen erblicke nur meinen geschworenen Feind in ihm!«

»Was hat er verbrochen?«

»Er stört mir das ganze schöne, landschaftliche Bild. Wie eine radikale Sonnenfinsternis schwimmt er auf dem leuchtend blauen Hintergrund – und Ihnen wirft er Schatten über das Gesicht, welche ebenfalls meinen Schönheitssinn verletzen! Alles Natur ringsum, – wahre, heilige, wunderbar schöne Natur – und als Klex mitten darin dieser erbärmliche Florentiner. In die Wolfsschlucht mit ihm! – Das ist doch wirklich nur das Bruchstück eines bescheidenen, demütigen Sehnens, nicht wahr?«

»Ich bin wenigstens sehr glücklich, einmal einem Menschen zur Erfüllung solcher Schicksalsbitte verhelfen zu können. Da liegt er auf dem Rasen. Könnte ich Ihnen mit ebenso leichter Mühe auch den ›Bombenerfolg‹ zuwenden – gewiß, Sie sollten glücklich sein.«

Einen Augenblick hat Klaus das Empfinden: »Jetzt ist der Moment gekommen! Wage es! Sprich! Gestehe ihr alles, – bitte sie mit der ganzen Innigkeit deines Herzens um die kleine Mühe, welche dir den Bombenerfolg sichert! Flehe sie an, dir Modell zu sitzen!« – Aber er preßt die Lippen zusammen wie in jäher Angst, daß ihnen dieses Wort entschlüpfen könne.

Verdirbt er möglicherweise nicht alles damit?

Ihr spröder Stolz möchte leicht eine Beleidigung in solchem Ansinnen erblicken, denn in dem großen Publikum genießt das Modell des Malers keinen guten Ruf.

Man glaubt das Schlechteste von Mädchen, welche ihre Schönheit in den Dienst der Kunst stellen, man hält es schon für sehr frivol, sein Antlitz einem Werk zu leihen, welches die Kritik eines schaulustigen Publikums auszuhalten hat.

Klaus kennt prüde Leute, welche es schon als Ungehörigkeit und groben Verstoß gegen das Anstandsgefühl erachten, wenn Damen ihre Porträts von dem betreffenden Maler in Ausstellungen »preisgeben«!

Wer weiß, ob Tante Schaddinghaus nicht auch zu diesen Strickstrumpfphilisterinnen gehört und der Nichte ihre ungeheuerlichen Ansichten über Moral eingeimpft hat.

Ist es nicht schon wie ein Wunder, daß ihm eine Annäherung an Charitas derart geglückt ist?

Hat ihn nicht ein freundlicher Zufall begünstigt, daß er ihr schon jetzt in nächster Nähe gegenüber sitzen und sie beinahe ebenso gut malen kann, als ob sie ihm mit vollem Bewußtsein Modell säße?

Und wer weiß, ob nicht der Ausdruck ihres Gesichts ein befangener, gekünstelter werden würde, wenn sie ahnte, daß er ihren Schmerz ausbeuten will, daß ihre Thränen seinen Lorbeer begießen sollen!

Jetzt tritt der wunderbare Zug tiefer Wehmut noch ebenso natürlich und unmittelbar hervor wie am ersten Tage, als er sie verzweifelnd in dem großen Schmerz erblickte, welcher nun einer schwermütigen Resignation gewichen zu sein scheint, auch jetzt verschleiert sich noch ihr Blick hinter Thränen, wenn er ein Thema berührt, welches die Wunden ihres Herzens aufs neue bluten läßt!

Nein, er will diesen unersetzlichen Verkehr nicht stören, er will wahrlich mit dem großen Glück zufrieden sein, welches ihm so unerwartet in den Schoß gefallen ist.

Seine Hand führt eifrig den Pinsel, er plaudert in dem frischen Ton weiter, welcher sie anzuregen scheint.

Sie empfinden es beide als eine Geist und Seele erfrischende Freude, einander im harmlosen Verkehr freundschaftlich näher zu treten.

Endlich steht Charitas auf. Ihre bleichen Wangen schimmern wieder in zartem Rot, sie reicht ihm herzlich die Hand entgegen. »Wie dankbar bin ich Ihnen für all Ihre Teilnahme und alle guten Worte; die letzte Zeit brachte so großes Leid über mich, ich war so ganz verlassen! Nun helfen Sie mir über die schweren Stunden hinaus. Ich bin keine gute Gesellschafterin jetzt, Sie müssen Nachsicht haben mit meinen verweinten Augen, welche aber so gern einmal Ihr Werk bewundern möchten! Darf ich Ihr Werk nicht einmal sehen?«

Dunkle Glut flammt in seinen Wangen, hastig abwehrend streckt er den Arm vor. »Ich bitte, ich beschwöre Sie – noch nicht! Lassen Sie mich erst weiter sein! Etwas Unfertiges zu zeigen ist für mich ein Greuel – für meine Muse ein Beginnen, welches sie in die Flucht schlägt! Noch ein paar Tage Geduld – bitte, bitte!«

Er zieht ihre Hand mit flehendem Blick an die Lippen, und Charitas blickt beinahe verlegen in sein verstörtes Gesicht. »Gewiß werde ich mich gedulden! Ah, ich ahnte nicht, daß ich gegen den Maler- und Künstler-Komment fehlte!«

XXI.

Acht Tage waren vergangen.

Der Verkehr zwischen Charitas und Klaus hatte sich immer freundschaftlicher und anregender gestaltet und hatte nie mit einem Wort oder Blick die Grenzen überschritten, welche Form und Harmlosigkeit vorgeschrieben.

Das junge Mädchen hatte bei all ihrer Lieblichkeit und gewinnenden Güte doch eine Art und Weise, welcher ein kühler Stolz, eine unnahbare und abweisende Gleichgültigkeit nicht abzusprechen waren.

Klaus hatte anfangs die Eigenart ihres Wesens bewundert wie die Tugend einer Heiligen; sein Herz, welches für alles Gute und Schöne so leicht empfänglich war, loderte auf in einem Opferbrand idealster Begeisterung.

Das Mitleid wob ebenfalls einen Glorienschein um das Haupt der Trauernden, und die Dankbarkeit, welche er gegen sie empfand, weil sie ihm, wenn auch ahnungslos, den Weg zu einem Erfolg bereitete, ließ sein Herz vollends höher schlagen.

Tagelang war er selbst davon überzeugt, sie grenzenlos über alles zu lieben!

Nicht mit der sonnig strahlenden Glückseligkeit, welche sonst sein Inneres durchglüht hatte, wenn es ihn beim Anblick eines lachenden Mädchengesichtes wie süße Ahnung durchschauerte, auch nicht mit der himmelstürmenden Leidenschaft, wie er sich für gewöhnlich sein Empfinden vorstellte, wenn er von der Liebe und ihrer berauschenden Offenbarung träumte, nein, voll ernster, beinahe wehmütiger Erhabenheit trat ihm die Göttin in den Weg. Kein Jubel und Lachen, sondern Thränen, keine neckischen Grübchen und blühende Rosen, sondern ein Cypressenkranz über bleichen Wangen.

War das die Liebe, eine Liebe, wie sie Klaus Sterley beglücken wird?

Je mehr er mit Charitas verkehrte, desto ruhiger wogte der gewaltige Strom innigen Empfindens durch seine Brust.

Wie ein leuchtender Stern am Himmel der Kunst schwebte die ideale Mädchengestalt durch seine Gedanken, verehrt, bewundert, warmherzig beklagt und von treuesten Wünschen umgeben, aber nicht mehr zu eigen begehrt als bräutlich Weib.

Etwas Unsichtbares stand zwischen ihnen, aber nicht als düster drohender, Glück zerstörender Schatten, sondern wohlthuend empfunden, wie die Nähe eines freundlichen Schutzgeistes, welcher trennend seinen Palmenzweig zwischen zwei Herzen senkt, welche nicht für einander geschaffen sind.

Das Bild war beinahe vollendet, Klaus hatte es gemalt, ohne daß Charitas eine Ahnung davon hatte, daß sie ihm Modell gesessen.

Einmal hatte Sterley absichtlich seine Landschaftsskizze, an welcher er während kurzer Plauderstunden mit Signora malte, derart auf die Staffelei hingestellt, daß Charitas beim Nahen wohl einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte.

Seit zwei Tagen weilte der Regierungsrat Schaddinghaus in der Favorita, um die Damen zu einem kurzen Übergangsstadium wieder nach Montreux zu geleiten, und das junge Mädchen sah unglücklicher aus wie je. Aber kein Wort der Klage verlautete, nur durch die Livornesi erfuhr Klaus, daß die unglückliche Waise ein immer trostloseres und qualvolleres Leben bei den unerträglichen Stiefeltern führe.

Mit verweinten Augen saß Charitas auf der Mauer unter der Dattelpalme, und Klaus stand seitwärts neben ihr und malte.

Sie plauderten nicht so heiter wie sonst. Der Gedanke an die baldige Trennung berührte sie beide recht traurig, waren doch diese sonnigen Morgenstunden die einzige Zerstreuung in dem öden Leben des jungen Mädchens.

»Ich kehre nun auch heim, es wird doch gar zu heiß hier!« nickte Klaus, und sein Gegenüber fragte besorgt: »Wollen Sie direkt nach München zurückgehen? Um alles nicht! Der Klimawechsel ist ein viel zu schroffer! Wir haben auch hier einen verfrühten Lenz gehabt, aber daheim ist dem April noch nicht zu trauen, und ich fürchte, die schönen Tage, welche der März gebracht, wird er wieder durch grausame Nachwehen quitt machen!«

Klaus lächelte: »Er fängt schon an damit. Wie ich von daheim höre, wirbelt wieder Schnee durch die Luft! Ein wunderlicher Gedanke für uns hier, die beinahe in der Sonnenglut zerschmelzen!«

»Auch für hier ist Sturm und schlecht Wetter prophezeit, wir flüchten wohl zu rechter Zeit davon. Aber Sie sagten mir noch nicht, ob Sie direkt nach München zurückreisen?«

»Selbstverständlich thue ich es, mein gnädiges Fräulein, ich brenne darauf, an die Arbeit zu kommen, welche bis zum Herbst ausgereift sein muß! Vor dem Witterungswechsel fürchte ich mich nicht, ich bin in dieser Beziehung, gottlob, ein tüchtiger Gesell! Aber… pardon… was ist denn da unten los? Die Notpfeife schrillt ja wie besessen… und der Rauch… kommt er aus dem Schornstein des Dampfers, oder ist da etwas nicht in Ordnung?«

Charitas wandte den Kopf und blickte besorgt nach dem Hafen hinab, von welchem ein ungewohnter Lärm emporhallte, und Klaus trat ebenfalls an die Mauer und schaute angestrengt hinab. »Es muß Feuer in einem Lagerraum ausgebrochen sein.«

»Welch ein Gottesglück, daß sich solch ein Unglück nicht auf hoher See ereignete!

Beide sahen so eifrig beobachtend auf das Gewimmel hinab, daß keines von ihnen die Schritte vernahm, welche sich im Garten näherten.

Erst ein scharfer, schriller Schrei höchster Wut, ein zorniges Schimpfen und Wettern ließ sie wie gelähmt vor Schrecken auf das Unerwartete starren.

Bleich wie der Tod lehnte Charitas an der Mauer, hoch aufgerichtet, stolz, mit blitzenden Augen trat Klaus neben sein Bild, vor welchem Herr und Frau Schaddinghaus, halb sinnlos vor Zorn, die Hände ballten.

»Also doch! Also die Lauretta hat demnach recht! Du saubere Person gibst dir jeden Morgen Rendezvous mit einem fremden Maler hier im Garten?« tobte die Tante, mit ihrem wutverzerrten Gesicht einen Anblick bietend, welcher Sterleys kühnste Vorstellungen noch weit übertraf, und sie fuhr mit erhobenen Händen gegen die Nichte ein, sie mit maßlosesten Schmähungen zu überschütten.

Und der Regierungsrat sekundierte ihr.

»Also malen hast du dich lassen, du affiges Frauenzimmer«, höhnte er, »malen wie eine Mater dolorosa mit dem Thränenblick? – Welche Ironie! – Der Herr hier hätte dich sehr anders auffassen müssen, wenn er dich leichtfertige Mamsell, die bei Tau und Tag zu den Künstlern läuft, hätte richtig treffen wollen!«

»Mein Herr, wagen Sie es nicht…!« Bebend vor Empörung trat Klaus einen Schritt gegen den alten Mann vor, die Tante aber flatterte ihm mit zeternder Stimme entgegen.

»Wollen Sie noch ein großes Wort hier führen, Sie Farbenklexer? Sie Mädchenverführer! Machen Sie, daß Sie auf die Straße kommen, sonst schicke ich nach der Polizei! Solch ein schlechtes Ding wie die Charitas verteidigt man nicht! Und mit Ihnen haben wir überhaupt nichts zu thun, höchstens haben wir Rechenschaft zu verlangen, wie Sie zu der unverschämten Frechheit kommen, ohne unsere Erlaubnis unsere Nichte zu malen!«

»Hihihi! Er wird die Erlaubnis wohl schon von dem artigen Liebchen eingeholt haben – –!«

»Herr – ich vergesse mich! – Kein Wort weiter…« Mit schnellem Schritt stand Charitas an Sterleys Seite und umklammerte mit zitternden Fingern seine Faust.

»Um meinetwillen, Herr Sterley, gehen Sie! Demütigen Sie mich nicht durch Ihre Gegenwart noch mehr; die Worte, welche ich hören muß, sind schon zu viel für mich allein!«

Ihr farbloses Antlitz sah zu ihm auf wie das einer Sterbenden, und dann trafen ihre Augen das Bild – ihr Bild! Groß, weit aufgerissen starrten sie es an.

»Nein, Charitas, mein Platz ist an Ihrer Seite, Sie gegen Brutalitäten zu schützen, denen gegenüber Sie wehrlos sind!«

Sie antwortet nicht, sie starrt auf das Bild, aber Frau Selma stemmt mit gellendem Gelächter die Arme in die Seiten. »Charitas nennt er die freche Person schon! Ei, das zarte Verhältnis scheint schon recht weit gediehen zu sein!« Und mit giftigem Blick faßt sie den Arm der Pflegetochter und schüttelt ihn. Die Stimme schnappt über vor Wut: »Weißt du auch, du ehrvergessenes Geschöpf, daß wir dich auf der Stelle aus dem Hause jagen könnten, daß wir dich auf die Straße werfen könnten – du – du – Dirne du!«

Ein leis zitternder Schrei der höchsten Seelenqual. Charitas schlägt die Hände vor das Antlitz und wankt einen Schritt zurück, Klaus aber tritt hochaufgerichtet vor die Regierungsrätin. »Sie weisen Ihrer Nichte die Thür? Gut, sie wird gehen und sich unter meinen Schutz stellen als meine Braut und, so Gott will, bald auch mein Weib! Es ist eine seltsame Zeit für eine Brauterbung, aber ich denke, Sie haben dieselbe verstanden! Kommen Sie, Charitas, hier ist Ihres Bleibens nicht länger!«

Mit festem Druck zieht er ihr die Hände von dem Antlitz und umschließt sie innig mit den seinen. Der Regierungsrat und seine Gattin aber stürzen sich, jähe Betroffenheit in den Gesichtern, dazwischen.

»Unterstehen Sie sich, meine Pflegetochter zu berühren! Wagen Sie es, sie gewaltsam zu entführen! Ihre Werbung, Sie seltsamer Freier, weise ich ebenso entschieden wie verachtend zurück! Meine Nichte steht unter meiner Vormundschaft! Verstanden?«

Charitas hebt das Haupt und blickt Sterley flehend in die Augen. »Wenn Sie es gut mit mir meinen, so gehen Sie jetzt, Herr Sterley!« flüstert sie.

»Sie befehlen es, Charitas. Ich gehe, ja – aber ich komme wieder. Diese Stunde hat mir ein Anrecht an Sie gegeben!«

Die Rätin faßt die Nichte an der einen Seite, der Rat an der anderen Seite am Arm und ziehen sie wie in plötzlicher, sinnloser Angst mit sich fort.

»Kein Anrecht haben Sie, gar keins!« schreit Frau Selma noch kirschrot vor Aufregung zurück. »Das Mädchen befindet sich in unserer Gewalt, mein Mann ist Vormund!«

Klaus wendet ihr den Rücken, und die Schritte und die keifenden Stimmen der Pflegeeltern verklingen hinter dem Boskett.

Wie gebrochen, unfähig, das Entsetzliche völlig zu fassen, sinkt Klaus auf die Mauer nieder. Das war alles so schnell gekommen, hatte sich so grauenhaft schnell abgespielt.

Wie ein böser, beängstigender Traum dünkt es ihm.

Er fühlt, wie es brennend heiß in seine Augen emporschießt, wie es schwindelnd durch seine Sinne braust.

»Armes, armes, unglückliches Kind, welch ein Elend habe ich über dich gebracht!« stöhnt er auf und wühlt wie ein Verzweifelnder die Hände in sein lockiges Haar.

»Ich allein trage die Schuld, ich allein habe das Unglück heraufbeschworen! Allmächtiger Gott, wie habe ich mich so leichtsinnig an ihr versündigt!« Seine Pulse fliegen wie im Fieber, das Entsetzen schüttelt ihn bei der Rückerinnerung an die Scene, die er soeben erlebt, bei dem Gedanken an all das unbeschreibliche Leid, welches Charitas noch erdulden wird!

Ihr schon so hartes Los ist nun unerträglich geworden – und das ist sein Werk!

Er dachte nur an sich! Rücksichtslos stürmte er auf dem Wege zum Ruhm und Erfolg vorwärts und trat die weiße Lilie dabei unter die Füße. Welch ein Blick, als sie ihr eigen Bild sah!

Und kein Wort des Vorwurfs, keine Schmähung gegen ihn, welche sie rechtfertigte!

Welch ein Engelsgemüt, welch eine Dulderin hat er so freventlich gekränkt!

Herrgott des Himmels! Wie soll er diese Schuld an ihr sühnen?

Dadurch, daß er sie ihrem trostlosen Schicksal so bald wie möglich entzieht.

Die Aufregung des Augenblicks hat ihm die Liebeswerbung abgerungen; er hat offiziell vor den Pflegeeltern um sie angehalten, und obwohl er keinerlei Antwort von Charitas erhielt, erachtete er sich dennoch als ihren Verlobten. Er hat ihr den Aufenthalt in diesem Hause der Pflegeeltern unmöglich gemacht, sie ist durch ihn und sein heimlich von ihr entworfenes Bild aufs ärgste kompromittiert.

Kein anderer Schutz, kein anderer Ritter bleibt ihr als Klaus Sterley.

Er wird sie zu seinem Weibe machen! Bei Gott! er wird's! Die Pflicht gebietet es, seine Ehre verlangt es!

Warum durchzuckt es ihn bei diesem Gedanken wie ein jäher Schreck?

Gleich einem Schleier zerreißt es plötzlich vor seinen Augen. Er empfindet es, er weiß es in diesem Augenblick, daß er sie nicht liebt, nicht so liebt, wie er stets geglaubt hat, daß er ein Weib lieben müßte, das er für alle Ewigkeit sein eigen nennen will.

Gleichviel, der Würfel ist gefallen, und er wird sie lieben lernen, eben so heiß und innig lieben, wie er sie jetzt achtet, verehrt, anbetet wie eine Heilige!

Er muß viel an ihr sühnen, sehr viel, kaum, daß ein Leben voll aufopfernder Hingabe dafür genügt!

Kann er, der Unbemittelte, der unbekannte Maler, welcher kaum für sich selber zu leben hat, an heiraten denken?

Er hätte es nicht gekonnt und nicht gedurft, wenn er aus freier Wahl, nur aus Neigung und Leidenschaft ein geliebtes Mädchen hätte heimführen wollen, – in seiner jetzigen Lage aber ist es etwas anderes.

Sind die Kohlenlager in Lichtenhagen nicht vielverheißende Goldgruben, und wird Josef der fremden Not eher zu Hilfe eilen als der seines Bruders?

So viel weiß er gewiß, daß Josef alles thun wird, um seine Heirat zu ermöglichen, darauf kann er bauen. Sein Stiefbruder, welcher selber die Ehre so hoch hält, welcher sich nicht gescheut hat, ihr persönlich die höchsten Opfer zu bringen, er wird die Sage, in welcher sich Klaus befindet, besser als jeder andere verstehen und alles aufbieten, das Unmögliche möglich zu machen.

Vor allen Dingen muß er sich mit Charitas selber aussprechen.

Sie antwortete nicht auf seine Werbung, aber ihr ganzes Benehmen ihm gegenüber ist Antwort genug und versicherte ihm, daß sie ihn nicht abweisen wird.

Es bleibt ja nichts anderes übrig, – was soll die Hilflose, Verlassene beginnen, wenn die Pflegeeltern ihre Drohung wahr machen und ihr die Thür weisen, oder wenn sie die Unglückliche durch ihre Brutalität zwingen, das Haus zu verlassen?

Er ahnt nicht, ob Charitas Vermögen besitzt, – aber das ist ja momentan auch gleichgültig, sie ist auf jeden Fall von dem Vormund abhängig. Wie lange noch? Auch das ist nebensächlich, der Augenblick zwingt zu einer Entscheidung.

Klaus starrt regungslos geradeaus, dann springt er auf und schreitet erregt auf dem kleinen Kiesplatz auf und nieder, um seine Gedanken zu sammeln und mit sich selbst ins reine zu kommen.

Endlich atmet er tief auf. Sein Weg liegt klar und deutlich vor ihm, – zuerst führt er zu Charitas.

Er packt voll nervöser Hast seine Malsachen zusammen und steht einen Moment noch überlegend, ob er sogleich einen Versuch machen soll, zu dem jungen Mädchen zu dringen.

Er sagt sich aber selbst, daß dies auf geradem und ehrlichem Weg nicht zu erreichen sein wird. Sein Blick fliegt zu der Villa hinüber.

Herr Schaddinghaus steht auf dem Balkon und blickt scharf zu ihm herüber, augenscheinlich bewacht er ihn und den Weg zu der Favorita.

Kurz entschlossen wendet sich Klaus zu der kleinen Pforte und stürmt nach seinem Hotel zurück. In diesem Augenblick ist nichts zu machen, das sieht er ein.

Läßt man ihn nicht im guten zu Charitas, so wird er Umwege wählen. Signora Julia, die sich selber eine Schützerin der Liebenden genannt, wird wohl auch zu ihrem Schutzengel, wenn es ihm gelingt, sie geschickt zu gewinnen.

Die See geht höher, ein kräftiger Wind hat eingesetzt und fegt weiße Wellenköpfchen vor sich her. Wie eine graue Dunstwand steigt es am Horizont empor, und die Sonne blickt schon jetzt wie durch zarte Nebelschleier. Der Ätna hüllt sich in Wolken. Es gibt bös Wetter.

Klaus hat zwei Stunden gewartet, dann begibt er sich wieder auf seinen Beobachtungsposten vor die Favorita.

Das Haus liegt still, wie ausgestorben.

Gelassen schreitet er zur Hausthür und klingelt.

Ein schwarzäugiges Mädchen mit blatternarbigem Gesicht öffnet und kneift bei seinem Anblick die schmalen Lippen noch fester zusammen. Lauretta, die Verräterin.

»Ist Fräulein Reckwitz zu sprechen?«

»Bedaure, das Fräulein darf keine Besuche empfangen!«

»Bitte mich bei Signora Livornesi zu melden.«

Das Mädchen lächelt noch höhnischer.

»Die Signora ist verreist.«

Ist das Wahrheit oder Lüge? Nun, er erfährt das wohl, denn sie ist bekannt genug in Catania.

Er wendete sich zum Hafen.

Ist sie mit einem Dampfschiff gefahren, erfährt er es am Landungsplatze sicher.

Und er hat Glück.

Gleich der erste der Brückenbummler, welcher rauchend auf dem Geländer hockt und seine Gondoliera anbietet, weiß Bescheid.

»Die Livornesi, Signor? Alle Heiligen seien uns gnädig! Ja, sie ist mit der ›Margherita‹ heut früh davongefahren, und doch steht die Brücke noch fest!«

Er lacht, daß seine Zähne blinken.

»Und wißt Ihr nicht, wohin sie fuhr und wie lang sie bleibt?«

Das verschlagene Gesicht des Burschen neigt sich schief auf die Schulter, er blinzelt den Fremden listig an.

»Hier auf dem Land kann unsereins schlecht sprechen! Nehmt für eine Stunde meine Gondoliera, wir bleiben hart am Ufer, und ich sag' Euch alles, was Ihr wissen wollt!«

Klaus zieht hastig die Börse: »Ich bezahle die Stunde, zum Fahren habe ich keine Zeit. Also, wann kommt die Signora zurück?«

»Heut abend; ists Wetter gut, zu Schiff, ists schlecht mit der Eisenbahn.«

»Wißt Ihr das genau?«

»So genau, wie die Stunde des Ave Maria, Signor. Die Livornesi fährt jeden Sonnabend hinüber, den Rosenkranz am Grab ihrer Eltern zu beten. Ich habe sie schon seit zehn Jahren kommen und gehen sehen.«

»Ich danke Ihnen.«

– – – Das Wetter ward schlecht, sehr schlecht. Sturm und Regen.

Entweder kam Signora Julia mit der Bahn oder gar nicht.

Klaus schritt fröstelnd auf dem menschenleeren Perron auf und nieder. Es war empfindlich kühl geworden, der Umschlag der Temperatur ein greller.

In seiner Aufregung achtete er dessen nicht, er blickte ungeduldig dem Zug entgegen, welcher mit glühenden Augen dahergeschnaubt kam.

Und wahrlich – aus einer Coupéthüre quoll die massige Gestalt der Alten.

Ihre Überraschung, den lieben, jungen Amico zu ihrem Empfang bereitstehen zu sehen, ging mit einem Gefühl höchster Genugthuung Hand in Hand, sie beklagte in Gedanken nur eins, daß so wenig Menschen diesen Triumph sahen.

Klaus versicherte mit gewohnter Galanterie, daß er sich bei dem schlechten Wetter um die teure Gönnerin geängstigt habe. Heute mittag habe er ihr einen feierlichen Besuch abstatten wollen und bei dieser Gelegenheit von ihrer Abreise erfahren.

Die Livornesi schwamm in Entzücken, sie hing sich als süße Last an seinen Arm, und beide traten den Heimweg an.

Klaus war klug genug, nicht gleich mit der Thür in das Haus zu fallen.

