Die Lichter Roms

1.

In den sabinischen Bergen ein Gipfel!

Fahlgraues, vielfach zerklüftetes, wild zerrissenes kahles Kalkgestein in steilen Schroffen, wie eine vom Sturm gepeitschte, durch Zauber erstarrte gewaltige Woge sich emporbäumend – eine einzelne Welle des Felsenoceans, der über die große römische Ebene zwischen zwei tiefblauen Meeren sich hinwälzt.

Auf dieser totenfarbenen Bergspitze eine menschliche Wohnstätte!

Wer emporklimmt, erkennt sie erst, wenn er dicht davor steht. Er glaubt, hoch über sich Klippen und Riffe zu sehen, die Trümmer eines Bergsturzes. Aber es sind Häuser, ist eine von Menschen erbaute, von Menschen bewohnte, von Menschenglück und Menschenleid erfüllte Niederlassung.

Von der Farbe des Gesteins liegen die elenden Behausungen auf der engen Stelle zusammengedrängt, gleichsam angstvoll aneinandergeschmiegt; als suchten sie beieinander Halt, um nicht in den Abgrund gerissen zu werden; als fänden sie beieinander Schutz vor den Winterstürmen und den Lebensnöten.

Zwischen dieser Anhäufung von Höhlen, diesen Schlupfwinkeln für menschliches Wild, ziehen sich häßliche Furchen, tiefe Rinnsale, schwarze, von Schmutz und Fäulnis starrende Kloaken. Das sind die Gassen der »Stadt«, deren Häuser häufig weder Thür noch Fenster haben; nur Löcher, die als solche dienen.

Während der Regenzeit sind diese Straßen Schmutzbäche und die Gluten der Sommersonne füllen sie mit einer schweren dumpfen Atmosphäre, die sich atmet wie Wüstenwind.

Die Bewohner gleichen der Natur an Vereinsamung und Verwilderung. Auch an Leidenschaft.

Da es rings um ihre Ortschaft nur ödes Gestein giebt; da sie auch unten in den Thälern weder Weide noch Feld besitzen, so müssen sie, um nicht Hungers zu sterben, für einen Teil des Jahres auswandern. Mit Sommeranfang ziehen sie daher zu Scharen: Männer, Weiber, Kinder ihren hohen Berg hinab und in die römische Ebene, wo sie sich den großen Tenuten als Schnitter verdingen. Sie schlagen Zelte auf, oder sie lassen sich in einem antiken Gemäuer, einem Grabtumulus, einer Tempelcella nieder. Oder sie schlafen auf der nackten Erde an großen Feuern, die in den glühendsten Augustnächten brennen müssen, um den Würgegeist der Malaria zu scheuchen. Sie arbeiten wie im Frondienst, wie Galeerensklaven für spärlichen Lohn, der ihnen Reichtum dünkt.

Ist die Ernte gethan, das Feld von neuem aufgepflügt und die Sonnenglut vorüber, so ziehen die »Fremden« heimwärts. Sie wandern wie in Prozession zu einem Heiligtum. Das ist ihr trostloser Felsengipfel. Erblicken sie ihn wieder, so werden die dumpfen Gemüter von einer leidenschaftlichen Freude erfaßt, von einer Empfindung, die wie Glück ist.

Manche von den Ausgezogenen kehren nicht zurück. Sie wurden auf der glühenden Steppe vom Fieber gewürgt, vom Sonnenbrand getötet. Oder sie verfielen dem Dolchmesser irgend eines Feindes, der sie um eines Nichts willen niederstach.

Um den Toten wird eine Stunde lang von den Seinen gellend geschrieen; dann wird er eingescharrt und vergessen.

Andere, die wiederkehren, holten sich dort unten in der großen Ebene den Keim zu tödlichem Siechtum. Mit hohlen Gesichtern, brennenden Augen schleppen sie sich dem Zuge der Heimkehrenden nach, um den nächsten Sommer wieder hinunterzuziehen und wieder – so lange das Fieber sie noch nicht völlig zerstört hat.

Mit dem erworbenen Verdienst hausen die Wiedergekehrten in ihren finstern Höhlen. Sie kleiden sich in Lumpen, essen graues hartes Brot, welches sie bisweilen in Essig und Öl tunken. Das ist dann ein Festgericht!

Den lieben langen Tag über kauern sie vor den Thüren: die Weiber mit der Spindel, die Männer in ihre schwarzen faltenreichen Mäntel gehüllt. Den lieben langen Tag über lärmen und schreien sie – unterhalten sie sich; jahraus, jahrein über dasselbe: über Geld! Immerfort über Geld! Sie denken an nichts anderes, träumen von nichts anderem: Geld – Geld – Geld! Selbst das Leben dieser Elenden ist schön; denn es schimmert darin der göttliche Glanz des Goldes. Und Gold ist das Heil und der Heiland, welcher für diese Mühseligen und Beladenen auf die Welt kam.

Sie haben dort hoch oben eine Kirche gebaut.

Das Gotteshaus ist das einzige Gebäude im Ort, welches nicht ganz Höhle ist oder Ruine. Für die Schar der Andächtigen aber ist der armselige Tempel ein Gottespalast. Denn drinnen steht der Hochaltar und auf dem Hochaltar strahlt bisweilen etwas, das glänzt wie pures Gold – also ist es das Allerheiligste.

Wenn die Schar der Andächtigen das rote Gold sieht, so starren aller Augen verzückt darauf hin.

