Die Rächerin

1.

Kürzlich besuchte ich in Rom einen Landsmann.

Er heißt mit Vornamen Heinrich und ist ein junger Maler von Talent. Trotzdem wird ihm schwerlich eine Zukunft blühen; denn er ist durchaus kein »Moderner«, was natürlich seine eigene Schuld ist. Er malt mit hartnäckiger Vorliebe sogenannte »klassische« Landschaften mit idealer Staffage.

Nun bewegt sich der Charakter der römischen Landschaft in dem feierlichsten Rhythmus von Linien und Farben; und die Bewohner jener Gegenden haben das Besondere, was man »Stil« nennt. Aber diese große Landschaft mit ihrem schönen Menschenschlage sollte – wenn man dergleichen heutzutage überhaupt noch abbildet – ausschließlich mit dem erbarmungslosen Blick des Naturalisten gesehen und dargestellt werden. Und das unmittelbar auf die Leinwand; denn das Skizzenbuch ist dem modernen Maler ein abgethanes Requisit seiner Kunst.

Ich sah in dem Atelier meines Bekannten Studien und Entwürfe, die mir schön und bedeutend erschienen; und in demselben Maße deuchten sie mir auch wahr. So, grade so, sah wenigstens ich die mir seit einem Menschenleben vertraute römische Landschaft mit ihrer Galerie von Figuren.

Lange stand ich betrachtend vor dem Hauptwerk des jungen Künstlers, einem umfangreichen Ölgemälde, welches die Bezeichnung »Fiammetta« hatte.

In einer öden Steppe ein einsames junges Weib. Gleich einer biblischen Frauengestalt tragt sie ein ultramarinblaues Mantelgewand, das sie von Kopf bis zu Füßen einhüllt. Beide Arme erhängen schlaff an dem feinen schlanken Leib herab. Mit weit offenen Augen schaut sie unverwandt in die Ferne. Ihre jungen leidenschaftlichen Lippen pressen sich zusammen, als ob sie ein Stöhnen erstickten. Mit ersticktem Stöhnen steht sie und wartet. Sie ist ringsum der einzige Mensch; sie scheint der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Um sie her ein Gefild von blühenden Königskerzen, die, ebenso schlank wie die junge Frauengestalt, aus silbergrauem sammetweichem Blattwerk aufwachsen, von der Sommersonne durchglüht.

Unabsehbar dehnt sich die leuchtende Landschaft. Der Dunst eines Sommertags brütet darüber wie flimmernder funkelnder Nebel. Alles ist Licht, grelles, blendendes, unbarmherziges Sonnenlicht; ist Glanz und Glut eines römischen Sciroccohimmels.

Man fühlt es: die weit hinaus Schauende ist unfähig, eine Bewegung zu thun; der sommerliche Mittagszauber römischer Wildnis hat sie gebannt. Sie wird dastehen, bis der mörderische Sonnenball endlich sinkt und weicht. Dann wird sie zu Tode ermattet davonschleichen – zu irgend einer Hütte aus braunem verbranntem Ginstergesträuch in enger Thalschlucht. Dort wird sie sich hinwerfen, wird beim ersten Morgengrauen sich wieder aufraffen, wieder hinausgehen, wieder warten …

Ich fragte den Künstler:

»Auf wen wartet sie?«

»Auf einen, der nicht kommt.«

»Auf einen treulosen Liebhaber also?«

»Auf einen Gestorbenen.«

»Den das wunderschöne Geschöpf nicht vergessen kann?«

»Dessen gewaltsamen Tod sie sühnen muß.«

»Eine Rächerin also?«

»Ja.«

»Fiammetta existiert demnach und das Bild hat eine Geschichte?«

»Noch dazu eine wahre Geschichte.« »Die Sie kennen?«

»Die ich mit erlebte.«

»O! … Und hat Ihre Heldin den Tod des Geliebten gesühnt?«

»Nein! Noch nicht.«

»Sie hat ihre Liebe wie ihre Rache vergessen, hat sich längst getröstet, steht jetzt und wartet auf einen, der kommt.«

»Ich glaube nicht.«

»Sie sind Idealist. Wer ist diese Fiammetta?«

»Ein Modell – natürlich.«

»In das Sie sich verliebten – natürlich. Das müssen Sie mir gelegentlich erzählen.«

»Wer versteht diese Art von Frauen? … Aber jetzt kommen Sie. Bei den Campanelle sind heute nachmittag die Rennen, Wir wollen die römische Aristokratie anfahren sehen. Es sind wundervolle Menschen darunter.«

Da das Wetter köstlich war: ein nicht zu heißer Maitag, so kam mir der Vorschlag ganz recht. Wir frühstückten bei Pannelli, nahmen am spanischen Platz einen Wagen und verließen die Stadt durch Porta San Giovanni in einem dichten Gewühl von Fuhrwerken und Menschen, die sämtlich dem einige Miglien entfernten Rennplatze zuströmten.

2.

Die römische Natur trug bereits ihr farbenglühendes prächtiges Sommergewand. Die Gärten vor dem Thore waren bunt von Blumen und in den Vignen erglänzten die langen Rosenhecken über und über von Blüten. Die Campagna loderte hier von flammend rotem Mohn, leuchtete dort von goldigen Margueriten; und die Sabina lag bei der milden Tramontana in einen Schein gehüllt, der wie die Farbe blaßblauer Hyazinthen leuchtete.

Wir fuhren geradenwegs auf das Albanergebirge zu. Der tusculanische Höhenzug mit seinen schimmernden Ortschaften lag in solcher Klarheit vor uns, daß ich deutlich die Terrassen, den Park der Villa Falconieri erkannte, welche ich seit einer langen Reihe von Jahren bewohnte. Hinüberdeutend bemerkte mein Gefährte: »Dort liegt die Heimat meiner Heldin.«

»Fiammetta ist aus dem Albanergebirg?«

»Aus dem Molarathal.«

»Im Molarathal hausen nur nomadisierende Hirten.«

»Zu solchen gehört sie.«

Ich kannte jene wilde Gegend genau; es war verrufenes Land. Ungezählte Male hatte ich es durchritten und jedesmal in beständiger Erwartung eines Überfalls, ohne daß mir jedoch etwas Ernstliches zugestoßen wäre.

Ich wollte weiter nach Fiammetta fragen, als unser Wagen zur Seite wich. Gleich darauf fuhr an uns der König vorüber, der zu den Rennen wollte. Die grellrote königliche Livree machte sich prächtig.

Keine drei Minuten hatten wir unsern Weg fortgesetzt, als vor uns auf der Landstraße eine leidenschaftliche Bewegung entstand, deren Ursache wir nicht zu erkennen vermochten.

Wir hörten Rufe, Geschrei; wir sahen die Menschen zusammenlaufen und dann vorwärts eilen; wir sahen Wagen und Equipagen mitten im Wege halten, die Insassen hinausstürzen und der Menge folgen.

Etwas Ernstliches mußte geschehen sein … Was?

Das Geschrei und Gedränge nahmen zu. Es war ein Toben, ein Tosen.

Dann vernahmen wir's: ein Attentat auf den König war verübt worden; der König war unverletzt, der Attentäter festgenommen. Auch unser Wagen hielt, auch wir sprangen hinaus, liefen vorwärts.

Der König war bereits weitergefahren. Wir hörten, wie er von der Menge jauchzend gegrüßt ward. Wo das Volk sich zu einem Knäuel zusammendrängte, mußte sich der Attentäter befinden. Da die Straße gesperrt war, warteten wir. Als er dann, von Carabiniers eskortiert, an uns vorüberkam, sahen wir den Unsinnigen genau; er bestieg ganz in unserer Nähe mit den Polizisten ein Gefährt. Seine Begleiter mußten ihn mit den Waffen vor der Volkswut schützen.

Es war ein noch junger Mensch, scheinbar ein Arbeiter. Sein Gesicht war fahl, die nicht unschönen Züge waren verzerrt. Aber er schien ruhig zu sein. Er mochte geahnt haben, daß es ihm mißlingen würde und jetzt nur fähig sein, nichts als das eine zu denken und zu fühlen: es ist mißlungen! Ganz gleich, was jetzt mit dir geschieht.

»Fiammetta!«

Der Maler neben mir stieß den Ruf aus, so laut und mit solchem Entsetzen, daß ich zusammenfuhr. Ich erkannte sie sofort. Sie stand unter der Menge, welche den Wagen mit dem Attentäter umdrängte; sie sah diesen an, mit einem Blicke – in dem Blick des jungen schönen Weibes glühte Verachtung, etwas wie unauslöschlicher Haß. Sie schien mit ihrem Blick den seinen zu zwingen, daß er zu ihr hinsehen mußte. Und jetzt schauten sich die beiden in die Augen, fest und tief. Ihren brennenden Blick auf sich, begann der Verbrecher heftig zu zittern.

Dann trieb der Kutscher das Pferd an; der Wagen fuhr in raschem Trabe davon, hart an Fiammetta vorüber, die keine Bewegung that. Die Menge stürzte nach, johlend und laute Verwünschungen ausstoßend. Für einen Augenblick wurde die Straße fast einsam; nur Fiammetta stand noch da. Regungslos starrte sie dem Wagen nach; jetzt aber mit dem Blick, den sie auf dem Bilde hatte. Dieser Blick sagte: er kommt nicht wieder!

Plötzlich stand der Maler neben ihr. Er flüsterte leidenschaftlich in sie hinein, wurde jedoch keines Blickes gewürdigt. Sie stand und schaute dem andern nach, dessen Wagen im Staub der Landstraße dahinfuhr, immer noch von einer heulenden Meute verfolgt.

Ich näherte mich den beiden und hörte, wie der Maler der Regungslosen zuraunte: »Er ist dein Liebhaber! Du hast ihn zu dem Scheußlichen verleitet. Das Attentat ist dein Werk, ist deine Rache für den Tod Cesares.«

Sie erwiderte nichts. Mit weit offenem starrem Blick stand sie und starrte unverwandt hin, wo jetzt nur noch eine fahle Staubwolke aufwirbelte.

3.

Ich lohnte den Kutscher ab, faßte meinen Bekannten unter dem Arm und führte ihn fort.

Statt den Rennen beizuwohnen, suchten wir tiefe Einsamkeit auf. Lange Zeit schwiegen wir. Unter einem Bogen der antiken Wasserleitung, wo der Boden von wildem Mohn blutrot war, lagerten wir uns und der Maler erzählte.

… Vor zwei Jahren durchstreifte ich als Neuling die Campagna nach allen Richtungen. Ich war von ihr berauscht wie ein sehr junger Mensch von der Schönheit seiner ersten Geliebten. Sie erschien mir als das Hehrste und Herrlichste, was Maleraugen zu sehen vermochten, ein erfülltes Traumbild, ein Wirklichkeit gewordenes Ideal.

Je tiefer ich eindrang in die Mysterien dieser Linien und Farben, um so mehr wuchs meine Begeisterung. Ich ward ein Fanatiker der Schönheit der römischen Landschaft, mich glücklich preisend, daß ich sie mit denselben Augen sehen konnte, wie die beiden Poussins, wie Rottmann, Preller und Koch sie gesehen hatten.

Auf einer Frühlingswanderung durch das Albanergebirge kam ich – es geschah zwischen Grottaferrata und Frascati – vom Wege ab. Ich geriet auf ein überwachsenes Feld, das längs eines mir unbekannten Höhenzuges sich hinzog. Durch das dichte Unkraut gewahrte ich Überreste einer antiken Straße, deren gewaltige blaue Basaltsteine sehr bald zu Tage traten und so wohl erhalten waren, als führte der Weg zu einer bewohnten volkreichen Stätte: kein Grashalm hätte in die Fugen des Pflasters sich einzwängen können.

Den harten Stein furchten die tiefen Spuren von Wagenrädern und noch ließ sich gewahren, wie an steilen Stellen die spitzige Hacke des Straßenarbeiters die glatten Blöcke für die Hufe der Pferde rauh gemacht hatte. Zu beiden Seiten befand sich ein schmaler Steg für die Fußgänger.

Und zu beiden Seiten begleiteten den Weg antike Gräber. Gruft reihte sich an Gruft. Neben einem mächtigen marmorummauerten Rundgrab des prunkvollen Kaiserreiches die Kolumbarien aus republikanischer Zeit. Sie standen in halber Zertrümmerung dem Himmel offen. In den Nischen, die einstmals die Aschenkrüge bargen, nisteten Amseln und Palombellen, den Grund füllten Blumen. Da grade Veilchenzeit war, so bedeckte den Boden ein dunkles wie Purpur leuchtendes Violett und Wohlgerüche erfüllten die Luft.

Immer noch zog sich die Straße bergan, über ein weites Hochthal hin, von einer Einsamkeit und Verlassenheit, wie ich noch nie gesehen hatte.

Ringsum goldbrauner Tufffels, graue Ruinen, frühlingsbunte Steppe, in der Ferne begrenzt durch ein kahles bleiches Felsengebirge.

Ich sah keine Wohnstätte, vernahm keinen andern Laut als den Schrei des Falken. Ich fühlte mich, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt.

Es wurde Abend. Die Wildnis flammte auf im Purpurglanz, darüber ein gelber von Scharlach und Gold durchglühter Himmel ruhte.

Ich war so verträumt, daß ich nicht bedachte, wie schnell die Nacht einbrechen würde und ich nicht wußte, auf welchem Wege ich nach Frascati oder sonst in belebte Gegenden gelangen sollte. Da keine Fieberzeit war, hätte ich zur Not die laue Frühlingsnacht im Freien verbringen können. Aber ich war seit dem frühen Morgen gewandert und verspürte plötzlich empfindlichen Hunger.

Da vernahm ich wütendes Gebell und sah von einem Abhang herab drei mächtige Wolfshunde auf mich zu rasen. Es nahm sich schön aus, wie die großen schneeweißen Tiere durch die einbrechende Dämmerung den Berg herabsetzten. Im übrigen wäre ich nicht der erste gewesen, der in der Campagna von solchen Bestien lebendigen Leibes zerrissen worden.

Die Hunde erreichten mich, machten einige Schritte vor mir Halt, fletschten die Zähne und blieben bei ihrem Geheul. Ich ging weiter, allerdings nicht mit allzugroßem Behagen. Die Hunde folgten mir, hielten sich jedoch beständig in einer kurzen Entfernung. So begleitet, setzte ich meine Wanderung fort.

Endlich ein schriller Pfiff. Sogleich verstummten die Bestien, zogen die Schweife ein, blieben zurück. Dann folgten sie mir wieder; doch ohne Geheul, bisweilen nur heiser aufbellend.

Ich gewahrte über mir auf weit vorspringendem Gestein eine schlanke Männergestalt. Es war grade noch hell genug, um sie erkennen zu können. Dunkel stand sie gegen den violett gefärbten Hintergrund des nächtlichen Himmels, an dem jetzt einzelne große Sterne aufblitzten.

Ich blieb stehen und rief hinauf: »Komm' herab und zeige mir den Weg! Halte auch deine Hunde zurück.«

»Sie thun nichts.«

»Komm' herab!«

»Ich muß nach der Herde sehen.«

»Ich bin müde. Du wirst von mir belohnt werden. Also komm'.«

Da kam er. Es hatte den Anschein, als werfe er sich von der Klippe in einen Abgrund hinab. Nach wenigen Augenblicken stand er vor mir.

Ich konnte bei der Dunkelheit nur erkennen, daß er sehr jung war, eine Gestalt hatte, wie ein antiker Ephebe und das übliche Kostüm römischer Hirten trug: Sandalen, langhaariges Ziegenfell um die Beine gebunden, eine dunkle Jacke über der Schulter hängend und den spitzen Filzhut auf dem Kopf.

Er sagte mir, daß ich mich weit vom Wege nach Frascati verirrt hatte und bot mir an, in der Hütte seines Vaters zu nächtigen: sie könnten mir ein fettes Lamm braten und erst gestern sei aus Rocca Priora frisches Brot gekommen.

Ich antwortete: ich würde mit ihm gehen.

4.

Was ich von meinem Begleiter erfahren wollte, mußte ich ihm mühsam abfragen. Denn so bereit er gewesen, mir die väterliche Gastfreundschaft anzubieten, so scheu und schweigsam verhielt er sich jetzt. Er sprach den sabinischen Dialekt; aber er drückte sich gut aus, knapp und klar. Bisweilen gebrauchte er Redewendungen, die einen klassisch gebildeten Lateiner in Entzücken versetzt hätten. Hier war also uralte Stammesart.

»Du hast mir noch nicht deinen Namen gesagt.«

»Ich heiße Cesare Latini.«

»Dein Vater ist Hirte?«

»Wir haben Ziegen und Schafe.«

»Aber ihr seid doch nicht aus dieser Gegend?«

Er stieß einen Ausruf der Verachtung aus. Dann erklärte er mir: »Aus dieser Gegend ist niemand. Das ist wildes Land. Wir sind aus Val di Pietra.«

»Wo ist das?«

»Dort drüben.«

Er deutete mit dem Kopfe nach der Sabina hinüber.