Dann begann er allmählich zu erzählen. Er habe im Garten gemalt und dabei Fräulein Reckwitz auf der Mauer sitzen sehen. Natürlich in Thränen. Da ihr Gesicht trotz derselben einen schönen Ausdruck behalten habe, sei ihm der Wunsch gekommen, sie zu skizzieren, er wolle mal eine büßende Magdalena oder eine mater dolorosa malen, und dazu habe er das Antlitz gut gebrauchen können. Das Fräulein habe nichts davon gemerkt, trotzdem er – lediglich um des Bildes willen – sich in ein Gespräch mit ihr eingelassen habe. Das sei von dem abscheulichen Ding, der Lauretta, beobachtet und der Tante hinterbracht worden. Nun schilderte er den Vorgang des heutigen Morgens.

Die Signora fauchte schon bei der Anstrengung des Gehens wie ein Hamster, obwohl es nur sehr langsam, Schritt um Schritt vorwärts ging. Jetzt blieb sie stehen und sprudelte in ihrer Empörung alle Schimpfworte hervor, welche sie momentan auf Lager hatte.

»Dieses schlechte, dieses miserable Ding, die Lauretta! Boshaft und neidisch ist der häßliche Affe. Das habe ich schon lange gemerkt, und nun wird sie aus dem Hause geworfen! Solch eine Teufelin! Gott strafe ihre Seele! Ja, Signor Sterley, ein übles Ding ist es immer, ein junges Frauenzimmer zu malen, sogar heimlich! Warum haben Sie es nicht mir gesagt? – Ich hätte Ihnen gleich Modell gesessen, bei warmem Wetter sogar nur mit einem einzigen Shawl, wie die büßende Magdalena! O, o! Das wird für die arme Charitas ein Elend geben! Die wird böse Tage sehen! Ja, hätten Sie doch nur den Domplatz mit dem Elephantenbrunnen – oder das Benediktinerkloster gemalt – was die Maler hier meistens thun, – aber gerade so ein Menschenkind wie Charitas!«

Klaus hatte den Wortschwall nicht unterbrochen, er mußte sich erst von seinem Schreck über Julia als wenig bekleidete Magdalena erholen! Jetzt aber stimmte er der Sprecherin eifrig zu und klagte, daß er das arme Fräulein nicht einmal um Verzeihung habe bitten können! Das laste wie eine schwere Schuld auf ihm! Wenn er nur Mittel und Wege wüßte, sich ihr zu nähern, wenn doch ein lieber, holder Engel daher schweben wolle, ihm hilfreich beizustehen!

Donna Julia blieb wieder stehen. Ihr heißes Gesicht glänzte wie eitel Genugthuung aus dem schwarzen Spitzenshawl heraus, und Klaus neigte den Schirm tiefer über sie, um Sturm und Regen abzuwehren.

»Nun – und wenn ich dieser Engel sein wollte?« gluckerte ihre fette Stimme.

Sterley preßte ihren Arm jählings an sich: »Ja, Sie, Signora Julia! Sie allein könnten solch ein rettender Engel sein!« rief er enthusiastisch. »Sie, bei welcher Güte, Schönheit und Klugheit Hand in Hand gehn – Sie werden es schon einrichten können, daß ich Charitas für eine kleine Weile ungestört sprechen kann!«

»Schönheit? O Sie Schmeichler – das ist jetzt wohl vorbei!« wehrte die ehemalige Chansonnette bescheiden und schämig ab, dann aber ging ihr Temperament mit ihr durch. »Ob wohl die Marmorbraut auf ein Rendezvous eingehen wird? kicherte sie. »O, es würde mir eine Genugthuung sein, wenn ihr Heiligenschein ein wenig von seinem Glanz verlieren würde! Ich hasse diese Tugendheldinnen; sie sind meist Heuchlerinnen und wollen nur auf uns andere, die wir ehrlich und freimütig gesündigt haben, mit gerümpften Nasen herabsehen! Nun, ich denke, auch für Charitas hat das Stündlein geschlagen! – Nun wollen wir mal unsern Plan machen. An der Straßenecke trennen wir uns. Sie schleichen sich heimlich in den Garten an unsern gewohnten Platz. Ich werde das Terrain rekognoszieren und bringe schnell Bescheid. Armes Jungchen, im Regen müssen Sie aushalten, ich kanns aber nicht ändern!«

Klaus jubelte auf im Herzen. Er hatte das Spiel gewonnen.

Und sie trennten sich an der Straßenecke.

Wie ein unförmiger, dunkler Klumpen watschelte die Signora dem Hause zu, und Klaus wandte sich und erreichte auf einem Umwege, durch die kleine Pforte, den Garten.

Harrend schritt er auf und nieder; der Sturm pfiff durch die Gebüsche, und die Zweige der Dattelpalme rauschten klagend über ihm in der Luft.

Jetzt empfand Klaus die kühlere Luft als Wohlthat. Kühlere Luft! Du lieber Gott! Bei uns daheim würde man sie einen feuchtwarmen Sommerwind nennen!

Wie wird ihm der Münchner Wind so ungewohnt um die Ohren pfeifen!

Und wie bald wird er wieder durch die heimatlichen Straßen schreiten, als anderer, gänzlich veränderter Mensch! Mit einem Ring am Finger kehrt er zurück und doch nicht voll Jubel und Seligkeit, sondern mit schwerem Herzen.

Wie wird sich alles entwickeln? Wird Charitas ihn wiedersehen wollen? Wird sie ihm folgen? Liebt sie ihn und wird sie sein Weib werden? Quälende, brennende Fragen!

Wieder steht er an der Mauer und schaut hinab auf das Lichtmeer von Catania. Wie Funken blinkt es zu ihm herauf, zerrissene Glockenklänge hallen von der Kathedrale durch Sturm und rollende See.

Der Himmel dräut sternlos und dunkel, nur über dem Ätna ist er mit hellerem Schein gefärbt. Die Schiffssirenen heulen, Signale schrillen durch die Luft.

Der Dunkelheit, nicht der Stunde nach ist es Nacht. Wie träge schleicht die Zeit.

Endlich ein Geräusch, ein schlürfender Schritt. »Signor Sterley?« flüstert eine Stimme.

»O Signora, beste, herrlichste der Frauen, Sie kommen wahrlich?«

»Und bringe gute Nachricht, das Täubchen ist zahm geworden!« kichert Julia. Sie hat einen großen, dunklen Mantel über den Kopf geworfen. »Das arme Kind war natürlich von ihren Tyrannen eingeschlossen, saß hungernd in ihrem Stübchen und weinte sich die Augen aus! Den Thürschlüssel zum Korridor hat der alte Drachen in der Tasche. Hoho, wollen ihr doch ein Schnippchen schlagen! Der Salon neben Charitas' Stube steht leer, wir werden leicht den Schrank von der Verbindungsthür fortstellen, und der Weg zu Ihrem Stelldichein ist gebahnt. Ich verhandelte soeben schon mit dem armen Seelchen durch dieses Schlüsselloch. Um 11 Uhr, wenn alles im Hause schläft, lasse ich Sie durch die Hinterthüre ein, Signor Sterley. Aber die Kleine verlangt mit großer Entschiedenheit, daß ich bei der Unterredung zugegen bin. Werden aber wohl deutsch sprechen, wie? Je nun, wenn nur ein Anfang gemacht ist, das nächste Mal guck ich schon aus dem Fenster und dann – o, ich kenne das! Also um 11 Uhr, Signor. Zwei Stunden haben Sie noch Zeit, trinken Sie zuvor ein Glas Wein. Ich thue es auch, man friert heut wie im Winter. Und somit addio caro mio! Der Schutzengel wacht!«

Klaus stürmte nach dem Hotel zurück, der Kopf brannte ihm, eine ungeheuere Aufregung bemächtigte sich seiner.

Sie wird ihn sehen und sprechen! Sie liebt ihn! Sie, die kalte, unnahbare Charitas!

Die Eitelkeit besitzt eine wunderbare Macht über den Menschen.

Der Gedanke, geliebt zu sein, so geliebt zu sein, daß eine Königin der Tugend sich plötzlich zur Sklavin ihrer Leidenschaft macht, hat für jeden Mann etwas Berauschendes.

Wie ein scheues Vöglein, dessen Nest ein Wettersturm zerstört, flüchtet Charitas an seine Brust. Das rührt und bewegt ihm das Herz, und die heißen Flammen einer entfachten Leidenschaft schlagen empor.

Liebt er sie dennoch, oder ist es nur der Rausch dieser süßen, geheimen Stunde, welcher sich wie ein Schleier über seine Sinne breitet?

Gleichviel, er weiß, daß sich in dieser Stunde sein Schicksal entscheidet, und wenn erst die Sonne des Glücks die Thränen von den bleichen Wangen trocknet, wenn ein holdes, bethörendes Lächeln um ihre Lippen spielt, wird er Charitas auch dann nur zu seinem Weibe machen, weil es Pflicht und Ehre verlangen?

Mit hämmernden Pulsen stürzt er den feurigen Wein hinab, die Augen auf die Uhr gerichtet, welche vor ihm, an der Wand der Osteria, tickt.

XXII.

Der Sturm heult über das Meer und fegt ganze Wolken feuchtkühler Blütenblätter in das Gesicht des einsam Dahinschreitenden.

Der leichte Mantel flattert, der Hut ist tief in die Stirn gedrückt.

Behutsam lugend und von Busch zu Busch vorwärts springend wie ein Fra Diavolo, welcher Böses im Schilde führt, nähert sich Klaus auf regenüberfluteten Gartenwegen der Favorita.

Und er braucht nicht zu warten.

Der rote Vorhang eines Souterrainfensters wird beiseite geschoben, Signora Julias Vollmondsantlitz späht in die Dunkelheit hinaus.

Sterley tritt in den Lichtschein und winkt ihr schweigend zu, und einen Augenblick später dreht sich lautlos der Thürschlüssel und der späte Gast tritt ein.

Seine Gönnerin blinzelt ihm verständnisinnig zu, legt den Finger auf die Lippen und schwankt ihm auf weichen Strohpantoffeln voraus, wie ein Schiff auf hohen Wellen.

Klaus folgt schweigend durch einen langen, mit Marmorfliesen ausgelegten Gang die Treppe empor.

Dort wendet sich die Signora nach einem Seitenflügel und winkt dem jungen Mann ermutigend zu. »So! – Hier hören sie uns nicht mehr! Diavolo! Ich glaubte jeden Augenblick, die Alte würde durch die Thür schauen! Zurück müssen Sie über den Balkon; es springt sich ganz bequem hinab, mit dem Emporklettern hält's bei dem nassen Wetter schwerer. – So, amico! Hier sind wir angelangt, treten Sie ein.«

Klaus folgte der Sprecherin in ein Zimmer, aus welchem ihm die Luft noch erstickend schwül entgegenströmte.

Eine einzelne Kerze brannte auf dem Tisch und ließ nur die nächsten Gegenstände deutlich erkennen.

Ein großes Bett unter dem unvermeidlichen Moskitonetz stand rechts zur Seite, Bambusmöbel reihten sich, etwas ungeordnet zusammengeschoben, an den Wänden auf, ein sich selbst drehender Fliegenwedel paradierte auf dem Schreibtisch.

Klaus blickte zerstreut umher, warf den nassen Mantel ab und starrte dann atemlos aus die Signora, welche an eine Seitenthür getreten war und leise durch das Schlüsselloch flüsterte. »Sie kommt sofort!« sagte sie, nickte mit einem Lächeln unendlicher Befriedigung, watschelte nach einem Bambussessel und ließ sich erschöpft nieder. Die Anstrengung war groß gewesen.

Klaus stand regungslos und umschoß mit den Händen krampfhaft eine Stuhllehne.

Jetzt erst kam ihm die ganze Eigenart seiner Situation zum Bewußtsein.

Wie sollte er sich eigentlich benehmen – wie ein stürmisch werbender Liebhaber, welcher mit der Angebeteten bei Nacht und Nebel flüchten will? Wie soll er sie begrüßen – mit leidenschaftlichen Worten als Braut und Geliebte? –

Gewiß! Wie anders? Diese nächtliche Scene paßt wohl zu keiner andern Art! –

Leise regt sich die Thür; Charitas tritt ein. Wie die Gestalt einer Königin steht sie auf der Schwelle, keusch und rein, wie das weiße Kleid, welches an ihr niederfällt, hocherhobenen Hauptes, stolz und unnahbar, und dennoch mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes in dem bleichen Antlitz, welches seine großen Augen so ernst, so dunkel umschattet, so feierlich auf ihn richtet, daß ihm die Worte auf den Lippen stocken. Dasselbe unerklärliche Gefühl von scheuer Befangenheit überkommt ihn, welches ihn in ihrer Nähe stets durchrieselt hat, wie ein kühler Hauch. Formell, respektvoll wie stets tritt er ihr entgegen und drückt ihre dargereichte Hand an die Lippen. »Wie danke ich Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie meine unbescheidene Bitte erfüllt haben!« sagt er hastig, voll herzlicher Erregung. »Ich hätte mein Schuldbewußtsein kaum ertragen, ohne von Ihnen Verzeihung erfleht zu haben! – Glauben Sie mir, Fräulein Charitas, ich habe nicht im mindesten, wahrlich mit keinem Gedanken geahnt, welch ungeheure Unannehmlichkeiten ich Ihnen durch mein heimliches Porträtieren bereiten würde, sonst wäre es bei Gott nie geschehen! Aber die Leidenschaft ging mit mir durch, Sie werden sich, so Gott will, bald selber überzeugen, welch eine Königsperle ich in Ihrem Antlitz gefunden habe! Werde ich jemals im Leben einen Erfolg erringen, so verdanke ich denselben Ihnen, und beim Himmel, Fräulein Charitas, das Glück eines braven Gesellen begründet zu haben, ist schon ein Opfer wert!«

Sie hatte ihn ruhig aussprechen lassen. Ihre traurigen Augen blickten heller und glänzender bei seinen letzten Worten.

»Ich habe Ihr Bild gesehen, Herr Sterley, und Ihnen um Ihrer genialen, gottgesegneten Kunst willen gern verziehen. So malt nur ein Mensch, welcher berufen ist, Großes zu leisten, und das wird mir stets ein Trost in meinem Elend sein, daß mein armes, inhaltloses Leben nun doch einen guten und schönen Zweck gehabt hat.«

Er faßte erregt ihre niederhängende, kalte, kleine Hand.

»Ihr armes, inhaltsloses Leben soll reich werden, Charitas, reich und glückselig durch all die Liebe und Treue, mit welchem ich es schmücken will. Sie wissen warum ich in diesem Augenblick vor Ihnen stehe –«

Sie entzog ihm die Hand, um sie voll ernster, beinahe düsterer Abwehr zu heben. Ihr Blick ward starr und kühl, langsam wich sie einen Schritt zurück. »Ja, ich weiß, warum Sie hier sind, Herr Sterley, um mir Schutz und ritterliche Hilfe anzubieten, falls ich sie gebrauche, und weil ich dieselbe gebrauche und fest und zuversichtlich an Ihre Gesinnung als Ehrenmann glaube, darum bin ich Ihrem Ruf gefolgt. Was Sie in der höchsten Erregung, in einem Augenblick größter Selbstanklage zu meinen Pflegeeltern sagten, will ich nicht gehört haben, weder jetzt noch je! – Daß Sie mich in der That lieben, hoffe und glaube ich nicht, denn es würde mich noch unglücklicher machen, als ich es schon bin. Versprechen Sie mir, daß Sie mich nie wieder durch eine Werbung demütigen werden wie durch ein Almosen, und ich werde Ihnen vertrauen wie meinem besten Freund und Ihre Hilfe in der Not anrufen!«

»Charitas – welch ein grausames Verlangen!«

Ein bitteres Lächeln huschte um ihre Lippen. »Grausam? – Eine Charitas kann nur barmherzig sein, und ich will meinen Namen mit Recht und Ehren tragen. Was sollte Ihre Werbung an meinem Schicksal ändern? Sie würde nur uns beide ins Unglück stürzen! Echte Freundschaft ist aufrichtig! Wovon wollten wir leben? Wir sind beide arm!«

»O, ich werde Mittel und Wege finden«, murmelte er, »welche eine Heirat ermöglichen …«

»Wehe dem Künstler, welcher sich mit Bleigewichten an die Erde fesselt, seine Schwingen sind für ewig gebrochen, sein Flug zur Sonne vernichtet! Wer Thränen malt wie Sie, darf sie nicht selber weinen! Aber warum der Worte, unsere Zeit ist knapp.« – Sie reichte ihm mit flehendem Blick beide Hände dar: »Einen Freier werde ich nie im Leben vor mir dulden, aber einen Freund suche ich, Herr Sterley, – einen Freund und Beschützer! Und da Sie unabsichtlich meinen Leidenskelch um viel Bitternis vermehrt haben, so sind Sie wohl der natürlichste Retter, welcher mir erwachsen kann. Wollen Sie es sein?«

Klaus zog ihre Hände abermals an die Lippen! »Ich will jetzt das sein, wozu mich Ihre Huld macht, Charitas, was ich aber noch werden und mir erringen möchte, das lassen Sie der Zukunft frei! Vorläufig werden Sie mich unaussprechlich beglücken, wenn ich Ihnen all mein Haben und Sein zur Verfügung stellen darf!«

»Ich danke Ihnen, Herr Sterley, und ich erachte Sie von Stund an als Bruder, dessen Hilfe mich nicht kompromittiert und dessen Rechtschaffenheit in meiner Ehre auch die seine erblicken wird!« – Das junge Mädchen sprach sehr ernst und sehr ruhig, ein Ausdruck starrer, fester Entschlossenheit lag auf dem thränenmüden Antlitz.

»Ich stehe allein auf der Welt, ich besitze weder Anverwandte noch Freunde, zu welchen ich mich flüchten könnte. Ich habe das Leben im Hause meiner Stiefeltern geduldig ertragen, ich habe nicht geklagt und nicht gemurrt, aber es gibt moralische Mißhandlungen, welche ein anständig denkendes Mädchen nicht ertragen kann. Das Maß ist voll und meine Kräfte sind erschöpft. Ich bin fest entschlossen, das Haus meiner Peiniger zu verlassen, und da dies auf gütlichem Wege unmöglich ist, so muß es durch die Flucht geschehen. Ich kann aber unmöglich ohne Mittel und Schutz als Vagabundin durch die Welt streifen, bis ich Stellung und Unterkommen gefunden. Mir durch die Zeitung ein solches zu verschaffen, ist ganz ausgeschlossen, ich werde bewacht wie eine Gefangene. Nun möchte ich Sie anflehen, Herr Sterley, helfen Sie mir! Verschaffen Sie mir bei Freunden oder Verwandten, in durchaus achtbarem Hause ein Unterkommen, entweder als bleibende Stellung oder als vorläufigen Aufenthalt, bis ich etwas Sicheres gefunden habe. Bezahlen kann ich vorläufig nichts, ich verfüge nicht einmal über Taschengeld, man gab mir, was ich brauchte, aber ich kann arbeiten, – jede Arbeit, und ich scheue auch vor der härtesten nicht zurück. Ich lernte massieren, und würde gern Pflegerin einer kranken Dame werden, aber auch kochen und selbständig wirtschaften kann ich, ja, ich würde gern die Stellung einer Köchin oder Jungfer annehmen, wenn man mir nur eine freundliche und menschenwürdige Behandlung zusichert! Ich will auch meine Schuld später, wenn ich etwas verdiene, gern abtragen, nur vorläufig muß ich durch meiner Hände Arbeit meine Erkenntlichkeit beweisen! Jede Thätigkeit, auch die der Diakonissin wäre mir sehr lieb, ich muß nur in die Möglichkeit versetzt sein, mich um eine Stellung bemühen zu können. Und je eher ich dieser Hölle entrinnen kann, desto besser. Ich gehe zu Grunde in ihr. In drei Tagen reisen wir von hier ab, und zwar direkt nach Eisenach, man glaubt mich dort am sichersten bewachen zu können. Ich bitte Sie nun um das große, große Opfer, Herr Sterley, sich um ein Unterkommen für mich zu bemühen und, wenn Sie eins gefunden haben, mir entweder persönlich bei meiner heimlichen Abreise behilflich zu sein oder eine zuverlässige Dame damit zu beauftragen. Briefe erreichen mich nicht, in frühester Morgenstunde bin ich aber in Haus oder Garten anzutreffen. Und nun walte Gott des weitern. Ich habe mein Geschick in Ihre Hand gelegt, ich weiß mir keinen andern Rat und keine andere Hilfe. Seien Sie der Ehrenmann, für welchen ich Sie halte, respektieren Sie das Elend einer Verlassenen, seien Sie mein Bruder!«

Aufs tiefste ergriffen stand Klaus vor dem jungen Mädchen, welches in all seinem Unglück und seiner Hilflosigkeit dennoch so hoch und rein, so unantastbar würdevoll vor ihm stand wie ein Heiligenbild.

Nein, er liebte sie nicht, aber er hatte das Gefühl, als müsse er vor ihr niedersinken und das Ideal aller stolzen, edlen Weiblichkeit in ihr anbeten. Er vermochte kaum zu sprechen, aber der strahlende Blick seiner Augen umfing Sie voll warmer Innigkeit, und sein Händedruck war ein Schwur. »Ich helfe Ihnen, Charitas! Bei Gott dem Herrn, Sie sollen Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt haben! Ich glaube bereits eine sichere und behagliche Zukunftsstätte für Sie zu wissen, wo Sie die fernere Entwickelung Ihres Schicksals getrost abwarten können. Lassen Sie mich nur die nötigen Schritte besorgen, und halten Sie sich bei Ihrer Ankunft in Eisenach sogleich bereit, von mir zu hören! Ich reise morgen früh Ihnen voraus in die Heimat, es wird Ihre Peiniger beruhigen, wenn ich anscheinend das Feld geräumt habe!«

»Gott segne Sie für Ihre Güte! Ich glaube an Sie! – Und somit auf Wiedersehen! Wie ruhig werde ich nun schlafen können!«

Sie lächelte wie verklärt und drückte ihm die Hand! »Nochmals: Auf Wiedersehen, mein treuer Freund!«

Klaus umschloß mit fast krampfhaftem Druck ihre Rechte: »Ja, auf Wiedersehen! – Sie haben mich in dieser Stunde zu Ihrem Ritter geschlagen, Fräulein Charitas, Sie sollen mit meinem Thun zufrieden sein! Ich will mich Ihres Vertrauens wert zeigen! Gott mit Ihnen!«

– – – – Signora Julia hatte nichts von der Unterredung verstanden, aber sie schien von dem Benehmen der Liebenden doch recht enttäuscht. »Amico«, lachte sie, »du hast deine Vorteile nicht zu wahren gewußt! – Himmel, welch ein Rendezvous! Bei einer Beerdigung hätte es nicht feierlicher zugehen können! Aber so seid ihr Deutschen, ich weiß das! Fischblut! Selbst in der Leidenschaft Pedanten! Nun, es wird noch kommen! Aller Anfang ist schwer.«

Sie lachte noch mehr und streichelte zärtlich die heiße Wange des jungen Mannes.

»Diavolo! Ich wollte, Sterley, du wärst vor dreißig Jahren bei mir über das Gitter gestiegen! Wärest nicht so bald wieder gegangen wie heut!«

Klaus biß die Zähne zusammen. Es that ihm weh, diese weihevolle Stunde derart profaniert zu sehen. Und doch mußte er der Signora dankbar sein. Er zwang sich zu ein paar galanten Worten und einem Kuß auf die speckige Hand und war froh, als die Alte ihn selber zur Eile antrieb. Mit gewandtem Sprung schwang er sich über das niedere Balkongitter eines Parterrezimmers und stürmte lautlos wie ein Schatten durch Sturm und Regen zurück.

Charitas aber stand an dem Fenster ihres Stübchens und blickte zu dem dunklen Nachthimmel empor, ruhig und friedvoll, sie empfand keine Gewissensbisse über ihr Vorhaben. Sie hatte alles Elend in dem Hause der Pflegeeltern ertragen, sie hätte auch die schmachvolle Stunde in dem Garten heut willig als Kreuz auf sich genommen, sie hätte sich resigniert als Gefangene einsperren lassen, aber eins war zu viel der Demütigung geworden – die zärtlichen Nachstellungen des Onkels. Das Junggesellenleben in der Residenz hatte ihm den letzten moralischen Halt genommen. Er war heute nachmittag zu ihr gekommen und hatte ihr voll eifersüchtigster Auslassungen gegen den fremden Maler seine Zukunftspläne entwickelt. Das innere Leiden der Tante sei unheilbar, ihre Lebensjahre seien gezählt – und wenn sie erst glücklich unter der Erde läge, dann solle Charitas seine Frau und Herrin im Hause werden. Um des lieben Friedens willen müsse er ja jetzt seiner Frau beistehen, wenn es gegen Charitas losginge… und dabei war er ihr näher gekommen und hatte sie liebevoll, tröstend umfassen wollen.

Da kannte das gequälte Mädchen keine Rücksicht mehr. Voll Abscheu und Empörung hatte sie den Erbärmlichen von sich gestoßen, daß er gegen die Thüre taumelte.

»Das sollst du mir entgelten!« hatte er mit haßfunkelnden Augen geknirscht. Und nun wußte Charitas, daß ihres Bleibens in diesem Hause nicht länger sein konnte.

Eine ruhige, eiserne Entschlossenheit kam über sie, sie handelte und stellte es dem Herrn anheim, sie seine Wege zu führen.

Klaus aber kniete in seinem Zimmer vor dem Koffer und packte voll fliegender Hast seine Effekten, und als das Kofferchen reisefertig vor ihm stand, setzte er sich mit schwindelnden Sinnen an den Tisch und schrieb an Josef. Schlafen konnte er nicht, in dichten Schwärmen umkreisten die Moskitos, welche sich vor dem Regen doppelt zahlreich in die Häuser geflüchtet hatten, das Licht. Schwül und dumpfig war die Luft, und doch durfte er, der Insekten wegen, die Fenster nicht mehr öffnen. Er schrieb an Josef!
Was sollte er schreiben? Eine ausführliche Darlegung der ganzen Verhältnisse? Dazu hat er keine Zeit, er ist auch sogar kein Freund von langem Briefschreiben, und mündlich läßt sich so etwas tausendmal besser erzählen. Ein geschriebenes Wort klingt oft so anders als ein gesprochenes, und Josef, welcher so prüde ist und ungeheuer strenge Ansichten hat, würde Charitas' Flucht vielleicht falsch deuten und womöglich einen Zweifel in die volle Ehrenhaftigkeit einer Dame setzen, welche sich zu solch gewagtem Schritt entschließt. Am besten ist es also, ganz kurz und lakonisch anfragen, – alle Details kann er ja dann später in einer vertraulichen Aussprache erfahren.