Des Morgens früh und des Abends spät drängen sie sich in ihr Heiligtum mit Fanatismus, mit gläubiger Wut. Sie besprengen sich mit dem geweihten Naß; sie werfen sich auf die Kniee; sie murmeln ihre Gebete; sie seufzen; stöhnen; sie rufen die Heiligen an; sie stieren unverwandt hin, nach dem Goldglanz auf dem Altar. Der Goldglanz ist ihr Gott!

Der Priester ist eine jammervolle Gestalt. Er ist so armselig in seinem über und über befleckten, zerrissenen Gewande. Auch er wohnt in einem dunkeln übelriechenden Gemäuer, auch er ißt graues, hartes, in Essig und Öl geweichtes Brot. Aber Weiber und Kinder drängen sich zu ihm, um seine schmutzigen Hände zu küssen. Denn er ist der heilige Mann, welcher der Gemeinde der Mühseligen und Beladenen den alleinigen Gott verkündigt, der den Gott seinen inbrünstigen Gläubigen weist: in hocherhobenen Händen den göttlichen Goldglanz!

Würde Christus, der Heiland und Erlöser noch einmal geboren, um sich noch einmal kreuzigen zu lassen – er könnte dort oben auf dem grauen sabinischen Alpengipfel eine ganze Schar Judasse finden.

2.

Aber wer vor dem elenden Ort Umschau hält; oder wer aus einem der Mauerlöcher der Fenster hinausblickt, dem liegt eine Welt zu Füßen. Am westlichen Horizont, lang, lang hingestreckt, ein schimmernder Streifen, breit in den Äther hineinwachsend, mit diesem sich mischend – das Meer! Am hellen Gestade ein schwarzer Saum von Buschwald und dieser eine große stille Wildnis begrenzend – die Campagna Roms!

Die Campagna Roms mit den feinen Wellenlinien des umbuschten grünen Anio, dem breiten Wasserlauf des Tibers; mit fahlen Sümpfen, die im Abendrot wie riesige Blutlachen erglühen. Die Campagna Roms mit Höhenzügen, bedeckt von den Ruinen untergegangener Städte und Landhäuser, welche Städten glichen; von den Trümmern der Tempel, der Grabmäler, der Wasserleitungen. Die Campagna Roms, unabsehbar bald sich senkend, bald aufsteigend; hier als fruchtbares Land und üppiges Weizenfeld, dort als stille Prairie und schweigende Steppe – als trauervolle erhabene Wüste mit der Tragik eines antiken Dramas jene Stadt umfangend, welche die »ewige« genannt wird.

Von dem sabinischen Felsengipfel aus gesehen, verschwindet die alte Kaiserstadt unter dem majestätischen Faltenwurf der Landschaft, der im Frühling auf smaragdgrünem Grund eine köstliche Blumenstickerei zeigt, der Sommers in Goldglanz sich hüllt, Winters bald violett und schwarz, bald purpurn und ultramarin erstrahlt.

Über diesem Farbenspiel wölbt es sich wie ein blauender Felsenkegel: die Peterskuppel!

Das große Rom scheint versunken und davon nur der Dom der Christenheit übrig geblieben.

Wenn aber die Sonne in das, wie in Sehnsucht aufleuchtende Meer, oder hinter dem schönen Rücken des Ciminiwaldes versunken ist; wenn eine veilchenfarbene Dämmerung Himmel und Erde umhüllt, tiefer und tiefer wird und die Nacht anbricht; dann scheinen aus dem trümmerbesäten Boden der Ebene zahllose Flammen und Flämmlein aufzuzucken, von denen ein bleiches Gewölk emporsteigt.

Das sind die Lichter Roms!

Sie flimmern inmitten der großen Wildnis; sie durchfunkeln die ungeheure Einsamkeit, schweben und schwanken wie ein Heer von Irrwischen.

Über dem Grunde, dessen Schollen gleich Tafeln der Weltgeschichte sind, scheinen die Lichter des neuen Rom einen bacchantischen Tanz aufzuführen, einen Hexenreigen.

Wie jene Beter in der Kirche des sabinischen Felsenreichs den Goldschein auf dem Hochaltar anstierten, so starrte Vico Ferri bereits als kleiner Junge auf die Lichter Roms herab: sie waren etwas so Goldiges! Und darum bekamen die Blicke des Knaben etwas so Verlangendes, Begehrliches, sah er es Abend für Abend in der Tiefe unter sich funkeln.

Mit denselben gierigen Augen betrachtete er auch die Gestirne; aber nur so lange, bis er wußte, daß sie nichts Irdisches, nichts Erreichbares seien. Dann kümmerte er sich nicht mehr um sie; dann waren es einzig die Lichter Roms, die seine Phantasie mit gaukelnden goldigen Bildern erfüllten.

»Die Lichter Roms« – das hatte solch sonderbaren Klang! Sie wurden dem Knaben dasselbe, was anderen Kindern Märchen und Sagen sind. Den Kindern Italiens erzählt jedoch kein Mund Märchen und Sagen und auf dem von Menschen bewohnten Gipfel kannte man überhaupt keine anderen Sagen, als die von vergrabenen herrlichen Schätzen, welche sündige Mönche und schreckliche Höllenhunde bewachten. Diese Geschichten raunten die großen Kinder dort oben einander zu, zitternd vor Gier nach dem Golde und mit denselben lüsternen Blicken, mit dem sie das Gold auf dem Hochaltar anstarrten, mit dem Vico Ferri die Lichter Roms betrachtete – Nacht für Nacht!