»Weshalb bleibt ihr nicht an euerm Ort?«

»Was sollen wir dort?«

»Eure Herde weiden.«

»Dort ist alles Stein. Wir müssen weit von Hause fort, um Weide zu finden.«

»Und ihr kommt mit euren Herden bis hierher?«

»Bis ins Molarathal.«

»So heißt es hier?«

»Nun ja.«

»Kommt ihr oft her?«

»Jedes Jahr.«

»Du und dein Vater?«

»Mein Bruder ist in Rom. Ja, und in Rom ist Fiammetta.«

Er sagte das letztere so eigentümlich, mit solchem tiefen leidenschaftlichen Tonfall, daß ich, nur um etwas zu sagen, ihn fragte: »Ist Fiammetta deine Schwester?«

Er blieb plötzlich stehen. Die Nacht war so sternenhell geworden, daß ich sein Gesicht sehen konnte. Es war ein schönes, aber in diesem Augenblick durch seinen leidenschaftlichen Ausdruck fast verzerrtes Gesicht. Und mit vor Leidenschaft bebender Stimme stieß er hervor: »Meine Schwester? Nein! Nein!«

Und nach einer Pause noch einmal: »Fiammetta meine Schwester? Fiammetta!«

Dann, als schämte er sich, wendete er sich ab und beschleunigte seinen Schritt. Ich hörte seine schweren Atemzüge.

Neugierig geworden, forschte ich nach einer Weile: »Was macht dein Bruder in Rom?«

»Modell,« lautete die lakonische Antwort.

»Und Fiammetta?«

»Auch Modell.«

Als müßte ich über diese Mitteilung höchst erstaunt sein, suchte er mir die merkwürdige Sache, daß auch Fiammetta in Rom Modell »mache«, in kurzen abgerissenen Sätzen zu erklären.

»Was wollt Ihr? Sie ist arm. Sie braucht Geld, Denn wir wollen uns heiraten. Bald! Aber wir wollen selbst eine Herde haben. Dazu brauchen wir Geld. Woher sollen wir es nehmen. Und heiraten wollen wir bald. Ja, das wollen wir.«

»Du scheinst sie sehr zu lieben?«

Er murmelte statt aller Antwort: »Und wir wollen bald heiraten.«

»Sie ist gewiß sehr schön, deine Fiammetta?«

»O sie!«

Es klang wie ein Aufschrei. Der ganze Mensch zitterte vor verhaltener Erregung. Dann fuhr er fort: »Auch sie will mich bald heiraten. Jawohl; auch sie! Sie sagt: sie wolle nicht länger warten. Im Sommer kommt sie zurück.«

»Hierher?«

»Aus Rom ins Molarathal. Im Sommer hat sie in Rom nichts zu thun. Dann verdient sie kein Geld. Dann kommt sie mit meinem Bruder her.«

»Hat sie denn keine Eltern, daß sie im Sommer zu euch kommt?«

»Ihre Eltern sind tot… Mein Vater nahm sie zu sich, als sie noch ein Kind war, ein ganz kleines Kind. Ihr Vater war meines Vaters Brudersohn. O sie – Fiammetta!«

Aber jetzt hatten wir die Hütte des sabinischen Hirten erreicht. Das war nun ein gar seltsames Haus: ein antiker Grabtumulus. Er lag mitten in einem öden Felde und mochte zu der tusculanischen Villa irgend eines römischen Reichen oder Großen gehört haben, der seine Gruft für sich und die Seinen in seinen eigenen weiten Gärten so größenwahnsinnig aufmauern ließ. Ich bemerkte, daß das Grab von seiner prächtigen Marmorbekleidung fast vollkommen entblößt stand und sah die gewaltigen Quadern in dem duftenden Kraut der Menthe und des Thymian ringsumher liegen. Beim Sternenschein las ich auf einem der Gebälkstücke in tief gegrabenen schönen Lettern die Namen Marcus Mucius Furius.

Eine hohe, vom Blitz zersplitterte Cypresse stand totenhaft neben dem Grabmal.

Der jetzige Eingang war nicht mehr derselbe, der ehemals in die Grabkammer geführt hatte; sondern er war an irgend einer andern Stelle in die meterdicken Wände gebrochen worden. Aus dem Innern leuchtete Feuerschein gastlich in die Nacht hinaus.

Die Hunde stürzten voraus und gleich darauf erschien in der Maueröffnung die Gestalt eines älteren Mannes, wie der Jüngling Sandalen an den Füßen, zottiges Ziegenfell um die Beine und über dem groben grauen Hemde eine Art Weste aus Schaffell.

Das war mein Wirt, Lorenzo Latini, der mich mit einigen rauhen, aber wohlgemeinten Worten zum Eintreten einlud.

Das Feuer erhellte den Raum. Es brannte auf einem Boden, auf dem noch Überreste von Mosaik vorhanden waren: ein anmutiges Ornament in Schwarz und Weiß. Die Wände des kreisrunden Baus waren mit ägyptischem gelbem Marmor ausgelegt gewesen und die Decke zeigte eine vollkommen erhaltene Stuccatur, vom Rauch der Hirtenfeuer geschwärzt. An der Einrichtung dieser eigentümlichen Wohnstätte fielen mir zuerst zwei grell kolorierte große Lithographien in die Augen. Sie hingen in einer Nische, in welcher der Sarkophag des Familienoberhauptes gestanden haben mochte; das eine stellte die Madonna, das andre Giuseppe Garibaldi vor.

Das Bild des letzten alten Romantikers und großen Volkshelden war mit frischen Blumen bekränzt: mit blutroten Anemonen!

Die wenigen Geräte waren möglichst primitiv. Getrocknetes, stark duftendes Steppengras bildete für Vater und Sohn die Lagerstätte. Unter den Geschirren fiel mir ein altertümliches schönes Gefäß aus Kupfer auf und einige nach antiken Vorbildern verfertigte Thonkrüge.

Die Hirten, bei welchen in den Tibersümpfen das Zwillingspaar aufwuchs, hatten kaum anders sich gekleidet, noch anders gelebt als diese Sabiner zur Zeit des Königs Umberto …

Inzwischen hatte Cesare – oder Cé, wie sein Vater ihn rief – das verheißene fette Lamm geschlachtet. Während er das Tier vor der Hütte abhäutete und ausweidete, versuchte ich mit meinem gastfreundlichen Wirt nähere Bekanntschaft zu machen, was bei seinem schweigsamen Wesen freilich nicht leicht war.

Ich erfuhr, daß meines Gastfreundes Frau gestorben: am Fieber. Es starben so viele daran! daß er schon als Knabe mit dem Vater und dessen Herde ins Molarathal gekommen sei. Die meisten aus Val di Pietra waren Hirten, die nur im höchsten Sommer für kurze Zeit zu ihrem Heimatsort, zu ihren Frauen und Kindern zurückkehrten; und alle Leute von dort oben hielten ein solches Leben für durchaus naturgemäß, ohne darüber jemals Klage zu führen, oder Sehnsucht nach einem andern, besseren zu fühlen. Die Malaria konnte sie in Scharen dahinraffen, wenn nur ihre Herden gediehen, welche ihr ganzes Vermögen, also ihr ganzes irdisches Glück ausmachten.

Je nach der Jahreszeit trieb mein Wirt seinen lebendigen Reichtum – derselbe schien nicht groß zu sein – zu den verschiedenen Grasplätzen des ausgedehnten Hochthals: im Sommer in die Berge von Tusculum; im Winter auf die tiefer gelegenen Weiden gegen Grottaferrata hinab. Entweder er bezog irgend eine antike Ruine oder er baute aus Ginstergestrüpp eine runde hohe Hütte mit steilem Dach, eine sogenannte Capanna. Während der heißesten Zeit pflegen die sabinischen Hirten im Freien zu nächtigen.

Im Winter mußten sie die Herden gegen die hungernden Wölfe verteidigen, die aus dem nahen Apennin herüberkamen; im Sommer galt es des Nachts durch stetig brennende Feuer das eigene Leben gegen die mörderisch wütende Malaria zu schützen.

Alle Monat begaben sie sich des Sonntags nach der nächsten Ortschaft, um eine Messe zu hören, ihre Einkäufe an Salz und Mehl zu machen und einmal alljährlich unternahmen sie eine Wallfahrt, um bei einem gnadenreichen Muttergottesbilde für das Gedeihen der Herde: für die Vermehrung der »Quattrini«, eine leidenschaftliche Fürbitte zu thun und nötigenfalls eine Wachskerze zu opfern, damit sie die Hilfe der Heiligen bezahlten, diese also als ihr Recht fordern konnten.

So ist das Leben dieser Hirtenvölker seit Urväterzeit.

5.

Jetzt kam Cé mit dem fetten Lamm, welches er an einem Spieß aus hartem Ölbaumholz befestigte und über einem gelinden Feuer zu braten begann, indessen Vater Lorenzo die zähen Blätter des geliebten bitteren Cichorienkrautes zu einem Salat verarbeitete.

Noch immer versuchte ich meinen lakonischen Wirt redselig zu machen, ohne jedoch einen rechten Erfolg zu erzielen. Plötzlich fand ich durch einen Zufall die Zauberformel, welche dieses verschlossene Gemüt für mich aufthat.

»Ihr habt dort über der Madonna den Giuseppe Garibaldi hängen?«

»Giuseppe! Jawohl, den Giuseppe!«

Lorenzo that diesen Ausruf mit einem solchen Aufleuchten seiner melancholischen Hirtenaugen; er sprach den Namen des berühmten Freiheitskämpfers mit solcher Inbrunst, daß ich sogleich begriff: der Schutzgeist des Latinischen Hauses hieß Giuseppe Garibaldi.

»Ja, so, mein wackerer Cencio, Ihr seid mit Leib und Seele Garibaldianer?«

»Herr, ich kämpfte unter Giuseppe bei Mentana!«

Und er berichtete mir von seiner Teilnahme an der berühmten Schlacht, in welcher die Garibaldianer durch die Franzosen und Päpstlichen jene empfindliche Niederlage erlitten hatten, mit einer Miene, als wäre der Tag von Mentana der große Glückstag der italienischen Nation und seines ganzen Lebens gewesen.

Ich fragte ihn, wie er aus seinen Sabinerbergen nach Mentana zu seinem vergötterten General gekommen sei?

»Wie, Herr? Durch den Checco.«

»Durch welchen Checco?«

»Ihr kennt nicht den Checco?«

»Checco? Ich kenne keinen Francesco.«

»Herr, der Checco ist ja doch der Crispi. Und sie sagen ja wohl: nicht der Umberto wäre König von Italien, sondern der Checco, wie in eurem Lande der Bismarco.«

Bei näherer Bekanntschaft mit meinem biedern Sabiner stellte sich heraus, wie er von Deutschland überhaupt nichts wußte, als daß es das Vaterland des »Bismarco« wäre. Diesen hielt er für eine Art von Giuseppe Garibaldi, der bei Sedan die Franzosen geschlagen und den Deutschen einen König gegeben hatte – sehr zum Überfluß, da er doch selber Deutschland regierte.

Ich erkundigte mich: »Aber wie wurdet Ihr denn mit dem Checco bekannt?«

»O, den kenn' ich gut. Wie meinen Bruder kenn' ich den!«

Und während, von Cé eifrig gewendet, das fette Lamm am Feuer briet, und durch das tausendjährige Römergrab ein appetitreizender Duft sich verbreitete, erzählte mir der Hirte von seinem brüderlichen Freunde, dem großen Staatsmann Francesco Crispi.

»Ja, Herr! Der Checco! Das war damals, als die Franzosen in Rom waren – Herr, nichts als Franzosen! Und was die Rothosen wohl wollten? Den heiligen Vater schützen. Vor wem wohl? Vor seinen eigenen Söhnen? Als wäre das notwendig gewesen! Aber davon verstanden wir nichts.

Ich und der Oreste – der Oreste, Herr, war mein jüngerer Bruder – wir bezogen damals, als die Franzosen in Rom waren, mit der Herde einen Weideplatz, der an der appischen Straße lag, ganz nahe bei den Mauern und dem Thor von Sebastiano, Da konnten wir das ganze Franzosenwesen so recht mit ansehen. Denn früh morgens trieb ich die Ziegen in die Stadt hinein bis auf den spanischen Platz und verkaufte die Milch an jeden, der sie mir bezahlte. Und das muß ich sagen: Franzosen zahlten besser als die Römer. Es waren Galantuomini.

Aber auf den Giuseppe Garibaldi schimpften sie, als ob er der Teufel selber wäre. Ich hörte das Fluchen und Verwünschen mit an; denn was scherte mich der Giuseppe Garibaldi? Herr, wir waren sabinische Hirten, die in Rom ihre Ziegenmilch verkaufen wollten. Damit basta!

Ich muß Euch auch sagen, daß mein Bruder sechzehn, ich selber erst achtzehn Jahre war. Was wußten also wir von diesen Sachen?

Wir wußten vom heiligen Vater und von der Madonna und – damit basta!

Da war's im Oktober, daß die Franzosen auf der appischen Straße nach Albano und Velletri marschierten und der Weg ganz bunt von ihnen war. Sie zogen ins Albanergebirg, wo die Leute, so sagten uns die andern Hirten, den Giuseppe Garibaldi zum König haben wollten. Dafür sollten sie nun von den Franzosen totgeschlagen werden. Was das die Franzosen wohl anging?

Einige Tage darauf kam plötzlich der Oreste über das Feld hergelaufen: auf der Straße liege ein erstochener Mann! Ich fragte nur, ob es ein Franzose sei? Denn dann hätte der Mann mich nichts geschert. Aber es war kein Franzose. Also ging ich mit meinem Bruder hin, obgleich damals auf den römischen Straßen viele Erstochene zu finden waren.

Richtig war's ein Landsmann! Er war in die Seite getroffen, aber er lebte noch. Also hoben wir ihn auf, trugen ihn in unsre Capanna, verbanden ihn mit heilsamen Kräutern und halfen ihm mit dem Leben davon.

Solange er noch sprechen konnte, hatte er uns erzählt, daß er von seinem Hauptmann aus Albano abgeschickt worden sei, um dem General Garibaldi Briefe nach Monterotondo zu bringen; daß die Franzosen ihm aufgelauert, die Briefe abgenommen und ihn dann niedergestoßen hätten. Und er sagte uns: er wäre Sizilianer aus der Gegend von Girgenti und hieße Francesco Crispi.

Das also war der Checco, der in unsres Capanna lag und der ohne meinen Bruder und mich elend umgekommen wäre. Und er mußte bei uns bleiben, denn er hatte das Wundfieber. Als er wieder zu seinen Sinnen kam, sagte er uns: einer von uns müßte sogleich nach Monterotondo laufen zum General Garibaldi und diesem eine Botschaft ausrichten. Da ich die längeren Beine hatte, so lief ich; und ich sollte dem General sagen: er möge um alles in der Welt keinen Angriff auf Rom unternehmen, sondern mit allen seinen Leuten von Monterotondo abziehen ins Sabinergebirg, vorerst nach Tivoli. Nachdem ich dem Checco diese Worte vielmals vorgesagt hatte, lief ich mitten in der Nacht davon. Bereits vor Sonnenaufgang kam ich in Monterotondo an und war gleich mitten unter den Rothemden. Und als ich sagte, ich sei vom Checco geschickt, brachten sie mich zum General. Der wohnte im Dom, wo auch sein Pferd stand – gerade hinter dem Altar! Die ganze Kirche war rot von den Hemden der Garibaldianer. Der General schlief noch – im Beichtstuhl! Sie weckten ihn aber und er kam sogleich heraus. Alle die Rothemden drängten zu ihm und schrieen ihn an, als käme er vom Himmel herab. Herr, da begriff ich dummer Junge, was ein Mensch auf Erden sein kann – was der Giuseppe Garibaldi war in Italien.

Ich sagte ihm alles vom Checco und was ich ihm ausrichten sollte. Aber da wurde er böse. Er schwur, daß er dennoch in Rom einziehen und die Fremden vertreiben oder sterben wollte. Und alle die Rothemden schrieen: sie wollten sterben mit ihrem General. Und ich – Herr, ich schrie auch.

Bis dahin hatte ich mich um Giuseppe Garibaldi weniger gekümmert, als um ein krankes Lamm. Aber jetzt plötzlich wollte ich sterben mit ihm. Ob für Rom oder für irgend eine andre Sache, galt mir gleich. Herr, wie kommt so etwas nur über einen Menschen, der doch kein unvernünftiges Tier ist?

Der General stieg auf die Kanzel, setzte sich und schrieb Briefe. Die Tinte stand vor ihm in einem silbernen Kelch. Aber die Madonna und die Heiligen werden darüber nicht böse gewesen sein – es war ja doch der Vater Giuseppe!