Er schreibt: »Mein lieber, teuerster Bruder! In einer ebenso wichtigen wie dringlichen und diskreten Angelegenheit bitte ich Dich heute um Deine Hilfe! – Laß mich kurz sein. Du sollst alles nähere mündlich erfahren! Kann ich eine hochachtbare, junge Dame, welche ich als meine Braut erachte, zu kurzem Aufenthalt nach Lichtenhagen bringen und unter den Schutz der Frau Geheimrätin Damasus stellen? Dieselbe ist Waise und sucht nach einer passenden Stellung, in welcher sie verbleiben kann, bis meine Mittel es mir erlauben, sie als Weib heimzuführen. Sorge nichts. Du weißt, daß ich Dir niemals zumuten würde, eine Unwürdige unter Dein Dach zu nehmen. Schreibe mir umgehend Antwort! Ein Telegramm benachrichtigt Dich von unserm Eintreffen! Gott lohne Dir, was Du für mich thust! In treuer Liebe Dein Klaus.« –

In der Hast und Aufregung vergaß der Schreiber, Ort und Datum über seine Zeilen zu setzen, und als er den Brief geschlossen, sah er, daß er keine Marke mehr bei sich führte.

So wird er hoffentlich auf dem Bahnhof eine kaufen können.

Er steckt den Brief in die Brusttasche und trinkt den Rest seines Weines aus. Ein Gefühl von Müdigkeit überkommt ihn.

Ohne sich zu entkleiden, wirft er sich auf sein Lager, schlägt noch ein paarmal nach den Insekten, welche sich unter das Moskitonetz verloren haben und sinkt in tiefen Schlaf.

Als der Piccolo am nächsten Morgen weckt, ist es bereits eine vorgerückte Stunde. In höchster Eile nimmt Klaus das Frühstück, begleicht seine Rechnung und denkt in der Hast nicht daran, der hübschen Ninetta Lebewohl zu sagen. Das Wetter ist noch immer schlecht. Er stürmt nach dem Bahnhof und kommt gerade noch zurecht, um in ein Coupé zu springen.

An den Brief hat er nicht gedacht.

Auf der nächsten Station stiegen die beiden Künstler ein, welche er in dem Wirtsgarten in Catania kennen lernte. Sie fahren ebenfalls geradeswegs nach der Heimat zurück, und Klaus schließt sich ihnen an.

Die Unterhaltung zerstreut ihn und bringt ihn auf andere Gedanken; als sie das erste Nachtquartier nehmen, vertauscht er seine leichte Kleidung mit einer etwas wärmeren, denn nun geht es in einer Tour, ohne Unterbrechung, Tag und Nacht weiter bis München.

Welch ein Temperaturwechsel!

Schneeluft weht ihm entgegen, als er daheim aus dem Coupé springt.

Frierend hastet er nach Hause, und unterwegs denkt er mit immer wachsendem Interesse an die Antwort Josefs, welche wohl morgen oder spätestens übermorgen eintreffen kann.

Und plötzlich stutzt er und steht jählings still auf dem Weg. Allmächtiger … wo hat er denn eigentlich den Brief hingesteckt?

Er sinnt und grübelt – vergeblich – es fällt ihm nicht ein – das Schreiben steckt wahrscheinlich noch in seiner Rocktasche im Koffer.

Eine fiebernde Ungeduld und Bestürzung erfaßt ihn, er läßt sich nicht Zeit, etwas zu genießen, ruft nur der höchlichst überraschten Wirtin im Vorübereilen durch die Thür zu, daß sie sofort eine Stube heizen möge, und dann keucht er mit seinem Touristen-Köfferchen und seinem Malkasten, welche er sparsamerweise selber getragen, die Treppen empor.

In fliegender Hast reißt er den Koffer auf. Hier der Rock! – Wahr und wahrhaftig! Der Brief steckt noch in der Tasche!

Klaus stürmt nach dem nächsten Postschalter und befördert ihn.

– – – – – – – –

In Lichtenhagen ist es noch nicht Frühling geworden. Man hatte sich bitter getäuscht, dem köstlich warmen und sonnigen März zu glauben, er bringe den Lenz schon mit! Nun stürmte und toste es wieder in den Lüften, und dichter Schnee deckte aufs neue die grünen Hoffnungsspitzen und Knospen zu, welche die trügerische Märzensonne hervorgelockt. Rothtraut machte ein beinahe trauriges Gesichtchen. Sie hatte sich ebenso wie die Mutter und das Dienstpersonal ernstlich um den jungen Gutsherrn gesorgt.

Vor ein paar Wochen war es gewesen, als man gefürchtet, er werde ernstlich erkranken. Seine Unruhe und Zerstreutheit, seit er aus der Residenz zurückgekehrt, war allen aufgefallen. Plötzlich aber schien er bis zur Unkenntlichkeit verändert. Farblos, verstört, greisenhaft gealtert erschien sein Antlitz, die Augen übernächtigt und glanzlos, sein Blick starr und sein Wesen teilnahmslos und ohne alle Energie, wie bei einem Schwerkranken.

War ein Unglück mit den Bergwerksanlagen passiert? – Nein, alles befand sich in bester Ordnung, und die Aussichten auf Ertrag gestalteten sich immer glänzender.

Der Inspektor wußte nur, daß ein Brief eingetroffen sei, welcher den jungen Herrn so unaussprechlich tief zu bekümmern schien.

Rothtraut bot alles auf, den Armen zu zerstreuen, vergeblich, ach vergeblich! – Der Verkehr mit Menschen schien Torisdorff eine Qual zu sein, er kam immer seltener nach Lichtenhagen, nahm sogar die Mahlzeiten im Krembs und stand finster, wortkarg und in sich gekehrt auf seinem gewohnten Platz, die Arbeiten zu beaufsichtigen.

Allmählich schien er wieder etwas zugänglicher zu werden.

Er ritt sogar eines Tages wieder nach Lichtenhagen hinüber und fragte nach der Geheimrätin. Die alte Dame war gerade in der Wäschekammer beschäftigt, da sie all die alten, so lange aufgespeicherten und vergilbten Vorräte der Leinenschränke einmal durchwaschen lassen wollte.

Sie eilte sofort, herzlich erfreut über dieses neue Lebenszeichen ihres armen Wohlthäters, in das Wohnzimmer hinab.

Josef stand am Fenster und blickte mit müdem Blick auf die bunten Primeln und Hyazinthen, welche zwischen den Doppelfenstern blühten.

Er wandte sich bei dem Eintritt der alten Dame um und schritt ihr entgegen, die Hand so herzlich und freundlich wie immer darreichend.

»Störe ich, meine gnädige Frau, oder haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?«

Die Geheimrätin ward ganz rot vor Freude.

»Aber mein lieber Herr von Torisdorff, welch eine Frage! Sie wissen, daß ich keine größere Freude kenne, als Ihnen irgendwie dienlich zu sein!«

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Lassen Sie uns, bitte, Platz nehmen, meine gnädige Frau, ich habe Ihnen eine Bitte vorzutragen!«

Er schob höflich einen Sessel herzu und setzte sich der Geheimrätin gegenüber.

»Würde es viele Umstände machen, für längere Zeit einen Gast hier zu beherbergen?«

»Nicht im mindesten!«

»Eine Dame!«

»Um so leichter. Wir sind ja hier im Hause mit Zimmern und Betten so überreich versehen, daß die Betreffende einen ganzen Hofstaat mitbringen kann!«

»Gerade daran fehlt es dem jungen Mädchen. Sie ist eine Anverwandte meines Stiefbruders und steht allein in der Welt. Ehe sich ein neuer Wirkungskreis für das Fräulein gefunden, bedarf sie eines Unterkommens und vor allen Dingen den Schutz einer mütterlichen Freundin. Ist es sehr unbescheiden von mir, meine verehrte Frau Geheimrätin, Sie zu bitten, der jungen Dame diesen gütigen, mütterlichen Schutz zu gewähren? Mein Bruder sowohl wie ich würden Ihnen außerordentlich dankbar sein!«

»Keinerlei Ursache, bester Herr Baron! Es wird mir eine große und ehrliche Freude sein, ein Töchterchen mehr bemuttern zu können. Wann dürfen wir den lieben Gast erwarten?«

Josef zuckte die Achseln.

»Darüber liegen mir noch keine definitiven Nachrichten vor! Mein Bruder wollte die Ankunft telegraphisch anzeigen.«

»Also thun wir gut, uns sogleich darauf einzurichten! Die junge Dame wird sicherlich nicht gern allein in dem oberen Stock wohnen. Glauben Sie wohl, Herr von Torisdorff, daß ich ihr das Zimmer neben Rothtraut einrichten kann? Sie waren so gütig, es ehemals als Garderobenzimmer für uns zu bestimmen, doch steht es absolut unbenutzt, da mein Mädel mit mir zusammen in einer Stube schläft!«

»Gewiß, es wäre mir doppelt lieb, die junge Dame recht in ihrer Nähe zu wissen, da wir doch mit ihrer Ankunft die Verantwortung für ihr Wohl und Wehe übernehmen!«

»Wird das eine Zimmer genügen, oder ist das junge Mädchen sehr verwöhnt?«

Josef sah einen Augenblick unschlüssig vor sich nieder. »Das weiß ich beim besten Willen nicht, gnädige Frau, aber ich taxiere eher das Gegenteil. Sie scheint eine Münchnerin zu sein, wenigstens meldet sie mein Bruder durch einen Brief aus München an – und die Großstädterinnen kennen meist nur recht beschränkte Raumverhältnisse. Auch besitzt sie kein Elternhaus mehr.«

»Sie kennen die junge Dame nicht persönlich?«

»Nein, gnädige Frau, nicht einmal ihren Namen kann ich Ihnen nennen! Mein Bruder schreibt derart eilig, daß er das Notwendigste vergaß mitzuteilen.«

Frau von Damasus lachte.

»Wir werden ihn wohl noch bei Zeiten erfahren. Sollte ich merken, daß die Dame Ansprüche macht, so kann ich ja Versäumtes leicht nachholen. Unser Mittagstisch und sonstige Gewohnheiten bleiben dieselben?«

»Durchaus dieselben!«

Die Thüre flog schmetternd auf. Rothtraut stürmte mit rotgefrorenem Gesichtchen in das Zimmer und streckte dem jungen Gutsherrn beide Hände entgegen. »Endlich, endlich lassen Sie sich einmal wieder sehen!« jubelte sie voll so ehrlicher Freude, daß ein warmer Strahl aus Josefs umschatteten Augen leuchtete. »Was haben Sie denn nur vorgehabt? Waren Sie krank – wirklich krank? Gott sei Lob und Dank, nun ist es aber vorüber und nun kommen Sie wieder alle Tage – und heute essen Sie mit uns, nicht wahr, lieber Herr von Torisdorff?«

Die Worte sprudelten ihr nur so von den Lippen, und dabei drückte sie seine Hände und war ganz außer sich vor Freude.

»Gewiß bleibe ich heute hier, und Ihre Langeweile soll nun auch ein Ende haben; ich habe Ihnen soeben Besuch angemeldet.«

»Besuch?« Wie ein Schrei klang's von ihren Lippen, sie preßte die Händchen gegen das Herz, und ihr Gesichtchen sah plötzlich aus wie in Feuer getaucht. »Kommt er – wirklich kommt er?«

»Er? – Von wem reden Sie, Fräulein Rothtraut?«

»Nun, von ihm, von Ihrem Bruder Klaus!« jauchzte sie auf, als sei sie ihrer Sache ganz gewiß.

»Ja, Klaus kommt allerdings auch mit, – er wird eine Anverwandte zu uns bringen.«

»Eine Anverwandte?«

»Ein junges Mädchen, welches Sie hoffentlich als liebe Freundin willkommen heißen!«

Rothtraut breitete stürmisch die Arme aus: »Ein junges Mädchen – und Ihr Bruder – Hurra, welch eine Überraschung! Und ob ich sie willkommen heißen will! Ach, das ist ja beinahe der Freude zu viel!«

Noch ein fröhliches Plaudern hin und her; die Aufregung und die muntere Frische der Kleinen thaten Josef wohl. Endlich schritt er nach der Thür.

»Ich will den Antwortsbrief an meinen Bruder hier schreiben, finde ich wohl Tinte auf meinem Schreibtisch oder ist sie eingetrocknet?«

»Sehen Sie nur mal zu!« lächelte Rothtraut schelmisch und huschte ihm voran in sein Arbeitszimmer. Wie wohlig, warm und traut! Blumen blühten und die Uhr tickte. Nein, er war nicht fremd geworden. Auf dem Schreibtisch stand alles in tadelloser Sauberkeit und Ordnung; und Rothtraut rieb sich schmunzelnd die Hände beim Anblick seiner freudigen Überraschung.

Plötzlich stutzte er und blickte auf das Bild des Stiefbruders. Es steckte verkehrt im Rahmen.

»Wer hat denn die Photographie herausgenommen?« fragte er. »Und die Blumen, welche davor liegen –«

Ein leiser Laut höchster Bestürzung. Rothtraut sah so todverlegen aus wie noch nie.

Sie schlug wie in namenloser Bestürzung beide Hände vor das Gesicht. »Ach, in der Eile … Mama kam gerade … ich wollte, nämlich das Bild mit Blumen … der Rahmen sah so dunkel aus … und dann brach sie kurz ab, wandte sich um und stürmte zur Thür. Josef lächelte. »Seltsames Kind, als ob sie eine Sünde begangen hätte!« Ein Menschenkenner war Josef nicht.

XXIII.

Es war ein unfreundlicher Morgen. Ein Gemisch von Regen und Schnee stäubte durch die Luft, und die Thüringer Berge verschwanden hinter grauen Nebelwogen, daß sich kaum ihre Umrisse gegen den schweren, wolkigen Himmel abzeichneten.

Der März hatte den Winter um sein Recht betrügen wollen, nun mußten es der letzte April und der Anfang des Mai um so empfindlicher büßen und dem gestrengen Herrn die pflichtige Steuer zahlen.

Klaus ging, in einen dicken Pelz gewickelt, auf dem Perron des Bahnhofs auf und nieder. Sein nachdenklicher Blick war geradeaus gerichtet. Nun war alles vorbereitet, und wenn es Charitas gelang, sich unbemerkt aus dem Hause zu entfernen, so konnte man den Plan wohl als geglückt ansehen.

Und warum und wodurch sollte sie in dieser sehr frühen Morgenstunde aufgehalten werden? War es doch in erstaunlich guter Weise geglückt, daß Klaus unter dem Pseudonym eines Versicherungsagenten die Villa betreten und in bequemster Weise Charitas ein Zettelchen zustecken konnte. Leider war das Dienstmädchen, wohl von der Herrschaft beauftragt, keinen Augenblick aus ihrer Nähe gewichen und war mündliches Besprechen der Angelegenheit dadurch unmöglich geworden.

Aber der Zettel genügte ja. Er enthielt die wenigen Worte: »Wenn möglich, kommen Sie morgen früh zu dem Schnellzug 5
15 an die Bahn. Ich habe alles vorbereitet und erwarte Sie, falls Sie morgen verhindert sind, auch alle folgenden Tage um diese Zeit auf dem Perron. Eine Frau Geheimrätin von Damasus auf Lichtenhagen bei Rankendorf wird Sie als liebe Tochter aufnehmen und Ihnen, so lange es Ihnen gefällt, von Herzen gern Zuflucht gewähren. Wenn möglich, hinterlassen Sie einen Brief an die Pflegeeltern und teilen Sie denselben mit, daß Sie sich als deutsche Gesellschafterin mit einer älteren Dame in das Ausland begeben; im Herbst, zu Ihrer Mündigkeitserklärung, würden Sie zurückkehren. Ein Aufgebot der Polizei würde nur zur Folge haben, alle guten und verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen für immer zu lösen.« Falls die Flucht für morgen früh zu ermöglichen sei, bitte er, ein brennendes Licht gegen elf Uhr an eins der Frontfenster zu stellen! –Das Licht hatte gebrannt, und nun schritt Klaus unter dem Glasdach des Perrons auf und nieder und wartete.

Es war nicht mehr viel Zeit zu verlieren, das erste Glockenzeichen war gegeben.

Voll sorgender Unruhe schritt der junge Mann auf den Bahnhofsplatz zurück und schaute den Weg hinab.

Richtig! Dort in dem grauen Regendunst taucht eine hohe, eilig schreitende Mädchengestalt auf. Sie sieht ihn – er winkt ihr zu und macht ein Zeichen, dann stürmt er zur Telegraphenstation und legt hastig einen beschriebenen Zettel und Geld vor dem Beamten nieder.

»Bitte sehr, die Depesche aufzugeben – ich bin sehr eilig!« sagte er höflichst grüßend.

»Wir kommen heute vormittag 10 Uhr 40 Minuten in Rankendorf an. Klaus«, steht in dem Telegramm, welches an den Freiherrn von Torisdorff gerichtet ist.

Wenige Augenblicke später drückt Klaus voll freudiger Erregung die Hand des jungen Mädchens.

»Gott sei Dank, so weit also wäre es geglückt!« atmet er auf. »Ich besorge jetzt die Fahrkarten und händige Ihnen die Ihre ein. Vorsichtshalber steige ich hier in ein Rauchcoupé, damit man uns nicht zusammen abreisen sieht. Wenn Sie gestatten, schließe ich mich Ihnen in Weimar an.«

Charitas hat leichenhaft blaß ausgesehen, jetzt flutet dunkle Glut über ihre Wangen.

»Herr Sterley«, flüstert sie gepreßt, »ich habe eine große, herzliche Bitte an Sie!«

»Befehlen Sie, mein gnädiges Fräulein!«

»Reisen Sie nicht mit mir! Reisen Sie, bitte, nach München zurück! Ihre Empfehlung begleitet mich ja – und – – es würde mir unerträglich sein, wenn meine Abreise von hier auch nur den leisesten Schein einer Entführung trüge!«

Er verneigt sich respektvoll. »Sie haben darüber in jeder Weise zu bestimmen, mein gnädiges Fräulein. Daß ich etliche Tage später für ganz kurze Zeit nach Lichtenhagen komme, gestatten Sie mir hoffentlich, ich habe geschäftliche Angelegenheiten dort zu erledigen, welche meine persönliche Anwesenheit erfordern!«

»Selbstverständlich, Herr Sterley! Es handelt sich ja lediglich um meine Abreise hier und die möglicherweise auftauchenden Gerüchte! Ich werde im Gegenteil von Herzen froh sein, wenn ich bald Gelegenheit finde, Ihnen für all die großen, großen Opfer, welche Sie mir gebracht, danken zu können! Gott lohne es Ihnen, und nun leben Sie wohl, die Zeit drängt wohl!«

Nach wenigen Minuten händigte Klaus seiner Schutzbefohlenen die Fahrkarte ein. Charitas war ein Stückchen Weges am Bahndamm entlang gegangen, niemand hatte wohl gesehen und bemerkt, daß sie mit dem fremden Herrn gesprochen.

Nun schritten sie auf dem Perron fremd aneinander vorüber.

Das Signal ertönte – ein schriller Pfiff – der Schnellzug brauste heran, und aus den Wartesälen strömte eine eilige, fröstelnde Menschenmenge.

Klaus schritt dicht hinter Charitas; er sah, daß sie wohlbehalten ein Damencoupé bestieg.

Noch einmal grüßte er zu ihr empor. – Sie sah mit ihren müden, übernächtigten Augen voll unaussprechlicher Dankbarkeit zu ihm hinüber, neigte das Köpfchen und regte die Lippen, als wolle sie noch ein Lebewohl rufen. Klaus aber trat hastig zurück und blieb von ferne stehen, bis der Schaffner die Thüren schloß, bis die Glocke ertönte und der Zug davonstürmte in den grauen, feuchtkalten Morgen hinein.

Klaus atmete tief auf und trat in den Wartesaal.

Er wollte mit dem nächsten Zuge nach Weimar weiterreisen und daselbst bei einem ihm befreundeten Maler etliche Tage Aufenthalt nehmen, bis er Charitas nach Lichtenhagen folgen konnte.

Den Kopf in die Hand gestützt, saß er vor einer Zeitung und blickte über dieselbe hinweg.

Die Gedanken fluteten hinter seiner Stirn.

Der Würfel war gefallen. Das arme, gefangene Vögelchen war seinem Kerker entflohen.

Goldene Freiheit umgab es – aber wo findet es aufs neue ein heimatlich Nest? Was soll nun werden?

Er wird, er muß sie heiraten.

Klaus empfindet, daß bei diesem Gedanken ein heimliches Weh sein Herz durchzuckt.

Charitas ist schön, engelsgut, rein wie eine Lilie – und doch … er liebt sie nicht!

Gleichviel, er darf nicht an sich selber denken.

Daß Charitas seinen Antrag jetzt ablehnte, entsprach nur ihrem spröden, stolzen Sinn, welcher Almosen von sich weist – sie wird später Ja sagen, wenn er in Treuen um sie wirbt.

Fremdes Brot schmeckt bitter, das wird sie empfinden, und sie wird sich nach dem eigenen Herd sehnen.

Wovon aber denselben gründen?

Je nun, Josef wird Rat schaffen.

– – – – – – – –

Freiherr von Torisdorff stand in früher Morgenstunde auf seinem Posten bei den Erdarbeiten, als ein Depeschenbote die Nachricht brachte, daß Klaus und seine unbekannte Braut heute eintreffen würden.

Er rief nach seinem Pferde und sprengte nach Lichtenhagen hinüber, Befehl zu geben, daß alle Vorbereitungen getroffen und ein Wagen zur Bahn gesandt werde.

»Wissen Sie auch, Fräulein Rothtraut, wer die junge Dame herbringen wird?« fragte er lächelnd, als die Kleine mit strahlenden Augen in die Hände klatschte und sich dieser Neuigkeit voll stürmischen Jubels freute.

Sie sah überrascht zu ihm auf. »Nein … wer denn?« stammelte sie verwirrt.

»Bruder Klaus, dessen Skizzen Sie neulich so anschwärmten, und dessen Photographie Sie kopfüber in den Rahmen steckten«, sagte er, mit einem Versuch zu scherzen.

Rothtraut ward abermals dunkelrot: sie schien ganz atemlos vor Überraschung.

»Weiß das Mama schon?« stotterte sie, die Händchen krampfhaft ineinander schlingend.

»Nein – Klaus wohnt bei mir in Krembs.«

»Aber … aber … o ich muß es ihr doch sagen!«

Und wie eine schillernde Libelle durch die Sommerluft blitzt, so war auch Fräulein Rothtraut schnell wie ein Gedanke hinter der Thür verschwunden. Josef aber wandte sich um und dachte: »Welch ein glückseliges, beneidenswertes Kind ist sie doch! Welch ein Unterschied zwischen uns! Als ich siebzehn Jahre zählte, war ich ein Greis gegen sie!«

Er stieg abermals zu Pferd und ritt nach Krembs zurück.

Sein Haupt sank tief auf die Brust, ernster und hoffnungsloser als je starrte sein Blick geradeaus. Klaus brachte heute die Braut heim!

Welch ein sonniges, strahlendes Glück wird mit diesen beiden Liebenden in das ernste Gutshaus einziehen, welch ein Frühlingsleben und -Weben wird nun seine Silberfäden von Herz zu Herzen spinnen, Rothtraut wird wie eine Heidelerche voll ahnender Lust in dies Glück hinein zwitschern, und Frau von Damasus wird voll gütiger Freude die Hände schirmend darüber breiten, – nur er wird wie ein Bettler, hungernd und dürstend, an der Thür dieser Reichen stehen, und einzig in seinem Herzen wird es öde und dunkel bleiben, trotz all der sonnigen Liebeslust ringsum! O wie schwer war ihm das Herz schon jetzt! Angesichts des Bruders, welcher so reich an Lust und Wonne geworden, fühlte er es doppelt, wie arm, wie bitter arm er an allem geworden war, was eines Menschen Leben verschönen und wertvoll machen kann.

Sein Leben war eine Niete, und alles, was es ihm an Inhalt bot, war künftighin die Arbeit und die ernste Pflicht, für fremdes Glück zu schaffen und zu sorgen.

Wohl ihm, daß ihm diese Aufgabe gestellt war, er würde ohne sie zu Grunde gehen.

Nun ist sie das Morphium, welches ihn über den großen, unheilbaren Schmerz verlorener Liebe hinweg täuscht.

Das Alleinsein und Sinnen hat ihm seit jeher nicht getaugt, – vorwärts, zurück auf seinen Posten, wo der Spaten im feuchten Sand knirscht und der Hammer mit hellem Ton gegen das Gestein klingt!

Er gibt dem Pferde die Sporen und sprengt querfeldein über die Wiesen.

Ein eisiger Windstoß pfeift ihm entgegen und reißt mit Ungestüm an seinem Mantel, und über den dunklen Tannen des Waldes ballen sich schwere Schneewolken auf.

Der Inspektor schreitet seitlich auf einem kleinen Rain durch die Felder, er grüßt und deutet nach dem Forst.

»Es gibt noch bös Wetter heut, Herr Baron!« ruft er kaum verständlich herüber. »In jener Ecke dort brauen die Hexen ihre Schlossen für uns!«

»Kann schon sein!« ruft Josef zurück. »Sind Sie gerüstet?«

»Ich denke ja!«

»Gott befohlen!«

»Serviteur, Herr Baron!«

Ja, es gibt ein böses Wetter.

Die Frühlingsstürme haben noch immer nicht ausgetobt, sie scheinen sich heute für einen ganz besonderen Kampf zu rüsten, sie wollen noch einmal für König Winter zu Felde ziehen, ehe der liebliche Held in der goldenen Wehr sie mit Sonnenlanzen zu Boden wirft! Josef überlegt, ob es sich noch lohnt, zu den Arbeiten hinauszureiten, er muß doch dem Anstand genügen und den Bruder und die zukünftige Schwägerin an der Bahn begrüßen.

Schneeflocken wirbeln ihm entgegen, es wird so wie so nicht viel mit dem Arbeiten werden, wenn das Wetter losbricht.

Josef lenkte das Pferd auf die Chaussee zurück und reitet nach Krembs.

Das warme Zimmer thut ihm wohl.

Huh, wie es heult und im Schornstein braust! Schwärzer und schwärzer ziehen die Wolken auf.

Ob es ein Gewitter gibt? Unmöglich ist es nicht, es hat schon oft über kahle Bäume gedonnert.

