Der strohblonde Augustin, der brennrote Kilian und die sittliche Weltordnung

»Der Herr geb' ihm die ewige Ruh,« pflegte der strohblonde Augustin mit demütiger Miene zu sagen, wenn er wieder einmal einem Menschen den Hals umgedreht hatte.

»Und das ewige Licht leuchte ihm,« flüsterte der brennrote Kilian nicht minder ergeben, wenn er gleichfalls einen Menschen ins Jenseits befördert hatte.

Der brennrote Kilian war nämlich sehr fromm, und der strohblonde Augustin womöglich noch frömmer.

Schon von Kindheit an waren sie das, wo sie als ungewaschene Bauernjungen durch ihr Heimatdorf tappten und in der klotzigen Felswand hinter den Hütten der Väter so ziemlich das Ende der Welt erblickten.

Vor jedem Heiligenbilde hatten sie damals den Filz verschoben, in jede Messe waren sie gegangen, mit geweihtem Wasser hatten sie die struppigen Haare bespritzt, und weil sie sich das gottesfürchtige Herz treulich bewahrt hatten, wollten sie auch heute von diesen Gewohnheiten nicht lassen, wo der strohblonde Augustin zum Schrecken der Menschheit ein weitberühmter Mörder geworden war, und der brennrote Kilian als hochnotpeinlicher Scharfrichter sein treffliches Auskommen hatte.

»Der Herr lasse ihn ruhen in Frieden! Amen!«

Mit einem Rosenkranz in den Händen verrichteten sie solch ein Gebet. Dabei hoben sie fleißig die Augen zum Himmel empor und leiteten die frommen Gedanken zu einem freundlichen alten Herrn mit roten Backen und weißem Vollbart, den ihnen der hochwürdige Expositus in der kleinen Dorfkirche als Gott Vater bezeichnet hatte.

»Erhöre mich,« flehte der brennrote Kilian, »erhöre mich, Gott Vater im Himmel, und erhalte den Menschen die so nötige sittliche Weltordnung, auf daß jeder den Tod erdulde, der Gut und Böse nicht unterscheiden kann.«

»Erhöre mich,« flehte auch der strohblonde Augustin, »erhöre mich, Gott Vater im Himmel, und sende deine Blitze auf diese sogenannte sittliche Weltordnung hernieder, auf daß ich ungestört weiter morden kann, wie es nun 'mal meine berechtigte Eigentümlichkeit ist.«

Dann fuhr sich jeder der beiden mit dem Zeichen des Kreuzes über die Stirne, während Gott Vater, den sie gerufen hatten, aus den Wolken herunterschaute und die frommen Gebete mit peinlicher Sorgfalt im Hauptbuch des Himmels verzeichnete.

War der Andacht aber Genüge geschehen, dann legte der brennrote Kilian den eben Gerichteten ohne weitere Umstände in den bereitstehenden Sarg, und der strohblonde Augustin neigte sich auf sein neuestes Opfer herab, das sich ebenfalls nicht mehr bewegte.

Ein zufriedenes Lächeln zog wellige Falten über sein glattrasiertes Gesicht.

»Es geht nichts über eine ruhige, sichre Hand,« sagte er und hob seine gelenken Finger gegen die Sonne.

Ohne sie hätte er zu rohen Gewaltmitteln greifen müssen, wie der brennrote Kilian, oder zu Messer und Flinte, und das wäre ihm schmerzlich gewesen, sehr schmerzlich.

Der strohblonde Augustin war nämlich Gemütsmensch – er konnte kein Blut sehen.

Schon von Kindheit an nicht, wo er jedesmal in die fernsten Wälder floh, wenn bei hohen Kirchenfesten ein Kalb oder Schwein gestochen werden sollte.

»Nur kein Blut nicht,« hatte er immer gejammert, und je stärker er zitterte, um so hämischer lachte der brennrote Kilian.

Ihm war so ein Schlachttag noch lieber als Sacklaufen und Preisschieben, und wenn nun das frische Blut den Leuten auf Nase und Bauch spritzte, dann kannte er sich vor Vergnügen gar nicht mehr aus.

Am lautesten jubelte er, wenn er selber etwas scheiden, stechen oder hauen durfte.

»Da schau her, strohblonder Augustin,« kicherte er und schliff das große Küchenmesser mit Absicht recht umständlich.

Aber der strohblonde Augustin wollte nichts davon wissen, und wie er sich damals Augen und Ohren zugehalten hatte, wenn ein unschuldiges Tierchen geopfert werden sollte, so that er es heute noch, wenn draußen auf der Vogelwiese ein armer Sünder gerädert oder gevierteilt wurde. Voll des tiefsten Grauens wandte er sich ab und nannte den brennroten Kilian, der alle diese Strafen mit breiter Gemütsruhe zu vollziehen verstand, das größte Scheusal unter der Sonne.

»Wenn ich den Kerl mal unter die Finger bekomme,« brummte er, »ich wollte in bei der Gurgel fassen, aber recht langsam, recht nachdrücklich, daß er die stärksten Atmungsbeschwerden verspüren möchte, und auf seine letzten Augenblicke noch das Schielen lernen sollte.«

»Ganz nach Belieben,« meinte der brennrote Kilian, als ihm diese freundliche Botschaft durch einen seiner Gehilfen überbracht wurde. »Ich freue mich ohnehin schon lange auf ein Wiedersehen mit dem strohblonden Augustin und hoffe, daß sie ihn recht bald auf dem Schinderkarren zu mir heraus fahren werden. Dann will ich ihn herzlich willkommen heißen, will ihm seine gelbliche Haut gemächlich über die Ohren ziehen und will ihn von oben bis unten mit eisernen Nadeln spicken wie einen frisch geschossenen Hasen, damit er sich allmählich an Blut gewöhnen kann, der erbärmliche Spitzbube.«

»Vollkommen einverstanden,« lachte der strohblonde Augustin zu den wohlmeinenden Absichten seines ehemaligen Spielgenossen. »Aber erst müßt ihr mich erwischen.«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

Der brennrote Kilian schimpfte auf die miserable Polizeiverwaltung, auf die langen Beine des strohblonden Augustin, und nicht zuletzt auf das hinterlistige Verfahren, das der grausame Mordgeselle fortwährend anwandte.

»Jeder auf seine Weise,« meinte der strohblonde Augustin. »Mein Verfahren ist ein völlig geräuschloses und thut noch lange nicht so weh, als die vermaledeiten Schinderwerkzeuge des brennroten Kilian.«

Damit betrachtete er wieder seine Finger und pries den gütigen Zufall, der ihn einstmals darauf verwiesen hatte.

Das war zu einer Zeit, wo der strohblonde Augustin noch garnicht ans Umbringen dachte, sondern mit dem brennroten Kilian die Hühner des Dorfwirtes durcheinander hetzte, auf die er es besonders hatte.

Im ersten Frühling war es. Da erschien jedes Jahr, wenn der heiße Föhn über die Berge wehte und der schmelzende Schnee die halbe Einöde samt Menschen und Hütten hinwegtrug, eine dickbauchige Kutsche im Thale, der vier gestrenge Herren in weißen Perücken entstiegen.

Die nobeln Gäste besahen kopfschüttelnd den Schaden, hockten drei Tage kopfschüttelnd im Wirtshaus und fuhren am vierten Tage wieder kopfschüttelnd von dannen.

Mit offenem Munde glotzte ihnen der strohblonde Augustin jedesmal nach, wenn sie in ihren Schnallenschuhen gravitätisch umhergingen. Durch seinen Schädel zog so etwas wie eine leise Ahnung, daß es noch andere Wesen auf der Erde gebe, als Bauern und Tiere, denn die prächtig gekleideten Herren verlangten Respekt und schlugen dem strohblonden Augustin einfach den Deckel herunter, als er nicht grüßte.

Heulend lief der Bursche zum brennroten Kilian und klagte sein Leid.

»Sei doch froh,« sagte der, »deine Läuse wollen auch einmal Luft schnappen.«

Der strohblonde Augustin wußte nicht, was er antworten sollte und suchte wieder die Hühner zu fangen. Freilich, die blieben nicht stehen, sondern liefen gackernd hinweg, und der große Hahn hackte den eigensinnigen Verfolger gar tüchtig in die Hand.

Zeter und Mordio heulte der Bursche, aber plötzlich verstummte er, denn die Wirtin war im Hofe erschienen und hatte mit sicherem Griffe eines der Hühner gepackt. Eilig nahm sie es zwischen die Beine, und ehe es noch einmal den Schnabel öffnen konnte, hatte sie ihm schon den Hals umgedreht.

Der strohblonde Augustin und der brennrote Kilian rissen mächtig die Augen auf – so etwas war ihnen noch niemals vorgekommen.

»Ei, Frau Wirtin, was thut Ihr da?« fragten sie wie aus einem Munde.

»Ihr seht es ja,« lachte die Wirtin, indem sie wieder ein Huhn packte. »Ich mache den Ludern den Garaus, damit unsere vornehmen Gäste etwas zu essen haben.«

Der brennrote Kilian hatte begriffen und nickte verständnisvoll, der strohblonde Augustin dagegen zitterte, als ob ihm eisiges Wasser über den Rücken gegossen würde.

»So vergeßt auch den Hahn nicht!« eiferte er. »Dieser Schurke hat mich blutig gehackt.«

Die vielbeschäftigte Frau schien es eilig zu haben. Stillschweigend drehte sie noch ein paar Hühnern den Kragen um und verlud die ganze Beute mit zufriedenem Gesichte in ihre blaue Schürze.

»Den Hahn, den Hahn!« schrie ihr der strohblonde Augustin nach.

»Pack' ihn doch selber,« wisperte der brennrote Kilian. »Was ist denn dabei? Da fließt ja kein Blut.«

»Allerdings,« sagte der strohblonde Augustin und stürzte sich mit kampfbereiter Miene auf seinen Gegner.

Gleich beim ersten Anprall bekam er ihn auch bei der Gurgel zu fassen, aber der strohblonde Augustin war damals noch Anfänger und hatte noch nicht zwei Hafendeckel als Hände wie heute. So hieb ihm denn der Hahn das ganze Gesicht auseinander, daß brühwarme Bäche über die mageren Backen herabliefen.

Wie der Bursche das merkt, kriegt er einen furchtbaren Schreck, er stampft und schreit, endlich aber knickt er den Hahn auf die Erde und dreht ihm mit einem solchen Rucke die Kehle um, daß ihm die eigene Hand aus dem Gelenke springt.

»Das hab' ich gut gemacht,« sagte er aufatmend.

»Alle Hochachtung,« rief der brennrote Kilian. »Dafür mußt du auch eine Belohnung haben.«

Diese feine Belohnung konnte der strohblonde Augustin heute noch nicht vergessen, und jedesmal, wenn er daran dachte, geriet er in eine furchtbare Wut auf den brennroten Kilian.

»Der nichtsnutzige Verräter!« murmelte er.

Er hatte sich damals im Vollgefühle seines schwererrungenen Sieges neben seine Trophäe gestellt, aber kaum waren Wirt und Wirtin auf dem Hofe erschienen, da schlugen sie schon von beiden Seiten auf ihn los, und herzueilende Bauern schrieen um Vergeltung und Rache.

»Ist denn die ganze Welt auf einmal verrückt geworden?« fragte sich der strohblonde Augustin.

Der Expositus gab ihm an andern Tage die Antwort mit dem pfeifenden Rohrstock. Schon seit Jahren plagte sich der hochwürdige Herr vergebens, dem strohblonden Augustin den Unterschied zwischen dem A, dem B und dem C zu erklären, nun sah er sich auch noch vor die schwierige Aufgabe gestellt, ihm den nicht minder bedeutsamen Unterschied zwischen Mein und Dein in den Schädel zu bläuen.