Auch an den Checco schrieb der General einen Brief.

Bevor ich wieder heimkehrte, machte ich mir aus blutrotem Kirchentuch ein Hemd. Auch für meinen Bruder nahm ich ein Stück mit. War der Oreste auch noch ein Knabe – unter Vater Giuseppes Leitung hatte ich wahre Kinder gesehen. Auch die Kinder wollten mit Vater Giuseppe sterben.

6.

Nach einer Woche war der Checco wieder wohl auf; nach einer Woche ging er – nicht zurück zum Nicotera nach Albano, sondern zum Vater Giuseppe nach Monterotondo.

Wir, ich und mein Bruder, hatten unsre roten Hemden an, hatten die Ziegen und Schafe den andern Hirten übergeben und gingen mit dem Checca zum Vater Giuseppe. Bei dem süßen Herzen der Madonna, das thaten wir, Herr!

Das war am dritten November; und als wir an Rom vorbei und bereits über dem Aniofluß sind, da sehen wir's unter den Monticelli aufblitzen, da hören wir es von dorther krachen und knattern.

Herr, ach, Herr, das waren die Päpstlichen und die Franzosen im Kampf gegen den Vater Giuseppe!

Wir hin! Wir hin in einem Lauf bis Mentana! Und mit dem Vater Giuseppe gekämpft gegen die Franzosen und Päpstlichen, wo wir doch dem heiligen Vater die Füße geküßt hätten! Mit Piken und Bajonetten, die wir auf dem Felde aufhoben, gehauen und gestochen! Mein Bruder wird verwundet, ich werde gefangen und gefangen wird – Herr, Herr, Herr! gefangen wird an der Brücke von Correse unser Vater Giuseppe!

Er war ausgezogen, nicht um Rom anzugreifen; sondern um ins Sabinergebirge abzuziehen. Da waren die Franzosen und die Päpstlichen gekommen und da hatten sie ihn gefangen.

Wir Rothemden schrieen auf vor Schmerz und Wut. Selbst die Alten weinten wie kleine Kinder. Daß über tausend Garibaldianer gefallen und fast zweitausend gefangen waren, danach fragten wir kaum. Aber der General! Herr, Herr, unser Vater Giuseppe!

Und gefangen war ich. Mit den zweitausend andern brachten sie mich nach Rom, wo die Römer in hellen Haufen auf den Straßen standen und die Rothemden verhöhnten. Aber wir dachten an den General und daß wir seine Kinder waren, die auf ihren Vater Giuseppe stolz sein mußten. Das zeigten wir denn auch den Römern, die uns verlachten.

Herr, ein volles Jahr hielten sie mich gefangen im Kerker in der Via Giulia. Als ich herauskam, waren die Franzosen immer noch in Rom. Und vom Vater Giuseppe hörte ich nichts. Auch nichts vom Checco …

Ich kam nach Hause, wo mich meine Mutter mit Verwünschungen empfing und mein Vater mich am liebsten totgeschlagen hätte, weil ich damals die Herde verlassen, die nun unter fremden Hirten Schaden genommen hatte. Jetzt weidete sie mein Bruder im Molarathal. Ich wurde auch hingeschickt.

Nun ja, Herr! In dem Sommer war's, daß ich im Molarathal mit der Marianna Bekanntschaft machte. Und – Herr! Schön war sie! Schön und wild.

Aber dann mußte ich doch wieder fort von der Herde. Und ich mußte fort von der Marianna! Herr, päpstlicher Soldat mußte ich werden. Ich, der ich mit Vater Giuseppe bei Mentana gegen die Päpstlichen gekämpft hatte! Was wohl Vater Giuseppe dazu gesagt haben würde? Und der Checco? Aber das half nun einmal nichts.

Ich war also in Rom Soldat … Nach zwei Jahren kamen die Leute des Königs, welchen Vater Giuseppe als Papst nach Rom bringen wollte, und wir sollten gegen sie kämpfen. Ich stand bei der Porta Pia und sah immer nur, ob draußen nicht auch die Rothemden wären? Aber die kamen nicht. Da schoß ich denn in Gottes Namen mit den andern auf die Leute des Königs.

Aber diese schossen bei der Porta Pia eine Bresche in die Mauer, zogen ein in Rom, verjagten die Fremden und machten den heiligen Vater zum Gefangenen.

Herr, zwei Jahre blieb ich noch in Rom als Soldat des Königs. So geht es zu in der Welt.

Als ich dann nach vollen vier Jahren zu meinen Eltern ins Val di Pietra zurückkam, war mein jüngerer Bruder wieder im Molarathal. Ich sagte meinem Vater, daß ich nach wie vor als sein Knecht die Herde weiden wollte, aber daß ich die Marianna heiraten würde. Herr, meine schöne wilde Marianna von Rocca Priora. Tag und Nacht hatte ich in Rom an sie gedacht, Tag und Nacht.

Mein Vater sagte nicht nein, nicht ja. Aber die Mutter wollte reden. Da schrie er sie an, still zu sein. Ich hätte mich auch weder um Vater noch um Mutter gekümmert und die Marianna zum Weib genommen, wenn sie mich auch darum verwünscht hätten.

Noch denselben Tag ging ich fort. Ich wollte hinauf nach Rocca Priora und die Marianna holen. Aber sie war nicht mehr oben, sondern unten im Molarathal, Und sie war seit drei Wochen das Weib meines Bruders Oreste.

Herr! Erstechen wollt' ich meinen treulosen Bruder, der von meiner Liebe gewußt hatte. Und erstechen wollte ich das falsche Weib. Denn so ist es im Sabinerland: Totschlag für Totschlag; und einen Totschlag hatten die beiden an mir verübt. Aber ich dachte an Vater Giuseppe und was der wohl dazu gesagt haben würde. So ließ ich denn die beiden Weib und Mann sein, baute mir in der Nähe ihrer Capanna eine Hütte und weidete mit Oreste zusammen meines Vaters Herde.

Dann sah ich mit an, wie mein Bruder sein Weib blutig schlug, weil er glaubte, sie hätte mich lieber als ihn. Herr, Herr! Da dachte ich nicht mehr an Vater Giuseppe; da faßte ich mein Dolchmesser und würde es meinem Bruder ins Herz gestoßen haben, wenn sein Weib mich nicht angesehen und mir zugelächelt hätte, während sie sich das Blut aus dem Gesicht wusch.

Aber die Rache des Himmels schlug meinen Bruder. Denselben Sommer holte er sich das Fieber und nach drei Tagen war er ein toter Mann.

Die Marianna und ich ließen ihm in Frascati ein christliches Begräbnis geben und danach blieben wir zwei mutterseelenallein im Molarathal – Herr, die Marianna und ich.

Ich schlief nach wie vor in meiner Hütte und schaute die Marianna an, als wie die gebenedeite Mutter des Herrn; denn sie trug meines Bruders Kind unter dem Herzen.

In einer Nacht, da ich nicht schlafen konnte, vernahm ich in der Capanna ein leises Stöhnen. Ich stand auf und lief hin. Da hatte die Marianna ein Mädchen geboren und sie selber lag im Sterben.

Ich aber wollte nach Rocca Priora laufen, um den Priester zu holen; denn trotz der Todsünde, die sie an mir begangen hatte, sollte sie nicht sterben, 'ohne vorher die heilige Wegzehrung empfangen zu haben. Aber die Marianna sagte zu mir: ›Bleibe bei mir! Wenn du mir vergibst, so ist's das gleiche, als hätte mir in Gottes Namen der Priester vergeben. Vergib mir! Ich habe dich lieb gehabt. Aber ich mußte deines Bruders Weib werden, weil er dich sonst erstochen hätte. Und du solltest nicht sterben. Vergib mir!‹

Als ich dann aber doch zum Priester lief, weil ich die Marianna in der Ewigkeit wiedersehen wollte; und als ich im Morgengrauen mit ihm zurückkam – da war die Marianna schon tot und an ihrem toten Herzen lag ihr Kind und schrie nach der Mutter Brust.

Das Kind war die Fiammetta.

Noch im selben Jahre nahm ich ein Weib; denn ich mußte meines Vaters Herde weiden und mußte für die Fiammetta sorgen. Es war ein gutes Weib. Sie gebar mir meine Söhne Cesare und Raffaelo und war auch für die Fiammetta eine Mutter. Es that mir leid um sie, als sie nach etlichen Jahren das Fieber bekam und ich sie in Frascati begraben lassen mußte, weit fort von meinem Bruder Oreste, bei dem auch die Marianna nicht lag.

Mein Weib starb mit der letzten Wegzehrung versehen, so daß ich in der Ewigkeit mit ihr zusammen sein werde. Aber mit der Marianna nicht – Herr, mit der Marianna nicht.«

So erzählte mir Lorenzo Latini, währenddessen sein Sohn das fette Lamm briet …

Die Geschichte war zu Ende und der Gastbraten fertig. In dem Grabmal des edlen Geschlechts der Furier lagerten wir um das offene Herdfeuer und verzehrten ein Mahl, welches meinem hungernden Gaumen wahrhaft lukullisch deuchte.

Durch hartnäckiges Fragen bekam ich dann nach und nach noch heraus, wie die drei Kinder: Fiammetta, Cesare und Raffaelo, in der Einsamkeit des Molarathales miteinander aufwuchsen, die kleine Fiammetta so recht als der Genius der wilden Stätte. Sie blieb fein und zart, so daß der große und starke Cesare, gleichwohl er ein Jahr jünger war, sehr gut als der Ältere gelten konnte. Sie schienen Geschwister zu sein, bis plötzlich zwischen ihnen eine Leidenschaft entbrannte, heiß wie römische Sommersonne und schwül wie Scirocco, daß es dabei selbst dem Mann, der die schöne Marianna geliebt hatte, angst und bang ward.

Hauptsächlich um die beiden jungen Menschenkinder zu trennen, sandte Lorenzo – wie ich wohl merkte – die sechzehnjährige Fiammetta mit dem jungen Raffaelo nach Rom, um dort mit vielen andern braunen Söhnen und Töchtern der wilden Sabina das einträgliche Gewerbe des Modellstehens zu betreiben, welches dem Volke für durchaus ehrbar gilt.

Cesare selbst schien ganz einverstanden zu sein und nur den einen Gedanken zu haben: die Fiammetta soll in Rom Geld verdienen! Nur schnell Quattrini! Nur recht schnell sehr viele Quattrini! Und dann die Herde, die Heimat, das Glück! Armer Cesare.

7.

Ich schlief in dem Grabmal der Furier wie ein Toter, um in der ersten Morgenfrühe zu erwachen, den Göttern für mein Leben dankend. Denn, als ich aus der Gruft hervorging, lag eine Welt vor mir, so voll erhabener Einsamkeit und Größe, so jungfräulich und unberührt, als wäre es am ersten Schöpfungstag.

Was soll ich Ihnen sagen? Eine volle Woche blieb ich im Molarathal als Gast Lorenzo Latinis und Mitbewohner des Grabes der Furier. Von früh bis spät durchstreifte ich die wilde köstliche Gegend, die nur dem sabinischen Hirten, dem Kohlenbrenner und dem nach Rom ziehenden Abruzzesen bekannt ist. Meine glückseligen Augen schauten eine Galerie von Landschaftsbildern höchsten Stils, oft von solcher mythologischer Stimmung, daß ich jeden Augenblick erwartete: auf diesem, von gelben Narzissen bewachsenen Hügel müßten sich die Jungfrauen Dianas versammeln; und unter jener knorrigen Steineiche würde ein Satyr die Flöte blasen! Hier, in dem mit weißen Cistusrosen gefüllten Grunde, versteckt sich ein Nymphlein; und dort, auf der weiten, von purpurroten Cyklamen glühenden Flur, schläft in der goldigen zitternden Mittagsschwüle der große Pan …

Oder ich sah mit träumendem Geist auf diesen klassischen Gefilden mörderische Römerkämpfe. Denn hier, grade hier im Molarathal, war das erste gewaltige Schlachtfeld des jungen Rom mit seinen neidischen und räuberischen Nachbarn, den Hernikern und Aecquern. Um hierher zum Kampfe zu ziehen, spannte Cincinnatus seine Ochsen vom Pfluge; und über diese lichten Höhen führte Hannibal sein Heer. Überall Historie und welche Historie!

Schnell füllte sich mein Skizzenbuch mit Landschaften und den Gestalten, die meine Phantasie darin lebendig sah. Wie schwer mein Stift in der Hand gehorchte, wie unvollkommen und dürftig der Ausdruck für das Geschaute war: anstatt des begeisterten Wortes ein Stammeln und Stottern.

Daß ich ein » pittore« war, machte auf Lorenzo und Cesare lebhaften Eindruck. Sie wurden zutraulicher und weniger quattrinilüstern. Weil aber zum Malen das Modell gehört, so gut wie Leinwand und Farbe, und weil sie in ihrer Familie zwei Modelle besaßen, so wurde ich, als mit zum Handwerk gehörig, derselben zugerechnet, was ich mir gern gefallen ließ. Denn ich wollte wiederkommen, oft und für lange.

Der gute Cé war einigermaßen gekränkt, daß ich Maler war und in Rom lebte und seine Fiammetta noch nicht gemalt hatte; ja, diese nicht einmal kannte. Ich vermochte diese Beleidigung nur durch die Erklärung zu mildern: ich hätte in Rom überhaupt noch nicht gemalt, sondern war immerfort draußen in der Campagna gewesen. Natürlich würde ich Fiammetta sehen und malen, sowie ich nach Rom zurückgekehrt wäre – wenn er, der Bräutigam, mir es erlaubte.

Warum er es mir nicht erlauben sollte? Fiammetta war Modell für die Künstler; diese zahlen und damit – basta!

Ich wollte erwidern: wenn ich mich nun aber in die Fiammetta verliebe? Sie soll schön sein und ich bin jung! Doch dann dachte ich, es sei besser, zu schweigen.

Als ich Abschied nahm, versprach ich, bald wieder zu kommen und in Rom sogleich Fiammetta zu sehen. Den Abend zuvor war der gute Lorenzo auf einmal beredt geworden und hatte mir über »unsern Vater Giuseppe« – dessen Bild von den rauhen Hirten mit der inbrünstigsten Andacht bekränzt wurde – und den »Checco« sein Herz ausgeschüttet.

»Jetzt ist der Umberto König in Rom. Aber wenn es in der Welt gerecht zuginge, so müßte Giuseppe Garibaldi König geworden sein. In Euerm Vaterlande haben sie doch gewiß auch den Bismarco zum König gemacht, weil er den Kaiser Napoleone fing und die Franzosen schlug; in Euerm Vaterlande sind die Leute doch gewiß gerechter?

Einmal hieß es: unser Vater Giuseppe ist gestorben! Aber das glaubten wir nicht. Denn er mußte doch in Rom einziehen und zum König Umberto sagen: ›Steh' auf von deinem Thron und lass' mich darauf niedersitzen.‹

Lange Zeit glaubten wir bei uns nicht, daß er gestorben sein könnte. Aber dann hieß es: auf Caprera liegt er begraben! Und in jeder kleinen Stadt, im kleinsten Dorfe feierten sie sein Begräbnis. Dabei mußte ich doch auch sein!

Also zog ich mein rotes Hemd an und ging, um für unsern Vater Giuseppe, der tot sein sollte, in Rom Begräbnis zu halten. Herr! In Rom waren so viele rote Hemden, daß es war, als fließe ein roter Strom durch die Straßen. Und die Römer standen in hellen Haufen, spotteten und lachten nicht mehr über uns; sondern zogen vor den Rothemden die Hüte ab, als wäre in Rom, wo der heilige Vater gefangen sitzt, das Rot eine Ehrensache geworden.

Ja, und was ich sagen wollte: der Checco! Der regiert jetzt also Italien? Nun, wenn es unser Vater Giuseppe nicht regieren kann, so sollen sie das Land nur vom Checco regieren lassen; denn der wird die Sache am besten verstehen. Wenn mein Junge die Fiammetta geheiratet will ich einmal nach Rom gehen und den Checco besuchen. Er wird seinen alten Freund von der Via Appia und Mentana gewiß noch kennen, der Checco!«

Ich wollte in dem vertrauensseligen Herzen meines wackeren Wirts keinen Zweifel an der Güte des großen Staatsmannes und Lenkers der Geschicke Italiens, Francesco Crispi, erregen. Am nächsten Morgen schied ich von dem Grabmal der Furier und seinen Bewohnern.

Bald, bald wollte ich wiederkommen!

8.

Wieder in Rom, begriff ich, warum ich von der Fiammetta weder etwas gesehen, noch gehört hatte. An der spanischen Treppe stand sie niemals, und niemals lungerte sie mit dem übrigen müßigen Völklein der weniger begehrten Modelle in der Via Sistina. Sie war sozusagen Eigentum der Franzosen, die in den Hallen, Gärten und Steineichenhainen der Villa Medici das Leben von Halbgöttern führen. Auch der Knabe Raffaelo, Cesares Bruder, war eifersüchtig gehüteter französischer Besitz.