»Wollen Sie wirklich reiten, Herr Baron?« fragt die Wirtschafterin des Inspektors besorgt. »Der kleine Wagen wäre wohl besser, wenn er auch offen ist!«

Josef schüttelte zerstreut den Kopf. »Das Fahren wäre mir heute noch unsympathischer als das Reiten; Frau Müller«, sagte er. »Ich friere nicht so leicht und habe außerdem auch keine Zeit zu verlieren. Haben Sie das Mittagbrot für uns bereit? Mein Bruder wird wohl zu Tisch in Lichtenhagen bleiben, möglicherweise aber begleitet er mich auch hierher. Auf jeden Fall rechnen Sie auf ihn! Auf Wiedersehen!«

Er grüßte in seiner stets höflichen Weise, schritt spornklingend die Steinstufen hinab und stieg wieder zu Pferd.

Der Sturm warf schmetternd die Hausthür hinter ihm zu, und der Goldfuchs sprang aufschnaufend zur Seite. Mit sicherer Hand faßte Josef die Zügel, und Roß und Reiter waren im nächsten Augenblick in den wirbelnden Schneeflocken verschwunden.

Die Wege waren naß und weich. Da die Luft bei aller Schärfe warm war, so taute der Schnee allsogleich und verwandelte die Straßen in Wasserlachen und Schlamm. Josef ritt scharf zu, er sah auch bereits die vom Wind zerrissenen Rauchwolken der Lokomotive über den Bahndamm jagen, als er die letzte kleine Wegbiegung vor dem Bahnhof hinter sich gelassen.

Das Wetter ward von Minute zu Minute unwirtlicher.

Der geschlossene Wagen von Lichtenhagen stand hinter dem niederen Gebäude, um möglichsten Schutz gegen den Sturm zu suchen. Der Kutscher stand neben den Pferden und hielt sie, das Glockensignal und die scharfen Hagelschauer hatten sie wohl scheu gemacht.

Josef sah zu seiner Überraschung, daß nicht die alten Kutschpferde, sondern zwei junge, neu angekaufte Jucker angespannt waren, welche noch nicht einmal perfekt eingefahren waren. »Um Himmels willen, Schaal, bei diesem Wetter die neuen Pferde?« rief er erschreckt.

»Ja, leider, leider, gnädiger Herr! Die Melusine hat sich doch bei dem Glatteis gestern das ganze Bein aufgeschlagen, da war bei der Geschwulst an Fahren nicht zu denken.«

»Ach richtig, ich hatte es ganz vergessen! Sehr fatal! Hoffentlich werden Sie mit den Tieren fertig?

Josef sah besorgt aus, aber Schaal machte eine beruhigende Handbewegung. »Da seien der gnädige Herr ganz beruhigt. Racker sind's zwar, aber ich gehe nun an die dreißig Jahre mit Pferden um. Geben Sie, bitte, die Zügel, Herr Baron, ich kann den Rübezahl gut halten, derweil Sie die Herrschaften empfangen!«

Josef stand allein auf dem Perron.

Das Schneetreiben ward immer heftiger, und wen nicht der Dienst gewaltsam hinaustrieb, der blieb heute gern in der schützenden Stube zurück.

Nur die beiden Postbeamten und der Inspektor hatten sich, frierend, in die Mäntel gewickelt, auf dem einsamen Bahnsteig eingefunden. Der Verkehr war auf dieser kleinen Station selten ein reger, heute stockte er vollends.

Mit heißem Atem fauchte der Zug heran.

Der Schaffner riß ein Damencoupé auf und reichte einer aussteigenden Frauengestalt das Handgepäck hastig heraus.

Josef blickte gleichgültig über sie hinweg, die Reihe der Coupés entlang, angestrengt nach dem lieben Antlitz des Stiefbruders forschend, welches doch nun an einer der Scheiben erscheinen wird. Vergeblich – die Pfeife schrillt, die Schaffner springen auf, die Thür des Postwagens schlägt hinter dem herausfliegenden Briefsack wieder zu. »Fertig! – Weiter!«

Aufs höchste überrascht starrt Josef dem Zug nach, welcher sich langsam wieder in Bewegung setzt.

Sie kommen nicht? – Was bedeutet das?!

Und als er sich umwendet und hastig nach dem Wagen schreiten will, sieht er eine schlanke Mädchengestalt allein und verlassen neben ihrem Handgepäck stehen, sich sichtbar ratlos auf dem sehr schnell wieder einsam gewordenen Perron umsehend.

Josef zögert unwillkürlich im Vorüberschreiten, sein Blick trifft das Antlitz, von welchem der Sturm den dichten Schleier zurückreißt, und plötzlich steht er, streckt mit lautem Aufschrei höchster Überraschung die Hände vor, als sähe er ein Gespenst, und taumelt dann jählings einen Schritt näher.

»Charitas!«

Die Fremde wendet das Haupt; starr, weit aufgerissen richten sich die dunklen Augen auf ihn, ihre Hände in dem kleinen Pelzmuff zucken empor und pressen sich gegen das Herz.

Sie steht lautlos, wie gelähmt, nur ihr Blick bekommt wieder Leben, wie ein heißer, leuchtender Strahl glüht es verräterisch in ihm auf.

Ihre Lippen zittern – sie möchte sprechen, sie kann nicht.

Da steht er schon vor ihr und faßt krampfhaft ihre Hände. »Charitas … wohin? – Wohin führt Sie Ihr Weg?« stößt er hervor, wie ein Mensch, welcher ein ungeheures, unfaßliches Glück ahnt, aber noch nicht daran zu glauben wagt.

Kommt sie zu ihm? Flüchtet sie sich vor der Größe ihres Elends in seine Arme?

Heiße Glut flammt in ihren Wangen, und dann wird sie bleicher noch denn zuvor.

Angstvoll schüttelt sie das Haupt und ringt nach Worten.

»Ich werde bei Frau Geheimrat von Damasus auf Lichtenhagen erwartet, ich soll einen Wagen hier vorfinden.«

Als habe ihn ein Schlag getroffen, weicht Josef zurück. Eine furchtbare Veränderung geht in seinen Zügen vor sich, er blickt in ihr Antlitz wie ein Sterbender.

»Zu Frau von Damasus … und Klaus Sterley hat Sie dort angemeldet?«

Sie nickt lebhaft, überrascht.

»Ganz recht, doch um alles in der Welt … woher wissen Sie?«

Wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus seiner Brust, er deckt sekundenlang die Hand über die Augen, ob zum Schutz gegen Schnee und Sturm … Charitas weiß es sich nicht zu deuten.

Daun richtet er sich hoch auf, ein flammender Blick trifft sie, wie Zorn und Verachtung, wie wilder, aufbäumender Stolz.

»So sind Sie die Dame, welche ich erwarte!« sagt er kalt, mit sehr förmlicher Verbeugung. »Ich bitte um Verzeihung, daß ich nicht sofort den Gast der Geheimrätin in Ihnen vermutete, ich erwartete Sie jedoch in Begleitung meines Bruders!«

»Ihres Bruders?!«

»Klaus Sterley ist mein Bruder, wußten Sie das etwa nicht?«

Sie zuckt zusammen, ein Blick namenloser Qual bricht aus ihren Augen.

»Herr Sterley Ihr Bruder? Allbarmherziger Gott!«

Sein finsterer Blick streift sie.

»Sie verschwiegen mir den Namen Ihres Bräutigams, als Sie mir Ihre Verlobung mitteilten, sonst hätte ich vielleicht das Rätsel gelöst, wenn Klaus keine Zeit fand, Ihnen von seinen Angehörigen zu sprechen!«

Wie schneidende Ironie klang es durch seine Worte, dann wandte er sich hastig um.

»Darf ich aber bitten, mir zu folgen? Ich möchte Sie nicht länger dem Unwetter aussetzen, dort wartet der Wagen.«

Er schritt, ohne sie noch einmal anzusehen, voraus, und der Sturm fuhr heulend zwischen ihnen daher, als wolle er sie für ewige Zeiten auseinander reißen.

Frühlingsstürme! Noch einmal fassen und packen sie zu, voll wüster, unbarmherziger Kraft, noch einmal schütten sie, wie eisigen Schnee, alles Winterleid über blutende Herzen. Aber der Schnee hat keine dauernde Gewalt mehr, er schmilzt unter dem Lenzeshauch, welcher schon jetzt das Brausen durchklingt! »Winterstürme wichen dem Wonnemond!«

Mit wankenden Knien folgte Charitas. Sie hat das Gefühl der Verzweiflung: »Fort von hier! um jeden Preis!« Und doch gibt es keinen andern Weg für sie als diesen einen, auf welchem sie der rauhe Sturmesodem des Schicksals vorwärts peitscht.

Sie kann nicht denken, nicht überlegen, sie kann sich in diesem Augenblick keine Rechenschaft ablegen von dem, was sie gethan, von dem, was geschehen, sie empfindet es nur wie eine dumpfe, bleischwere Last auf dem Herzen, – elend, elend zum Sterben!

Josef öffnet den Wagenschlag und tritt zu den Pferden, die Zügel zu fassen.

»Holen Sie das Gepäck, Schaal!«

Von ihr abgewandt steht er und Charitas sinkt mit geschlossenen Augen in die Wagenpolster zurück, es heult und saust und dröhnt um sie her, seine hohe Gestalt ragt aus dem wüsten Schneetreiben hervor, wie Milliarden von feindseligen Gewalten stürzen sich die bleichen, kleinen Geister auf ihn, trennend zwischen ihn und sie.

Schaal bringt das Gepäck.

»Auch einen Koffer, gnädiges Fräulein – oder nur diese beiden Handtaschen?«

Sie schüttelt mechanisch den Kopf. »Keinen Koffer«, sagt sie, so leise, daß der Alte es kaum versteht.

Und der junge Herr Sterley ist nicht mitgekommen?« fragt Schaal abermals.

Charitas preßt die Lippen zusammen. Dann stößt sie kurz hervor: »Nein, er kommt später.«

»Na, dann darf ich wohl zufahren, die Pferde stehen so wie so nicht mehr.«

Er scheint noch momentan zu warten, daß Herr von Torisdorff sich verabschiede, aber Josef winkt ihm nur kurz mit der Hand, und der Schlag kracht zu.

Schweigend schwingt sich Josef auf sein Pferd, und mit weit offenen Augen, voll Angst und Sorge schaut ihm Charitas einen Moment nach, wie er in das Unwetter hineinjagt.

Dann sinkt sie abermals in den Wagen zurück, ein leiser, qualvoller Aufschrei bricht über ihre Lippen, und all die starre, gebannte Qual der letzten Viertelstunde löst sich in heiße Thränen der Verzweiflung.

Welch eine furchtbare, tückische Verkettung des Geschicks. Wehe ihr, daß sie ehemals die Lüge von ihrer Verlobung ersann, wehe ihr, daß sie voll unduldsamen Trotzes das Elend des pflegeelterlichen Hauses von sich abschütteln wollte – es hat sich an ihre Sohlen geheftet und folgt ihr in die Fremde hinaus, – ach, doppelt so groß und unerträglich denn je zuvor! Und doch – unter all dem herben Leid zieht es wie jauchzende Frühlingsstimmen durch ihr Herz! Sie hat ihn wiedergesehen! Sie hat durch den ersten jauchzenden Aufschrei von seinen Lippen all die treue, unveränderte Liebe klingen hören, welche auch voll tiefer Innigkeit aus seinen Blicken strahlte, sie hat den Druck seiner Hände gefühlt und ihr Herz hat still gestanden in der Himmelswonne dieses Augenblicks. Wie kommt er hierher?

Was hat ein katholischer Geistlicher hier auf dem Lande zu thun?

Weilt er auch in Lichtenhagen zu Gast? Ach nur das nicht, nur das nicht!

Und weil Klaus Sterley ihr hier ein Unterkommen verschaffte, glaubt er in ihm den Bräutigam zu sehn, jene wesenlose Phantasiegestalt, welche sie einst selber in einer Stunde höchster Not und Ratlosigkeit geschaffen! treulos wähnt er sie, treulos und verräterisch – als Braut des eigenen Bruders!

O Herr, mein Gott, wie brennt sein stolzer, verächtlicher Blick noch auf der Seele! Wird sie die Kraft haben, ihn zum zweitenmal zu ertragen? Womöglich muß sie im täglichen Verkehr dem Geliebten gegenübertreten, um mit sehnsuchtskrankem, schuldlosem Herzen sein demütigendes Schweigen zu ertragen, welches sie tausendmal härter verurteilt als die bittersten Worte! Nein, sie kann es nicht – lieber sterben! Und doch … muß sich nicht der furchtbare Irrtum aufklären, wenn Klaus Sterley kommt? Wird er ihm nicht am besten sagen können, daß sie nicht verlobt ist, daß sie keinen anderen Schützer und Retter auf der Welt hatte, als ihn, den fremden Maler? Wie ein zages, wonniges Sehnen und Hoffen zieht es bei dem Gedanken durch ihr Herz, und kaum, daß das zarte Pflänzchen der Hoffnung emporkeimt, schüttet es der Frühlingssturm aufs neue mit Eis und Schnee zu. Wozu all die Lösung dieses traurigen Rätsels? Wird sie darum anders denken, wie früher? Ist ihr der katholische Geistliche jetzt um Haaresbreite erreichbarer wie vor etlichen Wochen, als es ihr die höchste und heiligste Pflicht geschienen, ihm zu entsagen? –

Gewiß nicht.

Verloren für jetzt und immerdar.

Welch ein Brausen und Heulen um sie her! Will denn der grausame Winter alle hoffnungs- und lebensfroh keimende Welt in diesem Schneesturm begraben?

Wie dunkel es wird … und wo er wohl sein mag? Allein, – zu Pferd – bei diesem Wetter? In entgegengesetzter Richtung, – auf anderen Wegen als wie sie fuhr, sprengte er davon. Welch ein fernes Rollen und Grollen … ein grelles Aufzucken leuchtenden Lichts …

Ein Gewitter um diese Zeit?

Der Kutscher ruft laut durch den Sturm, der Wagen wird hin- und hergeschleudert – die Pferde scheinen durchzugehen.

Charitas hebt das Haupt, wie ein fieberhaftes, irres Lächeln geht's um ihre Lippen.

Sie fürchtet sich nicht.

Im Gegenteil, wie ein grausiges Frohlocken geht es durch ihre Seele.

Es gibt ja nur noch eine Rettung aus all dieser Herzensnot, – möge sie kommen, je eher, desto besser, – sie ruft ihn, sie ersehnt ihn – den Tod.

Die Hufe knattern, – in rasender Flucht – mit den Frühlingsstürmen um die Wette jagt der Wagen dahin.

Da verdunkelt ein Schatten die Fensterscheibe. Ein schnaubendes Roß schießt vorüber – ein sturmzerissener Zuruf – –

Und wenn Himmel und Erde zusammenbrächen, und wenn der Sturm noch zehnmal stärker wütete – Charitas würde dennoch die Stimme des Geliebten hören und erkennen.

Er ist es! – er naht zu ihrer Hilfe!

Ihr Herz schlägt zum Zerspringen, wie feurige Nebel wogt es vor ihrem Blick.

Noch eine kleine Strecke rasen die Pferde, dann ruckt und stößt der Wagen zurück – und steht still.

»Bleiben Sie auf dem Bock, Schaal, – ich halte die Pferde!«

Seine Stimme! – seine Stimme!

Wie eine Verschmachtende, welche neben sich frisches Wasser des Lebens rauschen hört, neigt Charitas die thränenheißen Augen gegen die Scheibe.

Nur einmal ihn noch sehen! Sie muß es, wie mit Zaubergewalt zieht es sie!

Und sie sieht, wie er vom Pferd springt, wie er halb abgewandt gegen den Wettersturm, der Kälte und Nässe nicht achtend, die Kutschpferde mit starker Hand faßt und bändigt.

Abermals ein Donnerschlag, ein zischender Blitz. Charitas deucht es noch, als seien die Pferde hochaufbäumend vorwärts gestürmt, der Wagen schleudert abermals hin und her, der Kutscher schreit sein »Hoh – hüh!!« – und dann still – still ringsum –

Als sie sich aus ihrer Betäubung aufreißt und mit entsetzten Augen hinausschaut, sieht sie, wie Schaal vom Bock springt und mit allen Zeichen des Schreckens nach vorn stürmt.

»Herr Baron – allmächtiger Gott – –«

Mit bebenden Händen stößt Charitas den Schlag zurück und springt zur Erde.

Der Herzschlag stockt ihr, mit einem Schrei der Verzweiflung stürzt sie auf die dunkle Gestalt zu, welche auf dem weißen Schnee wie ein schwarzer Schatten hingestreckt liegt.

Sie weiß nicht, was sie thut, sie hört und sieht nichts anderes mehr als ihn.

Auf die Knie wirft sie sich neben ihn nieder, umfaßt mit kraftvollen Armen seine Schultern und richtet ihn auf. »Josef, Josef!« schreit sie auf und ihr verstörter Blick sucht sein Auge.

Da zuckt er empor, starrt sie an und heiße, flammende Glut steigt in sein Antlitz. Wie gebannt ruht Blick in Blick – und alles, was zwei arme, schmerzgefolterte Menschenherzen an höchster Liebe und tiefstem Leid empfinden, spiegelt dieser Blick.

Der Sturm aber rast noch einmal über sie hin, wild, zornig, im erbitterten Kampf gegen alles, was Lenzesluft und Lenzesblüten verheißt, und er wirft über den heißen Blick der Liebe zum letztenmal den Schnee. –

Josef richtet sich empor, noch einmal blickt er in ihr Antlitz und vor seinen Ohren zittert noch ihr Angstschrei – Josef! –

Da weicht der Traum.

Er preßte die Lippen zusammen, er springt auf und tritt zurück.

»Es ist nichts, Schaal, die Pferde haben mich nur niedergerissen, es that mir nichts. Das Wetter ist vorbei, Sie können weiter fahren.«

Charitas regt sich nicht, Josef muß sich zu ihr wenden, er muß es, soll sein Benehmen nicht auffallen.

Stumm reicht er ihr die Hand, und sie erhebt sich wankend von den Knien. Ihr schönes Antlitz ist farblos wie der Schnee, welcher sie überschüttet, Thränen glänzen an den Wimpern, sie blickt ihn nicht an und wendet sich zu dem Wagen zurück.

Das Herz in der Brust will ihm zerspringen. Er preßt jählings ihre Hand in der seinen.

»Zu spät«, murmelte er, »zu spät!« Und dann tritt er bei Seite.

Schaal schließt abermals die Wagenthür.

»Reiten Sie mit uns, gnädiger Herr, ich traue den Pferden nicht«, bittet er.

Josef kämpft einen Augenblick mit sich selbst. Dann nickt er hastig und finster.

»Fahren Sie zu, ich begleite Sie.«

Rübezahl stand mit flatternder Mähne neben den Kutschpferden, er war ein paar Schritte davongalloppiert, wandte sich auf Schaals Pfiff gehorsam um und trabte zurück.

Jetzt ließ er sich, mit gesenktem Kopf gegen den Wind stehend, greifen.

Josef sprang in den Sattel und ritt dem Wagen voraus.

Das Wetter verzog. Linder und linder sauste es daher – und fern über Lichtenhagen glänzte ein Streifen blauen Himmels durch die Wolken.

XXIV.

In der Hausthür von Lichtenhagen stand Frau von Damasus und blickte dem Wagen sorgenvoll entgegen.

Sie hatten sich alle im Hause um die Reisenden gesorgt, welche von diesem Unwetter überrascht waren, und Mamsell Tinchen hatte die Hände gerungen und geschluchzt: »Schaal ist mit den neuen Pferden fort, da gibt's bei dem Wetter sicherlich ein Unglück! Ach, gnädige Frau, Sie sollen sehen, man bringt uns die Gäste als Leichen ins Haus!« und wehklagend war sie an den Leinenschrank getreten und hatte schon die Tücher zurecht gelegt, mit welchen sie, altem Brauch gemäß, die Spiegel verhängen wollte; denn einen Todten im Haus und offene Spiegel, das wäre ja unverantwortlich gewesen!

Auch die Geheimrätin war durch Mamsells grausige Prophezeiungen geängstigt und von ihrer Besorgnis angesteckt worden, und Fräulein Rothtraut schien vollends außer sich und lief von einem Fenster an das andere, mit immer blasser werdendem Gesichtchen und ein paar Augen, welche bei der gruseligsten Gespenstergeschichte nicht entsetzter hätten dreinschauen können.

Und als die Zeit verging und der Wagen noch immer nicht kam, da fuhr Mamsell mit dem Schürzenzipfel über die Augen und sprach dumpf: »Nun sind sie sicher tot, ich werde gleich mit Wachholderbeeren räuchern!«

Das war zu viel für Rothtraut, sie schluchzte so verzweifelt auf, daß Mamsell nur den einen wehmütigen Vergleich für sie wußte: »Als ob sie der Bock gestoßen hätte!« Und wie sie so kreuzunglücklich auf der alten, eichenen Truhe saß und ihr Taschentuch kaum Platz für all die Thränen bot, da versammelten sich die Getreuen um sie her, Mamsell, Frau Menz und die dicke Emma, und weinten aufs herzzerreißendste mit. Da klang Pferdegetrappel, und alles hob betroffen die Köpfe.

»Seht nicht aus!« kreischte die Mamsell. »Das ist der schwarze Thanatos, der kommt auf seinem fahlen Roß und meldet sie an!«

Mamsell war gebildet und belesen, und weil Rothtraut auch schon mal bei heimlicher Kerze den Heinrich Heine verschlungen hatte, so schüttelte sie sich vor Grauen und stöhnte: »Es ist entsetzlich!« Es war auch bei dem Schneegestöber so dunkel und unheimlich im Hause.

»Rothtraut! Mamsell! Gott sei Dank, sie kommen!« schallte die Stimme der Geheimrätin vom Fenster her, und dann klangen ihre hastigen Schritte auf dem Flur; sie eilte zur Hausthür.

»Sie kommen!« schrie Rothtraut auf, und Mamsell wischte resolut die Augen. »Welch ein Glück! Dann sparen wir die Wachholderbeeren!«

Vor der Treppe hielt Herr von Torisdorff auf seinem Goldfuchs, hinter ihm der Wagen, an welchem der Gärtner bereits eifrig den Schlag aufriß.

Eine junge Dame stieg aus und griff zurück nach dem Gepäck.

In demselben Augenblick schallte der leise Jubelschrei von der Hausthür her. Rothtraut, in all der ungestümen Freude über die Rettung der Totgeglaubten, stürmte die Steintreppe herab, daß die goldenen Löckchen im Winde flogen.

Sie war so aufgeregt, so außer sich vor Glückseligkeit, daß sie kaum wußte, was sie that.

Sie flog auf Josef zu, reichte ihm jubelnd die Hände entgegen und schmiegte sich an das Pferd.

»Sie sind da! Sie sind gesund und heil geblieben! Ach du lieber Gott, wie habe ich mich so furchtbar um Sie geängstigt!«

Josef blickte ganz betroffen und gerührt über solch ein Willkommen in die rotgeweinten Augen. Er hielt ihre kleinen Hände und drängte das Pferd etwas von ihr zurück.

»Aber Fräulein Rothtraut, warum denn geängstigt?« fragte er überrascht.

»Ach bei dem schrecklichen Wetter … und Mamsell sagte, es gäbe ein Unglück«, stammelte die Kleine, und dann zog sie schnell die Hände zurück, sah ganz verwirrt und verlegen um sich und flüsterte: »Aber wo ist er denn?«

»Wer, Fräulein Rothtraut?«

»Ei – Ihr Bruder – Herr Sterley?«

Er konnte kaum verstehen, was sie sagte, er mußte sich tief zu ihr hinab neigen. Er lächelte seltsam, es sah aus, als beiße er die Zähne zusammen. »Klaus kommt erst später. Wollen Sie aber nicht Fräulein Reckwitz begrüßen?

»Kommt erst später?« wiederholte sie bitter enttäuscht, und machte ein Gesichtchen, als ob sie sagen wollte: dann hätte ich mich ja gar nicht zu ängstigen brauchen.

»Rothtraut!« klang die Stimme der Geheimrätin, »wilde Hummel, vergißt du ganz, daß noch andere Menschen auf ein Willkommen warten?«

Die Kleine schnellte herum und ihr Mündchen, welches soeben die Unterlippe noch schmollend vorgeschoben, lachte wieder und zeigte die weißen Perlzähnchen.

Sie eilte zu Charitas und streckte auch ihr die Hände entgegen. »Grüß Sie Gott, liebes Fräulein Reckwitz! Ich bin gar zu froh, daß Sie da sind!«

Wie eine Träumende starrte Charitas in die blauen Augen der Sprecherin, welche verrieten, wie sehr sie um den Freiherrn von Torisdorff geweint hatten.

Mit zitternden Händen umschloß sie die Fingerchen der Kleinen, sie wollte sprechen – sie vermochte es nicht.

»Ich bitte dringend, daß die Damen näher treten!« rief Josef mahnend. »Sie werden sich erkälten, Fräulein Rothtraut! Bitte gnädigste Frau, sorgen Sie vor allen Dingen für Fräulein Reckwitz, und entschuldigen Sie, wenn ich nicht absteige, ich möchte direkt zurück und die durchnäßten Kleider wechseln! Seien Sie willkommen, Fräulein Reckwitz –« er zog grüßend den Hut und riß das Pferd herum, noch ein Blick traf Rothtraut, welche bittend die Hände hob. »Auf Wiedersehen!« nickte er kurz, und Rübezahl sauste auf flüchtigen Hufen davon.

Frau von Damasus aber nahm den Arm ihrer Pflegebefohlenen und blickte voll ehrlichen Entzückens in das schöne, bleiche Angesicht.

»Schnell, schnell ins Warme, mein liebes Fräulein!« sagte sie herzlich. »Sie werden tüchtig durchfroren sein nach dieser schrecklichen Fahrt; mein Gott, Sie beben ja vor Kälte! – Emma! nehmen Sie die Sachen und bringen Sie dieselben gleich auf das Zimmer des gnädigen Fräuleins!«

– – – – – – – –

Allein – endlich allein!

Charitas sank wie zu Tode erschöpft auf einen Stuhl in ihrem Zimmer nieder und preßte die eisige Hand gegen die Stirn.

Wo war sie? Was bedeutet dies alles? Wer sind die Menschen um sie her?

Wie ein verworrener, entsetzlich quälender und wüster Traum deucht ihr alles. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen; – sie sieht nur eins – das junge, wonnige blondlockige Kind voll zärtlichen Jubels an das Roß des Geliebten geschmiegt, voll Todesangst weinend um ihn, den sie in Gefahr geglaubt, – und er, der sich tief und vertraulich zu ihr herabneigt, der mit ihr flüstert …

Ein leiser Klagelaut – Charitas preßt die Hände gegen das Herz. Wie weh, wie sterbensweh ist ihr zu Mute.