Er kauerte vor dem Fensterloch in seiner Kammerhöhle und bohrte seine gierigen Wolfsaugen hinaus in das feierliche Dunkel, hielt sie unverwandt auf die Stelle gerichtet, wo der breite weiße Lichtquell emporquoll wie ein schimmerndes Eiland in einem grenzenlosen Meere von schwarzem Dunst.

Instinkte regten sich bei diesem Anblick in der dumpfen Seele, Begierden erwachten:

»Das sind die Lichter Roms! Wie sie blitzen! Wie lauter Gold! Wäre ich dort! Ach, wenn ich dort wäre …«

Manche Nacht erwachte Vico in jähem Schreck. Er fuhr auf von seinem elenden Lager aus hartem Berggras, tappte nach dem Fenster – sie waren nicht erloschen! Sie flimmerten und schimmerten noch, die Lichter Roms, die in des Knaben Traum in Gold sich verwandelt hatten: in funkelndes flammendes Gold, welches ihn verbrannte und nach welchem er dennoch griff mit gierigen Händen, als wäre es Brot und er ein Verhungernder.

Verbrennen wollte er sich lassen, Seele und Leib verzehren lassen von der goldenen göttlichen Lohe.

3.

Vico war das einzige Kind einer armen Witwe. Sein Vater hatte sich auf dem großen römischen Gräberfelde beim Weizenschneiden den Tod geholt, in einer Nacht, als der entkräftete Arbeiter versäumt hatte, das schützende Feuer zu schüren. Fortan mußten Mutter und Sohn allein des Sommers herabziehen, Geld zu verdienen: den Unterhalt eines Jahres.

Sie arbeiteten Sommer für Sommer in einer großen Tenuta, die zwischen Palästrina und dem Albanergebirge lag. Von dem ebenen Felde aus vermochte Vico die Lichter Roms nicht zu erblicken; und kehrten sie dann im November auf ihren Berg zurück, so konnte er kaum die Nacht erwarten, bis er das weiße Glanzeiland wieder aufleuchten sah.

Er wurde ein großer Mensch mit braunem schönem Gesicht und düsteren leidenschaftlichen Augen. Seinen aus schwarzen Lappen zusammengeflickten Mantel schlug er mit einer Bewegung um seine schlanke Gestalt, als hüllte er sich in eine Toga. Ausgenommen die sommerliche Arbeitszeit rührte er während des ganzen Jahres keine Hand. Wenn er nicht vor dem Hause lungerte, so lag er auf irgend einem kahlen Felsen und beobachtete den Flug der Bergfalken, daraus er glückliche Zahlen für das Lotto zusammenstellte.

Jeden Sonntag stieg er den weiten mühseligen Weg nach Tivoli hinunter, wo das große heilige Glücksspiel gespielt ward. Gab ihm seine Mutter nicht gutwillig das wenige Kupfergeld, welches das Spiel erforderte, so nahm er es ihr mit Gewalt. Er setzte die Zahlen, über die er die ganze Woche gebrütet hatte; aber nur selten gewann er.

Er mußte spielen; denn er mußte gewinnen!

Einmal hatte er gewonnen – einmal!

Als sein Vater gestorben war, hatte der Knabe dessen Todesstunde gesetzt. Mit dieser Zahl und der anderen, welche Malaria bedeutet; mit der dritten, welche die Dauer der Agonie angab, hatte er eine Terne gewonnen.

Das war schön gewesen! Wenn seine Mutter starb, würde er wieder setzen, würde er wieder gewinnen.

Jedesmal, wenn er mit seiner Mutter zur Ernte in die fieberschwangere glühende Ebene hinabzog, wartete er darauf – hoffte er, daß er im Lotto bald wieder gewinnen würde.

Wenn er des Abends aus trockenem Reisig das Feuer anmachte, daran beide schliefen; wenn seine Mutter zu Tod ermattet sich hinwarf und sogleich in Schlaf sank – wenn dann Vico in die Flamme stierte und ihm einfiel, daß sein Vater das Fieber bekommen und gestorben war und daß seines Vaters Tod ihm eine Terne eingebracht; dann – ja, dann wartete er, das Feuer möchte wieder verlöschen; dann hoffte er …

Jede Nacht fiel es ihm ein. Jede Nacht dachte er sich die Zahlen aus. Dieses Mal würde er gewiß vier glückliche Zahlen setzen, würde er sicher eine Quaterne gewinnen.

Eine Quaterne durch seiner Mutter Tod, eine ganze Quaterne!

4.

Eines Sonntags schlenderte Vico durch das reiche Ernteland. Die ganze Erde war Glut und Glanz – Glut und Glanz der ganze Himmel. Wie aus Bronze gegossen, erhob sich das Gebirge über dem großen goldfarbenen Gefilde. Die Luft füllte der grelle gelbe Brodem, den der Südwind mit sich bringt. Vico atmete Staub der Wüste, sengenden Saharasand.

Dabei herrschte ein Schweigen, eine totenhafte Stille, als wäre das Leben der Natur erstickt von der bleiernen, von der goldenen Schwüle des Mittags.

Plötzlich schreckte Vico zusammen. Die schrille Frauenstimme, die anhub, einen eintönigen Gesang abzuschreien, fuhr selbst ihm, dem wilden Sohn dieser Einsamkeit, durch Mark und Bein.

Die Sängerin sah er nicht. Wie der Gesang eines häßlichen Dämons schwebten die gellenden Töne über das strahlende Land.

Immerfort hörte Vico darauf. Es war ein Liebesgesang von der schwülen Glut eines Scirokkotages. Vico empfand plötzlich wie die Glieder ihm schwer wurden. Mühsam holte er Atem, fast keuchend.