Ich erfragte beider Adresse und an einem Sonntagnachmittage suchte ich sie auf, um ihnen Grüße aus dem Molarathal zu bringen, was mich bei der schönen vielbegehrten Fiammetta empfehlen sollte.

Das Pärchen hauste unter dem tarpejischen Felsen in einer finstern und feuchten Kammer, die aus einen von Orangenbäumen gefüllten, von brennend roten Geranien und gelben Pansiarosen durchleuchteten Hof führte. Der braune Felsen der uralten Richtstätte der Römer stieg mit allerlei geheimnisvollem Trümmerwerk aus diesem Blühen und Glühen steil empor. Ich fand Cesares Braut mit dem Knaben unter den Blumen kauernd, von der Nachmittagssonne mit goldigen Lichtern umspielt.

Fiammetta war – doch Sie kennen ihr Bild und sahen heute sie selbst …« hat diese echt römische Frauenart etwas so geradezu Souveränes: eine junge Fürstin konnte von Fiammetta das Grüßen lernen! Kaum merklich neigte sie für mich das Köpfchen: so von unten nach oben.

Sie empfing mich höchst ungnädig. Daß ich einer von der Gilde war, sah sie mir auf den ersten Blick an. Sie sagte mir gleich grade heraus: sie könnte mir nicht stehen und wenn ich ihr für die Sitzung einen Scudo geben wollte! Ich ließ es auf diese Feuerprobe nicht ankommen, wohl wissend, daß die stolze Sabinerin dieselbe schlecht bestehen würde. Denn für diese Kinder des Südens ist Gott zwar Gott; aber das goldene Kalb ist der höchste Gott und wäre Christus nicht von Judas verschachert worden, so hätte dies ein Italiener gethan. Aber er hätte wohl mit sich handeln lassen!

Ich bestellte meinen Gruß, was eine etwas gnädigere Behandlung zur Folge hatte. Das war für meine Person nicht eben sehr schmeichelhaft; aber ich bin nicht eitel.

Ich befand mich keine fünf Minuten in der Blütenwildnis unter dem tarpejischen Felsen, als ich meines jungen Freundes tolle Verliebtheit in das schöne Geschöpf bereits vollkommen begriffen hatte – ein Verständnis, welches mir, nebenbei gesagt, durchaus nicht zum Glück gereichte. Übrigens durfte der leidenschaftliche Jüngling ganz ruhig sein: diese Sabinerin würde sich so leicht von keinem Römer rauben lassen! Es müßte sich denn um eine hohe Zahl handeln – wie meine neidische Eifersucht sehr verleumderischer Weise hinzusetzte. Der Knabe Raffaelo war überdies ein scharfer Tugendwächter des Mädchens, das übrigens solchen Schutzes gar nicht bedurfte.

Nach diesem eisten Besuche sah ich sie häufiger. Ich begegnete ihr, wenn sie zu den Franzosen ging: langsam, leicht in den Hüften sich wiegend, ohne irgend etwas zu beachten und meinen Gruß mit einem Nicken erwidernd, welches mir bei jeder andern Frau – die kein römisches Modell war – das Blut ins Gesicht getrieben hätte. Ich wollte mich über die königlichen Gebärden des halbwilden Geschöpfes belustigen, brachte es jedoch nicht dazu, mußte mir sogar eingestehen, daß ich sie auch deshalb im geheimen bewunderte.

Natürlich war ich verliebt.

Eines Samstagnachmittags begab ich mich denn auch wahrhaftig wieder in das kleine Zaubergärtchen unter dem tarpejischen Fels. Ich empfand in dem völkerreichen Rom heftiges Verlangen nach dem einsamen Molarathal und dem Grabmal des edlen Geschlechtes der Furier und ich glaubte, meine Sehnsucht durch einen Besuch bei Fiammetta lindern zu dürfen – so sagte ich mir wenigstens.

Sie empfing mich mit höchster Gleichgültigkeit, als ob ich ihr niemals die Grüße ihres Bräutigams überbracht hätte, überhaupt mehr ein Gegenstand als ein Mensch wäre.

Es war mühsam, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, da sie auf nichts einging, für nichts Teilnahme zeigte. Aber wozu bedurfte es des Redens? Sie fort und fort anzusehen – anzustaunen, war vollständig genug! Nachdem wir ungefähr eine halbe Stunde in solcher Konversation zugebracht hatten: sie schweigend und ohne sich um mich zu kümmern; ich schweigend und sie mit den Blicken verschlingend, fiel mir ein, den Knaben Raffaelo um Wein fortzuschicken.

Aber auch jetzt setzten wir unser stummes Beisammensein eine ganze Weile fort, bis sie plötzlich begann: »Was wohl Cé dazu sagen wird?« »Wozu?«

»Eh! Daß ich eine Signora werde.«

»Eine Signora? Du?!«

»Eine wahrhaftige Signora mit einem langen Kleide. Und einen Hut werde ich tragen. Denkt Euch doch: einen Hut!«

Die Vorstellung, ihr herrliches Haupt mit einem unförmlichen, von Band, Federn und Blumen starrenden, modernen römischen Kopfputz zu schimpfieren, erregte sie heftig. Ihre Augen funkelten. Sie war hinreißend schön.

Ich stierte sie an, bis ich die Situation zu begreifen begann und empört ausrief: »Du willst deinem Verlobten im Molarathal untreu werden? Deinem Verlobten, der dich tausendmal heißer liebt, als du die Madonna?!«

Ich war wütend. Es war jedoch, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, weniger der Zorn sittlicher Entrüstung, weniger Teilnahme für den armen Verlobten, als vielmehr sinnlose Eifersucht auf einen völlig Unbekannten.

Auf meine heftig hervorgestoßene Frage hatte sie nur die gelassene Erwiderung: »Wenn ich doch eine wahrhaftige Signora werden kann? Eine Signora, die einen Hut trägt!« Ich schrie sie an: »Aber ich denke, du liebst deinen Verlobten, der sein Leben für dich lassen würde?«

Ich war so wild, daß ich sie hätte beim Arm packen und schütteln mögen, nur um sie aus ihrer abscheulichen Ruhe zu reißen; denn sie würde sich von mir nicht haben anrühren lassen.

»Nun ja. Der arme Cé, Ich habe ihn recht gern. Aber was wollt Ihr?«

»Er wird dich einfach umbringen, wenn er deine höllische Treulosigkeit erfährt; und er thut ganz recht,«

»Wollt Ihr's ihm etwa sagen?«

Das war nun so eine Frage … Was für einen raffinierten Instinkt diese Weiber haben, diese »Halbwilden«!

Ausweichend bemerkte ich: »Ich werde gar nicht erst nötig haben, den Angeber zu machen; da er deine Schändlichkeit ja doch bald erfahren muß.«

»Wenn mich aber der andre mit sich fort nimmt und gleich als seine Frau?«

»Welcher andre? Der verrückte Mensch, der dich heiraten will ? Ein Geschöpf, das ihrem Liebhaber davonläuft!« Aber sie war über Beleidigungen erhaben und nannte mir mit gelassenem Triumph den Namen des Mannes, der so geschmacklos war, das wilde Wesen mit dem Hute der Dame zieren zu wollen, dieser hochbegehrten Krone des Lebens für jedes Mädchen aus dem römischen Volke.

Es war, wie mir gleich ahnte, einer der olympischen Herren Franzosen aus der Villa Medici; und zwar einer der begabtesten, ein sogenanntes Genie, dem allgemein die bewußte »große Zukunft« prophezeit ward.

Ich war außer mir. Der arme Cé wurde um seine Braut gebracht und ein junger frischer Mensch voll Talent und Feuer warf sich an ein solches Geschöpf weg! Und nur darum, weil es von fremdartiger Rasse war. Dabei kalt, wie ein nordischer Wintertag und unbewußt raffiniert wie eine Pariser Kokotte. Denn ich zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit von Fiammettas Aussage. Es giebt Künstler genug, die in Rom auf solche Art zu Grunde gehen: an Rom und den römischen Frauen. Es war für mich eine sonnenklare Sache, daß der »Gatte« der schönen Fiammetta an ihr zu Grunde gehen würde: entweder so oder so. Aber ich begriff den Wahnsinn, von dem mein bedauernswerter Kollege befallen worden war, und hatte nicht den Mut besessen, für mich selbst einzustehen – so berauschend ist der Taumel, der gewisse Gemüter und Konstitutionen in diesem Lande aller Sirenen und Dämonen ergreift.

Was sollte – was konnte ich im Interesse des armen Cé thun? Ich vermochte nur den Angeber zu machen, was schreckliche Folgen nach sich ziehen würde. Nochmals versuchte ich mit aller Eindringlichkeit – meine sittliche Entrüstung hieß ich als völlig unwirksam schweigen! – auf die Treulose einzureden, hätte jedoch ebensogut ein steinernes Bildnis anschreien können.

Der Knabe brachte den Wein. Sie sah mich mit einem bedeutsamen Blick an und machte eine gebieterische Gebärde, der ich unwillkürlich gehorchte.

9.

Ich kümmerte mich nicht mehr um die schöne Fiammetta, gedachte ihrer mit einer Abneigung, die an Widerwillen grenzte, und versuchte für den Mann, der seine ganze Zukunft preisgab, indem er sie heiratete, christliches Bedauern zu empfinden. Gern wäre ich den heißen Straßen der Stadt entflohen und ins Molarathal gezogen, darüber der Mai gewiß seinen ganzen Blütenzauber ausströmen ließ. Aber ich scheute mich, dem armen ahnungslosen Cé unter die Augen zu treten. Was sollte ich antworten, wenn er mich nach seiner Verlobten fragte?

Ich trieb mich zu dieser Zeit vielfach in den Wildnissen von Ostia und Castel Fusano umher, wo ich mich auf einem andern Erdteile wähnen konnte. Aber ich mußte meine Begeisterung mit einem Fieberanfall bezahlen und lag mit schwindelndem Kopf und schmerzenden Gliedern ziemlich elend in meinem Atelier, als eines schönen Vormittags plötzlich Fiammetta bei mir eintrat. Sie trug ihre ganze gelassene Hoheit zur Schau und ich war daher nicht wenig überrascht, als sie mich fragte, ob ich sie brauchen könnte.

»Du willst mir Modell stehen?«

»Nun ja.«

»Aber du bist ja Tag für Tag in der Villa Medici?«

Sie verneinte mit der allergleichgültigsten Miene. »Wie, du gehst nicht mehr zu den Franzosen?«

»Nein.«

Sie sah sich in meinem Atelier um und schien nicht sonderlich erbaut zu sein. Nirgends kostbare Stoffe, orientalische Teppiche, Bronzen, Blumen, schwellende Polster. Trotz meines Fiebers mußte ich lachen.

»Du siehst, ich bin ein armer Teufel von Künstler. Bei mir gibt's nichts zu holen. Wollte ich dich zu einer wahrhaftigen Signora machen, so würdest du dich schön bedanken. Ich könnte dir auf den Hut, den du dann tragen würdest, nicht für hundert Lire Federn kaufen.«

Sie zuckte, ohne zu antworten, die Achseln und wiederholte ihr Anerbieten, mir Modell zu stehen.

»Ja, aber, Fiammetta! Du heiratest jetzt bald deinen Franzosen. Erlaubt er dir denn das Modellstehen?«

»Damit ist's nichts.«

»Womit?«

»Mit dem Heiraten.«

»Will er dich nicht mehr?«

Sie sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Dann antwortete sie so gelassen, als ob es sich um die gleichgültigste Sache handelte: »Er wird wohl sterben.«

»Sterben! Der junge Mensch! Das große Talent! Wie geht das zu?«

»Er liegt in San Spirito.«

»Wie kommt er ins Hospital?«

»Gestern morgen fanden sie ihn.«

»Fiammetta!«

Ich sprang auf. Ich fühlte mein Fieber nicht mehr.

»Oben auf der spanischen Treppe fanden sie ihn.«

»Erstochen?!«

Ich schrie es laut. Doch sie, so ruhig, daß sie kaum die Stimme erhob, entgegnete nur:

»Er wird wohl nicht durchkommen, der Arme!«

Sie sah in diesem Augenblick so schön aus; und ich fand sie zugleich so unmenschlich, daß ihre Schönheit mir Grausen einflößte.

Ganz fassungslos lief ich auf und ab und dachte mit einer Art von physischem Weh an den jungen Franzosen, der im Hospital mit einer Todeswunde daniederlag – um eines solchen Weibes willen! Plötzlich kam mir ein entsetzlicher Gedanke. Ich blieb vor ihr stehen, fand den Mut, sie anzusehen, sagte langsam und leise:

»Du kennst den Mörder?«

Nur ihr Blick erwiderte mir: ›Ja, ich kenne ihn.‹

Eine Weile schwiegen wir. Dann brachte ich mit Anstrengung hervor:

»Wo ist Raffaelo?«

»Weiß nicht,«

»Also ist er nicht mehr in Rom?«

»Nicht mehr.«

»Seit wann ist er fort?«

»Seit vorgestern Nacht.«

Ich war so erregt, daß ich kaum zu atmen vermochte.

»Und niemand weiß, wo der Knabe ist?«

»Niemand.«

»Vielleicht ging er ins Molarathal zu seinen Leuten?«

»Vielleicht.«

»Jedenfalls wird man ihn dort suchen.«

»Wer?«

»Die Polizei.« Wiederum eine Pause. Dann hörte ich sie sagen, immer noch langsam, leise, gleichgültig:

»Sie werden ihn nicht finden.«

Später bedeutete ich ihr, daß ich sie als Modell nicht brauchen könnte. Mit derselben gleichgültigen Miene, mit der sie gekommen war, entfernte sie sich.

Welch ein Volk!

Sogleich begab ich mich nach San Spirito jenseits des Tibers. Die Erkundigungen, die ich einzog, klangen hoffnungsvoll. Aber der Verwundete verweigerte der Polizei gegenüber jede Auskunft und nach allem, was ich darüber gehört, durfte ich über das Schicksal des jungen Raffaelo ruhig sein. Fiammetta wurde verhört. Sie wußte jedoch von nichts, also brauchte die römische Polizei sich um sie nicht zu kümmern.

Eine Genugthuung brachte mir der tragische Unfall. Die leidenschaftliche Verliebtheit des jungen Franzosen war durch den Aderlaß, der leicht hatte tödlich sein können, stark abgekühlt. Mit keinem Worte verlangte er nach der schönen Urheberin seiner Leiden. Ich aber dachte: besser solchen, römischen Dolch zwischen den Rippen, als einen römischen Ring am Finger!

Fiammetta ließ sich nicht ein einziges Mal im Spital sehen, vollständig gleichgültig dafür, ob das arme junge Blut mit dem Leben davonkam oder nicht. Für sie war die Sache seit der Geschichte mit dem Dolchstoß vorbei. Und vorbei die Hoffnung, sich mit dem Hut der Signora krönen zu können. Also ging der Verwundete in San Spirito sie weiter nichts an und alles, was sie zu thun hatte, war, sich in andern Ateliers Arbeit zu suchen, da man sie in der Villa Medici nicht mehr wollte.

Ich hatte sie abgelehnt; doch war sie bereits am nächsten Tage bis tief in den Sommer hinein für jede Stunde vergeben. Es war sehr nett von ihr gewesen, zuerst zu mir armem Kerl zu kommen; und sie fand mich gewiß unendlich thöricht. Ja, diese Deutschen!

10.

Über das Leben des Franzosen beruhigt, nahm ich eifrig Chinin, um, sobald meine Kräfte es gestatteten, nach dem Molarathal abzureisen: mit der Bahn bis Frascati, dann zu Fuß. Ich nahm ziemlich viel Gepäck mit, da ich den ganzen Sommer in jener schönen einsamen Gegend bleiben wollte, die mich nun einmal magisch anzog.

Nicht wissend, ob die Latini noch im Grabmal der Furier hausten, ließ ich meine Sachen in der berühmten Wein- und Villenstadt und begab mich durch die köstlichen Wildnisse der Villa Falconieri und über den tusculanischen Ruinenberg in die Kirchhofstille der ältesten Schlachtfelder Roms hinab.

Keine purpurfarbenen Veilchen- und goldgelben Krokusfelder grüßten mich mehr: die frühlingsfrohe Lieblichkeit war einer sommerlichen Blütenpracht gewichen, deren Üppigkeit etwas Sybaritisches hatte: die Natur feierte ein Symposion.