Er sollte bald merken, daß dieser Begriff seinem verstockten Schüler noch schwerer fiel als schreiben und lesen. Der strohblonde Augustin schien von der fixen Idee behaftet, da0 die Erde eine große Vorratskammer sei, aus der jeder nur zu nehmen brauche, wie es ihm paßte.

»Heiliger Vater!« rief der Expositus. »Ihr seid doch nicht mehr im Paradiese, ihr müßt doch arbeiten.«

Freilich mußte man arbeiten, manchmal sogar an bösen Stellen, wo Nasen und Hände auf Nimmerwiedersehen hinwegflogen; was die Arbeit aber mit dem Gockel des Wirtes zu thun hatte, das vermochte der strohblonde Augustin wieder nicht einzusehen.

Da führte der Expositus den Burschen in die Kirche und machte ihn vor dem Bilde Gott Vaters darauf aufmerksam, daß es auf dieser Erde eine sittliche Weltordnung gebe.

Zum erstenmal in seinem Leben hörte der strohblonde Augustin dies sonderbare Wort.

»Sittliche Weltordnung?« fragte er, als ob er nicht richtig verstanden hätte.

»Jawohl, und ihr hat sich jeder zu fügen, sonst verfällt er der Strafe des himmlischen Vaters.«

Langsam reckte der Augustin seine strohblonde Mähne zum Hochaltar empor und sah sich den alten Herrn im rotblauen Gewande auf die sittliche Weltordnung ein bischen genauer an.

»Wo hat er sie denn?« fragte er begierig.

»Überall, zu jeder Stunde und an jedem Orte,« antwortete der Expositus.

Noch einmal blickte der Bursche den Schöpfer des Himmels und der Erde von oben bis unten mit starker Beklemmung an. Als er aber gar nichts Neues entdecken konnte und schließlich den freundlichen Augen begegnete, die so lustig dreinschauten wie immer, da mußte er innerlich lachen über den Expositus und die ganze sittliche Weltordnung.

»Der himmlische Vater ist viel zu vernünftig für so einen Blödsinn,« sagte er zu sich selber, und diese Überzeugung konnte von jenem Tage an nie mehr in ihm erschüttert werden, ja, sie bohrte sich immer fester, je weiter er durch die Lande zog und je öfter er mordete.

Gott Vater sah mit ernster Miene aus den Wolken hernieder und erwiderte das Vertrauen des strohblonden Augustin mit gänzlichem Stillschweigen, der brennrote Kilian aber ärgerte sich über seinen ehemaligen Spielgenossen und ballte die Fäuste:

»Er soll nur warten, bis er einmal ins Jenseits kommt. Der himmlische Vater wird ihm schon einheizen im Fegefeuer und in der Hölle.«

»Herr Scharfrichter! Davor mögen sich andere fürchten,« drohte der strohblonde Augustin, »denn, wenn drüben wirklich gleiches mit gleichem vergolten wird, dann kommt der brennrote Kilian aus den Röstmaschinen und Marterwerkzeugen des leibhaftigen Gottseibeiuns die ganze Ewigkeit nicht mehr heraus!«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

Weil er sich aber neben der Arbeit auch eine Erholung gönnen wollte, ging er dazwischen ein bischen auf die Jagd nach Hirschen und Rehen, die er besonders bevorzugte, nachdem er mit den Hühnern so schändlich verunglückt war.

»Mach' dir nichts daraus,« hatte ihn der brennrote Kilian damals getröstet, als die Wirtsleute ihren Gockel immer noch nicht vergessen konnten. »Ja, mach' dir nichts daraus. Ging es damit nicht, geht es im Walde, da sind noch viel schönere Viecher.«

Und er zeigte ihm, was da alles zwischen den Bäumen herumsprang.

Der strohblonde Augustin war ganz begeistert, aber die sittliche Weltordnung ging ihm trotz seines Zutrauens zum himmlischen Vater doch noch ein bischen im Kopf herum.

Deshalb fragte er den brennroten Kilian, wie es damit bestellt sei, wenn man diese reizenden Tierchen ins Netz lockte.

»Mit der sittlichen Weltordnung?« fragte sein Freund. »Was ist denn das?«

»Weiß nicht,« sagte der strohblonde Augustin, »der Pfarrer behauptet, daß es wirklich so etwas gäbe.«

Ungläubig schüttelte der brennrote Kilian den Kopf.

»Ich hab' sie mein Lebtag noch nicht gesehen.«

»Ich auch nicht,« meinte der strohblonde Augustin und legte nun Schlingen, wo und wie er nur immer konnte.

Anfangs wollte garnichts hineingehen, aber plötzlich sollte es glücken, dank der trefflichen Maschen, die die Botenkuni mit geübten Fingern zu knüpfen wußte.

Dies wackere Mädchen mit krummen Beinen, stumpfer Nase und faltigem Kropfe wohnte gerade zwischen dem Häuschen des brennroten Kilian und dem Häuschen des strohblonden Augustin. Von der sittlichen Weltordnung wußte sie ebenso viel wie ihre beiden Nachbarn, trotzdem sie alle vierzehn Tage aus dem Dorfe herauskam und im nächsten Marktflecken Lebensmittel und Post holte. So guckte sie denn bald dem strohblonden Augustin, bald dem brennroten Kilian in die Fenster, bis eines Abends die beiden Burschen um sie herum hockten wie um einen Ofen, der behagliche Wärme verbreitet. Da schlang sie Masche an Masche beim Scheine des Herdfeuers, und ihre Verehrer fingen nun ein Reh um das andere.

Der strohblonde Augustin drehte den Tierchen die Hälse um, daß es schon eine Freude war, und der brennrote Kilian konnte der Botenkuni garnicht genug erzählen von der zunehmenden Geschicklichkeit seines Freundes.

Lächelnd nickte die Botenkuni und sang mit schmelzender Stimme so sehnsüchtige Lieder, daß der strohblonde Augustin wie ein Schloßhund heulte, der drei Tage nichts mehr zu fressen bekommen hat.

Auch der brennrote Kilian hatte kaum widerstehen können, und je ergriffener die Burschen zuhörten, um so runder, um so fetter wurde die Kuni von dem vielen, vielen Singen.

»Es waren doch wonnige Stunden,« sagte der brennrote Kilian träumerisch, wenn er heute noch eine jener wohlbekannten Melodieen in trauter Erinnerung vor sich hinsummte, und dabei einem Delinquenten gerade den Bauch aufschnitt. »Ja, es waren doch wonnige Stunden, und es ist eigentlich schade, daß sie für immer dahin sind.«

»Wer ist denn schuld daran?« fragte der strohblonde Augustin. »Nur der elende Kilian selber. Er hat uns verraten, wie er mich mit dem Gockel verraten hat, und wenn er das vielleicht gar nicht mehr wissen sollte, dann bin ich gerne bereit, seinem schlechten Gedächtnis ein bischen aufzuhelfen.«

Er kannte die Sache nämlich noch sehr genau, vom Anfang bis zum Ende.

An einem milden Herbstabend hatten sie wieder zu dritt beisammen gesessen, so behaglich wie immer, als plötzlich die Thüre aufging und ein Grünrock mit einem Landgendarm hereinkam.

Sehr erschrocken sprangen der brennrote Kilian und die Botenkuni empor, der strohblonde Augustin aber blieb sitzen und schaute im Vollbesitze seines guten Gewissens auf die ungebetenen Gäste, die sich lächelnd anstießen:

»Da steckt ja das würdige Kleeblatt . . . . haben wir euch endlich? . . : . nun wartet, jetzt geht's in die Stadt hinein . . . . vorwärts marsch!«

»Ist denn die ganze Welt wieder einmal verrückt geworden?« fragte ich der strohblonde Augustin, als er nun auf einmal an Händen und Füßen mit festen Stricken gefesselt wurde.

Aber seines Staunens sollte kein Ende werden, denn noch in selber Nacht wurde er samt der Botenkuni und dem brennroten Kilian auf einen Karren geladen, der immerzu rollte, ohne Unterbrechung in unbekannte Fernen und Länder. Wie ein Kalb lag der strohblonde Augustin neben seinen Leidensgenossen. Er sah nichts, als hoch über sich die ragenden Berge, und als die allmählich kleiner und kleiner wurden, da sah er nur noch den Himmel und meinte, es müßte jetzt direkt zu Gott Vater hinaufgehen, den er in seiner Verzweiflung beständig um Hilfe beschwor.

Der himmlische Vater schaute auch richtig werden aus den Wolken herunter, aber er machte ein sonderbares Gesicht und fand es nicht angezeigt, den Pferden in die Zügel zu fallen.

»'s ist zum Verzweifeln,« stöhnte der Augustin.

»Halt' doch dein Maul, du machst einen ja ganz desperat,« sagte der brennrote Kilian, und die Botenkuni wimmerte kläglich, sie möchten doch beide vor den Richtern auf die Ehre und Unschuld eines armen Mädchens Bedacht nehmen.

»Was heißt da Bedacht nehmen?« ächzte der Kilian. »Wir müssen schauen, daß wir uns herauswinden, jeder für sich, so gut es geht.«

Und er fing zu jammern an über sein Unglück, in das er schuldlos geraten war.

Das ärgerte den strohblonden Augustin, und er wandte sein Gesicht mit großer Anstrengung zu der dicken Botenkuni hinüber.

»Sei nur ruhig!« lispelte er. »Ich sage nichts von dir.«

»Du guter Augustin,« schmeichelte die Kuni, »ich hab' dich auch immer besonders lieb gehabt und will dich lieben bis an mein seliges Ende.«

»Eine Verlobung auf dem Schinderkarren,« höhnte der Kilian. »Du bist mir eine nette Person, du saubere Botenkuni. Oh, wären mir nur nicht Hände und Füße gebunden, ich wollte eurem verdammten Liebesgetändel ein grausames Ende bereiten.«

Und er spuckte auf gut Glück in die Luft, bis ihm die Kehle so trocken war, wie im glühendsten Hochsommer.

Botenkuni und der strohblonde Augustin aber grüßten sich zu, als gute Freunde, die sich für immer gefunden haben.

Zwei Tage ging das langsam so fort, am dritten aber ließ der Kutscher plötzlich die Peitsche knallen, und nun stolperte der Wagen mit lautem Gepolter über rundliche Steine hinweg, daß den gefesselten Fahrgästen Magen und Därme nur so durcheinander geworfen wurden.

»Gott, Vater, erbarme dich meiner,« stöhnte der brennrote Kilian, der immer kleinlauter wurde, je länger die Fahrt dauerte.

Der strohblonde Augustin hingegen sagte garnichts, sondern schaute und schaute. Er sah seltsame Dinge aus der Erde wachsen, Häuser, die zehnmal so hoch waren als die Schenke im Dorfe, Türme, die bin in den Himmel reichten, und Wagen, so prächtig, daß der Herrgott selber drin herumfahren konnte.

Und gar die Menschen! Erst glaubte der strohblonde Augustin, die vier Herren wiederzusehen, die alle Jahre in die Einöde kamen, aber gleich darauf sah er sie wieder, dann sah er sie noch einmal, und schließlich waren ihrer so viele, als die höchsten Zahlen betrugen, die der Herr Expositus je in der Schule an die schwarze Tafel geschrieben hatte.

Alle scherzten mit vornehmen Frauenzimmern und gingen neben dem Wagen einher bis zu einem großen, weiten Platze, wo der strohblonde Augustin wieder einmal meinte, daß die ganze Welt verrückt geworden sei.