Zornig wehrte er sich gegen die gellende Stimme, gegen die heißen Worte, gegen die erstickenden Gluten und die lahmende Schwere in sich.

Dann sah er sie.

Sie hatte sich mitten in den reifenden Weizen geworfen, ein blutjunges Geschöpf. Beide Arme unter dem Kopf, lag sie, starrte mit weitoffenen Augen in den Glanz der Atmosphäre und schrie ihren leidenschaftlichen Gesang ab.

Und wie häßlich sie war, Madonna, so häßlich! Nur die Lippen: Volle weiche Kinderlippen! Und blutrot! Ja und dann – wie jung sie war, wirklich fast noch ein Kind, Solche kleine, zarte, schmächtige Gestalt. Aber so häßlich!

Vico wollte verächtlich weiter gehen. Doch dann blieb er stehen, sah sie an, stand und regte sich nicht.

Ihren jungen blutroten Kindermund sah er an.

Sie kümmerte sich nicht um ihn – nicht im geringsten. Sie fuhr fort zu schreien, womöglich noch gellender. Da rief er sie an:

»Sei still!«

Das Reden kostete ihm Anstrengung. Und wie heftig er die Worte hervorstieß. Was ging es ihn an, wenn sie im reifen Weizen lag und sang? Statt seiner Wege zu gehen, starrte er unverwandt auf ihren Mund. Er stand und starrte, bis das endlose Liebeslied aus war, bis der Held der Heldin aus Eifersucht sein Dolchmesser in die Brust gestoßen hatte. Dann seufzte er tief auf. Es klang wie ein Stöhnen, als hatte er selbst eine Todeswunde empfangen.

Da sie immer noch liegen blieb, sprach er sie an:

»Woher bist du eigentlich?« »Aus Capranica.«

»O, aus Capranica bist du? Von dort oben her? So, so, aus Capranica.«

»Nun ja. Und du?«

»O ich – – Wie heißest du?«

»Was geht's dich an?«

»Ich will wissen, wie du heißest,«

»Geh' du doch!«

»Du hast gewiß einen Schatz?«

»Weiß nicht. Vielleicht.«

»Sag' mir's nur.«

»Wozu? Ich kenn' dich nicht. Geh' du doch! Ich könnte viele Schätze haben – so viele!«

»Lüg' nicht!«

»O so viele! Aber ich will keinen Schatz.«

»Warum nicht?«

»Ich will nur einen reichen Schatz. In Capranica sind alle arm. Die meisten haben nicht einmal Schafe und Ziegen. Ich will einen Schatz, der Schafe und Ziegen hat. Ja und Geld. Viel Geld!«

Es kochte in ihm vor Wut. Sie war so häßlich und wollte einen Liebhaber, der Schafe und Ziegen hatte, einen Liebhaber mit viel Geld, dieses kleine, dünne, garstige Geschöpf! Es hätte ihn erstickt, wenn er ihr nicht gesagt hätte:

»Du und einen Reichen – du! Sieh dich doch an! Sei du zufrieden, wenn du einen ganz Armen bekommst. Mit solchem Gesicht nach einem Reichen zu trachten! Dich nimmt ja niemand – häßlich wie du bist! Madonna, so häßlich!«

Er glaubte, sie würde zornig werden, würde aufspringen, ihm womöglich wie eine junge Katze ins Gesicht fahren. Aber sie blieb liegen. Nur, daß sie anfing zu lachen. Madonna, wie das kleine, dumme, garstige Geschöpf lachen konnte! Wie eine Hexe. Der große lange Mensch fürchtete sich beinahe.

Als sie so toll und teuflisch lachte, blinkten zwischen den roten Lippen die Zähne hervor. Junge Wölfe hatten solch blinkendes, solch scharfes Gebiß. Er hätte sich am liebsten von ihr beißen lassen.

Als sie sich trennten, wußte Vico, daß die Sängerin Romana Demarchis hieß, daß sie mit ihrem Vater im unteren Molarathal Weizen schnitt, daß sie wirklich noch keinen Liebhaber besaß und daß sie ihn nehmen würde – wenn er erst Geld hätte, viel Geld.

Aber nur dann!

5.

Aber nur dann …

Das war's, woran Vico jetzt dachte, das – allein!

Er dachte an die scharfen blinkenden Zähne, an die weichen blutroten Lippen und daß er diese nur dann würde küssen können, wenn er Geld hatte – viel Geld!

Die Leidenschaft zu dem kleinen, garstigen, dünnen Geschöpf kam über den jungen Menschen wie ein Sturm, wie Wüstenwind. Sie füllte sein ganzes Wesen mit jener wilden Glut, vor der es kein Entrinnen gab, keine Rettung. Nach der Arbeit, nachdem er zusammen mit seiner Mutter die Ölsuppe verzehrt hatte; wenn dann das Feuer brannte, die Mutter fest schlief, sprang er auf und lief nach dem Molarathal – nur um das Feuer brennen zu sehen, an dem sie schlummerte! Einigemal fand er die Glut dem Erlöschen nahe. Er schlich hinzu, warf frisches Reisig auf und wachte lange über der Flamme. Kam er dann im ersten Tagesgrauen zu seinem Lagerfeuer zurück, so fand er es jedesmal noch brennend.

Jeden Sonntag begegnete er ihr. Sie schrie irgend einen andern endlosen Liebesgesang ab, brach über seine Wut in helles Gelächter aus, sagte ihm, daß er ihr Liebhaber sein und ihr Mann werden dürfte, wenn er erst Geld hatte, viel Geld! Aber nur dann.