Ich wollte querfeldein gehen und versank buchstäblich in einem Meer violetter Skabiosen, brennendroter Malven und indigoblauen Rittersporns. Mühsam durchwatete ich die bunte Flut von Blüten und Düften, mußte Caprifolium überwucherte Felsblöcke emporklimmen, mußte Bollwerke von wilden Rosen und Rosmarin überwinden, um mit erschöpften Kräften auf einer Insel zu landen,

welche rosablühende Verbenen und Reseden umsäumten. Auf diesem märchenhaften Gestade ruhte ich aus und schaute nach dem Grabmal der Furier hinüber. Es lag verlassen unter Akanthus und Ginster. Ich hörte kein Hirtenlied. sah keine Herde. Nur auf der Landstraße, der uralten Via latina, die wie eine braune Furche das Blütenland durchschnitt, bemerkte ich einen von Maultieren gezogenen Karren. Langsam, unter dem schrillen Geläut seiner Schellen, bewegte sich das Fuhrwerk durch das große Schweigen der Öde, darüber das Volskergebirge wie ein strahlendes Wolkengebilde aufstieg. Nachdem ich meine Augen an dem Bilde gesättigt und genug gerastet hatte, machte ich mich auf, meine beiden Sabiner zu suchen. Ich arbeitete mich bis zur lateinischen Straße hinunter, die ich auf gut Glück hinzog, in der Hoffnung, einem Bauern oder Hirten zu begegnen, der mir über den jeweiligen Aufenthalt der Nomaden von Val di Pietra berichten konnte.

Ich wandelte fort und fort durch die wuchernde Prairie, in welcher Herden silbergrauer Ochsen weideten. Die schönen Tiere ragten nur mit dem mächtig gehörnten Haupt aus der Buntheit der blühenden Steppe auf. Von einem Hirten war nichts zu sehen.

Die Straße stieg an und ich gelangte auf eine Hochebene. Von einem weiten Rund von Waldhügeln umschlossen, bildete sie ein einziges unabsehbares Gefild von Königskerzen. Es war sogleich bei mir beschlossen: das mußt du malen, dieses leuchtende Feld in dem schillernden zitternden Dunst eines römischen Sommertages. Nur die Staffage fehlte. Es mußte eine junge schlanke Gestalt sein, regungslos wie einer der schimmernden Blütenschäfte …

Dann ein neues Blütenwunder, für mich das Erstaunlichste.

Das Terrain wurde hügelig.

Welle auf Welle floß über den Boden wie schneeweiße Schaumwogen, in deren Gischt ich mich stürzte: steile Kämme, besetzt mit Weißdornbüschen, die in voller Blüte standen. Ich sah kein grünes Blatt, keinen Stamm. Schneeweiße glanzvolle Blumenmassen, so weit ich blicken konnte. Als ich einen der Hügel erklomm, stand ich wie über den schäumenden Wassern eines wundersamen Ozeans.

Wohl eine Stunde irrte ich in dieser holdseligen Brandung umher. Sie wich zurück. Inmitten der weißen Wellen ein kleiner, kreisrunder, kohlschwarzer Teich und an seinem Rande eine Hütte aus Röhricht.

Kaum trat ich darauf zu, so sprangen auch die drei Wolfshunde vor und heulend auf mich zu. Sogleich rief der bekannte Pfiff sie zurück. Ich gewahrte die schlanke Gestalt meines guten armen Cé im Eingange der Hütte stehen. Sobald er mich erkannte, eilte er mir entgegen.

An dem Ufer dieses dunkeln Bergsees, unter den Weißdornhügeln wollte auch ich mir eine Hütte bauen.

11.

Wir Deutschen können diesem Volke niemals gerecht werden – wir können nicht! Unsre Rassen sind von einander zu sehr verschieden, Entweder werden wir, je nach unserm Naturell, den Italiener in einer Apotheose verhimmeln, oder wir werden uns mit Widerwillen, mit Verachtung, mit Haß von ihm abwenden. Das eine ist genau so falsch wie das andere.

Mich zieht dieses Menschengeschlecht ebenso leidenschaftlich an, wie es mich abstößt. Es verwirrt mich, es quält mich. Ich werde es sicher niemals kennen lernen und niemals gerecht beurteilen können. Und immer wird es mich von neuem in Erstaunen versetzen …

Erst abends fragte mich Cé so nebenbei: ob ich Fiammetta gesehen, oder von ihr gehört hätte? Ich fühlte, wie ich bleich wurde und mein Herz laut zu klopfen begann.

Ja! Ich hätte sie gesehen. Sie fände jetzt bei den Franzosen keine Arbeit mehr … So?… Nein! Nun ja! Einer der Franzosen hätte sie heiraten wollen … Ja, aber? … Natürlich würde sie ihn geheiratet haben und eine Signora geworden sein.

Ich war sprachlos. Das sagte mir dieser rasend verliebte Sabiner. Noch dazu sagte er es vollkommen gelassen, als wäre es die selbstverständlichste Sache von der Welt. Endlich brachte ich etwas mühsam die Frage heraus: weshalb sie den Franzosen denn nicht geheiratet hätte?

O, weshalb nicht? Raffaelo hatte das Ding gemerkt und den heiratslustigen Herrn rechtzeitig mit einem Messerstich bedient. Auch das schien durchaus »natürlich« zu sein.

Sehr begierig war ich zu erfahren, wie es denn jetzt mit den beiden stand? Gewiß hatte auch die Leidenschaft des Sabiners durch den Blutverlust des Franzosen eine bedeutende Abkühlung erfahren und mit Cesares Jugendliebe war es wohl zu Ende. Ich befand mich jedoch noch keine vierundzwanzig Stunden unter dem blühenden Weißdornhügel am Rande des schwarzen Bergsees, als ich bereits eines andern belehrt worden war. Cé war nach wie vor auf die Fiammetta versessen, dachte nur an den Erwerb von möglichst vielen bald Hochzeit machen zu können und fühlte sich im übrigen in seiner Manneswürde und Bräutigamsehre – dank des brüderlichen Dolchstoßes – vollkommen unverletzt.

Ich sorgte jetzt für meine Villeggiatur an dem See von Doganello, wie die regungslose stygische Wasserflut hieß. Die Sache mit dem Hüttenbau überlegte ich mir vorerst noch. Material gab es zwar in Hülle und Fülle; denn unmittelbar hinter den Blütenkämmen der Weißdornhügel leuchtete die Steppe des Hochthals in dem Goldglanz des Ginsters. Doch ergab sich mir ein andres stabileres Sommerquartier.

Der Doganellosee liegt unweit eines Passes, welcher bereits im grauen Altertum einen berühmten Namen hatte; denn er bildete die Grenze zwischen Tusculum und dem feindlichen Hernikergebiet. Das Algidum – wie diese Gegend seit uralten Zeiten heißt – war stark befestigt. Es wurde zahllosemale zerstört und ebenso oft wieder aufgebaut; zuletzt von irgend einem kriegerischen Papst des Mittelalters. Später verwandelte sich das Kastell in ein beliebtes Jagdhaus weidlustiger Großen, die es wiederum bald hergeben muß ten. Unter den vielen Herren verfiel der Besitz, wurde ein berüchtigter Aufenthalt der Banditen, von wo aus die Posten und Vetturins, die nach Neapel zogen, überfallen und ausgeraubt wurden und zwar bis in die neueste Zelt. Augenblicklich war das Kastell eine Ruine, nur von einem Waldhüter bewohnt, der je nachdem bald einem entwichenen Übelthäter, bald den diesen suchenden Carabiniers, oder einem römischen Wachteljäger Obdach gewährte.

Dieser charaktervolle und menschenfreundliche Mann wurde also mein Padrone und der einzig bewohnbare Raum meine Malerherberge. Es war ein saalähnliches Gemach mit aufgerissenem Fußboden und berstenden Wänden. Aber Thüren und Kamin faßte Marmor ein, die Decke zeigte eine Stuccatur voll der göttlichen Grazie des Cinquecento und an den Mauern waren die Spuren von Fresken sichtbar, darin ich den Geist von Domenichino zu erkennen glaubte. Trat ich an eines der großen scheibenlosen Fenster, so blickte ich auf eine Landschaft herab, die wie ein Gesang Homers auf mich wirkte: jede Linie darin von gradezu heroischer Größe! Ich übersah das dunkle Waldgebirge und die weite leuchtende Steppe von den Volskerbergen bis zum Tyrrhenischen Meer, dessen Farbenspiel mit dem des Firmaments zusammenfloß.

Sehr vergnüglich für mich war es, an der Ruine alle die Epochen zu erkennen, die an diesem Bau nach und nach sich bethätigt hatten. Über gewaltigen cyklopischen Felsblöcken fand ich den grauen Peperin der Republik, das feine bläuliche Netzwerk der ersten Kaiserzeit ausgemauert. Säulenstümpfe aus goldigem Travertin, korinthische Marmorkapitäle lagen in dem wuchernden Unkraut der Höfe, zusammen mit den Torsen von Götterstatuen und Ehrenbildsäulen von Kaisern und Senatoren. Aus jedem Stein sprach zu mir eine Vergangenheit, welche Weltgeschichte war.

Aber sie lag da als Schutthaufen, in Scherben zerschlagen.

12.

Es war ein lustiges Hausen in dem alten Römerkastell, dessen genius loci der Geist der Geschichte war. Pasquale, mein Wirt, versorgte mich mit Wein und Brot; Vater Lorenzo mit Butter, Milch und Käse. Den übrigen Proviant holte ich mir selbst per Maultier aus Palästrina, wie ich denn auch meinen eigenen Koch und Kammerdiener machte. Meine Maccaroni al burro und al pomi d'oro waren ein kulinarisches Meisterwerk – so behauptete ich wenigstens. Und auf meine eigene Meinung kam es in diesem Fall ja nur an.

Ich vernahm, daß die Carabiniers Raffaelo gesucht hatten: gleich anfangs und nur ein einzigesmal! Damit war ihre Pflicht gethan. Ließen sie sich jetzt noch bisweilen blicken, so bildeten die jungen prächtigen Gestalten in ihren bunten Uniformen eine wunderhübsche Staffage. Im übrigen kümmerten sie sich nicht weiter um die kleine Affaire. Sie hätten auch viel zu thun gehabt, wenn sie im Römischen jeden Dolchstich und Pistolenschuß ernsthaft genommen.

Es dauerte denn auch gar nicht lange und der jugendliche Rächer der Ehre seines Bruders befand sich ganz gemächlich am See von Doganello bei den Seinen und wurde seiner Heldenthat willen von Vater und Bruder hoch geehrt. Übrigens flößte der hübsche braune Bengel auch mir eine Art von Respekt ein. Er hatte die Sache mit einer gewissen Großartigkeit verübt. Auf der obersten Terrasse der spanischen Treppe den Künstler erwartend, der langsam heraufstieg, stieß er ihm mit aller Wucht sein Dolchmesser zwischen die Rippen …

Inzwischen machte ich eifrige Studien zu dem Gemälde, welches ich von der Skizze mit der Blüte der Königskerze im Geiste trug. Aber ich hatte dafür noch immer nicht das eigentliche Motiv gefunden. Fiammetta wurde täglich aus Rom erwartet. Sie mußte dort noch zu thun und zu verdienen haben, was um diese heiße Zeit selten der Fall war. Die meisten Modelle hatten die Stadt bereits verlassen und waren in die hohen Felsennester zurückgekehrt. Einige davon passierten auf ihrem Heimwege das Molarathal, Sie zogen in kleinen Trupps unter Gesang daher. Es war seltsam, das schrille Gerassel der Tamburinschellen, die eintönigen melancholischen Weisen über der Wildnis schweben zu hören und die bunten schlanken Gestalten über die goldgelbe Heide sich hinbewegen zu sehen. Langsam schritten die Mädchen, die ihre sämtliche Habe auf dem Kopf trugen, dahin. Es war wie eine Prozession.

Mit den letzten sah ich von meinem Studienplatz aus Fiammetta herankommen: als Zugführerin, mit hoch erhobenen Armen das Tamburin schlagend. Die Glut des Tages hüllte sie ein wie ein feines funkelndes Gewebe.

Ich arbeitete weiter, aber eilig und zerstreut, machte früh Feierabend und begab mich an den See, wo ich das schöne Mädchen bereits eingerichtet fand, als wäre sie niemals abwesend gewesen und hätte niemals Aussicht gehabt, eine Dame zu werden. Die Männer hatten für sie eine eigene Hütte gebaut, deren Ginsterwände noch grün waren. Mit keiner Miene verriet Cesare seine Erregung und ich wußte doch, daß der ganze Mensch sich in einem wahren Aufruhr befand. Aber der gewiegteste Diplomat hätte sich nicht mehr in der Gewalt haben können, als dieser junge Sabiner.

Ich fragte Fiammetta, ob sie mir Modell stehen wollte: auf der Heide, inmitten der blühenden Königskerzen? Ja, sie wollte. Frage und Antwort fanden vor der Hütte statt, in Gegenwart von Vater und Sohn. Als ich mich später nach Hause begab, erfand Cé einen Vorwand, mich zu begleiten. Er sagte mir kurz und bündig: ich sollte mich in acht nehmen und an den Franzosen denken. Verführen ließe sich die Fiammetta von keinem Fürsten der Welt. Und wenn ich mich etwa auch so verrückt in sie vernarrte, daß ich sie zu einer Dame machen wollte; dann – es würde ihm leid um mich sein.

Übrigens wollte Cé die Hochzeit nicht länger aufschieben. Er hatte sich bei seinem Mädchen nach dem Erwerb des Jahres erkundigt, hatte ein günstiges Resultat erfahren, hatte mit Vater und Braut eine bedächtige Rechnung gemacht, den Erwerb einer Herde als für möglich befunden und wollte nun gleich am nächsten Sonntag nach Rocca Priora, um mit dem Priester das Nötige zu besprechen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß der Priester allein heutzutage zu einer Hochzeit nicht ausreicht. Aber er verstand mich gar nicht.

Cé war am Sonntag in Rocca Priora gewesen und hatte mit dem geistlichen Herrn wegen seiner Hochzeit gesprochen. Aber dieser weigerte sich, das Paar zu trauen, weil die zwei – Geschwisterkinder waren.

Weder Vater Lorenzo, noch die beiden Verliebten hatten das bedacht. Erst jetzt fiel es ihnen ein: die Ehe zwischen Cesare und Fiammetta Latini war eine Sünde! Und zwar eine hundertfach größere, als ein Raubmord oder sonst ein Totschlag gewesen wäre. So hatte der geistliche Herr ihnen das Ding begreiflich zu machen gesucht und so begriffen sie es denn auch.

Cesares dumpfe Verzweiflung hatte etwas Erschreckendes. Ruhig erzählte er mir den Sachverhalt und ruhig blieb er auch später. Aber wie er es erzählte: mit welcher Stimme, welcher Miene! Und wie er die Tage darauf seinen gewöhnlichen Geschäften nachging … Auf keinem Menschengesicht hatte ich jemals solchen Ausdruck gesehen. Es war Hoffnungslosigkeit.

Fiammettas Empfindungswelt blieb mir vollständig verschlossen. Sie äußerte sich mit keinem Wort, stand mir Modell, stand stundenlang im Sonnenbrande: mit weit offenen Augen in die glanzvolle Helle schauend, als erwarte sie von dorther irgend wen, irgend was; als müßte zu ihr aus weiter Ferne eine geheimnisvolle Macht kommen, die dieses regungslose Frauenbildnis beleben sollte.

Jetzt sprach ich mit Cé. Ich setzte ihm auseinander, daß ein Brautpaar der Kirche nicht mehr bed ürfe, um ein Ehepaar zu werden, daß der Staat ihn und Fiammetta unbedenklich zusammen geben würde – allerdings nur der Staat.

Aber Cé begriff mich gar nicht.

Ich sprach mit Fiammetta, mit Lorenzo … Aber das Brautpaar ein Ehepaar werden ohne die Kirche? Auch diese beiden begriffen es nicht. Unmöglich!

Ich begann von Giuseppe Garibaldi zu reden, durch welchen in Italien die Macht der Kirche gebrochen sei – so drückte ich mich aus. Ich wies auf den großen Staatsmann Crispi, den »Checco«, hin; aber – nein und nein! Sie begriffen es nicht.

Es fehlte ihnen jede Vorstellung von dem, was ich ihnen immer und immer wieder klar zu machen suchte.

Unmöglich konnten sie Mann und Frau werden; denn kein Priester würde sie trauen. Das wußten sie jetzt. Und ohne das Amen des Priesters auch keine Ehe.

13.

Auch an eine andre Sache hatten diese naiven Kinder der Wildnis mit keinem Gedanken gedacht: daß der Staat, der ohne die Kirche Ehen schloß und von seinen Bürgern die sündhaften Steuern nahm, seine jungen Söhne zu Soldaten verlangte.

Lorenzo Latini besaß zwei Söhne, also mußte der älteste dem Vaterland dienen.