Da drehte sich alles im Kreise, auf Schaukeln, auf Rutschbahnen, auf blechernen Pferden und hölzernen Schwänen, da wiesen buntgekleidete Männer und Frauen mit hohen Stöcken auf seltsame Bilder, und dazwischen schwirrte es nur so durcheinander von Glocken, Pfeifen, Trompeten und Drehorgeln, daß es dem strohblonden Augustin beinahe das Trommelfell zerriß.

»Das ist die Menschheit,« stöhnte der Kilian, »weh uns, daß wir in ihre Hände gefallen sind.«

»Warum wehe uns?« fragte sich der Augustin, der die Menschheit äußerst vergnüglich fand.

Er hätte sie gerne ein bischen genauer angesehen, aber plötzlich hielt der Wagen vor einem ungeheuren Gebäude, vor dem Soldaten in hohen Tschakos und weißen Bandelieren ihre Schießprügel spazieren trugen, so ernst, so gravitätisch und gemessen, wie sie der Augustin schon in Bilderbüchern gesehen hatte.

Leider störte das Geschrei des brennroten Kilian, der jetzt gänzlich verzweifelt war, die ruhige Betrachtung.

»Ich will alles gestehen, ich will alles bereuen,« jammerte er.

Der strohblonde Augustin aber jammerte gar nicht, sondern ließ sich ganz geduldig die langen Gänge forttragen, immer weiter, immer weiter in ein tiefes, finstres Loch, wo er Morgen und Abend nicht unterscheiden und die Fülle der neuen Eindrücke mit Muße verarbeiten konnte.

Wenn er sich heute diese Stunden vergegenwärtigte, dann konnte er sehr bitter werden, der strohblonde Augustin.

»Wasser und Brot hat's gegeben,« brummte er, »und mein einziger Zeitvertreib bestand darin, daß ich den Ratten und Mäusen ein bischen die Hälse verdreht habe.«

Möglich, daß er das alles geduldig ertragen hätte, wenn nicht zu dem Elend das verächtliche Benehmen des brennroten Kilian gekommen wäre, das er niemals verzeihen konnte.

Er hatte sich's in dem dumpfen Loche schon ganz behaglich eingerichtet und dachte an die lustige Menschheit mit den Schaukeln und Drehorgeln, die ihm zu gut gefallen hatte, da wurde er auf einmal wieder ans Tageslicht gezerrt und trepp auf und trepp ab geschoben. Als er aber die schmerzenden Augen verrieb und sich langsam an die Helle gewöhnte, da befand er sich in einem mächtigen Tonnengewölbe, und neben ihm kniete mit käsefarbenem Gesichte die weinende Botenkuni.

»Wo ist denn der brennrote Kilian?« fragte der Bursche.

Auch der war zugegen, aber er kniete nicht auf der Erde, that auch gar nicht mehr so verzweifelt wie bei der Einlieferung, sondern ging mit lächelndem Gesichte herum und machte tiefe Bücklinge vor zwei würdigen Herren mit glattrasierten Gesichtern, in schwarzen Talaren und weißen Perücken.

Der strohblonde Augustin kannte sich noch immer nicht aus und sah sich genauer um in dem modrigen Raume. Wunderliche Dinge erblickte er da.

Von der weißgetünchten Decke hingen schwere Eisenketten mit wahren Kanonenkugeln, rings an den Säulen standen bequeme Sessel mit spitzen Nägeln auf Sitzen und Lehnen; verschiedene Werkzeuge, wie Schrauben, Bohrer und Beißzangen hingen an den Wänden herum, während eiserne Räucherbecken auf dem Boden bläuliche Wolken zur Decke sandten, und närrische Fratzengesichter mit stachligen Halskrausen aus Nischen und Ecken hervorgrinsten.

Einige Schritte ging der strohblonde Augustin zum brennroten Kilian.

»Was ist denn das?« fragte er gedehnt und deutete auf die sonderbaren Instrumente.

Der brennrote Kilian machte eine wichtige Miene.

»Das ist die sittliche Weltordnung,« sagte er nachdrücklich.

»Die sittliche Weltordnung?«

Mit höchstem Erstaunen blickte der strohblonde Augustin die Wände hinauf und hinunter – er hatte sich die Sache ganz anders vorgestellt.

»Also hatte der Pfarrer doch recht?« begann er nach langer Pause.

»Freilich hatte er recht,« lachte der Kilian, »und wenn du dich jetzt nur noch einen Augenblick geduldest, dann sollst du mit der sittlichen Weltordnung gleich nähere Bekanntschaft machen.«

Mit abermaliger Verbeugung wandte er sich zu den beiden Herren, die unter dem schwarzen Talare je einen Schmerbauch herbeitrugen, noch dicker als jener der jammernden Botenkuni.

»Hochgebietender Herr Bürgermeister, hochgelehrter Herr Doktor! Was verordnen Sie?«

Schmunzelnd wandten sich die Herren die roten Gesichter zu:

»Ich denke, wir geben dem Burschen mal die Daumenschrauben,« sagte der eine.

»Vortrefflicher Einfall,« sagte der andre, »und das verstockte Frauenzimmer, das so aufgedunsen ist wie eine Dampfnudel, könnt Ihr der Abwechslung halber ein bischen auf die Bratpfanne setzen.«

»Das giebt ein Fest, noch fideler als Kirchweih und Vogelwiese,« lachte der brennrote Kilian und legte dem strohblonden Augustin die Eisen auf die Fingernägel.

»Ist denn die ganze Welt wieder einmal verrückt geworden?« fragte der Bursche.

Der brennrote Kilian aber lachte noch stärker als zuvor und sah dem strohblonden Augustin tief in die Augen:

»Siehst du, mein Junge, nun sollst du mir sagen, ob du ein schweres Unrecht zu fassen vermagst, und ob du's von ganzem Herzen redlich bereuen willst, wie sich's für einen wackren armen Sünder gebührt, der sich drüben die ewige Seligkeit erhofft.«

»Ich habe nichts zu bereuen,« sagte der strohblonde Augustin, »und es sollte mir leid thun, wenn Gott Vater im Himmel die Erteilung der ewigen Seligkeit von so etwas abhängig machen wollte.«

»Ich rate dir gut,« sagte sein ehemaliger Spielgenosse, »denn, wenn du jetzt nicht auf der Stelle Vernunft annimmst, dann ziehe ich mit hoher Genehmigung des Herrn Bürgermeisters und des Herrn Doktors die sittliche Weltordnung zusammen. Siehst du, so!«

»Au, au, au,« schrie der strohblonde Augustin, »du elendere Kilian, du hast doch auch gejagt und dasselbe begangen wie ich. Wie kommst du jetzt auf einmal dazu, mich zu peinigen?«

»Das will ich dir erklären,« wisperte der brennrote Kilian. »Ich habe mich mit der sittlichen Weltordnung in allen Ehren versöhnt und bin heute in ihre Dienste getreten.«

Der strohblonde Augustin wollte für immer seiner angebeteten Botenkuni entsagen, wenn er von diesem Gefasel ein einziges Wort verstand.

»Besinne dich nur,« mahnte der brennrote Kilian. »Ich konnte doch von jeher so prächtig Blut vertragen, ich konnte immer häuten und stechen, was man nur wollte, und da die hohe Regierung diese trefflichen Eigenschaften gebührend zu würdigen geruhte, soll ich den alten Herrn Scharfrichter ersetzen, um an seiner Stelle die verstockten Sünder alle so kräftig zu zwicken, wie ich dich jetzt zwicke.«

»So soll dich und deine sittliche Weltordnung auf der Stelle der Teufel holen,« tobte der strohblonde Augustin unter Höllenqualen. »Ich will ein ehrlicher Kerl bleiben.«

Der brennrote Kilian löste die Schrauben und sah fragend auf den Herrn Doktor, der dem Delinquenten bedächtig den Puls fühlte.

»Dann müssen wir es mal mit was anderem probieren, denn es wäre schade, wenn der strohblonde Augustin nicht bald zur Überzeugung käme, daß die sittliche Weltordnung im Grunde doch ein recht heilsames Ding ist.«

Und weil der Doktor zustimmend nickte, legte der brennrote Kilian den schweren Verbrecher auf die Streckbank und dehnte ihm die Glieder auseinander, daß der strohblonde Augustin mit hörbarem Rucke in die Länge schoß und alle seine Mitmenschen um einen guten Kopf überragte.

»Wenn du dir nicht vielleicht zu groß vorkommst,« sagte er brennrote Kilian und griff nach der Säge, »die sittliche Weltordnung kann dich auch werden nach Belieben kürzer machen.«

»Eher mußt du mich schon in Stücke zerschneiden,« schäumte der strohblonde Augustin, »ehe ich dir eingestehe, daß ich ein Unrecht begangen habe.«

»Dann sollte man dir wohl gar mit einem glühenden Eisen den Star stechen?« forschte der brennrote Kilian. »Was meint der Herr Doktor?«

Der Herr im schwarzen Talare griff nachdenklich an die Nase.

»Ein merkwürdiger Fall,« sagte er und fuhr mit beiden Daumen dem strohblonden Augustin am Kopf hinauf und hinunter. Dann horchte er lange am Herzen, beklopfte Bauch und Rücken, als ob er ein Zimmermann wäre und ließ sich auch noch die Zunge zeigen.

»Da ist nichts zu machen,« brummte er. »Dem strohblonden Augustin fehlt das Organ für die sittliche Weltordnung.«

»Könnte man's ihm nicht eintreiben?« fragte der brennrote Kilian wieder, indem er Nägel und Hammer herbeiholte.

»Wird schwer halten,« meinte der Doktor, »so einen tappigen Kerl läßt man am besten wieder laufen.«

»Thut das nicht,« warnte das würdige Stadtoberhaupt. »Wir erwischen so selten einen Spitzbuben, daß wir ihn schon deswegen behalten sollten.«

»Thut das nicht,« warnte auch der Kilian, »es könnte euch einmal gereuen.«

»Hä, hä, hä,« grinste der Doktor, »ich werde mir doch nicht in die hohe Wissenschaft pfuschen lassen, und wenn's zehnmal der Herr Bürgermeister wäre, oder der Scharfrichter.«

Schweren Herzens löste der brennrote Kilian die Ketten des strohblonden Augustin.

»Na, so geh,« sagte er grimmig, »aber die Botenkuni, die will ich wenigstens hier behalten und will sie durch die sittliche Weltordnung zu meinem braven, ehelichen Weibe erziehen, auf daß sie mir Braten und Suppe kocht und stattliche Kinder gebiert.«

»Dich werd' ich wohl heiraten, du schlechter Kerl,« eiferte die Botenkuni. »Ich geh' mit dem strohblonden Augustin, von dir aber will ich gar nichts mehr wissen.«

Der brennrote Kilian lächelte sehr verschmitzt. Er war ein energischer Brautwerber, der sich auf die erste Weigerung nicht abschrecken ließ. Darum schloß er die rundliche Kuni mit brünstigen Empfindungen in seine Arme und hob sie mit sanfter Bewegung auf die glühende Bratpfanne.

»Willst du mein Weib sein?« fragte er, so zärtlich er konnte.

Und die Botenkuni vergaß ihren Starrsinn und gab ihm unter fürchterlichem Gebrüll das Jawort fürs Leben.