Liebt Rothtraut ihn – ihn, den katholischen Priester, der für die Welt verloren ist?

Was bedeutet das alles? Ist sie krank? Sind dies alles nur Fieberphantasien?

Es klopft an die Thür.

»Kann ich Ihnen etwas helfen, liebes Fräulein Charitas?« schmeichelte die Stimme der Kleinen. »Bitte, kommen Sie bald, die Suppe steht schon auf dem Tisch.«

Charitas erhebt sich und streicht über die Stirn.

Nein, sie ist nicht krank, sie darf auch jetzt nicht krank sein – im Gegenteil, sie bedarf ihrer ganzen, vollen Willenskraft und Stärke, um voll demütiger Ergebung den Dornenweg der Strafe zu wandeln, welche ihre Unduldsamkeit, ihre Flucht aus dem Hause der Pflegeeltern nach sich zog.

Sie strich glättend über das Haar und öffnete die Thür.

»Ich bin bereit, Fräulein Rothtraut«, sagte sie freundlich; aber ihre Stimme war klanglos und ihr Antlitz schien von Marmor.

»Bereit? – Mein Gott, Sie haben aber noch Ihr nasses Kleid an! Haben Sie denn im Schnee gekniet? Sehen Sie doch hier, die ganze Vorder- und Seitenbahn ist zum ausringen!«

Wie geistesabwesend blickte Charitas an sich nieder. »Sie haben recht – ich hatte gar nicht mehr an das Kleid gedacht! Bitte noch um einen Augenblick Geduld, ich folge Ihnen sofort.«

»Darf ich hier bleiben?«

»Gewiß!«

»Sie sehen so blaß und müde aus, liebes Fräulein Reckwitz. Gewiß haben Sie die Nacht auch nicht geschlafen! O, ich sage Ihnen, ich konnte auch kein Auge zuthun, ehe wir reisten; ich war so furchtbar aufgeregt! Aber sagen Sie – ganz allein sind Sie so weit mit der Eisenbahn gefahren?«

Das junge Mädchen nickte mechanisch: »Ganz allein.«

Vertraulich trat die Kleine näher.

»Und er – ist er wirklich nicht mitgekommen?«

Charitas zuckte zusammen. Wie in jähem Forschen traf ihr Blick das süße Kindergesicht.

Sollte sie etwa ausgeforscht werden? Ist die kleine Unschuld etwa eine Intriguantin, welche um der eigenen Liebe willen eine vermeintliche Nebenbuhlerin aushorchen will?

»Wen meinen Sie, Fräulein Rothtraut?« fragt sie kühl.

»Nun, wen denn sonst als Herrn Sterley, welcher doch auch für heute angemeldet war?!«

Sie scheint recht ungeduldig, wendet das Köpfchen und wird sehr rot.

»Ich kenne Herrn Sterley zu wenig, um allein mit ihm, dem jungen, fremden Herrn, reisen zu können!«

»Aber Sie sind doch verwandt mit ihm, und persönlich kennen Sie ihn doch auch?«

»Allerdings, wenn unsere Begegnung auch nur eine recht flüchtige war.«

»Er ist sehr hübsch, riesig hübsch – nicht wahr?«

Charitas ordnet an ihrem Kleid, sie sieht nicht den strahlenden, beinahe stehenden Blick des Backfischchens, sie hört nur ihre Worte, und der Argwohn flüstert ihr zu: »Fraglos, sie will die vermeintliche Braut Sterleys ausforschen, um Herrn von Torisdorff berichten zu können, sie findet ihn bildschön, sie liebt ihn rasend!« Seltsam, warum ist sie auf einen katholischen Priester eifersüchtig? Sie weiß, daß keine von ihnen beiden ihn heiraten kann.

»Sehr schön? – Je nun, alle Schönheit ist Geschmackssache«, antwortet sie mit beinahe bitterem Lächeln. »Sie würden ihn vielleicht hübscher finden als ich!«

Wie in einem Paroxysmus von Begeisterung blickte Rothtraut zum Himmel und verschlang die Händchen so krampfhaft, daß die Gelenke knackten: »Hübsch? O, ich finde ihn schön, bezaubernd, hinreißend! Der Apoll von Belvedere kann mit all seinen geschundenen Gliedern – oder hat er noch ganze? – nicht schöner sein als Klaus Sterley! Was für Augen er hat, und wie er lacht. – Mama findet, er sieht etwas englisch aus. Nun, mein Gott, er ist doch auch Amerikaner! Aber ich finde, daß er der herrlichste, der bezauberndste von allen ist, und ich hoffe, Sie sind derselben Meinung.« Charitas sah sie einen Moment an. War das Verstellung? Komödie? Undenkbar, diese Kinderaugen lügen nicht.

»Sie kennen Herrn Sterley noch gar nicht?«

Die Kleine schüttelt erregt das Köpfchen. »Nein, nur dem Bilde nach, aber wenn Sie das Bild sehen würden! Ach so, Sie kennen ihn ja persönlich! Und beinahe hätte ich ihn heute auch kennen gelernt. Warum kam er nur nicht mit? Hat er den Zug versäumt – kommt er morgen? Oder wann glauben Sie, daß er eintrifft?«

Abermals klopft es an die Thür.

»Es ist angerichtet, gnädige Frau läßt bitten!« meldet Emma.

Rothtraut nimmt vertraulich den Arm der neuen Freundin. »Kommen Sie schnell, liebe Charitas, wir wollen uns beeilen, Mama meint, Sie würden sehr hungrig sein! Nachher schwatzen wir weiter, ja?« Und die Arme stürmisch und jählings um die schlanke Mädchengestalt schlingend, jubelt sie voll herzlicher Natürlichkeit: »Ach wie bin ich glücklich, daß Sie hier sind! Ich war so allein! Nun werden Sie mich ein bißchen lieb haben und mir eine Schwester sein, nicht wahr, liebe Charitas? Sie gefallen mir schon jetzt, auf den ersten Blick, schrecklich gut, ich vertraue Ihnen so, o ich könnte Ihnen sofort meine größten Geheimnisse erzählen! Aber kommen Sie, schnell, schnell! Muttchen ruft schon!«

Charitas hatte nie eine Freundin besessen, die ehrliche Herzlichkeit des anmutigen kleinen Wesens that ihr unendlich wohl und doch konnte sie sich dem vollen Zauber eines solchen Glücksgefühls nicht hingeben, ein Argwohn hatte sich in ihr Herz geschlichen und legte eisige Bande darum her, daß es sich nicht öffnen und solch warme, junge Freundschaft in sich aufnehmen konnte.

Während der Mahlzeit trug Rothtraut die Kosten der Unterhaltung und wenn sie in ihrer lebhaften Weise fragte: »Warum sind Sie nur so einsilbig, Charitas? Warum erzählen Sie gar nicht von zu Hause und von Ihrer Reise?« – dann verwies die Geheimrätin solche Wißbegier und sagte: »Du siehst wie müde und abgespannt Fräulein Reckwitz aussieht, – rede nicht so viel, du Plappermäulchen, und iß lieber, es thut not, daß unser lieber Gast Ruhe bekommt.« Und nach Tisch erhob sich die alte Dame sogleich und drückte dem jungen Mädchen herzlich die Hand. »Nun legen Sie sich hin, mein liebes Herz, und holen Sie allen Schlaf der letzten Nacht nach! Es ist auf unserem einsamen Lichtenhagen nichts mehr zu versäumen! Herr von Torisdorff kommt fast gar nicht mehr aus Krembs herüber, und außer seinen Besuchen gibt es keine Abwechslung, Arbeit ebensowenig! Also schlafen Sie tüchtig aus, damit ich Sie heute abend wieder mit roten Wangen sehe!«

»Fräulein Rothtraut macht ein Gesicht, als sei sie gar nicht mit diesem gütigen Plan einverstanden!« lächelte Charitas; aber ihr Lächeln sah aus wie Wehmut.

»Doch, doch! Ich bin ganz einverstanden!« versicherte das Backfischchen eifrig. »Mama hat recht, Sie müssen ruhen. Ich male während dessen!« Und sich ganz nahe zur ihr neigend, während Frau von Damasus nach dem Schlüsselkorb griff, flüsterte sie heimlich mit strahlenden Augen: »Ich kopiere Skizzen von ihm! O, ich sage Ihnen, himmlische Skizzen!«

Und dann begleiteten die beiden Damen ihren schönen Gast nach dem Fremdenzimmer und Charitas sank auf das Bett nieder. Tiefe, tiefe, wonnige Ruhe!

Einen Augenblick starrt das junge Mädchen mit weit offenen Augen vor sich hin, dann überkommt es sie wie eine schwere, bleierne Müdigkeit; sie seufzt tief auf und sinkt in einen erlösenden, traumlosen Schlaf. –

Das Feuer knistert im Kamin und erleuchtet mit grellem Flackerlicht die große Flurhalle, welche oft und gern als Wohnraum benutzt wird. Die schwerklobigen Eichenmöbel sind in den Bereich des Feuerscheins gezogen. Felle bedecken die Steinfliesen, und in heiterem Gespräch halten die drei Damen eine Dämmerstunde.

Zu Rothtrauts Entzücken ist Charitas weniger wortkarg als heute mittag, und als die Kleine wieder allerhand neugierige Fragen thut, und die Geheimrätin sich auch voll warmer Teilnahme erkundigt, ob das junge Mädchen allein und verwaist in der Welt stehe, da blickt Charitas fest und zuversichtlich in das liebe, herzgewinnende Gesicht der alten Dame, faßt erregt ihre Hände und drückt sie an die Lippen.

»Wie sind Sie so gut, so unendlich freundlich zu mir, gnädige Frau!« flüstert sie mit zuckenden Lippen. »Wie schlägt Ihnen mein Herz so dankbar und innig entgegen, als habe es in Ihnen eine zweite Mutter gefunden, welche mir voll Liebe und Erbarmen die Arme öffnet! Sie fragen nach meiner Heimat, nach meinem Herkommen, gnädige Frau? Sie sind berechtigt dazu, und mich drängt es wie eine heilige Pflicht, Ihnen rückhaltlos alles aus meinem traurigen Leben zu erzählen, was mich in Ihr gastliches Haus geführt. Es wäre mir unerträglich, wenn man meinem Hiersein eine falsche Deutung gäbe, wenn Sie die geringsten Zweifel in meine Person setzten!«

Frau von Damasus nahm das schöne, bleiche Antlitz zwischen ihre Hände und küßte die reine Stirn. »Ich habe schon in viele Menschenaugen gesehen, liebe Charitas, und die Ihren werden nie einen Zweifel, nie ein Mißtrauen aufkommen lassen. Ich habe Sie jetzt schon so lieb, als gehörten Sie fortan zu uns, und Ihr Vertrauen wird mich Ihrem Herzen noch näher führen! Soll Rothtraut bei uns bleiben oder wollen Sie mir allein Ihr sorgenschweres Herz ausschütten?«

Charitas faßte die Hand des Backfischchens und zog sie unwillkürlich näher an sich. »Ich bitte Sie, liebe, gnädige Frau, Ihr Töchterchen bei uns zu lassen!« bat sie mit bebender Stimme. »Ich würde ja vor Scham vergehen, wenn ich etwas aus meinem Leben zu erzählen hätte, was nicht jedes Kinderohr vernehmen dürfte!« Und sie begann mit kurzen, schlichten Worten von ihrer einsamen, lieblosen Kindheit und Jugend zu erzählen, von den unerträglichen Jahren, welche sie im Hause der Pflegeeltern verlebte, und Rothtraut schlang voll leidenschaftlichen Mitgefühls die Arme um die Sprecherin und drückte sie so ungestüm an sich, als wolle sie ihr all die entbehrte Liebe nun doppelt und dreifach ersetzen. Und Charitas empfand diese reine, ehrliche Liebe wie ein Gnadengeschenk Gottes; was sich je an Mißtrauen in ihr Herz geschlichen, schwand dahin wie ein Schatten vor der Sonne.

Sie fuhr fort, von ihrem Aufenthalt in Catania, von ihrem ersten Zusammentreffen mit Klaus Sterley zu erzählen. Neben ihr kicherte es plötzlich, das Backfischchen rückt vollends näher, stützt die Ellenbogen auf der Erzählerin Schoß und das glühende Gesichtchen in die Hände und lauschte atemlos, bebend vor Interesse, jedem Wort. »Aber ich erzähle Ihnen jetzt gewiß bekannte Dinge«, unterbrach sich Charitas und blickte fragend in der Geheimrätin teilnehmendes Gesicht. »Herr Sterley hat doch wohl all diese Vorkommnisse mitgeteilt, ehe er mich Ihrem lieben Schutz empfahl?«

Frau von Damasus bewegte verneinend das Haupt. »Wir wissen und ahnen von nichts, liebes Herz, bitte, fahren Sie fort.«

Das junge Mädchen sah etwas betroffen aus, aber sie sprach weiter und schilderte rückhaltlos alles, was sich in dem Garten der Favorita und später in dem Salon der Julia Livornesi zugetragen. »Ich wußte mir keinen anderen Rat!« fuhr sie mit verzweifeltem Blick fort. »Ich klammerte mich an den Strohhalm, welcher mir in der Flut meines Elends entgegentrieb! Ob ich recht gehandelt? Gott im Himmel mag mir verzeihen, wenn ich undankbar gegen die Pflegeeltern war, ihm habe ich mich befohlen, und ich vertraue seiner Gnade, daß er mich seine Wege führt. – Liebe, teure, gnädige Frau, wollen Sie mir helfen, diesen rechten Weg zu finden? Ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muß noch heute abend Zeitungsannoncen aufsetzen und einen Brief nach Kaiserswerth schreiben, um ein Unterkommen zu finden! Darf ich dabei auf Ihre freundliche Unterstützung rechnen, welche Herr Sterley mir verhieß? Sie erfuhren doch wohl bestimmt durch ihn, daß ich mich um eine Stellung – und eine jede ist mir recht, welche mich mein Brot in Ehren verdienen läßt – von hier aus bewerben will?«

Frau von Damasus hatte ihre Schutzbefohlene tief ergriffen an die Brust gezogen: »Vorläufig erholen Sie sich erst von all den Aufregungen und Anstrengungen der letzten Zeit, mein Herzenskind! Sie sind mir für unbemessene Frist als Gast unseres liebenswürdigen Gutsherrn angemeldet, und ich muß mich genau nach dessen Befehlen richten, was ich für Sie zu thun und was ich zu unterlassen habe! Aber ich denke – –«

Charitas richtete sich überrascht empor. »Als Gast des Gutsherrn?« fragt sie mit weit offenen Augen. »Sind Sie denn nicht die Besitzerin von Lichtenhagen, gnädige Frau?«

Die alte Dame lächelte: »Welch hohe Meinung haben Sie von mir, liebes Kind! Nein, in solch goldener Wiege hat mich das Schicksal nicht gebettet; im Gegenteil, mein Kind und ich leben zur Zeit nur von der Gnade und Großmut unseres Beschützers, bis, so Gott will, auch durch seine treue Fürsorge die Not für immer von uns gewendet wird!«

Charitas strich fassungslos mit der Hand über die wirren Stirnlöckchen. »Aber … mein Gott … Herr Sterley sagte mir doch, daß er sein Brot durch seiner Hände Arbeit verdienen müsse, kein Wort davon, daß er Besitzer dieses Gutes sei –«

»Das ist er ja auch nicht!« unterbrach Rothtraut sehr lebhaft. »Sterley hat ja gar kein Vermögen, das weiß ich längst… Aber was thut das? Die Liebe –« Die Geheimrätin legte unterbrechend die Hand auf die rosigen Lippen.

»Sie ahnen gar nicht, liebe Charitas, wem Lichtenhagen gehört? Sie hörten zuvor gar nichts von Herrn von Torisdorff –«

»Torisdorff!« – Wie ein leiser Aufschrei klang der Name von ihren Lippen, wie in entsetzter Abwehr hob sie die bebenden Hände. »Um Gottes Willen – Lichtenhagen gehört doch nicht … ich bin doch hier nicht Gast von …«

»Ei gewiß, von unserm lieben, prächtigen Herrn, diesem Menschenfreund und Helfer par excellence. – Aber, bestes Kind, warum regt Sie diese Thatsache so auf? Sie wohnen ja doch nicht mit ihm unter einem Dach, ich bin ja doch zu ihrem Schutze hier, und selbst die prüdesten Ansichten können bei dieser Gastfreundschaft absolut nichts Ungehöriges finden!«

Charitas zwang sich zur Ruhe, sie biß wie in leidenschaftlicher Qual die Zähne zusammen und krampfte die Hände um die Sessellehne. »Wie ist das aber möglich … wie kann er als Priester auf diesem oder einem Nachbargute wohnen? …

»Als Priester?«

»Aber Charitas, Sie fiebern! Torisdorff ein Priester?«

Langsam richtete sich ihre schlanke Gestalt empor, ein Zittern und Frösteln durchschauerte sie, und mit einem Blick, einem Ausdruck in den farblosen Zügen, als erwarte sie ihr Todesurteil zu hören, murmelte sie tonlos: »Er ist nicht katholischer Priester? – Er ist es nicht?«

Frau von Damasus und Rothtraut wechselten einen beinahe angstvollen Blick.

»Nein, gewiß nicht! Er ist Gutsbesitzer und lebt jetzt hier, um in Krembs die neu entdeckten Kohlenlager erschließen zu lassen. Aber richtig, ja, jetzt fällt mir eine Äußerung Hagborns ein«, fuhr Frau von Damasus lebhaft auf, »Charitas hat doch recht! Er ist ein oder zwei Jahre Kleriker gewesen, mußte aber diesen Beruf aufgeben, weil die Kohlenlager entdeckt wurden! Da kam ihm der hochherzige Gedanke, sein Leben in den Dienst der Pflicht zu stellen und die Schuld abzuzahlen, welche sein Stiefvater unverschuldeterweise mit in das Grab nehmen mußte! Der liebe Gott hat wieder zu rechter Zeit durch seine Werke geredet, Tausende von Menschen werden durch den Opfermut dieses edlen, jungen Manschen wieder glücklich werden!«

Charitas strich mit dem Taschentuch über die Stirn, feuchte Perlen glänzten darauf. Sie atmete so tief, als kämpfe sie gegen das Ersticken.

»Wie kann denn ein katholischer Priester seinen Beruf aufgeben?« fragte sie mit fremder, rauher Stimme.

»Er war ja kein geweihter Geistlicher, sondern nur studierender Kleriker. Das Glück war uns allen hold, daß er noch nicht dauernd an die Kirche gebunden war, sondern jederzeit noch zurücktreten konnte!«

»Und wie lange ist's schon her, daß er zurücktrat?«

»Das kann ich nicht genau sagen, aber ein halbes Jahr mag's wohl her sein! – Hat denn Herr Sterley nie von den Angelegenheiten seines Stiefbruders gesprochen?«

Eine Thür schlug hastig auf, Mamsell Linchen stand auf der Schwelle.

»Gnädige Frau! Gnädige Frau! Inspektors Fritzchen ist so schlimm gefallen und will sich nicht verbinden lassen, da läßt die Frau Inspektor recht dringend bitten, die Damen möchten doch mal für einen Augenblick herüber kommen! Fräulein Rothtraut kann ja alles mit ihm anstellen, was sie nur will, und die gnädige Frau weiß mit der Bandage wohl auch besser Bescheid als die Mutter! Ach, du lieber Gott ist das ein Geschrei! Die ganze Stirn ist offen!«

Rothtraut stand längst neben ihr.

»Sofort, sofort! Sagen Sie, wir kommen! Bitte, Mutterchen, den Schlüssel zum Speiseschrank; ich muß ein paar Stückchen Zucker mitnehmen! Ach siehst du, hättest du die Mamsell Makronen backen lassen! – Kommst du, Mama, ich bitte, eile dich!«

»Natürlich ich komme, hole nur mein Tuch!« … Und hastige Schritte hin und her, rasselnde Schlüssel und klappende Thüren, und dann still, ganz still. Nur das Feuer knistert und die Funken tanzen.

Charitas regt sich nicht, sie starrt in die Glut. Ach, daß sie weinen könnte! Sie kann es nicht mehr, ihr Herz stirbt eines tausendfachen Todes. Nun weiß sie, warum Rothtraut ihn liebt und lieben darf; von Klaus Sterley schwärmt sie wohl nur seiner Braut zur Liebe.

XXV.

Mit beinahe fieberhafter Hast hatte Charitas den ganzen Abend geschrieben.

Annoncen für die Rubrik »Stellengesuche« verschiedener Zeitungen, mehrere Briefe an Krankenhäuser und Kleinkinder-Bewahranstalten, ja sogar an die afrikanischen Kolonien und die deutschen Diakonissenhäuser in Kairo und Konstantinopel hatte sie gedacht.

Frau von Damasus schüttelte besorgt den Kopf. »Aber um alles in der Welt, liebes Fräulein Reckwitz, wozu diese Hast und Überstürzung? Warten Sie doch vor allen Dingen die Ankunft des Herrn Sterley ab, welcher vielleicht ganz andere und viel bessere Pläne in Vorschlag bringen kann! Sie sind sehr elend und marode von der letzten bösen Zeit, so daß Sie einer gründlichen Ruhezeit bedürfen.«

Charitas legte mit dankbarem, aber unendlich wehmütigem Lächeln die Hand in die dargereichte Rechte der Sprecherin.

»Lassen Sie mich mit den Vorbereitungen beginnen, liebe teure, gnädige Frau«, bat sie weich, »wer weiß, ob unter all diesen vielen Briefen ein einziger ist, auf welchen überhaupt eine Antwort, geschweige ein Engagement erfolgt. Und ich muß an die Arbeit! Ich muß fort von hier; glauben Sie mir, verehrteste gnädige Frau, es ist am besten so!«

»Gefällt es Ihnen denn so gar nicht bei uns einfachen Menschen, in der ländlichen Stille hier?« fragte die Geheimrätin beinahe vorwurfsvoll; »Sie sehen doch, wie offen unsere Arme und Herzen Ihnen stehen?«

Die Augen des jungen Mädchens leuchteten in beinahe schwärmerischem Entzücken auf, sie schaute in dem traulichen Wohnzimmer umher, als wolle sie jeden einzelnen Gegenstand mit den Blicken zärtlich umfangen. Wie in jäher Erregung preßte sie die Hände gegen die Brust. »Hier bleiben können! Diesen Frieden, die Ruhe ewig atmen, dieses Dach zeitlebens über dem Haupt zu wissen – o, Gott im Himmel, gäbe es wohl ein größeres Glück für mich?« flüsterte sie leis wie in Gedanken. »Wahrlich, gnädige Frau, ich lasse mein Herz bei Ihnen zurück, und doch … doch muß ich fort, so bald wie möglich, es ist besser so!«

Frau von Damasus küßte sie auf die Stirn. »Ich verstehe Sie, Charitas, dieser Stolz, dieser unbezwingliche Stolz, welcher nicht länger als nötig die Gastfreundschaft annehmen will! O, ich kann Ihnen das nachfühlen! Aber in diesem Hause ist er am unrichtigen Platz. Dennoch soll ihm Rechnung getragen werden. Sie suchen Arbeit bestes Herz; die finden Sie auch hier. Mamsell klagt seit gestern so sehr über geschwollene Füße, wollen Sie mir statt ihrer ein wenig zur Hand gehen? Sie können sich während Ihres hiesigen Aufenthalts recht nützlich machen, das gibt Ihnen das angenehme Bewußtsein, daß sie Ihrem Gastfreund tagtäglich die Schuld abtragen! Sie können dann in aller Seelenruhe und ohne Gewissensbisse hier sein, bis eine zusagende Offerte kommt, denn jede erste beste können Sie unmöglich annehmen, das sehen Sie wohl ein! – Sie willigen ein? O, wie endlich mal Ihr blasses Gesichtchen sich rötet und wieder froh aussieht! Das möchte ich mal bei Rothtraut erleben, daß sich der kleine Schmetterling so sichtlich über Arbeit freut! Aber da steckt noch kein Ernst dahinter, sie hat noch tausenderlei andere Interessen, für welche sie schwärmt, sie möchte vorläufig noch mehr durch das Leben tanzen und singen, anstatt ehrwürdig mit dem Schlüsselbund einher zu schreiten! Ja, und mit der Arbeit fangen wir morgen sogleich an!«

Die Sprecherin freute sich im Herzen des Erfolges ihrer Worte.

Charitas schien richtig von ihr beurteilt, sie lebte förmlich auf in dem Gedanken, ihre Dankesschuld abtragen zu können, und sie legte all ihre Briefe selbst in die große Postledermappe, mit frohem Lächeln und der Versicherung: »Nun werde ich mit mehr Geduld der Antworten harren.«

Man ging zeitig in Lichtenhagen zur Ruhe und stand zu guter Stunde wieder auf.

Als Charitas sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen hatte, nahm Frau von Damasus die verschlossene Postmappe und ging in die Gesindestube des Inspektorhauses.

»Ist noch eine Gelegenheit nach Krembs?« fragte sie. »Die Post soll der Bequemlichkeit halber von dort besorgt werden, damit der gnädige Herr seine Schreiben nicht extra zu schicken braucht.«

»Befehlen, gnädige Frau, die Müllerin ist noch bei ihrer Tochter drüben, die kann die Tasche gut mit zurück nehmen.«

»Schön, das trifft sich ja ausgezeichnet. Laufen sie mal rüber, Jochen, und geben Sie sie ab!« Jochen stampfte mit respektvollem Gruß davon und die Geheimrätin ging beruhigt zu Bett.

– – – – – – – –

Nun wollte es wohl wirklich Frühling werden. Die Luft wehte lind und herbduftig über die moosige Erde, und die Sonne lugte durch Weiße Wolkenstreifen und vergoldete die jungen Grasspitzchen und schwellenden Knospen, an welchen noch die dicken Tautropfen hingen. Charitas hatte das Kleid geschürzt und schritt leichtfüßig über die weichen Gartenwege nach jenem Abteil des Parks, wo Schaal sein kleines Treibhaus und die Mistbeete errichtet hatte, und wo er unter großen Erdhaufen die Wurzeln, Steckrüben, Sellerie und Kohlköpfe für den Winter eingeschlagen hatte.

»Ich hab' die Rüben schon rausgebuddelt, sie liegen mit dem Porree dicht zu Hauf am Wege«, hatte er in der Küche gemeldet, und Charitas hatte hastig den Korb zur Hand genommen und ging sie zu holen.