Fürs erste mußte der gute Cé nach Palästrina, um dort »die Nummer zu ziehen.« Eine »glückliche Nummer« konnte ihn frei machen von dem Dienst fürs Vaterland, welches grade seiner Söhne dringend bedurfte, um sie in dem ungerechtesten und verabscheuungswürdigsten aller jemals geführten Kriege für seinen »Ruhm« in Afrika sterben, das heißt abschlachten zu lassen.

Zuerst wollte der wackere Lorenzo seinen Ältesten durchaus nicht nach Palästrina zur Ziehung schicken. Sie hatten ihm gesagt: der Krieg in Afrika würde von Francesco Crispi gemacht, wäre also des Checcos Krieg; und der Checco würde doch nicht ihm, seinem alten Freunde von der Via Appia und Mentana, den Sohn nehmen? Grade den ältesten, stärksten und nützlichsten!

Ich hatte es aufgegeben, der Familie Latini die neue Zeit begreiflich zu machen und mußte es in diesem Falle den Carabiniers überlassen. Sie kamen eines schönen Tages, holten Cé einfach von der Herde fort und hätten gegen Vater und Sohn fast Waffengewalt anwenden müssen. Wie ein Gefangener wurde der Jüngling aus dem Molarathal nach Palästrina geführt.

Lorenzo war es nach der gewaltsamen Fortführung seines Ältesten zu Mute, als hätte er einen Schlag vor den Kopf bekommen. Er war einfach betäubt. Fiammetta dagegen gebärdete sich wie eine Rasende. Sie hatte den Franzosen, der sie heiraten wollte, ruhig erstechen lassen, hatte mit Gleichmut die Aussicht aufgegeben, eine Dame zu werden und den Hut zu tragen, mit scheinbar unbewegter Seele hingenommen, nicht ihres Vetters Frau zu werden. Nun plötzlich dieser Ausbruch sinnloser Leidenschaft, Sie wollte nicht hören, daß es nun einmal so war, daß Cesare sich überdies frei ziehen konnte. Sie ließ sich nicht beruhigen, schrie in einem fort: nun müßte er nach Afrika; nun würde er in Afrika totgeschossen. Es wäre mit ihm und mit ihr vorbei.

Ihr ganzer Haß traf den »Checco«. Er hatte den Krieg gemacht, er nahm ihr Cesare, er ließ diesen in Afrika totschießen! Der »Checco« war an allem schuld, sowohl an dem unseligen Schicksal Italiens wie an dem der Familie Latini.

Einen noch tieferen Eindruck als die gewaltsame Fortführung Cés machte auf Lorenzo die Vorstellung, daß der Checco – sein Checco – das Unglück der Nation verschuldet haben sollte. Ich hörte ihn fort und fort den Namen seines alten Freundes murmeln und sah ihn stundenlang vor sich hinbrüten.

Cesare kam von Palästrina nicht wieder zurück und den nächsten Tag machte ich mich auf, um für seine verzweifelte Familie Nachricht einzuziehen; denn Raffaelo mußte bei der Herde bleiben. Lorenzo war über Nacht ein alter Mann geworden und Fiammetta that, als wäre ihr Liebster – den sie ja doch nicht heiraten konnte – bereits tot und begraben und sie hätte auf der Welt nichts anderes mehr zu thun, als an seinem Mörder Rache zu nehmen. Also begab ich mich schweren Herzens nach der leuchtenden Stadt des großen Tondichters.

In Palästrina brachte ich in Erfahrung, daß Cesare Latini von Val di Pietra eine unglückliche Nummer gezogen hatte und mit den übrigen – ganz gegen den Usus – bereits in einigen Tagen nach Neapel abgehen würde. Dort sollten die neuen Rekruten in Eile notdürftig einexerziert werden und dann sogleich nach Afrika, wo die Regierung weniger gute Soldaten, als vielmehr Kriegsmaterial und Menschenleben bedurfte, zur Versendung gelangen. Keinem einzigen der jungen Leute ward gestattet, noch einmal zum Abschiede in die Heimat zurückzukehren. Die Regierung befürchtete Erregungen des Landvolkes, die zu Tumulten führen konnten. Wie Arrestanten wurden die Rekruten gehalten und sie sollten doch mit »Gott für König und Vaterland« gegen Kaiser Menelik in den Tod gehen.

Es gelang mir, nicht ohne Hilfe eines inhaltreichen Händedrucks, in die Kaserne zu dringen. Einer der gewaltigen Baronalpaläste des Mittelalters mit Mauern und Höfen wie eine Festung, oder ein Gefängnis, war dazu eingerichtet worden. Mein armer Cé befand sich abseits von seinen übrigen Unglücksgenossen. Er sah bleich und verändert aus, schaute mich kaum an, hörte kaum, was ich sprach, womit ich ihn zu trösten versuchte. Unter den jungen Leuten herrschte eine schwüle Stille. Sie hatten Mienen und Blicke, daß ich dachte: ›Gott gnade dem Lande, dessen Söhne mit solchen Gesichtern in einen Krieg ziehen!‹ Ein Gefühl tiefen Wehs überkam mich bei dem Anblick dieser »Jugend Italiens«, für deren verzweiflungsvolle Stimmung ich diejenigen verantwortlich machte, welche einen Krieg für die Größe des neuen »Kulturstaates« erforderlich hielten, einen derartigen Krieg!

Mit Mühe und Not preßte ich Cé einige Worte aus … Ihm war's gleich. Nur die Fiammetta! Ihm war alles gleich. Aber daß die Fiammetta nicht seine Frau geworden war – niemals werden konnte! Es war ihm lieber, in Afrika erschossen, oder geschlachtet, oder verstümmelt zu werden – da er von der Fiammetta nun einmal nicht hätte lassen können. Ganz unmöglich!

Er dachte und fühlte nur das eine: die Fiammetta! Ob er seinen Leuten etwas zu bestellen hätte?

Nein – nichts.

Auch nicht der Fiammetta?

Nein, auch der nichts … Ja, doch! Ich sollte der Fiammetta sagen: es sei besser so! Besser wär's, er würde in Afrika umgebracht.

Ich antwortete:

»Es ist besser, du siehst sie jetzt nicht wieder. Aber wenn du aus Afrika glücklich zurückkommst: als tapferer Soldat und braver Mensch, so bist du verständig, kümmerst dich nicht um die Pfaffen und nimmst deine Fiammetta zur Frau.«

Er erwiderte nichts; er sah mich nur an. Es war ein trostloser Blick.

Als ich an den Doganellosee zurückkam, befanden sich im Hirtenlager nur Fiammetta und Raffaelo: Lorenzo hatte mitten in der Nacht die Cavanna heimlich verlassen.

Bevor ich meine Erlebnisse in Palästrina berichten konnte, erzählte mir Fiammetta: sie hatte die letzte Nacht von schwarzen Hühnern geträumt. Schwarze Hühner im Traum gesehen, bedeutete Tod, Cesare würde also sterben. Aber sie würde ihn rächen. Ich fragte, an wem sie ihren Geliebten rächen wollte, wenn dieser im Kriege wirklich fallen sollte?

Ganz gleich an wem! Ihr Vorsatz nach Rache erfüllte sie bereits jetzt in einer Weise, daß sie den sofortigen Aufbruch Cesares nach Neapel ohne Abschied gar nicht zu empfinden schien. Was hätte auch ein Abschied geholfen? Sterben mußte er ja doch – da sie von schwarzen Hühnern geträumt hatte.

Ich befand mich noch zu später Nachtstunde in der Hütte am See, beunruhigt durch das lange Ausbleiben Lorenzos, als dieser kam, vom Kopf bis zu den Füßen staubbedeckt. Seine Miene drückte eine Trauer aus, die mir zu Herzen ging.

»Aber Cencio! Wo wart Ihr denn nur?«

»In Rom.«

»Cesare ist ja in Palästrina. Er läßt Euch grüßen. Was wolltet Ihr also in Rom?«

»Mit dem Checco reden.«

»Ihr wolltet zu Crispi?!«

»Nun ja, zum Checco. Ich kenne ihn ja doch. Wir sind ja doch alte Freunde.«

»Ach, guter Lorenzo!«

»Ich wollte ihn fragen, ob es wahr sei, daß er diesen Krieg gemacht hat, daß also er mir den Sohn fortnimmt? Ich wollte ihn bitten, mir meinen Cé wiederzugeben. Er ist ja doch mein alter Freund, der Checco.«

»Lorenzo, guter alter Lorenzo!«

Aber ich sagte es rein mechanisch. Ich hatte zufällig Fiammetta angesehen und konnte meinen Blick nicht mehr von ihr abwenden. Bei der Nennung des großen Staatsmannes hatten ihre Augen aufgeleuchtet, hatte ihr Gesicht ein Ausdruck entstellt, daß ich sogleich wußte: plötzlich hat sie den Mann gefunden, an dem sie den Tod Cesares rächen würde. Denn sterben mußte dieser, ihrem Traum zufolge, ja unbedingt.

»Und wie war's in Rom?« fragte ich nach einer Pause, unverwandt Fiammetta anschauend.

Lorenzo hatte sich gesetzt wie ein Mensch, der todmüde ist, todmüde auch in der Seele. Er schien meine Frage überhört zu haben, schaute vor sich hin und murmelte mit schwerem Atem:

»Der Checco! Jawohl, ja, der Checco!«

»Saht Ihr Euern alten Freund, Francesco Crispi? Erzählt doch!«

Und Lorenzo Latini erzählte … Auch seine Stimme klang todmüde.

»Ich kam in Rom an, fragte, wo der Checco wohnte? Aber der Mann wußte es nicht. Ich fragte also einen andern. Und noch einen andern. Aber keiner wußte es. Erst als ich den andern Namen nannte, verstanden sie mich. Weswegen erst noch den andern Namen? Checco war doch genug.«

»Also sagte man Euch dann, wo Crispi wohnte?«

»Sie fragten mich, was ich bei ihm wollte? Nun, reden wollte ich mit ihm! Von dem Krieg in Afrika und von meinem Sohn Cé. Wozu brauchten die Leute das zu wissen?«

»Schließlich erfuhrt Ihr Crispis Wohnung?«

»Nun ja, bei der hohen Treppe wohnt er. Als ich in sein Haus hinein wollte, ließen sie mich nicht hinein.«

»Wer nicht?«

»Die Carabiniers und die Polizei. Die Polizei stand vor Checcos Haus Wache, damit niemand zu ihm hineinkam. Und ich war doch sein alter Freund, von der Via Appia und von Mentana.«

»Sagtet Ihr das den Leuten nicht?«

»Freilich. Aber sie …« »Nun sie?«

»Sie lachten mich aus.«

»Armer Cencio!«

»Und sie ließen mich nicht hinein.«

»Was thatet Ihr?«

»Ich wartete.«

»Vor Crispis Hause?«

»Vor dem Hause durfte ich nicht stehen bleiben: die Carabiniers und die Polizei jagten mich fort. Denkt Euch: von dem Hause meines alten Freundes Checco jagten sie mich fort.«

Ich versuchte ihn zu trösten.

»Das mußten sie. Dafür stehen sie vor Crispis Hause. Sie müssen den großen Staatsmann bewachen.«

»Weswegen bewachen?«

»Jenun … Euer Checco hat viele Feinde in Italien.«

»So, so! Feinde hat er? Der Checco!«

Er schwieg, starrte vor sich hin, seufzte. Es war wie ein Stöhnen.

»Also Ihr wartetet?«

»Auf der Straße. Er kam dann auch. Im Wagen kam er. Ich erkannte ihn gleich. Ganz weiß ist er geworden. Da wollte ich's ihm denn sagen. Aber gleich waren wieder die Carabiniers und die Polizei bei mir. Da rief ich's ihm zu, während sie mich von seinem Wagen zurückhielten.«

Was rieft Ihr Crispi zu?«

»›Ich bin ja der Lorenzo Latini!‹ Aber er –«

»Gewiß verstand er Euch nicht.«

»Herr, er verstand mich.«

»Dann wußte er Euern Namen nicht mehr.«

»Herr, das ist nicht möglich. Meinen Namen mußte er wissen. Denkt doch an die Via Appia!«

»Aber er erkannte Euch also nicht mehr?«

»Herr, er verachtet mich.«

»Nein! Nein!«

»Er sah mich an und – Herr, der Checco verachtet den armen Hirten, der an seinem Wege stand, als er im Wagen nach Hause fuhr.«

Er ließ den Kopf in seine beiden Hände sinken und war an Leib und Seele ein todmüder Mensch. Ich ging still hinaus.

14.

Dann kam ein Tag der Angst und des Schreckens.

Fiammetta war verschwunden und Cesare wurde von den Carabiniers gesucht: er war desertiert! Die beiden, denen die Kirche den Segen verweigerte und welche die bindende Macht des Staates nicht begriffen hatten, waren plötzlich durch die zwingende Gewalt der Leidenschaft zusammengeführt worden. Armes junges Paar!

Diesesmal machte die römische Polizei Ernst und auf Cesare wurde eine Jagd angestellt, als wäre der entflohene Rekrut ein zehnfacher Raubmörder. Das Seltene geschah des Beispiels wegen. Was sollte aus dem Kriege mit Afrika werden, wenn Italiens Söhne die Sache des Vaterlands schmählich im Stich ließen? Man sagte Lorenzo: bekämen sie seinen Sohn, so würde er – des Exempels wegen – auf dem Platze, wo sie ihn gefangen nahmen, niedergeschossen. Der Vater vernahm es mit stumpfer Verzweiflung.

Für mich bestand kein Zweifel, daß die beiden sich ganz in der Nähe aufhielten und daß sowohl Lorenzo wie Raffaelo um ihren Versteck wußten. Sicher trug ihnen der Knabe Nahrung und Nachrichten zu, was für beide Teile mit größter Gefahr verbunden war; denn das Hirtenlager am Doganellosee wurde scharf bewacht.

Ich ging umher, als wäre ich selbst ein Verfolgter. Zu malen war mir unmöglich. Meine Angst um das Schicksal der Familie Latini hielt mich fort und fort in der Nähe des Sees oder der Herde, die gehütet werden mußte, als wäre nichts geschehen. Mit Lorenzo wagte ich nicht zu reden. Er hatte etwas in seinem Gesicht und Wesen, was ihn unnahbar machte. Aber den Knaben warnte ich, ihn zur höchsten Vorsicht mahnend. Der schlaue Junge that, als verstünde er mich nicht.

Nach einigen Tagen jedoch mußte er sich mir entdecken: die Carabiniers, diese Bluthunde, wären auch nachts auf der Lauer; fast, daß sie ihn erwischt hätten! Seit zwei Tagen befanden sich die beiden ohne Lebensmittel. Ich mußte sie aufsuchen und zwar noch in der nämlichen Nacht.

Ich erklärte mich sofort bereit und wir – Raffaelo und ich – machten unsern Plan.

Ich sollte mich sogleich nach Frascati begeben, dort am Morgen Lebensmittel, hauptsächlich Brot und Wein einkaufen, einen Esel mieten, als wollte ich einen Ausflug nach Tusculum unternehmen, den Treiber zurücklassen und dann auch richtig den Ruinenberg hinaufreiten. Dort in dem weitläufigen, zum Teil unterirdischen Gebiet der Tiberiusvilla würde ich in einer halbversunkenen Galerie einen alten vertrockneten Feigenbaum finden. Hier sollte ich einen schrillen Schrei ausstoßen, welcher den Ruf des Falken nachahmte, und dann dessen Wirkung abwarten.

Mit großer Vorsicht führte ich diesen Plan aus, glaubte alles sehr gut vollbracht zu haben und vollständig unbeobachtet geblieben zu sein. Jetzt lag ich in dem gewaltigen Trümmerwerk der Kaiservilla, unter hohem Menthekraut, welches bei der Sonnenglut einen betäubenden Duft verbreitete. Ganz nahe vor mir durchschnitt das silbergraue Gerippe des verdorrten Feigenbaums den strahlenden Äther und mein Esel ließ sich die fetten Disteln von Tusculum schmecken.

Nicht lange und die beiden kamen. Aus einem der verschütteten Prunksäle Tibers, in die es jetzt wie in natürliche Grotten hinabging, stiegen sie zum Tageslicht auf: Cé mit einer Büchse bewaffnet, die Raffaelo ihm zugetragen hatte. Sie schienen nicht im mindesten erstaunt, mich zu sehen; aber sie freuten sich und dankten mir, daß ich gekommen war. Fiammettas Mienen und Wesen ließen mich nichts von ihren Empfindungen ahnen; dagegen war Cesare voller Triumph und in einem Glück, das ihn berauschte. Er hatte keinen Gedanken an die Gefahr und daß es sich um Leben oder Tod handelte, war ohne Besinnung für seine Lage, die auf die Dauer unhaltbar war. Ich versuchte, ihm dieselbe zum Bewußtsein zu bringen, mußte jedoch bald einsehen, daß ich dazu nicht im stande war. Er wollte an die Lebensgefahr nicht glauben, meinte: die Carabiniers würden ihn noch eine Weile suchen und sich dann nicht mehr um ihn bekümmern – sie machten es ja immer so und er hätte weder einen Mord noch sonst ein Unrecht begangen. Es war vergeblich, daß ich ihm das klar zu machen suchte. Er blieb dabei, daß er nichts gethan hätte, als sein Leben zu retten; denn er wäre ja doch nur nach Afrika gebracht worden, um dort getötet zu werden. Was ginge ihn der Krieg in Afrika an?