»Du hast gewählt!« jauchzte der Kilian. »Nun komm wieder herunter, und wenn ich den hundertsten Verbrecher ins Jenseits befördert habe, dann wollen wir Hochzeit halten auf meine feste Anstellung, wie es Brauch und Sitte bei rechtschaffenen Scharfrichterseheleuten.«

Der strohblonde Augustin führte heute noch die sonderbarsten Dinge auf, wenn er sich diese schrecklichen Stunden vergegenwärtigte. Gedachte er der eigenen Qualen, dann schleckte er zur nachträglichen Linderung die gefolterten Daumen ab, wie ein Händchen die Pfoten, gedachte er der geliebten Botenkuni, dann legte er voll innigen Mitgefühls beide Hände erst auf den Bauch, dann auf den rundesten Teil seines Körpers, gedachte er aber der sittlichen Weltordnung, dann drehte er am liebsten gleich ein paar Leuten den Hals um und hielt ein vertrautes Zwiegespräch mit Gott Vater im Himmel, der wieder mit höchst eigentümlichem Gesichte aus den Wolken herunterschaute.

»Diese Menschheit! Diese elende Menschheit!«

Übel genug hatte sie ihm mitgespielt im Verließ und in der Folterkammer, übel genug spielte sie ihm mit, als er mit verrenkten Gliedern wieder entlassen wurde.

Da stand er nun vor dem ungeheuren Hause, in der fremden Stadt, auf dem harten Pflaster, und glotzte die langen Straßen hinunter.

»O, du miserabler brennroter Kilian,« stöhnte er, »aber wart' nur, ich schaffe mir jetzt eine eigene sittliche Weltordnung an, dann hol' ich dich und spiel' dir auf, wie du mir aufgespielt hast.«

»Immer zu!« antwortete der brennrote Kilian vom Fenster herunter. »Aber so eine sittliche Weltordnung kostet mehr Geld, als du in der Tasche hast, und außerdem brauchst du auch noch die hohe, obrigkeitliche Bewilligung, ohne die selbst bekanntlich keine sittliche Weltordnung giebt.«

»Und wenn ich keinen roten Heller in der Tasche habe und keine obrigkeitliche Bewilligung,« tobte der strohblonde Augustin, »ich schaff' mir's doch an, und Gott Vater im Himmel und die Menschheit auf Erden sollen mir dazu verhelfen.«

Damit ging er fest entschlossen in jene Richtung, aus der der wohlbekannte Spektakel drang. Seine lange Nase führte ihn trefflich, denn in die weitgeöffneten Flügel zogen mit einemmale die schmackhaften Düfte gebratener Würste und Heringe, die den strohblonden Augustin immer weiter lockten, bis er richtig auf jenem Platze herumging, wo es ihm bei der Herfahrt schon so trefflich gefallen hatte.

Kaum aber hatte er die Wunderdinge besichtigt, da tönte es plötzlich von allen Seiten:

»Schaut den langen Kerl an mit den dürren Beinen, das muß ein Riese sein, der aus einer Bude ausgekommen ist.«

»Um so besser,« riefen andre, »da braucht man kein Eintrittsgeld zu bezahlen, man sieht ihn gratis.«

Erst allmählich merkte der strohblonde Augustin, daß diese Rufe keinem anderen als ihm galten.

»Richtig,« sagte er sich, »mich haben sie ja um einen Kopf länger gemacht.«

Bei dieser Entdeckung kam er sich als sehr bedeutende Person vor und wandte sich mit freundlichem Gesichte zu der gaffenden Menge:

»Ich bin kein Riese von Geburt, ihr lieben Leute, sondern komme direkt von der Malefizbank herunter.«

»Ah, oh, eh, wie merkwürdig,« riefen die Leute, »da bist du aber wohl tüchtig geschunden worden?«

»Das könnt ihr euch denken,« sagte der Augustin. »Der brennrote Kilian hat mich in die Länge gezogen wie eine Schweinsblase. Und wißt ihr, warum? Weil ich kein Organ für die sittliche Weltordnung habe.«

Er hatte gesprochen und meinte, die Leute müßten jetzt alle sehr entrüstet auffahren, aber sie thaten gar nicht dergleichen, sondern lachten nur und mehrten sich indessen um ihn, wie die Flöhe zur Winterszeit in der warmen Bettlade.

»Habt ihr's gehört?« ging es durch die Reihen. »Ihm fehlt das Organ für die sittliche Weltordnung.«

Unwillig drehte sich der Augustin im Kreise herum. Die Leute da sahen so fett, so wohlgenährt aus, sie hielten Maßkrüge in den Händen und führten gesalzene Brezeln zum Munde, um seinen Jammer aber kümmerte sich keiner.

»Wenn ihr nichts anderes thun könnt als gaffen, dann schert euch von dannen, oder gebt mir wenigstens was zu fressen, ich habe Hunger.«

»So ein Tagedieb,« kicherten die Menschen. »Merk dir's, zu essen bekommt man nur dann, wenn man eine Börse voll Geld hat, oder wenn man arbeitet von früh bis zum Abend.«

»So sagt mir doch, was ich arbeiten soll?« rief der strohblonde Augustin, dessen Magen zu zwicken begann wie die Daumenschrauben der sittlichen Weltordnung.

Die Leute lachten wieder:

»Ist das unsere Sache? Das muß ein jeder selber wissen, und wenn du nicht verhungern willst, dann mußt du dich ebenso plagen, wie wir uns alle plagen und schinden müssen.«

Und sie hoben wieder die Maßkrüge und bissen in die Brezeln hinein.

Dem strohblonden Augustin war das Weinen näher wie das Lachen.

»Laßt mich doch wenigstens auf einem Karussel herumfahren,« jammerte er.

»Ein Vergnügen will er auch noch! Ist das nicht eine Niederträchtigkeit?«

So höhnte die Menge, und der strohblonde Augustin war drauf und dran, an ihr zu verzweifeln, als sich gerade noch ein guter Kerl fand, der ihm den Glauben zur rechten Stunde noch wieder gab. Dieser treuherzige Geselle war ein verkrüppelter Knirps mit schwarzen Haaren und bleicher Gesichtsfarbe.

»Komm mit mir,« sagte er, »du sollst ein Vergnügen haben und sollst auch zu essen bekommen.«

Der strohblonde Augustin wußte noch nicht, was das zu bedeuten hatte.

Er wanderte gehorsam mit, die lange Budenstraße hinunter, und wo er hinkam, erhob sich ein überschäumender Jubel.

»Aufgepaßt!« schrie der Knirps. »Aufgepaßt, jung und alt, hoch und niedrig!«

Mit lautem Gebrüll antwortete die Menschheit, und alles drängte sich zu dem neuesten Weltwunder, dem strohblonden Augustin. Da grüßten ihn die Riesenweiber, dort warfen die Jongleure ihre Kugeln in die Höhe, die Zauberkünstler winkten ihm zu, und die Jungfrauen aus den Schießbuden und Wirtschaften warfen verschämte Blicke nach ihm, während die Affen, die Elefanten, die Kakadus und die Löwen munter dazwischen heulten.

»Immer herbeispaziert, meine Herrschaften, immer herbeispaziert,« jauchzte der Knirps.

»Ich kenne mich nicht mehr aus,« jammerte der Augustin.

Hinter ihm tollten die Leute, und vor ihm stolzierte der Zwerg mit einem langen Stocke, indem er ein Gedicht zum besten gab, das er mit gellender Stimme hinausschrie:

»Ihr lieben Leute, schaut wohl hin:

Das ist der strohblonde Augustin,

Ein ganz verkomm'ner, schlechter Lump,

Lebt nur von Gaunerei und Pump.

Drum, lieben Leute, schaut wohl her,

Er kommt grad' von der Folter schwer.

Dort hat man tüchtig ihn gestreckt,

Weil man mit Abscheu hat entdeckt,

Daß für die Ordnung dieser Welt

Ihm das Organ im Bauche fehlt.

Sagt selbst, ist das nicht int'ressant?

Drum öffnet schnell die Spenderhand,

Und zahlt herein in diesen Teller

Pro Mann und Weiblein dreizehn Heller!«

»Ein munt'rer Bursche,« riefen die Leute, die sich nicht satt sehen konnten.

»Ein munt'rer Bursche,« dachte der Augustin, dem jetzt langsam ein Licht aufging, als er die Geldstücke fliegen sah.

»Wann bekomme ich denn meinen Braten?« fragte er.

»Du gefräßiger Kerl,« antwortete der Knirps, »erst wollen wir noch mehr verdienen.«

Wieder stimmte er sein seltsames Lied an und führte ihn fort, immer tiefer und tiefer ins Menschengewühl.

»Wenn mich jetzt die Botenkuni sehen könnte,« seufzte der strohblonde Augustin, »sie hätte sicher ihre Freude daran, aber die Ärmste ist in den Händen dieses Schurken, des brennroten Kilian, sie muß sein Weib werden, sie muß ihm Kinder gebären. Oh, Schimpf und Schande, es ist eben nichts vollkommen auf dieser Welt.«

»Mach' nur kein so trauriges Gesicht,« kläffte der Knirps, »sondern schau lustig drein, die Herrschaften werden sonst untreu. Also lustig, immer lustig.«

Da sperrte der strohblonde Augustin das Maul auf, daß ihm die Türmer bis in den Magen schauen konnten, und nun wurde die Menschheit auf einmal freigebig. Sie zeigte nach ihm wie nach einem Raubtier, Das zur Fütterung geführt wird, und warf ihm Nußschalen, Käserinden und Rettichfetzen unter lautem Gelächter in den Schlund hinab.

»Siehst du, das hast du alles nur mir zu verdanken,« sagte der Knirps. »Und nun sollst du neben dieser köstlichen Mahlzeit auch dein Vergnügen haben, wie dir's versprochen war.«

Just in der Mitte des Festplatzes waren sie angelangt. Im weiten Umkreis schlangen sich grüne Guirlanden um bunte Stangen mit flatternden Wimpeln, die Schaukeln flogen zum blauen Himmel hinauf und herunter, die Trompeten schmetterten, die Pauken dröhnten, und die Drehorgeln begleiteten mit sanften Melodieen die unaufhörliche Kreisung der Karussels, die noch immer den stillen Herzenswunsch des strohblonden Augustins bildeten.

»Darf ich endlich fahren?« fragte er zögernd.

»Das macht so schwindlig,« meinte sein Führer. »Aber ich will dir dafür etwas zeigen, was du sicher noch niemals gesehen hast.«

Lächelnd wies er ihn auf ein hohes Gerüst, das kerzengerade aus dem Platze hervorwuchs. Dorthin strömten die Menschen, als ob Freibier geschenkt würde, und dorthin richtete jetzt auch der strohblonde Augustin sein verdutztes Gesicht.

»Merkst du was?« fragte der Knirps.

»Ich merke noch gar nichts,« antwortete der Augustin. »Aber ich soll ein dummer Kerl sein, wenn das dort oben in dem feurigen Mantel nicht wieder der brennrote Kilian ist mit dem Herrn Doktor und dem Herrn Bürgermeister.«

»Was du treffliche Augen hast,« lachte der Knirps, »er ist es wirklich. Nun schau nur recht genau hin, und kümmere dich nicht mehr um mich, denn jetzt geht es schon los. Da – hörst du die Glocke?«

Auf seinem ehrlichen Totenbette wollte sich dereinst der strohblonde Augustin den schauerlichen Klang ins Gedächtnis zurückrufen, mit dem das Ungetüm alle Trommeln und Drehorgeln der Festwiese siegreich übertönte. Wie die Kuhglocken auf den Dörfern war es geformt, oben breit und unten schmal, aber das Rindvieh, das diese Schelle um den Hals tragen sollte, mußte erst noch geboren werden, so groß war sie. Beide Hände brauchte der brennrote Kilian, um sie an dem hochgespannten Griffe zu schwingen, und als er endlich die jauchzende Menge festlich zusammengeläutet hatte, da zitterte er vor Anstrengung am ganzen Körper.