Rothtraut stand auf dem Hof und fütterte die Tauben und Hühner, und Charitas blieb momentan stehen, dieses reizende Bild voll neidlosen Entzückens zu schauen.

Just bog die Kleine das blondlockige Köpfchen zurück und ließ die schneeweiß flatternden Täubchen die Körner von ihren roten Lippen picken. Dann sah sie die Freundin und nickte und winkte ihr so lebhaft zu, daß die befiederten Gäste erschreckt davonschwirrten.

»Wo gehen Sie hin, Liebchen?« rief sie lachend.

Charitas hob ihren Korb: »Rüben holen!«

»Hat das Faultier, der Schaal, sie mal wieder nicht mitgebracht? Zu arg, jeden Morgen derselbe Witz! Na, ich bin bald fertig hier, dann komme ich nach, nota bene, wenn ich nicht Staub wischen muß; wollen mal sehen, ob noch Zeit bleibt!«

»Ich bin ja sogleich zurück! Wir gehen nachher lieber zusammen zum Förster und fragen nach dem Holz, welches heute noch angefahren werden muß!«

»
Bon, mir auch recht. Also, addio, mia bella Napoli«, und Rothtraut schmetterte die hellen Töne so übermütig in die warme Lenzesluft hinaus und lachte so voll Jugendlust dabei, als ahne sie gar nicht, daß addio »Lebewohl« heißt, und daß ein Lebewohl an das schöne Neapel doch etwas ernsthaft genommen werden muß.

Charitas war lächelnd davon geschritten, sie atmete voll inniger Wonne die köstliche Luft und blickte um sich, als halte sie ein fremder, nie gekannter Traum von Frieden und seliger Ruhe umfangen.

Lag die furchtbare, qualvolle Zeit im Hause ihrer Pflegeeltern denn so weit schon hinter ihr?

Sie begreift es jetzt selber nicht mehr, wie sie das Leben in jener Hölle so lange Jahre ertragen hat, ein Schauer überrieselt sie, wenn sie daran zurückdenkt, und sie scheucht solche Gedanken angstvoll von sich, als müßte sie den Zauber dieses weltfernen Paradieses vor jedem Mißklang hüten.

Wie schön, wie schön ist es hier!

Welche Liebe, welche Freundschaft, welch sorgende Güte umgeben sie.

Kein Hader, kein Zank, keine Zwietracht – Lachen und Singen, wohin man hört, strahlende und zufriedene Gesichter, wohin man blickt!

Ach ja, daß sie bleiben könnte, für immer ihr müdes Haupt unter diesem Dach niederlegen könnte! Keine liebere Stätte gäbe es auf weiter Welt für sie, und müßte sie arbeiten von früh bis spät, arbeiten mit Aufgebot all ihrer Kräfte, ach wie gern, wie über alles gern würde sie es thun! Und doch ist es bestimmt in Gottes Rat, daß sie vom Liebsten, was sie hat, muß scheiden! – Und sie wird es thun, ruhigen und gefaßten Herzens. Die kurze Zeit aber, welche sie den schönen Traum dieses Friedens träumen kann, will sie genießen und sich das Herz daran wärmen für eine lange, trostlose Pilgerfahrt. Ungestört wird sie sein; denn was sie anfänglich so besonders ängstigte und quälte, der Gedanke, dem Geliebten hier auf Schritt und Tritt zu begegnen, womöglich gar mit ihm zusammen in Lichtenhagen wohnen zu müssen, hat sich als grundlose Sorge erwiesen.

Sie hört es aus aller Mund bestätigt, daß Josef seit Wochen das Gutshaus nicht betreten hat, daß er den ganzen Tag bei dem Bergwerk beschäftigt ist und persönlich den Bau desselben überwacht.

Kam er früher nicht, wird er jetzt erst recht nicht kommen.

Was sie stets voll stillen Herzeleids gewähnt, daß er nur aus Pflichtgefühl um sie gefreit hat, das scheint ihr jetzt eine Gewißheit. Noch einmal fragte er als freier Mann bei ihr an, um sein Gewissen zu beruhigen. Ihre Antwort enthob ihn jeder Verpflichtung, und jener kurze, unüberlegte Taumel jäher Leidenschaft, jenes selige Waldeinsamkeitsidyll auf der Alpmatte der Printanière verflog und verwehte unter dem neuen Eindruck, welchen ein rosiges, lachendes Elfenkind auf ihn gemacht.

Er liebte Rothtraut, und sie liebte ihn.

Sprach sich in seinen Zügen nicht auch viel mehr Schreck, Bestürzung, ja finsterer Trotz aus, als er sie so unerwartet wiedersah?

Warum stieß er so kurz und rauh hervor: »Zu spät«, als sie an seiner Seite kniete?

Weil sie verlobt war?

Daran konnte er selber nicht mehr glauben, da sie als Verlassene, Hilflose, unter dem Schutze eines ihr so fremden Mannes Stehende hierher kam!

Rothtraut mag wohl wähnen, sie sei die Braut Klaus Sterleys, aber Josef muß doch Bescheid wissen, muß es doch durch den Bruder erfahren haben, wie energisch und für immer sie jede Annäherung des jungen Mannes zurückgewiesen hatte!

Sein »Zu spät« galt ihm selber und seinem eigenen Herzen, welches eine andere erwählt hat. Kein Groll, keine Bitterkeit ist in Charitas' Seele. Sie hat Rothtraut gesehen und begreift, daß man sie lieben muß!

Sie ist viel zu demütig, viel zu bescheiden und anspruchslos, um solch ein märchenhaft großes Glück wie seine Liebe für sich und ihre armselige Person zu beanspruchen.

Es ist ruhig in ihrem Innern geworden.

Die Ruhe heilig liebender Entsagung.

»Nur die Herrlichste von allen
Soll beglücken deine Wahl –
Segnen viele tausend Mal!«

Und dies wird ihr Wunsch, ihr Gebet für ihn sein, so lange, wie noch ein Pulsschlag ihr Leben gibt. – Mit ruhigen, glänzenden Blicken sieht sie sich um.

Seine Heimat! Sein Grund und Boden!

Ist es nicht schon eine Gnade Gottes, groß und unverdient, daß sie diese Luft hier atmen darf?

Rüstig schreitet sie aus, ihr Gürtelband flattert in dem leichten Luftzug, Vogelgezwitscher tönt über ihr.

– – – – – – – –

Sie läßt sich auf das Knie nieder und füllt ihren Korb, und dann hört sie vom nahen Kirchdorf die Uhr schlagen, eilig rafft sie die letzten Suppenkraut-Pflanzen zusammen und schreitet zurück.

Vor ihr teilt sich das Boskett, sie blickt über die flache Wiese und die sonnenbeglänzten Wege, welche sie durchschneiden, und plötzlich zuckt sie zusammen, krampft bebend die Hände um den Korb und starrt geradeaus.

Dort über diese Wiese schreitet eine hohe, schlanke Männergestalt in kleidsamem Reitanzug, wendet das Antlitz seitwärts und blickt lächelnd auf Rothtraut, welche sich in ihrer eifrigen, naiven Weise mit gefalteten Händen an seinen Arm gehakt hat und mit silberheller Stimme auf ihn einschwatzt.

Charitas bleibt zaudernd stehen, sie hat nur ein jähes, angstvolles Wünschen: »Verbirg dich vor ihnen, sie wollen wohl nicht gern gesehen sein!« Aber das unbelaubte Gebüsch, die flache Wiese, nichts bietet ein sicheres Versteck!

Rothtraut hat sie auch schon gesehen.

Sie deutet ungeniert auf sie hin, lacht und winkt ihr zu, und dann schüttelt sie seine Rechte noch einmal, recht nach Kinderart, hin und her, hebt dann, wie ein kleines Bettelmädchen, welches sehr eindringlich um etwas bittet, die beiden zusammengelegten Händchen zu ihm empor, jubelt über seine Antwort laut auf, wirft ihm in übermütiger Weise eine Kußhand zu und stürmt wie eine flinke Schwalbe den Weg zurück.

Josef blickt nach ihr herüber. Sein Gesicht verfinstert sich, aber er schreitet über die Wiese geradeswegs auf sie zu.

– – – – – – – –

Als Rothtraut soeben ihren Hühnern die letzten Körnlein hingestreut hatte, klang Hufschlag vom Hofthor herüber, und wenige Augenblicke später stand Josef ihr gegenüber.

In ihrer stürmischen Freude lief sie ihm entgegen, ihn zu begrüßen. »So früh am Morgen kommen Sie schon? O, das ist herrlich, das gilt doch gewiß unserm herzigen Gast, nach dessen Ergehen Sie fragen wollen, nicht wahr?«

Er nickt ein wenig zerstreut und sieht wieder alt aus, älter als je.

»Allerdings, Fräulein Rothtraut, der Weg führt mich zu Fräulein Reckwitz; ist sie im Salon?«

»I, wo wird sie im Salon sitzen und Daumen drehen! Da kennen Sie Charitas schlecht! Sie hilft in der Küche, und eben holt sie Rüben aus dem Garten. Ich weiß, wo sie ist; soll ich mitgehen und Sie hinbringen? Ich habe so wie so eine schrecklich große Bitte auf dem Herzen, welche ich Ihnen gern ganz allein sagen möchte, ohne daß eine Menschenseele es hört!«

Er ist mit so trüben, finstern Gedanken hergeritten, jetzt, als er in ihr rosiges Gesichtchen und in die schelmischen Augen sieht, geht es wie Sonnenschein über sein Gesicht.

»Wie nett von Ihnen, daß Sie mich begleiten wollen«, nickt er freundlich, »und welch eine Freude für mich, daß Sie um etwas bitten wollen! Also im Gemüsegarten haben wir Ihre neue Freundin zu suchen? Schön, gehen wir direkten Weges hin!«

Rothtraut nimmt ungeniert seinen Arm, sie hat sich das bei ihrem Vater so angewöhnt, daß sie kaum anders an der Seite eines Begleiters gehen kann! Auch ist ihr nie der Gedanke gekommen, daß dies zu vertraulich sei. Bei solch einem alten Onkel! Du liebe Zeit!

»Meine neue Freundin, ja das ist sie«, fährt sie eifrig plaudernd fort und beginnt ihrem Enthusiasmus über die »himmlische Schönheit« dieser Herrlichsten von allen die Zügel schießen zu lassen. Sie bemerkt nicht, wie Josefs Antlitz sich wieder verdüstert, wie ein tiefer, verhaltener Schmerz um seine Lippen bebt, wie er sie voll nervöser Hast zu unterbrechen sucht.

»Und Ihre Bitte, Fräulein Rothtraut? Was hat die mit Fräulein Reckwitz zu thun?«

»Ach so, richtig, meine Bitte! Bald hätte ich sie über Charitas ganz und gar vergessen! Also aufgepaßt, lieber, lieber, allerbester Herr von Torrisdorff –«

»Das ist viel des Guten!«

»Es kommt noch besser! Also, einzig guter, liebenswürdigster und geduldigster Herr von Torisdorff, hören Sie mich an, ohne Ihr greises Haupt voll Spott und Mitleid über mich zu schütteln! Ich bin noch sehr kindisch und albern; das sagt Mama mir alle Tage, und da ich nun einmal so bin, will ich doch mindestens noch einen Spaß davon haben! Also, lieber Herr von Torrisdorff –«

»Allerbester Herr von Torrisdorff, wenn ich bitten darf!«

»Gut, himmlischer Herr Baron! In der Flurhalle steht doch, wie sie wissen, eine große, alte, eichene Truhe, die sieht so schrecklich geheimnisvoll aus, als müßten die interessantesten Dinge darin verborgen liegen! Ich knuspere schon seit Wochen daran herum und möchte so brennend, so für mein Leben gern einmal hinein sehen, aber Muttchen schlägt mich jedesmal auf die Finger und will nicht leiden, daß ich meine neugierige Nase überall hineinstecke! ›Neugierde!‹ sagt sie, und indiskret wäre es, behauptet sie! Und dabei ist es doch nur der edelste Wissensdrang! Aber, du liebe Zeit, in solch einer alten Truhe stecken doch keine Familienbriefe und Familienakten! Nun kommt die Bitte, die schrecklich große Bitte! Ahnen Sie schon etwas?«

»Welch ein Ausbund von Schlauheit wäre ich, wenn ich jetzt schon ahnen wollte, was Sie möchten!«

»Natürlich ahnen Sie es! Ich sehe es ja Ihrem Gesicht an, Sie wissen's ganz genau!« und laut aufjubelnd schüttelte sie seinen Arm: »Sagen Sie doch, Barönchen, darf ich? Ja? Darf ich nur ein einziges Mal aufschließen?

»Aber nur einmal – nur ein einziges Mal!« neckte er lächelnd.

»Hurra, hurra! Endlich! Gott sei Dank! Ich konnte es faktisch kaum noch aushalten! Und da drüben, sehen Sie, uns gegenüber am Gebüsch, steht Charitas! Ja, dann finden Sie nun wohl allein den Weg zu ihr! Und ich suche gleich nach dem Schlüssel, und wenn keiner passen will, hol ich mir den Schlosser aus dem Dorf – ach bitte, bitte, nicht wahr, ich darf doch?«

Sie sieht in ihrer Freude nicht, wie ernst sein Antlitz wieder geworden ist, sie sieht nur, daß er eine zustimmende Kopfbewegung macht und höflich, aber mit etwas gepreßter Stimme hervorstößt: »Sie wissen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie im Lichtenhagener Haus nach Belieben schalten und walten können. Suchen Sie nach alten Raritäten, so viel es Ihnen Spaß macht, ich werde mich freuen, wenn Ihre Mühe nicht vergeblich ist!«

Ein silberhelles Jubeln. Rothtraut klatscht in die Hände, versichert noch einmal voll überströmender Dankbarkeit, wie furchtbar nett er sei, und wendet sich winkend und grüßend zurück, voll Ungeduld sogleich an die Untersuchung der Truhe zu gehen!

Josef sieht der zierlichen Gestalt nicht nach, wie sie graziös durch den goldenen Sonnenschein dahin eilt, glückselige Lieder auf den Lippen, sein Blick richtet sich voll düsterer Schwermut auf die Geliebte, welche ihm so nah, und doch so ewig fern gegenübersteht.

Dann beißt er entschlossen die Zähne zusammen und schreitet ihr entgegen.

Sein Blick trifft flüchtig, wie erloschen, den ihren. Er zieht höflich und formell den Hut.

»Darf ich um einen Augenblick bitten, mein gnädiges Fräulein, oder störe ich?« fragte er sehr ruhig und sehr ernst.

Auf ihrem Antlitz wechseln Glut und Blässe. Aber auch sie steht mit erhobenem Haupt ruhig und fremd vor ihm.

»Nicht im mindesten, Herr von Torisdorff«, sagt sie freundlich, »im Gegenteil, ich freue mich der Gelegenheit, Ihnen für die große Gastfreundschaft danken zu können, welche Sie mir gewähren. Ich habe mich in dem Glauben befunden, daß Frau von Damasus die Besitzerin von Lichtenhagen sei, und bin erst gestern abend des Wahren beschieden worden.«

»Da ich mit meinem Stiefbruder alles teile, was ich besitze, so hat er auch ein Anrecht an dieses Haus, und bitte ich Sie, ihn und nicht mich als Ihren Gastgeber zu erachten. Auch nur als sein Stellvertreter stehe ich jetzt vor ihnen. Ich habe aus den sehr flüchtigen Nachrichten meines Bruders nie den vollen Zusammenhang der obwaltenden Verhältnisse erfahren, eine soeben von ihm eingetroffene Depesche ersucht mich jedoch, Ihre Anwesenheit in Lichtenhagen so geheim wie irgend möglich zu halten. Ich entnehme daraus, daß Ihre Pflegeeltern bemüht sind, Ihre Spur zu finden, und ich würde es unendlich bedauern, wenn Sie gezwungen würden, in jene traurigen Verhältnisse zurückzukehren, ehe sich Ihr Schicksal in gewünschter Weise entscheiden konnte. Ich fand nun in der Postmappe eine Anzahl von Briefen und Postkarten Ihrer Hand, welche Ihre volle Namensunterschrift und genaue Adresse tragen. Ich möchte Sie nun darauf aufmerksam machen, daß diese Briefschaften Ihren Aufenthaltsort rettungslos verraten würden.«

Charitas verschlang krampfhaft die Hände. »Ich habe das allerdings in meiner Hast und Erregung nicht bedacht!« sagte sie leise mit gesenkten Augen, »und ich danke ihnen herzlich für diesen freundlichen Rat. Ich werde diese Briefe und Karten noch einmal abschreiben. Frau von Damasus ist mir wohl behilflich, daß die Antworten postlagernd eintreffen können.«

»Sie bewerben sich um eine Stellung?« fragte er halb zur Seite gewandt.

»Ja, ich habe keine Heimat mehr.«

»Besprachen Sie mit meinem Bruder bereits Ihre Pläne?«

»Nur im allgemeinen, das Nähere glaubte ich ihm brieflich, oder mündlich – falls er herkommen sollte – mitteilen zu können.«

»Ich lese aus den Briefen Adressen in das Ausland, sogar an die neuen Kolonien scheinen Sie gedacht zu haben! Sollte mein Bruder damit einverstanden sein, daß Sie sich solchen Gefahren, solchem mörderischen Klima aussetzen?«

Ihr Haupt zuckte empor, glühende Blutwellen stiegen in ihr Antlitz.

»Ihr Herr Bruder hat sich meiner sehr freundlich angenommen, und ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet«, antwortete sie mit bebenden Lippen; »aber die Art und Weise, mir mein künftiges Leben zu gestalten, überläßt er wohl meiner freien Wahl!«

»Dennoch würde es mir sehr lieb sein, wenn Sie diese Briefe zurückhalten würden, bis Klaus hier eintrifft. Es läßt sich ja alles wohl noch anders und befriedigender arrangieren, ich werde mich mit ihm auseinandersetzen und hoffe, Ihren Wünschen ein schnelleres Ziel geben zu können, als mein Stiefbruder bisher annehmen konnte. So lange bitte ich Sie, Ihren Aufenthalt in Lichtenhagen zu nehmen.«

Verständnislos sah sie ihn an, er aber wich ihrem Blick aus und schaute finster zu Boden.

»Wozu diese Verzögerung? Ich kann nicht länger hier bleiben, ich kann es wahrlich nicht!« rang es sich, erregter als sie wollte, über ihre Lippen.

»Und warum nicht? … Weil Lichtenhagen auch ein Stücklein von meiner Heimat ist?«

Wie bitter das klang!

Sie preßte die Lippen zusammen. Glaubt er, sie grollt ihm, weil er eine andere liebt? Ein tiefer Atemzug hebt ihre Brust: »Gewiß nicht, Herr von Torisdorff! Ich wollte nicht unbescheiden sein und Ihre Güte mißbrauchen. Wenn Sie mir jedoch meine Hast, einen Wirkungskreis zu finden, falsch auslegen, so will ich Ihnen gern beweisen, daß Sie sich geirrt haben. Ich werde die Briefe zurückhalten, bis Herr Sterley kommt, und wenn ich mich hier nützlich machen kann, so bleibe ich gern bis –«

»Bis ein Kranz von Myrten gewunden wird!« nickte er tonlos, und doch starrte er sie dabei mit umschatteten Augen an wie ein Sterbender. Sie sieht es nicht. Ihr Herz zittert in namenlosem Weh. Also doch! Doch bis Rothtrauts Kranz gewunden wird.

Sie fühlt, wie brennend heiße Tropfen in ihren Augen aufsteigen.

Allmächtiger Gott nur jetzt nicht schwach sein! Nur in diesem Augenblick nicht!

All ihre Willenskraft nimmt sie zusammen. Sie ist ein Weib, sie kann mit brechendem Herzen lächeln.

Und sie lächelt und reicht ihm die Hand. »Bis ein Kranz von Myrten gewunden wird! Wenn sie mich behalten wollen, so bleibe ich, und ich denke, wir bleiben dennoch Freunde!«

Momentan hat er ihre eiskalten Finger umfaßt, dann tritt er mechanisch zurück, sie schreitet hastig an ihm vorüber.

»Freunde!« murmelt er, »Gott helfe mir dazu, um Klaus' willen!« Nun bleibt ihm kein Zweifel mehr, sie ist des Bruders Braut, und es werden die hiesigen Glocken sein, welche ihr zur Hochzeit klingen!– – –

Rothtraut hat den ganzen Tag mit Schlüsseln gerasselt, sie ist geschäftig Trepp auf, Trepp ab gesprungen und hat viel in der Flurhalle zu schaffen gehabt, ihr Gesichtchen hat immer ärgerlicher ausgesehen, aber niemand hat sie gefragt, was sie verdrießt, und seltsamerweise hat sie es diesmal keinem anvertraut.

Als die Dämmerstunde kommt, sitzen die Damen wieder am Kamin, Frau von Damasus ist in das Dorf zu einer Kranken gerufen worden, und Rothtraut rückt zärtlich ihren niederen Holzschemel an Charitas Seite, lehnt das Köpfchen an die Freundin und bittet vertraulich: »Nun sind wir ganz allein, Charitas, ach bitte, bitte, erzählen Sie mir von Catania und Klaus Sterley! Sie Glückliche, Sie konnten ihn alle Tage dort sehen! Ach, beschreiben Sie mal ganz, ganz genau, wie er aussah!«

Das junge Mädchen empfindet dieses Plaudern als Qual. Ausweichend bittet sie: »Viel hübscher wäre es, liebstes Herz, Sie sängen mir ein paar Lieder vor! Ich habe Sie noch gar nicht richtig singen gehört, und ich liebe Musik so sehr!«

»Ich mag sie gar nicht mehr!« grollte die Kleine, »Seit Torisdorff mir gerade meine liebsten Sachen verboten hat –«

»Verboten?«

»Na, indirekt wenigstens, er hat mir sehr, sehr deutlich gezeigt, daß ich scheußlich singe! Bei lustigen Liedern hörte er allenfalls zu, aber auch mehr höflich, als interessiert; wenn ich aber so was recht Schwermütiges, was ich besonders liebe, anfing, z. B. ›Verlassen bin i!‹ oder ›Am Brunnen vor dem Thore‹ oder ›Es ist bestimmt in Gottes Rat‹, dann sprang er auf, als brenne der Boden unter seinen Füßen und lief davon, daß ich es wirklich hätte übelnehmen können! Fragte ich ihn dann: ›Was hatten Sie nur gestern plötzlich vor?‹ so legte er die Hand über die Augen und redete sich heraus: Diese Lieder habe er einmal im Leben so schön gehört, daß er sie von keiner anderen Stimme mehr ertragen könne – also mit anderen Worten: ich sänge sie nicht schön und meine Stimme eigne sich viel mehr für heitere Lieder! – Na, ich danke, wenn ich weiter nichts kann und soll, als wie ein Kanarienvogel zwitschern – aber, was haben Sie denn, Liebchen? Ihre Hand zittert ja so?«

»Es ist nur nervös! Herr von Torisdorff ist ein sehr ernst beanlagter Mann, welcher gern durch fröhliche Weisen aufgeheitert sein möchte.«

»Ein ernster Mann! Das weiß Gott!« seufzte Rothtraut voll drolliger Ergebung die Hände faltend. »Ja, Charitas, ein furchtbar ernster Mann! Früher, da ging es ja noch eher, da sah er wenigstens glücklich und zufrieden aus und plauderte und konnte sogar noch scherzen, obwohl man ihm solche Witze nie recht glaubte! Aber seit ein paar Wochen ist er ja wie ausgewechselt! Er kommt nicht mehr, er lacht nicht mehr, er sieht aus wie zehn Tage Regenwetter! Und warum nur? Ja, wenn das eine Menschenseele wüßte! Die Müllern hat zur Menzen gesagt, ein Brief aus dem Ausland sei daran schuld; als der gekommen sei, da war's mit dem armen Herrn anders geworden. Vielleicht hat er irgendwo eine Jugendliebe und die ist ihm untreu geworden oder gestorben!«

Leichenhaft blaß starrte Charitas' Antlitz aus der Dunkelheit: »Er hat eine Liebe; und das sagen Sie so lächelnd und harmlos, Sie, Rothtraut?« klang es halb erstickt von ihren Lippen.

Die Kleine riß die Augen weit auf. »Warum soll ich denn das nicht sagen?« fragte sie naiv. »Ich habe ja Herrn von Torisdorff riesig gern und bin ihm für all das Gute, was er uns gethan hat, unbeschreiblich dankbar! Es thäte mir wahrhaftig auch furchtbar leid, wenn sie gestorben wäre – aber warum soll ich Ihnen das nicht sagen und nicht harmlos sein?«

Charitas umklammerte die Hand der Sprecherin und neigte sich tief zu ihr herab. »Rothtraut«, flüsterte sie, »lieben Sie ihn denn nicht?«

Die Kleine fuhr ganz erschrocken zurück.

»Lieben?« stammelte sie entsetzt, »lieben? Wen denn? Doch nicht etwa den Baron?«

»Nicht? Nicht? Sie sind nicht mit ihm verlobt?«

Da pruschtete das Backfischchen laut aus vor Lachen, drückte das Gesichtchen in die dunklen Kleiderfalten der Freundin und umschlang sie ungestüm mit den Armen.

»Aber Charitas! Was für eine unglaubliche Idee! Ich sollte mich mit so einem alten Manne verloben, der wie mein Großvater ist?«

»Alter Mann?« Verwirrt strich sich das junge Mädchen über die Stirn. »Josef von Torisdorf nennen Sie alt?«

»Ja, ich nenne ihn alt, uralt! Gegen mich ist er ein Greis! Wissen Sie, Liebste, den Jahren nach ist er ja vielleicht noch in den Vierzigern, aber sein Wesen – puh!! So gemessen, so stolz, so kühl – so – so – na, mit einem Wort – uralt! Furchtbar gut und freundlich ist er, und daß er den armen, betrogenen Leuten ihr Geld zurückgibt, das ist das Großherzigste, was man sich denken kann! Aber ihn heiraten, … ihn lieb haben, ich fideles, kleines Göhr den alten Mann? Nein, das ist zum totlachen, das ist einfach unglaublich!«

»Aber er liebt Sie!«

»Denkt ja gar nicht dran! Wie ein Baby behandelt er mich, fehlte noch, daß er ›Kleinchen‹ zu mir sagt und mir Bonbons mitbringt! Er amüsiert sich über den Unsinn, den ich treibe und ist zu mir so nachsichtig und wohlwollend, wie ein guter, alter Onkel, höchstens wie ein Kamerad, der Scherzes halber mitmarschiert, aber lieben, mich lieben? Nie! Ach, ich denke mir wenigstens die Liebe sehr, sehr anders!« und das rosige Menschenknöfpchen legte plötzlich voll süßer Schwärmerei beide Händchen auf die Brust und flüsterte mit verklärtem Blick: »O Charitas, ich wüßte wohl einen, den ich lieben könnte! So frisch und jung, so lachend und lustig, mit blauen Augen und blondem Haar! Die Künstler haben es mir seit jeher angethan – und wenn ich auch arm sein müßte mit ihm, ich möchte keinen andern als ihn allein!«

Charitas hörte kaum; sie saß wie im Traum und starrte schwer atmend in das Dunkel der Halle hinein, welches sich mehr und mehr vertiefte und alles mit schwarzem Mantel deckte, was nicht in dem Bereich der rotflackernden Kaminflammen stand.