Fiammetta hörte unsern Verhandlungen wortlos zu. Sie saß auf einem antiken Gebälk und hatte wieder ihren in weite Fernen schauenden Blick: grade, als erwarte sie jemand. Sie kümmerte sich so wenig um die Gegenwart und um die dringende Frage: was werden sollte, daß ich sie laut anrief, als müßte ich sie aus schwerem Schlaf wecken.

»Sitze doch nicht so da! Was sagst denn du dazu?«

»Wozu?«

»Wie es mit euch werden soll?«

»Wie soll es mit uns werden? Ich weiß genau, wie es mit uns wird.«

»Nun?«

Sie schwieg.

»Aber so sprich doch!«

»Sie werden ihn töten und ich muß ihn rächen,« antwortete sie laut und gelassen.

Cé lachte. Es war zum erstenmal, daß ich den jungen Sabiner lachen hörte und grade bei der Prophezeiung seines Todes. Sein Lachen war sorglos und fröhlich wie das eines Knaben. So gut es mir gelingen wollte, stimmte ich ein; aber es klang ziemlich gewaltsam.

Fiammetta wiederholte: »Sie werden ihn töten.«

»Wohl weil du neulich von schwarzen Hühnern geträumt hast und weil in euren Traumbüchern schwarze Hühner Sterben bedeuten?« versuchte ich zu scherzen, noch immer unter dem Bann einer schwermütigen Stimmung.

»Herr, lacht nicht über Träume.«

»Und wenn sie deinen Cé getötet haben, so mußt du nach sabinischem Brauch wiederum töten. Wen? Francesco Crispi?«

»Ihn oder einen andern.«

»Der Schuld an dem Krieg mit Afrika trägt?«

»Ja, Herr.«

Mit dem seltsamen Geschöpf war nichts anzufangen.

15.

Dann mußte ich die beiden verlassen und aufbrechen. Sie wollten mir durchaus ein Stück Wegs das Geleit geben, so sehr ich mich auch gegen solche Unvorsichtigkeit auflehnte. Cé in seiner glückseligen Stimmung hörte auf nichts und Fiammettas Miene sagte: ›Es ist ja ganz gleich! Seinem Schicksal kann der Mensch doch nicht entgehen.‹ Ich vermochte nur durchzusetzen, daß ich mich vorher über die Sicherheit der nächsten Umgebung unterrichtete.

Das ganze Gebiet der Kaiservilla suchte ich ab. Die Ruinen füllte die Glut der Abendsonne. Auf dem roten Gemäuer lag ein Glanz, als würde es von all' dem Blut überströmt, welches unter Kaiser Tiberius geflossen war. Das verdorrte Farnkraut, durch welches ich mir erst einen Weg bahnen muhte, leuchtete wie Goldbronze. Bis an die Schulter versank ich in den Schimmer und erschrak, wenn die braunen Blätter unter meinen Schritten knisterten, oder eine große grüne Eidechse mit lautem Rascheln vor mir entfloh.

Aber meine Fußspur bildete in der wuchernden Wildnis das einzige Zeichen von menschlicher Anwesenheit. Als ich endlich aus den Trümmern hervortrat, übersah ich eine kahle Berglehne, welche nach der vollständig baum- und strauchlosen Steppe zu steil abfiel.

Nirgends ein Mensch!

In ziemlicher Entfernung unter mir erhob sich eine Hirtenhütte aus Cannenrohr und Ginstergestrüpp. Aber sie war verlassen. Beruhigt kehrte ich zu den beiden zurück: sie hatten wirklich nichts zu befürchten – heute noch nicht!

Ohne jede Sorge ließ ich mir jetzt ihre Begleitung gefallen. Cesare trug seine Büchse schußbereit. Unterwegs besprachen wir, auf welche Weise ihnen das nächstemal die Lebensmittel zugeführt werden konnten: sie sollten an einem bestimmten Platz in den Ruinen verborgen werden.

Die Katastrophe kam so schnell, daß ich davon betäubt ward. Fiammetta stieß einen gellenden Schrei aus und zugleich sah ich, wie aus dem Boden gestiegen, einen Carabinier von den Ruinen her auf uns zustürzen. Und dort noch einen und noch einen! Cé wollte fliehen. Aber Carabiniers hinter ihm und Carabiniers neben ihm! Nur vor uns schien der Weg frei. Also sprang er den steilen Abhang hinunter. Ein Polizist legte auf ihn an, schoß, traf jedoch nicht. Unversehrt erreichte der Verfolgte die Capanna, die sogleich von den Carabiniers umzingelt ward. Um Fiammetta und mich kümmerten sich die Leute nicht und so wurden wir denn die unthätigen Zuschauer des schrecklichen Dramas, welches vor unsern Augen sich abspielte.

Cesare stand in dem Eingang der Hütte, von dem aus er – da die Hinterwand durch den Tufffels geschützt ward – seine Verfolger übersah. Er hatte seine Büchse erhoben. Wir waren ihm so nahe, daß wir sein Gesicht erkennen konnten. Er war totenbleich, aber vollkommen ruhig.

Der Sergeant fragte ihn: ob er sich auf Gnade und Ungnade ergeben wollte?

Er wollte nicht.

Ich rief ihm zu: er möge es thun – da er das Hoffnungslose seiner Lage doch einsehen mußte.

Aber er wollte nicht.

Ich bat und beschwor ihn. Doch er wollte nicht! Da schrie ich Fiammetta an: sie sollte ihn auffordern, sich der Übermacht zu ergeben; flehentlich bitten sollte sie ihn. Aber das Weib stand neben mir, stumm, starr, die Augen weit offen und in die Weite schauend … Ich wendete mich an den Sergeanten: er möchte dem Unglücklichen Bedenkzeit geben – nur fünf Minuten! Da that Cesare aus seinem Gewehre den ersten Schuß und damit war er verloren.

Er hatte einen der Polizisten verwundet und diese wurden jetzt wütend. Sie wollten die Capanna stürmen. Der Sergeant jedoch befahl ihnen, zurückzubleiben und die Hütte einfach in Brand zu schießen. Er wollte den Sabiner ausräuchern wie einen im Bau gefangenen Dachs.

Wenn die Hütte in Flammen stand, würde er schon herauskommen.

Aber er kam nicht heraus!

Gierig züngelten die Flammen an dem trockenen Röhricht empor, dicker Qualm stieg auf. Er mußte ersticken, kam er nicht heraus, nicht sofort heraus!

Er blieb drinnen.

Ich schrie auf vor Entsetzen; ich stürzte vor, hin zu der ganz in Flammen stehenden Hütte, Ich wollte hineindringen …

Es war zu spät!

Verbrennen hatte er sich lassen, lebendigen Leibes verbrennen!

Sie hatten den verkohlten Leichnam des jungen Sabiners aus den rauchenden Gluten hervorgezogen, hatten in dem nächsten Gehölz Äste und Zweige abgehauen, eine Bahre gemacht, den Toten darauf gelegt, mit Laub bedeckt und nach Frascati getragen. Ich war mitgegangen und mitgegangen war auch Fiammetta. Sie sagte nicht ein Wort, that keinen Laut. Stumm und starr schritt sie neben der Bahre her, dicht zu Häupten des Toten. Wenn ich zu ihr sprach, schien sie es gar nicht zu hören. Wenigstens gab sie kein Zeichen irgend welchen Verständnisses.

Sie trugen den Verbrannten in das Municipium, vor dem trotz der späten Stunde das Volk zusammenlief. Fiammetta und ich standen in der Menge und warteten, was geschehen würde. Es dauerte nicht lange, so kamen die Carabiniers mit dem Leichnam wieder zurück und dann zeigte sich, was sie damit vorhatten. Zum warnenden Beispiel sollte der Tode ausgestellt werden: auf öffentlichem Marktplatz, daß jedermann mit Augen sehen konnte, wie es einem Deserteur erging. Noch mitten in der Nacht wurde das effektvolle Spiel in Scene gesetzt.

Zwischen zwei Pechpfannen stand die Bahre mit dem enthüllten Leichnam, zwei Carabiniers hielten dabei Wache und das Volk drängte lautlos herbei, um zu schauen. Fiammetta hatte sich dicht neben dem Toten auf das Straßenpflaster niedergekauert.

Den ganzen nächsten Tag über blieb der arme Cé ausgestellt, von den Carabiniers und seiner Geliebten behütet.

Ich mußte zurück ins Molarathal an den Doganellosee, um Lorenzo Latini von seinem Sohne Kunde zu bringen …

16.

Bald war wieder alles, wie es gewesen war: Lorenzo Latinis Herde weidete, von Vater und Sohn gehütet, auf den Bergen des Algidum und ich malte an meinem Felde blühender Königskerzen, an einem hochsommerlichen Sciroccotage. Fiammetta stand mir Modell: regungslos und schweigend, mit weit offenem Blick in die Ferne schauend, als ob sie jemand erwartete.

Aber der Erwartete kam nicht … Die verkohlten Überreste des armen Cé lagen eingescharrt auf dem Kirchhof von Frascati. Über dem Grabe wuchs Gras, welches die Sonnengluten bereits versengt hatten. Vater Lorenzo hatte für die jäh hingefahrene Seele seines Ältesten bei den Kapuzinern eine Messe lesen lassen und – der junge Sabiner war eben tot und begraben.

Ich atmete auf. Fiammetta schien nicht mehr an Rache zu denken und Lorenzo hatte wohl – ganz gegen sabinische Art – niemals daran gedacht. In der ersten Zeit nach der Katastrophe zitterte ich für das Leben des Sergeanten der Carabiniers. Der Mann that freilich nur seine Pflicht; aber weder Fiammetta noch Lorenzo waren fähig, darüber ein klares und gerechtes Urteil zu haben. Für ihre Empfindungsweise war der Polizist, der den Befehl zur Einäscherung der Hütte gegeben hatte, unmittelbar an Cesares schaurigem Flammentod schuldig, war also der Mörder.

So erleichtert ich mich nach einiger Zeit, als nichts sich ereignete, zu fühlen begann, bekam ich doch, wie ich gestehen muß, von diesem Völklein im allgemeinen mehr und mehr eine herzlich geringe Meinung. Nur den biedern Alten mit seiner fanatischen Anbetung Vater Giuseppes und seinem Kinderglauben an Freund Checco nahm ich aus. Nachdem er die bittere Enttäuschung erlitten, daß der große Staatsmann ihm helfen würde, schien er mir eine rührende, fast tragische Gestalt zu sein. Er sprach nie mehr von seinem Gang nach Rom; aber ich merkte wohl, daß ihm die Sache am Herzen fraß, vielleicht mehr noch, als der gräßliche Untergang seines Cé. Meine Geringschätzung traf hauptsächlich die schöne Fiammetta und ich war nur zu sehr geneigt, von ihr einen etwas voreiligen Schluß auf alle Frauen des römischen Landes zu ziehen.

… Diese Fiammetta war die Braut eines braven Jünglings, der sie leidenschaftlich liebte. Da zeigte sich ihr die Aussicht, eine »Dame« zu werden und sie war sogleich bereit, den Geliebten aufzugeben. Durch keine Versuchung wurde sie zu solchem infamen Treubruch verleitet, durch keine plötzlich in ihr erwachte Leidenschaft; sondern lediglich »durch den Hut der Signora«. Die schimmernde Vision erfüllte sich nicht und so wurde sie denn wieder, was sie gewesen war: die Braut des sabinischen Hirten, der denn auch wieder bereit war, sie trotzdem zu seinem Weibe zu machen. Auch was jetzt folgte, war wunderlich genug. Weil die Kirche das verwandte Paar nicht zusammengeben wollte, so konnte es überhaupt nicht zusammenkommen – da es die Autorität des Staates auch auf diesem Gebiete nicht begriff. Wäre der Krieg mit Afrika nicht gewesen und der gute Cé ruhig bei der väterlichen Herde geblieben, so wäre Fiammetta zum Winter von neuem als Modell nach Rom gegangen, ohne daß ihr Vetter sie mit den Lippen berührt hätte. Erst Cesares Auflehnung gegen eine ihm feindselige Gewalt brachte wie ein Elementarereignis die beiden zusammen, die sonst niemals zusammengekommen wären. Aber jetzt betrachtete sich Fiammetta als ihres Vetters Weib. Cesare starb, war nach Fiammettas Anschauung gemordet, und das Weib des Gefallenen mußte, nach uraltem Brauch, an dem Mörder Rache nehmen. Aber diese klassische Sitte schien nur in der Phantasie schwärmender Poeten zu existieren: Fiammetta stand mir gegen gute Bezahlung Modell und hätte ich sie heute gefragt, ob sie den Hut der Dame tragen wollte, so wäre sie morgen mit mir zum Priester gegangen. Aber wohlverstanden: nur durch die Kirche wäre sie die Meine geworden; sonst nicht für Gold und Juwelen. Wahrlich, ein seltsames Volk!

Meine Tage im Molarathal waren zu Ende. Auf den höchsten Weideplätzen war das Gras versengt, die Familie Latini rüstete sich zum Abzug nach dem wilden heimatlichen Val di Pietra, ich hatte mit Fiammetta eine letzte Sitzung: mein Bild war fertig.

Ich fragte sie – denn wir hatten davon noch gar nicht gesprochen – ob sie zum Winter wieder nach Rom käme und ob sie mir dann wieder Modell stehen würde? Nein. Oder: ja. Sie wüßte es noch nicht. Ich würde ja sehen. Sie müßte allerdings Geld verdienen. Aber zuerst müßte sie –

Sie schwieg.

Was müßte sie zuerst?

Keine Antwort.

Dann fragte ich von neuem: sie müßte wohl Geld verdienen für ihre Aussteuer? Denn sie würde wohl bald einen Mann nehmen?

Ich that die Frage, weil es mich reizte, in das Seelenleben des schönen Geschöpfes einen Blick zu thun.

Fiammetta erwiderte:

»Ihr wißt, daß ich keinen Mann nehmen werde – niemals. Und Ihr wißt auch, weshalb nicht.«

»Weil du deinen armen Cé nicht vergessen kannst?« fragte ich und fühlte mich ergriffen.

»Weil kein Mann mich zum Weibe nehmen würde, wenigstens kein sabinischer Mann,« setzte sie stolz hinzu.

Diesmal kam die Reihe zu schweigen an mich. Plötzlich rief ich überlaut:

»Sage mir nur, was du thun mußt, ehe du wieder nach Rom kommen kannst, Geld zu verdienen?«

Sie sah mich an. Es war ein fürchterlicher Blick; denn wie in Flammenschrift las ich darin:

»Zuerst muß ich ihn gerächt haben.«

Ich nahm noch nicht Abschied von den Latini. Für eine Rückkehr nach Rom war's noch zu früh; also wollte ich eine Wanderreise antreten; quer durch das Sabinerland und zu den klassischen Stätten Olevano, Civitella und Subiaco. Irgendwo würde ich meinen Freunden aus dem Molarathal sicher begegnen; und wenn nicht, so wollte ich sie in ihrem Heimatsort aufsuchen.

Ich sah die Kastanienwälder von Cavi, stieg den leuchtenden Berg von Olevano zur Casa Baldi hinauf, füllte mein Skizzenbuch mit den Eichen und Felsen der Serpentara und gelangte über Rojate und Affile nach der berühmten Aniostadt Subiaco. In dem »Pernice«, der besten aller ländlichen Herbergen des römischen Berglandes, gespeist und ausgeruht, machte ich mich auf den Weg nach dem Heiligtum Sankt Benedikts.

Bereits als ich noch in dem kühlen Gastzimmer bei meinem Glase Wein saß, vernahm ich gellendes Geschrei, so daß ich entsetzt aufsprang und zum Fenster stürzte: ob jemand ermordet worden sei? Aber auf der engen Gasse sah ich nur einige alte Weiber und das treue Haustier des Sabiners: kleine, schwarze, grunzende Schweine. Auf mein Fragen erfuhr ich, daß ein großer Feiertag sei und von allen Richtungen her Wallfahrer den Klöstern zuzogen. Was ich für den Schrei eines Verwundeten gehalten, war das ekstatische Gebet eines frommen Pilgers gewesen.