»Gebt ihm Bier, viel Bier,« riefen die Leute. »Er soll sich stärken, dann aber soll er auch zeigen, was er kann.«

Dem strohblonden Augustin lief das Wasser im Munde zusammen, als er so viele Maßkrüge hinaufwandern sah, bald aber verging ihm der Geschmack denn der brennrote Kilian auf dem Gerüste hatte kaum ausgetrunken, da lud er ein Mannsbild mit höflicher Geberde zum Sitzen ein, und im nächsten Augenblicke schlug er dem Ahnungslosen mit einem breiten Schwerte den Schädel herunter.

»Soll man denn so eine Rohheit für möglich halten?« wandte sich der strohblonde Augustin nach der Stelle, wo sein Impresario stehen sollte.

Aber wie er sich auch umschaute – der Knirps war verschwunden und verduftet, mit samt seinem Stocke, mit samt dem Gelde und mit samt den schönen Versprechungen vom Karussel und vom Braten.

»Tod und Verdammnis!« schrie der strohblonde Augustin. »Jetzt wird mir's aber zu dumm!«

Alles tanzte ihm vor der Nase herum, der brennrote Kilian, der fortwährend weiterhieb, als ob er Krautköpfe vor sich hätte, und die ganze besoffene Menschheit, die ihm unter lautem Gejohle die herabsausenden Schädel wieder aufs Gerüste hinaufwarf.

»Jetzt wird mir's zu dumm,« tobte er noch einmal und schlug mit den Fäusten um sich.

Die Leute glaubten erst, der strohblonde Augustin wolle auch eine Vorstellung zum besten geben, als er aber mit seinen Händen so wütend nach ihnen haschte, und seine grünlichen Augen gar unheimlich funkeln ließ, da stoben sie mit lautem Gekreische auseinander, wie damals die Hühner im Wirtshofe.

»Ja, gackert nur, so viel ihr wollt,« tobte der Augustin. »Jetzt geht's euch elendem Gesindel, samt eurer sittlichen Weltordnung an den Kragen.«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon den ersten bei der Gurgel gepackt und drehte ihm den Hals um, daß ihm die Augen heraushingen wie dem Gockel der Wirtin.

»Das hab' ich gut gemacht,« sagte er ausatmend.

»Alle Hochachtung!« nickte der brennrote Kilian herunter. »Du hast die Sache famos im Gedächtnis behalten. Nun aber komm auch gleich zu mir herauf, damit ich dir deine Belohnung erteile.«

»I, wozu hast du mir denn selber so lange Beine gemacht,« wieherte der strohblonde Augustin und hüpfte über die Köpfe der entsetzten Menschheit hinweg wie über die Stufen zur Dorfkirche.

»Fangt ihn doch, fangt ihn doch!« brüllte der Kilian.

Die Leute griffen erst nach ihren Köpfen, dann griffen sie in die Luft, und als sie den Augustin nirgends ertappten, griffen sie in ihrer Wut zu den unflätigsten Schimpfworten:

»Das elende Schinderaas, das Rabenfutter, die verfluchte Henkersmahlzeit!«

Solch böse Worte ärgerten den Herrn Doktor, der im schwarzen Talare neben dem brennroten Kilian stand und einen der gerichteten Verbrecher nach allen Regeln der medizinischen Wissenschaft sezierte.

»Seid nicht ungerecht, ihr lieben Menschen,« rief er hinab, »dem strohblonden Augustin fehlt eben das Organ für die sittliche Weltordnung.«

»Ei, deswegen braucht Ihr ihn doch nicht laufen zu lassen,« wetterte der Herr Bürgermeister.

»Natürlich,« sagte der brennrote Kilian. »Die Leute wollen auch etwas zu sehen bekommen. Für was zahlen sie denn die vielen Steuern?«

Drunten die Menge stimmte ihm bei:

»Ja, warum habt Ihr ihn laufen lassen? Gebt Antwort, Herr Doktor, der Ihr uns auf diese Weise das ganze, schöne Fest verschandelt habt.«

Der Herr Doktor that sehr hochnäsig um sich blicken, er blähte die Backen auf und hob seinen Bauch heraus:

»Das versteht ihr doch nicht, wenn ich's euch auch zehnmal erkläre, denn der Fall des strohblonden Augustin ist eine Sache der Wissenschaft, die nur ein grundgelehrter Kopf, aber kein einfacher Bürger zu fassen vermag. Darum trinkt euer Bier aus, oder geht nach Hause, ihr guten Leute, denkt auch nicht zu viel, regt euch nicht unnötig auf, sondern habt Mitleid mit dem armen Augustin, und danket Gott, daß ein jeder von euch sein wohlausgebildetes Organ für die sittliche Weltordnung tagtäglich bei sich trägt.«

Als die Leute soviel gelehrtes Zeug auf einmal zu hören bekamen, da verstummten sie alle, und weil der letzte Verbrecher schon geköpft war, und es für heute nichts interessantes mehr zu sehen gab, wanderten sie langsam in die Kneipen und Buden, wo sie den merkwürdigen Fall noch eifrig besprachen.

Ihr würdiges Oberhaupt aber, der Herr Bürgermeister, stieg in bangen Zweifeln vom Gerüst herunter, und der brennrote Kilian warf mit verächtlicher Geberde sein treues Schwert auf die Seite:

»Wenn solch waschlappige Ansichten etwa Platz greifen sollten, dann komme ich niemals zum heiraten und pfeif' auf die ganze sittliche Weltordnung.«

»Ist er's schon sobald überdrüssig geworden?« lachte der strohblonde Augustin aus sicherem Versteck hervor. »Ich fange mit meinem Gewerbe erst richtig an.«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

»Nur immer so weiter,« brummte der brennrote Kilian, »meinetwegen kann der strohblonde Augustin gleich der ganzen Menschheit den Garaus machen, er hat ja die behördliche Genehmigung dazu bekommen.«

»Brauch' ich nicht,« lachte der strohblonde Augustin. »Eure ganze Obrigkeit schert mich den Teufel, denn so lang ihr mir nicht schlagend beweisen könnt, daß mein rechter Arm wirklich der rechte ist und nicht etwa der linke, so lange ihr nicht Gott Vater selbst auf die Erde herunter holt, damit er mir die miserable sittliche Weltordnung als seine Erfindung vorstellt, so lange thue ich, was mir beliebt, und drehe den Leuten den Kragen um, wie sie mir gerade in die Hände laufen.«

»Warum denn nicht?« giftete der Kilian. »Fang' sie dir alle, am liebsten den wohlweisen Herrn Doktor für seine blödsinnige Humanitätsduselei.«

»Einer nach dem andern,« beschwichtigte der strohblonde Augustin, »auch der Herr Doktor kommt an die Reihe, denn ich lasse mir's nicht nachsagen, daß in meinem höchst ebenmäßigen Körper auch nur das kleinste Organ fehle; zunächst aber habe ich 'mal wichtigeres zu thun und lauere auf einen, dem ich's besonders auswischen möchte, auf den brennroten Kilian, diesen Verräter, der in den Staatsdienst getreten ist, diesen Verbrecher, der mir die sittliche Weltordnung auf den Hals geladen hat, und diesen Dieb, der mir die Botenkuni samt meinem rechtmäßigen Kinde gestohlen hat.«

»Oho,« rief der Botenkuni aufs tiefste beleidigt, »nenne mich meinetwegen den gemeinsten Spitzbuben, aber das Kind der Botenkuni, das ist von mir.«

»Von mir ist es,« tobte der strohblonde Augustin, »du kraft- und saftloser Scharfrichtergeselle! Du kannst wohl die Leute schinden, was andres bringst du im ganzen Leben nicht fertig.«

»Willst du mich hinterher noch zum Hahnrei machen?« brüllte der brennrote Kilian. »Das ist vergebens. Ich warte jetzt nur bis das Kind glücklich geboren ist, dann halte ich Hochzeit und Taufschmaus zugleich, und keiner soll mir die Freude daran verderben.«

»Halte du Hochzeit und Taufschmaus,« rief der strohblonde Augustin, »aber vergiß nicht, mich einzuladen, denn ich möchte mir's anschauen, das Kind, und wenn's dann dieselben Pockennarben in der Fratze hat wie du, wenn's vielleicht gar deine roten Spitzbubenhaare und deine Kartoffelnase trägt, magst du's gerne behalten, wenn nicht, dann nehm' ich es mit, samt der trefflichen Botenkuni, und du kannst dich umschauen, mit wem du dann Hochzeit hältst.«

»Sollst es haben,« sagte der brennrote Kilian, »ich mag es ohnehin nicht, wenn ihm deine niederträchtige Spitzbubenmiene auf die Visage geschrieben ist, und wenn ihm deine verschimmelten Strohhaare aus dem Schädel wachsen.«

»Weißt du, mit dir nehm' ich's noch auf in der Schönheitskonkurrenz,« lachte der strohblonde Augustin.

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

Der brennrote Kilian ärgerte sich die Galle ins Gesicht, daß er beinahe so gelb wurde wie sein ehemaliger Spielgenosse. Er ging in seine Behausung und schmierte die ganze sittliche Weltordnung mit Schweinsfett und Olivenöl ein bischen zurecht. Weil er sie aber für den strohblonden Augustin leider nicht verwenden konnte, nahm er die Botenkuni bei der Hand und legte ihr die frischgeputzten Eisen auf Daumen und Zeigefinger, um sich seiner Vaterschaft auf immerdar zu vergewissern.

Erst wollte die Botenkuni gar bockig thun, als aber der brennrote Kilian immer eindringlicher fragte und dabei die Schrauben ein bischen spielen ließ, da konnte sie ebensowenig widerstehen, wie einst bei der Werbung auf der Bratpfanne und gab ihm mit grimmigen Flüchen die frohe Gewißheit, daß er es gewesen sei und kein anderer.

»Da soll mir noch einer was auf die sittliche Weltordnung sagen,« meinte der brennrote Kilian, »alle Menschen haben ein fein entwickeltes Gefühl für sie, nur dieser strohblonde Augustin, dem soll eine besondere Suppe gekocht werden, und der infame Bursche mordet nun so weiter, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn Leute.«

»Verrechnet,« lachte der strohblonde Augustin, »verrechnet, es sind ihrer schon vierzehn.«

»Na, so sollen's ihrer noch hundert werden, just so viel, als ich selber brauche, um heiraten zu dürfen,« tobte der brennrote Kilian auf seinem Blutgerüste. »Seid munter, ihr Leute, genießt noch das Leben, wer weiß, ob euch alle der strohblonde Augustin nicht morgen schon bei der Gurgel hat.«

Die Menschen steckten bedächtig die Köpfe zusammen. Von Tag zu Tag waren sie scheuer geworden, als es immer von neuen Mordthaten des strohblonden Augustin hieß; jetzt aber wollte ihnen auf einmal das Bier nicht mehr schmecken; und das Köpfen nicht mehr gefallen.

Der brennrote Kilian arbeitete umsonst, die Drehorgeln verstummten allmählich, die Schaukeln setzten sich nicht mehr in Bewegung, und über der ganzen Festwiese lag es, als ob aus der großen Menagerie plötzlich ein schleichendes Reptil entkommen wäre, das unsichtbar, bald hier, bald dort, einen Ahnungslosen in die Waden zwicke.

»Eine böse Sache,« raunten die Leute, »mit der sittlichen Weltordnung stimmt es nicht mehr genau.«

»Herr Doktor, hört Ihr die Stimme des Volkes?« fragte der Bürgermeister mit gerunzelter Stirne.