Also mußte Vico zu Geld kommen, zu viel Geld!

Wie? Durch seine Arbeit? Die wurde elend bezahlt und das dafür erworbene Geld nahm die Mutter. Das gehörte sich so. Es wäre auch zu wenig gewesen, viel zu wenig.

Wenn seine Mutter sterben sollte: an Malaria, wie sein Vater gestorben war; wenn er dann im Lotto eine Quaterne gewinnen würde, eine ganze Quaterne …

Ja dann – dann durfte er auch hoffen, daß es vielleicht genug sein könnte.

Aber das Feuer, neben dem Nicos Mutter schlief, verlöschte nicht und der Brand in seinem Herzen wuchs zu verzehrender Glut, die der Romana blutrote Lippen und blinkende Zähne fort und fort schürten. Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn zum erstenmal küssen würde, wenn er ihr den goldenen Brautschmuck brächte. Den goldenen Brautschmuck begehrt im römischen Land das ärmste Mädchen. Es gab keine Braut, die nicht ihren Goldschmuck getragen hätte, mochte sie im übrigen so arm sein, daß sie kein ganzes Hemd besaß, keinen Stuhl und kein Bett. Aber der Goldschmuck – der echte Goldschmuck, gehörte zur Hochzeit so notwendig wie der Segen des Priesters. Bevor im römischen Lande ein junger Mensch nicht so viel Geld zusammengespart hatte, um seinem Mädchen den Schmuck kaufen zu können, durfte an keine Werbung, an kein Verlöbnis gedacht werden.

Für den Goldschmuck arbeitete der junge Mensch, für den Goldschmuck spielte er, darbte er, konnte er zum Totschläger werden.

Und Vico hatte nichts erspart – gar nichts! Seine Mutter war zu arm. Er würde auch niemals etwas sparen können; denn seine Mutter würde immer viel zu arm bleiben. Aber der Goldschmuck für die Romana –

Den Goldschmuck mußte er haben!

Küssen wollte sie ihn dafür … Nie küßte im römischen Lande eine Braut den Bräutigam: es war gegen alle geheiligte Sitte. Die Romana wollte die Sitte brechen. Sie wollte ihn zum Lohn für den Goldschmuck schon vor der Hochzeit ihren jungen Mund küssen lassen. Also mußte Vico einen Goldschmuck erlangen.

6.

Er unternahm eine Wallfahrt zur schwarzen Maria von Genazzano.

Die schwarze Maria von Genazzano war weit und breit die größte Wunderthäterin. Im Herbst strömten zu ihrem Feste aus allen Himmelsgegenden Scharen und Scharen nach der berühmten Gnadenstätte, die auf steiler Höhe in einer schönen, waldreichen Schlucht, zwischen den Bergen von Palästrina und Olevano liegt. In diesen Tagen erschallen die Lüfte von dem wilden Bußgeschrei der Wallfahrer. Der gellende Ruf: »Grazie, Grazie, Maria!« ertönt auf allen Straßen und Wegen, die zu dem palastähnlichen Heiligtum der Himmelskönigin führen. Wenn die Heranziehenden es zuerst gewahr werden, fallen sie auf die Kniee, strecken flehend beide Arme aus, küssen den Staub der Landstraße, schlagen sich wütend an Haupt und Brust, stoßen fort und fort ihren fanatischen Schrei aus:

»Grazie, Maria! Grazie!«

Auf den Knieen kriechen sie den Berg hinauf, auf den Knieen kriechen sie über den Felsstufen bis zur Kirche und hinein bis zum Gnadenbilde. Viele erreichen es blutüberströmt.

Sie bringen der schwarzen Maria ihre Opfergaben dar, die Spenden ihrer bitteren Armut: Kerzen und geweihte Blumen, wächserne Gliedmaßen, wächserne Herzen …

Vico brachte der Gottesmutter nur sein eigenes, in den Flammen seiner Leidenschaft loderndes Herz. Er kniete mit den anderen, schrie mit den anderen. Aber seine Stimme übergellte den wütenden Chorus und mit zerschundenen Knieen, blutigem Gesicht, fieberglühenden Augen brach er in der Kirche vor dem Gnadenbilde zusammen.

Stöhnend murmelte er die üblichen Bitten, stöhnend stammelte er: »Gieb mir Gold! Ich will die Romana heiraten! Gold gieb mir! Die Romana will mich küssen! Gold mußt du mir geben! Denn ich muß der Romana den Goldschmuck kaufen. Gold! Gold! Gold! Laß mich im Lotto gewinnen. Eine Quaterne! Dann kauf' ich ihr den Goldschmuck; dann werde ich von ihr geküßt; dann will ich dir danken, schwarze Maria!«

Und als die Tausende von Pilgern anhuben, ihr rasendes: »Grazie! Grazie!« zu schreien, heulte Vico wie in ausbrechendem Wahnwitz:

»Gold! Gold! Gold!«

Spät in der Nacht näherte er sich dem Lagerplatz, wo am Feuer seine Mutter schlief. Er war so erschöpft, daß er schwankte wie ein Trunkener.