Rothtraut harrte auch keiner Antwort, und da alles um sie her still blieb, neigte sie das lächelnde Antlitz an die Schulter der Freundin und schloß die Augen. »Wenn er doch käm wie der Frühlingswind, goldblond seine Locken, sein Fuß geschwind« klang ein Lied durch ihre Seele, dessen Worte sie längst in obiger Weise abgeändert hatte: »Ins Auge die ganze Seele gedrängt, ach, der eine Blick hat das Herz mir versengt! Und ich stand, als ob ewig ich schauen ihn müßt … Er hielt mich umfangen, er hat mich geküßt!«

Ein zitternder, wohliger Seufzer der Sehnsucht … und dann verharrten beide Arm in Arm, innig aneinander geschmiegt, gebannt von ihren Gedanken.

Draußen strich Lenzesodem um schwellende Knospen und hier drinnen bebten zwei junge Menschenherzen voll süßer, geheimnisvoller Ahnung eines großen Glückes, dem ewigen Frühling der Liebe entgegen …

XXVI.

Endlich, endlich! Er war gefunden!

Mit glühenden Wangen kniete Rothtraut vor der großen Eichentruhe, mit den schweren, gedunkelten Schnitzereien und den verzinkten Beschlägen, welche sich so wuchtig und breit verschnörkelt darüber hinlegten, als hätten sie alle Schätze des Königs Laurin zu hüten!

Das Schlüsselbund rasselte in den kleinen Händen, ein ölbestrichenes Federchen ward hastig über den verrosteten Schlüssel mit dem breitdurchlöcherten Kopf geführt und dann energisch in das Schloß geschoben. »Hurra! Bravo! Bravissimo! Er dreht sich!«

Ja – er dreht sich doch! Rothtraut hatte es sofort in ihren tiefsten Gedanken behauptet, als sie im Saal droben im perlengestickten Schlüsselschränkchen dieses Bund mit dem so eigenartig verzwickten Schlüssel gesehen.

Wie gut hatte sie es doch gegen den armen Kopernikus! Sie ward weder angezweifelt, noch mußte sie für ihre Behauptung das Leben lassen. – Sie bestand darauf: er dreht sich doch! – schmierte den Widerspenstigen mit Mamsells bestem Salatöl so energisch ein, daß er triefte – schob ihn abermals ins Schloß und … er drehte sich.

Nicht ohne Anstrengung, aber mit leuchtenden Augen und fieberndem Interesse stemmte sich die Kleine gegen den wuchtigen Deckel und hob ihn. Das verrostete Eisen der Angeln knirschte und gab schrillen Ton, dann fiel das massive Eichenholz schwer gegen die Wand zurück, der geheimnisvolle Schrein stand offen.

Rothtraut jauchzte leise auf. Ein köstlich interessanter Moderduft, von einem Hauch Moschus und Lavendel gleich einer entweichenden Seele durchzogen, strömte ihr entgegen.

Obenauf lag ein weißes Linnentuch, von braunen Stockflecken durchschossen, das zog sie ungeduldig ab, und dann erschien – als hätte sie es geahnt – wirklich die alte Herrlichkeit, welche sie gesucht! Seitlich eine große, blaue Papierschachtel, mit einem Strohband verknotet, als sie es anrührt, fällt es von selber ab, so brüchig ist es geworden. Schnell geöffnet.

O du ewiges miraculum! Eine Muffe, oder ist's ein Schlittenfußsack? – Nein, eine Muffe von unglaublicher Dimension – die ganze Rothtraut könnte mit Sack und Pack in ihm verschwinden, eine richtige, gravitätische Urgroßmuttermuffe, so ein Ding, welches im Dictionnaire amoureux »ein atlasgefütterter Briefkasten für Liebende« genannt wird!

Wer weiß, was für rosa Billets eine teure Urahne darin verborgen hielt –! Nach dem Taxatum der Kleinen hätte sich hier mit Fug und Recht die ironische Warnung für den Liebhaber anbringen lassen: Fallen Sie nicht in den Briefkasten!! Brr – wie er haart! Zurück mit ihm zu der ehrwürdigen Zopfperrücke, welche neben einem gestickten Strickbeutel in den Tiefen der Schachtel lauert …

Hier ein kleiner, grüner Kasten, hübsch gemalt mit blauroten Rosen und steifen Vergißmeinnicht, in deren Halbkranz ein M. T. mit Krone gemalt ist. – Ach herrje! Ein Myrtenkränzchen, mit trocknen, weißen Rosen und regelrechter veilchenblauer Seide umwunden. Verblaßte, rosenfarbige Strumpfbänder, auf welche mit Seide »Marianne« gestickt ist, und ein riesengroßes Spitzentaschentuch mit dem gleichen Monogramm wie auf dem Kasten. Hier ein zusammengefaltetes Papier – eine schwarze Silhouette … Männerkopf – hübsch, gradlinig, – mit einer Perrücke … vielleicht dieselbe, welche hier bei der Muffe logiert!

Rothtraut wird es ganz feierlich zu Mut. Rührung und Wehmut. – Sie legt die Sachen mit spitzen Fingerchen wieder zurecht und stellt den Kasten beiseite. Und nun! – Blaue Seide knistert ihr entgegen, auch voll Stockflecke und brüchig – aber fest und schwer wie ein Brett. – Ein Kleid! – Ein uraltes Kleid mit kurzer Taille! – Köstlich, wie für einen Maskenball!! Und hier ein ähnliches Mullkleid mit grüngestickter Blätterguirlande und einer spitzen Schleppe … und ein grün und rosa gewirkter Seidenshawl – so fein und duftig wie Crêpe – und vergilbte Spitzentüchlein – und Bänder – hier ein Packet mit Kreuzbänderschuhen… und da noch eine Schachtel… Hüte und Hauben!! Daß Gott in deine Hände!! Was für spaßhafte Ungetüme! Wäsche, Miederleibchen, Unterröcke – alles vorhanden! Rothtraut tanzt vor Freude um die Raritäten herum! Was wird man für Augen machen, wenn sie diesen Fund präsentiert!

Und wie sie das denkt, kommt ihr ein köstlicher Gedanke!

Niemand ahnt etwas von ihrem Forschungsunternehmen.

Sie wird sich den Witz machen, sich als Urgroßmutter anzukleiden und die Leute zu überraschen! Großartige Idee!

Fiebernd vor Übermut und Vergnügen wählt sie schnell die schönsten Dinge aus, packt das andere hurtig in die Truhe zurück, klappt sie zu und flüchtet mit ihrem Raub in das Schlafzimmer. Dort wird Toilette gemacht.

Himmel, welch ein Spaß! Wie sie aussieht!

Na, mager ist sie nicht in Lichtenhagen geworden, Grübchen auf Hals und Armen – hier in dem ausgeschnittenen Kleid sieht man's erst, was sie für ein Dickchen geworden! Und nun die Gürtelschleife gebunden und den Shawl um die Schulter – und dann – alle Wetter, der Hut! Rothtraut lacht schallend auf, als sie sich in dem Spiegel sieht. Welch ein Gebäude auf ihrem Kopf, Federn, Blumen, Spitzen, – wie ein Wagenrad steht es um ihr rosiges, kleines Gesicht, unter dessen Kinn die maigrünen Bindebänder zur Schleife geschlungen werden.

Filethandschuhe –! schade, sie sind auch ein bischen reichlich groß, ebenso wie die Schuhe, welche ihr von den Füßen fallen würden, wenn sie nicht von den Bändern gehalten würden.

So, – nun wäre sie soweit.

Prachtvoll! Entzückend! Leibhaftig die Ahnfrau Marianne!

Wie wird Emma loskreischen – und Mamsell – und Schaal –: »Et spukt! et spukt!« werden sie zetern und an eine schreckliche Geistererscheinung glauben.

In der Halle wird sie sich aufstellen und ihnen auflauern.

Charitas ging leider vor ein paar Minuten über den Hof nach dem Backhaus, – wenn sie doch bald wiederkäme!

Rothtraut huscht wie ein entzückendes, lebendiggewordenes Bild aus alter Zeit in die Halle zurück und schaut sich um, wo sie sich am vorteilhaftesten postieren könne.

Da – dicht neben der Thür … aber horch – Schritte draußen auf dem Hof, auf den Treppenstufen … Das ist Charitas!

Und mit blitzenden Augen springt die Kleine auf den Schemel vor der Thür und denkt: »Brillant! Nun mach nur die Thür auf, mein Liebchen, dann fliege ich dir um den Hals!«

Und der Drücker klappt herunter, die Thür wird kraftvoll geöffnet, – gleichzeitig mit recht hohler, geisterhafter Stimme ein: »Sei mir gegrüßt!« – Rothtraut biegt sich vor und faßt stürmisch zu – – und dann ein leiser, zitternder Schrei und ein höchst verblüfftes: »Alle neun Donner!!« aus rauher Männerkehle. Auf der Schwelle steht Klaus Sterley und hält das reizendste Phantasiegebilde im Arm, welches er je geschaut, von welchem er in seiner ersten, ungeheueren Überraschung faktisch nicht weiß, ist es Spuk oder Wirklichkeit?

Aber er hält den wonnigen, kleinen Geist fest, drückt ihn nur stürmischer an die Brust, je entsetzter die großen Blauaugen ihn anstarren, und hat das Gefühl, als ob heiße, lohende Feuer ihn umsprühten, als ob alle Sonnenglut in sein Herz herabgeflossen sei, es in himmelhoch aufjauchzendem Entzücken zu entflammen.

Und der erste Schreck verfliegt, Rothtraut blickt in sein Antlitz, blutrot steigt es in ihre Wangen, sie weiß nicht, was sie sagt, was sie thut, sie weiß nur, daß er da ist.

»Klaus!« jubelt sie, »Klaus!« und die Arme, welche sie um seinen Hals geschlungen, schließen fester, krampfhafter: »Klaus!«

Ihre eigene Stimme weckt sie aus der Betäubung, sie schrickt zusammen, reißt sich entsetzt los, schlägt wie in verzweifelter Scham die Hände vor das Antlitz und stürmt davon.

War das ein Spuk? – Nein, das war Leben; heißes, junges, herzaufquellendes Leben!

Wie ein Wonneschauer rieselt es ihm durch alle Glieder.

So flüchtig er sie auch nur geschaut, er hat mit dem Auge des Malers, des Künstlers genug gesehen, so wenig er auch von ihr vernommen, er hörte genug aus dem einen Jubelschrei, welcher sein Herz bis in die tiefsten Tiefen erzittern ließ.

Rothtraut! – Sie war es, sie muß es gewesen sein!

Das liebe, holdselige Kind, von welchem Josef schrieb, daß sie sein Bild so freundlich mit Blumen geschmückt habe, daß sie die Skizzen aus seiner Studienmappe voll wahrer Begeisterung kopiere.

Rothtraut!

Sie nannte ihn bei Namen, sie kannte ihn nach dem Bilde, und sie freute sich, daß er kam!

Welch ein offener Himmel voll Seligkeit in ihrem Blick!

Wahrlich, so hat noch kein Mädchenauge ihn angestrahlt, so rein, so ehrlich, so voll süßer Kindlichkeit und doch voll heißer Liebe!

Liebe? Liebt sie ihn? Undenkbar, sie kennt ihn ja noch gar nicht, und doch, sie liebt ihn, so wie er plötzlich sein ganzes Herz in ihren Banden fühlt, und doch war auch sie für ihn kaum mehr wie ein Bild …

Klaus strich wie ein Träumender über die Stirn, tritt über die Schwelle und zieht die Thür hinter sich zu. Sein Blick schweift voll sehnender Ungeduld umher, den süßen, kleinen Spukgeist zu suchen, – da knarren die Stufen der Wendeltreppe, eine Dame, rüstig und stattlich, wenn auch mit ergrauten Scheiteln unter der kleinen, schwarzen Spitzenhaube, steigt hernieder.

Wie in überraschter Frage trifft ihr Blick den fremden Herrn.

Klaus tritt ihr lächelnd mit chevaleresker Verneigung entgegen. »Frau Geheimrat von Damasus?« fragt er mit sonnigem Blick, »ich erlaube mir, Ihnen und Ihrer Güte einen Tischgast zu octroyieren – Klaus Sterley.«

Und während Frau von Damasus den überraschenden Gast voll Herzlichkeit begrüßt, während auch Charitas eintritt und ihm voll innigen Dankes, mit ganz wundersam leuchtenden Augen die Hände drückt, während die drei im Salon zusammensitzen und plaudern, liegt Rothtraut in ihrem Stübchen auf den Knien und drückt das glühende Antlitz in die Sesselkissen. Sie lacht und weint, sie weint und lacht. Und während ihr junges Herzchen vor dem größten, heiligsten Rätsel ihres Lebens steht, vor der Liebe, welche nicht gedeutet und erklärt werden kann, welche kommt und da ist, welche als einziger Schlag zwei Herzen durchzuckt, welche nicht nach Grund und Ursache forscht, sondern nur liebt und nichts anderes will als lieben, da klingt es abermals wie jauchzendes Sturmgebraus durch ihre Seele:

»Er kam wie der junge Frühlingswind,
Goldblond seine Locken, sein Fuß geschwind;
Ins Auge die ganze Welt gedrängt.
Ach, der eine Blick hat das Herz mir versengt!
Und ich stand, als ob ewig so schauen ich müßt.
Er hielt mich umschlungen …

Und leise, leise, wie verheißungsvoller Klang von knospenden Myrtenzweigen –

Er hat mich geküßt!« –

War dies wirklich noch das alte Lichtenhagener Gutshaus, welches so lange Jahre unter dem staubigen Schleier der Vergessenheit in tiefem Traum gelegen?

Lachen, Singen, heiteres Geplauder und jugendfrisches Leben, ein rühriges treppauf und treppab!

Klaus Sterley hatte das verzauberte Dornröslein aus dem Schlaf geweckt, und er sorgte dafür, daß es die lachenden Augen nicht wieder schloß. Er war Klein-Rothtraut voll frischer Harmlosigkeit entgegengetreten, als sie mit gesenkten Augen und Schamesröte im Antlitz zu Tisch erschienen war, und er hatte ihr durch sein sicheres und gewandtes Wesen schnell die alte Munterkeit zurückgegeben und jede peinliche Verlegenheit verscheucht.

Ja, es dauerte nicht lange, da neckten sie sich in übermutigster Weise hin und her über den eigenartigen Empfang, welcher ihm geworden, er nannte sie »Urgroßmütterchen« und sie ihn einen »Einbrecher«, und des Scherzes war kein Ende.

Da erfuhren auch Frau von Damasus und Charitas von dem Mummenschanz, welchen die Kleine ausgeführt, und Fräulein Reckwitz bestand voll großer Dringlichkeit darauf, daß Rothtraut sich noch einmal als Frau Marianne zeigen solle.

Sie versprach für den Abend eine zweite Vorstellung, und Klaus neckte: »Aber ganz genau so wie heute morgen! Wenn Sie Angst haben, es klappt nicht, können wir ja üben.«

Sie errötete und gab ihm zur Strafe nur die kleinere Hälfte von dem Apfel, welchen sie soeben geschält.

Und Klaus saß wie von süßem Zauber befangen und konnte gar nicht satt werden, in dieses reizende Kindergesicht zu sehen.

»Den Mann hat's!« sagt man in Süddeutschland von einem, welchem es zwei Schelmenäuglein mit erstem Blicke angethan.

Und diese Bande waren so wonnesam und unlöslich, daß sich ihnen Klaus rückhaltslos hingab. Charitas sah, gottlob! so frisch und belebt aus, ihre Augen leuchteten so seelenvoll aus dem freundlich ernstem Antlitz, daß er gar keine Gelegenheit fand, sich ihr tröstend und sorgend zu widmen, ja es deuchte ihm oft, als thue sie alles, ihm die entzückende Eigenart der jungen Freundin in das beste Licht zu stellen und all sein Interesse auf sie zu lenken.

Sie wußte die widerstrebende Rothtraut zu bestimmen, ihre Kopien zu holen, und Sterley war begeistert, ein solch inniges Verständnis für seine Kunst bei ihr zu finden. Es wurden gemeinsame Malstunden verabredet, ein Spaziergang in den Park unternommen, wo es sich stets von selbst machte, daß Klaus an Rothtrauts Seite verblieb.

Ihr schelmisches Geplauder mutete ihn an wie Lenzeswehen, und die verräterischen Blicke, welche hier und da unter den langen Wimpern aufleuchteten, berauschten ihn geradezu.

Was hatten diese wenigen Stunden aus ihm gemacht! Welch ein Wechsel und Wandel hatte sich mit ihm vollzogen!

Und als der Kamin wieder sein rotes zuckendes Flackerlicht in die Halle warf, da schwebte mit süßem Schelmenlächeln ein kleiner Spukgeist über die Schwelle: Rothtraut, die Ahnfrau, voll Grazie und Übermut ihre Spukrolle spielend, hinreißend lieblich anzusehen, daß alles Blut siedend heiß in Sterleys Schläfen schoß und er mit bebenden Lippen hervorstieß: »So muß ich Sie malen, Fräulein Rothtraut, ich muß!« Und als sie sich neckend, voll geisterhafter Schelmenhaftigkeit verbeugt, daß der Schein des Kienbrandes über das sammetweiche Gesichtchen mit den großen, großen Spukaugen weht, und mit furchtbar grauliger Stimme sagt: »Nein! In Essig und Öl marinieren lasse ich mich nicht!« – da bedarf er der größten Selbstbeherrschung, um nicht aufzuspringen und das herzige Ding ebenso ungestüm und fest in die Arme zu schließen wie heute morgen!

Mit brennender Stirn schreitet er schließlich durch die rauhe Nachtluft heim und hat nur noch einen beseligenden, berückenden Gedanken: »Rothtraut!«

Die Sterne flimmern am klaren Himmel, sie rücken vor seinen Blicken zusammen zu leuchtenden Schriftzeichen. »Rothtraut!« flammt es über ihm als Inbegriff alles dessen, was für ihn Himmel und Erde noch erfüllt!

Schritte klingen auf der stillen Landstraße. Josef kommt dem Bruder entgegen, und Klaus jubelt ihm zu, wirft den Hut in die Luft und fängt ihn wieder auf, breitet die Arme aus und singt mit schallender Stimme, ganz wieder wie ehemals, als übersprudelnd glückseliger Student, dem die ganze Welt offen stand. Und während er den Arm um den Stiefbruder schlingt und voll aufgeregter Heiterkeit plaudert, wird Josef stiller und immer einsilbiger, sein Haupt sinkt tief zur Brust, selbst bei dem fahlen Mondlicht muß es dem Beobachter auffallen, wie bleich sein Antlitz, wie einsilbig seine Antworten sind.

Aber Klaus beobachtet nicht, er ist viel zu sehr Brausekopf, um noch für etwas anderes auf der Erde Interesse zu haben, wenn sein Herz so überschäumend voll Glück und Jubel ist wie in dieser Stunde!

Aber seltsam, er spricht immer von der kleinen Damasus, er kann des Lobes und Entzückens gar nicht satt werden, er schwärmt von ihr wie ein Primaner, und Charitas, seine Braut, wird mit Stillschweigen übergangen, kaum, daß er seiner Freude Ausdruck gibt, wie frisch und sichtlich erholt aussehend er sie gefunden.

Was soll das bedeuten?

Klaus ist ein junger, lebensfroher Mann, aber er ist kein Flattergeist, welcher sich heute mit einer Dame verloben und sich morgen für eine andere derart begeistern würde.

Dazu ist er viel zu ehrenhaft, viel zu pflichtgetreu und brav. Auch wäre es eine absolute Unmöglichkeit, wegen eines Knöspchens wie Rothtraut die Rose Charitas vergessen zu können.

Ein wehes Lächeln irrt um Josefs Lippen.

Thor, der er ist, nachzugrübeln darüber.

Josef hat von dem landläufigen Geschwätz gehört, welches Rothtraut von Damasus die künftige Herrin von Lichtenhagen nennt. Dieses Gerede liegt ja so nahe.

Kein Mensch ahnt noch von den hochherzigen Plänen, welche er hegt. Man sieht nur, was vor Augen ist: die fremde Dame mit ihrer reizenden Tochter, welchen er selbst eine Stellung in dem Gutshaus eingeräumt hat, welche derjenigen einer Gebieterin sehr ähnlich sieht.

Frau Fama aber griff gierig das feine, kleine Fädlein der Möglichkeit auf und webte behende einen bräutlichen Schleier daraus. Und Klaus, dessen Seele des eigenen bräutlichen Glückes so voll, will in seiner Liebe und Dankbarkeit für den Bruder auch dessen Herzen wohlthun, indem er seine Erwählte in beinahe überschwenglicher Weise als Lieblichste und Anmutigste preist.

Es ist gut gemeint von ihm. Josef erkennt die Absicht und will den Eifrigen nicht durch allzu deutlich gezeigte Gleichgültigkeit kränken.

Er versucht, das Gespräch immer wieder so geschickt wie möglich auf Charitas zu lenken.

»Hast du schon mit Fräulein Reckwitz über die Pläne gesprochen, welche sie verfolgt?«

Klaus schwippt mit einer kleinen Gerte, welche er im Vorüberschreiten aus dem Gebüsch gebrochen, fröhlich durch die Luft.

»Nein, Bruderherz, dazu war bei Gott noch keine Zeit! Ich weiß selber nicht, was eigentlich alles los war, aber wir hatten ununterbrochen etwas vor, sodaß zu einer ernsthaften Beratung niemand gekommen wäre. Wozu denn auch die Sache so überhasten. Es hätte ja ausgesehen, als wollten wir sie drängen, und eine Weile Frieden, Ruhe und Erholung würden dem unglücklichen Mädchen so wohl thun. Übrigens, was ich fragen wollte, mein Josef, wie alt ist Rothtraut eigentlich?«

»Entweder ist sie schon siebzehn, oder wird es demnächst. Auf alle Fälle ist sie noch ungeheuer jung. Aber was mich ungemein beunruhigt, Klaus, ist der Gedanke an den Vormund. Hast du denn gar nichts von den beiden schrecklichen alten Leuten gehört?«

»Rothtraut hat einen Vormund? Ach so, ganz recht, der Vater ist ja tot!«

»Unsinn, wer spricht von der Kleinen! Ich meine die Pflegeeltern Schaddinghaus und begreife es gar nicht, daß nicht schon alle Zeitungen von Steckbriefen wimmeln.«

»Ach so!« Klaus lachte. »Ja, das kann ich dir erklären. Ich ließ die beiden Alten natürlich von Weimar aus beobachten, na, und da kam als erste Nachricht, daß Frau Selma heftig erkrankt sei. Der grelle Klimawechsel hatte wohl Rache für Charitas geübt. Sowie das Fieber weg ist, soll sie sofort nach Montreux zurück.«

Die beiden jungen Männer waren in Krembs angelangt. Josef wandte sich zu der Hausthür, Klaus aber faßte seinen Arm. »Du mußt viel und, angestrengt arbeiten, Josef, und bist es gewöhnt, sehr früh zur Ruhe zu gehen. Ich bitte dich von Herzen, laß dich durch meine Anwesenheit in keiner deiner Gewohnheiten stören. Ich Großstadtmensch schlafe spät ein und atme mit wahrem Heißhunger die köstliche Landluft. Ich gehe noch eine Stunde spazieren, wenn es dir recht ist. Leg dich ungeniert zu Bett, ich denke, wir haben morgen desto mehr Zeit, uns angehören zu können!«

Sie trennten sich; beiden war es lieb, mit ihren Gedanken allein zu sein. Und die waren verschiedenartiger als je, hier »himmelhoch jauchzend« und dort »zu Tode betrübt.«

– – – – – – – –

Josef war in frühester Morgenstunde auf seinem Platz bei den Bergwerksarbeiten und, es war wohl schon neun Uhr durch, als Klaus bei ihm erschien und »Guten Morgen« sagte.

Er sah nicht mehr so strahlend glücklich aus wie gestern, ein Zug von Nachdenklichkeit und Niedergeschlagenheit lag auf dem frischen Gesicht, dessen sonst so leuchtenden Augen man es ansah, daß sie wohl einen großen Teil der Nacht durchwacht hatten.

Josef war gerade in lebhaftem Gespräch mit dem Obersteiger und Ingenieur begriffen, Klaus drückte ihm die Hand. »Ich gehe nach Lichtenhagen hinaus, du kommst doch heute zu Tisch, Bruder? Ich bitte dich inständig darum!«

»Ich hoffe, es möglich machen zu können; aber bestimmt ist jetzt nicht auf mich zu rechnen. Wenn ich um ein Uhr nicht bei euch bin, wartet nicht länger!«

Klaus stürmte nach Lichtenhagen. Er traf Rothtraut auf dem Hof zwischen ihren kleinen Trabanten, den Inspektorkindern. Dem schönen Wetter zu Ehren war die Schaukel angehängt worden, zwischen die beiden Kirschbäume, welche vor dem Syringengebüsch standen. Und Fräulein von Damasus hatte sich auf das Brett geschwungen und flog graziös, wie ein leichtes Vögelchen durch die Luft.

Die Arme erhoben, das lachende Gesichtchen erhitzt, die kleinen Füße von weichen Kleiderfalten umflattert, schwebte sie vor dem knospenden Gezweig, und Klaus sah diese Knospen zu tausendfachem Blühen erschlossen, seine Künstlerphantasie zeigte ihm das wonnige Elfchen zwischen duftigen Blumendolden und der schneeigen Frühlingspracht wiegender Kirschzweige – welch ein Bild!

Er stand neben ihr und blieb gebannt, er vergaß, daß es auch noch andere Damen im Hause zu begrüßen gab, ihre sonnige Heiterkeit verscheuchte alle Wolken von seiner Stirn und steckte ihn an zu Scherz und Maienlust!