Als ich mich dann wieder auf der glühenden Landstraße befand, sah ich diese belebt von Zügen dunkler Gestalten, welche in den aufwirbelnden Staubwolken geisterhaften Karawanen glichen, einem sommerlichen Mittagsspuk. Völkerschaften schienen zusammenzuströmen und einem mystischen Ziele zuzuwallen. Die braune Felsenlandschaft widerhallte von jenen schrecklichen Tönen, mit denen die fanatisierten Scharen die Fürbitte des großen Heiligen und die Gnade des Himmels anriefen. Vor jeder Abteilung schritt, auf einen langen Stab sich stützend, die schemenhafte Gestalt eines uralten Mannes oder einer welken Greisin einher; sie stießen zuerst jenen Schrei um Erbarmen aus und der ganze Chorus fiel ein.

Ich stand wie festgebannt und sah sie an mir vorübergleiten: Männer, Weiber, Kinder. Alle schienen von einem Taumel ergriffen. Ich sah entstellte Mienen, fieberglühende Augen. Viele warfen die Arme über den Kopf und schrieen auf, als litten sie körperliche Qualen. Es waren entsetzliche Gestalten darunter.

Da die Pilgerzüge nicht aufhören wollten, so schloß ich mich einem der Haufen an. Mir war's unheimlich zu Mute, als schritte ich unter Wahnsinnigen einher, als müßte die Tollheit auch mich erfassen. Dazu die sengende Sonne und der grelle Staub, der wie Qualm uns umdampfte. So gelangten wir auf der Bergstraße zu der engen Felsschlucht, an deren gelbe Wände, hoch über dem tosenden Anio, die berühmten Heiligtümer lehnten.

Je näher die Wallfahrer diesen kamen, um so mehr steigerte sich ihre fromme Verzückung. Vor mir, neben mir sanken sie zu Boden, als wären sie vom Sonnenstich getroffen. Sie küßten den nackten Fels, sie rutschten den steilen Weg auf ihren Knieen empor. Mit zerfetzten Kleidern, mit blutenden Gesichtern krochen sie bis zu den Pforten der Kirche, bis in diese hinein …

Widerstandslos ward ich fortgetrieben von dem Strom der Büßer und Beter. Gegen einen Pfeiler gepreßt, stand ich in einem dämmerigen Raum, gleichsam in einem Labyrinth von Kapellen: Heiligtümer über mir, Heiligtümer unter mir. Über und unter mir Grotten und Hallen, Treppen und Korridore. Die grauen Felsen mit bunten Gemälden bedeckt, Altäre aus mystischem Dunkel aufsteigend. Das Tageslicht durch gemalte Scheiben die Dämmerung durchleuchtend. Weihrauchdämpfe, Kerzenschein, Mönche, Betende, stöhnende, wild aufschreiende Pilgerscharen – eine christliche Orgie!

Vor mir, mit ganzem Leibe hingestreckt, lag ein Weib. Sie hatte das Gesicht auf den Boden gedrückt und regte sich nicht. Mit beiden Händen hielt sie eine hohe blutrote Wachskerze umklammert, die wie zu Häupten einer Toten brannte. Ich wendete die Blicke nicht ab von dem jungen schlanken Leib, den schmalen braunen Händen, welche die Kerze hielten. Ich wartete darauf, auch ihr Gesicht zu sehen.

Sie war es! Es war Fiammetta! Fiammetta, die in der Grotte des heiligen Benedikt ein Gelübde geleistet hatte, daß sie Cesare rächen werde. An wem?

17.

Selbst mein neues Leben in Rom und eine Sturmflut von neuen Eindrücken konnten die Erinnerung an das Molarathal, an die Familie Latini und alles, was ich zusammen mit ihr erlebt hatte, nicht verblassen machen. Fiammetta war nicht nach Rom gekommen, auch Raffaelo sah ich nicht wieder. Aber im Atelier stand mein Bild, von dem ich mich nicht trennen konnte. Und aus dem Rahmen blickten die dunklen Augen der schönen Sabinerin unverwandt in die Ferne, als müßte von dorther – nicht mehr der Geliebte kommen, sondern der Rächer.

Ich erkundigte mich bei den übrigen Modellen nach den beiden, erfuhr jedoch nichts; ich wollte selbst ins Molarathal, wo die Latini jetzt wieder ihre Herden weiden und im Grabmal der Furier hausen mußten, kam jedoch niemals dazu, mein Vorhaben auszuführen. Jeden Morgen kaufte ich mir den »Messagero« und suchte in diesem etwas bedenklichen Volksblatte nach den Unglücksfällen und Verbrechen, die wie Titel von Schauerromanen lauten. Jeden Morgen befürchtete ich lesen zu müssen: »Die Blutrache der schönen Fiammetta oder der verbrannte Sabiner im Molarathal«. Übrigens war ich überzeugt, daß ihre Rache schließlich doch jenen Sergeanten aus dem Molarathal treffen würde.

Inzwischen hatte sich der Krieg der Italiener in Afrika in erschreckender Weise mehr und mehr als ein Abenteuer im größten und gräßlichsten Stil, als ein Verbrechen gegen das italienische Volk erwiesen. Wenn ich die Nachrichten las, so fragte ich mich, ob ich nicht träumte? Wir sollten im neunzehnten Jahrhundert leben und Italien sollte ein Kulturstaat sein? Die Römer saßen im Café Aragno, standen auf der Piazza Colonna, promenierten im Corso und auf der Via Nazionale, debattierten über die Affaire in Afrika, erhitzten sich und – ließen immer neue Massen von Schlachtopfern hinübersenden. Wie hätten sie es auch verhindern sollen? Das würde nur eine Revolution vermocht haben und die Italia Unica war trotz allem und allem gut monarchisch. Es kam der Tag von Adua: die Italiener erlitten die schimpflichste Niederlage. Die Römer saßen im Café Aragno, standen auf der Piazza Colonna, promenierten im Corso, auf der Via Nazionale, debattierten, erhitzten sich und – – ja, und einige schämten sich sogar.

Andere rotteten sich zusammen, stießen Verwünschungen aus gegen den heldenhaften General Baratieri und den großen Staatsmann Crispi und zogen vor den Quirinal, darin das zitternde Königspaar saß und – bereits seine Koffer packen ließ.

Aber das war ein kleines Häuflein Unzufriedener, welches Carabiniers und Soldaten auseinander trieben. Vor dem Quirinal ward es wieder ruhig, die königlichen Koffer wurden ausgepackt, im Café Aragno debattierte man weiter, unterdessen das geduldige italienische Volk noch immer nicht wußte, welche von seinen ärmsten Söhnen bei Adua geschlachtet, verstümmelt oder gefangen worden waren?

Die schwergeprüfte Nation sollte – im neunzehnten Jahrhundert! – die Opfer des Krieges nach Monaten und Monaten noch nicht erfahren haben …

Aber der große Staatsmann fiel. Das bei Adua vergossene Blut forderte ein Sühnopfer und Francesco Crispis schöne Tage von Rom gingen zu Ende: der getreue »Checco« des guten Lorenzo Latini wurde abgethan – einfach abgethan!

In diesen, selbst für den Fremdling aufregenden Zeiten war's, daß ich aus dem Molarathal einen Besuch erhielt; und zwar kam mein wackerer Lorenzo selbst.

Wie alt er geworden war, wie müde er aussah! Als ob er sich noch immer nicht erholen könnte von der Mattigkeit, die ihn auf seiner sommerlichen Wanderung nach Rom befallen hatte, als der »Checco« den alten Freund von der Via Appia nicht wieder erkannte. Er ließ sich sogleich schwerfällig auf den ersten besten Sitz nieder, seufzte tief auf, daß es wie ein Stöhnen klang, und starrte abwesenden Geistes vor sich hin. Ich schenkte ihm Wein ein und gab ihm das Glas in die Hand. Doch trank er nicht und saß da, als wüßte er von meiner Gegenwart nichts. Dann versuchte ich, ihn seinem Brüten zu entreißen:

»Wie steht's im Molarathal, alter Freund?«

Wie sollte es stehen? Wie es immer stand. Ja, ja, genau so wie immer.

»Und die Herde?«

Gut, ganz gut. Er glaubte, daß es auch mit der Herde gut stände.

»Raffaelo?«

O der! Der weidete die Herde, würde groß und stark werden und – ja, und finge an, seinem Bruder ähnlich zu sein.

Damit stockte unser lakonisches Gespräch. Nach Fiammetta fragte ich nicht. Ich fand dazu nicht den Mut. Auf wiederholtes Nötigen trank er endlich und er trank wie ein Verschmachtender.

Jetzt belebte er sich. Er sah auf und sein erster Blick fiel auf mein Gemälde aus dem Molarathal. Als er die in regungsloser Erwartung dastehende Frauengestalt sah, durchlief ein Zittern seinen Körper.

Ein Ausbruch leidenschaftlicher Erregung erfolgte, bei dem ich alle Fassung verlor. Und jetzt erfuhr ich … Wie eine Furie, wie eine Teufelin hatte Fiammetta in Cesares Vater gedrungen, den Tod seines Ältesten zu rächen; und zwar an dem Manne zu rächen, den sie für den Urheber des Krieges und den eigentlichen Mörder Cesares hielt und der kein andrer war als – Crispi. Tag und Nacht hatte sie den Alten aufgestachelt und gequält. Als dieser nicht hören wollte, hatte sie sich an Raffaelo gemacht. Sie hatte den Knaben für ihren tollen Racheplan gewonnen, hatte ihm ihre Mithilfe zugesagt. Die beiden waren nach Rom gegangen, wo sie sich verborgen hielten. Sie hatten Crispi aufgelauert wie ein Jäger seinem Wild; aber es war ihnen nicht möglich gewesen, ihm beizukommen: unverrichteter Dinge mußten sie Rom verlassen. Für einige Zeit wurde Fiammetta ruhiger; doch dann begann das dämonische Treiben von neuem und mit verstärkter Gewalt. Sie erzählte, wie der Geist Cesares ihr Nacht für Nacht erschien und sie mahnte, seinen Tod zu rächen und seiner Seele Ruhe zu schaffen. Mit verkohlten Gliedmaßen kam das gräßliche Gespenst Nacht für Nacht, wimmerte und winselte, klagte Vater, Bruder, Geliebte an, daß sie zauderten, ihre Pflicht gegen ihn zu erfüllen.

Fiammettas entsetzliche Schilderungen bewirkten schließlich, daß der alte Lorenzo sich bereit erklärte, selbst nach Rom zu gehen und dort zu bleiben, bis sich Gelegenheit fände, dem Checco das Messer ins Herz zu stoßen und sollte er selbst dabei umkommen. Als er nach Rom kam, hörte er, daß der große Staatsmann über Nacht ein toter Mann geworden. Mochte er jetzt ruhig weiter leben: für ihn, Lorenzo Latini, den Vater des getöteten Cesare, hatte der Himmel selbst die Rache in die Hand genommen.

Und Lorenzo Latini begann bitterlich zu weinen.

Einen Tag und eine Nacht behielt ich den Alten bei mir. Immer wieder kam er darauf zurück, daß die Leute ihm gesagt hätten: der Checco wäre ein toter Mann, – grade, da er im Sinn gehabt, den Checco zum toten Manne zu machen. In ganz Italien gab es sicher keinen Menschen, auf den der jähe Sturz des allmächtigen Ministerpräsidenten solchen Eindruck hervorgebracht hatte. Seine Thränen galten dem Freunde von der Via Appia, dem er doch trockenen Auges den Dolch ins Herz gestoßen hätte.

Auch das merkte ich: er scheute – mehr als das: er fürchtete sich, ins Molarathal zurückzukehren und mit unblutigen Händen Fiammetta wieder unter die Augen zu treten. Denn dieser Rachegöttin war der gestürzte Crispi sicher nicht tot genug. Aber nie und nimmer hätte Lorenzo sein Messer jetzt noch wider ihn erhoben – so viel Zartsinn neben solcher barbarischen Anschauung und solchem wilden Wahn!

Bevor er mich verließ, erfuhr ich – er teilte es mir nur so nebenbei mit – was mir viel zu denken gab: Fiammetta hatte in Erfahrung gebracht, daß ich an jenem Tage in Frascati von einem jungen Menschen beobachtet worden und daß dieser die Carabiniers auf meinen bepackten Esel aufmerksam gemacht und so Cesares Verfolger auf die richtige Spur gebracht hatte. Der Angeber hatte mich in Rom zusammen mit Fiammetta gesehen, die er als Cesares Verlobte kannte. So war er denn auf den Verdacht gekommen, ich könnte mit dem Deserteur in Verbindung stehen.

Der junge Mensch hieß Acciarico, ein Name, der bald eine traurige Berühmtheit erlangen sollte.

18.

Wieder war's Sommer.

Der Krieg mit Afrika sollte zu Ende sein.

Im tiefen Winter war die Schlacht von Adua geschlagen worden und erst jetzt, im Sommer, fingen die Italiener an, auf dem furchtbaren Schlachtfeld ihre Toten zu begraben.

Die Römer saßen in ihrem heißgeliebten Café Aragno, standen auf ihrer schönen Piazza Colonna, promenierten in dem engen kühlen Corso, auf der breiten heißen Via Nazionale und ließen sich erzählen, daß in diesem gesegneten Kriegsjahr die Girandola auf dem Pincio besonders prachtvoll ausfallen würde.

Der große politische Feiertag kam. Ich war ein Fremdling, den die Siege und Niederlagen der Italiener schließlich doch etwas weniger angingen, als einen Bürger des neuen Kulturstaates. Ich las die Ankündigung des grandiosen Feuerwerks, welches viele, viele Tausende kosten sollte. Ich dachte: dich kümmert's nicht, wenn die bei Adua geschlagenen Italiener auf die Piazza del Popolo strömen, um dem lustigen Schauspiel beizuwohnen – gehe also auch du hin. Als es dunkelte, ließ ich mich im Corso von der Volksflut ergreifen und dem für mich schönsten Platze Roms zutreiben. Ich landete denn auch glücklich an einer überaus günstigen Stelle: bei der Treppe der großen Fontane mit den steinernen Löwen und dem Obelisken. Es gelang mir sogar, die höchste Stufe zu erreichen, gerade gegenüber dem Pincio, der noch im tiefen Dunkel lag.

Tausende und Abertausende auf dem Platze, auf den Tribünen, den angrenzenden Straßen. Man wartete: das Königspaar war noch nicht erschienen.

Endlich ertönte die italienische Hymne. Dann erscholl heftiger Applaus wie bei dem Auftreten einer Primadonna; dann erdröhnten die Kanonenschläge, welche das Zeichen zum Beginn des Feuerspiels gaben.

Dieses stieg auf – kein Feuerwerk, sondern ein Kunstwerk in bunten Lichtern, in Flammensäulen, in farbigen Gewinden, Fontänen und Feuermasten. Ich sah es jedoch nicht. Ich sah etwas andres, etwas Entsetzliches, Grausiges: das Schlachtfeld von Adua, wo gerade jetzt die verwesten, von Raubtieren zerfetzten Leichname der gefallenen Söhne des Landes eingescharrt wurden. Ich glaubte Stöhnen zu hören, Ächzen, wilde gellende Schreie –

Nein! Es war Beifallsklatschen, es war Jubel und Jauchzen. Ich hatte ganz vergessen: die Römer sahen die Girandola und – die Römer freuten sich!

Und plötzlich, mitten in dem unvergleichlichen Schauspiel, während zu dem Sternenhimmel ein zweiter, noch wunderbarerer aufstieg, überfiel mich ein Gefühl von Ekel und Scham, daß ich hier stand und zusah – hier stehen und zuschauen konnte! Hastig drängte ich durch die Menge und versuchte, die Treppe hinab und fort zu gelangen.

Und da sah ich sie! In diesem Augenblick sah ich Fiammetta zum erstenmal wieder …

Sie stand gegenüber der Königsloge, dem Pincio und dem Feuerwerk den Rücken wendend, und starrte zu der Königsloge empor mit einem Ausdruck, einem Blick, daß ich ihren Namen rief – nein, schrie! Sie aber hörte nicht. Sie stand und starrte hinauf zu dem ernsten König, zu der bleichen Königin …

Aber ein andrer hatte meinen Ruf gehört. Es war ein Mann, der neben ihr stand und sich nun hastig umwendete. Es war ein junger hübscher Mensch, den ich nicht kannte, den ich seitdem nur ein einzigesmal wiedersah: heute nachmittag vor der Porta San Giovanni, als die Carabiniers ihn fortführten …

Das Leben des Königs Umberto hatte der Rachewahnsinn des sabinischen Weibes für das Leben des sabinischen Soldaten Cesare Latini gefordert! Der Unglückliche aber, der für sie die Rache vollziehen sollte und dem sie sich als Preis dafür gab, war kein andrer als jener junge Mensch, durch welchen Cesares Verfolger auf dessen Spur gekommen waren; denn auch an ihm hatte die Sabinerin Rache zu nehmen.

Nein, werter Freund und Verfasser von »Römischen Dorfgeschichten« – weder Sie noch ich lernen dieses Volk jemals in Wirklichkeit kennen …

So erzählte mir an jenem Maitage, dem Tag des Attentats auf König Umberto, der deutsche Maler.