Wo der Weg von der großen römischen Landstraße nach dem Albanergebirge und dem Molarathal abzweigte, kauerte unter einem hohen blutrot angestrichenen Holzkreuz eine kleine hagere Gestalt, die aufsprang, als Vico mit wankenden Schritten herankam. Sie eilte auf ihn zu und blieb vor ihm stehen, so dicht, daß ihr heißer Atem wie Scirokko über sein Gesicht strich. »Hast du ein Gelöbnis gethan? Wirst du von der Madonna Geld bekommen? Wirst du den Goldschmuck für mich kaufen? Es muß gelbes Gold sein! Und an der Halskette will ich blutrote Steine haben. Mit dem gelben Gold und den blutroten Steinen will ich mich schön machen.«

Während seine Augen sie verschlangen, stieß er mit erstickter Stimme hervor:

»Die Madonna wird mir das Geld geben. Du bekommst den Goldschmuck; aus gelbem Gold und mit blutroten Steinen,«

Sie that einen Laut wie ein Raubtier, das sich auf seine Beute stürzt. Beide Arme warf sie über den Kopf und umschlang ihren zukünftigen Verlobten wie eine junge Mänade.

Ein totenhaftes Morgengrauen dämmerte auf, eine blutrote Mondsichel ging über Rom unter.

Aber sie hatte ihn nicht geküßt …

Das Feuer war erloschen!

Vico kauerte neben seiner Mutter, die im Schlafe murmelte und stöhnte, schwer atmete, als drückte sie der Alp. Regungslos, mit verzerrtem Gesicht starrte er auf die erloschene Glut und dachte, daß er bald im Lotto setzen, daß er bald gewinnen würde.

Vier Nummern würde er wählen: Malaria, Agonie, tote Mutter und die Zeit der Sterbestunde. Alle vier Nummern würden herauskommen, mit allen vier Nummern würde er gewinnen – eine ganze Quaterne! Die schwarze Maria von Genazzano war ihm gnädig gewesen.

»Dank dir, Maria!«

7.

Wie langsam es ging, wie lange es dauerte!

Zwar hatte sie das Fieber. Sie hatte es in jener Nacht bekommen, in der das Feuer erloschen war. Aber sie war solche zähe Natur; sie stellte dem Würgegeist solche Kraft, solchen Widerstand entgegen; sie hatte ihren einzigen Sohn so lieb; sie wollte nicht krank werden, wollte nicht sterben – ihres lieben Sohnes willen, damit er nicht mutterseelenallein bleibe auf der Welt.

Wie sie kämpfte mit dem Todesübel! Und wie langsam es ging, wie lange es dauerte!

Aber sie wurde doch zusehends schlechter und schwächer, Vico sah es. Bevor die Fieberschauer noch da waren, wußte er bereits: jetzt werden sie kommen. Wie das Fieber sie schütteln wird, wie sie leiden muß!

Und kamen sie dann mit solcher Gewalt, daß es die Frau fast zu Boden riß, so fühlte sich auch Nico von Schauern gefaßt, von Schauern des Grausens – der Hoffnung. Aber immer wieder erholte sie sich, immer wieder wurde er in seinen Hoffnungen getäuscht.

Sie wollte Medizin nehmen – ihrem Sohn zuliebe, damit sie für ihn leben blieb. Er sollte am Sonntag nach Palästrina gehen, um in der Apotheke Chinin zu laufen. Das Chinin würde helfen.

Am nächsten Sonntag ging er nach Palästrina und unterwegs begegnete er der Romana. Er sagte ihr, daß seine Mutter das Fieber hatte, daß er zur Apotheke ging, daß seine Mutter also wieder gesund werden, daß es nun sehr lange dauern würde, bis er ihr den Goldschmuck kaufen konnte.

»Warum wird es jetzt so lange dauern?«

Das Chinin würde ihr helfen. Das war nun nicht zu ändern.

Nun ja, das Chinin! Durch Chinin wurde jeder gesund. Er sollte sich freuen, daß seine Mutter wieder gesund würde. Hoffentlich wäre das Chinin auch wirkliches Chinin; in vielen Apotheken verkauften sie statt dessen nur Mehl. Mehl war billig und Chinin sehr teuer. Wenn man dem Apotheker sagte, daß man nicht viel zahlen konnte, höchstens eine Lire, so bekam man statt des helfenden rettenden Chinins nur bitteres Mehl. Vico sollte um die Arznei mit dem Apotheker ja nicht handeln; sonst sei seine Mutter verloren – rettungslos verloren.

Nein, ja nicht! Nein, nein! Sie mußten mit der Hochzeit eben noch warten, noch lange!

Aber darüber lachte sie nur. Sie lachte wieder wie toll, daß ihre Zähne blitzten. Vico ward dabei zu Mut, als müßte er sie an sich reißen und ihr Lachen ersticken – mit seinen Küssen. Er fühlte etwas in sich wie Tollheit.

Unter dem steilen Berge, darauf Palästina breit und schimmernd über einem Kranze von Weinfeldern und Olivengärten sich lagert, trennten sie sich. Ihr tolles Lachen im Blute, stieg Vico den Berg hinauf. Die Sonne brannte, daß sein Kopf glühte, daß er vor Schmerzen nicht mehr denken konnte.

Dann kam er zur Apotheke. Einen Augenblick stand er davor. Er wollte überlegen, aber er konnte nicht. Sein Kopf war wie ausgebrannt. Er trat ein.

Wie langsam es ging, wie lange es dauerte. Wie war das nur möglich? Das Chinin war so billig gewesen, er hatte darum so hartnäckig mit dem Apotheker gehandelt. Einen ganzen Haufen hatte er für eine Lire seiner Mutter gebracht. Sie war über das billige Chinin so glücklich gewesen.

Aber trotzdem dauerte es so entsetzlich lange!