Charitas schob lächelnd den Vorhang zur Seite. »Gott sei gelobt!« sagte sie aufatmend, mit einem Blick zum Himmel, in dessen Dankesausdruck sich unbewußt ein heißes Flehen mischte, und sie umfaßte das freundliche Bild draußen an der Schaukel mit innigem Blick, trat leise vom Fenster zurück und waltete ihres Amtes.

Josef war nicht zu Tisch gekommen.

Er saß einsam daheim in seinem bescheidenen Stübchen und starrte mit umflortem Blick in die freie, weite Landschaft hinaus, über welcher die ersten Dunstschleier grauer Dämmerung wehten.

Plötzlich ward hinter ihm die Thür aufgestoßen, Klaus stand auf der Schwelle, warf den Hut auf den Stuhl und trat mit schnellen Schritten neben den Bruder.

»Hast du Zeit für mich, Josef?« stieß er kurz und gepreßt hervor.

Erschrocken faßte der Gefragte seine Hand und starrte in das erregte, so seltsam verstörte und ernste Antlitz des jungen Mannes.

»Allmächtiger Gott, Klaus, was ist passiert?«

Laut aufstöhnend warf sich Sterley auf einen Stuhl und biß die Zähne zusammen.

»Ich bin ein Lump, ein elender, pflichtvergessener Lump!« keuchte er.

»Bruder! Mensch!«

Da griff Klaus voll nervöser Hast nach beiden Händen Torisdorffs. Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen. »Wenn ich's nicht bin, nun, dann bin ich die unglückseligste Kreatur auf Gottes weiter Welt!«

Josef ward leichenblaß. »Sprich, was – was ist geschehen?« murmelte er.

Außer sich vor Erregung sprang Sterley empor und wühlte beide Hände in sein lockiges Haar.

»Ich kann sie nicht heiraten! Ich kann es nicht! Lieber sterben!«

Torisdorff umkrampfte seinen Arm. »Sprichst du von Charitas?« rief er rauh. Sein Auge flammte auf, eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen. »Willst du sie unglücklich machen? Willst du sie verlassen? Klaus, ich habe dich ehrlich geliebt und geachtet, aber von diesem Augenblick an würde ich dich hassen, würde ich dich verachten als Buben!«

Sterley starrte den Sprecher mit weit offenen Augen an, seine Lippen bebten. »Du hast kein Recht, mir solch harte Worte zu sagen«, murmelte er. »Du darfst mich nicht verurteilen, ehe du nicht alles weißt, alles gehört hast – «

Was bedarf es noch der Mitteilungen?« brauste Josef leidenschaftlich auf. »Du hast dich verlobt, du hast ein Mädchen bethört, du hast dir ihre Liebe erzwungen!«

Klaus stand regungslos. Er schüttelte nur finster den Kopf, eine seltsame Ruhe war plötzlich über ihn gekommen.

»Nein, sie liebt mich nicht!«

»Sie liebt dich nicht und verlobt sich mit dir?«

»Sie verlobte sich nicht mit mir, sie wies mich sogar mit sehr entschiedenen Worten ab.«

»Klaus, phantasierst du?«

»Nein, ich schulde dir nur die genaue Wiedergabe all jener Dinge, welche sich in Catania ereigneten. Ganz so verworfen, wie du glaubst, bin ich nicht, ich könnte mich vor dir und aller Welt mit unantastbaren Worten rein waschen, aber vor meinem Gewissen, da stehe ich dennoch trotz aller Beweise und Gegenbeweise ungerechtfertigt! Laß dir alles erzählen, Josef! Wenn mich ein Mensch voll und ganz versteht, so bist du es, und wenn ich einen klugen und gerechten Willen über mir erkenne, so ist es der deine! Höre mich an und urteile, und was du mich zu thun heißt, das werde ich thun!«

Er legte die Hände mit bittendem Blick auf die Schultern Torisdorffs, drückte ihn sanft auf seinen Platz zurück und schritt selber mit schnellen, unruhigen Schritten vor ihm in dem Zimmer auf und ab, während Josef das Haupt in die Hand stützte und die Wimpern über die Augen senkte, wie ein Mensch, vor welchem sich plötzlich das Weltall schwindelnd im Kreise dreht.

XXVII.

Klaus erzählte mit fliegenden Worten die Geschehnisse auf Catania – wie er suchend durch Italien geirrt sei, die einsam trauernde Palme zu finden, wie er schließlich auch nach Sizilien kam und jählings in das Antlitz seiner Dolorosa sah.

Er schilderte Charitas, wie sie, von dem Briefkasten zurückkehrend, an ihm vorbeigeeilt sei; weinend, vergehend in Schmerz und Gram, wie er noch nie ein Antlitz geschaut.

»Welch ein Tag war es?« fragte Josef mit wildschlagendem Herzen, und sein Stiefbruder wußte sich genau des Datums zu erinnern. Es war jener unglückliche Tag, an welchem Charitas ihm geantwortet hatte, und jener Brief war an ihn gerichtet.

Klaus aber fuhr arglos fort voll ehrlicher Selbstanklage zu erzählen, wie seine Passion ihn fortgerissen habe, heimlich das schöne Mädchenantlitz zu malen, wie er sich Charitas näherte, wie alles kam. Auch von seinen Herzenskämpfen erzählte er voll rückhaltloser Offenheit, wie er sein tiefes Mitgefühl anfänglich für Liebe gehalten, sich bald aber klar geworden sei, daß er niemals das für Charitas empfinden könne, was ihm der Inbegriff alles bräutlichen Glückes dünke! Und dann sprach er immer aufgeregter, erzählte von der entsetzlichen Scene im Garten, welche er einzig und allein durch sein heimliches Porträtieren verschuldet, wie ihm Zorn, Schuldbewußtsein und leidenschaftliche Erregung jene unglückselige Werbung vor den Stiefeltern abgerungen habe. Was er in der Übereilung gesprochen, sei für ihn zur Verpflichtung geworden! Er schilderte darauf seine Unterredung mit Charitas, während welcher er seinen Antrag wiederholte und sehr fest und entschieden von ihr zurückgewiesen worden sei; dennoch habe er sich dadurch nicht entlastet gefühlt, denn um seinetwillen habe sie das Haus der Pflegeeltern, welches für sie zur Hölle geworden, verlassen müssen. Und dieser Vorwurf quäle ihn auch jetzt noch. Gott im Himmel sei sein Zeuge, daß er die ehrliche Absicht gehabt habe, Charitas zu heiraten, daß er es sich nicht allzu schwer vorgestellt habe, solch ein schönes, engelhaft gutes Wesen mit der Zeit dennoch lieb zu gewinnen, wenngleich alles in ihrem Wesen ihn fremd berühre und seiner ureigentlichen Natur zuwider sei! Da sei er hierher gekommen, er sei als Freier Charitas' über die Schwelle getreten, und plötzlich hätten zwei weiche, warme Mädchenarme seinen Nacken umschlungen, und ein Gesichtchen habe an seiner Brust geruht!

Klaus schlug beide Hände vor das Antlitz; wie ein Schluchzen und Jauchzen zugleich ging es durch seine Stimme. Josef aber hob atemlos lauschend das Haupt; seine Hände, welche sich während der Schilderung der Gartenscene zitternd gekrampft hatten, lösten sich und lagen wie zum Gebet gefaltet ineinander.

»Rothtraut?«

Klaus nickte. »Rothtraut! Dieser eine, kurze Augenblick hatte mein Schicksal besiegelt. Sie rief mich beim Namen, ihre übergroße Bestürzung und ihr Schreck wurden zu Verrätern ihres Herzens. Sie liebt mich! Gestern ahnte ich es, heute weiß ich es. Und ich weiß auch, daß ich sie liebe, namenlos, himmelstürmend, vergehend, in jauchzender Wonne, so wie ich mir die Liebe gedacht, welche mich zu eines Weibes Sklaven macht! Gestern gab ich mich rückhaltlos dem holden Zauber hin, heute nacht kamen schon die Skrupel, Rothtrauts sonniges Lächeln scheuchte sie wieder – bis – ja, bis es mich plötzlich wie Verzweiflung packte! Kann ich mit dieser Liebe im Herzen um Charitas werben? Kann ich, darf ich sie und mich betrügen, unser ganzes Lebensglück opfern, nur damit ein heimatloses Mädchen vor Not und Entbehrung geschützt ist? Welch eine Schuld ist da größer, die, drei Menschen durch eine große Lüge unglücklich zu machen, oder die, seiner Verpflichtung nicht in dem Sinne nachzukommen, wie es einem Ehrenmann recht dünkt? – Ich weiß es nicht, Josef, ich finde mich nicht mehr zurecht in diesem Wirrnis; denke du für mich, frag du dein gesundes Herz und deinen rechtlichen Sinn, was ich thun muß, und wahrlich, ich will mich deinem Richterspruch fügen!«

Der Sprecher war auf einen Stuhl vor dem Tisch niedergesunken und drückte das Antlitz auf die gekreuzten Arme. Josef aber stand auf, umschlang ihn und hielt ihn mit starken Armen an seinem Herzen.

»Ich danke dir für deine Offenheit, Bruder!« sagte er mit einer Stimme, welche wunderlich fremd klang. »Gott segne dich dafür! Alles wird gut werden, das verspreche ich dir; fürerst aber laß mich rechte Wege finden und mit meinen Gedanken allein sein!«

Er umfaßte seine Hände mit festem Druck, dann schritt er elastischen Schrittes an ihm vorüber zur Thür.

Frühlingsluft quoll ihm lind und kosend entgegen, die Zeit der Stürme war vorüber. Querfeldein durch die Wiesen schritt er, den nächsten Weg nach Lichtenhagen.

Über ihm glänzten am blauen Himmel die ersten fernen Sternlein, noch matt im Wiederschein der gesunkenen Sonne verschwimmend, und in seinem Herzen hallte es von heiligen Psaltern ewiger Lenzeslust, von all jenen Auferstehungsklängen der Liebe und des Glückes, welche unter Eis und Schnee begraben lagen und welchen die Winterstürme weichen mußten.

Durch den Park schreitet er dem Gutshaus entgegen, und wie er an das kleine Eichenwäldchen kommt, bleibt er plötzlich stehen und preßt aufzuckend die Hand gegen das Herz.

Welch ein Klang!

Wie ein Traum umfängt es seine Sinne. Er sitzt wieder einsam und sehnsuchtskrank im Abendsonnengold auf den Felsen der Printanière-Alp, und plötzlich zieht es weich und weh durch die Waldeinsamkeit.

»Verlassen bin i!«

Damals starrte er müde und traurig ins Leere bei diesem Klang, heute aber leuchten seine Augen in unbeschreiblichem Entzücken, er breitet die Arme aus nach der verborgenen Sängerin und flüstert ihren Namen. –

»Verlassen bin i
wie der Stoan auf der Straßen …«

»Nein, Charitas, du bist es nicht mehr!«

Mit hastigen Schritten eilt er den Klängen nach, ein wenig bergan, wo die ehrwürdigen, alten Eichenstämme ihre laublosen Zweige gegen den klaren Himmel abzeichnen.

Schon von weitem sieht er die schlanke Gestalt langsam an dem Saum des Wäldchens hinschreiten, hier und da stehen bleibend, den Blick über die weite einsame Ebene schweifen lassend. Sie ist allein und glaubt sich allein in stiller Dämmerstunde.

Ihre Hand trägt den dunklen Kleidersaum, das Haupt ist unbedeckt, sie ist wohl unbemerkt aus dem Gutshaus entwichen, den wehmütigen Zauber dieser Abendzeit allein zu genießen.

Trauert sie um Klaus Sterley, dessen aufflammende Liebe für Rothtraut sie bemerken mußte?

Nein, nein, tausendmal nein!

Die Nebelschleier sind vor Josefs Augen zerrissen, er sieht es nun klar und sonnenhell, wie alles so gekommen, warum ihr frommes Gemüt jene schuldlose Lüge ersonnen, welche den Priester an den Altar fesseln sollte.

Welch eine Verkettung der Geschicke! Welch ein wundersames Verlieren und Wiederfinden!

Das sind Gottes Wege. Wer auf ihnen wandelt, findet sein Ziel, und wenn sich Welten trennend dazwischendrängen!

Josef bleibt hochaufatmend stehen, um mit leuchtenden Blicken das Bild der Geliebten zu umschließen.

Keine bange, fragende Erwartung quält sein Herz, es schlägt so ruhig in großem, unendlichem Glück, wie bei einem Schiffer, welcher sich durch Sturm und Wetter gekämpft hat und nun auf spiegelnd glatter Flut seinen Kahn in den Hafen führt.

Die Geliebte ist ihm nah, er weiß, wem der sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne gilt, – sie gehört ihm!

Und er schreitet weiter.

Das weiche Moos dämpft seinen Schritt, es ist lautlos still geworden, auch der Gesang ist verstummt.

Sie kann sein Nahen noch nicht hören, aber sie hat es geahnt, gefühlt, sie wendet jählings das Haupt, bleibt regungslos stehen und sieht ihn an.

Kein Erschrecken und verlegenes Erglühen, ein seliges Lächeln nur, ein tiefes, tiefes Aufatmen, und ein Blick, welcher ihm wie verklärt entgegenstrahlt – du mußtest ja kommen!

Mit wenigen Schritten steht er vor ihr und streckt ihr stumm, voll überwallender Empfindung die Hände entgegen. Nur seine Augen sprechen jene gewaltige, weltenbezwingende Sprache der Liebe, welche nur der Liebe verständlich ist.

Sie legt die bebenden Hände in die seinen, sie schaut zu ihm auf.

»Charitas!«

Die bleiche Mondsichel schwebt über ihnen zwischen den feinen, schleierartigen Wölkchen, welche von der Stirn der Nacht wehen, herber, harzduftiger Geruch steigt aus der moosigen Walderde empor, der süße, geheimnisvolle Odem des Lenzes, welcher seinem Blütenbanner voran zieht.

Ein Vöglein flattert an ihnen vorüber zum Nest, und Charitas legt das Köpfchen an Josefs Brust – nun hat auch sie eine Heimat gefunden.

Er aber küßt voll stürmischer Innigkeit ihre Lippen, Worte klingen an ihr Ohr, selige, berauschende Worte des Glücks – und die Luft ist still … kein Zweiglein regt sich im Winde …

Winterstürme wichen dem Wonnemond.

– – – – – – – –

Ein Bote stand in Krembs vor der Stubenthür und meldete Herrn Sterley, daß der Herr Baron ihn alsogleich in Lichtenhagen erwarte, der Wagen stehe drunten vor der Thür.

Klaus schrak mit verträumten Augen empor. Was bedeutete das?

Wäre es möglich, daß Josef in dieser Eile eine Unterredung mit Charitas gehabt hätte, welche die fatale Situation klärt?

Je nun, sein Stiefbruder ist ein Mann, welcher stets schnurgeraden Wegs auf das Ziel lossteuert, und etwas Schlechtes hat er ihm wohl kaum zu sagen, sonst ließe er ihn nicht nach Lichtenhagen herauskommen.

Voll fliegender Eile glättete er das zerwühlte Haar, raffte Hut und Handschuhe vom Tisch und stürmte hinaus. Die Jucker griffen aus und der leichte Wagen sauste die menschenleere Chaussee hinab. –

In dem Salon der Geheimrätin und in der Flurhalle brannten bereits die Lampen, aber es war still im Haus, nur aus den Souterrainfenstern hallten lebhafte Stimmen, und er glaubte sogar deutlich Rothtrauts helles Lachen zu hören.

Er stieg die Treppe empor und trat in die Halle, gleicherzeit öffnete sich die Salonthür, und … mit einem leisen Laut höchster Betroffenheit und Bestürzung wich Klaus zurück, als habe er ein paar Gespenster geschaut. Er stand wie versteinert und starrte das Unfaßliche an. –

Josef und Charitas – Arm in Arm.

Lachend traten sie ihm entgegen und in Torisdorffs Auge blitzte ein Schalk, welchen Klaus nie zuvor darin gekannt.

»Ah, da bist du ja, lieber Bruder!« rief er ihm schon an der Thür zu. »Wir haben sehnsüchtig auf dich gewartet: denn meine herzliebe Braut möchte dir gern persönlich sagen, daß du ein grenzenlos eitler Mensch bist, welcher sich einbildet, das Lebensglück eines Mädchens sei einzig und allein mit deiner, sonst ungeheuer begehrenswerten Hand verknüpft! Klaus, alter Junge, habe ich nun meine Sache gut gemacht?« Und im Übermaß seines Glückes schlang der Sprecher die Arme um den jungen Mann und zog ihn stürmisch an seine Brust.

Klaus konnte sich noch immer nicht von seiner Überraschung erholen, wie betäubt schüttelte er den Kopf: »Charitas deine Braut? So schnell? Ihr kennt euch ja gar nicht! Ist das etwa nur ein Scherz? Nein, bei Gott, ihr seid beide nicht die Menschen darnach, um solchen Scherz zu treiben!« Und plötzlich überkam ihn eine beinahe fieberhafte Aufregung, der Bann der Fassungslosigkeit war gebrochen; er faßte nach Charitas' Hand, dann ergriff er Josefs Rechte und sein Blick flog strahlend zwischen beide hin und her. »Allmächtiger Gott, es ist wahr! Es ist wahrhaftig wahr!« jauchzte er auf. »So wie ihr beide sieht nur ein Brautpaar aus!« Und damit zog er sie beide an die Brust. »Wie sich solch ein Wunder ereignet hat, das ahne und begreife ich allerdings nicht, ist mir in diesem Augenblick auch ganz einerlei, ich habe ja die herrliche, unbeschreiblich liebe Thatsache vor Augen! Josef! Herzbruder! Daß du nun auch das Glück gefunden hast! Charitas, daß Sie den besten, herrlichsten von allen nun für stets und immerdar der Welt zurückgegeben haben – ach, Kinder, ich weiß bei Gott nicht, was ich in meiner Aufregung alles rede, ich will euch ja nur sagen, wie ich mich freue, freue, freue!«

Ja, das sah und hörte man! Wie ein Rausch des Entzückens hatte es ihn erfaßt, und als das junge Mädchen ihm neckend drohte: Diese Freude sei recht wenig galant von ihm, sie habe bestimmt erwartet, daß er an gebrochenem Herzen sterben würde! da lachten sie alle drei voll glückseligen Übermuts, und Klaus erwiderte ebenso scherzend, sein Herz sei bereits in Catania durch ihren Korb in Atome zertrümmert und funktioniere seit der Zeit so gut wie gar nicht mehr; da er aber den gerechtfertigten Wunsch habe, auf ihrer Hochzeit sein Herz recht lebhaft schlagen zu fühlen, so werde er sein möglichstes thun, um sich ein anderes zum Ersatz zu suchen!

– – – – – – – –

Ja, es war Frühling geworden!

Die Bäume standen in schimmernder Blütenpracht, die Nachtigallen schlugen im duftenden Flieder und die Schwalben bauten ihr Nest.

Klaus Sterley hatte sich zu längerem Aufenthalt in Lichtenhagen angesagt, sich droben in dem großen Saal sein Atelier eingerichtet und voll jubelnden Eifers sein Bild von Charitas vollendet.

Er selber wollte erst sehen und prüfen, inwieweit er berechtigt sei, um die Geliebte zu werben.

Obwohl Josef ihm versicherte, daß er in nicht allzulanger Zeit Frau von Damasus, als der ersten Gläubigerin des verewigten Stiefvaters, das verlorene Kapital zurückerstatten könne, wollte der junge Mann doch voll edlen Stolzes erst auf eigenen Füßen stehen und eine Garantie für seine Zukunft bieten, ehe er das entscheidende Wort sprach.

Welch eine selige Wartezeit war das!

Beide waren noch jung, beide hatten sich so überraschend schnell gefunden, daß ein näheres Kennenlernen wohl ganz am Platze war. Rothtraut half eifrig bei Charitas' Ausstattung, und wenn auch die reizend natürliche Frische und kindliche Anmut ihres Wesens dieselbe blieb, so war dennoch eine holde Veränderung in demselben wahrzunehmen. Ein sinniger, minniger, lächelnder Ernst, ein wunderliebes Träumen und Denken kam über sie; die Rosenknospe streifte allmählich die grünen Blättlein ab und erschloß sich in blendendem Sonnenglanz zu vollem, düfteschwerem Kelch, dessen Tautropfen heimliche Thränen unendlichen Glückes sind.

Josef hatte sich durch den getreuen Freund Hagborn mit den Pflegeeltern der Braut in Verbindung gesetzt, und der Rechtsanwalt, welcher Herrn Schaddinghaus und seine Ansichten genugsam kennen gelernt hatte, fand schnell das Richtige, um die Angelegenheit zu beiderseitiger Zufriedenheit zu ordnen.

Zu ihrem eigenen, großen Staunen erfuhr das junge Mädchen, daß sie ein recht bedeutendes elterliches Vermögen besaß, dessen Zinsen die Pflegeeltern in gewissenloser Weise seit Anbeginn genossen hatten. Ihre Habgier hatte den Gedanken nicht ertragen, dieses Geld einst durch eine Heirat der Nichte entbehren zu müssen, und darum hatten sie alles aufgeboten, Charitas von jedem Verkehr fern zu halten, um sie dauernd an sich zu fesseln.

Hagborn teilte Josef mit, daß er genug belastendes Material in den Händen habe, um gegen diesen gewissenlosen Vormund gerichtlich vorgehen zu können, Torisdorff aber handelte ganz in dem Sinne seiner Braut, wenn er von derartigen Auseinandersetzungen durchaus absah. Charitas wünschte, daß die Hälfte ihrer Revenuen den Pflegeeltern für die Zeit ihres Lebens zugesichert werden solle, um dadurch alles, was sie jemals Gutes in deren Hause genossen, zu vergelten. Über das »Gute« schüttelten Klaus und Hagborn allerdings sehr ungläubig die Köpfe, aber letzterer handelte nach dieser Bestimmung der jungen Braut und erzielte den gewünschten Erfolg. Die Pflegeeltern willigten in die baldige Heirat ihrer Nichte ein, ja es traf sogar ein Brief von Frau Selma ein, welcher voll überschwenglicher Phrasenhaftigkeit Glück zur Verlobung wünschte und in einem endlosen Klagelied über ihre schwer geschädigte Gesundheit endete.

Als Charitas diese Zeilen aus der Hand legte, atmete sie so tief und erlöst auf, als versinke jetzt erst ihre unglückselige, stürmische Kindheit in dem Meere ewigen Vergessens, als erhebe sich jetzt erst die volle, leuchtende Frühlingssonne über ihrem Haupt, mit heißem Strahl all die Thränen zu trocknen, welche so lange das Antlitz der Dulderin betaut.

Rothtraut hat den Myrtenkranz für die geliebte Freundin gewunden und dabei leise und schelmisch vor sich hingesungen: »Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide!« So vertieft in Gesang und Arbeit war sie, daß sie es gar nicht hörte, wie die Thür sich hinter ihr öffnete, wie jemand auf den Fußspitzen hinter sie trat.

Dann faßten zwei schlanke Männerhände plötzlich den schönen, grünen Jungfernkranz, hoben ihn und drückten ihn auf das blonde Lockenköpfchen, und wie Rothtraut erschreckt emporspringen will, da umschließen sie zwei Arme, und heiße Lippen küssen ihr die Augen zu. –

Sie sah wirklich nicht, wer es war, aber zur höchsten Überraschung von Mama Geheimrat, welche noch in der Thür stand, rief sie mit halberstickter, jubelnder Stimme: »Klaus!«

Als die erste Aufregung sich gelegt hatte, drückte Frau von Damasus das Köpfchen ihrer Einzigsten an ihre Brust und fragte voll wehmütigen Vorwurfs: »Aber Traute, dachtest du denn keinen Augenblick, ich könnte es sein?«

Da blitzten die blauen Augen schalkhaft zu ihr auf, die Kleine schüttelte beteuernd das Köpfchen und legte die Hände auf die Brust: »Wirklich und wahrlich nicht, Muttchen! Du hast doch keinen Schnurrbart!«

Ja, das mußte selbst die eifersüchtigste Mutter zugeben! –

Klaus brachte die frohe Botschaft mit, daß sein Doppelbild »Er träumt von einer Palme« von der Jury einstimmig für die Kunstausstellung angenommen sei, und daß die Bilder schon jetzt auf alle Privatbeschauer einen ungewöhnlichen Eindruck machten. Prinz Ludwig habe kürzlich auf Empfehlung eines befreundeten Professors hin sein Atelier besucht und sei derart ergriffen von dem Gemälde gewesen, daß er den Ankauf desselben für sein neuerbautes Strandschloß in Aussicht gestellt habe. Auch ein Großindustrieller habe ihm die Ausführung einer sizilianischen Skizze »Ninetta«, welche durch die Orangenzweige lugt, aufgetragen. Arbeit habe er also schon mehr als ihm lieb sei; denn er brenne darauf, sein wonniges Bräutchen als »Urgroßmutter Marianne« zu malen.

– – – – – – – –

Jetzt lacht das schelmische »Urgroßmütterchen« zum Entzücken eines Jeden, welcher es sieht, aus goldenem Rahmen, als liebste und teuerste Erinnerung das Privatzimmer Sterleys schmückend, welcher nicht nur der glücklichste Gatte, sondern auch ein viel genannter und vielgerühmter Meister geworden ist.

In Lichtenhagen stehen die Bergwerke in Betrieb, die bedeutendsten und ertragreichsten der ganzen Provinz.

Josef konnte sein Wort einlösen und mit Zins und Zinseszins die Schulden abzahlen, welche sein beklagenswerter Stiefvater nicht mehr löschen konnte.

Noblesse oblige!

Was James Franklin einst an ihm und seiner Mutter gethan, ist eine Aussaat gewesen, welche reiche Früchte getragen.

Josef von Torisdorff hat seinen wahren Beruf gefunden – Arbeit, welche von früh bis spät mit Freuden schafft, werkthätige Liebe, welche die Ernte teilt.

Hocherhobenen Hauptes, mit leuchtendem Blick und froher Zuversicht im Herzen führt er den Spaten auf eigener Scholle, so wie es einst der Blitz in prophetischem Bilde ihm gezeigt. Die schlanke, weiße Frauengestalt aber, welche dieses Bild zukünftigen Glückes verkörperte, steht ihm voll blühender Kraft und Frische zur Seite, helfend, fördernd, lächelnd, in tiefem Seelenfrieden – eine echte, eine wahre Charitas!

Ja, es ist Frühling geworden für zwei Menschenherzen!

Winterstürme wichen dem Wonnemond …