»Ich höre sie,« sagte der Doktor. »Aber da ist schwer was zu machen.«

»Kreuzschockschwerenot!« seufzte der Bürgermeister. »Glaubt Ihr denn nicht, daß dem Augustin das fehlende Organ noch einmal nachwachsen wird?«

»Wer kann's wissen?« antwortete der Doktor. »Man müßte in mal von Zeit zu Zeit untersuchen.«

»Das ist eine Idee!« meinte der Bürgermeister und ließ an allen Straßenecken gedruckte Aufforderungen ankleben, der schlimme strohblonde Augustin möge binnen drei Tagen sich der ärztlichen Untersuchung stellen, andernfalls es ihm gar nicht zum besten gehen sollte.

Als aber die drei Tage vorüber waren und der strohblonde Augustin sich immer noch nicht blicken ließ, da sandte der Herr Bürgermeister einen reitenden Schutzmann nach Norden, einen nach Süden, einen nach Osten und einen nach Westen. Die sollten den strohblonden Augustin einfangen, aber ihm ja nichts zu leide thun, sondern ihn fein säuberlich abliefern, ohne ihm auch nur ein Härchen gekrümmt zu haben.

»Schaut euch gut nach ihm um,« sagte er, »schaut euch gut nach ihm um.«

Die Schutzleute folgten seinem Befehle. Sie schauten sich um, vier volle Tage, und als sie am fünften wieder durch die verschnörkelten Thore der Stadt ritten, da schauten sie sich immer noch nach ihm um. Aufrecht wie sonst saßen sie auf den Pferden und hielten die Zügel in den Händen, die Sporen an den Flanken, wie es Vorschrift im Dienste ist, nur das Gesicht war nicht mehr an der gleichen Stelle. Es blickte unbeweglich in die Richtung, woher sie kamen, immer noch nach dem strohblonden Augustin, während nach vorne, zum Pferdekopf, die Haare unter dem Tschako herabhingen.

»Alle guten Geister!« schrie der Vater der Stadt. »Jetzt hat er strohblonde Augustin auch diesen die Hälse verdreht.«

Die ganze Stadt starrte mit Entsetzen auf die schweigsamen Reiter, die gespenstig dahinzogen, nur der brennrote Kilian, der den ganzen Tag, die Hände in der Tasche, mit trotzigem Gesichte spazieren ging, lachte verächtlich:

»Schweinewirtschaft, vermaledeite!«

Und um sich ein bischen Luft zu machen, ging er eines Abends nach dem Gebetläuten, in einen schweren Mantel gehüllt, auf die Straße und rannte ein paar Leuten das Messer in den Bauch, weil er doch gerne in Übung bleiben wollte.

Jetzt wurde es in der Stadt aber äußerst bedenklich.

»Steh uns bei,« schrie die Menschheit voll Entsetzen, »nun kommt gar noch ein Spießgeselle und leistet dem strohblonden Augustin Handlangerdienste.«

Dem Herrn Bürgermeister lief der Schweiß in Strömen herunter, als ihm diese neuen Opfer vor die Regimentsstube geschleppt wurden.

»Was soll ich anfangen?« fragte er.

»Ei, was Ihr anfangen sollt?« riefen die Leute. »Den Mörder sollt Ihr zur Stelle schaffen, aber sputet Euch und nehmt die Schlafmütze vom Kopfe herunter, damit Ihr ihn nicht wieder entwischen lasset, wie Ihr alles entwischen ließet seit Jahren: den Grünschnabel, den Rotschnabel, den Gelbschnabel, den Langfinger, den höckrigen Theobald, und wie sie alle heißen, die ehrenwerten Herren, die uns an Hab und Gut, an Leib und Seele geschädigt haben. Darum steht nicht so unthätig da, sondern gebt Antwort, Herr Bürgermeister, und sagt, wo ist der neue Mörder?«

Der Herr Bürgermeister wand sich in Krämpfen. Er war schon drauf und dran, vor dem Anprall der wütenden Menge zu verzweifeln, da öffnete sich ihm noch im letzten Augenblicke ein Ausweg, den ihm ein glänzender Gedanke eingab:

»Wo der Mörder ist, das kann ich noch nicht sagen, aber wer er ist, das will ich euch verrathen: der strohblonde Augustin hat die Unthaten begangen, wie er die andern begangen hat, die in meiner Amtsthätigkeit nicht entdeckt werden konnten, weil der verfluchte Bursche mit dem Teufel im Bunde steht.«

»Mir fehlt der Ausdruck für so eine Schlechtigkeit,« tobte der strohblonde Augustin, als ihm diese Botschaft hinterbracht wurde. »Glaubt der Herr Bürgermeister vielleicht, daß ich ihm den Sündenbock abgebe für alle seine Dummheiten, und daß ich mir alle die blutrünstigen Mordthaten aufhalsen lasse, die jetzt täglich in der Stadt verübt werden und früher verübt wurden? Ich bedank' mich dafür! Mit solchen Schuftereien habe ich nichts gemein. Ich war Gemütsmensch mein Lebelang und will Gemütsmensch bleiben bis an mein seliges Ende.«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

»Bravo,« sagte der brennrote Kilian, der auch nicht zurückbleiben wollte.

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem friedliebenden Bürger das Messer in die Brust gerannt.

Jetzt zögerte der Herr Bürgermeister nicht länger. Er ließ statt der erdrosselten Schutzleute vier Kompagnieen Soldaten durch die Stadt, vier weitere Kompagnieen nach allen Himmelsrichtungen über Land ziehen, alle wohl ausgerüstet mit Kanonen, Säbeln und Schießprügeln.

»Geht in Gottes Namen,« sagte er mit bebender Stimme, »aber fest geschlossen in Reih' und Glied, einer neben dem andern, sonst passiert euch dasselbe wie den wackern Schutzleuten. Jedenfalls aber bringt uns den strohblonden Augustin und zwar so bald als möglich, oder die sittliche Weltordnung geht uns noch ganz aus dem Leim.«

Nahe genug war sie allerdings dem Untergang, die schöne sittliche Weltordnung. Der brennrote Kilian putzte sie nicht mehr, sondern unternahm jeden Abend ganz gemächlich seine blutigen Spaziergänge, und der strohblonde Augustin zog hinter den ausgesandten Soldaten durchs Land, wobei er muntere Liedchen pfiff und die Finger keinen Tag rasten ließ.

Da wartete auch die Menge nicht länger auf die Rückkehr der Soldaten.

»Helft uns, Herr Bürgermeister,« tobte sie immer aufgeregter, »oder wir bringen Euch selber um statt des strohblonden Augustin.«

In heller Verzweiflung streckte das würdige Stadtoberhaupt die Arme gen Himmel:

»Was peinigt ihr mich! Geht zum wohlweisen Herrn Doktor, der hat den ganzen Schaden angerichtet mit seiner unheilvollen Entdeckung, der hat den strohblonden Augustin laufen lassen, nicht ich.«

Die Leute wurden ein bischen ruhiger und überlegten sich die Sache.

»Eigentlich hat er recht,« sagten sie. »Der Herr Doktor hat dem strohblonden Augustin das Organ für die sittliche Weltordnung abgesprochen, da könnten wir jetzt eigentlich zum Herrn Doktor gehen und nachsehen, ob er selber dieses wichtige Organ besitzt.«

Und sie holten den Herrn Doktor im Sturmlauf aus seiner Sprechstunde und schleppten ihn ohne viele Umstände zum Justizgebäude.

Der brennrote Kilian aber rieb sich die Hände, als der diesen Spektakel vernahm:

»Wenn der Pöbel über die sittliche Weltordnung kommt, dann setzt's etwas besondres und es soll mich wundern, wenn der Herr Doktor noch länger auf seinem wissenschaftlichen Standpunkt verharren möchte.«

Was er für ein guter Prophet war, sollte er gleich selber erfahren, der brennrote Kilian, denn kaum hatte der Herr Doktor die ersten Schrauben empfunden, da widerrief er schon alles, was er gesagt hatte und stellte dem strohblonden Augustin auf feinstem Pergamentpapier das trefflichste Reifezeugnis aus für hängen, rädern und die Haut abziehen.

Die Menge war äußerst befriedigt:

»Jetzt haben wir glücklich das Organ des strohblonden Augustin für die sittliche Weltordnung, jetzt brauchen wir nur noch den strohblonden Augustin selber.«

»Allerdings,« sagte der brennrote Kilian.

»Tausend Goldgulden, wer ihn uns bringt,« riefen die Leute.

»Das wäre doch zu überlegen,« meinte der brennrote Kilian, »denn mit so viel Geld kann man leicht einen Hausstand gründen und alle Tage ein Schöppchen Wein hinter die Binde gießen.«

Der Gedanke gefiel ihm immer besser, und so wandte er sich dann mit eifriger Geberde zu dem staunenden Volke.

»Ich hab' ein Mittel, den strohblonden Augustin zu fangen,« sagte er pfiffig, »ein so treffliches Mittel, daß ich meine eigene Kehle zum Pfand setze für das Gelingen.«

Halb erstaunt, halb ungläubig sahen in die Leute an:

»Du bist sonst ein geschickter Bursche, aber wie willst du das anfangen?«

»Hört nur weiter,« sagte der brennrote Kilian, »der strohblonde Augustin ist bis über beide Ohren in meine angebetete Botenkuni verliebt, die mir heute Nacht außerehelicherweise ein entzückendes Knäblein geschenkt hat, nebenbei bemerkt, wie ich mir schmeicheln darf, mein vollendetes Ebenbild.«

»Ei, da gratulieren wir ja von Herzen,« riefen die Leute.

»Danke bestens,« sagte der brennrote Kilian. »Wenn ihr nun gestattet, daß ich als glücklicher Vater meine Hochzeit mit der Botenkuni schon früher halte, ehe ich noch den hundertsten Verbrecher ins Jenseits befördert habe, dann dürft ihr überzeugt sein, daß wir den strohblonden Augustin erwischen, denn er hat mir zugesagt, bei meiner Hochzeit zu erscheinen, und wie ich ihn kenne, ist er ein Mann von Wort, der zu halten pflegt, was er versprochen hat, schon deshalb, weil er neben der Vorliebe für meine Botenkuni auch eine besondere Vorliebe für neugeborene Kinder hat.«

Nach langen Wochen zum erstenmal wieder begannen die Bürger der Stadt ein bischen Atem zu schöpfen.

»Das ist ein guter Einfall,« sagten sie, »darum heirate du, je eher, je lieber, und lade den strohblonden Augustin feierlich zu Gaste.«

»Ich will alles vorbereiten für einen herzlichen Willkomm,« meinte der brennrote Kilian, »wohlgemerkt aber, ihr ehrenwerten Bürger: lange gefackelt wird dann nicht mit Prozessen und Paragraphen, sonder der strohblonde Augustin gehört mir, wie ich ihn fange draußen auf der Vogelwiese, wo ich Hochzeit und Taufschmaus unter dem Galgen begehe.«

»Dir gehört er,« riefen die Leute, »mit Haut und Haar, mit Fleisch und Knochen, und wir wollen uns drunten freuen, wenn du ihm die neugerettete sittliche Weltordnung gehörig in Bauch und Rücken versenkst.«

»Abgemacht,« lachte der brennrote Kilian, »und nun geht wieder hinaus auf die Vogelwiese, schaut dem Kasperle zu, und laßt euch das Bier schmecken, denn es soll lustig hergehen, wenn der Henker mit der Botenkuni und dem strohblonden Augustin glückliche Hochzeit feiert.«

Die Leute behaupteten, daß der brennrote Kilian ein grundgescheiter Mensch sei, und bald darauf zogen wieder durch alle Straßen die schmackhaften Düfte von Bratwurst und Hering, wozu die Musik ihre munteren Weisen spielte.