Endlich aber fing es an entschieden viel schlechter zu werden – endlich! Es war in der heißesten, der gefährlichsten Zeit, gegen Ende August. Wenn es jetzt regnete, wenn die Schnitter auf der feuchten Erde schlafen mußten, wenn daraus die giftigen Dämpfe hervorquollen; dann starben viele, so viele!

Vollkommen gesund schliefen sie abends ein und schon am nächsten Tag waren sie tote Leute.

Wie schlecht seine Mutter wurde, wie schwach! Sie konnte sich kaum noch auf den Füßen halten. Aber sie glaubte fest daran, bald wieder gesund zu werden: nahm sie doch jeden Tag dreimal Chinin und das mußte ja helfen! Als sie aber trotz des allmächtigen Heilmittels täglich schlechter wurde, bat sie Vico, nochmals zur schwarzen Maria von Genazzano zu gehen, um bei ihr für sie zu bitten. Vico wußte, wenn er die schwarze Madonna so recht heiß und inbrünstig um das Leben seiner Mutter bat, so würde sie gewiß helfen: hatte sie doch schon einmal für ihn ein Wunder vollbracht und das Feuer verlöschen lassen! Und er hatte nicht einmal darum gebetet. Die Madonna las seine scheue heiße Bitte in seinem Herzen und half. Er brauchte ihr jetzt nur eine Wachskerze zu geloben, eine recht dicke; und die Mutter würde am Leben bleiben.

Er kam zu dem Heiligtum und wollte sich auf die Kniee werfen, wollte den Weg hinaufrutschen. Plötzlich lief er fort. In einem nahen Kastanienwald warf er sich nieder und blieb stundenlang liegen. Zuletzt begann er laut zu weinen.

Gegen Abend strömte heftiger Regen herab. Es regnete die ganze Nacht und die ganze Nacht blieb Nico unter den Kastanien liegen. Ohne eine Spur von Fieber zu haben, erhob er sich am nächsten Morgen und trieb sich den ganzen Tag im Walde umher.

Als er gegen Abend dem Lager sich näherte, sah er ein Weib auf sich zulaufen. Es war aber nicht seine Mutter, die ihrem lieben Sohne genesen entgegenkam; sondern ein fremdes Weib, welches mit ihr zusammen gearbeitet hatte und welches ihm die Nachricht brachte, daß seine Mutter am Morgen gestorben war: an der Perniciosa!

8.

Allein kehrte Vico im November mit den übrigen heim, nachdem er der Romana heilig versprochen hatte, ihr in spätestens zwei Wochen den Goldschmuck zu bringen.

Gleich am nächsten Samstag begab er sich hinab nach Tivoli, um im Lotto zu setzen: Malaria, Agonie, tote Mutter und sechs Uhr – die Stunde, da seine Mutter gestorben war.

Er war seines glücklichen Gewinstes so sicher, daß er kaum Ungeduld verspürte, das Ergebnis zu erfahren.

Aber von den vier Nummern kamen nur zwei heraus …

Zuerst begriff er es gar nicht, zuerst blieb er vollkommen ruhig: dann würden die vier Nummern eben nächsten Sonnabend gezogen werden – herauskommen mußten sie ja! Also stieg er wieder das Gebirge hinauf und nach Hause, lag tagsüber auf dem Gestein, starrte des Nachts aus dem Fenster des einsamen Hauses, darin keine Mutterstimme mehr ertönte, starrte hinab auf das dunkle Land und die Lichter Roms.

Die Lichter Roms, dieser Märchenglanz aus seiner Kinderzeit, trösteten ihn in den langen, langen Stunden des Wartens.

Am Sonnabend wieder hinab nach Tivoli, wieder die vier Nummern gesetzt und – wieder nicht gewonnen.

Und so jede Woche! So den ganzen Winter über, den ganzen Frühling!

Die Romana ließ aus Capranica anfragen: »Warum er nicht käme; wo ihr Goldschmuck bliebe, wann er sie heiraten würde?«

»Bald!« ließ er ihr antworten.

Aber es wurde Sommer und er hatte noch immer nicht mit seinen großen vier Glücksnummern die Quaterne gewonnen.

Als die Schnitter sich anschickten, zur Ebene hinunter zu ziehen, ließ die Romana ihm sagen: »Wenn er ihr bis nächsten Sonntag den Goldschmuck nicht brächte, so würde sie im Herbst den Bastiano Leste aus Subiaco heiraten.

Nächsten Sonntag brächte er den Goldschmuck und zum Herbst würde er, Vico Ferri, sie heiraten – ließ er zurückberichten.

Die ganze Nacht über saß Vico in seiner Kammer wach und starrte hinab auf die Lichter Roms.

Am Morgen war er verschwunden.

Also das war die Stadt, deren Namen solch wunderbaren Klang hatte, daß selbst die wilden Kinder der Felsenberge aufhorchen mußten: Roma! Das war die Lichtinsel, die Nacht für Nacht aus den Wogen der Finsternis auftauchte mit solchem unwiderstehlichen, solchem magischen Glanz!

In dumpfem Staunen schritt Vico durch die Straßen Roms.

Diese Häusermassen, diese Menschenmengen! Diese Wagen, Pferde! Wie war es möglich, daß es so viele Menschen, so viele Häuser auf der Welt gab? Und was er sonst noch alles sah! In großen schönen Zimmern lag es aufgespeichert und die Menschen gingen hinein und kauften es. Es lag in gewaltigen Fenstern zur Schau ausgestellt und die Menschen standen davor, betrachteten es und wenn es ihnen gefiel und sie Geld hatten, so gingen sie hinein und kauften es.

Vico hatte Geld: den Rest der Barschaft, die seine Mutter und er im letzten Sommer verdienten, so viel davon für die vier glücklichen Nummern nicht aufgebraucht worden war. Sonst hatte er kaum etwas ausgegeben; sondern den ganzen, Winter über gedarbt und gehungert, um möglichst viel Geld für das Lotto behalten zu können.

Jetzt wollte er für den Rest den Goldschmuck kaufen; denn die vier glücklichen Nummern, die ihm seiner Mutter Tod gegeben, hatten sich als falsch und erlogen erwiesen.

Hatte die Romana den Goldschmuck, so würde sie sich dafür küssen lassen; dann – mochte dann daraus werden, was da wollte! Wenn er sie nur ein einzigesmal geküßt hatte: auf ihren jungen, weichen, blutroten Mund.

In Rom gab es Goldschmuck zu kaufen, daß man damit den ganzen Weg von Rom bis zum Sabinergebirge hätte pflastern können. Und das Gold flimmerte und funkelte in den gewaltigen Fenstern, daß vor Vicos Augen goldige Nebel aufstiegen, daß er die Augen geblendet schließen mußte, daß er die Glut und den Glanz in seiner Seele spürte wie höllisches Feuer.

Er stand vor einem Juwelierladen; und wenn er sich endlich los riß und weiter ging, so war es, um gleich wieder zurückzukehren und von neuem hineinzustarren.

Seit länger als vierundzwanzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen. Aber er dachte nicht an Speise und Trank; er dachte nur an das Gold. Alles Gold, das er sah, häufte er um Romana auf, bis die kleine feine Gestalt darin versunken, darin ganz untergegangen war.

Endlich faßte er sich ein Herz, trat in eines der schönen schimmernden Zimmer, riß sein Geld heraus, warf es hin, forderte für seine paar Skudi einen Goldschmuck, einen Brautschmuck!

Er wurde ausgelacht und hinausgewiesen.

Als hätte er einen betäubenden Schlag bekommen, ging Vico durch die Straßen.

Keinen Goldschmuck! Zu wenig Geld! Viel, viel zu wenig Geld! Keinen Goldschmuck für die Romana – niemals einen Kuß von ihr …

Er ging und ging. Mit schleppenden Schritten schlich er durch die Menschenmenge. Schauer schüttelten ihn. Er hatte das Fieber.

Vielleicht, daß er daran starb, wie sein Vater daran gestorben war, wie seine Mutter –

Seine Mutter …

Nun ja! Wenn er am Fieber nur starb. Da er die Romana nicht küssen konnte, so war es am besten zu sterben.

Er sah eine Apotheke. Wenn er jetzt hineinging, Chinin forderte und dabei nicht handelte, so würde er am Leben bleiben. Er wollte aber nicht leben bleiben und so schleppte er sich denn weiter.

Es ward Abend. Die Lichter wurden angezündet, die Lichter Roms! Rings um ihn flammte es tausendfach auf. Es war eine Welt von Funken, Flammen, Feuerkugeln.

So wurde denn die Sehnsucht seiner Kinderzeit gestillt: er war da, wo die Lichter brannten, die glühenden, glänzenden, goldigen Lichter!

Seine fiebernde Phantasie schmolz all' den flimmernden Glanz zusammen zu einem gigantischen Goldklumpen und schmiedete daraus für die Romana einen Brautschmuck.

Bis Mitternacht irrte er umher, fiebernd, hungernd, halb von Sinnen.

Viele Lichter erloschen. Auf den Straßen ward es still.

Er kam auf einen einsamen Platz. Er fühlte seine Kräfte schwinden, fühlte, daß er umsinken würde. Er taumelte. Da kam jemand auf dem öden Platze ihm entgegen. Es war ein alter Mann.

Vico konnte nicht weiter. Schwankend stammelte er etwas. Da zog der alte Mann ein Säckchen hervor, öffnete es, griff hinein …

Vico sah in dem Säckchen Gold blinken –

Im nächsten Augenblick schon war es geschehen. Er hatte sein Dolchmesser gezogen, hatte den scharfen Stahl dem alten Manne in das Herz gestoßen.

Mit dem Golde des Gemordeten stürzte er davon wie ein gejagtes Wild. Das Blutgeld hielt er in der geballten Hand und würde es nicht fortgeworfen haben, hätte es sich in seiner Hand in Flammen verwandelt.

Er bereute seine That nicht. Er würde sie wieder und wieder begangen haben. All seine wilde Sehnsucht war auf einmal stille geworden. Sie war in ihm zur Ruhe gegangen wie ein müdes Kind an der Mutterbrust.

Vollständig gelassen dachte er an die Romana: daß sie jetzt ihren Goldschmuck bekommen, daß er sie jetzt küssen würde.

Die ganze Nacht irrte er durch die Straßen. Als es Tag geworden und endlich eines der gewaltigen Fenster, dahinter Goldschmuck verkauft wurde, sich öffnete, ging er vollständig gelassen hinein, warf das Geld des Gemordeten hin, verlangte einen Schmuck, einen Goldschmuck.

Jetzt würden sie ihn nicht mehr auslachen, nicht mehr hinausweisen.

Nein! Jetzt lachten sie ihn nicht aus. Jetzt nahmen sie ihn gefangen, jetzt wurde Vico Ferri als Mörder in den Kerker geführt.

Er blieb vollständig gelassen.

An dem Sonnabend, der diesem alltäglichen Begebnis folgte, kamen im Lotto Vicos vier große glückliche Nummern heraus.

Die Romana lachte wie toll, als sie es hörte.