Auch der brennrote Kilian wollte nicht zurückbleiben. Er zimmerte an seinem Gerüste herum und baute einen Galgen, so hoch, daß er fast in den Himmel reichte. Auf endlosen Leitern kroch er selbst hinauf und ließ am Querbalken den langen Strick herunterbaumeln, an dem zwanzig Seiler drei volle Wochen gesponnen hatten.

»Auf diese Weise kann ich ihn gleich zu Gott Vater hinaufziehen,« meinte er lächelnd, »und außerdem spürt's der strohblonde Augustin auch 'mal am eigenen Halse, wie wohl es thut, wenn's immer enger, immer knapper wird mit der Luft.«

»Gieb nur acht,« meinte der strohblonde Augustin, der sich den Galgen aus weiter Ferne betrachtete, »giebt nur acht, wer von uns beiden zuerst zu Gott Vater auffliegt.«

Der brennrote Kilian achtete dieser Warnung nicht, sondern ließ die ganze sittliche Weltordnung auf das Gerüst schaffen, das er mit bunten Blumen geschmackvoll verzierte, und Gott Vater sah aus den Wolken immer erstaunter auf das hölzerne Ungeheuer herunter, das in schwindelnder Höhe von der Erde emporwuchs.

»Für einen so großen Lumpen gehört auch ein so großer Galgen,« meinte der Kilian.

Als er ab eines Sonntags fertig war, wischte er sich den Schweiß von der Stirne und zog sein bestes Wams an. Auf seine Brust steckte er ein frisches Rosmarinzweiglein, in die linke Hand nahm er die Armesünderglocke, in die rechte eine schnalzende Geißel.

»Komm mit mir,« sagte er zur festlich geschmückten Botenkuni, die als Henkersbraut einen Kranz von stechenden Disteln in den Haare trug, »komm mit mir, und nimm dein Kind mit, denn wir wollen hinausfahren zu unserm Ehrentage.«

Damit lud er sie beide auf die schmalen Latten des wackelnden Schinderkarrens, indem er dem alten Grautier die Peitsche auf die offenstehenden Rippen hieb:

»Vorwärts, vorwärts, du kennst ja den Weg.«

Beide Ohren spitzte der Esel und zog so heftig, daß die ganze Wagenladung durcheinanderflog, der brennrote Kilian auf die Botenkuni, und die Botenkuni mitsamt dem Kinde mitten durch die Latte auf den Boden, wo alles die Beine zum Himmel streckte.

»Kein gutes Zeichen,« sagte der brennrote Kilian, »aber wir fangen trotzdem wieder von vorne an.«

Und er schlug dem Esel dreimal über die Ohren, bis er endlich zum Thore hinaussauste. Nun rollte der Wagen durch die Straßen, und wo ihn die Menschen erblickten, eilten sie mit lautem Jubel herbei.

»Schaut, schaut,« riefen die Gassenjungen, »der Henker kommt mit seinem schmucken Bräutchen und mit seinem frühgeborenen Kindchen.«

Dabei liefen sie neben dem Wagen einher, streckten die Zunge heraus und schrieen, daß auch die Mädchen herzueilten.

»Heut giebt's lustige Stunden,« riefen die. »Ein solcher Tanz ward noch nicht aufgeführt.«

Der Kilian aber knallte mit der Geißel wie in jungen Tagen, wenn er auf seinem Holzkarren durch's Dorf fuhr:

»Macht uns Platz, ihr Buben und Mädel, lauft hinaus auf die Festwiese und schmückt euch die Haare, ihr sollt uns Kranzelherrn und Kranzeljungfern abgeben.«

»Was man alles erleben muß,« jammerten die alten Weiber, an denen der Wagen vorüberrollte. »Habt ihr das verkommene Weibsbild gesehen? Daß Gott erbarm', die Zeiten werden immer schlechter.«

Die Männer aber lachten sie aus und winkten begeistert dem Fuhrwerk zu:

»Hoppla, hoppla, brennroter Kilian, hau dem verdammten Langohr noch einmal über, damit du schneller hinauskommst auf die Festwiese, wo schon alles deiner wartet.«

Und nun liefen sie hinter dem Karren daher, die Männer, die Weiber, die Buben, die Mädchen, sie pfiffen, sie sangen, sie bliesen auf Kindertrompeten, bis auf einmal hoch über dem ganzen Spektakel, über Fahnen und Zelten, über den Walfischskeletten und Adlerscheiben der ungeheure Galgen aus dem Gerüste hervorragte, der dem nahenden Henker den düsteren Gruß sandte.

»Heissa, juchheissa,« brüllte die Menschheit, »du hältst ja fröhliche Hochzeit, du brennroter Kilian.«

»Thu ich auch,« lachte er, indem er wieder die Geißel schwang, »und gebt mal acht, ihr guten Leute, wo's lustig hergeht, da wird auch mein Trauzeuge nicht fehlen, den ich mit inniger Sehnsucht erwarte, der gute strohblonde Augustin.«

»Schrei nur nicht so, da bin ich ja schon,« tönte es plötzlich hinter dem fröhlichen Wagenlenker.

Wenn der Teufel den Leuten auf einmal im Kragen gehockt wäre, er hätte kein größeres Entsetzen hervorgerufen, als das jähe Erscheinen des verruchten Mordgesellen. Der brennrote Kilian ließ seine Zügel fallen, der Esel schlug nach vorn und hinten aus, die Botenkuni brach wieder die Latten durch, und der Säugling schrie so mörderisch, als ob ihn die Wanzen zerbissen. Alle Hochzeitsgäste aber, die just noch so munter gewesen waren, schlugen ein Kreuz um das andere und starrten dabei auf den strohblonden Augustin, der sich katzenartig unter den Füßen durchgewunden hatte und nun auf dem Schinderkarren saß, so schön und gemütlich, wie sich's der brennrote Kilian immer gewünscht hatte.

Jetzt freilich schien der Herr Scharfrichter kein sonderliches Gefallen an ihm zu finden:

»Bist du's oder bist du's nicht, strohblonder Augustin?«

»Ob ich's bin, brennroter Kilian! Ich hab' dir ja versprochen, zu Hochzeit und Taufschmaus zu kommen, und du hast selber gesagt, daß ich dir hochwillkommen bin. Drum fahr' nur zu, alter Herzensfreund, zum Galgen hinaus, den du so stattlich erbaut hast.«

Dem guten Kilian standen seine brennroten Haare zu Berge, als zöge man sie mit feinen Schnürchen hinauf. Geistesabwesend ergriff er die Zügel, und während er dem Grautier einen festen Tritt auf den Hintern gab, sah er mit aschfahlem Gesichte auf die gaffende Menge.

»Bindet ihn, bindet ihn,« bat er mit stotternder Stimme.

Aber die Leute wichen vor dem Schinderkarren zurück, als ob Pestkranke darauf säßen und drängten sich zu solchen Knäueln zusammen, daß Weiber, Kinder und Greise erdrückt wurden.

»Immer gemütlich,« rief der strohblonde Augustin und zog eine Flasche Wein aus seinem Rocke hervor, »immer lustig, ihr Leute! Wir fahren jetzt zur Hochzeit hinaus, drum laßt mich anstoßen mit dem Bräutchen des Henkers, das mich auch einmal geliebt hat, laßt mich sein Kindchen betrachten, das wirklich dieselben Haare hat, wie sein wohlbestellter Herr Vater, und laßt mich ein Hoch ausbringen auf eure löbliche sittliche Weltordnung, die mir jetzt von da oben so freundlich entgegengrinst.«

Damit that er einen tüchtigen Schluck und wiegte sich mit übergeschlagenen Beinen auf den zitternden Latten des Karrens.

»Wundert ihr euch, daß ich so üppig lebe?« lachte er, »Ha, ha, ha, ich sag' euch, und hab' so manchem reichen Protzen den Hals verdreht, daß ich mir's leisten konnte. Freilich, ich hab' auch alles wieder durchgebracht, ich bin abgebrannt bis auf die Knochen, drum kann ich singen den ganzen Tag, bis sie mich glücklich den Galgen hinaufziehen:

Ei, du lieber Augustin,

Alles dein Geld ist hin,

Ei, du lieber Augustin,

Alles ist hin!«

Damit warf er die Flasche in weitem Bogen in die Leute hinein.

»Du bist ein verkommener Verbrecher,« sagte der brennrote Kilian, der immer stärker zitterte, je näher sie dem Galgen kamen.

»Wie man's auffaßt,« gab der strohblonde Augustin zurück. »Ich hab' ja der Menschheit gehörig aufgespielt, aber ich bin dabei der ehrliche Kerl geblieben, der ich bleiben wollte, und hab' kein Sündengeld für schändlichen Verrat in die Tasche gesteckt.«

»Hör' doch auf,« sagte der brennrote Kilian, indem er vom Wagen stieg.

»Aufhören?« lachte der Augustin. »Jetzt, wo wir am heißersehnten Ziele sind? Nein, Freundchen, jetzt soll das Fest erst richtig beginnen. Komm her, Henkersbraut mit deinem Kindchen, du gehst in der Mitte die Treppe hinauf, der brennrote Kilian auf der rechten und ich auf der linken Seite.«

Auf der obersten Stufe waren sie angelangt und sahen sich gegenseitig an.

»Brennroter Kilian,« sagte da der strohblonde Augustin nach einer langen Pause, »du siehst nicht gut aus! Du zitterst ja wie damals, da sie uns drei auf dem Karren nach der Stadt gezogen haben. Ist dir nicht gut an deinem Hochzeitstage?«

»Ich . . . . ich habe manchmal das Fieber,« sagte der brennrote Kilian mit schlotternden Knieen.

»Ei, da mußt du aber mit dem Herrn Doktor sprechen, daß er dir ein Pülverchen oder ein Schweißmittel verordnet.«

Dem brennroten Kilian schlugen die Zähne aufeinander.

»Ich hab' alles versucht,« stöhnte er, »aber es hilft nichts.«

»Da wäre dir wohl eine Luftveränderung von größtem Vorteil?« meinte der strohblonde Augustin und führte ihn am Arme langsam zum Galgen. »Weißt du, so ganz hoch da droben, in den reinen, freien Regionen, wo's keinen Schüttelfrost und keine sittliche Weltordnung giebt.«

»Helft mir, ihr Leute, helft mir! Der strohblonde Augustin hat mich bei der Gurgel gepackt!«

So schrie der brennrote Kilian, aber im nächsten Augenblick schwebte er schon, von seinem Jugendgespielen gezogen, am Galgen empor, immer weiter und weiter in Wolken und Nebel hinein.

»Seht den brennroten Kilian!

Seht ihn, wie er fliegen kann!«

rief der Augustin vom Gerüste herab und schwang die Armesünderglocke.

Da kam die Menge, die bis jetzt wie angegossen gestanden hatte, langsam zu sich. Sie regte sich wieder, sie streckte sich, als ob sie in langem Winterschlafe gelegen hätte, und sich erst auf sich selber besinnen müßte. Lautlos war sie neben dem Wagen einhergetaumelt bis zum Gerüste, lautlos hatte sie zugesehen, als das närrische Kleeblatt die Treppe hinaufwanderte, und mit starrem Entsetzen hatte sie den brennroten Kilian hoch in den Wolken verschwinden sehen. Erst jetzt, wo die schrille Glocke über das Feld tönte, erwachte alles wieder zum Leben und grauenvollen Bewußtsein. Die Drehorgeln begannen wieder zu spielen, die Bestien begannen wieder zu brüllen, und die Leute wiesen zum strohblonden Augustin empor, der ungestört weiter wirtschaftete. Er hatte das große Henkerbeil ergriffen und begann mit wuchtigen Hieben die ganzen Folterwerkzeuge gemächlich in Stücke zu hauen, wie ein fleißiger Holzhacker, der ein Klafter zurecht spaltet.

»Seht ihn da oben, seht ihn!«

Erst ging es wie ein dumpfes Gemurmel durch die Menge, aber das schwoll immer stärker, immer grausiger über das Feld, und jetzt platzte es los mit einem lauten, gewaltigen Schrei:

»He, he! Soll uns der Kerl alles in Stücke hauen, was wir mühsam aufgebaut haben?«

»Niemals, niemals!« riefen wieder andere.

»Also, wagt euch dran, was ist denn dabei? Er ist ja allein, und wir sind die mehreren. Jawohl, wir sind die mehreren.«

Damit prallten sie zum Gerüste, daß die Treppe zu tanzen begann.

Der strohblonde Augustin aber hielt nicht ein, sondern hieb noch weiter, als die tobenden Massen schon auf ihn losgingen.

»Eilt euch, wenn ihr noch recht kommen wollt, eure sittliche Weltordnung ist baldigst in Fetzen gehauen.«

»Schlagt ihn nieder, den Halunken,« brüllten die Leute, »schlagt alles nieder, was euch in den Weg kommt, den Doktor, die Pfaffen, die ganze Obrigkeit mitsamt dem Bürgermeister, denn nun regieren wir einmal mit dem, was noch übrig ist von der sittliche Weltordnung.«

»Jetzt wird's lustig,« lachte der strohblonde Augustin, »jetzt kann ich mein Testament machen und mein Totenliedchen singen.«

Und während ihn die Leute zu Boden rissen, sang er mit gellender Stimme:

»Ei, du lieber Augustin,

Alles ist hin.«

»Recht hast du!« tobte der Pöbel und griff nach seiner Gurgel.

Der strohblonde Augustin spürte so etwas wie Atmungsbeschwerden, er schnappte nach Luft und merkte noch, wie ihm der Kragen immer enger und engere, das Licht vor Augen immer dunkler und dunkler wurde, auf einmal aber fühlte er sich befreit von all diesen Qualen, ein unnennbares Wohlgefühl durchströmte den Körper, und es ward ihm so leicht und frei zu Mute, wie einem jungen Vogel, der zwitschernd durch die Lüfte emporzieht. Von der Menschheit hörte er nichts mehr, als tief unter sich ein fernes und dumpfes Brausen, aber von oben tönte auf einmal ein lauter Gesang, und als es immer klarer, immer köstlicher jubelte, da teilte sich plötzlich mit hellem, blendendem Glanze der weite ungeheure Äther, in dem der strohblonde Augustin pfeilgerade emporschwebte, und auf hohem, goldenem Throne saß der freundliche, alte Herr mit den roten Backen und dem weißen Vollbart, den der Herr Expositus dem störrischen Bauernburschen in der kleinen Dorfkirche als Gott Vater bezeichnet hatte.

Staunend sah der strohblonde Augustin den Himmel in seiner ganzen Glorie. Er hatte sich zwar immer schon etwas recht schönes darunter vorgestellt, aber diesen Luxus hatte er doch nicht erwartet. Zahllose Engel standen hinter Gott Vater mit langen Flügeln und prächtigen Gewändern. Die einen hielten goldene Harfen, die andern große Notenblätter in Händen, und zwischen allen ging der heilige Petrus herum, geschäftig wie ein richtiger Hausmeister, und sprach bald mit Gott Vater, bald mit dem Satanas, der dort in der Ecke, der Befehle des Himmels gewärtig, auf seiner langen Heugabel hockte.

Seine ganze Jugend fiel dem strohblonden Augustin wieder ein.

»Also hab' ich doch nicht umsonst gebetet,« sagte er ich näherte sich Gott Vater.

Aber auf einmal fuhr er zurück, als ob ihn noch oben im Himmel eine giftige Fliege in die Nase gestochen hätte.

»Das ist ja der brennrote Kilian,« schrie er entsetzt. »Wie kommt dieser Hallodri in den Himmel herauf?«

Alle Engel legten mit sichtbarem Unbehagen die Hände an die Ohren, und der brennrote Kilian, der im langen, weißen Hemde, einen Palmenzweig in der Linken, mit fein geölten Haaren, daher schritt, sagte mit verächtlichem Blicke auf seinen einstigen Spielgenossen:

»Jetzt hat sich dieser Schweinehund richtig auch noch in die himmlischen Heerscharen eingeschlichen.«

Gott Vater aber winkte die beiden Neuangekommenen mit strenger Miene zu sich:

»Vor allem merkt euch eines: Geschrieen wird da heroben überhaupt nicht, sondern höchstens gesungen. Also bitt' ich mir Ruhe und Frieden aus, denn bei uns geht's nicht zu wie da drunten auf der großen Vogelwiese, es spielt sich vielmehr alles äußert gemütlich und äußerst geräuschlos ab.«

Der strohblonde Augustin nickte:

»Dann will ich dir, o himmlischer Vater, mit aller Gemütlichkeit sagen, daß ich bittere Klage zu führen habe über den brennroten Kilian und über die abscheuliche Einrichtung, die die Menschheit sittliche Weltordnung nennt.«

»Du hast alle Ursache, mäuschenstill zu sein,« sagte Gott Vater in drohendem Tone, »wart' nur, du kannst dich auf was nettes gefaßt machen mit deiner verwünschten Halsabdreherei.«

Seine beiden langgezogenen Ohren glaubte der strohblonde Augustin auf seiner himmlischen Reise verloren zu haben, so sonderbar klangen ihm die Worte des alten Herrn.

»Ja, bist du denn einverstanden, himmlischer Vater, mit dieser sittlichen Weltordnung?«

Ärgerlich rückte Gott Vater auf seinem Stuhle herum:

»Einverstanden? was heißt da: einverstanden? Laß mich aus mit dieser dummen Fragerei. Eine Ordnung muß doch sein auf der Welt. Wo kämen wir denn sonst hin?«

»Für so eine Ordnung bedanke ich mich,« antwortete der strohblonde Augustin.

»Kannst du vielleicht etwas besseres machen?« fragte Gott Vater sehr gereizt.

»Na, weißt du, ich will mich nicht überheben,« sagte der strohblonde Augustin, »aber so was bring' ich zur Not immer noch fertig.«

Jetzt wurde Gott Vater sehr böse:

»Die Welt ist einmal so eingeteilt, also werde ich dir auch nicht des Langen und Breiten auseinandersetzen wieso und warum. Nun sei aber auch so freundlich und mach' dir keine weiteren Gedanken mehr, das liebe ich überhaupt nicht.«

Mit grimmigem Gesichte sah der strohblonde Augustin zum brennroten Kilian hinüber, der ein schadenfrohes Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte.

»Du freust dich natürlich, du elender Halunke.«

»Willst du mich jetzt gar noch beim himmlischen Vater verleumden?« fragte der brennrote Kilian.

»Deine Schandthaten will ich dir eintränken,« schrie der strohblonde Augustin, »weil ich immer noch hoffe, daß es da heroben noch mehr Gerechtigkeit giebt, als auf Erden.«

»Heiliger Petrus,« seufzte der himmlische Vater, indem er vom Stuhle sprang, »ist es nicht manchmal zum Verzweifeln, was uns von da drunten für Exemplare heraufgesandt werden? Jetzt will der Bursche da absolut nicht an die sittliche Weltordnung glauben.«

Der heilige Petrus nickte bekümmert, der brennrote Kilian aber fing bitterlich zu weinen an:

»Und ich hab' mir so viel Mühe gegeben, sie ihm beizubringen.«

»Sag' noch ein Wort, du heuchlerischer Geselle!« schrie der strohblonde Augustin in drohender Haltung.

Der brennrote Kilian trocknete seine Thränen und rieb sich die Hände:

»Geh nur her, ein zweitesmal laß ich mich nicht unterkriegen.«

»Ruhe!« gebot der himmlische Vater mit donnernder Stimme.

Der strohblonde Augustin achtete nicht mehr darauf, sondern schlug seinen Ärmel zurück und sah auf den brennroten Kilian:

»Noch zehnmal möcht' ich dich umbringen, du elender Staatskrüppel, du.«

»Ruhe bitte ich mir aus!« schrie Gott Vater, so laut er nur konnte.

Der brennrote Kilian aber legte den Palmenzweig beiseite und winkte dem strohblonden Augustin:

»Na, so fang' doch an, wenn du Schneid hast.«

»Holt mir mal schnell den Teufel,« ächzte der himmlische Vater, »der soll die beiden Burschen für immer auseinander bringen, denn sonst drehen sie sich gegenseitig noch im Jenseits die Hälse um und ein paar unschuldigen armen Seelen dazu.«

Eifrig hinkte der Teufel herbei und stellte sich mit höhnischem Gelächter zwischen die beiden.

»Himmlischer Vater, hab' Erbarmen mit mir,« jammerte der brennrote Kilian, »ich war immer auf rechten Pfaden und habe immer zu dir gebetet . . . .«

»Du bist auch nicht der beste,« sagte Gott Vater, »glaubst du vielleicht, ich hätte nicht gemerkt, daß du den friedliebenden Bürgern nächtlicherweile dein Küchenmesser in den Bauch ranntest?«

»Alles im Interesse der sittlichen Weltordnung.«

»Genug,« schrie Gott Vater, »der brennrote Kilian kommt in das Fegefeuer, und der strohblonde Augustin fährt wegen gänzlicher Verstocktheit auf immer zur Hölle.«

»Wenn hier allerdings solche Ansichten herrschen,« sagte der strohblonde Augustin, »dann ist mir der Teufel samt seiner Frau Großmutter immer noch lieber.«

»Besinne dich zum letztenmal,« sagte Gott Vater, indem er zur Thüre wies, »dort schau hin, und du kannst dich selber überzeugen, wie nötig die sittliche Weltordnung ist.«

Der strohblonde Augustin blickte zur weitgeöffneten Himmelspforte, wo es lebhaft zuging in ewigem Kommen und Drängen. Lauter bekannte Gesichter gewahrte er da. Erst schwebte die Botenkuni mit ihrem Kinde daher, dann kam der Herr Doktor, auch die vier Herren, die jeden Frühling in die Einöde gekommen waren, flogen kopfschüttelnd herbei, und hinter ihnen zog noch die ganze Obrigkeit, den Herrn Bürgermeister an der Spitze, mit Prälaten, Offizieren und Polizeibeamten in festlicher Ordnung zum Himmel herein.

Alle Engel stimmten ein lautes Wehegeschrei an, Gott Vater aber winkte dem strohblonden Augustin mit hocherhobenem Finger:

»Da siehst du's, wie's zugeht. Jetzt haut unten der Pöbel alles zusammen, und ich darf schauen, wie ich mit meiner Allmacht die ganze Geschichte wieder zusammenleime, damit wieder ein bischen Ordnung in die verrotteten Massen kommt.«

»Na, dann mach's besser wie das erstemal,« lachte der strohblonde Augustin, »ich mag nicht mehr mitthun, ich probier's in der Hölle, wo's glücklicherweise keine sittliche Weltordnung giebt.«

»Höchste Zeit, daß du fortkommst,« donnerte Gott Vater und winkte mit beiden Händen.

Der Teufel machte eine tiefe Verbeugung und spießte den strohblonden Augustin im Handumdrehen auf seine Heugabel. Im rasenden Fluge stürzten sie beide vom Himmel zur Hölle hinab, und der strohblonde Augustin sah gerade noch seine Leiche hoch oben am Galgen hängen, als er an der Vogelwiese vorübersauste.

Da streckte er der ganzen Menschheit die Zunge heraus, so lang und so weit er nur konnte.